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-The Project Gutenberg eBook of Der Mord am Polizeiagenten Blau, by
-Eduard Trautner
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Der Mord am Polizeiagenten Blau
- Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart. Band
- 3
-
-Author: Eduard Trautner
-
-Editor: Rudolf Leonhard
-
-Release Date: February 12, 2022 [eBook #67381]
-
-Language: German
-
-Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team
- at https://www.pgdp.net. This book was produced from images
- made available by the HathiTrust Digital Library.
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MORD AM POLIZEIAGENTEN
-BLAU ***
-
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-
- AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
- – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
-
-
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-
- AUSSENSEITER
- DER GESELLSCHAFT
- – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
-
-
- HERAUSGEGEBEN VON
- RUDOLF LEONHARD
-
- BAND 3
-
-
- VERLAG DIE SCHMIEDE
- BERLIN
-
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-
- DER MORD
- AM POLIZEIAGENTEN BLAU
-
-
- VON
- EDUARD TRAUTNER
-
-
- VERLAG DIE SCHMIEDE
- BERLIN
-
-
- EINBANDENTWURF
- GEORG SALTER
- BERLIN
-
-
- Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin
-
-
-
-
- EINLEITUNG.
-
-
-Der Fall des ermordeten Polizeispitzels Karl Blau interessiert nicht so
-sehr wegen der beteiligten Personen; selbst nicht wegen der des
-Ermordeten. Dieser scheint nach den in der Verhandlung vorgebrachten
-Bekundungen ein geistig unbedeutender und sittlich minderwertiger Mensch
-gewesen zu sein, den höchstens der Fanatismus seiner Beschränktheit
-gefährlich machte; jene treten als Persönlichkeiten überhaupt nicht
-hervor: man zweifelt, ob man Akteure vor sich hat, ob Statisten; denn
-man erkennt weniger Individuen, als Funktionäre unsichtbarer Strömungen
-und Bewegungen. Befangen und fast entselbstet sind sie schemenhaft
-undurchdringbar in Zusammenhängen und Herkunft: so wie die Tat – die
-zufällig sichtbar wurde aus einem verborgenen Mechanismus, in dessen
-sonst geräuschlosem Ablauf sie eine vielleicht unwichtige Masche ist;
-nur eine Masche, die dem Staatsanwalt Einschreiten gebot.
-
-Ein politischer Prozeß, – wie ein ähnlicher, gleichartig farblos in den
-Persönlichkeiten und gleichartig undurchdringlich, morgen wie heute
-bekannt werden mag: – und dies berechtigt den Versuch, den Fall zu
-erörtern. Denn der Boden, dem er entspringt, ist zwar verborgen und
-übersehen, doch heute wie damals vorhanden; er arbeitet und gärt, und
-tritt morgen vielleicht schon in Erscheinung; es ist die unterirdische
-Bewegung, die politisch unruhige Zeiten trägt; das vulkanische Rollen,
-das Revolutionen und Restaurationen vorausgeht, nachfolgt und sie
-begleitet.
-
-– Je ferner und entrückter ein Ding ist, desto einfacher wird es, es
-klar zu betrachten, falls Betrachtung überhaupt statt hat; denn: der
-Tätige jeden Berufes lebt einen Alltag, dessen Oberflächen ihm keine
-Tiefen verbergen. Wo ihm Verwicklungen klaffen, hilft ihm ein knapp
-formuliertes Urteil – das Schlagwort – jene Sicherheit zu bewahren, die
-seiner Wirksamkeit Voraussetzung ist. Wenn aber Liebe und Haß,
-Verzweiflung und Angst die Gemüter erregen, trübt sich der Blick, und:
-wo jeder im tiefsten beteiligt, bereit und gezwungen ist sich und das
-Letzte einzusetzen, dort ist man blind!, auch ohne zu rasen ... muß es
-sein, um den Schritt ins Morgen zu wagen!
-
-Nun war des letzten Dezenniums Ablauf so rasch und hat so brutal mit uns
-gehandelt, daß niemals das Heute Zeit ließ, an das Vorher zu denken.
-Natürlich wissen wir alle Viel und Zu-Vieles aus diesen Jahren; so viel,
-daß dessen Last uns ängstigte und nicht mehr tragbar war. Da setzten wir
-an Stelle der Wahrheit leicht benutzbare Urteile, nach ihrem
-Propagandawert ausgewählt! Und machten die Gegenwart uns dadurch
-erträglich ... Wir haben eine tote Vergangenheit; nicht etwa, daß sie
-leer wäre; nur: sie ward nie lebendig. Wir deckten unsere Erinnerungen
-mit unseren Formulierungen zu ... und eiferten uns in die Berechtigung
-unserer Ziele.
-
-Doch, – die Schufte sind selten; häufiger sind schon die Hanswurste, und
-die weitaus überwiegende Mehrzahl der Menschen erhebt berechtigten
-Anspruch darauf, für gute Bürger und gute Patrioten zu gelten. Und: man
-wird auf der ganzen Erde zusammen nicht so viel Mut finden, um nur ein
-Drittel eines Volkes zu den Verbrechern zu machen, die sie gegenseitig
-sich schimpfen. Wer also nicht bereit sein will, in politischen Dingen
-des Gegners nur Gemeinheit zu sehen und Niedertracht, muß das Bild all
-der Jahre wecken: ohne Betrachtung der politischen Lage der breiten
-Massen und ihrer Gestaltung unter dem Einfluß des Nachkrieges ist es
-unmöglich, dem Fall Blau gerecht zu werden – soweit überhaupt
-Möglichkeit ist, durch dieses Dunkel zu dringen, denn:
-
-In der Aufklärung, wie der Prozeß sie gibt, sind die letzten Enden und
-Fäden verborgener Bestrebungen eben erkennbar; man sieht in der
-aufgerissenen Wunde zerfetzte Sehnen und weiß, daß im Lebenden, irgendwo
-hinter dem Sichtbaren, Wille sitzt und Gehirn. Aber es ist unmöglich,
-diesen Spuren zu folgen; eine Spanne weit sind sie zu ahnen, dann kommt
-das Uferlose. Die Ganzheit entzieht sich stumm und unfaßbar jeder
-Betrachtung.
-
-
-
-
- DER BODEN.
-
-
- Die Außenseiter.
-
-Jede bisherige Art der menschlichen Gesellschaft fand im Urteile der
-Betrachter das eine Wort: daß sie schlecht sei und berechtigten
-Anforderungen nicht genüge. Der nächste Satz war, daß sie notdürftig
-funktioniere. Darüber hinaus zeigten sich die Verschiedenheiten,
-trennten sich die Wege: die einen betonten das Wort „funktionieren“,
-während die anderen das „notdürftig“ rot unterstrichen.
-
-Ein Lebendiges sollte man nicht an Hand mechanischer Vorstellungen
-erörtern, – aber unsere Sprachen sind nach diesen und Mathematik geformt
-und für deren Bedürfnisse durchgebildet: So vergleicht man die
-Gesellschaft mit einer riesigen und sehr komplizierten Maschine.
-
-Aber man muß sich erinnern, daß die Gesellschaft aus einer Unzahl
-Einzelmenschen mit persönlichem Schicksal besteht; und, daß sie nicht
-alle Menschen umfaßt: außerhalb stehen andere, die in anderen
-Gesellschaften organisiert sind, und solche, die kaum irgendwo
-zugehören. Es gibt mehrere solcher Maschinen, die sich berühren und in
-manchem durchdringen: es braucht schon Gewalt, um eine allein zu
-betrachten. Doch auch an der einzelnen ist nichts, was fest ist. Nicht
-nur, daß die Menschen altern, sich ändern, wechseln; auch die Gruppen
-von Menschen, die Teile der Maschine, wandeln sich in ihrer Struktur,
-ihrer Leistung und sogar ihrer Notwendigkeit für das Ganze. So ist auch
-dieses einer dauernden Umbildung unterworfen, die oftmals das
-Schwergewicht zwischen den einzelnen Sphären (z. B. Landwirtschaft,
-Wehrmacht, Geldwesen, Beamtentum usw.) verlagert und für immer
-verschiebt.
-
-Die Mittelpunkte der Konsolidierung und Kristallisation sind selbständig
-und suchen vielfach unabhängig voneinander den Bau zu durchdringen; ein
-Ringen um die Hegemonie findet statt, und neben den Tendenzen, die auf
-Befestigung zielen, laufen Prozesse der Auflösung und der Rückbildung
-einher: Dies erfordert eine angemessene Beweglichkeit der einzelnen
-Elemente und bedingt besonders an den Berührungszonen der einzelnen
-Gebiete eine beträchtliche Lockerheit des Gefüges. Nur so kann der
-Organismus die starke Reibung dort und hier die lose Verknüpfung
-ertragen.
-
-Wo immer man eine Bevölkerungsgruppe abtastet, wird man an ihren Grenzen
-finden, daß sie zerfasert und allmählich oder verzackt in andere Gruppen
-überfließt. Dort, an den Grenzschichten, findet man diese elastischen
-und beweglichen Elemente. Im Inneren der Gesellschaft füllen sie als
-Zwischenhändler, Kommissionäre usw. vorhandene Lücken aus und
-überbrücken sie; an den freien Außenflächen aber vermögen sie sich zu
-entfalten und blühen aus als Künstler, Gelehrte, Propheten, oder
-entwickeln sich zu Feinden und Verbrechern – je nachdem die Verhältnisse
-gelagert sind und je nach dem, was die bestehende Form mit diesen
-Gliedern anzufangen weiß, –: bis fortschreitende Entwicklung vielleicht
-gerade von diesen Zonen aus neue und umwälzende Mittelpunkte zur Geltung
-bringt.
-
-Darum ist auch eine andere Betrachtung der Gesellschaft möglich: im
-Gegensatz zu den starren und durchkonstruierten Teilen der Maschine
-stellt jenes schmiegsame Milieu das Bewegliche, Gärende und so das
-Lebendige dar, das zeugt und stirbt. Man kann also das Geordnete als
-gegeben und nicht weiter anregend statistisch aufnehmen: in den
-Zwischenschichten aber das fruchtbare und fortbildende Element
-untersuchen: den Ausgangspunkt der Entwicklung – und vielleicht besteht
-der wesentliche Teil praktischer Innenpolitik im Versuch der Erkenntnis
-und richtigen Voraussicht, im Auffangen der so bedingten Verschiebungen.
-–
-
-Der Sprachgebrauch wird diese abseits des stabilen Kreislaufs wirksamen
-Existenzen als Außenseiter bezeichnen. Der Außenseiter ist demnach kein
-aus der Bahn geschleudertes Individuum, sondern ein der Gesellschaft und
-jeder noch nicht verknöcherten Gesellschaft notwendiges Milieu.
-Zwangsläufig wird der einzelne in diese Schicht getrieben; zum Teil,
-weil er den benachbarten Stabilisierungstendenzen weniger geneigt und
-von ihnen abgedrängt wird, zum anderen Teil, weil die vorhandene Lücke
-von irgendwoher ihn ansaugt. Selbstverständlich wird eine gewisse
-Auslese der Charaktere stattfinden, aber ebenso sehr erwartet das Milieu
-den Menschen! Die Idee der Gesellschaft allein setzt schon als gegeben
-den Außenseiter; die Art ihres Aufbaues bedingt die Rolle, die er zu
-spielen hat, und so, wie sie der vorhandenen Lage entspricht, wird jener
-fördernd oder auflösend oder erneuernd wirken.
-
-Aber, was stetig sich ändert, verschiebt und anpaßt, wird nie der Idee
-entsprechen; bestenfalls ist es ein Angleichen, das Reibungen, Härten
-und Stöße nicht ausschließt: sondern aushalten muß. Diese
-Erschütterungen möglichst bald abzufedern – im Interesse des Ganzen –
-ist nötig und die Wirklichkeit ist nicht wählerisch in den Mitteln.
-
-Der Außenseiter erfüllt eben eine Lücke, die besteht und Erfüllung
-fordert; erst sekundär erweist sich die Wirksamkeit des neuen Gebildes
-für die weitere Gestaltung des Ganzen.
-
- * * * * *
-
-Eine der kompliziertesten Arten des Außenseitertums ist die politische:
-von den überragenden Köpfen, die zwischen und über den Parteien und
-Völkern stehen, zu den vaterländischen Märtyrern und den Verbrechern,
-die mit Raub und Erpressung arbeiten, von da wieder zu den Fälschern,
-Schwindlern und politischen Hochstaplern sind schwebende Übergänge
-vorhanden. Diese Verhältnisse zu erörtern, wäre eine langwierige Arbeit
-für sich, die hier nicht in Betracht kommt.
-
-Der vorliegende Fall spielt im Jahre 1919, und um diese Zeit (kurz nach
-dem Zusammenbruch und vor der Organisation und Politik der Geheimbünde)
-herrschten in Deutschland Zustände, die mit denen vor dem Krieg und
-entsprechenden Parallelen wenig Verwandtschaft haben. Selbst heute hat
-sich schon so viel geändert, daß es am geratensten ist, das damalige
-Chaos und seine Entstehung zu schildern – auf die Gefahr hin, Bekanntes
-zu wiederholen.
-
-
- Der Krieg.
-
-Das kurzsichtige Zusammenspiel etwa eines Dutzends sich hintereinander
-versteckender Männer hatte im Jahre 1914 die Länder Europas an einen
-Abgrund gebracht, vor dem sie nicht mehr zu retten waren. Im August
-setzten die Kriegserklärungen ein: da ergriff alle Kreise der
-Bevölkerung ein Zustand unpersönlicher Erregung, ein Gefühl der
-Befreiung und ein Drang, sich zu opfern.
-
-Nur wenige vermochten, sich diesem Zwang zu entziehen: solche, deren
-persönliche Welt vom Ganzen des Volkes gelöst und in kosmopolitischer
-Seinsart verankert war: sie schwiegen damals, wie sie heute und immer
-tun; und, wenn sie gesprochen hätten, hätte es niemand vernommen.
-Solche, die aus überzeugter Gegnerschaft zum bestehenden System und
-seiner Politik protestierten: und diese wurden eingesperrt. Die anderen
-alle waren im Strom.
-
-Alle! Und es ist unrecht, den heutigen Sozialisten, Internationalisten
-und Pazifisten vorzuwerfen, daß sie es waren; viel eher wäre berechtigt,
-denen, die, ängstlich an Halme und Balken sich klammernd, in der Heimat
-verblieben, ihren Mangel an Gemeinsinn nachzutragen. Das ganze Volk war
-einig, die Atmosphäre war zu drückend gewesen, als daß sie nicht jeden
-ergriffen hätte!
-
-Dies Bild änderte sich erst mit der Zeit: Im Herbst bereits konnten
-Verständige sehen, daß der Krieg lange dauern würde und durch Siege
-allein nicht zu gewinnen war. Doch die Verständigen schwiegen und
-dienten: Man war Soldat (– und der Krieg wurde daran verloren, daß man
-zuviel Soldat war!).
-
-Die großen Siege von 1915 und 16 rissen das Geschehen ins Grandiose; und
-verwischten den Blick. Das Ausmaß der Ereignisse war so übermenschlich,
-daß die Möglichkeit einer Niederlage zu grauenvoll war, um ihren
-Gedanken zu wagen. Es mußte das Letzte geopfert werden zu irgendeinem,
-zum möglichen Ziel: die Männer, die 1914 gebangt hatten vor der Schwere
-der übernommenen Bürde, sahen, daß nur das Äußerste, das Unmögliche sie
-rechtfertigen konnte: Siegfrieden; es mußte gesiegt sein, sonst war
-alles verloren! Schon das Zurück überlegen war ein Verbrechen und dessen
-Folgen mußten furchtbar sein! –
-
-[Anmerkung zur Transkription: Facsimile eines Flugblattes.]
-
- Wir
- müssen siegen!
-
- Am kommenden Sonnabend, abends 8 Uhr
- große öffentliche Versammlung
- im Harmoniesaale
-
- Wir fordern:
- Krieg bis zur siegreichen Entscheidung!
-
- Wir wollen:
- den Frieden der Sicherheit,
- den Frieden, der unserer Toten wert ist!
-
- Wir verlangen:
- Rückerstattung der Kriegskosten,
- militärische und industrielle Sicherungen, besonders der
- Westfront,
- koloniale Berichtigungen!
-
- Wir fordern unsern Platz auf der Welt!
-
- Durchhalten!
- Aushalten!
- Maul halten!
-
- Wir müssen siegen!
-
- Deutsche Vaterlandspartei.
- Der Ortsvorstand.
-
-Die Mehrheit der Bevölkerung, besonders die Truppe, trug den Krieg wie
-einen Beruf: sie wälzte Verantwortung auf die Höheren ab, erfüllte stumm
-ihre Pflicht und schonte sich nicht. Selbst in den Kreisen hinter der
-Front, die man nicht immer lobend erwähnte, blieb bei aller lokalen
-Verlottertheit kein Appell ohne Wirkung; man war nicht mehr begeistert,
-wie in jenem August; und mußte nicht unbedingt an der Spitze sein: doch
-war man jederzeit bereit, wenn nötig, das Letzte zu geben.
-
-Es gab keine Außenseiter, es gab keine Beweglichkeit! Sicher, die
-Kriegswirtschaft arbeitete mit ungeheuren Verlusten und Spesen, aber sie
-funktionierte und – wenn man tausendmal manches hätte ändern und bessern
-können: ohne die Versteifung und Verstählung um einen einzigen Kern ging
-es nicht! Wenn nicht dieser ganze Staat eisern und ehern _eine_ Maschine
-war, ohne Reibung und ohne Leerlauf nur Härte: dann war heiler Ausgang
-unmöglich.
-
-Wenn er überhaupt möglich war! – Es ist für die Einheitlichkeit der
-nationalen Bewegung beweisend, daß Widerspruch gegen den Krieg erst dann
-weitere Kreise zog, als Männer an exponierten und orientierten Plätzen
-die Möglichkeit des Sieges verneinten und jedes weitere Opfern als
-unnütz und die Lage verschlimmernd zu erkennen glaubten; und hier fand
-der entscheidende Bruch in der Psyche während des Krieges statt: die
-einen sagten: „Wir können nicht zurück!“ und bissen die Zähne
-ineinander; die anderen fühlten: „Wir müssen zurück!“ und schwiegen; und
-warteten auf den besseren Augenblick. _Beide fühlten sich schuldig._
-
-
- 1918.
-
-Die Begeisterung jenes heißen Augusts war mit den Jahren ernster
-Gefaßtheit gewichen; 1918 wandelte sie sich in beengenden Druck. Man
-wußte, daß man nicht siegen konnte; man wußte, daß die leichten
-Möglichkeiten zum Frieden vorüber waren; man wußte, daß zuviel
-unwiederbringlich vorüber war und fühlte sich angstvoll und unfrei.
-Jedenfalls, die Verantwortlichen taten nichts, einen Ausweg zu finden:
-wie gelähmt folgten sie der Entwicklung, und selbst die erkannte
-Wahrheit vermochte keinen Entschluß zu reifen.
-
-Und unverantwortlich waren nur die niedrigsten Gruppen: die einfachen
-Soldaten und die in der Kriegsindustrie zusammengepferchten Arbeiter,
-das hungernde Volk! Gerade die Masse dieser Unverantwortlichen – die
-gehorchte und litt im Vertrauen auf den Erfolg – gerade dieses Vertrauen
-forderte entscheidende Tat ... Aber man war schon zu weit! So hofften
-die einen auf allgemeine Zermürbung, die anderen bangten vor der
-erkannten Gefahr; beide hielten sich dadurch aufrecht, daß sie ihre
-individuelle Pflicht erfüllten.
-
-Dabei war das System nur für den Sieg gebaut! Jede andere Lösung war
-unerträglich; das Letzte war auf die einzige Karte gesetzt! Die ganze
-Maschine des Staates war derart überkonstruiert und versteift, daß sie
-die geringste Abweichung weder ertragen, noch überstehen konnte; sie
-mußte springen. –
-
-Man spricht von Unterwühlung der Front und nennt die paar Streiks, die
-paar Meutereien, nennt die wenigen Namen, die während des ganzen Krieges
-ungehört widersprochen hatten: man suche nicht Sündenböcke! Zuerst
-wollte, dann mußte man siegen; für den Fall, daß der Sieg ausbleiben
-würde, war nicht gesorgt ... und hätte man dafür gesorgt, dann war keine
-_Aussicht_, zu siegen. Es war eine Zwickmühle. Der Krieg war eben
-verloren und war dadurch verloren, daß er zu lange Möglichkeit zeigte,
-gewonnen zu werden.
-
-Dies ist eine Tragik, kein persönliches Verschulden; und vor der Größe
-dieser Tragik wird alles belanglos, was man an Fehlern nach links und
-rechts aufdecken kann. Man erhebt als plausibelsten Vorwurf den: im
-Jahre 1918 selbst sei die Beilegung des Krieges so lange verzögert
-worden, bis man den Waffenstillstand in wenigen Stunden haben _mußte_.
-
-Aber, während periphere (koloniale) Kriege im Verlustfalle gleichgültig
-sind, im Gewinnfalle höchstens mit der Krönung des siegreichen Feldherrn
-enden, enden zentrale (Erschöpfungs-) Kriege im Verlustfall mit dem
-Sturz des Systems. Um die bestehende Ordnung zu erhalten, mußten die
-verantwortlichen Leiter, als die Stützen und Träger des herrschenden
-Systems, alles versuchen, um den Krieg nicht offensichtlich zu
-verlieren. – Doch er war schon verloren!
-
-
- Der November.
-
-Im August waren die letzten Offensiven gescheitert; im September-Oktober
-erlahmte der Widerstand; Bulgarien, Österreich schieden aus, und in
-diesem höchsten Moment zeigt sich nochmals der ganze Zwiespalt: viele
-Demokraten forderten die nationale Verteidigung, viele Nationalisten das
-sofortige Ende! Die Patrioten waren geteilt und, ehe sie sich einigen
-konnten, erfolgte um sie herum der Zusammenbruch, ... in dem der Sturz
-der Monarchien kaum mehr vernommen wurde. Die überbeanspruchte Maschine
-zersprang an ihrem Mangel an Elastizität.
-
-Heute nennt man es Revolution und rechnet es sich als Verdienst oder
-Schande; doch:
-
-Revolutionen entbrennen in einem müden und untergrabenen System
-plötzlich, blutig und breiten erobernd sich über das Land aus. In diesem
-Falle krachte der ganze Mechanismus des Bestehenden in einem Augenblick
-völlig und überall zusammen. Über den Trümmern wehte keine Fahne, die
-vorwärts ruft, keine Idee stand vor den Massen; es war nichts
-Schöpferisches und Freudiges da, nur Panik. Es war eben keine
-Revolution, es war einfach Zusammenbruch, Entsetzen und Chaos, débâcle.
-
-So leicht es ist, sich eine solche Erscheinung mechanisch vorzustellen,
-so schwer ist es, sie psychologisch zu durchschauen. Daß innerhalb
-weniger Stunden und Tage durch das ganze Gebiet des Landes bis in den
-kleinsten Betrieb hinein die bestellten Leiter verschwanden und flohen
-und jegliches Ruder ohne Führung war! Aber, man muß sich erinnern, wie
-die Entwicklung des Krieges sowohl den Unentwegten wie den Defaitisten
-ein gewisses Schuldbewußtsein brachte, ein schlechtes Gewissen, das sie
-nicht froh werden ließ, eine Angst vor dem Morgen – ganz wenige nur
-besaßen den Patriotismus oder die Schamlosigkeit, sich weiterhin zur
-Verfügung zu stellen und zur Rettung des Ganzen zu drängen. Die anderen
-verstummten und überließen das Feld der unendlichen Flut: den Arbeitern
-und Soldaten.
-
-Diese, die bisher Unverantwortlichen, sahen plötzlich die Gesamtheit des
-Vorhandenen in ihrem Bereich; doch anstatt darüber herzufallen,
-erkannten sie eine Verpflichtung und versuchten, ihr Folge zu leisten.
-
-
- Die Patrioten.
-
-Man darf in unruhigen Zeiten nicht nach dem urteilen, was geschrien und
-geschrieben wird; man muß nach den Tatsachen fragen: es wurden Arbeiter-
-und Bauern-, Bürger- und Soldaten-, sogar geistige Räte gebildet, die –
-zu erhalten suchten!
-
-Wenn ein ausgehungertes und entnervtes Volk zusammenbricht, erwartet man
-Plünderung und Zerstörung. Selbstverständlich wurde geplündert; aber
-zerstört wurde fast nichts; vor die Maschinen stellten sich schützend
-die Arbeiter, vor die Museen und Wertbesitzer die Räte: man wollte
-erhalten. Leicht ist es heute, über den Wust unnützer Debatten und
-wirkungsloser Beschlüsse zu lachen: die Leute, die damals sich Mühe
-gaben, waren sehr gute Bürger, die ihr Vaterland liebten und versuchten,
-möglichst vieles zu retten. Daran ändern Zitate nichts und nichts
-Geringschätzung, denn sie haben’s geschafft. Als alle bis dahin
-bestehende Ordnung zerbrach, vermochten sie es, den Bestand zu erhalten.
-Aber weiter vermochten sie nichts.
-
-Verblüffend ist die Sorgfalt, mit der die Räte einschneidende Maßnahmen
-zu umgehen suchten, Wahlen ausschrieben für eine verfassunggebende
-Versammlung, und solcherart selbst ihre Wirksamkeit als vorübergehende
-und rein abwickelnde bezeichneten – dabei waren sie in diesen Wochen die
-einzige vollziehende und verwaltende Macht! Es ist einfach erstaunlich,
-mit welcher Sorgfalt dies zu Boden geschmetterte Volk sich zu bewahren
-suchte, – es muß wirklich kein Funken Revolutionsdrang in diesem Volke
-vorhanden gewesen sein – der kleinste Anstoß müßte genügt haben, das
-ganze Feld zu entflammen! –
-
-Man kann bestreiten, ob dieses Erhalten klug war; viele werden
-behaupten, daß eine schmerzliche Operation besser ist als eine lange
-Krankheit – und, wenn man bedenkt, daß heute (1924) die Herstellung des
-Friedens noch nicht gelungen ist, mag man noch mehr mit dem Urteil
-zögern. Trotzdem bleibt die Art, wie diese Männer die Liquidation
-_dieses_ Krieges und die Erhaltung des toten Bestandes fertiggebracht
-haben, ein Phänomen der Geschichte.
-
-Ihr Verdienst wird nicht dadurch geschmälert, daß ihnen die Errichtung
-einer neuen Staatsmaschine mißlang; denn die Auflösung des alten Systems
-war derart völlig und katastrophal, daß weder in Handel noch in
-Produktion, weder in Verwaltung noch in den Gebieten der öffentlichen
-Sicherheit irgendwelche leistungsfähige Organisation verschont war. Es
-mußte alles neu aufgebaut werden.
-
-
- Die Gegner.
-
-In den Novembertagen gab es eigentlich nur mehr Einzelne und zufällige
-Anhäufungen von Einzelnen: auf den größten dieser zufälligen Anhäufungen
-(dem Heer und den Arbeitermassen in den Betrieben) baute sich die erste
-Struktur auf. Es entstanden Richtlinien und damit die Schwierigkeit des
-Richtens: jeder Fortschritt mußte gegen den Widerstand des
-desorganisierten Einzelnen überwunden werden.
-
-Doch darüber hinaus gaben die neuen Richtlinien zu Widerspruch Anlaß:
-die einen versuchten, wenn nicht die alte Regierungsform zu erhalten, so
-doch die Macht den Machtträgern des alten Regimes zuzuschieben. Die
-anderen wollten, wenn man schon aufbaut, einen von Grund aus neuen und
-verbesserten Bau – selbst, wenn es nötig war, vorher noch mehr zu
-zerstören. Beide warfen dem sich bildenden Staate die Charakterlosigkeit
-des feilschenden Maklers vor, die Angst um den billigsten Mittelweg.
-
-Nun soll ja Politik die Kunst des Möglichen sein: aber in einem
-Trümmerfeld darf man nicht Politik verlangen, selbst wenn ein paar der
-Stücke Kristallisationskraft besitzen. Man muß auch bedenken, daß die
-rivalisierenden Kräfte sich gegeneinander organisierten und Tag um Tag
-die Möglichkeit sahen, sich durch Gewalt in den Besitz der wenigen
-Herrschaft zu setzen, die da war. Was die Arbeit und das Erbe der Räte
-bedeutsam macht, ist, daß es sich bis heute erhielt und durchsetzte;
-nicht: daß damals schon vorhanden war, was es ausgezeichnet hätte.
-
-Drei feindliche Richtungen bekriegten sich auf einem Meere von
-Unordnung. Aber man darf die Zahl der zuverlässigen Anhänger nicht
-überschätzen; die Richtungen selbst haben sich erst allmählich gefestigt
-und durchgesetzt.
-
-Der damalige Zustand ist etwa auf die Formel zu bringen: Jeder sein
-eigener Patriot; nach seinen Kräften. Wer einen Mund hatte, brüllte; wer
-eine Faust hatte, schlug. Der Besitz eines Maschinengewehrs war mehr
-wert als der einer Überzeugung; und, da die Verständigen ohnmächtig und
-ratlos verstummten, hatten’s die Dummköpfe leicht, laut zu sein. Sie
-fühlten sich sogar dazu berufen und angestellt.
-
-In solchem Zustand wiegen die Köpfe nicht, da gilt ein Temperament
-alles, und die Temperamente kamen:
-
-Die Unruhigen: Abenteurer, Wichtigtuer, Projektemacher, Querulanten; Die
-Phantasten: Fanatiker, Propheten, Halbirre, Ekstatiker; Die Schmarotzer:
-Intriganten, Hanswurste, Schmeichler, Faulenzer: eine wogende Masse, die
-brodelnd aufgerührt wurde und haltlos hin- und herschlug. Dazu kam die
-Unzahl derer, die aus Trägheit oder Gelegenheit leichtem Unterhalt
-nachging und dem nächsten sich anschloß; und endlich der
-unzuverlässigste unter allen Machtfaktoren innerpolitischer
-Auseinandersetzung: die, deren Stellungnahme in einer Stunde wechselt
-und unvorhergesehen entscheiden kann; die Legion derer, die ihrer Art
-nach Soldaten sind und gehorchen und siegen wollen, das Heer!
-
-Drei hauptsächliche Richtungen, eine Anzahl Querköpfe auf eigene Faust,
-eine Unzahl von Mitläufern und ein desorganisiertes Heer: das waren die
-Figuren des damaligen politischen Spieles – abgesehen von ein paar
-Führern und ihrem organisierten Anhang unverantwortliche Außenseiter,
-wucherndes Fleisch, dessen Aufsaugung der Republik bis heute nicht
-gelang.
-
-
- Der Bürgerkrieg.
-
-Seit 1919 lebt Deutschland im Bürgerkrieg. Daß immer mehrere sich
-zusammentaten, um den anderen zu schlagen, und, daß die Republik immer
-bei den mehreren war und so anscheinend erstarkte, ändert nichts an der
-Sache. Ebensowenig die Feststellung, daß nicht an jedem Tage an jedem
-Orte geschossen wurde. Denn: wer alle Schießereien, Morde, Prozesse
-aneinanderreiht, erhält trotzdem einen ununterbrochenen Kriegsbericht,
-der es mit irgendeinem historischen Krieg aufnehmen kann.
-
-[Anmerkung zur Transkription: Facsimile eines Flugblattes.]
-
- Offiziere der
- 7. Kavalleriedivision!
-
- center.u Für Recht! Für Gesetz! Für Ordnung!
-
- Setzt euch in Beziehung mit euren Kameraden
-
- fürs Vaterland!!!
-
-Der Bürgerkrieg wird von mehreren, äußerlich kaum unterscheidbaren
-Teilen eines Volkes geführt; von Leuten, die Mut haben und von ihrem
-Recht überzeugt sind. Sie halten die Anderen für Schufte, Verräter und
-Verbrecher: weil nur dieses Urteil den Totschlag von Volksgenossen
-verantworten kann. Der Rest der Bevölkerung versucht ängstlich seinen
-Besitz zu wahren, und sei es auf Kosten der Nachbarn oder des Ganzen –
-um morgen vielleicht doch arm zu sein. Politische und wirtschaftliche
-Zerrüttung: die Ereignisse der letzten Jahre bestätigen das.
-
-Die Tatsache, daß der Feind äußerlich nicht erkennbar und räumlich nicht
-getrennt ist, schafft eine Atmosphäre des Mißtrauens und der
-Unsicherheit, die zugleich mit der Verachtung des Gegners die Schärfe
-des Kampfes und seine Brutalität erklärt. Dazu kommt, daß die Lage in
-Deutschland die Folge eines Zusammenbruchs ist. Die ganze vorher
-geschilderte brodelnde Masse schiebt sich hinter und zwischen die
-Parteien und derselbe Zusammenbruch, der jenes unorganisierte Milieu
-schuf, zwingt die Parteien, sich seiner zu bedienen; und es wird Träger
-der Politik und ihrer Bestrebungen. Das Verantwortungslose ruft sich aus
-zum System.
-
-
- Der Spitzel.
-
-Für den Naiven besteht die Historie aus Schlachten und Morden: Dingen,
-die mit Krawall in die Welt gesetzt werden und durch ihren Krach
-überzeugen. Die Erinnerung des großen Krieges zeigt, daß Leisetreten
-auch wirksam ist: daß Aufklärung und Propaganda, Kredite, Fehler des
-Gegners, nicht zuletzt Ideen und Lügen das Schicksal der Völker
-entscheidend zu beeinflussen vermögen; das Hinter- und Unter-der-Front
-ergibt erst die Strategie.
-
-– Jeder Staat und jede Partei verfügt über Nachrichten- und
-Propagandadienst, hat Interesse für Verrat und Provokation. In normalen
-Zeiten verwendet man dazu möglichst ausgesuchte Leute, die mit aktiver
-Spionage arbeiten oder mit bezahltem Verrat; eventuell über
-Mittelmänner. Die Zwischenschicht des Spitzels ist, wie bei jeder
-stabilisierten Gesellschaft die Zwischenschichten, dünn und einflußlos.
-Von dem seltenen Spion aus Vaterlandsliebe und Opferwillen abgesehen
-gibt es eine kleine Clique von Internationalen, unter denen echte und
-falsche Nachrichten für mehr oder weniger Geld käuflich sind.
-
-Diese kommt für den Bürgerkrieg kaum in Betracht: der Boden ist heiß und
-die Chancen sind gering. Außerdem sind die Erfordernisse ganz andere. In
-der ruhigen Politik handelt es sich meist darum, Geheimnisse und
-Geheimgehaltenes zu erfahren oder zu verbergen: Arbeiten, die auf lange
-Sicht unternommen werden. Hier aber schafft jeder Tag neue Situationen.
-Zuerst sind schon die Parteien nicht fest orientiert; Gruppen und
-Grüppchen bilden sich, lösen sich auf; viele handeln auf eigene Faust:
-und es ist schwer, orientiert zu sein, was von Belang ist. Zudem stehen
-hinter den Leuten Waffen, die nicht in Jahren, sondern morgen schon
-losgehen können. Das schafft eine Erregung, in der jeder geordnete
-Nachrichtendienst versagt; da erwacht das Gerücht in seiner gefährlichen
-Unkontrollierbarkeit.
-
-[Anmerkung zur Transkription: Facsimile eines Flugblattes.]
-
- Genossen! Vorsicht!
- Spitzel!
-
- 1,67 groß, untersetzt, beweglich; aschblondes
- Haar, dto. Schnurrbart, Rundschädel, starke
- Backenknochen, eher Stupsnase, unruhige
- graubraune Augen, schlechtes Gebiß, im
- Oberkiefer einige Zähne fehlend.
-
- Gefälschte Ausweise des Spartakusbundes;
- Namen wechselnd.
-
- Spitzel!
- Genossen! Vorsicht!
-
-Jedes Ohr neigt jedem Mund sich zum Horchen. Jeder, der mit Leuten
-verschiedener Parteien verkehrt, kann in die Lage des Zwischenträgers
-und seine Not kommen. Es ist eine ununterbrochene Skala von den
-Plauderern zu den Bezahlten, von den Gutgläubigen bis zu den
-beauftragten Provokateuren.
-
-Wo Spitzel sind, da herrscht Spitzelangst; da alle Wasser trüb sind,
-fischt man mit groben Netzen: Aushorchen, Erpressung, Verhaftungen und
-Mißhandlungen, Haussuchung, Raub und Mord sind die Mittel, und ein Heer
-von Zwischenträgern und Achtgroschenjungs lebt davon; der Feind macht’s
-ebenso, und nun werden Verräter entlarvt, wird über Verbrechen und
-Provokation gestritten, Urheberschaft sich in die Schuhe geschoben und
-sich beschimpft: bis kein Mensch mehr weiß, wer was wirklich veranlaßt
-hat. Berufsmäßiges Verbrechen mischt sich ein; Desordre – und jeder
-schwört auf seine Meinung wie zuvor.
-
-Nach der Psychologie dieses Spitzels zu fragen ist müßig. Sie ist zu
-verschieden; selbst die Bezahlten sind in keiner Weise ein Typ. Sie
-kommen durch Zufall zu diesem Erwerb, und einmal im Zuge, gleiten sie
-weiter; sie nehmen das Geld, oft von beiden Seiten, und haben meist gar
-nicht vor, dafür Arbeit zu leisten; es wird gelogen, gedichtet und
-provoziert: wahllos und ohne Hemmungen – wie es eben geglaubt, gewünscht
-und bestellt wird. Alles an diesen Leuten ist falsch; sie kennen nicht
-Freund noch Feind; nur Betrogene – und wahrscheinlich ohne darüber klar
-zu sein: ein zerstörender Zustand der Demoralisation. Bei dem vielleicht
-viele nicht wissen, wie sehr sie daran Anteil haben.
-
-Denn es ist unrichtig, einzig dem Zusammenbruch und der dadurch
-bedingten Verwirrung die Schuld zu geben. Die Verantwortung liegt viel
-mehr bei denen, die – anstatt mit allen Mitteln gegen das verwahrloste
-Außenseitertum einzuschreiten – sich nicht scheuten gerade die
-minderwertigsten Elemente für ihren Zweck zu engagieren; sie liegt bei
-denen, die den Lockspitzel anstellten und ihn bezahlten.
-
-Der vorliegende Fall wird genügend Einblick in diese Zustände geben!
-
-
-
-
- DIE ANKLAGE.
-
-
- Vorgeschichte.
-
-Am 7. August 1919, vormittags 9 Uhr, wurde vor dem Hause
-Königin-Augusta-Straße 31 zu Berlin eine männliche Leiche aus dem
-Landwehrkanal geborgen; der Körper war bis auf Schuhe und Hut völlig
-bekleidet; die Beine waren in eine um die Knie verknotete graue Decke
-gewickelt; eine hanfene Waschleine verband beide Knie und hielt sie an
-den Hals gezogen, wo sie in einer Schlinge endete; die Arme waren frei.
-– Der Gerichtsarzt nahm Selbstmord an.
-
-In der Tasche des Toten wurde ein Gepäckschein, auf den Anhalter Bahnhof
-lautend, gefunden; die Koffer wurden abgeholt: deren Durchsicht ergab
-Papiere, die auf den landwirtschaftlichen Inspektor Karl Blau
-ausgestellt waren.
-
-Dieser Mann war der Polizei als politischer Spitzel persönlich bekannt;
-die Leiche wurde identifiziert. Aber gerade die Beschäftigung des Toten
-mußte die Möglichkeit eines Verbrechens nahelegen. Nachuntersuchung
-wurde angeordnet.
-
-Gerichtschemiker Dr. Brüning führte sie aus; ihm erschien die
-Halsschlaufe zu weit, das Fehlen der Schuhe nicht selbstverständlich;
-ohne sich zu entscheiden, wollte er gewaltsamen Tod nicht ausschließen.
-
-– Es dauerte mehrere Wochen, bis ein Resultat weiterer Nachforschungen
-bekannt wurde. Die Nachtzeitung (Nr. 200 der Deutschen Abendzeitung, 6.
-Jahrg.) brachte am 27. August 1919 folgende Meldung:
-
- Der Mörder des Inspektors Blau verhaftet.
-
- Wie uns aus _Königsberg_ gemeldet wird, wurde dort der _Landarbeiter
- Max Leuschner_ aus Berlin, der als einer der Hauptbeteiligten an dem
- politischen Morde des Inspektors Blau in Betracht kommt, von der
- Königsberger Kriminalpolizei in der Wohnung des _Kommunisten Lang_,
- wo er sich unter falschem Namen verborgen hielt, _verhaftet_.
-
-Andere Nachrichten folgten:
-
-B. Z. am Mittag, Nr. 195, am Freitag, 29. August 1919:
-
- Die Mordaffäre Blau.
-
- Der als Haupttäter an der Ermordung des Landwirtschaftsinspektors
- Blau verdächtige, in Königsberg festgenommene Lederarbeiter
- Leuschner ist von den Berliner Kriminalbeamten, die die Verhaftung
- bewirkten, _nach Berlin gebracht_ worden. Im Polizeipräsidium wurde
- heute mit dem _Verhör_ Leuschners begonnen. Die beiden
- Kriminalkommissare Trettin und Dr. Riemann sind mit der Ermittelung
- dieses Falles betraut worden. Leuschner gibt zu, daß er unter
- falschem Namen in Königsberg gewohnt hat. Er sei von Berlin aus nach
- Königsberg gegangen, habe dort bei einem Gesinnungsgenossen
- Unterschlupf gefunden und auf die Gelegenheit gewartet, nach
- Russland durchzukommen. Er gibt auch zu, die Versammlung, die am 1.
- August in der Mittenwalder Straße in Berlin stattgefunden hat,
- geleitet zu haben. Dabei habe er den Blau nach seinen Papieren
- gefragt und diese geprüft. Die Vernehmung ist zur Stunde noch nicht
- abgeschlossen.
-
-Freiheit, Nr. 432, am Montag, 8. September 1919:
-
- Der Tod des Inspektors Blau.
-
- Darüber berichtet eine Lokalkorrespondenz: Der Lederarbeiter _Max
- Leuschner_ wurde gestern dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Er
- wird der Anstiftung zur Ermordung Blaus beschuldigt. Leuschner
- erklärte, daß er von der Tat nichts wisse und auch über die Täter
- nichts sagen könne, doch hat die Untersuchung ergeben, _daß er als
- Versammlungsleiter den Befehl erteilt hat, Blau umzubringen_. Er
- gibt an, daß ihm an dem Abend in der Versammlung aufgefallen sei,
- daß Blau zwei Finger der rechten Hand fehlten. Als er nun in der
- Zeitung gelesen habe, daß im Landwehrkanal die zusammengeschnürte
- Leiche eines zunächst unbekannten Mannes gelandet worden sei, dem
- die beiden Finger fehlten, habe er sich gleich gesagt, daß es sich
- um Blau handeln müsse. Nun packte ihn die Angst. Wie er selbst sagt,
- sah er sich schon in Untersuchungshaft und traf sofort
- Vorbereitungen zur Flucht. Er fuhr nach Königsberg, um dort auf
- Papiere zu warten, die ihm die kommunistische Zentrale zusenden und
- die ihm ermöglichen sollten, über die Grenze nach Rußland zu
- fliehen. Die hiesige Kriminalpolizei hatte jedoch seine Spur
- verfolgt, seinen Aufenthalt in Königsberg ermittelt und die dortige
- Kriminalpolizei aufmerksam gemacht, die ihn dann festnahm, bevor er
- noch seinen Plan verwirklicht hatte. Der Plan, berichtet weiter die
- Korrespondenz, Blau umzubringen, ist, wie die Feststellungen der
- Kriminalpolizei ergeben haben, in München gefaßt worden. Zuerst
- wollten die Spartakisten den ihnen lästigen Spitzel nach Wien locken
- und ihn dort beiseite schaffen. Schließlich entschied man sich aber
- für Berlin. Der 27 Jahre alte, aus Hötensleben gebürtige
- Möbelzeichner Franz Herm lockte Blau von München nach Berlin und
- führte ihn in die Versammlung, in der sein Tod beschlossen wurde. In
- dem dringenden Verdacht, das Todesurteil vollstreckt zu haben, steht
- der 22 Jahre alte, aus Arnswalde gebürtige Schlächtergeselle Hermann
- Dahms, der zuletzt in Berlin wohnhaft war und ebenso wie Herm
- flüchtig ist. Auf beide wird jetzt eifrig gefahndet, doch gelang es
- bisher noch nicht, ihren Aufenthalt zu ermitteln.
-
-Es verlautbarte noch, daß Leuschner in Ostpreußen sich durch
-unvorsichtige Äußerungen auffällig gemacht und dadurch die Verhaftung
-ermöglicht hatte.
-
-Das Ergebnis vierwöchiger Ermittlung war demnach folgendes:
-
-1. die Identifizierung der Leiche und die Erkennung des Todesfalls als
-Verbrechen,
-
-2. die Verhaftung eines Mannes, der mit Blau in Beziehung stand und
-Anlaß zu haben schien, diese Tatsache zu verheimlichen.
-
- * * * * *
-
-Die Umgebung, in der die Ereignisse dieses Prozesses spielen, bringt es
-mit sich, daß jede Aussage zweifelhaft wird. Schon ist es fast
-unmöglich, Beteiligte und Zuschauer scharf zu trennen, noch schwerer
-scheint es, den Wahrheitsgehalt einer Mitteilung klar zu bekommen;
-unvermeidlich wird man in Voreingenommenheit und Konstruktion verfallen.
-
-Es ist nun leichter, einen Standpunkt als Standpunkt zu wechseln, als in
-der Dauer schwieriger Diskussionen alle Parteilichkeit zu vermeiden: es
-ergreife also der Staatsanwalt das Wort.
-
-Der Ablauf eines Schwurgerichtsverfahrens bis zur Verhandlung ist etwa
-folgender:
-
-Zuerst erfolgen Nachforschungen der Kriminalpolizei und Feststellung
-verdächtiger Personen. Die Schwere der Beschuldigung wie der belastenden
-Anzeichen und die Wahrscheinlichkeit der Flucht oder Verdunklung
-bedingen den vorläufigen Haftbefehl.
-
-Die körperliche Folter ist der modernen Gerichtsbarkeit nicht gestattet;
-falls man nicht die endlos sich dehnende Untersuchungshaft mit ihrer oft
-völligen Absperrung, die Tage und Nächte währenden Befragungen mit ihren
-Bluffs und Tricks für solche halten mag. Denn das Prinzip der
-Untersuchung ist sich natürlich gleichgeblieben: hat man erst einen, der
-sicher wenigstens etwas weiß, so läßt man ihn erst, wenn er sichtlich
-alles gestand. Bald oder später, einmal wird jeder mürbe.
-
-So addieren sich zu neuen Tatsachen Geständnisse, deren Auswertung
-wieder Tatsachen fördert; bis ein zweiter Beteiligter festgestellt ist,
-ein dritter, und schließlich das Bild der Geschehnisse sich entschleiern
-läßt.
-
-Das Resultat dieser Ermittlungen wird in der Anklageschrift
-zusammengefaßt und dem Beschuldigten zugestellt, dessen Anwalt in einer
-Schutzschrift dazu Stellung nimmt.
-
-Nach Maßgabe der in beiden Ausführungen niedergelegten Beweiskraft
-entscheidet das Gericht (die Strafkammer des Landgerichts) in
-nichtöffentlicher Verhandlung über die Eröffnung des Hauptverfahrens.
-Der Beschluß wird abermals allen Beteiligten zugestellt. Sobald die
-Untersuchung zu einem vorläufigen oder endgültigen Abschluß gelangt ist,
-wird die Verhandlung über die festgestellten Reate anberaumt. Erst in
-der Verhandlung treten die Geschworenen auf; bis dahin läuft der
-Gerichtsweg zwischen Staatsanwalt, Beschuldigtem, Verteidiger und den
-von Amt bestimmten Richtern.
-
- Bei allen Eingaben ist die
- nachstehende Geschäftsnummer
- anzugeben.
-
- Geschäftsnummer:
- 2 c J. 2691. 19 155.
-
- In der Strafsache
-
- gegen Fichtmann und Gen.
-
- wegen Mordes
-
- wird Ihnen die Anklageschrift in der Anlage mitgeteilt. Für den
- Fall, daß Sie die Vornahme einzelner Beweiserhebungen vor der
- Hauptverhandlung beantragen oder Einwendungen gegen die Eröffnung
- des Hauptverfahrens vorbringen wollen, werden Sie aufgefordert, Ihre
- Anträge oder Einwendungen innerhalb einer Frist von 5 Tagen entweder
- schriftlich einzureichen oder zum Protokolle des Gerichtsschreibers
- zu erklären.
-
- Die Rechtsanwälte Liebknecht, N 4, Chausseestr. 121 und Dr.
- Weinberg, C 2, Klosterstr. 65, sind von Ihnen zu Verteidigern
- gewählt worden.
-
- Berlin, den 27. Mai 1920.
- NW 52, Turmstr. 93.
-
- Das Landgericht II Strafkammer 5.
- Der Vorsitzende
- gez. Scheringer.
-
- Beglaubigt
- Nogolin, Rechnungsrat,
- als Gerichtsschreiber.
-
- Der Erste Staatsanwalt
- beim Landgericht II.
- 2 c. J. 2691/19
- 151
-
- Berlin, den 25. Mai 1920.
- NW 52, Rathenower Str. 70.
-
- Haft- und Schwurgerichtssache!
- Anklage.
-
- 1. Der Lederarbeiter (Schankwirt) Max _Fichtmann_ aus Berlin, Bd. VI
- Parochialstraße 35, zur Zeit in der Strafanstalt Brandenburg a. d. Bl. 95
- H. in Sachen 67 J. 2899/19 Staatsanwaltschaft I Berlin in Strafhaft,
- geboren am 22. November 1899 Berlin, mosaisch, unverheiratet,
- vorbestraft (Strafregisterauszug folgt),
-
- 2. der Kaufmann (Verkäufer von Broschüren) Erwin _Hoppe_ aus Berlin, Bd. V
- seit 13. November 1919 hier in Untersuchungshaft, geboren 1. April Bl. 89, 111
- 1899 Berlin, religionslos, unverheiratet, bestraft (neuer
- Strafregisterauszug folgt),
-
- 3. der Schneidergeselle Willi _Winkler_ aus Berlin, seit 13. Bd. V
- November 1919 hier in Untersuchungshaft, geboren 16. September 1899 Bl. 98, 109
- Berlin, evangelisch, unverheiratet, angeblich unbestraft (neuer
- Strafregisterauszug folgt),
-
- werden angeklagt, zu Berlin zu Anfang August 1919
-
- a) _Fichtmann_ und _Hoppe_ gemeinschaftlich mit anderen den
- Inspektor Karl Blau vorsätzlich getötet und diese Tötung mit
- Überlegung ausgeführt zu haben,
-
- b) _Winkler_ den Angeschuldigten Fichtmann und Hoppe und den anderen
- Mittätern bei Begehung des Verbrechens des Mordes zu a) durch Rat
- oder Tat wissentlich Hilfe geleistet zu haben, – Verbrechen gegen §§
- 211, 47, 49 Strafgesetzbuch.
-
-
- An
- das Landgericht II,
- Schwurgericht, hier
-
- Ermittelungsergebnis.
-
- Am Dienstag, dem 7. August 1919, vormittags 9 Uhr wurde vor dem Bd. II
- Hause Königin-Augusta-Straße 31 die Leiche des landwirtschaftlichen Bl. 3, 6
- Inspektors Karl Blau, geboren am 13. November 1891 Erfurt, zuletzt
- in Charlottenburg, Bayreuther Straße 10, aus dem Landwehrkanal
- gezogen. Der untere Körperteil war mit einer grauen wollenen
- Schlafdecke umhüllt, die unter den Knien zusammengeschlungen war.
- Die Leiche war mit einem Hanfstrick (in Waschleinenstärke) derart
- zusammengebunden, daß der Hals in einer Schlinge lag und die Knie
- bis zur Brust heraufgezogen waren. Der Tote war bekleidet; es
- fehlten nur Schuhe und Kopfbedeckung. Die Leichenöffnung ergab keine
- bestimmte Todesursache. Die Ärzte sprachen sich dahin aus, daß der Bd. I
- Verstorbene seinen Tod wahrscheinlich durch Zuschnüren des Halses Bl. 7
- gefunden hat. Der Sachverständige Dr. Brüning, der die bei dem Toten Bd. II
- gefundenen Sachen (Strick, Kragen, Krawatte, Jackett, Weste, Hose, Bl. 6, 87
- Hosenträger, Hemd, Unterhose, Vorhemd, Taschentuch, Decke) Bd. II
- untersucht hat, konnte ebenfalls nicht feststellen, ob Mord oder Bl. 86, 138
- Selbstmord vorlag, erklärte aber, daß gegen letzteren eine Anzahl
- von Momenten spreche, so insbesondere die Art der Verknotung, die
- Schlaufen und die Weite der Halsschlaufe. Die fortgesetzten
- Ermittelungen erbrachten die Gewißheit, daß Blau ermordet und daß
- diese Tat von kommunistisch-terroristischer Seite planmäßig
- ausgeführt worden war.
-
- Blau hatte in München in Kommunistenkreisen als Spitzel verkehrt,
- insbesondere auch mit dem Möbelzeichner Franz Herm aus Hötensleben.
- Als die Kommunisten die Spitzeltätigkeit des Blau entdeckt hatten,
- war von ihnen seine gewaltsame Beseitigung beschlossen worden. Herm
- war offenbar dazu bestimmt worden, dieserhalb das Weitere zu
- veranlassen, insbesondere Blau nach Berlin zu bringen und ihn dann
- ermorden zu lassen. Herm hatte sich dem Zeugen Schreiber und der Bd. I
- Frau Baumeister gegenüber schon vor Antritt der Reise in diesem Bl. 29 v, 35
- Sinne geäußert. Am Abend des 29. Juli 1919 fuhren Herm, Blau, Bd. I
- Schreiber und ein angeblicher Schuster von München ab. Die Reise Bl. 29 v
- ging zunächst nur bis Magdeburg, wo Herm wahrscheinlich die dortigen
- Kommunistenkreise in den Mordplan einweihte. In Magdeburg trennten
- sich die vier. Schreiber fuhr am 31. Juli 1919 mittags über Bd. I
- Schöningen nach Hötensleben zu den Eltern des Herm, wo er dessen Bl. 31
- Rückkehr aus Berlin abwarten sollte. Blau, der unterwegs von
- Schreiber gehört hatte, daß man ihn als Spitzel entlarvt und geplant
- hätte, ihn von Berlin nach Wien zu bringen und dort zu ermorden,
- dieser Nachricht aber keine allzu große Bedeutung beigemessen zu
- haben scheint, fuhr am Vormittage des 31. Juli 1919 von Magdeburg
- mit dem Zug nach Halle ab. In Halle wollten sich Herm, der
- nachkommen wollte, und Blau noch am selben Tage im Wartesaal II.
- Klasse treffen und von dort aus dann gemeinschaftlich nach Berlin Bd. V
- fahren. Blau scheint, bevor er nach Halle kam, noch vorher in Bl. 38 v f.
- Sangerhausen gewesen zu sein. Wie der Zeuge Mahlig bekundet, hat
- Blau Ende Juli oder am 1. August 1919 bei ihm in Sangerhausen
- vorgesprochen. Er hat ihm von seinen politischen Reisen und Taten
- erzählt und auch erwähnt, daß man ihm von der gegnerischen Seite
- nach dem Leben trachte, und daß es bei ihm auf Leben und Tod gehe,
- daß er wieder eine große Sache vorhätte und er ein gemachter Mann
- wäre, wenn diese ihm glückte. Blau und Herm scheinen sich dann auch
- in Halle getroffen zu haben und von dort nach Berlin gefahren zu
- sein. Daß Herm in Berlin war, geht aus der Aussage des Zeugen
- Schreiber und seinem Briefe an die Kaltenhauser vom 3. August 1919 Bd. I
- hervor. Wie Schreiber bekundet, ist Herm am 2. August 1919 abends Bl. 31 v
- sehr aufgeregt und bleich in Hötensleben erschienen. Er sagte, daß Bd. III
- er direkt aus Berlin käme und entgegnete auf die Frage des Bl. 19 e
- Schreiber, wo Blau sei, daß für Blau bereits gesorgt sei, er Abschriften
- (Schreiber) werde über Blau das Nähere noch früh genug erfahren. Bd. I
- Weiteren Fragen über Blau wich Herm jedesmal aus, erwähnte aber doch Bl. 50
- einmal, daß er von München aus die Berliner Genossen verständigt Bd. III
- hatte, daß er mit Blau nach Berlin kommen würde. Bl. 7
- Bd. I
- Bl. 33
-
- In dem Briefe vom 3. August 1919 schrieb er von Hötensleben an die
- Kaltenhauser in München folgendes:
-
- „Werte Genossin Kaltenhauser! Hoffentlich treffen Sie diese Zeilen Bd. III
- bei gutem Befinden an. Ich bin gestern gut angekommen. Den Spitzel Bl. 19 e
- Blau habe ich, da ich nicht anders konnte, von München mit
- fortgenommen und _unterwegs besorgt. Er wird so bald nicht wieder in
- München auftauchen._ Ich hatte noch einen Ausweis bei ihm gesehen,
- nach welchem er für die Fahndungsabteilung in München arbeitet.
- Dieser Ausweis war am 23. Juli ausgestellt und mit einem
- Polizeistempel versehen. Der Fall B. hat mir zirka 200 Mark
- gekostet. Hier in Magdeburg bei der K. P. D. war ein Meyer, welcher
- von der K. P. D. beauftragt sein will, nach _Schuhmann_ zu suchen.
- Der Mensch ist nach der Beschreibung der von mir kaltgestellte Dr.
- Frey (Franz?) aus Zürich, ich nehme an, daß er ein Spitzel ist.
- Freundlichen Gruß an Genossen Blumenfeld, ich habe die beiden gut
- untergebracht. Papiere treffen in den nächsten Tagen ein. Grüßen Sie
- den Genossen Weber bei Corl, ich habe seinen Bruder getroffen, es
- geht ihm gut, er wird mich besuchen. Wenn Blumenfeld noch einige
- dort hat, kann er sie in 14 Tagen zu mir senden. Herr Kämpfer soll
- seine Revolutionen machen, die sich mit dem Gesetz vereinbaren
- lassen (komisch?). Also seien Sie und Ihre Tochter und Schwester
- recht herzlich von mir gegrüßt, Ihr Franz Herm. Freundlichen Gruß an
- die Bekannten.“ Diesen Brief gab Herm dem Schreiber mit der Bitte, Bd. I
- daß er ihn sofort als Eilbrief und eingeschrieben zur Post nach Bl. 31 v
- Hötensleben bringen sollte. Als Quittung über die Abgabe des Briefes
- auf der Post sollte Schreiber ihm den Postschein bringen. Da
- Schreiber ahnte, daß in dem Briefe etwas Wichtiges stünde, nahm er
- ein anderes Kuvert und schrieb die Adresse der Kaltenhauser darauf.
