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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-21 06:47:26 -0800 |
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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Der Musterknabe - Ein Roman aus den Masuren - -Author: Fritz Skowronnek - -Release Date: July 12, 2022 [eBook #68512] - -Language: German - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MUSTERKNABE *** - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1924 so weit - wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler - wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr - gebräuchliche Schreibweisen, sowie mundartlich gefärbte Passagen - bleiben gegenüber dem Original unverändert. - - Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere - Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden - Sonderzeichen gekennzeichnet: - - kursiv: _Unterstriche_ - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - - #################################################################### - - - - - Der Musterknabe - - - - - Der Musterknabe - - Ein Roman aus Masuren - - von - - Fritz Skowronnek - - [Illustration] - - Otto Janke / Verlag / Berlin - - - - - Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten - Copyright 1924 by Otto Janke, Berlin - - - - -1. Kapitel - - -Langsam senkte sich der Abend hernieder. Die Sonne stand tief im -Westen, von starken Dunstmassen so verschleiert, daß man ungeblendet -in die große, brandrote Scheibe blicken konnte. Von Osten her war -ein schwacher Wind aufgesprungen, der etwas Kühlung brachte. Seine -Kraft reichte jedoch kaum hin, die Oberfläche des Sees zu kräuseln. -Strichweise nur liefen winzige Wellen, vom Volksmund „Katzenpfoten“ -genannt, über den glatten Spiegel. Dazwischen lagen weite Strecken des -mächtigen Sees so glatt da, als hätte sich Öl über seine Oberfläche -gebreitet. - -Zahllose kleine Kreise, die fortwährend aufsprangen und spurlos -verzitterten, wenn sie die Größe eines Tellers erreicht hatten, -zeigten, welch’ reiches Leben das Gewässer barg. Myriaden kleiner -Fischlein schossen blitzschnell dicht unter der Oberfläche durch das -klare Wasser und schnappten nach den langbeinigen Mücken, die sorglos -im Abendsonnenschein tanzten. Ab und zu schoß ein Raubfisch von unten -zwischen die Menge. Dann sprangen die Geängstigten zu Hunderten mit -einem jähen Ruck aus dem Wasser empor, um dem Verderben zu entrinnen. - -In dem dichten Schilf, das im Windhauch hin und her wogte, stand ein -kleiner Kahn. Nur seine Spitze ragte in das freie Wasser hinaus. Darin -saß ein großer, starker Mann, der fleißig die Angelruten handhabte. Ein -breitrandiger Basthut saß auf dem vollen, leichtergrauten Haar. In dem -freundlichen Gesicht blitzten lustig die klugen Augen, die unablässig -von einer Angel zur anderen wanderten. Da -- -- jetzt versank langsam -einer der Korkschwimmer. „Das Raubzeug ist heute gefräßig,“ murmelte -der Angler vor sich hin, „aber mein Vorrat an Würmern neigt sich zum -Ende, ihr werdet fortan, wie ich euch kenne, auch mit kleineren Happen -vorlieb nehmen.“ Mit starkem Ruck zog er die Angel in die Höhe, der -Fisch saß am haken, ein starker Barsch, der sich heftig im Wasser -sträubte, bis er an den Kahn gezogen und mit dem Käscher hineingehoben -wurde. - -Vom Dorf her kam schwatzend und lachend eine ganze Schar kleiner Knaben -und Mädchen. Im Nu hatten sie ihre Kleidung, die bei manchem nur aus -einem Hemdchen bestand, abgeworfen und sprangen in das laue Wasser, -bespritzten sich und lachten unbändig, wenn ein Ungeschickter bei dem -Kampf vornüber ins Wasser schoß. Jetzt hörten sie den Wurf der Angel -und horchten auf. „Der Herr Pfarrer angelt“, flüsterten sie sich zu. -Dann riefen sie im Chor: „Guten Abend, Herr Pfarrer.“ Die kleinen -Mädchen knixten dabei. - -„Guten Abend, Kinder.“ - -„Onkel Uwis,“ rief ein kleiner, blonder Krauskopf mit lebhaften Augen, -„verjagen wir dir nicht die Fische?“ - -„Nein, mein Junge, die kümmern sich nicht um euch.“ - -„Fängst du viel heute?“ - -„Ich danke, mein Sohn, für gütige Nachfrage. Es geht.“ - -Einen Augenblick zögerte der Knabe, dann watete er mutig durch das -Röhricht, dem Kahn zu. Das Wasser stieg ihm fast bis an die Nase, -als er das hintere Ende des Kahnes erreichte. Ein Griff, ein kurzer -Schwung, jetzt saß er drin. „Oho, Onkel, du sagst: ‚es geht‘.“ Er wies -auf einen Hecht, der in einem ganzen Haufen gefangener Barsche lag. - -Der Angler nickte vergnügt. „Es hat sich heute gut gefangen. Doch nun -muß ich aufhören, die Würmer sind zu Ende.“ - -„Ich hole gleich einen ganzen Topf voll.“ - -„Laß nur, mein Kerlchen, man muß des Guten nicht zuviel genießen. Für -heute habe ich auch genug.“ Er wickelte sorgfältig die Angeln auf. „Wie -geht es dir in der Schule, Franz?“ - -„Sehr gut, Onkel“, antwortete der Kleine eifrig. „Der Herr Lehrer hat -gesagt, ich werde ein schöner Schreiber werden.“ - -„Das ist erfreulich, denn er meinte wohl: Schönschreiber. Aber lernst -du auch fleißig?“ - -„Lernen, Onkel? Nein, das brauche ich nicht. Ich weiß ja alles, was -der Herr Lehrer vorerzählt, auswendig. Auch das Einmaleins. Und -Liederverse, die lese ich mir nur einmal durch.“ - -„Dann lies sie künftig zweimal, mein Junge. Doch nun pascholl aus dem -Kahn! Beeil’ dich und lauf hinauf zu Tante, sie möchte Dora mit einem -Korb an den See schicken. Noch eins: sag’ Vater und Mutter, ich käme -heut Abend nach dem Essen auf ein Plauderstündchen zu euch.“ - -Wie ein Pfeil schoß der Junge neben ihm aus dem Kahn kopfüber in die -dunkle Flut. Im nächsten Moment tauchte er empor, schüttelte das -Wasser aus den krausen Haaren und schwamm am Rohr entlang, bis er durch -eine Lücke das Ufer gewann. Eine Minute später sprang er mit hellem -Jauchzen das Ufer empor dem Dorf zu. - -Vater Rosumek, der Dorfschulze, rüstete sich gerade zum Gang in den -Dorfkrug, wo er nach des heißen Tages Arbeit einen kühlen Trunk zu -gewinnen dachte, als sein Junge den Besuch ankündigte. Erfreut ließ er -sofort den Tisch in der großen Laube am Giebel des Hauses mit weißen -Linnen decken und schickte die flinke Jette mit einem Korb nach Bier. - -Pfarrer Uwis ließ nicht lange auf sich warten. Würdevoll kam er in -langem schwarzen Rock die Dorfstraße angewandelt, seine rundliche -Gattin am Arm. Hier und dort blieb er vor einem Hoftor stehen und -sprach freundliche Worte zu den Leuten, die in der Abendkühle für die -müden Glieder Erfrischung suchten. Vergnügt dankte er den Männern, die -sich nach dem Erfolg seiner Angelfahrt erkundigten. - -Der Schulze erwartete das Ehepaar am Hoftor, um es nach der Laube zu -geleiten, aus der ein heller Lampenschein durch die dichten Ranken des -wilden Weins strahlte. „Ein behagliches Plätzchen“, lobte der Pfarrer, -während er sich niederließ. „Ich fürchte nur, Vetter Christoph, wir -werden Mühe haben, die kleinen Blutsauger zu scheuchen. Meine Hausehre -habe ich mitgebracht, sie hat mich schon den ganzen Nachmittag -entbehrt, weil ich den Räubern im See nachstellte.“ - -„Den Erfolg deiner Fahrt habe ich schon gesehen, meine Frau ist noch -dabei, die schönen Barsche zu schuppen, die Dora uns gebracht. Schönen -Dank dafür!“ - -„Keine Ursache, Freund, wir hätten die Menge allein nicht bezwungen.“ - -Behaglich ging das Gespräch hin und her, über das Wetter, über die -Ernteaussichten und die Neuigkeiten des Dorfes, bis Frau Rosumek -erschien und die Gäste herzlich begrüßte. - -Nach dieser Unterbrechung begann der Pfarrer: „Vetter Christoph und -liebe Frau Minna, ich habe heute etwas Besonderes auf dem Herzen, was -euch beide angeht. Ich möchte mit euch über den Jungen, den Franz, -sprechen. Es ist nichts Schlimmes,“ fuhr er lächelnd fort, als er die -gespannten Mienen der Eltern sah, „im Gegenteil etwas Gutes. Grigo hat -mir schon mehrmals gesagt, der Junge wäre ganz außerordentlich begabt -und es wäre nicht recht, solch ein Pfund zu vergraben, anstatt damit -zu wuchern. Der Meinung bin ich auch. Ein heller Kopf ist ein Geschenk -Gottes, das darf man nicht verkümmern lassen. Drum mache ich dir den -Vorschlag: gib ihn auf’s Gymnasium und schlägt er ein, dann laß ihn -studieren. Die Mittel dazu habt ihr.“ - -Frau Rosumek sah den Pfarrer freundlich und dankbar an. „Mir hat es der -Lehrer auch schon gesagt. Ach, es wäre das größte Glück für mich, wenn -ich meinen Franzel auf der Kanzel sehen könnte.“ - -Der Vater schien, nach seiner Miene zu urteilen, mit dem Vorschlag des -Pfarrers nicht ganz einverstanden zu sein. Er antwortete bedächtig: -„Pastor, du meinst es gut mit dem Jungen, das wissen wir. Aber bedenk’: -es ist mein Einziger außer dem Mädel, der Emma. Und der Schulzenhof -ist seit Jahrhunderten in meiner Familie immer vom Vater auf den Sohn -vererbt. Soll ich der Letzte in der Reihe sein? Nein, das geht nicht, -lieber Pastor, daß nach mir sich ein Fremder hier hineinsetzt.“ - -„Das ist ein Grund, der sich hören läßt, Christoph. Es ist was Schönes, -wenn Familien in ihrem Besitz dauern. Doch ich wiederhole trotzdem -meinen Rat. Denn immer von Neuem müssen frische Kräfte unter die -geistigen Führer des Volkes emporsteigen. Frisches Blut muß gerade aus -dem Bauernstande den oberen Kreisen zugeführt werden.“ - -„Ich dächte, lieber Freund, tüchtige Kräfte täten jetzt vor allem der -Landwirtschaft not“, erwiderte der Schulze eifrig. „Immer schwerer wird -es uns Landwirten, die schlechten Zeiten zu überwinden. Ich stehe ja, -Gott sei Dank, noch fest in den Sielen, aber manchmal wünsche ich sehr, -ich hätte mehr gelernt. Drum möchte ich gern aus meinem Jungen einen -klugen Landwirt machen, der seinen Beruf aus dem Grund versteht und mit -dem Fortschritt der Zeit mitgeht.“ - -„Es ist schwer, dir darauf zu erwidern,“ meinte der Pfarrer, indem -er graue Dampfwolken nach einem Nachtfalter blies, der die Lampe -umschwirrte, „denn das sind vernünftige Worte. Natürlich, keinem Stand -gereicht ein kluger Kopf, ein tüchtiger Mann zur Unehre. Es ist jedoch -in unserm Fall ein Aber dabei. Ich meine nämlich, bei Kindern von -ungewöhnlicher Begabung müßten die Eltern doppelt vorsichtig sein, daß -sie sie nicht auf einen falschen Weg leiten, auf dem sie keine innere -Befriedigung finden. Deshalb ist es auch voreilig -- nimm mir das -Wort nicht übel, liebe Minna, schon jetzt zu wünschen, daß der Junge -Theologie studieren soll. Den Wunsch begreife ich, den haben viele -Mütter, -- meine hat ihn ja auch gehabt -- aber wenn die Kinder groß -werden, dann bekommen sie das Recht, sich ihren Beruf selbst zu wählen -.... Laß mich noch ein Wort sagen, Vetter Christoph, es wäre gar nicht -ausgeschlossen, daß dir der Junge von dem Wege abbiegt, den du ihm -vorschreiben willst. Deshalb möchte ich einen vermittelnden Vorschlag -machen: bring’ Franz, wenn er so weit ist, aufs Gymnasium. Die Stadt -ist so nahe, daß er mit einem tüchtigen Kunter morgens hinfahren und -nachmittags nach Hause kommen kann. So bleibt der Junge im Elternhause -und in Fühlung mit der Landwirtschaft und wir behalten ihn unter -den Augen. Zeigt er Sinn für deinen Beruf, so wollen wir ihn darin -bestärken. Wenn nicht -- so mußt du dich darin fügen und ihn seinen Weg -allein gehen lassen.“ - -Eine lange Pause entstand, bis der Pastor noch einmal das Wort nahm. -„Es braucht nicht heute oder morgen der Entschluß gefaßt zu werden, -die Sache eilt nicht. Noch ein Jahr oder zwei kann er zu Grigo in die -Dorfschule gehen; er lernt hier ebensoviel, wie in der Vorschule des -Gymnasiums.“ - -Er stand auf und bot Rosumek die Hand. „Überschlaft euch die Sache, -Vetter Christoph, wir sprechen später wieder einmal darüber. Gute -Nacht, gute Nacht, meine Lieben. Es ist spät geworden und für euch ist -beim ersten Morgengrauen die Nacht zu Ende.“ - -Pastor Uwis bot seiner Ehehälfte den Arm und wandelte mit ihr langsam -und nachdenklich durch die helle Mondnacht dem Pfarrerhof zu. Erst als -er daheim das Licht anzündete, brach er das Schweigen. „Ich glaube zu -bemerken, mein liebes Weib, daß du mit mir nicht ganz derselben Meinung -bist?“ - -„Ich wollte dir nicht widersprechen, aber nun will ich es dir offen -sagen: ich würde mich an deiner Stelle vor der Verantwortung scheuen, -die aus solch einem Rat entspringen kann. Wenn zum Beispiel der Junge -auf der Hochschule verbummelt?“ - -Pastor Uwis lachte laut auf. „Der Junge, der Franz soll verbummeln? -Nein, meine gute Amalie, du bist eine gute und auch eine kluge Frau, -aber eine Herzenskündigerin bist du nicht. Sonst müßtest du das Gold -in dem Charakter dieses kleinen Buben sehen.“ Nach einer kleinen -Pause fuhr er fort: „Weißt du, Frau, es ist mir ja manchmal schwer -angekommen, daß unsere Ehe kinderlos blieb, aber seit der Franz da ist, -habe ich mich getröstet. Der soll, wie Frau Jeanette Groterjahn seggt, -mein Erziehungssubstrat werden. Für den Erfolg stehe ich ein!“ - - - - -2. Kapitel - - -Im Schatten der alten Linde, auf grünem Rasen hatten die beiden an -Jahren so ungleichen Freunde ihre Schulstube aufgeschlagen. Franz saß -am Tisch, der Pfarrer ging vor ihm auf und ab und blies in den Pausen -seines Vortrages starke Wolken aus seiner langen Pfeife in die frische -Morgenluft. Er erzählte seinem Zögling von den alten Preußen und geriet -dabei immer mehr in Eifer, besonders wenn er auf seine engere Heimat, -Masuren, zu sprechen kam. Dort hatten die Bewohner, die Sudauer, dem -deutschen Ritterorden am längsten Widerstand geleistet. - -„Vergeblich habe ich nach einer Spur der Erinnerung in unserem -sangesfrohen Volksstamm geforscht. Hätten nicht die deutschen Eroberer -die Kunde davon bewahrt, dann wüßten wir nicht einmal, wo die Burg des -letzten Masurenhelden Skomand gestanden hat. Wie wär’s, ~mi fili~, wenn -wir morgen bei Sonnenaufgang den Marsch nach Skomenten unternähmen? -Abends kehren wir müde aber vergnügt nach Hause zurück. Der Tag -soll uns trotzdem nicht verloren gehen, denn als überzeugungstreue -Peripatetiker werden wir uns den Weg durch belehrende Gespräche kürzen.“ - -Wie ein Sturmwind flog der Knabe hinter dem Tisch hervor, wirbelte -seinen Lehrmeister ein paarmal rundum und schlug dann vor Freude ein -Rad nach dem anderen über den Rasen. Gerührt sah der Pastor eine Weile -dem Knaben zu, bis er ihn anrief: „Gib Ruhe, du Wildfang! Meinst wohl, -ich könnte meiner Würde in offenem Garten soweit vergessen, deinem -Beispiel zu folgen? Denn die Schnellkraft der Glieder sollte mir wohl -nicht fehlen. So, nun setz dich und gib acht, was ich dir sagen werde; -ich fürchte, deine Lustigkeit wird etwas nachlassen, wenn ich dir -sage, daß dieser Marsch für eine Weile der letzte sein wird, den wir -miteinander machen! Sieh mich nicht so erschreckt an, ~mi fili~! Du -bist jetzt dreizehn Jahre alt und hast die Kenntnisse der Obertertia -so ziemlich erreicht. Weiter kann ich dich nicht unterrichten. Es ist -dir auch sehr dienlich, daß du unter Altersgenossen kommst und dich an -ihnen abschleifst.“ - -„Grans’ nicht, großer Kerl du“, rief er gleich danach aus, als er sah, -daß dem Knaben die Tränen aus den Augen perlten. „Die Stadt ist so -nahe, daß du in jeder Woche mehrmals zu Fuß herwandern kannst, wenn -dein Vater dich in eine Pension bringt, was ich, unter uns gesagt, -nicht für ratsam hielte. Ich sehe, Vernunftgründe sind bei dir nicht -angebracht“, fuhr er nach einer Weile fort, als der Knabe still vor -sich hinweinte, „da soll dich die Arbeit trösten. Hier,“ er schlug ein -Buch auf, „diese beiden Stücke übersetzt du mir ins Französische.“ - -Er wandte sich schnell ab, der Gute, denn auch ihm war das Herz schwer -geworden. Sein eigenes Kind hätte ihm nicht lieber werden können, als -der frische Junge, der seine Liebe und Sorgfalt mit der rührendsten -Anhänglichkeit vergalt. Wie zwei gute Kameraden hatten sie miteinander -gelebt, der erfahrene, in sich gefestigte Mann und der schmiegsame -Knabe. Mit verschwenderischer Fülle hatte der Lehrmeister aus dem Born -seines Wissens die Samenkörnlein guter Lehren ausgestreut und nicht ein -einziges war auf unfruchtbaren Boden gefallen. Früh am Morgen kam Franz -mit seiner Mappe nach dem Pfarrhof gewandert. Bei gutem Wetter im -Sommer suchte man sich ein behagliches Plätzchen im Garten, im Winter -bot das Studierzimmer des Pastors schützendes Obdach. Am Nachmittag -machten Lehrer und Schüler große Spaziergänge, sie fuhren gemeinsam -angeln, sie wirtschafteten im Garten und im Felde. Mit peinlicher -Gewissenhaftigkeit suchte Pfarrer Uwis in seinem kleinen Genossen die -Liebe an der Landwirtschaft zu wecken. Er war glücklich, wenn Franz mit -Eifer am Morgen Vorfälle aus der väterlichen Wirtschaft berichtete oder -in der Erntezeit vom Sattelpferd aus das vierspännige Gespann lenkte. - -Und der Junge hatte wirklich Interesse an dem Beruf eines Landwirts -gefaßt. Er wußte in Hof und Feld genau Bescheid und beurteilte, wie -sein Vater dem Pfarrer mit Stolz erzählt hatte, ganz genau, ob ein -zweijähriges Fohlen im nächsten Jahr zur Remonte ausgehoben würde. - -Mit dem ersten Hahnenschrei waren die beiden Freunde am nächsten -Morgen aus den Betten gefahren und als der erste Sonnenstrahl über dem -See aufleuchtete, wanderten sie schon, die wohlgefüllten Ränzel auf -dem Rücken, dem Bergwald zu. Die herzerfrischende Kühle eines klaren -Sommermorgens umfing sie; hoch im Blau des Himmels jubilierte die -Lerche, an den Spitzen der Gräser glitzerten die Tautropfen. Der frisch -einsetzende Wind trieb die Nebelschwaden durch die Wipfel der hohen -Fichten an den Bergen entlang, bis sie unter den Strahlen der Sonne in -Nichts zerrannen. - -Aus dem hohen Roggen zu ihrer Rechten kam eilfertig ein Rebhuhnpaar -gelaufen, mit ausgebreiteten Flügeln schoß die Schar der Jungen -hinterdrein, keines größer als ein Sperling. Kaum waren sie im dichten -Kartoffelkraut verschwunden, da setzte im blinden Eifer mit großen -Sprüngen der Fuchs auf der frischen Spur hinterdrein. Mit komischem -Eifer schleuderte der Pfarrer seinen Wanderstock nach dem Rotrock, der -in jähem Schreck wie angewurzelt stehen geblieben war, bis der Wurf ihn -zurückscheuchte. - -„Sieh, mein Sohn, jetzt wird der Räuber eine Minute warten, bis er uns -weggehen hört und dann mit doppeltem Eifer der Spur folgen. Aber warte, -du Räuber! Sowie der erste Schnee die Felder deckt, erwische ich dich -im Eisen. Nicht umsonst bin ich im Forsthause aufgewachsen.“ - -„Weshalb bist du nicht Förster geworden, Onkel?“ fragte der Knabe. -„Davon hast du mir noch nichts erzählt.“ - -„Warte, mein Kind, bis wir in den Wald kommen, dann erzähle ich es dir.“ - -Eine Weile schon schritten sie zur Seite des Weges im Wald dahin, als -der Pastor begann: „Du hast gestern geweint, weil du eine kleine halbe -Meile von deinem Elternhause ein paar Jahre verleben mußt. Mir ist es -viel schlimmer gegangen.“ Und nun erzählte er mit verhaltener Stimme, -aus der wehmütige Erinnerung klang, von dem alten Forsthause tief in -der Johannisburger Heide, wo er fast eine Meile täglich hin und zurück -zur Schule laufen mußte. Wie ihn dann der Vater als achtjährigen Knaben -zur Schule nach Johannisburg gebracht und ihn am anderen Morgen vor -der Tür des Forsthauses im Grase schlafend gefunden. „So hab’ ich mich -gebangt und gesehnt nach dem Wald, dem See und den Bergen, daß ich -abends meinen Pensionseltern entwischte und durch die stockfinstere -Nacht und den rauschenden Wald der Heimat zuwanderte. Später brachte -mich der Vater nach Lyck aufs Gymnasium. Es waren gut acht Meilen nach -Hause, aber wenn mich die Sehnsucht faßte, dann bin ich die Nacht vom -Sonnabend zu Sonntag gelaufen, um ein paar Stunden am Sonntag zu Hause -schlafen zu können. In den Ferien habe ich den Vater auf Schritt und -Tritt begleitet, habe mit ihm gejagt und gefischt und wenn ich wieder -nach der Stadt zurück mußte, noch als erwachsener Junge geweint. Mein -ganzes Dichten und Trachten war nur darauf gerichtet, Förster zu werden -und ein ebenso tüchtiger Weidmann wie mein Vater. Aber meine Mutter -wollte etwas anderes. Ich sollte Pfarrer werden ..... ich bin es ja -auch geworden, doch davon erzähle ich dir später einmal, wenn du älter -bist.“ - -Er schwieg, und der Knabe war feinfühlig genug, seinen väterlichen -Freund nicht durch eine Frage in seinem Sinnen zu stören. Erst, als -sie von freier Höhe Umschau hielten und ihr Blick freudig über die -im Sonnenschein lachende Flur, die dunklen Wälder und die blinkenden -Spiegel in die Ferne schweifte, kam eine andere Stimmung über beide. -Der Pfarrer nahm die leichte Sommermütze ab und sprach mit bewegter -Stimme: - - „Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht über die Fluren - verstreut, schöner ein froh Gesicht, das den großen Gedanken deiner - Schöpfung noch einmal denkt.“ - -Und dann rief er mit heiterem Mut: „Laß uns unser Heimatlied -anstimmen!“ Mit kräftigem Baß setzte er ein: - - „Thal, Hügel und Hain! - Da wehen die Lüfte so frei und so kühn, - Möcht immer da sein, - Wo Söhne dem Vaterland kräftig erblühn! - Hold lächelt auf Seen und Höhen - Des Himmel Blau! - Die Wälder, die Seen, der Berge Sand, - Masovia lebe, mein Vaterland!“ - -„Das war ein prächtiger Mann, der Professor Dewischeit, der dies Lied -gedichtet hat,“ sprach er im Weitergehen, „ein vorzüglicher Lehrer, dem -allein ich es verdanke, daß ich nicht ein Taugenichts geworden bin.“ - -Sie hatten den Skomentener See umwandert, waren auf den Berg gestiegen, -auf dem vor Zeiten die Burg des Skomand stand und hatten die Gräben, -die von Gestrüpp überwucherten Steintrümmer überklettert, eifrig -bemüht, sich ein Bild der Veste zusammenzustellen. Jetzt lagen sie -unter der mächtigen Eiche, die einsam die spitze Bergkuppe krönt -und schauten über den See hinüber nach dem Dorfe Skomenten, dessen -schmucke Häuser aus freundlichem Grün hervorlugten. Sie hatten dem -Mundvorrat wacker zugesprochen, jetzt war ein behagliches Sinnen über -sie gekommen, bis Franz ganz unvermittelt fragte: „Onkel, was soll ich -werden?“ - -Mit jähem Ruck richtete sich der Pastor empor: „Mein Kind, denkst du -schon an solche Dinge?“ - -Der Junge nickte nachdenklich. „Ich weiß, die Mutter will, daß ich -Pfarrer werden soll, der Vater möchte am liebsten, daß ich den Hof -übernehme, bloß was du willst, weiß ich noch nicht recht; Naturforscher -oder Arzt? Was meinst du, Onkel?“ - -„Merkwürdig,“ brummte der Pastor, „daß solche Dinge dem Kinde -zufliegen, wie ein Lufthauch, von dem man nicht weiß, von wannen er -kommt.“ Lauter fuhr er fort: „Habe ich dir schon mit einem Worte davon -gesprochen, was du werden sollst?“ - -„Nein, Onkel.“ - -„Wie kommst du denn zu deiner Annahme?“ - -Über das Gesicht des Knaben huschte ein Lächeln. „Ja, sieh mal, Onkel, -wir haben so viel von Naturbeschreibung und Botanik gelernt, viel mehr -als die Gymnasiasten in der Stadt.“ - -„Na und?“ - -„Da habe ich mir gedacht, das kann ich doch nur brauchen, wenn ich eins -von beiden studiere.“ - -„Du büst ja gefährlich klook, min Söhn,“ antwortete der Pastor, der oft -und gern plattdeutsch sprach, „äwer dit Moal häst vorbidacht, un nimm -mi nich äwel, min Jung, dat ick di dat segg, du büst een Schafskopp. -Goah du man erscht noch e Johrener fiew to School und dann red’ wi noch -mal doräwer.“ - -Franz schwieg; er wußte, daß der Onkel, wenn er ihm in dieser Mundart -Anweisungen erteilte, keine Einwendungen wünschte. Dem Lehrmeister aber -schien nach einer Weile, als ob er nicht gut daran getan hätte, das -Gespräch so kurz abzubrechen. Deshalb nahm er den Faden wieder auf. -„Du weißt schon, wie es mir gegangen ist. Mir wurde der größte Wunsch -meiner Jugend versagt, ich bin etwas anderes geworden, als ich wollte, -aber ich lebe und bin zufrieden. Du weißt noch nicht einmal, was du -werden willst ....“ - -„O doch,“ warf der Knabe ein, froh, wieder antworten zu dürfen, „ich -weiß es schon, ich will studieren, alles lernen, was es bloß zu lernen -gibt.“ - -„Und dann?“ - -„Ja, was ich schließlich werde, weiß ich noch nicht.“ - -Erleichtert atmete der Pfarrer auf. „Dann will ich dir einen guten Rat -geben, mein Herzensjunge: lern’ und studier’, so viel du willst, deine -Eltern werden dir kein Hindernis in den Weg legen, aber vergiß nie, -was Vater und was Mutter wünschen. Und wenn deine Mutter auch etwas -anderes wünscht, als dein Vater, so wird sie ihm doch gern beistimmen, -wenn du dich für die Landwirtschaft entscheidest. Zuviel kann man nie -lernen, auch als zukünftiger Landwirt nicht. Und noch eins: gib mir -das Versprechen, wenn in dir jemals der Wunsch nach einem bestimmten -Beruf auftaucht, laß es mich zuerst wissen, damit wir gemeinsam einen -Entschluß fassen.“ Er hielt ihm die Hand hin, der Knabe schlug kräftig -ein. - - - - -3. Kapitel - - -Das Stadtleben behagte Franz viel besser, als alle angenommen hatten. -Sein Vater hatte ihn gegen den Rat des Pastors zu einem entfernten -Verwandten, dem Bäckermeister Scharner, in Pension gegeben. Dort fand -Franz einen gleichaltrigen Schulkameraden vor, der sich trotz seiner -geringen Begabung mit eisernem Fleiß aufwärts rang, Gottlieb Sefczyk, -den Sohn eines Steueraufsehers. Sutor -- der Name Sefczyk bedeutet -verdeutscht Schuster und war natürlich sofort ins Lateinische übersetzt -worden -- hatte von seinen Eltern so gut wie gar keine Unterstützung. -Der Bäckermeister, der mit seinem Vater aus demselben Dorfe stammte, -gab ihm freie Wohnung und Frühstück, wohlhabende Bürgersleute gaben ihm -Mittag und Abendbrot. Einen Tag der Woche aß er beim Gymnasialdirektor, -den zweiten bei einem Konditor, den dritten beim Gefängnisinspektor, -den vierten beim Pfarrer usw. War die Woche zu Ende, dann begann er -seinen Rundgang von neuem. Das war damals in der kleinen Stadt ein -allgemeiner Brauch, arme Knaben in dieser Weise zu unterstützen und -mancher wohlhabende Bürger hatte Tag aus Tag ein einen kleinen Gast zu -Tisch. Vom Gymnasium, das mit reichen Stiftungen begabt war, erhielt -Sutor freie Schule und Bücher, so daß seine Eltern nur die Kleidung zu -liefern brauchten. - -Wieviel arme Jungen haben sich in jenen Zeiten in dieser Weise zum -Studium emporgerungen! Meistens hatte schon ihr Vater eine ähnliche -Entwicklung durchgemacht. Ein ehrgeiziger Bauer oder Gutshandwerker -hatte seinen begabten Jungen nach der Stadt geschickt. Dort „schrieb“ -er auf dem Landratsamt oder bei einem Rechtsanwalt, bis er alt und -stark genug war, ins Heer zu treten, um auf Versorgung zu dienen und -später einmal einen kleinen Beamtenposten zu bekommen. Die geistige -Kraft, mit der solche Leute sich aus dem Bauernstamm herausgearbeitet -hatten, ging meistens auch auf ihre Söhne über. Die Eltern darbten und -sorgten, um den Jungen aufs Gymnasium zu bringen, damit er Theologie -studiere. - -Viele Männer in hohen Staatsstellungen können auf einen derartigen -Entwicklungsgang zurückblicken .... daß Söhne von reichen Bauern die -Universität besuchten, kam eigentlich viel seltener vor. Sie hatten -genau wie die Söhne der Großgrundbesitzer nur den Ehrgeiz, sich das -Zeugnis zum einjährig-freiwilligen Dienst zu ersitzen .. - -Franz machte eine rühmliche Ausnahme. - -Er „nahm“ die Klassen, wie ein edler Renner das Hindernis, stets als -Erster, gefolgt von seinem treuen Sutor, der mit eisernem Fleiß sich -hinüberrang. An schulfreien Nachmittagen packte Franz seinen Tornister -und lief hinaus nach Schwentainen. Dann saßen die beiden Freunde -wie ehedem in einem schattigen Winkel des Gartens bei ihren Büchern -beisammen. Am Sonntag brachte Franz seinen Freund Sutor mit, dann -streiften sie nachmittags zu dreien durch die Wälder, bis die Sonne -sank. - -Die alten Rosumeks hatten wohl manchmal den stillen Wunsch, daß ihr -Junge seine freie Zeit mehr im Elternhause verbringen möchte. Trotzdem -fanden sie es ganz natürlich, daß er mehr im Pfarrhause saß als zu -Hause. Der Pastor war ja nicht nur sein Onkel, sondern auch sein -Freund und Lehrmeister. Die Mutter sah in den Jungen wie in einen -Spiegel. Und auch der Vater war stolz auf die Fortschritte seines -Sohnes. Er war ein ernster, wortkarger Mann, der mit fester Hand das -große Dorf nach seinem Willen lenkte. Aber nie konnte er es über sein -Herz bringen, mit Franz über seinen zukünftigen Beruf zu sprechen. - -Desto öfter tat es die Mutter. Wo irgend die Gelegenheit sich bot, -erzählte sie ihrem Liebling, wie sehr sie sich darauf freue, ihn erst -als Hilfsprediger bei Onkel Uwis und dann als seinen Nachfolger auf der -Kanzel zu sehen. Trotzdem wußten beide Eltern noch nicht, wozu Franz -eigentlich recht Neigung hatte. Wenn der kräftige Bursch mit einem Zaum -nach dem Roßgarten ging, sich eins der jungen Pferde einfing und nach -scharfem Ritt staubbedeckt wiederkehrte, dann freute sich der Vater im -stillen, weil er meinte, es sei ein Zeichen für sein Interesse an der -Landwirtschaft. Oder er nahm den Jungen und ging mit ihm hinaus aufs -Feld, um ihm die neuen Getreidesorten zu zeigen, mit denen er Jahr aus -Jahr ein Versuche anstellte. - -So verging die Zeit. Franz saß bereits auf Prima. Aus dem frischen -Knaben war ein flotter Jüngling geworden, der Liebling der Lehrer und -seiner Mitschüler. Damals -- heute soll es ja anders sein -- gab es ein -Sängerkränzchen und einen Fechtklub auf dem Gymnasium. Der Direktor, -ein energischer Mann, der strenge Zucht übte, hatte beide Vereinigungen -erlaubt, allerdings unter steter Kontrolle. Und sein Prinzip bewährte -sich. Die Schüler der beiden oberen Klassen hüteten sich, das Bestehen -der Vereine durch unerlaubte Kneipereien zu gefährden. Durften sie doch -in jedem Vierteljahr eine offizielle Kneipe abhalten, und die jüngeren -Lehrer, die daran teilnahmen, hatten nur den Auftrag, zu verhindern, -daß die fröhliche Kneiperei in ein wüstes Gelage ausarte. In beiden -Vereinen war Franz an der Spitze. Er focht eine ausgezeichnete Klinge -und wurde von den älteren Schulkameraden, die zu den Ferien als -Korpsstudenten nach Hause kamen, eifrig umworben. - -So kam der Tag des Abiturientenexamens heran. Franz hatte das -Schriftliche gut „gebaut“ und sah der mündlichen Prüfung ohne jede -Aufregung entgegen. „Ängstige dich nicht,“ meinte er trocken zur -Mutter, „wenn ich nicht dispensiert werde, ist es mir umso lieber, -denn ich möchte gern sehen, wie es bei dem Mündlichen zugeht. Was da -gefragt werden kann, weiß ich alles.“ - -Am Tage vorher kam er nach Hause und saß mit den Eltern und dem Ehepaar -Uwis vergnügt einige Stunden zusammen. Am anderen Morgen stand er -zeitig auf, steckte sich eine lange Pfeife an und sah der Mutter zu, -die ihm das neue, gestickte Hemd plättete, das er zu seinem Ehrentage -anziehen sollte. Dann fuhr er in die schwarzen Kleider, küßte Vater und -Mutter und wanderte frohen Muts der Stadt zu. Kurz nach Mittag sollte -Ludwig, der alte Großknecht, ihn mit den Trakehner Rappen von Scharners -abholen. - -Das ganze Dorf war in Aufregung. So lange man sich erinnern konnte, war -kein Bauernsohn Student geworden. Und nun hatte der Erbschulze alle -Besitzer zu einer großen Festlichkeit eingeladen. Hinter dem Hause -im Garten war eine große Tafel aufgestellt, daran saßen die Bauern, -schwangen kräftig die Steinkrüge voll Bier und ließen den Herrn Studios -hochleben; sie feierten das Ereignis schon als selbstverständlich. -Die Mutter stand oben am Fenster der Giebelstube, wo sie den Weg ein -Stück übersehen konnte. Die Hände flogen ihr vor Erregung, während sie -mechanisch an einem langen Strumpf strickte. Ab und zu mußte sie sich -einen Augenblick setzen, die Füße drohten ihr den Dienst zu versagen. -Da -- oben -- wo der Weg vom Berge zum Dorf abbiegt, leuchtet es rot -auf ... Sollte Franz zu Fuß kommen? Nein, es ist das Kopftuch eines -Weibes, aber die Frau läuft, was die Füße sie tragen, sie bringt -Nachricht, sonst würde sie sich nicht so beeilen. - -Am Hoftor steht atemlos die Sceska, nur stückweis kann sie die Kunde -von sich geben. - -„Ich hab ihn gesehen, den jungen Herrn, mit der roten Mütze -- -- Alle -standen sie vor der Tür, die Menschen .... Er mußt’ hier ansprechen und -dort ansprechen .... sie lassen ja keinen vorbei, die Menschen! Und bei -Scharners hatten sie in der Veranda Wein aufgestellt und Kuchen und da -haben sie mit den Gläsern angestoßen und hoch gerufen.“ - -Der Vater Rosumek drückte dem Weib einen harten Taler in die Hand und -faßte seine Frau um, der vor Freude die hellen Tränen über das Gesicht -rollten .... Es war eine schöne Sitte in dem kleinen Städtchen anno -dazumal, diese freudige Teilnahme an dem Geschick der Gymnasiasten. -Noch gab es dort keine Offiziere und schneidige Referendare, -unumschränkt herrschte der Primaner in den Herzen der Stadt. Die Bürger -kannten jeden einzelnen, der heut im Examen schwitzte. Die Aussichten -eines jeden, die Prüfung zu bestehen, waren öffentliches Geheimnis. -Und wenn dann die Pforte des stattlichen Gebäudes sich auftat, und die -frischen Jünglinge in freudiger Erregung hinausstürmten, dann standen -Freunde und Verwandte da, um sie mit den Zeichen der neuen Würde, -mit der roten Mütze und einem Albertus, einer goldenen Nadel mit dem -Bildnis des Stifters der Albertina, zu schmücken. - -Und welch ein Jubel die einzige Straße des Städtchens hinab! Auf den -Treppen vor ihren Häusern haben die Bürger Wein und Kuchen aufgestellt. -Treuherzig treten sie an die Jünglinge, mit denen sie kaum sonst ein -Wort gewechselt, heran und laden sie zu einem Festtrunk im Vorbeigehen -ein. Heute ist alles wie eine große Familie. Die Jünglinge haben ihr -Examen bestanden, jetzt sind’s nicht mehr „die Primanerchen“, sondern -die Herren Abiturienten, die zukünftigen Pastoren, Doktoren und Richter! - -Es war ein anstrengender Tag für Franz, für Vater Rosumek und Pastor -Uwis gewesen. Erst die Feier zu Hause und dann der solenne Kommers in -der Stadt, der bis zum Morgen währte. Sorgsam hatte die Mutter das -Fenster der Giebelstube, in der Franz schlief, mit einer dunklen Decke -verhängt. Ihr Sohn hatte sich gestern viel tapferer gehalten, als sein -Vater und sogar als der Pastor, dem, wie er sagte, die Erinnerung -an vergangene Zeiten zu Kopf gestiegen war. Nun saß sie am Bett -ihres Lieblings und scheuchte die vorwitzigen Fliegen, die trotz des -künstlichen Halbdunkels die Stube durchschwirrten. Erst als Franz sich -zu recken begann, schlich sie leise hinaus, um einen starken Kaffee zu -brauen, wie ihn Vater Rosumek nach anstrengenden Festen zu verlangen -pflegte. Vorher aber legte sie noch die rote Mütze, die über und über -mit goldenen und silbernen Nadeln besteckt war, dem Sohn aufs Deckbett, -daß sein erster Blick darauffallen mußte. - -Langsam öffnete Franz die Augen. Gewohnheitsmäßig drehte er den Kopf -zur Wand, wo seine Taschenuhr zu hängen pflegte, sie war nicht an -der gewohnten Stelle. Da fiel sein Blick auf die rote Mütze. Ein -wundersames Gefühl überkam ihn. Über den roten Schimmer hinaus sah er -in die Zukunft, die sich vor ihm auftat, wie in ein Wunderland, vor -dessen Pforten er lange mit heißer Sehnsucht auf Einlaß geharrt. Es -waren keine festumgrenzten Gedanken, nur ein mächtiges, heißes Gefühl. - -Die Sonne stand schon tief im Westen, als Franz zum Pfarrhof ging. -Ohne es zu wissen, hatte er einen kleinen Umweg gemacht, zu dem -kleinen Häuschen, wo die Lehrerwitwe Grigo wohnte. Den guten Mann, der -ihm prophezeit, daß er ein „schöner Schreiber“ werden würde, deckte -schon seit einem Jahr der kühle Rasen. Seine Frau ernährte sich und -ihr Töchterchen neben der kargen Pension durch Schneiderei für die -Bauernfrauen. - -Vor der Thür stand die kleine Lotte, ein herziges Mädel von vierzehn -Jahren mit kornblumenblauen, großen Augen und langen Hängezöpfen, als -wenn sie ihn erwartete. Und es mußte wohl wirklich der Fall sein, denn -als er die Gartentür öffnete, sprang Lotte auf ihn zu und steckte ihm -einen goldenen Albertus in die Rockklappe. Dann faßte sie ihn um den -Hals und gab ihm einen herzhaften Kuß. „Es ist ein Gruß von meinem -Väterchen, er hat ihn gekauft, als er zum letztenmal in der Stadt war. -Nimm ihn von uns als ein Zeichen unserer Liebe und Teilnahme.“ - -Pastor Uwis ging mit seiner langen Pfeife im Garten spazieren. Er hatte -die Folgen der Feier schon überwunden und dampfte mächtige Rauchwolken -in die kühle Abendluft. Als Franz den Gang entlang ihm entgegenkam, -streckte er ihm schon von weitem beide Hände entgegen: „Nun, mein -lieber Freund, wie hast du die Anstrengungen deines Ehrentages -überwunden? Meine Hausehre behauptet, ich hätte gestern des Guten etwas -zuviel getan. Doch das ist meines Erachtens eine ~contradictio in -adjecto~, denn des Guten kann man nie zuviel tun. Hätte sie behauptet, -daß ich zuviel Bowle getrunken, dann hätte ich nicht widersprechen -können. Denn unter uns Kollegen gesagt, wir haben gestern etwas stark -dem alten Heiden Bacchus geopfert.“ - -Er zog den Jungen an sich und küßte ihn herzlich. „~Mi fili~, mein Herz -ist fröhlich und doch betrübt. Nun wirst du von uns gehen in die weite -Welt und wirst den alten Uwis allein lassen .... Kinder hat uns der -liebe Gott versagt, dafür warst du uns wie ein Sohn ans Herz gewachsen -.... doch der Mensch soll nicht undankbar sein ....“ Er faßte ihn -unter den Arm. „Komm zu Tante, sie sitzt in der Laube und bewacht -ein paar Weißköpfe, die in dem kühlen Erdreich unter der Linde ihrer -Auferstehung entgegenschlummern.“ - - - - -4. Kapitel - - -Der Herbst hatte seine bunten Farben über den Wald gestreut. In allen -Schattierungen von gelb und rot leuchteten die Laubhölzer und Sträucher -zwischen dem dunklen Grün der Fichten und den fahlen Stämmen der -Kiefern. - -Die Stare hatten sich bereits zu großen Gesellschaften vereinigt, bald -brausten sie zu einer Wolke geballt durch die Luft und übten Flugkünste -für die weite Fahrt nach dem Süden, bald saßen sie schwatzend und -lärmend in den Rohrkampen des Flusses. Die Sonne lachte dazu vom -wolkenlosen Himmel. Lange weiße Fäden segelten mit dem schwachen Winde -über die Erde, hafteten an Baum und Strauch und wehten wie Wimpel vom -Mast der Schiffe. Ab und zu stieg eine Lerche vom Stoppelfeld empor, um -nach kurzem Sang wieder herunterzugleiten. - -Es lag wie ein Abschiednehmen auf der Flur, aber nicht die Wehmut einer -Trennung für immer, nein, bei diesem Abschied klang daneben schon das -hoffnungsfreudige „Auf Wiedersehn“, „Auf baldiges Wiedersehn“. - -Vom Walde her kam ein Grünrock dahergeschritten, das Bild eines -kernigen deutschen Weidmanns, groß gewachsen, breitschultrig, mit -langwallendem Bart, in dessen Dunkel das herannahende Alter schon die -ersten weißen Fäden gewebt hatte. Sein scharfes Auge hatte bereits den -Trupp Reiter entdeckt, der im behaglichen Schritt herangeritten kam. -Keine Waffe blitzte, keine Farben strahlten, denn die bunte Pracht der -Uniform war einem stumpfen Grau gewichen. Nur die strenge Ordnung der -Reiter verriet, daß es eine Abteilung Dragoner aus der nahen Kreisstadt -war. Der Forstmeister hob schon von weitem grüßend und winkend die -Hand, als er die an der Spitze reitenden Offiziere erkannte. Es waren -ihm liebe Freunde, die schon oft an seinem gastlichen Tisch gesessen. -Der Major Aldenhoven verhielt den Gaul. „Guten Tag, Herr Forstmeister, -können wir ein Stündchen bei Ihnen rasten?“ - -„Ich bitte darum, Herr Major.“ - -Er trat an den Reiter heran und reichte ihm die Hand. „Das schöne -Wetter hat wohl die Herren zu einem Spazierritt verführt?“ - -Der Major lachte: „Stimmt auffällig, Herr Forstmeister, nur verbinden -wir damit einen kleinen Nebenzweck. Ich will meinen Offizieren und -Mannschaften das Gelände bis zur Grenze einprägen.“ - -Auf dem geräumigen Hof der Oberförsterei stiegen die Dragoner ab. Die -Offiziere folgten dem Grünrock in das Haus, wo die freundliche Hausfrau -mit zauberhafter Schnelligkeit ein kräftiges Frühstück auftragen ließ. -Als die Gläser zu dem ostpreußischen Nationalgetränk auf den Tisch -gestellt wurden, rief der Major lachend: „Aber, lieber Forstmeister, es -stehen heute wirklich keine Grogzeichen am Himmel.“ - -„Die haben wir nur für Fremdlinge erfunden, lieber Major, wir -Eingeborenen brauchen diesen Vorwand zum Grogtrinken nicht“, erwiderte -der Grünrock lachend. „Sind Sie schon auf dem Heimwege?“ - -„Ach nein, so leicht nehmen wir den königlich-preußischen Dienst nicht, -wir reiten nachher noch Ihre Forst ab und kehren erst gegen Abend heim.“ - -„Glauben Sie denn ...., daß es bald losgeht?“ - -„Wir erwarten und hoffen es ....“ - -„Und Sie meinen, daß die Kämpfe sich hier abspielen werden?“ - -„In den ersten Tagen sicherlich. Dann werden wir von den Russen mit -gewaltiger Übermacht zurückgedrängt.“ Er führte mit der geballten Faust -einen Hieb durch die Luft: „Es ist ein Jammer, und eine Schande, daß -man Ostpreußen so schutzlos läßt.“ - -„Ja,“ warf der Forstmeister ein, „die Regierung dürfte sich mit der -Ablehnung der zwei Armeekorps nicht zufrieden geben, sondern den -Reichstag zum Deuwel jagen.“ - -„Vor allem hätte sie auf den geforderten sechs Kavallerieregimentern -bestehen müssen! Wissen Sie, was wir meinen? Daß Ostpreußen bis zur -Weichsel aufgegeben werden soll.“ - -„Das ist doch aber nicht möglich, eine ganze große, blühende Provinz -kampflos dem Feind überlassen“, rief der Grünrock heftig. - -Der Major zuckte die Achseln. „Es wird wahrscheinlich notwendig sein. -Ich kann es ja wohl hier im vertrauten Kreise aussprechen, daß wir -bestimmt mit einem Krieg nach zwei Fronten zu rechnen haben, und -der Plan des Generalstabes soll dahin gehen, nicht unsere Kräfte zu -teilen, sondern erst die Franzosen mit gewaltiger Übermacht schnell zu -erdrücken, um uns dann mit allen Kräften gegen die Russen zu werfen.“ - -„Ach, unser armes Ostpreußen“, warf der Forstmeister ein. - -„Ja,“ sagte der Rittmeister von Kobylinski mit grimmiger Stimme, „die -Herren in Berlin spielen wie auf einem Schachbrett, aber was unsere -Heimat zu tragen haben wird, wieviel Werte und Menschenleben verloren -gehen!“ - -„Wann erwarten Sie denn den Krieg, Herr Major“, fragte die freundliche -Gattin des Hausherrn, nachdem sie die Herren zu Tisch gebeten und die -Gläser gefüllt hatte. - -„Das ist schwer zu sagen, gnädige Frau. Es kann noch ein paar Jahre -dauern, es kann aber auch heute oder morgen losgehen. Die Russen häufen -immer mehr Truppen an unserer Grenze an ....“ - -„Sind wir darüber so genau unterrichtet?“ - -„Das kann wohl nicht verborgen bleiben, gnädige Frau. Aber so genau, -wie es wünschenswert wäre, sind wir leider nicht unterrichtet.“ - -„Ich wüßte eine Quelle, aus der Sie so manches erfahren könnten.“ - -„Ach, das wäre ja famos,“ rief der Major, „darf ich erfahren ....?“ - -„Gewiß,“ fiel der Forstmeister ein, „wir haben hier einen Mann, der -drüben in Rußland sehr gut Bescheid weiß. Es ist noch ein Schulkamerad -von mir. Ich glaube, er hat sich bis zur Obertertia hinaufgesessen und -wurde nach längerem Aufenthalt in jeder Klasse ‚~propter barbam et -staturam~‘ versetzt, dann mußte er abgehen, weil sein Vater starb und -die Familie in traurigen Verhältnissen zurückließ. Er trat bei einem -Fleischermeister in die Lehre, später verlor ich ihn aus dem Auge. -Im vorigen Herbst, als der Bahnbau hier beginnen sollte, erschien -er bei mir. Er wollte die Kantine für die Bahnarbeiter übernehmen. -Dabei erzählte er mir, daß er sich lange Jahre in Russisch-Polen als -Aufkäufer und Viehtreiber herumgetrieben und sich dabei etwas Geld -zurückgelegt hätte, mit dem er nun ein seßhaftes Leben beginnen wollte. -Ich verschaffte ihm die Genehmigung und überließ ihm einen Platz im -Walde, wo er sich eine Bretterbude aufbaute.“ - -„Ach, das ist ja der Grinda in der Waldschänke“, rief der Major aus. -„Glauben Sie wirklich, daß der Mann Bescheid weiß?“ - -„Sie werden staunen. Ich werde Sie mit ihm, sobald wir hier fertig -sind, bekanntmachen. Er pflegt sonst sehr zurückhaltend zu sein.“ - -Eine halbe Stunde später brachen die Offiziere zu der nicht weit -entfernten Waldschenke auf. Es war ein schmuckloser Bretterbau, der -vorn einen kleinen Ausschank und daneben eine etwas größere Gaststube -enthielt. Bei ihrem Eintritt sprang ein junges Mädchen auf und eilte -aus der Tür. Von dem stark versessenen Ledersofa erhob sich ein junger -Mann. - -„Mein Sohn Walter, ~stud. jur.~“, stellte der Forstmeister ihn vor. -Eine Wolke des Unmuts lag auf seiner Stirn. „Ruf uns mal den Grinda -her, ich habe mit ihm zu sprechen.“ - -Der junge Mann verschwand. - -Bald darauf trat der Gastwirt ein und begrüßte seine Gäste durch eine -leichte Verbeugung. „Was steht zu Diensten?“ - -Der Forstmeister reichte ihm die Hand. „Erst sorg’ man für Grog, für -dich auch einen, und dann setz’ dich zu uns. Ich möchte dir etwas von -deinen Künsten abfragen.“ - -Der Krugwirt, ein starker Mann mit glattrasiertem Gesicht, kniff -verschmitzt lachend ein Auge zu. „Das wird dir wohl nicht gelingen, -Forstmeister.“ - -„Weshalb denn nicht?“ - -„Es sind mir zuviel Ohren da.“ - -„Würden Sie mir und dem Herrn Forstmeister Auskunft geben“, fiel der -Major ein. - -Grinda hob die Hand und rieb den Daumen am Zeigefinger. - -„Das soll kein Hindernis sein“, antwortete der Major kühl auf die -Handbewegung. Auf seinen Wink verließen die anderen Offiziere das -Zimmer. Draußen zwischen den Bäumen standen einige Tische, und bei -dem warmen Sonnenschein konnte man bei einem Glas Grog auch im Freien -sitzen. Bald darauf trat die Nichte Grindas mit den Gläsern ein. Ein -zierliches Mädel mit blanken Augen und schwarzem Wuschelhaar. Sie -grüßte mit einem tiefen Knicks und entfernte sich. - -„Ihr Sohn hat einen guten Geschmack“, meinte der Major lächelnd. - -Der Forstmeister runzelte die Stirn. „Leider!“ - -„Aber, lieber Freund, es ist doch merkwürdig, daß die Väter ihren -heranwachsenden Söhnen gegenüber immer so tun, als wenn sie die eigene -Jugend vergessen hätten. Ein kleines lyrisches Intermezzo während der -Ferien ....“ - -Der Grünrock kam nicht zur Antwort, denn Grinda trat ein. - -„Also, Herr Grinda, wir möchten von Ihnen erfahren, was sie über -die Standorte der russischen Truppen wissen und was sie für ihre -Mitteilungen beanspruchen.“ - -Der Gastwirt ließ sich am Tisch nieder und rührte in seinem Glas. - -„Zuerst muß ich einen Irrtum berichtigen, Herr Major. Das Daumenwackeln -war nur ein Scherz von mir. Ich beanspruche selbstverständlich nichts -für meine Mitteilungen. Meine Nachrichten sind überdies reichlich ein -Jahr alt. Während der Zeit kann sich vieles verändert haben. Aber -nehmen Sie Ihr Notizbuch zur Hand und schreiben Sie ....“ - -„Gleich hinter Kibarty liegen zwei Regimenter Kubankosaken in einem -Barackenlager in voller Kriegsstärke ... haben Sie? Bei Suwalky steht -das 1. Finnländische Dragonerregiment.“ - -„Donnerwetter,“ fuhr der Major auf, „irren Sie sich auch nicht, -Grinda?“ - -„Im vorigen Herbst standen sie da, Herr Major. Ich beanspruche volles -Vertrauen.“ - -„Das hast du, lieber Grinda“, fiel der Forstmeister ein. - -Nun gab es keine Unterbrechung mehr, nur manchmal schüttelte der Major -den Kopf. - -Wie am Schnürchen zählte Grinda die Orte und die darin stehenden -russischen Truppen auf. Ja, noch mehr, er wußte auch, wo die Stäbe -lagen. - -In deutlicher Erregung reichte ihm der Major, als er nichts mehr -anzugeben wußte, die Hand. - -„Herr Grinda, Sie haben dem Vaterland einen sehr großen Dienst -geleistet. Ich berichte das heute noch nach Berlin. Ihr Name bleibt -selbstverständlich völlig aus dem Spiel. Und nun eine Frage: würden Sie -sich bereitfinden lassen, jetzt nochmal nach Rußland hineinzufahren, um -neuere Nachrichten zu holen?“ - -„Herr Major, Sie wissen, was ich dabei riskiere! Und ich kann hier -meine Nichte nicht allein im Geschäft lassen.“ - -„Es muß sich machen lassen“, rief der Major laut. „Ich will mich dafür -einsetzen, daß Sie nach dieser Fahrt sorgenlos einen behaglichen -Lebensabend genießen können.“ - -„Wenn ich einen Stellvertreter für mich hier finde, will ich es nochmal -wagen.“ - -Als die Herren nach einer längeren Unterhaltung über Ziel und Zweck der -Reise aus der Schänke traten, fanden sie die jüngeren Offiziere mit dem -Sohn des Forstmeisters in angeregter Unterhaltung. Er beendete eben -eine Jagdschnurre, deren Spitze stürmische Heiterkeit hervorrief. - -„Ihr Sohn scheint Ihr Talent geerbt zu haben“, meinte der Major lachend. - -„Ja, das ist auch das einzige, was er von mir geerbt hat“, erwiderte -der Grünrock brummig. - -Eine Viertelstunde später ritten die Dragoner unter Führung des -Rittmeisters von Kobylinski weiter, während der Major nach der -Stadt zurückkehrte, um sofort einen langen Bericht an den Obersten -Generalstab zu verfassen. - -Der Forstmeister nahm sich noch vor Tisch seinen ungeratenen Sprößling -vor. Schon von klein auf hatte er ihm Sorgen gemacht. Er hatte keinen -Trieb zum Lernen und hatte nur durch seine große Begabung die Schule -überwunden. Auf den oberen Klassen hatte er bereits, von der Mutter, -die ihm heimlich Geld zusteckte, verhätschelt und verwöhnt, ein -lockeres Leben geführt. - -Auf der Hochschule geriet er ganz außer Rand und Band. In der ersten -Zeit hatte er noch in der Burschenschaft, in die er eintrat, etwas Halt -gefunden. Nachdem er sich von hier getrennt, was nicht ganz freiwillig -geschah, geriet er in eine Gesellschaft gleichgesinnter Kumpane, machte -die Nacht zum Tage, jeute und machte Schulden. Der Vater zweifelte -daran, daß Walter auch nur ein Kolleg besucht und überhaupt etwas -gearbeitet hatte. Dabei besaß der Schlingel Eigenschaften, die ihn -überall beliebt machten. Er war trotz seines Bummellebens ein flotter -Jüngling, gewandt in allen Leibesübungen, ein flotter Tänzer und zu -Hause in den Ferien ein unermüdlicher Jäger und sicherer Schütze. - -Die Mutter hielt ihm dem Vater gegenüber immer noch die Stange. Sie -hatte für den einzigen Sohn immer die Sprichwörter in Bereitschaft, die -der Jugend das Recht zusprechen, sich auszutoben, und von dem gärenden -Most einen guten Wein erhoffen. Der Vater sah tiefer. Er wußte, daß -sein Sohn schon jeden Halt verloren hatte, daß er ohne jede Hemmung -sich in Gesellschaften unwürdiger Gesellen, die in jeder Beziehung -unter ihm standen, betrank. Das hatte er noch vor kurzem eines Abends -in der Waldschänke mit dem verkommenen Gesindel, das an der Eisenbahn -arbeitete, getan. - -Sein häufiger Besuch dort galt natürlich in erster Linie der hübschen -Olga. Sie hielt sich unter den jungen Männern, die dort nur ihretwegen -verkehrten, als Blümlein „Rührmichnichtan“. Jawohl, es konnte nur ein -lyrisches Intermezzo für Walter sein. Aber ebensogut konnte er an dem -Mädel hängen bleiben, wenn es darauf ausging, den flotten Jüngling -dingfest zu machen. - -Mit großem Geschick spielte Walter vor dem alten Herrn den -zerknirschten, reuigen Sünder und gelobte Besserung. Er werde im -nächsten Semester sich schon zum Examen einpauken lassen und den -Referendar machen. Mit der Olga sei es eine kleine unschuldige -Tändelei. Das Mädel sei übrigens hoch achtbar und ließe sich von keinem -ihrer zahlreichen Verehrer zu nahe treten. - -Ein paar Stunden später, als der Vater weggefahren war, saß Walter -wieder in der Waldschenke. Er war der einzige Gast, auch der Onkel war -nicht zu Hause. Das lyrische Intermezzo zwischen den beiden sah ganz -nach einem ernsthaften Liebesverhältnis aus. Mitten zwischen Kosen und -Scherzen erzählte ihm Olga von dem Gespräch zwischen ihrem Onkel und -dem Major, das sie durch die dünne Bretterwand belauscht hatte. Ihr -Onkel werde demnächst als Spion nach Rußland fahren und damit schweres -Geld verdienen. Walter zeigte dafür kein Interesse. Ihm war das Kosen -mit dem süßen Mädel, das in seinem Arm erglüht war, wichtiger. - -Am nächsten Abend war der Forstmeister nicht zu Hause. Walter -schmeichelte der Mutter Geld ab und fuhr zu Rad in die Stadt. Die -moderne Zeit hatte auch in die kleine masurische Stadt schon ihren -Einzug gehalten. Es gab dort seit dem letzten Winter ein Caféhaus, in -dem die sogenannte gute Gesellschaft und auch die Offiziere der beiden -dort liegenden Regimenter verkehrten, um bei einer Tasse Mocca oder -anderen Getränken leichte Unterhaltungsmusik zu genießen. Für Walter -hatte das am Tage so ehrbare Lokal noch eine andere Anziehungskraft. -Wenn der Abend vorrückte, fand sich in zwei verschwiegenen -Hinterzimmern, an runden, grünbezogenen Tischen, eine recht gemischte -Gesellschaft ein, die sich mit Mauscheln, Pokern, Bak und ähnlichen -Unterhaltungsspielen die Zeit vertrieb, bei der die Mehrzahl -derjenigen, die nicht alle werden, von einer kleinen Minderheit gerupft -wird. - -Walter fand bei seinem Eintritt einen großen Tisch von jüngeren -Offizieren besetzt, die ihm zum Teil bekannt waren. Er wurde -herangerufen und bestellte sich ein Glas Pilsener. Als die Musik um -zehn Uhr schwieg, verließen die Familien das Lokal. Auch an dem Tisch -der Offiziere wurde es leerer. Die Zurückbleibenden rückten enger -zusammen. Die Unterhaltung hatte sich militärischen Dingen zugewandt. -Es waren fast alles jüngere Leute, die mit mehr Eifer als Sachkenntnis -die Aussichten eines Krieges mit Rußland, der wie eine drohende Wolke -am Himmel stand, erörterten. Allgemein herrschte die Ansicht vor, -daß man wenigstens in der ersten Zeit zu einem Abwehrkrieg genötigt -sein werde. Es war nur die Frage, ob Ostpreußen bis zur Weichsel -preisgegeben werden müßte, oder ob man den Russen an der Masurischen -Seenkette und ihrer Fortsetzung nach Norden, an der Angeraplinie, würde -Widerstand leisten können. - -Der Oberkellner, ein schlanker, nicht mehr ganz junger Mann mit -ungewöhnlich feingeschnittenem Gesicht und scharfen Augen, bediente -die Offiziere selbst. Es fiel niemand auf, daß er beim Auswechseln -der geleerten und vollen Gläser sich wenig beeilte. Er hatte schon -bei Eröffnung des Cafés seine Stelle angetreten und war allgemein -beliebt, weil er seine zahlreichen Gäste mit großer Gewandtheit und -Aufmerksamkeit bediente. Ja, er hatte vertrauenswürdigen Kunden selbst -das Stichwort gegeben, mit dem sie unauffällig ihre Zeche schuldig -bleiben konnten. Das war die Geschichte von den zehn polnischen -Königen. Sie lautete: „Zehn polnische Könige saßen unter einem Palmbaum -und tranken Tee. Da kam eine Klapperschlange, glatt wie Öl. Darüber -erschraken die Könige, stülpten ihre Kronen auf das Haupt und riefen: -‚Kellner, wir zahlen morgen.‘“ - -Man brauchte ihn nur an diese Geschichte zu erinnern, dann lächelte er -verbindlich und verbeugte sich. - -Als die Offiziere gegangen waren, verfügte sich Walter in das -Spielzimmer. Das Glück, das er in der Liebe entwickelte, war -entschieden seinem Erfolg beim Spiel hinderlich. In einer Stunde hatte -er seinen Barvorrat verloren. Möglichst unauffällig ging er dem Ober, -der mit leeren Gläsern das Zimmer verließ, an das Büfett nach, um -ihn anzupumpen. Mit verbindlicher Miene griff der Ober in die Tasche -und legte ihm zehn Doppelkronen auf den Tisch. Nun hielt er sich mit -wechselndem Glück zwei Stunden über Wasser, bis der Ober zum Aufbruch -mahnte. Walter hatte viel getrunken, aber er hatte noch keine Lust, -nach Hause zu fahren. Er lud den Ober zu einer guten Flasche Rotwein -ein. Lächelnd nahm der Mann die Einladung an und brachte nicht nur die -Flasche Rotwein, sondern auch zwei große Kognaks, zu denen er einlud. - -„Ist es Ihnen nicht schwer, Ober,“ begann Walter das Gespräch, „so -enthaltsam zwischen all den trinkenden Gästen zu stehen?“ - -„Nicht im geringsten, Herr Studiosus, ich habe so viel zu tun, daß ich -einen klaren Kopf behalten muß.“ - -„Ja, da bewundere ich Sie“, erwiderte Walter mit dem Bestreben, -ihm etwas Angenehmes zu sagen. „Und die vielen Gespräche, die Sie -umschwirren.“ - -Der Ober lächelte: „Die stören mich nicht, man hört ja nur Bruchstücke, -die nicht interessieren können. An ihrem Tisch hätte ich heute -allerdings gern zugehört, es wurde, wie ich glaube, über einen Krieg -mit Rußland gesprochen. Sind die Herren Offiziere wirklich der Ansicht, -daß es bald losgeht?“ - -„Unter allen Umständen,“ erwiderte Walter, „es kann heute oder morgen -schon zum Klappen kommen.“ - -„Dann müßte man sich beizeiten nach einer anderen Stelle umsehen, denn -hier an der Grenze wird die Geschichte wohl brenzlich werden.“ - -„Wahrscheinlich,“ bestätigte Walter, „die Offiziere meinen sogar, wir -werden Ostpreußen bis zur Weichsel aufgeben müssen, um erst Frankreich -niederzuschlagen.“ - -„Ach wo, das wäre doch ein Jammer. Die Herren sprachen doch von der -masurischen Seenkette, die gehalten werden soll.“ - -„Das wurde nur als Möglichkeit besprochen, denn es ist wenig -wahrscheinlich, daß wir genug Truppen haben werden, um noch eine lange -Linie zu besetzen.“ - -Ahnungslos ließ Walter aus sich alles herausholen, was er von den -Offizieren gehört hatte. Der schwere Rotwein und noch einige Kognaks, -die der Ober aus freien Stücken spendete, übten auf ihn ihre Wirkung. -Mit schwankendem Gleichgewicht bestieg er sein Rad und fuhr nach -Hause. Als er gegen Mittag mit schwerem Kopf erwachte, kam ihm erst -zum Bewußtsein, daß er heute wieder die Mutter um einige hundert Mark -erleichtern müßte, um seine Schuld zu tilgen. Der Vater, der eine -Dienstreise zu mehreren vereinzelt gelegenen Revieren angetreten hatte, -kam sicher heute nicht nach Hause. Er umschmeichelte die Mutter und -bat sie um Geld. Sie schlug es ihm rundweg ab. Sie habe ihm einen -vergnügten Abend in der Stadt gegönnt und das wolle sie vor dem Vater -wohl vertreten, aber wenn er heute noch nach Hause käme und er sei -nicht da, dann gäbe es ein Donnerwetter, und lügen könne sie nicht. - -In jämmerlicher Stimmung wanderte er zur Waldschänke. Olga kam ihm bei -der Begrüßung mit einer Handvoll Papiergeld entgegen. Wie ein Blitz -fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, sie anzupumpen. - -„Schatzel, kannst du mir mit 500 Mark aushelfen? Wenn mich der Alte -nach Königsberg ausrüstet, gebe ich es dir wieder.“ - -Sie warf lachend die Scheine auf den Tisch und zählte die Summe ab. - -„Der Onkel ist schon heute früh über die Grenze gefahren.“ Sie sah ihn -zärtlich besorgt an. „Was ist denn mit dir, du siehst ja so blaß aus, -hast du einen Brummschädel?“ - -„Ja“, erwiderte er mit einem tiefen Aufatmen. Das Gespräch mit dem Ober -war ihm plötzlich eingefallen. Ein Gedanke war in ihm aufgestiegen, -aber der erschien ihm so ungeheuerlich .... - - - - -5. Kapitel - - -Über die Gipfel der Lindenbäume war der Mond emporgestiegen und schaute -verwundert auf die beiden, die untergefaßt das große Rasenstück in -der Mitte des Gartens umwandelten. Der kühle Trunk, der Greise jung -macht, hatte ihre Lebensgeister erfrischt. Sie hatten gescherzt und -gelacht, bis Tante Uwis, die gegen Abendkühle etwas empfindlich war, -sich in den Schutz des Hauses zurückgezogen hatte. Dann hatte der -Pastor seinen jungen Freund unter den Arm genommen. „Komm, mein Junge, -wir wollen nach alter Gewohnheit auf und ab spazieren. Dabei erzählt -es sich besser. Vor Jahren einmal habe ich dir versprochen, von meinen -Studentenjahren zu erzählen. Heute will ich das Versprechen einlösen.“ -Er sah zum Mond empor. „Hast du jemals schon empfunden, wenn Goethe -sagt: - - „Füllest wieder Busch und Tal - Still mit Nebelglanz, - Lösest endlich auch einmal - Meine Seele ganz.“ - -„Du weißt, mein Junge, ich bin ein einsamer Mensch. Alle Jubeljahre -komme ich mit meinen Amtsbrüdern zusammen und hier im Dorfe ist -dein Vater der einzige, mit dem ich näheren Umgang pflege. Aber die -Gedanken, die mir durch das Labyrinth der Brust wandern, habe ich zu -keinem Menschen aussprechen können. Manches, aber nicht alles, habe -ich zu dir gesprochen. Jetzt bin ich glücklich, denn du bist unter -meinen Händen herangewachsen zu einem verständigen Jüngling, der fortan -mein Freund sein soll. Junge, -- du kannst das Lob vertragen --, ich -freue mich über dich. Du bist kein Duckmäuser und kein Bücherwurm, -und das schreibe ich mir als Verdienst zu. Ich habe es nie verstehen -können, wie man gegen eine gesunde Lebensfreude eifern kann. Wenn unser -Herrgott nur an Kopfhängerei und Weltschmerz Gefallen fände, dann hätte -er den Menschen und den Vögeln nicht die Kehle zum Singen gegeben, -dann hätte er die Natur nicht mit leuchtenden Farben geschmückt. Das -ist meine Lebensphilosophie. Sie mag sehr primitiv sein, aber sie ist -für den Durchschnittsmenschen die beste. Und sie ist uns schon von der -Bibel als Weisheit Salomonis überliefert. Dein Religionslehrer hat sie -so treffend in wenige kurze Sätze gefaßt. Weißt du sie auswendig?“ - -„Alles Irdische ist eitel. Drum ist Lebensgenuß zu empfehlen. Doch -mache man den Lebensgenuß unschädlich durch Weisheit. Die höchste -Weisheit aber ist die Furcht Gottes.“ - -„Das ist’s, was ich meine! Frisch und froh sich regen, ringen, kämpfen -und die Freuden des Lebens genießen, aber dabei vor sich und Gott ein -anständiger Kerl bleiben, das ist der beste Spruch, den ich dir auf -deinen Lebensweg mitgeben kann.“ - -Er blieb stehen und streckte Franz die Hand hin: - -„Schlag ein, Junge!“ - -Hand in Hand traten sie an den Tisch und stießen mit vollen Gläsern an. -Dann nahmen sie wieder ihre Wanderung auf. - -„Ich war ein junger Dachs,“ fuhr der Pastor fort, „als ich nach -Königsberg einrückte. Der Vater hatte zwei Lehrochsen verkauft und noch -ein paar Taler hinzugetan, so daß ich ein volles Hundert in der Tasche -trug. Den größten Teil des Weges hatte ich zu Fuß zurückgelegt, von -Eylau fuhr ich mit dem Omnibus, der außer mir noch eine ganze Schar von -Muli nach der Stadt der reinen Vernunft beförderte. In der kleinen -Kneipe auf dem Haberberg, wo der Fuhrmann sein Gefährt einstellte, -wurden wir von Deputationen der Korps und Burschenschaften empfangen. -Ich muß wohl in dem einfachen Wanderrock, den Mutter selbst gewebt und -genäht hatte, keinen bedeutenden Eindruck gemacht haben. Aber da ich -aus Lyck kam, woher die Masuren alle ihre Füchse beziehen, so lud man -mich auch an die Kneiptafel. Mein Nachbar war ein alter Häuptling, der -seiner scharfen Klinge wegen in hoher Achtung stand. Wir kamen ins -Gespräch, er fragte mich nach meinen Verhältnissen aus. Als er erfuhr, -daß ich ein Försterssohn sei, wurde er wärmer. Er stammte auch aus dem -Forsthause. Ein Wort gab das andere, -- -- was soll ich dir sagen, -er nahm mich mit nach der Kneipe und noch am selbigen Abend war ich -ausgeflaggt. - -Mein Protektor, -- du kennst ihn, es ist der alte Pastor Riemasch in -Orlowken, nahm sich meiner wacker an. Ich hatte gute Empfehlungen von -meinem Direktor in der Tasche, damit ging ich zu den alten Herren, -die an den Königsberger Gymnasien unterrichteten und nach ein paar -Wochen hatte ich zwei gutzahlende Privatschüler. Im Korps hatte ich -anfangs einen schweren Stand. Nicht etwa, weil ich wenig zuzubrocken -hatte, sondern, weil ich ein so fürchterlicher Naturbursch war. Du mußt -mich nicht mißverstehen: ich war nie über die kleine Provinzialstadt -hinausgekommen, kneipen hatte ich dort auch nicht gelernt, da kam es -mir schwer an, mich in die neuen Verhältnisse zu finden. Aber das -Fechten, das hatte ich bald begriffen. Noch im ersten Semester, ehe -ich die erste Fuchsmensur geliefert hatte, kontrahierte mich ein -Litauer an, ein wüster Gesell, der seine zwanzig Mensuren hinter sich -hatte. Er kam an den Unrechten. Ich stand wie eine Mauer und bis zum -Platzwechseln hatte er mich noch nicht geritzt. Da trat Riemasch, -der auch eine anständige Praxis hinter sich hatte, an mich heran und -flüsterte mir zu: ‚Hinter der Doppelterz die Tiefquart!‘ Jetzt sah ich -selbst das Loch und beim nächsten Gang stach ich ihn glatt ab, mein -Spieß hatte in der Litauernase Kehrt gemacht.“ - -Der Alte hatte im Eifer des Erzählens den Arm gehoben und in der -Luft den Hieb geführt. „Seit jener Mensur, ~fratercule~, war ich -ein gemachter Mann. Acht Tage darauf lieferte ich mit Glanz meine -zweite Mensur und noch vor Schluß des Semesters wurde ich allein von -den Füchsen rezipiert. Ich habe viel gefochten,“ fuhr er nach einer -kleinen Pause fort, „und immer mit Glück. Im vierten Semester wurde ich -Zweiter, im fünften Erster. Im sechsten legte ich mich auf die fleißige -Seite und im neunten baute ich mein Examen, schlecht und recht, aber -man drückte damals bei Leuten, die masurisch sprechen konnten und in -die Wildnis gehen wollten, beide Augen zu. Soll auch heute noch so -sein ....“ - -Als sie beim Mondschein sich die Gläser füllten und aneinanderklingen -ließen, meinte Franz: „Eigentlich, Onkel, bist du mir noch immer die -Geschichte schuldig, weshalb du Pastor geworden bist.“ - -„Du hast recht, mein Junge, aber wenn man in die alten Geschichten -kommt, dann ist es schwer, an der richtigen Stelle aufzuhören.“ - -Er nahm die Pfeife in die Hand, stopfte sie frisch und tat einige -starke Züge, ehe er weitererzählte. „Meine Mutter hatte mir beim -Abschied das Versprechen abgenommen, Theologie zu studieren. Ich ließ -mich also pflichtschuldigst bei der theologischen Fakultät einschreiben -und belegte die offiziellen Kollegia. Weißt du, Junge, es ist doch -eine schöne Sache, wenn man als junger Dachs bei älteren Leuten Rat und -Anleitung findet. - -Wieviel junge Studenten treten an das schwarze Brett, ohne eine -Ahnung zu haben, was sie zuerst hören müssen und können. Sie tappen -einfach rein in die Sache, und wenn sie kurz vor dem Examen stehen, -dann merken sie erst, daß sie eins der wichtigsten Kollegia nicht -gehört haben. Meiner nahm sich Riemasch an, er hatte sozusagen in alle -Fakultäten hineingerochen und war schließlich reumütig zur Theologie -zurückgekehrt, mit der er angefangen hatte. Er baute schon an seinem -Examen und wußte ganz genau, was der Mensch dazu gehört haben muß. -Trotz meiner geringen Mittel hatte ich gleich im ersten Semester -ein naturgeschichtliches Kolleg und alle Publika belegt, die mir -interessant schienen. - -Zeit zum Kolleglaufen hatte man damals. Der Frühschoppen hielt sich -in sehr engen Grenzen und die eine offizielle Kneipe in jeder Woche -hinderte keinen, der ernstlich arbeiten wollte. Meine Privatstunden -gab ich in den ersten Abendstunden, kurzum, ich konnte in den ersten -Semestern ganz tüchtig arbeiten. Das Hebraikum hatte ich auf dem -Gymnasium mit ‚Gut‘ gemacht, das plagte mich nicht. Aber desto mehr -die theologischen Kollegia. Mit Riemasch, der mir ein wirklicher Freund -geworden war, disputierte ich fast täglich darüber. - -Die Wissenschaft war auf ihrem Lehrstuhl eingeschlafen. Aus der -freien Forschung war ein engherziges Spintisieren geworden, das sich -an Haarspaltereien ergötzte. Aus dem frischsprudelnden Quell war ein -trübes Wässerchen geworden, das langsam abwärts schlich. Damals war ein -Hauptstreitpunkt, ob Christus den Jüngern im Geist oder im verklärten -Leibe erschienen sei. Ein junger Professor, der heute eine Leuchte -des Kirchenregiments ist, galt damals als ein arger Ketzer, weil er -die erste Ansicht verfocht. Ethische Fragen, das tägliche Brot des -amtierenden Geistlichen, ja selbst große metaphysische Probleme wurden -im Handumdrehen abgetan, um Zeit für die kleinlichen dogmatischen -Zänkereien zu gewinnen, und uns Jungen bot man Steine statt Brot.“ - -Er war aufgestanden und schritt in tiefer Erregung vor der Laube auf -und ab. „Wir haben es ja damals mehr gefühlt, als begriffen, um was -es sich handelte. Aber wenn man mit sich selbst schon zu kämpfen hat -und nur aus Pflichtbewußtsein Theologie studiert, dann wird es schwer, -nicht abzuspringen. Als wir meinem guten Riemasch das alte Lied vom -Auszug des bemoosten Burschen gesungen hatten, begann für mich eine -schwere Zeit. Ich vernachlässigte meine offiziellen Kollegia, arbeitete -auf dem Sezierboden und war nahe daran, zur Medizin abzuspringen. Da -kam eines Tages der alte Dewischeit nach Königsberg. - -Wir hatten einen vergnügten Abend verlebt. Ich präsidierte bei der -Offiziellen und biß mit Absicht den flotten Bursch heraus. Gelernt -hatte ich’s Gott sei Dank in den vier Semestern. Nach der Kneipe -geleitete ich ihn zum Russenkrug, wo er logierte. Dort führte er mich -selbst nach unten in das Restaurant und bestellte eine Flasche Rotspon, -so’n gewichtigen Tropfen, wie wir ihn nur in unseren Seestädten -trinken. Als wir den ersten Schluck genommen hatten und feierlich die -Gläser hinsetzten, sah mich der Alte an und fragte schlankweg: ‚Was -drückt dich, Uwis?‘ Und was soll ich dir sagen, nach ein paar Minuten -hatte er alles aus mir herausgeholt, was er wissen wollte. - -Die Standpauke, die er mir dann hielt, möchte ich dir gern wörtlich -wiederholen, wenn mir in den vierzig Jahren nicht die Einzelheiten -entschwunden wären. Aber der Refrain lautete: „Junge, stoß dich nicht -an dem Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Stoß dich auch nicht an -dem dogmatischen Formelkram, du hast ja als Protestant das Recht der -freien Forschung in der Bibel. Sieh lieber auf den ethischen Gehalt, -an dem kein Pfaffengezänk etwas wegtut oder zufügt. Und daran habe ich -mich denn gehalten mein lebelang. Ich kann es auch nicht verstehen, -wenn Amtsbrüder untereinander allerlei Streitfragen aufwerfen und beim -Disputieren die Köpfe erhitzen .....“ - -Der Pastor schwieg und sah auf den Jüngling, der den Kopf nachdenklich -in die Hand gestützt hatte. „Geht die Sache dich auch an, mein Sohn? -Das hatte ich bisher nicht gewußt. Hast du gar keine Lust, Landwirt zu -werden und in deines Vaters Fußtapfen zu treten?“ - -Franz sah auf. „Wenn ich das nur wüßte, Onkel! Ich fühle nichts weiter -in mir, als die Lust, recht viel zu lernen. Alles möchte ich wissen. -Ich möchte vielleicht auch einen ganz tüchtigen Landwirt abgeben, aber -wenn ich womöglich mir ein paar Jahre um die Ohren schlage, um später -einzusehen, daß ich auf den unrechten Weg geraten ....“ - -„Merkwürdig! Merkwürdig! Aber ich will dir sagen, wo es bei dir sitzt! -Du hast bis jetzt keine Vorliebe für irgendeinen Beruf gefaßt und -schwankst nun hin und her, wie das Rohr im Winde. Und darum gerade -fordere ich von dir, daß du versuchst, ob du nicht dem Wunsche deines -Vaters folgen kannst. Sollst dir dabei ein Jahr um die Ohren schlagen, -wie du es nennst; bist immer noch jung genug, wenn du dann umsattelst.“ -Er sah ihn prüfend an. „Das, was man Ehrgeiz nennt, scheint dir fremd -zu sein. Ich weiß auch nicht, ob ich das tadeln soll, denn ich glaube, -der Wille, stets etwas Tüchtiges zu leisten und hinter den anderen -nicht zurückzubleiben, genügt auch. Und mit dem Willen versuch’ mal -eine ‚Stromtid‘ durchzumachen, auf einem großen Gut, wo du recht -viel lernen kannst. Wenn du dann dem Beruf durchaus keinen Geschmack -abgewinnen kannst, dann wollen wir weiter reden. - -Jetzt wandle heimwärts, ~amice~, und überschlaf meinen Vorschlag. -Morgen können wir mehr darüber sprechen. Gute Nacht!“ - -„Gute Nacht, Onkel.“ - - * * * * * - -Gedankenvoll wanderte Franz im hellen Mondschein die Dorfstraße -entlang. Eigentlich hatte Onkel Uwis recht, besonders wenn er auf -Vaters Wunsch verwies. Als er am Dorfkrug vorüberkam, rüsteten sich auf -der Veranda mehrere Männer zum Aufbruch, auch sein Vater war darunter. - -Erst am Tor des Schulzenhofes trennte sich der letzte Begleiter von -ihnen. - -Franz blieb stehen und faßte den Alten um. - -„Vater, ich möchte dich um etwas bitten.“ - -„Was soll’s sein, mein Sohn?“ - -„Ich möchte auf einem großen Gut als Eleve eintreten.“ - -Im ersten Augenblick schien der Schulze etwas überrascht, dann schloß -er den Sohn in die Arme: - -„Mein Franz, du willst mir den größten Wunsch meines Lebens erfüllen? -Das hatte ich kaum noch gehofft.“ - -„Ich will es wenigstens ehrlich versuchen. Finde ich aber trotz meines -guten Willens keine Befriedigung in dem Beruf des Landwirts, dann werde -ich’s dir offen sagen. Willst du mich dann studieren lassen?“ - -„Gewiß, mein Junge, gewiß! Du gehst nur zur Probe ein Jahr in die -Wirtschaft. Damit muß sich auch Mutter zufrieden geben. Sie hofft ja -noch sehr stark, dich doch noch einmal im Talar zu sehen.“ - - - - -6. Kapitel - - -Vater Rosumek hatte seiner Frau noch nichts davon erzählt, daß sein -Sohn ihm seinen Wunsch erfüllen wollte. Als Franz zum Frühstück -herunterkam, empfing ihn die Mutter mit strahlendem Gesicht und legte -ihm eine mit Goldfüchsen gefüllte Börse hin. - -„Der Vater ist schon in die Stadt gefahren, er läßt dir sagen, du -möchtest von dem Geld einen guten Gebrauch machen.“ - -Fragend sah Franz die Mutter an. „Wie meint er das?“ - -„Er sprach von einer Reise, die du unternehmen solltest, nach -Königsberg und an die Ostsee, das soll eine sehr schöne Gegend sein.“ - -Hastig nahm Franz das Frühstück zu sich, dann lief er schnell ins -Pfarrhaus. - -„Heda, junger Freund, was beflügelt deinen Fuß?“ rief ihm der Pastor -über den Gartenzaun entgegen. - -Mit kühnem Schwung hob sich Franz über die Staketen. - -„Denk dir, Onkel, der Vater hat mir viel Geld zu einer großen Reise -geschenkt, willst du mir die Freude bereiten und mitkommen?“ - -Der alte Herr schüttelte den Kopf. „Nun ist dein Vater mir -zuvorgekommen. Ich habe gestern abend noch nachgedacht, wie du diese -Übergangszeit bis zum Eintritt in deinen Beruf noch genießen und gut -anwenden könntest, und war zu dem Entschluß gekommen, dich zu einer -Fußwanderung durch unsere schöne, liebe Heimatprovinz aufzufordern. Ich -habe mich auch bereits durch die moderne Erfindung, den sprechenden -Draht, mit meinem Superus in Verbindung gesetzt und mir einen Urlaub -erwirkt, der mir gewährt wurde, da ich, außer bei amtlichen Anlässen, -noch nie Ferien gemacht habe. Aber diesmal will ich es tun.“ - -„Hast du auch schon ein Ziel für unsere Reise ins Auge gefaßt?“ - -„Jawohl, mein Sohn, ich dachte schon gestern, -- wir wandern doch -natürlich zu Fuß, wie wir es so oft getan haben, -- auf Umwegen nach -Kerschken und Bodschwinken zu wandern, um dort die Sedanschlacht -mitzumachen.“ - -Verständnislos sah Franz ihn an; der alte Herr lachte. - -„Ich habe bis heute früh auch nichts von diesem großen Ereignis gewußt. -Aber heute früh erhielt ich einen Brief von einem lieben Freund und -Amtsbruder aus Bodschwinken, in dem er mich zu einem Besuch dieses -Volksfestes einladet. Vor einigen Jahren kam mir davon bereits eine -dunkle Kunde, aber mein Gewährsmann schilderte es so, als wenn es eine -große Narretei wäre. Die Gegend dort ist sehr wohlhabend. Die reichen -Bauern der beiden Dörfer fühlten sich dadurch beschwert, ja beleidigt, -daß die Bürger des nahen Marktfleckens Benkheim, meist Handwerker und -kleine Kaufleute, einen Kriegerverein gründeten und das Sedanfest -großartig feierten: Und der Meister von der Schul’ sann auf Rettung und -verful darauf, die Sedanschlacht selbst aufzuführen.“ - -Franz lachte laut auf. „Aber Onkel, das ist doch unmöglich, das klingt -doch nach Schilda und Schöppenstedt! Ja, wenn es unsere braven Domnauer -unternommen hätten ....“ - -„Ein bißchen hast du recht! Und die ersten Aufführungen der -weltbewegenden Völkerschlacht trugen eine Narrenkappe. Der Donner der -Geschütze wurde durch Feuerwerk, durch Kanonenschläge hervorgebracht, -nachdem die ersten Versuche, aus einem Eichenstamm eine Kanone -herzustellen, kläglich gescheitert waren. Der erste Stamm hielt die -Ladung nicht aus, sondern flog davon beim ersten Schuß. Der zweite flog -von seiner Unterlage rückwärts in einen Kramladen und richtete darin -eine greuliche Verwüstung an.“ - -„Aber, Onkel, das ist nichts wie ein großer Ulk, der doch gar nicht zu -dem Ernst des weltgeschichtlichen Ereignisses paßt.“ - -„Das scheint nur so, man muß auf den Kern der Sache sehen! Und da sehe -ich eine große, wenn auch sehr naive patriotische Begeisterung. Die -Mannschaften der beiden Dörfer teilen sich in Deutsche und Franzosen -und schießen mit Platzpatronen wacker aufeinander los, bis am -Nachmittag die Rothosen sich ergeben und mit den Siegern vereint nach -Bodschwinken ziehen, um dort noch kräftig zu feiern. Im Laufe der Jahre -ist aus den lächerlichen, kleinen Anfängen ein großes patriotisches -Volksfest geworden, daß sehr ernst genommen werden will. Jetzt strömen -Tausende gediente alte Soldaten alljährlich nach Kerschken, meist -wohlhabende Bauernsöhne, richtig eingekleidet und bewaffnet, zum Teil -auch beritten. Auch einige leichte Geschütze sind vorhanden.“ - -„Ist das wirklich wahr, Onkel?“ - -„Mein Freund schreibt es mir und ich bin gespannt es zu sehen. Es soll, -wenn auch im kleinen Maßstabe, ein richtiges Schlachtenbild geben. Das -beste jedoch soll die Darstellung der großen geschichtlichen Ereignisse -sein, wie sie der berühmte Maler Anton v. Werner in seinen Gemälden -festgehalten hat. Da werden als lebende Bilder gestellt: ‚Die Begegnung -unseres alten Kaisers mit Napoleon‘, ‚Die Begegnung Bismarcks mit -Napoleon auf der Straße‘ und ihre Zusammenkunft vor dem Weberhäuschen -bei Donchery.“ - -„Aber Onkel, das ist doch ganz undenkbar!“ - -„Ich kann es mir auch nicht recht vorstellen, ich nehme an, daß sie -Schauspieler von Beruf dazu heranziehen. Na, hast du Lust, dir den -Rummel anzusehen?“ - -„Selbstverständlich, Onkel, wann müssen wir aufbrechen?“ - -„Ich bin schon gerüstet und bei dir wird es auch nicht lange dauern. Im -Ränzel etwas Wäsche, weiter brauchen wir nichts.“ - -Eine Stunde später fuhren die beiden Freunde nach der Stadt, wo Franz -den Vater treffen und mit Dank von ihm Abschied nehmen wollte. Sie -fanden ihn in der Ausspannung, wo er anzukehren pflegte, schon im -Begriff nach Hause zu fahren. Er wünschte den beiden Wanderern alles -Gute auf den Weg und viel Vergnügen. Am Abend erreichten sie ein -einsames Forsthaus in der großen Heide. Der Grünrock, der vor seiner -Tür stand, bot ein freundliches Obdach und gute Verpflegung. Die rote -Mütze, die Franz trug, zog ihn an. Er hatte auch einen Sohn auf dem -Gymnasium, einen Primaner, und bald stellte es sich heraus, daß Franz -mit ihm befreundet war. - -Am andern Morgen zogen sie frohgemut ihres Weges, mitten durch -die große Heide, wo man Stunden um Stunden gehen kann, ohne einer -menschlichen Seele zu begegnen. Desto häufiger tauchten zwischen -den uralten Kiefern und Fichten kleinere und größere Seenspiegel -auf. Mittags rasteten sie in einem Pfarrhause, wo sie sich durch den -sprechenden Draht hatten anmelden lassen. Bei guter Zeit am Nachmittag -ging’s weiter am Ostufer des Spirding entlang. Das Masurische Meer, -unser weitaus größter Binnensee, hatte seinen bewegten Tag. Von einem -starken Westwind getrieben rollten mannshohe Wogen heran und brachen -sich mit donnerndem Schall auf dem seichten Strand. - -Gegen Abend erreichten sie die kleine Stadt Arys, dessen Nähe sich erst -durch dumpfen Kanonendonner und dann durch knatterndes Gewehrfeuer -ankündigte. Das Barackenlager des großen Truppenübungsplatzes war von -Soldaten aller Art belegt, die dort in großen Verbänden ihre Übungen -abhielten. - -„Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen“, meinte der Pastor, als sie -sich eilig aus dem Windschatten einer Schwadron Reiter flüchteten, um -den Staub nicht zu schlucken. „Früher hielt man es für unerläßlich, den -Mut und Stolz des Kriegers durch die Farbenfreudigkeit zu erwecken und -zu belohnen. Jetzt muß er mit dem schmucklosen Grau vorlieb nehmen, das -ihn im Gelände unsichtbar macht. Ich glaube, mein Sohn, es wird ein -hartes Ringen werden, wenn es nochmal zu einem Kriege kommen sollte.“ - -Es hielt schwer, in dem überfüllten Städtchen ein Nachtlager zu finden; -es war sogar mit Schwierigkeiten verbunden, in irgendeiner Gaststätte -ein Plätzchen zu bekommen, wo man sich zu einem Abendtrunk niederlassen -konnte. „Dreist und gottesfürchtig“, wie es seine Art war, trat der -alte Herr an einen von Offizieren besetzten Tisch heran und bat um -Unterschlupf, der bereitwillig gewährt wurde. Die rote Mütze seines -jungen Begleiters erregte Aufmerksamkeit, denn nicht allen war ihre -Bedeutung bekannt. Und die Wanderer hatten Glück. Der Platzkommandant -selbst lud sie für den nächsten Morgen zur Besichtigung des Lagers ein -und stellte ihnen einen Freipaß aus. - -Da bekamen sie vieles zu sehen, was ihnen einen hohen Begriff von der -Tüchtigkeit unserer Wehrmacht gab. Sie sahen Flugmaschinen, deren -Schwere nach Zentnern zu schätzen war, sich von der Erde erheben und -wie Vögel in der Luft kreisen. Sie sahen ungefüge Mörser, deren Donner -ihr Ohr betäubte, nach Zielen schießen, die hinter jeder Sehweite -lagen, und vernahmen, daß fast jeder Schuß ein Treffer war. Von einem -überwältigenden Staunen erfüllt, wanderten sie nachmittags weiter. Mit -starken Worten gab der Pastor unterwegs seiner Empfindung Ausdruck, daß -wir auf unser deutsches Volk sehr stolz sein dürften. - -Gegen Abend kamen sie auf dem kleinen Bahnhof in Steinort an. Weit -und breit kein Haus zu sehen, in dem sie für die Nacht Obdach finden -konnten. Aber der Pastor vertraute darauf, daß sich auf dem großen -Herrensitz des uralten ostpreußischen Grafengeschlechtes auch für -sie ein Plätzchen würde finden lassen, wo sie ihr müdes Haupt zur -Ruhe legen konnten. Und er sollte recht behalten. Sie waren kaum eine -Viertelstunde des Wegs gewandert, als sie von einem Auto überholt -wurden, das kurz hinter ihnen anhielt. Aus dem Wagen erhob sich -die gewaltige Reckengestalt des Reichsgrafen. Mit herzgewinnender -Freundlichkeit lud er sie zum Mitfahren ein und fragte, wem der Besuch -gälte. - -„Herr Graf,“ erwiderte der Pastor, „wir nehmen Ihre freundliche -Einladung mit großem Dank an, ich wollte meinem jungen Freund, der -eben sein Abiturium mit großem Glanz bestanden hat, die herrlichsten -Eichen zeigen, die es in Ostpreußen, und ich kann wohl sagen, in -ganz Deutschland gibt. Wir vertrauen stark auf die ostpreußische -Gastfreundschaft, von der wir einen Unterschlupf für die Nacht -erwarten.“ - -„Darin sollen Sie sich nicht täuschen“, erwiderte der Graf lächelnd. -„Mein Haus steht Ihnen offen.“ - -„Wird mit bestem Dank angenommen, Herr Graf. Ich bin der Pastor des -masurischen Kirchdorfes Schwentainen und dies ist mein junger Freund. -Er soll Landwirt werden wie sein Vater, ein wohlhabender Bauer, dessen -Geschlecht schon seit Jahrhunderten auf derselben Stelle dauert.“ - -„Das freut mich von Ihnen, junger Mann,“ erwiderte der Reichsgraf, „der -beste Teil unseres Volkes ist der, der an der Scholle haftet. Das gilt -nicht nur von den alten Adelsgeschlechtern, sondern auch von unseren -Bauern. Jetzt begrüße ich Sie mit Freude.“ - -Das Auto hielt vor dem Schloß, der Hupenruf hatte die Dienerschaft -auf die Beine gebracht. Helles Licht erstrahlte vom Portal. Bei -der Abendtafel erfuhren die Wanderer, daß das Schloß noch andere -Gäste barg. Einen Professor, der die ungeheuren Bücherschätze des -Herrensitzes in Ordnung bringen sollte, und zwei kurländische Grafen, -die in ihrer Aussprache das Ostpreußische noch weit überboten und sich -als gute, echte Deutsche erwiesen. Mit ehrfürchtigem Staunen folgte -Franz dem Gespräch, in dem die Hauptstädte der Welt, die bedeutendsten -Männer der Gegenwart an ihm wie in einem Kaleidoskop vorüberzogen. - -Es war der erste Blick, den er in eine Welt tat, von der ihm sein -bisheriges Leben und die Schule kaum den Schimmer einer Ahnung -übermittelt hatte. Der nächste Morgen brachte den beiden Wanderern -nach der Besichtigung des Schlosses noch einen besonderen Genuß. -Sie durchwanderten die Bogenhallen der riesenhaften, uralten -Eichen, von denen viele schon ein ehrwürdiges Alter aufwiesen, als -die ersten Ordensritter vor siebenhundert Jahren zum erstenmal in -ihren Schatten lagerten. Dann fuhr der Reichsgraf seine Gäste im -Motorboot auf dem Mauersee, den zweitgrößten masurischen Binnensee, -spazieren. Er ist erst in der Zeit des Ordens durch die Anlage eines -Stauwerks zu Angerburg aus einer Kette von größeren und kleineren Seen -zusammengewachsen und entstanden. Freundliche Dörfer in Grün gebettet -und herrliche Laubwälder umgrenzten seine Ufer. - -Erst am nächsten Nachmittag brachte sie das Auto des freundlichen -Gastgebers nach Beynuhnen, wo sie in einem einfachen Gasthof ihr -Nachtlager fanden. Die wenigsten Menschen im Reich wissen, was -dieser Ort für Ostpreußen bedeutet. Da hat ein kunstbegeisterter, -ostpreußischer Landedelmann eine Sammlung der höchsten Kunstwerke des -griechischen und römischen Altertums, natürlich nur in Abgüssen und -Nachbildungen zusammengebracht. - -Ehrfürchtiges Staunen befing den alten Mann und den jungen, als sie -die Meisterwerke der größten Kunstepoche der Menschheit in getreuen -Nachbildungen vor sich sahen. Nur eine Stunde, die der Hunger ihnen -abgenötigt, unterbrachen sie den Genuß. - -Am anderen Morgen wanderten sie weiter und kamen bald nach Mittag in -Bodschwinken an. Unterwegs gab es des Neuen und Interessanten schon -viel zu schauen. Hier marschierte ein Trupp Fußvolk, dort zog eine -Schar Reiter heran, in leuchtende Uniform gekleidet, fast alle mit -Musik an der Spitze. - -In den beiden großen Dörfern wimmelte es von Menschen wie in einem -aufgestörten Ameisenhaufen. An ein Unterkommen war nicht zu denken. -Jedes Haus war schon bis unter die Dachsparren mit Gästen gefüllt. -Selbst auf den Tennen in den Scheunen waren Strohlager hergestellt. -Auch der Amtsbruder des Pastors konnte sie nicht aufnehmen. Er -veranlaßte jedoch einen Freund, sie zur Nacht mit sich auf sein Gut zu -nehmen. Vorher jedoch gab es noch viel zu schauen. - -Die deutschen Truppen bezogen rings um die Dörfer auf den Höhen -ihre Biwaks. Überall loderten die Wachtfeuer, an dem die Mannschaft -abkochte. Militärkapellen spielten abwechselnd. Dazwischen wurden -unermüdlich patriotische Lieder gesungen: „Die Wacht am Rhein“, -„Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben“, „Siegreich wollen wir -Frankreich schlagen“ usw. Die französischen Truppen bezogen ihre -Stellungen rings um einen einsamen im Tal liegenden Bauernhof, der -Sedan darstellte. Die Generäle Mac Mahon und Wimpffen, ja selbst der -Kaiser Napoleon in echten, goldstrotzenden Uniformen waren zu sehen. - -Der französische Kaiser war ein kleines Männchen mit mächtigem Schnurr- -und Knebelbart, das sich in seiner Rolle nicht wohlzufühlen schien und -sich augenscheinlich schon etwas Mut angetrunken hatte. - -Von dem Gutsbesitzer erfuhren die beiden Wanderer abends die -ergötzliche Vorgeschichte dieser Rollenbesetzung. Zwei Jahre vorher -war dem Dorfschmied, der den Bismarck darstellte, bei der Szene vor -dem Weberhäuschen in Donchery das patriotische Gefühl übergelaufen. -Er packte plötzlich den Tagelöhner, der den Napoleon schon seit Jahren -spielte, und verprügelte ihn unter dem tosenden Jubel der Menge. - -Wenn dieses Ereignis auch nicht der historischen Wahrheit entsprach, -so befriedigte es um so mehr das Gerechtigkeitsgefühl der Menge, daß -dieser Erzbösewicht, der Friedensstörer Europas, gründlich abgestraft -wurde und die Meinung ging allgemein dahin, daß diese Bestrafung -Napoleons alljährlich zur Bereicherung des Festes wiederholt werden -müßte. Aber der Bismarck schlug eine so kräftige Faust, daß der -Tagelöhner sich selbst gegen eine ansehnliche Belohnung nicht mehr -bereitfinden ließ, im nächsten Jahr den Napoleon zu spielen. - -Doch Bismarck wußte Rat. Als im nächsten Herbst ein Stromer ahnungslos -durchs Dorf zog, der einen großen Vollbart trug, wurde er kurzerhand -wegen Bettelns festgenommen und eingesperrt. Er wurde gut verpflegt -und ließ sich bereitfinden, den Napoleon zu spielen. Sein Bart wurde -zugestutzt, die Uniform zugepaßt, und er spielte nach einigen Proben -seine Rolle ganz gut. Bloß zum Schluß war er unangenehm überrascht, als -Bismarck vor dem Weberhäuschen ihn plötzlich an den Kragen nahm und -verprügelte. Aber er nahm das gebotene Schmerzensgeld und drehte dem -Dorf den Rücken. - -Im nächsten Jahr versagte dies Auskunftmittel, denn alle Stromer -mieden die beiden Dörfer schon von Mitte des Sommers an. Doch auch -diesmal wußte Bismarck sich zu helfen. Er gewann für die Rolle des -Napoleon einen Flickschuster aus Benkheim, den die hohe Summe von -dreihundert Mark, die er als Schmerzensgeld erhalten sollte, lockte. -Seine gedrückte Stimmung war durchaus erklärlich, denn er kannte den -Knalleffekt des Tages, bei dem er der leidende Teil sein sollte. - -Am anderen Tage entbrannte schon frühmorgens die Schlacht. Durch die -stille Luft vernahm man das Knattern der Gewehre und die dumpfen -Kanonenschläge. Wie verabredet, war man im Gutshause schon bei -Tagesgrauen aufgestanden, um aufs Schlachtfeld zu fahren. Beim -Frühstück bot sich den Gästen ein rührendes, entzückendes Bild. Die -älteste Tochter des Hauses, die trotz ihrer sechzehn Jahre schon dem -verwitweten Vater die Wirtschaft führte, erschien mit ihren fünf -jüngeren Schwestern, die zur Feier des Tages in Weiß gekleidet, -wie die leibhaftigen Engel aussahen. Liesel, die älteste, war eine -zierliche Elfengestalt mit blauen Augen und blonden Haaren, das sich -in natürlichen Locken um ihre Stirn ringelte. Zutraulich begrüßten die -Kinder ihre Gäste. Der Pastor nahm die beiden Jüngsten auf sein Knie -und herzte sie. - -Franzens Blick hing mit stillem Entzücken an dem liebreizenden Mädel, -das alle mit mütterlicher Sorgfalt bediente und mit freudigem Stolz -ihren wohlgeratenen Kuchen anbot. Einen umfangreichen Eßkorb hatte sie -schon vorher vollgepackt. In zwei Wagen wurde die Fahrt angetreten. -Bald war man mitten im Schlachtgetümmel. Immer enger schloß sich der -Kreis um Sedan. Jetzt bekam man auch die deutschen Heerführer zu sehen. -Der Pastor vermochte sein Erstaunen kaum in Worte zu fassen. Er rief -bloß: „Da brat’ mir einer ’nen Storch.“ - -„Aber die Beine recht knusprig“, fügte Liesel lachend hinzu. - -Und die Verwunderung war durchaus berechtigt. Der Bismarck, der in -Kürassieruniform auf einem mächtigen Gaul saß, glich, obwohl ein wenig -kleiner, aufs Haar seinem geschichtlichen Vorbild. Dasselbe konnte man -von Moltke, Roon und vor allen Dingen von Kaiser Wilhelm sagen, der von -dem Gendarmen mit täuschender Ähnlichkeit gespielt wurde. - -Schon gegen Mittag stieg auf Sedan die weiße Fahne hoch, und bald -darauf nahte der französische General Reille und wurde von Kaiser -Wilhelm empfangen, genau so wie es auf dem bekannten Gemälde -dargestellt ist. Moltke nahm den aus der Geschichte bekannten -Brief Napoleons in Empfang und verlas ihn mit lauter Stimme, erst -französisch, dann deutsch. - -Ein unbeschreiblicher Jubel brach los. Und die Bedeutung jener großen -geschichtlichen Ereignisse drang mit so überwältigender Kraft in alle -Gemüter ein, daß man sie mitzuerleben vermeinte. Bewegt trocknete -der Pastor die feucht gewordenen Augen. Die Erinnerung an die schöne -Jugendzeit stieg in ihm auf, wie er als Junge von zwölf Jahren den -gewaltigen Sieg gefeiert, der Deutschlands Stämme zusammenschweißte. -Deutlich erinnerte er sich an den Taumel der Begeisterung, von dem ganz -Deutschland erfaßt war. - -Der weitere Verlauf des Festes wurde äußerst empfindlich durch Napoleon -gestört. Er hatte in seiner Angst einen Fluchtversuch gemacht und war -von seinen eigenen Truppen gefangengenommen worden. Erst als er von -Bismarck die ehrenwörtliche Versicherung erhielt, daß er keine Prügel -bekommen würde, spielte er seine Rolle weiter. Nun konnten die anderen -lebenden Bilder dargestellt werden. - -Es war ein patriotischer Anschauungsunterricht, dessen Bedeutung -nicht überschätzt werden kann. Natürlich fehlte es auch nicht an -anders gearteten Volksbelustigungen. Auf dem geräumigen Dorfanger in -Bodschwinken drängte sich Bude an Bude, Zelt an Zelt. Da kreisten -die Karussels, da sausten die Luftschaukeln. Franz machte sich das -Vergnügen, alle sechs Mädels auf den Rummelplatz zu führen und sie alle -Genüsse auskosten zu lassen. - -Von ihrem Eifer und kindlicher Freude angesteckt, schwang er sich neben -Liesel auf einen hölzernen Rappen und ließ sich nach den schmetternden -Klängen eines Musikwerks im Kreise herumschwenken. Holdselig lächelnd -streckte ihm Liesel mit kindlicher Unbefangenheit die Hand entgegen. -Wie in einem glücklichen Traum fuhr er neben ihr dahin. Immer und -immer wieder forderten die Kleinen eine Wiederholung der Fahrt und -Franz gewährte sie ihnen, bis Liesel ihm Einhalt geboten. Von einem -unendlichen Glücksgefühl erfüllt, saß er, von den kleinen Mädchen -umgeben, die sich um seine Knie drängten, neben der Ältesten in dem -Gehege der Seiltänzer, die bei bengalischer Beleuchtung auf dem -schwankenden Seil hin und her fuhren, oder am schwebenden Trapez -halsbrecherische Kunststücke ausführten. - -Als es für die Kleinen Zeit war, nach Hause zu fahren, schloß sich -Franz ihnen an. Er sah zu, wie das kleine Mädchen ihre jüngeren -Geschwister abfütterte, sie entkleidete, und ihnen im Bettchen zum -Nachtgebet die Hände faltete. Dann saßen Liesel und Franz in der -stillen, warmen Herbstnacht auf der Veranda zusammen und plauderten wie -zwei gute Freunde. - -Erst am nächsten Nachmittag nahmen sie Abschied von dem gastlichen -Hause und fuhren mit der Bahn nach Hause, wo sie spät am Abend -anlangten. - - - - -7. Kapitel - - -Am nächsten Morgen schon stand Franz bei Tagesgrauen auf, um -die Knechte und Mägde beim Füttern der Pferde und des Viehes zu -beaufsichtigen. Als er zum Frühstück in die Stube kam, sah er der -Mutter an, daß sie geweint hatte. Sie war sehr still und sprach kein -Wort. Das war ihm unerträglich. Er sprang auf und faßte sie um. -„Mutter, bist du böse auf mich?“ - -Sie strich ihm die Haare zurück und sah ihm liebevoll in die Augen. -„Nein, mein Junge, ich bin nur traurig, weil du mir den einzigen großen -Wunsch meines Lebens nicht erfüllen willst.“ - -„Ich kann nicht, Mutter! Wenn ich mich fürs Studium entschieden hätte -oder später nach der Probezeit, die ich mir gesetzt habe, würde ich -doch unter keinen Umständen Pastor werden, sondern Naturwissenschaften -oder Medizin studieren.“ - -„Damit muß ich mich zufrieden geben. Aber sag’ mal, mein Junge, hast du -den Entschluß ganz aus freien Stücken gefaßt ...?“ - -Franz sah sie fest an. „Nein! Der Onkel hat es mir nahegelegt, Vaters -Wunsch zu erfüllen. Da ist es mir durch den Kopf gefahren: wenn der -Vater mich auf der landwirtschaftlichen Hochschule studieren läßt ....“ - -„Das ist doch selbstverständlich“, fiel Rosumek ein. - -„... dann kann ich auch auf der Universität die Vorlesungen hören ....“ - -„Und dann springst ab von der Landwirtschaft“, meinte der Schulze -ruhig. „Mutter, gib dich zufrieden! Ich sehe es schon kommen, daß er -weder Landwirt noch Pastor wird ... Darin müssen wir uns fügen. Trink -deinen Kaffee und dann zieh dich gut an, wir wollen beide heute gleich -zum Oberamtmann Strehlke nach Polommen fahren, ob er dich als Lehrling -aufnimmt ...“ - -„Als Eleve, Vater ...“ - -„Nein, als Lehrling. Er soll dich nicht mit Handschuhen anfassen, -sondern überall hinstellen, wo es etwas zu lernen gibt, genau so, wie -ich es bei seinem Vater durchgemacht habe. Wenn du dann standhältst, -bist du echt ...“ - -Ein wenig bedrückt stieg Franz zu seinem Stübchen hinauf. Er -hatte sich schon das Jahr auf einem großen Gut recht angenehm -ausgemalt. Lernen wollte er alles, was es zu lernen gab, das war -selbstverständlich Aber daneben wollte er auch etwas freie Zeit haben, -um sich mit seinen geliebten Büchern beschäftigen zu können. Ab und zu -auch auf die Jagd gehen ... Er mußte sich ordentlich einen Ruck geben, -um seinen Entschluß nicht jetzt schon zu bereuen. Er nahm seinen guten -Rock aus dem Schrank und begann, die Alberten rauszuziehen. Einen zog -er aus, bog die Nadel etwas ein und verwahrte ihn besonders in einem -Schächtelchen. Ein sonniges Leuchten ging dabei über sein Gesicht. - -Auf der Fahrt sprach der Vater wenig. Nur ab und zu machte er eine -Bemerkung über den Boden und den Stand der Felder. Franz hörte still -zu. Seine Gedanken liefen voraus in das Haus, in dem er sein nächstes -Lebensjahr zubringen sollte. Der Oberamtmann galt als der beste -Landwirt weit und breit. Sein Betrieb lief wie am Schnürchen, sein Vieh -erhielt auf jeder Ausstellung die ersten Preise. Aber was war er für -ein Mensch? Gut und milde oder scharf und grob? - -In Polommen ließ Rosumek das Fuhrwerk am Tor halten und ging allein -ins Herrenhaus. Schon nach wenigen Minuten erschien er wieder auf -der Treppe und winkte Franz ... Aus einem Korbstuhl hob sich eine -mächtige Gestalt. Ein blonder, großer Bart, der bis auf die Brust hinab -reichte, bedeckte sein Gesicht, aus dem zwei scharfe graue Augen den -eintretenden Jüngling musterten. Eine breite, starke Hand streckte sich -ihm entgegen. - -„Sie bringen eine gute Empfehlung mit, junger Freund, Ihren Vater, der -mir in meiner Lehrzeit manche unangenehme Arbeit abgenommen hat. Also -Sie wollen Ihre Lehrzeit bei mir durchmachen?“ Gewaltig dröhnte die -Stimme im tiefsten Baß. - -„Ja, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz tapfer mit festem Blick. - -„Na, Sie haben wohl schon bei Ihrem Vater etwas in die Wirtschaft -hineingerochen und können Roggen von Hafer unterscheiden. Das ist auch -schon etwas wert, aber leicht ist der Dienst auf einem großen Gut -nicht, und wer mal selbst befehlen will, muß erst gehorchen gelernt -haben. Doch das sind Binsenwahrheiten, die Ihnen wohl auch geläufig -sind. Aber eins muß ich Ihnen noch sagen: ich poltere oftmal los ... -das ist nicht weiter gefährlich ... aber wenn ich platt rede, wie Ihr -Freund und Onkel Uwis, den ich sehr hoch schätze -- ich bitte, ihn von -mir zu grüßen --, dann tut man gut, mir eine Weile aus den Augen zu -verschwinden.“ - -Er lachte dabei so herzlich, daß bei Franz jede Befangenheit schwand. -„Ich werde mir Mühe geben, Ihre Zufriedenheit zu erringen.“ - -„Geschenkt! Das ist doch die erste Vorbedingung. Also abgemacht, -sela. Zum 1. Oktober treten Sie an. Und nun wollen wir nach dieser -anstrengenden Tätigkeit frühstücken.“ - -Er führte seine Gäste in das Nebenzimmer, wo bereits der Tisch mit all -den guten Sachen, die es in einem Gutshause gibt, gedeckt war. Bald -darauf trat die Frau des Hauses ein, eine hohe, schlanke Gestalt, mit -reichem kastanienbraunem Haar und einem überaus freundlichen Lächeln -auf dem schönen Gesicht. Gleich darauf stürmten zwei Knaben von sieben -und fünf Jahren herein. Als sie die fremden Gäste erblickten, machten -sie einen tiefen Diener und gaben beiden die Hand. Dann stieg der -Jüngere seinem Vater auf das Knie, faßte mit beiden Händen in den Bart -und gab ihm einen Kuß. Ganz warm stieg es bei diesem Anblick in Franz -auf. Sein zukünftiger Lehrmeister war sicher ein herzensguter Mann, der -keinem Unrecht tat. - -Die vier Wochen, die Franz noch zu Hause weilte, vergingen ihm wie im -Fluge. Er stand mit dem ersten Hahnenschrei auf und half den Tag über -wacker bei der Ernte. Abends sank er totmüde ins Bett. Die Mutter war -mit seiner Tätigkeit durchaus nicht einverstanden. Er sollte sich nach -der schweren Vorbereitungszeit fürs Examen erholen, anstatt sich so -anzustrengen. Aber Franz ließ sich nicht beirren. Und Onkel Uwis lobte -ihn, wenn er mal abends auf ein halbes Stündchen zu ihm ging. Auch -einen Teil der Saatzeit machte Franz noch beim Vater durch. Öfter wurde -er vom Felde nach Hause geholt, um Wäsche oder ein neues Kleidungsstück -anzuprobieren. Denn die Mutter stattete ihn sehr reichlich aus und -schärfte ihm bei öfteren Ermahnungen ein, daß er sich zu jeder Mahlzeit -im Herrenhause umziehen müsse. - -„Du fragst einfach die gnädige Frau, wie du zu Tisch erscheinen -sollst. Sagt sie: wie Sie angezogen sind, dann ziehst du dir die -neuen Kniestiefel und die neue Joppe an und nimmst dir einen reinen -Kragen um. Du kannst ihn ja nach dem Essen wieder gegen den anderen -vertauschen.“ - -Lächelnd hörte Franz die Mutter an. Zum Schluß faßte er sie um und -versicherte ihr, daß er alle ihre Ermahnungen beherzigen werde. Er -wußte: das Mutterherz würde ihn auch in die Fremde begleiten und um ihn -sorgen. - -Am Tage vor seiner Abreise ging Franz zu Frau Grigo. Lotte empfing ihn -und plauderte mit ihm, bis die Mutter aus der Küche hereinkam. Ein von -Sorgen und schwerer Arbeit zermürbtes Frauchen. Nachdem sie ihm einen -Sack voll guter Wünsche auf den Lebensweg mitgegeben hatte, fragte sie -plötzlich, ob es wahr wäre, daß es bald Krieg gäbe. Erstaunt zuckte -Franz die Achseln. „Das weiß ich nicht, Tante. Es ist schon so oft -davon geredet worden, daß wir mit Rußland Krieg bekommen sollen, aber -bis jetzt ist es doch noch nicht eingetroffen. Für uns hier an der -Grenze wäre es ein großes Unglück.“ - -„Ja, ein sehr großes Unglück, mein lieber Franz.“ - -Abends, als er mit den Eltern bei Onkel und Tante Uwis war, erzählte -er von der sonderbaren Frage der Lehrerwitwe. Der Pastor blies dicke -Rauchwolken aus seiner Pfeife. „Ich bin in den letzten Tagen auch oft -danach gefragt worden. Da hat irgendein Esel sich den Spaß gemacht, das -Gerede unter die Leute zu bringen.