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-The Project Gutenberg eBook of Der Musterknabe, by Fritz Skowronnek
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Der Musterknabe
- Ein Roman aus den Masuren
-
-Author: Fritz Skowronnek
-
-Release Date: July 12, 2022 [eBook #68512]
-
-Language: German
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MUSTERKNABE ***
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1924 so weit
- wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
- wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
- gebräuchliche Schreibweisen, sowie mundartlich gefärbte Passagen
- bleiben gegenüber dem Original unverändert.
-
- Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
- Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
- Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- kursiv: _Unterstriche_
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Der Musterknabe
-
-
-
-
- Der Musterknabe
-
- Ein Roman aus Masuren
-
- von
-
- Fritz Skowronnek
-
- [Illustration]
-
- Otto Janke / Verlag / Berlin
-
-
-
-
- Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten
- Copyright 1924 by Otto Janke, Berlin
-
-
-
-
-1. Kapitel
-
-
-Langsam senkte sich der Abend hernieder. Die Sonne stand tief im
-Westen, von starken Dunstmassen so verschleiert, daß man ungeblendet
-in die große, brandrote Scheibe blicken konnte. Von Osten her war
-ein schwacher Wind aufgesprungen, der etwas Kühlung brachte. Seine
-Kraft reichte jedoch kaum hin, die Oberfläche des Sees zu kräuseln.
-Strichweise nur liefen winzige Wellen, vom Volksmund „Katzenpfoten“
-genannt, über den glatten Spiegel. Dazwischen lagen weite Strecken des
-mächtigen Sees so glatt da, als hätte sich Öl über seine Oberfläche
-gebreitet.
-
-Zahllose kleine Kreise, die fortwährend aufsprangen und spurlos
-verzitterten, wenn sie die Größe eines Tellers erreicht hatten,
-zeigten, welch’ reiches Leben das Gewässer barg. Myriaden kleiner
-Fischlein schossen blitzschnell dicht unter der Oberfläche durch das
-klare Wasser und schnappten nach den langbeinigen Mücken, die sorglos
-im Abendsonnenschein tanzten. Ab und zu schoß ein Raubfisch von unten
-zwischen die Menge. Dann sprangen die Geängstigten zu Hunderten mit
-einem jähen Ruck aus dem Wasser empor, um dem Verderben zu entrinnen.
-
-In dem dichten Schilf, das im Windhauch hin und her wogte, stand ein
-kleiner Kahn. Nur seine Spitze ragte in das freie Wasser hinaus. Darin
-saß ein großer, starker Mann, der fleißig die Angelruten handhabte. Ein
-breitrandiger Basthut saß auf dem vollen, leichtergrauten Haar. In dem
-freundlichen Gesicht blitzten lustig die klugen Augen, die unablässig
-von einer Angel zur anderen wanderten. Da -- -- jetzt versank langsam
-einer der Korkschwimmer. „Das Raubzeug ist heute gefräßig,“ murmelte
-der Angler vor sich hin, „aber mein Vorrat an Würmern neigt sich zum
-Ende, ihr werdet fortan, wie ich euch kenne, auch mit kleineren Happen
-vorlieb nehmen.“ Mit starkem Ruck zog er die Angel in die Höhe, der
-Fisch saß am haken, ein starker Barsch, der sich heftig im Wasser
-sträubte, bis er an den Kahn gezogen und mit dem Käscher hineingehoben
-wurde.
-
-Vom Dorf her kam schwatzend und lachend eine ganze Schar kleiner Knaben
-und Mädchen. Im Nu hatten sie ihre Kleidung, die bei manchem nur aus
-einem Hemdchen bestand, abgeworfen und sprangen in das laue Wasser,
-bespritzten sich und lachten unbändig, wenn ein Ungeschickter bei dem
-Kampf vornüber ins Wasser schoß. Jetzt hörten sie den Wurf der Angel
-und horchten auf. „Der Herr Pfarrer angelt“, flüsterten sie sich zu.
-Dann riefen sie im Chor: „Guten Abend, Herr Pfarrer.“ Die kleinen
-Mädchen knixten dabei.
-
-„Guten Abend, Kinder.“
-
-„Onkel Uwis,“ rief ein kleiner, blonder Krauskopf mit lebhaften Augen,
-„verjagen wir dir nicht die Fische?“
-
-„Nein, mein Junge, die kümmern sich nicht um euch.“
-
-„Fängst du viel heute?“
-
-„Ich danke, mein Sohn, für gütige Nachfrage. Es geht.“
-
-Einen Augenblick zögerte der Knabe, dann watete er mutig durch das
-Röhricht, dem Kahn zu. Das Wasser stieg ihm fast bis an die Nase,
-als er das hintere Ende des Kahnes erreichte. Ein Griff, ein kurzer
-Schwung, jetzt saß er drin. „Oho, Onkel, du sagst: ‚es geht‘.“ Er wies
-auf einen Hecht, der in einem ganzen Haufen gefangener Barsche lag.
-
-Der Angler nickte vergnügt. „Es hat sich heute gut gefangen. Doch nun
-muß ich aufhören, die Würmer sind zu Ende.“
-
-„Ich hole gleich einen ganzen Topf voll.“
-
-„Laß nur, mein Kerlchen, man muß des Guten nicht zuviel genießen. Für
-heute habe ich auch genug.“ Er wickelte sorgfältig die Angeln auf. „Wie
-geht es dir in der Schule, Franz?“
-
-„Sehr gut, Onkel“, antwortete der Kleine eifrig. „Der Herr Lehrer hat
-gesagt, ich werde ein schöner Schreiber werden.“
-
-„Das ist erfreulich, denn er meinte wohl: Schönschreiber. Aber lernst
-du auch fleißig?“
-
-„Lernen, Onkel? Nein, das brauche ich nicht. Ich weiß ja alles, was
-der Herr Lehrer vorerzählt, auswendig. Auch das Einmaleins. Und
-Liederverse, die lese ich mir nur einmal durch.“
-
-„Dann lies sie künftig zweimal, mein Junge. Doch nun pascholl aus dem
-Kahn! Beeil’ dich und lauf hinauf zu Tante, sie möchte Dora mit einem
-Korb an den See schicken. Noch eins: sag’ Vater und Mutter, ich käme
-heut Abend nach dem Essen auf ein Plauderstündchen zu euch.“
-
-Wie ein Pfeil schoß der Junge neben ihm aus dem Kahn kopfüber in die
-dunkle Flut. Im nächsten Moment tauchte er empor, schüttelte das
-Wasser aus den krausen Haaren und schwamm am Rohr entlang, bis er durch
-eine Lücke das Ufer gewann. Eine Minute später sprang er mit hellem
-Jauchzen das Ufer empor dem Dorf zu.
-
-Vater Rosumek, der Dorfschulze, rüstete sich gerade zum Gang in den
-Dorfkrug, wo er nach des heißen Tages Arbeit einen kühlen Trunk zu
-gewinnen dachte, als sein Junge den Besuch ankündigte. Erfreut ließ er
-sofort den Tisch in der großen Laube am Giebel des Hauses mit weißen
-Linnen decken und schickte die flinke Jette mit einem Korb nach Bier.
-
-Pfarrer Uwis ließ nicht lange auf sich warten. Würdevoll kam er in
-langem schwarzen Rock die Dorfstraße angewandelt, seine rundliche
-Gattin am Arm. Hier und dort blieb er vor einem Hoftor stehen und
-sprach freundliche Worte zu den Leuten, die in der Abendkühle für die
-müden Glieder Erfrischung suchten. Vergnügt dankte er den Männern, die
-sich nach dem Erfolg seiner Angelfahrt erkundigten.
-
-Der Schulze erwartete das Ehepaar am Hoftor, um es nach der Laube zu
-geleiten, aus der ein heller Lampenschein durch die dichten Ranken des
-wilden Weins strahlte. „Ein behagliches Plätzchen“, lobte der Pfarrer,
-während er sich niederließ. „Ich fürchte nur, Vetter Christoph, wir
-werden Mühe haben, die kleinen Blutsauger zu scheuchen. Meine Hausehre
-habe ich mitgebracht, sie hat mich schon den ganzen Nachmittag
-entbehrt, weil ich den Räubern im See nachstellte.“
-
-„Den Erfolg deiner Fahrt habe ich schon gesehen, meine Frau ist noch
-dabei, die schönen Barsche zu schuppen, die Dora uns gebracht. Schönen
-Dank dafür!“
-
-„Keine Ursache, Freund, wir hätten die Menge allein nicht bezwungen.“
-
-Behaglich ging das Gespräch hin und her, über das Wetter, über die
-Ernteaussichten und die Neuigkeiten des Dorfes, bis Frau Rosumek
-erschien und die Gäste herzlich begrüßte.
-
-Nach dieser Unterbrechung begann der Pfarrer: „Vetter Christoph und
-liebe Frau Minna, ich habe heute etwas Besonderes auf dem Herzen, was
-euch beide angeht. Ich möchte mit euch über den Jungen, den Franz,
-sprechen. Es ist nichts Schlimmes,“ fuhr er lächelnd fort, als er die
-gespannten Mienen der Eltern sah, „im Gegenteil etwas Gutes. Grigo hat
-mir schon mehrmals gesagt, der Junge wäre ganz außerordentlich begabt
-und es wäre nicht recht, solch ein Pfund zu vergraben, anstatt damit
-zu wuchern. Der Meinung bin ich auch. Ein heller Kopf ist ein Geschenk
-Gottes, das darf man nicht verkümmern lassen. Drum mache ich dir den
-Vorschlag: gib ihn auf’s Gymnasium und schlägt er ein, dann laß ihn
-studieren. Die Mittel dazu habt ihr.“
-
-Frau Rosumek sah den Pfarrer freundlich und dankbar an. „Mir hat es der
-Lehrer auch schon gesagt. Ach, es wäre das größte Glück für mich, wenn
-ich meinen Franzel auf der Kanzel sehen könnte.“
-
-Der Vater schien, nach seiner Miene zu urteilen, mit dem Vorschlag des
-Pfarrers nicht ganz einverstanden zu sein. Er antwortete bedächtig:
-„Pastor, du meinst es gut mit dem Jungen, das wissen wir. Aber bedenk’:
-es ist mein Einziger außer dem Mädel, der Emma. Und der Schulzenhof
-ist seit Jahrhunderten in meiner Familie immer vom Vater auf den Sohn
-vererbt. Soll ich der Letzte in der Reihe sein? Nein, das geht nicht,
-lieber Pastor, daß nach mir sich ein Fremder hier hineinsetzt.“
-
-„Das ist ein Grund, der sich hören läßt, Christoph. Es ist was Schönes,
-wenn Familien in ihrem Besitz dauern. Doch ich wiederhole trotzdem
-meinen Rat. Denn immer von Neuem müssen frische Kräfte unter die
-geistigen Führer des Volkes emporsteigen. Frisches Blut muß gerade aus
-dem Bauernstande den oberen Kreisen zugeführt werden.“
-
-„Ich dächte, lieber Freund, tüchtige Kräfte täten jetzt vor allem der
-Landwirtschaft not“, erwiderte der Schulze eifrig. „Immer schwerer wird
-es uns Landwirten, die schlechten Zeiten zu überwinden. Ich stehe ja,
-Gott sei Dank, noch fest in den Sielen, aber manchmal wünsche ich sehr,
-ich hätte mehr gelernt. Drum möchte ich gern aus meinem Jungen einen
-klugen Landwirt machen, der seinen Beruf aus dem Grund versteht und mit
-dem Fortschritt der Zeit mitgeht.“
-
-„Es ist schwer, dir darauf zu erwidern,“ meinte der Pfarrer, indem
-er graue Dampfwolken nach einem Nachtfalter blies, der die Lampe
-umschwirrte, „denn das sind vernünftige Worte. Natürlich, keinem Stand
-gereicht ein kluger Kopf, ein tüchtiger Mann zur Unehre. Es ist jedoch
-in unserm Fall ein Aber dabei. Ich meine nämlich, bei Kindern von
-ungewöhnlicher Begabung müßten die Eltern doppelt vorsichtig sein, daß
-sie sie nicht auf einen falschen Weg leiten, auf dem sie keine innere
-Befriedigung finden. Deshalb ist es auch voreilig -- nimm mir das
-Wort nicht übel, liebe Minna, schon jetzt zu wünschen, daß der Junge
-Theologie studieren soll. Den Wunsch begreife ich, den haben viele
-Mütter, -- meine hat ihn ja auch gehabt -- aber wenn die Kinder groß
-werden, dann bekommen sie das Recht, sich ihren Beruf selbst zu wählen
-.... Laß mich noch ein Wort sagen, Vetter Christoph, es wäre gar nicht
-ausgeschlossen, daß dir der Junge von dem Wege abbiegt, den du ihm
-vorschreiben willst. Deshalb möchte ich einen vermittelnden Vorschlag
-machen: bring’ Franz, wenn er so weit ist, aufs Gymnasium. Die Stadt
-ist so nahe, daß er mit einem tüchtigen Kunter morgens hinfahren und
-nachmittags nach Hause kommen kann. So bleibt der Junge im Elternhause
-und in Fühlung mit der Landwirtschaft und wir behalten ihn unter
-den Augen. Zeigt er Sinn für deinen Beruf, so wollen wir ihn darin
-bestärken. Wenn nicht -- so mußt du dich darin fügen und ihn seinen Weg
-allein gehen lassen.“
-
-Eine lange Pause entstand, bis der Pastor noch einmal das Wort nahm.
-„Es braucht nicht heute oder morgen der Entschluß gefaßt zu werden,
-die Sache eilt nicht. Noch ein Jahr oder zwei kann er zu Grigo in die
-Dorfschule gehen; er lernt hier ebensoviel, wie in der Vorschule des
-Gymnasiums.“
-
-Er stand auf und bot Rosumek die Hand. „Überschlaft euch die Sache,
-Vetter Christoph, wir sprechen später wieder einmal darüber. Gute
-Nacht, gute Nacht, meine Lieben. Es ist spät geworden und für euch ist
-beim ersten Morgengrauen die Nacht zu Ende.“
-
-Pastor Uwis bot seiner Ehehälfte den Arm und wandelte mit ihr langsam
-und nachdenklich durch die helle Mondnacht dem Pfarrerhof zu. Erst als
-er daheim das Licht anzündete, brach er das Schweigen. „Ich glaube zu
-bemerken, mein liebes Weib, daß du mit mir nicht ganz derselben Meinung
-bist?“
-
-„Ich wollte dir nicht widersprechen, aber nun will ich es dir offen
-sagen: ich würde mich an deiner Stelle vor der Verantwortung scheuen,
-die aus solch einem Rat entspringen kann. Wenn zum Beispiel der Junge
-auf der Hochschule verbummelt?“
-
-Pastor Uwis lachte laut auf. „Der Junge, der Franz soll verbummeln?
-Nein, meine gute Amalie, du bist eine gute und auch eine kluge Frau,
-aber eine Herzenskündigerin bist du nicht. Sonst müßtest du das Gold
-in dem Charakter dieses kleinen Buben sehen.“ Nach einer kleinen
-Pause fuhr er fort: „Weißt du, Frau, es ist mir ja manchmal schwer
-angekommen, daß unsere Ehe kinderlos blieb, aber seit der Franz da ist,
-habe ich mich getröstet. Der soll, wie Frau Jeanette Groterjahn seggt,
-mein Erziehungssubstrat werden. Für den Erfolg stehe ich ein!“
-
-
-
-
-2. Kapitel
-
-
-Im Schatten der alten Linde, auf grünem Rasen hatten die beiden an
-Jahren so ungleichen Freunde ihre Schulstube aufgeschlagen. Franz saß
-am Tisch, der Pfarrer ging vor ihm auf und ab und blies in den Pausen
-seines Vortrages starke Wolken aus seiner langen Pfeife in die frische
-Morgenluft. Er erzählte seinem Zögling von den alten Preußen und geriet
-dabei immer mehr in Eifer, besonders wenn er auf seine engere Heimat,
-Masuren, zu sprechen kam. Dort hatten die Bewohner, die Sudauer, dem
-deutschen Ritterorden am längsten Widerstand geleistet.
-
-„Vergeblich habe ich nach einer Spur der Erinnerung in unserem
-sangesfrohen Volksstamm geforscht. Hätten nicht die deutschen Eroberer
-die Kunde davon bewahrt, dann wüßten wir nicht einmal, wo die Burg des
-letzten Masurenhelden Skomand gestanden hat. Wie wär’s, ~mi fili~, wenn
-wir morgen bei Sonnenaufgang den Marsch nach Skomenten unternähmen?
-Abends kehren wir müde aber vergnügt nach Hause zurück. Der Tag
-soll uns trotzdem nicht verloren gehen, denn als überzeugungstreue
-Peripatetiker werden wir uns den Weg durch belehrende Gespräche kürzen.“
-
-Wie ein Sturmwind flog der Knabe hinter dem Tisch hervor, wirbelte
-seinen Lehrmeister ein paarmal rundum und schlug dann vor Freude ein
-Rad nach dem anderen über den Rasen. Gerührt sah der Pastor eine Weile
-dem Knaben zu, bis er ihn anrief: „Gib Ruhe, du Wildfang! Meinst wohl,
-ich könnte meiner Würde in offenem Garten soweit vergessen, deinem
-Beispiel zu folgen? Denn die Schnellkraft der Glieder sollte mir wohl
-nicht fehlen. So, nun setz dich und gib acht, was ich dir sagen werde;
-ich fürchte, deine Lustigkeit wird etwas nachlassen, wenn ich dir
-sage, daß dieser Marsch für eine Weile der letzte sein wird, den wir
-miteinander machen! Sieh mich nicht so erschreckt an, ~mi fili~! Du
-bist jetzt dreizehn Jahre alt und hast die Kenntnisse der Obertertia
-so ziemlich erreicht. Weiter kann ich dich nicht unterrichten. Es ist
-dir auch sehr dienlich, daß du unter Altersgenossen kommst und dich an
-ihnen abschleifst.“
-
-„Grans’ nicht, großer Kerl du“, rief er gleich danach aus, als er sah,
-daß dem Knaben die Tränen aus den Augen perlten. „Die Stadt ist so
-nahe, daß du in jeder Woche mehrmals zu Fuß herwandern kannst, wenn
-dein Vater dich in eine Pension bringt, was ich, unter uns gesagt,
-nicht für ratsam hielte. Ich sehe, Vernunftgründe sind bei dir nicht
-angebracht“, fuhr er nach einer Weile fort, als der Knabe still vor
-sich hinweinte, „da soll dich die Arbeit trösten. Hier,“ er schlug ein
-Buch auf, „diese beiden Stücke übersetzt du mir ins Französische.“
-
-Er wandte sich schnell ab, der Gute, denn auch ihm war das Herz schwer
-geworden. Sein eigenes Kind hätte ihm nicht lieber werden können, als
-der frische Junge, der seine Liebe und Sorgfalt mit der rührendsten
-Anhänglichkeit vergalt. Wie zwei gute Kameraden hatten sie miteinander
-gelebt, der erfahrene, in sich gefestigte Mann und der schmiegsame
-Knabe. Mit verschwenderischer Fülle hatte der Lehrmeister aus dem Born
-seines Wissens die Samenkörnlein guter Lehren ausgestreut und nicht ein
-einziges war auf unfruchtbaren Boden gefallen. Früh am Morgen kam Franz
-mit seiner Mappe nach dem Pfarrhof gewandert. Bei gutem Wetter im
-Sommer suchte man sich ein behagliches Plätzchen im Garten, im Winter
-bot das Studierzimmer des Pastors schützendes Obdach. Am Nachmittag
-machten Lehrer und Schüler große Spaziergänge, sie fuhren gemeinsam
-angeln, sie wirtschafteten im Garten und im Felde. Mit peinlicher
-Gewissenhaftigkeit suchte Pfarrer Uwis in seinem kleinen Genossen die
-Liebe an der Landwirtschaft zu wecken. Er war glücklich, wenn Franz mit
-Eifer am Morgen Vorfälle aus der väterlichen Wirtschaft berichtete oder
-in der Erntezeit vom Sattelpferd aus das vierspännige Gespann lenkte.
-
-Und der Junge hatte wirklich Interesse an dem Beruf eines Landwirts
-gefaßt. Er wußte in Hof und Feld genau Bescheid und beurteilte, wie
-sein Vater dem Pfarrer mit Stolz erzählt hatte, ganz genau, ob ein
-zweijähriges Fohlen im nächsten Jahr zur Remonte ausgehoben würde.
-
-Mit dem ersten Hahnenschrei waren die beiden Freunde am nächsten
-Morgen aus den Betten gefahren und als der erste Sonnenstrahl über dem
-See aufleuchtete, wanderten sie schon, die wohlgefüllten Ränzel auf
-dem Rücken, dem Bergwald zu. Die herzerfrischende Kühle eines klaren
-Sommermorgens umfing sie; hoch im Blau des Himmels jubilierte die
-Lerche, an den Spitzen der Gräser glitzerten die Tautropfen. Der frisch
-einsetzende Wind trieb die Nebelschwaden durch die Wipfel der hohen
-Fichten an den Bergen entlang, bis sie unter den Strahlen der Sonne in
-Nichts zerrannen.
-
-Aus dem hohen Roggen zu ihrer Rechten kam eilfertig ein Rebhuhnpaar
-gelaufen, mit ausgebreiteten Flügeln schoß die Schar der Jungen
-hinterdrein, keines größer als ein Sperling. Kaum waren sie im dichten
-Kartoffelkraut verschwunden, da setzte im blinden Eifer mit großen
-Sprüngen der Fuchs auf der frischen Spur hinterdrein. Mit komischem
-Eifer schleuderte der Pfarrer seinen Wanderstock nach dem Rotrock, der
-in jähem Schreck wie angewurzelt stehen geblieben war, bis der Wurf ihn
-zurückscheuchte.
-
-„Sieh, mein Sohn, jetzt wird der Räuber eine Minute warten, bis er uns
-weggehen hört und dann mit doppeltem Eifer der Spur folgen. Aber warte,
-du Räuber! Sowie der erste Schnee die Felder deckt, erwische ich dich
-im Eisen. Nicht umsonst bin ich im Forsthause aufgewachsen.“
-
-„Weshalb bist du nicht Förster geworden, Onkel?“ fragte der Knabe.
-„Davon hast du mir noch nichts erzählt.“
-
-„Warte, mein Kind, bis wir in den Wald kommen, dann erzähle ich es dir.“
-
-Eine Weile schon schritten sie zur Seite des Weges im Wald dahin, als
-der Pastor begann: „Du hast gestern geweint, weil du eine kleine halbe
-Meile von deinem Elternhause ein paar Jahre verleben mußt. Mir ist es
-viel schlimmer gegangen.“ Und nun erzählte er mit verhaltener Stimme,
-aus der wehmütige Erinnerung klang, von dem alten Forsthause tief in
-der Johannisburger Heide, wo er fast eine Meile täglich hin und zurück
-zur Schule laufen mußte. Wie ihn dann der Vater als achtjährigen Knaben
-zur Schule nach Johannisburg gebracht und ihn am anderen Morgen vor
-der Tür des Forsthauses im Grase schlafend gefunden. „So hab’ ich mich
-gebangt und gesehnt nach dem Wald, dem See und den Bergen, daß ich
-abends meinen Pensionseltern entwischte und durch die stockfinstere
-Nacht und den rauschenden Wald der Heimat zuwanderte. Später brachte
-mich der Vater nach Lyck aufs Gymnasium. Es waren gut acht Meilen nach
-Hause, aber wenn mich die Sehnsucht faßte, dann bin ich die Nacht vom
-Sonnabend zu Sonntag gelaufen, um ein paar Stunden am Sonntag zu Hause
-schlafen zu können. In den Ferien habe ich den Vater auf Schritt und
-Tritt begleitet, habe mit ihm gejagt und gefischt und wenn ich wieder
-nach der Stadt zurück mußte, noch als erwachsener Junge geweint. Mein
-ganzes Dichten und Trachten war nur darauf gerichtet, Förster zu werden
-und ein ebenso tüchtiger Weidmann wie mein Vater. Aber meine Mutter
-wollte etwas anderes. Ich sollte Pfarrer werden ..... ich bin es ja
-auch geworden, doch davon erzähle ich dir später einmal, wenn du älter
-bist.“
-
-Er schwieg, und der Knabe war feinfühlig genug, seinen väterlichen
-Freund nicht durch eine Frage in seinem Sinnen zu stören. Erst, als
-sie von freier Höhe Umschau hielten und ihr Blick freudig über die
-im Sonnenschein lachende Flur, die dunklen Wälder und die blinkenden
-Spiegel in die Ferne schweifte, kam eine andere Stimmung über beide.
-Der Pfarrer nahm die leichte Sommermütze ab und sprach mit bewegter
-Stimme:
-
- „Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht über die Fluren
- verstreut, schöner ein froh Gesicht, das den großen Gedanken deiner
- Schöpfung noch einmal denkt.“
-
-Und dann rief er mit heiterem Mut: „Laß uns unser Heimatlied
-anstimmen!“ Mit kräftigem Baß setzte er ein:
-
- „Thal, Hügel und Hain!
- Da wehen die Lüfte so frei und so kühn,
- Möcht immer da sein,
- Wo Söhne dem Vaterland kräftig erblühn!
- Hold lächelt auf Seen und Höhen
- Des Himmel Blau!
- Die Wälder, die Seen, der Berge Sand,
- Masovia lebe, mein Vaterland!“
-
-„Das war ein prächtiger Mann, der Professor Dewischeit, der dies Lied
-gedichtet hat,“ sprach er im Weitergehen, „ein vorzüglicher Lehrer, dem
-allein ich es verdanke, daß ich nicht ein Taugenichts geworden bin.“
-
-Sie hatten den Skomentener See umwandert, waren auf den Berg gestiegen,
-auf dem vor Zeiten die Burg des Skomand stand und hatten die Gräben,
-die von Gestrüpp überwucherten Steintrümmer überklettert, eifrig
-bemüht, sich ein Bild der Veste zusammenzustellen. Jetzt lagen sie
-unter der mächtigen Eiche, die einsam die spitze Bergkuppe krönt
-und schauten über den See hinüber nach dem Dorfe Skomenten, dessen
-schmucke Häuser aus freundlichem Grün hervorlugten. Sie hatten dem
-Mundvorrat wacker zugesprochen, jetzt war ein behagliches Sinnen über
-sie gekommen, bis Franz ganz unvermittelt fragte: „Onkel, was soll ich
-werden?“
-
-Mit jähem Ruck richtete sich der Pastor empor: „Mein Kind, denkst du
-schon an solche Dinge?“
-
-Der Junge nickte nachdenklich. „Ich weiß, die Mutter will, daß ich
-Pfarrer werden soll, der Vater möchte am liebsten, daß ich den Hof
-übernehme, bloß was du willst, weiß ich noch nicht recht; Naturforscher
-oder Arzt? Was meinst du, Onkel?“
-
-„Merkwürdig,“ brummte der Pastor, „daß solche Dinge dem Kinde
-zufliegen, wie ein Lufthauch, von dem man nicht weiß, von wannen er
-kommt.“ Lauter fuhr er fort: „Habe ich dir schon mit einem Worte davon
-gesprochen, was du werden sollst?“
-
-„Nein, Onkel.“
-
-„Wie kommst du denn zu deiner Annahme?“
-
-Über das Gesicht des Knaben huschte ein Lächeln. „Ja, sieh mal, Onkel,
-wir haben so viel von Naturbeschreibung und Botanik gelernt, viel mehr
-als die Gymnasiasten in der Stadt.“
-
-„Na und?“
-
-„Da habe ich mir gedacht, das kann ich doch nur brauchen, wenn ich eins
-von beiden studiere.“
-
-„Du büst ja gefährlich klook, min Söhn,“ antwortete der Pastor, der oft
-und gern plattdeutsch sprach, „äwer dit Moal häst vorbidacht, un nimm
-mi nich äwel, min Jung, dat ick di dat segg, du büst een Schafskopp.
-Goah du man erscht noch e Johrener fiew to School und dann red’ wi noch
-mal doräwer.“
-
-Franz schwieg; er wußte, daß der Onkel, wenn er ihm in dieser Mundart
-Anweisungen erteilte, keine Einwendungen wünschte. Dem Lehrmeister aber
-schien nach einer Weile, als ob er nicht gut daran getan hätte, das
-Gespräch so kurz abzubrechen. Deshalb nahm er den Faden wieder auf.
-„Du weißt schon, wie es mir gegangen ist. Mir wurde der größte Wunsch
-meiner Jugend versagt, ich bin etwas anderes geworden, als ich wollte,
-aber ich lebe und bin zufrieden. Du weißt noch nicht einmal, was du
-werden willst ....“
-
-„O doch,“ warf der Knabe ein, froh, wieder antworten zu dürfen, „ich
-weiß es schon, ich will studieren, alles lernen, was es bloß zu lernen
-gibt.“
-
-„Und dann?“
-
-„Ja, was ich schließlich werde, weiß ich noch nicht.“
-
-Erleichtert atmete der Pfarrer auf. „Dann will ich dir einen guten Rat
-geben, mein Herzensjunge: lern’ und studier’, so viel du willst, deine
-Eltern werden dir kein Hindernis in den Weg legen, aber vergiß nie,
-was Vater und was Mutter wünschen. Und wenn deine Mutter auch etwas
-anderes wünscht, als dein Vater, so wird sie ihm doch gern beistimmen,
-wenn du dich für die Landwirtschaft entscheidest. Zuviel kann man nie
-lernen, auch als zukünftiger Landwirt nicht. Und noch eins: gib mir
-das Versprechen, wenn in dir jemals der Wunsch nach einem bestimmten
-Beruf auftaucht, laß es mich zuerst wissen, damit wir gemeinsam einen
-Entschluß fassen.“ Er hielt ihm die Hand hin, der Knabe schlug kräftig
-ein.
-
-
-
-
-3. Kapitel
-
-
-Das Stadtleben behagte Franz viel besser, als alle angenommen hatten.
-Sein Vater hatte ihn gegen den Rat des Pastors zu einem entfernten
-Verwandten, dem Bäckermeister Scharner, in Pension gegeben. Dort fand
-Franz einen gleichaltrigen Schulkameraden vor, der sich trotz seiner
-geringen Begabung mit eisernem Fleiß aufwärts rang, Gottlieb Sefczyk,
-den Sohn eines Steueraufsehers. Sutor -- der Name Sefczyk bedeutet
-verdeutscht Schuster und war natürlich sofort ins Lateinische übersetzt
-worden -- hatte von seinen Eltern so gut wie gar keine Unterstützung.
-Der Bäckermeister, der mit seinem Vater aus demselben Dorfe stammte,
-gab ihm freie Wohnung und Frühstück, wohlhabende Bürgersleute gaben ihm
-Mittag und Abendbrot. Einen Tag der Woche aß er beim Gymnasialdirektor,
-den zweiten bei einem Konditor, den dritten beim Gefängnisinspektor,
-den vierten beim Pfarrer usw. War die Woche zu Ende, dann begann er
-seinen Rundgang von neuem. Das war damals in der kleinen Stadt ein
-allgemeiner Brauch, arme Knaben in dieser Weise zu unterstützen und
-mancher wohlhabende Bürger hatte Tag aus Tag ein einen kleinen Gast zu
-Tisch. Vom Gymnasium, das mit reichen Stiftungen begabt war, erhielt
-Sutor freie Schule und Bücher, so daß seine Eltern nur die Kleidung zu
-liefern brauchten.
-
-Wieviel arme Jungen haben sich in jenen Zeiten in dieser Weise zum
-Studium emporgerungen! Meistens hatte schon ihr Vater eine ähnliche
-Entwicklung durchgemacht. Ein ehrgeiziger Bauer oder Gutshandwerker
-hatte seinen begabten Jungen nach der Stadt geschickt. Dort „schrieb“
-er auf dem Landratsamt oder bei einem Rechtsanwalt, bis er alt und
-stark genug war, ins Heer zu treten, um auf Versorgung zu dienen und
-später einmal einen kleinen Beamtenposten zu bekommen. Die geistige
-Kraft, mit der solche Leute sich aus dem Bauernstamm herausgearbeitet
-hatten, ging meistens auch auf ihre Söhne über. Die Eltern darbten und
-sorgten, um den Jungen aufs Gymnasium zu bringen, damit er Theologie
-studiere.
-
-Viele Männer in hohen Staatsstellungen können auf einen derartigen
-Entwicklungsgang zurückblicken .... daß Söhne von reichen Bauern die
-Universität besuchten, kam eigentlich viel seltener vor. Sie hatten
-genau wie die Söhne der Großgrundbesitzer nur den Ehrgeiz, sich das
-Zeugnis zum einjährig-freiwilligen Dienst zu ersitzen ..
-
-Franz machte eine rühmliche Ausnahme.
-
-Er „nahm“ die Klassen, wie ein edler Renner das Hindernis, stets als
-Erster, gefolgt von seinem treuen Sutor, der mit eisernem Fleiß sich
-hinüberrang. An schulfreien Nachmittagen packte Franz seinen Tornister
-und lief hinaus nach Schwentainen. Dann saßen die beiden Freunde
-wie ehedem in einem schattigen Winkel des Gartens bei ihren Büchern
-beisammen. Am Sonntag brachte Franz seinen Freund Sutor mit, dann
-streiften sie nachmittags zu dreien durch die Wälder, bis die Sonne
-sank.
-
-Die alten Rosumeks hatten wohl manchmal den stillen Wunsch, daß ihr
-Junge seine freie Zeit mehr im Elternhause verbringen möchte. Trotzdem
-fanden sie es ganz natürlich, daß er mehr im Pfarrhause saß als zu
-Hause. Der Pastor war ja nicht nur sein Onkel, sondern auch sein
-Freund und Lehrmeister. Die Mutter sah in den Jungen wie in einen
-Spiegel. Und auch der Vater war stolz auf die Fortschritte seines
-Sohnes. Er war ein ernster, wortkarger Mann, der mit fester Hand das
-große Dorf nach seinem Willen lenkte. Aber nie konnte er es über sein
-Herz bringen, mit Franz über seinen zukünftigen Beruf zu sprechen.
-
-Desto öfter tat es die Mutter. Wo irgend die Gelegenheit sich bot,
-erzählte sie ihrem Liebling, wie sehr sie sich darauf freue, ihn erst
-als Hilfsprediger bei Onkel Uwis und dann als seinen Nachfolger auf der
-Kanzel zu sehen. Trotzdem wußten beide Eltern noch nicht, wozu Franz
-eigentlich recht Neigung hatte. Wenn der kräftige Bursch mit einem Zaum
-nach dem Roßgarten ging, sich eins der jungen Pferde einfing und nach
-scharfem Ritt staubbedeckt wiederkehrte, dann freute sich der Vater im
-stillen, weil er meinte, es sei ein Zeichen für sein Interesse an der
-Landwirtschaft. Oder er nahm den Jungen und ging mit ihm hinaus aufs
-Feld, um ihm die neuen Getreidesorten zu zeigen, mit denen er Jahr aus
-Jahr ein Versuche anstellte.
-
-So verging die Zeit. Franz saß bereits auf Prima. Aus dem frischen
-Knaben war ein flotter Jüngling geworden, der Liebling der Lehrer und
-seiner Mitschüler. Damals -- heute soll es ja anders sein -- gab es ein
-Sängerkränzchen und einen Fechtklub auf dem Gymnasium. Der Direktor,
-ein energischer Mann, der strenge Zucht übte, hatte beide Vereinigungen
-erlaubt, allerdings unter steter Kontrolle. Und sein Prinzip bewährte
-sich. Die Schüler der beiden oberen Klassen hüteten sich, das Bestehen
-der Vereine durch unerlaubte Kneipereien zu gefährden. Durften sie doch
-in jedem Vierteljahr eine offizielle Kneipe abhalten, und die jüngeren
-Lehrer, die daran teilnahmen, hatten nur den Auftrag, zu verhindern,
-daß die fröhliche Kneiperei in ein wüstes Gelage ausarte. In beiden
-Vereinen war Franz an der Spitze. Er focht eine ausgezeichnete Klinge
-und wurde von den älteren Schulkameraden, die zu den Ferien als
-Korpsstudenten nach Hause kamen, eifrig umworben.
-
-So kam der Tag des Abiturientenexamens heran. Franz hatte das
-Schriftliche gut „gebaut“ und sah der mündlichen Prüfung ohne jede
-Aufregung entgegen. „Ängstige dich nicht,“ meinte er trocken zur
-Mutter, „wenn ich nicht dispensiert werde, ist es mir umso lieber,
-denn ich möchte gern sehen, wie es bei dem Mündlichen zugeht. Was da
-gefragt werden kann, weiß ich alles.“
-
-Am Tage vorher kam er nach Hause und saß mit den Eltern und dem Ehepaar
-Uwis vergnügt einige Stunden zusammen. Am anderen Morgen stand er
-zeitig auf, steckte sich eine lange Pfeife an und sah der Mutter zu,
-die ihm das neue, gestickte Hemd plättete, das er zu seinem Ehrentage
-anziehen sollte. Dann fuhr er in die schwarzen Kleider, küßte Vater und
-Mutter und wanderte frohen Muts der Stadt zu. Kurz nach Mittag sollte
-Ludwig, der alte Großknecht, ihn mit den Trakehner Rappen von Scharners
-abholen.
-
-Das ganze Dorf war in Aufregung. So lange man sich erinnern konnte, war
-kein Bauernsohn Student geworden. Und nun hatte der Erbschulze alle
-Besitzer zu einer großen Festlichkeit eingeladen. Hinter dem Hause
-im Garten war eine große Tafel aufgestellt, daran saßen die Bauern,
-schwangen kräftig die Steinkrüge voll Bier und ließen den Herrn Studios
-hochleben; sie feierten das Ereignis schon als selbstverständlich.
-Die Mutter stand oben am Fenster der Giebelstube, wo sie den Weg ein
-Stück übersehen konnte. Die Hände flogen ihr vor Erregung, während sie
-mechanisch an einem langen Strumpf strickte. Ab und zu mußte sie sich
-einen Augenblick setzen, die Füße drohten ihr den Dienst zu versagen.
-Da -- oben -- wo der Weg vom Berge zum Dorf abbiegt, leuchtet es rot
-auf ... Sollte Franz zu Fuß kommen? Nein, es ist das Kopftuch eines
-Weibes, aber die Frau läuft, was die Füße sie tragen, sie bringt
-Nachricht, sonst würde sie sich nicht so beeilen.
-
-Am Hoftor steht atemlos die Sceska, nur stückweis kann sie die Kunde
-von sich geben.
-
-„Ich hab ihn gesehen, den jungen Herrn, mit der roten Mütze -- -- Alle
-standen sie vor der Tür, die Menschen .... Er mußt’ hier ansprechen und
-dort ansprechen .... sie lassen ja keinen vorbei, die Menschen! Und bei
-Scharners hatten sie in der Veranda Wein aufgestellt und Kuchen und da
-haben sie mit den Gläsern angestoßen und hoch gerufen.“
-
-Der Vater Rosumek drückte dem Weib einen harten Taler in die Hand und
-faßte seine Frau um, der vor Freude die hellen Tränen über das Gesicht
-rollten .... Es war eine schöne Sitte in dem kleinen Städtchen anno
-dazumal, diese freudige Teilnahme an dem Geschick der Gymnasiasten.
-Noch gab es dort keine Offiziere und schneidige Referendare,
-unumschränkt herrschte der Primaner in den Herzen der Stadt. Die Bürger
-kannten jeden einzelnen, der heut im Examen schwitzte. Die Aussichten
-eines jeden, die Prüfung zu bestehen, waren öffentliches Geheimnis.
-Und wenn dann die Pforte des stattlichen Gebäudes sich auftat, und die
-frischen Jünglinge in freudiger Erregung hinausstürmten, dann standen
-Freunde und Verwandte da, um sie mit den Zeichen der neuen Würde,
-mit der roten Mütze und einem Albertus, einer goldenen Nadel mit dem
-Bildnis des Stifters der Albertina, zu schmücken.
-
-Und welch ein Jubel die einzige Straße des Städtchens hinab! Auf den
-Treppen vor ihren Häusern haben die Bürger Wein und Kuchen aufgestellt.
-Treuherzig treten sie an die Jünglinge, mit denen sie kaum sonst ein
-Wort gewechselt, heran und laden sie zu einem Festtrunk im Vorbeigehen
-ein. Heute ist alles wie eine große Familie. Die Jünglinge haben ihr
-Examen bestanden, jetzt sind’s nicht mehr „die Primanerchen“, sondern
-die Herren Abiturienten, die zukünftigen Pastoren, Doktoren und Richter!
-
-Es war ein anstrengender Tag für Franz, für Vater Rosumek und Pastor
-Uwis gewesen. Erst die Feier zu Hause und dann der solenne Kommers in
-der Stadt, der bis zum Morgen währte. Sorgsam hatte die Mutter das
-Fenster der Giebelstube, in der Franz schlief, mit einer dunklen Decke
-verhängt. Ihr Sohn hatte sich gestern viel tapferer gehalten, als sein
-Vater und sogar als der Pastor, dem, wie er sagte, die Erinnerung
-an vergangene Zeiten zu Kopf gestiegen war. Nun saß sie am Bett
-ihres Lieblings und scheuchte die vorwitzigen Fliegen, die trotz des
-künstlichen Halbdunkels die Stube durchschwirrten. Erst als Franz sich
-zu recken begann, schlich sie leise hinaus, um einen starken Kaffee zu
-brauen, wie ihn Vater Rosumek nach anstrengenden Festen zu verlangen
-pflegte. Vorher aber legte sie noch die rote Mütze, die über und über
-mit goldenen und silbernen Nadeln besteckt war, dem Sohn aufs Deckbett,
-daß sein erster Blick darauffallen mußte.
-
-Langsam öffnete Franz die Augen. Gewohnheitsmäßig drehte er den Kopf
-zur Wand, wo seine Taschenuhr zu hängen pflegte, sie war nicht an
-der gewohnten Stelle. Da fiel sein Blick auf die rote Mütze. Ein
-wundersames Gefühl überkam ihn. Über den roten Schimmer hinaus sah er
-in die Zukunft, die sich vor ihm auftat, wie in ein Wunderland, vor
-dessen Pforten er lange mit heißer Sehnsucht auf Einlaß geharrt. Es
-waren keine festumgrenzten Gedanken, nur ein mächtiges, heißes Gefühl.
-
-Die Sonne stand schon tief im Westen, als Franz zum Pfarrhof ging.
-Ohne es zu wissen, hatte er einen kleinen Umweg gemacht, zu dem
-kleinen Häuschen, wo die Lehrerwitwe Grigo wohnte. Den guten Mann, der
-ihm prophezeit, daß er ein „schöner Schreiber“ werden würde, deckte
-schon seit einem Jahr der kühle Rasen. Seine Frau ernährte sich und
-ihr Töchterchen neben der kargen Pension durch Schneiderei für die
-Bauernfrauen.
-
-Vor der Thür stand die kleine Lotte, ein herziges Mädel von vierzehn
-Jahren mit kornblumenblauen, großen Augen und langen Hängezöpfen, als
-wenn sie ihn erwartete. Und es mußte wohl wirklich der Fall sein, denn
-als er die Gartentür öffnete, sprang Lotte auf ihn zu und steckte ihm
-einen goldenen Albertus in die Rockklappe. Dann faßte sie ihn um den
-Hals und gab ihm einen herzhaften Kuß. „Es ist ein Gruß von meinem
-Väterchen, er hat ihn gekauft, als er zum letztenmal in der Stadt war.
-Nimm ihn von uns als ein Zeichen unserer Liebe und Teilnahme.“
-
-Pastor Uwis ging mit seiner langen Pfeife im Garten spazieren. Er hatte
-die Folgen der Feier schon überwunden und dampfte mächtige Rauchwolken
-in die kühle Abendluft. Als Franz den Gang entlang ihm entgegenkam,
-streckte er ihm schon von weitem beide Hände entgegen: „Nun, mein
-lieber Freund, wie hast du die Anstrengungen deines Ehrentages
-überwunden? Meine Hausehre behauptet, ich hätte gestern des Guten etwas
-zuviel getan. Doch das ist meines Erachtens eine ~contradictio in
-adjecto~, denn des Guten kann man nie zuviel tun. Hätte sie behauptet,
-daß ich zuviel Bowle getrunken, dann hätte ich nicht widersprechen
-können. Denn unter uns Kollegen gesagt, wir haben gestern etwas stark
-dem alten Heiden Bacchus geopfert.“
-
-Er zog den Jungen an sich und küßte ihn herzlich. „~Mi fili~, mein Herz
-ist fröhlich und doch betrübt. Nun wirst du von uns gehen in die weite
-Welt und wirst den alten Uwis allein lassen .... Kinder hat uns der
-liebe Gott versagt, dafür warst du uns wie ein Sohn ans Herz gewachsen
-.... doch der Mensch soll nicht undankbar sein ....“ Er faßte ihn
-unter den Arm. „Komm zu Tante, sie sitzt in der Laube und bewacht
-ein paar Weißköpfe, die in dem kühlen Erdreich unter der Linde ihrer
-Auferstehung entgegenschlummern.“
-
-
-
-
-4. Kapitel
-
-
-Der Herbst hatte seine bunten Farben über den Wald gestreut. In allen
-Schattierungen von gelb und rot leuchteten die Laubhölzer und Sträucher
-zwischen dem dunklen Grün der Fichten und den fahlen Stämmen der
-Kiefern.
-
-Die Stare hatten sich bereits zu großen Gesellschaften vereinigt, bald
-brausten sie zu einer Wolke geballt durch die Luft und übten Flugkünste
-für die weite Fahrt nach dem Süden, bald saßen sie schwatzend und
-lärmend in den Rohrkampen des Flusses. Die Sonne lachte dazu vom
-wolkenlosen Himmel. Lange weiße Fäden segelten mit dem schwachen Winde
-über die Erde, hafteten an Baum und Strauch und wehten wie Wimpel vom
-Mast der Schiffe. Ab und zu stieg eine Lerche vom Stoppelfeld empor, um
-nach kurzem Sang wieder herunterzugleiten.
-
-Es lag wie ein Abschiednehmen auf der Flur, aber nicht die Wehmut einer
-Trennung für immer, nein, bei diesem Abschied klang daneben schon das
-hoffnungsfreudige „Auf Wiedersehn“, „Auf baldiges Wiedersehn“.
-
-Vom Walde her kam ein Grünrock dahergeschritten, das Bild eines
-kernigen deutschen Weidmanns, groß gewachsen, breitschultrig, mit
-langwallendem Bart, in dessen Dunkel das herannahende Alter schon die
-ersten weißen Fäden gewebt hatte. Sein scharfes Auge hatte bereits den
-Trupp Reiter entdeckt, der im behaglichen Schritt herangeritten kam.
-Keine Waffe blitzte, keine Farben strahlten, denn die bunte Pracht der
-Uniform war einem stumpfen Grau gewichen. Nur die strenge Ordnung der
-Reiter verriet, daß es eine Abteilung Dragoner aus der nahen Kreisstadt
-war. Der Forstmeister hob schon von weitem grüßend und winkend die
-Hand, als er die an der Spitze reitenden Offiziere erkannte. Es waren
-ihm liebe Freunde, die schon oft an seinem gastlichen Tisch gesessen.
-Der Major Aldenhoven verhielt den Gaul. „Guten Tag, Herr Forstmeister,
-können wir ein Stündchen bei Ihnen rasten?“
-
-„Ich bitte darum, Herr Major.“
-
-Er trat an den Reiter heran und reichte ihm die Hand. „Das schöne
-Wetter hat wohl die Herren zu einem Spazierritt verführt?“
-
-Der Major lachte: „Stimmt auffällig, Herr Forstmeister, nur verbinden
-wir damit einen kleinen Nebenzweck. Ich will meinen Offizieren und
-Mannschaften das Gelände bis zur Grenze einprägen.“
-
-Auf dem geräumigen Hof der Oberförsterei stiegen die Dragoner ab. Die
-Offiziere folgten dem Grünrock in das Haus, wo die freundliche Hausfrau
-mit zauberhafter Schnelligkeit ein kräftiges Frühstück auftragen ließ.
-Als die Gläser zu dem ostpreußischen Nationalgetränk auf den Tisch
-gestellt wurden, rief der Major lachend: „Aber, lieber Forstmeister, es
-stehen heute wirklich keine Grogzeichen am Himmel.“
-
-„Die haben wir nur für Fremdlinge erfunden, lieber Major, wir
-Eingeborenen brauchen diesen Vorwand zum Grogtrinken nicht“, erwiderte
-der Grünrock lachend. „Sind Sie schon auf dem Heimwege?“
-
-„Ach nein, so leicht nehmen wir den königlich-preußischen Dienst nicht,
-wir reiten nachher noch Ihre Forst ab und kehren erst gegen Abend heim.“
-
-„Glauben Sie denn ...., daß es bald losgeht?“
-
-„Wir erwarten und hoffen es ....“
-
-„Und Sie meinen, daß die Kämpfe sich hier abspielen werden?“
-
-„In den ersten Tagen sicherlich. Dann werden wir von den Russen mit
-gewaltiger Übermacht zurückgedrängt.“ Er führte mit der geballten Faust
-einen Hieb durch die Luft: „Es ist ein Jammer, und eine Schande, daß
-man Ostpreußen so schutzlos läßt.“
-
-„Ja,“ warf der Forstmeister ein, „die Regierung dürfte sich mit der
-Ablehnung der zwei Armeekorps nicht zufrieden geben, sondern den
-Reichstag zum Deuwel jagen.“
-
-„Vor allem hätte sie auf den geforderten sechs Kavallerieregimentern
-bestehen müssen! Wissen Sie, was wir meinen? Daß Ostpreußen bis zur
-Weichsel aufgegeben werden soll.“
-
-„Das ist doch aber nicht möglich, eine ganze große, blühende Provinz
-kampflos dem Feind überlassen“, rief der Grünrock heftig.
-
-Der Major zuckte die Achseln. „Es wird wahrscheinlich notwendig sein.
-Ich kann es ja wohl hier im vertrauten Kreise aussprechen, daß wir
-bestimmt mit einem Krieg nach zwei Fronten zu rechnen haben, und
-der Plan des Generalstabes soll dahin gehen, nicht unsere Kräfte zu
-teilen, sondern erst die Franzosen mit gewaltiger Übermacht schnell zu
-erdrücken, um uns dann mit allen Kräften gegen die Russen zu werfen.“
-
-„Ach, unser armes Ostpreußen“, warf der Forstmeister ein.
-
-„Ja,“ sagte der Rittmeister von Kobylinski mit grimmiger Stimme, „die
-Herren in Berlin spielen wie auf einem Schachbrett, aber was unsere
-Heimat zu tragen haben wird, wieviel Werte und Menschenleben verloren
-gehen!“
-
-„Wann erwarten Sie denn den Krieg, Herr Major“, fragte die freundliche
-Gattin des Hausherrn, nachdem sie die Herren zu Tisch gebeten und die
-Gläser gefüllt hatte.
-
-„Das ist schwer zu sagen, gnädige Frau. Es kann noch ein paar Jahre
-dauern, es kann aber auch heute oder morgen losgehen. Die Russen häufen
-immer mehr Truppen an unserer Grenze an ....“
-
-„Sind wir darüber so genau unterrichtet?“
-
-„Das kann wohl nicht verborgen bleiben, gnädige Frau. Aber so genau,
-wie es wünschenswert wäre, sind wir leider nicht unterrichtet.“
-
-„Ich wüßte eine Quelle, aus der Sie so manches erfahren könnten.“
-
-„Ach, das wäre ja famos,“ rief der Major, „darf ich erfahren ....?“
-
-„Gewiß,“ fiel der Forstmeister ein, „wir haben hier einen Mann, der
-drüben in Rußland sehr gut Bescheid weiß. Es ist noch ein Schulkamerad
-von mir. Ich glaube, er hat sich bis zur Obertertia hinaufgesessen und
-wurde nach längerem Aufenthalt in jeder Klasse ‚~propter barbam et
-staturam~‘ versetzt, dann mußte er abgehen, weil sein Vater starb und
-die Familie in traurigen Verhältnissen zurückließ. Er trat bei einem
-Fleischermeister in die Lehre, später verlor ich ihn aus dem Auge.
-Im vorigen Herbst, als der Bahnbau hier beginnen sollte, erschien
-er bei mir. Er wollte die Kantine für die Bahnarbeiter übernehmen.
-Dabei erzählte er mir, daß er sich lange Jahre in Russisch-Polen als
-Aufkäufer und Viehtreiber herumgetrieben und sich dabei etwas Geld
-zurückgelegt hätte, mit dem er nun ein seßhaftes Leben beginnen wollte.
-Ich verschaffte ihm die Genehmigung und überließ ihm einen Platz im
-Walde, wo er sich eine Bretterbude aufbaute.“
-
-„Ach, das ist ja der Grinda in der Waldschänke“, rief der Major aus.
-„Glauben Sie wirklich, daß der Mann Bescheid weiß?“
-
-„Sie werden staunen. Ich werde Sie mit ihm, sobald wir hier fertig
-sind, bekanntmachen. Er pflegt sonst sehr zurückhaltend zu sein.“
-
-Eine halbe Stunde später brachen die Offiziere zu der nicht weit
-entfernten Waldschenke auf. Es war ein schmuckloser Bretterbau, der
-vorn einen kleinen Ausschank und daneben eine etwas größere Gaststube
-enthielt. Bei ihrem Eintritt sprang ein junges Mädchen auf und eilte
-aus der Tür. Von dem stark versessenen Ledersofa erhob sich ein junger
-Mann.
-
-„Mein Sohn Walter, ~stud. jur.~“, stellte der Forstmeister ihn vor.
-Eine Wolke des Unmuts lag auf seiner Stirn. „Ruf uns mal den Grinda
-her, ich habe mit ihm zu sprechen.“
-
-Der junge Mann verschwand.
-
-Bald darauf trat der Gastwirt ein und begrüßte seine Gäste durch eine
-leichte Verbeugung. „Was steht zu Diensten?“
-
-Der Forstmeister reichte ihm die Hand. „Erst sorg’ man für Grog, für
-dich auch einen, und dann setz’ dich zu uns. Ich möchte dir etwas von
-deinen Künsten abfragen.“
-
-Der Krugwirt, ein starker Mann mit glattrasiertem Gesicht, kniff
-verschmitzt lachend ein Auge zu. „Das wird dir wohl nicht gelingen,
-Forstmeister.“
-
-„Weshalb denn nicht?“
-
-„Es sind mir zuviel Ohren da.“
-
-„Würden Sie mir und dem Herrn Forstmeister Auskunft geben“, fiel der
-Major ein.
-
-Grinda hob die Hand und rieb den Daumen am Zeigefinger.
-
-„Das soll kein Hindernis sein“, antwortete der Major kühl auf die
-Handbewegung. Auf seinen Wink verließen die anderen Offiziere das
-Zimmer. Draußen zwischen den Bäumen standen einige Tische, und bei
-dem warmen Sonnenschein konnte man bei einem Glas Grog auch im Freien
-sitzen. Bald darauf trat die Nichte Grindas mit den Gläsern ein. Ein
-zierliches Mädel mit blanken Augen und schwarzem Wuschelhaar. Sie
-grüßte mit einem tiefen Knicks und entfernte sich.
-
-„Ihr Sohn hat einen guten Geschmack“, meinte der Major lächelnd.
-
-Der Forstmeister runzelte die Stirn. „Leider!“
-
-„Aber, lieber Freund, es ist doch merkwürdig, daß die Väter ihren
-heranwachsenden Söhnen gegenüber immer so tun, als wenn sie die eigene
-Jugend vergessen hätten. Ein kleines lyrisches Intermezzo während der
-Ferien ....“
-
-Der Grünrock kam nicht zur Antwort, denn Grinda trat ein.
-
-„Also, Herr Grinda, wir möchten von Ihnen erfahren, was sie über
-die Standorte der russischen Truppen wissen und was sie für ihre
-Mitteilungen beanspruchen.“
-
-Der Gastwirt ließ sich am Tisch nieder und rührte in seinem Glas.
-
-„Zuerst muß ich einen Irrtum berichtigen, Herr Major. Das Daumenwackeln
-war nur ein Scherz von mir. Ich beanspruche selbstverständlich nichts
-für meine Mitteilungen. Meine Nachrichten sind überdies reichlich ein
-Jahr alt. Während der Zeit kann sich vieles verändert haben. Aber
-nehmen Sie Ihr Notizbuch zur Hand und schreiben Sie ....“
-
-„Gleich hinter Kibarty liegen zwei Regimenter Kubankosaken in einem
-Barackenlager in voller Kriegsstärke ... haben Sie? Bei Suwalky steht
-das 1. Finnländische Dragonerregiment.“
-
-„Donnerwetter,“ fuhr der Major auf, „irren Sie sich auch nicht,
-Grinda?“
-
-„Im vorigen Herbst standen sie da, Herr Major. Ich beanspruche volles
-Vertrauen.“
-
-„Das hast du, lieber Grinda“, fiel der Forstmeister ein.
-
-Nun gab es keine Unterbrechung mehr, nur manchmal schüttelte der Major
-den Kopf.
-
-Wie am Schnürchen zählte Grinda die Orte und die darin stehenden
-russischen Truppen auf. Ja, noch mehr, er wußte auch, wo die Stäbe
-lagen.
-
-In deutlicher Erregung reichte ihm der Major, als er nichts mehr
-anzugeben wußte, die Hand.
-
-„Herr Grinda, Sie haben dem Vaterland einen sehr großen Dienst
-geleistet. Ich berichte das heute noch nach Berlin. Ihr Name bleibt
-selbstverständlich völlig aus dem Spiel. Und nun eine Frage: würden Sie
-sich bereitfinden lassen, jetzt nochmal nach Rußland hineinzufahren, um
-neuere Nachrichten zu holen?“
-
-„Herr Major, Sie wissen, was ich dabei riskiere! Und ich kann hier
-meine Nichte nicht allein im Geschäft lassen.“
-
-„Es muß sich machen lassen“, rief der Major laut. „Ich will mich dafür
-einsetzen, daß Sie nach dieser Fahrt sorgenlos einen behaglichen
-Lebensabend genießen können.“
-
-„Wenn ich einen Stellvertreter für mich hier finde, will ich es nochmal
-wagen.“
-
-Als die Herren nach einer längeren Unterhaltung über Ziel und Zweck der
-Reise aus der Schänke traten, fanden sie die jüngeren Offiziere mit dem
-Sohn des Forstmeisters in angeregter Unterhaltung. Er beendete eben
-eine Jagdschnurre, deren Spitze stürmische Heiterkeit hervorrief.
-
-„Ihr Sohn scheint Ihr Talent geerbt zu haben“, meinte der Major lachend.
-
-„Ja, das ist auch das einzige, was er von mir geerbt hat“, erwiderte
-der Grünrock brummig.
-
-Eine Viertelstunde später ritten die Dragoner unter Führung des
-Rittmeisters von Kobylinski weiter, während der Major nach der
-Stadt zurückkehrte, um sofort einen langen Bericht an den Obersten
-Generalstab zu verfassen.
-
-Der Forstmeister nahm sich noch vor Tisch seinen ungeratenen Sprößling
-vor. Schon von klein auf hatte er ihm Sorgen gemacht. Er hatte keinen
-Trieb zum Lernen und hatte nur durch seine große Begabung die Schule
-überwunden. Auf den oberen Klassen hatte er bereits, von der Mutter,
-die ihm heimlich Geld zusteckte, verhätschelt und verwöhnt, ein
-lockeres Leben geführt.
-
-Auf der Hochschule geriet er ganz außer Rand und Band. In der ersten
-Zeit hatte er noch in der Burschenschaft, in die er eintrat, etwas Halt
-gefunden. Nachdem er sich von hier getrennt, was nicht ganz freiwillig
-geschah, geriet er in eine Gesellschaft gleichgesinnter Kumpane, machte
-die Nacht zum Tage, jeute und machte Schulden. Der Vater zweifelte
-daran, daß Walter auch nur ein Kolleg besucht und überhaupt etwas
-gearbeitet hatte. Dabei besaß der Schlingel Eigenschaften, die ihn
-überall beliebt machten. Er war trotz seines Bummellebens ein flotter
-Jüngling, gewandt in allen Leibesübungen, ein flotter Tänzer und zu
-Hause in den Ferien ein unermüdlicher Jäger und sicherer Schütze.
-
-Die Mutter hielt ihm dem Vater gegenüber immer noch die Stange. Sie
-hatte für den einzigen Sohn immer die Sprichwörter in Bereitschaft, die
-der Jugend das Recht zusprechen, sich auszutoben, und von dem gärenden
-Most einen guten Wein erhoffen. Der Vater sah tiefer. Er wußte, daß
-sein Sohn schon jeden Halt verloren hatte, daß er ohne jede Hemmung
-sich in Gesellschaften unwürdiger Gesellen, die in jeder Beziehung
-unter ihm standen, betrank. Das hatte er noch vor kurzem eines Abends
-in der Waldschänke mit dem verkommenen Gesindel, das an der Eisenbahn
-arbeitete, getan.
-
-Sein häufiger Besuch dort galt natürlich in erster Linie der hübschen
-Olga. Sie hielt sich unter den jungen Männern, die dort nur ihretwegen
-verkehrten, als Blümlein „Rührmichnichtan“. Jawohl, es konnte nur ein
-lyrisches Intermezzo für Walter sein. Aber ebensogut konnte er an dem
-Mädel hängen bleiben, wenn es darauf ausging, den flotten Jüngling
-dingfest zu machen.
-
-Mit großem Geschick spielte Walter vor dem alten Herrn den
-zerknirschten, reuigen Sünder und gelobte Besserung. Er werde im
-nächsten Semester sich schon zum Examen einpauken lassen und den
-Referendar machen. Mit der Olga sei es eine kleine unschuldige
-Tändelei. Das Mädel sei übrigens hoch achtbar und ließe sich von keinem
-ihrer zahlreichen Verehrer zu nahe treten.
-
-Ein paar Stunden später, als der Vater weggefahren war, saß Walter
-wieder in der Waldschenke. Er war der einzige Gast, auch der Onkel war
-nicht zu Hause. Das lyrische Intermezzo zwischen den beiden sah ganz
-nach einem ernsthaften Liebesverhältnis aus. Mitten zwischen Kosen und
-Scherzen erzählte ihm Olga von dem Gespräch zwischen ihrem Onkel und
-dem Major, das sie durch die dünne Bretterwand belauscht hatte. Ihr
-Onkel werde demnächst als Spion nach Rußland fahren und damit schweres
-Geld verdienen. Walter zeigte dafür kein Interesse. Ihm war das Kosen
-mit dem süßen Mädel, das in seinem Arm erglüht war, wichtiger.
-
-Am nächsten Abend war der Forstmeister nicht zu Hause. Walter
-schmeichelte der Mutter Geld ab und fuhr zu Rad in die Stadt. Die
-moderne Zeit hatte auch in die kleine masurische Stadt schon ihren
-Einzug gehalten. Es gab dort seit dem letzten Winter ein Caféhaus, in
-dem die sogenannte gute Gesellschaft und auch die Offiziere der beiden
-dort liegenden Regimenter verkehrten, um bei einer Tasse Mocca oder
-anderen Getränken leichte Unterhaltungsmusik zu genießen. Für Walter
-hatte das am Tage so ehrbare Lokal noch eine andere Anziehungskraft.
-Wenn der Abend vorrückte, fand sich in zwei verschwiegenen
-Hinterzimmern, an runden, grünbezogenen Tischen, eine recht gemischte
-Gesellschaft ein, die sich mit Mauscheln, Pokern, Bak und ähnlichen
-Unterhaltungsspielen die Zeit vertrieb, bei der die Mehrzahl
-derjenigen, die nicht alle werden, von einer kleinen Minderheit gerupft
-wird.
-
-Walter fand bei seinem Eintritt einen großen Tisch von jüngeren
-Offizieren besetzt, die ihm zum Teil bekannt waren. Er wurde
-herangerufen und bestellte sich ein Glas Pilsener. Als die Musik um
-zehn Uhr schwieg, verließen die Familien das Lokal. Auch an dem Tisch
-der Offiziere wurde es leerer. Die Zurückbleibenden rückten enger
-zusammen. Die Unterhaltung hatte sich militärischen Dingen zugewandt.
-Es waren fast alles jüngere Leute, die mit mehr Eifer als Sachkenntnis
-die Aussichten eines Krieges mit Rußland, der wie eine drohende Wolke
-am Himmel stand, erörterten. Allgemein herrschte die Ansicht vor,
-daß man wenigstens in der ersten Zeit zu einem Abwehrkrieg genötigt
-sein werde. Es war nur die Frage, ob Ostpreußen bis zur Weichsel
-preisgegeben werden müßte, oder ob man den Russen an der Masurischen
-Seenkette und ihrer Fortsetzung nach Norden, an der Angeraplinie, würde
-Widerstand leisten können.
-
-Der Oberkellner, ein schlanker, nicht mehr ganz junger Mann mit
-ungewöhnlich feingeschnittenem Gesicht und scharfen Augen, bediente
-die Offiziere selbst. Es fiel niemand auf, daß er beim Auswechseln
-der geleerten und vollen Gläser sich wenig beeilte. Er hatte schon
-bei Eröffnung des Cafés seine Stelle angetreten und war allgemein
-beliebt, weil er seine zahlreichen Gäste mit großer Gewandtheit und
-Aufmerksamkeit bediente. Ja, er hatte vertrauenswürdigen Kunden selbst
-das Stichwort gegeben, mit dem sie unauffällig ihre Zeche schuldig
-bleiben konnten. Das war die Geschichte von den zehn polnischen
-Königen. Sie lautete: „Zehn polnische Könige saßen unter einem Palmbaum
-und tranken Tee. Da kam eine Klapperschlange, glatt wie Öl. Darüber
-erschraken die Könige, stülpten ihre Kronen auf das Haupt und riefen:
-‚Kellner, wir zahlen morgen.‘“
-
-Man brauchte ihn nur an diese Geschichte zu erinnern, dann lächelte er
-verbindlich und verbeugte sich.
-
-Als die Offiziere gegangen waren, verfügte sich Walter in das
-Spielzimmer. Das Glück, das er in der Liebe entwickelte, war
-entschieden seinem Erfolg beim Spiel hinderlich. In einer Stunde hatte
-er seinen Barvorrat verloren. Möglichst unauffällig ging er dem Ober,
-der mit leeren Gläsern das Zimmer verließ, an das Büfett nach, um
-ihn anzupumpen. Mit verbindlicher Miene griff der Ober in die Tasche
-und legte ihm zehn Doppelkronen auf den Tisch. Nun hielt er sich mit
-wechselndem Glück zwei Stunden über Wasser, bis der Ober zum Aufbruch
-mahnte. Walter hatte viel getrunken, aber er hatte noch keine Lust,
-nach Hause zu fahren. Er lud den Ober zu einer guten Flasche Rotwein
-ein. Lächelnd nahm der Mann die Einladung an und brachte nicht nur die
-Flasche Rotwein, sondern auch zwei große Kognaks, zu denen er einlud.
-
-„Ist es Ihnen nicht schwer, Ober,“ begann Walter das Gespräch, „so
-enthaltsam zwischen all den trinkenden Gästen zu stehen?“
-
-„Nicht im geringsten, Herr Studiosus, ich habe so viel zu tun, daß ich
-einen klaren Kopf behalten muß.“
-
-„Ja, da bewundere ich Sie“, erwiderte Walter mit dem Bestreben,
-ihm etwas Angenehmes zu sagen. „Und die vielen Gespräche, die Sie
-umschwirren.“
-
-Der Ober lächelte: „Die stören mich nicht, man hört ja nur Bruchstücke,
-die nicht interessieren können. An ihrem Tisch hätte ich heute
-allerdings gern zugehört, es wurde, wie ich glaube, über einen Krieg
-mit Rußland gesprochen. Sind die Herren Offiziere wirklich der Ansicht,
-daß es bald losgeht?“
-
-„Unter allen Umständen,“ erwiderte Walter, „es kann heute oder morgen
-schon zum Klappen kommen.“
-
-„Dann müßte man sich beizeiten nach einer anderen Stelle umsehen, denn
-hier an der Grenze wird die Geschichte wohl brenzlich werden.“
-
-„Wahrscheinlich,“ bestätigte Walter, „die Offiziere meinen sogar, wir
-werden Ostpreußen bis zur Weichsel aufgeben müssen, um erst Frankreich
-niederzuschlagen.“
-
-„Ach wo, das wäre doch ein Jammer. Die Herren sprachen doch von der
-masurischen Seenkette, die gehalten werden soll.“
-
-„Das wurde nur als Möglichkeit besprochen, denn es ist wenig
-wahrscheinlich, daß wir genug Truppen haben werden, um noch eine lange
-Linie zu besetzen.“
-
-Ahnungslos ließ Walter aus sich alles herausholen, was er von den
-Offizieren gehört hatte. Der schwere Rotwein und noch einige Kognaks,
-die der Ober aus freien Stücken spendete, übten auf ihn ihre Wirkung.
-Mit schwankendem Gleichgewicht bestieg er sein Rad und fuhr nach
-Hause. Als er gegen Mittag mit schwerem Kopf erwachte, kam ihm erst
-zum Bewußtsein, daß er heute wieder die Mutter um einige hundert Mark
-erleichtern müßte, um seine Schuld zu tilgen. Der Vater, der eine
-Dienstreise zu mehreren vereinzelt gelegenen Revieren angetreten hatte,
-kam sicher heute nicht nach Hause. Er umschmeichelte die Mutter und
-bat sie um Geld. Sie schlug es ihm rundweg ab. Sie habe ihm einen
-vergnügten Abend in der Stadt gegönnt und das wolle sie vor dem Vater
-wohl vertreten, aber wenn er heute noch nach Hause käme und er sei
-nicht da, dann gäbe es ein Donnerwetter, und lügen könne sie nicht.
-
-In jämmerlicher Stimmung wanderte er zur Waldschänke. Olga kam ihm bei
-der Begrüßung mit einer Handvoll Papiergeld entgegen. Wie ein Blitz
-fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, sie anzupumpen.
-
-„Schatzel, kannst du mir mit 500 Mark aushelfen? Wenn mich der Alte
-nach Königsberg ausrüstet, gebe ich es dir wieder.“
-
-Sie warf lachend die Scheine auf den Tisch und zählte die Summe ab.
-
-„Der Onkel ist schon heute früh über die Grenze gefahren.“ Sie sah ihn
-zärtlich besorgt an. „Was ist denn mit dir, du siehst ja so blaß aus,
-hast du einen Brummschädel?“
-
-„Ja“, erwiderte er mit einem tiefen Aufatmen. Das Gespräch mit dem Ober
-war ihm plötzlich eingefallen. Ein Gedanke war in ihm aufgestiegen,
-aber der erschien ihm so ungeheuerlich ....
-
-
-
-
-5. Kapitel
-
-
-Über die Gipfel der Lindenbäume war der Mond emporgestiegen und schaute
-verwundert auf die beiden, die untergefaßt das große Rasenstück in
-der Mitte des Gartens umwandelten. Der kühle Trunk, der Greise jung
-macht, hatte ihre Lebensgeister erfrischt. Sie hatten gescherzt und
-gelacht, bis Tante Uwis, die gegen Abendkühle etwas empfindlich war,
-sich in den Schutz des Hauses zurückgezogen hatte. Dann hatte der
-Pastor seinen jungen Freund unter den Arm genommen. „Komm, mein Junge,
-wir wollen nach alter Gewohnheit auf und ab spazieren. Dabei erzählt
-es sich besser. Vor Jahren einmal habe ich dir versprochen, von meinen
-Studentenjahren zu erzählen. Heute will ich das Versprechen einlösen.“
-Er sah zum Mond empor. „Hast du jemals schon empfunden, wenn Goethe
-sagt:
-
- „Füllest wieder Busch und Tal
- Still mit Nebelglanz,
- Lösest endlich auch einmal
- Meine Seele ganz.“
-
-„Du weißt, mein Junge, ich bin ein einsamer Mensch. Alle Jubeljahre
-komme ich mit meinen Amtsbrüdern zusammen und hier im Dorfe ist
-dein Vater der einzige, mit dem ich näheren Umgang pflege. Aber die
-Gedanken, die mir durch das Labyrinth der Brust wandern, habe ich zu
-keinem Menschen aussprechen können. Manches, aber nicht alles, habe
-ich zu dir gesprochen. Jetzt bin ich glücklich, denn du bist unter
-meinen Händen herangewachsen zu einem verständigen Jüngling, der fortan
-mein Freund sein soll. Junge, -- du kannst das Lob vertragen --, ich
-freue mich über dich. Du bist kein Duckmäuser und kein Bücherwurm,
-und das schreibe ich mir als Verdienst zu. Ich habe es nie verstehen
-können, wie man gegen eine gesunde Lebensfreude eifern kann. Wenn unser
-Herrgott nur an Kopfhängerei und Weltschmerz Gefallen fände, dann hätte
-er den Menschen und den Vögeln nicht die Kehle zum Singen gegeben,
-dann hätte er die Natur nicht mit leuchtenden Farben geschmückt. Das
-ist meine Lebensphilosophie. Sie mag sehr primitiv sein, aber sie ist
-für den Durchschnittsmenschen die beste. Und sie ist uns schon von der
-Bibel als Weisheit Salomonis überliefert. Dein Religionslehrer hat sie
-so treffend in wenige kurze Sätze gefaßt. Weißt du sie auswendig?“
-
-„Alles Irdische ist eitel. Drum ist Lebensgenuß zu empfehlen. Doch
-mache man den Lebensgenuß unschädlich durch Weisheit. Die höchste
-Weisheit aber ist die Furcht Gottes.“
-
-„Das ist’s, was ich meine! Frisch und froh sich regen, ringen, kämpfen
-und die Freuden des Lebens genießen, aber dabei vor sich und Gott ein
-anständiger Kerl bleiben, das ist der beste Spruch, den ich dir auf
-deinen Lebensweg mitgeben kann.“
-
-Er blieb stehen und streckte Franz die Hand hin:
-
-„Schlag ein, Junge!“
-
-Hand in Hand traten sie an den Tisch und stießen mit vollen Gläsern an.
-Dann nahmen sie wieder ihre Wanderung auf.
-
-„Ich war ein junger Dachs,“ fuhr der Pastor fort, „als ich nach
-Königsberg einrückte. Der Vater hatte zwei Lehrochsen verkauft und noch
-ein paar Taler hinzugetan, so daß ich ein volles Hundert in der Tasche
-trug. Den größten Teil des Weges hatte ich zu Fuß zurückgelegt, von
-Eylau fuhr ich mit dem Omnibus, der außer mir noch eine ganze Schar von
-Muli nach der Stadt der reinen Vernunft beförderte. In der kleinen
-Kneipe auf dem Haberberg, wo der Fuhrmann sein Gefährt einstellte,
-wurden wir von Deputationen der Korps und Burschenschaften empfangen.
-Ich muß wohl in dem einfachen Wanderrock, den Mutter selbst gewebt und
-genäht hatte, keinen bedeutenden Eindruck gemacht haben. Aber da ich
-aus Lyck kam, woher die Masuren alle ihre Füchse beziehen, so lud man
-mich auch an die Kneiptafel. Mein Nachbar war ein alter Häuptling, der
-seiner scharfen Klinge wegen in hoher Achtung stand. Wir kamen ins
-Gespräch, er fragte mich nach meinen Verhältnissen aus. Als er erfuhr,
-daß ich ein Försterssohn sei, wurde er wärmer. Er stammte auch aus dem
-Forsthause. Ein Wort gab das andere, -- -- was soll ich dir sagen,
-er nahm mich mit nach der Kneipe und noch am selbigen Abend war ich
-ausgeflaggt.
-
-Mein Protektor, -- du kennst ihn, es ist der alte Pastor Riemasch in
-Orlowken, nahm sich meiner wacker an. Ich hatte gute Empfehlungen von
-meinem Direktor in der Tasche, damit ging ich zu den alten Herren,
-die an den Königsberger Gymnasien unterrichteten und nach ein paar
-Wochen hatte ich zwei gutzahlende Privatschüler. Im Korps hatte ich
-anfangs einen schweren Stand. Nicht etwa, weil ich wenig zuzubrocken
-hatte, sondern, weil ich ein so fürchterlicher Naturbursch war. Du mußt
-mich nicht mißverstehen: ich war nie über die kleine Provinzialstadt
-hinausgekommen, kneipen hatte ich dort auch nicht gelernt, da kam es
-mir schwer an, mich in die neuen Verhältnisse zu finden. Aber das
-Fechten, das hatte ich bald begriffen. Noch im ersten Semester, ehe
-ich die erste Fuchsmensur geliefert hatte, kontrahierte mich ein
-Litauer an, ein wüster Gesell, der seine zwanzig Mensuren hinter sich
-hatte. Er kam an den Unrechten. Ich stand wie eine Mauer und bis zum
-Platzwechseln hatte er mich noch nicht geritzt. Da trat Riemasch,
-der auch eine anständige Praxis hinter sich hatte, an mich heran und
-flüsterte mir zu: ‚Hinter der Doppelterz die Tiefquart!‘ Jetzt sah ich
-selbst das Loch und beim nächsten Gang stach ich ihn glatt ab, mein
-Spieß hatte in der Litauernase Kehrt gemacht.“
-
-Der Alte hatte im Eifer des Erzählens den Arm gehoben und in der
-Luft den Hieb geführt. „Seit jener Mensur, ~fratercule~, war ich
-ein gemachter Mann. Acht Tage darauf lieferte ich mit Glanz meine
-zweite Mensur und noch vor Schluß des Semesters wurde ich allein von
-den Füchsen rezipiert. Ich habe viel gefochten,“ fuhr er nach einer
-kleinen Pause fort, „und immer mit Glück. Im vierten Semester wurde ich
-Zweiter, im fünften Erster. Im sechsten legte ich mich auf die fleißige
-Seite und im neunten baute ich mein Examen, schlecht und recht, aber
-man drückte damals bei Leuten, die masurisch sprechen konnten und in
-die Wildnis gehen wollten, beide Augen zu. Soll auch heute noch so
-sein ....“
-
-Als sie beim Mondschein sich die Gläser füllten und aneinanderklingen
-ließen, meinte Franz: „Eigentlich, Onkel, bist du mir noch immer die
-Geschichte schuldig, weshalb du Pastor geworden bist.“
-
-„Du hast recht, mein Junge, aber wenn man in die alten Geschichten
-kommt, dann ist es schwer, an der richtigen Stelle aufzuhören.“
-
-Er nahm die Pfeife in die Hand, stopfte sie frisch und tat einige
-starke Züge, ehe er weitererzählte. „Meine Mutter hatte mir beim
-Abschied das Versprechen abgenommen, Theologie zu studieren. Ich ließ
-mich also pflichtschuldigst bei der theologischen Fakultät einschreiben
-und belegte die offiziellen Kollegia. Weißt du, Junge, es ist doch
-eine schöne Sache, wenn man als junger Dachs bei älteren Leuten Rat und
-Anleitung findet.
-
-Wieviel junge Studenten treten an das schwarze Brett, ohne eine
-Ahnung zu haben, was sie zuerst hören müssen und können. Sie tappen
-einfach rein in die Sache, und wenn sie kurz vor dem Examen stehen,
-dann merken sie erst, daß sie eins der wichtigsten Kollegia nicht
-gehört haben. Meiner nahm sich Riemasch an, er hatte sozusagen in alle
-Fakultäten hineingerochen und war schließlich reumütig zur Theologie
-zurückgekehrt, mit der er angefangen hatte. Er baute schon an seinem
-Examen und wußte ganz genau, was der Mensch dazu gehört haben muß.
-Trotz meiner geringen Mittel hatte ich gleich im ersten Semester
-ein naturgeschichtliches Kolleg und alle Publika belegt, die mir
-interessant schienen.
-
-Zeit zum Kolleglaufen hatte man damals. Der Frühschoppen hielt sich
-in sehr engen Grenzen und die eine offizielle Kneipe in jeder Woche
-hinderte keinen, der ernstlich arbeiten wollte. Meine Privatstunden
-gab ich in den ersten Abendstunden, kurzum, ich konnte in den ersten
-Semestern ganz tüchtig arbeiten. Das Hebraikum hatte ich auf dem
-Gymnasium mit ‚Gut‘ gemacht, das plagte mich nicht. Aber desto mehr
-die theologischen Kollegia. Mit Riemasch, der mir ein wirklicher Freund
-geworden war, disputierte ich fast täglich darüber.
-
-Die Wissenschaft war auf ihrem Lehrstuhl eingeschlafen. Aus der
-freien Forschung war ein engherziges Spintisieren geworden, das sich
-an Haarspaltereien ergötzte. Aus dem frischsprudelnden Quell war ein
-trübes Wässerchen geworden, das langsam abwärts schlich. Damals war ein
-Hauptstreitpunkt, ob Christus den Jüngern im Geist oder im verklärten
-Leibe erschienen sei. Ein junger Professor, der heute eine Leuchte
-des Kirchenregiments ist, galt damals als ein arger Ketzer, weil er
-die erste Ansicht verfocht. Ethische Fragen, das tägliche Brot des
-amtierenden Geistlichen, ja selbst große metaphysische Probleme wurden
-im Handumdrehen abgetan, um Zeit für die kleinlichen dogmatischen
-Zänkereien zu gewinnen, und uns Jungen bot man Steine statt Brot.“
-
-Er war aufgestanden und schritt in tiefer Erregung vor der Laube auf
-und ab. „Wir haben es ja damals mehr gefühlt, als begriffen, um was
-es sich handelte. Aber wenn man mit sich selbst schon zu kämpfen hat
-und nur aus Pflichtbewußtsein Theologie studiert, dann wird es schwer,
-nicht abzuspringen. Als wir meinem guten Riemasch das alte Lied vom
-Auszug des bemoosten Burschen gesungen hatten, begann für mich eine
-schwere Zeit. Ich vernachlässigte meine offiziellen Kollegia, arbeitete
-auf dem Sezierboden und war nahe daran, zur Medizin abzuspringen. Da
-kam eines Tages der alte Dewischeit nach Königsberg.
-
-Wir hatten einen vergnügten Abend verlebt. Ich präsidierte bei der
-Offiziellen und biß mit Absicht den flotten Bursch heraus. Gelernt
-hatte ich’s Gott sei Dank in den vier Semestern. Nach der Kneipe
-geleitete ich ihn zum Russenkrug, wo er logierte. Dort führte er mich
-selbst nach unten in das Restaurant und bestellte eine Flasche Rotspon,
-so’n gewichtigen Tropfen, wie wir ihn nur in unseren Seestädten
-trinken. Als wir den ersten Schluck genommen hatten und feierlich die
-Gläser hinsetzten, sah mich der Alte an und fragte schlankweg: ‚Was
-drückt dich, Uwis?‘ Und was soll ich dir sagen, nach ein paar Minuten
-hatte er alles aus mir herausgeholt, was er wissen wollte.
-
-Die Standpauke, die er mir dann hielt, möchte ich dir gern wörtlich
-wiederholen, wenn mir in den vierzig Jahren nicht die Einzelheiten
-entschwunden wären. Aber der Refrain lautete: „Junge, stoß dich nicht
-an dem Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Stoß dich auch nicht an
-dem dogmatischen Formelkram, du hast ja als Protestant das Recht der
-freien Forschung in der Bibel. Sieh lieber auf den ethischen Gehalt,
-an dem kein Pfaffengezänk etwas wegtut oder zufügt. Und daran habe ich
-mich denn gehalten mein lebelang. Ich kann es auch nicht verstehen,
-wenn Amtsbrüder untereinander allerlei Streitfragen aufwerfen und beim
-Disputieren die Köpfe erhitzen .....“
-
-Der Pastor schwieg und sah auf den Jüngling, der den Kopf nachdenklich
-in die Hand gestützt hatte. „Geht die Sache dich auch an, mein Sohn?
-Das hatte ich bisher nicht gewußt. Hast du gar keine Lust, Landwirt zu
-werden und in deines Vaters Fußtapfen zu treten?“
-
-Franz sah auf. „Wenn ich das nur wüßte, Onkel! Ich fühle nichts weiter
-in mir, als die Lust, recht viel zu lernen. Alles möchte ich wissen.
-Ich möchte vielleicht auch einen ganz tüchtigen Landwirt abgeben, aber
-wenn ich womöglich mir ein paar Jahre um die Ohren schlage, um später
-einzusehen, daß ich auf den unrechten Weg geraten ....“
-
-„Merkwürdig! Merkwürdig! Aber ich will dir sagen, wo es bei dir sitzt!
-Du hast bis jetzt keine Vorliebe für irgendeinen Beruf gefaßt und
-schwankst nun hin und her, wie das Rohr im Winde. Und darum gerade
-fordere ich von dir, daß du versuchst, ob du nicht dem Wunsche deines
-Vaters folgen kannst. Sollst dir dabei ein Jahr um die Ohren schlagen,
-wie du es nennst; bist immer noch jung genug, wenn du dann umsattelst.“
-Er sah ihn prüfend an. „Das, was man Ehrgeiz nennt, scheint dir fremd
-zu sein. Ich weiß auch nicht, ob ich das tadeln soll, denn ich glaube,
-der Wille, stets etwas Tüchtiges zu leisten und hinter den anderen
-nicht zurückzubleiben, genügt auch. Und mit dem Willen versuch’ mal
-eine ‚Stromtid‘ durchzumachen, auf einem großen Gut, wo du recht
-viel lernen kannst. Wenn du dann dem Beruf durchaus keinen Geschmack
-abgewinnen kannst, dann wollen wir weiter reden.
-
-Jetzt wandle heimwärts, ~amice~, und überschlaf meinen Vorschlag.
-Morgen können wir mehr darüber sprechen. Gute Nacht!“
-
-„Gute Nacht, Onkel.“
-
- * * * * *
-
-Gedankenvoll wanderte Franz im hellen Mondschein die Dorfstraße
-entlang. Eigentlich hatte Onkel Uwis recht, besonders wenn er auf
-Vaters Wunsch verwies. Als er am Dorfkrug vorüberkam, rüsteten sich auf
-der Veranda mehrere Männer zum Aufbruch, auch sein Vater war darunter.
-
-Erst am Tor des Schulzenhofes trennte sich der letzte Begleiter von
-ihnen.
-
-Franz blieb stehen und faßte den Alten um.
-
-„Vater, ich möchte dich um etwas bitten.“
-
-„Was soll’s sein, mein Sohn?“
-
-„Ich möchte auf einem großen Gut als Eleve eintreten.“
-
-Im ersten Augenblick schien der Schulze etwas überrascht, dann schloß
-er den Sohn in die Arme:
-
-„Mein Franz, du willst mir den größten Wunsch meines Lebens erfüllen?
-Das hatte ich kaum noch gehofft.“
-
-„Ich will es wenigstens ehrlich versuchen. Finde ich aber trotz meines
-guten Willens keine Befriedigung in dem Beruf des Landwirts, dann werde
-ich’s dir offen sagen. Willst du mich dann studieren lassen?“
-
-„Gewiß, mein Junge, gewiß! Du gehst nur zur Probe ein Jahr in die
-Wirtschaft. Damit muß sich auch Mutter zufrieden geben. Sie hofft ja
-noch sehr stark, dich doch noch einmal im Talar zu sehen.“
-
-
-
-
-6. Kapitel
-
-
-Vater Rosumek hatte seiner Frau noch nichts davon erzählt, daß sein
-Sohn ihm seinen Wunsch erfüllen wollte. Als Franz zum Frühstück
-herunterkam, empfing ihn die Mutter mit strahlendem Gesicht und legte
-ihm eine mit Goldfüchsen gefüllte Börse hin.
-
-„Der Vater ist schon in die Stadt gefahren, er läßt dir sagen, du
-möchtest von dem Geld einen guten Gebrauch machen.“
-
-Fragend sah Franz die Mutter an. „Wie meint er das?“
-
-„Er sprach von einer Reise, die du unternehmen solltest, nach
-Königsberg und an die Ostsee, das soll eine sehr schöne Gegend sein.“
-
-Hastig nahm Franz das Frühstück zu sich, dann lief er schnell ins
-Pfarrhaus.
-
-„Heda, junger Freund, was beflügelt deinen Fuß?“ rief ihm der Pastor
-über den Gartenzaun entgegen.
-
-Mit kühnem Schwung hob sich Franz über die Staketen.
-
-„Denk dir, Onkel, der Vater hat mir viel Geld zu einer großen Reise
-geschenkt, willst du mir die Freude bereiten und mitkommen?“
-
-Der alte Herr schüttelte den Kopf. „Nun ist dein Vater mir
-zuvorgekommen. Ich habe gestern abend noch nachgedacht, wie du diese
-Übergangszeit bis zum Eintritt in deinen Beruf noch genießen und gut
-anwenden könntest, und war zu dem Entschluß gekommen, dich zu einer
-Fußwanderung durch unsere schöne, liebe Heimatprovinz aufzufordern. Ich
-habe mich auch bereits durch die moderne Erfindung, den sprechenden
-Draht, mit meinem Superus in Verbindung gesetzt und mir einen Urlaub
-erwirkt, der mir gewährt wurde, da ich, außer bei amtlichen Anlässen,
-noch nie Ferien gemacht habe. Aber diesmal will ich es tun.“
-
-„Hast du auch schon ein Ziel für unsere Reise ins Auge gefaßt?“
-
-„Jawohl, mein Sohn, ich dachte schon gestern, -- wir wandern doch
-natürlich zu Fuß, wie wir es so oft getan haben, -- auf Umwegen nach
-Kerschken und Bodschwinken zu wandern, um dort die Sedanschlacht
-mitzumachen.“
-
-Verständnislos sah Franz ihn an; der alte Herr lachte.
-
-„Ich habe bis heute früh auch nichts von diesem großen Ereignis gewußt.
-Aber heute früh erhielt ich einen Brief von einem lieben Freund und
-Amtsbruder aus Bodschwinken, in dem er mich zu einem Besuch dieses
-Volksfestes einladet. Vor einigen Jahren kam mir davon bereits eine
-dunkle Kunde, aber mein Gewährsmann schilderte es so, als wenn es eine
-große Narretei wäre. Die Gegend dort ist sehr wohlhabend. Die reichen
-Bauern der beiden Dörfer fühlten sich dadurch beschwert, ja beleidigt,
-daß die Bürger des nahen Marktfleckens Benkheim, meist Handwerker und
-kleine Kaufleute, einen Kriegerverein gründeten und das Sedanfest
-großartig feierten: Und der Meister von der Schul’ sann auf Rettung und
-verful darauf, die Sedanschlacht selbst aufzuführen.“
-
-Franz lachte laut auf. „Aber Onkel, das ist doch unmöglich, das klingt
-doch nach Schilda und Schöppenstedt! Ja, wenn es unsere braven Domnauer
-unternommen hätten ....“
-
-„Ein bißchen hast du recht! Und die ersten Aufführungen der
-weltbewegenden Völkerschlacht trugen eine Narrenkappe. Der Donner der
-Geschütze wurde durch Feuerwerk, durch Kanonenschläge hervorgebracht,
-nachdem die ersten Versuche, aus einem Eichenstamm eine Kanone
-herzustellen, kläglich gescheitert waren. Der erste Stamm hielt die
-Ladung nicht aus, sondern flog davon beim ersten Schuß. Der zweite flog
-von seiner Unterlage rückwärts in einen Kramladen und richtete darin
-eine greuliche Verwüstung an.“
-
-„Aber, Onkel, das ist nichts wie ein großer Ulk, der doch gar nicht zu
-dem Ernst des weltgeschichtlichen Ereignisses paßt.“
-
-„Das scheint nur so, man muß auf den Kern der Sache sehen! Und da sehe
-ich eine große, wenn auch sehr naive patriotische Begeisterung. Die
-Mannschaften der beiden Dörfer teilen sich in Deutsche und Franzosen
-und schießen mit Platzpatronen wacker aufeinander los, bis am
-Nachmittag die Rothosen sich ergeben und mit den Siegern vereint nach
-Bodschwinken ziehen, um dort noch kräftig zu feiern. Im Laufe der Jahre
-ist aus den lächerlichen, kleinen Anfängen ein großes patriotisches
-Volksfest geworden, daß sehr ernst genommen werden will. Jetzt strömen
-Tausende gediente alte Soldaten alljährlich nach Kerschken, meist
-wohlhabende Bauernsöhne, richtig eingekleidet und bewaffnet, zum Teil
-auch beritten. Auch einige leichte Geschütze sind vorhanden.“
-
-„Ist das wirklich wahr, Onkel?“
-
-„Mein Freund schreibt es mir und ich bin gespannt es zu sehen. Es soll,
-wenn auch im kleinen Maßstabe, ein richtiges Schlachtenbild geben. Das
-beste jedoch soll die Darstellung der großen geschichtlichen Ereignisse
-sein, wie sie der berühmte Maler Anton v. Werner in seinen Gemälden
-festgehalten hat. Da werden als lebende Bilder gestellt: ‚Die Begegnung
-unseres alten Kaisers mit Napoleon‘, ‚Die Begegnung Bismarcks mit
-Napoleon auf der Straße‘ und ihre Zusammenkunft vor dem Weberhäuschen
-bei Donchery.“
-
-„Aber Onkel, das ist doch ganz undenkbar!“
-
-„Ich kann es mir auch nicht recht vorstellen, ich nehme an, daß sie
-Schauspieler von Beruf dazu heranziehen. Na, hast du Lust, dir den
-Rummel anzusehen?“
-
-„Selbstverständlich, Onkel, wann müssen wir aufbrechen?“
-
-„Ich bin schon gerüstet und bei dir wird es auch nicht lange dauern. Im
-Ränzel etwas Wäsche, weiter brauchen wir nichts.“
-
-Eine Stunde später fuhren die beiden Freunde nach der Stadt, wo Franz
-den Vater treffen und mit Dank von ihm Abschied nehmen wollte. Sie
-fanden ihn in der Ausspannung, wo er anzukehren pflegte, schon im
-Begriff nach Hause zu fahren. Er wünschte den beiden Wanderern alles
-Gute auf den Weg und viel Vergnügen. Am Abend erreichten sie ein
-einsames Forsthaus in der großen Heide. Der Grünrock, der vor seiner
-Tür stand, bot ein freundliches Obdach und gute Verpflegung. Die rote
-Mütze, die Franz trug, zog ihn an. Er hatte auch einen Sohn auf dem
-Gymnasium, einen Primaner, und bald stellte es sich heraus, daß Franz
-mit ihm befreundet war.
-
-Am andern Morgen zogen sie frohgemut ihres Weges, mitten durch
-die große Heide, wo man Stunden um Stunden gehen kann, ohne einer
-menschlichen Seele zu begegnen. Desto häufiger tauchten zwischen
-den uralten Kiefern und Fichten kleinere und größere Seenspiegel
-auf. Mittags rasteten sie in einem Pfarrhause, wo sie sich durch den
-sprechenden Draht hatten anmelden lassen. Bei guter Zeit am Nachmittag
-ging’s weiter am Ostufer des Spirding entlang. Das Masurische Meer,
-unser weitaus größter Binnensee, hatte seinen bewegten Tag. Von einem
-starken Westwind getrieben rollten mannshohe Wogen heran und brachen
-sich mit donnerndem Schall auf dem seichten Strand.
-
-Gegen Abend erreichten sie die kleine Stadt Arys, dessen Nähe sich erst
-durch dumpfen Kanonendonner und dann durch knatterndes Gewehrfeuer
-ankündigte. Das Barackenlager des großen Truppenübungsplatzes war von
-Soldaten aller Art belegt, die dort in großen Verbänden ihre Übungen
-abhielten.
-
-„Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen“, meinte der Pastor, als sie
-sich eilig aus dem Windschatten einer Schwadron Reiter flüchteten, um
-den Staub nicht zu schlucken. „Früher hielt man es für unerläßlich, den
-Mut und Stolz des Kriegers durch die Farbenfreudigkeit zu erwecken und
-zu belohnen. Jetzt muß er mit dem schmucklosen Grau vorlieb nehmen, das
-ihn im Gelände unsichtbar macht. Ich glaube, mein Sohn, es wird ein
-hartes Ringen werden, wenn es nochmal zu einem Kriege kommen sollte.“
-
-Es hielt schwer, in dem überfüllten Städtchen ein Nachtlager zu finden;
-es war sogar mit Schwierigkeiten verbunden, in irgendeiner Gaststätte
-ein Plätzchen zu bekommen, wo man sich zu einem Abendtrunk niederlassen
-konnte. „Dreist und gottesfürchtig“, wie es seine Art war, trat der
-alte Herr an einen von Offizieren besetzten Tisch heran und bat um
-Unterschlupf, der bereitwillig gewährt wurde. Die rote Mütze seines
-jungen Begleiters erregte Aufmerksamkeit, denn nicht allen war ihre
-Bedeutung bekannt. Und die Wanderer hatten Glück. Der Platzkommandant
-selbst lud sie für den nächsten Morgen zur Besichtigung des Lagers ein
-und stellte ihnen einen Freipaß aus.
-
-Da bekamen sie vieles zu sehen, was ihnen einen hohen Begriff von der
-Tüchtigkeit unserer Wehrmacht gab. Sie sahen Flugmaschinen, deren
-Schwere nach Zentnern zu schätzen war, sich von der Erde erheben und
-wie Vögel in der Luft kreisen. Sie sahen ungefüge Mörser, deren Donner
-ihr Ohr betäubte, nach Zielen schießen, die hinter jeder Sehweite
-lagen, und vernahmen, daß fast jeder Schuß ein Treffer war. Von einem
-überwältigenden Staunen erfüllt, wanderten sie nachmittags weiter. Mit
-starken Worten gab der Pastor unterwegs seiner Empfindung Ausdruck, daß
-wir auf unser deutsches Volk sehr stolz sein dürften.
-
-Gegen Abend kamen sie auf dem kleinen Bahnhof in Steinort an. Weit
-und breit kein Haus zu sehen, in dem sie für die Nacht Obdach finden
-konnten. Aber der Pastor vertraute darauf, daß sich auf dem großen
-Herrensitz des uralten ostpreußischen Grafengeschlechtes auch für
-sie ein Plätzchen würde finden lassen, wo sie ihr müdes Haupt zur
-Ruhe legen konnten. Und er sollte recht behalten. Sie waren kaum eine
-Viertelstunde des Wegs gewandert, als sie von einem Auto überholt
-wurden, das kurz hinter ihnen anhielt. Aus dem Wagen erhob sich
-die gewaltige Reckengestalt des Reichsgrafen. Mit herzgewinnender
-Freundlichkeit lud er sie zum Mitfahren ein und fragte, wem der Besuch
-gälte.
-
-„Herr Graf,“ erwiderte der Pastor, „wir nehmen Ihre freundliche
-Einladung mit großem Dank an, ich wollte meinem jungen Freund, der
-eben sein Abiturium mit großem Glanz bestanden hat, die herrlichsten
-Eichen zeigen, die es in Ostpreußen, und ich kann wohl sagen, in
-ganz Deutschland gibt. Wir vertrauen stark auf die ostpreußische
-Gastfreundschaft, von der wir einen Unterschlupf für die Nacht
-erwarten.“
-
-„Darin sollen Sie sich nicht täuschen“, erwiderte der Graf lächelnd.
-„Mein Haus steht Ihnen offen.“
-
-„Wird mit bestem Dank angenommen, Herr Graf. Ich bin der Pastor des
-masurischen Kirchdorfes Schwentainen und dies ist mein junger Freund.
-Er soll Landwirt werden wie sein Vater, ein wohlhabender Bauer, dessen
-Geschlecht schon seit Jahrhunderten auf derselben Stelle dauert.“
-
-„Das freut mich von Ihnen, junger Mann,“ erwiderte der Reichsgraf, „der
-beste Teil unseres Volkes ist der, der an der Scholle haftet. Das gilt
-nicht nur von den alten Adelsgeschlechtern, sondern auch von unseren
-Bauern. Jetzt begrüße ich Sie mit Freude.“
-
-Das Auto hielt vor dem Schloß, der Hupenruf hatte die Dienerschaft
-auf die Beine gebracht. Helles Licht erstrahlte vom Portal. Bei
-der Abendtafel erfuhren die Wanderer, daß das Schloß noch andere
-Gäste barg. Einen Professor, der die ungeheuren Bücherschätze des
-Herrensitzes in Ordnung bringen sollte, und zwei kurländische Grafen,
-die in ihrer Aussprache das Ostpreußische noch weit überboten und sich
-als gute, echte Deutsche erwiesen. Mit ehrfürchtigem Staunen folgte
-Franz dem Gespräch, in dem die Hauptstädte der Welt, die bedeutendsten
-Männer der Gegenwart an ihm wie in einem Kaleidoskop vorüberzogen.
-
-Es war der erste Blick, den er in eine Welt tat, von der ihm sein
-bisheriges Leben und die Schule kaum den Schimmer einer Ahnung
-übermittelt hatte. Der nächste Morgen brachte den beiden Wanderern
-nach der Besichtigung des Schlosses noch einen besonderen Genuß.
-Sie durchwanderten die Bogenhallen der riesenhaften, uralten
-Eichen, von denen viele schon ein ehrwürdiges Alter aufwiesen, als
-die ersten Ordensritter vor siebenhundert Jahren zum erstenmal in
-ihren Schatten lagerten. Dann fuhr der Reichsgraf seine Gäste im
-Motorboot auf dem Mauersee, den zweitgrößten masurischen Binnensee,
-spazieren. Er ist erst in der Zeit des Ordens durch die Anlage eines
-Stauwerks zu Angerburg aus einer Kette von größeren und kleineren Seen
-zusammengewachsen und entstanden. Freundliche Dörfer in Grün gebettet
-und herrliche Laubwälder umgrenzten seine Ufer.
-
-Erst am nächsten Nachmittag brachte sie das Auto des freundlichen
-Gastgebers nach Beynuhnen, wo sie in einem einfachen Gasthof ihr
-Nachtlager fanden. Die wenigsten Menschen im Reich wissen, was
-dieser Ort für Ostpreußen bedeutet. Da hat ein kunstbegeisterter,
-ostpreußischer Landedelmann eine Sammlung der höchsten Kunstwerke des
-griechischen und römischen Altertums, natürlich nur in Abgüssen und
-Nachbildungen zusammengebracht.
-
-Ehrfürchtiges Staunen befing den alten Mann und den jungen, als sie
-die Meisterwerke der größten Kunstepoche der Menschheit in getreuen
-Nachbildungen vor sich sahen. Nur eine Stunde, die der Hunger ihnen
-abgenötigt, unterbrachen sie den Genuß.
-
-Am anderen Morgen wanderten sie weiter und kamen bald nach Mittag in
-Bodschwinken an. Unterwegs gab es des Neuen und Interessanten schon
-viel zu schauen. Hier marschierte ein Trupp Fußvolk, dort zog eine
-Schar Reiter heran, in leuchtende Uniform gekleidet, fast alle mit
-Musik an der Spitze.
-
-In den beiden großen Dörfern wimmelte es von Menschen wie in einem
-aufgestörten Ameisenhaufen. An ein Unterkommen war nicht zu denken.
-Jedes Haus war schon bis unter die Dachsparren mit Gästen gefüllt.
-Selbst auf den Tennen in den Scheunen waren Strohlager hergestellt.
-Auch der Amtsbruder des Pastors konnte sie nicht aufnehmen. Er
-veranlaßte jedoch einen Freund, sie zur Nacht mit sich auf sein Gut zu
-nehmen. Vorher jedoch gab es noch viel zu schauen.
-
-Die deutschen Truppen bezogen rings um die Dörfer auf den Höhen
-ihre Biwaks. Überall loderten die Wachtfeuer, an dem die Mannschaft
-abkochte. Militärkapellen spielten abwechselnd. Dazwischen wurden
-unermüdlich patriotische Lieder gesungen: „Die Wacht am Rhein“,
-„Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben“, „Siegreich wollen wir
-Frankreich schlagen“ usw. Die französischen Truppen bezogen ihre
-Stellungen rings um einen einsamen im Tal liegenden Bauernhof, der
-Sedan darstellte. Die Generäle Mac Mahon und Wimpffen, ja selbst der
-Kaiser Napoleon in echten, goldstrotzenden Uniformen waren zu sehen.
-
-Der französische Kaiser war ein kleines Männchen mit mächtigem Schnurr-
-und Knebelbart, das sich in seiner Rolle nicht wohlzufühlen schien und
-sich augenscheinlich schon etwas Mut angetrunken hatte.
-
-Von dem Gutsbesitzer erfuhren die beiden Wanderer abends die
-ergötzliche Vorgeschichte dieser Rollenbesetzung. Zwei Jahre vorher
-war dem Dorfschmied, der den Bismarck darstellte, bei der Szene vor
-dem Weberhäuschen in Donchery das patriotische Gefühl übergelaufen.
-Er packte plötzlich den Tagelöhner, der den Napoleon schon seit Jahren
-spielte, und verprügelte ihn unter dem tosenden Jubel der Menge.
-
-Wenn dieses Ereignis auch nicht der historischen Wahrheit entsprach,
-so befriedigte es um so mehr das Gerechtigkeitsgefühl der Menge, daß
-dieser Erzbösewicht, der Friedensstörer Europas, gründlich abgestraft
-wurde und die Meinung ging allgemein dahin, daß diese Bestrafung
-Napoleons alljährlich zur Bereicherung des Festes wiederholt werden
-müßte. Aber der Bismarck schlug eine so kräftige Faust, daß der
-Tagelöhner sich selbst gegen eine ansehnliche Belohnung nicht mehr
-bereitfinden ließ, im nächsten Jahr den Napoleon zu spielen.
-
-Doch Bismarck wußte Rat. Als im nächsten Herbst ein Stromer ahnungslos
-durchs Dorf zog, der einen großen Vollbart trug, wurde er kurzerhand
-wegen Bettelns festgenommen und eingesperrt. Er wurde gut verpflegt
-und ließ sich bereitfinden, den Napoleon zu spielen. Sein Bart wurde
-zugestutzt, die Uniform zugepaßt, und er spielte nach einigen Proben
-seine Rolle ganz gut. Bloß zum Schluß war er unangenehm überrascht, als
-Bismarck vor dem Weberhäuschen ihn plötzlich an den Kragen nahm und
-verprügelte. Aber er nahm das gebotene Schmerzensgeld und drehte dem
-Dorf den Rücken.
-
-Im nächsten Jahr versagte dies Auskunftmittel, denn alle Stromer
-mieden die beiden Dörfer schon von Mitte des Sommers an. Doch auch
-diesmal wußte Bismarck sich zu helfen. Er gewann für die Rolle des
-Napoleon einen Flickschuster aus Benkheim, den die hohe Summe von
-dreihundert Mark, die er als Schmerzensgeld erhalten sollte, lockte.
-Seine gedrückte Stimmung war durchaus erklärlich, denn er kannte den
-Knalleffekt des Tages, bei dem er der leidende Teil sein sollte.
-
-Am anderen Tage entbrannte schon frühmorgens die Schlacht. Durch die
-stille Luft vernahm man das Knattern der Gewehre und die dumpfen
-Kanonenschläge. Wie verabredet, war man im Gutshause schon bei
-Tagesgrauen aufgestanden, um aufs Schlachtfeld zu fahren. Beim
-Frühstück bot sich den Gästen ein rührendes, entzückendes Bild. Die
-älteste Tochter des Hauses, die trotz ihrer sechzehn Jahre schon dem
-verwitweten Vater die Wirtschaft führte, erschien mit ihren fünf
-jüngeren Schwestern, die zur Feier des Tages in Weiß gekleidet,
-wie die leibhaftigen Engel aussahen. Liesel, die älteste, war eine
-zierliche Elfengestalt mit blauen Augen und blonden Haaren, das sich
-in natürlichen Locken um ihre Stirn ringelte. Zutraulich begrüßten die
-Kinder ihre Gäste. Der Pastor nahm die beiden Jüngsten auf sein Knie
-und herzte sie.
-
-Franzens Blick hing mit stillem Entzücken an dem liebreizenden Mädel,
-das alle mit mütterlicher Sorgfalt bediente und mit freudigem Stolz
-ihren wohlgeratenen Kuchen anbot. Einen umfangreichen Eßkorb hatte sie
-schon vorher vollgepackt. In zwei Wagen wurde die Fahrt angetreten.
-Bald war man mitten im Schlachtgetümmel. Immer enger schloß sich der
-Kreis um Sedan. Jetzt bekam man auch die deutschen Heerführer zu sehen.
-Der Pastor vermochte sein Erstaunen kaum in Worte zu fassen. Er rief
-bloß: „Da brat’ mir einer ’nen Storch.“
-
-„Aber die Beine recht knusprig“, fügte Liesel lachend hinzu.
-
-Und die Verwunderung war durchaus berechtigt. Der Bismarck, der in
-Kürassieruniform auf einem mächtigen Gaul saß, glich, obwohl ein wenig
-kleiner, aufs Haar seinem geschichtlichen Vorbild. Dasselbe konnte man
-von Moltke, Roon und vor allen Dingen von Kaiser Wilhelm sagen, der von
-dem Gendarmen mit täuschender Ähnlichkeit gespielt wurde.
-
-Schon gegen Mittag stieg auf Sedan die weiße Fahne hoch, und bald
-darauf nahte der französische General Reille und wurde von Kaiser
-Wilhelm empfangen, genau so wie es auf dem bekannten Gemälde
-dargestellt ist. Moltke nahm den aus der Geschichte bekannten
-Brief Napoleons in Empfang und verlas ihn mit lauter Stimme, erst
-französisch, dann deutsch.
-
-Ein unbeschreiblicher Jubel brach los. Und die Bedeutung jener großen
-geschichtlichen Ereignisse drang mit so überwältigender Kraft in alle
-Gemüter ein, daß man sie mitzuerleben vermeinte. Bewegt trocknete
-der Pastor die feucht gewordenen Augen. Die Erinnerung an die schöne
-Jugendzeit stieg in ihm auf, wie er als Junge von zwölf Jahren den
-gewaltigen Sieg gefeiert, der Deutschlands Stämme zusammenschweißte.
-Deutlich erinnerte er sich an den Taumel der Begeisterung, von dem ganz
-Deutschland erfaßt war.
-
-Der weitere Verlauf des Festes wurde äußerst empfindlich durch Napoleon
-gestört. Er hatte in seiner Angst einen Fluchtversuch gemacht und war
-von seinen eigenen Truppen gefangengenommen worden. Erst als er von
-Bismarck die ehrenwörtliche Versicherung erhielt, daß er keine Prügel
-bekommen würde, spielte er seine Rolle weiter. Nun konnten die anderen
-lebenden Bilder dargestellt werden.
-
-Es war ein patriotischer Anschauungsunterricht, dessen Bedeutung
-nicht überschätzt werden kann. Natürlich fehlte es auch nicht an
-anders gearteten Volksbelustigungen. Auf dem geräumigen Dorfanger in
-Bodschwinken drängte sich Bude an Bude, Zelt an Zelt. Da kreisten
-die Karussels, da sausten die Luftschaukeln. Franz machte sich das
-Vergnügen, alle sechs Mädels auf den Rummelplatz zu führen und sie alle
-Genüsse auskosten zu lassen.
-
-Von ihrem Eifer und kindlicher Freude angesteckt, schwang er sich neben
-Liesel auf einen hölzernen Rappen und ließ sich nach den schmetternden
-Klängen eines Musikwerks im Kreise herumschwenken. Holdselig lächelnd
-streckte ihm Liesel mit kindlicher Unbefangenheit die Hand entgegen.
-Wie in einem glücklichen Traum fuhr er neben ihr dahin. Immer und
-immer wieder forderten die Kleinen eine Wiederholung der Fahrt und
-Franz gewährte sie ihnen, bis Liesel ihm Einhalt geboten. Von einem
-unendlichen Glücksgefühl erfüllt, saß er, von den kleinen Mädchen
-umgeben, die sich um seine Knie drängten, neben der Ältesten in dem
-Gehege der Seiltänzer, die bei bengalischer Beleuchtung auf dem
-schwankenden Seil hin und her fuhren, oder am schwebenden Trapez
-halsbrecherische Kunststücke ausführten.
-
-Als es für die Kleinen Zeit war, nach Hause zu fahren, schloß sich
-Franz ihnen an. Er sah zu, wie das kleine Mädchen ihre jüngeren
-Geschwister abfütterte, sie entkleidete, und ihnen im Bettchen zum
-Nachtgebet die Hände faltete. Dann saßen Liesel und Franz in der
-stillen, warmen Herbstnacht auf der Veranda zusammen und plauderten wie
-zwei gute Freunde.
-
-Erst am nächsten Nachmittag nahmen sie Abschied von dem gastlichen
-Hause und fuhren mit der Bahn nach Hause, wo sie spät am Abend
-anlangten.
-
-
-
-
-7. Kapitel
-
-
-Am nächsten Morgen schon stand Franz bei Tagesgrauen auf, um
-die Knechte und Mägde beim Füttern der Pferde und des Viehes zu
-beaufsichtigen. Als er zum Frühstück in die Stube kam, sah er der
-Mutter an, daß sie geweint hatte. Sie war sehr still und sprach kein
-Wort. Das war ihm unerträglich. Er sprang auf und faßte sie um.
-„Mutter, bist du böse auf mich?“
-
-Sie strich ihm die Haare zurück und sah ihm liebevoll in die Augen.
-„Nein, mein Junge, ich bin nur traurig, weil du mir den einzigen großen
-Wunsch meines Lebens nicht erfüllen willst.“
-
-„Ich kann nicht, Mutter! Wenn ich mich fürs Studium entschieden hätte
-oder später nach der Probezeit, die ich mir gesetzt habe, würde ich
-doch unter keinen Umständen Pastor werden, sondern Naturwissenschaften
-oder Medizin studieren.“
-
-„Damit muß ich mich zufrieden geben. Aber sag’ mal, mein Junge, hast du
-den Entschluß ganz aus freien Stücken gefaßt ...?“
-
-Franz sah sie fest an. „Nein! Der Onkel hat es mir nahegelegt, Vaters
-Wunsch zu erfüllen. Da ist es mir durch den Kopf gefahren: wenn der
-Vater mich auf der landwirtschaftlichen Hochschule studieren läßt ....“
-
-„Das ist doch selbstverständlich“, fiel Rosumek ein.
-
-„... dann kann ich auch auf der Universität die Vorlesungen hören ....“
-
-„Und dann springst ab von der Landwirtschaft“, meinte der Schulze
-ruhig. „Mutter, gib dich zufrieden! Ich sehe es schon kommen, daß er
-weder Landwirt noch Pastor wird ... Darin müssen wir uns fügen. Trink
-deinen Kaffee und dann zieh dich gut an, wir wollen beide heute gleich
-zum Oberamtmann Strehlke nach Polommen fahren, ob er dich als Lehrling
-aufnimmt ...“
-
-„Als Eleve, Vater ...“
-
-„Nein, als Lehrling. Er soll dich nicht mit Handschuhen anfassen,
-sondern überall hinstellen, wo es etwas zu lernen gibt, genau so, wie
-ich es bei seinem Vater durchgemacht habe. Wenn du dann standhältst,
-bist du echt ...“
-
-Ein wenig bedrückt stieg Franz zu seinem Stübchen hinauf. Er
-hatte sich schon das Jahr auf einem großen Gut recht angenehm
-ausgemalt. Lernen wollte er alles, was es zu lernen gab, das war
-selbstverständlich Aber daneben wollte er auch etwas freie Zeit haben,
-um sich mit seinen geliebten Büchern beschäftigen zu können. Ab und zu
-auch auf die Jagd gehen ... Er mußte sich ordentlich einen Ruck geben,
-um seinen Entschluß nicht jetzt schon zu bereuen. Er nahm seinen guten
-Rock aus dem Schrank und begann, die Alberten rauszuziehen. Einen zog
-er aus, bog die Nadel etwas ein und verwahrte ihn besonders in einem
-Schächtelchen. Ein sonniges Leuchten ging dabei über sein Gesicht.
-
-Auf der Fahrt sprach der Vater wenig. Nur ab und zu machte er eine
-Bemerkung über den Boden und den Stand der Felder. Franz hörte still
-zu. Seine Gedanken liefen voraus in das Haus, in dem er sein nächstes
-Lebensjahr zubringen sollte. Der Oberamtmann galt als der beste
-Landwirt weit und breit. Sein Betrieb lief wie am Schnürchen, sein Vieh
-erhielt auf jeder Ausstellung die ersten Preise. Aber was war er für
-ein Mensch? Gut und milde oder scharf und grob?
-
-In Polommen ließ Rosumek das Fuhrwerk am Tor halten und ging allein
-ins Herrenhaus. Schon nach wenigen Minuten erschien er wieder auf
-der Treppe und winkte Franz ... Aus einem Korbstuhl hob sich eine
-mächtige Gestalt. Ein blonder, großer Bart, der bis auf die Brust hinab
-reichte, bedeckte sein Gesicht, aus dem zwei scharfe graue Augen den
-eintretenden Jüngling musterten. Eine breite, starke Hand streckte sich
-ihm entgegen.
-
-„Sie bringen eine gute Empfehlung mit, junger Freund, Ihren Vater, der
-mir in meiner Lehrzeit manche unangenehme Arbeit abgenommen hat. Also
-Sie wollen Ihre Lehrzeit bei mir durchmachen?“ Gewaltig dröhnte die
-Stimme im tiefsten Baß.
-
-„Ja, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz tapfer mit festem Blick.
-
-„Na, Sie haben wohl schon bei Ihrem Vater etwas in die Wirtschaft
-hineingerochen und können Roggen von Hafer unterscheiden. Das ist auch
-schon etwas wert, aber leicht ist der Dienst auf einem großen Gut
-nicht, und wer mal selbst befehlen will, muß erst gehorchen gelernt
-haben. Doch das sind Binsenwahrheiten, die Ihnen wohl auch geläufig
-sind. Aber eins muß ich Ihnen noch sagen: ich poltere oftmal los ...
-das ist nicht weiter gefährlich ... aber wenn ich platt rede, wie Ihr
-Freund und Onkel Uwis, den ich sehr hoch schätze -- ich bitte, ihn von
-mir zu grüßen --, dann tut man gut, mir eine Weile aus den Augen zu
-verschwinden.“
-
-Er lachte dabei so herzlich, daß bei Franz jede Befangenheit schwand.
-„Ich werde mir Mühe geben, Ihre Zufriedenheit zu erringen.“
-
-„Geschenkt! Das ist doch die erste Vorbedingung. Also abgemacht,
-sela. Zum 1. Oktober treten Sie an. Und nun wollen wir nach dieser
-anstrengenden Tätigkeit frühstücken.“
-
-Er führte seine Gäste in das Nebenzimmer, wo bereits der Tisch mit all
-den guten Sachen, die es in einem Gutshause gibt, gedeckt war. Bald
-darauf trat die Frau des Hauses ein, eine hohe, schlanke Gestalt, mit
-reichem kastanienbraunem Haar und einem überaus freundlichen Lächeln
-auf dem schönen Gesicht. Gleich darauf stürmten zwei Knaben von sieben
-und fünf Jahren herein. Als sie die fremden Gäste erblickten, machten
-sie einen tiefen Diener und gaben beiden die Hand. Dann stieg der
-Jüngere seinem Vater auf das Knie, faßte mit beiden Händen in den Bart
-und gab ihm einen Kuß. Ganz warm stieg es bei diesem Anblick in Franz
-auf. Sein zukünftiger Lehrmeister war sicher ein herzensguter Mann, der
-keinem Unrecht tat.
-
-Die vier Wochen, die Franz noch zu Hause weilte, vergingen ihm wie im
-Fluge. Er stand mit dem ersten Hahnenschrei auf und half den Tag über
-wacker bei der Ernte. Abends sank er totmüde ins Bett. Die Mutter war
-mit seiner Tätigkeit durchaus nicht einverstanden. Er sollte sich nach
-der schweren Vorbereitungszeit fürs Examen erholen, anstatt sich so
-anzustrengen. Aber Franz ließ sich nicht beirren. Und Onkel Uwis lobte
-ihn, wenn er mal abends auf ein halbes Stündchen zu ihm ging. Auch
-einen Teil der Saatzeit machte Franz noch beim Vater durch. Öfter wurde
-er vom Felde nach Hause geholt, um Wäsche oder ein neues Kleidungsstück
-anzuprobieren. Denn die Mutter stattete ihn sehr reichlich aus und
-schärfte ihm bei öfteren Ermahnungen ein, daß er sich zu jeder Mahlzeit
-im Herrenhause umziehen müsse.
-
-„Du fragst einfach die gnädige Frau, wie du zu Tisch erscheinen
-sollst. Sagt sie: wie Sie angezogen sind, dann ziehst du dir die
-neuen Kniestiefel und die neue Joppe an und nimmst dir einen reinen
-Kragen um. Du kannst ihn ja nach dem Essen wieder gegen den anderen
-vertauschen.“
-
-Lächelnd hörte Franz die Mutter an. Zum Schluß faßte er sie um und
-versicherte ihr, daß er alle ihre Ermahnungen beherzigen werde. Er
-wußte: das Mutterherz würde ihn auch in die Fremde begleiten und um ihn
-sorgen.