- In das Kuvert legte er einen leeren Briefbogen und gab es dann zur
- Post. Den Postschein gab er dem Herm. Den Brief des Herm an die
- Kaltenhauser gab er nicht auf. Als Herm später in der Zeitung von
- der Auffindung der Leiche des Blau las, freute er sich darüber, daß Bd. I
- man bei Blau einen Selbstmord vermutete. Da in der Zeitung auch Bl. 38
- stand, daß für die Aufklärung im Falle einer Ermordung des Blau 5000
- Mark ausgesetzt seien, sagte Herm noch zu Schreiber, daß er ihn
- hoffentlich wegen der 5000 Mark nicht verraten würde. Um Herm
- vollständig sicher zu machen, klopfte Schreiber ihm auf die Schulter
- und sagte, er sei auch zufrieden, daß so ein Lump von der Bildfläche
- verschwinde. Unmittelbar im Anschluß an das Lesen der Zeitungsnotiz
- gab Herm dem Schreiber den Auftrag, sofort nach Braunschweig zum
- Büro der K. P. D. zu fahren und dort darauf zu dringen, daß die
- schriftlichen Aufzeichnungen des Herm vor seinen, Schreibers, Augen
- vernichtet würden. Schreiber fuhr auch nach Braunschweig, hörte dort
- aber, daß die schriftlichen Angaben des Herm über Blau dort bereits
- vernichtet wären, nachdem man die Ermordung des Blau in der Zeitung
- gelesen hatte. Als Schreiber nach Hötensleben zurückkehrte, erfuhr
- er von dem Bruder des Herm, daß letzterer nach München gefahren sei,
- um seinen an die Kaltenhauser gerichteten Brief vom 3. August 1919
- in die Hände zu bekommen und zu vernichten. Am nächsten Tage (12.
- August 1919) fuhr Schreiber nach Magdeburg zum Büro der K. P. D.,
- trug den ihm schon vorher erteilten Auftrag des Herm, seine
- Aufzeichnungen über Blau zu vernichten, vor und sah auch, daß
- demgemäß die Aufzeichnungen zerrissen und verbrannt wurden. Vom Büro
- der K. P. D. ging Schreiber in das Büro der U. S. P. D. zu Peters.
- Von diesem hörte er, daß er die Aufzeichnung über Blau bereits beim
- Lesen der Zeitungsnachrichten über den Fall Blau vernichtet hätte. Bd. I
- Als Schreiber von Magdeburg nach Hötensleben zurückgekehrt war, Bl. 32 v
- konnte er sich dort nicht mehr länger aufhalten, da er seines Lebens 33
- dort nicht mehr sicher war und von Genossen, die wahrscheinlich von
- Herm nach Entdeckung der Briefunterschlagung gedungen waren, um ihn
- als wichtigen Belastungszeugen zu beseitigen, dieserhalb gesucht
- wurde. Es gelang dem Schreiber aber, den ihn verfolgenden und auf
- ihn schießenden Genossen zu entkommen.
-
- Blau wollte am Nachmittage des 1. August 1919 seine in Bd. II
- Charlottenburg, Bayreuther Straße 19, wohnende Ehefrau besuchen, Bl. 25
- erfuhr aber von der Portierfrau Nowak, daß diese nicht zu Hause war.
- Am Abend desselben Tages suchte Blau die kommunistische Versammlung,
- die in der Aula des Friedrichs-Realgymnasiums in Berlin,
- Mittenwalder Straße 34, stattfand und von Leuschner, dem Vorsteher
- des 3. Bezirks der K. P. D., geleitet wurde, auf. Ob er allein oder
- mit anderen, insbesondere mit Herm dorthin gegangen ist, konnte
- bisher nicht festgestellt werden. Nach Lage der Sache ist aber
- anzunehmen, daß er mit Herm oder jedenfalls auf dessen Veranlassung
- in die Versammlung gegangen ist. Schon in der Versammlung wurde Blau
- von einem Teil der anwesenden Genossen zur Rede gestellt. Dies
- setzte sich nach Schluß der Versammlung auf der Straße fort. Blau
- suchte sich zu verteidigen, fand aber keinen Glauben bei den
- Genossen. Diese beschlossen vielmehr, um Blau vollends zu
- überführen, noch den Zeugen Stolz (Strolz) heranzuführen. Zu diesem
- Zwecke wurden Hoppe und noch ein Genosse fortgesandt. Die anderen,
- unter denen sich Leuschner, Pohl sen. und jun., Geisler, Schröder,
- Klust, Gentz, Schmitz, Hoffmann und Acosta (Mendelsohn) befanden,
- gingen mit Blau durch die Mittenwalder-, Bergmann- und
- Kreuzbergstraße nach dem Viktoriapark (Ecke Großbeerenstraße). Schon
- unterwegs war davon die Rede, daß Blau umgebracht werden sollte. Man
- sprach insbesondere davon, daß er auf dem Tempelhofer Felde
- erschossen werden sollte. Von diesem Vorhaben wurde aber zunächst
- mit Rücksicht auf die große Anzahl der Anwesenden Abstand genommen.
- Am Viktoriapark kamen nach einiger Zeit die beiden nach Stolz
- entsandten Genossen in einem Auto zurück. Sie brachten die
- Nachricht, daß sie Stolz nicht getroffen hätten. Pohl jun. erklärte Bd. V
- sich bereit, Blau in seiner Wohnung, Gneisenaustraße 7a, Bl. 52 v
- aufzunehmen. Hoppe und Geisler kamen mit, angeblich nur, um Bd. V
- aufzupassen, daß Blau nicht entwische. Hoppe hatte aber offenbar die Bl. 112 v
- Absicht, Blau in der Wohnung des Pohl zu ermorden. Hoppe äußerte Bd. VI
- sich jedenfalls am nächsten Tage zu Pohl in diesem Sinne und Bl. 47 v
- bemerkte dabei, daß er einen Korb besorgen und die Leiche
- fortschaffen würde. Pohl und seine Frau gingen aber darauf nicht
- ein. Im Laufe des 3. August 1919 entfernte sich Geisler. Am Morgen Bd. VI
- war bereits der Genosse, der mit Hoppe am Abend vorher den Stolz Bl. 47 v
- holen sollte, in der Pohlschen Wohnung erschienen und hatte mit
- Hoppe auf dem Korridor verhandelt. Pohl hörte, daß er zu Hoppe
- sagte, er hätte niemand gefunden. Der Betreffende kam vormittags
- nochmals, und zwar mit zwei Männern, die feldgraue Uniform trugen.
- Der eine Wachmann, welcher einen Revolver trug, blieb in der
- Wohnung. Weitere vier Mann bewachten das Haus. Ein Mann in braunem
- Anzug, der gegen Mittag herauf kam, erklärte, er sei von der
- „T-Terroristengruppe“, die unten das Haus bewache, er gab dem Hoppe Bd. V
- auch eine Flasche, die Morphium enthielt. Ihr Vorhaben, Blau schon Bl. 113
- in der Pohlschen Wohnung umzubringen, scheiterte an dem Widerstande Bd. V
- der Eheleute Pohl, die offenbar aus Angst nicht dulden wollten, daß Bl. 113,
- die Tat bei ihnen ausgeführt wurde. Es blieb dem Hoppe daher nichts 45 v
- anderes übrig, als sich nach einer anderen Wohnung umzusehen. Er
- ging daher zu seinem Jugendfreunde Winkler, der bei seinen Eltern in
- der Großbeerenstraße 20 wohnte. Dieser stellte ihm die Wohnung zur
- Verfügung. Die Eltern des Winkler hielten sich während dieser Zeit
- außerhalb auf ihrem Laubengrundstück am Teltowkanal auf. Die
- Schlüssel zur Wohnung will Winkler dem Hoppe gleich mitgegeben Bd. VII
- haben. Hoppe behauptet aber, daß Winkler sie zufolge einer zwischen Bl. 79 v
- ihnen beiden vorher getroffenen Verabredung Ecke Hagelsbergerstraße Bd. V
- dem zweiten „T“-Mann (Wachmann der Terroristen-Gruppe) ausgehändigt Bl. 113 v
- habe. Dieser ging als erster in das Haus Großbeerenstraße 20. Hoppe
- und Blau folgten. Einige Zeit später gingen weitere zwei Mann, Bd. VI
- darunter Fichtmann, hinein. Pohl, der mit bis zum Hause gegangen Bl. 51 v
- war, blieb zunächst in unmittelbarer Nähe des Hauses auf der anderen
- Straßenseite stehen. Er bemerkte Acosta und Winkler, die auf der
- Hausseite auf und ab gingen. Nach einiger Zeit kamen beide zu ihm Bd. VI
- herüber und unterhielten sich mit ihm. Beide wußten, daß mit Blau Bl. 52
- etwas vor sich gehen sollte und fragten Pohl, was in seiner Wohnung Bd. VII
- passiert sei. Pohl erzählte ihnen, daß man von Blau verschiedenes Bl. 90 v
- herausbekommen und daß man bei ihm gegessen hätte. Im Laufe der
- Unterhaltung, die sich nur um Blau drehte, erwähnte Winkler auch,
- daß er den Auftrag gehabt hätte, einen Korb zu besorgen; er habe
- dies aber nicht getan, da es schon dunkel sei und er auch Bd. VII
- Zahnschmerzen hätte, zudem sei ja sein Vater Schneidermeister und Bl. 91
- habe genug Decken, in die man nachher Blau einwickeln könne. Die Bd. VII
- Hauptsache sei, daß er nachher die Decke wiederbekäme. Winkler und Bl. 91
- Acosta gingen dann zu Schröder, wo sie über Nacht blieben. Auf die Bd. VI
- Mitteilungen des erregten Acosta, daß der Spitzel Blau in der Bl. 55
- Großbeerenstraße sei, daß man verschiedenes schon von ihm
- herausbekommen habe, insbesondere, daß er den Abgeordneten Eichhorn
- für 50000 Mark ermorden sollte, Pohl stehe auf der Brücke und wisse
- Näheres, ging Schröder zur Großbeerenstraße, wo er Pohl an der
- Brücke traf. Nachdem sie sich längere Zeit unterhalten hatten und
- währenddessen auch auf und ab gegangen waren, kam ein Mann auf sie
- zu und forderte sie auf, bei dem Transport der inzwischen aus dem
- Hause Großbeerenstraße 20 geschafften, in eine Decke eingewickelten
- Leiche des Blau zu helfen. Schröder ging auf diese Aufforderung
- sofort hin, hob die Leiche auf, trug sie zum Kanal und warf sie ins
- Wasser. Hoppe, Schröder, Pohl und der eine Wachmann blieben dann
- noch zusammen und gingen zum Lokal von Maaß in der Bergmannstraße,
- während die anderen vier Männer der Terrorgruppe, unter ihnen
- Fichtmann, sich zerstreuten. Auf dem Wege zum Maaßschen Lokale
- erzählten Hoppe und der Wachmann die näheren Umstände der Ermordung:
- „Sie hätten Blau zunächst Wein mit Morphium zu trinken gegeben. Blau Bd. VI
- wäre eingeschlafen: Hoppe und der Wachmann hätten ihm die Schlinge Bl. 51
- um den Hals gelegt. Beim ersten Male sei Blau jedoch aufgewacht, und
- es sei ihnen gerade noch gelungen, die Schlinge von seinem Halse zu
- nehmen. Blau hätte sich gewundert, daß der Tisch abgerückt war, die
- Tür zu und drei fremde Leute im Zimmer waren. Sie hätten ihn
- beruhigt, er sei dann wieder eingeschlafen. Nunmehr hätten Hoppe und
- der Wachmann ihm die Schlinge um den Hals gelegt und zugezogen,
- während die beiden anderen Anwesenden sich auf die Knie des Blau
- geworfen hätten. Die beiden letzteren (darunter Fichtmann) hätten
- sich schlapp benommen; der eine Mann (Fichtmann) habe gezittert.“
-
- Hoppe, Fichtmann und Winkler bestreiten, sich strafbar gemacht zu
- haben.
-
- Hoppe hat zunächst überhaupt zu Abrede gestellt, in der Versammlung Bd. V
- in der Schule, in der Wohnung des Pohl und Winkler und mit Blau Bl. 93 v
- zusammengewesen zu sein. Erst nach hartnäckigem Leugnen hat er dies Bd. V
- schließlich zugegeben. Er sucht die Sache jetzt so darzustellen, daß Bl. 111 v,
- er die Wohnung des Winkler verlassen habe, als er merkte, daß man ff. 151
- Blau umbringen wollte. Seine Angaben verdienen indes keinen Glauben Bd. VI
- und werden im übrigen durch die Bekundungen des Zeugen Pohl Bl. 18 ff.
- widerlegt. Diesen und den Mitangeschuldigten Winkler hat er auch zu Bd. V
- falschen Angaben verleiten wollen. Als er und Pohl kurz nach ihrer Bl. 9 v
- Festnahme im Isoliergewahrsam zusammentrafen, stieß Hoppe den Pohl
- im Vorbeigehen an und sagte: „Wir kennen uns nicht.“ Später steckte
- er dem Winkler im Gefängnis einen Kassiber zu. Winkler aber kam Bd. VI
- nicht zum Lesen desselben, da er ihm vorher von dem Gefängnisbeamten Bl. 17
- Bruhnke abgenommen wurde. Auf die Frage des Bruhnke, was er dem Bd. VIII
- Winkler zugesteckt habe, erwiderte Hoppe: „Streichhölzer.“ Der Bl. 90
- Kassiber hatte folgenden Wortlaut:
-
- „Lieber Willy! Aus dem Dir zugegangenen Haftbefehl gegen uns Bd. VI
- ersiehst Du ohne weiteres die Situation. Den Ernst derselben, soweit Bl. 17
- es sich um mich handelt, zu unterschätzen, wäre nicht möglich. Ich
- bitte Dich daher dringend, um das Schlimmste zu verhindern, mich,
- soweit es möglich ist, zu entlasten, wie ich es bei Dir auch dauernd
- bestrebt bin. Ich bitte Dich daher um folgendes: Bei der Verhandlung
- gestehe ein, daß Du die Wohnungsschlüssel auf sein Geheiß einem
- Menschen in braunem Anzug (Dir unbekannt) auf ein bestimmtes
- Parolewort (was Du aber vergessen hast) an der Hagelsbergerstraße
- Ecke Großbeerenstraße ausgehändigt hast. (Zeitpunkt etwa ½ Stunde
- nach meinem Besuch in Deiner Wohnung. Grund: Da ich noch etwas zu
- erledigen hatte und Du aber noch nicht angezogen warst, um mit
- herunterzugehen, mir also die Schlüssel nicht gleich mitgeben
- konntest.) Alles vorher Geschehene bleibt wie abgemacht (Sitzung
- abhalten usw.). Das wäre die 1. Bitte, die zu erfüllen wohl für Dich
- keine großen Schwierigkeiten machen kann. Jetzt jedoch zu einer
- anderen, etwas heikleren Frage, die für Dich aber auch noch kein
- allzugroßes Opfer bedeutet im Verhältnis zur Wichtigkeit derselben
- im Interesse meiner Person. Denn Du könntest mich damit retten und
- für Dich wäre die Sache dadurch immer noch zu ertragen. Und dann, l.
- W., kommt es doch hier nur darauf an, das Leben zu retten, alles
- andere wäre doch nur von kurzer Dauer, denn die Zeit arbeitet doch
- für uns. Mit dieser Hoffnung will ich Dir gleich meine 2. Bitte
- vortragen. _Ich habe alles eingestanden._ Bin auch zu Deiner Wohnung
- mit raufgegangen, aber nach einer ½ Stunde _wieder runtergekommen_,
- da ich oben merkte, was die T.-Leute für Absichten hatten und ich
- aber damit nicht einverstanden war, sondern dafür war, Blau nur
- festzuhalten und dem Strolz u. a. gegenüberzustellen. Ich äußerte
- also meine Bedenken, worauf man mich als Feigling runterschickte.
- Ich bin also _nach ½ Stunde runtergekommen_ und nach Hause gegangen
- und in den Straßen umhergeirrt, und bin dann, erst halb aus
- Neugierde, halb aus Angst, ½ Stunde _bevor die T.-Leute mit Blau
- herunterkamen, wieder vor Deinem Hause angelangt und habe dort
- gestanden, bis man von oben runterkam_. Im Protokoll habe ich nur
- angegeben, daß ich Acosta unten getroffen habe. Pohl dagegen hat
- auch Dich und Schröder angegeben. Ich brauche jetzt also entweder
- Dich oder Schröder als Alibi-Zeugen, der mich gesehen hat unten auf
- der Straße, während die anderen oben waren. Ich rechne da stark auf
- Dich, l. W. Nur _weiß ich nicht, wann Du überhaupt unten standest_,
- also ob bei meinem _Runterkommen_ oder _später_, etwa ½ Stunde bevor
- die anderen runterkamen mit d. L. Äußere Dich, bitte, ausführlich
- über meine Bitte und Ausführung. Wenn Du gewillt bist, dann
- überlasse alles mir bis zur Verhandlung. Was oben in der Wohnung
- vorgeht, hast Du erst von Acosta erfahren. Mit kom. Gruß Erwin C. II
- 48. Wenn Du also willst, dann rufe ich Dich in der Verhandlung als
- Alibi-Zeugen an.“
-
- Fichtmann stellt sogar in Abrede, mit in der Winklerschen Wohnung Bd. VI
- gewesen zu sein. Der Zeuge Pohl hat ihn aber als eine der beiden Bl. 9
- Personen erkannt, die hinter Hoppe und Blau in das Mordhaus
- hineingegangen sind und die später Wein aus der Teltower Straße
- geholt haben. Fichtmann ist nach den Angaben des Pohl auch beim
- Transport der Leiche nach dem Wasser vorangegangen und fortgelaufen,
- nachdem sie ins Wasser geworfen war. Er ist auch von Hoppe als
- derjenige bezeichnet werden, der bei der Ausführung der Mordtat sich Bd. VI
- schlapp benommen und auf den Knien des Blau gelegen hatte. Sein Bl. 164
- Alibibeweis ist mißglückt. Nach der Vorstrafe ist ihm die Mordtat Bd. VII
- auch zuzutrauen. Bl. 44
-
- Winkler erklärte anfangs, daß er von der ganzen Sache überhaupt Bd. V
- nichts wüßte und zur fraglichen Zeit überhaupt nicht in Berlin, Bl. 93 ff.,
- sondern mit seinen Eltern auf der Laube am Teltowkanal gewesen sei. 11 ff.
- Diese Angabe wurde von ihm später widerrufen. Er erklärte nunmehr, Bd. VI
- daß er dem Hoppe seine Wohnung zu einer „Sitzung“ zur Verfügung Bl. 51 ff., 89
- gestellt habe. Seine Angaben, die er dem Pohl gegenüber über das Bd. VIII
- Besorgen des Korbes und über die Decken gemacht hat, sein ganzes Bl. 79 f.
- auffälliges Verhalten während der Zeit, wo der Mord in seiner
- Wohnung ausgeführt wurde, und die Angaben des Hoppe in dem an ihn
- gerichteten Kassiber lassen erkennen, daß er in den Mordplan
- eingeweiht gewesen ist.
-
- Beweismittel:
-
- a) Angaben der 3 Angeschuldigten,
-
- b) Skizze Blatt Bd. II Bl. 31, Bild des Blau Bd. I. 31. 52,
- Lichtbilder Bd. V Bl. 155, Brief des Herm Bd. III Bl. 51. 19.
- (Abschriften: Bd. I. Bl. 50, Bd. III Bl. 7) Kassiber des Hoppe Bd.
- VI Bl. 13, Kasseauszug Bd. V Bl. 51 ff. Briefe des Leuschner Bd. V
- Bl. 73 f., Bd. VI Bl. 162 c,
-
- c) Vorstrafakten des Fichtmann: 67 J. 2099/19 Staatsanwaltschaft I
- Berlin.
-
- d) Sachverständige:
-
- 1. Gerichtsarzt Professor Dr. Strauch in Berlin, Bd. I
- Bl. 4 ff.
-
- 2. Gerichtsarzt Geh. Medizinalrat Dr. Hoffmann in Berlin, Bd. I
- Bl. 4 ff.
-
- 3. Dr. Brüning von der Staatlichen Bd. II
- Nahrungsmitteluntersuchungsanstalt in Berlin, Alexanderstraße 3/6, Bl. 85, 132
-
- e) Zeugen:
-
- 1. Schiffseigner Friedrich Kullmann in Züllichau, Oberweinberge, Bd. III
- Bl. 3, 37
-
- 2. Kriminalkommissar Dr. Biermann in Berlin,
-
- 3. Kriminalkommissar Trettin in Berlin,
-
- 4. Kriminalkommissar Maslak in Berlin,
-
- 5. Mechaniker Walter Schreiber – Adresse wird noch angegeben –, Bd. I
- Bl. 36 ff.,
- 60, 68 v f.
-
- 6. Frau Mathilde Baumeister geb. Seidl in München, Badstraße, Bd. I
- Bl. 34 ff.,
- 60 v f.
-
- 7. Frau Gertrud Kaltenhauser in München – nähere Adresse wird noch Bd. I
- angegeben –, Bl. 54, 56,
- 75 ff.
-
- 8. Student Hans Blumenfeld in München – nähere Adresse wird noch Bd. I
- angegeben –, Bl. 53, 65,
- 68 ff.
-
- 9. Landgerichtsrat Dr. Wiesehahn vom Landgericht I Berlin, Bd. I
- Bl. 59 ff.
-
- 10. Landrichter Marquard, Untersuchungsrichter beim Landgericht II
- Berlin,
-
- 11. Lagerist Georg Pohl in Berlin, Gneisenaustraße 7a, Bd. V
- Bl. 31 ff.,
- 144,
- 151 v,
- 175 a f.
- Bd. VI
- Bl. 47 ff.,
- 50 ff.,
- 61, 97
- Bd. VII
- Bl. 93 v f.
-
- 12. Frau Martha Pohl geb. Schubert in Berlin, Gneisenaustraße 7a, Bd. V
- Bl. 13 ff.,
- 130
- Bd. VI
- Bl. 118
-
- 13. Frau Maria Sprung geb. Stumpf in Berlin, Schleiermacherstraße Bd. II
- 23, Bl. 29
-
- 14. Krim.-Wachtmeister Hencke in Berlin-Pankow, Talstraße 11, Bd. II
- Bl. 23 v
-
- 15. Privatiere Gertrud Wollweber in Charlottenburg, Kantstraße 45, Bd. II Bl. 44
- bei Janke, Bd. V
- Bl. 144
-
- 16. Lederarbeiter Max Leuschner in Berlin, Dresdener Straße 125, Bd. II
- Bl. 112
- Bd. I
- Bl. 113 f.
- Bd. VI
- Bl. 150
- Bd. VII
- Bl. 6
-
- 17. Frau Martha Leuschner geb. Kallios in Berlin, Dresdener Straße Bd. II
- 125, Bl. 46
-
- 18. Edmund David de Samson – Adresse wird noch angegeben –, Bd. II
- Bl. 98 f., 121
-
- 19. Student Franz Stolz in Berlin, Weidenweg 38, Bd. II
- Bl. 120
-
- 20. Techniker Fritz Klust in Berlin, Katzbachstraße 23, Bd. I
- Bl. 132 f.
- Bd. V
- Bl. 41 v ff.
-
- 21. Arbeiter Johann Pohl in Berlin, Nostitzstraße 49, Bd. V
- Bl. 4 ff.
-
- 22. Schlosser Jakob Schmitz in Berlin, Gneisenaustraße 28, Bd. V
- Bl. 49 ff.,
- 138 v
-
- 23. Hilfsarbeiter Karl Hoffmann in Berlin, Nostitzstraße 45, Bd. V
- Bl. 51 ff., 135
-
- 24. Eisendreher Alfred Geisler in Berlin, Großbeerenstraße 13 a, Bd. V
- Bl. 65 ff., 75
- Bd. VI
- Bl. 103
-
- 25. Kutscher Paul Schröder in Berlin, Großbeerenstraße 30, Bd. V
- Bl. 35, 113
- Bd. VI
- Bl. 54, 41 v f.
-
- 26. Kaufmann Otto Mahlig in Sangerhausen, Bd. V
- Bl. 63 v
-
- 27. Parteisekretär Wilhelm Peters in Magdeburg, Schillerstraße 47, Bd. IV
- Bl. 1 ff.
-
- 28. Schneider Max Eulenberger, z. Zt. im Gefängnis Leipzig in Haft, Bd. VII
- Bl. 56 f.,
- 100 f., 102 f.
-
- 29. Marta Kuschel in Berlin, Dunkerstraße 87, Bd. VI
- Bl. 154
-
- 30. Paul Born in Berlin, Parochialstraße 1/2, Bd. VII
- Bl. 44
-
- 31. Gefangenenaufseher Emil Bruhnke in Berlin, Bd. VII
- Untersuchungsgefängnis. Bl. 90
-
- Es wird beantragt,
-
- das Hauptverfahren zu eröffnen und die Verhandlung und Entscheidung
- der Sache vor dem Schwurgericht des Landgerichts II in Berlin
- stattfinden zu lassen, sowie die Fortdauer der Untersuchungshaft
- gegen die Angeschuldigten Hoppe und Winkler aus den bisherigen
- Gründen anzuordnen.
-
- gez. Hagemann.
-
-
- Erörterung zur Anklageschrift.
- Dokumente.
-
-Dem Staatsanwalt liegen nur zwei Dokumente vor: der Brief des Herm, der
-besagt, daß er den Blau „besorgt“ habe. Dies „besorgt“ kann sehr viel
-bedeuten; kann aber auch nur enthalten, daß er eine Absicht ausgeführt
-habe; gleichgültig welche; etwa die, den Mann im Norden Deutschlands zu
-verankern; „der kommt so bald nicht wieder nach München.“ Außerdem war
-Herm während der fraglichen Zeit nicht in Berlin; wenigstens ist
-Verbindung zwischen ihm und den Berlinern nicht nachgewiesen; im
-Gegenteil scheint festzustehen, daß Blau sich allein nach Berlin begab
-und sich freiwillig in der Versammlung im Friedrichsrealgymnasium
-einfand. Hätte man ihn gefangen gehalten, dann hätte man ihn nicht vor
-vielen Leuten herumgezogen – und ihm nicht gestattet, den Mahlig und
-seine Frau aufzusuchen. Der Brief des Herm scheint Blaus Münchener
-Tätigkeit zu liquidieren, ohne in direkter Beziehung zu den Berliner
-Ereignissen zu stehen. Er erhärtet bestenfalls, daß man in Bayern Blaus
-Spitzelrolle erkannt hatte und Sorge trug, ihn abzuschieben.
-
-Das zweite Schriftstück ist der Kassiber des Hoppe. In diesem steht, daß
-der Schreiber alles gestanden habe; er fragt nun den Winkler, ob er ihn
-auf der Straße vor dem Mordhause gesehen habe, und bittet ihn, falls das
-der Fall sei, dies zu bezeugen. Die Tatsache des Kassibers kann man
-nicht als Schuldbeweis zählen: die monatelange Einzelhaft wirkt
-zermürbend und läßt jedes Mittel ergreifen. Über die Vorgänge in der
-Winklerschen Wohnung ist nichts gesagt; als Quelle ihrer Kenntnis wird
-Acosta angegeben, jener Acosta, von dem öfter gesprochen wird, doch den
-zu verhaften nicht gelungen ist. Das Dokument ergibt nur, daß mehrere
-Leute, unter ihnen Winkler, Acosta, Hoppe, sich damals auf der Straße
-herumtrieben – was andere Aussagen bestätigen. Daß der verdächtigte
-Hoppe versucht, einen der Mitanwesenden dazu zu veranlassen, seine und
-damit auch Hoppes Anwesenheit zu gestehen, ist verständlich – ohne die
-Tat zu erhellen.
-
-Alles andere sind Aussagen, bei denen der Untersuchende kaum zu
-entscheiden vermag, ob die Sprechenden immer subjektiv bei der Wahrheit
-bleiben. Man wird infolgedessen versuchen, das herauszuklauben, was an
-objektiv Historischem berichtet wird. Die Gespräche und gar durch Dritte
-berichtete Worte sind schon vorsichtiger zu verwerten, am
-zweifelhaftesten sind aber Aussagen, die Zusammenhänge betreffen: da
-schiebt sich oft die eigene Kombination vor die Dinge und, wenn einer
-lügen will, wird er zuerst eine andere Ansicht haben, dann Gespräche
-verändern; erst zuletzt und im Notfall wird er Tatsachen leugnen oder
-erfinden: weil ihm das am leichtesten nachgewiesen werden kann.
-
-
- Das Historische.
-
-Im Juli 1919 war in München eine aufgeregte Zeit. Am 1. Mai war die
-Räterepublik gefallen. Die Kämpfe und Verhaftungen hatten durch Wochen
-gedauert, noch jetzt war das große Aufräumen in Gang: täglich
-Verhaftungen, Verhandlungen, täglich Gefahr.
-
-In dieser Zeit verkehrte in Münchener Kommunistenkreisen ein gewisser p. 45
-Blau. Kommunistenkreise waren damals illegal und bedroht; Blau lief in
-dieser Illegalität und Bedrohung herum und führte vermutlich das Leben
-der Geflüchteten: Übernachten da und dort bei Genossen, Treffpunkte in
-entlegenen Wirtshäusern da und dort, alles geheim und verborgen.
-
-Am 29. Juli fuhr Blau mit drei Begleitern nach Magdeburg. Deren Namen p. 46
-sind Schreiber, Herm und ein gewisser Schuster. Vermutlich war die
-Partei die Mittlerin ihrer Bekanntschaft; ob sie persönlich voneinander
-gewußt haben, ist unbestimmt. Jedenfalls steht der Name Schuster in
-Fragezeichen.
-
-In Magdeburg scheinen sich die vier getrennt zu haben: von Schuster ist p. 46
-keine Erwähnung mehr, Schreiber fuhr nach Hötensleben zu den Eltern des
-Herm und blieb dort bis nach Auffindung der Leiche (7. August).
-
-Wo Herm geblieben war, ist nicht nachgewiesen; doch kam er noch vor der p. 47
-Ermordung des Blau am 2. August abends bei seinen Eltern in Hötensleben
-an; nach Angabe des Schreiber aus Berlin.
-
-Blau war am 31. Juli vormittags allein bei einem gewissen Mahlig in p. 46
-Sangerhausen, am 1. August nachmittags, wieder ohne Begleitung, in p. 49
-Berlin, Bayreuther Straße 10, beim Portier Nowak des Hauses, in dem
-seine Frau wohnte.
-
-Vom 1. August abends an ist Blaus Aufenthalt lückenlos festgestellt. Er p. 49
-taucht auf in einer Kommunistenversammlung in der Mittenwalder Straße zu
-Berlin. Die Versammlung wurde von dem Lederarbeiter Leuschner geleitet. p. 50
-Noch während der Versammlung geriet Blau mit Anwesenden in lebhafte
-Besprechung; nachher bewegte er sich mit einem Trupp in der Richtung zum
-Viktoriapark.
-
-Als seine Begleiter wurden festgestellt: Acosta, Geißler, Gentz, Kluft,
-Leuschner, Pohl jun. und sen., Schmidt, Schröder. Später kamen dazu noch
-Hoppe und noch ein Mann, der als erster Unbekannter mit (1) bezeichnet
-sei.
-
-In der Nähe des Viktoriaparkes trennte sich der Trupp und Blau ging mit p. 50
-Hoppe und Geißler in die Wohnung der beiden Pohl, wo anscheinend
-geschlafen wurde.
-
-Am Morgen des 2. August ging Geißler weg. Später kam der Mann (1), rief
-Hoppe und sprach mit ihm auf dem Flur; ging und kam mit zwei Feldgrauen
-(2), (3) zurück; weitere vier Mann (4), (5), (6), (7) waren auf der
-Straße und bewachten das Haus.
-
-Weiter kam ein Mann in braunem Anzug (8), der eine Flasche hatte, in der
-nach seinen Angaben Morphium war; dieser sprach mit Hoppe und ging dann.
-
-Im Laufe des 2. August fand der Umzug in die zur Zeit leere Wohnung der p. 51
-Eheleute Winkler statt. Der junge Winkler verließ die Wohnung, ehe Blau
-und seine Begleiter ankamen und händigte auf der Straße den Schlüssel
-entweder dem Hoppe oder einem der Wachleute (1)-(7) aus.
-
-In die Wohnung ging zuerst dieser Wachmann, später erst kamen Blau und
-Hoppe; einige andere, vermutlich welche der Wachleute (1-7), werden
-nachgefolgt sein, der Rest soll als Posten auf der Straße gestanden
-haben. Auch Fichtmann soll das Haus betreten haben.
-
-Auf der Straße trafen sich Neugierige; Pohl, Winkler, Acosta sind p. 52
-genannt; sie standen dort bis in die Nacht. Dann gingen Winkler und
-Acosta zu Schröder, um dort zu schlafen; sie trafen Schröder zu Hause
-und sprachen mit ihm.
-
-Schröder ging daraufhin fort und begegnete Pohl in der Nähe der
-Winklerschen Wohnung; zu beiden trat einer der Wachleute und forderte
-sie auf, die Leiche mittragen zu helfen.
-
-Schröder folgte dem Mann; der Körper, in eine Decke gewickelt, war schon
-auf der Straße. Schröder nahm ihn auf und warf ihn in den Kanal – aus
-dem er am 7. gezogen wurde.
-
-Anwesend waren noch Pohl, Schröder, Hoppe und ein Wachmann (die in das
-Lokal von Maß gingen). Vier weitere Leute, darunter nach Aussage des
-Pohl auch Fichtmann, zerstreuten sich.
-
- * * * * *
-
-Die Nachzählung der Personen ergibt, daß im Laufe des Tages etwa acht
-Unbekannte auftauchten, von denen nach der Tat fünf noch anwesend waren.
-
-
- Die Gespräche der Beteiligten.
-
-Die bezeugten Aussagen und Gespräche lassen einen Zusammenhang zwischen
-den Münchener und Berliner Kommunistenkreisen zweifelhaft erscheinen:
-
-In München hielt man Blau für entlarvt; man hatte ihn erkannt; Herm p. 45
-äußerte sich in diesem Sinne, und Schreiber sowie Frau Baumeister geben
-als Ziel der Reise an, Blau nach dem Norden vor die Berliner Genossen zu p. 47
-bringen. Blau hatte einen Ausweis der Fahndungsabteilung München, den
-Herm ihm abnahm; an der Spitzeltätigkeit des Blau war kein Zweifel.
-
-(Daß Herm nach Auffindung der Leiche sofort an Mord dachte und bemüht p. 48
-war, seine Berührung mit Blau zu verwischen und Aufzeichnung und Briefe
-zu vernichten, ist leicht verständlich, wenn man das Risiko
-langmonatiger Untersuchungshaft berücksichtigt – wie sie in diesem
-Prozeß der unbeteiligte Leuschner erlitt –.)
-
-In Berlin lagen die Dinge anders: als man den Mann in der Versammlung p. 49
-erkannt hatte, ließ man sich in eine Diskussion mit ihm ein und sandte
-Hoppe mit einem Begleiter ab, um einen Genossen Stolz oder Strolz zu
-holen, der den Verdächtigten bestätigen sollte. Hoppe gibt an, bis p. 55
-zuletzt die Gegenüberstellung der beiden gefordert zu haben:
-unzweifelhafte Klarheit scheint nicht bestanden zu haben.
-
-Auch Blau selbst hat die gegen ihn erhobenen Anklagen nicht sehr ernst
-genommen. Die Warnungen des Schreiber wies er ab. p. 46
-
-Er wußte aber, daß ihm nach dem Leben getrachtet wurde und daß es um p. 46
-Leben und Tod ging. Dem Mahlig erzählte er, daß er große Dinge vorhabe:
-ob es der Mordplan gegen den Kommunistenführer Eichhorn war, die 50000
-M., von denen Acosta dem Schröder erzählte? Schwer sind die Reden dieses
-Mannes mit seinen Handlungen zu vereinen: warum geht er mit seinen
-Feinden, bleibt dort über Nacht, geht in eine zweite Wohnung? Er mußte
-die Gefahr nicht so nahe geahnt haben – oder er sah seine eigentlichen
-Feinde gar nicht in den Kommunisten? Denn während dieser vierundzwanzig
-langen Stunden hätte er sicher entfliehen, unbedingt aber Lärm schlagen
-können; doch er blieb.
-
-Auch ein anderes ist auffällig: wenn man einen Spitzel entlarvt hat,
-schlägt man ihn gleich tot oder man stellt seine Persönlichkeit fest,
-photographiert ihn usw. und läßt ihn dann laufen. Aber man zieht ihn
-nicht von Wohnung zu Wohnung, um ihn dann zu ermorden. (Daß man den Mann
-von München abschob oder weglockte, ist begreiflich: unter den damaligen
-Zuständen in München war der Mann zu gefährlich.)
-
-In Berlin soll der Plan zur Ermordung schon bei den Teilnehmern der p. 50
-Versammlung aufgetaucht sein. Greifbare Formen hat dieser Plan erst
-gefunden, als man die Ausführung bespricht. Der junge Pohl gibt an, daß
-ein Korb für die Leiche besorgt werden sollte; seine Eltern weigern
-sich, in ihrer Wohnung die Tat ausführen zu lassen. Vor dem Winklerschen p. 51
-Hause, auf der Straße stehen Leute; Wachleute? Neugierige? Es wird
-geraunt, daß oben mit Blau etwas vor sich gehe. Man beobachtet, p. 52
-erörtert, berichtet sich. Man spricht wieder von einem Korb für die
-Leiche, sieht Wein holen usw.: sie reden alle von dem, was vermutlich
-oben geschieht.
-
-Über die Vorfälle in der Wohnung selbst liegen widersprechende Aussagen
-vor. Die ausführlichsten stammen vom Zeugen Pohl, der aber weder im p. 55
-Haus, noch in der Wohnung, sondern auf der relativ dunklen Straße sich
-aufhielt. Dieser gibt an, daß Fichtmann für die Leute Wein geholt habe
-(in dem Blau das Morphium verabreicht worden sei) und daß Fichtmann beim
-Leichentransport vorausging; ferner, daß nach der Tat Hoppe und der eine p. 53
-Wachmann erzählt haben, sie beide hätten den Blau erdrosselt, die
-anderen beiden Anwesenden, darunter Fichtmann, ihn festgehalten. Hoppe p. 53
-selbst gibt an, die Wohnung verlassen zu haben, als er sah, daß die
-anderen vom Mord nicht zurückzuhalten waren. Auch in seinem Kassiber p. 54
-vertritt er diesen Standpunkt und gibt als Nachrichtenquelle für die p. 55
-Details der Ermordung Acosta an. Fichtmann leugnet überhaupt seine p. 55
-Anwesenheit, die Anwesenheit des Winkler ist unwahrscheinlich; auch p. 56
-Schröder, der nachher dazukam, vermag Näheres nicht anzugeben. –
-
- * * * * *
-
-Zieht man die Bilanz, so findet man das Vorauszusehende: der äußere Gang
-der Ereignisse steht ziemlich fest. Man kennt den Schauplatz und weiß
-ungefähr, was passierte; außer den Festgestellten waren noch unbekannte
-Leute beteiligt, Leute, die vermutlich auch den Zeugen und Angeklagten
-namentlich nicht bekannt waren. Wie die Rollen verteilt waren, ist nicht
-klar; klar ist nur, was geschah: der Mord.
-
-Fragt man weiter nach dem Zusammenhang des Geschehens: der Abtransport
-aus München erscheint motiviert und logisch; die Entlarvung in der
-Versammlung und Diskussion über das „Was nun?“ ist erwiesen. Dann kommt
-eine Lücke, in der man die Initiative nicht mehr erkennen kann. Diese
-Dunkelheit wird durch das Verhalten des Blau noch mehr getrübt: was
-geschah in der Wohnung des Pohl und des Winkler und wer waren die
-treibenden Kräfte? Die Angeklagten, oder die Unbekannten? Man kann nur
-raten, man weiß es nicht. Man weiß nur, daß außerhalb der betreffenden
-Häuser, auf der Straße Zufällige, die von den Dingen wußten,
-herumstanden und kombinierten – und daß dann die Leiche kam.
-
-Dies ungefähr sind die Bruchstücke, die der Kritik standhalten; man kann
-damit nicht mehr tun, als die Leute taten, die auf der Straße standen:
-kombinieren, – was nicht allzu schwer erscheint. Aber der Verlauf der
-Verhandlung wird zeigen, wie all diese Kombinationen zusammenfallen,
-weil ein ganz neues Element hinzukommt: das Spitzeltum.
-
- * * * * *
-
-Die Gegenschrift des Verteidigers Dr. Weinberg beschränkte sich, wie
-meist bei Schwurgerichtssachen, auf die Betonung und Beantragung einiger
-für die Beschuldigten vorteilhaften Punkte, so daß sie der Eröffnung des
-Hauptverfahrens nicht im Wege stand.
-
- 2 c J 2691, 10
-
- Beschluß.
-
- Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wird gegen
-
- 1. den Lederarbeiter (Schankwirt) Max Fichtmann aus Berlin,
- Parochialstr. 35, zur Zeit in der Strafanstalt Brandenburg a. H. in
- Sachen 67 J 2699, 10 Staatsanwaltschaft I Berlin in Strafhaft, geb.
- am 22. November 1898 Berlin, mosaisch,
-
- 2. den Kaufmann (Verkäufer von Broschüren) Erwin Hoppe aus Berlin,
- seit 13. November 1919 hier in Untersuchungshaft, geb. 1. April 1899
- Berlin, religionslos, unverheiratet,
-
- 3. den Schneidergesellen Willi Winkler aus Berlin, seit 13. November
- 1919 hier in Untersuchungshaft, geb. 16. September 1899 Berlin,
- evangelisch, unverheiratet,
-
- welche hinreichend verdächtig erscheinen, in Berlin zu Anfang August
- 1919
-
- a) Fichtmann und Hoppe gemeinschaftlich mit anderen den Inspektor
- Blau (Karl) vorsätzlich getötet und diese Tötung mit Überlegung
- ausgeführt zu haben,
-
- b) Winkler den Angeschuldigten Fichtmann und Hoppe und den
- Mitgliedern bei Begehung des Verbrechens zu a durch Rat oder Tat
- wissentlich Hilfe geleistet zu haben,
-
- Verbrechen gegen §§ 211, 47, 49, StGB.
-
- das Hauptverfahren vor dem Schwurgericht des Landgerichts II in
- Berlin eröffnet.
-
- Die Untersuchungshaft gegen die Angeklagten Hoppe und Winkler dauert
- aus den bisherigen Gründen fort.
-
- Die Ausführungen des Verteidigers Rechtsanwalt Dr. Weinberg in der
- Schutzschrift vom 1. Juni 1920 stehen der Eröffnung des
- Hauptverfahrens nicht entgegen.
-
- Berlin, den 7. Juni 1920.
-
- Landgericht II, Strafkammer 5
- gez. Scheringer David Gerhard.
-
-
-
-
- DIE VERHANDLUNG.
-
-
- Eröffnung.
-
-Die Verhandlung begann am Donnerstag, dem 24. Juni 1920, vor dem
-Schwurgericht des Landgerichts II zu Berlin und dauerte bis Montag, den
-5. Juli. Das Aufsehen, das der Prozeß in der Öffentlichkeit erregte, war
-außerordentlich; besonders die republikanischen Organe und die Presse
-der Linken nahm Anlaß zu heftigen Ausführungen. „Der Spitzelsumpf“ –
-„Die Spitzelorganisation der Garde-Kavallerie-Schützendivision“ – „Die
-Mordzentrale“ – „Der Lockspitzel als Zeuge“ waren etwa die
-Überschriften, die den Berichten vorstanden, und es ist sehr
-verständlich, daß weder Richter noch Staatsanwalt von den Enthüllungen
-der Beweisaufnahme erbaut waren: ein Schmutz trat zutage, der in die
-Berechtigung dieses speziellen Verfahrens ernsthafte Zweifel setzen läßt
-und nach allgemeiner Remedur ruft.
-
-Den Vorsitz der Verhandlung führte Landgerichtsdirektor Dr. Joel, die
-Anklage vertrat Staatsanwaltschaftsrat Dr. Ortmann, die Verteidigung der
-Angeklagten lag in den Händen der Rechtsanwälte Theodor Liebknecht, Dr.
-Kurt Rosenfeld und Dr. Siegfried Weinberg. Unter den Geschworenen
-befanden sich Vertreter folgender Berufe: Bibliothekar, Dreher,
-Bäckermeister, Bankbeamter, Bürobeamter, Brauereidirektor,
-Generaldirektor, Rieselmeister, Maler, Landwirt, Architekt,
-Molkereibesitzer, Kassenbeamter, Vorarbeiter, Chemiker, Obergärtner,
-Buchdruckereibesitzer, Ingenieur, Rittergutsbesitzer, Fabrikbesitzer,
-Kaufmann. Bei der Auslosung machte die Verteidigung von ihrem
-Ablehnungsrecht Gebrauch. Als beisitzende Richter waren Landgerichtsrat,
-Geh. Justizrat Bienutta und Gerichtsassessor Siemens tätig, als
-Gerichtsschreiber Landgerichtsratsassistent Schröder.
-
- * * * * *
-
-Die Sitzungen des Gerichts füllten neun volle Tage aus. Bei kurzen
-Prozessen gestattet die Anwesenheit aller Beteiligten eine klare
-Disposition des Vorsitzenden: er vermag die Verhandlung so übersichtlich
-zu leiten, daß ein genaues Protokoll imstande ist, ein klares Bild zu
-geben. Hier, wo während der Tagung dauernd das Bild sich verschob,
-nachträglich neue Zeugen erschienen, deren Aussagen an in Tagen vorher
-Niedergelegtes sich anschließt; hier, wo zeitweise das Thema der
-Verhandlung sich gar nicht um die Angeklagten zu drehen schien: ist es
-unmöglich, eine getreu den Ereignissen folgende Schilderung ohne
-intensives Studium zu überblicken. Es muß versucht werden,
-Zusammengehöriges im Zusammenhang darzustellen, so gut es geht. Die
-Gesichtspunkte, unter denen dies unternommen wurde, sind geteilt; es
-ergaben sich Abschnitte, die den Gang des Prozesses betreffen; und
-solche, in denen bestimmte zur Sprache gebrachte Personen oder Gebiete
-für sich allein interessieren. Wenn hier nochmal gesagt ist, daß diese
-Ausführungen keinerlei Stellungnahme beabsichtigen: weder zum Urteil,
-noch zur Verhandlungsführung wird die gewählte Darstellung, die sich
-übrigens streng an die Berichte hält, sicher zu Mißverständnissen keinen
-Anlaß geben.
-
-
- Allgemeines und Einleitendes.
-
-Bereits erwähnt wurde, daß bei der Auslosung der Schöffen die Anwälte
-von ihrem Ablehnungsrecht Gebrauch machten. Wesentliches spielte sich
-dabei nicht ab.
-
-Rechtsanwalt Liebknecht stellt dann einen
-
-
- Antrag der Verteidigung
-
-„es möchte die Vertagung der Verhandlung beschlossen werden, da es trotz
-der zehn Monate langen Voruntersuchung der Verteidigung nicht möglich
-war, die Gerichtsakten rechtzeitig einzusehen.“
-
-Antrag abgelehnt.
-
-Rechtsanwalt Dr. Siegfried Weinberg:
-
-„Ich stelle fest, daß vier der geladenen Zeugen zur Verhandlung nicht
-erschienen sind; es handelt sich um die Zeugen Samson, Schreiber, Strolz
-und Toifl.“
-
-Staatsanwaltschaftsrat Dr. Ortmann:
-
-„Der Aufenthalt dieser Zeugen war nicht zu ermitteln.“
-
-Rechtsanwalt Weinberg:
-
-„Diese vier Zeugen standen der Voruntersuchung zur Verfügung und haben
-die Angeklagten schwer belastende Aussagen gemacht; diese vier Zeugen
-sind als Lockspitzel der Polizei tätig gewesen und sollen jetzt nicht zu
-erreichen sein?!“
-
-Staatsanwalt:
-
-„Der Auftrag, diese Zeugen zu laden, erging ordnungsgemäß; es wurde
-alles versucht, ihrer habhaft zu werden.“
-
-Rechtsanwalt S. Weinberg:
-
-„Der Herr Staatsanwalt hat sich gewiß nicht an die richtigen Herren vom
-Polizeipräsidium gewandt.“
-
-Staatsanwalt:
-
-„Ich bitte Sie uns dabei behilflich zu sein!“
-
-Rechtsanwalt S. Weinberg:
-
-„Einen Augenblick! – Ich erkläre: die nicht erschienenen Zeugen Samson
-und Strolz sind in die vorliegende Tat als Lockspitzel verwickelt
-gewesen; der Zeuge Toifl steht im Verdacht, an der Tat beteiligt gewesen
-zu sein und gegen den wichtigsten dieser Belastungszeugen, den
-Polizeispitzel Schreiber, besteht begründeter Argwohn, daß er selbst der
-Täter sei! Ich verlange, daß alles geschieht, um diese Leute persönlich
-vorzuführen! Der Eindruck ihrer Aussagen kann nicht ersetzt werden durch
-Verlesung der Protokolle!“
-
-Staatsanwalt:
-
-„Ich wiederhole nochmals, daß alles geschah, um die Zeugen
-beizuschaffen. Der Zeuge Schreiber ist Schweizer Staatsangehöriger und
-nach Mitteilung der Münchener Polizei von München nach der Schweiz
-abgeschoben worden.“
-
-Rechtsanwalt S. Weinberg:
-
-„Die Öffentlichkeit hat ein Interesse daran, daß dieser Mord aufgeklärt
-werde. Es muß endlich Schluß werden mit der Tätigkeit privater und
-militärischer Spitzelzentralen; es muß Schluß werden mit dem
-Agentenwesen der Polizei! Dieser Schreiber hat zur Tat aufgereizt, sie
-veranlaßt, vielleicht sie ausgeführt; er hat ausgesagt in der
-Voruntersuchung – und jetzt ist er nicht zu ermitteln? Ich behaupte: die
-Polizei kann diesen Spitzel nicht finden, weil sie ihn jetzt nicht
-finden will! ... Genau, wie im Ledebourprozeß, wo die Zeugen Roland und
-Leutnant Bachmann bei den behördlichen Spitzelzentralen ein- und
-ausgingen, und dem Gericht nicht erreichbar waren! Wie oft, meine
-Herren, wird dieses Spiel sich noch wiederholen? Der Zeuge Schreiber ist
-von der Polizei nach der Schweiz gebracht worden, – gut: Im Namen der
-Verteidigung stelle ich folgenden
-
-
- Beweisantrag der Verteidigung.
-
-_Walter Schreiber_ wird als Zeuge bestätigen:
-
-1. daß er als Lockspitzel militärischer und polizeilicher Stellen tätig
-war;
-
-2. daß er als solcher und im Einverständnis mit seinen Auftraggebern die
-Beseitigung des unbequem gewordenen Blau übernommen hatte;
-
-3. daß er als solcher und im Einverständnis mit seinen Auftraggebern die
-Beförderung des Blau nach Magdeburg und Berlin bewerkstelligt hat;
-
-4. daß er als solcher und im Einverständnis mit seinen Auftraggebern die
-Ermordung des Blau betrieben hat, und, daß er selber, nicht aber die
-Angeklagten die zur Anklage stehende Tat begangen hat.
-
-Die genaue Adresse des Schreiber ist bekannt: der schweizerischen
-Behörde, sowie dem deutschen Konsulat in Zürich; ferner dem Vorsteher
-der politischen und Fahndungsabteilung des Polizeipräsidiums zu München
-und der politischen Abteilung des Polizeipräsidiums Berlin: die dies als
-Zeugen bestätigen werden.“
-
- * * * * *
-
-Staatsanwaltschaftsrat Dr. Ortmann:
-
-„Der Untersuchungsrichter hat keinen Anlaß gesehen, gegen die Zeugen
-einzuschreiten oder ihre Glaubwürdigkeit zu bezweifeln – und ich stelle
-dem Urteile des Gerichts anheim, ob nicht viel eher die Drohungen der
-Kommunisten und die Angst vor Terrorakten Ursache sind, daß die Zeugen
-ihren Aufenthalt verheimlichen. Aber die Staatsanwaltschaft will alles
-tun, diesen Mord aufzuklären: ich werde die von der Verteidigung
-genannten Wege beschreiten und nochmals alles versuchen, des Zeugen
-Schreiber habhaft zu werden.“
-
-Die Entscheidung über den Beweisantrag wird infolgedessen vertagt, –
-doch ist es geraten, den weiteren Verlauf gleich hier zu berichten:
-
-Am zweiten Verhandlungstag teilt der Staatsanwalt mit, daß seine
-Recherchen nach Schreiber erfolglos waren; er habe sich sofort an die
-Polizeidirektion München gewandt und nochmals die Antwort erhalten: der
-Zeuge sei seiner Zeit nach Lindau abgeschoben worden, sein Aufenthalt in
-der Schweiz oder sonstwo sei unbekannt. Ebenso sei die telegraphische
-Anfrage bei der Polizeidirektion Zürich und dem deutschen
-Generalkonsulat Zürich bisher vergeblich gewesen. R.-A. Dr. S. Weinberg
-rät, Herrn von Saldersberg von der antibolschewistischen Liga in Berlin
-um Auskunft anzugehen.
-
-Zu Beginn des vierten Verhandlungstages, Montag, 28. Juni, verliest der
-Staatsanwalt ein neues Telegramm des deutschen Generalkonsuls in Zürich,
-an den er sich gewandt hatte. Das Konsulat teilt mit, daß Walter
-Schreiber gefunden sei und sich bereit erklärt habe, unter bestimmten
-Voraussetzungen vor Gericht zu erscheinen; er verlange 4000 M., ferner
-für jeden Tag Aufenthalt 20 schw. Franken Entschädigung, sowie freie
-Fahrt und freie Verpflegung; ferner polizeilichen Schutz während der
-Fahrt und vor Gericht, und außerdem Erlaubnis zum Waffentragen.
-Schreiber behauptete, die Münchner Polizei sei ihm die 4000 M. noch
-schuldig und erst, wenn diese Schuld beglichen sei, sei er zu weiteren
-Diensten bereit.
-
-Rechtsanwalt Th. Liebknecht:
-
-„Ich muß sagen, daß mir eine derartige Schamlosigkeit noch nicht
-begegnet ist; ich finde das Vorgehen dieses Spitzels unerhört; doch
-stelle ich es dem Ermessen des Gerichts anheim, ob es auf eine derartige
-Erpressung sich einlassen will. Ich betone nur noch, daß dies die Leute
-sind, die nach Ansicht des Herrn Staatsanwalts nicht erscheinen aus
-Angst vor Terrorakten!“
-
-Staatsanwalt:
-
-„Leider besteht keine gesetzliche Handhabe, den Zeugen hierher zu
-schaffen; ich sehe also keinen anderen Weg als auf diese Bedingungen
-einzugehen.“
-
-Rechtsanwalt S. Weinberg:
-
-„Ich muß gegen die Zahlung von 4000 M. protestieren; eine derartige
-Zahlung wird nie den Verdacht abschütteln können, Bestechungsgeld zu
-sein; ich bitte das Gericht dieses Moment nicht zu unterschätzen.“
-
-Staatsanwalt:
-
-„Wenn das Gericht die Zahlung ablehnt, die Staatsanwaltschaft wird
-nichts unterlassen, diesen wichtigen Zeugen zur Vernehmung zu bringen!
-Dann wird die Staatsanwaltschaft diese Summe von sich aus, aus einem ihr
-zur Verfügung stehenden Dispositionsfonds erlegen.“
-
-– Das Gericht beschließt nach kurzer Beratung, den Staatsanwalt zu
-ermächtigen, den Zeugen zu den geforderten Bedingungen beizubringen; das
-Gericht lehnt aber die Zahlung der 4000 M. ab.
-
-Staatsanwalt:
-
-„Dann werde ich diese Summe bereitstellen!“
-
-Rechtsanwalt Dr. Rosenfeld:
-
-„Ich möchte den Herrn Staatsanwalt bitten uns zu verraten, woher er die
-4000 M. für den Schreiber nimmt. Nach meiner Kenntnis stehen der
-Justizbehörde keine Spitzelfonds zur Verfügung.“
-
-Staatsanwalt:
-
-„Ich verwahre mich gegen den Ausdruck Spitzelfonds. Ich habe keine
-Spitzelfonds unter mir; ich schaffe nicht den Spitzel, sondern den
-Zeugen Schreiber bei.“
-
-Rechtsanwalt Dr. Rosenfeld:
-
-„Ich wiederhole meine Frage, aus welchem Fonds die 4000 M. stammen?“
-
-Vorsitzender Dr. Joel:
-
-„Ich bitte die Unterhaltung über diesen Punkt zu schließen!“
-
-Rechtsanwalt Dr. Rosenfeld:
-
-„Ich behalte mir vor, die Frage nochmal anzuschneiden.“
-
-– Drei Tage später, am Donnerstag, dem 1. Juli, liegt ein Telegramm des
-deutschen Generalkonsuls Zürich vor: Schreiber werde der Vorladung als
-Zeuge nur Folge leisten, wenn er die 4000 M. vor Antritt der Fahrt
-ausgehändigt erhalte.
-
-Rechtsanwalt S. Weinberg:
-
-„Es dürfte sich empfehlen, dem Schreiber die 4000 M. gleich zu schenken
-und auf sein Erscheinen zu verzichten.“
-
-Staatsanwalt:
-
-„Der Staatsanwaltschaft ist nach den vorhergegangenen Ausdrücken an dem
-Erscheinen des Zeugen sehr viel gelegen. Ich möchte versuchen, mich
-nochmal an das deutsche Konsulat Zürich zu wenden.“
-
-Die Antwort lautete: Schreiber sei nur bereit nach Empfang der 4000 M.