“ - -„Also du hältst nichts davon, Onkel?“ - -„Das ist eine andere Frage, mein lieber Junge. Ich weiß ja nicht mehr, -als was in den Zeitungen steht, aber ich habe das Gefühl, als wenn wir -hier in Ostpreußen und namentlich wir hier an der Grenze wie auf einem -Pulverfaß leben. Es braucht nur ein Funke hineinzufallen, dann fliegen -wir in die Luft. Und Funken fliegen genug umher. Ich denke jedoch, wir -tun nicht gut, uns heute mit diesen Sorgen das Herz zu beschweren. Wir -müssen hinnehmen, was Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß über -uns verhängt und damit basta. Hier hast du etwas auf die Reise.“ Er -reichte ihm einen verschlossenen Brief. „Den gib deinem Lehrherrn mit -einem schönen Gruß von mir. Ermahnungen brauche ich dir nicht mit auf -den Weg zu geben. Ich weiß, daß du deinen Eltern und mir keine Schande -machen wirst.“ - -Am andern Morgen brachte Rosumek seinen Jungen selbst nach Polommen. -Er bekam im Beamtenhaus ein freundliches Stübchen angewiesen, packte -seine Sachen aus und ging dann ins Herrenhaus, um sich anzumelden. Der -Oberamtmann empfing ihn kurz angebunden. „Gleich nach Mittag ziehen Sie -sich einen derben warmen Anzug an, denn Sie werden die Kartoffelgräber -beaufsichtigen. Jetzt stellen Sie sich dem Oberinspektor Balk vor, der -Sie unter seine Obhut nehmen und Ihnen die nötigen Anweisungen erteilen -wird. Wenn Sie irgendein Anliegen an mich haben, bin ich für Sie -jederzeit zu sprechen.“ - -„Aller Anfang ist schwer, sagte der Teufel, da stahl er einen Amboß.“ -Mit grimmigem Humor murmelte Franz die Worte vor sich hin, während -er hinter der Reihe der Kartoffelgräber langsam auf und ab ging. Er -hatte sich warm angezogen, aber der starke Nordwind drang doch durch -die dicke Jacke und das wollene Unterzeug, so daß er froh war, als er -hinter dem Wagen, der die letzten Säcke vom Felde holte, nach Hause -ging. Und der heiße Kaffee, den ihm das Mädchen brachte, schmeckte -ihm, wie ihm schon lange nichts geschmeckt hatte. Dann wurde er in -die Ställe geschickt, um das Füttern der Pferde zu beaufsichtigen. -Beim Abendbrot lernte er einen „Leidensgefährten“, Hans Kolbe, -kennen, einen langaufgeschossenen Kaufmannssohn aus der Stadt, der in -Königsberg auf einer Presse sich das Einjährigenzeugnis geholt hatte -und schon ein halbes Jahr die Landwirtschaft erlernte. Er lud Franz -nach dem Essen auf seine Bude zu einem Glas Grog ein und weihte ihn mit -großer Selbstgefälligkeit in die Geheimnisse des Gutes ein. - -Der Oberinspektor sei gutmütig und lasse sich leicht ein X für ein U -machen. Er zitterte vor dem Oberamtmann; das sei ein Deuwelskerl ... -der sähe alles und wüßte alles ... Franz hörte ruhig zu, aber die Art -des jungen Menschen mißfiel ihm vom ersten Augenblick an, und als er -gar mit seinen intimen Beziehungen zu verschiedenen Scharwerksmädeln -zu prahlen begann, stand Franz auf und verabschiedete sich mit kurzem -Dank. Er sei müde und müsse morgen früh aufstehen ... - -Ganz allmählich gewöhnte sich Franz in seinen Wirkungskreis ein. Der -Dienst wurde leichter, nachdem die Kartoffeln und Rüben geborgen waren. -Aber tagaus tagein an der Dreschmaschine stehen, war gerade auch kein -Vergnügen. Er überwand jedoch mit festem Willen die trübe Stimmung, -die ihn oft zu beschleichen drohte und tröstete sich mit dem Gedanken -an den Sommer, wo es wohl auch viel Arbeit geben würde, aber anderer -Art und in freier Luft ... - -An jedem Sonntag wurden die beiden jungen Leute zu Mittag ins -Herrenhaus gebeten. Gleich beim erstenmal fiel es Franz auf, daß die -Hausfrau seinen „Leidensgefährten“ ganz unbeachtet ließ, während -sie sich mit ihm freundlich teilnehmend über seine Eltern und Onkel -Uwis unterhielt. Er hatte das Gefühl, als wenn der Frau des Hauses -die zärtlichen Beziehungen Kolbes zur Weiblichkeit des Hofes nicht -unbekannt wären und daß sie ihn deshalb so fühlbar schnitt. Am zweiten -Sonntag fragte sie Franz, was er am Nachmittag und Abend triebe. - -„Ich habe mir einige Lehrbücher der Landwirtschaft mitgebracht, gnädige -Frau, und beschäftige mich damit. Ich nehme auch manchmal meinen Horaz -und Homer vor, um meine Schulkenntnisse nicht zu verlieren ...“ - -„Das gefällt mir, Franz“, lobte die Frau. „Heute möchte ich Sie mit -Beschlag belegen. Wollen Sie zum Kaffee wiederkommen und den Abend bei -uns verleben?“ - -„Sehr gern, gnädige Frau, nehme mit Dank an.“ - -„Sie Musterknabe haben sich ja schon bei der Gnädigen lieb Kind -gemacht“, meinte Kolbe mit deutlichem Ärger in der Stimme, als sie aus -dem Herrenhause traten. „Mich behandelt sie wie Luft.“ - -„Sie werden wohl durch irgend etwas das Mißfallen der gnädigen Frau -erregt haben“, sagte Franz ruhig. - -Ende November gab es eine angenehme Abwechselung durch die große -Treibjagd, die der Oberamtmann veranstaltete. Schon einige Tage vorher -ließ er auf dem Schlag hinter der Scheune die Treiber dazu einüben. Es -wurde ein Kessel angelegt. Von zwei gegenüberliegenden Punkten wurden -die Treiber abgelassen. Die Flügel wurden von den beiden Kämmerern -und den Lehrlingen geführt. Der Oberamtmann ritt im Kessel umher und -sprengte sofort auf die Stelle zu, wo sich zwischen den Treibern eine -Lücke bildete. Dann donnerte und wetterte er, daß es weit übers Feld -schallte. Am Jagdtage trafen die Gäste schon bei Tagesgrauen ein. Nach -einem kräftigen Frühstück brach die Gesellschaft auf. Es war in der -Nacht etwas Schnee gefallen. Hell und klar ging die Sonne auf. Dazu -wehte ein frischer Ost. Das richtige Jagdwetter. - -Franz durfte seine Flinte führen und schießen. Er hatte guten Anlauf -und übereilte sich nicht, so daß er mit der Anzahl der von ihm erlegten -Hasen immer unter den Ersten war. Sein Leidensgefährte war kein Jäger, -er ging als Treiber mit. - -Als beim Schüsseltreiben das Jagdergebnis verlesen wurde, rief Frau -Oberamtmann ein lautes Bravo, als Franzens Name genannt und sein -Weidmannsheil verkündet wurde. Nach Aufhebung der Tafel setzten sich -die alten Herren an die Spieltische. Das junge Volk vergnügte sich -durch ein Tänzchen. Die Hausfrau holte Franz aus dem Spielzimmer und -stellte ihn mehreren jungen Mädchen vor ... Es war ein schöner Tag und -Abend, an den Franz noch oft mit großem Vergnügen zurückdachte. - - - - -8. Kapitel - - -Es war gut, daß Grinda seiner Nichte die Schlüssel übergeben hatte -als er wegfuhr, denn sein Stellvertreter, ein entfernter Verwandter, -eignete sich zum Krugwirt, wie ein Igel zum Sitzkissen. Er vergaß sich -nie ein Gläschen einzuschenken, wenn die Arbeiter Schnaps tranken. -Ja, er verlangte von Olga auch die Schlüssel, aber sie war klug und -energisch und gab sie nicht heraus. - -Walter war unter dem Vorwand eines Pirschganges in den Wald gefahren -und gegen Abend in der Waldschänke eingekehrt. Er fand dort eine -Gesellschaft, alles junge Leute aus der Stadt, die ihm unbequem waren, -und da er auch mit der Möglichkeit rechnen mußte, daß der Vater -unverhofft heimkehren könnte, fuhr er zum Abendbrot nach Hause. Arglos -erzählte ihm die Mutter, daß der Vater ihr durch den Fernsprecher -mitgeteilt hätte, er werde erst am nächsten Vormittag nach Hause -kommen. Er leistete ihr Gesellschaft und erfreute sie durch eine -eingehende Schilderung alles dessen, was er sich im nächsten Semester -einpauken lassen werde, um im Frühjahr das Examen zu machen. Dann -setzte er sich ans Klavier, das er meisterhaft beherrschte, obwohl er -nie strengen Unterricht gehabt und alles nur nach dem Gehör spielte. - -Als die alte Dame sich um zehn Uhr zur Ruhe begab, ging er auf sein -Zimmer und schlich wenige Minuten später wieder hinunter, nahm sein -Rad und fuhr in die Stadt ins Café. Die Mehrzahl der soliden Bürger -hatte sich bereits entfernt, nur der große Tisch war noch von einer -Gesellschaft älterer Offiziere besetzt, die sich lebhaft unterhielten. -Er ließ sich an einem kleinen Tisch nieder und bestellte sich ein -Glas Bier. Der Ober, der ihn nur durch eine vertrauliche Kopfbewegung -begrüßt hatte, stand dicht am Offizierstisch. Kaum daß einer der Herren -seine Tasche zog, um sich eine neue Zigarre oder Zigarette anzustecken, -war er schon mit dem brennenden Streichholz bei der Hand. Jedes -geleerte Glas ergriff er, füllte es und brachte es schnell zurück. Die -Offiziere hatten keinen Argwohn dabei, denn sie waren es gewohnt, von -dem Ober so aufmerksam bedient zu werden. - -In Walter stieg wieder der Verdacht auf, der ihm zuerst so -ungeheuerlich erschienen war. Aber auch jetzt wollte es ihm wenig -wahrscheinlich erscheinen, daß der Mann ein anderes, als ein ganz -allgemeines Interesse an dem Gesprächsstoff der Offiziere nehmen -könnte, der damals schon alle Menschen an der russischen Grenze -beschäftigte. Aber die Tatsache war doch nun einmal da, daß der Mann -alles hörte, was die Offiziere sprachen. - -Als die Herren aufbrachen, begab Walter sich in die Spielzimmer. Eine -Anzahl junger Leute hatte sich zusammengefunden, um Kartenlotterie zu -spielen. Er konnte dem geistlosen Spiel, das er langweilig fand, kein -Interesse abgewinnen und sah zu, ohne eine Karte zu kaufen. Es wurde -ziemlich hoch gespielt und scharf getrunken. Denn die Bank, die von -jedem großen Los ein Zehntel ablegen mußte, hielt die Spieler frei. -Die Einrichtung der Abgabe war ebenso sinnreich wie einfach. Auf dem -Tisch stand ein großes Glas, zur Hälfte mit Wasser gefüllt, in das der -Betrag geworfen wurde. Das ergab einen großen Verdienst für den Ober, -der selbst, wenn die Spieler scharf tranken, noch einen erheblichen -Überschuß behielt. - -Bald darauf betraten drei wohlhabende Handwerker das Zimmer. Sie -forderten den ihnen bekannten Walter auf, mit ihnen zu pokern. Das -war ein Spiel nach seinem Geschmack. Da konnte man selbst mit einer -schlechten Karte, wenn man es nur geschickt anfing, die Mitspieler -blüffen. Er hatte etwa eine halbe Stunde mit wechselndem Glück -gespielt, als er merkte, daß der Ober leise, wie es seine Art war, -hinter ihn trat. Gleichgültig nahm er seine fünf Karten auf. Er hatte -drei Asse, eine Sieben und eine Acht. Ohne sich zu besinnen, legte -er die Sieben ab und kaufte eine neue Karte dazu. Mit unbeweglichem -Gesicht nahm er diese auf und warf sie nach flüchtigem Blick auf die -andern. Es war das vierte Aß. Das konnte ein großer Schlag werden, -aber nur, wenn auch einer der Mitspieler ein starkes Gegenspiel in der -Hand hatte. Walter hatte Mühe, sich zu beherrschen und seine Freude zu -verbergen, als der erste Spieler fünfzig Mark anwettete. - -„Die Fünfzig bringe ich und setze noch Einhundert vor“, sagte Walter -möglichst gleichmütig. - -„Die Hundert und noch Zweihundert.“ - -Blitzschnell überlegte Walter. Wollte sein Gegner ihn rausblüffen, oder -hatte er auch ein starkes Spiel in der Hand. - -„Die Zweihundert und noch Zweihundert.“ - -„Die Zweihundert und noch Fünfhundert.“ - -Kalt lief es Walter über den Rücken. Soviel Geld hatte er ja nicht mehr -bei sich. Wenn er nicht wenigstens die fünfhundert Mark nachsetzte, -zog der Gegner den ganzen Gewinn ein, ohne überhaupt nur seine Karte -aufdecken zu müssen. Da fühlte er eine leise Berührung seiner linken -Seite. Er griff instinktmäßig hin und fühlte eine Hand, die ihm -einen Bündel Banknoten zusteckte. Erst fuhr er mit einer Hand in die -Seitentasche seiner Joppe, als wenn er von dort das Geld herausnahm, -dann warf er die Scheine auf den Tisch. Es waren nach flüchtiger -Schätzung mindestens zweitausend Mark. - -„Die Fünfhundert und noch Tausend.“ - -Hochrot vor Aufregung warf sein Gegner, ein dicker Fleischermeister, -die tausend Mark auf den Tisch. „Zum Teufel, was haben Sie denn? Ich -will sie wenigstens sehen.“ - -Kaltblütig deckte Walter seine vier Asse auf. - -Wütend warf der Fleischermeister seine Karten weg. „Sie haben ein -fürchterliches Schwein, ich habe vier Könige gehabt.“ - -Eine Weile später landete Walter noch einen zweiten, etwas kleineren -Gewinn, indem er mit einer schwachen Karte seine Gegner blüffte. - -Gegen zwei Uhr mahnte der Ober zum Aufbruch. - -Walter zögerte, bis die andern Gäste gegangen waren. - -„Jetzt, lieber Ober, müssen wir abrechnen. Was habe ich von gestern zu -bezahlen und was haben Sie mir heute gegeben. Und dann möchte ich mich -noch durch eine Flasche Rotwein revanchieren.“ - -Das Geldgeschäft war bald zur beiderseitigen Befriedigung erledigt und -die Gläser gefüllt. - -„Ich wollte Sie mal was fragen“, begann Walter zögernd. „Mir scheint, -Sie haben viel Interesse für gute militärische Nachrichten.“ - -Mit feinem Lächeln schüttelte der Ober den Kopf. - -„Nicht mehr als jeder Deutsche an der Zuspitzung unserer Beziehungen -mit Rußland hat. Wenn Sie besonders gute und wichtige Nachrichten -über russische Verhältnisse haben, dann wenden Sie sich am besten an -die Offiziere, mit denen Sie ja bekannt sind. Es müssen aber sehr -wichtige Nachrichten sein. Denn soviel ich weiß, kennen alle Staaten -voneinander und von den militärischen Geheimnissen der Gegner im -allgemeinen mehr als man glaubt. Denn jeder Staat unterhält, wie ich -neulich gehört habe, einen Nachrichtendienst, der bei den Nachbarn -alles zu erforschen sucht, was wissenswert erscheint.“ - -„Das muß doch nicht genügen,“ erwiderte Walter eifrig, „denn gestern -ist der Wirt der Waldschänke über die Grenze gefahren, um die Standorte -der russischen Truppen im polnischen Bezirk auszukundschaften.“ - -„Das ist ein gefährliches Unternehmen,“ erwiderte der Ober ruhig, -„denn die Russen pflegen nicht lange zu fackeln, wenn sie einen Spion -erwischen.“ - -„Ach, der Mann läuft keine Gefahr. Er ist lange Jahre als Viehtreiber -in Rußland gewesen, spricht fertig russisch und polnisch und wird, wie -ich vermute, mit Vieh handeln. Auf jedem Fall verdient er damit grob -Geld.“ - -„Oder den Strick“, erwiderte der Ober lächelnd. Er brach kurz ab und -fragte: „Können Sie uns nicht einen Bock schießen, wir haben ihn heute -schon bei Ihrem Herrn Vater bestellt.“ - -„Das läßt sich machen“, erwiderte Walter erfreut, „der Vater hat mir -noch einen Bock freigegeben und ich weiß einen kapitalen Burschen, -dessen Gehörn mir noch heute gehören soll, wenn ich nur etwas -Weidmannsheil entwickle.“ - -Eine Stunde später fuhr er nach Hause, schlich auf sein Zimmer, und -warf sich in den Kleidern noch für zwei Stunden auf die Liege. Als -der Morgen graute, stand er auf und fuhr zu Rad in den Wald. An dem -großen Torfbruch stellte er es ins Dickicht und pirschte sich am -Waldrand entlang. Auf die meliorierten Wiesen, auf denen der zweite -Schnitt mit viel Klee untermischt fast kniehoch stand, pflegten die -Rehe gern auszutreten. Er hatte etwa eine halbe Stunde gestanden, als -der kapitale Bock, an dessen weit ausgerecktem Gehörn die weißen Enden -im Morgenlicht schimmerten, von dem Torfbruch her vertraut angetrollt -kam und auf der Kunstwiese zu äsen begann. Mit gutem Blattschuß legte -Walter ihn auf die Decke. Als er das prächtige Gehörn in der Hand -hielt, stieß er vor Freude einen lautschallenden Jagdruf aus, schmückte -sein Hütchen mit einem Bruch und fuhr mit der schweren Beute auf dem -Rücken heim. - -Der Vater war eben von seiner Reise zurückgekommen. Etwas wie -Vaterstolz leuchtete in den Augen des Grünrocks auf, als der Sohn -elastisch wie eine Feder vom Rad sprang und den Bock abwarf. Er war -schon oben auf seinem Zimmer gewesen und dachte nichts anderes, als daß -Walter irgendwo die Nacht durchsumpfte. Umsomehr freute es ihm, daß er -sich geirrt hatte. „Junge“, rief er: „Wenn du dich mit solchem Eifer -und Erfolg an die Wissenschaften heranpirschen würdest, dann könntest -du noch ein ganzer Mann werden.“ - -„Dazu scheint mir das Geschick zu fehlen, lieber Vater,“ erwiderte -Walter lachend, „weshalb hast du mich nicht Forstmann werden lassen?“ - -„Dazu muß man auch sehr viel gelernt haben, mindestens ebensoviel wie -als Jurist.“ - -„Ach, ich kann die trockene Gelehrsamkeit nicht ausstehen, sie will mir -nicht in den Kopf. Vater, ich habe zwar schon fünf Semester verbummelt, -aber es ist noch nicht zu spät, laß mich noch umsatteln.“ - -„Ja, was willst du denn jetzt noch werden?“ - -„Landwirt, Vater“, rief Walter in freudiger Erregung aus. - -„Ein guter Landwirt muß heutzutage auch einen ganzen Posten Kenntnisse -besitzen, wenn er nicht unter die Räder kommen will.“ - -„Das meiste lernt man doch durch die Praxis“, gab Walter schnell zur -Antwort. „Und wenn du mich blos zwei Semester auf die Hochschule -schickst, will ich fleißig studieren.“ - -„Muttchen,“ rief er der eben eintretenden Mutter zu, „hilf mir den -Vater bitten, daß er mich Landwirt werden läßt, dann werde ich euch -Freude machen, statt Kummer.“ - -„Wenn du bloß ein ordentlicher tüchtiger Mensch wirst“, erwiderte der -Forstmeister. „Was meinst du, Olsche, wollen wir es mit dem Jungen mal -so herum versuchen?“ - -„Wenn er nicht mehr Ehrgeiz besitzt, dann kann er meinetwegen auch -Landwirt werden. Diesen merkwürdigen Mangel scheint er von dir geerbt -zu haben, du könntest längst schon in der Regierung oder im Ministerium -sitzen.“ - -Der Grünrock lachte gutmütig. „Ja, wenn ich wollte, aber ich will -nicht. Ich trenne mich nicht von meinem Wald, der mir ans Herz -gewachsen ist, um Federfuchser in der Stadt zu werden. Da würde ich -bald eingehen. Du mußt auf die Erfüllung dieses Wunsches, in der Stadt -zu leben, schon warten, bis ich Pension nehme.“ - -„Da kann ich noch lange warten“, erwiderte die Hausfrau, anscheinend -verdrießlich und verließ das Zimmer. - -Es war durchaus nicht verwunderlich, daß der Forstmeister, als er einen -Lehrherrn für seinen Jungen suchte, auf den Oberamtmann in Polommen -verfiel, mit dem er schon lange befreundet war. Schon an einem der -nächsten Tage fuhr er zu ihm und brachte sein Anliegen vor. Der Dicke -schlug es ihm rundweg ab. „Ich habe schon zwei, eine Skatpartie ist -zu viel. -- Ich kann dir aber einen guten Rat geben. Bringe ihn zu -meinem Nachbar Braun in Nonnenhof, du kennst ihn ja auch. Das ist ein -tüchtiger ehrenhafter Mann, der auf seinen tausend Morgen gut vorwärts -kommt. Wart’ mal, er wird jetzt zu Hause sein.“ Er nahm den Hörer des -Fernsprechers ab und ließ sich verbinden. Nachdem er die einleitende -Frage getan, ließ er nur ab und zu ein zustimmendes Brummen hören. - -„Also Braun will! Du fährst am besten gleich zu ihm rüber und machst -alles mit ihm ab. Auf den Rückweg sprichst du bei mir an und bleibst zu -Mittag.“ - -Der Gutsbesitzer Braun, der die Vierzig noch nicht überschritten hatte, -brachte mehrere Bedenken vor. Das Schwerwiegendste war die Frage, ob -Walter, der schon ein paar Jahre die studentische Freiheit genossen -habe, sich in die Einsamkeit der abgelegenen Besitzung würde einfügen -lassen. - -„Das ist ja gerade das, was mir für meinen Jungen am wünschenswertesten -erscheint. Lassen Sie ihm nichts durchgehen und nehmen Sie ihn scharf -ran. Es soll keine Sommerfrische zur Erholung sein, sondern ein -Lehrjahr.“ - - * * * * * - -Schon nach acht Tagen siedelte Walter nach Nonnenhof über und begann -seinen neuen Beruf, ebenso wie Franz Rosumek, mit der Beaufsichtigung -der Kartoffelgräber. Und doch fühlte er sich glücklich, denn der -Gedanke, Tag für Tag das trockene Jus zu büffeln, erregte ihm Grauen. -Langeweile kam bei ihm nicht auf, denn sein Lehrherr sorgte dafür, daß -er vom Abfüttern, das schon um fünf Uhr früh stattfand, bis zum Abend -auf den Beinen blieb und dann rechtschaffen müde war, daß er sich -freute, sein Bett aufsuchen zu dürfen. Am Sonntag fand er Zeit, seinen -Eltern einen Brief zu schreiben. Und er bemühte sich, vor ihnen die -Enttäuschung zu verbergen, die ihm sein neuer Beruf bis jetzt bereits -bereitet hatte. - -Die Mutter antwortete jedesmal umgehend und ausführlich. In einem -ihrer Briefe berichtete sie nach den üblichen Ermahnungen, daß Grinda -noch immer nicht zurückgekehrt wäre. Auch von Olga schrieb sie. Sie -hätte eines Tages kurzerhand den Stellvertreter des Onkels, der sich -täglich zweimal betrank, an die Luft gesetzt und wirtschaftet allein. -Sie habe ein Schreiben des Onkels, daß ihr für den Fall, daß er nicht -wiederkehrte, alles gehörte. Auch der Vater sei besorgt, daß Grinda in -Rußland etwas zugestoßen sei. Es gebe jedoch keine Möglichkeit, nach -seinem Verbleib Nachforschungen anzustellen. - -Diese Nachricht ließ in Walter wieder den Verdacht aufsteigen, den er -mal gegen den Oberkellner im Café gefaßt hatte. Und es fiel ihm schwer -in die Seele, daß er dem Mann gegenüber Grindas Reise nach Rußland -erwähnt hatte. War der Mann wirklich ein Spion, dann war Grindas -Verschwinden erklärlich und das Schlimmste zu befürchten. Und er allein -trug die Schuld daran. - -Zu Weihnachten gab ihm sein Chef Urlaub bis nach Neujahr. Am heiligen -Abend begann es zu schneien und schneite durch, bis in die Nacht zum -zweiten Feiertag. Schon bei Tagesgrauen fuhr der Forstmeister mit -Walter auf einer Schleife ohne Kufen, die leicht über den lockeren -Schnee wegglitt, in den Wald. Es war nicht ausgeschlossen, daß die -schlimmen Gäste aus Rußland sich eingestellt hatten. Fast alljährlich -kamen Wölfe einzeln oder in kleinen Rudeln im Winter über die Grenze -und richteten in dem Wildstand der preußischen Grenzforsten schweren -Schaden an. Sie fanden auch wirklich die Fährte zweier Wölfe und die -Überreste eines Rehes, daß sie gerissen und aufgefressen hatten. - -Eine Stunde später hatten sie die Räuber in einem Jagen des Torfbruches -eingekreist, und nun ging es in aller Eile nach Hause. Erst wurden die -Förster durch den Fernsprecher benachrichtigt, die eine Menge Treiber -aufbieten sollten, dann ging die Mitteilung an eine Anzahl Jäger in -die Stadt. Kurz vor Mittag war die Jagdgesellschaft an dem Jagen -versammelt. Die Treiber, die den Dienst schon kannten, bestellten in -aller Stille drei Seiten des Jagens, während die vierte von den Jägern -besetzt wurde. Bald nachdem die Treiber mit heftigem Gebrüll in das -verschneite Dickicht eingedrungen waren, krachte ein Schuß. Bald darauf -fielen noch zwei Schüsse. Beide Wölfe waren zur Strecke gebracht. Der -eine vom Forstmeister, der andere vom Major Aldenhoven. - -Das Weidmannsheil wurde in der Waldschänke gefeiert. Olga bediente -ihre zahlreichen Gäste sehr gewandt und aufmerksam. Das Verschwinden -ihres Onkels schien sie nicht sehr zu bekümmern. Und als der Major -versprach, unauffällig Erkundigungen einzuziehen, zuckte sie nur die -Achseln und meinte, das hätte doch keinen Zweck. Am anderen Vormittag -ging Walter allein zu ihr. Olga erzählte ihm ganz unbefangen, sie habe -jetzt einen Bräutigam, einen sehr ordentlichen Menschen. Zum Frühjahr, -wenn sie mündig geworden wäre, wollte sie ihn heiraten, die Waldschänke -verkaufen, wenn der Onkel noch nicht zurückgekehrt wäre und in der -Stadt einen Laden aufmachen. Walter fühlte, daß das lyrische Intermezzo -vom Herbst keine Fortsetzung finden würde und verabschiedete sich bald. - - * * * * * - -Wenige Tage später durchlief die Kunde, daß Grinda zurückgekehrt wäre, -die ganze Gegend. Er war verlaust und verlumpt und sah jämmerlich elend -aus. Der Forstmeister, der auch unter den Gedanken litt, daß er dazu -beigetragen hätte, den alten Schulkameraden ins Unglück zu bringen, -ging sofort zu ihm, und fand ihn im Bett liegen. - -„Ja, Forstmeister,“ meinte er, mit einem schwachen Versuch zu lächeln, -„diesmal bin ich nur mit knapper Not der hanfenen Halsbinde entgangen. -Ein Glück nur war’s, daß ich mich auf mein gutes Gedächtnis verlassen -und deshalb mir auch nicht die kleinste Aufzeichnung gemacht habe. Mein -Notizbuch enthielt nur Eintragungen über meine Käufe und Verkäufe. Ich -hatte mir den Plan zurecht gelegt, hier und dort bei den Bauern einige -Stücke Vieh aufzukaufen und sie nach Garnisonorten zu treiben, um sie -an die Proviantämter der Truppen, mit oder ohne Nutzen zu verkaufen. -Das Geschäft ging gut und ich habe in den ersten drei Wochen eine ganze -Menge neuer wichtiger Nachrichten gesammelt. - -Plötzlich wurde ich in Augustowo, als ich schon an die Rückreise -dachte, verhaftet und in die Kosa gesperrt. Am nächsten Morgen wurde -ich scharf verhört. Ich stellte mich dumm und berief mich auf einen -jüdischen Großhändler, der mir bezeugen kann, daß ich schon viele Jahre -in Rußland als Aufkäufer tätig sei. Der russische Auditeur fiel darauf -rein und ließ den Mann holen und mir gegenüberstellen. Auf diese Weise -erfuhr der Händler, wo und in welcher Gefahr ich mich befand. - -Du, Forstmeister,“ unterbrach er seinen Bericht, „ich bin ohne Zweifel -auf eine Anzeige von deutscher Seite aus verhaftet worden. Hier muß -einer nicht dicht gehalten haben.“ - -„Das ist ganz ausgeschlossen“, erwiderte der Grünrock. „Von den wenigen -Offizieren, die um den Zweck deiner Reise wußten, hat sicher keiner -geplaudert und von mir ist es wohl selbstverständlich. Vielleicht ist -eine weibliche Zunge im Spiel.“ - -„Damit kannst du nur meine Nichte meinen.“ Er pochte an die Wand, -worauf Olga eintrat. Sie leugnete ganz entschieden, obwohl sie sich -daran erinnerte, daß sie es Walter gesagt hatte, wohin der Onkel -gefahren war. - -„Dann bleibt es mir unerklärlich,“ fuhr Grinda fort, „daß der russische -Auditeur wußte und mir vorhielt, daß ich hier in der Waldschänke ein -gutgehendes Geschäft habe. Ich erwiderte, das Geschäft sei so schlecht -gegangen, daß ich meine Ersparnisse zugesetzt hätte und gezwungen -gewesen wäre, so wie früher meinen Unterhalt durch Viehhandel zu -erwerben. Acht Tage brachte ich in einem elenden Loch zu, wo es von -Ungeziefer wimmelte. Dann wurde ich wieder zum Verhör geführt, wo man -mir vorhielt, daß das Geschäft hier glänzend ginge. Man hatte also -hier einen Gewährsmann, bei dem man Erkundigungen einziehen konnte. Ja -noch mehr, es sei hier bekannt, daß ich nach Rußland gegangen sei, um -Spionage zu treiben. - -Ich erwiderte, ich hätte mir doch keine Aufzeichnungen gemacht, -wie sollte ich alles, was ich hörte oder sah, in meinem Gedächtnis -behalten. Der Auditeur meinte mit einem boshaften Lächeln, es gäbe -schon Mittel und Wege, das, was man jeden Tag erfahre, über die Grenze -zu schaffen. Mensch, Forstmeister, mir war nach diesem Verhör ganz -eklig zu Mut. Ich fühlte schon den Strick an meiner Gurgel. Einige Tage -später wurde ich auf einer Kibittke von Kosaken eskortiert nach Suwalki -gebracht und dort noch dreimal verhört. Ich hatte schon alle Hoffnung -verloren, als ich eines Tages in meinem Kommißbrot ein Päckchen fand, -das eine scharfe Feile und etwas Geld enthielt. Von wem, das weiß ich, -aber davon schweigt des Sängers Höflichkeit. Ich sägte in der nächsten -Nacht einen Stab meiner schwedischen Gardinen durch, brach aus und fand -bei meinem Helfershelfer Unterschlupf, wo ich noch drei Wochen in einem -Versteck liegen mußte, bis ich nachts über die Grenze geschafft werden -konnte. Aber ich habe nicht umsonst die Angst ausgestanden, ich bringe -eine Menge wichtiger Nachrichten mit. Es ist wohl am besten, wenn ich -mit dem Major bei dir zusammentreffe.“ - -In froher Stimmung berichtete der Forstmeister zu Hause die Erlebnisse -seines Schulkameraden. Als er erwähnte, daß die Anzeige von deutscher -Seite ausgegangen sein müßte, wurde Walter abwechselnd rot und blaß -und sein Schuldbewußtsein war so stark, daß es ihm das Bekenntnis -entriß, das Geheimnis ausgeplaudert zu haben. „Dann ist der Oberkellner -im Café ein verkappter russischer Spion, und er hat die russischen -Behörden benachrichtigt. Ich habe ihn im Verdacht, daß er jeden Abend -die Offiziere belauscht, um manches zu erfahren, was ihm wissenswert -erscheint.“ - -Der Forstmeister hielt erst seinem Sprößling eine heftige Standpauke -und dann teilte er dem Major die Rückkehr Grindas und Walters Verdacht -gegen den Oberkellner mit. - -Zwei Stunden später rief der Major an, der Vogel sei schon in der -vergangenen Nacht ausgeflogen. Er habe eine Anzahl Papiere in seinem -Zimmer verbrannt, aber man habe noch genug gefunden, was den Verdacht -bestätigte, unter anderem eine Anzahl falscher Pässe und Ausweise, die -der Bursche wie zum Hohn offen auf seinen Tisch hingelegt habe. Man -vermute einen russischen Offizier in ihm. Er sei ohne Zweifel in einer -Verkleidung über die Grenze entkommen und längst in Sicherheit. - - - - -9. Kapitel - - -Gleich nach Neujahr setzte heftiger Frost ein. Dabei wehte ein -lebhafter Nordwest, der die Kälte noch fühlbar verschärfte. Die -großen masurischen Seen waren schon vor Weihnachten zugefroren. Jetzt -barst ihre Eisdecke unaufhörlich unter donnerähnlichem Krachen. Ein -handbreiter Spalt klaffte, aus dem das Wasser über die Ränder drang. -An jedem Abend, wenn die Sonne in einem Glutmeer unterging, das mit -unheimlicher Pracht den Himmel bedeckte, begann ein Höllenkonzert. -Bald rollte und grollte es wie dumpfverhallender Donner, bald krachten -scharfe Schläge wie Kanonendonner einer großen Schlacht. - -Nach acht Tagen ging der Wind herum nach Westen und trieb dunkle, -schwere Wolken herauf, aus denen der Schnee still in großen Massen -fiel. Tag und Nacht und wieder Tag und Nacht. Immer höher häuften -sich die weißen Massen auf den Wipfeln der Kiefern und Fichten. Den -Rottannen vermochte der Schnee keinen Schaden zu tun. Ihre elastischen -Äste bogen sich unter der Masse abwärts, bis die Last abrutschte und -sie sich wieder aufrichten konnten. Aber aus den Wipfeln der Kiefern -brach der Schnee schenkeldicke Äste und riß dem Baum tiefe Wunden, in -die der Frost eindrang und dem Baum ans Lebensmark ging. - -Am schlimmsten sah es in den Kiefernschonungen aus, wo die Stämme -schlank wie eine Gerte emporschießen. Wer da im Wachstum mit den -Genossen nicht gleichen Schritt hält, wird von Luft und Licht -abgeschnitten und geht kümmerlich ein. Jetzt wurde der schlanke Wuchs -ihr Verderben. Die Last, die sich unaufhörlich auf ihre Wipfeln -herabsenkte, bog die dünnen Stämme abwärts. Flocke auf Flocke sank -hernieder, immer tiefer bog sich der Baum, bis er mit scharfem Knall -abbrach. Und nicht bloß einzelne erlagen dem Verderben, nein, wie ein -nie ersterbendes Gewehrfeuer knatterte es in den Schonungen. - -Erschreckt, verängstigt flüchtete das Wild aus dem Walde und trieb sich -am Tage auf den Feldern umher, denn die Nacht war nicht lang genug, um -ihren Hunger zu stillen, weil der Schnee fußhoch die Nahrungsquelle, -die Wintersaat, deckte. Die Rebhühner zogen sich bis in die Hausgärten -hinein und kamen ohne Scheu angelaufen und geflattert, wenn eine -mitleidige Hand ihnen Hintergetreide als Futter streute. Auf den -Gehöften wanderten die Krähen wie zahme Haustiere umher und lungerten -nach jedem Abfall, den sie gierig verschlangen. - -Auf den Feldern hörte jede Arbeit auf. Das Wirtschaftsgebiet des -Landmanns beschränkte sich auf die Ställe. Walters Lehrherr war ein -erfolgreicher Viehzüchter, die Ställe waren musterhaft eingerichtet. -Seine Butter ging unter der Marke „Maiblüte“ im Sommer und Winter nach -Berlin. Der Schweizer war ein sehr zuverlässiger, älterer Mann, dem man -in jeder Beziehung vertrauen konnte. Trotzdem hielt sich der Gutsherr -täglich stundenlang in den Ställen auf. - -Er war ein sehr ernsthafter Mensch, der sich unter einem schweren -Schicksal mühsam emporgerungen hatte und nun in seinem Beruf volles -Genüge fand. Aber ihn dauerte der junge Mensch, der seiner Obhut -übergeben war. Eine große Begeisterung für den ihm von der Not -aufgedrungenen Beruf durfte er bei ihm nicht voraussetzen. Dazu -entbehrte er den Umgang mit Altersgenossen, die Abwechslung die wie -eine Entspannung und Erholung wirkt, und Geist und Körper mit neuer -Spannkraft erfüllt. - -Im Herbst bis Weihnachten hatte Walter noch eine kleine Auffrischung -durch die Jagd. Sie beschränkte sich allerdings darauf, daß er gegen -Abend an den Waldrand ging und auf dem Anstand einen Küchenhasen -erlegte. Jetzt hatte das auch aufgehört. Dafür stellte Walter, der -schon etwas Erfahrung aus dem Elternhause mitbrachte, den ranzenden -Füchsen mit dem Tellereisen nach und richtete in den Remisen -Futterstellen ein, die von dem hungernden Wild dankbar angenommen -wurden. - -Dann unternahm es Braun, seinen Zögling in die Geheimnisse der -Buchführung einzuweihen. Er ließ ihn in das wissenschaftliche Rüstzeug -eines gebildeten Landwirts hineinsehen, der vorsichtig Ausgaben und -Einnahmen abwägt, der die Gestehungspreise seiner Erzeugnisse genau -verfolgt und schlechtere Methoden gegen bessere ersetzt. Und Walter war -praktisch genug veranlagt, um die Wichtigkeit dieser Berechnungen zu -erfassen und ihnen Interesse abzugewinnen. - -Eines Tages schlug sein Lehrherr ihm vor, gegen Abend nach Polommen -zu fahren und sich mit den beiden jungen Leuten bekannt zu machen. -Er könne sie auch zu sich einladen, um gemeinsam die langen Abende -zu verbringen. Mit Freuden nahm Walter den Vorschlag auf und fuhr im -Einspänner hinüber. Franz, obwohl mehrere Jahre jünger als er, war ihm -schon von der Schule her bekannt. Er wurde freundlich von ihm begrüßt. -Franz hatte es sich in seiner Bude, in der angenehme Wärme herrschte, -behaglich gemacht. Blaue Rauchwolken erfüllten das Zimmer. Er saß auf -dem Sofa bei der brennenden Lampe. Der Tisch war mit aufgeschlagenen -Büchern bedeckt. - -„Mensch, was studierst du denn so eifrig“, fragte Walter nach der -Begrüßung. - -„Ich berechne die Ergebnisse des Körnerbaues nach den verschiedenen -Düngungsarten.“ - -„Das muß eine interessante Beschäftigung sein,“ lachte Walter, „ich -habe auch schon in die Geheimnisse der Wirtschaftsführung bei meinem -Lehrherrn hineingerochen. Für heute abend möchte ich jedoch eine -leichtere Beschäftigung vorschlagen. Spielst du Skat?“ - -„Jawohl, aber es ist auch danach, dazu muß ich aber meinen -Leidensgefährten als dritten Mann heranholen.“ - -„Erst noch eine Frage: Was ist das für ein Mensch?“ - -„Gährender Most“, erwiderte Franz lachend. „Er hat auf der Presse das -Einjährige errungen und betrachtet alles, was er jetzt noch lernen -muß, als eine unwürdige Beeinträchtigung seiner persönlichen Freiheit. -Ich mag ihn nicht, aber als Notnagel zum Skatspiel wird er zu brauchen -sein.“ - -Kolbe war natürlich mit Vergnügen bereit, den dritten Mann zu machen. -Er sorgte sofort für heißes Wasser. Rum und andere Getränke hatte er -stets vorrätig, denn damit wurde er reichlich von Hause versorgt. Es -wurde ein ganz vergnügter Abend, denen bald mehrere, entweder hier oder -in Nonnenhof, folgten. Walter wunderte sich über sich selbst, daß er an -diesem harmlosen Spiel zu geringen Sätzen Gefallen fand. Er wäre jedoch -gern abends irgendwohin ausgekniffen, wo es schärfer zuging, wenn es -nur möglich gewesen wäre. - -Anfang Februar hörte Walter von der Mamsell, die dem unverheirateten -Gutsherrn die Wirtschaft führte, daß Braun für einige Tage verreisen -werde. Er bringe seine Schwester mit, für die sie die zweite -Giebelstube einrichten sollte. Der älteren Person, die in der Küche -ein strenges Regiment führte, schien die Vermehrung des Hausstandes -durch ein weibliches Wesen nicht sehr zu passen. Wenn die Schwester dem -Bruder glich, dann war es wohl mit ihrer Alleinherrschaft im Gutshause -zu Ende. - -Walter nahm die Neuigkeit mit geringer Teilnahme entgegen. Auch er -hatte keine Hoffnung, daß die Vermehrung des Hausstandes durch eine -alte Jungfer eine angenehme Abwechslung in ihrem Dasein hervorrufen -würde. Sein Lehrherr machte ihm am Abend eine kurze Mitteilung von -seiner Reise und sprach die Erwartung aus, daß er bei seiner Rückkehr -alles in bester Ordnung vorfinden werde. - -Bei Tagesgrauen fuhr Braun zur Bahn. Walter ging noch einmal durch die -Ställe, um sich zu überzeugen, daß die Leute alle an der Arbeit waren. -Als er den Kälberstall betrat, sagte ihm seine Nase, daß jemand darin -geraucht haben müßte, was der Feuersgefahr wegen streng verboten war. -Er roch deutlich den süßlichen Duft einer Zigarette. Der Missetäter -konnte nur einer von den beiden halbwüchsigen Bengeln sein, die -dabei waren, den Dünger aus dem Stall zu schaffen. Ohne ein Wort zu -verlieren, holte er sich den Schweizer, der in erster Linie für die -Ordnung im Stall verantwortlich war. Der Mann geriet in Aufregung und -fuhr die beiden Bengel heftig an, die mit dreister Stirn leugneten. Ja, -einer besaß sogar die Frechheit, zu sagen, vielleicht habe der Lehrling -selbst geraucht, und wolle es nun auf sie schieben. - -Walter schwieg dazu, aber eine Stunde später ließ er sich den Burschen, -in dem er mit Recht den Übeltäter vermutete, auf den Speicher kommen -und versohlte ihm gründlich das Leder, teils für das Rauchen, teils -für die freche Beschuldigung. Den ganzen Tag über hielt sich Walter im -Kälberstall auf, um eine Wiederholung des Rauchens zu verhüten. - -Es war nicht ausgeschlossen, daß er den Kälbern einen Schaden zufügte, -um Walter Ärger zu bereiten. Die heimtückischen, haßerfüllten Blicke, -die der geprügelte Bursche ihm zuwarf, ließen ihn kalt. Am Nachmittag -forderten die Pollommer Stoppelhoppser ihn durch den Fernsprecher auf, -zu einem vergnügten Abend herüber zu kommen. Er erwiderte, er könne -nicht von Hause fort, weil sein Chef verreist wäre. Sie möchten sich zu -ihm bemühen. Bald nach dem Kaffee kamen beide an. Noch vor zehn Uhr -rüsteten sie sich zum Aufbruch Gemeinsam gingen sie nach dem Stall, -wo ihr Gaul eingestellt war, um ihn anzuspannen. Als sie um die Ecke -des Kälberstalles bogen, sah Franz einen Menschen aus der offenen Tür -schlüpfen und im Dunkeln verschwinden. Im nächsten Augenblick rief er: -„Es riecht nach Rauch, das kann nur aus dem Stall kommen.“ - -Als sie durch die Tür stürmten, liefen schon an zehn bis zwölf -Stellen knisternde Flammen durch das Stroh, das den Kälbern zur Nacht -eingestreut war. Die verängstigten Tiere rissen wild an ihren Halftern -und schlugen wie rasend mit den Hinterbeinen aus. Mit einigen Sätzen -war Walter an dem Wasserrohr, aus dem die gemauerten Tröge gespeist -wurden, während die beiden anderen die Flammen auszutreten versuchten. -Dichter Rauch begann das Gebäude zu füllen. Die Schafe, die am anderen -Ende eingepfercht waren, übersprangen ihre Hürden und rasten im Stall -umher. - -„Wasser her!“ schrie Franz, „dann schaffen wir’s noch.“ - -Da kam auch schon Walter mit zwei gefüllten Eimern angelaufen. Es war -die höchste Zeit, denn an mehreren Stellen leckten bereits die Flammen -an den Stangen, mit denen die Abteilungen geschieden waren, empor. - -Es war ein großes Glück, daß der von einem Windmotor gespeiste -Behälter, der sich auf dem Boden befand, mit Wasser gefüllt war, das im -kräftigen Strahl aus dem Rohr schoß. Die Jünglinge schwitzten vor Eifer -und Aufregung. Ihre Kleidung wurde naß, aber sie bezwangen das Feuer. -Der größte Schaden war verhütet. - -Jetzt galt es nur noch, die Kälber umzustellen und die Schafe, die auf -den Hof hinausgelaufen waren, einzufangen und zurückzubringen. Der -Schweizer und die Knechte wurden geweckt, dann nahm Walter seine Helfer -mit, um den Brandstifter abzufassen. Er vermutete ihn anscheinend -schlafend in seiner Kammer zu finden, aber er täuschte sich. Der -Bursche war ausgerückt und hatte seine Sachen mitgenommen. Erst eine -Stunde später, als alles wieder in Ordnung gebracht war, fuhren die -Pollommer, durch deren tatkräftige Hilfe ein unermeßlicher Schaden -verhütet worden war, ab. Walter hatte ihnen wiederholt mit herzlichen -Worten gedankt, und sie noch durch ein Glas Grog gestärkt. - -Er hatte noch keine Lust, sich schlafen zu legen. Er nahm den scharfen -Hofhund von der Kette und suchte ringsum das Gehöft und das Gelände ab, -obwohl es wenig wahrscheinlich war, daß der Brandstifter noch einmal -zurückkommen würde, um sein Verbrechen zu wiederholen. - -Am nächsten Morgen wurde der Gendarm von dem Vorfall und dem -Verschwinden des Burschen unterrichtet. Er veranlaßte den üblichen -Steckbrief, womit die Sache zunächst für längere Zeit und vermutlich -für immer erledigt war. - -Mit einigem Bangen erwartete Walter die Rückkehr seines Lehrherrn. Daß -er dem Burschen des Rauchens wegen das Leder ausgewackelt hatte, war -offenes Geheimnis des Hofes, und daß das Feuer aus Rache dafür angelegt -war, konnte man auch nicht bezweifeln. Es war also das beste, was er -tun konnte, daß Walter den Chef bei seiner Ankunft in Empfang nahm und -ihm offen alles berichtete. Er sah ein zierliches, wegen der Kälte -völlig vermummtes Persönchen, aus dem Schlitten steigen und ins Haus -eilen. Braun nahm Koffer und Tasche seiner Schwester und folgte ihr, -ohne die Mitteilung seines Zöglings einer Erwiderung zu würdigen. Er -hatte Hans Kolbe auf dem Bahnhof getroffen und von ihm schon alles -erfahren. - -Mit einem unbehaglichen Gefühl ging Walter zum Kaffee ins Haus. Aber -nicht so wie er es bisher gewöhnt war, in seiner Arbeitskleidung, -sondern er begab sich auf sein Zimmer und zog sich nicht nur um, -sondern er befreite auch sein Gesicht von den mehrere Tage alten -Bartstoppeln. Sein Chef lächelte, als sein Eleve geschniegelt und -gebügelt ins Zimmer trat und sich mit einer tiefen Verbeugung der -Schwester vorstellte, die ihm mit freundlichem Lächeln die Hand bot. -Walter hatte sehr gewandte Umgangsformen, aber der Unterschied zwischen -der Erwartung und der Wirklichkeit verschloß ihm die Sprache. Mühsam -raffte er sich zu der Frage auf, ob die Reise nicht sehr beschwerlich -gewesen wäre. - -Mit hellem Lächeln, das wie ein Glöckchen klang, erwiderte Minna: „Ich -bin nicht sehr empfindlich gegen Kälte, und die Bahn war gut geheizt.“ - -Jetzt wagte Walter sie unauffällig zu mustern, und was er sah, gefiel -ihm sehr. Eine zierliche Gestalt mit angenehm gerundeten Formen, ein -feingeschnittenes Gesicht mit sanften, aber munteren, braunen Augen, -und ein überreiches Haar von der Farbe reifer Kastanien, mit einem -goldigen Schimmer. Eine Ähnlichkeit zwischen Bruder und Schwester war -nicht zu erkennen. Selbst wenn man in Betracht zog, daß die junge Dame -weitaus jünger war als der Gutsherr und höchstens zwanzig Lenze zählen -konnte. - -„Ihr Freund hat uns auf dem Bahnhof schon von der Brandstiftung -erzählt“, fuhr Minna fort. „Sie haben ja eine Heldentat vollbracht.“ - -„Zwei“, warf der Gutsherr trocken ein. - -Unwillkürlich errötete Walter. „Wie meinen Sie, Herr Braun?“ - -„Nun, die erste war die Durchprügelung des Burschen.“ - -„Ich konnte ihm doch das Rauchen nicht durchgehen lassen, besonders, -nachdem er sich so frech benommen hatte“, verteidigte sich Walter. - -„Ich bin ganz Ihrer Meinung und hätte es jedenfalls auch getan. -Aber dann mußten Sie mit der Rachsucht des Lümmels rechnen und sich -vorsehen.“ - -„Ich konnte doch nicht annehmen, daß er, um sich an mir zu rächen, -Feuer anlegen würde.“ - -„Ach, Friedrich,“ warf die Schwester ein, „das hättest du auch nicht -verhindern können! Und du kannst doch wirklich zufrieden sein, daß das -Unheil durch die tatkräftige Entschlossenheit der drei jungen Herren -glücklich abgewendet wurde.“ - -„Ja, allein hätte ich es wohl kaum geschafft“, bekannte Walter ehrlich. -„Es war auch ein glückliches Zusammentreffen, daß wir dazu kamen, als -das Feuer eben erst im Entstehen war.“ - -Schon beim Abendessen merkten beide Männer, daß mit dem jungen Mädchen -eine ihnen ungewohnte Behaglichkeit in das Haus eingezogen war. Der -runde Tisch, an dem sie von einer griesen Wachsdecke zu essen gewohnt -waren, war mit weißem Linnen bedeckt, und das Essen selbst war anders -und schmackhafter zubereitet, als bisher. Nach dem Abendessen setzte -sich Walter unaufgefordert ans Klavier und spielte im bunten Wechsel -Volkslieder, Tänze und alles, was ihm in den Sinn und die Finger kam. -Als er sich gegen zehn Uhr empfahl, reichte ihm Braun die Hand. „Ich -habe Ihnen heute einen Vorwurf machen müssen, gegen den sie schon meine -Schwester in Schutz genommen hat. Ich wollte Ihnen bloß noch sagen, -daß ich vorhin nachgerechnet und festgestellt habe, daß meine Existenz -vernichtet gewesen wäre, wenn der Stall mit dem Vieh verbrannt wäre. -Alles, was ich in fünf Jahren mir erarbeitet habe, wäre zum Deuwel -gewesen.“ - -„Sind Sie denn nicht versichert?“ - -„Ja, aber nicht hoch genug. Ich habe mich bisher vor einer Erhöhung -meiner Ausgaben gescheut, aber nun habe ich es sofort nachgeholt und -gleich eine erhebliche Erhöhung der Versicherung beantragt. Von morgen -an können wir ruhig schlafen.“ - -„Dann wollen wir doch heute Nacht noch Wache halten.“ - -„Das geschieht bereits. Der Kämmerer und der Schweizer sind jetzt schon -draußen; nachher löse ich sie ab.“ - -„Und dann komme ich an die Reihe“, rief Walter. - -„Ja, ich wollte Sie darum bitten. Wenn Sie von eins bis zwei die Wache -übernehmen wollen.“ - -„Ich werde pünktlich zur Stelle sein.“ - -„Aber, Friedrich, glaubst du wirklich, daß der Brandstifter sich noch -einmal hertrauen wird?“ fragte die Schwester. - -„Ich traue dem Burschen alles zu.“ - -Walter stellte seinen Wecker und warf sich in Kleidern auf die Liege. -Die Gedanken bekrochen ihn und ließen ihn nicht einschlafen. Wenn -jetzt die Schuld auf ihm lasten würde, daß sein Lehrherr am Bettelstab -dastände, und wenn es dem Verbrecher gelingen würde, nochmals Feuer -anzulegen! Nicht auszudenken! Er nahm sich vor, von eins bis morgens -Wache zu gehen. Und dann beschäftigten sich seine Gedanken mit -dem lieblichen Mädchen, das heute wie ein guter Geist in das Haus -eingezogen war. - -Welcher Liebreiz ging von ihrer zierlichen Elfengestalt, von ihrem -freundlichen Gesicht und ihren lieben Augen aus! Wo war sie bisher -gewesen, was hatte sie bisher geschafft? Die Geschwister waren in -Äußerungen über ihr Leben so zurückhaltend. Von seinem Lehrherrn wußte -er nichts, und von Kolbe, der seine langen Ohren überall hatte, nur -soviel, daß er als Sohn eines einfachen Gutskämmerers aufgewachsen, -sich als Arbeiter und dann als Schachtmeister bei Tiefbauten ein -kleines Vermögen erworben und dafür Nonnenhof mit geringer Anzahlung -gekauft hatte. Wie kam es, daß die Schwester soviel jünger war als er, -so jung ... so schön ... dann verwirrten sich seine Gedanken, und er -schlief ein. - -Pünktlich um ein Uhr löste er seinen Chef ab, der eben mit dem Hofhund -einen Rundgang um das Gehöft gemacht hatte. Die Nacht war sternenklar -und bitterkalt, aber windstill. Die ganze Natur schien in Kälte und -Schweigen erstarrt zu sein. Und wie die Sterne funkelten! Ab und zu kam -aus weiter Ferne ein Hundeblaff. Endlos dehnten sich die Stunden für -Walter, aber er hielt durch. Als der Himmel sich im Osten rötete und -das Leben im Hofe erwachte, lief er zur Küche, aus deren Fenster schon -Licht strahlte. - -Er war bis ins innerste Mark durchfroren und hoffte durch einen Trunk -heißen Kaffees seine Lebensgeister erfrischen zu können. Zu seinem -Erstaunen fand er nicht die Mamsell, wie er erwartet hatte, sondern -Fräulein Minna. - -„Gnädiges Fräulein schon auf?“ - -Sie bot ihm lachend die Hand. „Ich bin kein gnädiges Fräulein, und das -Frühaufstehen bin ich gewohnt. Wollen Sie einen Topf Kaffee haben?“ - -Walter nahm am Küchentisch Platz und labte sich an Speise und Trank. -Zu Mittag gab’s eine Überraschung. Die Mamsell hatte gekündigt, weil -sie sich nicht den Anordnungen der „jungen Person“ fügen wollte, und -zog schon gegen Abend mit Sack und Pack davon. Sie hatte sich für -unentbehrlich gehalten und aufgetrumpft. Zu spät sah sie ein, daß sie -sich in die Nesseln gesetzt hatte. - -Seitdem Minna die Leitung der Wirtschaft in die Hand genommen hatte, -lief der Haushalt wie am Schnürchen. Alles im Hause bekam einen -behaglicheren, freundlichen Anstrich. Trotzdem behielt sie noch Zeit -für feine Handarbeiten. Und oft hörte man ihre kleine, aber angenehme -Stimme, wenn sie bei der Arbeit Volkslieder sang. - -Eines Abends erbot sich Walter, sie beim Singen zu begleiten. Ohne -sich zu zieren, trat sie ans Klavier und stimmte „Ännchen von Tharau“ -an. Walter nahm nicht nur die Singstimme auf, sondern umrankte sie -auch durch eine geschickte Begleitung. Fortan musizierten sie jeden -Abend miteinander. In ruhiger Freundlichkeit behandelte sie den jungen -Mann wie einen guten Kameraden. Und er hütete sich, ihr durch einen -Blick oder Wort zu verraten, wie sehr sie ihm gefiel. Ihre seelische -Reinheit und ihr lauteres Wesen umgaben sie wie ein Schutzmantel -der Unnahbarkeit. Am Abend waren die beiden jungen Menschenkinder -stundenlang allein, denn der Gutsherr saß meistens um diese Zeit über -seinen Büchern, oder er fuhr auch ab und zu aus. Dann ließ Walter in -das blaue Eckzimmer, in dem sich ein Kamin befand, einige Arme voll -Holz hineintragen, und wenn das Feuer lustig prasselte und mit seinem -warmen Licht den mit Sesseln behaglich ausgestatteten Raum füllte, dann -setzten sie sich einander gegenüber und plauderten. Ganz von selbst -kam Walter darauf, ihr von seinen Eltern und von seiner Kindheit zu -erzählen. Er gestand ihr offen ein, daß er fünf Semester verbummelt und -ein lockeres Leben geführt habe. - -Auch sie ging allmählich aus sich heraus und erzählte aus ihrem Leben. -Friedrich sei ihr ältester Stiefbruder. Ihr Vater habe noch zum zweiten -Male geheiratet, und da sei sie als Spätling zur Welt gekommen. Der -Bruder, der noch mehrere Geschwister hatte, habe sich ihrer angenommen, -habe sie nach dem Tode der Eltern bei einer befreundeten Familie in -der Stadt untergebracht und zur Schule geschickt. Dann habe sie zwei -Jahre auf einem Gut die Wirtschaft gelernt, und nun sei sie hier -und glücklich, daß sie für den Bruder, dem sie soviel Dank schulde, -arbeiten und sorgen könne. - - - - -10. Kapitel - - -Es ging schon gegen das Frühjahr, als der Oberamtmann seine Frau mit -der Nachricht überraschte, ein Freund von ihm, Oberleutnant Viktor -von Sawerski, bäte, als Volontär für ein Jahr aufgenommen zu werden. -Er habe von einer Tante ein großes Vermögen geerbt; daraufhin habe er -seinen Abschied eingereicht und beabsichtige, bei ihm die Wirtschaft -zu erlernen, um sich später selbst ein Gut zu kaufen. Er könne, da er -selbst als Reserveoffizier bei demselben Regiment geübt, die Bitte -nicht gut abschlagen. - -„Dazu liegt ja auch wohl kein Grund vor. Aber dann müssen schnell im -Beamtenhaus zwei, drei Zimmer eingerichtet werden, weil dein Freund -nicht im Hause wohnen kann.“ - -„Weshalb denn nicht?“ - -„Weil ich meine Freundin Adelheid schon für den Sommer eingeladen habe. -Sie wird mit Freuden zusagen, denn sie wartet auf die Einladung.“ - -Der Mann sah sie einen Augenblick verdutzt an, dann brach er in ein -dröhnendes Lachen aus. - -„Das nenne ich einen schnellen Entschluß.“ - -Frau Olga lächelte nachsichtig. „Dein Lob habe ich nicht verdient, -nein, wirklich nicht. Ich habe den Brief schon gestern geschrieben, -jetzt werde ich nur noch hinzufügen, daß wir deinen Freund erwarten.“ - -In den Augen des Hausherrn blitzte der Schalk auf. „Frau, das würde ich -nicht tun, sonst kommt sie nicht, und das würde dir doch leid tun.“ - -„Du bist ein arger Spötter“, erwiderte Frau Olga mit etwas verlegenem -Lächeln. „Ich überlege schon, ob ich nicht besser daran täte, Adelheid -nicht einzuladen. Denn du bist imstande, zarte Beziehungen, die sich -vielleicht anspinnen, durch deine unzarten Spöttereien im Keime zu -zerstören.“ - -Mit heuchlerischer Miene erwiderte der Hausherr: „Ach so, du meinst, -zwischen deiner Freundin und meinem Freund könnte sich was anspinnen? -Daran habe ich noch nicht gedacht, aber das ist kein übler Gedanke ... -da können wir ja was erleben. Du wirst mich doch auf dem Laufenden -halten.“ - -„Pfui, Konrad! Du meinst, Adelheid wird sofort auf deinen Freund Jagd -machen?“ - -„Ja, das meine ich allerdings, Olga, das meine ich. Und im Ernst -gesprochen, das ist doch seit ungefähr zehn Jahren die einzige -Beschäftigung deiner Freundin. Und weißt du, Frau, ich wundere mich, -daß sie nicht schon einen Mann erwischt hat. Sie ist klassisch schön, -elegant, geistreich, belesen, hat eine prachtvolle Gestalt, singt -und spielt wie eine Künstlerin. Wir wissen ja auch, daß sie überall -Bewunderung erregt und Verehrer findet, aber keinen ernsthaften -Bewerber. Wundert dich das nicht auch?“ - -„Nein, Konrad, die Männer gehen oft achtlos an einem Juwel vorüber.“ - -„Na, Alte, von mir kannst du das nicht behaupten.“ - -Frau Olga lachte laut auf. „Ein blindes Huhn findet manchmal auch ein -Korn.“ - -„Frau Oberamtmann, das ist starker Tobak. Ich erlaube mir jedoch, dich -daran zu erinnern, daß du als Braut, wenn ich dir in meines Herzens -Überschwang Schmeicheleien sagte, und ich will als galanter Mann -hinzufügen, berechtigte Schmeicheleien sagte, mir stets erwidertest: -die Liebe macht blind, woraus zu entnehmen ist, daß ich mit sehenden -Augen in mein ...“ Er räusperte sich. „... Schicksal hineingetappt bin. -Und nun werde ich dir offen sagen, woran es bei deiner Freundin hapert. -Sie ist erstens ein Blender, was mancher Mann nicht gern sieht, und -zweitens hat sie etwas ~haut goût~ an sich ... ein Spürchen nur, -aber ...“ - -„Du drückst dich sehr drastisch aus, Konrad, aber ich kann dir nicht -ganz unrecht geben“, erwiderte die Frau. „Sie steht seit ihrem -siebzehnten Jahr allein in der Welt, ist sehr selbständig geworden und -benimmt sich etwas frei ... aber sie ist völlig ...“, sie lächelte -fein, „wie du sagen würdest, stubenrein.“ - -„Na, dann sind wir wieder mal einig, liebes Weib. Dann wollen wir die -beiden Briefe in die Welt senden. Verderben gehe deinen Gang.“ Er trat -zu ihr, legte ihr den Arm um die Schultern und küßte sie. - -„Was meinst du, Olga, soll ich ihm nicht gleich ihre Adresse schreiben? -Dann könnten sie sich in Berlin schon beriechen und kommen zu uns in -hellen Flammen an.“ - -Sie gab ihm einen Klaps auf die Backe. „Du bist ja unverbesserlich.“ - -Pünktlich am 1. April traf Herr von Sawerski ein. Hans Kolbe hatte sich -dazu gedrängt, ihn abholen zu dürfen. Er kam sehr unbefriedigt zurück. -Er war dem Gast sehr höflich entgegengetreten und hatte ihm seinen -Namen genannt. - -„Was sind Sie auf dem Gut?“ - -„Lehrling, Herr Oberleutnant.“ - -„So, dann nehmen Sie meine Sachen aus dem Abteil und schaffen Sie meine -Koffer zum Wagen.“ - -Er hatte alles aufs beste besorgt, und als er sich auf den Wagen -schwingen wollte, hatte Herr von Sawerski mit einer kurzen Handbewegung -gesagt: „Bitte, auf den Gepäckwagen“. - -Aus Ärger war er zu Fuß nach Hause gegangen und kochte vor Wut über die -hochmütige Abweisung. „Dem werde ich es eintränken“, sagte er zu Franz. -„Der soll was erleben.“ - -Einige Tage später kam ein Wagen voll Möbel an. Mit einer gewissen -Schadenfreude fragte der Gutsherr Hans Kolbe, ob er nicht den -Möbelwagen abholen wolle. - -„Ich verzichte, Herr Oberamtmann, ich bin zur Erlernung der -Landwirtschaft bei Ihnen, aber nicht, um Ihre Gäste von der Bahn -abzuholen.“ - -Der Gutsherr schmunzelte. „Ich dachte nur, Sie hätten ein besonderes -Interesse daran, sich dem Herrn von Sawerski gefällig zu erweisen.“ -Es war ein Rachenputzer, der die Abneigung des Lehrlings gegen den -Ankömmling noch verschärfte. Sie kam wenige Tage später zum offenen -Ausdruck, als Herr von Sawerski Kolbe eines Tages auf dem Hof anrief -und ihm einen Auftrag erteilte. „Sie können nach Plibischken gehen -und Filzschuhe wichsen, Herr Oberleutnant, das ist eine angenehme -Beschäftigung“, rief der Jüngling zurück. - -Auch Franz kam bald in dieselbe Lage. Herr von Sawerski hatte ihm im -Befehlston einen Auftrag erteilt. „Bedauere sehr, Herr Oberleutnant. -Wenn Sie mir eine Bitte aussprechen wollten, wäre ich gern bereit, sie -zu erfüllen, aber zu befehlen haben Sie mir nichts.“ - -Ohne Verzug war der Oberleutnant ins Herrenhaus gegangen, um sich -beim Oberamtmann zu beschweren. Der nickte und setzte ein ernstes -Gesicht auf. „Das ist allerdings sehr unangenehm, aber für Sie, lieber -Freund. Sie müssen sich daran gewöhnen, daß die beiden Jünglinge nicht -unter Ihrem Kommando stehen. Der eine hat das Abiturium gemacht, -der andere das Einjährige, und beide werden in absehbarer Zeit -selbständige Gutsbesitzer sein. Es ist mir nicht lieb, daß Sie diese -Gegensätzlichkeiten hervorgerufen haben. Ich gebe Ihnen den Rat, solche -Anlässe für die Zukunft zu meiden.“ - -Viktor von Sawerski war sonst kein übler Mensch. Er war nur in seiner -Eigenschaft als Kavallerieoffizier dem Leben etwas fremd geworden -und konnte sich nicht gleich wieder in die bürgerlichen Verhältnisse -zurückfinden, in die er nach seinem Abschied eingetreten war. Er suchte -seinen Mißgriff wieder gut zu machen, indem er die beiden Lehrlinge -zu einem gemütlichen Abend bei sich einlud. Aber damit hatte er kein -Glück. Beide lehnten schriftlich kurz die Einladung mit der Begründung -ab, daß sie von der schweren Tagesarbeit zu ermüdet wären, um abends -noch kneipen oder feiern zu können. - -Gegen Ende April kam Fräulein Adelheid Bartenwerffer. Diesmal wurde -Franz von Frau Oberamtmann gebeten, sie von der Bahn abzuholen. Er -hatte sich im Laufe der Zeit eine sehr angenehme Stellung im Hause -errungen. Der Gutsherr hatte ihn schon vor Weihnachten aufgefordert, -zwangslos abends zu oder nach dem Abendbrot im Herrenhause zu -erscheinen. Die beiden Buben Max und Hans hatten dicke Freundschaft mit -ihm geschlossen, und der alte Brummbär, wie seine Frau ihn oft nannte, -führte lange Gespräche über Landwirtschaft mit ihm. Gern, aber mit -geringer Freude hatte er der Bitte der Hausfrau willfahrt. War es denn -ausgeschlossen, daß er von der jungen Dame so ähnlich behandelt werden -würde wie sein Leidensgefährte von dem Oberleutnant. - -Pünktlich fuhr der Zug in die kleine Haltestelle ein. Ein Abteil -zweiter Klasse öffnete sich, eine hochgewachsene, junge Dame stieg -heraus. Franz trat auf sie zu, zog seine Mütze und fragte, ob er -ihr behilflich sein könne. Er sei sie abzuholen gekommen. Mit einem -warmen Blick umfing Adelheid Bartenwerffer den frischen Jungen, aus -dessen treuherzigen Augen ihr eine ganz unverhohlene Bewunderung -entgegenleuchtete. Sie streckte ihm die fein behandschuhte, schmale -Hand entgegen .... - -„Ich danke Ihnen, Herr ...?“ - -„Franz Rosumek, Lehrling bei Herrn Oberamtmann ...“ - -„Herr Rosumek .. Ich habe nur meine Handtasche bei mir. Wenn Sie aber -mein Gepäck besorgen lassen wollen, hier ist der Schein.“ - -Es waren sieben große Koffer, die auf dem zweiten Wagen kaum Platz -hatten. Adelheid war schon in den ersten Wagen gestiegen. „Kommen Sie, -junger Freund,“ rief sie Franz zu, „ich bin nach der langwierigen -Bahnfahrt etwas ungeduldig, unter Dach zu kommen.“ - -Behend stieg er auf den Sitz neben ihr. Sein ganzes Wesen befand sich -bereits in vollem Aufruhr. Er hatte noch nie eine so elegante junge -Dame in der Nähe gesehen. Ihre Schönheit verwirrte ihn. Und der feine -Heliotropduft, der von ihr ausging, erregte seine Sinne. - -„Es ist doch alles wohl im Hause?“, begann sie, als sich der Wagen in -Bewegung setzte. - -„Jawohl, alles in Ordnung.“ - -„Sind Sie schon lange in Polommen?“ - -„Seit dem 1. Oktober vorigen Jahres.“ - -„Haben Sie noch Kollegen im Betrieb?“ - -„Jawohl, gnädiges Fräulein, einen Lehrling und einen Volontär, einen -Oberleutnant von Sawerski.“ - -„Ist das ein älterer Herr?“ - -„Nein, etwa dreißig. Er lernt in Polommen die Landwirtschaft, um sich -später selbst ein Gut zu kaufen.“ - -„Was ist das für ein Mensch?“ - -Franz errötete wie ein Schulbube, der eine Frage nicht beantworten -kann. Endlich stammelte er: „Ich bitte, mir die Antwort zu erlassen, -gnädiges Fräulein.“ - -Sie sah ihn mit einem Blick an, bei dem es ihn heiß und kalt -durchrieselte. „Aber weshalb denn?“ - -„Mein Urteil würde nicht unparteiisch sein, da ich mit dem Herrn einen -kleinen Konflikt gehabt habe.“ - -„So? Auf wessen Seite lag denn die Schuld?“ - -Franz zuckte die Achseln. „Herr von Sawerski erteilte mir einen Befehl, -den ich als Bitte ihm gern erfüllt hätte.“ - -Seine Begleiterin nickte ein paarmal bedächtig. „So, so!“ Dann sprang -sie von dem Thema ab. „Was ist das für ein Abzeichen, das Sie in der -Krawatte tragen?“ - -„Ein Albertus, gnädiges Fräulein. In Ostpreußen als Zeichen des -bestandenen Abituriums gebräuchlich.“ - -„Sie haben das Abiturium gemacht und wollen Landwirt werden?“ - -Franz lachte vergnügt. Seine Befangenheit war von ihm gewichen. -„Ich habe damit den Wunsch meines Vaters erfüllt, der eine größere -Bauernwirtschaft besitzt. Das Gut ist schon lange in unserer Familie, -und da ich nur eine Schwester besitze, bin ich auf den Wunsch meines -Vaters eingegangen. Meine Mutter wollte gern, daß ich studieren und -Pastor werden sollte.“ - -„Und das wollten Sie nicht ... da haben Sie den heiligen vier -Fakultäten den Rücken gekehrt und sind Stoppelhopser geworden.“ Sie -blitzte ihn mit ihren grauen Augen an. „Halten Sie das für das kleinere -Übel?“ - -„Gnädiges Fräulein, ich habe weder das eine noch das andere für -ein Übel gehalten. Meine Neigung ging allerdings dahin, entweder -Naturwissenschaften oder Medizin zu studieren.“ - -„Und ein berühmter Mann zu werden, anstatt auf väterlicher Scholle Kohl -zu bauen.“ - -„Der Ehrgeiz hat mir ferngelegen“, erwiderte Franz treuherzig. „Ich -hatte nur den Wunsch, möglichst viele Kenntnisse zu sammeln. Aber -das kann ich ja auch als Landwirt. Mein Vater schickt mich nach der -Lehrzeit auf die Hochschule. Ich will dann nach Berlin gehen, um auch -noch andere Vorlesungen zu hören.“ - -„Nach Berlin“, wiederholte sie mit einem sinnenden Ausdruck. Es schien -Franz, als ob sie noch etwas sagen wollte, aber sie schwieg. Es kam -auch kein Gespräch mehr zustande, obwohl Franz sie mehrmals auf die -schon eingegrünten Felder hinwies. Als der Wagen vor der Rampe vorfuhr, -sprang Franz schnell heraus, lief um den Wagen herum, und öffnete ihr -den Schlag. Sie nahm seine Hand und sagte leise mit einem freundlichen -Blick: - -„Ich danke Ihnen, mein kleiner Kavalier.“ - -Dann schritt sie leicht die Treppe empor und begrüßte durch Kuß und -Umarmung die Frau des Hauses. „Herzlich willkommen, Heide .... Du -trägst den Namen mit Recht, denn du siehst wie ein Heideröslein aus.“ - -Hinter ihr erklang der Baß ihres Mannes mit dröhnendem Lachen. „Ich -würde den Vergleich mit einer anderen, stolzeren Rosenart passender -finden. Seien Sie mir gegrüßt, verehrtes Fräulein.“ Der Riese -beugte sich ritterlich über ihre Hand. „Seien Sie auch mir herzlich -willkommen. Sie bringen wieder etwas Großstadtluft in unsere ländliche -Einsamkeit .... Wie war die Reise?“ - -„Gut, bis auf den Aufenthalt in Allenstein, wo ich den D-Zug verlassen -und den Personenzug erwarten mußte.“ - -Dann schloß sich hinter ihnen die Tür. Wie im Traum wanderte Franz -zum Beamtenhaus. Jedes Wort, das sie zu ihm gesprochen, klang in ihm -wieder, jeden Blick, den sie ihm geschenkt, fühlte er noch einmal. Den -feinen Duft, der von ihr ausging, glaubte er noch zu spüren .... - - - - -11. Kapitel - - -Vor Tisch stellte Frau Olga ihrer Freundin Herrn von Sawerski vor, der -sich sehr elegant angezogen hatte. Er war ein hübscher, stattlicher -Mann, und trug abweichend von der Mode einen gehörigen Wischer mit -buschigen Enden unter der Nase. Nur seine Augen ließen die Frische -vermissen, sie sahen immer so gleichgültig, ja blasiert aus und gaben -dem Gesicht etwas Gelangweiltes. Bei der Vorstellung blitzten sie auf, -aber der Blick war so ungezogen, daß Adelheid sich ärgerte und in die -leise Neigung ihres Kopfes eine deutliche Abweisung legte, die ihrer -Freundin nicht entging. - -„Ich muß Ihnen schon irgendwo begegnet sein, gnädiges Fräulein“, begann -Viktor von Sawerski das Gespräch. „Ich kann mich nur nicht besinnen, -wo das gewesen sein kann. Aber lange ist es noch nicht her. Vielleicht -können gnädiges Fräulein mir auf die Spur helfen.“ - -Adelheid zuckte leicht die Achseln. „Ich kann mich wirklich nicht -entsinnen.“ Und im nächsten Augenblick wandte sie sich an den -Hausherrn. „Was haben Sie heute auf dem Felde geschafft, Herr -Oberamtmann?“ - -„Eine sehr prosaische Beschäftigung, aber nützlich für den Landwirt. -Ich ließ Dünger fahren und streuen.“ - -„Müssen Sie denn das persönlich überwachen?“ - -„O nein, mein Fräulein, das hat Herr von Sawerski besorgt. Ich habe -mich nur überzeugt, daß der Dünger richtig gestreut wird.“ - -Er verzog keine Miene dabei, aber er sah mit Vergnügen, wie sein -Volontär errötete und sich auf die Unterlippe biß. Adelheid sprudelte -während des Essens von froher Laune, aber sie ließ Herrn von Sawerski -so völlig links liegen, daß die Ehegatten es merkten und sich darüber -durch einen Blick verständigten. Das war der Grund, weshalb Frau Olga -ihre Freundin in ihr Zimmer begleitete und sie fragte, ob ihr die -Person des Volontärs durch irgendeinen Anlaß unangenehm wäre. - -„Ja, liebe Olga, das ist in der Tat der Fall. Wenn der junge Mann sich -noch deutlich an unser Zusammentreffen erinnerte, hätte er es wohl -vorgezogen, darüber zu schweigen.“ - -„Darf ich es erfahren?“ - -„Weshalb nicht. Ich saß vor einigen Wochen nach dem Theater mit einem -befreundeten Ehepaar in einem Restaurant Unter den Linden, als Herr von -Sawerski mit noch einem Herrn, anscheinend einem Kameraden, aber beide -in Zivil, das Lokal betrat. Sie waren in Begleitung zweier Damen der -Halbwelt und ließen sich am Nebentisch nieder. Sawerski musterte mich -mit frechem Blick und machte dann eine Bemerkung zu seiner Begleiterin, -worauf sie mich auch musterte.“ - -„Das war in der Tat eine sehr unangenehme Erinnerung.“ - -„Ja, Liebste, aber die Strafe folgte auf dem Fuße. Der Kellner nahm -ihre Bestellung entgegen, brachte jedoch nicht das Verlangte, sondern -legte den Herren eine gedruckte Karte vor, worin sie zum Verlassen des -Lokals aufgefordert wurden. Ich befürchtete, eine unangenehme Szene zu -erleben. Jedoch die Herren benahmen sich, obwohl sie angezecht waren, -ganz vernünftig, standen auf und gingen weg. Selbstverständlich wünsche -ich nicht, daß dein Mann Herrn von Sawerski darüber aufklärt, wo und -unter welchen Umständen er mich schon gesehen hat. Sollte es ihm sein -Gedächtnis sagen, dann wird er wohl selbst wissen, was er zu tun hat.“ - -Das war in der Tat der Fall. Viktor von Sawerski hatte sich stundenlang -mit der Erinnerung gequält, bis es wie ein Blitz in ihm aufschoß. Er -suchte und fand abends Gelegenheit, Adelheid einen Augenblick allein -zu sprechen. „Gnädiges Fräulein, ich bin untröstlich, daß Sie an unser -erstes Zusammentreffen eine solche unangenehme Erinnerung mitgenommen -haben. Ich habe mich, wie ich annehmen muß, nicht ganz korrekt -benommen ....“ - -Mit einem eisigen Blick erwiderte Adelheid: „Ich kann mich wirklich -nicht besinnen, Herr von Sawerski. Es tut mir leid, wenn die Erinnerung -für Sie unangenehm ist.“ - -Damit ließ sie ihn stehen und ging weg. Am nächsten Morgen brachte ihr -das Mädchen einen Brief von Viktor, worin er sie reumütig um Verzeihung -bat, wenn er sie, wie ihm sein Gedächtnis sage, durch einen ungezogenen -Blick beleidigt habe. Er sei in eine lustige Gesellschaft von Kameraden -geraten. Schließlich seien die beiden Personen an ihm und seinem -Freunde hängen geblieben. - -Lächelnd zeigte Adelheid den Brief ihrer Freundin. „Ich weiß ja, daß -junge Offiziere nicht das Leben von Wüstenheiligen führen, aber ...“ - -„Für den Blick bittet er dich ja um Verzeihung. Und ich meine, du -brauchst dich nicht unversöhnlich zu zeigen. Er ist wirklich kein übler -Mensch und führt hier auf dem Gut einen exemplarisch musterhaften -Lebenswandel. Darf ich mal offen sprechen, liebe Adelheid?“ - -„Ich bitte darum.“ - -„Nun also: Sawerski besitzt ein ansehnliches Vermögen und wird in Jahr -und Tag sich ein Gut kaufen. Das allein weist schon auf einen guten -Untergrund in seinem Charakter hin, daß er nicht das behäbige Leben -eines Reiteroffiziers fortsetzt, sondern sich einen Beruf gewählt hat, -der, wie du gestern mittag von meinem Mann gehört hast, nicht mit Rosen -bestreut ist.“ - -Adelheid lachte laut auf. „Und was ist deiner Rede kurzer Sinn?“ - -„Daß es nicht ausgeschlossen ist, daß Sawerski für dich Interesse -gewinnt. Ganz gleichgültig bist du ihm schon jetzt nicht. Aber wenn -er etwas praktisch veranlagt ist, muß er Bedenken tragen, sich dir zu -nähern und, offen herausgesagt, sich um dich ernstlich zu bewerben.“ - -„Ach, du Gute, denkst du wirklich daran? Und welche Bedenken sollte der -junge Mann gegen meine Person haben?“ - -„Nimm es mir nicht übel, liebe Adelheid, -- weil du das Leben einer -Orchidee führst, die nur blüht, mit ihrer Schönheit prangt und ihre -Düfte versendet. Es war auch nicht praktisch, daß du bei Tisch von -deinem alljährlichen Aufenthalt in Baden-Baden, Ostende und ähnlichen -Orten erzähltest und dabei die Grafen und Barone aufmarschieren -ließest, mit denen du verkehrt hast. Das hat ihm, wie ich zu bemerken -glaubte, nicht gefallen.“ - -Etwas empfindlich erwiderte Adelheid: „Möchtest du mir nicht gleich -auch das Rezept verschaffen, wie ich dem jungen Mann gefallen könnte?“ - -Ohne auf ihre Empfindlichkeit zu achten, erwiderte Frau Olga: „Gern ... -du brauchst nur etwas Interesse für die Pflichten einer Gutsfrau zu -zeigen. Glaube mir, auch auf einem solchen Gut wie das unsrige es ist, -muß die Hausfrau auf vielen Stellen nach dem Rechten sehen. Und das -kann Sawerski mit Recht auch von seiner Gattin verlangen. Und nimm noch -einen Rat von mir: Kleide dich etwas einfacher. Du kannst hier auf dem -Lande deine kostbaren Toiletten schonen.“ - -Adelheid hatte sich in einen Sessel niedergelassen und den Kopf in die -Hand gestützt. „Mit einem Wort: Ich soll auf Herrn von Sawerski mit -allen Mitteln Jagd machen!“ - -„Ach, Adelheid, wozu die scharfen Worte! Nein, du sollst, -vorausgesetzt, daß er dir nicht gleichgültig oder unsympathisch bleibt, -ihm die Annäherung etwas erleichtern. Ich denke doch, daß unsere -Freundschaft eine solche Aussprache erfordert. Es ist wohl das beste -und auch hohe Zeit, daß du unter die Haube kommst.“ - -Bitter lächelnd erwiderte Adelheid: „Ich warte ja schon beinahe zehn -Jahre darauf ... wenn nur einer käme und mich nähme.“ - -„Dann muß ich dir noch sagen, daß du einen falschen Weg zu deinem Ziel -eingeschlagen hast. Auf diesem Wege wirst du nie einen ernsthaften -Bewerber finden. Die Kreise, in denen du bisher verkehrt hast, -umflattern und umschmeicheln dich, weil du sie durch deine Person und -dein Wesen reizt. Aber meinst du, daß ein Graf oder ein Baron dich ohne -Vermögen nehmen wird? Selbst ein Großkaufmann oder ein hoher Beamter -scheut sich, dich in seine Familie einzuführen, wenn er seine Wahl -nicht durch ein stattliches Vermögen seiner Braut begründen kann. Du -mußt schon ein Stufchen heruntersteigen und dich nach einem Landwirt -umsehen ....“ - -Als die Freundin beharrlich schwieg, fuhr Frau Olga eindringlich -fort: „Nun, sag mir mal offen, wie lange bist du noch imstande, dein -bisheriges Leben fortzuführen?“ - -„Es langt noch für zwei Jahre ...“ - -„Und dann?“ - -„Dann nehme ich eine Stelle als Gesellschafterin bei einer alten Dame -an oder werde Hausdame bei einem älteren Herrn.“ Nachdenklich fügte -sie nach einer Weile hinzu: „Vielleicht täte ich gut daran, mich jetzt -schon nach einer solchen Stelle für den nächsten Winter umzusehen.“ - -„Hältst du eine solche Stelle für beneidenswert?“ - -„Nein, liebste Olga, durchaus nicht.“ Sie lachte laut auf. „Also denn -auf zur Jagd! Zum Kaffee erscheine ich schon als züchtige Jungfrau im -schlichten Kleid .... Vielleicht kannst du mir mit einem passenden -Tändelschürzchen aushelfen?“ - -Als die Freundin sie verlassen hatte, warf sich Adelheid wieder in den -Sessel und schlug die Hände vors Gesicht. Unaufhaltsam kamen ihr die -Tränen. Sie fühlte sich in diesem Augenblick todunglücklich. Ihr ganzes -Leben widerte sie an. Erinnerungen zogen an ihrem Geist vorbei. Wie -aufreibend war dieser ewige Kampf mit der Männerwelt, die sie lüstern -umkreiste. Und manche Erinnerung brannte in ihr und sie konnte sie -nicht verjagen. Wie ein Freiwild war sie sich manchmal vorgekommen, auf -das man ungestraft Jagd machen konnte. Ja, flirten wollten die Männer -alle mit ihr. Mehrere Male war auch ihr Herz nicht unberührt geblieben, -und jedesmal kam danach die große Enttäuschung. Einmal war sie mit -einer peinlichen Demütigung verbunden gewesen. Sie stöhnte laut auf. -Heiß stieg es in ihre Wangen, als ihr der Gedanke kam, daß sie noch -einmal die Jagd auf einen Mann beginnen sollte. - -Sie stand auf und kühlte ihre Augen in kaltem Wasser. Dann nahm -sie Sawerskis Brief zur Hand und überlas mehrere Male seine Worte, -um zu prüfen, ob sich mehr darin entdecken ließ, als mit der neuen -Hausgenossin in ein erträgliches Umgangsverhältnis zu gelangen. -Mißmutig warf sie ihn hin. Plötzlich nahm sie ihn wieder auf und -zerriß ihn mit einem schnellen Griff, und während sie halblaut vor sich -hinsummte: „Auf in den Kampf, Torero!“, begann sie, ihre Garderobe zu -mustern. Endlich fand sie ein ganz einfaches Kleid und ein kokettes -Schürzchen dazu. - -Frau Olga schmunzelte, als Adelheid in diesem Anzug vor ihr erschien. -„Nun werde ich dich in die Zubereitung von Kaffee und Tee einweihen.“ - -„Oho, Frau Oberamtmann, über diese Anfangsgründe bin ich schon hinaus. -Wenn du mir also deinen Wirkungskreis übergeben willst.“ - -Während sie sich an dem Kessel zu schaffen machte und die Getränke -aufbrühte, trat der Hausherr ein. Schon von der Schwelle her rief er: -„So gefallen Sie mir, mein Fräulein.“ - -„Ich kann doch nicht immer als große Dame hier paradieren, besonders -nicht, wenn ich mich der Hauswirtschaft widmen will“, gab Adelheid -lachend zur Antwort. - -Herr von Sawerski war hinter dem Hausherrn eingetreten. Er ging ein -paar Schritt auf Adelheid zu und machte ihr eine tiefe Verbeugung. Sie -streckte ihm mit freundlich unbefangener Miene die Hand hin, deren -Druck ihm eine deutliche Antwort gab, die ihn von seinen Zweifeln und -Befürchtungen befreite. - -„Gnädiges Fräulein wollen sich wirklich der Hauswirtschaft annehmen?“ - -„Dazu bin ich ja hierher aufs Land gekommen“, erwiderte Adelheid mit -ernster Miene. - -„Frau,“ rief der Hausherr laut lachend, „unser Personal mehrt sich. -Was meinst du, wenn wir auf das Beamtenhaus noch eine Apanage aufbauen -ließen, wie Onkel Bräsig sagen würde, und uns mit der Aufzucht von -männlichen und weiblichen Wirtschaftern befaßten?“ Er lachte nochmals -dröhnend auf. „Gnädiges Fräulein müssen aber schon vorläufig im -Herrenhause vorlieb nehmen, denn im Beamtenhaus ist augenblicklich kein -Zimmer frei.“ - -„Aber Konrad!“ mahnte die Hausfrau. Er sah sie mit der unschuldigsten -Miene an. „Habe ich in meiner Freude einen Bock geschossen? Ich glaube, -deine Freundin will allen Ernstes bei dir in die Schule gehen, um dich -später völlig zu entlasten.“ - -„Das will ich auch“, erwiderte Adelheid fest. „Und ich bitte Ihre -Gattin, meine verehrte Freundin, allen Ernstes, mich durchaus als -Lehrling anzusehen und zu behandeln.“ - -„Na, dann wollen wir mal gleich ein Programm Ihrer Betätigung -entwerfen. Heute Abend noch ein leichtes Geplänkel in der Küche -mit Bratkartoffeln und Setzei. Aber morgen ... da geht’s los. Zum -Melken brauchen Sie nicht zu gehen, das beaufsichtigt Franz. Aber die -Behandlung der Milch muß man als perfekte Hausfrau unbedingt verstehen. -Also um 6 Uhr in der Meierei. Natürlich in Begleitung meiner Frau.“ - -Gut gelaunt spann er den Faden immer weiter .... Adelheid kam es -allmählich zum Bewußtsein, daß aus dem Spiel bitterer Ernst wurde. -Aber sie war entschlossen, die neue Rolle, die ihr fast ohne ihr -Zutun zugefallen war, mit Festigkeit durchzuführen. Vielleicht war es -der richtige Weg, der sie in die Ehe hineinführte. Manchmal streifte -ihr Blick forschend Herrn von Sawerski, der sich mit Eifer an der -Ausarbeitung des Programms beteiligte, und es schien ihr, als wenn er -daran Gefallen fand, daß sie mit Ernst und Eifer sich in die Rolle -hineinlebte. - -Am anderen Morgen erstaunte Franz nicht wenig, als er beim Abliefern -der Milch in der Meierei neben der Frau des Hauses das Fräulein -vorfand. Sie hatte ihr Kleid geschürzt und trug derbe Schuhe und ließ -sich mit Eifer zeigen, wie der Fettgehalt der Milch festgestellt -wurde. Er war so verwirrt, daß er sich bei Angabe der Literzahl irrte. -Adelheid reichte ihm freundlich lächelnd die Hand. „Ich bin Ihre -Kollegin geworden, Herr Rosumek. Ja, wirklich, sehen Sie mich nicht so -erstaunt an. Ich erlerne die Hauswirtschaft. Der Anfang ist ja etwas -feucht, aber ich denke, es wird auch anders kommen.“ - -Als Franz ins Freie trat, fühlte er sein Herz heftig klopfen. Das Blut -hämmerte ihm in den Schläfen und in den Adern am Halse .... - - - - -12. Kapitel - - -Die Entwicklung, die bei Adelheid eingesetzt hatte, wurde durch Frau -Olga klugerweise gefördert. Sie zügelte den Eifer, den sie zunächst, -bis zum Beweise des Gegenteils, für ein Strohfeuer hielt, und -beschäftigte sie nur soweit in der Wirtschaft, daß die Lernbegierige -noch reichlich Zeit fand, sich ans Klavier zu setzen, zu spielen und zu -singen. Auch ihrem „Brummbär“ hatte sie es beigebracht, daß er nicht -durch gutmütigen Spott und Neckereien Adelheids Vorsätze zum Wanken -brächte. - -Man war in der Saatzeit. Viktor hatte sich ein Reitpferd angeschafft. -Er erschien nur zu Mittag im Herrenhause und ließ sich abends einen -kalten Imbiß in sein Zimmer bringen. Denn wenn er mit Dunkelwerden vom -Felde kam, hatte er keine Lust mehr, sich umzuziehen. Er benahm sich -ritterlich höflich gegen Adelheid, aber aus seinem Benehmen ließ sich -kein Schluß ziehen, ob er sich für sie interessierte. - -Zwischen den beiden Damen wurde darüber nicht gesprochen, ja, Adelheid -verschwieg ihrer Freundin, daß sie fast täglich ein Sträußchen in ihrem -Zimmer fand, das nur durch das offene Fenster hineingeworfen sein -konnte. Es war aus Feld- und Waldblumen, wie sie der Frühling bringt, -zierlichen Gräsern und frischem Grün geschmackvoll zusammengesetzt. -Als sie das erste Sträußchen fand, klopfte ihr Herz einen Augenblick -schneller, denn ihr Wunsch ließ sie auf Viktor als Spender raten. -Um sich Gewißheit zu verschaffen und dem gütigen Spender ein -Entgegenkommen zu erweisen, steckte sie es zu Mittag an ihren Busen. -Aber Viktor verriet durch seine kühl-höfliche Frage, ob sie an den -unscheinbaren, duftlosen Blümchen Gefallen finde, daß er nie daran -gedacht hatte und hätte, sie durch eine solche kleine, aber sinnige -Huldigung zu überraschen und zu erfreuen. - -Am nächsten Sonntag, als die beiden Lehrlinge bei Tisch erschienen, -steckte sie wieder solch ein Sträußchen an und entdeckte, was sie -schon vermutete, daß Franz der heimliche Verehrer war, der seinen -Gefühlen auf diese Weise Ausdruck gab. Er wurde rot und verlegen. -Ihr Wohlgefallen an dem frischen Jüngling verleitete sie dazu, ihn -mehrmals ins Gespräch zu ziehen. Er wurde dadurch noch verlegener, denn -sein Herz stand in lichten Flammen. - -Die Neigung zu dem schönen, reifen Mädchen, das ihm wie ein höheres -Wesen vorkam, war gleich bei der ersten Begegnung aufgeflammt. Und in -den letzten Wochen war sie zu einer Leidenschaft angewachsen, die sein -ganzes Denken und Fühlen erfüllte. Wegen seiner Zuverlässigkeit hatte -ihm der Oberamtmann den Hofdienst anvertraut, wozu auch die Verwaltung -des Speichers gehörte, wo er den Kämmerern das Saatgut zumessen mußte. -Und seitdem Adelheid sich in der Wirtschaft betätigte, traf er mehrmals -am Tage mit ihr zusammen. Es ergab sich von selbst, daß er sie ab und -zu auf einem Gang begleitete. Einmal hatte er ihr dabei einen kleinen -Dienst erwiesen. Adelheid wollte ein noch sehr junges Kälbchen tränken. -Aber das dumme Tierchen stieß wohl mit dem rosig gefärbten Mäulchen in -den Milcheimer, trank aber nicht. Da verriet ihr Franz lachend, sie -müsse dem Kälbchen einen Finger in das Mäulchen stecken. Sie tat es und -erreichte dadurch ihr Ziel. - -Ihr feines Gefühl hatte ihr schon bald verraten, daß Franz sie -verehrte. Denn bei jeder Begegnung strahlte sein frisches Gesicht vor -Freude. Und unter vier Augen überwand er schnell seine Befangenheit und -plauderte mit ihr offen und vertrauensvoll. Als er jedoch am Sonntag -Mittag das Sträußchen an ihrem Busen gewahrte, vermochte er sich kaum -zu beherrschen, um nicht ganz verkehrte Antworten zu geben. Als die -beiden Lehrlinge nach dem Essen ins Beamtenhaus zurückgingen, um den -freien Nachmittag zu einem Schläfchen zu benutzen, stieß Kolbe seinen -Leidensgefährten an und sagte hämisch: - -„Bilden Sie sich nur nichts darauf ein, Sie Musterknabe, daß die -Walküre“ -- den Namen hatte er Adelheid gegeben -- „heute so gnädig zu -Ihnen gewesen ist.“ - -„Das habe ich gar nicht empfunden.“ - -„Das ist auch das Beste, was Sie tun können, wenn Sie der Walküre nicht -den Hof machen. Sie sollen ihr ja auch nur als Anhetzer für den Herrn -Volontär dienen, den sie einfangen und zu einem folgsamen Ehemann -zähmen will.“ - -„Ach, Kolbe, wie können Sie bloß so gehässig von der jungen Dame -sprechen“, erwiderte Franz unmutig. - -„Das ist gar nicht gehässig, sondern das sind Tatsachen, die der -Blinde mit dem Stock fühlen muß. Ich weiß auch noch mehr. Ich habe Sie -heute früh gesehen, als Sie der Walküre das Sträußchen ins Fenster -warfen. Daß sie es zu Mittag angesteckt hatte, hat Ihnen den Kopf ganz -verdreht. Aber bilden Sie sich nur nichts darauf ein. Oder glauben -Sie, daß die Walküre, die nach meiner Ansicht beinahe schon aus dem -Schneider ist, auf Sie warten wird, um Bauersfrau auf einer Klitsche -von dreihundert Morgen zu werden?“ - -Franz wandte sich achselzuckend ab, aber das Gespräch hatte doch eine -tiefgehende Wirkung auf ihn. Er wurde sich darüber klar, daß seine -ganze Seele und all sein Sinnen im Banne der schönen Frau lagen. Daß -diese Leidenschaft völlig hoffnungslos war, mußte er sich selbst sagen. -Sein Selbstbewußtsein hielt aber vor dieser Erkenntnis nicht stand. Er -brach haltlos auf dem Sofa zusammen und weinte wie ein kleiner Junge. - -Als er gegen Abend ins Herrenhaus ging, wo die beiden Knaben ihn schon -mit Sehnsucht erwarteten, hatte er sich mit kühler Überlegung zu dem -Entschluß durchgerungen, seine törichte Leidenschaft mit Energie zu -bekämpfen. Er stahl sich sofort ins Kinderzimmer und kam erst mit den -Knaben zu Tisch. Er saß ruhig am Tisch und hörte still zu, wie Adelheid -und Viktor ein angeregtes Gespräch über Musik führten, wovon er nicht -das Geringste verstand, denn er war ganz unmusikalisch und hatte so -wenig Gehör, daß er nicht das kleinste Lied singen konnte. Gleich nach -dem Essen verabschiedete er sich durch eine stumme Verbeugung .... - -Die Beendigung der Saatzeit wurde nach einer alten Gewohnheit von dem -Gutsherrn durch ein festliches Mahl gefeiert, zu dem nicht nur der -Oberinspektor mit seiner Gattin, sondern auch die beiden Kämmerer mit -ihren Frauen geladen wurden. Auch für die Gutsleute wurde ein kleines -Fest veranstaltet, das in der Hauptsache in einem Tanz, der in dem -untersten großen Speicherraum abgehalten wurde, bestand. Einige Zeit -vorher erhielt Franz von dem Oberamtmann den Auftrag, einen Bock für -das Fest zu schießen .... - -„An der Regler-Grenze steht ein strammer Bock mit einem -Pfropfenziehergehörn, den möchte ich abschießen“, schlug Franz vor. - -„Tun Sie das, mein junger Freund, ich bin einverstanden.“ - -Am nächsten Abend ging Franz hinaus. Er wußte ziemlich genau, wo der -Bock aus dem Walde aufs Feld austrat .... Noch bei gutem Büchsenlicht -erschien der Bock und wurde von Franz mit einem sicheren Kugelschuß auf -die Decke gelegt. Er ging langsam zu ihm hin, zog seinen Nickfänger -und beugte sich über ihn, um ihn zu lüften. Da hörte er jemand mit -hastigen Schritten durch das dichte Unterholz brechen. Im näselnden Ton -kommandierte eine scharfe Stimme: „Halt! Gewehr weg!“ - -Ganz verdutzt sah Franz auf. Herr von Sawerski stand mit schußfertigem -Gewehr vor ihm. „Wie kommen Sie dazu, den Bock zu schießen?“ - -Die aufgeregte Art und die Frage kamen Franz so komisch vor, daß er -laut lachte. „Sie glauben doch nicht, daß ich wildern gehe?“ - -„Ich habe allein die Erlaubnis zum Pirschen.“ - -„Diesmal hat Herr Oberamtmann selbst mir den Auftrag gegeben, gerade -diesen Bock zu schießen.“ - -Ohne sich weiter an Viktor zu kehren, lüftete er den Bock, verstaute -ihn in seinem geräumigen Rucksack, warf ihn auf den Rücken und ging -davon. Er lieferte das Wild in der Küche ab und meldete dem Gutsherrn, -daß er den Bock geschossen hätte. Von der Begegnung mit Viktor sagte -er nichts. Aber sie ärgerte ihn noch nachträglich und stimmte ihn -nachdenklich. Was hatte der Mann gegen ihn? Weshalb trat er ihm so -schroff entgegen? War er etwa auf ihn eifersüchtig? Dazu hatte er -doch nicht die geringste Ursache. Dieser Gedanke jedoch bestärkte -ihn in seinem Entschluß, seine Neigung so tief und fest in sich zu -verschließen, daß niemand sie merken sollte. - -Das Werfen der Sträußchen hatte er schon am nächsten Tage eingestellt, -und er hatte sich wirklich soweit in der Gewalt, daß er Adelheid artig, -aber ohne ein Zeichen von Erregung gegenübertreten konnte. An dem -Abend des Saatfestes war die Gutsherrschaft nach dem Abendbrot auf den -Speicher gegangen, um dem Tanz zuzuschauen. Frau Olga hatte die jungen -Leute aufgefordert, fleißig zu tanzen. Sie hatte dabei mit den Augen -nach Adelheid gewinkt. Der Wunsch der Gutsherrin wurde natürlich eifrig -befolgt. Erst tanzte Viktor, dann Kolbe mit Adelheid. - -Jetzt kam auch Franz, wenn er nicht unhöflich erscheinen wollte, an -die Reihe. Er gab sich innerlich einen Ruck und verbeugte sich vor -Adelheid. Seine Pulse hämmerten. Als sie sich in seinen Arm schmiegte, -drohte ihn die Beherrschung zu verlassen, so daß er nicht gleich in -den richtigen Takt kam. Aber dann riß er sich zusammen und tanzte. Der -feine Duft, der von ihr ausging, berauschte ihn. Und leicht und weich -wie eine Feder lag sie in seinem Arm. Es war ihm, als wenn er nicht mit -den Füßen auf der Erde sprang, sondern mit ihr durch die Luft empor und -davon flog. - -Er erwachte erst aus seinem Rausch, als sie leise sagte: „Ich danke.“ -Und mit einem strahlenden Blick fügte sie hinzu: „Sie tanzen gut.“ - -Als er auf seinen Platz zurückkehrte, flüsterte ihm Kolbe zu: „Mensch, -sechsmal haben Sie mit ihr rumgewalzt. Mit uns beiden hat sie nur drei -Runden gemacht.“ - -„Ich habe die Runden nicht gezählt“, erwiderte Franz. „Ich glaube, man -darf mit einer Dame solange tanzen, bis sie dankt.“ - -„Nun werden Sie sich wohl wieder etwas darauf einbilden, daß sie bei -mir schon nach drei Runden gedankt hat.“ - -Beim nächsten Tanz verkündete der Kämmerer, der in der Mitte als Ordner -stand, mit mächtiger Stimme: „Damenwahl!“. Mit etwas Unbehagen sah -Frau Olga, wie das hübsche, junge Stubenmädchen auf Viktor zueilte -und ihn durch einen Knix zum Tanz aufforderte. Auch Hans Kolbe wurde -sofort von einem Scharwerksmädchen geholt. Da stand Adelheid auf und -bat Franz durch eine Neigung des Kopfes. Er trat schnell an sie heran -und legte den Arm um sie. Von diesem Augenblick an wußte er nicht mehr, -was um ihn her vorging. Er sah und fühlte nur die schöne Frau, die ihn -geschickt mit leisem Druck durch das Gewühl der Tanzenden führte. - -Als Adelheid auf ihren Platz zurückkehrte, beugte sich Frau Olga zu ihr -und flüsterte ihr zu: „Du, verdreh’ dem Jungen nicht den Kopf.“ - -Lachend gab sie zur Antwort: „Hältst du das für möglich? Ich glaube, er -ist viel zu vernünftig dazu.“ - -Auch Viktor hatte es mit Mißbehagen beobachtet, daß Franz bei der -Damenwahl von Adelheid aufgefordert worden war. Er tröstete sich jedoch -in Gedanken damit, daß er nicht frei gewesen war, weil die kleine -hübsche Kröte von Stubenmädchen ihn so fix geholt hatte. Als jedoch -Adelheid keine Miene machte, ihn zu holen, obwohl der Tanz noch -ziemlich lange dauerte, beschlich ihn ein Gefühl, das nicht sehr weit -von Eifersucht entfernt war. Er nahm sich vor, bei den nächsten Tänzen -Adelheid eifrig zu umwerben und ihr ganz offen die Cour zu schneiden. -Doch dazu kam es nicht. Denn bald darauf brach die Gutsherrin auf und -nahm ihre Freundin mit sich. - -Da blieb er in einem Gefühl von Trotz auf dem Fest und tanzte noch so -oft mit der „kleinen Kröte von Stubenmädel“, daß es den Neid aller -anderen erregte. Der Oberamtmann, der mit den Herren noch sitzen blieb, -bemerkte es auch und erzählte es noch in der Nacht lachend seiner -Gattin. - -Franz war nach dem Tanz ins Freie gegangen. Das Stimmengewirr, der -Dunst von Staub und Tabaksrauch, der wie eine Wolke über den Köpfen -der Tanzenden hing, waren ihm unerträglich. Es war eine dunkle, weiche -Frühlingsnacht ohne Licht von Mond oder Sternen, denn der Himmel war -mit schwarzen Wolken verhangen. Aber die Natur schwieg oder schlief -nicht. Sie lebte und sprach mit tausend Stimmen. In den Teichen im -Park, in den Gräben, die jetzt noch voll Wasser standen, quarrten -die Frösche. In den Fliederbüschen, deren Knospen vor dem Aufbrechen -standen, sang ein Sprosser. Nicht so weich und flötend wie die -Nachtigall des Südens, aber für ein liebendes Herz enthält auch die -Stimme des Sprossers genug Liebessehnsucht .... - -Es war so still, daß Franz sein Blut in den Adern hämmern hörte. Er -vernahm auch das Kichern der Liebespärchen, die sich aus dem Saal -gestohlen hatten. Dann wieder tiefe Stille, nur manchmal unterbrochen -durch schmelzende, schmatzende Laute. Da wurden heiße Küsse getauscht, -mit Glut gegeben und mit Inbrunst empfangen. Auch sein Blut regte sich. -Seine Gedanken irrten wild umher. Aber ach, das Ziel seiner Sehnsucht -stand so hoch und unerreichbar über ihm. Unwillkürlich kam ihm Goethes -Gedicht: „Trost in Tränen“ in den Sinn, und er sprach vor sich hin: - - „Ach nein, erwerben kann ich’s nicht, - Es steht mir gar zu fern, - Es weilt so hoch, es blinkt so schön, - Wie droben jener Stern.“ - -„Die Sterne, die begehrt man nicht“, sprach er leise vor sich hin .... - - - - -13. Kapitel - - -Am nächsten Sonnabend erbat sich Franz Urlaub, um auf einen Tag nach -Hause zu fahren. Er hatte nach schwerem Kampf den Entschluß gefaßt, -die törichte Leidenschaft aus seinem Herzen zu reißen. Um sich darin -zu bestärken, wollte er ein Zusammentreffen mit Adelheid vermeiden. Es -schwebte ihm auch dunkel das Bedürfnis vor, seinem alten Freund sein -Herz auszuschütten. Seit Weihnachten war er nicht zu Hause gewesen. -Damals hatte er mit der fröhlichen Unbekümmertheit der Jugend mit den -Eltern und der Schwester, die aus Königsberg nach Hause gekommen war, -köstliche Tage verlebt. Auch Lotte war mit ihrer Mutter zum heiligen -Abend und den Festtagen eingeladen, und er hatte das zur Jungfrau -heranblühende Kind mit großem Wohlgefallen betrachtet und sich an ihrer -sonnigen Heiterkeit erfreut. - -Jetzt war ihm das Herz schwer, als er den Einspänner bestieg und den -alten, schwerfälligen Gaul in Bewegung setzte. Welchen glaubwürdigen -Grund sollte und konnte er vorbringen, um seinen Besuch zu erklären? -Aber würde es nicht genügen, wenn er sagte, daß er für einen Tag -ausspannen und die Eltern wiedersehen wollte? Er trat mit einem -Scherzwort bei den Eltern ein, die sich gerade zum Abendbrot hingesetzt -hatten, und gab unaufgefordert die Erklärung ab. Die Eltern begrüßten -ihn herzlich, aber er entnahm aus ihren forschenden Blicken, daß sie -nach einer anderen Erklärung für sein unvermutetes Erscheinen suchten. -Der Vater dachte nichts anderes, als daß ihm sein Beruf nicht zusage -und er sich die Zustimmung erbitten wolle, ihn aufzugeben. Aus seinem -Gesicht schwand die Freude über den Besuch des Sohnes. - -Auch die Mutter hatte denselben Gedanken und sich mit dem Vater durch -einen Blick verständigt. Aber auch ihr bereitete der Gedanke keine -Freude, denn es war nicht anzunehmen, daß er beim Wechsel des Berufes -ihren Wunsch erfüllen wollte .... So verlief der Abend ohne rechte -Freude für alle Teile. Am nächsten Morgen ging Franz in den Widem, um -Onkel Uwis zu begrüßen und dann mit den Eltern in die Kirche. Er setzte -sich nach alter Gewohnheit in den Pfarrstuhl. Bald erschien auch Lotte, -setzte sich neben ihn und hielt ihm ihr Gesangbuch hin. Und als sie -ihm beim Singen mehrmals so treuherzig in die Augen blickte, stieg -in ihm ein Gefühl hoch, das ihn seine Leidenschaft für Adelheid als -Unrecht, ja, als Sünde, empfinden ließ. Gleich nach dem Mittag ging er -zu Onkel Uwis. Er war entschlossen, ihm nichts zu beichten, sondern aus -eigener Kraft seine Leidenschaft zu bekämpfen und zu besiegen. Aber als -sie im Garten, der im herrlichsten Blütenschmuck prangte, auf und ab -wanderten, sah der alte Herr ihn mit tiefem Ernst an, doch voll milder -Freundlichkeit, und fragte wie selbstverständlich: „Nun beicht’ mir -mal. Wo drückt dich der Schuh?“ - -Franz wurde rot, das Blut stieg ihm zu Kopf und verschlug ihm die -Sprache. Das war der Pfarrer an seinem jungen Freund nicht gewohnt. Er -blieb stehen und legte ihm den Arm um die Schultern. „Du mußt etwas -sehr Schweres auf dem Herzen haben, daß du dich nicht getraust, es -mir zu beichten. Du weißt doch, daß ich dein Freund bin, dein bester -Freund.“ - -In heftiger Bewegung ergriff Franz seine Hand und küßte sie. „Ja, -Onkel, deshalb bin ich ja zu dir gekommen. Es fällt mir nur so schwer, -es auszusprechen.“ - -„Das scheint mir ja beinahe auf ein schweres Liebesabenteuer zu deuten.“ - -Das war das erlösende Wort. „Ja, Onkel, es ist allerdings kein -Abenteuer für mich, aber schwer, sehr schwer. Ich werde von einer -heftigen Leidenschaft gepeinigt, die ganz hoffnungslos ist.“ - -„Weshalb denn hoffnungslos? Steht das Mädel so tief unter dir, oder -...“ Er machte eine Pause. „... ist es gar eine Frau?“ - -„Nein, Onkel, es ist ein Mädchen, aber acht oder neun Jahre älter als -ich ... eine Freundin der Frau Oberamtmann. Sie steht turmhoch über -mir. Meine Leidenschaft ist ein Wahnsinn, das weiß ich, das sage ich -mir selbst täglich hundertmal. Aber meine ganze Seele ist in Aufruhr -und ich bin glücklich, wenn ich sie sehen und ein paar Worte mit ihr -sprechen kann. Und nachts kann ich vor Verzweiflung und Sehnsucht nicht -schlafen. Nur einmal möchte ich sie in meinen Armen halten, nur einmal -ihren Mund küssen, dann wollte ich gern sterben.“ - -Der alte Herr erschrak vor diesem Ausbruch einer hemmungslosen -Leidenschaft. Doch er ließ es sich nicht merken. Ganz ruhig fragte er: -„Ist die junge Dame schon verlobt?“ - -„Nein, ich glaube aber, man will sie mit unserem Volontär, einem -Oberleutnant von Sawerski, zusammenbringen.“ - -„Liebt sie ihn?“ - -„Ich glaube nein.“ - -„So? Na, weshalb hältst du deine Liebe für hoffnungslos?“ - -Ganz verblüfft sah Franz ihn an. „Aber Onkel, willst du mit mir -scherzen?“ - -„Das fällt mir gar nicht ein. Ich frage allen Ernstes, weshalb du -denn nicht ehrlich um ihre Liebe werben willst? Schreckt dich der -Unterschied der Jahre? Der gleicht sich mit der Zeit aus. Vielleicht -ist deine Jugend in ihren Augen kein Hindernis.“ - -„Onkel, meinst du das wirklich? Aber nein, es geht nicht. Ich werde -erst in zwei Jahren mündig. Und was kann ich ihr bieten? Einen -Bauernhof.“ - -Das Gesicht des alten Herrn hatte sich wieder aufgehellt. Er zwinkerte -mit den Augen. „Na, unter Umständen könnte sie auch Gutsherrin werden. -Dein Vater, mein Junge, steht gut in der Wehr. Er wäre imstande, -dir ein anständiges Gut zu kaufen oder dir das Geld zu einer großen -Pachtung zu geben. Meine paar Kröten bekämst du auch mal nach unserem -Tode.“ - -„Ach Onkel, wie soll ich dir für all deine Liebe und Güte danken! -Du gibst mir wieder neuen Lebensmut. Aber nein ... sie wird mich -auslachen. Sie lebt in der großen Welt, verkehrt wie eine Prinzessin -mit Fürsten und Grafen und soll mich unreifen Bauernjungen wählen? -Nein, Onkel, das ist undenkbar. Ich glaube, sie wird auch den Herrn von -Sawerski nicht nehmen. Nein, Onkel, es ist ja sehr freundlich von dir, -daß du mich nicht wie einen dummen Jungen auslachst, sondern mir sogar -Mut machst, aber die Hoffnung wollen wir doch fahren lassen. Nein, -Onkel, du mußt mir raten, wie ich diese Leidenschaft überwinde. Sonst -werde ich wahnsinnig oder tue mir ein Leid an.“ - -Diesmal erschrak der Pfarrer noch stärker vor dem Ausbruch dieser -Gefühle. „Ist sie denn so schön?“ - -„Schön,“ rief Franz überschwenglich, „das ist gar kein Ausdruck für -sie.“ Und nun begann er zu schwärmen und schwelgte förmlich in den -höchsten Tönen der Bewunderung, die ihm sein Gefühl eingab. Und -zum Schluß warf er sich dem alten Freund an die Brust und begann -fassungslos zu schluchzen. Sanft führte ihn der alte Herr zur -Gartenbank und setzte sich neben ihn. - -„Du hast mir vorhin erzählt, daß die junge Dame in der großen Welt lebt -und sich in den höchsten Kreisen bewegt. Da wundert es mich doch, daß -sich bis jetzt kein Mann gefunden hat für sie, wenn sie so wunderbar -schön ist.“ - -„Sie ist nicht adlig und für die vornehmen Herren auch wohl nicht reich -genug.“ - -„Ach, mein Junge, das übersieht man bei einer tiefen Neigung. Du -würdest doch auch nicht danach fragen?“ - -„Nein, bei Gott, Onkel, danach frage ich nicht.“ - -„Hat die junge Dame Angehörige, Vater, Mutter?“ - -„Nein, Onkel, soviel ich gehört habe, steht sie ganz allein in der -Welt.“ - -„Siehst du, ~mi fili~, da sitzt der Haken! Eine junge Dame, die so -allein in der Welt herumreist, ohne den Rückhalt, den ihr die Familie -gibt, wird nicht für voll angesehen. Und ich glaube, mich nicht zu -irren, daß sie einzig und allein zu dem Zweck nach Polommen gekommen -ist, den Herrn Oberleutnant dingfest zu machen.“ - -Franz sprang auf. „Onkel, du beleidigst die junge Dame. Sie ist die -Freundin meiner gnädigen Frau.“ - -„Das bestärkt mich in meiner Annahme. Die Frau Oberamtmann will die -Freundin unter die Haube bringen. Ich nehme es als sicher an, daß deine -Angebetete nach Jahr und Tag Frau von Sawerski ist. Dann wirst du auch -von deiner Leidenschaft geheilt sein.“ - -„Nie, nie!“, rief Franz in höchster Erregung. „Sobald sie sich mit ihm -verlobt, erschieße ich sie und mich.“ - -Der Pastor zog ihn auf den Sitz nieder. „Dunner Lüchting ... min Jung -.... Da bliw du man so bi. Du bist ja en groten Schafskopp.“ - -Franz war zusammengefahren, als der Onkel platt zu sprechen anfing, -aufstand und nach der Pfeife langte, die für alle Fälle gestopft in -der Gartenlaube stand. Er setzte sie umständlich in Brand und ging, -mächtige Rauchwolken ausstoßend, eine Weile schweigend vor der Laube -auf und ab. Dann blieb er vor Franz stehen. - -„Es wird wohl das beste sein, wenn dein Vater dich heute hier behält -und dich in den nächsten Tagen in eine Heilanstalt bringt, wo du mit -reichlich viel kaltem Wasser behandelt wirst.“ - -Ganz zaghaft fragte Franz: „Onkel, ist das dein Ernst?“ - -„Mein völliger, völliger Ernst. Du bist wirklich imstande, in deiner -Verblendung Unheil anzurichten. Dem muß vorgebeugt werden, wenn du -nicht Vernunft annimmst. Ich schäme mich bis in den tiefsten Grund -meiner Seele, daß ich dein Lehrer und Erzieher gewesen bin. Willst du -deine Eltern und mich aus Gram vorzeitig in die Grube bringen?“ - -„Onkel, du weißt nicht, was Liebe ist.“ - -„So? Globst du dat, min Jung? Na, dann huck di man wedder hin, ich war’ -di wat vertellen.“ - -Er ging, mächtig dampfend, eine Weile schweigend auf und ab. Dann -begann er: „Ich war schon mehrere Jahre älter als du, als ich nach -dem ersten Examen als Hauslehrer auf das Gut ... na, der Name tut -nichts zur Sache ... kam. Der Gutsherr, ein kalter, unfreundlicher -Mann, hatte vor kurzem zum zweiten Male geheiratet, ein blutjunges, -lebenslustiges Mädel, das den Witwer nur genommen hatte, um sich und -ihre Mutter von schweren Sorgen zu befreien. Als ich auf das Gut kam, -war die junge Frau schon im Stadium stiller Verzweiflung. Der Mann -verstand sie nicht .... Ach, daß mir diese abgedroschene Redensart in -den Mund kommen mußte! Der Mann war fünfzehn Jahre älter als sie. Das -hätte nichts geschadet, wenn nur sein Herz jung geblieben wäre. Aber -das war alt und hart geworden. Er gönnte seiner Frau kein Vergnügen, -keinen Umgang mit den Nachbarn. Er mäkelte an ihr herum und schalt sie -in Gegenwart der Dienstboten aus. Schon nach ein paar Stunden hatte -ich den Stand ihrer Ehe durchschaut. Ich war innerlich wund, denn ich -hatte noch Stunden, und sie waren nicht selten, in denen ich mit mir -rang, die ganze Gottesgelahrtheit von mir zu tun und umzusatteln. Ich -hatte das Bedürfnis, mich auszusprechen, und fand bei der jungen Frau -teilnahmsvolles Verständnis. Schon nach acht Tagen wußte ich, daß mich -eine heftige Leidenschaft ergriffen hatte, daß ich ihr mit Leib und -Seele verfallen war. Nach weiteren acht Tagen glaubte ich, zu wissen, -daß meine Liebe erwidert würde.