-
-Am Tage vor seiner Abreise ging Franz zu Frau Grigo. Lotte empfing ihn
-und plauderte mit ihm, bis die Mutter aus der Küche hereinkam. Ein von
-Sorgen und schwerer Arbeit zermürbtes Frauchen. Nachdem sie ihm einen
-Sack voll guter Wünsche auf den Lebensweg mitgegeben hatte, fragte sie
-plötzlich, ob es wahr wäre, daß es bald Krieg gäbe. Erstaunt zuckte
-Franz die Achseln. „Das weiß ich nicht, Tante. Es ist schon so oft
-davon geredet worden, daß wir mit Rußland Krieg bekommen sollen, aber
-bis jetzt ist es doch noch nicht eingetroffen. Für uns hier an der
-Grenze wäre es ein großes Unglück.“
-
-„Ja, ein sehr großes Unglück, mein lieber Franz.“
-
-Abends, als er mit den Eltern bei Onkel und Tante Uwis war, erzählte
-er von der sonderbaren Frage der Lehrerwitwe. Der Pastor blies dicke
-Rauchwolken aus seiner Pfeife. „Ich bin in den letzten Tagen auch oft
-danach gefragt worden. Da hat irgendein Esel sich den Spaß gemacht, das
-Gerede unter die Leute zu bringen.“
-
-„Also du hältst nichts davon, Onkel?“
-
-„Das ist eine andere Frage, mein lieber Junge. Ich weiß ja nicht mehr,
-als was in den Zeitungen steht, aber ich habe das Gefühl, als wenn wir
-hier in Ostpreußen und namentlich wir hier an der Grenze wie auf einem
-Pulverfaß leben. Es braucht nur ein Funke hineinzufallen, dann fliegen
-wir in die Luft. Und Funken fliegen genug umher. Ich denke jedoch, wir
-tun nicht gut, uns heute mit diesen Sorgen das Herz zu beschweren. Wir
-müssen hinnehmen, was Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß über
-uns verhängt und damit basta. Hier hast du etwas auf die Reise.“ Er
-reichte ihm einen verschlossenen Brief. „Den gib deinem Lehrherrn mit
-einem schönen Gruß von mir. Ermahnungen brauche ich dir nicht mit auf
-den Weg zu geben. Ich weiß, daß du deinen Eltern und mir keine Schande
-machen wirst.“
-
-Am andern Morgen brachte Rosumek seinen Jungen selbst nach Polommen.
-Er bekam im Beamtenhaus ein freundliches Stübchen angewiesen, packte
-seine Sachen aus und ging dann ins Herrenhaus, um sich anzumelden. Der
-Oberamtmann empfing ihn kurz angebunden. „Gleich nach Mittag ziehen Sie
-sich einen derben warmen Anzug an, denn Sie werden die Kartoffelgräber
-beaufsichtigen. Jetzt stellen Sie sich dem Oberinspektor Balk vor, der
-Sie unter seine Obhut nehmen und Ihnen die nötigen Anweisungen erteilen
-wird. Wenn Sie irgendein Anliegen an mich haben, bin ich für Sie
-jederzeit zu sprechen.“
-
-„Aller Anfang ist schwer, sagte der Teufel, da stahl er einen Amboß.“
-Mit grimmigem Humor murmelte Franz die Worte vor sich hin, während
-er hinter der Reihe der Kartoffelgräber langsam auf und ab ging. Er
-hatte sich warm angezogen, aber der starke Nordwind drang doch durch
-die dicke Jacke und das wollene Unterzeug, so daß er froh war, als er
-hinter dem Wagen, der die letzten Säcke vom Felde holte, nach Hause
-ging. Und der heiße Kaffee, den ihm das Mädchen brachte, schmeckte
-ihm, wie ihm schon lange nichts geschmeckt hatte. Dann wurde er in
-die Ställe geschickt, um das Füttern der Pferde zu beaufsichtigen.
-Beim Abendbrot lernte er einen „Leidensgefährten“, Hans Kolbe,
-kennen, einen langaufgeschossenen Kaufmannssohn aus der Stadt, der in
-Königsberg auf einer Presse sich das Einjährigenzeugnis geholt hatte
-und schon ein halbes Jahr die Landwirtschaft erlernte. Er lud Franz
-nach dem Essen auf seine Bude zu einem Glas Grog ein und weihte ihn mit
-großer Selbstgefälligkeit in die Geheimnisse des Gutes ein.
-
-Der Oberinspektor sei gutmütig und lasse sich leicht ein X für ein U
-machen. Er zitterte vor dem Oberamtmann; das sei ein Deuwelskerl ...
-der sähe alles und wüßte alles ... Franz hörte ruhig zu, aber die Art
-des jungen Menschen mißfiel ihm vom ersten Augenblick an, und als er
-gar mit seinen intimen Beziehungen zu verschiedenen Scharwerksmädeln
-zu prahlen begann, stand Franz auf und verabschiedete sich mit kurzem
-Dank. Er sei müde und müsse morgen früh aufstehen ...
-
-Ganz allmählich gewöhnte sich Franz in seinen Wirkungskreis ein. Der
-Dienst wurde leichter, nachdem die Kartoffeln und Rüben geborgen waren.
-Aber tagaus tagein an der Dreschmaschine stehen, war gerade auch kein
-Vergnügen. Er überwand jedoch mit festem Willen die trübe Stimmung,
-die ihn oft zu beschleichen drohte und tröstete sich mit dem Gedanken
-an den Sommer, wo es wohl auch viel Arbeit geben würde, aber anderer
-Art und in freier Luft ...
-
-An jedem Sonntag wurden die beiden jungen Leute zu Mittag ins
-Herrenhaus gebeten. Gleich beim erstenmal fiel es Franz auf, daß die
-Hausfrau seinen „Leidensgefährten“ ganz unbeachtet ließ, während
-sie sich mit ihm freundlich teilnehmend über seine Eltern und Onkel
-Uwis unterhielt. Er hatte das Gefühl, als wenn der Frau des Hauses
-die zärtlichen Beziehungen Kolbes zur Weiblichkeit des Hofes nicht
-unbekannt wären und daß sie ihn deshalb so fühlbar schnitt. Am zweiten
-Sonntag fragte sie Franz, was er am Nachmittag und Abend triebe.
-
-„Ich habe mir einige Lehrbücher der Landwirtschaft mitgebracht, gnädige
-Frau, und beschäftige mich damit. Ich nehme auch manchmal meinen Horaz
-und Homer vor, um meine Schulkenntnisse nicht zu verlieren ...“
-
-„Das gefällt mir, Franz“, lobte die Frau. „Heute möchte ich Sie mit
-Beschlag belegen. Wollen Sie zum Kaffee wiederkommen und den Abend bei
-uns verleben?“
-
-„Sehr gern, gnädige Frau, nehme mit Dank an.“
-
-„Sie Musterknabe haben sich ja schon bei der Gnädigen lieb Kind
-gemacht“, meinte Kolbe mit deutlichem Ärger in der Stimme, als sie aus
-dem Herrenhause traten. „Mich behandelt sie wie Luft.“
-
-„Sie werden wohl durch irgend etwas das Mißfallen der gnädigen Frau
-erregt haben“, sagte Franz ruhig.
-
-Ende November gab es eine angenehme Abwechselung durch die große
-Treibjagd, die der Oberamtmann veranstaltete. Schon einige Tage vorher
-ließ er auf dem Schlag hinter der Scheune die Treiber dazu einüben. Es
-wurde ein Kessel angelegt. Von zwei gegenüberliegenden Punkten wurden
-die Treiber abgelassen. Die Flügel wurden von den beiden Kämmerern
-und den Lehrlingen geführt. Der Oberamtmann ritt im Kessel umher und
-sprengte sofort auf die Stelle zu, wo sich zwischen den Treibern eine
-Lücke bildete. Dann donnerte und wetterte er, daß es weit übers Feld
-schallte. Am Jagdtage trafen die Gäste schon bei Tagesgrauen ein. Nach
-einem kräftigen Frühstück brach die Gesellschaft auf. Es war in der
-Nacht etwas Schnee gefallen. Hell und klar ging die Sonne auf. Dazu
-wehte ein frischer Ost. Das richtige Jagdwetter.
-
-Franz durfte seine Flinte führen und schießen. Er hatte guten Anlauf
-und übereilte sich nicht, so daß er mit der Anzahl der von ihm erlegten
-Hasen immer unter den Ersten war. Sein Leidensgefährte war kein Jäger,
-er ging als Treiber mit.
-
-Als beim Schüsseltreiben das Jagdergebnis verlesen wurde, rief Frau
-Oberamtmann ein lautes Bravo, als Franzens Name genannt und sein
-Weidmannsheil verkündet wurde. Nach Aufhebung der Tafel setzten sich
-die alten Herren an die Spieltische. Das junge Volk vergnügte sich
-durch ein Tänzchen. Die Hausfrau holte Franz aus dem Spielzimmer und
-stellte ihn mehreren jungen Mädchen vor ... Es war ein schöner Tag und
-Abend, an den Franz noch oft mit großem Vergnügen zurückdachte.
-
-
-
-
-8. Kapitel
-
-
-Es war gut, daß Grinda seiner Nichte die Schlüssel übergeben hatte
-als er wegfuhr, denn sein Stellvertreter, ein entfernter Verwandter,
-eignete sich zum Krugwirt, wie ein Igel zum Sitzkissen. Er vergaß sich
-nie ein Gläschen einzuschenken, wenn die Arbeiter Schnaps tranken.
-Ja, er verlangte von Olga auch die Schlüssel, aber sie war klug und
-energisch und gab sie nicht heraus.
-
-Walter war unter dem Vorwand eines Pirschganges in den Wald gefahren
-und gegen Abend in der Waldschänke eingekehrt. Er fand dort eine
-Gesellschaft, alles junge Leute aus der Stadt, die ihm unbequem waren,
-und da er auch mit der Möglichkeit rechnen mußte, daß der Vater
-unverhofft heimkehren könnte, fuhr er zum Abendbrot nach Hause. Arglos
-erzählte ihm die Mutter, daß der Vater ihr durch den Fernsprecher
-mitgeteilt hätte, er werde erst am nächsten Vormittag nach Hause
-kommen. Er leistete ihr Gesellschaft und erfreute sie durch eine
-eingehende Schilderung alles dessen, was er sich im nächsten Semester
-einpauken lassen werde, um im Frühjahr das Examen zu machen. Dann
-setzte er sich ans Klavier, das er meisterhaft beherrschte, obwohl er
-nie strengen Unterricht gehabt und alles nur nach dem Gehör spielte.
-
-Als die alte Dame sich um zehn Uhr zur Ruhe begab, ging er auf sein
-Zimmer und schlich wenige Minuten später wieder hinunter, nahm sein
-Rad und fuhr in die Stadt ins Café. Die Mehrzahl der soliden Bürger
-hatte sich bereits entfernt, nur der große Tisch war noch von einer
-Gesellschaft älterer Offiziere besetzt, die sich lebhaft unterhielten.
-Er ließ sich an einem kleinen Tisch nieder und bestellte sich ein
-Glas Bier. Der Ober, der ihn nur durch eine vertrauliche Kopfbewegung
-begrüßt hatte, stand dicht am Offizierstisch. Kaum daß einer der Herren
-seine Tasche zog, um sich eine neue Zigarre oder Zigarette anzustecken,
-war er schon mit dem brennenden Streichholz bei der Hand. Jedes
-geleerte Glas ergriff er, füllte es und brachte es schnell zurück. Die
-Offiziere hatten keinen Argwohn dabei, denn sie waren es gewohnt, von
-dem Ober so aufmerksam bedient zu werden.
-
-In Walter stieg wieder der Verdacht auf, der ihm zuerst so
-ungeheuerlich erschienen war. Aber auch jetzt wollte es ihm wenig
-wahrscheinlich erscheinen, daß der Mann ein anderes, als ein ganz
-allgemeines Interesse an dem Gesprächsstoff der Offiziere nehmen
-könnte, der damals schon alle Menschen an der russischen Grenze
-beschäftigte. Aber die Tatsache war doch nun einmal da, daß der Mann
-alles hörte, was die Offiziere sprachen.
-
-Als die Herren aufbrachen, begab Walter sich in die Spielzimmer. Eine
-Anzahl junger Leute hatte sich zusammengefunden, um Kartenlotterie zu
-spielen. Er konnte dem geistlosen Spiel, das er langweilig fand, kein
-Interesse abgewinnen und sah zu, ohne eine Karte zu kaufen. Es wurde
-ziemlich hoch gespielt und scharf getrunken. Denn die Bank, die von
-jedem großen Los ein Zehntel ablegen mußte, hielt die Spieler frei.
-Die Einrichtung der Abgabe war ebenso sinnreich wie einfach. Auf dem
-Tisch stand ein großes Glas, zur Hälfte mit Wasser gefüllt, in das der
-Betrag geworfen wurde. Das ergab einen großen Verdienst für den Ober,
-der selbst, wenn die Spieler scharf tranken, noch einen erheblichen
-Überschuß behielt.
-
-Bald darauf betraten drei wohlhabende Handwerker das Zimmer. Sie
-forderten den ihnen bekannten Walter auf, mit ihnen zu pokern. Das
-war ein Spiel nach seinem Geschmack. Da konnte man selbst mit einer
-schlechten Karte, wenn man es nur geschickt anfing, die Mitspieler
-blüffen. Er hatte etwa eine halbe Stunde mit wechselndem Glück
-gespielt, als er merkte, daß der Ober leise, wie es seine Art war,
-hinter ihn trat. Gleichgültig nahm er seine fünf Karten auf. Er hatte
-drei Asse, eine Sieben und eine Acht. Ohne sich zu besinnen, legte
-er die Sieben ab und kaufte eine neue Karte dazu. Mit unbeweglichem
-Gesicht nahm er diese auf und warf sie nach flüchtigem Blick auf die
-andern. Es war das vierte Aß. Das konnte ein großer Schlag werden,
-aber nur, wenn auch einer der Mitspieler ein starkes Gegenspiel in der
-Hand hatte. Walter hatte Mühe, sich zu beherrschen und seine Freude zu
-verbergen, als der erste Spieler fünfzig Mark anwettete.
-
-„Die Fünfzig bringe ich und setze noch Einhundert vor“, sagte Walter
-möglichst gleichmütig.
-
-„Die Hundert und noch Zweihundert.“
-
-Blitzschnell überlegte Walter. Wollte sein Gegner ihn rausblüffen, oder
-hatte er auch ein starkes Spiel in der Hand.
-
-„Die Zweihundert und noch Zweihundert.“
-
-„Die Zweihundert und noch Fünfhundert.“
-
-Kalt lief es Walter über den Rücken. Soviel Geld hatte er ja nicht mehr
-bei sich. Wenn er nicht wenigstens die fünfhundert Mark nachsetzte,
-zog der Gegner den ganzen Gewinn ein, ohne überhaupt nur seine Karte
-aufdecken zu müssen. Da fühlte er eine leise Berührung seiner linken
-Seite. Er griff instinktmäßig hin und fühlte eine Hand, die ihm
-einen Bündel Banknoten zusteckte. Erst fuhr er mit einer Hand in die
-Seitentasche seiner Joppe, als wenn er von dort das Geld herausnahm,
-dann warf er die Scheine auf den Tisch. Es waren nach flüchtiger
-Schätzung mindestens zweitausend Mark.
-
-„Die Fünfhundert und noch Tausend.“
-
-Hochrot vor Aufregung warf sein Gegner, ein dicker Fleischermeister,
-die tausend Mark auf den Tisch. „Zum Teufel, was haben Sie denn? Ich
-will sie wenigstens sehen.“
-
-Kaltblütig deckte Walter seine vier Asse auf.
-
-Wütend warf der Fleischermeister seine Karten weg. „Sie haben ein
-fürchterliches Schwein, ich habe vier Könige gehabt.“
-
-Eine Weile später landete Walter noch einen zweiten, etwas kleineren
-Gewinn, indem er mit einer schwachen Karte seine Gegner blüffte.
-
-Gegen zwei Uhr mahnte der Ober zum Aufbruch.
-
-Walter zögerte, bis die andern Gäste gegangen waren.
-
-„Jetzt, lieber Ober, müssen wir abrechnen. Was habe ich von gestern zu
-bezahlen und was haben Sie mir heute gegeben. Und dann möchte ich mich
-noch durch eine Flasche Rotwein revanchieren.“
-
-Das Geldgeschäft war bald zur beiderseitigen Befriedigung erledigt und
-die Gläser gefüllt.
-
-„Ich wollte Sie mal was fragen“, begann Walter zögernd. „Mir scheint,
-Sie haben viel Interesse für gute militärische Nachrichten.“
-
-Mit feinem Lächeln schüttelte der Ober den Kopf.
-
-„Nicht mehr als jeder Deutsche an der Zuspitzung unserer Beziehungen
-mit Rußland hat. Wenn Sie besonders gute und wichtige Nachrichten
-über russische Verhältnisse haben, dann wenden Sie sich am besten an
-die Offiziere, mit denen Sie ja bekannt sind. Es müssen aber sehr
-wichtige Nachrichten sein. Denn soviel ich weiß, kennen alle Staaten
-voneinander und von den militärischen Geheimnissen der Gegner im
-allgemeinen mehr als man glaubt. Denn jeder Staat unterhält, wie ich
-neulich gehört habe, einen Nachrichtendienst, der bei den Nachbarn
-alles zu erforschen sucht, was wissenswert erscheint.“
-
-„Das muß doch nicht genügen,“ erwiderte Walter eifrig, „denn gestern
-ist der Wirt der Waldschänke über die Grenze gefahren, um die Standorte
-der russischen Truppen im polnischen Bezirk auszukundschaften.“
-
-„Das ist ein gefährliches Unternehmen,“ erwiderte der Ober ruhig,
-„denn die Russen pflegen nicht lange zu fackeln, wenn sie einen Spion
-erwischen.“
-
-„Ach, der Mann läuft keine Gefahr. Er ist lange Jahre als Viehtreiber
-in Rußland gewesen, spricht fertig russisch und polnisch und wird, wie
-ich vermute, mit Vieh handeln. Auf jedem Fall verdient er damit grob
-Geld.“
-
-„Oder den Strick“, erwiderte der Ober lächelnd. Er brach kurz ab und
-fragte: „Können Sie uns nicht einen Bock schießen, wir haben ihn heute
-schon bei Ihrem Herrn Vater bestellt.“
-
-„Das läßt sich machen“, erwiderte Walter erfreut, „der Vater hat mir
-noch einen Bock freigegeben und ich weiß einen kapitalen Burschen,
-dessen Gehörn mir noch heute gehören soll, wenn ich nur etwas
-Weidmannsheil entwickle.“
-
-Eine Stunde später fuhr er nach Hause, schlich auf sein Zimmer, und
-warf sich in den Kleidern noch für zwei Stunden auf die Liege. Als
-der Morgen graute, stand er auf und fuhr zu Rad in den Wald. An dem
-großen Torfbruch stellte er es ins Dickicht und pirschte sich am
-Waldrand entlang. Auf die meliorierten Wiesen, auf denen der zweite
-Schnitt mit viel Klee untermischt fast kniehoch stand, pflegten die
-Rehe gern auszutreten. Er hatte etwa eine halbe Stunde gestanden, als
-der kapitale Bock, an dessen weit ausgerecktem Gehörn die weißen Enden
-im Morgenlicht schimmerten, von dem Torfbruch her vertraut angetrollt
-kam und auf der Kunstwiese zu äsen begann. Mit gutem Blattschuß legte
-Walter ihn auf die Decke. Als er das prächtige Gehörn in der Hand
-hielt, stieß er vor Freude einen lautschallenden Jagdruf aus, schmückte
-sein Hütchen mit einem Bruch und fuhr mit der schweren Beute auf dem
-Rücken heim.
-
-Der Vater war eben von seiner Reise zurückgekommen. Etwas wie
-Vaterstolz leuchtete in den Augen des Grünrocks auf, als der Sohn
-elastisch wie eine Feder vom Rad sprang und den Bock abwarf. Er war
-schon oben auf seinem Zimmer gewesen und dachte nichts anderes, als daß
-Walter irgendwo die Nacht durchsumpfte. Umsomehr freute es ihm, daß er
-sich geirrt hatte. „Junge“, rief er: „Wenn du dich mit solchem Eifer
-und Erfolg an die Wissenschaften heranpirschen würdest, dann könntest
-du noch ein ganzer Mann werden.“
-
-„Dazu scheint mir das Geschick zu fehlen, lieber Vater,“ erwiderte
-Walter lachend, „weshalb hast du mich nicht Forstmann werden lassen?“
-
-„Dazu muß man auch sehr viel gelernt haben, mindestens ebensoviel wie
-als Jurist.“
-
-„Ach, ich kann die trockene Gelehrsamkeit nicht ausstehen, sie will mir
-nicht in den Kopf. Vater, ich habe zwar schon fünf Semester verbummelt,
-aber es ist noch nicht zu spät, laß mich noch umsatteln.“
-
-„Ja, was willst du denn jetzt noch werden?“
-
-„Landwirt, Vater“, rief Walter in freudiger Erregung aus.
-
-„Ein guter Landwirt muß heutzutage auch einen ganzen Posten Kenntnisse
-besitzen, wenn er nicht unter die Räder kommen will.“
-
-„Das meiste lernt man doch durch die Praxis“, gab Walter schnell zur
-Antwort. „Und wenn du mich blos zwei Semester auf die Hochschule
-schickst, will ich fleißig studieren.“
-
-„Muttchen,“ rief er der eben eintretenden Mutter zu, „hilf mir den
-Vater bitten, daß er mich Landwirt werden läßt, dann werde ich euch
-Freude machen, statt Kummer.“
-
-„Wenn du bloß ein ordentlicher tüchtiger Mensch wirst“, erwiderte der
-Forstmeister. „Was meinst du, Olsche, wollen wir es mit dem Jungen mal
-so herum versuchen?“
-
-„Wenn er nicht mehr Ehrgeiz besitzt, dann kann er meinetwegen auch
-Landwirt werden. Diesen merkwürdigen Mangel scheint er von dir geerbt
-zu haben, du könntest längst schon in der Regierung oder im Ministerium
-sitzen.“
-
-Der Grünrock lachte gutmütig. „Ja, wenn ich wollte, aber ich will
-nicht. Ich trenne mich nicht von meinem Wald, der mir ans Herz
-gewachsen ist, um Federfuchser in der Stadt zu werden. Da würde ich
-bald eingehen. Du mußt auf die Erfüllung dieses Wunsches, in der Stadt
-zu leben, schon warten, bis ich Pension nehme.“
-
-„Da kann ich noch lange warten“, erwiderte die Hausfrau, anscheinend
-verdrießlich und verließ das Zimmer.
-
-Es war durchaus nicht verwunderlich, daß der Forstmeister, als er einen
-Lehrherrn für seinen Jungen suchte, auf den Oberamtmann in Polommen
-verfiel, mit dem er schon lange befreundet war. Schon an einem der
-nächsten Tage fuhr er zu ihm und brachte sein Anliegen vor. Der Dicke
-schlug es ihm rundweg ab. „Ich habe schon zwei, eine Skatpartie ist
-zu viel. -- Ich kann dir aber einen guten Rat geben. Bringe ihn zu
-meinem Nachbar Braun in Nonnenhof, du kennst ihn ja auch. Das ist ein
-tüchtiger ehrenhafter Mann, der auf seinen tausend Morgen gut vorwärts
-kommt. Wart’ mal, er wird jetzt zu Hause sein.“ Er nahm den Hörer des
-Fernsprechers ab und ließ sich verbinden. Nachdem er die einleitende
-Frage getan, ließ er nur ab und zu ein zustimmendes Brummen hören.
-
-„Also Braun will! Du fährst am besten gleich zu ihm rüber und machst
-alles mit ihm ab. Auf den Rückweg sprichst du bei mir an und bleibst zu
-Mittag.“
-
-Der Gutsbesitzer Braun, der die Vierzig noch nicht überschritten hatte,
-brachte mehrere Bedenken vor. Das Schwerwiegendste war die Frage, ob
-Walter, der schon ein paar Jahre die studentische Freiheit genossen
-habe, sich in die Einsamkeit der abgelegenen Besitzung würde einfügen
-lassen.
-
-„Das ist ja gerade das, was mir für meinen Jungen am wünschenswertesten
-erscheint. Lassen Sie ihm nichts durchgehen und nehmen Sie ihn scharf
-ran. Es soll keine Sommerfrische zur Erholung sein, sondern ein
-Lehrjahr.“
-
- * * * * *
-
-Schon nach acht Tagen siedelte Walter nach Nonnenhof über und begann
-seinen neuen Beruf, ebenso wie Franz Rosumek, mit der Beaufsichtigung
-der Kartoffelgräber. Und doch fühlte er sich glücklich, denn der
-Gedanke, Tag für Tag das trockene Jus zu büffeln, erregte ihm Grauen.
-Langeweile kam bei ihm nicht auf, denn sein Lehrherr sorgte dafür, daß
-er vom Abfüttern, das schon um fünf Uhr früh stattfand, bis zum Abend
-auf den Beinen blieb und dann rechtschaffen müde war, daß er sich
-freute, sein Bett aufsuchen zu dürfen. Am Sonntag fand er Zeit, seinen
-Eltern einen Brief zu schreiben. Und er bemühte sich, vor ihnen die
-Enttäuschung zu verbergen, die ihm sein neuer Beruf bis jetzt bereits
-bereitet hatte.
-
-Die Mutter antwortete jedesmal umgehend und ausführlich. In einem
-ihrer Briefe berichtete sie nach den üblichen Ermahnungen, daß Grinda
-noch immer nicht zurückgekehrt wäre. Auch von Olga schrieb sie. Sie
-hätte eines Tages kurzerhand den Stellvertreter des Onkels, der sich
-täglich zweimal betrank, an die Luft gesetzt und wirtschaftet allein.
-Sie habe ein Schreiben des Onkels, daß ihr für den Fall, daß er nicht
-wiederkehrte, alles gehörte. Auch der Vater sei besorgt, daß Grinda in
-Rußland etwas zugestoßen sei. Es gebe jedoch keine Möglichkeit, nach
-seinem Verbleib Nachforschungen anzustellen.
-
-Diese Nachricht ließ in Walter wieder den Verdacht aufsteigen, den er
-mal gegen den Oberkellner im Café gefaßt hatte. Und es fiel ihm schwer
-in die Seele, daß er dem Mann gegenüber Grindas Reise nach Rußland
-erwähnt hatte. War der Mann wirklich ein Spion, dann war Grindas
-Verschwinden erklärlich und das Schlimmste zu befürchten. Und er allein
-trug die Schuld daran.
-
-Zu Weihnachten gab ihm sein Chef Urlaub bis nach Neujahr. Am heiligen
-Abend begann es zu schneien und schneite durch, bis in die Nacht zum
-zweiten Feiertag. Schon bei Tagesgrauen fuhr der Forstmeister mit
-Walter auf einer Schleife ohne Kufen, die leicht über den lockeren
-Schnee wegglitt, in den Wald. Es war nicht ausgeschlossen, daß die
-schlimmen Gäste aus Rußland sich eingestellt hatten. Fast alljährlich
-kamen Wölfe einzeln oder in kleinen Rudeln im Winter über die Grenze
-und richteten in dem Wildstand der preußischen Grenzforsten schweren
-Schaden an. Sie fanden auch wirklich die Fährte zweier Wölfe und die
-Überreste eines Rehes, daß sie gerissen und aufgefressen hatten.
-
-Eine Stunde später hatten sie die Räuber in einem Jagen des Torfbruches
-eingekreist, und nun ging es in aller Eile nach Hause. Erst wurden die
-Förster durch den Fernsprecher benachrichtigt, die eine Menge Treiber
-aufbieten sollten, dann ging die Mitteilung an eine Anzahl Jäger in
-die Stadt. Kurz vor Mittag war die Jagdgesellschaft an dem Jagen
-versammelt. Die Treiber, die den Dienst schon kannten, bestellten in
-aller Stille drei Seiten des Jagens, während die vierte von den Jägern
-besetzt wurde. Bald nachdem die Treiber mit heftigem Gebrüll in das
-verschneite Dickicht eingedrungen waren, krachte ein Schuß. Bald darauf
-fielen noch zwei Schüsse. Beide Wölfe waren zur Strecke gebracht. Der
-eine vom Forstmeister, der andere vom Major Aldenhoven.
-
-Das Weidmannsheil wurde in der Waldschänke gefeiert. Olga bediente
-ihre zahlreichen Gäste sehr gewandt und aufmerksam. Das Verschwinden
-ihres Onkels schien sie nicht sehr zu bekümmern. Und als der Major
-versprach, unauffällig Erkundigungen einzuziehen, zuckte sie nur die
-Achseln und meinte, das hätte doch keinen Zweck. Am anderen Vormittag
-ging Walter allein zu ihr. Olga erzählte ihm ganz unbefangen, sie habe
-jetzt einen Bräutigam, einen sehr ordentlichen Menschen. Zum Frühjahr,
-wenn sie mündig geworden wäre, wollte sie ihn heiraten, die Waldschänke
-verkaufen, wenn der Onkel noch nicht zurückgekehrt wäre und in der
-Stadt einen Laden aufmachen. Walter fühlte, daß das lyrische Intermezzo
-vom Herbst keine Fortsetzung finden würde und verabschiedete sich bald.
-
- * * * * *
-
-Wenige Tage später durchlief die Kunde, daß Grinda zurückgekehrt wäre,
-die ganze Gegend. Er war verlaust und verlumpt und sah jämmerlich elend
-aus. Der Forstmeister, der auch unter den Gedanken litt, daß er dazu
-beigetragen hätte, den alten Schulkameraden ins Unglück zu bringen,
-ging sofort zu ihm, und fand ihn im Bett liegen.
-
-„Ja, Forstmeister,“ meinte er, mit einem schwachen Versuch zu lächeln,
-„diesmal bin ich nur mit knapper Not der hanfenen Halsbinde entgangen.
-Ein Glück nur war’s, daß ich mich auf mein gutes Gedächtnis verlassen
-und deshalb mir auch nicht die kleinste Aufzeichnung gemacht habe. Mein
-Notizbuch enthielt nur Eintragungen über meine Käufe und Verkäufe. Ich
-hatte mir den Plan zurecht gelegt, hier und dort bei den Bauern einige
-Stücke Vieh aufzukaufen und sie nach Garnisonorten zu treiben, um sie
-an die Proviantämter der Truppen, mit oder ohne Nutzen zu verkaufen.
-Das Geschäft ging gut und ich habe in den ersten drei Wochen eine ganze
-Menge neuer wichtiger Nachrichten gesammelt.
-
-Plötzlich wurde ich in Augustowo, als ich schon an die Rückreise
-dachte, verhaftet und in die Kosa gesperrt. Am nächsten Morgen wurde
-ich scharf verhört. Ich stellte mich dumm und berief mich auf einen
-jüdischen Großhändler, der mir bezeugen kann, daß ich schon viele Jahre
-in Rußland als Aufkäufer tätig sei. Der russische Auditeur fiel darauf
-rein und ließ den Mann holen und mir gegenüberstellen. Auf diese Weise
-erfuhr der Händler, wo und in welcher Gefahr ich mich befand.
-
-Du, Forstmeister,“ unterbrach er seinen Bericht, „ich bin ohne Zweifel
-auf eine Anzeige von deutscher Seite aus verhaftet worden. Hier muß
-einer nicht dicht gehalten haben.“
-
-„Das ist ganz ausgeschlossen“, erwiderte der Grünrock. „Von den wenigen
-Offizieren, die um den Zweck deiner Reise wußten, hat sicher keiner
-geplaudert und von mir ist es wohl selbstverständlich. Vielleicht ist
-eine weibliche Zunge im Spiel.“
-
-„Damit kannst du nur meine Nichte meinen.“ Er pochte an die Wand,
-worauf Olga eintrat. Sie leugnete ganz entschieden, obwohl sie sich
-daran erinnerte, daß sie es Walter gesagt hatte, wohin der Onkel
-gefahren war.
-
-„Dann bleibt es mir unerklärlich,“ fuhr Grinda fort, „daß der russische
-Auditeur wußte und mir vorhielt, daß ich hier in der Waldschänke ein
-gutgehendes Geschäft habe. Ich erwiderte, das Geschäft sei so schlecht
-gegangen, daß ich meine Ersparnisse zugesetzt hätte und gezwungen
-gewesen wäre, so wie früher meinen Unterhalt durch Viehhandel zu
-erwerben. Acht Tage brachte ich in einem elenden Loch zu, wo es von
-Ungeziefer wimmelte. Dann wurde ich wieder zum Verhör geführt, wo man
-mir vorhielt, daß das Geschäft hier glänzend ginge. Man hatte also
-hier einen Gewährsmann, bei dem man Erkundigungen einziehen konnte. Ja
-noch mehr, es sei hier bekannt, daß ich nach Rußland gegangen sei, um
-Spionage zu treiben.
-
-Ich erwiderte, ich hätte mir doch keine Aufzeichnungen gemacht,
-wie sollte ich alles, was ich hörte oder sah, in meinem Gedächtnis
-behalten. Der Auditeur meinte mit einem boshaften Lächeln, es gäbe
-schon Mittel und Wege, das, was man jeden Tag erfahre, über die Grenze
-zu schaffen. Mensch, Forstmeister, mir war nach diesem Verhör ganz
-eklig zu Mut. Ich fühlte schon den Strick an meiner Gurgel. Einige Tage
-später wurde ich auf einer Kibittke von Kosaken eskortiert nach Suwalki
-gebracht und dort noch dreimal verhört. Ich hatte schon alle Hoffnung
-verloren, als ich eines Tages in meinem Kommißbrot ein Päckchen fand,
-das eine scharfe Feile und etwas Geld enthielt. Von wem, das weiß ich,
-aber davon schweigt des Sängers Höflichkeit. Ich sägte in der nächsten
-Nacht einen Stab meiner schwedischen Gardinen durch, brach aus und fand
-bei meinem Helfershelfer Unterschlupf, wo ich noch drei Wochen in einem
-Versteck liegen mußte, bis ich nachts über die Grenze geschafft werden
-konnte. Aber ich habe nicht umsonst die Angst ausgestanden, ich bringe
-eine Menge wichtiger Nachrichten mit. Es ist wohl am besten, wenn ich
-mit dem Major bei dir zusammentreffe.“
-
-In froher Stimmung berichtete der Forstmeister zu Hause die Erlebnisse
-seines Schulkameraden. Als er erwähnte, daß die Anzeige von deutscher
-Seite ausgegangen sein müßte, wurde Walter abwechselnd rot und blaß
-und sein Schuldbewußtsein war so stark, daß es ihm das Bekenntnis
-entriß, das Geheimnis ausgeplaudert zu haben. „Dann ist der Oberkellner
-im Café ein verkappter russischer Spion, und er hat die russischen
-Behörden benachrichtigt. Ich habe ihn im Verdacht, daß er jeden Abend
-die Offiziere belauscht, um manches zu erfahren, was ihm wissenswert
-erscheint.“
-
-Der Forstmeister hielt erst seinem Sprößling eine heftige Standpauke
-und dann teilte er dem Major die Rückkehr Grindas und Walters Verdacht
-gegen den Oberkellner mit.
-
-Zwei Stunden später rief der Major an, der Vogel sei schon in der
-vergangenen Nacht ausgeflogen. Er habe eine Anzahl Papiere in seinem
-Zimmer verbrannt, aber man habe noch genug gefunden, was den Verdacht
-bestätigte, unter anderem eine Anzahl falscher Pässe und Ausweise, die
-der Bursche wie zum Hohn offen auf seinen Tisch hingelegt habe. Man
-vermute einen russischen Offizier in ihm. Er sei ohne Zweifel in einer
-Verkleidung über die Grenze entkommen und längst in Sicherheit.
-
-
-
-
-9. Kapitel
-
-
-Gleich nach Neujahr setzte heftiger Frost ein. Dabei wehte ein
-lebhafter Nordwest, der die Kälte noch fühlbar verschärfte. Die
-großen masurischen Seen waren schon vor Weihnachten zugefroren. Jetzt
-barst ihre Eisdecke unaufhörlich unter donnerähnlichem Krachen. Ein
-handbreiter Spalt klaffte, aus dem das Wasser über die Ränder drang.
-An jedem Abend, wenn die Sonne in einem Glutmeer unterging, das mit
-unheimlicher Pracht den Himmel bedeckte, begann ein Höllenkonzert.
-Bald rollte und grollte es wie dumpfverhallender Donner, bald krachten
-scharfe Schläge wie Kanonendonner einer großen Schlacht.
-
-Nach acht Tagen ging der Wind herum nach Westen und trieb dunkle,
-schwere Wolken herauf, aus denen der Schnee still in großen Massen
-fiel. Tag und Nacht und wieder Tag und Nacht. Immer höher häuften
-sich die weißen Massen auf den Wipfeln der Kiefern und Fichten. Den
-Rottannen vermochte der Schnee keinen Schaden zu tun. Ihre elastischen
-Äste bogen sich unter der Masse abwärts, bis die Last abrutschte und
-sie sich wieder aufrichten konnten. Aber aus den Wipfeln der Kiefern
-brach der Schnee schenkeldicke Äste und riß dem Baum tiefe Wunden, in
-die der Frost eindrang und dem Baum ans Lebensmark ging.
-
-Am schlimmsten sah es in den Kiefernschonungen aus, wo die Stämme
-schlank wie eine Gerte emporschießen. Wer da im Wachstum mit den
-Genossen nicht gleichen Schritt hält, wird von Luft und Licht
-abgeschnitten und geht kümmerlich ein. Jetzt wurde der schlanke Wuchs
-ihr Verderben. Die Last, die sich unaufhörlich auf ihre Wipfeln
-herabsenkte, bog die dünnen Stämme abwärts. Flocke auf Flocke sank
-hernieder, immer tiefer bog sich der Baum, bis er mit scharfem Knall
-abbrach. Und nicht bloß einzelne erlagen dem Verderben, nein, wie ein
-nie ersterbendes Gewehrfeuer knatterte es in den Schonungen.
-
-Erschreckt, verängstigt flüchtete das Wild aus dem Walde und trieb sich
-am Tage auf den Feldern umher, denn die Nacht war nicht lang genug, um
-ihren Hunger zu stillen, weil der Schnee fußhoch die Nahrungsquelle,
-die Wintersaat, deckte. Die Rebhühner zogen sich bis in die Hausgärten
-hinein und kamen ohne Scheu angelaufen und geflattert, wenn eine
-mitleidige Hand ihnen Hintergetreide als Futter streute. Auf den
-Gehöften wanderten die Krähen wie zahme Haustiere umher und lungerten
-nach jedem Abfall, den sie gierig verschlangen.
-
-Auf den Feldern hörte jede Arbeit auf. Das Wirtschaftsgebiet des
-Landmanns beschränkte sich auf die Ställe. Walters Lehrherr war ein
-erfolgreicher Viehzüchter, die Ställe waren musterhaft eingerichtet.
-Seine Butter ging unter der Marke „Maiblüte“ im Sommer und Winter nach
-Berlin. Der Schweizer war ein sehr zuverlässiger, älterer Mann, dem man
-in jeder Beziehung vertrauen konnte. Trotzdem hielt sich der Gutsherr
-täglich stundenlang in den Ställen auf.
-
-Er war ein sehr ernsthafter Mensch, der sich unter einem schweren
-Schicksal mühsam emporgerungen hatte und nun in seinem Beruf volles
-Genüge fand. Aber ihn dauerte der junge Mensch, der seiner Obhut
-übergeben war. Eine große Begeisterung für den ihm von der Not
-aufgedrungenen Beruf durfte er bei ihm nicht voraussetzen. Dazu
-entbehrte er den Umgang mit Altersgenossen, die Abwechslung die wie
-eine Entspannung und Erholung wirkt, und Geist und Körper mit neuer
-Spannkraft erfüllt.
-
-Im Herbst bis Weihnachten hatte Walter noch eine kleine Auffrischung
-durch die Jagd. Sie beschränkte sich allerdings darauf, daß er gegen
-Abend an den Waldrand ging und auf dem Anstand einen Küchenhasen
-erlegte. Jetzt hatte das auch aufgehört. Dafür stellte Walter, der
-schon etwas Erfahrung aus dem Elternhause mitbrachte, den ranzenden
-Füchsen mit dem Tellereisen nach und richtete in den Remisen
-Futterstellen ein, die von dem hungernden Wild dankbar angenommen
-wurden.
-
-Dann unternahm es Braun, seinen Zögling in die Geheimnisse der
-Buchführung einzuweihen. Er ließ ihn in das wissenschaftliche Rüstzeug
-eines gebildeten Landwirts hineinsehen, der vorsichtig Ausgaben und
-Einnahmen abwägt, der die Gestehungspreise seiner Erzeugnisse genau
-verfolgt und schlechtere Methoden gegen bessere ersetzt. Und Walter war
-praktisch genug veranlagt, um die Wichtigkeit dieser Berechnungen zu
-erfassen und ihnen Interesse abzugewinnen.
-
-Eines Tages schlug sein Lehrherr ihm vor, gegen Abend nach Polommen
-zu fahren und sich mit den beiden jungen Leuten bekannt zu machen.
-Er könne sie auch zu sich einladen, um gemeinsam die langen Abende
-zu verbringen. Mit Freuden nahm Walter den Vorschlag auf und fuhr im
-Einspänner hinüber. Franz, obwohl mehrere Jahre jünger als er, war ihm
-schon von der Schule her bekannt. Er wurde freundlich von ihm begrüßt.
-Franz hatte es sich in seiner Bude, in der angenehme Wärme herrschte,
-behaglich gemacht. Blaue Rauchwolken erfüllten das Zimmer. Er saß auf
-dem Sofa bei der brennenden Lampe. Der Tisch war mit aufgeschlagenen
-Büchern bedeckt.
-
-„Mensch, was studierst du denn so eifrig“, fragte Walter nach der
-Begrüßung.
-
-„Ich berechne die Ergebnisse des Körnerbaues nach den verschiedenen
-Düngungsarten.“
-
-„Das muß eine interessante Beschäftigung sein,“ lachte Walter, „ich
-habe auch schon in die Geheimnisse der Wirtschaftsführung bei meinem
-Lehrherrn hineingerochen. Für heute abend möchte ich jedoch eine
-leichtere Beschäftigung vorschlagen. Spielst du Skat?“
-
-„Jawohl, aber es ist auch danach, dazu muß ich aber meinen
-Leidensgefährten als dritten Mann heranholen.“
-
-„Erst noch eine Frage: Was ist das für ein Mensch?“
-
-„Gährender Most“, erwiderte Franz lachend. „Er hat auf der Presse das
-Einjährige errungen und betrachtet alles, was er jetzt noch lernen
-muß, als eine unwürdige Beeinträchtigung seiner persönlichen Freiheit.
-Ich mag ihn nicht, aber als Notnagel zum Skatspiel wird er zu brauchen
-sein.“
-
-Kolbe war natürlich mit Vergnügen bereit, den dritten Mann zu machen.
-Er sorgte sofort für heißes Wasser. Rum und andere Getränke hatte er
-stets vorrätig, denn damit wurde er reichlich von Hause versorgt. Es
-wurde ein ganz vergnügter Abend, denen bald mehrere, entweder hier oder
-in Nonnenhof, folgten. Walter wunderte sich über sich selbst, daß er an
-diesem harmlosen Spiel zu geringen Sätzen Gefallen fand. Er wäre jedoch
-gern abends irgendwohin ausgekniffen, wo es schärfer zuging, wenn es
-nur möglich gewesen wäre.
-
-Anfang Februar hörte Walter von der Mamsell, die dem unverheirateten
-Gutsherrn die Wirtschaft führte, daß Braun für einige Tage verreisen
-werde. Er bringe seine Schwester mit, für die sie die zweite
-Giebelstube einrichten sollte. Der älteren Person, die in der Küche
-ein strenges Regiment führte, schien die Vermehrung des Hausstandes
-durch ein weibliches Wesen nicht sehr zu passen. Wenn die Schwester dem
-Bruder glich, dann war es wohl mit ihrer Alleinherrschaft im Gutshause
-zu Ende.
-
-Walter nahm die Neuigkeit mit geringer Teilnahme entgegen. Auch er
-hatte keine Hoffnung, daß die Vermehrung des Hausstandes durch eine
-alte Jungfer eine angenehme Abwechslung in ihrem Dasein hervorrufen
-würde. Sein Lehrherr machte ihm am Abend eine kurze Mitteilung von
-seiner Reise und sprach die Erwartung aus, daß er bei seiner Rückkehr
-alles in bester Ordnung vorfinden werde.
-
-Bei Tagesgrauen fuhr Braun zur Bahn. Walter ging noch einmal durch die
-Ställe, um sich zu überzeugen, daß die Leute alle an der Arbeit waren.
-Als er den Kälberstall betrat, sagte ihm seine Nase, daß jemand darin
-geraucht haben müßte, was der Feuersgefahr wegen streng verboten war.
-Er roch deutlich den süßlichen Duft einer Zigarette. Der Missetäter
-konnte nur einer von den beiden halbwüchsigen Bengeln sein, die
-dabei waren, den Dünger aus dem Stall zu schaffen. Ohne ein Wort zu
-verlieren, holte er sich den Schweizer, der in erster Linie für die
-Ordnung im Stall verantwortlich war. Der Mann geriet in Aufregung und
-fuhr die beiden Bengel heftig an, die mit dreister Stirn leugneten. Ja,
-einer besaß sogar die Frechheit, zu sagen, vielleicht habe der Lehrling
-selbst geraucht, und wolle es nun auf sie schieben.
-
-Walter schwieg dazu, aber eine Stunde später ließ er sich den Burschen,
-in dem er mit Recht den Übeltäter vermutete, auf den Speicher kommen
-und versohlte ihm gründlich das Leder, teils für das Rauchen, teils
-für die freche Beschuldigung. Den ganzen Tag über hielt sich Walter im
-Kälberstall auf, um eine Wiederholung des Rauchens zu verhüten.
-
-Es war nicht ausgeschlossen, daß er den Kälbern einen Schaden zufügte,
-um Walter Ärger zu bereiten. Die heimtückischen, haßerfüllten Blicke,
-die der geprügelte Bursche ihm zuwarf, ließen ihn kalt. Am Nachmittag
-forderten die Pollommer Stoppelhoppser ihn durch den Fernsprecher auf,
-zu einem vergnügten Abend herüber zu kommen. Er erwiderte, er könne
-nicht von Hause fort, weil sein Chef verreist wäre. Sie möchten sich zu
-ihm bemühen. Bald nach dem Kaffee kamen beide an. Noch vor zehn Uhr
-rüsteten sie sich zum Aufbruch Gemeinsam gingen sie nach dem Stall,
-wo ihr Gaul eingestellt war, um ihn anzuspannen. Als sie um die Ecke
-des Kälberstalles bogen, sah Franz einen Menschen aus der offenen Tür
-schlüpfen und im Dunkeln verschwinden. Im nächsten Augenblick rief er:
-„Es riecht nach Rauch, das kann nur aus dem Stall kommen.“
-
-Als sie durch die Tür stürmten, liefen schon an zehn bis zwölf
-Stellen knisternde Flammen durch das Stroh, das den Kälbern zur Nacht
-eingestreut war. Die verängstigten Tiere rissen wild an ihren Halftern
-und schlugen wie rasend mit den Hinterbeinen aus. Mit einigen Sätzen
-war Walter an dem Wasserrohr, aus dem die gemauerten Tröge gespeist
-wurden, während die beiden anderen die Flammen auszutreten versuchten.
-Dichter Rauch begann das Gebäude zu füllen. Die Schafe, die am anderen
-Ende eingepfercht waren, übersprangen ihre Hürden und rasten im Stall
-umher.
-
-„Wasser her!“ schrie Franz, „dann schaffen wir’s noch.“
-
-Da kam auch schon Walter mit zwei gefüllten Eimern angelaufen. Es war
-die höchste Zeit, denn an mehreren Stellen leckten bereits die Flammen
-an den Stangen, mit denen die Abteilungen geschieden waren, empor.
-
-Es war ein großes Glück, daß der von einem Windmotor gespeiste
-Behälter, der sich auf dem Boden befand, mit Wasser gefüllt war, das im
-kräftigen Strahl aus dem Rohr schoß. Die Jünglinge schwitzten vor Eifer
-und Aufregung. Ihre Kleidung wurde naß, aber sie bezwangen das Feuer.
-Der größte Schaden war verhütet.
-
-Jetzt galt es nur noch, die Kälber umzustellen und die Schafe, die auf
-den Hof hinausgelaufen waren, einzufangen und zurückzubringen. Der
-Schweizer und die Knechte wurden geweckt, dann nahm Walter seine Helfer
-mit, um den Brandstifter abzufassen. Er vermutete ihn anscheinend
-schlafend in seiner Kammer zu finden, aber er täuschte sich. Der
-Bursche war ausgerückt und hatte seine Sachen mitgenommen. Erst eine
-Stunde später, als alles wieder in Ordnung gebracht war, fuhren die
-Pollommer, durch deren tatkräftige Hilfe ein unermeßlicher Schaden
-verhütet worden war, ab. Walter hatte ihnen wiederholt mit herzlichen
-Worten gedankt, und sie noch durch ein Glas Grog gestärkt.
-
-Er hatte noch keine Lust, sich schlafen zu legen. Er nahm den scharfen
-Hofhund von der Kette und suchte ringsum das Gehöft und das Gelände ab,
-obwohl es wenig wahrscheinlich war, daß der Brandstifter noch einmal
-zurückkommen würde, um sein Verbrechen zu wiederholen.
-
-Am nächsten Morgen wurde der Gendarm von dem Vorfall und dem
-Verschwinden des Burschen unterrichtet. Er veranlaßte den üblichen
-Steckbrief, womit die Sache zunächst für längere Zeit und vermutlich
-für immer erledigt war.
-
-Mit einigem Bangen erwartete Walter die Rückkehr seines Lehrherrn. Daß
-er dem Burschen des Rauchens wegen das Leder ausgewackelt hatte, war
-offenes Geheimnis des Hofes, und daß das Feuer aus Rache dafür angelegt
-war, konnte man auch nicht bezweifeln. Es war also das beste, was er
-tun konnte, daß Walter den Chef bei seiner Ankunft in Empfang nahm und
-ihm offen alles berichtete. Er sah ein zierliches, wegen der Kälte
-völlig vermummtes Persönchen, aus dem Schlitten steigen und ins Haus
-eilen. Braun nahm Koffer und Tasche seiner Schwester und folgte ihr,
-ohne die Mitteilung seines Zöglings einer Erwiderung zu würdigen. Er
-hatte Hans Kolbe auf dem Bahnhof getroffen und von ihm schon alles
-erfahren.
-
-Mit einem unbehaglichen Gefühl ging Walter zum Kaffee ins Haus. Aber
-nicht so wie er es bisher gewöhnt war, in seiner Arbeitskleidung,
-sondern er begab sich auf sein Zimmer und zog sich nicht nur um,
-sondern er befreite auch sein Gesicht von den mehrere Tage alten
-Bartstoppeln. Sein Chef lächelte, als sein Eleve geschniegelt und
-gebügelt ins Zimmer trat und sich mit einer tiefen Verbeugung der
-Schwester vorstellte, die ihm mit freundlichem Lächeln die Hand bot.
-Walter hatte sehr gewandte Umgangsformen, aber der Unterschied zwischen
-der Erwartung und der Wirklichkeit verschloß ihm die Sprache. Mühsam
-raffte er sich zu der Frage auf, ob die Reise nicht sehr beschwerlich
-gewesen wäre.
-
-Mit hellem Lächeln, das wie ein Glöckchen klang, erwiderte Minna: „Ich
-bin nicht sehr empfindlich gegen Kälte, und die Bahn war gut geheizt.“
-
-Jetzt wagte Walter sie unauffällig zu mustern, und was er sah, gefiel
-ihm sehr. Eine zierliche Gestalt mit angenehm gerundeten Formen, ein
-feingeschnittenes Gesicht mit sanften, aber munteren, braunen Augen,
-und ein überreiches Haar von der Farbe reifer Kastanien, mit einem
-goldigen Schimmer. Eine Ähnlichkeit zwischen Bruder und Schwester war
-nicht zu erkennen. Selbst wenn man in Betracht zog, daß die junge Dame
-weitaus jünger war als der Gutsherr und höchstens zwanzig Lenze zählen
-konnte.
-
-„Ihr Freund hat uns auf dem Bahnhof schon von der Brandstiftung
-erzählt“, fuhr Minna fort. „Sie haben ja eine Heldentat vollbracht.“
-
-„Zwei“, warf der Gutsherr trocken ein.
-
-Unwillkürlich errötete Walter. „Wie meinen Sie, Herr Braun?“
-
-„Nun, die erste war die Durchprügelung des Burschen.“
-
-„Ich konnte ihm doch das Rauchen nicht durchgehen lassen, besonders,
-nachdem er sich so frech benommen hatte“, verteidigte sich Walter.
-
-„Ich bin ganz Ihrer Meinung und hätte es jedenfalls auch getan.
-Aber dann mußten Sie mit der Rachsucht des Lümmels rechnen und sich
-vorsehen.“
-
-„Ich konnte doch nicht annehmen, daß er, um sich an mir zu rächen,
-Feuer anlegen würde.“
-
-„Ach, Friedrich,“ warf die Schwester ein, „das hättest du auch nicht
-verhindern können! Und du kannst doch wirklich zufrieden sein, daß das
-Unheil durch die tatkräftige Entschlossenheit der drei jungen Herren
-glücklich abgewendet wurde.“
-
-„Ja, allein hätte ich es wohl kaum geschafft“, bekannte Walter ehrlich.
-„Es war auch ein glückliches Zusammentreffen, daß wir dazu kamen, als
-das Feuer eben erst im Entstehen war.“
-
-Schon beim Abendessen merkten beide Männer, daß mit dem jungen Mädchen
-eine ihnen ungewohnte Behaglichkeit in das Haus eingezogen war. Der
-runde Tisch, an dem sie von einer griesen Wachsdecke zu essen gewohnt
-waren, war mit weißem Linnen bedeckt, und das Essen selbst war anders
-und schmackhafter zubereitet, als bisher. Nach dem Abendessen setzte
-sich Walter unaufgefordert ans Klavier und spielte im bunten Wechsel
-Volkslieder, Tänze und alles, was ihm in den Sinn und die Finger kam.
-Als er sich gegen zehn Uhr empfahl, reichte ihm Braun die Hand. „Ich
-habe Ihnen heute einen Vorwurf machen müssen, gegen den sie schon meine
-Schwester in Schutz genommen hat. Ich wollte Ihnen bloß noch sagen,
-daß ich vorhin nachgerechnet und festgestellt habe, daß meine Existenz
-vernichtet gewesen wäre, wenn der Stall mit dem Vieh verbrannt wäre.
-Alles, was ich in fünf Jahren mir erarbeitet habe, wäre zum Deuwel
-gewesen.“
-
-„Sind Sie denn nicht versichert?“
-
-„Ja, aber nicht hoch genug. Ich habe mich bisher vor einer Erhöhung
-meiner Ausgaben gescheut, aber nun habe ich es sofort nachgeholt und
-gleich eine erhebliche Erhöhung der Versicherung beantragt. Von morgen
-an können wir ruhig schlafen.“
-
-„Dann wollen wir doch heute Nacht noch Wache halten.“
-
-„Das geschieht bereits. Der Kämmerer und der Schweizer sind jetzt schon
-draußen; nachher löse ich sie ab.“
-
-„Und dann komme ich an die Reihe“, rief Walter.
-
-„Ja, ich wollte Sie darum bitten. Wenn Sie von eins bis zwei die Wache
-übernehmen wollen.“
-
-„Ich werde pünktlich zur Stelle sein.“
-
-„Aber, Friedrich, glaubst du wirklich, daß der Brandstifter sich noch
-einmal hertrauen wird?“ fragte die Schwester.
-
-„Ich traue dem Burschen alles zu.“
-
-Walter stellte seinen Wecker und warf sich in Kleidern auf die Liege.
-Die Gedanken bekrochen ihn und ließen ihn nicht einschlafen. Wenn
-jetzt die Schuld auf ihm lasten würde, daß sein Lehrherr am Bettelstab
-dastände, und wenn es dem Verbrecher gelingen würde, nochmals Feuer
-anzulegen! Nicht auszudenken! Er nahm sich vor, von eins bis morgens
-Wache zu gehen. Und dann beschäftigten sich seine Gedanken mit
-dem lieblichen Mädchen, das heute wie ein guter Geist in das Haus
-eingezogen war.
-
-Welcher Liebreiz ging von ihrer zierlichen Elfengestalt, von ihrem
-freundlichen Gesicht und ihren lieben Augen aus! Wo war sie bisher
-gewesen, was hatte sie bisher geschafft? Die Geschwister waren in
-Äußerungen über ihr Leben so zurückhaltend. Von seinem Lehrherrn wußte
-er nichts, und von Kolbe, der seine langen Ohren überall hatte, nur
-soviel, daß er als Sohn eines einfachen Gutskämmerers aufgewachsen,
-sich als Arbeiter und dann als Schachtmeister bei Tiefbauten ein
-kleines Vermögen erworben und dafür Nonnenhof mit geringer Anzahlung
-gekauft hatte. Wie kam es, daß die Schwester soviel jünger war als er,
-so jung ... so schön ... dann verwirrten sich seine Gedanken, und er
-schlief ein.
-
-Pünktlich um ein Uhr löste er seinen Chef ab, der eben mit dem Hofhund
-einen Rundgang um das Gehöft gemacht hatte. Die Nacht war sternenklar
-und bitterkalt, aber windstill. Die ganze Natur schien in Kälte und
-Schweigen erstarrt zu sein. Und wie die Sterne funkelten! Ab und zu kam
-aus weiter Ferne ein Hundeblaff. Endlos dehnten sich die Stunden für
-Walter, aber er hielt durch. Als der Himmel sich im Osten rötete und
-das Leben im Hofe erwachte, lief er zur Küche, aus deren Fenster schon
-Licht strahlte.
-
-Er war bis ins innerste Mark durchfroren und hoffte durch einen Trunk
-heißen Kaffees seine Lebensgeister erfrischen zu können. Zu seinem
-Erstaunen fand er nicht die Mamsell, wie er erwartet hatte, sondern
-Fräulein Minna.
-
-„Gnädiges Fräulein schon auf?“
-
-Sie bot ihm lachend die Hand. „Ich bin kein gnädiges Fräulein, und das
-Frühaufstehen bin ich gewohnt. Wollen Sie einen Topf Kaffee haben?“
-
-Walter nahm am Küchentisch Platz und labte sich an Speise und Trank.
-Zu Mittag gab’s eine Überraschung. Die Mamsell hatte gekündigt, weil
-sie sich nicht den Anordnungen der „jungen Person“ fügen wollte, und
-zog schon gegen Abend mit Sack und Pack davon. Sie hatte sich für
-unentbehrlich gehalten und aufgetrumpft. Zu spät sah sie ein, daß sie
-sich in die Nesseln gesetzt hatte.
-
-Seitdem Minna die Leitung der Wirtschaft in die Hand genommen hatte,
-lief der Haushalt wie am Schnürchen. Alles im Hause bekam einen
-behaglicheren, freundlichen Anstrich. Trotzdem behielt sie noch Zeit
-für feine Handarbeiten. Und oft hörte man ihre kleine, aber angenehme
-Stimme, wenn sie bei der Arbeit Volkslieder sang.
-
-Eines Abends erbot sich Walter, sie beim Singen zu begleiten. Ohne
-sich zu zieren, trat sie ans Klavier und stimmte „Ännchen von Tharau“
-an. Walter nahm nicht nur die Singstimme auf, sondern umrankte sie
-auch durch eine geschickte Begleitung. Fortan musizierten sie jeden
-Abend miteinander. In ruhiger Freundlichkeit behandelte sie den jungen
-Mann wie einen guten Kameraden. Und er hütete sich, ihr durch einen
-Blick oder Wort zu verraten, wie sehr sie ihm gefiel. Ihre seelische
-Reinheit und ihr lauteres Wesen umgaben sie wie ein Schutzmantel
-der Unnahbarkeit. Am Abend waren die beiden jungen Menschenkinder
-stundenlang allein, denn der Gutsherr saß meistens um diese Zeit über
-seinen Büchern, oder er fuhr auch ab und zu aus. Dann ließ Walter in
-das blaue Eckzimmer, in dem sich ein Kamin befand, einige Arme voll
-Holz hineintragen, und wenn das Feuer lustig prasselte und mit seinem
-warmen Licht den mit Sesseln behaglich ausgestatteten Raum füllte, dann
-setzten sie sich einander gegenüber und plauderten. Ganz von selbst
-kam Walter darauf, ihr von seinen Eltern und von seiner Kindheit zu
-erzählen. Er gestand ihr offen ein, daß er fünf Semester verbummelt und
-ein lockeres Leben geführt habe.
-
-Auch sie ging allmählich aus sich heraus und erzählte aus ihrem Leben.
-Friedrich sei ihr ältester Stiefbruder. Ihr Vater habe noch zum zweiten
-Male geheiratet, und da sei sie als Spätling zur Welt gekommen. Der
-Bruder, der noch mehrere Geschwister hatte, habe sich ihrer angenommen,
-habe sie nach dem Tode der Eltern bei einer befreundeten Familie in
-der Stadt untergebracht und zur Schule geschickt. Dann habe sie zwei
-Jahre auf einem Gut die Wirtschaft gelernt, und nun sei sie hier
-und glücklich, daß sie für den Bruder, dem sie soviel Dank schulde,
-arbeiten und sorgen könne.
-
-
-
-
-10. Kapitel
-
-
-Es ging schon gegen das Frühjahr, als der Oberamtmann seine Frau mit
-der Nachricht überraschte, ein Freund von ihm, Oberleutnant Viktor
-von Sawerski, bäte, als Volontär für ein Jahr aufgenommen zu werden.
-Er habe von einer Tante ein großes Vermögen geerbt; daraufhin habe er
-seinen Abschied eingereicht und beabsichtige, bei ihm die Wirtschaft
-zu erlernen, um sich später selbst ein Gut zu kaufen. Er könne, da er
-selbst als Reserveoffizier bei demselben Regiment geübt, die Bitte
-nicht gut abschlagen.
-
-„Dazu liegt ja auch wohl kein Grund vor. Aber dann müssen schnell im
-Beamtenhaus zwei, drei Zimmer eingerichtet werden, weil dein Freund
-nicht im Hause wohnen kann.“
-
-„Weshalb denn nicht?“
-
-„Weil ich meine Freundin Adelheid schon für den Sommer eingeladen habe.
-Sie wird mit Freuden zusagen, denn sie wartet auf die Einladung.“
-
-Der Mann sah sie einen Augenblick verdutzt an, dann brach er in ein
-dröhnendes Lachen aus.
-
-„Das nenne ich einen schnellen Entschluß.“
-
-Frau Olga lächelte nachsichtig. „Dein Lob habe ich nicht verdient,
-nein, wirklich nicht. Ich habe den Brief schon gestern geschrieben,
-jetzt werde ich nur noch hinzufügen, daß wir deinen Freund erwarten.“
-
-In den Augen des Hausherrn blitzte der Schalk auf. „Frau, das würde ich
-nicht tun, sonst kommt sie nicht, und das würde dir doch leid tun.“
-
-„Du bist ein arger Spötter“, erwiderte Frau Olga mit etwas verlegenem
-Lächeln. „Ich überlege schon, ob ich nicht besser daran täte, Adelheid
-nicht einzuladen. Denn du bist imstande, zarte Beziehungen, die sich
-vielleicht anspinnen, durch deine unzarten Spöttereien im Keime zu
-zerstören.“
-
-Mit heuchlerischer Miene erwiderte der Hausherr: „Ach so, du meinst,
-zwischen deiner Freundin und meinem Freund könnte sich was anspinnen?
-Daran habe ich noch nicht gedacht, aber das ist kein übler Gedanke ...
-da können wir ja was erleben. Du wirst mich doch auf dem Laufenden
-halten.“
-
-„Pfui, Konrad! Du meinst, Adelheid wird sofort auf deinen Freund Jagd
-machen?“
-
-„Ja, das meine ich allerdings, Olga, das meine ich. Und im Ernst
-gesprochen, das ist doch seit ungefähr zehn Jahren die einzige
-Beschäftigung deiner Freundin. Und weißt du, Frau, ich wundere mich,
-daß sie nicht schon einen Mann erwischt hat. Sie ist klassisch schön,
-elegant, geistreich, belesen, hat eine prachtvolle Gestalt, singt
-und spielt wie eine Künstlerin. Wir wissen ja auch, daß sie überall
-Bewunderung erregt und Verehrer findet, aber keinen ernsthaften
-Bewerber. Wundert dich das nicht auch?“
-
-„Nein, Konrad, die Männer gehen oft achtlos an einem Juwel vorüber.“
-
-„Na, Alte, von mir kannst du das nicht behaupten.“
-
-Frau Olga lachte laut auf. „Ein blindes Huhn findet manchmal auch ein
-Korn.“
-
-„Frau Oberamtmann, das ist starker Tobak. Ich erlaube mir jedoch, dich
-daran zu erinnern, daß du als Braut, wenn ich dir in meines Herzens
-Überschwang Schmeicheleien sagte, und ich will als galanter Mann
-hinzufügen, berechtigte Schmeicheleien sagte, mir stets erwidertest:
-die Liebe macht blind, woraus zu entnehmen ist, daß ich mit sehenden
-Augen in mein ...“ Er räusperte sich. „... Schicksal hineingetappt bin.
-Und nun werde ich dir offen sagen, woran es bei deiner Freundin hapert.
-Sie ist erstens ein Blender, was mancher Mann nicht gern sieht, und
-zweitens hat sie etwas ~haut goût~ an sich ... ein Spürchen nur,
-aber ...“
-
-„Du drückst dich sehr drastisch aus, Konrad, aber ich kann dir nicht
-ganz unrecht geben“, erwiderte die Frau. „Sie steht seit ihrem
-siebzehnten Jahr allein in der Welt, ist sehr selbständig geworden und
-benimmt sich etwas frei ... aber sie ist völlig ...“, sie lächelte
-fein, „wie du sagen würdest, stubenrein.“
-
-„Na, dann sind wir wieder mal einig, liebes Weib. Dann wollen wir die
-beiden Briefe in die Welt senden. Verderben gehe deinen Gang.“ Er trat
-zu ihr, legte ihr den Arm um die Schultern und küßte sie.
-
-„Was meinst du, Olga, soll ich ihm nicht gleich ihre Adresse schreiben?
-Dann könnten sie sich in Berlin schon beriechen und kommen zu uns in
-hellen Flammen an.“
-
-Sie gab ihm einen Klaps auf die Backe. „Du bist ja unverbesserlich.“
-
-Pünktlich am 1. April traf Herr von Sawerski ein. Hans Kolbe hatte sich
-dazu gedrängt, ihn abholen zu dürfen. Er kam sehr unbefriedigt zurück.
-Er war dem Gast sehr höflich entgegengetreten und hatte ihm seinen
-Namen genannt.
-
-„Was sind Sie auf dem Gut?“
-
-„Lehrling, Herr Oberleutnant.“
-
-„So, dann nehmen Sie meine Sachen aus dem Abteil und schaffen Sie meine
-Koffer zum Wagen.“
-
-Er hatte alles aufs beste besorgt, und als er sich auf den Wagen
-schwingen wollte, hatte Herr von Sawerski mit einer kurzen Handbewegung
-gesagt: „Bitte, auf den Gepäckwagen“.
-
-Aus Ärger war er zu Fuß nach Hause gegangen und kochte vor Wut über die
-hochmütige Abweisung. „Dem werde ich es eintränken“, sagte er zu Franz.
-„Der soll was erleben.“
-
-Einige Tage später kam ein Wagen voll Möbel an. Mit einer gewissen
-Schadenfreude fragte der Gutsherr Hans Kolbe, ob er nicht den
-Möbelwagen abholen wolle.
-
-„Ich verzichte, Herr Oberamtmann, ich bin zur Erlernung der
-Landwirtschaft bei Ihnen, aber nicht, um Ihre Gäste von der Bahn
-abzuholen.“
-
-Der Gutsherr schmunzelte. „Ich dachte nur, Sie hätten ein besonderes
-Interesse daran, sich dem Herrn von Sawerski gefällig zu erweisen.“
-Es war ein Rachenputzer, der die Abneigung des Lehrlings gegen den
-Ankömmling noch verschärfte. Sie kam wenige Tage später zum offenen
-Ausdruck, als Herr von Sawerski Kolbe eines Tages auf dem Hof anrief
-und ihm einen Auftrag erteilte. „Sie können nach Plibischken gehen
-und Filzschuhe wichsen, Herr Oberleutnant, das ist eine angenehme
-Beschäftigung“, rief der Jüngling zurück.
-
-Auch Franz kam bald in dieselbe Lage. Herr von Sawerski hatte ihm im
-Befehlston einen Auftrag erteilt. „Bedauere sehr, Herr Oberleutnant.
-Wenn Sie mir eine Bitte aussprechen wollten, wäre ich gern bereit, sie
-zu erfüllen, aber zu befehlen haben Sie mir nichts.“
-
-Ohne Verzug war der Oberleutnant ins Herrenhaus gegangen, um sich
-beim Oberamtmann zu beschweren. Der nickte und setzte ein ernstes
-Gesicht auf. „Das ist allerdings sehr unangenehm, aber für Sie, lieber
-Freund. Sie müssen sich daran gewöhnen, daß die beiden Jünglinge nicht
-unter Ihrem Kommando stehen. Der eine hat das Abiturium gemacht,
-der andere das Einjährige, und beide werden in absehbarer Zeit
-selbständige Gutsbesitzer sein. Es ist mir nicht lieb, daß Sie diese
-Gegensätzlichkeiten hervorgerufen haben. Ich gebe Ihnen den Rat, solche
-Anlässe für die Zukunft zu meiden.“
-
-Viktor von Sawerski war sonst kein übler Mensch. Er war nur in seiner
-Eigenschaft als Kavallerieoffizier dem Leben etwas fremd geworden
-und konnte sich nicht gleich wieder in die bürgerlichen Verhältnisse
-zurückfinden, in die er nach seinem Abschied eingetreten war. Er suchte
-seinen Mißgriff wieder gut zu machen, indem er die beiden Lehrlinge
-zu einem gemütlichen Abend bei sich einlud. Aber damit hatte er kein
-Glück. Beide lehnten schriftlich kurz die Einladung mit der Begründung
-ab, daß sie von der schweren Tagesarbeit zu ermüdet wären, um abends
-noch kneipen oder feiern zu können.
-
-Gegen Ende April kam Fräulein Adelheid Bartenwerffer. Diesmal wurde
-Franz von Frau Oberamtmann gebeten, sie von der Bahn abzuholen. Er
-hatte sich im Laufe der Zeit eine sehr angenehme Stellung im Hause
-errungen. Der Gutsherr hatte ihn schon vor Weihnachten aufgefordert,
-zwangslos abends zu oder nach dem Abendbrot im Herrenhause zu
-erscheinen. Die beiden Buben Max und Hans hatten dicke Freundschaft mit
-ihm geschlossen, und der alte Brummbär, wie seine Frau ihn oft nannte,
-führte lange Gespräche über Landwirtschaft mit ihm. Gern, aber mit
-geringer Freude hatte er der Bitte der Hausfrau willfahrt. War es denn
-ausgeschlossen, daß er von der jungen Dame so ähnlich behandelt werden
-würde wie sein Leidensgefährte von dem Oberleutnant.
-
-Pünktlich fuhr der Zug in die kleine Haltestelle ein. Ein Abteil
-zweiter Klasse öffnete sich, eine hochgewachsene, junge Dame stieg
-heraus. Franz trat auf sie zu, zog seine Mütze und fragte, ob er
-ihr behilflich sein könne. Er sei sie abzuholen gekommen. Mit einem
-warmen Blick umfing Adelheid Bartenwerffer den frischen Jungen, aus
-dessen treuherzigen Augen ihr eine ganz unverhohlene Bewunderung
-entgegenleuchtete. Sie streckte ihm die fein behandschuhte, schmale
-Hand entgegen ....
-
-„Ich danke Ihnen, Herr ...?“
-
-„Franz Rosumek, Lehrling bei Herrn Oberamtmann ...“
-
-„Herr Rosumek .. Ich habe nur meine Handtasche bei mir. Wenn Sie aber
-mein Gepäck besorgen lassen wollen, hier ist der Schein.“
-
-Es waren sieben große Koffer, die auf dem zweiten Wagen kaum Platz
-hatten. Adelheid war schon in den ersten Wagen gestiegen. „Kommen Sie,
-junger Freund,“ rief sie Franz zu, „ich bin nach der langwierigen
-Bahnfahrt etwas ungeduldig, unter Dach zu kommen.“
-
-Behend stieg er auf den Sitz neben ihr. Sein ganzes Wesen befand sich
-bereits in vollem Aufruhr. Er hatte noch nie eine so elegante junge
-Dame in der Nähe gesehen. Ihre Schönheit verwirrte ihn. Und der feine
-Heliotropduft, der von ihr ausging, erregte seine Sinne.
-
-„Es ist doch alles wohl im Hause?“, begann sie, als sich der Wagen in
-Bewegung setzte.
-
-„Jawohl, alles in Ordnung.“
-
-„Sind Sie schon lange in Polommen?“
-
-„Seit dem 1. Oktober vorigen Jahres.“
-
-„Haben Sie noch Kollegen im Betrieb?“
-
-„Jawohl, gnädiges Fräulein, einen Lehrling und einen Volontär, einen
-Oberleutnant von Sawerski.“
-
-„Ist das ein älterer Herr?“
-
-„Nein, etwa dreißig. Er lernt in Polommen die Landwirtschaft, um sich
-später selbst ein Gut zu kaufen.“
-
-„Was ist das für ein Mensch?“
-
-Franz errötete wie ein Schulbube, der eine Frage nicht beantworten
-kann. Endlich stammelte er: „Ich bitte, mir die Antwort zu erlassen,
-gnädiges Fräulein.“
-
-Sie sah ihn mit einem Blick an, bei dem es ihn heiß und kalt
-durchrieselte. „Aber weshalb denn?“
-
-„Mein Urteil würde nicht unparteiisch sein, da ich mit dem Herrn einen
-kleinen Konflikt gehabt habe.“
-
-„So? Auf wessen Seite lag denn die Schuld?“
-
-Franz zuckte die Achseln. „Herr von Sawerski erteilte mir einen Befehl,
-den ich als Bitte ihm gern erfüllt hätte.“
-
-Seine Begleiterin nickte ein paarmal bedächtig. „So, so!“ Dann sprang
-sie von dem Thema ab. „Was ist das für ein Abzeichen, das Sie in der
-Krawatte tragen?“
-
-„Ein Albertus, gnädiges Fräulein. In Ostpreußen als Zeichen des
-bestandenen Abituriums gebräuchlich.“
-
-„Sie haben das Abiturium gemacht und wollen Landwirt werden?“
-
-Franz lachte vergnügt. Seine Befangenheit war von ihm gewichen.
-„Ich habe damit den Wunsch meines Vaters erfüllt, der eine größere
-Bauernwirtschaft besitzt. Das Gut ist schon lange in unserer Familie,
-und da ich nur eine Schwester besitze, bin ich auf den Wunsch meines
-Vaters eingegangen. Meine Mutter wollte gern, daß ich studieren und
-Pastor werden sollte.“
-
-„Und das wollten Sie nicht ... da haben Sie den heiligen vier
-Fakultäten den Rücken gekehrt und sind Stoppelhopser geworden.“ Sie
-blitzte ihn mit ihren grauen Augen an. „Halten Sie das für das kleinere
-Übel?“
-
-„Gnädiges Fräulein, ich habe weder das eine noch das andere für
-ein Übel gehalten. Meine Neigung ging allerdings dahin, entweder
-Naturwissenschaften oder Medizin zu studieren.“
-
-„Und ein berühmter Mann zu werden, anstatt auf väterlicher Scholle Kohl
-zu bauen.“
-
-„Der Ehrgeiz hat mir ferngelegen“, erwiderte Franz treuherzig. „Ich
-hatte nur den Wunsch, möglichst viele Kenntnisse zu sammeln. Aber
-das kann ich ja auch als Landwirt. Mein Vater schickt mich nach der
-Lehrzeit auf die Hochschule. Ich will dann nach Berlin gehen, um auch
-noch andere Vorlesungen zu hören.“
-
-„Nach Berlin“, wiederholte sie mit einem sinnenden Ausdruck. Es schien
-Franz, als ob sie noch etwas sagen wollte, aber sie schwieg. Es kam
-auch kein Gespräch mehr zustande, obwohl Franz sie mehrmals auf die
-schon eingegrünten Felder hinwies. Als der Wagen vor der Rampe vorfuhr,
-sprang Franz schnell heraus, lief um den Wagen herum, und öffnete ihr
-den Schlag. Sie nahm seine Hand und sagte leise mit einem freundlichen
-Blick:
-
-„Ich danke Ihnen, mein kleiner Kavalier.“
-
-Dann schritt sie leicht die Treppe empor und begrüßte durch Kuß und
-Umarmung die Frau des Hauses. „Herzlich willkommen, Heide .... Du
-trägst den Namen mit Recht, denn du siehst wie ein Heideröslein aus.“
-
-Hinter ihr erklang der Baß ihres Mannes mit dröhnendem Lachen. „Ich
-würde den Vergleich mit einer anderen, stolzeren Rosenart passender
-finden. Seien Sie mir gegrüßt, verehrtes Fräulein.“ Der Riese
-beugte sich ritterlich über ihre Hand. „Seien Sie auch mir herzlich
-willkommen. Sie bringen wieder etwas Großstadtluft in unsere ländliche
-Einsamkeit .... Wie war die Reise?“
-
-„Gut, bis auf den Aufenthalt in Allenstein, wo ich den D-Zug verlassen
-und den Personenzug erwarten mußte.“
-
-Dann schloß sich hinter ihnen die Tür. Wie im Traum wanderte Franz
-zum Beamtenhaus. Jedes Wort, das sie zu ihm gesprochen, klang in ihm
-wieder, jeden Blick, den sie ihm geschenkt, fühlte er noch einmal. Den
-feinen Duft, der von ihr ausging, glaubte er noch zu spüren ....
-
-
-
-
-11. Kapitel
-
-
-Vor Tisch stellte Frau Olga ihrer Freundin Herrn von Sawerski vor, der
-sich sehr elegant angezogen hatte. Er war ein hübscher, stattlicher
-Mann, und trug abweichend von der Mode einen gehörigen Wischer mit
-buschigen Enden unter der Nase. Nur seine Augen ließen die Frische
-vermissen, sie sahen immer so gleichgültig, ja blasiert aus und gaben
-dem Gesicht etwas Gelangweiltes. Bei der Vorstellung blitzten sie auf,
-aber der Blick war so ungezogen, daß Adelheid sich ärgerte und in die
-leise Neigung ihres Kopfes eine deutliche Abweisung legte, die ihrer
-Freundin nicht entging.
-
-„Ich muß Ihnen schon irgendwo begegnet sein, gnädiges Fräulein“, begann
-Viktor von Sawerski das Gespräch. „Ich kann mich nur nicht besinnen,
-wo das gewesen sein kann. Aber lange ist es noch nicht her. Vielleicht
-können gnädiges Fräulein mir auf die Spur helfen.“
-
-Adelheid zuckte leicht die Achseln. „Ich kann mich wirklich nicht
-entsinnen.“ Und im nächsten Augenblick wandte sie sich an den
-Hausherrn. „Was haben Sie heute auf dem Felde geschafft, Herr
-Oberamtmann?“
-
-„Eine sehr prosaische Beschäftigung, aber nützlich für den Landwirt.
-Ich ließ Dünger fahren und streuen.“
-
-„Müssen Sie denn das persönlich überwachen?“
-
-„O nein, mein Fräulein, das hat Herr von Sawerski besorgt. Ich habe
-mich nur überzeugt, daß der Dünger richtig gestreut wird.“
-
-Er verzog keine Miene dabei, aber er sah mit Vergnügen, wie sein
-Volontär errötete und sich auf die Unterlippe biß. Adelheid sprudelte
-während des Essens von froher Laune, aber sie ließ Herrn von Sawerski
-so völlig links liegen, daß die Ehegatten es merkten und sich darüber
-durch einen Blick verständigten. Das war der Grund, weshalb Frau Olga
-ihre Freundin in ihr Zimmer begleitete und sie fragte, ob ihr die
-Person des Volontärs durch irgendeinen Anlaß unangenehm wäre.
-
-„Ja, liebe Olga, das ist in der Tat der Fall. Wenn der junge Mann sich
-noch deutlich an unser Zusammentreffen erinnerte, hätte er es wohl
-vorgezogen, darüber zu schweigen.“
-
-„Darf ich es erfahren?“
-
-„Weshalb nicht. Ich saß vor einigen Wochen nach dem Theater mit einem
-befreundeten Ehepaar in einem Restaurant Unter den Linden, als Herr von
-Sawerski mit noch einem Herrn, anscheinend einem Kameraden, aber beide
-in Zivil, das Lokal betrat. Sie waren in Begleitung zweier Damen der
-Halbwelt und ließen sich am Nebentisch nieder. Sawerski musterte mich
-mit frechem Blick und machte dann eine Bemerkung zu seiner Begleiterin,
-worauf sie mich auch musterte.“
-
-„Das war in der Tat eine sehr unangenehme Erinnerung.“
-
-„Ja, Liebste, aber die Strafe folgte auf dem Fuße. Der Kellner nahm
-ihre Bestellung entgegen, brachte jedoch nicht das Verlangte, sondern
-legte den Herren eine gedruckte Karte vor, worin sie zum Verlassen des
-Lokals aufgefordert wurden. Ich befürchtete, eine unangenehme Szene zu
-erleben. Jedoch die Herren benahmen sich, obwohl sie angezecht waren,
-ganz vernünftig, standen auf und gingen weg. Selbstverständlich wünsche
-ich nicht, daß dein Mann Herrn von Sawerski darüber aufklärt, wo und
-unter welchen Umständen er mich schon gesehen hat. Sollte es ihm sein
-Gedächtnis sagen, dann wird er wohl selbst wissen, was er zu tun hat.“
-
-Das war in der Tat der Fall. Viktor von Sawerski hatte sich stundenlang
-mit der Erinnerung gequält, bis es wie ein Blitz in ihm aufschoß. Er
-suchte und fand abends Gelegenheit, Adelheid einen Augenblick allein
-zu sprechen. „Gnädiges Fräulein, ich bin untröstlich, daß Sie an unser
-erstes Zusammentreffen eine solche unangenehme Erinnerung mitgenommen
-haben. Ich habe mich, wie ich annehmen muß, nicht ganz korrekt
-benommen ....“
-
-Mit einem eisigen Blick erwiderte Adelheid: „Ich kann mich wirklich
-nicht besinnen, Herr von Sawerski. Es tut mir leid, wenn die Erinnerung
-für Sie unangenehm ist.“
-
-Damit ließ sie ihn stehen und ging weg. Am nächsten Morgen brachte ihr
-das Mädchen einen Brief von Viktor, worin er sie reumütig um Verzeihung
-bat, wenn er sie, wie ihm sein Gedächtnis sage, durch einen ungezogenen
-Blick beleidigt habe. Er sei in eine lustige Gesellschaft von Kameraden
-geraten. Schließlich seien die beiden Personen an ihm und seinem
-Freunde hängen geblieben.
-
-Lächelnd zeigte Adelheid den Brief ihrer Freundin. „Ich weiß ja, daß
-junge Offiziere nicht das Leben von Wüstenheiligen führen, aber ...“
-
-„Für den Blick bittet er dich ja um Verzeihung. Und ich meine, du
-brauchst dich nicht unversöhnlich zu zeigen. Er ist wirklich kein übler
-Mensch und führt hier auf dem Gut einen exemplarisch musterhaften
-Lebenswandel. Darf ich mal offen sprechen, liebe Adelheid?“
-
-„Ich bitte darum.“
-
-„Nun also: Sawerski besitzt ein ansehnliches Vermögen und wird in Jahr
-und Tag sich ein Gut kaufen. Das allein weist schon auf einen guten
-Untergrund in seinem Charakter hin, daß er nicht das behäbige Leben
-eines Reiteroffiziers fortsetzt, sondern sich einen Beruf gewählt hat,
-der, wie du gestern mittag von meinem Mann gehört hast, nicht mit Rosen
-bestreut ist.“
-
-Adelheid lachte laut auf. „Und was ist deiner Rede kurzer Sinn?“
-
-„Daß es nicht ausgeschlossen ist, daß Sawerski für dich Interesse
-gewinnt. Ganz gleichgültig bist du ihm schon jetzt nicht. Aber wenn
-er etwas praktisch veranlagt ist, muß er Bedenken tragen, sich dir zu
-nähern und, offen herausgesagt, sich um dich ernstlich zu bewerben.“
-
-„Ach, du Gute, denkst du wirklich daran? Und welche Bedenken sollte der
-junge Mann gegen meine Person haben?“
-
-„Nimm es mir nicht übel, liebe Adelheid, -- weil du das Leben einer
-Orchidee führst, die nur blüht, mit ihrer Schönheit prangt und ihre
-Düfte versendet. Es war auch nicht praktisch, daß du bei Tisch von
-deinem alljährlichen Aufenthalt in Baden-Baden, Ostende und ähnlichen
-Orten erzähltest und dabei die Grafen und Barone aufmarschieren
-ließest, mit denen du verkehrt hast. Das hat ihm, wie ich zu bemerken
-glaubte, nicht gefallen.“
-
-Etwas empfindlich erwiderte Adelheid: „Möchtest du mir nicht gleich
-auch das Rezept verschaffen, wie ich dem jungen Mann gefallen könnte?“
-
-Ohne auf ihre Empfindlichkeit zu achten, erwiderte Frau Olga: „Gern ...
-du brauchst nur etwas Interesse für die Pflichten einer Gutsfrau zu
-zeigen. Glaube mir, auch auf einem solchen Gut wie das unsrige es ist,
-muß die Hausfrau auf vielen Stellen nach dem Rechten sehen. Und das
-kann Sawerski mit Recht auch von seiner Gattin verlangen. Und nimm noch
-einen Rat von mir: Kleide dich etwas einfacher. Du kannst hier auf dem
-Lande deine kostbaren Toiletten schonen.“
-
-Adelheid hatte sich in einen Sessel niedergelassen und den Kopf in die
-Hand gestützt. „Mit einem Wort: Ich soll auf Herrn von Sawerski mit
-allen Mitteln Jagd machen!“
-
-„Ach, Adelheid, wozu die scharfen Worte! Nein, du sollst,
-vorausgesetzt, daß er dir nicht gleichgültig oder unsympathisch bleibt,
-ihm die Annäherung etwas erleichtern. Ich denke doch, daß unsere
-Freundschaft eine solche Aussprache erfordert. Es ist wohl das beste
-und auch hohe Zeit, daß du unter die Haube kommst.“
-
-Bitter lächelnd erwiderte Adelheid: „Ich warte ja schon beinahe zehn
-Jahre darauf ... wenn nur einer käme und mich nähme.“
-
-„Dann muß ich dir noch sagen, daß du einen falschen Weg zu deinem Ziel
-eingeschlagen hast. Auf diesem Wege wirst du nie einen ernsthaften
-Bewerber finden. Die Kreise, in denen du bisher verkehrt hast,
-umflattern und umschmeicheln dich, weil du sie durch deine Person und
-dein Wesen reizt. Aber meinst du, daß ein Graf oder ein Baron dich ohne
-Vermögen nehmen wird? Selbst ein Großkaufmann oder ein hoher Beamter
-scheut sich, dich in seine Familie einzuführen, wenn er seine Wahl
-nicht durch ein stattliches Vermögen seiner Braut begründen kann. Du
-mußt schon ein Stufchen heruntersteigen und dich nach einem Landwirt
-umsehen ....“
-
-Als die Freundin beharrlich schwieg, fuhr Frau Olga eindringlich
-fort: „Nun, sag mir mal offen, wie lange bist du noch imstande, dein
-bisheriges Leben fortzuführen?“
-
-„Es langt noch für zwei Jahre ...“
-
-„Und dann?“
-
-„Dann nehme ich eine Stelle als Gesellschafterin bei einer alten Dame
-an oder werde Hausdame bei einem älteren Herrn.“ Nachdenklich fügte
-sie nach einer Weile hinzu: „Vielleicht täte ich gut daran, mich jetzt
-schon nach einer solchen Stelle für den nächsten Winter umzusehen.“
-
-„Hältst du eine solche Stelle für beneidenswert?“
-
-„Nein, liebste Olga, durchaus nicht.“ Sie lachte laut auf. „Also denn
-auf zur Jagd! Zum Kaffee erscheine ich schon als züchtige Jungfrau im
-schlichten Kleid .... Vielleicht kannst du mir mit einem passenden
-Tändelschürzchen aushelfen?“
-
-Als die Freundin sie verlassen hatte, warf sich Adelheid wieder in den
-Sessel und schlug die Hände vors Gesicht. Unaufhaltsam kamen ihr die
-Tränen. Sie fühlte sich in diesem Augenblick todunglücklich. Ihr ganzes
-Leben widerte sie an. Erinnerungen zogen an ihrem Geist vorbei. Wie
-aufreibend war dieser ewige Kampf mit der Männerwelt, die sie lüstern
-umkreiste. Und manche Erinnerung brannte in ihr und sie konnte sie
-nicht verjagen. Wie ein Freiwild war sie sich manchmal vorgekommen, auf
-das man ungestraft Jagd machen konnte. Ja, flirten wollten die Männer
-alle mit ihr. Mehrere Male war auch ihr Herz nicht unberührt geblieben,
-und jedesmal kam danach die große Enttäuschung. Einmal war sie mit
-einer peinlichen Demütigung verbunden gewesen. Sie stöhnte laut auf.
-Heiß stieg es in ihre Wangen, als ihr der Gedanke kam, daß sie noch
-einmal die Jagd auf einen Mann beginnen sollte.
-
-Sie stand auf und kühlte ihre Augen in kaltem Wasser. Dann nahm
-sie Sawerskis Brief zur Hand und überlas mehrere Male seine Worte,
-um zu prüfen, ob sich mehr darin entdecken ließ, als mit der neuen
-Hausgenossin in ein erträgliches Umgangsverhältnis zu gelangen.
-Mißmutig warf sie ihn hin. Plötzlich nahm sie ihn wieder auf und
-zerriß ihn mit einem schnellen Griff, und während sie halblaut vor sich
-hinsummte: „Auf in den Kampf, Torero!“, begann sie, ihre Garderobe zu
-mustern. Endlich fand sie ein ganz einfaches Kleid und ein kokettes
-Schürzchen dazu.
-
-Frau Olga schmunzelte, als Adelheid in diesem Anzug vor ihr erschien.
-„Nun werde ich dich in die Zubereitung von Kaffee und Tee einweihen.“
-
-„Oho, Frau Oberamtmann, über diese Anfangsgründe bin ich schon hinaus.
-Wenn du mir also deinen Wirkungskreis übergeben willst.“
-
-Während sie sich an dem Kessel zu schaffen machte und die Getränke
-aufbrühte, trat der Hausherr ein. Schon von der Schwelle her rief er:
-„So gefallen Sie mir, mein Fräulein.“
-
-„Ich kann doch nicht immer als große Dame hier paradieren, besonders
-nicht, wenn ich mich der Hauswirtschaft widmen will“, gab Adelheid
-lachend zur Antwort.
-
-Herr von Sawerski war hinter dem Hausherrn eingetreten. Er ging ein
-paar Schritt auf Adelheid zu und machte ihr eine tiefe Verbeugung. Sie
-streckte ihm mit freundlich unbefangener Miene die Hand hin, deren
-Druck ihm eine deutliche Antwort gab, die ihn von seinen Zweifeln und
-Befürchtungen befreite.
-
-„Gnädiges Fräulein wollen sich wirklich der Hauswirtschaft annehmen?“
-
-„Dazu bin ich ja hierher aufs Land gekommen“, erwiderte Adelheid mit
-ernster Miene.
-
-„Frau,“ rief der Hausherr laut lachend, „unser Personal mehrt sich.
-Was meinst du, wenn wir auf das Beamtenhaus noch eine Apanage aufbauen
-ließen, wie Onkel Bräsig sagen würde, und uns mit der Aufzucht von
-männlichen und weiblichen Wirtschaftern befaßten?“ Er lachte nochmals
-dröhnend auf. „Gnädiges Fräulein müssen aber schon vorläufig im
-Herrenhause vorlieb nehmen, denn im Beamtenhaus ist augenblicklich kein
-Zimmer frei.“
-
-„Aber Konrad!“ mahnte die Hausfrau. Er sah sie mit der unschuldigsten
-Miene an. „Habe ich in meiner Freude einen Bock geschossen? Ich glaube,
-deine Freundin will allen Ernstes bei dir in die Schule gehen, um dich
-später völlig zu entlasten.“
-
-„Das will ich auch“, erwiderte Adelheid fest. „Und ich bitte Ihre
-Gattin, meine verehrte Freundin, allen Ernstes, mich durchaus als
-Lehrling anzusehen und zu behandeln.“
-
-„Na, dann wollen wir mal gleich ein Programm Ihrer Betätigung
-entwerfen. Heute Abend noch ein leichtes Geplänkel in der Küche
-mit Bratkartoffeln und Setzei. Aber morgen ... da geht’s los. Zum
-Melken brauchen Sie nicht zu gehen, das beaufsichtigt Franz. Aber die
-Behandlung der Milch muß man als perfekte Hausfrau unbedingt verstehen.
-Also um 6 Uhr in der Meierei. Natürlich in Begleitung meiner Frau.“
-
-Gut gelaunt spann er den Faden immer weiter .... Adelheid kam es
-allmählich zum Bewußtsein, daß aus dem Spiel bitterer Ernst wurde.
-Aber sie war entschlossen, die neue Rolle, die ihr fast ohne ihr
-Zutun zugefallen war, mit Festigkeit durchzuführen. Vielleicht war es
-der richtige Weg, der sie in die Ehe hineinführte. Manchmal streifte
-ihr Blick forschend Herrn von Sawerski, der sich mit Eifer an der
-Ausarbeitung des Programms beteiligte, und es schien ihr, als wenn er
-daran Gefallen fand, daß sie mit Ernst und Eifer sich in die Rolle
-hineinlebte.
-
-Am anderen Morgen erstaunte Franz nicht wenig, als er beim Abliefern
-der Milch in der Meierei neben der Frau des Hauses das Fräulein
-vorfand. Sie hatte ihr Kleid geschürzt und trug derbe Schuhe und ließ
-sich mit Eifer zeigen, wie der Fettgehalt der Milch festgestellt
-wurde. Er war so verwirrt, daß er sich bei Angabe der Literzahl irrte.
-Adelheid reichte ihm freundlich lächelnd die Hand. „Ich bin Ihre
-Kollegin geworden, Herr Rosumek. Ja, wirklich, sehen Sie mich nicht so
-erstaunt an. Ich erlerne die Hauswirtschaft. Der Anfang ist ja etwas
-feucht, aber ich denke, es wird auch anders kommen.“
-
-Als Franz ins Freie trat, fühlte er sein Herz heftig klopfen. Das Blut
-hämmerte ihm in den Schläfen und in den Adern am Halse ....
-
-
-
-
-12. Kapitel
-
-
-Die Entwicklung, die bei Adelheid eingesetzt hatte, wurde durch Frau
-Olga klugerweise gefördert. Sie zügelte den Eifer, den sie zunächst,
-bis zum Beweise des Gegenteils, für ein Strohfeuer hielt, und
-beschäftigte sie nur soweit in der Wirtschaft, daß die Lernbegierige
-noch reichlich Zeit fand, sich ans Klavier zu setzen, zu spielen und zu
-singen. Auch ihrem „Brummbär“ hatte sie es beigebracht, daß er nicht
-durch gutmütigen Spott und Neckereien Adelheids Vorsätze zum Wanken
-brächte.
-
-Man war in der Saatzeit. Viktor hatte sich ein Reitpferd angeschafft.
-Er erschien nur zu Mittag im Herrenhause und ließ sich abends einen
-kalten Imbiß in sein Zimmer bringen. Denn wenn er mit Dunkelwerden vom
-Felde kam, hatte er keine Lust mehr, sich umzuziehen. Er benahm sich
-ritterlich höflich gegen Adelheid, aber aus seinem Benehmen ließ sich
-kein Schluß ziehen, ob er sich für sie interessierte.
-
-Zwischen den beiden Damen wurde darüber nicht gesprochen, ja, Adelheid
-verschwieg ihrer Freundin, daß sie fast täglich ein Sträußchen in ihrem
-Zimmer fand, das nur durch das offene Fenster hineingeworfen sein
-konnte. Es war aus Feld- und Waldblumen, wie sie der Frühling bringt,
-zierlichen Gräsern und frischem Grün geschmackvoll zusammengesetzt.
-Als sie das erste Sträußchen fand, klopfte ihr Herz einen Augenblick
-schneller, denn ihr Wunsch ließ sie auf Viktor als Spender raten.
-Um sich Gewißheit zu verschaffen und dem gütigen Spender ein
-Entgegenkommen zu erweisen, steckte sie es zu Mittag an ihren Busen.
-Aber Viktor verriet durch seine kühl-höfliche Frage, ob sie an den
-unscheinbaren, duftlosen Blümchen Gefallen finde, daß er nie daran
-gedacht hatte und hätte, sie durch eine solche kleine, aber sinnige
-Huldigung zu überraschen und zu erfreuen.
-
-Am nächsten Sonntag, als die beiden Lehrlinge bei Tisch erschienen,
-steckte sie wieder solch ein Sträußchen an und entdeckte, was sie
-schon vermutete, daß Franz der heimliche Verehrer war, der seinen
-Gefühlen auf diese Weise Ausdruck gab. Er wurde rot und verlegen.
-Ihr Wohlgefallen an dem frischen Jüngling verleitete sie dazu, ihn
-mehrmals ins Gespräch zu ziehen. Er wurde dadurch noch verlegener, denn
-sein Herz stand in lichten Flammen.
-
-Die Neigung zu dem schönen, reifen Mädchen, das ihm wie ein höheres
-Wesen vorkam, war gleich bei der ersten Begegnung aufgeflammt. Und in
-den letzten Wochen war sie zu einer Leidenschaft angewachsen, die sein
-ganzes Denken und Fühlen erfüllte. Wegen seiner Zuverlässigkeit hatte
-ihm der Oberamtmann den Hofdienst anvertraut, wozu auch die Verwaltung
-des Speichers gehörte, wo er den Kämmerern das Saatgut zumessen mußte.
-Und seitdem Adelheid sich in der Wirtschaft betätigte, traf er mehrmals
-am Tage mit ihr zusammen. Es ergab sich von selbst, daß er sie ab und
-zu auf einem Gang begleitete. Einmal hatte er ihr dabei einen kleinen
-Dienst erwiesen. Adelheid wollte ein noch sehr junges Kälbchen tränken.
-Aber das dumme Tierchen stieß wohl mit dem rosig gefärbten Mäulchen in
-den Milcheimer, trank aber nicht. Da verriet ihr Franz lachend, sie
-müsse dem Kälbchen einen Finger in das Mäulchen stecken. Sie tat es und
-erreichte dadurch ihr Ziel.
-
-Ihr feines Gefühl hatte ihr schon bald verraten, daß Franz sie
-verehrte. Denn bei jeder Begegnung strahlte sein frisches Gesicht vor
-Freude. Und unter vier Augen überwand er schnell seine Befangenheit und
-plauderte mit ihr offen und vertrauensvoll. Als er jedoch am Sonntag
-Mittag das Sträußchen an ihrem Busen gewahrte, vermochte er sich kaum
-zu beherrschen, um nicht ganz verkehrte Antworten zu geben. Als die
-beiden Lehrlinge nach dem Essen ins Beamtenhaus zurückgingen, um den
-freien Nachmittag zu einem Schläfchen zu benutzen, stieß Kolbe seinen
-Leidensgefährten an und sagte hämisch:
-
-„Bilden Sie sich nur nichts darauf ein, Sie Musterknabe, daß die
-Walküre“ -- den Namen hatte er Adelheid gegeben -- „heute so gnädig zu
-Ihnen gewesen ist.“
-
-„Das habe ich gar nicht empfunden.“
-
-„Das ist auch das Beste, was Sie tun können, wenn Sie der Walküre nicht
-den Hof machen. Sie sollen ihr ja auch nur als Anhetzer für den Herrn
-Volontär dienen, den sie einfangen und zu einem folgsamen Ehemann
-zähmen will.“
-
-„Ach, Kolbe, wie können Sie bloß so gehässig von der jungen Dame
-sprechen“, erwiderte Franz unmutig.
-
-„Das ist gar nicht gehässig, sondern das sind Tatsachen, die der
-Blinde mit dem Stock fühlen muß. Ich weiß auch noch mehr. Ich habe Sie
-heute früh gesehen, als Sie der Walküre das Sträußchen ins Fenster
-warfen. Daß sie es zu Mittag angesteckt hatte, hat Ihnen den Kopf ganz
-verdreht. Aber bilden Sie sich nur nichts darauf ein. Oder glauben
-Sie, daß die Walküre, die nach meiner Ansicht beinahe schon aus dem
-Schneider ist, auf Sie warten wird, um Bauersfrau auf einer Klitsche
-von dreihundert Morgen zu werden?“
-
-Franz wandte sich achselzuckend ab, aber das Gespräch hatte doch eine
-tiefgehende Wirkung auf ihn. Er wurde sich darüber klar, daß seine
-ganze Seele und all sein Sinnen im Banne der schönen Frau lagen. Daß
-diese Leidenschaft völlig hoffnungslos war, mußte er sich selbst sagen.
-Sein Selbstbewußtsein hielt aber vor dieser Erkenntnis nicht stand. Er
-brach haltlos auf dem Sofa zusammen und weinte wie ein kleiner Junge.
-
-Als er gegen Abend ins Herrenhaus ging, wo die beiden Knaben ihn schon
-mit Sehnsucht erwarteten, hatte er sich mit kühler Überlegung zu dem
-Entschluß durchgerungen, seine törichte Leidenschaft mit Energie zu
-bekämpfen. Er stahl sich sofort ins Kinderzimmer und kam erst mit den
-Knaben zu Tisch. Er saß ruhig am Tisch und hörte still zu, wie Adelheid
-und Viktor ein angeregtes Gespräch über Musik führten, wovon er nicht
-das Geringste verstand, denn er war ganz unmusikalisch und hatte so
-wenig Gehör, daß er nicht das kleinste Lied singen konnte. Gleich nach
-dem Essen verabschiedete er sich durch eine stumme Verbeugung ....
-
-Die Beendigung der Saatzeit wurde nach einer alten Gewohnheit von dem
-Gutsherrn durch ein festliches Mahl gefeiert, zu dem nicht nur der
-Oberinspektor mit seiner Gattin, sondern auch die beiden Kämmerer mit
-ihren Frauen geladen wurden. Auch für die Gutsleute wurde ein kleines
-Fest veranstaltet, das in der Hauptsache in einem Tanz, der in dem
-untersten großen Speicherraum abgehalten wurde, bestand. Einige Zeit
-vorher erhielt Franz von dem Oberamtmann den Auftrag, einen Bock für
-das Fest zu schießen ....
-
-„An der Regler-Grenze steht ein strammer Bock mit einem
-Pfropfenziehergehörn, den möchte ich abschießen“, schlug Franz vor.
-
-„Tun Sie das, mein junger Freund, ich bin einverstanden.“
-
-Am nächsten Abend ging Franz hinaus. Er wußte ziemlich genau, wo der
-Bock aus dem Walde aufs Feld austrat .... Noch bei gutem Büchsenlicht
-erschien der Bock und wurde von Franz mit einem sicheren Kugelschuß auf
-die Decke gelegt. Er ging langsam zu ihm hin, zog seinen Nickfänger
-und beugte sich über ihn, um ihn zu lüften. Da hörte er jemand mit
-hastigen Schritten durch das dichte Unterholz brechen. Im näselnden Ton
-kommandierte eine scharfe Stimme: „Halt! Gewehr weg!“
-
-Ganz verdutzt sah Franz auf. Herr von Sawerski stand mit schußfertigem
-Gewehr vor ihm. „Wie kommen Sie dazu, den Bock zu schießen?“
-
-Die aufgeregte Art und die Frage kamen Franz so komisch vor, daß er
-laut lachte. „Sie glauben doch nicht, daß ich wildern gehe?“
-
-„Ich habe allein die Erlaubnis zum Pirschen.“
-
-„Diesmal hat Herr Oberamtmann selbst mir den Auftrag gegeben, gerade
-diesen Bock zu schießen.“
-
-Ohne sich weiter an Viktor zu kehren, lüftete er den Bock, verstaute
-ihn in seinem geräumigen Rucksack, warf ihn auf den Rücken und ging
-davon. Er lieferte das Wild in der Küche ab und meldete dem Gutsherrn,
-daß er den Bock geschossen hätte. Von der Begegnung mit Viktor sagte
-er nichts. Aber sie ärgerte ihn noch nachträglich und stimmte ihn
-nachdenklich. Was hatte der Mann gegen ihn? Weshalb trat er ihm so
-schroff entgegen? War er etwa auf ihn eifersüchtig? Dazu hatte er
-doch nicht die geringste Ursache. Dieser Gedanke jedoch bestärkte
-ihn in seinem Entschluß, seine Neigung so tief und fest in sich zu
-verschließen, daß niemand sie merken sollte.
-
-Das Werfen der Sträußchen hatte er schon am nächsten Tage eingestellt,
-und er hatte sich wirklich soweit in der Gewalt, daß er Adelheid artig,
-aber ohne ein Zeichen von Erregung gegenübertreten konnte. An dem
-Abend des Saatfestes war die Gutsherrschaft nach dem Abendbrot auf den
-Speicher gegangen, um dem Tanz zuzuschauen. Frau Olga hatte die jungen
-Leute aufgefordert, fleißig zu tanzen. Sie hatte dabei mit den Augen
-nach Adelheid gewinkt. Der Wunsch der Gutsherrin wurde natürlich eifrig
-befolgt. Erst tanzte Viktor, dann Kolbe mit Adelheid.
-
-Jetzt kam auch Franz, wenn er nicht unhöflich erscheinen wollte, an
-die Reihe. Er gab sich innerlich einen Ruck und verbeugte sich vor
-Adelheid. Seine Pulse hämmerten. Als sie sich in seinen Arm schmiegte,
-drohte ihn die Beherrschung zu verlassen, so daß er nicht gleich in
-den richtigen Takt kam. Aber dann riß er sich zusammen und tanzte. Der
-feine Duft, der von ihr ausging, berauschte ihn. Und leicht und weich
-wie eine Feder lag sie in seinem Arm. Es war ihm, als wenn er nicht mit
-den Füßen auf der Erde sprang, sondern mit ihr durch die Luft empor und
-davon flog.
-
-Er erwachte erst aus seinem Rausch, als sie leise sagte: „Ich danke.“
-Und mit einem strahlenden Blick fügte sie hinzu: „Sie tanzen gut.“
-
-Als er auf seinen Platz zurückkehrte, flüsterte ihm Kolbe zu: „Mensch,
-sechsmal haben Sie mit ihr rumgewalzt. Mit uns beiden hat sie nur drei
-Runden gemacht.“
-
-„Ich habe die Runden nicht gezählt“, erwiderte Franz. „Ich glaube, man
-darf mit einer Dame solange tanzen, bis sie dankt.“
-
-„Nun werden Sie sich wohl wieder etwas darauf einbilden, daß sie bei
-mir schon nach drei Runden gedankt hat.“
-
-Beim nächsten Tanz verkündete der Kämmerer, der in der Mitte als Ordner
-stand, mit mächtiger Stimme: „Damenwahl!“. Mit etwas Unbehagen sah
-Frau Olga, wie das hübsche, junge Stubenmädchen auf Viktor zueilte
-und ihn durch einen Knix zum Tanz aufforderte. Auch Hans Kolbe wurde
-sofort von einem Scharwerksmädchen geholt. Da stand Adelheid auf und
-bat Franz durch eine Neigung des Kopfes. Er trat schnell an sie heran
-und legte den Arm um sie. Von diesem Augenblick an wußte er nicht mehr,
-was um ihn her vorging. Er sah und fühlte nur die schöne Frau, die ihn
-geschickt mit leisem Druck durch das Gewühl der Tanzenden führte.
-
-Als Adelheid auf ihren Platz zurückkehrte, beugte sich Frau Olga zu ihr
-und flüsterte ihr zu: „Du, verdreh’ dem Jungen nicht den Kopf.“
-
-Lachend gab sie zur Antwort: „Hältst du das für möglich? Ich glaube, er
-ist viel zu vernünftig dazu.“
-
-Auch Viktor hatte es mit Mißbehagen beobachtet, daß Franz bei der
-Damenwahl von Adelheid aufgefordert worden war. Er tröstete sich jedoch
-in Gedanken damit, daß er nicht frei gewesen war, weil die kleine
-hübsche Kröte von Stubenmädchen ihn so fix geholt hatte. Als jedoch
-Adelheid keine Miene machte, ihn zu holen, obwohl der Tanz noch
-ziemlich lange dauerte, beschlich ihn ein Gefühl, das nicht sehr weit
-von Eifersucht entfernt war. Er nahm sich vor, bei den nächsten Tänzen
-Adelheid eifrig zu umwerben und ihr ganz offen die Cour zu schneiden.
-Doch dazu kam es nicht. Denn bald darauf brach die Gutsherrin auf und
-nahm ihre Freundin mit sich.
-
-Da blieb er in einem Gefühl von Trotz auf dem Fest und tanzte noch so
-oft mit der „kleinen Kröte von Stubenmädel“, daß es den Neid aller
-anderen erregte. Der Oberamtmann, der mit den Herren noch sitzen blieb,
-bemerkte es auch und erzählte es noch in der Nacht lachend seiner
-Gattin.
-
-Franz war nach dem Tanz ins Freie gegangen. Das Stimmengewirr, der
-Dunst von Staub und Tabaksrauch, der wie eine Wolke über den Köpfen
-der Tanzenden hing, waren ihm unerträglich. Es war eine dunkle, weiche
-Frühlingsnacht ohne Licht von Mond oder Sternen, denn der Himmel war
-mit schwarzen Wolken verhangen. Aber die Natur schwieg oder schlief
-nicht. Sie lebte und sprach mit tausend Stimmen. In den Teichen im
-Park, in den Gräben, die jetzt noch voll Wasser standen, quarrten
-die Frösche. In den Fliederbüschen, deren Knospen vor dem Aufbrechen
-standen, sang ein Sprosser. Nicht so weich und flötend wie die
-Nachtigall des Südens, aber für ein liebendes Herz enthält auch die
-Stimme des Sprossers genug Liebessehnsucht ....
-
-Es war so still, daß Franz sein Blut in den Adern hämmern hörte. Er
-vernahm auch das Kichern der Liebespärchen, die sich aus dem Saal
-gestohlen hatten. Dann wieder tiefe Stille, nur manchmal unterbrochen
-durch schmelzende, schmatzende Laute. Da wurden heiße Küsse getauscht,
-mit Glut gegeben und mit Inbrunst empfangen. Auch sein Blut regte sich.
-Seine Gedanken irrten wild umher. Aber ach, das Ziel seiner Sehnsucht
-stand so hoch und unerreichbar über ihm. Unwillkürlich kam ihm Goethes
-Gedicht: „Trost in Tränen“ in den Sinn, und er sprach vor sich hin:
-
- „Ach nein, erwerben kann ich’s nicht,
- Es steht mir gar zu fern,
- Es weilt so hoch, es blinkt so schön,
- Wie droben jener Stern.“
-
-„Die Sterne, die begehrt man nicht“, sprach er leise vor sich hin ....
-
-
-
-
-13. Kapitel
-
-
-Am nächsten Sonnabend erbat sich Franz Urlaub, um auf einen Tag nach
-Hause zu fahren. Er hatte nach schwerem Kampf den Entschluß gefaßt,
-die törichte Leidenschaft aus seinem Herzen zu reißen. Um sich darin
-zu bestärken, wollte er ein Zusammentreffen mit Adelheid vermeiden. Es
-schwebte ihm auch dunkel das Bedürfnis vor, seinem alten Freund sein
-Herz auszuschütten. Seit Weihnachten war er nicht zu Hause gewesen.
-Damals hatte er mit der fröhlichen Unbekümmertheit der Jugend mit den
-Eltern und der Schwester, die aus Königsberg nach Hause gekommen war,
-köstliche Tage verlebt. Auch Lotte war mit ihrer Mutter zum heiligen
-Abend und den Festtagen eingeladen, und er hatte das zur Jungfrau
-heranblühende Kind mit großem Wohlgefallen betrachtet und sich an ihrer
-sonnigen Heiterkeit erfreut.
-
-Jetzt war ihm das Herz schwer, als er den Einspänner bestieg und den
-alten, schwerfälligen Gaul in Bewegung setzte. Welchen glaubwürdigen
-Grund sollte und konnte er vorbringen, um seinen Besuch zu erklären?
-Aber würde es nicht genügen, wenn er sagte, daß er für einen Tag
-ausspannen und die Eltern wiedersehen wollte? Er trat mit einem
-Scherzwort bei den Eltern ein, die sich gerade zum Abendbrot hingesetzt
-hatten, und gab unaufgefordert die Erklärung ab. Die Eltern begrüßten
-ihn herzlich, aber er entnahm aus ihren forschenden Blicken, daß sie
-nach einer anderen Erklärung für sein unvermutetes Erscheinen suchten.
-Der Vater dachte nichts anderes, als daß ihm sein Beruf nicht zusage
-und er sich die Zustimmung erbitten wolle, ihn aufzugeben. Aus seinem
-Gesicht schwand die Freude über den Besuch des Sohnes.
-
-Auch die Mutter hatte denselben Gedanken und sich mit dem Vater durch
-einen Blick verständigt. Aber auch ihr bereitete der Gedanke keine
-Freude, denn es war nicht anzunehmen, daß er beim Wechsel des Berufes
-ihren Wunsch erfüllen wollte .... So verlief der Abend ohne rechte
-Freude für alle Teile. Am nächsten Morgen ging Franz in den Widem, um
-Onkel Uwis zu begrüßen und dann mit den Eltern in die Kirche. Er setzte
-sich nach alter Gewohnheit in den Pfarrstuhl. Bald erschien auch Lotte,
-setzte sich neben ihn und hielt ihm ihr Gesangbuch hin. Und als sie
-ihm beim Singen mehrmals so treuherzig in die Augen blickte, stieg
-in ihm ein Gefühl hoch, das ihn seine Leidenschaft für Adelheid als
-Unrecht, ja, als Sünde, empfinden ließ. Gleich nach dem Mittag ging er
-zu Onkel Uwis. Er war entschlossen, ihm nichts zu beichten, sondern aus
-eigener Kraft seine Leidenschaft zu bekämpfen und zu besiegen. Aber als
-sie im Garten, der im herrlichsten Blütenschmuck prangte, auf und ab
-wanderten, sah der alte Herr ihn mit tiefem Ernst an, doch voll milder
-Freundlichkeit, und fragte wie selbstverständlich: „Nun beicht’ mir
-mal. Wo drückt dich der Schuh?“
-
-Franz wurde rot, das Blut stieg ihm zu Kopf und verschlug ihm die
-Sprache. Das war der Pfarrer an seinem jungen Freund nicht gewohnt. Er
-blieb stehen und legte ihm den Arm um die Schultern. „Du mußt etwas
-sehr Schweres auf dem Herzen haben, daß du dich nicht getraust, es
-mir zu beichten. Du weißt doch, daß ich dein Freund bin, dein bester
-Freund.“
-
-In heftiger Bewegung ergriff Franz seine Hand und küßte sie. „Ja,
-Onkel, deshalb bin ich ja zu dir gekommen. Es fällt mir nur so schwer,
-es auszusprechen.“
-
-„Das scheint mir ja beinahe auf ein schweres Liebesabenteuer zu deuten.“
-
-Das war das erlösende Wort. „Ja, Onkel, es ist allerdings kein
-Abenteuer für mich, aber schwer, sehr schwer. Ich werde von einer
-heftigen Leidenschaft gepeinigt, die ganz hoffnungslos ist.“
-
-„Weshalb denn hoffnungslos? Steht das Mädel so tief unter dir, oder
-...“ Er machte eine Pause. „... ist es gar eine Frau?“
-
-„Nein, Onkel, es ist ein Mädchen, aber acht oder neun Jahre älter als
-ich ... eine Freundin der Frau Oberamtmann. Sie steht turmhoch über
-mir. Meine Leidenschaft ist ein Wahnsinn, das weiß ich, das sage ich
-mir selbst täglich hundertmal. Aber meine ganze Seele ist in Aufruhr
-und ich bin glücklich, wenn ich sie sehen und ein paar Worte mit ihr
-sprechen kann. Und nachts kann ich vor Verzweiflung und Sehnsucht nicht
-schlafen. Nur einmal möchte ich sie in meinen Armen halten, nur einmal
-ihren Mund küssen, dann wollte ich gern sterben.“
-
-Der alte Herr erschrak vor diesem Ausbruch einer hemmungslosen
-Leidenschaft. Doch er ließ es sich nicht merken. Ganz ruhig fragte er:
-„Ist die junge Dame schon verlobt?“
-
-„Nein, ich glaube aber, man will sie mit unserem Volontär, einem
-Oberleutnant von Sawerski, zusammenbringen.“
-
-„Liebt sie ihn?“
-
-„Ich glaube nein.“
-
-„So? Na, weshalb hältst du deine Liebe für hoffnungslos?“
-
-Ganz verblüfft sah Franz ihn an. „Aber Onkel, willst du mit mir
-scherzen?“
-
-„Das fällt mir gar nicht ein. Ich frage allen Ernstes, weshalb du
-denn nicht ehrlich um ihre Liebe werben willst? Schreckt dich der
-Unterschied der Jahre? Der gleicht sich mit der Zeit aus. Vielleicht
-ist deine Jugend in ihren Augen kein Hindernis.“
-
-„Onkel, meinst du das wirklich? Aber nein, es geht nicht. Ich werde
-erst in zwei Jahren mündig. Und was kann ich ihr bieten? Einen
-Bauernhof.“
-
-Das Gesicht des alten Herrn hatte sich wieder aufgehellt. Er zwinkerte
-mit den Augen. „Na, unter Umständen könnte sie auch Gutsherrin werden.
-Dein Vater, mein Junge, steht gut in der Wehr. Er wäre imstande,
-dir ein anständiges Gut zu kaufen oder dir das Geld zu einer großen
-Pachtung zu geben. Meine paar Kröten bekämst du auch mal nach unserem
-Tode.“
-
-„Ach Onkel, wie soll ich dir für all deine Liebe und Güte danken!
-Du gibst mir wieder neuen Lebensmut. Aber nein ... sie wird mich
-auslachen. Sie lebt in der großen Welt, verkehrt wie eine Prinzessin
-mit Fürsten und Grafen und soll mich unreifen Bauernjungen wählen?
-Nein, Onkel, das ist undenkbar. Ich glaube, sie wird auch den Herrn von
-Sawerski nicht nehmen. Nein, Onkel, es ist ja sehr freundlich von dir,
-daß du mich nicht wie einen dummen Jungen auslachst, sondern mir sogar
-Mut machst, aber die Hoffnung wollen wir doch fahren lassen. Nein,
-Onkel, du mußt mir raten, wie ich diese Leidenschaft überwinde. Sonst
-werde ich wahnsinnig oder tue mir ein Leid an.“
-
-Diesmal erschrak der Pfarrer noch stärker vor dem Ausbruch dieser
-Gefühle. „Ist sie denn so schön?“
-
-„Schön,“ rief Franz überschwenglich, „das ist gar kein Ausdruck für
-sie.“ Und nun begann er zu schwärmen und schwelgte förmlich in den
-höchsten Tönen der Bewunderung, die ihm sein Gefühl eingab. Und
-zum Schluß warf er sich dem alten Freund an die Brust und begann
-fassungslos zu schluchzen. Sanft führte ihn der alte Herr zur
-Gartenbank und setzte sich neben ihn.