-auf dem Konsulat in Zürich auszusagen; er käme nicht nach Deutschland.
-Weitere Bemühungen waren erfolglos und der Beweisantrag der Verteidigung
-wurde, wie am Schluß berichtet wird, schließlich abgelehnt.
-
-Noch eine Episode ereignete sich, die zur übrigen Verhandlung nicht in
-Beziehung steht: am fünften Verhandlungstag, Dienstag, 29. Juni, wurde
-der Vertreter der Roten Fahne am Saaleingang angehalten und nach Waffen
-durchsucht. Rechtsanwalt Dr. Rosenfeld bemerkt zur Beschwerde des
-betreffenden Herrn, daß nur dieser durchsucht worden sei. Der
-Vorsitzende erklärt dazu, daß seine auf Überwachung und Kontrolle des
-Zuschauerraumes zielenden Anordnungen dahin zu ändern seien, daß die
-Pressevertreter künftighin unbehelligt blieben; die Kontrolle selbst sei
-er der Sicherheit der einzelnen Zeugen schuldig.
-
-
- Die Vernehmung des Fichtmann.
- – Der Fall Orlowsky. –
-
-Die Nachmittagssitzung des ersten Verhandlungstages eröffnet die
-Vernehmung des Angeklagten Max Fichtmann. Dieser verbüßte damals im
-Zuchthause Brandenburg eine langjährige Zuchthausstrafe, die im Oktober
-1919 vom außerordentlichen Kriegsgericht wegen versuchter räuberischer
-Erpressung und versuchten Mordes an dem Edelsteinhändler Orlowsky
-verhängt worden war.
-
-Rechtsanwalt Dr. S. Weinberg teilt zu dieser Sache mit, daß in dem
-Prozesse das Wiederaufnahmeverfahren schwebe (da Berufung gegen das
-Urteil des außerordentlichen Kriegsgerichts nicht möglich ist).
-
-Der Angeklagte erklärt:
-
-„Ich bin von Beruf Lederarbeiter und betrieb im vergangenen Jahre eine
-Schankwirtschaft in der Jüdenstraße. Ich bin Anhänger und Mitglied der
-KPD. (Kommunistische Partei Deutschlands); in meinem Lokale verkehrten
-viele Genossen, unter ihnen auch der jetzt als Spitzel entlarvte Toifl.
-Dieser gebärdete sich stets sehr extrem und propagierte die direkte
-Aktion; er hatte an mehreren Unternehmungen Anteil. So führte er einen
-Trupp, der in der Nacht vom 31. Juli zum 1. August 1919 am Molkenmarkt
-den Diamantenhändler Orlowsky verhaftete; Orlowsky wurde in einen Vorort
-verschleppt und um etwa 2000 M. beraubt; auch ein Schuß soll dabei
-gefallen sein. Nachher behauptete Toifl, ich hätte den Überfall geleitet
-und den Schuß abgegeben; auf sein Zeugnis hin wurde ich vom
-Kriegsgericht verurteilt – aber ich fühle mich völlig schuldlos. Vor dem
-Kriegsgericht sagte der Oberleutnant Graf Westarp aus, daß er dem Toifl
-Auftrag gegeben habe, mich zu überwachen und unschädlich zu machen:
-indem er mich in die Sache hineinzog, entledigte Toifl sich dieses
-Auftrags.
-
-„Zum Fall Blau habe ich zu sagen: ich war am Abend des 2. August 1919 im
-Lokal von Obst in der Höchster Straße; von da bin ich zwischen 1 und 2
-Uhr direkt nach Hause gegangen und habe mich schlafen gelegt. Von dem
-ganzen Hergang in der Großbeerenstraße weiß ich nichts; wenn ich damit
-in Verbindung gebracht werde, dürfte eine Personenverwechslung
-vorliegen. Ich bin unbeteiligt und bereit mein Alibi zu beweisen.“ –
-
-Längere Diskussionen entspannen sich, ob das Urteil des
-außerordentlichen Kriegsgerichts verlesen werden solle. Der Staatsanwalt
-wünschte die Verlesung, da der Inhalt zur Charakterisierung des
-Angeklagten beitrage. Die Verteidiger Th. Liebknecht und Dr. S. Weinberg
-protestieren mit aller Energie: Das Urteil eines außerordentlichen
-Gerichts könne niemals zur Charakterisierung des Betroffenen vor einem
-ordentlichen Gerichte dienen; weiterhin sei das Wiederaufnahmeverfahren
-eingeleitet: wenn also das Gericht das Urteil zur Verlesung gebracht
-haben wolle, müsse mit Billigkeit auch der Antrag auf Wiederaufnahme
-diskutiert und das ganze Verfahren neu aufgerollt werden; die
-Geschworenen möchten sich doch ihre Ansicht nach dem Verlauf dieses
-Prozesses und den Ergebnissen der Beweisaufnahme bilden.
-
-Daraufhin wurde die Frage zurückgestellt; am darauffolgenden (dritten)
-Verhandlungstage wurde das Urteil unter erneutem Protest der
-Verteidigung dennoch verlesen. Rechtsanwalt Dr. S. Weinberg gibt den
-Geschworenen eine Erläuterung ab, daß das ganze Verfahren sich auf die
-Aussage des einen Zeugen Toifl stützte, der nachgewiesenermaßen
-Lockspitzel sei, und daß Orlowsky selbst den Fichtmann vor Gericht nicht
-habe wiedererkennen und als Täter bezeichnen können. – Die Verteidigung
-behält sich vor im Laufe der Verhandlung nochmals auf die Sache Orlowsky
-zurückzukommen.
-
- * * * * *
-
-Des Zusammenhangs wegen seien gleich einige Zeugen in Sache des
-Fichtmann erwähnt:
-
-Die Mutter des Fichtmann (7. Verhandlungstag): in der fraglichen Zeit
-habe ihr Sohn regelmäßig zu Hause geschlafen und sei niemals
-ausgeblieben; sie könne daher bezeugen, daß er sowohl in der Nacht des
-1. als auch des 2. August zu Hause war.
-
-Die Zeugen Gastwirtseheleute Obst, Hans Löpert und Marie Schröder sowie
-die Schwester des Fichtmann (6. Verhandlungstag) bekunden
-übereinstimmend, daß Max Fichtmann am Mordtage des 2. August bis um
-Mitternacht im Lokale von Obst war. Der Bruder des Fichtmann fügt noch
-hinzu, daß er anschließend mit seinem Bruder und Freunden nach Hause
-gegangen und später sich schlafen gelegt habe; eine nachträgliche
-Entfernung käme nicht in Betracht, da sie in einem Bette geschlafen
-hätten.
-
-Die Zeugin Fräulein Kuschel (6. Verh.-Tag) war mit Fichtmann näher
-befreundet und bezeugt, sowohl am Freitag, dem 1., wie am Sonnabend, dem
-2. August 1919, bis spät nacht mit ihm zusammen gewesen zu sein.
-Fichtmann könne weder im Fall Orlowsky, noch im Fall Blau als
-Beteiligter in Betracht kommen.
-
-Der Zeuge Worm (6. Verhandlungstag): auch er könne bestätigen, daß Max
-Fichtmann am Raubzug gegen Orlowsky nicht beteiligt war; „wir
-betrachteten damals den Toifl noch als Genossen und waren häufig mit ihm
-zusammen; am fraglichen Tage hat Toifl mich aufgefordert, ich solle bei
-dem Unternehmen gegen Orlowsky mitmachen. Aus prinzipiellen Gründen
-lehnte ich mit Entschiedenheit ab; und ich kann mit Bestimmtheit
-versichern, daß Fichtmann ebenfalls nicht dabei war: er war den ganzen
-Abend in seinem Lokal! Der Toifl aber, der Uniformen der Reichswehr und
-Stahlhelme besorgt hatte, ist mit einigen anderen losgezogen! ... Vor
-dem außerordentlichen Kriegsgericht, das später Fichtmann verurteilte,
-bin ich nicht vernommen worden.“
-
-Der Vater des Fichtmann bestätigt noch (7. Verhandlungstag), daß Toifl
-fortgesetzt agitierte und versuchte, die jungen Leute zu terroristischen
-Gewaltakten aufzureizen.
-
- * * * * *
-
-Rechtsanwalt Dr. Siegfried Weinberg:
-
-„Aus verschiedenen Fragen des Herrn Staatsanwalts an diese Zeugen
-entnehme ich, daß der Herr Staatsanwalt sich auf Angaben des Toifl
-stützt. Da dieser selbst als Zeuge nicht erschienen ist, beantrage ich
-die Ladung des Friseurs Julius Meyer, Grüneberger Straße, als Zeugen
-über die Glaubwürdigkeit des Toifl.“
-
-
- Die Vernehmung des Hoppe.
-
-Auch der Angeklagte Erwin Hoppe macht seine Angaben in freier Rede:
-
-„Ich bin Handlungsgehilfe; seit meinem 14. Lebensjahr bin ich Mitglied
-der Arbeiterjugend: dort habe ich die Lehren des Sozialismus kennen
-gelernt. Ich lehne als Mitglied der K. P. D. jede individuelle Gewalt
-ab. So war ich auch Gegner des Kriegs und versuchte mich dem
-Militärdienste zu entziehen; ich wurde deshalb seiner Zeit auch in
-Flensburg verurteilt.
-
-„Nach meiner Entlassung schloß ich mich der freien sozialistischen
-Jugend an, der ich bis heute treu blieb und deren Ziele ich vertrete
-...“
-
-Vorsitzender:
-
-„Ist Ihnen bekannt, daß innerhalb der kommunistischen Partei sogenannte
-Terroristengruppen bestehen, die ihre politischen Ziele auf gewaltsamem
-Wege erreichen wollen?“
-
-Hoppe:
-
-„Mir ist nichts darüber bekannt; ich selbst lehne, wie schon gesagt,
-jeden individuellen Terror ab und halte mich von den Propagatoren
-desselben fern.
-
-„An jenem Abend des 1. August war ich in einer Jugendversammlung in der
-Weinmeisterstraße; nach deren Schluß ging ich in die Versammlung in der
-Mittenwalderstraße, weil ich dort noch Freunde zu treffen hoffte. Als
-ich dahin kam, war die Versammlung bereits beendet; ich betrat den Saal,
-in dem noch etwa 30 Mann zusammenstanden. Ich trat näher und hörte, daß
-die Leute sich lebhaft mit einem der Anwesenden stritten, den sie der
-Spitzelei bezichtigten. Es war Blau, von dem ich vorher noch nie gehört
-hatte und den ich damals zum ersten Male sah.
-
-„Die Genossen schienen Beweise in den Händen zu haben und hielten sie
-dem Blau vor; dieser bestritt erregt deren Stichhaltigkeit und brachte
-Erklärungen vor, die ich im Lärm der Redenden nicht völlig verstehen
-konnte. Immer wieder kehrte nur die Behauptung, daß ein Genosse Strolz
-ihn legitimieren würde und, daß er verlange, daß dieser Strolz sofort
-geholt würde.“
-
-Rechtsanwalt Th. Liebknecht:
-
-„Dieser Strolz wurde später als Spitzel erkannt; er steht auf der
-Zeugenliste, ist aber heute nicht auffindbar!“
-
-Hoppe:
-
-„Ein mir unbekannter Genosse erbot sich den Strolz zu holen; da er einen
-Begleiter wünschte und sonst niemand Lust zu haben schien, schloß ich
-mich ihm an.“
-
-Rechtsanwalt Th. Liebknecht:
-
-„Auch dieser Genosse wurde später als Spitzel entlarvt!“
-
-Hoppe:
-
-„Da der Saal geschlossen wurde, verließen alle das Haus. Die anderen
-Genossen mit Blau bewegten sich in der Richtung zum Kreuzberg; ich und
-der dazu bestimmte Genosse, wir nahmen ein Auto und fuhren ab. Am
-Kreuzberg wollten wir uns wieder treffen.
-
-„Wir beide fuhren nach der Pariser Straße in Wilmersdorf; dort hielt der
-Wagen und der Genosse stieg aus, während ich im Auto warten sollte.“
-
-Rechtsanwalt Dr. S. Weinberg:
-
-„Wie lange blieb Ihr Begleiter aus?“
-
-Hoppe:
-
-„Vielleicht zehn Minuten.“
-
-Rechtsanwalt Dr. Weinberg:
-
-„Ich bemerke, daß von der Pariser Straße aus das berüchtigte Spitzelbüro
-in der Lietzenburger Straße, das damalige Hauptquartier des Freikorps
-Lüttwitz, der Garde-Kavallerie-Schützendivision usw., mit wenigen
-Schritten zu erreichen ist. Ich vermute infolgedessen, daß der
-Unbekannte dort vorsprach, Meldung machte, oder sich Weisungen holte ...
-Herr Hoppe, wurde Ihnen eine Adresse des Strolz gesagt?“
-
-Hoppe:
-
-„Nein. Der Genosse kam zurück und sagte, daß er den Strolz nicht
-getroffen hätte. Wir fuhren dann zum Kreuzberg zurück, wo ein Teil der
-anderen mit Blau wartete.
-
-„Für die Mehrheit der Genossen stand fest, daß Blau ein Spitzel war;
-andere zweifelten. Blau selbst verlangte Gelegenheit, sich zu
-rechtfertigen. Einer machte den Vorschlag, den Blau sofort auf dem
-Tempelhofer Feld zu erschießen, was aber von den übrigen abgelehnt
-wurde. Da es jedoch zu Gegenüberstellungen usw. zu spät war, beschloß
-man zum anderen Tag zu warten; Blau war einverstanden, in der Wohnung
-des anwesenden Genossen Pohl in der Gneisenaustraße zu übernachten.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Wurde dabei Gewalt angewandt?“
-
-Hoppe:
-
-„Im Gegenteil; Blau war sehr damit einverstanden, da er sowieso kein
-Quartier hatte. – In der Wohnung blieben die Eheleute Pohl, Geißler und
-Blau.“
-
-Staatsanwalt:
-
-„Sie kamen doch nur zufällig in die Mittenwalder Straße; wie kamen Sie
-dazu, den Blau zu bewachen?“
-
-Hoppe:
-
-„Es war schon spät und ich dachte mir, daß durch einen Anwesenden mehr
-eine unüberlegte Tat vermieden werden könne.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Und wo war der Mann, mit dem Sie im Auto fuhren?“
-
-Hoppe:
-
-„Darüber weiß ich nichts. – Am anderen Tag kam ein Mann, der sich als
-Genosse vorstellte; dieser sagte, daß man den Strolz noch nicht erreicht
-hätte und deshalb noch warten solle. Als ich mit ihm allein auf dem Flur
-stand, sagte er zu mir, indem er mir ein gefülltes Fläschchen in die
-Hand drückte: Blau sei doch ein Spitzel und es habe keinen Sinn, mit ihm
-soviel Federlesens zu machen; in dem Fläschchen sei _Morphium_ und er
-rate mir, möglichst gleich Schluß zu machen. Ich verweigerte die Annahme
-des Giftes und lehnte den Gedanken an Mord entschieden ab.
-
-„Wir warteten den ganzen Tag auf Strolz und die Eheleute Pohl fingen an
-ungeduldig zu werden. Ich ging infolgedessen zu meinem Freunde Winkler,
-um ihn für die nächste Nacht um die Wohnung seiner Eltern zu ersuchen.
-Denn ich wußte, daß die Eltern auf ihrem Laubengrundstück weilten. Ich
-sagte dem Winkler, daß ich die Wohnung zu einer Sitzung brauche; er
-willigte ein.
-
-„Geißler war im Laufe des Tages fortgegangen. Gegen Abend gingen Pohl,
-Blau und ich nach der Großbeerenstraße, wo uns, wie es zwischen Winkler
-und mir verabredet war, ein mir nur mit dem Vornamen Franz bekannter
-Mann mit den Schlüsseln zur Wohnung erwartete. Pohl verabschiedete sich,
-wir andern drei gingen hinauf.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Warum eigentlich hielten Sie den Blau zurück? Nur um ihn dem Strolz
-gegenüberzustellen?“
-
-Hoppe:
-
-„Jawohl. Und: falls er ein Spitzel war, um ihn dann zu photographieren.“
-
-Rechtsanwalt Dr. S. Weinberg:
-
-„Es ist bei allen politischen Parteien üblich, sich in den Besitz
-solcher Photographien zu setzen; bei der sozialdemokratischen Partei z.
-B. war der gewesene Polizeipräsident Eugen _Ernst_ früher einmal
-Spezialist für Spitzelphotographien.“
-
-Vorsitzender (zu Hoppe):
-
-„Sie sagten doch, die Mehrzahl der Genossen war schon in der Versammlung
-von Blaus Spitzeltum überzeugt?“
-
-Hoppe:
-
-„Jawohl, aber Blau versuchte dauernd alles zu erklären. Er gestand
-offen, daß er von der antibolschewistischen Liga den Auftrag hatte, in
-München die Kommunisten zu bespitzeln; aber er erzählte, er habe die
-Liga betrogen und nur im Interesse der Kommunisten gearbeitet; auch
-weiterhin wolle er nur für die Kommunisten arbeiten, von deren Sache er
-überzeugt sei; Strolz könne das bestätigen. Ich konnte ihm diese
-Erzählungen auch nicht nachprüfen, da ich ja nichts von ihm wußte.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Hielten Sie persönlich den Blau für einen Spitzel?“
-
-Hoppe:
-
-„Ich hielt ihn jedenfalls für solcher Tätigkeit fähig; Beweise hatte ich
-nicht. Auch sah ich es nicht für meine Aufgabe an, den Blau zu
-vernehmen. – Wir drei gingen also in die Winkler’sche Wohnung, wo nach
-etwa einer Stunde drei Männer erschienen, die keinen guten Eindruck auf
-mich machten.“
-
-Staatsanwalt:
-
-„Wo kamen die Männer her?“
-
-Hoppe:
-
-„Das weiß ich nicht, ich kannte sie auch nicht. Die ganze Angelegenheit
-des Blau war nicht so verborgen, daß nicht mancher darum wissen konnte.
-– Die drei Leute benahmen sich ziemlich grob und besonders der größte
-von ihnen machte mir beinahe Vorwürfe, daß wir den Blau noch nicht
-erledigt hätten. Er bot mir einen _Strick_ und dasselbe Fläschchen
-_Morphium_ an, das mir der andere Unbekannte schon am Vormittag geben
-wollte. Ich nehme also an, daß diese Leute miteinander in Beziehung
-standen. Ich lehnte abermals auf das Entschiedenste ab und verlangte die
-Gegenüberstellung mit Strolz; aber die Leute machten sich in der Wohnung
-breit und schienen mit der Absicht gekommen, die Tat auszuführen. Da ich
-keine Möglichkeit sah, mich ihnen zu widersetzen und andererseits mit
-ihnen nichts zu tun haben wollte, zog ich es vor, die Wohnung zu
-verlassen.“
-
-Staatsanwalt:
-
-„Warum gingen Sie nicht zur Polizei?“
-
-Hoppe:
-
-„In unseren Kreisen denkt man nicht an die Polizei als Hilfe. – Ich ging
-also nach Hause um mich schlafen zu legen. Aber die Sache beunruhigte
-mich; auch ängstigte es mich, in der mir anvertrauten Winkler’schen
-Wohnung Fremde allein gelassen zu haben: nach einer Stunde zog ich mich
-wieder an und ging in die Großbeerenstraße zurück. Ich stand einige Zeit
-vor dem Hause und überlegte mir, was ich tun solle, als ich den Großen
-und einen Begleiter aus dem Tor treten sah. Ich ging auf sie zu und
-hörte ‚sie seien oben fertig; gleich kämen die anderen mit der Leiche
-herunter‘. Ich erschrak. Aber gleich kamen Franz und der dritte mit dem
-in eine Decke gehüllten Körper Blaus, der zuerst in einem Hausflur
-niedergelegt wurde. Nun traten noch andere hinzu, die da waren, und von
-der Anwesenheit des Blau wußten; unter ihnen Acosta, Pohl und Schröder.
-Dem letzteren, der sehr kräftig ist, wurde die Leiche aufgebürdet. Von
-der naheliegenden Brücke wurde sie in den Kanal geworfen.
-
-„Nachher zerstreuten sich alle. Pohl, Franz und ich gingen zusammen und
-Franz erzählte den Vorgang: sie hatten Wein geholt und mit Blau Wein
-getrunken, ihm aber das Gift hineingetan. Als er davon betäubt war,
-hatten sie ihm die Schlinge um den Hals gelegt und ihn erdrosselt.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Wurde erzählt, wer den Wein holte, wer die Schlinge zuzog?“
-
-Hoppe:
-
-„Nein.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Sie waren demnach nicht bei der Tat zugegen und hatten nichts damit zu
-tun?“
-
-Hoppe:
-
-„Ich hatte nichts damit zu tun.“
-
- * * * * *
-
-Der in der Anklageschrift enthaltene Kassiber des Hoppe an Winkler kommt
-zur Verlesung. Dazu gibt Hoppe auf Befragen des Vorsitzenden an, er habe
-den Kassiber geschrieben, um dem Winkler die Ereignisse ins Gedächtnis
-zu rufen; außerdem habe ihn die nervöse Spannung der Haft zu diesem
-Mittel getrieben. Jedenfalls habe ihm eine Beeinflussung des Winkler
-ferngelegen; eher habe er versucht, den Winkler vor Schaden zu bewahren,
-denn: indem er ihm mitteilte, daß er selbst alles gestanden habe, enthob
-er den Freund der Rücksicht auf ihn und damit der Gefahr, durch
-nutzloses Schweigen sich selbst zu schädigen.
-
-Der Vorsitzende befragt Hoppe, ob er sich mit Hypnose und ähnlichen
-Fragen beschäftigt habe. Hoppe bejaht: er sei mehrere Male von einem
-seiner Bekannten in Hypnose versetzt worden und habe sich zu diesen
-Versuchen sehr geeignet erwiesen. Einmal habe er in diesem Zustande eine
-Rede als Ministerpräsident Scheidemann gehalten, ein anderes Mal eine
-Debatte als Reichswehrminister Noske geführt.
-
-Die Sachverständigen Dr. Kronfeld, Gefängnisarzt Dr. Hirsch und
-Sanitätsrat Dr. Lehnsen stellen an den Angeklagten eine Reihe von Fragen
-über sein Verhalten und seine Handlungen im hypnotischen Zustand und
-erklären dazu (am 7. Verhandlungstag):
-
-Dr. Kronfeld: er habe den Angeklagten Hoppe mehrfach und eingehend
-untersucht und eine gesteigerte Suggestibilität zweifelsfrei
-festgestellt. Eine zur Verblödung neigende Geisteskrankheit oder
-sonstige die Verantwortlichkeit des Individuum aufhebende Störungen habe
-er nicht gefunden; also könne er die Anwendung des § 51 des Str.G.B.
-nicht befürworten. Dagegen berechtige ihn seine weitgehende Erfahrung
-mit hypnotischen Fragen und deren Grenzgebieten zu dem Ergebnis, daß bei
-sehr suggestiblen Personen Situationen eintreten können, in denen Kritik
-und Überlegung weitgehend ausgeschaltet sind. Besonders leicht träte
-dieser Fall dann ein, wenn die Suggestion in einer Richtung stattfinde,
-die dem Interessengebiet des Individuums parallel läuft oder sich mit
-ihm deckt. In diesem Fall also in der Richtung der Ziele der
-Arbeiterbewegung. Er müsse demnach dem Angeklagten eine verminderte
-Zurechnungsfähigkeit zuerkennen und diese darin erblicken, daß dem
-Angeklagten infolge seiner Suggestibilität und unter dem Einfluß seiner
-Umgebung freie Besinnung sowohl als freie Bestimmung über seine
-Handlungen in sehr erheblichem Maße gefehlt habe. – Bezüglich des
-Angeklagten Fichtmann kam Dr. Kronfeld zum Ergebnis, daß dieser infolge
-nachweisbarer erblicher Belastung in physischer und psychischer Hinsicht
-als degeneriert, aber nicht als unzurechnungsfähig anzusehen sei.
-
-Gefängnisarzt Dr. Hirsch sowie der Gerichtsarzt Dr. Strauch
-widersprachen (am 8. Verhandlungstag) diesem Gutachten: die
-Suggestibilität des Hoppe sowie die erbliche Belastung des Fichtmann
-könnten zwar zugegeben werden; aber sie seien nicht so bedeutend, daß
-man eine Störung der Persönlichkeit anzunehmen brauche. Nach dem
-Ergebnisse ihrer Untersuchung hielten sie beide Angeklagte für
-zurechnungsfähig im Sinne des Gesetzes und könnten bei Bejahung der
-Schuldfragen eine zu berücksichtigende Beschränkung der Willensfreiheit
-nicht zuerkennen.
-
-Auch Dr. Lehnsen kann dem Fichtmann den § 51 Str.G.B. nicht zubilligen.
-Über Hoppe sagt er aus, nachdem er einen von diesem geschriebenen
-Lebenslauf verlesen hat: Hoppes Denkablauf und Darstellungsmöglichkeiten
-seien völlig klar und absolut logisch. Er könne aus seiner alten
-praktischen Erfahrung aus dieser und seinen sonstigen Beobachtungen auf
-einen klaren, überlegten und eher energischen Menschen schließen: und es
-sei gar nicht erwiesen, daß ein hypnotisch leicht zu beeinflussender
-Mensch auch im täglichen Leben leicht zu beeinflussen sei. Das seien
-zweierlei Dinge, und, nachdem im Fall Blau weder eine Affekthandlung
-noch eine Massenpsychose vorliege, müsse er nach seinem Augenschein
-urteilen: „Ich kann nicht zugeben, daß hier eine Willensbeschränkung
-vorliegt!“
-
- * * * * *
-
-Die Eltern des Hoppe sagen übereinstimmend aus (6. Verhandlungstag), ihr
-Sohn sei immer gutartig, leicht lenkbar und weichherzig gewesen. In
-seiner Kindheit habe er öfter an Ohnmachtsanfällen gelitten und es sei
-wohl möglich, daß seine Gesundheit im Grunde weniger kräftig und weniger
-widerstandsfähig sei, als es den Anschein erwecke. Irgendwelche Neigung
-zu Gewalttätigkeit oder zu Härte hätten sie niemals feststellen können,
-eher sei Gutmütigkeit und Freundlichkeit der Grundzug seines Wesens.
-
-Ähnlich äußern sich die Zeugen Heilmann, Hopfe und Holland, die den
-Angeklagten seit langem kennen und seine Freunde sind. Sie halten es für
-ausgeschlossen, daß Hoppe irgend jemandem etwas zuleide täte; sie waren
-Zeugen der mit ihm vorgenommenen hypnotischen Experimente und bestätigen
-seine Aussagen darüber. Sie glauben aber, daß ihr Freund vielleicht
-infolge dieser Veranlagung ein unschwer zu beeinflussender Mensch ist.
-
-Lazarettdirektor Richter hatte den Hoppe mehrere Monate als Kranken in
-seinem Lazarett. Da er hörte, daß der junge Mann Kommunist sei, habe er
-sich selbst an Hoppe gewandt, ihn beobachtet und sich eingehend mit ihm
-unterhalten. Er habe aber sofort feststellen können, daß er einen guten,
-weichherzigen Menschen vor sich habe – und auch späterhin dieses Urteil
-nur bestätigt gefunden: Hoppe übte auf seine Kameraden den günstigsten
-Einfluß und auch die Wärter waren mit ihm sehr zufrieden, äußerten sich
-sogar sehr anerkennend. Er persönlich traue dem Hoppe nicht zu, daß er
-sich an einer Gewalttat beteiligt habe. Er betone übrigens, daß er
-selbst Angehöriger der deutschen Volkspartei sei (7. Verhandlungstag).
-
-Der Zeuge Ernst Fothenhauer ist der Mann, der den Hoppe hypnotisiert
-hat. Er erzählt (4. Verhandlungstag) die schon bekannten Umstände und
-kommt zu dem Schluß, daß Hoppe sehr wohl unter dem Einfluß Anderer Dinge
-verrichten könne, für die er nicht verantwortlich ist.
-
-
- Die Vernehmung des Winkler.
-
-Als letzter Angeklagter wird der Schneider Willi Winkler vernommen. Er
-sagt am 2. Verhandlungstage aus:
-
-„Ich habe mich mit vierzehn Jahren der Arbeiterjugend angeschlossen und
-dort meinen Freund Hoppe kennen gelernt.
-
-„Ich bin Gegner der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, weil ich sie
-für ungerecht halte; ich bin überzeugt, daß die Zeit des Kapitalismus
-abgelöst wird durch ein den Bedürfnissen besser angemessenes System: in
-diesem Sinne bin ich Anhänger der kommunistischen Weltanschauung, ohne
-indes einer bestimmten Partei anzugehören. Auch bin ich kein Anhänger
-der Propaganda der Tat.
-
-„Zur Sache selbst erkläre ich: ich habe die Wohnung meiner Eltern meinem
-Freund Hoppe zu einer Sitzung zur Verfügung gestellt. Ich nahm an, daß
-es eine Besprechung sei, an der Führer teilnähmen, die illegal lebten
-und gezwungen seien, sich zu verbergen. Infolgedessen drang ich nicht in
-meinen Freund um Details, sondern übergab die Schlüssel und ging für die
-Nacht zu einem Bekannten; am anderen Morgen fuhr ich nach Treptow zu
-meinen Eltern, die dort ein Laubengrundstück besitzen.
-
-„Erst später hat mir Hoppe erzählt, was sich in der Wohnung zugetragen
-hat.“
-
- * * * * *
-
-Damit ist die Vernehmung der Angeklagten beendigt. Es folgen noch eine
-Reihe von Fragen, durch die einzelne Kleinigkeiten des bisher
-Geschilderten klargestellt werden – ohne wesentlich Interessierendes zu
-bringen.
-
-
- Blau.
-
-In den bisherigen Seiten kamen die Angeklagten zu Wort und ihre
-Leumunds- und Entlastungszeugen. Nicht alles ist klargestellt und in
-vielem hat es den Eindruck, daß die Angeklagten entweder selbst nichts
-wissen oder verschweigen. Aber der Verlauf der Verhandlung, statt zu
-erhellen, wird immer dunkler: um einigermaßen Übersicht zu erhalten, ist
-es nötig, Einiges über die unklare Persönlichkeit des Blau
-vorauszuschicken.
-
-Kriminalkommissar Dr. Riemann (3. Verhandlungstag): Blau war Agent der
-antibolschewistischen Liga und war besonders innerhalb der
-kommunistischen Partei tätig. In seinem nachgelassenen Gepäck wurden
-noch Berichte an die Liga gefunden.
-
-Zeuge Blumenfeld, seinerzeit Leiter der Rechtsschutzstelle der
-Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei in München (4.
-Verhandlungstag): daß Blau sich als politischer Flüchtling an ihn
-gewandt und um Unterstützung gebeten habe; auch mehrfach solche erhalten
-habe.
-
-Kriminalkommissar Trettin (3. Verhandlungstag): bei der Münchener
-Polizei war bekannt, daß Blau ein Doppelspiel treibt und auch den
-Kommunisten Material liefert; er wurde deshalb am 2. Juli 1919 aus
-München ausgewiesen und begab sich um Hilfe zur Rechtsschutzstelle der
-U. S. P. D. Dort nahm sich Herm seiner an und brachte ihn in ein
-Krankenhaus, bezahlte auch seine Rechnung.
-
-Rechtsanwalt Dr. Siegfried Weinberg stellte aus den Gerichtsakten
-folgendes fest (5. Verhandlungstag):
-
-Blau war während der Januarkämpfe 1919 Kommandant der revolutionären
-Besetzung der Büxenstein’schen Druckerei in Berlin und forderte die
-Arbeiter, auf „bis zum letzten Blutstropfen gegen die Regierungstruppen
-zu kämpfen“. Während der Erstürmung des Gebäudes verschwand Blau unter
-Mitnahme von 4000 M. Löhnungsgeldern. – In den Gerichtsakten ist Blau
-als Rädelsführer bezeichnet; er war „nicht auffindbar“; Anklage wurde
-nicht erhoben;
-
-Blau beschlagnahmte im Januar 1919 ein Auto des Berliner Magistrats;
-
-Blau versuchte von einer militärischen Nachrichtenstelle 500 M. zu
-erpressen, indem er mit dem Gericht drohte;
-
-Blau bezog für seine Spitzeltätigkeit von der „Eisernen Schar“ ein
-Monatsgehalt von 530 M.
-
-Der Vorsitzende erklärt, daß dies den Tatsachen entspricht.
-
-Und endlich Kriminalkommissar Dr. Trettin (5. Verhandlungstag): „_Blau
-war ein Lump; das steht wohl fest._“
-
- * * * * *
-
-Die Nachprüfung dieser und die Erbringung weiterer Beiträge zur
-Charakteristik und Vergangenheit des Blau wurde vom Gericht abgelehnt,
-da sie für die Beurteilung der Schuldfragen nicht in Betracht kämen. In
-den Plädoyers findet sich noch einiges hierüber.
-
-
- Die Tat.
- – Zeugen und Kriminalbeamte. –
- Der Spitzel Schreiber.
-
-Die ersten Spuren, welche die Polizei im Falle Blau auffand, wiesen nach
-München; zu ihrer Aufhellung wurde Kriminalkommissar Trettin dorthin
-gesandt. Dessen Aussage lautete (3. Verhandlungstag):
-
-„Ich suchte in München nach dem Agenten Schreiber, der mir von Berlin
-als Gewährsmann genannt war. Ich fand ihn in der Polizeidirektion in
-Schutzhaft.“
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Darf ich fragen in welcher Angelegenheit?“
-
-Kr.-K. Trettin:
-
-„Es handelte sich um einen _Mord_ in einem Walde bei München –“
-
-Der Zeuge erzählt, was ihm von dieser Sache in Erinnerung ist.
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Ich bitte zu beachten, daß die Technik dieses Mordes genau der des
-Überfalls des Spitzels Toifl auf Orlowsky entspricht!“
-
-Kr.-K. Trettin:
-
-„Dem Schreiber war der Spitzel Blau bekannt; ebenso der Polizeidirektion
-München, die auch wußte, daß Blau ein Doppelspiel trieb – indem er
-beiden Seiten Material verkaufte. Aus diesem Grunde wurde Blau auch in
-Schutzhaft genommen.“
-
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-
-„Geschah dies nicht eher, um politische Gefangene zu bespitzeln?“
-
-Kr.-K. Trettin:
-
-„Blau war ja als unzuverlässig bekannt! Er wurde am 2. Juli 1919 mit
-Ausweisungsbefehl aus der Haft entlassen. – In meinen weiteren Angaben
-folge ich den Aufklärungen, die mir Schreiber gab, und betone, daß
-Schreiber mir einen glaubwürdigen Eindruck machte.
-
-„Blau begab sich zur Rechtsschutzstelle der U. S. P. D. in München, die
-damals von dem Studenten Blumenfeld geleitet wurde. Dieser war selbst
-Terrorist und Schreiber erzählte mir den Hergang einer Vereidigung in
-der Wohnung des Blumenfeld, an der er selbst teilnahm.
-
-„Dabei waren acht Genossen in einem dunklen Raume versammelt; auf dem
-Tisch stand eine Schale mit rötlicher Flüssigkeit, die, angezündet, das
-Zimmer mit magischem Licht schwach erhellte. Nach einleitenden Fragen
-und Erklärungen wurde auf diese Formel vereidigt: „Ich schwöre der
-kommunistischen Partei Treue und schwöre, in Not und Gefahr nicht vom
-Platze zu weichen.“
-
-Zeuge Blumenfeld (4. Verhandlungstag):
-
-„Ohne auf eine Kritik der geschilderten Formalitäten einzugehen, möchte
-ich betonen, daß ich Mitglied der Unabhängigen sozialdemokratischen
-Partei bin und nicht wüßte, wieso ich jemanden auf die kommunistische
-Lehre und Praxis vereidigen sollte!“
-
-R.-A. S. Weinberg (zu Trettin):
-
-„Ist das die Glaubwürdigkeit Ihres Gewährsmannes?“
-
-Kr.-K. Trettin:
-
-„Soweit ich Schreibers Angaben nachprüfen konnte, erwiesen sie sich als
-richtig. – In der Rechtsschutzstelle der U. S. P. D. wurde Blau
-unterstützt. Von Herm, den er dort kennen lernte, wurde er sogar in
-einem Krankenhaus untergebracht; seine dortige Rechnung bezahlte Herm.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Das scheint nicht dafür zu sprechen, daß Blau als Spitzel erkannt war?“
-
-Kr.-K. Trettin:
-
-„Anfänglich war er es auch nicht. – Am 29. Juli reisten Blau, Herm,
-Schreiber und ein gewisser Schuster nach Leipzig: im Laufe der Fahrt
-teilte Herm dem Schreiber mit, daß Blau ermordet werden solle.“
-
-Zeuge Blumenfeld (4. Verhandlungstag):
-
-„Ich kann dazu Näheres sagen: Beide, sowohl Blau wie Schreiber, wandten
-sich an die Rechtsschutzstelle um Unterstützung und erhielten auch
-Geld.“
-
- [Illustration: Der den Geschworenen vorgelegte Lageplan.]
-
-Vorsitzender:
-
-„Im Kassenausweis der Rechtsschutzstelle sind mehrere Beträge (30, 40
-und 250 M.) als ‚in Sachen Blau‘ aufgeführt; sind das die
-Unterstützungsgelder?“
-
-Zeuge Blumenfeld:
-
-„Ja. – Schreiber ersuchte uns, ihm Arbeit zu verschaffen und Herm wollte
-das in seiner Heimat Hötensleben versuchen: das war der Anlaß der Reise!
-Blau bot sich dem Herm als Spitzel an; ich habe dann selbst mit Blau
-gesprochen, doch ohne Erfolg. Ich konnte nichts von ihm erfahren. Später
-klammerte sich Blau an Herm und wollte von ihm nach Berlin mitgenommen
-werden; Herm klagte mir, daß er ihn nicht los werden könne. In der Nacht
-vor seiner Abreise schlief Blau bei mir: von einem Mordplan gegen ihn
-ist mir nichts bekannt.“
-
-Staatsanwalt:
-
-„Warum sollte Blau nach Berlin gewollt haben?“
-
-Zeuge Blumenfeld:
-
-„Ich weiß es nicht. – Heute bin ich geneigt anzunehmen: weil er in
-München unmöglich war! Er bekam von seinen Auftraggebern keine
-Unterstützungen mehr, ihm fehlten die Mittel, allein zu reisen.“
-
-– Der Staatsanwalt beantragt, den Zeugen Blumenfeld wegen Verdacht der
-Teilnahme am Mord nicht zu vereidigen. Das Gericht beschließt, die
-Vereidigung vorläufig bis zur Gegenüberstellung mit Schreiber
-auszusetzen (4. Verhandlungstag). –
-
-Kr.-K. Trettin:
-
-„Blau, Herm, Schreiber und Schuster kamen am 30. Juli in Leipzig an.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Am 30. Juli wurde in Leipzig ein _Brief an das „Berliner Tageblatt“_
-aufgegeben, in dem die Ermordung des Blau angekündigt wurde. Von wem
-stammt dieser Brief?“
-
-Kr.-K. Trettin:
-
-„Das ließ sich nicht mit Bestimmtheit sagen; wahrscheinlich von
-Schuster.“
-
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-
-„Nicht von Schreiber?“
-
-Kr.-K. Trettin:
-
-„Schreiber wußte nichts von dem Briefe und leugnete, ihn geschrieben zu
-haben. Von Leipzig wurde nach Magdeburg gefahren, wobei Schreiber den
-Blau warnte. Diese Warnung scheint Blau nicht ernst genommen zu haben.
-In Magdeburg trennten sich die vier: Herm und Schuster fuhren ab und
-ließen Blau und Schreiber allein.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Das spricht nicht sehr für einen Mordplan, daß man das Opfer allein
-läßt! Außerdem: da Schreiber nach seinen eigenen Angaben von einem
-Mordplan wissen wollte: jetzt, wo er allein mit Blau war, hätte er ihn
-doch verhindern können?“
-
-Vorsitzender:
-
-„Auch ich finde die Aussage des Schreiber in diesem Punkte psychologisch
-recht unwahrscheinlich!“
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Bestand etwa eine persönliche Feindschaft zwischen Schreiber und Blau.“
-
-Kr.-K. Trettin:
-
-„Mir ist nichts darüber bekannt.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„In den Akten befindet sich ein Brief des Blau an die
-antibolschewistische Liga, worin _Blau den Schreiber als Spartakisten
-denunziert_. Hat vielleicht Schreiber von dieser Absicht des Blau
-gewußt?“
-
-Kr.-K. Trettin:
-
-„Mir ist nichts darüber bekannt.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg (zu Kr.-K. Trettin):
-
-„Und was sagen Sie zu diesem Brief des Blau?“
-
-Kr.-K. Trettin:
-
-„Es kommt vor, daß die Spitzel gegenseitig versuchen, sich der
-Konkurrenz zu entledigen. Man muß immer vorsichtig mit ihren Angaben
-sein. – Ich fahre fort mit der Erzählung des Schreiber:
-
-„Herm und Blau hatten verabredet, sich am 31. Juli am Bahnhof Halle zu
-treffen. Schreiber selbst trennte sich von Blau und kam am 31. nach
-Hötensleben, wo er sich zu den Eltern des Herm begab. Herm traf am 2.
-August allein in Hötensleben ein und erzählte, er käme aus Berlin und
-für Blau sei gesorgt.
-
-„Am 3. August schrieb Herm einen Brief an die Frau Kaltenhauser in
-München und gab ihn dem Schreiber zur Beförderung. Indem er ein leeres
-Kouvert aufgab und die Einschreibequittung als Beleg vorzeigte,
-unterschlug Schreiber den Brief und sandte ihn an die Fahndungsabteilung
-München ein.“
-
-– Der Wortlaut dieses Briefes ist in der Anklageschrift enthalten; er
-wird zur Verlesung gebracht. Rechtsanwalt Dr. S. Weinberg weist darauf
-hin, daß der Name der Kaltenhauser, die Herms Quartierwirtin war, falsch
-geschrieben sei – was wohl erwägen lasse, ob nicht der ganze Brief eine
-Fälschung des Schreiber sei.
-
-Die beiden Zeugen Vater und Bruder des Herm erklären übereinstimmend,
-daß der Verlauf in Hötensleben gerade umgekehrt gewesen sei:
-
-„Herm traf am 1. August in Hötensleben ein, – was leicht festzustellen
-ist, da er sich sofort persönlich beim Gemeindeamt meldete. Aber
-Schreiber kam erst drei bis vier Tage später!“
-
-Trotzdem beide Zeugen (wegen ihrer Verwandtschaft mit dem beschuldigten
-Herm) nicht vereidigt zu werden brauchen, verlangen sie, ihre Aussage
-eidlich zu erhärten.
-
-Kr.-K. Trettin (hierüber befragt):
-
-„Ich kann hier nur die Aussagen des Schreiber wiederholen und angeben,
-daß diese der Polizei die Aufklärung des Mordes ermöglicht haben. – Als
-der Tod des Blau in den Zeitungen stand, wurde Herm sehr erregt und
-sprach sofort von Mord. Er bat den Schreiber, ihn doch nicht zu verraten
-und fuhr mit ihm nach Magdeburg zu dem Parteisekretär der U. S. P. D.
-Peters; dort verlangte Herm, daß die Aufzeichnungen über Blau vor seinen
-Augen vernichtet würden, was auch geschah.“
-
-Der Zeuge Peters erklärt (am 4. Verhandlungstag) diesen Bericht des
-Schreiber für erlogen: er habe niemals Aufzeichnungen über Blau oder
-einen Mordplan gegen ihn besessen, sie also auch nicht vernichten
-können. Herm sei mit Schreiber bei ihm gewesen und habe ihm den
-Schreiber als Flüchtling vorgestellt; dieser habe auch 10 M. aus der
-Unterstützungskasse erhalten. Andere Beziehung habe er zu der ganzen
-Angelegenheit nie gehabt. – Trotz Widerspruchs des Staatsanwalts
-beschließt das Gericht nach kurzer Beratung, diesen Zeugen zu
-vereidigen.
-
-Kr.-K. Trettin:
-
-„Herm war wegen der Blau-Affäre dauernd beunruhigt und reiste nach
-einigen Tagen nach München ab. Schreiber blieb noch – und machte mir
-über seine eigene Abreise aus Hötensleben Angaben, die allerdings sehr
-unglaubwürdig sind. Er erzählte, daß er befürchtete, Herm würde in
-München die Briefunterschlagung erfahren; infolgedessen fühlte er sich
-nicht mehr sicher; ehe er sich aber entfernen konnte, wurde er von
-Freunden des Herm aufgespürt; diese Freunde waren anscheinend von
-München (Herm) aus auf ihn gehetzt und nur durch eine überstürzte und
-wilde Flucht gelang es ihm, sich vor den ihn verfolgenden und aus
-Revolvern auf ihn schießenden Gegnern zu retten.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Phantasie hat dieser Spitzel!“
-
-Die Zeugin Frau Baumeister aus München erklärt (4. Verhandlungstag):
-Herm habe ihr den Blau als Spitzel bezeichnet; er habe ihr nach seiner
-Rückkehr nach München auch von der Ermordung Blaus erzählt; sie habe
-aber nicht den Eindruck gehabt, daß Herm der Mörder sei. In der weiteren
-Diskussion über von ihr gehörte Redewendungen anderer Münchner Genossen
-verwickelt sie sich zu ihren Angaben in der Voruntersuchung in
-Widersprüche, die sie mit ihrer Erregung erklärt.
-
-Der nächste Zeuge ist Kriminalkommissar Maslack (3. und 4.
-Verhandlungstag).
-
-Staatsanwalt:
-
-„Sie stehen im Dienst der politischen Abteilung der Polizei?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Ja.“
-
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-
-„Nach den bisherigen offiziellen Angaben soll doch eine sogenannte
-politische Abteilung nicht mehr bestehen?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Die frühere politische Abteilung ist aufgelöst.“
-
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-
-„Aber Ihre Abteilung bearbeitet doch den politischen Teil?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Es handelt sich hier um die Abteilung I A, die frühere Abteilung VII;
-diese Abteilung hat den inoffiziellen Namen ‚politische Abteilung‘.“
-
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-
-„So, so –“
-
-Vorsitzender (zu Kr.-K. Maslack):
-
-„Können Sie auf Grund Ihrer Kenntnis der Dinge die Garantie übernehmen,
-daß der Spitzel Schreiber, falls er vor Gericht erscheint, nicht von
-kommunistischer Seite gefährdet wird?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Die Kriminalpolizei kann nur das Menschenmögliche tun.“
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Diese Garantie – was kommunistische Angriffe betrifft – übernehme ich.“
-
-Kr.-K. Maslack berichtet dann über die Nachforschungen, die er gemeinsam
-mit Schreiber in Magdeburg, Hötensleben und anderen Orten anstellte.
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Das war nach den Aufklärungen, die Schreiber dem Kriminalkommissar
-Trettin gegeben hatte?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Ja.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Schreiber war also inzwischen aus der ‚Schutzhaft‘ wegen der vorhin
-erwähnten Mordsache entlassen?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Ja.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„So, so –“
-
-Der Zeuge Maslack berichtet dann, daß die von ihm erzielten Ergebnisse
-im wesentlichen die Angaben des Schreiber bestätigt haben, so wie sie
-schon Kr.-K. Trettin schilderte. Wegen einiger Punkte, wie der Ankunft
-des Herm und Schreiber in Hötensleben, kommt es zu erneuten
-Kontroversen. Wesentlich Neues bringt der Zeuge nicht.
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Wieviel Geld hat Ihre Behörde dem Schreiber für seine Bemühungen
-gezahlt?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Die Auslagen für Reise und Aufenthalt.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Darüber hinaus hat er keine Beträge erhalten?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Nein ...“
-
-Vorsitzender:
-
-„Zeuge Maslack, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie unter Eid
-aussagen!“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Sie können also bestimmt unter Ihrem Eid aussagen, daß der Spitzel
-Schreiber von Ihrer Behörde keine weiteren Gelder empfangen hat?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„_Wenn die Frage in so bestimmter Form gestellt wird, so verweigere ich
-die Aussage._“
-
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-
-„Mit welcher Berechtigung?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Ich habe von meiner Behörde nicht so weitgehende Befugnis erhalten.“
-
-Der Vorsitzende verliest die Mitteilung des Polizeipräsidiums, nach
-welcher der Kriminalkommissar Maslack aussagen darf, soweit nicht die
-Interessen des Deutschen Reiches gefährdet werden.
-
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-
-„Hat also der Schreiber noch Geld erhalten?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Ja: er nutzte wohl auch die Konjunktur aus, um Zeugenspesen zu
-erhalten.“
-
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-
-„Wie hoch war die Summe, die Schreiber erhalten hat?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Darüber verweigere ich die Aussage.“
-
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-
-„Ich frage den Zeugen, ob er der Ansicht ist, daß die Interessen des
-Deutschen Reiches durch die Nennung der an Schreiber gezahlten Summen
-gefährdet sind?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Die Entscheidung darüber steht mir nicht zu.“
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Dann müssen die Beträge recht erheblich gewesen sein.“
-
-Staatsanwalt:
-
-„Ich beantrage, diese ganze Frage als unerheblich zu beanstanden.“
-
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-
-„Die Frage ist insofern erheblich, als von der Höhe der Summe abhängt,
-in wieweit man diesem Zeugen Schreiber Glauben schenken darf. Es ist
-derselbe Schreiber, der vom Gericht 4000 M. fordert!“
-
-Während das Gericht über den Antrag des Staatsanwalts berät, erklärt
-Kr.-K. Maslack sich bereit, die Frage zu beantworten. Das Gericht
-beschließt trotzdem, die Frage als unerheblich zurückzuweisen: weil ja
-allgemein bekannt sei, daß Agenten von der Polizei auch bezahlt würden.
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Ist dem Zeugen ein Leutnant Siebel bekannt, der Abteilungsleiter der
-antibolschewistischen Liga ist?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Nein.“
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Sie können das unter Eid aussagen?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Es ist möglich, daß ich ihn unter anderem Namen kenne.“
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Ist dem Zeugen der Leiter der Agentenabteilung der
-antibolschewistischen Liga bekannt?“
-
-Staatsanwalt:
-
-„Ich beantrage, auch diese Frage als unerheblich zu beanstanden.“
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Die Frage ist deshalb erheblich, weil Leutnant Siebel mit den hier
-genannten Spitzeln zu tun hatte!“
-
-Der Gerichtsbeschluß lehnt die Frage mit der Begründung ab: sie sei
-nicht gestellt, um zur Aufklärung der Mordtat beizutragen, sondern habe
-nur politische Bedeutung.
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Ist dem Zeugen bekannt, daß Blau während der Januarkämpfe 1919 im
-_Auftrag der Polizeibehörde_ als Lockspitzel die Büxensteindruckerei
-besetzte und ein Magistratsauto beschlagnahmte?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Nein.“
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Ist dem Zeugen der Spitzel Strolz bekannt?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Nein.“
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Gar nicht bekannt?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Jedenfalls nicht unter seinem Namen.“
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Sind denn die Spitzel im allgemeinen auch der Polizei nur unter ihrer
-Nummer bekannt?“
-
-Der Vorsitzende beanstandet diese Frage und das Gericht lehnt die
-Zulassung ab: weil die Frage nur gestellt sei, um aus politischen
-Gründen die Hilfsmittel der Polizei kennen zu lernen.
-
- * * * * *
-
-Am fünften Verhandlungstage gibt der Vorsitzende zu dieser Sache
-bekannt, daß das Gericht seine am Vortage gefaßten Beschlüsse betreffs
-Beanstandung der drei Fragen nunmehr aufhebe und deren Beantwortung
-nachträglich zulasse.
-
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-
-„Ich bitte um Auskunft, auf Grund welcher Anregung das Gericht zu dieser
-Änderung seiner Beschlüsse gekommen ist.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Auf Grund keiner Anregung, sondern aus eigenem Antrieb.“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Der Spitzel Schreiber hat außer Fahrt- und Verpflegungsgeld von meiner
-Behörde in der Zeit vom 13. bis 25. August 1919 eine Extravergütung von
-700 M. erhalten. Ob er noch von anderen Dienststellen bezogen hat, weiß
-ich nicht.“
-
-Kr.-K. Trettin:
-
-„Ich erkläre, daß ich dem Schreiber kein Geld gezahlt habe.“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Die leitenden Herren der antibolschewistischen Liga, Leutnant Siebel
-und Bachmann, kenne ich nicht. (7. Verhandlungstag.) Die Beantwortung
-der dritten Frage, ob die Spitzel uns nur mit Nummern bekannt sind, wird
-mir von meiner vorgesetzten Behörde verboten, da es dem Wohle des
-Staates widersprechen würde, wenn die Einrichtungen der Polizei
-öffentlich bekannt gegeben würden.“
-
-
- Die Aufklärung der Tat.
- Der Spitzel Strolz.
-
-Der erste Zeuge zur Tat war der Sachverständige Professor Dr. Strauch,
-der gemeinsam mit Medizinalrat Dr. Hoffmann die Leiche des Blau
-obduziert hatte. Er sagt am 2. Verhandlungstage aus, daß der Körper des
-Blau am Halse eine Strangulationsmarke aufwies; weitere Merkmale konnten
-bei sorgfältigster Untersuchung nicht gefunden werden. Infolgedessen
-hätten sie am Anfang zur Annahme von Selbstmord geneigt, später ihr
-Urteil dahin verallgemeinert, daß die Todesursache nicht festzustellen
-sei. Nach der näheren Kenntnis der Zusammenhänge sei er zur Überzeugung
-gelangt, daß der Tod durch Erdrosseln eingetreten sei.
-
-Ein Geschworener fragt den Sachverständigen, ob der Befund unzweifelhaft
-sei: es sei doch möglich, daß Blau noch lebend ins Wasser geworfen
-worden sei und durch seine Bewegungen erst die Schlinge so zugezogen
-habe, daß der Tod durch Ersticken eintrat. In diesem Falle sei aber der
-als Mörder anzusehen, der den Körper ins Wasser gestoßen habe.
-
-Ein zweiter Geschworener fragt, ob es ausgeschlossen sei, daß Blau durch
-das Morphium nur betäubt war und dann im Wasser ertrunken oder erstickt
-ist.
-
-Der Sachverständige betont nochmals, daß er jetzt mit Bestimmtheit
-Erdrosseln als Todesursache annehmen könne.
-
- * * * * *
-
-Über die ersten Untersuchungsergebnisse in Berlin sagt Kriminalkommissar
-Dr. Riemann aus (3. Verhandlungstag):
-
-„Ich habe als Mitglied der Mordkommission die ersten Untersuchungen
-geleitet. In einer Tasche des Ertrunkenen steckte ein Gepäckschein auf
-den Anhalter Bahnhof; im Koffer Blaus, der daraufhin abgehoben wurde,
-fanden wir eine Reihe Notizen politischen Inhalts und ebensolche Briefe;
-diese waren mit Blau oder mit seinem Pseudonym Dr. Michael unterzeichnet
-und an die antibolschewistische Liga sowie ähnliche Stellen gerichtet.
-Ich stellte dort Nachforschungen an und traf dabei auf den Agenten
-Strolz; dieser erklärte sofort, daß Blau von den Kommunisten als Spitzel
-erkannt und ermordet worden sei; er schilderte mir die Vorgänge in der
-Versammlung in der Mittenwalder Straße, und nannte mir Leuschner als
-Versammlungsleiter. Auf diese Angaben hin begannen die Recherchen nach
-Leuschner, der später in Ostpreußen verhaftet wurde.
-
-„Mitte August kam an uns ein Brief eines Münchner Vertrauensmannes, der
-die Abreise Blaus mit Schreiber, Schuster und Herm mitteilte. Daraufhin
-fuhr Kriminalkommissar Trettin nach München.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Wie heißt dieser Münchner Vertrauensmann?“
-
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-
-„Es war Schreiber.“
-
-Der Zeuge Kriminalwachtmeister Helmka war als Kriminalbeamter zur
-Garde-Kavallerie-Schützendivision abkommandiert gewesen. (3.
-Verhandlungstag): Er lernte dort den Spitzel Toifl kennen, der ihm
-mitteilte, daß er den Fichtmann sehr gut kenne und wisse, daß dieser in
-die Angelegenheit Blau verwickelt sei. Durch diese Angaben wurde der
-Verdacht auf Fichtmann gelenkt. Toifl hat dann dem Kriminalkommissar Dr.
-Riemann gegenüber noch weitere Mitteilungen gemacht, die Fichtmann
-schwer belasten.
-
-Angeklagter Fichtmann:
-
-„Der Spitzel Toifl belastete mich – aber können Sie sich erinnern, daß
-er bei einer Gegenüberstellung mit mir sagte, er könne mich nicht mit
-Sicherheit als Täter bezeichnen? Ich sei nicht der Täter.“
-
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-
-„Jawohl. Doch, als Sie abgetreten waren, nahm er diese Aussage wieder
-zurück und erklärte, dies nur wegen Ihrer Anwesenheit gesagt zu haben.“
-
-Angeklagter Fichtmann:
-
-„Wissen Sie, daß während meiner Haft der Spitzel Strolz in meine Zelle
-gelegt wurde?“
-
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-
-„Es ist ein zur Aufklärung von Kapitalverbrechen übliches Verfahren, den
-Verdächtigen durch Zellengenossen aushorchen zu lassen.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Ist dem Zeugen bekannt, daß die berüchtigte _Spitzelin Schröder-Mahnke
-in Männerkleidern_ in die Zellen der Angeklagten gesteckt wurde, um von
-ihnen Geständnisse zu erreichen?“
-
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-
-„Mir ist nichts davon bekannt.“
-
-Staatsanwalt:
-
-„Ich erkläre: falls derartiges geschehen ist, so geschah es nicht auf
-meine Veranlassung!“
-
-Rechtsanwalt Dr. S. Weinberg wiederholt diese Frage gegenüber dem Leiter
-der Voruntersuchung, Landgerichtsrat Marquardt (5. Verhandlungstag).