“ - -Franz war aufgesprungen und an ihn herangetreten. „Onkel, lieber Onkel, -sag mir alles .... Was tatet ihr da?“ - -„Ich habe vierzehn Tage der höchsten Qual durchgemacht. Ich war -überzeugt, daß die junge Frau mir bei dem leisesten Wort in die Arme -fliegen würde. Ich überwand die Versuchung, und mein reines Gewissen -gab mir die Kraft, vor den Mann zu treten und von ihm die Freigabe -seiner Frau zu fordern. Er lachte mich aus und warf mich aus dem -Hause. Vier Wochen später ging die Frau, die er durch die schwersten -Beschimpfungen bis aufs Blut gequält hatte, im tollsten Schneesturm -abends heimlich aus dem Hause. Erst nach drei Tagen fand man ihre -Leiche im Walde.“ - -In tiefem Mitgefühl schlang Franz seine Arme um ihn. „Onkelchen, wie -hast du das überwunden?“ - -„Wie ich es überwunden habe?“, erwiderte der alte Herr leise. „Ich habe -mit Gott und der Welt gehadert, ich habe wochenlang stumpfsinnig bei -einem Freunde gesessen, der schon in einer Pfarre war ....“ - -„Und dann hast du gebetet, nicht wahr? Ich habe auch schon nachts -gebetet, Gott möchte mich von dem Übel erlösen.“ - -„Nein, mein Junge, das habe ich erst viel später getan. Nimm es mir -nicht übel, wenn ich es dir sage, obwohl ich Pastor und Seelenhirt -bin, gegen solche Leidenschaften hilft das Beten nicht ... Das können -dir auch meine Kollegen von der anderen Fakultät bestätigen, die nicht -nur beten, sondern auch ihren Leib kasteien, weil sie ihn für ihr -sündiges Begehren verantwortlich machen. Das kann nur gegen die Sinne -helfen, wenn sie allein an der Leidenschaft beteiligt oder schuld sind. -Sobald die Sache dem Menschen in die Seele schlägt, wenn das Herz im -edelsten Sinne daran beteiligt ist, dann muß sich Verstand und Vernunft -ihm beugen. Dann hilft nur die Zeit, die mächtigste aller Trösterinnen.“ - -Er sah Franz forschend an. „Nun sag mir mal, aber ganz ehrlich und -offen: Ist dein Herz an dieser Leidenschaft beteiligt?“ - -„Ich ... ich weiß es nicht“, stotterte der Jüngling. „Ich glaube aber -nein.“ - -„Ich glaube, du hast recht, mein Junge. Du kennst die junge Dame zu -wenig, um mit dem Herzen daran beteiligt zu sein. Du kennst noch keine -Dame aus der großen Welt. Ihre herrliche Erscheinung, ihr Liebreiz, die -Anmut ihres Benehmens haben dich bezaubert und verzaubert. Du hast also -bloß gegen deine Sinne anzukämpfen. Und da bist du doch Manns genug, -dich nicht unterkriegen zu lassen .... Das Leben liegt noch so lang -und so schön vor dir. Du wirst, wenn du diese Leidenschaft überwunden -hast, ein liebes Mädchen finden, das dir den Himmel auf Erden bereitet -.... Halt die Ohren steif und mach uns keine Schande. Und nun geh mit -Gott, mein Junge. Grüße Herrn und Frau Oberamtmann von mir. Das sind -ein paar prächtige Menschen.“ - -Zum Kaffee ging Franz noch auf ein Stündchen zu Frau Grigo. Lotte -plauderte mit ihm so vertrauensvoll und offenherzig, daß er eine große -Freude daran hatte. In froher Stimmung, mit heiterem Gesicht kehrte er -zu seinen Eltern zurück. Bald nach dem Abendbrot rüstete er sich zur -Rückfahrt. Der Vater begleitete ihn zum Wagen. Erst jetzt fragte er den -Sohn, ob er etwa die Landwirtschaft aufgeben wollte und sich darüber -beim Onkel Uwis Rat geholt hätte. - -„Nein, Vater, die Landwirtschaft gefällt mir je länger um so besser. -Nein, ich hatte etwas anderes auf dem Herzen. Wenn du es durchaus -wissen willst, frag’ Onkel Uwis und bestell’ ihm von mir, daß er es dir -erzählen darf.“ - - - - -14. Kapitel - - -Je mehr Walter die Schwester seines Lehrherrn kennenlernte, desto -größere Hochachtung ja Bewunderung zwang sie ihm ab. Wie eine -Lichtgestalt aus einer besseren Welt erschien sie ihm, der alle -Erdenschwere mangelt. Noch nie hatte ein weibliches Wesen ihm soviel -Hochachtung abgenötigt, selbst seine eigene Mutter nicht, die sehr oft -in Kleinigkeiten aufging und durch ihre Schwäche für den einzigen Sohn, -wie er es jetzt selbst fühlte, dazu beigetragen hatte, daß er auf eine -abschüssige Bahn geriet. Minna war so schlicht und klar in ihrem Wesen, -daß er bis auf den Grund ihrer Seele zu sehen vermeinte. Und er fand -dort nichts anderes als lauteres, gediegenes Gold. - -Ihre bemerkenswerteste Eigenschaft war die unendliche Herzensgüte. -Nie wurde sie launisch oder unfreundlich. Selbst wo sie mal eine Rüge -erteilen mußte, klang ein freundlicher Unterton mit, der ihren Worten -jedes Verletzende nahm. Denn wie oft wirkt schon ein leichter Tadel -durch den Ton, mit dem er erteilt wird, verletzend. Sie war jedoch -nicht etwa weich, oder ließ fünf gerade sein. Nein, sie war sehr -entschieden in ihrem Auftreten und von einer ruhigen Sicherheit, die -jeden Widerspruch erstickt, noch ehe er laut wird. Die Dienstmädchen -hingen mit großer Liebe an ihr und erfüllten ihre Pflicht mit Eifer, um -ein Lob, oder auch nur einen freundlichen Blick von ihr zu gewinnen. - -Walter kam es gar nicht zum Bewußtsein, welch einen Einfluß sie auch -auf ihn allmählich gewonnen hatte. Er führte früher einen steten Kampf -mit seinen bösen Lüsten und Leidenschaften und hatte sie nur dann -besiegt, wenn ihm seine Klugheit es in den einzelnen Fällen geraten -erscheinen ließ, sie zurückzudrängen und sich zu beherrschen. Jetzt -erschien es ihm selbstverständlich, daß er sich in jeder Beziehung -musterhaft aufführte. Wenn er früher mit Getreide auf den Bahnhof fuhr -oder in der Stadt Besorgungen zu erledigen hatte, wo er mit Bekannten -zusammentraf, hatte er nicht selten einen kleineren oder größeren Affen -mit nach Hause gebracht, der sich bis zum nächsten Morgen in einen -greulichen Kater verwandelte. Jetzt kehrte er stets völlig nüchtern -nach Hause zurück. Der Gedanke, Minna könnte ihm aus solchem Anlaß -ihr Mißfallen durch kaltes Benehmen zu erkennen geben, bereitete ihm -schon Unbehagen und gab ihm eine Widerstandskraft, die er früher nicht -besessen hatte. - -Ganz allmählich wurde es ihm klar, daß sie sein ganzes Denken und -Fühlen erfüllte, und er begann um sie zu werben. Nicht mit Worten -oder Blicken. Das verbot sich ihrer klaren, reinen Art gegenüber von -selbst, sondern durch sein Benehmen. Er wollte und mußte vor sich als -ein anständiger Kerl dastehen können, wenn er ihr vertrauenswürdig sein -sollte. - -Auch bei dem Bruder gewann ihr Wesen Einfluß. Er war seinen Leuten -gegenüber gerecht und hatte sie sogar besser gestellt, als die meisten -Güter der Umgegend. Aber er war rauh in seinem Wesen und polterte oft -los, wenn ihm etwas nicht gefiel, und schreckte auch vor drastischen -Ausdrücken nicht zurück. Dann brauchte ihn Minna bloß mahnend aus ihren -sanften Augen anzusehen. In schwereren Fällen genügte ein sanftes, -etwas vorwurfsvolles „Aber Friedrich!“, um ihn zu mäßigen. - -Der Gutsherr beobachtete den Verkehr der beiden jungen Leute ganz -genau. Es lag doch nicht so fern, anzunehmen, daß sich zwischen zwei so -jungen Menschen geistige und seelische Beziehungen anspinnen, wenn sie -so lange Zeit völlig aufeinander angewiesen sind. Er konnte aber nichts -weiter entdecken, als einen harmlosen, freundschaftlichen Verkehr, wie -zwischen zwei guten Kameraden. Daß Walter sich sehr zusammennahm und -beherrschte, um seine Gefühle nicht zu verraten, ahnte er nicht. Und -Minna verriet ebensowenig ein tieferes Gefühl für den jungen Menschen. - -Nach dem Abendbrot setzte sie sich mit einer feinen Handarbeit an -den runden Tisch unter der großen Hängelampe. Die geschäftlichen -Angelegenheiten und kleinen Fragen, die von der Wirtschaft aufgeworfen -wurden, waren bald durchgesprochen. Dann stand Walter auf, setzte sich -ans Klavier und spielte ohne Aufforderung. Oft begann Minna, wenn -er eine Pause machte, ein Volksliedchen zu singen, das von Walter -kunstvoll begleitet wurde. - -Eines Tages bereitete Braun, auf Minnas Anregung, seinem Zögling -eine große Freude. Er lud Walters Eltern zu einem Besuch für den -nächsten Sonntag ein. Sie kamen bei guter Zeit schon am Vormittag. -Das Wetter war endlich umgeschlagen und hatte Tauwetter gebracht. Die -Märzsonne begann mit ihren Strahlen bereits den Schnee wegzuzehren. -Von den Dächern tropfte es. Gegen Abend, sobald die wärmende Kraft -des Tagesgestirns nachzulassen begann, verwandelten sich die Tropfen -zu langen Eiszapfen, die jeden Morgen abgeschlagen werden mußten, um -nicht beim Herabfallen Mensch oder Tier zu verletzen. Von den Kuppen -der Berge schwand der Schnee. Auf dem dunklen Acker trippelte die -Lerche umher und schwang sich im Sonnenschein zum Himmel empor, um den -Frühling, der noch weit im Süden weilte, ein Willkommen zuzurufen. - -Mit großer Freude begrüßte Walter die Eltern, deren Besuch ihm ganz -überraschend kam. Die Mutter hob er aus dem Schlitten und trug sie auf -seinen starken Armen ins Haus. Mit Stolz musterte der Forstmeister -seinen Jungen, der ihm frischer und kräftiger geworden zu sein schien. -Und er nahm noch vor Mittag Gelegenheit, seinen Lehrherrn zu befragen, -wie er mit ihm zufrieden wäre. - -Braun erteilte seinem Zögling ein volles Lob. Er sei durchaus -zuverlässig, diensteifrig und leiste freiwillig mehr, als er -von ihm verlange. Ja, er habe das Gefühl, daß Walter mit seinem -Entschluß, Landwirt zu werden, das Richtige getroffen habe. Er führe -mit Liebe und Fleiß die ganzen Bücher des Gutes und studiere eifrig -landwirtschaftliche Lehrbücher. Der Forstmeister fühlte mit freudigem -Stolz, was das Lob aus dem Munde des ernsten Mannes bedeutete. - -Minna gab dem ganzen Tag ein freundliches Gepräge. Sie hatte den -Mittagstisch mit großem Geschmack gedeckt und ein Essen angerichtet, -das vor jeder Zunge mit Ehren bestehen mußte. Nach Tisch geleitete -sie die alte Dame in ein von der Sonne durchleuchtetes Zimmer, um sie -auf einer Liege zu einem Nickerchen zu betten. Die Männer blieben -noch bei einem Glas Rotwein und einer guten Zigarre am Tisch sitzen. -Der Forstmeister erzählte, was er aus Grindas Bericht wußte. Danach -unterlag es keinem Zweifel, daß die Russen in äußerst bedrohlicher -Weise gewaltige Truppenmassen an ihrer Westgrenze zusammenballten. Mit -Ingrimm sprach er es aus, daß die Reichsregierung diesen Nachrichten -kein Gewicht beizulegen schien. Als wenn es von uns allein abhinge, ob -der Friede erhalten werden sollte, oder nicht! - -Daran schloß sich ein Rundgang über den Hof und durch die Ställe. -Bald nach dem Kaffee wollten die Gäste aufbrechen, aber Minna bat -so gewinnend, ihnen auch noch den Abend zu schenken, daß sie sich -zum Bleiben bestimmen ließen. Im blauen Zimmer loderte ein helles -Kaminfeuer. Zu der in Ostpreußen sehr beliebten Zwischenmahlzeit, die -allgemein den komischen Namen „Schweine-Vesper“ führt, gab es ein Glas -Grog. Der Forstmeister sah mit Verwunderung, daß sein Sohn das zweite -Glas, das Minna ihm anbot, verschmähte. - -„Ist mein Junge immer so mäßig?“ fragte er lachend. - -„Ich kenne ihn nicht anders“, erwiderte Minna mit freundlichem Lächeln. - -Die Mutter beobachtete argwöhnisch den Verkehr der beiden jungen Leute. -Sie machte keine Ausnahme von all den Müttern, die einen erwachsenen -Sohn besitzen, die sich schon lange, noch bevor es Zeit ist, mit der -Auswahl einer zukünftigen Schwiegertochter beschäftigen. Sollte sich -zwischen den beiden jungen Menschen noch nichts angesponnen haben? -Das Mädel gefiel ihr mehr, als sie sich eingestehen mochte. Und sie -fühlte, daß Minna für eine Liebelei kein Verständnis besaß. Desto -größer war die Gefahr, daß sich zwischen ihr und Walter eine ernsthafte -Neigung anbahnen konnte. Und das müßte ihr doch mißfallen, denn nach -allem, was man über Minna wußte, war sie ein ganz armes Mädchen. - -Das war in den Augen der alten Dame ein ganz unverzeihlicher Fehler, -denn Walter brauchte eine Frau mit Vermögen, wenn er nicht auf einer -kleinen Klitsche anfangen sollte. Aber so sehr sie auch mit allen -Sinnen beobachtete, sie konnte nichts entdecken, was auf ein geheimes -Einverständnis zwischen den beiden jungen Menschen hindeutete. Eher -das Gegenteil, denn solch ein harmloser, freundlicher Verkehr ist nur -möglich, wenn nicht einem oder beiden die Unbefangenheit durch geheime -Wünsche und Gefühle gestört wird. - -Sehr befriedigt fuhr das Ehepaar heim. Es war kein Kutscher mitgenommen -worden, so daß die beiden Altchen ungestört miteinander sprechen -konnten. Der Forstmeister berichtete jetzt erst seiner Gattin -ausführlich, welch ein hohes Lob Braun seinem Zögling erteilt hatte. -„Das war bis jetzt die größte Freude meines Lebens! Und weißt du, -Olsche, wem wir diese Wandlung zu danken haben? Keinem anderen als dem -lieben, jungen Mädchen. Mir wurde ordentlich das alte Herz jung, als -ich sie so still und geräuschlos und doch so umsichtig und besorglich -walten sah.“ - -„Ich glaube, du siehst in ihr schon unsere zukünftige Schwiegertochter.“ - -„Na, Olsche, wäre das nicht ein Glück für den Jungen, solch ein liebes -Wesen zur Frau zu bekommen?“ - -„An dem Wesen habe ich nichts auszusetzen.“ - -„Aber?“ - -„Sie hat doch nichts; sie wird von ihrem Bruder höchstens etwas -Aussteuer bekommen. Aber ich sehe keine Gefahr für unseren Jungen.“ - -Walter bedankte sich noch, ehe er in sein Zimmer ging, für die -Einladung der Eltern. Lächelnd wies Braun auf seine Schwester. „Minna -hat den Gedanken angeregt, und ich habe es gern getan.“ - -Mit stummem Blick reichte Walter dem jungen Mädchen die Hand. - -Er ahnte nicht, daß er seinen Vater zum letzten Male gesehen hatte. -Acht Tage später erhielt er von der Mutter die Nachricht, daß er ganz -plötzlich verstorben wäre. Gesund, ohne jede Beschwerde, hatte er sich -abends zu Bett gelegt. Am anderen Morgen stand die Mutter leise auf und -schlich sich hinaus, um ihn, der anscheinend noch fest schlief, nicht -zu wecken. - -Es wurde acht, es wurde neun Uhr. Sie öffnete ein paarmal leise die Tür -und schaute ins Zimmer. Er schlief anscheinend immer noch. Schließlich -beschlich sie eine böse Ahnung. Sie trat ans Bett und berührte seine -Schultern. Und jetzt erst erkannte sie, daß er sanft, ohne seine -natürliche Stellung zu ändern, entschlafen war. - -Gleich, nachdem die Nachricht eingetroffen war, fuhr Walter nach -Hause. Er fand die Mutter fassungslos vor Schmerz. Sie machte sich -den Vorwurf, daß sie den Entschlafenen noch am Abend vorher mit ihrer -Sehnsucht nach dem Stadtleben geplagt hatte. Walter kam durch die -vielen Besorgungen, die er zu erledigen hatte, über den ersten heftigen -Schmerz hinweg, und es war ihm eine wehmütige Freude, von der Mutter zu -erfahren, daß der Vater sich noch so kurz vor seinem Tode über ihn und -das Lob, das Braun ihm gespendet, gefreut habe. - -Es war ein großes, stattliches Begräbnis. Sechs Grünröcke, die den -Forstmeister als einen gerechten, gütigen Vorgesetzten verehrten, -trugen den Sarg. Über das offene Grab knatterten drei Salven. Der -Kirchhof lag vorn im Walde, zwischen uralten Kiefern und dazwischen -aufstrebenden Eichen, deren Wipfel ihm das Schlummerlied rauschten. Nun -schlief er im Walde, den er so geliebt hatte, daß er Beförderungen und -Ehrenzeichen ausschlug, um sich nicht von ihm trennen zu müssen. - -Einige Tage dauerte noch die Regelung der Geschäftsverhältnisse. Da -kein Testament vorhanden war, erbten Frau und Sohn zu gleichen Teilen. -Dabei erfuhr Walter, daß der Vater ein ziemlich erhebliches Vermögen -hinterlassen hatte. Die Mutter konnte und wollte noch bis zum nächsten -Quartal in der Oberförsterei wohnen bleiben. Denn die Regierung hatte -einen unverheirateten Forstassessor geschickt, der das Revier bis zur -endgültigen Neubesetzung der Stelle verwalten sollte. In der Zeit -wollte die Mutter sich für eine Mittelstadt im Reich entscheiden und -die Übersiedlung vorbereiten. - -Walter litt es nicht lange zu Hause. Die lauten Wehklagen der Mutter -störten ihm die eigene, tiefe Trauer um den Vater, für dessen Wert -und Bedeutung er erst jetzt die richtige Schätzung gewonnen hatte. -Er sehnte sich auch nach Tätigkeit. Das Frühjahr war sehr schnell -gekommen. An den Südabhängen sprießten im Walde schon die bescheidenen -Leberblümchen. Hier und dort hob auch schon eine Anemone ihr weißes -Köpfchen. Noch einmal war Walter tagsüber durch den Wald gewandert, -hatte alle seine Lieblingsplätze besucht und mit freudiger Rührung -sich eingeprägt, was der Vater in seiner langen, gesegneten Tätigkeit -geschaffen hatte. - -Am schwersten fiel ihm der Abschied vom Elternhaus. Ach, es war ja -nicht mehr sein Elternhaus! Bald würden andere Menschen kommen, Fremde, -die es nach ihrem Willen und Geschmack einrichten würden. Einige -Geweihe und eine Anzahl der besten Gehörne gab ihm die Mutter zum -Andenken mit. Die anderen sollte er erst nach ihrem Tode erhalten. - -Als er nach Nonnenhof zurückkam, war aus dem heiteren Jüngling ein -ernster Mann geworden. Mit feinem Takt regte Minna ihn abends an, von -dem Begräbnis zu erzählen. Er tat es gern und lobte die Liebe und -Verehrung, die der Verstorbene sich in seinem Leben erworben hatte. -Und dann kam er auf den Vater zu sprechen, der Zeit seines Lebens ein -frohmütiger Mann gewesen und als Weidmann und Forstwirt sich einen -guten Namen und ein ehrenhaftes Andenken geschaffen habe. Minna hörte -still zu, ohne ihn zu unterbrechen. Und doch las Walter in ihren -Augen und fühlte, wie von ihr eine mitleidsvolle Teilnahme zu ihm -herüberwallte. - -Am nächsten Morgen stand er schon vor Tagesgrauen auf und ging an -seine Arbeit. Die Saatzeit war angebrochen, und es gab sehr viel zu -tun. Walter war den ganzen Tag unermüdlich auf den Beinen und leistete -mehr, als selbst ein strenger Lehrherr verlangen konnte, so daß selbst -Braun ihm manchmal sagte, er dürfe sich nicht zu viel zumuten. Minna -umhegte ihn mit ganz besonderer Sorgfalt. Jetzt fand er täglich auf -dem Frühstückstisch ein Glas Wein eingegossen. Als er ihr über ihre -Verschwendung, wie er es nannte, freundliche Vorhaltungen machte, -erwiderte sie ruhig, das habe Friedrich angeordnet. - -Das Frühjahr, das so schnell gekommen war, hielt nicht, was es anfangs -versprach. Wochenlang wehte ein sturer Ostwind, der Kälte brachte. -Das Getreide, das im feuchten Acker stand, wollte und wollte nicht -aufgehen. Und als sich die grünen Blattspitzen hervorwagten, da fanden -sie es auf der Erde so ungemütlich, daß sie keine Lust zeigten, freudig -emporzuwachsen. Erst Anfang Juni, als die Landwirte schon fast alle -Hoffnung auf eine, wenn auch nur mittlere Ernte, aufgegeben hatten, -schlug das Wetter um. Ein mäßiger Südwest brachte erst Wärme und dann -reichlichen Regen. Mit überraschender Schnelligkeit erholte sich das -Getreide. Auch die Wintersaat, die schon gelbe Spitzen zeigte, erholte -und bestockte sich. Mit besseren Hoffnungen gingen die Landwirte in den -Sommer hinein. - -Gleich nach der Heuernte, die ziemlich spärlich ausgefallen war, ging -Braun daran, eine alte Mergelgrube, die in seinem besten Weizenschlag -lag, zu beseitigen. Sie war wohl uralt, denn sie war mit Steinen -ausgefüllt, die man im Laufe der Zeit aus dem Acker ausgepflügt -hatte. Es waren Findlingsblöcke darunter, die erst gesprengt werden -mußten, ehe man sie wegschaffen konnte. Das war dem Gutsherrn nicht -unlieb, denn er gedachte daraus die Fundamente für einen neuen Stall -zu gewinnen. Tagelang hörte man im Gutshause das donnernde Krachen, -mit dem die Felsblöcke zersprangen. In froher Laune sprach Braun beim -Kaffee von seinen Plänen, einen neuen massiven Stall zu bauen und seine -Viehhaltung zu vergrößern. - -„Walter, Sie können mal nachher hinausgehen und zusehen, ob die Leute -noch heute fertig werden.“ - -Nach einer Weile besann er sich anders. „Aber nein, lassen Sie das, ich -werde selbst gehen; Sie haben ja noch auf dem Speicher zu tun.“ - -Er nahm Mütze und Stock und ging aufs Feld. Als er nicht mehr weit -von der Mergelgrube entfernt war, krachte ein Sprengschuß. Er sah die -Arbeiter aufstehen und langsam auf die Grube zugehen. - -„Na, wie weit seit ihr denn?“ rief er sie an. - -„Noch einen Schuß, dann sind wir fertig, er ist schon geladen, aber -nicht losgegangen.“ - -Das Wort war kaum gefallen, als der Schuß verspätet losging. In -Schrecken erstarrt standen die Arbeiter. Meist war ja die Ladung so -bemessen, daß sie den Block nur in mehrere große Stücke zerriß. Aber es -kam doch vor, daß der Stein weniger Widerstand leistete, und Brocken -bis zur Kopfgröße weit fortgeschleudert wurden. Und diesmal schien die -Ladung viel zu stark gewesen zu sein, denn ein Hagel von scharfkantig -zerrissenen Sprengstücken sauste nach allen Seiten durch die Luft. Wie -durch ein Wunder entgingen die Arbeiter dem drohenden Verderben. Nur -einer sank lautlos um, der Gutsherr. Ein faustgroßer Stein hatte ihn in -die Schläfe getroffen. - -Walter kam gerade vom Speicher, als ein Arbeiter mit verstörtem Gesicht -auf den Hof stürmte. - -„Was ist los?“ - -„Ach Gott, Herr Walter, der Herr ist tot!“ - -Fassungslos faßte Walter den Mann an. „Was sagen Sie? Mensch, das ist -nicht wahr!“ - -„Ja, ja, es ist schon wahr, ein Sprengstück hat ihn an den Kopf -getroffen.“ - -Schnell ließ Walter zwei Wagen anspannen. Der eine sollte den Toten -hereinholen, der andere nach der Stadt zum Arzt fahren. Er ging -währenddessen ins Haus, um den Arzt durch den Fernsprecher anzurufen. -Die Tür zur Küche stand offen, Minna schäfferte am Herd und sang -dabei: „Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht“. Er mußte -die Zähne zusammenbeißen, um nicht vor Schmerz laut aufzuschreien. -Ahnungslos, welch einen Schlag das Schicksal bereits nach ihr geführt -hatte, sang das lebensfrohe Mädchen, und draußen, nur wenige hundert -Schritte entfernt, lag der Bruder tot, an dem sie wie ein Vater -hing, der Mann, der ihre Stütze und Stab war. Eben hatte Walter die -Verbindung mit dem Arzt bekommen, als Minna ihm nachkam und ins Zimmer -trat. Er nahm alle seine Kraft zusammen und sagte dem Arzt, er habe -eben einen Wagen nach ihm geschickt. Er möchte sofort herauskommen, ein -Mann sei beim Steinsprengen verwundet worden. - -„Ach, Walter, das ist doch entsetzlich, wer ist es denn?“ - -Da sah sie in sein schreckenbleiches Gesicht und wußte alles. - -„Friedrich!“, schrie sie auf. Die Hände sanken ihr schlaff herab, ein -jämmerliches Stöhnen rang sich aus ihrer Brust. Sie wäre umgefallen, -wenn Walter sie nicht umgefaßt und zum Stuhle geleitet hätte. Hilflos -legte sie ihren Kopf an seine Brust, als wollte sie dort Schutz suchen -gegen das grausame Leben und den noch grausameren Tod. - -„Fräulein Minna, fassen Sie sich“, bat er leise. „Minna, es ist doch -noch nicht gesagt, daß Friedrich tot ist.“ - -Sie schüttelte den Kopf und richtete sich auf. „Ich fühle es.“ - -Mit einer unheimlichen, starren Ruhe stand sie auf und ging hinaus. -Er ging ihr nach, denn er befürchtete, daß sie unter dem tränenlosen -Schmerz zusammenbrechen könnte. Mechanisch nahm sie ein paar Handtücher -aus dem Schrank, holte eine Schüssel Wasser aus der Küche und stellte -sie auf die Diele. Jetzt kam der Wagen langsam herangerollt. Vier -Männer hoben den Toten herab und trugen ihn ins Haus. Als sie ihn auf -die Liege gebettet hatten, warf sich Minna über ihn und barg sein -Gesicht an ihre Brust. Und jetzt kamen ihr auch die erlösenden Tränen. -Leise schlichen die Männer hinaus. Langsam folgte ihnen Walter. Er -hatte seinen Lehrherrn auch lieb gehabt und verehrt. Aber sein tiefstes -Mitleid gehörte dem jungen Mädchen, über das so namenloses Unheil -hereingebrochen war. - -Als der Arzt kam, führte er ihn ins Haus. Gewohnheitsmäßig nahm der -alte Herr die Hand des Toten, um den Puls zu fühlen, obwohl der erste -Blick ihm schon gesagt hatte, das seine Kunst hier nicht mehr helfen -konnte. - -In ihrer stillen Art ordnete Minna alles an, was solch ein Todesfall -nötig macht. Am Abend saßen die beiden jungen Leute sich wie immer im -Wohnzimmer gegenüber. Zaghaft fragte Walter: „Was meinen Sie, Fräulein -Minna, was jetzt hier werden soll?“ - -„Ich habe die Schwester und den Bruder schon benachrichtigt, es -sind seine rechten Geschwister. Die werden zum Begräbnis kommen und -bestimmen, was geschehen soll. Ich denke, sie werden das Gut verkaufen, -und sich die Erbschaft teilen. Ich bin ja nur eine Stiefschwester von -Friedrich.“ - -„Das ist gleich. Sie erben mit. Wollen Sie nicht das Gut übernehmen?“ - -Sie sah ihn verwundert an. „Aber, Walter, das ist doch nicht Ihr Ernst?“ - -„Jawohl, es ist mein völliger Ernst.“ Seine Stimme nahm einen weichen -Klang an. „Minna, vertrauen Sie mir! Ich bin zwar noch jung und -unerfahren als Landwirt, aber ich habe den redlichen guten Willen.“ - -„Sie wollen für mich wirtschaften?“ - -„Mit Ihnen,“ rief Walter mit gedämpfter Stimme, „mit Ihnen, Minna. Ich -habe soviel von meinem Vater geerbt, daß ich Nonnenhof übernehmen -kann. Ich lasse Sie nicht schutzlos allein in die Welt gehen. Minna, -werden Sie meine Frau. Sie werden es nicht zu bereuen haben.“ - -Eine tiefe Röte stieg in ihrem Gesicht empor. Aber sie sah den Mann, -der unter so seltsamen Umständen um sie warb, freundlich mit ihren -lieben Augen an und reichte ihm die Hand. - -„Ich vertraue Ihnen, Walter.“ - -Mit starkem Druck fügten sich ihre Hände für eine Minute zusammen. Ihre -Blicke senkten sich ineinander. Das war ihr Verlöbnis. - -Am Abend des nächsten Tages kamen die Geschwister des Verstorbenen, -schlichte, biedere Menschen. Walter besprach mit ihnen, daß er das -Gut zu einem angemessenen Tagespreis übernehmen und Minna heiraten -wolle. Sie waren einverstanden, und auch damit, daß der Oberamtmann die -Schätzung vornehmen sollte. - -Am Tage nach dem Begräbnis stand Walter noch ein schwerer Weg bevor. Er -fuhr zu seiner Mutter. Sie nahm seine Mitteilung nicht unfreundlich, -aber mit einer Gleichgültigkeit auf, die ihn verletzte. Zögernd nur -brachte er seine Bitte vor, Minna für die paar Monate bis zur Hochzeit -bei sich aufnehmen zu wollen. - -„Ich habe mit meinem eigenen Schmerz noch gerade genug zu tun“, -erwiderte sie ausweichend. „Mich stört es, daß das junge Mädchen am -offenen Grabe ihres Bruders an Verlobung und Hochzeit denken konnte.“ - -„Mutter!“, rief Walter. „Das traurige Ereignis drängte mich zu einem -schnellen Entschluß. Ich liebe Minna und wollte sie nicht unter fremde -Leute gehen lassen. Sie wird dir eine liebe Tochter werden, wenn du sie -erst näher kennenlernst. Sie wird dir auch eine Stütze sein und dir die -Arbeit des Umzugs abnehmen.“ - -„Du brauchst mich nicht damit zu locken,“ erwiderte jetzt die Mutter, -„es ist selbstverständlich, daß ich die Braut meines Sohnes an mein -Herz nehme. Wann bringst du sie mir?“ - -„Übermorgen, wenn wir mit den Geschwistern den Vertrag abgeschlossen -haben.“ - - - - -15. Kapitel - - -Adelheid begann in ihrem Eifer für die Wirtschaft nachzulassen. Sie war -der Meinung, daß sie davon schon genug gelernt hätte. Sie betätigte -sich nur noch beim Kochen, das ihr Vergnügen bereitete. Sie saß jetzt -wieder stundenlang am Klavier, spielte und sang. Gegen Abend ging sie -in den Park spazieren. Sie hatte ein Plätzchen gefunden, wo sie mit -Vorliebe saß und beim Genuß einer Zigarette träumte. - -Und das Plätzchen war dazu wie geschaffen. Von einer niedrigen -Rasenbank sah man durch eine Lichtung des Parkes weit ins Land hinaus. -Tief unten im Tal leuchtete die stille Oberfläche des Sees, auf der -sich alle Farben des Abendhimmels widerspiegelten. Auf dem anderen -Ufer stieg ein Berg hoch auf, der auf seinem breiten Rücken tiefdunkle -Fichten und Kiefern trug. Dicht davor lag einsam ein Gehöft. Beim -Dunkelwerden erhellte sich ein Fenster, dessen Schimmer wie ein -schmales goldenes Band auf dem Seespiegel lag .... Gedämpft erklang das -unermüdliche Schnarren der Rohrsänger und das Schmettern der wilden -Enten herüber. Sanft strich der Abendwind durch die Kronen der uralten -Eichen und Buchen, die das Plätzchen umgaben, und ließ sie flüstern und -seufzen. - -Viktor hatte allmählich Interesse für den schönen Gast seiner -Gutsherrin gefaßt und begann, es zu bekunden. Vorsichtigerweise hatte -er sich bei Frau Olga mit der Bitte strengster Verschwiegenheit danach -erkundigt, ob ihre Freundin nicht etwa gebunden sei. - -„Ich glaube, Ihnen mit Bestimmtheit versichern zu können,“ hatte sie -erwidert, „daß Herz und Hand meiner Freundin noch völlig frei sind.“ - -„Und glauben Sie, gnädige Frau, daß ich mit einiger Hoffnung auf Erfolg -mich um das gnädige Fräulein bewerben könnte?“ - -Mit feinem Lächeln erwiderte Frau Olga: „Aber, Herr Oberleutnant, haben -Sie so wenig Selbstbewußtsein?“ - -Etwas verlegen gab Viktor zur Antwort: „Ich wollte eigentlich fragen, -ob sich das gnädige Fräulein zu einem dauernden Landaufenthalt, zu dem -Leben einer Gutsfrau wird entschließen können?“ - -Frau Olga lächelte. „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Das müssen Sie -schon bei geeigneter Gelegenheit von ihr selbst zu erfahren suchen. -Aber ich halte ihr bei uns erwachtes Interesse für die Wirtschaft und -ihre eifrigen Kochstudien für ein gutes Zeichen, das Sie vielleicht -sogar auf Ihre Person zurückführen dürfen.“ - -„Meinen herzlichen Dank, gnädige Frau.“ Seitdem begann Viktor, Adelheid -den Hof zu machen. - -Frau Olga hatte das Gespräch natürlich sofort ihrer Freundin erzählt -und die Mahnung hinzugefügt, dem Bewerber unauffällig entgegenzukommen. -Adelheid nahm die Mitteilung schweigend entgegen und gab durch nichts -zu erkennen, ob sie ihr willkommen war oder nicht. - -Sie war in einen argen Zwiespalt mit sich geraten. Wie der Zugvogel -im Herbst von einem unbezwinglichen Sehnen nach dem Süden getrieben -wird, verlangte ihre Seele aus der Stille und Langeweile der ländlichen -Einsamkeit heraus in die rauschenden Vergnügungen eines modernen -Seebades, in dem sie sonst zu weilen pflegte. Voll Sehnsucht dachte sie -an die Segelpartien, an das Tennisspiel, in dem sie eine anerkannte -Meisterin war, an das Menschengewühl auf dem Korso, an die Nächte im -feenhaft erleuchteten Kursaal, wenn sie am Arm eines flotten Tänzers -von dem Rhythmus der Musik beschwingt über das Parkett flog .... - -Ihr Herz sehnte sich danach ... und ihr graute, wenn sie daran dachte, -daß sie für alle Zukunft auf diese Genüsse verzichten müsse, um ein -nüchternes, langweiliges Leben als Gutsfrau zu führen, mit all den -Pflichten, die sie zur Genüge kennengelernt hatte. Ja, wenn eine -große, heiße Liebe sie mit zwingender Kraft dazu treiben würde, dem -Mann ihrer Wahl in dies Leben zu folgen! Doch davon war keine Rede. -Die Persönlichkeit Viktors ließ sie völlig kalt, obwohl er doch ein -frischer, stattlicher Mann war und wenig älter als sie. Selbst in -Gedanken vermochte sie nicht ein wärmeres Gefühl für ihn aufzubringen. -Nur vom Verstand geleitet, aus kalter, nüchterner Überlegung heraus, -sollte sie ohne Liebe in eine Ehe treten? - -Ihr ganzes Wesen sträubte sich dagegen, denn alles, was bisher ihrem -Leben Inhalt und Form gegeben hatte, sollte sie verlieren, nein, aus -freien Stücken hinter sich werfen. Sie zweifelte daran, und wohl mit -Recht, ob sie die Kraft dazu aufbringen würde. Ja, vielleicht zu dem -ersten Entschluß. Aber wenn sie dann, gebunden durch die Ehefessel, -das Leben auf dem Lande nicht mehr ertrug, wenn die Sehnsucht nach der -großen Welt in ihr übermächtig wurde, was dann? - -Unter dem Zwange dieser Gedanken, die ihre Seele aufwühlten, wurde sie -launisch und widerspruchsvoll in ihrem Benehmen. Einen Tag unterhielt -sie sich liebenswürdig mit Viktor und ihr ganzes Wesen strahlte eine -hinreißende Anmut aus. Am anderen Tage war sie mißgestimmt, sah -gleichgültig, ja blasiert aus und machte den Mund nicht auf. Das -Ehepaar konnte sich den häufigen und jähen Wechsel ihrer Stimmungen -erklären, denn Adelheid hatte in einer schwachen Stunde die Zweifel -und Bedenken eingestanden, von denen sie gequält wurde. Einen Rat -zu erteilen, lehnte Frau Olga ab. „Du bist alt genug, um über deine -Zukunft allein entscheiden zu können. Ich möchte dich nur vor einem -leichtfertigen Spiel mit Sawerski warnen. Willst du seine Bewerbung -ausschlagen, dann sage es mir, aber bald, damit ich ihm einen Wink -geben kann, sich nicht unnütz zu bemühen.“ - -Die Nebenperson in diesem Spiel, Franz, hatte sich in eine -Entsagungsfreudigkeit hineingearbeitet. Die Hoffnungslosigkeit seiner -Leidenschaft war ihm voll zum Bewußtsein gekommen, und mit großer -Energie bemühte er sich, den sehnsüchtigen Gedanken keinen Raum und -keinen Einfluß zu geben. Rückfälle blieben jedoch nicht aus, und manche -Nacht wälzte er sich schlaflos auf seinem Lager. Und dieser Kampf ging -an ihm nicht spurlos vorüber. Er sah elend aus und schlich umher wie -ein müder Mann. Am Sonntag ging er zu Mittag ins Herrenhaus. Am Abend -blieb er unter einer Entschuldigung in seinem Zimmer. Dann suchte Kolbe -ihn auf, der unter Langeweile litt. Auch ihm war eine Schwärmerei für -das schöne Fräulein angeflogen, und er sprach in den höchsten Tönen der -Bewunderung von der Walküre. Franz hörte schweigend zu, obwohl er am -liebsten den Burschen durchgeprügelt und hinausgeworfen hätte. - -Eines Abends war Franz dem Geschwätz seines Leidensgefährten entflohen -und in den Park gegangen. Ohne Ziel und Zweck wanderte er in den Gängen -umher, er wollte nur allein sein. Es war ein wunderbar schöner Abend, -der schon in die Nacht überging. Der Vollmond stand groß und klar am -wolkenlosen Himmel. Sein Licht floß in breiten Wellen, die wie helle -Balken in der Dunkelheit standen, zwischen den Stämmen hindurch. In -Gedanken tief versunken schritt Franz weiter. Plötzlich erschrak er -und hemmte den Fuß. Da saß auf der niedrigen Rasenbank eine lichte -Gestalt. Adelheid. Sie hatte sich zurückgelehnt, ihr Kopf lag an einem -Stamm, ihre Augen waren geschlossen ... aber trotzdem fühlte sie die -Nähe eines Menschen. Sie schlug die Augen auf. Als sie Franz erkannte, -nickte sie ihm freundlich zu. „Ach, Sie sind es, Franz.“ - -„Ich bitte um Entschuldigung, gnädiges Fräulein, ich hatte keine -Ahnung, daß Sie hier sind. Ich will, Sie nicht stören ....“ - -„Sie können ruhig hier bleiben und sich neben mich setzen. Was raubt -Ihnen die Ruhe?“ - -Ehe sie sich’s versah, lag Franz vor ihr auf den Knien, ergriff ihre -beiden im Schoß gefalteten Hände und bedeckte sie mit glühenden Küssen. -„Ich liebe Sie, ich bete Sie an ... ich kann nicht leben ohne Sie.“ - -Der Schreck lähmte sie so, daß sie kein Wort hervorbringen konnte. Im -nächsten Augenblick saß er neben ihr, schlang den Arm um sie, preßte -sie an seine Brust und bedeckte nicht nur ihren Mund, sondern auch ihre -Augen mit heißen Küssen. „Nur einmal mich sattrinken an deinem Mund, -sonst verdurste ich“, keuchte er in höchster Erregung. Einen Augenblick -lag sie willenlos in seinem Arm. Ein Gefühl, das ihren Willen lähmte, -durchwogte sie und beschwor eine Erinnerung herauf. Vor vielen Jahren, -als sie noch sehr jung war, hatte sie auch einmal in dem Arm eines -starken Jünglings gelegen. Es war das höchste Glück ihres Lebens -gewesen, aber hatte ihr die größte, bitterste Enttäuschung gebracht. - -Endlich gewann sie die Herrschaft über ihren Willen zurück und richtete -sich auf. „Franz, Sie sind ein großes Kind. Wie können Sie mich so -überfallen und beleidigen?“ - -Wieder sank er vor ihr auf die Knie und küßte ihre Hände, die sie ihm -überließ. „Können Sie mir verzeihen? Ich war von Sinnen ... meine Liebe -raubt mir den Verstand.“ - -Sie lächelte und legte ihm eine Hand auf sein lockiges Haar. „Das ist -auch die einzige Entschuldigung für Sie ... und für mich“, fügte sie -leiser hinzu. „Aber nun stehen Sie auf und setzen Sie sich ruhig neben -mich. Sie werden jetzt ganz brav sein, nicht wahr?“ ... - -„Ja, gnädiges Fräulein, ich bitte nochmals um Verzeihung.“ - -„Denken Sie nur, wenn jemand uns dabei belauscht hätte ... oder wenn -ich laut um Hilfe gerufen hätte ... Ich habe nur Ihretwegen mir -stillschweigend Ihre wahnsinnigen Gefühlsausbrüche gefallen lassen. Und -ich werde auch weiter darüber schweigen. Sonst müßten Sie unweigerlich -aus dem Hause. Sehen Sie das ein?“ - -„Ja, Fräulein Adelheid, ich bereue tief, was ich getan habe ... aber -... können Sie mich wirklich nicht ein bißchen lieb haben? Ich bin ja -soviel jünger als sie, aber ich kann Ihnen dasselbe bieten wie Herr von -Sawerski. Und ich würde Sie auf den Händen tragen ....“ - -Sie lächelte. „Sie haben recht, mein Junge, mich an mein Alter zu -erinnern. Ich bin 28 Jahre. In zehn Jahren bin ich eine verblühte -Frau ...“ - -„Ich werde in Ihnen stets das schönste Wesen sehen, das es auf der Erde -gibt.“ - -„Das sagen Sie so in dem jugendlichen Überschwang Ihrer Gefühle. Nein, -Franz, ich muß für uns beide vernünftig sein. Ich kann Ihren Wunsch -nicht erfüllen, selbst wenn ich mich in Sie verlieben würde, was nicht -der Fall ist. Sie sind ein lieber, prächtiger Mensch, und die Tatsache, -daß Sie mir Ihr Herz geschenkt haben, wird mir stets eine liebe -Erinnerung bleiben. Sie müssen und werden das überwinden. Und nach -Jahr und Tag werden Sie ein reines Mädchen finden, das Ihr Herz mit -neuer Liebe erfüllen wird. Ich habe mich schon lange mit dem Gedanken -getragen, abzureisen. Jetzt ist es für mich zur Notwendigkeit geworden. -Ich reise morgen weg ....“ - -Mit einem verzweifelten, ganz entstellten Gesicht, rief Franz aus: „Sie -wollen morgen abreisen? Das ertrag’ ich nicht ....“ - -„Mein lieber, junger Freund, Sie wissen noch nicht, wieviel ein Herz -tragen und erdulden kann, ohne zu brechen. Doch nun muß ich gehen. -Leben Sie wohl. Nein, Sie dürfen mich nicht begleiten.“ - -Sie stand auf und reichte ihm die Hand. Als sie in seine todtraurigen -und doch so flehentlich bettelnden Augen sah, überkam sie es wie -Mitleid mit dieser heißliebenden Jünglingsseele. Und sie beugte sich -nieder, um einen Kuß auf seine Stirn zu hauchen. Da sprang er auf, warf -seine Arme um sie und küßte sie noch einmal stürmisch und heiß mit -allem Ungestüm seiner kraftvollen Jugend .... - -Doch schon nach einem kurzen Augenblick gab er sie frei und sank wie -vernichtet auf die Bank zurück. Sie floh wie ein gehetztes Reh bis ins -Dunkel der Gebüsche. Dort blieb sie atemlos stehen und sah zurück. Sie -sah, wie er die Hände vors Gesicht schlug, wie sein Körper von einem -unhörbaren Schluchzen erschüttert wurde. Ein tiefes Mitleid quoll -in ihr auf, nicht nur mit dem armen Jungen, der da so nahe bei ihr -saß, daß sie ihn mit wenigen Schritten erreichen konnte, und mit dem -tiefsten Leid seines Lebens rang, sondern auch mit sich selbst. War das -Schicksal nicht grausam gegen sie? Es schenkte ihr ein reines Herz, -das mit einer reinen, heiligen Liebe für sie schlug, und sie durfte es -nicht an sich nehmen, sie mußte es zurückweisen und ihm eine tiefe, -schwere Wunde schlagen. - -Ihr Busen wogte, ihr Herz klopfte stürmisch. Wirre Gedanken jagten -durch ihren Kopf. Was hinderte sie, sich dies Herz zu nehmen? Verdiente -diese Liebe nicht, belohnt zu werden? Sie fühlte: wenn er jetzt ihren -Namen rief und seine Arme sehnsüchtig nach ihr ausstreckte, dann würde -sie wie von einer magischen Gewalt gezogen, zu ihm zurückkehren, -um sich in seine Arme zu werfen und seine heißen Küsse tausendfach -zurückzugeben .... - -Sie erschrak vor sich selbst ... sie floh vor sich und ihren Gedanken. -Erst nach einer Weile wurde sie ruhiger und mäßigte ihren Schritt. Und -blieb stehen und lauschte, ob er ihr nicht folgte. Aber es war nicht -Angst, sondern ein heißer Wunsch, der sie zwang, stehen zu bleiben .... - -Stundenlang saß Franz auf der Bank. Dumpfe Verzweiflung rang mit der -Erinnerung an die kurzen Minuten des höchsten Glücks. Jedes Wort, das -sie zu ihm gesprochen, haftete unauslöschlich in seinem Gedächtnis. -Erst nach Mitternacht, als der helle Schein am Himmel, der das -verschwundene Tagesgestirn über dem Horizont begleitete, über Norden -nach Osten zu rücken begann, erhob er sich und schlich, müde, an allen -Gliedern wie zerschlagen, in sein Zimmer zurück, wo er sich angekleidet -auf die Liege warf. - -Die Ankündigung ihrer Abreise rief, wie Adelheid erwartet hatte, -großes Erstaunen hervor. Ihrer Freundin erklärte sie kurz, sie habe -sich erst jetzt an ein Versprechen erinnert, mit einer befreundeten -Familie in Westerland zusammenzutreffen und möchte nicht wortbrüchig -werden. Frau Olga gab sich damit zufrieden und fragte nicht. Sie nahm -an, daß Adelheid der Bewerbung Sawerskis ein schnelles Ende bereiten -wollte. Den richtigen Grund, daß ihre Freundin vor sich selber floh, -erriet sie nicht. Und doch war es so. In einer Stimmung, die sich nicht -abschütteln ließ, hatte Adelheid die Nacht zugebracht .... Es war kein -klarer Gedanke ... sie fühlte nur, wenn sie hier bliebe, dann würde sie -Abend für Abend nach der Bank gehen und dort voll Sehnsucht warten .... -Und wenn er kam und sie in seine stahlharten Arme nahm, deren Druck sie -noch zu fühlen glaubte, dann ... ja dann .... Weiter wagte sie nicht zu -denken .... - - - - -16. Kapitel - - -Auf Viktor von Sawerski machte Adelheids plötzliche Abreise einen -tiefen Eindruck. Er hatte ein tiefergehendes Interesse für sie gefaßt -und sich mit dem Gedanken getragen, sich ernsthaft um sie zu bewerben. -An einen Mißerfolg seiner Bewerbung glaubte er nicht. Er bildete sich -sogar ein, das gnädige Fräulein würde nach seiner dargebotenen Hand wie -nach dem Rettungsanker greifen. Er war doch nach landläufigen Begriffen -eine „gute Partie“. Außerdem bildete er sich auf seinen Stand, sein -Vermögen und letzten Endes auch auf seine Persönlichkeit nicht wenig -ein. - -Die verletzte Eitelkeit verführte ihn zu ähnlichen Gedankengängen wie -den Fuchs, dem die Trauben zu sauer werden. - -Er konnte doch, wenn er nur wollte, ein junges, kristallklares, reines, -junges Mädchen mit Vermögen zur Frau bekommen. Ob diese junge Dame in -der großen Welt, in der sie lebte, immer ganz „stubenrein“ geblieben -war, wie er sich in Gedanken ausdrückte, war doch nicht ganz sicher, -und Vermögen hatte sie auch nicht .... - -Hans Kolbe hatte sich in den letzten Wochen an ihn herangepürscht, -hauptsächlich der guten Zigaretten und Schnäpse wegen, die Viktor -freigebig spendierte. Und bei den Gedanken, die ihn plagten, ließ er -sich öfter die Gesellschaft des Jungen, der so dummdreist, aber mit -einer gewissen Bosheit über alles „klöhnte“, gefallen. - -Eines Abends kam Hans auf die vermutliche Ursache von Adelheids -plötzlicher Abreise zu sprechen. „Da ist nicht alles in Ordnung“, -meinte er mit verschmitzter Miene. „Ich weiß von Minna, dem ersten -Stubenmädchen, daß das gnädige Fräulein am Abend vor ihrer Abreise noch -spät in den Park gegangen ist.“ - -„Das ist dummes Getratsch von Dienstboten. Sie dürfen so was nicht -nachsprechen, Kolbe. Denn es ist ausgeschlossen, daß Sie die Dame nach -irgendeiner Richtung verdächtigen wollen ....“ - -Hans zuckte die Achseln mit diplomatischer Miene. „Ich weiß nicht, Herr -Oberleutnant, weshalb Sie sich gerade für das gnädige Fräulein ins Zeug -legen wollen. Sie hat Sie doch in unbegreiflicher Weise ... na, wie -soll ich mich gleich ausdrücken ... auf den Pfropfen gesetzt. Einen -adligen Herrn, Offizier, reich, verschmäht sie und zieht Ihnen einen -dummen, grünen Jungen vor.“ - -„Was sagen Sie da?“, fuhr Viktor auf. „Kolbe, sehen Sie nach Ihren -Worten.“ - -„Ich meine doch bloß, daß sie beim Saatfest weder Sie noch mich, -sondern nur den Franz aufgefordert und mit ihm sechs- oder siebenmal -rumgetanzt hat. Daß sie mich nicht aufgefordert hat, das war eigentlich -selbstverständlich, daß sie aber auch Sie nicht zum Tanz bei der -Damenwahl geholt hat, das fand ich zum mindesten eigentümlich. Mich hat -es geärgert.“ - -Als Viktor schwieg, fuhr er nach einer kleinen Pause mutiger fort: „Und -es ist doch ein eigentümliches Zusammentreffen, daß Franz an demselben -Abend, wo das Fräulein so lange im Park war, erst nach Mitternacht nach -Hause gekommen ist. Ich habe das mit der Uhr in der Hand festgestellt. -Und dann habe ich gehört, wie er sich in den Kleidern aufs Bett -geworfen, umhergewälzt und gestöhnt hat.“ - -„Ist das Tatsache, was Sie da erzählen?“, fuhr es Viktor heftig heraus. - -„Aber, Herr Oberleutnant, ich werde Ihnen doch nichts vorlügen“, -erwiderte Kolbe mit gekränkter Miene. „Ich habe im ersten Augenblick -gedacht, daß Franz, der bisher immer ein Tugendbold gewesen ist, -irgendwo in ein Kammerfenster gestiegen war. Aber dann hätte er doch -nicht so jammervoll gestöhnt .... Und wie ich nachher von Minna hörte, -daß das gnädige Fräulein auch so spät im Park gewesen ist, da habe ich -mir doch meine Gedanken gemacht.“ - -„Ach, das ist ja Unsinn. Und Sie tun gut, nicht darüber zu sprechen.“ - -„Ich habe es ja auch nur dem Herrn Oberleutnant erzählt. Wissen Sie, -Herr von Sawerski, was ich meine? Er ist zu ihr frech geworden und ist -abgeblitzt. Man weiß ja, daß junge Damen in reiferen Jahren manchmal -eine gewisse Vorliebe für so grüne Jungen zeigen.“ - -„Schämen Sie sich, Kolbe, Sie sprechen von einer Freundin der gnädigen -Frau ....“ - -„Na, meinen Sie, Herr Oberleutnant, daß die gnädige Frau für ihre -Freundin die Hand ins Feuer legen wird? Ich habe es ja auch gesagt: ich -meine, daß der Franz bei ihr schlecht angelaufen ist, denn im anderen -Falle hätte er doch nicht so verzweifelt gestöhnt. Ich höre durch die -dünne Wand auch das leiseste Geräusch.“ - -Viktor stand auf und goß Kolbe und sich ein Glas Kognak ein. „So, nun -setzen Sie mal auf Ihre Phantasie noch einen Dämpfer und gehen Sie -schlafen. Aber ich bitte mir aus, daß Sie keinem Menschen eine Silbe -von Ihren Mutmaßungen verraten.“ - -Viktor hatten die hämischen Verdächtigungen Kolbes gegen Adelheid -heftiger erregt, als er dem jungen Menschen gezeigt hatte. Er ging in -seiner Stube auf und ab und quälte sich mit schweren Gedanken. Er hatte -schon mit dem Entschluß gerungen, sich von der gnädigen Frau Adelheids -Adresse geben zu lassen und ihr schriftlich seine Hand anzutragen. -Das würde er ja nun bleiben lassen. Daß Franz, der grüne Junge, wie -ihn Kolbe genannt hatte, in Adelheid heftig verliebt war, konnte man -getrost als offenes Geheimnis des ganzen Hofes bezeichnen. Aber daß -diese feine, junge Dame, die schon jahrelang in den höchsten Kreisen -lebte und sozusagen mit allen Hunden gehetzt war, sich mit solch einem -grünen Jungen einlassen könnte, erschien ihm undenkbar. Vielleicht -hatte sie mit ihm gespielt, weil sie ihn für ungefährlich hielt. Da -war er frech geworden, wie Kolbe sich ausgedrückt hatte, und sie hatte -ihn abblitzen lassen. Aber schon die Tatsache, daß sie stundenlang -mit dem Bengel allein nachts im Park geblieben war, drückte ihm einen -Stachel ins Herz. - -Er goß sich ein Glas Kognak ein, ein zweites und drittes. Er wollte -sich betäuben, um von seinen Gedanken loszukommen Es half nichts. Je -mehr er trank, desto heftiger wurde sein Groll gegen Franz. Die Worte -aus „Kabale und Liebe“, das er im letzten Winter in Berlin gesehen -hatte, fielen ihm ein: „Wenn du genossest, wo ich anbetete“. Er lachte -schrill auf. War es denn undenkbar? War es denn bewiesen, daß diese -nächtliche Zusammenkunft im Park die erste gewesen war? Dann hatte -sie aus Klugheit dem Idyll ein Ende bereitet und war Hals über Kopf -abgereist, und der Jüngling hatte im Trennungsschmerz gestöhnt .... - -Nach einer schlecht verbrachten Nacht stand er morgens übel gelaunt -auf, zog sich an und trat vor die Tür. Franz kam schon aus der Molkerei -zurück. Mit gesenktem Kopf, vornüber gebeugt, wie ein müder Greis, kam -er angegangen. Über diese Haltung, die so deutlich die Seelenstimmung -des jungen Menschen widerspiegelte, geriet Viktor in Wut. Er sah darin -den Beweis für alles, was Kolbe ihm erzählt, was er selbst während der -Nacht mit Ingrimm und Verzweiflung überdacht und durchgekämpft hatte. -Ein heftiges Verlangen, diesen jungen Menschen, der sein glücklicher -Rivale war, während er darbte, zu demütigen, auch, wenn’s sein konnte, -zu vernichten, stieg in ihm auf. Er rief ihn an: - -„Sie, Franz, gehen Sie mal in den Stall und sehen Sie zu, was der Kerl -von Reitknecht solange macht. Er soll mir mein Pferd vorführen.“ Er -hatte absichtlich in schnarrendem Befehlston gesprochen. - -Franz sah ganz verdutzt auf. Eine tiefe Röte stieg in sein Gesicht. -Aber er erwiderte mit ruhiger Stimme: „Herr von Sawerski, ich habe -keine Befehle von Ihnen zu empfangen.“ - -„Was? Sie Lümmel wollen nicht gehorchen?“ - -„Herr von Sawerski, das ist eine schwere Beleidigung. Sie werden mir -dafür Genugtuung zu geben haben.“ - -„Ja, ein paar Ohrfeigen können Sie kriegen.“ - -In demselben Augenblick erhielt er von Franz eine so heftige Tachtel, -daß auf der rot angelaufenen Backe die fünf Finger sich abzeichneten. -Besinnungslos vor Wut hob Viktor die Reitpeitsche. Ehe aber der -Hieb niederfiel, hatte Franz sie ihm aus der Hand gerissen und -fortgeschleudert: „Sie wollen sich wohl noch eine Tracht Prügel -verdienen?“ - -Ohne sich auch nur nach ihm umzusehen, ging der junge Mann an Viktor -vorbei in die Tür und in sein Zimmer. Ohne sonderliche Erregung -setzte er sich an den Tisch und schrieb das Erlebnis mit den dabei -gefallenen Worten wahrheitsgetreu nieder. Eine Stunde später ging er -ins Herrenhaus und ließ sich beim Herrn Oberamtmann, der stets auf war, -wenn die Glocke zur Arbeit rief, melden. - -„Was bringen Sie, Franz? Sie machen ja ein so feierliches Gesicht.“ - -„Ich habe einen heftigen Zusammenstoß mit Herrn von Sawerski gehabt.“ - -„Das ist doch eine ausgemachte Dummheit.“ - -„Aber nicht von mir, Herr Oberamtmann.“ - -„Na, dann erzählen Sie, aber halten Sie sich streng an die Wahrheit.“ - -Franz sah ihn groß an und erwiderte ruhig, aber fest: „Dieser Mahnung -bedarf es bei mir nicht, Herr Oberamtmann. Außerdem hat der Herr -Oberinspektor aus nächster Nähe den Vorfall mitangesehen. Ich habe ihn -sofort zu Papier gebracht.“ - -Er reichte ihm das Blatt. Der Gutsherr las. Sein Gesicht verfinsterte -sich. Er schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. „Das ist ja -unerhört!“ - -„Jawohl, Herr Oberamtmann. Ich habe in völlig ruhigem Ton, ohne die -Stimme zu erheben, von Herrn von Sawerski Genugtuung verlangt. Er -antwortete mir mit einer zweiten, noch schwereren Beleidigung. Da habe -ich ihm die zweite Beleidigung in der einzig mir richtig erscheinenden -Weise abgegolten.“ - -„Wissen Sie auch, was der Vorfall für Folgen haben kann?“ - -„Ich wüßte nicht, Herr Oberamtmann.“ - -„Herr von Sawerski muß Sie auf die schwersten Bedingungen fordern.“ - -„Bedauere sehr,“ erwiderte Franz, „der Herr Oberleutnant hat mir schon -die Genugtuung verweigert, die er mir nach der ersten Beleidigung -schuldig war.“ - -„Sind Sie so bewandert im Ehrenkodex?“ - -„Das sagt mir mein Gefühl. Ich muß Herrn Oberamtmann anheimstellen, wie -er darüber urteilt.“ - -Der Gutsherr brummte etwas in seinen Bart, was nicht zu verstehen war. -Dann fragte er: „Also Sie wollen die Regelung der Angelegenheit in -meine Hand legen?“ - -„Ich möchte darum bitten.“ - -„Nun gut. Jetzt gehen Sie ruhig an Ihre Arbeit. Wenn jemand im Auftrage -des Herrn von Sawerski mit einer Forderung an Sie herantritt, dann -lassen Sie es mich wissen, ehe Sie sich entscheiden. Oder besser, Sie -schicken den Herrn zu mir.“ - -„Ich danke, Herr Oberamtmann.“ - -Kurz darauf ertönte das Klingelzeichen, das den Gutsherrn zum -Frühstückstisch rief. Er suchte sich zu beherrschen, aber seine Gattin -sah ihm sofort an, daß etwas in ihm wühlte. „Was fehlt dir, Konrad?“ - -„Mir fehlt gar nichts, im Gegenteil, ich habe etwas zu viel. Hier diese -üble Neuigkeit.“ Er reichte ihr das von Franz beschriebene Blatt. - -Frau Olga überflog es und schüttelte den Kopf. „Das ist eine sehr -unangenehme Geschichte.“ - -„Jawohl, und ich zerbreche mir den Kopf, woher diese Feindschaft -zwischen den beiden stammt.“ - -„Die Feindschaft scheint nur auf Sawerski’s Seite zu sein, und ich -glaube, dir auch die Erklärung dafür geben zu können. Unter den Mädchen -in der Küche und auf dem Hofe geht das Gerede ... die Mamsell hat sich -verpflichtet gefühlt, es mir zu erzählen ..., daß Adelheid am Abend vor -ihrer Abreise lange im Park gewesen ist, und Kolbe gibt seinen Senf -dazu und erzählt überall herum, daß Franz in derselben Nacht erst um -zwölf nach Hause gekommen ist.“ - -Der Gutsherr stieß einen lauten Pfiff aus. „Und der Klatsch bringt die -beiden zusammen.“ - -Frau Olga nickte. „Sawerski hat es natürlich auch gehört. Dafür -wird Kolbe schon gesorgt haben. Er ist noch nachträglich auf Franz -eifersüchtig geworden und hat ihn brüskiert. Daß die Sache so übel für -ihn ablaufen würde, hat er wohl nicht gedacht. Was wirst du jetzt tun?“ - -„Was ich muß. Frag’ nicht weiter, liebe Frau, das sind Männersachen, -über die ich nicht sprechen darf. Um jedoch auf besagten Hammel -zurückzukommen: Ich halte es durchaus für möglich, daß Adelheid mit dem -frischen Jungen geflirtet hat. Gebildte Lüd’ drapen sich, säd de Vos, -da ging hei mit de Gaus spaziere.“ - -Frau Olga lächelte. „Aber Konrad, das Sprichwort hinkt ja auf beiden -Seiten.“ - -„Na, dann will ich einen anderen Vergleich wählen. Das war ein falscher -Kontakt, der Kurzschluß herbeiführte.“ - -„Du bist ein arger Spötter, lieber Mann.“ - -„Und du bist eine liebevolle Freundin, klug wie eine Taube und ohne -Falsch wie die Schlange. Gehab dich wohl, teures Weib, mich ruft die -Pflicht.“ - -Er ging in sein Zimmer, ließ den Oberinspektor rufen und legte ihm -Franzens Bericht über den Vorfall vor. Ohne Zögern bestätigte der Mann, -der auch Reserveoffizier war, daß jedes Wort der Wahrheit entsprach. -Und von selbst fügte er hinzu, ihm sei die eiserne Ruhe des jungen -Mannes aufgefallen. Nur bei den letzten Worten, als er Sawerski die -Reitpeitsche entriß: „Sie wollen sich wohl noch eine Tracht Prügel -verdienen?“, habe er die Stimme in leicht begreiflicher Erregung etwas -erhoben. - -Eine Stunde später rief der Oberamtmann den Bezirkskommandeur in der -Stadt an, teilte ihm die Sache mit und beantragte die Einberufung -eines Ehrengerichts. Eine Forderung sei noch nicht erfolgt, jedoch im -Laufe des Tages zu erwarten. - -In der Mittagszeit erschien bei Franz der Inspektor eines benachbarten -Gutes und stellte sich gezwungen höflich vor: „von Poltenstern. Ich -habe Ihnen im Auftrage des Oberleutnants von Sawerski eine Forderung -auf Pistolen zu überbringen. Wollen Sie mir den Namen Ihres Sekundanten -nennen, damit ich mit ihm alles Nähere vereinbaren kann.“ - -Franz hatte sich sofort bei Eintritt des Besuchers erhoben. „Ich bitte -Sie, sich zu Herrn Oberamtmann zu bemühen.“ - -Der Inspektor sah ihn etwas verdutzt an, dann eine knappe, sehr -gemessene Verbeugung. Weg war er. Ohne anzuklopfen trat er bei Viktor -ein. „Was gibt’s?“ - -„Eine sehr unangenehme Sache.“ - -„Weigert sich der Lümmel ...?“ - -„Nein, er nannte mir ganz korrekt seinen Sekundanten.“ - -„Na also ...?“ - -„Ja, aber das ist Ihr Regimentskamerad, der Oberamtmann.“ - -Viktor erbleichte und trat einen Schritt zurück. „Das sieht ja ganz so -aus, als wenn er gegen mich Partei nimmt.“ - -„Das Gefühl habe ich auch. Aber ich kann nichts anderes tun, ich muß zu -ihm gehen.“ - -Der Oberamtmann empfing Viktors Sekundanten, der sich in dieser -Eigenschaft ihm vorstellte, sehr gemessen. „Ich kann keine Bedingungen -über den Zweikampf mit Ihnen vereinbaren, Herr von Poltenstern, da ich -bereits die Einberufung eines Ehrengerichts gegen Herrn von Sawerski -beim Bezirkskommandeur beantragt habe. Vor demselben wird auch über -die Forderung verhandelt werden. Ich kann Ihnen nur anheimstellen, -Herrn von Sawerski Ihren Auftrag zurückzugeben, bis das Ehrengericht -entschieden hat.“ - -„Dürfte ich die Veranlassung dieses Ehrenhandels von Ihnen erfahren?“ - -„Bedauere sehr ...“ - -Kühl höflich erklärte Herr von Poltenstern wenige Minuten später -Viktor, er müsse seine Bemühungen in dem Ehrenhandel einstellen, bis -das Ehrengericht entschieden habe. - -Noch am Abend desselben Tages trat das Ehrengericht zusammen. Der -Oberinspektor berichtete als Zeuge. Viktor gab ohne jede Beschönigung -unumwunden den Sachverhalt zu. Ohne eine Entscheidung über die -Forderung zum Zweikampf zu fällen, gab ihm das Gericht den Rat, -schleunigst seinen Abschied einzureichen. Das war eine sehr weitgehende -Rücksichtnahme, um ihm die Entlassung mit schlichtem Abschied zu -ersparen. - -Noch in derselben Nacht packte Viktor seine Sachen, hinterließ einen -Brief an den Gutsherrn und seine Gattin und fuhr im Morgengrauen zur -Bahn. Er gab nicht einmal seine Adresse an, wo ihn Briefe und andere -Sendungen erreichen konnten. - - - - -17. Kapitel - - -Wie ein müder Mann saß Franz dem Vater gegenüber, der ihn voll Mitleid -ansah. „Was fehlt dir bloß, mein Junge?“ - -„Ich quäle mich so mit Gedanken.“ - -„Na, was sind denn das für Gedanken?“ - -„Ich will nicht Landwirt bleiben. Ich kann nicht ...“, stieß Franz -hervor. - -„Das habe ich schon vermutet, als du vor drei Wochen so plötzlich nach -Hause kamst. Na, denn nicht! Es wird mir ja nicht leicht, mich von der -Hoffnung zu trennen, aber du hast ehrlich gehandelt und ein Jahr als -Lehrling ausgehalten, ich mache dir keine Vorwürfe.“ - -Franz wurde bei diesen Worten rot. Er hatte das Bewußtsein, daß er -nicht ehrlich handelte. Die Landwirtschaft war ihm durchaus nicht -zuwider. Es war etwas anderes, was ihn seinen Beruf aufgeben ließ und -nach Berlin zog .... Er schämte sich und die Scheu, dem Vater alles zu -offenbaren, verschloß ihm den Mund. Er erhob sich: „Ich möchte noch -für einen Augenblick zu Onkel Uwis gehen.“ - -„Ja, tu du das. Hoffentlich wäscht er dir gründlich den Kopf. Ich bin -zu schwach dazu.“ - -Mit einem matten Lächeln erwiderte Franz: „Ich kann ihm ja deinen -Wunsch ausrichten.“ - -Der Pastor hatte bereits seine Ankunft erfahren und sich darauf -vorbereitet. Er ging mächtig dampfend im Garten auf und ab. „Na, Ritter -Tannhäuser, wieder mal aus dem Venusberg entwichen?“, rief er Franz -entgegen. - -„Ich war nie drin, Onkel“, erwiderte Franz mit matter Stimme. - -„Ich habe das ja auch nicht wörtlich gemeint. Ich nehme an, du willst -mir wieder dein Herz ausschütten. Die Hauptsache weiß ich schon: die -plötzliche Abfahrt der schönen Teufelin, deinen Zusammenstoß mit -dem Leutnant. Das war recht, mein Junge. Nur nichts auf sich sitzen -lassen. Aber auch innerlich nicht. Man muß sich nie mit einem Vorwurf -plagen, den man sich selbst macht. Nein, frisch zupacken, die Ursache -beseitigen und sich durch Besserung reinigen.“ - -„Onkel, ich wüßte nicht ....“ - -„Das ist mir an dir neu. Na, dann muß ich dir auf die Sprünge helfen. -Du hast dem Vater erklärt, daß du nicht Landwirt werden willst. Hast du -ihm den wahren Grund eingestanden?“ - -Tief errötend senkte Franz die Augen. - -„Siehst du, das hast du nicht getan“, fuhr der Pastor fort. „Ich weiß -schon, du willst hinter der Venus hergondeln .... Denkst du auch daran, -wozu das führen soll oder kann?“ - -„Ich muß sie noch einmal sehen und sprechen“, rief Franz verzweifelt -aus. - -„Wat mött, dat mött. Du wirst eins auf die Nase kriegen. Hoffentlich -wird der Schlag stark genug sein, um dich zur Besinnung zu bringen. Was -zieht dich noch hinter dem Weib her?“ - -Franz ließ sich auf die Bank fallen, senkte den Kopf und schlug die -Hände vors Gesicht. „Onkel,“ stöhnte er, „ich habe sie ja in meinen -Armen gehalten ... ich habe sie geküßt ... und sie hat in meinen Armen -gezittert ....“ - -„Das fehlte bloß noch“, grollte der alte Herr heftig. - -„Jetzt schreit meine Seele nach ihr Tag und Nacht ... ich habe keine -Freude am Leben, keine Lust, weiter zu leben.“ Franz hob den Kopf und -streckte die Hände nach dem Onkel aus. „Hilf mir doch, Onkel, von -diesen Gedanken los zu kommen, dieser entsetzlichen Pein zu entrinnen.“ - -In tiefer Bewegung umfaßte der Pastor seinen Kopf. Seine Stimme -zitterte: „Junge, Freund, was verlangst du von mir? Ja, ich wüßte -allerdings ein Mittel, das über das Schwerste hinweghelfen könnte, aber -ich wage nicht, es dir anzuraten.“ - -„Onkel,“ erwiderte Franz leise, aber fest, „meine Liebe ist rein und -heilig. Es gibt auf der Welt kein anderes Weib für mich, das ich auch -nur ansehen könnte.“ - -„Ja, mein Junge, ich weiß. Du bist ein anständiger, braver Bursch -geblieben, der seine Jugendkraft nicht vergeudet hat. Was dein höchster -Ehrentitel sein sollte, wird dir zum Unglück. Du verdienst keine -Vorwürfe, sondern mein Mitleid. Aber nun raff dich auf. Du mußt ein -Ende machen. Hörst du, du mußt, sonst zerstörst du freventlich dein -Leben.“ - -Franz löste sich aus seinem Arm. „Jawohl, Onkel. Das will ich. Aber -erst muß ich sie noch einmal sehen und sprechen. Ich muß aus ihrem -eigenen Munde hören, daß ich ihr gar nichts bedeute.“ - -„Und wenn sie dich wieder betört und mit dir spielt?“ - -„Dann, Onkel, dann bin ich ihr verfallen mit Leib und Seele, für Zeit -und Ewigkeit.“ ... Nach einer Weile fuhr er ruhiger fort: „Du sagst -eben: wieder betört. Das muß ich richtigstellen. Sie hat mir nicht die -geringste Veranlassung gegeben. Ich stammelte meine Liebeserklärung, -ich umfaßte sie in maßloser Leidenschaft, ich küßte sie wie rasend. -Die Überraschung, der Schreck lähmten sie. Aber dann hat sie mir das -Unsinnige meiner Liebe vorgehalten.“ ... - -„So, das freut mich, zu hören. Dadurch bekommt das Fräulein in meinen -Augen eine ganz andere Gestalt. Und du brauchst ihr nicht mehr -nachzureisen. Du hast ja doch schon dein Urteil empfangen.“ - -„Onkel, ich muß .... In einem Winkel meines Herzens lebt noch eine -winzige Hoffnung.“ ... - -„Wie ist das möglich?“ - -„Ich will dir auch das noch gestehen, Onkel. Beim Abschied ließ sie -sich von mir ohne Widerstand in die Arme nehmen und küssen. Es war nur -ein ganz kurzer Augenblick, aber es war doch ...“ - -„Mitleid, mein Junge, weiter nichts. Vielleicht auch eine kleine -Schwäche, die sich manchmal bei jungen Damen reiferen Alters einstellen -soll. Ich will nichts gesagt haben, nicht mal angedeutet. Und nun zum -Abschied: Was hast du zu allererst zu tun?“ - -„Ich werde dem Vater alles gestehen. Leb wohl, Onkel. Du erhältst bald -Nachricht von mir.“ - -Es war für beide eine sehr ernste Stunde, als Franz dem Vater -beichtete. Vater Rosumek war kein Seelenkenner. Er war in seinem -Leben stets die „Chausseen der Liebe“ gewandert, und konnte es nicht -begreifen, wie ein junger Mensch sein Herz an ein viel älteres Mädchen -hängen und so völlig außer Rand und Band geraten konnte. „Ja, wenn du -dich in ein junges Ding verknallst hättest und wärest zu mir gekommen: -‚Vater, ich muß sie heiraten‘, dann hätte ich das begriffen. Aber wenn -Onkel Uwis das billigt, dann fahr ihr in Gottes Namen nach. Auf die -paar Mark soll es mir nicht ankommen. Und nu schenk mir mal ganz reinen -Wein ein. Es ist nicht bloß das Studium, das dich nach Berlin zieht.“ - -„Nein, Vater, ich dachte, sie dort zu treffen.“ - -„Na, dann gebe ich die Hoffnung nicht auf, aus dir noch einen Landwirt -zu machen. Und da möchte ich dir den Vorschlag machen, jetzt dein Jahr -abzudienen. Je eher du es hinter dir hast, desto besser. Aber nicht bei -der Kavallerie. Ich möchte es dir ja gönnen, aber das Geld, das du dort -ausgibst, wirst du später besser gebrauchen können.“ - -Mit viel leichterem Herzen, als er gekommen war, fuhr Franz nach -Polommen ab. Bis zum 15. September wollte er dort bleiben, dann noch -einen Tag oder zwei nach Hause, ehe er ins Reich fuhr. - -Der Oberamtmann gab ihm ein vorzügliches Zeugnis über sein Lehrjahr -und wünschte ihm alles Gute für die Zukunft. Mit klopfendem Herzen -betrat Franz das Wohnzimmer, um sich von der Herrin des Hauses zu -verabschieden. Er wollte sie um Adelheids Adresse bitten. Er mußte sich -sehr zusammenreißen, um die Bitte auszusprechen. Frau Olga sah ihn halb -belustigt, halb mitleidig an. „Meine Freundin wohnt nicht ständig in -Berlin, wie Sie anzunehmen scheinen. Sie kann jetzt in Wiesbaden oder -Baden-Baden sein. Ich weiß es jedoch nicht. Und wenn ich es wüßte, -würde ich es Ihnen nicht sagen.“ - -Als sie in sein verstörtes und verzweifeltes Gesicht sah, fuhr sie -freundlicher fort: „Franz, ich weiß, wie es um Sie steht. Das sind -törichte Hirngespinste. Ihre Leidenschaft ist krankhaft.“ - -„Und wenn ich doch die Hoffnung hätte, sie zu erringen?“ - -„Woraus schöpfen Sie denn die Hoffnung? Etwa aus dem Abend im Park? -Ich weiß nicht, was vorgefallen ist. Ich würde es sehr bedauern, wenn -Adelheid mit Ihnen ein törichtes Spiel getrieben hätte. Das wäre -geradezu unverantwortlich von ihr gehandelt .... Und selbst wenn ... -ich mag es nicht noch mal wiederholen, dann zeigt doch ihre plötzliche -Abreise, daß sie diese unbedeutende Episode in ihrem Leben kurzerhand -beendigen wollte .... Ob Sie irgendwelche Schuld tragen, weiß ich -nicht. Aber das ist doch nicht zu bestreiten, daß Sie sehr störend in -ihr Leben eingegriffen haben. Sie haben eine keimende Neigung zerrissen -und es Herrn von Sawerski unmöglich gemacht, sich um Adelheid zu -bewerben.“ - -Gesenkten Hauptes, wie ein reuiger Sünder, hatte Franz Frau Olga -zugehört. Aber sie sah, daß ihre Worte auf ihn keinen Eindruck machten. -„Ich möchte Sie doch noch einmal warnen, meiner Freundin wieder in den -Weg zu treten. Sie würden sich ohne Zweifel eine sehr scharfe Abweisung -zuziehen. Ich bedauere Sie, Franz, denn Sie haben sich in dem Jahr -musterhaft geführt. Aber ich wundere mich, daß Sie nicht den Verstand -und die Kraft aufbringen, sich von dieser hoffnungslosen Leidenschaft -zu befreien.“ - -Zwei Tage später stieg Franz nach einem kurzen Abschied von Vater -und Mutter und Onkel Uwis in den Zug und fuhr Tag und Nacht nach -Baden-Baden. Es war ihm, als wenn eine innere Stimme ihm sagte, daß -er sie dort treffen würde. In einem bescheidenen Hotel in der Nähe -des Bahnhofs, das ihm ein Mitreisender empfohlen hatte, nahm er ein -Zimmer und ließ sich etwas zu essen geben. Und richtig: er fand in der -Kurliste ihren Namen und ihre Wohnung. Sie wohnte im teuersten und -feinsten Hotel. - -Eine Stunde später ging er vor dem Eingang ruhelos auf und ab. Er war -mit dem Entschluß fortgegangen, nach ihr zu fragen und sich bei ihr -melden zu lassen. Im letzten Augenblick verlor er den Mut. Es war -schon gegen Abend, als eine Gesellschaft von Herren und Damen auf ihn -zukam. Mit freudigem Schreck erkannte er unter ihnen Adelheid. Sie -sah blendend schön und hochelegant aus. Das Herz schlug ihm bis zum -Halse hinauf .... Mit tiefer Verbeugung zog er seinen Hut. Sie schien -ihn nicht zu bemerken. Kalt glitt ihr Blick über ihn hinweg, ohne das -leiseste Zeichen, daß sie ihn erkannt hatte .... Er hörte einen Herrn -mit schnarrender Stimme sagen: „Meine Gnädigste, der Gruß scheint Ihnen -gegolten zu haben.“ ... „Sie irren sich, Herr Graf, ich kenne den -Jüngling nicht.“ - -Betäubt, gänzlich unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, wanderte er -in sein Hotel zurück. Seine verzweifelte Stimmung gab ihm den Rat ein, -nach einem Sorgenbrecher zu greifen. Er trank eine Flasche schweren -Rotwein und ließ sich noch eine zweite auf sein Zimmer bringen, denn -die erste war ohne jede Wirkung wie auf einem heißen Stein verzischt. -Die zweite gab ihm die nötige Bettschwere. Er schlief tief und fest. Am -Morgen wachte er mit einem wüsten Kopfschmerz auf. Aber ihm unbewußt -war in der Nacht ein Trotz in ihm erwacht. Er wollte und mußte sie -stellen und zu einer Entscheidung zwingen. Dann begann sein Herz -sie zu entschuldigen. Sicherlich war es ungeschickt, ja unpassend -gewesen, sich durch einen Gruß an sie heranzudrängen. Es war ihm nicht -entgangen, wie seine Kleidung von der Eleganz der sie begleitenden -Herren abstach. Eine tiefe Mutlosigkeit überfiel ihn. War es nicht -besser, wenn er keinen Besuch mehr machte, sondern einfach abfuhr? - -Eine Stunde später war er wieder auf dem Weg nach ihrem Hotel. -Unterwegs kaufte er sich ein Kärtchen und schrieb seinen Namen darauf. -Entschlossen trat er in die Eingangshalle. Ein betreßter Herr nahm ihm -die Karte ab und schickte einen Boy zu Fräulein Bartenwerffer. Der -Junge kam nach einer Zeit zurück, die Franz eine Ewigkeit dünkte. „Das -gnädige Fräulein bedauern sehr, den Herrn nicht empfangen zu können.“ - -Er drückte dem Jungen einen Taler in die Hand. „Das gnädige Fräulein -ist wohl noch nicht angezogen?“ - -„O doch, sie setzt eben den Hut auf. Sie wird wohl gleich mit dem Lift -herunterkommen. Wenn Sie dort Platz nehmen wollen.“ - -Eine Viertelstunde später trat Adelheid aus dem Fahrstuhl. Sie war ganz -einfach in Weiß gekleidet und trug ein Rakett in der Hand. Franz sprang -auf und trat auf sie zu. Sie maß ihn mit einem kalt abweisenden Blick -von oben bis unten. „Was wünschen Sie von mir?“ - -„Ich wollte Sie sprechen“, stammelte Franz. - -„Bedauere sehr, ich bitte, mich nicht zu belästigen. Ich teile keine -Almosen aus.“ - -Verwirrt trat Franz zurück und gab ihr den Weg frei. Ohne ihn -anzusehen, ging sie schnell an ihm vorbei. - -„Aus“, wiederholte Franz leise. „Sie teilt keine Almosen aus. Na, nun -weiß ich, woran ich bin.“ - -Er konnte sich später nicht mehr erinnern, wie er den Weg in sein Hotel -zurückgefunden hatte. Erst als er sich eine Flasche Rotwein bestellte -und der schwere Wein zu wirken begann, kam er zu sich. Ihm war zu Mut, -als wenn die Begegnung mit Adelheid schon Wochen und Monate hinter ihm -lag. „Ich Esel,“ dacht’ er, „hab ich das noch nötig gehabt? Almosen -teilt sie nicht aus? Ach, das Wort sollte wohl für mich noch eine -besondere Bedeutung haben? War das etwa ein Almosen für mich, daß sie -sich zum zweitenmal von mir umfassen und küssen ließ?“ - -Der Wein munterte ihn immer mehr auf. Er aß gut und reichlich, ging -zur Bahn und nahm sich eine Fahrkarte zweiter Klasse nach Berlin. -Es war ein greulicher Bummelzug, in den er geraten war. Doch ihm war -das gleichgültig. Er lehnte sich in eine Ecke und schlief ein. Als er -gegen Abend erwachte und die Gedanken ihn wieder zu bekriechen und zu -peinigen begannen, kaufte er sich unterwegs wieder eine Flasche Wein -und trank sie aus. Danach schlief er durch bis Berlin. Er nahm sich -ein Auto und fuhr zu seinem alten Schulkameraden Sutor, der schon seit -einem Jahr als Student in Berlin lebte und sich schlecht und recht -durch Stipendien und Stundengeben durchs Leben schlug. - -Der Freund erschrak nicht schlecht, als Franz sich vor ihm aufbaute, -verschwiemelt, hohläugig ... „Mensch, Franz, wo kommst du her? Wie -siehst du aus?“ - -„Wahrscheinlich ein bißchen mitgenommen von der Extratour, die ich -hinter mir habe. Erst von Hause in einem Zug durch bis Baden-Baden; den -nächsten Tag wieder hier zurück. Davon setzt man keinen Speck an.“ - -„Vor allen Dingen mußt du gründlich ausschlafen. Meine Wirtin hat noch -ein Zimmer frei.“ - -„Das habe ich zur Genüge im Zug besorgt. Aber hast du nicht einen -dienstbaren Geist, der uns eine Flasche Rotwein oder Kognak holen -kann? Wir müssen doch das Wiedersehen gebührend feiern.“ - -Sutor sah ihn ganz entgeistert an. „Franz, was ist mit dir los? Du bist -ja auf der Schule kein Duckmäuser gewesen, aber du hast doch am Morgen -keinen Alkohol nötig gehabt.“ - -„Na, dann nimm an, daß ich ihn jetzt oder wenigstens heute nötig habe.“ - -„Hast du etwas Schweres durchgemacht, daß du dich so betäuben willst?“ - -„Frag nicht, alter Sutor! Ich werde es dir vielleicht später erzählen, -wenn ich darüber hinweg bin. Heute tu mir den Gefallen. Hier ist Geld. -Du willst es selbst holen? Das ist nett von dir. Aber was Gutes, wenn -ich bitten darf.“ - -Bei einem Glas leistete der Student seinem Jugendfreund Gesellschaft. -Dann mußte er ins Kolleg. Als er mittags zurückkam, lag Franz sinnlos -betrunken auf seinem Bett. Die Flasche Rotwein und ein Drittel des -Kognaks waren ausgetrunken. - - - - -18. Kapitel - - -Auf das blanke Nichts war Sutor nach Berlin gefahren. Der Vater hatte -ihm zehn Taler gegeben, einige von den Bauern hatten ihm zehn und -zwanzig Mark beim Abschied in die Hand gedrückt. Außerdem nahm er ein -Dutzend Alberten und einen Kober mit Mundvorrat mit. Damit wollte ihn -die Mutter auch weiterhin versorgen. - -Daraufhin wagte es der tapfere Junge, der noch keine größere Stadt als -die masurischen Kreisstädte gesehen hatte, nach Berlin zu fahren, um -ein mehrjähriges Studium zu beginnen. Sein Äußeres wies keine Vorzüge -auf, eher das Gegenteil. Er war ein großer, ungelenker Mensch. Sein -Gesicht mit den breiten Backenknochen und der niedrigen Stirn konnte -auf Schönheit keinen Anspruch machen. Aber er wußte, was er wollte und -besaß die geistige und sittliche Energie, es durchzuführen. - -Zuerst suchte er sich eine Unterkunft und fand sie bei einer Waschfrau, -die ihm ein kleines unheizbares Stübchen für einen geringen Preis -überließ. Dann klapperte er, mit einem Einführungsschreiben seines -Direktors versehen, die Gymnasien ab und hatte das Glück, einen Jungen -als Schüler zu bekommen, den seine Eltern aus der Schule nehmen mußten, -weil er nach zweijähriger Tätigkeit auf der Quarta nicht versetzt -worden war. - -Mit unendlicher Geduld und eiserner Strenge brachte er den Jungen, -der von der Affenliebe der Mutter verwöhnt, schon alle Genüsse der -Großstadt kannte, in einem halben Jahr nach der Untertertia. Dieser -Erfolg brachte ihm Empfehlungen und Privatschüler, so daß er ohne -Sorgen leben konnte. Mittags aß er in den Akademischen Bierhallen oder -bei Aschinger, wo er nie den Donnerstag versäumte, um sich an seinem -ostpreußischen Nationalgericht, Königsberger Fleck, zu erlaben. Die -anderen Mahlzeiten beschaffte er sich selbst. - -Mit tiefer Betrübnis sah der junge Mensch, dessen ganzes Leben auf -Arbeit und Pflicht eingestellt war, wie sein Jugendfreund, an dem er -mit großer Liebe hing, in dessen Elternhaus er so frohe Stunden verlebt -hatte, sich täglich unter Alkohol setzte, bis er in einen leichten -Rausch geriet. Dann wurde er aufgeräumt und gesprächig, aber nie sprach -er mit Sutor über die Ursache seines geheimen Kummers. Sowie der -Rausch verflogen war, geriet er in dumpfes Brüten, bis er wieder, wie -er sich ausdrückte, „Öl auf die Lebensflamme gegossen“ hatte. - -Sutor stand ihm in diesen Tagen treu zur Seite. Er stellte fest, -welches Regiment im Herbst Einjährige einstellte, begleitete ihn in die -Kaserne und wartete, bis er sich angemeldet und aufgenommen war. - -Der Adjutant besah Franz mit einem verletzenden Blick von oben bis -unten. „Sie sehen etwas merkwürdig aus, Herr Rosumek. Sie haben wohl -heute schon gut gefrühstückt?“ - -Als Franz nichts erwiderte, fuhr er fort: „Das werden wir Ihnen -bald abgewöhnen. Am 1. Oktober finden Sie sich um acht Uhr auf dem -Kasernenhof ein.“ - -Es war eine große Anzahl junger Leute, die sich an diesem Tage auf -dem Kasernenhofe einstellten, wo sie zunächst in einer Reihe nach -der Größe geordnet wurden. Franz wurde von dem Adjutanten aus der -Reihe genommen und ans Ende gestellt, wo er der zwölften Kompagnie -zugeteilt wurde, deren Hauptmann als besonders streng und scharf -bekannt und gefürchtet war. Er erschien bald mit dem Feldwebel, der -genau so grimmig aussah, wie sein Hauptmann, und fragte seine drei -Rekruten nach allem Möglichen aus, nach Stand, Beruf, Alter, Eltern, -Vorbildung usw. Franz, der am Abend vorher, trotz allen Abmahnens -seines Freundes, wieder stark getrunken hatte, gefiel ihm gar nicht. -Und mit Recht, denn er sah verkatert aus. Eine müde Gleichgültigkeit -lag über seinem Wesen. Dann führte der Feldwebel seine neuen Kinder auf -die Kammer, wo sie ihre Kommißausrüstung erhielten. Der eine seiner -Leidensgefährten, ein heller Berliner Junge, namens Winter, der schon -über alles Bescheid wußte, nahm Franz unter seine Fittiche und führte -ihn in die Handwerkerstube, wo sie sich den Anzug reinigen, die Stiefel -und das Koppelzeug putzen ließen .... Dort erhielt Franz auch seinen -Putzkameraden zugeteilt. Die Schuster und Schneider grinsten, als der -Feldwebel den Namen Demut rief. Ein untersetzter, breitschultriger Kerl -rief mit mächtiger Stimme „Hier!“, und sprang heran. - -„Wollen Sie dem Einjährigen die Sachen putzen?“ - -„Jawohl, Herr Feldwebel, det mach’ ick mit Vajnügen.“ - -Erst später erfuhr Franz, daß er das schlimmste Subjekt der Kompagnie -bekommen hatte. Es war ein verbummelter Fleischergeselle und -Viehtreiber, der sich der Aushebung entzogen hatte und erst nach vier -Jahren von den Behörden aufgegriffen worden war. Zur Strafe mußte er -drei Jahre dienen. Er trank sehr stark, und sein ganzes Dichten und -Trachten ging nur auf die Beschaffung eines „Leuchtturmes“, eines -großen Glases Schnaps, hin. Deshalb erschien er jeden Morgen in der -Kantine, um sich durch Ausfegen, Scheuern und Gläserwaschen einen -Schnaps zu verdienen. Er war der Schrecken der Kompagnie, aber der -Hauptmann sah ihm manches nach, weil er sehr gut schoß, obwohl ihm das -Gewehr in den Händen wie ein Lämmerschwanz zitterte. Aber im letzten -Moment straffte er seinen Körper und der Schuß saß im Schwarzen. - -Und dennoch hatte Franz mit seinem Putzkameraden einen sehr guten Griff -getan. So unsauber er selbst war, die Sachen und das Gewehr seines -Einjährigen hielt er tadellos sauber. Und an jedem Morgen erschien -er eine Stunde vor dem Dienst, weckte ihn oft mit vieler Mühe und -half ihm beim Anziehen .... Die Triebfeder seiner Sorglichkeit war -die Kognakflasche, die bei Franz immer auf dem Tisch stand. Jetzt -brauchte er nicht mehr die Kantine zu fegen. Noch ehe er Franz weckte, -verhaftete er einen Großen und dann noch zwei, drei .... Er konnte sich -das ohne Scheu erlauben, denn Franz tat dasselbe. Er war auf dem besten -Wege, ein Gewohnheitstrinker zu werden. Oder er war es schon, denn -die Ursache, die ihn zum Trinken bewogen hatte, seine hoffnungslose -Leidenschaft, war nahezu überwunden. Sie saß nur noch wie ein dumpfes -Schmerzgefühl in seiner Brust. - -Die Ausbildungszeit der Rekruten fiel Franz außerordentlich schwer. -Die Halsbinde, der enge, fest geschlossene Rock, die schweren Stiefel, -verursachten ihm Unbehagen. Es kam ihm vor, als wenn er in einer -Zwangsjacke steckte. Und geradezu lächerlich erschien es ihm, daß er -noch wie ein kleiner Junge gehen lernen sollte. Es war merkwürdig, was -der Sergeant und der Gefreite immer an ihm zu tadeln hatten. Aber er -war wirklich ein schlechter Soldat. Er warf beim Parademarsch die Beine -nicht hoch genug, er klappte bei jedem Griff nach, bei jedem Aufmarsch -war er der Letzte. Denn er hatte, wie der Oberleutnant, der die -Einjährigen ausbildete, sagte, eine zu lange Leitung. Das kam daher, -daß jeder Befehl ihn erst aus einem dumpfen, gedankenlosen Brüten -aufwecken mußte. - -Es war kein Wunder, daß er von seinen Vorgesetzten scharf angefaßt und -öfter mit Nachexerzieren bestraft wurde, wobei er ein paar Sandsäcke im -Tornister tragen mußte. Daß er stark trank, daß seine Schlappheit nur -darauf zurückzuführen war, war in der ganzen Kompagnie bekannt. Sein -Kamerad Winter, der ihm Teilnahme entgegenbrachte, machte ihm manchmal -Vorstellungen. Er möchte doch das Trinken lassen und sich aufraffen, -sonst würde er bald die Männerchen tanzen und die Mäuse laufen sehen. - -Franz wies die wohlgemeinte Mahnung schroff ab. Die Folge war, daß er -nicht mehr zu den geselligen Zusammenkünften der Einjährigen eingeladen -wurde. Nur der treue Sutor verließ ihn nicht, sondern besuchte ihn -öfter und suchte ihn vom Trinken abzuhalten. Aber auch er bemühte sich -vergebens. Franz ging zwar nicht aus, aber er trank zu Hause und hörte -nicht auf, bis er die nötige Bettschwere hatte. - -In lichten Momenten wurde er von Scham und Reue gefoltert. Aber diese -Anwandlungen führten nicht zur Besserung, sondern noch tiefer in den -Sumpf hinein. Nach Hause schrieb er nur in langen Zwischenräumen, -wenn er Geld brauchte und nur auf Postkarten. Von Baden-Baden hatte -er im Rausch und in einer Anwandlung von Galgenhumor nach Hause -telegraphiert: „Endgültig abgeblitzt. Habe mich getröstet. Bitte -es auch Onkel sagen.“ Von seinem Leben und Treiben wußten seine -Angehörigen nichts. Er hatte ihnen nur kurz die Nummer seines Regiments -und seine Wohnung mitgeteilt. Die Eltern und Onkel Uwis machten sich -Sorge um ihn, aber wodurch er sich tröstete, ahnten sie nicht. - -Eines Abends hatte Demut, dessen Lebensphilosophie allen Ernstes darin -gipfelte, soviel Alkohol wie möglich seinem Körper zuzuführen, damit er -nach dem Tode nicht von den Würmern gefressen würde, zuviel gegen die -Würmer eingenommen und so lange geschlafen, daß er selbst nur knapp zum -Dienst zur Zeit kam. Seine Stubengenossen hatten ihn mit Absicht erst -im letzten Moment geweckt. Die Folge war, daß auch Franz verschlief und -erst gegen Mittag verkatert und mit ungeputztem Koppel in der Kaserne -erschien. Er entschuldigte sich mit einem Kopfkrampf, der ihn des -Morgens befallen hätte. - -Das half ihm nichts. Der Hauptmann steckte ihn auf acht Tage ins Loch. -Schon eine Stunde später wanderte er in dem Aufzug eines Sträflings, -ohne Koppel, die schirmlose Mütze auf dem Kopf, ein Kommißbrot unter -dem Arm, von einem Gefreiten geleitet, für acht Tage ins Kittchen. -Es waren Höllenqualen, die er bei Wasser und Brot unter völliger -Entbehrung des Alkohols erduldete. Das saure, schwere Brot wollte -sein geschwächter Magen nicht annehmen. Abgemagert, elend, eine -Jammergestalt, wurde er nach Verbüßung der Strafe in die Kaserne -zurückgeführt, wo ihm die Mitteilung wurde, daß er noch für vier Wochen -in die Kaserne ziehen müßte. Hätte ihn Demut in dieser Zeit nicht -heimlich mit Kognak versorgt, dann wäre er gänzlich zusammengebrochen. - -Zum 1. April wurden seine beiden Kameraden zu Gefreiten befördert, -traten aus der Front und taten Unteroffizierdienste. Das gab ihm -innerlich einen gewaltigen Ruck. Daß ein Einjähriger am Schluß des -Jahres nicht zum Unteroffizier befördert wurde, weil seine Vorgesetzten -ihn aus manchmal unerfindlichen Gründen, die in dem Beruf seiner -Eltern, ja sogar in ihrer politischen Gesinnung lagen, nicht zum -Offizier für geeignet hielten, kam öfter vor, aber daß ein gebildeter -junger Mann nicht den „höchsten Grad der Gemeinheit“ erreichte, war -eine Schande für den Betreffenden. Und Franz fühlte bald, wie sie von -allen Seiten auf ihn einströmte. Seine Kameraden zogen sich ganz von -ihm zurück, ja, sie erwiderten seinen Gruß nur noch deshalb, um einem -Zusammenstoß mit ihm aus dem Wege zu gehen. - -Die ärgste Zeit brach über ihn herein, als er zur Strafe für ein -dienstliches Vergehen wieder auf vier Wochen in die Kaserne ziehen -mußte. Seine Stubengenossen bürdeten ihm die schmutzigste Arbeit auf -und behandelten ihn nicht wie ihresgleichen, sondern wie einen tief -unter ihnen Stehenden. Sie duzten ihn und stießen ihn beim geringsten -Anlaß. Hätte nicht Demut ihn beschützt, dann hätte er sicherlich eines -Nachts seine „Reinigung“ bekommen, das heißt, er wäre mit Leibriemen -und noch gröberen Instrumenten heftig verprügelt worden. - -Auch mit dem Trinken war es vorbei. Denn er hatte jetzt fünfzehn -Aufpasser, denen nichts verborgen blieb. Nicht einmal, wenn er sich in -der Kantine hatte einen Schnaps geben lassen. - -Das war eine Radikalkur, aber sie half. Er begann mit besserem Appetit -zu essen und erholte sich körperlich. Er wurde auch eifriger im Dienst. -Und mit der wiedererwachenden Kraft kam auch der Wille. Er wollte sich -zusammennehmen, um wenigstens zum Herbst die Knöpfe zu bekommen. Wie -eine Erlösung kam es ihm vor, als er aus der Kaserne entlassen wurde -und wieder in seine Wohnung zog. Er verbannte die Kognakflasche und -entschädigte Demut für den Ausfall. - -Nun fühlte er auch wieder das Bedürfnis, unter Menschen zu gehen. Er -suchte eines Abends, der mit seinem milden Sonnenschein ihn und viele -andere ins Freie lockte, einen Biergarten auf, der nicht weit von -seiner Wohnung lag. Kaum hatte er Platz genommen, als ein frisches, -hübsches Mädchen auf ihn zutrat und ihm die Hand bot. - -„Herr Franz, wie kommen Sie hierher und in Uniform?“ - -Er sah auf, und ein freudiger Schreck durchrieselte ihn. Ein warmes -Gefühl, wie bei einem Gruß aus der Heimat. „Liese, du auch hier?“ Es -war die Tochter des Briefträgers aus seinem Heimatsdorf, die mit ihm -zusammen aufgewachsen war, Liese Mrozek .... - -„Wie geht es bei euch zu Hause?“ - -Ihre Augen umflorten sich. „Weißt du nicht? Mein Vater ist doch -gestorben, da mußte ich in Stellung gehen. Erst war ich sechs Wochen in -Königsberg, dann kam ich hierher.“ - -„Mädel, du hast aber Courage.“ - -Sie lachte. „Ein Herr hat mich aus Königsberg mitgenommen und mir hier -die Stellung besorgt.“ - -„Ach so ... na, dann bring mir ein Glas Bier.“ - -Als sie es brachte und hinstellte, sah er, daß sie sich beleidigt -fühlte. „Liese, mach’ doch keine Dummheiten. Ich habe es nicht so -gemeint. Was willst du trinken?“ - -„Das ist nicht nötig, das wird hier nicht verlangt.“ - -Er faßte ihre Hand. „Nun sei mal vernünftig, Mädel. Ich freue mich ja -so, daß ich dich gefunden habe. Ich wohne ja keine hundert Schritt von -hier, ich werde jeden Abend dein Stammgast sein.“ - -Einige Tage später, als sie ihren freien Nachmittag hatte, fuhr er mit -ihr in den grünen Wald. Zierlich und anmutig gekleidet schritt sie -neben ihm her. Er merkte, daß sie auf ihn und seine Uniform stolz war. -Sie glaubte natürlich, daß er erst am 1. April eingekleidet war. Die -gemeinsamen Jugenderinnerungen brachten sie schnell einander näher. -Franz bat sie, ihn nicht mehr zu siezen, sondern ihm das Du zu geben, -wie es bis zu ihrer Trennung zwischen ihnen geherrscht hatte. Beim -nächsten Ausflug gestand er ihr, daß seine Dienstzeit schon im Herbst -zu Ende wäre. - -„Und du bist nicht Gefreiter geworden?“, fragte sie und die Tränen -traten ihr in die Augen. Es gab ihm einen Stich ins Herz, als er sah, -wie traurig sie darüber war. Da raffte er seinen Mut zusammen und -erzählte ihr alles .... Es war ihm eine Wohltat, sich ihr rückhaltlos -mitzuteilen. Er fühlte, wie ihm leichter zu Mute wurde. Sie lauschte -atemlos. In heißem Gefühl lehnte sie sich an ihn und nahm seine Hand. - -„Und jetzt hast du es völlig überwunden? Ja?“ - -„Ja, Liesel, die Zeit liegt wie ein wüster Traum hinter mir.“ - -„Und ... und ...“ sie stockte und mußte sich erst überwinden, es -auszusprechen, „jetzt wirst du nicht mehr trinken?“ - -„Nein, Liesel, das habe ich auch überwunden.“ - -Er legte seinen Arm um sie und sie litt es nicht nur, sondern schmiegte -sich an ihn. „Liesel, bist du mir gut?“ - -„Ich hatte dich schon lieb, als ich noch zur Schule ging.“ - -Da zog er sie fest an sich und suchte ihren Mund, den sie ihm willig -darbot. Hand in Hand gingen sie aus dem Waldesschatten, wo sie -gesessen, zur Bahn. Als wäre es selbstverständlich, wanderten sie -seiner Wohnung zu. - -Zwei junge, glückliche Menschenkinder feierten das erste Fest ihrer -Liebe. - - - - -19. Kapitel - - -Innerhalb weniger Tage ging mit Franz eine große Veränderung vor. Sein -lasches Wesen verschwand, er wurde munter, elastisch und energisch, -und bewältigte spielend die Anforderungen des Dienstes, der das ganze -Regiment von früh morgens bis spät abends auf den Beinen hielt. Es -wurde viel von einem drohenden Krieg gesprochen, für den man sich mit -verdoppeltem Eifer vorbereiten müsse. Allerlei neue Kampfmittel wurden -erprobt. In wenigen Tagen war Franz vom Schrecken der Kompagnie zu -einem tüchtigen, eifrigen Soldaten geworden, der selbst dem grimmigen -Feldwebel die verwunderte Frage abnötigte: „Einjähriger, weshalb sind -Sie nicht immer so gewesen, wie jetzt?“ - -„Herr Feldwebel, ich war krank an Körper und Geist. Erst vor kurzem bin -ich gesund geworden.“ - -Bis nach Schwentainen war die Kunde von Franzens Lebenswandel -gedrungen. Sutor hatte es nach Hause geschrieben und Lotte Grigo hatte -es von seiner Mutter erfahren. Sie weinte sich heimlich satt, aber sie -erzählte nichts den alten Rosumeks, sondern trug die traurige Botschaft -zu Pastor Uwis. Der tröstete das Mädel, das sich sehr grämte, weil -sie Franz lieb hatte, viel lieber als sie es selbst wußte. Es würde -so schlimm nicht sein. Der gute Sutor sei immer ein arger Philister -gewesen. - -Innerlich dachte er anders, als er sprach. Und er war in großer Sorge, -denn er war der Meinung, daß Franz sich aus Liebesgram dem Trunk -ergeben hatte und in ihm Betäubung suchte. Nach reiflicher Überlegung -beschloß er, mit Rosumek zu sprechen. Vielleicht entschloß der sich, -nach Berlin zu fahren und seinen Sohn ins Gebet zu nehmen. Es kam -anders. Vater Rosumek erklärte, er könne jetzt nicht aus der Wirtschaft -weg. - -„Ich habe auch wenig Einfluß auf den Jungen. Aber du, Pastor, kannst -hinfahren und ihn zusammenrücken. Wenn einer es fertig bringt, dann -bist du es.“ - -Uwis willigte ohne Zögern ein, denn er war schon entschlossen gewesen, -seinen Vetter zu begleiten. Die Männer kamen überein, den Frauen nichts -von der Reise zu sagen. So fuhr denn der Pastor am nächsten Morgen -angeblich in Amtsgeschäften nach Königsberg und sofort ohne Aufenthalt -weiter nach Berlin, wo er am frühen Morgen eintraf. - -Franz war schon beim ersten Morgengrauen zum Dienst gegangen und nicht -wenig erstaunt, Onkel Uwis bei sich zu finden, als er gegen Mittag -bestaubt, müde und hungrig nach Hause kam. Aber als er nach wenigen -Minuten, frisch gewaschen, in seiner schmucken Extrauniform aus seinem -Schlafzimmer trat, da staunte Onkel Uwis. Er war darauf vorbereitet, -einen schlappen, verlebten und vom Alkohol entnervten Menschen zu -finden und sah einen frischen Jüngling vor sich, dem die Lebensfreude -aus den Augen blitzte. - -„Na, der Sutor hätte auch was Besseres tun können, als uns durch dumme -Redensarten ins Bockshorn zu jagen“, rief er lachend aus. - -„Lieber Onkel,“ erwiderte Franz ernst, „ich weiß zwar nicht, was er -euch geschrieben hat, ich vermute aber, er hat euch der Wahrheit -gemäß berichtet, daß ich einen sehr bösen Lebenswandel geführt habe. -Ja, Onkel, ich will es nicht leugnen und nicht beschönigen, daß ich -viel getrunken habe. Ich suchte Betäubung, um von den unerträglichen -Gedanken und der Leidenschaft los zu kommen, die mich zerfraß. -Und dann wurde es zur Gewohnheit. Aber nun habe ich das Laster -überwunden, restlos überwunden, lieber Onkel. Ein Rückfall ist völlig -ausgeschlossen.“ - -„Ach, Junge, mit welchen Sorgen bin ich hergefahren, und jetzt diese -Freude! Na, Gott sei Lob und Dank, daß er dir geholfen hat. Er hat ein -Wunder an dir getan.“ - -Franz errötete und lächelte eigentümlich. „Ich habe es nicht aus -eigener Kraft geschafft.“ - -„Wer hat dir denn dabei geholfen?“, fragte der alte Herr mit einer -gewissen Spannung in der Miene. - -„Die Liebe zu einem jungen Mädchen“, erwiderte Franz tief errötend. - -„Na, dann sei das Mädel dafür gesegnet. Dann ist es das Werkzeug -gewesen, dessen sich die Vorsehung bedient hat, um dich zu retten.“ - -Franz gab sich innerlich einen Ruck. „Du machst es mir schwer, Onkel, -dir alles zu gestehen. Ich werde das Mädel heiraten .... Es ist ... -schon jetzt vor meinem Gewissen mein Weib.“ - -Der alte Herr nickte einige Male bedächtig, als wenn er sich einen -Gedanken bestätigte, der ihm schon vorher gekommen war. „Es liegt mir -fern, einen Stein auf sie zu werfen.“ - -In ungestümer Freude warf sich Franz an seine Brust. „Habe Dank, Onkel, -für dieses Wort. Du kennst sie. Es ist die Liese Mrozek, sie hat mich -schon lange lieb. Und wie sie so lieb und so freundlich zu mir war, -da fing ich an, mich zu schämen. Aber ich hatte die Kraft noch nicht, -Schluß zu machen ... bis sie mir die Kraft gab ... durch das höchste -Opfer ihrer Liebe. Nur dadurch hat sie mich gerettet.“ - -„Was ist sie hier?“ - -„Kellnerin, Onkel, aber sie ist rein geblieben.“ - -„Hast du ihr schon gesagt, daß du sie heiraten willst?“ - -„Nein, Onkel, aber ich werde es bald tun. Sie hat es nicht -leichtsinnigerweise getan, sondern aus Mitleid und übergroßer Liebe zu -mir. Und nun habe ich eine sehr große Bitte an dich. Willst du mit mir -in das Restaurant, wo sie angestellt ist, zu Mittag gehen und ihr die -Hand geben?“ - -„Ja, mein Junge, das will ich tun. Deine Errettung ist mir soviel wert.“ - -Liesel errötete vor Schreck und Scham, als Franz mit dem Pastor, der -sie getauft und eingesegnet hatte, in das Lokal trat. Aber sie kam -schnell auf die Herren zu und knickste. Und als ihr der alte Pastor mit -freundlichem Blick die Hand bot, beugte sie sich darüber und küßte sie, -während ihr vor Freude die Tränen in die Augen traten. „Ach, lieber -Herr Pastor, ist das eine Freude .... Wie geht es meiner Mutter?“ - -„Gut, mein Kind, du sorgst ja so treu für sie. Verdienst du soviel?“ - -„Ja, Herr Pastor. Es ist viel zu tun und die Trinkgelder fließen -reichlich.“ - -Ehe sie nach dem Essen weggingen, fand Franz noch Gelegenheit, ihr -zuzuflüstern, daß Onkel Uwis alles wüßte. Sie erschrak im ersten -Augenblick, aber dann kam eine große Freude über sie, als der alte Herr -ihr auch beim Abschied die Hand mit freundlichem Lächeln bot. - -Während Franz sich umzog und zum Dienst ging, gab der Pastor ein -Telegramm an Vater Rosumek auf: „Alles in Ordnung. Keine Sorge ..“ - -Wenige Stunden später, als die beiden Männer zu Liesel gingen, um -dort zum Abendbrot zu essen, durchjagte die Kunde von der grausigen -Schreckenstat in Serajewo die deutsche Reichshauptstadt .... Der -Pastor las mit banger Sorge das Extrablatt. Er sprach zu Franz die -Befürchtung aus, daß dieses Ereignis den Weltenbrand entzünden würde. -Für jeden, der nicht mit verbundenen Augen durch die Welt ging, war -es ja schon lange kein Geheimnis mehr, daß Deutschland ringsum von -Feinden eingekreist war, die nur auf den Augenblick lauerten, darüber -herzufallen. Und Uwis wußte zu erzählen, daß die Russen bereits seit -dem Frühjahr gewaltige Truppenmassen nach dem Westen schoben, daß -dicht hinter der Grenze mehrere Divisionen Reiterei aufgestellt waren, -bereit, beim ersten Befehl in Ostpreußen einzubrechen. Er hielt die -Gefahr für so nahe bevorstehend, daß er noch mit dem Nachtzug nach -Hause abreiste. Daß die Dinge sich nicht so schnell entwickelten, -ist ja bekannt. Es vergingen noch vier Wochen, bis das Unwetter -über uns hereinbrach, in Hangen und Bangen, aus dem sich dann die -überschwengliche Begeisterung emporrang, die uns den Mut gab, einer -Welt von Feinden die Stirn zu bieten. - -In Ostpreußen war man sich der Größe der Gefahr voll bewußt, aber diese -Erkenntnis löste nicht bange Furcht oder Verzagtheit aus, sondern -kalte Entschlossenheit und eisernen Trotz, für das Vaterland und die -Heimat alles zu ertragen, auch das Schwerste. Aber man unterschätzte -doch die Gefahr. Man befürchtete im schlimmsten Fall, einige Wochen -oder Monate unter Russenherrschaft zuzubringen, wenn unsere Truppen vor -der Übermacht zurückweichen müßten, bis unsere Siege im Westen, wo der -Hauptschlag geführt werden sollte, die Feinde abgewehrt hätten und man -sich nach dem Osten wenden könnte. Daß die Russen mit Mord und Brand -über die wehrlose Bevölkerung herfallen würden, glaubte man nicht .... -Man meinte, die Russen würden sich ebenso brav und menschlich benehmen, -wie man es von unseren Truppen mit Recht erwartete .... - -Und dann kam die große, schreckliche Enttäuschung, als die Russen wie -Räuberhorden ins Land einbrachen, die Dörfer und Städte plünderten und -in Brand steckten, die Einwohner ermordeten und wegschleppten .... - -Es ist gut, daß Wunden vernarben, aber vergessen sollte man sie -nicht ... nie und nimmer .... Wann wirst du, deutscher Michel, deine -Schlafmützigkeit, deine dumme Vertrauensseligkeit ablegen? - -Die Trümmerhaufen der verwüsteten Dörfer an der Grenze rauchten schon, -verängstigte Menschen, das Grauen des Entsetzens in den Augen, denen -es gelungen war, vor den Kosakenhorden zu fliehen, zogen vorüber, aber -noch immer konnten die Menschen sich von ihrem bißchen Hab und Gut -nicht trennen. Auch Pastor Uwis war einer derjenigen, die zum Bleiben -und Ausharren mahnten .... Er war entschlossen, zu bleiben, solange in -seinem Kirchspiel auch nur noch ein halbes Dutzend Menschen vorhanden -waren, die seiner bedurften. Erst als die russische Welle zum zweiten -Male sich heranwälzte, entschloß er sich, nachdem er Unendliches -erduldet, sich den Flüchtigen anzuschließen. - -Rosumek besaß noch einen Leiterwagen und ein paar alte Kraggen. Auf -dem nahm er Uwis und Frau und Frau Grigo und Lotte mit, aber außer -einigen Lebensmitteln und Wertpapieren war nichts auf dem Wagen. Mit -großer Mühe schlugen sie sich bis Westpreußen durch, wo sie auf die -Bahn stiegen und nach Berlin fuhren. Sie vertrauten auf die Hilfe des -Vaterlandes, dem sie so schwere Opfer gebracht hatten. Sie kamen an und -... wurden auf die Almosen der Mildtätigkeit verwiesen. - -Nach wenigen Tagen erfuhr Rosumek, daß der Landsturm in Ostpreußen -einberufen war. Er ließ Frau und Tochter in der Obhut der Pastorsleute -zurück und fuhr in die Heimat, um sich der Militärbehörde zu stellen. -Beim ersten Gefecht starb er den Heldentod fürs Vaterland. - -Franz hatte kurz vor dem Russeneinfall einen Brief von Hause erhalten. -Dann blieb wochenlang jede Nachricht aus. Er hatte keine Zeit, sich -darüber schwere Sorgen zu machen, denn die Mobilmachung seines -Regiments nahm ihn den ganzen Tag in Anspruch. Die Reservisten rückten -ein, wurden eingekleidet und eingereiht, dann kamen einige Tage, in -denen die kriegsstarken Verbände einexerziert wurden und dann ging’s -mit Hurra und großer Begeisterung zum Bahnhof. Die Wagen waren mit Laub -geschmückt und mit übermütigen Inschriften bekritzelt. - -Liesel begleitete ihren Schatz zum Bahnhof. In unbeschreiblichem -Schmerz hing sie an seinem Halse, wortlos, die starre Verzweiflung in -den Augen, winkte sie ihm ein Lebewohl zu .... Sie konnte sich nicht zu -der Begeisterung aufschwingen, die so viele Mütter und Bräute beseelte -und ihnen die Kraft gab, das Liebste dem Vaterland zu opfern. In ihr -war nur Verzweiflung, kalte, tote Verzweiflung. Erst Pastor Uwis, der -sie sofort nach seiner Ankunft aufsuchte, richtete sie wieder etwas -auf. Danach hatte er eine lange, ernste Unterredung mit Frau Rosumek, -der er sagte, daß nur Liesel es zu danken wäre, daß Franz sich aus dem -Sumpf, in dem er zu versinken drohte, emporgerappelt hätte. Dann erst -sagte er ihr, daß ihr einziger Sohn Liesel als seine Braut, ja als sein -Weib betrachtete, und daß die Mutter die Pflicht habe, das Mädel an ihr -Herz zu nehmen. - -Es kostete der einfachen, in starren Vorurteilen aufgewachsenen Frau -eine große Überwindung, Liesel, die der Pastor ihr zuführte, die Hand -zu geben und ihr ein freundliches Wort zu sagen. Mit der Zeit jedoch, -als der Schmerz um den gefallenen Gatten ihr Herz wund gerissen hatte, -überwand Liesels große Liebe zu Franz auch ihre Beschränktheit. Sie -nahm das Mädel mit mütterlicher Liebe ans Herz. Und sie war ihr ein -Trost, als Franz als vermißt gemeldet wurde und für tot betrachtet -werden mußte, weil er trotz aller Nachforschungen nirgendwo als -Gefangener aufzufinden war. - -Da war es ihr in dieser verzweifelten Stimmung ein Trost, als Liesel -ihr unter heißen Tränen gestand, daß sie sich Mutter fühlte. Als die -Flüchtlinge im April und Mai des nächsten Jahres in ihre zerstörte -Heimat zurückkehren durften, nahm Frau Rosumek Liesel mit sich und -hielt sie wie eine Tochter. Wenige Wochen nach ihrer Rückkehr schenkte -Liesel einem Knaben das Leben. Sie selbst schloß ihre Augen für immer. -Das Kindchen jedoch, das den Namen seines Vaters erhalten hatte, blieb -leben und gedieh, von der Großmutter wie ein Augapfel behütet, ein -Trost und ein Segen für ihr freudloses Leben .... -- -- -- - -Franz war mit seinem Regiment nach dem Westen gekommen und hatte dort -die erste große Schlacht gegen die Franzosen mitgemacht, ohne verwundet -zu werden. Er erwies sich als ein strammer, tapferer Soldat, der durch -sein Wesen anfeuernd auf die Kameraden wirkte. Seine Kompagnie hatte -eines Tages schwere Verluste, aber sie hielt den wütenden Angriffen -der Franzosen stand. Und als die Verstärkung in die Lücken rückte, war -es Franz, der als Erster aus dem Graben sprang und die ganze Linie zu -einem siegreichen Sturmangriff auf den Feind mit sich riß. - -Aber vergebens wartete und hoffte Franz auf die Auszeichnung, die er -sich schon mehr als einmal verdient hatte, auf das E. K. II., das schon -mehrere seiner Kameraden zierte. Er hatte das Gefühl, als wenn man ihn -absichtlich überging. Er wäre schon zufrieden gewesen, wenn man ihn -wenigstens zum Gefreiten befördert hätte. Aber auch daran schienen -seine Vorgesetzten nicht zu denken. - -Ganz plötzlich kam der Befehl, daß die ganze Division nach dem Osten -verladen werden sollte. Es war eine anstrengende Fahrt durch das ganze -Reich bis nach dem fernsten Osten. Und aus dem Zug heraus wurde das -Bataillon in die Schlacht geführt .... Schwere Gefechte und lange -Märsche wechselten miteinander ab, bis der Retter Ostpreußens, der -Nationalheld Deutschlands, unser Hindenburg, den Sieg von Tannenberg -errungen hatte. - - - - -20. Kapitel - - -Durch die Schlacht bei Tannenberg war die Macht der Russen weder -gebrochen noch erschöpft. Sie führten neue Menschenmassen heran, so daß -Hindenburg sich darauf beschränken mußte, die masurische Seenkette und -die Angerapp-Linie bis zum Pregel zu halten. Er mußte damit rechnen, -daß die Russen versuchen würden, mit ihrer gewaltigen Übermacht diese -Sperre zu durchbrechen. - -Seit mehreren Tagen schon war durch Flieger drüben bei den Russen eine -erhöhte Bewegung festgestellt worden. Das erforderte Wachsamkeit und -Bereitschaft auf unserer Seite .... In der Nacht wurden Patrouillen -bis an die russischen Drahtverhaue vorgeschickt. Das waren gefährliche -Gänge. Denn ganz plötzlich suchten die Russen das Gelände mit -Scheinwerfern ab und in den Gräben standen Scharfschützen im Anschlag, -um jeden Feind, der sichtbar wurde, wegzuputzen. - -Eines Abends wurde Franz als Führer für solch einen gefährlichen -Gang bestimmt. Sobald es dunkel wurde, wand er sich mit seinen zwei -Begleitern durch den Drahtverhau. Die Nacht war stürmisch und finster. -Vorsichtig, wie ein Indianer auf dem Kriegspfade, schlich Franz -vorwärts. - -In weiten Abständen folgten ihm die beiden anderen. - -Nicht weit vor der russischen Linie stieß er auf einen Graben, der -einige Zoll hoch mit nassem Schlamm angefüllt war. Ohne Bedenken stieg -er hinein und kroch auf Händen und Knien darin fort. Die nasse Kälte -schreckte ihn nicht ab, denn der Graben bot ihm Deckung nach den Seiten -.... Minutenlang lag er still und horchte. Der Wind wehte zu ihm her. -Er hörte halblaute Kommandoworte und Flüche. Kein Zweifel, die Russen -verstärkten ihre vorderste Linie. Er überlegte, ob er noch länger -warten oder gleich die Nachricht, die ihm wichtig genug erschien, -zurückbringen sollte, und entschloß sich zu Letzterem. Jetzt konnte er -wohl noch ohne Gefahr aus dem Graben steigen und die wenigen hundert -Meter laufend zurücklegen. - -In demselben Augenblick, als er auf den Grabenrand stieg, blitzte es -dicht neben ihm auf. Er fühlte einen heftigen, stechenden Schmerz im -linken Auge. Schnell fuhr seine Hand dorthin und fühlte eine weiche, -warme Masse .... Gleich darauf sauste ein Kolbenschlag auf seinen Helm -nieder. Dann schwand ihm das Bewußtsein. - -Zwei Russen beugten sich über ihn. Der eine fuhr den anderen grob an: -„Du Hundesohn, du hast ihn totgeschlagen .... Wir sollten doch einen -lebendig fangen, damit er verhört wird. Aber wir müssen ihn mitnehmen, -vielleicht kann er doch noch was aussagen.