-
-„Du hast mir vorhin erzählt, daß die junge Dame in der großen Welt lebt
-und sich in den höchsten Kreisen bewegt. Da wundert es mich doch, daß
-sich bis jetzt kein Mann gefunden hat für sie, wenn sie so wunderbar
-schön ist.“
-
-„Sie ist nicht adlig und für die vornehmen Herren auch wohl nicht reich
-genug.“
-
-„Ach, mein Junge, das übersieht man bei einer tiefen Neigung. Du
-würdest doch auch nicht danach fragen?“
-
-„Nein, bei Gott, Onkel, danach frage ich nicht.“
-
-„Hat die junge Dame Angehörige, Vater, Mutter?“
-
-„Nein, Onkel, soviel ich gehört habe, steht sie ganz allein in der
-Welt.“
-
-„Siehst du, ~mi fili~, da sitzt der Haken! Eine junge Dame, die so
-allein in der Welt herumreist, ohne den Rückhalt, den ihr die Familie
-gibt, wird nicht für voll angesehen. Und ich glaube, mich nicht zu
-irren, daß sie einzig und allein zu dem Zweck nach Polommen gekommen
-ist, den Herrn Oberleutnant dingfest zu machen.“
-
-Franz sprang auf. „Onkel, du beleidigst die junge Dame. Sie ist die
-Freundin meiner gnädigen Frau.“
-
-„Das bestärkt mich in meiner Annahme. Die Frau Oberamtmann will die
-Freundin unter die Haube bringen. Ich nehme es als sicher an, daß deine
-Angebetete nach Jahr und Tag Frau von Sawerski ist. Dann wirst du auch
-von deiner Leidenschaft geheilt sein.“
-
-„Nie, nie!“, rief Franz in höchster Erregung. „Sobald sie sich mit ihm
-verlobt, erschieße ich sie und mich.“
-
-Der Pastor zog ihn auf den Sitz nieder. „Dunner Lüchting ... min Jung
-.... Da bliw du man so bi. Du bist ja en groten Schafskopp.“
-
-Franz war zusammengefahren, als der Onkel platt zu sprechen anfing,
-aufstand und nach der Pfeife langte, die für alle Fälle gestopft in
-der Gartenlaube stand. Er setzte sie umständlich in Brand und ging,
-mächtige Rauchwolken ausstoßend, eine Weile schweigend vor der Laube
-auf und ab. Dann blieb er vor Franz stehen.
-
-„Es wird wohl das beste sein, wenn dein Vater dich heute hier behält
-und dich in den nächsten Tagen in eine Heilanstalt bringt, wo du mit
-reichlich viel kaltem Wasser behandelt wirst.“
-
-Ganz zaghaft fragte Franz: „Onkel, ist das dein Ernst?“
-
-„Mein völliger, völliger Ernst. Du bist wirklich imstande, in deiner
-Verblendung Unheil anzurichten. Dem muß vorgebeugt werden, wenn du
-nicht Vernunft annimmst. Ich schäme mich bis in den tiefsten Grund
-meiner Seele, daß ich dein Lehrer und Erzieher gewesen bin. Willst du
-deine Eltern und mich aus Gram vorzeitig in die Grube bringen?“
-
-„Onkel, du weißt nicht, was Liebe ist.“
-
-„So? Globst du dat, min Jung? Na, dann huck di man wedder hin, ich war’
-di wat vertellen.“
-
-Er ging, mächtig dampfend, eine Weile schweigend auf und ab. Dann
-begann er: „Ich war schon mehrere Jahre älter als du, als ich nach
-dem ersten Examen als Hauslehrer auf das Gut ... na, der Name tut
-nichts zur Sache ... kam. Der Gutsherr, ein kalter, unfreundlicher
-Mann, hatte vor kurzem zum zweiten Male geheiratet, ein blutjunges,
-lebenslustiges Mädel, das den Witwer nur genommen hatte, um sich und
-ihre Mutter von schweren Sorgen zu befreien. Als ich auf das Gut kam,
-war die junge Frau schon im Stadium stiller Verzweiflung. Der Mann
-verstand sie nicht .... Ach, daß mir diese abgedroschene Redensart in
-den Mund kommen mußte! Der Mann war fünfzehn Jahre älter als sie. Das
-hätte nichts geschadet, wenn nur sein Herz jung geblieben wäre. Aber
-das war alt und hart geworden. Er gönnte seiner Frau kein Vergnügen,
-keinen Umgang mit den Nachbarn. Er mäkelte an ihr herum und schalt sie
-in Gegenwart der Dienstboten aus. Schon nach ein paar Stunden hatte
-ich den Stand ihrer Ehe durchschaut. Ich war innerlich wund, denn ich
-hatte noch Stunden, und sie waren nicht selten, in denen ich mit mir
-rang, die ganze Gottesgelahrtheit von mir zu tun und umzusatteln. Ich
-hatte das Bedürfnis, mich auszusprechen, und fand bei der jungen Frau
-teilnahmsvolles Verständnis. Schon nach acht Tagen wußte ich, daß mich
-eine heftige Leidenschaft ergriffen hatte, daß ich ihr mit Leib und
-Seele verfallen war. Nach weiteren acht Tagen glaubte ich, zu wissen,
-daß meine Liebe erwidert würde.“
-
-Franz war aufgesprungen und an ihn herangetreten. „Onkel, lieber Onkel,
-sag mir alles .... Was tatet ihr da?“
-
-„Ich habe vierzehn Tage der höchsten Qual durchgemacht. Ich war
-überzeugt, daß die junge Frau mir bei dem leisesten Wort in die Arme
-fliegen würde. Ich überwand die Versuchung, und mein reines Gewissen
-gab mir die Kraft, vor den Mann zu treten und von ihm die Freigabe
-seiner Frau zu fordern. Er lachte mich aus und warf mich aus dem
-Hause. Vier Wochen später ging die Frau, die er durch die schwersten
-Beschimpfungen bis aufs Blut gequält hatte, im tollsten Schneesturm
-abends heimlich aus dem Hause. Erst nach drei Tagen fand man ihre
-Leiche im Walde.“
-
-In tiefem Mitgefühl schlang Franz seine Arme um ihn. „Onkelchen, wie
-hast du das überwunden?“
-
-„Wie ich es überwunden habe?“, erwiderte der alte Herr leise. „Ich habe
-mit Gott und der Welt gehadert, ich habe wochenlang stumpfsinnig bei
-einem Freunde gesessen, der schon in einer Pfarre war ....“
-
-„Und dann hast du gebetet, nicht wahr? Ich habe auch schon nachts
-gebetet, Gott möchte mich von dem Übel erlösen.“
-
-„Nein, mein Junge, das habe ich erst viel später getan. Nimm es mir
-nicht übel, wenn ich es dir sage, obwohl ich Pastor und Seelenhirt
-bin, gegen solche Leidenschaften hilft das Beten nicht ... Das können
-dir auch meine Kollegen von der anderen Fakultät bestätigen, die nicht
-nur beten, sondern auch ihren Leib kasteien, weil sie ihn für ihr
-sündiges Begehren verantwortlich machen. Das kann nur gegen die Sinne
-helfen, wenn sie allein an der Leidenschaft beteiligt oder schuld sind.
-Sobald die Sache dem Menschen in die Seele schlägt, wenn das Herz im
-edelsten Sinne daran beteiligt ist, dann muß sich Verstand und Vernunft
-ihm beugen. Dann hilft nur die Zeit, die mächtigste aller Trösterinnen.“
-
-Er sah Franz forschend an. „Nun sag mir mal, aber ganz ehrlich und
-offen: Ist dein Herz an dieser Leidenschaft beteiligt?“
-
-„Ich ... ich weiß es nicht“, stotterte der Jüngling. „Ich glaube aber
-nein.“
-
-„Ich glaube, du hast recht, mein Junge. Du kennst die junge Dame zu
-wenig, um mit dem Herzen daran beteiligt zu sein. Du kennst noch keine
-Dame aus der großen Welt. Ihre herrliche Erscheinung, ihr Liebreiz, die
-Anmut ihres Benehmens haben dich bezaubert und verzaubert. Du hast also
-bloß gegen deine Sinne anzukämpfen. Und da bist du doch Manns genug,
-dich nicht unterkriegen zu lassen .... Das Leben liegt noch so lang
-und so schön vor dir. Du wirst, wenn du diese Leidenschaft überwunden
-hast, ein liebes Mädchen finden, das dir den Himmel auf Erden bereitet
-.... Halt die Ohren steif und mach uns keine Schande. Und nun geh mit
-Gott, mein Junge. Grüße Herrn und Frau Oberamtmann von mir. Das sind
-ein paar prächtige Menschen.“
-
-Zum Kaffee ging Franz noch auf ein Stündchen zu Frau Grigo. Lotte
-plauderte mit ihm so vertrauensvoll und offenherzig, daß er eine große
-Freude daran hatte. In froher Stimmung, mit heiterem Gesicht kehrte er
-zu seinen Eltern zurück. Bald nach dem Abendbrot rüstete er sich zur
-Rückfahrt. Der Vater begleitete ihn zum Wagen. Erst jetzt fragte er den
-Sohn, ob er etwa die Landwirtschaft aufgeben wollte und sich darüber
-beim Onkel Uwis Rat geholt hätte.
-
-„Nein, Vater, die Landwirtschaft gefällt mir je länger um so besser.
-Nein, ich hatte etwas anderes auf dem Herzen. Wenn du es durchaus
-wissen willst, frag’ Onkel Uwis und bestell’ ihm von mir, daß er es dir
-erzählen darf.“
-
-
-
-
-14. Kapitel
-
-
-Je mehr Walter die Schwester seines Lehrherrn kennenlernte, desto
-größere Hochachtung ja Bewunderung zwang sie ihm ab. Wie eine
-Lichtgestalt aus einer besseren Welt erschien sie ihm, der alle
-Erdenschwere mangelt. Noch nie hatte ein weibliches Wesen ihm soviel
-Hochachtung abgenötigt, selbst seine eigene Mutter nicht, die sehr oft
-in Kleinigkeiten aufging und durch ihre Schwäche für den einzigen Sohn,
-wie er es jetzt selbst fühlte, dazu beigetragen hatte, daß er auf eine
-abschüssige Bahn geriet. Minna war so schlicht und klar in ihrem Wesen,
-daß er bis auf den Grund ihrer Seele zu sehen vermeinte. Und er fand
-dort nichts anderes als lauteres, gediegenes Gold.
-
-Ihre bemerkenswerteste Eigenschaft war die unendliche Herzensgüte.
-Nie wurde sie launisch oder unfreundlich. Selbst wo sie mal eine Rüge
-erteilen mußte, klang ein freundlicher Unterton mit, der ihren Worten
-jedes Verletzende nahm. Denn wie oft wirkt schon ein leichter Tadel
-durch den Ton, mit dem er erteilt wird, verletzend. Sie war jedoch
-nicht etwa weich, oder ließ fünf gerade sein. Nein, sie war sehr
-entschieden in ihrem Auftreten und von einer ruhigen Sicherheit, die
-jeden Widerspruch erstickt, noch ehe er laut wird. Die Dienstmädchen
-hingen mit großer Liebe an ihr und erfüllten ihre Pflicht mit Eifer, um
-ein Lob, oder auch nur einen freundlichen Blick von ihr zu gewinnen.
-
-Walter kam es gar nicht zum Bewußtsein, welch einen Einfluß sie auch
-auf ihn allmählich gewonnen hatte. Er führte früher einen steten Kampf
-mit seinen bösen Lüsten und Leidenschaften und hatte sie nur dann
-besiegt, wenn ihm seine Klugheit es in den einzelnen Fällen geraten
-erscheinen ließ, sie zurückzudrängen und sich zu beherrschen. Jetzt
-erschien es ihm selbstverständlich, daß er sich in jeder Beziehung
-musterhaft aufführte. Wenn er früher mit Getreide auf den Bahnhof fuhr
-oder in der Stadt Besorgungen zu erledigen hatte, wo er mit Bekannten
-zusammentraf, hatte er nicht selten einen kleineren oder größeren Affen
-mit nach Hause gebracht, der sich bis zum nächsten Morgen in einen
-greulichen Kater verwandelte. Jetzt kehrte er stets völlig nüchtern
-nach Hause zurück. Der Gedanke, Minna könnte ihm aus solchem Anlaß
-ihr Mißfallen durch kaltes Benehmen zu erkennen geben, bereitete ihm
-schon Unbehagen und gab ihm eine Widerstandskraft, die er früher nicht
-besessen hatte.
-
-Ganz allmählich wurde es ihm klar, daß sie sein ganzes Denken und
-Fühlen erfüllte, und er begann um sie zu werben. Nicht mit Worten
-oder Blicken. Das verbot sich ihrer klaren, reinen Art gegenüber von
-selbst, sondern durch sein Benehmen. Er wollte und mußte vor sich als
-ein anständiger Kerl dastehen können, wenn er ihr vertrauenswürdig sein
-sollte.
-
-Auch bei dem Bruder gewann ihr Wesen Einfluß. Er war seinen Leuten
-gegenüber gerecht und hatte sie sogar besser gestellt, als die meisten
-Güter der Umgegend. Aber er war rauh in seinem Wesen und polterte oft
-los, wenn ihm etwas nicht gefiel, und schreckte auch vor drastischen
-Ausdrücken nicht zurück. Dann brauchte ihn Minna bloß mahnend aus ihren
-sanften Augen anzusehen. In schwereren Fällen genügte ein sanftes,
-etwas vorwurfsvolles „Aber Friedrich!“, um ihn zu mäßigen.
-
-Der Gutsherr beobachtete den Verkehr der beiden jungen Leute ganz
-genau. Es lag doch nicht so fern, anzunehmen, daß sich zwischen zwei so
-jungen Menschen geistige und seelische Beziehungen anspinnen, wenn sie
-so lange Zeit völlig aufeinander angewiesen sind. Er konnte aber nichts
-weiter entdecken, als einen harmlosen, freundschaftlichen Verkehr, wie
-zwischen zwei guten Kameraden. Daß Walter sich sehr zusammennahm und
-beherrschte, um seine Gefühle nicht zu verraten, ahnte er nicht. Und
-Minna verriet ebensowenig ein tieferes Gefühl für den jungen Menschen.
-
-Nach dem Abendbrot setzte sie sich mit einer feinen Handarbeit an
-den runden Tisch unter der großen Hängelampe. Die geschäftlichen
-Angelegenheiten und kleinen Fragen, die von der Wirtschaft aufgeworfen
-wurden, waren bald durchgesprochen. Dann stand Walter auf, setzte sich
-ans Klavier und spielte ohne Aufforderung. Oft begann Minna, wenn
-er eine Pause machte, ein Volksliedchen zu singen, das von Walter
-kunstvoll begleitet wurde.
-
-Eines Tages bereitete Braun, auf Minnas Anregung, seinem Zögling
-eine große Freude. Er lud Walters Eltern zu einem Besuch für den
-nächsten Sonntag ein. Sie kamen bei guter Zeit schon am Vormittag.
-Das Wetter war endlich umgeschlagen und hatte Tauwetter gebracht. Die
-Märzsonne begann mit ihren Strahlen bereits den Schnee wegzuzehren.
-Von den Dächern tropfte es. Gegen Abend, sobald die wärmende Kraft
-des Tagesgestirns nachzulassen begann, verwandelten sich die Tropfen
-zu langen Eiszapfen, die jeden Morgen abgeschlagen werden mußten, um
-nicht beim Herabfallen Mensch oder Tier zu verletzen. Von den Kuppen
-der Berge schwand der Schnee. Auf dem dunklen Acker trippelte die
-Lerche umher und schwang sich im Sonnenschein zum Himmel empor, um den
-Frühling, der noch weit im Süden weilte, ein Willkommen zuzurufen.
-
-Mit großer Freude begrüßte Walter die Eltern, deren Besuch ihm ganz
-überraschend kam. Die Mutter hob er aus dem Schlitten und trug sie auf
-seinen starken Armen ins Haus. Mit Stolz musterte der Forstmeister
-seinen Jungen, der ihm frischer und kräftiger geworden zu sein schien.
-Und er nahm noch vor Mittag Gelegenheit, seinen Lehrherrn zu befragen,
-wie er mit ihm zufrieden wäre.
-
-Braun erteilte seinem Zögling ein volles Lob. Er sei durchaus
-zuverlässig, diensteifrig und leiste freiwillig mehr, als er
-von ihm verlange. Ja, er habe das Gefühl, daß Walter mit seinem
-Entschluß, Landwirt zu werden, das Richtige getroffen habe. Er führe
-mit Liebe und Fleiß die ganzen Bücher des Gutes und studiere eifrig
-landwirtschaftliche Lehrbücher. Der Forstmeister fühlte mit freudigem
-Stolz, was das Lob aus dem Munde des ernsten Mannes bedeutete.
-
-Minna gab dem ganzen Tag ein freundliches Gepräge. Sie hatte den
-Mittagstisch mit großem Geschmack gedeckt und ein Essen angerichtet,
-das vor jeder Zunge mit Ehren bestehen mußte. Nach Tisch geleitete
-sie die alte Dame in ein von der Sonne durchleuchtetes Zimmer, um sie
-auf einer Liege zu einem Nickerchen zu betten. Die Männer blieben
-noch bei einem Glas Rotwein und einer guten Zigarre am Tisch sitzen.
-Der Forstmeister erzählte, was er aus Grindas Bericht wußte. Danach
-unterlag es keinem Zweifel, daß die Russen in äußerst bedrohlicher
-Weise gewaltige Truppenmassen an ihrer Westgrenze zusammenballten. Mit
-Ingrimm sprach er es aus, daß die Reichsregierung diesen Nachrichten
-kein Gewicht beizulegen schien. Als wenn es von uns allein abhinge, ob
-der Friede erhalten werden sollte, oder nicht!
-
-Daran schloß sich ein Rundgang über den Hof und durch die Ställe.
-Bald nach dem Kaffee wollten die Gäste aufbrechen, aber Minna bat
-so gewinnend, ihnen auch noch den Abend zu schenken, daß sie sich
-zum Bleiben bestimmen ließen. Im blauen Zimmer loderte ein helles
-Kaminfeuer. Zu der in Ostpreußen sehr beliebten Zwischenmahlzeit, die
-allgemein den komischen Namen „Schweine-Vesper“ führt, gab es ein Glas
-Grog. Der Forstmeister sah mit Verwunderung, daß sein Sohn das zweite
-Glas, das Minna ihm anbot, verschmähte.
-
-„Ist mein Junge immer so mäßig?“ fragte er lachend.
-
-„Ich kenne ihn nicht anders“, erwiderte Minna mit freundlichem Lächeln.
-
-Die Mutter beobachtete argwöhnisch den Verkehr der beiden jungen Leute.
-Sie machte keine Ausnahme von all den Müttern, die einen erwachsenen
-Sohn besitzen, die sich schon lange, noch bevor es Zeit ist, mit der
-Auswahl einer zukünftigen Schwiegertochter beschäftigen. Sollte sich
-zwischen den beiden jungen Menschen noch nichts angesponnen haben?
-Das Mädel gefiel ihr mehr, als sie sich eingestehen mochte. Und sie
-fühlte, daß Minna für eine Liebelei kein Verständnis besaß. Desto
-größer war die Gefahr, daß sich zwischen ihr und Walter eine ernsthafte
-Neigung anbahnen konnte. Und das müßte ihr doch mißfallen, denn nach
-allem, was man über Minna wußte, war sie ein ganz armes Mädchen.
-
-Das war in den Augen der alten Dame ein ganz unverzeihlicher Fehler,
-denn Walter brauchte eine Frau mit Vermögen, wenn er nicht auf einer
-kleinen Klitsche anfangen sollte. Aber so sehr sie auch mit allen
-Sinnen beobachtete, sie konnte nichts entdecken, was auf ein geheimes
-Einverständnis zwischen den beiden jungen Menschen hindeutete. Eher
-das Gegenteil, denn solch ein harmloser, freundlicher Verkehr ist nur
-möglich, wenn nicht einem oder beiden die Unbefangenheit durch geheime
-Wünsche und Gefühle gestört wird.
-
-Sehr befriedigt fuhr das Ehepaar heim. Es war kein Kutscher mitgenommen
-worden, so daß die beiden Altchen ungestört miteinander sprechen
-konnten. Der Forstmeister berichtete jetzt erst seiner Gattin
-ausführlich, welch ein hohes Lob Braun seinem Zögling erteilt hatte.
-„Das war bis jetzt die größte Freude meines Lebens! Und weißt du,
-Olsche, wem wir diese Wandlung zu danken haben? Keinem anderen als dem
-lieben, jungen Mädchen. Mir wurde ordentlich das alte Herz jung, als
-ich sie so still und geräuschlos und doch so umsichtig und besorglich
-walten sah.“
-
-„Ich glaube, du siehst in ihr schon unsere zukünftige Schwiegertochter.“
-
-„Na, Olsche, wäre das nicht ein Glück für den Jungen, solch ein liebes
-Wesen zur Frau zu bekommen?“
-
-„An dem Wesen habe ich nichts auszusetzen.“
-
-„Aber?“
-
-„Sie hat doch nichts; sie wird von ihrem Bruder höchstens etwas
-Aussteuer bekommen. Aber ich sehe keine Gefahr für unseren Jungen.“
-
-Walter bedankte sich noch, ehe er in sein Zimmer ging, für die
-Einladung der Eltern. Lächelnd wies Braun auf seine Schwester. „Minna
-hat den Gedanken angeregt, und ich habe es gern getan.“
-
-Mit stummem Blick reichte Walter dem jungen Mädchen die Hand.
-
-Er ahnte nicht, daß er seinen Vater zum letzten Male gesehen hatte.
-Acht Tage später erhielt er von der Mutter die Nachricht, daß er ganz
-plötzlich verstorben wäre. Gesund, ohne jede Beschwerde, hatte er sich
-abends zu Bett gelegt. Am anderen Morgen stand die Mutter leise auf und
-schlich sich hinaus, um ihn, der anscheinend noch fest schlief, nicht
-zu wecken.
-
-Es wurde acht, es wurde neun Uhr. Sie öffnete ein paarmal leise die Tür
-und schaute ins Zimmer. Er schlief anscheinend immer noch. Schließlich
-beschlich sie eine böse Ahnung. Sie trat ans Bett und berührte seine
-Schultern. Und jetzt erst erkannte sie, daß er sanft, ohne seine
-natürliche Stellung zu ändern, entschlafen war.
-
-Gleich, nachdem die Nachricht eingetroffen war, fuhr Walter nach
-Hause. Er fand die Mutter fassungslos vor Schmerz. Sie machte sich
-den Vorwurf, daß sie den Entschlafenen noch am Abend vorher mit ihrer
-Sehnsucht nach dem Stadtleben geplagt hatte. Walter kam durch die
-vielen Besorgungen, die er zu erledigen hatte, über den ersten heftigen
-Schmerz hinweg, und es war ihm eine wehmütige Freude, von der Mutter zu
-erfahren, daß der Vater sich noch so kurz vor seinem Tode über ihn und
-das Lob, das Braun ihm gespendet, gefreut habe.
-
-Es war ein großes, stattliches Begräbnis. Sechs Grünröcke, die den
-Forstmeister als einen gerechten, gütigen Vorgesetzten verehrten,
-trugen den Sarg. Über das offene Grab knatterten drei Salven. Der
-Kirchhof lag vorn im Walde, zwischen uralten Kiefern und dazwischen
-aufstrebenden Eichen, deren Wipfel ihm das Schlummerlied rauschten. Nun
-schlief er im Walde, den er so geliebt hatte, daß er Beförderungen und
-Ehrenzeichen ausschlug, um sich nicht von ihm trennen zu müssen.
-
-Einige Tage dauerte noch die Regelung der Geschäftsverhältnisse. Da
-kein Testament vorhanden war, erbten Frau und Sohn zu gleichen Teilen.
-Dabei erfuhr Walter, daß der Vater ein ziemlich erhebliches Vermögen
-hinterlassen hatte. Die Mutter konnte und wollte noch bis zum nächsten
-Quartal in der Oberförsterei wohnen bleiben. Denn die Regierung hatte
-einen unverheirateten Forstassessor geschickt, der das Revier bis zur
-endgültigen Neubesetzung der Stelle verwalten sollte. In der Zeit
-wollte die Mutter sich für eine Mittelstadt im Reich entscheiden und
-die Übersiedlung vorbereiten.
-
-Walter litt es nicht lange zu Hause. Die lauten Wehklagen der Mutter
-störten ihm die eigene, tiefe Trauer um den Vater, für dessen Wert
-und Bedeutung er erst jetzt die richtige Schätzung gewonnen hatte.
-Er sehnte sich auch nach Tätigkeit. Das Frühjahr war sehr schnell
-gekommen. An den Südabhängen sprießten im Walde schon die bescheidenen
-Leberblümchen. Hier und dort hob auch schon eine Anemone ihr weißes
-Köpfchen. Noch einmal war Walter tagsüber durch den Wald gewandert,
-hatte alle seine Lieblingsplätze besucht und mit freudiger Rührung
-sich eingeprägt, was der Vater in seiner langen, gesegneten Tätigkeit
-geschaffen hatte.
-
-Am schwersten fiel ihm der Abschied vom Elternhaus. Ach, es war ja
-nicht mehr sein Elternhaus! Bald würden andere Menschen kommen, Fremde,
-die es nach ihrem Willen und Geschmack einrichten würden. Einige
-Geweihe und eine Anzahl der besten Gehörne gab ihm die Mutter zum
-Andenken mit. Die anderen sollte er erst nach ihrem Tode erhalten.
-
-Als er nach Nonnenhof zurückkam, war aus dem heiteren Jüngling ein
-ernster Mann geworden. Mit feinem Takt regte Minna ihn abends an, von
-dem Begräbnis zu erzählen. Er tat es gern und lobte die Liebe und
-Verehrung, die der Verstorbene sich in seinem Leben erworben hatte.
-Und dann kam er auf den Vater zu sprechen, der Zeit seines Lebens ein
-frohmütiger Mann gewesen und als Weidmann und Forstwirt sich einen
-guten Namen und ein ehrenhaftes Andenken geschaffen habe. Minna hörte
-still zu, ohne ihn zu unterbrechen. Und doch las Walter in ihren
-Augen und fühlte, wie von ihr eine mitleidsvolle Teilnahme zu ihm
-herüberwallte.
-
-Am nächsten Morgen stand er schon vor Tagesgrauen auf und ging an
-seine Arbeit. Die Saatzeit war angebrochen, und es gab sehr viel zu
-tun. Walter war den ganzen Tag unermüdlich auf den Beinen und leistete
-mehr, als selbst ein strenger Lehrherr verlangen konnte, so daß selbst
-Braun ihm manchmal sagte, er dürfe sich nicht zu viel zumuten. Minna
-umhegte ihn mit ganz besonderer Sorgfalt. Jetzt fand er täglich auf
-dem Frühstückstisch ein Glas Wein eingegossen. Als er ihr über ihre
-Verschwendung, wie er es nannte, freundliche Vorhaltungen machte,
-erwiderte sie ruhig, das habe Friedrich angeordnet.
-
-Das Frühjahr, das so schnell gekommen war, hielt nicht, was es anfangs
-versprach. Wochenlang wehte ein sturer Ostwind, der Kälte brachte.
-Das Getreide, das im feuchten Acker stand, wollte und wollte nicht
-aufgehen. Und als sich die grünen Blattspitzen hervorwagten, da fanden
-sie es auf der Erde so ungemütlich, daß sie keine Lust zeigten, freudig
-emporzuwachsen. Erst Anfang Juni, als die Landwirte schon fast alle
-Hoffnung auf eine, wenn auch nur mittlere Ernte, aufgegeben hatten,
-schlug das Wetter um. Ein mäßiger Südwest brachte erst Wärme und dann
-reichlichen Regen. Mit überraschender Schnelligkeit erholte sich das
-Getreide. Auch die Wintersaat, die schon gelbe Spitzen zeigte, erholte
-und bestockte sich. Mit besseren Hoffnungen gingen die Landwirte in den
-Sommer hinein.
-
-Gleich nach der Heuernte, die ziemlich spärlich ausgefallen war, ging
-Braun daran, eine alte Mergelgrube, die in seinem besten Weizenschlag
-lag, zu beseitigen. Sie war wohl uralt, denn sie war mit Steinen
-ausgefüllt, die man im Laufe der Zeit aus dem Acker ausgepflügt
-hatte. Es waren Findlingsblöcke darunter, die erst gesprengt werden
-mußten, ehe man sie wegschaffen konnte. Das war dem Gutsherrn nicht
-unlieb, denn er gedachte daraus die Fundamente für einen neuen Stall
-zu gewinnen. Tagelang hörte man im Gutshause das donnernde Krachen,
-mit dem die Felsblöcke zersprangen. In froher Laune sprach Braun beim
-Kaffee von seinen Plänen, einen neuen massiven Stall zu bauen und seine
-Viehhaltung zu vergrößern.
-
-„Walter, Sie können mal nachher hinausgehen und zusehen, ob die Leute
-noch heute fertig werden.“
-
-Nach einer Weile besann er sich anders. „Aber nein, lassen Sie das, ich
-werde selbst gehen; Sie haben ja noch auf dem Speicher zu tun.“
-
-Er nahm Mütze und Stock und ging aufs Feld. Als er nicht mehr weit
-von der Mergelgrube entfernt war, krachte ein Sprengschuß. Er sah die
-Arbeiter aufstehen und langsam auf die Grube zugehen.
-
-„Na, wie weit seit ihr denn?“ rief er sie an.
-
-„Noch einen Schuß, dann sind wir fertig, er ist schon geladen, aber
-nicht losgegangen.“
-
-Das Wort war kaum gefallen, als der Schuß verspätet losging. In
-Schrecken erstarrt standen die Arbeiter. Meist war ja die Ladung so
-bemessen, daß sie den Block nur in mehrere große Stücke zerriß. Aber es
-kam doch vor, daß der Stein weniger Widerstand leistete, und Brocken
-bis zur Kopfgröße weit fortgeschleudert wurden. Und diesmal schien die
-Ladung viel zu stark gewesen zu sein, denn ein Hagel von scharfkantig
-zerrissenen Sprengstücken sauste nach allen Seiten durch die Luft. Wie
-durch ein Wunder entgingen die Arbeiter dem drohenden Verderben. Nur
-einer sank lautlos um, der Gutsherr. Ein faustgroßer Stein hatte ihn in
-die Schläfe getroffen.
-
-Walter kam gerade vom Speicher, als ein Arbeiter mit verstörtem Gesicht
-auf den Hof stürmte.
-
-„Was ist los?“
-
-„Ach Gott, Herr Walter, der Herr ist tot!“
-
-Fassungslos faßte Walter den Mann an. „Was sagen Sie? Mensch, das ist
-nicht wahr!“
-
-„Ja, ja, es ist schon wahr, ein Sprengstück hat ihn an den Kopf
-getroffen.“
-
-Schnell ließ Walter zwei Wagen anspannen. Der eine sollte den Toten
-hereinholen, der andere nach der Stadt zum Arzt fahren. Er ging
-währenddessen ins Haus, um den Arzt durch den Fernsprecher anzurufen.
-Die Tür zur Küche stand offen, Minna schäfferte am Herd und sang
-dabei: „Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht“. Er mußte
-die Zähne zusammenbeißen, um nicht vor Schmerz laut aufzuschreien.
-Ahnungslos, welch einen Schlag das Schicksal bereits nach ihr geführt
-hatte, sang das lebensfrohe Mädchen, und draußen, nur wenige hundert
-Schritte entfernt, lag der Bruder tot, an dem sie wie ein Vater
-hing, der Mann, der ihre Stütze und Stab war. Eben hatte Walter die
-Verbindung mit dem Arzt bekommen, als Minna ihm nachkam und ins Zimmer
-trat. Er nahm alle seine Kraft zusammen und sagte dem Arzt, er habe
-eben einen Wagen nach ihm geschickt. Er möchte sofort herauskommen, ein
-Mann sei beim Steinsprengen verwundet worden.
-
-„Ach, Walter, das ist doch entsetzlich, wer ist es denn?“
-
-Da sah sie in sein schreckenbleiches Gesicht und wußte alles.
-
-„Friedrich!“, schrie sie auf. Die Hände sanken ihr schlaff herab, ein
-jämmerliches Stöhnen rang sich aus ihrer Brust. Sie wäre umgefallen,
-wenn Walter sie nicht umgefaßt und zum Stuhle geleitet hätte. Hilflos
-legte sie ihren Kopf an seine Brust, als wollte sie dort Schutz suchen
-gegen das grausame Leben und den noch grausameren Tod.
-
-„Fräulein Minna, fassen Sie sich“, bat er leise. „Minna, es ist doch
-noch nicht gesagt, daß Friedrich tot ist.“
-
-Sie schüttelte den Kopf und richtete sich auf. „Ich fühle es.“
-
-Mit einer unheimlichen, starren Ruhe stand sie auf und ging hinaus.
-Er ging ihr nach, denn er befürchtete, daß sie unter dem tränenlosen
-Schmerz zusammenbrechen könnte. Mechanisch nahm sie ein paar Handtücher
-aus dem Schrank, holte eine Schüssel Wasser aus der Küche und stellte
-sie auf die Diele. Jetzt kam der Wagen langsam herangerollt. Vier
-Männer hoben den Toten herab und trugen ihn ins Haus. Als sie ihn auf
-die Liege gebettet hatten, warf sich Minna über ihn und barg sein
-Gesicht an ihre Brust. Und jetzt kamen ihr auch die erlösenden Tränen.
-Leise schlichen die Männer hinaus. Langsam folgte ihnen Walter. Er
-hatte seinen Lehrherrn auch lieb gehabt und verehrt. Aber sein tiefstes
-Mitleid gehörte dem jungen Mädchen, über das so namenloses Unheil
-hereingebrochen war.
-
-Als der Arzt kam, führte er ihn ins Haus. Gewohnheitsmäßig nahm der
-alte Herr die Hand des Toten, um den Puls zu fühlen, obwohl der erste
-Blick ihm schon gesagt hatte, das seine Kunst hier nicht mehr helfen
-konnte.
-
-In ihrer stillen Art ordnete Minna alles an, was solch ein Todesfall
-nötig macht. Am Abend saßen die beiden jungen Leute sich wie immer im
-Wohnzimmer gegenüber. Zaghaft fragte Walter: „Was meinen Sie, Fräulein
-Minna, was jetzt hier werden soll?“
-
-„Ich habe die Schwester und den Bruder schon benachrichtigt, es
-sind seine rechten Geschwister. Die werden zum Begräbnis kommen und
-bestimmen, was geschehen soll. Ich denke, sie werden das Gut verkaufen,
-und sich die Erbschaft teilen. Ich bin ja nur eine Stiefschwester von
-Friedrich.“
-
-„Das ist gleich. Sie erben mit. Wollen Sie nicht das Gut übernehmen?“
-
-Sie sah ihn verwundert an. „Aber, Walter, das ist doch nicht Ihr Ernst?“
-
-„Jawohl, es ist mein völliger Ernst.“ Seine Stimme nahm einen weichen
-Klang an. „Minna, vertrauen Sie mir! Ich bin zwar noch jung und
-unerfahren als Landwirt, aber ich habe den redlichen guten Willen.“
-
-„Sie wollen für mich wirtschaften?“
-
-„Mit Ihnen,“ rief Walter mit gedämpfter Stimme, „mit Ihnen, Minna. Ich
-habe soviel von meinem Vater geerbt, daß ich Nonnenhof übernehmen
-kann. Ich lasse Sie nicht schutzlos allein in die Welt gehen. Minna,
-werden Sie meine Frau. Sie werden es nicht zu bereuen haben.“
-
-Eine tiefe Röte stieg in ihrem Gesicht empor. Aber sie sah den Mann,
-der unter so seltsamen Umständen um sie warb, freundlich mit ihren
-lieben Augen an und reichte ihm die Hand.
-
-„Ich vertraue Ihnen, Walter.“
-
-Mit starkem Druck fügten sich ihre Hände für eine Minute zusammen. Ihre
-Blicke senkten sich ineinander. Das war ihr Verlöbnis.
-
-Am Abend des nächsten Tages kamen die Geschwister des Verstorbenen,
-schlichte, biedere Menschen. Walter besprach mit ihnen, daß er das
-Gut zu einem angemessenen Tagespreis übernehmen und Minna heiraten
-wolle. Sie waren einverstanden, und auch damit, daß der Oberamtmann die
-Schätzung vornehmen sollte.
-
-Am Tage nach dem Begräbnis stand Walter noch ein schwerer Weg bevor. Er
-fuhr zu seiner Mutter. Sie nahm seine Mitteilung nicht unfreundlich,
-aber mit einer Gleichgültigkeit auf, die ihn verletzte. Zögernd nur
-brachte er seine Bitte vor, Minna für die paar Monate bis zur Hochzeit
-bei sich aufnehmen zu wollen.
-
-„Ich habe mit meinem eigenen Schmerz noch gerade genug zu tun“,
-erwiderte sie ausweichend. „Mich stört es, daß das junge Mädchen am
-offenen Grabe ihres Bruders an Verlobung und Hochzeit denken konnte.“
-
-„Mutter!“, rief Walter. „Das traurige Ereignis drängte mich zu einem
-schnellen Entschluß. Ich liebe Minna und wollte sie nicht unter fremde
-Leute gehen lassen. Sie wird dir eine liebe Tochter werden, wenn du sie
-erst näher kennenlernst. Sie wird dir auch eine Stütze sein und dir die
-Arbeit des Umzugs abnehmen.“
-
-„Du brauchst mich nicht damit zu locken,“ erwiderte jetzt die Mutter,
-„es ist selbstverständlich, daß ich die Braut meines Sohnes an mein
-Herz nehme. Wann bringst du sie mir?“
-
-„Übermorgen, wenn wir mit den Geschwistern den Vertrag abgeschlossen
-haben.“
-
-
-
-
-15. Kapitel
-
-
-Adelheid begann in ihrem Eifer für die Wirtschaft nachzulassen. Sie war
-der Meinung, daß sie davon schon genug gelernt hätte. Sie betätigte
-sich nur noch beim Kochen, das ihr Vergnügen bereitete. Sie saß jetzt
-wieder stundenlang am Klavier, spielte und sang. Gegen Abend ging sie
-in den Park spazieren. Sie hatte ein Plätzchen gefunden, wo sie mit
-Vorliebe saß und beim Genuß einer Zigarette träumte.
-
-Und das Plätzchen war dazu wie geschaffen. Von einer niedrigen
-Rasenbank sah man durch eine Lichtung des Parkes weit ins Land hinaus.
-Tief unten im Tal leuchtete die stille Oberfläche des Sees, auf der
-sich alle Farben des Abendhimmels widerspiegelten. Auf dem anderen
-Ufer stieg ein Berg hoch auf, der auf seinem breiten Rücken tiefdunkle
-Fichten und Kiefern trug. Dicht davor lag einsam ein Gehöft. Beim
-Dunkelwerden erhellte sich ein Fenster, dessen Schimmer wie ein
-schmales goldenes Band auf dem Seespiegel lag .... Gedämpft erklang das
-unermüdliche Schnarren der Rohrsänger und das Schmettern der wilden
-Enten herüber. Sanft strich der Abendwind durch die Kronen der uralten
-Eichen und Buchen, die das Plätzchen umgaben, und ließ sie flüstern und
-seufzen.
-
-Viktor hatte allmählich Interesse für den schönen Gast seiner
-Gutsherrin gefaßt und begann, es zu bekunden. Vorsichtigerweise hatte
-er sich bei Frau Olga mit der Bitte strengster Verschwiegenheit danach
-erkundigt, ob ihre Freundin nicht etwa gebunden sei.
-
-„Ich glaube, Ihnen mit Bestimmtheit versichern zu können,“ hatte sie
-erwidert, „daß Herz und Hand meiner Freundin noch völlig frei sind.“
-
-„Und glauben Sie, gnädige Frau, daß ich mit einiger Hoffnung auf Erfolg
-mich um das gnädige Fräulein bewerben könnte?“
-
-Mit feinem Lächeln erwiderte Frau Olga: „Aber, Herr Oberleutnant, haben
-Sie so wenig Selbstbewußtsein?“
-
-Etwas verlegen gab Viktor zur Antwort: „Ich wollte eigentlich fragen,
-ob sich das gnädige Fräulein zu einem dauernden Landaufenthalt, zu dem
-Leben einer Gutsfrau wird entschließen können?“
-
-Frau Olga lächelte. „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Das müssen Sie
-schon bei geeigneter Gelegenheit von ihr selbst zu erfahren suchen.
-Aber ich halte ihr bei uns erwachtes Interesse für die Wirtschaft und
-ihre eifrigen Kochstudien für ein gutes Zeichen, das Sie vielleicht
-sogar auf Ihre Person zurückführen dürfen.“
-
-„Meinen herzlichen Dank, gnädige Frau.“ Seitdem begann Viktor, Adelheid
-den Hof zu machen.
-
-Frau Olga hatte das Gespräch natürlich sofort ihrer Freundin erzählt
-und die Mahnung hinzugefügt, dem Bewerber unauffällig entgegenzukommen.
-Adelheid nahm die Mitteilung schweigend entgegen und gab durch nichts
-zu erkennen, ob sie ihr willkommen war oder nicht.
-
-Sie war in einen argen Zwiespalt mit sich geraten. Wie der Zugvogel
-im Herbst von einem unbezwinglichen Sehnen nach dem Süden getrieben
-wird, verlangte ihre Seele aus der Stille und Langeweile der ländlichen
-Einsamkeit heraus in die rauschenden Vergnügungen eines modernen
-Seebades, in dem sie sonst zu weilen pflegte. Voll Sehnsucht dachte sie
-an die Segelpartien, an das Tennisspiel, in dem sie eine anerkannte
-Meisterin war, an das Menschengewühl auf dem Korso, an die Nächte im
-feenhaft erleuchteten Kursaal, wenn sie am Arm eines flotten Tänzers
-von dem Rhythmus der Musik beschwingt über das Parkett flog ....
-
-Ihr Herz sehnte sich danach ... und ihr graute, wenn sie daran dachte,
-daß sie für alle Zukunft auf diese Genüsse verzichten müsse, um ein
-nüchternes, langweiliges Leben als Gutsfrau zu führen, mit all den
-Pflichten, die sie zur Genüge kennengelernt hatte. Ja, wenn eine
-große, heiße Liebe sie mit zwingender Kraft dazu treiben würde, dem
-Mann ihrer Wahl in dies Leben zu folgen! Doch davon war keine Rede.
-Die Persönlichkeit Viktors ließ sie völlig kalt, obwohl er doch ein
-frischer, stattlicher Mann war und wenig älter als sie. Selbst in
-Gedanken vermochte sie nicht ein wärmeres Gefühl für ihn aufzubringen.
-Nur vom Verstand geleitet, aus kalter, nüchterner Überlegung heraus,
-sollte sie ohne Liebe in eine Ehe treten?
-
-Ihr ganzes Wesen sträubte sich dagegen, denn alles, was bisher ihrem
-Leben Inhalt und Form gegeben hatte, sollte sie verlieren, nein, aus
-freien Stücken hinter sich werfen. Sie zweifelte daran, und wohl mit
-Recht, ob sie die Kraft dazu aufbringen würde. Ja, vielleicht zu dem
-ersten Entschluß. Aber wenn sie dann, gebunden durch die Ehefessel,
-das Leben auf dem Lande nicht mehr ertrug, wenn die Sehnsucht nach der
-großen Welt in ihr übermächtig wurde, was dann?
-
-Unter dem Zwange dieser Gedanken, die ihre Seele aufwühlten, wurde sie
-launisch und widerspruchsvoll in ihrem Benehmen. Einen Tag unterhielt
-sie sich liebenswürdig mit Viktor und ihr ganzes Wesen strahlte eine
-hinreißende Anmut aus. Am anderen Tage war sie mißgestimmt, sah
-gleichgültig, ja blasiert aus und machte den Mund nicht auf. Das
-Ehepaar konnte sich den häufigen und jähen Wechsel ihrer Stimmungen
-erklären, denn Adelheid hatte in einer schwachen Stunde die Zweifel
-und Bedenken eingestanden, von denen sie gequält wurde. Einen Rat
-zu erteilen, lehnte Frau Olga ab. „Du bist alt genug, um über deine
-Zukunft allein entscheiden zu können. Ich möchte dich nur vor einem
-leichtfertigen Spiel mit Sawerski warnen. Willst du seine Bewerbung
-ausschlagen, dann sage es mir, aber bald, damit ich ihm einen Wink
-geben kann, sich nicht unnütz zu bemühen.“
-
-Die Nebenperson in diesem Spiel, Franz, hatte sich in eine
-Entsagungsfreudigkeit hineingearbeitet. Die Hoffnungslosigkeit seiner
-Leidenschaft war ihm voll zum Bewußtsein gekommen, und mit großer
-Energie bemühte er sich, den sehnsüchtigen Gedanken keinen Raum und
-keinen Einfluß zu geben. Rückfälle blieben jedoch nicht aus, und manche
-Nacht wälzte er sich schlaflos auf seinem Lager. Und dieser Kampf ging
-an ihm nicht spurlos vorüber. Er sah elend aus und schlich umher wie
-ein müder Mann. Am Sonntag ging er zu Mittag ins Herrenhaus. Am Abend
-blieb er unter einer Entschuldigung in seinem Zimmer. Dann suchte Kolbe
-ihn auf, der unter Langeweile litt. Auch ihm war eine Schwärmerei für
-das schöne Fräulein angeflogen, und er sprach in den höchsten Tönen der
-Bewunderung von der Walküre. Franz hörte schweigend zu, obwohl er am
-liebsten den Burschen durchgeprügelt und hinausgeworfen hätte.
-
-Eines Abends war Franz dem Geschwätz seines Leidensgefährten entflohen
-und in den Park gegangen. Ohne Ziel und Zweck wanderte er in den Gängen
-umher, er wollte nur allein sein. Es war ein wunderbar schöner Abend,
-der schon in die Nacht überging. Der Vollmond stand groß und klar am
-wolkenlosen Himmel. Sein Licht floß in breiten Wellen, die wie helle
-Balken in der Dunkelheit standen, zwischen den Stämmen hindurch. In
-Gedanken tief versunken schritt Franz weiter. Plötzlich erschrak er
-und hemmte den Fuß. Da saß auf der niedrigen Rasenbank eine lichte
-Gestalt. Adelheid. Sie hatte sich zurückgelehnt, ihr Kopf lag an einem
-Stamm, ihre Augen waren geschlossen ... aber trotzdem fühlte sie die
-Nähe eines Menschen. Sie schlug die Augen auf. Als sie Franz erkannte,
-nickte sie ihm freundlich zu. „Ach, Sie sind es, Franz.“
-
-„Ich bitte um Entschuldigung, gnädiges Fräulein, ich hatte keine
-Ahnung, daß Sie hier sind. Ich will, Sie nicht stören ....“
-
-„Sie können ruhig hier bleiben und sich neben mich setzen. Was raubt
-Ihnen die Ruhe?“
-
-Ehe sie sich’s versah, lag Franz vor ihr auf den Knien, ergriff ihre
-beiden im Schoß gefalteten Hände und bedeckte sie mit glühenden Küssen.
-„Ich liebe Sie, ich bete Sie an ... ich kann nicht leben ohne Sie.“
-
-Der Schreck lähmte sie so, daß sie kein Wort hervorbringen konnte. Im
-nächsten Augenblick saß er neben ihr, schlang den Arm um sie, preßte
-sie an seine Brust und bedeckte nicht nur ihren Mund, sondern auch ihre
-Augen mit heißen Küssen. „Nur einmal mich sattrinken an deinem Mund,
-sonst verdurste ich“, keuchte er in höchster Erregung. Einen Augenblick
-lag sie willenlos in seinem Arm. Ein Gefühl, das ihren Willen lähmte,
-durchwogte sie und beschwor eine Erinnerung herauf. Vor vielen Jahren,
-als sie noch sehr jung war, hatte sie auch einmal in dem Arm eines
-starken Jünglings gelegen. Es war das höchste Glück ihres Lebens
-gewesen, aber hatte ihr die größte, bitterste Enttäuschung gebracht.
-
-Endlich gewann sie die Herrschaft über ihren Willen zurück und richtete
-sich auf. „Franz, Sie sind ein großes Kind. Wie können Sie mich so
-überfallen und beleidigen?“
-
-Wieder sank er vor ihr auf die Knie und küßte ihre Hände, die sie ihm
-überließ. „Können Sie mir verzeihen? Ich war von Sinnen ... meine Liebe
-raubt mir den Verstand.“
-
-Sie lächelte und legte ihm eine Hand auf sein lockiges Haar. „Das ist
-auch die einzige Entschuldigung für Sie ... und für mich“, fügte sie
-leiser hinzu. „Aber nun stehen Sie auf und setzen Sie sich ruhig neben
-mich. Sie werden jetzt ganz brav sein, nicht wahr?“ ...
-
-„Ja, gnädiges Fräulein, ich bitte nochmals um Verzeihung.“
-
-„Denken Sie nur, wenn jemand uns dabei belauscht hätte ... oder wenn
-ich laut um Hilfe gerufen hätte ... Ich habe nur Ihretwegen mir
-stillschweigend Ihre wahnsinnigen Gefühlsausbrüche gefallen lassen. Und
-ich werde auch weiter darüber schweigen. Sonst müßten Sie unweigerlich
-aus dem Hause. Sehen Sie das ein?“
-
-„Ja, Fräulein Adelheid, ich bereue tief, was ich getan habe ... aber
-... können Sie mich wirklich nicht ein bißchen lieb haben? Ich bin ja
-soviel jünger als sie, aber ich kann Ihnen dasselbe bieten wie Herr von
-Sawerski. Und ich würde Sie auf den Händen tragen ....“
-
-Sie lächelte. „Sie haben recht, mein Junge, mich an mein Alter zu
-erinnern. Ich bin 28 Jahre. In zehn Jahren bin ich eine verblühte
-Frau ...“
-
-„Ich werde in Ihnen stets das schönste Wesen sehen, das es auf der Erde
-gibt.“
-
-„Das sagen Sie so in dem jugendlichen Überschwang Ihrer Gefühle. Nein,
-Franz, ich muß für uns beide vernünftig sein. Ich kann Ihren Wunsch
-nicht erfüllen, selbst wenn ich mich in Sie verlieben würde, was nicht
-der Fall ist. Sie sind ein lieber, prächtiger Mensch, und die Tatsache,
-daß Sie mir Ihr Herz geschenkt haben, wird mir stets eine liebe
-Erinnerung bleiben. Sie müssen und werden das überwinden. Und nach
-Jahr und Tag werden Sie ein reines Mädchen finden, das Ihr Herz mit
-neuer Liebe erfüllen wird. Ich habe mich schon lange mit dem Gedanken
-getragen, abzureisen. Jetzt ist es für mich zur Notwendigkeit geworden.
-Ich reise morgen weg ....“
-
-Mit einem verzweifelten, ganz entstellten Gesicht, rief Franz aus: „Sie
-wollen morgen abreisen? Das ertrag’ ich nicht ....“
-
-„Mein lieber, junger Freund, Sie wissen noch nicht, wieviel ein Herz
-tragen und erdulden kann, ohne zu brechen. Doch nun muß ich gehen.
-Leben Sie wohl. Nein, Sie dürfen mich nicht begleiten.“
-
-Sie stand auf und reichte ihm die Hand. Als sie in seine todtraurigen
-und doch so flehentlich bettelnden Augen sah, überkam sie es wie
-Mitleid mit dieser heißliebenden Jünglingsseele. Und sie beugte sich
-nieder, um einen Kuß auf seine Stirn zu hauchen. Da sprang er auf, warf
-seine Arme um sie und küßte sie noch einmal stürmisch und heiß mit
-allem Ungestüm seiner kraftvollen Jugend ....
-
-Doch schon nach einem kurzen Augenblick gab er sie frei und sank wie
-vernichtet auf die Bank zurück. Sie floh wie ein gehetztes Reh bis ins
-Dunkel der Gebüsche. Dort blieb sie atemlos stehen und sah zurück. Sie
-sah, wie er die Hände vors Gesicht schlug, wie sein Körper von einem
-unhörbaren Schluchzen erschüttert wurde. Ein tiefes Mitleid quoll
-in ihr auf, nicht nur mit dem armen Jungen, der da so nahe bei ihr
-saß, daß sie ihn mit wenigen Schritten erreichen konnte, und mit dem
-tiefsten Leid seines Lebens rang, sondern auch mit sich selbst. War das
-Schicksal nicht grausam gegen sie? Es schenkte ihr ein reines Herz,
-das mit einer reinen, heiligen Liebe für sie schlug, und sie durfte es
-nicht an sich nehmen, sie mußte es zurückweisen und ihm eine tiefe,
-schwere Wunde schlagen.
-
-Ihr Busen wogte, ihr Herz klopfte stürmisch. Wirre Gedanken jagten
-durch ihren Kopf. Was hinderte sie, sich dies Herz zu nehmen? Verdiente
-diese Liebe nicht, belohnt zu werden? Sie fühlte: wenn er jetzt ihren
-Namen rief und seine Arme sehnsüchtig nach ihr ausstreckte, dann würde
-sie wie von einer magischen Gewalt gezogen, zu ihm zurückkehren,
-um sich in seine Arme zu werfen und seine heißen Küsse tausendfach
-zurückzugeben ....
-
-Sie erschrak vor sich selbst ... sie floh vor sich und ihren Gedanken.
-Erst nach einer Weile wurde sie ruhiger und mäßigte ihren Schritt. Und
-blieb stehen und lauschte, ob er ihr nicht folgte. Aber es war nicht
-Angst, sondern ein heißer Wunsch, der sie zwang, stehen zu bleiben ....
-
-Stundenlang saß Franz auf der Bank. Dumpfe Verzweiflung rang mit der
-Erinnerung an die kurzen Minuten des höchsten Glücks. Jedes Wort, das
-sie zu ihm gesprochen, haftete unauslöschlich in seinem Gedächtnis.
-Erst nach Mitternacht, als der helle Schein am Himmel, der das
-verschwundene Tagesgestirn über dem Horizont begleitete, über Norden
-nach Osten zu rücken begann, erhob er sich und schlich, müde, an allen
-Gliedern wie zerschlagen, in sein Zimmer zurück, wo er sich angekleidet
-auf die Liege warf.
-
-Die Ankündigung ihrer Abreise rief, wie Adelheid erwartet hatte,
-großes Erstaunen hervor. Ihrer Freundin erklärte sie kurz, sie habe
-sich erst jetzt an ein Versprechen erinnert, mit einer befreundeten
-Familie in Westerland zusammenzutreffen und möchte nicht wortbrüchig
-werden. Frau Olga gab sich damit zufrieden und fragte nicht. Sie nahm
-an, daß Adelheid der Bewerbung Sawerskis ein schnelles Ende bereiten
-wollte. Den richtigen Grund, daß ihre Freundin vor sich selber floh,
-erriet sie nicht. Und doch war es so. In einer Stimmung, die sich nicht
-abschütteln ließ, hatte Adelheid die Nacht zugebracht .... Es war kein
-klarer Gedanke ... sie fühlte nur, wenn sie hier bliebe, dann würde sie
-Abend für Abend nach der Bank gehen und dort voll Sehnsucht warten ....
-Und wenn er kam und sie in seine stahlharten Arme nahm, deren Druck sie
-noch zu fühlen glaubte, dann ... ja dann .... Weiter wagte sie nicht zu
-denken ....
-
-
-
-
-16. Kapitel
-
-
-Auf Viktor von Sawerski machte Adelheids plötzliche Abreise einen
-tiefen Eindruck. Er hatte ein tiefergehendes Interesse für sie gefaßt
-und sich mit dem Gedanken getragen, sich ernsthaft um sie zu bewerben.
-An einen Mißerfolg seiner Bewerbung glaubte er nicht. Er bildete sich
-sogar ein, das gnädige Fräulein würde nach seiner dargebotenen Hand wie
-nach dem Rettungsanker greifen. Er war doch nach landläufigen Begriffen
-eine „gute Partie“. Außerdem bildete er sich auf seinen Stand, sein
-Vermögen und letzten Endes auch auf seine Persönlichkeit nicht wenig
-ein.
-
-Die verletzte Eitelkeit verführte ihn zu ähnlichen Gedankengängen wie
-den Fuchs, dem die Trauben zu sauer werden.
-
-Er konnte doch, wenn er nur wollte, ein junges, kristallklares, reines,
-junges Mädchen mit Vermögen zur Frau bekommen. Ob diese junge Dame in
-der großen Welt, in der sie lebte, immer ganz „stubenrein“ geblieben
-war, wie er sich in Gedanken ausdrückte, war doch nicht ganz sicher,
-und Vermögen hatte sie auch nicht ....
-
-Hans Kolbe hatte sich in den letzten Wochen an ihn herangepürscht,
-hauptsächlich der guten Zigaretten und Schnäpse wegen, die Viktor
-freigebig spendierte. Und bei den Gedanken, die ihn plagten, ließ er
-sich öfter die Gesellschaft des Jungen, der so dummdreist, aber mit
-einer gewissen Bosheit über alles „klöhnte“, gefallen.
-
-Eines Abends kam Hans auf die vermutliche Ursache von Adelheids
-plötzlicher Abreise zu sprechen. „Da ist nicht alles in Ordnung“,
-meinte er mit verschmitzter Miene. „Ich weiß von Minna, dem ersten
-Stubenmädchen, daß das gnädige Fräulein am Abend vor ihrer Abreise noch
-spät in den Park gegangen ist.“
-
-„Das ist dummes Getratsch von Dienstboten. Sie dürfen so was nicht
-nachsprechen, Kolbe. Denn es ist ausgeschlossen, daß Sie die Dame nach
-irgendeiner Richtung verdächtigen wollen ....“
-
-Hans zuckte die Achseln mit diplomatischer Miene. „Ich weiß nicht, Herr
-Oberleutnant, weshalb Sie sich gerade für das gnädige Fräulein ins Zeug
-legen wollen. Sie hat Sie doch in unbegreiflicher Weise ... na, wie
-soll ich mich gleich ausdrücken ... auf den Pfropfen gesetzt. Einen
-adligen Herrn, Offizier, reich, verschmäht sie und zieht Ihnen einen
-dummen, grünen Jungen vor.“
-
-„Was sagen Sie da?“, fuhr Viktor auf. „Kolbe, sehen Sie nach Ihren
-Worten.“
-
-„Ich meine doch bloß, daß sie beim Saatfest weder Sie noch mich,
-sondern nur den Franz aufgefordert und mit ihm sechs- oder siebenmal
-rumgetanzt hat. Daß sie mich nicht aufgefordert hat, das war eigentlich
-selbstverständlich, daß sie aber auch Sie nicht zum Tanz bei der
-Damenwahl geholt hat, das fand ich zum mindesten eigentümlich. Mich hat
-es geärgert.“
-
-Als Viktor schwieg, fuhr er nach einer kleinen Pause mutiger fort: „Und
-es ist doch ein eigentümliches Zusammentreffen, daß Franz an demselben
-Abend, wo das Fräulein so lange im Park war, erst nach Mitternacht nach
-Hause gekommen ist. Ich habe das mit der Uhr in der Hand festgestellt.
-Und dann habe ich gehört, wie er sich in den Kleidern aufs Bett
-geworfen, umhergewälzt und gestöhnt hat.“
-
-„Ist das Tatsache, was Sie da erzählen?“, fuhr es Viktor heftig heraus.
-
-„Aber, Herr Oberleutnant, ich werde Ihnen doch nichts vorlügen“,
-erwiderte Kolbe mit gekränkter Miene. „Ich habe im ersten Augenblick
-gedacht, daß Franz, der bisher immer ein Tugendbold gewesen ist,
-irgendwo in ein Kammerfenster gestiegen war. Aber dann hätte er doch
-nicht so jammervoll gestöhnt .... Und wie ich nachher von Minna hörte,
-daß das gnädige Fräulein auch so spät im Park gewesen ist, da habe ich
-mir doch meine Gedanken gemacht.“
-
-„Ach, das ist ja Unsinn. Und Sie tun gut, nicht darüber zu sprechen.“
-
-„Ich habe es ja auch nur dem Herrn Oberleutnant erzählt. Wissen Sie,
-Herr von Sawerski, was ich meine? Er ist zu ihr frech geworden und ist
-abgeblitzt. Man weiß ja, daß junge Damen in reiferen Jahren manchmal
-eine gewisse Vorliebe für so grüne Jungen zeigen.“
-
-„Schämen Sie sich, Kolbe, Sie sprechen von einer Freundin der gnädigen
-Frau ....“
-
-„Na, meinen Sie, Herr Oberleutnant, daß die gnädige Frau für ihre
-Freundin die Hand ins Feuer legen wird? Ich habe es ja auch gesagt: ich
-meine, daß der Franz bei ihr schlecht angelaufen ist, denn im anderen
-Falle hätte er doch nicht so verzweifelt gestöhnt. Ich höre durch die
-dünne Wand auch das leiseste Geräusch.“
-
-Viktor stand auf und goß Kolbe und sich ein Glas Kognak ein. „So, nun
-setzen Sie mal auf Ihre Phantasie noch einen Dämpfer und gehen Sie
-schlafen. Aber ich bitte mir aus, daß Sie keinem Menschen eine Silbe
-von Ihren Mutmaßungen verraten.“
-
-Viktor hatten die hämischen Verdächtigungen Kolbes gegen Adelheid
-heftiger erregt, als er dem jungen Menschen gezeigt hatte. Er ging in
-seiner Stube auf und ab und quälte sich mit schweren Gedanken. Er hatte
-schon mit dem Entschluß gerungen, sich von der gnädigen Frau Adelheids
-Adresse geben zu lassen und ihr schriftlich seine Hand anzutragen.
-Das würde er ja nun bleiben lassen. Daß Franz, der grüne Junge, wie
-ihn Kolbe genannt hatte, in Adelheid heftig verliebt war, konnte man
-getrost als offenes Geheimnis des ganzen Hofes bezeichnen. Aber daß
-diese feine, junge Dame, die schon jahrelang in den höchsten Kreisen
-lebte und sozusagen mit allen Hunden gehetzt war, sich mit solch einem
-grünen Jungen einlassen könnte, erschien ihm undenkbar. Vielleicht
-hatte sie mit ihm gespielt, weil sie ihn für ungefährlich hielt. Da
-war er frech geworden, wie Kolbe sich ausgedrückt hatte, und sie hatte
-ihn abblitzen lassen. Aber schon die Tatsache, daß sie stundenlang
-mit dem Bengel allein nachts im Park geblieben war, drückte ihm einen
-Stachel ins Herz.
-
-Er goß sich ein Glas Kognak ein, ein zweites und drittes. Er wollte
-sich betäuben, um von seinen Gedanken loszukommen Es half nichts. Je
-mehr er trank, desto heftiger wurde sein Groll gegen Franz. Die Worte
-aus „Kabale und Liebe“, das er im letzten Winter in Berlin gesehen
-hatte, fielen ihm ein: „Wenn du genossest, wo ich anbetete“. Er lachte
-schrill auf. War es denn undenkbar? War es denn bewiesen, daß diese
-nächtliche Zusammenkunft im Park die erste gewesen war? Dann hatte
-sie aus Klugheit dem Idyll ein Ende bereitet und war Hals über Kopf
-abgereist, und der Jüngling hatte im Trennungsschmerz gestöhnt ....
-
-Nach einer schlecht verbrachten Nacht stand er morgens übel gelaunt
-auf, zog sich an und trat vor die Tür. Franz kam schon aus der Molkerei
-zurück. Mit gesenktem Kopf, vornüber gebeugt, wie ein müder Greis, kam
-er angegangen. Über diese Haltung, die so deutlich die Seelenstimmung
-des jungen Menschen widerspiegelte, geriet Viktor in Wut. Er sah darin
-den Beweis für alles, was Kolbe ihm erzählt, was er selbst während der
-Nacht mit Ingrimm und Verzweiflung überdacht und durchgekämpft hatte.
-Ein heftiges Verlangen, diesen jungen Menschen, der sein glücklicher
-Rivale war, während er darbte, zu demütigen, auch, wenn’s sein konnte,
-zu vernichten, stieg in ihm auf. Er rief ihn an:
-
-„Sie, Franz, gehen Sie mal in den Stall und sehen Sie zu, was der Kerl
-von Reitknecht solange macht. Er soll mir mein Pferd vorführen.“ Er
-hatte absichtlich in schnarrendem Befehlston gesprochen.
-
-Franz sah ganz verdutzt auf. Eine tiefe Röte stieg in sein Gesicht.
-Aber er erwiderte mit ruhiger Stimme: „Herr von Sawerski, ich habe
-keine Befehle von Ihnen zu empfangen.“
-
-„Was? Sie Lümmel wollen nicht gehorchen?“
-
-„Herr von Sawerski, das ist eine schwere Beleidigung. Sie werden mir
-dafür Genugtuung zu geben haben.“
-
-„Ja, ein paar Ohrfeigen können Sie kriegen.“
-
-In demselben Augenblick erhielt er von Franz eine so heftige Tachtel,
-daß auf der rot angelaufenen Backe die fünf Finger sich abzeichneten.
-Besinnungslos vor Wut hob Viktor die Reitpeitsche. Ehe aber der
-Hieb niederfiel, hatte Franz sie ihm aus der Hand gerissen und
-fortgeschleudert: „Sie wollen sich wohl noch eine Tracht Prügel
-verdienen?“
-
-Ohne sich auch nur nach ihm umzusehen, ging der junge Mann an Viktor
-vorbei in die Tür und in sein Zimmer. Ohne sonderliche Erregung
-setzte er sich an den Tisch und schrieb das Erlebnis mit den dabei
-gefallenen Worten wahrheitsgetreu nieder. Eine Stunde später ging er
-ins Herrenhaus und ließ sich beim Herrn Oberamtmann, der stets auf war,
-wenn die Glocke zur Arbeit rief, melden.
-
-„Was bringen Sie, Franz? Sie machen ja ein so feierliches Gesicht.“
-
-„Ich habe einen heftigen Zusammenstoß mit Herrn von Sawerski gehabt.“
-
-„Das ist doch eine ausgemachte Dummheit.“
-
-„Aber nicht von mir, Herr Oberamtmann.“
-
-„Na, dann erzählen Sie, aber halten Sie sich streng an die Wahrheit.“
-
-Franz sah ihn groß an und erwiderte ruhig, aber fest: „Dieser Mahnung
-bedarf es bei mir nicht, Herr Oberamtmann. Außerdem hat der Herr
-Oberinspektor aus nächster Nähe den Vorfall mitangesehen. Ich habe ihn
-sofort zu Papier gebracht.“
-
-Er reichte ihm das Blatt. Der Gutsherr las. Sein Gesicht verfinsterte
-sich. Er schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. „Das ist ja
-unerhört!“
-
-„Jawohl, Herr Oberamtmann. Ich habe in völlig ruhigem Ton, ohne die
-Stimme zu erheben, von Herrn von Sawerski Genugtuung verlangt. Er
-antwortete mir mit einer zweiten, noch schwereren Beleidigung. Da habe
-ich ihm die zweite Beleidigung in der einzig mir richtig erscheinenden
-Weise abgegolten.“
-
-„Wissen Sie auch, was der Vorfall für Folgen haben kann?“
-
-„Ich wüßte nicht, Herr Oberamtmann.“
-
-„Herr von Sawerski muß Sie auf die schwersten Bedingungen fordern.“
-
-„Bedauere sehr,“ erwiderte Franz, „der Herr Oberleutnant hat mir schon
-die Genugtuung verweigert, die er mir nach der ersten Beleidigung
-schuldig war.“
-
-„Sind Sie so bewandert im Ehrenkodex?“
-
-„Das sagt mir mein Gefühl. Ich muß Herrn Oberamtmann anheimstellen, wie
-er darüber urteilt.“
-
-Der Gutsherr brummte etwas in seinen Bart, was nicht zu verstehen war.
-Dann fragte er: „Also Sie wollen die Regelung der Angelegenheit in
-meine Hand legen?“
-
-„Ich möchte darum bitten.“
-
-„Nun gut. Jetzt gehen Sie ruhig an Ihre Arbeit. Wenn jemand im Auftrage
-des Herrn von Sawerski mit einer Forderung an Sie herantritt, dann
-lassen Sie es mich wissen, ehe Sie sich entscheiden. Oder besser, Sie
-schicken den Herrn zu mir.“
-
-„Ich danke, Herr Oberamtmann.“
-
-Kurz darauf ertönte das Klingelzeichen, das den Gutsherrn zum
-Frühstückstisch rief. Er suchte sich zu beherrschen, aber seine Gattin
-sah ihm sofort an, daß etwas in ihm wühlte. „Was fehlt dir, Konrad?“
-
-„Mir fehlt gar nichts, im Gegenteil, ich habe etwas zu viel. Hier diese
-üble Neuigkeit.“ Er reichte ihr das von Franz beschriebene Blatt.
-
-Frau Olga überflog es und schüttelte den Kopf. „Das ist eine sehr
-unangenehme Geschichte.“
-
-„Jawohl, und ich zerbreche mir den Kopf, woher diese Feindschaft
-zwischen den beiden stammt.“
-
-„Die Feindschaft scheint nur auf Sawerski’s Seite zu sein, und ich
-glaube, dir auch die Erklärung dafür geben zu können. Unter den Mädchen
-in der Küche und auf dem Hofe geht das Gerede ... die Mamsell hat sich
-verpflichtet gefühlt, es mir zu erzählen ..., daß Adelheid am Abend vor
-ihrer Abreise lange im Park gewesen ist, und Kolbe gibt seinen Senf
-dazu und erzählt überall herum, daß Franz in derselben Nacht erst um
-zwölf nach Hause gekommen ist.“
-
-Der Gutsherr stieß einen lauten Pfiff aus. „Und der Klatsch bringt die
-beiden zusammen.“
-
-Frau Olga nickte. „Sawerski hat es natürlich auch gehört. Dafür
-wird Kolbe schon gesorgt haben. Er ist noch nachträglich auf Franz
-eifersüchtig geworden und hat ihn brüskiert. Daß die Sache so übel für
-ihn ablaufen würde, hat er wohl nicht gedacht. Was wirst du jetzt tun?“
-
-„Was ich muß. Frag’ nicht weiter, liebe Frau, das sind Männersachen,
-über die ich nicht sprechen darf. Um jedoch auf besagten Hammel
-zurückzukommen: Ich halte es durchaus für möglich, daß Adelheid mit dem
-frischen Jungen geflirtet hat. Gebildte Lüd’ drapen sich, säd de Vos,
-da ging hei mit de Gaus spaziere.“
-
-Frau Olga lächelte. „Aber Konrad, das Sprichwort hinkt ja auf beiden
-Seiten.“
-
-„Na, dann will ich einen anderen Vergleich wählen. Das war ein falscher
-Kontakt, der Kurzschluß herbeiführte.“
-
-„Du bist ein arger Spötter, lieber Mann.“
-
-„Und du bist eine liebevolle Freundin, klug wie eine Taube und ohne
-Falsch wie die Schlange. Gehab dich wohl, teures Weib, mich ruft die
-Pflicht.“
-
-Er ging in sein Zimmer, ließ den Oberinspektor rufen und legte ihm
-Franzens Bericht über den Vorfall vor. Ohne Zögern bestätigte der Mann,
-der auch Reserveoffizier war, daß jedes Wort der Wahrheit entsprach.
-Und von selbst fügte er hinzu, ihm sei die eiserne Ruhe des jungen
-Mannes aufgefallen. Nur bei den letzten Worten, als er Sawerski die
-Reitpeitsche entriß: „Sie wollen sich wohl noch eine Tracht Prügel
-verdienen?“, habe er die Stimme in leicht begreiflicher Erregung etwas
-erhoben.
-
-Eine Stunde später rief der Oberamtmann den Bezirkskommandeur in der
-Stadt an, teilte ihm die Sache mit und beantragte die Einberufung
-eines Ehrengerichts. Eine Forderung sei noch nicht erfolgt, jedoch im
-Laufe des Tages zu erwarten.
-
-In der Mittagszeit erschien bei Franz der Inspektor eines benachbarten
-Gutes und stellte sich gezwungen höflich vor: „von Poltenstern. Ich
-habe Ihnen im Auftrage des Oberleutnants von Sawerski eine Forderung
-auf Pistolen zu überbringen. Wollen Sie mir den Namen Ihres Sekundanten
-nennen, damit ich mit ihm alles Nähere vereinbaren kann.“
-
-Franz hatte sich sofort bei Eintritt des Besuchers erhoben. „Ich bitte
-Sie, sich zu Herrn Oberamtmann zu bemühen.“
-
-Der Inspektor sah ihn etwas verdutzt an, dann eine knappe, sehr
-gemessene Verbeugung. Weg war er. Ohne anzuklopfen trat er bei Viktor
-ein. „Was gibt’s?“
-
-„Eine sehr unangenehme Sache.“
-
-„Weigert sich der Lümmel ...?“
-
-„Nein, er nannte mir ganz korrekt seinen Sekundanten.“
-
-„Na also ...?“
-
-„Ja, aber das ist Ihr Regimentskamerad, der Oberamtmann.“
-
-Viktor erbleichte und trat einen Schritt zurück. „Das sieht ja ganz so
-aus, als wenn er gegen mich Partei nimmt.“
-
-„Das Gefühl habe ich auch. Aber ich kann nichts anderes tun, ich muß zu
-ihm gehen.“
-
-Der Oberamtmann empfing Viktors Sekundanten, der sich in dieser
-Eigenschaft ihm vorstellte, sehr gemessen. „Ich kann keine Bedingungen
-über den Zweikampf mit Ihnen vereinbaren, Herr von Poltenstern, da ich
-bereits die Einberufung eines Ehrengerichts gegen Herrn von Sawerski
-beim Bezirkskommandeur beantragt habe. Vor demselben wird auch über
-die Forderung verhandelt werden. Ich kann Ihnen nur anheimstellen,
-Herrn von Sawerski Ihren Auftrag zurückzugeben, bis das Ehrengericht
-entschieden hat.“
-
-„Dürfte ich die Veranlassung dieses Ehrenhandels von Ihnen erfahren?“
-
-„Bedauere sehr ...“
-
-Kühl höflich erklärte Herr von Poltenstern wenige Minuten später
-Viktor, er müsse seine Bemühungen in dem Ehrenhandel einstellen, bis
-das Ehrengericht entschieden habe.
-
-Noch am Abend desselben Tages trat das Ehrengericht zusammen. Der
-Oberinspektor berichtete als Zeuge. Viktor gab ohne jede Beschönigung
-unumwunden den Sachverhalt zu. Ohne eine Entscheidung über die
-Forderung zum Zweikampf zu fällen, gab ihm das Gericht den Rat,
-schleunigst seinen Abschied einzureichen. Das war eine sehr weitgehende
-Rücksichtnahme, um ihm die Entlassung mit schlichtem Abschied zu
-ersparen.
-
-Noch in derselben Nacht packte Viktor seine Sachen, hinterließ einen
-Brief an den Gutsherrn und seine Gattin und fuhr im Morgengrauen zur
-Bahn. Er gab nicht einmal seine Adresse an, wo ihn Briefe und andere
-Sendungen erreichen konnten.
-
-
-
-
-17. Kapitel
-
-
-Wie ein müder Mann saß Franz dem Vater gegenüber, der ihn voll Mitleid
-ansah. „Was fehlt dir bloß, mein Junge?“
-
-„Ich quäle mich so mit Gedanken.“
-
-„Na, was sind denn das für Gedanken?“
-
-„Ich will nicht Landwirt bleiben. Ich kann nicht ...“, stieß Franz
-hervor.
-
-„Das habe ich schon vermutet, als du vor drei Wochen so plötzlich nach
-Hause kamst. Na, denn nicht! Es wird mir ja nicht leicht, mich von der
-Hoffnung zu trennen, aber du hast ehrlich gehandelt und ein Jahr als
-Lehrling ausgehalten, ich mache dir keine Vorwürfe.“
-
-Franz wurde bei diesen Worten rot. Er hatte das Bewußtsein, daß er
-nicht ehrlich handelte. Die Landwirtschaft war ihm durchaus nicht
-zuwider. Es war etwas anderes, was ihn seinen Beruf aufgeben ließ und
-nach Berlin zog .... Er schämte sich und die Scheu, dem Vater alles zu
-offenbaren, verschloß ihm den Mund. Er erhob sich: „Ich möchte noch
-für einen Augenblick zu Onkel Uwis gehen.“
-
-„Ja, tu du das. Hoffentlich wäscht er dir gründlich den Kopf. Ich bin
-zu schwach dazu.“
-
-Mit einem matten Lächeln erwiderte Franz: „Ich kann ihm ja deinen
-Wunsch ausrichten.“
-
-Der Pastor hatte bereits seine Ankunft erfahren und sich darauf
-vorbereitet. Er ging mächtig dampfend im Garten auf und ab. „Na, Ritter
-Tannhäuser, wieder mal aus dem Venusberg entwichen?“, rief er Franz
-entgegen.
-
-„Ich war nie drin, Onkel“, erwiderte Franz mit matter Stimme.
-
-„Ich habe das ja auch nicht wörtlich gemeint. Ich nehme an, du willst
-mir wieder dein Herz ausschütten. Die Hauptsache weiß ich schon: die
-plötzliche Abfahrt der schönen Teufelin, deinen Zusammenstoß mit
-dem Leutnant. Das war recht, mein Junge. Nur nichts auf sich sitzen
-lassen. Aber auch innerlich nicht. Man muß sich nie mit einem Vorwurf
-plagen, den man sich selbst macht. Nein, frisch zupacken, die Ursache
-beseitigen und sich durch Besserung reinigen.“
-
-„Onkel, ich wüßte nicht ....“
-
-„Das ist mir an dir neu. Na, dann muß ich dir auf die Sprünge helfen.
-Du hast dem Vater erklärt, daß du nicht Landwirt werden willst. Hast du
-ihm den wahren Grund eingestanden?“
-
-Tief errötend senkte Franz die Augen.
-
-„Siehst du, das hast du nicht getan“, fuhr der Pastor fort. „Ich weiß
-schon, du willst hinter der Venus hergondeln .... Denkst du auch daran,
-wozu das führen soll oder kann?“
-
-„Ich muß sie noch einmal sehen und sprechen“, rief Franz verzweifelt
-aus.
-
-„Wat mött, dat mött. Du wirst eins auf die Nase kriegen. Hoffentlich
-wird der Schlag stark genug sein, um dich zur Besinnung zu bringen. Was
-zieht dich noch hinter dem Weib her?“
-
-Franz ließ sich auf die Bank fallen, senkte den Kopf und schlug die
-Hände vors Gesicht. „Onkel,“ stöhnte er, „ich habe sie ja in meinen
-Armen gehalten ... ich habe sie geküßt ... und sie hat in meinen Armen
-gezittert ....“
-
-„Das fehlte bloß noch“, grollte der alte Herr heftig.
-
-„Jetzt schreit meine Seele nach ihr Tag und Nacht ... ich habe keine
-Freude am Leben, keine Lust, weiter zu leben.“ Franz hob den Kopf und
-streckte die Hände nach dem Onkel aus. „Hilf mir doch, Onkel, von
-diesen Gedanken los zu kommen, dieser entsetzlichen Pein zu entrinnen.“
-
-In tiefer Bewegung umfaßte der Pastor seinen Kopf. Seine Stimme
-zitterte: „Junge, Freund, was verlangst du von mir? Ja, ich wüßte
-allerdings ein Mittel, das über das Schwerste hinweghelfen könnte, aber
-ich wage nicht, es dir anzuraten.“
-
-„Onkel,“ erwiderte Franz leise, aber fest, „meine Liebe ist rein und
-heilig. Es gibt auf der Welt kein anderes Weib für mich, das ich auch
-nur ansehen könnte.“
-
-„Ja, mein Junge, ich weiß. Du bist ein anständiger, braver Bursch
-geblieben, der seine Jugendkraft nicht vergeudet hat. Was dein höchster
-Ehrentitel sein sollte, wird dir zum Unglück. Du verdienst keine
-Vorwürfe, sondern mein Mitleid. Aber nun raff dich auf. Du mußt ein
-Ende machen. Hörst du, du mußt, sonst zerstörst du freventlich dein
-Leben.“
-
-Franz löste sich aus seinem Arm. „Jawohl, Onkel. Das will ich. Aber
-erst muß ich sie noch einmal sehen und sprechen. Ich muß aus ihrem
-eigenen Munde hören, daß ich ihr gar nichts bedeute.“
-
-„Und wenn sie dich wieder betört und mit dir spielt?“
-
-„Dann, Onkel, dann bin ich ihr verfallen mit Leib und Seele, für Zeit
-und Ewigkeit.“ ... Nach einer Weile fuhr er ruhiger fort: „Du sagst
-eben: wieder betört. Das muß ich richtigstellen. Sie hat mir nicht die
-geringste Veranlassung gegeben. Ich stammelte meine Liebeserklärung,
-ich umfaßte sie in maßloser Leidenschaft, ich küßte sie wie rasend.
-Die Überraschung, der Schreck lähmten sie. Aber dann hat sie mir das
-Unsinnige meiner Liebe vorgehalten.“ ...
-
-„So, das freut mich, zu hören. Dadurch bekommt das Fräulein in meinen
-Augen eine ganz andere Gestalt. Und du brauchst ihr nicht mehr
-nachzureisen. Du hast ja doch schon dein Urteil empfangen.“
-
-„Onkel, ich muß .... In einem Winkel meines Herzens lebt noch eine
-winzige Hoffnung.“ ...
-
-„Wie ist das möglich?“
-
-„Ich will dir auch das noch gestehen, Onkel. Beim Abschied ließ sie
-sich von mir ohne Widerstand in die Arme nehmen und küssen. Es war nur
-ein ganz kurzer Augenblick, aber es war doch ...“
-
-„Mitleid, mein Junge, weiter nichts. Vielleicht auch eine kleine
-Schwäche, die sich manchmal bei jungen Damen reiferen Alters einstellen
-soll. Ich will nichts gesagt haben, nicht mal angedeutet. Und nun zum
-Abschied: Was hast du zu allererst zu tun?“
-
-„Ich werde dem Vater alles gestehen. Leb wohl, Onkel. Du erhältst bald
-Nachricht von mir.“
-
-Es war für beide eine sehr ernste Stunde, als Franz dem Vater
-beichtete. Vater Rosumek war kein Seelenkenner. Er war in seinem
-Leben stets die „Chausseen der Liebe“ gewandert, und konnte es nicht
-begreifen, wie ein junger Mensch sein Herz an ein viel älteres Mädchen
-hängen und so völlig außer Rand und Band geraten konnte. „Ja, wenn du
-dich in ein junges Ding verknallst hättest und wärest zu mir gekommen:
-‚Vater, ich muß sie heiraten‘, dann hätte ich das begriffen. Aber wenn
-Onkel Uwis das billigt, dann fahr ihr in Gottes Namen nach. Auf die
-paar Mark soll es mir nicht ankommen. Und nu schenk mir mal ganz reinen
-Wein ein. Es ist nicht bloß das Studium, das dich nach Berlin zieht.“
-
-„Nein, Vater, ich dachte, sie dort zu treffen.“
-
-„Na, dann gebe ich die Hoffnung nicht auf, aus dir noch einen Landwirt
-zu machen. Und da möchte ich dir den Vorschlag machen, jetzt dein Jahr
-abzudienen. Je eher du es hinter dir hast, desto besser. Aber nicht bei
-der Kavallerie. Ich möchte es dir ja gönnen, aber das Geld, das du dort
-ausgibst, wirst du später besser gebrauchen können.“
-
-Mit viel leichterem Herzen, als er gekommen war, fuhr Franz nach
-Polommen ab. Bis zum 15. September wollte er dort bleiben, dann noch
-einen Tag oder zwei nach Hause, ehe er ins Reich fuhr.
-
-Der Oberamtmann gab ihm ein vorzügliches Zeugnis über sein Lehrjahr
-und wünschte ihm alles Gute für die Zukunft. Mit klopfendem Herzen
-betrat Franz das Wohnzimmer, um sich von der Herrin des Hauses zu
-verabschieden. Er wollte sie um Adelheids Adresse bitten. Er mußte sich
-sehr zusammenreißen, um die Bitte auszusprechen. Frau Olga sah ihn halb
-belustigt, halb mitleidig an. „Meine Freundin wohnt nicht ständig in
-Berlin, wie Sie anzunehmen scheinen. Sie kann jetzt in Wiesbaden oder
-Baden-Baden sein. Ich weiß es jedoch nicht. Und wenn ich es wüßte,
-würde ich es Ihnen nicht sagen.“
-
-Als sie in sein verstörtes und verzweifeltes Gesicht sah, fuhr sie
-freundlicher fort: „Franz, ich weiß, wie es um Sie steht. Das sind
-törichte Hirngespinste. Ihre Leidenschaft ist krankhaft.“
-
-„Und wenn ich doch die Hoffnung hätte, sie zu erringen?“
-
-„Woraus schöpfen Sie denn die Hoffnung? Etwa aus dem Abend im Park?
-Ich weiß nicht, was vorgefallen ist. Ich würde es sehr bedauern, wenn
-Adelheid mit Ihnen ein törichtes Spiel getrieben hätte. Das wäre
-geradezu unverantwortlich von ihr gehandelt .... Und selbst wenn ...
-ich mag es nicht noch mal wiederholen, dann zeigt doch ihre plötzliche
-Abreise, daß sie diese unbedeutende Episode in ihrem Leben kurzerhand
-beendigen wollte .... Ob Sie irgendwelche Schuld tragen, weiß ich
-nicht. Aber das ist doch nicht zu bestreiten, daß Sie sehr störend in
-ihr Leben eingegriffen haben. Sie haben eine keimende Neigung zerrissen
-und es Herrn von Sawerski unmöglich gemacht, sich um Adelheid zu
-bewerben.“
-
-Gesenkten Hauptes, wie ein reuiger Sünder, hatte Franz Frau Olga
-zugehört. Aber sie sah, daß ihre Worte auf ihn keinen Eindruck machten.
-„Ich möchte Sie doch noch einmal warnen, meiner Freundin wieder in den
-Weg zu treten. Sie würden sich ohne Zweifel eine sehr scharfe Abweisung
-zuziehen. Ich bedauere Sie, Franz, denn Sie haben sich in dem Jahr
-musterhaft geführt. Aber ich wundere mich, daß Sie nicht den Verstand
-und die Kraft aufbringen, sich von dieser hoffnungslosen Leidenschaft
-zu befreien.“
-
-Zwei Tage später stieg Franz nach einem kurzen Abschied von Vater
-und Mutter und Onkel Uwis in den Zug und fuhr Tag und Nacht nach
-Baden-Baden. Es war ihm, als wenn eine innere Stimme ihm sagte, daß
-er sie dort treffen würde. In einem bescheidenen Hotel in der Nähe
-des Bahnhofs, das ihm ein Mitreisender empfohlen hatte, nahm er ein
-Zimmer und ließ sich etwas zu essen geben. Und richtig: er fand in der
-Kurliste ihren Namen und ihre Wohnung. Sie wohnte im teuersten und
-feinsten Hotel.
-
-Eine Stunde später ging er vor dem Eingang ruhelos auf und ab. Er war
-mit dem Entschluß fortgegangen, nach ihr zu fragen und sich bei ihr
-melden zu lassen. Im letzten Augenblick verlor er den Mut. Es war
-schon gegen Abend, als eine Gesellschaft von Herren und Damen auf ihn
-zukam. Mit freudigem Schreck erkannte er unter ihnen Adelheid. Sie
-sah blendend schön und hochelegant aus. Das Herz schlug ihm bis zum
-Halse hinauf .... Mit tiefer Verbeugung zog er seinen Hut. Sie schien
-ihn nicht zu bemerken. Kalt glitt ihr Blick über ihn hinweg, ohne das
-leiseste Zeichen, daß sie ihn erkannt hatte .... Er hörte einen Herrn
-mit schnarrender Stimme sagen: „Meine Gnädigste, der Gruß scheint Ihnen
-gegolten zu haben.“ ... „Sie irren sich, Herr Graf, ich kenne den
-Jüngling nicht.“
-
-Betäubt, gänzlich unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, wanderte er
-in sein Hotel zurück. Seine verzweifelte Stimmung gab ihm den Rat ein,
-nach einem Sorgenbrecher zu greifen. Er trank eine Flasche schweren
-Rotwein und ließ sich noch eine zweite auf sein Zimmer bringen, denn
-die erste war ohne jede Wirkung wie auf einem heißen Stein verzischt.
-Die zweite gab ihm die nötige Bettschwere. Er schlief tief und fest. Am
-Morgen wachte er mit einem wüsten Kopfschmerz auf. Aber ihm unbewußt
-war in der Nacht ein Trotz in ihm erwacht. Er wollte und mußte sie
-stellen und zu einer Entscheidung zwingen. Dann begann sein Herz
-sie zu entschuldigen. Sicherlich war es ungeschickt, ja unpassend
-gewesen, sich durch einen Gruß an sie heranzudrängen. Es war ihm nicht
-entgangen, wie seine Kleidung von der Eleganz der sie begleitenden
-Herren abstach. Eine tiefe Mutlosigkeit überfiel ihn. War es nicht
-besser, wenn er keinen Besuch mehr machte, sondern einfach abfuhr?
-
-Eine Stunde später war er wieder auf dem Weg nach ihrem Hotel.
-Unterwegs kaufte er sich ein Kärtchen und schrieb seinen Namen darauf.
-Entschlossen trat er in die Eingangshalle. Ein betreßter Herr nahm ihm
-die Karte ab und schickte einen Boy zu Fräulein Bartenwerffer. Der
-Junge kam nach einer Zeit zurück, die Franz eine Ewigkeit dünkte. „Das
-gnädige Fräulein bedauern sehr, den Herrn nicht empfangen zu können.“
-
-Er drückte dem Jungen einen Taler in die Hand. „Das gnädige Fräulein
-ist wohl noch nicht angezogen?“
-
-„O doch, sie setzt eben den Hut auf. Sie wird wohl gleich mit dem Lift
-herunterkommen. Wenn Sie dort Platz nehmen wollen.“
-
-Eine Viertelstunde später trat Adelheid aus dem Fahrstuhl. Sie war ganz
-einfach in Weiß gekleidet und trug ein Rakett in der Hand. Franz sprang
-auf und trat auf sie zu. Sie maß ihn mit einem kalt abweisenden Blick
-von oben bis unten. „Was wünschen Sie von mir?“
-
-„Ich wollte Sie sprechen“, stammelte Franz.
-
-„Bedauere sehr, ich bitte, mich nicht zu belästigen. Ich teile keine
-Almosen aus.“
-
-Verwirrt trat Franz zurück und gab ihr den Weg frei. Ohne ihn
-anzusehen, ging sie schnell an ihm vorbei.
-
-„Aus“, wiederholte Franz leise. „Sie teilt keine Almosen aus. Na, nun
-weiß ich, woran ich bin.“
-
-Er konnte sich später nicht mehr erinnern, wie er den Weg in sein Hotel
-zurückgefunden hatte. Erst als er sich eine Flasche Rotwein bestellte
-und der schwere Wein zu wirken begann, kam er zu sich. Ihm war zu Mut,
-als wenn die Begegnung mit Adelheid schon Wochen und Monate hinter ihm
-lag. „Ich Esel,“ dacht’ er, „hab ich das noch nötig gehabt? Almosen
-teilt sie nicht aus? Ach, das Wort sollte wohl für mich noch eine
-besondere Bedeutung haben? War das etwa ein Almosen für mich, daß sie
-sich zum zweitenmal von mir umfassen und küssen ließ?“
-
-Der Wein munterte ihn immer mehr auf. Er aß gut und reichlich, ging
-zur Bahn und nahm sich eine Fahrkarte zweiter Klasse nach Berlin.
-Es war ein greulicher Bummelzug, in den er geraten war. Doch ihm war
-das gleichgültig. Er lehnte sich in eine Ecke und schlief ein. Als er
-gegen Abend erwachte und die Gedanken ihn wieder zu bekriechen und zu
-peinigen begannen, kaufte er sich unterwegs wieder eine Flasche Wein
-und trank sie aus. Danach schlief er durch bis Berlin. Er nahm sich
-ein Auto und fuhr zu seinem alten Schulkameraden Sutor, der schon seit
-einem Jahr als Student in Berlin lebte und sich schlecht und recht
-durch Stipendien und Stundengeben durchs Leben schlug.
-
-Der Freund erschrak nicht schlecht, als Franz sich vor ihm aufbaute,
-verschwiemelt, hohläugig ... „Mensch, Franz, wo kommst du her? Wie
-siehst du aus?“
-
-„Wahrscheinlich ein bißchen mitgenommen von der Extratour, die ich
-hinter mir habe. Erst von Hause in einem Zug durch bis Baden-Baden; den
-nächsten Tag wieder hier zurück. Davon setzt man keinen Speck an.“
-
-„Vor allen Dingen mußt du gründlich ausschlafen. Meine Wirtin hat noch
-ein Zimmer frei.“
-
-„Das habe ich zur Genüge im Zug besorgt. Aber hast du nicht einen
-dienstbaren Geist, der uns eine Flasche Rotwein oder Kognak holen
-kann? Wir müssen doch das Wiedersehen gebührend feiern.“
-
-Sutor sah ihn ganz entgeistert an. „Franz, was ist mit dir los? Du bist
-ja auf der Schule kein Duckmäuser gewesen, aber du hast doch am Morgen
-keinen Alkohol nötig gehabt.“
-
-„Na, dann nimm an, daß ich ihn jetzt oder wenigstens heute nötig habe.“
-
-„Hast du etwas Schweres durchgemacht, daß du dich so betäuben willst?“
-
-„Frag nicht, alter Sutor! Ich werde es dir vielleicht später erzählen,
-wenn ich darüber hinweg bin. Heute tu mir den Gefallen. Hier ist Geld.
-Du willst es selbst holen? Das ist nett von dir. Aber was Gutes, wenn
-ich bitten darf.“
-
-Bei einem Glas leistete der Student seinem Jugendfreund Gesellschaft.
-Dann mußte er ins Kolleg. Als er mittags zurückkam, lag Franz sinnlos
-betrunken auf seinem Bett. Die Flasche Rotwein und ein Drittel des
-Kognaks waren ausgetrunken.
-
-
-
-
-18. Kapitel
-
-
-Auf das blanke Nichts war Sutor nach Berlin gefahren. Der Vater hatte
-ihm zehn Taler gegeben, einige von den Bauern hatten ihm zehn und
-zwanzig Mark beim Abschied in die Hand gedrückt. Außerdem nahm er ein
-Dutzend Alberten und einen Kober mit Mundvorrat mit. Damit wollte ihn
-die Mutter auch weiterhin versorgen.
-
-Daraufhin wagte es der tapfere Junge, der noch keine größere Stadt als
-die masurischen Kreisstädte gesehen hatte, nach Berlin zu fahren, um
-ein mehrjähriges Studium zu beginnen. Sein Äußeres wies keine Vorzüge
-auf, eher das Gegenteil. Er war ein großer, ungelenker Mensch. Sein
-Gesicht mit den breiten Backenknochen und der niedrigen Stirn konnte
-auf Schönheit keinen Anspruch machen. Aber er wußte, was er wollte und
-besaß die geistige und sittliche Energie, es durchzuführen.
-
-Zuerst suchte er sich eine Unterkunft und fand sie bei einer Waschfrau,
-die ihm ein kleines unheizbares Stübchen für einen geringen Preis
-überließ. Dann klapperte er, mit einem Einführungsschreiben seines
-Direktors versehen, die Gymnasien ab und hatte das Glück, einen Jungen
-als Schüler zu bekommen, den seine Eltern aus der Schule nehmen mußten,
-weil er nach zweijähriger Tätigkeit auf der Quarta nicht versetzt
-worden war.
-
-Mit unendlicher Geduld und eiserner Strenge brachte er den Jungen,
-der von der Affenliebe der Mutter verwöhnt, schon alle Genüsse der
-Großstadt kannte, in einem halben Jahr nach der Untertertia. Dieser
-Erfolg brachte ihm Empfehlungen und Privatschüler, so daß er ohne
-Sorgen leben konnte. Mittags aß er in den Akademischen Bierhallen oder
-bei Aschinger, wo er nie den Donnerstag versäumte, um sich an seinem
-ostpreußischen Nationalgericht, Königsberger Fleck, zu erlaben. Die
-anderen Mahlzeiten beschaffte er sich selbst.
-
-Mit tiefer Betrübnis sah der junge Mensch, dessen ganzes Leben auf
-Arbeit und Pflicht eingestellt war, wie sein Jugendfreund, an dem er
-mit großer Liebe hing, in dessen Elternhaus er so frohe Stunden verlebt
-hatte, sich täglich unter Alkohol setzte, bis er in einen leichten
-Rausch geriet. Dann wurde er aufgeräumt und gesprächig, aber nie sprach
-er mit Sutor über die Ursache seines geheimen Kummers. Sowie der
-Rausch verflogen war, geriet er in dumpfes Brüten, bis er wieder, wie
-er sich ausdrückte, „Öl auf die Lebensflamme gegossen“ hatte.
-
-Sutor stand ihm in diesen Tagen treu zur Seite. Er stellte fest,
-welches Regiment im Herbst Einjährige einstellte, begleitete ihn in die
-Kaserne und wartete, bis er sich angemeldet und aufgenommen war.
-
-Der Adjutant besah Franz mit einem verletzenden Blick von oben bis
-unten. „Sie sehen etwas merkwürdig aus, Herr Rosumek. Sie haben wohl
-heute schon gut gefrühstückt?“
-
-Als Franz nichts erwiderte, fuhr er fort: „Das werden wir Ihnen
-bald abgewöhnen. Am 1. Oktober finden Sie sich um acht Uhr auf dem
-Kasernenhof ein.“
-
-Es war eine große Anzahl junger Leute, die sich an diesem Tage auf
-dem Kasernenhofe einstellten, wo sie zunächst in einer Reihe nach
-der Größe geordnet wurden. Franz wurde von dem Adjutanten aus der
-Reihe genommen und ans Ende gestellt, wo er der zwölften Kompagnie
-zugeteilt wurde, deren Hauptmann als besonders streng und scharf
-bekannt und gefürchtet war. Er erschien bald mit dem Feldwebel, der
-genau so grimmig aussah, wie sein Hauptmann, und fragte seine drei
-Rekruten nach allem Möglichen aus, nach Stand, Beruf, Alter, Eltern,
-Vorbildung usw. Franz, der am Abend vorher, trotz allen Abmahnens
-seines Freundes, wieder stark getrunken hatte, gefiel ihm gar nicht.
-Und mit Recht, denn er sah verkatert aus. Eine müde Gleichgültigkeit
-lag über seinem Wesen. Dann führte der Feldwebel seine neuen Kinder auf
-die Kammer, wo sie ihre Kommißausrüstung erhielten. Der eine seiner
-Leidensgefährten, ein heller Berliner Junge, namens Winter, der schon
-über alles Bescheid wußte, nahm Franz unter seine Fittiche und führte
-ihn in die Handwerkerstube, wo sie sich den Anzug reinigen, die Stiefel
-und das Koppelzeug putzen ließen .... Dort erhielt Franz auch seinen
-Putzkameraden zugeteilt. Die Schuster und Schneider grinsten, als der
-Feldwebel den Namen Demut rief. Ein untersetzter, breitschultriger Kerl
-rief mit mächtiger Stimme „Hier!“, und sprang heran.
-
-„Wollen Sie dem Einjährigen die Sachen putzen?“
-
-„Jawohl, Herr Feldwebel, det mach’ ick mit Vajnügen.“
-
-Erst später erfuhr Franz, daß er das schlimmste Subjekt der Kompagnie
-bekommen hatte. Es war ein verbummelter Fleischergeselle und
-Viehtreiber, der sich der Aushebung entzogen hatte und erst nach vier
-Jahren von den Behörden aufgegriffen worden war. Zur Strafe mußte er
-drei Jahre dienen. Er trank sehr stark, und sein ganzes Dichten und
-Trachten ging nur auf die Beschaffung eines „Leuchtturmes“, eines
-großen Glases Schnaps, hin. Deshalb erschien er jeden Morgen in der
-Kantine, um sich durch Ausfegen, Scheuern und Gläserwaschen einen
-Schnaps zu verdienen. Er war der Schrecken der Kompagnie, aber der
-Hauptmann sah ihm manches nach, weil er sehr gut schoß, obwohl ihm das
-Gewehr in den Händen wie ein Lämmerschwanz zitterte. Aber im letzten
-Moment straffte er seinen Körper und der Schuß saß im Schwarzen.
-
-Und dennoch hatte Franz mit seinem Putzkameraden einen sehr guten Griff
-getan. So unsauber er selbst war, die Sachen und das Gewehr seines
-Einjährigen hielt er tadellos sauber. Und an jedem Morgen erschien
-er eine Stunde vor dem Dienst, weckte ihn oft mit vieler Mühe und
-half ihm beim Anziehen .... Die Triebfeder seiner Sorglichkeit war
-die Kognakflasche, die bei Franz immer auf dem Tisch stand. Jetzt
-brauchte er nicht mehr die Kantine zu fegen. Noch ehe er Franz weckte,
-verhaftete er einen Großen und dann noch zwei, drei .... Er konnte sich
-das ohne Scheu erlauben, denn Franz tat dasselbe. Er war auf dem besten
-Wege, ein Gewohnheitstrinker zu werden. Oder er war es schon, denn
-die Ursache, die ihn zum Trinken bewogen hatte, seine hoffnungslose
-Leidenschaft, war nahezu überwunden. Sie saß nur noch wie ein dumpfes
-Schmerzgefühl in seiner Brust.
-
-Die Ausbildungszeit der Rekruten fiel Franz außerordentlich schwer.
-Die Halsbinde, der enge, fest geschlossene Rock, die schweren Stiefel,
-verursachten ihm Unbehagen. Es kam ihm vor, als wenn er in einer
-Zwangsjacke steckte. Und geradezu lächerlich erschien es ihm, daß er
-noch wie ein kleiner Junge gehen lernen sollte. Es war merkwürdig, was
-der Sergeant und der Gefreite immer an ihm zu tadeln hatten. Aber er
-war wirklich ein schlechter Soldat. Er warf beim Parademarsch die Beine
-nicht hoch genug, er klappte bei jedem Griff nach, bei jedem Aufmarsch
-war er der Letzte. Denn er hatte, wie der Oberleutnant, der die
-Einjährigen ausbildete, sagte, eine zu lange Leitung. Das kam daher,
-daß jeder Befehl ihn erst aus einem dumpfen, gedankenlosen Brüten
-aufwecken mußte.
-
-Es war kein Wunder, daß er von seinen Vorgesetzten scharf angefaßt und
-öfter mit Nachexerzieren bestraft wurde, wobei er ein paar Sandsäcke im
-Tornister tragen mußte. Daß er stark trank, daß seine Schlappheit nur
-darauf zurückzuführen war, war in der ganzen Kompagnie bekannt. Sein
-Kamerad Winter, der ihm Teilnahme entgegenbrachte, machte ihm manchmal
-Vorstellungen. Er möchte doch das Trinken lassen und sich aufraffen,
-sonst würde er bald die Männerchen tanzen und die Mäuse laufen sehen.
-
-Franz wies die wohlgemeinte Mahnung schroff ab. Die Folge war, daß er
-nicht mehr zu den geselligen Zusammenkünften der Einjährigen eingeladen
-wurde. Nur der treue Sutor verließ ihn nicht, sondern besuchte ihn
-öfter und suchte ihn vom Trinken abzuhalten. Aber auch er bemühte sich
-vergebens. Franz ging zwar nicht aus, aber er trank zu Hause und hörte
-nicht auf, bis er die nötige Bettschwere hatte.
-
-In lichten Momenten wurde er von Scham und Reue gefoltert. Aber diese
-Anwandlungen führten nicht zur Besserung, sondern noch tiefer in den
-Sumpf hinein. Nach Hause schrieb er nur in langen Zwischenräumen,
-wenn er Geld brauchte und nur auf Postkarten. Von Baden-Baden hatte
-er im Rausch und in einer Anwandlung von Galgenhumor nach Hause
-telegraphiert: „Endgültig abgeblitzt. Habe mich getröstet. Bitte
-es auch Onkel sagen.“ Von seinem Leben und Treiben wußten seine
-Angehörigen nichts. Er hatte ihnen nur kurz die Nummer seines Regiments
-und seine Wohnung mitgeteilt. Die Eltern und Onkel Uwis machten sich
-Sorge um ihn, aber wodurch er sich tröstete, ahnten sie nicht.
-
-Eines Abends hatte Demut, dessen Lebensphilosophie allen Ernstes darin
-gipfelte, soviel Alkohol wie möglich seinem Körper zuzuführen, damit er
-nach dem Tode nicht von den Würmern gefressen würde, zuviel gegen die
-Würmer eingenommen und so lange geschlafen, daß er selbst nur knapp zum
-Dienst zur Zeit kam. Seine Stubengenossen hatten ihn mit Absicht erst
-im letzten Moment geweckt. Die Folge war, daß auch Franz verschlief und
-erst gegen Mittag verkatert und mit ungeputztem Koppel in der Kaserne
-erschien. Er entschuldigte sich mit einem Kopfkrampf, der ihn des
-Morgens befallen hätte.
-
-Das half ihm nichts. Der Hauptmann steckte ihn auf acht Tage ins Loch.
-Schon eine Stunde später wanderte er in dem Aufzug eines Sträflings,
-ohne Koppel, die schirmlose Mütze auf dem Kopf, ein Kommißbrot unter
-dem Arm, von einem Gefreiten geleitet, für acht Tage ins Kittchen.
-Es waren Höllenqualen, die er bei Wasser und Brot unter völliger
-Entbehrung des Alkohols erduldete. Das saure, schwere Brot wollte
-sein geschwächter Magen nicht annehmen. Abgemagert, elend, eine
-Jammergestalt, wurde er nach Verbüßung der Strafe in die Kaserne
-zurückgeführt, wo ihm die Mitteilung wurde, daß er noch für vier Wochen
-in die Kaserne ziehen müßte. Hätte ihn Demut in dieser Zeit nicht
-heimlich mit Kognak versorgt, dann wäre er gänzlich zusammengebrochen.
-
-Zum 1. April wurden seine beiden Kameraden zu Gefreiten befördert,
-traten aus der Front und taten Unteroffizierdienste. Das gab ihm
-innerlich einen gewaltigen Ruck. Daß ein Einjähriger am Schluß des
-Jahres nicht zum Unteroffizier befördert wurde, weil seine Vorgesetzten
-ihn aus manchmal unerfindlichen Gründen, die in dem Beruf seiner
-Eltern, ja sogar in ihrer politischen Gesinnung lagen, nicht zum
-Offizier für geeignet hielten, kam öfter vor, aber daß ein gebildeter
-junger Mann nicht den „höchsten Grad der Gemeinheit“ erreichte, war
-eine Schande für den Betreffenden. Und Franz fühlte bald, wie sie von
-allen Seiten auf ihn einströmte. Seine Kameraden zogen sich ganz von
-ihm zurück, ja, sie erwiderten seinen Gruß nur noch deshalb, um einem
-Zusammenstoß mit ihm aus dem Wege zu gehen.
-
-Die ärgste Zeit brach über ihn herein, als er zur Strafe für ein
-dienstliches Vergehen wieder auf vier Wochen in die Kaserne ziehen
-mußte. Seine Stubengenossen bürdeten ihm die schmutzigste Arbeit auf
-und behandelten ihn nicht wie ihresgleichen, sondern wie einen tief
-unter ihnen Stehenden. Sie duzten ihn und stießen ihn beim geringsten
-Anlaß. Hätte nicht Demut ihn beschützt, dann hätte er sicherlich eines
-Nachts seine „Reinigung“ bekommen, das heißt, er wäre mit Leibriemen
-und noch gröberen Instrumenten heftig verprügelt worden.
-
-Auch mit dem Trinken war es vorbei. Denn er hatte jetzt fünfzehn
-Aufpasser, denen nichts verborgen blieb. Nicht einmal, wenn er sich in
-der Kantine hatte einen Schnaps geben lassen.
-
-Das war eine Radikalkur, aber sie half. Er begann mit besserem Appetit
-zu essen und erholte sich körperlich. Er wurde auch eifriger im Dienst.
-Und mit der wiedererwachenden Kraft kam auch der Wille. Er wollte sich
-zusammennehmen, um wenigstens zum Herbst die Knöpfe zu bekommen. Wie
-eine Erlösung kam es ihm vor, als er aus der Kaserne entlassen wurde
-und wieder in seine Wohnung zog. Er verbannte die Kognakflasche und
-entschädigte Demut für den Ausfall.
-
-Nun fühlte er auch wieder das Bedürfnis, unter Menschen zu gehen. Er
-suchte eines Abends, der mit seinem milden Sonnenschein ihn und viele
-andere ins Freie lockte, einen Biergarten auf, der nicht weit von
-seiner Wohnung lag. Kaum hatte er Platz genommen, als ein frisches,
-hübsches Mädchen auf ihn zutrat und ihm die Hand bot.
-
-„Herr Franz, wie kommen Sie hierher und in Uniform?“
-
-Er sah auf, und ein freudiger Schreck durchrieselte ihn. Ein warmes
-Gefühl, wie bei einem Gruß aus der Heimat. „Liese, du auch hier?“ Es
-war die Tochter des Briefträgers aus seinem Heimatsdorf, die mit ihm
-zusammen aufgewachsen war, Liese Mrozek ....
-
-„Wie geht es bei euch zu Hause?“
-
-Ihre Augen umflorten sich. „Weißt du nicht? Mein Vater ist doch
-gestorben, da mußte ich in Stellung gehen. Erst war ich sechs Wochen in
-Königsberg, dann kam ich hierher.“
-
-„Mädel, du hast aber Courage.“
-
-Sie lachte. „Ein Herr hat mich aus Königsberg mitgenommen und mir hier
-die Stellung besorgt.“
-
-„Ach so ... na, dann bring mir ein Glas Bier.“
-
-Als sie es brachte und hinstellte, sah er, daß sie sich beleidigt
-fühlte. „Liese, mach’ doch keine Dummheiten. Ich habe es nicht so
-gemeint. Was willst du trinken?“
-
-„Das ist nicht nötig, das wird hier nicht verlangt.“
-
-Er faßte ihre Hand. „Nun sei mal vernünftig, Mädel. Ich freue mich ja
-so, daß ich dich gefunden habe. Ich wohne ja keine hundert Schritt von
-hier, ich werde jeden Abend dein Stammgast sein.“
-
-Einige Tage später, als sie ihren freien Nachmittag hatte, fuhr er mit
-ihr in den grünen Wald. Zierlich und anmutig gekleidet schritt sie
-neben ihm her. Er merkte, daß sie auf ihn und seine Uniform stolz war.
-Sie glaubte natürlich, daß er erst am 1. April eingekleidet war. Die
-gemeinsamen Jugenderinnerungen brachten sie schnell einander näher.
-Franz bat sie, ihn nicht mehr zu siezen, sondern ihm das Du zu geben,
-wie es bis zu ihrer Trennung zwischen ihnen geherrscht hatte. Beim
-nächsten Ausflug gestand er ihr, daß seine Dienstzeit schon im Herbst
-zu Ende wäre.
-
-„Und du bist nicht Gefreiter geworden?“, fragte sie und die Tränen
-traten ihr in die Augen. Es gab ihm einen Stich ins Herz, als er sah,
-wie traurig sie darüber war. Da raffte er seinen Mut zusammen und
-erzählte ihr alles .... Es war ihm eine Wohltat, sich ihr rückhaltlos
-mitzuteilen. Er fühlte, wie ihm leichter zu Mute wurde. Sie lauschte
-atemlos. In heißem Gefühl lehnte sie sich an ihn und nahm seine Hand.
-
-„Und jetzt hast du es völlig überwunden? Ja?“
-
-„Ja, Liesel, die Zeit liegt wie ein wüster Traum hinter mir.“
-
-„Und ... und ...“ sie stockte und mußte sich erst überwinden, es
-auszusprechen, „jetzt wirst du nicht mehr trinken?“
-
-„Nein, Liesel, das habe ich auch überwunden.“
-
-Er legte seinen Arm um sie und sie litt es nicht nur, sondern schmiegte
-sich an ihn. „Liesel, bist du mir gut?“
-
-„Ich hatte dich schon lieb, als ich noch zur Schule ging.“
-
-Da zog er sie fest an sich und suchte ihren Mund, den sie ihm willig
-darbot. Hand in Hand gingen sie aus dem Waldesschatten, wo sie
-gesessen, zur Bahn. Als wäre es selbstverständlich, wanderten sie
-seiner Wohnung zu.
-
-Zwei junge, glückliche Menschenkinder feierten das erste Fest ihrer
-Liebe.
-
-
-
-
-19. Kapitel
-
-
-Innerhalb weniger Tage ging mit Franz eine große Veränderung vor. Sein
-lasches Wesen verschwand, er wurde munter, elastisch und energisch,
-und bewältigte spielend die Anforderungen des Dienstes, der das ganze
-Regiment von früh morgens bis spät abends auf den Beinen hielt. Es
-wurde viel von einem drohenden Krieg gesprochen, für den man sich mit
-verdoppeltem Eifer vorbereiten müsse. Allerlei neue Kampfmittel wurden
-erprobt. In wenigen Tagen war Franz vom Schrecken der Kompagnie zu
-einem tüchtigen, eifrigen Soldaten geworden, der selbst dem grimmigen
-Feldwebel die verwunderte Frage abnötigte: „Einjähriger, weshalb sind
-Sie nicht immer so gewesen, wie jetzt?“
-
-„Herr Feldwebel, ich war krank an Körper und Geist. Erst vor kurzem bin
-ich gesund geworden.“
-
-Bis nach Schwentainen war die Kunde von Franzens Lebenswandel
-gedrungen. Sutor hatte es nach Hause geschrieben und Lotte Grigo hatte
-es von seiner Mutter erfahren. Sie weinte sich heimlich satt, aber sie
-erzählte nichts den alten Rosumeks, sondern trug die traurige Botschaft
-zu Pastor Uwis. Der tröstete das Mädel, das sich sehr grämte, weil
-sie Franz lieb hatte, viel lieber als sie es selbst wußte. Es würde
-so schlimm nicht sein. Der gute Sutor sei immer ein arger Philister
-gewesen.
-
-Innerlich dachte er anders, als er sprach. Und er war in großer Sorge,
-denn er war der Meinung, daß Franz sich aus Liebesgram dem Trunk
-ergeben hatte und in ihm Betäubung suchte. Nach reiflicher Überlegung
-beschloß er, mit Rosumek zu sprechen. Vielleicht entschloß der sich,
-nach Berlin zu fahren und seinen Sohn ins Gebet zu nehmen. Es kam
-anders. Vater Rosumek erklärte, er könne jetzt nicht aus der Wirtschaft
-weg.
-
-„Ich habe auch wenig Einfluß auf den Jungen. Aber du, Pastor, kannst
-hinfahren und ihn zusammenrücken. Wenn einer es fertig bringt, dann
-bist du es.“
-
-Uwis willigte ohne Zögern ein, denn er war schon entschlossen gewesen,
-seinen Vetter zu begleiten. Die Männer kamen überein, den Frauen nichts
-von der Reise zu sagen. So fuhr denn der Pastor am nächsten Morgen
-angeblich in Amtsgeschäften nach Königsberg und sofort ohne Aufenthalt
-weiter nach Berlin, wo er am frühen Morgen eintraf.
-
-Franz war schon beim ersten Morgengrauen zum Dienst gegangen und nicht
-wenig erstaunt, Onkel Uwis bei sich zu finden, als er gegen Mittag
-bestaubt, müde und hungrig nach Hause kam. Aber als er nach wenigen
-Minuten, frisch gewaschen, in seiner schmucken Extrauniform aus seinem
-Schlafzimmer trat, da staunte Onkel Uwis. Er war darauf vorbereitet,
-einen schlappen, verlebten und vom Alkohol entnervten Menschen zu
-finden und sah einen frischen Jüngling vor sich, dem die Lebensfreude
-aus den Augen blitzte.
-
-„Na, der Sutor hätte auch was Besseres tun können, als uns durch dumme
-Redensarten ins Bockshorn zu jagen“, rief er lachend aus.
-
-„Lieber Onkel,“ erwiderte Franz ernst, „ich weiß zwar nicht, was er
-euch geschrieben hat, ich vermute aber, er hat euch der Wahrheit
-gemäß berichtet, daß ich einen sehr bösen Lebenswandel geführt habe.
-Ja, Onkel, ich will es nicht leugnen und nicht beschönigen, daß ich
-viel getrunken habe. Ich suchte Betäubung, um von den unerträglichen
-Gedanken und der Leidenschaft los zu kommen, die mich zerfraß.
-Und dann wurde es zur Gewohnheit. Aber nun habe ich das Laster
-überwunden, restlos überwunden, lieber Onkel. Ein Rückfall ist völlig
-ausgeschlossen.“
-
-„Ach, Junge, mit welchen Sorgen bin ich hergefahren, und jetzt diese
-Freude! Na, Gott sei Lob und Dank, daß er dir geholfen hat. Er hat ein
-Wunder an dir getan.“
-
-Franz errötete und lächelte eigentümlich. „Ich habe es nicht aus
-eigener Kraft geschafft.“
-
-„Wer hat dir denn dabei geholfen?“, fragte der alte Herr mit einer
-gewissen Spannung in der Miene.
-
-„Die Liebe zu einem jungen Mädchen“, erwiderte Franz tief errötend.
-
-„Na, dann sei das Mädel dafür gesegnet. Dann ist es das Werkzeug
-gewesen, dessen sich die Vorsehung bedient hat, um dich zu retten.“
-
-Franz gab sich innerlich einen Ruck. „Du machst es mir schwer, Onkel,
-dir alles zu gestehen. Ich werde das Mädel heiraten .... Es ist ...
-schon jetzt vor meinem Gewissen mein Weib.“
-
-Der alte Herr nickte einige Male bedächtig, als wenn er sich einen
-Gedanken bestätigte, der ihm schon vorher gekommen war. „Es liegt mir
-fern, einen Stein auf sie zu werfen.“
-
-In ungestümer Freude warf sich Franz an seine Brust. „Habe Dank, Onkel,
-für dieses Wort. Du kennst sie. Es ist die Liese Mrozek, sie hat mich
-schon lange lieb. Und wie sie so lieb und so freundlich zu mir war,
-da fing ich an, mich zu schämen. Aber ich hatte die Kraft noch nicht,
-Schluß zu machen ... bis sie mir die Kraft gab ... durch das höchste
-Opfer ihrer Liebe. Nur dadurch hat sie mich gerettet.“
-
-„Was ist sie hier?“
-
-„Kellnerin, Onkel, aber sie ist rein geblieben.“
-
-„Hast du ihr schon gesagt, daß du sie heiraten willst?“
-
-„Nein, Onkel, aber ich werde es bald tun. Sie hat es nicht
-leichtsinnigerweise getan, sondern aus Mitleid und übergroßer Liebe zu
-mir. Und nun habe ich eine sehr große Bitte an dich. Willst du mit mir
-in das Restaurant, wo sie angestellt ist, zu Mittag gehen und ihr die
-Hand geben?“
-
-„Ja, mein Junge, das will ich tun. Deine Errettung ist mir soviel wert.“
-
-Liesel errötete vor Schreck und Scham, als Franz mit dem Pastor, der
-sie getauft und eingesegnet hatte, in das Lokal trat. Aber sie kam
-schnell auf die Herren zu und knickste. Und als ihr der alte Pastor mit
-freundlichem Blick die Hand bot, beugte sie sich darüber und küßte sie,
-während ihr vor Freude die Tränen in die Augen traten. „Ach, lieber
-Herr Pastor, ist das eine Freude .... Wie geht es meiner Mutter?“
-
-„Gut, mein Kind, du sorgst ja so treu für sie. Verdienst du soviel?“
-
-„Ja, Herr Pastor. Es ist viel zu tun und die Trinkgelder fließen
-reichlich.“
-
-Ehe sie nach dem Essen weggingen, fand Franz noch Gelegenheit, ihr
-zuzuflüstern, daß Onkel Uwis alles wüßte. Sie erschrak im ersten
-Augenblick, aber dann kam eine große Freude über sie, als der alte Herr
-ihr auch beim Abschied die Hand mit freundlichem Lächeln bot.
-
-Während Franz sich umzog und zum Dienst ging, gab der Pastor ein
-Telegramm an Vater Rosumek auf: „Alles in Ordnung. Keine Sorge ..“
-
-Wenige Stunden später, als die beiden Männer zu Liesel gingen, um
-dort zum Abendbrot zu essen, durchjagte die Kunde von der grausigen
-Schreckenstat in Serajewo die deutsche Reichshauptstadt .... Der
-Pastor las mit banger Sorge das Extrablatt. Er sprach zu Franz die
-Befürchtung aus, daß dieses Ereignis den Weltenbrand entzünden würde.