-
-L.-G.-R. Marquardt:
-
-„Davon, daß die Schröder-Mahnke als Polizeispitzelin in den Zellen der
-Angeklagten gewesen sein soll, habe ich keine Kenntnis.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Aber Sie müssen sich doch erinnern, wem Sie Sprecherlaubnis gegeben
-haben.“
-
-L.-G.-R. Marquardt:
-
-„Es war einmal ein Feldgrauer mit Brille bei mir, dem ich
-Sprecherlaubnis erteilt habe. Später erzählte mir Kriminalkommissar
-Maslack, daß es sich um eine Frau in Männerkleidung handelte.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„War Ihnen nicht bekannt, daß es die Lockspitzelin Schröder-Mahnke war?“
-
-L.-G.-R. Marquardt:
-
-„Nein.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Im allgemeinen macht es die größten Schwierigkeiten, selbst für die
-nächsten Angehörigen der Verhafteten Sprecherlaubnis zu erwirken. Unter
-welcher Voraussetzung oder Veranlassung haben Sie dieser Person
-Sprecherlaubnis erteilt?“
-
-L.-G.-R. Marquardt:
-
-„Soviel ich mich erinnere, habe ich die Erlaubnis auf Anregung des
-Kriminalkommissars Maslack erteilt.“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Die Polizei hat zu diesem Mittel gegriffen, um den Fall aufzuklären.“
-
-R.-A. Dr. Weinberg:
-
-„... Eine verkleidete Frau im Männergefängnis – auf Anregung der
-Polizei! Übrigens hat diese Frau auch Einsicht in die Akten bekommen!!“
-
-L.-G.-R. Marquardt:
-
-„Mit meinem Wissen nicht!“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Und Sie, Herr Kriminalkommissar?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Ich kann nicht auf meinen Eid nehmen, ob ich der Schröder-Mahnke
-Einsicht gab oder nicht.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Außerdem war die Schröder-Mahnke während der Vernehmung der Angeklagten
-im Nebenzimmer untergebracht und hörte die Aussagen an.“
-
-L.-G.-R. Marquardt:
-
-„Mir ist nichts davon bekannt. Aber ich gebe die Möglichkeit zu, daß sie
-dort war; jedenfalls, um anschließend auch vernommen zu werden.“
-
-Angeklagter Hoppe:
-
-„Die Schröder-Mahnke war in der Maske eines Genossen in meiner Zelle und
-forderte mich zur Flucht auf. Sie sagte, draußen sei alles vorbereitet,
-ich brauchte nur den Tag und die näheren Umstände anzugeben, für alles
-weitere habe die Partei schon gesorgt. Ich habe aber abgelehnt. Die
-Schröder-Mahnke verhehlte mir keinen Augenblick, daß sie eine
-verkleidete Frau sei; im Gegenteil, als ich mich unzugänglich zeigte,
-_betonte sie es besonders_.“
-
-Vorsitzender:
-
-„In den Akten finde ich verschiedentlich den Vermerk, daß der Angeklagte
-Hoppe fliehen wolle. Von wem stammt diese Angabe?“
-
-Kr.-K. Maslack:
-
-„Von der Schröder-Mahnke. Ich gebe zu, daß die Frau in diesem Falle _ein
-sehr verwerfliches Spiel trieb_.“ –
-
-Staatsanwalt (3. Verhandlungstag):
-
-„Im Interesse der Sache wäre es von höchster Wichtigkeit, diese ganzen
-Leute, Strolz, Toifl, die Schröder-Mahnke, als Zeugen vor Gericht zu
-sehen. Stehen denn der Kriminalpolizei keine Mittel zur Verfügung, der
-Leute habhaft zu werden?“
-
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-
-„Es ist sehr schwer; doch werde ich alles tun, um die Leute zu eruieren.
-Ich nehme aber an, daß die Angst vor den Kommunisten die Leute abhält.
-Sie wagen nicht, hier zu erscheinen.“
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Seit wann sind denn Strolz und Toifl im Dienst der Polizei?“
-
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-
-„Ich kann darauf keine ausreichende Antwort geben. Die meisten dieser
-Leute arbeiten nicht ständig mit uns; so ist uns auch ihr Aufenthalt oft
-nicht bekannt und es ist sehr schwer festzustellen, ob und wie einer
-gerade tätig ist.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Vielleicht kann ich Ihre Bemühungen unterstützen, wenn ich Ihnen
-mitteile: der Spitzel Toifl hat die Spitzelnummer 1460 und war zuletzt
-bei Renz in der Badener Str. 5 gemeldet.“
-
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-
-„Ich wiederhole, daß ich nichts unterlassen werde, die Leute
-beizubringen.“
-
-Angeklagter Hoppe:
-
-„In diesem Zusammenhang möchte ich berichten: gelegentlich einer
-Vorführung vor den Rittmeister Heimburg beim Gruppenkommando I sah ich
-dort in Reichswehruniform den Mendelsohn-Acosta.“
-
-Staatsanwalt:
-
-„Dieser Acosta ist der Teilnahme an der Mordtat dringend verdächtig; ich
-fordere die Kriminalpolizei auf, nach ihm zu suchen und ihn sofort zu
-_verhaften_.“
-
-Zur Verlesung gebracht wird ein anonymes Schreiben, das durch
-Vermittlung des Kriminalwachtmeisters Helmka der Polizei zuging. Die
-Verteidiger hatten vergeblich gegen die Verlesung protestiert. In dem
-Schreiben wird Fichtmann schwer belastet.
-
-Kriminalwachtmeister Helmka macht Mitteilung von einer Reihe
-Aufklärungen, die von anderer Seite herstammen.
-
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-
-„Kann der Zeuge über seine Quellen nähere Angaben machen?“
-
-Kr.-W. Helmka:
-
-„Es waren Agenten der Garde-Kavallerie-Schützendivision.“
-
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-
-„Wissen Sie die Namen derselben?“
-
-Kr.-W. Helmka:
-
-„Nein; nur die Nummern.“
-
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-
-„Wieviel Spitzel hatte denn die Garde-Kavallerie-Schützendivision?“
-
-Der Vorsitzende will diese Frage beanstanden, aber Kriminalwachtmeister
-Helmka antwortet:
-
-„_Einhundertundzehn._“
-
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-
-„Das genügt mir.“
-
-Einen weiteren Brief an den Untersuchungsrichter hat der Schneider Max
-Eulenburger aus dem Gefängnis geschrieben. In diesem Brief werden der
-Angeklagte Hoppe und der Zeuge Kronwetter als Täter bezeichnet; als
-Quelle wird der Hilfsarbeiter Peter Schmidt aus München genannt.
-
-Dieser Schmidt bestreitet ganz entschieden, dem Eulenburger irgendwelche
-Angaben gemacht zu haben und erklärt auf Befragen, den Hoppe gar nicht
-zu kennen (4. Verhandlungstag).
-
-Der Zeuge Kronwetter war auf die Angaben des Eulenburger hin verhaftet,
-aber bald wieder entlassen worden; auch er erklärt die Mitteilungen des
-Briefes für erlogen.
-
-Der als Zeuge vorgeladene Max Eulenburger erklärt (5. Verhandlungstag),
-daß all seine Aussagen völlig erfunden seien; er habe nur den Wunsch
-gehabt, frei zu werden und gehofft, durch seine Aussagen die Freiheit zu
-erlangen. Der Untersuchungsrichter habe ihm gedroht, ihn selbst in die
-Blauangelegenheit mit hereinzunehmen und da habe er eben Aussagen
-erdichtet.
-
-Landgerichtsrat Marquardt (7. Verhandlungstag):
-
-„Eulenburger hat sich seinerzeit selbst gemeldet, er sei bereit und
-fähig, die Angelegenheit Blau in einigen Tagen zu klären; ebenso
-versprach er, die Aufhebung der Reichszentrale der Kommunistischen
-Partei Deutschlands zu ermöglichen. Ich habe seine Erklärungen
-entgegengenommen und auch verfolgt. Aber ich hatte schon damals den
-Eindruck, daß Eulenburger nicht bei der Wahrheit bleiben kann.“
-
-Staatsanwalt zu Eulenburger:
-
-„Haben Sie vielleicht Angst, linksradikalen Verfolgungen ausgesetzt zu
-sein, wenn Sie bei Ihren in der Voruntersuchung gemachten Angaben
-bleiben?“
-
-Zeuge Eulenburger:
-
-„Nein – meine damaligen Aussagen sind Erfindungen, die mir die
-Nervosität der Gefangenschaft eingegeben hat.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Aber Sie haben damals Ihre Aussagen beschworen; wenn Sie heute
-erklären, daß alles erlogen war, geben Sie ja zu, einen Meineid
-geleistet zu haben.“
-
-Zeuge Eulenburger:
-
-„_Ja, ich habe einen Meineid geleistet._“
-
-Nach längerer Beratung beschließt das Gericht, die Zeugen Schmidt,
-Kronwetter und Eulenburger zu vereidigen. Eulenburger weigert sich, den
-Eid zu leisten, weil er glaubt, sich damit ein Verfahren wegen Meineids
-zuzuziehen. Er bleibt aber dabei, jetzt vor Gericht die Wahrheit gesagt
-zu haben. Auf Antrag des Staatsanwalts wird er wegen Eidesverweigerung
-in die gesetzlich zulässige Höchststrafe genommen.
-
-Der Vorsitzende läßt den Prozeßbeteiligten die Photographien der Spitzel
-Schreiber und Toifl vorlegen (3. Verhandlungstag).
-
-Der Angeklagte Hoppe glaubt in Toifl mit Sicherheit den Mann zu
-erkennen, der ihm in der Winklerschen Wohnung die Flasche mit Morphium
-und den Strick anbot; das Gesicht des Schreiber ähnle dem des einen
-Feldgrauen, der bis zuletzt in der Winklerschen Wohnung war.
-
-Der Angeklagte Fichtmann gibt folgende Erklärung ab:
-
-„Am 3. oder 4. August 1919, also einige Tage nach dem Mord und vor
-Auffindung der Leiche, kam ich auf die Redaktion des „Hammer der
-Gleichheit“; dessen Herausgeber war der Genosse Heinrich. Dort lernte
-ich einen Mann kennen, der sich Schweizer nannte. Heinrich wollte eben
-einen Artikel gegen den Terror schreiben und wir sprachen darüber; der
-Schweizer widersprach dieser Tendenz und erzählte dabei, erst vor
-einigen Tagen habe er einen Spitzel namens Blau entlarvt. Auf die Frage,
-was er denn mit Blau gemacht habe, erklärte er wörtlich: Blau ist
-erledigt. – Ich erkenne in der Photographie des Schreiber diesen Mann.“
-
-Der Staatsanwalt beantragt hierauf, den Heinrich als Zeugen zu laden. Am
-nächsten Tage wird festgestellt, daß Heinrich sich zur Zeit in Moskau
-aufhält.
-
-Zu Beginn des 6. Verhandlungstages teilt R.-A. Dr. S. Weinberg mit, daß
-die Angeklagten Hoppe und Fichtmann plötzlich in andere Zellen verlegt
-wurden und fragt, was es damit für Bewandtnis habe. Der Vorsitzende
-erklärt, daß vom Gericht aus keine Veranlassung oder Anordnung in dieser
-Richtung erteilt worden sei.
-
-In den Verhandlungen über den Hergang der Tat selbst steht in erster
-Linie die Vernehmung des Lederarbeiters Max Leuschner (5.
-Verhandlungstag):
-
-„Ende Mai 1919 erschien in einer von mir geleiteten Versammlung Blau und
-erklärte, daß ein gewisser Bomin Regierungsspitzel sei. Tatsächlich
-wurde Bomin nachher entlarvt. Blau hetzte in außerordentlicher Weise
-gegen Bomin, so daß ich all meinen Einfluß aufbieten mußte, um
-Unbedachtsamkeiten zu verhüten; denn die Arbeiterschaft war gerade in
-diesen Wochen sehr erregt.
-
-„Nachträglich erschien mir das Benehmen des Blau verdächtig und ich
-beschloß, Erkundigungen über ihn einzuziehen. Da kam zu mir der
-ebenfalls später als Spitzel entlarvte Strolz; dieser gehörte einer
-Untergruppe meines Bezirks an und war von dieser sogar zum
-_Gruppenführer_ gewählt worden; ich hatte ihn aber nicht bestätigt, weil
-ich ihn kaum kannte. Dieser erzählte mir, daß nicht nur Bomin ein
-Spitzel sei, sondern der Blau selbst sei ein noch viel gefährlicherer
-Spitzel.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Also hätte ein Spitzel den anderen verraten?“
-
-Zeuge Leuschner:
-
-„Das ist bei diesen Leuten gang und gäbe; sie bekämpfen sich in der
-rücksichtslosesten Weise.“
-
-Auch die Kriminalbeamten bestätigen diese Tatsache (3., 4.
-Verhandlungstag).
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg zu Dr. Riemann:
-
-„Wenn in so erregten Zeiten ein Spitzel den anderen an die Kommunisten
-verrät, ist das nicht geradezu eine _Aufforderung zum Mord_?“
-
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-
-„_Darauf kann ich keine Antwort geben._ –“
-
-Zeuge Leuschner:
-
-„Ich fragte den Strolz, woher er das wisse. Darauf erzählte er mir, er
-habe als Student der Chemie Beziehungen zu militärischen Kreisen und
-höre so durch Kollegen und Bekannte auch mancherlei. Diese Erklärung
-schien mir nicht zufriedenstellend und ich beschloß, mir auch den Strolz
-näher anzusehen. Als mir auffiel, daß er sich bei mehreren Anlässen nach
-der Zentrale der Kommunistischen Partei erkundigte, stellte ich ihm eine
-Falle; ich erzählte ihm einmal nebenbei, daß ich am anderen Morgen in
-die Zentrale müsse, und wirklich war ich an diesem Tag von meiner
-Wohnung ab durch drei Spitzel verfolgt. Da wußte ich, daß auch Strolz
-ein Spitzel ist.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Unternahmen Sie etwas gegen Strolz?“
-
-Zeuge Leuschner:
-
-„Nein. Ich warnte einige zuverlässige Leute und ließ ihn ruhig neben uns
-herlaufen. Er kam auch immer wieder zu mir und erzählte dabei oft von
-Blau. So sagte er besonders, daß Blau im Ruhrgebiet furchtbar unter
-unseren Leuten gewütet hatte.
-
-„Eines Tages wurden für mich von unbekannter Seite _zwei Briefe_
-abgegeben, die Material gegen Blau enthielten: Schriftstücke an
-rechtsradikale Stellen. Ich zeigte die Sachen dem Strolz, der sehr
-überrascht war.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Hatten Sie den Eindruck, daß Strolz Ihnen die Blätter zustellen ließ?“
-
-Zeuge Leuschner:
-
-„Nein. Ich hatte eher den Eindruck, daß Strolz ehrlich überrascht war.
-Wir sprachen natürlich über die Herkunft der Dokumente, an deren
-Echtheit nicht zu zweifeln war. Sie mußten von einer militärischen
-Nachrichtenstelle kommen. Der Ansicht war auch Strolz. Ich selbst muß
-mich heute fragen: wie kamen die Leute gerade auf meine Adresse – wenn
-sie nicht wußten, daß ich so schon über Blau orientiert war. Ich nehme
-also an, daß die betreffende Stelle die Absicht hatte, den Blau, der ihr
-selbst lästig war, zu verraten und durch die Kommunisten das Weitere
-besorgen zu lassen. Ich nehme das auch deswegen an, weil ich glaube, daß
-Strolz auf speziellen Auftrag hin mir den Blau denunziert hat. Denn so,
-wie ich ihn kenne, traue ich ihm doch nicht zu, aus eigenem Antrieb eine
-solche Intrige zu inszenieren.
-
-„Ich tat in dieser Angelegenheit nichts. Aber, als in der Versammlung in
-der Mittenwalder Straße am 31. Juli, die eine geschlossene Versammlung
-war, gegen 9 Uhr Blau auftauchte, konnte ich mich nicht halten und sagte
-ihm auf den Kopf zu, daß er ein Spitzel sei. Blau bestritt das energisch
-und verlangte, dem Strolz gegenübergestellt zu werden, der ihn
-bestätigen könne. Er verlangte das immerzu, aber – da doch gerade Strolz
-ihn verraten hatte, lag mir an dieser Gegenüberstellung nicht viel und
-ich betrieb sie nur, um durch Verzögerung die allgemeine Erregung zu
-mildern. Übrigens besaß Blau eine Einlaßmarke in die geschlossene
-Versammlung; wo er die herhatte, habe ich nie erfahren, ... vermutlich
-von Strolz, den er ja kannte und der zu meiner Sektion gehörte.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Wußten Sie, warum Blau den Strolz verlangte?“
-
-Zeuge Leuschner:
-
-„Damals war mir das unklar. Aber später hörte ich, daß Strolz in der
-Zwischenzeit bei Blau in München gewesen war, dort gesagt hatte, er käme
-von mir, und in meinem Namen Material über die Rechtsleute von Blau
-gekauft hatte. Das Geld dazu hatte er übrigens nicht von der
-kommunistischen Partei. – Blau, der nicht wußte, daß Strolz selbst ein
-Spitzel war und sein Doppelspiel entlarvt hatte, wollte den Strolz zur
-Bestätigung, daß er unter der Maske eines Spitzels für die Kommunisten
-arbeite.
-
-„Unten auf der Straße trat ein unbekannter Mann zu mir und sagte, wir
-sollten den Blau festhalten, bis er einen Münchner Genossen gebracht
-habe, der bestätigen könne: Blau habe den Auftrag, in der Schweiz den
-Genossen _Platten für 80000 M. zu ermorden_.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Tatsächlich finden sich in den Briefen des Blau Entwürfe und Kopien
-einer Korrespondenz mit schweizerischen Offizieren.“
-
-Zeuge Leuschner:
-
-„Um die Leute nicht noch mehr zu erregen, sagte ich dem Mann, er solle
-nur ruhig sein. Der Mann fuhr dann mit Hoppe fort, angeblich, um den
-Strolz zu holen. In der Zwischenzeit gelang es mir, die Leute zu
-besänftigen und die meisten gingen nach Hause. Als Hoppe dann erfolglos
-zurückkam, hielt ich die Angelegenheit eben für erledigt und ging auch
-schlafen – denn solche Entlarvungen passierten damals nicht allzu
-selten, und, wenn im ersten Moment Unbedachtes vermieden wurde, war die
-Gefahr vorüber.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Das Zwischenspiel mit dem Münchner ist mir neu.“
-
-Zeuge Leuschner:
-
-„Ja; ich habe der Versammlung nichts darüber gesagt, sondern die Meinung
-aufrechterhalten, daß es sich um Strolz handele. Als dann der Münchner
-nicht kam, hatte ich erst recht keinen Anlaß, zu reden.
-
-„Ich habe dann von Blau erst wieder gehört, als die Nachricht seines
-Todes in der Zeitung stand. An diesem Tage, während ich aus war, _kam
-Strolz_ zu meiner Frau und sagte ihr, _wir müßten verschwinden_. Er gab
-meiner Frau einen Fahrtausweis für sechs Personen. Ich konnte mir dieses
-Vorgehen nicht recht erklären; kam dann zu dem Resultat, daß nicht
-Strolz auf eigene Faust, sondern irgendwelche Behörden die Hand im
-Spiele hatten – und glaubte, daß es auf mich abgesehen war. Da zog ich
-es vor, zu fliehen.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Von einem Todesurteil der Versammlung gegen Blau ist Ihnen nichts
-bekannt?“
-
-Zeuge Leuschner:
-
-„Nein. Derartige Geschichten sind Erfindung.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Kennen Sie einen gewissen Samson?“
-
-Zeuge Leuschner:
-
-„In der ersten Nacht, in der ich in Haft war, wurde ich plötzlich in
-eine andere Zelle gebracht. In dieser befand sich Samson. Ich hatte
-sofort heraus, daß er ein Spitzel war, und ließ mich nicht mit ihm ein.
-Auch sein Angebot, mir Nachrichten nach außerhalb zu befördern, lehnte
-ich ab. Die Aussagen, die Samson am nächsten Tage dem Kriminalkommissar
-machte, sind erlogen.“
-
-Der nächste Zeuge Thiessen war Referent in der Mittenwalder Straße. Er
-hat von Leuschner einige dem Blau abgenommene Papiere erhalten und
-später vernichtet. Auch dieser Zeuge wurde durch den Spitzel Samson der
-Mittäterschaft bezichtigt und schwer belastet. Der Zeuge kennt den
-Samson daher, daß er ihm als bedürftiger Kommunist vorgestellt wurde; er
-hat ihn auch mit Geld unterstützt und verpflegt. Seine Aussagen ergeben
-nichts Neues. Samson selbst war nicht erschienen.
-
-Der Zeuge Dahms wurde ebenfalls von Samson der Mittäterschaft
-bezichtigt. Er wurde daraufhin aus Dänemark, wo er sich damals aufhielt,
-herbeigeschafft. Er erklärte, von der ganzen Sache gar nichts zu wissen
-und völlig unschuldig und unberechtigt hineingezogen zu sein. Seine
-Angelegenheit gibt Anlaß zu Auseinandersetzungen zwischen Verteidigung
-und Staatsanwaltschaft derart, daß der Vorwurf erhoben wurde, die
-Untersuchungsbehörde könne wohl unschuldige Kommunisten aus Dänemark
-herbeischaffen, aber es gelänge ihr nicht, die der Mittäterschaft
-dringend verdächtigen Polizeispitzel Toifl, Strolz und Schreiber aus
-Deutschland resp. der Schweiz vor Gericht zu bringen (3. und 6.
-Verhandlungstag).
-
-Die Vereidigung des Leuschner wird wegen Verdachtes der Mittäterschaft
-vom Gericht abgelehnt.
-
-Bei dem Zeugen Georg Pohl haben Hoppe und Blau die Nacht vor dem Mord
-verbracht. Der Zeuge hat in der Voruntersuchung sehr belastende Aussagen
-über Hoppe und Winkler gemacht. Bei seiner Vernehmung (4.
-Verhandlungstag) berichtet er nochmals die Vorgänge in der Versammlung
-und auf der Straße. Blau habe erklärt, er werde sich rechtfertigen – und
-er werde nicht eher von den Genossen weggehen, bis er sich
-gerechtfertigt habe. Da Blau kein Quartier hatte, habe er seine Wohnung
-zur Verfügung gestellt.
-
-Vorsitzender:
-
-„Blau wurde also nicht gefangen gehalten?“
-
-Zeuge Gg. Pohl:
-
-„Nein. Er wollte uns nicht verlassen, ehe alles klargestellt sei.“
-
-Der Zeuge erzählt weiter die bekannten Vorgänge: wie er am nächsten Tage
-Blau und Hoppe bis zur Winklerschen Wohnung in der Großbeerenstraße
-begleitet habe; dann nach Hause gegangen sei; dann am späteren Abend
-wieder zurückgekommen sei, um zu erfahren, was aus der Sache geworden
-sei. Auf der Straße habe er Schröder getroffen, bei dem er plaudernd
-stehengeblieben sei; nach einer Weile sei ein Mann gekommen, der sie
-aufforderte, zu helfen. Da sei Schröder weggegangen und er habe gesehen,
-wie eine Gruppe von Leuten an die Brücke kam und ein Paket ins Wasser
-warf. Erst später habe er die Erklärung dieser Vorgänge erfahren.
-
-Vorsitzender:
-
-„In der Voruntersuchung haben Sie Fichtmann als einen der Männer
-bezeichnet, die aus dem Hause traten.“
-
-Zeuge Pohl, nach Gegenüberstellung mit Fichtmann:
-
-„Ich kann diese Aussage nicht aufrechterhalten, denn es war dunkel und
-ich stand auf der anderen Seite der Straße.“
-
-Es folgt ein mehrstündiges Kreuzverhör, in dem die Protokolle der
-Voruntersuchung einzeln durchgegangen werden. Der Zeuge Pohl kann sich
-an manches nicht mehr erinnern, andere Angaben zieht er zurück, andere
-bezeichnet er als unwahr.
-
-Staatsanwalt:
-
-„Sind Sie von kommunistischer Seite beeinflußt oder bedroht worden?“
-
-Zeuge Pohl:
-
-„Nein.“
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Fühlten Sie sich in der Voruntersuchung zu Ihren Aussagen gepreßt oder
-gedrängt?“
-
-Zeuge Pohl:
-
-„Vielleicht durch die Aussicht freizukommen ... Aber die Hauptsache ist,
-ich war völlig zusammengebrochen und wußte nicht mehr, was ich sagte.
-Ich dachte nur daran freizukommen und sagte zu allem ‚Ja, ja‘!“
-
-Kriminalkommissar Maslack bestätigt (5. Verhandlungstag), daß Pohl in
-völlig zusammengebrochenem Zustand ein Geständnis ablegte, in dem Hoppe
-und Fichtmann als Täter bezeichnet wurden. Er habe den Eindruck, daß
-Pohl damals die Wahrheit gesagt habe.
-
-Landgerichtsrat Marquardt, der die Voruntersuchung leitete, berichtet
-nach dem Gedächtnis die damalige Aussage des Pohl über den Hergang der
-Tat und betont, daß auch er den Eindruck der Wahrheit hatte.
-
-Zeuge Pohl:
-
-„Ich kann diese Aussagen nicht aufrechterhalten, ich war damals völlig
-von Sinnen und nicht mehr Herr meiner Worte. Ich habe ausgesagt und
-ausgesagt und nur das eine gedacht: Freikommen!“
-
-Der Zeuge betont dann, daß er bereits am 10. Dezember 1919 einen Brief
-an Kriminalkommissar Maslack schrieb und darin seine Aussagen widerrief.
-
-Es erheben sich über diesen Zeugen noch erregte Debatten. Das Gericht
-beschließt, die Vereidigung des Pohl noch aufzuschieben.
-
-Auf die Vernehmung des Zeugen Geißler, der mit Blau und Hoppe bei Pohl
-übernachtet hat, sich aber auf nichts mehr besinnen kann, wird allseitig
-verzichtet (6. Verhandlungstag).
-
- * * * * *
-
-Von neuem wendet sich das Interesse dem Spitzel Toifl zu; und damit der
-Orlowsky-Affäre, wegen der Fichtmann verurteilt ist.
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg zu Dr. Riemann (3. Verhandlungstag):
-
-„Ist Ihnen bekannt, daß Oberleutnant Graf Westarp aus der Bendlerstraße
-dem Spitzel Toifl den Auftrag gab, Fichtmann zu vernichten?“
-
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-
-„Nein.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Ist Ihnen bekannt, daß der Spitzel Toifl das dem Diamantenhändler
-Orlowsky geraubte Geld mit Genehmigung seiner Dienststelle für sich
-behalten hat?“
-
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-
-„Nein.“
-
-Am 6. Verhandlungstag erscheint der auf Antrag der Verteidigung geladene
-Friseur Meyer, um über Toifl auszusagen: Meyer war mit Toifl sehr
-befreundet und Toifl hatte ihm auch von dem Plan gegen Orlowsky erzählt;
-er hatte ihn dringend aufgefordert, selbst mitzumachen. Er, Meyer, habe
-aber abgelehnt und auch versucht, den Toifl von solchen Plänen
-abzubringen, die doch der Partei gar nichts nützen könnten.
-
-Vorsitzender:
-
-„Wurde nicht davon gesprochen, daß die _Terrorkasse zu Propagandazwecken
-aufgefüllt_ werden müsse.“
-
-Zeuge Meyer:
-
-„Mag sein, aber ich lehne auch den Terror ab und stritt darüber mit
-Toifl, dem ich damals als Freund vertraute.“
-
-Der Bruder des Angeklagten Fichtmann:
-
-„Toifl hat den Überfall auf Orlowsky dann selbst gemacht.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Woher wissen Sie das so genau?“
-
-Zeuge Fichtmann:
-
-„Weil gar nicht mein Bruder an dem Überfall teilgenommen hat, _sondern
-ich selbst_!“ –
-
-Allgemeines Erstaunen, Debatten.
-
-Zeuge Meyer:
-
-„Toifl sprach dann noch von einer anderen großen Sache, die er vorhatte:
-wenn die glücke, dann sei ein großer Spitzel erledigt. Das machte mich
-zuerst mißtrauisch gegen ihn, denn so spricht kein Kommunist.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Wieso?“
-
-Zeuge Meyer:
-
-„Von ‚große Sache‘ und ‚wenn es glückt‘: das sind die Redensarten der
-Lockspitzel; man kennt das.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Hat Toifl öfter zu Gewalttaten aufgefordert?“
-
-Zeuge Meyer:
-
-„Stets.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Hat Toifl auch gesagt, daß die K. P. D. zu schlapp sei?“
-
-Zeuge Meyer:
-
-„Ja, er drängte auf terroristische Akte.“
-
-–: Da teilt der Staatsanwalt mit, daß an ihn ein Schreiben des Toifl
-gekommen sei: dieser wolle sich als Zeuge zur Verfügung stellen, falls
-ihm genügender polizeilicher Schutz zugebilligt werde.
-
-
- Der Lockspitzel als Zeuge.
-
-(Um Längen zu vermeiden, ist der größte Teil des schon Erwähnten nicht
-nochmals gebracht. Ferner wurde wegen der Eigenart des Inhalts der
-größte Teil des Dialogs im Wortlaut der Zeitungsberichte, besonders der
-unabhängig-sozialdemokratischen Freiheit übernommen, Nr. 256 und 258;
-2., 3. Juli 1920.)
-
-Am sechsten Verhandlungstage erscheint unter starker polizeilicher
-Bewachung der Spitzel Toifl. Der Vorsitzende macht darauf aufmerksam,
-daß er bei der ersten Belästigung des Zeugen sowie bei Mißfallens- oder
-Beifallsäußerungen sofort den Zuhörerraum räumen lassen würde.
-
-Toifl gibt seine Personalien an.
-
-Vorsitzender:
-
-„Sind Sie Polizeiagent?“
-
-Toifl:
-
-„Nein.“
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Welchen Beruf üben Sie jetzt aus?“
-
-Toifl:
-
-„Ich bin Bureauangestellter.“
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Wo wohnen Sie?“
-
-Toifl:
-
-„Darüber verweigere ich die Auskunft.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Kennen Sie die Angeklagten?“
-
-Toifl:
-
-„Nur Fichtmann.“
-
-Der Zeuge schildert dann seinen Werdegang: nach dem Kriege habe er mit
-kommunistischen Kreisen Fühlung bekommen und dadurch auch die Familie
-Fichtmann kennen gelernt. Später sei er dann beim Gruppenkommando I
-(Lüttwitz) in die Reichswehr eingetreten. Aber er habe es auch mit den
-Fichtmanns ehrlich gemeint.
-
-Vorsitzender:
-
-„Warum sind Sie in die Reichswehr eingetreten?“
-
-Toifl:
-
-„Um die Verhältnisse in der Reichswehr für die kommunistische Partei
-auszukundschaften.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Waren Sie überzeugter Kommunist?“
-
-Toifl:
-
-„Nein.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Warum wollten Sie dann für die Kommunisten kundschaften?“
-
-Toifl:
-
-„Vater Fichtmann hatte mir angeraten, zur Reichswehr zu gehen; und ich
-hatte ja mein Auskommen dort.“
-
-Der Zeuge schildert dann weiter, wie er bei der Reichswehr zum
-Unteroffizier befördert wurde, gleichzeitig auch seinen
-freundschaftlichen Verkehr mit Fichtmanns fortsetzte. Mit diesen habe er
-oft über die Kommunisten gesprochen und dabei auch von der Gründung
-einer Kampfgruppe und einer T-(Terroristen)gruppe gehört.
-
-Vorsitzender:
-
-„In der Nacht zum 31. Juli 1919 wurde der Überfall auf Orlowsky
-ausgeführt. Auf Ihr Zeugnis hin wurde deswegen der Angeklagte Max
-Fichtmann zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Nun behauptet der Bruder
-des Angeklagten, Hugo Fichtmann, daß gar nicht Max, sondern er selbst an
-dem Überfall teilgenommen hat?“
-
-Toifl:
-
-„Das ist gelogen!“
-
-Zeuge Hugo Fichtmann:
-
-„Ich wiederhole, daß Toifl der Anführer bei dem Raubüberfall auf
-Orlowsky war. Nicht mein Bruder, sondern ich war bei dem Unternehmen
-zugegen. Toifl war es, der den Orlowsky verhaftete, Toifl schlug ihm in
-der Nähe von Friedrichshagen den Gewehrkolben über den Kopf und Toifl
-feuerte den Schuß hinter ihm her.“
-
-Toifl:
-
-„Das ist alles gelogen. Die Sache verhielt sich so, wie ich sie als
-Zeuge vor dem Kriegsgericht darstellte.“
-
-Zeuge Friseur Meyer:
-
-„Ottomar Toifl, Du bringst hier nur Lügen vor. Du kannst nicht
-ableugnen, daß Du zu mir und meiner Frau von dem Überfall auf Orlowsky
-als Deinem Plan gesprochen hast. Du hast auch mich aufgefordert, daran
-teilzunehmen. Du hast dann auch von dem geplanten Mord an einem großen
-Spitzel gesprochen!“
-
-Toifl:
-
-„_Das ist alles nicht wahr!_“
-
-Der Vater des Fichtmann bekundet, daß Toifl dauernd zu terroristischen
-Akten hetzte.
-
-Vorsitzender:
-
-„Wir wollen zum Fall Blau kommen.“
-
-Toifl:
-
-„Am Sonnabend, dem 2. August, kam ich in das Lokal von Fichtmann. Max
-Fichtmann war abwesend und ich erfuhr auf meine Frage, daß er von einem
-Kurier der T-Gruppe abgeholt worden sei.“
-
-Der Vorsitzende lehnt einige Unterbrechungsversuche ab und bittet, sich
-zu gedulden und den Zeugen referieren zu lassen.
-
-Vorsitzender:
-
-„Wo tagte die T-Gruppe?“
-
-Toifl:
-
-„Das weiß ich nicht. – Ich blieb am 2. August bis gegen 2 Uhr nachts im
-Lokal von Fichtmann, ohne daß Max Fichtmann zurückkam. Am Sonntag hatte
-ich anderweitig zu tun, erst am Montag kam ich wieder zu Fichtmann.
-Abends sah ich Max Fichtmann und es fiel mir auf, daß er blaß und sehr
-unruhig war. Nun hatte mir bereits nachmittags ein gewisser Herms die B.
-Z. gezeigt, worin der Bericht über den Mord an Blau ...“
-
-Vorsitzender und Staatsanwalt gleichzeitig:
-
-„Sollte es am 4. August ...“
-
-R.-A. Th. Liebknecht, unterbrechend:
-
-„Ich bitte doch dringend, den Zeugen sprechen zu lassen!“
-
-Toifl wird jetzt stutzig (die Leiche wurde erst am 7. August gefunden!),
-überlegt einige Sekunden und sagt dann:
-
-„Ich irre mich wohl in diesem Punkte, denn die Nachricht stand, glaube
-ich, erst am Donnerstag in der B. Z. ..., aber ich habe noch am
-Montagabend im Lokal von Obst durch einen gewissen Fascheck nähere
-Mitteilung über den Mord erhalten. Ich habe darüber einen Bericht
-geschrieben und an die Kriminalpolizei gelangen lassen.“
-
-Vorsitzender:
-
-„An wen haben Sie die Anzeige gemacht?“
-
-Toifl:
-
-„Darüber _verweigere ich die Aussage_.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Sie sind verpflichtet, diese Aussage zu machen.“
-
-Toifl:
-
-„Ich habe den Bericht durch einen Mittelsmann an Kriminalwachtmeister
-Helmka überbringen lassen.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Bei der Garde-Kavallerie-Schützendivision?“
-
-Toifl:
-
-„Ich glaube. Durch Helmka kam das Schreiben an Kriminalkommissar Dr.
-Riemann, der mich später auch vernommen hat.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Haben Sie sonst noch Angaben über den Fall Blau?“
-
-Toifl:
-
-„Nein.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Sie haben hier einiges erzählt, was Sie in der Voruntersuchung
-verschwiegen haben; warum taten Sie das?“
-
-Toifl:
-
-„Ich hatte von meiner vorgesetzten Stelle nur den Auftrag, auf den Mord
-hinzuweisen, nicht aber den, ihn aufzuklären. Infolgedessen habe ich
-damals auch nur einen Hinweis gegeben.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Wer war Ihre vorgesetzte Stelle?“
-
-Toifl:
-
-„Darauf _verweigere ich die Antwort_.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Wir werden davon noch sprechen. Warum wollte Ihre vorgesetzte Stelle
-nur Hinweise?“
-
-Toifl:
-
-„Das weiß ich nicht.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Sie hatten also bestimmten Auftrag, nur mitzuteilen, daß Blau von
-Kommunisten ermordet wurde?“
-
-Toifl:
-
-„Ja.“
-
-Kriminalkommissar Dr. Riemann gibt Auskunft über die Vernehmung des
-Toifl und vermutet, daß dieser aus Angst seine genauere Kenntnis
-verschwiegen habe.
-
-Toifl:
-
-„Das stimmt. Wenn ich mehr ausgesagt hätte, hätte ich befürchten müssen,
-mein Leben zu gefährden.“
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Diese Befürchtung ist doch hinfällig, da Sie Ihre Angaben anonym
-gemacht haben.“
-
-Toifl:
-
-„Man hätte trotzdem die Quelle erraten können.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Angeklagter Fichtmann, was sagen Sie zu den Bekundungen des Toifl?“
-
-Angeklagter Max Fichtmann:
-
-„Ich erkläre, daß alles, was er gesagt hat, blanker Schwindel ist.
-Ferner, daß Toifl am Sonnabend, dem 2. August, überhaupt nicht in meinem
-Lokal gewesen ist.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg zu Toifl:
-
-„Haben Sie vom Oberleutnant Grafen Westarp den Auftrag erhalten,
-bestimmte unbequeme Leute zu beseitigen?“
-
-Toifl:
-
-„Nein.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Haben Sie diesen oder einen inhaltähnlichen Auftrag des Grafen Westarp
-vielleicht durch Vermittlung des Kaufmanns Grabant bekommen?“
-
-Toifl:
-
-„Darüber _verweigere ich die Aussage_.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Haben Sie irgendwelche Aufträge von einem Hauptmann von Ledebur
-bekommen?“
-
-Toifl:
-
-„Nein.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Sie können das beeiden?“
-
-Toifl _schweigt_.
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Ich werde Zeugen für die in Frage gestellten Tatsachen erbringen. –
-Haben Sie ferner Formeln zu kommunistisch-terroristischen Eiden mit der
-Schreibmaschine geschrieben und in 15-20 Exemplaren an Kommunisten
-verteilt?“
-
-Toifl:
-
-„Nein.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Haben Sie hierbei auch in keiner Weise mitgewirkt?“
-
-Toifl:
-
-„Wenn ich es habe, dann auf Befehl von Fascheck.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Dieser Ihr Auftraggeber Fascheck ist wohl derselbe, der Ihnen
-Mitteilungen über den Fall Blau machte?“
-
-Toifl:
-
-„Ja.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Und der ist heute wohl nicht aufzufinden?“
-
-Toifl:
-
-„Das weiß ich nicht.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Sie haben doch selbst auf solche Eidesformeln schwören lassen?“
-
-Toifl:
-
-„Nein.“
-
-Vorsitzender:
-
-„Diese Frage hat aber doch mit der Ermordung des Blau so gut wie nichts
-zu tun!“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Ich stelle diese Fragen, um zu beweisen, daß die auch in der
-Anklageschrift genannten T-Gruppen und Mörderzentralen nichts weiter
-sind als Ausgeburten einer Spitzelphantasie. – Also, Zeuge, besinnen Sie
-sich noch einmal!“
-
-Toifl:
-
-„Ich gebe zu, daß ich gelegentlich die Ablegung eines solchen Eides
-gefordert habe.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Haben Sie versucht, den aufgelösten roten Soldatenbund neu zu gründen?“
-
-Toifl:
-
-„Nein.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Aber vielleicht haben Sie dabei mitgewirkt?“
-
-Toifl:
-
-„Das ist möglich.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Es ist seltsam, daß der Zeuge sich immer erst besinnen muß, ehe er sich
-erinnert; dazu braucht es eine zweite Frage. Ich glaube, wenn sich der
-Zeuge länger besinnen könnte, er möchte uns noch viel mehr erzählen! –
-Haben Sie jemals zu Gewaltakten, Mordtaten, Plünderungen aufgefordert?“
-
-Toifl:
-
-„Nein.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Haben Sie dazu aufgefordert, die Polizeiagentin Schröder-Mahnke zu
-ermorden?“
-
-Staatsanwalt:
-
-„Ich mache darauf aufmerksam, daß der Zeuge auf diese Frage die Antwort
-verweigern kann.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Statt daß der Herr Staatsanwalt beiträgt, derartige Kapitalverbrechen
-aufzuklären, verhindert er die Beantwortung darauf hingehender Fragen.“
-
-Staatsanwalt:
-
-„Es ist meine Pflicht, den Zeugen in Schutz zu nehmen, wenn er von der
-Verteidigung terrorisiert wird.“
-
-Der Vorsitzende greift ein und bittet, die Leitung der Verhandlung ihm
-zu überlassen; er habe allerdings nicht feststellen können, daß der
-Zeuge terrorisiert werde. R.-A. Dr. S. Weinberg wiederholt seine Frage.
-
-Toifl _verweigert die Aussage_.
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Haben Sie innerhalb der kommunistischen Partei versucht oder
-aufgefordert, eine sogenannte militär-polizeiliche Abteilung zu
-gründen?“
-
-Toifl gibt dies nach einigen Umschweifen zu.
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Haben Sie dazu aufgefordert: Druckereien zu überfallen und mit
-vorgehaltenen Waffen den Druck von Flugblättern zu erzwingen, deren Text
-Sie mitbrachten?“
-
-Toifl:
-
-„Ich habe einen solchen Befehl nicht erteilt; aber es ist möglich, daß
-ich ihn weitergegeben habe.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Haben Sie einen solchen Auftrag von Ihren Vorgesetzten, etwa von
-Hauptmann von Ledebur oder dem Oberleutnant Graf Westarp erhalten?“
-
-Toifl _verweigert die Aussage_.
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Haben Sie eine Liste aufgestellt mit Namen von Spitzeln, die ermordet
-werden sollten?“
-
-Toifl:
-
-„Nein.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Haben Sie mit anderen Raubzüge unternommen und dazu Uniformen,
-Stahlhelme und Waffen der Reichswehr geliefert?“
-
-Toifl:
-
-„Darüber _verweigere ich die Aussage_.“
-
-Vorsitzender, gleichzeitig:
-
-„Fragen, die sich auf den Fall Orlowsky beziehen, bitte ich zu
-unterlassen, da dieser Fall hier nicht zur Verhandlung steht und
-erledigt ist.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Jawohl, der Fall ist erledigt! Fichtmann ist verurteilt, aber der
-Anführer Toifl steht hier und ist frei!“
-
-Vorsitzender:
-
-„Zeuge, beantworten Sie also die Frage; Sie haben ein Recht zur
-Verweigerung nur, wenn Sie sich durch Ihre Antwort einer strafbaren
-Handlung beschuldigten.“
-
-Toifl:
-
-„_Ich verweigere die Antwort_ auf diese und alle weiteren Fragen, die
-sich auf den Fall Orlowsky beziehen.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Haben Sie für die Ausführung oder Übermittlung der Ihnen durch Westarp
-und von Ledebur erteilten Aufträge Geld erhalten?“
-
-Toifl _verweigert die Aussage_.
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Hat Ihnen Ihre vorgesetzte Behörde gestattet, in Ausführung der
-Aufträge geraubtes Geld zu behalten?“
-
-Toifl _verweigert die Aussage_.
-
-Vorsitzender:
-
-„Fürchten Sie, durch Beantwortung sich einer strafbaren Handlung zu
-bezichtigen?“
-
-Toifl:
-
-„Jawohl.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Das genügt mir. – Haben Sie im August vergangenen Jahres unter dem
-Vorwand, bolschewistisches Propagandamaterial zu beschlagnahmen, 4000 M.
-geraubt und dafür eine Quittung ausgestellt?“
-
-Toifl:
-
-„Nein.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Sie können das beeiden?“
-
-Toifl:
-
-„Wenn ich es getan hätte, hätte ich meine vorgesetzte Behörde davon in
-Kenntnis gesetzt.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Ich könnte den Beweis dafür antreten; aber, um die Verhandlung nicht in
-die Länge zu ziehen, würde ich mich begnügen, wenn Sie die Aussage
-verweigern, weil Sie befürchten, sich einer strafbaren Handlung zu
-bezichtigen.“
-
-Toifl:
-
-„_Ich verweigere die Aussage._“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Das genügt mir.“
-
-R.-A. Th. Liebknecht zu Toifl:
-
-„In welchem Bureau sind Sie tätig?“
-
-Toifl _verweigert die Aussage_.
-
-R.-A. Th. Liebknecht führt aus, die Verteidigung müsse auf der Frage
-bestehen, da diese Stelle wahrscheinlich auch mit dem Mord an Blau in
-Verbindung zu bringen sei. Toifl erwidert, er könne aus Sorge um seine
-Sicherheit und Angst vor den Kommunisten seine Arbeitsstätte nicht
-nennen; ein Gerichtsbeschluß gibt ihm recht.
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Haben Sie für irgendeine Stelle oder Person eine provokatorische
-Tätigkeit in der kommunistischen Partei ausgeübt?“
-
-Toifl fragt an, ob er verpflichtet sei, diese Frage zu beantworten. Nach
-Belehrung durch den Vorsitzenden _verweigert er die Aussage_.
-
-R.-A. Th. Liebknecht:
-
-„Würden Sie sich im Falle der Antwort einer strafbaren Handlung
-bezichtigen?“
-
-Toifl:
-
-„Ich glaube.“
-
- * * * * *
-
-Es folgen noch einige Zeugen zum Verhör des Toifl.
-
-Die Frau des Toifl gibt an, Mutter Fichtmann habe anläßlich der
-Verhaftung ihres Sohnes geäußert: sie würde sich aufhängen, wenn ihr
-Sohn wegen Blau verhaftet sei. Frau Fichtmann bestreitet diese Aussage.
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg fragt Frau Toifl, was sie über den Fall Orlowsky
-wisse. Frau Toifl _verweigert die Aussage_.
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„War Ihr Mann bei der antibolschewistischen Liga beschäftigt?“
-
-Vorsitzender:
-
-„Diese Frage ist unerheblich.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Nein, denn Blau war bei der antibolschewistischen Liga, der Spitzel
-Strolz hat ihn verraten: es ist möglich, daß der ganze Mordplan von der
-antibolschewistischen Liga ausging.“
-
-Frau Toifl:
-
-„Ich habe mich nicht um die Beschäftigung meines Mannes gekümmert.“
-
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-
-„Bekamen Sie öfter den Besuch eines Kaufmanns Grabant?“
-
-Frau Toifl:
-
-„Darüber _verweigere ich die Aussage_.“
-
-Zeugin Frau Simanowski erzählt, daß Toifl in ihrem Bezirk Bezirksleiter
-der Kommunistischen Partei war. Er habe sich immer an die jungen Leute
-herangemacht und sie zu Gewalttaten aufgefordert. So habe sie ihn selbst
-sagen gehört: das Aas, die Schröder-Mahnke, sei Spitzelin und müsse
-umgebracht werden. Ein andermal habe er geäußert, Meyer und Faust müßten
-beseitigt werden.
-
-Vorsitzender:
-
-„Sie haben also gehört, daß Toifl zum Mord aufforderte?“
-
-Zeugin Simanowski:
-
-„Es ist, wie ich gesagt habe.“
-
-Zeugin Frau Meyer erinnert sich genau, daß Toifl Ende Juli oder Anfang
-August 1919 in Gegenwart ihres Mannes erzählt habe, er und noch einige
-andere, die er mit Uniformen und Waffen der Reichswehr ausgerüstet habe,
-hätten auf Grund seines Noske-Ausweises am Molkenmarkt einen Mann
-verhaftet, nach Friedenshagen verschleppt und dort ausgeraubt. Dabei
-habe Toifl auch die große Sache mit dem Spitzel erwähnt, den er
-erledigen wollte.
-
- [Illustration: Spitzelausweis einer Schwarzen Schar.]
-
-Toifl erklärt, die Aussagen der Zeugen seien lauter Lügen.
-
-Zeuge Erwin Thun schildert, wie Toifl in seiner Wohnung die
-militärpolizeiliche Abteilung gründete. Gleichzeitig wurden auch Leute
-auf die „Schwarze Schar“ vereidigt. Ferner habe Toifl auch ihn
-aufgefordert, den Faust zu ermorden.
-
-Zeuge Schmid bekundet Aufforderungen des Toifl zum Diebstahl. „Die
-Genossen sollten sich keine moralischen Bedenken machen, sondern nehmen,
-wo zu nehmen sei.“ Auch habe Toifl eines Tages eine Liste gebracht, auf
-der die Namen von zwanzig Spitzeln standen, „die alle nacheinander um
-die Ecke zu bringen seien“.
-
-Toifl bestreitet all das.
-
-Zeuge Schmid erinnert sich genau einer Aufforderung Toifls zum Diebstahl
-von Linoleum für ein Parteiorgan. Toifl erklärt, die Aufforderung habe
-wohl bestanden, sie sei aber nicht von ihm, sondern von Schmid selbst
-ausgegangen.
-
-Zeuge Paul Worm ist derjenige, den Toifl in späteren Aussagen der
-Voruntersuchung als den „Franz“ der Anklageschrift bezeichnete und der
-Mittäterschaft bezichtigte. Der Zeuge bestreitet ganz entschieden, an
-der Ermordung des Blau teilgenommen zu haben. Ebenso bekundet Hugo
-Fichtmann, daß die ihm von Toifl unterschobenen Äußerungen über Worm
-völlig erlogen seien. Worm wird daraufhin dem Hoppe gegenübergestellt,
-der bestätigt, das sei nicht jener Franz, den er am Mordtage kennen
-gelernt habe. Ebenso Pohl. Worm bietet Zeugen an, daß er niemals sich
-Franz genannt habe, – wie Toifl das ausgesagt habe.
-
-Toifl bleibt bei seinen alten Angaben.
-
-Der Zeuge Bischof war Vormund des Toifl und stellt ihm ein gutes Zeugnis
-aus; besonders habe er nie gelogen.
-
-R.-A. Th. Liebknecht teilt mit, daß sich bei ihm eine Menge Leute
-gemeldet hätten, vor denen Toifl Aufforderungen zu Gewalttaten äußerte;
-aber sowohl Staatsanwalt als Richter, als auch Geschworene erklären, in
-dieser Hinsicht genügend aufgeklärt zu sein – so wird von der Vernehmung
-dieser Zeugen Abstand genommen.
-
-
- Schluß der Beweisaufnahme.
- Plädoyers.
-
-Die Verhandlung neigt sich ihrem Ende zu. Die Verteidiger betonen, daß
-die Spitzel Samson, Strolz und Schreiber noch immer auf der Zeugen- oder
-Anklagebank fehlen.
-
-Bezüglich Samson wird erklärt, daß dessen Aussagen gegen die Angeklagten
-nicht so ins Gewicht fallen, daß sie eine Änderung des Urteils bewirken
-könnten.
-
-Zum Fall Strolz berichtet R.-A. Dr. S. Weinberg, er habe inzwischen
-erfahren, daß dieser von der antibolschewistischen Liga für seine
-Tätigkeit in Sachen Blau 5000 M. erhielt. Aber er glaube, daß die
-Beweisaufnahme ein hinlänglich klares Bild dieses Mannes ergeben habe:
-man könne wohl erwägen, auf ihn zu verzichten. Diesen Verzicht sprach
-R.-A. Th. Liebknecht klar aus: nachdem der Kriminalkommissar Dr. Riemann
-selbst ausgesagt habe, Strolz habe den Blau an die Kommunisten verraten,
-habe die Verteidigung nicht mehr nötig, diesen Belastungszeugen zu
-sehen.
-
-Dagegen verlangten die Verteidiger den Schreiber. Auf Anregung des
-Vorsitzenden ändern sie ihren Beweisantrag dahin, daß Schreiber den Mord
-an Blau nicht allein, sondern in Gemeinschaft mit anderen begangen habe.
-Der Staatsanwalt erklärt sich nochmals außerstande, den Beschuldigten
-beizubringen. Daraufhin lehnt das Gericht den Beweisantrag ab, da durch
-die Aussage sowohl wie durch die eventuelle Mitschuld des Schreiber an
-der Beurteilung der Beteiligung der Angeklagten nichts geändert wird (d.
-h. die eventuelle Untersuchung gegen Schreiber wird von dem Verfahren
-gegen Fichtmann und Gen. abgetrennt – es kann aber auch heißen:
-Schreiber ist so sehr der Schuld oder Mitschuld verdächtig, daß seine
-Aussagen nicht gegen die Mitverdächtigen gewertet werden können).
-
-Bezüglich Toifl teilt Dr. Weinberg noch mit, daß dieser am 23. Juni 1919
-wegen Erpressung verhaftet wurde und in Polizeigewahrsam in der
-Dirksenstraße gekommen war. Am anderen Tage kam Oberleutnant Graf
-Westarp mit einer Bescheinigung vom Reichswehrgruppenkommando 20 und
-befreite ihn. Der Verteidiger bietet Beweis an, verzichtet aber für die
-Verteidigung darauf. Auch das Gericht legt keinen Wert auf
-Herbeischaffung der Akten und Vernehmung der Beteiligten.
-
-So wurde am achten Verhandlungstage die Beweisaufnahme geschlossen und
-der Wortlaut der Schuldfragen festgelegt.
-
-Den neunten Verhandlungstag eröffnete Staatsanwaltschaftsrat Dr. Ortmann
-mit seinem Plädoyer. Er stellte das Für und Wider der Beweisaufnahme
-gegeneinander und kam in dreistündigen Ausführungen zu folgendem Schluß:
-
-„Ich will bei der Beurteilung dieses Falles keinerlei politische
-Gesichtspunkte anlegen. Sicher, die Tat fand statt in einem Milieu von
-Politik, und dort, wo sie nicht gerade am schönsten ist, aber:
-Irgendwelche Beweise dafür, daß die politische Partei der Angeklagten,
-die kommunistische Partei, hinter der Mordtat steht, hat die Verhandlung
-nicht erbracht. Es liegt mir fern, irgendwelche Vorwürfe gegen die
-kommunistische Partei oder gegen die Gesamtheit ihrer Mitglieder zu
-erheben. Doch, diese Einschränkung hebt nicht auf: die Tatsache eines
-begangenen Mordes, den das Gericht zu ahnden hat. Noch ist es nicht
-gelungen, die Tat in ihrer Ganzheit aufzudecken, die Untersuchung in
-dieser Richtung wird weitergehen – fest steht indes, daß der Tod des
-Blau beabsichtigt war; es war Mord. Und es ist erwiesen, daß die
-Angeklagten an diesem Morde teilnahmen.“
-
-Der Staatsanwalt begründete diesen Satz ausführlich – Argumente, die
-hier nicht nochmals erörtert zu werden brauchen, weil sie aus der
-Anklageschrift bekannt sind. Am Schluß bat der Anklagevertreter, bei
-Hoppe und Fichtmann die Schuldfragen wegen Mord, bei Winkler die wegen
-Beihilfe zu bejahen.
-
-Von den Verteidigern nahm zuerst R.-A. Dr. Siegfried Weinberg das Wort.
-Zunächst geißelte er in allgemeinen Überblicken das System der
-politischen Rechtspflege in Deutschland und die verschiedenartige
-Behandlung der zahlreichen politischen Mörder von rechts und der wenigen
-von links. Er gab alsdann in großen Zügen ein Bild des Milieus, das der
-Prozeß aufgezeigt habe. An Stelle der ursprünglich auf die Anklagebank
-gesetzten Personen sei etwas anderes auf die Anklagebank gekommen: ein
-Lockspitzelsystem, wie es scheußlicher noch nie dagewesen sei. Der Kampf
-gegen dieses sei nicht Sache einer einzelnen Partei, sondern aller
-anständigen Menschen.
-
-„Der Herr Staatsanwalt hat den Alibibeweis des Angeklagten Fichtmann
-unberücksichtigt gelassen; er hat die Aussagen des Hoppe und Winkler
-ignoriert und über ihr Verhalten Behauptungen aufgestellt, für die kein
-einwandfreies Zeugnis vorhanden ist. Es ist doch so: über die
-Beteiligung des Hoppe und Winkler wissen wir effektiv nur, was die
-beiden selbst angeben: daß Hoppe den Blau verließ, als er die
-Mordabsicht der anderen ihm Unbekannten sah und nicht hindern konnte;
-daß Winkler seine Wohnung auslieh und fortging. Alles andere ist Rede
-und Widerrede, hier bezeugt und dort widerrufen.
-
-„Der Herr Staatsanwalt hat sich bei seinen Darlegungen gestützt auf die
-Angaben der Spitzel und der Kriminalbeamten, – die ihrerseits wieder
-durch Spitzel geleitet und orientiert wurden. Wir wissen, daß zur
-Aufklärung von Kapitalverbrechen der Verrat das wichtigste Hilfsmittel
-ist. Aber man sehe diese Art Zeugen an, ein Volk, über das
-Kriminalkommissar Dr. Riemann vor Gericht hier geurteilt hat. Und wenn
-dieser Mann hier sein Entsetzen ausdrückte über das politische
-Lockspitzeltum, dieser Mann, der durch den Beruf an manches gewohnt und
-sicherlich abgehärtet ist, was sollen dann wir tun?!
-
-„Meine Herrn – wenn wir Verteidiger uns damit begnügten, den Charakter
-dieser Belastungszeugen aufzudecken und den Argumenten der Anklage, die
-sich auf diese Zeugen stützt, die Argumente entgegenhielten, die sich
-aus den Aussagen der anderen Zeugen ergeben: dann wäre unsere Aufgabe
-leicht – aber sie führte nur zu dem Ziel, einer Darstellung eine strikt
-widersprechende gegenüberzustellen. Und Sie, meine Herren Geschworenen,
-müßten sich sagen, daß über dem Undurchdringlich des Ja und Nein eine
-Tat steht, die trotz allem ein Mord ist – eine Tat, die bestraft werden
-muß; und Sie würden sich sagen: Ihre Pflicht verlange von Ihnen, daß ein
-Abermals dieser Tat verhütet wird.
-
-„Wir wollen nicht zulassen, daß Schuld oder Unschuld entschieden wird
-gleich einem Würfelspiel: – je nach dem, was einer gerade glaubt. Und
-nachdem die Beweisaufnahme selbst restlose Aufklärung nicht gebracht
-hat, wollen wir eine Frage aufwerfen, die das alte römische Recht an den
-Anfang allen Strafgerichts stellte: cui bono? Wem versprach sich ein
-Vorteil?