“ - -Franz erwachte. Er lag in einer Bauernstube auf einer Holzbank. Eine -trübe Petroleumlampe verbreitete ein mattes Licht. Eine leise Freude -regte sich in ihm, als er das Licht sah .... Also hatte er doch noch -ein Auge. Aber ein wütender Schmerz hämmerte in seinem Kopf. Zwei -russische Ärzte in ehemals weißen, jetzt völlig von Blut bespritzten -Kitteln, standen vor ihm. Sie unterhielten sich französisch. - -„Der Streifschuß, der das Auge zerstört hat, ist nicht gefährlich, aber -der Kolbenschlag auf den Kopf wird wohl tödlich sein. Es werden wohl -Knochensplitter ins Gehirn gedrungen sein. Ich glaube nicht, daß er -vernehmungsfähig werden wird ....“ - -Die Worte, die Franz verstanden hatte, warfen ihn wieder in die -wohltätige Bewußtlosigkeit zurück. Er fühlte nicht, daß er eine Spritze -Morphium erhielt. Erst als er von groben Fäusten gepackt und von der -Bank herabgezerrt wurde, erwachte er wieder. - -„Halt,“ rief einer der Ärzte, „der Kerl lebt ja. Tragt ihn nebenan zum -Auditeur.“ - -Er wurde halbsitzend mit dem Rücken an einen geheizten Ofen gelehnt. -Die Wärme tat ihm wohl und frischte ihn auf. In deutscher Sprache -fing der russische Auditeur zu fragen an. Er wollte wissen, wieviele -Regimenter die Deutschen drüben hatten, ihre Nummern, die Zahl der -deutschen Batterien usw. ... Franz gab mit leiser Stimme, aber -bereitwillig Auskunft .... Er log eine deutsche Armee zusammen, die -der russischen mindestens gewachsen war. Mehrmals schrie der Russe -ihn an, er solle nicht falsche Auskunft geben, sonst lasse er ihn -sofort erschießen. Franz beharrte bei seiner Aussage und fügte noch -hinzu, er habe gehört, daß in den nächsten Tagen noch sechs neue -Armeekorps ankämen. Ein Funke von Lebensmut war in ihm aufgeglommen. -Die Kopfschmerzen hatten nachgelassen. - -Ein Arzt war eingetreten und hatte eine Weile dem Verhör beigewohnt. -Nun ließ er Franz wieder in das andere Zimmer schaffen und entfernte -ohne Betäubung das zerstörte Auge. Von dem rasenden Schmerz wurde Franz -wieder bewußtlos. Als er aufwachte, lag er mit verbundenem Kopf in -einer engen Kammer auf einer Schütte Stroh mit einer Decke bedeckt. -Aber rings um ihn wimmelte es von Ungeziefer. Doch der Blutverlust ließ -ihn einschlafen. - -Es mochte nicht lange nach Mitternacht sein, als er geweckt und -herausgeschleppt wurde. Mit einigen anderen Schicksalsgenossen wurde -er auf einen Karren geworfen, der rücksichtslos im Trab davonfuhr. -Zum Glück dauerte die Fahrt nicht lange. Der Karren fuhr an einen -langen Eisenbahnzug heran. Franz wurde sehr unsanft in einen Wagen -hineinbefördert, und bald setzte sich der Zug in Bewegung. Er hörte, -wie sich zwei leicht verwundete Russen darüber unterhielten, daß man -alles, was nicht für den Kampf brauchbar sei, wegschaffte, weil man -einen Sturmangriff der Deutschen erwartete. Daraus schloß Franz, daß -er nur aus Versehen mitgenommen wurde, weil man ihn für einen Russen -hielt. Verwundete Gefangene behandelte man nicht so rücksichtsvoll -.... Man überließ sie, wenn es rückwärts ging, ihrem Schicksal und -erwies ihnen damit eine Wohltat, denn sie kamen wieder in deutsche -Hände und in deutsche Pflege. - -Endlos dauerte die Fahrt. Erst am Vormittag gab es auf einer großen -Station einen Teller warme Suppe. Einige Schwerverwundete wurden frisch -verbunden. - -So ging es Tag und Nacht weiter. Endlich wurde in einer Stadt, es war -Zarizyn, der Zug entleert und Franz als Deutscher erkannt. Wenige -Zeit später wurde er in einen Zug, der deutsche Gefangene und Kranke -enthielt, geworfen und weiter nach dem Osten gebracht. Es war das -Schrecklichste, was Franz und alle seine Leidensgefährten mit ihm, -durchmachten. Die Abteile wurden verschlossen, selbst an Orten, wo -der Zug längeren Aufenthalt hatte, durfte niemand aussteigen. Die -Gefangenen litten unter Hunger und Durst, die Verwundeten wurden von -heftigen Schmerzen gepeinigt .... Einige starben .... - -Auch dieser Leidensweg wurde überstanden. Ein Leidensgefährte widmete -Franz seine Teilnahme. Es war ein wüster Gesell, der heftig fluchte -und lästerliche Redensarten führte, aber er sprach fertig russisch und -brachte es fertig, von der Begleitmannschaft für Geld und gute Worte -ein Brot, ja auch ein Glas heißen Tee zu erhandeln, das er brüderlich -mit Franz teilte. - -Das Schicksal fügte es auch, daß Franz mit seinem Wohltäter zusammen -in ein sibirisches Bauerndorf und in dasselbe Haus einquartiert wurde. -Es war ein aus Berlin gebürtiger Metallarbeiter, der vor dem Kriege -in russischen Fabriken gearbeitet hatte und kurz vor den Unruhen nach -Deutschland zurückgekehrt war. Lüdicke, so hieß er, knurrte, brummte -und schimpfte den ganzen Tag. Er hatte aber doch ein weiches Herz und -nahm sich seines Mitgefangenen hilfreich an. Er sorgte für Essen, er -machte kalte Umschläge auf die entzündete Augenhöhle, er legte Franz -Eisklumpen auf den Kopf, wenn er über Kopfschmerzen klagte. - -Es war gar kein Zweifel, daß Franz dem brummigen Leidensgefährten -seine Gesundung verdankte. Sobald er dazu imstande war, schrieb er -ausführlich nach Hause, berichtete über sein Schicksal und bat, -ihm durch das Schwedische Rote Kreuz Geld zu senden. Der Brief -erreichte leider nicht sein Ziel, wie so viele andere, und mancher -Gefangene wurde zu Hause von seinen Angehörigen als tot betrauert, -der völlig gesund in Sibirien lebte und schmerzlich auf Nachricht und -Unterstützung wartete. - -Zu den körperlichen Entbehrungen, der Drangsal des sibirischen Winters, -kamen bei Franz noch seelische Anfechtungen, die sich zu Schmerzen -steigerten. Er verzehrte sich in Sehnsucht nach Liesel und nach all -seinen Lieben daheim. Die Stunden, in denen er sich einsam auf seinem -Krankenlager wälzte, waren entsetzlich. Er versuchte, seinen Kopf -durch irgend etwas geistig zu beschäftigen, um sich von den Gedanken -abzulenken. Er sagte sich alle Gedichte und Lieder aus dem Gesangbuch -auf, die er auswendig wußte. Er erzählte sich lange Abschnitte aus der -Weltgeschichte. Es half nichts. Plötzlich war er wieder mitten in den -Gedanken, die auf ihn einstürmten und ihn peinigten. - -Da begrüßte er es stets als eine Erlösung, wenn Lüdicke, ein Riese von -Gestalt, nach Hause kam. Er arbeitete bei den Bauern des Dorfes und -verdiente nicht nur den Unterhalt für sich, sondern auch für seinen -Genossen. Manchmal hörte er zu, wenn Franz sich, aber auch ihm, ein -Stück Geschichte erzählte. Dann fuhr er schließlich grob dazwischen. - -„Det is ja allens Quatsch. So seht ihr von die besitzende Klassen die -Weltgeschichte an. Nich die einzelnen jroßen Herren haben det alles -jemacht, die Masse hat es jeschafft. Wat du eben von Friedrich den -Jroßen erzählst, mein Junge, hört sich ja allens sehr schön an, aber -mit wen hat er seine Schlachten jeschlagen und die Siege erfochten? Mit -die Arbeiter, die Soldat spielen und ihm die Kastanien aus det Feuer -holen mußten. Haste schon mal darüber nachjedacht, wieviel Arbeiter for -die politischen Zwecke des jroßen Friedrich ihr Leben lassen mußten? -Wieviel die Knochen kaputt jeschossen oder jeschlagen wurden, dat se -nachher mit ’n Leierkasten ihr Brot erbetteln jehn mußten, wenn sie -noch een Arm hatten?“ ... - -Franz verteidigte eifrig seinen Standpunkt, der auf seiner Erziehung -und seiner Weltanschauung beruhte. Aber sein Kumpan ließ nicht locker. -Wenn er auf den Weltkrieg zu sprechen kam, schäumte er vor Wut. Den -hätten bloß die Kapitalisten angezettelt, um grob dran zu verdienen, -und die Arbeiter müßten dafür ihre Haut zu Markte tragen. - -Da wurde auch Franz eifrig und heftig. Das ganze deutsche Volk habe -sich der Übermacht der Feinde entgegengeworfen, um die Zertrümmerung -des Reiches abzuwehren. Die Arbeiter täten bloß ihre verfluchte Pflicht -und Schuldigkeit, wenn sie Schulter an Schulter mit allen anderen -Ständen das Vaterland verteidigten. - -Das Wort „Vaterland“ brachte Lüdicke jedesmal in Wut. Das sei nichts -weiter als ein von den regierenden und den herrschenden Klassen schlau -ersonnener Begriff, der dem Kinde schon in der Schule eingeimpft würde, -bloß um die Arbeiter dumm zu machen, daß sie sich für die oberen -Hunderttausend hinschlachten ließen, nur, damit die weit vom Schuß ein -Schlemmerleben führen könnten. - -Es müsse aber anders kommen! Die Arbeiter müßten die Macht an sich -reißen. Sie würden nicht daran denken, solche Kriege zu führen und sich -gegenseitig zu zerfleischen. Dazu seien sie viel zu vernünftig. Die -Arbeiter wären doch alle im Kampf gegen den Kapitalismus solidarisch. - -Dieser Behauptung stellte Franz die Tatsache gegenüber, daß die -französischen und englischen Arbeiter doch in erster Linie sich als -Franzosen und Engländer fühlten und keinen Finger gerührt hätten, um -den Ausbruch des Krieges zu verhindern. - -„Weil sie mit die nationale Redensarten besoffen jemacht sind,“ schrie -Lüdicke dazwischen, „und weil sie noch nich richtig orjanisiert sind -und nich die Macht dazu hatten.“ - -So stritten sie sich täglich, manchmal stundenlang. Der Arbeiter war -geistig der Überlegene. Er war von Jugend auf in der Parteibewegung -geschult und verfügte über eine große Zahl folgerichtiger -Gedankengänge, die seinem Standpunkt entsprachen und die er mit -Ausdauer wiederholte. Franzens Widerstand erlahmte. Er fing an, zu -grübeln. Immer schwächer wurde sein Widerspruch. Lüdickes Wesen gewann -auf ihn Einfluß. Er mußte ihn als Menschen hoch einschätzen und als -Charakter bewundern. Und von seinem Standpunkt aus hatte er vollkommen -Recht .... - -Und mit diesen Gedankengängen verquickte sich seine Stimmung. Wäre es -nicht auch für ihn selbst ein großes Glück gewesen, wenn die Arbeiter -die Macht gehabt hätten, diesen entsetzlichen Krieg zu verhindern? War -es nicht ein hohes, ideales Ziel, danach zu streben, solch einen Krieg, -wie diesen, der soviele Schmerzen und soviel Not auf die Menschheit -warf, für alle Zukunft unmöglich zu machen? Ihm hatte der Krieg ein -Auge gekostet. - -Ganz knapp war er dem Tode entronnen. Was für ein Schicksal mochte -seiner Liesel, seinen Eltern, seinem lieben Pastor Uwis durch den -Krieg beschieden sein? War das Schicksal nicht grausam, das friedliche -Menschen von Haus und Hof in das Elend trieb? Daß die ostpreußischen -Flüchtlinge wieder in die Heimat zurückgekehrt waren, daß sie schon -wieder fleißig ihre zerstörten Städte und Dörfer aufbauten, wußte er -nicht, denn keine Kunde von dem Krieg, wie er in Wirklichkeit verlief, -drang in das weltferne Dorf. Nur ab und zu erzählte der Pope von großen -russischen Siegen. Franzosen und Russen hätten sich in Berlin die Hände -gereicht ..... - -Noch einmal flammte in Franz das Gefühl für das Vaterland auf. Dann -erlosch es. Langsam, aber unaufhaltsam glitt er in die Gedankenwelt -seines stärkeren Genossen hinüber und hinein. - -Er war schon völlig drin, als die erste russische Revolution ausbrach. -Sie brachte ihnen auch die ersten richtigen Nachrichten über den -Verlauf des Krieges. - -Noch immer rangen die Deutschen nicht nur in Europa, sondern auch in -Asien gegen eine Welt von Feinden. Ströme von Blut waren geflossen. -Millionen der kräftigsten Männer deckte der Rasen. Weshalb machten -denn die herrschenden Klassen dem gräßlichen Morden kein Ende? Weshalb -schlossen die neuen Machthaber in Rußland, die den entthronten Zaren -verhaftet und die Herrschaft der bisher regierenden Klassen zertrümmert -hatten, denn nicht Frieden? - -Eines Tages kam Lüdicke triumphierend mit der Nachricht nach Hause, -jetzt hätten die wirklichen Arbeiter die Macht an sich gerissen und -die Kriegsverlängerer gestürzt. Jetzt würde sofort Friede geschlossen -werden.... Seine Nachrichten bewahrheiteten sich.... Aber für die -deutschen Gefangenen schlug noch lange nicht die Erlösungsstunde. -Verzweifelt fragte Franz Tag für Tag sich und seinen Freund, ob die -deutsche Regierung sie ganz vergessen und in Stich gelassen hätte. -Weshalb tauschte sie nicht die Gefangenen aus? - -„Weil in Deutschland noch diejenigen an die Rejierung sind, wo den -Krieg anjefangen haben. Der Friede und die Auslieferung wird erst -kommen, wenn wir Arbeiter rejieren, wie jetzt hier in Rußland.“ - - - - -21. Kapitel - - -Im Morgengrauen kam Franz auf der kleinen Haltestelle in der Heimat an. -Seit dem Augenblick, da der Abgesandte des Schwedischen Roten Kreuzes -die beiden deutschen Gefangenen in dem sibirischen Dorf entdeckt und -ihre Befreiung erwirkt hatte, stand ihm der Moment vor Augen, der jetzt -an ihn herangetreten war, wo er den Berg herauf zum Elternhause wandern -würde. Manchmal kam dabei in seine Gedanken eine große Freude, aber -noch öfter befiel ihn tiefe Niedergeschlagenheit. Lebten die Eltern -noch? Was war aus Liesel geworden? Wo war sie geblieben? Hatte sie ihn -als tot betrauert und sich einem anderen zugewandt? - -Es war ein frischer Morgen im Vorfrühling. Nur die Kätzchen an den -Weidenbäumen deuteten darauf hin, daß sich die Auferstehung der -Natur vorbereitete. Und die Lerchen, die wieder hier und dort sich -vom dunklen Acker emporschwangen, sangen dem ersehnten Frühling den -Willkommensgruß. Ein Bauernbursch, der mit Pferden und Pflug aufs Feld -zog, kam ihm entgegen. Franz erkannte ihn und fragte, ob der Pfarrer -Uwis noch lebe. Der halbwüchsige Junge grunzte, ohne die qualmende -Zigarette aus dem Munde zu nehmen, ein unhöfliches Ja. Er hatte den -frühen Wanderer nicht erkannt. Denn ihm war in den vier Jahren ein -blonder, krauser Bart gewachsen, der ihn älter erscheinen ließ, als er -war. - -Er wollte am Pfarrhaus still vorbeigehen. Aber der vertraute Anblick, -der so viele liebe Erinnerungen in ihm aufrührte, ließ ihn stehen -bleiben. Eben wollte er sich zum Weitergehen wenden, als ein rosiges, -blondes Mädel aus der Tür trat, frisch wie eine Knospe im Morgentau. -Es war Lotte. Wie gebannt blieb er stehen. Sie musterte ihn mit -forschendem Blick. Dann weiteten sich ihre Augen wie im freudigen -Schreck. Eine jähe Röte schoß ihr ins Gesicht. Mit beschwingtem Fuß -eilte sie auf ihn zu und warf ihm beide Hände entgegen: „Franz!“ ... -und noch einmal leiser, inniger, scheuer: „Franz, bist du es wirklich?“ - -„Ja, ich bin es, Lotte.“ - -„Willst du zu uns, zu Onkel Uwis?“, verbesserte sie sich. „Wann bist du -gekommen?“ - -„Ich komme eben von der Bahn. Ist der Onkel Uwis schon auf?“ - -„Er ist schon wach. Ich hole ihm eben frisches Gebäck, dann trage ich -ihm den Kaffee ans Bett. Er ist schon etwas hinfällig und muß geschont -werden. Aber die Freude wird ihn verjüngen.“ - -In frohen Gedanken stand Franz vor der Haustür und wartete, bis Lotte -zurückkam und ihn ins Haus führte. Nicht lange danach hörte er durch -die halbgeöffnete Tür die Stimme seines alten Freundes. „Was ... der -Franz ist da? Junge, wo steckst du?“ - -Mit einem Satz war Franz in der Tür. „Onkel Uwis!“ ... Er warf sich vor -dem Bett auf die Knie und schlang seine Arme um die Brust des alten -Freundes. „Daß mir Gott noch diese Freude bescheren würde, dich lebend -wiederzusehen, habe ich nicht zu hoffen gewagt. Jetzt kann ich in -Frieden dahinfahren.“ - -Er legte ihm die Hand wie segnend auf die krausen Haare. „Und nun steh -auf, mein Junge, erquick deinen Körper mit Speise und Trank und uns -durch die Schilderung deiner Lebensschicksale.“ - -„Ich bin im Oktober 1914 verwundet und habe ein Auge eingebüßt, ich -trage ein künstliches. Dabei geriet ich in Gefangenschaft, wurde nach -Sibirien verschleppt, und erst vor vier Wochen befreit. Später erzähle -ich ausführlich. Jetzt berichte du erst, wie es hier steht. Leben meine -Eltern?“ - -„Dein Vater starb schon im Herbst 1914 den Heldentod in der Schlacht -bei Tannenberg.“ - -„Schon so lange tot und ich habe keine Ahnung davon gehabt! Weiter, -Onkel!“ - -„Deine Mutter lebt, vergrämt, verbittert. Aber die Freude über deine -Rückkehr wird sie wieder aufrichten .... Deine Schwester Emma hat im -Kriege auch ihren Mann verloren und führt der Mutter den Haushalt. Sie -besaß nie die rechte Fröhlichkeit des Gemüts, jetzt ist sie durch ihr -Unglück hart und grämlich geworden, und ich muß dir leider sagen, daß -sie nicht liebevoll an der Mutter handelt.“ ... - -Franz hörte, wie Lotte leise hinausging und die Türe hinter sich -schloß. Da stieß er die Frage hervor, die ihm schon das Herz -verbrannte: „Und Liesel? Wo ist Liesel?“ - -Der alte Herr nahm seine Hand und drückte sie mit beiden Händen: -„Liesel ist bei Gott.“ - -Franz senkte den Kopf und deckte die Hand über die Augen. Auf alles war -er vorbereitet, nur auf diese Nachricht nicht. „Meine Liesel tot ... -und ich lebe“ ... flüsterte er tonlos. - -„Sie starb in meinen Armen. Ihre letzten Worte waren ein Gruß und -ein Segenswunsch für dich. Sie starb für dich, aber sie hat dir ein -heiliges Vermächtnis hinterlassen. Du hast einen Sohn, Franz. Liesel -hat dir einen Sohn geschenkt, bei dessen Geburt sie ihr junges Leben -verlor .... Dein verjüngtes Ebenbild. Hörst du, Franz. Dein Leben hat -wieder Inhalt, es ist mit der Verantwortlichkeit für dein Kind erfüllt.“ - -Nach einer Weile sprach er weiter: „Deine Mutter hat Liesel an ihr -Herz genommen und sie wie eine Tochter gehalten. Aber daß der Junge -dir erhalten blieb, das hast du nur der Lotte zu danken, die nach dem -Tode ihrer Mutter, die auf der Flucht starb, bei deinen Eltern Zuflucht -fand. Als Emma ins Elternhaus zurückkehrte, war ihres Bleibens dort -nicht länger. Deine Schwester sah scheel auf den Kleinen und behandelte -ihn lieblos, weil deine Mutter ihm die Hälfte des Erbteils zuwenden -will. Und da meine Frau mir schon vor einem Jahr ins bessere Jenseits -vorausgegangen ist und ich nach der Rückkehr von der Flucht hinfällig -wurde, nahmen wir Lotte ins Haus. Sie brachte den kleinen Franz mit, -und wir freuten uns dessen. Denn der kleine Bube wurde die Freude -unseres Alters.“ ... - -Er hielt inne, denn die Tür öffnete sich und ein kleiner Bube mit -blonden Kraushaaren sprang ins Zimmer. Er warf einen scheuen Blick auf -den fremden Mann, dann stieg er behende ins Bett, umfaßte den alten -Herrn und küßte ihn. „Großväterchen, ich wünsche dir einen schönen, -guten Morgen.“ - -Da konnte sich Franz nicht beherrschen. Mit beiden Händen griff er zu -und riß den Knaben ungestüm an seine Brust. Erschreckt fing der Kleine -an zu weinen. „Aber Franzel, das ist doch dein Väterchen“, rief Lotte -von der Tür her. „Ich habe dir doch so oft sein Bild gezeigt.“ - -Der Kleine schüttelte den Kopf .... „Der ist nicht mein Vater ... der -sieht anders aus.“ - -„Nimm den Kleinen raus,“ entschied der Pastor, „so schnell geht das -nicht bei Kindern .... Und du, Franz, wirst gut tun, deinen Bart -abnehmen zu lassen, damit du deinem Bild wieder ähnlich wirst. Oder -legst du soviel Wert auf den Mannesbart, daß du ihn deinem Sohn nicht -opfern willst?“ - -„Nein, Onkel, das werde ich gern und bald tun.“ Er stand auf und reckte -wie anklagend die Hände empor. „Ach Gott, was hat mir dieser verfluchte -Krieg alles genommen. Den Vater, das geliebte Weib, die Liebe des -Kindes und vier Jahre meines Lebens.“ - -Mißbilligend schüttelte der Pastor sein weißes Haupt. „Du bist -verbittert und ungerecht.“ - -„Verbittert? Ja. Und ist es ein Wunder? Aber ungerecht .... Nein, ich -kann bloß die göttliche Weltordnung nicht mehr begreifen, die soviel -Unheil über die Menschheit kommen ließ, soviel blühende Menschen -vernichten ließ.“ - -„Dein Schmerz macht mir deinen Ausbruch begreiflich. Was Gott in seinem -unerforschlichen Ratschluß über die Menschheit verhängt hat ...“ - -„das glaubt ihr mit Lammesgeduld ertragen, ja ihm noch dafür danken -zu müssen“, warf Franz heftig dazwischen. „Wir Jungen denken anders -darüber. Wir haben die Ursachen der Geschehnisse kennengelernt, die -du Gottes unerforschlichem Ratschluß zuschreibst. Wir sehen dahinter -die Raub- und Profitgier menschlicher Bestien, von denen wir als den -Machthabern gebeugt und geduckt werden. Das gibt es nicht mehr .... -Die Macht muß diesen Teufeln in Menschengestalt entrissen und reineren -Händen anvertraut werden. In Deutschland ist es ja bereits geschehen.“ - -Mit entsetzten Augen sah der Pastor auf den jungen Freund, der -aufgeregt im Zimmer auf und ab ging. „Franz, du bist krank -zurückgekehrt. Ich will heute mit dir nicht rechten und nicht streiten -... Sieh dich erst mal einige Wochen in der Heimat um, aber mit offenen -Augen ohne Scheuklappen davor. Hör mal erst, wie die neuen Herren -Deutschlands sich gebärden und wie die neue Weltordnung aussieht, die -sie aufgerichtet haben. Dann wollen wir weiter darüber reden.“ - -Franz trat zu ihm ans Bett und reichte ihm die Hand. „Verzeih, Onkel, -ich wollte dich nicht kränken. Du magst Recht haben, daß die neue Zeit -viel Unerfreuliches zutage bringt, aber das ist bei solchen Umwälzungen -unvermeidlich. Das muß bei den großen Errungenschaften mit in Kauf -genommen werden.“ - -„Teuerer Kauf,“ murmelte der Alte, „aber nun geh nach Hause und begrüß -die Mutter. Nur um eines bitte ich dich: erschrick die alte Frau nicht -durch deine heftigen Redensarten. Sie ist schon sehr hinfällig.“ - -Als Franz in den Flur seines Elternhauses trat, kam aus der Küche seine -Schwester Emma, ein stattliches Weib mit hartem Gesicht und kalten -Augen. - -„Was wünschen Sie?“ - -Mit bitterem Lächeln erwiderte er: „Kennst deinen Bruder wirklich -nicht mehr?“ Er wandte sich zur Stubentür. Da trat sie vor ihm und -versperrte ihm den Weg. „Die Mutter ist sehr schwach, ich muß sie erst -vorbereiten.“ - -In Franz wallte der Zorn auf. „Weib, bist du toll? Du willst mich nicht -zur Mutter lassen?“ - -Aus der Stube kam ein schwacher Ruf: „Franz! ... Franz! ...“ - -Mit einem harten Griff schob er die Schwester zur Seite und trat -ein. Aus dem Lehnstuhl am Fenster streckte ihm die Mutter die Hände -entgegen. Freudentränen rannen über ihr welkes Gesicht. Er warf sich -vor ihr auf die Knie, barg sein Gesicht in ihrem Schoß und weinte lange -still vor sich hin. - -Als er aufstand, war sein Gesicht ruhig, aber hart. „Mutter, weißt du, -daß nach dem Willen des Vaters der Hof mir gehören sollte?“ - -„Ja, mein Sohn, es war ja sein höchster Wunsch, daß du Landwirt werden -solltest, damit der Hof nicht in fremde Hände käme.“ - -„Es ist gut, Mutter, ich danke dir. Ich danke dir auch für alle Liebe, -die du meiner Liesel erwiesen hast.“ - -„Hast deinen Jungen schon gesehen?“ - -Franz lächelte schwach. „Ja, Mutter, er will den Vater nicht kennen.“ - -„Ach, das wird schon kommen. Ich mußte ihn leider mit der Lotte -weggeben. Die Emma war nicht gut zu ihm.“ - -„Auch zu dir ist sie nicht gut, Mutter.“ - -„Ach Kind, ich beanspruche ja nichts. Erzähl’ lieber, wie es dir -ergangen ist.“ - -Während Franz erzählte, kam Emma herein und setzte der Mutter einen -Topf Kaffee und ein mager gestrichenes Stück Brot aufs Fensterbrett. -Franz stand auf, nachdem er die matte Brühe gekostet, und ging ihr -nach. „Weshalb hältst du die Mutter so karg? Weshalb gibst du ihr nicht -ein Ei und ein Stückchen Fleisch zum Frühstück?“ - -„Die Eier müssen verkauft werden, die können wir uns nicht bezähmen.“ - -„Von jetzt ab wird die Mutter besser genährt.“ - -„Darüber hast du doch nicht zu bestimmen“, erwiderte die Schwester -höhnisch. „Vorläufig gehört dir vom Hof noch gar nichts. Der Vater hat -der Mutter den Hof vermacht, und es kommt nur darauf an, wem sie den -Hof verschreibt. Dann kriegst du deinen Anteil ausgezahlt und gehst -deiner Wege.“ - -Er ließ sie ohne Antwort stehen und ging wieder in die Stube. „Mutter, -hier muß erst reiner Tisch gemacht werden, damit ich weiß, woran ich -bin. Willst du den letzten Willen des Vaters erfüllen, daß ich den Hof -übernehmen soll?“ - -Emma war in die Tür getreten. „Den letzten Willen des Vaters hat die -Mutter schriftlich. Ihr gehört der Hof.“ - -„Und ich verschreibe ihn, wie mein seliger Mann, euer Vater, wollte, -dem Franz“, erwiderte die Mutter ruhig, aber bestimmt. Da warf Emma die -Tür hinter sich ins Schloß. - -„Wer wirtschaftet hier?“, fragte Franz weiter. - -„Ein alter, abgedankter Inspektor, den Emma angenommen hat. Sie -versteht nichts davon, und ich bin zu schwach und kann mich nicht darum -bekümmern. Ich glaube, er wirtschaftet in seine eigene Tasche, denn ich -habe schon Papiere verkaufen müssen, weil das Geld nicht langte und -kein Getreide zur Saat vorhanden war.“ - -„Bist du damit einverstanden, Mutter, daß ich die Wirtschaft übernehme -und den Inspektor entlasse?“ - -„Ja, mein Sohn, du hast darüber zu bestimmen.“ - -Als der Inspektor eine Stunde später zum zweiten Frühstück hereinkam, -führte ihn Franz in das Arbeitszimmer seines Vaters. Der Mann mißfiel -ihm vom ersten Anblick an. Er hatte ein verkniffenes Fuchsgesicht mit -listig zwinkernden Augen. - -„Welche Kündigungszeit haben Sie?“, fragte Franz. - -„Kündigungszeit?“, erwiderte der Inspektor, „darüber ist nichts -ausgemacht.“ - -„Das Übliche ist wohl vierteljährliche Kündigung. Also kündige ich -Ihnen vom 1. April zum 1. Juli. Sie bekommen Ihr Gehalt für die Zeit -und können gehen. Ich beanspruche Ihre Dienste nicht mehr.“ - -„Sie ... Sie beanspruchen meine Dienste nicht mehr? Herr, wer sind Sie -denn eigentlich?“ - -Franz bezwang den Ärger, der in ihm aufstieg und erwiderte ruhig: „Ich -bin der Sohn des Hauses und handele im Auftrage meiner Mutter.“ - -„So? Aber ich nehme die Kündigung nicht an. Die Zeiten haben sich -geändert, junger Mann, was Sie noch nicht zu wissen scheinen. Jetzt -darf man nicht mehr einen Menschen so mir nichts, dir nichts auf die -Straße setzen.“ - -„Sie weigern sich also, mein Haus zu verlassen?“ - -„Ja, und wenn Sie was gegen mich unternehmen, wende ich mich an unseren -Arbeiterrat, der wird bald Ordnung schaffen.“ - -Franz sah ihn halb belustigt, halb spöttisch an. „Gut, daß Sie mich an -diese neue Instanz erinnern. Das Weitere wird sich finden.“ - -Er zog sich an und ging zum Nachbarn, einem alten, guten Freund seines -Vaters. Nachdem der erste Sturm der Begrüßung vorüber war und er seine -Erlebnisse kurz berichtet hatte, fragte er: „Sag mal, Ohm Dahlheimer, -was geht bei mir zu Hause vor? Was ist der Inspektor für ein Mensch?“ - -Der Bauer zuckte die Achseln. „Man möchte sich nicht das Maul -verbrennen. Sieh zu, daß du den Menschen aus dem Hause kriegst.“ - -„Wie ich höre, habt ihr hier auch einen Arbeiterrat. Wer gehört dazu?“ - -„Ein Tagelöhner von dir, der Wölk, und zwei Kerle, die dem lieben Gott -den Tag abstehlen und sich dafür bezahlen lassen.“ - -In schweren Gedanken ging Franz heim. Gegen Abend ließ er durch -Wölk den Arbeiterrat versammeln und ersuchte um die Zustimmung zur -Entlassung des Inspektors. Sofort erklärte einer der „Räte“: „Dazu -liegt unseres Wissens kein Grund vor. Sie können dem Mann nicht die Tür -weisen, weil Sie jetzt selbst wirtschaften wollen. Das geht jetzt nicht -mehr so wie früher.“ - -„So? Geht das nicht mehr? Das werde ich mir merken. Nichts für ungut, -meine Herren, daß ich Sie bemüht habe.“ - - - - -22. Kapitel - - -Die nächste Zeit war ganz dazu angetan, Franz den Aufenthalt in der -Heimat zu verleiden. Sein gesunder Sinn empörte sich gegen die Faulheit -der Arbeiter. Früher wurde von der Saatzeit an auf dem Lande von -Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gearbeitet. Jetzt faulenzten die -Knechte und Tagelöhner die zehn Stunden ab, die von den Landwirten mit -vieler Mühe durchgesetzt waren, und beanspruchten dafür eine unmäßig -hohe Entlohnung in Geld und Naturalien. Bei dem geringsten Anlaß erhob -der Arbeiterrat Einspruch gegen die Anordnungen des Gutsherrn. Man -mußte sich nur wundern, daß die Landwirte nicht die Lust und Geduld -verloren. - -Auch die Zustände im Hause waren unleidlich. Emma umlauerte die -Mutter, und wenn Franz abends auf ein Stündchen in den Pfarrhof ging, -setzte sie ihr hart zu, daß sie ihr den Hof verschreiben sollte. Das -Essen, das er und die Mutter vorgesetzt erhielten, war mager und ohne -Sorgfalt zubereitet. Aber oft drangen aus der Küche, wo Emma und der -Inspektor aßen, Düfte von gebratenem Fleisch. - -Am liebsten wäre Franz auf der Stelle davongegangen. Er konnte doch -aber nicht die Mutter allein in Emmas Hände lassen. Dann brach ihr -Widerstand zusammen und sie verschrieb der Tochter den Hof. An Geld -fehlte es ihm nicht, um sich einige Zeit über Wasser zu halten, bis -er sich eine neue Existenz gegründet hatte, denn die Mutter hatte ihm -alles gegeben, was sie noch an Wertpapieren und Pfandbriefen besaß, und -das war mehr, als er erwartet hatte. - -Das Einfachste wäre gewesen, wenn die Mutter ihm vor dem Notar den -Hof verschrieben hätte. Aber sie hatte wie soviele Menschen den -Aberglauben, daß sie bald sterben müßte, wenn sie ihr Testament machte. - -Und noch eines hielt ihn in der Heimat fest. Seine Liebe zu dem Jungen. -Am liebsten hätte er ihn zu sich genommen. Aber er mußte sich doch -sagen, daß der Kleine es im Pfarrhause unter Lottes liebevoller Pflege -viel besser hatte als bei ihm zu Hause. Ab und zu brachte Lotte ihn auf -ein Stündchen zur Großmama, was dem kleinen Buben kein sonderliches -Vergnügen bedeutete. Auch zu dem Vater, der sich ihm zu Liebe den Bart -hatte abnehmen lassen und nun seinem Bilde aus jüngeren Jahren wieder -ähnlich sah, kam er in kein herzliches Verhältnis, obwohl ihn Franz -mit Spielzeug und gegen den Willen der „Tante Lotte“ mit Näschereien -beschenkte. Die Bande des Blutes zeigten sich in dem Kleinen nicht -lebendig. Sie fehlten ja auch gänzlich zwischen Bruder und Schwester. - -An der Zuneigung, die Lotte dem Jugendfreund entgegenbrachte, ging -Franz achtlos vorbei. Sie kam ihm nicht zum Bewußtsein, denn sein -Schmerz und seine Trauer um Liesel waren noch so lebendig, als wenn der -Verlust ihn erst vor wenigen Tagen getroffen hätte. - -Nach vierzehn Tagen kam Lüdicke unerwartet an. Beim Abschied in -Berlin hatte er dem Freund und Genossen versprochen, ihn zu besuchen, -sobald er sich in oder mit Hilfe der Partei eine Stellung verschafft -hatte. Das war ihm schneller gelungen, als er gehofft hatte. Auf -einer Versammlung in Berlin traf er mit einigen Genossen zusammen, -die inzwischen in führende Stellungen eingerückt waren. Seine starke -Persönlichkeit, seine gewaltige Rednergabe, die er in der Versammlung -mit großem Erfolg betätigte, machten ihn zu einem brauchbaren -Werkzeug. Er wurde damit betraut, die Streitigkeiten, die an mehreren -Stellen zwischen Arbeiter- und Soldatenräten und den als Gegengewicht -aufgestellten Bürgerräten in Ostpreußen ausgebrochen waren, zu -untersuchen und zu schlichten. Er war gut gekleidet und sein starker -Schnurr- und Knebelbart gaben ihm ein martialisches Aussehen. - -Er kam schon von der „Arbeit“. Schon von Berlin aus hatte er sich -in der Kreisstadt eine Versammlung einberufen lassen und mit seiner -Donnerstimme und mit der Wucht seiner Phrasen die Genossen in die -höchste Begeisterung versetzt. Auch der nötige Respekt fehlte nicht. So -war es ihm denn am nächsten Vormittag ein Leichtes, das Einvernehmen -zwischen den streitenden Parteien herzustellen. Franz empfing den -Freund mit ehrlicher Freude. Nur der Gedanke bedrückte ihn, daß -der scharf blickende Mann Einsicht in das Elend seiner häuslichen -Verhältnisse gewinnen würde. - -Etwas zaghaft betrat er die Küche, um Emma von der Ankunft des Gastes -zu benachrichtigen und sie um eine gute Bewirtung zu bitten. Zu seinem -Erstaunen sah er, daß sie sich gut und sauber gekleidet hatte, während -sonst leider das Gegenteil der Fall war. Und auf seine Bitte erwiderte -sie, sie wisse allein, was man einem Gast vorzusetzen habe. So verlief -der Begrüßungsschmaus ganz vergnüglich. Lüdicke führte das Wort. Er -erzählte lustig kleine Begebenheiten aus der Gefangenschaft, und Emma -hatte eine freundliche Miene aufgesetzt, die sie sehr zum Vorteil -veränderte. - -Nach dem Essen begleitete Franz seinen Gast in den Dorfkrug, wohin -er sich die Arbeiterräte der umliegenden Dörfer eingeladen hatte. -Mit geheimer Freude hörte Franz, wie sich sein Freund den Räten als -Kommissar der Volksbeauftragten vorstellte und hinzufügte, er habe hier -nach dem Rechten zu sehen. Dann ließ Lüdicke sich am Tisch nieder und -begann mit dröhnender Stimme zu reden. Die siegreiche Revolution wolle -den Menschen Friede, Ruhe und Ordnung schaffen. Die Macht liege jetzt -in den Händen des Volkes, und das sei gut so. Dann geißelte er die -Sünden der alten Regierung und wurde sehr heftig dabei. Aber zum Schluß -kam doch eine sehr deutliche Ermahnung, Ruhe zu halten und fleißig zu -arbeiten. Nur die Arbeit könne uns wieder emporführen. - -Die große Wirtsstube hatte sich während seiner Rede gefüllt. Die -Genossen spendeten kräftigen Beifall. Als wieder Stille eingetreten -war, rief von der Tür her ein alter Bauer, der den Mund auf dem rechten -Fleck hatte: „Herr Kommissar, das war alles sehr schön, was Sie gesagt -haben, bloß mit der Arbeit klappt es nicht, wenigstens bei uns nicht. -Wenn unsere Leute jetzt in der Saatzeit nicht mehr leisten, dann -kriegen wir die Saat nicht in den Boden, und dann können die Herren -Berliner im Herbst hungern.“ - -„Der Mann hat Recht,“ warf Franz dazwischen, „unsere Leute stehlen dem -lieben Gott den Tag weg und die Räte bestärken sie darin. Unsere ganze -Landwirtschaft geht vor die Hunde, wenn das nicht anders wird.“ - -Auch noch andere erhoben ihre Stimme, einige von den Räten -widersprachen und daraus wurde ein greulicher Tumult, bis Lüdicke mit -der Faust auf den Tisch schlug und Ruhe gebot. Nun durfte jeder vor ihm -hintreten und seine Meinung äußern. Als Ergebnis der Debatte erklärte -der Kommissar, die Landarbeiter müßten in der verkürzten Arbeitszeit -soviel schaffen, ja womöglich noch mehr als früher, denn das Reich wäre -darauf angewiesen, daß die Landwirtschaft alles, was möglich sei, aus -dem Boden heraushole. - -Auch die Räte bekamen ihre Standpauke. Sie wären nur dazu da, bei -Streitigkeiten die Interessen der Arbeiter wahrzunehmen. Eingriffe in -den Wirtschaftsbetrieb ständen ihnen nicht zu. - -Auf dem Heimwege sagte Franz dem Freunde: „Du hast dir heute Abend -einen großen Anhang geschafft, weniger bei den Arbeitern als bei den -Bauern. Und du schaffst wirklich Segen, wenn du die unleidlichen -Zustände besserst. Wenn wir bloß viele solcher Männer hätten wie dich.“ - -„Geschenkt!“, erwiderte Lüdicke lachend, „es ist doch -selbstverständlich, daß die Kirche im Dorf bleiben muß. Wir wollen -nicht zerstören, sondern neu aufbauen .... Und weshalb sollen wir -nicht, was gut ist, behalten? Aber nun möchte ich auch hören, wie es -dir geht. Wo ist die Liesel?“ - -„Die ist bei der Geburt eines Jungen gestorben. Mein Vater ist als -Landsturmmann schon 1914 gefallen. Meine Schwester hat auch ihren Mann -verloren. Meine Rückkehr hat ihr wenig Freude bereitet, denn sie fühlte -sich schon als Alleinerbin und Besitzerin des Hofes. Nun macht sie ihn -mir streitig, obwohl es der ausdrückliche Wille meines Vaters war, ihn -mir zu geben.“ - -„Das ist der Fluch des Geldes und des Besitzes. Er wirft Zwietracht -zwischen Eltern und Kinder und zwischen Geschwister. Nun sag mal, -alter Freund und Genosse, willst du dich hier einkapseln und als Bauer -versauern?“ - -„Nein, das möchte ich nicht, aber ich kann hier nicht weggehen, ehe der -Streit um die Erbschaft entschieden ist.“ - -„Wer hat denn darüber zu entscheiden?“ - -„Jetzt noch die Mutter.“ - -„Gut, dann werden wir das morgen gleich in Ordnung bringen.“ - -Es war wunderbar, wie sich alles im Hause dem Gast beugte und fügte. -Zuerst mußte der Inspektor ihm in Gegenwart von Franz und Emma seine -Wirtschaftsbücher vorlegen. Sie waren sehr unordentlich geführt, -ergaben aber, daß erhebliche Summen beiseite gebracht worden waren. -Einen Teil hatte Emma erhalten, aber für viele Posten fehlte jeder -Beleg, wofür er ausgegeben war. - -„Was willst du deswegen veranlassen?“, fragte Lüdicke. - -„Ich werde nichts gegen den Mann tun, wenn er sofort das Haus verläßt.“ - -Ohne ein Wort zu erwidern, stand der Inspektor auf und ging hinaus. -Nun begaben sich alle drei zur Mutter. Frau Rosumek tat etwas -ängstlich, als der Gast, den sie gestern Abend nur flüchtig begrüßt, -ihr zuredete, in seinem Beisein über den Hof und die Erbschaft zu -verfügen. Aber sie nahm sich zusammen und erklärte Franz zu ihrem -Haupterben. Lüdicke brachte ihren Willen sofort zu Papier und ließ alle -drei unterschreiben. Emma erhob keinen Einwand, worüber sich Franz -im Stillen wunderte. Es schien ihm, als ob sie es vermeiden wollte, -dem Gast zu mißfallen. Als Franz in seiner Ehrlichkeit dann noch die -ihm von der Mutter übergebenen Werte zur Sprache brachte, entschied -Lüdicke, Emma habe wohl ebensoviel aus der Wirtschaft herausgenommen. -Und sie gab sich damit zufrieden. - -Als der Gast am nächsten Morgen Abschied nahm, befürchtete Franz noch -eine heftige Auseinandersetzung mit der Schwester. Sie blieb jedoch -aus. Im Gegenteil, Emma kehrte nicht die Kratzbürste, sondern die -freundliche Seite ihres Wesens heraus, fragte den Bruder nach seinen -Wünschen wegen des Essens und erfüllte sie. Er war, wie er merkte, -durch die Freundschaft mit Lüdicke eine Respektsperson für sie -geworden. Daß der stattliche Mann ihr sehr gut gefiel und sie ihn zu -gewinnen hoffte, ahnte er nicht. - -Als Lüdicke nach acht Tagen unvermutet wiederkehrte, wurde er sehr -freundlich empfangen. Emma war klug. Sie verstand es, den Gast zum -Reden zu bringen und aufmerksam zuzuhören .... Und sie umgab ihn -mit wohlberechneten Aufmerksamkeiten, so daß Lüdicke sich im Hause -seines Freundes sehr behaglich fühlte und von seinen Reisen durch die -Provinz immer wieder nach Schwentainen zurückkehrte .... Eines Tages -überraschte er Franz mit der Frage, ob er ihm als Schwager willkommen -wäre. - -„Das ist doch keine Frage, alter Freund. Bist du mit meiner Schwester -schon einig?“ - -„Nein, ich habe ihr noch kein Wort gesagt, aber ich glaube, sie mag -mich gut leiden. Willst du mir den Gefallen tun und auf den Busch bei -ihr klopfen?“ - -Franz lachte laut auf. „Du hast dich nicht vor Tod und Teufel -gefürchtet und hast vor einer Schürze Angst? Aber selbstverständlich -tue ich dir den Gefallen.“ - -„Schönen Dank und vergiß auch nicht, bei deiner Mutter ein gutes Wort -für mich einzulegen.“ - -Emma wurde weder rot noch verlegen, als ihr Franz die Frage vorlegte, -ob sie Lüdicke nehmen möchte. Ihr Wesen kam jedoch sehr deutlich durch -die Frage zum Ausdruck: „Was ist er eigentlich?“ - -„Arbeiter, einfacher Metallarbeiter. Aber die Leute verdienen jetzt ein -Heidengeld.“ Mit geheimem Vergnügen sah er ihre Enttäuschung. „Er wird -aber jetzt Gewerkschaftssekretär ... das ist eine sehr einflußreiche -Stellung. Er kann bald Landrat oder gar Minister werden.“ - -„Wenn das richtig ist, kann er bei mir anklopfen.“ - -Die Mutter fragte etwas anderes, als Franz ihr von der Bewerbung seines -Freundes Mitteilung machte. „Ist er ein guter, ehrlicher Mensch?“ - -„Ja, Mutter, er hat ein gutes Herz. Ich kenne ihn zur Genüge.“ - -„Er wird mit der Emma einen schweren Stand haben.“ - -„Ich glaube nicht, Mutter, sie hat vor ihm einen gewaltigen Respekt, -und er wird ihn zu wahren wissen.“ - -„Dann will ich ihn gern als Schwiegersohn begrüßen.“ - -Noch am selben Abend fand die Verlobungsfeier statt. Emma schwamm -in Seligkeit, daß sie nach Berlin käme, aber sie war in Sorge, ob -ihre Möbel, die sie auf den Speicher gebracht hatte, der Würde und -Stellung ihres Gatten entsprechen würden. Lüdicke drängte auf baldige -Festsetzung der Hochzeit, die natürlich in Schwentainen stattfinden -sollte. Als Emma dagegen einwarf, daß sie noch ein neues Seidenkleid -für die Kirche brauche, machte er ein verdutztes Gesicht. - -„Das mit der kirchlichen Trauung mußt du dir aus dem Kopf schlagen. Ich -bin Atheist und aus der Kirche ausgetreten ...“ - -„Aber ich nicht .... Ich will mit dir vor den Altar treten oder gar -nicht“, erwiderte Emma heftig. - -„Weshalb gleich so heftig, liebe Emma“, erwiderte er ruhig. „Damit -kommst du bei mir nicht durch. Auf eine freundliche Bitte würde ich -vielleicht eingehen.“ - -In demselben Augenblick hatte Emma begriffen und sich umgestellt. Sie -sprang auf, schmiegte sich zärtlich an ihn und schmeichelte ihm die -Einwilligung ab. „Ich fürchte nur, der Pfaffe wird mich nicht in die -Kirche rein lassen.“ - -„Darüber kannst du beruhigt sein“, warf Franz ein. „Unser alter Pastor -Uwis wird dir keine Schwierigkeiten bereiten. Und du mußt es unserer -Familie wegen tun. Hier gehört die kirchliche Trauung noch zu einer -richtigen Ehe.“ - -Die Hochzeit wurde großartig ausgerüstet. Nach drei Tagen fuhr das -junge Paar ab nach Berlin. - -Es war die letzte Trauung, die der alte Uwis vollzog. Er war nicht -eigentlich krank, aber er verfiel immer mehr. Am nächsten Sonntag -war er so schwach, daß er nicht aufstehen konnte und sich vom Lehrer -vertreten lassen mußte. Gegen Abend kam Franz, nach ihm zu sehen. Er -beugte sich über ihn. „Onkel, hast du Schmerzen?“ - -„Nein, nein, lieber Junge, mir fehlt nichts.“ - -Lotte brachte ihm ein Glas Wein, das er gehorsam austrank. Danach -wurde er munter und erzählte aus seiner Jugendzeit allerlei kleine -Begebnisse .... Mitten drin wurde seine Stimme schwächer und schwächer, -bis sie erlosch. Sein Kopf neigte sich zur Seite. Er schlief ein. -Sanft drückte ihm Franz die Augen zu. Lotte saß neben ihm und weinte -still. Der Tod des alten Mannes nahm ihr die letzte Stütze, die sie im -Leben noch hatte. Fortan war sie ganz allein auf sich gestellt, denn -der Mann, den sie seit frühester Jugend im Herzen trug, um den sie so -manche schwere Träne geweint, erwiderte ihre Liebe nicht. Er schien sie -nicht einmal zu ahnen. - - - - -23. Kapitel - - -Das Begräbnis des Pastors Uwis brachte es allen Beteiligten zum -Bewußtsein, welche Liebe und Verehrung sich der seltene Mann in den -weitesten Kreisen erworben hatte. Nicht nur die Insassen seines -Kirchspiels und die Amtsbrüder aus den Nachbarorten, sondern von weit -und breit waren Männer gekommen, um dem Verewigten die letzte Ehre -zu erweisen. Es war Anfang Juni, die Zeit, in der Ostpreußen seinen -Wonnemonat erlebt. Der Flieder blühte und duftete, die Kastanien hatten -ihre weißen und roten Pyramiden aufgesetzt. Aus den hohen Silberpappeln -und Buchen, die das schmucklose, altersgraue Kirchlein umgaben, das -der Zerstörung entgangen war, schmetterten die Buchfinken ihre helle -Strophe in das dünne Geläut der Glocken. - -Sechs Männer, die Uwis getauft, eingesegnet und getraut hatte, trugen -den Sarg, der mit Kränzen bedeckt war, nach dem nahen Gottesacker, wo -der Entschlafene neben seiner Gattin ruhen sollte. Über dem Grabhügel -häufte sich ein Berg von Blumen und Kränzen. - -Der Verstorbene hatte schon bei Lebzeiten Fürsorge für sein Begräbnis -getroffen. Sein Sarg stand lange Jahre, wie es noch an manchen -Orten Sitte ist, im Turm der Kirche. Nach dem Begräbnis sollten die -Leidtragenden in die Pfarre gebeten und mit Wein und Kuchen bewirtet -werden. Nur wenige folgten der Aufforderung, unter ihnen auch der -Oberamtmann, der den Verstorbenen von Jugend an kannte und hoch -schätzte. Auf dem Schreibtisch lag ein verschlossener Briefumschlag, -den Lotte dort hingelegt hatte. Er trug die Aufschrift: „Von Franz -Rosumek nach meinem Begräbnis zu eröffnen.“ - -Franz erbrach das Siegel und las den letzten Willen des Verstorbenen -vor. Er bestimmte zwei Drittel des Nachlasses für die Armen und -Waisen des Kirchspiels, ein Drittel und die Möbel erhielt Lotte, „die -treue Pflegerin“. Es waren einige tausend Taler, mit denen sich ein -strebsames, tüchtiges Mädchen seine eigene Existenz gründen konnte. -Nach der Bewirtung zerstreuten sich die Teilnehmer. Beim Abschied lud -der Oberamtmann Franz ein, ihn recht bald zu besuchen. Seine Frau -würde sich auch freuen, ihn wiederzusehen und von seinen Erlebnissen zu -hören. - -„Gern, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz. „Ich möchte aber das -Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Kann ich von Ihnen Saatgut -bekommen? Mein Speicher ist leer wie eine Tenne.“ - -„Aber selbstverständlich, Rosumek.“ - -Lotte saß am Fenster der Wohnstube, als Franz ins Pfarrhaus -zurückkehrte. Sie hatte die fleißigen Hände still im Schoß gefaltet -und plauderte mit dem kleinen Franzel, der an ihren Knien stand. Franz -setzte sich ihr gegenüber und nahm seinen Jungen auf den Schoß. - -„Ich komme im Auftrage meiner Mutter,“ begann er zögernd, „wir -betrachten es als selbstverständlich, daß du jetzt zu uns kommst.“ - -Lotte senkte den Kopf, um den Wechsel der Farben auf ihrem Gesicht zu -verbergen. Ganz leise erwiderte sie: „Franz, wie kannst du mir das -zumuten?“ Ihre Hände hoben sich und verdeckten das Gesicht. - -Ratlos sah Franz sie an. „Aber Lotte, ich verstehe dich nicht. Du bist -doch bei meinen Eltern wie ein Kind im Hause gewesen. Meine Mutter hat -dich lieb wie ihre eigene Tochter.“ - -Jetzt hob Lotte den Kopf und sah ihn fest an. „Quäl mich nicht, Franz, -ich kann nicht.“ - -„Das heißt, du willst nicht“, erwiderte Franz traurig. „Was soll denn -aus meinem kleinen Jungen werden? Die Mutter ist gebrechlich, ich habe -wenig Zeit, mich um ihn zu kümmern.“ Er setzte Franzel ab. „Geh, bitt’ -du die Tante, daß sie dich nicht allein läßt, sondern zu uns kommt.“ - -Der Kleine hatte mit verwunderten Augen von einem zum anderen geschaut. -Er hatte begriffen, daß die Tante mit ihm nicht zum Papa gehen wollte. -Jetzt umfaßte er ihre Knie. „Tante, liebe Tante, komm doch mit uns.“ - -Mit beiden Händen umfaßte Lotte seinen Kopf und küßte seine Stirn. „Ich -kann nicht, mein lieber, süßer Bub. Ich muß weit fortgehen zu fremden -Menschen.“ Sie hob den Kopf. „Ja, Franz, es ist besser, daß ich mich -jetzt von dem Kinde trenne. Über lang oder kurz wirst du dir eine Frau -nehmen, und dann muß ich aus dem Hause.“ ... - -Bei den letzten Worten schoß ihr eine jähe Röte ins Gesicht. Sie -schämte sich vor sich selbst, daß sie ihm so deutlich die Antwort, -die ihr Herz wünschte, in den Mund legte. Das hatte ja auch schon -in ihrer ersten Antwort gelegen, die er nicht verstanden hatte. Sie -fürchtete sich vor dem Zusammensein mit dem Manne, nach dem ihr Herz -schrie. Weshalb nahm er sie nicht in seine Arme? Er brauchte kein Wort -zu sagen, er brauchte sie nur an sein Herz zu nehmen. Aber anstatt des -Vaters hielt sie seinen Sohn in den Armen, herzte und streichelte ihn. - -„Ach, Lotte, du weißt ja nicht, wie mir zumute ist! Ich werde nie -heiraten, ich kann meine Liesel nicht vergessen. Du weißt ja nicht, wie -sehr ich sie geliebt habe. All die Jahre in der Gefangenschaft war die -Hoffnung, sie wiederzusehen, mein einziger Trost, der mich aufrecht -hielt. Kannst du es wirklich übers Herz bringen, den kleinen Buben, an -dem du Mutterstelle vertrittst, allein zu lassen? Weshalb willst du dir -nicht bei uns dein Brot ebenso verdienen wie bei fremden Menschen?“ - -Mit einem Ruck stand Lotte auf und setzte den Jungen auf die Erde. -Mechanisch strich sie ihre Schürze glatt. Ihre Lippen zuckten. „Ja, -Franz, du hast Recht, mich an die Pflicht zu erinnern, die ich deinem -Kind gegenüber übernommen habe. Ich werde dir deinen Haushalt führen. -Die Möbel können hier wohl solange stehen bleiben, bis der neue Pfarrer -kommt. Ich will sie nicht verkaufen, denn es hängen zuviel liebe und -traurige Erinnerungen daran. Du gibst mir wohl einen Raum, wo ich sie -unterstellen kann?“ - -„Lotte, wie soll ich dir danken?“ - -„Mach’ keine Redensarten, Franz, ich trete bei dir in Lohn und Brot. -- -Ja, noch eins. Willst du das Geld und die Wertpapiere an dich nehmen? -Ich meine, du wirst sie später dem neuen Pfarrer übergeben, der die -Stiftung verwalten soll. Ich komme gegen Abend mit Franzel. Ich muß -erst die Leute auslohnen und alles verschließen .... Oder besser, du -nimmst den Jungen gleich mit .... Geh, Franzel, mit deinem Väterchen, -ich komme gleich nach ....“ - -„Kommst auch wirklich, Tante?“, fragte der Kleine mißtrauisch. - -„Ja, Franzel, ich habe es ja deinem Väterchen versprochen, und ich -halte immer Wort.“ - -Als Franz gegangen war, brach sie haltlos nieder. Ein Schmerz, den sie -auch körperlich spürte, krampfte ihr das Herz zusammen. Sie haderte mit -sich und schalt sich töricht, daß sie nachgegeben hatte, anstatt die -Qual mit einem Schlage zu beenden .... Was hoffte sie denn noch? Sein -Herz war erfüllt von Trauer und Liebe zu einer Toten. An dem blühenden -Leben, das sich in Sehnsucht nach ihm verzehrte, ging er achtlos -vorüber. Aber sie konnte jetzt nicht mehr zurück; sie mußte Wort halten -und auch noch diese Prüfung auf sich nehmen ... bis ... bis vielleicht -.... Er hatte ja doch auch die heftige Leidenschaft für die schöne Dame -in Polommen überwunden und sich in Liesel verliebt. - -Allmählich wurde sie ruhiger. Ihr Benehmen war ihr klar vorgezeichnet. -Sie mußte Franz vom ersten Augenblick an ruhig und kalt -gegenübertreten, sich auf den Standpunkt einer bezahlten Wirtschafterin -stellen. - -Mit diesem Entschluß stand sie auf, kühlte ihre Augen und dann -erledigte sie mit ruhiger Freundlichkeit, wie man es an ihr gewohnt -war, ihre Geschäfte. Gegen Abend schloß sie das Haus ab und ging zu -Rosumeks. Die alte Frau begrüßte sie mit überschwenglicher Freude. - -„Ach, Kind, wie ich dich vermißt habe.“ - -Am anderen Morgen fuhr Franz nach Polommen und verlebte dort ein paar -gemütliche Stunden. Er mußte zu Mittag bleiben und viel von seinen -Erlebnissen erzählen. Eine Frage nach Adelheid schwebte ihm auf den -Lippen, doch er scheute sich, sie auszusprechen. Frau Olga merkte es -und begann selbst von ihr zu erzählen. „Meine Freundin Adelheid hat im -Krieg auch Schweres durchgemacht. Einer ihrer Verehrer warb, als er ins -Feld ziehen mußte, um ihre Hand und ließ sich mit ihr kriegstrauen. -Fünf Tage dauerte ihr Eheglück. Nach drei Wochen schon wurde sie Witwe. -Ihr Gatte hatte jedoch ihre Zukunft sichergestellt, so daß sie ihr -gewohntes Leben fortsetzen kann.“ - -„Wie die Lilie auf dem Felde“, warf der Oberamtmann ein. - -„Sie kommt übrigens in nächster Zeit wieder zu Besuch“, fuhr Frau Olga -fort. „Wenn Sie mal am Sonntag uns besuchen wollen?“ ... - -„Na, na“, warnte der Gutsherr mit dröhnendem Lachen. „Ist das nicht -gefährlich für Sie, lieber Rosumek?“ - -„Ach nein, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz ruhig. „+Die+ Episode -meines Lebens liegt wie ein dunkler Traum hinter mir.“ - -Einige Tage später traf der neue Pfarrer, Hans Pilchowski, ein. Ein -großer, schlanker Mann, der am Alltag noch mit Vorliebe seine Uniform -als Feldgeistlicher trug. Das gefiel den Bauern, bei denen er der Reihe -nach seinen Besuch machte. Er kam auch zu Franz mit einem großen Paket -Druckschriften unter dem Arm und stellte sich vor. - -„Herr Rosumek, ich halte Sie für den geistigen Führer der Gemeinde und -möchte zwischen uns ein gutes Einvernehmen herstellen. Vor allem möchte -ich Sie für den Heimatdienst interessieren und in Anspruch nehmen. Wir -sind jetzt hier völlig vom Mutterlande abgeschnitten und auf uns allein -gestellt. Die größte Gefahr, die uns jetzt droht, ist der Kommunismus -in Rußland, der Bolschewismus. Er arbeitet mit großen Mitteln und einer -unheimlichen Werbekraft unter den niederen Klassen und streckt auch -nach uns seine Hände aus.“ - -„Es ist die Werbekraft der neuen Idee“, erwiderte Franz zurückhaltend. - -„Ja, aber der müssen wir uns entgegenstemmen und die Leute über das -wirkliche Wesen des Bolschewismus aufklären. Dazu ist der Heimatdienst -gegründet.“ - -„Ich habe etwas anderes gehört, Herr Pfarrer. Es ist eine konservative -Gründung der Deutschnationalen, wie sie sich jetzt nennen, nur zum -Zweck, die Massen wieder einzufangen und wieder dumm zu machen.“ - -Ganz verblüfft sah der Pfarrer Franz an. „Aber, Herr Rosumek, stehen -Sie denn nicht in unserem Lager? Sie haben doch für das Vaterland -gekämpft und geblutet.“ - -„Das haben Millionen meiner Genossen auch getan. Aber jetzt sind wir -aus dem Traum erwacht. Wir wollen nicht mehr unsere Haut für die -Profitgier des Kapitalismus zu Markte tragen. Das Volk will und wird -fortan selbst und allein sich sein Schicksal bestimmen und wird klüger -und ehrlicher handeln als die früheren Machthaber.“ - -„Erst muß ich einen Irrtum von Ihnen richtigstellen“, versetzte der -Pfarrer ernst. „Sie sind über die Verhältnisse in der Heimat noch -nicht im Bilde. Der Heimatdienst steht im Dienste keiner politischen -Partei. Er ist völlig neutral und hat nur den Zweck, die Heimatliebe -zu pflegen und dadurch den Willen und die Kraft zur Abwehr feindlicher -Einflüsse zu stärken .... Sie verwechseln ihn mit der deutschnationalen -Parteiorganisation, die sich Heimatbund nennt, der ich allerdings auch -angehöre.“ - -„Unser Standpunkt ist wohl so verschieden, daß wir kaum je -zusammenkommen werden, Herr Pfarrer. Ich halte die Revolution und ihre -Folgen für den größten Fortschritt, den wir je getan haben und lasse -mich in dieser Meinung auch nicht durch die üblen Nebenerscheinungen -beirren, die bei jeder großen Umwälzung unvermeidlich sind.“ - -„Nur noch eine Frage, Herr Rosumek. Wie stellen Sie sich zu der -Tatsache, daß der Feindbund uns Masuren und dem Ermeland eine -Abstimmung darüber auferlegt, ob wir deutsch bleiben oder polnisch -werden wollen?“ - -„Ich glaube nicht, daß die Masuren große Lust haben, polnisch zu -werden, aber wenn die Abstimmung danach ausfällt ...“ - -„Nein, Herr Rosumek, das darf sie nicht. Hier scheiden sich unsere Wege -wohl für immer, wenn Sie nicht anderen Sinnes werden. Uns treibt unsere -Heimatliebe, mit allen Mitteln daran zu arbeiten, daß die gefährdeten -Bezirke, nach denen der Pole seine gierigen Hände ausstreckt, dem -Vaterland erhalten bleiben. Und wer nicht für uns ist, der ist wider -uns. Ich will aber die Hoffnung nicht aufgeben, Sie doch noch auf -unserer Seite zu finden.“ - -„Mich führt auch noch eine geschäftliche Angelegenheit hierher“, -fuhr der Pfarrer nach einer kleinen unangenehmen Pause fort. „Ich -möchte von Fräulein Grigo das Inventar der Ackerwirtschaft erwerben. -Ich habe mich auch noch mit ihr wegen der Übernahme der Bestellung -auseinanderzusetzen.“ - -Lotte wurde hereingeholt, und unter dem sachverständigen Beirat von -Franz kam eine beide Teile befriedigende Vereinbarung zustande. - -Am nächsten Sonntag sah Franz einen offenen Landauer vor der Kirche -vorfahren und zwei Damen aussteigen, die das Gotteshaus betraten. - -Es war Frau Olga und Adelheid. Er vermutete mit Recht, daß sie auch ihm -einen Besuch abstatten würden. Es war doch ein eigentümliches Gefühl, -das ihn bei dieser Erwartung beschlich. Und er fragte sich, ob es der -jungen Frau nicht peinlich sein mußte, ihm nach allem, was geschehen -war, gegenüberzutreten. Das Gefühl der Beschämung über die hochfahrende -Art, wie sie ihn abgewiesen hatte, stieg wieder in ihm auf. Das gab -ihm die Kraft, ihr kühl gegenüberzutreten. - -Er empfing die Damen in der Haustür und fühlte, daß ein neuer -frauenhafter Liebreiz von Adelheid von Streng ausging. „Wir wollen -Ihnen doch einen guten Tag sagen, Herr Rosumek, da wir nun einmal in -Schwentainen sind“, sagte Frau Olga bei der Begrüßung. „Meine Freundin -kennt Sie ja auch von ihrem damaligen Sommeraufenthalt her.“ - -Mit bezauberndem Lächeln streckte ihm Adelheid die Hand entgegen. „Wir -haben beide Schweres durchgemacht in den letzten Jahren. Wir haben -jeder eine bessere Hälfte verloren.“ Franz führte die Damen in die gute -Stube, die einfach, aber mit gutem Geschmack eingerichtet war. Und er -fühlte den Blick, mit dem Adelheid sich umsah .... Es war ihm, als wenn -sie innerlich die Achseln zuckte. „So sah also das Heim aus, in das -dieser Jüngling mich führen wollte.“ - -Kaum hatten die Damen Platz genommen, als Lotte eintrat. An ihrer -Schürze hing natürlich Franzel. Sie brachte eine Flasche Wein und auf -einem Teller kleines Gebäck. Während Franz die Gläser füllte, beugte -sich Lotte über Frau Olgas Hand und küßte sie. „Also Sie sind das -liebe Geschöpf, das unseren alten verehrten Pastor bis zu seinem Tode -gepflegt hat. Kann ich Frau Rosumek begrüßen? Wollen Sie mich zu ihr -führen?“ - -Vor der fremden Frau verbeugte sich Lotte stolz und gemessen. - -Adelheid hatte sofort Franzel an sich gezogen und trotz seines -Sträubens auf den Schoß genommen. „Ein herziger Bub“, sagte sie leise -mit verschleierter Stimme. „Mir ist das Glück nicht zuteil geworden. -Ich beneide Sie.“ Sie ließ den Kleinen vom Schoß gleiten, der sich -sofort zu seinem Vater flüchtete, und hob den Kopf. „Sagen Sie mal, -Herr Rosumek, was wollten Sie eigentlich in Baden-Baden von mir?“ - -„Ich wollte mir meinen Verstand wiederholen, der mir abhanden gekommen -war. Ich danke Ihnen noch nachträglich dafür, daß Sie ihn mir -wiedergegeben haben.“ - -„Das heißt, Sie sind mir noch jetzt böse, daß ich Sie damals nicht -sprechen wollte. Es ging wirklich nicht. Was hatten Sie sich eigentlich -gedacht? Wozu sollte das führen? Ich konnte doch unmöglich ...“ - -„Jetzt weiß ich es. Damals wußte ich es in meiner Verblendung nicht.“ - -„Na, dann können wir wohl als gute Freunde scheiden.“ - -„Von meiner Seite steht nichts im Wege, gnädige Frau, ich bin völlig -geheilt.“ - - - - -24. Kapitel - - -Emmas hochfliegende Pläne waren nicht in Erfüllung gegangen. Ihr -Mann war noch nichts mehr als Parteisekretär .... Sie hatte keine -politische Bildung, aber ihr weibliches Feingefühl sagte ihr, daß die -gemäßigte Partei der Roten die überwiegende Zahl der Arbeiter hinter -sich habe und damit die größere Aussicht, sich im Besitz der Macht -zu behaupten. Auf ihren Rat und ihr Drängen schloß Lüdicke sich den -Mehrheitssozialisten an. Sie fühlte sich in dem modernen Babel, wie sie -es von ihrer Mutter hatte nennen hören, nicht behaglich. Sie mußte sich -mit zwei möblierten Zimmern begnügen und gemeinsam mit einer nicht sehr -friedfertigen Genossin die Küche benutzen. - -Das ging ihr wider den Strich. Und als an ihren Mann die Frage -herantrat, ob er im Dienste der Partei nach Magdeburg oder nach -Ostpreußen gehen wollte, bestimmte sie ihn ohne große Mühe, sich für -ihre Heimat zu entscheiden. Ihre Möbel standen noch zu Hause auf dem -Speicher. Da wurde die teuere Fracht gespart. Sie fuhr schon einige -Tage voraus, und es gelang ihr auch, in der Kreisstadt eine Wohnung von -fünf Zimmern zu bekommen, von denen sie eins ihrem Manne als Amtsstube -abtreten mußte. - -Als sie sich eingerichtet hatten, kamen die jungen Gatten nach -Schwentainen zum Besuch. Daß Lotte im Hause war, wußte sie. Das war -aller Voraussicht nach ihre zukünftige Schwägerin und Emma behandelte -sie sehr freundlich, denn die wirtschaftliche Verbindung mit einem -großen Bauernhof war damals eine nicht zu verachtende Sache. Es -wunderte sie nur, daß sie zwischen Franz und Lotte nichts entdeckte, -was auf ein stilles Einvernehmen schließen ließ. Lotte blieb sich -in ihrer stillen Freundlichkeit immer gleich. Und sie zog sich mit -deutlicher Absicht zurück, wenn die Familie beisammen war. Sie hatte -immer etwas in der Küche und in der Wirtschaft zu tun. Franz schien es -nicht zu merken, sondern ganz in der Ordnung zu finden. - -Eines Tages kam der Pfarrer zum Kaffee zu Besuch. Er hatte schon etwas -verlauten hören, daß der Führer der Roten im Kreise, der Schwager -Rosumeks, ein ganz umgänglicher, vernünftiger Mann sei, und begab sich -zu ihm, um sich mit ihm auseinanderzusetzen. Vom ersten Augenblick an -empfanden die beiden hochgewachsenen Männer, als sie sich die Hände zur -Begrüßung reichten, etwas wie Vertrauen zueinander, obwohl sie doch auf -einem so verschiedenen Standpunkt standen. - -„Ich habe mich in die Höhle des Löwen gewagt,“ begann der Pastor -lachend, „um mich mit Ihnen über die Stellung Ihrer Partei zur -Abstimmung ins Benehmen zu setzen. Finde ich einen Gegner oder einen -Bundesgenossen?“ - -„Das wird sich finden, Herr Pastor, wenn wir uns erst einmal auf -den Zahn gefühlt haben“, erwiderte Lüdicke lachend. „Ich halte es -für selbstverständlich, daß jeder Deutsche, welcher Partei er auch -angehören mag, sich einer weiteren Zerstückelung seines Vaterlandes mit -allen Kräften widersetzen muß.“ - -„Das ist ein mannhaftes Wort, für das ich Ihnen Dank sage“, rief der -Pastor freudig aus. - -„Ich wüßte nicht, weshalb Sie gerade mir dafür danken. Es wird -Ihnen doch erklärlich sein, daß mir mein Standpunkt vom Interesse -der arbeitenden Klassen diktiert wird. Und das gebietet mir, die -Besetzung Ostpreußens durch die Polen für das größte Unglück zu -halten. Ich kenne die wahren Polen. Ich habe vor dem Kriege drei Jahre -in Lodz gearbeitet. Nur ein kleiner Teil der polnischen Arbeiter war -vernünftigen Ideen zugänglich. Die meisten liefen hinter ihren Herren -Schlachzizen her und träumten von der Wiedererstehung ihres Landes als -Staat.“ Er hob die Stimme. „Es war die allergrößte Dummheit, die von -unserer alten Regierung während des Krieges begangen werden konnte, den -Polen die Selbständigkeit zu versprechen.“ ... - -„Das haben Sie mir aus der Seele gesprochen“, warf der Pastor ein. - -„Jetzt ernten wir den Dank dafür. Und wir Arbeiter würden den größten -Schaden haben, wenn wir unter polnische Herrschaft kommen. Die ganzen -Wohltaten der sozialen Gesetzgebung würden von den Polen zertrümmert -werden, die Löhne würden mit Gewalt herabgedrückt und die Arbeiter zu -Sklaven gemacht werden.“ - -„Ich denke, wir haben auch noch andere Kulturgüter zu verteidigen“, -meinte der Pfarrer. „Unsere Volksbildung, die führende Stellung unserer -Wissenschaft und unsere vorbildliche Landwirtschaft, alles würde -von den Polen in Trümmer geschlagen werden. Schlagen Sie ein, Herr -Lüdicke, wir wollen in der Heimatbewegung Schulter an Schulter kämpfen.“ - -Lächelnd reichte ihm Lüdicke die Hand. „Nur mit der Heimatbewegung bin -ich nicht ganz einverstanden.“ - -„Weshalb denn nicht? Geht es Ihnen gegen den Strich, daß wir die -Heimatliebe als die treibende Kraft für die Abstimmung zu entfachen -suchen? Womit wollen wir denn die Abstimmungsberechtigten im Reich, die -sich dort eine Existenz gegründet haben, zum Eintreten für die Heimat -bewegen?“ - -„Darin haben Sie Recht ... ich fürchte nur, daß sich dahinter -nationalistische Zwecke verbergen, die letzten Endes den Rechtsparteien -dienstbar gemacht werden.“ - -„Das ist beim Heimatdienst völlig ausgeschlossen. Wenn er einen -Nebenzweck verfolgt, dann ist es der, durch Unterhaltung und Belehrung -die Volksbildung zu heben. Und das ist, wie ich zu wissen glaube, -ein Ziel, das auch Ihre Partei verfolgt. Ich meine, sie tut gut, -ihre Anhänger nicht von dem Heimatverein fernzuhalten, sondern -hineinzuschicken. Damit gewinnen Sie doch die Kontrolle darüber, was -in den Vereinen geschieht.“ - -„Der Gedanke läßt sich hören“, erwiderte Lüdicke bedächtig. „Ich kann -jedoch allein nicht darüber entscheiden.“ - -Es wurde noch viel an dem Nachmittag gesprochen, auch über Politik, -aber ruhig, in versöhnlicher Form, wie es zwischen Gegnern, die sich -achten, üblich ist. Der Pastor schied mit kräftigem Händedruck und -dem Versprechen, bald wieder zu einem Plauderstündchen zu erscheinen. -Die Frauen hatten schweigend zugehört, nur Franz hatte ab und zu eine -Bemerkung dazwischen geworfen. Er mußte es erst in sich verarbeiten, -daß sein Schwager die Arbeit für die Abstimmung als seine Hauptaufgabe -ansah. - -Allmählich hatte sich zwischen ihm und seinem Franzel ein innigeres -Verhältnis angebahnt. Er nahm auf Lottes Anraten den Kleinen mit sich -aufs Feld und ließ ihn auf den Ackerpferden reiten. Das bereitete ihm -das größte Vergnügen, noch mehr als die Peitsche, mit der man wirklich -knallen konnte. Er wurde gesprächig und plauderte lebhaft. Und sein -zweites Wort war immer: „Tante Lotte.“ - -Eines Tages plapperte der Bub: „Väterchen, Tante Lotte erzählt mir -immer von einem toten Mütterchen. Weshalb habe ich keine lebendige -Mutter?“ - -„Weil dein Mütterchen gestorben ist.“ - -„Weshalb ist die Tante Lotte nicht mein Mütterchen?“ - -Darauf wußte der Vater keine Antwort. Aber er nahm den Jungen auf den -Schoß und herzte ihn. Die Frage blieb in ihm und wühlte in ihm. Sie -weckte alte Erinnerungen auf, die verblaßt waren. An den Albertus, -den sie ihm geschenkt. Und plötzlich stieg in ihm der Gedanke auf, -das ihr Herz womöglich ihm gehöre. Aber nein, sie ging ja so still -zurückhaltend neben ihm her. Aber weshalb hatte sie als blutjunges -Ding sich seines Jungen angenommen, weshalb hing sie mit solcher -Zärtlichkeit an ihm? War das bloß Menschenfreundlichkeit oder -Betätigung ihrer Mütterlichkeit? Nur Dankbarkeit gegen seine Eltern, -die sich ihrer angenommen hatten? ... - -Als Lotte Franzel holen kam, um ihm sein Abendbrot zu geben und ihn zu -Bett zu bringen, hatte der Vater schon Augen dafür bekommen, daß sie -ein sehr hübsches, frisches Mädel wäre. Aber jetzt und auch für die -Folge hütete er seine Augen, um ihr nicht zu verraten, wie sehr er sich -innerlich mit ihr beschäftigte. Und jetzt glaubte er auch, zu bemerken, -daß sich der junge Pfarrer für Lotte interessierte. Er fand durch die -geschäftlichen Beziehungen, die er zu ihr hatte, leicht einen Anlaß -herüberzukommen und mit ihr zu plaudern. - -Mutter Rosumek war unter Lottes Pflege wieder frischer geworden. Aber -ab und zu hatte sie bedrohliche Anfälle von Herzschwäche, bei denen -auch die belebenden Baldriantropfen ihre Wirkung verfehlten. Nach solch -einem Anfall ließ sie Franz rufen und sagte ihm unter vier Augen: „Mein -lieber Junge, ich werde täglich schwächer. Du mußt mit meinem baldigen -Ende rechnen.“ - -„Aber Mutter, du bist doch frischer als wie ich nach Hause kam.“ - -„Das scheint bloß so, mein Sohn. Ich weiß doch am besten, wie es mit -mir steht. Ich habe noch eine Bitte an dich, die du mir erfüllen mußt, -ehe ich die Augen zumache.“ - -„Wenn es in meiner Macht steht, Mutter ...“ - -„Sie steht in deiner Macht,“ erwiderte die Mutter nachdrücklich, „du -sollst mir noch eine liebe Tochter ins Haus führen.“ - -Als er schwieg, fuhr sie fort: „Die Liesel ist doch nun schon vier -Jahre tot und du kannst sie nicht ewig betrauern. Und Lotte wird nicht -ewig dir die Wirtschaft führen. Wenn ich die Augen zumache, geht sie -fort. Was soll dann aus dir und Franzel werden?“ - -„Du hast Recht, Mutter, es gehört eine Frau auf den Hof. Weißt du eine -für mich?“ - -Die alte Frau lächelte. „Du gehst wohl mit Scheuklappen umher, mein -Sohn? Du willst doch vom Leben auch noch ein bißchen Glück haben. -Weshalb streckst du nicht die Hand aus und nimmst es dir?“ - -„Wen meinst du denn, Mutter?“, fragte er heuchlerisch, denn in ihm -wogte schon die Gewißheit. - -„Ach, stell dich doch nicht so“, erwiderte die Mutter etwas unwillig. -„Das kann doch der Blinde mit dem Stock fühlen, daß Lotte dich lieb -hat, viel mehr, als du es verdienst, du Schlingel. Sie hat dich schon -geliebt, als du hinter der schönen Frau herliefst, sie hat dich -betrauert und deinen Jungen an ihr Herz genommen, nur aus Liebe zu dir, -nicht zu dem Mädel, das seine Mutter ist .... Schon aus Dankbarkeit -solltest du sie heiraten, um deinem Jungen die richtige Mutter zu -geben.“ - -„Ja, aber wenn sie mich ausschlägt?“ - -„Soll ich etwa den Freiwerber für dich spielen? Nun geh, du wirst jetzt -wissen, was du zu tun hast.“ - -In seliger Unruhe ging Franz aufs Feld. Würde sie ihm glauben, daß -er sie lieb hatte, mehr als er selbst gewußt? Wenn er nur zu ihr -etwas freundlicher gewesen wäre! Aber sie war ja auch so kühl und -förmlich und vermied es, ihm Gesellschaft zu leisten. Höchstens über -Wirtschaftssachen hatten sie manchmal ein Gespräch geführt. - -Als er auf den Hof zurückkam, lief ihm sein Bub entgegen. Er nahm ihn -auf den Arm und trug ihn in das Haus. - -„Väterchen,“ erzählte der Kleine, „der Herr Pastor ist hier gewesen -und hat mit der Tante Lotte gesprochen. Und nachher hat die Tante so -geweint, soviel und hat mich rausgeschickt.“ - -Wie ein Blitz schlug es vor Franz ein. Der Pastor hatte um Lotte -geworben und sie hatte ihm einen Korb gegeben? Den trefflichen Mann, -an dessen Seite sie ein geachtetes Leben führen würde, hatte sie -ausgeschlagen? In heftiger Erregung trat er in die gute Stube. Bei -seinem Eintritt erhob sich Lotte und wollte an ihm vorbei zur Tür -hinaus. Er faßte sie an der Hand. „Lotte, willst du mir eine Frage -beantworten? Ist es wahr, daß du den Pastor abgewiesen hast?“ - -Als sie darauf nur stumm nickte, trat er nahe an sie heran. Doch sein -Sohn kam ihm zuvor. Er schlang seine Arme um den Nacken der Tante und -zog sie mit aller Gewalt an sich heran. „Tante Lotte, du sollst meine -Mutter sein.“ - -„Ja, Lotte, ich bin eben auch mit dem Entschluß nach Hause gekommen, -mein Schicksal in deine Hände zu legen. Willst du mein liebes, -geliebtes Weib werden und meinem Jungen die Mutter?“ - -Sie sah ihn ernst an. „Franz, ich habe dich sehr lieb, aber ich gebe -keinem Mann die Hand, der nicht die Heimat liebt, der nicht fest zu ihr -steht, der nicht das Höchste ihr zu opfern bereit ist.“ - -In tiefer Bewegung schlang er den Arm um sie, und sie ließ es -geschehen. „Lotte, wenn es nur daran hängt, dann kannst du mit vollem -Vertrauen deine Hand in meine legen. Ich habe die Heimat immer im -Herzen getragen und werde für sie mit allen meinen Kräften einstehen. -Daß ich der neuen Zeit anhänge und von ihr Gutes für die Zukunft -unseres Volkes erhoffe, ist doch hoffentlich in deinen Augen kein -Makel. Sollte sich meine Ansicht als Irrtum erweisen, dann bin ich der -Erste, der sie von sich abtut. Bist du damit zufrieden?“ - -Zur rechten Zeit wand sich Franzel vom Arm seines Vaters auf die -Erde, lief in die Wohnstube und rief: „Ohma, ich habe ein lebendiges -Mütterchen. Tante Lotte ist meine Mutter.“ Vertrauensvoll legte Lotte -den Kopf auf die Schulter des geliebten Mannes. Hand in Hand traten sie -nach einer Weile herein, knieten vor der Mutter nieder und baten um -ihren Segen. - -Lotte verließ am nächsten Morgen das Haus und ging zu entfernten -Verwandten, während Franz mit der größten Beschleunigung die Hochzeit -rüstete. Sie fand in aller Stille statt, der Pastor war verreist -und ließ sich bei der Trauung durch einen Amtsbruder vertreten. Er -bewarb sich, wie man hörte, um eine Pfarrstelle in Berlin, die er auch -erhielt. Er kam später nur für einen Tag zurück, um seinem Nachfolger -die Wirtschaft zu übergeben. - - * * * * * - -Die Heimatbewegung setzte in Ostpreußen mit großer Kraft ein und wuchs -zusehends. Franz tat einen tiefen Griff in seinen Beutel und spendete -reichlich. Ja, im nächsten Winter, als die Wirtschaft ruhte, fuhr -er unermüdlich auf den Dörfern umher und warb. Wenn er zurückkam, -leuchteten seine Augen: „Es geht vorwärts, Lotte! Der Feindbund -wird eine Ohrfeige von uns Masuren erhalten, die durch die ganze -Welt schallen soll. Es wird der erste Sieg sein, den wir nach dem -Schmachfrieden erringen, und er soll so glänzend werden, daß alle Welt -staunen wird. Es gibt keinen Masuren, der am Abstimmungstage fehlen -wird, um seine Stimme für die Heimat in die Wagschale zu werfen.“ - -Auch im Reich schwoll die Heimatbewegung an. Die alten Ost- und -Westpreußen-Vereine erfüllten sich mit neuem Leben, neuer Kraft, und -rüsteten sich, zur Abstimmung in die Heimat zu pilgern. Überall, wo -noch keine bestanden, bildeten sich neue Heimatvereine und warben durch -Wort und Schrift. Die Arbeit war groß und schwer. Für viele, viele -Tausende, die in die Heimat fahren wollten, mußten die Mittel zur Reise -beschafft werden. - -Für den Unterhalt in der Heimat sorgten die Volksgenossen. - -Und dann kam nach langem Bangen der Tag der Abstimmung heran. Um den -Plackereien der Polen bei der Fahrt durch den Korridor zu entgehen, -kamen die meisten zu Schiff über See. Mit grünem Reisig und Fahnen -geschmückte Züge brachten sie durch Ostpreußen in die Heimat, die sie -jubelnd und mit echt ostpreußischer Gastfreundschaft empfing. - -Es war ein echter, rechter Sonnen- und Sonntag, als die Massen in -festlicher Kleidung zum Wahllokal zogen. Und der Jubel, der losbrach, -als der Draht die Kunde durch die ganze Welt trug, daß die bedrohten -Masuren, Westpreußen und Ermländer sich restlos zum Deutschtum bekannt -hatten! - -Das wollen und das dürfen wir nie vergessen. Unauslöschlich soll es in -unseren Herzen eingegraben sein, daß die Liebe zur Heimat der festeste -Grund ist, auf dem wir das neue Deutschland aufbauen werden. - - Durch die Heimat zum Vaterland! - - - - -_IM VERLAG OTTO JANKE, BERLIN SW 11_ - -erschien von - -_FRITZ SKOWRONNEK_ - - -~DAS MASURENBUCH~ - -Ein Sohn des Masurenlandes erstattet hier der Heimat den Zoll treuer -Kindesliebe und Dankbarkeit in einer Schilderung ... wie sie eben nur -warmem Empfinden, vertrauensvollem Hoffen und vollster Beherrschung -des Gegenstandes gelingen kann ... Das Masurenbuch ist mit Freude -begrüßt worden. Die zahlreichen Bilder und Federzeichnungen werden auch -Fernstehende für das Land der tausend Seen erwärmen und interessieren. - -_Gebunden Gm. 4,--_ - - -~PAN KAMINSKY~ - -Ein junger Pole, der eine schwere Kindheit verlebte, als Jüngling -im russischen Heere unter der Knute stand, dann Deutscher wird und -sich durch Fleiß und Talent heraufarbeitet, steht im Mittelpunkt der -Handlung. Noch einmal muß er in seine Heimat zurück, in eine richtige -„Polnische Wirtschaft“, wobei er sein mühsam errungenes Lebensglück -beinahe wieder verliert. Es gelingt ihm jedoch, die Gefahren nunmehr -für immer zu überwinden. - -_Gebunden Gm. 4,50_ - - -~DER POLENFLÜCHTLING~ - -Der Roman behandelt das Schicksal eines jungen Polen, der aus -Russisch-Polen flieht, sich durch seine glückliche Anlage und -seinen Fleiß zu bedeutender Stellung aufschwingt. Auch dieser Roman -des beliebten Verfassers enthält wieder eine Fülle interessanter -Ereignisse und Personen, während einige Liebesgeschichten für Anmut und -Abwechslung der Handlung sorgen. - -_Gebunden Gm. 4,50_ - - - „~DER HECHT IM KARPFENTEICH~“ - „~DU MEIN MASUREN~“ - -_gebunden mit illustriertem Schutzumschlag Gm. 1,--_ - - -Zu beziehen durch alle Buchhandlungen - - - - -_IM VERLAG OTTO JANKE, BERLIN SW 11_ - -erschien von - - -_FRITZ SKOWRONNEK_ - -~RITTERGUT HOHENSALCHOW~ - -Skowronneks besondere Stärke ist der Gutsroman. In dem vorliegenden -Werk knüpft der Autor in geschickter Weise die Fäden zwischen einer -Grafenfamilie und einem reichen Emporkömmling und gibt uns ein -anschauliches Bild aus der vornehmen Welt. Prachtvolle Figuren sind -die Komtesse Freda und der elegante Großkapitalist und der Weltmann -Kurt Dumke. Sehr zeitgemäß ist auch das Buch durch den heutigen -scharfen Gegensatz zwischen Industrie und Landwirtschaft, aber bei der -warmherzigen Schilderung der Personen und Ereignisse tritt jede Tendenz -in den Hintergrund. - -_Gm. 4,50_ - - -_HANS WERDER_ - -~TIEFER ALS DER TAG GEDACHT~ - -+Wiesbadener Tageblatt+: Auch Nietzsches Weltweisheit ist nicht ohne -Einfluß auf die modernen Dichter geblieben. Hier durchzieht der Gedanke -den Roman: „Wie die Dunkelheiten des Lebens erst den Blick öffnen für -die Tiefen desselben -- auch in die Tiefen des Herzens hinein -- so -führt die Erkenntnis seelische Kämpfe und Zwiespalt herauf“, die Hans -Werder trefflich zu lösen versteht. - -_Gm. 5,50_ - - -_HANS WERDER_ - -~AN RAUSCHENDEN WASSERN~ - -Hans Werder führt uns in seinem neuen Roman in die Familien derer von -Rodenwalde und Treufels. Wir erleben seelische Kämpfe und Wandlungen -vornehm denkender Menschen von feinstem Takt, der sie durch mannigfache -Verwicklungen mit Sicherheit und Glück hindurchführt. Warme Liebe zur -Heimat durchdringt das ganze Werk, deutsche Träume sind es, die die -Wasser rauschen. - -_Gm. 6,--_ - - - - -_IM VERLAG OTTO JANKE, BERLIN SW 11_ - -erschien von - - -_MICHAEL GEORG CONRAD_ - -„~MAJESTÄT~“ - -Dieses Buch führt uns in die Welt Ludwigs II., des Bayernkönigs, -Künstlers und Menschen ein. In oft wundervolle Bilder webt Michael -Georg Conrad das Leben Ludwigs mit seinem Freunde Wagner, mit Otto, dem -Prinzen Sausewind, mit „Egeria“, der herrlichen Frau, mit Bismarck und -all den vielen großen und kleinen Menschen, die Kunst, Politik oder -Spekulation in des Königs Nähe trieb. Lebhaft bewegt und doch mit der -Ruhe des Meisters zwingt Conrad die Fülle des Geschehens seiner Zeit -in den Rahmen des Buches, ohne daß es ihn sprengt. Langsam das Handeln -des Königs steigernd, vom Traumhaften zum Wahn, endet sein Leben ohne -Erschütterung, wie ein Muß. Und doch erschüttert das Buch, es ist reich -und reif und kein unechter Ton stört es. - -_Gm. 6,--_ - - -_RICHARD VOSS_ - -~UNTER DEN BORGIA~ - -Die von Pracht und Prunk glänzende, an Greueltaten und Verbrechen -reiche Zeit des Cäsar und der Lukrezia Borgia taucht greifbar vor -unseren Augen auf, und mit großer Kraft sind die ungeheuerlichen -Gestalten geschildert, die durch dieses Buch schreiten. - -_Gm. 6,--_ - - -_WALTER FLEX_ - -~ZWÖLF BISMARCKS~ - -Die Eltern und Ureltern Otto von Bismarcks werden in diesen Erzählungen -Fleisch und Bein. Von Männern, Frauen und Kindern handelt das Buch, -bald in leidenschaftlichem Ernst und bald in übersprudelndem Humor. -Alles ist in Spannung und Handlung aufgelöst. - -_Gm. 4,--_ - - - - -_IM VERLAG VON OTTO JANKE, BERLIN SW 11_ - -erschienene - -Weltliteratur - - In Halbleinen In Ganzleinen - gebd. gebd. - - W. Alexis, Cabanis Gm. 6,-- Gm. 6,50 - - -- Ruhe ist die erste Bürgerpflicht „ 6,-- „ 6,50 - - A. E. Brachvogel, Friedemann Bach „ 5,50 „ 6,-- - - -- Der Fels von Erz „ 5,50 „ 6,-- - - -- Der deutsche Michael „ 5,50 „ 6,-- - - F. M. Dostojewskij, Raskolnikows - Schuld und Sühne „ 6,-- „ 6,50 - - J. P. Jacobsen, Frau Marie Grubbe „ 5,50 „ 6,-- - - M. Jokai, Schwarze Diamanten „ 6,-- „ 6,50 - - Jos. V. v. Scheffel, Ekkehard „ 5,50 „ 6,-- - - H. Sienkiewicz, ~Quo vadis?~ „ 5,50 „ 6,-- - - -- Mit Feuer und Schwert „ 5,50 „ 6,-- - - L. N. Tolstoi, Anna Karenina „ 5,50 „ 6,-- - - -- Auferstehung „ 6,-- „ 6,50 - - -- Die Kreutzersonate „ 2,-- „ 2,50 - - -- Krieg und Frieden „ 6,-- „ 6,50 - - I. Turgeniew, Väter und Söhne „ 5,50 „ 6,-- - - -Janke’s Weltliteratur-Kassetten - -je 5 Bände in Ganzleinen gebunden enthaltend, 30 Gm. - -Kassette I: - - A. E. Brachvogel, Friedemann Bach, - F. M. Dostojewskij, Raskolnikows Schuld und Sühne, - L. N. Tolstoi, Anna Karenina, - J. V. v. Scheffel, Ekkehard, - H. Sienkiewicz, ~Quo vadis?~ - -Kassette II: - - J. P. Jacobsen, Frau Marie Grubbe, - M. Jokai, Schwarze Diamanten, - H. Sienkiewicz, Mit Feuer u. Schwert, - L. N. Tolstoi, Auferstehung, - I. Turgeniew, Väter und Söhne. - - -_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen_ - - -Druck von A. Seydel & Cie. Aktiengesellschaft, Berlin SW 61. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MUSTERKNABE *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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Information about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation's website -and official page at www.gutenberg.org/contact - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without -widespread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/68512-0.zip b/old/68512-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 9bc3d5d..0000000 --- a/old/68512-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/68512-h.zip b/old/68512-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 8f75db5..0000000 --- a/old/68512-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/68512-h/68512-h.htm b/old/68512-h/68512-h.htm deleted file mode 100644 index 5074ba1..0000000 --- a/old/68512-h/68512-h.htm +++ /dev/null @@ -1,8729 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> -<head> - <meta charset="UTF-8" /> - <title> - Der Musterknabe, by Fritz Skowronnek—A Project Gutenberg eBook - </title> - <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover" /> - <style> /* <![CDATA[ */ - -body { - margin-left: 10%; 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Typographische -Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht -mehr gebräuchliche Schreibweisen, sowie mundartlich gefärbte Passagen -bleiben gegenüber dem Original unverändert.</p> - -<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen -in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden -Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im -jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original -<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in -serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt -erscheinen.</span></p> - -</div> - -<div class="titelei"> - -<p class="s3 center padtop5 break-before"><em class="gesperrt">Der Musterknabe</em></p> - -<h1>Der Musterknabe</h1> - -<p class="s4 center mtop2">Ein Roman aus Masuren</p> - -<p class="s5 center mtop1">von</p> - -<p class="s3 center mtop1"><em class="gesperrt">Fritz Skowronnek</em></p> - -<div class="figcenter illowe4 padtop5" id="signet"> - <img class="w100" src="images/signet.png" alt="Verlagssignet" /> -</div> - -<p class="s4 center mtop2"><em class="gesperrt">Otto Janke / Verlag / Berlin</em></p> - -<p class="s5 center padtop5 break-before">Alle Rechte, besonders das der -Übersetzung, vorbehalten<br /> -Copyright 1924 by Otto Janke, Berlin</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_1">1. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> -</div> - -<p>Langsam senkte sich der Abend hernieder. Die Sonne stand tief im -Westen, von starken Dunstmassen so verschleiert, daß man ungeblendet -in die große, brandrote Scheibe blicken konnte. Von Osten her war -ein schwacher Wind aufgesprungen, der etwas Kühlung brachte. Seine -Kraft reichte jedoch kaum hin, die Oberfläche des Sees zu kräuseln. -Strichweise nur liefen winzige Wellen, vom Volksmund „Katzenpfoten“ -genannt, über den glatten Spiegel. Dazwischen lagen weite Strecken des -mächtigen Sees so glatt da, als hätte sich Öl über seine Oberfläche -gebreitet.</p> - -<p>Zahllose kleine Kreise, die fortwährend aufsprangen und spurlos -verzitterten, wenn sie die Größe eines Tellers erreicht hatten, -zeigten, welch’ reiches Leben das Gewässer barg. Myriaden kleiner -Fischlein schossen blitzschnell dicht unter der Oberfläche durch das -klare Wasser und schnappten nach den langbeinigen Mücken, die sorglos -im<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> Abendsonnenschein tanzten. Ab und zu schoß ein Raubfisch von unten -zwischen die Menge. Dann sprangen die Geängstigten zu Hunderten mit -einem jähen Ruck aus dem Wasser empor, um dem Verderben zu entrinnen.</p> - -<p>In dem dichten Schilf, das im Windhauch hin und her wogte, stand ein -kleiner Kahn. Nur seine Spitze ragte in das freie Wasser hinaus. Darin -saß ein großer, starker Mann, der fleißig die Angelruten handhabte. Ein -breitrandiger Basthut saß auf dem vollen, leichtergrauten Haar. In dem -freundlichen Gesicht blitzten lustig die klugen Augen, die unablässig -von einer Angel zur anderen wanderten. Da — — jetzt versank langsam -einer der Korkschwimmer. „Das Raubzeug ist heute gefräßig,“ murmelte -der Angler vor sich hin, „aber mein Vorrat an Würmern neigt sich zum -Ende, ihr werdet fortan, wie ich euch kenne, auch mit kleineren Happen -vorlieb nehmen.“ Mit starkem Ruck zog er die Angel in die Höhe, der -Fisch saß am haken, ein starker Barsch, der sich heftig im Wasser -sträubte, bis er an den Kahn gezogen und mit dem Käscher hineingehoben -wurde.</p> - -<p>Vom Dorf her kam schwatzend und lachend eine ganze Schar kleiner Knaben -und Mädchen.<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> Im Nu hatten sie ihre Kleidung, die bei manchem nur aus -einem Hemdchen bestand, abgeworfen und sprangen in das laue Wasser, -bespritzten sich und lachten unbändig, wenn ein Ungeschickter bei dem -Kampf vornüber ins Wasser schoß. Jetzt hörten sie den Wurf der Angel -und horchten auf. „Der Herr Pfarrer angelt“, flüsterten sie sich zu. -Dann riefen sie im Chor: „Guten Abend, Herr Pfarrer.“ Die kleinen -Mädchen knixten dabei.</p> - -<p>„Guten Abend, Kinder.“</p> - -<p>„Onkel Uwis,“ rief ein kleiner, blonder Krauskopf mit lebhaften Augen, -„verjagen wir dir nicht die Fische?“</p> - -<p>„Nein, mein Junge, die kümmern sich nicht um euch.“</p> - -<p>„Fängst du viel heute?“</p> - -<p>„Ich danke, mein Sohn, für gütige Nachfrage. Es geht.“</p> - -<p>Einen Augenblick zögerte der Knabe, dann watete er mutig durch das -Röhricht, dem Kahn zu. Das Wasser stieg ihm fast bis an die Nase, -als er das hintere Ende des Kahnes erreichte. Ein Griff, ein kurzer -Schwung, jetzt saß er drin. „Oho, Onkel, du sagst: ‚es geht‘.“ Er wies -auf einen Hecht, der in einem ganzen Haufen gefangener Barsche lag.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p> - -<p>Der Angler nickte vergnügt. „Es hat sich heute gut gefangen. Doch nun -muß ich aufhören, die Würmer sind zu Ende.“</p> - -<p>„Ich hole gleich einen ganzen Topf voll.“</p> - -<p>„Laß nur, mein Kerlchen, man muß des Guten nicht zuviel genießen. Für -heute habe ich auch genug.“ Er wickelte sorgfältig die Angeln auf. „Wie -geht es dir in der Schule, Franz?“</p> - -<p>„Sehr gut, Onkel“, antwortete der Kleine eifrig. „Der Herr Lehrer hat -gesagt, ich werde ein schöner Schreiber werden.“</p> - -<p>„Das ist erfreulich, denn er meinte wohl: Schönschreiber. Aber lernst -du auch fleißig?“</p> - -<p>„Lernen, Onkel? Nein, das brauche ich nicht. Ich weiß ja alles, was -der Herr Lehrer vorerzählt, auswendig. Auch das Einmaleins. Und -Liederverse, die lese ich mir nur einmal durch.“</p> - -<p>„Dann lies sie künftig zweimal, mein Junge. Doch nun pascholl aus dem -Kahn! Beeil’ dich und lauf hinauf zu Tante, sie möchte Dora mit einem -Korb an den See schicken. Noch eins: sag’ Vater und Mutter, ich käme -heut Abend nach dem Essen auf ein Plauderstündchen zu euch.“</p> - -<p>Wie ein Pfeil schoß der Junge neben ihm aus dem Kahn kopfüber in die -dunkle Flut. Im<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> nächsten Moment tauchte er empor, schüttelte das -Wasser aus den krausen Haaren und schwamm am Rohr entlang, bis er durch -eine Lücke das Ufer gewann. Eine Minute später sprang er mit hellem -Jauchzen das Ufer empor dem Dorf zu.</p> - -<p>Vater Rosumek, der Dorfschulze, rüstete sich gerade zum Gang in den -Dorfkrug, wo er nach des heißen Tages Arbeit einen kühlen Trunk zu -gewinnen dachte, als sein Junge den Besuch ankündigte. Erfreut ließ er -sofort den Tisch in der großen Laube am Giebel des Hauses mit weißen -Linnen decken und schickte die flinke Jette mit einem Korb nach Bier.</p> - -<p>Pfarrer Uwis ließ nicht lange auf sich warten. Würdevoll kam er in -langem schwarzen Rock die Dorfstraße angewandelt, seine rundliche -Gattin am Arm. Hier und dort blieb er vor einem Hoftor stehen und -sprach freundliche Worte zu den Leuten, die in der Abendkühle für die -müden Glieder Erfrischung suchten. Vergnügt dankte er den Männern, die -sich nach dem Erfolg seiner Angelfahrt erkundigten.</p> - -<p>Der Schulze erwartete das Ehepaar am Hoftor, um es nach der Laube zu -geleiten, aus der ein heller Lampenschein durch die dichten Ranken<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> des -wilden Weins strahlte. „Ein behagliches Plätzchen“, lobte der Pfarrer, -während er sich niederließ. „Ich fürchte nur, Vetter Christoph, wir -werden Mühe haben, die kleinen Blutsauger zu scheuchen. Meine Hausehre -habe ich mitgebracht, sie hat mich schon den ganzen Nachmittag -entbehrt, weil ich den Räubern im See nachstellte.“</p> - -<p>„Den Erfolg deiner Fahrt habe ich schon gesehen, meine Frau ist noch -dabei, die schönen Barsche zu schuppen, die Dora uns gebracht. Schönen -Dank dafür!“</p> - -<p>„Keine Ursache, Freund, wir hätten die Menge allein nicht bezwungen.“</p> - -<p>Behaglich ging das Gespräch hin und her, über das Wetter, über die -Ernteaussichten und die Neuigkeiten des Dorfes, bis Frau Rosumek -erschien und die Gäste herzlich begrüßte.</p> - -<p>Nach dieser Unterbrechung begann der Pfarrer: „Vetter Christoph und -liebe Frau Minna, ich habe heute etwas Besonderes auf dem Herzen, was -euch beide angeht. Ich möchte mit euch über den Jungen, den Franz, -sprechen. Es ist nichts Schlimmes,“ fuhr er lächelnd fort, als er die -gespannten Mienen der Eltern sah, „im Gegenteil etwas<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> Gutes. Grigo hat -mir schon mehrmals gesagt, der Junge wäre ganz außerordentlich begabt -und es wäre nicht recht, solch ein Pfund zu vergraben, anstatt damit -zu wuchern. Der Meinung bin ich auch. Ein heller Kopf ist ein Geschenk -Gottes, das darf man nicht verkümmern lassen. Drum mache ich dir den -Vorschlag: gib ihn auf’s Gymnasium und schlägt er ein, dann laß ihn -studieren. Die Mittel dazu habt ihr.“</p> - -<p>Frau Rosumek sah den Pfarrer freundlich und dankbar an. „Mir hat es der -Lehrer auch schon gesagt. Ach, es wäre das größte Glück für mich, wenn -ich meinen Franzel auf der Kanzel sehen könnte.“</p> - -<p>Der Vater schien, nach seiner Miene zu urteilen, mit dem Vorschlag des -Pfarrers nicht ganz einverstanden zu sein. Er antwortete bedächtig: -„Pastor, du meinst es gut mit dem Jungen, das wissen wir. Aber bedenk’: -es ist mein Einziger außer dem Mädel, der Emma. Und der Schulzenhof -ist seit Jahrhunderten in meiner Familie immer vom Vater auf den Sohn -vererbt. Soll ich der Letzte in der Reihe sein? Nein, das geht nicht, -lieber Pastor, daß nach mir sich ein Fremder hier hineinsetzt.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p> - -<p>„Das ist ein Grund, der sich hören läßt, Christoph. Es ist was Schönes, -wenn Familien in ihrem Besitz dauern. Doch ich wiederhole trotzdem -meinen Rat. Denn immer von Neuem müssen frische Kräfte unter die -geistigen Führer des Volkes emporsteigen. Frisches Blut muß gerade aus -dem Bauernstande den oberen Kreisen zugeführt werden.“</p> - -<p>„Ich dächte, lieber Freund, tüchtige Kräfte täten jetzt vor allem der -Landwirtschaft not“, erwiderte der Schulze eifrig. „Immer schwerer wird -es uns Landwirten, die schlechten Zeiten zu überwinden. Ich stehe ja, -Gott sei Dank, noch fest in den Sielen, aber manchmal wünsche ich sehr, -ich hätte mehr gelernt. Drum möchte ich gern aus meinem Jungen einen -klugen Landwirt machen, der seinen Beruf aus dem Grund versteht und mit -dem Fortschritt der Zeit mitgeht.“</p> - -<p>„Es ist schwer, dir darauf zu erwidern,“ meinte der Pfarrer, indem -er graue Dampfwolken nach einem Nachtfalter blies, der die Lampe -umschwirrte, „denn das sind vernünftige Worte. Natürlich, keinem Stand -gereicht ein kluger Kopf, ein tüchtiger Mann zur Unehre. Es ist jedoch -in unserm Fall ein Aber dabei. Ich meine nämlich, bei<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> Kindern von -ungewöhnlicher Begabung müßten die Eltern doppelt vorsichtig sein, daß -sie sie nicht auf einen falschen Weg leiten, auf dem sie keine innere -Befriedigung finden. Deshalb ist es auch voreilig — nimm mir das -Wort nicht übel, liebe Minna, schon jetzt zu wünschen, daß der Junge -Theologie studieren soll. Den Wunsch begreife ich, den haben viele -Mütter, — meine hat ihn ja auch gehabt — aber wenn die Kinder groß -werden, dann bekommen sie das Recht, sich ihren Beruf selbst zu wählen -.... Laß mich noch ein Wort sagen, Vetter Christoph, es wäre gar nicht -ausgeschlossen, daß dir der Junge von dem Wege abbiegt, den du ihm -vorschreiben willst. Deshalb möchte ich einen vermittelnden Vorschlag -machen: bring’ Franz, wenn er so weit ist, aufs Gymnasium. Die Stadt -ist so nahe, daß er mit einem tüchtigen Kunter morgens hinfahren und -nachmittags nach Hause kommen kann. So bleibt der Junge im Elternhause -und in Fühlung mit der Landwirtschaft und wir behalten ihn unter -den Augen. Zeigt er Sinn für deinen Beruf, so wollen wir ihn darin -bestärken. Wenn nicht — so mußt du dich darin fügen und ihn seinen Weg -allein gehen lassen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p> - -<p>Eine lange Pause entstand, bis der Pastor noch einmal das Wort nahm. -„Es braucht nicht heute oder morgen der Entschluß gefaßt zu werden, -die Sache eilt nicht. Noch ein Jahr oder zwei kann er zu Grigo in die -Dorfschule gehen; er lernt hier ebensoviel, wie in der Vorschule des -Gymnasiums.“</p> - -<p>Er stand auf und bot Rosumek die Hand. „Überschlaft euch die Sache, -Vetter Christoph, wir sprechen später wieder einmal darüber. Gute -Nacht, gute Nacht, meine Lieben. Es ist spät geworden und für euch ist -beim ersten Morgengrauen die Nacht zu Ende.“</p> - -<p>Pastor Uwis bot seiner Ehehälfte den Arm und wandelte mit ihr langsam -und nachdenklich durch die helle Mondnacht dem Pfarrerhof zu. Erst als -er daheim das Licht anzündete, brach er das Schweigen. „Ich glaube zu -bemerken, mein liebes Weib, daß du mit mir nicht ganz derselben Meinung -bist?“</p> - -<p>„Ich wollte dir nicht widersprechen, aber nun will ich es dir offen -sagen: ich würde mich an deiner Stelle vor der Verantwortung scheuen, -die aus solch einem Rat entspringen kann. Wenn<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> zum Beispiel der Junge -auf der Hochschule verbummelt?“</p> - -<p>Pastor Uwis lachte laut auf. „Der Junge, der Franz soll verbummeln? -Nein, meine gute Amalie, du bist eine gute und auch eine kluge Frau, -aber eine Herzenskündigerin bist du nicht. Sonst müßtest du das Gold -in dem Charakter dieses kleinen Buben sehen.“ Nach einer kleinen -Pause fuhr er fort: „Weißt du, Frau, es ist mir ja manchmal schwer -angekommen, daß unsere Ehe kinderlos blieb, aber seit der Franz da ist, -habe ich mich getröstet. Der soll, wie Frau Jeanette Groterjahn seggt, -mein Erziehungssubstrat werden. Für den Erfolg stehe ich ein!“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_2">2. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Im Schatten der alten Linde, auf grünem Rasen hatten die beiden an -Jahren so ungleichen Freunde ihre Schulstube aufgeschlagen. Franz saß -am Tisch, der Pfarrer ging vor ihm auf und ab und blies in den Pausen -seines Vortrages starke Wolken aus seiner langen Pfeife in die frische -Morgenluft. Er erzählte seinem Zögling von den alten Preußen und geriet -dabei immer mehr in Eifer, besonders wenn er auf seine engere Heimat, -Masuren, zu sprechen kam. Dort hatten die Bewohner, die Sudauer, dem -deutschen Ritterorden am längsten Widerstand geleistet.</p> - -<p>„Vergeblich habe ich nach einer Spur der Erinnerung in unserem -sangesfrohen Volksstamm geforscht. Hätten nicht die deutschen -Eroberer die Kunde davon bewahrt, dann wüßten wir nicht einmal, wo -die Burg des letzten Masurenhelden Skomand gestanden hat. Wie wär’s, -<span class="antiqua">mi fili</span>, wenn wir<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> morgen bei Sonnenaufgang den Marsch nach -Skomenten unternähmen? Abends kehren wir müde aber vergnügt nach Hause -zurück. Der Tag soll uns trotzdem nicht verloren gehen, denn als -überzeugungstreue Peripatetiker werden wir uns den Weg durch belehrende -Gespräche kürzen.“</p> - -<p>Wie ein Sturmwind flog der Knabe hinter dem Tisch hervor, wirbelte -seinen Lehrmeister ein paarmal rundum und schlug dann vor Freude ein -Rad nach dem anderen über den Rasen. Gerührt sah der Pastor eine Weile -dem Knaben zu, bis er ihn anrief: „Gib Ruhe, du Wildfang! Meinst wohl, -ich könnte meiner Würde in offenem Garten soweit vergessen, deinem -Beispiel zu folgen? Denn die Schnellkraft der Glieder sollte mir wohl -nicht fehlen. So, nun setz dich und gib acht, was ich dir sagen werde; -ich fürchte, deine Lustigkeit wird etwas nachlassen, wenn ich dir -sage, daß dieser Marsch für eine Weile der letzte sein wird, den wir -miteinander machen! Sieh mich nicht so erschreckt an, <span class="antiqua">mi fili</span>! -Du bist jetzt dreizehn Jahre alt und hast die Kenntnisse der Obertertia -so ziemlich erreicht. Weiter kann ich dich nicht unterrichten. Es ist -dir auch sehr dienlich, daß du unter Altersgenossen kommst und dich an -ihnen abschleifst.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span></p> - -<p>„Grans’ nicht, großer Kerl du“, rief er gleich danach aus, als er sah, -daß dem Knaben die Tränen aus den Augen perlten. „Die Stadt ist so -nahe, daß du in jeder Woche mehrmals zu Fuß herwandern kannst, wenn -dein Vater dich in eine Pension bringt, was ich, unter uns gesagt, -nicht für ratsam hielte. Ich sehe, Vernunftgründe sind bei dir nicht -angebracht“, fuhr er nach einer Weile fort, als der Knabe still vor -sich hinweinte, „da soll dich die Arbeit trösten. Hier,“ er schlug ein -Buch auf, „diese beiden Stücke übersetzt du mir ins Französische.“</p> - -<p>Er wandte sich schnell ab, der Gute, denn auch ihm war das Herz schwer -geworden. Sein eigenes Kind hätte ihm nicht lieber werden können, als -der frische Junge, der seine Liebe und Sorgfalt mit der rührendsten -Anhänglichkeit vergalt. Wie zwei gute Kameraden hatten sie miteinander -gelebt, der erfahrene, in sich gefestigte Mann und der schmiegsame -Knabe. Mit verschwenderischer Fülle hatte der Lehrmeister aus dem Born -seines Wissens die Samenkörnlein guter Lehren ausgestreut und nicht ein -einziges war auf unfruchtbaren Boden gefallen. Früh am Morgen kam Franz -mit seiner Mappe nach dem Pfarrhof gewandert. Bei<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> gutem Wetter im -Sommer suchte man sich ein behagliches Plätzchen im Garten, im Winter -bot das Studierzimmer des Pastors schützendes Obdach. Am Nachmittag -machten Lehrer und Schüler große Spaziergänge, sie fuhren gemeinsam -angeln, sie wirtschafteten im Garten und im Felde. Mit peinlicher -Gewissenhaftigkeit suchte Pfarrer Uwis in seinem kleinen Genossen die -Liebe an der Landwirtschaft zu wecken. Er war glücklich, wenn Franz mit -Eifer am Morgen Vorfälle aus der väterlichen Wirtschaft berichtete oder -in der Erntezeit vom Sattelpferd aus das vierspännige Gespann lenkte.