-Für jeden, der nicht mit verbundenen Augen durch die Welt ging, war
-es ja schon lange kein Geheimnis mehr, daß Deutschland ringsum von
-Feinden eingekreist war, die nur auf den Augenblick lauerten, darüber
-herzufallen. Und Uwis wußte zu erzählen, daß die Russen bereits seit
-dem Frühjahr gewaltige Truppenmassen nach dem Westen schoben, daß
-dicht hinter der Grenze mehrere Divisionen Reiterei aufgestellt waren,
-bereit, beim ersten Befehl in Ostpreußen einzubrechen. Er hielt die
-Gefahr für so nahe bevorstehend, daß er noch mit dem Nachtzug nach
-Hause abreiste. Daß die Dinge sich nicht so schnell entwickelten,
-ist ja bekannt. Es vergingen noch vier Wochen, bis das Unwetter
-über uns hereinbrach, in Hangen und Bangen, aus dem sich dann die
-überschwengliche Begeisterung emporrang, die uns den Mut gab, einer
-Welt von Feinden die Stirn zu bieten.
-
-In Ostpreußen war man sich der Größe der Gefahr voll bewußt, aber diese
-Erkenntnis löste nicht bange Furcht oder Verzagtheit aus, sondern
-kalte Entschlossenheit und eisernen Trotz, für das Vaterland und die
-Heimat alles zu ertragen, auch das Schwerste. Aber man unterschätzte
-doch die Gefahr. Man befürchtete im schlimmsten Fall, einige Wochen
-oder Monate unter Russenherrschaft zuzubringen, wenn unsere Truppen vor
-der Übermacht zurückweichen müßten, bis unsere Siege im Westen, wo der
-Hauptschlag geführt werden sollte, die Feinde abgewehrt hätten und man
-sich nach dem Osten wenden könnte. Daß die Russen mit Mord und Brand
-über die wehrlose Bevölkerung herfallen würden, glaubte man nicht ....
-Man meinte, die Russen würden sich ebenso brav und menschlich benehmen,
-wie man es von unseren Truppen mit Recht erwartete ....
-
-Und dann kam die große, schreckliche Enttäuschung, als die Russen wie
-Räuberhorden ins Land einbrachen, die Dörfer und Städte plünderten und
-in Brand steckten, die Einwohner ermordeten und wegschleppten ....
-
-Es ist gut, daß Wunden vernarben, aber vergessen sollte man sie
-nicht ... nie und nimmer .... Wann wirst du, deutscher Michel, deine
-Schlafmützigkeit, deine dumme Vertrauensseligkeit ablegen?
-
-Die Trümmerhaufen der verwüsteten Dörfer an der Grenze rauchten schon,
-verängstigte Menschen, das Grauen des Entsetzens in den Augen, denen
-es gelungen war, vor den Kosakenhorden zu fliehen, zogen vorüber, aber
-noch immer konnten die Menschen sich von ihrem bißchen Hab und Gut
-nicht trennen. Auch Pastor Uwis war einer derjenigen, die zum Bleiben
-und Ausharren mahnten .... Er war entschlossen, zu bleiben, solange in
-seinem Kirchspiel auch nur noch ein halbes Dutzend Menschen vorhanden
-waren, die seiner bedurften. Erst als die russische Welle zum zweiten
-Male sich heranwälzte, entschloß er sich, nachdem er Unendliches
-erduldet, sich den Flüchtigen anzuschließen.
-
-Rosumek besaß noch einen Leiterwagen und ein paar alte Kraggen. Auf
-dem nahm er Uwis und Frau und Frau Grigo und Lotte mit, aber außer
-einigen Lebensmitteln und Wertpapieren war nichts auf dem Wagen. Mit
-großer Mühe schlugen sie sich bis Westpreußen durch, wo sie auf die
-Bahn stiegen und nach Berlin fuhren. Sie vertrauten auf die Hilfe des
-Vaterlandes, dem sie so schwere Opfer gebracht hatten. Sie kamen an und
-... wurden auf die Almosen der Mildtätigkeit verwiesen.
-
-Nach wenigen Tagen erfuhr Rosumek, daß der Landsturm in Ostpreußen
-einberufen war. Er ließ Frau und Tochter in der Obhut der Pastorsleute
-zurück und fuhr in die Heimat, um sich der Militärbehörde zu stellen.
-Beim ersten Gefecht starb er den Heldentod fürs Vaterland.
-
-Franz hatte kurz vor dem Russeneinfall einen Brief von Hause erhalten.
-Dann blieb wochenlang jede Nachricht aus. Er hatte keine Zeit, sich
-darüber schwere Sorgen zu machen, denn die Mobilmachung seines
-Regiments nahm ihn den ganzen Tag in Anspruch. Die Reservisten rückten
-ein, wurden eingekleidet und eingereiht, dann kamen einige Tage, in
-denen die kriegsstarken Verbände einexerziert wurden und dann ging’s
-mit Hurra und großer Begeisterung zum Bahnhof. Die Wagen waren mit Laub
-geschmückt und mit übermütigen Inschriften bekritzelt.
-
-Liesel begleitete ihren Schatz zum Bahnhof. In unbeschreiblichem
-Schmerz hing sie an seinem Halse, wortlos, die starre Verzweiflung in
-den Augen, winkte sie ihm ein Lebewohl zu .... Sie konnte sich nicht zu
-der Begeisterung aufschwingen, die so viele Mütter und Bräute beseelte
-und ihnen die Kraft gab, das Liebste dem Vaterland zu opfern. In ihr
-war nur Verzweiflung, kalte, tote Verzweiflung. Erst Pastor Uwis, der
-sie sofort nach seiner Ankunft aufsuchte, richtete sie wieder etwas
-auf. Danach hatte er eine lange, ernste Unterredung mit Frau Rosumek,
-der er sagte, daß nur Liesel es zu danken wäre, daß Franz sich aus dem
-Sumpf, in dem er zu versinken drohte, emporgerappelt hätte. Dann erst
-sagte er ihr, daß ihr einziger Sohn Liesel als seine Braut, ja als sein
-Weib betrachtete, und daß die Mutter die Pflicht habe, das Mädel an ihr
-Herz zu nehmen.
-
-Es kostete der einfachen, in starren Vorurteilen aufgewachsenen Frau
-eine große Überwindung, Liesel, die der Pastor ihr zuführte, die Hand
-zu geben und ihr ein freundliches Wort zu sagen. Mit der Zeit jedoch,
-als der Schmerz um den gefallenen Gatten ihr Herz wund gerissen hatte,
-überwand Liesels große Liebe zu Franz auch ihre Beschränktheit. Sie
-nahm das Mädel mit mütterlicher Liebe ans Herz. Und sie war ihr ein
-Trost, als Franz als vermißt gemeldet wurde und für tot betrachtet
-werden mußte, weil er trotz aller Nachforschungen nirgendwo als
-Gefangener aufzufinden war.
-
-Da war es ihr in dieser verzweifelten Stimmung ein Trost, als Liesel
-ihr unter heißen Tränen gestand, daß sie sich Mutter fühlte. Als die
-Flüchtlinge im April und Mai des nächsten Jahres in ihre zerstörte
-Heimat zurückkehren durften, nahm Frau Rosumek Liesel mit sich und
-hielt sie wie eine Tochter. Wenige Wochen nach ihrer Rückkehr schenkte
-Liesel einem Knaben das Leben. Sie selbst schloß ihre Augen für immer.
-Das Kindchen jedoch, das den Namen seines Vaters erhalten hatte, blieb
-leben und gedieh, von der Großmutter wie ein Augapfel behütet, ein
-Trost und ein Segen für ihr freudloses Leben .... -- -- --
-
-Franz war mit seinem Regiment nach dem Westen gekommen und hatte dort
-die erste große Schlacht gegen die Franzosen mitgemacht, ohne verwundet
-zu werden. Er erwies sich als ein strammer, tapferer Soldat, der durch
-sein Wesen anfeuernd auf die Kameraden wirkte. Seine Kompagnie hatte
-eines Tages schwere Verluste, aber sie hielt den wütenden Angriffen
-der Franzosen stand. Und als die Verstärkung in die Lücken rückte, war
-es Franz, der als Erster aus dem Graben sprang und die ganze Linie zu
-einem siegreichen Sturmangriff auf den Feind mit sich riß.
-
-Aber vergebens wartete und hoffte Franz auf die Auszeichnung, die er
-sich schon mehr als einmal verdient hatte, auf das E. K. II., das schon
-mehrere seiner Kameraden zierte. Er hatte das Gefühl, als wenn man ihn
-absichtlich überging. Er wäre schon zufrieden gewesen, wenn man ihn
-wenigstens zum Gefreiten befördert hätte. Aber auch daran schienen
-seine Vorgesetzten nicht zu denken.
-
-Ganz plötzlich kam der Befehl, daß die ganze Division nach dem Osten
-verladen werden sollte. Es war eine anstrengende Fahrt durch das ganze
-Reich bis nach dem fernsten Osten. Und aus dem Zug heraus wurde das
-Bataillon in die Schlacht geführt .... Schwere Gefechte und lange
-Märsche wechselten miteinander ab, bis der Retter Ostpreußens, der
-Nationalheld Deutschlands, unser Hindenburg, den Sieg von Tannenberg
-errungen hatte.
-
-
-
-
-20. Kapitel
-
-
-Durch die Schlacht bei Tannenberg war die Macht der Russen weder
-gebrochen noch erschöpft. Sie führten neue Menschenmassen heran, so daß
-Hindenburg sich darauf beschränken mußte, die masurische Seenkette und
-die Angerapp-Linie bis zum Pregel zu halten. Er mußte damit rechnen,
-daß die Russen versuchen würden, mit ihrer gewaltigen Übermacht diese
-Sperre zu durchbrechen.
-
-Seit mehreren Tagen schon war durch Flieger drüben bei den Russen eine
-erhöhte Bewegung festgestellt worden. Das erforderte Wachsamkeit und
-Bereitschaft auf unserer Seite .... In der Nacht wurden Patrouillen
-bis an die russischen Drahtverhaue vorgeschickt. Das waren gefährliche
-Gänge. Denn ganz plötzlich suchten die Russen das Gelände mit
-Scheinwerfern ab und in den Gräben standen Scharfschützen im Anschlag,
-um jeden Feind, der sichtbar wurde, wegzuputzen.
-
-Eines Abends wurde Franz als Führer für solch einen gefährlichen
-Gang bestimmt. Sobald es dunkel wurde, wand er sich mit seinen zwei
-Begleitern durch den Drahtverhau. Die Nacht war stürmisch und finster.
-Vorsichtig, wie ein Indianer auf dem Kriegspfade, schlich Franz
-vorwärts.
-
-In weiten Abständen folgten ihm die beiden anderen.
-
-Nicht weit vor der russischen Linie stieß er auf einen Graben, der
-einige Zoll hoch mit nassem Schlamm angefüllt war. Ohne Bedenken stieg
-er hinein und kroch auf Händen und Knien darin fort. Die nasse Kälte
-schreckte ihn nicht ab, denn der Graben bot ihm Deckung nach den Seiten
-.... Minutenlang lag er still und horchte. Der Wind wehte zu ihm her.
-Er hörte halblaute Kommandoworte und Flüche. Kein Zweifel, die Russen
-verstärkten ihre vorderste Linie. Er überlegte, ob er noch länger
-warten oder gleich die Nachricht, die ihm wichtig genug erschien,
-zurückbringen sollte, und entschloß sich zu Letzterem. Jetzt konnte er
-wohl noch ohne Gefahr aus dem Graben steigen und die wenigen hundert
-Meter laufend zurücklegen.
-
-In demselben Augenblick, als er auf den Grabenrand stieg, blitzte es
-dicht neben ihm auf. Er fühlte einen heftigen, stechenden Schmerz im
-linken Auge. Schnell fuhr seine Hand dorthin und fühlte eine weiche,
-warme Masse .... Gleich darauf sauste ein Kolbenschlag auf seinen Helm
-nieder. Dann schwand ihm das Bewußtsein.
-
-Zwei Russen beugten sich über ihn. Der eine fuhr den anderen grob an:
-„Du Hundesohn, du hast ihn totgeschlagen .... Wir sollten doch einen
-lebendig fangen, damit er verhört wird. Aber wir müssen ihn mitnehmen,
-vielleicht kann er doch noch was aussagen.“
-
-Franz erwachte. Er lag in einer Bauernstube auf einer Holzbank. Eine
-trübe Petroleumlampe verbreitete ein mattes Licht. Eine leise Freude
-regte sich in ihm, als er das Licht sah .... Also hatte er doch noch
-ein Auge. Aber ein wütender Schmerz hämmerte in seinem Kopf. Zwei
-russische Ärzte in ehemals weißen, jetzt völlig von Blut bespritzten
-Kitteln, standen vor ihm. Sie unterhielten sich französisch.
-
-„Der Streifschuß, der das Auge zerstört hat, ist nicht gefährlich, aber
-der Kolbenschlag auf den Kopf wird wohl tödlich sein. Es werden wohl
-Knochensplitter ins Gehirn gedrungen sein. Ich glaube nicht, daß er
-vernehmungsfähig werden wird ....“
-
-Die Worte, die Franz verstanden hatte, warfen ihn wieder in die
-wohltätige Bewußtlosigkeit zurück. Er fühlte nicht, daß er eine Spritze
-Morphium erhielt. Erst als er von groben Fäusten gepackt und von der
-Bank herabgezerrt wurde, erwachte er wieder.
-
-„Halt,“ rief einer der Ärzte, „der Kerl lebt ja. Tragt ihn nebenan zum
-Auditeur.“
-
-Er wurde halbsitzend mit dem Rücken an einen geheizten Ofen gelehnt.
-Die Wärme tat ihm wohl und frischte ihn auf. In deutscher Sprache
-fing der russische Auditeur zu fragen an. Er wollte wissen, wieviele
-Regimenter die Deutschen drüben hatten, ihre Nummern, die Zahl der
-deutschen Batterien usw. ... Franz gab mit leiser Stimme, aber
-bereitwillig Auskunft .... Er log eine deutsche Armee zusammen, die
-der russischen mindestens gewachsen war. Mehrmals schrie der Russe
-ihn an, er solle nicht falsche Auskunft geben, sonst lasse er ihn
-sofort erschießen. Franz beharrte bei seiner Aussage und fügte noch
-hinzu, er habe gehört, daß in den nächsten Tagen noch sechs neue
-Armeekorps ankämen. Ein Funke von Lebensmut war in ihm aufgeglommen.
-Die Kopfschmerzen hatten nachgelassen.
-
-Ein Arzt war eingetreten und hatte eine Weile dem Verhör beigewohnt.
-Nun ließ er Franz wieder in das andere Zimmer schaffen und entfernte
-ohne Betäubung das zerstörte Auge. Von dem rasenden Schmerz wurde Franz
-wieder bewußtlos. Als er aufwachte, lag er mit verbundenem Kopf in
-einer engen Kammer auf einer Schütte Stroh mit einer Decke bedeckt.
-Aber rings um ihn wimmelte es von Ungeziefer. Doch der Blutverlust ließ
-ihn einschlafen.
-
-Es mochte nicht lange nach Mitternacht sein, als er geweckt und
-herausgeschleppt wurde. Mit einigen anderen Schicksalsgenossen wurde
-er auf einen Karren geworfen, der rücksichtslos im Trab davonfuhr.
-Zum Glück dauerte die Fahrt nicht lange. Der Karren fuhr an einen
-langen Eisenbahnzug heran. Franz wurde sehr unsanft in einen Wagen
-hineinbefördert, und bald setzte sich der Zug in Bewegung. Er hörte,
-wie sich zwei leicht verwundete Russen darüber unterhielten, daß man
-alles, was nicht für den Kampf brauchbar sei, wegschaffte, weil man
-einen Sturmangriff der Deutschen erwartete. Daraus schloß Franz, daß
-er nur aus Versehen mitgenommen wurde, weil man ihn für einen Russen
-hielt. Verwundete Gefangene behandelte man nicht so rücksichtsvoll
-.... Man überließ sie, wenn es rückwärts ging, ihrem Schicksal und
-erwies ihnen damit eine Wohltat, denn sie kamen wieder in deutsche
-Hände und in deutsche Pflege.
-
-Endlos dauerte die Fahrt. Erst am Vormittag gab es auf einer großen
-Station einen Teller warme Suppe. Einige Schwerverwundete wurden frisch
-verbunden.
-
-So ging es Tag und Nacht weiter. Endlich wurde in einer Stadt, es war
-Zarizyn, der Zug entleert und Franz als Deutscher erkannt. Wenige
-Zeit später wurde er in einen Zug, der deutsche Gefangene und Kranke
-enthielt, geworfen und weiter nach dem Osten gebracht. Es war das
-Schrecklichste, was Franz und alle seine Leidensgefährten mit ihm,
-durchmachten. Die Abteile wurden verschlossen, selbst an Orten, wo
-der Zug längeren Aufenthalt hatte, durfte niemand aussteigen. Die
-Gefangenen litten unter Hunger und Durst, die Verwundeten wurden von
-heftigen Schmerzen gepeinigt .... Einige starben ....
-
-Auch dieser Leidensweg wurde überstanden. Ein Leidensgefährte widmete
-Franz seine Teilnahme. Es war ein wüster Gesell, der heftig fluchte
-und lästerliche Redensarten führte, aber er sprach fertig russisch und
-brachte es fertig, von der Begleitmannschaft für Geld und gute Worte
-ein Brot, ja auch ein Glas heißen Tee zu erhandeln, das er brüderlich
-mit Franz teilte.
-
-Das Schicksal fügte es auch, daß Franz mit seinem Wohltäter zusammen
-in ein sibirisches Bauerndorf und in dasselbe Haus einquartiert wurde.
-Es war ein aus Berlin gebürtiger Metallarbeiter, der vor dem Kriege
-in russischen Fabriken gearbeitet hatte und kurz vor den Unruhen nach
-Deutschland zurückgekehrt war. Lüdicke, so hieß er, knurrte, brummte
-und schimpfte den ganzen Tag. Er hatte aber doch ein weiches Herz und
-nahm sich seines Mitgefangenen hilfreich an. Er sorgte für Essen, er
-machte kalte Umschläge auf die entzündete Augenhöhle, er legte Franz
-Eisklumpen auf den Kopf, wenn er über Kopfschmerzen klagte.
-
-Es war gar kein Zweifel, daß Franz dem brummigen Leidensgefährten
-seine Gesundung verdankte. Sobald er dazu imstande war, schrieb er
-ausführlich nach Hause, berichtete über sein Schicksal und bat,
-ihm durch das Schwedische Rote Kreuz Geld zu senden. Der Brief
-erreichte leider nicht sein Ziel, wie so viele andere, und mancher
-Gefangene wurde zu Hause von seinen Angehörigen als tot betrauert,
-der völlig gesund in Sibirien lebte und schmerzlich auf Nachricht und
-Unterstützung wartete.
-
-Zu den körperlichen Entbehrungen, der Drangsal des sibirischen Winters,
-kamen bei Franz noch seelische Anfechtungen, die sich zu Schmerzen
-steigerten. Er verzehrte sich in Sehnsucht nach Liesel und nach all
-seinen Lieben daheim. Die Stunden, in denen er sich einsam auf seinem
-Krankenlager wälzte, waren entsetzlich. Er versuchte, seinen Kopf
-durch irgend etwas geistig zu beschäftigen, um sich von den Gedanken
-abzulenken. Er sagte sich alle Gedichte und Lieder aus dem Gesangbuch
-auf, die er auswendig wußte. Er erzählte sich lange Abschnitte aus der
-Weltgeschichte. Es half nichts. Plötzlich war er wieder mitten in den
-Gedanken, die auf ihn einstürmten und ihn peinigten.
-
-Da begrüßte er es stets als eine Erlösung, wenn Lüdicke, ein Riese von
-Gestalt, nach Hause kam. Er arbeitete bei den Bauern des Dorfes und
-verdiente nicht nur den Unterhalt für sich, sondern auch für seinen
-Genossen. Manchmal hörte er zu, wenn Franz sich, aber auch ihm, ein
-Stück Geschichte erzählte. Dann fuhr er schließlich grob dazwischen.
-
-„Det is ja allens Quatsch. So seht ihr von die besitzende Klassen die
-Weltgeschichte an. Nich die einzelnen jroßen Herren haben det alles
-jemacht, die Masse hat es jeschafft. Wat du eben von Friedrich den
-Jroßen erzählst, mein Junge, hört sich ja allens sehr schön an, aber
-mit wen hat er seine Schlachten jeschlagen und die Siege erfochten? Mit
-die Arbeiter, die Soldat spielen und ihm die Kastanien aus det Feuer
-holen mußten. Haste schon mal darüber nachjedacht, wieviel Arbeiter for
-die politischen Zwecke des jroßen Friedrich ihr Leben lassen mußten?
-Wieviel die Knochen kaputt jeschossen oder jeschlagen wurden, dat se
-nachher mit ’n Leierkasten ihr Brot erbetteln jehn mußten, wenn sie
-noch een Arm hatten?“ ...
-
-Franz verteidigte eifrig seinen Standpunkt, der auf seiner Erziehung
-und seiner Weltanschauung beruhte. Aber sein Kumpan ließ nicht locker.
-Wenn er auf den Weltkrieg zu sprechen kam, schäumte er vor Wut. Den
-hätten bloß die Kapitalisten angezettelt, um grob dran zu verdienen,
-und die Arbeiter müßten dafür ihre Haut zu Markte tragen.
-
-Da wurde auch Franz eifrig und heftig. Das ganze deutsche Volk habe
-sich der Übermacht der Feinde entgegengeworfen, um die Zertrümmerung
-des Reiches abzuwehren. Die Arbeiter täten bloß ihre verfluchte Pflicht
-und Schuldigkeit, wenn sie Schulter an Schulter mit allen anderen
-Ständen das Vaterland verteidigten.
-
-Das Wort „Vaterland“ brachte Lüdicke jedesmal in Wut. Das sei nichts
-weiter als ein von den regierenden und den herrschenden Klassen schlau
-ersonnener Begriff, der dem Kinde schon in der Schule eingeimpft würde,
-bloß um die Arbeiter dumm zu machen, daß sie sich für die oberen
-Hunderttausend hinschlachten ließen, nur, damit die weit vom Schuß ein
-Schlemmerleben führen könnten.
-
-Es müsse aber anders kommen! Die Arbeiter müßten die Macht an sich
-reißen. Sie würden nicht daran denken, solche Kriege zu führen und sich
-gegenseitig zu zerfleischen. Dazu seien sie viel zu vernünftig. Die
-Arbeiter wären doch alle im Kampf gegen den Kapitalismus solidarisch.
-
-Dieser Behauptung stellte Franz die Tatsache gegenüber, daß die
-französischen und englischen Arbeiter doch in erster Linie sich als
-Franzosen und Engländer fühlten und keinen Finger gerührt hätten, um
-den Ausbruch des Krieges zu verhindern.
-
-„Weil sie mit die nationale Redensarten besoffen jemacht sind,“ schrie
-Lüdicke dazwischen, „und weil sie noch nich richtig orjanisiert sind
-und nich die Macht dazu hatten.“
-
-So stritten sie sich täglich, manchmal stundenlang. Der Arbeiter war
-geistig der Überlegene. Er war von Jugend auf in der Parteibewegung
-geschult und verfügte über eine große Zahl folgerichtiger
-Gedankengänge, die seinem Standpunkt entsprachen und die er mit
-Ausdauer wiederholte. Franzens Widerstand erlahmte. Er fing an, zu
-grübeln. Immer schwächer wurde sein Widerspruch. Lüdickes Wesen gewann
-auf ihn Einfluß. Er mußte ihn als Menschen hoch einschätzen und als
-Charakter bewundern. Und von seinem Standpunkt aus hatte er vollkommen
-Recht ....
-
-Und mit diesen Gedankengängen verquickte sich seine Stimmung. Wäre es
-nicht auch für ihn selbst ein großes Glück gewesen, wenn die Arbeiter
-die Macht gehabt hätten, diesen entsetzlichen Krieg zu verhindern? War
-es nicht ein hohes, ideales Ziel, danach zu streben, solch einen Krieg,
-wie diesen, der soviele Schmerzen und soviel Not auf die Menschheit
-warf, für alle Zukunft unmöglich zu machen? Ihm hatte der Krieg ein
-Auge gekostet.
-
-Ganz knapp war er dem Tode entronnen. Was für ein Schicksal mochte
-seiner Liesel, seinen Eltern, seinem lieben Pastor Uwis durch den
-Krieg beschieden sein? War das Schicksal nicht grausam, das friedliche
-Menschen von Haus und Hof in das Elend trieb? Daß die ostpreußischen
-Flüchtlinge wieder in die Heimat zurückgekehrt waren, daß sie schon
-wieder fleißig ihre zerstörten Städte und Dörfer aufbauten, wußte er
-nicht, denn keine Kunde von dem Krieg, wie er in Wirklichkeit verlief,
-drang in das weltferne Dorf. Nur ab und zu erzählte der Pope von großen
-russischen Siegen. Franzosen und Russen hätten sich in Berlin die Hände
-gereicht .....
-
-Noch einmal flammte in Franz das Gefühl für das Vaterland auf. Dann
-erlosch es. Langsam, aber unaufhaltsam glitt er in die Gedankenwelt
-seines stärkeren Genossen hinüber und hinein.
-
-Er war schon völlig drin, als die erste russische Revolution ausbrach.
-Sie brachte ihnen auch die ersten richtigen Nachrichten über den
-Verlauf des Krieges.
-
-Noch immer rangen die Deutschen nicht nur in Europa, sondern auch in
-Asien gegen eine Welt von Feinden. Ströme von Blut waren geflossen.
-Millionen der kräftigsten Männer deckte der Rasen. Weshalb machten
-denn die herrschenden Klassen dem gräßlichen Morden kein Ende? Weshalb
-schlossen die neuen Machthaber in Rußland, die den entthronten Zaren
-verhaftet und die Herrschaft der bisher regierenden Klassen zertrümmert
-hatten, denn nicht Frieden?
-
-Eines Tages kam Lüdicke triumphierend mit der Nachricht nach Hause,
-jetzt hätten die wirklichen Arbeiter die Macht an sich gerissen und
-die Kriegsverlängerer gestürzt. Jetzt würde sofort Friede geschlossen
-werden.... Seine Nachrichten bewahrheiteten sich.... Aber für die
-deutschen Gefangenen schlug noch lange nicht die Erlösungsstunde.
-Verzweifelt fragte Franz Tag für Tag sich und seinen Freund, ob die
-deutsche Regierung sie ganz vergessen und in Stich gelassen hätte.
-Weshalb tauschte sie nicht die Gefangenen aus?
-
-„Weil in Deutschland noch diejenigen an die Rejierung sind, wo den
-Krieg anjefangen haben. Der Friede und die Auslieferung wird erst
-kommen, wenn wir Arbeiter rejieren, wie jetzt hier in Rußland.“
-
-
-
-
-21. Kapitel
-
-
-Im Morgengrauen kam Franz auf der kleinen Haltestelle in der Heimat an.
-Seit dem Augenblick, da der Abgesandte des Schwedischen Roten Kreuzes
-die beiden deutschen Gefangenen in dem sibirischen Dorf entdeckt und
-ihre Befreiung erwirkt hatte, stand ihm der Moment vor Augen, der jetzt
-an ihn herangetreten war, wo er den Berg herauf zum Elternhause wandern
-würde. Manchmal kam dabei in seine Gedanken eine große Freude, aber
-noch öfter befiel ihn tiefe Niedergeschlagenheit. Lebten die Eltern
-noch? Was war aus Liesel geworden? Wo war sie geblieben? Hatte sie ihn
-als tot betrauert und sich einem anderen zugewandt?
-
-Es war ein frischer Morgen im Vorfrühling. Nur die Kätzchen an den
-Weidenbäumen deuteten darauf hin, daß sich die Auferstehung der
-Natur vorbereitete. Und die Lerchen, die wieder hier und dort sich
-vom dunklen Acker emporschwangen, sangen dem ersehnten Frühling den
-Willkommensgruß. Ein Bauernbursch, der mit Pferden und Pflug aufs Feld
-zog, kam ihm entgegen. Franz erkannte ihn und fragte, ob der Pfarrer
-Uwis noch lebe. Der halbwüchsige Junge grunzte, ohne die qualmende
-Zigarette aus dem Munde zu nehmen, ein unhöfliches Ja. Er hatte den
-frühen Wanderer nicht erkannt. Denn ihm war in den vier Jahren ein
-blonder, krauser Bart gewachsen, der ihn älter erscheinen ließ, als er
-war.
-
-Er wollte am Pfarrhaus still vorbeigehen. Aber der vertraute Anblick,
-der so viele liebe Erinnerungen in ihm aufrührte, ließ ihn stehen
-bleiben. Eben wollte er sich zum Weitergehen wenden, als ein rosiges,
-blondes Mädel aus der Tür trat, frisch wie eine Knospe im Morgentau.
-Es war Lotte. Wie gebannt blieb er stehen. Sie musterte ihn mit
-forschendem Blick. Dann weiteten sich ihre Augen wie im freudigen
-Schreck. Eine jähe Röte schoß ihr ins Gesicht. Mit beschwingtem Fuß
-eilte sie auf ihn zu und warf ihm beide Hände entgegen: „Franz!“ ...
-und noch einmal leiser, inniger, scheuer: „Franz, bist du es wirklich?“
-
-„Ja, ich bin es, Lotte.“
-
-„Willst du zu uns, zu Onkel Uwis?“, verbesserte sie sich. „Wann bist du
-gekommen?“
-
-„Ich komme eben von der Bahn. Ist der Onkel Uwis schon auf?“
-
-„Er ist schon wach. Ich hole ihm eben frisches Gebäck, dann trage ich
-ihm den Kaffee ans Bett. Er ist schon etwas hinfällig und muß geschont
-werden. Aber die Freude wird ihn verjüngen.“
-
-In frohen Gedanken stand Franz vor der Haustür und wartete, bis Lotte
-zurückkam und ihn ins Haus führte. Nicht lange danach hörte er durch
-die halbgeöffnete Tür die Stimme seines alten Freundes. „Was ... der
-Franz ist da? Junge, wo steckst du?“
-
-Mit einem Satz war Franz in der Tür. „Onkel Uwis!“ ... Er warf sich vor
-dem Bett auf die Knie und schlang seine Arme um die Brust des alten
-Freundes. „Daß mir Gott noch diese Freude bescheren würde, dich lebend
-wiederzusehen, habe ich nicht zu hoffen gewagt. Jetzt kann ich in
-Frieden dahinfahren.“
-
-Er legte ihm die Hand wie segnend auf die krausen Haare. „Und nun steh
-auf, mein Junge, erquick deinen Körper mit Speise und Trank und uns
-durch die Schilderung deiner Lebensschicksale.“
-
-„Ich bin im Oktober 1914 verwundet und habe ein Auge eingebüßt, ich
-trage ein künstliches. Dabei geriet ich in Gefangenschaft, wurde nach
-Sibirien verschleppt, und erst vor vier Wochen befreit. Später erzähle
-ich ausführlich. Jetzt berichte du erst, wie es hier steht. Leben meine
-Eltern?“
-
-„Dein Vater starb schon im Herbst 1914 den Heldentod in der Schlacht
-bei Tannenberg.“
-
-„Schon so lange tot und ich habe keine Ahnung davon gehabt! Weiter,
-Onkel!“
-
-„Deine Mutter lebt, vergrämt, verbittert. Aber die Freude über deine
-Rückkehr wird sie wieder aufrichten .... Deine Schwester Emma hat im
-Kriege auch ihren Mann verloren und führt der Mutter den Haushalt. Sie
-besaß nie die rechte Fröhlichkeit des Gemüts, jetzt ist sie durch ihr
-Unglück hart und grämlich geworden, und ich muß dir leider sagen, daß
-sie nicht liebevoll an der Mutter handelt.“ ...
-
-Franz hörte, wie Lotte leise hinausging und die Türe hinter sich
-schloß. Da stieß er die Frage hervor, die ihm schon das Herz
-verbrannte: „Und Liesel? Wo ist Liesel?“
-
-Der alte Herr nahm seine Hand und drückte sie mit beiden Händen:
-„Liesel ist bei Gott.“
-
-Franz senkte den Kopf und deckte die Hand über die Augen. Auf alles war
-er vorbereitet, nur auf diese Nachricht nicht. „Meine Liesel tot ...
-und ich lebe“ ... flüsterte er tonlos.
-
-„Sie starb in meinen Armen. Ihre letzten Worte waren ein Gruß und
-ein Segenswunsch für dich. Sie starb für dich, aber sie hat dir ein
-heiliges Vermächtnis hinterlassen. Du hast einen Sohn, Franz. Liesel
-hat dir einen Sohn geschenkt, bei dessen Geburt sie ihr junges Leben
-verlor .... Dein verjüngtes Ebenbild. Hörst du, Franz. Dein Leben hat
-wieder Inhalt, es ist mit der Verantwortlichkeit für dein Kind erfüllt.“
-
-Nach einer Weile sprach er weiter: „Deine Mutter hat Liesel an ihr
-Herz genommen und sie wie eine Tochter gehalten. Aber daß der Junge
-dir erhalten blieb, das hast du nur der Lotte zu danken, die nach dem
-Tode ihrer Mutter, die auf der Flucht starb, bei deinen Eltern Zuflucht
-fand. Als Emma ins Elternhaus zurückkehrte, war ihres Bleibens dort
-nicht länger. Deine Schwester sah scheel auf den Kleinen und behandelte
-ihn lieblos, weil deine Mutter ihm die Hälfte des Erbteils zuwenden
-will. Und da meine Frau mir schon vor einem Jahr ins bessere Jenseits
-vorausgegangen ist und ich nach der Rückkehr von der Flucht hinfällig
-wurde, nahmen wir Lotte ins Haus. Sie brachte den kleinen Franz mit,
-und wir freuten uns dessen. Denn der kleine Bube wurde die Freude
-unseres Alters.“ ...
-
-Er hielt inne, denn die Tür öffnete sich und ein kleiner Bube mit
-blonden Kraushaaren sprang ins Zimmer. Er warf einen scheuen Blick auf
-den fremden Mann, dann stieg er behende ins Bett, umfaßte den alten
-Herrn und küßte ihn. „Großväterchen, ich wünsche dir einen schönen,
-guten Morgen.“
-
-Da konnte sich Franz nicht beherrschen. Mit beiden Händen griff er zu
-und riß den Knaben ungestüm an seine Brust. Erschreckt fing der Kleine
-an zu weinen. „Aber Franzel, das ist doch dein Väterchen“, rief Lotte
-von der Tür her. „Ich habe dir doch so oft sein Bild gezeigt.“
-
-Der Kleine schüttelte den Kopf .... „Der ist nicht mein Vater ... der
-sieht anders aus.“
-
-„Nimm den Kleinen raus,“ entschied der Pastor, „so schnell geht das
-nicht bei Kindern .... Und du, Franz, wirst gut tun, deinen Bart
-abnehmen zu lassen, damit du deinem Bild wieder ähnlich wirst. Oder
-legst du soviel Wert auf den Mannesbart, daß du ihn deinem Sohn nicht
-opfern willst?“
-
-„Nein, Onkel, das werde ich gern und bald tun.“ Er stand auf und reckte
-wie anklagend die Hände empor. „Ach Gott, was hat mir dieser verfluchte
-Krieg alles genommen. Den Vater, das geliebte Weib, die Liebe des
-Kindes und vier Jahre meines Lebens.“
-
-Mißbilligend schüttelte der Pastor sein weißes Haupt. „Du bist
-verbittert und ungerecht.“
-
-„Verbittert? Ja. Und ist es ein Wunder? Aber ungerecht .... Nein, ich
-kann bloß die göttliche Weltordnung nicht mehr begreifen, die soviel
-Unheil über die Menschheit kommen ließ, soviel blühende Menschen
-vernichten ließ.“
-
-„Dein Schmerz macht mir deinen Ausbruch begreiflich. Was Gott in seinem
-unerforschlichen Ratschluß über die Menschheit verhängt hat ...“
-
-„das glaubt ihr mit Lammesgeduld ertragen, ja ihm noch dafür danken
-zu müssen“, warf Franz heftig dazwischen. „Wir Jungen denken anders
-darüber. Wir haben die Ursachen der Geschehnisse kennengelernt, die
-du Gottes unerforschlichem Ratschluß zuschreibst. Wir sehen dahinter
-die Raub- und Profitgier menschlicher Bestien, von denen wir als den
-Machthabern gebeugt und geduckt werden. Das gibt es nicht mehr ....
-Die Macht muß diesen Teufeln in Menschengestalt entrissen und reineren
-Händen anvertraut werden. In Deutschland ist es ja bereits geschehen.“
-
-Mit entsetzten Augen sah der Pastor auf den jungen Freund, der
-aufgeregt im Zimmer auf und ab ging. „Franz, du bist krank
-zurückgekehrt. Ich will heute mit dir nicht rechten und nicht streiten
-... Sieh dich erst mal einige Wochen in der Heimat um, aber mit offenen
-Augen ohne Scheuklappen davor. Hör mal erst, wie die neuen Herren
-Deutschlands sich gebärden und wie die neue Weltordnung aussieht, die
-sie aufgerichtet haben. Dann wollen wir weiter darüber reden.“
-
-Franz trat zu ihm ans Bett und reichte ihm die Hand. „Verzeih, Onkel,
-ich wollte dich nicht kränken. Du magst Recht haben, daß die neue Zeit
-viel Unerfreuliches zutage bringt, aber das ist bei solchen Umwälzungen
-unvermeidlich. Das muß bei den großen Errungenschaften mit in Kauf
-genommen werden.“
-
-„Teuerer Kauf,“ murmelte der Alte, „aber nun geh nach Hause und begrüß
-die Mutter. Nur um eines bitte ich dich: erschrick die alte Frau nicht
-durch deine heftigen Redensarten. Sie ist schon sehr hinfällig.“
-
-Als Franz in den Flur seines Elternhauses trat, kam aus der Küche seine
-Schwester Emma, ein stattliches Weib mit hartem Gesicht und kalten
-Augen.
-
-„Was wünschen Sie?“
-
-Mit bitterem Lächeln erwiderte er: „Kennst deinen Bruder wirklich
-nicht mehr?“ Er wandte sich zur Stubentür. Da trat sie vor ihm und
-versperrte ihm den Weg. „Die Mutter ist sehr schwach, ich muß sie erst
-vorbereiten.“
-
-In Franz wallte der Zorn auf. „Weib, bist du toll? Du willst mich nicht
-zur Mutter lassen?“
-
-Aus der Stube kam ein schwacher Ruf: „Franz! ... Franz! ...“
-
-Mit einem harten Griff schob er die Schwester zur Seite und trat
-ein. Aus dem Lehnstuhl am Fenster streckte ihm die Mutter die Hände
-entgegen. Freudentränen rannen über ihr welkes Gesicht. Er warf sich
-vor ihr auf die Knie, barg sein Gesicht in ihrem Schoß und weinte lange
-still vor sich hin.
-
-Als er aufstand, war sein Gesicht ruhig, aber hart. „Mutter, weißt du,
-daß nach dem Willen des Vaters der Hof mir gehören sollte?“
-
-„Ja, mein Sohn, es war ja sein höchster Wunsch, daß du Landwirt werden
-solltest, damit der Hof nicht in fremde Hände käme.“
-
-„Es ist gut, Mutter, ich danke dir. Ich danke dir auch für alle Liebe,
-die du meiner Liesel erwiesen hast.“
-
-„Hast deinen Jungen schon gesehen?“
-
-Franz lächelte schwach. „Ja, Mutter, er will den Vater nicht kennen.“
-
-„Ach, das wird schon kommen. Ich mußte ihn leider mit der Lotte
-weggeben. Die Emma war nicht gut zu ihm.“
-
-„Auch zu dir ist sie nicht gut, Mutter.“
-
-„Ach Kind, ich beanspruche ja nichts. Erzähl’ lieber, wie es dir
-ergangen ist.“
-
-Während Franz erzählte, kam Emma herein und setzte der Mutter einen
-Topf Kaffee und ein mager gestrichenes Stück Brot aufs Fensterbrett.
-Franz stand auf, nachdem er die matte Brühe gekostet, und ging ihr
-nach. „Weshalb hältst du die Mutter so karg? Weshalb gibst du ihr nicht
-ein Ei und ein Stückchen Fleisch zum Frühstück?“
-
-„Die Eier müssen verkauft werden, die können wir uns nicht bezähmen.“
-
-„Von jetzt ab wird die Mutter besser genährt.“
-
-„Darüber hast du doch nicht zu bestimmen“, erwiderte die Schwester
-höhnisch. „Vorläufig gehört dir vom Hof noch gar nichts. Der Vater hat
-der Mutter den Hof vermacht, und es kommt nur darauf an, wem sie den
-Hof verschreibt. Dann kriegst du deinen Anteil ausgezahlt und gehst
-deiner Wege.“
-
-Er ließ sie ohne Antwort stehen und ging wieder in die Stube. „Mutter,
-hier muß erst reiner Tisch gemacht werden, damit ich weiß, woran ich
-bin. Willst du den letzten Willen des Vaters erfüllen, daß ich den Hof
-übernehmen soll?“
-
-Emma war in die Tür getreten. „Den letzten Willen des Vaters hat die
-Mutter schriftlich. Ihr gehört der Hof.“
-
-„Und ich verschreibe ihn, wie mein seliger Mann, euer Vater, wollte,
-dem Franz“, erwiderte die Mutter ruhig, aber bestimmt. Da warf Emma die
-Tür hinter sich ins Schloß.
-
-„Wer wirtschaftet hier?“, fragte Franz weiter.
-
-„Ein alter, abgedankter Inspektor, den Emma angenommen hat. Sie
-versteht nichts davon, und ich bin zu schwach und kann mich nicht darum
-bekümmern. Ich glaube, er wirtschaftet in seine eigene Tasche, denn ich
-habe schon Papiere verkaufen müssen, weil das Geld nicht langte und
-kein Getreide zur Saat vorhanden war.“
-
-„Bist du damit einverstanden, Mutter, daß ich die Wirtschaft übernehme
-und den Inspektor entlasse?“
-
-„Ja, mein Sohn, du hast darüber zu bestimmen.“
-
-Als der Inspektor eine Stunde später zum zweiten Frühstück hereinkam,
-führte ihn Franz in das Arbeitszimmer seines Vaters. Der Mann mißfiel
-ihm vom ersten Anblick an. Er hatte ein verkniffenes Fuchsgesicht mit
-listig zwinkernden Augen.
-
-„Welche Kündigungszeit haben Sie?“, fragte Franz.
-
-„Kündigungszeit?“, erwiderte der Inspektor, „darüber ist nichts
-ausgemacht.“
-
-„Das Übliche ist wohl vierteljährliche Kündigung. Also kündige ich
-Ihnen vom 1. April zum 1. Juli. Sie bekommen Ihr Gehalt für die Zeit
-und können gehen. Ich beanspruche Ihre Dienste nicht mehr.“
-
-„Sie ... Sie beanspruchen meine Dienste nicht mehr? Herr, wer sind Sie
-denn eigentlich?“
-
-Franz bezwang den Ärger, der in ihm aufstieg und erwiderte ruhig: „Ich
-bin der Sohn des Hauses und handele im Auftrage meiner Mutter.“
-
-„So? Aber ich nehme die Kündigung nicht an. Die Zeiten haben sich
-geändert, junger Mann, was Sie noch nicht zu wissen scheinen. Jetzt
-darf man nicht mehr einen Menschen so mir nichts, dir nichts auf die
-Straße setzen.“
-
-„Sie weigern sich also, mein Haus zu verlassen?“
-
-„Ja, und wenn Sie was gegen mich unternehmen, wende ich mich an unseren
-Arbeiterrat, der wird bald Ordnung schaffen.“
-
-Franz sah ihn halb belustigt, halb spöttisch an. „Gut, daß Sie mich an
-diese neue Instanz erinnern. Das Weitere wird sich finden.“
-
-Er zog sich an und ging zum Nachbarn, einem alten, guten Freund seines
-Vaters. Nachdem der erste Sturm der Begrüßung vorüber war und er seine
-Erlebnisse kurz berichtet hatte, fragte er: „Sag mal, Ohm Dahlheimer,
-was geht bei mir zu Hause vor? Was ist der Inspektor für ein Mensch?“
-
-Der Bauer zuckte die Achseln. „Man möchte sich nicht das Maul
-verbrennen. Sieh zu, daß du den Menschen aus dem Hause kriegst.“
-
-„Wie ich höre, habt ihr hier auch einen Arbeiterrat. Wer gehört dazu?“
-
-„Ein Tagelöhner von dir, der Wölk, und zwei Kerle, die dem lieben Gott
-den Tag abstehlen und sich dafür bezahlen lassen.“
-
-In schweren Gedanken ging Franz heim. Gegen Abend ließ er durch
-Wölk den Arbeiterrat versammeln und ersuchte um die Zustimmung zur
-Entlassung des Inspektors. Sofort erklärte einer der „Räte“: „Dazu
-liegt unseres Wissens kein Grund vor. Sie können dem Mann nicht die Tür
-weisen, weil Sie jetzt selbst wirtschaften wollen. Das geht jetzt nicht
-mehr so wie früher.“
-
-„So? Geht das nicht mehr? Das werde ich mir merken. Nichts für ungut,
-meine Herren, daß ich Sie bemüht habe.“
-
-
-
-
-22. Kapitel
-
-
-Die nächste Zeit war ganz dazu angetan, Franz den Aufenthalt in der
-Heimat zu verleiden. Sein gesunder Sinn empörte sich gegen die Faulheit
-der Arbeiter. Früher wurde von der Saatzeit an auf dem Lande von
-Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gearbeitet. Jetzt faulenzten die
-Knechte und Tagelöhner die zehn Stunden ab, die von den Landwirten mit
-vieler Mühe durchgesetzt waren, und beanspruchten dafür eine unmäßig
-hohe Entlohnung in Geld und Naturalien. Bei dem geringsten Anlaß erhob
-der Arbeiterrat Einspruch gegen die Anordnungen des Gutsherrn. Man
-mußte sich nur wundern, daß die Landwirte nicht die Lust und Geduld
-verloren.
-
-Auch die Zustände im Hause waren unleidlich. Emma umlauerte die
-Mutter, und wenn Franz abends auf ein Stündchen in den Pfarrhof ging,
-setzte sie ihr hart zu, daß sie ihr den Hof verschreiben sollte. Das
-Essen, das er und die Mutter vorgesetzt erhielten, war mager und ohne
-Sorgfalt zubereitet. Aber oft drangen aus der Küche, wo Emma und der
-Inspektor aßen, Düfte von gebratenem Fleisch.
-
-Am liebsten wäre Franz auf der Stelle davongegangen. Er konnte doch
-aber nicht die Mutter allein in Emmas Hände lassen. Dann brach ihr
-Widerstand zusammen und sie verschrieb der Tochter den Hof. An Geld
-fehlte es ihm nicht, um sich einige Zeit über Wasser zu halten, bis
-er sich eine neue Existenz gegründet hatte, denn die Mutter hatte ihm
-alles gegeben, was sie noch an Wertpapieren und Pfandbriefen besaß, und
-das war mehr, als er erwartet hatte.
-
-Das Einfachste wäre gewesen, wenn die Mutter ihm vor dem Notar den
-Hof verschrieben hätte. Aber sie hatte wie soviele Menschen den
-Aberglauben, daß sie bald sterben müßte, wenn sie ihr Testament machte.
-
-Und noch eines hielt ihn in der Heimat fest. Seine Liebe zu dem Jungen.
-Am liebsten hätte er ihn zu sich genommen. Aber er mußte sich doch
-sagen, daß der Kleine es im Pfarrhause unter Lottes liebevoller Pflege
-viel besser hatte als bei ihm zu Hause. Ab und zu brachte Lotte ihn auf
-ein Stündchen zur Großmama, was dem kleinen Buben kein sonderliches
-Vergnügen bedeutete. Auch zu dem Vater, der sich ihm zu Liebe den Bart
-hatte abnehmen lassen und nun seinem Bilde aus jüngeren Jahren wieder
-ähnlich sah, kam er in kein herzliches Verhältnis, obwohl ihn Franz
-mit Spielzeug und gegen den Willen der „Tante Lotte“ mit Näschereien
-beschenkte. Die Bande des Blutes zeigten sich in dem Kleinen nicht
-lebendig. Sie fehlten ja auch gänzlich zwischen Bruder und Schwester.
-
-An der Zuneigung, die Lotte dem Jugendfreund entgegenbrachte, ging
-Franz achtlos vorbei. Sie kam ihm nicht zum Bewußtsein, denn sein
-Schmerz und seine Trauer um Liesel waren noch so lebendig, als wenn der
-Verlust ihn erst vor wenigen Tagen getroffen hätte.
-
-Nach vierzehn Tagen kam Lüdicke unerwartet an. Beim Abschied in
-Berlin hatte er dem Freund und Genossen versprochen, ihn zu besuchen,
-sobald er sich in oder mit Hilfe der Partei eine Stellung verschafft
-hatte. Das war ihm schneller gelungen, als er gehofft hatte. Auf
-einer Versammlung in Berlin traf er mit einigen Genossen zusammen,
-die inzwischen in führende Stellungen eingerückt waren. Seine starke
-Persönlichkeit, seine gewaltige Rednergabe, die er in der Versammlung
-mit großem Erfolg betätigte, machten ihn zu einem brauchbaren
-Werkzeug. Er wurde damit betraut, die Streitigkeiten, die an mehreren
-Stellen zwischen Arbeiter- und Soldatenräten und den als Gegengewicht
-aufgestellten Bürgerräten in Ostpreußen ausgebrochen waren, zu
-untersuchen und zu schlichten. Er war gut gekleidet und sein starker
-Schnurr- und Knebelbart gaben ihm ein martialisches Aussehen.
-
-Er kam schon von der „Arbeit“. Schon von Berlin aus hatte er sich
-in der Kreisstadt eine Versammlung einberufen lassen und mit seiner
-Donnerstimme und mit der Wucht seiner Phrasen die Genossen in die
-höchste Begeisterung versetzt. Auch der nötige Respekt fehlte nicht. So
-war es ihm denn am nächsten Vormittag ein Leichtes, das Einvernehmen
-zwischen den streitenden Parteien herzustellen. Franz empfing den
-Freund mit ehrlicher Freude. Nur der Gedanke bedrückte ihn, daß
-der scharf blickende Mann Einsicht in das Elend seiner häuslichen
-Verhältnisse gewinnen würde.
-
-Etwas zaghaft betrat er die Küche, um Emma von der Ankunft des Gastes
-zu benachrichtigen und sie um eine gute Bewirtung zu bitten. Zu seinem
-Erstaunen sah er, daß sie sich gut und sauber gekleidet hatte, während
-sonst leider das Gegenteil der Fall war. Und auf seine Bitte erwiderte
-sie, sie wisse allein, was man einem Gast vorzusetzen habe. So verlief
-der Begrüßungsschmaus ganz vergnüglich. Lüdicke führte das Wort. Er
-erzählte lustig kleine Begebenheiten aus der Gefangenschaft, und Emma
-hatte eine freundliche Miene aufgesetzt, die sie sehr zum Vorteil
-veränderte.
-
-Nach dem Essen begleitete Franz seinen Gast in den Dorfkrug, wohin
-er sich die Arbeiterräte der umliegenden Dörfer eingeladen hatte.
-Mit geheimer Freude hörte Franz, wie sich sein Freund den Räten als
-Kommissar der Volksbeauftragten vorstellte und hinzufügte, er habe hier
-nach dem Rechten zu sehen. Dann ließ Lüdicke sich am Tisch nieder und
-begann mit dröhnender Stimme zu reden. Die siegreiche Revolution wolle
-den Menschen Friede, Ruhe und Ordnung schaffen. Die Macht liege jetzt
-in den Händen des Volkes, und das sei gut so. Dann geißelte er die
-Sünden der alten Regierung und wurde sehr heftig dabei. Aber zum Schluß
-kam doch eine sehr deutliche Ermahnung, Ruhe zu halten und fleißig zu
-arbeiten. Nur die Arbeit könne uns wieder emporführen.
-
-Die große Wirtsstube hatte sich während seiner Rede gefüllt. Die
-Genossen spendeten kräftigen Beifall. Als wieder Stille eingetreten
-war, rief von der Tür her ein alter Bauer, der den Mund auf dem rechten
-Fleck hatte: „Herr Kommissar, das war alles sehr schön, was Sie gesagt
-haben, bloß mit der Arbeit klappt es nicht, wenigstens bei uns nicht.
-Wenn unsere Leute jetzt in der Saatzeit nicht mehr leisten, dann
-kriegen wir die Saat nicht in den Boden, und dann können die Herren
-Berliner im Herbst hungern.“
-
-„Der Mann hat Recht,“ warf Franz dazwischen, „unsere Leute stehlen dem
-lieben Gott den Tag weg und die Räte bestärken sie darin. Unsere ganze
-Landwirtschaft geht vor die Hunde, wenn das nicht anders wird.“
-
-Auch noch andere erhoben ihre Stimme, einige von den Räten
-widersprachen und daraus wurde ein greulicher Tumult, bis Lüdicke mit
-der Faust auf den Tisch schlug und Ruhe gebot. Nun durfte jeder vor ihm
-hintreten und seine Meinung äußern. Als Ergebnis der Debatte erklärte
-der Kommissar, die Landarbeiter müßten in der verkürzten Arbeitszeit
-soviel schaffen, ja womöglich noch mehr als früher, denn das Reich wäre
-darauf angewiesen, daß die Landwirtschaft alles, was möglich sei, aus
-dem Boden heraushole.
-
-Auch die Räte bekamen ihre Standpauke. Sie wären nur dazu da, bei
-Streitigkeiten die Interessen der Arbeiter wahrzunehmen. Eingriffe in
-den Wirtschaftsbetrieb ständen ihnen nicht zu.
-
-Auf dem Heimwege sagte Franz dem Freunde: „Du hast dir heute Abend
-einen großen Anhang geschafft, weniger bei den Arbeitern als bei den
-Bauern. Und du schaffst wirklich Segen, wenn du die unleidlichen
-Zustände besserst. Wenn wir bloß viele solcher Männer hätten wie dich.“
-
-„Geschenkt!“, erwiderte Lüdicke lachend, „es ist doch
-selbstverständlich, daß die Kirche im Dorf bleiben muß. Wir wollen
-nicht zerstören, sondern neu aufbauen .... Und weshalb sollen wir
-nicht, was gut ist, behalten? Aber nun möchte ich auch hören, wie es
-dir geht. Wo ist die Liesel?“
-
-„Die ist bei der Geburt eines Jungen gestorben. Mein Vater ist als
-Landsturmmann schon 1914 gefallen. Meine Schwester hat auch ihren Mann
-verloren. Meine Rückkehr hat ihr wenig Freude bereitet, denn sie fühlte
-sich schon als Alleinerbin und Besitzerin des Hofes. Nun macht sie ihn
-mir streitig, obwohl es der ausdrückliche Wille meines Vaters war, ihn
-mir zu geben.“
-
-„Das ist der Fluch des Geldes und des Besitzes. Er wirft Zwietracht
-zwischen Eltern und Kinder und zwischen Geschwister. Nun sag mal,
-alter Freund und Genosse, willst du dich hier einkapseln und als Bauer
-versauern?“
-
-„Nein, das möchte ich nicht, aber ich kann hier nicht weggehen, ehe der
-Streit um die Erbschaft entschieden ist.“
-
-„Wer hat denn darüber zu entscheiden?“
-
-„Jetzt noch die Mutter.“
-
-„Gut, dann werden wir das morgen gleich in Ordnung bringen.“
-
-Es war wunderbar, wie sich alles im Hause dem Gast beugte und fügte.
-Zuerst mußte der Inspektor ihm in Gegenwart von Franz und Emma seine
-Wirtschaftsbücher vorlegen. Sie waren sehr unordentlich geführt,
-ergaben aber, daß erhebliche Summen beiseite gebracht worden waren.
-Einen Teil hatte Emma erhalten, aber für viele Posten fehlte jeder
-Beleg, wofür er ausgegeben war.
-
-„Was willst du deswegen veranlassen?“, fragte Lüdicke.
-
-„Ich werde nichts gegen den Mann tun, wenn er sofort das Haus verläßt.“
-
-Ohne ein Wort zu erwidern, stand der Inspektor auf und ging hinaus.
-Nun begaben sich alle drei zur Mutter. Frau Rosumek tat etwas
-ängstlich, als der Gast, den sie gestern Abend nur flüchtig begrüßt,
-ihr zuredete, in seinem Beisein über den Hof und die Erbschaft zu
-verfügen. Aber sie nahm sich zusammen und erklärte Franz zu ihrem
-Haupterben. Lüdicke brachte ihren Willen sofort zu Papier und ließ alle
-drei unterschreiben. Emma erhob keinen Einwand, worüber sich Franz
-im Stillen wunderte. Es schien ihm, als ob sie es vermeiden wollte,
-dem Gast zu mißfallen. Als Franz in seiner Ehrlichkeit dann noch die
-ihm von der Mutter übergebenen Werte zur Sprache brachte, entschied
-Lüdicke, Emma habe wohl ebensoviel aus der Wirtschaft herausgenommen.
-Und sie gab sich damit zufrieden.
-
-Als der Gast am nächsten Morgen Abschied nahm, befürchtete Franz noch
-eine heftige Auseinandersetzung mit der Schwester. Sie blieb jedoch
-aus. Im Gegenteil, Emma kehrte nicht die Kratzbürste, sondern die
-freundliche Seite ihres Wesens heraus, fragte den Bruder nach seinen
-Wünschen wegen des Essens und erfüllte sie. Er war, wie er merkte,
-durch die Freundschaft mit Lüdicke eine Respektsperson für sie
-geworden. Daß der stattliche Mann ihr sehr gut gefiel und sie ihn zu
-gewinnen hoffte, ahnte er nicht.
-
-Als Lüdicke nach acht Tagen unvermutet wiederkehrte, wurde er sehr
-freundlich empfangen. Emma war klug. Sie verstand es, den Gast zum
-Reden zu bringen und aufmerksam zuzuhören .... Und sie umgab ihn
-mit wohlberechneten Aufmerksamkeiten, so daß Lüdicke sich im Hause
-seines Freundes sehr behaglich fühlte und von seinen Reisen durch die
-Provinz immer wieder nach Schwentainen zurückkehrte .... Eines Tages
-überraschte er Franz mit der Frage, ob er ihm als Schwager willkommen
-wäre.
-
-„Das ist doch keine Frage, alter Freund. Bist du mit meiner Schwester
-schon einig?“
-
-„Nein, ich habe ihr noch kein Wort gesagt, aber ich glaube, sie mag
-mich gut leiden. Willst du mir den Gefallen tun und auf den Busch bei
-ihr klopfen?“
-
-Franz lachte laut auf. „Du hast dich nicht vor Tod und Teufel
-gefürchtet und hast vor einer Schürze Angst? Aber selbstverständlich
-tue ich dir den Gefallen.“
-
-„Schönen Dank und vergiß auch nicht, bei deiner Mutter ein gutes Wort
-für mich einzulegen.“
-
-Emma wurde weder rot noch verlegen, als ihr Franz die Frage vorlegte,
-ob sie Lüdicke nehmen möchte. Ihr Wesen kam jedoch sehr deutlich durch
-die Frage zum Ausdruck: „Was ist er eigentlich?“
-
-„Arbeiter, einfacher Metallarbeiter. Aber die Leute verdienen jetzt ein
-Heidengeld.“ Mit geheimem Vergnügen sah er ihre Enttäuschung. „Er wird
-aber jetzt Gewerkschaftssekretär ... das ist eine sehr einflußreiche
-Stellung. Er kann bald Landrat oder gar Minister werden.“
-
-„Wenn das richtig ist, kann er bei mir anklopfen.“
-
-Die Mutter fragte etwas anderes, als Franz ihr von der Bewerbung seines
-Freundes Mitteilung machte. „Ist er ein guter, ehrlicher Mensch?“
-
-„Ja, Mutter, er hat ein gutes Herz. Ich kenne ihn zur Genüge.“
-
-„Er wird mit der Emma einen schweren Stand haben.“
-
-„Ich glaube nicht, Mutter, sie hat vor ihm einen gewaltigen Respekt,
-und er wird ihn zu wahren wissen.“
-
-„Dann will ich ihn gern als Schwiegersohn begrüßen.“
-
-Noch am selben Abend fand die Verlobungsfeier statt. Emma schwamm
-in Seligkeit, daß sie nach Berlin käme, aber sie war in Sorge, ob
-ihre Möbel, die sie auf den Speicher gebracht hatte, der Würde und
-Stellung ihres Gatten entsprechen würden. Lüdicke drängte auf baldige
-Festsetzung der Hochzeit, die natürlich in Schwentainen stattfinden
-sollte. Als Emma dagegen einwarf, daß sie noch ein neues Seidenkleid
-für die Kirche brauche, machte er ein verdutztes Gesicht.
-
-„Das mit der kirchlichen Trauung mußt du dir aus dem Kopf schlagen. Ich
-bin Atheist und aus der Kirche ausgetreten ...“
-
-„Aber ich nicht .... Ich will mit dir vor den Altar treten oder gar
-nicht“, erwiderte Emma heftig.
-
-„Weshalb gleich so heftig, liebe Emma“, erwiderte er ruhig. „Damit
-kommst du bei mir nicht durch. Auf eine freundliche Bitte würde ich
-vielleicht eingehen.“
-
-In demselben Augenblick hatte Emma begriffen und sich umgestellt. Sie
-sprang auf, schmiegte sich zärtlich an ihn und schmeichelte ihm die
-Einwilligung ab. „Ich fürchte nur, der Pfaffe wird mich nicht in die
-Kirche rein lassen.“
-
-„Darüber kannst du beruhigt sein“, warf Franz ein. „Unser alter Pastor
-Uwis wird dir keine Schwierigkeiten bereiten. Und du mußt es unserer
-Familie wegen tun. Hier gehört die kirchliche Trauung noch zu einer
-richtigen Ehe.“
-
-Die Hochzeit wurde großartig ausgerüstet. Nach drei Tagen fuhr das
-junge Paar ab nach Berlin.
-
-Es war die letzte Trauung, die der alte Uwis vollzog. Er war nicht
-eigentlich krank, aber er verfiel immer mehr. Am nächsten Sonntag
-war er so schwach, daß er nicht aufstehen konnte und sich vom Lehrer
-vertreten lassen mußte. Gegen Abend kam Franz, nach ihm zu sehen. Er
-beugte sich über ihn. „Onkel, hast du Schmerzen?“
-
-„Nein, nein, lieber Junge, mir fehlt nichts.“
-
-Lotte brachte ihm ein Glas Wein, das er gehorsam austrank. Danach
-wurde er munter und erzählte aus seiner Jugendzeit allerlei kleine
-Begebnisse .... Mitten drin wurde seine Stimme schwächer und schwächer,
-bis sie erlosch. Sein Kopf neigte sich zur Seite. Er schlief ein.
-Sanft drückte ihm Franz die Augen zu. Lotte saß neben ihm und weinte
-still. Der Tod des alten Mannes nahm ihr die letzte Stütze, die sie im
-Leben noch hatte. Fortan war sie ganz allein auf sich gestellt, denn
-der Mann, den sie seit frühester Jugend im Herzen trug, um den sie so
-manche schwere Träne geweint, erwiderte ihre Liebe nicht. Er schien sie
-nicht einmal zu ahnen.
-
-
-
-
-23. Kapitel
-
-
-Das Begräbnis des Pastors Uwis brachte es allen Beteiligten zum
-Bewußtsein, welche Liebe und Verehrung sich der seltene Mann in den
-weitesten Kreisen erworben hatte. Nicht nur die Insassen seines
-Kirchspiels und die Amtsbrüder aus den Nachbarorten, sondern von weit
-und breit waren Männer gekommen, um dem Verewigten die letzte Ehre
-zu erweisen. Es war Anfang Juni, die Zeit, in der Ostpreußen seinen
-Wonnemonat erlebt. Der Flieder blühte und duftete, die Kastanien hatten
-ihre weißen und roten Pyramiden aufgesetzt. Aus den hohen Silberpappeln
-und Buchen, die das schmucklose, altersgraue Kirchlein umgaben, das
-der Zerstörung entgangen war, schmetterten die Buchfinken ihre helle
-Strophe in das dünne Geläut der Glocken.
-
-Sechs Männer, die Uwis getauft, eingesegnet und getraut hatte, trugen
-den Sarg, der mit Kränzen bedeckt war, nach dem nahen Gottesacker, wo
-der Entschlafene neben seiner Gattin ruhen sollte. Über dem Grabhügel
-häufte sich ein Berg von Blumen und Kränzen.
-
-Der Verstorbene hatte schon bei Lebzeiten Fürsorge für sein Begräbnis
-getroffen. Sein Sarg stand lange Jahre, wie es noch an manchen
-Orten Sitte ist, im Turm der Kirche. Nach dem Begräbnis sollten die
-Leidtragenden in die Pfarre gebeten und mit Wein und Kuchen bewirtet
-werden. Nur wenige folgten der Aufforderung, unter ihnen auch der
-Oberamtmann, der den Verstorbenen von Jugend an kannte und hoch
-schätzte. Auf dem Schreibtisch lag ein verschlossener Briefumschlag,
-den Lotte dort hingelegt hatte. Er trug die Aufschrift: „Von Franz
-Rosumek nach meinem Begräbnis zu eröffnen.“
-
-Franz erbrach das Siegel und las den letzten Willen des Verstorbenen
-vor. Er bestimmte zwei Drittel des Nachlasses für die Armen und
-Waisen des Kirchspiels, ein Drittel und die Möbel erhielt Lotte, „die
-treue Pflegerin“. Es waren einige tausend Taler, mit denen sich ein
-strebsames, tüchtiges Mädchen seine eigene Existenz gründen konnte.
-Nach der Bewirtung zerstreuten sich die Teilnehmer. Beim Abschied lud
-der Oberamtmann Franz ein, ihn recht bald zu besuchen. Seine Frau
-würde sich auch freuen, ihn wiederzusehen und von seinen Erlebnissen zu
-hören.
-
-„Gern, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz. „Ich möchte aber das
-Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Kann ich von Ihnen Saatgut
-bekommen? Mein Speicher ist leer wie eine Tenne.“
-
-„Aber selbstverständlich, Rosumek.“
-
-Lotte saß am Fenster der Wohnstube, als Franz ins Pfarrhaus
-zurückkehrte. Sie hatte die fleißigen Hände still im Schoß gefaltet
-und plauderte mit dem kleinen Franzel, der an ihren Knien stand. Franz
-setzte sich ihr gegenüber und nahm seinen Jungen auf den Schoß.
-
-„Ich komme im Auftrage meiner Mutter,“ begann er zögernd, „wir
-betrachten es als selbstverständlich, daß du jetzt zu uns kommst.“
-
-Lotte senkte den Kopf, um den Wechsel der Farben auf ihrem Gesicht zu
-verbergen. Ganz leise erwiderte sie: „Franz, wie kannst du mir das
-zumuten?“ Ihre Hände hoben sich und verdeckten das Gesicht.
-
-Ratlos sah Franz sie an. „Aber Lotte, ich verstehe dich nicht. Du bist
-doch bei meinen Eltern wie ein Kind im Hause gewesen. Meine Mutter hat
-dich lieb wie ihre eigene Tochter.“
-
-Jetzt hob Lotte den Kopf und sah ihn fest an. „Quäl mich nicht, Franz,
-ich kann nicht.“
-
-„Das heißt, du willst nicht“, erwiderte Franz traurig. „Was soll denn
-aus meinem kleinen Jungen werden? Die Mutter ist gebrechlich, ich habe
-wenig Zeit, mich um ihn zu kümmern.“ Er setzte Franzel ab. „Geh, bitt’
-du die Tante, daß sie dich nicht allein läßt, sondern zu uns kommt.“
-
-Der Kleine hatte mit verwunderten Augen von einem zum anderen geschaut.
-Er hatte begriffen, daß die Tante mit ihm nicht zum Papa gehen wollte.
-Jetzt umfaßte er ihre Knie. „Tante, liebe Tante, komm doch mit uns.“
-
-Mit beiden Händen umfaßte Lotte seinen Kopf und küßte seine Stirn. „Ich
-kann nicht, mein lieber, süßer Bub. Ich muß weit fortgehen zu fremden
-Menschen.“ Sie hob den Kopf. „Ja, Franz, es ist besser, daß ich mich
-jetzt von dem Kinde trenne. Über lang oder kurz wirst du dir eine Frau
-nehmen, und dann muß ich aus dem Hause.“ ...
-
-Bei den letzten Worten schoß ihr eine jähe Röte ins Gesicht. Sie
-schämte sich vor sich selbst, daß sie ihm so deutlich die Antwort,
-die ihr Herz wünschte, in den Mund legte. Das hatte ja auch schon
-in ihrer ersten Antwort gelegen, die er nicht verstanden hatte. Sie
-fürchtete sich vor dem Zusammensein mit dem Manne, nach dem ihr Herz
-schrie. Weshalb nahm er sie nicht in seine Arme? Er brauchte kein Wort
-zu sagen, er brauchte sie nur an sein Herz zu nehmen. Aber anstatt des
-Vaters hielt sie seinen Sohn in den Armen, herzte und streichelte ihn.
-
-„Ach, Lotte, du weißt ja nicht, wie mir zumute ist! Ich werde nie
-heiraten, ich kann meine Liesel nicht vergessen. Du weißt ja nicht, wie
-sehr ich sie geliebt habe. All die Jahre in der Gefangenschaft war die
-Hoffnung, sie wiederzusehen, mein einziger Trost, der mich aufrecht
-hielt. Kannst du es wirklich übers Herz bringen, den kleinen Buben, an
-dem du Mutterstelle vertrittst, allein zu lassen? Weshalb willst du dir
-nicht bei uns dein Brot ebenso verdienen wie bei fremden Menschen?“
-
-Mit einem Ruck stand Lotte auf und setzte den Jungen auf die Erde.
-Mechanisch strich sie ihre Schürze glatt. Ihre Lippen zuckten. „Ja,
-Franz, du hast Recht, mich an die Pflicht zu erinnern, die ich deinem
-Kind gegenüber übernommen habe. Ich werde dir deinen Haushalt führen.
-Die Möbel können hier wohl solange stehen bleiben, bis der neue Pfarrer
-kommt. Ich will sie nicht verkaufen, denn es hängen zuviel liebe und
-traurige Erinnerungen daran. Du gibst mir wohl einen Raum, wo ich sie
-unterstellen kann?“
-
-„Lotte, wie soll ich dir danken?“
-
-„Mach’ keine Redensarten, Franz, ich trete bei dir in Lohn und Brot. --
-Ja, noch eins. Willst du das Geld und die Wertpapiere an dich nehmen?
-Ich meine, du wirst sie später dem neuen Pfarrer übergeben, der die
-Stiftung verwalten soll. Ich komme gegen Abend mit Franzel. Ich muß
-erst die Leute auslohnen und alles verschließen .... Oder besser, du
-nimmst den Jungen gleich mit .... Geh, Franzel, mit deinem Väterchen,
-ich komme gleich nach ....“
-
-„Kommst auch wirklich, Tante?“, fragte der Kleine mißtrauisch.
-
-„Ja, Franzel, ich habe es ja deinem Väterchen versprochen, und ich
-halte immer Wort.“
-
-Als Franz gegangen war, brach sie haltlos nieder. Ein Schmerz, den sie
-auch körperlich spürte, krampfte ihr das Herz zusammen. Sie haderte mit
-sich und schalt sich töricht, daß sie nachgegeben hatte, anstatt die
-Qual mit einem Schlage zu beenden .... Was hoffte sie denn noch? Sein
-Herz war erfüllt von Trauer und Liebe zu einer Toten. An dem blühenden
-Leben, das sich in Sehnsucht nach ihm verzehrte, ging er achtlos
-vorüber. Aber sie konnte jetzt nicht mehr zurück; sie mußte Wort halten
-und auch noch diese Prüfung auf sich nehmen ... bis ... bis vielleicht
-.... Er hatte ja doch auch die heftige Leidenschaft für die schöne Dame
-in Polommen überwunden und sich in Liesel verliebt.
-
-Allmählich wurde sie ruhiger. Ihr Benehmen war ihr klar vorgezeichnet.
-Sie mußte Franz vom ersten Augenblick an ruhig und kalt
-gegenübertreten, sich auf den Standpunkt einer bezahlten Wirtschafterin
-stellen.
-
-Mit diesem Entschluß stand sie auf, kühlte ihre Augen und dann
-erledigte sie mit ruhiger Freundlichkeit, wie man es an ihr gewohnt
-war, ihre Geschäfte. Gegen Abend schloß sie das Haus ab und ging zu
-Rosumeks. Die alte Frau begrüßte sie mit überschwenglicher Freude.
-
-„Ach, Kind, wie ich dich vermißt habe.“
-
-Am anderen Morgen fuhr Franz nach Polommen und verlebte dort ein paar
-gemütliche Stunden. Er mußte zu Mittag bleiben und viel von seinen
-Erlebnissen erzählen. Eine Frage nach Adelheid schwebte ihm auf den
-Lippen, doch er scheute sich, sie auszusprechen. Frau Olga merkte es
-und begann selbst von ihr zu erzählen. „Meine Freundin Adelheid hat im
-Krieg auch Schweres durchgemacht. Einer ihrer Verehrer warb, als er ins
-Feld ziehen mußte, um ihre Hand und ließ sich mit ihr kriegstrauen.
-Fünf Tage dauerte ihr Eheglück. Nach drei Wochen schon wurde sie Witwe.
-Ihr Gatte hatte jedoch ihre Zukunft sichergestellt, so daß sie ihr
-gewohntes Leben fortsetzen kann.“
-
-„Wie die Lilie auf dem Felde“, warf der Oberamtmann ein.
-
-„Sie kommt übrigens in nächster Zeit wieder zu Besuch“, fuhr Frau Olga
-fort. „Wenn Sie mal am Sonntag uns besuchen wollen?“ ...
-
-„Na, na“, warnte der Gutsherr mit dröhnendem Lachen. „Ist das nicht
-gefährlich für Sie, lieber Rosumek?“
-
-„Ach nein, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz ruhig. „+Die+ Episode
-meines Lebens liegt wie ein dunkler Traum hinter mir.“
-
-Einige Tage später traf der neue Pfarrer, Hans Pilchowski, ein. Ein
-großer, schlanker Mann, der am Alltag noch mit Vorliebe seine Uniform
-als Feldgeistlicher trug. Das gefiel den Bauern, bei denen er der Reihe
-nach seinen Besuch machte. Er kam auch zu Franz mit einem großen Paket
-Druckschriften unter dem Arm und stellte sich vor.
-
-„Herr Rosumek, ich halte Sie für den geistigen Führer der Gemeinde und
-möchte zwischen uns ein gutes Einvernehmen herstellen. Vor allem möchte
-ich Sie für den Heimatdienst interessieren und in Anspruch nehmen. Wir
-sind jetzt hier völlig vom Mutterlande abgeschnitten und auf uns allein
-gestellt. Die größte Gefahr, die uns jetzt droht, ist der Kommunismus
-in Rußland, der Bolschewismus. Er arbeitet mit großen Mitteln und einer
-unheimlichen Werbekraft unter den niederen Klassen und streckt auch
-nach uns seine Hände aus.“
-
-„Es ist die Werbekraft der neuen Idee“, erwiderte Franz zurückhaltend.
-
-„Ja, aber der müssen wir uns entgegenstemmen und die Leute über das
-wirkliche Wesen des Bolschewismus aufklären. Dazu ist der Heimatdienst
-gegründet.“
-
-„Ich habe etwas anderes gehört, Herr Pfarrer. Es ist eine konservative
-Gründung der Deutschnationalen, wie sie sich jetzt nennen, nur zum
-Zweck, die Massen wieder einzufangen und wieder dumm zu machen.“
-
-Ganz verblüfft sah der Pfarrer Franz an. „Aber, Herr Rosumek, stehen
-Sie denn nicht in unserem Lager? Sie haben doch für das Vaterland
-gekämpft und geblutet.“
-
-„Das haben Millionen meiner Genossen auch getan. Aber jetzt sind wir
-aus dem Traum erwacht. Wir wollen nicht mehr unsere Haut für die
-Profitgier des Kapitalismus zu Markte tragen. Das Volk will und wird
-fortan selbst und allein sich sein Schicksal bestimmen und wird klüger
-und ehrlicher handeln als die früheren Machthaber.“
-
-„Erst muß ich einen Irrtum von Ihnen richtigstellen“, versetzte der
-Pfarrer ernst. „Sie sind über die Verhältnisse in der Heimat noch
-nicht im Bilde. Der Heimatdienst steht im Dienste keiner politischen
-Partei. Er ist völlig neutral und hat nur den Zweck, die Heimatliebe
-zu pflegen und dadurch den Willen und die Kraft zur Abwehr feindlicher
-Einflüsse zu stärken .... Sie verwechseln ihn mit der deutschnationalen
-Parteiorganisation, die sich Heimatbund nennt, der ich allerdings auch
-angehöre.“
-
-„Unser Standpunkt ist wohl so verschieden, daß wir kaum je
-zusammenkommen werden, Herr Pfarrer. Ich halte die Revolution und ihre
-Folgen für den größten Fortschritt, den wir je getan haben und lasse
-mich in dieser Meinung auch nicht durch die üblen Nebenerscheinungen
-beirren, die bei jeder großen Umwälzung unvermeidlich sind.“
-
-„Nur noch eine Frage, Herr Rosumek. Wie stellen Sie sich zu der
-Tatsache, daß der Feindbund uns Masuren und dem Ermeland eine
-Abstimmung darüber auferlegt, ob wir deutsch bleiben oder polnisch
-werden wollen?“
-
-„Ich glaube nicht, daß die Masuren große Lust haben, polnisch zu
-werden, aber wenn die Abstimmung danach ausfällt ...“
-
-„Nein, Herr Rosumek, das darf sie nicht. Hier scheiden sich unsere Wege
-wohl für immer, wenn Sie nicht anderen Sinnes werden. Uns treibt unsere
-Heimatliebe, mit allen Mitteln daran zu arbeiten, daß die gefährdeten
-Bezirke, nach denen der Pole seine gierigen Hände ausstreckt, dem
-Vaterland erhalten bleiben. Und wer nicht für uns ist, der ist wider
-uns. Ich will aber die Hoffnung nicht aufgeben, Sie doch noch auf
-unserer Seite zu finden.“
-
-„Mich führt auch noch eine geschäftliche Angelegenheit hierher“,
-fuhr der Pfarrer nach einer kleinen unangenehmen Pause fort. „Ich
-möchte von Fräulein Grigo das Inventar der Ackerwirtschaft erwerben.
-Ich habe mich auch noch mit ihr wegen der Übernahme der Bestellung
-auseinanderzusetzen.“
-
-Lotte wurde hereingeholt, und unter dem sachverständigen Beirat von
-Franz kam eine beide Teile befriedigende Vereinbarung zustande.
-
-Am nächsten Sonntag sah Franz einen offenen Landauer vor der Kirche
-vorfahren und zwei Damen aussteigen, die das Gotteshaus betraten.
-
-Es war Frau Olga und Adelheid. Er vermutete mit Recht, daß sie auch ihm
-einen Besuch abstatten würden. Es war doch ein eigentümliches Gefühl,
-das ihn bei dieser Erwartung beschlich. Und er fragte sich, ob es der
-jungen Frau nicht peinlich sein mußte, ihm nach allem, was geschehen
-war, gegenüberzutreten. Das Gefühl der Beschämung über die hochfahrende
-Art, wie sie ihn abgewiesen hatte, stieg wieder in ihm auf. Das gab
-ihm die Kraft, ihr kühl gegenüberzutreten.
-
-Er empfing die Damen in der Haustür und fühlte, daß ein neuer
-frauenhafter Liebreiz von Adelheid von Streng ausging. „Wir wollen
-Ihnen doch einen guten Tag sagen, Herr Rosumek, da wir nun einmal in
-Schwentainen sind“, sagte Frau Olga bei der Begrüßung. „Meine Freundin
-kennt Sie ja auch von ihrem damaligen Sommeraufenthalt her.“
-
-Mit bezauberndem Lächeln streckte ihm Adelheid die Hand entgegen. „Wir
-haben beide Schweres durchgemacht in den letzten Jahren. Wir haben
-jeder eine bessere Hälfte verloren.“ Franz führte die Damen in die gute
-Stube, die einfach, aber mit gutem Geschmack eingerichtet war. Und er
-fühlte den Blick, mit dem Adelheid sich umsah .... Es war ihm, als wenn
-sie innerlich die Achseln zuckte. „So sah also das Heim aus, in das
-dieser Jüngling mich führen wollte.“
-
-Kaum hatten die Damen Platz genommen, als Lotte eintrat. An ihrer
-Schürze hing natürlich Franzel. Sie brachte eine Flasche Wein und auf
-einem Teller kleines Gebäck. Während Franz die Gläser füllte, beugte
-sich Lotte über Frau Olgas Hand und küßte sie. „Also Sie sind das
-liebe Geschöpf, das unseren alten verehrten Pastor bis zu seinem Tode
-gepflegt hat. Kann ich Frau Rosumek begrüßen? Wollen Sie mich zu ihr
-führen?“
-
-Vor der fremden Frau verbeugte sich Lotte stolz und gemessen.
-
-Adelheid hatte sofort Franzel an sich gezogen und trotz seines
-Sträubens auf den Schoß genommen. „Ein herziger Bub“, sagte sie leise
-mit verschleierter Stimme. „Mir ist das Glück nicht zuteil geworden.
-Ich beneide Sie.“ Sie ließ den Kleinen vom Schoß gleiten, der sich
-sofort zu seinem Vater flüchtete, und hob den Kopf. „Sagen Sie mal,
-Herr Rosumek, was wollten Sie eigentlich in Baden-Baden von mir?“
-
-„Ich wollte mir meinen Verstand wiederholen, der mir abhanden gekommen
-war. Ich danke Ihnen noch nachträglich dafür, daß Sie ihn mir
-wiedergegeben haben.“
-
-„Das heißt, Sie sind mir noch jetzt böse, daß ich Sie damals nicht
-sprechen wollte. Es ging wirklich nicht. Was hatten Sie sich eigentlich
-gedacht? Wozu sollte das führen? Ich konnte doch unmöglich ...“
-
-„Jetzt weiß ich es. Damals wußte ich es in meiner Verblendung nicht.“
-
-„Na, dann können wir wohl als gute Freunde scheiden.“
-
-„Von meiner Seite steht nichts im Wege, gnädige Frau, ich bin völlig
-geheilt.“
-
-
-
-
-24. Kapitel
-
-
-Emmas hochfliegende Pläne waren nicht in Erfüllung gegangen. Ihr
-Mann war noch nichts mehr als Parteisekretär .... Sie hatte keine
-politische Bildung, aber ihr weibliches Feingefühl sagte ihr, daß die
-gemäßigte Partei der Roten die überwiegende Zahl der Arbeiter hinter
-sich habe und damit die größere Aussicht, sich im Besitz der Macht
-zu behaupten. Auf ihren Rat und ihr Drängen schloß Lüdicke sich den
-Mehrheitssozialisten an. Sie fühlte sich in dem modernen Babel, wie sie
-es von ihrer Mutter hatte nennen hören, nicht behaglich. Sie mußte sich
-mit zwei möblierten Zimmern begnügen und gemeinsam mit einer nicht sehr
-friedfertigen Genossin die Küche benutzen.
-
-Das ging ihr wider den Strich. Und als an ihren Mann die Frage
-herantrat, ob er im Dienste der Partei nach Magdeburg oder nach
-Ostpreußen gehen wollte, bestimmte sie ihn ohne große Mühe, sich für
-ihre Heimat zu entscheiden. Ihre Möbel standen noch zu Hause auf dem
-Speicher. Da wurde die teuere Fracht gespart. Sie fuhr schon einige
-Tage voraus, und es gelang ihr auch, in der Kreisstadt eine Wohnung von
-fünf Zimmern zu bekommen, von denen sie eins ihrem Manne als Amtsstube
-abtreten mußte.
-
-Als sie sich eingerichtet hatten, kamen die jungen Gatten nach
-Schwentainen zum Besuch. Daß Lotte im Hause war, wußte sie. Das war
-aller Voraussicht nach ihre zukünftige Schwägerin und Emma behandelte
-sie sehr freundlich, denn die wirtschaftliche Verbindung mit einem
-großen Bauernhof war damals eine nicht zu verachtende Sache. Es
-wunderte sie nur, daß sie zwischen Franz und Lotte nichts entdeckte,
-was auf ein stilles Einvernehmen schließen ließ. Lotte blieb sich
-in ihrer stillen Freundlichkeit immer gleich. Und sie zog sich mit
-deutlicher Absicht zurück, wenn die Familie beisammen war. Sie hatte
-immer etwas in der Küche und in der Wirtschaft zu tun. Franz schien es
-nicht zu merken, sondern ganz in der Ordnung zu finden.
-
-Eines Tages kam der Pfarrer zum Kaffee zu Besuch. Er hatte schon etwas
-verlauten hören, daß der Führer der Roten im Kreise, der Schwager
-Rosumeks, ein ganz umgänglicher, vernünftiger Mann sei, und begab sich
-zu ihm, um sich mit ihm auseinanderzusetzen. Vom ersten Augenblick an
-empfanden die beiden hochgewachsenen Männer, als sie sich die Hände zur
-Begrüßung reichten, etwas wie Vertrauen zueinander, obwohl sie doch auf
-einem so verschiedenen Standpunkt standen.
-
-„Ich habe mich in die Höhle des Löwen gewagt,“ begann der Pastor
-lachend, „um mich mit Ihnen über die Stellung Ihrer Partei zur
-Abstimmung ins Benehmen zu setzen. Finde ich einen Gegner oder einen
-Bundesgenossen?“
-
-„Das wird sich finden, Herr Pastor, wenn wir uns erst einmal auf
-den Zahn gefühlt haben“, erwiderte Lüdicke lachend. „Ich halte es
-für selbstverständlich, daß jeder Deutsche, welcher Partei er auch
-angehören mag, sich einer weiteren Zerstückelung seines Vaterlandes mit
-allen Kräften widersetzen muß.“
-
-„Das ist ein mannhaftes Wort, für das ich Ihnen Dank sage“, rief der
-Pastor freudig aus.
-
-„Ich wüßte nicht, weshalb Sie gerade mir dafür danken. Es wird
-Ihnen doch erklärlich sein, daß mir mein Standpunkt vom Interesse
-der arbeitenden Klassen diktiert wird. Und das gebietet mir, die
-Besetzung Ostpreußens durch die Polen für das größte Unglück zu
-halten. Ich kenne die wahren Polen. Ich habe vor dem Kriege drei Jahre
-in Lodz gearbeitet. Nur ein kleiner Teil der polnischen Arbeiter war
-vernünftigen Ideen zugänglich. Die meisten liefen hinter ihren Herren
-Schlachzizen her und träumten von der Wiedererstehung ihres Landes als
-Staat.“ Er hob die Stimme. „Es war die allergrößte Dummheit, die von
-unserer alten Regierung während des Krieges begangen werden konnte, den
-Polen die Selbständigkeit zu versprechen.“ ...
-
-„Das haben Sie mir aus der Seele gesprochen“, warf der Pastor ein.
-
-„Jetzt ernten wir den Dank dafür. Und wir Arbeiter würden den größten
-Schaden haben, wenn wir unter polnische Herrschaft kommen. Die ganzen
-Wohltaten der sozialen Gesetzgebung würden von den Polen zertrümmert
-werden, die Löhne würden mit Gewalt herabgedrückt und die Arbeiter zu
-Sklaven gemacht werden.“
-
-„Ich denke, wir haben auch noch andere Kulturgüter zu verteidigen“,
-meinte der Pfarrer. „Unsere Volksbildung, die führende Stellung unserer
-Wissenschaft und unsere vorbildliche Landwirtschaft, alles würde
-von den Polen in Trümmer geschlagen werden. Schlagen Sie ein, Herr
-Lüdicke, wir wollen in der Heimatbewegung Schulter an Schulter kämpfen.“
-
-Lächelnd reichte ihm Lüdicke die Hand. „Nur mit der Heimatbewegung bin
-ich nicht ganz einverstanden.“
-
-„Weshalb denn nicht? Geht es Ihnen gegen den Strich, daß wir die
-Heimatliebe als die treibende Kraft für die Abstimmung zu entfachen
-suchen? Womit wollen wir denn die Abstimmungsberechtigten im Reich, die
-sich dort eine Existenz gegründet haben, zum Eintreten für die Heimat
-bewegen?“
-
-„Darin haben Sie Recht ... ich fürchte nur, daß sich dahinter
-nationalistische Zwecke verbergen, die letzten Endes den Rechtsparteien
-dienstbar gemacht werden.“
-
-„Das ist beim Heimatdienst völlig ausgeschlossen. Wenn er einen
-Nebenzweck verfolgt, dann ist es der, durch Unterhaltung und Belehrung
-die Volksbildung zu heben. Und das ist, wie ich zu wissen glaube,
-ein Ziel, das auch Ihre Partei verfolgt. Ich meine, sie tut gut,
-ihre Anhänger nicht von dem Heimatverein fernzuhalten, sondern
-hineinzuschicken. Damit gewinnen Sie doch die Kontrolle darüber, was
-in den Vereinen geschieht.“
-
-„Der Gedanke läßt sich hören“, erwiderte Lüdicke bedächtig. „Ich kann
-jedoch allein nicht darüber entscheiden.“
-
-Es wurde noch viel an dem Nachmittag gesprochen, auch über Politik,
-aber ruhig, in versöhnlicher Form, wie es zwischen Gegnern, die sich
-achten, üblich ist. Der Pastor schied mit kräftigem Händedruck und
-dem Versprechen, bald wieder zu einem Plauderstündchen zu erscheinen.
-Die Frauen hatten schweigend zugehört, nur Franz hatte ab und zu eine
-Bemerkung dazwischen geworfen. Er mußte es erst in sich verarbeiten,
-daß sein Schwager die Arbeit für die Abstimmung als seine Hauptaufgabe
-ansah.
-
-Allmählich hatte sich zwischen ihm und seinem Franzel ein innigeres
-Verhältnis angebahnt. Er nahm auf Lottes Anraten den Kleinen mit sich
-aufs Feld und ließ ihn auf den Ackerpferden reiten. Das bereitete ihm
-das größte Vergnügen, noch mehr als die Peitsche, mit der man wirklich
-knallen konnte. Er wurde gesprächig und plauderte lebhaft. Und sein
-zweites Wort war immer: „Tante Lotte.“
-
-Eines Tages plapperte der Bub: „Väterchen, Tante Lotte erzählt mir
-immer von einem toten Mütterchen. Weshalb habe ich keine lebendige
-Mutter?“
-
-„Weil dein Mütterchen gestorben ist.“
-
-„Weshalb ist die Tante Lotte nicht mein Mütterchen?“
-
-Darauf wußte der Vater keine Antwort. Aber er nahm den Jungen auf den
-Schoß und herzte ihn. Die Frage blieb in ihm und wühlte in ihm. Sie
-weckte alte Erinnerungen auf, die verblaßt waren. An den Albertus,
-den sie ihm geschenkt. Und plötzlich stieg in ihm der Gedanke auf,
-das ihr Herz womöglich ihm gehöre. Aber nein, sie ging ja so still
-zurückhaltend neben ihm her. Aber weshalb hatte sie als blutjunges
-Ding sich seines Jungen angenommen, weshalb hing sie mit solcher
-Zärtlichkeit an ihm? War das bloß Menschenfreundlichkeit oder
-Betätigung ihrer Mütterlichkeit? Nur Dankbarkeit gegen seine Eltern,
-die sich ihrer angenommen hatten? ...
-
-Als Lotte Franzel holen kam, um ihm sein Abendbrot zu geben und ihn zu
-Bett zu bringen, hatte der Vater schon Augen dafür bekommen, daß sie
-ein sehr hübsches, frisches Mädel wäre. Aber jetzt und auch für die
-Folge hütete er seine Augen, um ihr nicht zu verraten, wie sehr er sich
-innerlich mit ihr beschäftigte. Und jetzt glaubte er auch, zu bemerken,
-daß sich der junge Pfarrer für Lotte interessierte. Er fand durch die
-geschäftlichen Beziehungen, die er zu ihr hatte, leicht einen Anlaß
-herüberzukommen und mit ihr zu plaudern.
-
-Mutter Rosumek war unter Lottes Pflege wieder frischer geworden. Aber
-ab und zu hatte sie bedrohliche Anfälle von Herzschwäche, bei denen
-auch die belebenden Baldriantropfen ihre Wirkung verfehlten. Nach solch
-einem Anfall ließ sie Franz rufen und sagte ihm unter vier Augen: „Mein
-lieber Junge, ich werde täglich schwächer. Du mußt mit meinem baldigen
-Ende rechnen.“
-
-„Aber Mutter, du bist doch frischer als wie ich nach Hause kam.“
-
-„Das scheint bloß so, mein Sohn. Ich weiß doch am besten, wie es mit
-mir steht. Ich habe noch eine Bitte an dich, die du mir erfüllen mußt,
-ehe ich die Augen zumache.“
-
-„Wenn es in meiner Macht steht, Mutter ...“
-
-„Sie steht in deiner Macht,“ erwiderte die Mutter nachdrücklich, „du
-sollst mir noch eine liebe Tochter ins Haus führen.“
-
-Als er schwieg, fuhr sie fort: „Die Liesel ist doch nun schon vier
-Jahre tot und du kannst sie nicht ewig betrauern. Und Lotte wird nicht
-ewig dir die Wirtschaft führen. Wenn ich die Augen zumache, geht sie
-fort. Was soll dann aus dir und Franzel werden?“
-
-„Du hast Recht, Mutter, es gehört eine Frau auf den Hof. Weißt du eine
-für mich?“
-
-Die alte Frau lächelte. „Du gehst wohl mit Scheuklappen umher, mein
-Sohn? Du willst doch vom Leben auch noch ein bißchen Glück haben.
-Weshalb streckst du nicht die Hand aus und nimmst es dir?“
-
-„Wen meinst du denn, Mutter?“, fragte er heuchlerisch, denn in ihm
-wogte schon die Gewißheit.
-
-„Ach, stell dich doch nicht so“, erwiderte die Mutter etwas unwillig.
-„Das kann doch der Blinde mit dem Stock fühlen, daß Lotte dich lieb
-hat, viel mehr, als du es verdienst, du Schlingel. Sie hat dich schon
-geliebt, als du hinter der schönen Frau herliefst, sie hat dich
-betrauert und deinen Jungen an ihr Herz genommen, nur aus Liebe zu dir,
-nicht zu dem Mädel, das seine Mutter ist .... Schon aus Dankbarkeit
-solltest du sie heiraten, um deinem Jungen die richtige Mutter zu
-geben.“
-
-„Ja, aber wenn sie mich ausschlägt?“
-
-„Soll ich etwa den Freiwerber für dich spielen? Nun geh, du wirst jetzt
-wissen, was du zu tun hast.“
-
-In seliger Unruhe ging Franz aufs Feld. Würde sie ihm glauben, daß
-er sie lieb hatte, mehr als er selbst gewußt? Wenn er nur zu ihr
-etwas freundlicher gewesen wäre! Aber sie war ja auch so kühl und
-förmlich und vermied es, ihm Gesellschaft zu leisten. Höchstens über
-Wirtschaftssachen hatten sie manchmal ein Gespräch geführt.
-
-Als er auf den Hof zurückkam, lief ihm sein Bub entgegen. Er nahm ihn
-auf den Arm und trug ihn in das Haus.
-
-„Väterchen,“ erzählte der Kleine, „der Herr Pastor ist hier gewesen
-und hat mit der Tante Lotte gesprochen. Und nachher hat die Tante so
-geweint, soviel und hat mich rausgeschickt.“
-
-Wie ein Blitz schlug es vor Franz ein. Der Pastor hatte um Lotte
-geworben und sie hatte ihm einen Korb gegeben? Den trefflichen Mann,
-an dessen Seite sie ein geachtetes Leben führen würde, hatte sie
-ausgeschlagen? In heftiger Erregung trat er in die gute Stube. Bei
-seinem Eintritt erhob sich Lotte und wollte an ihm vorbei zur Tür
-hinaus. Er faßte sie an der Hand. „Lotte, willst du mir eine Frage
-beantworten? Ist es wahr, daß du den Pastor abgewiesen hast?“
-
-Als sie darauf nur stumm nickte, trat er nahe an sie heran. Doch sein
-Sohn kam ihm zuvor. Er schlang seine Arme um den Nacken der Tante und
-zog sie mit aller Gewalt an sich heran. „Tante Lotte, du sollst meine
-Mutter sein.“
-
-„Ja, Lotte, ich bin eben auch mit dem Entschluß nach Hause gekommen,
-mein Schicksal in deine Hände zu legen. Willst du mein liebes,
-geliebtes Weib werden und meinem Jungen die Mutter?“
-
-Sie sah ihn ernst an. „Franz, ich habe dich sehr lieb, aber ich gebe
-keinem Mann die Hand, der nicht die Heimat liebt, der nicht fest zu ihr
-steht, der nicht das Höchste ihr zu opfern bereit ist.“
-
-In tiefer Bewegung schlang er den Arm um sie, und sie ließ es
-geschehen. „Lotte, wenn es nur daran hängt, dann kannst du mit vollem
-Vertrauen deine Hand in meine legen. Ich habe die Heimat immer im
-Herzen getragen und werde für sie mit allen meinen Kräften einstehen.
-Daß ich der neuen Zeit anhänge und von ihr Gutes für die Zukunft
-unseres Volkes erhoffe, ist doch hoffentlich in deinen Augen kein
-Makel. Sollte sich meine Ansicht als Irrtum erweisen, dann bin ich der
-Erste, der sie von sich abtut. Bist du damit zufrieden?“
-
-Zur rechten Zeit wand sich Franzel vom Arm seines Vaters auf die
-Erde, lief in die Wohnstube und rief: „Ohma, ich habe ein lebendiges
-Mütterchen. Tante Lotte ist meine Mutter.“ Vertrauensvoll legte Lotte
-den Kopf auf die Schulter des geliebten Mannes. Hand in Hand traten sie
-nach einer Weile herein, knieten vor der Mutter nieder und baten um
-ihren Segen.
-
-Lotte verließ am nächsten Morgen das Haus und ging zu entfernten
-Verwandten, während Franz mit der größten Beschleunigung die Hochzeit
-rüstete. Sie fand in aller Stille statt, der Pastor war verreist
-und ließ sich bei der Trauung durch einen Amtsbruder vertreten. Er
-bewarb sich, wie man hörte, um eine Pfarrstelle in Berlin, die er auch
-erhielt. Er kam später nur für einen Tag zurück, um seinem Nachfolger
-die Wirtschaft zu übergeben.
-
- * * * * *
-
-Die Heimatbewegung setzte in Ostpreußen mit großer Kraft ein und wuchs
-zusehends. Franz tat einen tiefen Griff in seinen Beutel und spendete
-reichlich. Ja, im nächsten Winter, als die Wirtschaft ruhte, fuhr
-er unermüdlich auf den Dörfern umher und warb. Wenn er zurückkam,
-leuchteten seine Augen: „Es geht vorwärts, Lotte! Der Feindbund
-wird eine Ohrfeige von uns Masuren erhalten, die durch die ganze
-Welt schallen soll. Es wird der erste Sieg sein, den wir nach dem
-Schmachfrieden erringen, und er soll so glänzend werden, daß alle Welt
-staunen wird. Es gibt keinen Masuren, der am Abstimmungstage fehlen
-wird, um seine Stimme für die Heimat in die Wagschale zu werfen.“
-
-Auch im Reich schwoll die Heimatbewegung an. Die alten Ost- und
-Westpreußen-Vereine erfüllten sich mit neuem Leben, neuer Kraft, und
-rüsteten sich, zur Abstimmung in die Heimat zu pilgern. Überall, wo
-noch keine bestanden, bildeten sich neue Heimatvereine und warben durch
-Wort und Schrift. Die Arbeit war groß und schwer. Für viele, viele
-Tausende, die in die Heimat fahren wollten, mußten die Mittel zur Reise
-beschafft werden.
-
-Für den Unterhalt in der Heimat sorgten die Volksgenossen.
-
-Und dann kam nach langem Bangen der Tag der Abstimmung heran. Um den
-Plackereien der Polen bei der Fahrt durch den Korridor zu entgehen,
-kamen die meisten zu Schiff über See. Mit grünem Reisig und Fahnen
-geschmückte Züge brachten sie durch Ostpreußen in die Heimat, die sie
-jubelnd und mit echt ostpreußischer Gastfreundschaft empfing.
-
-Es war ein echter, rechter Sonnen- und Sonntag, als die Massen in
-festlicher Kleidung zum Wahllokal zogen. Und der Jubel, der losbrach,
-als der Draht die Kunde durch die ganze Welt trug, daß die bedrohten
-Masuren, Westpreußen und Ermländer sich restlos zum Deutschtum bekannt
-hatten!
-
-Das wollen und das dürfen wir nie vergessen. Unauslöschlich soll es in
-unseren Herzen eingegraben sein, daß die Liebe zur Heimat der festeste
-Grund ist, auf dem wir das neue Deutschland aufbauen werden.
-
- Durch die Heimat zum Vaterland!
-
-
-
-
-_IM VERLAG OTTO JANKE, BERLIN SW 11_
-
-erschien von
-
-_FRITZ SKOWRONNEK_
-
-
-~DAS MASURENBUCH~
-
-Ein Sohn des Masurenlandes erstattet hier der Heimat den Zoll treuer
-Kindesliebe und Dankbarkeit in einer Schilderung ... wie sie eben nur
-warmem Empfinden, vertrauensvollem Hoffen und vollster Beherrschung
-des Gegenstandes gelingen kann ... Das Masurenbuch ist mit Freude
-begrüßt worden. Die zahlreichen Bilder und Federzeichnungen werden auch
-Fernstehende für das Land der tausend Seen erwärmen und interessieren.
-
-_Gebunden Gm. 4,--_
-
-
-~PAN KAMINSKY~
-
-Ein junger Pole, der eine schwere Kindheit verlebte, als Jüngling
-im russischen Heere unter der Knute stand, dann Deutscher wird und
-sich durch Fleiß und Talent heraufarbeitet, steht im Mittelpunkt der
-Handlung. Noch einmal muß er in seine Heimat zurück, in eine richtige
-„Polnische Wirtschaft“, wobei er sein mühsam errungenes Lebensglück
-beinahe wieder verliert. Es gelingt ihm jedoch, die Gefahren nunmehr
-für immer zu überwinden.
-
-_Gebunden Gm. 4,50_
-
-
-~DER POLENFLÜCHTLING~
-
-Der Roman behandelt das Schicksal eines jungen Polen, der aus
-Russisch-Polen flieht, sich durch seine glückliche Anlage und
-seinen Fleiß zu bedeutender Stellung aufschwingt. Auch dieser Roman
-des beliebten Verfassers enthält wieder eine Fülle interessanter
-Ereignisse und Personen, während einige Liebesgeschichten für Anmut und
-Abwechslung der Handlung sorgen.
-
-_Gebunden Gm. 4,50_
-
-
- „~DER HECHT IM KARPFENTEICH~“
- „~DU MEIN MASUREN~“
-
-_gebunden mit illustriertem Schutzumschlag Gm. 1,--_
-
-
-Zu beziehen durch alle Buchhandlungen
-
-
-
-
-_IM VERLAG OTTO JANKE, BERLIN SW 11_
-
-erschien von
-
-
-_FRITZ SKOWRONNEK_
-
-~RITTERGUT HOHENSALCHOW~
-
-Skowronneks besondere Stärke ist der Gutsroman. In dem vorliegenden
-Werk knüpft der Autor in geschickter Weise die Fäden zwischen einer
-Grafenfamilie und einem reichen Emporkömmling und gibt uns ein
-anschauliches Bild aus der vornehmen Welt. Prachtvolle Figuren sind
-die Komtesse Freda und der elegante Großkapitalist und der Weltmann
-Kurt Dumke. Sehr zeitgemäß ist auch das Buch durch den heutigen
-scharfen Gegensatz zwischen Industrie und Landwirtschaft, aber bei der
-warmherzigen Schilderung der Personen und Ereignisse tritt jede Tendenz
-in den Hintergrund.
-
-_Gm. 4,50_
-
-
-_HANS WERDER_
-
-~TIEFER ALS DER TAG GEDACHT~
-
-+Wiesbadener Tageblatt+: Auch Nietzsches Weltweisheit ist nicht ohne
-Einfluß auf die modernen Dichter geblieben. Hier durchzieht der Gedanke
-den Roman: „Wie die Dunkelheiten des Lebens erst den Blick öffnen für
-die Tiefen desselben -- auch in die Tiefen des Herzens hinein -- so
-führt die Erkenntnis seelische Kämpfe und Zwiespalt herauf“, die Hans
-Werder trefflich zu lösen versteht.
-
-_Gm. 5,50_
-
-
-_HANS WERDER_
-
-~AN RAUSCHENDEN WASSERN~
-
-Hans Werder führt uns in seinem neuen Roman in die Familien derer von
-Rodenwalde und Treufels. Wir erleben seelische Kämpfe und Wandlungen
-vornehm denkender Menschen von feinstem Takt, der sie durch mannigfache
-Verwicklungen mit Sicherheit und Glück hindurchführt. Warme Liebe zur
-Heimat durchdringt das ganze Werk, deutsche Träume sind es, die die
-Wasser rauschen.
-
-_Gm. 6,--_
-
-
-
-
-_IM VERLAG OTTO JANKE, BERLIN SW 11_
-
-erschien von
-
-
-_MICHAEL GEORG CONRAD_
-
-„~MAJESTÄT~“
-
-Dieses Buch führt uns in die Welt Ludwigs II., des Bayernkönigs,
-Künstlers und Menschen ein. In oft wundervolle Bilder webt Michael
-Georg Conrad das Leben Ludwigs mit seinem Freunde Wagner, mit Otto, dem
-Prinzen Sausewind, mit „Egeria“, der herrlichen Frau, mit Bismarck und
-all den vielen großen und kleinen Menschen, die Kunst, Politik oder
-Spekulation in des Königs Nähe trieb. Lebhaft bewegt und doch mit der
-Ruhe des Meisters zwingt Conrad die Fülle des Geschehens seiner Zeit
-in den Rahmen des Buches, ohne daß es ihn sprengt. Langsam das Handeln
-des Königs steigernd, vom Traumhaften zum Wahn, endet sein Leben ohne
-Erschütterung, wie ein Muß. Und doch erschüttert das Buch, es ist reich
-und reif und kein unechter Ton stört es.
-
-_Gm. 6,--_
-
-
-_RICHARD VOSS_
-
-~UNTER DEN BORGIA~
-
-Die von Pracht und Prunk glänzende, an Greueltaten und Verbrechen
-reiche Zeit des Cäsar und der Lukrezia Borgia taucht greifbar vor
-unseren Augen auf, und mit großer Kraft sind die ungeheuerlichen
-Gestalten geschildert, die durch dieses Buch schreiten.
-
-_Gm. 6,--_
-
-
-_WALTER FLEX_
-
-~ZWÖLF BISMARCKS~
-
-Die Eltern und Ureltern Otto von Bismarcks werden in diesen Erzählungen
-Fleisch und Bein. Von Männern, Frauen und Kindern handelt das Buch,
-bald in leidenschaftlichem Ernst und bald in übersprudelndem Humor.
-Alles ist in Spannung und Handlung aufgelöst.
-
-_Gm. 4,--_
-
-
-
-
-_IM VERLAG VON OTTO JANKE, BERLIN SW 11_
-
-erschienene
-
-Weltliteratur
-
- In Halbleinen In Ganzleinen
- gebd. gebd.
-
- W. Alexis, Cabanis Gm. 6,-- Gm. 6,50
-
- -- Ruhe ist die erste Bürgerpflicht „ 6,-- „ 6,50
-
- A. E. Brachvogel, Friedemann Bach „ 5,50 „ 6,--
-
- -- Der Fels von Erz „ 5,50 „ 6,--
-
- -- Der deutsche Michael „ 5,50 „ 6,--
-
- F. M. Dostojewskij, Raskolnikows
- Schuld und Sühne „ 6,-- „ 6,50
-
- J. P. Jacobsen, Frau Marie Grubbe „ 5,50 „ 6,--
-
- M. Jokai, Schwarze Diamanten „ 6,-- „ 6,50
-
- Jos. V. v. Scheffel, Ekkehard „ 5,50 „ 6,--
-
- H. Sienkiewicz, ~Quo vadis?~ „ 5,50 „ 6,--
-
- -- Mit Feuer und Schwert „ 5,50 „ 6,--
-
- L. N. Tolstoi, Anna Karenina „ 5,50 „ 6,--
-
- -- Auferstehung „ 6,-- „ 6,50
-
- -- Die Kreutzersonate „ 2,-- „ 2,50
-
- -- Krieg und Frieden „ 6,-- „ 6,50
-
- I. Turgeniew, Väter und Söhne „ 5,50 „ 6,--
-
-
-Janke’s Weltliteratur-Kassetten
-
-je 5 Bände in Ganzleinen gebunden enthaltend, 30 Gm.
-
-Kassette I:
-
- A. E. Brachvogel, Friedemann Bach,
- F. M. Dostojewskij, Raskolnikows Schuld und Sühne,
- L. N. Tolstoi, Anna Karenina,
- J. V. v. Scheffel, Ekkehard,
- H. Sienkiewicz, ~Quo vadis?~
-
-Kassette II:
-
- J. P. Jacobsen, Frau Marie Grubbe,
- M. Jokai, Schwarze Diamanten,
- H. Sienkiewicz, Mit Feuer u. Schwert,
- L. N. Tolstoi, Auferstehung,
- I. Turgeniew, Väter und Söhne.
-
-
-_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen_
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@@ -1,8729 +0,0 @@
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- Der Musterknabe, by Fritz Skowronnek—A Project Gutenberg eBook
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-</head>
-<body>
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Der Musterknabe</span>, by Fritz Skowronnek</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Der Musterknabe</span></p>
-<p style='display:block; margin-left:2em; text-indent:0; margin-top:0; margin-bottom:1em;'><span lang='de' xml:lang='de'>Ein Roman aus den Masuren</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Fritz Skowronnek</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: July 12, 2022 [eBook #68512]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DER MUSTERKNABE</span> ***</div>
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von
-1924 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
-Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht
-mehr gebräuchliche Schreibweisen, sowie mundartlich gefärbte Passagen
-bleiben gegenüber dem Original unverändert.</p>
-
-<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen
-in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden
-Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im
-jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original
-<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in
-serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
-erscheinen.</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<p class="s3 center padtop5 break-before"><em class="gesperrt">Der Musterknabe</em></p>
-
-<h1>Der Musterknabe</h1>
-
-<p class="s4 center mtop2">Ein Roman aus Masuren</p>
-
-<p class="s5 center mtop1">von</p>
-
-<p class="s3 center mtop1"><em class="gesperrt">Fritz Skowronnek</em></p>
-
-<div class="figcenter illowe4 padtop5" id="signet">
- <img class="w100" src="images/signet.png" alt="Verlagssignet" />
-</div>
-
-<p class="s4 center mtop2"><em class="gesperrt">Otto Janke / Verlag / Berlin</em></p>
-
-<p class="s5 center padtop5 break-before">Alle Rechte, besonders das der
-Übersetzung, vorbehalten<br />
-Copyright 1924 by Otto Janke, Berlin</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_1">1. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-</div>
-
-<p>Langsam senkte sich der Abend hernieder. Die Sonne stand tief im
-Westen, von starken Dunstmassen so verschleiert, daß man ungeblendet
-in die große, brandrote Scheibe blicken konnte. Von Osten her war
-ein schwacher Wind aufgesprungen, der etwas Kühlung brachte. Seine
-Kraft reichte jedoch kaum hin, die Oberfläche des Sees zu kräuseln.
-Strichweise nur liefen winzige Wellen, vom Volksmund „Katzenpfoten“
-genannt, über den glatten Spiegel. Dazwischen lagen weite Strecken des
-mächtigen Sees so glatt da, als hätte sich Öl über seine Oberfläche
-gebreitet.</p>
-
-<p>Zahllose kleine Kreise, die fortwährend aufsprangen und spurlos
-verzitterten, wenn sie die Größe eines Tellers erreicht hatten,
-zeigten, welch’ reiches Leben das Gewässer barg. Myriaden kleiner
-Fischlein schossen blitzschnell dicht unter der Oberfläche durch das
-klare Wasser und schnappten nach den langbeinigen Mücken, die sorglos
-im<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> Abendsonnenschein tanzten. Ab und zu schoß ein Raubfisch von unten
-zwischen die Menge. Dann sprangen die Geängstigten zu Hunderten mit
-einem jähen Ruck aus dem Wasser empor, um dem Verderben zu entrinnen.</p>
-
-<p>In dem dichten Schilf, das im Windhauch hin und her wogte, stand ein
-kleiner Kahn. Nur seine Spitze ragte in das freie Wasser hinaus. Darin
-saß ein großer, starker Mann, der fleißig die Angelruten handhabte. Ein
-breitrandiger Basthut saß auf dem vollen, leichtergrauten Haar. In dem
-freundlichen Gesicht blitzten lustig die klugen Augen, die unablässig
-von einer Angel zur anderen wanderten. Da — — jetzt versank langsam
-einer der Korkschwimmer. „Das Raubzeug ist heute gefräßig,“ murmelte
-der Angler vor sich hin, „aber mein Vorrat an Würmern neigt sich zum
-Ende, ihr werdet fortan, wie ich euch kenne, auch mit kleineren Happen
-vorlieb nehmen.“ Mit starkem Ruck zog er die Angel in die Höhe, der
-Fisch saß am haken, ein starker Barsch, der sich heftig im Wasser
-sträubte, bis er an den Kahn gezogen und mit dem Käscher hineingehoben
-wurde.</p>
-
-<p>Vom Dorf her kam schwatzend und lachend eine ganze Schar kleiner Knaben
-und Mädchen.<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> Im Nu hatten sie ihre Kleidung, die bei manchem nur aus
-einem Hemdchen bestand, abgeworfen und sprangen in das laue Wasser,
-bespritzten sich und lachten unbändig, wenn ein Ungeschickter bei dem
-Kampf vornüber ins Wasser schoß. Jetzt hörten sie den Wurf der Angel
-und horchten auf. „Der Herr Pfarrer angelt“, flüsterten sie sich zu.
-Dann riefen sie im Chor: „Guten Abend, Herr Pfarrer.“ Die kleinen
-Mädchen knixten dabei.</p>
-
-<p>„Guten Abend, Kinder.“</p>
-
-<p>„Onkel Uwis,“ rief ein kleiner, blonder Krauskopf mit lebhaften Augen,
-„verjagen wir dir nicht die Fische?“</p>
-
-<p>„Nein, mein Junge, die kümmern sich nicht um euch.“</p>
-
-<p>„Fängst du viel heute?“</p>
-
-<p>„Ich danke, mein Sohn, für gütige Nachfrage. Es geht.“</p>
-
-<p>Einen Augenblick zögerte der Knabe, dann watete er mutig durch das
-Röhricht, dem Kahn zu. Das Wasser stieg ihm fast bis an die Nase,
-als er das hintere Ende des Kahnes erreichte. Ein Griff, ein kurzer
-Schwung, jetzt saß er drin. „Oho, Onkel, du sagst: ‚es geht‘.“ Er wies
-auf einen Hecht, der in einem ganzen Haufen gefangener Barsche lag.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p>
-
-<p>Der Angler nickte vergnügt. „Es hat sich heute gut gefangen. Doch nun
-muß ich aufhören, die Würmer sind zu Ende.“</p>
-
-<p>„Ich hole gleich einen ganzen Topf voll.“</p>
-
-<p>„Laß nur, mein Kerlchen, man muß des Guten nicht zuviel genießen. Für
-heute habe ich auch genug.“ Er wickelte sorgfältig die Angeln auf. „Wie
-geht es dir in der Schule, Franz?“</p>
-
-<p>„Sehr gut, Onkel“, antwortete der Kleine eifrig. „Der Herr Lehrer hat
-gesagt, ich werde ein schöner Schreiber werden.“</p>
-
-<p>„Das ist erfreulich, denn er meinte wohl: Schönschreiber. Aber lernst
-du auch fleißig?“</p>
-
-<p>„Lernen, Onkel? Nein, das brauche ich nicht. Ich weiß ja alles, was
-der Herr Lehrer vorerzählt, auswendig. Auch das Einmaleins. Und
-Liederverse, die lese ich mir nur einmal durch.“</p>
-
-<p>„Dann lies sie künftig zweimal, mein Junge. Doch nun pascholl aus dem
-Kahn! Beeil’ dich und lauf hinauf zu Tante, sie möchte Dora mit einem
-Korb an den See schicken. Noch eins: sag’ Vater und Mutter, ich käme
-heut Abend nach dem Essen auf ein Plauderstündchen zu euch.“</p>
-
-<p>Wie ein Pfeil schoß der Junge neben ihm aus dem Kahn kopfüber in die
-dunkle Flut. Im<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> nächsten Moment tauchte er empor, schüttelte das
-Wasser aus den krausen Haaren und schwamm am Rohr entlang, bis er durch
-eine Lücke das Ufer gewann. Eine Minute später sprang er mit hellem
-Jauchzen das Ufer empor dem Dorf zu.</p>
-
-<p>Vater Rosumek, der Dorfschulze, rüstete sich gerade zum Gang in den
-Dorfkrug, wo er nach des heißen Tages Arbeit einen kühlen Trunk zu
-gewinnen dachte, als sein Junge den Besuch ankündigte. Erfreut ließ er
-sofort den Tisch in der großen Laube am Giebel des Hauses mit weißen
-Linnen decken und schickte die flinke Jette mit einem Korb nach Bier.</p>
-
-<p>Pfarrer Uwis ließ nicht lange auf sich warten. Würdevoll kam er in
-langem schwarzen Rock die Dorfstraße angewandelt, seine rundliche
-Gattin am Arm. Hier und dort blieb er vor einem Hoftor stehen und
-sprach freundliche Worte zu den Leuten, die in der Abendkühle für die
-müden Glieder Erfrischung suchten. Vergnügt dankte er den Männern, die
-sich nach dem Erfolg seiner Angelfahrt erkundigten.</p>
-
-<p>Der Schulze erwartete das Ehepaar am Hoftor, um es nach der Laube zu
-geleiten, aus der ein heller Lampenschein durch die dichten Ranken<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> des
-wilden Weins strahlte. „Ein behagliches Plätzchen“, lobte der Pfarrer,
-während er sich niederließ. „Ich fürchte nur, Vetter Christoph, wir
-werden Mühe haben, die kleinen Blutsauger zu scheuchen. Meine Hausehre
-habe ich mitgebracht, sie hat mich schon den ganzen Nachmittag
-entbehrt, weil ich den Räubern im See nachstellte.“</p>
-
-<p>„Den Erfolg deiner Fahrt habe ich schon gesehen, meine Frau ist noch
-dabei, die schönen Barsche zu schuppen, die Dora uns gebracht. Schönen
-Dank dafür!“</p>
-
-<p>„Keine Ursache, Freund, wir hätten die Menge allein nicht bezwungen.“</p>
-
-<p>Behaglich ging das Gespräch hin und her, über das Wetter, über die
-Ernteaussichten und die Neuigkeiten des Dorfes, bis Frau Rosumek
-erschien und die Gäste herzlich begrüßte.</p>
-
-<p>Nach dieser Unterbrechung begann der Pfarrer: „Vetter Christoph und
-liebe Frau Minna, ich habe heute etwas Besonderes auf dem Herzen, was
-euch beide angeht. Ich möchte mit euch über den Jungen, den Franz,
-sprechen. Es ist nichts Schlimmes,“ fuhr er lächelnd fort, als er die
-gespannten Mienen der Eltern sah, „im Gegenteil etwas<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> Gutes. Grigo hat
-mir schon mehrmals gesagt, der Junge wäre ganz außerordentlich begabt
-und es wäre nicht recht, solch ein Pfund zu vergraben, anstatt damit
-zu wuchern. Der Meinung bin ich auch. Ein heller Kopf ist ein Geschenk
-Gottes, das darf man nicht verkümmern lassen. Drum mache ich dir den
-Vorschlag: gib ihn auf’s Gymnasium und schlägt er ein, dann laß ihn
-studieren. Die Mittel dazu habt ihr.“</p>
-
-<p>Frau Rosumek sah den Pfarrer freundlich und dankbar an. „Mir hat es der
-Lehrer auch schon gesagt. Ach, es wäre das größte Glück für mich, wenn
-ich meinen Franzel auf der Kanzel sehen könnte.“</p>
-
-<p>Der Vater schien, nach seiner Miene zu urteilen, mit dem Vorschlag des
-Pfarrers nicht ganz einverstanden zu sein. Er antwortete bedächtig:
-„Pastor, du meinst es gut mit dem Jungen, das wissen wir. Aber bedenk’:
-es ist mein Einziger außer dem Mädel, der Emma. Und der Schulzenhof
-ist seit Jahrhunderten in meiner Familie immer vom Vater auf den Sohn
-vererbt. Soll ich der Letzte in der Reihe sein? Nein, das geht nicht,
-lieber Pastor, daß nach mir sich ein Fremder hier hineinsetzt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p>
-
-<p>„Das ist ein Grund, der sich hören läßt, Christoph. Es ist was Schönes,
-wenn Familien in ihrem Besitz dauern. Doch ich wiederhole trotzdem
-meinen Rat. Denn immer von Neuem müssen frische Kräfte unter die
-geistigen Führer des Volkes emporsteigen. Frisches Blut muß gerade aus
-dem Bauernstande den oberen Kreisen zugeführt werden.“</p>
-
-<p>„Ich dächte, lieber Freund, tüchtige Kräfte täten jetzt vor allem der
-Landwirtschaft not“, erwiderte der Schulze eifrig. „Immer schwerer wird
-es uns Landwirten, die schlechten Zeiten zu überwinden. Ich stehe ja,
-Gott sei Dank, noch fest in den Sielen, aber manchmal wünsche ich sehr,
-ich hätte mehr gelernt. Drum möchte ich gern aus meinem Jungen einen
-klugen Landwirt machen, der seinen Beruf aus dem Grund versteht und mit
-dem Fortschritt der Zeit mitgeht.“</p>
-
-<p>„Es ist schwer, dir darauf zu erwidern,“ meinte der Pfarrer, indem
-er graue Dampfwolken nach einem Nachtfalter blies, der die Lampe
-umschwirrte, „denn das sind vernünftige Worte. Natürlich, keinem Stand
-gereicht ein kluger Kopf, ein tüchtiger Mann zur Unehre. Es ist jedoch
-in unserm Fall ein Aber dabei. Ich meine nämlich, bei<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Kindern von
-ungewöhnlicher Begabung müßten die Eltern doppelt vorsichtig sein, daß
-sie sie nicht auf einen falschen Weg leiten, auf dem sie keine innere
-Befriedigung finden. Deshalb ist es auch voreilig — nimm mir das
-Wort nicht übel, liebe Minna, schon jetzt zu wünschen, daß der Junge
-Theologie studieren soll. Den Wunsch begreife ich, den haben viele
-Mütter, — meine hat ihn ja auch gehabt — aber wenn die Kinder groß
-werden, dann bekommen sie das Recht, sich ihren Beruf selbst zu wählen
-.... Laß mich noch ein Wort sagen, Vetter Christoph, es wäre gar nicht
-ausgeschlossen, daß dir der Junge von dem Wege abbiegt, den du ihm
-vorschreiben willst. Deshalb möchte ich einen vermittelnden Vorschlag
-machen: bring’ Franz, wenn er so weit ist, aufs Gymnasium. Die Stadt
-ist so nahe, daß er mit einem tüchtigen Kunter morgens hinfahren und
-nachmittags nach Hause kommen kann. So bleibt der Junge im Elternhause
-und in Fühlung mit der Landwirtschaft und wir behalten ihn unter
-den Augen. Zeigt er Sinn für deinen Beruf, so wollen wir ihn darin
-bestärken. Wenn nicht — so mußt du dich darin fügen und ihn seinen Weg
-allein gehen lassen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p>
-
-<p>Eine lange Pause entstand, bis der Pastor noch einmal das Wort nahm.