-
-„Wer hatte den Spitzel Blau zu fürchten? – Wir wollen uns diesen Mann
-genauer ansehen. Seine Rolle als Lockspitzel in den Januarkämpfen 1919
-zu Berlin ist vom Gericht zugegeben; dann erscheint er in München, wo er
-von der „Eisernen Hand“ ein Monatsgehalt von 530 M. bezieht. Von dieser
-Stelle forderte er erpresserisch eine Extragratifikation von 500 M. und
-drohte mit Anzeige. Man stelle sich vor, wie unangenehm ein solcher
-Prozeß geworden wäre, und man stelle sich weiter vor, wie die Herren der
-„Eisernen Hand“ nun Blau gegenüberstanden. Die Antwort ist da: von
-Berlin aus, von unbekanntem Auftraggeber, wird der Spitzel Strolz nach
-München geschickt, um den Blau zu versuchen. Dem Strolz gelingt es, dem
-Blau Material über die Rechtsradikalen abzukaufen: Blau war entlarvt!
-Zwei unmittelbare Folgen sind sichtbar: erstens: Blau wird in Berlin
-durch Strolz an die Kommunisten verraten; zweitens: Blau ist der
-Münchner Polizei als unzuverlässig bekannt, wird in Haft genommen und
-ausgewiesen.
-
-„Ob Blau von München fortgelockt wurde oder ob er dem Herm als Begleiter
-sich aufdrängte, ist nicht so wichtig – vielleicht trifft beides zu.
-Tatsache bleibt, daß Blau nach seiner Entlassung aus der Münchner Haft
-ohne Mittel war und die Unterstützung der dortigen Arbeiter in Anspruch
-nahm. Tatsache ist weiter, daß auch die Münchner Arbeiter ihn bald
-durchschauten: so konnte er sich in München nicht halten, und: was
-sollte der Agent der antibolschewistischen Liga jetzt tun? ... Er mußte
-nach Berlin! ... nur nach Aussprache mit seinen Auftraggebern konnte er
-hoffen, sich zu rangieren. Und er hoffte auf eine große Sache.
-
-„Es scheint auch, daß Blau freiwillig nach Berlin fuhr; jedenfalls
-unterstand er keinem Zwange, als er die Wohnung seiner Frau besuchte. Er
-wird auch andere Leute getroffen haben: abends, als er in der
-Mittenwalder Straße auftauchte, war er im Besitz einer gültigen
-Einlaßkarte. Von wem er sie erhalten hat? Von den Kommunisten nicht –
-aber vielleicht von dem Mann, auf den er sich berief, dessen Anwesenheit
-in Berlin er wußte, dem er selbst Dokumente verkauft hatte: dem Spitzel
-Strolz, der zu Leuschners Bezirk gehörte! Es ist mehr als
-wahrscheinlich, daß dieser Strolz, der den Blau an Leuschner schon
-verraten hatte, ihn nun gerade zu diesem Leuschner schickte. Warum? Herr
-Kriminalkommissar Riemann mochte die Frage nicht entscheiden, ob der
-Verrat des Blau nicht schon Aufforderung zum Mord war.
-
-„Wer immer noch überlegte, ob Blau von München aus transportiert wurde,
-der erinnere sich, daß der Zeuge Thiessen in der Versammlung dem Blau
-kompromittierende Papiere abnahm. Hätte der Spitzel sich gefährdet
-gefühlt: er hätte die Beweise zu Hause gelassen – doch er fühlte sich
-sicher und ging ja auf neue Taten aus. Dagegen läßt sich das
-Kesseltreiben gegen das Opfer sehr schön verfolgen: zuerst verrät man
-ihn an Leuschner; als daraufhin nichts erfolgt, spielt man dem Leuschner
-Beweise in die Hand: nun könnte doch die kommunistische Zentrale sich
-rühren. Aber sie rührt sich nicht! Da kommt Blau nach Berlin und man
-schickt ihn in die Versammlung zu Leuschner. Doch er wird nicht
-totgeschlagen: da kommt ein Mann, auch ein Spitzel, erzählt, Blau habe
-den Auftrag, den Schweizer Platten für 80000 M. zu ermorden; ein
-Münchner Genosse habe die Nachricht gebracht ... Genügt das nicht?
-
-„Nun fragen wir: wie kommt ein Münchner Genosse dazu, von einem solchen
-Mordauftrag zu wissen? Sollte Blau ihn vorgezeigt haben? Oder davon
-erzählt haben – und ausgerechnet zur Mittenwalder Straße in Berlin kommt
-zufällig einer gelaufen, der darüber Bescheid weiß? – Wenn dieser
-Mordplan des Blau überhaupt bestand, konnten nur die davon wissen,
-welche die Tat bezahlen wollten; aber: die ganze Geschichte sieht aus
-nach Öl, das man ins Feuer gießt: der Münchner Genosse hütete sich auch
-sehr, zu erscheinen.
-
-„Doch Blau lebte immer noch! Am anderen Tag kommt ein Mann in die
-Pohlsche Wohnung, spricht mit Hoppe auf dem Gang; entrüstet sich, daß
-Blau noch nicht tot ist, hat Morphium: es soll Schreiber gewesen sein;
-wieder ein Spitzel, der sich allerdings hüten mußte, in die Stube zu
-gehen, da Blau ihn kannte. Hoppe lehnt ab: und am Abend erscheinen
-Fremde, die Besitz von der Wohnung ergreifen und ihre Sache selbst tun.
-
-„Meine Herren! Die Tatsache eines Mordplanes gegen Blau ist klar: es
-wurde von mehreren Seiten gegen den unsicheren Spitzel vorgegangen – und
-wenn wir nach den Urhebern fragen, müssen wir die Strolz und Schreiber,
-die Acosta und Schröder-Mahnke betrachten und ihre Auftraggeber
-erkennen. Toifl, der einzige Spitzel, den das Gericht genoß, scheint der
-am wenigsten Beteiligte zu sein; sonst wäre er kaum erschienen.“
-
-Der Verteidiger entrollte bei dieser Gelegenheit das Charakterbild der
-einzelnen in dieser Affäre tätig gewesenen Spitzel, wie es sich aus der
-Beweisaufnahme zeigt.
-
-„Man inszenierte ein Kesseltreiben; man schob den Kommunisten den
-lästigen Blau hin, als Beute; man wollte ihnen die Ausführung eines
-Urteils überlassen, das man selbst gefällt hat. Dann hatte man zwei auf
-einen Schlag: man war den Blau los und hatte neue kommunistische Greuel!
-Die Angeklagten hier sind schuldlos: es sind die Leute, denen man den
-Mord zumuten wollte, die Leute, die sich weigerten, ihn auszuführen und
-deren Besonnenheit es zu verdanken ist, daß nicht schon in der
-Versammlung, nicht schon am Kreuzberg die Tat geschah.“ –
-
-Dr. Weinberg stützte diese Auffassung ausführlichst durch die Ergebnisse
-der Beweisaufnahme und durch Parallelen zu anderen Vorfällen der Zeit.
-Er legte das Milieu dieser Spitzel bloß: wie Blau den Bomin entlarvte,
-Strolz den Blau und Toifl die Schröder-Mahnke; wie in diesen Handlungen
-die persönliche Minderwertigkeit und der Konkurrenzneid der Lockspitzel
-sich zeige, der ihre Aussagen und Zeugnisse entwerte; und, wie im Falle
-Blau, deutlich das Gemeinsame eines Vorgehens, das Auftragmäßige der
-verschiedenen parallelen Schritte erkennbar sei. Blau war der ungetreue
-Spitzel, der dem Tode verfallene.
-
-Im Gegensatz dazu hatte die Kommunistische Partei keine Veranlassung und
-keinen Nutzen vom Tode des Blau:
-
-„Überlegen Sie doch: wenn man den einen Spitzel wegschafft, tritt ein
-anderer an seine Stelle; automatisch: ist es da nicht bequemer, den
-Entlarvten zu dulden, in Sicherheit zu wiegen und in Schranken zu
-halten? Der erkannte Spitzel kann vielleicht noch vorteilhaft sein, in
-jedem Fall ist er ungefährlich und häufig sogar ergötzlich. Natürlich:
-Deutschland ist groß: man muß den Mann photographieren, die Ortsgruppen
-warnen: dann mag er ruhig wo anders auftauchen. Es ist unklug, Spitzel
-zu töten.“
-
-Hierauf ging Dr. Weinberg nochmals auf das Verhalten der Angeklagten
-ein: wie die Ergebnisse der Voruntersuchung es darstellten und die der
-Beweisaufnahme es verändert aufzeigten. Dann bat Dr. S. Weinberg darum,
-seine Klienten freizusprechen, gegebenenfalls bei Hoppe die Frage wegen
-Unterlassung der Anzeige einer strafbaren Handlung zu bejahen und sprach
-die Hoffnung aus, der Prozeß möge wenigstens die Folge haben, die
-politische Atmosphäre zu säubern und das maßlose Spitzeltum einzudämmen.
-
-R.-A. Th. Liebknecht nahm hierauf in einstündiger Rede das Wort,
-unterstrich die Ausführungen des Vorredners und schloß sich denselben in
-jeder Beziehung an. Er wandte sich alsdann der Beteiligung Winklers an
-der Tat zu und legte dar, daß diesem Angeklagten irgendeine strafbare
-Beteiligung an der Ermordung Blaus durch die Beweisaufnahme nicht
-nachgewiesen sei und forderte die Freisprechung desselben. (R.-A. Dr.
-Rosenfeld war am Erscheinen verhindert.)
-
-Nach einer kurzen Replik des Staatsanwalts und einigen Worten der
-Verteidiger bittet der Angeklagte Hoppe ums Wort und erklärt, daß ihm
-selbst nach zehntägiger Verhandlung das Eigentliche der Tat noch
-vollkommen dunkel sei; er habe den dringenden Verdacht, diejenigen, die
-am meisten hetzten, seien bezahlte Subjekte gewesen und er komme immer
-mehr zu der Überzeugung, daß Kommunisten an der ganzen Geschichte gar
-nicht beteiligt gewesen seien. Was ihn anbelange, so betone er nochmals,
-daß er all sein Wissen gestanden habe und er betone ferner seine
-ablehnende Stellung zum individuellen Terror und zur Propaganda der Tat.
-Er bäte, die entsprechenden Stellen des Programms der freien
-sozialistischen Jugend anzuhören, – und verliest dieselben.
-
-Hierauf folgte die Rechtsbelehrung der Geschworenen durch den
-Vorsitzenden. Die Schuldfragen lauteten:
-
- Fragen an die Geschworenen
- in der Strafsache
- gegen
-
- 1. den Lederarbeiter (Schankwirt) Max _Fichtmann_
-
- 2. den Kaufmann (Broschürenverkäufer) Erwin _Hoppe_
-
- 3. den Schneidergesellen Willi _Winkler_, sämtlich hier im
- Untersuchungsgefängnis.
-
- _Fragen._
-
- _Antworten._
-
- Dabei sind die §§ 307, 308
- der Strafprozeßordnung zu
- beachten:
-
- § 307. Der Spruch ist von dem
- Obmanne neben den Fragen
- niederzuschreiben und von ihm
- zu unterzeichnen.
-
- Bei jeder dem Angeklagten
- nachteiligen Entscheidung ist
- anzugeben, daß dieselbe mit
- mehr als sieben Stimmen, bei
- Verneinung der mildernden
- Umstände, daß dieselben mit
- mehr als sechs Stimmen gefaßt
- worden sind. Im übrigen darf
- das Stimmenverhältnis nicht
- angegeben werden.
-
- § 308. Der Spruch ist im
- Sitzungszimmer von dem Obmann
- kundzugeben. Der Obmann
- spricht die Worte:
-
- „Auf Ehre und Gewissen
- bezeuge ich als den Spruch
- der Geschworenen“
-
- und verliest die gestellten
- Fragen mit den darauf
- abgegebenen Antworten.
-
- 1. Ist der Angeklagte
-
- Max _Fichtmann_
-
- schuldig, zu Berlin in der Nacht vom 2. zum 3.
- August 1919 in gemeinschaftlicher Ausführung mit
- mehreren Anderen, vorsätzlich einen Menschen, den
- Inspektor Karl Blau, getötet zu haben, indem er
- die Tötung mit Überlegung ausführte?
-
- nein.
-
- 2. _Im Falle der Verneinung der Frage zu 1_:
-
- Ist der Angeklagte Max Fichtmann schuldig, zu
- Berlin in der Nacht vom 2. zum 3. August 1919 in
- gemeinschaftlicher Ausführung mit mehreren
- Anderen vorsätzlich einen Menschen, den Inspektor
- Karl Blau, getötet zu haben, indem er die Tötung
- _nicht_ mit Überlegung ausführte?
-
- nein.
-
- 3. _Im Falle der Verneinung der Frage zu 1 und
- Bejahung der Frage zu 2_:
-
- Sind mildernde Umstände hinsichtlich der Tat zu 2
- vorhanden?
-
- 4. _Im Falle der Verneinung der Fragen zu 1 und
- 2_:
-
- Ist der Angeklagte Max Fichtmann schuldig, zu
- Berlin Anfang August 1919 mehreren Anderen durch
- Rat oder Tat wissentlich Hilfe dazu geleistet zu
- haben, daß sie zu Berlin in der Nacht vom 2. zum
- 3. August 1919 einen Menschen, den Inspektor Karl
- Blau, vorsätzlich töteten, indem sie die Tötung
- mit Überlegung ausführten?
-
- nein.
-
- 5. _Im Falle der Verneinung der Fragen zu 1, 2
- und 4_:
-
- Ist der Angeklagte Max Fichtmann schuldig, zu
- Berlin Anfang August 1919 mehreren Anderen durch
- Rat und Tat wissentlich Hilfe dazu geleistet zu
- haben, daß sie zu Berlin in der Nacht vom 2. zum
- 3. August 1919 einen Menschen, den Inspektor Karl
- Blau, vorsätzlich töteten, indem sie die Tötung
- _nicht_ mit Überlegung ausführten?
-
- nein.
-
- 6. _Im Falle der Verneinung der Fragen zu 1, 2
- und 4 und Bejahung der Frage zu 5_:
-
- Sind mildernde Umstände hinsichtlich der zu 5
- bezeichneten Tat vorhanden?
-
- 7. Ist der Angeklagte Erwin Hoppe schuldig, zu
- Berlin in der Nacht vom 2. zum 3. August 1919 in
- gemeinschaftlicher Ausführung mit mehreren
- Anderen vorsätzlich einen Menschen, den Inspektor
- Karl Blau, getötet zu haben, indem er die Tötung
- mit Überlegung ausführte?
-
- nein.
-
- 8. _Im Falle der Verneinung der Frage zu 7_:
-
- Ist der Angeklagte Erwin Hoppe schuldig, zu
- Berlin in der Nacht vom 2. zum 3. August 1919 in
- gemeinschaftlicher Ausführung mit mehreren
- Anderen vorsätzlich einen Menschen, den Inspektor
- Karl Blau, getötet zu haben, indem er die Tötung
- _nicht_ mit Überlegung ausführte?
-
- nein.
-
- 9. _Im Falle der Verneinung der Frage zu 7 und
- Bejahung der Frage zu 8_:
-
- Sind mildernde Umstände hinsichtlich der Tat zu 8
- vorhanden?
-
- 10. _Im Falle der Verneinung der Fragen zu 7 und
- 8_:
-
- Ist der Angeklagte Erwin Hoppe schuldig, zu
- Berlin Anfang August 1919 mehreren Anderen durch
- Rat oder Tat wissentlich Hilfe dazu geleistet zu
- haben, daß sie zu Berlin in der Nacht vom 2. zum
- 3. August 1919 einen Menschen, den Inspektor Karl
- Blau, vorsätzlich töteten, indem sie die Tötung
- mit Überlegung ausführten?
-
- nein.
-
- 11. _Im Falle der Verneinung der Fragen zu 7, 8
- und 10_:
-
- Ist der Angeklagte Erwin Hoppe schuldig, zu
- Berlin Anfang August 1919 mehreren Anderen durch
- Rat oder Tat wissentlich Hilfe dazu geleistet zu
- haben, daß sie zu Berlin in der Nacht vom 2. zum
- 3. August 1919 einen Menschen, den Inspektor Karl
- Blau, vorsätzlich töteten, indem sie die Tötung
- _nicht_ mit Überlegung ausführten?
-
- ja mit mehr als sieben
- Stimmen.
-
- 12. _Im Falle der Verneinung der Fragen zu 7, 8
- und 10 und Bejahung der Frage zu 11_:
-
- Sind mildernde Umstände hinsichtlich der Tat zu
- 11 vorhanden?
-
- nein mit mehr als 6 Stimmen.
-
- 13. _Im Falle der Verneinung der Fragen zu 7, 8,
- 10 und 11_:
-
- Ist der Angeklagte Erwin Hoppe schuldig, zu
- Berlin Anfang August 1919 von dem Vorhaben eines
- Anderen oder Anderer,
-
- den Inspektor Karl Blau vorsätzlich zu töten und
- die Tötung mit Überlegung auszuführen,
-
- zu einer Zeit, in welcher die Verhütung des
- Verbrechens möglich war, glaubhafte Kenntnis
- erhalten und es unterlassen zu haben, hiervon der
- Behörde oder der durch das Verbrechen bedrohten
- Person zur rechten Zeit Anzeige zu machen, und
- ist das Verbrechen begangen worden, oder ist der
- Entschluß, es zu verüben, durch Handlungen
- betätigt worden, welche einen Anfang oder
- Ausführung des beabsichtigten, aber nicht zur
- Vollendung gekommenen Verbrechens enthalten?
-
- 14. Ist der Angeklagte Willi _Winkler_ schuldig,
- zu Berlin Anfang August 1919 mehreren Anderen
- durch Rat oder Tat wissentlich Hilfe dazu
- geleistet zu haben, daß sie zu Berlin in der
- Nacht vom 2. zum 3. August 1919 einen Menschen,
- den Inspektor Karl Blau, vorsätzlich töteten,
- indem sie die Tötung mit Überlegung ausführten?
-
- nein.
-
- 15. _Im Falle der Verneinung der Frage zu 14_:
-
- Ist der Angeklagte Willi Winkler schuldig, zu
- Berlin Anfang August 1919 mehreren Anderen durch
- Rat oder Tat wissentlich Hilfe dazu geleistet zu
- haben, daß sie zu Berlin in der Nacht vom 2. zum
- 3. August 1919 einen Menschen, den Inspektor Karl
- Blau, vorsätzlich töteten, indem sie die Tötung
- _nicht_ mit Überlegung ausführten?
-
- ja mit mehr als sieben
- Stimmen.
-
- 16. _Im Falle der Verneinung der Frage zu 14 und
- Bejahung der Frage zu 15_:
-
- Sind mildernde Umstände hinsichtlich der zu 15
- bezeichneten Tat vorhanden?
-
- ja.
-
- 17. _Im Falle der Verneinung der Fragen zu 14 und
- 15_:
-
- Ist der Angeklagte Willi Winkler schuldig, zu
- Berlin Anfang August 1919 von dem Vorhaben eines
- Anderen oder Anderer, den Inspektor Karl Blau
- vorsätzlich zu töten und die Tötung mit
- Überlegung auszuführen, zu einer Zeit, in welcher
- die Verhütung des Verbrechens möglich war,
- glaubhafte Kenntnis erhalten und es unterlassen
- zu haben, hiervon der Behörde oder der durch das
- Verbrechen bedrohten Person zur rechten Zeit
- Anzeige zu machen, und ist das Verbrechen
- begangen worden, oder ist der Entschluß, es zu
- verüben, durch Handlungen betätigt worden, welche
- einen Anfang der Ausführung des beabsichtigten,
- aber nicht zur Vollendung gekommenen Verbrechens
- enthalten?
-
- Berlin, den 5. Juli 1920.
-
- gez. Joel.
-
- gez. Aschner.
- Obmann.
-
- gez. Schröder.
- als Gerichtsschreiber.
-
- gez. Joel als Vorsitzender.
-
- * * * * *
-
-Nach zweieinhalbstündiger Beratung hatten die Geschworenen gesprochen.
-
-Der Staatsanwalt beantragte:
-
- für Fichtmann die Freisprechung,
- für Hoppe zehn Jahre Zuchthaus,
- für Winkler drei Jahre Gefängnis.
-
-Das Urteil wurde nach einstündiger Beratung gefällt; dasselbe erging wie
-folgt:
-
- 2 c. J. 2691. 19
-
- In der Strafsache
- gegen
-
- 1. den Lederarbeiter (Schankwirt) Max _Fichtmann_ aus Berlin, zur
- Zeit in der Strafanstalt Brandenburg a. d. H. in Strafhaft, geboren
- am 22. November 1898 in Berlin, mosaisch,
-
- 2. den Kaufmann Erwin _Hoppe_, zur Zeit hier in Untersuchungshaft,
- geboren am 1. April 1899 in Berlin, religionslos,
-
- 3. den Schneidergesellen Willi _Winkler_, zur Zeit hier in
- Untersuchungshaft, geboren am 16. September 1899 in Berlin,
- evangelisch,
-
- wegen Mordes
-
- hat das Schwurgericht beim Landgericht II in Berlin in der Sitzung
- vom 24. Juni bis 5. Juli 1920, an welcher teilgenommen haben:
-
- Landgerichtsrat Dr. _Joel_
- als Vorsitzender,
-
- Landgerichtsrat Geh. Justizrat _Bienutta_,
-
- Gerichtsassessor _Siemens_
- als beisitzende Richter,
-
- Staatsanwaltschaftsrat Dr. _Ortmann_
- als Beamter der Staatsanwaltschaft,
-
- Landgerichtsassistent _Schröder_
- als Gerichtsschreiber,
-
- für Recht erkannt:
-
- Der Angeklagte Kaufmann Erwin _Hoppe_ wird wegen Beihilfe zum
- Totschlag zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen 8 Monate
- durch die erlittene Untersuchungshaft verbüßt sind, der Angeklagte
- Schneidergeselle Willi _Winkler_ wird wegen Beihilfe zum Totschlag
- zu drei Jahren Gefängnis, von denen gleichfalls acht Monate durch
- die erlittene Untersuchungshaft verbüßt sind, verurteilt.
-
- Der Angeklagte Lederarbeiter Max _Fichtmann_ wird freigesprochen.
-
- Die durch das Verfahren gegen den Angeklagten Fichtmann entstandenen
- Kosten werden der Staatskasse auferlegt. Die übrigen Kosten des
- Verfahrens haben die Angeklagten Hoppe und Winkler zu tragen.
-
-
- Gründe.
-
- Nach dem Spruch der Geschworenen sind die Angeklagten Hoppe und
- Winkler schuldig, zu Berlin Anfang August 1919 mehreren anderen
- Tätern durch Rat oder Tat wissentliche Hilfe dazu geleistet zu
- haben, daß sie zu Berlin in der Nacht vom 2. zum 3. August 1919
- einen Menschen, den Inspektor Blau, vorsätzlich töteten, indem sie
- die Tötung _nicht_ mit Überlegung ausführten. Dem Angeklagten Hoppe
- sind mildernde Umstände versagt, dem Angeklagten Winkler solche
- zugebilligt worden. Die beiden Angeklagten waren daher Hoppe, gemäß
- §§ 212, 49, Winkler gemäß §§ 212 und 213, 49 St.G.B. zu bestrafen.
-
- Bei der Strafzumessung hat das Gericht berücksichtigt, daß die aus
- politischen Motiven begangene Tötung des Inspektors Blau eine
- ungemein brutale Tat und im höchsten Grade gemeingefährlich ist. Es
- war daher strenge Ahndung erforderlich, zumal die Angeklagten keine
- Reue zeigen. Andererseits war zu erwägen, daß die jugendlichen und
- unerfahrenen Angeklagten durch politischen Fanatismus irregeführt
- und hierdurch zu ihrer Tat mißleitet worden sind.
-
- Beim Angeklagten _Hoppe_ kommt jedoch strafschärfend hinzu die große
- verbrecherische Energie, die er bei der Durchführung der Tat
- bewiesen hat. Beim Angeklagten _Winkler_ ist strafmildernd zu
- berücksichtigen, daß er offenbar ganz erheblich unter dem Einfluß
- des ihm geistig bedeutend überlegenen Angeklagten Hoppe gestanden
- hat. Auch ist er noch völlig unbescholten. Ebenso war dem
- Angeklagten Hoppe zugute zu rechnen, daß er bisher verhältnismäßig
- unbedeutend vorbestraft ist.
-
- Unter Berücksichtigung aller dieser Umstände hielt das Gericht die
- erkannten Strafen für eine ausreichende und angemessene Sühne.
-
- Der Angeklagte Fichtmann ist nach dem Spruch der Geschworenen nicht
- schuldig und war daher freizusprechen.
-
- Die Kostenentscheidung beruht auf §§ 497, 499 St.P.O., die über die
- Anrechnung der Untersuchungshaft auf § 60 St.G.B.
-
- gez. Joel Siemens.
-
- Der beisitzende Richter L.G.R. Geh. J.R. Bienutta ist beurlaubt und
- daher verhindert seine Unterschrift beizufügen.
-
- Dies wird gemäß § 275 St.P.O. bescheinigt.
-
- gez. Joel
- L.G.R.
-
- Siegel
-
- _Ausgefertigt_
- Berlin, den 30. Juli 1920.
-
- Gerichtsschreiber des Landgerichts II.
-
-
-
-
- ANHANG.
-
-
- I.
- Der Spitzel Toifl.
-
-Der Hauptzeuge der letzten Prozeßtage, Spitzel, Aufrührer,
-Mädchenverführer (nach Aussage einer Zeugin) heißt nicht etwa Beelzebub,
-aber Toifl. Ein unorthographischer Teufel. Ein Opfer des Spitzelsystems
-heißt Faust und der Vormund Toifls: Bischof. O unergründliche Ironie des
-Zufalls!
-
-Zeuge Toifl ist Spitzel, agent provocateur gewesen. Im Dienst der M. P.
-A. Das heißt nicht etwa: Macht praktische Arbeit, sondern
-Militärpolitische Abteilung.
-
-Toifl ist Österreicher, immer noch. Obwohl er M. P. A. war. Ein bißchen
-glatt und leichtfertig. Seine Moral dreht sich in fettig geölten Angeln.
-Patent „Teufel“. Er fühlt sich unglücklich in seiner namenlosen
-Alltäglichkeit. Es gilt Bildungs- und gesellschaftliche Hindernisse
-wegzuradieren. Die Revolution ist ein günstiger Zufall. Sie bricht
-gerade aus, da Toifl anfängt, sich nach einer Karriere umzusehen.
-Spionage, denkt er, ist ein Sprungbrett. Er spielt gesellschaftlich die
-Rolle eines ehemaligen österreichischen Fähnrichs. Sein Gesicht ist von
-jener blassen, blonden Leere, der man unter Umständen die
-Fähnrichscharge glauben darf ... Wie er so auftritt, nett, blond, in
-dunkelblauem Anzug, und elastische Schritte posiert, macht er einen
-braven Eindruck. Typus aufgeweckter Junge.
-
-Bei näherem Zusehen aber knetet er in zappeligen Händen ein
-schweißdurchtränktes Taschentuch, kämpft er sich mühsam ein bißchen
-Haltung ab. Bemüht, gelassene Eleganz vorzutäuschen, zieht er
-kleinbürgerlich sorgfältig die gebügelte Hose hinauf, so oft er sich
-setzt. Und man sieht: er ist gar nicht elastisch. Seine Seele schreitet
-nur sozusagen auf Gummiabsätzen.
-
- Joseph Roth.
- (Neue Berliner Nr. 145, 1920.)
-
-
- II.
- Zum Blau-Prozeß.
-
-Dieser Prozeß wird einst unter den Dokumenten der bürgerlichen Kultur
-mit an erster Stelle stehen, – obgleich für das Gericht gerade da das
-Interesse aufhörte, wo das Interesse der Allgemeinheit anfing.
-
-Da war der Zeuge Schreiber. Er war, solange er von fürsorglichen
-Behörden beschützt und behütet war, ein Zeuge, wie man sich nur einen
-Zeugen wünscht. Aber als er gezwungen werden sollte, Aug’ in Aug’ seine
-Aussagen zu wiederholen: da war der Zeuge Schreiber in seine heimischen
-eidgenössischen Felder entrückt. Auf dringendste Einladung begnügt er
-sich nicht, wie sein unerfahrenerer Kollege Toifl mit „Schutz vor den
-Kommunisten“: er stellt Bedingungen. Neben einer ganz ansehnlichen
-Entschädigung in Schweizer Valuta fordert er die Auszahlung von 4000 M.,
-welche ihm nach seiner Angabe die Münchner Polizei schuldet. Und fordert
-Vorausbezahlung!
-
-Da war ein Weibsbild, von Lemurenhäßlichkeit und zudem in
-Reichswehruniform maskiert. In jedem anderen Falle hätte man sie sofort
-eingesponnen; aber hier war der Polizeikommissar Maslack, der es
-befürwortete, – und der Untersuchungsrichter Dr. Marquardt erteilte der
-Polizeispitzelin Schröder-Mahnke Sprecherlaubnis ohne Aufsicht durch
-Gefängnisbeamte! In einem Falle, da zur Isolierung der Angeklagten
-besondere Vorsichtsmaßregeln getroffen wurden: da darf man Spitzeln
-Akten zeigen, Spitzel in die Gefängnisse schicken, von Spitzeln die Welt
-heimsuchen lassen wie von Heuschrecken das Land Ägypten; da ist jedes
-Mittel recht.
-
-Und dann sind da die „Mittel“: die lange Kette Blau, Toifl, Strolz,
-Acosta, Samson – von den unbekannteren ganz zu schweigen ... und hier
-ist die große Lücke, die der Prozeß gelassen hat. Wir alle sehen nur die
-Spitzel; wo aber ist die Hand, die sie lenkte? Wo ist der große
-Unbekannte, dessen Werkzeuge über die kommunistische Partei herfielen?
-Wo ist der Mann, der sie bezahlte: Den Schreiber für die Beseitigung von
-Blau, den Toifl für den Raubüberfall auf Orlowsky, den Strolz und Acosta
-für das stramme Zufassen?
-
-Hier und gerade hier war das kriminalistische, moralische und politische
-Zentrum des ganzen Prozesses, und nur, wenn dieses Dunkel erhellt wurde,
-konnte psychologisch die Tat aufgeklärt werden. Und nur dann konnte
-festgestellt werden, wer Mörder war und wer den Mord brauchte. Und dann
-konnte gezeigt werden, ob der Opfer des großen Unbekannten noch mehr
-seien als Hoppe, Winkler und Fichtmann; es galt zu untersuchen, ob nicht
-vom Morde an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, über Leo Jogisches, die
-30 Matrosen, Dorenbach und all die Hunderte namenlos Gemordete eine
-einzige Linie führt.
-
-Das war aufzuklären!
-
- J. Steinborn.
- (Aus der Roten Fahne, Nr. 123 u. 125, 1920.)
-
-
- III.
- Denkschrift des Reichsjustizministers
- über die politischen Morde.
- Nr. IV 62598 Gr.
-
- Reichstag 4. 12. 23.
- verkündet in der 394. Sitzung.
-
- 16. Der Polizeiagent Blau.
-
- In der Strafsache gegen Fichtmann und Genossen wegen Ermordung des
- Inspektors Blau sind in der Hauptverhandlung vor dem Schwurgericht
- beim Landgericht I in Berlin vom 24. Juni bis 5. Juli 1920 die
- Zeugen Schreiber und Toifl, von denen der erstere sich in der
- Schweiz aufhält und zur Verhandlung nicht erschien, letzterer
- eidlich vernommen wurde, der Teilnahme an der Ermordung verdächtigt
- worden. Die Verdächtigungen entbehren aber jeder Grundlage.
-
- Wegen des Raubüberfalles auf den Diamantenhändler Orlowsky hat vor
- dem außerordentlichen Kriegsgericht beim Landgericht II in Berlin
- ein Strafverfahren geschwebt, in dem nur Fichtmann und Manske
- verurteilt wurden. Toifl wurde in der Hauptverhandlung als Zeuge
- vernommen. Wie die Urteilsgründe ergeben, hat Toifl allerdings an
- dem Unternehmen als „Regierungsagent“ teilgenommen. Das Gericht
- betonte aber ausdrücklich, daß Toifl _notgedrungen_ die Rolle des
- Führers übernehmen mußte, um nicht Verdacht zu erregen und als
- Regierungsagent entlarvt zu werden. Und, daß es seinen, wenn auch
- uneidlichen Angaben, vollen Glauben geschenkt habe.
-
- Bei dieser Sachlage ist mangels begründeten Verdachtes einer
- strafbaren Teilnahme von der Strafverfolgung des Toifl und Schreiber
- Abstand genommen worden.
-
- [Illustration: Unterschriften des Blau.]
-
- [Illustration: Bericht des Blau an Leutnant Siebel.]
-
- [Illustration: Brief des Blau mit Mordangebot.]
-
-
-
-
- In der Sammlung
- AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT
- – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART. –
- erscheinen in kürzester Zeit folgende Bände:
-
-
- *Band 1:
-
- ALFRED DÖBLIN DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND IHR GIFTMORD
-
- *Band 2:
-
- EGON ERWIN KISCH DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS REDL
-
- *Band 3:
-
- EDUARD TRAUTNER DER MORD AM POLIZEIAGENTEN BLAU
-
- *Band 4:
-
- ERNST WEISS DER FALL VUKOBRANKOVICS
-
- Band 5:
-
- PAUL MAYER DER FECHENBACHPROZESS
-
- Band 6:
-
- FRIEDRICH STERNTHAL DER FALL DER RATHENAUMÖRDER
-
- Band 7:
-
- RENÉ SCHICKELE DIE CAILLAUXPROZESSE
-
- Band 8:
-
- IWAN GOLL DER FALL DER GERMAINE BERTON
-
- Band 9:
-
- HENRI BARBUSSE DIE MATROSEN DES SCHWARZEN MEERES
-
- Band 10:
-
- HERMANN UNGAR DER FALL GRUPEN
-
- Band 11:
-
- ARNOLT BRONNEN DIE ERMORDUNG DES BÖRSENMAKLERS F.
-
- Band 12:
-
- KARL OTTEN DER FALL DES HAUPTMANN VON KÖPENICK
-
- Band 13:
-
- OTTO KAUS DER FALL GROSSMANN
-
- Band 14:
-
- EUGEN ORTNER DER FALL DES MASSENMÖRDERS SCHUMANN
-
- Band 15:
-
- KARL FEDERN DER FALL MURRI-BONMARTINI
-
- Band 16:
-
- KURT KERSTEN DER PROZESS GEGEN DIE MOSKAUER SOZIALREVOLUTIONÄRE
-
- Band 17:
-
- MARTIN BERADT DER FALL HASSELBACH
-
- Band 18:
-
- F. A. ANGERMAYER DER FALL DER PARISER AUTOMOBILBANDITEN
-
- Band 19:
-
- WILLY HAAS DER FALL GROSS
-
- Band 20:
-
- ARTHUR HOLITSCHER DER FALL RAVACHOL
-
- Band 21:
-
- JOSEPH ROTH DER FALL HOFRICHTER
-
- Die mit * versehenen Bände sind bereits erschienen.
-
- Ferner Bände von:
-
- MAX BROD, OTTO FLAKE, OSKAR MAURUS FONTANA, WALTER
- HASENCLEVER, GEORG KAISER, THOMAS MANN, LEO MATTHIAS, RENÉ
- SCHICKELE, JAKOB WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN und vielen
- Anderen.
-
-
- OHLENROTH’SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT.
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MORD AM POLIZEIAGENTEN
-BLAU ***
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Der Mord am Polizeiagenten Blau, by Eduard Trautner</title>
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- <!-- TITLE="Der Mord am Polizeiagenten Blau" -->
- <!-- AUTHOR="Eduard Trautner" -->
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-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Der Mord am Polizeiagenten Blau</span>, by Eduard Trautner</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Der Mord am Polizeiagenten Blau</span></p>
-<p style='display:block; margin-left:2em; text-indent:0; margin-top:0; margin-bottom:1em;'><span lang='de' xml:lang='de'>Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart. Band 3</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Eduard Trautner</p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Editor: Rudolf Leonhard</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: February 12, 2022 [eBook #67381]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DER MORD AM POLIZEIAGENTEN BLAU</span> ***</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="halftitle">
-<span class="line1">AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT</span><br />
-<span class="line2">– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –</span>
-</p>
-
-<div class="centerpic logo1">
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-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="ser">
-<span class="line1">AUSSENSEITER</span><br />
-<span class="line2">DER GESELLSCHAFT</span><br />
-<span class="line3">– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –</span>
-</p>
-
-<p class="ed">
-HERAUSGEGEBEN VON<br />
-RUDOLF LEONHARD
-</p>
-
-<p class="vol">
-BAND 3
-</p>
-
-<div class="centerpic logo2">
-<img src="images/logo2.jpg" alt="" /></div>
-
-<p class="pub">
-VERLAG DIE SCHMIEDE<br />
-BERLIN
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<h1 class="title">
-DER MORD<br />
-AM POLIZEIAGENTEN BLAU
-</h1>
-
-<p class="aut">
-VON<br />
-EDUARD TRAUTNER
-</p>
-
-<div class="centerpic logo2">
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-
-<p class="pub">
-VERLAG DIE SCHMIEDE<br />
-BERLIN
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="designer">
-EINBANDENTWURF<br />
-GEORG SALTER<br />
-BERLIN
-</p>
-
-<p class="cop">
-Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-1">
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-EINLEITUNG.
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Der Fall des ermordeten Polizeispitzels
-Karl Blau interessiert nicht so sehr wegen
-der beteiligten Personen; selbst nicht wegen
-der des Ermordeten. Dieser scheint nach den
-in der Verhandlung vorgebrachten Bekundungen
-ein geistig unbedeutender und sittlich
-minderwertiger Mensch gewesen zu sein,
-den höchstens der Fanatismus seiner Beschränktheit
-gefährlich machte; jene treten
-als Persönlichkeiten überhaupt nicht hervor:
-man zweifelt, ob man Akteure vor sich hat,
-ob Statisten; denn man erkennt weniger Individuen,
-als Funktionäre unsichtbarer Strömungen
-und Bewegungen. Befangen und fast
-entselbstet sind sie schemenhaft undurchdringbar
-in Zusammenhängen und Herkunft:
-so wie die Tat – die zufällig sichtbar wurde
-aus einem verborgenen Mechanismus, in dessen
-sonst geräuschlosem Ablauf sie eine vielleicht
-unwichtige Masche ist; nur eine Masche, die
-dem Staatsanwalt Einschreiten gebot.
-</p>
-
-<p>
-Ein politischer Prozeß, – wie ein ähnlicher,
-gleichartig farblos in den Persönlichkeiten
-und gleichartig undurchdringlich, morgen wie
-heute bekannt werden mag: – und dies berechtigt
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-den Versuch, den Fall zu erörtern.
-Denn der Boden, dem er entspringt, ist zwar
-verborgen und übersehen, doch heute wie
-damals vorhanden; er arbeitet und gärt, und
-tritt morgen vielleicht schon in Erscheinung;
-es ist die unterirdische Bewegung, die politisch
-unruhige Zeiten trägt; das vulkanische
-Rollen, das Revolutionen und Restaurationen
-vorausgeht, nachfolgt und sie begleitet.
-</p>
-
-<p>
-– Je ferner und entrückter ein Ding ist,
-desto einfacher wird es, es klar zu betrachten,
-falls Betrachtung überhaupt statt hat; denn:
-der Tätige jeden Berufes lebt einen Alltag,
-dessen Oberflächen ihm keine Tiefen verbergen.
-Wo ihm Verwicklungen klaffen, hilft
-ihm ein knapp formuliertes Urteil – das
-Schlagwort – jene Sicherheit zu bewahren,
-die seiner Wirksamkeit Voraussetzung ist.
-Wenn aber Liebe und Haß, Verzweiflung und
-Angst die Gemüter erregen, trübt sich der
-Blick, und: wo jeder im tiefsten beteiligt, bereit
-und gezwungen ist sich und das Letzte
-einzusetzen, dort ist man blind!, auch ohne
-zu rasen ... muß es sein, um den Schritt ins
-Morgen zu wagen!
-</p>
-
-<p>
-Nun war des letzten Dezenniums Ablauf
-so rasch und hat so brutal mit uns gehandelt,
-daß niemals das Heute Zeit ließ, an das Vorher
-zu denken. Natürlich wissen wir alle Viel
-und Zu-Vieles aus diesen Jahren; so viel, daß
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-dessen Last uns ängstigte und nicht mehr
-tragbar war. Da setzten wir an Stelle der
-Wahrheit leicht benutzbare Urteile, nach
-ihrem Propagandawert ausgewählt! Und
-machten die Gegenwart uns dadurch erträglich
-... Wir haben eine tote Vergangenheit;
-nicht etwa, daß sie leer wäre; nur: sie ward
-nie lebendig. Wir deckten unsere Erinnerungen
-mit unseren Formulierungen zu ...
-und eiferten uns in die Berechtigung unserer
-Ziele.
-</p>
-
-<p>
-Doch, – die Schufte sind selten; häufiger
-sind schon die Hanswurste, und die weitaus
-überwiegende Mehrzahl der Menschen erhebt
-berechtigten Anspruch darauf, für gute Bürger
-und gute Patrioten zu gelten. Und: man
-wird auf der ganzen Erde zusammen nicht
-so viel Mut finden, um nur ein Drittel eines
-Volkes zu den Verbrechern zu machen, die
-sie gegenseitig sich schimpfen. Wer also
-nicht bereit sein will, in politischen Dingen des
-Gegners nur Gemeinheit zu sehen und Niedertracht,
-muß das Bild all der Jahre wecken:
-ohne Betrachtung der politischen Lage der
-breiten Massen und ihrer Gestaltung unter
-dem Einfluß des Nachkrieges ist es unmöglich,
-dem Fall Blau gerecht zu werden – soweit
-überhaupt Möglichkeit ist, durch dieses
-Dunkel zu dringen, denn:
-</p>
-
-<p>
-In der Aufklärung, wie der Prozeß sie gibt,
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-sind die letzten Enden und Fäden verborgener
-Bestrebungen eben erkennbar; man sieht
-in der aufgerissenen Wunde zerfetzte Sehnen
-und weiß, daß im Lebenden, irgendwo hinter
-dem Sichtbaren, Wille sitzt und Gehirn.
-Aber es ist unmöglich, diesen Spuren zu
-folgen; eine Spanne weit sind sie zu ahnen,
-dann kommt das Uferlose. Die Ganzheit entzieht
-sich stumm und unfaßbar jeder Betrachtung.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-2">
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-DER BODEN.
-</h2>
-
-</div>
-
-<h3 class="section" id="chapter-2-1">
-Die Außenseiter.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Jede bisherige Art der menschlichen Gesellschaft
-fand im Urteile der Betrachter das
-eine Wort: daß sie schlecht sei und berechtigten
-Anforderungen nicht genüge. Der
-nächste Satz war, daß sie notdürftig funktioniere.
-Darüber hinaus zeigten sich die
-Verschiedenheiten, trennten sich die Wege:
-die einen betonten das Wort „funktionieren“,
-während die anderen das „notdürftig“ rot
-unterstrichen.
-</p>
-
-<p>
-Ein Lebendiges sollte man nicht an Hand
-mechanischer Vorstellungen erörtern, – aber
-unsere Sprachen sind nach diesen und Mathematik
-geformt und für deren Bedürfnisse
-durchgebildet: So vergleicht man die Gesellschaft
-mit einer riesigen und sehr komplizierten
-Maschine.
-</p>
-
-<p>
-Aber man muß sich erinnern, daß die Gesellschaft
-aus einer Unzahl Einzelmenschen
-mit persönlichem Schicksal besteht; und, daß
-sie nicht alle Menschen umfaßt: außerhalb
-stehen andere, die in anderen Gesellschaften
-organisiert sind, und solche, die kaum irgendwo
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-zugehören. Es gibt mehrere solcher Maschinen,
-die sich berühren und in manchem
-durchdringen: es braucht schon Gewalt, um
-eine allein zu betrachten. Doch auch an der
-einzelnen ist nichts, was fest ist. Nicht nur,
-daß die Menschen altern, sich ändern, wechseln;
-auch die Gruppen von Menschen, die
-Teile der Maschine, wandeln sich in ihrer
-Struktur, ihrer Leistung und sogar ihrer Notwendigkeit
-für das Ganze. So ist auch dieses
-einer dauernden Umbildung unterworfen, die
-oftmals das Schwergewicht zwischen den einzelnen
-Sphären (z. B. Landwirtschaft, Wehrmacht,
-Geldwesen, Beamtentum usw.) verlagert
-und für immer verschiebt.
-</p>
-
-<p>
-Die Mittelpunkte der Konsolidierung und
-Kristallisation sind selbständig und suchen
-vielfach unabhängig voneinander den Bau zu
-durchdringen; ein Ringen um die Hegemonie
-findet statt, und neben den Tendenzen, die
-auf Befestigung zielen, laufen Prozesse der
-Auflösung und der Rückbildung einher: Dies
-erfordert eine angemessene Beweglichkeit der
-einzelnen Elemente und bedingt besonders
-an den Berührungszonen der einzelnen Gebiete
-eine beträchtliche Lockerheit des Gefüges.
-Nur so kann der Organismus die starke
-Reibung dort und hier die lose Verknüpfung
-ertragen.
-</p>
-
-<p>
-Wo immer man eine Bevölkerungsgruppe
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-abtastet, wird man an ihren Grenzen finden,
-daß sie zerfasert und allmählich oder verzackt
-in andere Gruppen überfließt. Dort, an
-den Grenzschichten, findet man diese elastischen
-und beweglichen Elemente. Im Inneren
-der Gesellschaft füllen sie als Zwischenhändler,
-Kommissionäre usw. vorhandene Lücken
-aus und überbrücken sie; an den freien Außenflächen
-aber vermögen sie sich zu entfalten
-und blühen aus als Künstler, Gelehrte, Propheten,
-oder entwickeln sich zu Feinden und
-Verbrechern – je nachdem die Verhältnisse
-gelagert sind und je nach dem, was die bestehende
-Form mit diesen Gliedern anzufangen
-weiß, –: bis fortschreitende Entwicklung vielleicht
-gerade von diesen Zonen aus neue und
-umwälzende Mittelpunkte zur Geltung bringt.
-</p>
-
-<p>
-Darum ist auch eine andere Betrachtung
-der Gesellschaft möglich: im Gegensatz zu
-den starren und durchkonstruierten Teilen
-der Maschine stellt jenes schmiegsame Milieu
-das Bewegliche, Gärende und so das Lebendige
-dar, das zeugt und stirbt. Man kann
-also das Geordnete als gegeben und nicht weiter
-anregend statistisch aufnehmen: in den
-Zwischenschichten aber das fruchtbare und
-fortbildende Element untersuchen: den Ausgangspunkt
-der Entwicklung – und vielleicht
-besteht der wesentliche Teil praktischer
-Innenpolitik im Versuch der Erkenntnis
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-und richtigen Voraussicht, im Auffangen
-der so bedingten Verschiebungen. –
-</p>
-
-<p>
-Der Sprachgebrauch wird diese abseits des
-stabilen Kreislaufs wirksamen Existenzen als
-Außenseiter bezeichnen. Der Außenseiter ist
-demnach kein aus der Bahn geschleudertes
-Individuum, sondern ein der Gesellschaft und
-jeder noch nicht verknöcherten Gesellschaft
-notwendiges Milieu. Zwangsläufig wird der
-einzelne in diese Schicht getrieben; zum Teil,
-weil er den benachbarten Stabilisierungstendenzen
-weniger geneigt und von ihnen
-abgedrängt wird, zum anderen Teil, weil die
-vorhandene Lücke von irgendwoher ihn ansaugt.
-Selbstverständlich wird eine gewisse
-Auslese der Charaktere stattfinden, aber
-ebenso sehr erwartet das Milieu den Menschen!
-Die Idee der Gesellschaft allein
-setzt schon als gegeben den Außenseiter;
-die Art ihres Aufbaues bedingt die Rolle,
-die er zu spielen hat, und so, wie sie der
-vorhandenen Lage entspricht, wird jener
-fördernd oder auflösend oder erneuernd
-wirken.
-</p>
-
-<p>
-Aber, was stetig sich ändert, verschiebt
-und anpaßt, wird nie der Idee entsprechen;
-bestenfalls ist es ein Angleichen, das Reibungen,
-Härten und Stöße nicht ausschließt: sondern
-aushalten muß. Diese Erschütterungen
-möglichst bald abzufedern – im Interesse
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-des Ganzen – ist nötig und die Wirklichkeit
-ist nicht wählerisch in den Mitteln.
-</p>
-
-<p>
-Der Außenseiter erfüllt eben eine Lücke,
-die besteht und Erfüllung fordert; erst sekundär
-erweist sich die Wirksamkeit des neuen Gebildes
-für die weitere Gestaltung des Ganzen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Eine der kompliziertesten Arten des Außenseitertums
-ist die politische: von den überragenden
-Köpfen, die zwischen und über den
-Parteien und Völkern stehen, zu den vaterländischen
-Märtyrern und den Verbrechern,
-die mit Raub und Erpressung arbeiten, von
-da wieder zu den Fälschern, Schwindlern und
-politischen Hochstaplern sind schwebende
-Übergänge vorhanden. Diese Verhältnisse zu
-erörtern, wäre eine langwierige Arbeit für
-sich, die hier nicht in Betracht kommt.
-</p>
-
-<p>
-Der vorliegende Fall spielt im Jahre 1919,
-und um diese Zeit (kurz nach dem Zusammenbruch
-und vor der Organisation und Politik
-der Geheimbünde) herrschten in Deutschland
-Zustände, die mit denen vor dem Krieg
-und entsprechenden Parallelen wenig Verwandtschaft
-haben. Selbst heute hat sich
-schon so viel geändert, daß es am geratensten
-ist, das damalige Chaos und seine Entstehung
-zu schildern – auf die Gefahr hin,
-Bekanntes zu wiederholen.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-2-2">
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-Der Krieg.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Das kurzsichtige Zusammenspiel etwa eines
-Dutzends sich hintereinander versteckender
-Männer hatte im Jahre 1914 die Länder Europas
-an einen Abgrund gebracht, vor dem
-sie nicht mehr zu retten waren. Im August
-setzten die Kriegserklärungen ein: da ergriff
-alle Kreise der Bevölkerung ein Zustand unpersönlicher
-Erregung, ein Gefühl der Befreiung
-und ein Drang, sich zu opfern.
-</p>
-
-<p>
-Nur wenige vermochten, sich diesem Zwang
-zu entziehen: solche, deren persönliche Welt
-vom Ganzen des Volkes gelöst und in kosmopolitischer
-Seinsart verankert war: sie schwiegen
-damals, wie sie heute und immer tun;
-und, wenn sie gesprochen hätten, hätte es niemand
-vernommen. Solche, die aus überzeugter
-Gegnerschaft zum bestehenden System und
-seiner Politik protestierten: und diese wurden
-eingesperrt. Die anderen alle waren im Strom.
-</p>
-
-<p>
-Alle! Und es ist unrecht, den heutigen
-Sozialisten, Internationalisten und Pazifisten
-vorzuwerfen, daß sie es waren; viel eher wäre
-berechtigt, denen, die, ängstlich an Halme
-und Balken sich klammernd, in der Heimat
-verblieben, ihren Mangel an Gemeinsinn
-nachzutragen. Das ganze Volk war einig,
-die Atmosphäre war zu drückend gewesen,
-als daß sie nicht jeden ergriffen hätte!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-Dies Bild änderte sich erst mit der Zeit:
-Im Herbst bereits konnten Verständige sehen,
-daß der Krieg lange dauern würde und durch
-Siege allein nicht zu gewinnen war. Doch die
-Verständigen schwiegen und dienten: Man
-war Soldat (– und der Krieg wurde daran
-verloren, daß man zuviel Soldat war!).
-</p>
-
-<p>
-Die großen Siege von 1915 und 16 rissen
-das Geschehen ins Grandiose; und verwischten
-den Blick. Das Ausmaß der Ereignisse
-war so übermenschlich, daß die Möglichkeit
-einer Niederlage zu grauenvoll war, um ihren
-Gedanken zu wagen. Es mußte das Letzte
-geopfert werden zu irgendeinem, zum möglichen
-Ziel: die Männer, die 1914 gebangt
-hatten vor der Schwere der übernommenen
-Bürde, sahen, daß nur das Äußerste, das Unmögliche
-sie rechtfertigen konnte: Siegfrieden;
-es mußte gesiegt sein, sonst war alles
-verloren! Schon das Zurück überlegen war
-ein Verbrechen und dessen Folgen mußten
-furchtbar sein! –
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/i018.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="box hidden flyer">
-<p class="u hdr">
-<span class="line1">Wir</span><br />
-<span class="line2">müssen siegen!</span>
-</p>
-
-<p class="u center">
-Am kommenden Sonnabend, abends 8 Uhr<br />
-große öffentliche Versammlung<br />
-im Harmoniesaale
-</p>
-
-<p class="hang u">
-Wir fordern:<br />
-Krieg bis zur siegreichen Entscheidung!
-</p>
-
-<p class="hang u">
-Wir wollen:<br />
-den Frieden der Sicherheit,<br />
-den Frieden, der unserer Toten wert ist!
-</p>
-
-<p class="hang u">
-Wir verlangen:<br />
-Rückerstattung der Kriegskosten,<br />
-militärische und industrielle Sicherungen, besonders der Westfront,<br />
-koloniale Berichtigungen!
-</p>
-
-<p class="center">
-Wir fordern unsern Platz auf der Welt!
-</p>
-
-<p class="u center">
-Durchhalten!<br />
-Aushalten!<br />
-Maul halten!
-</p>
-
-<p class="center">
-Wir müssen siegen!
-</p>
-
-<p class="sign">
-Deutsche Vaterlandspartei.<br />
-Der Ortsvorstand.
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Die Mehrheit der Bevölkerung, besonders
-die Truppe, trug den Krieg wie einen Beruf:
-sie wälzte Verantwortung auf die Höheren
-ab, erfüllte stumm ihre Pflicht und schonte
-sich nicht. Selbst in den Kreisen hinter der
-Front, die man nicht immer lobend erwähnte,
-blieb bei aller lokalen Verlottertheit kein
-Appell ohne Wirkung; man war nicht mehr
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-begeistert, wie in jenem August; und mußte
-nicht unbedingt an der Spitze sein: doch war
-man jederzeit bereit, wenn nötig, das Letzte
-zu geben.
-</p>
-
-<p>
-Es gab keine Außenseiter, es gab keine Beweglichkeit!
-Sicher, die Kriegswirtschaft arbeitete
-mit ungeheuren Verlusten und Spesen,
-aber sie funktionierte und – wenn man tausendmal
-manches hätte ändern und bessern
-können: ohne die Versteifung und Verstählung
-um einen einzigen Kern ging es nicht!
-Wenn nicht dieser ganze Staat eisern und
-ehern <em>eine</em> Maschine war, ohne Reibung und
-ohne Leerlauf nur Härte: dann war heiler
-Ausgang unmöglich.
-</p>
-
-<p>
-Wenn er überhaupt möglich war! – Es ist
-für die Einheitlichkeit der nationalen Bewegung
-beweisend, daß Widerspruch gegen
-den Krieg erst dann weitere Kreise zog, als
-Männer an exponierten und orientierten
-Plätzen die Möglichkeit des Sieges verneinten
-und jedes weitere Opfern als unnütz
-und die Lage verschlimmernd zu erkennen
-glaubten; und hier fand der entscheidende
-Bruch in der Psyche während des Krieges
-statt: die einen sagten: „Wir können nicht
-zurück!“ und bissen die Zähne ineinander;
-die anderen fühlten: „Wir müssen zurück!“
-und schwiegen; und warteten auf den besseren
-Augenblick. <em>Beide fühlten sich schuldig.</em>
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-2-3">
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-1918.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Die Begeisterung jenes heißen Augusts war
-mit den Jahren ernster Gefaßtheit gewichen;
-1918 wandelte sie sich in beengenden Druck.
-Man wußte, daß man nicht siegen konnte; man
-wußte, daß die leichten Möglichkeiten zum
-Frieden vorüber waren; man wußte, daß zuviel
-unwiederbringlich vorüber war und fühlte
-sich angstvoll und unfrei. Jedenfalls, die Verantwortlichen
-taten nichts, einen Ausweg zu
-finden: wie gelähmt folgten sie der Entwicklung,
-und selbst die erkannte Wahrheit vermochte
-keinen Entschluß zu reifen.
-</p>
-
-<p>
-Und unverantwortlich waren nur die niedrigsten
-Gruppen: die einfachen Soldaten und
-die in der Kriegsindustrie zusammengepferchten
-Arbeiter, das hungernde Volk! Gerade
-die Masse dieser Unverantwortlichen – die
-gehorchte und litt im Vertrauen auf den Erfolg
-– gerade dieses Vertrauen forderte entscheidende
-Tat ... Aber man war schon zu
-weit! So hofften die einen auf allgemeine Zermürbung,
-die anderen bangten vor der erkannten
-Gefahr; beide hielten sich dadurch
-aufrecht, daß sie ihre individuelle Pflicht erfüllten.
-</p>
-
-<p>
-Dabei war das System nur für den Sieg gebaut!
-Jede andere Lösung war unerträglich;
-das Letzte war auf die einzige Karte gesetzt!
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-Die ganze Maschine des Staates war derart
-überkonstruiert und versteift, daß sie die geringste
-Abweichung weder ertragen, noch
-überstehen konnte; sie mußte springen. –
-</p>
-
-<p>
-Man spricht von Unterwühlung der Front
-und nennt die paar Streiks, die paar Meutereien,
-nennt die wenigen Namen, die während
-des ganzen Krieges ungehört widersprochen
-hatten: man suche nicht Sündenböcke! Zuerst
-wollte, dann mußte man siegen; für den
-Fall, daß der Sieg ausbleiben würde, war
-nicht gesorgt ... und hätte man dafür gesorgt,
-dann war keine <em>Aussicht</em>, zu siegen.
-Es war eine Zwickmühle. Der Krieg war eben
-verloren und war dadurch verloren, daß er
-zu lange Möglichkeit zeigte, gewonnen zu werden.