</p> - -<p>Und der Junge hatte wirklich Interesse an dem Beruf eines Landwirts -gefaßt. Er wußte in Hof und Feld genau Bescheid und beurteilte, wie -sein Vater dem Pfarrer mit Stolz erzählt hatte, ganz genau, ob ein -zweijähriges Fohlen im nächsten Jahr zur Remonte ausgehoben würde.</p> - -<p>Mit dem ersten Hahnenschrei waren die beiden Freunde am nächsten -Morgen aus den Betten gefahren und als der erste Sonnenstrahl über dem -See aufleuchtete, wanderten sie schon, die wohlgefüllten Ränzel auf -dem Rücken, dem Bergwald zu. Die herzerfrischende Kühle eines klaren -Sommermorgens<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> umfing sie; hoch im Blau des Himmels jubilierte die -Lerche, an den Spitzen der Gräser glitzerten die Tautropfen. Der frisch -einsetzende Wind trieb die Nebelschwaden durch die Wipfel der hohen -Fichten an den Bergen entlang, bis sie unter den Strahlen der Sonne in -Nichts zerrannen.</p> - -<p>Aus dem hohen Roggen zu ihrer Rechten kam eilfertig ein Rebhuhnpaar -gelaufen, mit ausgebreiteten Flügeln schoß die Schar der Jungen -hinterdrein, keines größer als ein Sperling. Kaum waren sie im dichten -Kartoffelkraut verschwunden, da setzte im blinden Eifer mit großen -Sprüngen der Fuchs auf der frischen Spur hinterdrein. Mit komischem -Eifer schleuderte der Pfarrer seinen Wanderstock nach dem Rotrock, der -in jähem Schreck wie angewurzelt stehen geblieben war, bis der Wurf ihn -zurückscheuchte.</p> - -<p>„Sieh, mein Sohn, jetzt wird der Räuber eine Minute warten, bis er uns -weggehen hört und dann mit doppeltem Eifer der Spur folgen. Aber warte, -du Räuber! Sowie der erste Schnee die Felder deckt, erwische ich dich -im Eisen. Nicht umsonst bin ich im Forsthause aufgewachsen.“</p> - -<p>„Weshalb bist du nicht Förster geworden,<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> Onkel?“ fragte der Knabe. -„Davon hast du mir noch nichts erzählt.“</p> - -<p>„Warte, mein Kind, bis wir in den Wald kommen, dann erzähle ich es dir.“</p> - -<p>Eine Weile schon schritten sie zur Seite des Weges im Wald dahin, als -der Pastor begann: „Du hast gestern geweint, weil du eine kleine halbe -Meile von deinem Elternhause ein paar Jahre verleben mußt. Mir ist es -viel schlimmer gegangen.“ Und nun erzählte er mit verhaltener Stimme, -aus der wehmütige Erinnerung klang, von dem alten Forsthause tief in -der Johannisburger Heide, wo er fast eine Meile täglich hin und zurück -zur Schule laufen mußte. Wie ihn dann der Vater als achtjährigen Knaben -zur Schule nach Johannisburg gebracht und ihn am anderen Morgen vor -der Tür des Forsthauses im Grase schlafend gefunden. „So hab’ ich mich -gebangt und gesehnt nach dem Wald, dem See und den Bergen, daß ich -abends meinen Pensionseltern entwischte und durch die stockfinstere -Nacht und den rauschenden Wald der Heimat zuwanderte. Später brachte -mich der Vater nach Lyck aufs Gymnasium. Es waren gut acht Meilen nach -Hause, aber wenn mich die Sehnsucht faßte, dann<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> bin ich die Nacht vom -Sonnabend zu Sonntag gelaufen, um ein paar Stunden am Sonntag zu Hause -schlafen zu können. In den Ferien habe ich den Vater auf Schritt und -Tritt begleitet, habe mit ihm gejagt und gefischt und wenn ich wieder -nach der Stadt zurück mußte, noch als erwachsener Junge geweint. Mein -ganzes Dichten und Trachten war nur darauf gerichtet, Förster zu werden -und ein ebenso tüchtiger Weidmann wie mein Vater. Aber meine Mutter -wollte etwas anderes. Ich sollte Pfarrer werden ..... ich bin es ja -auch geworden, doch davon erzähle ich dir später einmal, wenn du älter -bist.“</p> - -<p>Er schwieg, und der Knabe war feinfühlig genug, seinen väterlichen -Freund nicht durch eine Frage in seinem Sinnen zu stören. Erst, als -sie von freier Höhe Umschau hielten und ihr Blick freudig über die -im Sonnenschein lachende Flur, die dunklen Wälder und die blinkenden -Spiegel in die Ferne schweifte, kam eine andere Stimmung über beide. -Der Pfarrer nahm die leichte Sommermütze ab und sprach mit bewegter -Stimme:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>„Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht über die Fluren -verstreut, schöner ein<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> froh Gesicht, das den großen Gedanken deiner -Schöpfung noch einmal denkt.“</p> -</div> - -<p>Und dann rief er mit heiterem Mut: „Laß uns unser Heimatlied -anstimmen!“ Mit kräftigem Baß setzte er ein:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Thal, Hügel und Hain!</div> - <div class="verse indent0">Da wehen die Lüfte so frei und so kühn,</div> - <div class="verse indent0">Möcht immer da sein,</div> - <div class="verse indent0">Wo Söhne dem Vaterland kräftig erblühn!</div> - <div class="verse indent0">Hold lächelt auf Seen und Höhen</div> - <div class="verse indent0">Des Himmel Blau!</div> - <div class="verse indent0">Die Wälder, die Seen, der Berge Sand,</div> - <div class="verse indent0">Masovia lebe, mein Vaterland!“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Das war ein prächtiger Mann, der Professor Dewischeit, der dies Lied -gedichtet hat,“ sprach er im Weitergehen, „ein vorzüglicher Lehrer, dem -allein ich es verdanke, daß ich nicht ein Taugenichts geworden bin.“</p> - -<p>Sie hatten den Skomentener See umwandert, waren auf den Berg gestiegen, -auf dem vor Zeiten die Burg des Skomand stand und hatten die Gräben, -die von Gestrüpp überwucherten Steintrümmer überklettert, eifrig -bemüht, sich ein Bild der Veste zusammenzustellen. Jetzt lagen sie -unter der mächtigen Eiche, die einsam die spitze Bergkuppe krönt -und schauten über den See hinüber nach dem Dorfe Skomenten, dessen -schmucke<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> Häuser aus freundlichem Grün hervorlugten. Sie hatten dem -Mundvorrat wacker zugesprochen, jetzt war ein behagliches Sinnen über -sie gekommen, bis Franz ganz unvermittelt fragte: „Onkel, was soll ich -werden?“</p> - -<p>Mit jähem Ruck richtete sich der Pastor empor: „Mein Kind, denkst du -schon an solche Dinge?“</p> - -<p>Der Junge nickte nachdenklich. „Ich weiß, die Mutter will, daß ich -Pfarrer werden soll, der Vater möchte am liebsten, daß ich den Hof -übernehme, bloß was du willst, weiß ich noch nicht recht; Naturforscher -oder Arzt? Was meinst du, Onkel?“</p> - -<p>„Merkwürdig,“ brummte der Pastor, „daß solche Dinge dem Kinde -zufliegen, wie ein Lufthauch, von dem man nicht weiß, von wannen er -kommt.“ Lauter fuhr er fort: „Habe ich dir schon mit einem Worte davon -gesprochen, was du werden sollst?“</p> - -<p>„Nein, Onkel.“</p> - -<p>„Wie kommst du denn zu deiner Annahme?“</p> - -<p>Über das Gesicht des Knaben huschte ein Lächeln. „Ja, sieh mal, Onkel, -wir haben so viel<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> von Naturbeschreibung und Botanik gelernt, viel mehr -als die Gymnasiasten in der Stadt.“</p> - -<p>„Na und?“</p> - -<p>„Da habe ich mir gedacht, das kann ich doch nur brauchen, wenn ich eins -von beiden studiere.“</p> - -<p>„Du büst ja gefährlich klook, min Söhn,“ antwortete der Pastor, der oft -und gern plattdeutsch sprach, „äwer dit Moal häst vorbidacht, un nimm -mi nich äwel, min Jung, dat ick di dat segg, du büst een Schafskopp. -Goah du man erscht noch e Johrener fiew to School und dann red’ wi noch -mal doräwer.“</p> - -<p>Franz schwieg; er wußte, daß der Onkel, wenn er ihm in dieser Mundart -Anweisungen erteilte, keine Einwendungen wünschte. Dem Lehrmeister aber -schien nach einer Weile, als ob er nicht gut daran getan hätte, das -Gespräch so kurz abzubrechen. Deshalb nahm er den Faden wieder auf. -„Du weißt schon, wie es mir gegangen ist. Mir wurde der größte Wunsch -meiner Jugend versagt, ich bin etwas anderes geworden, als ich wollte, -aber ich lebe und bin zufrieden. Du weißt noch nicht einmal, was du -werden willst ....“</p> - -<p>„O doch,“ warf der Knabe ein, froh, wieder antworten zu dürfen, „ich -weiß es schon, ich will<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> studieren, alles lernen, was es bloß zu lernen -gibt.“</p> - -<p>„Und dann?“</p> - -<p>„Ja, was ich schließlich werde, weiß ich noch nicht.“</p> - -<p>Erleichtert atmete der Pfarrer auf. „Dann will ich dir einen guten Rat -geben, mein Herzensjunge: lern’ und studier’, so viel du willst, deine -Eltern werden dir kein Hindernis in den Weg legen, aber vergiß nie, -was Vater und was Mutter wünschen. Und wenn deine Mutter auch etwas -anderes wünscht, als dein Vater, so wird sie ihm doch gern beistimmen, -wenn du dich für die Landwirtschaft entscheidest. Zuviel kann man nie -lernen, auch als zukünftiger Landwirt nicht. Und noch eins: gib mir -das Versprechen, wenn in dir jemals der Wunsch nach einem bestimmten -Beruf auftaucht, laß es mich zuerst wissen, damit wir gemeinsam einen -Entschluß fassen.“ Er hielt ihm die Hand hin, der Knabe schlug kräftig -ein.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_3">3. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Das Stadtleben behagte Franz viel besser, als alle angenommen hatten. -Sein Vater hatte ihn gegen den Rat des Pastors zu einem entfernten -Verwandten, dem Bäckermeister Scharner, in Pension gegeben. Dort fand -Franz einen gleichaltrigen Schulkameraden vor, der sich trotz seiner -geringen Begabung mit eisernem Fleiß aufwärts rang, Gottlieb Sefczyk, -den Sohn eines Steueraufsehers. Sutor — der Name Sefczyk bedeutet -verdeutscht Schuster und war natürlich sofort ins Lateinische übersetzt -worden — hatte von seinen Eltern so gut wie gar keine Unterstützung. -Der Bäckermeister, der mit seinem Vater aus demselben Dorfe stammte, -gab ihm freie Wohnung und Frühstück, wohlhabende Bürgersleute gaben ihm -Mittag und Abendbrot. Einen Tag der Woche aß er beim Gymnasialdirektor, -den zweiten bei einem Konditor, den dritten beim Gefängnisinspektor, -den vierten beim Pfarrer usw. War die<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> Woche zu Ende, dann begann er -seinen Rundgang von neuem. Das war damals in der kleinen Stadt ein -allgemeiner Brauch, arme Knaben in dieser Weise zu unterstützen und -mancher wohlhabende Bürger hatte Tag aus Tag ein einen kleinen Gast zu -Tisch. Vom Gymnasium, das mit reichen Stiftungen begabt war, erhielt -Sutor freie Schule und Bücher, so daß seine Eltern nur die Kleidung zu -liefern brauchten.</p> - -<p>Wieviel arme Jungen haben sich in jenen Zeiten in dieser Weise zum -Studium emporgerungen! Meistens hatte schon ihr Vater eine ähnliche -Entwicklung durchgemacht. Ein ehrgeiziger Bauer oder Gutshandwerker -hatte seinen begabten Jungen nach der Stadt geschickt. Dort „schrieb“ -er auf dem Landratsamt oder bei einem Rechtsanwalt, bis er alt und -stark genug war, ins Heer zu treten, um auf Versorgung zu dienen und -später einmal einen kleinen Beamtenposten zu bekommen. Die geistige -Kraft, mit der solche Leute sich aus dem Bauernstamm herausgearbeitet -hatten, ging meistens auch auf ihre Söhne über. Die Eltern darbten und -sorgten, um den Jungen aufs Gymnasium zu bringen, damit er Theologie -studiere.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span></p> - -<p>Viele Männer in hohen Staatsstellungen können auf einen derartigen -Entwicklungsgang zurückblicken .... daß Söhne von reichen Bauern die -Universität besuchten, kam eigentlich viel seltener vor. Sie hatten -genau wie die Söhne der Großgrundbesitzer nur den Ehrgeiz, sich das -Zeugnis zum einjährig-freiwilligen Dienst zu ersitzen ..</p> - -<p>Franz machte eine rühmliche Ausnahme.</p> - -<p>Er „nahm“ die Klassen, wie ein edler Renner das Hindernis, stets als -Erster, gefolgt von seinem treuen Sutor, der mit eisernem Fleiß sich -hinüberrang. An schulfreien Nachmittagen packte Franz seinen Tornister -und lief hinaus nach Schwentainen. Dann saßen die beiden Freunde -wie ehedem in einem schattigen Winkel des Gartens bei ihren Büchern -beisammen. Am Sonntag brachte Franz seinen Freund Sutor mit, dann -streiften sie nachmittags zu dreien durch die Wälder, bis die Sonne -sank.</p> - -<p>Die alten Rosumeks hatten wohl manchmal den stillen Wunsch, daß ihr -Junge seine freie Zeit mehr im Elternhause verbringen möchte. Trotzdem -fanden sie es ganz natürlich, daß er mehr im Pfarrhause saß als zu -Hause. Der Pastor war ja nicht nur sein Onkel, sondern auch sein -Freund<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> und Lehrmeister. Die Mutter sah in den Jungen wie in einen -Spiegel. Und auch der Vater war stolz auf die Fortschritte seines -Sohnes. Er war ein ernster, wortkarger Mann, der mit fester Hand das -große Dorf nach seinem Willen lenkte. Aber nie konnte er es über sein -Herz bringen, mit Franz über seinen zukünftigen Beruf zu sprechen.</p> - -<p>Desto öfter tat es die Mutter. Wo irgend die Gelegenheit sich bot, -erzählte sie ihrem Liebling, wie sehr sie sich darauf freue, ihn erst -als Hilfsprediger bei Onkel Uwis und dann als seinen Nachfolger auf der -Kanzel zu sehen. Trotzdem wußten beide Eltern noch nicht, wozu Franz -eigentlich recht Neigung hatte. Wenn der kräftige Bursch mit einem Zaum -nach dem Roßgarten ging, sich eins der jungen Pferde einfing und nach -scharfem Ritt staubbedeckt wiederkehrte, dann freute sich der Vater im -stillen, weil er meinte, es sei ein Zeichen für sein Interesse an der -Landwirtschaft. Oder er nahm den Jungen und ging mit ihm hinaus aufs -Feld, um ihm die neuen Getreidesorten zu zeigen, mit denen er Jahr aus -Jahr ein Versuche anstellte.</p> - -<p>So verging die Zeit. Franz saß bereits auf Prima. Aus dem frischen -Knaben war ein flotter<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> Jüngling geworden, der Liebling der Lehrer und -seiner Mitschüler. Damals — heute soll es ja anders sein — gab es ein -Sängerkränzchen und einen Fechtklub auf dem Gymnasium. Der Direktor, -ein energischer Mann, der strenge Zucht übte, hatte beide Vereinigungen -erlaubt, allerdings unter steter Kontrolle. Und sein Prinzip bewährte -sich. Die Schüler der beiden oberen Klassen hüteten sich, das Bestehen -der Vereine durch unerlaubte Kneipereien zu gefährden. Durften sie doch -in jedem Vierteljahr eine offizielle Kneipe abhalten, und die jüngeren -Lehrer, die daran teilnahmen, hatten nur den Auftrag, zu verhindern, -daß die fröhliche Kneiperei in ein wüstes Gelage ausarte. In beiden -Vereinen war Franz an der Spitze. Er focht eine ausgezeichnete Klinge -und wurde von den älteren Schulkameraden, die zu den Ferien als -Korpsstudenten nach Hause kamen, eifrig umworben.</p> - -<p>So kam der Tag des Abiturientenexamens heran. Franz hatte das -Schriftliche gut „gebaut“ und sah der mündlichen Prüfung ohne jede -Aufregung entgegen. „Ängstige dich nicht,“ meinte er trocken zur -Mutter, „wenn ich nicht dispensiert werde, ist es mir umso lieber, -denn ich möchte gern<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> sehen, wie es bei dem Mündlichen zugeht. Was da -gefragt werden kann, weiß ich alles.“</p> - -<p>Am Tage vorher kam er nach Hause und saß mit den Eltern und dem Ehepaar -Uwis vergnügt einige Stunden zusammen. Am anderen Morgen stand er -zeitig auf, steckte sich eine lange Pfeife an und sah der Mutter zu, -die ihm das neue, gestickte Hemd plättete, das er zu seinem Ehrentage -anziehen sollte. Dann fuhr er in die schwarzen Kleider, küßte Vater und -Mutter und wanderte frohen Muts der Stadt zu. Kurz nach Mittag sollte -Ludwig, der alte Großknecht, ihn mit den Trakehner Rappen von Scharners -abholen.</p> - -<p>Das ganze Dorf war in Aufregung. So lange man sich erinnern konnte, war -kein Bauernsohn Student geworden. Und nun hatte der Erbschulze alle -Besitzer zu einer großen Festlichkeit eingeladen. Hinter dem Hause -im Garten war eine große Tafel aufgestellt, daran saßen die Bauern, -schwangen kräftig die Steinkrüge voll Bier und ließen den Herrn Studios -hochleben; sie feierten das Ereignis schon als selbstverständlich. -Die Mutter stand oben am Fenster der Giebelstube, wo sie den Weg ein -Stück übersehen konnte. Die Hände flogen ihr vor Erregung, während sie -mechanisch<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> an einem langen Strumpf strickte. Ab und zu mußte sie sich -einen Augenblick setzen, die Füße drohten ihr den Dienst zu versagen. -Da — oben — wo der Weg vom Berge zum Dorf abbiegt, leuchtet es rot -auf ... Sollte Franz zu Fuß kommen? Nein, es ist das Kopftuch eines -Weibes, aber die Frau läuft, was die Füße sie tragen, sie bringt -Nachricht, sonst würde sie sich nicht so beeilen.</p> - -<p>Am Hoftor steht atemlos die Sceska, nur stückweis kann sie die Kunde -von sich geben.</p> - -<p>„Ich hab ihn gesehen, den jungen Herrn, mit der roten Mütze — — Alle -standen sie vor der Tür, die Menschen .... Er mußt’ hier ansprechen und -dort ansprechen .... sie lassen ja keinen vorbei, die Menschen! Und bei -Scharners hatten sie in der Veranda Wein aufgestellt und Kuchen und da -haben sie mit den Gläsern angestoßen und hoch gerufen.“</p> - -<p>Der Vater Rosumek drückte dem Weib einen harten Taler in die Hand und -faßte seine Frau um, der vor Freude die hellen Tränen über das Gesicht -rollten .... Es war eine schöne Sitte in dem kleinen Städtchen anno -dazumal, diese freudige Teilnahme an dem Geschick der Gymnasiasten.<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> -Noch gab es dort keine Offiziere und schneidige Referendare, -unumschränkt herrschte der Primaner in den Herzen der Stadt. Die Bürger -kannten jeden einzelnen, der heut im Examen schwitzte. Die Aussichten -eines jeden, die Prüfung zu bestehen, waren öffentliches Geheimnis. -Und wenn dann die Pforte des stattlichen Gebäudes sich auftat, und die -frischen Jünglinge in freudiger Erregung hinausstürmten, dann standen -Freunde und Verwandte da, um sie mit den Zeichen der neuen Würde, -mit der roten Mütze und einem Albertus, einer goldenen Nadel mit dem -Bildnis des Stifters der Albertina, zu schmücken.</p> - -<p>Und welch ein Jubel die einzige Straße des Städtchens hinab! Auf den -Treppen vor ihren Häusern haben die Bürger Wein und Kuchen aufgestellt. -Treuherzig treten sie an die Jünglinge, mit denen sie kaum sonst ein -Wort gewechselt, heran und laden sie zu einem Festtrunk im Vorbeigehen -ein. Heute ist alles wie eine große Familie. Die Jünglinge haben ihr -Examen bestanden, jetzt sind’s nicht mehr „die Primanerchen“, sondern -die Herren Abiturienten, die zukünftigen Pastoren, Doktoren und Richter!</p> - -<p>Es war ein anstrengender Tag für Franz,<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> für Vater Rosumek und Pastor -Uwis gewesen. Erst die Feier zu Hause und dann der solenne Kommers in -der Stadt, der bis zum Morgen währte. Sorgsam hatte die Mutter das -Fenster der Giebelstube, in der Franz schlief, mit einer dunklen Decke -verhängt. Ihr Sohn hatte sich gestern viel tapferer gehalten, als sein -Vater und sogar als der Pastor, dem, wie er sagte, die Erinnerung -an vergangene Zeiten zu Kopf gestiegen war. Nun saß sie am Bett -ihres Lieblings und scheuchte die vorwitzigen Fliegen, die trotz des -künstlichen Halbdunkels die Stube durchschwirrten. Erst als Franz sich -zu recken begann, schlich sie leise hinaus, um einen starken Kaffee zu -brauen, wie ihn Vater Rosumek nach anstrengenden Festen zu verlangen -pflegte. Vorher aber legte sie noch die rote Mütze, die über und über -mit goldenen und silbernen Nadeln besteckt war, dem Sohn aufs Deckbett, -daß sein erster Blick darauffallen mußte.</p> - -<p>Langsam öffnete Franz die Augen. Gewohnheitsmäßig drehte er den Kopf -zur Wand, wo seine Taschenuhr zu hängen pflegte, sie war nicht an -der gewohnten Stelle. Da fiel sein Blick auf die rote Mütze. Ein -wundersames Gefühl überkam ihn. Über den roten Schimmer hinaus sah er -in<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> die Zukunft, die sich vor ihm auftat, wie in ein Wunderland, vor -dessen Pforten er lange mit heißer Sehnsucht auf Einlaß geharrt. Es -waren keine festumgrenzten Gedanken, nur ein mächtiges, heißes Gefühl.</p> - -<p>Die Sonne stand schon tief im Westen, als Franz zum Pfarrhof ging. -Ohne es zu wissen, hatte er einen kleinen Umweg gemacht, zu dem -kleinen Häuschen, wo die Lehrerwitwe Grigo wohnte. Den guten Mann, der -ihm prophezeit, daß er ein „schöner Schreiber“ werden würde, deckte -schon seit einem Jahr der kühle Rasen. Seine Frau ernährte sich und -ihr Töchterchen neben der kargen Pension durch Schneiderei für die -Bauernfrauen.</p> - -<p>Vor der Thür stand die kleine Lotte, ein herziges Mädel von vierzehn -Jahren mit kornblumenblauen, großen Augen und langen Hängezöpfen, als -wenn sie ihn erwartete. Und es mußte wohl wirklich der Fall sein, denn -als er die Gartentür öffnete, sprang Lotte auf ihn zu und steckte ihm -einen goldenen Albertus in die Rockklappe. Dann faßte sie ihn um den -Hals und gab ihm einen herzhaften Kuß. „Es ist ein Gruß von meinem -Väterchen, er hat ihn gekauft, als er zum letztenmal in<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> der Stadt war. -Nimm ihn von uns als ein Zeichen unserer Liebe und Teilnahme.“</p> - -<p>Pastor Uwis ging mit seiner langen Pfeife im Garten spazieren. Er hatte -die Folgen der Feier schon überwunden und dampfte mächtige Rauchwolken -in die kühle Abendluft. Als Franz den Gang entlang ihm entgegenkam, -streckte er ihm schon von weitem beide Hände entgegen: „Nun, mein -lieber Freund, wie hast du die Anstrengungen deines Ehrentages -überwunden? Meine Hausehre behauptet, ich hätte gestern des Guten -etwas zuviel getan. Doch das ist meines Erachtens eine <span class="antiqua">contradictio -in adjecto</span>, denn des Guten kann man nie zuviel tun. Hätte sie -behauptet, daß ich zuviel Bowle getrunken, dann hätte ich nicht -widersprechen können. Denn unter uns Kollegen gesagt, wir haben gestern -etwas stark dem alten Heiden Bacchus geopfert.“</p> - -<p>Er zog den Jungen an sich und küßte ihn herzlich. „<span class="antiqua">Mi fili</span>, -mein Herz ist fröhlich und doch betrübt. Nun wirst du von uns gehen -in die weite Welt und wirst den alten Uwis allein lassen .... Kinder -hat uns der liebe Gott versagt, dafür warst du uns wie ein Sohn ans -Herz gewachsen .... doch der Mensch soll nicht undankbar sein ....“<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> -Er faßte ihn unter den Arm. „Komm zu Tante, sie sitzt in der Laube und -bewacht ein paar Weißköpfe, die in dem kühlen Erdreich unter der Linde -ihrer Auferstehung entgegenschlummern.“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_4">4. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Der Herbst hatte seine bunten Farben über den Wald gestreut. In allen -Schattierungen von gelb und rot leuchteten die Laubhölzer und Sträucher -zwischen dem dunklen Grün der Fichten und den fahlen Stämmen der -Kiefern.</p> - -<p>Die Stare hatten sich bereits zu großen Gesellschaften vereinigt, bald -brausten sie zu einer Wolke geballt durch die Luft und übten Flugkünste -für die weite Fahrt nach dem Süden, bald saßen sie schwatzend und -lärmend in den Rohrkampen des Flusses. Die Sonne lachte dazu vom -wolkenlosen Himmel. Lange weiße Fäden segelten mit dem schwachen Winde -über die Erde, hafteten an Baum und Strauch und wehten wie Wimpel vom -Mast der Schiffe. Ab und zu stieg eine Lerche vom Stoppelfeld empor, um -nach kurzem Sang wieder herunterzugleiten.</p> - -<p>Es lag wie ein Abschiednehmen auf der Flur, aber nicht die Wehmut einer -Trennung für immer, nein, bei diesem Abschied klang daneben schon das<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> -hoffnungsfreudige „Auf Wiedersehn“, „Auf baldiges Wiedersehn“.</p> - -<p>Vom Walde her kam ein Grünrock dahergeschritten, das Bild eines -kernigen deutschen Weidmanns, groß gewachsen, breitschultrig, mit -langwallendem Bart, in dessen Dunkel das herannahende Alter schon die -ersten weißen Fäden gewebt hatte. Sein scharfes Auge hatte bereits den -Trupp Reiter entdeckt, der im behaglichen Schritt herangeritten kam. -Keine Waffe blitzte, keine Farben strahlten, denn die bunte Pracht der -Uniform war einem stumpfen Grau gewichen. Nur die strenge Ordnung der -Reiter verriet, daß es eine Abteilung Dragoner aus der nahen Kreisstadt -war. Der Forstmeister hob schon von weitem grüßend und winkend die -Hand, als er die an der Spitze reitenden Offiziere erkannte. Es waren -ihm liebe Freunde, die schon oft an seinem gastlichen Tisch gesessen. -Der Major Aldenhoven verhielt den Gaul. „Guten Tag, Herr Forstmeister, -können wir ein Stündchen bei Ihnen rasten?“</p> - -<p>„Ich bitte darum, Herr Major.“</p> - -<p>Er trat an den Reiter heran und reichte ihm die Hand. „Das schöne -Wetter hat wohl die Herren zu einem Spazierritt verführt?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> - -<p>Der Major lachte: „Stimmt auffällig, Herr Forstmeister, nur verbinden -wir damit einen kleinen Nebenzweck. Ich will meinen Offizieren und -Mannschaften das Gelände bis zur Grenze einprägen.“</p> - -<p>Auf dem geräumigen Hof der Oberförsterei stiegen die Dragoner ab. Die -Offiziere folgten dem Grünrock in das Haus, wo die freundliche Hausfrau -mit zauberhafter Schnelligkeit ein kräftiges Frühstück auftragen ließ. -Als die Gläser zu dem ostpreußischen Nationalgetränk auf den Tisch -gestellt wurden, rief der Major lachend: „Aber, lieber Forstmeister, es -stehen heute wirklich keine Grogzeichen am Himmel.“</p> - -<p>„Die haben wir nur für Fremdlinge erfunden, lieber Major, wir -Eingeborenen brauchen diesen Vorwand zum Grogtrinken nicht“, erwiderte -der Grünrock lachend. „Sind Sie schon auf dem Heimwege?“</p> - -<p>„Ach nein, so leicht nehmen wir den königlich-preußischen Dienst nicht, -wir reiten nachher noch Ihre Forst ab und kehren erst gegen Abend heim.“</p> - -<p>„Glauben Sie denn ...., daß es bald losgeht?“</p> - -<p>„Wir erwarten und hoffen es ....“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span></p> - -<p>„Und Sie meinen, daß die Kämpfe sich hier abspielen werden?“</p> - -<p>„In den ersten Tagen sicherlich. Dann werden wir von den Russen mit -gewaltiger Übermacht zurückgedrängt.“ Er führte mit der geballten Faust -einen Hieb durch die Luft: „Es ist ein Jammer, und eine Schande, daß -man Ostpreußen so schutzlos läßt.“</p> - -<p>„Ja,“ warf der Forstmeister ein, „die Regierung dürfte sich mit der -Ablehnung der zwei Armeekorps nicht zufrieden geben, sondern den -Reichstag zum Deuwel jagen.“</p> - -<p>„Vor allem hätte sie auf den geforderten sechs Kavallerieregimentern -bestehen müssen! Wissen Sie, was wir meinen? Daß Ostpreußen bis zur -Weichsel aufgegeben werden soll.“</p> - -<p>„Das ist doch aber nicht möglich, eine ganze große, blühende Provinz -kampflos dem Feind überlassen“, rief der Grünrock heftig.</p> - -<p>Der Major zuckte die Achseln. „Es wird wahrscheinlich notwendig sein. -Ich kann es ja wohl hier im vertrauten Kreise aussprechen, daß wir -bestimmt mit einem Krieg nach zwei Fronten zu rechnen haben, und -der Plan des Generalstabes soll dahin gehen, nicht unsere Kräfte zu -teilen,<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> sondern erst die Franzosen mit gewaltiger Übermacht schnell zu -erdrücken, um uns dann mit allen Kräften gegen die Russen zu werfen.“</p> - -<p>„Ach, unser armes Ostpreußen“, warf der Forstmeister ein.</p> - -<p>„Ja,“ sagte der Rittmeister von Kobylinski mit grimmiger Stimme, „die -Herren in Berlin spielen wie auf einem Schachbrett, aber was unsere -Heimat zu tragen haben wird, wieviel Werte und Menschenleben verloren -gehen!“</p> - -<p>„Wann erwarten Sie denn den Krieg, Herr Major“, fragte die freundliche -Gattin des Hausherrn, nachdem sie die Herren zu Tisch gebeten und die -Gläser gefüllt hatte.</p> - -<p>„Das ist schwer zu sagen, gnädige Frau. Es kann noch ein paar Jahre -dauern, es kann aber auch heute oder morgen losgehen. Die Russen häufen -immer mehr Truppen an unserer Grenze an ....“</p> - -<p>„Sind wir darüber so genau unterrichtet?“</p> - -<p>„Das kann wohl nicht verborgen bleiben, gnädige Frau. Aber so genau, -wie es wünschenswert wäre, sind wir leider nicht unterrichtet.“</p> - -<p>„Ich wüßte eine Quelle, aus der Sie so manches erfahren könnten.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span></p> - -<p>„Ach, das wäre ja famos,“ rief der Major, „darf ich erfahren ....?“</p> - -<p>„Gewiß,“ fiel der Forstmeister ein, „wir haben hier einen Mann, der -drüben in Rußland sehr gut Bescheid weiß. Es ist noch ein Schulkamerad -von mir. Ich glaube, er hat sich bis zur Obertertia hinaufgesessen und -wurde nach längerem Aufenthalt in jeder Klasse ‚<span class="antiqua">propter barbam et -staturam</span>‘ versetzt, dann mußte er abgehen, weil sein Vater starb -und die Familie in traurigen Verhältnissen zurückließ. Er trat bei -einem Fleischermeister in die Lehre, später verlor ich ihn aus dem -Auge. Im vorigen Herbst, als der Bahnbau hier beginnen sollte, erschien -er bei mir. Er wollte die Kantine für die Bahnarbeiter übernehmen. -Dabei erzählte er mir, daß er sich lange Jahre in Russisch-Polen als -Aufkäufer und Viehtreiber herumgetrieben und sich dabei etwas Geld -zurückgelegt hätte, mit dem er nun ein seßhaftes Leben beginnen wollte. -Ich verschaffte ihm die Genehmigung und überließ ihm einen Platz im -Walde, wo er sich eine Bretterbude aufbaute.“</p> - -<p>„Ach, das ist ja der Grinda in der Waldschänke“, rief der Major aus. -„Glauben Sie wirklich, daß der Mann Bescheid weiß?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p> - -<p>„Sie werden staunen. Ich werde Sie mit ihm, sobald wir hier fertig -sind, bekanntmachen. Er pflegt sonst sehr zurückhaltend zu sein.“</p> - -<p>Eine halbe Stunde später brachen die Offiziere zu der nicht weit -entfernten Waldschenke auf. Es war ein schmuckloser Bretterbau, der -vorn einen kleinen Ausschank und daneben eine etwas größere Gaststube -enthielt. Bei ihrem Eintritt sprang ein junges Mädchen auf und eilte -aus der Tür. Von dem stark versessenen Ledersofa erhob sich ein junger -Mann.</p> - -<p>„Mein Sohn Walter, <span class="antiqua">stud. jur.</span>“, stellte der Forstmeister ihn -vor. Eine Wolke des Unmuts lag auf seiner Stirn. „Ruf uns mal den -Grinda her, ich habe mit ihm zu sprechen.“</p> - -<p>Der junge Mann verschwand.</p> - -<p>Bald darauf trat der Gastwirt ein und begrüßte seine Gäste durch eine -leichte Verbeugung. „Was steht zu Diensten?“</p> - -<p>Der Forstmeister reichte ihm die Hand. „Erst sorg’ man für Grog, für -dich auch einen, und dann setz’ dich zu uns. Ich möchte dir etwas von -deinen Künsten abfragen.“</p> - -<p>Der Krugwirt, ein starker Mann mit glattrasiertem<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> Gesicht, kniff -verschmitzt lachend ein Auge zu. „Das wird dir wohl nicht gelingen, -Forstmeister.“</p> - -<p>„Weshalb denn nicht?“</p> - -<p>„Es sind mir zuviel Ohren da.“</p> - -<p>„Würden Sie mir und dem Herrn Forstmeister Auskunft geben“, fiel der -Major ein.</p> - -<p>Grinda hob die Hand und rieb den Daumen am Zeigefinger.</p> - -<p>„Das soll kein Hindernis sein“, antwortete der Major kühl auf die -Handbewegung. Auf seinen Wink verließen die anderen Offiziere das -Zimmer. Draußen zwischen den Bäumen standen einige Tische, und bei -dem warmen Sonnenschein konnte man bei einem Glas Grog auch im Freien -sitzen. Bald darauf trat die Nichte Grindas mit den Gläsern ein. Ein -zierliches Mädel mit blanken Augen und schwarzem Wuschelhaar. Sie -grüßte mit einem tiefen Knicks und entfernte sich.</p> - -<p>„Ihr Sohn hat einen guten Geschmack“, meinte der Major lächelnd.</p> - -<p>Der Forstmeister runzelte die Stirn. „Leider!“</p> - -<p>„Aber, lieber Freund, es ist doch merkwürdig, daß die Väter ihren -heranwachsenden Söhnen<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> gegenüber immer so tun, als wenn sie die eigene -Jugend vergessen hätten. Ein kleines lyrisches Intermezzo während der -Ferien ....“</p> - -<p>Der Grünrock kam nicht zur Antwort, denn Grinda trat ein.</p> - -<p>„Also, Herr Grinda, wir möchten von Ihnen erfahren, was sie über -die Standorte der russischen Truppen wissen und was sie für ihre -Mitteilungen beanspruchen.“</p> - -<p>Der Gastwirt ließ sich am Tisch nieder und rührte in seinem Glas.</p> - -<p>„Zuerst muß ich einen Irrtum berichtigen, Herr Major. Das Daumenwackeln -war nur ein Scherz von mir. Ich beanspruche selbstverständlich nichts -für meine Mitteilungen. Meine Nachrichten sind überdies reichlich ein -Jahr alt. Während der Zeit kann sich vieles verändert haben. Aber -nehmen Sie Ihr Notizbuch zur Hand und schreiben Sie ....“</p> - -<p>„Gleich hinter Kibarty liegen zwei Regimenter Kubankosaken in einem -Barackenlager in voller Kriegsstärke ... haben Sie? Bei Suwalky steht -das 1. Finnländische Dragonerregiment.“</p> - -<p>„Donnerwetter,“ fuhr der Major auf, „irren Sie sich auch nicht, -Grinda?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span></p> - -<p>„Im vorigen Herbst standen sie da, Herr Major. Ich beanspruche volles -Vertrauen.“</p> - -<p>„Das hast du, lieber Grinda“, fiel der Forstmeister ein.</p> - -<p>Nun gab es keine Unterbrechung mehr, nur manchmal schüttelte der Major -den Kopf.</p> - -<p>Wie am Schnürchen zählte Grinda die Orte und die darin stehenden -russischen Truppen auf. Ja, noch mehr, er wußte auch, wo die Stäbe -lagen.</p> - -<p>In deutlicher Erregung reichte ihm der Major, als er nichts mehr -anzugeben wußte, die Hand.</p> - -<p>„Herr Grinda, Sie haben dem Vaterland einen sehr großen Dienst -geleistet. Ich berichte das heute noch nach Berlin. Ihr Name bleibt -selbstverständlich völlig aus dem Spiel. Und nun eine Frage: würden Sie -sich bereitfinden lassen, jetzt nochmal nach Rußland hineinzufahren, um -neuere Nachrichten zu holen?“</p> - -<p>„Herr Major, Sie wissen, was ich dabei riskiere! Und ich kann hier -meine Nichte nicht allein im Geschäft lassen.“</p> - -<p>„Es muß sich machen lassen“, rief der Major laut. „Ich will mich dafür -einsetzen, daß Sie nach dieser Fahrt sorgenlos einen behaglichen -Lebensabend genießen können.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p> - -<p>„Wenn ich einen Stellvertreter für mich hier finde, will ich es nochmal -wagen.“</p> - -<p>Als die Herren nach einer längeren Unterhaltung über Ziel und Zweck der -Reise aus der Schänke traten, fanden sie die jüngeren Offiziere mit dem -Sohn des Forstmeisters in angeregter Unterhaltung. Er beendete eben -eine Jagdschnurre, deren Spitze stürmische Heiterkeit hervorrief.</p> - -<p>„Ihr Sohn scheint Ihr Talent geerbt zu haben“, meinte der Major lachend.</p> - -<p>„Ja, das ist auch das einzige, was er von mir geerbt hat“, erwiderte -der Grünrock brummig.</p> - -<p>Eine Viertelstunde später ritten die Dragoner unter Führung des -Rittmeisters von Kobylinski weiter, während der Major nach der -Stadt zurückkehrte, um sofort einen langen Bericht an den Obersten -Generalstab zu verfassen.</p> - -<p>Der Forstmeister nahm sich noch vor Tisch seinen ungeratenen Sprößling -vor. Schon von klein auf hatte er ihm Sorgen gemacht. Er hatte keinen -Trieb zum Lernen und hatte nur durch seine große Begabung die Schule -überwunden. Auf den oberen Klassen hatte er bereits, von der Mutter, -die ihm heimlich Geld zusteckte, verhätschelt und verwöhnt, ein -lockeres Leben geführt.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p> - -<p>Auf der Hochschule geriet er ganz außer Rand und Band. In der ersten -Zeit hatte er noch in der Burschenschaft, in die er eintrat, etwas Halt -gefunden. Nachdem er sich von hier getrennt, was nicht ganz freiwillig -geschah, geriet er in eine Gesellschaft gleichgesinnter Kumpane, machte -die Nacht zum Tage, jeute und machte Schulden. Der Vater zweifelte -daran, daß Walter auch nur ein Kolleg besucht und überhaupt etwas -gearbeitet hatte. Dabei besaß der Schlingel Eigenschaften, die ihn -überall beliebt machten. Er war trotz seines Bummellebens ein flotter -Jüngling, gewandt in allen Leibesübungen, ein flotter Tänzer und zu -Hause in den Ferien ein unermüdlicher Jäger und sicherer Schütze.</p> - -<p>Die Mutter hielt ihm dem Vater gegenüber immer noch die Stange. Sie -hatte für den einzigen Sohn immer die Sprichwörter in Bereitschaft, die -der Jugend das Recht zusprechen, sich auszutoben, und von dem gärenden -Most einen guten Wein erhoffen. Der Vater sah tiefer. Er wußte, daß -sein Sohn schon jeden Halt verloren hatte, daß er ohne jede Hemmung -sich in Gesellschaften unwürdiger Gesellen, die in jeder Beziehung -unter ihm standen, betrank. Das hatte er noch vor kurzem eines<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> Abends -in der Waldschänke mit dem verkommenen Gesindel, das an der Eisenbahn -arbeitete, getan.</p> - -<p>Sein häufiger Besuch dort galt natürlich in erster Linie der hübschen -Olga. Sie hielt sich unter den jungen Männern, die dort nur ihretwegen -verkehrten, als Blümlein „Rührmichnichtan“. Jawohl, es konnte nur ein -lyrisches Intermezzo für Walter sein. Aber ebensogut konnte er an dem -Mädel hängen bleiben, wenn es darauf ausging, den flotten Jüngling -dingfest zu machen.</p> - -<p>Mit großem Geschick spielte Walter vor dem alten Herrn den -zerknirschten, reuigen Sünder und gelobte Besserung. Er werde im -nächsten Semester sich schon zum Examen einpauken lassen und den -Referendar machen. Mit der Olga sei es eine kleine unschuldige -Tändelei. Das Mädel sei übrigens hoch achtbar und ließe sich von keinem -ihrer zahlreichen Verehrer zu nahe treten.</p> - -<p>Ein paar Stunden später, als der Vater weggefahren war, saß Walter -wieder in der Waldschenke. Er war der einzige Gast, auch der Onkel war -nicht zu Hause. Das lyrische Intermezzo zwischen den beiden sah ganz -nach einem ernsthaften Liebesverhältnis aus. Mitten zwischen Kosen und<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> -Scherzen erzählte ihm Olga von dem Gespräch zwischen ihrem Onkel und -dem Major, das sie durch die dünne Bretterwand belauscht hatte. Ihr -Onkel werde demnächst als Spion nach Rußland fahren und damit schweres -Geld verdienen. Walter zeigte dafür kein Interesse. Ihm war das Kosen -mit dem süßen Mädel, das in seinem Arm erglüht war, wichtiger.</p> - -<p>Am nächsten Abend war der Forstmeister nicht zu Hause. Walter -schmeichelte der Mutter Geld ab und fuhr zu Rad in die Stadt. Die -moderne Zeit hatte auch in die kleine masurische Stadt schon ihren -Einzug gehalten. Es gab dort seit dem letzten Winter ein Caféhaus, in -dem die sogenannte gute Gesellschaft und auch die Offiziere der beiden -dort liegenden Regimenter verkehrten, um bei einer Tasse Mocca oder -anderen Getränken leichte Unterhaltungsmusik zu genießen. Für Walter -hatte das am Tage so ehrbare Lokal noch eine andere Anziehungskraft. -Wenn der Abend vorrückte, fand sich in zwei verschwiegenen -Hinterzimmern, an runden, grünbezogenen Tischen, eine recht gemischte -Gesellschaft ein, die sich mit Mauscheln, Pokern, Bak und ähnlichen -Unterhaltungsspielen die Zeit vertrieb, bei der die<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> Mehrzahl -derjenigen, die nicht alle werden, von einer kleinen Minderheit gerupft -wird.</p> - -<p>Walter fand bei seinem Eintritt einen großen Tisch von jüngeren -Offizieren besetzt, die ihm zum Teil bekannt waren. Er wurde -herangerufen und bestellte sich ein Glas Pilsener. Als die Musik um -zehn Uhr schwieg, verließen die Familien das Lokal. Auch an dem Tisch -der Offiziere wurde es leerer. Die Zurückbleibenden rückten enger -zusammen. Die Unterhaltung hatte sich militärischen Dingen zugewandt. -Es waren fast alles jüngere Leute, die mit mehr Eifer als Sachkenntnis -die Aussichten eines Krieges mit Rußland, der wie eine drohende Wolke -am Himmel stand, erörterten. Allgemein herrschte die Ansicht vor, -daß man wenigstens in der ersten Zeit zu einem Abwehrkrieg genötigt -sein werde. Es war nur die Frage, ob Ostpreußen bis zur Weichsel -preisgegeben werden müßte, oder ob man den Russen an der Masurischen -Seenkette und ihrer Fortsetzung nach Norden, an der Angeraplinie, würde -Widerstand leisten können.</p> - -<p>Der Oberkellner, ein schlanker, nicht mehr ganz junger Mann mit -ungewöhnlich feingeschnittenem Gesicht und scharfen Augen, bediente -die<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> Offiziere selbst. Es fiel niemand auf, daß er beim Auswechseln -der geleerten und vollen Gläser sich wenig beeilte. Er hatte schon -bei Eröffnung des Cafés seine Stelle angetreten und war allgemein -beliebt, weil er seine zahlreichen Gäste mit großer Gewandtheit und -Aufmerksamkeit bediente. Ja, er hatte vertrauenswürdigen Kunden selbst -das Stichwort gegeben, mit dem sie unauffällig ihre Zeche schuldig -bleiben konnten. Das war die Geschichte von den zehn polnischen -Königen. Sie lautete: „Zehn polnische Könige saßen unter einem Palmbaum -und tranken Tee. Da kam eine Klapperschlange, glatt wie Öl. Darüber -erschraken die Könige, stülpten ihre Kronen auf das Haupt und riefen: -‚Kellner, wir zahlen morgen.‘“</p> - -<p>Man brauchte ihn nur an diese Geschichte zu erinnern, dann lächelte er -verbindlich und verbeugte sich.</p> - -<p>Als die Offiziere gegangen waren, verfügte sich Walter in das -Spielzimmer. Das Glück, das er in der Liebe entwickelte, war -entschieden seinem Erfolg beim Spiel hinderlich. In einer Stunde hatte -er seinen Barvorrat verloren. Möglichst unauffällig ging er dem Ober, -der mit leeren Gläsern das Zimmer verließ, an das Büfett nach, um -ihn<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> anzupumpen. Mit verbindlicher Miene griff der Ober in die Tasche -und legte ihm zehn Doppelkronen auf den Tisch. Nun hielt er sich mit -wechselndem Glück zwei Stunden über Wasser, bis der Ober zum Aufbruch -mahnte. Walter hatte viel getrunken, aber er hatte noch keine Lust, -nach Hause zu fahren. Er lud den Ober zu einer guten Flasche Rotwein -ein. Lächelnd nahm der Mann die Einladung an und brachte nicht nur die -Flasche Rotwein, sondern auch zwei große Kognaks, zu denen er einlud.</p> - -<p>„Ist es Ihnen nicht schwer, Ober,“ begann Walter das Gespräch, „so -enthaltsam zwischen all den trinkenden Gästen zu stehen?“</p> - -<p>„Nicht im geringsten, Herr Studiosus, ich habe so viel zu tun, daß ich -einen klaren Kopf behalten muß.“</p> - -<p>„Ja, da bewundere ich Sie“, erwiderte Walter mit dem Bestreben, -ihm etwas Angenehmes zu sagen. „Und die vielen Gespräche, die Sie -umschwirren.“</p> - -<p>Der Ober lächelte: „Die stören mich nicht, man hört ja nur Bruchstücke, -die nicht interessieren können. An ihrem Tisch hätte ich heute -allerdings gern zugehört, es wurde, wie ich glaube, über<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> einen Krieg -mit Rußland gesprochen. Sind die Herren Offiziere wirklich der Ansicht, -daß es bald losgeht?“</p> - -<p>„Unter allen Umständen,“ erwiderte Walter, „es kann heute oder morgen -schon zum Klappen kommen.“</p> - -<p>„Dann müßte man sich beizeiten nach einer anderen Stelle umsehen, denn -hier an der Grenze wird die Geschichte wohl brenzlich werden.“</p> - -<p>„Wahrscheinlich,“ bestätigte Walter, „die Offiziere meinen sogar, wir -werden Ostpreußen bis zur Weichsel aufgeben müssen, um erst Frankreich -niederzuschlagen.“</p> - -<p>„Ach wo, das wäre doch ein Jammer. Die Herren sprachen doch von der -masurischen Seenkette, die gehalten werden soll.“</p> - -<p>„Das wurde nur als Möglichkeit besprochen, denn es ist wenig -wahrscheinlich, daß wir genug Truppen haben werden, um noch eine lange -Linie zu besetzen.“</p> - -<p>Ahnungslos ließ Walter aus sich alles herausholen, was er von den -Offizieren gehört hatte. Der schwere Rotwein und noch einige Kognaks, -die der Ober aus freien Stücken spendete, übten auf ihn ihre Wirkung. -Mit schwankendem Gleichgewicht<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> bestieg er sein Rad und fuhr nach -Hause. Als er gegen Mittag mit schwerem Kopf erwachte, kam ihm erst -zum Bewußtsein, daß er heute wieder die Mutter um einige hundert Mark -erleichtern müßte, um seine Schuld zu tilgen. Der Vater, der eine -Dienstreise zu mehreren vereinzelt gelegenen Revieren angetreten hatte, -kam sicher heute nicht nach Hause. Er umschmeichelte die Mutter und -bat sie um Geld. Sie schlug es ihm rundweg ab. Sie habe ihm einen -vergnügten Abend in der Stadt gegönnt und das wolle sie vor dem Vater -wohl vertreten, aber wenn er heute noch nach Hause käme und er sei -nicht da, dann gäbe es ein Donnerwetter, und lügen könne sie nicht.</p> - -<p>In jämmerlicher Stimmung wanderte er zur Waldschänke. Olga kam ihm bei -der Begrüßung mit einer Handvoll Papiergeld entgegen. Wie ein Blitz -fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, sie anzupumpen.</p> - -<p>„Schatzel, kannst du mir mit 500 Mark aushelfen? Wenn mich der Alte -nach Königsberg ausrüstet, gebe ich es dir wieder.“</p> - -<p>Sie warf lachend die Scheine auf den Tisch und zählte die Summe ab.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span></p> - -<p>„Der Onkel ist schon heute früh über die Grenze gefahren.“ Sie sah ihn -zärtlich besorgt an. „Was ist denn mit dir, du siehst ja so blaß aus, -hast du einen Brummschädel?“</p> - -<p>„Ja“, erwiderte er mit einem tiefen Aufatmen. Das Gespräch mit dem Ober -war ihm plötzlich eingefallen. Ein Gedanke war in ihm aufgestiegen, -aber der erschien ihm so ungeheuerlich ....</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_5">5. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Über die Gipfel der Lindenbäume war der Mond emporgestiegen und schaute -verwundert auf die beiden, die untergefaßt das große Rasenstück in -der Mitte des Gartens umwandelten. Der kühle Trunk, der Greise jung -macht, hatte ihre Lebensgeister erfrischt. Sie hatten gescherzt und -gelacht, bis Tante Uwis, die gegen Abendkühle etwas empfindlich war, -sich in den Schutz des Hauses zurückgezogen hatte. Dann hatte der -Pastor seinen jungen Freund unter den Arm genommen. „Komm, mein Junge, -wir wollen nach alter Gewohnheit auf und ab spazieren. Dabei erzählt -es sich besser. Vor Jahren einmal habe ich dir versprochen, von meinen -Studentenjahren zu erzählen. Heute will ich das Versprechen einlösen.“ -Er sah zum Mond empor. „Hast du jemals schon empfunden, wenn Goethe -sagt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Füllest wieder Busch und Tal</div> - <div class="verse indent0">Still mit Nebelglanz,</div> - <div class="verse indent0">Lösest endlich auch einmal</div> - <div class="verse indent0">Meine Seele ganz.“</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span></p> -<p>„Du weißt, mein Junge, ich bin ein einsamer Mensch. Alle Jubeljahre -komme ich mit meinen Amtsbrüdern zusammen und hier im Dorfe ist -dein Vater der einzige, mit dem ich näheren Umgang pflege. Aber die -Gedanken, die mir durch das Labyrinth der Brust wandern, habe ich zu -keinem Menschen aussprechen können. Manches, aber nicht alles, habe -ich zu dir gesprochen. Jetzt bin ich glücklich, denn du bist unter -meinen Händen herangewachsen zu einem verständigen Jüngling, der fortan -mein Freund sein soll. Junge, — du kannst das Lob vertragen —, ich -freue mich über dich. Du bist kein Duckmäuser und kein Bücherwurm, -und das schreibe ich mir als Verdienst zu. Ich habe es nie verstehen -können, wie man gegen eine gesunde Lebensfreude eifern kann. Wenn unser -Herrgott nur an Kopfhängerei und Weltschmerz Gefallen fände, dann hätte -er den Menschen und den Vögeln nicht die Kehle zum Singen gegeben, -dann hätte er die Natur nicht mit leuchtenden Farben geschmückt. Das -ist meine Lebensphilosophie. Sie mag sehr primitiv sein, aber sie ist -für den Durchschnittsmenschen die beste. Und sie ist uns schon von der -Bibel als Weisheit Salomonis überliefert. Dein Religionslehrer hat sie -so<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> treffend in wenige kurze Sätze gefaßt. Weißt du sie auswendig?“</p> - -<p>„Alles Irdische ist eitel. Drum ist Lebensgenuß zu empfehlen. Doch -mache man den Lebensgenuß unschädlich durch Weisheit. Die höchste -Weisheit aber ist die Furcht Gottes.“</p> - -<p>„Das ist’s, was ich meine! Frisch und froh sich regen, ringen, kämpfen -und die Freuden des Lebens genießen, aber dabei vor sich und Gott ein -anständiger Kerl bleiben, das ist der beste Spruch, den ich dir auf -deinen Lebensweg mitgeben kann.“</p> - -<p>Er blieb stehen und streckte Franz die Hand hin:</p> - -<p>„Schlag ein, Junge!“</p> - -<p>Hand in Hand traten sie an den Tisch und stießen mit vollen Gläsern an. -Dann nahmen sie wieder ihre Wanderung auf.</p> - -<p>„Ich war ein junger Dachs,“ fuhr der Pastor fort, „als ich nach -Königsberg einrückte. Der Vater hatte zwei Lehrochsen verkauft und noch -ein paar Taler hinzugetan, so daß ich ein volles Hundert in der Tasche -trug. Den größten Teil des Weges hatte ich zu Fuß zurückgelegt, von -Eylau fuhr ich mit dem Omnibus, der außer mir noch eine ganze Schar von -Muli nach der Stadt der<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> reinen Vernunft beförderte. In der kleinen -Kneipe auf dem Haberberg, wo der Fuhrmann sein Gefährt einstellte, -wurden wir von Deputationen der Korps und Burschenschaften empfangen. -Ich muß wohl in dem einfachen Wanderrock, den Mutter selbst gewebt und -genäht hatte, keinen bedeutenden Eindruck gemacht haben. Aber da ich -aus Lyck kam, woher die Masuren alle ihre Füchse beziehen, so lud man -mich auch an die Kneiptafel. Mein Nachbar war ein alter Häuptling, der -seiner scharfen Klinge wegen in hoher Achtung stand. Wir kamen ins -Gespräch, er fragte mich nach meinen Verhältnissen aus. Als er erfuhr, -daß ich ein Försterssohn sei, wurde er wärmer. Er stammte auch aus dem -Forsthause. Ein Wort gab das andere, — — was soll ich dir sagen, -er nahm mich mit nach der Kneipe und noch am selbigen Abend war ich -ausgeflaggt.</p> - -<p>Mein Protektor, — du kennst ihn, es ist der alte Pastor Riemasch in -Orlowken, nahm sich meiner wacker an. Ich hatte gute Empfehlungen von -meinem Direktor in der Tasche, damit ging ich zu den alten Herren, -die an den Königsberger Gymnasien unterrichteten und nach ein paar -Wochen hatte ich zwei gutzahlende Privatschüler.<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> Im Korps hatte ich -anfangs einen schweren Stand. Nicht etwa, weil ich wenig zuzubrocken -hatte, sondern, weil ich ein so fürchterlicher Naturbursch war. Du mußt -mich nicht mißverstehen: ich war nie über die kleine Provinzialstadt -hinausgekommen, kneipen hatte ich dort auch nicht gelernt, da kam es -mir schwer an, mich in die neuen Verhältnisse zu finden. Aber das -Fechten, das hatte ich bald begriffen. Noch im ersten Semester, ehe -ich die erste Fuchsmensur geliefert hatte, kontrahierte mich ein -Litauer an, ein wüster Gesell, der seine zwanzig Mensuren hinter sich -hatte. Er kam an den Unrechten. Ich stand wie eine Mauer und bis zum -Platzwechseln hatte er mich noch nicht geritzt. Da trat Riemasch, -der auch eine anständige Praxis hinter sich hatte, an mich heran und -flüsterte mir zu: ‚Hinter der Doppelterz die Tiefquart!‘ Jetzt sah ich -selbst das Loch und beim nächsten Gang stach ich ihn glatt ab, mein -Spieß hatte in der Litauernase Kehrt gemacht.“</p> - -<p>Der Alte hatte im Eifer des Erzählens den Arm gehoben und in der Luft -den Hieb geführt. „Seit jener Mensur, <span class="antiqua">fratercule</span>, war ich -ein gemachter Mann. Acht Tage darauf lieferte ich mit Glanz meine -zweite Mensur und noch vor Schluß<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> des Semesters wurde ich allein von -den Füchsen rezipiert. Ich habe viel gefochten,“ fuhr er nach einer -kleinen Pause fort, „und immer mit Glück. Im vierten Semester wurde ich -Zweiter, im fünften Erster. Im sechsten legte ich mich auf die fleißige -Seite und im neunten baute ich mein Examen, schlecht und recht, aber -man drückte damals bei Leuten, die masurisch sprechen konnten und in -die Wildnis gehen wollten, beide Augen zu. Soll auch heute noch so sein -....“</p> - -<p>Als sie beim Mondschein sich die Gläser füllten und aneinanderklingen -ließen, meinte Franz: „Eigentlich, Onkel, bist du mir noch immer die -Geschichte schuldig, weshalb du Pastor geworden bist.“</p> - -<p>„Du hast recht, mein Junge, aber wenn man in die alten Geschichten -kommt, dann ist es schwer, an der richtigen Stelle aufzuhören.“</p> - -<p>Er nahm die Pfeife in die Hand, stopfte sie frisch und tat einige -starke Züge, ehe er weitererzählte. „Meine Mutter hatte mir beim -Abschied das Versprechen abgenommen, Theologie zu studieren. Ich ließ -mich also pflichtschuldigst bei der theologischen Fakultät einschreiben -und belegte die offiziellen Kollegia. Weißt du, Junge, es ist doch<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> -eine schöne Sache, wenn man als junger Dachs bei älteren Leuten Rat und -Anleitung findet.</p> - -<p>Wieviel junge Studenten treten an das schwarze Brett, ohne eine -Ahnung zu haben, was sie zuerst hören müssen und können. Sie tappen -einfach rein in die Sache, und wenn sie kurz vor dem Examen stehen, -dann merken sie erst, daß sie eins der wichtigsten Kollegia nicht -gehört haben. Meiner nahm sich Riemasch an, er hatte sozusagen in alle -Fakultäten hineingerochen und war schließlich reumütig zur Theologie -zurückgekehrt, mit der er angefangen hatte. Er baute schon an seinem -Examen und wußte ganz genau, was der Mensch dazu gehört haben muß. -Trotz meiner geringen Mittel hatte ich gleich im ersten Semester -ein naturgeschichtliches Kolleg und alle Publika belegt, die mir -interessant schienen.</p> - -<p>Zeit zum Kolleglaufen hatte man damals. Der Frühschoppen hielt sich -in sehr engen Grenzen und die eine offizielle Kneipe in jeder Woche -hinderte keinen, der ernstlich arbeiten wollte. Meine Privatstunden -gab ich in den ersten Abendstunden, kurzum, ich konnte in den ersten -Semestern ganz tüchtig arbeiten. Das Hebraikum hatte ich auf dem -Gymnasium mit ‚Gut‘ gemacht, das plagte mich<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> nicht. Aber desto mehr -die theologischen Kollegia. Mit Riemasch, der mir ein wirklicher Freund -geworden war, disputierte ich fast täglich darüber.</p> - -<p>Die Wissenschaft war auf ihrem Lehrstuhl eingeschlafen. Aus der -freien Forschung war ein engherziges Spintisieren geworden, das sich -an Haarspaltereien ergötzte. Aus dem frischsprudelnden Quell war ein -trübes Wässerchen geworden, das langsam abwärts schlich. Damals war ein -Hauptstreitpunkt, ob Christus den Jüngern im Geist oder im verklärten -Leibe erschienen sei. Ein junger Professor, der heute eine Leuchte -des Kirchenregiments ist, galt damals als ein arger Ketzer, weil er -die erste Ansicht verfocht. Ethische Fragen, das tägliche Brot des -amtierenden Geistlichen, ja selbst große metaphysische Probleme wurden -im Handumdrehen abgetan, um Zeit für die kleinlichen dogmatischen -Zänkereien zu gewinnen, und uns Jungen bot man Steine statt Brot.“</p> - -<p>Er war aufgestanden und schritt in tiefer Erregung vor der Laube auf -und ab. „Wir haben es ja damals mehr gefühlt, als begriffen, um was -es sich handelte. Aber wenn man mit sich selbst schon zu kämpfen hat -und nur aus Pflichtbewußtsein Theologie studiert, dann wird es schwer, -nicht abzuspringen.<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> Als wir meinem guten Riemasch das alte Lied vom -Auszug des bemoosten Burschen gesungen hatten, begann für mich eine -schwere Zeit. Ich vernachlässigte meine offiziellen Kollegia, arbeitete -auf dem Sezierboden und war nahe daran, zur Medizin abzuspringen. Da -kam eines Tages der alte Dewischeit nach Königsberg.</p> - -<p>Wir hatten einen vergnügten Abend verlebt. Ich präsidierte bei der -Offiziellen und biß mit Absicht den flotten Bursch heraus. Gelernt -hatte ich’s Gott sei Dank in den vier Semestern. Nach der Kneipe -geleitete ich ihn zum Russenkrug, wo er logierte. Dort führte er mich -selbst nach unten in das Restaurant und bestellte eine Flasche Rotspon, -so’n gewichtigen Tropfen, wie wir ihn nur in unseren Seestädten -trinken. Als wir den ersten Schluck genommen hatten und feierlich die -Gläser hinsetzten, sah mich der Alte an und fragte schlankweg: ‚Was -drückt dich, Uwis?‘ Und was soll ich dir sagen, nach ein paar Minuten -hatte er alles aus mir herausgeholt, was er wissen wollte.</p> - -<p>Die Standpauke, die er mir dann hielt, möchte ich dir gern wörtlich -wiederholen, wenn mir in den vierzig Jahren nicht die Einzelheiten -entschwunden wären. Aber der Refrain lautete:<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> „Junge, stoß dich nicht -an dem Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Stoß dich auch nicht an -dem dogmatischen Formelkram, du hast ja als Protestant das Recht der -freien Forschung in der Bibel. Sieh lieber auf den ethischen Gehalt, -an dem kein Pfaffengezänk etwas wegtut oder zufügt. Und daran habe ich -mich denn gehalten mein lebelang. Ich kann es auch nicht verstehen, -wenn Amtsbrüder untereinander allerlei Streitfragen aufwerfen und beim -Disputieren die Köpfe erhitzen .....“</p> - -<p>Der Pastor schwieg und sah auf den Jüngling, der den Kopf nachdenklich -in die Hand gestützt hatte. „Geht die Sache dich auch an, mein Sohn? -Das hatte ich bisher nicht gewußt. Hast du gar keine Lust, Landwirt zu -werden und in deines Vaters Fußtapfen zu treten?“</p> - -<p>Franz sah auf. „Wenn ich das nur wüßte, Onkel! Ich fühle nichts weiter -in mir, als die Lust, recht viel zu lernen. Alles möchte ich wissen. -Ich möchte vielleicht auch einen ganz tüchtigen Landwirt abgeben, aber -wenn ich womöglich mir ein paar Jahre um die Ohren schlage, um später -einzusehen, daß ich auf den unrechten Weg geraten ....“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span></p> - -<p>„Merkwürdig! Merkwürdig! Aber ich will dir sagen, wo es bei dir sitzt! -Du hast bis jetzt keine Vorliebe für irgendeinen Beruf gefaßt und -schwankst nun hin und her, wie das Rohr im Winde. Und darum gerade -fordere ich von dir, daß du versuchst, ob du nicht dem Wunsche deines -Vaters folgen kannst. Sollst dir dabei ein Jahr um die Ohren schlagen, -wie du es nennst; bist immer noch jung genug, wenn du dann umsattelst.“ -Er sah ihn prüfend an. „Das, was man Ehrgeiz nennt, scheint dir fremd -zu sein. Ich weiß auch nicht, ob ich das tadeln soll, denn ich glaube, -der Wille, stets etwas Tüchtiges zu leisten und hinter den anderen -nicht zurückzubleiben, genügt auch. Und mit dem Willen versuch’ mal -eine ‚Stromtid‘ durchzumachen, auf einem großen Gut, wo du recht -viel lernen kannst. Wenn du dann dem Beruf durchaus keinen Geschmack -abgewinnen kannst, dann wollen wir weiter reden.</p> - -<p>Jetzt wandle heimwärts, <span class="antiqua">amice</span>, und überschlaf meinen Vorschlag. -Morgen können wir mehr darüber sprechen. Gute Nacht!“</p> - -<p>„Gute Nacht, Onkel.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1">*</p> - -<p>Gedankenvoll wanderte Franz im hellen Mondschein die Dorfstraße -entlang. Eigentlich hatte Onkel Uwis recht, besonders wenn er auf -Vaters Wunsch verwies. Als er am Dorfkrug vorüberkam, rüsteten sich auf -der Veranda mehrere Männer zum Aufbruch, auch sein Vater war darunter.</p> - -<p>Erst am Tor des Schulzenhofes trennte sich der letzte Begleiter von -ihnen.</p> - -<p>Franz blieb stehen und faßte den Alten um.</p> - -<p>„Vater, ich möchte dich um etwas bitten.“</p> - -<p>„Was soll’s sein, mein Sohn?“</p> - -<p>„Ich möchte auf einem großen Gut als Eleve eintreten.“</p> - -<p>Im ersten Augenblick schien der Schulze etwas überrascht, dann schloß -er den Sohn in die Arme:</p> - -<p>„Mein Franz, du willst mir den größten Wunsch meines Lebens erfüllen? -Das hatte ich kaum noch gehofft.“</p> - -<p>„Ich will es wenigstens ehrlich versuchen. Finde ich aber trotz meines -guten Willens keine Befriedigung in dem Beruf des Landwirts, dann werde -ich’s dir offen sagen. Willst du mich dann studieren lassen?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p> - -<p>„Gewiß, mein Junge, gewiß! Du gehst nur zur Probe ein Jahr in die -Wirtschaft. Damit muß sich auch Mutter zufrieden geben. Sie hofft ja -noch sehr stark, dich doch noch einmal im Talar zu sehen.“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_6">6. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Vater Rosumek hatte seiner Frau noch nichts davon erzählt, daß sein -Sohn ihm seinen Wunsch erfüllen wollte. Als Franz zum Frühstück -herunterkam, empfing ihn die Mutter mit strahlendem Gesicht und legte -ihm eine mit Goldfüchsen gefüllte Börse hin.</p> - -<p>„Der Vater ist schon in die Stadt gefahren, er läßt dir sagen, du -möchtest von dem Geld einen guten Gebrauch machen.“</p> - -<p>Fragend sah Franz die Mutter an. „Wie meint er das?“</p> - -<p>„Er sprach von einer Reise, die du unternehmen solltest, nach -Königsberg und an die Ostsee, das soll eine sehr schöne Gegend sein.“</p> - -<p>Hastig nahm Franz das Frühstück zu sich, dann lief er schnell ins -Pfarrhaus.</p> - -<p>„Heda, junger Freund, was beflügelt deinen Fuß?“ rief ihm der Pastor -über den Gartenzaun entgegen.</p> - -<p>Mit kühnem Schwung hob sich Franz über die Staketen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p> - -<p>„Denk dir, Onkel, der Vater hat mir viel Geld zu einer großen Reise -geschenkt, willst du mir die Freude bereiten und mitkommen?“</p> - -<p>Der alte Herr schüttelte den Kopf. „Nun ist dein Vater mir -zuvorgekommen. Ich habe gestern abend noch nachgedacht, wie du diese -Übergangszeit bis zum Eintritt in deinen Beruf noch genießen und gut -anwenden könntest, und war zu dem Entschluß gekommen, dich zu einer -Fußwanderung durch unsere schöne, liebe Heimatprovinz aufzufordern. Ich -habe mich auch bereits durch die moderne Erfindung, den sprechenden -Draht, mit meinem Superus in Verbindung gesetzt und mir einen Urlaub -erwirkt, der mir gewährt wurde, da ich, außer bei amtlichen Anlässen, -noch nie Ferien gemacht habe. Aber diesmal will ich es tun.“</p> - -<p>„Hast du auch schon ein Ziel für unsere Reise ins Auge gefaßt?“</p> - -<p>„Jawohl, mein Sohn, ich dachte schon gestern, — wir wandern doch -natürlich zu Fuß, wie wir es so oft getan haben, — auf Umwegen nach -Kerschken und Bodschwinken zu wandern, um dort die Sedanschlacht -mitzumachen.“</p> - -<p>Verständnislos sah Franz ihn an; der alte Herr lachte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p> - -<p>„Ich habe bis heute früh auch nichts von diesem großen Ereignis gewußt. -Aber heute früh erhielt ich einen Brief von einem lieben Freund und -Amtsbruder aus Bodschwinken, in dem er mich zu einem Besuch dieses -Volksfestes einladet. Vor einigen Jahren kam mir davon bereits eine -dunkle Kunde, aber mein Gewährsmann schilderte es so, als wenn es eine -große Narretei wäre. Die Gegend dort ist sehr wohlhabend. Die reichen -Bauern der beiden Dörfer fühlten sich dadurch beschwert, ja beleidigt, -daß die Bürger des nahen Marktfleckens Benkheim, meist Handwerker und -kleine Kaufleute, einen Kriegerverein gründeten und das Sedanfest -großartig feierten: Und der Meister von der Schul’ sann auf Rettung und -verful darauf, die Sedanschlacht selbst aufzuführen.“</p> - -<p>Franz lachte laut auf. „Aber Onkel, das ist doch unmöglich, das klingt -doch nach Schilda und Schöppenstedt! Ja, wenn es unsere braven Domnauer -unternommen hätten ....“</p> - -<p>„Ein bißchen hast du recht! Und die ersten Aufführungen der -weltbewegenden Völkerschlacht trugen eine Narrenkappe. Der Donner der -Geschütze wurde durch Feuerwerk, durch Kanonenschläge hervorgebracht, -nachdem die ersten Versuche,<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> aus einem Eichenstamm eine Kanone -herzustellen, kläglich gescheitert waren. Der erste Stamm hielt die -Ladung nicht aus, sondern flog davon beim ersten Schuß. Der zweite flog -von seiner Unterlage rückwärts in einen Kramladen und richtete darin -eine greuliche Verwüstung an.“</p> - -<p>„Aber, Onkel, das ist nichts wie ein großer Ulk, der doch gar nicht zu -dem Ernst des weltgeschichtlichen Ereignisses paßt.“</p> - -<p>„Das scheint nur so, man muß auf den Kern der Sache sehen! Und da sehe -ich eine große, wenn auch sehr naive patriotische Begeisterung. Die -Mannschaften der beiden Dörfer teilen sich in Deutsche und Franzosen -und schießen mit Platzpatronen wacker aufeinander los, bis am -Nachmittag die Rothosen sich ergeben und mit den Siegern vereint nach -Bodschwinken ziehen, um dort noch kräftig zu feiern. Im Laufe der Jahre -ist aus den lächerlichen, kleinen Anfängen ein großes patriotisches -Volksfest geworden, daß sehr ernst genommen werden will. Jetzt strömen -Tausende gediente alte Soldaten alljährlich nach Kerschken, meist -wohlhabende Bauernsöhne, richtig eingekleidet und bewaffnet, zum Teil -auch beritten. Auch einige leichte Geschütze sind vorhanden.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span></p> - -<p>„Ist das wirklich wahr, Onkel?“</p> - -<p>„Mein Freund schreibt es mir und ich bin gespannt es zu sehen. Es soll, -wenn auch im kleinen Maßstabe, ein richtiges Schlachtenbild geben. Das -beste jedoch soll die Darstellung der großen geschichtlichen Ereignisse -sein, wie sie der berühmte Maler Anton v. Werner in seinen Gemälden -festgehalten hat. Da werden als lebende Bilder gestellt: ‚Die Begegnung -unseres alten Kaisers mit Napoleon‘, ‚Die Begegnung Bismarcks mit -Napoleon auf der Straße‘ und ihre Zusammenkunft vor dem Weberhäuschen -bei Donchery.“</p> - -<p>„Aber Onkel, das ist doch ganz undenkbar!“</p> - -<p>„Ich kann es mir auch nicht recht vorstellen, ich nehme an, daß sie -Schauspieler von Beruf dazu heranziehen. Na, hast du Lust, dir den -Rummel anzusehen?“</p> - -<p>„Selbstverständlich, Onkel, wann müssen wir aufbrechen?“</p> - -<p>„Ich bin schon gerüstet und bei dir wird es auch nicht lange dauern. Im -Ränzel etwas Wäsche, weiter brauchen wir nichts.“</p> - -<p>Eine Stunde später fuhren die beiden Freunde nach der Stadt, wo Franz -den Vater treffen und<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> mit Dank von ihm Abschied nehmen wollte. Sie -fanden ihn in der Ausspannung, wo er anzukehren pflegte, schon im -Begriff nach Hause zu fahren. Er wünschte den beiden Wanderern alles -Gute auf den Weg und viel Vergnügen. Am Abend erreichten sie ein -einsames Forsthaus in der großen Heide. Der Grünrock, der vor seiner -Tür stand, bot ein freundliches Obdach und gute Verpflegung. Die rote -Mütze, die Franz trug, zog ihn an. Er hatte auch einen Sohn auf dem -Gymnasium, einen Primaner, und bald stellte es sich heraus, daß Franz -mit ihm befreundet war.</p> - -<p>Am andern Morgen zogen sie frohgemut ihres Weges, mitten durch -die große Heide, wo man Stunden um Stunden gehen kann, ohne einer -menschlichen Seele zu begegnen. Desto häufiger tauchten zwischen -den uralten Kiefern und Fichten kleinere und größere Seenspiegel -auf. Mittags rasteten sie in einem Pfarrhause, wo sie sich durch den -sprechenden Draht hatten anmelden lassen. Bei guter Zeit am Nachmittag -ging’s weiter am Ostufer des Spirding entlang. Das Masurische Meer, -unser weitaus größter Binnensee, hatte seinen bewegten Tag. Von einem -starken Westwind getrieben rollten mannshohe Wogen heran<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> und brachen -sich mit donnerndem Schall auf dem seichten Strand.</p> - -<p>Gegen Abend erreichten sie die kleine Stadt Arys, dessen Nähe sich erst -durch dumpfen Kanonendonner und dann durch knatterndes Gewehrfeuer -ankündigte. Das Barackenlager des großen Truppenübungsplatzes war von -Soldaten aller Art belegt, die dort in großen Verbänden ihre Übungen -abhielten.</p> - -<p>„Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen“, meinte der Pastor, als sie -sich eilig aus dem Windschatten einer Schwadron Reiter flüchteten, um -den Staub nicht zu schlucken. „Früher hielt man es für unerläßlich, den -Mut und Stolz des Kriegers durch die Farbenfreudigkeit zu erwecken und -zu belohnen. Jetzt muß er mit dem schmucklosen Grau vorlieb nehmen, das -ihn im Gelände unsichtbar macht. Ich glaube, mein Sohn, es wird ein -hartes Ringen werden, wenn es nochmal zu einem Kriege kommen sollte.“</p> - -<p>Es hielt schwer, in dem überfüllten Städtchen ein Nachtlager zu finden; -es war sogar mit Schwierigkeiten verbunden, in irgendeiner Gaststätte -ein Plätzchen zu bekommen, wo man sich zu einem Abendtrunk niederlassen -konnte. „Dreist<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> und gottesfürchtig“, wie es seine Art war, trat der -alte Herr an einen von Offizieren besetzten Tisch heran und bat um -Unterschlupf, der bereitwillig gewährt wurde. Die rote Mütze seines -jungen Begleiters erregte Aufmerksamkeit, denn nicht allen war ihre -Bedeutung bekannt. Und die Wanderer hatten Glück. Der Platzkommandant -selbst lud sie für den nächsten Morgen zur Besichtigung des Lagers ein -und stellte ihnen einen Freipaß aus.</p> - -<p>Da bekamen sie vieles zu sehen, was ihnen einen hohen Begriff von der -Tüchtigkeit unserer Wehrmacht gab. Sie sahen Flugmaschinen, deren -Schwere nach Zentnern zu schätzen war, sich von der Erde erheben und -wie Vögel in der Luft kreisen. Sie sahen ungefüge Mörser, deren Donner -ihr Ohr betäubte, nach Zielen schießen, die hinter jeder Sehweite -lagen, und vernahmen, daß fast jeder Schuß ein Treffer war. Von einem -überwältigenden Staunen erfüllt, wanderten sie nachmittags weiter. Mit -starken Worten gab der Pastor unterwegs seiner Empfindung Ausdruck, daß -wir auf unser deutsches Volk sehr stolz sein dürften.</p> - -<p>Gegen Abend kamen sie auf dem kleinen Bahnhof in Steinort an. Weit -und breit kein Haus<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> zu sehen, in dem sie für die Nacht Obdach finden -konnten. Aber der Pastor vertraute darauf, daß sich auf dem großen -Herrensitz des uralten ostpreußischen Grafengeschlechtes auch für -sie ein Plätzchen würde finden lassen, wo sie ihr müdes Haupt zur -Ruhe legen konnten. Und er sollte recht behalten. Sie waren kaum eine -Viertelstunde des Wegs gewandert, als sie von einem Auto überholt -wurden, das kurz hinter ihnen anhielt. Aus dem Wagen erhob sich -die gewaltige Reckengestalt des Reichsgrafen. Mit herzgewinnender -Freundlichkeit lud er sie zum Mitfahren ein und fragte, wem der Besuch -gälte.</p> - -<p>„Herr Graf,“ erwiderte der Pastor, „wir nehmen Ihre freundliche -Einladung mit großem Dank an, ich wollte meinem jungen Freund, der -eben sein Abiturium mit großem Glanz bestanden hat, die herrlichsten -Eichen zeigen, die es in Ostpreußen, und ich kann wohl sagen, in -ganz Deutschland gibt. Wir vertrauen stark auf die ostpreußische -Gastfreundschaft, von der wir einen Unterschlupf für die Nacht -erwarten.“</p> - -<p>„Darin sollen Sie sich nicht täuschen“, erwiderte der Graf lächelnd. -„Mein Haus steht Ihnen offen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span></p> - -<p>„Wird mit bestem Dank angenommen, Herr Graf. Ich bin der Pastor des -masurischen Kirchdorfes Schwentainen und dies ist mein junger Freund. -Er soll Landwirt werden wie sein Vater, ein wohlhabender Bauer, dessen -Geschlecht schon seit Jahrhunderten auf derselben Stelle dauert.“</p> - -<p>„Das freut mich von Ihnen, junger Mann,“ erwiderte der Reichsgraf, „der -beste Teil unseres Volkes ist der, der an der Scholle haftet. Das gilt -nicht nur von den alten Adelsgeschlechtern, sondern auch von unseren -Bauern. Jetzt begrüße ich Sie mit Freude.“</p> - -<p>Das Auto hielt vor dem Schloß, der Hupenruf hatte die Dienerschaft -auf die Beine gebracht. Helles Licht erstrahlte vom Portal. Bei -der Abendtafel erfuhren die Wanderer, daß das Schloß noch andere -Gäste barg. Einen Professor, der die ungeheuren Bücherschätze des -Herrensitzes in Ordnung bringen sollte, und zwei kurländische Grafen, -die in ihrer Aussprache das Ostpreußische noch weit überboten und sich -als gute, echte Deutsche erwiesen. Mit ehrfürchtigem Staunen folgte -Franz dem Gespräch, in dem die Hauptstädte der Welt, die bedeutendsten -Männer der Gegenwart an ihm wie in einem Kaleidoskop vorüberzogen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span></p> - -<p>Es war der erste Blick, den er in eine Welt tat, von der ihm sein -bisheriges Leben und die Schule kaum den Schimmer einer Ahnung -übermittelt hatte. Der nächste Morgen brachte den beiden Wanderern -nach der Besichtigung des Schlosses noch einen besonderen Genuß. -Sie durchwanderten die Bogenhallen der riesenhaften, uralten -Eichen, von denen viele schon ein ehrwürdiges Alter aufwiesen, als -die ersten Ordensritter vor siebenhundert Jahren zum erstenmal in -ihren Schatten lagerten. Dann fuhr der Reichsgraf seine Gäste im -Motorboot auf dem Mauersee, den zweitgrößten masurischen Binnensee, -spazieren. Er ist erst in der Zeit des Ordens durch die Anlage eines -Stauwerks zu Angerburg aus einer Kette von größeren und kleineren Seen -zusammengewachsen und entstanden. Freundliche Dörfer in Grün gebettet -und herrliche Laubwälder umgrenzten seine Ufer.</p> - -<p>Erst am nächsten Nachmittag brachte sie das Auto des freundlichen -Gastgebers nach Beynuhnen, wo sie in einem einfachen Gasthof ihr -Nachtlager fanden. Die wenigsten Menschen im Reich wissen, was -dieser Ort für Ostpreußen bedeutet. Da hat ein kunstbegeisterter, -ostpreußischer Landedelmann<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> eine Sammlung der höchsten Kunstwerke des -griechischen und römischen Altertums, natürlich nur in Abgüssen und -Nachbildungen zusammengebracht.</p> - -<p>Ehrfürchtiges Staunen befing den alten Mann und den jungen, als sie -die Meisterwerke der größten Kunstepoche der Menschheit in getreuen -Nachbildungen vor sich sahen. Nur eine Stunde, die der Hunger ihnen -abgenötigt, unterbrachen sie den Genuß.</p> - -<p>Am anderen Morgen wanderten sie weiter und kamen bald nach Mittag in -Bodschwinken an. Unterwegs gab es des Neuen und Interessanten schon -viel zu schauen. Hier marschierte ein Trupp Fußvolk, dort zog eine -Schar Reiter heran, in leuchtende Uniform gekleidet, fast alle mit -Musik an der Spitze.</p> - -<p>In den beiden großen Dörfern wimmelte es von Menschen wie in einem -aufgestörten Ameisenhaufen. An ein Unterkommen war nicht zu denken. -Jedes Haus war schon bis unter die Dachsparren mit Gästen gefüllt. -Selbst auf den Tennen in den Scheunen waren Strohlager hergestellt. -Auch der Amtsbruder des Pastors konnte sie nicht aufnehmen. Er -veranlaßte jedoch einen Freund, sie<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> zur Nacht mit sich auf sein Gut zu -nehmen. Vorher jedoch gab es noch viel zu schauen.</p> - -<p>Die deutschen Truppen bezogen rings um die Dörfer auf den Höhen -ihre Biwaks. Überall loderten die Wachtfeuer, an dem die Mannschaft -abkochte. Militärkapellen spielten abwechselnd. Dazwischen wurden -unermüdlich patriotische Lieder gesungen: „Die Wacht am Rhein“, -„Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben“, „Siegreich wollen wir -Frankreich schlagen“ usw. Die französischen Truppen bezogen ihre -Stellungen rings um einen einsamen im Tal liegenden Bauernhof, der -Sedan darstellte. Die Generäle Mac Mahon und Wimpffen, ja selbst der -Kaiser Napoleon in echten, goldstrotzenden Uniformen waren zu sehen.</p> - -<p>Der französische Kaiser war ein kleines Männchen mit mächtigem Schnurr- -und Knebelbart, das sich in seiner Rolle nicht wohlzufühlen schien und -sich augenscheinlich schon etwas Mut angetrunken hatte.</p> - -<p>Von dem Gutsbesitzer erfuhren die beiden Wanderer abends die -ergötzliche Vorgeschichte dieser Rollenbesetzung. Zwei Jahre vorher -war dem Dorfschmied, der den Bismarck darstellte, bei der Szene vor -dem Weberhäuschen in Donchery<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> das patriotische Gefühl übergelaufen. -Er packte plötzlich den Tagelöhner, der den Napoleon schon seit Jahren -spielte, und verprügelte ihn unter dem tosenden Jubel der Menge.</p> - -<p>Wenn dieses Ereignis auch nicht der historischen Wahrheit entsprach, -so befriedigte es um so mehr das Gerechtigkeitsgefühl der Menge, daß -dieser Erzbösewicht, der Friedensstörer Europas, gründlich abgestraft -wurde und die Meinung ging allgemein dahin, daß diese Bestrafung -Napoleons alljährlich zur Bereicherung des Festes wiederholt werden -müßte. Aber der Bismarck schlug eine so kräftige Faust, daß der -Tagelöhner sich selbst gegen eine ansehnliche Belohnung nicht mehr -bereitfinden ließ, im nächsten Jahr den Napoleon zu spielen.</p> - -<p>Doch Bismarck wußte Rat. Als im nächsten Herbst ein Stromer ahnungslos -durchs Dorf zog, der einen großen Vollbart trug, wurde er kurzerhand -wegen Bettelns festgenommen und eingesperrt. Er wurde gut verpflegt -und ließ sich bereitfinden, den Napoleon zu spielen. Sein Bart wurde -zugestutzt, die Uniform zugepaßt, und er spielte nach einigen Proben -seine Rolle ganz gut. Bloß zum Schluß war er unangenehm überrascht, als -Bismarck vor dem Weberhäuschen ihn plötzlich an<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> den Kragen nahm und -verprügelte. Aber er nahm das gebotene Schmerzensgeld und drehte dem -Dorf den Rücken.</p> - -<p>Im nächsten Jahr versagte dies Auskunftmittel, denn alle Stromer -mieden die beiden Dörfer schon von Mitte des Sommers an. Doch auch -diesmal wußte Bismarck sich zu helfen. Er gewann für die Rolle des -Napoleon einen Flickschuster aus Benkheim, den die hohe Summe von -dreihundert Mark, die er als Schmerzensgeld erhalten sollte, lockte. -Seine gedrückte Stimmung war durchaus erklärlich, denn er kannte den -Knalleffekt des Tages, bei dem er der leidende Teil sein sollte.</p> - -<p>Am anderen Tage entbrannte schon frühmorgens die Schlacht. Durch die -stille Luft vernahm man das Knattern der Gewehre und die dumpfen -Kanonenschläge. Wie verabredet, war man im Gutshause schon bei -Tagesgrauen aufgestanden, um aufs Schlachtfeld zu fahren. Beim -Frühstück bot sich den Gästen ein rührendes, entzückendes Bild. Die -älteste Tochter des Hauses, die trotz ihrer sechzehn Jahre schon dem -verwitweten Vater die Wirtschaft führte, erschien mit ihren fünf -jüngeren Schwestern, die zur Feier des<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> Tages in Weiß gekleidet, -wie die leibhaftigen Engel aussahen. Liesel, die älteste, war eine -zierliche Elfengestalt mit blauen Augen und blonden Haaren, das sich -in natürlichen Locken um ihre Stirn ringelte. Zutraulich begrüßten die -Kinder ihre Gäste. Der Pastor nahm die beiden Jüngsten auf sein Knie -und herzte sie.</p> - -<p>Franzens Blick hing mit stillem Entzücken an dem liebreizenden Mädel, -das alle mit mütterlicher Sorgfalt bediente und mit freudigem Stolz -ihren wohlgeratenen Kuchen anbot. Einen umfangreichen Eßkorb hatte sie -schon vorher vollgepackt. In zwei Wagen wurde die Fahrt angetreten. -Bald war man mitten im Schlachtgetümmel. Immer enger schloß sich der -Kreis um Sedan. Jetzt bekam man auch die deutschen Heerführer zu sehen. -Der Pastor vermochte sein Erstaunen kaum in Worte zu fassen. Er rief -bloß: „Da brat’ mir einer ’nen Storch.“</p> - -<p>„Aber die Beine recht knusprig“, fügte Liesel lachend hinzu.</p> - -<p>Und die Verwunderung war durchaus berechtigt. Der Bismarck, der in -Kürassieruniform auf einem mächtigen Gaul saß, glich, obwohl ein wenig -kleiner, aufs Haar seinem geschichtlichen<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> Vorbild. Dasselbe konnte man -von Moltke, Roon und vor allen Dingen von Kaiser Wilhelm sagen, der von -dem Gendarmen mit täuschender Ähnlichkeit gespielt wurde.</p> - -<p>Schon gegen Mittag stieg auf Sedan die weiße Fahne hoch, und bald -darauf nahte der französische General Reille und wurde von Kaiser -Wilhelm empfangen, genau so wie es auf dem bekannten Gemälde -dargestellt ist. Moltke nahm den aus der Geschichte bekannten -Brief Napoleons in Empfang und verlas ihn mit lauter Stimme, erst -französisch, dann deutsch.</p> - -<p>Ein unbeschreiblicher Jubel brach los. Und die Bedeutung jener großen -geschichtlichen Ereignisse drang mit so überwältigender Kraft in alle -Gemüter ein, daß man sie mitzuerleben vermeinte. Bewegt trocknete -der Pastor die feucht gewordenen Augen. Die Erinnerung an die schöne -Jugendzeit stieg in ihm auf, wie er als Junge von zwölf Jahren den -gewaltigen Sieg gefeiert, der Deutschlands Stämme zusammenschweißte. -Deutlich erinnerte er sich an den Taumel der Begeisterung, von dem ganz -Deutschland erfaßt war.</p> - -<p>Der weitere Verlauf des Festes wurde äußerst empfindlich durch Napoleon -gestört. Er hatte in<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> seiner Angst einen Fluchtversuch gemacht und war -von seinen eigenen Truppen gefangengenommen worden. Erst als er von -Bismarck die ehrenwörtliche Versicherung erhielt, daß er keine Prügel -bekommen würde, spielte er seine Rolle weiter. Nun konnten die anderen -lebenden Bilder dargestellt werden.</p> - -<p>Es war ein patriotischer Anschauungsunterricht, dessen Bedeutung -nicht überschätzt werden kann. Natürlich fehlte es auch nicht an -anders gearteten Volksbelustigungen. Auf dem geräumigen Dorfanger in -Bodschwinken drängte sich Bude an Bude, Zelt an Zelt. Da kreisten -die Karussels, da sausten die Luftschaukeln. Franz machte sich das -Vergnügen, alle sechs Mädels auf den Rummelplatz zu führen und sie alle -Genüsse auskosten zu lassen.</p> - -<p>Von ihrem Eifer und kindlicher Freude angesteckt, schwang er sich neben -Liesel auf einen hölzernen Rappen und ließ sich nach den schmetternden -Klängen eines Musikwerks im Kreise herumschwenken. Holdselig lächelnd -streckte ihm Liesel mit kindlicher Unbefangenheit die Hand entgegen. -Wie in einem glücklichen Traum fuhr er neben ihr dahin. Immer und -immer wieder forderten die<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> Kleinen eine Wiederholung der Fahrt und -Franz gewährte sie ihnen, bis Liesel ihm Einhalt geboten. Von einem -unendlichen Glücksgefühl erfüllt, saß er, von den kleinen Mädchen -umgeben, die sich um seine Knie drängten, neben der Ältesten in dem -Gehege der Seiltänzer, die bei bengalischer Beleuchtung auf dem -schwankenden Seil hin und her fuhren, oder am schwebenden Trapez -halsbrecherische Kunststücke ausführten.</p> - -<p>Als es für die Kleinen Zeit war, nach Hause zu fahren, schloß sich -Franz ihnen an. Er sah zu, wie das kleine Mädchen ihre jüngeren -Geschwister abfütterte, sie entkleidete, und ihnen im Bettchen zum -Nachtgebet die Hände faltete. Dann saßen Liesel und Franz in der -stillen, warmen Herbstnacht auf der Veranda zusammen und plauderten wie -zwei gute Freunde.</p> - -<p>Erst am nächsten Nachmittag nahmen sie Abschied von dem gastlichen -Hause und fuhren mit der Bahn nach Hause, wo sie spät am Abend -anlangten.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_7">7. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Am nächsten Morgen schon stand Franz bei Tagesgrauen auf, um -die Knechte und Mägde beim Füttern der Pferde und des Viehes zu -beaufsichtigen. Als er zum Frühstück in die Stube kam, sah er der -Mutter an, daß sie geweint hatte. Sie war sehr still und sprach kein -Wort. Das war ihm unerträglich. Er sprang auf und faßte sie um. -„Mutter, bist du böse auf mich?“</p> - -<p>Sie strich ihm die Haare zurück und sah ihm liebevoll in die Augen. -„Nein, mein Junge, ich bin nur traurig, weil du mir den einzigen großen -Wunsch meines Lebens nicht erfüllen willst.“</p> - -<p>„Ich kann nicht, Mutter! Wenn ich mich fürs Studium entschieden hätte -oder später nach der Probezeit, die ich mir gesetzt habe, würde ich -doch unter keinen Umständen Pastor werden, sondern Naturwissenschaften -oder Medizin studieren.“</p> - -<p>„Damit muß ich mich zufrieden geben. Aber sag’ mal, mein Junge, hast du -den Entschluß ganz aus freien Stücken gefaßt ...?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p> - -<p>Franz sah sie fest an. „Nein! Der Onkel hat es mir nahegelegt, Vaters -Wunsch zu erfüllen. Da ist es mir durch den Kopf gefahren: wenn der -Vater mich auf der landwirtschaftlichen Hochschule studieren läßt ....“</p> - -<p>„Das ist doch selbstverständlich“, fiel Rosumek ein.</p> - -<p>„... dann kann ich auch auf der Universität die Vorlesungen hören ....“</p> - -<p>„Und dann springst ab von der Landwirtschaft“, meinte der Schulze -ruhig. „Mutter, gib dich zufrieden! Ich sehe es schon kommen, daß er -weder Landwirt noch Pastor wird ... Darin müssen wir uns fügen. Trink -deinen Kaffee und dann zieh dich gut an, wir wollen beide heute gleich -zum Oberamtmann Strehlke nach Polommen fahren, ob er dich als Lehrling -aufnimmt ...“</p> - -<p>„Als Eleve, Vater ...“</p> - -<p>„Nein, als Lehrling. Er soll dich nicht mit Handschuhen anfassen, -sondern überall hinstellen, wo es etwas zu lernen gibt, genau so, wie -ich es bei seinem Vater durchgemacht habe. Wenn du dann standhältst, -bist du echt ...“</p> - -<p>Ein wenig bedrückt stieg Franz zu seinem<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> Stübchen hinauf. Er -hatte sich schon das Jahr auf einem großen Gut recht angenehm -ausgemalt. Lernen wollte er alles, was es zu lernen gab, das war -selbstverständlich Aber daneben wollte er auch etwas freie Zeit haben, -um sich mit seinen geliebten Büchern beschäftigen zu können. Ab und zu -auch auf die Jagd gehen ... Er mußte sich ordentlich einen Ruck geben, -um seinen Entschluß nicht jetzt schon zu bereuen. Er nahm seinen guten -Rock aus dem Schrank und begann, die Alberten rauszuziehen. Einen zog -er aus, bog die Nadel etwas ein und verwahrte ihn besonders in einem -Schächtelchen. Ein sonniges Leuchten ging dabei über sein Gesicht.</p> - -<p>Auf der Fahrt sprach der Vater wenig. Nur ab und zu machte er eine -Bemerkung über den Boden und den Stand der Felder. Franz hörte still -zu. Seine Gedanken liefen voraus in das Haus, in dem er sein nächstes -Lebensjahr zubringen sollte. Der Oberamtmann galt als der beste -Landwirt weit und breit. Sein Betrieb lief wie am Schnürchen, sein Vieh -erhielt auf jeder Ausstellung die ersten Preise. Aber was war er für -ein Mensch? Gut und milde oder scharf und grob?</p> - -<p>In Polommen ließ Rosumek das Fuhrwerk<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> am Tor halten und ging allein -ins Herrenhaus. Schon nach wenigen Minuten erschien er wieder auf -der Treppe und winkte Franz ... Aus einem Korbstuhl hob sich eine -mächtige Gestalt. Ein blonder, großer Bart, der bis auf die Brust hinab -reichte, bedeckte sein Gesicht, aus dem zwei scharfe graue Augen den -eintretenden Jüngling musterten. Eine breite, starke Hand streckte sich -ihm entgegen.</p> - -<p>„Sie bringen eine gute Empfehlung mit, junger Freund, Ihren Vater, der -mir in meiner Lehrzeit manche unangenehme Arbeit abgenommen hat. Also -Sie wollen Ihre Lehrzeit bei mir durchmachen?“ Gewaltig dröhnte die -Stimme im tiefsten Baß.</p> - -<p>„Ja, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz tapfer mit festem Blick.</p> - -<p>„Na, Sie haben wohl schon bei Ihrem Vater etwas in die Wirtschaft -hineingerochen und können Roggen von Hafer unterscheiden. Das ist auch -schon etwas wert, aber leicht ist der Dienst auf einem großen Gut -nicht, und wer mal selbst befehlen will, muß erst gehorchen gelernt -haben. Doch das sind Binsenwahrheiten, die Ihnen wohl auch geläufig -sind. Aber eins muß ich Ihnen noch<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> sagen: ich poltere oftmal los ... -das ist nicht weiter gefährlich ... aber wenn ich platt rede, wie Ihr -Freund und Onkel Uwis, den ich sehr hoch schätze — ich bitte, ihn von -mir zu grüßen —, dann tut man gut, mir eine Weile aus den Augen zu -verschwinden.“</p> - -<p>Er lachte dabei so herzlich, daß bei Franz jede Befangenheit schwand. -„Ich werde mir Mühe geben, Ihre Zufriedenheit zu erringen.“</p> - -<p>„Geschenkt! Das ist doch die erste Vorbedingung. Also abgemacht, -sela. Zum 1. Oktober treten Sie an. Und nun wollen wir nach dieser -anstrengenden Tätigkeit frühstücken.“</p> - -<p>Er führte seine Gäste in das Nebenzimmer, wo bereits der Tisch mit all -den guten Sachen, die es in einem Gutshause gibt, gedeckt war. Bald -darauf trat die Frau des Hauses ein, eine hohe, schlanke Gestalt, mit -reichem kastanienbraunem Haar und einem überaus freundlichen Lächeln -auf dem schönen Gesicht. Gleich darauf stürmten zwei Knaben von sieben -und fünf Jahren herein. Als sie die fremden Gäste erblickten, machten -sie einen tiefen Diener und gaben beiden die Hand. Dann stieg der -Jüngere seinem Vater auf das Knie, faßte mit beiden Händen in den Bart -und<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> gab ihm einen Kuß. Ganz warm stieg es bei diesem Anblick in Franz -auf. Sein zukünftiger Lehrmeister war sicher ein herzensguter Mann, der -keinem Unrecht tat.</p> - -<p>Die vier Wochen, die Franz noch zu Hause weilte, vergingen ihm wie im -Fluge. Er stand mit dem ersten Hahnenschrei auf und half den Tag über -wacker bei der Ernte. Abends sank er totmüde ins Bett. Die Mutter war -mit seiner Tätigkeit durchaus nicht einverstanden. Er sollte sich nach -der schweren Vorbereitungszeit fürs Examen erholen, anstatt sich so -anzustrengen. Aber Franz ließ sich nicht beirren. Und Onkel Uwis lobte -ihn, wenn er mal abends auf ein halbes Stündchen zu ihm ging. Auch -einen Teil der Saatzeit machte Franz noch beim Vater durch. Öfter wurde -er vom Felde nach Hause geholt, um Wäsche oder ein neues Kleidungsstück -anzuprobieren. Denn die Mutter stattete ihn sehr reichlich aus und -schärfte ihm bei öfteren Ermahnungen ein, daß er sich zu jeder Mahlzeit -im Herrenhause umziehen müsse.</p> - -<p>„Du fragst einfach die gnädige Frau, wie du zu Tisch erscheinen -sollst. Sagt sie: wie Sie angezogen sind, dann ziehst du dir die -neuen Kniestiefel und die neue Joppe an und nimmst dir<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> einen reinen -Kragen um. Du kannst ihn ja nach dem Essen wieder gegen den anderen -vertauschen.“</p> - -<p>Lächelnd hörte Franz die Mutter an. Zum Schluß faßte er sie um und -versicherte ihr, daß er alle ihre Ermahnungen beherzigen werde. Er -wußte: das Mutterherz würde ihn auch in die Fremde begleiten und um ihn -sorgen.</p> - -<p>Am Tage vor seiner Abreise ging Franz zu Frau Grigo. Lotte empfing ihn -und plauderte mit ihm, bis die Mutter aus der Küche hereinkam. Ein von -Sorgen und schwerer Arbeit zermürbtes Frauchen. Nachdem sie ihm einen -Sack voll guter Wünsche auf den Lebensweg mitgegeben hatte, fragte sie -plötzlich, ob es wahr wäre, daß es bald Krieg gäbe. Erstaunt zuckte -Franz die Achseln. „Das weiß ich nicht, Tante. Es ist schon so oft -davon geredet worden, daß wir mit Rußland Krieg bekommen sollen, aber -bis jetzt ist es doch noch nicht eingetroffen. Für uns hier an der -Grenze wäre es ein großes Unglück.“</p> - -<p>„Ja, ein sehr großes Unglück, mein lieber Franz.“</p> - -<p>Abends, als er mit den Eltern bei Onkel und Tante Uwis war, erzählte -er von der sonderbaren Frage der Lehrerwitwe. Der Pastor blies dicke<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> -Rauchwolken aus seiner Pfeife. „Ich bin in den letzten Tagen auch oft -danach gefragt worden. Da hat irgendein Esel sich den Spaß gemacht, das -Gerede unter die Leute zu bringen.“</p> - -<p>„Also du hältst nichts davon, Onkel?“</p> - -<p>„Das ist eine andere Frage, mein lieber Junge. Ich weiß ja nicht mehr, -als was in den Zeitungen steht, aber ich habe das Gefühl, als wenn wir -hier in Ostpreußen und namentlich wir hier an der Grenze wie auf einem -Pulverfaß leben. Es braucht nur ein Funke hineinzufallen, dann fliegen -wir in die Luft. Und Funken fliegen genug umher. Ich denke jedoch, wir -tun nicht gut, uns heute mit diesen Sorgen das Herz zu beschweren. Wir -müssen hinnehmen, was Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß über -uns verhängt und damit basta. Hier hast du etwas auf die Reise.“ Er -reichte ihm einen verschlossenen Brief. „Den gib deinem Lehrherrn mit -einem schönen Gruß von mir. Ermahnungen brauche ich dir nicht mit auf -den Weg zu geben. Ich weiß, daß du deinen Eltern und mir keine Schande -machen wirst.“</p> - -<p>Am andern Morgen brachte Rosumek seinen Jungen selbst nach Polommen. -Er bekam im<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Beamtenhaus ein freundliches Stübchen angewiesen, packte -seine Sachen aus und ging dann ins Herrenhaus, um sich anzumelden. Der -Oberamtmann empfing ihn kurz angebunden. „Gleich nach Mittag ziehen Sie -sich einen derben warmen Anzug an, denn Sie werden die Kartoffelgräber -beaufsichtigen. Jetzt stellen Sie sich dem Oberinspektor Balk vor, der -Sie unter seine Obhut nehmen und Ihnen die nötigen Anweisungen erteilen -wird. Wenn Sie irgendein Anliegen an mich haben, bin ich für Sie -jederzeit zu sprechen.“</p> - -<p>„Aller Anfang ist schwer, sagte der Teufel, da stahl er einen Amboß.“ -Mit grimmigem Humor murmelte Franz die Worte vor sich hin, während -er hinter der Reihe der Kartoffelgräber langsam auf und ab ging. Er -hatte sich warm angezogen, aber der starke Nordwind drang doch durch -die dicke Jacke und das wollene Unterzeug, so daß er froh war, als er -hinter dem Wagen, der die letzten Säcke vom Felde holte, nach Hause -ging. Und der heiße Kaffee, den ihm das Mädchen brachte, schmeckte -ihm, wie ihm schon lange nichts geschmeckt hatte. Dann wurde er in -die Ställe geschickt, um das Füttern der Pferde zu beaufsichtigen. -Beim Abendbrot lernte er einen „Leidensgefährten“,<span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span> Hans Kolbe, -kennen, einen langaufgeschossenen Kaufmannssohn aus der Stadt, der in -Königsberg auf einer Presse sich das Einjährigenzeugnis geholt hatte -und schon ein halbes Jahr die Landwirtschaft erlernte. Er lud Franz -nach dem Essen auf seine Bude zu einem Glas Grog ein und weihte ihn mit -großer Selbstgefälligkeit in die Geheimnisse des Gutes ein.</p> - -<p>Der Oberinspektor sei gutmütig und lasse sich leicht ein X für ein U -machen. Er zitterte vor dem Oberamtmann; das sei ein Deuwelskerl ... -der sähe alles und wüßte alles ... Franz hörte ruhig zu, aber die Art -des jungen Menschen mißfiel ihm vom ersten Augenblick an, und als er -gar mit seinen intimen Beziehungen zu verschiedenen Scharwerksmädeln -zu prahlen begann, stand Franz auf und verabschiedete sich mit kurzem -Dank. Er sei müde und müsse morgen früh aufstehen ...</p> - -<p>Ganz allmählich gewöhnte sich Franz in seinen Wirkungskreis ein. Der -Dienst wurde leichter, nachdem die Kartoffeln und Rüben geborgen waren. -Aber tagaus tagein an der Dreschmaschine stehen, war gerade auch kein -Vergnügen. Er überwand jedoch mit festem Willen<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> die trübe Stimmung, -die ihn oft zu beschleichen drohte und tröstete sich mit dem Gedanken -an den Sommer, wo es wohl auch viel Arbeit geben würde, aber anderer -Art und in freier Luft ...</p> - -<p>An jedem Sonntag wurden die beiden jungen Leute zu Mittag ins -Herrenhaus gebeten. Gleich beim erstenmal fiel es Franz auf, daß die -Hausfrau seinen „Leidensgefährten“ ganz unbeachtet ließ, während -sie sich mit ihm freundlich teilnehmend über seine Eltern und Onkel -Uwis unterhielt. Er hatte das Gefühl, als wenn der Frau des Hauses -die zärtlichen Beziehungen Kolbes zur Weiblichkeit des Hofes nicht -unbekannt wären und daß sie ihn deshalb so fühlbar schnitt. Am zweiten -Sonntag fragte sie Franz, was er am Nachmittag und Abend triebe.</p> - -<p>„Ich habe mir einige Lehrbücher der Landwirtschaft mitgebracht, gnädige -Frau, und beschäftige mich damit. Ich nehme auch manchmal meinen Horaz -und Homer vor, um meine Schulkenntnisse nicht zu verlieren ...“</p> - -<p>„Das gefällt mir, Franz“, lobte die Frau. „Heute möchte ich Sie mit -Beschlag belegen. Wollen Sie zum Kaffee wiederkommen und den Abend bei -uns verleben?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p> - -<p>„Sehr gern, gnädige Frau, nehme mit Dank an.“</p> - -<p>„Sie Musterknabe haben sich ja schon bei der Gnädigen lieb Kind -gemacht“, meinte Kolbe mit deutlichem Ärger in der Stimme, als sie aus -dem Herrenhause traten. „Mich behandelt sie wie Luft.“</p> - -<p>„Sie werden wohl durch irgend etwas das Mißfallen der gnädigen Frau -erregt haben“, sagte Franz ruhig.</p> - -<p>Ende November gab es eine angenehme Abwechselung durch die große -Treibjagd, die der Oberamtmann veranstaltete. Schon einige Tage vorher -ließ er auf dem Schlag hinter der Scheune die Treiber dazu einüben. Es -wurde ein Kessel angelegt. Von zwei gegenüberliegenden Punkten wurden -die Treiber abgelassen. Die Flügel wurden von den beiden Kämmerern -und den Lehrlingen geführt. Der Oberamtmann ritt im Kessel umher und -sprengte sofort auf die Stelle zu, wo sich zwischen den Treibern eine -Lücke bildete. Dann donnerte und wetterte er, daß es weit übers Feld -schallte. Am Jagdtage trafen die Gäste schon bei Tagesgrauen ein. Nach -einem kräftigen Frühstück brach die Gesellschaft auf. Es war in der -Nacht<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> etwas Schnee gefallen. Hell und klar ging die Sonne auf. Dazu -wehte ein frischer Ost. Das richtige Jagdwetter.</p> - -<p>Franz durfte seine Flinte führen und schießen. Er hatte guten Anlauf -und übereilte sich nicht, so daß er mit der Anzahl der von ihm erlegten -Hasen immer unter den Ersten war. Sein Leidensgefährte war kein Jäger, -er ging als Treiber mit.</p> - -<p>Als beim Schüsseltreiben das Jagdergebnis verlesen wurde, rief Frau -Oberamtmann ein lautes Bravo, als Franzens Name genannt und sein -Weidmannsheil verkündet wurde. Nach Aufhebung der Tafel setzten sich -die alten Herren an die Spieltische. Das junge Volk vergnügte sich -durch ein Tänzchen. Die Hausfrau holte Franz aus dem Spielzimmer und -stellte ihn mehreren jungen Mädchen vor ... Es war ein schöner Tag und -Abend, an den Franz noch oft mit großem Vergnügen zurückdachte.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_8">8. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Es war gut, daß Grinda seiner Nichte die Schlüssel übergeben hatte -als er wegfuhr, denn sein Stellvertreter, ein entfernter Verwandter, -eignete sich zum Krugwirt, wie ein Igel zum Sitzkissen. Er vergaß sich -nie ein Gläschen einzuschenken, wenn die Arbeiter Schnaps tranken. -Ja, er verlangte von Olga auch die Schlüssel, aber sie war klug und -energisch und gab sie nicht heraus.</p> - -<p>Walter war unter dem Vorwand eines Pirschganges in den Wald gefahren -und gegen Abend in der Waldschänke eingekehrt. Er fand dort eine -Gesellschaft, alles junge Leute aus der Stadt, die ihm unbequem waren, -und da er auch mit der Möglichkeit rechnen mußte, daß der Vater -unverhofft heimkehren könnte, fuhr er zum Abendbrot nach Hause. Arglos -erzählte ihm die Mutter, daß der Vater ihr durch den Fernsprecher -mitgeteilt hätte, er werde erst am nächsten Vormittag nach Hause -kommen. Er leistete ihr Gesellschaft und erfreute sie durch eine -eingehende<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> Schilderung alles dessen, was er sich im nächsten Semester -einpauken lassen werde, um im Frühjahr das Examen zu machen. Dann -setzte er sich ans Klavier, das er meisterhaft beherrschte, obwohl er -nie strengen Unterricht gehabt und alles nur nach dem Gehör spielte.</p> - -<p>Als die alte Dame sich um zehn Uhr zur Ruhe begab, ging er auf sein -Zimmer und schlich wenige Minuten später wieder hinunter, nahm sein -Rad und fuhr in die Stadt ins Café. Die Mehrzahl der soliden Bürger -hatte sich bereits entfernt, nur der große Tisch war noch von einer -Gesellschaft älterer Offiziere besetzt, die sich lebhaft unterhielten. -Er ließ sich an einem kleinen Tisch nieder und bestellte sich ein -Glas Bier. Der Ober, der ihn nur durch eine vertrauliche Kopfbewegung -begrüßt hatte, stand dicht am Offizierstisch. Kaum daß einer der Herren -seine Tasche zog, um sich eine neue Zigarre oder Zigarette anzustecken, -war er schon mit dem brennenden Streichholz bei der Hand. Jedes -geleerte Glas ergriff er, füllte es und brachte es schnell zurück. Die -Offiziere hatten keinen Argwohn dabei, denn sie waren es gewohnt, von -dem Ober so aufmerksam bedient zu werden.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span></p> - -<p>In Walter stieg wieder der Verdacht auf, der ihm zuerst so -ungeheuerlich erschienen war. Aber auch jetzt wollte es ihm wenig -wahrscheinlich erscheinen, daß der Mann ein anderes, als ein ganz -allgemeines Interesse an dem Gesprächsstoff der Offiziere nehmen -könnte, der damals schon alle Menschen an der russischen Grenze -beschäftigte. Aber die Tatsache war doch nun einmal da, daß der Mann -alles hörte, was die Offiziere sprachen.