-„Es braucht nicht heute oder morgen der Entschluß gefaßt zu werden,
-die Sache eilt nicht. Noch ein Jahr oder zwei kann er zu Grigo in die
-Dorfschule gehen; er lernt hier ebensoviel, wie in der Vorschule des
-Gymnasiums.“</p>
-
-<p>Er stand auf und bot Rosumek die Hand. „Überschlaft euch die Sache,
-Vetter Christoph, wir sprechen später wieder einmal darüber. Gute
-Nacht, gute Nacht, meine Lieben. Es ist spät geworden und für euch ist
-beim ersten Morgengrauen die Nacht zu Ende.“</p>
-
-<p>Pastor Uwis bot seiner Ehehälfte den Arm und wandelte mit ihr langsam
-und nachdenklich durch die helle Mondnacht dem Pfarrerhof zu. Erst als
-er daheim das Licht anzündete, brach er das Schweigen. „Ich glaube zu
-bemerken, mein liebes Weib, daß du mit mir nicht ganz derselben Meinung
-bist?“</p>
-
-<p>„Ich wollte dir nicht widersprechen, aber nun will ich es dir offen
-sagen: ich würde mich an deiner Stelle vor der Verantwortung scheuen,
-die aus solch einem Rat entspringen kann. Wenn<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> zum Beispiel der Junge
-auf der Hochschule verbummelt?“</p>
-
-<p>Pastor Uwis lachte laut auf. „Der Junge, der Franz soll verbummeln?
-Nein, meine gute Amalie, du bist eine gute und auch eine kluge Frau,
-aber eine Herzenskündigerin bist du nicht. Sonst müßtest du das Gold
-in dem Charakter dieses kleinen Buben sehen.“ Nach einer kleinen
-Pause fuhr er fort: „Weißt du, Frau, es ist mir ja manchmal schwer
-angekommen, daß unsere Ehe kinderlos blieb, aber seit der Franz da ist,
-habe ich mich getröstet. Der soll, wie Frau Jeanette Groterjahn seggt,
-mein Erziehungssubstrat werden. Für den Erfolg stehe ich ein!“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_2">2. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Im Schatten der alten Linde, auf grünem Rasen hatten die beiden an
-Jahren so ungleichen Freunde ihre Schulstube aufgeschlagen. Franz saß
-am Tisch, der Pfarrer ging vor ihm auf und ab und blies in den Pausen
-seines Vortrages starke Wolken aus seiner langen Pfeife in die frische
-Morgenluft. Er erzählte seinem Zögling von den alten Preußen und geriet
-dabei immer mehr in Eifer, besonders wenn er auf seine engere Heimat,
-Masuren, zu sprechen kam. Dort hatten die Bewohner, die Sudauer, dem
-deutschen Ritterorden am längsten Widerstand geleistet.</p>
-
-<p>„Vergeblich habe ich nach einer Spur der Erinnerung in unserem
-sangesfrohen Volksstamm geforscht. Hätten nicht die deutschen
-Eroberer die Kunde davon bewahrt, dann wüßten wir nicht einmal, wo
-die Burg des letzten Masurenhelden Skomand gestanden hat. Wie wär’s,
-<span class="antiqua">mi fili</span>, wenn wir<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> morgen bei Sonnenaufgang den Marsch nach
-Skomenten unternähmen? Abends kehren wir müde aber vergnügt nach Hause
-zurück. Der Tag soll uns trotzdem nicht verloren gehen, denn als
-überzeugungstreue Peripatetiker werden wir uns den Weg durch belehrende
-Gespräche kürzen.“</p>
-
-<p>Wie ein Sturmwind flog der Knabe hinter dem Tisch hervor, wirbelte
-seinen Lehrmeister ein paarmal rundum und schlug dann vor Freude ein
-Rad nach dem anderen über den Rasen. Gerührt sah der Pastor eine Weile
-dem Knaben zu, bis er ihn anrief: „Gib Ruhe, du Wildfang! Meinst wohl,
-ich könnte meiner Würde in offenem Garten soweit vergessen, deinem
-Beispiel zu folgen? Denn die Schnellkraft der Glieder sollte mir wohl
-nicht fehlen. So, nun setz dich und gib acht, was ich dir sagen werde;
-ich fürchte, deine Lustigkeit wird etwas nachlassen, wenn ich dir
-sage, daß dieser Marsch für eine Weile der letzte sein wird, den wir
-miteinander machen! Sieh mich nicht so erschreckt an, <span class="antiqua">mi fili</span>!
-Du bist jetzt dreizehn Jahre alt und hast die Kenntnisse der Obertertia
-so ziemlich erreicht. Weiter kann ich dich nicht unterrichten. Es ist
-dir auch sehr dienlich, daß du unter Altersgenossen kommst und dich an
-ihnen abschleifst.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span></p>
-
-<p>„Grans’ nicht, großer Kerl du“, rief er gleich danach aus, als er sah,
-daß dem Knaben die Tränen aus den Augen perlten. „Die Stadt ist so
-nahe, daß du in jeder Woche mehrmals zu Fuß herwandern kannst, wenn
-dein Vater dich in eine Pension bringt, was ich, unter uns gesagt,
-nicht für ratsam hielte. Ich sehe, Vernunftgründe sind bei dir nicht
-angebracht“, fuhr er nach einer Weile fort, als der Knabe still vor
-sich hinweinte, „da soll dich die Arbeit trösten. Hier,“ er schlug ein
-Buch auf, „diese beiden Stücke übersetzt du mir ins Französische.“</p>
-
-<p>Er wandte sich schnell ab, der Gute, denn auch ihm war das Herz schwer
-geworden. Sein eigenes Kind hätte ihm nicht lieber werden können, als
-der frische Junge, der seine Liebe und Sorgfalt mit der rührendsten
-Anhänglichkeit vergalt. Wie zwei gute Kameraden hatten sie miteinander
-gelebt, der erfahrene, in sich gefestigte Mann und der schmiegsame
-Knabe. Mit verschwenderischer Fülle hatte der Lehrmeister aus dem Born
-seines Wissens die Samenkörnlein guter Lehren ausgestreut und nicht ein
-einziges war auf unfruchtbaren Boden gefallen. Früh am Morgen kam Franz
-mit seiner Mappe nach dem Pfarrhof gewandert. Bei<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> gutem Wetter im
-Sommer suchte man sich ein behagliches Plätzchen im Garten, im Winter
-bot das Studierzimmer des Pastors schützendes Obdach. Am Nachmittag
-machten Lehrer und Schüler große Spaziergänge, sie fuhren gemeinsam
-angeln, sie wirtschafteten im Garten und im Felde. Mit peinlicher
-Gewissenhaftigkeit suchte Pfarrer Uwis in seinem kleinen Genossen die
-Liebe an der Landwirtschaft zu wecken. Er war glücklich, wenn Franz mit
-Eifer am Morgen Vorfälle aus der väterlichen Wirtschaft berichtete oder
-in der Erntezeit vom Sattelpferd aus das vierspännige Gespann lenkte.</p>
-
-<p>Und der Junge hatte wirklich Interesse an dem Beruf eines Landwirts
-gefaßt. Er wußte in Hof und Feld genau Bescheid und beurteilte, wie
-sein Vater dem Pfarrer mit Stolz erzählt hatte, ganz genau, ob ein
-zweijähriges Fohlen im nächsten Jahr zur Remonte ausgehoben würde.</p>
-
-<p>Mit dem ersten Hahnenschrei waren die beiden Freunde am nächsten
-Morgen aus den Betten gefahren und als der erste Sonnenstrahl über dem
-See aufleuchtete, wanderten sie schon, die wohlgefüllten Ränzel auf
-dem Rücken, dem Bergwald zu. Die herzerfrischende Kühle eines klaren
-Sommermorgens<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> umfing sie; hoch im Blau des Himmels jubilierte die
-Lerche, an den Spitzen der Gräser glitzerten die Tautropfen. Der frisch
-einsetzende Wind trieb die Nebelschwaden durch die Wipfel der hohen
-Fichten an den Bergen entlang, bis sie unter den Strahlen der Sonne in
-Nichts zerrannen.</p>
-
-<p>Aus dem hohen Roggen zu ihrer Rechten kam eilfertig ein Rebhuhnpaar
-gelaufen, mit ausgebreiteten Flügeln schoß die Schar der Jungen
-hinterdrein, keines größer als ein Sperling. Kaum waren sie im dichten
-Kartoffelkraut verschwunden, da setzte im blinden Eifer mit großen
-Sprüngen der Fuchs auf der frischen Spur hinterdrein. Mit komischem
-Eifer schleuderte der Pfarrer seinen Wanderstock nach dem Rotrock, der
-in jähem Schreck wie angewurzelt stehen geblieben war, bis der Wurf ihn
-zurückscheuchte.</p>
-
-<p>„Sieh, mein Sohn, jetzt wird der Räuber eine Minute warten, bis er uns
-weggehen hört und dann mit doppeltem Eifer der Spur folgen. Aber warte,
-du Räuber! Sowie der erste Schnee die Felder deckt, erwische ich dich
-im Eisen. Nicht umsonst bin ich im Forsthause aufgewachsen.“</p>
-
-<p>„Weshalb bist du nicht Förster geworden,<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> Onkel?“ fragte der Knabe.
-„Davon hast du mir noch nichts erzählt.“</p>
-
-<p>„Warte, mein Kind, bis wir in den Wald kommen, dann erzähle ich es dir.“</p>
-
-<p>Eine Weile schon schritten sie zur Seite des Weges im Wald dahin, als
-der Pastor begann: „Du hast gestern geweint, weil du eine kleine halbe
-Meile von deinem Elternhause ein paar Jahre verleben mußt. Mir ist es
-viel schlimmer gegangen.“ Und nun erzählte er mit verhaltener Stimme,
-aus der wehmütige Erinnerung klang, von dem alten Forsthause tief in
-der Johannisburger Heide, wo er fast eine Meile täglich hin und zurück
-zur Schule laufen mußte. Wie ihn dann der Vater als achtjährigen Knaben
-zur Schule nach Johannisburg gebracht und ihn am anderen Morgen vor
-der Tür des Forsthauses im Grase schlafend gefunden. „So hab’ ich mich
-gebangt und gesehnt nach dem Wald, dem See und den Bergen, daß ich
-abends meinen Pensionseltern entwischte und durch die stockfinstere
-Nacht und den rauschenden Wald der Heimat zuwanderte. Später brachte
-mich der Vater nach Lyck aufs Gymnasium. Es waren gut acht Meilen nach
-Hause, aber wenn mich die Sehnsucht faßte, dann<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> bin ich die Nacht vom
-Sonnabend zu Sonntag gelaufen, um ein paar Stunden am Sonntag zu Hause
-schlafen zu können. In den Ferien habe ich den Vater auf Schritt und
-Tritt begleitet, habe mit ihm gejagt und gefischt und wenn ich wieder
-nach der Stadt zurück mußte, noch als erwachsener Junge geweint. Mein
-ganzes Dichten und Trachten war nur darauf gerichtet, Förster zu werden
-und ein ebenso tüchtiger Weidmann wie mein Vater. Aber meine Mutter
-wollte etwas anderes. Ich sollte Pfarrer werden ..... ich bin es ja
-auch geworden, doch davon erzähle ich dir später einmal, wenn du älter
-bist.“</p>
-
-<p>Er schwieg, und der Knabe war feinfühlig genug, seinen väterlichen
-Freund nicht durch eine Frage in seinem Sinnen zu stören. Erst, als
-sie von freier Höhe Umschau hielten und ihr Blick freudig über die
-im Sonnenschein lachende Flur, die dunklen Wälder und die blinkenden
-Spiegel in die Ferne schweifte, kam eine andere Stimmung über beide.
-Der Pfarrer nahm die leichte Sommermütze ab und sprach mit bewegter
-Stimme:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht über die Fluren
-verstreut, schöner ein<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> froh Gesicht, das den großen Gedanken deiner
-Schöpfung noch einmal denkt.“</p>
-</div>
-
-<p>Und dann rief er mit heiterem Mut: „Laß uns unser Heimatlied
-anstimmen!“ Mit kräftigem Baß setzte er ein:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Thal, Hügel und Hain!</div>
- <div class="verse indent0">Da wehen die Lüfte so frei und so kühn,</div>
- <div class="verse indent0">Möcht immer da sein,</div>
- <div class="verse indent0">Wo Söhne dem Vaterland kräftig erblühn!</div>
- <div class="verse indent0">Hold lächelt auf Seen und Höhen</div>
- <div class="verse indent0">Des Himmel Blau!</div>
- <div class="verse indent0">Die Wälder, die Seen, der Berge Sand,</div>
- <div class="verse indent0">Masovia lebe, mein Vaterland!“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Das war ein prächtiger Mann, der Professor Dewischeit, der dies Lied
-gedichtet hat,“ sprach er im Weitergehen, „ein vorzüglicher Lehrer, dem
-allein ich es verdanke, daß ich nicht ein Taugenichts geworden bin.“</p>
-
-<p>Sie hatten den Skomentener See umwandert, waren auf den Berg gestiegen,
-auf dem vor Zeiten die Burg des Skomand stand und hatten die Gräben,
-die von Gestrüpp überwucherten Steintrümmer überklettert, eifrig
-bemüht, sich ein Bild der Veste zusammenzustellen. Jetzt lagen sie
-unter der mächtigen Eiche, die einsam die spitze Bergkuppe krönt
-und schauten über den See hinüber nach dem Dorfe Skomenten, dessen
-schmucke<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> Häuser aus freundlichem Grün hervorlugten. Sie hatten dem
-Mundvorrat wacker zugesprochen, jetzt war ein behagliches Sinnen über
-sie gekommen, bis Franz ganz unvermittelt fragte: „Onkel, was soll ich
-werden?“</p>
-
-<p>Mit jähem Ruck richtete sich der Pastor empor: „Mein Kind, denkst du
-schon an solche Dinge?“</p>
-
-<p>Der Junge nickte nachdenklich. „Ich weiß, die Mutter will, daß ich
-Pfarrer werden soll, der Vater möchte am liebsten, daß ich den Hof
-übernehme, bloß was du willst, weiß ich noch nicht recht; Naturforscher
-oder Arzt? Was meinst du, Onkel?“</p>
-
-<p>„Merkwürdig,“ brummte der Pastor, „daß solche Dinge dem Kinde
-zufliegen, wie ein Lufthauch, von dem man nicht weiß, von wannen er
-kommt.“ Lauter fuhr er fort: „Habe ich dir schon mit einem Worte davon
-gesprochen, was du werden sollst?“</p>
-
-<p>„Nein, Onkel.“</p>
-
-<p>„Wie kommst du denn zu deiner Annahme?“</p>
-
-<p>Über das Gesicht des Knaben huschte ein Lächeln. „Ja, sieh mal, Onkel,
-wir haben so viel<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> von Naturbeschreibung und Botanik gelernt, viel mehr
-als die Gymnasiasten in der Stadt.“</p>
-
-<p>„Na und?“</p>
-
-<p>„Da habe ich mir gedacht, das kann ich doch nur brauchen, wenn ich eins
-von beiden studiere.“</p>
-
-<p>„Du büst ja gefährlich klook, min Söhn,“ antwortete der Pastor, der oft
-und gern plattdeutsch sprach, „äwer dit Moal häst vorbidacht, un nimm
-mi nich äwel, min Jung, dat ick di dat segg, du büst een Schafskopp.
-Goah du man erscht noch e Johrener fiew to School und dann red’ wi noch
-mal doräwer.“</p>
-
-<p>Franz schwieg; er wußte, daß der Onkel, wenn er ihm in dieser Mundart
-Anweisungen erteilte, keine Einwendungen wünschte. Dem Lehrmeister aber
-schien nach einer Weile, als ob er nicht gut daran getan hätte, das
-Gespräch so kurz abzubrechen. Deshalb nahm er den Faden wieder auf.
-„Du weißt schon, wie es mir gegangen ist. Mir wurde der größte Wunsch
-meiner Jugend versagt, ich bin etwas anderes geworden, als ich wollte,
-aber ich lebe und bin zufrieden. Du weißt noch nicht einmal, was du
-werden willst ....“</p>
-
-<p>„O doch,“ warf der Knabe ein, froh, wieder antworten zu dürfen, „ich
-weiß es schon, ich will<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> studieren, alles lernen, was es bloß zu lernen
-gibt.“</p>
-
-<p>„Und dann?“</p>
-
-<p>„Ja, was ich schließlich werde, weiß ich noch nicht.“</p>
-
-<p>Erleichtert atmete der Pfarrer auf. „Dann will ich dir einen guten Rat
-geben, mein Herzensjunge: lern’ und studier’, so viel du willst, deine
-Eltern werden dir kein Hindernis in den Weg legen, aber vergiß nie,
-was Vater und was Mutter wünschen. Und wenn deine Mutter auch etwas
-anderes wünscht, als dein Vater, so wird sie ihm doch gern beistimmen,
-wenn du dich für die Landwirtschaft entscheidest. Zuviel kann man nie
-lernen, auch als zukünftiger Landwirt nicht. Und noch eins: gib mir
-das Versprechen, wenn in dir jemals der Wunsch nach einem bestimmten
-Beruf auftaucht, laß es mich zuerst wissen, damit wir gemeinsam einen
-Entschluß fassen.“ Er hielt ihm die Hand hin, der Knabe schlug kräftig
-ein.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_3">3. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Das Stadtleben behagte Franz viel besser, als alle angenommen hatten.
-Sein Vater hatte ihn gegen den Rat des Pastors zu einem entfernten
-Verwandten, dem Bäckermeister Scharner, in Pension gegeben. Dort fand
-Franz einen gleichaltrigen Schulkameraden vor, der sich trotz seiner
-geringen Begabung mit eisernem Fleiß aufwärts rang, Gottlieb Sefczyk,
-den Sohn eines Steueraufsehers. Sutor — der Name Sefczyk bedeutet
-verdeutscht Schuster und war natürlich sofort ins Lateinische übersetzt
-worden — hatte von seinen Eltern so gut wie gar keine Unterstützung.
-Der Bäckermeister, der mit seinem Vater aus demselben Dorfe stammte,
-gab ihm freie Wohnung und Frühstück, wohlhabende Bürgersleute gaben ihm
-Mittag und Abendbrot. Einen Tag der Woche aß er beim Gymnasialdirektor,
-den zweiten bei einem Konditor, den dritten beim Gefängnisinspektor,
-den vierten beim Pfarrer usw. War die<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> Woche zu Ende, dann begann er
-seinen Rundgang von neuem. Das war damals in der kleinen Stadt ein
-allgemeiner Brauch, arme Knaben in dieser Weise zu unterstützen und
-mancher wohlhabende Bürger hatte Tag aus Tag ein einen kleinen Gast zu
-Tisch. Vom Gymnasium, das mit reichen Stiftungen begabt war, erhielt
-Sutor freie Schule und Bücher, so daß seine Eltern nur die Kleidung zu
-liefern brauchten.</p>
-
-<p>Wieviel arme Jungen haben sich in jenen Zeiten in dieser Weise zum
-Studium emporgerungen! Meistens hatte schon ihr Vater eine ähnliche
-Entwicklung durchgemacht. Ein ehrgeiziger Bauer oder Gutshandwerker
-hatte seinen begabten Jungen nach der Stadt geschickt. Dort „schrieb“
-er auf dem Landratsamt oder bei einem Rechtsanwalt, bis er alt und
-stark genug war, ins Heer zu treten, um auf Versorgung zu dienen und
-später einmal einen kleinen Beamtenposten zu bekommen. Die geistige
-Kraft, mit der solche Leute sich aus dem Bauernstamm herausgearbeitet
-hatten, ging meistens auch auf ihre Söhne über. Die Eltern darbten und
-sorgten, um den Jungen aufs Gymnasium zu bringen, damit er Theologie
-studiere.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span></p>
-
-<p>Viele Männer in hohen Staatsstellungen können auf einen derartigen
-Entwicklungsgang zurückblicken .... daß Söhne von reichen Bauern die
-Universität besuchten, kam eigentlich viel seltener vor. Sie hatten
-genau wie die Söhne der Großgrundbesitzer nur den Ehrgeiz, sich das
-Zeugnis zum einjährig-freiwilligen Dienst zu ersitzen ..</p>
-
-<p>Franz machte eine rühmliche Ausnahme.</p>
-
-<p>Er „nahm“ die Klassen, wie ein edler Renner das Hindernis, stets als
-Erster, gefolgt von seinem treuen Sutor, der mit eisernem Fleiß sich
-hinüberrang. An schulfreien Nachmittagen packte Franz seinen Tornister
-und lief hinaus nach Schwentainen. Dann saßen die beiden Freunde
-wie ehedem in einem schattigen Winkel des Gartens bei ihren Büchern
-beisammen. Am Sonntag brachte Franz seinen Freund Sutor mit, dann
-streiften sie nachmittags zu dreien durch die Wälder, bis die Sonne
-sank.</p>
-
-<p>Die alten Rosumeks hatten wohl manchmal den stillen Wunsch, daß ihr
-Junge seine freie Zeit mehr im Elternhause verbringen möchte. Trotzdem
-fanden sie es ganz natürlich, daß er mehr im Pfarrhause saß als zu
-Hause. Der Pastor war ja nicht nur sein Onkel, sondern auch sein
-Freund<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> und Lehrmeister. Die Mutter sah in den Jungen wie in einen
-Spiegel. Und auch der Vater war stolz auf die Fortschritte seines
-Sohnes. Er war ein ernster, wortkarger Mann, der mit fester Hand das
-große Dorf nach seinem Willen lenkte. Aber nie konnte er es über sein
-Herz bringen, mit Franz über seinen zukünftigen Beruf zu sprechen.</p>
-
-<p>Desto öfter tat es die Mutter. Wo irgend die Gelegenheit sich bot,
-erzählte sie ihrem Liebling, wie sehr sie sich darauf freue, ihn erst
-als Hilfsprediger bei Onkel Uwis und dann als seinen Nachfolger auf der
-Kanzel zu sehen. Trotzdem wußten beide Eltern noch nicht, wozu Franz
-eigentlich recht Neigung hatte. Wenn der kräftige Bursch mit einem Zaum
-nach dem Roßgarten ging, sich eins der jungen Pferde einfing und nach
-scharfem Ritt staubbedeckt wiederkehrte, dann freute sich der Vater im
-stillen, weil er meinte, es sei ein Zeichen für sein Interesse an der
-Landwirtschaft. Oder er nahm den Jungen und ging mit ihm hinaus aufs
-Feld, um ihm die neuen Getreidesorten zu zeigen, mit denen er Jahr aus
-Jahr ein Versuche anstellte.</p>
-
-<p>So verging die Zeit. Franz saß bereits auf Prima. Aus dem frischen
-Knaben war ein flotter<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> Jüngling geworden, der Liebling der Lehrer und
-seiner Mitschüler. Damals — heute soll es ja anders sein — gab es ein
-Sängerkränzchen und einen Fechtklub auf dem Gymnasium. Der Direktor,
-ein energischer Mann, der strenge Zucht übte, hatte beide Vereinigungen
-erlaubt, allerdings unter steter Kontrolle. Und sein Prinzip bewährte
-sich. Die Schüler der beiden oberen Klassen hüteten sich, das Bestehen
-der Vereine durch unerlaubte Kneipereien zu gefährden. Durften sie doch
-in jedem Vierteljahr eine offizielle Kneipe abhalten, und die jüngeren
-Lehrer, die daran teilnahmen, hatten nur den Auftrag, zu verhindern,
-daß die fröhliche Kneiperei in ein wüstes Gelage ausarte. In beiden
-Vereinen war Franz an der Spitze. Er focht eine ausgezeichnete Klinge
-und wurde von den älteren Schulkameraden, die zu den Ferien als
-Korpsstudenten nach Hause kamen, eifrig umworben.</p>
-
-<p>So kam der Tag des Abiturientenexamens heran. Franz hatte das
-Schriftliche gut „gebaut“ und sah der mündlichen Prüfung ohne jede
-Aufregung entgegen. „Ängstige dich nicht,“ meinte er trocken zur
-Mutter, „wenn ich nicht dispensiert werde, ist es mir umso lieber,
-denn ich möchte gern<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> sehen, wie es bei dem Mündlichen zugeht. Was da
-gefragt werden kann, weiß ich alles.“</p>
-
-<p>Am Tage vorher kam er nach Hause und saß mit den Eltern und dem Ehepaar
-Uwis vergnügt einige Stunden zusammen. Am anderen Morgen stand er
-zeitig auf, steckte sich eine lange Pfeife an und sah der Mutter zu,
-die ihm das neue, gestickte Hemd plättete, das er zu seinem Ehrentage
-anziehen sollte. Dann fuhr er in die schwarzen Kleider, küßte Vater und
-Mutter und wanderte frohen Muts der Stadt zu. Kurz nach Mittag sollte
-Ludwig, der alte Großknecht, ihn mit den Trakehner Rappen von Scharners
-abholen.</p>
-
-<p>Das ganze Dorf war in Aufregung. So lange man sich erinnern konnte, war
-kein Bauernsohn Student geworden. Und nun hatte der Erbschulze alle
-Besitzer zu einer großen Festlichkeit eingeladen. Hinter dem Hause
-im Garten war eine große Tafel aufgestellt, daran saßen die Bauern,
-schwangen kräftig die Steinkrüge voll Bier und ließen den Herrn Studios
-hochleben; sie feierten das Ereignis schon als selbstverständlich.
-Die Mutter stand oben am Fenster der Giebelstube, wo sie den Weg ein
-Stück übersehen konnte. Die Hände flogen ihr vor Erregung, während sie
-mechanisch<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> an einem langen Strumpf strickte. Ab und zu mußte sie sich
-einen Augenblick setzen, die Füße drohten ihr den Dienst zu versagen.
-Da — oben — wo der Weg vom Berge zum Dorf abbiegt, leuchtet es rot
-auf ... Sollte Franz zu Fuß kommen? Nein, es ist das Kopftuch eines
-Weibes, aber die Frau läuft, was die Füße sie tragen, sie bringt
-Nachricht, sonst würde sie sich nicht so beeilen.</p>
-
-<p>Am Hoftor steht atemlos die Sceska, nur stückweis kann sie die Kunde
-von sich geben.</p>
-
-<p>„Ich hab ihn gesehen, den jungen Herrn, mit der roten Mütze — — Alle
-standen sie vor der Tür, die Menschen .... Er mußt’ hier ansprechen und
-dort ansprechen .... sie lassen ja keinen vorbei, die Menschen! Und bei
-Scharners hatten sie in der Veranda Wein aufgestellt und Kuchen und da
-haben sie mit den Gläsern angestoßen und hoch gerufen.“</p>
-
-<p>Der Vater Rosumek drückte dem Weib einen harten Taler in die Hand und
-faßte seine Frau um, der vor Freude die hellen Tränen über das Gesicht
-rollten .... Es war eine schöne Sitte in dem kleinen Städtchen anno
-dazumal, diese freudige Teilnahme an dem Geschick der Gymnasiasten.<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span>
-Noch gab es dort keine Offiziere und schneidige Referendare,
-unumschränkt herrschte der Primaner in den Herzen der Stadt. Die Bürger
-kannten jeden einzelnen, der heut im Examen schwitzte. Die Aussichten
-eines jeden, die Prüfung zu bestehen, waren öffentliches Geheimnis.
-Und wenn dann die Pforte des stattlichen Gebäudes sich auftat, und die
-frischen Jünglinge in freudiger Erregung hinausstürmten, dann standen
-Freunde und Verwandte da, um sie mit den Zeichen der neuen Würde,
-mit der roten Mütze und einem Albertus, einer goldenen Nadel mit dem
-Bildnis des Stifters der Albertina, zu schmücken.</p>
-
-<p>Und welch ein Jubel die einzige Straße des Städtchens hinab! Auf den
-Treppen vor ihren Häusern haben die Bürger Wein und Kuchen aufgestellt.
-Treuherzig treten sie an die Jünglinge, mit denen sie kaum sonst ein
-Wort gewechselt, heran und laden sie zu einem Festtrunk im Vorbeigehen
-ein. Heute ist alles wie eine große Familie. Die Jünglinge haben ihr
-Examen bestanden, jetzt sind’s nicht mehr „die Primanerchen“, sondern
-die Herren Abiturienten, die zukünftigen Pastoren, Doktoren und Richter!</p>
-
-<p>Es war ein anstrengender Tag für Franz,<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> für Vater Rosumek und Pastor
-Uwis gewesen. Erst die Feier zu Hause und dann der solenne Kommers in
-der Stadt, der bis zum Morgen währte. Sorgsam hatte die Mutter das
-Fenster der Giebelstube, in der Franz schlief, mit einer dunklen Decke
-verhängt. Ihr Sohn hatte sich gestern viel tapferer gehalten, als sein
-Vater und sogar als der Pastor, dem, wie er sagte, die Erinnerung
-an vergangene Zeiten zu Kopf gestiegen war. Nun saß sie am Bett
-ihres Lieblings und scheuchte die vorwitzigen Fliegen, die trotz des
-künstlichen Halbdunkels die Stube durchschwirrten. Erst als Franz sich
-zu recken begann, schlich sie leise hinaus, um einen starken Kaffee zu
-brauen, wie ihn Vater Rosumek nach anstrengenden Festen zu verlangen
-pflegte. Vorher aber legte sie noch die rote Mütze, die über und über
-mit goldenen und silbernen Nadeln besteckt war, dem Sohn aufs Deckbett,
-daß sein erster Blick darauffallen mußte.</p>
-
-<p>Langsam öffnete Franz die Augen. Gewohnheitsmäßig drehte er den Kopf
-zur Wand, wo seine Taschenuhr zu hängen pflegte, sie war nicht an
-der gewohnten Stelle. Da fiel sein Blick auf die rote Mütze. Ein
-wundersames Gefühl überkam ihn. Über den roten Schimmer hinaus sah er
-in<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> die Zukunft, die sich vor ihm auftat, wie in ein Wunderland, vor
-dessen Pforten er lange mit heißer Sehnsucht auf Einlaß geharrt. Es
-waren keine festumgrenzten Gedanken, nur ein mächtiges, heißes Gefühl.</p>
-
-<p>Die Sonne stand schon tief im Westen, als Franz zum Pfarrhof ging.
-Ohne es zu wissen, hatte er einen kleinen Umweg gemacht, zu dem
-kleinen Häuschen, wo die Lehrerwitwe Grigo wohnte. Den guten Mann, der
-ihm prophezeit, daß er ein „schöner Schreiber“ werden würde, deckte
-schon seit einem Jahr der kühle Rasen. Seine Frau ernährte sich und
-ihr Töchterchen neben der kargen Pension durch Schneiderei für die
-Bauernfrauen.</p>
-
-<p>Vor der Thür stand die kleine Lotte, ein herziges Mädel von vierzehn
-Jahren mit kornblumenblauen, großen Augen und langen Hängezöpfen, als
-wenn sie ihn erwartete. Und es mußte wohl wirklich der Fall sein, denn
-als er die Gartentür öffnete, sprang Lotte auf ihn zu und steckte ihm
-einen goldenen Albertus in die Rockklappe. Dann faßte sie ihn um den
-Hals und gab ihm einen herzhaften Kuß. „Es ist ein Gruß von meinem
-Väterchen, er hat ihn gekauft, als er zum letztenmal in<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> der Stadt war.
-Nimm ihn von uns als ein Zeichen unserer Liebe und Teilnahme.“</p>
-
-<p>Pastor Uwis ging mit seiner langen Pfeife im Garten spazieren. Er hatte
-die Folgen der Feier schon überwunden und dampfte mächtige Rauchwolken
-in die kühle Abendluft. Als Franz den Gang entlang ihm entgegenkam,
-streckte er ihm schon von weitem beide Hände entgegen: „Nun, mein
-lieber Freund, wie hast du die Anstrengungen deines Ehrentages
-überwunden? Meine Hausehre behauptet, ich hätte gestern des Guten
-etwas zuviel getan. Doch das ist meines Erachtens eine <span class="antiqua">contradictio
-in adjecto</span>, denn des Guten kann man nie zuviel tun. Hätte sie
-behauptet, daß ich zuviel Bowle getrunken, dann hätte ich nicht
-widersprechen können. Denn unter uns Kollegen gesagt, wir haben gestern
-etwas stark dem alten Heiden Bacchus geopfert.“</p>
-
-<p>Er zog den Jungen an sich und küßte ihn herzlich. „<span class="antiqua">Mi fili</span>,
-mein Herz ist fröhlich und doch betrübt. Nun wirst du von uns gehen
-in die weite Welt und wirst den alten Uwis allein lassen .... Kinder
-hat uns der liebe Gott versagt, dafür warst du uns wie ein Sohn ans
-Herz gewachsen .... doch der Mensch soll nicht undankbar sein ....“<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span>
-Er faßte ihn unter den Arm. „Komm zu Tante, sie sitzt in der Laube und
-bewacht ein paar Weißköpfe, die in dem kühlen Erdreich unter der Linde
-ihrer Auferstehung entgegenschlummern.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_4">4. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Der Herbst hatte seine bunten Farben über den Wald gestreut. In allen
-Schattierungen von gelb und rot leuchteten die Laubhölzer und Sträucher
-zwischen dem dunklen Grün der Fichten und den fahlen Stämmen der
-Kiefern.</p>
-
-<p>Die Stare hatten sich bereits zu großen Gesellschaften vereinigt, bald
-brausten sie zu einer Wolke geballt durch die Luft und übten Flugkünste
-für die weite Fahrt nach dem Süden, bald saßen sie schwatzend und
-lärmend in den Rohrkampen des Flusses. Die Sonne lachte dazu vom
-wolkenlosen Himmel. Lange weiße Fäden segelten mit dem schwachen Winde
-über die Erde, hafteten an Baum und Strauch und wehten wie Wimpel vom
-Mast der Schiffe. Ab und zu stieg eine Lerche vom Stoppelfeld empor, um
-nach kurzem Sang wieder herunterzugleiten.</p>
-
-<p>Es lag wie ein Abschiednehmen auf der Flur, aber nicht die Wehmut einer
-Trennung für immer, nein, bei diesem Abschied klang daneben schon das<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span>
-hoffnungsfreudige „Auf Wiedersehn“, „Auf baldiges Wiedersehn“.</p>
-
-<p>Vom Walde her kam ein Grünrock dahergeschritten, das Bild eines
-kernigen deutschen Weidmanns, groß gewachsen, breitschultrig, mit
-langwallendem Bart, in dessen Dunkel das herannahende Alter schon die
-ersten weißen Fäden gewebt hatte. Sein scharfes Auge hatte bereits den
-Trupp Reiter entdeckt, der im behaglichen Schritt herangeritten kam.
-Keine Waffe blitzte, keine Farben strahlten, denn die bunte Pracht der
-Uniform war einem stumpfen Grau gewichen. Nur die strenge Ordnung der
-Reiter verriet, daß es eine Abteilung Dragoner aus der nahen Kreisstadt
-war. Der Forstmeister hob schon von weitem grüßend und winkend die
-Hand, als er die an der Spitze reitenden Offiziere erkannte. Es waren
-ihm liebe Freunde, die schon oft an seinem gastlichen Tisch gesessen.
-Der Major Aldenhoven verhielt den Gaul. „Guten Tag, Herr Forstmeister,
-können wir ein Stündchen bei Ihnen rasten?“</p>
-
-<p>„Ich bitte darum, Herr Major.“</p>
-
-<p>Er trat an den Reiter heran und reichte ihm die Hand. „Das schöne
-Wetter hat wohl die Herren zu einem Spazierritt verführt?“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p>
-
-<p>Der Major lachte: „Stimmt auffällig, Herr Forstmeister, nur verbinden
-wir damit einen kleinen Nebenzweck. Ich will meinen Offizieren und
-Mannschaften das Gelände bis zur Grenze einprägen.“</p>
-
-<p>Auf dem geräumigen Hof der Oberförsterei stiegen die Dragoner ab. Die
-Offiziere folgten dem Grünrock in das Haus, wo die freundliche Hausfrau
-mit zauberhafter Schnelligkeit ein kräftiges Frühstück auftragen ließ.
-Als die Gläser zu dem ostpreußischen Nationalgetränk auf den Tisch
-gestellt wurden, rief der Major lachend: „Aber, lieber Forstmeister, es
-stehen heute wirklich keine Grogzeichen am Himmel.“</p>
-
-<p>„Die haben wir nur für Fremdlinge erfunden, lieber Major, wir
-Eingeborenen brauchen diesen Vorwand zum Grogtrinken nicht“, erwiderte
-der Grünrock lachend. „Sind Sie schon auf dem Heimwege?“</p>
-
-<p>„Ach nein, so leicht nehmen wir den königlich-preußischen Dienst nicht,
-wir reiten nachher noch Ihre Forst ab und kehren erst gegen Abend heim.“</p>
-
-<p>„Glauben Sie denn ...., daß es bald losgeht?“</p>
-
-<p>„Wir erwarten und hoffen es ....“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span></p>
-
-<p>„Und Sie meinen, daß die Kämpfe sich hier abspielen werden?“</p>
-
-<p>„In den ersten Tagen sicherlich. Dann werden wir von den Russen mit
-gewaltiger Übermacht zurückgedrängt.“ Er führte mit der geballten Faust
-einen Hieb durch die Luft: „Es ist ein Jammer, und eine Schande, daß
-man Ostpreußen so schutzlos läßt.“</p>
-
-<p>„Ja,“ warf der Forstmeister ein, „die Regierung dürfte sich mit der
-Ablehnung der zwei Armeekorps nicht zufrieden geben, sondern den
-Reichstag zum Deuwel jagen.“</p>
-
-<p>„Vor allem hätte sie auf den geforderten sechs Kavallerieregimentern
-bestehen müssen! Wissen Sie, was wir meinen? Daß Ostpreußen bis zur
-Weichsel aufgegeben werden soll.“</p>
-
-<p>„Das ist doch aber nicht möglich, eine ganze große, blühende Provinz
-kampflos dem Feind überlassen“, rief der Grünrock heftig.</p>
-
-<p>Der Major zuckte die Achseln. „Es wird wahrscheinlich notwendig sein.
-Ich kann es ja wohl hier im vertrauten Kreise aussprechen, daß wir
-bestimmt mit einem Krieg nach zwei Fronten zu rechnen haben, und
-der Plan des Generalstabes soll dahin gehen, nicht unsere Kräfte zu
-teilen,<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> sondern erst die Franzosen mit gewaltiger Übermacht schnell zu
-erdrücken, um uns dann mit allen Kräften gegen die Russen zu werfen.“</p>
-
-<p>„Ach, unser armes Ostpreußen“, warf der Forstmeister ein.</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte der Rittmeister von Kobylinski mit grimmiger Stimme, „die
-Herren in Berlin spielen wie auf einem Schachbrett, aber was unsere
-Heimat zu tragen haben wird, wieviel Werte und Menschenleben verloren
-gehen!“</p>
-
-<p>„Wann erwarten Sie denn den Krieg, Herr Major“, fragte die freundliche
-Gattin des Hausherrn, nachdem sie die Herren zu Tisch gebeten und die
-Gläser gefüllt hatte.</p>
-
-<p>„Das ist schwer zu sagen, gnädige Frau. Es kann noch ein paar Jahre
-dauern, es kann aber auch heute oder morgen losgehen. Die Russen häufen
-immer mehr Truppen an unserer Grenze an ....“</p>
-
-<p>„Sind wir darüber so genau unterrichtet?“</p>
-
-<p>„Das kann wohl nicht verborgen bleiben, gnädige Frau. Aber so genau,
-wie es wünschenswert wäre, sind wir leider nicht unterrichtet.“</p>
-
-<p>„Ich wüßte eine Quelle, aus der Sie so manches erfahren könnten.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p>
-
-<p>„Ach, das wäre ja famos,“ rief der Major, „darf ich erfahren ....?“</p>
-
-<p>„Gewiß,“ fiel der Forstmeister ein, „wir haben hier einen Mann, der
-drüben in Rußland sehr gut Bescheid weiß. Es ist noch ein Schulkamerad
-von mir. Ich glaube, er hat sich bis zur Obertertia hinaufgesessen und
-wurde nach längerem Aufenthalt in jeder Klasse ‚<span class="antiqua">propter barbam et
-staturam</span>‘ versetzt, dann mußte er abgehen, weil sein Vater starb
-und die Familie in traurigen Verhältnissen zurückließ. Er trat bei
-einem Fleischermeister in die Lehre, später verlor ich ihn aus dem
-Auge. Im vorigen Herbst, als der Bahnbau hier beginnen sollte, erschien
-er bei mir. Er wollte die Kantine für die Bahnarbeiter übernehmen.
-Dabei erzählte er mir, daß er sich lange Jahre in Russisch-Polen als
-Aufkäufer und Viehtreiber herumgetrieben und sich dabei etwas Geld
-zurückgelegt hätte, mit dem er nun ein seßhaftes Leben beginnen wollte.
-Ich verschaffte ihm die Genehmigung und überließ ihm einen Platz im
-Walde, wo er sich eine Bretterbude aufbaute.“</p>
-
-<p>„Ach, das ist ja der Grinda in der Waldschänke“, rief der Major aus.
-„Glauben Sie wirklich, daß der Mann Bescheid weiß?“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p>
-
-<p>„Sie werden staunen. Ich werde Sie mit ihm, sobald wir hier fertig
-sind, bekanntmachen. Er pflegt sonst sehr zurückhaltend zu sein.“</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde später brachen die Offiziere zu der nicht weit
-entfernten Waldschenke auf. Es war ein schmuckloser Bretterbau, der
-vorn einen kleinen Ausschank und daneben eine etwas größere Gaststube
-enthielt. Bei ihrem Eintritt sprang ein junges Mädchen auf und eilte
-aus der Tür. Von dem stark versessenen Ledersofa erhob sich ein junger
-Mann.</p>
-
-<p>„Mein Sohn Walter, <span class="antiqua">stud. jur.</span>“, stellte der Forstmeister ihn
-vor. Eine Wolke des Unmuts lag auf seiner Stirn. „Ruf uns mal den
-Grinda her, ich habe mit ihm zu sprechen.“</p>
-
-<p>Der junge Mann verschwand.</p>
-
-<p>Bald darauf trat der Gastwirt ein und begrüßte seine Gäste durch eine
-leichte Verbeugung. „Was steht zu Diensten?“</p>
-
-<p>Der Forstmeister reichte ihm die Hand. „Erst sorg’ man für Grog, für
-dich auch einen, und dann setz’ dich zu uns. Ich möchte dir etwas von
-deinen Künsten abfragen.“</p>
-
-<p>Der Krugwirt, ein starker Mann mit glattrasiertem<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> Gesicht, kniff
-verschmitzt lachend ein Auge zu. „Das wird dir wohl nicht gelingen,
-Forstmeister.“</p>
-
-<p>„Weshalb denn nicht?“</p>
-
-<p>„Es sind mir zuviel Ohren da.“</p>
-
-<p>„Würden Sie mir und dem Herrn Forstmeister Auskunft geben“, fiel der
-Major ein.</p>
-
-<p>Grinda hob die Hand und rieb den Daumen am Zeigefinger.</p>
-
-<p>„Das soll kein Hindernis sein“, antwortete der Major kühl auf die
-Handbewegung. Auf seinen Wink verließen die anderen Offiziere das
-Zimmer. Draußen zwischen den Bäumen standen einige Tische, und bei
-dem warmen Sonnenschein konnte man bei einem Glas Grog auch im Freien
-sitzen. Bald darauf trat die Nichte Grindas mit den Gläsern ein. Ein
-zierliches Mädel mit blanken Augen und schwarzem Wuschelhaar. Sie
-grüßte mit einem tiefen Knicks und entfernte sich.</p>
-
-<p>„Ihr Sohn hat einen guten Geschmack“, meinte der Major lächelnd.</p>
-
-<p>Der Forstmeister runzelte die Stirn. „Leider!“</p>
-
-<p>„Aber, lieber Freund, es ist doch merkwürdig, daß die Väter ihren
-heranwachsenden Söhnen<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> gegenüber immer so tun, als wenn sie die eigene
-Jugend vergessen hätten. Ein kleines lyrisches Intermezzo während der
-Ferien ....“</p>
-
-<p>Der Grünrock kam nicht zur Antwort, denn Grinda trat ein.</p>
-
-<p>„Also, Herr Grinda, wir möchten von Ihnen erfahren, was sie über
-die Standorte der russischen Truppen wissen und was sie für ihre
-Mitteilungen beanspruchen.“</p>
-
-<p>Der Gastwirt ließ sich am Tisch nieder und rührte in seinem Glas.</p>
-
-<p>„Zuerst muß ich einen Irrtum berichtigen, Herr Major. Das Daumenwackeln
-war nur ein Scherz von mir. Ich beanspruche selbstverständlich nichts
-für meine Mitteilungen. Meine Nachrichten sind überdies reichlich ein
-Jahr alt. Während der Zeit kann sich vieles verändert haben. Aber
-nehmen Sie Ihr Notizbuch zur Hand und schreiben Sie ....“</p>
-
-<p>„Gleich hinter Kibarty liegen zwei Regimenter Kubankosaken in einem
-Barackenlager in voller Kriegsstärke ... haben Sie? Bei Suwalky steht
-das 1. Finnländische Dragonerregiment.“</p>
-
-<p>„Donnerwetter,“ fuhr der Major auf, „irren Sie sich auch nicht,
-Grinda?“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span></p>
-
-<p>„Im vorigen Herbst standen sie da, Herr Major. Ich beanspruche volles
-Vertrauen.“</p>
-
-<p>„Das hast du, lieber Grinda“, fiel der Forstmeister ein.</p>
-
-<p>Nun gab es keine Unterbrechung mehr, nur manchmal schüttelte der Major
-den Kopf.</p>
-
-<p>Wie am Schnürchen zählte Grinda die Orte und die darin stehenden
-russischen Truppen auf. Ja, noch mehr, er wußte auch, wo die Stäbe
-lagen.</p>
-
-<p>In deutlicher Erregung reichte ihm der Major, als er nichts mehr
-anzugeben wußte, die Hand.</p>
-
-<p>„Herr Grinda, Sie haben dem Vaterland einen sehr großen Dienst
-geleistet. Ich berichte das heute noch nach Berlin. Ihr Name bleibt
-selbstverständlich völlig aus dem Spiel. Und nun eine Frage: würden Sie
-sich bereitfinden lassen, jetzt nochmal nach Rußland hineinzufahren, um
-neuere Nachrichten zu holen?“</p>
-
-<p>„Herr Major, Sie wissen, was ich dabei riskiere! Und ich kann hier
-meine Nichte nicht allein im Geschäft lassen.“</p>
-
-<p>„Es muß sich machen lassen“, rief der Major laut. „Ich will mich dafür
-einsetzen, daß Sie nach dieser Fahrt sorgenlos einen behaglichen
-Lebensabend genießen können.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p>
-
-<p>„Wenn ich einen Stellvertreter für mich hier finde, will ich es nochmal
-wagen.“</p>
-
-<p>Als die Herren nach einer längeren Unterhaltung über Ziel und Zweck der
-Reise aus der Schänke traten, fanden sie die jüngeren Offiziere mit dem
-Sohn des Forstmeisters in angeregter Unterhaltung. Er beendete eben
-eine Jagdschnurre, deren Spitze stürmische Heiterkeit hervorrief.</p>
-
-<p>„Ihr Sohn scheint Ihr Talent geerbt zu haben“, meinte der Major lachend.</p>
-
-<p>„Ja, das ist auch das einzige, was er von mir geerbt hat“, erwiderte
-der Grünrock brummig.</p>
-
-<p>Eine Viertelstunde später ritten die Dragoner unter Führung des
-Rittmeisters von Kobylinski weiter, während der Major nach der
-Stadt zurückkehrte, um sofort einen langen Bericht an den Obersten
-Generalstab zu verfassen.</p>
-
-<p>Der Forstmeister nahm sich noch vor Tisch seinen ungeratenen Sprößling
-vor. Schon von klein auf hatte er ihm Sorgen gemacht. Er hatte keinen
-Trieb zum Lernen und hatte nur durch seine große Begabung die Schule
-überwunden. Auf den oberen Klassen hatte er bereits, von der Mutter,
-die ihm heimlich Geld zusteckte, verhätschelt und verwöhnt, ein
-lockeres Leben geführt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p>
-
-<p>Auf der Hochschule geriet er ganz außer Rand und Band. In der ersten
-Zeit hatte er noch in der Burschenschaft, in die er eintrat, etwas Halt
-gefunden. Nachdem er sich von hier getrennt, was nicht ganz freiwillig
-geschah, geriet er in eine Gesellschaft gleichgesinnter Kumpane, machte
-die Nacht zum Tage, jeute und machte Schulden. Der Vater zweifelte
-daran, daß Walter auch nur ein Kolleg besucht und überhaupt etwas
-gearbeitet hatte. Dabei besaß der Schlingel Eigenschaften, die ihn
-überall beliebt machten. Er war trotz seines Bummellebens ein flotter
-Jüngling, gewandt in allen Leibesübungen, ein flotter Tänzer und zu
-Hause in den Ferien ein unermüdlicher Jäger und sicherer Schütze.</p>
-
-<p>Die Mutter hielt ihm dem Vater gegenüber immer noch die Stange. Sie
-hatte für den einzigen Sohn immer die Sprichwörter in Bereitschaft, die
-der Jugend das Recht zusprechen, sich auszutoben, und von dem gärenden
-Most einen guten Wein erhoffen. Der Vater sah tiefer. Er wußte, daß
-sein Sohn schon jeden Halt verloren hatte, daß er ohne jede Hemmung
-sich in Gesellschaften unwürdiger Gesellen, die in jeder Beziehung
-unter ihm standen, betrank. Das hatte er noch vor kurzem eines<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> Abends
-in der Waldschänke mit dem verkommenen Gesindel, das an der Eisenbahn
-arbeitete, getan.</p>
-
-<p>Sein häufiger Besuch dort galt natürlich in erster Linie der hübschen
-Olga. Sie hielt sich unter den jungen Männern, die dort nur ihretwegen
-verkehrten, als Blümlein „Rührmichnichtan“. Jawohl, es konnte nur ein
-lyrisches Intermezzo für Walter sein. Aber ebensogut konnte er an dem
-Mädel hängen bleiben, wenn es darauf ausging, den flotten Jüngling
-dingfest zu machen.</p>
-
-<p>Mit großem Geschick spielte Walter vor dem alten Herrn den
-zerknirschten, reuigen Sünder und gelobte Besserung. Er werde im
-nächsten Semester sich schon zum Examen einpauken lassen und den
-Referendar machen. Mit der Olga sei es eine kleine unschuldige
-Tändelei. Das Mädel sei übrigens hoch achtbar und ließe sich von keinem
-ihrer zahlreichen Verehrer zu nahe treten.</p>
-
-<p>Ein paar Stunden später, als der Vater weggefahren war, saß Walter
-wieder in der Waldschenke. Er war der einzige Gast, auch der Onkel war
-nicht zu Hause. Das lyrische Intermezzo zwischen den beiden sah ganz
-nach einem ernsthaften Liebesverhältnis aus. Mitten zwischen Kosen und<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span>
-Scherzen erzählte ihm Olga von dem Gespräch zwischen ihrem Onkel und
-dem Major, das sie durch die dünne Bretterwand belauscht hatte. Ihr
-Onkel werde demnächst als Spion nach Rußland fahren und damit schweres
-Geld verdienen. Walter zeigte dafür kein Interesse. Ihm war das Kosen
-mit dem süßen Mädel, das in seinem Arm erglüht war, wichtiger.</p>
-
-<p>Am nächsten Abend war der Forstmeister nicht zu Hause. Walter
-schmeichelte der Mutter Geld ab und fuhr zu Rad in die Stadt. Die
-moderne Zeit hatte auch in die kleine masurische Stadt schon ihren
-Einzug gehalten. Es gab dort seit dem letzten Winter ein Caféhaus, in
-dem die sogenannte gute Gesellschaft und auch die Offiziere der beiden
-dort liegenden Regimenter verkehrten, um bei einer Tasse Mocca oder
-anderen Getränken leichte Unterhaltungsmusik zu genießen. Für Walter
-hatte das am Tage so ehrbare Lokal noch eine andere Anziehungskraft.
-Wenn der Abend vorrückte, fand sich in zwei verschwiegenen
-Hinterzimmern, an runden, grünbezogenen Tischen, eine recht gemischte
-Gesellschaft ein, die sich mit Mauscheln, Pokern, Bak und ähnlichen
-Unterhaltungsspielen die Zeit vertrieb, bei der die<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> Mehrzahl
-derjenigen, die nicht alle werden, von einer kleinen Minderheit gerupft
-wird.</p>
-
-<p>Walter fand bei seinem Eintritt einen großen Tisch von jüngeren
-Offizieren besetzt, die ihm zum Teil bekannt waren. Er wurde
-herangerufen und bestellte sich ein Glas Pilsener. Als die Musik um
-zehn Uhr schwieg, verließen die Familien das Lokal. Auch an dem Tisch
-der Offiziere wurde es leerer. Die Zurückbleibenden rückten enger
-zusammen. Die Unterhaltung hatte sich militärischen Dingen zugewandt.
-Es waren fast alles jüngere Leute, die mit mehr Eifer als Sachkenntnis
-die Aussichten eines Krieges mit Rußland, der wie eine drohende Wolke
-am Himmel stand, erörterten. Allgemein herrschte die Ansicht vor,
-daß man wenigstens in der ersten Zeit zu einem Abwehrkrieg genötigt
-sein werde. Es war nur die Frage, ob Ostpreußen bis zur Weichsel
-preisgegeben werden müßte, oder ob man den Russen an der Masurischen
-Seenkette und ihrer Fortsetzung nach Norden, an der Angeraplinie, würde
-Widerstand leisten können.</p>
-
-<p>Der Oberkellner, ein schlanker, nicht mehr ganz junger Mann mit
-ungewöhnlich feingeschnittenem Gesicht und scharfen Augen, bediente
-die<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Offiziere selbst. Es fiel niemand auf, daß er beim Auswechseln
-der geleerten und vollen Gläser sich wenig beeilte. Er hatte schon
-bei Eröffnung des Cafés seine Stelle angetreten und war allgemein
-beliebt, weil er seine zahlreichen Gäste mit großer Gewandtheit und
-Aufmerksamkeit bediente. Ja, er hatte vertrauenswürdigen Kunden selbst
-das Stichwort gegeben, mit dem sie unauffällig ihre Zeche schuldig
-bleiben konnten. Das war die Geschichte von den zehn polnischen
-Königen. Sie lautete: „Zehn polnische Könige saßen unter einem Palmbaum
-und tranken Tee. Da kam eine Klapperschlange, glatt wie Öl. Darüber
-erschraken die Könige, stülpten ihre Kronen auf das Haupt und riefen:
-‚Kellner, wir zahlen morgen.‘“</p>
-
-<p>Man brauchte ihn nur an diese Geschichte zu erinnern, dann lächelte er
-verbindlich und verbeugte sich.</p>
-
-<p>Als die Offiziere gegangen waren, verfügte sich Walter in das
-Spielzimmer. Das Glück, das er in der Liebe entwickelte, war
-entschieden seinem Erfolg beim Spiel hinderlich. In einer Stunde hatte
-er seinen Barvorrat verloren. Möglichst unauffällig ging er dem Ober,
-der mit leeren Gläsern das Zimmer verließ, an das Büfett nach, um
-ihn<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> anzupumpen. Mit verbindlicher Miene griff der Ober in die Tasche
-und legte ihm zehn Doppelkronen auf den Tisch. Nun hielt er sich mit
-wechselndem Glück zwei Stunden über Wasser, bis der Ober zum Aufbruch
-mahnte. Walter hatte viel getrunken, aber er hatte noch keine Lust,
-nach Hause zu fahren. Er lud den Ober zu einer guten Flasche Rotwein
-ein. Lächelnd nahm der Mann die Einladung an und brachte nicht nur die
-Flasche Rotwein, sondern auch zwei große Kognaks, zu denen er einlud.</p>
-
-<p>„Ist es Ihnen nicht schwer, Ober,“ begann Walter das Gespräch, „so
-enthaltsam zwischen all den trinkenden Gästen zu stehen?“</p>
-
-<p>„Nicht im geringsten, Herr Studiosus, ich habe so viel zu tun, daß ich
-einen klaren Kopf behalten muß.“</p>
-
-<p>„Ja, da bewundere ich Sie“, erwiderte Walter mit dem Bestreben,
-ihm etwas Angenehmes zu sagen. „Und die vielen Gespräche, die Sie
-umschwirren.“</p>
-
-<p>Der Ober lächelte: „Die stören mich nicht, man hört ja nur Bruchstücke,
-die nicht interessieren können. An ihrem Tisch hätte ich heute
-allerdings gern zugehört, es wurde, wie ich glaube, über<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> einen Krieg
-mit Rußland gesprochen. Sind die Herren Offiziere wirklich der Ansicht,
-daß es bald losgeht?“</p>
-
-<p>„Unter allen Umständen,“ erwiderte Walter, „es kann heute oder morgen
-schon zum Klappen kommen.“</p>
-
-<p>„Dann müßte man sich beizeiten nach einer anderen Stelle umsehen, denn
-hier an der Grenze wird die Geschichte wohl brenzlich werden.“</p>
-
-<p>„Wahrscheinlich,“ bestätigte Walter, „die Offiziere meinen sogar, wir
-werden Ostpreußen bis zur Weichsel aufgeben müssen, um erst Frankreich
-niederzuschlagen.“</p>
-
-<p>„Ach wo, das wäre doch ein Jammer. Die Herren sprachen doch von der
-masurischen Seenkette, die gehalten werden soll.“</p>
-
-<p>„Das wurde nur als Möglichkeit besprochen, denn es ist wenig
-wahrscheinlich, daß wir genug Truppen haben werden, um noch eine lange
-Linie zu besetzen.“</p>
-
-<p>Ahnungslos ließ Walter aus sich alles herausholen, was er von den
-Offizieren gehört hatte. Der schwere Rotwein und noch einige Kognaks,
-die der Ober aus freien Stücken spendete, übten auf ihn ihre Wirkung.
-Mit schwankendem Gleichgewicht<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> bestieg er sein Rad und fuhr nach
-Hause. Als er gegen Mittag mit schwerem Kopf erwachte, kam ihm erst
-zum Bewußtsein, daß er heute wieder die Mutter um einige hundert Mark
-erleichtern müßte, um seine Schuld zu tilgen. Der Vater, der eine
-Dienstreise zu mehreren vereinzelt gelegenen Revieren angetreten hatte,
-kam sicher heute nicht nach Hause. Er umschmeichelte die Mutter und
-bat sie um Geld. Sie schlug es ihm rundweg ab. Sie habe ihm einen
-vergnügten Abend in der Stadt gegönnt und das wolle sie vor dem Vater
-wohl vertreten, aber wenn er heute noch nach Hause käme und er sei
-nicht da, dann gäbe es ein Donnerwetter, und lügen könne sie nicht.</p>
-
-<p>In jämmerlicher Stimmung wanderte er zur Waldschänke. Olga kam ihm bei
-der Begrüßung mit einer Handvoll Papiergeld entgegen. Wie ein Blitz
-fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, sie anzupumpen.</p>
-
-<p>„Schatzel, kannst du mir mit 500 Mark aushelfen? Wenn mich der Alte
-nach Königsberg ausrüstet, gebe ich es dir wieder.“</p>
-
-<p>Sie warf lachend die Scheine auf den Tisch und zählte die Summe ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p>
-
-<p>„Der Onkel ist schon heute früh über die Grenze gefahren.“ Sie sah ihn
-zärtlich besorgt an. „Was ist denn mit dir, du siehst ja so blaß aus,
-hast du einen Brummschädel?“</p>
-
-<p>„Ja“, erwiderte er mit einem tiefen Aufatmen. Das Gespräch mit dem Ober
-war ihm plötzlich eingefallen. Ein Gedanke war in ihm aufgestiegen,
-aber der erschien ihm so ungeheuerlich ....</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_5">5. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Über die Gipfel der Lindenbäume war der Mond emporgestiegen und schaute
-verwundert auf die beiden, die untergefaßt das große Rasenstück in
-der Mitte des Gartens umwandelten. Der kühle Trunk, der Greise jung
-macht, hatte ihre Lebensgeister erfrischt. Sie hatten gescherzt und
-gelacht, bis Tante Uwis, die gegen Abendkühle etwas empfindlich war,
-sich in den Schutz des Hauses zurückgezogen hatte. Dann hatte der
-Pastor seinen jungen Freund unter den Arm genommen. „Komm, mein Junge,
-wir wollen nach alter Gewohnheit auf und ab spazieren. Dabei erzählt
-es sich besser. Vor Jahren einmal habe ich dir versprochen, von meinen
-Studentenjahren zu erzählen. Heute will ich das Versprechen einlösen.“
-Er sah zum Mond empor. „Hast du jemals schon empfunden, wenn Goethe
-sagt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Füllest wieder Busch und Tal</div>
- <div class="verse indent0">Still mit Nebelglanz,</div>
- <div class="verse indent0">Lösest endlich auch einmal</div>
- <div class="verse indent0">Meine Seele ganz.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p>
-<p>„Du weißt, mein Junge, ich bin ein einsamer Mensch. Alle Jubeljahre
-komme ich mit meinen Amtsbrüdern zusammen und hier im Dorfe ist
-dein Vater der einzige, mit dem ich näheren Umgang pflege. Aber die
-Gedanken, die mir durch das Labyrinth der Brust wandern, habe ich zu
-keinem Menschen aussprechen können. Manches, aber nicht alles, habe
-ich zu dir gesprochen. Jetzt bin ich glücklich, denn du bist unter
-meinen Händen herangewachsen zu einem verständigen Jüngling, der fortan
-mein Freund sein soll. Junge, — du kannst das Lob vertragen —, ich
-freue mich über dich. Du bist kein Duckmäuser und kein Bücherwurm,
-und das schreibe ich mir als Verdienst zu. Ich habe es nie verstehen
-können, wie man gegen eine gesunde Lebensfreude eifern kann. Wenn unser
-Herrgott nur an Kopfhängerei und Weltschmerz Gefallen fände, dann hätte
-er den Menschen und den Vögeln nicht die Kehle zum Singen gegeben,
-dann hätte er die Natur nicht mit leuchtenden Farben geschmückt. Das
-ist meine Lebensphilosophie. Sie mag sehr primitiv sein, aber sie ist
-für den Durchschnittsmenschen die beste. Und sie ist uns schon von der
-Bibel als Weisheit Salomonis überliefert. Dein Religionslehrer hat sie
-so<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> treffend in wenige kurze Sätze gefaßt. Weißt du sie auswendig?“</p>
-
-<p>„Alles Irdische ist eitel. Drum ist Lebensgenuß zu empfehlen. Doch
-mache man den Lebensgenuß unschädlich durch Weisheit. Die höchste
-Weisheit aber ist die Furcht Gottes.“</p>
-
-<p>„Das ist’s, was ich meine! Frisch und froh sich regen, ringen, kämpfen
-und die Freuden des Lebens genießen, aber dabei vor sich und Gott ein
-anständiger Kerl bleiben, das ist der beste Spruch, den ich dir auf
-deinen Lebensweg mitgeben kann.“</p>
-
-<p>Er blieb stehen und streckte Franz die Hand hin:</p>
-
-<p>„Schlag ein, Junge!“</p>
-
-<p>Hand in Hand traten sie an den Tisch und stießen mit vollen Gläsern an.
-Dann nahmen sie wieder ihre Wanderung auf.</p>
-
-<p>„Ich war ein junger Dachs,“ fuhr der Pastor fort, „als ich nach
-Königsberg einrückte. Der Vater hatte zwei Lehrochsen verkauft und noch
-ein paar Taler hinzugetan, so daß ich ein volles Hundert in der Tasche
-trug. Den größten Teil des Weges hatte ich zu Fuß zurückgelegt, von
-Eylau fuhr ich mit dem Omnibus, der außer mir noch eine ganze Schar von
-Muli nach der Stadt der<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> reinen Vernunft beförderte. In der kleinen
-Kneipe auf dem Haberberg, wo der Fuhrmann sein Gefährt einstellte,
-wurden wir von Deputationen der Korps und Burschenschaften empfangen.
-Ich muß wohl in dem einfachen Wanderrock, den Mutter selbst gewebt und
-genäht hatte, keinen bedeutenden Eindruck gemacht haben. Aber da ich
-aus Lyck kam, woher die Masuren alle ihre Füchse beziehen, so lud man
-mich auch an die Kneiptafel. Mein Nachbar war ein alter Häuptling, der
-seiner scharfen Klinge wegen in hoher Achtung stand. Wir kamen ins
-Gespräch, er fragte mich nach meinen Verhältnissen aus. Als er erfuhr,
-daß ich ein Försterssohn sei, wurde er wärmer. Er stammte auch aus dem
-Forsthause. Ein Wort gab das andere, — — was soll ich dir sagen,
-er nahm mich mit nach der Kneipe und noch am selbigen Abend war ich
-ausgeflaggt.</p>
-
-<p>Mein Protektor, — du kennst ihn, es ist der alte Pastor Riemasch in
-Orlowken, nahm sich meiner wacker an. Ich hatte gute Empfehlungen von
-meinem Direktor in der Tasche, damit ging ich zu den alten Herren,
-die an den Königsberger Gymnasien unterrichteten und nach ein paar
-Wochen hatte ich zwei gutzahlende Privatschüler.<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> Im Korps hatte ich
-anfangs einen schweren Stand. Nicht etwa, weil ich wenig zuzubrocken
-hatte, sondern, weil ich ein so fürchterlicher Naturbursch war. Du mußt
-mich nicht mißverstehen: ich war nie über die kleine Provinzialstadt
-hinausgekommen, kneipen hatte ich dort auch nicht gelernt, da kam es
-mir schwer an, mich in die neuen Verhältnisse zu finden. Aber das
-Fechten, das hatte ich bald begriffen. Noch im ersten Semester, ehe
-ich die erste Fuchsmensur geliefert hatte, kontrahierte mich ein
-Litauer an, ein wüster Gesell, der seine zwanzig Mensuren hinter sich
-hatte. Er kam an den Unrechten. Ich stand wie eine Mauer und bis zum
-Platzwechseln hatte er mich noch nicht geritzt. Da trat Riemasch,
-der auch eine anständige Praxis hinter sich hatte, an mich heran und
-flüsterte mir zu: ‚Hinter der Doppelterz die Tiefquart!‘ Jetzt sah ich
-selbst das Loch und beim nächsten Gang stach ich ihn glatt ab, mein
-Spieß hatte in der Litauernase Kehrt gemacht.“</p>
-
-<p>Der Alte hatte im Eifer des Erzählens den Arm gehoben und in der Luft
-den Hieb geführt. „Seit jener Mensur, <span class="antiqua">fratercule</span>, war ich
-ein gemachter Mann. Acht Tage darauf lieferte ich mit Glanz meine
-zweite Mensur und noch vor Schluß<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> des Semesters wurde ich allein von
-den Füchsen rezipiert. Ich habe viel gefochten,“ fuhr er nach einer
-kleinen Pause fort, „und immer mit Glück. Im vierten Semester wurde ich
-Zweiter, im fünften Erster. Im sechsten legte ich mich auf die fleißige
-Seite und im neunten baute ich mein Examen, schlecht und recht, aber
-man drückte damals bei Leuten, die masurisch sprechen konnten und in
-die Wildnis gehen wollten, beide Augen zu. Soll auch heute noch so sein
-....“</p>
-
-<p>Als sie beim Mondschein sich die Gläser füllten und aneinanderklingen
-ließen, meinte Franz: „Eigentlich, Onkel, bist du mir noch immer die
-Geschichte schuldig, weshalb du Pastor geworden bist.“</p>
-
-<p>„Du hast recht, mein Junge, aber wenn man in die alten Geschichten
-kommt, dann ist es schwer, an der richtigen Stelle aufzuhören.“</p>
-
-<p>Er nahm die Pfeife in die Hand, stopfte sie frisch und tat einige
-starke Züge, ehe er weitererzählte. „Meine Mutter hatte mir beim
-Abschied das Versprechen abgenommen, Theologie zu studieren. Ich ließ
-mich also pflichtschuldigst bei der theologischen Fakultät einschreiben
-und belegte die offiziellen Kollegia. Weißt du, Junge, es ist doch<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span>
-eine schöne Sache, wenn man als junger Dachs bei älteren Leuten Rat und
-Anleitung findet.</p>
-
-<p>Wieviel junge Studenten treten an das schwarze Brett, ohne eine
-Ahnung zu haben, was sie zuerst hören müssen und können. Sie tappen
-einfach rein in die Sache, und wenn sie kurz vor dem Examen stehen,
-dann merken sie erst, daß sie eins der wichtigsten Kollegia nicht
-gehört haben. Meiner nahm sich Riemasch an, er hatte sozusagen in alle
-Fakultäten hineingerochen und war schließlich reumütig zur Theologie
-zurückgekehrt, mit der er angefangen hatte. Er baute schon an seinem
-Examen und wußte ganz genau, was der Mensch dazu gehört haben muß.
-Trotz meiner geringen Mittel hatte ich gleich im ersten Semester
-ein naturgeschichtliches Kolleg und alle Publika belegt, die mir
-interessant schienen.</p>
-
-<p>Zeit zum Kolleglaufen hatte man damals. Der Frühschoppen hielt sich
-in sehr engen Grenzen und die eine offizielle Kneipe in jeder Woche
-hinderte keinen, der ernstlich arbeiten wollte. Meine Privatstunden
-gab ich in den ersten Abendstunden, kurzum, ich konnte in den ersten
-Semestern ganz tüchtig arbeiten. Das Hebraikum hatte ich auf dem
-Gymnasium mit ‚Gut‘ gemacht, das plagte mich<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> nicht. Aber desto mehr
-die theologischen Kollegia. Mit Riemasch, der mir ein wirklicher Freund
-geworden war, disputierte ich fast täglich darüber.</p>
-
-<p>Die Wissenschaft war auf ihrem Lehrstuhl eingeschlafen. Aus der
-freien Forschung war ein engherziges Spintisieren geworden, das sich
-an Haarspaltereien ergötzte. Aus dem frischsprudelnden Quell war ein
-trübes Wässerchen geworden, das langsam abwärts schlich. Damals war ein
-Hauptstreitpunkt, ob Christus den Jüngern im Geist oder im verklärten
-Leibe erschienen sei. Ein junger Professor, der heute eine Leuchte
-des Kirchenregiments ist, galt damals als ein arger Ketzer, weil er
-die erste Ansicht verfocht. Ethische Fragen, das tägliche Brot des
-amtierenden Geistlichen, ja selbst große metaphysische Probleme wurden
-im Handumdrehen abgetan, um Zeit für die kleinlichen dogmatischen
-Zänkereien zu gewinnen, und uns Jungen bot man Steine statt Brot.“</p>
-
-<p>Er war aufgestanden und schritt in tiefer Erregung vor der Laube auf
-und ab. „Wir haben es ja damals mehr gefühlt, als begriffen, um was
-es sich handelte. Aber wenn man mit sich selbst schon zu kämpfen hat
-und nur aus Pflichtbewußtsein Theologie studiert, dann wird es schwer,
-nicht abzuspringen.<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> Als wir meinem guten Riemasch das alte Lied vom
-Auszug des bemoosten Burschen gesungen hatten, begann für mich eine
-schwere Zeit. Ich vernachlässigte meine offiziellen Kollegia, arbeitete
-auf dem Sezierboden und war nahe daran, zur Medizin abzuspringen. Da
-kam eines Tages der alte Dewischeit nach Königsberg.</p>
-
-<p>Wir hatten einen vergnügten Abend verlebt. Ich präsidierte bei der
-Offiziellen und biß mit Absicht den flotten Bursch heraus. Gelernt
-hatte ich’s Gott sei Dank in den vier Semestern. Nach der Kneipe
-geleitete ich ihn zum Russenkrug, wo er logierte. Dort führte er mich
-selbst nach unten in das Restaurant und bestellte eine Flasche Rotspon,
-so’n gewichtigen Tropfen, wie wir ihn nur in unseren Seestädten
-trinken. Als wir den ersten Schluck genommen hatten und feierlich die
-Gläser hinsetzten, sah mich der Alte an und fragte schlankweg: ‚Was
-drückt dich, Uwis?‘ Und was soll ich dir sagen, nach ein paar Minuten
-hatte er alles aus mir herausgeholt, was er wissen wollte.</p>
-
-<p>Die Standpauke, die er mir dann hielt, möchte ich dir gern wörtlich
-wiederholen, wenn mir in den vierzig Jahren nicht die Einzelheiten
-entschwunden wären. Aber der Refrain lautete:<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> „Junge, stoß dich nicht
-an dem Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Stoß dich auch nicht an
-dem dogmatischen Formelkram, du hast ja als Protestant das Recht der
-freien Forschung in der Bibel. Sieh lieber auf den ethischen Gehalt,
-an dem kein Pfaffengezänk etwas wegtut oder zufügt. Und daran habe ich
-mich denn gehalten mein lebelang. Ich kann es auch nicht verstehen,
-wenn Amtsbrüder untereinander allerlei Streitfragen aufwerfen und beim
-Disputieren die Köpfe erhitzen .....“</p>
-
-<p>Der Pastor schwieg und sah auf den Jüngling, der den Kopf nachdenklich
-in die Hand gestützt hatte. „Geht die Sache dich auch an, mein Sohn?
-Das hatte ich bisher nicht gewußt. Hast du gar keine Lust, Landwirt zu
-werden und in deines Vaters Fußtapfen zu treten?“</p>
-
-<p>Franz sah auf. „Wenn ich das nur wüßte, Onkel! Ich fühle nichts weiter
-in mir, als die Lust, recht viel zu lernen. Alles möchte ich wissen.
-Ich möchte vielleicht auch einen ganz tüchtigen Landwirt abgeben, aber
-wenn ich womöglich mir ein paar Jahre um die Ohren schlage, um später
-einzusehen, daß ich auf den unrechten Weg geraten ....“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p>
-
-<p>„Merkwürdig! Merkwürdig! Aber ich will dir sagen, wo es bei dir sitzt!
-Du hast bis jetzt keine Vorliebe für irgendeinen Beruf gefaßt und
-schwankst nun hin und her, wie das Rohr im Winde. Und darum gerade
-fordere ich von dir, daß du versuchst, ob du nicht dem Wunsche deines
-Vaters folgen kannst. Sollst dir dabei ein Jahr um die Ohren schlagen,
-wie du es nennst; bist immer noch jung genug, wenn du dann umsattelst.“
-Er sah ihn prüfend an. „Das, was man Ehrgeiz nennt, scheint dir fremd
-zu sein. Ich weiß auch nicht, ob ich das tadeln soll, denn ich glaube,
-der Wille, stets etwas Tüchtiges zu leisten und hinter den anderen
-nicht zurückzubleiben, genügt auch. Und mit dem Willen versuch’ mal
-eine ‚Stromtid‘ durchzumachen, auf einem großen Gut, wo du recht
-viel lernen kannst. Wenn du dann dem Beruf durchaus keinen Geschmack
-abgewinnen kannst, dann wollen wir weiter reden.</p>
-
-<p>Jetzt wandle heimwärts, <span class="antiqua">amice</span>, und überschlaf meinen Vorschlag.
-Morgen können wir mehr darüber sprechen. Gute Nacht!“</p>
-
-<p>„Gute Nacht, Onkel.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1">*</p>
-
-<p>Gedankenvoll wanderte Franz im hellen Mondschein die Dorfstraße
-entlang. Eigentlich hatte Onkel Uwis recht, besonders wenn er auf
-Vaters Wunsch verwies. Als er am Dorfkrug vorüberkam, rüsteten sich auf
-der Veranda mehrere Männer zum Aufbruch, auch sein Vater war darunter.</p>
-
-<p>Erst am Tor des Schulzenhofes trennte sich der letzte Begleiter von
-ihnen.</p>
-
-<p>Franz blieb stehen und faßte den Alten um.</p>
-
-<p>„Vater, ich möchte dich um etwas bitten.“</p>
-
-<p>„Was soll’s sein, mein Sohn?“</p>
-
-<p>„Ich möchte auf einem großen Gut als Eleve eintreten.“</p>
-
-<p>Im ersten Augenblick schien der Schulze etwas überrascht, dann schloß
-er den Sohn in die Arme:</p>
-
-<p>„Mein Franz, du willst mir den größten Wunsch meines Lebens erfüllen?
-Das hatte ich kaum noch gehofft.“</p>
-
-<p>„Ich will es wenigstens ehrlich versuchen. Finde ich aber trotz meines
-guten Willens keine Befriedigung in dem Beruf des Landwirts, dann werde
-ich’s dir offen sagen. Willst du mich dann studieren lassen?“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p>
-
-<p>„Gewiß, mein Junge, gewiß! Du gehst nur zur Probe ein Jahr in die
-Wirtschaft. Damit muß sich auch Mutter zufrieden geben. Sie hofft ja
-noch sehr stark, dich doch noch einmal im Talar zu sehen.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_6">6. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Vater Rosumek hatte seiner Frau noch nichts davon erzählt, daß sein
-Sohn ihm seinen Wunsch erfüllen wollte. Als Franz zum Frühstück
-herunterkam, empfing ihn die Mutter mit strahlendem Gesicht und legte
-ihm eine mit Goldfüchsen gefüllte Börse hin.</p>
-
-<p>„Der Vater ist schon in die Stadt gefahren, er läßt dir sagen, du
-möchtest von dem Geld einen guten Gebrauch machen.“</p>
-
-<p>Fragend sah Franz die Mutter an. „Wie meint er das?“</p>
-
-<p>„Er sprach von einer Reise, die du unternehmen solltest, nach
-Königsberg und an die Ostsee, das soll eine sehr schöne Gegend sein.“</p>
-
-<p>Hastig nahm Franz das Frühstück zu sich, dann lief er schnell ins
-Pfarrhaus.</p>
-
-<p>„Heda, junger Freund, was beflügelt deinen Fuß?“ rief ihm der Pastor
-über den Gartenzaun entgegen.</p>
-
-<p>Mit kühnem Schwung hob sich Franz über die Staketen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p>
-
-<p>„Denk dir, Onkel, der Vater hat mir viel Geld zu einer großen Reise
-geschenkt, willst du mir die Freude bereiten und mitkommen?“</p>
-
-<p>Der alte Herr schüttelte den Kopf. „Nun ist dein Vater mir
-zuvorgekommen. Ich habe gestern abend noch nachgedacht, wie du diese
-Übergangszeit bis zum Eintritt in deinen Beruf noch genießen und gut
-anwenden könntest, und war zu dem Entschluß gekommen, dich zu einer
-Fußwanderung durch unsere schöne, liebe Heimatprovinz aufzufordern. Ich
-habe mich auch bereits durch die moderne Erfindung, den sprechenden
-Draht, mit meinem Superus in Verbindung gesetzt und mir einen Urlaub
-erwirkt, der mir gewährt wurde, da ich, außer bei amtlichen Anlässen,
-noch nie Ferien gemacht habe. Aber diesmal will ich es tun.“</p>
-
-<p>„Hast du auch schon ein Ziel für unsere Reise ins Auge gefaßt?“</p>
-
-<p>„Jawohl, mein Sohn, ich dachte schon gestern, — wir wandern doch
-natürlich zu Fuß, wie wir es so oft getan haben, — auf Umwegen nach
-Kerschken und Bodschwinken zu wandern, um dort die Sedanschlacht
-mitzumachen.“</p>
-
-<p>Verständnislos sah Franz ihn an; der alte Herr lachte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p>
-
-<p>„Ich habe bis heute früh auch nichts von diesem großen Ereignis gewußt.
-Aber heute früh erhielt ich einen Brief von einem lieben Freund und
-Amtsbruder aus Bodschwinken, in dem er mich zu einem Besuch dieses
-Volksfestes einladet. Vor einigen Jahren kam mir davon bereits eine
-dunkle Kunde, aber mein Gewährsmann schilderte es so, als wenn es eine
-große Narretei wäre. Die Gegend dort ist sehr wohlhabend. Die reichen
-Bauern der beiden Dörfer fühlten sich dadurch beschwert, ja beleidigt,
-daß die Bürger des nahen Marktfleckens Benkheim, meist Handwerker und
-kleine Kaufleute, einen Kriegerverein gründeten und das Sedanfest
-großartig feierten: Und der Meister von der Schul’ sann auf Rettung und
-verful darauf, die Sedanschlacht selbst aufzuführen.“</p>
-
-<p>Franz lachte laut auf. „Aber Onkel, das ist doch unmöglich, das klingt
-doch nach Schilda und Schöppenstedt! Ja, wenn es unsere braven Domnauer
-unternommen hätten ....“</p>
-
-<p>„Ein bißchen hast du recht! Und die ersten Aufführungen der
-weltbewegenden Völkerschlacht trugen eine Narrenkappe. Der Donner der
-Geschütze wurde durch Feuerwerk, durch Kanonenschläge hervorgebracht,
-nachdem die ersten Versuche,<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> aus einem Eichenstamm eine Kanone
-herzustellen, kläglich gescheitert waren. Der erste Stamm hielt die
-Ladung nicht aus, sondern flog davon beim ersten Schuß. Der zweite flog
-von seiner Unterlage rückwärts in einen Kramladen und richtete darin
-eine greuliche Verwüstung an.“</p>
-
-<p>„Aber, Onkel, das ist nichts wie ein großer Ulk, der doch gar nicht zu
-dem Ernst des weltgeschichtlichen Ereignisses paßt.“</p>
-
-<p>„Das scheint nur so, man muß auf den Kern der Sache sehen! Und da sehe
-ich eine große, wenn auch sehr naive patriotische Begeisterung. Die
-Mannschaften der beiden Dörfer teilen sich in Deutsche und Franzosen
-und schießen mit Platzpatronen wacker aufeinander los, bis am
-Nachmittag die Rothosen sich ergeben und mit den Siegern vereint nach
-Bodschwinken ziehen, um dort noch kräftig zu feiern. Im Laufe der Jahre
-ist aus den lächerlichen, kleinen Anfängen ein großes patriotisches
-Volksfest geworden, daß sehr ernst genommen werden will. Jetzt strömen
-Tausende gediente alte Soldaten alljährlich nach Kerschken, meist
-wohlhabende Bauernsöhne, richtig eingekleidet und bewaffnet, zum Teil
-auch beritten. Auch einige leichte Geschütze sind vorhanden.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p>
-
-<p>„Ist das wirklich wahr, Onkel?“</p>
-
-<p>„Mein Freund schreibt es mir und ich bin gespannt es zu sehen. Es soll,
-wenn auch im kleinen Maßstabe, ein richtiges Schlachtenbild geben. Das
-beste jedoch soll die Darstellung der großen geschichtlichen Ereignisse
-sein, wie sie der berühmte Maler Anton v. Werner in seinen Gemälden
-festgehalten hat. Da werden als lebende Bilder gestellt: ‚Die Begegnung
-unseres alten Kaisers mit Napoleon‘, ‚Die Begegnung Bismarcks mit
-Napoleon auf der Straße‘ und ihre Zusammenkunft vor dem Weberhäuschen
-bei Donchery.“</p>
-
-<p>„Aber Onkel, das ist doch ganz undenkbar!“</p>
-
-<p>„Ich kann es mir auch nicht recht vorstellen, ich nehme an, daß sie
-Schauspieler von Beruf dazu heranziehen. Na, hast du Lust, dir den
-Rummel anzusehen?“</p>
-
-<p>„Selbstverständlich, Onkel, wann müssen wir aufbrechen?“</p>
-
-<p>„Ich bin schon gerüstet und bei dir wird es auch nicht lange dauern. Im
-Ränzel etwas Wäsche, weiter brauchen wir nichts.“</p>
-
-<p>Eine Stunde später fuhren die beiden Freunde nach der Stadt, wo Franz
-den Vater treffen und<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> mit Dank von ihm Abschied nehmen wollte. Sie
-fanden ihn in der Ausspannung, wo er anzukehren pflegte, schon im
-Begriff nach Hause zu fahren. Er wünschte den beiden Wanderern alles
-Gute auf den Weg und viel Vergnügen. Am Abend erreichten sie ein
-einsames Forsthaus in der großen Heide. Der Grünrock, der vor seiner
-Tür stand, bot ein freundliches Obdach und gute Verpflegung. Die rote
-Mütze, die Franz trug, zog ihn an. Er hatte auch einen Sohn auf dem
-Gymnasium, einen Primaner, und bald stellte es sich heraus, daß Franz
-mit ihm befreundet war.</p>
-
-<p>Am andern Morgen zogen sie frohgemut ihres Weges, mitten durch
-die große Heide, wo man Stunden um Stunden gehen kann, ohne einer
-menschlichen Seele zu begegnen. Desto häufiger tauchten zwischen
-den uralten Kiefern und Fichten kleinere und größere Seenspiegel
-auf. Mittags rasteten sie in einem Pfarrhause, wo sie sich durch den
-sprechenden Draht hatten anmelden lassen. Bei guter Zeit am Nachmittag
-ging’s weiter am Ostufer des Spirding entlang. Das Masurische Meer,
-unser weitaus größter Binnensee, hatte seinen bewegten Tag. Von einem
-starken Westwind getrieben rollten mannshohe Wogen heran<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> und brachen
-sich mit donnerndem Schall auf dem seichten Strand.</p>
-
-<p>Gegen Abend erreichten sie die kleine Stadt Arys, dessen Nähe sich erst
-durch dumpfen Kanonendonner und dann durch knatterndes Gewehrfeuer
-ankündigte. Das Barackenlager des großen Truppenübungsplatzes war von
-Soldaten aller Art belegt, die dort in großen Verbänden ihre Übungen
-abhielten.</p>
-
-<p>„Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen“, meinte der Pastor, als sie
-sich eilig aus dem Windschatten einer Schwadron Reiter flüchteten, um
-den Staub nicht zu schlucken. „Früher hielt man es für unerläßlich, den
-Mut und Stolz des Kriegers durch die Farbenfreudigkeit zu erwecken und
-zu belohnen. Jetzt muß er mit dem schmucklosen Grau vorlieb nehmen, das
-ihn im Gelände unsichtbar macht. Ich glaube, mein Sohn, es wird ein
-hartes Ringen werden, wenn es nochmal zu einem Kriege kommen sollte.“</p>
-
-<p>Es hielt schwer, in dem überfüllten Städtchen ein Nachtlager zu finden;
-es war sogar mit Schwierigkeiten verbunden, in irgendeiner Gaststätte
-ein Plätzchen zu bekommen, wo man sich zu einem Abendtrunk niederlassen
-konnte. „Dreist<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> und gottesfürchtig“, wie es seine Art war, trat der
-alte Herr an einen von Offizieren besetzten Tisch heran und bat um
-Unterschlupf, der bereitwillig gewährt wurde. Die rote Mütze seines
-jungen Begleiters erregte Aufmerksamkeit, denn nicht allen war ihre
-Bedeutung bekannt. Und die Wanderer hatten Glück. Der Platzkommandant
-selbst lud sie für den nächsten Morgen zur Besichtigung des Lagers ein
-und stellte ihnen einen Freipaß aus.</p>
-
-<p>Da bekamen sie vieles zu sehen, was ihnen einen hohen Begriff von der
-Tüchtigkeit unserer Wehrmacht gab. Sie sahen Flugmaschinen, deren
-Schwere nach Zentnern zu schätzen war, sich von der Erde erheben und
-wie Vögel in der Luft kreisen. Sie sahen ungefüge Mörser, deren Donner
-ihr Ohr betäubte, nach Zielen schießen, die hinter jeder Sehweite
-lagen, und vernahmen, daß fast jeder Schuß ein Treffer war. Von einem
-überwältigenden Staunen erfüllt, wanderten sie nachmittags weiter. Mit
-starken Worten gab der Pastor unterwegs seiner Empfindung Ausdruck, daß
-wir auf unser deutsches Volk sehr stolz sein dürften.</p>
-
-<p>Gegen Abend kamen sie auf dem kleinen Bahnhof in Steinort an. Weit
-und breit kein Haus<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> zu sehen, in dem sie für die Nacht Obdach finden
-konnten. Aber der Pastor vertraute darauf, daß sich auf dem großen
-Herrensitz des uralten ostpreußischen Grafengeschlechtes auch für
-sie ein Plätzchen würde finden lassen, wo sie ihr müdes Haupt zur
-Ruhe legen konnten. Und er sollte recht behalten. Sie waren kaum eine
-Viertelstunde des Wegs gewandert, als sie von einem Auto überholt
-wurden, das kurz hinter ihnen anhielt. Aus dem Wagen erhob sich
-die gewaltige Reckengestalt des Reichsgrafen. Mit herzgewinnender
-Freundlichkeit lud er sie zum Mitfahren ein und fragte, wem der Besuch
-gälte.</p>
-
-<p>„Herr Graf,“ erwiderte der Pastor, „wir nehmen Ihre freundliche
-Einladung mit großem Dank an, ich wollte meinem jungen Freund, der
-eben sein Abiturium mit großem Glanz bestanden hat, die herrlichsten
-Eichen zeigen, die es in Ostpreußen, und ich kann wohl sagen, in
-ganz Deutschland gibt. Wir vertrauen stark auf die ostpreußische
-Gastfreundschaft, von der wir einen Unterschlupf für die Nacht
-erwarten.“</p>
-
-<p>„Darin sollen Sie sich nicht täuschen“, erwiderte der Graf lächelnd.
-„Mein Haus steht Ihnen offen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p>
-
-<p>„Wird mit bestem Dank angenommen, Herr Graf. Ich bin der Pastor des
-masurischen Kirchdorfes Schwentainen und dies ist mein junger Freund.
-Er soll Landwirt werden wie sein Vater, ein wohlhabender Bauer, dessen
-Geschlecht schon seit Jahrhunderten auf derselben Stelle dauert.“</p>
-
-<p>„Das freut mich von Ihnen, junger Mann,“ erwiderte der Reichsgraf, „der
-beste Teil unseres Volkes ist der, der an der Scholle haftet. Das gilt
-nicht nur von den alten Adelsgeschlechtern, sondern auch von unseren
-Bauern. Jetzt begrüße ich Sie mit Freude.“</p>
-
-<p>Das Auto hielt vor dem Schloß, der Hupenruf hatte die Dienerschaft
-auf die Beine gebracht. Helles Licht erstrahlte vom Portal. Bei
-der Abendtafel erfuhren die Wanderer, daß das Schloß noch andere
-Gäste barg. Einen Professor, der die ungeheuren Bücherschätze des
-Herrensitzes in Ordnung bringen sollte, und zwei kurländische Grafen,
-die in ihrer Aussprache das Ostpreußische noch weit überboten und sich
-als gute, echte Deutsche erwiesen. Mit ehrfürchtigem Staunen folgte
-Franz dem Gespräch, in dem die Hauptstädte der Welt, die bedeutendsten
-Männer der Gegenwart an ihm wie in einem Kaleidoskop vorüberzogen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p>
-
-<p>Es war der erste Blick, den er in eine Welt tat, von der ihm sein
-bisheriges Leben und die Schule kaum den Schimmer einer Ahnung
-übermittelt hatte. Der nächste Morgen brachte den beiden Wanderern
-nach der Besichtigung des Schlosses noch einen besonderen Genuß.
-Sie durchwanderten die Bogenhallen der riesenhaften, uralten
-Eichen, von denen viele schon ein ehrwürdiges Alter aufwiesen, als
-die ersten Ordensritter vor siebenhundert Jahren zum erstenmal in
-ihren Schatten lagerten. Dann fuhr der Reichsgraf seine Gäste im
-Motorboot auf dem Mauersee, den zweitgrößten masurischen Binnensee,
-spazieren. Er ist erst in der Zeit des Ordens durch die Anlage eines
-Stauwerks zu Angerburg aus einer Kette von größeren und kleineren Seen
-zusammengewachsen und entstanden. Freundliche Dörfer in Grün gebettet
-und herrliche Laubwälder umgrenzten seine Ufer.</p>
-
-<p>Erst am nächsten Nachmittag brachte sie das Auto des freundlichen
-Gastgebers nach Beynuhnen, wo sie in einem einfachen Gasthof ihr
-Nachtlager fanden. Die wenigsten Menschen im Reich wissen, was
-dieser Ort für Ostpreußen bedeutet. Da hat ein kunstbegeisterter,
-ostpreußischer Landedelmann<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> eine Sammlung der höchsten Kunstwerke des
-griechischen und römischen Altertums, natürlich nur in Abgüssen und
-Nachbildungen zusammengebracht.</p>
-
-<p>Ehrfürchtiges Staunen befing den alten Mann und den jungen, als sie
-die Meisterwerke der größten Kunstepoche der Menschheit in getreuen
-Nachbildungen vor sich sahen. Nur eine Stunde, die der Hunger ihnen
-abgenötigt, unterbrachen sie den Genuß.</p>
-
-<p>Am anderen Morgen wanderten sie weiter und kamen bald nach Mittag in
-Bodschwinken an. Unterwegs gab es des Neuen und Interessanten schon
-viel zu schauen. Hier marschierte ein Trupp Fußvolk, dort zog eine
-Schar Reiter heran, in leuchtende Uniform gekleidet, fast alle mit
-Musik an der Spitze.</p>
-
-<p>In den beiden großen Dörfern wimmelte es von Menschen wie in einem
-aufgestörten Ameisenhaufen. An ein Unterkommen war nicht zu denken.
-Jedes Haus war schon bis unter die Dachsparren mit Gästen gefüllt.
-Selbst auf den Tennen in den Scheunen waren Strohlager hergestellt.
-Auch der Amtsbruder des Pastors konnte sie nicht aufnehmen. Er
-veranlaßte jedoch einen Freund, sie<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> zur Nacht mit sich auf sein Gut zu
-nehmen. Vorher jedoch gab es noch viel zu schauen.</p>
-
-<p>Die deutschen Truppen bezogen rings um die Dörfer auf den Höhen
-ihre Biwaks. Überall loderten die Wachtfeuer, an dem die Mannschaft
-abkochte. Militärkapellen spielten abwechselnd. Dazwischen wurden
-unermüdlich patriotische Lieder gesungen: „Die Wacht am Rhein“,
-„Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben“, „Siegreich wollen wir
-Frankreich schlagen“ usw. Die französischen Truppen bezogen ihre
-Stellungen rings um einen einsamen im Tal liegenden Bauernhof, der
-Sedan darstellte. Die Generäle Mac Mahon und Wimpffen, ja selbst der
-Kaiser Napoleon in echten, goldstrotzenden Uniformen waren zu sehen.</p>
-
-<p>Der französische Kaiser war ein kleines Männchen mit mächtigem Schnurr-
-und Knebelbart, das sich in seiner Rolle nicht wohlzufühlen schien und
-sich augenscheinlich schon etwas Mut angetrunken hatte.</p>
-
-<p>Von dem Gutsbesitzer erfuhren die beiden Wanderer abends die
-ergötzliche Vorgeschichte dieser Rollenbesetzung. Zwei Jahre vorher
-war dem Dorfschmied, der den Bismarck darstellte, bei der Szene vor
-dem Weberhäuschen in Donchery<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> das patriotische Gefühl übergelaufen.
-Er packte plötzlich den Tagelöhner, der den Napoleon schon seit Jahren
-spielte, und verprügelte ihn unter dem tosenden Jubel der Menge.</p>
-
-<p>Wenn dieses Ereignis auch nicht der historischen Wahrheit entsprach,
-so befriedigte es um so mehr das Gerechtigkeitsgefühl der Menge, daß
-dieser Erzbösewicht, der Friedensstörer Europas, gründlich abgestraft
-wurde und die Meinung ging allgemein dahin, daß diese Bestrafung
-Napoleons alljährlich zur Bereicherung des Festes wiederholt werden
-müßte. Aber der Bismarck schlug eine so kräftige Faust, daß der
-Tagelöhner sich selbst gegen eine ansehnliche Belohnung nicht mehr
-bereitfinden ließ, im nächsten Jahr den Napoleon zu spielen.</p>
-
-<p>Doch Bismarck wußte Rat. Als im nächsten Herbst ein Stromer ahnungslos
-durchs Dorf zog, der einen großen Vollbart trug, wurde er kurzerhand
-wegen Bettelns festgenommen und eingesperrt. Er wurde gut verpflegt
-und ließ sich bereitfinden, den Napoleon zu spielen. Sein Bart wurde
-zugestutzt, die Uniform zugepaßt, und er spielte nach einigen Proben
-seine Rolle ganz gut. Bloß zum Schluß war er unangenehm überrascht, als
-Bismarck vor dem Weberhäuschen ihn plötzlich an<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> den Kragen nahm und
-verprügelte. Aber er nahm das gebotene Schmerzensgeld und drehte dem
-Dorf den Rücken.</p>
-
-<p>Im nächsten Jahr versagte dies Auskunftmittel, denn alle Stromer
-mieden die beiden Dörfer schon von Mitte des Sommers an. Doch auch
-diesmal wußte Bismarck sich zu helfen. Er gewann für die Rolle des
-Napoleon einen Flickschuster aus Benkheim, den die hohe Summe von
-dreihundert Mark, die er als Schmerzensgeld erhalten sollte, lockte.
-Seine gedrückte Stimmung war durchaus erklärlich, denn er kannte den
-Knalleffekt des Tages, bei dem er der leidende Teil sein sollte.</p>
-
-<p>Am anderen Tage entbrannte schon frühmorgens die Schlacht. Durch die
-stille Luft vernahm man das Knattern der Gewehre und die dumpfen
-Kanonenschläge. Wie verabredet, war man im Gutshause schon bei
-Tagesgrauen aufgestanden, um aufs Schlachtfeld zu fahren. Beim
-Frühstück bot sich den Gästen ein rührendes, entzückendes Bild. Die
-älteste Tochter des Hauses, die trotz ihrer sechzehn Jahre schon dem
-verwitweten Vater die Wirtschaft führte, erschien mit ihren fünf
-jüngeren Schwestern, die zur Feier des<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> Tages in Weiß gekleidet,
-wie die leibhaftigen Engel aussahen. Liesel, die älteste, war eine
-zierliche Elfengestalt mit blauen Augen und blonden Haaren, das sich
-in natürlichen Locken um ihre Stirn ringelte. Zutraulich begrüßten die
-Kinder ihre Gäste. Der Pastor nahm die beiden Jüngsten auf sein Knie
-und herzte sie.</p>
-
-<p>Franzens Blick hing mit stillem Entzücken an dem liebreizenden Mädel,
-das alle mit mütterlicher Sorgfalt bediente und mit freudigem Stolz
-ihren wohlgeratenen Kuchen anbot. Einen umfangreichen Eßkorb hatte sie
-schon vorher vollgepackt. In zwei Wagen wurde die Fahrt angetreten.
-Bald war man mitten im Schlachtgetümmel. Immer enger schloß sich der
-Kreis um Sedan. Jetzt bekam man auch die deutschen Heerführer zu sehen.
-Der Pastor vermochte sein Erstaunen kaum in Worte zu fassen. Er rief
-bloß: „Da brat’ mir einer ’nen Storch.“</p>
-
-<p>„Aber die Beine recht knusprig“, fügte Liesel lachend hinzu.</p>
-
-<p>Und die Verwunderung war durchaus berechtigt. Der Bismarck, der in
-Kürassieruniform auf einem mächtigen Gaul saß, glich, obwohl ein wenig
-kleiner, aufs Haar seinem geschichtlichen<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> Vorbild. Dasselbe konnte man
-von Moltke, Roon und vor allen Dingen von Kaiser Wilhelm sagen, der von
-dem Gendarmen mit täuschender Ähnlichkeit gespielt wurde.</p>
-
-<p>Schon gegen Mittag stieg auf Sedan die weiße Fahne hoch, und bald
-darauf nahte der französische General Reille und wurde von Kaiser
-Wilhelm empfangen, genau so wie es auf dem bekannten Gemälde
-dargestellt ist. Moltke nahm den aus der Geschichte bekannten
-Brief Napoleons in Empfang und verlas ihn mit lauter Stimme, erst
-französisch, dann deutsch.</p>
-
-<p>Ein unbeschreiblicher Jubel brach los. Und die Bedeutung jener großen
-geschichtlichen Ereignisse drang mit so überwältigender Kraft in alle
-Gemüter ein, daß man sie mitzuerleben vermeinte. Bewegt trocknete
-der Pastor die feucht gewordenen Augen. Die Erinnerung an die schöne
-Jugendzeit stieg in ihm auf, wie er als Junge von zwölf Jahren den
-gewaltigen Sieg gefeiert, der Deutschlands Stämme zusammenschweißte.
-Deutlich erinnerte er sich an den Taumel der Begeisterung, von dem ganz
-Deutschland erfaßt war.</p>
-
-<p>Der weitere Verlauf des Festes wurde äußerst empfindlich durch Napoleon
-gestört. Er hatte in<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> seiner Angst einen Fluchtversuch gemacht und war
-von seinen eigenen Truppen gefangengenommen worden. Erst als er von
-Bismarck die ehrenwörtliche Versicherung erhielt, daß er keine Prügel
-bekommen würde, spielte er seine Rolle weiter. Nun konnten die anderen
-lebenden Bilder dargestellt werden.</p>
-
-<p>Es war ein patriotischer Anschauungsunterricht, dessen Bedeutung
-nicht überschätzt werden kann. Natürlich fehlte es auch nicht an
-anders gearteten Volksbelustigungen. Auf dem geräumigen Dorfanger in
-Bodschwinken drängte sich Bude an Bude, Zelt an Zelt. Da kreisten
-die Karussels, da sausten die Luftschaukeln. Franz machte sich das
-Vergnügen, alle sechs Mädels auf den Rummelplatz zu führen und sie alle
-Genüsse auskosten zu lassen.</p>
-
-<p>Von ihrem Eifer und kindlicher Freude angesteckt, schwang er sich neben
-Liesel auf einen hölzernen Rappen und ließ sich nach den schmetternden
-Klängen eines Musikwerks im Kreise herumschwenken. Holdselig lächelnd
-streckte ihm Liesel mit kindlicher Unbefangenheit die Hand entgegen.
-Wie in einem glücklichen Traum fuhr er neben ihr dahin. Immer und
-immer wieder forderten die<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> Kleinen eine Wiederholung der Fahrt und
-Franz gewährte sie ihnen, bis Liesel ihm Einhalt geboten. Von einem
-unendlichen Glücksgefühl erfüllt, saß er, von den kleinen Mädchen
-umgeben, die sich um seine Knie drängten, neben der Ältesten in dem
-Gehege der Seiltänzer, die bei bengalischer Beleuchtung auf dem
-schwankenden Seil hin und her fuhren, oder am schwebenden Trapez
-halsbrecherische Kunststücke ausführten.</p>
-
-<p>Als es für die Kleinen Zeit war, nach Hause zu fahren, schloß sich
-Franz ihnen an. Er sah zu, wie das kleine Mädchen ihre jüngeren
-Geschwister abfütterte, sie entkleidete, und ihnen im Bettchen zum
-Nachtgebet die Hände faltete. Dann saßen Liesel und Franz in der
-stillen, warmen Herbstnacht auf der Veranda zusammen und plauderten wie
-zwei gute Freunde.</p>
-
-<p>Erst am nächsten Nachmittag nahmen sie Abschied von dem gastlichen
-Hause und fuhren mit der Bahn nach Hause, wo sie spät am Abend
-anlangten.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_7">7. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Am nächsten Morgen schon stand Franz bei Tagesgrauen auf, um
-die Knechte und Mägde beim Füttern der Pferde und des Viehes zu
-beaufsichtigen. Als er zum Frühstück in die Stube kam, sah er der
-Mutter an, daß sie geweint hatte. Sie war sehr still und sprach kein
-Wort. Das war ihm unerträglich. Er sprang auf und faßte sie um.
-„Mutter, bist du böse auf mich?“</p>
-
-<p>Sie strich ihm die Haare zurück und sah ihm liebevoll in die Augen.
-„Nein, mein Junge, ich bin nur traurig, weil du mir den einzigen großen
-Wunsch meines Lebens nicht erfüllen willst.“</p>
-
-<p>„Ich kann nicht, Mutter! Wenn ich mich fürs Studium entschieden hätte
-oder später nach der Probezeit, die ich mir gesetzt habe, würde ich
-doch unter keinen Umständen Pastor werden, sondern Naturwissenschaften
-oder Medizin studieren.“</p>
-
-<p>„Damit muß ich mich zufrieden geben. Aber sag’ mal, mein Junge, hast du
-den Entschluß ganz aus freien Stücken gefaßt ...?“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p>
-
-<p>Franz sah sie fest an. „Nein! Der Onkel hat es mir nahegelegt, Vaters
-Wunsch zu erfüllen. Da ist es mir durch den Kopf gefahren: wenn der
-Vater mich auf der landwirtschaftlichen Hochschule studieren läßt ....“</p>
-
-<p>„Das ist doch selbstverständlich“, fiel Rosumek ein.</p>
-
-<p>„... dann kann ich auch auf der Universität die Vorlesungen hören ....“</p>
-
-<p>„Und dann springst ab von der Landwirtschaft“, meinte der Schulze
-ruhig. „Mutter, gib dich zufrieden! Ich sehe es schon kommen, daß er
-weder Landwirt noch Pastor wird ... Darin müssen wir uns fügen. Trink
-deinen Kaffee und dann zieh dich gut an, wir wollen beide heute gleich
-zum Oberamtmann Strehlke nach Polommen fahren, ob er dich als Lehrling
-aufnimmt ...“</p>
-
-<p>„Als Eleve, Vater ...“</p>
-
-<p>„Nein, als Lehrling. Er soll dich nicht mit Handschuhen anfassen,
-sondern überall hinstellen, wo es etwas zu lernen gibt, genau so, wie
-ich es bei seinem Vater durchgemacht habe. Wenn du dann standhältst,
-bist du echt ...“</p>
-
-<p>Ein wenig bedrückt stieg Franz zu seinem<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> Stübchen hinauf. Er
-hatte sich schon das Jahr auf einem großen Gut recht angenehm
-ausgemalt. Lernen wollte er alles, was es zu lernen gab, das war
-selbstverständlich Aber daneben wollte er auch etwas freie Zeit haben,
-um sich mit seinen geliebten Büchern beschäftigen zu können. Ab und zu
-auch auf die Jagd gehen ... Er mußte sich ordentlich einen Ruck geben,
-um seinen Entschluß nicht jetzt schon zu bereuen. Er nahm seinen guten
-Rock aus dem Schrank und begann, die Alberten rauszuziehen. Einen zog
-er aus, bog die Nadel etwas ein und verwahrte ihn besonders in einem
-Schächtelchen. Ein sonniges Leuchten ging dabei über sein Gesicht.</p>
-
-<p>Auf der Fahrt sprach der Vater wenig. Nur ab und zu machte er eine
-Bemerkung über den Boden und den Stand der Felder. Franz hörte still
-zu. Seine Gedanken liefen voraus in das Haus, in dem er sein nächstes
-Lebensjahr zubringen sollte. Der Oberamtmann galt als der beste
-Landwirt weit und breit. Sein Betrieb lief wie am Schnürchen, sein Vieh
-erhielt auf jeder Ausstellung die ersten Preise. Aber was war er für
-ein Mensch? Gut und milde oder scharf und grob?</p>
-
-<p>In Polommen ließ Rosumek das Fuhrwerk<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> am Tor halten und ging allein
-ins Herrenhaus. Schon nach wenigen Minuten erschien er wieder auf
-der Treppe und winkte Franz ... Aus einem Korbstuhl hob sich eine
-mächtige Gestalt. Ein blonder, großer Bart, der bis auf die Brust hinab
-reichte, bedeckte sein Gesicht, aus dem zwei scharfe graue Augen den
-eintretenden Jüngling musterten. Eine breite, starke Hand streckte sich
-ihm entgegen.</p>
-
-<p>„Sie bringen eine gute Empfehlung mit, junger Freund, Ihren Vater, der
-mir in meiner Lehrzeit manche unangenehme Arbeit abgenommen hat. Also
-Sie wollen Ihre Lehrzeit bei mir durchmachen?“ Gewaltig dröhnte die
-Stimme im tiefsten Baß.</p>
-
-<p>„Ja, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz tapfer mit festem Blick.</p>
-
-<p>„Na, Sie haben wohl schon bei Ihrem Vater etwas in die Wirtschaft
-hineingerochen und können Roggen von Hafer unterscheiden. Das ist auch
-schon etwas wert, aber leicht ist der Dienst auf einem großen Gut
-nicht, und wer mal selbst befehlen will, muß erst gehorchen gelernt
-haben. Doch das sind Binsenwahrheiten, die Ihnen wohl auch geläufig
-sind. Aber eins muß ich Ihnen noch<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> sagen: ich poltere oftmal los ...
-das ist nicht weiter gefährlich ... aber wenn ich platt rede, wie Ihr
-Freund und Onkel Uwis, den ich sehr hoch schätze — ich bitte, ihn von
-mir zu grüßen —, dann tut man gut, mir eine Weile aus den Augen zu
-verschwinden.“</p>
-
-<p>Er lachte dabei so herzlich, daß bei Franz jede Befangenheit schwand.
-„Ich werde mir Mühe geben, Ihre Zufriedenheit zu erringen.“</p>
-
-<p>„Geschenkt! Das ist doch die erste Vorbedingung. Also abgemacht,
-sela. Zum 1. Oktober treten Sie an. Und nun wollen wir nach dieser
-anstrengenden Tätigkeit frühstücken.“</p>
-
-<p>Er führte seine Gäste in das Nebenzimmer, wo bereits der Tisch mit all
-den guten Sachen, die es in einem Gutshause gibt, gedeckt war. Bald
-darauf trat die Frau des Hauses ein, eine hohe, schlanke Gestalt, mit
-reichem kastanienbraunem Haar und einem überaus freundlichen Lächeln
-auf dem schönen Gesicht. Gleich darauf stürmten zwei Knaben von sieben
-und fünf Jahren herein. Als sie die fremden Gäste erblickten, machten
-sie einen tiefen Diener und gaben beiden die Hand. Dann stieg der
-Jüngere seinem Vater auf das Knie, faßte mit beiden Händen in den Bart
-und<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> gab ihm einen Kuß. Ganz warm stieg es bei diesem Anblick in Franz
-auf. Sein zukünftiger Lehrmeister war sicher ein herzensguter Mann, der
-keinem Unrecht tat.</p>
-
-<p>Die vier Wochen, die Franz noch zu Hause weilte, vergingen ihm wie im
-Fluge. Er stand mit dem ersten Hahnenschrei auf und half den Tag über
-wacker bei der Ernte. Abends sank er totmüde ins Bett. Die Mutter war
-mit seiner Tätigkeit durchaus nicht einverstanden. Er sollte sich nach
-der schweren Vorbereitungszeit fürs Examen erholen, anstatt sich so
-anzustrengen. Aber Franz ließ sich nicht beirren. Und Onkel Uwis lobte
-ihn, wenn er mal abends auf ein halbes Stündchen zu ihm ging. Auch
-einen Teil der Saatzeit machte Franz noch beim Vater durch. Öfter wurde
-er vom Felde nach Hause geholt, um Wäsche oder ein neues Kleidungsstück
-anzuprobieren. Denn die Mutter stattete ihn sehr reichlich aus und
-schärfte ihm bei öfteren Ermahnungen ein, daß er sich zu jeder Mahlzeit
-im Herrenhause umziehen müsse.</p>
-
-<p>„Du fragst einfach die gnädige Frau, wie du zu Tisch erscheinen
-sollst. Sagt sie: wie Sie angezogen sind, dann ziehst du dir die
-neuen Kniestiefel und die neue Joppe an und nimmst dir<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> einen reinen
-Kragen um. Du kannst ihn ja nach dem Essen wieder gegen den anderen
-vertauschen.“</p>
-
-<p>Lächelnd hörte Franz die Mutter an. Zum Schluß faßte er sie um und
-versicherte ihr, daß er alle ihre Ermahnungen beherzigen werde. Er
-wußte: das Mutterherz würde ihn auch in die Fremde begleiten und um ihn
-sorgen.</p>
-
-<p>Am Tage vor seiner Abreise ging Franz zu Frau Grigo. Lotte empfing ihn
-und plauderte mit ihm, bis die Mutter aus der Küche hereinkam. Ein von
-Sorgen und schwerer Arbeit zermürbtes Frauchen. Nachdem sie ihm einen
-Sack voll guter Wünsche auf den Lebensweg mitgegeben hatte, fragte sie
-plötzlich, ob es wahr wäre, daß es bald Krieg gäbe. Erstaunt zuckte
-Franz die Achseln. „Das weiß ich nicht, Tante. Es ist schon so oft
-davon geredet worden, daß wir mit Rußland Krieg bekommen sollen, aber
-bis jetzt ist es doch noch nicht eingetroffen. Für uns hier an der
-Grenze wäre es ein großes Unglück.“</p>
-
-<p>„Ja, ein sehr großes Unglück, mein lieber Franz.“</p>
-
-<p>Abends, als er mit den Eltern bei Onkel und Tante Uwis war, erzählte
-er von der sonderbaren Frage der Lehrerwitwe. Der Pastor blies dicke<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span>
-Rauchwolken aus seiner Pfeife. „Ich bin in den letzten Tagen auch oft
-danach gefragt worden. Da hat irgendein Esel sich den Spaß gemacht, das
-Gerede unter die Leute zu bringen.“</p>
-
-<p>„Also du hältst nichts davon, Onkel?“</p>
-
-<p>„Das ist eine andere Frage, mein lieber Junge. Ich weiß ja nicht mehr,
-als was in den Zeitungen steht, aber ich habe das Gefühl, als wenn wir
-hier in Ostpreußen und namentlich wir hier an der Grenze wie auf einem
-Pulverfaß leben. Es braucht nur ein Funke hineinzufallen, dann fliegen
-wir in die Luft. Und Funken fliegen genug umher. Ich denke jedoch, wir
-tun nicht gut, uns heute mit diesen Sorgen das Herz zu beschweren. Wir
-müssen hinnehmen, was Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß über
-uns verhängt und damit basta. Hier hast du etwas auf die Reise.“ Er
-reichte ihm einen verschlossenen Brief. „Den gib deinem Lehrherrn mit
-einem schönen Gruß von mir. Ermahnungen brauche ich dir nicht mit auf
-den Weg zu geben. Ich weiß, daß du deinen Eltern und mir keine Schande
-machen wirst.“</p>
-
-<p>Am andern Morgen brachte Rosumek seinen Jungen selbst nach Polommen.
-Er bekam im<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Beamtenhaus ein freundliches Stübchen angewiesen, packte
-seine Sachen aus und ging dann ins Herrenhaus, um sich anzumelden. Der
-Oberamtmann empfing ihn kurz angebunden. „Gleich nach Mittag ziehen Sie
-sich einen derben warmen Anzug an, denn Sie werden die Kartoffelgräber
-beaufsichtigen. Jetzt stellen Sie sich dem Oberinspektor Balk vor, der
-Sie unter seine Obhut nehmen und Ihnen die nötigen Anweisungen erteilen
-wird. Wenn Sie irgendein Anliegen an mich haben, bin ich für Sie
-jederzeit zu sprechen.“</p>
-
-<p>„Aller Anfang ist schwer, sagte der Teufel, da stahl er einen Amboß.“
-Mit grimmigem Humor murmelte Franz die Worte vor sich hin, während
-er hinter der Reihe der Kartoffelgräber langsam auf und ab ging. Er
-hatte sich warm angezogen, aber der starke Nordwind drang doch durch
-die dicke Jacke und das wollene Unterzeug, so daß er froh war, als er
-hinter dem Wagen, der die letzten Säcke vom Felde holte, nach Hause
-ging. Und der heiße Kaffee, den ihm das Mädchen brachte, schmeckte
-ihm, wie ihm schon lange nichts geschmeckt hatte. Dann wurde er in
-die Ställe geschickt, um das Füttern der Pferde zu beaufsichtigen.
-Beim Abendbrot lernte er einen „Leidensgefährten“,<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> Hans Kolbe,
-kennen, einen langaufgeschossenen Kaufmannssohn aus der Stadt, der in
-Königsberg auf einer Presse sich das Einjährigenzeugnis geholt hatte
-und schon ein halbes Jahr die Landwirtschaft erlernte. Er lud Franz
-nach dem Essen auf seine Bude zu einem Glas Grog ein und weihte ihn mit
-großer Selbstgefälligkeit in die Geheimnisse des Gutes ein.</p>
-
-<p>Der Oberinspektor sei gutmütig und lasse sich leicht ein X für ein U
-machen. Er zitterte vor dem Oberamtmann; das sei ein Deuwelskerl ...
-der sähe alles und wüßte alles ... Franz hörte ruhig zu, aber die Art
-des jungen Menschen mißfiel ihm vom ersten Augenblick an, und als er
-gar mit seinen intimen Beziehungen zu verschiedenen Scharwerksmädeln
-zu prahlen begann, stand Franz auf und verabschiedete sich mit kurzem
-Dank. Er sei müde und müsse morgen früh aufstehen ...</p>
-
-<p>Ganz allmählich gewöhnte sich Franz in seinen Wirkungskreis ein. Der
-Dienst wurde leichter, nachdem die Kartoffeln und Rüben geborgen waren.