-</p>
-
-<p>
-Dies ist eine Tragik, kein persönliches Verschulden;
-und vor der Größe dieser Tragik
-wird alles belanglos, was man an Fehlern
-nach links und rechts aufdecken kann. Man
-erhebt als plausibelsten Vorwurf den: im
-Jahre 1918 selbst sei die Beilegung des Krieges
-so lange verzögert worden, bis man den
-Waffenstillstand in wenigen Stunden haben
-<em>mußte</em>.
-</p>
-
-<p>
-Aber, während periphere (koloniale) Kriege
-im Verlustfalle gleichgültig sind, im Gewinnfalle
-höchstens mit der Krönung des siegreichen
-Feldherrn enden, enden zentrale (Erschöpfungs-)
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-Kriege im Verlustfall mit dem Sturz
-des Systems. Um die bestehende Ordnung
-zu erhalten, mußten die verantwortlichen
-Leiter, als die Stützen und Träger des herrschenden
-Systems, alles versuchen, um den
-Krieg nicht offensichtlich zu verlieren. –
-Doch er war schon verloren!
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-2-4">
-Der November.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Im August waren die letzten Offensiven gescheitert;
-im September-Oktober erlahmte
-der Widerstand; Bulgarien, Österreich schieden
-aus, und in diesem höchsten Moment zeigt
-sich nochmals der ganze Zwiespalt: viele Demokraten
-forderten die nationale Verteidigung,
-viele Nationalisten das sofortige Ende!
-Die Patrioten waren geteilt und, ehe sie sich
-einigen konnten, erfolgte um sie herum der
-Zusammenbruch, ... in dem der Sturz der
-Monarchien kaum mehr vernommen wurde.
-Die überbeanspruchte Maschine zersprang an
-ihrem Mangel an Elastizität.
-</p>
-
-<p>
-Heute nennt man es Revolution und rechnet
-es sich als Verdienst oder Schande; doch:
-</p>
-
-<p>
-Revolutionen entbrennen in einem müden
-und untergrabenen System plötzlich, blutig
-und breiten erobernd sich über das Land aus.
-In diesem Falle krachte der ganze Mechanismus
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-des Bestehenden in einem Augenblick
-völlig und überall zusammen. Über den
-Trümmern wehte keine Fahne, die vorwärts
-ruft, keine Idee stand vor den Massen; es war
-nichts Schöpferisches und Freudiges da, nur
-Panik. Es war eben keine Revolution, es war
-einfach Zusammenbruch, Entsetzen und
-Chaos, débâcle.
-</p>
-
-<p>
-So leicht es ist, sich eine solche Erscheinung
-mechanisch vorzustellen, so schwer ist
-es, sie psychologisch zu durchschauen. Daß
-innerhalb weniger Stunden und Tage durch
-das ganze Gebiet des Landes bis in den kleinsten
-Betrieb hinein die bestellten Leiter verschwanden
-und flohen und jegliches Ruder
-ohne Führung war! Aber, man muß sich erinnern,
-wie die Entwicklung des Krieges sowohl
-den Unentwegten wie den Defaitisten
-ein gewisses Schuldbewußtsein brachte, ein
-schlechtes Gewissen, das sie nicht froh werden
-ließ, eine Angst vor dem Morgen – ganz
-wenige nur besaßen den Patriotismus oder
-die Schamlosigkeit, sich weiterhin zur Verfügung
-zu stellen und zur Rettung des Ganzen
-zu drängen. Die anderen verstummten und
-überließen das Feld der unendlichen Flut:
-den Arbeitern und Soldaten.
-</p>
-
-<p>
-Diese, die bisher Unverantwortlichen,
-sahen plötzlich die Gesamtheit des Vorhandenen
-in ihrem Bereich; doch anstatt darüber
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-herzufallen, erkannten sie eine Verpflichtung
-und versuchten, ihr Folge zu
-leisten.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-2-5">
-Die Patrioten.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Man darf in unruhigen Zeiten nicht nach
-dem urteilen, was geschrien und geschrieben
-wird; man muß nach den Tatsachen fragen:
-es wurden Arbeiter- und Bauern-, Bürger-
-und Soldaten-, sogar geistige Räte gebildet,
-die – zu erhalten suchten!
-</p>
-
-<p>
-Wenn ein ausgehungertes und entnervtes
-Volk zusammenbricht, erwartet man Plünderung
-und Zerstörung. Selbstverständlich
-wurde geplündert; aber zerstört wurde fast
-nichts; vor die Maschinen stellten sich schützend
-die Arbeiter, vor die Museen und Wertbesitzer
-die Räte: man wollte erhalten. Leicht
-ist es heute, über den Wust unnützer Debatten
-und wirkungsloser Beschlüsse zu lachen:
-die Leute, die damals sich Mühe gaben, waren
-sehr gute Bürger, die ihr Vaterland liebten
-und versuchten, möglichst vieles zu retten.
-Daran ändern Zitate nichts und nichts Geringschätzung,
-denn sie haben’s geschafft. Als
-alle bis dahin bestehende Ordnung zerbrach,
-vermochten sie es, den Bestand zu erhalten.
-Aber weiter vermochten sie nichts.
-</p>
-
-<p>
-Verblüffend ist die Sorgfalt, mit der die Räte
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-einschneidende Maßnahmen zu umgehen suchten,
-Wahlen ausschrieben für eine verfassunggebende
-Versammlung, und solcherart selbst
-ihre Wirksamkeit als vorübergehende und
-rein abwickelnde bezeichneten – dabei waren
-sie in diesen Wochen die einzige vollziehende
-und verwaltende Macht! Es ist einfach erstaunlich,
-mit welcher Sorgfalt dies zu Boden
-geschmetterte Volk sich zu bewahren suchte,
-– es muß wirklich kein Funken Revolutionsdrang
-in diesem Volke vorhanden gewesen
-sein – der kleinste Anstoß müßte genügt
-haben, das ganze Feld zu entflammen! –
-</p>
-
-<p>
-Man kann bestreiten, ob dieses Erhalten
-klug war; viele werden behaupten, daß eine
-schmerzliche Operation besser ist als eine
-lange Krankheit – und, wenn man bedenkt,
-daß heute (1924) die Herstellung des Friedens
-noch nicht gelungen ist, mag man noch
-mehr mit dem Urteil zögern. Trotzdem
-bleibt die Art, wie diese Männer die Liquidation
-<em>dieses</em> Krieges und die Erhaltung des
-toten Bestandes fertiggebracht haben, ein
-Phänomen der Geschichte.
-</p>
-
-<p>
-Ihr Verdienst wird nicht dadurch geschmälert,
-daß ihnen die Errichtung einer
-neuen Staatsmaschine mißlang; denn die Auflösung
-des alten Systems war derart völlig
-und katastrophal, daß weder in Handel noch
-in Produktion, weder in Verwaltung noch in
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-den Gebieten der öffentlichen Sicherheit
-irgendwelche leistungsfähige Organisation verschont
-war. Es mußte alles neu aufgebaut
-werden.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-2-6">
-Die Gegner.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-In den Novembertagen gab es eigentlich
-nur mehr Einzelne und zufällige Anhäufungen
-von Einzelnen: auf den größten dieser zufälligen
-Anhäufungen (dem Heer und den Arbeitermassen
-in den Betrieben) baute sich die
-erste Struktur auf. Es entstanden Richtlinien
-und damit die Schwierigkeit des Richtens:
-jeder Fortschritt mußte gegen den Widerstand
-des desorganisierten Einzelnen überwunden
-werden.
-</p>
-
-<p>
-Doch darüber hinaus gaben die neuen
-Richtlinien zu Widerspruch Anlaß: die einen
-versuchten, wenn nicht die alte Regierungsform
-zu erhalten, so doch die Macht den
-Machtträgern des alten Regimes zuzuschieben.
-Die anderen wollten, wenn man schon
-aufbaut, einen von Grund aus neuen und
-verbesserten Bau – selbst, wenn es nötig
-war, vorher noch mehr zu zerstören. Beide
-warfen dem sich bildenden Staate die Charakterlosigkeit
-des feilschenden Maklers vor, die
-Angst um den billigsten Mittelweg.
-</p>
-
-<p>
-Nun soll ja Politik die Kunst des Möglichen
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-sein: aber in einem Trümmerfeld darf man
-nicht Politik verlangen, selbst wenn ein paar
-der Stücke Kristallisationskraft besitzen. Man
-muß auch bedenken, daß die rivalisierenden
-Kräfte sich gegeneinander organisierten und
-Tag um Tag die Möglichkeit sahen, sich durch
-Gewalt in den Besitz der wenigen Herrschaft
-zu setzen, die da war. Was die Arbeit und
-das Erbe der Räte bedeutsam macht, ist, daß
-es sich bis heute erhielt und durchsetzte;
-nicht: daß damals schon vorhanden war, was
-es ausgezeichnet hätte.
-</p>
-
-<p>
-Drei feindliche Richtungen bekriegten sich
-auf einem Meere von Unordnung. Aber man
-darf die Zahl der zuverlässigen Anhänger nicht
-überschätzen; die Richtungen selbst haben
-sich erst allmählich gefestigt und durchgesetzt.
-</p>
-
-<p>
-Der damalige Zustand ist etwa auf die Formel
-zu bringen: Jeder sein eigener Patriot;
-nach seinen Kräften. Wer einen Mund hatte,
-brüllte; wer eine Faust hatte, schlug. Der Besitz
-eines Maschinengewehrs war mehr wert
-als der einer Überzeugung; und, da die Verständigen
-ohnmächtig und ratlos verstummten,
-hatten’s die Dummköpfe leicht, laut zu
-sein. Sie fühlten sich sogar dazu berufen und
-angestellt.
-</p>
-
-<p>
-In solchem Zustand wiegen die Köpfe nicht,
-da gilt ein Temperament alles, und die Temperamente
-kamen:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-Die Unruhigen: Abenteurer, Wichtigtuer,
-Projektemacher, Querulanten; Die Phantasten:
-Fanatiker, Propheten, Halbirre, Ekstatiker;
-Die Schmarotzer: Intriganten, Hanswurste,
-Schmeichler, Faulenzer: eine wogende
-Masse, die brodelnd aufgerührt wurde und
-haltlos hin- und herschlug. Dazu kam die Unzahl
-derer, die aus Trägheit oder Gelegenheit
-leichtem Unterhalt nachging und dem
-nächsten sich anschloß; und endlich der unzuverlässigste
-unter allen Machtfaktoren innerpolitischer
-Auseinandersetzung: die, deren
-Stellungnahme in einer Stunde wechselt und
-unvorhergesehen entscheiden kann; die Legion
-derer, die ihrer Art nach Soldaten sind
-und gehorchen und siegen wollen, das Heer!
-</p>
-
-<p>
-Drei hauptsächliche Richtungen, eine Anzahl
-Querköpfe auf eigene Faust, eine Unzahl
-von Mitläufern und ein desorganisiertes
-Heer: das waren die Figuren des damaligen
-politischen Spieles – abgesehen von ein paar
-Führern und ihrem organisierten Anhang
-unverantwortliche Außenseiter, wucherndes
-Fleisch, dessen Aufsaugung der Republik bis
-heute nicht gelang.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-2-7">
-Der Bürgerkrieg.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Seit 1919 lebt Deutschland im Bürgerkrieg.
-Daß immer mehrere sich zusammentaten, um
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-den anderen zu schlagen, und, daß die Republik
-immer bei den mehreren war und so
-anscheinend erstarkte, ändert nichts an der
-Sache. Ebensowenig die Feststellung, daß
-nicht an jedem Tage an jedem Orte geschossen
-wurde. Denn: wer alle Schießereien, Morde,
-Prozesse aneinanderreiht, erhält trotzdem
-einen ununterbrochenen Kriegsbericht, der es
-mit irgendeinem historischen Krieg aufnehmen
-kann.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/i029.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="box hidden flyer">
-<p class="u hdr">
-<span class="line1">Offiziere der</span><br />
-<span class="line2">7. Kavalleriedivision!</span>
-</p>
-
-<p>
-center.u Für Recht!
-Für Gesetz!
-Für Ordnung!
-</p>
-
-<p class="center">
-Setzt euch in Beziehung
-mit euren Kameraden
-</p>
-
-<p class="center">
-fürs Vaterland!!!
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Der Bürgerkrieg wird von mehreren, äußerlich
-kaum unterscheidbaren Teilen eines Volkes
-geführt; von Leuten, die Mut haben und
-von ihrem Recht überzeugt sind. Sie halten
-die Anderen für Schufte, Verräter und Verbrecher:
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-weil nur dieses Urteil den Totschlag
-von Volksgenossen verantworten kann. Der
-Rest der Bevölkerung versucht ängstlich seinen
-Besitz zu wahren, und sei es auf Kosten
-der Nachbarn oder des Ganzen – um morgen
-vielleicht doch arm zu sein. Politische und
-wirtschaftliche Zerrüttung: die Ereignisse der
-letzten Jahre bestätigen das.
-</p>
-
-<p>
-Die Tatsache, daß der Feind äußerlich
-nicht erkennbar und räumlich nicht getrennt
-ist, schafft eine Atmosphäre des Mißtrauens
-und der Unsicherheit, die zugleich mit der Verachtung
-des Gegners die Schärfe des Kampfes
-und seine Brutalität erklärt. Dazu kommt,
-daß die Lage in Deutschland die Folge eines
-Zusammenbruchs ist. Die ganze vorher geschilderte
-brodelnde Masse schiebt sich hinter
-und zwischen die Parteien und derselbe Zusammenbruch,
-der jenes unorganisierte Milieu
-schuf, zwingt die Parteien, sich seiner zu bedienen;
-und es wird Träger der Politik und
-ihrer Bestrebungen. Das Verantwortungslose
-ruft sich aus zum System.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-2-8">
-Der Spitzel.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Für den Naiven besteht die Historie aus
-Schlachten und Morden: Dingen, die mit
-Krawall in die Welt gesetzt werden und
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-durch ihren Krach überzeugen. Die Erinnerung
-des großen Krieges zeigt, daß Leisetreten
-auch wirksam ist: daß Aufklärung und
-Propaganda, Kredite, Fehler des Gegners,
-nicht zuletzt Ideen und Lügen das Schicksal
-der Völker entscheidend zu beeinflussen vermögen;
-das Hinter- und Unter-der-Front ergibt
-erst die Strategie.
-</p>
-
-<p>
-– Jeder Staat und jede Partei verfügt über
-Nachrichten- und Propagandadienst, hat Interesse
-für Verrat und Provokation. In normalen
-Zeiten verwendet man dazu möglichst
-ausgesuchte Leute, die mit aktiver Spionage
-arbeiten oder mit bezahltem Verrat; eventuell
-über Mittelmänner. Die Zwischenschicht
-des Spitzels ist, wie bei jeder stabilisierten
-Gesellschaft die Zwischenschichten,
-dünn und einflußlos. Von dem seltenen Spion
-aus Vaterlandsliebe und Opferwillen abgesehen
-gibt es eine kleine Clique von Internationalen,
-unter denen echte und falsche
-Nachrichten für mehr oder weniger Geld käuflich
-sind.
-</p>
-
-<p>
-Diese kommt für den Bürgerkrieg kaum in
-Betracht: der Boden ist heiß und die Chancen
-sind gering. Außerdem sind die Erfordernisse
-ganz andere. In der ruhigen Politik
-handelt es sich meist darum, Geheimnisse
-und Geheimgehaltenes zu erfahren oder zu
-verbergen: Arbeiten, die auf lange Sicht
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-unternommen werden. Hier aber schafft
-jeder Tag neue Situationen. Zuerst sind
-schon die Parteien nicht fest orientiert;
-Gruppen und Grüppchen bilden sich, lösen
-sich auf; viele handeln auf eigene Faust:
-und es ist schwer, orientiert zu sein, was
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-von Belang ist. Zudem stehen hinter den
-Leuten Waffen, die nicht in Jahren, sondern
-morgen schon losgehen können. Das schafft
-eine Erregung, in der jeder geordnete Nachrichtendienst
-versagt; da erwacht das Gerücht
-in seiner gefährlichen Unkontrollierbarkeit.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/i032.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="box hidden flyer">
-<p class="u hdr">
-<span class="line1">Genossen! Vorsicht!</span><br />
-<span class="line2">Spitzel!</span>
-</p>
-
-<p class="center">
-1,67 groß, untersetzt, beweglich;
-aschblondes Haar, dto. Schnurrbart,
-Rundschädel, starke Backenknochen,
-eher Stupsnase, unruhige
-graubraune Augen, schlechtes Gebiß,
-im Oberkiefer einige
-Zähne fehlend.
-</p>
-
-<p class="u center">
-Gefälschte Ausweise des Spartakusbundes;<br />
-Namen wechselnd.
-</p>
-
-<p class="u center">
-Spitzel!<br />
-Genossen! Vorsicht!
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Jedes Ohr neigt jedem Mund sich zum
-Horchen. Jeder, der mit Leuten verschiedener
-Parteien verkehrt, kann in die Lage
-des Zwischenträgers und seine Not kommen.
-Es ist eine ununterbrochene Skala von den
-Plauderern zu den Bezahlten, von den Gutgläubigen
-bis zu den beauftragten Provokateuren.
-</p>
-
-<p>
-Wo Spitzel sind, da herrscht Spitzelangst;
-da alle Wasser trüb sind, fischt man mit
-groben Netzen: Aushorchen, Erpressung,
-Verhaftungen und Mißhandlungen, Haussuchung,
-Raub und Mord sind die Mittel, und
-ein Heer von Zwischenträgern und Achtgroschenjungs
-lebt davon; der Feind macht’s
-ebenso, und nun werden Verräter entlarvt,
-wird über Verbrechen und Provokation gestritten,
-Urheberschaft sich in die Schuhe
-geschoben und sich beschimpft: bis kein
-Mensch mehr weiß, wer was wirklich veranlaßt
-hat. Berufsmäßiges Verbrechen mischt
-sich ein; Desordre – und jeder schwört auf
-seine Meinung wie zuvor.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-Nach der Psychologie dieses Spitzels zu
-fragen ist müßig. Sie ist zu verschieden;
-selbst die Bezahlten sind in keiner Weise ein
-Typ. Sie kommen durch Zufall zu diesem Erwerb,
-und einmal im Zuge, gleiten sie weiter;
-sie nehmen das Geld, oft von beiden Seiten,
-und haben meist gar nicht vor, dafür Arbeit zu
-leisten; es wird gelogen, gedichtet und provoziert:
-wahllos und ohne Hemmungen – wie
-es eben geglaubt, gewünscht und bestellt wird.
-Alles an diesen Leuten ist falsch; sie kennen
-nicht Freund noch Feind; nur Betrogene
-– und wahrscheinlich ohne darüber klar zu
-sein: ein zerstörender Zustand der Demoralisation.
-Bei dem vielleicht viele nicht wissen,
-wie sehr sie daran Anteil haben.
-</p>
-
-<p>
-Denn es ist unrichtig, einzig dem Zusammenbruch
-und der dadurch bedingten
-Verwirrung die Schuld zu geben. Die Verantwortung
-liegt viel mehr bei denen, die
-– anstatt mit allen Mitteln gegen das verwahrloste
-Außenseitertum einzuschreiten –
-sich nicht scheuten gerade die minderwertigsten
-Elemente für ihren Zweck zu engagieren;
-sie liegt bei denen, die den Lockspitzel
-anstellten und ihn bezahlten.
-</p>
-
-<p>
-Der vorliegende Fall wird genügend Einblick
-in diese Zustände geben!
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-3">
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-DIE ANKLAGE.
-</h2>
-
-</div>
-
-<h3 class="section" id="chapter-3-1">
-Vorgeschichte.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Am 7. August 1919, vormittags 9 Uhr, wurde
-vor dem Hause Königin-Augusta-Straße 31 zu
-Berlin eine männliche Leiche aus dem Landwehrkanal
-geborgen; der Körper war bis auf
-Schuhe und Hut völlig bekleidet; die Beine
-waren in eine um die Knie verknotete graue
-Decke gewickelt; eine hanfene Waschleine
-verband beide Knie und hielt sie an den Hals
-gezogen, wo sie in einer Schlinge endete; die
-Arme waren frei. – Der Gerichtsarzt nahm
-Selbstmord an.
-</p>
-
-<p>
-In der Tasche des Toten wurde ein Gepäckschein,
-auf den Anhalter Bahnhof lautend,
-gefunden; die Koffer wurden abgeholt:
-deren Durchsicht ergab Papiere, die auf den
-landwirtschaftlichen Inspektor Karl Blau
-ausgestellt waren.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Mann war der Polizei als politischer
-Spitzel persönlich bekannt; die Leiche wurde
-identifiziert. Aber gerade die Beschäftigung
-des Toten mußte die Möglichkeit eines Verbrechens
-nahelegen. Nachuntersuchung wurde
-angeordnet.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-Gerichtschemiker Dr. Brüning führte sie
-aus; ihm erschien die Halsschlaufe zu weit,
-das Fehlen der Schuhe nicht selbstverständlich;
-ohne sich zu entscheiden, wollte er gewaltsamen
-Tod nicht ausschließen.
-</p>
-
-<p>
-– Es dauerte mehrere Wochen, bis ein
-Resultat weiterer Nachforschungen bekannt
-wurde. Die Nachtzeitung (Nr. 200 der Deutschen
-Abendzeitung, 6. Jahrg.) brachte am
-27. August 1919 folgende Meldung:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="hdr">
-<span class="line1">Der Mörder des Inspektors Blau verhaftet.</span>
-</p>
-
-<p>
-Wie uns aus <em>Königsberg</em> gemeldet wird, wurde dort der
-<em>Landarbeiter Max Leuschner</em> aus Berlin, der als einer der
-Hauptbeteiligten an dem politischen Morde des Inspektors Blau
-in Betracht kommt, von der Königsberger Kriminalpolizei in der
-Wohnung des <em>Kommunisten Lang</em>, wo er sich unter falschem
-Namen verborgen hielt, <em>verhaftet</em>.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Andere Nachrichten folgten:
-</p>
-
-<p>
-B. Z. am Mittag, Nr. 195, am Freitag,
-29. August 1919:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="hdr">
-<span class="line1">Die Mordaffäre Blau.</span>
-</p>
-
-<p>
-Der als Haupttäter an der Ermordung des Landwirtschaftsinspektors
-Blau verdächtige, in Königsberg festgenommene
-Lederarbeiter Leuschner ist von den Berliner Kriminalbeamten,
-die die Verhaftung bewirkten, <em>nach Berlin gebracht</em> worden.
-Im Polizeipräsidium wurde heute mit dem <em>Verhör</em> Leuschners
-begonnen. Die beiden Kriminalkommissare Trettin und Dr.
-Riemann sind mit der Ermittelung dieses Falles betraut worden.
-Leuschner gibt zu, daß er unter falschem Namen in Königsberg
-gewohnt hat. Er sei von Berlin aus nach Königsberg gegangen,
-habe dort bei einem Gesinnungsgenossen Unterschlupf gefunden
-und auf die Gelegenheit gewartet, nach Russland durchzukommen.
-Er gibt auch zu, die Versammlung, die am 1. August in
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-der Mittenwalder Straße in Berlin stattgefunden hat, geleitet
-zu haben. Dabei habe er den Blau nach seinen Papieren gefragt
-und diese geprüft. Die Vernehmung ist zur Stunde noch
-nicht abgeschlossen.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Freiheit, Nr. 432, am Montag, 8. September
-1919:
-</p>
-
-<div class="excerpt">
-<p class="hdr">
-<span class="line1">Der Tod des Inspektors Blau.</span>
-</p>
-
-<p>
-Darüber berichtet eine Lokalkorrespondenz: Der Lederarbeiter
-<em>Max Leuschner</em> wurde gestern dem Untersuchungsrichter
-vorgeführt. Er wird der Anstiftung zur Ermordung Blaus
-beschuldigt. Leuschner erklärte, daß er von der Tat nichts wisse
-und auch über die Täter nichts sagen könne, doch hat die Untersuchung
-ergeben, <em>daß er als Versammlungsleiter den Befehl
-erteilt hat, Blau umzubringen</em>. Er gibt an, daß ihm
-an dem Abend in der Versammlung aufgefallen sei, daß Blau
-zwei Finger der rechten Hand fehlten. Als er nun in der Zeitung
-gelesen habe, daß im Landwehrkanal die zusammengeschnürte
-Leiche eines zunächst unbekannten Mannes gelandet worden
-sei, dem die beiden Finger fehlten, habe er sich gleich gesagt,
-daß es sich um Blau handeln müsse. Nun packte ihn die Angst.
-Wie er selbst sagt, sah er sich schon in Untersuchungshaft und traf
-sofort Vorbereitungen zur Flucht. Er fuhr nach Königsberg, um
-dort auf Papiere zu warten, die ihm die kommunistische Zentrale
-zusenden und die ihm ermöglichen sollten, über die Grenze nach
-Rußland zu fliehen. Die hiesige Kriminalpolizei hatte jedoch
-seine Spur verfolgt, seinen Aufenthalt in Königsberg ermittelt
-und die dortige Kriminalpolizei aufmerksam gemacht, die ihn
-dann festnahm, bevor er noch seinen Plan verwirklicht hatte.
-Der Plan, berichtet weiter die Korrespondenz, Blau umzubringen,
-ist, wie die Feststellungen der Kriminalpolizei ergeben
-haben, in München gefaßt worden. Zuerst wollten die Spartakisten
-den ihnen lästigen Spitzel nach Wien locken und ihn
-dort beiseite schaffen. Schließlich entschied man sich aber für
-Berlin. Der 27 Jahre alte, aus Hötensleben gebürtige Möbelzeichner
-Franz Herm lockte Blau von München nach Berlin und
-führte ihn in die Versammlung, in der sein Tod beschlossen
-wurde. In dem dringenden Verdacht, das Todesurteil vollstreckt
-zu haben, steht der 22 Jahre alte, aus Arnswalde gebürtige
-Schlächtergeselle Hermann Dahms, der zuletzt in Berlin wohnhaft
-war und ebenso wie Herm flüchtig ist. Auf beide wird jetzt
-eifrig gefahndet, doch gelang es bisher noch nicht, ihren Aufenthalt
-zu ermitteln.
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-Es verlautbarte noch, daß Leuschner in
-Ostpreußen sich durch unvorsichtige Äußerungen
-auffällig gemacht und dadurch die
-Verhaftung ermöglicht hatte.
-</p>
-
-<p>
-Das Ergebnis vierwöchiger Ermittlung war
-demnach folgendes:
-</p>
-
-<p>
-1. die Identifizierung der Leiche und die
-Erkennung des Todesfalls als Verbrechen,
-</p>
-
-<p>
-2. die Verhaftung eines Mannes, der mit
-Blau in Beziehung stand und Anlaß zu haben
-schien, diese Tatsache zu verheimlichen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Die Umgebung, in der die Ereignisse dieses
-Prozesses spielen, bringt es mit sich, daß jede
-Aussage zweifelhaft wird. Schon ist es fast
-unmöglich, Beteiligte und Zuschauer scharf
-zu trennen, noch schwerer scheint es, den
-Wahrheitsgehalt einer Mitteilung klar zu bekommen;
-unvermeidlich wird man in Voreingenommenheit
-und Konstruktion verfallen.
-</p>
-
-<p>
-Es ist nun leichter, einen Standpunkt als
-Standpunkt zu wechseln, als in der Dauer
-schwieriger Diskussionen alle Parteilichkeit
-zu vermeiden: es ergreife also der Staatsanwalt
-das Wort.
-</p>
-
-<p>
-Der Ablauf eines Schwurgerichtsverfahrens
-bis zur Verhandlung ist etwa folgender:
-</p>
-
-<p>
-Zuerst erfolgen Nachforschungen der Kriminalpolizei
-und Feststellung verdächtiger
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-Personen. Die Schwere der Beschuldigung
-wie der belastenden Anzeichen und die
-Wahrscheinlichkeit der Flucht oder Verdunklung
-bedingen den vorläufigen Haftbefehl.
-</p>
-
-<p>
-Die körperliche Folter ist der modernen
-Gerichtsbarkeit nicht gestattet; falls man
-nicht die endlos sich dehnende Untersuchungshaft
-mit ihrer oft völligen Absperrung, die
-Tage und Nächte währenden Befragungen
-mit ihren Bluffs und Tricks für solche halten
-mag. Denn das Prinzip der Untersuchung
-ist sich natürlich gleichgeblieben: hat man
-erst einen, der sicher wenigstens etwas weiß,
-so läßt man ihn erst, wenn er sichtlich alles
-gestand. Bald oder später, einmal wird jeder
-mürbe.
-</p>
-
-<p>
-So addieren sich zu neuen Tatsachen Geständnisse,
-deren Auswertung wieder Tatsachen
-fördert; bis ein zweiter Beteiligter
-festgestellt ist, ein dritter, und schließlich das
-Bild der Geschehnisse sich entschleiern läßt.
-</p>
-
-<p>
-Das Resultat dieser Ermittlungen wird in
-der Anklageschrift zusammengefaßt und dem
-Beschuldigten zugestellt, dessen Anwalt in
-einer Schutzschrift dazu Stellung nimmt.
-</p>
-
-<p>
-Nach Maßgabe der in beiden Ausführungen
-niedergelegten Beweiskraft entscheidet
-das Gericht (die Strafkammer des Landgerichts)
-in nichtöffentlicher Verhandlung über
-die Eröffnung des Hauptverfahrens. Der Beschluß
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-wird abermals allen Beteiligten zugestellt.
-Sobald die Untersuchung zu einem vorläufigen
-oder endgültigen Abschluß gelangt
-ist, wird die Verhandlung über die festgestellten
-Reate anberaumt. Erst in der Verhandlung
-treten die Geschworenen auf; bis
-dahin läuft der Gerichtsweg zwischen Staatsanwalt,
-Beschuldigtem, Verteidiger und den
-von Amt bestimmten Richtern.
-</p>
-
-<div class="doc">
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
- <div class="box normal fl">
-<p class="noindent small u">
-Bei allen Eingaben ist die<br />
-nachstehende Geschäftsnummer<br />
-anzugeben.
-</p>
-
- </div>
-<p class="u cb id">
-Geschäftsnummer:<br />
-2 c J. 2691. 19 155.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-<span class="line1">In der Strafsache</span>
-</p>
-
-<p class="noindent">
-gegen Fichtmann und Gen.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-wegen Mordes
-</p>
-
-<p class="noindent">
-wird Ihnen die Anklageschrift in der Anlage
-mitgeteilt. Für den Fall, daß Sie die Vornahme
-einzelner Beweiserhebungen vor der
-Hauptverhandlung beantragen oder Einwendungen
-gegen die Eröffnung des Hauptverfahrens
-vorbringen wollen, werden Sie aufgefordert,
-Ihre Anträge oder Einwendungen
-innerhalb einer Frist von 5 Tagen entweder
-schriftlich einzureichen oder zum Protokolle
-des Gerichtsschreibers zu erklären.
-</p>
-
-<p>
-Die Rechtsanwälte Liebknecht, N 4, Chausseestr.
-121 und Dr. Weinberg, C 2, Klosterstr.
-65, sind von Ihnen zu Verteidigern gewählt
-worden.
-</p>
-
-<p class="u date">
-Berlin, den 27. Mai 1920.<br />
-NW 52, Turmstr. 93.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Das Landgericht II Strafkammer 5.<br />
-Der Vorsitzende<br />
-gez. Scheringer.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Beglaubigt<br />
-Nogolin, Rechnungsrat,<br />
-als Gerichtsschreiber.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="doc">
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-<p class="u fl noindent">
-Der Erste Staatsanwalt<br />
-beim Landgericht II.<br />
-<span class="underline">2 c. J. 2691/19</span><br />
-151
-</p>
-
-<p class="u fr noindent">
-Berlin, den 25. Mai 1920.<br />
-NW 52, Rathenower Str. 70.
-</p>
-
-<p class="u hdr">
-<span class="line1">Haft- und Schwurgerichtssache!</span><br />
-<span class="line2">Anklage.</span>
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 95</span>
-1. Der Lederarbeiter (Schankwirt) Max <em>Fichtmann</em>
-aus Berlin, Parochialstraße 35, zur
-Zeit in der Strafanstalt Brandenburg a. d. H.
-in Sachen 67 J. 2899/19 Staatsanwaltschaft I
-Berlin in Strafhaft, geboren am 22. November
-1899 Berlin, mosaisch, unverheiratet,
-vorbestraft (Strafregisterauszug folgt),
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 89, 111</span>
-2. der Kaufmann (Verkäufer von Broschüren)
-Erwin <em>Hoppe</em> aus Berlin, seit 13. November
-1919 hier in Untersuchungshaft, geboren
-1. April 1899 Berlin, religionslos, unverheiratet,
-bestraft (neuer Strafregisterauszug
-folgt),
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 98, 109</span>
-3. der Schneidergeselle Willi <em>Winkler</em> aus
-Berlin, seit 13. November 1919 hier in Untersuchungshaft,
-geboren 16. September 1899
-Berlin, evangelisch, unverheiratet, angeblich
-unbestraft (neuer Strafregisterauszug folgt),
-</p>
-
-<p>
-werden angeklagt, zu Berlin zu Anfang August
-1919
-</p>
-
-<p>
-a) <em>Fichtmann</em> und <em>Hoppe</em> gemeinschaftlich
-mit anderen den Inspektor Karl Blau
-vorsätzlich getötet und diese Tötung mit
-Überlegung ausgeführt zu haben,
-</p>
-
-<p>
-b) <em>Winkler</em> den Angeschuldigten Fichtmann
-und Hoppe und den anderen Mittätern bei
-Begehung des Verbrechens des Mordes zu
-a) durch Rat oder Tat wissentlich Hilfe geleistet
-zu haben, – Verbrechen gegen
-§§ 211, 47, 49 Strafgesetzbuch.
-</p>
-
-<p class="addr u">
-An<br />
-das Landgericht II,<br />
-Schwurgericht, hier
-</p>
-
-<p class="hdr">
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-<span class="line1">Ermittelungsergebnis.</span>
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. II<br />Bl. 3, 6</span>
-Am Dienstag, dem 7. August 1919, vormittags
-9 Uhr wurde vor dem Hause Königin-Augusta-Straße
-31 die Leiche des landwirtschaftlichen
-Inspektors Karl Blau, geboren am 13. November
-1891 Erfurt, zuletzt in Charlottenburg, Bayreuther
-Straße 10, aus dem Landwehrkanal
-gezogen. Der untere Körperteil war mit einer
-grauen wollenen Schlafdecke umhüllt, die unter
-den Knien zusammengeschlungen war. Die
-Leiche war mit einem Hanfstrick (in Waschleinenstärke)
-derart zusammengebunden, daß
-der Hals in einer Schlinge lag und die Knie
-bis zur Brust heraufgezogen waren. Der Tote
-war bekleidet; es fehlten nur Schuhe und Kopfbedeckung.
-Die Leichenöffnung ergab keine bestimmte
-<span class="sidenote">Bd. I<br />Bl. 7</span>
-<span class="sidenote">Bd. II<br />Bl. 6, 87</span>
-<span class="sidenote">Bd. II<br />Bl. 86, 138</span>
-Todesursache. Die Ärzte sprachen sich
-dahin aus, daß der Verstorbene seinen Tod
-wahrscheinlich durch Zuschnüren des Halses gefunden
-hat. Der Sachverständige Dr. Brüning,
-der die bei dem Toten gefundenen Sachen (Strick,
-Kragen, Krawatte, Jackett, Weste, Hose, Hosenträger,
-Hemd, Unterhose, Vorhemd, Taschentuch,
-Decke) untersucht hat, konnte ebenfalls
-nicht feststellen, ob Mord oder Selbstmord vorlag,
-erklärte aber, daß gegen letzteren eine Anzahl
-von Momenten spreche, so insbesondere die
-Art der Verknotung, die Schlaufen und die
-Weite der Halsschlaufe. Die fortgesetzten Ermittelungen
-erbrachten die Gewißheit, daß Blau
-ermordet und daß diese Tat von kommunistisch-terroristischer
-Seite planmäßig ausgeführt worden
-war.
-</p>
-
-<p>
-Blau hatte in München in Kommunistenkreisen
-als Spitzel verkehrt, insbesondere auch
-mit dem Möbelzeichner Franz Herm aus Hötensleben.
-Als die Kommunisten die Spitzeltätigkeit
-des Blau entdeckt hatten, war von ihnen seine
-gewaltsame Beseitigung beschlossen worden.
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-Herm war offenbar dazu bestimmt worden, dieserhalb
-das Weitere zu veranlassen, insbesondere
-Blau nach Berlin zu bringen und ihn dann ermorden
-<span class="sidenote">Bd. I<br />Bl. 29 v, 35</span>
-zu lassen. Herm hatte sich dem Zeugen
-Schreiber und der Frau Baumeister gegenüber
-schon vor Antritt der Reise in diesem Sinne geäußert.
-Am Abend des 29. Juli 1919 fuhren
-<span class="sidenote">Bd. I<br />Bl. 29 v</span>
-Herm, Blau, Schreiber und ein angeblicher
-Schuster von München ab. Die Reise ging zunächst
-nur bis Magdeburg, wo Herm wahrscheinlich
-die dortigen Kommunistenkreise in den
-Mordplan einweihte. In Magdeburg trennten
-sich die vier. Schreiber fuhr am 31. Juli 1919
-<span class="sidenote">Bd. I<br />Bl. 31</span>
-mittags über Schöningen nach Hötensleben zu
-den Eltern des Herm, wo er dessen Rückkehr aus
-Berlin abwarten sollte. Blau, der unterwegs von
-Schreiber gehört hatte, daß man ihn als Spitzel
-entlarvt und geplant hätte, ihn von Berlin nach
-Wien zu bringen und dort zu ermorden, dieser
-Nachricht aber keine allzu große Bedeutung beigemessen
-zu haben scheint, fuhr am Vormittage
-des 31. Juli 1919 von Magdeburg mit dem Zug
-nach Halle ab. In Halle wollten sich Herm, der
-nachkommen wollte, und Blau noch am selben
-Tage im Wartesaal II. Klasse treffen und von
-dort aus dann gemeinschaftlich nach Berlin
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 38 v f.</span>
-fahren. Blau scheint, bevor er nach Halle kam,
-noch vorher in Sangerhausen gewesen zu sein.
-Wie der Zeuge Mahlig bekundet, hat Blau Ende
-Juli oder am 1. August 1919 bei ihm in Sangerhausen
-vorgesprochen. Er hat ihm von seinen
-politischen Reisen und Taten erzählt und auch
-erwähnt, daß man ihm von der gegnerischen
-Seite nach dem Leben trachte, und daß es bei
-ihm auf Leben und Tod gehe, daß er wieder eine
-große Sache vorhätte und er ein gemachter Mann
-wäre, wenn diese ihm glückte. Blau und Herm
-scheinen sich dann auch in Halle getroffen zu
-haben und von dort nach Berlin gefahren zu
-sein. Daß Herm in Berlin war, geht aus der
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-Aussage des Zeugen Schreiber und seinem Briefe
-<span class="sidenote">Bd. I<br />Bl. 31 v</span>
-<span class="sidenote">Bd. III<br />Bl. 19 e</span>
-<span class="sidenote">Abschriften<br />Bd. I<br />Bl. 50</span>
-<span class="sidenote">Bd. III<br />Bl. 7</span>
-an die Kaltenhauser vom 3. August 1919 hervor.
-Wie Schreiber bekundet, ist Herm am 2. August
-1919 abends sehr aufgeregt und bleich in Hötensleben
-erschienen. Er sagte, daß er direkt aus
-Berlin käme und entgegnete auf die Frage des
-Schreiber, wo Blau sei, daß für Blau bereits gesorgt
-sei, er (Schreiber) werde über Blau das
-Nähere noch früh genug erfahren. Weiteren
-Fragen über Blau wich Herm jedesmal aus,
-erwähnte aber doch einmal, daß er von München
-<span class="sidenote">Bd. I<br />Bl. 33</span>
-aus die Berliner Genossen verständigt hatte, daß
-er mit Blau nach Berlin kommen würde.
-</p>
-
-<p>
-In dem Briefe vom 3. August 1919 schrieb er
-von Hötensleben an die Kaltenhauser in München
-folgendes:
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. III<br />Bl. 19 e</span>
-„Werte Genossin Kaltenhauser! Hoffentlich
-treffen Sie diese Zeilen bei gutem Befinden an.
-Ich bin gestern gut angekommen. Den Spitzel
-Blau habe ich, da ich nicht anders konnte, von
-München mit fortgenommen und <em>unterwegs
-besorgt. Er wird so bald nicht wieder in
-München auftauchen.</em> Ich hatte noch einen
-Ausweis bei ihm gesehen, nach welchem er für
-die Fahndungsabteilung in München arbeitet.
-Dieser Ausweis war am 23. Juli ausgestellt und
-mit einem Polizeistempel versehen. Der Fall B.
-hat mir zirka 200 Mark gekostet. Hier in
-Magdeburg bei der K. P. D. war ein Meyer,
-welcher von der K. P. D. beauftragt sein will,
-nach <em>Schuhmann</em> zu suchen. Der Mensch ist
-nach der Beschreibung der von mir kaltgestellte
-Dr. Frey (Franz?) aus Zürich, ich nehme an,
-daß er ein Spitzel ist. Freundlichen Gruß an
-Genossen Blumenfeld, ich habe die beiden gut
-untergebracht. Papiere treffen in den nächsten
-Tagen ein. Grüßen Sie den Genossen Weber bei
-Corl, ich habe seinen Bruder getroffen, es geht
-ihm gut, er wird mich besuchen. Wenn Blumenfeld
-noch einige dort hat, kann er sie in 14 Tagen
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-zu mir senden. Herr Kämpfer soll seine Revolutionen
-machen, die sich mit dem Gesetz vereinbaren
-lassen (komisch?). Also seien Sie und
-Ihre Tochter und Schwester recht herzlich von
-mir gegrüßt, Ihr Franz Herm. Freundlichen
-Gruß an die Bekannten.“ Diesen Brief gab
-<span class="sidenote">Bd. I<br />Bl. 31 v</span>
-Herm dem Schreiber mit der Bitte, daß er ihn
-sofort als Eilbrief und eingeschrieben zur Post
-nach Hötensleben bringen sollte. Als Quittung
-über die Abgabe des Briefes auf der Post sollte
-Schreiber ihm den Postschein bringen. Da
-Schreiber ahnte, daß in dem Briefe etwas Wichtiges
-stünde, nahm er ein anderes Kuvert und
-schrieb die Adresse der Kaltenhauser darauf.
-In das Kuvert legte er einen leeren Briefbogen
-und gab es dann zur Post. Den Postschein gab
-er dem Herm. Den Brief des Herm an die
-Kaltenhauser gab er nicht auf. Als Herm später
-in der Zeitung von der Auffindung der Leiche
-<span class="sidenote">Bd. I<br />Bl. 38</span>
-des Blau las, freute er sich darüber, daß man bei
-Blau einen Selbstmord vermutete. Da in der
-Zeitung auch stand, daß für die Aufklärung im
-Falle einer Ermordung des Blau 5000 Mark
-ausgesetzt seien, sagte Herm noch zu Schreiber,
-daß er ihn hoffentlich wegen der 5000 Mark
-nicht verraten würde. Um Herm vollständig
-sicher zu machen, klopfte Schreiber ihm auf die
-Schulter und sagte, er sei auch zufrieden, daß so
-ein Lump von der Bildfläche verschwinde. Unmittelbar
-im Anschluß an das Lesen der Zeitungsnotiz
-gab Herm dem Schreiber den Auftrag,
-sofort nach Braunschweig zum Büro der
-K. P. D. zu fahren und dort darauf zu dringen,
-daß die schriftlichen Aufzeichnungen des Herm
-vor seinen, Schreibers, Augen vernichtet würden.
-Schreiber fuhr auch nach Braunschweig,
-hörte dort aber, daß die schriftlichen Angaben
-des Herm über Blau dort bereits vernichtet
-wären, nachdem man die Ermordung des Blau
-in der Zeitung gelesen hatte. Als Schreiber nach
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-Hötensleben zurückkehrte, erfuhr er von dem
-Bruder des Herm, daß letzterer nach München
-gefahren sei, um seinen an die Kaltenhauser gerichteten
-Brief vom 3. August 1919 in die
-Hände zu bekommen und zu vernichten. Am
-nächsten Tage (12. August 1919) fuhr Schreiber
-nach Magdeburg zum Büro der K. P. D., trug
-den ihm schon vorher erteilten Auftrag des Herm,
-seine Aufzeichnungen über Blau zu vernichten,
-vor und sah auch, daß demgemäß die Aufzeichnungen
-zerrissen und verbrannt wurden. Vom
-Büro der K. P. D. ging Schreiber in das Büro
-der U. S. P. D. zu Peters. Von diesem hörte er,
-daß er die Aufzeichnung über Blau bereits beim
-Lesen der Zeitungsnachrichten über den Fall
-<span class="sidenote">Bd. I<br />Bl. 32 v<br />33</span>
-Blau vernichtet hätte. Als Schreiber von Magdeburg
-nach Hötensleben zurückgekehrt war, konnte
-er sich dort nicht mehr länger aufhalten, da er
-seines Lebens dort nicht mehr sicher war und
-von Genossen, die wahrscheinlich von Herm nach
-Entdeckung der Briefunterschlagung gedungen
-waren, um ihn als wichtigen Belastungszeugen
-zu beseitigen, dieserhalb gesucht wurde. Es gelang
-dem Schreiber aber, den ihn verfolgenden
-und auf ihn schießenden Genossen zu entkommen.
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. II<br />Bl. 25</span>
-Blau wollte am Nachmittage des 1. August
-1919 seine in Charlottenburg, Bayreuther
-Straße 19, wohnende Ehefrau besuchen, erfuhr
-aber von der Portierfrau Nowak, daß diese nicht
-zu Hause war. Am Abend desselben Tages
-suchte Blau die kommunistische Versammlung,
-die in der Aula des Friedrichs-Realgymnasiums
-in Berlin, Mittenwalder Straße 34, stattfand und
-von Leuschner, dem Vorsteher des 3. Bezirks
-der K. P. D., geleitet wurde, auf. Ob er allein
-oder mit anderen, insbesondere mit Herm dorthin
-gegangen ist, konnte bisher nicht festgestellt
-werden. Nach Lage der Sache ist aber anzunehmen,
-daß er mit Herm oder jedenfalls auf
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-dessen Veranlassung in die Versammlung gegangen
-ist. Schon in der Versammlung wurde
-Blau von einem Teil der anwesenden Genossen
-zur Rede gestellt. Dies setzte sich nach Schluß
-der Versammlung auf der Straße fort. Blau
-suchte sich zu verteidigen, fand aber keinen
-Glauben bei den Genossen. Diese beschlossen
-vielmehr, um Blau vollends zu überführen, noch
-den Zeugen Stolz (Strolz) heranzuführen. Zu
-diesem Zwecke wurden Hoppe und noch ein Genosse
-fortgesandt. Die anderen, unter denen sich
-Leuschner, Pohl sen. und jun., Geisler, Schröder,
-Klust, Gentz, Schmitz, Hoffmann und
-Acosta (Mendelsohn) befanden, gingen mit
-Blau durch die Mittenwalder-, Bergmann- und
-Kreuzbergstraße nach dem Viktoriapark (Ecke
-Großbeerenstraße). Schon unterwegs war davon
-die Rede, daß Blau umgebracht werden sollte.
-Man sprach insbesondere davon, daß er auf
-dem Tempelhofer Felde erschossen werden sollte.
-Von diesem Vorhaben wurde aber zunächst mit
-Rücksicht auf die große Anzahl der Anwesenden
-Abstand genommen. Am Viktoriapark kamen
-nach einiger Zeit die beiden nach Stolz entsandten
-Genossen in einem Auto zurück. Sie
-brachten die Nachricht, daß sie Stolz nicht getroffen
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 52 v</span>
-hätten. Pohl jun. erklärte sich bereit,
-Blau in seiner Wohnung, Gneisenaustraße 7a,
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 112 v</span>
-aufzunehmen. Hoppe und Geisler kamen mit,
-angeblich nur, um aufzupassen, daß Blau nicht
-entwische. Hoppe hatte aber offenbar die Absicht,
-Blau in der Wohnung des Pohl zu ermorden.
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 47 v</span>
-Hoppe äußerte sich jedenfalls am nächsten
-Tage zu Pohl in diesem Sinne und bemerkte
-dabei, daß er einen Korb besorgen und
-die Leiche fortschaffen würde. Pohl und seine
-Frau gingen aber darauf nicht ein. Im Laufe
-des 3. August 1919 entfernte sich Geisler. Am
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 47 v</span>
-Morgen war bereits der Genosse, der mit Hoppe
-am Abend vorher den Stolz holen sollte, in der
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-Pohlschen Wohnung erschienen und hatte mit
-Hoppe auf dem Korridor verhandelt. Pohl hörte,
-daß er zu Hoppe sagte, er hätte niemand gefunden.
-Der Betreffende kam vormittags nochmals,
-und zwar mit zwei Männern, die feldgraue
-Uniform trugen. Der eine Wachmann,
-welcher einen Revolver trug, blieb in der Wohnung.
-Weitere vier Mann bewachten das Haus.
-Ein Mann in braunem Anzug, der gegen Mittag
-herauf kam, erklärte, er sei von der „T-Terroristengruppe“,
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 113</span>
-die unten das Haus bewache,
-er gab dem Hoppe auch eine Flasche, die Morphium
-enthielt. Ihr Vorhaben, Blau schon in
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 113,<br />45 v</span>
-der Pohlschen Wohnung umzubringen, scheiterte
-an dem Widerstande der Eheleute Pohl, die
-offenbar aus Angst nicht dulden wollten, daß
-die Tat bei ihnen ausgeführt wurde. Es blieb
-dem Hoppe daher nichts anderes übrig, als sich
-nach einer anderen Wohnung umzusehen. Er
-ging daher zu seinem Jugendfreunde Winkler,
-der bei seinen Eltern in der Großbeerenstraße 20
-wohnte. Dieser stellte ihm die Wohnung zur
-Verfügung. Die Eltern des Winkler hielten sich
-während dieser Zeit außerhalb auf ihrem Laubengrundstück
-am Teltowkanal auf. Die
-Schlüssel zur Wohnung will Winkler dem Hoppe
-<span class="sidenote">Bd. VII<br />Bl. 79 v</span>
-gleich mitgegeben haben. Hoppe behauptet aber,
-daß Winkler sie zufolge einer zwischen ihnen
-beiden vorher getroffenen Verabredung Ecke
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 113 v</span>
-Hagelsbergerstraße dem zweiten „T“-Mann
-(Wachmann der Terroristen-Gruppe) ausgehändigt
-habe. Dieser ging als erster in das Haus
-Großbeerenstraße 20. Hoppe und Blau folgten.
-Einige Zeit später gingen weitere zwei Mann,
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 51 v</span>
-darunter Fichtmann, hinein. Pohl, der mit bis
-zum Hause gegangen war, blieb zunächst in unmittelbarer
-Nähe des Hauses auf der anderen
-Straßenseite stehen. Er bemerkte Acosta und
-Winkler, die auf der Hausseite auf und ab
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 52</span>
-gingen. Nach einiger Zeit kamen beide zu ihm
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-herüber und unterhielten sich mit ihm. Beide
-<span class="sidenote">Bd. VII<br />Bl. 90 v</span>
-wußten, daß mit Blau etwas vor sich gehen
-sollte und fragten Pohl, was in seiner Wohnung
-passiert sei. Pohl erzählte ihnen, daß man von
-Blau verschiedenes herausbekommen und daß
-man bei ihm gegessen hätte. Im Laufe der
-Unterhaltung, die sich nur um Blau drehte, erwähnte
-Winkler auch, daß er den Auftrag gehabt
-hätte, einen Korb zu besorgen; er habe dies
-<span class="sidenote">Bd. VII<br />Bl. 91</span>
-aber nicht getan, da es schon dunkel sei und er
-auch Zahnschmerzen hätte, zudem sei ja sein
-<span class="sidenote">Bd. VII<br />Bl. 91</span>
-Vater Schneidermeister und habe genug Decken,
-in die man nachher Blau einwickeln könne.
-Die Hauptsache sei, daß er nachher die Decke
-wiederbekäme. Winkler und Acosta gingen
-dann zu Schröder, wo sie über Nacht blieben.
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 55</span>
-Auf die Mitteilungen des erregten Acosta, daß
-der Spitzel Blau in der Großbeerenstraße sei,
-daß man verschiedenes schon von ihm herausbekommen
-habe, insbesondere, daß er den Abgeordneten
-Eichhorn für 50000 Mark ermorden
-sollte, Pohl stehe auf der Brücke und wisse
-Näheres, ging Schröder zur Großbeerenstraße,
-wo er Pohl an der Brücke traf. Nachdem sie
-sich längere Zeit unterhalten hatten und währenddessen
-auch auf und ab gegangen waren,
-kam ein Mann auf sie zu und forderte sie auf,
-bei dem Transport der inzwischen aus dem
-Hause Großbeerenstraße 20 geschafften, in eine
-Decke eingewickelten Leiche des Blau zu helfen.
-Schröder ging auf diese Aufforderung sofort hin,
-hob die Leiche auf, trug sie zum Kanal und
-warf sie ins Wasser. Hoppe, Schröder, Pohl
-und der eine Wachmann blieben dann noch zusammen
-und gingen zum Lokal von Maaß in der
-Bergmannstraße, während die anderen vier Männer
-der Terrorgruppe, unter ihnen Fichtmann,
-sich zerstreuten. Auf dem Wege zum Maaßschen
-Lokale erzählten Hoppe und der Wachmann die
-näheren Umstände der Ermordung: „Sie hätten
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 51</span>
-Blau zunächst Wein mit Morphium zu trinken
-gegeben. Blau wäre eingeschlafen: Hoppe und
-der Wachmann hätten ihm die Schlinge um den
-Hals gelegt. Beim ersten Male sei Blau jedoch
-aufgewacht, und es sei ihnen gerade noch gelungen,
-die Schlinge von seinem Halse zu
-nehmen. Blau hätte sich gewundert, daß der
-Tisch abgerückt war, die Tür zu und drei fremde
-Leute im Zimmer waren. Sie hätten ihn beruhigt,
-er sei dann wieder eingeschlafen. Nunmehr
-hätten Hoppe und der Wachmann ihm die
-Schlinge um den Hals gelegt und zugezogen,
-während die beiden anderen Anwesenden sich
-auf die Knie des Blau geworfen hätten. Die
-beiden letzteren (darunter Fichtmann) hätten
-sich schlapp benommen; der eine Mann (Fichtmann)
-habe gezittert.“
-</p>
-
-<p>
-Hoppe, Fichtmann und Winkler bestreiten,
-sich strafbar gemacht zu haben.
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 93 v</span>
-Hoppe hat zunächst überhaupt zu Abrede gestellt,
-in der Versammlung in der Schule, in der
-Wohnung des Pohl und Winkler und mit Blau
-zusammengewesen zu sein. Erst nach hartnäckigem
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 111 v,<br />ff. 151</span>
-Leugnen hat er dies schließlich zugegeben.
-Er sucht die Sache jetzt so darzustellen,
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 18 ff.</span>
-daß er die Wohnung des Winkler verlassen habe,
-als er merkte, daß man Blau umbringen wollte.
-Seine Angaben verdienen indes keinen Glauben
-und werden im übrigen durch die Bekundungen
-des Zeugen Pohl widerlegt. Diesen und den
-Mitangeschuldigten Winkler hat er auch zu
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 9 v</span>
-falschen Angaben verleiten wollen. Als er und
-Pohl kurz nach ihrer Festnahme im Isoliergewahrsam
-zusammentrafen, stieß Hoppe den
-Pohl im Vorbeigehen an und sagte: „Wir kennen
-uns nicht.“ Später steckte er dem Winkler im
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 17</span>
-Gefängnis einen Kassiber zu. Winkler aber
-kam nicht zum Lesen desselben, da er ihm vorher
-von dem Gefängnisbeamten Bruhnke abgenommen
-wurde. Auf die Frage des Bruhnke,
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-<span class="sidenote">Bd. VIII<br />Bl. 90</span>
-was er dem Winkler zugesteckt habe, erwiderte
-Hoppe: „Streichhölzer.“ Der Kassiber hatte
-folgenden Wortlaut:
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 17</span>
-„Lieber Willy! Aus dem Dir zugegangenen
-Haftbefehl gegen uns ersiehst Du ohne weiteres
-die Situation. Den Ernst derselben, soweit es
-sich um mich handelt, zu unterschätzen, wäre
-nicht möglich. Ich bitte Dich daher dringend,
-um das Schlimmste zu verhindern, mich, soweit
-es möglich ist, zu entlasten, wie ich es bei Dir
-auch dauernd bestrebt bin. Ich bitte Dich daher
-um folgendes: Bei der Verhandlung gestehe ein,
-daß Du die Wohnungsschlüssel auf sein Geheiß
-einem Menschen in braunem Anzug (Dir unbekannt)
-auf ein bestimmtes Parolewort (was Du
-aber vergessen hast) an der Hagelsbergerstraße
-Ecke Großbeerenstraße ausgehändigt hast. (Zeitpunkt
-etwa ½ Stunde nach meinem Besuch in
-Deiner Wohnung. Grund: Da ich noch etwas
-zu erledigen hatte und Du aber noch nicht angezogen
-warst, um mit herunterzugehen, mir also
-die Schlüssel nicht gleich mitgeben konntest.)