</p> - -<p>Als die Herren aufbrachen, begab Walter sich in die Spielzimmer. Eine -Anzahl junger Leute hatte sich zusammengefunden, um Kartenlotterie zu -spielen. Er konnte dem geistlosen Spiel, das er langweilig fand, kein -Interesse abgewinnen und sah zu, ohne eine Karte zu kaufen. Es wurde -ziemlich hoch gespielt und scharf getrunken. Denn die Bank, die von -jedem großen Los ein Zehntel ablegen mußte, hielt die Spieler frei. -Die Einrichtung der Abgabe war ebenso sinnreich wie einfach. Auf dem -Tisch stand ein großes Glas, zur Hälfte mit Wasser gefüllt, in das der -Betrag geworfen wurde. Das ergab einen großen Verdienst für den Ober, -der selbst, wenn die Spieler scharf tranken, noch einen erheblichen -Überschuß behielt.</p> - -<p>Bald darauf betraten drei wohlhabende<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> Handwerker das Zimmer. Sie -forderten den ihnen bekannten Walter auf, mit ihnen zu pokern. Das -war ein Spiel nach seinem Geschmack. Da konnte man selbst mit einer -schlechten Karte, wenn man es nur geschickt anfing, die Mitspieler -blüffen. Er hatte etwa eine halbe Stunde mit wechselndem Glück -gespielt, als er merkte, daß der Ober leise, wie es seine Art war, -hinter ihn trat. Gleichgültig nahm er seine fünf Karten auf. Er hatte -drei Asse, eine Sieben und eine Acht. Ohne sich zu besinnen, legte -er die Sieben ab und kaufte eine neue Karte dazu. Mit unbeweglichem -Gesicht nahm er diese auf und warf sie nach flüchtigem Blick auf die -andern. Es war das vierte Aß. Das konnte ein großer Schlag werden, -aber nur, wenn auch einer der Mitspieler ein starkes Gegenspiel in der -Hand hatte. Walter hatte Mühe, sich zu beherrschen und seine Freude zu -verbergen, als der erste Spieler fünfzig Mark anwettete.</p> - -<p>„Die Fünfzig bringe ich und setze noch Einhundert vor“, sagte Walter -möglichst gleichmütig.</p> - -<p>„Die Hundert und noch Zweihundert.“</p> - -<p>Blitzschnell überlegte Walter. Wollte sein Gegner ihn rausblüffen, oder -hatte er auch ein starkes Spiel in der Hand.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p> - -<p>„Die Zweihundert und noch Zweihundert.“</p> - -<p>„Die Zweihundert und noch Fünfhundert.“</p> - -<p>Kalt lief es Walter über den Rücken. Soviel Geld hatte er ja nicht mehr -bei sich. Wenn er nicht wenigstens die fünfhundert Mark nachsetzte, -zog der Gegner den ganzen Gewinn ein, ohne überhaupt nur seine Karte -aufdecken zu müssen. Da fühlte er eine leise Berührung seiner linken -Seite. Er griff instinktmäßig hin und fühlte eine Hand, die ihm -einen Bündel Banknoten zusteckte. Erst fuhr er mit einer Hand in die -Seitentasche seiner Joppe, als wenn er von dort das Geld herausnahm, -dann warf er die Scheine auf den Tisch. Es waren nach flüchtiger -Schätzung mindestens zweitausend Mark.</p> - -<p>„Die Fünfhundert und noch Tausend.“</p> - -<p>Hochrot vor Aufregung warf sein Gegner, ein dicker Fleischermeister, -die tausend Mark auf den Tisch. „Zum Teufel, was haben Sie denn? Ich -will sie wenigstens sehen.“</p> - -<p>Kaltblütig deckte Walter seine vier Asse auf.</p> - -<p>Wütend warf der Fleischermeister seine Karten weg. „Sie haben ein -fürchterliches Schwein, ich habe vier Könige gehabt.“</p> - -<p>Eine Weile später landete Walter noch einen<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> zweiten, etwas kleineren -Gewinn, indem er mit einer schwachen Karte seine Gegner blüffte.</p> - -<p>Gegen zwei Uhr mahnte der Ober zum Aufbruch.</p> - -<p>Walter zögerte, bis die andern Gäste gegangen waren.</p> - -<p>„Jetzt, lieber Ober, müssen wir abrechnen. Was habe ich von gestern zu -bezahlen und was haben Sie mir heute gegeben. Und dann möchte ich mich -noch durch eine Flasche Rotwein revanchieren.“</p> - -<p>Das Geldgeschäft war bald zur beiderseitigen Befriedigung erledigt und -die Gläser gefüllt.</p> - -<p>„Ich wollte Sie mal was fragen“, begann Walter zögernd. „Mir scheint, -Sie haben viel Interesse für gute militärische Nachrichten.“</p> - -<p>Mit feinem Lächeln schüttelte der Ober den Kopf.</p> - -<p>„Nicht mehr als jeder Deutsche an der Zuspitzung unserer Beziehungen -mit Rußland hat. Wenn Sie besonders gute und wichtige Nachrichten -über russische Verhältnisse haben, dann wenden Sie sich am besten an -die Offiziere, mit denen Sie ja bekannt sind. Es müssen aber sehr -wichtige Nachrichten sein. Denn soviel ich weiß, kennen alle<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> Staaten -voneinander und von den militärischen Geheimnissen der Gegner im -allgemeinen mehr als man glaubt. Denn jeder Staat unterhält, wie ich -neulich gehört habe, einen Nachrichtendienst, der bei den Nachbarn -alles zu erforschen sucht, was wissenswert erscheint.“</p> - -<p>„Das muß doch nicht genügen,“ erwiderte Walter eifrig, „denn gestern -ist der Wirt der Waldschänke über die Grenze gefahren, um die Standorte -der russischen Truppen im polnischen Bezirk auszukundschaften.“</p> - -<p>„Das ist ein gefährliches Unternehmen,“ erwiderte der Ober ruhig, -„denn die Russen pflegen nicht lange zu fackeln, wenn sie einen Spion -erwischen.“</p> - -<p>„Ach, der Mann läuft keine Gefahr. Er ist lange Jahre als Viehtreiber -in Rußland gewesen, spricht fertig russisch und polnisch und wird, wie -ich vermute, mit Vieh handeln. Auf jedem Fall verdient er damit grob -Geld.“</p> - -<p>„Oder den Strick“, erwiderte der Ober lächelnd. Er brach kurz ab und -fragte: „Können Sie uns nicht einen Bock schießen, wir haben ihn heute -schon bei Ihrem Herrn Vater bestellt.“</p> - -<p>„Das läßt sich machen“, erwiderte Walter erfreut,<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> „der Vater hat mir -noch einen Bock freigegeben und ich weiß einen kapitalen Burschen, -dessen Gehörn mir noch heute gehören soll, wenn ich nur etwas -Weidmannsheil entwickle.“</p> - -<p>Eine Stunde später fuhr er nach Hause, schlich auf sein Zimmer, und -warf sich in den Kleidern noch für zwei Stunden auf die Liege. Als -der Morgen graute, stand er auf und fuhr zu Rad in den Wald. An dem -großen Torfbruch stellte er es ins Dickicht und pirschte sich am -Waldrand entlang. Auf die meliorierten Wiesen, auf denen der zweite -Schnitt mit viel Klee untermischt fast kniehoch stand, pflegten die -Rehe gern auszutreten. Er hatte etwa eine halbe Stunde gestanden, als -der kapitale Bock, an dessen weit ausgerecktem Gehörn die weißen Enden -im Morgenlicht schimmerten, von dem Torfbruch her vertraut angetrollt -kam und auf der Kunstwiese zu äsen begann. Mit gutem Blattschuß legte -Walter ihn auf die Decke. Als er das prächtige Gehörn in der Hand -hielt, stieß er vor Freude einen lautschallenden Jagdruf aus, schmückte -sein Hütchen mit einem Bruch und fuhr mit der schweren Beute auf dem -Rücken heim.</p> - -<p>Der Vater war eben von seiner Reise zurückgekommen. Etwas wie -Vaterstolz leuchtete in den<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> Augen des Grünrocks auf, als der Sohn -elastisch wie eine Feder vom Rad sprang und den Bock abwarf. Er war -schon oben auf seinem Zimmer gewesen und dachte nichts anderes, als daß -Walter irgendwo die Nacht durchsumpfte. Umsomehr freute es ihm, daß er -sich geirrt hatte. „Junge“, rief er: „Wenn du dich mit solchem Eifer -und Erfolg an die Wissenschaften heranpirschen würdest, dann könntest -du noch ein ganzer Mann werden.“</p> - -<p>„Dazu scheint mir das Geschick zu fehlen, lieber Vater,“ erwiderte -Walter lachend, „weshalb hast du mich nicht Forstmann werden lassen?“</p> - -<p>„Dazu muß man auch sehr viel gelernt haben, mindestens ebensoviel wie -als Jurist.“</p> - -<p>„Ach, ich kann die trockene Gelehrsamkeit nicht ausstehen, sie will mir -nicht in den Kopf. Vater, ich habe zwar schon fünf Semester verbummelt, -aber es ist noch nicht zu spät, laß mich noch umsatteln.“</p> - -<p>„Ja, was willst du denn jetzt noch werden?“</p> - -<p>„Landwirt, Vater“, rief Walter in freudiger Erregung aus.</p> - -<p>„Ein guter Landwirt muß heutzutage auch einen ganzen Posten Kenntnisse -besitzen, wenn er nicht unter die Räder kommen will.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span></p> - -<p>„Das meiste lernt man doch durch die Praxis“, gab Walter schnell zur -Antwort. „Und wenn du mich blos zwei Semester auf die Hochschule -schickst, will ich fleißig studieren.“</p> - -<p>„Muttchen,“ rief er der eben eintretenden Mutter zu, „hilf mir den -Vater bitten, daß er mich Landwirt werden läßt, dann werde ich euch -Freude machen, statt Kummer.“</p> - -<p>„Wenn du bloß ein ordentlicher tüchtiger Mensch wirst“, erwiderte der -Forstmeister. „Was meinst du, Olsche, wollen wir es mit dem Jungen mal -so herum versuchen?“</p> - -<p>„Wenn er nicht mehr Ehrgeiz besitzt, dann kann er meinetwegen auch -Landwirt werden. Diesen merkwürdigen Mangel scheint er von dir geerbt -zu haben, du könntest längst schon in der Regierung oder im Ministerium -sitzen.“</p> - -<p>Der Grünrock lachte gutmütig. „Ja, wenn ich wollte, aber ich will -nicht. Ich trenne mich nicht von meinem Wald, der mir ans Herz -gewachsen ist, um Federfuchser in der Stadt zu werden. Da würde ich -bald eingehen. Du mußt auf die Erfüllung dieses Wunsches, in der Stadt -zu leben, schon warten, bis ich Pension nehme.“</p> - -<p>„Da kann ich noch lange warten“, erwiderte<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> die Hausfrau, anscheinend -verdrießlich und verließ das Zimmer.</p> - -<p>Es war durchaus nicht verwunderlich, daß der Forstmeister, als er einen -Lehrherrn für seinen Jungen suchte, auf den Oberamtmann in Polommen -verfiel, mit dem er schon lange befreundet war. Schon an einem der -nächsten Tage fuhr er zu ihm und brachte sein Anliegen vor. Der Dicke -schlug es ihm rundweg ab. „Ich habe schon zwei, eine Skatpartie ist -zu viel. — Ich kann dir aber einen guten Rat geben. Bringe ihn zu -meinem Nachbar Braun in Nonnenhof, du kennst ihn ja auch. Das ist ein -tüchtiger ehrenhafter Mann, der auf seinen tausend Morgen gut vorwärts -kommt. Wart’ mal, er wird jetzt zu Hause sein.“ Er nahm den Hörer des -Fernsprechers ab und ließ sich verbinden. Nachdem er die einleitende -Frage getan, ließ er nur ab und zu ein zustimmendes Brummen hören.</p> - -<p>„Also Braun will! Du fährst am besten gleich zu ihm rüber und machst -alles mit ihm ab. Auf den Rückweg sprichst du bei mir an und bleibst zu -Mittag.“</p> - -<p>Der Gutsbesitzer Braun, der die Vierzig noch nicht überschritten hatte, -brachte mehrere Bedenken<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> vor. Das Schwerwiegendste war die Frage, ob -Walter, der schon ein paar Jahre die studentische Freiheit genossen -habe, sich in die Einsamkeit der abgelegenen Besitzung würde einfügen -lassen.</p> - -<p>„Das ist ja gerade das, was mir für meinen Jungen am wünschenswertesten -erscheint. Lassen Sie ihm nichts durchgehen und nehmen Sie ihn scharf -ran. Es soll keine Sommerfrische zur Erholung sein, sondern ein -Lehrjahr.“</p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1">*</p> - -<p>Schon nach acht Tagen siedelte Walter nach Nonnenhof über und begann -seinen neuen Beruf, ebenso wie Franz Rosumek, mit der Beaufsichtigung -der Kartoffelgräber. Und doch fühlte er sich glücklich, denn der -Gedanke, Tag für Tag das trockene Jus zu büffeln, erregte ihm Grauen. -Langeweile kam bei ihm nicht auf, denn sein Lehrherr sorgte dafür, daß -er vom Abfüttern, das schon um fünf Uhr früh stattfand, bis zum Abend -auf den Beinen blieb und dann rechtschaffen müde war, daß er sich -freute, sein Bett aufsuchen zu dürfen. Am Sonntag fand er Zeit, seinen -Eltern einen Brief zu schreiben. Und er bemühte sich, vor ihnen die -Enttäuschung zu verbergen, die ihm sein neuer Beruf bis jetzt bereits -bereitet hatte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span></p> - -<p>Die Mutter antwortete jedesmal umgehend und ausführlich. In einem -ihrer Briefe berichtete sie nach den üblichen Ermahnungen, daß Grinda -noch immer nicht zurückgekehrt wäre. Auch von Olga schrieb sie. Sie -hätte eines Tages kurzerhand den Stellvertreter des Onkels, der sich -täglich zweimal betrank, an die Luft gesetzt und wirtschaftet allein. -Sie habe ein Schreiben des Onkels, daß ihr für den Fall, daß er nicht -wiederkehrte, alles gehörte. Auch der Vater sei besorgt, daß Grinda in -Rußland etwas zugestoßen sei. Es gebe jedoch keine Möglichkeit, nach -seinem Verbleib Nachforschungen anzustellen.</p> - -<p>Diese Nachricht ließ in Walter wieder den Verdacht aufsteigen, den er -mal gegen den Oberkellner im Café gefaßt hatte. Und es fiel ihm schwer -in die Seele, daß er dem Mann gegenüber Grindas Reise nach Rußland -erwähnt hatte. War der Mann wirklich ein Spion, dann war Grindas -Verschwinden erklärlich und das Schlimmste zu befürchten. Und er allein -trug die Schuld daran.</p> - -<p>Zu Weihnachten gab ihm sein Chef Urlaub bis nach Neujahr. Am heiligen -Abend begann es zu schneien und schneite durch, bis in die Nacht zum -zweiten Feiertag. Schon bei Tagesgrauen<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> fuhr der Forstmeister mit -Walter auf einer Schleife ohne Kufen, die leicht über den lockeren -Schnee wegglitt, in den Wald. Es war nicht ausgeschlossen, daß die -schlimmen Gäste aus Rußland sich eingestellt hatten. Fast alljährlich -kamen Wölfe einzeln oder in kleinen Rudeln im Winter über die Grenze -und richteten in dem Wildstand der preußischen Grenzforsten schweren -Schaden an. Sie fanden auch wirklich die Fährte zweier Wölfe und die -Überreste eines Rehes, daß sie gerissen und aufgefressen hatten.</p> - -<p>Eine Stunde später hatten sie die Räuber in einem Jagen des Torfbruches -eingekreist, und nun ging es in aller Eile nach Hause. Erst wurden die -Förster durch den Fernsprecher benachrichtigt, die eine Menge Treiber -aufbieten sollten, dann ging die Mitteilung an eine Anzahl Jäger in -die Stadt. Kurz vor Mittag war die Jagdgesellschaft an dem Jagen -versammelt. Die Treiber, die den Dienst schon kannten, bestellten in -aller Stille drei Seiten des Jagens, während die vierte von den Jägern -besetzt wurde. Bald nachdem die Treiber mit heftigem Gebrüll in das -verschneite Dickicht eingedrungen waren, krachte ein Schuß. Bald darauf -fielen noch zwei Schüsse. Beide Wölfe waren zur<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> Strecke gebracht. Der -eine vom Forstmeister, der andere vom Major Aldenhoven.</p> - -<p>Das Weidmannsheil wurde in der Waldschänke gefeiert. Olga bediente -ihre zahlreichen Gäste sehr gewandt und aufmerksam. Das Verschwinden -ihres Onkels schien sie nicht sehr zu bekümmern. Und als der Major -versprach, unauffällig Erkundigungen einzuziehen, zuckte sie nur die -Achseln und meinte, das hätte doch keinen Zweck. Am anderen Vormittag -ging Walter allein zu ihr. Olga erzählte ihm ganz unbefangen, sie habe -jetzt einen Bräutigam, einen sehr ordentlichen Menschen. Zum Frühjahr, -wenn sie mündig geworden wäre, wollte sie ihn heiraten, die Waldschänke -verkaufen, wenn der Onkel noch nicht zurückgekehrt wäre und in der -Stadt einen Laden aufmachen. Walter fühlte, daß das lyrische Intermezzo -vom Herbst keine Fortsetzung finden würde und verabschiedete sich bald.</p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1">*</p> - -<p>Wenige Tage später durchlief die Kunde, daß Grinda zurückgekehrt wäre, -die ganze Gegend. Er war verlaust und verlumpt und sah jämmerlich elend -aus. Der Forstmeister, der auch unter den<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> Gedanken litt, daß er dazu -beigetragen hätte, den alten Schulkameraden ins Unglück zu bringen, -ging sofort zu ihm, und fand ihn im Bett liegen.</p> - -<p>„Ja, Forstmeister,“ meinte er, mit einem schwachen Versuch zu lächeln, -„diesmal bin ich nur mit knapper Not der hanfenen Halsbinde entgangen. -Ein Glück nur war’s, daß ich mich auf mein gutes Gedächtnis verlassen -und deshalb mir auch nicht die kleinste Aufzeichnung gemacht habe. Mein -Notizbuch enthielt nur Eintragungen über meine Käufe und Verkäufe. Ich -hatte mir den Plan zurecht gelegt, hier und dort bei den Bauern einige -Stücke Vieh aufzukaufen und sie nach Garnisonorten zu treiben, um sie -an die Proviantämter der Truppen, mit oder ohne Nutzen zu verkaufen. -Das Geschäft ging gut und ich habe in den ersten drei Wochen eine ganze -Menge neuer wichtiger Nachrichten gesammelt.</p> - -<p>Plötzlich wurde ich in Augustowo, als ich schon an die Rückreise -dachte, verhaftet und in die Kosa gesperrt. Am nächsten Morgen wurde -ich scharf verhört. Ich stellte mich dumm und berief mich auf einen -jüdischen Großhändler, der mir bezeugen kann, daß ich schon viele Jahre -in Rußland als Aufkäufer tätig sei. Der russische Auditeur fiel<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> darauf -rein und ließ den Mann holen und mir gegenüberstellen. Auf diese Weise -erfuhr der Händler, wo und in welcher Gefahr ich mich befand.</p> - -<p>Du, Forstmeister,“ unterbrach er seinen Bericht, „ich bin ohne Zweifel -auf eine Anzeige von deutscher Seite aus verhaftet worden. Hier muß -einer nicht dicht gehalten haben.“</p> - -<p>„Das ist ganz ausgeschlossen“, erwiderte der Grünrock. „Von den wenigen -Offizieren, die um den Zweck deiner Reise wußten, hat sicher keiner -geplaudert und von mir ist es wohl selbstverständlich. Vielleicht ist -eine weibliche Zunge im Spiel.“</p> - -<p>„Damit kannst du nur meine Nichte meinen.“ Er pochte an die Wand, -worauf Olga eintrat. Sie leugnete ganz entschieden, obwohl sie sich -daran erinnerte, daß sie es Walter gesagt hatte, wohin der Onkel -gefahren war.</p> - -<p>„Dann bleibt es mir unerklärlich,“ fuhr Grinda fort, „daß der russische -Auditeur wußte und mir vorhielt, daß ich hier in der Waldschänke ein -gutgehendes Geschäft habe. Ich erwiderte, das Geschäft sei so schlecht -gegangen, daß ich meine Ersparnisse zugesetzt hätte und gezwungen -gewesen<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> wäre, so wie früher meinen Unterhalt durch Viehhandel zu -erwerben. Acht Tage brachte ich in einem elenden Loch zu, wo es von -Ungeziefer wimmelte. Dann wurde ich wieder zum Verhör geführt, wo man -mir vorhielt, daß das Geschäft hier glänzend ginge. Man hatte also -hier einen Gewährsmann, bei dem man Erkundigungen einziehen konnte. Ja -noch mehr, es sei hier bekannt, daß ich nach Rußland gegangen sei, um -Spionage zu treiben.</p> - -<p>Ich erwiderte, ich hätte mir doch keine Aufzeichnungen gemacht, -wie sollte ich alles, was ich hörte oder sah, in meinem Gedächtnis -behalten. Der Auditeur meinte mit einem boshaften Lächeln, es gäbe -schon Mittel und Wege, das, was man jeden Tag erfahre, über die Grenze -zu schaffen. Mensch, Forstmeister, mir war nach diesem Verhör ganz -eklig zu Mut. Ich fühlte schon den Strick an meiner Gurgel. Einige Tage -später wurde ich auf einer Kibittke von Kosaken eskortiert nach Suwalki -gebracht und dort noch dreimal verhört. Ich hatte schon alle Hoffnung -verloren, als ich eines Tages in meinem Kommißbrot ein Päckchen fand, -das eine scharfe Feile und etwas Geld enthielt. Von wem, das weiß ich,<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> -aber davon schweigt des Sängers Höflichkeit. Ich sägte in der nächsten -Nacht einen Stab meiner schwedischen Gardinen durch, brach aus und fand -bei meinem Helfershelfer Unterschlupf, wo ich noch drei Wochen in einem -Versteck liegen mußte, bis ich nachts über die Grenze geschafft werden -konnte. Aber ich habe nicht umsonst die Angst ausgestanden, ich bringe -eine Menge wichtiger Nachrichten mit. Es ist wohl am besten, wenn ich -mit dem Major bei dir zusammentreffe.“</p> - -<p>In froher Stimmung berichtete der Forstmeister zu Hause die Erlebnisse -seines Schulkameraden. Als er erwähnte, daß die Anzeige von deutscher -Seite ausgegangen sein müßte, wurde Walter abwechselnd rot und blaß -und sein Schuldbewußtsein war so stark, daß es ihm das Bekenntnis -entriß, das Geheimnis ausgeplaudert zu haben. „Dann ist der Oberkellner -im Café ein verkappter russischer Spion, und er hat die russischen -Behörden benachrichtigt. Ich habe ihn im Verdacht, daß er jeden Abend -die Offiziere belauscht, um manches zu erfahren, was ihm wissenswert -erscheint.“</p> - -<p>Der Forstmeister hielt erst seinem Sprößling eine heftige Standpauke -und dann teilte er dem<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> Major die Rückkehr Grindas und Walters Verdacht -gegen den Oberkellner mit.</p> - -<p>Zwei Stunden später rief der Major an, der Vogel sei schon in der -vergangenen Nacht ausgeflogen. Er habe eine Anzahl Papiere in seinem -Zimmer verbrannt, aber man habe noch genug gefunden, was den Verdacht -bestätigte, unter anderem eine Anzahl falscher Pässe und Ausweise, die -der Bursche wie zum Hohn offen auf seinen Tisch hingelegt habe. Man -vermute einen russischen Offizier in ihm. Er sei ohne Zweifel in einer -Verkleidung über die Grenze entkommen und längst in Sicherheit.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_9">9. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Gleich nach Neujahr setzte heftiger Frost ein. Dabei wehte ein -lebhafter Nordwest, der die Kälte noch fühlbar verschärfte. Die -großen masurischen Seen waren schon vor Weihnachten zugefroren. Jetzt -barst ihre Eisdecke unaufhörlich unter donnerähnlichem Krachen. Ein -handbreiter Spalt klaffte, aus dem das Wasser über die Ränder drang. -An jedem Abend, wenn die Sonne in einem Glutmeer unterging, das mit -unheimlicher Pracht den Himmel bedeckte, begann ein Höllenkonzert. -Bald rollte und grollte es wie dumpfverhallender Donner, bald krachten -scharfe Schläge wie Kanonendonner einer großen Schlacht.</p> - -<p>Nach acht Tagen ging der Wind herum nach Westen und trieb dunkle, -schwere Wolken herauf, aus denen der Schnee still in großen Massen -fiel. Tag und Nacht und wieder Tag und Nacht. Immer höher häuften -sich die weißen Massen auf den Wipfeln der Kiefern und Fichten. Den -Rottannen vermochte der Schnee keinen Schaden zu<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> tun. Ihre elastischen -Äste bogen sich unter der Masse abwärts, bis die Last abrutschte und -sie sich wieder aufrichten konnten. Aber aus den Wipfeln der Kiefern -brach der Schnee schenkeldicke Äste und riß dem Baum tiefe Wunden, in -die der Frost eindrang und dem Baum ans Lebensmark ging.</p> - -<p>Am schlimmsten sah es in den Kiefernschonungen aus, wo die Stämme -schlank wie eine Gerte emporschießen. Wer da im Wachstum mit den -Genossen nicht gleichen Schritt hält, wird von Luft und Licht -abgeschnitten und geht kümmerlich ein. Jetzt wurde der schlanke Wuchs -ihr Verderben. Die Last, die sich unaufhörlich auf ihre Wipfeln -herabsenkte, bog die dünnen Stämme abwärts. Flocke auf Flocke sank -hernieder, immer tiefer bog sich der Baum, bis er mit scharfem Knall -abbrach. Und nicht bloß einzelne erlagen dem Verderben, nein, wie ein -nie ersterbendes Gewehrfeuer knatterte es in den Schonungen.</p> - -<p>Erschreckt, verängstigt flüchtete das Wild aus dem Walde und trieb sich -am Tage auf den Feldern umher, denn die Nacht war nicht lang genug, um -ihren Hunger zu stillen, weil der Schnee fußhoch die Nahrungsquelle, -die Wintersaat, deckte. Die Rebhühner zogen sich bis in die Hausgärten<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> -hinein und kamen ohne Scheu angelaufen und geflattert, wenn eine -mitleidige Hand ihnen Hintergetreide als Futter streute. Auf den -Gehöften wanderten die Krähen wie zahme Haustiere umher und lungerten -nach jedem Abfall, den sie gierig verschlangen.</p> - -<p>Auf den Feldern hörte jede Arbeit auf. Das Wirtschaftsgebiet des -Landmanns beschränkte sich auf die Ställe. Walters Lehrherr war ein -erfolgreicher Viehzüchter, die Ställe waren musterhaft eingerichtet. -Seine Butter ging unter der Marke „Maiblüte“ im Sommer und Winter nach -Berlin. Der Schweizer war ein sehr zuverlässiger, älterer Mann, dem man -in jeder Beziehung vertrauen konnte. Trotzdem hielt sich der Gutsherr -täglich stundenlang in den Ställen auf.</p> - -<p>Er war ein sehr ernsthafter Mensch, der sich unter einem schweren -Schicksal mühsam emporgerungen hatte und nun in seinem Beruf volles -Genüge fand. Aber ihn dauerte der junge Mensch, der seiner Obhut -übergeben war. Eine große Begeisterung für den ihm von der Not -aufgedrungenen Beruf durfte er bei ihm nicht voraussetzen. Dazu -entbehrte er den Umgang mit Altersgenossen, die Abwechslung die wie -eine Entspannung<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> und Erholung wirkt, und Geist und Körper mit neuer -Spannkraft erfüllt.</p> - -<p>Im Herbst bis Weihnachten hatte Walter noch eine kleine Auffrischung -durch die Jagd. Sie beschränkte sich allerdings darauf, daß er gegen -Abend an den Waldrand ging und auf dem Anstand einen Küchenhasen -erlegte. Jetzt hatte das auch aufgehört. Dafür stellte Walter, der -schon etwas Erfahrung aus dem Elternhause mitbrachte, den ranzenden -Füchsen mit dem Tellereisen nach und richtete in den Remisen -Futterstellen ein, die von dem hungernden Wild dankbar angenommen -wurden.</p> - -<p>Dann unternahm es Braun, seinen Zögling in die Geheimnisse der -Buchführung einzuweihen. Er ließ ihn in das wissenschaftliche Rüstzeug -eines gebildeten Landwirts hineinsehen, der vorsichtig Ausgaben und -Einnahmen abwägt, der die Gestehungspreise seiner Erzeugnisse genau -verfolgt und schlechtere Methoden gegen bessere ersetzt. Und Walter war -praktisch genug veranlagt, um die Wichtigkeit dieser Berechnungen zu -erfassen und ihnen Interesse abzugewinnen.</p> - -<p>Eines Tages schlug sein Lehrherr ihm vor, gegen Abend nach Polommen -zu fahren und sich<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> mit den beiden jungen Leuten bekannt zu machen. -Er könne sie auch zu sich einladen, um gemeinsam die langen Abende -zu verbringen. Mit Freuden nahm Walter den Vorschlag auf und fuhr im -Einspänner hinüber. Franz, obwohl mehrere Jahre jünger als er, war ihm -schon von der Schule her bekannt. Er wurde freundlich von ihm begrüßt. -Franz hatte es sich in seiner Bude, in der angenehme Wärme herrschte, -behaglich gemacht. Blaue Rauchwolken erfüllten das Zimmer. Er saß auf -dem Sofa bei der brennenden Lampe. Der Tisch war mit aufgeschlagenen -Büchern bedeckt.</p> - -<p>„Mensch, was studierst du denn so eifrig“, fragte Walter nach der -Begrüßung.</p> - -<p>„Ich berechne die Ergebnisse des Körnerbaues nach den verschiedenen -Düngungsarten.“</p> - -<p>„Das muß eine interessante Beschäftigung sein,“ lachte Walter, „ich -habe auch schon in die Geheimnisse der Wirtschaftsführung bei meinem -Lehrherrn hineingerochen. Für heute abend möchte ich jedoch eine -leichtere Beschäftigung vorschlagen. Spielst du Skat?“</p> - -<p>„Jawohl, aber es ist auch danach, dazu muß ich aber meinen -Leidensgefährten als dritten Mann heranholen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span></p> - -<p>„Erst noch eine Frage: Was ist das für ein Mensch?“</p> - -<p>„Gährender Most“, erwiderte Franz lachend. „Er hat auf der Presse das -Einjährige errungen und betrachtet alles, was er jetzt noch lernen -muß, als eine unwürdige Beeinträchtigung seiner persönlichen Freiheit. -Ich mag ihn nicht, aber als Notnagel zum Skatspiel wird er zu brauchen -sein.“</p> - -<p>Kolbe war natürlich mit Vergnügen bereit, den dritten Mann zu machen. -Er sorgte sofort für heißes Wasser. Rum und andere Getränke hatte er -stets vorrätig, denn damit wurde er reichlich von Hause versorgt. Es -wurde ein ganz vergnügter Abend, denen bald mehrere, entweder hier oder -in Nonnenhof, folgten. Walter wunderte sich über sich selbst, daß er an -diesem harmlosen Spiel zu geringen Sätzen Gefallen fand. Er wäre jedoch -gern abends irgendwohin ausgekniffen, wo es schärfer zuging, wenn es -nur möglich gewesen wäre.</p> - -<p>Anfang Februar hörte Walter von der Mamsell, die dem unverheirateten -Gutsherrn die Wirtschaft führte, daß Braun für einige Tage verreisen -werde. Er bringe seine Schwester mit, für die sie die zweite -Giebelstube einrichten sollte. Der<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> älteren Person, die in der Küche -ein strenges Regiment führte, schien die Vermehrung des Hausstandes -durch ein weibliches Wesen nicht sehr zu passen. Wenn die Schwester dem -Bruder glich, dann war es wohl mit ihrer Alleinherrschaft im Gutshause -zu Ende.</p> - -<p>Walter nahm die Neuigkeit mit geringer Teilnahme entgegen. Auch er -hatte keine Hoffnung, daß die Vermehrung des Hausstandes durch eine -alte Jungfer eine angenehme Abwechslung in ihrem Dasein hervorrufen -würde. Sein Lehrherr machte ihm am Abend eine kurze Mitteilung von -seiner Reise und sprach die Erwartung aus, daß er bei seiner Rückkehr -alles in bester Ordnung vorfinden werde.</p> - -<p>Bei Tagesgrauen fuhr Braun zur Bahn. Walter ging noch einmal durch die -Ställe, um sich zu überzeugen, daß die Leute alle an der Arbeit waren. -Als er den Kälberstall betrat, sagte ihm seine Nase, daß jemand darin -geraucht haben müßte, was der Feuersgefahr wegen streng verboten war. -Er roch deutlich den süßlichen Duft einer Zigarette. Der Missetäter -konnte nur einer von den beiden halbwüchsigen Bengeln sein, die -dabei waren, den Dünger aus dem Stall zu<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> schaffen. Ohne ein Wort zu -verlieren, holte er sich den Schweizer, der in erster Linie für die -Ordnung im Stall verantwortlich war. Der Mann geriet in Aufregung und -fuhr die beiden Bengel heftig an, die mit dreister Stirn leugneten. Ja, -einer besaß sogar die Frechheit, zu sagen, vielleicht habe der Lehrling -selbst geraucht, und wolle es nun auf sie schieben.</p> - -<p>Walter schwieg dazu, aber eine Stunde später ließ er sich den Burschen, -in dem er mit Recht den Übeltäter vermutete, auf den Speicher kommen -und versohlte ihm gründlich das Leder, teils für das Rauchen, teils -für die freche Beschuldigung. Den ganzen Tag über hielt sich Walter im -Kälberstall auf, um eine Wiederholung des Rauchens zu verhüten.</p> - -<p>Es war nicht ausgeschlossen, daß er den Kälbern einen Schaden zufügte, -um Walter Ärger zu bereiten. Die heimtückischen, haßerfüllten Blicke, -die der geprügelte Bursche ihm zuwarf, ließen ihn kalt. Am Nachmittag -forderten die Pollommer Stoppelhoppser ihn durch den Fernsprecher auf, -zu einem vergnügten Abend herüber zu kommen. Er erwiderte, er könne -nicht von Hause fort, weil sein Chef verreist wäre. Sie möchten sich zu -ihm<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> bemühen. Bald nach dem Kaffee kamen beide an. Noch vor zehn Uhr -rüsteten sie sich zum Aufbruch Gemeinsam gingen sie nach dem Stall, -wo ihr Gaul eingestellt war, um ihn anzuspannen. Als sie um die Ecke -des Kälberstalles bogen, sah Franz einen Menschen aus der offenen Tür -schlüpfen und im Dunkeln verschwinden. Im nächsten Augenblick rief er: -„Es riecht nach Rauch, das kann nur aus dem Stall kommen.“</p> - -<p>Als sie durch die Tür stürmten, liefen schon an zehn bis zwölf -Stellen knisternde Flammen durch das Stroh, das den Kälbern zur Nacht -eingestreut war. Die verängstigten Tiere rissen wild an ihren Halftern -und schlugen wie rasend mit den Hinterbeinen aus. Mit einigen Sätzen -war Walter an dem Wasserrohr, aus dem die gemauerten Tröge gespeist -wurden, während die beiden anderen die Flammen auszutreten versuchten. -Dichter Rauch begann das Gebäude zu füllen. Die Schafe, die am anderen -Ende eingepfercht waren, übersprangen ihre Hürden und rasten im Stall -umher.</p> - -<p>„Wasser her!“ schrie Franz, „dann schaffen wir’s noch.“</p> - -<p>Da kam auch schon Walter mit zwei gefüllten Eimern angelaufen. Es war -die höchste Zeit, denn<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> an mehreren Stellen leckten bereits die Flammen -an den Stangen, mit denen die Abteilungen geschieden waren, empor.</p> - -<p>Es war ein großes Glück, daß der von einem Windmotor gespeiste -Behälter, der sich auf dem Boden befand, mit Wasser gefüllt war, das im -kräftigen Strahl aus dem Rohr schoß. Die Jünglinge schwitzten vor Eifer -und Aufregung. Ihre Kleidung wurde naß, aber sie bezwangen das Feuer. -Der größte Schaden war verhütet.</p> - -<p>Jetzt galt es nur noch, die Kälber umzustellen und die Schafe, die auf -den Hof hinausgelaufen waren, einzufangen und zurückzubringen. Der -Schweizer und die Knechte wurden geweckt, dann nahm Walter seine Helfer -mit, um den Brandstifter abzufassen. Er vermutete ihn anscheinend -schlafend in seiner Kammer zu finden, aber er täuschte sich. Der -Bursche war ausgerückt und hatte seine Sachen mitgenommen. Erst eine -Stunde später, als alles wieder in Ordnung gebracht war, fuhren die -Pollommer, durch deren tatkräftige Hilfe ein unermeßlicher Schaden -verhütet worden war, ab. Walter hatte ihnen wiederholt mit herzlichen -Worten gedankt, und sie noch durch ein Glas Grog gestärkt.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span></p> - -<p>Er hatte noch keine Lust, sich schlafen zu legen. Er nahm den scharfen -Hofhund von der Kette und suchte ringsum das Gehöft und das Gelände ab, -obwohl es wenig wahrscheinlich war, daß der Brandstifter noch einmal -zurückkommen würde, um sein Verbrechen zu wiederholen.</p> - -<p>Am nächsten Morgen wurde der Gendarm von dem Vorfall und dem -Verschwinden des Burschen unterrichtet. Er veranlaßte den üblichen -Steckbrief, womit die Sache zunächst für längere Zeit und vermutlich -für immer erledigt war.</p> - -<p>Mit einigem Bangen erwartete Walter die Rückkehr seines Lehrherrn. Daß -er dem Burschen des Rauchens wegen das Leder ausgewackelt hatte, war -offenes Geheimnis des Hofes, und daß das Feuer aus Rache dafür angelegt -war, konnte man auch nicht bezweifeln. Es war also das beste, was er -tun konnte, daß Walter den Chef bei seiner Ankunft in Empfang nahm und -ihm offen alles berichtete. Er sah ein zierliches, wegen der Kälte -völlig vermummtes Persönchen, aus dem Schlitten steigen und ins Haus -eilen. Braun nahm Koffer und Tasche seiner Schwester und folgte ihr, -ohne die Mitteilung seines Zöglings einer Erwiderung zu würdigen. Er -hatte Hans Kolbe auf dem<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> Bahnhof getroffen und von ihm schon alles -erfahren.</p> - -<p>Mit einem unbehaglichen Gefühl ging Walter zum Kaffee ins Haus. Aber -nicht so wie er es bisher gewöhnt war, in seiner Arbeitskleidung, -sondern er begab sich auf sein Zimmer und zog sich nicht nur um, -sondern er befreite auch sein Gesicht von den mehrere Tage alten -Bartstoppeln. Sein Chef lächelte, als sein Eleve geschniegelt und -gebügelt ins Zimmer trat und sich mit einer tiefen Verbeugung der -Schwester vorstellte, die ihm mit freundlichem Lächeln die Hand bot. -Walter hatte sehr gewandte Umgangsformen, aber der Unterschied zwischen -der Erwartung und der Wirklichkeit verschloß ihm die Sprache. Mühsam -raffte er sich zu der Frage auf, ob die Reise nicht sehr beschwerlich -gewesen wäre.</p> - -<p>Mit hellem Lächeln, das wie ein Glöckchen klang, erwiderte Minna: „Ich -bin nicht sehr empfindlich gegen Kälte, und die Bahn war gut geheizt.“</p> - -<p>Jetzt wagte Walter sie unauffällig zu mustern, und was er sah, gefiel -ihm sehr. Eine zierliche Gestalt mit angenehm gerundeten Formen, ein -feingeschnittenes Gesicht mit sanften, aber munteren,<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> braunen Augen, -und ein überreiches Haar von der Farbe reifer Kastanien, mit einem -goldigen Schimmer. Eine Ähnlichkeit zwischen Bruder und Schwester war -nicht zu erkennen. Selbst wenn man in Betracht zog, daß die junge Dame -weitaus jünger war als der Gutsherr und höchstens zwanzig Lenze zählen -konnte.</p> - -<p>„Ihr Freund hat uns auf dem Bahnhof schon von der Brandstiftung -erzählt“, fuhr Minna fort. „Sie haben ja eine Heldentat vollbracht.“</p> - -<p>„Zwei“, warf der Gutsherr trocken ein.</p> - -<p>Unwillkürlich errötete Walter. „Wie meinen Sie, Herr Braun?“</p> - -<p>„Nun, die erste war die Durchprügelung des Burschen.“</p> - -<p>„Ich konnte ihm doch das Rauchen nicht durchgehen lassen, besonders, -nachdem er sich so frech benommen hatte“, verteidigte sich Walter.</p> - -<p>„Ich bin ganz Ihrer Meinung und hätte es jedenfalls auch getan. -Aber dann mußten Sie mit der Rachsucht des Lümmels rechnen und sich -vorsehen.“</p> - -<p>„Ich konnte doch nicht annehmen, daß er, um sich an mir zu rächen, -Feuer anlegen würde.“</p> - -<p>„Ach, Friedrich,“ warf die Schwester ein, „das<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> hättest du auch nicht -verhindern können! Und du kannst doch wirklich zufrieden sein, daß das -Unheil durch die tatkräftige Entschlossenheit der drei jungen Herren -glücklich abgewendet wurde.“</p> - -<p>„Ja, allein hätte ich es wohl kaum geschafft“, bekannte Walter ehrlich. -„Es war auch ein glückliches Zusammentreffen, daß wir dazu kamen, als -das Feuer eben erst im Entstehen war.“</p> - -<p>Schon beim Abendessen merkten beide Männer, daß mit dem jungen Mädchen -eine ihnen ungewohnte Behaglichkeit in das Haus eingezogen war. Der -runde Tisch, an dem sie von einer griesen Wachsdecke zu essen gewohnt -waren, war mit weißem Linnen bedeckt, und das Essen selbst war anders -und schmackhafter zubereitet, als bisher. Nach dem Abendessen setzte -sich Walter unaufgefordert ans Klavier und spielte im bunten Wechsel -Volkslieder, Tänze und alles, was ihm in den Sinn und die Finger kam. -Als er sich gegen zehn Uhr empfahl, reichte ihm Braun die Hand. „Ich -habe Ihnen heute einen Vorwurf machen müssen, gegen den sie schon meine -Schwester in Schutz genommen hat. Ich wollte Ihnen bloß noch sagen, -daß ich vorhin nachgerechnet und festgestellt habe, daß meine Existenz -vernichtet gewesen wäre,<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> wenn der Stall mit dem Vieh verbrannt wäre. -Alles, was ich in fünf Jahren mir erarbeitet habe, wäre zum Deuwel -gewesen.“</p> - -<p>„Sind Sie denn nicht versichert?“</p> - -<p>„Ja, aber nicht hoch genug. Ich habe mich bisher vor einer Erhöhung -meiner Ausgaben gescheut, aber nun habe ich es sofort nachgeholt und -gleich eine erhebliche Erhöhung der Versicherung beantragt. Von morgen -an können wir ruhig schlafen.“</p> - -<p>„Dann wollen wir doch heute Nacht noch Wache halten.“</p> - -<p>„Das geschieht bereits. Der Kämmerer und der Schweizer sind jetzt schon -draußen; nachher löse ich sie ab.“</p> - -<p>„Und dann komme ich an die Reihe“, rief Walter.</p> - -<p>„Ja, ich wollte Sie darum bitten. Wenn Sie von eins bis zwei die Wache -übernehmen wollen.“</p> - -<p>„Ich werde pünktlich zur Stelle sein.“</p> - -<p>„Aber, Friedrich, glaubst du wirklich, daß der Brandstifter sich noch -einmal hertrauen wird?“ fragte die Schwester.</p> - -<p>„Ich traue dem Burschen alles zu.“</p> - -<p>Walter stellte seinen Wecker und warf sich in<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> Kleidern auf die Liege. -Die Gedanken bekrochen ihn und ließen ihn nicht einschlafen. Wenn -jetzt die Schuld auf ihm lasten würde, daß sein Lehrherr am Bettelstab -dastände, und wenn es dem Verbrecher gelingen würde, nochmals Feuer -anzulegen! Nicht auszudenken! Er nahm sich vor, von eins bis morgens -Wache zu gehen. Und dann beschäftigten sich seine Gedanken mit -dem lieblichen Mädchen, das heute wie ein guter Geist in das Haus -eingezogen war.</p> - -<p>Welcher Liebreiz ging von ihrer zierlichen Elfengestalt, von ihrem -freundlichen Gesicht und ihren lieben Augen aus! Wo war sie bisher -gewesen, was hatte sie bisher geschafft? Die Geschwister waren in -Äußerungen über ihr Leben so zurückhaltend. Von seinem Lehrherrn wußte -er nichts, und von Kolbe, der seine langen Ohren überall hatte, nur -soviel, daß er als Sohn eines einfachen Gutskämmerers aufgewachsen, -sich als Arbeiter und dann als Schachtmeister bei Tiefbauten ein -kleines Vermögen erworben und dafür Nonnenhof mit geringer Anzahlung -gekauft hatte. Wie kam es, daß die Schwester soviel jünger war als er, -so jung ... so schön ... dann verwirrten sich seine Gedanken, und er -schlief ein.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span></p> - -<p>Pünktlich um ein Uhr löste er seinen Chef ab, der eben mit dem Hofhund -einen Rundgang um das Gehöft gemacht hatte. Die Nacht war sternenklar -und bitterkalt, aber windstill. Die ganze Natur schien in Kälte und -Schweigen erstarrt zu sein. Und wie die Sterne funkelten! Ab und zu kam -aus weiter Ferne ein Hundeblaff. Endlos dehnten sich die Stunden für -Walter, aber er hielt durch. Als der Himmel sich im Osten rötete und -das Leben im Hofe erwachte, lief er zur Küche, aus deren Fenster schon -Licht strahlte.</p> - -<p>Er war bis ins innerste Mark durchfroren und hoffte durch einen Trunk -heißen Kaffees seine Lebensgeister erfrischen zu können. Zu seinem -Erstaunen fand er nicht die Mamsell, wie er erwartet hatte, sondern -Fräulein Minna.</p> - -<p>„Gnädiges Fräulein schon auf?“</p> - -<p>Sie bot ihm lachend die Hand. „Ich bin kein gnädiges Fräulein, und das -Frühaufstehen bin ich gewohnt. Wollen Sie einen Topf Kaffee haben?“</p> - -<p>Walter nahm am Küchentisch Platz und labte sich an Speise und Trank. -Zu Mittag gab’s eine Überraschung. Die Mamsell hatte gekündigt, weil<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> -sie sich nicht den Anordnungen der „jungen Person“ fügen wollte, und -zog schon gegen Abend mit Sack und Pack davon. Sie hatte sich für -unentbehrlich gehalten und aufgetrumpft. Zu spät sah sie ein, daß sie -sich in die Nesseln gesetzt hatte.</p> - -<p>Seitdem Minna die Leitung der Wirtschaft in die Hand genommen hatte, -lief der Haushalt wie am Schnürchen. Alles im Hause bekam einen -behaglicheren, freundlichen Anstrich. Trotzdem behielt sie noch Zeit -für feine Handarbeiten. Und oft hörte man ihre kleine, aber angenehme -Stimme, wenn sie bei der Arbeit Volkslieder sang.</p> - -<p>Eines Abends erbot sich Walter, sie beim Singen zu begleiten. Ohne -sich zu zieren, trat sie ans Klavier und stimmte „Ännchen von Tharau“ -an. Walter nahm nicht nur die Singstimme auf, sondern umrankte sie -auch durch eine geschickte Begleitung. Fortan musizierten sie jeden -Abend miteinander. In ruhiger Freundlichkeit behandelte sie den jungen -Mann wie einen guten Kameraden. Und er hütete sich, ihr durch einen -Blick oder Wort zu verraten, wie sehr sie ihm gefiel. Ihre seelische -Reinheit und ihr lauteres Wesen umgaben sie wie ein Schutzmantel -der Unnahbarkeit. Am Abend waren die beiden jungen Menschenkinder -stundenlang<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> allein, denn der Gutsherr saß meistens um diese Zeit über -seinen Büchern, oder er fuhr auch ab und zu aus. Dann ließ Walter in -das blaue Eckzimmer, in dem sich ein Kamin befand, einige Arme voll -Holz hineintragen, und wenn das Feuer lustig prasselte und mit seinem -warmen Licht den mit Sesseln behaglich ausgestatteten Raum füllte, dann -setzten sie sich einander gegenüber und plauderten. Ganz von selbst -kam Walter darauf, ihr von seinen Eltern und von seiner Kindheit zu -erzählen. Er gestand ihr offen ein, daß er fünf Semester verbummelt und -ein lockeres Leben geführt habe.</p> - -<p>Auch sie ging allmählich aus sich heraus und erzählte aus ihrem Leben. -Friedrich sei ihr ältester Stiefbruder. Ihr Vater habe noch zum zweiten -Male geheiratet, und da sei sie als Spätling zur Welt gekommen. Der -Bruder, der noch mehrere Geschwister hatte, habe sich ihrer angenommen, -habe sie nach dem Tode der Eltern bei einer befreundeten Familie in -der Stadt untergebracht und zur Schule geschickt. Dann habe sie zwei -Jahre auf einem Gut die Wirtschaft gelernt, und nun sei sie hier -und glücklich, daß sie für den Bruder, dem sie soviel Dank schulde, -arbeiten und sorgen könne.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_10">10. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Es ging schon gegen das Frühjahr, als der Oberamtmann seine Frau mit -der Nachricht überraschte, ein Freund von ihm, Oberleutnant Viktor -von Sawerski, bäte, als Volontär für ein Jahr aufgenommen zu werden. -Er habe von einer Tante ein großes Vermögen geerbt; daraufhin habe er -seinen Abschied eingereicht und beabsichtige, bei ihm die Wirtschaft -zu erlernen, um sich später selbst ein Gut zu kaufen. Er könne, da er -selbst als Reserveoffizier bei demselben Regiment geübt, die Bitte -nicht gut abschlagen.</p> - -<p>„Dazu liegt ja auch wohl kein Grund vor. Aber dann müssen schnell im -Beamtenhaus zwei, drei Zimmer eingerichtet werden, weil dein Freund -nicht im Hause wohnen kann.“</p> - -<p>„Weshalb denn nicht?“</p> - -<p>„Weil ich meine Freundin Adelheid schon für den Sommer eingeladen habe. -Sie wird mit Freuden zusagen, denn sie wartet auf die Einladung.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span></p> - -<p>Der Mann sah sie einen Augenblick verdutzt an, dann brach er in ein -dröhnendes Lachen aus.</p> - -<p>„Das nenne ich einen schnellen Entschluß.“</p> - -<p>Frau Olga lächelte nachsichtig. „Dein Lob habe ich nicht verdient, -nein, wirklich nicht. Ich habe den Brief schon gestern geschrieben, -jetzt werde ich nur noch hinzufügen, daß wir deinen Freund erwarten.“</p> - -<p>In den Augen des Hausherrn blitzte der Schalk auf. „Frau, das würde ich -nicht tun, sonst kommt sie nicht, und das würde dir doch leid tun.“</p> - -<p>„Du bist ein arger Spötter“, erwiderte Frau Olga mit etwas verlegenem -Lächeln. „Ich überlege schon, ob ich nicht besser daran täte, Adelheid -nicht einzuladen. Denn du bist imstande, zarte Beziehungen, die sich -vielleicht anspinnen, durch deine unzarten Spöttereien im Keime zu -zerstören.“</p> - -<p>Mit heuchlerischer Miene erwiderte der Hausherr: „Ach so, du meinst, -zwischen deiner Freundin und meinem Freund könnte sich was anspinnen? -Daran habe ich noch nicht gedacht, aber das ist kein übler Gedanke ... -da können wir ja was erleben. Du wirst mich doch auf dem Laufenden -halten.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span></p> - -<p>„Pfui, Konrad! Du meinst, Adelheid wird sofort auf deinen Freund Jagd -machen?“</p> - -<p>„Ja, das meine ich allerdings, Olga, das meine ich. Und im Ernst -gesprochen, das ist doch seit ungefähr zehn Jahren die einzige -Beschäftigung deiner Freundin. Und weißt du, Frau, ich wundere mich, -daß sie nicht schon einen Mann erwischt hat. Sie ist klassisch schön, -elegant, geistreich, belesen, hat eine prachtvolle Gestalt, singt -und spielt wie eine Künstlerin. Wir wissen ja auch, daß sie überall -Bewunderung erregt und Verehrer findet, aber keinen ernsthaften -Bewerber. Wundert dich das nicht auch?“</p> - -<p>„Nein, Konrad, die Männer gehen oft achtlos an einem Juwel vorüber.“</p> - -<p>„Na, Alte, von mir kannst du das nicht behaupten.“</p> - -<p>Frau Olga lachte laut auf. „Ein blindes Huhn findet manchmal auch ein -Korn.“</p> - -<p>„Frau Oberamtmann, das ist starker Tobak. Ich erlaube mir jedoch, dich -daran zu erinnern, daß du als Braut, wenn ich dir in meines Herzens -Überschwang Schmeicheleien sagte, und ich will als galanter Mann -hinzufügen, berechtigte Schmeicheleien sagte, mir stets erwidertest: -die Liebe macht<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> blind, woraus zu entnehmen ist, daß ich mit sehenden -Augen in mein ...“ Er räusperte sich. „... Schicksal hineingetappt bin. -Und nun werde ich dir offen sagen, woran es bei deiner Freundin hapert. -Sie ist erstens ein Blender, was mancher Mann nicht gern sieht, und -zweitens hat sie etwas <span class="antiqua">haut goût</span> an sich ... ein Spürchen nur, -aber ...“</p> - -<p>„Du drückst dich sehr drastisch aus, Konrad, aber ich kann dir nicht -ganz unrecht geben“, erwiderte die Frau. „Sie steht seit ihrem -siebzehnten Jahr allein in der Welt, ist sehr selbständig geworden und -benimmt sich etwas frei ... aber sie ist völlig ...“, sie lächelte -fein, „wie du sagen würdest, stubenrein.“</p> - -<p>„Na, dann sind wir wieder mal einig, liebes Weib. Dann wollen wir die -beiden Briefe in die Welt senden. Verderben gehe deinen Gang.“ Er trat -zu ihr, legte ihr den Arm um die Schultern und küßte sie.</p> - -<p>„Was meinst du, Olga, soll ich ihm nicht gleich ihre Adresse schreiben? -Dann könnten sie sich in Berlin schon beriechen und kommen zu uns in -hellen Flammen an.“</p> - -<p>Sie gab ihm einen Klaps auf die Backe. „Du bist ja unverbesserlich.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span></p> - -<p>Pünktlich am 1. April traf Herr von Sawerski ein. Hans Kolbe hatte sich -dazu gedrängt, ihn abholen zu dürfen. Er kam sehr unbefriedigt zurück. -Er war dem Gast sehr höflich entgegengetreten und hatte ihm seinen -Namen genannt.</p> - -<p>„Was sind Sie auf dem Gut?“</p> - -<p>„Lehrling, Herr Oberleutnant.“</p> - -<p>„So, dann nehmen Sie meine Sachen aus dem Abteil und schaffen Sie meine -Koffer zum Wagen.“</p> - -<p>Er hatte alles aufs beste besorgt, und als er sich auf den Wagen -schwingen wollte, hatte Herr von Sawerski mit einer kurzen Handbewegung -gesagt: „Bitte, auf den Gepäckwagen“.</p> - -<p>Aus Ärger war er zu Fuß nach Hause gegangen und kochte vor Wut über die -hochmütige Abweisung. „Dem werde ich es eintränken“, sagte er zu Franz. -„Der soll was erleben.“</p> - -<p>Einige Tage später kam ein Wagen voll Möbel an. Mit einer gewissen -Schadenfreude fragte der Gutsherr Hans Kolbe, ob er nicht den -Möbelwagen abholen wolle.</p> - -<p>„Ich verzichte, Herr Oberamtmann, ich bin zur Erlernung der -Landwirtschaft bei Ihnen, aber nicht, um Ihre Gäste von der Bahn -abzuholen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span></p> - -<p>Der Gutsherr schmunzelte. „Ich dachte nur, Sie hätten ein besonderes -Interesse daran, sich dem Herrn von Sawerski gefällig zu erweisen.“ -Es war ein Rachenputzer, der die Abneigung des Lehrlings gegen den -Ankömmling noch verschärfte. Sie kam wenige Tage später zum offenen -Ausdruck, als Herr von Sawerski Kolbe eines Tages auf dem Hof anrief -und ihm einen Auftrag erteilte. „Sie können nach Plibischken gehen -und Filzschuhe wichsen, Herr Oberleutnant, das ist eine angenehme -Beschäftigung“, rief der Jüngling zurück.</p> - -<p>Auch Franz kam bald in dieselbe Lage. Herr von Sawerski hatte ihm im -Befehlston einen Auftrag erteilt. „Bedauere sehr, Herr Oberleutnant. -Wenn Sie mir eine Bitte aussprechen wollten, wäre ich gern bereit, sie -zu erfüllen, aber zu befehlen haben Sie mir nichts.“</p> - -<p>Ohne Verzug war der Oberleutnant ins Herrenhaus gegangen, um sich -beim Oberamtmann zu beschweren. Der nickte und setzte ein ernstes -Gesicht auf. „Das ist allerdings sehr unangenehm, aber für Sie, lieber -Freund. Sie müssen sich daran gewöhnen, daß die beiden Jünglinge nicht -unter Ihrem Kommando stehen. Der<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> eine hat das Abiturium gemacht, -der andere das Einjährige, und beide werden in absehbarer Zeit -selbständige Gutsbesitzer sein. Es ist mir nicht lieb, daß Sie diese -Gegensätzlichkeiten hervorgerufen haben. Ich gebe Ihnen den Rat, solche -Anlässe für die Zukunft zu meiden.“</p> - -<p>Viktor von Sawerski war sonst kein übler Mensch. Er war nur in seiner -Eigenschaft als Kavallerieoffizier dem Leben etwas fremd geworden -und konnte sich nicht gleich wieder in die bürgerlichen Verhältnisse -zurückfinden, in die er nach seinem Abschied eingetreten war. Er suchte -seinen Mißgriff wieder gut zu machen, indem er die beiden Lehrlinge -zu einem gemütlichen Abend bei sich einlud. Aber damit hatte er kein -Glück. Beide lehnten schriftlich kurz die Einladung mit der Begründung -ab, daß sie von der schweren Tagesarbeit zu ermüdet wären, um abends -noch kneipen oder feiern zu können.</p> - -<p>Gegen Ende April kam Fräulein Adelheid Bartenwerffer. Diesmal wurde -Franz von Frau Oberamtmann gebeten, sie von der Bahn abzuholen. Er -hatte sich im Laufe der Zeit eine sehr angenehme Stellung im Hause -errungen. Der Gutsherr hatte ihn schon vor Weihnachten aufgefordert,<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> -zwangslos abends zu oder nach dem Abendbrot im Herrenhause zu -erscheinen. Die beiden Buben Max und Hans hatten dicke Freundschaft mit -ihm geschlossen, und der alte Brummbär, wie seine Frau ihn oft nannte, -führte lange Gespräche über Landwirtschaft mit ihm. Gern, aber mit -geringer Freude hatte er der Bitte der Hausfrau willfahrt. War es denn -ausgeschlossen, daß er von der jungen Dame so ähnlich behandelt werden -würde wie sein Leidensgefährte von dem Oberleutnant.</p> - -<p>Pünktlich fuhr der Zug in die kleine Haltestelle ein. Ein Abteil -zweiter Klasse öffnete sich, eine hochgewachsene, junge Dame stieg -heraus. Franz trat auf sie zu, zog seine Mütze und fragte, ob er -ihr behilflich sein könne. Er sei sie abzuholen gekommen. Mit einem -warmen Blick umfing Adelheid Bartenwerffer den frischen Jungen, aus -dessen treuherzigen Augen ihr eine ganz unverhohlene Bewunderung -entgegenleuchtete. Sie streckte ihm die fein behandschuhte, schmale -Hand entgegen ....</p> - -<p>„Ich danke Ihnen, Herr ...?“</p> - -<p>„Franz Rosumek, Lehrling bei Herrn Oberamtmann ...“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span></p> - -<p>„Herr Rosumek .. Ich habe nur meine Handtasche bei mir. Wenn Sie aber -mein Gepäck besorgen lassen wollen, hier ist der Schein.“</p> - -<p>Es waren sieben große Koffer, die auf dem zweiten Wagen kaum Platz -hatten. Adelheid war schon in den ersten Wagen gestiegen. „Kommen Sie, -junger Freund,“ rief sie Franz zu, „ich bin nach der langwierigen -Bahnfahrt etwas ungeduldig, unter Dach zu kommen.“</p> - -<p>Behend stieg er auf den Sitz neben ihr. Sein ganzes Wesen befand sich -bereits in vollem Aufruhr. Er hatte noch nie eine so elegante junge -Dame in der Nähe gesehen. Ihre Schönheit verwirrte ihn. Und der feine -Heliotropduft, der von ihr ausging, erregte seine Sinne.</p> - -<p>„Es ist doch alles wohl im Hause?“, begann sie, als sich der Wagen in -Bewegung setzte.</p> - -<p>„Jawohl, alles in Ordnung.“</p> - -<p>„Sind Sie schon lange in Polommen?“</p> - -<p>„Seit dem 1. Oktober vorigen Jahres.“</p> - -<p>„Haben Sie noch Kollegen im Betrieb?“</p> - -<p>„Jawohl, gnädiges Fräulein, einen Lehrling und einen Volontär, einen -Oberleutnant von Sawerski.“</p> - -<p>„Ist das ein älterer Herr?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span></p> - -<p>„Nein, etwa dreißig. Er lernt in Polommen die Landwirtschaft, um sich -später selbst ein Gut zu kaufen.“</p> - -<p>„Was ist das für ein Mensch?“</p> - -<p>Franz errötete wie ein Schulbube, der eine Frage nicht beantworten -kann. Endlich stammelte er: „Ich bitte, mir die Antwort zu erlassen, -gnädiges Fräulein.“</p> - -<p>Sie sah ihn mit einem Blick an, bei dem es ihn heiß und kalt -durchrieselte. „Aber weshalb denn?“</p> - -<p>„Mein Urteil würde nicht unparteiisch sein, da ich mit dem Herrn einen -kleinen Konflikt gehabt habe.“</p> - -<p>„So? Auf wessen Seite lag denn die Schuld?“</p> - -<p>Franz zuckte die Achseln. „Herr von Sawerski erteilte mir einen Befehl, -den ich als Bitte ihm gern erfüllt hätte.“</p> - -<p>Seine Begleiterin nickte ein paarmal bedächtig. „So, so!“ Dann sprang -sie von dem Thema ab. „Was ist das für ein Abzeichen, das Sie in der -Krawatte tragen?“</p> - -<p>„Ein Albertus, gnädiges Fräulein. In Ostpreußen als Zeichen des -bestandenen Abituriums gebräuchlich.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span></p> - -<p>„Sie haben das Abiturium gemacht und wollen Landwirt werden?“</p> - -<p>Franz lachte vergnügt. Seine Befangenheit war von ihm gewichen. -„Ich habe damit den Wunsch meines Vaters erfüllt, der eine größere -Bauernwirtschaft besitzt. Das Gut ist schon lange in unserer Familie, -und da ich nur eine Schwester besitze, bin ich auf den Wunsch meines -Vaters eingegangen. Meine Mutter wollte gern, daß ich studieren und -Pastor werden sollte.“</p> - -<p>„Und das wollten Sie nicht ... da haben Sie den heiligen vier -Fakultäten den Rücken gekehrt und sind Stoppelhopser geworden.“ Sie -blitzte ihn mit ihren grauen Augen an. „Halten Sie das für das kleinere -Übel?“</p> - -<p>„Gnädiges Fräulein, ich habe weder das eine noch das andere für -ein Übel gehalten. Meine Neigung ging allerdings dahin, entweder -Naturwissenschaften oder Medizin zu studieren.“</p> - -<p>„Und ein berühmter Mann zu werden, anstatt auf väterlicher Scholle Kohl -zu bauen.“</p> - -<p>„Der Ehrgeiz hat mir ferngelegen“, erwiderte Franz treuherzig. „Ich -hatte nur den Wunsch, möglichst viele Kenntnisse zu sammeln. Aber -das kann ich ja auch als Landwirt. Mein Vater schickt<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> mich nach der -Lehrzeit auf die Hochschule. Ich will dann nach Berlin gehen, um auch -noch andere Vorlesungen zu hören.“</p> - -<p>„Nach Berlin“, wiederholte sie mit einem sinnenden Ausdruck. Es schien -Franz, als ob sie noch etwas sagen wollte, aber sie schwieg. Es kam -auch kein Gespräch mehr zustande, obwohl Franz sie mehrmals auf die -schon eingegrünten Felder hinwies. Als der Wagen vor der Rampe vorfuhr, -sprang Franz schnell heraus, lief um den Wagen herum, und öffnete ihr -den Schlag. Sie nahm seine Hand und sagte leise mit einem freundlichen -Blick:</p> - -<p>„Ich danke Ihnen, mein kleiner Kavalier.“</p> - -<p>Dann schritt sie leicht die Treppe empor und begrüßte durch Kuß und -Umarmung die Frau des Hauses. „Herzlich willkommen, Heide .... Du -trägst den Namen mit Recht, denn du siehst wie ein Heideröslein aus.“</p> - -<p>Hinter ihr erklang der Baß ihres Mannes mit dröhnendem Lachen. „Ich -würde den Vergleich mit einer anderen, stolzeren Rosenart passender -finden. Seien Sie mir gegrüßt, verehrtes Fräulein.“ Der Riese -beugte sich ritterlich über ihre Hand. „Seien Sie auch mir herzlich -willkommen.<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> Sie bringen wieder etwas Großstadtluft in unsere ländliche -Einsamkeit .... Wie war die Reise?“</p> - -<p>„Gut, bis auf den Aufenthalt in Allenstein, wo ich den D-Zug verlassen -und den Personenzug erwarten mußte.“</p> - -<p>Dann schloß sich hinter ihnen die Tür. Wie im Traum wanderte Franz -zum Beamtenhaus. Jedes Wort, das sie zu ihm gesprochen, klang in ihm -wieder, jeden Blick, den sie ihm geschenkt, fühlte er noch einmal. Den -feinen Duft, der von ihr ausging, glaubte er noch zu spüren ....</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_11">11. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Vor Tisch stellte Frau Olga ihrer Freundin Herrn von Sawerski vor, der -sich sehr elegant angezogen hatte. Er war ein hübscher, stattlicher -Mann, und trug abweichend von der Mode einen gehörigen Wischer mit -buschigen Enden unter der Nase. Nur seine Augen ließen die Frische -vermissen, sie sahen immer so gleichgültig, ja blasiert aus und gaben -dem Gesicht etwas Gelangweiltes. Bei der Vorstellung blitzten sie auf, -aber der Blick war so ungezogen, daß Adelheid sich ärgerte und in die -leise Neigung ihres Kopfes eine deutliche Abweisung legte, die ihrer -Freundin nicht entging.</p> - -<p>„Ich muß Ihnen schon irgendwo begegnet sein, gnädiges Fräulein“, begann -Viktor von Sawerski das Gespräch. „Ich kann mich nur nicht besinnen, -wo das gewesen sein kann. Aber lange ist es noch nicht her. Vielleicht -können gnädiges Fräulein mir auf die Spur helfen.“</p> - -<p>Adelheid zuckte leicht die Achseln. „Ich kann mich wirklich nicht -entsinnen.“ Und im nächsten Augenblick wandte sie sich an den -Hausherrn.<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> „Was haben Sie heute auf dem Felde geschafft, Herr -Oberamtmann?“</p> - -<p>„Eine sehr prosaische Beschäftigung, aber nützlich für den Landwirt. -Ich ließ Dünger fahren und streuen.“</p> - -<p>„Müssen Sie denn das persönlich überwachen?“</p> - -<p>„O nein, mein Fräulein, das hat Herr von Sawerski besorgt. Ich habe -mich nur überzeugt, daß der Dünger richtig gestreut wird.“</p> - -<p>Er verzog keine Miene dabei, aber er sah mit Vergnügen, wie sein -Volontär errötete und sich auf die Unterlippe biß. Adelheid sprudelte -während des Essens von froher Laune, aber sie ließ Herrn von Sawerski -so völlig links liegen, daß die Ehegatten es merkten und sich darüber -durch einen Blick verständigten. Das war der Grund, weshalb Frau Olga -ihre Freundin in ihr Zimmer begleitete und sie fragte, ob ihr die -Person des Volontärs durch irgendeinen Anlaß unangenehm wäre.</p> - -<p>„Ja, liebe Olga, das ist in der Tat der Fall. Wenn der junge Mann sich -noch deutlich an unser Zusammentreffen erinnerte, hätte er es wohl -vorgezogen, darüber zu schweigen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span></p> - -<p>„Darf ich es erfahren?“</p> - -<p>„Weshalb nicht. Ich saß vor einigen Wochen nach dem Theater mit einem -befreundeten Ehepaar in einem Restaurant Unter den Linden, als Herr von -Sawerski mit noch einem Herrn, anscheinend einem Kameraden, aber beide -in Zivil, das Lokal betrat. Sie waren in Begleitung zweier Damen der -Halbwelt und ließen sich am Nebentisch nieder. Sawerski musterte mich -mit frechem Blick und machte dann eine Bemerkung zu seiner Begleiterin, -worauf sie mich auch musterte.“</p> - -<p>„Das war in der Tat eine sehr unangenehme Erinnerung.“</p> - -<p>„Ja, Liebste, aber die Strafe folgte auf dem Fuße. Der Kellner nahm -ihre Bestellung entgegen, brachte jedoch nicht das Verlangte, sondern -legte den Herren eine gedruckte Karte vor, worin sie zum Verlassen des -Lokals aufgefordert wurden. Ich befürchtete, eine unangenehme Szene zu -erleben. Jedoch die Herren benahmen sich, obwohl sie angezecht waren, -ganz vernünftig, standen auf und gingen weg. Selbstverständlich wünsche -ich nicht, daß dein Mann Herrn von Sawerski darüber aufklärt, wo und -unter welchen Umständen er mich schon gesehen hat. Sollte es ihm sein -Gedächtnis<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> sagen, dann wird er wohl selbst wissen, was er zu tun hat.“</p> - -<p>Das war in der Tat der Fall. Viktor von Sawerski hatte sich stundenlang -mit der Erinnerung gequält, bis es wie ein Blitz in ihm aufschoß. Er -suchte und fand abends Gelegenheit, Adelheid einen Augenblick allein -zu sprechen. „Gnädiges Fräulein, ich bin untröstlich, daß Sie an unser -erstes Zusammentreffen eine solche unangenehme Erinnerung mitgenommen -haben. Ich habe mich, wie ich annehmen muß, nicht ganz korrekt benommen -....“</p> - -<p>Mit einem eisigen Blick erwiderte Adelheid: „Ich kann mich wirklich -nicht besinnen, Herr von Sawerski. Es tut mir leid, wenn die Erinnerung -für Sie unangenehm ist.“</p> - -<p>Damit ließ sie ihn stehen und ging weg. Am nächsten Morgen brachte ihr -das Mädchen einen Brief von Viktor, worin er sie reumütig um Verzeihung -bat, wenn er sie, wie ihm sein Gedächtnis sage, durch einen ungezogenen -Blick beleidigt habe. Er sei in eine lustige Gesellschaft von Kameraden -geraten. Schließlich seien die beiden Personen an ihm und seinem -Freunde hängen geblieben.</p> - -<p>Lächelnd zeigte Adelheid den Brief ihrer<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> Freundin. „Ich weiß ja, daß -junge Offiziere nicht das Leben von Wüstenheiligen führen, aber ...“</p> - -<p>„Für den Blick bittet er dich ja um Verzeihung. Und ich meine, du -brauchst dich nicht unversöhnlich zu zeigen. Er ist wirklich kein übler -Mensch und führt hier auf dem Gut einen exemplarisch musterhaften -Lebenswandel. Darf ich mal offen sprechen, liebe Adelheid?“</p> - -<p>„Ich bitte darum.“</p> - -<p>„Nun also: Sawerski besitzt ein ansehnliches Vermögen und wird in Jahr -und Tag sich ein Gut kaufen. Das allein weist schon auf einen guten -Untergrund in seinem Charakter hin, daß er nicht das behäbige Leben -eines Reiteroffiziers fortsetzt, sondern sich einen Beruf gewählt hat, -der, wie du gestern mittag von meinem Mann gehört hast, nicht mit Rosen -bestreut ist.“</p> - -<p>Adelheid lachte laut auf. „Und was ist deiner Rede kurzer Sinn?“</p> - -<p>„Daß es nicht ausgeschlossen ist, daß Sawerski für dich Interesse -gewinnt. Ganz gleichgültig bist du ihm schon jetzt nicht. Aber wenn -er etwas praktisch veranlagt ist, muß er Bedenken tragen, sich dir zu -nähern und, offen herausgesagt, sich um dich ernstlich zu bewerben.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p> - -<p>„Ach, du Gute, denkst du wirklich daran? Und welche Bedenken sollte der -junge Mann gegen meine Person haben?“</p> - -<p>„Nimm es mir nicht übel, liebe Adelheid, — weil du das Leben einer -Orchidee führst, die nur blüht, mit ihrer Schönheit prangt und ihre -Düfte versendet. Es war auch nicht praktisch, daß du bei Tisch von -deinem alljährlichen Aufenthalt in Baden-Baden, Ostende und ähnlichen -Orten erzähltest und dabei die Grafen und Barone aufmarschieren -ließest, mit denen du verkehrt hast. Das hat ihm, wie ich zu bemerken -glaubte, nicht gefallen.“</p> - -<p>Etwas empfindlich erwiderte Adelheid: „Möchtest du mir nicht gleich -auch das Rezept verschaffen, wie ich dem jungen Mann gefallen könnte?“</p> - -<p>Ohne auf ihre Empfindlichkeit zu achten, erwiderte Frau Olga: „Gern ... -du brauchst nur etwas Interesse für die Pflichten einer Gutsfrau zu -zeigen. Glaube mir, auch auf einem solchen Gut wie das unsrige es ist, -muß die Hausfrau auf vielen Stellen nach dem Rechten sehen. Und das -kann Sawerski mit Recht auch von seiner Gattin verlangen. Und nimm noch -einen Rat von mir:<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> Kleide dich etwas einfacher. Du kannst hier auf dem -Lande deine kostbaren Toiletten schonen.“</p> - -<p>Adelheid hatte sich in einen Sessel niedergelassen und den Kopf in die -Hand gestützt. „Mit einem Wort: Ich soll auf Herrn von Sawerski mit -allen Mitteln Jagd machen!“</p> - -<p>„Ach, Adelheid, wozu die scharfen Worte! Nein, du sollst, -vorausgesetzt, daß er dir nicht gleichgültig oder unsympathisch bleibt, -ihm die Annäherung etwas erleichtern. Ich denke doch, daß unsere -Freundschaft eine solche Aussprache erfordert. Es ist wohl das beste -und auch hohe Zeit, daß du unter die Haube kommst.“</p> - -<p>Bitter lächelnd erwiderte Adelheid: „Ich warte ja schon beinahe zehn -Jahre darauf ... wenn nur einer käme und mich nähme.“</p> - -<p>„Dann muß ich dir noch sagen, daß du einen falschen Weg zu deinem Ziel -eingeschlagen hast. Auf diesem Wege wirst du nie einen ernsthaften -Bewerber finden. Die Kreise, in denen du bisher verkehrt hast, -umflattern und umschmeicheln dich, weil du sie durch deine Person und -dein Wesen reizt. Aber meinst du, daß ein Graf oder ein Baron dich ohne -Vermögen nehmen wird? Selbst ein Großkaufmann oder ein hoher Beamter -scheut<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> sich, dich in seine Familie einzuführen, wenn er seine Wahl -nicht durch ein stattliches Vermögen seiner Braut begründen kann. Du -mußt schon ein Stufchen heruntersteigen und dich nach einem Landwirt -umsehen ....“</p> - -<p>Als die Freundin beharrlich schwieg, fuhr Frau Olga eindringlich -fort: „Nun, sag mir mal offen, wie lange bist du noch imstande, dein -bisheriges Leben fortzuführen?“</p> - -<p>„Es langt noch für zwei Jahre ...“</p> - -<p>„Und dann?“</p> - -<p>„Dann nehme ich eine Stelle als Gesellschafterin bei einer alten Dame -an oder werde Hausdame bei einem älteren Herrn.“ Nachdenklich fügte -sie nach einer Weile hinzu: „Vielleicht täte ich gut daran, mich jetzt -schon nach einer solchen Stelle für den nächsten Winter umzusehen.“</p> - -<p>„Hältst du eine solche Stelle für beneidenswert?“</p> - -<p>„Nein, liebste Olga, durchaus nicht.“ Sie lachte laut auf. „Also denn -auf zur Jagd! Zum Kaffee erscheine ich schon als züchtige Jungfrau im -schlichten Kleid .... Vielleicht kannst du mir mit einem passenden -Tändelschürzchen aushelfen?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span></p> - -<p>Als die Freundin sie verlassen hatte, warf sich Adelheid wieder in den -Sessel und schlug die Hände vors Gesicht. Unaufhaltsam kamen ihr die -Tränen. Sie fühlte sich in diesem Augenblick todunglücklich. Ihr ganzes -Leben widerte sie an. Erinnerungen zogen an ihrem Geist vorbei. Wie -aufreibend war dieser ewige Kampf mit der Männerwelt, die sie lüstern -umkreiste. Und manche Erinnerung brannte in ihr und sie konnte sie -nicht verjagen. Wie ein Freiwild war sie sich manchmal vorgekommen, auf -das man ungestraft Jagd machen konnte. Ja, flirten wollten die Männer -alle mit ihr. Mehrere Male war auch ihr Herz nicht unberührt geblieben, -und jedesmal kam danach die große Enttäuschung. Einmal war sie mit -einer peinlichen Demütigung verbunden gewesen. Sie stöhnte laut auf. -Heiß stieg es in ihre Wangen, als ihr der Gedanke kam, daß sie noch -einmal die Jagd auf einen Mann beginnen sollte.</p> - -<p>Sie stand auf und kühlte ihre Augen in kaltem Wasser. Dann nahm -sie Sawerskis Brief zur Hand und überlas mehrere Male seine Worte, -um zu prüfen, ob sich mehr darin entdecken ließ, als mit der neuen -Hausgenossin in ein erträgliches Umgangsverhältnis zu gelangen. -Mißmutig warf sie<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> ihn hin. Plötzlich nahm sie ihn wieder auf und -zerriß ihn mit einem schnellen Griff, und während sie halblaut vor sich -hinsummte: „Auf in den Kampf, Torero!“, begann sie, ihre Garderobe zu -mustern. Endlich fand sie ein ganz einfaches Kleid und ein kokettes -Schürzchen dazu.</p> - -<p>Frau Olga schmunzelte, als Adelheid in diesem Anzug vor ihr erschien. -„Nun werde ich dich in die Zubereitung von Kaffee und Tee einweihen.“</p> - -<p>„Oho, Frau Oberamtmann, über diese Anfangsgründe bin ich schon hinaus. -Wenn du mir also deinen Wirkungskreis übergeben willst.“</p> - -<p>Während sie sich an dem Kessel zu schaffen machte und die Getränke -aufbrühte, trat der Hausherr ein. Schon von der Schwelle her rief er: -„So gefallen Sie mir, mein Fräulein.“</p> - -<p>„Ich kann doch nicht immer als große Dame hier paradieren, besonders -nicht, wenn ich mich der Hauswirtschaft widmen will“, gab Adelheid -lachend zur Antwort.</p> - -<p>Herr von Sawerski war hinter dem Hausherrn eingetreten. Er ging ein -paar Schritt auf Adelheid zu und machte ihr eine tiefe Verbeugung. Sie -streckte ihm mit freundlich unbefangener Miene die Hand hin, deren -Druck ihm eine deutliche<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> Antwort gab, die ihn von seinen Zweifeln und -Befürchtungen befreite.</p> - -<p>„Gnädiges Fräulein wollen sich wirklich der Hauswirtschaft annehmen?“</p> - -<p>„Dazu bin ich ja hierher aufs Land gekommen“, erwiderte Adelheid mit -ernster Miene.</p> - -<p>„Frau,“ rief der Hausherr laut lachend, „unser Personal mehrt sich. -Was meinst du, wenn wir auf das Beamtenhaus noch eine Apanage aufbauen -ließen, wie Onkel Bräsig sagen würde, und uns mit der Aufzucht von -männlichen und weiblichen Wirtschaftern befaßten?“ Er lachte nochmals -dröhnend auf. „Gnädiges Fräulein müssen aber schon vorläufig im -Herrenhause vorlieb nehmen, denn im Beamtenhaus ist augenblicklich kein -Zimmer frei.“</p> - -<p>„Aber Konrad!“ mahnte die Hausfrau. Er sah sie mit der unschuldigsten -Miene an. „Habe ich in meiner Freude einen Bock geschossen? Ich glaube, -deine Freundin will allen Ernstes bei dir in die Schule gehen, um dich -später völlig zu entlasten.“</p> - -<p>„Das will ich auch“, erwiderte Adelheid fest. „Und ich bitte Ihre -Gattin, meine verehrte Freundin,<span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span> allen Ernstes, mich durchaus als -Lehrling anzusehen und zu behandeln.“</p> - -<p>„Na, dann wollen wir mal gleich ein Programm Ihrer Betätigung -entwerfen. Heute Abend noch ein leichtes Geplänkel in der Küche -mit Bratkartoffeln und Setzei. Aber morgen ... da geht’s los. Zum -Melken brauchen Sie nicht zu gehen, das beaufsichtigt Franz. Aber die -Behandlung der Milch muß man als perfekte Hausfrau unbedingt verstehen. -Also um 6 Uhr in der Meierei. Natürlich in Begleitung meiner Frau.“</p> - -<p>Gut gelaunt spann er den Faden immer weiter .... Adelheid kam es -allmählich zum Bewußtsein, daß aus dem Spiel bitterer Ernst wurde. -Aber sie war entschlossen, die neue Rolle, die ihr fast ohne ihr -Zutun zugefallen war, mit Festigkeit durchzuführen. Vielleicht war es -der richtige Weg, der sie in die Ehe hineinführte. Manchmal streifte -ihr Blick forschend Herrn von Sawerski, der sich mit Eifer an der -Ausarbeitung des Programms beteiligte, und es schien ihr, als wenn er -daran Gefallen fand, daß sie mit Ernst und Eifer sich in die Rolle -hineinlebte.</p> - -<p>Am anderen Morgen erstaunte Franz nicht wenig, als er beim Abliefern -der Milch in der<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> Meierei neben der Frau des Hauses das Fräulein -vorfand. Sie hatte ihr Kleid geschürzt und trug derbe Schuhe und ließ -sich mit Eifer zeigen, wie der Fettgehalt der Milch festgestellt -wurde. Er war so verwirrt, daß er sich bei Angabe der Literzahl irrte. -Adelheid reichte ihm freundlich lächelnd die Hand. „Ich bin Ihre -Kollegin geworden, Herr Rosumek. Ja, wirklich, sehen Sie mich nicht so -erstaunt an. Ich erlerne die Hauswirtschaft. Der Anfang ist ja etwas -feucht, aber ich denke, es wird auch anders kommen.“</p> - -<p>Als Franz ins Freie trat, fühlte er sein Herz heftig klopfen. Das Blut -hämmerte ihm in den Schläfen und in den Adern am Halse ....</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_12">12. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Die Entwicklung, die bei Adelheid eingesetzt hatte, wurde durch Frau -Olga klugerweise gefördert. Sie zügelte den Eifer, den sie zunächst, -bis zum Beweise des Gegenteils, für ein Strohfeuer hielt, und -beschäftigte sie nur soweit in der Wirtschaft, daß die Lernbegierige -noch reichlich Zeit fand, sich ans Klavier zu setzen, zu spielen und zu -singen. Auch ihrem „Brummbär“ hatte sie es beigebracht, daß er nicht -durch gutmütigen Spott und Neckereien Adelheids Vorsätze zum Wanken -brächte.</p> - -<p>Man war in der Saatzeit. Viktor hatte sich ein Reitpferd angeschafft. -Er erschien nur zu Mittag im Herrenhause und ließ sich abends einen -kalten Imbiß in sein Zimmer bringen. Denn wenn er mit Dunkelwerden vom -Felde kam, hatte er keine Lust mehr, sich umzuziehen. Er benahm sich -ritterlich höflich gegen Adelheid, aber aus seinem Benehmen ließ sich -kein Schluß ziehen, ob er sich für sie interessierte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span></p> - -<p>Zwischen den beiden Damen wurde darüber nicht gesprochen, ja, Adelheid -verschwieg ihrer Freundin, daß sie fast täglich ein Sträußchen in ihrem -Zimmer fand, das nur durch das offene Fenster hineingeworfen sein -konnte. Es war aus Feld- und Waldblumen, wie sie der Frühling bringt, -zierlichen Gräsern und frischem Grün geschmackvoll zusammengesetzt. -Als sie das erste Sträußchen fand, klopfte ihr Herz einen Augenblick -schneller, denn ihr Wunsch ließ sie auf Viktor als Spender raten. -Um sich Gewißheit zu verschaffen und dem gütigen Spender ein -Entgegenkommen zu erweisen, steckte sie es zu Mittag an ihren Busen. -Aber Viktor verriet durch seine kühl-höfliche Frage, ob sie an den -unscheinbaren, duftlosen Blümchen Gefallen finde, daß er nie daran -gedacht hatte und hätte, sie durch eine solche kleine, aber sinnige -Huldigung zu überraschen und zu erfreuen.</p> - -<p>Am nächsten Sonntag, als die beiden Lehrlinge bei Tisch erschienen, -steckte sie wieder solch ein Sträußchen an und entdeckte, was sie -schon vermutete, daß Franz der heimliche Verehrer war, der seinen -Gefühlen auf diese Weise Ausdruck gab. Er wurde rot und verlegen. -Ihr Wohlgefallen an<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> dem frischen Jüngling verleitete sie dazu, ihn -mehrmals ins Gespräch zu ziehen. Er wurde dadurch noch verlegener, denn -sein Herz stand in lichten Flammen.</p> - -<p>Die Neigung zu dem schönen, reifen Mädchen, das ihm wie ein höheres -Wesen vorkam, war gleich bei der ersten Begegnung aufgeflammt. Und in -den letzten Wochen war sie zu einer Leidenschaft angewachsen, die sein -ganzes Denken und Fühlen erfüllte. Wegen seiner Zuverlässigkeit hatte -ihm der Oberamtmann den Hofdienst anvertraut, wozu auch die Verwaltung -des Speichers gehörte, wo er den Kämmerern das Saatgut zumessen mußte. -Und seitdem Adelheid sich in der Wirtschaft betätigte, traf er mehrmals -am Tage mit ihr zusammen. Es ergab sich von selbst, daß er sie ab und -zu auf einem Gang begleitete. Einmal hatte er ihr dabei einen kleinen -Dienst erwiesen. Adelheid wollte ein noch sehr junges Kälbchen tränken. -Aber das dumme Tierchen stieß wohl mit dem rosig gefärbten Mäulchen in -den Milcheimer, trank aber nicht. Da verriet ihr Franz lachend, sie -müsse dem Kälbchen einen Finger in das Mäulchen stecken. Sie tat es und -erreichte dadurch ihr Ziel.</p> - -<p>Ihr feines Gefühl hatte ihr schon bald verraten,<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> daß Franz sie -verehrte. Denn bei jeder Begegnung strahlte sein frisches Gesicht vor -Freude. Und unter vier Augen überwand er schnell seine Befangenheit und -plauderte mit ihr offen und vertrauensvoll. Als er jedoch am Sonntag -Mittag das Sträußchen an ihrem Busen gewahrte, vermochte er sich kaum -zu beherrschen, um nicht ganz verkehrte Antworten zu geben. Als die -beiden Lehrlinge nach dem Essen ins Beamtenhaus zurückgingen, um den -freien Nachmittag zu einem Schläfchen zu benutzen, stieß Kolbe seinen -Leidensgefährten an und sagte hämisch:</p> - -<p>„Bilden Sie sich nur nichts darauf ein, Sie Musterknabe, daß die -Walküre“ — den Namen hatte er Adelheid gegeben — „heute so gnädig zu -Ihnen gewesen ist.“</p> - -<p>„Das habe ich gar nicht empfunden.“</p> - -<p>„Das ist auch das Beste, was Sie tun können, wenn Sie der Walküre nicht -den Hof machen. Sie sollen ihr ja auch nur als Anhetzer für den Herrn -Volontär dienen, den sie einfangen und zu einem folgsamen Ehemann -zähmen will.“</p> - -<p>„Ach, Kolbe, wie können Sie bloß so gehässig von der jungen Dame -sprechen“, erwiderte Franz unmutig.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span></p> - -<p>„Das ist gar nicht gehässig, sondern das sind Tatsachen, die der -Blinde mit dem Stock fühlen muß. Ich weiß auch noch mehr. Ich habe Sie -heute früh gesehen, als Sie der Walküre das Sträußchen ins Fenster -warfen. Daß sie es zu Mittag angesteckt hatte, hat Ihnen den Kopf ganz -verdreht. Aber bilden Sie sich nur nichts darauf ein. Oder glauben -Sie, daß die Walküre, die nach meiner Ansicht beinahe schon aus dem -Schneider ist, auf Sie warten wird, um Bauersfrau auf einer Klitsche -von dreihundert Morgen zu werden?“</p> - -<p>Franz wandte sich achselzuckend ab, aber das Gespräch hatte doch eine -tiefgehende Wirkung auf ihn. Er wurde sich darüber klar, daß seine -ganze Seele und all sein Sinnen im Banne der schönen Frau lagen. Daß -diese Leidenschaft völlig hoffnungslos war, mußte er sich selbst sagen. -Sein Selbstbewußtsein hielt aber vor dieser Erkenntnis nicht stand. Er -brach haltlos auf dem Sofa zusammen und weinte wie ein kleiner Junge.</p> - -<p>Als er gegen Abend ins Herrenhaus ging, wo die beiden Knaben ihn schon -mit Sehnsucht erwarteten, hatte er sich mit kühler Überlegung zu dem -Entschluß durchgerungen, seine törichte Leidenschaft mit Energie zu -bekämpfen. Er stahl<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> sich sofort ins Kinderzimmer und kam erst mit den -Knaben zu Tisch. Er saß ruhig am Tisch und hörte still zu, wie Adelheid -und Viktor ein angeregtes Gespräch über Musik führten, wovon er nicht -das Geringste verstand, denn er war ganz unmusikalisch und hatte so -wenig Gehör, daß er nicht das kleinste Lied singen konnte. Gleich nach -dem Essen verabschiedete er sich durch eine stumme Verbeugung ....</p> - -<p>Die Beendigung der Saatzeit wurde nach einer alten Gewohnheit von dem -Gutsherrn durch ein festliches Mahl gefeiert, zu dem nicht nur der -Oberinspektor mit seiner Gattin, sondern auch die beiden Kämmerer mit -ihren Frauen geladen wurden. Auch für die Gutsleute wurde ein kleines -Fest veranstaltet, das in der Hauptsache in einem Tanz, der in dem -untersten großen Speicherraum abgehalten wurde, bestand. Einige Zeit -vorher erhielt Franz von dem Oberamtmann den Auftrag, einen Bock für -das Fest zu schießen ....</p> - -<p>„An der Regler-Grenze steht ein strammer Bock mit einem -Pfropfenziehergehörn, den möchte ich abschießen“, schlug Franz vor.</p> - -<p>„Tun Sie das, mein junger Freund, ich bin einverstanden.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span></p> - -<p>Am nächsten Abend ging Franz hinaus. Er wußte ziemlich genau, wo der -Bock aus dem Walde aufs Feld austrat .... Noch bei gutem Büchsenlicht -erschien der Bock und wurde von Franz mit einem sicheren Kugelschuß auf -die Decke gelegt. Er ging langsam zu ihm hin, zog seinen Nickfänger -und beugte sich über ihn, um ihn zu lüften. Da hörte er jemand mit -hastigen Schritten durch das dichte Unterholz brechen. Im näselnden Ton -kommandierte eine scharfe Stimme: „Halt! Gewehr weg!“</p> - -<p>Ganz verdutzt sah Franz auf. Herr von Sawerski stand mit schußfertigem -Gewehr vor ihm. „Wie kommen Sie dazu, den Bock zu schießen?“</p> - -<p>Die aufgeregte Art und die Frage kamen Franz so komisch vor, daß er -laut lachte. „Sie glauben doch nicht, daß ich wildern gehe?“</p> - -<p>„Ich habe allein die Erlaubnis zum Pirschen.“</p> - -<p>„Diesmal hat Herr Oberamtmann selbst mir den Auftrag gegeben, gerade -diesen Bock zu schießen.“</p> - -<p>Ohne sich weiter an Viktor zu kehren, lüftete er den Bock, verstaute -ihn in seinem geräumigen Rucksack, warf ihn auf den Rücken und ging -davon.<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> Er lieferte das Wild in der Küche ab und meldete dem Gutsherrn, -daß er den Bock geschossen hätte. Von der Begegnung mit Viktor sagte -er nichts. Aber sie ärgerte ihn noch nachträglich und stimmte ihn -nachdenklich. Was hatte der Mann gegen ihn? Weshalb trat er ihm so -schroff entgegen? War er etwa auf ihn eifersüchtig? Dazu hatte er -doch nicht die geringste Ursache. Dieser Gedanke jedoch bestärkte -ihn in seinem Entschluß, seine Neigung so tief und fest in sich zu -verschließen, daß niemand sie merken sollte.</p> - -<p>Das Werfen der Sträußchen hatte er schon am nächsten Tage eingestellt, -und er hatte sich wirklich soweit in der Gewalt, daß er Adelheid artig, -aber ohne ein Zeichen von Erregung gegenübertreten konnte. An dem -Abend des Saatfestes war die Gutsherrschaft nach dem Abendbrot auf den -Speicher gegangen, um dem Tanz zuzuschauen. Frau Olga hatte die jungen -Leute aufgefordert, fleißig zu tanzen. Sie hatte dabei mit den Augen -nach Adelheid gewinkt. Der Wunsch der Gutsherrin wurde natürlich eifrig -befolgt. Erst tanzte Viktor, dann Kolbe mit Adelheid.</p> - -<p>Jetzt kam auch Franz, wenn er nicht unhöflich erscheinen wollte, an -die Reihe. Er gab sich innerlich<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> einen Ruck und verbeugte sich vor -Adelheid. Seine Pulse hämmerten. Als sie sich in seinen Arm schmiegte, -drohte ihn die Beherrschung zu verlassen, so daß er nicht gleich in -den richtigen Takt kam. Aber dann riß er sich zusammen und tanzte. Der -feine Duft, der von ihr ausging, berauschte ihn. Und leicht und weich -wie eine Feder lag sie in seinem Arm. Es war ihm, als wenn er nicht mit -den Füßen auf der Erde sprang, sondern mit ihr durch die Luft empor und -davon flog.</p> - -<p>Er erwachte erst aus seinem Rausch, als sie leise sagte: „Ich danke.“ -Und mit einem strahlenden Blick fügte sie hinzu: „Sie tanzen gut.“</p> - -<p>Als er auf seinen Platz zurückkehrte, flüsterte ihm Kolbe zu: „Mensch, -sechsmal haben Sie mit ihr rumgewalzt. Mit uns beiden hat sie nur drei -Runden gemacht.“</p> - -<p>„Ich habe die Runden nicht gezählt“, erwiderte Franz. „Ich glaube, man -darf mit einer Dame solange tanzen, bis sie dankt.“</p> - -<p>„Nun werden Sie sich wohl wieder etwas darauf einbilden, daß sie bei -mir schon nach drei Runden gedankt hat.“</p> - -<p>Beim nächsten Tanz verkündete der Kämmerer, der in der Mitte als Ordner -stand, mit<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> mächtiger Stimme: „Damenwahl!“. Mit etwas Unbehagen sah -Frau Olga, wie das hübsche, junge Stubenmädchen auf Viktor zueilte -und ihn durch einen Knix zum Tanz aufforderte. Auch Hans Kolbe wurde -sofort von einem Scharwerksmädchen geholt. Da stand Adelheid auf und -bat Franz durch eine Neigung des Kopfes. Er trat schnell an sie heran -und legte den Arm um sie. Von diesem Augenblick an wußte er nicht mehr, -was um ihn her vorging. Er sah und fühlte nur die schöne Frau, die ihn -geschickt mit leisem Druck durch das Gewühl der Tanzenden führte.</p> - -<p>Als Adelheid auf ihren Platz zurückkehrte, beugte sich Frau Olga zu ihr -und flüsterte ihr zu: „Du, verdreh’ dem Jungen nicht den Kopf.“</p> - -<p>Lachend gab sie zur Antwort: „Hältst du das für möglich? Ich glaube, er -ist viel zu vernünftig dazu.“</p> - -<p>Auch Viktor hatte es mit Mißbehagen beobachtet, daß Franz bei der -Damenwahl von Adelheid aufgefordert worden war. Er tröstete sich jedoch -in Gedanken damit, daß er nicht frei gewesen war, weil die kleine -hübsche Kröte von Stubenmädchen ihn so fix geholt hatte. Als jedoch -Adelheid keine Miene machte, ihn zu holen, obwohl der<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> Tanz noch -ziemlich lange dauerte, beschlich ihn ein Gefühl, das nicht sehr weit -von Eifersucht entfernt war. Er nahm sich vor, bei den nächsten Tänzen -Adelheid eifrig zu umwerben und ihr ganz offen die Cour zu schneiden. -Doch dazu kam es nicht. Denn bald darauf brach die Gutsherrin auf und -nahm ihre Freundin mit sich.</p> - -<p>Da blieb er in einem Gefühl von Trotz auf dem Fest und tanzte noch so -oft mit der „kleinen Kröte von Stubenmädel“, daß es den Neid aller -anderen erregte. Der Oberamtmann, der mit den Herren noch sitzen blieb, -bemerkte es auch und erzählte es noch in der Nacht lachend seiner -Gattin.</p> - -<p>Franz war nach dem Tanz ins Freie gegangen. Das Stimmengewirr, der -Dunst von Staub und Tabaksrauch, der wie eine Wolke über den Köpfen -der Tanzenden hing, waren ihm unerträglich. Es war eine dunkle, weiche -Frühlingsnacht ohne Licht von Mond oder Sternen, denn der Himmel war -mit schwarzen Wolken verhangen. Aber die Natur schwieg oder schlief -nicht. Sie lebte und sprach mit tausend Stimmen. In den Teichen im -Park, in den Gräben, die jetzt noch voll Wasser standen, quarrten -die Frösche. In den Fliederbüschen, deren Knospen vor dem Aufbrechen -standen,<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> sang ein Sprosser. Nicht so weich und flötend wie die -Nachtigall des Südens, aber für ein liebendes Herz enthält auch die -Stimme des Sprossers genug Liebessehnsucht ....</p> - -<p>Es war so still, daß Franz sein Blut in den Adern hämmern hörte. Er -vernahm auch das Kichern der Liebespärchen, die sich aus dem Saal -gestohlen hatten. Dann wieder tiefe Stille, nur manchmal unterbrochen -durch schmelzende, schmatzende Laute. Da wurden heiße Küsse getauscht, -mit Glut gegeben und mit Inbrunst empfangen. Auch sein Blut regte sich. -Seine Gedanken irrten wild umher. Aber ach, das Ziel seiner Sehnsucht -stand so hoch und unerreichbar über ihm. Unwillkürlich kam ihm Goethes -Gedicht: „Trost in Tränen“ in den Sinn, und er sprach vor sich hin:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">„Ach nein, erwerben kann ich’s nicht,</div> - <div class="verse indent0">Es steht mir gar zu fern,</div> - <div class="verse indent0">Es weilt so hoch, es blinkt so schön,</div> - <div class="verse indent0">Wie droben jener Stern.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Die Sterne, die begehrt man nicht“, sprach er leise vor sich hin ....</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_13">13. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Am nächsten Sonnabend erbat sich Franz Urlaub, um auf einen Tag nach -Hause zu fahren. Er hatte nach schwerem Kampf den Entschluß gefaßt, -die törichte Leidenschaft aus seinem Herzen zu reißen. Um sich darin -zu bestärken, wollte er ein Zusammentreffen mit Adelheid vermeiden. Es -schwebte ihm auch dunkel das Bedürfnis vor, seinem alten Freund sein -Herz auszuschütten. Seit Weihnachten war er nicht zu Hause gewesen. -Damals hatte er mit der fröhlichen Unbekümmertheit der Jugend mit den -Eltern und der Schwester, die aus Königsberg nach Hause gekommen war, -köstliche Tage verlebt. Auch Lotte war mit ihrer Mutter zum heiligen -Abend und den Festtagen eingeladen, und er hatte das zur Jungfrau -heranblühende Kind mit großem Wohlgefallen betrachtet und sich an ihrer -sonnigen Heiterkeit erfreut.</p> - -<p>Jetzt war ihm das Herz schwer, als er den Einspänner bestieg und den -alten, schwerfälligen Gaul in Bewegung setzte. Welchen glaubwürdigen<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> -Grund sollte und konnte er vorbringen, um seinen Besuch zu erklären? -Aber würde es nicht genügen, wenn er sagte, daß er für einen Tag -ausspannen und die Eltern wiedersehen wollte? Er trat mit einem -Scherzwort bei den Eltern ein, die sich gerade zum Abendbrot hingesetzt -hatten, und gab unaufgefordert die Erklärung ab. Die Eltern begrüßten -ihn herzlich, aber er entnahm aus ihren forschenden Blicken, daß sie -nach einer anderen Erklärung für sein unvermutetes Erscheinen suchten. -Der Vater dachte nichts anderes, als daß ihm sein Beruf nicht zusage -und er sich die Zustimmung erbitten wolle, ihn aufzugeben. Aus seinem -Gesicht schwand die Freude über den Besuch des Sohnes.</p> - -<p>Auch die Mutter hatte denselben Gedanken und sich mit dem Vater durch -einen Blick verständigt. Aber auch ihr bereitete der Gedanke keine -Freude, denn es war nicht anzunehmen, daß er beim Wechsel des Berufes -ihren Wunsch erfüllen wollte .... So verlief der Abend ohne rechte -Freude für alle Teile. Am nächsten Morgen ging Franz in den Widem, um -Onkel Uwis zu begrüßen und dann mit den Eltern in die Kirche. Er setzte -sich nach alter Gewohnheit in den Pfarrstuhl. Bald erschien auch Lotte, -setzte sich neben ihn und hielt<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> ihm ihr Gesangbuch hin. Und als sie -ihm beim Singen mehrmals so treuherzig in die Augen blickte, stieg -in ihm ein Gefühl hoch, das ihn seine Leidenschaft für Adelheid als -Unrecht, ja, als Sünde, empfinden ließ. Gleich nach dem Mittag ging er -zu Onkel Uwis. Er war entschlossen, ihm nichts zu beichten, sondern aus -eigener Kraft seine Leidenschaft zu bekämpfen und zu besiegen. Aber als -sie im Garten, der im herrlichsten Blütenschmuck prangte, auf und ab -wanderten, sah der alte Herr ihn mit tiefem Ernst an, doch voll milder -Freundlichkeit, und fragte wie selbstverständlich: „Nun beicht’ mir -mal. Wo drückt dich der Schuh?“</p> - -<p>Franz wurde rot, das Blut stieg ihm zu Kopf und verschlug ihm die -Sprache. Das war der Pfarrer an seinem jungen Freund nicht gewohnt. Er -blieb stehen und legte ihm den Arm um die Schultern. „Du mußt etwas -sehr Schweres auf dem Herzen haben, daß du dich nicht getraust, es -mir zu beichten. Du weißt doch, daß ich dein Freund bin, dein bester -Freund.“</p> - -<p>In heftiger Bewegung ergriff Franz seine Hand und küßte sie. „Ja, -Onkel, deshalb bin ich ja zu dir gekommen. Es fällt mir nur so schwer, -es auszusprechen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span></p> - -<p>„Das scheint mir ja beinahe auf ein schweres Liebesabenteuer zu deuten.“</p> - -<p>Das war das erlösende Wort. „Ja, Onkel, es ist allerdings kein -Abenteuer für mich, aber schwer, sehr schwer. Ich werde von einer -heftigen Leidenschaft gepeinigt, die ganz hoffnungslos ist.“</p> - -<p>„Weshalb denn hoffnungslos? Steht das Mädel so tief unter dir, oder -...“ Er machte eine Pause. „... ist es gar eine Frau?“</p> - -<p>„Nein, Onkel, es ist ein Mädchen, aber acht oder neun Jahre älter als -ich ... eine Freundin der Frau Oberamtmann. Sie steht turmhoch über -mir. Meine Leidenschaft ist ein Wahnsinn, das weiß ich, das sage ich -mir selbst täglich hundertmal. Aber meine ganze Seele ist in Aufruhr -und ich bin glücklich, wenn ich sie sehen und ein paar Worte mit ihr -sprechen kann. Und nachts kann ich vor Verzweiflung und Sehnsucht nicht -schlafen. Nur einmal möchte ich sie in meinen Armen halten, nur einmal -ihren Mund küssen, dann wollte ich gern sterben.“</p> - -<p>Der alte Herr erschrak vor diesem Ausbruch einer hemmungslosen -Leidenschaft. Doch er ließ es sich nicht merken. Ganz ruhig fragte er: -„Ist die junge Dame schon verlobt?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span></p> - -<p>„Nein, ich glaube aber, man will sie mit unserem Volontär, einem -Oberleutnant von Sawerski, zusammenbringen.“</p> - -<p>„Liebt sie ihn?“</p> - -<p>„Ich glaube nein.“</p> - -<p>„So? Na, weshalb hältst du deine Liebe für hoffnungslos?“</p> - -<p>Ganz verblüfft sah Franz ihn an. „Aber Onkel, willst du mit mir -scherzen?“</p> - -<p>„Das fällt mir gar nicht ein. Ich frage allen Ernstes, weshalb du -denn nicht ehrlich um ihre Liebe werben willst? Schreckt dich der -Unterschied der Jahre? Der gleicht sich mit der Zeit aus. Vielleicht -ist deine Jugend in ihren Augen kein Hindernis.“</p> - -<p>„Onkel, meinst du das wirklich? Aber nein, es geht nicht. Ich werde -erst in zwei Jahren mündig. Und was kann ich ihr bieten? Einen -Bauernhof.“</p> - -<p>Das Gesicht des alten Herrn hatte sich wieder aufgehellt. Er zwinkerte -mit den Augen. „Na, unter Umständen könnte sie auch Gutsherrin werden. -Dein Vater, mein Junge, steht gut in der Wehr. Er wäre imstande, -dir ein anständiges Gut zu kaufen oder dir das Geld zu einer großen -Pachtung<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> zu geben. Meine paar Kröten bekämst du auch mal nach unserem -Tode.“</p> - -<p>„Ach Onkel, wie soll ich dir für all deine Liebe und Güte danken! -Du gibst mir wieder neuen Lebensmut. Aber nein ... sie wird mich -auslachen. Sie lebt in der großen Welt, verkehrt wie eine Prinzessin -mit Fürsten und Grafen und soll mich unreifen Bauernjungen wählen? -Nein, Onkel, das ist undenkbar. Ich glaube, sie wird auch den Herrn von -Sawerski nicht nehmen. Nein, Onkel, es ist ja sehr freundlich von dir, -daß du mich nicht wie einen dummen Jungen auslachst, sondern mir sogar -Mut machst, aber die Hoffnung wollen wir doch fahren lassen. Nein, -Onkel, du mußt mir raten, wie ich diese Leidenschaft überwinde. Sonst -werde ich wahnsinnig oder tue mir ein Leid an.“</p> - -<p>Diesmal erschrak der Pfarrer noch stärker vor dem Ausbruch dieser -Gefühle. „Ist sie denn so schön?“</p> - -<p>„Schön,“ rief Franz überschwenglich, „das ist gar kein Ausdruck für -sie.“ Und nun begann er zu schwärmen und schwelgte förmlich in den -höchsten Tönen der Bewunderung, die ihm sein Gefühl eingab. Und -zum Schluß warf er sich dem alten Freund an die Brust und begann -fassungslos<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> zu schluchzen. Sanft führte ihn der alte Herr zur -Gartenbank und setzte sich neben ihn.</p> - -<p>„Du hast mir vorhin erzählt, daß die junge Dame in der großen Welt lebt -und sich in den höchsten Kreisen bewegt. Da wundert es mich doch, daß -sich bis jetzt kein Mann gefunden hat für sie, wenn sie so wunderbar -schön ist.“</p> - -<p>„Sie ist nicht adlig und für die vornehmen Herren auch wohl nicht reich -genug.“</p> - -<p>„Ach, mein Junge, das übersieht man bei einer tiefen Neigung. Du -würdest doch auch nicht danach fragen?“</p> - -<p>„Nein, bei Gott, Onkel, danach frage ich nicht.“</p> - -<p>„Hat die junge Dame Angehörige, Vater, Mutter?“</p> - -<p>„Nein, Onkel, soviel ich gehört habe, steht sie ganz allein in der -Welt.“</p> - -<p>„Siehst du, <span class="antiqua">mi fili</span>, da sitzt der Haken! Eine junge Dame, die so -allein in der Welt herumreist, ohne den Rückhalt, den ihr die Familie -gibt, wird nicht für voll angesehen. Und ich glaube, mich nicht zu -irren, daß sie einzig und allein zu dem Zweck nach Polommen gekommen -ist, den Herrn Oberleutnant dingfest zu machen.“</p> - -<p>Franz sprang auf. „Onkel, du beleidigst die<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> junge Dame. Sie ist die -Freundin meiner gnädigen Frau.“</p> - -<p>„Das bestärkt mich in meiner Annahme. Die Frau Oberamtmann will die -Freundin unter die Haube bringen. Ich nehme es als sicher an, daß deine -Angebetete nach Jahr und Tag Frau von Sawerski ist. Dann wirst du auch -von deiner Leidenschaft geheilt sein.“</p> - -<p>„Nie, nie!“, rief Franz in höchster Erregung. „Sobald sie sich mit ihm -verlobt, erschieße ich sie und mich.“</p> - -<p>Der Pastor zog ihn auf den Sitz nieder. „Dunner Lüchting ... min Jung -.... Da bliw du man so bi. Du bist ja en groten Schafskopp.“</p> - -<p>Franz war zusammengefahren, als der Onkel platt zu sprechen anfing, -aufstand und nach der Pfeife langte, die für alle Fälle gestopft in -der Gartenlaube stand. Er setzte sie umständlich in Brand und ging, -mächtige Rauchwolken ausstoßend, eine Weile schweigend vor der Laube -auf und ab. Dann blieb er vor Franz stehen.</p> - -<p>„Es wird wohl das beste sein, wenn dein Vater dich heute hier behält -und dich in den nächsten Tagen in eine Heilanstalt bringt, wo du mit -reichlich viel kaltem Wasser behandelt wirst.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span></p> - -<p>Ganz zaghaft fragte Franz: „Onkel, ist das dein Ernst?“</p> - -<p>„Mein völliger, völliger Ernst. Du bist wirklich imstande, in deiner -Verblendung Unheil anzurichten. Dem muß vorgebeugt werden, wenn du -nicht Vernunft annimmst. Ich schäme mich bis in den tiefsten Grund -meiner Seele, daß ich dein Lehrer und Erzieher gewesen bin. Willst du -deine Eltern und mich aus Gram vorzeitig in die Grube bringen?“</p> - -<p>„Onkel, du weißt nicht, was Liebe ist.“</p> - -<p>„So? Globst du dat, min Jung? Na, dann huck di man wedder hin, ich war’ -di wat vertellen.“</p> - -<p>Er ging, mächtig dampfend, eine Weile schweigend auf und ab. Dann -begann er: „Ich war schon mehrere Jahre älter als du, als ich nach -dem ersten Examen als Hauslehrer auf das Gut ... na, der Name tut -nichts zur Sache ... kam. Der Gutsherr, ein kalter, unfreundlicher -Mann, hatte vor kurzem zum zweiten Male geheiratet, ein blutjunges, -lebenslustiges Mädel, das den Witwer nur genommen hatte, um sich und -ihre Mutter von schweren Sorgen zu befreien. Als ich auf das Gut kam, -war die junge Frau schon im Stadium stiller<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> Verzweiflung. Der Mann -verstand sie nicht .... Ach, daß mir diese abgedroschene Redensart in -den Mund kommen mußte! Der Mann war fünfzehn Jahre älter als sie. Das -hätte nichts geschadet, wenn nur sein Herz jung geblieben wäre. Aber -das war alt und hart geworden. Er gönnte seiner Frau kein Vergnügen, -keinen Umgang mit den Nachbarn. Er mäkelte an ihr herum und schalt sie -in Gegenwart der Dienstboten aus. Schon nach ein paar Stunden hatte -ich den Stand ihrer Ehe durchschaut. Ich war innerlich wund, denn ich -hatte noch Stunden, und sie waren nicht selten, in denen ich mit mir -rang, die ganze Gottesgelahrtheit von mir zu tun und umzusatteln. Ich -hatte das Bedürfnis, mich auszusprechen, und fand bei der jungen Frau -teilnahmsvolles Verständnis. Schon nach acht Tagen wußte ich, daß mich -eine heftige Leidenschaft ergriffen hatte, daß ich ihr mit Leib und -Seele verfallen war. Nach weiteren acht Tagen glaubte ich, zu wissen, -daß meine Liebe erwidert würde.“</p> - -<p>Franz war aufgesprungen und an ihn herangetreten. „Onkel, lieber Onkel, -sag mir alles .... Was tatet ihr da?“</p> - -<p>„Ich habe vierzehn Tage der höchsten Qual<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> durchgemacht. Ich war -überzeugt, daß die junge Frau mir bei dem leisesten Wort in die Arme -fliegen würde. Ich überwand die Versuchung, und mein reines Gewissen -gab mir die Kraft, vor den Mann zu treten und von ihm die Freigabe -seiner Frau zu fordern. Er lachte mich aus und warf mich aus dem -Hause. Vier Wochen später ging die Frau, die er durch die schwersten -Beschimpfungen bis aufs Blut gequält hatte, im tollsten Schneesturm -abends heimlich aus dem Hause. Erst nach drei Tagen fand man ihre -Leiche im Walde.“</p> - -<p>In tiefem Mitgefühl schlang Franz seine Arme um ihn. „Onkelchen, wie -hast du das überwunden?“</p> - -<p>„Wie ich es überwunden habe?“, erwiderte der alte Herr leise. „Ich habe -mit Gott und der Welt gehadert, ich habe wochenlang stumpfsinnig bei -einem Freunde gesessen, der schon in einer Pfarre war ....“</p> - -<p>„Und dann hast du gebetet, nicht wahr? Ich habe auch schon nachts -gebetet, Gott möchte mich von dem Übel erlösen.“</p> - -<p>„Nein, mein Junge, das habe ich erst viel später getan. Nimm es mir -nicht übel, wenn ich es dir sage, obwohl ich Pastor und Seelenhirt -bin,<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> gegen solche Leidenschaften hilft das Beten nicht ... Das können -dir auch meine Kollegen von der anderen Fakultät bestätigen, die nicht -nur beten, sondern auch ihren Leib kasteien, weil sie ihn für ihr -sündiges Begehren verantwortlich machen. Das kann nur gegen die Sinne -helfen, wenn sie allein an der Leidenschaft beteiligt oder schuld sind. -Sobald die Sache dem Menschen in die Seele schlägt, wenn das Herz im -edelsten Sinne daran beteiligt ist, dann muß sich Verstand und Vernunft -ihm beugen. Dann hilft nur die Zeit, die mächtigste aller Trösterinnen.