-Aber tagaus tagein an der Dreschmaschine stehen, war gerade auch kein
-Vergnügen. Er überwand jedoch mit festem Willen<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> die trübe Stimmung,
-die ihn oft zu beschleichen drohte und tröstete sich mit dem Gedanken
-an den Sommer, wo es wohl auch viel Arbeit geben würde, aber anderer
-Art und in freier Luft ...</p>
-
-<p>An jedem Sonntag wurden die beiden jungen Leute zu Mittag ins
-Herrenhaus gebeten. Gleich beim erstenmal fiel es Franz auf, daß die
-Hausfrau seinen „Leidensgefährten“ ganz unbeachtet ließ, während
-sie sich mit ihm freundlich teilnehmend über seine Eltern und Onkel
-Uwis unterhielt. Er hatte das Gefühl, als wenn der Frau des Hauses
-die zärtlichen Beziehungen Kolbes zur Weiblichkeit des Hofes nicht
-unbekannt wären und daß sie ihn deshalb so fühlbar schnitt. Am zweiten
-Sonntag fragte sie Franz, was er am Nachmittag und Abend triebe.</p>
-
-<p>„Ich habe mir einige Lehrbücher der Landwirtschaft mitgebracht, gnädige
-Frau, und beschäftige mich damit. Ich nehme auch manchmal meinen Horaz
-und Homer vor, um meine Schulkenntnisse nicht zu verlieren ...“</p>
-
-<p>„Das gefällt mir, Franz“, lobte die Frau. „Heute möchte ich Sie mit
-Beschlag belegen. Wollen Sie zum Kaffee wiederkommen und den Abend bei
-uns verleben?“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p>
-
-<p>„Sehr gern, gnädige Frau, nehme mit Dank an.“</p>
-
-<p>„Sie Musterknabe haben sich ja schon bei der Gnädigen lieb Kind
-gemacht“, meinte Kolbe mit deutlichem Ärger in der Stimme, als sie aus
-dem Herrenhause traten. „Mich behandelt sie wie Luft.“</p>
-
-<p>„Sie werden wohl durch irgend etwas das Mißfallen der gnädigen Frau
-erregt haben“, sagte Franz ruhig.</p>
-
-<p>Ende November gab es eine angenehme Abwechselung durch die große
-Treibjagd, die der Oberamtmann veranstaltete. Schon einige Tage vorher
-ließ er auf dem Schlag hinter der Scheune die Treiber dazu einüben. Es
-wurde ein Kessel angelegt. Von zwei gegenüberliegenden Punkten wurden
-die Treiber abgelassen. Die Flügel wurden von den beiden Kämmerern
-und den Lehrlingen geführt. Der Oberamtmann ritt im Kessel umher und
-sprengte sofort auf die Stelle zu, wo sich zwischen den Treibern eine
-Lücke bildete. Dann donnerte und wetterte er, daß es weit übers Feld
-schallte. Am Jagdtage trafen die Gäste schon bei Tagesgrauen ein. Nach
-einem kräftigen Frühstück brach die Gesellschaft auf. Es war in der
-Nacht<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> etwas Schnee gefallen. Hell und klar ging die Sonne auf. Dazu
-wehte ein frischer Ost. Das richtige Jagdwetter.</p>
-
-<p>Franz durfte seine Flinte führen und schießen. Er hatte guten Anlauf
-und übereilte sich nicht, so daß er mit der Anzahl der von ihm erlegten
-Hasen immer unter den Ersten war. Sein Leidensgefährte war kein Jäger,
-er ging als Treiber mit.</p>
-
-<p>Als beim Schüsseltreiben das Jagdergebnis verlesen wurde, rief Frau
-Oberamtmann ein lautes Bravo, als Franzens Name genannt und sein
-Weidmannsheil verkündet wurde. Nach Aufhebung der Tafel setzten sich
-die alten Herren an die Spieltische. Das junge Volk vergnügte sich
-durch ein Tänzchen. Die Hausfrau holte Franz aus dem Spielzimmer und
-stellte ihn mehreren jungen Mädchen vor ... Es war ein schöner Tag und
-Abend, an den Franz noch oft mit großem Vergnügen zurückdachte.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_8">8. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Es war gut, daß Grinda seiner Nichte die Schlüssel übergeben hatte
-als er wegfuhr, denn sein Stellvertreter, ein entfernter Verwandter,
-eignete sich zum Krugwirt, wie ein Igel zum Sitzkissen. Er vergaß sich
-nie ein Gläschen einzuschenken, wenn die Arbeiter Schnaps tranken.
-Ja, er verlangte von Olga auch die Schlüssel, aber sie war klug und
-energisch und gab sie nicht heraus.</p>
-
-<p>Walter war unter dem Vorwand eines Pirschganges in den Wald gefahren
-und gegen Abend in der Waldschänke eingekehrt. Er fand dort eine
-Gesellschaft, alles junge Leute aus der Stadt, die ihm unbequem waren,
-und da er auch mit der Möglichkeit rechnen mußte, daß der Vater
-unverhofft heimkehren könnte, fuhr er zum Abendbrot nach Hause. Arglos
-erzählte ihm die Mutter, daß der Vater ihr durch den Fernsprecher
-mitgeteilt hätte, er werde erst am nächsten Vormittag nach Hause
-kommen. Er leistete ihr Gesellschaft und erfreute sie durch eine
-eingehende<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> Schilderung alles dessen, was er sich im nächsten Semester
-einpauken lassen werde, um im Frühjahr das Examen zu machen. Dann
-setzte er sich ans Klavier, das er meisterhaft beherrschte, obwohl er
-nie strengen Unterricht gehabt und alles nur nach dem Gehör spielte.</p>
-
-<p>Als die alte Dame sich um zehn Uhr zur Ruhe begab, ging er auf sein
-Zimmer und schlich wenige Minuten später wieder hinunter, nahm sein
-Rad und fuhr in die Stadt ins Café. Die Mehrzahl der soliden Bürger
-hatte sich bereits entfernt, nur der große Tisch war noch von einer
-Gesellschaft älterer Offiziere besetzt, die sich lebhaft unterhielten.
-Er ließ sich an einem kleinen Tisch nieder und bestellte sich ein
-Glas Bier. Der Ober, der ihn nur durch eine vertrauliche Kopfbewegung
-begrüßt hatte, stand dicht am Offizierstisch. Kaum daß einer der Herren
-seine Tasche zog, um sich eine neue Zigarre oder Zigarette anzustecken,
-war er schon mit dem brennenden Streichholz bei der Hand. Jedes
-geleerte Glas ergriff er, füllte es und brachte es schnell zurück. Die
-Offiziere hatten keinen Argwohn dabei, denn sie waren es gewohnt, von
-dem Ober so aufmerksam bedient zu werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p>
-
-<p>In Walter stieg wieder der Verdacht auf, der ihm zuerst so
-ungeheuerlich erschienen war. Aber auch jetzt wollte es ihm wenig
-wahrscheinlich erscheinen, daß der Mann ein anderes, als ein ganz
-allgemeines Interesse an dem Gesprächsstoff der Offiziere nehmen
-könnte, der damals schon alle Menschen an der russischen Grenze
-beschäftigte. Aber die Tatsache war doch nun einmal da, daß der Mann
-alles hörte, was die Offiziere sprachen.</p>
-
-<p>Als die Herren aufbrachen, begab Walter sich in die Spielzimmer. Eine
-Anzahl junger Leute hatte sich zusammengefunden, um Kartenlotterie zu
-spielen. Er konnte dem geistlosen Spiel, das er langweilig fand, kein
-Interesse abgewinnen und sah zu, ohne eine Karte zu kaufen. Es wurde
-ziemlich hoch gespielt und scharf getrunken. Denn die Bank, die von
-jedem großen Los ein Zehntel ablegen mußte, hielt die Spieler frei.
-Die Einrichtung der Abgabe war ebenso sinnreich wie einfach. Auf dem
-Tisch stand ein großes Glas, zur Hälfte mit Wasser gefüllt, in das der
-Betrag geworfen wurde. Das ergab einen großen Verdienst für den Ober,
-der selbst, wenn die Spieler scharf tranken, noch einen erheblichen
-Überschuß behielt.</p>
-
-<p>Bald darauf betraten drei wohlhabende<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> Handwerker das Zimmer. Sie
-forderten den ihnen bekannten Walter auf, mit ihnen zu pokern. Das
-war ein Spiel nach seinem Geschmack. Da konnte man selbst mit einer
-schlechten Karte, wenn man es nur geschickt anfing, die Mitspieler
-blüffen. Er hatte etwa eine halbe Stunde mit wechselndem Glück
-gespielt, als er merkte, daß der Ober leise, wie es seine Art war,
-hinter ihn trat. Gleichgültig nahm er seine fünf Karten auf. Er hatte
-drei Asse, eine Sieben und eine Acht. Ohne sich zu besinnen, legte
-er die Sieben ab und kaufte eine neue Karte dazu. Mit unbeweglichem
-Gesicht nahm er diese auf und warf sie nach flüchtigem Blick auf die
-andern. Es war das vierte Aß. Das konnte ein großer Schlag werden,
-aber nur, wenn auch einer der Mitspieler ein starkes Gegenspiel in der
-Hand hatte. Walter hatte Mühe, sich zu beherrschen und seine Freude zu
-verbergen, als der erste Spieler fünfzig Mark anwettete.</p>
-
-<p>„Die Fünfzig bringe ich und setze noch Einhundert vor“, sagte Walter
-möglichst gleichmütig.</p>
-
-<p>„Die Hundert und noch Zweihundert.“</p>
-
-<p>Blitzschnell überlegte Walter. Wollte sein Gegner ihn rausblüffen, oder
-hatte er auch ein starkes Spiel in der Hand.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p>
-
-<p>„Die Zweihundert und noch Zweihundert.“</p>
-
-<p>„Die Zweihundert und noch Fünfhundert.“</p>
-
-<p>Kalt lief es Walter über den Rücken. Soviel Geld hatte er ja nicht mehr
-bei sich. Wenn er nicht wenigstens die fünfhundert Mark nachsetzte,
-zog der Gegner den ganzen Gewinn ein, ohne überhaupt nur seine Karte
-aufdecken zu müssen. Da fühlte er eine leise Berührung seiner linken
-Seite. Er griff instinktmäßig hin und fühlte eine Hand, die ihm
-einen Bündel Banknoten zusteckte. Erst fuhr er mit einer Hand in die
-Seitentasche seiner Joppe, als wenn er von dort das Geld herausnahm,
-dann warf er die Scheine auf den Tisch. Es waren nach flüchtiger
-Schätzung mindestens zweitausend Mark.</p>
-
-<p>„Die Fünfhundert und noch Tausend.“</p>
-
-<p>Hochrot vor Aufregung warf sein Gegner, ein dicker Fleischermeister,
-die tausend Mark auf den Tisch. „Zum Teufel, was haben Sie denn? Ich
-will sie wenigstens sehen.“</p>
-
-<p>Kaltblütig deckte Walter seine vier Asse auf.</p>
-
-<p>Wütend warf der Fleischermeister seine Karten weg. „Sie haben ein
-fürchterliches Schwein, ich habe vier Könige gehabt.“</p>
-
-<p>Eine Weile später landete Walter noch einen<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> zweiten, etwas kleineren
-Gewinn, indem er mit einer schwachen Karte seine Gegner blüffte.</p>
-
-<p>Gegen zwei Uhr mahnte der Ober zum Aufbruch.</p>
-
-<p>Walter zögerte, bis die andern Gäste gegangen waren.</p>
-
-<p>„Jetzt, lieber Ober, müssen wir abrechnen. Was habe ich von gestern zu
-bezahlen und was haben Sie mir heute gegeben. Und dann möchte ich mich
-noch durch eine Flasche Rotwein revanchieren.“</p>
-
-<p>Das Geldgeschäft war bald zur beiderseitigen Befriedigung erledigt und
-die Gläser gefüllt.</p>
-
-<p>„Ich wollte Sie mal was fragen“, begann Walter zögernd. „Mir scheint,
-Sie haben viel Interesse für gute militärische Nachrichten.“</p>
-
-<p>Mit feinem Lächeln schüttelte der Ober den Kopf.</p>
-
-<p>„Nicht mehr als jeder Deutsche an der Zuspitzung unserer Beziehungen
-mit Rußland hat. Wenn Sie besonders gute und wichtige Nachrichten
-über russische Verhältnisse haben, dann wenden Sie sich am besten an
-die Offiziere, mit denen Sie ja bekannt sind. Es müssen aber sehr
-wichtige Nachrichten sein. Denn soviel ich weiß, kennen alle<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> Staaten
-voneinander und von den militärischen Geheimnissen der Gegner im
-allgemeinen mehr als man glaubt. Denn jeder Staat unterhält, wie ich
-neulich gehört habe, einen Nachrichtendienst, der bei den Nachbarn
-alles zu erforschen sucht, was wissenswert erscheint.“</p>
-
-<p>„Das muß doch nicht genügen,“ erwiderte Walter eifrig, „denn gestern
-ist der Wirt der Waldschänke über die Grenze gefahren, um die Standorte
-der russischen Truppen im polnischen Bezirk auszukundschaften.“</p>
-
-<p>„Das ist ein gefährliches Unternehmen,“ erwiderte der Ober ruhig,
-„denn die Russen pflegen nicht lange zu fackeln, wenn sie einen Spion
-erwischen.“</p>
-
-<p>„Ach, der Mann läuft keine Gefahr. Er ist lange Jahre als Viehtreiber
-in Rußland gewesen, spricht fertig russisch und polnisch und wird, wie
-ich vermute, mit Vieh handeln. Auf jedem Fall verdient er damit grob
-Geld.“</p>
-
-<p>„Oder den Strick“, erwiderte der Ober lächelnd. Er brach kurz ab und
-fragte: „Können Sie uns nicht einen Bock schießen, wir haben ihn heute
-schon bei Ihrem Herrn Vater bestellt.“</p>
-
-<p>„Das läßt sich machen“, erwiderte Walter erfreut,<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> „der Vater hat mir
-noch einen Bock freigegeben und ich weiß einen kapitalen Burschen,
-dessen Gehörn mir noch heute gehören soll, wenn ich nur etwas
-Weidmannsheil entwickle.“</p>
-
-<p>Eine Stunde später fuhr er nach Hause, schlich auf sein Zimmer, und
-warf sich in den Kleidern noch für zwei Stunden auf die Liege. Als
-der Morgen graute, stand er auf und fuhr zu Rad in den Wald. An dem
-großen Torfbruch stellte er es ins Dickicht und pirschte sich am
-Waldrand entlang. Auf die meliorierten Wiesen, auf denen der zweite
-Schnitt mit viel Klee untermischt fast kniehoch stand, pflegten die
-Rehe gern auszutreten. Er hatte etwa eine halbe Stunde gestanden, als
-der kapitale Bock, an dessen weit ausgerecktem Gehörn die weißen Enden
-im Morgenlicht schimmerten, von dem Torfbruch her vertraut angetrollt
-kam und auf der Kunstwiese zu äsen begann. Mit gutem Blattschuß legte
-Walter ihn auf die Decke. Als er das prächtige Gehörn in der Hand
-hielt, stieß er vor Freude einen lautschallenden Jagdruf aus, schmückte
-sein Hütchen mit einem Bruch und fuhr mit der schweren Beute auf dem
-Rücken heim.</p>
-
-<p>Der Vater war eben von seiner Reise zurückgekommen. Etwas wie
-Vaterstolz leuchtete in den<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> Augen des Grünrocks auf, als der Sohn
-elastisch wie eine Feder vom Rad sprang und den Bock abwarf. Er war
-schon oben auf seinem Zimmer gewesen und dachte nichts anderes, als daß
-Walter irgendwo die Nacht durchsumpfte. Umsomehr freute es ihm, daß er
-sich geirrt hatte. „Junge“, rief er: „Wenn du dich mit solchem Eifer
-und Erfolg an die Wissenschaften heranpirschen würdest, dann könntest
-du noch ein ganzer Mann werden.“</p>
-
-<p>„Dazu scheint mir das Geschick zu fehlen, lieber Vater,“ erwiderte
-Walter lachend, „weshalb hast du mich nicht Forstmann werden lassen?“</p>
-
-<p>„Dazu muß man auch sehr viel gelernt haben, mindestens ebensoviel wie
-als Jurist.“</p>
-
-<p>„Ach, ich kann die trockene Gelehrsamkeit nicht ausstehen, sie will mir
-nicht in den Kopf. Vater, ich habe zwar schon fünf Semester verbummelt,
-aber es ist noch nicht zu spät, laß mich noch umsatteln.“</p>
-
-<p>„Ja, was willst du denn jetzt noch werden?“</p>
-
-<p>„Landwirt, Vater“, rief Walter in freudiger Erregung aus.</p>
-
-<p>„Ein guter Landwirt muß heutzutage auch einen ganzen Posten Kenntnisse
-besitzen, wenn er nicht unter die Räder kommen will.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span></p>
-
-<p>„Das meiste lernt man doch durch die Praxis“, gab Walter schnell zur
-Antwort. „Und wenn du mich blos zwei Semester auf die Hochschule
-schickst, will ich fleißig studieren.“</p>
-
-<p>„Muttchen,“ rief er der eben eintretenden Mutter zu, „hilf mir den
-Vater bitten, daß er mich Landwirt werden läßt, dann werde ich euch
-Freude machen, statt Kummer.“</p>
-
-<p>„Wenn du bloß ein ordentlicher tüchtiger Mensch wirst“, erwiderte der
-Forstmeister. „Was meinst du, Olsche, wollen wir es mit dem Jungen mal
-so herum versuchen?“</p>
-
-<p>„Wenn er nicht mehr Ehrgeiz besitzt, dann kann er meinetwegen auch
-Landwirt werden. Diesen merkwürdigen Mangel scheint er von dir geerbt
-zu haben, du könntest längst schon in der Regierung oder im Ministerium
-sitzen.“</p>
-
-<p>Der Grünrock lachte gutmütig. „Ja, wenn ich wollte, aber ich will
-nicht. Ich trenne mich nicht von meinem Wald, der mir ans Herz
-gewachsen ist, um Federfuchser in der Stadt zu werden. Da würde ich
-bald eingehen. Du mußt auf die Erfüllung dieses Wunsches, in der Stadt
-zu leben, schon warten, bis ich Pension nehme.“</p>
-
-<p>„Da kann ich noch lange warten“, erwiderte<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> die Hausfrau, anscheinend
-verdrießlich und verließ das Zimmer.</p>
-
-<p>Es war durchaus nicht verwunderlich, daß der Forstmeister, als er einen
-Lehrherrn für seinen Jungen suchte, auf den Oberamtmann in Polommen
-verfiel, mit dem er schon lange befreundet war. Schon an einem der
-nächsten Tage fuhr er zu ihm und brachte sein Anliegen vor. Der Dicke
-schlug es ihm rundweg ab. „Ich habe schon zwei, eine Skatpartie ist
-zu viel. — Ich kann dir aber einen guten Rat geben. Bringe ihn zu
-meinem Nachbar Braun in Nonnenhof, du kennst ihn ja auch. Das ist ein
-tüchtiger ehrenhafter Mann, der auf seinen tausend Morgen gut vorwärts
-kommt. Wart’ mal, er wird jetzt zu Hause sein.“ Er nahm den Hörer des
-Fernsprechers ab und ließ sich verbinden. Nachdem er die einleitende
-Frage getan, ließ er nur ab und zu ein zustimmendes Brummen hören.</p>
-
-<p>„Also Braun will! Du fährst am besten gleich zu ihm rüber und machst
-alles mit ihm ab. Auf den Rückweg sprichst du bei mir an und bleibst zu
-Mittag.“</p>
-
-<p>Der Gutsbesitzer Braun, der die Vierzig noch nicht überschritten hatte,
-brachte mehrere Bedenken<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> vor. Das Schwerwiegendste war die Frage, ob
-Walter, der schon ein paar Jahre die studentische Freiheit genossen
-habe, sich in die Einsamkeit der abgelegenen Besitzung würde einfügen
-lassen.</p>
-
-<p>„Das ist ja gerade das, was mir für meinen Jungen am wünschenswertesten
-erscheint. Lassen Sie ihm nichts durchgehen und nehmen Sie ihn scharf
-ran. Es soll keine Sommerfrische zur Erholung sein, sondern ein
-Lehrjahr.“</p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1">*</p>
-
-<p>Schon nach acht Tagen siedelte Walter nach Nonnenhof über und begann
-seinen neuen Beruf, ebenso wie Franz Rosumek, mit der Beaufsichtigung
-der Kartoffelgräber. Und doch fühlte er sich glücklich, denn der
-Gedanke, Tag für Tag das trockene Jus zu büffeln, erregte ihm Grauen.
-Langeweile kam bei ihm nicht auf, denn sein Lehrherr sorgte dafür, daß
-er vom Abfüttern, das schon um fünf Uhr früh stattfand, bis zum Abend
-auf den Beinen blieb und dann rechtschaffen müde war, daß er sich
-freute, sein Bett aufsuchen zu dürfen. Am Sonntag fand er Zeit, seinen
-Eltern einen Brief zu schreiben. Und er bemühte sich, vor ihnen die
-Enttäuschung zu verbergen, die ihm sein neuer Beruf bis jetzt bereits
-bereitet hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span></p>
-
-<p>Die Mutter antwortete jedesmal umgehend und ausführlich. In einem
-ihrer Briefe berichtete sie nach den üblichen Ermahnungen, daß Grinda
-noch immer nicht zurückgekehrt wäre. Auch von Olga schrieb sie. Sie
-hätte eines Tages kurzerhand den Stellvertreter des Onkels, der sich
-täglich zweimal betrank, an die Luft gesetzt und wirtschaftet allein.
-Sie habe ein Schreiben des Onkels, daß ihr für den Fall, daß er nicht
-wiederkehrte, alles gehörte. Auch der Vater sei besorgt, daß Grinda in
-Rußland etwas zugestoßen sei. Es gebe jedoch keine Möglichkeit, nach
-seinem Verbleib Nachforschungen anzustellen.</p>
-
-<p>Diese Nachricht ließ in Walter wieder den Verdacht aufsteigen, den er
-mal gegen den Oberkellner im Café gefaßt hatte. Und es fiel ihm schwer
-in die Seele, daß er dem Mann gegenüber Grindas Reise nach Rußland
-erwähnt hatte. War der Mann wirklich ein Spion, dann war Grindas
-Verschwinden erklärlich und das Schlimmste zu befürchten. Und er allein
-trug die Schuld daran.</p>
-
-<p>Zu Weihnachten gab ihm sein Chef Urlaub bis nach Neujahr. Am heiligen
-Abend begann es zu schneien und schneite durch, bis in die Nacht zum
-zweiten Feiertag. Schon bei Tagesgrauen<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> fuhr der Forstmeister mit
-Walter auf einer Schleife ohne Kufen, die leicht über den lockeren
-Schnee wegglitt, in den Wald. Es war nicht ausgeschlossen, daß die
-schlimmen Gäste aus Rußland sich eingestellt hatten. Fast alljährlich
-kamen Wölfe einzeln oder in kleinen Rudeln im Winter über die Grenze
-und richteten in dem Wildstand der preußischen Grenzforsten schweren
-Schaden an. Sie fanden auch wirklich die Fährte zweier Wölfe und die
-Überreste eines Rehes, daß sie gerissen und aufgefressen hatten.</p>
-
-<p>Eine Stunde später hatten sie die Räuber in einem Jagen des Torfbruches
-eingekreist, und nun ging es in aller Eile nach Hause. Erst wurden die
-Förster durch den Fernsprecher benachrichtigt, die eine Menge Treiber
-aufbieten sollten, dann ging die Mitteilung an eine Anzahl Jäger in
-die Stadt. Kurz vor Mittag war die Jagdgesellschaft an dem Jagen
-versammelt. Die Treiber, die den Dienst schon kannten, bestellten in
-aller Stille drei Seiten des Jagens, während die vierte von den Jägern
-besetzt wurde. Bald nachdem die Treiber mit heftigem Gebrüll in das
-verschneite Dickicht eingedrungen waren, krachte ein Schuß. Bald darauf
-fielen noch zwei Schüsse. Beide Wölfe waren zur<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> Strecke gebracht. Der
-eine vom Forstmeister, der andere vom Major Aldenhoven.</p>
-
-<p>Das Weidmannsheil wurde in der Waldschänke gefeiert. Olga bediente
-ihre zahlreichen Gäste sehr gewandt und aufmerksam. Das Verschwinden
-ihres Onkels schien sie nicht sehr zu bekümmern. Und als der Major
-versprach, unauffällig Erkundigungen einzuziehen, zuckte sie nur die
-Achseln und meinte, das hätte doch keinen Zweck. Am anderen Vormittag
-ging Walter allein zu ihr. Olga erzählte ihm ganz unbefangen, sie habe
-jetzt einen Bräutigam, einen sehr ordentlichen Menschen. Zum Frühjahr,
-wenn sie mündig geworden wäre, wollte sie ihn heiraten, die Waldschänke
-verkaufen, wenn der Onkel noch nicht zurückgekehrt wäre und in der
-Stadt einen Laden aufmachen. Walter fühlte, daß das lyrische Intermezzo
-vom Herbst keine Fortsetzung finden würde und verabschiedete sich bald.</p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1">*</p>
-
-<p>Wenige Tage später durchlief die Kunde, daß Grinda zurückgekehrt wäre,
-die ganze Gegend. Er war verlaust und verlumpt und sah jämmerlich elend
-aus. Der Forstmeister, der auch unter den<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> Gedanken litt, daß er dazu
-beigetragen hätte, den alten Schulkameraden ins Unglück zu bringen,
-ging sofort zu ihm, und fand ihn im Bett liegen.</p>
-
-<p>„Ja, Forstmeister,“ meinte er, mit einem schwachen Versuch zu lächeln,
-„diesmal bin ich nur mit knapper Not der hanfenen Halsbinde entgangen.
-Ein Glück nur war’s, daß ich mich auf mein gutes Gedächtnis verlassen
-und deshalb mir auch nicht die kleinste Aufzeichnung gemacht habe. Mein
-Notizbuch enthielt nur Eintragungen über meine Käufe und Verkäufe. Ich
-hatte mir den Plan zurecht gelegt, hier und dort bei den Bauern einige
-Stücke Vieh aufzukaufen und sie nach Garnisonorten zu treiben, um sie
-an die Proviantämter der Truppen, mit oder ohne Nutzen zu verkaufen.
-Das Geschäft ging gut und ich habe in den ersten drei Wochen eine ganze
-Menge neuer wichtiger Nachrichten gesammelt.</p>
-
-<p>Plötzlich wurde ich in Augustowo, als ich schon an die Rückreise
-dachte, verhaftet und in die Kosa gesperrt. Am nächsten Morgen wurde
-ich scharf verhört. Ich stellte mich dumm und berief mich auf einen
-jüdischen Großhändler, der mir bezeugen kann, daß ich schon viele Jahre
-in Rußland als Aufkäufer tätig sei. Der russische Auditeur fiel<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> darauf
-rein und ließ den Mann holen und mir gegenüberstellen. Auf diese Weise
-erfuhr der Händler, wo und in welcher Gefahr ich mich befand.</p>
-
-<p>Du, Forstmeister,“ unterbrach er seinen Bericht, „ich bin ohne Zweifel
-auf eine Anzeige von deutscher Seite aus verhaftet worden. Hier muß
-einer nicht dicht gehalten haben.“</p>
-
-<p>„Das ist ganz ausgeschlossen“, erwiderte der Grünrock. „Von den wenigen
-Offizieren, die um den Zweck deiner Reise wußten, hat sicher keiner
-geplaudert und von mir ist es wohl selbstverständlich. Vielleicht ist
-eine weibliche Zunge im Spiel.“</p>
-
-<p>„Damit kannst du nur meine Nichte meinen.“ Er pochte an die Wand,
-worauf Olga eintrat. Sie leugnete ganz entschieden, obwohl sie sich
-daran erinnerte, daß sie es Walter gesagt hatte, wohin der Onkel
-gefahren war.</p>
-
-<p>„Dann bleibt es mir unerklärlich,“ fuhr Grinda fort, „daß der russische
-Auditeur wußte und mir vorhielt, daß ich hier in der Waldschänke ein
-gutgehendes Geschäft habe. Ich erwiderte, das Geschäft sei so schlecht
-gegangen, daß ich meine Ersparnisse zugesetzt hätte und gezwungen
-gewesen<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> wäre, so wie früher meinen Unterhalt durch Viehhandel zu
-erwerben. Acht Tage brachte ich in einem elenden Loch zu, wo es von
-Ungeziefer wimmelte. Dann wurde ich wieder zum Verhör geführt, wo man
-mir vorhielt, daß das Geschäft hier glänzend ginge. Man hatte also
-hier einen Gewährsmann, bei dem man Erkundigungen einziehen konnte. Ja
-noch mehr, es sei hier bekannt, daß ich nach Rußland gegangen sei, um
-Spionage zu treiben.</p>
-
-<p>Ich erwiderte, ich hätte mir doch keine Aufzeichnungen gemacht,
-wie sollte ich alles, was ich hörte oder sah, in meinem Gedächtnis
-behalten. Der Auditeur meinte mit einem boshaften Lächeln, es gäbe
-schon Mittel und Wege, das, was man jeden Tag erfahre, über die Grenze
-zu schaffen. Mensch, Forstmeister, mir war nach diesem Verhör ganz
-eklig zu Mut. Ich fühlte schon den Strick an meiner Gurgel. Einige Tage
-später wurde ich auf einer Kibittke von Kosaken eskortiert nach Suwalki
-gebracht und dort noch dreimal verhört. Ich hatte schon alle Hoffnung
-verloren, als ich eines Tages in meinem Kommißbrot ein Päckchen fand,
-das eine scharfe Feile und etwas Geld enthielt. Von wem, das weiß ich,<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span>
-aber davon schweigt des Sängers Höflichkeit. Ich sägte in der nächsten
-Nacht einen Stab meiner schwedischen Gardinen durch, brach aus und fand
-bei meinem Helfershelfer Unterschlupf, wo ich noch drei Wochen in einem
-Versteck liegen mußte, bis ich nachts über die Grenze geschafft werden
-konnte. Aber ich habe nicht umsonst die Angst ausgestanden, ich bringe
-eine Menge wichtiger Nachrichten mit. Es ist wohl am besten, wenn ich
-mit dem Major bei dir zusammentreffe.“</p>
-
-<p>In froher Stimmung berichtete der Forstmeister zu Hause die Erlebnisse
-seines Schulkameraden. Als er erwähnte, daß die Anzeige von deutscher
-Seite ausgegangen sein müßte, wurde Walter abwechselnd rot und blaß
-und sein Schuldbewußtsein war so stark, daß es ihm das Bekenntnis
-entriß, das Geheimnis ausgeplaudert zu haben. „Dann ist der Oberkellner
-im Café ein verkappter russischer Spion, und er hat die russischen
-Behörden benachrichtigt. Ich habe ihn im Verdacht, daß er jeden Abend
-die Offiziere belauscht, um manches zu erfahren, was ihm wissenswert
-erscheint.“</p>
-
-<p>Der Forstmeister hielt erst seinem Sprößling eine heftige Standpauke
-und dann teilte er dem<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> Major die Rückkehr Grindas und Walters Verdacht
-gegen den Oberkellner mit.</p>
-
-<p>Zwei Stunden später rief der Major an, der Vogel sei schon in der
-vergangenen Nacht ausgeflogen. Er habe eine Anzahl Papiere in seinem
-Zimmer verbrannt, aber man habe noch genug gefunden, was den Verdacht
-bestätigte, unter anderem eine Anzahl falscher Pässe und Ausweise, die
-der Bursche wie zum Hohn offen auf seinen Tisch hingelegt habe. Man
-vermute einen russischen Offizier in ihm. Er sei ohne Zweifel in einer
-Verkleidung über die Grenze entkommen und längst in Sicherheit.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_9">9. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Gleich nach Neujahr setzte heftiger Frost ein. Dabei wehte ein
-lebhafter Nordwest, der die Kälte noch fühlbar verschärfte. Die
-großen masurischen Seen waren schon vor Weihnachten zugefroren. Jetzt
-barst ihre Eisdecke unaufhörlich unter donnerähnlichem Krachen. Ein
-handbreiter Spalt klaffte, aus dem das Wasser über die Ränder drang.
-An jedem Abend, wenn die Sonne in einem Glutmeer unterging, das mit
-unheimlicher Pracht den Himmel bedeckte, begann ein Höllenkonzert.
-Bald rollte und grollte es wie dumpfverhallender Donner, bald krachten
-scharfe Schläge wie Kanonendonner einer großen Schlacht.</p>
-
-<p>Nach acht Tagen ging der Wind herum nach Westen und trieb dunkle,
-schwere Wolken herauf, aus denen der Schnee still in großen Massen
-fiel. Tag und Nacht und wieder Tag und Nacht. Immer höher häuften
-sich die weißen Massen auf den Wipfeln der Kiefern und Fichten. Den
-Rottannen vermochte der Schnee keinen Schaden zu<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> tun. Ihre elastischen
-Äste bogen sich unter der Masse abwärts, bis die Last abrutschte und
-sie sich wieder aufrichten konnten. Aber aus den Wipfeln der Kiefern
-brach der Schnee schenkeldicke Äste und riß dem Baum tiefe Wunden, in
-die der Frost eindrang und dem Baum ans Lebensmark ging.</p>
-
-<p>Am schlimmsten sah es in den Kiefernschonungen aus, wo die Stämme
-schlank wie eine Gerte emporschießen. Wer da im Wachstum mit den
-Genossen nicht gleichen Schritt hält, wird von Luft und Licht
-abgeschnitten und geht kümmerlich ein. Jetzt wurde der schlanke Wuchs
-ihr Verderben. Die Last, die sich unaufhörlich auf ihre Wipfeln
-herabsenkte, bog die dünnen Stämme abwärts. Flocke auf Flocke sank
-hernieder, immer tiefer bog sich der Baum, bis er mit scharfem Knall
-abbrach. Und nicht bloß einzelne erlagen dem Verderben, nein, wie ein
-nie ersterbendes Gewehrfeuer knatterte es in den Schonungen.</p>
-
-<p>Erschreckt, verängstigt flüchtete das Wild aus dem Walde und trieb sich
-am Tage auf den Feldern umher, denn die Nacht war nicht lang genug, um
-ihren Hunger zu stillen, weil der Schnee fußhoch die Nahrungsquelle,
-die Wintersaat, deckte. Die Rebhühner zogen sich bis in die Hausgärten<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span>
-hinein und kamen ohne Scheu angelaufen und geflattert, wenn eine
-mitleidige Hand ihnen Hintergetreide als Futter streute. Auf den
-Gehöften wanderten die Krähen wie zahme Haustiere umher und lungerten
-nach jedem Abfall, den sie gierig verschlangen.</p>
-
-<p>Auf den Feldern hörte jede Arbeit auf. Das Wirtschaftsgebiet des
-Landmanns beschränkte sich auf die Ställe. Walters Lehrherr war ein
-erfolgreicher Viehzüchter, die Ställe waren musterhaft eingerichtet.
-Seine Butter ging unter der Marke „Maiblüte“ im Sommer und Winter nach
-Berlin. Der Schweizer war ein sehr zuverlässiger, älterer Mann, dem man
-in jeder Beziehung vertrauen konnte. Trotzdem hielt sich der Gutsherr
-täglich stundenlang in den Ställen auf.</p>
-
-<p>Er war ein sehr ernsthafter Mensch, der sich unter einem schweren
-Schicksal mühsam emporgerungen hatte und nun in seinem Beruf volles
-Genüge fand. Aber ihn dauerte der junge Mensch, der seiner Obhut
-übergeben war. Eine große Begeisterung für den ihm von der Not
-aufgedrungenen Beruf durfte er bei ihm nicht voraussetzen. Dazu
-entbehrte er den Umgang mit Altersgenossen, die Abwechslung die wie
-eine Entspannung<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> und Erholung wirkt, und Geist und Körper mit neuer
-Spannkraft erfüllt.</p>
-
-<p>Im Herbst bis Weihnachten hatte Walter noch eine kleine Auffrischung
-durch die Jagd. Sie beschränkte sich allerdings darauf, daß er gegen
-Abend an den Waldrand ging und auf dem Anstand einen Küchenhasen
-erlegte. Jetzt hatte das auch aufgehört. Dafür stellte Walter, der
-schon etwas Erfahrung aus dem Elternhause mitbrachte, den ranzenden
-Füchsen mit dem Tellereisen nach und richtete in den Remisen
-Futterstellen ein, die von dem hungernden Wild dankbar angenommen
-wurden.</p>
-
-<p>Dann unternahm es Braun, seinen Zögling in die Geheimnisse der
-Buchführung einzuweihen. Er ließ ihn in das wissenschaftliche Rüstzeug
-eines gebildeten Landwirts hineinsehen, der vorsichtig Ausgaben und
-Einnahmen abwägt, der die Gestehungspreise seiner Erzeugnisse genau
-verfolgt und schlechtere Methoden gegen bessere ersetzt. Und Walter war
-praktisch genug veranlagt, um die Wichtigkeit dieser Berechnungen zu
-erfassen und ihnen Interesse abzugewinnen.</p>
-
-<p>Eines Tages schlug sein Lehrherr ihm vor, gegen Abend nach Polommen
-zu fahren und sich<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> mit den beiden jungen Leuten bekannt zu machen.
-Er könne sie auch zu sich einladen, um gemeinsam die langen Abende
-zu verbringen. Mit Freuden nahm Walter den Vorschlag auf und fuhr im
-Einspänner hinüber. Franz, obwohl mehrere Jahre jünger als er, war ihm
-schon von der Schule her bekannt. Er wurde freundlich von ihm begrüßt.
-Franz hatte es sich in seiner Bude, in der angenehme Wärme herrschte,
-behaglich gemacht. Blaue Rauchwolken erfüllten das Zimmer. Er saß auf
-dem Sofa bei der brennenden Lampe. Der Tisch war mit aufgeschlagenen
-Büchern bedeckt.</p>
-
-<p>„Mensch, was studierst du denn so eifrig“, fragte Walter nach der
-Begrüßung.</p>
-
-<p>„Ich berechne die Ergebnisse des Körnerbaues nach den verschiedenen
-Düngungsarten.“</p>
-
-<p>„Das muß eine interessante Beschäftigung sein,“ lachte Walter, „ich
-habe auch schon in die Geheimnisse der Wirtschaftsführung bei meinem
-Lehrherrn hineingerochen. Für heute abend möchte ich jedoch eine
-leichtere Beschäftigung vorschlagen. Spielst du Skat?“</p>
-
-<p>„Jawohl, aber es ist auch danach, dazu muß ich aber meinen
-Leidensgefährten als dritten Mann heranholen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span></p>
-
-<p>„Erst noch eine Frage: Was ist das für ein Mensch?“</p>
-
-<p>„Gährender Most“, erwiderte Franz lachend. „Er hat auf der Presse das
-Einjährige errungen und betrachtet alles, was er jetzt noch lernen
-muß, als eine unwürdige Beeinträchtigung seiner persönlichen Freiheit.
-Ich mag ihn nicht, aber als Notnagel zum Skatspiel wird er zu brauchen
-sein.“</p>
-
-<p>Kolbe war natürlich mit Vergnügen bereit, den dritten Mann zu machen.
-Er sorgte sofort für heißes Wasser. Rum und andere Getränke hatte er
-stets vorrätig, denn damit wurde er reichlich von Hause versorgt. Es
-wurde ein ganz vergnügter Abend, denen bald mehrere, entweder hier oder
-in Nonnenhof, folgten. Walter wunderte sich über sich selbst, daß er an
-diesem harmlosen Spiel zu geringen Sätzen Gefallen fand. Er wäre jedoch
-gern abends irgendwohin ausgekniffen, wo es schärfer zuging, wenn es
-nur möglich gewesen wäre.</p>
-
-<p>Anfang Februar hörte Walter von der Mamsell, die dem unverheirateten
-Gutsherrn die Wirtschaft führte, daß Braun für einige Tage verreisen
-werde. Er bringe seine Schwester mit, für die sie die zweite
-Giebelstube einrichten sollte. Der<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> älteren Person, die in der Küche
-ein strenges Regiment führte, schien die Vermehrung des Hausstandes
-durch ein weibliches Wesen nicht sehr zu passen. Wenn die Schwester dem
-Bruder glich, dann war es wohl mit ihrer Alleinherrschaft im Gutshause
-zu Ende.</p>
-
-<p>Walter nahm die Neuigkeit mit geringer Teilnahme entgegen. Auch er
-hatte keine Hoffnung, daß die Vermehrung des Hausstandes durch eine
-alte Jungfer eine angenehme Abwechslung in ihrem Dasein hervorrufen
-würde. Sein Lehrherr machte ihm am Abend eine kurze Mitteilung von
-seiner Reise und sprach die Erwartung aus, daß er bei seiner Rückkehr
-alles in bester Ordnung vorfinden werde.</p>
-
-<p>Bei Tagesgrauen fuhr Braun zur Bahn. Walter ging noch einmal durch die
-Ställe, um sich zu überzeugen, daß die Leute alle an der Arbeit waren.
-Als er den Kälberstall betrat, sagte ihm seine Nase, daß jemand darin
-geraucht haben müßte, was der Feuersgefahr wegen streng verboten war.
-Er roch deutlich den süßlichen Duft einer Zigarette. Der Missetäter
-konnte nur einer von den beiden halbwüchsigen Bengeln sein, die
-dabei waren, den Dünger aus dem Stall zu<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> schaffen. Ohne ein Wort zu
-verlieren, holte er sich den Schweizer, der in erster Linie für die
-Ordnung im Stall verantwortlich war. Der Mann geriet in Aufregung und
-fuhr die beiden Bengel heftig an, die mit dreister Stirn leugneten. Ja,
-einer besaß sogar die Frechheit, zu sagen, vielleicht habe der Lehrling
-selbst geraucht, und wolle es nun auf sie schieben.</p>
-
-<p>Walter schwieg dazu, aber eine Stunde später ließ er sich den Burschen,
-in dem er mit Recht den Übeltäter vermutete, auf den Speicher kommen
-und versohlte ihm gründlich das Leder, teils für das Rauchen, teils
-für die freche Beschuldigung. Den ganzen Tag über hielt sich Walter im
-Kälberstall auf, um eine Wiederholung des Rauchens zu verhüten.</p>
-
-<p>Es war nicht ausgeschlossen, daß er den Kälbern einen Schaden zufügte,
-um Walter Ärger zu bereiten. Die heimtückischen, haßerfüllten Blicke,
-die der geprügelte Bursche ihm zuwarf, ließen ihn kalt. Am Nachmittag
-forderten die Pollommer Stoppelhoppser ihn durch den Fernsprecher auf,
-zu einem vergnügten Abend herüber zu kommen. Er erwiderte, er könne
-nicht von Hause fort, weil sein Chef verreist wäre. Sie möchten sich zu
-ihm<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> bemühen. Bald nach dem Kaffee kamen beide an. Noch vor zehn Uhr
-rüsteten sie sich zum Aufbruch Gemeinsam gingen sie nach dem Stall,
-wo ihr Gaul eingestellt war, um ihn anzuspannen. Als sie um die Ecke
-des Kälberstalles bogen, sah Franz einen Menschen aus der offenen Tür
-schlüpfen und im Dunkeln verschwinden. Im nächsten Augenblick rief er:
-„Es riecht nach Rauch, das kann nur aus dem Stall kommen.“</p>
-
-<p>Als sie durch die Tür stürmten, liefen schon an zehn bis zwölf
-Stellen knisternde Flammen durch das Stroh, das den Kälbern zur Nacht
-eingestreut war. Die verängstigten Tiere rissen wild an ihren Halftern
-und schlugen wie rasend mit den Hinterbeinen aus. Mit einigen Sätzen
-war Walter an dem Wasserrohr, aus dem die gemauerten Tröge gespeist
-wurden, während die beiden anderen die Flammen auszutreten versuchten.
-Dichter Rauch begann das Gebäude zu füllen. Die Schafe, die am anderen
-Ende eingepfercht waren, übersprangen ihre Hürden und rasten im Stall
-umher.</p>
-
-<p>„Wasser her!“ schrie Franz, „dann schaffen wir’s noch.“</p>
-
-<p>Da kam auch schon Walter mit zwei gefüllten Eimern angelaufen. Es war
-die höchste Zeit, denn<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> an mehreren Stellen leckten bereits die Flammen
-an den Stangen, mit denen die Abteilungen geschieden waren, empor.</p>
-
-<p>Es war ein großes Glück, daß der von einem Windmotor gespeiste
-Behälter, der sich auf dem Boden befand, mit Wasser gefüllt war, das im
-kräftigen Strahl aus dem Rohr schoß. Die Jünglinge schwitzten vor Eifer
-und Aufregung. Ihre Kleidung wurde naß, aber sie bezwangen das Feuer.
-Der größte Schaden war verhütet.</p>
-
-<p>Jetzt galt es nur noch, die Kälber umzustellen und die Schafe, die auf
-den Hof hinausgelaufen waren, einzufangen und zurückzubringen. Der
-Schweizer und die Knechte wurden geweckt, dann nahm Walter seine Helfer
-mit, um den Brandstifter abzufassen. Er vermutete ihn anscheinend
-schlafend in seiner Kammer zu finden, aber er täuschte sich. Der
-Bursche war ausgerückt und hatte seine Sachen mitgenommen. Erst eine
-Stunde später, als alles wieder in Ordnung gebracht war, fuhren die
-Pollommer, durch deren tatkräftige Hilfe ein unermeßlicher Schaden
-verhütet worden war, ab. Walter hatte ihnen wiederholt mit herzlichen
-Worten gedankt, und sie noch durch ein Glas Grog gestärkt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span></p>
-
-<p>Er hatte noch keine Lust, sich schlafen zu legen. Er nahm den scharfen
-Hofhund von der Kette und suchte ringsum das Gehöft und das Gelände ab,
-obwohl es wenig wahrscheinlich war, daß der Brandstifter noch einmal
-zurückkommen würde, um sein Verbrechen zu wiederholen.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen wurde der Gendarm von dem Vorfall und dem
-Verschwinden des Burschen unterrichtet. Er veranlaßte den üblichen
-Steckbrief, womit die Sache zunächst für längere Zeit und vermutlich
-für immer erledigt war.</p>
-
-<p>Mit einigem Bangen erwartete Walter die Rückkehr seines Lehrherrn. Daß
-er dem Burschen des Rauchens wegen das Leder ausgewackelt hatte, war
-offenes Geheimnis des Hofes, und daß das Feuer aus Rache dafür angelegt
-war, konnte man auch nicht bezweifeln. Es war also das beste, was er
-tun konnte, daß Walter den Chef bei seiner Ankunft in Empfang nahm und
-ihm offen alles berichtete. Er sah ein zierliches, wegen der Kälte
-völlig vermummtes Persönchen, aus dem Schlitten steigen und ins Haus
-eilen. Braun nahm Koffer und Tasche seiner Schwester und folgte ihr,
-ohne die Mitteilung seines Zöglings einer Erwiderung zu würdigen. Er
-hatte Hans Kolbe auf dem<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> Bahnhof getroffen und von ihm schon alles
-erfahren.</p>
-
-<p>Mit einem unbehaglichen Gefühl ging Walter zum Kaffee ins Haus. Aber
-nicht so wie er es bisher gewöhnt war, in seiner Arbeitskleidung,
-sondern er begab sich auf sein Zimmer und zog sich nicht nur um,
-sondern er befreite auch sein Gesicht von den mehrere Tage alten
-Bartstoppeln. Sein Chef lächelte, als sein Eleve geschniegelt und
-gebügelt ins Zimmer trat und sich mit einer tiefen Verbeugung der
-Schwester vorstellte, die ihm mit freundlichem Lächeln die Hand bot.
-Walter hatte sehr gewandte Umgangsformen, aber der Unterschied zwischen
-der Erwartung und der Wirklichkeit verschloß ihm die Sprache. Mühsam
-raffte er sich zu der Frage auf, ob die Reise nicht sehr beschwerlich
-gewesen wäre.</p>
-
-<p>Mit hellem Lächeln, das wie ein Glöckchen klang, erwiderte Minna: „Ich
-bin nicht sehr empfindlich gegen Kälte, und die Bahn war gut geheizt.“</p>
-
-<p>Jetzt wagte Walter sie unauffällig zu mustern, und was er sah, gefiel
-ihm sehr. Eine zierliche Gestalt mit angenehm gerundeten Formen, ein
-feingeschnittenes Gesicht mit sanften, aber munteren,<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> braunen Augen,
-und ein überreiches Haar von der Farbe reifer Kastanien, mit einem
-goldigen Schimmer. Eine Ähnlichkeit zwischen Bruder und Schwester war
-nicht zu erkennen. Selbst wenn man in Betracht zog, daß die junge Dame
-weitaus jünger war als der Gutsherr und höchstens zwanzig Lenze zählen
-konnte.</p>
-
-<p>„Ihr Freund hat uns auf dem Bahnhof schon von der Brandstiftung
-erzählt“, fuhr Minna fort. „Sie haben ja eine Heldentat vollbracht.“</p>
-
-<p>„Zwei“, warf der Gutsherr trocken ein.</p>
-
-<p>Unwillkürlich errötete Walter. „Wie meinen Sie, Herr Braun?“</p>
-
-<p>„Nun, die erste war die Durchprügelung des Burschen.“</p>
-
-<p>„Ich konnte ihm doch das Rauchen nicht durchgehen lassen, besonders,
-nachdem er sich so frech benommen hatte“, verteidigte sich Walter.</p>
-
-<p>„Ich bin ganz Ihrer Meinung und hätte es jedenfalls auch getan.
-Aber dann mußten Sie mit der Rachsucht des Lümmels rechnen und sich
-vorsehen.“</p>
-
-<p>„Ich konnte doch nicht annehmen, daß er, um sich an mir zu rächen,
-Feuer anlegen würde.“</p>
-
-<p>„Ach, Friedrich,“ warf die Schwester ein, „das<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> hättest du auch nicht
-verhindern können! Und du kannst doch wirklich zufrieden sein, daß das
-Unheil durch die tatkräftige Entschlossenheit der drei jungen Herren
-glücklich abgewendet wurde.“</p>
-
-<p>„Ja, allein hätte ich es wohl kaum geschafft“, bekannte Walter ehrlich.
-„Es war auch ein glückliches Zusammentreffen, daß wir dazu kamen, als
-das Feuer eben erst im Entstehen war.“</p>
-
-<p>Schon beim Abendessen merkten beide Männer, daß mit dem jungen Mädchen
-eine ihnen ungewohnte Behaglichkeit in das Haus eingezogen war. Der
-runde Tisch, an dem sie von einer griesen Wachsdecke zu essen gewohnt
-waren, war mit weißem Linnen bedeckt, und das Essen selbst war anders
-und schmackhafter zubereitet, als bisher. Nach dem Abendessen setzte
-sich Walter unaufgefordert ans Klavier und spielte im bunten Wechsel
-Volkslieder, Tänze und alles, was ihm in den Sinn und die Finger kam.
-Als er sich gegen zehn Uhr empfahl, reichte ihm Braun die Hand. „Ich
-habe Ihnen heute einen Vorwurf machen müssen, gegen den sie schon meine
-Schwester in Schutz genommen hat. Ich wollte Ihnen bloß noch sagen,
-daß ich vorhin nachgerechnet und festgestellt habe, daß meine Existenz
-vernichtet gewesen wäre,<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> wenn der Stall mit dem Vieh verbrannt wäre.
-Alles, was ich in fünf Jahren mir erarbeitet habe, wäre zum Deuwel
-gewesen.“</p>
-
-<p>„Sind Sie denn nicht versichert?“</p>
-
-<p>„Ja, aber nicht hoch genug. Ich habe mich bisher vor einer Erhöhung
-meiner Ausgaben gescheut, aber nun habe ich es sofort nachgeholt und
-gleich eine erhebliche Erhöhung der Versicherung beantragt. Von morgen
-an können wir ruhig schlafen.“</p>
-
-<p>„Dann wollen wir doch heute Nacht noch Wache halten.“</p>
-
-<p>„Das geschieht bereits. Der Kämmerer und der Schweizer sind jetzt schon
-draußen; nachher löse ich sie ab.“</p>
-
-<p>„Und dann komme ich an die Reihe“, rief Walter.</p>
-
-<p>„Ja, ich wollte Sie darum bitten. Wenn Sie von eins bis zwei die Wache
-übernehmen wollen.“</p>
-
-<p>„Ich werde pünktlich zur Stelle sein.“</p>
-
-<p>„Aber, Friedrich, glaubst du wirklich, daß der Brandstifter sich noch
-einmal hertrauen wird?“ fragte die Schwester.</p>
-
-<p>„Ich traue dem Burschen alles zu.“</p>
-
-<p>Walter stellte seinen Wecker und warf sich in<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> Kleidern auf die Liege.
-Die Gedanken bekrochen ihn und ließen ihn nicht einschlafen. Wenn
-jetzt die Schuld auf ihm lasten würde, daß sein Lehrherr am Bettelstab
-dastände, und wenn es dem Verbrecher gelingen würde, nochmals Feuer
-anzulegen! Nicht auszudenken! Er nahm sich vor, von eins bis morgens
-Wache zu gehen. Und dann beschäftigten sich seine Gedanken mit
-dem lieblichen Mädchen, das heute wie ein guter Geist in das Haus
-eingezogen war.</p>
-
-<p>Welcher Liebreiz ging von ihrer zierlichen Elfengestalt, von ihrem
-freundlichen Gesicht und ihren lieben Augen aus! Wo war sie bisher
-gewesen, was hatte sie bisher geschafft? Die Geschwister waren in
-Äußerungen über ihr Leben so zurückhaltend. Von seinem Lehrherrn wußte
-er nichts, und von Kolbe, der seine langen Ohren überall hatte, nur
-soviel, daß er als Sohn eines einfachen Gutskämmerers aufgewachsen,
-sich als Arbeiter und dann als Schachtmeister bei Tiefbauten ein
-kleines Vermögen erworben und dafür Nonnenhof mit geringer Anzahlung
-gekauft hatte. Wie kam es, daß die Schwester soviel jünger war als er,
-so jung ... so schön ... dann verwirrten sich seine Gedanken, und er
-schlief ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p>
-
-<p>Pünktlich um ein Uhr löste er seinen Chef ab, der eben mit dem Hofhund
-einen Rundgang um das Gehöft gemacht hatte. Die Nacht war sternenklar
-und bitterkalt, aber windstill. Die ganze Natur schien in Kälte und
-Schweigen erstarrt zu sein. Und wie die Sterne funkelten! Ab und zu kam
-aus weiter Ferne ein Hundeblaff. Endlos dehnten sich die Stunden für
-Walter, aber er hielt durch. Als der Himmel sich im Osten rötete und
-das Leben im Hofe erwachte, lief er zur Küche, aus deren Fenster schon
-Licht strahlte.</p>
-
-<p>Er war bis ins innerste Mark durchfroren und hoffte durch einen Trunk
-heißen Kaffees seine Lebensgeister erfrischen zu können. Zu seinem
-Erstaunen fand er nicht die Mamsell, wie er erwartet hatte, sondern
-Fräulein Minna.</p>
-
-<p>„Gnädiges Fräulein schon auf?“</p>
-
-<p>Sie bot ihm lachend die Hand. „Ich bin kein gnädiges Fräulein, und das
-Frühaufstehen bin ich gewohnt. Wollen Sie einen Topf Kaffee haben?“</p>
-
-<p>Walter nahm am Küchentisch Platz und labte sich an Speise und Trank.
-Zu Mittag gab’s eine Überraschung. Die Mamsell hatte gekündigt, weil<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span>
-sie sich nicht den Anordnungen der „jungen Person“ fügen wollte, und
-zog schon gegen Abend mit Sack und Pack davon. Sie hatte sich für
-unentbehrlich gehalten und aufgetrumpft. Zu spät sah sie ein, daß sie
-sich in die Nesseln gesetzt hatte.</p>
-
-<p>Seitdem Minna die Leitung der Wirtschaft in die Hand genommen hatte,
-lief der Haushalt wie am Schnürchen. Alles im Hause bekam einen
-behaglicheren, freundlichen Anstrich. Trotzdem behielt sie noch Zeit
-für feine Handarbeiten. Und oft hörte man ihre kleine, aber angenehme
-Stimme, wenn sie bei der Arbeit Volkslieder sang.</p>
-
-<p>Eines Abends erbot sich Walter, sie beim Singen zu begleiten. Ohne
-sich zu zieren, trat sie ans Klavier und stimmte „Ännchen von Tharau“
-an. Walter nahm nicht nur die Singstimme auf, sondern umrankte sie
-auch durch eine geschickte Begleitung. Fortan musizierten sie jeden
-Abend miteinander. In ruhiger Freundlichkeit behandelte sie den jungen
-Mann wie einen guten Kameraden. Und er hütete sich, ihr durch einen
-Blick oder Wort zu verraten, wie sehr sie ihm gefiel. Ihre seelische
-Reinheit und ihr lauteres Wesen umgaben sie wie ein Schutzmantel
-der Unnahbarkeit. Am Abend waren die beiden jungen Menschenkinder
-stundenlang<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> allein, denn der Gutsherr saß meistens um diese Zeit über
-seinen Büchern, oder er fuhr auch ab und zu aus. Dann ließ Walter in
-das blaue Eckzimmer, in dem sich ein Kamin befand, einige Arme voll
-Holz hineintragen, und wenn das Feuer lustig prasselte und mit seinem
-warmen Licht den mit Sesseln behaglich ausgestatteten Raum füllte, dann
-setzten sie sich einander gegenüber und plauderten. Ganz von selbst
-kam Walter darauf, ihr von seinen Eltern und von seiner Kindheit zu
-erzählen. Er gestand ihr offen ein, daß er fünf Semester verbummelt und
-ein lockeres Leben geführt habe.</p>
-
-<p>Auch sie ging allmählich aus sich heraus und erzählte aus ihrem Leben.
-Friedrich sei ihr ältester Stiefbruder. Ihr Vater habe noch zum zweiten
-Male geheiratet, und da sei sie als Spätling zur Welt gekommen. Der
-Bruder, der noch mehrere Geschwister hatte, habe sich ihrer angenommen,
-habe sie nach dem Tode der Eltern bei einer befreundeten Familie in
-der Stadt untergebracht und zur Schule geschickt. Dann habe sie zwei
-Jahre auf einem Gut die Wirtschaft gelernt, und nun sei sie hier
-und glücklich, daß sie für den Bruder, dem sie soviel Dank schulde,
-arbeiten und sorgen könne.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_10">10. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Es ging schon gegen das Frühjahr, als der Oberamtmann seine Frau mit
-der Nachricht überraschte, ein Freund von ihm, Oberleutnant Viktor
-von Sawerski, bäte, als Volontär für ein Jahr aufgenommen zu werden.
-Er habe von einer Tante ein großes Vermögen geerbt; daraufhin habe er
-seinen Abschied eingereicht und beabsichtige, bei ihm die Wirtschaft
-zu erlernen, um sich später selbst ein Gut zu kaufen. Er könne, da er
-selbst als Reserveoffizier bei demselben Regiment geübt, die Bitte
-nicht gut abschlagen.</p>
-
-<p>„Dazu liegt ja auch wohl kein Grund vor. Aber dann müssen schnell im
-Beamtenhaus zwei, drei Zimmer eingerichtet werden, weil dein Freund
-nicht im Hause wohnen kann.“</p>
-
-<p>„Weshalb denn nicht?“</p>
-
-<p>„Weil ich meine Freundin Adelheid schon für den Sommer eingeladen habe.
-Sie wird mit Freuden zusagen, denn sie wartet auf die Einladung.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span></p>
-
-<p>Der Mann sah sie einen Augenblick verdutzt an, dann brach er in ein
-dröhnendes Lachen aus.</p>
-
-<p>„Das nenne ich einen schnellen Entschluß.“</p>
-
-<p>Frau Olga lächelte nachsichtig. „Dein Lob habe ich nicht verdient,
-nein, wirklich nicht. Ich habe den Brief schon gestern geschrieben,
-jetzt werde ich nur noch hinzufügen, daß wir deinen Freund erwarten.“</p>
-
-<p>In den Augen des Hausherrn blitzte der Schalk auf. „Frau, das würde ich
-nicht tun, sonst kommt sie nicht, und das würde dir doch leid tun.“</p>
-
-<p>„Du bist ein arger Spötter“, erwiderte Frau Olga mit etwas verlegenem
-Lächeln. „Ich überlege schon, ob ich nicht besser daran täte, Adelheid
-nicht einzuladen. Denn du bist imstande, zarte Beziehungen, die sich
-vielleicht anspinnen, durch deine unzarten Spöttereien im Keime zu
-zerstören.“</p>
-
-<p>Mit heuchlerischer Miene erwiderte der Hausherr: „Ach so, du meinst,
-zwischen deiner Freundin und meinem Freund könnte sich was anspinnen?
-Daran habe ich noch nicht gedacht, aber das ist kein übler Gedanke ...
-da können wir ja was erleben. Du wirst mich doch auf dem Laufenden
-halten.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p>
-
-<p>„Pfui, Konrad! Du meinst, Adelheid wird sofort auf deinen Freund Jagd
-machen?“</p>
-
-<p>„Ja, das meine ich allerdings, Olga, das meine ich. Und im Ernst
-gesprochen, das ist doch seit ungefähr zehn Jahren die einzige
-Beschäftigung deiner Freundin. Und weißt du, Frau, ich wundere mich,
-daß sie nicht schon einen Mann erwischt hat. Sie ist klassisch schön,
-elegant, geistreich, belesen, hat eine prachtvolle Gestalt, singt
-und spielt wie eine Künstlerin. Wir wissen ja auch, daß sie überall
-Bewunderung erregt und Verehrer findet, aber keinen ernsthaften
-Bewerber. Wundert dich das nicht auch?“</p>
-
-<p>„Nein, Konrad, die Männer gehen oft achtlos an einem Juwel vorüber.“</p>
-
-<p>„Na, Alte, von mir kannst du das nicht behaupten.“</p>
-
-<p>Frau Olga lachte laut auf. „Ein blindes Huhn findet manchmal auch ein
-Korn.“</p>
-
-<p>„Frau Oberamtmann, das ist starker Tobak. Ich erlaube mir jedoch, dich
-daran zu erinnern, daß du als Braut, wenn ich dir in meines Herzens
-Überschwang Schmeicheleien sagte, und ich will als galanter Mann
-hinzufügen, berechtigte Schmeicheleien sagte, mir stets erwidertest:
-die Liebe macht<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> blind, woraus zu entnehmen ist, daß ich mit sehenden
-Augen in mein ...“ Er räusperte sich. „... Schicksal hineingetappt bin.
-Und nun werde ich dir offen sagen, woran es bei deiner Freundin hapert.
-Sie ist erstens ein Blender, was mancher Mann nicht gern sieht, und
-zweitens hat sie etwas <span class="antiqua">haut goût</span> an sich ... ein Spürchen nur,
-aber ...“</p>
-
-<p>„Du drückst dich sehr drastisch aus, Konrad, aber ich kann dir nicht
-ganz unrecht geben“, erwiderte die Frau. „Sie steht seit ihrem
-siebzehnten Jahr allein in der Welt, ist sehr selbständig geworden und
-benimmt sich etwas frei ... aber sie ist völlig ...“, sie lächelte
-fein, „wie du sagen würdest, stubenrein.“</p>
-
-<p>„Na, dann sind wir wieder mal einig, liebes Weib. Dann wollen wir die
-beiden Briefe in die Welt senden. Verderben gehe deinen Gang.“ Er trat
-zu ihr, legte ihr den Arm um die Schultern und küßte sie.</p>
-
-<p>„Was meinst du, Olga, soll ich ihm nicht gleich ihre Adresse schreiben?
-Dann könnten sie sich in Berlin schon beriechen und kommen zu uns in
-hellen Flammen an.“</p>
-
-<p>Sie gab ihm einen Klaps auf die Backe. „Du bist ja unverbesserlich.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span></p>
-
-<p>Pünktlich am 1. April traf Herr von Sawerski ein. Hans Kolbe hatte sich
-dazu gedrängt, ihn abholen zu dürfen. Er kam sehr unbefriedigt zurück.
-Er war dem Gast sehr höflich entgegengetreten und hatte ihm seinen
-Namen genannt.</p>
-
-<p>„Was sind Sie auf dem Gut?“</p>
-
-<p>„Lehrling, Herr Oberleutnant.“</p>
-
-<p>„So, dann nehmen Sie meine Sachen aus dem Abteil und schaffen Sie meine
-Koffer zum Wagen.“</p>
-
-<p>Er hatte alles aufs beste besorgt, und als er sich auf den Wagen
-schwingen wollte, hatte Herr von Sawerski mit einer kurzen Handbewegung
-gesagt: „Bitte, auf den Gepäckwagen“.</p>
-
-<p>Aus Ärger war er zu Fuß nach Hause gegangen und kochte vor Wut über die
-hochmütige Abweisung. „Dem werde ich es eintränken“, sagte er zu Franz.
-„Der soll was erleben.“</p>
-
-<p>Einige Tage später kam ein Wagen voll Möbel an. Mit einer gewissen
-Schadenfreude fragte der Gutsherr Hans Kolbe, ob er nicht den
-Möbelwagen abholen wolle.</p>
-
-<p>„Ich verzichte, Herr Oberamtmann, ich bin zur Erlernung der
-Landwirtschaft bei Ihnen, aber nicht, um Ihre Gäste von der Bahn
-abzuholen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p>
-
-<p>Der Gutsherr schmunzelte. „Ich dachte nur, Sie hätten ein besonderes
-Interesse daran, sich dem Herrn von Sawerski gefällig zu erweisen.“
-Es war ein Rachenputzer, der die Abneigung des Lehrlings gegen den
-Ankömmling noch verschärfte. Sie kam wenige Tage später zum offenen
-Ausdruck, als Herr von Sawerski Kolbe eines Tages auf dem Hof anrief
-und ihm einen Auftrag erteilte. „Sie können nach Plibischken gehen
-und Filzschuhe wichsen, Herr Oberleutnant, das ist eine angenehme
-Beschäftigung“, rief der Jüngling zurück.</p>
-
-<p>Auch Franz kam bald in dieselbe Lage. Herr von Sawerski hatte ihm im
-Befehlston einen Auftrag erteilt. „Bedauere sehr, Herr Oberleutnant.
-Wenn Sie mir eine Bitte aussprechen wollten, wäre ich gern bereit, sie
-zu erfüllen, aber zu befehlen haben Sie mir nichts.“</p>
-
-<p>Ohne Verzug war der Oberleutnant ins Herrenhaus gegangen, um sich
-beim Oberamtmann zu beschweren. Der nickte und setzte ein ernstes
-Gesicht auf. „Das ist allerdings sehr unangenehm, aber für Sie, lieber
-Freund. Sie müssen sich daran gewöhnen, daß die beiden Jünglinge nicht
-unter Ihrem Kommando stehen. Der<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> eine hat das Abiturium gemacht,
-der andere das Einjährige, und beide werden in absehbarer Zeit
-selbständige Gutsbesitzer sein. Es ist mir nicht lieb, daß Sie diese
-Gegensätzlichkeiten hervorgerufen haben. Ich gebe Ihnen den Rat, solche
-Anlässe für die Zukunft zu meiden.“</p>
-
-<p>Viktor von Sawerski war sonst kein übler Mensch. Er war nur in seiner
-Eigenschaft als Kavallerieoffizier dem Leben etwas fremd geworden
-und konnte sich nicht gleich wieder in die bürgerlichen Verhältnisse
-zurückfinden, in die er nach seinem Abschied eingetreten war. Er suchte
-seinen Mißgriff wieder gut zu machen, indem er die beiden Lehrlinge
-zu einem gemütlichen Abend bei sich einlud. Aber damit hatte er kein
-Glück. Beide lehnten schriftlich kurz die Einladung mit der Begründung
-ab, daß sie von der schweren Tagesarbeit zu ermüdet wären, um abends
-noch kneipen oder feiern zu können.</p>
-
-<p>Gegen Ende April kam Fräulein Adelheid Bartenwerffer. Diesmal wurde
-Franz von Frau Oberamtmann gebeten, sie von der Bahn abzuholen. Er
-hatte sich im Laufe der Zeit eine sehr angenehme Stellung im Hause
-errungen. Der Gutsherr hatte ihn schon vor Weihnachten aufgefordert,<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span>
-zwangslos abends zu oder nach dem Abendbrot im Herrenhause zu
-erscheinen. Die beiden Buben Max und Hans hatten dicke Freundschaft mit
-ihm geschlossen, und der alte Brummbär, wie seine Frau ihn oft nannte,
-führte lange Gespräche über Landwirtschaft mit ihm. Gern, aber mit
-geringer Freude hatte er der Bitte der Hausfrau willfahrt. War es denn
-ausgeschlossen, daß er von der jungen Dame so ähnlich behandelt werden
-würde wie sein Leidensgefährte von dem Oberleutnant.</p>
-
-<p>Pünktlich fuhr der Zug in die kleine Haltestelle ein. Ein Abteil
-zweiter Klasse öffnete sich, eine hochgewachsene, junge Dame stieg
-heraus. Franz trat auf sie zu, zog seine Mütze und fragte, ob er
-ihr behilflich sein könne. Er sei sie abzuholen gekommen. Mit einem
-warmen Blick umfing Adelheid Bartenwerffer den frischen Jungen, aus
-dessen treuherzigen Augen ihr eine ganz unverhohlene Bewunderung
-entgegenleuchtete. Sie streckte ihm die fein behandschuhte, schmale
-Hand entgegen ....</p>
-
-<p>„Ich danke Ihnen, Herr ...?“</p>
-
-<p>„Franz Rosumek, Lehrling bei Herrn Oberamtmann ...“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span></p>
-
-<p>„Herr Rosumek .. Ich habe nur meine Handtasche bei mir. Wenn Sie aber
-mein Gepäck besorgen lassen wollen, hier ist der Schein.“</p>
-
-<p>Es waren sieben große Koffer, die auf dem zweiten Wagen kaum Platz
-hatten. Adelheid war schon in den ersten Wagen gestiegen. „Kommen Sie,
-junger Freund,“ rief sie Franz zu, „ich bin nach der langwierigen
-Bahnfahrt etwas ungeduldig, unter Dach zu kommen.“</p>
-
-<p>Behend stieg er auf den Sitz neben ihr. Sein ganzes Wesen befand sich
-bereits in vollem Aufruhr. Er hatte noch nie eine so elegante junge
-Dame in der Nähe gesehen. Ihre Schönheit verwirrte ihn. Und der feine
-Heliotropduft, der von ihr ausging, erregte seine Sinne.</p>
-
-<p>„Es ist doch alles wohl im Hause?“, begann sie, als sich der Wagen in
-Bewegung setzte.</p>
-
-<p>„Jawohl, alles in Ordnung.“</p>
-
-<p>„Sind Sie schon lange in Polommen?“</p>
-
-<p>„Seit dem 1. Oktober vorigen Jahres.“</p>
-
-<p>„Haben Sie noch Kollegen im Betrieb?“</p>
-
-<p>„Jawohl, gnädiges Fräulein, einen Lehrling und einen Volontär, einen
-Oberleutnant von Sawerski.“</p>
-
-<p>„Ist das ein älterer Herr?“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span></p>
-
-<p>„Nein, etwa dreißig. Er lernt in Polommen die Landwirtschaft, um sich
-später selbst ein Gut zu kaufen.“</p>
-
-<p>„Was ist das für ein Mensch?“</p>
-
-<p>Franz errötete wie ein Schulbube, der eine Frage nicht beantworten
-kann. Endlich stammelte er: „Ich bitte, mir die Antwort zu erlassen,
-gnädiges Fräulein.“</p>
-
-<p>Sie sah ihn mit einem Blick an, bei dem es ihn heiß und kalt
-durchrieselte. „Aber weshalb denn?“</p>
-
-<p>„Mein Urteil würde nicht unparteiisch sein, da ich mit dem Herrn einen
-kleinen Konflikt gehabt habe.“</p>
-
-<p>„So? Auf wessen Seite lag denn die Schuld?“</p>
-
-<p>Franz zuckte die Achseln. „Herr von Sawerski erteilte mir einen Befehl,
-den ich als Bitte ihm gern erfüllt hätte.“</p>
-
-<p>Seine Begleiterin nickte ein paarmal bedächtig. „So, so!“ Dann sprang
-sie von dem Thema ab. „Was ist das für ein Abzeichen, das Sie in der
-Krawatte tragen?“</p>
-
-<p>„Ein Albertus, gnädiges Fräulein. In Ostpreußen als Zeichen des
-bestandenen Abituriums gebräuchlich.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span></p>
-
-<p>„Sie haben das Abiturium gemacht und wollen Landwirt werden?“</p>
-
-<p>Franz lachte vergnügt. Seine Befangenheit war von ihm gewichen.
-„Ich habe damit den Wunsch meines Vaters erfüllt, der eine größere
-Bauernwirtschaft besitzt. Das Gut ist schon lange in unserer Familie,
-und da ich nur eine Schwester besitze, bin ich auf den Wunsch meines
-Vaters eingegangen. Meine Mutter wollte gern, daß ich studieren und
-Pastor werden sollte.“</p>
-
-<p>„Und das wollten Sie nicht ... da haben Sie den heiligen vier
-Fakultäten den Rücken gekehrt und sind Stoppelhopser geworden.“ Sie
-blitzte ihn mit ihren grauen Augen an. „Halten Sie das für das kleinere
-Übel?“</p>
-
-<p>„Gnädiges Fräulein, ich habe weder das eine noch das andere für
-ein Übel gehalten. Meine Neigung ging allerdings dahin, entweder
-Naturwissenschaften oder Medizin zu studieren.“</p>
-
-<p>„Und ein berühmter Mann zu werden, anstatt auf väterlicher Scholle Kohl
-zu bauen.“</p>
-
-<p>„Der Ehrgeiz hat mir ferngelegen“, erwiderte Franz treuherzig. „Ich
-hatte nur den Wunsch, möglichst viele Kenntnisse zu sammeln. Aber
-das kann ich ja auch als Landwirt. Mein Vater schickt<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> mich nach der
-Lehrzeit auf die Hochschule. Ich will dann nach Berlin gehen, um auch
-noch andere Vorlesungen zu hören.“</p>
-
-<p>„Nach Berlin“, wiederholte sie mit einem sinnenden Ausdruck. Es schien
-Franz, als ob sie noch etwas sagen wollte, aber sie schwieg. Es kam
-auch kein Gespräch mehr zustande, obwohl Franz sie mehrmals auf die
-schon eingegrünten Felder hinwies. Als der Wagen vor der Rampe vorfuhr,
-sprang Franz schnell heraus, lief um den Wagen herum, und öffnete ihr
-den Schlag. Sie nahm seine Hand und sagte leise mit einem freundlichen
-Blick:</p>
-
-<p>„Ich danke Ihnen, mein kleiner Kavalier.“</p>
-
-<p>Dann schritt sie leicht die Treppe empor und begrüßte durch Kuß und
-Umarmung die Frau des Hauses. „Herzlich willkommen, Heide .... Du
-trägst den Namen mit Recht, denn du siehst wie ein Heideröslein aus.“</p>
-
-<p>Hinter ihr erklang der Baß ihres Mannes mit dröhnendem Lachen. „Ich
-würde den Vergleich mit einer anderen, stolzeren Rosenart passender
-finden. Seien Sie mir gegrüßt, verehrtes Fräulein.“ Der Riese
-beugte sich ritterlich über ihre Hand. „Seien Sie auch mir herzlich
-willkommen.<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> Sie bringen wieder etwas Großstadtluft in unsere ländliche
-Einsamkeit .... Wie war die Reise?“</p>
-
-<p>„Gut, bis auf den Aufenthalt in Allenstein, wo ich den D-Zug verlassen
-und den Personenzug erwarten mußte.“</p>
-
-<p>Dann schloß sich hinter ihnen die Tür. Wie im Traum wanderte Franz
-zum Beamtenhaus. Jedes Wort, das sie zu ihm gesprochen, klang in ihm
-wieder, jeden Blick, den sie ihm geschenkt, fühlte er noch einmal. Den
-feinen Duft, der von ihr ausging, glaubte er noch zu spüren ....</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_11">11. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Vor Tisch stellte Frau Olga ihrer Freundin Herrn von Sawerski vor, der
-sich sehr elegant angezogen hatte. Er war ein hübscher, stattlicher
-Mann, und trug abweichend von der Mode einen gehörigen Wischer mit
-buschigen Enden unter der Nase. Nur seine Augen ließen die Frische
-vermissen, sie sahen immer so gleichgültig, ja blasiert aus und gaben
-dem Gesicht etwas Gelangweiltes. Bei der Vorstellung blitzten sie auf,
-aber der Blick war so ungezogen, daß Adelheid sich ärgerte und in die
-leise Neigung ihres Kopfes eine deutliche Abweisung legte, die ihrer
-Freundin nicht entging.</p>
-
-<p>„Ich muß Ihnen schon irgendwo begegnet sein, gnädiges Fräulein“, begann
-Viktor von Sawerski das Gespräch. „Ich kann mich nur nicht besinnen,
-wo das gewesen sein kann. Aber lange ist es noch nicht her. Vielleicht
-können gnädiges Fräulein mir auf die Spur helfen.“</p>
-
-<p>Adelheid zuckte leicht die Achseln. „Ich kann mich wirklich nicht
-entsinnen.“ Und im nächsten Augenblick wandte sie sich an den
-Hausherrn.<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> „Was haben Sie heute auf dem Felde geschafft, Herr
-Oberamtmann?“</p>
-
-<p>„Eine sehr prosaische Beschäftigung, aber nützlich für den Landwirt.
-Ich ließ Dünger fahren und streuen.“</p>
-
-<p>„Müssen Sie denn das persönlich überwachen?“</p>
-
-<p>„O nein, mein Fräulein, das hat Herr von Sawerski besorgt. Ich habe
-mich nur überzeugt, daß der Dünger richtig gestreut wird.“</p>
-
-<p>Er verzog keine Miene dabei, aber er sah mit Vergnügen, wie sein
-Volontär errötete und sich auf die Unterlippe biß. Adelheid sprudelte
-während des Essens von froher Laune, aber sie ließ Herrn von Sawerski
-so völlig links liegen, daß die Ehegatten es merkten und sich darüber
-durch einen Blick verständigten. Das war der Grund, weshalb Frau Olga
-ihre Freundin in ihr Zimmer begleitete und sie fragte, ob ihr die
-Person des Volontärs durch irgendeinen Anlaß unangenehm wäre.</p>
-
-<p>„Ja, liebe Olga, das ist in der Tat der Fall. Wenn der junge Mann sich
-noch deutlich an unser Zusammentreffen erinnerte, hätte er es wohl
-vorgezogen, darüber zu schweigen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span></p>
-
-<p>„Darf ich es erfahren?“</p>
-
-<p>„Weshalb nicht. Ich saß vor einigen Wochen nach dem Theater mit einem
-befreundeten Ehepaar in einem Restaurant Unter den Linden, als Herr von
-Sawerski mit noch einem Herrn, anscheinend einem Kameraden, aber beide
-in Zivil, das Lokal betrat. Sie waren in Begleitung zweier Damen der
-Halbwelt und ließen sich am Nebentisch nieder. Sawerski musterte mich
-mit frechem Blick und machte dann eine Bemerkung zu seiner Begleiterin,
-worauf sie mich auch musterte.“</p>
-
-<p>„Das war in der Tat eine sehr unangenehme Erinnerung.“</p>
-
-<p>„Ja, Liebste, aber die Strafe folgte auf dem Fuße. Der Kellner nahm
-ihre Bestellung entgegen, brachte jedoch nicht das Verlangte, sondern
-legte den Herren eine gedruckte Karte vor, worin sie zum Verlassen des
-Lokals aufgefordert wurden. Ich befürchtete, eine unangenehme Szene zu
-erleben. Jedoch die Herren benahmen sich, obwohl sie angezecht waren,
-ganz vernünftig, standen auf und gingen weg. Selbstverständlich wünsche
-ich nicht, daß dein Mann Herrn von Sawerski darüber aufklärt, wo und
-unter welchen Umständen er mich schon gesehen hat. Sollte es ihm sein
-Gedächtnis<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> sagen, dann wird er wohl selbst wissen, was er zu tun hat.“</p>
-
-<p>Das war in der Tat der Fall. Viktor von Sawerski hatte sich stundenlang
-mit der Erinnerung gequält, bis es wie ein Blitz in ihm aufschoß. Er
-suchte und fand abends Gelegenheit, Adelheid einen Augenblick allein
-zu sprechen. „Gnädiges Fräulein, ich bin untröstlich, daß Sie an unser
-erstes Zusammentreffen eine solche unangenehme Erinnerung mitgenommen
-haben. Ich habe mich, wie ich annehmen muß, nicht ganz korrekt benommen
-....“</p>
-
-<p>Mit einem eisigen Blick erwiderte Adelheid: „Ich kann mich wirklich
-nicht besinnen, Herr von Sawerski. Es tut mir leid, wenn die Erinnerung
-für Sie unangenehm ist.“</p>
-
-<p>Damit ließ sie ihn stehen und ging weg. Am nächsten Morgen brachte ihr
-das Mädchen einen Brief von Viktor, worin er sie reumütig um Verzeihung
-bat, wenn er sie, wie ihm sein Gedächtnis sage, durch einen ungezogenen
-Blick beleidigt habe. Er sei in eine lustige Gesellschaft von Kameraden
-geraten. Schließlich seien die beiden Personen an ihm und seinem
-Freunde hängen geblieben.</p>
-
-<p>Lächelnd zeigte Adelheid den Brief ihrer<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> Freundin. „Ich weiß ja, daß
-junge Offiziere nicht das Leben von Wüstenheiligen führen, aber ...“</p>
-
-<p>„Für den Blick bittet er dich ja um Verzeihung. Und ich meine, du
-brauchst dich nicht unversöhnlich zu zeigen. Er ist wirklich kein übler
-Mensch und führt hier auf dem Gut einen exemplarisch musterhaften
-Lebenswandel. Darf ich mal offen sprechen, liebe Adelheid?“</p>
-
-<p>„Ich bitte darum.“</p>
-
-<p>„Nun also: Sawerski besitzt ein ansehnliches Vermögen und wird in Jahr
-und Tag sich ein Gut kaufen. Das allein weist schon auf einen guten
-Untergrund in seinem Charakter hin, daß er nicht das behäbige Leben
-eines Reiteroffiziers fortsetzt, sondern sich einen Beruf gewählt hat,
-der, wie du gestern mittag von meinem Mann gehört hast, nicht mit Rosen
-bestreut ist.“</p>
-
-<p>Adelheid lachte laut auf. „Und was ist deiner Rede kurzer Sinn?“</p>
-
-<p>„Daß es nicht ausgeschlossen ist, daß Sawerski für dich Interesse
-gewinnt. Ganz gleichgültig bist du ihm schon jetzt nicht. Aber wenn
-er etwas praktisch veranlagt ist, muß er Bedenken tragen, sich dir zu
-nähern und, offen herausgesagt, sich um dich ernstlich zu bewerben.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p>
-
-<p>„Ach, du Gute, denkst du wirklich daran? Und welche Bedenken sollte der
-junge Mann gegen meine Person haben?“</p>
-
-<p>„Nimm es mir nicht übel, liebe Adelheid, — weil du das Leben einer
-Orchidee führst, die nur blüht, mit ihrer Schönheit prangt und ihre
-Düfte versendet. Es war auch nicht praktisch, daß du bei Tisch von
-deinem alljährlichen Aufenthalt in Baden-Baden, Ostende und ähnlichen
-Orten erzähltest und dabei die Grafen und Barone aufmarschieren
-ließest, mit denen du verkehrt hast. Das hat ihm, wie ich zu bemerken
-glaubte, nicht gefallen.“</p>
-
-<p>Etwas empfindlich erwiderte Adelheid: „Möchtest du mir nicht gleich
-auch das Rezept verschaffen, wie ich dem jungen Mann gefallen könnte?“</p>
-
-<p>Ohne auf ihre Empfindlichkeit zu achten, erwiderte Frau Olga: „Gern ...
-du brauchst nur etwas Interesse für die Pflichten einer Gutsfrau zu
-zeigen. Glaube mir, auch auf einem solchen Gut wie das unsrige es ist,
-muß die Hausfrau auf vielen Stellen nach dem Rechten sehen. Und das
-kann Sawerski mit Recht auch von seiner Gattin verlangen. Und nimm noch
-einen Rat von mir:<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> Kleide dich etwas einfacher. Du kannst hier auf dem
-Lande deine kostbaren Toiletten schonen.“</p>
-
-<p>Adelheid hatte sich in einen Sessel niedergelassen und den Kopf in die
-Hand gestützt. „Mit einem Wort: Ich soll auf Herrn von Sawerski mit
-allen Mitteln Jagd machen!“</p>
-
-<p>„Ach, Adelheid, wozu die scharfen Worte! Nein, du sollst,
-vorausgesetzt, daß er dir nicht gleichgültig oder unsympathisch bleibt,
-ihm die Annäherung etwas erleichtern. Ich denke doch, daß unsere
-Freundschaft eine solche Aussprache erfordert. Es ist wohl das beste
-und auch hohe Zeit, daß du unter die Haube kommst.“</p>
-
-<p>Bitter lächelnd erwiderte Adelheid: „Ich warte ja schon beinahe zehn
-Jahre darauf ... wenn nur einer käme und mich nähme.“</p>
-
-<p>„Dann muß ich dir noch sagen, daß du einen falschen Weg zu deinem Ziel
-eingeschlagen hast. Auf diesem Wege wirst du nie einen ernsthaften
-Bewerber finden. Die Kreise, in denen du bisher verkehrt hast,
-umflattern und umschmeicheln dich, weil du sie durch deine Person und
-dein Wesen reizt. Aber meinst du, daß ein Graf oder ein Baron dich ohne
-Vermögen nehmen wird? Selbst ein Großkaufmann oder ein hoher Beamter
-scheut<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> sich, dich in seine Familie einzuführen, wenn er seine Wahl
-nicht durch ein stattliches Vermögen seiner Braut begründen kann. Du
-mußt schon ein Stufchen heruntersteigen und dich nach einem Landwirt
-umsehen ....“</p>
-
-<p>Als die Freundin beharrlich schwieg, fuhr Frau Olga eindringlich
-fort: „Nun, sag mir mal offen, wie lange bist du noch imstande, dein
-bisheriges Leben fortzuführen?“</p>
-
-<p>„Es langt noch für zwei Jahre ...“</p>
-
-<p>„Und dann?“</p>
-
-<p>„Dann nehme ich eine Stelle als Gesellschafterin bei einer alten Dame
-an oder werde Hausdame bei einem älteren Herrn.“ Nachdenklich fügte
-sie nach einer Weile hinzu: „Vielleicht täte ich gut daran, mich jetzt
-schon nach einer solchen Stelle für den nächsten Winter umzusehen.“</p>
-
-<p>„Hältst du eine solche Stelle für beneidenswert?“</p>
-
-<p>„Nein, liebste Olga, durchaus nicht.“ Sie lachte laut auf. „Also denn
-auf zur Jagd! Zum Kaffee erscheine ich schon als züchtige Jungfrau im
-schlichten Kleid .... Vielleicht kannst du mir mit einem passenden
-Tändelschürzchen aushelfen?“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p>
-
-<p>Als die Freundin sie verlassen hatte, warf sich Adelheid wieder in den
-Sessel und schlug die Hände vors Gesicht. Unaufhaltsam kamen ihr die
-Tränen. Sie fühlte sich in diesem Augenblick todunglücklich. Ihr ganzes
-Leben widerte sie an. Erinnerungen zogen an ihrem Geist vorbei. Wie
-aufreibend war dieser ewige Kampf mit der Männerwelt, die sie lüstern
-umkreiste. Und manche Erinnerung brannte in ihr und sie konnte sie
-nicht verjagen. Wie ein Freiwild war sie sich manchmal vorgekommen, auf
-das man ungestraft Jagd machen konnte. Ja, flirten wollten die Männer
-alle mit ihr. Mehrere Male war auch ihr Herz nicht unberührt geblieben,
-und jedesmal kam danach die große Enttäuschung. Einmal war sie mit
-einer peinlichen Demütigung verbunden gewesen. Sie stöhnte laut auf.
-Heiß stieg es in ihre Wangen, als ihr der Gedanke kam, daß sie noch
-einmal die Jagd auf einen Mann beginnen sollte.</p>
-
-<p>Sie stand auf und kühlte ihre Augen in kaltem Wasser. Dann nahm
-sie Sawerskis Brief zur Hand und überlas mehrere Male seine Worte,
-um zu prüfen, ob sich mehr darin entdecken ließ, als mit der neuen
-Hausgenossin in ein erträgliches Umgangsverhältnis zu gelangen.
-Mißmutig warf sie<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> ihn hin. Plötzlich nahm sie ihn wieder auf und
-zerriß ihn mit einem schnellen Griff, und während sie halblaut vor sich
-hinsummte: „Auf in den Kampf, Torero!“, begann sie, ihre Garderobe zu
-mustern. Endlich fand sie ein ganz einfaches Kleid und ein kokettes
-Schürzchen dazu.</p>
-
-<p>Frau Olga schmunzelte, als Adelheid in diesem Anzug vor ihr erschien.
-„Nun werde ich dich in die Zubereitung von Kaffee und Tee einweihen.“</p>
-
-<p>„Oho, Frau Oberamtmann, über diese Anfangsgründe bin ich schon hinaus.
-Wenn du mir also deinen Wirkungskreis übergeben willst.“</p>
-
-<p>Während sie sich an dem Kessel zu schaffen machte und die Getränke
-aufbrühte, trat der Hausherr ein. Schon von der Schwelle her rief er:
-„So gefallen Sie mir, mein Fräulein.“</p>
-
-<p>„Ich kann doch nicht immer als große Dame hier paradieren, besonders
-nicht, wenn ich mich der Hauswirtschaft widmen will“, gab Adelheid
-lachend zur Antwort.</p>
-
-<p>Herr von Sawerski war hinter dem Hausherrn eingetreten. Er ging ein
-paar Schritt auf Adelheid zu und machte ihr eine tiefe Verbeugung. Sie
-streckte ihm mit freundlich unbefangener Miene die Hand hin, deren
-Druck ihm eine deutliche<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> Antwort gab, die ihn von seinen Zweifeln und
-Befürchtungen befreite.</p>
-
-<p>„Gnädiges Fräulein wollen sich wirklich der Hauswirtschaft annehmen?“</p>
-
-<p>„Dazu bin ich ja hierher aufs Land gekommen“, erwiderte Adelheid mit
-ernster Miene.</p>
-
-<p>„Frau,“ rief der Hausherr laut lachend, „unser Personal mehrt sich.
-Was meinst du, wenn wir auf das Beamtenhaus noch eine Apanage aufbauen
-ließen, wie Onkel Bräsig sagen würde, und uns mit der Aufzucht von
-männlichen und weiblichen Wirtschaftern befaßten?“ Er lachte nochmals
-dröhnend auf. „Gnädiges Fräulein müssen aber schon vorläufig im
-Herrenhause vorlieb nehmen, denn im Beamtenhaus ist augenblicklich kein
-Zimmer frei.“</p>
-
-<p>„Aber Konrad!“ mahnte die Hausfrau. Er sah sie mit der unschuldigsten
-Miene an. „Habe ich in meiner Freude einen Bock geschossen? Ich glaube,
-deine Freundin will allen Ernstes bei dir in die Schule gehen, um dich
-später völlig zu entlasten.“</p>
-
-<p>„Das will ich auch“, erwiderte Adelheid fest. „Und ich bitte Ihre
-Gattin, meine verehrte Freundin,<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> allen Ernstes, mich durchaus als
-Lehrling anzusehen und zu behandeln.“</p>
-
-<p>„Na, dann wollen wir mal gleich ein Programm Ihrer Betätigung
-entwerfen. Heute Abend noch ein leichtes Geplänkel in der Küche
-mit Bratkartoffeln und Setzei. Aber morgen ... da geht’s los. Zum
-Melken brauchen Sie nicht zu gehen, das beaufsichtigt Franz. Aber die
-Behandlung der Milch muß man als perfekte Hausfrau unbedingt verstehen.
-Also um 6 Uhr in der Meierei. Natürlich in Begleitung meiner Frau.“</p>
-
-<p>Gut gelaunt spann er den Faden immer weiter .... Adelheid kam es
-allmählich zum Bewußtsein, daß aus dem Spiel bitterer Ernst wurde.
-Aber sie war entschlossen, die neue Rolle, die ihr fast ohne ihr
-Zutun zugefallen war, mit Festigkeit durchzuführen. Vielleicht war es
-der richtige Weg, der sie in die Ehe hineinführte. Manchmal streifte
-ihr Blick forschend Herrn von Sawerski, der sich mit Eifer an der
-Ausarbeitung des Programms beteiligte, und es schien ihr, als wenn er
-daran Gefallen fand, daß sie mit Ernst und Eifer sich in die Rolle
-hineinlebte.</p>
-
-<p>Am anderen Morgen erstaunte Franz nicht wenig, als er beim Abliefern
-der Milch in der<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> Meierei neben der Frau des Hauses das Fräulein
-vorfand. Sie hatte ihr Kleid geschürzt und trug derbe Schuhe und ließ
-sich mit Eifer zeigen, wie der Fettgehalt der Milch festgestellt
-wurde. Er war so verwirrt, daß er sich bei Angabe der Literzahl irrte.
-Adelheid reichte ihm freundlich lächelnd die Hand. „Ich bin Ihre
-Kollegin geworden, Herr Rosumek. Ja, wirklich, sehen Sie mich nicht so
-erstaunt an. Ich erlerne die Hauswirtschaft. Der Anfang ist ja etwas
-feucht, aber ich denke, es wird auch anders kommen.“</p>
-
-<p>Als Franz ins Freie trat, fühlte er sein Herz heftig klopfen. Das Blut
-hämmerte ihm in den Schläfen und in den Adern am Halse ....</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_12">12. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Entwicklung, die bei Adelheid eingesetzt hatte, wurde durch Frau
-Olga klugerweise gefördert. Sie zügelte den Eifer, den sie zunächst,
-bis zum Beweise des Gegenteils, für ein Strohfeuer hielt, und
-beschäftigte sie nur soweit in der Wirtschaft, daß die Lernbegierige
-noch reichlich Zeit fand, sich ans Klavier zu setzen, zu spielen und zu
-singen. Auch ihrem „Brummbär“ hatte sie es beigebracht, daß er nicht
-durch gutmütigen Spott und Neckereien Adelheids Vorsätze zum Wanken
-brächte.</p>
-
-<p>Man war in der Saatzeit. Viktor hatte sich ein Reitpferd angeschafft.
-Er erschien nur zu Mittag im Herrenhause und ließ sich abends einen
-kalten Imbiß in sein Zimmer bringen. Denn wenn er mit Dunkelwerden vom
-Felde kam, hatte er keine Lust mehr, sich umzuziehen. Er benahm sich
-ritterlich höflich gegen Adelheid, aber aus seinem Benehmen ließ sich
-kein Schluß ziehen, ob er sich für sie interessierte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span></p>
-
-<p>Zwischen den beiden Damen wurde darüber nicht gesprochen, ja, Adelheid
-verschwieg ihrer Freundin, daß sie fast täglich ein Sträußchen in ihrem
-Zimmer fand, das nur durch das offene Fenster hineingeworfen sein
-konnte. Es war aus Feld- und Waldblumen, wie sie der Frühling bringt,
-zierlichen Gräsern und frischem Grün geschmackvoll zusammengesetzt.
-Als sie das erste Sträußchen fand, klopfte ihr Herz einen Augenblick
-schneller, denn ihr Wunsch ließ sie auf Viktor als Spender raten.
-Um sich Gewißheit zu verschaffen und dem gütigen Spender ein
-Entgegenkommen zu erweisen, steckte sie es zu Mittag an ihren Busen.
-Aber Viktor verriet durch seine kühl-höfliche Frage, ob sie an den
-unscheinbaren, duftlosen Blümchen Gefallen finde, daß er nie daran
-gedacht hatte und hätte, sie durch eine solche kleine, aber sinnige
-Huldigung zu überraschen und zu erfreuen.</p>
-
-<p>Am nächsten Sonntag, als die beiden Lehrlinge bei Tisch erschienen,
-steckte sie wieder solch ein Sträußchen an und entdeckte, was sie
-schon vermutete, daß Franz der heimliche Verehrer war, der seinen
-Gefühlen auf diese Weise Ausdruck gab. Er wurde rot und verlegen.
-Ihr Wohlgefallen an<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> dem frischen Jüngling verleitete sie dazu, ihn
-mehrmals ins Gespräch zu ziehen. Er wurde dadurch noch verlegener, denn
-sein Herz stand in lichten Flammen.</p>
-
-<p>Die Neigung zu dem schönen, reifen Mädchen, das ihm wie ein höheres
-Wesen vorkam, war gleich bei der ersten Begegnung aufgeflammt. Und in
-den letzten Wochen war sie zu einer Leidenschaft angewachsen, die sein
-ganzes Denken und Fühlen erfüllte. Wegen seiner Zuverlässigkeit hatte
-ihm der Oberamtmann den Hofdienst anvertraut, wozu auch die Verwaltung
-des Speichers gehörte, wo er den Kämmerern das Saatgut zumessen mußte.
-Und seitdem Adelheid sich in der Wirtschaft betätigte, traf er mehrmals
-am Tage mit ihr zusammen. Es ergab sich von selbst, daß er sie ab und
-zu auf einem Gang begleitete. Einmal hatte er ihr dabei einen kleinen
-Dienst erwiesen. Adelheid wollte ein noch sehr junges Kälbchen tränken.
-Aber das dumme Tierchen stieß wohl mit dem rosig gefärbten Mäulchen in
-den Milcheimer, trank aber nicht. Da verriet ihr Franz lachend, sie
-müsse dem Kälbchen einen Finger in das Mäulchen stecken. Sie tat es und
-erreichte dadurch ihr Ziel.</p>
-
-<p>Ihr feines Gefühl hatte ihr schon bald verraten,<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> daß Franz sie
-verehrte. Denn bei jeder Begegnung strahlte sein frisches Gesicht vor
-Freude. Und unter vier Augen überwand er schnell seine Befangenheit und
-plauderte mit ihr offen und vertrauensvoll. Als er jedoch am Sonntag
-Mittag das Sträußchen an ihrem Busen gewahrte, vermochte er sich kaum
-zu beherrschen, um nicht ganz verkehrte Antworten zu geben. Als die
-beiden Lehrlinge nach dem Essen ins Beamtenhaus zurückgingen, um den
-freien Nachmittag zu einem Schläfchen zu benutzen, stieß Kolbe seinen
-Leidensgefährten an und sagte hämisch:</p>
-
-<p>„Bilden Sie sich nur nichts darauf ein, Sie Musterknabe, daß die
-Walküre“ — den Namen hatte er Adelheid gegeben — „heute so gnädig zu
-Ihnen gewesen ist.“</p>
-
-<p>„Das habe ich gar nicht empfunden.“</p>
-
-<p>„Das ist auch das Beste, was Sie tun können, wenn Sie der Walküre nicht
-den Hof machen. Sie sollen ihr ja auch nur als Anhetzer für den Herrn
-Volontär dienen, den sie einfangen und zu einem folgsamen Ehemann
-zähmen will.“</p>
-
-<p>„Ach, Kolbe, wie können Sie bloß so gehässig von der jungen Dame
-sprechen“, erwiderte Franz unmutig.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span></p>
-
-<p>„Das ist gar nicht gehässig, sondern das sind Tatsachen, die der
-Blinde mit dem Stock fühlen muß. Ich weiß auch noch mehr. Ich habe Sie
-heute früh gesehen, als Sie der Walküre das Sträußchen ins Fenster
-warfen. Daß sie es zu Mittag angesteckt hatte, hat Ihnen den Kopf ganz
-verdreht. Aber bilden Sie sich nur nichts darauf ein. Oder glauben
-Sie, daß die Walküre, die nach meiner Ansicht beinahe schon aus dem
-Schneider ist, auf Sie warten wird, um Bauersfrau auf einer Klitsche
-von dreihundert Morgen zu werden?“</p>
-
-<p>Franz wandte sich achselzuckend ab, aber das Gespräch hatte doch eine
-tiefgehende Wirkung auf ihn. Er wurde sich darüber klar, daß seine
-ganze Seele und all sein Sinnen im Banne der schönen Frau lagen. Daß
-diese Leidenschaft völlig hoffnungslos war, mußte er sich selbst sagen.
-Sein Selbstbewußtsein hielt aber vor dieser Erkenntnis nicht stand. Er
-brach haltlos auf dem Sofa zusammen und weinte wie ein kleiner Junge.</p>
-
-<p>Als er gegen Abend ins Herrenhaus ging, wo die beiden Knaben ihn schon
-mit Sehnsucht erwarteten, hatte er sich mit kühler Überlegung zu dem
-Entschluß durchgerungen, seine törichte Leidenschaft mit Energie zu
-bekämpfen. Er stahl<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> sich sofort ins Kinderzimmer und kam erst mit den
-Knaben zu Tisch. Er saß ruhig am Tisch und hörte still zu, wie Adelheid
-und Viktor ein angeregtes Gespräch über Musik führten, wovon er nicht
-das Geringste verstand, denn er war ganz unmusikalisch und hatte so
-wenig Gehör, daß er nicht das kleinste Lied singen konnte. Gleich nach
-dem Essen verabschiedete er sich durch eine stumme Verbeugung ....</p>
-
-<p>Die Beendigung der Saatzeit wurde nach einer alten Gewohnheit von dem
-Gutsherrn durch ein festliches Mahl gefeiert, zu dem nicht nur der
-Oberinspektor mit seiner Gattin, sondern auch die beiden Kämmerer mit
-ihren Frauen geladen wurden. Auch für die Gutsleute wurde ein kleines
-Fest veranstaltet, das in der Hauptsache in einem Tanz, der in dem
-untersten großen Speicherraum abgehalten wurde, bestand. Einige Zeit
-vorher erhielt Franz von dem Oberamtmann den Auftrag, einen Bock für
-das Fest zu schießen ....</p>
-
-<p>„An der Regler-Grenze steht ein strammer Bock mit einem
-Pfropfenziehergehörn, den möchte ich abschießen“, schlug Franz vor.</p>
-
-<p>„Tun Sie das, mein junger Freund, ich bin einverstanden.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span></p>
-
-<p>Am nächsten Abend ging Franz hinaus. Er wußte ziemlich genau, wo der
-Bock aus dem Walde aufs Feld austrat .... Noch bei gutem Büchsenlicht
-erschien der Bock und wurde von Franz mit einem sicheren Kugelschuß auf
-die Decke gelegt. Er ging langsam zu ihm hin, zog seinen Nickfänger
-und beugte sich über ihn, um ihn zu lüften. Da hörte er jemand mit
-hastigen Schritten durch das dichte Unterholz brechen. Im näselnden Ton
-kommandierte eine scharfe Stimme: „Halt! Gewehr weg!“</p>
-
-<p>Ganz verdutzt sah Franz auf. Herr von Sawerski stand mit schußfertigem
-Gewehr vor ihm. „Wie kommen Sie dazu, den Bock zu schießen?“</p>
-
-<p>Die aufgeregte Art und die Frage kamen Franz so komisch vor, daß er
-laut lachte. „Sie glauben doch nicht, daß ich wildern gehe?“</p>
-
-<p>„Ich habe allein die Erlaubnis zum Pirschen.“</p>
-
-<p>„Diesmal hat Herr Oberamtmann selbst mir den Auftrag gegeben, gerade
-diesen Bock zu schießen.“</p>
-
-<p>Ohne sich weiter an Viktor zu kehren, lüftete er den Bock, verstaute
-ihn in seinem geräumigen Rucksack, warf ihn auf den Rücken und ging
-davon.<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> Er lieferte das Wild in der Küche ab und meldete dem Gutsherrn,
-daß er den Bock geschossen hätte. Von der Begegnung mit Viktor sagte
-er nichts. Aber sie ärgerte ihn noch nachträglich und stimmte ihn
-nachdenklich. Was hatte der Mann gegen ihn? Weshalb trat er ihm so
-schroff entgegen? War er etwa auf ihn eifersüchtig? Dazu hatte er
-doch nicht die geringste Ursache. Dieser Gedanke jedoch bestärkte
-ihn in seinem Entschluß, seine Neigung so tief und fest in sich zu
-verschließen, daß niemand sie merken sollte.</p>
-
-<p>Das Werfen der Sträußchen hatte er schon am nächsten Tage eingestellt,
-und er hatte sich wirklich soweit in der Gewalt, daß er Adelheid artig,
-aber ohne ein Zeichen von Erregung gegenübertreten konnte. An dem
-Abend des Saatfestes war die Gutsherrschaft nach dem Abendbrot auf den
-Speicher gegangen, um dem Tanz zuzuschauen. Frau Olga hatte die jungen
-Leute aufgefordert, fleißig zu tanzen. Sie hatte dabei mit den Augen
-nach Adelheid gewinkt. Der Wunsch der Gutsherrin wurde natürlich eifrig
-befolgt. Erst tanzte Viktor, dann Kolbe mit Adelheid.</p>
-
-<p>Jetzt kam auch Franz, wenn er nicht unhöflich erscheinen wollte, an
-die Reihe. Er gab sich innerlich<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> einen Ruck und verbeugte sich vor
-Adelheid. Seine Pulse hämmerten. Als sie sich in seinen Arm schmiegte,
-drohte ihn die Beherrschung zu verlassen, so daß er nicht gleich in
-den richtigen Takt kam. Aber dann riß er sich zusammen und tanzte. Der
-feine Duft, der von ihr ausging, berauschte ihn. Und leicht und weich
-wie eine Feder lag sie in seinem Arm. Es war ihm, als wenn er nicht mit
-den Füßen auf der Erde sprang, sondern mit ihr durch die Luft empor und
-davon flog.</p>
-
-<p>Er erwachte erst aus seinem Rausch, als sie leise sagte: „Ich danke.“
-Und mit einem strahlenden Blick fügte sie hinzu: „Sie tanzen gut.“</p>
-
-<p>Als er auf seinen Platz zurückkehrte, flüsterte ihm Kolbe zu: „Mensch,
-sechsmal haben Sie mit ihr rumgewalzt. Mit uns beiden hat sie nur drei
-Runden gemacht.“</p>
-
-<p>„Ich habe die Runden nicht gezählt“, erwiderte Franz. „Ich glaube, man
-darf mit einer Dame solange tanzen, bis sie dankt.“</p>
-
-<p>„Nun werden Sie sich wohl wieder etwas darauf einbilden, daß sie bei
-mir schon nach drei Runden gedankt hat.“</p>
-
-<p>Beim nächsten Tanz verkündete der Kämmerer, der in der Mitte als Ordner
-stand, mit<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> mächtiger Stimme: „Damenwahl!“. Mit etwas Unbehagen sah
-Frau Olga, wie das hübsche, junge Stubenmädchen auf Viktor zueilte
-und ihn durch einen Knix zum Tanz aufforderte. Auch Hans Kolbe wurde
-sofort von einem Scharwerksmädchen geholt. Da stand Adelheid auf und
-bat Franz durch eine Neigung des Kopfes. Er trat schnell an sie heran
-und legte den Arm um sie. Von diesem Augenblick an wußte er nicht mehr,
-was um ihn her vorging. Er sah und fühlte nur die schöne Frau, die ihn
-geschickt mit leisem Druck durch das Gewühl der Tanzenden führte.</p>
-
-<p>Als Adelheid auf ihren Platz zurückkehrte, beugte sich Frau Olga zu ihr
-und flüsterte ihr zu: „Du, verdreh’ dem Jungen nicht den Kopf.“</p>
-
-<p>Lachend gab sie zur Antwort: „Hältst du das für möglich? Ich glaube, er
-ist viel zu vernünftig dazu.“</p>
-
-<p>Auch Viktor hatte es mit Mißbehagen beobachtet, daß Franz bei der
-Damenwahl von Adelheid aufgefordert worden war. Er tröstete sich jedoch
-in Gedanken damit, daß er nicht frei gewesen war, weil die kleine
-hübsche Kröte von Stubenmädchen ihn so fix geholt hatte. Als jedoch
-Adelheid keine Miene machte, ihn zu holen, obwohl der<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> Tanz noch
-ziemlich lange dauerte, beschlich ihn ein Gefühl, das nicht sehr weit
-von Eifersucht entfernt war. Er nahm sich vor, bei den nächsten Tänzen
-Adelheid eifrig zu umwerben und ihr ganz offen die Cour zu schneiden.
-Doch dazu kam es nicht. Denn bald darauf brach die Gutsherrin auf und
-nahm ihre Freundin mit sich.</p>
-
-<p>Da blieb er in einem Gefühl von Trotz auf dem Fest und tanzte noch so
-oft mit der „kleinen Kröte von Stubenmädel“, daß es den Neid aller
-anderen erregte. Der Oberamtmann, der mit den Herren noch sitzen blieb,
-bemerkte es auch und erzählte es noch in der Nacht lachend seiner
-Gattin.</p>
-
-<p>Franz war nach dem Tanz ins Freie gegangen. Das Stimmengewirr, der
-Dunst von Staub und Tabaksrauch, der wie eine Wolke über den Köpfen
-der Tanzenden hing, waren ihm unerträglich. Es war eine dunkle, weiche
-Frühlingsnacht ohne Licht von Mond oder Sternen, denn der Himmel war
-mit schwarzen Wolken verhangen. Aber die Natur schwieg oder schlief
-nicht. Sie lebte und sprach mit tausend Stimmen. In den Teichen im
-Park, in den Gräben, die jetzt noch voll Wasser standen, quarrten
-die Frösche. In den Fliederbüschen, deren Knospen vor dem Aufbrechen
-standen,<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> sang ein Sprosser. Nicht so weich und flötend wie die
-Nachtigall des Südens, aber für ein liebendes Herz enthält auch die
-Stimme des Sprossers genug Liebessehnsucht ....</p>
-
-<p>Es war so still, daß Franz sein Blut in den Adern hämmern hörte. Er
-vernahm auch das Kichern der Liebespärchen, die sich aus dem Saal
-gestohlen hatten. Dann wieder tiefe Stille, nur manchmal unterbrochen
-durch schmelzende, schmatzende Laute. Da wurden heiße Küsse getauscht,
-mit Glut gegeben und mit Inbrunst empfangen. Auch sein Blut regte sich.
-Seine Gedanken irrten wild umher. Aber ach, das Ziel seiner Sehnsucht
-stand so hoch und unerreichbar über ihm. Unwillkürlich kam ihm Goethes
-Gedicht: „Trost in Tränen“ in den Sinn, und er sprach vor sich hin:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Ach nein, erwerben kann ich’s nicht,</div>
- <div class="verse indent0">Es steht mir gar zu fern,</div>
- <div class="verse indent0">Es weilt so hoch, es blinkt so schön,</div>
- <div class="verse indent0">Wie droben jener Stern.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Die Sterne, die begehrt man nicht“, sprach er leise vor sich hin ....</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_13">13. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Am nächsten Sonnabend erbat sich Franz Urlaub, um auf einen Tag nach
-Hause zu fahren. Er hatte nach schwerem Kampf den Entschluß gefaßt,
-die törichte Leidenschaft aus seinem Herzen zu reißen. Um sich darin
-zu bestärken, wollte er ein Zusammentreffen mit Adelheid vermeiden. Es
-schwebte ihm auch dunkel das Bedürfnis vor, seinem alten Freund sein
-Herz auszuschütten. Seit Weihnachten war er nicht zu Hause gewesen.
-Damals hatte er mit der fröhlichen Unbekümmertheit der Jugend mit den
-Eltern und der Schwester, die aus Königsberg nach Hause gekommen war,
-köstliche Tage verlebt. Auch Lotte war mit ihrer Mutter zum heiligen
-Abend und den Festtagen eingeladen, und er hatte das zur Jungfrau
-heranblühende Kind mit großem Wohlgefallen betrachtet und sich an ihrer
-sonnigen Heiterkeit erfreut.</p>
-
-<p>Jetzt war ihm das Herz schwer, als er den Einspänner bestieg und den
-alten, schwerfälligen Gaul in Bewegung setzte. Welchen glaubwürdigen<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span>
-Grund sollte und konnte er vorbringen, um seinen Besuch zu erklären?
-Aber würde es nicht genügen, wenn er sagte, daß er für einen Tag
-ausspannen und die Eltern wiedersehen wollte? Er trat mit einem
-Scherzwort bei den Eltern ein, die sich gerade zum Abendbrot hingesetzt
-hatten, und gab unaufgefordert die Erklärung ab. Die Eltern begrüßten
-ihn herzlich, aber er entnahm aus ihren forschenden Blicken, daß sie
-nach einer anderen Erklärung für sein unvermutetes Erscheinen suchten.
-Der Vater dachte nichts anderes, als daß ihm sein Beruf nicht zusage
-und er sich die Zustimmung erbitten wolle, ihn aufzugeben. Aus seinem
-Gesicht schwand die Freude über den Besuch des Sohnes.</p>
-
-<p>Auch die Mutter hatte denselben Gedanken und sich mit dem Vater durch
-einen Blick verständigt. Aber auch ihr bereitete der Gedanke keine
-Freude, denn es war nicht anzunehmen, daß er beim Wechsel des Berufes
-ihren Wunsch erfüllen wollte .... So verlief der Abend ohne rechte
-Freude für alle Teile. Am nächsten Morgen ging Franz in den Widem, um
-Onkel Uwis zu begrüßen und dann mit den Eltern in die Kirche. Er setzte
-sich nach alter Gewohnheit in den Pfarrstuhl. Bald erschien auch Lotte,
-setzte sich neben ihn und hielt<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> ihm ihr Gesangbuch hin. Und als sie
-ihm beim Singen mehrmals so treuherzig in die Augen blickte, stieg
-in ihm ein Gefühl hoch, das ihn seine Leidenschaft für Adelheid als
-Unrecht, ja, als Sünde, empfinden ließ. Gleich nach dem Mittag ging er
-zu Onkel Uwis. Er war entschlossen, ihm nichts zu beichten, sondern aus
-eigener Kraft seine Leidenschaft zu bekämpfen und zu besiegen. Aber als
-sie im Garten, der im herrlichsten Blütenschmuck prangte, auf und ab
-wanderten, sah der alte Herr ihn mit tiefem Ernst an, doch voll milder
-Freundlichkeit, und fragte wie selbstverständlich: „Nun beicht’ mir
-mal. Wo drückt dich der Schuh?“</p>
-
-<p>Franz wurde rot, das Blut stieg ihm zu Kopf und verschlug ihm die
-Sprache. Das war der Pfarrer an seinem jungen Freund nicht gewohnt. Er
-blieb stehen und legte ihm den Arm um die Schultern. „Du mußt etwas
-sehr Schweres auf dem Herzen haben, daß du dich nicht getraust, es
-mir zu beichten. Du weißt doch, daß ich dein Freund bin, dein bester
-Freund.“</p>
-
-<p>In heftiger Bewegung ergriff Franz seine Hand und küßte sie. „Ja,
-Onkel, deshalb bin ich ja zu dir gekommen. Es fällt mir nur so schwer,
-es auszusprechen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span></p>
-
-<p>„Das scheint mir ja beinahe auf ein schweres Liebesabenteuer zu deuten.“</p>
-
-<p>Das war das erlösende Wort. „Ja, Onkel, es ist allerdings kein
-Abenteuer für mich, aber schwer, sehr schwer. Ich werde von einer
-heftigen Leidenschaft gepeinigt, die ganz hoffnungslos ist.“</p>
-
-<p>„Weshalb denn hoffnungslos? Steht das Mädel so tief unter dir, oder
-...“ Er machte eine Pause. „... ist es gar eine Frau?“</p>
-
-<p>„Nein, Onkel, es ist ein Mädchen, aber acht oder neun Jahre älter als
-ich ... eine Freundin der Frau Oberamtmann. Sie steht turmhoch über
-mir. Meine Leidenschaft ist ein Wahnsinn, das weiß ich, das sage ich
-mir selbst täglich hundertmal. Aber meine ganze Seele ist in Aufruhr
-und ich bin glücklich, wenn ich sie sehen und ein paar Worte mit ihr
-sprechen kann. Und nachts kann ich vor Verzweiflung und Sehnsucht nicht
-schlafen. Nur einmal möchte ich sie in meinen Armen halten, nur einmal
-ihren Mund küssen, dann wollte ich gern sterben.“</p>
-
-<p>Der alte Herr erschrak vor diesem Ausbruch einer hemmungslosen
-Leidenschaft. Doch er ließ es sich nicht merken. Ganz ruhig fragte er:
-„Ist die junge Dame schon verlobt?“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span></p>
-
-<p>„Nein, ich glaube aber, man will sie mit unserem Volontär, einem
-Oberleutnant von Sawerski, zusammenbringen.“</p>
-
-<p>„Liebt sie ihn?“</p>
-
-<p>„Ich glaube nein.“</p>
-
-<p>„So? Na, weshalb hältst du deine Liebe für hoffnungslos?“</p>
-
-<p>Ganz verblüfft sah Franz ihn an. „Aber Onkel, willst du mit mir
-scherzen?“</p>
-
-<p>„Das fällt mir gar nicht ein. Ich frage allen Ernstes, weshalb du
-denn nicht ehrlich um ihre Liebe werben willst? Schreckt dich der
-Unterschied der Jahre? Der gleicht sich mit der Zeit aus. Vielleicht
-ist deine Jugend in ihren Augen kein Hindernis.“</p>
-
-<p>„Onkel, meinst du das wirklich? Aber nein, es geht nicht. Ich werde
-erst in zwei Jahren mündig. Und was kann ich ihr bieten? Einen
-Bauernhof.“</p>
-
-<p>Das Gesicht des alten Herrn hatte sich wieder aufgehellt. Er zwinkerte
-mit den Augen. „Na, unter Umständen könnte sie auch Gutsherrin werden.
-Dein Vater, mein Junge, steht gut in der Wehr. Er wäre imstande,
-dir ein anständiges Gut zu kaufen oder dir das Geld zu einer großen
-Pachtung<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> zu geben. Meine paar Kröten bekämst du auch mal nach unserem
-Tode.“</p>
-
-<p>„Ach Onkel, wie soll ich dir für all deine Liebe und Güte danken!
-Du gibst mir wieder neuen Lebensmut. Aber nein ... sie wird mich
-auslachen. Sie lebt in der großen Welt, verkehrt wie eine Prinzessin
-mit Fürsten und Grafen und soll mich unreifen Bauernjungen wählen?