-Alles vorher Geschehene bleibt wie abgemacht
-(Sitzung abhalten usw.). Das wäre die 1. Bitte,
-die zu erfüllen wohl für Dich keine großen
-Schwierigkeiten machen kann. Jetzt jedoch zu
-einer anderen, etwas heikleren Frage, die für
-Dich aber auch noch kein allzugroßes Opfer bedeutet
-im Verhältnis zur Wichtigkeit derselben
-im Interesse meiner Person. Denn Du könntest
-mich damit retten und für Dich wäre die Sache
-dadurch immer noch zu ertragen. Und dann,
-l. W., kommt es doch hier nur darauf an, das
-Leben zu retten, alles andere wäre doch nur von
-kurzer Dauer, denn die Zeit arbeitet doch für
-uns. Mit dieser Hoffnung will ich Dir gleich
-meine 2. Bitte vortragen. <em>Ich habe alles eingestanden.</em>
-Bin auch zu Deiner Wohnung mit
-raufgegangen, aber nach einer ½ Stunde <em>wieder
-runtergekommen</em>, da ich oben merkte,
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-was die T.-Leute für Absichten hatten und ich
-aber damit nicht einverstanden war, sondern
-dafür war, Blau nur festzuhalten und dem
-Strolz u. a. gegenüberzustellen. Ich äußerte also
-meine Bedenken, worauf man mich als Feigling
-runterschickte. Ich bin also <em>nach ½ Stunde
-runtergekommen</em> und nach Hause gegangen
-und in den Straßen umhergeirrt, und bin dann,
-erst halb aus Neugierde, halb aus Angst, ½ Stunde
-<em>bevor die T.-Leute mit Blau herunterkamen,
-wieder vor Deinem Hause angelangt
-und habe dort gestanden, bis man
-von oben runterkam</em>. Im Protokoll habe ich
-nur angegeben, daß ich Acosta unten getroffen
-habe. Pohl dagegen hat auch Dich und Schröder
-angegeben. Ich brauche jetzt also entweder Dich
-oder Schröder als Alibi-Zeugen, der mich gesehen
-hat unten auf der Straße, während die
-anderen oben waren. Ich rechne da stark auf
-Dich, l. W. Nur <em>weiß ich nicht, wann Du
-überhaupt unten standest</em>, also ob bei
-meinem <em>Runterkommen</em> oder <em>später</em>, etwa
-½ Stunde bevor die anderen runterkamen mit
-d. L. Äußere Dich, bitte, ausführlich über meine
-Bitte und Ausführung. Wenn Du gewillt bist,
-dann überlasse alles mir bis zur Verhandlung.
-Was oben in der Wohnung vorgeht, hast Du
-erst von Acosta erfahren. Mit kom. Gruß
-Erwin C. II 48. Wenn Du also willst, dann
-rufe ich Dich in der Verhandlung als Alibi-Zeugen
-an.“
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 9</span>
-Fichtmann stellt sogar in Abrede, mit in der
-Winklerschen Wohnung gewesen zu sein. Der
-Zeuge Pohl hat ihn aber als eine der beiden
-Personen erkannt, die hinter Hoppe und Blau
-in das Mordhaus hineingegangen sind und die
-später Wein aus der Teltower Straße geholt haben.
-Fichtmann ist nach den Angaben des Pohl auch
-beim Transport der Leiche nach dem Wasser
-vorangegangen und fortgelaufen, nachdem sie
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-ins Wasser geworfen war. Er ist auch von
-Hoppe als derjenige bezeichnet werden, der bei
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 164</span>
-der Ausführung der Mordtat sich schlapp benommen
-und auf den Knien des Blau gelegen
-hatte. Sein Alibibeweis ist mißglückt. Nach der
-<span class="sidenote">Bd. VII<br />Bl. 44</span>
-Vorstrafe ist ihm die Mordtat auch zuzutrauen.
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 93 ff.,<br />11 ff.</span>
-Winkler erklärte anfangs, daß er von der
-ganzen Sache überhaupt nichts wüßte und zur
-fraglichen Zeit überhaupt nicht in Berlin, sondern
-mit seinen Eltern auf der Laube am Teltowkanal
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 51 ff., 89</span>
-gewesen sei. Diese Angabe wurde von
-ihm später widerrufen. Er erklärte nunmehr,
-<span class="sidenote">Bd. VIII<br />Bl. 79 f.</span>
-daß er dem Hoppe seine Wohnung zu einer
-„Sitzung“ zur Verfügung gestellt habe. Seine
-Angaben, die er dem Pohl gegenüber über das
-Besorgen des Korbes und über die Decken gemacht
-hat, sein ganzes auffälliges Verhalten
-während der Zeit, wo der Mord in seiner Wohnung
-ausgeführt wurde, und die Angaben des
-Hoppe in dem an ihn gerichteten Kassiber
-lassen erkennen, daß er in den Mordplan eingeweiht
-gewesen ist.
-</p>
-
-<p>
-Beweismittel:
-</p>
-
-<p>
-a) Angaben der 3 Angeschuldigten,
-</p>
-
-<p>
-b) Skizze Blatt Bd. II Bl. 31, Bild des Blau
-Bd. I. 31. 52, Lichtbilder Bd. V Bl. 155,
-Brief des Herm Bd. III Bl. 51. 19. (Abschriften:
-Bd. I. Bl. 50, Bd. III Bl. 7)
-Kassiber des Hoppe Bd. VI Bl. 13, Kasseauszug
-Bd. V Bl. 51 ff. Briefe des Leuschner
-Bd. V Bl. 73 f., Bd. VI Bl. 162 c,
-</p>
-
-<p>
-c) Vorstrafakten des Fichtmann: 67 J. 2099/19
-Staatsanwaltschaft I Berlin.
-</p>
-
-<p>
-d) Sachverständige:
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. I<br />Bl. 4 ff.</span>
-1. Gerichtsarzt Professor Dr. Strauch in
-Berlin,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. I<br />Bl. 4 ff.</span>
-2. Gerichtsarzt Geh. Medizinalrat Dr.
-Hoffmann in Berlin,
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-<span class="sidenote">Bd. II<br />Bl. 85, 132</span>
-3. Dr. Brüning von der Staatlichen Nahrungsmitteluntersuchungsanstalt
-in Berlin,
-Alexanderstraße 3/6,
-</p>
-
-<p>
-e) Zeugen:
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. III<br />Bl. 3, 37</span>
-1. Schiffseigner Friedrich Kullmann in
-Züllichau, Oberweinberge,
-</p>
-
-<p>
-2. Kriminalkommissar Dr. Biermann in
-Berlin,
-</p>
-
-<p>
-3. Kriminalkommissar Trettin in Berlin,
-</p>
-
-<p>
-4. Kriminalkommissar Maslak in Berlin,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. I<br />Bl. 36 ff.,<br />60, 68 v f.</span>
-5. Mechaniker Walter Schreiber – Adresse
-wird noch angegeben –,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. I<br />Bl. 34 ff.,<br />60 v f.</span>
-6. Frau Mathilde Baumeister geb. Seidl
-in München, Badstraße,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. I<br />Bl. 54, 56,<br />75 ff.</span>
-7. Frau Gertrud Kaltenhauser in München
-– nähere Adresse wird noch angegeben
-–,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. I<br />Bl. 53, 65,<br />68 ff.</span>
-8. Student Hans Blumenfeld in München
-– nähere Adresse wird noch angegeben
-–,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. I<br />Bl. 59 ff.</span>
-9. Landgerichtsrat Dr. Wiesehahn vom
-Landgericht I Berlin,
-</p>
-
-<p>
-10. Landrichter Marquard, Untersuchungsrichter
-beim Landgericht II Berlin,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 31 ff.,<br />144,<br />151 v,<br />175 a f.</span>
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 47 ff.,<br />50 ff.,<br />61, 97</span>
-<span class="sidenote">Bd. VII<br />Bl. 93 v f.</span>
-11. Lagerist Georg Pohl in Berlin, Gneisenaustraße
-7a,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 13 ff.,<br />130</span>
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 118</span>
-12. Frau Martha Pohl geb. Schubert in
-Berlin, Gneisenaustraße 7a,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. II<br />Bl. 29</span>
-13. Frau Maria Sprung geb. Stumpf in
-Berlin, Schleiermacherstraße 23,
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-<span class="sidenote">Bd. II<br />Bl. 23 v</span>
-14. Krim.-Wachtmeister Hencke in Berlin-Pankow,
-Talstraße 11,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. II Bl. 44</span>
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 144</span>
-15. Privatiere Gertrud Wollweber in Charlottenburg,
-Kantstraße 45, bei Janke,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. II<br />Bl. 112</span>
-<span class="sidenote">Bd. I<br />Bl. 113 f.</span>
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 150</span>
-<span class="sidenote">Bd. VII<br />Bl. 6</span>
-16. Lederarbeiter Max Leuschner in Berlin,
-Dresdener Straße 125,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. II<br />Bl. 46</span>
-17. Frau Martha Leuschner geb. Kallios in
-Berlin, Dresdener Straße 125,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. II<br />Bl. 98 f., 121</span>
-18. Edmund David de Samson – Adresse
-wird noch angegeben –,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. II<br />Bl. 120</span>
-19. Student Franz Stolz in Berlin, Weidenweg
-38,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. I<br />Bl. 132 f.</span>
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 41 v ff.</span>
-20. Techniker Fritz Klust in Berlin, Katzbachstraße
-23,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 4 ff.</span>
-21. Arbeiter Johann Pohl in Berlin,
-Nostitzstraße 49,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 49 ff.,<br />138 v</span>
-22. Schlosser Jakob Schmitz in Berlin,
-Gneisenaustraße 28,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 51 ff., 135</span>
-23. Hilfsarbeiter Karl Hoffmann in Berlin,
-Nostitzstraße 45,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 65 ff., 75</span>
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 103</span>
-24. Eisendreher Alfred Geisler in Berlin,
-Großbeerenstraße 13 a,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 35, 113</span>
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 54, 41 v f.</span>
-25. Kutscher Paul Schröder in Berlin,
-Großbeerenstraße 30,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. V<br />Bl. 63 v</span>
-26. Kaufmann Otto Mahlig in Sangerhausen,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. IV<br />Bl. 1 ff.</span>
-27. Parteisekretär Wilhelm Peters in Magdeburg,
-Schillerstraße 47,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. VII<br />Bl. 56 f.,<br />100 f., 102 f.</span>
-28. Schneider Max Eulenberger, z. Zt. im
-Gefängnis Leipzig in Haft,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. VI<br />Bl. 154</span>
-29. Marta Kuschel in Berlin, Dunkerstraße
-87,
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-<span class="sidenote">Bd. VII<br />Bl. 44</span>
-30. Paul Born in Berlin, Parochialstraße
-1/2,
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">Bd. VII<br />Bl. 90</span>
-31. Gefangenenaufseher Emil Bruhnke in
-Berlin, Untersuchungsgefängnis.
-</p>
-
-<p>
-Es wird beantragt,
-</p>
-
-<p>
-das Hauptverfahren zu eröffnen und die Verhandlung
-und Entscheidung der Sache vor dem
-Schwurgericht des Landgerichts II in Berlin
-stattfinden zu lassen, sowie die Fortdauer der
-Untersuchungshaft gegen die Angeschuldigten
-Hoppe und Winkler aus den bisherigen Gründen
-anzuordnen.
-</p>
-
-<p class="sign">
-gez. Hagemann.
-</p>
-
-</div>
-
-<h3 class="section" id="chapter-3-2">
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-Erörterung zur Anklageschrift.<br />
-Dokumente.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Dem Staatsanwalt liegen nur zwei Dokumente
-vor: der Brief des Herm, der besagt,
-daß er den Blau „besorgt“ habe. Dies „besorgt“
-kann sehr viel bedeuten; kann aber
-auch nur enthalten, daß er eine Absicht ausgeführt
-habe; gleichgültig welche; etwa die,
-den Mann im Norden Deutschlands zu verankern;
-„der kommt so bald nicht wieder nach
-München.“ Außerdem war Herm während der
-fraglichen Zeit nicht in Berlin; wenigstens ist
-Verbindung zwischen ihm und den Berlinern
-nicht nachgewiesen; im Gegenteil scheint
-festzustehen, daß Blau sich allein nach Berlin
-begab und sich freiwillig in der Versammlung
-im Friedrichsrealgymnasium einfand. Hätte
-man ihn gefangen gehalten, dann hätte man
-ihn nicht vor vielen Leuten herumgezogen –
-und ihm nicht gestattet, den Mahlig und seine
-Frau aufzusuchen. Der Brief des Herm scheint
-Blaus Münchener Tätigkeit zu liquidieren,
-ohne in direkter Beziehung zu den Berliner
-Ereignissen zu stehen. Er erhärtet bestenfalls,
-daß man in Bayern Blaus Spitzelrolle erkannt
-hatte und Sorge trug, ihn abzuschieben.
-</p>
-
-<p>
-Das zweite Schriftstück ist der Kassiber
-des Hoppe. In diesem steht, daß der Schreiber
-alles gestanden habe; er fragt nun den Winkler,
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-ob er ihn auf der Straße vor dem Mordhause
-gesehen habe, und bittet ihn, falls das
-der Fall sei, dies zu bezeugen. Die Tatsache des
-Kassibers kann man nicht als Schuldbeweis
-zählen: die monatelange Einzelhaft wirkt zermürbend
-und läßt jedes Mittel ergreifen. Über
-die Vorgänge in der Winklerschen Wohnung ist
-nichts gesagt; als Quelle ihrer Kenntnis wird
-Acosta angegeben, jener Acosta, von dem
-öfter gesprochen wird, doch den zu verhaften
-nicht gelungen ist. Das Dokument ergibt
-nur, daß mehrere Leute, unter ihnen Winkler,
-Acosta, Hoppe, sich damals auf der
-Straße herumtrieben – was andere Aussagen
-bestätigen. Daß der verdächtigte
-Hoppe versucht, einen der Mitanwesenden
-dazu zu veranlassen, seine und damit auch
-Hoppes Anwesenheit zu gestehen, ist verständlich
-– ohne die Tat zu erhellen.
-</p>
-
-<p>
-Alles andere sind Aussagen, bei denen der
-Untersuchende kaum zu entscheiden vermag,
-ob die Sprechenden immer subjektiv
-bei der Wahrheit bleiben. Man wird infolgedessen
-versuchen, das herauszuklauben, was
-an objektiv Historischem berichtet wird. Die
-Gespräche und gar durch Dritte berichtete
-Worte sind schon vorsichtiger zu verwerten,
-am zweifelhaftesten sind aber Aussagen, die
-Zusammenhänge betreffen: da schiebt sich oft
-die eigene Kombination vor die Dinge und,
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-wenn einer lügen will, wird er zuerst eine
-andere Ansicht haben, dann Gespräche verändern;
-erst zuletzt und im Notfall wird er
-Tatsachen leugnen oder erfinden: weil ihm das
-am leichtesten nachgewiesen werden kann.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-3-3">
-Das Historische.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Im Juli 1919 war in München eine aufgeregte
-Zeit. Am 1. Mai war die Räterepublik
-gefallen. Die Kämpfe und Verhaftungen
-hatten durch Wochen gedauert, noch jetzt
-war das große Aufräumen in Gang: täglich
-Verhaftungen, Verhandlungen, täglich Gefahr.
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">p. 45</span>
-In dieser Zeit verkehrte in Münchener
-Kommunistenkreisen ein gewisser Blau. Kommunistenkreise
-waren damals illegal und bedroht;
-Blau lief in dieser Illegalität und Bedrohung
-herum und führte vermutlich das
-Leben der Geflüchteten: Übernachten da und
-dort bei Genossen, Treffpunkte in entlegenen
-Wirtshäusern da und dort, alles geheim
-und verborgen.
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">p. 46</span>
-Am 29. Juli fuhr Blau mit drei Begleitern
-nach Magdeburg. Deren Namen sind Schreiber,
-Herm und ein gewisser Schuster. Vermutlich
-war die Partei die Mittlerin ihrer Bekanntschaft;
-ob sie persönlich voneinander
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-gewußt haben, ist unbestimmt. Jedenfalls
-steht der Name Schuster in Fragezeichen.
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">p. 46</span>
-In Magdeburg scheinen sich die vier getrennt
-zu haben: von Schuster ist keine Erwähnung
-mehr, Schreiber fuhr nach Hötensleben
-zu den Eltern des Herm und blieb dort
-bis nach Auffindung der Leiche (7. August).
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">p. 47</span>
-Wo Herm geblieben war, ist nicht nachgewiesen;
-doch kam er noch vor der Ermordung
-des Blau am 2. August abends bei
-seinen Eltern in Hötensleben an; nach Angabe
-des Schreiber aus Berlin.
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">p. 46</span>
-Blau war am 31. Juli vormittags allein bei
-einem gewissen Mahlig in Sangerhausen, am
-<span class="sidenote">p. 49</span>
-1. August nachmittags, wieder ohne Begleitung,
-in Berlin, Bayreuther Straße 10, beim
-Portier Nowak des Hauses, in dem seine
-Frau wohnte.
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">p. 49</span>
-Vom 1. August abends an ist Blaus
-Aufenthalt lückenlos festgestellt. Er taucht
-auf in einer Kommunistenversammlung in
-der Mittenwalder Straße zu Berlin. Die Versammlung
-wurde von dem Lederarbeiter
-<span class="sidenote">p. 50</span>
-Leuschner geleitet. Noch während der Versammlung
-geriet Blau mit Anwesenden in
-lebhafte Besprechung; nachher bewegte er
-sich mit einem Trupp in der Richtung zum
-Viktoriapark.
-</p>
-
-<p>
-Als seine Begleiter wurden festgestellt:
-Acosta, Geißler, Gentz, Kluft, Leuschner,
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-Pohl jun. und sen., Schmidt, Schröder.
-Später kamen dazu noch Hoppe und noch
-ein Mann, der als erster Unbekannter mit (1)
-bezeichnet sei.
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">p. 50</span>
-In der Nähe des Viktoriaparkes trennte
-sich der Trupp und Blau ging mit Hoppe und
-Geißler in die Wohnung der beiden Pohl, wo
-anscheinend geschlafen wurde.
-</p>
-
-<p>
-Am Morgen des 2. August ging Geißler
-weg. Später kam der Mann (1), rief Hoppe
-und sprach mit ihm auf dem Flur; ging und
-kam mit zwei Feldgrauen (2), (3) zurück;
-weitere vier Mann (4), (5), (6), (7) waren auf
-der Straße und bewachten das Haus.
-</p>
-
-<p>
-Weiter kam ein Mann in braunem Anzug
-(8), der eine Flasche hatte, in der nach seinen
-Angaben Morphium war; dieser sprach mit
-Hoppe und ging dann.
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">p. 51</span>
-Im Laufe des 2. August fand der Umzug
-in die zur Zeit leere Wohnung der Eheleute
-Winkler statt. Der junge Winkler verließ die
-Wohnung, ehe Blau und seine Begleiter ankamen
-und händigte auf der Straße den
-Schlüssel entweder dem Hoppe oder einem
-der Wachleute (1)-(7) aus.
-</p>
-
-<p>
-In die Wohnung ging zuerst dieser Wachmann,
-später erst kamen Blau und Hoppe;
-einige andere, vermutlich welche der Wachleute
-(1-7), werden nachgefolgt sein, der
-Rest soll als Posten auf der Straße gestanden
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-haben. Auch Fichtmann soll das Haus
-betreten haben.
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">p. 52</span>
-Auf der Straße trafen sich Neugierige;
-Pohl, Winkler, Acosta sind genannt; sie
-standen dort bis in die Nacht. Dann gingen
-Winkler und Acosta zu Schröder, um dort zu
-schlafen; sie trafen Schröder zu Hause und
-sprachen mit ihm.
-</p>
-
-<p>
-Schröder ging daraufhin fort und begegnete
-Pohl in der Nähe der Winklerschen
-Wohnung; zu beiden trat einer der Wachleute
-und forderte sie auf, die Leiche mittragen
-zu helfen.
-</p>
-
-<p>
-Schröder folgte dem Mann; der Körper, in
-eine Decke gewickelt, war schon auf der
-Straße. Schröder nahm ihn auf und warf ihn
-in den Kanal – aus dem er am 7. gezogen
-wurde.
-</p>
-
-<p>
-Anwesend waren noch Pohl, Schröder,
-Hoppe und ein Wachmann (die in das Lokal
-von Maß gingen). Vier weitere Leute, darunter
-nach Aussage des Pohl auch Fichtmann,
-zerstreuten sich.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Die Nachzählung der Personen ergibt, daß
-im Laufe des Tages etwa acht Unbekannte
-auftauchten, von denen nach der Tat fünf
-noch anwesend waren.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-3-4">
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-Die Gespräche der Beteiligten.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Die bezeugten Aussagen und Gespräche
-lassen einen Zusammenhang zwischen den
-Münchener und Berliner Kommunistenkreisen
-zweifelhaft erscheinen:
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">p. 45</span>
-In München hielt man Blau für entlarvt;
-man hatte ihn erkannt; Herm äußerte sich in
-diesem Sinne, und Schreiber sowie Frau Baumeister
-geben als Ziel der Reise an, Blau
-nach dem Norden vor die Berliner Genossen
-<span class="sidenote">p. 47</span>
-zu bringen. Blau hatte einen Ausweis der
-Fahndungsabteilung München, den Herm
-ihm abnahm; an der Spitzeltätigkeit des
-Blau war kein Zweifel.
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">p. 48</span>
-(Daß Herm nach Auffindung der Leiche
-sofort an Mord dachte und bemüht war, seine
-Berührung mit Blau zu verwischen und Aufzeichnung
-und Briefe zu vernichten, ist leicht
-verständlich, wenn man das Risiko langmonatiger
-Untersuchungshaft berücksichtigt
-– wie sie in diesem Prozeß der unbeteiligte
-Leuschner erlitt –.)
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">p. 49</span>
-In Berlin lagen die Dinge anders: als man
-den Mann in der Versammlung erkannt hatte,
-ließ man sich in eine Diskussion mit ihm ein
-und sandte Hoppe mit einem Begleiter ab,
-um einen Genossen Stolz oder Strolz zu
-holen, der den Verdächtigten bestätigen
-<span class="sidenote">p. 55</span>
-sollte. Hoppe gibt an, bis zuletzt die Gegenüberstellung
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-der beiden gefordert zu haben:
-unzweifelhafte Klarheit scheint nicht bestanden
-zu haben.
-</p>
-
-<p>
-Auch Blau selbst hat die gegen ihn erhobenen
-Anklagen nicht sehr ernst genommen.
-<span class="sidenote">p. 46</span>
-Die Warnungen des Schreiber wies
-er ab.
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">p. 46</span>
-Er wußte aber, daß ihm nach dem Leben
-getrachtet wurde und daß es um Leben und
-Tod ging. Dem Mahlig erzählte er, daß er
-große Dinge vorhabe: ob es der Mordplan
-gegen den Kommunistenführer Eichhorn war,
-die 50000 M., von denen Acosta dem Schröder
-erzählte? Schwer sind die Reden dieses
-Mannes mit seinen Handlungen zu vereinen:
-warum geht er mit seinen Feinden, bleibt
-dort über Nacht, geht in eine zweite Wohnung?
-Er mußte die Gefahr nicht so nahe
-geahnt haben – oder er sah seine eigentlichen
-Feinde gar nicht in den Kommunisten?
-Denn während dieser vierundzwanzig langen
-Stunden hätte er sicher entfliehen, unbedingt
-aber Lärm schlagen können; doch er blieb.
-</p>
-
-<p>
-Auch ein anderes ist auffällig: wenn man
-einen Spitzel entlarvt hat, schlägt man ihn
-gleich tot oder man stellt seine Persönlichkeit
-fest, photographiert ihn usw. und läßt ihn
-dann laufen. Aber man zieht ihn nicht von
-Wohnung zu Wohnung, um ihn dann zu ermorden.
-(Daß man den Mann von München
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-abschob oder weglockte, ist begreiflich:
-unter den damaligen Zuständen in München
-war der Mann zu gefährlich.)
-</p>
-
-<p>
-<span class="sidenote">p. 50</span>
-In Berlin soll der Plan zur Ermordung
-schon bei den Teilnehmern der Versammlung
-aufgetaucht sein. Greifbare Formen hat
-dieser Plan erst gefunden, als man die Ausführung
-bespricht. Der junge Pohl gibt an,
-daß ein Korb für die Leiche besorgt werden
-sollte; seine Eltern weigern sich, in ihrer
-<span class="sidenote">p. 51</span>
-Wohnung die Tat ausführen zu lassen. Vor
-dem Winklerschen Hause, auf der Straße
-stehen Leute; Wachleute? Neugierige? Es
-wird geraunt, daß oben mit Blau etwas vor
-<span class="sidenote">p. 52</span>
-sich gehe. Man beobachtet, erörtert, berichtet
-sich. Man spricht wieder von einem
-Korb für die Leiche, sieht Wein holen usw.:
-sie reden alle von dem, was vermutlich oben
-geschieht.
-</p>
-
-<p>
-Über die Vorfälle in der Wohnung selbst
-liegen widersprechende Aussagen vor. Die
-<span class="sidenote">p. 55</span>
-ausführlichsten stammen vom Zeugen Pohl,
-der aber weder im Haus, noch in der Wohnung,
-sondern auf der relativ dunklen Straße
-sich aufhielt. Dieser gibt an, daß Fichtmann
-für die Leute Wein geholt habe (in dem Blau
-das Morphium verabreicht worden sei) und
-daß Fichtmann beim Leichentransport vorausging;
-<span class="sidenote">p. 53</span>
-ferner, daß nach der Tat Hoppe und
-der eine Wachmann erzählt haben, sie beide
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-hätten den Blau erdrosselt, die anderen beiden
-Anwesenden, darunter Fichtmann, ihn
-<span class="sidenote">p. 53</span>
-festgehalten. Hoppe selbst gibt an, die Wohnung
-verlassen zu haben, als er sah, daß die
-anderen vom Mord nicht zurückzuhalten
-<span class="sidenote">p. 54</span>
-waren. Auch in seinem Kassiber vertritt er
-<span class="sidenote">p. 55</span>
-diesen Standpunkt und gibt als Nachrichtenquelle
-für die Details der Ermordung Acosta
-<span class="sidenote">p. 55</span>
-an. Fichtmann leugnet überhaupt seine
-<span class="sidenote">p. 56</span>
-Anwesenheit, die Anwesenheit des Winkler
-ist unwahrscheinlich; auch Schröder, der
-nachher dazukam, vermag Näheres nicht anzugeben. –
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Zieht man die Bilanz, so findet man das
-Vorauszusehende: der äußere Gang der Ereignisse
-steht ziemlich fest. Man kennt den
-Schauplatz und weiß ungefähr, was passierte;
-außer den Festgestellten waren noch unbekannte
-Leute beteiligt, Leute, die vermutlich
-auch den Zeugen und Angeklagten namentlich
-nicht bekannt waren. Wie die Rollen verteilt
-waren, ist nicht klar; klar ist nur, was
-geschah: der Mord.
-</p>
-
-<p>
-Fragt man weiter nach dem Zusammenhang
-des Geschehens: der Abtransport aus
-München erscheint motiviert und logisch; die
-Entlarvung in der Versammlung und Diskussion
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-über das „Was nun?“ ist erwiesen. Dann
-kommt eine Lücke, in der man die Initiative
-nicht mehr erkennen kann. Diese Dunkelheit
-wird durch das Verhalten des Blau noch
-mehr getrübt: was geschah in der Wohnung
-des Pohl und des Winkler und wer waren die
-treibenden Kräfte? Die Angeklagten, oder
-die Unbekannten? Man kann nur raten,
-man weiß es nicht. Man weiß nur, daß außerhalb
-der betreffenden Häuser, auf der Straße
-Zufällige, die von den Dingen wußten, herumstanden
-und kombinierten – und daß
-dann die Leiche kam.
-</p>
-
-<p>
-Dies ungefähr sind die Bruchstücke, die der
-Kritik standhalten; man kann damit nicht
-mehr tun, als die Leute taten, die auf der
-Straße standen: kombinieren, – was nicht
-allzu schwer erscheint. Aber der Verlauf der
-Verhandlung wird zeigen, wie all diese Kombinationen
-zusammenfallen, weil ein ganz
-neues Element hinzukommt: das Spitzeltum.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Die Gegenschrift des Verteidigers Dr. Weinberg
-beschränkte sich, wie meist bei Schwurgerichtssachen,
-auf die Betonung und Beantragung
-einiger für die Beschuldigten vorteilhaften
-Punkte, so daß sie der Eröffnung des
-Hauptverfahrens nicht im Wege stand.
-</p>
-
-<div class="doc">
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-<p class="id">
-2 c J 2691, 10
-</p>
-
-<p class="hdr">
-<span class="line1">Beschluß.</span>
-</p>
-
-<p>
-Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wird gegen
-</p>
-
- <div class="hang">
-<p>
-1. den Lederarbeiter (Schankwirt) Max Fichtmann
-aus Berlin, Parochialstr. 35, zur Zeit in der Strafanstalt
-Brandenburg a. H. in Sachen 67 J 2699,
-10 Staatsanwaltschaft I Berlin in Strafhaft, geb.
-am 22. November 1898 Berlin, mosaisch,
-</p>
-
-<p>
-2. den Kaufmann (Verkäufer von Broschüren) Erwin
-Hoppe aus Berlin, seit 13. November 1919 hier
-in Untersuchungshaft, geb. 1. April 1899 Berlin,
-religionslos, unverheiratet,
-</p>
-
-<p>
-3. den Schneidergesellen Willi Winkler aus Berlin, seit
-13. November 1919 hier in Untersuchungshaft, geb.
-16. September 1899 Berlin, evangelisch, unverheiratet,
-</p>
-
- </div>
-<p>
-welche hinreichend verdächtig erscheinen, in Berlin zu
-Anfang August 1919
-</p>
-
- <div class="hang">
-<p>
-a) Fichtmann und Hoppe gemeinschaftlich mit anderen
-den Inspektor Blau (Karl) vorsätzlich getötet und
-diese Tötung mit Überlegung ausgeführt zu haben,
-</p>
-
-<p>
-b) Winkler den Angeschuldigten Fichtmann und Hoppe
-und den Mitgliedern bei Begehung des Verbrechens zu a
-durch Rat oder Tat wissentlich Hilfe geleistet zu haben,
-</p>
-
- </div>
-<p>
-Verbrechen gegen §§ 211, 47, 49, StGB.
-</p>
-
-<p>
-das Hauptverfahren vor dem Schwurgericht des Landgerichts
-II in Berlin eröffnet.
-</p>
-
-<p>
-Die Untersuchungshaft gegen die Angeklagten Hoppe
-und Winkler dauert aus den bisherigen Gründen fort.
-</p>
-
-<p>
-Die Ausführungen des Verteidigers Rechtsanwalt Dr.
-Weinberg in der Schutzschrift vom 1. Juni 1920 stehen
-der Eröffnung des Hauptverfahrens nicht entgegen.
-</p>
-
-<p>
-Berlin, den 7. Juni 1920.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Landgericht II, Strafkammer 5<br />
-gez. Scheringer <span class="hspace">David</span> Gerhard.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-4">
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-DIE VERHANDLUNG.
-</h2>
-
-</div>
-
-<h3 class="section" id="chapter-4-1">
-Eröffnung.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Die Verhandlung begann am Donnerstag,
-dem 24. Juni 1920, vor dem Schwurgericht des
-Landgerichts II zu Berlin und dauerte bis
-Montag, den 5. Juli. Das Aufsehen, das der
-Prozeß in der Öffentlichkeit erregte, war
-außerordentlich; besonders die republikanischen
-Organe und die Presse der Linken
-nahm Anlaß zu heftigen Ausführungen. „Der
-Spitzelsumpf“ – „Die Spitzelorganisation
-der Garde-Kavallerie-Schützendivision“ –
-„Die Mordzentrale“ – „Der Lockspitzel als
-Zeuge“ waren etwa die Überschriften, die
-den Berichten vorstanden, und es ist sehr
-verständlich, daß weder Richter noch Staatsanwalt
-von den Enthüllungen der Beweisaufnahme
-erbaut waren: ein Schmutz trat zutage,
-der in die Berechtigung dieses speziellen
-Verfahrens ernsthafte Zweifel setzen läßt
-und nach allgemeiner Remedur ruft.
-</p>
-
-<p>
-Den Vorsitz der Verhandlung führte Landgerichtsdirektor
-Dr. Joel, die Anklage vertrat
-Staatsanwaltschaftsrat Dr. Ortmann, die
-Verteidigung der Angeklagten lag in den
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-Händen der Rechtsanwälte Theodor Liebknecht,
-Dr. Kurt Rosenfeld und Dr. Siegfried
-Weinberg. Unter den Geschworenen befanden
-sich Vertreter folgender Berufe: Bibliothekar,
-Dreher, Bäckermeister, Bankbeamter,
-Bürobeamter, Brauereidirektor, Generaldirektor,
-Rieselmeister, Maler, Landwirt,
-Architekt, Molkereibesitzer, Kassenbeamter,
-Vorarbeiter, Chemiker, Obergärtner,
-Buchdruckereibesitzer, Ingenieur, Rittergutsbesitzer,
-Fabrikbesitzer, Kaufmann. Bei
-der Auslosung machte die Verteidigung von
-ihrem Ablehnungsrecht Gebrauch. Als beisitzende
-Richter waren Landgerichtsrat, Geh.
-Justizrat Bienutta und Gerichtsassessor Siemens
-tätig, als Gerichtsschreiber Landgerichtsratsassistent
-Schröder.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Die Sitzungen des Gerichts füllten neun
-volle Tage aus. Bei kurzen Prozessen gestattet
-die Anwesenheit aller Beteiligten eine
-klare Disposition des Vorsitzenden: er vermag
-die Verhandlung so übersichtlich zu
-leiten, daß ein genaues Protokoll imstande
-ist, ein klares Bild zu geben. Hier, wo während
-der Tagung dauernd das Bild sich verschob,
-nachträglich neue Zeugen erschienen,
-deren Aussagen an in Tagen vorher Niedergelegtes
-sich anschließt; hier, wo zeitweise
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-das Thema der Verhandlung sich gar nicht
-um die Angeklagten zu drehen schien: ist es
-unmöglich, eine getreu den Ereignissen folgende
-Schilderung ohne intensives Studium
-zu überblicken. Es muß versucht werden,
-Zusammengehöriges im Zusammenhang darzustellen,
-so gut es geht. Die Gesichtspunkte,
-unter denen dies unternommen wurde, sind
-geteilt; es ergaben sich Abschnitte, die den
-Gang des Prozesses betreffen; und solche,
-in denen bestimmte zur Sprache gebrachte
-Personen oder Gebiete für sich allein interessieren.
-Wenn hier nochmal gesagt ist, daß
-diese Ausführungen keinerlei Stellungnahme
-beabsichtigen: weder zum Urteil, noch zur Verhandlungsführung
-wird die gewählte Darstellung,
-die sich übrigens streng an die Berichte
-hält, sicher zu Mißverständnissen keinen
-Anlaß geben.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-4-2">
-Allgemeines und Einleitendes.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Bereits erwähnt wurde, daß bei der Auslosung
-der Schöffen die Anwälte von ihrem
-Ablehnungsrecht Gebrauch machten. Wesentliches
-spielte sich dabei nicht ab.
-</p>
-
-<p>
-Rechtsanwalt Liebknecht stellt dann einen
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-4-3">
-Antrag der Verteidigung
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-„es möchte die Vertagung der Verhandlung beschlossen
-werden, da es trotz der zehn Monate
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-langen Voruntersuchung der Verteidigung
-nicht möglich war, die Gerichtsakten rechtzeitig
-einzusehen.“
-</p>
-
-<p>
-Antrag abgelehnt.
-</p>
-
-<p>
-Rechtsanwalt Dr. Siegfried Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Ich stelle fest, daß vier der geladenen
-Zeugen zur Verhandlung nicht erschienen
-sind; es handelt sich um die Zeugen Samson,
-Schreiber, Strolz und Toifl.“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwaltschaftsrat Dr. Ortmann:
-</p>
-
-<p>
-„Der Aufenthalt dieser Zeugen war nicht
-zu ermitteln.“
-</p>
-
-<p>
-Rechtsanwalt Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Diese vier Zeugen standen der Voruntersuchung
-zur Verfügung und haben die Angeklagten
-schwer belastende Aussagen gemacht;
-diese vier Zeugen sind als Lockspitzel
-der Polizei tätig gewesen und sollen jetzt
-nicht zu erreichen sein?!“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Der Auftrag, diese Zeugen zu laden, erging
-ordnungsgemäß; es wurde alles versucht,
-ihrer habhaft zu werden.“
-</p>
-
-<p>
-Rechtsanwalt S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Der Herr Staatsanwalt hat sich gewiß
-nicht an die richtigen Herren vom Polizeipräsidium
-gewandt.“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Ich bitte Sie uns dabei behilflich zu sein!“
-</p>
-
-<p>
-Rechtsanwalt S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-„Einen Augenblick! – Ich erkläre: die
-nicht erschienenen Zeugen Samson und Strolz
-sind in die vorliegende Tat als Lockspitzel
-verwickelt gewesen; der Zeuge Toifl steht im
-Verdacht, an der Tat beteiligt gewesen zu
-sein und gegen den wichtigsten dieser Belastungszeugen,
-den Polizeispitzel Schreiber,
-besteht begründeter Argwohn, daß er selbst
-der Täter sei! Ich verlange, daß alles geschieht,
-um diese Leute persönlich vorzuführen!
-Der Eindruck ihrer Aussagen kann
-nicht ersetzt werden durch Verlesung der
-Protokolle!“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Ich wiederhole nochmals, daß alles geschah,
-um die Zeugen beizuschaffen. Der
-Zeuge Schreiber ist Schweizer Staatsangehöriger
-und nach Mitteilung der Münchener
-Polizei von München nach der Schweiz abgeschoben
-worden.“
-</p>
-
-<p>
-Rechtsanwalt S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Die Öffentlichkeit hat ein Interesse daran,
-daß dieser Mord aufgeklärt werde. Es muß
-endlich Schluß werden mit der Tätigkeit
-privater und militärischer Spitzelzentralen;
-es muß Schluß werden mit dem Agentenwesen
-der Polizei! Dieser Schreiber hat zur
-Tat aufgereizt, sie veranlaßt, vielleicht sie
-ausgeführt; er hat ausgesagt in der Voruntersuchung
-– und jetzt ist er nicht zu ermitteln?
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-Ich behaupte: die Polizei kann diesen Spitzel
-nicht finden, weil sie ihn jetzt nicht finden
-will! ... Genau, wie im Ledebourprozeß,
-wo die Zeugen Roland und Leutnant Bachmann
-bei den behördlichen Spitzelzentralen
-ein- und ausgingen, und dem Gericht nicht
-erreichbar waren! Wie oft, meine Herren,
-wird dieses Spiel sich noch wiederholen? Der
-Zeuge Schreiber ist von der Polizei nach der
-Schweiz gebracht worden, – gut: Im Namen
-der Verteidigung stelle ich folgenden
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-4-4">
-Beweisantrag der Verteidigung.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-<em>Walter Schreiber</em> wird als Zeuge bestätigen:
-</p>
-
-<p>
-1. daß er als Lockspitzel militärischer und
-polizeilicher Stellen tätig war;
-</p>
-
-<p>
-2. daß er als solcher und im Einverständnis
-mit seinen Auftraggebern die Beseitigung des
-unbequem gewordenen Blau übernommen
-hatte;
-</p>
-
-<p>
-3. daß er als solcher und im Einverständnis
-mit seinen Auftraggebern die Beförderung
-des Blau nach Magdeburg und Berlin bewerkstelligt
-hat;
-</p>
-
-<p>
-4. daß er als solcher und im Einverständnis
-mit seinen Auftraggebern die Ermordung des
-Blau betrieben hat, und, daß er selber, nicht
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-aber die Angeklagten die zur Anklage stehende
-Tat begangen hat.
-</p>
-
-<p>
-Die genaue Adresse des Schreiber ist bekannt:
-der schweizerischen Behörde, sowie
-dem deutschen Konsulat in Zürich; ferner
-dem Vorsteher der politischen und Fahndungsabteilung
-des Polizeipräsidiums zu
-München und der politischen Abteilung des
-Polizeipräsidiums Berlin: die dies als Zeugen
-bestätigen werden.“
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Staatsanwaltschaftsrat Dr. Ortmann:
-</p>
-
-<p>
-„Der Untersuchungsrichter hat keinen Anlaß
-gesehen, gegen die Zeugen einzuschreiten
-oder ihre Glaubwürdigkeit zu bezweifeln
-– und ich stelle dem Urteile des
-Gerichts anheim, ob nicht viel eher die
-Drohungen der Kommunisten und die Angst
-vor Terrorakten Ursache sind, daß die Zeugen
-ihren Aufenthalt verheimlichen. Aber
-die Staatsanwaltschaft will alles tun, diesen
-Mord aufzuklären: ich werde die von der Verteidigung
-genannten Wege beschreiten und
-nochmals alles versuchen, des Zeugen Schreiber
-habhaft zu werden.“
-</p>
-
-<p>
-Die Entscheidung über den Beweisantrag
-wird infolgedessen vertagt, – doch ist es geraten,
-den weiteren Verlauf gleich hier zu berichten:
-</p>
-
-<p>
-Am zweiten Verhandlungstag teilt der
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-Staatsanwalt mit, daß seine Recherchen
-nach Schreiber erfolglos waren; er habe sich
-sofort an die Polizeidirektion München gewandt
-und nochmals die Antwort erhalten:
-der Zeuge sei seiner Zeit nach Lindau abgeschoben
-worden, sein Aufenthalt in der
-Schweiz oder sonstwo sei unbekannt. Ebenso
-sei die telegraphische Anfrage bei der Polizeidirektion
-Zürich und dem deutschen Generalkonsulat
-Zürich bisher vergeblich gewesen.
-R.-A. Dr. S. Weinberg rät, Herrn von Saldersberg
-von der antibolschewistischen Liga in
-Berlin um Auskunft anzugehen.
-</p>
-
-<p>
-Zu Beginn des vierten Verhandlungstages,
-Montag, 28. Juni, verliest der Staatsanwalt
-ein neues Telegramm des deutschen Generalkonsuls
-in Zürich, an den er sich gewandt
-hatte. Das Konsulat teilt mit, daß Walter
-Schreiber gefunden sei und sich bereit erklärt
-habe, unter bestimmten Voraussetzungen
-vor Gericht zu erscheinen; er verlange
-4000 M., ferner für jeden Tag Aufenthalt
-20 schw. Franken Entschädigung, sowie freie
-Fahrt und freie Verpflegung; ferner polizeilichen
-Schutz während der Fahrt und vor Gericht,
-und außerdem Erlaubnis zum Waffentragen.
-Schreiber behauptete, die Münchner
-Polizei sei ihm die 4000 M. noch schuldig
-und erst, wenn diese Schuld beglichen sei, sei
-er zu weiteren Diensten bereit.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-Rechtsanwalt Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Ich muß sagen, daß mir eine derartige
-Schamlosigkeit noch nicht begegnet ist; ich
-finde das Vorgehen dieses Spitzels unerhört;
-doch stelle ich es dem Ermessen des Gerichts
-anheim, ob es auf eine derartige Erpressung
-sich einlassen will. Ich betone nur noch, daß
-dies die Leute sind, die nach Ansicht des
-Herrn Staatsanwalts nicht erscheinen aus
-Angst vor Terrorakten!“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Leider besteht keine gesetzliche Handhabe,
-den Zeugen hierher zu schaffen; ich sehe
-also keinen anderen Weg als auf diese Bedingungen
-einzugehen.“
-</p>
-
-<p>
-Rechtsanwalt S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Ich muß gegen die Zahlung von 4000 M.
-protestieren; eine derartige Zahlung wird
-nie den Verdacht abschütteln können, Bestechungsgeld
-zu sein; ich bitte das Gericht
-dieses Moment nicht zu unterschätzen.“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Wenn das Gericht die Zahlung ablehnt,
-die Staatsanwaltschaft wird nichts unterlassen,
-diesen wichtigen Zeugen zur Vernehmung
-zu bringen! Dann wird die Staatsanwaltschaft
-diese Summe von sich aus, aus
-einem ihr zur Verfügung stehenden Dispositionsfonds
-erlegen.“
-</p>
-
-<p>
-– Das Gericht beschließt nach kurzer Beratung,
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-den Staatsanwalt zu ermächtigen,
-den Zeugen zu den geforderten Bedingungen
-beizubringen; das Gericht lehnt aber die
-Zahlung der 4000 M. ab.
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Dann werde ich diese Summe bereitstellen!“
-</p>
-
-<p>
-Rechtsanwalt Dr. Rosenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Ich möchte den Herrn Staatsanwalt
-bitten uns zu verraten, woher er die 4000 M.
-für den Schreiber nimmt. Nach meiner
-Kenntnis stehen der Justizbehörde keine
-Spitzelfonds zur Verfügung.“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Ich verwahre mich gegen den Ausdruck
-Spitzelfonds. Ich habe keine Spitzelfonds
-unter mir; ich schaffe nicht den Spitzel, sondern
-den Zeugen Schreiber bei.“
-</p>
-
-<p>
-Rechtsanwalt Dr. Rosenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Ich wiederhole meine Frage, aus welchem
-Fonds die 4000 M. stammen?“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender Dr. Joel:
-</p>
-
-<p>
-„Ich bitte die Unterhaltung über diesen
-Punkt zu schließen!“
-</p>
-
-<p>
-Rechtsanwalt Dr. Rosenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Ich behalte mir vor, die Frage nochmal
-anzuschneiden.“
-</p>
-
-<p>
-– Drei Tage später, am Donnerstag, dem
-1. Juli, liegt ein Telegramm des deutschen
-Generalkonsuls Zürich vor: Schreiber werde
-der Vorladung als Zeuge nur Folge leisten,
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-wenn er die 4000 M. vor Antritt der Fahrt
-ausgehändigt erhalte.
-</p>
-
-<p>
-Rechtsanwalt S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Es dürfte sich empfehlen, dem Schreiber
-die 4000 M. gleich zu schenken und auf sein
-Erscheinen zu verzichten.“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Der Staatsanwaltschaft ist nach den vorhergegangenen
-Ausdrücken an dem Erscheinen
-des Zeugen sehr viel gelegen. Ich möchte
-versuchen, mich nochmal an das deutsche
-Konsulat Zürich zu wenden.“
-</p>
-
-<p>
-Die Antwort lautete: Schreiber sei nur
-bereit nach Empfang der 4000 M. auf dem
-Konsulat in Zürich auszusagen; er käme
-nicht nach Deutschland. Weitere Bemühungen
-waren erfolglos und der Beweisantrag
-der Verteidigung wurde, wie am Schluß berichtet
-wird, schließlich abgelehnt.
-</p>
-
-<p>
-Noch eine Episode ereignete sich, die zur
-übrigen Verhandlung nicht in Beziehung
-steht: am fünften Verhandlungstag, Dienstag,
-29. Juni, wurde der Vertreter der Roten
-Fahne am Saaleingang angehalten und nach
-Waffen durchsucht. Rechtsanwalt Dr. Rosenfeld
-bemerkt zur Beschwerde des betreffenden
-Herrn, daß nur dieser durchsucht worden
-sei. Der Vorsitzende erklärt dazu, daß seine
-auf Überwachung und Kontrolle des Zuschauerraumes
-zielenden Anordnungen dahin
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-zu ändern seien, daß die Pressevertreter
-künftighin unbehelligt blieben; die Kontrolle
-selbst sei er der Sicherheit der einzelnen Zeugen
-schuldig.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-4-5">
-Die Vernehmung des Fichtmann.<br />
-– Der Fall Orlowsky. –
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Die Nachmittagssitzung des ersten Verhandlungstages
-eröffnet die Vernehmung des
-Angeklagten Max Fichtmann. Dieser verbüßte
-damals im Zuchthause Brandenburg
-eine langjährige Zuchthausstrafe, die im Oktober
-1919 vom außerordentlichen Kriegsgericht
-wegen versuchter räuberischer Erpressung
-und versuchten Mordes an dem Edelsteinhändler
-Orlowsky verhängt worden war.
-</p>
-
-<p>
-Rechtsanwalt Dr. S. Weinberg teilt zu
-dieser Sache mit, daß in dem Prozesse das
-Wiederaufnahmeverfahren schwebe (da Berufung
-gegen das Urteil des außerordentlichen
-Kriegsgerichts nicht möglich ist).
-</p>
-
-<p>
-Der Angeklagte erklärt:
-</p>
-
-<p>
-„Ich bin von Beruf Lederarbeiter und betrieb
-im vergangenen Jahre eine Schankwirtschaft
-in der Jüdenstraße. Ich bin Anhänger
-und Mitglied der KPD. (Kommunistische
-Partei Deutschlands); in meinem
-Lokale verkehrten viele Genossen, unter
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-ihnen auch der jetzt als Spitzel entlarvte
-Toifl. Dieser gebärdete sich stets sehr extrem
-und propagierte die direkte Aktion; er hatte
-an mehreren Unternehmungen Anteil. So
-führte er einen Trupp, der in der Nacht vom
-31. Juli zum 1. August 1919 am Molkenmarkt
-den Diamantenhändler Orlowsky verhaftete;
-Orlowsky wurde in einen Vorort verschleppt
-und um etwa 2000 M. beraubt; auch ein
-Schuß soll dabei gefallen sein. Nachher behauptete
-Toifl, ich hätte den Überfall geleitet
-und den Schuß abgegeben; auf sein
-Zeugnis hin wurde ich vom Kriegsgericht verurteilt
-– aber ich fühle mich völlig schuldlos.
-Vor dem Kriegsgericht sagte der Oberleutnant
-Graf Westarp aus, daß er dem Toifl
-Auftrag gegeben habe, mich zu überwachen
-und unschädlich zu machen: indem er mich
-in die Sache hineinzog, entledigte Toifl sich
-dieses Auftrags.
-</p>
-
-<p>
-„Zum Fall Blau habe ich zu sagen: ich war
-am Abend des 2. August 1919 im Lokal von
-Obst in der Höchster Straße; von da bin ich
-zwischen 1 und 2 Uhr direkt nach Hause gegangen
-und habe mich schlafen gelegt. Von
-dem ganzen Hergang in der Großbeerenstraße
-weiß ich nichts; wenn ich damit in
-Verbindung gebracht werde, dürfte eine Personenverwechslung
-vorliegen. Ich bin unbeteiligt
-und bereit mein Alibi zu beweisen.“ –
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-Längere Diskussionen entspannen sich, ob
-das Urteil des außerordentlichen Kriegsgerichts
-verlesen werden solle. Der Staatsanwalt
-wünschte die Verlesung, da der Inhalt
-zur Charakterisierung des Angeklagten
-beitrage. Die Verteidiger Th. Liebknecht und
-Dr. S. Weinberg protestieren mit aller Energie:
-Das Urteil eines außerordentlichen Gerichts
-könne niemals zur Charakterisierung
-des Betroffenen vor einem ordentlichen Gerichte
-dienen; weiterhin sei das Wiederaufnahmeverfahren
-eingeleitet: wenn also das
-Gericht das Urteil zur Verlesung gebracht
-haben wolle, müsse mit Billigkeit auch der
-Antrag auf Wiederaufnahme diskutiert und
-das ganze Verfahren neu aufgerollt werden;
-die Geschworenen möchten sich doch ihre
-Ansicht nach dem Verlauf dieses Prozesses
-und den Ergebnissen der Beweisaufnahme
-bilden.
-</p>
-
-<p>
-Daraufhin wurde die Frage zurückgestellt;
-am darauffolgenden (dritten) Verhandlungstage
-wurde das Urteil unter erneutem Protest
-der Verteidigung dennoch verlesen.
-Rechtsanwalt Dr. S. Weinberg gibt den Geschworenen
-eine Erläuterung ab, daß das
-ganze Verfahren sich auf die Aussage des
-einen Zeugen Toifl stützte, der nachgewiesenermaßen
-Lockspitzel sei, und daß Orlowsky
-selbst den Fichtmann vor Gericht
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-nicht habe wiedererkennen und als Täter
-bezeichnen können. – Die Verteidigung behält
-sich vor im Laufe der Verhandlung
-nochmals auf die Sache Orlowsky zurückzukommen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Des Zusammenhangs wegen seien gleich
-einige Zeugen in Sache des Fichtmann erwähnt:
-</p>
-
-<p>
-Die Mutter des Fichtmann (7. Verhandlungstag):
-in der fraglichen Zeit habe ihr
-Sohn regelmäßig zu Hause geschlafen und sei
-niemals ausgeblieben; sie könne daher bezeugen,
-daß er sowohl in der Nacht des 1. als
-auch des 2. August zu Hause war.
-</p>
-
-<p>
-Die Zeugen Gastwirtseheleute Obst, Hans
-Löpert und Marie Schröder sowie die Schwester
-des Fichtmann (6. Verhandlungstag) bekunden
-übereinstimmend, daß Max Fichtmann
-am Mordtage des 2. August bis um
-Mitternacht im Lokale von Obst war. Der
-Bruder des Fichtmann fügt noch hinzu, daß
-er anschließend mit seinem Bruder und
-Freunden nach Hause gegangen und später
-sich schlafen gelegt habe; eine nachträgliche
-Entfernung käme nicht in Betracht, da sie
-in einem Bette geschlafen hätten.
-</p>
-
-<p>
-Die Zeugin Fräulein Kuschel (6. Verh.-Tag)
-war mit Fichtmann näher befreundet und bezeugt,
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-sowohl am Freitag, dem 1., wie am
-Sonnabend, dem 2. August 1919, bis spät
-nacht mit ihm zusammen gewesen zu sein.
-Fichtmann könne weder im Fall Orlowsky,
-noch im Fall Blau als Beteiligter in Betracht
-kommen.
-</p>
-
-<p>
-Der Zeuge Worm (6. Verhandlungstag):
-auch er könne bestätigen, daß Max Fichtmann
-am Raubzug gegen Orlowsky nicht beteiligt
-war; „wir betrachteten damals den
-Toifl noch als Genossen und waren häufig mit
-ihm zusammen; am fraglichen Tage hat Toifl
-mich aufgefordert, ich solle bei dem Unternehmen
-gegen Orlowsky mitmachen. Aus
-prinzipiellen Gründen lehnte ich mit Entschiedenheit
-ab; und ich kann mit Bestimmtheit
-versichern, daß Fichtmann ebenfalls
-nicht dabei war: er war den ganzen Abend in
-seinem Lokal! Der Toifl aber, der Uniformen
-der Reichswehr und Stahlhelme besorgt
-hatte, ist mit einigen anderen losgezogen! ...
-Vor dem außerordentlichen Kriegsgericht,
-das später Fichtmann verurteilte, bin ich
-nicht vernommen worden.“
-</p>
-
-<p>
-Der Vater des Fichtmann bestätigt noch
-(7. Verhandlungstag), daß Toifl fortgesetzt
-agitierte und versuchte, die jungen Leute zu
-terroristischen Gewaltakten aufzureizen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-Rechtsanwalt Dr. Siegfried Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Aus verschiedenen Fragen des Herrn
-Staatsanwalts an diese Zeugen entnehme ich,
-daß der Herr Staatsanwalt sich auf Angaben
-des Toifl stützt. Da dieser selbst als Zeuge
-nicht erschienen ist, beantrage ich die Ladung
-des Friseurs Julius Meyer, Grüneberger
-Straße, als Zeugen über die Glaubwürdigkeit
-des Toifl.“
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-4-6">
-Die Vernehmung des Hoppe.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Auch der Angeklagte Erwin Hoppe macht
-seine Angaben in freier Rede:
-</p>
-
-<p>
-„Ich bin Handlungsgehilfe; seit meinem
-14. Lebensjahr bin ich Mitglied der Arbeiterjugend:
-dort habe ich die Lehren des Sozialismus
-kennen gelernt. Ich lehne als Mitglied
-der K. P. D. jede individuelle Gewalt ab. So
-war ich auch Gegner des Kriegs und versuchte
-mich dem Militärdienste zu entziehen; ich
-wurde deshalb seiner Zeit auch in Flensburg
-verurteilt.
-</p>
-
-<p>
-„Nach meiner Entlassung schloß ich mich
-der freien sozialistischen Jugend an, der ich
-bis heute treu blieb und deren Ziele ich vertrete
-...“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Ist Ihnen bekannt, daß innerhalb der kommunistischen
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-Partei sogenannte Terroristengruppen
-bestehen, die ihre politischen Ziele
-auf gewaltsamem Wege erreichen wollen?“
-</p>
-
-<p>
-Hoppe:
-</p>
-
-<p>
-„Mir ist nichts darüber bekannt; ich selbst
-lehne, wie schon gesagt, jeden individuellen
-Terror ab und halte mich von den Propagatoren
-desselben fern.
-</p>
-
-<p>
-„An jenem Abend des 1. August war ich in
-einer Jugendversammlung in der Weinmeisterstraße;
-nach deren Schluß ging ich in
-die Versammlung in der Mittenwalderstraße,
-weil ich dort noch Freunde zu treffen hoffte.
-Als ich dahin kam, war die Versammlung
-bereits beendet; ich betrat den Saal, in dem
-noch etwa 30 Mann zusammenstanden. Ich
-trat näher und hörte, daß die Leute sich lebhaft
-mit einem der Anwesenden stritten, den
-sie der Spitzelei bezichtigten. Es war Blau,
-von dem ich vorher noch nie gehört hatte
-und den ich damals zum ersten Male sah.
-</p>
-
-<p>
-„Die Genossen schienen Beweise in den
-Händen zu haben und hielten sie dem Blau
-vor; dieser bestritt erregt deren Stichhaltigkeit
-und brachte Erklärungen vor, die ich im
-Lärm der Redenden nicht völlig verstehen
-konnte. Immer wieder kehrte nur die Behauptung,
-daß ein Genosse Strolz ihn legitimieren
-würde und, daß er verlange, daß dieser
-Strolz sofort geholt würde.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-Rechtsanwalt Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Dieser Strolz wurde später als Spitzel erkannt;
-er steht auf der Zeugenliste, ist aber
-heute nicht auffindbar!“
-</p>
-
-<p>
-Hoppe:
-</p>
-
-<p>
-„Ein mir unbekannter Genosse erbot sich
-den Strolz zu holen; da er einen Begleiter
-wünschte und sonst niemand Lust zu haben
-schien, schloß ich mich ihm an.“
-</p>
-
-<p>
-Rechtsanwalt Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Auch dieser Genosse wurde später als
-Spitzel entlarvt!“
-</p>
-
-<p>
-Hoppe:
-</p>
-
-<p>
-„Da der Saal geschlossen wurde, verließen
-alle das Haus. Die anderen Genossen mit
-Blau bewegten sich in der Richtung zum
-Kreuzberg; ich und der dazu bestimmte Genosse,
-wir nahmen ein Auto und fuhren
-ab. Am Kreuzberg wollten wir uns wieder
-treffen.
-</p>
-
-<p>
-„Wir beide fuhren nach der Pariser Straße
-in Wilmersdorf; dort hielt der Wagen und der
-Genosse stieg aus, während ich im Auto warten
-sollte.“
-</p>
-
-<p>
-Rechtsanwalt Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Wie lange blieb Ihr Begleiter aus?“
-</p>
-
-<p>
-Hoppe:
-</p>
-
-<p>
-„Vielleicht zehn Minuten.“
-</p>
-
-<p>
-Rechtsanwalt Dr. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Ich bemerke, daß von der Pariser Straße
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-aus das berüchtigte Spitzelbüro in der Lietzenburger
-Straße, das damalige Hauptquartier
-des Freikorps Lüttwitz, der Garde-Kavallerie-Schützendivision
-usw., mit wenigen Schritten
-zu erreichen ist. Ich vermute infolgedessen,
-daß der Unbekannte dort vorsprach,
-Meldung machte, oder sich Weisungen holte ...