“</p> - -<p>Er sah Franz forschend an. „Nun sag mir mal, aber ganz ehrlich und -offen: Ist dein Herz an dieser Leidenschaft beteiligt?“</p> - -<p>„Ich ... ich weiß es nicht“, stotterte der Jüngling. „Ich glaube aber -nein.“</p> - -<p>„Ich glaube, du hast recht, mein Junge. Du kennst die junge Dame zu -wenig, um mit dem Herzen daran beteiligt zu sein. Du kennst noch keine -Dame aus der großen Welt. Ihre herrliche Erscheinung, ihr Liebreiz, die -Anmut ihres Benehmens haben dich bezaubert und verzaubert. Du hast also -bloß gegen deine Sinne anzukämpfen. Und da bist du doch Manns genug, -dich nicht unterkriegen<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> zu lassen .... Das Leben liegt noch so lang -und so schön vor dir. Du wirst, wenn du diese Leidenschaft überwunden -hast, ein liebes Mädchen finden, das dir den Himmel auf Erden bereitet -.... Halt die Ohren steif und mach uns keine Schande. Und nun geh mit -Gott, mein Junge. Grüße Herrn und Frau Oberamtmann von mir. Das sind -ein paar prächtige Menschen.“</p> - -<p>Zum Kaffee ging Franz noch auf ein Stündchen zu Frau Grigo. Lotte -plauderte mit ihm so vertrauensvoll und offenherzig, daß er eine große -Freude daran hatte. In froher Stimmung, mit heiterem Gesicht kehrte er -zu seinen Eltern zurück. Bald nach dem Abendbrot rüstete er sich zur -Rückfahrt. Der Vater begleitete ihn zum Wagen. Erst jetzt fragte er den -Sohn, ob er etwa die Landwirtschaft aufgeben wollte und sich darüber -beim Onkel Uwis Rat geholt hätte.</p> - -<p>„Nein, Vater, die Landwirtschaft gefällt mir je länger um so besser. -Nein, ich hatte etwas anderes auf dem Herzen. Wenn du es durchaus -wissen willst, frag’ Onkel Uwis und bestell’ ihm von mir, daß er es dir -erzählen darf.“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_14">14. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Je mehr Walter die Schwester seines Lehrherrn kennenlernte, desto -größere Hochachtung ja Bewunderung zwang sie ihm ab. Wie eine -Lichtgestalt aus einer besseren Welt erschien sie ihm, der alle -Erdenschwere mangelt. Noch nie hatte ein weibliches Wesen ihm soviel -Hochachtung abgenötigt, selbst seine eigene Mutter nicht, die sehr oft -in Kleinigkeiten aufging und durch ihre Schwäche für den einzigen Sohn, -wie er es jetzt selbst fühlte, dazu beigetragen hatte, daß er auf eine -abschüssige Bahn geriet. Minna war so schlicht und klar in ihrem Wesen, -daß er bis auf den Grund ihrer Seele zu sehen vermeinte. Und er fand -dort nichts anderes als lauteres, gediegenes Gold.</p> - -<p>Ihre bemerkenswerteste Eigenschaft war die unendliche Herzensgüte. -Nie wurde sie launisch oder unfreundlich. Selbst wo sie mal eine Rüge -erteilen mußte, klang ein freundlicher Unterton mit, der ihren Worten -jedes Verletzende nahm.<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> Denn wie oft wirkt schon ein leichter Tadel -durch den Ton, mit dem er erteilt wird, verletzend. Sie war jedoch -nicht etwa weich, oder ließ fünf gerade sein. Nein, sie war sehr -entschieden in ihrem Auftreten und von einer ruhigen Sicherheit, die -jeden Widerspruch erstickt, noch ehe er laut wird. Die Dienstmädchen -hingen mit großer Liebe an ihr und erfüllten ihre Pflicht mit Eifer, um -ein Lob, oder auch nur einen freundlichen Blick von ihr zu gewinnen.</p> - -<p>Walter kam es gar nicht zum Bewußtsein, welch einen Einfluß sie auch -auf ihn allmählich gewonnen hatte. Er führte früher einen steten Kampf -mit seinen bösen Lüsten und Leidenschaften und hatte sie nur dann -besiegt, wenn ihm seine Klugheit es in den einzelnen Fällen geraten -erscheinen ließ, sie zurückzudrängen und sich zu beherrschen. Jetzt -erschien es ihm selbstverständlich, daß er sich in jeder Beziehung -musterhaft aufführte. Wenn er früher mit Getreide auf den Bahnhof fuhr -oder in der Stadt Besorgungen zu erledigen hatte, wo er mit Bekannten -zusammentraf, hatte er nicht selten einen kleineren oder größeren Affen -mit nach Hause gebracht, der sich bis zum nächsten Morgen in einen -greulichen<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> Kater verwandelte. Jetzt kehrte er stets völlig nüchtern -nach Hause zurück. Der Gedanke, Minna könnte ihm aus solchem Anlaß -ihr Mißfallen durch kaltes Benehmen zu erkennen geben, bereitete ihm -schon Unbehagen und gab ihm eine Widerstandskraft, die er früher nicht -besessen hatte.</p> - -<p>Ganz allmählich wurde es ihm klar, daß sie sein ganzes Denken und -Fühlen erfüllte, und er begann um sie zu werben. Nicht mit Worten -oder Blicken. Das verbot sich ihrer klaren, reinen Art gegenüber von -selbst, sondern durch sein Benehmen. Er wollte und mußte vor sich als -ein anständiger Kerl dastehen können, wenn er ihr vertrauenswürdig sein -sollte.</p> - -<p>Auch bei dem Bruder gewann ihr Wesen Einfluß. Er war seinen Leuten -gegenüber gerecht und hatte sie sogar besser gestellt, als die meisten -Güter der Umgegend. Aber er war rauh in seinem Wesen und polterte oft -los, wenn ihm etwas nicht gefiel, und schreckte auch vor drastischen -Ausdrücken nicht zurück. Dann brauchte ihn Minna bloß mahnend aus ihren -sanften Augen anzusehen. In schwereren Fällen genügte ein sanftes, -etwas vorwurfsvolles „Aber Friedrich!“, um ihn zu mäßigen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span></p> - -<p>Der Gutsherr beobachtete den Verkehr der beiden jungen Leute ganz -genau. Es lag doch nicht so fern, anzunehmen, daß sich zwischen zwei so -jungen Menschen geistige und seelische Beziehungen anspinnen, wenn sie -so lange Zeit völlig aufeinander angewiesen sind. Er konnte aber nichts -weiter entdecken, als einen harmlosen, freundschaftlichen Verkehr, wie -zwischen zwei guten Kameraden. Daß Walter sich sehr zusammennahm und -beherrschte, um seine Gefühle nicht zu verraten, ahnte er nicht. Und -Minna verriet ebensowenig ein tieferes Gefühl für den jungen Menschen.</p> - -<p>Nach dem Abendbrot setzte sie sich mit einer feinen Handarbeit an -den runden Tisch unter der großen Hängelampe. Die geschäftlichen -Angelegenheiten und kleinen Fragen, die von der Wirtschaft aufgeworfen -wurden, waren bald durchgesprochen. Dann stand Walter auf, setzte sich -ans Klavier und spielte ohne Aufforderung. Oft begann Minna, wenn -er eine Pause machte, ein Volksliedchen zu singen, das von Walter -kunstvoll begleitet wurde.</p> - -<p>Eines Tages bereitete Braun, auf Minnas Anregung, seinem Zögling -eine große Freude. Er lud Walters Eltern zu einem Besuch für den -nächsten Sonntag ein. Sie kamen bei guter Zeit<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> schon am Vormittag. -Das Wetter war endlich umgeschlagen und hatte Tauwetter gebracht. Die -Märzsonne begann mit ihren Strahlen bereits den Schnee wegzuzehren. -Von den Dächern tropfte es. Gegen Abend, sobald die wärmende Kraft -des Tagesgestirns nachzulassen begann, verwandelten sich die Tropfen -zu langen Eiszapfen, die jeden Morgen abgeschlagen werden mußten, um -nicht beim Herabfallen Mensch oder Tier zu verletzen. Von den Kuppen -der Berge schwand der Schnee. Auf dem dunklen Acker trippelte die -Lerche umher und schwang sich im Sonnenschein zum Himmel empor, um den -Frühling, der noch weit im Süden weilte, ein Willkommen zuzurufen.</p> - -<p>Mit großer Freude begrüßte Walter die Eltern, deren Besuch ihm ganz -überraschend kam. Die Mutter hob er aus dem Schlitten und trug sie auf -seinen starken Armen ins Haus. Mit Stolz musterte der Forstmeister -seinen Jungen, der ihm frischer und kräftiger geworden zu sein schien. -Und er nahm noch vor Mittag Gelegenheit, seinen Lehrherrn zu befragen, -wie er mit ihm zufrieden wäre.</p> - -<p>Braun erteilte seinem Zögling ein volles Lob. Er sei durchaus -zuverlässig, diensteifrig und leiste<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> freiwillig mehr, als er -von ihm verlange. Ja, er habe das Gefühl, daß Walter mit seinem -Entschluß, Landwirt zu werden, das Richtige getroffen habe. Er führe -mit Liebe und Fleiß die ganzen Bücher des Gutes und studiere eifrig -landwirtschaftliche Lehrbücher. Der Forstmeister fühlte mit freudigem -Stolz, was das Lob aus dem Munde des ernsten Mannes bedeutete.</p> - -<p>Minna gab dem ganzen Tag ein freundliches Gepräge. Sie hatte den -Mittagstisch mit großem Geschmack gedeckt und ein Essen angerichtet, -das vor jeder Zunge mit Ehren bestehen mußte. Nach Tisch geleitete -sie die alte Dame in ein von der Sonne durchleuchtetes Zimmer, um sie -auf einer Liege zu einem Nickerchen zu betten. Die Männer blieben -noch bei einem Glas Rotwein und einer guten Zigarre am Tisch sitzen. -Der Forstmeister erzählte, was er aus Grindas Bericht wußte. Danach -unterlag es keinem Zweifel, daß die Russen in äußerst bedrohlicher -Weise gewaltige Truppenmassen an ihrer Westgrenze zusammenballten. Mit -Ingrimm sprach er es aus, daß die Reichsregierung diesen Nachrichten -kein Gewicht beizulegen schien. Als wenn es von uns allein abhinge, ob -der Friede erhalten werden sollte, oder nicht!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span></p> - -<p>Daran schloß sich ein Rundgang über den Hof und durch die Ställe. -Bald nach dem Kaffee wollten die Gäste aufbrechen, aber Minna bat -so gewinnend, ihnen auch noch den Abend zu schenken, daß sie sich -zum Bleiben bestimmen ließen. Im blauen Zimmer loderte ein helles -Kaminfeuer. Zu der in Ostpreußen sehr beliebten Zwischenmahlzeit, die -allgemein den komischen Namen „Schweine-Vesper“ führt, gab es ein Glas -Grog. Der Forstmeister sah mit Verwunderung, daß sein Sohn das zweite -Glas, das Minna ihm anbot, verschmähte.</p> - -<p>„Ist mein Junge immer so mäßig?“ fragte er lachend.</p> - -<p>„Ich kenne ihn nicht anders“, erwiderte Minna mit freundlichem Lächeln.</p> - -<p>Die Mutter beobachtete argwöhnisch den Verkehr der beiden jungen Leute. -Sie machte keine Ausnahme von all den Müttern, die einen erwachsenen -Sohn besitzen, die sich schon lange, noch bevor es Zeit ist, mit der -Auswahl einer zukünftigen Schwiegertochter beschäftigen. Sollte sich -zwischen den beiden jungen Menschen noch nichts angesponnen haben? -Das Mädel gefiel ihr mehr, als sie sich eingestehen mochte. Und sie<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> -fühlte, daß Minna für eine Liebelei kein Verständnis besaß. Desto -größer war die Gefahr, daß sich zwischen ihr und Walter eine ernsthafte -Neigung anbahnen konnte. Und das müßte ihr doch mißfallen, denn nach -allem, was man über Minna wußte, war sie ein ganz armes Mädchen.</p> - -<p>Das war in den Augen der alten Dame ein ganz unverzeihlicher Fehler, -denn Walter brauchte eine Frau mit Vermögen, wenn er nicht auf einer -kleinen Klitsche anfangen sollte. Aber so sehr sie auch mit allen -Sinnen beobachtete, sie konnte nichts entdecken, was auf ein geheimes -Einverständnis zwischen den beiden jungen Menschen hindeutete. Eher -das Gegenteil, denn solch ein harmloser, freundlicher Verkehr ist nur -möglich, wenn nicht einem oder beiden die Unbefangenheit durch geheime -Wünsche und Gefühle gestört wird.</p> - -<p>Sehr befriedigt fuhr das Ehepaar heim. Es war kein Kutscher mitgenommen -worden, so daß die beiden Altchen ungestört miteinander sprechen -konnten. Der Forstmeister berichtete jetzt erst seiner Gattin -ausführlich, welch ein hohes Lob Braun seinem Zögling erteilt hatte. -„Das war bis jetzt die größte Freude meines Lebens! Und weißt du, -Olsche, wem wir diese Wandlung zu danken<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> haben? Keinem anderen als dem -lieben, jungen Mädchen. Mir wurde ordentlich das alte Herz jung, als -ich sie so still und geräuschlos und doch so umsichtig und besorglich -walten sah.“</p> - -<p>„Ich glaube, du siehst in ihr schon unsere zukünftige Schwiegertochter.“</p> - -<p>„Na, Olsche, wäre das nicht ein Glück für den Jungen, solch ein liebes -Wesen zur Frau zu bekommen?“</p> - -<p>„An dem Wesen habe ich nichts auszusetzen.“</p> - -<p>„Aber?“</p> - -<p>„Sie hat doch nichts; sie wird von ihrem Bruder höchstens etwas -Aussteuer bekommen. Aber ich sehe keine Gefahr für unseren Jungen.“</p> - -<p>Walter bedankte sich noch, ehe er in sein Zimmer ging, für die -Einladung der Eltern. Lächelnd wies Braun auf seine Schwester. „Minna -hat den Gedanken angeregt, und ich habe es gern getan.“</p> - -<p>Mit stummem Blick reichte Walter dem jungen Mädchen die Hand.</p> - -<p>Er ahnte nicht, daß er seinen Vater zum letzten Male gesehen hatte. -Acht Tage später erhielt er von der Mutter die Nachricht, daß er ganz -plötzlich verstorben wäre. Gesund, ohne jede Beschwerde,<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> hatte er sich -abends zu Bett gelegt. Am anderen Morgen stand die Mutter leise auf und -schlich sich hinaus, um ihn, der anscheinend noch fest schlief, nicht -zu wecken.</p> - -<p>Es wurde acht, es wurde neun Uhr. Sie öffnete ein paarmal leise die Tür -und schaute ins Zimmer. Er schlief anscheinend immer noch. Schließlich -beschlich sie eine böse Ahnung. Sie trat ans Bett und berührte seine -Schultern. Und jetzt erst erkannte sie, daß er sanft, ohne seine -natürliche Stellung zu ändern, entschlafen war.</p> - -<p>Gleich, nachdem die Nachricht eingetroffen war, fuhr Walter nach -Hause. Er fand die Mutter fassungslos vor Schmerz. Sie machte sich -den Vorwurf, daß sie den Entschlafenen noch am Abend vorher mit ihrer -Sehnsucht nach dem Stadtleben geplagt hatte. Walter kam durch die -vielen Besorgungen, die er zu erledigen hatte, über den ersten heftigen -Schmerz hinweg, und es war ihm eine wehmütige Freude, von der Mutter zu -erfahren, daß der Vater sich noch so kurz vor seinem Tode über ihn und -das Lob, das Braun ihm gespendet, gefreut habe.</p> - -<p>Es war ein großes, stattliches Begräbnis. Sechs Grünröcke, die den -Forstmeister als einen<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> gerechten, gütigen Vorgesetzten verehrten, -trugen den Sarg. Über das offene Grab knatterten drei Salven. Der -Kirchhof lag vorn im Walde, zwischen uralten Kiefern und dazwischen -aufstrebenden Eichen, deren Wipfel ihm das Schlummerlied rauschten. Nun -schlief er im Walde, den er so geliebt hatte, daß er Beförderungen und -Ehrenzeichen ausschlug, um sich nicht von ihm trennen zu müssen.</p> - -<p>Einige Tage dauerte noch die Regelung der Geschäftsverhältnisse. Da -kein Testament vorhanden war, erbten Frau und Sohn zu gleichen Teilen. -Dabei erfuhr Walter, daß der Vater ein ziemlich erhebliches Vermögen -hinterlassen hatte. Die Mutter konnte und wollte noch bis zum nächsten -Quartal in der Oberförsterei wohnen bleiben. Denn die Regierung hatte -einen unverheirateten Forstassessor geschickt, der das Revier bis zur -endgültigen Neubesetzung der Stelle verwalten sollte. In der Zeit -wollte die Mutter sich für eine Mittelstadt im Reich entscheiden und -die Übersiedlung vorbereiten.</p> - -<p>Walter litt es nicht lange zu Hause. Die lauten Wehklagen der Mutter -störten ihm die eigene, tiefe Trauer um den Vater, für dessen<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> Wert -und Bedeutung er erst jetzt die richtige Schätzung gewonnen hatte. -Er sehnte sich auch nach Tätigkeit. Das Frühjahr war sehr schnell -gekommen. An den Südabhängen sprießten im Walde schon die bescheidenen -Leberblümchen. Hier und dort hob auch schon eine Anemone ihr weißes -Köpfchen. Noch einmal war Walter tagsüber durch den Wald gewandert, -hatte alle seine Lieblingsplätze besucht und mit freudiger Rührung -sich eingeprägt, was der Vater in seiner langen, gesegneten Tätigkeit -geschaffen hatte.</p> - -<p>Am schwersten fiel ihm der Abschied vom Elternhaus. Ach, es war ja -nicht mehr sein Elternhaus! Bald würden andere Menschen kommen, Fremde, -die es nach ihrem Willen und Geschmack einrichten würden. Einige -Geweihe und eine Anzahl der besten Gehörne gab ihm die Mutter zum -Andenken mit. Die anderen sollte er erst nach ihrem Tode erhalten.</p> - -<p>Als er nach Nonnenhof zurückkam, war aus dem heiteren Jüngling ein -ernster Mann geworden. Mit feinem Takt regte Minna ihn abends an, von -dem Begräbnis zu erzählen. Er tat es gern und lobte die Liebe und -Verehrung, die der Verstorbene sich in seinem Leben erworben hatte.<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> -Und dann kam er auf den Vater zu sprechen, der Zeit seines Lebens ein -frohmütiger Mann gewesen und als Weidmann und Forstwirt sich einen -guten Namen und ein ehrenhaftes Andenken geschaffen habe. Minna hörte -still zu, ohne ihn zu unterbrechen. Und doch las Walter in ihren -Augen und fühlte, wie von ihr eine mitleidsvolle Teilnahme zu ihm -herüberwallte.</p> - -<p>Am nächsten Morgen stand er schon vor Tagesgrauen auf und ging an -seine Arbeit. Die Saatzeit war angebrochen, und es gab sehr viel zu -tun. Walter war den ganzen Tag unermüdlich auf den Beinen und leistete -mehr, als selbst ein strenger Lehrherr verlangen konnte, so daß selbst -Braun ihm manchmal sagte, er dürfe sich nicht zu viel zumuten. Minna -umhegte ihn mit ganz besonderer Sorgfalt. Jetzt fand er täglich auf -dem Frühstückstisch ein Glas Wein eingegossen. Als er ihr über ihre -Verschwendung, wie er es nannte, freundliche Vorhaltungen machte, -erwiderte sie ruhig, das habe Friedrich angeordnet.</p> - -<p>Das Frühjahr, das so schnell gekommen war, hielt nicht, was es anfangs -versprach. Wochenlang wehte ein sturer Ostwind, der Kälte brachte. -Das Getreide, das im feuchten Acker stand, wollte<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> und wollte nicht -aufgehen. Und als sich die grünen Blattspitzen hervorwagten, da fanden -sie es auf der Erde so ungemütlich, daß sie keine Lust zeigten, freudig -emporzuwachsen. Erst Anfang Juni, als die Landwirte schon fast alle -Hoffnung auf eine, wenn auch nur mittlere Ernte, aufgegeben hatten, -schlug das Wetter um. Ein mäßiger Südwest brachte erst Wärme und dann -reichlichen Regen. Mit überraschender Schnelligkeit erholte sich das -Getreide. Auch die Wintersaat, die schon gelbe Spitzen zeigte, erholte -und bestockte sich. Mit besseren Hoffnungen gingen die Landwirte in den -Sommer hinein.</p> - -<p>Gleich nach der Heuernte, die ziemlich spärlich ausgefallen war, ging -Braun daran, eine alte Mergelgrube, die in seinem besten Weizenschlag -lag, zu beseitigen. Sie war wohl uralt, denn sie war mit Steinen -ausgefüllt, die man im Laufe der Zeit aus dem Acker ausgepflügt -hatte. Es waren Findlingsblöcke darunter, die erst gesprengt werden -mußten, ehe man sie wegschaffen konnte. Das war dem Gutsherrn nicht -unlieb, denn er gedachte daraus die Fundamente für einen neuen Stall -zu gewinnen. Tagelang hörte man im Gutshause das donnernde Krachen, -mit dem die Felsblöcke<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> zersprangen. In froher Laune sprach Braun beim -Kaffee von seinen Plänen, einen neuen massiven Stall zu bauen und seine -Viehhaltung zu vergrößern.</p> - -<p>„Walter, Sie können mal nachher hinausgehen und zusehen, ob die Leute -noch heute fertig werden.“</p> - -<p>Nach einer Weile besann er sich anders. „Aber nein, lassen Sie das, ich -werde selbst gehen; Sie haben ja noch auf dem Speicher zu tun.“</p> - -<p>Er nahm Mütze und Stock und ging aufs Feld. Als er nicht mehr weit -von der Mergelgrube entfernt war, krachte ein Sprengschuß. Er sah die -Arbeiter aufstehen und langsam auf die Grube zugehen.</p> - -<p>„Na, wie weit seit ihr denn?“ rief er sie an.</p> - -<p>„Noch einen Schuß, dann sind wir fertig, er ist schon geladen, aber -nicht losgegangen.“</p> - -<p>Das Wort war kaum gefallen, als der Schuß verspätet losging. In -Schrecken erstarrt standen die Arbeiter. Meist war ja die Ladung so -bemessen, daß sie den Block nur in mehrere große Stücke zerriß. Aber es -kam doch vor, daß der Stein weniger Widerstand leistete, und Brocken -bis zur Kopfgröße weit fortgeschleudert wurden.<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> Und diesmal schien die -Ladung viel zu stark gewesen zu sein, denn ein Hagel von scharfkantig -zerrissenen Sprengstücken sauste nach allen Seiten durch die Luft. Wie -durch ein Wunder entgingen die Arbeiter dem drohenden Verderben. Nur -einer sank lautlos um, der Gutsherr. Ein faustgroßer Stein hatte ihn in -die Schläfe getroffen.</p> - -<p>Walter kam gerade vom Speicher, als ein Arbeiter mit verstörtem Gesicht -auf den Hof stürmte.</p> - -<p>„Was ist los?“</p> - -<p>„Ach Gott, Herr Walter, der Herr ist tot!“</p> - -<p>Fassungslos faßte Walter den Mann an. „Was sagen Sie? Mensch, das ist -nicht wahr!“</p> - -<p>„Ja, ja, es ist schon wahr, ein Sprengstück hat ihn an den Kopf -getroffen.“</p> - -<p>Schnell ließ Walter zwei Wagen anspannen. Der eine sollte den Toten -hereinholen, der andere nach der Stadt zum Arzt fahren. Er ging -währenddessen ins Haus, um den Arzt durch den Fernsprecher anzurufen. -Die Tür zur Küche stand offen, Minna schäfferte am Herd und sang -dabei: „Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht“. Er mußte -die Zähne zusammenbeißen, um nicht vor Schmerz laut aufzuschreien. -Ahnungslos,<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> welch einen Schlag das Schicksal bereits nach ihr geführt -hatte, sang das lebensfrohe Mädchen, und draußen, nur wenige hundert -Schritte entfernt, lag der Bruder tot, an dem sie wie ein Vater -hing, der Mann, der ihre Stütze und Stab war. Eben hatte Walter die -Verbindung mit dem Arzt bekommen, als Minna ihm nachkam und ins Zimmer -trat. Er nahm alle seine Kraft zusammen und sagte dem Arzt, er habe -eben einen Wagen nach ihm geschickt. Er möchte sofort herauskommen, ein -Mann sei beim Steinsprengen verwundet worden.</p> - -<p>„Ach, Walter, das ist doch entsetzlich, wer ist es denn?“</p> - -<p>Da sah sie in sein schreckenbleiches Gesicht und wußte alles.</p> - -<p>„Friedrich!“, schrie sie auf. Die Hände sanken ihr schlaff herab, ein -jämmerliches Stöhnen rang sich aus ihrer Brust. Sie wäre umgefallen, -wenn Walter sie nicht umgefaßt und zum Stuhle geleitet hätte. Hilflos -legte sie ihren Kopf an seine Brust, als wollte sie dort Schutz suchen -gegen das grausame Leben und den noch grausameren Tod.</p> - -<p>„Fräulein Minna, fassen Sie sich“, bat er leise. „Minna, es ist doch -noch nicht gesagt, daß Friedrich tot ist.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span></p> - -<p>Sie schüttelte den Kopf und richtete sich auf. „Ich fühle es.“</p> - -<p>Mit einer unheimlichen, starren Ruhe stand sie auf und ging hinaus. -Er ging ihr nach, denn er befürchtete, daß sie unter dem tränenlosen -Schmerz zusammenbrechen könnte. Mechanisch nahm sie ein paar Handtücher -aus dem Schrank, holte eine Schüssel Wasser aus der Küche und stellte -sie auf die Diele. Jetzt kam der Wagen langsam herangerollt. Vier -Männer hoben den Toten herab und trugen ihn ins Haus. Als sie ihn auf -die Liege gebettet hatten, warf sich Minna über ihn und barg sein -Gesicht an ihre Brust. Und jetzt kamen ihr auch die erlösenden Tränen. -Leise schlichen die Männer hinaus. Langsam folgte ihnen Walter. Er -hatte seinen Lehrherrn auch lieb gehabt und verehrt. Aber sein tiefstes -Mitleid gehörte dem jungen Mädchen, über das so namenloses Unheil -hereingebrochen war.</p> - -<p>Als der Arzt kam, führte er ihn ins Haus. Gewohnheitsmäßig nahm der -alte Herr die Hand des Toten, um den Puls zu fühlen, obwohl der erste -Blick ihm schon gesagt hatte, das seine Kunst hier nicht mehr helfen -konnte.</p> - -<p>In ihrer stillen Art ordnete Minna alles an,<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> was solch ein Todesfall -nötig macht. Am Abend saßen die beiden jungen Leute sich wie immer im -Wohnzimmer gegenüber. Zaghaft fragte Walter: „Was meinen Sie, Fräulein -Minna, was jetzt hier werden soll?“</p> - -<p>„Ich habe die Schwester und den Bruder schon benachrichtigt, es -sind seine rechten Geschwister. Die werden zum Begräbnis kommen und -bestimmen, was geschehen soll. Ich denke, sie werden das Gut verkaufen, -und sich die Erbschaft teilen. Ich bin ja nur eine Stiefschwester von -Friedrich.“</p> - -<p>„Das ist gleich. Sie erben mit. Wollen Sie nicht das Gut übernehmen?“</p> - -<p>Sie sah ihn verwundert an. „Aber, Walter, das ist doch nicht Ihr Ernst?“</p> - -<p>„Jawohl, es ist mein völliger Ernst.“ Seine Stimme nahm einen weichen -Klang an. „Minna, vertrauen Sie mir! Ich bin zwar noch jung und -unerfahren als Landwirt, aber ich habe den redlichen guten Willen.“</p> - -<p>„Sie wollen für mich wirtschaften?“</p> - -<p>„Mit Ihnen,“ rief Walter mit gedämpfter Stimme, „mit Ihnen, Minna. Ich -habe soviel von meinem Vater geerbt, daß ich Nonnenhof übernehmen<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> -kann. Ich lasse Sie nicht schutzlos allein in die Welt gehen. Minna, -werden Sie meine Frau. Sie werden es nicht zu bereuen haben.“</p> - -<p>Eine tiefe Röte stieg in ihrem Gesicht empor. Aber sie sah den Mann, -der unter so seltsamen Umständen um sie warb, freundlich mit ihren -lieben Augen an und reichte ihm die Hand.</p> - -<p>„Ich vertraue Ihnen, Walter.“</p> - -<p>Mit starkem Druck fügten sich ihre Hände für eine Minute zusammen. Ihre -Blicke senkten sich ineinander. Das war ihr Verlöbnis.</p> - -<p>Am Abend des nächsten Tages kamen die Geschwister des Verstorbenen, -schlichte, biedere Menschen. Walter besprach mit ihnen, daß er das -Gut zu einem angemessenen Tagespreis übernehmen und Minna heiraten -wolle. Sie waren einverstanden, und auch damit, daß der Oberamtmann die -Schätzung vornehmen sollte.</p> - -<p>Am Tage nach dem Begräbnis stand Walter noch ein schwerer Weg bevor. Er -fuhr zu seiner Mutter. Sie nahm seine Mitteilung nicht unfreundlich, -aber mit einer Gleichgültigkeit auf, die ihn verletzte. Zögernd nur -brachte er seine Bitte vor, Minna für die paar Monate bis zur Hochzeit -bei sich aufnehmen zu wollen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span></p> - -<p>„Ich habe mit meinem eigenen Schmerz noch gerade genug zu tun“, -erwiderte sie ausweichend. „Mich stört es, daß das junge Mädchen am -offenen Grabe ihres Bruders an Verlobung und Hochzeit denken konnte.“</p> - -<p>„Mutter!“, rief Walter. „Das traurige Ereignis drängte mich zu einem -schnellen Entschluß. Ich liebe Minna und wollte sie nicht unter fremde -Leute gehen lassen. Sie wird dir eine liebe Tochter werden, wenn du sie -erst näher kennenlernst. Sie wird dir auch eine Stütze sein und dir die -Arbeit des Umzugs abnehmen.“</p> - -<p>„Du brauchst mich nicht damit zu locken,“ erwiderte jetzt die Mutter, -„es ist selbstverständlich, daß ich die Braut meines Sohnes an mein -Herz nehme. Wann bringst du sie mir?“</p> - -<p>„Übermorgen, wenn wir mit den Geschwistern den Vertrag abgeschlossen -haben.“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_15">15. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Adelheid begann in ihrem Eifer für die Wirtschaft nachzulassen. Sie war -der Meinung, daß sie davon schon genug gelernt hätte. Sie betätigte -sich nur noch beim Kochen, das ihr Vergnügen bereitete. Sie saß jetzt -wieder stundenlang am Klavier, spielte und sang. Gegen Abend ging sie -in den Park spazieren. Sie hatte ein Plätzchen gefunden, wo sie mit -Vorliebe saß und beim Genuß einer Zigarette träumte.</p> - -<p>Und das Plätzchen war dazu wie geschaffen. Von einer niedrigen -Rasenbank sah man durch eine Lichtung des Parkes weit ins Land hinaus. -Tief unten im Tal leuchtete die stille Oberfläche des Sees, auf der -sich alle Farben des Abendhimmels widerspiegelten. Auf dem anderen -Ufer stieg ein Berg hoch auf, der auf seinem breiten Rücken tiefdunkle -Fichten und Kiefern trug. Dicht davor lag einsam ein Gehöft. Beim -Dunkelwerden erhellte sich ein Fenster, dessen Schimmer wie ein -schmales goldenes Band auf dem Seespiegel lag .... Gedämpft erklang das -unermüdliche Schnarren der<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> Rohrsänger und das Schmettern der wilden -Enten herüber. Sanft strich der Abendwind durch die Kronen der uralten -Eichen und Buchen, die das Plätzchen umgaben, und ließ sie flüstern und -seufzen.</p> - -<p>Viktor hatte allmählich Interesse für den schönen Gast seiner -Gutsherrin gefaßt und begann, es zu bekunden. Vorsichtigerweise hatte -er sich bei Frau Olga mit der Bitte strengster Verschwiegenheit danach -erkundigt, ob ihre Freundin nicht etwa gebunden sei.</p> - -<p>„Ich glaube, Ihnen mit Bestimmtheit versichern zu können,“ hatte sie -erwidert, „daß Herz und Hand meiner Freundin noch völlig frei sind.“</p> - -<p>„Und glauben Sie, gnädige Frau, daß ich mit einiger Hoffnung auf Erfolg -mich um das gnädige Fräulein bewerben könnte?“</p> - -<p>Mit feinem Lächeln erwiderte Frau Olga: „Aber, Herr Oberleutnant, haben -Sie so wenig Selbstbewußtsein?“</p> - -<p>Etwas verlegen gab Viktor zur Antwort: „Ich wollte eigentlich fragen, -ob sich das gnädige Fräulein zu einem dauernden Landaufenthalt, zu dem -Leben einer Gutsfrau wird entschließen können?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p> - -<p>Frau Olga lächelte. „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Das müssen Sie -schon bei geeigneter Gelegenheit von ihr selbst zu erfahren suchen. -Aber ich halte ihr bei uns erwachtes Interesse für die Wirtschaft und -ihre eifrigen Kochstudien für ein gutes Zeichen, das Sie vielleicht -sogar auf Ihre Person zurückführen dürfen.“</p> - -<p>„Meinen herzlichen Dank, gnädige Frau.“ Seitdem begann Viktor, Adelheid -den Hof zu machen.</p> - -<p>Frau Olga hatte das Gespräch natürlich sofort ihrer Freundin erzählt -und die Mahnung hinzugefügt, dem Bewerber unauffällig entgegenzukommen. -Adelheid nahm die Mitteilung schweigend entgegen und gab durch nichts -zu erkennen, ob sie ihr willkommen war oder nicht.</p> - -<p>Sie war in einen argen Zwiespalt mit sich geraten. Wie der Zugvogel -im Herbst von einem unbezwinglichen Sehnen nach dem Süden getrieben -wird, verlangte ihre Seele aus der Stille und Langeweile der ländlichen -Einsamkeit heraus in die rauschenden Vergnügungen eines modernen -Seebades, in dem sie sonst zu weilen pflegte. Voll Sehnsucht dachte sie -an die Segelpartien, an das Tennisspiel, in dem sie eine anerkannte -Meisterin<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> war, an das Menschengewühl auf dem Korso, an die Nächte im -feenhaft erleuchteten Kursaal, wenn sie am Arm eines flotten Tänzers -von dem Rhythmus der Musik beschwingt über das Parkett flog ....</p> - -<p>Ihr Herz sehnte sich danach ... und ihr graute, wenn sie daran dachte, -daß sie für alle Zukunft auf diese Genüsse verzichten müsse, um ein -nüchternes, langweiliges Leben als Gutsfrau zu führen, mit all den -Pflichten, die sie zur Genüge kennengelernt hatte. Ja, wenn eine -große, heiße Liebe sie mit zwingender Kraft dazu treiben würde, dem -Mann ihrer Wahl in dies Leben zu folgen! Doch davon war keine Rede. -Die Persönlichkeit Viktors ließ sie völlig kalt, obwohl er doch ein -frischer, stattlicher Mann war und wenig älter als sie. Selbst in -Gedanken vermochte sie nicht ein wärmeres Gefühl für ihn aufzubringen. -Nur vom Verstand geleitet, aus kalter, nüchterner Überlegung heraus, -sollte sie ohne Liebe in eine Ehe treten?</p> - -<p>Ihr ganzes Wesen sträubte sich dagegen, denn alles, was bisher ihrem -Leben Inhalt und Form gegeben hatte, sollte sie verlieren, nein, aus -freien Stücken hinter sich werfen. Sie zweifelte daran,<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> und wohl mit -Recht, ob sie die Kraft dazu aufbringen würde. Ja, vielleicht zu dem -ersten Entschluß. Aber wenn sie dann, gebunden durch die Ehefessel, -das Leben auf dem Lande nicht mehr ertrug, wenn die Sehnsucht nach der -großen Welt in ihr übermächtig wurde, was dann?</p> - -<p>Unter dem Zwange dieser Gedanken, die ihre Seele aufwühlten, wurde sie -launisch und widerspruchsvoll in ihrem Benehmen. Einen Tag unterhielt -sie sich liebenswürdig mit Viktor und ihr ganzes Wesen strahlte eine -hinreißende Anmut aus. Am anderen Tage war sie mißgestimmt, sah -gleichgültig, ja blasiert aus und machte den Mund nicht auf. Das -Ehepaar konnte sich den häufigen und jähen Wechsel ihrer Stimmungen -erklären, denn Adelheid hatte in einer schwachen Stunde die Zweifel -und Bedenken eingestanden, von denen sie gequält wurde. Einen Rat -zu erteilen, lehnte Frau Olga ab. „Du bist alt genug, um über deine -Zukunft allein entscheiden zu können. Ich möchte dich nur vor einem -leichtfertigen Spiel mit Sawerski warnen. Willst du seine Bewerbung -ausschlagen, dann sage es mir, aber bald, damit ich ihm einen Wink -geben kann, sich nicht unnütz zu bemühen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span></p> - -<p>Die Nebenperson in diesem Spiel, Franz, hatte sich in eine -Entsagungsfreudigkeit hineingearbeitet. Die Hoffnungslosigkeit seiner -Leidenschaft war ihm voll zum Bewußtsein gekommen, und mit großer -Energie bemühte er sich, den sehnsüchtigen Gedanken keinen Raum und -keinen Einfluß zu geben. Rückfälle blieben jedoch nicht aus, und manche -Nacht wälzte er sich schlaflos auf seinem Lager. Und dieser Kampf ging -an ihm nicht spurlos vorüber. Er sah elend aus und schlich umher wie -ein müder Mann. Am Sonntag ging er zu Mittag ins Herrenhaus. Am Abend -blieb er unter einer Entschuldigung in seinem Zimmer. Dann suchte Kolbe -ihn auf, der unter Langeweile litt. Auch ihm war eine Schwärmerei für -das schöne Fräulein angeflogen, und er sprach in den höchsten Tönen der -Bewunderung von der Walküre. Franz hörte schweigend zu, obwohl er am -liebsten den Burschen durchgeprügelt und hinausgeworfen hätte.</p> - -<p>Eines Abends war Franz dem Geschwätz seines Leidensgefährten entflohen -und in den Park gegangen. Ohne Ziel und Zweck wanderte er in den Gängen -umher, er wollte nur allein sein. Es war ein wunderbar schöner Abend, -der schon in die<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> Nacht überging. Der Vollmond stand groß und klar am -wolkenlosen Himmel. Sein Licht floß in breiten Wellen, die wie helle -Balken in der Dunkelheit standen, zwischen den Stämmen hindurch. In -Gedanken tief versunken schritt Franz weiter. Plötzlich erschrak er -und hemmte den Fuß. Da saß auf der niedrigen Rasenbank eine lichte -Gestalt. Adelheid. Sie hatte sich zurückgelehnt, ihr Kopf lag an einem -Stamm, ihre Augen waren geschlossen ... aber trotzdem fühlte sie die -Nähe eines Menschen. Sie schlug die Augen auf. Als sie Franz erkannte, -nickte sie ihm freundlich zu. „Ach, Sie sind es, Franz.“</p> - -<p>„Ich bitte um Entschuldigung, gnädiges Fräulein, ich hatte keine -Ahnung, daß Sie hier sind. Ich will, Sie nicht stören ....“</p> - -<p>„Sie können ruhig hier bleiben und sich neben mich setzen. Was raubt -Ihnen die Ruhe?“</p> - -<p>Ehe sie sich’s versah, lag Franz vor ihr auf den Knien, ergriff ihre -beiden im Schoß gefalteten Hände und bedeckte sie mit glühenden Küssen. -„Ich liebe Sie, ich bete Sie an ... ich kann nicht leben ohne Sie.“</p> - -<p>Der Schreck lähmte sie so, daß sie kein Wort hervorbringen konnte. Im -nächsten Augenblick<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> saß er neben ihr, schlang den Arm um sie, preßte -sie an seine Brust und bedeckte nicht nur ihren Mund, sondern auch ihre -Augen mit heißen Küssen. „Nur einmal mich sattrinken an deinem Mund, -sonst verdurste ich“, keuchte er in höchster Erregung. Einen Augenblick -lag sie willenlos in seinem Arm. Ein Gefühl, das ihren Willen lähmte, -durchwogte sie und beschwor eine Erinnerung herauf. Vor vielen Jahren, -als sie noch sehr jung war, hatte sie auch einmal in dem Arm eines -starken Jünglings gelegen. Es war das höchste Glück ihres Lebens -gewesen, aber hatte ihr die größte, bitterste Enttäuschung gebracht.</p> - -<p>Endlich gewann sie die Herrschaft über ihren Willen zurück und richtete -sich auf. „Franz, Sie sind ein großes Kind. Wie können Sie mich so -überfallen und beleidigen?“</p> - -<p>Wieder sank er vor ihr auf die Knie und küßte ihre Hände, die sie ihm -überließ. „Können Sie mir verzeihen? Ich war von Sinnen ... meine Liebe -raubt mir den Verstand.“</p> - -<p>Sie lächelte und legte ihm eine Hand auf sein lockiges Haar. „Das ist -auch die einzige Entschuldigung für Sie ... und für mich“, fügte sie -leiser hinzu. „Aber nun stehen Sie auf und setzen Sie sich<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> ruhig neben -mich. Sie werden jetzt ganz brav sein, nicht wahr?“ ...</p> - -<p>„Ja, gnädiges Fräulein, ich bitte nochmals um Verzeihung.“</p> - -<p>„Denken Sie nur, wenn jemand uns dabei belauscht hätte ... oder wenn -ich laut um Hilfe gerufen hätte ... Ich habe nur Ihretwegen mir -stillschweigend Ihre wahnsinnigen Gefühlsausbrüche gefallen lassen. Und -ich werde auch weiter darüber schweigen. Sonst müßten Sie unweigerlich -aus dem Hause. Sehen Sie das ein?“</p> - -<p>„Ja, Fräulein Adelheid, ich bereue tief, was ich getan habe ... aber -... können Sie mich wirklich nicht ein bißchen lieb haben? Ich bin ja -soviel jünger als sie, aber ich kann Ihnen dasselbe bieten wie Herr von -Sawerski. Und ich würde Sie auf den Händen tragen ....“</p> - -<p>Sie lächelte. „Sie haben recht, mein Junge, mich an mein Alter zu -erinnern. Ich bin 28 Jahre. In zehn Jahren bin ich eine verblühte Frau -...“</p> - -<p>„Ich werde in Ihnen stets das schönste Wesen sehen, das es auf der Erde -gibt.“</p> - -<p>„Das sagen Sie so in dem jugendlichen Überschwang Ihrer Gefühle. Nein, -Franz, ich muß für uns beide vernünftig sein. Ich kann Ihren Wunsch<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> -nicht erfüllen, selbst wenn ich mich in Sie verlieben würde, was nicht -der Fall ist. Sie sind ein lieber, prächtiger Mensch, und die Tatsache, -daß Sie mir Ihr Herz geschenkt haben, wird mir stets eine liebe -Erinnerung bleiben. Sie müssen und werden das überwinden. Und nach -Jahr und Tag werden Sie ein reines Mädchen finden, das Ihr Herz mit -neuer Liebe erfüllen wird. Ich habe mich schon lange mit dem Gedanken -getragen, abzureisen. Jetzt ist es für mich zur Notwendigkeit geworden. -Ich reise morgen weg ....“</p> - -<p>Mit einem verzweifelten, ganz entstellten Gesicht, rief Franz aus: „Sie -wollen morgen abreisen? Das ertrag’ ich nicht ....“</p> - -<p>„Mein lieber, junger Freund, Sie wissen noch nicht, wieviel ein Herz -tragen und erdulden kann, ohne zu brechen. Doch nun muß ich gehen. -Leben Sie wohl. Nein, Sie dürfen mich nicht begleiten.“</p> - -<p>Sie stand auf und reichte ihm die Hand. Als sie in seine todtraurigen -und doch so flehentlich bettelnden Augen sah, überkam sie es wie -Mitleid mit dieser heißliebenden Jünglingsseele. Und sie beugte sich -nieder, um einen Kuß auf seine Stirn zu hauchen. Da sprang er auf, warf -seine Arme um sie und küßte sie noch einmal stürmisch und<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> heiß mit -allem Ungestüm seiner kraftvollen Jugend ....</p> - -<p>Doch schon nach einem kurzen Augenblick gab er sie frei und sank wie -vernichtet auf die Bank zurück. Sie floh wie ein gehetztes Reh bis ins -Dunkel der Gebüsche. Dort blieb sie atemlos stehen und sah zurück. Sie -sah, wie er die Hände vors Gesicht schlug, wie sein Körper von einem -unhörbaren Schluchzen erschüttert wurde. Ein tiefes Mitleid quoll -in ihr auf, nicht nur mit dem armen Jungen, der da so nahe bei ihr -saß, daß sie ihn mit wenigen Schritten erreichen konnte, und mit dem -tiefsten Leid seines Lebens rang, sondern auch mit sich selbst. War das -Schicksal nicht grausam gegen sie? Es schenkte ihr ein reines Herz, -das mit einer reinen, heiligen Liebe für sie schlug, und sie durfte es -nicht an sich nehmen, sie mußte es zurückweisen und ihm eine tiefe, -schwere Wunde schlagen.</p> - -<p>Ihr Busen wogte, ihr Herz klopfte stürmisch. Wirre Gedanken jagten -durch ihren Kopf. Was hinderte sie, sich dies Herz zu nehmen? Verdiente -diese Liebe nicht, belohnt zu werden? Sie fühlte: wenn er jetzt ihren -Namen rief und seine Arme sehnsüchtig nach ihr ausstreckte, dann würde -sie wie von einer magischen Gewalt gezogen, zu ihm<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> zurückkehren, -um sich in seine Arme zu werfen und seine heißen Küsse tausendfach -zurückzugeben ....</p> - -<p>Sie erschrak vor sich selbst ... sie floh vor sich und ihren Gedanken. -Erst nach einer Weile wurde sie ruhiger und mäßigte ihren Schritt. Und -blieb stehen und lauschte, ob er ihr nicht folgte. Aber es war nicht -Angst, sondern ein heißer Wunsch, der sie zwang, stehen zu bleiben ....</p> - -<p>Stundenlang saß Franz auf der Bank. Dumpfe Verzweiflung rang mit der -Erinnerung an die kurzen Minuten des höchsten Glücks. Jedes Wort, das -sie zu ihm gesprochen, haftete unauslöschlich in seinem Gedächtnis. -Erst nach Mitternacht, als der helle Schein am Himmel, der das -verschwundene Tagesgestirn über dem Horizont begleitete, über Norden -nach Osten zu rücken begann, erhob er sich und schlich, müde, an allen -Gliedern wie zerschlagen, in sein Zimmer zurück, wo er sich angekleidet -auf die Liege warf.</p> - -<p>Die Ankündigung ihrer Abreise rief, wie Adelheid erwartet hatte, -großes Erstaunen hervor. Ihrer Freundin erklärte sie kurz, sie habe -sich erst jetzt an ein Versprechen erinnert, mit einer befreundeten -Familie in Westerland zusammenzutreffen<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> und möchte nicht wortbrüchig -werden. Frau Olga gab sich damit zufrieden und fragte nicht. Sie nahm -an, daß Adelheid der Bewerbung Sawerskis ein schnelles Ende bereiten -wollte. Den richtigen Grund, daß ihre Freundin vor sich selber floh, -erriet sie nicht. Und doch war es so. In einer Stimmung, die sich nicht -abschütteln ließ, hatte Adelheid die Nacht zugebracht .... Es war kein -klarer Gedanke ... sie fühlte nur, wenn sie hier bliebe, dann würde sie -Abend für Abend nach der Bank gehen und dort voll Sehnsucht warten .... -Und wenn er kam und sie in seine stahlharten Arme nahm, deren Druck sie -noch zu fühlen glaubte, dann ... ja dann .... Weiter wagte sie nicht zu -denken ....</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_16">16. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Auf Viktor von Sawerski machte Adelheids plötzliche Abreise einen -tiefen Eindruck. Er hatte ein tiefergehendes Interesse für sie gefaßt -und sich mit dem Gedanken getragen, sich ernsthaft um sie zu bewerben. -An einen Mißerfolg seiner Bewerbung glaubte er nicht. Er bildete sich -sogar ein, das gnädige Fräulein würde nach seiner dargebotenen Hand wie -nach dem Rettungsanker greifen. Er war doch nach landläufigen Begriffen -eine „gute Partie“. Außerdem bildete er sich auf seinen Stand, sein -Vermögen und letzten Endes auch auf seine Persönlichkeit nicht wenig -ein.</p> - -<p>Die verletzte Eitelkeit verführte ihn zu ähnlichen Gedankengängen wie -den Fuchs, dem die Trauben zu sauer werden.</p> - -<p>Er konnte doch, wenn er nur wollte, ein junges, kristallklares, reines, -junges Mädchen mit Vermögen zur Frau bekommen. Ob diese junge Dame in -der großen Welt, in der sie lebte, immer ganz „stubenrein“ geblieben -war, wie er sich in Gedanken<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> ausdrückte, war doch nicht ganz sicher, -und Vermögen hatte sie auch nicht ....</p> - -<p>Hans Kolbe hatte sich in den letzten Wochen an ihn herangepürscht, -hauptsächlich der guten Zigaretten und Schnäpse wegen, die Viktor -freigebig spendierte. Und bei den Gedanken, die ihn plagten, ließ er -sich öfter die Gesellschaft des Jungen, der so dummdreist, aber mit -einer gewissen Bosheit über alles „klöhnte“, gefallen.</p> - -<p>Eines Abends kam Hans auf die vermutliche Ursache von Adelheids -plötzlicher Abreise zu sprechen. „Da ist nicht alles in Ordnung“, -meinte er mit verschmitzter Miene. „Ich weiß von Minna, dem ersten -Stubenmädchen, daß das gnädige Fräulein am Abend vor ihrer Abreise noch -spät in den Park gegangen ist.“</p> - -<p>„Das ist dummes Getratsch von Dienstboten. Sie dürfen so was nicht -nachsprechen, Kolbe. Denn es ist ausgeschlossen, daß Sie die Dame nach -irgendeiner Richtung verdächtigen wollen ....“</p> - -<p>Hans zuckte die Achseln mit diplomatischer Miene. „Ich weiß nicht, Herr -Oberleutnant, weshalb Sie sich gerade für das gnädige Fräulein ins Zeug -legen wollen. Sie hat Sie doch in unbegreiflicher Weise ... na, wie -soll ich mich gleich<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> ausdrücken ... auf den Pfropfen gesetzt. Einen -adligen Herrn, Offizier, reich, verschmäht sie und zieht Ihnen einen -dummen, grünen Jungen vor.“</p> - -<p>„Was sagen Sie da?“, fuhr Viktor auf. „Kolbe, sehen Sie nach Ihren -Worten.“</p> - -<p>„Ich meine doch bloß, daß sie beim Saatfest weder Sie noch mich, -sondern nur den Franz aufgefordert und mit ihm sechs- oder siebenmal -rumgetanzt hat. Daß sie mich nicht aufgefordert hat, das war eigentlich -selbstverständlich, daß sie aber auch Sie nicht zum Tanz bei der -Damenwahl geholt hat, das fand ich zum mindesten eigentümlich. Mich hat -es geärgert.“</p> - -<p>Als Viktor schwieg, fuhr er nach einer kleinen Pause mutiger fort: „Und -es ist doch ein eigentümliches Zusammentreffen, daß Franz an demselben -Abend, wo das Fräulein so lange im Park war, erst nach Mitternacht nach -Hause gekommen ist. Ich habe das mit der Uhr in der Hand festgestellt. -Und dann habe ich gehört, wie er sich in den Kleidern aufs Bett -geworfen, umhergewälzt und gestöhnt hat.“</p> - -<p>„Ist das Tatsache, was Sie da erzählen?“, fuhr es Viktor heftig heraus.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span></p> - -<p>„Aber, Herr Oberleutnant, ich werde Ihnen doch nichts vorlügen“, -erwiderte Kolbe mit gekränkter Miene. „Ich habe im ersten Augenblick -gedacht, daß Franz, der bisher immer ein Tugendbold gewesen ist, -irgendwo in ein Kammerfenster gestiegen war. Aber dann hätte er doch -nicht so jammervoll gestöhnt .... Und wie ich nachher von Minna hörte, -daß das gnädige Fräulein auch so spät im Park gewesen ist, da habe ich -mir doch meine Gedanken gemacht.“</p> - -<p>„Ach, das ist ja Unsinn. Und Sie tun gut, nicht darüber zu sprechen.“</p> - -<p>„Ich habe es ja auch nur dem Herrn Oberleutnant erzählt. Wissen Sie, -Herr von Sawerski, was ich meine? Er ist zu ihr frech geworden und ist -abgeblitzt. Man weiß ja, daß junge Damen in reiferen Jahren manchmal -eine gewisse Vorliebe für so grüne Jungen zeigen.“</p> - -<p>„Schämen Sie sich, Kolbe, Sie sprechen von einer Freundin der gnädigen -Frau ....“</p> - -<p>„Na, meinen Sie, Herr Oberleutnant, daß die gnädige Frau für ihre -Freundin die Hand ins Feuer legen wird? Ich habe es ja auch gesagt: ich -meine, daß der Franz bei ihr schlecht angelaufen ist, denn im anderen -Falle hätte er doch nicht so<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> verzweifelt gestöhnt. Ich höre durch die -dünne Wand auch das leiseste Geräusch.“</p> - -<p>Viktor stand auf und goß Kolbe und sich ein Glas Kognak ein. „So, nun -setzen Sie mal auf Ihre Phantasie noch einen Dämpfer und gehen Sie -schlafen. Aber ich bitte mir aus, daß Sie keinem Menschen eine Silbe -von Ihren Mutmaßungen verraten.“</p> - -<p>Viktor hatten die hämischen Verdächtigungen Kolbes gegen Adelheid -heftiger erregt, als er dem jungen Menschen gezeigt hatte. Er ging in -seiner Stube auf und ab und quälte sich mit schweren Gedanken. Er hatte -schon mit dem Entschluß gerungen, sich von der gnädigen Frau Adelheids -Adresse geben zu lassen und ihr schriftlich seine Hand anzutragen. -Das würde er ja nun bleiben lassen. Daß Franz, der grüne Junge, wie -ihn Kolbe genannt hatte, in Adelheid heftig verliebt war, konnte man -getrost als offenes Geheimnis des ganzen Hofes bezeichnen. Aber daß -diese feine, junge Dame, die schon jahrelang in den höchsten Kreisen -lebte und sozusagen mit allen Hunden gehetzt war, sich mit solch einem -grünen Jungen einlassen könnte, erschien ihm undenkbar. Vielleicht -hatte sie mit ihm gespielt, weil sie ihn für ungefährlich<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> hielt. Da -war er frech geworden, wie Kolbe sich ausgedrückt hatte, und sie hatte -ihn abblitzen lassen. Aber schon die Tatsache, daß sie stundenlang -mit dem Bengel allein nachts im Park geblieben war, drückte ihm einen -Stachel ins Herz.</p> - -<p>Er goß sich ein Glas Kognak ein, ein zweites und drittes. Er wollte -sich betäuben, um von seinen Gedanken loszukommen Es half nichts. Je -mehr er trank, desto heftiger wurde sein Groll gegen Franz. Die Worte -aus „Kabale und Liebe“, das er im letzten Winter in Berlin gesehen -hatte, fielen ihm ein: „Wenn du genossest, wo ich anbetete“. Er lachte -schrill auf. War es denn undenkbar? War es denn bewiesen, daß diese -nächtliche Zusammenkunft im Park die erste gewesen war? Dann hatte -sie aus Klugheit dem Idyll ein Ende bereitet und war Hals über Kopf -abgereist, und der Jüngling hatte im Trennungsschmerz gestöhnt ....</p> - -<p>Nach einer schlecht verbrachten Nacht stand er morgens übel gelaunt -auf, zog sich an und trat vor die Tür. Franz kam schon aus der Molkerei -zurück. Mit gesenktem Kopf, vornüber gebeugt, wie ein müder Greis, kam -er angegangen. Über diese Haltung, die so deutlich die Seelenstimmung -des jungen Menschen widerspiegelte, geriet Viktor in<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span> Wut. Er sah darin -den Beweis für alles, was Kolbe ihm erzählt, was er selbst während der -Nacht mit Ingrimm und Verzweiflung überdacht und durchgekämpft hatte. -Ein heftiges Verlangen, diesen jungen Menschen, der sein glücklicher -Rivale war, während er darbte, zu demütigen, auch, wenn’s sein konnte, -zu vernichten, stieg in ihm auf. Er rief ihn an:</p> - -<p>„Sie, Franz, gehen Sie mal in den Stall und sehen Sie zu, was der Kerl -von Reitknecht solange macht. Er soll mir mein Pferd vorführen.“ Er -hatte absichtlich in schnarrendem Befehlston gesprochen.</p> - -<p>Franz sah ganz verdutzt auf. Eine tiefe Röte stieg in sein Gesicht. -Aber er erwiderte mit ruhiger Stimme: „Herr von Sawerski, ich habe -keine Befehle von Ihnen zu empfangen.“</p> - -<p>„Was? Sie Lümmel wollen nicht gehorchen?“</p> - -<p>„Herr von Sawerski, das ist eine schwere Beleidigung. Sie werden mir -dafür Genugtuung zu geben haben.“</p> - -<p>„Ja, ein paar Ohrfeigen können Sie kriegen.“</p> - -<p>In demselben Augenblick erhielt er von Franz eine so heftige Tachtel, -daß auf der rot angelaufenen Backe die fünf Finger sich abzeichneten. -Besinnungslos<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> vor Wut hob Viktor die Reitpeitsche. Ehe aber der -Hieb niederfiel, hatte Franz sie ihm aus der Hand gerissen und -fortgeschleudert: „Sie wollen sich wohl noch eine Tracht Prügel -verdienen?“</p> - -<p>Ohne sich auch nur nach ihm umzusehen, ging der junge Mann an Viktor -vorbei in die Tür und in sein Zimmer. Ohne sonderliche Erregung -setzte er sich an den Tisch und schrieb das Erlebnis mit den dabei -gefallenen Worten wahrheitsgetreu nieder. Eine Stunde später ging er -ins Herrenhaus und ließ sich beim Herrn Oberamtmann, der stets auf war, -wenn die Glocke zur Arbeit rief, melden.</p> - -<p>„Was bringen Sie, Franz? Sie machen ja ein so feierliches Gesicht.“</p> - -<p>„Ich habe einen heftigen Zusammenstoß mit Herrn von Sawerski gehabt.“</p> - -<p>„Das ist doch eine ausgemachte Dummheit.“</p> - -<p>„Aber nicht von mir, Herr Oberamtmann.“</p> - -<p>„Na, dann erzählen Sie, aber halten Sie sich streng an die Wahrheit.“</p> - -<p>Franz sah ihn groß an und erwiderte ruhig, aber fest: „Dieser Mahnung -bedarf es bei mir<span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span> nicht, Herr Oberamtmann. Außerdem hat der Herr -Oberinspektor aus nächster Nähe den Vorfall mitangesehen. Ich habe ihn -sofort zu Papier gebracht.“</p> - -<p>Er reichte ihm das Blatt. Der Gutsherr las. Sein Gesicht verfinsterte -sich. Er schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. „Das ist ja -unerhört!“</p> - -<p>„Jawohl, Herr Oberamtmann. Ich habe in völlig ruhigem Ton, ohne die -Stimme zu erheben, von Herrn von Sawerski Genugtuung verlangt. Er -antwortete mir mit einer zweiten, noch schwereren Beleidigung. Da habe -ich ihm die zweite Beleidigung in der einzig mir richtig erscheinenden -Weise abgegolten.“</p> - -<p>„Wissen Sie auch, was der Vorfall für Folgen haben kann?“</p> - -<p>„Ich wüßte nicht, Herr Oberamtmann.“</p> - -<p>„Herr von Sawerski muß Sie auf die schwersten Bedingungen fordern.“</p> - -<p>„Bedauere sehr,“ erwiderte Franz, „der Herr Oberleutnant hat mir schon -die Genugtuung verweigert, die er mir nach der ersten Beleidigung -schuldig war.“</p> - -<p>„Sind Sie so bewandert im Ehrenkodex?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span></p> - -<p>„Das sagt mir mein Gefühl. Ich muß Herrn Oberamtmann anheimstellen, wie -er darüber urteilt.“</p> - -<p>Der Gutsherr brummte etwas in seinen Bart, was nicht zu verstehen war. -Dann fragte er: „Also Sie wollen die Regelung der Angelegenheit in -meine Hand legen?“</p> - -<p>„Ich möchte darum bitten.“</p> - -<p>„Nun gut. Jetzt gehen Sie ruhig an Ihre Arbeit. Wenn jemand im Auftrage -des Herrn von Sawerski mit einer Forderung an Sie herantritt, dann -lassen Sie es mich wissen, ehe Sie sich entscheiden. Oder besser, Sie -schicken den Herrn zu mir.“</p> - -<p>„Ich danke, Herr Oberamtmann.“</p> - -<p>Kurz darauf ertönte das Klingelzeichen, das den Gutsherrn zum -Frühstückstisch rief. Er suchte sich zu beherrschen, aber seine Gattin -sah ihm sofort an, daß etwas in ihm wühlte. „Was fehlt dir, Konrad?“</p> - -<p>„Mir fehlt gar nichts, im Gegenteil, ich habe etwas zu viel. Hier diese -üble Neuigkeit.“ Er reichte ihr das von Franz beschriebene Blatt.</p> - -<p>Frau Olga überflog es und schüttelte den Kopf. „Das ist eine sehr -unangenehme Geschichte.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span></p> - -<p>„Jawohl, und ich zerbreche mir den Kopf, woher diese Feindschaft -zwischen den beiden stammt.“</p> - -<p>„Die Feindschaft scheint nur auf Sawerski’s Seite zu sein, und ich -glaube, dir auch die Erklärung dafür geben zu können. Unter den Mädchen -in der Küche und auf dem Hofe geht das Gerede ... die Mamsell hat sich -verpflichtet gefühlt, es mir zu erzählen ..., daß Adelheid am Abend vor -ihrer Abreise lange im Park gewesen ist, und Kolbe gibt seinen Senf -dazu und erzählt überall herum, daß Franz in derselben Nacht erst um -zwölf nach Hause gekommen ist.“</p> - -<p>Der Gutsherr stieß einen lauten Pfiff aus. „Und der Klatsch bringt die -beiden zusammen.“</p> - -<p>Frau Olga nickte. „Sawerski hat es natürlich auch gehört. Dafür -wird Kolbe schon gesorgt haben. Er ist noch nachträglich auf Franz -eifersüchtig geworden und hat ihn brüskiert. Daß die Sache so übel für -ihn ablaufen würde, hat er wohl nicht gedacht. Was wirst du jetzt tun?“</p> - -<p>„Was ich muß. Frag’ nicht weiter, liebe Frau, das sind Männersachen, -über die ich nicht sprechen darf. Um jedoch auf besagten Hammel -zurückzukommen: Ich halte es durchaus für möglich, daß Adelheid mit dem -frischen Jungen geflirtet<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> hat. Gebildte Lüd’ drapen sich, säd de Vos, -da ging hei mit de Gaus spaziere.“</p> - -<p>Frau Olga lächelte. „Aber Konrad, das Sprichwort hinkt ja auf beiden -Seiten.“</p> - -<p>„Na, dann will ich einen anderen Vergleich wählen. Das war ein falscher -Kontakt, der Kurzschluß herbeiführte.“</p> - -<p>„Du bist ein arger Spötter, lieber Mann.“</p> - -<p>„Und du bist eine liebevolle Freundin, klug wie eine Taube und ohne -Falsch wie die Schlange. Gehab dich wohl, teures Weib, mich ruft die -Pflicht.“</p> - -<p>Er ging in sein Zimmer, ließ den Oberinspektor rufen und legte ihm -Franzens Bericht über den Vorfall vor. Ohne Zögern bestätigte der Mann, -der auch Reserveoffizier war, daß jedes Wort der Wahrheit entsprach. -Und von selbst fügte er hinzu, ihm sei die eiserne Ruhe des jungen -Mannes aufgefallen. Nur bei den letzten Worten, als er Sawerski die -Reitpeitsche entriß: „Sie wollen sich wohl noch eine Tracht Prügel -verdienen?“, habe er die Stimme in leicht begreiflicher Erregung etwas -erhoben.</p> - -<p>Eine Stunde später rief der Oberamtmann den Bezirkskommandeur in der -Stadt an, teilte<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> ihm die Sache mit und beantragte die Einberufung -eines Ehrengerichts. Eine Forderung sei noch nicht erfolgt, jedoch im -Laufe des Tages zu erwarten.</p> - -<p>In der Mittagszeit erschien bei Franz der Inspektor eines benachbarten -Gutes und stellte sich gezwungen höflich vor: „von Poltenstern. Ich -habe Ihnen im Auftrage des Oberleutnants von Sawerski eine Forderung -auf Pistolen zu überbringen. Wollen Sie mir den Namen Ihres Sekundanten -nennen, damit ich mit ihm alles Nähere vereinbaren kann.“</p> - -<p>Franz hatte sich sofort bei Eintritt des Besuchers erhoben. „Ich bitte -Sie, sich zu Herrn Oberamtmann zu bemühen.“</p> - -<p>Der Inspektor sah ihn etwas verdutzt an, dann eine knappe, sehr -gemessene Verbeugung. Weg war er. Ohne anzuklopfen trat er bei Viktor -ein. „Was gibt’s?“</p> - -<p>„Eine sehr unangenehme Sache.“</p> - -<p>„Weigert sich der Lümmel ...?“</p> - -<p>„Nein, er nannte mir ganz korrekt seinen Sekundanten.“</p> - -<p>„Na also ...?“</p> - -<p>„Ja, aber das ist Ihr Regimentskamerad, der Oberamtmann.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span></p> - -<p>Viktor erbleichte und trat einen Schritt zurück. „Das sieht ja ganz so -aus, als wenn er gegen mich Partei nimmt.“</p> - -<p>„Das Gefühl habe ich auch. Aber ich kann nichts anderes tun, ich muß zu -ihm gehen.“</p> - -<p>Der Oberamtmann empfing Viktors Sekundanten, der sich in dieser -Eigenschaft ihm vorstellte, sehr gemessen. „Ich kann keine Bedingungen -über den Zweikampf mit Ihnen vereinbaren, Herr von Poltenstern, da ich -bereits die Einberufung eines Ehrengerichts gegen Herrn von Sawerski -beim Bezirkskommandeur beantragt habe. Vor demselben wird auch über -die Forderung verhandelt werden. Ich kann Ihnen nur anheimstellen, -Herrn von Sawerski Ihren Auftrag zurückzugeben, bis das Ehrengericht -entschieden hat.“</p> - -<p>„Dürfte ich die Veranlassung dieses Ehrenhandels von Ihnen erfahren?“</p> - -<p>„Bedauere sehr ...“</p> - -<p>Kühl höflich erklärte Herr von Poltenstern wenige Minuten später -Viktor, er müsse seine Bemühungen in dem Ehrenhandel einstellen, bis -das Ehrengericht entschieden habe.</p> - -<p>Noch am Abend desselben Tages trat das Ehrengericht zusammen. Der -Oberinspektor berichtete<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> als Zeuge. Viktor gab ohne jede Beschönigung -unumwunden den Sachverhalt zu. Ohne eine Entscheidung über die -Forderung zum Zweikampf zu fällen, gab ihm das Gericht den Rat, -schleunigst seinen Abschied einzureichen. Das war eine sehr weitgehende -Rücksichtnahme, um ihm die Entlassung mit schlichtem Abschied zu -ersparen.</p> - -<p>Noch in derselben Nacht packte Viktor seine Sachen, hinterließ einen -Brief an den Gutsherrn und seine Gattin und fuhr im Morgengrauen zur -Bahn. Er gab nicht einmal seine Adresse an, wo ihn Briefe und andere -Sendungen erreichen konnten.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_17">17. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Wie ein müder Mann saß Franz dem Vater gegenüber, der ihn voll Mitleid -ansah. „Was fehlt dir bloß, mein Junge?“</p> - -<p>„Ich quäle mich so mit Gedanken.“</p> - -<p>„Na, was sind denn das für Gedanken?“</p> - -<p>„Ich will nicht Landwirt bleiben. Ich kann nicht ...“, stieß Franz -hervor.</p> - -<p>„Das habe ich schon vermutet, als du vor drei Wochen so plötzlich nach -Hause kamst. Na, denn nicht! Es wird mir ja nicht leicht, mich von der -Hoffnung zu trennen, aber du hast ehrlich gehandelt und ein Jahr als -Lehrling ausgehalten, ich mache dir keine Vorwürfe.“</p> - -<p>Franz wurde bei diesen Worten rot. Er hatte das Bewußtsein, daß er -nicht ehrlich handelte. Die Landwirtschaft war ihm durchaus nicht -zuwider. Es war etwas anderes, was ihn seinen Beruf aufgeben ließ und -nach Berlin zog .... Er schämte sich und die Scheu, dem Vater alles zu -offenbaren, verschloß ihm den Mund. Er erhob sich: „Ich<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> möchte noch -für einen Augenblick zu Onkel Uwis gehen.“</p> - -<p>„Ja, tu du das. Hoffentlich wäscht er dir gründlich den Kopf. Ich bin -zu schwach dazu.“</p> - -<p>Mit einem matten Lächeln erwiderte Franz: „Ich kann ihm ja deinen -Wunsch ausrichten.“</p> - -<p>Der Pastor hatte bereits seine Ankunft erfahren und sich darauf -vorbereitet. Er ging mächtig dampfend im Garten auf und ab. „Na, Ritter -Tannhäuser, wieder mal aus dem Venusberg entwichen?“, rief er Franz -entgegen.</p> - -<p>„Ich war nie drin, Onkel“, erwiderte Franz mit matter Stimme.</p> - -<p>„Ich habe das ja auch nicht wörtlich gemeint. Ich nehme an, du willst -mir wieder dein Herz ausschütten. Die Hauptsache weiß ich schon: die -plötzliche Abfahrt der schönen Teufelin, deinen Zusammenstoß mit -dem Leutnant. Das war recht, mein Junge. Nur nichts auf sich sitzen -lassen. Aber auch innerlich nicht. Man muß sich nie mit einem Vorwurf -plagen, den man sich selbst macht. Nein, frisch zupacken, die Ursache -beseitigen und sich durch Besserung reinigen.“</p> - -<p>„Onkel, ich wüßte nicht ....“</p> - -<p>„Das ist mir an dir neu. Na, dann muß ich<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> dir auf die Sprünge helfen. -Du hast dem Vater erklärt, daß du nicht Landwirt werden willst. Hast du -ihm den wahren Grund eingestanden?“</p> - -<p>Tief errötend senkte Franz die Augen.</p> - -<p>„Siehst du, das hast du nicht getan“, fuhr der Pastor fort. „Ich weiß -schon, du willst hinter der Venus hergondeln .... Denkst du auch daran, -wozu das führen soll oder kann?“</p> - -<p>„Ich muß sie noch einmal sehen und sprechen“, rief Franz verzweifelt -aus.</p> - -<p>„Wat mött, dat mött. Du wirst eins auf die Nase kriegen. Hoffentlich -wird der Schlag stark genug sein, um dich zur Besinnung zu bringen. Was -zieht dich noch hinter dem Weib her?“</p> - -<p>Franz ließ sich auf die Bank fallen, senkte den Kopf und schlug die -Hände vors Gesicht. „Onkel,“ stöhnte er, „ich habe sie ja in meinen -Armen gehalten ... ich habe sie geküßt ... und sie hat in meinen Armen -gezittert ....“</p> - -<p>„Das fehlte bloß noch“, grollte der alte Herr heftig.</p> - -<p>„Jetzt schreit meine Seele nach ihr Tag und Nacht ... ich habe keine -Freude am Leben, keine Lust, weiter zu leben.“ Franz hob den Kopf und -streckte die Hände nach dem Onkel aus. „Hilf mir<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> doch, Onkel, von -diesen Gedanken los zu kommen, dieser entsetzlichen Pein zu entrinnen.“</p> - -<p>In tiefer Bewegung umfaßte der Pastor seinen Kopf. Seine Stimme -zitterte: „Junge, Freund, was verlangst du von mir? Ja, ich wüßte -allerdings ein Mittel, das über das Schwerste hinweghelfen könnte, aber -ich wage nicht, es dir anzuraten.“</p> - -<p>„Onkel,“ erwiderte Franz leise, aber fest, „meine Liebe ist rein und -heilig. Es gibt auf der Welt kein anderes Weib für mich, das ich auch -nur ansehen könnte.“</p> - -<p>„Ja, mein Junge, ich weiß. Du bist ein anständiger, braver Bursch -geblieben, der seine Jugendkraft nicht vergeudet hat. Was dein höchster -Ehrentitel sein sollte, wird dir zum Unglück. Du verdienst keine -Vorwürfe, sondern mein Mitleid. Aber nun raff dich auf. Du mußt ein -Ende machen. Hörst du, du mußt, sonst zerstörst du freventlich dein -Leben.“</p> - -<p>Franz löste sich aus seinem Arm. „Jawohl, Onkel. Das will ich. Aber -erst muß ich sie noch einmal sehen und sprechen. Ich muß aus ihrem -eigenen Munde hören, daß ich ihr gar nichts bedeute.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span></p> - -<p>„Und wenn sie dich wieder betört und mit dir spielt?“</p> - -<p>„Dann, Onkel, dann bin ich ihr verfallen mit Leib und Seele, für Zeit -und Ewigkeit.“ ... Nach einer Weile fuhr er ruhiger fort: „Du sagst -eben: wieder betört. Das muß ich richtigstellen. Sie hat mir nicht die -geringste Veranlassung gegeben. Ich stammelte meine Liebeserklärung, -ich umfaßte sie in maßloser Leidenschaft, ich küßte sie wie rasend. -Die Überraschung, der Schreck lähmten sie. Aber dann hat sie mir das -Unsinnige meiner Liebe vorgehalten.“ ...</p> - -<p>„So, das freut mich, zu hören. Dadurch bekommt das Fräulein in meinen -Augen eine ganz andere Gestalt. Und du brauchst ihr nicht mehr -nachzureisen. Du hast ja doch schon dein Urteil empfangen.“</p> - -<p>„Onkel, ich muß .... In einem Winkel meines Herzens lebt noch eine -winzige Hoffnung.“ ...</p> - -<p>„Wie ist das möglich?“</p> - -<p>„Ich will dir auch das noch gestehen, Onkel. Beim Abschied ließ sie -sich von mir ohne Widerstand in die Arme nehmen und küssen. Es war nur -ein ganz kurzer Augenblick, aber es war doch ...“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span></p> - -<p>„Mitleid, mein Junge, weiter nichts. Vielleicht auch eine kleine -Schwäche, die sich manchmal bei jungen Damen reiferen Alters einstellen -soll. Ich will nichts gesagt haben, nicht mal angedeutet. Und nun zum -Abschied: Was hast du zu allererst zu tun?“</p> - -<p>„Ich werde dem Vater alles gestehen. Leb wohl, Onkel. Du erhältst bald -Nachricht von mir.“</p> - -<p>Es war für beide eine sehr ernste Stunde, als Franz dem Vater -beichtete. Vater Rosumek war kein Seelenkenner. Er war in seinem -Leben stets die „Chausseen der Liebe“ gewandert, und konnte es nicht -begreifen, wie ein junger Mensch sein Herz an ein viel älteres Mädchen -hängen und so völlig außer Rand und Band geraten konnte. „Ja, wenn du -dich in ein junges Ding verknallst hättest und wärest zu mir gekommen: -‚Vater, ich muß sie heiraten‘, dann hätte ich das begriffen. Aber wenn -Onkel Uwis das billigt, dann fahr ihr in Gottes Namen nach. Auf die -paar Mark soll es mir nicht ankommen. Und nu schenk mir mal ganz reinen -Wein ein. Es ist nicht bloß das Studium, das dich nach Berlin zieht.“</p> - -<p>„Nein, Vater, ich dachte, sie dort zu treffen.“</p> - -<p>„Na, dann gebe ich die Hoffnung nicht auf,<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> aus dir noch einen Landwirt -zu machen. Und da möchte ich dir den Vorschlag machen, jetzt dein Jahr -abzudienen. Je eher du es hinter dir hast, desto besser. Aber nicht bei -der Kavallerie. Ich möchte es dir ja gönnen, aber das Geld, das du dort -ausgibst, wirst du später besser gebrauchen können.“</p> - -<p>Mit viel leichterem Herzen, als er gekommen war, fuhr Franz nach -Polommen ab. Bis zum 15. September wollte er dort bleiben, dann noch -einen Tag oder zwei nach Hause, ehe er ins Reich fuhr.</p> - -<p>Der Oberamtmann gab ihm ein vorzügliches Zeugnis über sein Lehrjahr -und wünschte ihm alles Gute für die Zukunft. Mit klopfendem Herzen -betrat Franz das Wohnzimmer, um sich von der Herrin des Hauses zu -verabschieden. Er wollte sie um Adelheids Adresse bitten. Er mußte sich -sehr zusammenreißen, um die Bitte auszusprechen. Frau Olga sah ihn halb -belustigt, halb mitleidig an. „Meine Freundin wohnt nicht ständig in -Berlin, wie Sie anzunehmen scheinen. Sie kann jetzt in Wiesbaden oder -Baden-Baden sein. Ich weiß es jedoch nicht. Und wenn ich es wüßte, -würde ich es Ihnen nicht sagen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span></p> - -<p>Als sie in sein verstörtes und verzweifeltes Gesicht sah, fuhr sie -freundlicher fort: „Franz, ich weiß, wie es um Sie steht. Das sind -törichte Hirngespinste. Ihre Leidenschaft ist krankhaft.“</p> - -<p>„Und wenn ich doch die Hoffnung hätte, sie zu erringen?“</p> - -<p>„Woraus schöpfen Sie denn die Hoffnung? Etwa aus dem Abend im Park? -Ich weiß nicht, was vorgefallen ist. Ich würde es sehr bedauern, wenn -Adelheid mit Ihnen ein törichtes Spiel getrieben hätte. Das wäre -geradezu unverantwortlich von ihr gehandelt .... Und selbst wenn ... -ich mag es nicht noch mal wiederholen, dann zeigt doch ihre plötzliche -Abreise, daß sie diese unbedeutende Episode in ihrem Leben kurzerhand -beendigen wollte .... Ob Sie irgendwelche Schuld tragen, weiß ich -nicht. Aber das ist doch nicht zu bestreiten, daß Sie sehr störend in -ihr Leben eingegriffen haben. Sie haben eine keimende Neigung zerrissen -und es Herrn von Sawerski unmöglich gemacht, sich um Adelheid zu -bewerben.“</p> - -<p>Gesenkten Hauptes, wie ein reuiger Sünder, hatte Franz Frau Olga -zugehört. Aber sie sah, daß ihre Worte auf ihn keinen Eindruck machten. -„Ich möchte Sie doch noch einmal warnen, meiner<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> Freundin wieder in den -Weg zu treten. Sie würden sich ohne Zweifel eine sehr scharfe Abweisung -zuziehen. Ich bedauere Sie, Franz, denn Sie haben sich in dem Jahr -musterhaft geführt. Aber ich wundere mich, daß Sie nicht den Verstand -und die Kraft aufbringen, sich von dieser hoffnungslosen Leidenschaft -zu befreien.“</p> - -<p>Zwei Tage später stieg Franz nach einem kurzen Abschied von Vater -und Mutter und Onkel Uwis in den Zug und fuhr Tag und Nacht nach -Baden-Baden. Es war ihm, als wenn eine innere Stimme ihm sagte, daß -er sie dort treffen würde. In einem bescheidenen Hotel in der Nähe -des Bahnhofs, das ihm ein Mitreisender empfohlen hatte, nahm er ein -Zimmer und ließ sich etwas zu essen geben. Und richtig: er fand in der -Kurliste ihren Namen und ihre Wohnung. Sie wohnte im teuersten und -feinsten Hotel.</p> - -<p>Eine Stunde später ging er vor dem Eingang ruhelos auf und ab. Er war -mit dem Entschluß fortgegangen, nach ihr zu fragen und sich bei ihr -melden zu lassen. Im letzten Augenblick verlor er den Mut. Es war -schon gegen Abend, als eine Gesellschaft von Herren und Damen auf ihn -zukam. Mit freudigem Schreck erkannte er unter<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> ihnen Adelheid. Sie -sah blendend schön und hochelegant aus. Das Herz schlug ihm bis zum -Halse hinauf .... Mit tiefer Verbeugung zog er seinen Hut. Sie schien -ihn nicht zu bemerken. Kalt glitt ihr Blick über ihn hinweg, ohne das -leiseste Zeichen, daß sie ihn erkannt hatte .... Er hörte einen Herrn -mit schnarrender Stimme sagen: „Meine Gnädigste, der Gruß scheint Ihnen -gegolten zu haben.“ ... „Sie irren sich, Herr Graf, ich kenne den -Jüngling nicht.“</p> - -<p>Betäubt, gänzlich unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, wanderte er -in sein Hotel zurück. Seine verzweifelte Stimmung gab ihm den Rat ein, -nach einem Sorgenbrecher zu greifen. Er trank eine Flasche schweren -Rotwein und ließ sich noch eine zweite auf sein Zimmer bringen, denn -die erste war ohne jede Wirkung wie auf einem heißen Stein verzischt. -Die zweite gab ihm die nötige Bettschwere. Er schlief tief und fest. Am -Morgen wachte er mit einem wüsten Kopfschmerz auf. Aber ihm unbewußt -war in der Nacht ein Trotz in ihm erwacht. Er wollte und mußte sie -stellen und zu einer Entscheidung zwingen. Dann begann sein Herz -sie zu entschuldigen. Sicherlich war es ungeschickt, ja unpassend -gewesen, sich durch einen<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> Gruß an sie heranzudrängen. Es war ihm nicht -entgangen, wie seine Kleidung von der Eleganz der sie begleitenden -Herren abstach. Eine tiefe Mutlosigkeit überfiel ihn. War es nicht -besser, wenn er keinen Besuch mehr machte, sondern einfach abfuhr?</p> - -<p>Eine Stunde später war er wieder auf dem Weg nach ihrem Hotel. -Unterwegs kaufte er sich ein Kärtchen und schrieb seinen Namen darauf. -Entschlossen trat er in die Eingangshalle. Ein betreßter Herr nahm ihm -die Karte ab und schickte einen Boy zu Fräulein Bartenwerffer. Der -Junge kam nach einer Zeit zurück, die Franz eine Ewigkeit dünkte. „Das -gnädige Fräulein bedauern sehr, den Herrn nicht empfangen zu können.“</p> - -<p>Er drückte dem Jungen einen Taler in die Hand. „Das gnädige Fräulein -ist wohl noch nicht angezogen?“</p> - -<p>„O doch, sie setzt eben den Hut auf. Sie wird wohl gleich mit dem Lift -herunterkommen. Wenn Sie dort Platz nehmen wollen.“</p> - -<p>Eine Viertelstunde später trat Adelheid aus dem Fahrstuhl. Sie war ganz -einfach in Weiß gekleidet und trug ein Rakett in der Hand. Franz sprang -auf und trat auf sie zu. Sie maß ihn mit<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> einem kalt abweisenden Blick -von oben bis unten. „Was wünschen Sie von mir?“</p> - -<p>„Ich wollte Sie sprechen“, stammelte Franz.</p> - -<p>„Bedauere sehr, ich bitte, mich nicht zu belästigen. Ich teile keine -Almosen aus.“</p> - -<p>Verwirrt trat Franz zurück und gab ihr den Weg frei. Ohne ihn -anzusehen, ging sie schnell an ihm vorbei.</p> - -<p>„Aus“, wiederholte Franz leise. „Sie teilt keine Almosen aus. Na, nun -weiß ich, woran ich bin.“</p> - -<p>Er konnte sich später nicht mehr erinnern, wie er den Weg in sein Hotel -zurückgefunden hatte. Erst als er sich eine Flasche Rotwein bestellte -und der schwere Wein zu wirken begann, kam er zu sich. Ihm war zu Mut, -als wenn die Begegnung mit Adelheid schon Wochen und Monate hinter ihm -lag. „Ich Esel,“ dacht’ er, „hab ich das noch nötig gehabt? Almosen -teilt sie nicht aus? Ach, das Wort sollte wohl für mich noch eine -besondere Bedeutung haben? War das etwa ein Almosen für mich, daß sie -sich zum zweitenmal von mir umfassen und küssen ließ?“</p> - -<p>Der Wein munterte ihn immer mehr auf. Er aß gut und reichlich, ging -zur Bahn und nahm sich<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> eine Fahrkarte zweiter Klasse nach Berlin. -Es war ein greulicher Bummelzug, in den er geraten war. Doch ihm war -das gleichgültig. Er lehnte sich in eine Ecke und schlief ein. Als er -gegen Abend erwachte und die Gedanken ihn wieder zu bekriechen und zu -peinigen begannen, kaufte er sich unterwegs wieder eine Flasche Wein -und trank sie aus. Danach schlief er durch bis Berlin. Er nahm sich -ein Auto und fuhr zu seinem alten Schulkameraden Sutor, der schon seit -einem Jahr als Student in Berlin lebte und sich schlecht und recht -durch Stipendien und Stundengeben durchs Leben schlug.</p> - -<p>Der Freund erschrak nicht schlecht, als Franz sich vor ihm aufbaute, -verschwiemelt, hohläugig ... „Mensch, Franz, wo kommst du her? Wie -siehst du aus?“</p> - -<p>„Wahrscheinlich ein bißchen mitgenommen von der Extratour, die ich -hinter mir habe. Erst von Hause in einem Zug durch bis Baden-Baden; den -nächsten Tag wieder hier zurück. Davon setzt man keinen Speck an.“</p> - -<p>„Vor allen Dingen mußt du gründlich ausschlafen. Meine Wirtin hat noch -ein Zimmer frei.“</p> - -<p>„Das habe ich zur Genüge im Zug besorgt. Aber hast du nicht einen -dienstbaren Geist, der uns<span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> eine Flasche Rotwein oder Kognak holen -kann? Wir müssen doch das Wiedersehen gebührend feiern.“</p> - -<p>Sutor sah ihn ganz entgeistert an. „Franz, was ist mit dir los? Du bist -ja auf der Schule kein Duckmäuser gewesen, aber du hast doch am Morgen -keinen Alkohol nötig gehabt.“</p> - -<p>„Na, dann nimm an, daß ich ihn jetzt oder wenigstens heute nötig habe.“</p> - -<p>„Hast du etwas Schweres durchgemacht, daß du dich so betäuben willst?“</p> - -<p>„Frag nicht, alter Sutor! Ich werde es dir vielleicht später erzählen, -wenn ich darüber hinweg bin. Heute tu mir den Gefallen. Hier ist Geld. -Du willst es selbst holen? Das ist nett von dir. Aber was Gutes, wenn -ich bitten darf.“</p> - -<p>Bei einem Glas leistete der Student seinem Jugendfreund Gesellschaft. -Dann mußte er ins Kolleg. Als er mittags zurückkam, lag Franz sinnlos -betrunken auf seinem Bett. Die Flasche Rotwein und ein Drittel des -Kognaks waren ausgetrunken.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_18">18. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Auf das blanke Nichts war Sutor nach Berlin gefahren. Der Vater hatte -ihm zehn Taler gegeben, einige von den Bauern hatten ihm zehn und -zwanzig Mark beim Abschied in die Hand gedrückt. Außerdem nahm er ein -Dutzend Alberten und einen Kober mit Mundvorrat mit. Damit wollte ihn -die Mutter auch weiterhin versorgen.</p> - -<p>Daraufhin wagte es der tapfere Junge, der noch keine größere Stadt als -die masurischen Kreisstädte gesehen hatte, nach Berlin zu fahren, um -ein mehrjähriges Studium zu beginnen. Sein Äußeres wies keine Vorzüge -auf, eher das Gegenteil. Er war ein großer, ungelenker Mensch. Sein -Gesicht mit den breiten Backenknochen und der niedrigen Stirn konnte -auf Schönheit keinen Anspruch machen. Aber er wußte, was er wollte und -besaß die geistige und sittliche Energie, es durchzuführen.</p> - -<p>Zuerst suchte er sich eine Unterkunft und fand sie bei einer Waschfrau, -die ihm ein kleines unheizbares Stübchen für einen geringen Preis -überließ.<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> Dann klapperte er, mit einem Einführungsschreiben seines -Direktors versehen, die Gymnasien ab und hatte das Glück, einen Jungen -als Schüler zu bekommen, den seine Eltern aus der Schule nehmen mußten, -weil er nach zweijähriger Tätigkeit auf der Quarta nicht versetzt -worden war.</p> - -<p>Mit unendlicher Geduld und eiserner Strenge brachte er den Jungen, -der von der Affenliebe der Mutter verwöhnt, schon alle Genüsse der -Großstadt kannte, in einem halben Jahr nach der Untertertia. Dieser -Erfolg brachte ihm Empfehlungen und Privatschüler, so daß er ohne -Sorgen leben konnte. Mittags aß er in den Akademischen Bierhallen oder -bei Aschinger, wo er nie den Donnerstag versäumte, um sich an seinem -ostpreußischen Nationalgericht, Königsberger Fleck, zu erlaben. Die -anderen Mahlzeiten beschaffte er sich selbst.</p> - -<p>Mit tiefer Betrübnis sah der junge Mensch, dessen ganzes Leben auf -Arbeit und Pflicht eingestellt war, wie sein Jugendfreund, an dem er -mit großer Liebe hing, in dessen Elternhaus er so frohe Stunden verlebt -hatte, sich täglich unter Alkohol setzte, bis er in einen leichten -Rausch geriet. Dann wurde er aufgeräumt und gesprächig, aber nie sprach -er mit Sutor über die Ursache seines geheimen<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> Kummers. Sowie der -Rausch verflogen war, geriet er in dumpfes Brüten, bis er wieder, wie -er sich ausdrückte, „Öl auf die Lebensflamme gegossen“ hatte.</p> - -<p>Sutor stand ihm in diesen Tagen treu zur Seite. Er stellte fest, -welches Regiment im Herbst Einjährige einstellte, begleitete ihn in die -Kaserne und wartete, bis er sich angemeldet und aufgenommen war.</p> - -<p>Der Adjutant besah Franz mit einem verletzenden Blick von oben bis -unten. „Sie sehen etwas merkwürdig aus, Herr Rosumek. Sie haben wohl -heute schon gut gefrühstückt?“</p> - -<p>Als Franz nichts erwiderte, fuhr er fort: „Das werden wir Ihnen -bald abgewöhnen. Am 1. Oktober finden Sie sich um acht Uhr auf dem -Kasernenhof ein.“</p> - -<p>Es war eine große Anzahl junger Leute, die sich an diesem Tage auf -dem Kasernenhofe einstellten, wo sie zunächst in einer Reihe nach -der Größe geordnet wurden. Franz wurde von dem Adjutanten aus der -Reihe genommen und ans Ende gestellt, wo er der zwölften Kompagnie -zugeteilt wurde, deren Hauptmann als besonders streng und scharf -bekannt und gefürchtet war. Er<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> erschien bald mit dem Feldwebel, der -genau so grimmig aussah, wie sein Hauptmann, und fragte seine drei -Rekruten nach allem Möglichen aus, nach Stand, Beruf, Alter, Eltern, -Vorbildung usw. Franz, der am Abend vorher, trotz allen Abmahnens -seines Freundes, wieder stark getrunken hatte, gefiel ihm gar nicht. -Und mit Recht, denn er sah verkatert aus. Eine müde Gleichgültigkeit -lag über seinem Wesen. Dann führte der Feldwebel seine neuen Kinder auf -die Kammer, wo sie ihre Kommißausrüstung erhielten. Der eine seiner -Leidensgefährten, ein heller Berliner Junge, namens Winter, der schon -über alles Bescheid wußte, nahm Franz unter seine Fittiche und führte -ihn in die Handwerkerstube, wo sie sich den Anzug reinigen, die Stiefel -und das Koppelzeug putzen ließen .... Dort erhielt Franz auch seinen -Putzkameraden zugeteilt. Die Schuster und Schneider grinsten, als der -Feldwebel den Namen Demut rief. Ein untersetzter, breitschultriger Kerl -rief mit mächtiger Stimme „Hier!“, und sprang heran.</p> - -<p>„Wollen Sie dem Einjährigen die Sachen putzen?“</p> - -<p>„Jawohl, Herr Feldwebel, det mach’ ick mit Vajnügen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span></p> - -<p>Erst später erfuhr Franz, daß er das schlimmste Subjekt der Kompagnie -bekommen hatte. Es war ein verbummelter Fleischergeselle und -Viehtreiber, der sich der Aushebung entzogen hatte und erst nach vier -Jahren von den Behörden aufgegriffen worden war. Zur Strafe mußte er -drei Jahre dienen. Er trank sehr stark, und sein ganzes Dichten und -Trachten ging nur auf die Beschaffung eines „Leuchtturmes“, eines -großen Glases Schnaps, hin. Deshalb erschien er jeden Morgen in der -Kantine, um sich durch Ausfegen, Scheuern und Gläserwaschen einen -Schnaps zu verdienen. Er war der Schrecken der Kompagnie, aber der -Hauptmann sah ihm manches nach, weil er sehr gut schoß, obwohl ihm das -Gewehr in den Händen wie ein Lämmerschwanz zitterte. Aber im letzten -Moment straffte er seinen Körper und der Schuß saß im Schwarzen.</p> - -<p>Und dennoch hatte Franz mit seinem Putzkameraden einen sehr guten Griff -getan. So unsauber er selbst war, die Sachen und das Gewehr seines -Einjährigen hielt er tadellos sauber. Und an jedem Morgen erschien -er eine Stunde vor dem Dienst, weckte ihn oft mit vieler Mühe und -half ihm beim Anziehen .... Die Triebfeder seiner Sorglichkeit<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> war -die Kognakflasche, die bei Franz immer auf dem Tisch stand. Jetzt -brauchte er nicht mehr die Kantine zu fegen. Noch ehe er Franz weckte, -verhaftete er einen Großen und dann noch zwei, drei .... Er konnte sich -das ohne Scheu erlauben, denn Franz tat dasselbe. Er war auf dem besten -Wege, ein Gewohnheitstrinker zu werden. Oder er war es schon, denn -die Ursache, die ihn zum Trinken bewogen hatte, seine hoffnungslose -Leidenschaft, war nahezu überwunden. Sie saß nur noch wie ein dumpfes -Schmerzgefühl in seiner Brust.</p> - -<p>Die Ausbildungszeit der Rekruten fiel Franz außerordentlich schwer. -Die Halsbinde, der enge, fest geschlossene Rock, die schweren Stiefel, -verursachten ihm Unbehagen. Es kam ihm vor, als wenn er in einer -Zwangsjacke steckte. Und geradezu lächerlich erschien es ihm, daß er -noch wie ein kleiner Junge gehen lernen sollte. Es war merkwürdig, was -der Sergeant und der Gefreite immer an ihm zu tadeln hatten. Aber er -war wirklich ein schlechter Soldat. Er warf beim Parademarsch die Beine -nicht hoch genug, er klappte bei jedem Griff nach, bei jedem Aufmarsch -war er der Letzte. Denn er hatte, wie der Oberleutnant, der<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> die -Einjährigen ausbildete, sagte, eine zu lange Leitung. Das kam daher, -daß jeder Befehl ihn erst aus einem dumpfen, gedankenlosen Brüten -aufwecken mußte.</p> - -<p>Es war kein Wunder, daß er von seinen Vorgesetzten scharf angefaßt und -öfter mit Nachexerzieren bestraft wurde, wobei er ein paar Sandsäcke im -Tornister tragen mußte. Daß er stark trank, daß seine Schlappheit nur -darauf zurückzuführen war, war in der ganzen Kompagnie bekannt. Sein -Kamerad Winter, der ihm Teilnahme entgegenbrachte, machte ihm manchmal -Vorstellungen. Er möchte doch das Trinken lassen und sich aufraffen, -sonst würde er bald die Männerchen tanzen und die Mäuse laufen sehen.</p> - -<p>Franz wies die wohlgemeinte Mahnung schroff ab. Die Folge war, daß er -nicht mehr zu den geselligen Zusammenkünften der Einjährigen eingeladen -wurde. Nur der treue Sutor verließ ihn nicht, sondern besuchte ihn -öfter und suchte ihn vom Trinken abzuhalten. Aber auch er bemühte sich -vergebens. Franz ging zwar nicht aus, aber er trank zu Hause und hörte -nicht auf, bis er die nötige Bettschwere hatte.</p> - -<p>In lichten Momenten wurde er von Scham<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> und Reue gefoltert. Aber diese -Anwandlungen führten nicht zur Besserung, sondern noch tiefer in den -Sumpf hinein. Nach Hause schrieb er nur in langen Zwischenräumen, -wenn er Geld brauchte und nur auf Postkarten. Von Baden-Baden hatte -er im Rausch und in einer Anwandlung von Galgenhumor nach Hause -telegraphiert: „Endgültig abgeblitzt. Habe mich getröstet. Bitte -es auch Onkel sagen.“ Von seinem Leben und Treiben wußten seine -Angehörigen nichts. Er hatte ihnen nur kurz die Nummer seines Regiments -und seine Wohnung mitgeteilt. Die Eltern und Onkel Uwis machten sich -Sorge um ihn, aber wodurch er sich tröstete, ahnten sie nicht.</p> - -<p>Eines Abends hatte Demut, dessen Lebensphilosophie allen Ernstes darin -gipfelte, soviel Alkohol wie möglich seinem Körper zuzuführen, damit er -nach dem Tode nicht von den Würmern gefressen würde, zuviel gegen die -Würmer eingenommen und so lange geschlafen, daß er selbst nur knapp zum -Dienst zur Zeit kam. Seine Stubengenossen hatten ihn mit Absicht erst -im letzten Moment geweckt. Die Folge war, daß auch Franz verschlief und -erst gegen Mittag verkatert und mit ungeputztem Koppel in der Kaserne -erschien.<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> Er entschuldigte sich mit einem Kopfkrampf, der ihn des -Morgens befallen hätte.</p> - -<p>Das half ihm nichts. Der Hauptmann steckte ihn auf acht Tage ins Loch. -Schon eine Stunde später wanderte er in dem Aufzug eines Sträflings, -ohne Koppel, die schirmlose Mütze auf dem Kopf, ein Kommißbrot unter -dem Arm, von einem Gefreiten geleitet, für acht Tage ins Kittchen. -Es waren Höllenqualen, die er bei Wasser und Brot unter völliger -Entbehrung des Alkohols erduldete. Das saure, schwere Brot wollte -sein geschwächter Magen nicht annehmen. Abgemagert, elend, eine -Jammergestalt, wurde er nach Verbüßung der Strafe in die Kaserne -zurückgeführt, wo ihm die Mitteilung wurde, daß er noch für vier Wochen -in die Kaserne ziehen müßte. Hätte ihn Demut in dieser Zeit nicht -heimlich mit Kognak versorgt, dann wäre er gänzlich zusammengebrochen.</p> - -<p>Zum 1. April wurden seine beiden Kameraden zu Gefreiten befördert, -traten aus der Front und taten Unteroffizierdienste. Das gab ihm -innerlich einen gewaltigen Ruck. Daß ein Einjähriger am Schluß des -Jahres nicht zum Unteroffizier befördert wurde, weil seine Vorgesetzten -ihn aus manchmal unerfindlichen Gründen, die in dem<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> Beruf seiner -Eltern, ja sogar in ihrer politischen Gesinnung lagen, nicht zum -Offizier für geeignet hielten, kam öfter vor, aber daß ein gebildeter -junger Mann nicht den „höchsten Grad der Gemeinheit“ erreichte, war -eine Schande für den Betreffenden. Und Franz fühlte bald, wie sie von -allen Seiten auf ihn einströmte. Seine Kameraden zogen sich ganz von -ihm zurück, ja, sie erwiderten seinen Gruß nur noch deshalb, um einem -Zusammenstoß mit ihm aus dem Wege zu gehen.</p> - -<p>Die ärgste Zeit brach über ihn herein, als er zur Strafe für ein -dienstliches Vergehen wieder auf vier Wochen in die Kaserne ziehen -mußte. Seine Stubengenossen bürdeten ihm die schmutzigste Arbeit auf -und behandelten ihn nicht wie ihresgleichen, sondern wie einen tief -unter ihnen Stehenden. Sie duzten ihn und stießen ihn beim geringsten -Anlaß. Hätte nicht Demut ihn beschützt, dann hätte er sicherlich eines -Nachts seine „Reinigung“ bekommen, das heißt, er wäre mit Leibriemen -und noch gröberen Instrumenten heftig verprügelt worden.</p> - -<p>Auch mit dem Trinken war es vorbei. Denn er hatte jetzt fünfzehn -Aufpasser, denen nichts verborgen<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span> blieb. Nicht einmal, wenn er sich in -der Kantine hatte einen Schnaps geben lassen.</p> - -<p>Das war eine Radikalkur, aber sie half. Er begann mit besserem Appetit -zu essen und erholte sich körperlich. Er wurde auch eifriger im Dienst. -Und mit der wiedererwachenden Kraft kam auch der Wille. Er wollte sich -zusammennehmen, um wenigstens zum Herbst die Knöpfe zu bekommen. Wie -eine Erlösung kam es ihm vor, als er aus der Kaserne entlassen wurde -und wieder in seine Wohnung zog. Er verbannte die Kognakflasche und -entschädigte Demut für den Ausfall.</p> - -<p>Nun fühlte er auch wieder das Bedürfnis, unter Menschen zu gehen. Er -suchte eines Abends, der mit seinem milden Sonnenschein ihn und viele -andere ins Freie lockte, einen Biergarten auf, der nicht weit von -seiner Wohnung lag. Kaum hatte er Platz genommen, als ein frisches, -hübsches Mädchen auf ihn zutrat und ihm die Hand bot.</p> - -<p>„Herr Franz, wie kommen Sie hierher und in Uniform?“</p> - -<p>Er sah auf, und ein freudiger Schreck durchrieselte ihn. Ein warmes -Gefühl, wie bei einem Gruß aus der Heimat. „Liese, du auch hier?“ Es<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> -war die Tochter des Briefträgers aus seinem Heimatsdorf, die mit ihm -zusammen aufgewachsen war, Liese Mrozek ....</p> - -<p>„Wie geht es bei euch zu Hause?“</p> - -<p>Ihre Augen umflorten sich. „Weißt du nicht? Mein Vater ist doch -gestorben, da mußte ich in Stellung gehen. Erst war ich sechs Wochen in -Königsberg, dann kam ich hierher.“</p> - -<p>„Mädel, du hast aber Courage.“</p> - -<p>Sie lachte. „Ein Herr hat mich aus Königsberg mitgenommen und mir hier -die Stellung besorgt.“</p> - -<p>„Ach so ... na, dann bring mir ein Glas Bier.“</p> - -<p>Als sie es brachte und hinstellte, sah er, daß sie sich beleidigt -fühlte. „Liese, mach’ doch keine Dummheiten. Ich habe es nicht so -gemeint. Was willst du trinken?“</p> - -<p>„Das ist nicht nötig, das wird hier nicht verlangt.“</p> - -<p>Er faßte ihre Hand. „Nun sei mal vernünftig, Mädel. Ich freue mich ja -so, daß ich dich gefunden habe. Ich wohne ja keine hundert Schritt von -hier, ich werde jeden Abend dein Stammgast sein.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span></p> - -<p>Einige Tage später, als sie ihren freien Nachmittag hatte, fuhr er mit -ihr in den grünen Wald. Zierlich und anmutig gekleidet schritt sie -neben ihm her. Er merkte, daß sie auf ihn und seine Uniform stolz war. -Sie glaubte natürlich, daß er erst am 1. April eingekleidet war. Die -gemeinsamen Jugenderinnerungen brachten sie schnell einander näher. -Franz bat sie, ihn nicht mehr zu siezen, sondern ihm das Du zu geben, -wie es bis zu ihrer Trennung zwischen ihnen geherrscht hatte. Beim -nächsten Ausflug gestand er ihr, daß seine Dienstzeit schon im Herbst -zu Ende wäre.</p> - -<p>„Und du bist nicht Gefreiter geworden?“, fragte sie und die Tränen -traten ihr in die Augen. Es gab ihm einen Stich ins Herz, als er sah, -wie traurig sie darüber war. Da raffte er seinen Mut zusammen und -erzählte ihr alles .... Es war ihm eine Wohltat, sich ihr rückhaltlos -mitzuteilen. Er fühlte, wie ihm leichter zu Mute wurde. Sie lauschte -atemlos. In heißem Gefühl lehnte sie sich an ihn und nahm seine Hand.</p> - -<p>„Und jetzt hast du es völlig überwunden? Ja?“</p> - -<p>„Ja, Liesel, die Zeit liegt wie ein wüster Traum hinter mir.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span></p> - -<p>„Und ... und ...“ sie stockte und mußte sich erst überwinden, es -auszusprechen, „jetzt wirst du nicht mehr trinken?“</p> - -<p>„Nein, Liesel, das habe ich auch überwunden.“</p> - -<p>Er legte seinen Arm um sie und sie litt es nicht nur, sondern schmiegte -sich an ihn. „Liesel, bist du mir gut?“</p> - -<p>„Ich hatte dich schon lieb, als ich noch zur Schule ging.“</p> - -<p>Da zog er sie fest an sich und suchte ihren Mund, den sie ihm willig -darbot. Hand in Hand gingen sie aus dem Waldesschatten, wo sie -gesessen, zur Bahn. Als wäre es selbstverständlich, wanderten sie -seiner Wohnung zu.</p> - -<p>Zwei junge, glückliche Menschenkinder feierten das erste Fest ihrer -Liebe.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_19">19. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Innerhalb weniger Tage ging mit Franz eine große Veränderung vor. Sein -lasches Wesen verschwand, er wurde munter, elastisch und energisch, -und bewältigte spielend die Anforderungen des Dienstes, der das ganze -Regiment von früh morgens bis spät abends auf den Beinen hielt. Es -wurde viel von einem drohenden Krieg gesprochen, für den man sich mit -verdoppeltem Eifer vorbereiten müsse. Allerlei neue Kampfmittel wurden -erprobt. In wenigen Tagen war Franz vom Schrecken der Kompagnie zu -einem tüchtigen, eifrigen Soldaten geworden, der selbst dem grimmigen -Feldwebel die verwunderte Frage abnötigte: „Einjähriger, weshalb sind -Sie nicht immer so gewesen, wie jetzt?“</p> - -<p>„Herr Feldwebel, ich war krank an Körper und Geist. Erst vor kurzem bin -ich gesund geworden.“</p> - -<p>Bis nach Schwentainen war die Kunde von Franzens Lebenswandel -gedrungen. Sutor hatte es nach Hause geschrieben und Lotte Grigo hatte<span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span> -es von seiner Mutter erfahren. Sie weinte sich heimlich satt, aber sie -erzählte nichts den alten Rosumeks, sondern trug die traurige Botschaft -zu Pastor Uwis. Der tröstete das Mädel, das sich sehr grämte, weil -sie Franz lieb hatte, viel lieber als sie es selbst wußte. Es würde -so schlimm nicht sein. Der gute Sutor sei immer ein arger Philister -gewesen.</p> - -<p>Innerlich dachte er anders, als er sprach. Und er war in großer Sorge, -denn er war der Meinung, daß Franz sich aus Liebesgram dem Trunk -ergeben hatte und in ihm Betäubung suchte. Nach reiflicher Überlegung -beschloß er, mit Rosumek zu sprechen. Vielleicht entschloß der sich, -nach Berlin zu fahren und seinen Sohn ins Gebet zu nehmen. Es kam -anders. Vater Rosumek erklärte, er könne jetzt nicht aus der Wirtschaft -weg.</p> - -<p>„Ich habe auch wenig Einfluß auf den Jungen. Aber du, Pastor, kannst -hinfahren und ihn zusammenrücken. Wenn einer es fertig bringt, dann -bist du es.“</p> - -<p>Uwis willigte ohne Zögern ein, denn er war schon entschlossen gewesen, -seinen Vetter zu begleiten. Die Männer kamen überein, den Frauen nichts -von der Reise zu sagen. So fuhr denn der<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> Pastor am nächsten Morgen -angeblich in Amtsgeschäften nach Königsberg und sofort ohne Aufenthalt -weiter nach Berlin, wo er am frühen Morgen eintraf.</p> - -<p>Franz war schon beim ersten Morgengrauen zum Dienst gegangen und nicht -wenig erstaunt, Onkel Uwis bei sich zu finden, als er gegen Mittag -bestaubt, müde und hungrig nach Hause kam. Aber als er nach wenigen -Minuten, frisch gewaschen, in seiner schmucken Extrauniform aus seinem -Schlafzimmer trat, da staunte Onkel Uwis. Er war darauf vorbereitet, -einen schlappen, verlebten und vom Alkohol entnervten Menschen zu -finden und sah einen frischen Jüngling vor sich, dem die Lebensfreude -aus den Augen blitzte.</p> - -<p>„Na, der Sutor hätte auch was Besseres tun können, als uns durch dumme -Redensarten ins Bockshorn zu jagen“, rief er lachend aus.</p> - -<p>„Lieber Onkel,“ erwiderte Franz ernst, „ich weiß zwar nicht, was er -euch geschrieben hat, ich vermute aber, er hat euch der Wahrheit -gemäß berichtet, daß ich einen sehr bösen Lebenswandel geführt habe. -Ja, Onkel, ich will es nicht leugnen und nicht beschönigen, daß ich -viel getrunken habe. Ich suchte Betäubung, um von den unerträglichen<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> -Gedanken und der Leidenschaft los zu kommen, die mich zerfraß. -Und dann wurde es zur Gewohnheit. Aber nun habe ich das Laster -überwunden, restlos überwunden, lieber Onkel. Ein Rückfall ist völlig -ausgeschlossen.“</p> - -<p>„Ach, Junge, mit welchen Sorgen bin ich hergefahren, und jetzt diese -Freude! Na, Gott sei Lob und Dank, daß er dir geholfen hat. Er hat ein -Wunder an dir getan.“</p> - -<p>Franz errötete und lächelte eigentümlich. „Ich habe es nicht aus -eigener Kraft geschafft.“</p> - -<p>„Wer hat dir denn dabei geholfen?“, fragte der alte Herr mit einer -gewissen Spannung in der Miene.</p> - -<p>„Die Liebe zu einem jungen Mädchen“, erwiderte Franz tief errötend.</p> - -<p>„Na, dann sei das Mädel dafür gesegnet. Dann ist es das Werkzeug -gewesen, dessen sich die Vorsehung bedient hat, um dich zu retten.“</p> - -<p>Franz gab sich innerlich einen Ruck. „Du machst es mir schwer, Onkel, -dir alles zu gestehen. Ich werde das Mädel heiraten .... Es ist ... -schon jetzt vor meinem Gewissen mein Weib.“</p> - -<p>Der alte Herr nickte einige Male bedächtig, als wenn er sich einen -Gedanken bestätigte, der<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span> ihm schon vorher gekommen war. „Es liegt mir -fern, einen Stein auf sie zu werfen.“</p> - -<p>In ungestümer Freude warf sich Franz an seine Brust. „Habe Dank, Onkel, -für dieses Wort. Du kennst sie. Es ist die Liese Mrozek, sie hat mich -schon lange lieb. Und wie sie so lieb und so freundlich zu mir war, -da fing ich an, mich zu schämen. Aber ich hatte die Kraft noch nicht, -Schluß zu machen ... bis sie mir die Kraft gab ... durch das höchste -Opfer ihrer Liebe. Nur dadurch hat sie mich gerettet.“</p> - -<p>„Was ist sie hier?“</p> - -<p>„Kellnerin, Onkel, aber sie ist rein geblieben.“</p> - -<p>„Hast du ihr schon gesagt, daß du sie heiraten willst?“</p> - -<p>„Nein, Onkel, aber ich werde es bald tun. Sie hat es nicht -leichtsinnigerweise getan, sondern aus Mitleid und übergroßer Liebe zu -mir. Und nun habe ich eine sehr große Bitte an dich. Willst du mit mir -in das Restaurant, wo sie angestellt ist, zu Mittag gehen und ihr die -Hand geben?“</p> - -<p>„Ja, mein Junge, das will ich tun. Deine Errettung ist mir soviel wert.“</p> - -<p>Liesel errötete vor Schreck und Scham, als Franz mit dem Pastor, der -sie getauft und eingesegnet<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> hatte, in das Lokal trat. Aber sie kam -schnell auf die Herren zu und knickste. Und als ihr der alte Pastor mit -freundlichem Blick die Hand bot, beugte sie sich darüber und küßte sie, -während ihr vor Freude die Tränen in die Augen traten. „Ach, lieber -Herr Pastor, ist das eine Freude .... Wie geht es meiner Mutter?“</p> - -<p>„Gut, mein Kind, du sorgst ja so treu für sie. Verdienst du soviel?“</p> - -<p>„Ja, Herr Pastor. Es ist viel zu tun und die Trinkgelder fließen -reichlich.“</p> - -<p>Ehe sie nach dem Essen weggingen, fand Franz noch Gelegenheit, ihr -zuzuflüstern, daß Onkel Uwis alles wüßte. Sie erschrak im ersten -Augenblick, aber dann kam eine große Freude über sie, als der alte Herr -ihr auch beim Abschied die Hand mit freundlichem Lächeln bot.</p> - -<p>Während Franz sich umzog und zum Dienst ging, gab der Pastor ein -Telegramm an Vater Rosumek auf: „Alles in Ordnung. Keine Sorge ..“</p> - -<p>Wenige Stunden später, als die beiden Männer zu Liesel gingen, um -dort zum Abendbrot zu essen, durchjagte die Kunde von der grausigen -Schreckenstat in Serajewo die deutsche Reichshauptstadt .... Der -Pastor las mit banger Sorge<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> das Extrablatt. Er sprach zu Franz die -Befürchtung aus, daß dieses Ereignis den Weltenbrand entzünden würde. -Für jeden, der nicht mit verbundenen Augen durch die Welt ging, war -es ja schon lange kein Geheimnis mehr, daß Deutschland ringsum von -Feinden eingekreist war, die nur auf den Augenblick lauerten, darüber -herzufallen. Und Uwis wußte zu erzählen, daß die Russen bereits seit -dem Frühjahr gewaltige Truppenmassen nach dem Westen schoben, daß -dicht hinter der Grenze mehrere Divisionen Reiterei aufgestellt waren, -bereit, beim ersten Befehl in Ostpreußen einzubrechen. Er hielt die -Gefahr für so nahe bevorstehend, daß er noch mit dem Nachtzug nach -Hause abreiste. Daß die Dinge sich nicht so schnell entwickelten, -ist ja bekannt. Es vergingen noch vier Wochen, bis das Unwetter -über uns hereinbrach, in Hangen und Bangen, aus dem sich dann die -überschwengliche Begeisterung emporrang, die uns den Mut gab, einer -Welt von Feinden die Stirn zu bieten.</p> - -<p>In Ostpreußen war man sich der Größe der Gefahr voll bewußt, aber diese -Erkenntnis löste nicht bange Furcht oder Verzagtheit aus, sondern -kalte Entschlossenheit und eisernen Trotz, für das<span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span> Vaterland und die -Heimat alles zu ertragen, auch das Schwerste. Aber man unterschätzte -doch die Gefahr. Man befürchtete im schlimmsten Fall, einige Wochen -oder Monate unter Russenherrschaft zuzubringen, wenn unsere Truppen vor -der Übermacht zurückweichen müßten, bis unsere Siege im Westen, wo der -Hauptschlag geführt werden sollte, die Feinde abgewehrt hätten und man -sich nach dem Osten wenden könnte. Daß die Russen mit Mord und Brand -über die wehrlose Bevölkerung herfallen würden, glaubte man nicht .... -Man meinte, die Russen würden sich ebenso brav und menschlich benehmen, -wie man es von unseren Truppen mit Recht erwartete ....