-Nein, Onkel, das ist undenkbar. Ich glaube, sie wird auch den Herrn von
-Sawerski nicht nehmen. Nein, Onkel, es ist ja sehr freundlich von dir,
-daß du mich nicht wie einen dummen Jungen auslachst, sondern mir sogar
-Mut machst, aber die Hoffnung wollen wir doch fahren lassen. Nein,
-Onkel, du mußt mir raten, wie ich diese Leidenschaft überwinde. Sonst
-werde ich wahnsinnig oder tue mir ein Leid an.“</p>
-
-<p>Diesmal erschrak der Pfarrer noch stärker vor dem Ausbruch dieser
-Gefühle. „Ist sie denn so schön?“</p>
-
-<p>„Schön,“ rief Franz überschwenglich, „das ist gar kein Ausdruck für
-sie.“ Und nun begann er zu schwärmen und schwelgte förmlich in den
-höchsten Tönen der Bewunderung, die ihm sein Gefühl eingab. Und
-zum Schluß warf er sich dem alten Freund an die Brust und begann
-fassungslos<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> zu schluchzen. Sanft führte ihn der alte Herr zur
-Gartenbank und setzte sich neben ihn.</p>
-
-<p>„Du hast mir vorhin erzählt, daß die junge Dame in der großen Welt lebt
-und sich in den höchsten Kreisen bewegt. Da wundert es mich doch, daß
-sich bis jetzt kein Mann gefunden hat für sie, wenn sie so wunderbar
-schön ist.“</p>
-
-<p>„Sie ist nicht adlig und für die vornehmen Herren auch wohl nicht reich
-genug.“</p>
-
-<p>„Ach, mein Junge, das übersieht man bei einer tiefen Neigung. Du
-würdest doch auch nicht danach fragen?“</p>
-
-<p>„Nein, bei Gott, Onkel, danach frage ich nicht.“</p>
-
-<p>„Hat die junge Dame Angehörige, Vater, Mutter?“</p>
-
-<p>„Nein, Onkel, soviel ich gehört habe, steht sie ganz allein in der
-Welt.“</p>
-
-<p>„Siehst du, <span class="antiqua">mi fili</span>, da sitzt der Haken! Eine junge Dame, die so
-allein in der Welt herumreist, ohne den Rückhalt, den ihr die Familie
-gibt, wird nicht für voll angesehen. Und ich glaube, mich nicht zu
-irren, daß sie einzig und allein zu dem Zweck nach Polommen gekommen
-ist, den Herrn Oberleutnant dingfest zu machen.“</p>
-
-<p>Franz sprang auf. „Onkel, du beleidigst die<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> junge Dame. Sie ist die
-Freundin meiner gnädigen Frau.“</p>
-
-<p>„Das bestärkt mich in meiner Annahme. Die Frau Oberamtmann will die
-Freundin unter die Haube bringen. Ich nehme es als sicher an, daß deine
-Angebetete nach Jahr und Tag Frau von Sawerski ist. Dann wirst du auch
-von deiner Leidenschaft geheilt sein.“</p>
-
-<p>„Nie, nie!“, rief Franz in höchster Erregung. „Sobald sie sich mit ihm
-verlobt, erschieße ich sie und mich.“</p>
-
-<p>Der Pastor zog ihn auf den Sitz nieder. „Dunner Lüchting ... min Jung
-.... Da bliw du man so bi. Du bist ja en groten Schafskopp.“</p>
-
-<p>Franz war zusammengefahren, als der Onkel platt zu sprechen anfing,
-aufstand und nach der Pfeife langte, die für alle Fälle gestopft in
-der Gartenlaube stand. Er setzte sie umständlich in Brand und ging,
-mächtige Rauchwolken ausstoßend, eine Weile schweigend vor der Laube
-auf und ab. Dann blieb er vor Franz stehen.</p>
-
-<p>„Es wird wohl das beste sein, wenn dein Vater dich heute hier behält
-und dich in den nächsten Tagen in eine Heilanstalt bringt, wo du mit
-reichlich viel kaltem Wasser behandelt wirst.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span></p>
-
-<p>Ganz zaghaft fragte Franz: „Onkel, ist das dein Ernst?“</p>
-
-<p>„Mein völliger, völliger Ernst. Du bist wirklich imstande, in deiner
-Verblendung Unheil anzurichten. Dem muß vorgebeugt werden, wenn du
-nicht Vernunft annimmst. Ich schäme mich bis in den tiefsten Grund
-meiner Seele, daß ich dein Lehrer und Erzieher gewesen bin. Willst du
-deine Eltern und mich aus Gram vorzeitig in die Grube bringen?“</p>
-
-<p>„Onkel, du weißt nicht, was Liebe ist.“</p>
-
-<p>„So? Globst du dat, min Jung? Na, dann huck di man wedder hin, ich war’
-di wat vertellen.“</p>
-
-<p>Er ging, mächtig dampfend, eine Weile schweigend auf und ab. Dann
-begann er: „Ich war schon mehrere Jahre älter als du, als ich nach
-dem ersten Examen als Hauslehrer auf das Gut ... na, der Name tut
-nichts zur Sache ... kam. Der Gutsherr, ein kalter, unfreundlicher
-Mann, hatte vor kurzem zum zweiten Male geheiratet, ein blutjunges,
-lebenslustiges Mädel, das den Witwer nur genommen hatte, um sich und
-ihre Mutter von schweren Sorgen zu befreien. Als ich auf das Gut kam,
-war die junge Frau schon im Stadium stiller<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> Verzweiflung. Der Mann
-verstand sie nicht .... Ach, daß mir diese abgedroschene Redensart in
-den Mund kommen mußte! Der Mann war fünfzehn Jahre älter als sie. Das
-hätte nichts geschadet, wenn nur sein Herz jung geblieben wäre. Aber
-das war alt und hart geworden. Er gönnte seiner Frau kein Vergnügen,
-keinen Umgang mit den Nachbarn. Er mäkelte an ihr herum und schalt sie
-in Gegenwart der Dienstboten aus. Schon nach ein paar Stunden hatte
-ich den Stand ihrer Ehe durchschaut. Ich war innerlich wund, denn ich
-hatte noch Stunden, und sie waren nicht selten, in denen ich mit mir
-rang, die ganze Gottesgelahrtheit von mir zu tun und umzusatteln. Ich
-hatte das Bedürfnis, mich auszusprechen, und fand bei der jungen Frau
-teilnahmsvolles Verständnis. Schon nach acht Tagen wußte ich, daß mich
-eine heftige Leidenschaft ergriffen hatte, daß ich ihr mit Leib und
-Seele verfallen war. Nach weiteren acht Tagen glaubte ich, zu wissen,
-daß meine Liebe erwidert würde.“</p>
-
-<p>Franz war aufgesprungen und an ihn herangetreten. „Onkel, lieber Onkel,
-sag mir alles .... Was tatet ihr da?“</p>
-
-<p>„Ich habe vierzehn Tage der höchsten Qual<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> durchgemacht. Ich war
-überzeugt, daß die junge Frau mir bei dem leisesten Wort in die Arme
-fliegen würde. Ich überwand die Versuchung, und mein reines Gewissen
-gab mir die Kraft, vor den Mann zu treten und von ihm die Freigabe
-seiner Frau zu fordern. Er lachte mich aus und warf mich aus dem
-Hause. Vier Wochen später ging die Frau, die er durch die schwersten
-Beschimpfungen bis aufs Blut gequält hatte, im tollsten Schneesturm
-abends heimlich aus dem Hause. Erst nach drei Tagen fand man ihre
-Leiche im Walde.“</p>
-
-<p>In tiefem Mitgefühl schlang Franz seine Arme um ihn. „Onkelchen, wie
-hast du das überwunden?“</p>
-
-<p>„Wie ich es überwunden habe?“, erwiderte der alte Herr leise. „Ich habe
-mit Gott und der Welt gehadert, ich habe wochenlang stumpfsinnig bei
-einem Freunde gesessen, der schon in einer Pfarre war ....“</p>
-
-<p>„Und dann hast du gebetet, nicht wahr? Ich habe auch schon nachts
-gebetet, Gott möchte mich von dem Übel erlösen.“</p>
-
-<p>„Nein, mein Junge, das habe ich erst viel später getan. Nimm es mir
-nicht übel, wenn ich es dir sage, obwohl ich Pastor und Seelenhirt
-bin,<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> gegen solche Leidenschaften hilft das Beten nicht ... Das können
-dir auch meine Kollegen von der anderen Fakultät bestätigen, die nicht
-nur beten, sondern auch ihren Leib kasteien, weil sie ihn für ihr
-sündiges Begehren verantwortlich machen. Das kann nur gegen die Sinne
-helfen, wenn sie allein an der Leidenschaft beteiligt oder schuld sind.
-Sobald die Sache dem Menschen in die Seele schlägt, wenn das Herz im
-edelsten Sinne daran beteiligt ist, dann muß sich Verstand und Vernunft
-ihm beugen. Dann hilft nur die Zeit, die mächtigste aller Trösterinnen.“</p>
-
-<p>Er sah Franz forschend an. „Nun sag mir mal, aber ganz ehrlich und
-offen: Ist dein Herz an dieser Leidenschaft beteiligt?“</p>
-
-<p>„Ich ... ich weiß es nicht“, stotterte der Jüngling. „Ich glaube aber
-nein.“</p>
-
-<p>„Ich glaube, du hast recht, mein Junge. Du kennst die junge Dame zu
-wenig, um mit dem Herzen daran beteiligt zu sein. Du kennst noch keine
-Dame aus der großen Welt. Ihre herrliche Erscheinung, ihr Liebreiz, die
-Anmut ihres Benehmens haben dich bezaubert und verzaubert. Du hast also
-bloß gegen deine Sinne anzukämpfen. Und da bist du doch Manns genug,
-dich nicht unterkriegen<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> zu lassen .... Das Leben liegt noch so lang
-und so schön vor dir. Du wirst, wenn du diese Leidenschaft überwunden
-hast, ein liebes Mädchen finden, das dir den Himmel auf Erden bereitet
-.... Halt die Ohren steif und mach uns keine Schande. Und nun geh mit
-Gott, mein Junge. Grüße Herrn und Frau Oberamtmann von mir. Das sind
-ein paar prächtige Menschen.“</p>
-
-<p>Zum Kaffee ging Franz noch auf ein Stündchen zu Frau Grigo. Lotte
-plauderte mit ihm so vertrauensvoll und offenherzig, daß er eine große
-Freude daran hatte. In froher Stimmung, mit heiterem Gesicht kehrte er
-zu seinen Eltern zurück. Bald nach dem Abendbrot rüstete er sich zur
-Rückfahrt. Der Vater begleitete ihn zum Wagen. Erst jetzt fragte er den
-Sohn, ob er etwa die Landwirtschaft aufgeben wollte und sich darüber
-beim Onkel Uwis Rat geholt hätte.</p>
-
-<p>„Nein, Vater, die Landwirtschaft gefällt mir je länger um so besser.
-Nein, ich hatte etwas anderes auf dem Herzen. Wenn du es durchaus
-wissen willst, frag’ Onkel Uwis und bestell’ ihm von mir, daß er es dir
-erzählen darf.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_14">14. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Je mehr Walter die Schwester seines Lehrherrn kennenlernte, desto
-größere Hochachtung ja Bewunderung zwang sie ihm ab. Wie eine
-Lichtgestalt aus einer besseren Welt erschien sie ihm, der alle
-Erdenschwere mangelt. Noch nie hatte ein weibliches Wesen ihm soviel
-Hochachtung abgenötigt, selbst seine eigene Mutter nicht, die sehr oft
-in Kleinigkeiten aufging und durch ihre Schwäche für den einzigen Sohn,
-wie er es jetzt selbst fühlte, dazu beigetragen hatte, daß er auf eine
-abschüssige Bahn geriet. Minna war so schlicht und klar in ihrem Wesen,
-daß er bis auf den Grund ihrer Seele zu sehen vermeinte. Und er fand
-dort nichts anderes als lauteres, gediegenes Gold.</p>
-
-<p>Ihre bemerkenswerteste Eigenschaft war die unendliche Herzensgüte.
-Nie wurde sie launisch oder unfreundlich. Selbst wo sie mal eine Rüge
-erteilen mußte, klang ein freundlicher Unterton mit, der ihren Worten
-jedes Verletzende nahm.<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> Denn wie oft wirkt schon ein leichter Tadel
-durch den Ton, mit dem er erteilt wird, verletzend. Sie war jedoch
-nicht etwa weich, oder ließ fünf gerade sein. Nein, sie war sehr
-entschieden in ihrem Auftreten und von einer ruhigen Sicherheit, die
-jeden Widerspruch erstickt, noch ehe er laut wird. Die Dienstmädchen
-hingen mit großer Liebe an ihr und erfüllten ihre Pflicht mit Eifer, um
-ein Lob, oder auch nur einen freundlichen Blick von ihr zu gewinnen.</p>
-
-<p>Walter kam es gar nicht zum Bewußtsein, welch einen Einfluß sie auch
-auf ihn allmählich gewonnen hatte. Er führte früher einen steten Kampf
-mit seinen bösen Lüsten und Leidenschaften und hatte sie nur dann
-besiegt, wenn ihm seine Klugheit es in den einzelnen Fällen geraten
-erscheinen ließ, sie zurückzudrängen und sich zu beherrschen. Jetzt
-erschien es ihm selbstverständlich, daß er sich in jeder Beziehung
-musterhaft aufführte. Wenn er früher mit Getreide auf den Bahnhof fuhr
-oder in der Stadt Besorgungen zu erledigen hatte, wo er mit Bekannten
-zusammentraf, hatte er nicht selten einen kleineren oder größeren Affen
-mit nach Hause gebracht, der sich bis zum nächsten Morgen in einen
-greulichen<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> Kater verwandelte. Jetzt kehrte er stets völlig nüchtern
-nach Hause zurück. Der Gedanke, Minna könnte ihm aus solchem Anlaß
-ihr Mißfallen durch kaltes Benehmen zu erkennen geben, bereitete ihm
-schon Unbehagen und gab ihm eine Widerstandskraft, die er früher nicht
-besessen hatte.</p>
-
-<p>Ganz allmählich wurde es ihm klar, daß sie sein ganzes Denken und
-Fühlen erfüllte, und er begann um sie zu werben. Nicht mit Worten
-oder Blicken. Das verbot sich ihrer klaren, reinen Art gegenüber von
-selbst, sondern durch sein Benehmen. Er wollte und mußte vor sich als
-ein anständiger Kerl dastehen können, wenn er ihr vertrauenswürdig sein
-sollte.</p>
-
-<p>Auch bei dem Bruder gewann ihr Wesen Einfluß. Er war seinen Leuten
-gegenüber gerecht und hatte sie sogar besser gestellt, als die meisten
-Güter der Umgegend. Aber er war rauh in seinem Wesen und polterte oft
-los, wenn ihm etwas nicht gefiel, und schreckte auch vor drastischen
-Ausdrücken nicht zurück. Dann brauchte ihn Minna bloß mahnend aus ihren
-sanften Augen anzusehen. In schwereren Fällen genügte ein sanftes,
-etwas vorwurfsvolles „Aber Friedrich!“, um ihn zu mäßigen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span></p>
-
-<p>Der Gutsherr beobachtete den Verkehr der beiden jungen Leute ganz
-genau. Es lag doch nicht so fern, anzunehmen, daß sich zwischen zwei so
-jungen Menschen geistige und seelische Beziehungen anspinnen, wenn sie
-so lange Zeit völlig aufeinander angewiesen sind. Er konnte aber nichts
-weiter entdecken, als einen harmlosen, freundschaftlichen Verkehr, wie
-zwischen zwei guten Kameraden. Daß Walter sich sehr zusammennahm und
-beherrschte, um seine Gefühle nicht zu verraten, ahnte er nicht. Und
-Minna verriet ebensowenig ein tieferes Gefühl für den jungen Menschen.</p>
-
-<p>Nach dem Abendbrot setzte sie sich mit einer feinen Handarbeit an
-den runden Tisch unter der großen Hängelampe. Die geschäftlichen
-Angelegenheiten und kleinen Fragen, die von der Wirtschaft aufgeworfen
-wurden, waren bald durchgesprochen. Dann stand Walter auf, setzte sich
-ans Klavier und spielte ohne Aufforderung. Oft begann Minna, wenn
-er eine Pause machte, ein Volksliedchen zu singen, das von Walter
-kunstvoll begleitet wurde.</p>
-
-<p>Eines Tages bereitete Braun, auf Minnas Anregung, seinem Zögling
-eine große Freude. Er lud Walters Eltern zu einem Besuch für den
-nächsten Sonntag ein. Sie kamen bei guter Zeit<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> schon am Vormittag.
-Das Wetter war endlich umgeschlagen und hatte Tauwetter gebracht. Die
-Märzsonne begann mit ihren Strahlen bereits den Schnee wegzuzehren.
-Von den Dächern tropfte es. Gegen Abend, sobald die wärmende Kraft
-des Tagesgestirns nachzulassen begann, verwandelten sich die Tropfen
-zu langen Eiszapfen, die jeden Morgen abgeschlagen werden mußten, um
-nicht beim Herabfallen Mensch oder Tier zu verletzen. Von den Kuppen
-der Berge schwand der Schnee. Auf dem dunklen Acker trippelte die
-Lerche umher und schwang sich im Sonnenschein zum Himmel empor, um den
-Frühling, der noch weit im Süden weilte, ein Willkommen zuzurufen.</p>
-
-<p>Mit großer Freude begrüßte Walter die Eltern, deren Besuch ihm ganz
-überraschend kam. Die Mutter hob er aus dem Schlitten und trug sie auf
-seinen starken Armen ins Haus. Mit Stolz musterte der Forstmeister
-seinen Jungen, der ihm frischer und kräftiger geworden zu sein schien.
-Und er nahm noch vor Mittag Gelegenheit, seinen Lehrherrn zu befragen,
-wie er mit ihm zufrieden wäre.</p>
-
-<p>Braun erteilte seinem Zögling ein volles Lob. Er sei durchaus
-zuverlässig, diensteifrig und leiste<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> freiwillig mehr, als er
-von ihm verlange. Ja, er habe das Gefühl, daß Walter mit seinem
-Entschluß, Landwirt zu werden, das Richtige getroffen habe. Er führe
-mit Liebe und Fleiß die ganzen Bücher des Gutes und studiere eifrig
-landwirtschaftliche Lehrbücher. Der Forstmeister fühlte mit freudigem
-Stolz, was das Lob aus dem Munde des ernsten Mannes bedeutete.</p>
-
-<p>Minna gab dem ganzen Tag ein freundliches Gepräge. Sie hatte den
-Mittagstisch mit großem Geschmack gedeckt und ein Essen angerichtet,
-das vor jeder Zunge mit Ehren bestehen mußte. Nach Tisch geleitete
-sie die alte Dame in ein von der Sonne durchleuchtetes Zimmer, um sie
-auf einer Liege zu einem Nickerchen zu betten. Die Männer blieben
-noch bei einem Glas Rotwein und einer guten Zigarre am Tisch sitzen.
-Der Forstmeister erzählte, was er aus Grindas Bericht wußte. Danach
-unterlag es keinem Zweifel, daß die Russen in äußerst bedrohlicher
-Weise gewaltige Truppenmassen an ihrer Westgrenze zusammenballten. Mit
-Ingrimm sprach er es aus, daß die Reichsregierung diesen Nachrichten
-kein Gewicht beizulegen schien. Als wenn es von uns allein abhinge, ob
-der Friede erhalten werden sollte, oder nicht!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span></p>
-
-<p>Daran schloß sich ein Rundgang über den Hof und durch die Ställe.
-Bald nach dem Kaffee wollten die Gäste aufbrechen, aber Minna bat
-so gewinnend, ihnen auch noch den Abend zu schenken, daß sie sich
-zum Bleiben bestimmen ließen. Im blauen Zimmer loderte ein helles
-Kaminfeuer. Zu der in Ostpreußen sehr beliebten Zwischenmahlzeit, die
-allgemein den komischen Namen „Schweine-Vesper“ führt, gab es ein Glas
-Grog. Der Forstmeister sah mit Verwunderung, daß sein Sohn das zweite
-Glas, das Minna ihm anbot, verschmähte.</p>
-
-<p>„Ist mein Junge immer so mäßig?“ fragte er lachend.</p>
-
-<p>„Ich kenne ihn nicht anders“, erwiderte Minna mit freundlichem Lächeln.</p>
-
-<p>Die Mutter beobachtete argwöhnisch den Verkehr der beiden jungen Leute.
-Sie machte keine Ausnahme von all den Müttern, die einen erwachsenen
-Sohn besitzen, die sich schon lange, noch bevor es Zeit ist, mit der
-Auswahl einer zukünftigen Schwiegertochter beschäftigen. Sollte sich
-zwischen den beiden jungen Menschen noch nichts angesponnen haben?
-Das Mädel gefiel ihr mehr, als sie sich eingestehen mochte. Und sie<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span>
-fühlte, daß Minna für eine Liebelei kein Verständnis besaß. Desto
-größer war die Gefahr, daß sich zwischen ihr und Walter eine ernsthafte
-Neigung anbahnen konnte. Und das müßte ihr doch mißfallen, denn nach
-allem, was man über Minna wußte, war sie ein ganz armes Mädchen.</p>
-
-<p>Das war in den Augen der alten Dame ein ganz unverzeihlicher Fehler,
-denn Walter brauchte eine Frau mit Vermögen, wenn er nicht auf einer
-kleinen Klitsche anfangen sollte. Aber so sehr sie auch mit allen
-Sinnen beobachtete, sie konnte nichts entdecken, was auf ein geheimes
-Einverständnis zwischen den beiden jungen Menschen hindeutete. Eher
-das Gegenteil, denn solch ein harmloser, freundlicher Verkehr ist nur
-möglich, wenn nicht einem oder beiden die Unbefangenheit durch geheime
-Wünsche und Gefühle gestört wird.</p>
-
-<p>Sehr befriedigt fuhr das Ehepaar heim. Es war kein Kutscher mitgenommen
-worden, so daß die beiden Altchen ungestört miteinander sprechen
-konnten. Der Forstmeister berichtete jetzt erst seiner Gattin
-ausführlich, welch ein hohes Lob Braun seinem Zögling erteilt hatte.
-„Das war bis jetzt die größte Freude meines Lebens! Und weißt du,
-Olsche, wem wir diese Wandlung zu danken<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> haben? Keinem anderen als dem
-lieben, jungen Mädchen. Mir wurde ordentlich das alte Herz jung, als
-ich sie so still und geräuschlos und doch so umsichtig und besorglich
-walten sah.“</p>
-
-<p>„Ich glaube, du siehst in ihr schon unsere zukünftige Schwiegertochter.“</p>
-
-<p>„Na, Olsche, wäre das nicht ein Glück für den Jungen, solch ein liebes
-Wesen zur Frau zu bekommen?“</p>
-
-<p>„An dem Wesen habe ich nichts auszusetzen.“</p>
-
-<p>„Aber?“</p>
-
-<p>„Sie hat doch nichts; sie wird von ihrem Bruder höchstens etwas
-Aussteuer bekommen. Aber ich sehe keine Gefahr für unseren Jungen.“</p>
-
-<p>Walter bedankte sich noch, ehe er in sein Zimmer ging, für die
-Einladung der Eltern. Lächelnd wies Braun auf seine Schwester. „Minna
-hat den Gedanken angeregt, und ich habe es gern getan.“</p>
-
-<p>Mit stummem Blick reichte Walter dem jungen Mädchen die Hand.</p>
-
-<p>Er ahnte nicht, daß er seinen Vater zum letzten Male gesehen hatte.
-Acht Tage später erhielt er von der Mutter die Nachricht, daß er ganz
-plötzlich verstorben wäre. Gesund, ohne jede Beschwerde,<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> hatte er sich
-abends zu Bett gelegt. Am anderen Morgen stand die Mutter leise auf und
-schlich sich hinaus, um ihn, der anscheinend noch fest schlief, nicht
-zu wecken.</p>
-
-<p>Es wurde acht, es wurde neun Uhr. Sie öffnete ein paarmal leise die Tür
-und schaute ins Zimmer. Er schlief anscheinend immer noch. Schließlich
-beschlich sie eine böse Ahnung. Sie trat ans Bett und berührte seine
-Schultern. Und jetzt erst erkannte sie, daß er sanft, ohne seine
-natürliche Stellung zu ändern, entschlafen war.</p>
-
-<p>Gleich, nachdem die Nachricht eingetroffen war, fuhr Walter nach
-Hause. Er fand die Mutter fassungslos vor Schmerz. Sie machte sich
-den Vorwurf, daß sie den Entschlafenen noch am Abend vorher mit ihrer
-Sehnsucht nach dem Stadtleben geplagt hatte. Walter kam durch die
-vielen Besorgungen, die er zu erledigen hatte, über den ersten heftigen
-Schmerz hinweg, und es war ihm eine wehmütige Freude, von der Mutter zu
-erfahren, daß der Vater sich noch so kurz vor seinem Tode über ihn und
-das Lob, das Braun ihm gespendet, gefreut habe.</p>
-
-<p>Es war ein großes, stattliches Begräbnis. Sechs Grünröcke, die den
-Forstmeister als einen<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> gerechten, gütigen Vorgesetzten verehrten,
-trugen den Sarg. Über das offene Grab knatterten drei Salven. Der
-Kirchhof lag vorn im Walde, zwischen uralten Kiefern und dazwischen
-aufstrebenden Eichen, deren Wipfel ihm das Schlummerlied rauschten. Nun
-schlief er im Walde, den er so geliebt hatte, daß er Beförderungen und
-Ehrenzeichen ausschlug, um sich nicht von ihm trennen zu müssen.</p>
-
-<p>Einige Tage dauerte noch die Regelung der Geschäftsverhältnisse. Da
-kein Testament vorhanden war, erbten Frau und Sohn zu gleichen Teilen.
-Dabei erfuhr Walter, daß der Vater ein ziemlich erhebliches Vermögen
-hinterlassen hatte. Die Mutter konnte und wollte noch bis zum nächsten
-Quartal in der Oberförsterei wohnen bleiben. Denn die Regierung hatte
-einen unverheirateten Forstassessor geschickt, der das Revier bis zur
-endgültigen Neubesetzung der Stelle verwalten sollte. In der Zeit
-wollte die Mutter sich für eine Mittelstadt im Reich entscheiden und
-die Übersiedlung vorbereiten.</p>
-
-<p>Walter litt es nicht lange zu Hause. Die lauten Wehklagen der Mutter
-störten ihm die eigene, tiefe Trauer um den Vater, für dessen<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> Wert
-und Bedeutung er erst jetzt die richtige Schätzung gewonnen hatte.
-Er sehnte sich auch nach Tätigkeit. Das Frühjahr war sehr schnell
-gekommen. An den Südabhängen sprießten im Walde schon die bescheidenen
-Leberblümchen. Hier und dort hob auch schon eine Anemone ihr weißes
-Köpfchen. Noch einmal war Walter tagsüber durch den Wald gewandert,
-hatte alle seine Lieblingsplätze besucht und mit freudiger Rührung
-sich eingeprägt, was der Vater in seiner langen, gesegneten Tätigkeit
-geschaffen hatte.</p>
-
-<p>Am schwersten fiel ihm der Abschied vom Elternhaus. Ach, es war ja
-nicht mehr sein Elternhaus! Bald würden andere Menschen kommen, Fremde,
-die es nach ihrem Willen und Geschmack einrichten würden. Einige
-Geweihe und eine Anzahl der besten Gehörne gab ihm die Mutter zum
-Andenken mit. Die anderen sollte er erst nach ihrem Tode erhalten.</p>
-
-<p>Als er nach Nonnenhof zurückkam, war aus dem heiteren Jüngling ein
-ernster Mann geworden. Mit feinem Takt regte Minna ihn abends an, von
-dem Begräbnis zu erzählen. Er tat es gern und lobte die Liebe und
-Verehrung, die der Verstorbene sich in seinem Leben erworben hatte.<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span>
-Und dann kam er auf den Vater zu sprechen, der Zeit seines Lebens ein
-frohmütiger Mann gewesen und als Weidmann und Forstwirt sich einen
-guten Namen und ein ehrenhaftes Andenken geschaffen habe. Minna hörte
-still zu, ohne ihn zu unterbrechen. Und doch las Walter in ihren
-Augen und fühlte, wie von ihr eine mitleidsvolle Teilnahme zu ihm
-herüberwallte.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen stand er schon vor Tagesgrauen auf und ging an
-seine Arbeit. Die Saatzeit war angebrochen, und es gab sehr viel zu
-tun. Walter war den ganzen Tag unermüdlich auf den Beinen und leistete
-mehr, als selbst ein strenger Lehrherr verlangen konnte, so daß selbst
-Braun ihm manchmal sagte, er dürfe sich nicht zu viel zumuten. Minna
-umhegte ihn mit ganz besonderer Sorgfalt. Jetzt fand er täglich auf
-dem Frühstückstisch ein Glas Wein eingegossen. Als er ihr über ihre
-Verschwendung, wie er es nannte, freundliche Vorhaltungen machte,
-erwiderte sie ruhig, das habe Friedrich angeordnet.</p>
-
-<p>Das Frühjahr, das so schnell gekommen war, hielt nicht, was es anfangs
-versprach. Wochenlang wehte ein sturer Ostwind, der Kälte brachte.
-Das Getreide, das im feuchten Acker stand, wollte<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> und wollte nicht
-aufgehen. Und als sich die grünen Blattspitzen hervorwagten, da fanden
-sie es auf der Erde so ungemütlich, daß sie keine Lust zeigten, freudig
-emporzuwachsen. Erst Anfang Juni, als die Landwirte schon fast alle
-Hoffnung auf eine, wenn auch nur mittlere Ernte, aufgegeben hatten,
-schlug das Wetter um. Ein mäßiger Südwest brachte erst Wärme und dann
-reichlichen Regen. Mit überraschender Schnelligkeit erholte sich das
-Getreide. Auch die Wintersaat, die schon gelbe Spitzen zeigte, erholte
-und bestockte sich. Mit besseren Hoffnungen gingen die Landwirte in den
-Sommer hinein.</p>
-
-<p>Gleich nach der Heuernte, die ziemlich spärlich ausgefallen war, ging
-Braun daran, eine alte Mergelgrube, die in seinem besten Weizenschlag
-lag, zu beseitigen. Sie war wohl uralt, denn sie war mit Steinen
-ausgefüllt, die man im Laufe der Zeit aus dem Acker ausgepflügt
-hatte. Es waren Findlingsblöcke darunter, die erst gesprengt werden
-mußten, ehe man sie wegschaffen konnte. Das war dem Gutsherrn nicht
-unlieb, denn er gedachte daraus die Fundamente für einen neuen Stall
-zu gewinnen. Tagelang hörte man im Gutshause das donnernde Krachen,
-mit dem die Felsblöcke<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> zersprangen. In froher Laune sprach Braun beim
-Kaffee von seinen Plänen, einen neuen massiven Stall zu bauen und seine
-Viehhaltung zu vergrößern.</p>
-
-<p>„Walter, Sie können mal nachher hinausgehen und zusehen, ob die Leute
-noch heute fertig werden.“</p>
-
-<p>Nach einer Weile besann er sich anders. „Aber nein, lassen Sie das, ich
-werde selbst gehen; Sie haben ja noch auf dem Speicher zu tun.“</p>
-
-<p>Er nahm Mütze und Stock und ging aufs Feld. Als er nicht mehr weit
-von der Mergelgrube entfernt war, krachte ein Sprengschuß. Er sah die
-Arbeiter aufstehen und langsam auf die Grube zugehen.</p>
-
-<p>„Na, wie weit seit ihr denn?“ rief er sie an.</p>
-
-<p>„Noch einen Schuß, dann sind wir fertig, er ist schon geladen, aber
-nicht losgegangen.“</p>
-
-<p>Das Wort war kaum gefallen, als der Schuß verspätet losging. In
-Schrecken erstarrt standen die Arbeiter. Meist war ja die Ladung so
-bemessen, daß sie den Block nur in mehrere große Stücke zerriß. Aber es
-kam doch vor, daß der Stein weniger Widerstand leistete, und Brocken
-bis zur Kopfgröße weit fortgeschleudert wurden.<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> Und diesmal schien die
-Ladung viel zu stark gewesen zu sein, denn ein Hagel von scharfkantig
-zerrissenen Sprengstücken sauste nach allen Seiten durch die Luft. Wie
-durch ein Wunder entgingen die Arbeiter dem drohenden Verderben. Nur
-einer sank lautlos um, der Gutsherr. Ein faustgroßer Stein hatte ihn in
-die Schläfe getroffen.</p>
-
-<p>Walter kam gerade vom Speicher, als ein Arbeiter mit verstörtem Gesicht
-auf den Hof stürmte.</p>
-
-<p>„Was ist los?“</p>
-
-<p>„Ach Gott, Herr Walter, der Herr ist tot!“</p>
-
-<p>Fassungslos faßte Walter den Mann an. „Was sagen Sie? Mensch, das ist
-nicht wahr!“</p>
-
-<p>„Ja, ja, es ist schon wahr, ein Sprengstück hat ihn an den Kopf
-getroffen.“</p>
-
-<p>Schnell ließ Walter zwei Wagen anspannen. Der eine sollte den Toten
-hereinholen, der andere nach der Stadt zum Arzt fahren. Er ging
-währenddessen ins Haus, um den Arzt durch den Fernsprecher anzurufen.
-Die Tür zur Küche stand offen, Minna schäfferte am Herd und sang
-dabei: „Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht“. Er mußte
-die Zähne zusammenbeißen, um nicht vor Schmerz laut aufzuschreien.
-Ahnungslos,<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> welch einen Schlag das Schicksal bereits nach ihr geführt
-hatte, sang das lebensfrohe Mädchen, und draußen, nur wenige hundert
-Schritte entfernt, lag der Bruder tot, an dem sie wie ein Vater
-hing, der Mann, der ihre Stütze und Stab war. Eben hatte Walter die
-Verbindung mit dem Arzt bekommen, als Minna ihm nachkam und ins Zimmer
-trat. Er nahm alle seine Kraft zusammen und sagte dem Arzt, er habe
-eben einen Wagen nach ihm geschickt. Er möchte sofort herauskommen, ein
-Mann sei beim Steinsprengen verwundet worden.</p>
-
-<p>„Ach, Walter, das ist doch entsetzlich, wer ist es denn?“</p>
-
-<p>Da sah sie in sein schreckenbleiches Gesicht und wußte alles.</p>
-
-<p>„Friedrich!“, schrie sie auf. Die Hände sanken ihr schlaff herab, ein
-jämmerliches Stöhnen rang sich aus ihrer Brust. Sie wäre umgefallen,
-wenn Walter sie nicht umgefaßt und zum Stuhle geleitet hätte. Hilflos
-legte sie ihren Kopf an seine Brust, als wollte sie dort Schutz suchen
-gegen das grausame Leben und den noch grausameren Tod.</p>
-
-<p>„Fräulein Minna, fassen Sie sich“, bat er leise. „Minna, es ist doch
-noch nicht gesagt, daß Friedrich tot ist.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span></p>
-
-<p>Sie schüttelte den Kopf und richtete sich auf. „Ich fühle es.“</p>
-
-<p>Mit einer unheimlichen, starren Ruhe stand sie auf und ging hinaus.
-Er ging ihr nach, denn er befürchtete, daß sie unter dem tränenlosen
-Schmerz zusammenbrechen könnte. Mechanisch nahm sie ein paar Handtücher
-aus dem Schrank, holte eine Schüssel Wasser aus der Küche und stellte
-sie auf die Diele. Jetzt kam der Wagen langsam herangerollt. Vier
-Männer hoben den Toten herab und trugen ihn ins Haus. Als sie ihn auf
-die Liege gebettet hatten, warf sich Minna über ihn und barg sein
-Gesicht an ihre Brust. Und jetzt kamen ihr auch die erlösenden Tränen.
-Leise schlichen die Männer hinaus. Langsam folgte ihnen Walter. Er
-hatte seinen Lehrherrn auch lieb gehabt und verehrt. Aber sein tiefstes
-Mitleid gehörte dem jungen Mädchen, über das so namenloses Unheil
-hereingebrochen war.</p>
-
-<p>Als der Arzt kam, führte er ihn ins Haus. Gewohnheitsmäßig nahm der
-alte Herr die Hand des Toten, um den Puls zu fühlen, obwohl der erste
-Blick ihm schon gesagt hatte, das seine Kunst hier nicht mehr helfen
-konnte.</p>
-
-<p>In ihrer stillen Art ordnete Minna alles an,<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> was solch ein Todesfall
-nötig macht. Am Abend saßen die beiden jungen Leute sich wie immer im
-Wohnzimmer gegenüber. Zaghaft fragte Walter: „Was meinen Sie, Fräulein
-Minna, was jetzt hier werden soll?“</p>
-
-<p>„Ich habe die Schwester und den Bruder schon benachrichtigt, es
-sind seine rechten Geschwister. Die werden zum Begräbnis kommen und
-bestimmen, was geschehen soll. Ich denke, sie werden das Gut verkaufen,
-und sich die Erbschaft teilen. Ich bin ja nur eine Stiefschwester von
-Friedrich.“</p>
-
-<p>„Das ist gleich. Sie erben mit. Wollen Sie nicht das Gut übernehmen?“</p>
-
-<p>Sie sah ihn verwundert an. „Aber, Walter, das ist doch nicht Ihr Ernst?“</p>
-
-<p>„Jawohl, es ist mein völliger Ernst.“ Seine Stimme nahm einen weichen
-Klang an. „Minna, vertrauen Sie mir! Ich bin zwar noch jung und
-unerfahren als Landwirt, aber ich habe den redlichen guten Willen.“</p>
-
-<p>„Sie wollen für mich wirtschaften?“</p>
-
-<p>„Mit Ihnen,“ rief Walter mit gedämpfter Stimme, „mit Ihnen, Minna. Ich
-habe soviel von meinem Vater geerbt, daß ich Nonnenhof übernehmen<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span>
-kann. Ich lasse Sie nicht schutzlos allein in die Welt gehen. Minna,
-werden Sie meine Frau. Sie werden es nicht zu bereuen haben.“</p>
-
-<p>Eine tiefe Röte stieg in ihrem Gesicht empor. Aber sie sah den Mann,
-der unter so seltsamen Umständen um sie warb, freundlich mit ihren
-lieben Augen an und reichte ihm die Hand.</p>
-
-<p>„Ich vertraue Ihnen, Walter.“</p>
-
-<p>Mit starkem Druck fügten sich ihre Hände für eine Minute zusammen. Ihre
-Blicke senkten sich ineinander. Das war ihr Verlöbnis.</p>
-
-<p>Am Abend des nächsten Tages kamen die Geschwister des Verstorbenen,
-schlichte, biedere Menschen. Walter besprach mit ihnen, daß er das
-Gut zu einem angemessenen Tagespreis übernehmen und Minna heiraten
-wolle. Sie waren einverstanden, und auch damit, daß der Oberamtmann die
-Schätzung vornehmen sollte.</p>
-
-<p>Am Tage nach dem Begräbnis stand Walter noch ein schwerer Weg bevor. Er
-fuhr zu seiner Mutter. Sie nahm seine Mitteilung nicht unfreundlich,
-aber mit einer Gleichgültigkeit auf, die ihn verletzte. Zögernd nur
-brachte er seine Bitte vor, Minna für die paar Monate bis zur Hochzeit
-bei sich aufnehmen zu wollen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span></p>
-
-<p>„Ich habe mit meinem eigenen Schmerz noch gerade genug zu tun“,
-erwiderte sie ausweichend. „Mich stört es, daß das junge Mädchen am
-offenen Grabe ihres Bruders an Verlobung und Hochzeit denken konnte.“</p>
-
-<p>„Mutter!“, rief Walter. „Das traurige Ereignis drängte mich zu einem
-schnellen Entschluß. Ich liebe Minna und wollte sie nicht unter fremde
-Leute gehen lassen. Sie wird dir eine liebe Tochter werden, wenn du sie
-erst näher kennenlernst. Sie wird dir auch eine Stütze sein und dir die
-Arbeit des Umzugs abnehmen.“</p>
-
-<p>„Du brauchst mich nicht damit zu locken,“ erwiderte jetzt die Mutter,
-„es ist selbstverständlich, daß ich die Braut meines Sohnes an mein
-Herz nehme. Wann bringst du sie mir?“</p>
-
-<p>„Übermorgen, wenn wir mit den Geschwistern den Vertrag abgeschlossen
-haben.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_15">15. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Adelheid begann in ihrem Eifer für die Wirtschaft nachzulassen. Sie war
-der Meinung, daß sie davon schon genug gelernt hätte. Sie betätigte
-sich nur noch beim Kochen, das ihr Vergnügen bereitete. Sie saß jetzt
-wieder stundenlang am Klavier, spielte und sang. Gegen Abend ging sie
-in den Park spazieren. Sie hatte ein Plätzchen gefunden, wo sie mit
-Vorliebe saß und beim Genuß einer Zigarette träumte.</p>
-
-<p>Und das Plätzchen war dazu wie geschaffen. Von einer niedrigen
-Rasenbank sah man durch eine Lichtung des Parkes weit ins Land hinaus.
-Tief unten im Tal leuchtete die stille Oberfläche des Sees, auf der
-sich alle Farben des Abendhimmels widerspiegelten. Auf dem anderen
-Ufer stieg ein Berg hoch auf, der auf seinem breiten Rücken tiefdunkle
-Fichten und Kiefern trug. Dicht davor lag einsam ein Gehöft. Beim
-Dunkelwerden erhellte sich ein Fenster, dessen Schimmer wie ein
-schmales goldenes Band auf dem Seespiegel lag .... Gedämpft erklang das
-unermüdliche Schnarren der<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> Rohrsänger und das Schmettern der wilden
-Enten herüber. Sanft strich der Abendwind durch die Kronen der uralten
-Eichen und Buchen, die das Plätzchen umgaben, und ließ sie flüstern und
-seufzen.</p>
-
-<p>Viktor hatte allmählich Interesse für den schönen Gast seiner
-Gutsherrin gefaßt und begann, es zu bekunden. Vorsichtigerweise hatte
-er sich bei Frau Olga mit der Bitte strengster Verschwiegenheit danach
-erkundigt, ob ihre Freundin nicht etwa gebunden sei.</p>
-
-<p>„Ich glaube, Ihnen mit Bestimmtheit versichern zu können,“ hatte sie
-erwidert, „daß Herz und Hand meiner Freundin noch völlig frei sind.“</p>
-
-<p>„Und glauben Sie, gnädige Frau, daß ich mit einiger Hoffnung auf Erfolg
-mich um das gnädige Fräulein bewerben könnte?“</p>
-
-<p>Mit feinem Lächeln erwiderte Frau Olga: „Aber, Herr Oberleutnant, haben
-Sie so wenig Selbstbewußtsein?“</p>
-
-<p>Etwas verlegen gab Viktor zur Antwort: „Ich wollte eigentlich fragen,
-ob sich das gnädige Fräulein zu einem dauernden Landaufenthalt, zu dem
-Leben einer Gutsfrau wird entschließen können?“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p>
-
-<p>Frau Olga lächelte. „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Das müssen Sie
-schon bei geeigneter Gelegenheit von ihr selbst zu erfahren suchen.
-Aber ich halte ihr bei uns erwachtes Interesse für die Wirtschaft und
-ihre eifrigen Kochstudien für ein gutes Zeichen, das Sie vielleicht
-sogar auf Ihre Person zurückführen dürfen.“</p>
-
-<p>„Meinen herzlichen Dank, gnädige Frau.“ Seitdem begann Viktor, Adelheid
-den Hof zu machen.</p>
-
-<p>Frau Olga hatte das Gespräch natürlich sofort ihrer Freundin erzählt
-und die Mahnung hinzugefügt, dem Bewerber unauffällig entgegenzukommen.
-Adelheid nahm die Mitteilung schweigend entgegen und gab durch nichts
-zu erkennen, ob sie ihr willkommen war oder nicht.</p>
-
-<p>Sie war in einen argen Zwiespalt mit sich geraten. Wie der Zugvogel
-im Herbst von einem unbezwinglichen Sehnen nach dem Süden getrieben
-wird, verlangte ihre Seele aus der Stille und Langeweile der ländlichen
-Einsamkeit heraus in die rauschenden Vergnügungen eines modernen
-Seebades, in dem sie sonst zu weilen pflegte. Voll Sehnsucht dachte sie
-an die Segelpartien, an das Tennisspiel, in dem sie eine anerkannte
-Meisterin<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> war, an das Menschengewühl auf dem Korso, an die Nächte im
-feenhaft erleuchteten Kursaal, wenn sie am Arm eines flotten Tänzers
-von dem Rhythmus der Musik beschwingt über das Parkett flog ....</p>
-
-<p>Ihr Herz sehnte sich danach ... und ihr graute, wenn sie daran dachte,
-daß sie für alle Zukunft auf diese Genüsse verzichten müsse, um ein
-nüchternes, langweiliges Leben als Gutsfrau zu führen, mit all den
-Pflichten, die sie zur Genüge kennengelernt hatte. Ja, wenn eine
-große, heiße Liebe sie mit zwingender Kraft dazu treiben würde, dem
-Mann ihrer Wahl in dies Leben zu folgen! Doch davon war keine Rede.
-Die Persönlichkeit Viktors ließ sie völlig kalt, obwohl er doch ein
-frischer, stattlicher Mann war und wenig älter als sie. Selbst in
-Gedanken vermochte sie nicht ein wärmeres Gefühl für ihn aufzubringen.
-Nur vom Verstand geleitet, aus kalter, nüchterner Überlegung heraus,
-sollte sie ohne Liebe in eine Ehe treten?</p>
-
-<p>Ihr ganzes Wesen sträubte sich dagegen, denn alles, was bisher ihrem
-Leben Inhalt und Form gegeben hatte, sollte sie verlieren, nein, aus
-freien Stücken hinter sich werfen. Sie zweifelte daran,<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> und wohl mit
-Recht, ob sie die Kraft dazu aufbringen würde. Ja, vielleicht zu dem
-ersten Entschluß. Aber wenn sie dann, gebunden durch die Ehefessel,
-das Leben auf dem Lande nicht mehr ertrug, wenn die Sehnsucht nach der
-großen Welt in ihr übermächtig wurde, was dann?</p>
-
-<p>Unter dem Zwange dieser Gedanken, die ihre Seele aufwühlten, wurde sie
-launisch und widerspruchsvoll in ihrem Benehmen. Einen Tag unterhielt
-sie sich liebenswürdig mit Viktor und ihr ganzes Wesen strahlte eine
-hinreißende Anmut aus. Am anderen Tage war sie mißgestimmt, sah
-gleichgültig, ja blasiert aus und machte den Mund nicht auf. Das
-Ehepaar konnte sich den häufigen und jähen Wechsel ihrer Stimmungen
-erklären, denn Adelheid hatte in einer schwachen Stunde die Zweifel
-und Bedenken eingestanden, von denen sie gequält wurde. Einen Rat
-zu erteilen, lehnte Frau Olga ab. „Du bist alt genug, um über deine
-Zukunft allein entscheiden zu können. Ich möchte dich nur vor einem
-leichtfertigen Spiel mit Sawerski warnen. Willst du seine Bewerbung
-ausschlagen, dann sage es mir, aber bald, damit ich ihm einen Wink
-geben kann, sich nicht unnütz zu bemühen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span></p>
-
-<p>Die Nebenperson in diesem Spiel, Franz, hatte sich in eine
-Entsagungsfreudigkeit hineingearbeitet. Die Hoffnungslosigkeit seiner
-Leidenschaft war ihm voll zum Bewußtsein gekommen, und mit großer
-Energie bemühte er sich, den sehnsüchtigen Gedanken keinen Raum und
-keinen Einfluß zu geben. Rückfälle blieben jedoch nicht aus, und manche
-Nacht wälzte er sich schlaflos auf seinem Lager. Und dieser Kampf ging
-an ihm nicht spurlos vorüber. Er sah elend aus und schlich umher wie
-ein müder Mann. Am Sonntag ging er zu Mittag ins Herrenhaus. Am Abend
-blieb er unter einer Entschuldigung in seinem Zimmer. Dann suchte Kolbe
-ihn auf, der unter Langeweile litt. Auch ihm war eine Schwärmerei für
-das schöne Fräulein angeflogen, und er sprach in den höchsten Tönen der
-Bewunderung von der Walküre. Franz hörte schweigend zu, obwohl er am
-liebsten den Burschen durchgeprügelt und hinausgeworfen hätte.</p>
-
-<p>Eines Abends war Franz dem Geschwätz seines Leidensgefährten entflohen
-und in den Park gegangen. Ohne Ziel und Zweck wanderte er in den Gängen
-umher, er wollte nur allein sein. Es war ein wunderbar schöner Abend,
-der schon in die<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> Nacht überging. Der Vollmond stand groß und klar am
-wolkenlosen Himmel. Sein Licht floß in breiten Wellen, die wie helle
-Balken in der Dunkelheit standen, zwischen den Stämmen hindurch. In
-Gedanken tief versunken schritt Franz weiter. Plötzlich erschrak er
-und hemmte den Fuß. Da saß auf der niedrigen Rasenbank eine lichte
-Gestalt. Adelheid. Sie hatte sich zurückgelehnt, ihr Kopf lag an einem
-Stamm, ihre Augen waren geschlossen ... aber trotzdem fühlte sie die
-Nähe eines Menschen. Sie schlug die Augen auf. Als sie Franz erkannte,
-nickte sie ihm freundlich zu. „Ach, Sie sind es, Franz.“</p>
-
-<p>„Ich bitte um Entschuldigung, gnädiges Fräulein, ich hatte keine
-Ahnung, daß Sie hier sind. Ich will, Sie nicht stören ....“</p>
-
-<p>„Sie können ruhig hier bleiben und sich neben mich setzen. Was raubt
-Ihnen die Ruhe?“</p>
-
-<p>Ehe sie sich’s versah, lag Franz vor ihr auf den Knien, ergriff ihre
-beiden im Schoß gefalteten Hände und bedeckte sie mit glühenden Küssen.
-„Ich liebe Sie, ich bete Sie an ... ich kann nicht leben ohne Sie.“</p>
-
-<p>Der Schreck lähmte sie so, daß sie kein Wort hervorbringen konnte. Im
-nächsten Augenblick<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> saß er neben ihr, schlang den Arm um sie, preßte
-sie an seine Brust und bedeckte nicht nur ihren Mund, sondern auch ihre
-Augen mit heißen Küssen. „Nur einmal mich sattrinken an deinem Mund,
-sonst verdurste ich“, keuchte er in höchster Erregung. Einen Augenblick
-lag sie willenlos in seinem Arm. Ein Gefühl, das ihren Willen lähmte,
-durchwogte sie und beschwor eine Erinnerung herauf. Vor vielen Jahren,
-als sie noch sehr jung war, hatte sie auch einmal in dem Arm eines
-starken Jünglings gelegen. Es war das höchste Glück ihres Lebens
-gewesen, aber hatte ihr die größte, bitterste Enttäuschung gebracht.</p>
-
-<p>Endlich gewann sie die Herrschaft über ihren Willen zurück und richtete
-sich auf. „Franz, Sie sind ein großes Kind. Wie können Sie mich so
-überfallen und beleidigen?“</p>
-
-<p>Wieder sank er vor ihr auf die Knie und küßte ihre Hände, die sie ihm
-überließ. „Können Sie mir verzeihen? Ich war von Sinnen ... meine Liebe
-raubt mir den Verstand.“</p>
-
-<p>Sie lächelte und legte ihm eine Hand auf sein lockiges Haar. „Das ist
-auch die einzige Entschuldigung für Sie ... und für mich“, fügte sie
-leiser hinzu. „Aber nun stehen Sie auf und setzen Sie sich<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> ruhig neben
-mich. Sie werden jetzt ganz brav sein, nicht wahr?“ ...</p>
-
-<p>„Ja, gnädiges Fräulein, ich bitte nochmals um Verzeihung.“</p>
-
-<p>„Denken Sie nur, wenn jemand uns dabei belauscht hätte ... oder wenn
-ich laut um Hilfe gerufen hätte ... Ich habe nur Ihretwegen mir
-stillschweigend Ihre wahnsinnigen Gefühlsausbrüche gefallen lassen. Und
-ich werde auch weiter darüber schweigen. Sonst müßten Sie unweigerlich
-aus dem Hause. Sehen Sie das ein?“</p>
-
-<p>„Ja, Fräulein Adelheid, ich bereue tief, was ich getan habe ... aber
-... können Sie mich wirklich nicht ein bißchen lieb haben? Ich bin ja
-soviel jünger als sie, aber ich kann Ihnen dasselbe bieten wie Herr von
-Sawerski. Und ich würde Sie auf den Händen tragen ....“</p>
-
-<p>Sie lächelte. „Sie haben recht, mein Junge, mich an mein Alter zu
-erinnern. Ich bin 28 Jahre. In zehn Jahren bin ich eine verblühte Frau
-...“</p>
-
-<p>„Ich werde in Ihnen stets das schönste Wesen sehen, das es auf der Erde
-gibt.“</p>
-
-<p>„Das sagen Sie so in dem jugendlichen Überschwang Ihrer Gefühle. Nein,
-Franz, ich muß für uns beide vernünftig sein. Ich kann Ihren Wunsch<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span>
-nicht erfüllen, selbst wenn ich mich in Sie verlieben würde, was nicht
-der Fall ist. Sie sind ein lieber, prächtiger Mensch, und die Tatsache,
-daß Sie mir Ihr Herz geschenkt haben, wird mir stets eine liebe
-Erinnerung bleiben. Sie müssen und werden das überwinden. Und nach
-Jahr und Tag werden Sie ein reines Mädchen finden, das Ihr Herz mit
-neuer Liebe erfüllen wird. Ich habe mich schon lange mit dem Gedanken
-getragen, abzureisen. Jetzt ist es für mich zur Notwendigkeit geworden.
-Ich reise morgen weg ....“</p>
-
-<p>Mit einem verzweifelten, ganz entstellten Gesicht, rief Franz aus: „Sie
-wollen morgen abreisen? Das ertrag’ ich nicht ....“</p>
-
-<p>„Mein lieber, junger Freund, Sie wissen noch nicht, wieviel ein Herz
-tragen und erdulden kann, ohne zu brechen. Doch nun muß ich gehen.
-Leben Sie wohl. Nein, Sie dürfen mich nicht begleiten.“</p>
-
-<p>Sie stand auf und reichte ihm die Hand. Als sie in seine todtraurigen
-und doch so flehentlich bettelnden Augen sah, überkam sie es wie
-Mitleid mit dieser heißliebenden Jünglingsseele. Und sie beugte sich
-nieder, um einen Kuß auf seine Stirn zu hauchen. Da sprang er auf, warf
-seine Arme um sie und küßte sie noch einmal stürmisch und<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> heiß mit
-allem Ungestüm seiner kraftvollen Jugend ....</p>
-
-<p>Doch schon nach einem kurzen Augenblick gab er sie frei und sank wie
-vernichtet auf die Bank zurück. Sie floh wie ein gehetztes Reh bis ins
-Dunkel der Gebüsche. Dort blieb sie atemlos stehen und sah zurück. Sie
-sah, wie er die Hände vors Gesicht schlug, wie sein Körper von einem
-unhörbaren Schluchzen erschüttert wurde. Ein tiefes Mitleid quoll
-in ihr auf, nicht nur mit dem armen Jungen, der da so nahe bei ihr
-saß, daß sie ihn mit wenigen Schritten erreichen konnte, und mit dem
-tiefsten Leid seines Lebens rang, sondern auch mit sich selbst. War das
-Schicksal nicht grausam gegen sie? Es schenkte ihr ein reines Herz,
-das mit einer reinen, heiligen Liebe für sie schlug, und sie durfte es
-nicht an sich nehmen, sie mußte es zurückweisen und ihm eine tiefe,
-schwere Wunde schlagen.</p>
-
-<p>Ihr Busen wogte, ihr Herz klopfte stürmisch. Wirre Gedanken jagten
-durch ihren Kopf. Was hinderte sie, sich dies Herz zu nehmen? Verdiente
-diese Liebe nicht, belohnt zu werden? Sie fühlte: wenn er jetzt ihren
-Namen rief und seine Arme sehnsüchtig nach ihr ausstreckte, dann würde
-sie wie von einer magischen Gewalt gezogen, zu ihm<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> zurückkehren,
-um sich in seine Arme zu werfen und seine heißen Küsse tausendfach
-zurückzugeben ....</p>
-
-<p>Sie erschrak vor sich selbst ... sie floh vor sich und ihren Gedanken.
-Erst nach einer Weile wurde sie ruhiger und mäßigte ihren Schritt. Und
-blieb stehen und lauschte, ob er ihr nicht folgte. Aber es war nicht
-Angst, sondern ein heißer Wunsch, der sie zwang, stehen zu bleiben ....</p>
-
-<p>Stundenlang saß Franz auf der Bank. Dumpfe Verzweiflung rang mit der
-Erinnerung an die kurzen Minuten des höchsten Glücks. Jedes Wort, das
-sie zu ihm gesprochen, haftete unauslöschlich in seinem Gedächtnis.
-Erst nach Mitternacht, als der helle Schein am Himmel, der das
-verschwundene Tagesgestirn über dem Horizont begleitete, über Norden
-nach Osten zu rücken begann, erhob er sich und schlich, müde, an allen
-Gliedern wie zerschlagen, in sein Zimmer zurück, wo er sich angekleidet
-auf die Liege warf.</p>
-
-<p>Die Ankündigung ihrer Abreise rief, wie Adelheid erwartet hatte,
-großes Erstaunen hervor. Ihrer Freundin erklärte sie kurz, sie habe
-sich erst jetzt an ein Versprechen erinnert, mit einer befreundeten
-Familie in Westerland zusammenzutreffen<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> und möchte nicht wortbrüchig
-werden. Frau Olga gab sich damit zufrieden und fragte nicht. Sie nahm
-an, daß Adelheid der Bewerbung Sawerskis ein schnelles Ende bereiten
-wollte. Den richtigen Grund, daß ihre Freundin vor sich selber floh,
-erriet sie nicht. Und doch war es so. In einer Stimmung, die sich nicht
-abschütteln ließ, hatte Adelheid die Nacht zugebracht .... Es war kein
-klarer Gedanke ... sie fühlte nur, wenn sie hier bliebe, dann würde sie
-Abend für Abend nach der Bank gehen und dort voll Sehnsucht warten ....
-Und wenn er kam und sie in seine stahlharten Arme nahm, deren Druck sie
-noch zu fühlen glaubte, dann ... ja dann .... Weiter wagte sie nicht zu
-denken ....</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_16">16. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Auf Viktor von Sawerski machte Adelheids plötzliche Abreise einen
-tiefen Eindruck. Er hatte ein tiefergehendes Interesse für sie gefaßt
-und sich mit dem Gedanken getragen, sich ernsthaft um sie zu bewerben.
-An einen Mißerfolg seiner Bewerbung glaubte er nicht. Er bildete sich
-sogar ein, das gnädige Fräulein würde nach seiner dargebotenen Hand wie
-nach dem Rettungsanker greifen. Er war doch nach landläufigen Begriffen
-eine „gute Partie“. Außerdem bildete er sich auf seinen Stand, sein
-Vermögen und letzten Endes auch auf seine Persönlichkeit nicht wenig
-ein.</p>
-
-<p>Die verletzte Eitelkeit verführte ihn zu ähnlichen Gedankengängen wie
-den Fuchs, dem die Trauben zu sauer werden.</p>
-
-<p>Er konnte doch, wenn er nur wollte, ein junges, kristallklares, reines,
-junges Mädchen mit Vermögen zur Frau bekommen. Ob diese junge Dame in
-der großen Welt, in der sie lebte, immer ganz „stubenrein“ geblieben
-war, wie er sich in Gedanken<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> ausdrückte, war doch nicht ganz sicher,
-und Vermögen hatte sie auch nicht ....</p>
-
-<p>Hans Kolbe hatte sich in den letzten Wochen an ihn herangepürscht,
-hauptsächlich der guten Zigaretten und Schnäpse wegen, die Viktor
-freigebig spendierte. Und bei den Gedanken, die ihn plagten, ließ er
-sich öfter die Gesellschaft des Jungen, der so dummdreist, aber mit
-einer gewissen Bosheit über alles „klöhnte“, gefallen.</p>
-
-<p>Eines Abends kam Hans auf die vermutliche Ursache von Adelheids
-plötzlicher Abreise zu sprechen. „Da ist nicht alles in Ordnung“,
-meinte er mit verschmitzter Miene. „Ich weiß von Minna, dem ersten
-Stubenmädchen, daß das gnädige Fräulein am Abend vor ihrer Abreise noch
-spät in den Park gegangen ist.“</p>
-
-<p>„Das ist dummes Getratsch von Dienstboten. Sie dürfen so was nicht
-nachsprechen, Kolbe. Denn es ist ausgeschlossen, daß Sie die Dame nach
-irgendeiner Richtung verdächtigen wollen ....“</p>
-
-<p>Hans zuckte die Achseln mit diplomatischer Miene. „Ich weiß nicht, Herr
-Oberleutnant, weshalb Sie sich gerade für das gnädige Fräulein ins Zeug
-legen wollen. Sie hat Sie doch in unbegreiflicher Weise ... na, wie
-soll ich mich gleich<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> ausdrücken ... auf den Pfropfen gesetzt. Einen
-adligen Herrn, Offizier, reich, verschmäht sie und zieht Ihnen einen
-dummen, grünen Jungen vor.“</p>
-
-<p>„Was sagen Sie da?“, fuhr Viktor auf. „Kolbe, sehen Sie nach Ihren
-Worten.“</p>
-
-<p>„Ich meine doch bloß, daß sie beim Saatfest weder Sie noch mich,
-sondern nur den Franz aufgefordert und mit ihm sechs- oder siebenmal
-rumgetanzt hat. Daß sie mich nicht aufgefordert hat, das war eigentlich
-selbstverständlich, daß sie aber auch Sie nicht zum Tanz bei der
-Damenwahl geholt hat, das fand ich zum mindesten eigentümlich. Mich hat
-es geärgert.“</p>
-
-<p>Als Viktor schwieg, fuhr er nach einer kleinen Pause mutiger fort: „Und
-es ist doch ein eigentümliches Zusammentreffen, daß Franz an demselben
-Abend, wo das Fräulein so lange im Park war, erst nach Mitternacht nach
-Hause gekommen ist. Ich habe das mit der Uhr in der Hand festgestellt.
-Und dann habe ich gehört, wie er sich in den Kleidern aufs Bett
-geworfen, umhergewälzt und gestöhnt hat.“</p>
-
-<p>„Ist das Tatsache, was Sie da erzählen?“, fuhr es Viktor heftig heraus.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span></p>
-
-<p>„Aber, Herr Oberleutnant, ich werde Ihnen doch nichts vorlügen“,
-erwiderte Kolbe mit gekränkter Miene. „Ich habe im ersten Augenblick
-gedacht, daß Franz, der bisher immer ein Tugendbold gewesen ist,
-irgendwo in ein Kammerfenster gestiegen war. Aber dann hätte er doch
-nicht so jammervoll gestöhnt .... Und wie ich nachher von Minna hörte,
-daß das gnädige Fräulein auch so spät im Park gewesen ist, da habe ich
-mir doch meine Gedanken gemacht.“</p>
-
-<p>„Ach, das ist ja Unsinn. Und Sie tun gut, nicht darüber zu sprechen.“</p>
-
-<p>„Ich habe es ja auch nur dem Herrn Oberleutnant erzählt. Wissen Sie,
-Herr von Sawerski, was ich meine? Er ist zu ihr frech geworden und ist
-abgeblitzt. Man weiß ja, daß junge Damen in reiferen Jahren manchmal
-eine gewisse Vorliebe für so grüne Jungen zeigen.“</p>
-
-<p>„Schämen Sie sich, Kolbe, Sie sprechen von einer Freundin der gnädigen
-Frau ....“</p>
-
-<p>„Na, meinen Sie, Herr Oberleutnant, daß die gnädige Frau für ihre
-Freundin die Hand ins Feuer legen wird? Ich habe es ja auch gesagt: ich
-meine, daß der Franz bei ihr schlecht angelaufen ist, denn im anderen
-Falle hätte er doch nicht so<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> verzweifelt gestöhnt. Ich höre durch die
-dünne Wand auch das leiseste Geräusch.“</p>
-
-<p>Viktor stand auf und goß Kolbe und sich ein Glas Kognak ein. „So, nun
-setzen Sie mal auf Ihre Phantasie noch einen Dämpfer und gehen Sie
-schlafen. Aber ich bitte mir aus, daß Sie keinem Menschen eine Silbe
-von Ihren Mutmaßungen verraten.“</p>
-
-<p>Viktor hatten die hämischen Verdächtigungen Kolbes gegen Adelheid
-heftiger erregt, als er dem jungen Menschen gezeigt hatte. Er ging in
-seiner Stube auf und ab und quälte sich mit schweren Gedanken. Er hatte
-schon mit dem Entschluß gerungen, sich von der gnädigen Frau Adelheids
-Adresse geben zu lassen und ihr schriftlich seine Hand anzutragen.
-Das würde er ja nun bleiben lassen. Daß Franz, der grüne Junge, wie
-ihn Kolbe genannt hatte, in Adelheid heftig verliebt war, konnte man
-getrost als offenes Geheimnis des ganzen Hofes bezeichnen. Aber daß
-diese feine, junge Dame, die schon jahrelang in den höchsten Kreisen
-lebte und sozusagen mit allen Hunden gehetzt war, sich mit solch einem
-grünen Jungen einlassen könnte, erschien ihm undenkbar. Vielleicht
-hatte sie mit ihm gespielt, weil sie ihn für ungefährlich<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> hielt. Da
-war er frech geworden, wie Kolbe sich ausgedrückt hatte, und sie hatte
-ihn abblitzen lassen. Aber schon die Tatsache, daß sie stundenlang
-mit dem Bengel allein nachts im Park geblieben war, drückte ihm einen
-Stachel ins Herz.</p>
-
-<p>Er goß sich ein Glas Kognak ein, ein zweites und drittes. Er wollte
-sich betäuben, um von seinen Gedanken loszukommen Es half nichts. Je
-mehr er trank, desto heftiger wurde sein Groll gegen Franz. Die Worte
-aus „Kabale und Liebe“, das er im letzten Winter in Berlin gesehen
-hatte, fielen ihm ein: „Wenn du genossest, wo ich anbetete“. Er lachte
-schrill auf. War es denn undenkbar? War es denn bewiesen, daß diese
-nächtliche Zusammenkunft im Park die erste gewesen war? Dann hatte
-sie aus Klugheit dem Idyll ein Ende bereitet und war Hals über Kopf
-abgereist, und der Jüngling hatte im Trennungsschmerz gestöhnt ....</p>
-
-<p>Nach einer schlecht verbrachten Nacht stand er morgens übel gelaunt
-auf, zog sich an und trat vor die Tür. Franz kam schon aus der Molkerei
-zurück. Mit gesenktem Kopf, vornüber gebeugt, wie ein müder Greis, kam
-er angegangen. Über diese Haltung, die so deutlich die Seelenstimmung
-des jungen Menschen widerspiegelte, geriet Viktor in<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> Wut. Er sah darin
-den Beweis für alles, was Kolbe ihm erzählt, was er selbst während der
-Nacht mit Ingrimm und Verzweiflung überdacht und durchgekämpft hatte.
-Ein heftiges Verlangen, diesen jungen Menschen, der sein glücklicher
-Rivale war, während er darbte, zu demütigen, auch, wenn’s sein konnte,
-zu vernichten, stieg in ihm auf. Er rief ihn an:</p>
-
-<p>„Sie, Franz, gehen Sie mal in den Stall und sehen Sie zu, was der Kerl
-von Reitknecht solange macht. Er soll mir mein Pferd vorführen.“ Er
-hatte absichtlich in schnarrendem Befehlston gesprochen.</p>
-
-<p>Franz sah ganz verdutzt auf. Eine tiefe Röte stieg in sein Gesicht.
-Aber er erwiderte mit ruhiger Stimme: „Herr von Sawerski, ich habe
-keine Befehle von Ihnen zu empfangen.“</p>
-
-<p>„Was? Sie Lümmel wollen nicht gehorchen?“</p>
-
-<p>„Herr von Sawerski, das ist eine schwere Beleidigung. Sie werden mir
-dafür Genugtuung zu geben haben.“</p>
-
-<p>„Ja, ein paar Ohrfeigen können Sie kriegen.“</p>
-
-<p>In demselben Augenblick erhielt er von Franz eine so heftige Tachtel,
-daß auf der rot angelaufenen Backe die fünf Finger sich abzeichneten.
-Besinnungslos<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> vor Wut hob Viktor die Reitpeitsche. Ehe aber der
-Hieb niederfiel, hatte Franz sie ihm aus der Hand gerissen und
-fortgeschleudert: „Sie wollen sich wohl noch eine Tracht Prügel
-verdienen?“</p>
-
-<p>Ohne sich auch nur nach ihm umzusehen, ging der junge Mann an Viktor
-vorbei in die Tür und in sein Zimmer. Ohne sonderliche Erregung
-setzte er sich an den Tisch und schrieb das Erlebnis mit den dabei
-gefallenen Worten wahrheitsgetreu nieder. Eine Stunde später ging er
-ins Herrenhaus und ließ sich beim Herrn Oberamtmann, der stets auf war,
-wenn die Glocke zur Arbeit rief, melden.</p>
-
-<p>„Was bringen Sie, Franz? Sie machen ja ein so feierliches Gesicht.“</p>
-
-<p>„Ich habe einen heftigen Zusammenstoß mit Herrn von Sawerski gehabt.“</p>
-
-<p>„Das ist doch eine ausgemachte Dummheit.“</p>
-
-<p>„Aber nicht von mir, Herr Oberamtmann.“</p>
-
-<p>„Na, dann erzählen Sie, aber halten Sie sich streng an die Wahrheit.“</p>
-
-<p>Franz sah ihn groß an und erwiderte ruhig, aber fest: „Dieser Mahnung
-bedarf es bei mir<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> nicht, Herr Oberamtmann. Außerdem hat der Herr
-Oberinspektor aus nächster Nähe den Vorfall mitangesehen. Ich habe ihn
-sofort zu Papier gebracht.“</p>
-
-<p>Er reichte ihm das Blatt. Der Gutsherr las. Sein Gesicht verfinsterte
-sich. Er schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. „Das ist ja
-unerhört!“</p>
-
-<p>„Jawohl, Herr Oberamtmann. Ich habe in völlig ruhigem Ton, ohne die
-Stimme zu erheben, von Herrn von Sawerski Genugtuung verlangt. Er
-antwortete mir mit einer zweiten, noch schwereren Beleidigung. Da habe
-ich ihm die zweite Beleidigung in der einzig mir richtig erscheinenden
-Weise abgegolten.“</p>
-
-<p>„Wissen Sie auch, was der Vorfall für Folgen haben kann?“</p>
-
-<p>„Ich wüßte nicht, Herr Oberamtmann.“</p>
-
-<p>„Herr von Sawerski muß Sie auf die schwersten Bedingungen fordern.“</p>
-
-<p>„Bedauere sehr,“ erwiderte Franz, „der Herr Oberleutnant hat mir schon
-die Genugtuung verweigert, die er mir nach der ersten Beleidigung
-schuldig war.“</p>
-
-<p>„Sind Sie so bewandert im Ehrenkodex?“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span></p>
-
-<p>„Das sagt mir mein Gefühl. Ich muß Herrn Oberamtmann anheimstellen, wie
-er darüber urteilt.“</p>
-
-<p>Der Gutsherr brummte etwas in seinen Bart, was nicht zu verstehen war.
-Dann fragte er: „Also Sie wollen die Regelung der Angelegenheit in
-meine Hand legen?“</p>
-
-<p>„Ich möchte darum bitten.“</p>
-
-<p>„Nun gut. Jetzt gehen Sie ruhig an Ihre Arbeit. Wenn jemand im Auftrage
-des Herrn von Sawerski mit einer Forderung an Sie herantritt, dann
-lassen Sie es mich wissen, ehe Sie sich entscheiden. Oder besser, Sie
-schicken den Herrn zu mir.“</p>
-
-<p>„Ich danke, Herr Oberamtmann.“</p>
-
-<p>Kurz darauf ertönte das Klingelzeichen, das den Gutsherrn zum
-Frühstückstisch rief. Er suchte sich zu beherrschen, aber seine Gattin
-sah ihm sofort an, daß etwas in ihm wühlte. „Was fehlt dir, Konrad?“</p>
-
-<p>„Mir fehlt gar nichts, im Gegenteil, ich habe etwas zu viel. Hier diese
-üble Neuigkeit.“ Er reichte ihr das von Franz beschriebene Blatt.</p>
-
-<p>Frau Olga überflog es und schüttelte den Kopf. „Das ist eine sehr
-unangenehme Geschichte.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span></p>
-
-<p>„Jawohl, und ich zerbreche mir den Kopf, woher diese Feindschaft
-zwischen den beiden stammt.“</p>
-
-<p>„Die Feindschaft scheint nur auf Sawerski’s Seite zu sein, und ich
-glaube, dir auch die Erklärung dafür geben zu können. Unter den Mädchen
-in der Küche und auf dem Hofe geht das Gerede ... die Mamsell hat sich
-verpflichtet gefühlt, es mir zu erzählen ..., daß Adelheid am Abend vor
-ihrer Abreise lange im Park gewesen ist, und Kolbe gibt seinen Senf
-dazu und erzählt überall herum, daß Franz in derselben Nacht erst um
-zwölf nach Hause gekommen ist.“</p>
-
-<p>Der Gutsherr stieß einen lauten Pfiff aus. „Und der Klatsch bringt die
-beiden zusammen.“</p>
-
-<p>Frau Olga nickte. „Sawerski hat es natürlich auch gehört. Dafür
-wird Kolbe schon gesorgt haben. Er ist noch nachträglich auf Franz
-eifersüchtig geworden und hat ihn brüskiert. Daß die Sache so übel für
-ihn ablaufen würde, hat er wohl nicht gedacht. Was wirst du jetzt tun?“</p>
-
-<p>„Was ich muß. Frag’ nicht weiter, liebe Frau, das sind Männersachen,
-über die ich nicht sprechen darf. Um jedoch auf besagten Hammel
-zurückzukommen: Ich halte es durchaus für möglich, daß Adelheid mit dem
-frischen Jungen geflirtet<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> hat. Gebildte Lüd’ drapen sich, säd de Vos,
-da ging hei mit de Gaus spaziere.“</p>
-
-<p>Frau Olga lächelte. „Aber Konrad, das Sprichwort hinkt ja auf beiden
-Seiten.“</p>
-
-<p>„Na, dann will ich einen anderen Vergleich wählen. Das war ein falscher
-Kontakt, der Kurzschluß herbeiführte.“</p>
-
-<p>„Du bist ein arger Spötter, lieber Mann.“</p>
-
-<p>„Und du bist eine liebevolle Freundin, klug wie eine Taube und ohne
-Falsch wie die Schlange. Gehab dich wohl, teures Weib, mich ruft die
-Pflicht.“</p>
-
-<p>Er ging in sein Zimmer, ließ den Oberinspektor rufen und legte ihm
-Franzens Bericht über den Vorfall vor. Ohne Zögern bestätigte der Mann,
-der auch Reserveoffizier war, daß jedes Wort der Wahrheit entsprach.
-Und von selbst fügte er hinzu, ihm sei die eiserne Ruhe des jungen
-Mannes aufgefallen. Nur bei den letzten Worten, als er Sawerski die
-Reitpeitsche entriß: „Sie wollen sich wohl noch eine Tracht Prügel
-verdienen?“, habe er die Stimme in leicht begreiflicher Erregung etwas
-erhoben.</p>
-
-<p>Eine Stunde später rief der Oberamtmann den Bezirkskommandeur in der
-Stadt an, teilte<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> ihm die Sache mit und beantragte die Einberufung
-eines Ehrengerichts. Eine Forderung sei noch nicht erfolgt, jedoch im
-Laufe des Tages zu erwarten.</p>
-
-<p>In der Mittagszeit erschien bei Franz der Inspektor eines benachbarten
-Gutes und stellte sich gezwungen höflich vor: „von Poltenstern. Ich
-habe Ihnen im Auftrage des Oberleutnants von Sawerski eine Forderung
-auf Pistolen zu überbringen. Wollen Sie mir den Namen Ihres Sekundanten
-nennen, damit ich mit ihm alles Nähere vereinbaren kann.“</p>
-
-<p>Franz hatte sich sofort bei Eintritt des Besuchers erhoben. „Ich bitte
-Sie, sich zu Herrn Oberamtmann zu bemühen.“</p>
-
-<p>Der Inspektor sah ihn etwas verdutzt an, dann eine knappe, sehr
-gemessene Verbeugung. Weg war er. Ohne anzuklopfen trat er bei Viktor
-ein. „Was gibt’s?“</p>
-
-<p>„Eine sehr unangenehme Sache.“</p>
-
-<p>„Weigert sich der Lümmel ...?“</p>
-
-<p>„Nein, er nannte mir ganz korrekt seinen Sekundanten.“</p>
-
-<p>„Na also ...?“</p>
-
-<p>„Ja, aber das ist Ihr Regimentskamerad, der Oberamtmann.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span></p>
-
-<p>Viktor erbleichte und trat einen Schritt zurück. „Das sieht ja ganz so
-aus, als wenn er gegen mich Partei nimmt.“</p>
-
-<p>„Das Gefühl habe ich auch. Aber ich kann nichts anderes tun, ich muß zu
-ihm gehen.“</p>
-
-<p>Der Oberamtmann empfing Viktors Sekundanten, der sich in dieser
-Eigenschaft ihm vorstellte, sehr gemessen. „Ich kann keine Bedingungen
-über den Zweikampf mit Ihnen vereinbaren, Herr von Poltenstern, da ich
-bereits die Einberufung eines Ehrengerichts gegen Herrn von Sawerski
-beim Bezirkskommandeur beantragt habe. Vor demselben wird auch über
-die Forderung verhandelt werden. Ich kann Ihnen nur anheimstellen,
-Herrn von Sawerski Ihren Auftrag zurückzugeben, bis das Ehrengericht
-entschieden hat.“</p>
-
-<p>„Dürfte ich die Veranlassung dieses Ehrenhandels von Ihnen erfahren?“</p>
-
-<p>„Bedauere sehr ...“</p>
-
-<p>Kühl höflich erklärte Herr von Poltenstern wenige Minuten später
-Viktor, er müsse seine Bemühungen in dem Ehrenhandel einstellen, bis
-das Ehrengericht entschieden habe.</p>
-
-<p>Noch am Abend desselben Tages trat das Ehrengericht zusammen. Der
-Oberinspektor berichtete<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> als Zeuge. Viktor gab ohne jede Beschönigung
-unumwunden den Sachverhalt zu. Ohne eine Entscheidung über die
-Forderung zum Zweikampf zu fällen, gab ihm das Gericht den Rat,
-schleunigst seinen Abschied einzureichen. Das war eine sehr weitgehende
-Rücksichtnahme, um ihm die Entlassung mit schlichtem Abschied zu
-ersparen.</p>
-
-<p>Noch in derselben Nacht packte Viktor seine Sachen, hinterließ einen
-Brief an den Gutsherrn und seine Gattin und fuhr im Morgengrauen zur
-Bahn. Er gab nicht einmal seine Adresse an, wo ihn Briefe und andere
-Sendungen erreichen konnten.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_17">17. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Wie ein müder Mann saß Franz dem Vater gegenüber, der ihn voll Mitleid
-ansah. „Was fehlt dir bloß, mein Junge?“</p>
-
-<p>„Ich quäle mich so mit Gedanken.“</p>
-
-<p>„Na, was sind denn das für Gedanken?“</p>
-
-<p>„Ich will nicht Landwirt bleiben. Ich kann nicht ...“, stieß Franz
-hervor.</p>
-
-<p>„Das habe ich schon vermutet, als du vor drei Wochen so plötzlich nach
-Hause kamst. Na, denn nicht! Es wird mir ja nicht leicht, mich von der
-Hoffnung zu trennen, aber du hast ehrlich gehandelt und ein Jahr als
-Lehrling ausgehalten, ich mache dir keine Vorwürfe.“</p>
-
-<p>Franz wurde bei diesen Worten rot. Er hatte das Bewußtsein, daß er
-nicht ehrlich handelte. Die Landwirtschaft war ihm durchaus nicht
-zuwider. Es war etwas anderes, was ihn seinen Beruf aufgeben ließ und
-nach Berlin zog .... Er schämte sich und die Scheu, dem Vater alles zu
-offenbaren, verschloß ihm den Mund. Er erhob sich: „Ich<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> möchte noch
-für einen Augenblick zu Onkel Uwis gehen.“</p>
-
-<p>„Ja, tu du das. Hoffentlich wäscht er dir gründlich den Kopf. Ich bin
-zu schwach dazu.“</p>
-
-<p>Mit einem matten Lächeln erwiderte Franz: „Ich kann ihm ja deinen
-Wunsch ausrichten.“</p>
-
-<p>Der Pastor hatte bereits seine Ankunft erfahren und sich darauf
-vorbereitet. Er ging mächtig dampfend im Garten auf und ab. „Na, Ritter
-Tannhäuser, wieder mal aus dem Venusberg entwichen?“, rief er Franz
-entgegen.</p>
-
-<p>„Ich war nie drin, Onkel“, erwiderte Franz mit matter Stimme.</p>
-
-<p>„Ich habe das ja auch nicht wörtlich gemeint. Ich nehme an, du willst
-mir wieder dein Herz ausschütten. Die Hauptsache weiß ich schon: die
-plötzliche Abfahrt der schönen Teufelin, deinen Zusammenstoß mit
-dem Leutnant. Das war recht, mein Junge. Nur nichts auf sich sitzen
-lassen. Aber auch innerlich nicht. Man muß sich nie mit einem Vorwurf
-plagen, den man sich selbst macht. Nein, frisch zupacken, die Ursache
-beseitigen und sich durch Besserung reinigen.“</p>
-
-<p>„Onkel, ich wüßte nicht ....“</p>
-
-<p>„Das ist mir an dir neu. Na, dann muß ich<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> dir auf die Sprünge helfen.
-Du hast dem Vater erklärt, daß du nicht Landwirt werden willst. Hast du
-ihm den wahren Grund eingestanden?“</p>
-
-<p>Tief errötend senkte Franz die Augen.</p>
-
-<p>„Siehst du, das hast du nicht getan“, fuhr der Pastor fort. „Ich weiß
-schon, du willst hinter der Venus hergondeln .... Denkst du auch daran,
-wozu das führen soll oder kann?“</p>
-
-<p>„Ich muß sie noch einmal sehen und sprechen“, rief Franz verzweifelt
-aus.</p>
-
-<p>„Wat mött, dat mött. Du wirst eins auf die Nase kriegen. Hoffentlich
-wird der Schlag stark genug sein, um dich zur Besinnung zu bringen. Was
-zieht dich noch hinter dem Weib her?“</p>
-
-<p>Franz ließ sich auf die Bank fallen, senkte den Kopf und schlug die
-Hände vors Gesicht. „Onkel,“ stöhnte er, „ich habe sie ja in meinen
-Armen gehalten ... ich habe sie geküßt ... und sie hat in meinen Armen
-gezittert ....“</p>
-
-<p>„Das fehlte bloß noch“, grollte der alte Herr heftig.</p>
-
-<p>„Jetzt schreit meine Seele nach ihr Tag und Nacht ... ich habe keine
-Freude am Leben, keine Lust, weiter zu leben.“ Franz hob den Kopf und
-streckte die Hände nach dem Onkel aus. „Hilf mir<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> doch, Onkel, von
-diesen Gedanken los zu kommen, dieser entsetzlichen Pein zu entrinnen.“</p>
-
-<p>In tiefer Bewegung umfaßte der Pastor seinen Kopf. Seine Stimme
-zitterte: „Junge, Freund, was verlangst du von mir? Ja, ich wüßte
-allerdings ein Mittel, das über das Schwerste hinweghelfen könnte, aber
-ich wage nicht, es dir anzuraten.“</p>
-
-<p>„Onkel,“ erwiderte Franz leise, aber fest, „meine Liebe ist rein und
-heilig. Es gibt auf der Welt kein anderes Weib für mich, das ich auch
-nur ansehen könnte.“</p>
-
-<p>„Ja, mein Junge, ich weiß. Du bist ein anständiger, braver Bursch
-geblieben, der seine Jugendkraft nicht vergeudet hat. Was dein höchster
-Ehrentitel sein sollte, wird dir zum Unglück. Du verdienst keine
-Vorwürfe, sondern mein Mitleid. Aber nun raff dich auf. Du mußt ein
-Ende machen. Hörst du, du mußt, sonst zerstörst du freventlich dein
-Leben.“</p>
-
-<p>Franz löste sich aus seinem Arm. „Jawohl, Onkel. Das will ich. Aber
-erst muß ich sie noch einmal sehen und sprechen. Ich muß aus ihrem
-eigenen Munde hören, daß ich ihr gar nichts bedeute.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span></p>
-
-<p>„Und wenn sie dich wieder betört und mit dir spielt?“</p>
-
-<p>„Dann, Onkel, dann bin ich ihr verfallen mit Leib und Seele, für Zeit
-und Ewigkeit.“ ... Nach einer Weile fuhr er ruhiger fort: „Du sagst
-eben: wieder betört. Das muß ich richtigstellen. Sie hat mir nicht die
-geringste Veranlassung gegeben. Ich stammelte meine Liebeserklärung,
-ich umfaßte sie in maßloser Leidenschaft, ich küßte sie wie rasend.
-Die Überraschung, der Schreck lähmten sie. Aber dann hat sie mir das
-Unsinnige meiner Liebe vorgehalten.“ ...</p>
-
-<p>„So, das freut mich, zu hören. Dadurch bekommt das Fräulein in meinen
-Augen eine ganz andere Gestalt. Und du brauchst ihr nicht mehr
-nachzureisen. Du hast ja doch schon dein Urteil empfangen.“</p>
-
-<p>„Onkel, ich muß .... In einem Winkel meines Herzens lebt noch eine
-winzige Hoffnung.“ ...</p>
-
-<p>„Wie ist das möglich?“</p>
-
-<p>„Ich will dir auch das noch gestehen, Onkel. Beim Abschied ließ sie
-sich von mir ohne Widerstand in die Arme nehmen und küssen. Es war nur
-ein ganz kurzer Augenblick, aber es war doch ...“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span></p>
-
-<p>„Mitleid, mein Junge, weiter nichts. Vielleicht auch eine kleine
-Schwäche, die sich manchmal bei jungen Damen reiferen Alters einstellen
-soll. Ich will nichts gesagt haben, nicht mal angedeutet. Und nun zum
-Abschied: Was hast du zu allererst zu tun?“</p>
-
-<p>„Ich werde dem Vater alles gestehen. Leb wohl, Onkel. Du erhältst bald
-Nachricht von mir.“</p>
-
-<p>Es war für beide eine sehr ernste Stunde, als Franz dem Vater
-beichtete. Vater Rosumek war kein Seelenkenner. Er war in seinem
-Leben stets die „Chausseen der Liebe“ gewandert, und konnte es nicht
-begreifen, wie ein junger Mensch sein Herz an ein viel älteres Mädchen
-hängen und so völlig außer Rand und Band geraten konnte. „Ja, wenn du
-dich in ein junges Ding verknallst hättest und wärest zu mir gekommen:
-‚Vater, ich muß sie heiraten‘, dann hätte ich das begriffen. Aber wenn
-Onkel Uwis das billigt, dann fahr ihr in Gottes Namen nach. Auf die
-paar Mark soll es mir nicht ankommen. Und nu schenk mir mal ganz reinen
-Wein ein. Es ist nicht bloß das Studium, das dich nach Berlin zieht.“</p>
-
-<p>„Nein, Vater, ich dachte, sie dort zu treffen.“</p>
-
-<p>„Na, dann gebe ich die Hoffnung nicht auf,<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> aus dir noch einen Landwirt
-zu machen. Und da möchte ich dir den Vorschlag machen, jetzt dein Jahr
-abzudienen. Je eher du es hinter dir hast, desto besser. Aber nicht bei
-der Kavallerie. Ich möchte es dir ja gönnen, aber das Geld, das du dort
-ausgibst, wirst du später besser gebrauchen können.“</p>
-
-<p>Mit viel leichterem Herzen, als er gekommen war, fuhr Franz nach
-Polommen ab. Bis zum 15. September wollte er dort bleiben, dann noch
-einen Tag oder zwei nach Hause, ehe er ins Reich fuhr.</p>
-
-<p>Der Oberamtmann gab ihm ein vorzügliches Zeugnis über sein Lehrjahr
-und wünschte ihm alles Gute für die Zukunft. Mit klopfendem Herzen
-betrat Franz das Wohnzimmer, um sich von der Herrin des Hauses zu
-verabschieden. Er wollte sie um Adelheids Adresse bitten. Er mußte sich
-sehr zusammenreißen, um die Bitte auszusprechen. Frau Olga sah ihn halb
-belustigt, halb mitleidig an. „Meine Freundin wohnt nicht ständig in
-Berlin, wie Sie anzunehmen scheinen. Sie kann jetzt in Wiesbaden oder
-Baden-Baden sein. Ich weiß es jedoch nicht. Und wenn ich es wüßte,
-würde ich es Ihnen nicht sagen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span></p>
-
-<p>Als sie in sein verstörtes und verzweifeltes Gesicht sah, fuhr sie
-freundlicher fort: „Franz, ich weiß, wie es um Sie steht. Das sind
-törichte Hirngespinste. Ihre Leidenschaft ist krankhaft.“</p>
-
-<p>„Und wenn ich doch die Hoffnung hätte, sie zu erringen?“</p>
-
-<p>„Woraus schöpfen Sie denn die Hoffnung? Etwa aus dem Abend im Park?
-Ich weiß nicht, was vorgefallen ist. Ich würde es sehr bedauern, wenn
-Adelheid mit Ihnen ein törichtes Spiel getrieben hätte. Das wäre
-geradezu unverantwortlich von ihr gehandelt .... Und selbst wenn ...
-ich mag es nicht noch mal wiederholen, dann zeigt doch ihre plötzliche
-Abreise, daß sie diese unbedeutende Episode in ihrem Leben kurzerhand
-beendigen wollte .... Ob Sie irgendwelche Schuld tragen, weiß ich
-nicht. Aber das ist doch nicht zu bestreiten, daß Sie sehr störend in
-ihr Leben eingegriffen haben. Sie haben eine keimende Neigung zerrissen
-und es Herrn von Sawerski unmöglich gemacht, sich um Adelheid zu
-bewerben.“</p>
-
-<p>Gesenkten Hauptes, wie ein reuiger Sünder, hatte Franz Frau Olga
-zugehört. Aber sie sah, daß ihre Worte auf ihn keinen Eindruck machten.
-„Ich möchte Sie doch noch einmal warnen, meiner<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> Freundin wieder in den
-Weg zu treten. Sie würden sich ohne Zweifel eine sehr scharfe Abweisung
-zuziehen. Ich bedauere Sie, Franz, denn Sie haben sich in dem Jahr
-musterhaft geführt. Aber ich wundere mich, daß Sie nicht den Verstand
-und die Kraft aufbringen, sich von dieser hoffnungslosen Leidenschaft
-zu befreien.“</p>
-
-<p>Zwei Tage später stieg Franz nach einem kurzen Abschied von Vater
-und Mutter und Onkel Uwis in den Zug und fuhr Tag und Nacht nach
-Baden-Baden. Es war ihm, als wenn eine innere Stimme ihm sagte, daß
-er sie dort treffen würde. In einem bescheidenen Hotel in der Nähe
-des Bahnhofs, das ihm ein Mitreisender empfohlen hatte, nahm er ein
-Zimmer und ließ sich etwas zu essen geben. Und richtig: er fand in der
-Kurliste ihren Namen und ihre Wohnung. Sie wohnte im teuersten und
-feinsten Hotel.</p>
-
-<p>Eine Stunde später ging er vor dem Eingang ruhelos auf und ab. Er war
-mit dem Entschluß fortgegangen, nach ihr zu fragen und sich bei ihr
-melden zu lassen. Im letzten Augenblick verlor er den Mut. Es war
-schon gegen Abend, als eine Gesellschaft von Herren und Damen auf ihn
-zukam. Mit freudigem Schreck erkannte er unter<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> ihnen Adelheid. Sie
-sah blendend schön und hochelegant aus. Das Herz schlug ihm bis zum
-Halse hinauf .... Mit tiefer Verbeugung zog er seinen Hut. Sie schien
-ihn nicht zu bemerken. Kalt glitt ihr Blick über ihn hinweg, ohne das
-leiseste Zeichen, daß sie ihn erkannt hatte .... Er hörte einen Herrn
-mit schnarrender Stimme sagen: „Meine Gnädigste, der Gruß scheint Ihnen
-gegolten zu haben.“ ... „Sie irren sich, Herr Graf, ich kenne den
-Jüngling nicht.“</p>
-
-<p>Betäubt, gänzlich unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, wanderte er
-in sein Hotel zurück. Seine verzweifelte Stimmung gab ihm den Rat ein,
-nach einem Sorgenbrecher zu greifen. Er trank eine Flasche schweren
-Rotwein und ließ sich noch eine zweite auf sein Zimmer bringen, denn
-die erste war ohne jede Wirkung wie auf einem heißen Stein verzischt.
-Die zweite gab ihm die nötige Bettschwere. Er schlief tief und fest. Am
-Morgen wachte er mit einem wüsten Kopfschmerz auf. Aber ihm unbewußt
-war in der Nacht ein Trotz in ihm erwacht. Er wollte und mußte sie
-stellen und zu einer Entscheidung zwingen. Dann begann sein Herz
-sie zu entschuldigen. Sicherlich war es ungeschickt, ja unpassend
-gewesen, sich durch einen<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> Gruß an sie heranzudrängen. Es war ihm nicht
-entgangen, wie seine Kleidung von der Eleganz der sie begleitenden
-Herren abstach. Eine tiefe Mutlosigkeit überfiel ihn. War es nicht
-besser, wenn er keinen Besuch mehr machte, sondern einfach abfuhr?</p>
-
-<p>Eine Stunde später war er wieder auf dem Weg nach ihrem Hotel.
-Unterwegs kaufte er sich ein Kärtchen und schrieb seinen Namen darauf.
-Entschlossen trat er in die Eingangshalle. Ein betreßter Herr nahm ihm
-die Karte ab und schickte einen Boy zu Fräulein Bartenwerffer. Der
-Junge kam nach einer Zeit zurück, die Franz eine Ewigkeit dünkte. „Das
-gnädige Fräulein bedauern sehr, den Herrn nicht empfangen zu können.“</p>
-
-<p>Er drückte dem Jungen einen Taler in die Hand. „Das gnädige Fräulein
-ist wohl noch nicht angezogen?“</p>
-
-<p>„O doch, sie setzt eben den Hut auf. Sie wird wohl gleich mit dem Lift
-herunterkommen. Wenn Sie dort Platz nehmen wollen.“</p>
-
-<p>Eine Viertelstunde später trat Adelheid aus dem Fahrstuhl. Sie war ganz
-einfach in Weiß gekleidet und trug ein Rakett in der Hand. Franz sprang
-auf und trat auf sie zu. Sie maß ihn mit<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> einem kalt abweisenden Blick
-von oben bis unten. „Was wünschen Sie von mir?“</p>
-
-<p>„Ich wollte Sie sprechen“, stammelte Franz.</p>
-
-<p>„Bedauere sehr, ich bitte, mich nicht zu belästigen. Ich teile keine
-Almosen aus.“</p>
-
-<p>Verwirrt trat Franz zurück und gab ihr den Weg frei. Ohne ihn
-anzusehen, ging sie schnell an ihm vorbei.</p>
-
-<p>„Aus“, wiederholte Franz leise. „Sie teilt keine Almosen aus. Na, nun
-weiß ich, woran ich bin.“</p>
-
-<p>Er konnte sich später nicht mehr erinnern, wie er den Weg in sein Hotel
-zurückgefunden hatte. Erst als er sich eine Flasche Rotwein bestellte
-und der schwere Wein zu wirken begann, kam er zu sich. Ihm war zu Mut,
-als wenn die Begegnung mit Adelheid schon Wochen und Monate hinter ihm
-lag. „Ich Esel,“ dacht’ er, „hab ich das noch nötig gehabt? Almosen
-teilt sie nicht aus? Ach, das Wort sollte wohl für mich noch eine
-besondere Bedeutung haben? War das etwa ein Almosen für mich, daß sie
-sich zum zweitenmal von mir umfassen und küssen ließ?“</p>
-
-<p>Der Wein munterte ihn immer mehr auf. Er aß gut und reichlich, ging
-zur Bahn und nahm sich<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> eine Fahrkarte zweiter Klasse nach Berlin.
-Es war ein greulicher Bummelzug, in den er geraten war. Doch ihm war
-das gleichgültig. Er lehnte sich in eine Ecke und schlief ein. Als er
-gegen Abend erwachte und die Gedanken ihn wieder zu bekriechen und zu
-peinigen begannen, kaufte er sich unterwegs wieder eine Flasche Wein
-und trank sie aus. Danach schlief er durch bis Berlin. Er nahm sich
-ein Auto und fuhr zu seinem alten Schulkameraden Sutor, der schon seit
-einem Jahr als Student in Berlin lebte und sich schlecht und recht
-durch Stipendien und Stundengeben durchs Leben schlug.</p>
-
-<p>Der Freund erschrak nicht schlecht, als Franz sich vor ihm aufbaute,
-verschwiemelt, hohläugig ... „Mensch, Franz, wo kommst du her? Wie
-siehst du aus?“</p>
-
-<p>„Wahrscheinlich ein bißchen mitgenommen von der Extratour, die ich
-hinter mir habe. Erst von Hause in einem Zug durch bis Baden-Baden; den
-nächsten Tag wieder hier zurück. Davon setzt man keinen Speck an.“</p>
-
-<p>„Vor allen Dingen mußt du gründlich ausschlafen. Meine Wirtin hat noch
-ein Zimmer frei.“</p>
-
-<p>„Das habe ich zur Genüge im Zug besorgt. Aber hast du nicht einen
-dienstbaren Geist, der uns<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> eine Flasche Rotwein oder Kognak holen
-kann? Wir müssen doch das Wiedersehen gebührend feiern.“</p>
-
-<p>Sutor sah ihn ganz entgeistert an. „Franz, was ist mit dir los? Du bist
-ja auf der Schule kein Duckmäuser gewesen, aber du hast doch am Morgen
-keinen Alkohol nötig gehabt.“</p>
-
-<p>„Na, dann nimm an, daß ich ihn jetzt oder wenigstens heute nötig habe.“</p>
-
-<p>„Hast du etwas Schweres durchgemacht, daß du dich so betäuben willst?“</p>
-
-<p>„Frag nicht, alter Sutor! Ich werde es dir vielleicht später erzählen,
-wenn ich darüber hinweg bin. Heute tu mir den Gefallen. Hier ist Geld.
-Du willst es selbst holen? Das ist nett von dir. Aber was Gutes, wenn
-ich bitten darf.“</p>
-
-<p>Bei einem Glas leistete der Student seinem Jugendfreund Gesellschaft.
-Dann mußte er ins Kolleg. Als er mittags zurückkam, lag Franz sinnlos
-betrunken auf seinem Bett. Die Flasche Rotwein und ein Drittel des
-Kognaks waren ausgetrunken.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_18">18. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Auf das blanke Nichts war Sutor nach Berlin gefahren. Der Vater hatte
-ihm zehn Taler gegeben, einige von den Bauern hatten ihm zehn und
-zwanzig Mark beim Abschied in die Hand gedrückt. Außerdem nahm er ein
-Dutzend Alberten und einen Kober mit Mundvorrat mit. Damit wollte ihn
-die Mutter auch weiterhin versorgen.</p>
-
-<p>Daraufhin wagte es der tapfere Junge, der noch keine größere Stadt als
-die masurischen Kreisstädte gesehen hatte, nach Berlin zu fahren, um
-ein mehrjähriges Studium zu beginnen. Sein Äußeres wies keine Vorzüge
-auf, eher das Gegenteil. Er war ein großer, ungelenker Mensch. Sein
-Gesicht mit den breiten Backenknochen und der niedrigen Stirn konnte
-auf Schönheit keinen Anspruch machen. Aber er wußte, was er wollte und
-besaß die geistige und sittliche Energie, es durchzuführen.</p>
-
-<p>Zuerst suchte er sich eine Unterkunft und fand sie bei einer Waschfrau,
-die ihm ein kleines unheizbares Stübchen für einen geringen Preis
-überließ.<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> Dann klapperte er, mit einem Einführungsschreiben seines
-Direktors versehen, die Gymnasien ab und hatte das Glück, einen Jungen
-als Schüler zu bekommen, den seine Eltern aus der Schule nehmen mußten,
-weil er nach zweijähriger Tätigkeit auf der Quarta nicht versetzt
-worden war.</p>
-
-<p>Mit unendlicher Geduld und eiserner Strenge brachte er den Jungen,
-der von der Affenliebe der Mutter verwöhnt, schon alle Genüsse der
-Großstadt kannte, in einem halben Jahr nach der Untertertia. Dieser
-Erfolg brachte ihm Empfehlungen und Privatschüler, so daß er ohne
-Sorgen leben konnte. Mittags aß er in den Akademischen Bierhallen oder
-bei Aschinger, wo er nie den Donnerstag versäumte, um sich an seinem
-ostpreußischen Nationalgericht, Königsberger Fleck, zu erlaben. Die
-anderen Mahlzeiten beschaffte er sich selbst.</p>
-
-<p>Mit tiefer Betrübnis sah der junge Mensch, dessen ganzes Leben auf
-Arbeit und Pflicht eingestellt war, wie sein Jugendfreund, an dem er
-mit großer Liebe hing, in dessen Elternhaus er so frohe Stunden verlebt
-hatte, sich täglich unter Alkohol setzte, bis er in einen leichten
-Rausch geriet. Dann wurde er aufgeräumt und gesprächig, aber nie sprach
-er mit Sutor über die Ursache seines geheimen<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> Kummers. Sowie der
-Rausch verflogen war, geriet er in dumpfes Brüten, bis er wieder, wie
-er sich ausdrückte, „Öl auf die Lebensflamme gegossen“ hatte.</p>
-
-<p>Sutor stand ihm in diesen Tagen treu zur Seite. Er stellte fest,
-welches Regiment im Herbst Einjährige einstellte, begleitete ihn in die
-Kaserne und wartete, bis er sich angemeldet und aufgenommen war.</p>
-
-<p>Der Adjutant besah Franz mit einem verletzenden Blick von oben bis
-unten. „Sie sehen etwas merkwürdig aus, Herr Rosumek. Sie haben wohl
-heute schon gut gefrühstückt?“</p>
-
-<p>Als Franz nichts erwiderte, fuhr er fort: „Das werden wir Ihnen
-bald abgewöhnen. Am 1. Oktober finden Sie sich um acht Uhr auf dem
-Kasernenhof ein.“</p>
-
-<p>Es war eine große Anzahl junger Leute, die sich an diesem Tage auf
-dem Kasernenhofe einstellten, wo sie zunächst in einer Reihe nach
-der Größe geordnet wurden. Franz wurde von dem Adjutanten aus der
-Reihe genommen und ans Ende gestellt, wo er der zwölften Kompagnie
-zugeteilt wurde, deren Hauptmann als besonders streng und scharf
-bekannt und gefürchtet war. Er<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> erschien bald mit dem Feldwebel, der
-genau so grimmig aussah, wie sein Hauptmann, und fragte seine drei
-Rekruten nach allem Möglichen aus, nach Stand, Beruf, Alter, Eltern,
-Vorbildung usw. Franz, der am Abend vorher, trotz allen Abmahnens
-seines Freundes, wieder stark getrunken hatte, gefiel ihm gar nicht.
-Und mit Recht, denn er sah verkatert aus. Eine müde Gleichgültigkeit
-lag über seinem Wesen. Dann führte der Feldwebel seine neuen Kinder auf
-die Kammer, wo sie ihre Kommißausrüstung erhielten. Der eine seiner
-Leidensgefährten, ein heller Berliner Junge, namens Winter, der schon
-über alles Bescheid wußte, nahm Franz unter seine Fittiche und führte
-ihn in die Handwerkerstube, wo sie sich den Anzug reinigen, die Stiefel
-und das Koppelzeug putzen ließen .... Dort erhielt Franz auch seinen
-Putzkameraden zugeteilt. Die Schuster und Schneider grinsten, als der
-Feldwebel den Namen Demut rief. Ein untersetzter, breitschultriger Kerl
-rief mit mächtiger Stimme „Hier!“, und sprang heran.</p>
-
-<p>„Wollen Sie dem Einjährigen die Sachen putzen?“</p>
-
-<p>„Jawohl, Herr Feldwebel, det mach’ ick mit Vajnügen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span></p>
-
-<p>Erst später erfuhr Franz, daß er das schlimmste Subjekt der Kompagnie
-bekommen hatte. Es war ein verbummelter Fleischergeselle und
-Viehtreiber, der sich der Aushebung entzogen hatte und erst nach vier
-Jahren von den Behörden aufgegriffen worden war. Zur Strafe mußte er
-drei Jahre dienen. Er trank sehr stark, und sein ganzes Dichten und
-Trachten ging nur auf die Beschaffung eines „Leuchtturmes“, eines
-großen Glases Schnaps, hin. Deshalb erschien er jeden Morgen in der
-Kantine, um sich durch Ausfegen, Scheuern und Gläserwaschen einen
-Schnaps zu verdienen. Er war der Schrecken der Kompagnie, aber der
-Hauptmann sah ihm manches nach, weil er sehr gut schoß, obwohl ihm das
-Gewehr in den Händen wie ein Lämmerschwanz zitterte. Aber im letzten
-Moment straffte er seinen Körper und der Schuß saß im Schwarzen.</p>
-
-<p>Und dennoch hatte Franz mit seinem Putzkameraden einen sehr guten Griff
-getan. So unsauber er selbst war, die Sachen und das Gewehr seines
-Einjährigen hielt er tadellos sauber. Und an jedem Morgen erschien
-er eine Stunde vor dem Dienst, weckte ihn oft mit vieler Mühe und
-half ihm beim Anziehen .... Die Triebfeder seiner Sorglichkeit<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> war
-die Kognakflasche, die bei Franz immer auf dem Tisch stand. Jetzt
-brauchte er nicht mehr die Kantine zu fegen. Noch ehe er Franz weckte,
-verhaftete er einen Großen und dann noch zwei, drei .... Er konnte sich
-das ohne Scheu erlauben, denn Franz tat dasselbe. Er war auf dem besten
-Wege, ein Gewohnheitstrinker zu werden. Oder er war es schon, denn
-die Ursache, die ihn zum Trinken bewogen hatte, seine hoffnungslose
-Leidenschaft, war nahezu überwunden. Sie saß nur noch wie ein dumpfes
-Schmerzgefühl in seiner Brust.</p>
-
-<p>Die Ausbildungszeit der Rekruten fiel Franz außerordentlich schwer.
-Die Halsbinde, der enge, fest geschlossene Rock, die schweren Stiefel,
-verursachten ihm Unbehagen. Es kam ihm vor, als wenn er in einer
-Zwangsjacke steckte. Und geradezu lächerlich erschien es ihm, daß er
-noch wie ein kleiner Junge gehen lernen sollte. Es war merkwürdig, was
-der Sergeant und der Gefreite immer an ihm zu tadeln hatten. Aber er
-war wirklich ein schlechter Soldat. Er warf beim Parademarsch die Beine
-nicht hoch genug, er klappte bei jedem Griff nach, bei jedem Aufmarsch
-war er der Letzte. Denn er hatte, wie der Oberleutnant, der<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> die
-Einjährigen ausbildete, sagte, eine zu lange Leitung. Das kam daher,
-daß jeder Befehl ihn erst aus einem dumpfen, gedankenlosen Brüten
-aufwecken mußte.</p>
-
-<p>Es war kein Wunder, daß er von seinen Vorgesetzten scharf angefaßt und
-öfter mit Nachexerzieren bestraft wurde, wobei er ein paar Sandsäcke im
-Tornister tragen mußte. Daß er stark trank, daß seine Schlappheit nur
-darauf zurückzuführen war, war in der ganzen Kompagnie bekannt. Sein
-Kamerad Winter, der ihm Teilnahme entgegenbrachte, machte ihm manchmal
-Vorstellungen. Er möchte doch das Trinken lassen und sich aufraffen,
-sonst würde er bald die Männerchen tanzen und die Mäuse laufen sehen.</p>
-
-<p>Franz wies die wohlgemeinte Mahnung schroff ab. Die Folge war, daß er
-nicht mehr zu den geselligen Zusammenkünften der Einjährigen eingeladen
-wurde. Nur der treue Sutor verließ ihn nicht, sondern besuchte ihn
-öfter und suchte ihn vom Trinken abzuhalten. Aber auch er bemühte sich
-vergebens. Franz ging zwar nicht aus, aber er trank zu Hause und hörte
-nicht auf, bis er die nötige Bettschwere hatte.</p>
-
-<p>In lichten Momenten wurde er von Scham<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> und Reue gefoltert. Aber diese
-Anwandlungen führten nicht zur Besserung, sondern noch tiefer in den
-Sumpf hinein. Nach Hause schrieb er nur in langen Zwischenräumen,
-wenn er Geld brauchte und nur auf Postkarten. Von Baden-Baden hatte
-er im Rausch und in einer Anwandlung von Galgenhumor nach Hause
-telegraphiert: „Endgültig abgeblitzt. Habe mich getröstet. Bitte
-es auch Onkel sagen.“ Von seinem Leben und Treiben wußten seine
-Angehörigen nichts. Er hatte ihnen nur kurz die Nummer seines Regiments
-und seine Wohnung mitgeteilt. Die Eltern und Onkel Uwis machten sich
-Sorge um ihn, aber wodurch er sich tröstete, ahnten sie nicht.</p>
-
-<p>Eines Abends hatte Demut, dessen Lebensphilosophie allen Ernstes darin
-gipfelte, soviel Alkohol wie möglich seinem Körper zuzuführen, damit er
-nach dem Tode nicht von den Würmern gefressen würde, zuviel gegen die
-Würmer eingenommen und so lange geschlafen, daß er selbst nur knapp zum
-Dienst zur Zeit kam. Seine Stubengenossen hatten ihn mit Absicht erst
-im letzten Moment geweckt. Die Folge war, daß auch Franz verschlief und
-erst gegen Mittag verkatert und mit ungeputztem Koppel in der Kaserne
-erschien.<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> Er entschuldigte sich mit einem Kopfkrampf, der ihn des
-Morgens befallen hätte.</p>
-
-<p>Das half ihm nichts. Der Hauptmann steckte ihn auf acht Tage ins Loch.
-Schon eine Stunde später wanderte er in dem Aufzug eines Sträflings,
-ohne Koppel, die schirmlose Mütze auf dem Kopf, ein Kommißbrot unter
-dem Arm, von einem Gefreiten geleitet, für acht Tage ins Kittchen.
-Es waren Höllenqualen, die er bei Wasser und Brot unter völliger
-Entbehrung des Alkohols erduldete. Das saure, schwere Brot wollte
-sein geschwächter Magen nicht annehmen. Abgemagert, elend, eine
-Jammergestalt, wurde er nach Verbüßung der Strafe in die Kaserne
-zurückgeführt, wo ihm die Mitteilung wurde, daß er noch für vier Wochen
-in die Kaserne ziehen müßte. Hätte ihn Demut in dieser Zeit nicht
-heimlich mit Kognak versorgt, dann wäre er gänzlich zusammengebrochen.</p>
-
-<p>Zum 1. April wurden seine beiden Kameraden zu Gefreiten befördert,
-traten aus der Front und taten Unteroffizierdienste. Das gab ihm
-innerlich einen gewaltigen Ruck. Daß ein Einjähriger am Schluß des
-Jahres nicht zum Unteroffizier befördert wurde, weil seine Vorgesetzten
-ihn aus manchmal unerfindlichen Gründen, die in dem<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> Beruf seiner
-Eltern, ja sogar in ihrer politischen Gesinnung lagen, nicht zum
-Offizier für geeignet hielten, kam öfter vor, aber daß ein gebildeter
-junger Mann nicht den „höchsten Grad der Gemeinheit“ erreichte, war
-eine Schande für den Betreffenden. Und Franz fühlte bald, wie sie von
-allen Seiten auf ihn einströmte. Seine Kameraden zogen sich ganz von
-ihm zurück, ja, sie erwiderten seinen Gruß nur noch deshalb, um einem
-Zusammenstoß mit ihm aus dem Wege zu gehen.</p>
-
-<p>Die ärgste Zeit brach über ihn herein, als er zur Strafe für ein
-dienstliches Vergehen wieder auf vier Wochen in die Kaserne ziehen
-mußte. Seine Stubengenossen bürdeten ihm die schmutzigste Arbeit auf
-und behandelten ihn nicht wie ihresgleichen, sondern wie einen tief
-unter ihnen Stehenden. Sie duzten ihn und stießen ihn beim geringsten
-Anlaß. Hätte nicht Demut ihn beschützt, dann hätte er sicherlich eines
-Nachts seine „Reinigung“ bekommen, das heißt, er wäre mit Leibriemen
-und noch gröberen Instrumenten heftig verprügelt worden.</p>
-
-<p>Auch mit dem Trinken war es vorbei. Denn er hatte jetzt fünfzehn
-Aufpasser, denen nichts verborgen<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> blieb. Nicht einmal, wenn er sich in
-der Kantine hatte einen Schnaps geben lassen.</p>
-
-<p>Das war eine Radikalkur, aber sie half. Er begann mit besserem Appetit
-zu essen und erholte sich körperlich. Er wurde auch eifriger im Dienst.
-Und mit der wiedererwachenden Kraft kam auch der Wille. Er wollte sich
-zusammennehmen, um wenigstens zum Herbst die Knöpfe zu bekommen. Wie
-eine Erlösung kam es ihm vor, als er aus der Kaserne entlassen wurde
-und wieder in seine Wohnung zog. Er verbannte die Kognakflasche und
-entschädigte Demut für den Ausfall.</p>
-
-<p>Nun fühlte er auch wieder das Bedürfnis, unter Menschen zu gehen. Er
-suchte eines Abends, der mit seinem milden Sonnenschein ihn und viele
-andere ins Freie lockte, einen Biergarten auf, der nicht weit von
-seiner Wohnung lag. Kaum hatte er Platz genommen, als ein frisches,
-hübsches Mädchen auf ihn zutrat und ihm die Hand bot.</p>
-
-<p>„Herr Franz, wie kommen Sie hierher und in Uniform?“</p>
-
-<p>Er sah auf, und ein freudiger Schreck durchrieselte ihn. Ein warmes
-Gefühl, wie bei einem Gruß aus der Heimat. „Liese, du auch hier?“ Es<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span>
-war die Tochter des Briefträgers aus seinem Heimatsdorf, die mit ihm
-zusammen aufgewachsen war, Liese Mrozek ....</p>
-
-<p>„Wie geht es bei euch zu Hause?“</p>
-
-<p>Ihre Augen umflorten sich. „Weißt du nicht? Mein Vater ist doch
-gestorben, da mußte ich in Stellung gehen. Erst war ich sechs Wochen in
-Königsberg, dann kam ich hierher.“</p>
-
-<p>„Mädel, du hast aber Courage.“</p>
-
-<p>Sie lachte. „Ein Herr hat mich aus Königsberg mitgenommen und mir hier
-die Stellung besorgt.“</p>
-
-<p>„Ach so ... na, dann bring mir ein Glas Bier.“</p>
-
-<p>Als sie es brachte und hinstellte, sah er, daß sie sich beleidigt
-fühlte. „Liese, mach’ doch keine Dummheiten. Ich habe es nicht so
-gemeint. Was willst du trinken?“</p>
-
-<p>„Das ist nicht nötig, das wird hier nicht verlangt.“</p>
-
-<p>Er faßte ihre Hand. „Nun sei mal vernünftig, Mädel. Ich freue mich ja
-so, daß ich dich gefunden habe. Ich wohne ja keine hundert Schritt von
-hier, ich werde jeden Abend dein Stammgast sein.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span></p>
-
-<p>Einige Tage später, als sie ihren freien Nachmittag hatte, fuhr er mit
-ihr in den grünen Wald. Zierlich und anmutig gekleidet schritt sie
-neben ihm her. Er merkte, daß sie auf ihn und seine Uniform stolz war.
-Sie glaubte natürlich, daß er erst am 1. April eingekleidet war. Die
-gemeinsamen Jugenderinnerungen brachten sie schnell einander näher.
-Franz bat sie, ihn nicht mehr zu siezen, sondern ihm das Du zu geben,
-wie es bis zu ihrer Trennung zwischen ihnen geherrscht hatte. Beim
-nächsten Ausflug gestand er ihr, daß seine Dienstzeit schon im Herbst
-zu Ende wäre.</p>
-
-<p>„Und du bist nicht Gefreiter geworden?“, fragte sie und die Tränen
-traten ihr in die Augen. Es gab ihm einen Stich ins Herz, als er sah,
-wie traurig sie darüber war. Da raffte er seinen Mut zusammen und
-erzählte ihr alles .... Es war ihm eine Wohltat, sich ihr rückhaltlos
-mitzuteilen. Er fühlte, wie ihm leichter zu Mute wurde. Sie lauschte
-atemlos. In heißem Gefühl lehnte sie sich an ihn und nahm seine Hand.</p>
-
-<p>„Und jetzt hast du es völlig überwunden? Ja?“</p>
-
-<p>„Ja, Liesel, die Zeit liegt wie ein wüster Traum hinter mir.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span></p>
-
-<p>„Und ... und ...“ sie stockte und mußte sich erst überwinden, es
-auszusprechen, „jetzt wirst du nicht mehr trinken?“</p>
-
-<p>„Nein, Liesel, das habe ich auch überwunden.“</p>
-
-<p>Er legte seinen Arm um sie und sie litt es nicht nur, sondern schmiegte
-sich an ihn. „Liesel, bist du mir gut?“</p>
-
-<p>„Ich hatte dich schon lieb, als ich noch zur Schule ging.“</p>
-
-<p>Da zog er sie fest an sich und suchte ihren Mund, den sie ihm willig
-darbot. Hand in Hand gingen sie aus dem Waldesschatten, wo sie
-gesessen, zur Bahn. Als wäre es selbstverständlich, wanderten sie
-seiner Wohnung zu.</p>
-
-<p>Zwei junge, glückliche Menschenkinder feierten das erste Fest ihrer
-Liebe.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_19">19. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Innerhalb weniger Tage ging mit Franz eine große Veränderung vor. Sein
-lasches Wesen verschwand, er wurde munter, elastisch und energisch,
-und bewältigte spielend die Anforderungen des Dienstes, der das ganze
-Regiment von früh morgens bis spät abends auf den Beinen hielt. Es
-wurde viel von einem drohenden Krieg gesprochen, für den man sich mit
-verdoppeltem Eifer vorbereiten müsse. Allerlei neue Kampfmittel wurden
-erprobt. In wenigen Tagen war Franz vom Schrecken der Kompagnie zu
-einem tüchtigen, eifrigen Soldaten geworden, der selbst dem grimmigen
-Feldwebel die verwunderte Frage abnötigte: „Einjähriger, weshalb sind
-Sie nicht immer so gewesen, wie jetzt?“</p>
-
-<p>„Herr Feldwebel, ich war krank an Körper und Geist. Erst vor kurzem bin
-ich gesund geworden.“</p>
-
-<p>Bis nach Schwentainen war die Kunde von Franzens Lebenswandel
-gedrungen. Sutor hatte es nach Hause geschrieben und Lotte Grigo hatte<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span>
-es von seiner Mutter erfahren. Sie weinte sich heimlich satt, aber sie
-erzählte nichts den alten Rosumeks, sondern trug die traurige Botschaft
-zu Pastor Uwis. Der tröstete das Mädel, das sich sehr grämte, weil
-sie Franz lieb hatte, viel lieber als sie es selbst wußte. Es würde
-so schlimm nicht sein. Der gute Sutor sei immer ein arger Philister
-gewesen.</p>
-
-<p>Innerlich dachte er anders, als er sprach. Und er war in großer Sorge,
-denn er war der Meinung, daß Franz sich aus Liebesgram dem Trunk
-ergeben hatte und in ihm Betäubung suchte. Nach reiflicher Überlegung
-beschloß er, mit Rosumek zu sprechen. Vielleicht entschloß der sich,
-nach Berlin zu fahren und seinen Sohn ins Gebet zu nehmen. Es kam
-anders. Vater Rosumek erklärte, er könne jetzt nicht aus der Wirtschaft
-weg.</p>
-
-<p>„Ich habe auch wenig Einfluß auf den Jungen. Aber du, Pastor, kannst
-hinfahren und ihn zusammenrücken. Wenn einer es fertig bringt, dann
-bist du es.“</p>
-
-<p>Uwis willigte ohne Zögern ein, denn er war schon entschlossen gewesen,
-seinen Vetter zu begleiten. Die Männer kamen überein, den Frauen nichts
-von der Reise zu sagen. So fuhr denn der<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> Pastor am nächsten Morgen
-angeblich in Amtsgeschäften nach Königsberg und sofort ohne Aufenthalt
-weiter nach Berlin, wo er am frühen Morgen eintraf.</p>
-
-<p>Franz war schon beim ersten Morgengrauen zum Dienst gegangen und nicht
-wenig erstaunt, Onkel Uwis bei sich zu finden, als er gegen Mittag
-bestaubt, müde und hungrig nach Hause kam. Aber als er nach wenigen
-Minuten, frisch gewaschen, in seiner schmucken Extrauniform aus seinem
-Schlafzimmer trat, da staunte Onkel Uwis. Er war darauf vorbereitet,
-einen schlappen, verlebten und vom Alkohol entnervten Menschen zu
-finden und sah einen frischen Jüngling vor sich, dem die Lebensfreude
-aus den Augen blitzte.</p>
-
-<p>„Na, der Sutor hätte auch was Besseres tun können, als uns durch dumme
-Redensarten ins Bockshorn zu jagen“, rief er lachend aus.</p>
-
-<p>„Lieber Onkel,“ erwiderte Franz ernst, „ich weiß zwar nicht, was er
-euch geschrieben hat, ich vermute aber, er hat euch der Wahrheit
-gemäß berichtet, daß ich einen sehr bösen Lebenswandel geführt habe.
-Ja, Onkel, ich will es nicht leugnen und nicht beschönigen, daß ich
-viel getrunken habe. Ich suchte Betäubung, um von den unerträglichen<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span>
-Gedanken und der Leidenschaft los zu kommen, die mich zerfraß.
-Und dann wurde es zur Gewohnheit. Aber nun habe ich das Laster
-überwunden, restlos überwunden, lieber Onkel. Ein Rückfall ist völlig
-ausgeschlossen.“</p>
-
-<p>„Ach, Junge, mit welchen Sorgen bin ich hergefahren, und jetzt diese
-Freude! Na, Gott sei Lob und Dank, daß er dir geholfen hat. Er hat ein
-Wunder an dir getan.“</p>
-
-<p>Franz errötete und lächelte eigentümlich. „Ich habe es nicht aus
-eigener Kraft geschafft.“</p>
-
-<p>„Wer hat dir denn dabei geholfen?“, fragte der alte Herr mit einer
-gewissen Spannung in der Miene.</p>
-
-<p>„Die Liebe zu einem jungen Mädchen“, erwiderte Franz tief errötend.</p>
-
-<p>„Na, dann sei das Mädel dafür gesegnet. Dann ist es das Werkzeug
-gewesen, dessen sich die Vorsehung bedient hat, um dich zu retten.“</p>
-
-<p>Franz gab sich innerlich einen Ruck. „Du machst es mir schwer, Onkel,
-dir alles zu gestehen. Ich werde das Mädel heiraten .... Es ist ...