</p> - -<p>Und dann kam die große, schreckliche Enttäuschung, als die Russen wie -Räuberhorden ins Land einbrachen, die Dörfer und Städte plünderten und -in Brand steckten, die Einwohner ermordeten und wegschleppten ....</p> - -<p>Es ist gut, daß Wunden vernarben, aber vergessen sollte man sie -nicht ... nie und nimmer .... Wann wirst du, deutscher Michel, deine -Schlafmützigkeit, deine dumme Vertrauensseligkeit ablegen?</p> - -<p>Die Trümmerhaufen der verwüsteten Dörfer<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span> an der Grenze rauchten schon, -verängstigte Menschen, das Grauen des Entsetzens in den Augen, denen -es gelungen war, vor den Kosakenhorden zu fliehen, zogen vorüber, aber -noch immer konnten die Menschen sich von ihrem bißchen Hab und Gut -nicht trennen. Auch Pastor Uwis war einer derjenigen, die zum Bleiben -und Ausharren mahnten .... Er war entschlossen, zu bleiben, solange in -seinem Kirchspiel auch nur noch ein halbes Dutzend Menschen vorhanden -waren, die seiner bedurften. Erst als die russische Welle zum zweiten -Male sich heranwälzte, entschloß er sich, nachdem er Unendliches -erduldet, sich den Flüchtigen anzuschließen.</p> - -<p>Rosumek besaß noch einen Leiterwagen und ein paar alte Kraggen. Auf -dem nahm er Uwis und Frau und Frau Grigo und Lotte mit, aber außer -einigen Lebensmitteln und Wertpapieren war nichts auf dem Wagen. Mit -großer Mühe schlugen sie sich bis Westpreußen durch, wo sie auf die -Bahn stiegen und nach Berlin fuhren. Sie vertrauten auf die Hilfe des -Vaterlandes, dem sie so schwere Opfer gebracht hatten. Sie kamen an und -... wurden auf die Almosen der Mildtätigkeit verwiesen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span></p> - -<p>Nach wenigen Tagen erfuhr Rosumek, daß der Landsturm in Ostpreußen -einberufen war. Er ließ Frau und Tochter in der Obhut der Pastorsleute -zurück und fuhr in die Heimat, um sich der Militärbehörde zu stellen. -Beim ersten Gefecht starb er den Heldentod fürs Vaterland.</p> - -<p>Franz hatte kurz vor dem Russeneinfall einen Brief von Hause erhalten. -Dann blieb wochenlang jede Nachricht aus. Er hatte keine Zeit, sich -darüber schwere Sorgen zu machen, denn die Mobilmachung seines -Regiments nahm ihn den ganzen Tag in Anspruch. Die Reservisten rückten -ein, wurden eingekleidet und eingereiht, dann kamen einige Tage, in -denen die kriegsstarken Verbände einexerziert wurden und dann ging’s -mit Hurra und großer Begeisterung zum Bahnhof. Die Wagen waren mit Laub -geschmückt und mit übermütigen Inschriften bekritzelt.</p> - -<p>Liesel begleitete ihren Schatz zum Bahnhof. In unbeschreiblichem -Schmerz hing sie an seinem Halse, wortlos, die starre Verzweiflung in -den Augen, winkte sie ihm ein Lebewohl zu .... Sie konnte sich nicht zu -der Begeisterung aufschwingen, die so viele Mütter und Bräute beseelte -und ihnen die Kraft gab, das Liebste dem Vaterland zu<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> opfern. In ihr -war nur Verzweiflung, kalte, tote Verzweiflung. Erst Pastor Uwis, der -sie sofort nach seiner Ankunft aufsuchte, richtete sie wieder etwas -auf. Danach hatte er eine lange, ernste Unterredung mit Frau Rosumek, -der er sagte, daß nur Liesel es zu danken wäre, daß Franz sich aus dem -Sumpf, in dem er zu versinken drohte, emporgerappelt hätte. Dann erst -sagte er ihr, daß ihr einziger Sohn Liesel als seine Braut, ja als sein -Weib betrachtete, und daß die Mutter die Pflicht habe, das Mädel an ihr -Herz zu nehmen.</p> - -<p>Es kostete der einfachen, in starren Vorurteilen aufgewachsenen Frau -eine große Überwindung, Liesel, die der Pastor ihr zuführte, die Hand -zu geben und ihr ein freundliches Wort zu sagen. Mit der Zeit jedoch, -als der Schmerz um den gefallenen Gatten ihr Herz wund gerissen hatte, -überwand Liesels große Liebe zu Franz auch ihre Beschränktheit. Sie -nahm das Mädel mit mütterlicher Liebe ans Herz. Und sie war ihr ein -Trost, als Franz als vermißt gemeldet wurde und für tot betrachtet -werden mußte, weil er trotz aller Nachforschungen nirgendwo als -Gefangener aufzufinden war.</p> - -<p>Da war es ihr in dieser verzweifelten<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> Stimmung ein Trost, als Liesel -ihr unter heißen Tränen gestand, daß sie sich Mutter fühlte. Als die -Flüchtlinge im April und Mai des nächsten Jahres in ihre zerstörte -Heimat zurückkehren durften, nahm Frau Rosumek Liesel mit sich und -hielt sie wie eine Tochter. Wenige Wochen nach ihrer Rückkehr schenkte -Liesel einem Knaben das Leben. Sie selbst schloß ihre Augen für immer. -Das Kindchen jedoch, das den Namen seines Vaters erhalten hatte, blieb -leben und gedieh, von der Großmutter wie ein Augapfel behütet, ein -Trost und ein Segen für ihr freudloses Leben .... — — —</p> - -<p>Franz war mit seinem Regiment nach dem Westen gekommen und hatte dort -die erste große Schlacht gegen die Franzosen mitgemacht, ohne verwundet -zu werden. Er erwies sich als ein strammer, tapferer Soldat, der durch -sein Wesen anfeuernd auf die Kameraden wirkte. Seine Kompagnie hatte -eines Tages schwere Verluste, aber sie hielt den wütenden Angriffen -der Franzosen stand. Und als die Verstärkung in die Lücken rückte, war -es Franz, der als Erster aus dem Graben sprang und die ganze Linie zu -einem siegreichen Sturmangriff auf den Feind mit sich riß.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span></p> - -<p>Aber vergebens wartete und hoffte Franz auf die Auszeichnung, die er -sich schon mehr als einmal verdient hatte, auf das E. K. II., das schon -mehrere seiner Kameraden zierte. Er hatte das Gefühl, als wenn man ihn -absichtlich überging. Er wäre schon zufrieden gewesen, wenn man ihn -wenigstens zum Gefreiten befördert hätte. Aber auch daran schienen -seine Vorgesetzten nicht zu denken.</p> - -<p>Ganz plötzlich kam der Befehl, daß die ganze Division nach dem Osten -verladen werden sollte. Es war eine anstrengende Fahrt durch das ganze -Reich bis nach dem fernsten Osten. Und aus dem Zug heraus wurde das -Bataillon in die Schlacht geführt .... Schwere Gefechte und lange -Märsche wechselten miteinander ab, bis der Retter Ostpreußens, der -Nationalheld Deutschlands, unser Hindenburg, den Sieg von Tannenberg -errungen hatte.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_20">20. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Durch die Schlacht bei Tannenberg war die Macht der Russen weder -gebrochen noch erschöpft. Sie führten neue Menschenmassen heran, so daß -Hindenburg sich darauf beschränken mußte, die masurische Seenkette und -die Angerapp-Linie bis zum Pregel zu halten. Er mußte damit rechnen, -daß die Russen versuchen würden, mit ihrer gewaltigen Übermacht diese -Sperre zu durchbrechen.</p> - -<p>Seit mehreren Tagen schon war durch Flieger drüben bei den Russen eine -erhöhte Bewegung festgestellt worden. Das erforderte Wachsamkeit und -Bereitschaft auf unserer Seite .... In der Nacht wurden Patrouillen -bis an die russischen Drahtverhaue vorgeschickt. Das waren gefährliche -Gänge. Denn ganz plötzlich suchten die Russen das Gelände mit -Scheinwerfern ab und in den Gräben standen Scharfschützen im Anschlag, -um jeden Feind, der sichtbar wurde, wegzuputzen.</p> - -<p>Eines Abends wurde Franz als Führer für solch einen gefährlichen -Gang bestimmt. Sobald<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> es dunkel wurde, wand er sich mit seinen zwei -Begleitern durch den Drahtverhau. Die Nacht war stürmisch und finster. -Vorsichtig, wie ein Indianer auf dem Kriegspfade, schlich Franz -vorwärts.</p> - -<p>In weiten Abständen folgten ihm die beiden anderen.</p> - -<p>Nicht weit vor der russischen Linie stieß er auf einen Graben, der -einige Zoll hoch mit nassem Schlamm angefüllt war. Ohne Bedenken stieg -er hinein und kroch auf Händen und Knien darin fort. Die nasse Kälte -schreckte ihn nicht ab, denn der Graben bot ihm Deckung nach den Seiten -.... Minutenlang lag er still und horchte. Der Wind wehte zu ihm her. -Er hörte halblaute Kommandoworte und Flüche. Kein Zweifel, die Russen -verstärkten ihre vorderste Linie. Er überlegte, ob er noch länger -warten oder gleich die Nachricht, die ihm wichtig genug erschien, -zurückbringen sollte, und entschloß sich zu Letzterem. Jetzt konnte er -wohl noch ohne Gefahr aus dem Graben steigen und die wenigen hundert -Meter laufend zurücklegen.</p> - -<p>In demselben Augenblick, als er auf den Grabenrand stieg, blitzte es -dicht neben ihm auf. Er fühlte einen heftigen, stechenden Schmerz im<span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span> -linken Auge. Schnell fuhr seine Hand dorthin und fühlte eine weiche, -warme Masse .... Gleich darauf sauste ein Kolbenschlag auf seinen Helm -nieder. Dann schwand ihm das Bewußtsein.</p> - -<p>Zwei Russen beugten sich über ihn. Der eine fuhr den anderen grob an: -„Du Hundesohn, du hast ihn totgeschlagen .... Wir sollten doch einen -lebendig fangen, damit er verhört wird. Aber wir müssen ihn mitnehmen, -vielleicht kann er doch noch was aussagen.“</p> - -<p>Franz erwachte. Er lag in einer Bauernstube auf einer Holzbank. Eine -trübe Petroleumlampe verbreitete ein mattes Licht. Eine leise Freude -regte sich in ihm, als er das Licht sah .... Also hatte er doch noch -ein Auge. Aber ein wütender Schmerz hämmerte in seinem Kopf. Zwei -russische Ärzte in ehemals weißen, jetzt völlig von Blut bespritzten -Kitteln, standen vor ihm. Sie unterhielten sich französisch.</p> - -<p>„Der Streifschuß, der das Auge zerstört hat, ist nicht gefährlich, aber -der Kolbenschlag auf den Kopf wird wohl tödlich sein. Es werden wohl -Knochensplitter ins Gehirn gedrungen sein. Ich glaube nicht, daß er -vernehmungsfähig werden wird ....“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span></p> - -<p>Die Worte, die Franz verstanden hatte, warfen ihn wieder in die -wohltätige Bewußtlosigkeit zurück. Er fühlte nicht, daß er eine Spritze -Morphium erhielt. Erst als er von groben Fäusten gepackt und von der -Bank herabgezerrt wurde, erwachte er wieder.</p> - -<p>„Halt,“ rief einer der Ärzte, „der Kerl lebt ja. Tragt ihn nebenan zum -Auditeur.“</p> - -<p>Er wurde halbsitzend mit dem Rücken an einen geheizten Ofen gelehnt. -Die Wärme tat ihm wohl und frischte ihn auf. In deutscher Sprache -fing der russische Auditeur zu fragen an. Er wollte wissen, wieviele -Regimenter die Deutschen drüben hatten, ihre Nummern, die Zahl der -deutschen Batterien usw. ... Franz gab mit leiser Stimme, aber -bereitwillig Auskunft .... Er log eine deutsche Armee zusammen, die -der russischen mindestens gewachsen war. Mehrmals schrie der Russe -ihn an, er solle nicht falsche Auskunft geben, sonst lasse er ihn -sofort erschießen. Franz beharrte bei seiner Aussage und fügte noch -hinzu, er habe gehört, daß in den nächsten Tagen noch sechs neue -Armeekorps ankämen. Ein Funke von Lebensmut war in ihm aufgeglommen. -Die Kopfschmerzen hatten nachgelassen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span></p> - -<p>Ein Arzt war eingetreten und hatte eine Weile dem Verhör beigewohnt. -Nun ließ er Franz wieder in das andere Zimmer schaffen und entfernte -ohne Betäubung das zerstörte Auge. Von dem rasenden Schmerz wurde Franz -wieder bewußtlos. Als er aufwachte, lag er mit verbundenem Kopf in -einer engen Kammer auf einer Schütte Stroh mit einer Decke bedeckt. -Aber rings um ihn wimmelte es von Ungeziefer. Doch der Blutverlust ließ -ihn einschlafen.</p> - -<p>Es mochte nicht lange nach Mitternacht sein, als er geweckt und -herausgeschleppt wurde. Mit einigen anderen Schicksalsgenossen wurde -er auf einen Karren geworfen, der rücksichtslos im Trab davonfuhr. -Zum Glück dauerte die Fahrt nicht lange. Der Karren fuhr an einen -langen Eisenbahnzug heran. Franz wurde sehr unsanft in einen Wagen -hineinbefördert, und bald setzte sich der Zug in Bewegung. Er hörte, -wie sich zwei leicht verwundete Russen darüber unterhielten, daß man -alles, was nicht für den Kampf brauchbar sei, wegschaffte, weil man -einen Sturmangriff der Deutschen erwartete. Daraus schloß Franz, daß -er nur aus Versehen mitgenommen wurde, weil man ihn für einen Russen -hielt. Verwundete Gefangene<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> behandelte man nicht so rücksichtsvoll -.... Man überließ sie, wenn es rückwärts ging, ihrem Schicksal und -erwies ihnen damit eine Wohltat, denn sie kamen wieder in deutsche -Hände und in deutsche Pflege.</p> - -<p>Endlos dauerte die Fahrt. Erst am Vormittag gab es auf einer großen -Station einen Teller warme Suppe. Einige Schwerverwundete wurden frisch -verbunden.</p> - -<p>So ging es Tag und Nacht weiter. Endlich wurde in einer Stadt, es war -Zarizyn, der Zug entleert und Franz als Deutscher erkannt. Wenige -Zeit später wurde er in einen Zug, der deutsche Gefangene und Kranke -enthielt, geworfen und weiter nach dem Osten gebracht. Es war das -Schrecklichste, was Franz und alle seine Leidensgefährten mit ihm, -durchmachten. Die Abteile wurden verschlossen, selbst an Orten, wo -der Zug längeren Aufenthalt hatte, durfte niemand aussteigen. Die -Gefangenen litten unter Hunger und Durst, die Verwundeten wurden von -heftigen Schmerzen gepeinigt .... Einige starben ....</p> - -<p>Auch dieser Leidensweg wurde überstanden. Ein Leidensgefährte widmete -Franz seine Teilnahme. Es war ein wüster Gesell, der heftig<span class="pagenum" id="Seite_305">[S. 305]</span> fluchte -und lästerliche Redensarten führte, aber er sprach fertig russisch und -brachte es fertig, von der Begleitmannschaft für Geld und gute Worte -ein Brot, ja auch ein Glas heißen Tee zu erhandeln, das er brüderlich -mit Franz teilte.</p> - -<p>Das Schicksal fügte es auch, daß Franz mit seinem Wohltäter zusammen -in ein sibirisches Bauerndorf und in dasselbe Haus einquartiert wurde. -Es war ein aus Berlin gebürtiger Metallarbeiter, der vor dem Kriege -in russischen Fabriken gearbeitet hatte und kurz vor den Unruhen nach -Deutschland zurückgekehrt war. Lüdicke, so hieß er, knurrte, brummte -und schimpfte den ganzen Tag. Er hatte aber doch ein weiches Herz und -nahm sich seines Mitgefangenen hilfreich an. Er sorgte für Essen, er -machte kalte Umschläge auf die entzündete Augenhöhle, er legte Franz -Eisklumpen auf den Kopf, wenn er über Kopfschmerzen klagte.</p> - -<p>Es war gar kein Zweifel, daß Franz dem brummigen Leidensgefährten -seine Gesundung verdankte. Sobald er dazu imstande war, schrieb er -ausführlich nach Hause, berichtete über sein Schicksal und bat, -ihm durch das Schwedische Rote Kreuz Geld zu senden. Der Brief -erreichte leider<span class="pagenum" id="Seite_306">[S. 306]</span> nicht sein Ziel, wie so viele andere, und mancher -Gefangene wurde zu Hause von seinen Angehörigen als tot betrauert, -der völlig gesund in Sibirien lebte und schmerzlich auf Nachricht und -Unterstützung wartete.</p> - -<p>Zu den körperlichen Entbehrungen, der Drangsal des sibirischen Winters, -kamen bei Franz noch seelische Anfechtungen, die sich zu Schmerzen -steigerten. Er verzehrte sich in Sehnsucht nach Liesel und nach all -seinen Lieben daheim. Die Stunden, in denen er sich einsam auf seinem -Krankenlager wälzte, waren entsetzlich. Er versuchte, seinen Kopf -durch irgend etwas geistig zu beschäftigen, um sich von den Gedanken -abzulenken. Er sagte sich alle Gedichte und Lieder aus dem Gesangbuch -auf, die er auswendig wußte. Er erzählte sich lange Abschnitte aus der -Weltgeschichte. Es half nichts. Plötzlich war er wieder mitten in den -Gedanken, die auf ihn einstürmten und ihn peinigten.</p> - -<p>Da begrüßte er es stets als eine Erlösung, wenn Lüdicke, ein Riese von -Gestalt, nach Hause kam. Er arbeitete bei den Bauern des Dorfes und -verdiente nicht nur den Unterhalt für sich, sondern auch für seinen -Genossen. Manchmal hörte er zu,<span class="pagenum" id="Seite_307">[S. 307]</span> wenn Franz sich, aber auch ihm, ein -Stück Geschichte erzählte. Dann fuhr er schließlich grob dazwischen.</p> - -<p>„Det is ja allens Quatsch. So seht ihr von die besitzende Klassen die -Weltgeschichte an. Nich die einzelnen jroßen Herren haben det alles -jemacht, die Masse hat es jeschafft. Wat du eben von Friedrich den -Jroßen erzählst, mein Junge, hört sich ja allens sehr schön an, aber -mit wen hat er seine Schlachten jeschlagen und die Siege erfochten? Mit -die Arbeiter, die Soldat spielen und ihm die Kastanien aus det Feuer -holen mußten. Haste schon mal darüber nachjedacht, wieviel Arbeiter for -die politischen Zwecke des jroßen Friedrich ihr Leben lassen mußten? -Wieviel die Knochen kaputt jeschossen oder jeschlagen wurden, dat se -nachher mit ’n Leierkasten ihr Brot erbetteln jehn mußten, wenn sie -noch een Arm hatten?“ ...</p> - -<p>Franz verteidigte eifrig seinen Standpunkt, der auf seiner Erziehung -und seiner Weltanschauung beruhte. Aber sein Kumpan ließ nicht locker. -Wenn er auf den Weltkrieg zu sprechen kam, schäumte er vor Wut. Den -hätten bloß die Kapitalisten angezettelt, um grob dran zu verdienen,<span class="pagenum" id="Seite_308">[S. 308]</span> -und die Arbeiter müßten dafür ihre Haut zu Markte tragen.</p> - -<p>Da wurde auch Franz eifrig und heftig. Das ganze deutsche Volk habe -sich der Übermacht der Feinde entgegengeworfen, um die Zertrümmerung -des Reiches abzuwehren. Die Arbeiter täten bloß ihre verfluchte Pflicht -und Schuldigkeit, wenn sie Schulter an Schulter mit allen anderen -Ständen das Vaterland verteidigten.</p> - -<p>Das Wort „Vaterland“ brachte Lüdicke jedesmal in Wut. Das sei nichts -weiter als ein von den regierenden und den herrschenden Klassen schlau -ersonnener Begriff, der dem Kinde schon in der Schule eingeimpft würde, -bloß um die Arbeiter dumm zu machen, daß sie sich für die oberen -Hunderttausend hinschlachten ließen, nur, damit die weit vom Schuß ein -Schlemmerleben führen könnten.</p> - -<p>Es müsse aber anders kommen! Die Arbeiter müßten die Macht an sich -reißen. Sie würden nicht daran denken, solche Kriege zu führen und sich -gegenseitig zu zerfleischen. Dazu seien sie viel zu vernünftig. Die -Arbeiter wären doch alle im Kampf gegen den Kapitalismus solidarisch.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_309">[S. 309]</span></p> - -<p>Dieser Behauptung stellte Franz die Tatsache gegenüber, daß die -französischen und englischen Arbeiter doch in erster Linie sich als -Franzosen und Engländer fühlten und keinen Finger gerührt hätten, um -den Ausbruch des Krieges zu verhindern.</p> - -<p>„Weil sie mit die nationale Redensarten besoffen jemacht sind,“ schrie -Lüdicke dazwischen, „und weil sie noch nich richtig orjanisiert sind -und nich die Macht dazu hatten.“</p> - -<p>So stritten sie sich täglich, manchmal stundenlang. Der Arbeiter war -geistig der Überlegene. Er war von Jugend auf in der Parteibewegung -geschult und verfügte über eine große Zahl folgerichtiger -Gedankengänge, die seinem Standpunkt entsprachen und die er mit -Ausdauer wiederholte. Franzens Widerstand erlahmte. Er fing an, zu -grübeln. Immer schwächer wurde sein Widerspruch. Lüdickes Wesen gewann -auf ihn Einfluß. Er mußte ihn als Menschen hoch einschätzen und als -Charakter bewundern. Und von seinem Standpunkt aus hatte er vollkommen -Recht ....</p> - -<p>Und mit diesen Gedankengängen verquickte sich seine Stimmung. Wäre es -nicht auch für ihn selbst ein großes Glück gewesen, wenn die Arbeiter<span class="pagenum" id="Seite_310">[S. 310]</span> -die Macht gehabt hätten, diesen entsetzlichen Krieg zu verhindern? War -es nicht ein hohes, ideales Ziel, danach zu streben, solch einen Krieg, -wie diesen, der soviele Schmerzen und soviel Not auf die Menschheit -warf, für alle Zukunft unmöglich zu machen? Ihm hatte der Krieg ein -Auge gekostet.</p> - -<p>Ganz knapp war er dem Tode entronnen. Was für ein Schicksal mochte -seiner Liesel, seinen Eltern, seinem lieben Pastor Uwis durch den -Krieg beschieden sein? War das Schicksal nicht grausam, das friedliche -Menschen von Haus und Hof in das Elend trieb? Daß die ostpreußischen -Flüchtlinge wieder in die Heimat zurückgekehrt waren, daß sie schon -wieder fleißig ihre zerstörten Städte und Dörfer aufbauten, wußte er -nicht, denn keine Kunde von dem Krieg, wie er in Wirklichkeit verlief, -drang in das weltferne Dorf. Nur ab und zu erzählte der Pope von großen -russischen Siegen. Franzosen und Russen hätten sich in Berlin die Hände -gereicht .....</p> - -<p>Noch einmal flammte in Franz das Gefühl für das Vaterland auf. Dann -erlosch es. Langsam, aber unaufhaltsam glitt er in die Gedankenwelt -seines stärkeren Genossen hinüber und hinein.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_311">[S. 311]</span></p> - -<p>Er war schon völlig drin, als die erste russische Revolution ausbrach. -Sie brachte ihnen auch die ersten richtigen Nachrichten über den -Verlauf des Krieges.</p> - -<p>Noch immer rangen die Deutschen nicht nur in Europa, sondern auch in -Asien gegen eine Welt von Feinden. Ströme von Blut waren geflossen. -Millionen der kräftigsten Männer deckte der Rasen. Weshalb machten -denn die herrschenden Klassen dem gräßlichen Morden kein Ende? Weshalb -schlossen die neuen Machthaber in Rußland, die den entthronten Zaren -verhaftet und die Herrschaft der bisher regierenden Klassen zertrümmert -hatten, denn nicht Frieden?</p> - -<p>Eines Tages kam Lüdicke triumphierend mit der Nachricht nach Hause, -jetzt hätten die wirklichen Arbeiter die Macht an sich gerissen und -die Kriegsverlängerer gestürzt. Jetzt würde sofort Friede geschlossen -werden.... Seine Nachrichten bewahrheiteten sich.... Aber für die -deutschen Gefangenen schlug noch lange nicht die Erlösungsstunde. -Verzweifelt fragte Franz Tag für Tag sich und seinen Freund, ob die -deutsche Regierung sie ganz vergessen und in Stich gelassen hätte. -Weshalb tauschte sie nicht die Gefangenen aus?</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_312">[S. 312]</span></p> - -<p>„Weil in Deutschland noch diejenigen an die Rejierung sind, wo den -Krieg anjefangen haben. Der Friede und die Auslieferung wird erst -kommen, wenn wir Arbeiter rejieren, wie jetzt hier in Rußland.“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_313">[S. 313]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_21">21. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Im Morgengrauen kam Franz auf der kleinen Haltestelle in der Heimat an. -Seit dem Augenblick, da der Abgesandte des Schwedischen Roten Kreuzes -die beiden deutschen Gefangenen in dem sibirischen Dorf entdeckt und -ihre Befreiung erwirkt hatte, stand ihm der Moment vor Augen, der jetzt -an ihn herangetreten war, wo er den Berg herauf zum Elternhause wandern -würde. Manchmal kam dabei in seine Gedanken eine große Freude, aber -noch öfter befiel ihn tiefe Niedergeschlagenheit. Lebten die Eltern -noch? Was war aus Liesel geworden? Wo war sie geblieben? Hatte sie ihn -als tot betrauert und sich einem anderen zugewandt?</p> - -<p>Es war ein frischer Morgen im Vorfrühling. Nur die Kätzchen an den -Weidenbäumen deuteten darauf hin, daß sich die Auferstehung der -Natur vorbereitete. Und die Lerchen, die wieder hier und dort sich -vom dunklen Acker emporschwangen, sangen dem ersehnten Frühling den -Willkommensgruß.<span class="pagenum" id="Seite_314">[S. 314]</span> Ein Bauernbursch, der mit Pferden und Pflug aufs Feld -zog, kam ihm entgegen. Franz erkannte ihn und fragte, ob der Pfarrer -Uwis noch lebe. Der halbwüchsige Junge grunzte, ohne die qualmende -Zigarette aus dem Munde zu nehmen, ein unhöfliches Ja. Er hatte den -frühen Wanderer nicht erkannt. Denn ihm war in den vier Jahren ein -blonder, krauser Bart gewachsen, der ihn älter erscheinen ließ, als er -war.</p> - -<p>Er wollte am Pfarrhaus still vorbeigehen. Aber der vertraute Anblick, -der so viele liebe Erinnerungen in ihm aufrührte, ließ ihn stehen -bleiben. Eben wollte er sich zum Weitergehen wenden, als ein rosiges, -blondes Mädel aus der Tür trat, frisch wie eine Knospe im Morgentau. -Es war Lotte. Wie gebannt blieb er stehen. Sie musterte ihn mit -forschendem Blick. Dann weiteten sich ihre Augen wie im freudigen -Schreck. Eine jähe Röte schoß ihr ins Gesicht. Mit beschwingtem Fuß -eilte sie auf ihn zu und warf ihm beide Hände entgegen: „Franz!“ ... -und noch einmal leiser, inniger, scheuer: „Franz, bist du es wirklich?“</p> - -<p>„Ja, ich bin es, Lotte.“</p> - -<p>„Willst du zu uns, zu Onkel Uwis?“, verbesserte sie sich. „Wann bist du -gekommen?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_315">[S. 315]</span></p> - -<p>„Ich komme eben von der Bahn. Ist der Onkel Uwis schon auf?“</p> - -<p>„Er ist schon wach. Ich hole ihm eben frisches Gebäck, dann trage ich -ihm den Kaffee ans Bett. Er ist schon etwas hinfällig und muß geschont -werden. Aber die Freude wird ihn verjüngen.“</p> - -<p>In frohen Gedanken stand Franz vor der Haustür und wartete, bis Lotte -zurückkam und ihn ins Haus führte. Nicht lange danach hörte er durch -die halbgeöffnete Tür die Stimme seines alten Freundes. „Was ... der -Franz ist da? Junge, wo steckst du?“</p> - -<p>Mit einem Satz war Franz in der Tür. „Onkel Uwis!“ ... Er warf sich vor -dem Bett auf die Knie und schlang seine Arme um die Brust des alten -Freundes. „Daß mir Gott noch diese Freude bescheren würde, dich lebend -wiederzusehen, habe ich nicht zu hoffen gewagt. Jetzt kann ich in -Frieden dahinfahren.“</p> - -<p>Er legte ihm die Hand wie segnend auf die krausen Haare. „Und nun steh -auf, mein Junge, erquick deinen Körper mit Speise und Trank und uns -durch die Schilderung deiner Lebensschicksale.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_316">[S. 316]</span></p> - -<p>„Ich bin im Oktober 1914 verwundet und habe ein Auge eingebüßt, ich -trage ein künstliches. Dabei geriet ich in Gefangenschaft, wurde nach -Sibirien verschleppt, und erst vor vier Wochen befreit. Später erzähle -ich ausführlich. Jetzt berichte du erst, wie es hier steht. Leben meine -Eltern?“</p> - -<p>„Dein Vater starb schon im Herbst 1914 den Heldentod in der Schlacht -bei Tannenberg.“</p> - -<p>„Schon so lange tot und ich habe keine Ahnung davon gehabt! Weiter, -Onkel!“</p> - -<p>„Deine Mutter lebt, vergrämt, verbittert. Aber die Freude über deine -Rückkehr wird sie wieder aufrichten .... Deine Schwester Emma hat im -Kriege auch ihren Mann verloren und führt der Mutter den Haushalt. Sie -besaß nie die rechte Fröhlichkeit des Gemüts, jetzt ist sie durch ihr -Unglück hart und grämlich geworden, und ich muß dir leider sagen, daß -sie nicht liebevoll an der Mutter handelt.“ ...</p> - -<p>Franz hörte, wie Lotte leise hinausging und die Türe hinter sich -schloß. Da stieß er die Frage hervor, die ihm schon das Herz -verbrannte: „Und Liesel? Wo ist Liesel?“</p> - -<p>Der alte Herr nahm seine Hand und drückte sie mit beiden Händen: -„Liesel ist bei Gott.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_317">[S. 317]</span></p> - -<p>Franz senkte den Kopf und deckte die Hand über die Augen. Auf alles war -er vorbereitet, nur auf diese Nachricht nicht. „Meine Liesel tot ... -und ich lebe“ ... flüsterte er tonlos.</p> - -<p>„Sie starb in meinen Armen. Ihre letzten Worte waren ein Gruß und -ein Segenswunsch für dich. Sie starb für dich, aber sie hat dir ein -heiliges Vermächtnis hinterlassen. Du hast einen Sohn, Franz. Liesel -hat dir einen Sohn geschenkt, bei dessen Geburt sie ihr junges Leben -verlor .... Dein verjüngtes Ebenbild. Hörst du, Franz. Dein Leben hat -wieder Inhalt, es ist mit der Verantwortlichkeit für dein Kind erfüllt.“</p> - -<p>Nach einer Weile sprach er weiter: „Deine Mutter hat Liesel an ihr -Herz genommen und sie wie eine Tochter gehalten. Aber daß der Junge -dir erhalten blieb, das hast du nur der Lotte zu danken, die nach dem -Tode ihrer Mutter, die auf der Flucht starb, bei deinen Eltern Zuflucht -fand. Als Emma ins Elternhaus zurückkehrte, war ihres Bleibens dort -nicht länger. Deine Schwester sah scheel auf den Kleinen und behandelte -ihn lieblos, weil deine Mutter ihm die Hälfte des Erbteils zuwenden -will. Und da meine Frau mir schon vor einem Jahr ins bessere Jenseits -vorausgegangen<span class="pagenum" id="Seite_318">[S. 318]</span> ist und ich nach der Rückkehr von der Flucht hinfällig -wurde, nahmen wir Lotte ins Haus. Sie brachte den kleinen Franz mit, -und wir freuten uns dessen. Denn der kleine Bube wurde die Freude -unseres Alters.“ ...</p> - -<p>Er hielt inne, denn die Tür öffnete sich und ein kleiner Bube mit -blonden Kraushaaren sprang ins Zimmer. Er warf einen scheuen Blick auf -den fremden Mann, dann stieg er behende ins Bett, umfaßte den alten -Herrn und küßte ihn. „Großväterchen, ich wünsche dir einen schönen, -guten Morgen.“</p> - -<p>Da konnte sich Franz nicht beherrschen. Mit beiden Händen griff er zu -und riß den Knaben ungestüm an seine Brust. Erschreckt fing der Kleine -an zu weinen. „Aber Franzel, das ist doch dein Väterchen“, rief Lotte -von der Tür her. „Ich habe dir doch so oft sein Bild gezeigt.“</p> - -<p>Der Kleine schüttelte den Kopf .... „Der ist nicht mein Vater ... der -sieht anders aus.“</p> - -<p>„Nimm den Kleinen raus,“ entschied der Pastor, „so schnell geht das -nicht bei Kindern .... Und du, Franz, wirst gut tun, deinen Bart -abnehmen zu lassen, damit du deinem Bild wieder ähnlich wirst. Oder -legst du soviel Wert auf den<span class="pagenum" id="Seite_319">[S. 319]</span> Mannesbart, daß du ihn deinem Sohn nicht -opfern willst?“</p> - -<p>„Nein, Onkel, das werde ich gern und bald tun.“ Er stand auf und reckte -wie anklagend die Hände empor. „Ach Gott, was hat mir dieser verfluchte -Krieg alles genommen. Den Vater, das geliebte Weib, die Liebe des -Kindes und vier Jahre meines Lebens.“</p> - -<p>Mißbilligend schüttelte der Pastor sein weißes Haupt. „Du bist -verbittert und ungerecht.“</p> - -<p>„Verbittert? Ja. Und ist es ein Wunder? Aber ungerecht .... Nein, ich -kann bloß die göttliche Weltordnung nicht mehr begreifen, die soviel -Unheil über die Menschheit kommen ließ, soviel blühende Menschen -vernichten ließ.“</p> - -<p>„Dein Schmerz macht mir deinen Ausbruch begreiflich. Was Gott in seinem -unerforschlichen Ratschluß über die Menschheit verhängt hat ...“</p> - -<p>„das glaubt ihr mit Lammesgeduld ertragen, ja ihm noch dafür danken -zu müssen“, warf Franz heftig dazwischen. „Wir Jungen denken anders -darüber. Wir haben die Ursachen der Geschehnisse kennengelernt, die -du Gottes unerforschlichem Ratschluß zuschreibst. Wir sehen dahinter -die Raub-<span class="pagenum" id="Seite_320">[S. 320]</span> und Profitgier menschlicher Bestien, von denen wir als den -Machthabern gebeugt und geduckt werden. Das gibt es nicht mehr .... -Die Macht muß diesen Teufeln in Menschengestalt entrissen und reineren -Händen anvertraut werden. In Deutschland ist es ja bereits geschehen.“</p> - -<p>Mit entsetzten Augen sah der Pastor auf den jungen Freund, der -aufgeregt im Zimmer auf und ab ging. „Franz, du bist krank -zurückgekehrt. Ich will heute mit dir nicht rechten und nicht streiten -... Sieh dich erst mal einige Wochen in der Heimat um, aber mit offenen -Augen ohne Scheuklappen davor. Hör mal erst, wie die neuen Herren -Deutschlands sich gebärden und wie die neue Weltordnung aussieht, die -sie aufgerichtet haben. Dann wollen wir weiter darüber reden.“</p> - -<p>Franz trat zu ihm ans Bett und reichte ihm die Hand. „Verzeih, Onkel, -ich wollte dich nicht kränken. Du magst Recht haben, daß die neue Zeit -viel Unerfreuliches zutage bringt, aber das ist bei solchen Umwälzungen -unvermeidlich. Das muß bei den großen Errungenschaften mit in Kauf -genommen werden.“</p> - -<p>„Teuerer Kauf,“ murmelte der Alte, „aber nun geh nach Hause und begrüß -die Mutter. Nur<span class="pagenum" id="Seite_321">[S. 321]</span> um eines bitte ich dich: erschrick die alte Frau nicht -durch deine heftigen Redensarten. Sie ist schon sehr hinfällig.“</p> - -<p>Als Franz in den Flur seines Elternhauses trat, kam aus der Küche seine -Schwester Emma, ein stattliches Weib mit hartem Gesicht und kalten -Augen.</p> - -<p>„Was wünschen Sie?“</p> - -<p>Mit bitterem Lächeln erwiderte er: „Kennst deinen Bruder wirklich -nicht mehr?“ Er wandte sich zur Stubentür. Da trat sie vor ihm und -versperrte ihm den Weg. „Die Mutter ist sehr schwach, ich muß sie erst -vorbereiten.“</p> - -<p>In Franz wallte der Zorn auf. „Weib, bist du toll? Du willst mich nicht -zur Mutter lassen?“</p> - -<p>Aus der Stube kam ein schwacher Ruf: „Franz! ... Franz! ...“</p> - -<p>Mit einem harten Griff schob er die Schwester zur Seite und trat -ein. Aus dem Lehnstuhl am Fenster streckte ihm die Mutter die Hände -entgegen. Freudentränen rannen über ihr welkes Gesicht. Er warf sich -vor ihr auf die Knie, barg sein Gesicht in ihrem Schoß und weinte lange -still vor sich hin.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_322">[S. 322]</span></p> - -<p>Als er aufstand, war sein Gesicht ruhig, aber hart. „Mutter, weißt du, -daß nach dem Willen des Vaters der Hof mir gehören sollte?“</p> - -<p>„Ja, mein Sohn, es war ja sein höchster Wunsch, daß du Landwirt werden -solltest, damit der Hof nicht in fremde Hände käme.“</p> - -<p>„Es ist gut, Mutter, ich danke dir. Ich danke dir auch für alle Liebe, -die du meiner Liesel erwiesen hast.“</p> - -<p>„Hast deinen Jungen schon gesehen?“</p> - -<p>Franz lächelte schwach. „Ja, Mutter, er will den Vater nicht kennen.“</p> - -<p>„Ach, das wird schon kommen. Ich mußte ihn leider mit der Lotte -weggeben. Die Emma war nicht gut zu ihm.“</p> - -<p>„Auch zu dir ist sie nicht gut, Mutter.“</p> - -<p>„Ach Kind, ich beanspruche ja nichts. Erzähl’ lieber, wie es dir -ergangen ist.“</p> - -<p>Während Franz erzählte, kam Emma herein und setzte der Mutter einen -Topf Kaffee und ein mager gestrichenes Stück Brot aufs Fensterbrett. -Franz stand auf, nachdem er die matte Brühe gekostet, und ging ihr -nach. „Weshalb hältst du die Mutter so karg? Weshalb gibst du ihr nicht -ein Ei und ein Stückchen Fleisch zum Frühstück?“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_323">[S. 323]</span></p> - -<p>„Die Eier müssen verkauft werden, die können wir uns nicht bezähmen.“</p> - -<p>„Von jetzt ab wird die Mutter besser genährt.“</p> - -<p>„Darüber hast du doch nicht zu bestimmen“, erwiderte die Schwester -höhnisch. „Vorläufig gehört dir vom Hof noch gar nichts. Der Vater hat -der Mutter den Hof vermacht, und es kommt nur darauf an, wem sie den -Hof verschreibt. Dann kriegst du deinen Anteil ausgezahlt und gehst -deiner Wege.“</p> - -<p>Er ließ sie ohne Antwort stehen und ging wieder in die Stube. „Mutter, -hier muß erst reiner Tisch gemacht werden, damit ich weiß, woran ich -bin. Willst du den letzten Willen des Vaters erfüllen, daß ich den Hof -übernehmen soll?“</p> - -<p>Emma war in die Tür getreten. „Den letzten Willen des Vaters hat die -Mutter schriftlich. Ihr gehört der Hof.“</p> - -<p>„Und ich verschreibe ihn, wie mein seliger Mann, euer Vater, wollte, -dem Franz“, erwiderte die Mutter ruhig, aber bestimmt. Da warf Emma die -Tür hinter sich ins Schloß.</p> - -<p>„Wer wirtschaftet hier?“, fragte Franz weiter.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_324">[S. 324]</span></p> - -<p>„Ein alter, abgedankter Inspektor, den Emma angenommen hat. Sie -versteht nichts davon, und ich bin zu schwach und kann mich nicht darum -bekümmern. Ich glaube, er wirtschaftet in seine eigene Tasche, denn ich -habe schon Papiere verkaufen müssen, weil das Geld nicht langte und -kein Getreide zur Saat vorhanden war.“</p> - -<p>„Bist du damit einverstanden, Mutter, daß ich die Wirtschaft übernehme -und den Inspektor entlasse?“</p> - -<p>„Ja, mein Sohn, du hast darüber zu bestimmen.“</p> - -<p>Als der Inspektor eine Stunde später zum zweiten Frühstück hereinkam, -führte ihn Franz in das Arbeitszimmer seines Vaters. Der Mann mißfiel -ihm vom ersten Anblick an. Er hatte ein verkniffenes Fuchsgesicht mit -listig zwinkernden Augen.</p> - -<p>„Welche Kündigungszeit haben Sie?“, fragte Franz.</p> - -<p>„Kündigungszeit?“, erwiderte der Inspektor, „darüber ist nichts -ausgemacht.“</p> - -<p>„Das Übliche ist wohl vierteljährliche Kündigung. Also kündige ich -Ihnen vom 1. April zum 1. Juli. Sie bekommen Ihr Gehalt für die Zeit<span class="pagenum" id="Seite_325">[S. 325]</span> -und können gehen. Ich beanspruche Ihre Dienste nicht mehr.“</p> - -<p>„Sie ... Sie beanspruchen meine Dienste nicht mehr? Herr, wer sind Sie -denn eigentlich?“</p> - -<p>Franz bezwang den Ärger, der in ihm aufstieg und erwiderte ruhig: „Ich -bin der Sohn des Hauses und handele im Auftrage meiner Mutter.“</p> - -<p>„So? Aber ich nehme die Kündigung nicht an. Die Zeiten haben sich -geändert, junger Mann, was Sie noch nicht zu wissen scheinen. Jetzt -darf man nicht mehr einen Menschen so mir nichts, dir nichts auf die -Straße setzen.“</p> - -<p>„Sie weigern sich also, mein Haus zu verlassen?“</p> - -<p>„Ja, und wenn Sie was gegen mich unternehmen, wende ich mich an unseren -Arbeiterrat, der wird bald Ordnung schaffen.“</p> - -<p>Franz sah ihn halb belustigt, halb spöttisch an. „Gut, daß Sie mich an -diese neue Instanz erinnern. Das Weitere wird sich finden.“</p> - -<p>Er zog sich an und ging zum Nachbarn, einem alten, guten Freund seines -Vaters. Nachdem der erste Sturm der Begrüßung vorüber war und er seine -Erlebnisse kurz berichtet hatte, fragte er: „Sag mal, Ohm Dahlheimer, -was geht bei mir zu<span class="pagenum" id="Seite_326">[S. 326]</span> Hause vor? Was ist der Inspektor für ein Mensch?“</p> - -<p>Der Bauer zuckte die Achseln. „Man möchte sich nicht das Maul -verbrennen. Sieh zu, daß du den Menschen aus dem Hause kriegst.“</p> - -<p>„Wie ich höre, habt ihr hier auch einen Arbeiterrat. Wer gehört dazu?“</p> - -<p>„Ein Tagelöhner von dir, der Wölk, und zwei Kerle, die dem lieben Gott -den Tag abstehlen und sich dafür bezahlen lassen.“</p> - -<p>In schweren Gedanken ging Franz heim. Gegen Abend ließ er durch -Wölk den Arbeiterrat versammeln und ersuchte um die Zustimmung zur -Entlassung des Inspektors. Sofort erklärte einer der „Räte“: „Dazu -liegt unseres Wissens kein Grund vor. Sie können dem Mann nicht die Tür -weisen, weil Sie jetzt selbst wirtschaften wollen. Das geht jetzt nicht -mehr so wie früher.“</p> - -<p>„So? Geht das nicht mehr? Das werde ich mir merken. Nichts für ungut, -meine Herren, daß ich Sie bemüht habe.“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_327">[S. 327]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_22">22. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Die nächste Zeit war ganz dazu angetan, Franz den Aufenthalt in der -Heimat zu verleiden. Sein gesunder Sinn empörte sich gegen die Faulheit -der Arbeiter. Früher wurde von der Saatzeit an auf dem Lande von -Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gearbeitet. Jetzt faulenzten die -Knechte und Tagelöhner die zehn Stunden ab, die von den Landwirten mit -vieler Mühe durchgesetzt waren, und beanspruchten dafür eine unmäßig -hohe Entlohnung in Geld und Naturalien. Bei dem geringsten Anlaß erhob -der Arbeiterrat Einspruch gegen die Anordnungen des Gutsherrn. Man -mußte sich nur wundern, daß die Landwirte nicht die Lust und Geduld -verloren.</p> - -<p>Auch die Zustände im Hause waren unleidlich. Emma umlauerte die -Mutter, und wenn Franz abends auf ein Stündchen in den Pfarrhof ging, -setzte sie ihr hart zu, daß sie ihr den Hof verschreiben sollte. Das -Essen, das er und die Mutter vorgesetzt erhielten, war mager und ohne -Sorgfalt<span class="pagenum" id="Seite_328">[S. 328]</span> zubereitet. Aber oft drangen aus der Küche, wo Emma und der -Inspektor aßen, Düfte von gebratenem Fleisch.</p> - -<p>Am liebsten wäre Franz auf der Stelle davongegangen. Er konnte doch -aber nicht die Mutter allein in Emmas Hände lassen. Dann brach ihr -Widerstand zusammen und sie verschrieb der Tochter den Hof. An Geld -fehlte es ihm nicht, um sich einige Zeit über Wasser zu halten, bis -er sich eine neue Existenz gegründet hatte, denn die Mutter hatte ihm -alles gegeben, was sie noch an Wertpapieren und Pfandbriefen besaß, und -das war mehr, als er erwartet hatte.</p> - -<p>Das Einfachste wäre gewesen, wenn die Mutter ihm vor dem Notar den -Hof verschrieben hätte. Aber sie hatte wie soviele Menschen den -Aberglauben, daß sie bald sterben müßte, wenn sie ihr Testament machte.</p> - -<p>Und noch eines hielt ihn in der Heimat fest. Seine Liebe zu dem Jungen. -Am liebsten hätte er ihn zu sich genommen. Aber er mußte sich doch -sagen, daß der Kleine es im Pfarrhause unter Lottes liebevoller Pflege -viel besser hatte als bei ihm zu Hause. Ab und zu brachte Lotte ihn auf -ein Stündchen zur Großmama, was dem kleinen<span class="pagenum" id="Seite_329">[S. 329]</span> Buben kein sonderliches -Vergnügen bedeutete. Auch zu dem Vater, der sich ihm zu Liebe den Bart -hatte abnehmen lassen und nun seinem Bilde aus jüngeren Jahren wieder -ähnlich sah, kam er in kein herzliches Verhältnis, obwohl ihn Franz -mit Spielzeug und gegen den Willen der „Tante Lotte“ mit Näschereien -beschenkte. Die Bande des Blutes zeigten sich in dem Kleinen nicht -lebendig. Sie fehlten ja auch gänzlich zwischen Bruder und Schwester.</p> - -<p>An der Zuneigung, die Lotte dem Jugendfreund entgegenbrachte, ging -Franz achtlos vorbei. Sie kam ihm nicht zum Bewußtsein, denn sein -Schmerz und seine Trauer um Liesel waren noch so lebendig, als wenn der -Verlust ihn erst vor wenigen Tagen getroffen hätte.</p> - -<p>Nach vierzehn Tagen kam Lüdicke unerwartet an. Beim Abschied in -Berlin hatte er dem Freund und Genossen versprochen, ihn zu besuchen, -sobald er sich in oder mit Hilfe der Partei eine Stellung verschafft -hatte. Das war ihm schneller gelungen, als er gehofft hatte. Auf -einer Versammlung in Berlin traf er mit einigen Genossen zusammen, -die inzwischen in führende Stellungen eingerückt waren. Seine starke -Persönlichkeit, seine gewaltige<span class="pagenum" id="Seite_330">[S. 330]</span> Rednergabe, die er in der Versammlung -mit großem Erfolg betätigte, machten ihn zu einem brauchbaren -Werkzeug. Er wurde damit betraut, die Streitigkeiten, die an mehreren -Stellen zwischen Arbeiter- und Soldatenräten und den als Gegengewicht -aufgestellten Bürgerräten in Ostpreußen ausgebrochen waren, zu -untersuchen und zu schlichten. Er war gut gekleidet und sein starker -Schnurr- und Knebelbart gaben ihm ein martialisches Aussehen.</p> - -<p>Er kam schon von der „Arbeit“. Schon von Berlin aus hatte er sich -in der Kreisstadt eine Versammlung einberufen lassen und mit seiner -Donnerstimme und mit der Wucht seiner Phrasen die Genossen in die -höchste Begeisterung versetzt. Auch der nötige Respekt fehlte nicht. So -war es ihm denn am nächsten Vormittag ein Leichtes, das Einvernehmen -zwischen den streitenden Parteien herzustellen. Franz empfing den -Freund mit ehrlicher Freude. Nur der Gedanke bedrückte ihn, daß -der scharf blickende Mann Einsicht in das Elend seiner häuslichen -Verhältnisse gewinnen würde.</p> - -<p>Etwas zaghaft betrat er die Küche, um Emma von der Ankunft des Gastes -zu benachrichtigen<span class="pagenum" id="Seite_331">[S. 331]</span> und sie um eine gute Bewirtung zu bitten. Zu seinem -Erstaunen sah er, daß sie sich gut und sauber gekleidet hatte, während -sonst leider das Gegenteil der Fall war. Und auf seine Bitte erwiderte -sie, sie wisse allein, was man einem Gast vorzusetzen habe. So verlief -der Begrüßungsschmaus ganz vergnüglich. Lüdicke führte das Wort. Er -erzählte lustig kleine Begebenheiten aus der Gefangenschaft, und Emma -hatte eine freundliche Miene aufgesetzt, die sie sehr zum Vorteil -veränderte.</p> - -<p>Nach dem Essen begleitete Franz seinen Gast in den Dorfkrug, wohin -er sich die Arbeiterräte der umliegenden Dörfer eingeladen hatte. -Mit geheimer Freude hörte Franz, wie sich sein Freund den Räten als -Kommissar der Volksbeauftragten vorstellte und hinzufügte, er habe hier -nach dem Rechten zu sehen. Dann ließ Lüdicke sich am Tisch nieder und -begann mit dröhnender Stimme zu reden. Die siegreiche Revolution wolle -den Menschen Friede, Ruhe und Ordnung schaffen. Die Macht liege jetzt -in den Händen des Volkes, und das sei gut so. Dann geißelte er die -Sünden der alten Regierung und wurde sehr heftig dabei. Aber zum Schluß -kam doch eine sehr deutliche Ermahnung,<span class="pagenum" id="Seite_332">[S. 332]</span> Ruhe zu halten und fleißig zu -arbeiten. Nur die Arbeit könne uns wieder emporführen.</p> - -<p>Die große Wirtsstube hatte sich während seiner Rede gefüllt. Die -Genossen spendeten kräftigen Beifall. Als wieder Stille eingetreten -war, rief von der Tür her ein alter Bauer, der den Mund auf dem rechten -Fleck hatte: „Herr Kommissar, das war alles sehr schön, was Sie gesagt -haben, bloß mit der Arbeit klappt es nicht, wenigstens bei uns nicht. -Wenn unsere Leute jetzt in der Saatzeit nicht mehr leisten, dann -kriegen wir die Saat nicht in den Boden, und dann können die Herren -Berliner im Herbst hungern.“</p> - -<p>„Der Mann hat Recht,“ warf Franz dazwischen, „unsere Leute stehlen dem -lieben Gott den Tag weg und die Räte bestärken sie darin. Unsere ganze -Landwirtschaft geht vor die Hunde, wenn das nicht anders wird.“</p> - -<p>Auch noch andere erhoben ihre Stimme, einige von den Räten -widersprachen und daraus wurde ein greulicher Tumult, bis Lüdicke mit -der Faust auf den Tisch schlug und Ruhe gebot. Nun durfte jeder vor ihm -hintreten und seine Meinung äußern. Als Ergebnis der Debatte erklärte -der Kommissar, die Landarbeiter müßten in der verkürzten<span class="pagenum" id="Seite_333">[S. 333]</span> Arbeitszeit -soviel schaffen, ja womöglich noch mehr als früher, denn das Reich wäre -darauf angewiesen, daß die Landwirtschaft alles, was möglich sei, aus -dem Boden heraushole.</p> - -<p>Auch die Räte bekamen ihre Standpauke. Sie wären nur dazu da, bei -Streitigkeiten die Interessen der Arbeiter wahrzunehmen. Eingriffe in -den Wirtschaftsbetrieb ständen ihnen nicht zu.</p> - -<p>Auf dem Heimwege sagte Franz dem Freunde: „Du hast dir heute Abend -einen großen Anhang geschafft, weniger bei den Arbeitern als bei den -Bauern. Und du schaffst wirklich Segen, wenn du die unleidlichen -Zustände besserst. Wenn wir bloß viele solcher Männer hätten wie dich.“</p> - -<p>„Geschenkt!“, erwiderte Lüdicke lachend, „es ist doch -selbstverständlich, daß die Kirche im Dorf bleiben muß. Wir wollen -nicht zerstören, sondern neu aufbauen .... Und weshalb sollen wir -nicht, was gut ist, behalten? Aber nun möchte ich auch hören, wie es -dir geht. Wo ist die Liesel?“</p> - -<p>„Die ist bei der Geburt eines Jungen gestorben. Mein Vater ist als -Landsturmmann schon 1914 gefallen. Meine Schwester hat auch ihren Mann -verloren. Meine Rückkehr hat ihr wenig Freude bereitet, denn sie fühlte -sich schon als<span class="pagenum" id="Seite_334">[S. 334]</span> Alleinerbin und Besitzerin des Hofes. Nun macht sie ihn -mir streitig, obwohl es der ausdrückliche Wille meines Vaters war, ihn -mir zu geben.“</p> - -<p>„Das ist der Fluch des Geldes und des Besitzes. Er wirft Zwietracht -zwischen Eltern und Kinder und zwischen Geschwister. Nun sag mal, -alter Freund und Genosse, willst du dich hier einkapseln und als Bauer -versauern?“</p> - -<p>„Nein, das möchte ich nicht, aber ich kann hier nicht weggehen, ehe der -Streit um die Erbschaft entschieden ist.“</p> - -<p>„Wer hat denn darüber zu entscheiden?“</p> - -<p>„Jetzt noch die Mutter.“</p> - -<p>„Gut, dann werden wir das morgen gleich in Ordnung bringen.“</p> - -<p>Es war wunderbar, wie sich alles im Hause dem Gast beugte und fügte. -Zuerst mußte der Inspektor ihm in Gegenwart von Franz und Emma seine -Wirtschaftsbücher vorlegen. Sie waren sehr unordentlich geführt, -ergaben aber, daß erhebliche Summen beiseite gebracht worden waren. -Einen Teil hatte Emma erhalten, aber für viele Posten fehlte jeder -Beleg, wofür er ausgegeben war.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_335">[S. 335]</span></p> - -<p>„Was willst du deswegen veranlassen?“, fragte Lüdicke.</p> - -<p>„Ich werde nichts gegen den Mann tun, wenn er sofort das Haus verläßt.“</p> - -<p>Ohne ein Wort zu erwidern, stand der Inspektor auf und ging hinaus. -Nun begaben sich alle drei zur Mutter. Frau Rosumek tat etwas -ängstlich, als der Gast, den sie gestern Abend nur flüchtig begrüßt, -ihr zuredete, in seinem Beisein über den Hof und die Erbschaft zu -verfügen. Aber sie nahm sich zusammen und erklärte Franz zu ihrem -Haupterben. Lüdicke brachte ihren Willen sofort zu Papier und ließ alle -drei unterschreiben. Emma erhob keinen Einwand, worüber sich Franz -im Stillen wunderte. Es schien ihm, als ob sie es vermeiden wollte, -dem Gast zu mißfallen. Als Franz in seiner Ehrlichkeit dann noch die -ihm von der Mutter übergebenen Werte zur Sprache brachte, entschied -Lüdicke, Emma habe wohl ebensoviel aus der Wirtschaft herausgenommen. -Und sie gab sich damit zufrieden.</p> - -<p>Als der Gast am nächsten Morgen Abschied nahm, befürchtete Franz noch -eine heftige Auseinandersetzung mit der Schwester. Sie blieb jedoch -aus. Im Gegenteil, Emma kehrte nicht die<span class="pagenum" id="Seite_336">[S. 336]</span> Kratzbürste, sondern die -freundliche Seite ihres Wesens heraus, fragte den Bruder nach seinen -Wünschen wegen des Essens und erfüllte sie. Er war, wie er merkte, -durch die Freundschaft mit Lüdicke eine Respektsperson für sie -geworden. Daß der stattliche Mann ihr sehr gut gefiel und sie ihn zu -gewinnen hoffte, ahnte er nicht.</p> - -<p>Als Lüdicke nach acht Tagen unvermutet wiederkehrte, wurde er sehr -freundlich empfangen. Emma war klug. Sie verstand es, den Gast zum -Reden zu bringen und aufmerksam zuzuhören .... Und sie umgab ihn -mit wohlberechneten Aufmerksamkeiten, so daß Lüdicke sich im Hause -seines Freundes sehr behaglich fühlte und von seinen Reisen durch die -Provinz immer wieder nach Schwentainen zurückkehrte .... Eines Tages -überraschte er Franz mit der Frage, ob er ihm als Schwager willkommen -wäre.</p> - -<p>„Das ist doch keine Frage, alter Freund. Bist du mit meiner Schwester -schon einig?“</p> - -<p>„Nein, ich habe ihr noch kein Wort gesagt, aber ich glaube, sie mag -mich gut leiden. Willst du mir den Gefallen tun und auf den Busch bei -ihr klopfen?“</p> - -<p>Franz lachte laut auf. „Du hast dich nicht<span class="pagenum" id="Seite_337">[S. 337]</span> vor Tod und Teufel -gefürchtet und hast vor einer Schürze Angst? Aber selbstverständlich -tue ich dir den Gefallen.“</p> - -<p>„Schönen Dank und vergiß auch nicht, bei deiner Mutter ein gutes Wort -für mich einzulegen.“</p> - -<p>Emma wurde weder rot noch verlegen, als ihr Franz die Frage vorlegte, -ob sie Lüdicke nehmen möchte. Ihr Wesen kam jedoch sehr deutlich durch -die Frage zum Ausdruck: „Was ist er eigentlich?“</p> - -<p>„Arbeiter, einfacher Metallarbeiter. Aber die Leute verdienen jetzt ein -Heidengeld.“ Mit geheimem Vergnügen sah er ihre Enttäuschung. „Er wird -aber jetzt Gewerkschaftssekretär ... das ist eine sehr einflußreiche -Stellung. Er kann bald Landrat oder gar Minister werden.“</p> - -<p>„Wenn das richtig ist, kann er bei mir anklopfen.“</p> - -<p>Die Mutter fragte etwas anderes, als Franz ihr von der Bewerbung seines -Freundes Mitteilung machte. „Ist er ein guter, ehrlicher Mensch?“</p> - -<p>„Ja, Mutter, er hat ein gutes Herz. Ich kenne ihn zur Genüge.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_338">[S. 338]</span></p> - -<p>„Er wird mit der Emma einen schweren Stand haben.“</p> - -<p>„Ich glaube nicht, Mutter, sie hat vor ihm einen gewaltigen Respekt, -und er wird ihn zu wahren wissen.“</p> - -<p>„Dann will ich ihn gern als Schwiegersohn begrüßen.“</p> - -<p>Noch am selben Abend fand die Verlobungsfeier statt. Emma schwamm -in Seligkeit, daß sie nach Berlin käme, aber sie war in Sorge, ob -ihre Möbel, die sie auf den Speicher gebracht hatte, der Würde und -Stellung ihres Gatten entsprechen würden. Lüdicke drängte auf baldige -Festsetzung der Hochzeit, die natürlich in Schwentainen stattfinden -sollte. Als Emma dagegen einwarf, daß sie noch ein neues Seidenkleid -für die Kirche brauche, machte er ein verdutztes Gesicht.</p> - -<p>„Das mit der kirchlichen Trauung mußt du dir aus dem Kopf schlagen. Ich -bin Atheist und aus der Kirche ausgetreten ...“</p> - -<p>„Aber ich nicht .... Ich will mit dir vor den Altar treten oder gar -nicht“, erwiderte Emma heftig.</p> - -<p>„Weshalb gleich so heftig, liebe Emma“, erwiderte er ruhig. „Damit -kommst du bei mir nicht<span class="pagenum" id="Seite_339">[S. 339]</span> durch. Auf eine freundliche Bitte würde ich -vielleicht eingehen.“</p> - -<p>In demselben Augenblick hatte Emma begriffen und sich umgestellt. Sie -sprang auf, schmiegte sich zärtlich an ihn und schmeichelte ihm die -Einwilligung ab. „Ich fürchte nur, der Pfaffe wird mich nicht in die -Kirche rein lassen.“</p> - -<p>„Darüber kannst du beruhigt sein“, warf Franz ein. „Unser alter Pastor -Uwis wird dir keine Schwierigkeiten bereiten. Und du mußt es unserer -Familie wegen tun. Hier gehört die kirchliche Trauung noch zu einer -richtigen Ehe.“</p> - -<p>Die Hochzeit wurde großartig ausgerüstet. Nach drei Tagen fuhr das -junge Paar ab nach Berlin.</p> - -<p>Es war die letzte Trauung, die der alte Uwis vollzog. Er war nicht -eigentlich krank, aber er verfiel immer mehr. Am nächsten Sonntag -war er so schwach, daß er nicht aufstehen konnte und sich vom Lehrer -vertreten lassen mußte. Gegen Abend kam Franz, nach ihm zu sehen. Er -beugte sich über ihn. „Onkel, hast du Schmerzen?“</p> - -<p>„Nein, nein, lieber Junge, mir fehlt nichts.“</p> - -<p>Lotte brachte ihm ein Glas Wein, das er gehorsam austrank. Danach -wurde er munter und<span class="pagenum" id="Seite_340">[S. 340]</span> erzählte aus seiner Jugendzeit allerlei kleine -Begebnisse .... Mitten drin wurde seine Stimme schwächer und schwächer, -bis sie erlosch. Sein Kopf neigte sich zur Seite. Er schlief ein. -Sanft drückte ihm Franz die Augen zu. Lotte saß neben ihm und weinte -still. Der Tod des alten Mannes nahm ihr die letzte Stütze, die sie im -Leben noch hatte. Fortan war sie ganz allein auf sich gestellt, denn -der Mann, den sie seit frühester Jugend im Herzen trug, um den sie so -manche schwere Träne geweint, erwiderte ihre Liebe nicht. Er schien sie -nicht einmal zu ahnen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_341">[S. 341]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_23">23. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Das Begräbnis des Pastors Uwis brachte es allen Beteiligten zum -Bewußtsein, welche Liebe und Verehrung sich der seltene Mann in den -weitesten Kreisen erworben hatte. Nicht nur die Insassen seines -Kirchspiels und die Amtsbrüder aus den Nachbarorten, sondern von weit -und breit waren Männer gekommen, um dem Verewigten die letzte Ehre -zu erweisen. Es war Anfang Juni, die Zeit, in der Ostpreußen seinen -Wonnemonat erlebt. Der Flieder blühte und duftete, die Kastanien hatten -ihre weißen und roten Pyramiden aufgesetzt. Aus den hohen Silberpappeln -und Buchen, die das schmucklose, altersgraue Kirchlein umgaben, das -der Zerstörung entgangen war, schmetterten die Buchfinken ihre helle -Strophe in das dünne Geläut der Glocken.</p> - -<p>Sechs Männer, die Uwis getauft, eingesegnet und getraut hatte, trugen -den Sarg, der mit Kränzen bedeckt war, nach dem nahen Gottesacker, wo -der Entschlafene neben seiner Gattin ruhen<span class="pagenum" id="Seite_342">[S. 342]</span> sollte. Über dem Grabhügel -häufte sich ein Berg von Blumen und Kränzen.</p> - -<p>Der Verstorbene hatte schon bei Lebzeiten Fürsorge für sein Begräbnis -getroffen. Sein Sarg stand lange Jahre, wie es noch an manchen -Orten Sitte ist, im Turm der Kirche. Nach dem Begräbnis sollten die -Leidtragenden in die Pfarre gebeten und mit Wein und Kuchen bewirtet -werden. Nur wenige folgten der Aufforderung, unter ihnen auch der -Oberamtmann, der den Verstorbenen von Jugend an kannte und hoch -schätzte. Auf dem Schreibtisch lag ein verschlossener Briefumschlag, -den Lotte dort hingelegt hatte. Er trug die Aufschrift: „Von Franz -Rosumek nach meinem Begräbnis zu eröffnen.“</p> - -<p>Franz erbrach das Siegel und las den letzten Willen des Verstorbenen -vor. Er bestimmte zwei Drittel des Nachlasses für die Armen und -Waisen des Kirchspiels, ein Drittel und die Möbel erhielt Lotte, „die -treue Pflegerin“. Es waren einige tausend Taler, mit denen sich ein -strebsames, tüchtiges Mädchen seine eigene Existenz gründen konnte. -Nach der Bewirtung zerstreuten sich die Teilnehmer. Beim Abschied lud -der Oberamtmann Franz ein, ihn recht bald zu besuchen. Seine<span class="pagenum" id="Seite_343">[S. 343]</span> Frau -würde sich auch freuen, ihn wiederzusehen und von seinen Erlebnissen zu -hören.</p> - -<p>„Gern, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz. „Ich möchte aber das -Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Kann ich von Ihnen Saatgut -bekommen? Mein Speicher ist leer wie eine Tenne.“</p> - -<p>„Aber selbstverständlich, Rosumek.“</p> - -<p>Lotte saß am Fenster der Wohnstube, als Franz ins Pfarrhaus -zurückkehrte. Sie hatte die fleißigen Hände still im Schoß gefaltet -und plauderte mit dem kleinen Franzel, der an ihren Knien stand. Franz -setzte sich ihr gegenüber und nahm seinen Jungen auf den Schoß.</p> - -<p>„Ich komme im Auftrage meiner Mutter,“ begann er zögernd, „wir -betrachten es als selbstverständlich, daß du jetzt zu uns kommst.“</p> - -<p>Lotte senkte den Kopf, um den Wechsel der Farben auf ihrem Gesicht zu -verbergen. Ganz leise erwiderte sie: „Franz, wie kannst du mir das -zumuten?“ Ihre Hände hoben sich und verdeckten das Gesicht.</p> - -<p>Ratlos sah Franz sie an. „Aber Lotte, ich verstehe dich nicht. Du bist -doch bei meinen Eltern wie ein Kind im Hause gewesen. Meine Mutter hat -dich lieb wie ihre eigene Tochter.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_344">[S. 344]</span></p> - -<p>Jetzt hob Lotte den Kopf und sah ihn fest an. „Quäl mich nicht, Franz, -ich kann nicht.“</p> - -<p>„Das heißt, du willst nicht“, erwiderte Franz traurig. „Was soll denn -aus meinem kleinen Jungen werden? Die Mutter ist gebrechlich, ich habe -wenig Zeit, mich um ihn zu kümmern.“ Er setzte Franzel ab. „Geh, bitt’ -du die Tante, daß sie dich nicht allein läßt, sondern zu uns kommt.“</p> - -<p>Der Kleine hatte mit verwunderten Augen von einem zum anderen geschaut. -Er hatte begriffen, daß die Tante mit ihm nicht zum Papa gehen wollte. -Jetzt umfaßte er ihre Knie. „Tante, liebe Tante, komm doch mit uns.“</p> - -<p>Mit beiden Händen umfaßte Lotte seinen Kopf und küßte seine Stirn. „Ich -kann nicht, mein lieber, süßer Bub. Ich muß weit fortgehen zu fremden -Menschen.“ Sie hob den Kopf. „Ja, Franz, es ist besser, daß ich mich -jetzt von dem Kinde trenne. Über lang oder kurz wirst du dir eine Frau -nehmen, und dann muß ich aus dem Hause.“ ...</p> - -<p>Bei den letzten Worten schoß ihr eine jähe Röte ins Gesicht. Sie -schämte sich vor sich selbst, daß sie ihm so deutlich die Antwort, -die ihr Herz<span class="pagenum" id="Seite_345">[S. 345]</span> wünschte, in den Mund legte. Das hatte ja auch schon -in ihrer ersten Antwort gelegen, die er nicht verstanden hatte. Sie -fürchtete sich vor dem Zusammensein mit dem Manne, nach dem ihr Herz -schrie. Weshalb nahm er sie nicht in seine Arme? Er brauchte kein Wort -zu sagen, er brauchte sie nur an sein Herz zu nehmen. Aber anstatt des -Vaters hielt sie seinen Sohn in den Armen, herzte und streichelte ihn.</p> - -<p>„Ach, Lotte, du weißt ja nicht, wie mir zumute ist! Ich werde nie -heiraten, ich kann meine Liesel nicht vergessen. Du weißt ja nicht, wie -sehr ich sie geliebt habe. All die Jahre in der Gefangenschaft war die -Hoffnung, sie wiederzusehen, mein einziger Trost, der mich aufrecht -hielt. Kannst du es wirklich übers Herz bringen, den kleinen Buben, an -dem du Mutterstelle vertrittst, allein zu lassen? Weshalb willst du dir -nicht bei uns dein Brot ebenso verdienen wie bei fremden Menschen?“</p> - -<p>Mit einem Ruck stand Lotte auf und setzte den Jungen auf die Erde. -Mechanisch strich sie ihre Schürze glatt. Ihre Lippen zuckten. „Ja, -Franz, du hast Recht, mich an die Pflicht zu erinnern, die ich deinem -Kind gegenüber übernommen habe.<span class="pagenum" id="Seite_346">[S. 346]</span> Ich werde dir deinen Haushalt führen. -Die Möbel können hier wohl solange stehen bleiben, bis der neue Pfarrer -kommt. Ich will sie nicht verkaufen, denn es hängen zuviel liebe und -traurige Erinnerungen daran. Du gibst mir wohl einen Raum, wo ich sie -unterstellen kann?“</p> - -<p>„Lotte, wie soll ich dir danken?“</p> - -<p>„Mach’ keine Redensarten, Franz, ich trete bei dir in Lohn und Brot. — -Ja, noch eins. Willst du das Geld und die Wertpapiere an dich nehmen? -Ich meine, du wirst sie später dem neuen Pfarrer übergeben, der die -Stiftung verwalten soll. Ich komme gegen Abend mit Franzel. Ich muß -erst die Leute auslohnen und alles verschließen .... Oder besser, du -nimmst den Jungen gleich mit .... Geh, Franzel, mit deinem Väterchen, -ich komme gleich nach ....“</p> - -<p>„Kommst auch wirklich, Tante?“, fragte der Kleine mißtrauisch.</p> - -<p>„Ja, Franzel, ich habe es ja deinem Väterchen versprochen, und ich -halte immer Wort.“</p> - -<p>Als Franz gegangen war, brach sie haltlos nieder. Ein Schmerz, den sie -auch körperlich spürte, krampfte ihr das Herz zusammen. Sie haderte mit -sich und schalt sich töricht, daß sie nachgegeben<span class="pagenum" id="Seite_347">[S. 347]</span> hatte, anstatt die -Qual mit einem Schlage zu beenden .... Was hoffte sie denn noch? Sein -Herz war erfüllt von Trauer und Liebe zu einer Toten. An dem blühenden -Leben, das sich in Sehnsucht nach ihm verzehrte, ging er achtlos -vorüber. Aber sie konnte jetzt nicht mehr zurück; sie mußte Wort halten -und auch noch diese Prüfung auf sich nehmen ... bis ... bis vielleicht -.... Er hatte ja doch auch die heftige Leidenschaft für die schöne Dame -in Polommen überwunden und sich in Liesel verliebt.</p> - -<p>Allmählich wurde sie ruhiger. Ihr Benehmen war ihr klar vorgezeichnet. -Sie mußte Franz vom ersten Augenblick an ruhig und kalt -gegenübertreten, sich auf den Standpunkt einer bezahlten Wirtschafterin -stellen.</p> - -<p>Mit diesem Entschluß stand sie auf, kühlte ihre Augen und dann -erledigte sie mit ruhiger Freundlichkeit, wie man es an ihr gewohnt -war, ihre Geschäfte. Gegen Abend schloß sie das Haus ab und ging zu -Rosumeks. Die alte Frau begrüßte sie mit überschwenglicher Freude.</p> - -<p>„Ach, Kind, wie ich dich vermißt habe.“</p> - -<p>Am anderen Morgen fuhr Franz nach Polommen und verlebte dort ein paar -gemütliche<span class="pagenum" id="Seite_348">[S. 348]</span> Stunden. Er mußte zu Mittag bleiben und viel von seinen -Erlebnissen erzählen. Eine Frage nach Adelheid schwebte ihm auf den -Lippen, doch er scheute sich, sie auszusprechen. Frau Olga merkte es -und begann selbst von ihr zu erzählen. „Meine Freundin Adelheid hat im -Krieg auch Schweres durchgemacht. Einer ihrer Verehrer warb, als er ins -Feld ziehen mußte, um ihre Hand und ließ sich mit ihr kriegstrauen. -Fünf Tage dauerte ihr Eheglück. Nach drei Wochen schon wurde sie Witwe. -Ihr Gatte hatte jedoch ihre Zukunft sichergestellt, so daß sie ihr -gewohntes Leben fortsetzen kann.“</p> - -<p>„Wie die Lilie auf dem Felde“, warf der Oberamtmann ein.</p> - -<p>„Sie kommt übrigens in nächster Zeit wieder zu Besuch“, fuhr Frau Olga -fort. „Wenn Sie mal am Sonntag uns besuchen wollen?“ ...</p> - -<p>„Na, na“, warnte der Gutsherr mit dröhnendem Lachen. „Ist das nicht -gefährlich für Sie, lieber Rosumek?“</p> - -<p>„Ach nein, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz ruhig. „<em class="gesperrt">Die</em> -Episode meines Lebens liegt wie ein dunkler Traum hinter mir.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_349">[S. 349]</span></p> - -<p>Einige Tage später traf der neue Pfarrer, Hans Pilchowski, ein. Ein -großer, schlanker Mann, der am Alltag noch mit Vorliebe seine Uniform -als Feldgeistlicher trug. Das gefiel den Bauern, bei denen er der Reihe -nach seinen Besuch machte. Er kam auch zu Franz mit einem großen Paket -Druckschriften unter dem Arm und stellte sich vor.</p> - -<p>„Herr Rosumek, ich halte Sie für den geistigen Führer der Gemeinde und -möchte zwischen uns ein gutes Einvernehmen herstellen. Vor allem möchte -ich Sie für den Heimatdienst interessieren und in Anspruch nehmen. Wir -sind jetzt hier völlig vom Mutterlande abgeschnitten und auf uns allein -gestellt. Die größte Gefahr, die uns jetzt droht, ist der Kommunismus -in Rußland, der Bolschewismus. Er arbeitet mit großen Mitteln und einer -unheimlichen Werbekraft unter den niederen Klassen und streckt auch -nach uns seine Hände aus.“</p> - -<p>„Es ist die Werbekraft der neuen Idee“, erwiderte Franz zurückhaltend.</p> - -<p>„Ja, aber der müssen wir uns entgegenstemmen und die Leute über das -wirkliche Wesen des Bolschewismus aufklären. Dazu ist der Heimatdienst -gegründet.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_350">[S. 350]</span></p> - -<p>„Ich habe etwas anderes gehört, Herr Pfarrer. Es ist eine konservative -Gründung der Deutschnationalen, wie sie sich jetzt nennen, nur zum -Zweck, die Massen wieder einzufangen und wieder dumm zu machen.“</p> - -<p>Ganz verblüfft sah der Pfarrer Franz an. „Aber, Herr Rosumek, stehen -Sie denn nicht in unserem Lager? Sie haben doch für das Vaterland -gekämpft und geblutet.“</p> - -<p>„Das haben Millionen meiner Genossen auch getan. Aber jetzt sind wir -aus dem Traum erwacht. Wir wollen nicht mehr unsere Haut für die -Profitgier des Kapitalismus zu Markte tragen. Das Volk will und wird -fortan selbst und allein sich sein Schicksal bestimmen und wird klüger -und ehrlicher handeln als die früheren Machthaber.“</p> - -<p>„Erst muß ich einen Irrtum von Ihnen richtigstellen“, versetzte der -Pfarrer ernst. „Sie sind über die Verhältnisse in der Heimat noch -nicht im Bilde. Der Heimatdienst steht im Dienste keiner politischen -Partei. Er ist völlig neutral und hat nur den Zweck, die Heimatliebe -zu pflegen und dadurch den Willen und die Kraft zur Abwehr feindlicher -Einflüsse zu stärken .... Sie verwechseln ihn mit der deutschnationalen -Parteiorganisation,<span class="pagenum" id="Seite_351">[S. 351]</span> die sich Heimatbund nennt, der ich allerdings auch -angehöre.“</p> - -<p>„Unser Standpunkt ist wohl so verschieden, daß wir kaum je -zusammenkommen werden, Herr Pfarrer. Ich halte die Revolution und ihre -Folgen für den größten Fortschritt, den wir je getan haben und lasse -mich in dieser Meinung auch nicht durch die üblen Nebenerscheinungen -beirren, die bei jeder großen Umwälzung unvermeidlich sind.“</p> - -<p>„Nur noch eine Frage, Herr Rosumek. Wie stellen Sie sich zu der -Tatsache, daß der Feindbund uns Masuren und dem Ermeland eine -Abstimmung darüber auferlegt, ob wir deutsch bleiben oder polnisch -werden wollen?“</p> - -<p>„Ich glaube nicht, daß die Masuren große Lust haben, polnisch zu -werden, aber wenn die Abstimmung danach ausfällt ...“</p> - -<p>„Nein, Herr Rosumek, das darf sie nicht. Hier scheiden sich unsere Wege -wohl für immer, wenn Sie nicht anderen Sinnes werden. Uns treibt unsere -Heimatliebe, mit allen Mitteln daran zu arbeiten, daß die gefährdeten -Bezirke, nach denen der Pole seine gierigen Hände ausstreckt, dem -Vaterland erhalten bleiben. Und wer nicht für uns ist, der ist wider -uns. Ich will aber die<span class="pagenum" id="Seite_352">[S. 352]</span> Hoffnung nicht aufgeben, Sie doch noch auf -unserer Seite zu finden.“</p> - -<p>„Mich führt auch noch eine geschäftliche Angelegenheit hierher“, -fuhr der Pfarrer nach einer kleinen unangenehmen Pause fort. „Ich -möchte von Fräulein Grigo das Inventar der Ackerwirtschaft erwerben. -Ich habe mich auch noch mit ihr wegen der Übernahme der Bestellung -auseinanderzusetzen.“</p> - -<p>Lotte wurde hereingeholt, und unter dem sachverständigen Beirat von -Franz kam eine beide Teile befriedigende Vereinbarung zustande.</p> - -<p>Am nächsten Sonntag sah Franz einen offenen Landauer vor der Kirche -vorfahren und zwei Damen aussteigen, die das Gotteshaus betraten.</p> - -<p>Es war Frau Olga und Adelheid. Er vermutete mit Recht, daß sie auch ihm -einen Besuch abstatten würden. Es war doch ein eigentümliches Gefühl, -das ihn bei dieser Erwartung beschlich. Und er fragte sich, ob es der -jungen Frau nicht peinlich sein mußte, ihm nach allem, was geschehen -war, gegenüberzutreten. Das Gefühl der Beschämung über die hochfahrende -Art, wie sie ihn abgewiesen hatte, stieg wieder in ihm auf.<span class="pagenum" id="Seite_353">[S. 353]</span> Das gab -ihm die Kraft, ihr kühl gegenüberzutreten.</p> - -<p>Er empfing die Damen in der Haustür und fühlte, daß ein neuer -frauenhafter Liebreiz von Adelheid von Streng ausging. „Wir wollen -Ihnen doch einen guten Tag sagen, Herr Rosumek, da wir nun einmal in -Schwentainen sind“, sagte Frau Olga bei der Begrüßung. „Meine Freundin -kennt Sie ja auch von ihrem damaligen Sommeraufenthalt her.“</p> - -<p>Mit bezauberndem Lächeln streckte ihm Adelheid die Hand entgegen. „Wir -haben beide Schweres durchgemacht in den letzten Jahren. Wir haben -jeder eine bessere Hälfte verloren.“ Franz führte die Damen in die gute -Stube, die einfach, aber mit gutem Geschmack eingerichtet war. Und er -fühlte den Blick, mit dem Adelheid sich umsah .... Es war ihm, als wenn -sie innerlich die Achseln zuckte. „So sah also das Heim aus, in das -dieser Jüngling mich führen wollte.“</p> - -<p>Kaum hatten die Damen Platz genommen, als Lotte eintrat. An ihrer -Schürze hing natürlich Franzel. Sie brachte eine Flasche Wein und auf -einem Teller kleines Gebäck. Während Franz die Gläser füllte, beugte -sich Lotte über Frau<span class="pagenum" id="Seite_354">[S. 354]</span> Olgas Hand und küßte sie. „Also Sie sind das -liebe Geschöpf, das unseren alten verehrten Pastor bis zu seinem Tode -gepflegt hat. Kann ich Frau Rosumek begrüßen? Wollen Sie mich zu ihr -führen?“</p> - -<p>Vor der fremden Frau verbeugte sich Lotte stolz und gemessen.</p> - -<p>Adelheid hatte sofort Franzel an sich gezogen und trotz seines -Sträubens auf den Schoß genommen. „Ein herziger Bub“, sagte sie leise -mit verschleierter Stimme. „Mir ist das Glück nicht zuteil geworden. -Ich beneide Sie.“ Sie ließ den Kleinen vom Schoß gleiten, der sich -sofort zu seinem Vater flüchtete, und hob den Kopf. „Sagen Sie mal, -Herr Rosumek, was wollten Sie eigentlich in Baden-Baden von mir?“</p> - -<p>„Ich wollte mir meinen Verstand wiederholen, der mir abhanden gekommen -war. Ich danke Ihnen noch nachträglich dafür, daß Sie ihn mir -wiedergegeben haben.“</p> - -<p>„Das heißt, Sie sind mir noch jetzt böse, daß ich Sie damals nicht -sprechen wollte. Es ging wirklich nicht. Was hatten Sie sich eigentlich -gedacht? Wozu sollte das führen? Ich konnte doch unmöglich ...“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_355">[S. 355]</span></p> - -<p>„Jetzt weiß ich es. Damals wußte ich es in meiner Verblendung nicht.“</p> - -<p>„Na, dann können wir wohl als gute Freunde scheiden.“</p> - -<p>„Von meiner Seite steht nichts im Wege, gnädige Frau, ich bin völlig -geheilt.“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_357">[S. 357]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Kapitel_24">24. <em class="gesperrt">Kapitel</em></h2> - -</div> - -<p>Emmas hochfliegende Pläne waren nicht in Erfüllung gegangen. Ihr -Mann war noch nichts mehr als Parteisekretär .... Sie hatte keine -politische Bildung, aber ihr weibliches Feingefühl sagte ihr, daß die -gemäßigte Partei der Roten die überwiegende Zahl der Arbeiter hinter -sich habe und damit die größere Aussicht, sich im Besitz der Macht -zu behaupten. Auf ihren Rat und ihr Drängen schloß Lüdicke sich den -Mehrheitssozialisten an. Sie fühlte sich in dem modernen Babel, wie sie -es von ihrer Mutter hatte nennen hören, nicht behaglich. Sie mußte sich -mit zwei möblierten Zimmern begnügen und gemeinsam mit einer nicht sehr -friedfertigen Genossin die Küche benutzen.</p> - -<p>Das ging ihr wider den Strich. Und als an ihren Mann die Frage -herantrat, ob er im Dienste der Partei nach Magdeburg oder nach -Ostpreußen gehen wollte, bestimmte sie ihn ohne große Mühe, sich für -ihre Heimat zu entscheiden. Ihre Möbel standen noch zu Hause auf dem -Speicher. Da<span class="pagenum" id="Seite_358">[S. 358]</span> wurde die teuere Fracht gespart. Sie fuhr schon einige -Tage voraus, und es gelang ihr auch, in der Kreisstadt eine Wohnung von -fünf Zimmern zu bekommen, von denen sie eins ihrem Manne als Amtsstube -abtreten mußte.</p> - -<p>Als sie sich eingerichtet hatten, kamen die jungen Gatten nach -Schwentainen zum Besuch. Daß Lotte im Hause war, wußte sie. Das war -aller Voraussicht nach ihre zukünftige Schwägerin und Emma behandelte -sie sehr freundlich, denn die wirtschaftliche Verbindung mit einem -großen Bauernhof war damals eine nicht zu verachtende Sache. Es -wunderte sie nur, daß sie zwischen Franz und Lotte nichts entdeckte, -was auf ein stilles Einvernehmen schließen ließ. Lotte blieb sich -in ihrer stillen Freundlichkeit immer gleich. Und sie zog sich mit -deutlicher Absicht zurück, wenn die Familie beisammen war. Sie hatte -immer etwas in der Küche und in der Wirtschaft zu tun. Franz schien es -nicht zu merken, sondern ganz in der Ordnung zu finden.</p> - -<p>Eines Tages kam der Pfarrer zum Kaffee zu Besuch. Er hatte schon etwas -verlauten hören, daß der Führer der Roten im Kreise, der Schwager -Rosumeks, ein ganz umgänglicher, vernünftiger<span class="pagenum" id="Seite_359">[S. 359]</span> Mann sei, und begab sich -zu ihm, um sich mit ihm auseinanderzusetzen. Vom ersten Augenblick an -empfanden die beiden hochgewachsenen Männer, als sie sich die Hände zur -Begrüßung reichten, etwas wie Vertrauen zueinander, obwohl sie doch auf -einem so verschiedenen Standpunkt standen.</p> - -<p>„Ich habe mich in die Höhle des Löwen gewagt,“ begann der Pastor -lachend, „um mich mit Ihnen über die Stellung Ihrer Partei zur -Abstimmung ins Benehmen zu setzen. Finde ich einen Gegner oder einen -Bundesgenossen?“</p> - -<p>„Das wird sich finden, Herr Pastor, wenn wir uns erst einmal auf -den Zahn gefühlt haben“, erwiderte Lüdicke lachend. „Ich halte es -für selbstverständlich, daß jeder Deutsche, welcher Partei er auch -angehören mag, sich einer weiteren Zerstückelung seines Vaterlandes mit -allen Kräften widersetzen muß.“</p> - -<p>„Das ist ein mannhaftes Wort, für das ich Ihnen Dank sage“, rief der -Pastor freudig aus.</p> - -<p>„Ich wüßte nicht, weshalb Sie gerade mir dafür danken. Es wird -Ihnen doch erklärlich sein, daß mir mein Standpunkt vom Interesse -der arbeitenden Klassen diktiert wird. Und das gebietet mir, die -Besetzung Ostpreußens durch die<span class="pagenum" id="Seite_360">[S. 360]</span> Polen für das größte Unglück zu -halten. Ich kenne die wahren Polen. Ich habe vor dem Kriege drei Jahre -in Lodz gearbeitet. Nur ein kleiner Teil der polnischen Arbeiter war -vernünftigen Ideen zugänglich. Die meisten liefen hinter ihren Herren -Schlachzizen her und träumten von der Wiedererstehung ihres Landes als -Staat.“ Er hob die Stimme. „Es war die allergrößte Dummheit, die von -unserer alten Regierung während des Krieges begangen werden konnte, den -Polen die Selbständigkeit zu versprechen.“ ...</p> - -<p>„Das haben Sie mir aus der Seele gesprochen“, warf der Pastor ein.</p> - -<p>„Jetzt ernten wir den Dank dafür. Und wir Arbeiter würden den größten -Schaden haben, wenn wir unter polnische Herrschaft kommen. Die ganzen -Wohltaten der sozialen Gesetzgebung würden von den Polen zertrümmert -werden, die Löhne würden mit Gewalt herabgedrückt und die Arbeiter zu -Sklaven gemacht werden.“</p> - -<p>„Ich denke, wir haben auch noch andere Kulturgüter zu verteidigen“, -meinte der Pfarrer. „Unsere Volksbildung, die führende Stellung unserer -Wissenschaft und unsere vorbildliche Landwirtschaft, alles würde -von den Polen in<span class="pagenum" id="Seite_361">[S. 361]</span> Trümmer geschlagen werden. Schlagen Sie ein, Herr -Lüdicke, wir wollen in der Heimatbewegung Schulter an Schulter kämpfen.“</p> - -<p>Lächelnd reichte ihm Lüdicke die Hand. „Nur mit der Heimatbewegung bin -ich nicht ganz einverstanden.“</p> - -<p>„Weshalb denn nicht? Geht es Ihnen gegen den Strich, daß wir die -Heimatliebe als die treibende Kraft für die Abstimmung zu entfachen -suchen? Womit wollen wir denn die Abstimmungsberechtigten im Reich, die -sich dort eine Existenz gegründet haben, zum Eintreten für die Heimat -bewegen?“</p> - -<p>„Darin haben Sie Recht ... ich fürchte nur, daß sich dahinter -nationalistische Zwecke verbergen, die letzten Endes den Rechtsparteien -dienstbar gemacht werden.“</p> - -<p>„Das ist beim Heimatdienst völlig ausgeschlossen. Wenn er einen -Nebenzweck verfolgt, dann ist es der, durch Unterhaltung und Belehrung -die Volksbildung zu heben. Und das ist, wie ich zu wissen glaube, -ein Ziel, das auch Ihre Partei verfolgt. Ich meine, sie tut gut, -ihre Anhänger nicht von dem Heimatverein fernzuhalten, sondern -hineinzuschicken. Damit gewinnen Sie<span class="pagenum" id="Seite_362">[S. 362]</span> doch die Kontrolle darüber, was -in den Vereinen geschieht.“</p> - -<p>„Der Gedanke läßt sich hören“, erwiderte Lüdicke bedächtig. „Ich kann -jedoch allein nicht darüber entscheiden.“</p> - -<p>Es wurde noch viel an dem Nachmittag gesprochen, auch über Politik, -aber ruhig, in versöhnlicher Form, wie es zwischen Gegnern, die sich -achten, üblich ist. Der Pastor schied mit kräftigem Händedruck und -dem Versprechen, bald wieder zu einem Plauderstündchen zu erscheinen. -Die Frauen hatten schweigend zugehört, nur Franz hatte ab und zu eine -Bemerkung dazwischen geworfen. Er mußte es erst in sich verarbeiten, -daß sein Schwager die Arbeit für die Abstimmung als seine Hauptaufgabe -ansah.</p> - -<p>Allmählich hatte sich zwischen ihm und seinem Franzel ein innigeres -Verhältnis angebahnt. Er nahm auf Lottes Anraten den Kleinen mit sich -aufs Feld und ließ ihn auf den Ackerpferden reiten. Das bereitete ihm -das größte Vergnügen, noch mehr als die Peitsche, mit der man wirklich -knallen konnte. Er wurde gesprächig und plauderte lebhaft. Und sein -zweites Wort war immer: „Tante Lotte.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_363">[S. 363]</span></p> - -<p>Eines Tages plapperte der Bub: „Väterchen, Tante Lotte erzählt mir -immer von einem toten Mütterchen. Weshalb habe ich keine lebendige -Mutter?“</p> - -<p>„Weil dein Mütterchen gestorben ist.“</p> - -<p>„Weshalb ist die Tante Lotte nicht mein Mütterchen?“</p> - -<p>Darauf wußte der Vater keine Antwort. Aber er nahm den Jungen auf den -Schoß und herzte ihn. Die Frage blieb in ihm und wühlte in ihm. Sie -weckte alte Erinnerungen auf, die verblaßt waren. An den Albertus, -den sie ihm geschenkt. Und plötzlich stieg in ihm der Gedanke auf, -das ihr Herz womöglich ihm gehöre. Aber nein, sie ging ja so still -zurückhaltend neben ihm her. Aber weshalb hatte sie als blutjunges -Ding sich seines Jungen angenommen, weshalb hing sie mit solcher -Zärtlichkeit an ihm? War das bloß Menschenfreundlichkeit oder -Betätigung ihrer Mütterlichkeit? Nur Dankbarkeit gegen seine Eltern, -die sich ihrer angenommen hatten? ...</p> - -<p>Als Lotte Franzel holen kam, um ihm sein Abendbrot zu geben und ihn zu -Bett zu bringen, hatte der Vater schon Augen dafür bekommen, daß sie -ein sehr hübsches, frisches Mädel wäre. Aber<span class="pagenum" id="Seite_364">[S. 364]</span> jetzt und auch für die -Folge hütete er seine Augen, um ihr nicht zu verraten, wie sehr er sich -innerlich mit ihr beschäftigte. Und jetzt glaubte er auch, zu bemerken, -daß sich der junge Pfarrer für Lotte interessierte. Er fand durch die -geschäftlichen Beziehungen, die er zu ihr hatte, leicht einen Anlaß -herüberzukommen und mit ihr zu plaudern.</p> - -<p>Mutter Rosumek war unter Lottes Pflege wieder frischer geworden. Aber -ab und zu hatte sie bedrohliche Anfälle von Herzschwäche, bei denen -auch die belebenden Baldriantropfen ihre Wirkung verfehlten. Nach solch -einem Anfall ließ sie Franz rufen und sagte ihm unter vier Augen: „Mein -lieber Junge, ich werde täglich schwächer. Du mußt mit meinem baldigen -Ende rechnen.“</p> - -<p>„Aber Mutter, du bist doch frischer als wie ich nach Hause kam.“</p> - -<p>„Das scheint bloß so, mein Sohn. Ich weiß doch am besten, wie es mit -mir steht. Ich habe noch eine Bitte an dich, die du mir erfüllen mußt, -ehe ich die Augen zumache.“</p> - -<p>„Wenn es in meiner Macht steht, Mutter ...“</p> - -<p>„Sie steht in deiner Macht,“ erwiderte die Mutter nachdrücklich, „du -sollst mir noch eine liebe Tochter ins Haus führen.“</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_365">[S. 365]</span></p> - -<p>Als er schwieg, fuhr sie fort: „Die Liesel ist doch nun schon vier -Jahre tot und du kannst sie nicht ewig betrauern. Und Lotte wird nicht -ewig dir die Wirtschaft führen. Wenn ich die Augen zumache, geht sie -fort. Was soll dann aus dir und Franzel werden?“</p> - -<p>„Du hast Recht, Mutter, es gehört eine Frau auf den Hof. Weißt du eine -für mich?“</p> - -<p>Die alte Frau lächelte. „Du gehst wohl mit Scheuklappen umher, mein -Sohn? Du willst doch vom Leben auch noch ein bißchen Glück haben. -Weshalb streckst du nicht die Hand aus und nimmst es dir?“</p> - -<p>„Wen meinst du denn, Mutter?“, fragte er heuchlerisch, denn in ihm -wogte schon die Gewißheit.</p> - -<p>„Ach, stell dich doch nicht so“, erwiderte die Mutter etwas unwillig. -„Das kann doch der Blinde mit dem Stock fühlen, daß Lotte dich lieb -hat, viel mehr, als du es verdienst, du Schlingel. Sie hat dich schon -geliebt, als du hinter der schönen Frau herliefst, sie hat dich -betrauert und deinen Jungen an ihr Herz genommen, nur aus Liebe zu dir, -nicht zu dem Mädel, das seine Mutter ist .... Schon aus Dankbarkeit -solltest du sie heiraten,<span class="pagenum" id="Seite_366">[S. 366]</span> um deinem Jungen die richtige Mutter zu -geben.“</p> - -<p>„Ja, aber wenn sie mich ausschlägt?“</p> - -<p>„Soll ich etwa den Freiwerber für dich spielen? Nun geh, du wirst jetzt -wissen, was du zu tun hast.“</p> - -<p>In seliger Unruhe ging Franz aufs Feld. Würde sie ihm glauben, daß -er sie lieb hatte, mehr als er selbst gewußt? Wenn er nur zu ihr -etwas freundlicher gewesen wäre! Aber sie war ja auch so kühl und -förmlich und vermied es, ihm Gesellschaft zu leisten. Höchstens über -Wirtschaftssachen hatten sie manchmal ein Gespräch geführt.</p> - -<p>Als er auf den Hof zurückkam, lief ihm sein Bub entgegen. Er nahm ihn -auf den Arm und trug ihn in das Haus.</p> - -<p>„Väterchen,“ erzählte der Kleine, „der Herr Pastor ist hier gewesen -und hat mit der Tante Lotte gesprochen. Und nachher hat die Tante so -geweint, soviel und hat mich rausgeschickt.“</p> - -<p>Wie ein Blitz schlug es vor Franz ein. Der Pastor hatte um Lotte -geworben und sie hatte ihm einen Korb gegeben? Den trefflichen Mann, -an dessen Seite sie ein geachtetes Leben führen würde, hatte sie -ausgeschlagen? In heftiger Erregung<span class="pagenum" id="Seite_367">[S. 367]</span> trat er in die gute Stube. Bei -seinem Eintritt erhob sich Lotte und wollte an ihm vorbei zur Tür -hinaus. Er faßte sie an der Hand. „Lotte, willst du mir eine Frage -beantworten? Ist es wahr, daß du den Pastor abgewiesen hast?“</p> - -<p>Als sie darauf nur stumm nickte, trat er nahe an sie heran. Doch sein -Sohn kam ihm zuvor. Er schlang seine Arme um den Nacken der Tante und -zog sie mit aller Gewalt an sich heran. „Tante Lotte, du sollst meine -Mutter sein.“</p> - -<p>„Ja, Lotte, ich bin eben auch mit dem Entschluß nach Hause gekommen, -mein Schicksal in deine Hände zu legen. Willst du mein liebes, -geliebtes Weib werden und meinem Jungen die Mutter?“</p> - -<p>Sie sah ihn ernst an. „Franz, ich habe dich sehr lieb, aber ich gebe -keinem Mann die Hand, der nicht die Heimat liebt, der nicht fest zu ihr -steht, der nicht das Höchste ihr zu opfern bereit ist.“</p> - -<p>In tiefer Bewegung schlang er den Arm um sie, und sie ließ es -geschehen. „Lotte, wenn es nur daran hängt, dann kannst du mit vollem -Vertrauen deine Hand in meine legen. Ich habe die Heimat immer im -Herzen getragen und werde für sie mit allen meinen Kräften einstehen. -Daß ich<span class="pagenum" id="Seite_368">[S. 368]</span> der neuen Zeit anhänge und von ihr Gutes für die Zukunft -unseres Volkes erhoffe, ist doch hoffentlich in deinen Augen kein -Makel. Sollte sich meine Ansicht als Irrtum erweisen, dann bin ich der -Erste, der sie von sich abtut. Bist du damit zufrieden?“</p> - -<p>Zur rechten Zeit wand sich Franzel vom Arm seines Vaters auf die -Erde, lief in die Wohnstube und rief: „Ohma, ich habe ein lebendiges -Mütterchen. Tante Lotte ist meine Mutter.“ Vertrauensvoll legte Lotte -den Kopf auf die Schulter des geliebten Mannes. Hand in Hand traten sie -nach einer Weile herein, knieten vor der Mutter nieder und baten um -ihren Segen.</p> - -<p>Lotte verließ am nächsten Morgen das Haus und ging zu entfernten -Verwandten, während Franz mit der größten Beschleunigung die Hochzeit -rüstete. Sie fand in aller Stille statt, der Pastor war verreist -und ließ sich bei der Trauung durch einen Amtsbruder vertreten. Er -bewarb sich, wie man hörte, um eine Pfarrstelle in Berlin, die er auch -erhielt. Er kam später nur für einen Tag zurück, um seinem Nachfolger -die Wirtschaft zu übergeben.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_369">[S. 369]</span></p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1">*</p> - -<p>Die Heimatbewegung setzte in Ostpreußen mit großer Kraft ein und wuchs -zusehends. Franz tat einen tiefen Griff in seinen Beutel und spendete -reichlich. Ja, im nächsten Winter, als die Wirtschaft ruhte, fuhr -er unermüdlich auf den Dörfern umher und warb. Wenn er zurückkam, -leuchteten seine Augen: „Es geht vorwärts, Lotte! Der Feindbund -wird eine Ohrfeige von uns Masuren erhalten, die durch die ganze -Welt schallen soll. Es wird der erste Sieg sein, den wir nach dem -Schmachfrieden erringen, und er soll so glänzend werden, daß alle Welt -staunen wird. Es gibt keinen Masuren, der am Abstimmungstage fehlen -wird, um seine Stimme für die Heimat in die Wagschale zu werfen.“</p> - -<p>Auch im Reich schwoll die Heimatbewegung an. Die alten Ost- und -Westpreußen-Vereine erfüllten sich mit neuem Leben, neuer Kraft, und -rüsteten sich, zur Abstimmung in die Heimat zu pilgern. Überall, wo -noch keine bestanden, bildeten sich neue Heimatvereine und warben durch -Wort und Schrift. Die Arbeit war groß und schwer. Für viele, viele -Tausende, die in die Heimat fahren wollten, mußten die Mittel zur Reise -beschafft werden.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_370">[S. 370]</span></p> - -<p>Für den Unterhalt in der Heimat sorgten die Volksgenossen.</p> - -<p>Und dann kam nach langem Bangen der Tag der Abstimmung heran. Um den -Plackereien der Polen bei der Fahrt durch den Korridor zu entgehen, -kamen die meisten zu Schiff über See. Mit grünem Reisig und Fahnen -geschmückte Züge brachten sie durch Ostpreußen in die Heimat, die sie -jubelnd und mit echt ostpreußischer Gastfreundschaft empfing.</p> - -<p>Es war ein echter, rechter Sonnen- und Sonntag, als die Massen in -festlicher Kleidung zum Wahllokal zogen. Und der Jubel, der losbrach, -als der Draht die Kunde durch die ganze Welt trug, daß die bedrohten -Masuren, Westpreußen und Ermländer sich restlos zum Deutschtum bekannt -hatten!</p> - -<p>Das wollen und das dürfen wir nie vergessen. Unauslöschlich soll es in -unseren Herzen eingegraben sein, daß die Liebe zur Heimat der festeste -Grund ist, auf dem wir das neue Deutschland aufbauen werden.</p> - -<p class="center">Durch die Heimat zum Vaterland!</p> - -<hr class="full x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="schmal break-before"> - -<p class="s4 center mtop3 padtop1"><i>IM VERLAG OTTO JANKE, BERLIN SW 11</i></p> - -<p class="center"><em class="gesperrt">erschien von</em></p> - -<p class="s4 center"><i>FRITZ SKOWRONNEK</i></p> - -<p class="s3 center">DAS MASURENBUCH</p> - -<p class="p0 s5">Ein Sohn des Masurenlandes erstattet hier der Heimat den Zoll treuer -Kindesliebe und Dankbarkeit in einer Schilderung ... wie sie eben nur -warmem Empfinden, vertrauensvollem Hoffen und vollster Beherrschung -des Gegenstandes gelingen kann ... Das Masurenbuch ist mit Freude -begrüßt worden. Die zahlreichen Bilder und Federzeichnungen werden auch -Fernstehende für das Land der tausend Seen erwärmen und interessieren.</p> - -<p class="center"><i>Gebunden Gm. 4,—</i></p> - -<p class="s3 center mtop1">PAN KAMINSKY</p> - -<p class="p0 s5">Ein junger Pole, der eine schwere Kindheit verlebte, als Jüngling -im russischen Heere unter der Knute stand, dann Deutscher wird und -sich durch Fleiß und Talent heraufarbeitet, steht im Mittelpunkt der -Handlung. Noch einmal muß er in seine Heimat zurück, in eine richtige -„Polnische Wirtschaft“, wobei er sein mühsam errungenes Lebensglück -beinahe wieder verliert. Es gelingt ihm jedoch, die Gefahren nunmehr -für immer zu überwinden.</p> - -<p class="center"><i>Gebunden Gm. 4,50</i></p> - -<p class="s3 center mtop1">DER POLENFLÜCHTLING</p> - -<p class="p0 s5">Der Roman behandelt das Schicksal eines jungen Polen, der aus -Russisch-Polen flieht, sich durch seine glückliche Anlage und -seinen Fleiß zu bedeutender Stellung aufschwingt. Auch dieser Roman -des beliebten Verfassers enthält wieder eine Fülle interessanter -Ereignisse und Personen, während einige Liebesgeschichten für Anmut und -Abwechslung der Handlung sorgen.</p> - -<p class="center"><i>Gebunden Gm. 4,50</i></p> - -<p class="s3 center mtop1">„DER HECHT IM KARPFENTEICH“<br /> -„DU MEIN MASUREN“</p> - -<p class="center"><i>gebunden mit illustriertem Schutzumschlag Gm. 1,—</i></p> - -<p class="s4 center mtop1">Zu beziehen durch alle Buchhandlungen</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<p class="s4 center mtop3 padtop1 break-before"><i>IM VERLAG OTTO JANKE, BERLIN SW 11</i></p> - -<p class="center"><em class="gesperrt">erschien von</em></p> - -<p class="s4 center"><i>FRITZ SKOWRONNEK</i></p> - -<p class="s3 center">RITTERGUT HOHENSALCHOW</p> - -<p class="p0 s5">Skowronneks besondere Stärke ist der Gutsroman. In dem vorliegenden -Werk knüpft der Autor in geschickter Weise die Fäden zwischen einer -Grafenfamilie und einem reichen Emporkömmling und gibt uns ein -anschauliches Bild aus der vornehmen Welt. Prachtvolle Figuren sind -die Komtesse Freda und der elegante Großkapitalist und der Weltmann -Kurt Dumke. Sehr zeitgemäß ist auch das Buch durch den heutigen -scharfen Gegensatz zwischen Industrie und Landwirtschaft, aber bei der -warmherzigen Schilderung der Personen und Ereignisse tritt jede Tendenz -in den Hintergrund.</p> - -<p class="center"><i>Gm. 4,50</i></p> - -<p class="s4 center mtop1"><i>HANS WERDER</i></p> - -<p class="s3 center">TIEFER ALS DER TAG GEDACHT</p> - -<p class="p0 s5"><em class="gesperrt">Wiesbadener Tageblatt</em>: Auch Nietzsches Weltweisheit ist nicht -ohne Einfluß auf die modernen Dichter geblieben. Hier durchzieht der -Gedanke den Roman: „Wie die Dunkelheiten des Lebens erst den Blick -öffnen für die Tiefen desselben — auch in die Tiefen des Herzens -hinein — so führt die Erkenntnis seelische Kämpfe und Zwiespalt -herauf“, die Hans Werder trefflich zu lösen versteht.</p> - -<p class="center"><i>Gm. 5,50</i></p> - -<p class="s4 center mtop1"><i>HANS WERDER</i></p> - -<p class="s3 center">AN RAUSCHENDEN WASSERN</p> - -<p class="p0 s5">Hans Werder führt uns in seinem neuen Roman in die Familien derer von -Rodenwalde und Treufels. Wir erleben seelische Kämpfe und Wandlungen -vornehm denkender Menschen von feinstem Takt, der sie durch mannigfache -Verwicklungen mit Sicherheit und Glück hindurchführt. Warme Liebe zur -Heimat durchdringt das ganze Werk, deutsche Träume sind es, die die -Wasser rauschen.</p> - -<p class="center"><i>Gm. 6,—</i></p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<p class="s4 center mtop3 padtop1 break-before"><i>IM VERLAG OTTO JANKE, BERLIN SW 11</i></p> - -<p class="center"><em class="gesperrt">erschien von</em></p> - -<p class="s4 center mtop1"><i>MICHAEL GEORG CONRAD</i></p> - -<p class="s3 center">„MAJESTÄT“</p> - -<p class="p0 s5">Dieses Buch führt uns in die Welt Ludwigs II., des Bayernkönigs, -Künstlers und Menschen ein. In oft wundervolle Bilder webt Michael -Georg Conrad das Leben Ludwigs mit seinem Freunde Wagner, mit Otto, dem -Prinzen Sausewind, mit „Egeria“, der herrlichen Frau, mit Bismarck und -all den vielen großen und kleinen Menschen, die Kunst, Politik oder -Spekulation in des Königs Nähe trieb. Lebhaft bewegt und doch mit der -Ruhe des Meisters zwingt Conrad die Fülle des Geschehens seiner Zeit -in den Rahmen des Buches, ohne daß es ihn sprengt. Langsam das Handeln -des Königs steigernd, vom Traumhaften zum Wahn, endet sein Leben ohne -Erschütterung, wie ein Muß. Und doch erschüttert das Buch, es ist reich -und reif und kein unechter Ton stört es.</p> - -<p class="center"><i>Gm. 6,—</i></p> - -<p class="s4 center mtop1"><i>RICHARD VOSS</i></p> - -<p class="s3 center">UNTER DEN BORGIA</p> - -<p class="p0 s5">Die von Pracht und Prunk glänzende, an Greueltaten und Verbrechen -reiche Zeit des Cäsar und der Lukrezia Borgia taucht greifbar vor -unseren Augen auf, und mit großer Kraft sind die ungeheuerlichen -Gestalten geschildert, die durch dieses Buch schreiten.</p> - -<p class="center"><i>Gm. 6,—</i></p> - -<p class="s4 center mtop1"><i>WALTER FLEX</i></p> - -<p class="s3 center">ZWÖLF BISMARCKS</p> - -<p class="p0 s5">Die Eltern und Ureltern Otto von Bismarcks werden in diesen Erzählungen -Fleisch und Bein. Von Männern, Frauen und Kindern handelt das Buch, -bald in leidenschaftlichem Ernst und bald in übersprudelndem Humor. -Alles ist in Spannung und Handlung aufgelöst.</p> - -<p class="center"><i>Gm. 4,—</i></p> - -</div> - -<p class="s4 center mtop3 padtop1 break-before"><i>IM VERLAG VON OTTO JANKE, BERLIN SW 11</i></p> - -<p class="center"><em class="gesperrt">erschienene</em></p> - -<p class="s1 center"><em class="gesperrt">Weltliteratur</em></p> - -<hr class="weltlit" /> - -<table class="literatur padtop1"> - <tr> - <td class="s5"> -   - </td> - <td class="s5" colspan="2"> - <div class="center">In Halbleinen<br /> - gebd.</div> - </td> - <td class="s5" colspan="2"> - <div class="center">In Ganzleinen<br /> - gebd.</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang3"> - <div class="left">W. Alexis, Cabanis</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">Gm.</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,—</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">Gm.</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,50</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang3"> - <div class="left">— Ruhe ist die erste Bürgerpflicht</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,—</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,50</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang3"> - <div class="left">A. E. Brachvogel, Friedemann Bach</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">5,50</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang3"> - <div class="left">— Der Fels von Erz</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">5,50</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang3"> - <div class="left">— Der deutsche Michael</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">5,50</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang3"> - <div class="left">F. M. Dostojewskij, Raskolnikows Schuld und Sühne</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,—</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,50</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang3"> - <div class="left">J. P. Jacobsen, Frau Marie Grubbe</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">5,50</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang3"> - <div class="left">M. Jokai, Schwarze Diamanten</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,—</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,50</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang3"> - <div class="left">Jos. V. v. Scheffel, Ekkehard</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">5,50</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang3"> - <div class="left">H. Sienkiewicz, <span class="antiqua">Quo vadis?</span></div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">5,50</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang3"> - <div class="left">— Mit Feuer und Schwert</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">5,50</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang3"> - <div class="left">L. N. Tolstoi, Anna Karenina</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">5,50</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,—</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang3"> - <div class="left">— Auferstehung</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,—</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,50</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang3"> - <div class="left">— Die Kreutzersonate</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">2,—</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">2,50</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang3"> - <div class="left">— Krieg und Frieden</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,—</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,50</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat hang3"> - <div class="left">I. Turgeniew, Väter und Söhne</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">5,50</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">„</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="center">6,—</div> - </td> - </tr> -</table> - -<p class="s2 center mtop1 break-before">Janke’s Weltliteratur-Kassetten</p> - -<hr class="kassetten_1" /> - -<p class="s3 center">je 5 Bände in Ganzleinen gebunden enthaltend, 30 Gm.</p> - -<div class="csstab"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell center"> - <em class="gesperrt">Kassette</em> I: - </div> - <div class="csscell center"> - <em class="gesperrt">Kassette</em> II: - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell_l left"> - A. E. Brachvogel, Friedemann Bach, - </div> - <div class="csscell_r left"> - J. P. Jacobsen, Frau Marie Grubbe, - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell_l left"> - F. M. Dostojewskij,<br /> Raskolnikows Schuld und Sühne, - </div> - <div class="csscell_r left"> - M. Jokai, Schwarze Diamanten, - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell_l left"> - L. N. Tolstoi, Anna Karenina, - </div> - <div class="csscell_r left"> - H. Sienkiewicz, Mit Feuer u. Schwert, - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell_l left"> - J. V. v. Scheffel, Ekkehard, - </div> - <div class="csscell_r left"> - L. N. Tolstoi, Auferstehung, - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell_l left"> - H. Sienkiewicz, <span class="antiqua">Quo vadis?</span> - </div> - <div class="csscell_r left"> - I. Turgeniew, Väter und Söhne. - </div> - </div> -</div> - -<hr class="kassetten_2" /> - -<p class="s4 center"><i>Zu beziehen durch alle Buchhandlungen</i></p> - -<p class="s5 center padtop3">Druck von A. Seydel & Cie. Aktiengesellschaft, Berlin SW 61.</p> - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DER MUSTERKNABE</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ -concept and trademark. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin-top:1em; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. 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The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg™ License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg™ work (any work -on which the phrase “Project Gutenberg” appears, or with which the -phrase “Project Gutenberg” is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: -</div> - -<blockquote> - <div style='display:block; margin:1em 0'> - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most - other parts of the world at no cost and with almost no restrictions - whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms - of the Project Gutenberg License included with this eBook or online - at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. 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