-schon jetzt vor meinem Gewissen mein Weib.“</p>
-
-<p>Der alte Herr nickte einige Male bedächtig, als wenn er sich einen
-Gedanken bestätigte, der<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> ihm schon vorher gekommen war. „Es liegt mir
-fern, einen Stein auf sie zu werfen.“</p>
-
-<p>In ungestümer Freude warf sich Franz an seine Brust. „Habe Dank, Onkel,
-für dieses Wort. Du kennst sie. Es ist die Liese Mrozek, sie hat mich
-schon lange lieb. Und wie sie so lieb und so freundlich zu mir war,
-da fing ich an, mich zu schämen. Aber ich hatte die Kraft noch nicht,
-Schluß zu machen ... bis sie mir die Kraft gab ... durch das höchste
-Opfer ihrer Liebe. Nur dadurch hat sie mich gerettet.“</p>
-
-<p>„Was ist sie hier?“</p>
-
-<p>„Kellnerin, Onkel, aber sie ist rein geblieben.“</p>
-
-<p>„Hast du ihr schon gesagt, daß du sie heiraten willst?“</p>
-
-<p>„Nein, Onkel, aber ich werde es bald tun. Sie hat es nicht
-leichtsinnigerweise getan, sondern aus Mitleid und übergroßer Liebe zu
-mir. Und nun habe ich eine sehr große Bitte an dich. Willst du mit mir
-in das Restaurant, wo sie angestellt ist, zu Mittag gehen und ihr die
-Hand geben?“</p>
-
-<p>„Ja, mein Junge, das will ich tun. Deine Errettung ist mir soviel wert.“</p>
-
-<p>Liesel errötete vor Schreck und Scham, als Franz mit dem Pastor, der
-sie getauft und eingesegnet<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> hatte, in das Lokal trat. Aber sie kam
-schnell auf die Herren zu und knickste. Und als ihr der alte Pastor mit
-freundlichem Blick die Hand bot, beugte sie sich darüber und küßte sie,
-während ihr vor Freude die Tränen in die Augen traten. „Ach, lieber
-Herr Pastor, ist das eine Freude .... Wie geht es meiner Mutter?“</p>
-
-<p>„Gut, mein Kind, du sorgst ja so treu für sie. Verdienst du soviel?“</p>
-
-<p>„Ja, Herr Pastor. Es ist viel zu tun und die Trinkgelder fließen
-reichlich.“</p>
-
-<p>Ehe sie nach dem Essen weggingen, fand Franz noch Gelegenheit, ihr
-zuzuflüstern, daß Onkel Uwis alles wüßte. Sie erschrak im ersten
-Augenblick, aber dann kam eine große Freude über sie, als der alte Herr
-ihr auch beim Abschied die Hand mit freundlichem Lächeln bot.</p>
-
-<p>Während Franz sich umzog und zum Dienst ging, gab der Pastor ein
-Telegramm an Vater Rosumek auf: „Alles in Ordnung. Keine Sorge ..“</p>
-
-<p>Wenige Stunden später, als die beiden Männer zu Liesel gingen, um
-dort zum Abendbrot zu essen, durchjagte die Kunde von der grausigen
-Schreckenstat in Serajewo die deutsche Reichshauptstadt .... Der
-Pastor las mit banger Sorge<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> das Extrablatt. Er sprach zu Franz die
-Befürchtung aus, daß dieses Ereignis den Weltenbrand entzünden würde.
-Für jeden, der nicht mit verbundenen Augen durch die Welt ging, war
-es ja schon lange kein Geheimnis mehr, daß Deutschland ringsum von
-Feinden eingekreist war, die nur auf den Augenblick lauerten, darüber
-herzufallen. Und Uwis wußte zu erzählen, daß die Russen bereits seit
-dem Frühjahr gewaltige Truppenmassen nach dem Westen schoben, daß
-dicht hinter der Grenze mehrere Divisionen Reiterei aufgestellt waren,
-bereit, beim ersten Befehl in Ostpreußen einzubrechen. Er hielt die
-Gefahr für so nahe bevorstehend, daß er noch mit dem Nachtzug nach
-Hause abreiste. Daß die Dinge sich nicht so schnell entwickelten,
-ist ja bekannt. Es vergingen noch vier Wochen, bis das Unwetter
-über uns hereinbrach, in Hangen und Bangen, aus dem sich dann die
-überschwengliche Begeisterung emporrang, die uns den Mut gab, einer
-Welt von Feinden die Stirn zu bieten.</p>
-
-<p>In Ostpreußen war man sich der Größe der Gefahr voll bewußt, aber diese
-Erkenntnis löste nicht bange Furcht oder Verzagtheit aus, sondern
-kalte Entschlossenheit und eisernen Trotz, für das<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> Vaterland und die
-Heimat alles zu ertragen, auch das Schwerste. Aber man unterschätzte
-doch die Gefahr. Man befürchtete im schlimmsten Fall, einige Wochen
-oder Monate unter Russenherrschaft zuzubringen, wenn unsere Truppen vor
-der Übermacht zurückweichen müßten, bis unsere Siege im Westen, wo der
-Hauptschlag geführt werden sollte, die Feinde abgewehrt hätten und man
-sich nach dem Osten wenden könnte. Daß die Russen mit Mord und Brand
-über die wehrlose Bevölkerung herfallen würden, glaubte man nicht ....
-Man meinte, die Russen würden sich ebenso brav und menschlich benehmen,
-wie man es von unseren Truppen mit Recht erwartete ....</p>
-
-<p>Und dann kam die große, schreckliche Enttäuschung, als die Russen wie
-Räuberhorden ins Land einbrachen, die Dörfer und Städte plünderten und
-in Brand steckten, die Einwohner ermordeten und wegschleppten ....</p>
-
-<p>Es ist gut, daß Wunden vernarben, aber vergessen sollte man sie
-nicht ... nie und nimmer .... Wann wirst du, deutscher Michel, deine
-Schlafmützigkeit, deine dumme Vertrauensseligkeit ablegen?</p>
-
-<p>Die Trümmerhaufen der verwüsteten Dörfer<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span> an der Grenze rauchten schon,
-verängstigte Menschen, das Grauen des Entsetzens in den Augen, denen
-es gelungen war, vor den Kosakenhorden zu fliehen, zogen vorüber, aber
-noch immer konnten die Menschen sich von ihrem bißchen Hab und Gut
-nicht trennen. Auch Pastor Uwis war einer derjenigen, die zum Bleiben
-und Ausharren mahnten .... Er war entschlossen, zu bleiben, solange in
-seinem Kirchspiel auch nur noch ein halbes Dutzend Menschen vorhanden
-waren, die seiner bedurften. Erst als die russische Welle zum zweiten
-Male sich heranwälzte, entschloß er sich, nachdem er Unendliches
-erduldet, sich den Flüchtigen anzuschließen.</p>
-
-<p>Rosumek besaß noch einen Leiterwagen und ein paar alte Kraggen. Auf
-dem nahm er Uwis und Frau und Frau Grigo und Lotte mit, aber außer
-einigen Lebensmitteln und Wertpapieren war nichts auf dem Wagen. Mit
-großer Mühe schlugen sie sich bis Westpreußen durch, wo sie auf die
-Bahn stiegen und nach Berlin fuhren. Sie vertrauten auf die Hilfe des
-Vaterlandes, dem sie so schwere Opfer gebracht hatten. Sie kamen an und
-... wurden auf die Almosen der Mildtätigkeit verwiesen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span></p>
-
-<p>Nach wenigen Tagen erfuhr Rosumek, daß der Landsturm in Ostpreußen
-einberufen war. Er ließ Frau und Tochter in der Obhut der Pastorsleute
-zurück und fuhr in die Heimat, um sich der Militärbehörde zu stellen.
-Beim ersten Gefecht starb er den Heldentod fürs Vaterland.</p>
-
-<p>Franz hatte kurz vor dem Russeneinfall einen Brief von Hause erhalten.
-Dann blieb wochenlang jede Nachricht aus. Er hatte keine Zeit, sich
-darüber schwere Sorgen zu machen, denn die Mobilmachung seines
-Regiments nahm ihn den ganzen Tag in Anspruch. Die Reservisten rückten
-ein, wurden eingekleidet und eingereiht, dann kamen einige Tage, in
-denen die kriegsstarken Verbände einexerziert wurden und dann ging’s
-mit Hurra und großer Begeisterung zum Bahnhof. Die Wagen waren mit Laub
-geschmückt und mit übermütigen Inschriften bekritzelt.</p>
-
-<p>Liesel begleitete ihren Schatz zum Bahnhof. In unbeschreiblichem
-Schmerz hing sie an seinem Halse, wortlos, die starre Verzweiflung in
-den Augen, winkte sie ihm ein Lebewohl zu .... Sie konnte sich nicht zu
-der Begeisterung aufschwingen, die so viele Mütter und Bräute beseelte
-und ihnen die Kraft gab, das Liebste dem Vaterland zu<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> opfern. In ihr
-war nur Verzweiflung, kalte, tote Verzweiflung. Erst Pastor Uwis, der
-sie sofort nach seiner Ankunft aufsuchte, richtete sie wieder etwas
-auf. Danach hatte er eine lange, ernste Unterredung mit Frau Rosumek,
-der er sagte, daß nur Liesel es zu danken wäre, daß Franz sich aus dem
-Sumpf, in dem er zu versinken drohte, emporgerappelt hätte. Dann erst
-sagte er ihr, daß ihr einziger Sohn Liesel als seine Braut, ja als sein
-Weib betrachtete, und daß die Mutter die Pflicht habe, das Mädel an ihr
-Herz zu nehmen.</p>
-
-<p>Es kostete der einfachen, in starren Vorurteilen aufgewachsenen Frau
-eine große Überwindung, Liesel, die der Pastor ihr zuführte, die Hand
-zu geben und ihr ein freundliches Wort zu sagen. Mit der Zeit jedoch,
-als der Schmerz um den gefallenen Gatten ihr Herz wund gerissen hatte,
-überwand Liesels große Liebe zu Franz auch ihre Beschränktheit. Sie
-nahm das Mädel mit mütterlicher Liebe ans Herz. Und sie war ihr ein
-Trost, als Franz als vermißt gemeldet wurde und für tot betrachtet
-werden mußte, weil er trotz aller Nachforschungen nirgendwo als
-Gefangener aufzufinden war.</p>
-
-<p>Da war es ihr in dieser verzweifelten<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> Stimmung ein Trost, als Liesel
-ihr unter heißen Tränen gestand, daß sie sich Mutter fühlte. Als die
-Flüchtlinge im April und Mai des nächsten Jahres in ihre zerstörte
-Heimat zurückkehren durften, nahm Frau Rosumek Liesel mit sich und
-hielt sie wie eine Tochter. Wenige Wochen nach ihrer Rückkehr schenkte
-Liesel einem Knaben das Leben. Sie selbst schloß ihre Augen für immer.
-Das Kindchen jedoch, das den Namen seines Vaters erhalten hatte, blieb
-leben und gedieh, von der Großmutter wie ein Augapfel behütet, ein
-Trost und ein Segen für ihr freudloses Leben .... — — —</p>
-
-<p>Franz war mit seinem Regiment nach dem Westen gekommen und hatte dort
-die erste große Schlacht gegen die Franzosen mitgemacht, ohne verwundet
-zu werden. Er erwies sich als ein strammer, tapferer Soldat, der durch
-sein Wesen anfeuernd auf die Kameraden wirkte. Seine Kompagnie hatte
-eines Tages schwere Verluste, aber sie hielt den wütenden Angriffen
-der Franzosen stand. Und als die Verstärkung in die Lücken rückte, war
-es Franz, der als Erster aus dem Graben sprang und die ganze Linie zu
-einem siegreichen Sturmangriff auf den Feind mit sich riß.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span></p>
-
-<p>Aber vergebens wartete und hoffte Franz auf die Auszeichnung, die er
-sich schon mehr als einmal verdient hatte, auf das E. K. II., das schon
-mehrere seiner Kameraden zierte. Er hatte das Gefühl, als wenn man ihn
-absichtlich überging. Er wäre schon zufrieden gewesen, wenn man ihn
-wenigstens zum Gefreiten befördert hätte. Aber auch daran schienen
-seine Vorgesetzten nicht zu denken.</p>
-
-<p>Ganz plötzlich kam der Befehl, daß die ganze Division nach dem Osten
-verladen werden sollte. Es war eine anstrengende Fahrt durch das ganze
-Reich bis nach dem fernsten Osten. Und aus dem Zug heraus wurde das
-Bataillon in die Schlacht geführt .... Schwere Gefechte und lange
-Märsche wechselten miteinander ab, bis der Retter Ostpreußens, der
-Nationalheld Deutschlands, unser Hindenburg, den Sieg von Tannenberg
-errungen hatte.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_20">20. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Durch die Schlacht bei Tannenberg war die Macht der Russen weder
-gebrochen noch erschöpft. Sie führten neue Menschenmassen heran, so daß
-Hindenburg sich darauf beschränken mußte, die masurische Seenkette und
-die Angerapp-Linie bis zum Pregel zu halten. Er mußte damit rechnen,
-daß die Russen versuchen würden, mit ihrer gewaltigen Übermacht diese
-Sperre zu durchbrechen.</p>
-
-<p>Seit mehreren Tagen schon war durch Flieger drüben bei den Russen eine
-erhöhte Bewegung festgestellt worden. Das erforderte Wachsamkeit und
-Bereitschaft auf unserer Seite .... In der Nacht wurden Patrouillen
-bis an die russischen Drahtverhaue vorgeschickt. Das waren gefährliche
-Gänge. Denn ganz plötzlich suchten die Russen das Gelände mit
-Scheinwerfern ab und in den Gräben standen Scharfschützen im Anschlag,
-um jeden Feind, der sichtbar wurde, wegzuputzen.</p>
-
-<p>Eines Abends wurde Franz als Führer für solch einen gefährlichen
-Gang bestimmt. Sobald<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> es dunkel wurde, wand er sich mit seinen zwei
-Begleitern durch den Drahtverhau. Die Nacht war stürmisch und finster.
-Vorsichtig, wie ein Indianer auf dem Kriegspfade, schlich Franz
-vorwärts.</p>
-
-<p>In weiten Abständen folgten ihm die beiden anderen.</p>
-
-<p>Nicht weit vor der russischen Linie stieß er auf einen Graben, der
-einige Zoll hoch mit nassem Schlamm angefüllt war. Ohne Bedenken stieg
-er hinein und kroch auf Händen und Knien darin fort. Die nasse Kälte
-schreckte ihn nicht ab, denn der Graben bot ihm Deckung nach den Seiten
-.... Minutenlang lag er still und horchte. Der Wind wehte zu ihm her.
-Er hörte halblaute Kommandoworte und Flüche. Kein Zweifel, die Russen
-verstärkten ihre vorderste Linie. Er überlegte, ob er noch länger
-warten oder gleich die Nachricht, die ihm wichtig genug erschien,
-zurückbringen sollte, und entschloß sich zu Letzterem. Jetzt konnte er
-wohl noch ohne Gefahr aus dem Graben steigen und die wenigen hundert
-Meter laufend zurücklegen.</p>
-
-<p>In demselben Augenblick, als er auf den Grabenrand stieg, blitzte es
-dicht neben ihm auf. Er fühlte einen heftigen, stechenden Schmerz im<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span>
-linken Auge. Schnell fuhr seine Hand dorthin und fühlte eine weiche,
-warme Masse .... Gleich darauf sauste ein Kolbenschlag auf seinen Helm
-nieder. Dann schwand ihm das Bewußtsein.</p>
-
-<p>Zwei Russen beugten sich über ihn. Der eine fuhr den anderen grob an:
-„Du Hundesohn, du hast ihn totgeschlagen .... Wir sollten doch einen
-lebendig fangen, damit er verhört wird. Aber wir müssen ihn mitnehmen,
-vielleicht kann er doch noch was aussagen.“</p>
-
-<p>Franz erwachte. Er lag in einer Bauernstube auf einer Holzbank. Eine
-trübe Petroleumlampe verbreitete ein mattes Licht. Eine leise Freude
-regte sich in ihm, als er das Licht sah .... Also hatte er doch noch
-ein Auge. Aber ein wütender Schmerz hämmerte in seinem Kopf. Zwei
-russische Ärzte in ehemals weißen, jetzt völlig von Blut bespritzten
-Kitteln, standen vor ihm. Sie unterhielten sich französisch.</p>
-
-<p>„Der Streifschuß, der das Auge zerstört hat, ist nicht gefährlich, aber
-der Kolbenschlag auf den Kopf wird wohl tödlich sein. Es werden wohl
-Knochensplitter ins Gehirn gedrungen sein. Ich glaube nicht, daß er
-vernehmungsfähig werden wird ....“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span></p>
-
-<p>Die Worte, die Franz verstanden hatte, warfen ihn wieder in die
-wohltätige Bewußtlosigkeit zurück. Er fühlte nicht, daß er eine Spritze
-Morphium erhielt. Erst als er von groben Fäusten gepackt und von der
-Bank herabgezerrt wurde, erwachte er wieder.</p>
-
-<p>„Halt,“ rief einer der Ärzte, „der Kerl lebt ja. Tragt ihn nebenan zum
-Auditeur.“</p>
-
-<p>Er wurde halbsitzend mit dem Rücken an einen geheizten Ofen gelehnt.
-Die Wärme tat ihm wohl und frischte ihn auf. In deutscher Sprache
-fing der russische Auditeur zu fragen an. Er wollte wissen, wieviele
-Regimenter die Deutschen drüben hatten, ihre Nummern, die Zahl der
-deutschen Batterien usw. ... Franz gab mit leiser Stimme, aber
-bereitwillig Auskunft .... Er log eine deutsche Armee zusammen, die
-der russischen mindestens gewachsen war. Mehrmals schrie der Russe
-ihn an, er solle nicht falsche Auskunft geben, sonst lasse er ihn
-sofort erschießen. Franz beharrte bei seiner Aussage und fügte noch
-hinzu, er habe gehört, daß in den nächsten Tagen noch sechs neue
-Armeekorps ankämen. Ein Funke von Lebensmut war in ihm aufgeglommen.
-Die Kopfschmerzen hatten nachgelassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span></p>
-
-<p>Ein Arzt war eingetreten und hatte eine Weile dem Verhör beigewohnt.
-Nun ließ er Franz wieder in das andere Zimmer schaffen und entfernte
-ohne Betäubung das zerstörte Auge. Von dem rasenden Schmerz wurde Franz
-wieder bewußtlos. Als er aufwachte, lag er mit verbundenem Kopf in
-einer engen Kammer auf einer Schütte Stroh mit einer Decke bedeckt.
-Aber rings um ihn wimmelte es von Ungeziefer. Doch der Blutverlust ließ
-ihn einschlafen.</p>
-
-<p>Es mochte nicht lange nach Mitternacht sein, als er geweckt und
-herausgeschleppt wurde. Mit einigen anderen Schicksalsgenossen wurde
-er auf einen Karren geworfen, der rücksichtslos im Trab davonfuhr.
-Zum Glück dauerte die Fahrt nicht lange. Der Karren fuhr an einen
-langen Eisenbahnzug heran. Franz wurde sehr unsanft in einen Wagen
-hineinbefördert, und bald setzte sich der Zug in Bewegung. Er hörte,
-wie sich zwei leicht verwundete Russen darüber unterhielten, daß man
-alles, was nicht für den Kampf brauchbar sei, wegschaffte, weil man
-einen Sturmangriff der Deutschen erwartete. Daraus schloß Franz, daß
-er nur aus Versehen mitgenommen wurde, weil man ihn für einen Russen
-hielt. Verwundete Gefangene<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> behandelte man nicht so rücksichtsvoll
-.... Man überließ sie, wenn es rückwärts ging, ihrem Schicksal und
-erwies ihnen damit eine Wohltat, denn sie kamen wieder in deutsche
-Hände und in deutsche Pflege.</p>
-
-<p>Endlos dauerte die Fahrt. Erst am Vormittag gab es auf einer großen
-Station einen Teller warme Suppe. Einige Schwerverwundete wurden frisch
-verbunden.</p>
-
-<p>So ging es Tag und Nacht weiter. Endlich wurde in einer Stadt, es war
-Zarizyn, der Zug entleert und Franz als Deutscher erkannt. Wenige
-Zeit später wurde er in einen Zug, der deutsche Gefangene und Kranke
-enthielt, geworfen und weiter nach dem Osten gebracht. Es war das
-Schrecklichste, was Franz und alle seine Leidensgefährten mit ihm,
-durchmachten. Die Abteile wurden verschlossen, selbst an Orten, wo
-der Zug längeren Aufenthalt hatte, durfte niemand aussteigen. Die
-Gefangenen litten unter Hunger und Durst, die Verwundeten wurden von
-heftigen Schmerzen gepeinigt .... Einige starben ....</p>
-
-<p>Auch dieser Leidensweg wurde überstanden. Ein Leidensgefährte widmete
-Franz seine Teilnahme. Es war ein wüster Gesell, der heftig<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> fluchte
-und lästerliche Redensarten führte, aber er sprach fertig russisch und
-brachte es fertig, von der Begleitmannschaft für Geld und gute Worte
-ein Brot, ja auch ein Glas heißen Tee zu erhandeln, das er brüderlich
-mit Franz teilte.</p>
-
-<p>Das Schicksal fügte es auch, daß Franz mit seinem Wohltäter zusammen
-in ein sibirisches Bauerndorf und in dasselbe Haus einquartiert wurde.
-Es war ein aus Berlin gebürtiger Metallarbeiter, der vor dem Kriege
-in russischen Fabriken gearbeitet hatte und kurz vor den Unruhen nach
-Deutschland zurückgekehrt war. Lüdicke, so hieß er, knurrte, brummte
-und schimpfte den ganzen Tag. Er hatte aber doch ein weiches Herz und
-nahm sich seines Mitgefangenen hilfreich an. Er sorgte für Essen, er
-machte kalte Umschläge auf die entzündete Augenhöhle, er legte Franz
-Eisklumpen auf den Kopf, wenn er über Kopfschmerzen klagte.</p>
-
-<p>Es war gar kein Zweifel, daß Franz dem brummigen Leidensgefährten
-seine Gesundung verdankte. Sobald er dazu imstande war, schrieb er
-ausführlich nach Hause, berichtete über sein Schicksal und bat,
-ihm durch das Schwedische Rote Kreuz Geld zu senden. Der Brief
-erreichte leider<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> nicht sein Ziel, wie so viele andere, und mancher
-Gefangene wurde zu Hause von seinen Angehörigen als tot betrauert,
-der völlig gesund in Sibirien lebte und schmerzlich auf Nachricht und
-Unterstützung wartete.</p>
-
-<p>Zu den körperlichen Entbehrungen, der Drangsal des sibirischen Winters,
-kamen bei Franz noch seelische Anfechtungen, die sich zu Schmerzen
-steigerten. Er verzehrte sich in Sehnsucht nach Liesel und nach all
-seinen Lieben daheim. Die Stunden, in denen er sich einsam auf seinem
-Krankenlager wälzte, waren entsetzlich. Er versuchte, seinen Kopf
-durch irgend etwas geistig zu beschäftigen, um sich von den Gedanken
-abzulenken. Er sagte sich alle Gedichte und Lieder aus dem Gesangbuch
-auf, die er auswendig wußte. Er erzählte sich lange Abschnitte aus der
-Weltgeschichte. Es half nichts. Plötzlich war er wieder mitten in den
-Gedanken, die auf ihn einstürmten und ihn peinigten.</p>
-
-<p>Da begrüßte er es stets als eine Erlösung, wenn Lüdicke, ein Riese von
-Gestalt, nach Hause kam. Er arbeitete bei den Bauern des Dorfes und
-verdiente nicht nur den Unterhalt für sich, sondern auch für seinen
-Genossen. Manchmal hörte er zu,<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> wenn Franz sich, aber auch ihm, ein
-Stück Geschichte erzählte. Dann fuhr er schließlich grob dazwischen.</p>
-
-<p>„Det is ja allens Quatsch. So seht ihr von die besitzende Klassen die
-Weltgeschichte an. Nich die einzelnen jroßen Herren haben det alles
-jemacht, die Masse hat es jeschafft. Wat du eben von Friedrich den
-Jroßen erzählst, mein Junge, hört sich ja allens sehr schön an, aber
-mit wen hat er seine Schlachten jeschlagen und die Siege erfochten? Mit
-die Arbeiter, die Soldat spielen und ihm die Kastanien aus det Feuer
-holen mußten. Haste schon mal darüber nachjedacht, wieviel Arbeiter for
-die politischen Zwecke des jroßen Friedrich ihr Leben lassen mußten?
-Wieviel die Knochen kaputt jeschossen oder jeschlagen wurden, dat se
-nachher mit ’n Leierkasten ihr Brot erbetteln jehn mußten, wenn sie
-noch een Arm hatten?“ ...</p>
-
-<p>Franz verteidigte eifrig seinen Standpunkt, der auf seiner Erziehung
-und seiner Weltanschauung beruhte. Aber sein Kumpan ließ nicht locker.
-Wenn er auf den Weltkrieg zu sprechen kam, schäumte er vor Wut. Den
-hätten bloß die Kapitalisten angezettelt, um grob dran zu verdienen,<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span>
-und die Arbeiter müßten dafür ihre Haut zu Markte tragen.</p>
-
-<p>Da wurde auch Franz eifrig und heftig. Das ganze deutsche Volk habe
-sich der Übermacht der Feinde entgegengeworfen, um die Zertrümmerung
-des Reiches abzuwehren. Die Arbeiter täten bloß ihre verfluchte Pflicht
-und Schuldigkeit, wenn sie Schulter an Schulter mit allen anderen
-Ständen das Vaterland verteidigten.</p>
-
-<p>Das Wort „Vaterland“ brachte Lüdicke jedesmal in Wut. Das sei nichts
-weiter als ein von den regierenden und den herrschenden Klassen schlau
-ersonnener Begriff, der dem Kinde schon in der Schule eingeimpft würde,
-bloß um die Arbeiter dumm zu machen, daß sie sich für die oberen
-Hunderttausend hinschlachten ließen, nur, damit die weit vom Schuß ein
-Schlemmerleben führen könnten.</p>
-
-<p>Es müsse aber anders kommen! Die Arbeiter müßten die Macht an sich
-reißen. Sie würden nicht daran denken, solche Kriege zu führen und sich
-gegenseitig zu zerfleischen. Dazu seien sie viel zu vernünftig. Die
-Arbeiter wären doch alle im Kampf gegen den Kapitalismus solidarisch.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span></p>
-
-<p>Dieser Behauptung stellte Franz die Tatsache gegenüber, daß die
-französischen und englischen Arbeiter doch in erster Linie sich als
-Franzosen und Engländer fühlten und keinen Finger gerührt hätten, um
-den Ausbruch des Krieges zu verhindern.</p>
-
-<p>„Weil sie mit die nationale Redensarten besoffen jemacht sind,“ schrie
-Lüdicke dazwischen, „und weil sie noch nich richtig orjanisiert sind
-und nich die Macht dazu hatten.“</p>
-
-<p>So stritten sie sich täglich, manchmal stundenlang. Der Arbeiter war
-geistig der Überlegene. Er war von Jugend auf in der Parteibewegung
-geschult und verfügte über eine große Zahl folgerichtiger
-Gedankengänge, die seinem Standpunkt entsprachen und die er mit
-Ausdauer wiederholte. Franzens Widerstand erlahmte. Er fing an, zu
-grübeln. Immer schwächer wurde sein Widerspruch. Lüdickes Wesen gewann
-auf ihn Einfluß. Er mußte ihn als Menschen hoch einschätzen und als
-Charakter bewundern. Und von seinem Standpunkt aus hatte er vollkommen
-Recht ....</p>
-
-<p>Und mit diesen Gedankengängen verquickte sich seine Stimmung. Wäre es
-nicht auch für ihn selbst ein großes Glück gewesen, wenn die Arbeiter<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span>
-die Macht gehabt hätten, diesen entsetzlichen Krieg zu verhindern? War
-es nicht ein hohes, ideales Ziel, danach zu streben, solch einen Krieg,
-wie diesen, der soviele Schmerzen und soviel Not auf die Menschheit
-warf, für alle Zukunft unmöglich zu machen? Ihm hatte der Krieg ein
-Auge gekostet.</p>
-
-<p>Ganz knapp war er dem Tode entronnen. Was für ein Schicksal mochte
-seiner Liesel, seinen Eltern, seinem lieben Pastor Uwis durch den
-Krieg beschieden sein? War das Schicksal nicht grausam, das friedliche
-Menschen von Haus und Hof in das Elend trieb? Daß die ostpreußischen
-Flüchtlinge wieder in die Heimat zurückgekehrt waren, daß sie schon
-wieder fleißig ihre zerstörten Städte und Dörfer aufbauten, wußte er
-nicht, denn keine Kunde von dem Krieg, wie er in Wirklichkeit verlief,
-drang in das weltferne Dorf. Nur ab und zu erzählte der Pope von großen
-russischen Siegen. Franzosen und Russen hätten sich in Berlin die Hände
-gereicht .....</p>
-
-<p>Noch einmal flammte in Franz das Gefühl für das Vaterland auf. Dann
-erlosch es. Langsam, aber unaufhaltsam glitt er in die Gedankenwelt
-seines stärkeren Genossen hinüber und hinein.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span></p>
-
-<p>Er war schon völlig drin, als die erste russische Revolution ausbrach.
-Sie brachte ihnen auch die ersten richtigen Nachrichten über den
-Verlauf des Krieges.</p>
-
-<p>Noch immer rangen die Deutschen nicht nur in Europa, sondern auch in
-Asien gegen eine Welt von Feinden. Ströme von Blut waren geflossen.
-Millionen der kräftigsten Männer deckte der Rasen. Weshalb machten
-denn die herrschenden Klassen dem gräßlichen Morden kein Ende? Weshalb
-schlossen die neuen Machthaber in Rußland, die den entthronten Zaren
-verhaftet und die Herrschaft der bisher regierenden Klassen zertrümmert
-hatten, denn nicht Frieden?</p>
-
-<p>Eines Tages kam Lüdicke triumphierend mit der Nachricht nach Hause,
-jetzt hätten die wirklichen Arbeiter die Macht an sich gerissen und
-die Kriegsverlängerer gestürzt. Jetzt würde sofort Friede geschlossen
-werden.... Seine Nachrichten bewahrheiteten sich.... Aber für die
-deutschen Gefangenen schlug noch lange nicht die Erlösungsstunde.
-Verzweifelt fragte Franz Tag für Tag sich und seinen Freund, ob die
-deutsche Regierung sie ganz vergessen und in Stich gelassen hätte.
-Weshalb tauschte sie nicht die Gefangenen aus?</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span></p>
-
-<p>„Weil in Deutschland noch diejenigen an die Rejierung sind, wo den
-Krieg anjefangen haben. Der Friede und die Auslieferung wird erst
-kommen, wenn wir Arbeiter rejieren, wie jetzt hier in Rußland.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_21">21. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Im Morgengrauen kam Franz auf der kleinen Haltestelle in der Heimat an.
-Seit dem Augenblick, da der Abgesandte des Schwedischen Roten Kreuzes
-die beiden deutschen Gefangenen in dem sibirischen Dorf entdeckt und
-ihre Befreiung erwirkt hatte, stand ihm der Moment vor Augen, der jetzt
-an ihn herangetreten war, wo er den Berg herauf zum Elternhause wandern
-würde. Manchmal kam dabei in seine Gedanken eine große Freude, aber
-noch öfter befiel ihn tiefe Niedergeschlagenheit. Lebten die Eltern
-noch? Was war aus Liesel geworden? Wo war sie geblieben? Hatte sie ihn
-als tot betrauert und sich einem anderen zugewandt?</p>
-
-<p>Es war ein frischer Morgen im Vorfrühling. Nur die Kätzchen an den
-Weidenbäumen deuteten darauf hin, daß sich die Auferstehung der
-Natur vorbereitete. Und die Lerchen, die wieder hier und dort sich
-vom dunklen Acker emporschwangen, sangen dem ersehnten Frühling den
-Willkommensgruß.<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> Ein Bauernbursch, der mit Pferden und Pflug aufs Feld
-zog, kam ihm entgegen. Franz erkannte ihn und fragte, ob der Pfarrer
-Uwis noch lebe. Der halbwüchsige Junge grunzte, ohne die qualmende
-Zigarette aus dem Munde zu nehmen, ein unhöfliches Ja. Er hatte den
-frühen Wanderer nicht erkannt. Denn ihm war in den vier Jahren ein
-blonder, krauser Bart gewachsen, der ihn älter erscheinen ließ, als er
-war.</p>
-
-<p>Er wollte am Pfarrhaus still vorbeigehen. Aber der vertraute Anblick,
-der so viele liebe Erinnerungen in ihm aufrührte, ließ ihn stehen
-bleiben. Eben wollte er sich zum Weitergehen wenden, als ein rosiges,
-blondes Mädel aus der Tür trat, frisch wie eine Knospe im Morgentau.
-Es war Lotte. Wie gebannt blieb er stehen. Sie musterte ihn mit
-forschendem Blick. Dann weiteten sich ihre Augen wie im freudigen
-Schreck. Eine jähe Röte schoß ihr ins Gesicht. Mit beschwingtem Fuß
-eilte sie auf ihn zu und warf ihm beide Hände entgegen: „Franz!“ ...
-und noch einmal leiser, inniger, scheuer: „Franz, bist du es wirklich?“</p>
-
-<p>„Ja, ich bin es, Lotte.“</p>
-
-<p>„Willst du zu uns, zu Onkel Uwis?“, verbesserte sie sich. „Wann bist du
-gekommen?“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span></p>
-
-<p>„Ich komme eben von der Bahn. Ist der Onkel Uwis schon auf?“</p>
-
-<p>„Er ist schon wach. Ich hole ihm eben frisches Gebäck, dann trage ich
-ihm den Kaffee ans Bett. Er ist schon etwas hinfällig und muß geschont
-werden. Aber die Freude wird ihn verjüngen.“</p>
-
-<p>In frohen Gedanken stand Franz vor der Haustür und wartete, bis Lotte
-zurückkam und ihn ins Haus führte. Nicht lange danach hörte er durch
-die halbgeöffnete Tür die Stimme seines alten Freundes. „Was ... der
-Franz ist da? Junge, wo steckst du?“</p>
-
-<p>Mit einem Satz war Franz in der Tür. „Onkel Uwis!“ ... Er warf sich vor
-dem Bett auf die Knie und schlang seine Arme um die Brust des alten
-Freundes. „Daß mir Gott noch diese Freude bescheren würde, dich lebend
-wiederzusehen, habe ich nicht zu hoffen gewagt. Jetzt kann ich in
-Frieden dahinfahren.“</p>
-
-<p>Er legte ihm die Hand wie segnend auf die krausen Haare. „Und nun steh
-auf, mein Junge, erquick deinen Körper mit Speise und Trank und uns
-durch die Schilderung deiner Lebensschicksale.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span></p>
-
-<p>„Ich bin im Oktober 1914 verwundet und habe ein Auge eingebüßt, ich
-trage ein künstliches. Dabei geriet ich in Gefangenschaft, wurde nach
-Sibirien verschleppt, und erst vor vier Wochen befreit. Später erzähle
-ich ausführlich. Jetzt berichte du erst, wie es hier steht. Leben meine
-Eltern?“</p>
-
-<p>„Dein Vater starb schon im Herbst 1914 den Heldentod in der Schlacht
-bei Tannenberg.“</p>
-
-<p>„Schon so lange tot und ich habe keine Ahnung davon gehabt! Weiter,
-Onkel!“</p>
-
-<p>„Deine Mutter lebt, vergrämt, verbittert. Aber die Freude über deine
-Rückkehr wird sie wieder aufrichten .... Deine Schwester Emma hat im
-Kriege auch ihren Mann verloren und führt der Mutter den Haushalt. Sie
-besaß nie die rechte Fröhlichkeit des Gemüts, jetzt ist sie durch ihr
-Unglück hart und grämlich geworden, und ich muß dir leider sagen, daß
-sie nicht liebevoll an der Mutter handelt.“ ...</p>
-
-<p>Franz hörte, wie Lotte leise hinausging und die Türe hinter sich
-schloß. Da stieß er die Frage hervor, die ihm schon das Herz
-verbrannte: „Und Liesel? Wo ist Liesel?“</p>
-
-<p>Der alte Herr nahm seine Hand und drückte sie mit beiden Händen:
-„Liesel ist bei Gott.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span></p>
-
-<p>Franz senkte den Kopf und deckte die Hand über die Augen. Auf alles war
-er vorbereitet, nur auf diese Nachricht nicht. „Meine Liesel tot ...
-und ich lebe“ ... flüsterte er tonlos.</p>
-
-<p>„Sie starb in meinen Armen. Ihre letzten Worte waren ein Gruß und
-ein Segenswunsch für dich. Sie starb für dich, aber sie hat dir ein
-heiliges Vermächtnis hinterlassen. Du hast einen Sohn, Franz. Liesel
-hat dir einen Sohn geschenkt, bei dessen Geburt sie ihr junges Leben
-verlor .... Dein verjüngtes Ebenbild. Hörst du, Franz. Dein Leben hat
-wieder Inhalt, es ist mit der Verantwortlichkeit für dein Kind erfüllt.“</p>
-
-<p>Nach einer Weile sprach er weiter: „Deine Mutter hat Liesel an ihr
-Herz genommen und sie wie eine Tochter gehalten. Aber daß der Junge
-dir erhalten blieb, das hast du nur der Lotte zu danken, die nach dem
-Tode ihrer Mutter, die auf der Flucht starb, bei deinen Eltern Zuflucht
-fand. Als Emma ins Elternhaus zurückkehrte, war ihres Bleibens dort
-nicht länger. Deine Schwester sah scheel auf den Kleinen und behandelte
-ihn lieblos, weil deine Mutter ihm die Hälfte des Erbteils zuwenden
-will. Und da meine Frau mir schon vor einem Jahr ins bessere Jenseits
-vorausgegangen<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> ist und ich nach der Rückkehr von der Flucht hinfällig
-wurde, nahmen wir Lotte ins Haus. Sie brachte den kleinen Franz mit,
-und wir freuten uns dessen. Denn der kleine Bube wurde die Freude
-unseres Alters.“ ...</p>
-
-<p>Er hielt inne, denn die Tür öffnete sich und ein kleiner Bube mit
-blonden Kraushaaren sprang ins Zimmer. Er warf einen scheuen Blick auf
-den fremden Mann, dann stieg er behende ins Bett, umfaßte den alten
-Herrn und küßte ihn. „Großväterchen, ich wünsche dir einen schönen,
-guten Morgen.“</p>
-
-<p>Da konnte sich Franz nicht beherrschen. Mit beiden Händen griff er zu
-und riß den Knaben ungestüm an seine Brust. Erschreckt fing der Kleine
-an zu weinen. „Aber Franzel, das ist doch dein Väterchen“, rief Lotte
-von der Tür her. „Ich habe dir doch so oft sein Bild gezeigt.“</p>
-
-<p>Der Kleine schüttelte den Kopf .... „Der ist nicht mein Vater ... der
-sieht anders aus.“</p>
-
-<p>„Nimm den Kleinen raus,“ entschied der Pastor, „so schnell geht das
-nicht bei Kindern .... Und du, Franz, wirst gut tun, deinen Bart
-abnehmen zu lassen, damit du deinem Bild wieder ähnlich wirst. Oder
-legst du soviel Wert auf den<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> Mannesbart, daß du ihn deinem Sohn nicht
-opfern willst?“</p>
-
-<p>„Nein, Onkel, das werde ich gern und bald tun.“ Er stand auf und reckte
-wie anklagend die Hände empor. „Ach Gott, was hat mir dieser verfluchte
-Krieg alles genommen. Den Vater, das geliebte Weib, die Liebe des
-Kindes und vier Jahre meines Lebens.“</p>
-
-<p>Mißbilligend schüttelte der Pastor sein weißes Haupt. „Du bist
-verbittert und ungerecht.“</p>
-
-<p>„Verbittert? Ja. Und ist es ein Wunder? Aber ungerecht .... Nein, ich
-kann bloß die göttliche Weltordnung nicht mehr begreifen, die soviel
-Unheil über die Menschheit kommen ließ, soviel blühende Menschen
-vernichten ließ.“</p>
-
-<p>„Dein Schmerz macht mir deinen Ausbruch begreiflich. Was Gott in seinem
-unerforschlichen Ratschluß über die Menschheit verhängt hat ...“</p>
-
-<p>„das glaubt ihr mit Lammesgeduld ertragen, ja ihm noch dafür danken
-zu müssen“, warf Franz heftig dazwischen. „Wir Jungen denken anders
-darüber. Wir haben die Ursachen der Geschehnisse kennengelernt, die
-du Gottes unerforschlichem Ratschluß zuschreibst. Wir sehen dahinter
-die Raub-<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> und Profitgier menschlicher Bestien, von denen wir als den
-Machthabern gebeugt und geduckt werden. Das gibt es nicht mehr ....
-Die Macht muß diesen Teufeln in Menschengestalt entrissen und reineren
-Händen anvertraut werden. In Deutschland ist es ja bereits geschehen.“</p>
-
-<p>Mit entsetzten Augen sah der Pastor auf den jungen Freund, der
-aufgeregt im Zimmer auf und ab ging. „Franz, du bist krank
-zurückgekehrt. Ich will heute mit dir nicht rechten und nicht streiten
-... Sieh dich erst mal einige Wochen in der Heimat um, aber mit offenen
-Augen ohne Scheuklappen davor. Hör mal erst, wie die neuen Herren
-Deutschlands sich gebärden und wie die neue Weltordnung aussieht, die
-sie aufgerichtet haben. Dann wollen wir weiter darüber reden.“</p>
-
-<p>Franz trat zu ihm ans Bett und reichte ihm die Hand. „Verzeih, Onkel,
-ich wollte dich nicht kränken. Du magst Recht haben, daß die neue Zeit
-viel Unerfreuliches zutage bringt, aber das ist bei solchen Umwälzungen
-unvermeidlich. Das muß bei den großen Errungenschaften mit in Kauf
-genommen werden.“</p>
-
-<p>„Teuerer Kauf,“ murmelte der Alte, „aber nun geh nach Hause und begrüß
-die Mutter. Nur<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span> um eines bitte ich dich: erschrick die alte Frau nicht
-durch deine heftigen Redensarten. Sie ist schon sehr hinfällig.“</p>
-
-<p>Als Franz in den Flur seines Elternhauses trat, kam aus der Küche seine
-Schwester Emma, ein stattliches Weib mit hartem Gesicht und kalten
-Augen.</p>
-
-<p>„Was wünschen Sie?“</p>
-
-<p>Mit bitterem Lächeln erwiderte er: „Kennst deinen Bruder wirklich
-nicht mehr?“ Er wandte sich zur Stubentür. Da trat sie vor ihm und
-versperrte ihm den Weg. „Die Mutter ist sehr schwach, ich muß sie erst
-vorbereiten.“</p>
-
-<p>In Franz wallte der Zorn auf. „Weib, bist du toll? Du willst mich nicht
-zur Mutter lassen?“</p>
-
-<p>Aus der Stube kam ein schwacher Ruf: „Franz! ... Franz! ...“</p>
-
-<p>Mit einem harten Griff schob er die Schwester zur Seite und trat
-ein. Aus dem Lehnstuhl am Fenster streckte ihm die Mutter die Hände
-entgegen. Freudentränen rannen über ihr welkes Gesicht. Er warf sich
-vor ihr auf die Knie, barg sein Gesicht in ihrem Schoß und weinte lange
-still vor sich hin.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span></p>
-
-<p>Als er aufstand, war sein Gesicht ruhig, aber hart. „Mutter, weißt du,
-daß nach dem Willen des Vaters der Hof mir gehören sollte?“</p>
-
-<p>„Ja, mein Sohn, es war ja sein höchster Wunsch, daß du Landwirt werden
-solltest, damit der Hof nicht in fremde Hände käme.“</p>
-
-<p>„Es ist gut, Mutter, ich danke dir. Ich danke dir auch für alle Liebe,
-die du meiner Liesel erwiesen hast.“</p>
-
-<p>„Hast deinen Jungen schon gesehen?“</p>
-
-<p>Franz lächelte schwach. „Ja, Mutter, er will den Vater nicht kennen.“</p>
-
-<p>„Ach, das wird schon kommen. Ich mußte ihn leider mit der Lotte
-weggeben. Die Emma war nicht gut zu ihm.“</p>
-
-<p>„Auch zu dir ist sie nicht gut, Mutter.“</p>
-
-<p>„Ach Kind, ich beanspruche ja nichts. Erzähl’ lieber, wie es dir
-ergangen ist.“</p>
-
-<p>Während Franz erzählte, kam Emma herein und setzte der Mutter einen
-Topf Kaffee und ein mager gestrichenes Stück Brot aufs Fensterbrett.
-Franz stand auf, nachdem er die matte Brühe gekostet, und ging ihr
-nach. „Weshalb hältst du die Mutter so karg? Weshalb gibst du ihr nicht
-ein Ei und ein Stückchen Fleisch zum Frühstück?“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span></p>
-
-<p>„Die Eier müssen verkauft werden, die können wir uns nicht bezähmen.“</p>
-
-<p>„Von jetzt ab wird die Mutter besser genährt.“</p>
-
-<p>„Darüber hast du doch nicht zu bestimmen“, erwiderte die Schwester
-höhnisch. „Vorläufig gehört dir vom Hof noch gar nichts. Der Vater hat
-der Mutter den Hof vermacht, und es kommt nur darauf an, wem sie den
-Hof verschreibt. Dann kriegst du deinen Anteil ausgezahlt und gehst
-deiner Wege.“</p>
-
-<p>Er ließ sie ohne Antwort stehen und ging wieder in die Stube. „Mutter,
-hier muß erst reiner Tisch gemacht werden, damit ich weiß, woran ich
-bin. Willst du den letzten Willen des Vaters erfüllen, daß ich den Hof
-übernehmen soll?“</p>
-
-<p>Emma war in die Tür getreten. „Den letzten Willen des Vaters hat die
-Mutter schriftlich. Ihr gehört der Hof.“</p>
-
-<p>„Und ich verschreibe ihn, wie mein seliger Mann, euer Vater, wollte,
-dem Franz“, erwiderte die Mutter ruhig, aber bestimmt. Da warf Emma die
-Tür hinter sich ins Schloß.</p>
-
-<p>„Wer wirtschaftet hier?“, fragte Franz weiter.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span></p>
-
-<p>„Ein alter, abgedankter Inspektor, den Emma angenommen hat. Sie
-versteht nichts davon, und ich bin zu schwach und kann mich nicht darum
-bekümmern. Ich glaube, er wirtschaftet in seine eigene Tasche, denn ich
-habe schon Papiere verkaufen müssen, weil das Geld nicht langte und
-kein Getreide zur Saat vorhanden war.“</p>
-
-<p>„Bist du damit einverstanden, Mutter, daß ich die Wirtschaft übernehme
-und den Inspektor entlasse?“</p>
-
-<p>„Ja, mein Sohn, du hast darüber zu bestimmen.“</p>
-
-<p>Als der Inspektor eine Stunde später zum zweiten Frühstück hereinkam,
-führte ihn Franz in das Arbeitszimmer seines Vaters. Der Mann mißfiel
-ihm vom ersten Anblick an. Er hatte ein verkniffenes Fuchsgesicht mit
-listig zwinkernden Augen.</p>
-
-<p>„Welche Kündigungszeit haben Sie?“, fragte Franz.</p>
-
-<p>„Kündigungszeit?“, erwiderte der Inspektor, „darüber ist nichts
-ausgemacht.“</p>
-
-<p>„Das Übliche ist wohl vierteljährliche Kündigung. Also kündige ich
-Ihnen vom 1. April zum 1. Juli. Sie bekommen Ihr Gehalt für die Zeit<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span>
-und können gehen. Ich beanspruche Ihre Dienste nicht mehr.“</p>
-
-<p>„Sie ... Sie beanspruchen meine Dienste nicht mehr? Herr, wer sind Sie
-denn eigentlich?“</p>
-
-<p>Franz bezwang den Ärger, der in ihm aufstieg und erwiderte ruhig: „Ich
-bin der Sohn des Hauses und handele im Auftrage meiner Mutter.“</p>
-
-<p>„So? Aber ich nehme die Kündigung nicht an. Die Zeiten haben sich
-geändert, junger Mann, was Sie noch nicht zu wissen scheinen. Jetzt
-darf man nicht mehr einen Menschen so mir nichts, dir nichts auf die
-Straße setzen.“</p>
-
-<p>„Sie weigern sich also, mein Haus zu verlassen?“</p>
-
-<p>„Ja, und wenn Sie was gegen mich unternehmen, wende ich mich an unseren
-Arbeiterrat, der wird bald Ordnung schaffen.“</p>
-
-<p>Franz sah ihn halb belustigt, halb spöttisch an. „Gut, daß Sie mich an
-diese neue Instanz erinnern. Das Weitere wird sich finden.“</p>
-
-<p>Er zog sich an und ging zum Nachbarn, einem alten, guten Freund seines
-Vaters. Nachdem der erste Sturm der Begrüßung vorüber war und er seine
-Erlebnisse kurz berichtet hatte, fragte er: „Sag mal, Ohm Dahlheimer,
-was geht bei mir zu<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span> Hause vor? Was ist der Inspektor für ein Mensch?“</p>
-
-<p>Der Bauer zuckte die Achseln. „Man möchte sich nicht das Maul
-verbrennen. Sieh zu, daß du den Menschen aus dem Hause kriegst.“</p>
-
-<p>„Wie ich höre, habt ihr hier auch einen Arbeiterrat. Wer gehört dazu?“</p>
-
-<p>„Ein Tagelöhner von dir, der Wölk, und zwei Kerle, die dem lieben Gott
-den Tag abstehlen und sich dafür bezahlen lassen.“</p>
-
-<p>In schweren Gedanken ging Franz heim. Gegen Abend ließ er durch
-Wölk den Arbeiterrat versammeln und ersuchte um die Zustimmung zur
-Entlassung des Inspektors. Sofort erklärte einer der „Räte“: „Dazu
-liegt unseres Wissens kein Grund vor. Sie können dem Mann nicht die Tür
-weisen, weil Sie jetzt selbst wirtschaften wollen. Das geht jetzt nicht
-mehr so wie früher.“</p>
-
-<p>„So? Geht das nicht mehr? Das werde ich mir merken. Nichts für ungut,
-meine Herren, daß ich Sie bemüht habe.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_22">22. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Die nächste Zeit war ganz dazu angetan, Franz den Aufenthalt in der
-Heimat zu verleiden. Sein gesunder Sinn empörte sich gegen die Faulheit
-der Arbeiter. Früher wurde von der Saatzeit an auf dem Lande von
-Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gearbeitet. Jetzt faulenzten die
-Knechte und Tagelöhner die zehn Stunden ab, die von den Landwirten mit
-vieler Mühe durchgesetzt waren, und beanspruchten dafür eine unmäßig
-hohe Entlohnung in Geld und Naturalien. Bei dem geringsten Anlaß erhob
-der Arbeiterrat Einspruch gegen die Anordnungen des Gutsherrn. Man
-mußte sich nur wundern, daß die Landwirte nicht die Lust und Geduld
-verloren.</p>
-
-<p>Auch die Zustände im Hause waren unleidlich. Emma umlauerte die
-Mutter, und wenn Franz abends auf ein Stündchen in den Pfarrhof ging,
-setzte sie ihr hart zu, daß sie ihr den Hof verschreiben sollte. Das
-Essen, das er und die Mutter vorgesetzt erhielten, war mager und ohne
-Sorgfalt<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> zubereitet. Aber oft drangen aus der Küche, wo Emma und der
-Inspektor aßen, Düfte von gebratenem Fleisch.</p>
-
-<p>Am liebsten wäre Franz auf der Stelle davongegangen. Er konnte doch
-aber nicht die Mutter allein in Emmas Hände lassen. Dann brach ihr
-Widerstand zusammen und sie verschrieb der Tochter den Hof. An Geld
-fehlte es ihm nicht, um sich einige Zeit über Wasser zu halten, bis
-er sich eine neue Existenz gegründet hatte, denn die Mutter hatte ihm
-alles gegeben, was sie noch an Wertpapieren und Pfandbriefen besaß, und
-das war mehr, als er erwartet hatte.</p>
-
-<p>Das Einfachste wäre gewesen, wenn die Mutter ihm vor dem Notar den
-Hof verschrieben hätte. Aber sie hatte wie soviele Menschen den
-Aberglauben, daß sie bald sterben müßte, wenn sie ihr Testament machte.</p>
-
-<p>Und noch eines hielt ihn in der Heimat fest. Seine Liebe zu dem Jungen.
-Am liebsten hätte er ihn zu sich genommen. Aber er mußte sich doch
-sagen, daß der Kleine es im Pfarrhause unter Lottes liebevoller Pflege
-viel besser hatte als bei ihm zu Hause. Ab und zu brachte Lotte ihn auf
-ein Stündchen zur Großmama, was dem kleinen<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span> Buben kein sonderliches
-Vergnügen bedeutete. Auch zu dem Vater, der sich ihm zu Liebe den Bart
-hatte abnehmen lassen und nun seinem Bilde aus jüngeren Jahren wieder
-ähnlich sah, kam er in kein herzliches Verhältnis, obwohl ihn Franz
-mit Spielzeug und gegen den Willen der „Tante Lotte“ mit Näschereien
-beschenkte. Die Bande des Blutes zeigten sich in dem Kleinen nicht
-lebendig. Sie fehlten ja auch gänzlich zwischen Bruder und Schwester.</p>
-
-<p>An der Zuneigung, die Lotte dem Jugendfreund entgegenbrachte, ging
-Franz achtlos vorbei. Sie kam ihm nicht zum Bewußtsein, denn sein
-Schmerz und seine Trauer um Liesel waren noch so lebendig, als wenn der
-Verlust ihn erst vor wenigen Tagen getroffen hätte.</p>
-
-<p>Nach vierzehn Tagen kam Lüdicke unerwartet an. Beim Abschied in
-Berlin hatte er dem Freund und Genossen versprochen, ihn zu besuchen,
-sobald er sich in oder mit Hilfe der Partei eine Stellung verschafft
-hatte. Das war ihm schneller gelungen, als er gehofft hatte. Auf
-einer Versammlung in Berlin traf er mit einigen Genossen zusammen,
-die inzwischen in führende Stellungen eingerückt waren. Seine starke
-Persönlichkeit, seine gewaltige<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> Rednergabe, die er in der Versammlung
-mit großem Erfolg betätigte, machten ihn zu einem brauchbaren
-Werkzeug. Er wurde damit betraut, die Streitigkeiten, die an mehreren
-Stellen zwischen Arbeiter- und Soldatenräten und den als Gegengewicht
-aufgestellten Bürgerräten in Ostpreußen ausgebrochen waren, zu
-untersuchen und zu schlichten. Er war gut gekleidet und sein starker
-Schnurr- und Knebelbart gaben ihm ein martialisches Aussehen.</p>
-
-<p>Er kam schon von der „Arbeit“. Schon von Berlin aus hatte er sich
-in der Kreisstadt eine Versammlung einberufen lassen und mit seiner
-Donnerstimme und mit der Wucht seiner Phrasen die Genossen in die
-höchste Begeisterung versetzt. Auch der nötige Respekt fehlte nicht. So
-war es ihm denn am nächsten Vormittag ein Leichtes, das Einvernehmen
-zwischen den streitenden Parteien herzustellen. Franz empfing den
-Freund mit ehrlicher Freude. Nur der Gedanke bedrückte ihn, daß
-der scharf blickende Mann Einsicht in das Elend seiner häuslichen
-Verhältnisse gewinnen würde.</p>
-
-<p>Etwas zaghaft betrat er die Küche, um Emma von der Ankunft des Gastes
-zu benachrichtigen<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> und sie um eine gute Bewirtung zu bitten. Zu seinem
-Erstaunen sah er, daß sie sich gut und sauber gekleidet hatte, während
-sonst leider das Gegenteil der Fall war. Und auf seine Bitte erwiderte
-sie, sie wisse allein, was man einem Gast vorzusetzen habe. So verlief
-der Begrüßungsschmaus ganz vergnüglich. Lüdicke führte das Wort. Er
-erzählte lustig kleine Begebenheiten aus der Gefangenschaft, und Emma
-hatte eine freundliche Miene aufgesetzt, die sie sehr zum Vorteil
-veränderte.</p>
-
-<p>Nach dem Essen begleitete Franz seinen Gast in den Dorfkrug, wohin
-er sich die Arbeiterräte der umliegenden Dörfer eingeladen hatte.
-Mit geheimer Freude hörte Franz, wie sich sein Freund den Räten als
-Kommissar der Volksbeauftragten vorstellte und hinzufügte, er habe hier
-nach dem Rechten zu sehen. Dann ließ Lüdicke sich am Tisch nieder und
-begann mit dröhnender Stimme zu reden. Die siegreiche Revolution wolle
-den Menschen Friede, Ruhe und Ordnung schaffen. Die Macht liege jetzt
-in den Händen des Volkes, und das sei gut so. Dann geißelte er die
-Sünden der alten Regierung und wurde sehr heftig dabei. Aber zum Schluß
-kam doch eine sehr deutliche Ermahnung,<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> Ruhe zu halten und fleißig zu
-arbeiten. Nur die Arbeit könne uns wieder emporführen.</p>
-
-<p>Die große Wirtsstube hatte sich während seiner Rede gefüllt. Die
-Genossen spendeten kräftigen Beifall. Als wieder Stille eingetreten
-war, rief von der Tür her ein alter Bauer, der den Mund auf dem rechten
-Fleck hatte: „Herr Kommissar, das war alles sehr schön, was Sie gesagt
-haben, bloß mit der Arbeit klappt es nicht, wenigstens bei uns nicht.
-Wenn unsere Leute jetzt in der Saatzeit nicht mehr leisten, dann
-kriegen wir die Saat nicht in den Boden, und dann können die Herren
-Berliner im Herbst hungern.“</p>
-
-<p>„Der Mann hat Recht,“ warf Franz dazwischen, „unsere Leute stehlen dem
-lieben Gott den Tag weg und die Räte bestärken sie darin. Unsere ganze
-Landwirtschaft geht vor die Hunde, wenn das nicht anders wird.“</p>
-
-<p>Auch noch andere erhoben ihre Stimme, einige von den Räten
-widersprachen und daraus wurde ein greulicher Tumult, bis Lüdicke mit
-der Faust auf den Tisch schlug und Ruhe gebot. Nun durfte jeder vor ihm
-hintreten und seine Meinung äußern. Als Ergebnis der Debatte erklärte
-der Kommissar, die Landarbeiter müßten in der verkürzten<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> Arbeitszeit
-soviel schaffen, ja womöglich noch mehr als früher, denn das Reich wäre
-darauf angewiesen, daß die Landwirtschaft alles, was möglich sei, aus
-dem Boden heraushole.</p>
-
-<p>Auch die Räte bekamen ihre Standpauke. Sie wären nur dazu da, bei
-Streitigkeiten die Interessen der Arbeiter wahrzunehmen. Eingriffe in
-den Wirtschaftsbetrieb ständen ihnen nicht zu.</p>
-
-<p>Auf dem Heimwege sagte Franz dem Freunde: „Du hast dir heute Abend
-einen großen Anhang geschafft, weniger bei den Arbeitern als bei den
-Bauern. Und du schaffst wirklich Segen, wenn du die unleidlichen
-Zustände besserst. Wenn wir bloß viele solcher Männer hätten wie dich.“</p>
-
-<p>„Geschenkt!“, erwiderte Lüdicke lachend, „es ist doch
-selbstverständlich, daß die Kirche im Dorf bleiben muß. Wir wollen
-nicht zerstören, sondern neu aufbauen .... Und weshalb sollen wir
-nicht, was gut ist, behalten? Aber nun möchte ich auch hören, wie es
-dir geht. Wo ist die Liesel?“</p>
-
-<p>„Die ist bei der Geburt eines Jungen gestorben. Mein Vater ist als
-Landsturmmann schon 1914 gefallen. Meine Schwester hat auch ihren Mann
-verloren. Meine Rückkehr hat ihr wenig Freude bereitet, denn sie fühlte
-sich schon als<span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span> Alleinerbin und Besitzerin des Hofes. Nun macht sie ihn
-mir streitig, obwohl es der ausdrückliche Wille meines Vaters war, ihn
-mir zu geben.“</p>
-
-<p>„Das ist der Fluch des Geldes und des Besitzes. Er wirft Zwietracht
-zwischen Eltern und Kinder und zwischen Geschwister. Nun sag mal,
-alter Freund und Genosse, willst du dich hier einkapseln und als Bauer
-versauern?“</p>
-
-<p>„Nein, das möchte ich nicht, aber ich kann hier nicht weggehen, ehe der
-Streit um die Erbschaft entschieden ist.“</p>
-
-<p>„Wer hat denn darüber zu entscheiden?“</p>
-
-<p>„Jetzt noch die Mutter.“</p>
-
-<p>„Gut, dann werden wir das morgen gleich in Ordnung bringen.“</p>
-
-<p>Es war wunderbar, wie sich alles im Hause dem Gast beugte und fügte.
-Zuerst mußte der Inspektor ihm in Gegenwart von Franz und Emma seine
-Wirtschaftsbücher vorlegen. Sie waren sehr unordentlich geführt,
-ergaben aber, daß erhebliche Summen beiseite gebracht worden waren.
-Einen Teil hatte Emma erhalten, aber für viele Posten fehlte jeder
-Beleg, wofür er ausgegeben war.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span></p>
-
-<p>„Was willst du deswegen veranlassen?“, fragte Lüdicke.</p>
-
-<p>„Ich werde nichts gegen den Mann tun, wenn er sofort das Haus verläßt.“</p>
-
-<p>Ohne ein Wort zu erwidern, stand der Inspektor auf und ging hinaus.
-Nun begaben sich alle drei zur Mutter. Frau Rosumek tat etwas
-ängstlich, als der Gast, den sie gestern Abend nur flüchtig begrüßt,
-ihr zuredete, in seinem Beisein über den Hof und die Erbschaft zu
-verfügen. Aber sie nahm sich zusammen und erklärte Franz zu ihrem
-Haupterben. Lüdicke brachte ihren Willen sofort zu Papier und ließ alle
-drei unterschreiben. Emma erhob keinen Einwand, worüber sich Franz
-im Stillen wunderte. Es schien ihm, als ob sie es vermeiden wollte,
-dem Gast zu mißfallen. Als Franz in seiner Ehrlichkeit dann noch die
-ihm von der Mutter übergebenen Werte zur Sprache brachte, entschied
-Lüdicke, Emma habe wohl ebensoviel aus der Wirtschaft herausgenommen.
-Und sie gab sich damit zufrieden.</p>
-
-<p>Als der Gast am nächsten Morgen Abschied nahm, befürchtete Franz noch
-eine heftige Auseinandersetzung mit der Schwester. Sie blieb jedoch
-aus. Im Gegenteil, Emma kehrte nicht die<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> Kratzbürste, sondern die
-freundliche Seite ihres Wesens heraus, fragte den Bruder nach seinen
-Wünschen wegen des Essens und erfüllte sie. Er war, wie er merkte,
-durch die Freundschaft mit Lüdicke eine Respektsperson für sie
-geworden. Daß der stattliche Mann ihr sehr gut gefiel und sie ihn zu
-gewinnen hoffte, ahnte er nicht.</p>
-
-<p>Als Lüdicke nach acht Tagen unvermutet wiederkehrte, wurde er sehr
-freundlich empfangen. Emma war klug. Sie verstand es, den Gast zum
-Reden zu bringen und aufmerksam zuzuhören .... Und sie umgab ihn
-mit wohlberechneten Aufmerksamkeiten, so daß Lüdicke sich im Hause
-seines Freundes sehr behaglich fühlte und von seinen Reisen durch die
-Provinz immer wieder nach Schwentainen zurückkehrte .... Eines Tages
-überraschte er Franz mit der Frage, ob er ihm als Schwager willkommen
-wäre.</p>
-
-<p>„Das ist doch keine Frage, alter Freund. Bist du mit meiner Schwester
-schon einig?“</p>
-
-<p>„Nein, ich habe ihr noch kein Wort gesagt, aber ich glaube, sie mag
-mich gut leiden. Willst du mir den Gefallen tun und auf den Busch bei
-ihr klopfen?“</p>
-
-<p>Franz lachte laut auf. „Du hast dich nicht<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> vor Tod und Teufel
-gefürchtet und hast vor einer Schürze Angst? Aber selbstverständlich
-tue ich dir den Gefallen.“</p>
-
-<p>„Schönen Dank und vergiß auch nicht, bei deiner Mutter ein gutes Wort
-für mich einzulegen.“</p>
-
-<p>Emma wurde weder rot noch verlegen, als ihr Franz die Frage vorlegte,
-ob sie Lüdicke nehmen möchte. Ihr Wesen kam jedoch sehr deutlich durch
-die Frage zum Ausdruck: „Was ist er eigentlich?“</p>
-
-<p>„Arbeiter, einfacher Metallarbeiter. Aber die Leute verdienen jetzt ein
-Heidengeld.“ Mit geheimem Vergnügen sah er ihre Enttäuschung. „Er wird
-aber jetzt Gewerkschaftssekretär ... das ist eine sehr einflußreiche
-Stellung. Er kann bald Landrat oder gar Minister werden.“</p>
-
-<p>„Wenn das richtig ist, kann er bei mir anklopfen.“</p>
-
-<p>Die Mutter fragte etwas anderes, als Franz ihr von der Bewerbung seines
-Freundes Mitteilung machte. „Ist er ein guter, ehrlicher Mensch?“</p>
-
-<p>„Ja, Mutter, er hat ein gutes Herz. Ich kenne ihn zur Genüge.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span></p>
-
-<p>„Er wird mit der Emma einen schweren Stand haben.“</p>
-
-<p>„Ich glaube nicht, Mutter, sie hat vor ihm einen gewaltigen Respekt,
-und er wird ihn zu wahren wissen.“</p>
-
-<p>„Dann will ich ihn gern als Schwiegersohn begrüßen.“</p>
-
-<p>Noch am selben Abend fand die Verlobungsfeier statt. Emma schwamm
-in Seligkeit, daß sie nach Berlin käme, aber sie war in Sorge, ob
-ihre Möbel, die sie auf den Speicher gebracht hatte, der Würde und
-Stellung ihres Gatten entsprechen würden. Lüdicke drängte auf baldige
-Festsetzung der Hochzeit, die natürlich in Schwentainen stattfinden
-sollte. Als Emma dagegen einwarf, daß sie noch ein neues Seidenkleid
-für die Kirche brauche, machte er ein verdutztes Gesicht.</p>
-
-<p>„Das mit der kirchlichen Trauung mußt du dir aus dem Kopf schlagen. Ich
-bin Atheist und aus der Kirche ausgetreten ...“</p>
-
-<p>„Aber ich nicht .... Ich will mit dir vor den Altar treten oder gar
-nicht“, erwiderte Emma heftig.</p>
-
-<p>„Weshalb gleich so heftig, liebe Emma“, erwiderte er ruhig. „Damit
-kommst du bei mir nicht<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> durch. Auf eine freundliche Bitte würde ich
-vielleicht eingehen.“</p>
-
-<p>In demselben Augenblick hatte Emma begriffen und sich umgestellt. Sie
-sprang auf, schmiegte sich zärtlich an ihn und schmeichelte ihm die
-Einwilligung ab. „Ich fürchte nur, der Pfaffe wird mich nicht in die
-Kirche rein lassen.“</p>
-
-<p>„Darüber kannst du beruhigt sein“, warf Franz ein. „Unser alter Pastor
-Uwis wird dir keine Schwierigkeiten bereiten. Und du mußt es unserer
-Familie wegen tun. Hier gehört die kirchliche Trauung noch zu einer
-richtigen Ehe.“</p>
-
-<p>Die Hochzeit wurde großartig ausgerüstet. Nach drei Tagen fuhr das
-junge Paar ab nach Berlin.</p>
-
-<p>Es war die letzte Trauung, die der alte Uwis vollzog. Er war nicht
-eigentlich krank, aber er verfiel immer mehr. Am nächsten Sonntag
-war er so schwach, daß er nicht aufstehen konnte und sich vom Lehrer
-vertreten lassen mußte. Gegen Abend kam Franz, nach ihm zu sehen. Er
-beugte sich über ihn. „Onkel, hast du Schmerzen?“</p>
-
-<p>„Nein, nein, lieber Junge, mir fehlt nichts.“</p>
-
-<p>Lotte brachte ihm ein Glas Wein, das er gehorsam austrank. Danach
-wurde er munter und<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> erzählte aus seiner Jugendzeit allerlei kleine
-Begebnisse .... Mitten drin wurde seine Stimme schwächer und schwächer,
-bis sie erlosch. Sein Kopf neigte sich zur Seite. Er schlief ein.
-Sanft drückte ihm Franz die Augen zu. Lotte saß neben ihm und weinte
-still. Der Tod des alten Mannes nahm ihr die letzte Stütze, die sie im
-Leben noch hatte. Fortan war sie ganz allein auf sich gestellt, denn
-der Mann, den sie seit frühester Jugend im Herzen trug, um den sie so
-manche schwere Träne geweint, erwiderte ihre Liebe nicht. Er schien sie
-nicht einmal zu ahnen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_23">23. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Das Begräbnis des Pastors Uwis brachte es allen Beteiligten zum
-Bewußtsein, welche Liebe und Verehrung sich der seltene Mann in den
-weitesten Kreisen erworben hatte. Nicht nur die Insassen seines
-Kirchspiels und die Amtsbrüder aus den Nachbarorten, sondern von weit
-und breit waren Männer gekommen, um dem Verewigten die letzte Ehre
-zu erweisen. Es war Anfang Juni, die Zeit, in der Ostpreußen seinen
-Wonnemonat erlebt. Der Flieder blühte und duftete, die Kastanien hatten
-ihre weißen und roten Pyramiden aufgesetzt. Aus den hohen Silberpappeln
-und Buchen, die das schmucklose, altersgraue Kirchlein umgaben, das
-der Zerstörung entgangen war, schmetterten die Buchfinken ihre helle
-Strophe in das dünne Geläut der Glocken.</p>
-
-<p>Sechs Männer, die Uwis getauft, eingesegnet und getraut hatte, trugen
-den Sarg, der mit Kränzen bedeckt war, nach dem nahen Gottesacker, wo
-der Entschlafene neben seiner Gattin ruhen<span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span> sollte. Über dem Grabhügel
-häufte sich ein Berg von Blumen und Kränzen.</p>
-
-<p>Der Verstorbene hatte schon bei Lebzeiten Fürsorge für sein Begräbnis
-getroffen. Sein Sarg stand lange Jahre, wie es noch an manchen
-Orten Sitte ist, im Turm der Kirche. Nach dem Begräbnis sollten die
-Leidtragenden in die Pfarre gebeten und mit Wein und Kuchen bewirtet
-werden. Nur wenige folgten der Aufforderung, unter ihnen auch der
-Oberamtmann, der den Verstorbenen von Jugend an kannte und hoch
-schätzte. Auf dem Schreibtisch lag ein verschlossener Briefumschlag,
-den Lotte dort hingelegt hatte. Er trug die Aufschrift: „Von Franz
-Rosumek nach meinem Begräbnis zu eröffnen.“</p>
-
-<p>Franz erbrach das Siegel und las den letzten Willen des Verstorbenen
-vor. Er bestimmte zwei Drittel des Nachlasses für die Armen und
-Waisen des Kirchspiels, ein Drittel und die Möbel erhielt Lotte, „die
-treue Pflegerin“. Es waren einige tausend Taler, mit denen sich ein
-strebsames, tüchtiges Mädchen seine eigene Existenz gründen konnte.
-Nach der Bewirtung zerstreuten sich die Teilnehmer. Beim Abschied lud
-der Oberamtmann Franz ein, ihn recht bald zu besuchen. Seine<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> Frau
-würde sich auch freuen, ihn wiederzusehen und von seinen Erlebnissen zu
-hören.</p>
-
-<p>„Gern, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz. „Ich möchte aber das
-Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Kann ich von Ihnen Saatgut
-bekommen? Mein Speicher ist leer wie eine Tenne.“</p>
-
-<p>„Aber selbstverständlich, Rosumek.“</p>
-
-<p>Lotte saß am Fenster der Wohnstube, als Franz ins Pfarrhaus
-zurückkehrte. Sie hatte die fleißigen Hände still im Schoß gefaltet
-und plauderte mit dem kleinen Franzel, der an ihren Knien stand. Franz
-setzte sich ihr gegenüber und nahm seinen Jungen auf den Schoß.</p>
-
-<p>„Ich komme im Auftrage meiner Mutter,“ begann er zögernd, „wir
-betrachten es als selbstverständlich, daß du jetzt zu uns kommst.“</p>
-
-<p>Lotte senkte den Kopf, um den Wechsel der Farben auf ihrem Gesicht zu
-verbergen. Ganz leise erwiderte sie: „Franz, wie kannst du mir das
-zumuten?“ Ihre Hände hoben sich und verdeckten das Gesicht.</p>
-
-<p>Ratlos sah Franz sie an. „Aber Lotte, ich verstehe dich nicht. Du bist
-doch bei meinen Eltern wie ein Kind im Hause gewesen. Meine Mutter hat
-dich lieb wie ihre eigene Tochter.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span></p>
-
-<p>Jetzt hob Lotte den Kopf und sah ihn fest an. „Quäl mich nicht, Franz,
-ich kann nicht.“</p>
-
-<p>„Das heißt, du willst nicht“, erwiderte Franz traurig. „Was soll denn
-aus meinem kleinen Jungen werden? Die Mutter ist gebrechlich, ich habe
-wenig Zeit, mich um ihn zu kümmern.“ Er setzte Franzel ab. „Geh, bitt’
-du die Tante, daß sie dich nicht allein läßt, sondern zu uns kommt.“</p>
-
-<p>Der Kleine hatte mit verwunderten Augen von einem zum anderen geschaut.
-Er hatte begriffen, daß die Tante mit ihm nicht zum Papa gehen wollte.
-Jetzt umfaßte er ihre Knie. „Tante, liebe Tante, komm doch mit uns.“</p>
-
-<p>Mit beiden Händen umfaßte Lotte seinen Kopf und küßte seine Stirn. „Ich
-kann nicht, mein lieber, süßer Bub. Ich muß weit fortgehen zu fremden
-Menschen.“ Sie hob den Kopf. „Ja, Franz, es ist besser, daß ich mich
-jetzt von dem Kinde trenne. Über lang oder kurz wirst du dir eine Frau
-nehmen, und dann muß ich aus dem Hause.“ ...</p>
-
-<p>Bei den letzten Worten schoß ihr eine jähe Röte ins Gesicht. Sie
-schämte sich vor sich selbst, daß sie ihm so deutlich die Antwort,
-die ihr Herz<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> wünschte, in den Mund legte. Das hatte ja auch schon
-in ihrer ersten Antwort gelegen, die er nicht verstanden hatte. Sie
-fürchtete sich vor dem Zusammensein mit dem Manne, nach dem ihr Herz
-schrie. Weshalb nahm er sie nicht in seine Arme? Er brauchte kein Wort
-zu sagen, er brauchte sie nur an sein Herz zu nehmen. Aber anstatt des
-Vaters hielt sie seinen Sohn in den Armen, herzte und streichelte ihn.</p>
-
-<p>„Ach, Lotte, du weißt ja nicht, wie mir zumute ist! Ich werde nie
-heiraten, ich kann meine Liesel nicht vergessen. Du weißt ja nicht, wie
-sehr ich sie geliebt habe. All die Jahre in der Gefangenschaft war die
-Hoffnung, sie wiederzusehen, mein einziger Trost, der mich aufrecht
-hielt. Kannst du es wirklich übers Herz bringen, den kleinen Buben, an
-dem du Mutterstelle vertrittst, allein zu lassen? Weshalb willst du dir
-nicht bei uns dein Brot ebenso verdienen wie bei fremden Menschen?“</p>
-
-<p>Mit einem Ruck stand Lotte auf und setzte den Jungen auf die Erde.
-Mechanisch strich sie ihre Schürze glatt. Ihre Lippen zuckten. „Ja,
-Franz, du hast Recht, mich an die Pflicht zu erinnern, die ich deinem
-Kind gegenüber übernommen habe.<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> Ich werde dir deinen Haushalt führen.
-Die Möbel können hier wohl solange stehen bleiben, bis der neue Pfarrer
-kommt. Ich will sie nicht verkaufen, denn es hängen zuviel liebe und
-traurige Erinnerungen daran. Du gibst mir wohl einen Raum, wo ich sie
-unterstellen kann?“</p>
-
-<p>„Lotte, wie soll ich dir danken?“</p>
-
-<p>„Mach’ keine Redensarten, Franz, ich trete bei dir in Lohn und Brot. —
-Ja, noch eins. Willst du das Geld und die Wertpapiere an dich nehmen?
-Ich meine, du wirst sie später dem neuen Pfarrer übergeben, der die
-Stiftung verwalten soll. Ich komme gegen Abend mit Franzel. Ich muß
-erst die Leute auslohnen und alles verschließen .... Oder besser, du
-nimmst den Jungen gleich mit .... Geh, Franzel, mit deinem Väterchen,
-ich komme gleich nach ....“</p>
-
-<p>„Kommst auch wirklich, Tante?“, fragte der Kleine mißtrauisch.</p>
-
-<p>„Ja, Franzel, ich habe es ja deinem Väterchen versprochen, und ich
-halte immer Wort.“</p>
-
-<p>Als Franz gegangen war, brach sie haltlos nieder. Ein Schmerz, den sie
-auch körperlich spürte, krampfte ihr das Herz zusammen. Sie haderte mit
-sich und schalt sich töricht, daß sie nachgegeben<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> hatte, anstatt die
-Qual mit einem Schlage zu beenden .... Was hoffte sie denn noch? Sein
-Herz war erfüllt von Trauer und Liebe zu einer Toten. An dem blühenden
-Leben, das sich in Sehnsucht nach ihm verzehrte, ging er achtlos
-vorüber. Aber sie konnte jetzt nicht mehr zurück; sie mußte Wort halten
-und auch noch diese Prüfung auf sich nehmen ... bis ... bis vielleicht
-.... Er hatte ja doch auch die heftige Leidenschaft für die schöne Dame
-in Polommen überwunden und sich in Liesel verliebt.</p>
-
-<p>Allmählich wurde sie ruhiger. Ihr Benehmen war ihr klar vorgezeichnet.
-Sie mußte Franz vom ersten Augenblick an ruhig und kalt
-gegenübertreten, sich auf den Standpunkt einer bezahlten Wirtschafterin
-stellen.</p>
-
-<p>Mit diesem Entschluß stand sie auf, kühlte ihre Augen und dann
-erledigte sie mit ruhiger Freundlichkeit, wie man es an ihr gewohnt
-war, ihre Geschäfte. Gegen Abend schloß sie das Haus ab und ging zu
-Rosumeks. Die alte Frau begrüßte sie mit überschwenglicher Freude.</p>
-
-<p>„Ach, Kind, wie ich dich vermißt habe.“</p>
-
-<p>Am anderen Morgen fuhr Franz nach Polommen und verlebte dort ein paar
-gemütliche<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> Stunden. Er mußte zu Mittag bleiben und viel von seinen
-Erlebnissen erzählen. Eine Frage nach Adelheid schwebte ihm auf den
-Lippen, doch er scheute sich, sie auszusprechen. Frau Olga merkte es
-und begann selbst von ihr zu erzählen. „Meine Freundin Adelheid hat im
-Krieg auch Schweres durchgemacht. Einer ihrer Verehrer warb, als er ins
-Feld ziehen mußte, um ihre Hand und ließ sich mit ihr kriegstrauen.
-Fünf Tage dauerte ihr Eheglück. Nach drei Wochen schon wurde sie Witwe.
-Ihr Gatte hatte jedoch ihre Zukunft sichergestellt, so daß sie ihr
-gewohntes Leben fortsetzen kann.“</p>
-
-<p>„Wie die Lilie auf dem Felde“, warf der Oberamtmann ein.</p>
-
-<p>„Sie kommt übrigens in nächster Zeit wieder zu Besuch“, fuhr Frau Olga
-fort. „Wenn Sie mal am Sonntag uns besuchen wollen?“ ...</p>
-
-<p>„Na, na“, warnte der Gutsherr mit dröhnendem Lachen. „Ist das nicht
-gefährlich für Sie, lieber Rosumek?“</p>
-
-<p>„Ach nein, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz ruhig. „<em class="gesperrt">Die</em>
-Episode meines Lebens liegt wie ein dunkler Traum hinter mir.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span></p>
-
-<p>Einige Tage später traf der neue Pfarrer, Hans Pilchowski, ein. Ein
-großer, schlanker Mann, der am Alltag noch mit Vorliebe seine Uniform
-als Feldgeistlicher trug. Das gefiel den Bauern, bei denen er der Reihe
-nach seinen Besuch machte. Er kam auch zu Franz mit einem großen Paket
-Druckschriften unter dem Arm und stellte sich vor.</p>
-
-<p>„Herr Rosumek, ich halte Sie für den geistigen Führer der Gemeinde und
-möchte zwischen uns ein gutes Einvernehmen herstellen. Vor allem möchte
-ich Sie für den Heimatdienst interessieren und in Anspruch nehmen. Wir
-sind jetzt hier völlig vom Mutterlande abgeschnitten und auf uns allein
-gestellt. Die größte Gefahr, die uns jetzt droht, ist der Kommunismus
-in Rußland, der Bolschewismus. Er arbeitet mit großen Mitteln und einer
-unheimlichen Werbekraft unter den niederen Klassen und streckt auch
-nach uns seine Hände aus.“</p>
-
-<p>„Es ist die Werbekraft der neuen Idee“, erwiderte Franz zurückhaltend.</p>
-
-<p>„Ja, aber der müssen wir uns entgegenstemmen und die Leute über das
-wirkliche Wesen des Bolschewismus aufklären. Dazu ist der Heimatdienst
-gegründet.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span></p>
-
-<p>„Ich habe etwas anderes gehört, Herr Pfarrer. Es ist eine konservative
-Gründung der Deutschnationalen, wie sie sich jetzt nennen, nur zum
-Zweck, die Massen wieder einzufangen und wieder dumm zu machen.“</p>
-
-<p>Ganz verblüfft sah der Pfarrer Franz an. „Aber, Herr Rosumek, stehen
-Sie denn nicht in unserem Lager? Sie haben doch für das Vaterland
-gekämpft und geblutet.“</p>
-
-<p>„Das haben Millionen meiner Genossen auch getan. Aber jetzt sind wir
-aus dem Traum erwacht. Wir wollen nicht mehr unsere Haut für die
-Profitgier des Kapitalismus zu Markte tragen. Das Volk will und wird
-fortan selbst und allein sich sein Schicksal bestimmen und wird klüger
-und ehrlicher handeln als die früheren Machthaber.“</p>
-
-<p>„Erst muß ich einen Irrtum von Ihnen richtigstellen“, versetzte der
-Pfarrer ernst. „Sie sind über die Verhältnisse in der Heimat noch
-nicht im Bilde. Der Heimatdienst steht im Dienste keiner politischen
-Partei. Er ist völlig neutral und hat nur den Zweck, die Heimatliebe
-zu pflegen und dadurch den Willen und die Kraft zur Abwehr feindlicher
-Einflüsse zu stärken .... Sie verwechseln ihn mit der deutschnationalen
-Parteiorganisation,<span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span> die sich Heimatbund nennt, der ich allerdings auch
-angehöre.“</p>
-
-<p>„Unser Standpunkt ist wohl so verschieden, daß wir kaum je
-zusammenkommen werden, Herr Pfarrer. Ich halte die Revolution und ihre
-Folgen für den größten Fortschritt, den wir je getan haben und lasse
-mich in dieser Meinung auch nicht durch die üblen Nebenerscheinungen
-beirren, die bei jeder großen Umwälzung unvermeidlich sind.“</p>
-
-<p>„Nur noch eine Frage, Herr Rosumek. Wie stellen Sie sich zu der
-Tatsache, daß der Feindbund uns Masuren und dem Ermeland eine
-Abstimmung darüber auferlegt, ob wir deutsch bleiben oder polnisch
-werden wollen?“</p>
-
-<p>„Ich glaube nicht, daß die Masuren große Lust haben, polnisch zu
-werden, aber wenn die Abstimmung danach ausfällt ...“</p>
-
-<p>„Nein, Herr Rosumek, das darf sie nicht. Hier scheiden sich unsere Wege
-wohl für immer, wenn Sie nicht anderen Sinnes werden. Uns treibt unsere
-Heimatliebe, mit allen Mitteln daran zu arbeiten, daß die gefährdeten
-Bezirke, nach denen der Pole seine gierigen Hände ausstreckt, dem
-Vaterland erhalten bleiben. Und wer nicht für uns ist, der ist wider
-uns. Ich will aber die<span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span> Hoffnung nicht aufgeben, Sie doch noch auf
-unserer Seite zu finden.“</p>
-
-<p>„Mich führt auch noch eine geschäftliche Angelegenheit hierher“,
-fuhr der Pfarrer nach einer kleinen unangenehmen Pause fort. „Ich
-möchte von Fräulein Grigo das Inventar der Ackerwirtschaft erwerben.
-Ich habe mich auch noch mit ihr wegen der Übernahme der Bestellung
-auseinanderzusetzen.“</p>
-
-<p>Lotte wurde hereingeholt, und unter dem sachverständigen Beirat von
-Franz kam eine beide Teile befriedigende Vereinbarung zustande.</p>
-
-<p>Am nächsten Sonntag sah Franz einen offenen Landauer vor der Kirche
-vorfahren und zwei Damen aussteigen, die das Gotteshaus betraten.</p>
-
-<p>Es war Frau Olga und Adelheid. Er vermutete mit Recht, daß sie auch ihm
-einen Besuch abstatten würden. Es war doch ein eigentümliches Gefühl,
-das ihn bei dieser Erwartung beschlich. Und er fragte sich, ob es der
-jungen Frau nicht peinlich sein mußte, ihm nach allem, was geschehen
-war, gegenüberzutreten. Das Gefühl der Beschämung über die hochfahrende
-Art, wie sie ihn abgewiesen hatte, stieg wieder in ihm auf.<span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span> Das gab
-ihm die Kraft, ihr kühl gegenüberzutreten.</p>
-
-<p>Er empfing die Damen in der Haustür und fühlte, daß ein neuer
-frauenhafter Liebreiz von Adelheid von Streng ausging. „Wir wollen
-Ihnen doch einen guten Tag sagen, Herr Rosumek, da wir nun einmal in
-Schwentainen sind“, sagte Frau Olga bei der Begrüßung. „Meine Freundin
-kennt Sie ja auch von ihrem damaligen Sommeraufenthalt her.“</p>
-
-<p>Mit bezauberndem Lächeln streckte ihm Adelheid die Hand entgegen. „Wir
-haben beide Schweres durchgemacht in den letzten Jahren. Wir haben
-jeder eine bessere Hälfte verloren.“ Franz führte die Damen in die gute
-Stube, die einfach, aber mit gutem Geschmack eingerichtet war. Und er
-fühlte den Blick, mit dem Adelheid sich umsah .... Es war ihm, als wenn
-sie innerlich die Achseln zuckte. „So sah also das Heim aus, in das
-dieser Jüngling mich führen wollte.“</p>
-
-<p>Kaum hatten die Damen Platz genommen, als Lotte eintrat. An ihrer
-Schürze hing natürlich Franzel. Sie brachte eine Flasche Wein und auf
-einem Teller kleines Gebäck. Während Franz die Gläser füllte, beugte
-sich Lotte über Frau<span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span> Olgas Hand und küßte sie. „Also Sie sind das
-liebe Geschöpf, das unseren alten verehrten Pastor bis zu seinem Tode
-gepflegt hat. Kann ich Frau Rosumek begrüßen? Wollen Sie mich zu ihr
-führen?“</p>
-
-<p>Vor der fremden Frau verbeugte sich Lotte stolz und gemessen.</p>
-
-<p>Adelheid hatte sofort Franzel an sich gezogen und trotz seines
-Sträubens auf den Schoß genommen. „Ein herziger Bub“, sagte sie leise
-mit verschleierter Stimme. „Mir ist das Glück nicht zuteil geworden.
-Ich beneide Sie.“ Sie ließ den Kleinen vom Schoß gleiten, der sich
-sofort zu seinem Vater flüchtete, und hob den Kopf. „Sagen Sie mal,
-Herr Rosumek, was wollten Sie eigentlich in Baden-Baden von mir?“</p>
-
-<p>„Ich wollte mir meinen Verstand wiederholen, der mir abhanden gekommen
-war. Ich danke Ihnen noch nachträglich dafür, daß Sie ihn mir
-wiedergegeben haben.“</p>
-
-<p>„Das heißt, Sie sind mir noch jetzt böse, daß ich Sie damals nicht
-sprechen wollte. Es ging wirklich nicht. Was hatten Sie sich eigentlich
-gedacht? Wozu sollte das führen? Ich konnte doch unmöglich ...“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span></p>
-
-<p>„Jetzt weiß ich es. Damals wußte ich es in meiner Verblendung nicht.“</p>
-
-<p>„Na, dann können wir wohl als gute Freunde scheiden.“</p>
-
-<p>„Von meiner Seite steht nichts im Wege, gnädige Frau, ich bin völlig
-geheilt.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Kapitel_24">24. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2>
-
-</div>
-
-<p>Emmas hochfliegende Pläne waren nicht in Erfüllung gegangen. Ihr
-Mann war noch nichts mehr als Parteisekretär .... Sie hatte keine
-politische Bildung, aber ihr weibliches Feingefühl sagte ihr, daß die
-gemäßigte Partei der Roten die überwiegende Zahl der Arbeiter hinter
-sich habe und damit die größere Aussicht, sich im Besitz der Macht
-zu behaupten. Auf ihren Rat und ihr Drängen schloß Lüdicke sich den
-Mehrheitssozialisten an. Sie fühlte sich in dem modernen Babel, wie sie
-es von ihrer Mutter hatte nennen hören, nicht behaglich. Sie mußte sich
-mit zwei möblierten Zimmern begnügen und gemeinsam mit einer nicht sehr
-friedfertigen Genossin die Küche benutzen.</p>
-
-<p>Das ging ihr wider den Strich. Und als an ihren Mann die Frage
-herantrat, ob er im Dienste der Partei nach Magdeburg oder nach
-Ostpreußen gehen wollte, bestimmte sie ihn ohne große Mühe, sich für
-ihre Heimat zu entscheiden. Ihre Möbel standen noch zu Hause auf dem
-Speicher. Da<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span> wurde die teuere Fracht gespart. Sie fuhr schon einige
-Tage voraus, und es gelang ihr auch, in der Kreisstadt eine Wohnung von
-fünf Zimmern zu bekommen, von denen sie eins ihrem Manne als Amtsstube
-abtreten mußte.</p>
-
-<p>Als sie sich eingerichtet hatten, kamen die jungen Gatten nach
-Schwentainen zum Besuch. Daß Lotte im Hause war, wußte sie. Das war
-aller Voraussicht nach ihre zukünftige Schwägerin und Emma behandelte
-sie sehr freundlich, denn die wirtschaftliche Verbindung mit einem
-großen Bauernhof war damals eine nicht zu verachtende Sache. Es
-wunderte sie nur, daß sie zwischen Franz und Lotte nichts entdeckte,
-was auf ein stilles Einvernehmen schließen ließ. Lotte blieb sich
-in ihrer stillen Freundlichkeit immer gleich. Und sie zog sich mit
-deutlicher Absicht zurück, wenn die Familie beisammen war. Sie hatte
-immer etwas in der Küche und in der Wirtschaft zu tun. Franz schien es
-nicht zu merken, sondern ganz in der Ordnung zu finden.</p>
-
-<p>Eines Tages kam der Pfarrer zum Kaffee zu Besuch. Er hatte schon etwas
-verlauten hören, daß der Führer der Roten im Kreise, der Schwager
-Rosumeks, ein ganz umgänglicher, vernünftiger<span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span> Mann sei, und begab sich
-zu ihm, um sich mit ihm auseinanderzusetzen. Vom ersten Augenblick an
-empfanden die beiden hochgewachsenen Männer, als sie sich die Hände zur
-Begrüßung reichten, etwas wie Vertrauen zueinander, obwohl sie doch auf
-einem so verschiedenen Standpunkt standen.</p>
-
-<p>„Ich habe mich in die Höhle des Löwen gewagt,“ begann der Pastor
-lachend, „um mich mit Ihnen über die Stellung Ihrer Partei zur
-Abstimmung ins Benehmen zu setzen. Finde ich einen Gegner oder einen
-Bundesgenossen?“</p>
-
-<p>„Das wird sich finden, Herr Pastor, wenn wir uns erst einmal auf
-den Zahn gefühlt haben“, erwiderte Lüdicke lachend. „Ich halte es
-für selbstverständlich, daß jeder Deutsche, welcher Partei er auch
-angehören mag, sich einer weiteren Zerstückelung seines Vaterlandes mit
-allen Kräften widersetzen muß.“</p>
-
-<p>„Das ist ein mannhaftes Wort, für das ich Ihnen Dank sage“, rief der
-Pastor freudig aus.</p>
-
-<p>„Ich wüßte nicht, weshalb Sie gerade mir dafür danken. Es wird
-Ihnen doch erklärlich sein, daß mir mein Standpunkt vom Interesse
-der arbeitenden Klassen diktiert wird. Und das gebietet mir, die
-Besetzung Ostpreußens durch die<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> Polen für das größte Unglück zu
-halten. Ich kenne die wahren Polen. Ich habe vor dem Kriege drei Jahre
-in Lodz gearbeitet. Nur ein kleiner Teil der polnischen Arbeiter war
-vernünftigen Ideen zugänglich. Die meisten liefen hinter ihren Herren
-Schlachzizen her und träumten von der Wiedererstehung ihres Landes als
-Staat.“ Er hob die Stimme. „Es war die allergrößte Dummheit, die von
-unserer alten Regierung während des Krieges begangen werden konnte, den
-Polen die Selbständigkeit zu versprechen.“ ...</p>
-
-<p>„Das haben Sie mir aus der Seele gesprochen“, warf der Pastor ein.</p>
-
-<p>„Jetzt ernten wir den Dank dafür. Und wir Arbeiter würden den größten
-Schaden haben, wenn wir unter polnische Herrschaft kommen. Die ganzen
-Wohltaten der sozialen Gesetzgebung würden von den Polen zertrümmert
-werden, die Löhne würden mit Gewalt herabgedrückt und die Arbeiter zu
-Sklaven gemacht werden.“</p>
-
-<p>„Ich denke, wir haben auch noch andere Kulturgüter zu verteidigen“,
-meinte der Pfarrer. „Unsere Volksbildung, die führende Stellung unserer
-Wissenschaft und unsere vorbildliche Landwirtschaft, alles würde
-von den Polen in<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> Trümmer geschlagen werden. Schlagen Sie ein, Herr
-Lüdicke, wir wollen in der Heimatbewegung Schulter an Schulter kämpfen.“</p>
-
-<p>Lächelnd reichte ihm Lüdicke die Hand. „Nur mit der Heimatbewegung bin
-ich nicht ganz einverstanden.“</p>
-
-<p>„Weshalb denn nicht? Geht es Ihnen gegen den Strich, daß wir die
-Heimatliebe als die treibende Kraft für die Abstimmung zu entfachen
-suchen? Womit wollen wir denn die Abstimmungsberechtigten im Reich, die
-sich dort eine Existenz gegründet haben, zum Eintreten für die Heimat
-bewegen?“</p>
-
-<p>„Darin haben Sie Recht ... ich fürchte nur, daß sich dahinter
-nationalistische Zwecke verbergen, die letzten Endes den Rechtsparteien
-dienstbar gemacht werden.“</p>
-
-<p>„Das ist beim Heimatdienst völlig ausgeschlossen. Wenn er einen
-Nebenzweck verfolgt, dann ist es der, durch Unterhaltung und Belehrung
-die Volksbildung zu heben. Und das ist, wie ich zu wissen glaube,
-ein Ziel, das auch Ihre Partei verfolgt. Ich meine, sie tut gut,
-ihre Anhänger nicht von dem Heimatverein fernzuhalten, sondern
-hineinzuschicken. Damit gewinnen Sie<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> doch die Kontrolle darüber, was
-in den Vereinen geschieht.“</p>
-
-<p>„Der Gedanke läßt sich hören“, erwiderte Lüdicke bedächtig. „Ich kann
-jedoch allein nicht darüber entscheiden.“</p>
-
-<p>Es wurde noch viel an dem Nachmittag gesprochen, auch über Politik,
-aber ruhig, in versöhnlicher Form, wie es zwischen Gegnern, die sich
-achten, üblich ist. Der Pastor schied mit kräftigem Händedruck und
-dem Versprechen, bald wieder zu einem Plauderstündchen zu erscheinen.
-Die Frauen hatten schweigend zugehört, nur Franz hatte ab und zu eine
-Bemerkung dazwischen geworfen. Er mußte es erst in sich verarbeiten,
-daß sein Schwager die Arbeit für die Abstimmung als seine Hauptaufgabe
-ansah.</p>
-
-<p>Allmählich hatte sich zwischen ihm und seinem Franzel ein innigeres
-Verhältnis angebahnt. Er nahm auf Lottes Anraten den Kleinen mit sich
-aufs Feld und ließ ihn auf den Ackerpferden reiten. Das bereitete ihm
-das größte Vergnügen, noch mehr als die Peitsche, mit der man wirklich
-knallen konnte. Er wurde gesprächig und plauderte lebhaft. Und sein
-zweites Wort war immer: „Tante Lotte.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span></p>
-
-<p>Eines Tages plapperte der Bub: „Väterchen, Tante Lotte erzählt mir
-immer von einem toten Mütterchen. Weshalb habe ich keine lebendige
-Mutter?“</p>
-
-<p>„Weil dein Mütterchen gestorben ist.“</p>
-
-<p>„Weshalb ist die Tante Lotte nicht mein Mütterchen?“</p>
-
-<p>Darauf wußte der Vater keine Antwort. Aber er nahm den Jungen auf den
-Schoß und herzte ihn. Die Frage blieb in ihm und wühlte in ihm. Sie
-weckte alte Erinnerungen auf, die verblaßt waren. An den Albertus,
-den sie ihm geschenkt. Und plötzlich stieg in ihm der Gedanke auf,
-das ihr Herz womöglich ihm gehöre. Aber nein, sie ging ja so still
-zurückhaltend neben ihm her. Aber weshalb hatte sie als blutjunges
-Ding sich seines Jungen angenommen, weshalb hing sie mit solcher
-Zärtlichkeit an ihm? War das bloß Menschenfreundlichkeit oder
-Betätigung ihrer Mütterlichkeit? Nur Dankbarkeit gegen seine Eltern,
-die sich ihrer angenommen hatten? ...</p>
-
-<p>Als Lotte Franzel holen kam, um ihm sein Abendbrot zu geben und ihn zu
-Bett zu bringen, hatte der Vater schon Augen dafür bekommen, daß sie
-ein sehr hübsches, frisches Mädel wäre. Aber<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span> jetzt und auch für die
-Folge hütete er seine Augen, um ihr nicht zu verraten, wie sehr er sich
-innerlich mit ihr beschäftigte. Und jetzt glaubte er auch, zu bemerken,
-daß sich der junge Pfarrer für Lotte interessierte. Er fand durch die
-geschäftlichen Beziehungen, die er zu ihr hatte, leicht einen Anlaß
-herüberzukommen und mit ihr zu plaudern.</p>
-
-<p>Mutter Rosumek war unter Lottes Pflege wieder frischer geworden. Aber
-ab und zu hatte sie bedrohliche Anfälle von Herzschwäche, bei denen
-auch die belebenden Baldriantropfen ihre Wirkung verfehlten. Nach solch
-einem Anfall ließ sie Franz rufen und sagte ihm unter vier Augen: „Mein
-lieber Junge, ich werde täglich schwächer. Du mußt mit meinem baldigen
-Ende rechnen.“</p>
-
-<p>„Aber Mutter, du bist doch frischer als wie ich nach Hause kam.“</p>
-
-<p>„Das scheint bloß so, mein Sohn. Ich weiß doch am besten, wie es mit
-mir steht. Ich habe noch eine Bitte an dich, die du mir erfüllen mußt,
-ehe ich die Augen zumache.“</p>
-
-<p>„Wenn es in meiner Macht steht, Mutter ...“</p>
-
-<p>„Sie steht in deiner Macht,“ erwiderte die Mutter nachdrücklich, „du
-sollst mir noch eine liebe Tochter ins Haus führen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span></p>
-
-<p>Als er schwieg, fuhr sie fort: „Die Liesel ist doch nun schon vier
-Jahre tot und du kannst sie nicht ewig betrauern. Und Lotte wird nicht
-ewig dir die Wirtschaft führen. Wenn ich die Augen zumache, geht sie
-fort. Was soll dann aus dir und Franzel werden?“</p>
-
-<p>„Du hast Recht, Mutter, es gehört eine Frau auf den Hof. Weißt du eine
-für mich?“</p>
-
-<p>Die alte Frau lächelte. „Du gehst wohl mit Scheuklappen umher, mein
-Sohn? Du willst doch vom Leben auch noch ein bißchen Glück haben.
-Weshalb streckst du nicht die Hand aus und nimmst es dir?“</p>
-
-<p>„Wen meinst du denn, Mutter?“, fragte er heuchlerisch, denn in ihm
-wogte schon die Gewißheit.</p>
-
-<p>„Ach, stell dich doch nicht so“, erwiderte die Mutter etwas unwillig.
-„Das kann doch der Blinde mit dem Stock fühlen, daß Lotte dich lieb
-hat, viel mehr, als du es verdienst, du Schlingel. Sie hat dich schon
-geliebt, als du hinter der schönen Frau herliefst, sie hat dich
-betrauert und deinen Jungen an ihr Herz genommen, nur aus Liebe zu dir,
-nicht zu dem Mädel, das seine Mutter ist .... Schon aus Dankbarkeit
-solltest du sie heiraten,<span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span> um deinem Jungen die richtige Mutter zu
-geben.“</p>
-
-<p>„Ja, aber wenn sie mich ausschlägt?“</p>
-
-<p>„Soll ich etwa den Freiwerber für dich spielen? Nun geh, du wirst jetzt
-wissen, was du zu tun hast.“</p>
-
-<p>In seliger Unruhe ging Franz aufs Feld. Würde sie ihm glauben, daß
-er sie lieb hatte, mehr als er selbst gewußt? Wenn er nur zu ihr
-etwas freundlicher gewesen wäre! Aber sie war ja auch so kühl und
-förmlich und vermied es, ihm Gesellschaft zu leisten. Höchstens über
-Wirtschaftssachen hatten sie manchmal ein Gespräch geführt.</p>
-
-<p>Als er auf den Hof zurückkam, lief ihm sein Bub entgegen. Er nahm ihn
-auf den Arm und trug ihn in das Haus.</p>
-
-<p>„Väterchen,“ erzählte der Kleine, „der Herr Pastor ist hier gewesen
-und hat mit der Tante Lotte gesprochen. Und nachher hat die Tante so
-geweint, soviel und hat mich rausgeschickt.“</p>
-
-<p>Wie ein Blitz schlug es vor Franz ein. Der Pastor hatte um Lotte
-geworben und sie hatte ihm einen Korb gegeben? Den trefflichen Mann,
-an dessen Seite sie ein geachtetes Leben führen würde, hatte sie
-ausgeschlagen? In heftiger Erregung<span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span> trat er in die gute Stube. Bei
-seinem Eintritt erhob sich Lotte und wollte an ihm vorbei zur Tür
-hinaus. Er faßte sie an der Hand. „Lotte, willst du mir eine Frage
-beantworten? Ist es wahr, daß du den Pastor abgewiesen hast?“</p>
-
-<p>Als sie darauf nur stumm nickte, trat er nahe an sie heran. Doch sein
-Sohn kam ihm zuvor. Er schlang seine Arme um den Nacken der Tante und
-zog sie mit aller Gewalt an sich heran. „Tante Lotte, du sollst meine
-Mutter sein.“</p>
-
-<p>„Ja, Lotte, ich bin eben auch mit dem Entschluß nach Hause gekommen,
-mein Schicksal in deine Hände zu legen. Willst du mein liebes,
-geliebtes Weib werden und meinem Jungen die Mutter?“</p>
-
-<p>Sie sah ihn ernst an. „Franz, ich habe dich sehr lieb, aber ich gebe
-keinem Mann die Hand, der nicht die Heimat liebt, der nicht fest zu ihr
-steht, der nicht das Höchste ihr zu opfern bereit ist.“</p>
-
-<p>In tiefer Bewegung schlang er den Arm um sie, und sie ließ es
-geschehen. „Lotte, wenn es nur daran hängt, dann kannst du mit vollem
-Vertrauen deine Hand in meine legen. Ich habe die Heimat immer im
-Herzen getragen und werde für sie mit allen meinen Kräften einstehen.
-Daß ich<span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span> der neuen Zeit anhänge und von ihr Gutes für die Zukunft
-unseres Volkes erhoffe, ist doch hoffentlich in deinen Augen kein
-Makel. Sollte sich meine Ansicht als Irrtum erweisen, dann bin ich der
-Erste, der sie von sich abtut. Bist du damit zufrieden?“</p>
-
-<p>Zur rechten Zeit wand sich Franzel vom Arm seines Vaters auf die
-Erde, lief in die Wohnstube und rief: „Ohma, ich habe ein lebendiges
-Mütterchen. Tante Lotte ist meine Mutter.“ Vertrauensvoll legte Lotte
-den Kopf auf die Schulter des geliebten Mannes. Hand in Hand traten sie
-nach einer Weile herein, knieten vor der Mutter nieder und baten um
-ihren Segen.</p>
-
-<p>Lotte verließ am nächsten Morgen das Haus und ging zu entfernten
-Verwandten, während Franz mit der größten Beschleunigung die Hochzeit
-rüstete. Sie fand in aller Stille statt, der Pastor war verreist
-und ließ sich bei der Trauung durch einen Amtsbruder vertreten. Er
-bewarb sich, wie man hörte, um eine Pfarrstelle in Berlin, die er auch
-erhielt. Er kam später nur für einen Tag zurück, um seinem Nachfolger
-die Wirtschaft zu übergeben.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span></p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1">*</p>
-
-<p>Die Heimatbewegung setzte in Ostpreußen mit großer Kraft ein und wuchs
-zusehends. Franz tat einen tiefen Griff in seinen Beutel und spendete
-reichlich. Ja, im nächsten Winter, als die Wirtschaft ruhte, fuhr
-er unermüdlich auf den Dörfern umher und warb. Wenn er zurückkam,
-leuchteten seine Augen: „Es geht vorwärts, Lotte! Der Feindbund
-wird eine Ohrfeige von uns Masuren erhalten, die durch die ganze
-Welt schallen soll. Es wird der erste Sieg sein, den wir nach dem
-Schmachfrieden erringen, und er soll so glänzend werden, daß alle Welt
-staunen wird. Es gibt keinen Masuren, der am Abstimmungstage fehlen
-wird, um seine Stimme für die Heimat in die Wagschale zu werfen.“</p>
-
-<p>Auch im Reich schwoll die Heimatbewegung an. Die alten Ost- und
-Westpreußen-Vereine erfüllten sich mit neuem Leben, neuer Kraft, und
-rüsteten sich, zur Abstimmung in die Heimat zu pilgern. Überall, wo
-noch keine bestanden, bildeten sich neue Heimatvereine und warben durch
-Wort und Schrift. Die Arbeit war groß und schwer. Für viele, viele
-Tausende, die in die Heimat fahren wollten, mußten die Mittel zur Reise
-beschafft werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span></p>
-
-<p>Für den Unterhalt in der Heimat sorgten die Volksgenossen.</p>
-
-<p>Und dann kam nach langem Bangen der Tag der Abstimmung heran. Um den
-Plackereien der Polen bei der Fahrt durch den Korridor zu entgehen,
-kamen die meisten zu Schiff über See. Mit grünem Reisig und Fahnen
-geschmückte Züge brachten sie durch Ostpreußen in die Heimat, die sie
-jubelnd und mit echt ostpreußischer Gastfreundschaft empfing.</p>
-
-<p>Es war ein echter, rechter Sonnen- und Sonntag, als die Massen in
-festlicher Kleidung zum Wahllokal zogen. Und der Jubel, der losbrach,
-als der Draht die Kunde durch die ganze Welt trug, daß die bedrohten
-Masuren, Westpreußen und Ermländer sich restlos zum Deutschtum bekannt
-hatten!</p>
-
-<p>Das wollen und das dürfen wir nie vergessen. Unauslöschlich soll es in
-unseren Herzen eingegraben sein, daß die Liebe zur Heimat der festeste
-Grund ist, auf dem wir das neue Deutschland aufbauen werden.</p>
-
-<p class="center">Durch die Heimat zum Vaterland!</p>
-
-<hr class="full x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="schmal break-before">
-
-<p class="s4 center mtop3 padtop1"><i>IM VERLAG OTTO JANKE, BERLIN SW 11</i></p>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">erschien von</em></p>
-
-<p class="s4 center"><i>FRITZ SKOWRONNEK</i></p>
-
-<p class="s3 center">DAS MASURENBUCH</p>
-
-<p class="p0 s5">Ein Sohn des Masurenlandes erstattet hier der Heimat den Zoll treuer
-Kindesliebe und Dankbarkeit in einer Schilderung ... wie sie eben nur
-warmem Empfinden, vertrauensvollem Hoffen und vollster Beherrschung
-des Gegenstandes gelingen kann ... Das Masurenbuch ist mit Freude
-begrüßt worden. Die zahlreichen Bilder und Federzeichnungen werden auch
-Fernstehende für das Land der tausend Seen erwärmen und interessieren.</p>
-
-<p class="center"><i>Gebunden Gm. 4,—</i></p>
-
-<p class="s3 center mtop1">PAN KAMINSKY</p>
-
-<p class="p0 s5">Ein junger Pole, der eine schwere Kindheit verlebte, als Jüngling
-im russischen Heere unter der Knute stand, dann Deutscher wird und
-sich durch Fleiß und Talent heraufarbeitet, steht im Mittelpunkt der
-Handlung. Noch einmal muß er in seine Heimat zurück, in eine richtige
-„Polnische Wirtschaft“, wobei er sein mühsam errungenes Lebensglück
-beinahe wieder verliert. Es gelingt ihm jedoch, die Gefahren nunmehr
-für immer zu überwinden.</p>
-
-<p class="center"><i>Gebunden Gm. 4,50</i></p>
-
-<p class="s3 center mtop1">DER POLENFLÜCHTLING</p>
-
-<p class="p0 s5">Der Roman behandelt das Schicksal eines jungen Polen, der aus
-Russisch-Polen flieht, sich durch seine glückliche Anlage und
-seinen Fleiß zu bedeutender Stellung aufschwingt. Auch dieser Roman
-des beliebten Verfassers enthält wieder eine Fülle interessanter
-Ereignisse und Personen, während einige Liebesgeschichten für Anmut und
-Abwechslung der Handlung sorgen.</p>
-
-<p class="center"><i>Gebunden Gm. 4,50</i></p>
-
-<p class="s3 center mtop1">„DER HECHT IM KARPFENTEICH“<br />
-„DU MEIN MASUREN“</p>
-
-<p class="center"><i>gebunden mit illustriertem Schutzumschlag Gm. 1,—</i></p>
-
-<p class="s4 center mtop1">Zu beziehen durch alle Buchhandlungen</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<p class="s4 center mtop3 padtop1 break-before"><i>IM VERLAG OTTO JANKE, BERLIN SW 11</i></p>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">erschien von</em></p>
-
-<p class="s4 center"><i>FRITZ SKOWRONNEK</i></p>
-
-<p class="s3 center">RITTERGUT HOHENSALCHOW</p>
-
-<p class="p0 s5">Skowronneks besondere Stärke ist der Gutsroman. In dem vorliegenden
-Werk knüpft der Autor in geschickter Weise die Fäden zwischen einer
-Grafenfamilie und einem reichen Emporkömmling und gibt uns ein
-anschauliches Bild aus der vornehmen Welt. Prachtvolle Figuren sind
-die Komtesse Freda und der elegante Großkapitalist und der Weltmann
-Kurt Dumke. Sehr zeitgemäß ist auch das Buch durch den heutigen
-scharfen Gegensatz zwischen Industrie und Landwirtschaft, aber bei der
-warmherzigen Schilderung der Personen und Ereignisse tritt jede Tendenz
-in den Hintergrund.</p>
-
-<p class="center"><i>Gm. 4,50</i></p>
-
-<p class="s4 center mtop1"><i>HANS WERDER</i></p>
-
-<p class="s3 center">TIEFER ALS DER TAG GEDACHT</p>
-
-<p class="p0 s5"><em class="gesperrt">Wiesbadener Tageblatt</em>: Auch Nietzsches Weltweisheit ist nicht
-ohne Einfluß auf die modernen Dichter geblieben. Hier durchzieht der
-Gedanke den Roman: „Wie die Dunkelheiten des Lebens erst den Blick
-öffnen für die Tiefen desselben — auch in die Tiefen des Herzens
-hinein — so führt die Erkenntnis seelische Kämpfe und Zwiespalt
-herauf“, die Hans Werder trefflich zu lösen versteht.</p>
-
-<p class="center"><i>Gm. 5,50</i></p>
-
-<p class="s4 center mtop1"><i>HANS WERDER</i></p>
-
-<p class="s3 center">AN RAUSCHENDEN WASSERN</p>
-
-<p class="p0 s5">Hans Werder führt uns in seinem neuen Roman in die Familien derer von
-Rodenwalde und Treufels. Wir erleben seelische Kämpfe und Wandlungen
-vornehm denkender Menschen von feinstem Takt, der sie durch mannigfache
-Verwicklungen mit Sicherheit und Glück hindurchführt. Warme Liebe zur
-Heimat durchdringt das ganze Werk, deutsche Träume sind es, die die
-Wasser rauschen.</p>
-
-<p class="center"><i>Gm. 6,—</i></p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<p class="s4 center mtop3 padtop1 break-before"><i>IM VERLAG OTTO JANKE, BERLIN SW 11</i></p>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">erschien von</em></p>
-
-<p class="s4 center mtop1"><i>MICHAEL GEORG CONRAD</i></p>
-
-<p class="s3 center">„MAJESTÄT“</p>
-
-<p class="p0 s5">Dieses Buch führt uns in die Welt Ludwigs II., des Bayernkönigs,
-Künstlers und Menschen ein. In oft wundervolle Bilder webt Michael
-Georg Conrad das Leben Ludwigs mit seinem Freunde Wagner, mit Otto, dem
-Prinzen Sausewind, mit „Egeria“, der herrlichen Frau, mit Bismarck und
-all den vielen großen und kleinen Menschen, die Kunst, Politik oder
-Spekulation in des Königs Nähe trieb. Lebhaft bewegt und doch mit der
-Ruhe des Meisters zwingt Conrad die Fülle des Geschehens seiner Zeit
-in den Rahmen des Buches, ohne daß es ihn sprengt. Langsam das Handeln
-des Königs steigernd, vom Traumhaften zum Wahn, endet sein Leben ohne
-Erschütterung, wie ein Muß. Und doch erschüttert das Buch, es ist reich
-und reif und kein unechter Ton stört es.</p>
-
-<p class="center"><i>Gm. 6,—</i></p>
-
-<p class="s4 center mtop1"><i>RICHARD VOSS</i></p>
-
-<p class="s3 center">UNTER DEN BORGIA</p>
-
-<p class="p0 s5">Die von Pracht und Prunk glänzende, an Greueltaten und Verbrechen
-reiche Zeit des Cäsar und der Lukrezia Borgia taucht greifbar vor
-unseren Augen auf, und mit großer Kraft sind die ungeheuerlichen
-Gestalten geschildert, die durch dieses Buch schreiten.</p>
-
-<p class="center"><i>Gm. 6,—</i></p>
-
-<p class="s4 center mtop1"><i>WALTER FLEX</i></p>
-
-<p class="s3 center">ZWÖLF BISMARCKS</p>
-
-<p class="p0 s5">Die Eltern und Ureltern Otto von Bismarcks werden in diesen Erzählungen
-Fleisch und Bein. Von Männern, Frauen und Kindern handelt das Buch,
-bald in leidenschaftlichem Ernst und bald in übersprudelndem Humor.
-Alles ist in Spannung und Handlung aufgelöst.</p>
-
-<p class="center"><i>Gm. 4,—</i></p>
-
-</div>
-
-<p class="s4 center mtop3 padtop1 break-before"><i>IM VERLAG VON OTTO JANKE, BERLIN SW 11</i></p>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">erschienene</em></p>
-
-<p class="s1 center"><em class="gesperrt">Weltliteratur</em></p>
-
-<hr class="weltlit" />
-
-<table class="literatur padtop1">
- <tr>
- <td class="s5">
- &#160;
- </td>
- <td class="s5" colspan="2">
- <div class="center">In Halbleinen<br />
- gebd.</div>
- </td>
- <td class="s5" colspan="2">
- <div class="center">In Ganzleinen<br />
- gebd.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang3">
- <div class="left">W. Alexis, Cabanis</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">Gm.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,—</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">Gm.</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,50</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang3">
- <div class="left">— Ruhe ist die erste Bürgerpflicht</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,—</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,50</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang3">
- <div class="left">A. E. Brachvogel, Friedemann Bach</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">5,50</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,—</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang3">
- <div class="left">— Der Fels von Erz</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">5,50</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,—</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang3">
- <div class="left">— Der deutsche Michael</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">5,50</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,—</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang3">
- <div class="left">F. M. Dostojewskij, Raskolnikows Schuld und Sühne</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,—</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,50</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang3">
- <div class="left">J. P. Jacobsen, Frau Marie Grubbe</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">5,50</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,—</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang3">
- <div class="left">M. Jokai, Schwarze Diamanten</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,—</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,50</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang3">
- <div class="left">Jos. V. v. Scheffel, Ekkehard</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">5,50</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,—</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang3">
- <div class="left">H. Sienkiewicz, <span class="antiqua">Quo vadis?</span></div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">5,50</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,—</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang3">
- <div class="left">— Mit Feuer und Schwert</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">5,50</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,—</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang3">
- <div class="left">L. N. Tolstoi, Anna Karenina</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">5,50</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,—</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang3">
- <div class="left">— Auferstehung</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,—</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,50</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang3">
- <div class="left">— Die Kreutzersonate</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">2,—</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">2,50</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang3">
- <div class="left">— Krieg und Frieden</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,—</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,50</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat hang3">
- <div class="left">I. Turgeniew, Väter und Söhne</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">5,50</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="center">6,—</div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p class="s2 center mtop1 break-before">Janke’s Weltliteratur-Kassetten</p>
-
-<hr class="kassetten_1" />
-
-<p class="s3 center">je 5 Bände in Ganzleinen gebunden enthaltend, 30 Gm.</p>
-
-<div class="csstab">
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell center">
- <em class="gesperrt">Kassette</em> I:
- </div>
- <div class="csscell center">
- <em class="gesperrt">Kassette</em> II:
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell_l left">
- A. E. Brachvogel, Friedemann Bach,
- </div>
- <div class="csscell_r left">
- J. P. Jacobsen, Frau Marie Grubbe,
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell_l left">
- F. M. Dostojewskij,<br /> Raskolnikows Schuld und Sühne,
- </div>
- <div class="csscell_r left">
- M. Jokai, Schwarze Diamanten,
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell_l left">
- L. N. Tolstoi, Anna Karenina,
- </div>
- <div class="csscell_r left">
- H. Sienkiewicz, Mit Feuer u. Schwert,
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell_l left">
- J. V. v. Scheffel, Ekkehard,
- </div>
- <div class="csscell_r left">
- L. N. Tolstoi, Auferstehung,
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell_l left">
- H. Sienkiewicz, <span class="antiqua">Quo vadis?</span>
- </div>
- <div class="csscell_r left">
- I. Turgeniew, Väter und Söhne.
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<hr class="kassetten_2" />
-
-<p class="s4 center"><i>Zu beziehen durch alle Buchhandlungen</i></p>
-
-<p class="s5 center padtop3">Druck von A. Seydel &amp; Cie. Aktiengesellschaft, Berlin SW 61.</p>
-
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-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DER MUSTERKNABE</span> ***</div>
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- </div>
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-Defect you cause.
-</div>
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-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
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-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
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-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
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-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
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-<div style='display:block; margin:1em 0'>
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-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
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-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
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-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
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-</div>
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