-Herr Hoppe, wurde Ihnen eine Adresse des
-Strolz gesagt?“
-</p>
-
-<p>
-Hoppe:
-</p>
-
-<p>
-„Nein. Der Genosse kam zurück und
-sagte, daß er den Strolz nicht getroffen hätte.
-Wir fuhren dann zum Kreuzberg zurück, wo
-ein Teil der anderen mit Blau wartete.
-</p>
-
-<p>
-„Für die Mehrheit der Genossen stand fest,
-daß Blau ein Spitzel war; andere zweifelten.
-Blau selbst verlangte Gelegenheit, sich zu
-rechtfertigen. Einer machte den Vorschlag,
-den Blau sofort auf dem Tempelhofer Feld zu
-erschießen, was aber von den übrigen abgelehnt
-wurde. Da es jedoch zu Gegenüberstellungen
-usw. zu spät war, beschloß man
-zum anderen Tag zu warten; Blau war einverstanden,
-in der Wohnung des anwesenden
-Genossen Pohl in der Gneisenaustraße zu
-übernachten.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Wurde dabei Gewalt angewandt?“
-</p>
-
-<p>
-Hoppe:
-</p>
-
-<p>
-„Im Gegenteil; Blau war sehr damit einverstanden,
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-da er sowieso kein Quartier
-hatte. – In der Wohnung blieben die Eheleute
-Pohl, Geißler und Blau.“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Sie kamen doch nur zufällig in die Mittenwalder
-Straße; wie kamen Sie dazu, den Blau
-zu bewachen?“
-</p>
-
-<p>
-Hoppe:
-</p>
-
-<p>
-„Es war schon spät und ich dachte mir,
-daß durch einen Anwesenden mehr eine unüberlegte
-Tat vermieden werden könne.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Und wo war der Mann, mit dem Sie im
-Auto fuhren?“
-</p>
-
-<p>
-Hoppe:
-</p>
-
-<p>
-„Darüber weiß ich nichts. – Am anderen
-Tag kam ein Mann, der sich als Genosse vorstellte;
-dieser sagte, daß man den Strolz noch
-nicht erreicht hätte und deshalb noch warten
-solle. Als ich mit ihm allein auf dem Flur
-stand, sagte er zu mir, indem er mir ein gefülltes
-Fläschchen in die Hand drückte: Blau
-sei doch ein Spitzel und es habe keinen Sinn,
-mit ihm soviel Federlesens zu machen; in
-dem Fläschchen sei <em>Morphium</em> und er rate
-mir, möglichst gleich Schluß zu machen. Ich
-verweigerte die Annahme des Giftes und
-lehnte den Gedanken an Mord entschieden ab.
-</p>
-
-<p>
-„Wir warteten den ganzen Tag auf Strolz
-und die Eheleute Pohl fingen an ungeduldig
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-zu werden. Ich ging infolgedessen zu meinem
-Freunde Winkler, um ihn für die nächste
-Nacht um die Wohnung seiner Eltern zu ersuchen.
-Denn ich wußte, daß die Eltern auf
-ihrem Laubengrundstück weilten. Ich sagte
-dem Winkler, daß ich die Wohnung zu einer
-Sitzung brauche; er willigte ein.
-</p>
-
-<p>
-„Geißler war im Laufe des Tages fortgegangen.
-Gegen Abend gingen Pohl, Blau
-und ich nach der Großbeerenstraße, wo
-uns, wie es zwischen Winkler und mir verabredet
-war, ein mir nur mit dem Vornamen
-Franz bekannter Mann mit den
-Schlüsseln zur Wohnung erwartete. Pohl
-verabschiedete sich, wir andern drei gingen
-hinauf.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Warum eigentlich hielten Sie den Blau
-zurück? Nur um ihn dem Strolz gegenüberzustellen?“
-</p>
-
-<p>
-Hoppe:
-</p>
-
-<p>
-„Jawohl. Und: falls er ein Spitzel war,
-um ihn dann zu photographieren.“
-</p>
-
-<p>
-Rechtsanwalt Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Es ist bei allen politischen Parteien üblich,
-sich in den Besitz solcher Photographien zu
-setzen; bei der sozialdemokratischen Partei
-z. B. war der gewesene Polizeipräsident
-Eugen <em>Ernst</em> früher einmal Spezialist für
-Spitzelphotographien.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-Vorsitzender (zu Hoppe):
-</p>
-
-<p>
-„Sie sagten doch, die Mehrzahl der Genossen
-war schon in der Versammlung von
-Blaus Spitzeltum überzeugt?“
-</p>
-
-<p>
-Hoppe:
-</p>
-
-<p>
-„Jawohl, aber Blau versuchte dauernd
-alles zu erklären. Er gestand offen, daß er von
-der antibolschewistischen Liga den Auftrag
-hatte, in München die Kommunisten zu bespitzeln;
-aber er erzählte, er habe die Liga betrogen
-und nur im Interesse der Kommunisten
-gearbeitet; auch weiterhin wolle er nur für die
-Kommunisten arbeiten, von deren Sache er
-überzeugt sei; Strolz könne das bestätigen.
-Ich konnte ihm diese Erzählungen auch
-nicht nachprüfen, da ich ja nichts von ihm
-wußte.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Hielten Sie persönlich den Blau für einen
-Spitzel?“
-</p>
-
-<p>
-Hoppe:
-</p>
-
-<p>
-„Ich hielt ihn jedenfalls für solcher Tätigkeit
-fähig; Beweise hatte ich nicht. Auch sah
-ich es nicht für meine Aufgabe an, den Blau
-zu vernehmen. – Wir drei gingen also in die
-Winkler’sche Wohnung, wo nach etwa einer
-Stunde drei Männer erschienen, die keinen
-guten Eindruck auf mich machten.“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Wo kamen die Männer her?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-Hoppe:
-</p>
-
-<p>
-„Das weiß ich nicht, ich kannte sie auch
-nicht. Die ganze Angelegenheit des Blau war
-nicht so verborgen, daß nicht mancher darum
-wissen konnte. – Die drei Leute benahmen
-sich ziemlich grob und besonders der größte
-von ihnen machte mir beinahe Vorwürfe, daß
-wir den Blau noch nicht erledigt hätten. Er
-bot mir einen <em>Strick</em> und dasselbe Fläschchen
-<em>Morphium</em> an, das mir der andere Unbekannte
-schon am Vormittag geben wollte.
-Ich nehme also an, daß diese Leute miteinander
-in Beziehung standen. Ich lehnte abermals
-auf das Entschiedenste ab und verlangte
-die Gegenüberstellung mit Strolz; aber
-die Leute machten sich in der Wohnung breit
-und schienen mit der Absicht gekommen, die
-Tat auszuführen. Da ich keine Möglichkeit
-sah, mich ihnen zu widersetzen und andererseits
-mit ihnen nichts zu tun haben wollte,
-zog ich es vor, die Wohnung zu verlassen.“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Warum gingen Sie nicht zur Polizei?“
-</p>
-
-<p>
-Hoppe:
-</p>
-
-<p>
-„In unseren Kreisen denkt man nicht an
-die Polizei als Hilfe. – Ich ging also nach
-Hause um mich schlafen zu legen. Aber die
-Sache beunruhigte mich; auch ängstigte es
-mich, in der mir anvertrauten Winkler’schen
-Wohnung Fremde allein gelassen zu haben:
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-nach einer Stunde zog ich mich wieder an
-und ging in die Großbeerenstraße zurück.
-Ich stand einige Zeit vor dem Hause und
-überlegte mir, was ich tun solle, als ich den
-Großen und einen Begleiter aus dem Tor
-treten sah. Ich ging auf sie zu und hörte ‚sie
-seien oben fertig; gleich kämen die anderen
-mit der Leiche herunter‘. Ich erschrak. Aber
-gleich kamen Franz und der dritte mit dem
-in eine Decke gehüllten Körper Blaus, der
-zuerst in einem Hausflur niedergelegt wurde.
-Nun traten noch andere hinzu, die da waren,
-und von der Anwesenheit des Blau wußten;
-unter ihnen Acosta, Pohl und Schröder.
-Dem letzteren, der sehr kräftig ist, wurde
-die Leiche aufgebürdet. Von der naheliegenden
-Brücke wurde sie in den Kanal
-geworfen.
-</p>
-
-<p>
-„Nachher zerstreuten sich alle. Pohl, Franz
-und ich gingen zusammen und Franz erzählte
-den Vorgang: sie hatten Wein geholt und mit
-Blau Wein getrunken, ihm aber das Gift hineingetan.
-Als er davon betäubt war, hatten
-sie ihm die Schlinge um den Hals gelegt und
-ihn erdrosselt.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Wurde erzählt, wer den Wein holte, wer
-die Schlinge zuzog?“
-</p>
-
-<p>
-Hoppe:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Sie waren demnach nicht bei der Tat zugegen
-und hatten nichts damit zu tun?“
-</p>
-
-<p>
-Hoppe:
-</p>
-
-<p>
-„Ich hatte nichts damit zu tun.“
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Der in der Anklageschrift enthaltene Kassiber
-des Hoppe an Winkler kommt zur Verlesung.
-Dazu gibt Hoppe auf Befragen des
-Vorsitzenden an, er habe den Kassiber geschrieben,
-um dem Winkler die Ereignisse
-ins Gedächtnis zu rufen; außerdem habe ihn
-die nervöse Spannung der Haft zu diesem
-Mittel getrieben. Jedenfalls habe ihm eine
-Beeinflussung des Winkler ferngelegen; eher
-habe er versucht, den Winkler vor Schaden
-zu bewahren, denn: indem er ihm mitteilte,
-daß er selbst alles gestanden habe, enthob
-er den Freund der Rücksicht auf ihn und
-damit der Gefahr, durch nutzloses Schweigen
-sich selbst zu schädigen.
-</p>
-
-<p>
-Der Vorsitzende befragt Hoppe, ob er sich
-mit Hypnose und ähnlichen Fragen beschäftigt
-habe. Hoppe bejaht: er sei mehrere Male
-von einem seiner Bekannten in Hypnose versetzt
-worden und habe sich zu diesen Versuchen
-sehr geeignet erwiesen. Einmal habe
-er in diesem Zustande eine Rede als Ministerpräsident
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-Scheidemann gehalten, ein anderes
-Mal eine Debatte als Reichswehrminister
-Noske geführt.
-</p>
-
-<p>
-Die Sachverständigen Dr. Kronfeld, Gefängnisarzt
-Dr. Hirsch und Sanitätsrat Dr.
-Lehnsen stellen an den Angeklagten eine
-Reihe von Fragen über sein Verhalten und
-seine Handlungen im hypnotischen Zustand
-und erklären dazu (am 7. Verhandlungstag):
-</p>
-
-<p>
-Dr. Kronfeld: er habe den Angeklagten
-Hoppe mehrfach und eingehend untersucht
-und eine gesteigerte Suggestibilität zweifelsfrei
-festgestellt. Eine zur Verblödung neigende
-Geisteskrankheit oder sonstige die Verantwortlichkeit
-des Individuum aufhebende
-Störungen habe er nicht gefunden; also könne
-er die Anwendung des § 51 des Str.G.B. nicht
-befürworten. Dagegen berechtige ihn seine
-weitgehende Erfahrung mit hypnotischen
-Fragen und deren Grenzgebieten zu dem Ergebnis,
-daß bei sehr suggestiblen Personen
-Situationen eintreten können, in denen Kritik
-und Überlegung weitgehend ausgeschaltet
-sind. Besonders leicht träte dieser Fall dann
-ein, wenn die Suggestion in einer Richtung
-stattfinde, die dem Interessengebiet des Individuums
-parallel läuft oder sich mit ihm
-deckt. In diesem Fall also in der Richtung
-der Ziele der Arbeiterbewegung. Er müsse
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-demnach dem Angeklagten eine verminderte
-Zurechnungsfähigkeit zuerkennen und diese
-darin erblicken, daß dem Angeklagten infolge
-seiner Suggestibilität und unter dem Einfluß
-seiner Umgebung freie Besinnung sowohl als
-freie Bestimmung über seine Handlungen in
-sehr erheblichem Maße gefehlt habe. – Bezüglich
-des Angeklagten Fichtmann kam Dr. Kronfeld
-zum Ergebnis, daß dieser infolge nachweisbarer
-erblicher Belastung in physischer
-und psychischer Hinsicht als degeneriert, aber
-nicht als unzurechnungsfähig anzusehen sei.
-</p>
-
-<p>
-Gefängnisarzt Dr. Hirsch sowie der Gerichtsarzt
-Dr. Strauch widersprachen (am
-8. Verhandlungstag) diesem Gutachten: die
-Suggestibilität des Hoppe sowie die erbliche
-Belastung des Fichtmann könnten zwar zugegeben
-werden; aber sie seien nicht so bedeutend,
-daß man eine Störung der Persönlichkeit
-anzunehmen brauche. Nach dem Ergebnisse
-ihrer Untersuchung hielten sie beide
-Angeklagte für zurechnungsfähig im Sinne
-des Gesetzes und könnten bei Bejahung der
-Schuldfragen eine zu berücksichtigende Beschränkung
-der Willensfreiheit nicht zuerkennen.
-</p>
-
-<p>
-Auch Dr. Lehnsen kann dem Fichtmann
-den § 51 Str.G.B. nicht zubilligen. Über
-Hoppe sagt er aus, nachdem er einen von
-diesem geschriebenen Lebenslauf verlesen
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-hat: Hoppes Denkablauf und Darstellungsmöglichkeiten
-seien völlig klar und absolut
-logisch. Er könne aus seiner alten praktischen
-Erfahrung aus dieser und seinen sonstigen
-Beobachtungen auf einen klaren, überlegten
-und eher energischen Menschen schließen:
-und es sei gar nicht erwiesen, daß ein
-hypnotisch leicht zu beeinflussender Mensch
-auch im täglichen Leben leicht zu beeinflussen
-sei. Das seien zweierlei Dinge, und,
-nachdem im Fall Blau weder eine Affekthandlung
-noch eine Massenpsychose vorliege,
-müsse er nach seinem Augenschein urteilen:
-„Ich kann nicht zugeben, daß hier
-eine Willensbeschränkung vorliegt!“
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Die Eltern des Hoppe sagen übereinstimmend
-aus (6. Verhandlungstag), ihr Sohn sei
-immer gutartig, leicht lenkbar und weichherzig
-gewesen. In seiner Kindheit habe er
-öfter an Ohnmachtsanfällen gelitten und es
-sei wohl möglich, daß seine Gesundheit im
-Grunde weniger kräftig und weniger widerstandsfähig
-sei, als es den Anschein erwecke.
-Irgendwelche Neigung zu Gewalttätigkeit
-oder zu Härte hätten sie niemals
-feststellen können, eher sei Gutmütigkeit und
-Freundlichkeit der Grundzug seines Wesens.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-Ähnlich äußern sich die Zeugen Heilmann,
-Hopfe und Holland, die den Angeklagten seit
-langem kennen und seine Freunde sind. Sie
-halten es für ausgeschlossen, daß Hoppe
-irgend jemandem etwas zuleide täte; sie
-waren Zeugen der mit ihm vorgenommenen
-hypnotischen Experimente und bestätigen
-seine Aussagen darüber. Sie glauben aber,
-daß ihr Freund vielleicht infolge dieser Veranlagung
-ein unschwer zu beeinflussender
-Mensch ist.
-</p>
-
-<p>
-Lazarettdirektor Richter hatte den Hoppe
-mehrere Monate als Kranken in seinem Lazarett.
-Da er hörte, daß der junge Mann
-Kommunist sei, habe er sich selbst an
-Hoppe gewandt, ihn beobachtet und sich
-eingehend mit ihm unterhalten. Er habe
-aber sofort feststellen können, daß er einen
-guten, weichherzigen Menschen vor sich habe
-– und auch späterhin dieses Urteil nur bestätigt
-gefunden: Hoppe übte auf seine
-Kameraden den günstigsten Einfluß und
-auch die Wärter waren mit ihm sehr zufrieden,
-äußerten sich sogar sehr anerkennend.
-Er persönlich traue dem Hoppe nicht zu, daß
-er sich an einer Gewalttat beteiligt habe. Er
-betone übrigens, daß er selbst Angehöriger
-der deutschen Volkspartei sei (7. Verhandlungstag).
-</p>
-
-<p>
-Der Zeuge Ernst Fothenhauer ist der
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-Mann, der den Hoppe hypnotisiert hat. Er
-erzählt (4. Verhandlungstag) die schon bekannten
-Umstände und kommt zu dem
-Schluß, daß Hoppe sehr wohl unter dem
-Einfluß Anderer Dinge verrichten könne, für
-die er nicht verantwortlich ist.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-4-7">
-Die Vernehmung des Winkler.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Als letzter Angeklagter wird der Schneider
-Willi Winkler vernommen. Er sagt am 2. Verhandlungstage
-aus:
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe mich mit vierzehn Jahren der Arbeiterjugend
-angeschlossen und dort meinen
-Freund Hoppe kennen gelernt.
-</p>
-
-<p>
-„Ich bin Gegner der kapitalistischen Wirtschaftsordnung,
-weil ich sie für ungerecht
-halte; ich bin überzeugt, daß die Zeit des
-Kapitalismus abgelöst wird durch ein den
-Bedürfnissen besser angemessenes System:
-in diesem Sinne bin ich Anhänger der kommunistischen
-Weltanschauung, ohne indes
-einer bestimmten Partei anzugehören. Auch
-bin ich kein Anhänger der Propaganda der
-Tat.
-</p>
-
-<p>
-„Zur Sache selbst erkläre ich: ich habe die
-Wohnung meiner Eltern meinem Freund
-Hoppe zu einer Sitzung zur Verfügung gestellt.
-Ich nahm an, daß es eine Besprechung
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-sei, an der Führer teilnähmen, die illegal
-lebten und gezwungen seien, sich zu verbergen.
-Infolgedessen drang ich nicht in
-meinen Freund um Details, sondern übergab
-die Schlüssel und ging für die Nacht zu
-einem Bekannten; am anderen Morgen fuhr
-ich nach Treptow zu meinen Eltern, die dort
-ein Laubengrundstück besitzen.
-</p>
-
-<p>
-„Erst später hat mir Hoppe erzählt, was
-sich in der Wohnung zugetragen hat.“
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Damit ist die Vernehmung der Angeklagten
-beendigt. Es folgen noch eine Reihe von
-Fragen, durch die einzelne Kleinigkeiten des
-bisher Geschilderten klargestellt werden –
-ohne wesentlich Interessierendes zu bringen.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-4-8">
-Blau.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-In den bisherigen Seiten kamen die Angeklagten
-zu Wort und ihre Leumunds- und
-Entlastungszeugen. Nicht alles ist klargestellt
-und in vielem hat es den Eindruck, daß
-die Angeklagten entweder selbst nichts wissen
-oder verschweigen. Aber der Verlauf der Verhandlung,
-statt zu erhellen, wird immer
-dunkler: um einigermaßen Übersicht zu erhalten,
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-ist es nötig, Einiges über die unklare
-Persönlichkeit des Blau vorauszuschicken.
-</p>
-
-<p>
-Kriminalkommissar Dr. Riemann (3. Verhandlungstag):
-Blau war Agent der antibolschewistischen
-Liga und war besonders
-innerhalb der kommunistischen Partei tätig.
-In seinem nachgelassenen Gepäck wurden
-noch Berichte an die Liga gefunden.
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Blumenfeld, seinerzeit Leiter der
-Rechtsschutzstelle der Unabhängigen Sozialdemokratischen
-Partei in München (4. Verhandlungstag):
-daß Blau sich als politischer
-Flüchtling an ihn gewandt und um Unterstützung
-gebeten habe; auch mehrfach solche
-erhalten habe.
-</p>
-
-<p>
-Kriminalkommissar Trettin (3. Verhandlungstag):
-bei der Münchener Polizei war bekannt,
-daß Blau ein Doppelspiel treibt und
-auch den Kommunisten Material liefert; er
-wurde deshalb am 2. Juli 1919 aus München
-ausgewiesen und begab sich um Hilfe zur
-Rechtsschutzstelle der U. S. P. D. Dort
-nahm sich Herm seiner an und brachte ihn
-in ein Krankenhaus, bezahlte auch seine
-Rechnung.
-</p>
-
-<p>
-Rechtsanwalt Dr. Siegfried Weinberg stellte
-aus den Gerichtsakten folgendes fest (5. Verhandlungstag):
-</p>
-
-<p>
-Blau war während der Januarkämpfe 1919
-Kommandant der revolutionären Besetzung
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-der Büxenstein’schen Druckerei in Berlin und
-forderte die Arbeiter, auf „bis zum letzten
-Blutstropfen gegen die Regierungstruppen zu
-kämpfen“. Während der Erstürmung des Gebäudes
-verschwand Blau unter Mitnahme
-von 4000 M. Löhnungsgeldern. – In den Gerichtsakten
-ist Blau als Rädelsführer bezeichnet;
-er war „nicht auffindbar“; Anklage
-wurde nicht erhoben;
-</p>
-
-<p>
-Blau beschlagnahmte im Januar 1919 ein
-Auto des Berliner Magistrats;
-</p>
-
-<p>
-Blau versuchte von einer militärischen
-Nachrichtenstelle 500 M. zu erpressen, indem
-er mit dem Gericht drohte;
-</p>
-
-<p>
-Blau bezog für seine Spitzeltätigkeit von der
-„Eisernen Schar“ ein Monatsgehalt von 530 M.
-</p>
-
-<p>
-Der Vorsitzende erklärt, daß dies den Tatsachen
-entspricht.
-</p>
-
-<p>
-Und endlich Kriminalkommissar Dr. Trettin
-(5. Verhandlungstag): „<em>Blau war ein
-Lump; das steht wohl fest.</em>“
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Die Nachprüfung dieser und die Erbringung
-weiterer Beiträge zur Charakteristik
-und Vergangenheit des Blau wurde vom Gericht
-abgelehnt, da sie für die Beurteilung der
-Schuldfragen nicht in Betracht kämen. In
-den Plädoyers findet sich noch einiges hierüber.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-4-9">
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-Die Tat.<br />
-– Zeugen und Kriminalbeamte. –<br />
-Der Spitzel Schreiber.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Die ersten Spuren, welche die Polizei im
-Falle Blau auffand, wiesen nach München;
-zu ihrer Aufhellung wurde Kriminalkommissar
-Trettin dorthin gesandt. Dessen Aussage
-lautete (3. Verhandlungstag):
-</p>
-
-<p>
-„Ich suchte in München nach dem Agenten
-Schreiber, der mir von Berlin als Gewährsmann
-genannt war. Ich fand ihn in der
-Polizeidirektion in Schutzhaft.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Darf ich fragen in welcher Angelegenheit?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Trettin:
-</p>
-
-<p>
-„Es handelte sich um einen <em>Mord</em> in einem
-Walde bei München –“
-</p>
-
-<p>
-Der Zeuge erzählt, was ihm von dieser
-Sache in Erinnerung ist.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Ich bitte zu beachten, daß die Technik
-dieses Mordes genau der des Überfalls des
-Spitzels Toifl auf Orlowsky entspricht!“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Trettin:
-</p>
-
-<p>
-„Dem Schreiber war der Spitzel Blau bekannt;
-ebenso der Polizeidirektion München,
-die auch wußte, daß Blau ein Doppelspiel
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-trieb – indem er beiden Seiten Material verkaufte.
-Aus diesem Grunde wurde Blau auch
-in Schutzhaft genommen.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Geschah dies nicht eher, um politische Gefangene
-zu bespitzeln?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Trettin:
-</p>
-
-<p>
-„Blau war ja als unzuverlässig bekannt!
-Er wurde am 2. Juli 1919 mit Ausweisungsbefehl
-aus der Haft entlassen. – In meinen
-weiteren Angaben folge ich den Aufklärungen,
-die mir Schreiber gab, und betone, daß
-Schreiber mir einen glaubwürdigen Eindruck
-machte.
-</p>
-
-<p>
-„Blau begab sich zur Rechtsschutzstelle
-der U. S. P. D. in München, die damals von
-dem Studenten Blumenfeld geleitet wurde.
-Dieser war selbst Terrorist und Schreiber erzählte
-mir den Hergang einer Vereidigung in
-der Wohnung des Blumenfeld, an der er
-selbst teilnahm.
-</p>
-
-<p>
-„Dabei waren acht Genossen in einem
-dunklen Raume versammelt; auf dem Tisch
-stand eine Schale mit rötlicher Flüssigkeit,
-die, angezündet, das Zimmer mit magischem
-Licht schwach erhellte. Nach einleitenden
-Fragen und Erklärungen wurde auf diese
-Formel vereidigt: „Ich schwöre der kommunistischen
-Partei Treue und schwöre, in Not
-und Gefahr nicht vom Platze zu weichen.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-Zeuge Blumenfeld (4. Verhandlungstag):
-</p>
-
-<p>
-„Ohne auf eine Kritik der geschilderten
-Formalitäten einzugehen, möchte ich betonen,
-daß ich Mitglied der Unabhängigen
-sozialdemokratischen Partei bin und nicht
-wüßte, wieso ich jemanden auf die kommunistische
-Lehre und Praxis vereidigen sollte!“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. S. Weinberg (zu Trettin):
-</p>
-
-<p>
-„Ist das die Glaubwürdigkeit Ihres Gewährsmannes?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Trettin:
-</p>
-
-<p>
-„Soweit ich Schreibers Angaben nachprüfen
-konnte, erwiesen sie sich als richtig. –
-In der Rechtsschutzstelle der U. S. P. D.
-wurde Blau unterstützt. Von Herm, den er
-dort kennen lernte, wurde er sogar in einem
-Krankenhaus untergebracht; seine dortige
-Rechnung bezahlte Herm.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Das scheint nicht dafür zu sprechen, daß
-Blau als Spitzel erkannt war?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Trettin:
-</p>
-
-<p>
-„Anfänglich war er es auch nicht. – Am
-29. Juli reisten Blau, Herm, Schreiber und
-ein gewisser Schuster nach Leipzig: im Laufe
-der Fahrt teilte Herm dem Schreiber mit,
-daß Blau ermordet werden solle.“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Blumenfeld (4. Verhandlungstag):
-</p>
-
-<p>
-„Ich kann dazu Näheres sagen: Beide, sowohl
-Blau wie Schreiber, wandten sich an die
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-Rechtsschutzstelle um Unterstützung und erhielten
-auch Geld.“
-</p>
-
-<div class="centerpic full">
-<img src="images/i107.jpg" alt="" />
-<p class="cap">
-Der den Geschworenen vorgelegte Lageplan.
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Im Kassenausweis der Rechtsschutzstelle
-sind mehrere Beträge (30, 40 und 250 M.) als
-‚in Sachen Blau‘ aufgeführt; sind das die
-Unterstützungsgelder?“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Blumenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Ja. – Schreiber ersuchte uns, ihm Arbeit
-zu verschaffen und Herm wollte das in seiner
-Heimat Hötensleben versuchen: das war der
-Anlaß der Reise! Blau bot sich dem Herm
-als Spitzel an; ich habe dann selbst mit Blau
-gesprochen, doch ohne Erfolg. Ich konnte
-nichts von ihm erfahren. Später klammerte
-sich Blau an Herm und wollte von ihm nach
-Berlin mitgenommen werden; Herm klagte
-mir, daß er ihn nicht los werden könne. In
-der Nacht vor seiner Abreise schlief Blau bei
-mir: von einem Mordplan gegen ihn ist mir
-nichts bekannt.“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Warum sollte Blau nach Berlin gewollt
-haben?“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Blumenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Ich weiß es nicht. – Heute bin ich geneigt
-anzunehmen: weil er in München unmöglich
-war! Er bekam von seinen Auftraggebern
-keine Unterstützungen mehr, ihm
-fehlten die Mittel, allein zu reisen.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-– Der Staatsanwalt beantragt, den Zeugen
-Blumenfeld wegen Verdacht der Teilnahme
-am Mord nicht zu vereidigen. Das Gericht
-beschließt, die Vereidigung vorläufig bis zur
-Gegenüberstellung mit Schreiber auszusetzen
-(4. Verhandlungstag). –
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Trettin:
-</p>
-
-<p>
-„Blau, Herm, Schreiber und Schuster
-kamen am 30. Juli in Leipzig an.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Am 30. Juli wurde in Leipzig ein <em>Brief
-an das „Berliner Tageblatt“</em> aufgegeben,
-in dem die Ermordung des Blau angekündigt
-wurde. Von wem stammt dieser Brief?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Trettin:
-</p>
-
-<p>
-„Das ließ sich nicht mit Bestimmtheit
-sagen; wahrscheinlich von Schuster.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Nicht von Schreiber?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Trettin:
-</p>
-
-<p>
-„Schreiber wußte nichts von dem Briefe
-und leugnete, ihn geschrieben zu haben. Von
-Leipzig wurde nach Magdeburg gefahren, wobei
-Schreiber den Blau warnte. Diese Warnung
-scheint Blau nicht ernst genommen zu
-haben. In Magdeburg trennten sich die vier:
-Herm und Schuster fuhren ab und ließen
-Blau und Schreiber allein.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Das spricht nicht sehr für einen Mordplan,
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-daß man das Opfer allein läßt! Außerdem:
-da Schreiber nach seinen eigenen Angaben
-von einem Mordplan wissen wollte:
-jetzt, wo er allein mit Blau war, hätte er ihn
-doch verhindern können?“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Auch ich finde die Aussage des Schreiber
-in diesem Punkte psychologisch recht unwahrscheinlich!“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Bestand etwa eine persönliche Feindschaft
-zwischen Schreiber und Blau.“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Trettin:
-</p>
-
-<p>
-„Mir ist nichts darüber bekannt.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„In den Akten befindet sich ein Brief des
-Blau an die antibolschewistische Liga, worin
-<em>Blau den Schreiber als Spartakisten
-denunziert</em>. Hat vielleicht Schreiber von
-dieser Absicht des Blau gewußt?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Trettin:
-</p>
-
-<p>
-„Mir ist nichts darüber bekannt.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg (zu Kr.-K. Trettin):
-</p>
-
-<p>
-„Und was sagen Sie zu diesem Brief des Blau?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Trettin:
-</p>
-
-<p>
-„Es kommt vor, daß die Spitzel gegenseitig
-versuchen, sich der Konkurrenz zu entledigen.
-Man muß immer vorsichtig mit ihren
-Angaben sein. – Ich fahre fort mit der Erzählung
-des Schreiber:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-„Herm und Blau hatten verabredet, sich
-am 31. Juli am Bahnhof Halle zu treffen.
-Schreiber selbst trennte sich von Blau und
-kam am 31. nach Hötensleben, wo er sich zu
-den Eltern des Herm begab. Herm traf am
-2. August allein in Hötensleben ein und erzählte,
-er käme aus Berlin und für Blau sei
-gesorgt.
-</p>
-
-<p>
-„Am 3. August schrieb Herm einen Brief
-an die Frau Kaltenhauser in München und
-gab ihn dem Schreiber zur Beförderung. Indem
-er ein leeres Kouvert aufgab und die
-Einschreibequittung als Beleg vorzeigte, unterschlug
-Schreiber den Brief und sandte ihn
-an die Fahndungsabteilung München ein.“
-</p>
-
-<p>
-– Der Wortlaut dieses Briefes ist in der
-Anklageschrift enthalten; er wird zur Verlesung
-gebracht. Rechtsanwalt Dr. S. Weinberg
-weist darauf hin, daß der Name der
-Kaltenhauser, die Herms Quartierwirtin war,
-falsch geschrieben sei – was wohl erwägen
-lasse, ob nicht der ganze Brief eine Fälschung
-des Schreiber sei.
-</p>
-
-<p>
-Die beiden Zeugen Vater und Bruder des
-Herm erklären übereinstimmend, daß der
-Verlauf in Hötensleben gerade umgekehrt gewesen
-sei:
-</p>
-
-<p>
-„Herm traf am 1. August in Hötensleben
-ein, – was leicht festzustellen ist, da er sich
-sofort persönlich beim Gemeindeamt meldete.
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-Aber Schreiber kam erst drei bis vier Tage
-später!“
-</p>
-
-<p>
-Trotzdem beide Zeugen (wegen ihrer Verwandtschaft
-mit dem beschuldigten Herm)
-nicht vereidigt zu werden brauchen, verlangen
-sie, ihre Aussage eidlich zu erhärten.
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Trettin (hierüber befragt):
-</p>
-
-<p>
-„Ich kann hier nur die Aussagen des Schreiber
-wiederholen und angeben, daß diese der
-Polizei die Aufklärung des Mordes ermöglicht
-haben. – Als der Tod des Blau in den
-Zeitungen stand, wurde Herm sehr erregt
-und sprach sofort von Mord. Er bat den
-Schreiber, ihn doch nicht zu verraten und
-fuhr mit ihm nach Magdeburg zu dem Parteisekretär
-der U. S. P. D. Peters; dort verlangte
-Herm, daß die Aufzeichnungen über
-Blau vor seinen Augen vernichtet würden,
-was auch geschah.“
-</p>
-
-<p>
-Der Zeuge Peters erklärt (am 4. Verhandlungstag)
-diesen Bericht des Schreiber für erlogen:
-er habe niemals Aufzeichnungen über
-Blau oder einen Mordplan gegen ihn besessen,
-sie also auch nicht vernichten können.
-Herm sei mit Schreiber bei ihm gewesen und
-habe ihm den Schreiber als Flüchtling vorgestellt;
-dieser habe auch 10 M. aus der
-Unterstützungskasse erhalten. Andere Beziehung
-habe er zu der ganzen Angelegenheit
-nie gehabt. – Trotz Widerspruchs des
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-Staatsanwalts beschließt das Gericht nach
-kurzer Beratung, diesen Zeugen zu vereidigen.
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Trettin:
-</p>
-
-<p>
-„Herm war wegen der Blau-Affäre dauernd
-beunruhigt und reiste nach einigen Tagen
-nach München ab. Schreiber blieb noch –
-und machte mir über seine eigene Abreise aus
-Hötensleben Angaben, die allerdings sehr unglaubwürdig
-sind. Er erzählte, daß er befürchtete,
-Herm würde in München die Briefunterschlagung
-erfahren; infolgedessen fühlte
-er sich nicht mehr sicher; ehe er sich aber entfernen
-konnte, wurde er von Freunden des
-Herm aufgespürt; diese Freunde waren anscheinend
-von München (Herm) aus auf ihn
-gehetzt und nur durch eine überstürzte und
-wilde Flucht gelang es ihm, sich vor den ihn
-verfolgenden und aus Revolvern auf ihn
-schießenden Gegnern zu retten.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Phantasie hat dieser Spitzel!“
-</p>
-
-<p>
-Die Zeugin Frau Baumeister aus München
-erklärt (4. Verhandlungstag): Herm habe ihr
-den Blau als Spitzel bezeichnet; er habe ihr
-nach seiner Rückkehr nach München auch
-von der Ermordung Blaus erzählt; sie habe
-aber nicht den Eindruck gehabt, daß Herm
-der Mörder sei. In der weiteren Diskussion
-über von ihr gehörte Redewendungen anderer
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-Münchner Genossen verwickelt sie sich zu
-ihren Angaben in der Voruntersuchung in
-Widersprüche, die sie mit ihrer Erregung
-erklärt.
-</p>
-
-<p>
-Der nächste Zeuge ist Kriminalkommissar
-Maslack (3. und 4. Verhandlungstag).
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Sie stehen im Dienst der politischen Abteilung
-der Polizei?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Ja.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Nach den bisherigen offiziellen Angaben
-soll doch eine sogenannte politische Abteilung
-nicht mehr bestehen?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Die frühere politische Abteilung ist aufgelöst.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Aber Ihre Abteilung bearbeitet doch den
-politischen Teil?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Es handelt sich hier um die Abteilung I A,
-die frühere Abteilung VII; diese Abteilung
-hat den inoffiziellen Namen ‚politische Abteilung‘.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„So, so –“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender (zu Kr.-K. Maslack):
-</p>
-
-<p>
-„Können Sie auf Grund Ihrer Kenntnis der
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-Dinge die Garantie übernehmen, daß der
-Spitzel Schreiber, falls er vor Gericht erscheint,
-nicht von kommunistischer Seite gefährdet
-wird?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Die Kriminalpolizei kann nur das Menschenmögliche
-tun.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Diese Garantie – was kommunistische
-Angriffe betrifft – übernehme ich.“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack berichtet dann über die
-Nachforschungen, die er gemeinsam mit
-Schreiber in Magdeburg, Hötensleben und
-anderen Orten anstellte.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Das war nach den Aufklärungen, die
-Schreiber dem Kriminalkommissar Trettin
-gegeben hatte?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Ja.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Schreiber war also inzwischen aus der
-‚Schutzhaft‘ wegen der vorhin erwähnten
-Mordsache entlassen?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Ja.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„So, so –“
-</p>
-
-<p>
-Der Zeuge Maslack berichtet dann, daß die
-von ihm erzielten Ergebnisse im wesentlichen
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-die Angaben des Schreiber bestätigt haben,
-so wie sie schon Kr.-K. Trettin schilderte.
-Wegen einiger Punkte, wie der Ankunft des
-Herm und Schreiber in Hötensleben, kommt
-es zu erneuten Kontroversen. Wesentlich
-Neues bringt der Zeuge nicht.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Wieviel Geld hat Ihre Behörde dem
-Schreiber für seine Bemühungen gezahlt?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Die Auslagen für Reise und Aufenthalt.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Darüber hinaus hat er keine Beträge erhalten?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Nein ...“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Zeuge Maslack, ich mache Sie darauf
-aufmerksam, daß Sie unter Eid aussagen!“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Sie können also bestimmt unter Ihrem
-Eid aussagen, daß der Spitzel Schreiber von
-Ihrer Behörde keine weiteren Gelder empfangen
-hat?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„<em>Wenn die Frage in so bestimmter
-Form gestellt wird, so verweigere ich
-die Aussage.</em>“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Mit welcher Berechtigung?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe von meiner Behörde nicht so
-weitgehende Befugnis erhalten.“
-</p>
-
-<p>
-Der Vorsitzende verliest die Mitteilung
-des Polizeipräsidiums, nach welcher der Kriminalkommissar
-Maslack aussagen darf, soweit
-nicht die Interessen des Deutschen
-Reiches gefährdet werden.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Hat also der Schreiber noch Geld erhalten?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Ja: er nutzte wohl auch die Konjunktur
-aus, um Zeugenspesen zu erhalten.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Wie hoch war die Summe, die Schreiber
-erhalten hat?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Darüber verweigere ich die Aussage.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Ich frage den Zeugen, ob er der Ansicht
-ist, daß die Interessen des Deutschen Reiches
-durch die Nennung der an Schreiber gezahlten
-Summen gefährdet sind?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Die Entscheidung darüber steht mir
-nicht zu.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Dann müssen die Beträge recht erheblich
-gewesen sein.“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Ich beantrage, diese ganze Frage als unerheblich
-zu beanstanden.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Die Frage ist insofern erheblich, als von
-der Höhe der Summe abhängt, in wieweit
-man diesem Zeugen Schreiber Glauben schenken
-darf. Es ist derselbe Schreiber, der vom
-Gericht 4000 M. fordert!“
-</p>
-
-<p>
-Während das Gericht über den Antrag des
-Staatsanwalts berät, erklärt Kr.-K. Maslack
-sich bereit, die Frage zu beantworten. Das
-Gericht beschließt trotzdem, die Frage als
-unerheblich zurückzuweisen: weil ja allgemein
-bekannt sei, daß Agenten von der
-Polizei auch bezahlt würden.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Ist dem Zeugen ein Leutnant Siebel bekannt,
-der Abteilungsleiter der antibolschewistischen
-Liga ist?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Sie können das unter Eid aussagen?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Es ist möglich, daß ich ihn unter anderem
-Namen kenne.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Ist dem Zeugen der Leiter der Agentenabteilung
-der antibolschewistischen Liga bekannt?“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Ich beantrage, auch diese Frage als unerheblich
-zu beanstanden.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Die Frage ist deshalb erheblich, weil
-Leutnant Siebel mit den hier genannten
-Spitzeln zu tun hatte!“
-</p>
-
-<p>
-Der Gerichtsbeschluß lehnt die Frage mit
-der Begründung ab: sie sei nicht gestellt, um
-zur Aufklärung der Mordtat beizutragen,
-sondern habe nur politische Bedeutung.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Ist dem Zeugen bekannt, daß Blau während
-der Januarkämpfe 1919 im <em>Auftrag
-der Polizeibehörde</em> als Lockspitzel die
-Büxensteindruckerei besetzte und ein Magistratsauto
-beschlagnahmte?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Ist dem Zeugen der Spitzel Strolz bekannt?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Gar nicht bekannt?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Jedenfalls nicht unter seinem Namen.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Sind denn die Spitzel im allgemeinen
-auch der Polizei nur unter ihrer Nummer bekannt?“
-</p>
-
-<p>
-Der Vorsitzende beanstandet diese Frage
-und das Gericht lehnt die Zulassung ab: weil
-die Frage nur gestellt sei, um aus politischen
-Gründen die Hilfsmittel der Polizei kennen
-zu lernen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Am fünften Verhandlungstage gibt der
-Vorsitzende zu dieser Sache bekannt, daß
-das Gericht seine am Vortage gefaßten Beschlüsse
-betreffs Beanstandung der drei Fragen
-nunmehr aufhebe und deren Beantwortung
-nachträglich zulasse.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Ich bitte um Auskunft, auf Grund welcher
-Anregung das Gericht zu dieser Änderung
-seiner Beschlüsse gekommen ist.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Auf Grund keiner Anregung, sondern aus
-eigenem Antrieb.“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Der Spitzel Schreiber hat außer Fahrt-
-und Verpflegungsgeld von meiner Behörde in
-der Zeit vom 13. bis 25. August 1919 eine
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-Extravergütung von 700 M. erhalten. Ob er
-noch von anderen Dienststellen bezogen hat,
-weiß ich nicht.“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Trettin:
-</p>
-
-<p>
-„Ich erkläre, daß ich dem Schreiber kein
-Geld gezahlt habe.“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Die leitenden Herren der antibolschewistischen
-Liga, Leutnant Siebel und Bachmann,
-kenne ich nicht. (7. Verhandlungstag.)
-Die Beantwortung der dritten Frage, ob die
-Spitzel uns nur mit Nummern bekannt sind,
-wird mir von meiner vorgesetzten Behörde
-verboten, da es dem Wohle des Staates widersprechen
-würde, wenn die Einrichtungen der
-Polizei öffentlich bekannt gegeben würden.“
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-4-10">
-Die Aufklärung der Tat.<br />
-Der Spitzel Strolz.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Der erste Zeuge zur Tat war der Sachverständige
-Professor Dr. Strauch, der gemeinsam
-mit Medizinalrat Dr. Hoffmann die
-Leiche des Blau obduziert hatte. Er sagt
-am 2. Verhandlungstage aus, daß der Körper
-des Blau am Halse eine Strangulationsmarke
-aufwies; weitere Merkmale konnten bei sorgfältigster
-Untersuchung nicht gefunden werden.
-Infolgedessen hätten sie am Anfang zur
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-Annahme von Selbstmord geneigt, später ihr
-Urteil dahin verallgemeinert, daß die Todesursache
-nicht festzustellen sei. Nach der
-näheren Kenntnis der Zusammenhänge sei er
-zur Überzeugung gelangt, daß der Tod durch
-Erdrosseln eingetreten sei.
-</p>
-
-<p>
-Ein Geschworener fragt den Sachverständigen,
-ob der Befund unzweifelhaft sei: es sei
-doch möglich, daß Blau noch lebend ins
-Wasser geworfen worden sei und durch seine
-Bewegungen erst die Schlinge so zugezogen
-habe, daß der Tod durch Ersticken eintrat.
-In diesem Falle sei aber der als Mörder anzusehen,
-der den Körper ins Wasser gestoßen
-habe.
-</p>
-
-<p>
-Ein zweiter Geschworener fragt, ob es ausgeschlossen
-sei, daß Blau durch das Morphium
-nur betäubt war und dann im Wasser
-ertrunken oder erstickt ist.
-</p>
-
-<p>
-Der Sachverständige betont nochmals, daß
-er jetzt mit Bestimmtheit Erdrosseln als
-Todesursache annehmen könne.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Über die ersten Untersuchungsergebnisse
-in Berlin sagt Kriminalkommissar Dr. Riemann
-aus (3. Verhandlungstag):
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe als Mitglied der Mordkommission
-die ersten Untersuchungen geleitet. In
-einer Tasche des Ertrunkenen steckte ein Gepäckschein
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-auf den Anhalter Bahnhof; im
-Koffer Blaus, der daraufhin abgehoben wurde,
-fanden wir eine Reihe Notizen politischen Inhalts
-und ebensolche Briefe; diese waren mit
-Blau oder mit seinem Pseudonym Dr. Michael
-unterzeichnet und an die antibolschewistische
-Liga sowie ähnliche Stellen gerichtet. Ich
-stellte dort Nachforschungen an und traf
-dabei auf den Agenten Strolz; dieser erklärte
-sofort, daß Blau von den Kommunisten als
-Spitzel erkannt und ermordet worden sei; er
-schilderte mir die Vorgänge in der Versammlung
-in der Mittenwalder Straße, und nannte
-mir Leuschner als Versammlungsleiter. Auf
-diese Angaben hin begannen die Recherchen
-nach Leuschner, der später in Ostpreußen
-verhaftet wurde.
-</p>
-
-<p>
-„Mitte August kam an uns ein Brief eines
-Münchner Vertrauensmannes, der die Abreise
-Blaus mit Schreiber, Schuster und Herm mitteilte.
-Daraufhin fuhr Kriminalkommissar
-Trettin nach München.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Wie heißt dieser Münchner Vertrauensmann?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-</p>
-
-<p>
-„Es war Schreiber.“
-</p>
-
-<p>
-Der Zeuge Kriminalwachtmeister Helmka
-war als Kriminalbeamter zur Garde-Kavallerie-Schützendivision
-abkommandiert gewesen.
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-(3. Verhandlungstag): Er lernte dort
-den Spitzel Toifl kennen, der ihm mitteilte,
-daß er den Fichtmann sehr gut kenne und
-wisse, daß dieser in die Angelegenheit Blau
-verwickelt sei. Durch diese Angaben wurde
-der Verdacht auf Fichtmann gelenkt. Toifl
-hat dann dem Kriminalkommissar Dr. Riemann
-gegenüber noch weitere Mitteilungen
-gemacht, die Fichtmann schwer belasten.
-</p>
-
-<p>
-Angeklagter Fichtmann:
-</p>
-
-<p>
-„Der Spitzel Toifl belastete mich – aber
-können Sie sich erinnern, daß er bei einer
-Gegenüberstellung mit mir sagte, er könne
-mich nicht mit Sicherheit als Täter bezeichnen?
-Ich sei nicht der Täter.“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-</p>
-
-<p>
-„Jawohl. Doch, als Sie abgetreten waren,
-nahm er diese Aussage wieder zurück und erklärte,
-dies nur wegen Ihrer Anwesenheit gesagt
-zu haben.“
-</p>
-
-<p>
-Angeklagter Fichtmann:
-</p>
-
-<p>
-„Wissen Sie, daß während meiner Haft der
-Spitzel Strolz in meine Zelle gelegt wurde?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-</p>
-
-<p>
-„Es ist ein zur Aufklärung von Kapitalverbrechen
-übliches Verfahren, den Verdächtigen
-durch Zellengenossen aushorchen zu lassen.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Ist dem Zeugen bekannt, daß die berüchtigte
-<em>Spitzelin Schröder-Mahnke in
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-Männerkleidern</em> in die Zellen der Angeklagten
-gesteckt wurde, um von ihnen Geständnisse
-zu erreichen?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-</p>
-
-<p>
-„Mir ist nichts davon bekannt.“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Ich erkläre: falls derartiges geschehen ist,
-so geschah es nicht auf meine Veranlassung!“
-</p>
-
-<p>
-Rechtsanwalt Dr. S. Weinberg wiederholt
-diese Frage gegenüber dem Leiter der Voruntersuchung,
-Landgerichtsrat Marquardt
-(5. Verhandlungstag).
-</p>
-
-<p>
-L.-G.-R. Marquardt:
-</p>
-
-<p>
-„Davon, daß die Schröder-Mahnke als
-Polizeispitzelin in den Zellen der Angeklagten
-gewesen sein soll, habe ich keine Kenntnis.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Aber Sie müssen sich doch erinnern, wem
-Sie Sprecherlaubnis gegeben haben.“
-</p>
-
-<p>
-L.-G.-R. Marquardt:
-</p>
-
-<p>
-„Es war einmal ein Feldgrauer mit Brille
-bei mir, dem ich Sprecherlaubnis erteilt habe.
-Später erzählte mir Kriminalkommissar Maslack,
-daß es sich um eine Frau in Männerkleidung
-handelte.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„War Ihnen nicht bekannt, daß es die
-Lockspitzelin Schröder-Mahnke war?“
-</p>
-
-<p>
-L.-G.-R. Marquardt:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Im allgemeinen macht es die größten
-Schwierigkeiten, selbst für die nächsten Angehörigen
-der Verhafteten Sprecherlaubnis zu
-erwirken. Unter welcher Voraussetzung oder
-Veranlassung haben Sie dieser Person Sprecherlaubnis
-erteilt?“
-</p>
-
-<p>
-L.-G.-R. Marquardt:
-</p>
-
-<p>
-„Soviel ich mich erinnere, habe ich die Erlaubnis
-auf Anregung des Kriminalkommissars
-Maslack erteilt.“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Die Polizei hat zu diesem Mittel gegriffen,
-um den Fall aufzuklären.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„... Eine verkleidete Frau im Männergefängnis
-– auf Anregung der Polizei! Übrigens
-hat diese Frau auch Einsicht in die
-Akten bekommen!!“
-</p>
-
-<p>
-L.-G.-R. Marquardt:
-</p>
-
-<p>
-„Mit meinem Wissen nicht!“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Und Sie, Herr Kriminalkommissar?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Ich kann nicht auf meinen Eid nehmen,
-ob ich der Schröder-Mahnke Einsicht gab
-oder nicht.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Außerdem war die Schröder-Mahnke während
-der Vernehmung der Angeklagten im
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-Nebenzimmer untergebracht und hörte die
-Aussagen an.“
-</p>
-
-<p>
-L.-G.-R. Marquardt:
-</p>
-
-<p>
-„Mir ist nichts davon bekannt. Aber ich
-gebe die Möglichkeit zu, daß sie dort war;
-jedenfalls, um anschließend auch vernommen
-zu werden.“
-</p>
-
-<p>
-Angeklagter Hoppe:
-</p>
-
-<p>
-„Die Schröder-Mahnke war in der Maske
-eines Genossen in meiner Zelle und forderte
-mich zur Flucht auf. Sie sagte, draußen sei
-alles vorbereitet, ich brauchte nur den Tag
-und die näheren Umstände anzugeben, für
-alles weitere habe die Partei schon gesorgt.
-Ich habe aber abgelehnt. Die Schröder-Mahnke
-verhehlte mir keinen Augenblick,
-daß sie eine verkleidete Frau sei; im Gegenteil,
-als ich mich unzugänglich zeigte, <em>betonte
-sie es besonders</em>.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„In den Akten finde ich verschiedentlich
-den Vermerk, daß der Angeklagte Hoppe
-fliehen wolle. Von wem stammt diese Angabe?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Maslack:
-</p>
-
-<p>
-„Von der Schröder-Mahnke. Ich gebe zu,
-daß die Frau in diesem Falle <em>ein sehr verwerfliches
-Spiel trieb</em>.“ –
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt (3. Verhandlungstag):
-</p>
-
-<p>
-„Im Interesse der Sache wäre es von höchster
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-Wichtigkeit, diese ganzen Leute, Strolz,
-Toifl, die Schröder-Mahnke, als Zeugen vor
-Gericht zu sehen. Stehen denn der Kriminalpolizei
-keine Mittel zur Verfügung, der Leute
-habhaft zu werden?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-</p>
-
-<p>
-„Es ist sehr schwer; doch werde ich alles
-tun, um die Leute zu eruieren. Ich nehme
-aber an, daß die Angst vor den Kommunisten
-die Leute abhält. Sie wagen nicht, hier zu erscheinen.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Seit wann sind denn Strolz und Toifl im
-Dienst der Polizei?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-</p>
-
-<p>
-„Ich kann darauf keine ausreichende Antwort
-geben. Die meisten dieser Leute arbeiten
-nicht ständig mit uns; so ist uns auch ihr
-Aufenthalt oft nicht bekannt und es ist sehr
-schwer festzustellen, ob und wie einer gerade
-tätig ist.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Vielleicht kann ich Ihre Bemühungen
-unterstützen, wenn ich Ihnen mitteile: der
-Spitzel Toifl hat die Spitzelnummer 1460 und
-war zuletzt bei Renz in der Badener Str. 5 gemeldet.“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-</p>
-
-<p>
-„Ich wiederhole, daß ich nichts unterlassen
-werde, die Leute beizubringen.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-Angeklagter Hoppe:
-</p>
-
-<p>
-„In diesem Zusammenhang möchte ich berichten:
-gelegentlich einer Vorführung vor
-den Rittmeister Heimburg beim Gruppenkommando
-I sah ich dort in Reichswehruniform
-den Mendelsohn-Acosta.“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Dieser Acosta ist der Teilnahme an der
-Mordtat dringend verdächtig; ich fordere die
-Kriminalpolizei auf, nach ihm zu suchen und
-ihn sofort zu <em>verhaften</em>.“
-</p>
-
-<p>
-Zur Verlesung gebracht wird ein anonymes
-Schreiben, das durch Vermittlung des Kriminalwachtmeisters
-Helmka der Polizei zuging.
-Die Verteidiger hatten vergeblich gegen
-die Verlesung protestiert. In dem Schreiben
-wird Fichtmann schwer belastet.
-</p>
-
-<p>
-Kriminalwachtmeister Helmka macht Mitteilung
-von einer Reihe Aufklärungen, die
-von anderer Seite herstammen.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Kann der Zeuge über seine Quellen nähere
-Angaben machen?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-W. Helmka:
-</p>
-
-<p>
-„Es waren Agenten der Garde-Kavallerie-Schützendivision.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Wissen Sie die Namen derselben?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-W. Helmka:
-</p>
-
-<p>
-„Nein; nur die Nummern.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Wieviel Spitzel hatte denn die Garde-Kavallerie-Schützendivision?“
-</p>
-
-<p>
-Der Vorsitzende will diese Frage beanstanden,
-aber Kriminalwachtmeister Helmka antwortet:
-</p>
-
-<p>
-„<em>Einhundertundzehn.</em>“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. Rosenfeld:
-</p>
-
-<p>
-„Das genügt mir.“
-</p>
-
-<p>
-Einen weiteren Brief an den Untersuchungsrichter
-hat der Schneider Max Eulenburger
-aus dem Gefängnis geschrieben. In diesem
-Brief werden der Angeklagte Hoppe und der
-Zeuge Kronwetter als Täter bezeichnet; als
-Quelle wird der Hilfsarbeiter Peter Schmidt
-aus München genannt.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Schmidt bestreitet ganz entschieden,
-dem Eulenburger irgendwelche Angaben
-gemacht zu haben und erklärt auf Befragen,
-den Hoppe gar nicht zu kennen (4. Verhandlungstag).
-</p>
-
-<p>
-Der Zeuge Kronwetter war auf die Angaben
-des Eulenburger hin verhaftet, aber
-bald wieder entlassen worden; auch er erklärt
-die Mitteilungen des Briefes für erlogen.
-</p>
-
-<p>
-Der als Zeuge vorgeladene Max Eulenburger
-erklärt (5. Verhandlungstag), daß all
-seine Aussagen völlig erfunden seien; er habe
-nur den Wunsch gehabt, frei zu werden und
-gehofft, durch seine Aussagen die Freiheit zu
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-erlangen. Der Untersuchungsrichter habe
-ihm gedroht, ihn selbst in die Blauangelegenheit
-mit hereinzunehmen und da habe er eben
-Aussagen erdichtet.
-</p>
-
-<p>
-Landgerichtsrat Marquardt (7. Verhandlungstag):
-</p>
-
-<p>
-„Eulenburger hat sich seinerzeit selbst gemeldet,
-er sei bereit und fähig, die Angelegenheit
-Blau in einigen Tagen zu klären; ebenso
-versprach er, die Aufhebung der Reichszentrale
-der Kommunistischen Partei Deutschlands
-zu ermöglichen. Ich habe seine Erklärungen
-entgegengenommen und auch verfolgt.
-Aber ich hatte schon damals den Eindruck,
-daß Eulenburger nicht bei der Wahrheit
-bleiben kann.“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt zu Eulenburger:
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie vielleicht Angst, linksradikalen
-Verfolgungen ausgesetzt zu sein, wenn Sie bei
-Ihren in der Voruntersuchung gemachten Angaben
-bleiben?“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Eulenburger:
-</p>
-
-<p>
-„Nein – meine damaligen Aussagen sind
-Erfindungen, die mir die Nervosität der Gefangenschaft
-eingegeben hat.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Aber Sie haben damals Ihre Aussagen beschworen;
-wenn Sie heute erklären, daß
-alles erlogen war, geben Sie ja zu, einen Meineid
-geleistet zu haben.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-Zeuge Eulenburger:
-</p>
-
-<p>
-„<em>Ja, ich habe einen Meineid geleistet.</em>“
-</p>
-
-<p>
-Nach längerer Beratung beschließt das Gericht,
-die Zeugen Schmidt, Kronwetter und
-Eulenburger zu vereidigen. Eulenburger weigert
-sich, den Eid zu leisten, weil er glaubt,
-sich damit ein Verfahren wegen Meineids zuzuziehen.
-Er bleibt aber dabei, jetzt vor Gericht
-die Wahrheit gesagt zu haben. Auf Antrag
-des Staatsanwalts wird er wegen Eidesverweigerung
-in die gesetzlich zulässige
-Höchststrafe genommen.
-</p>
-
-<p>
-Der Vorsitzende läßt den Prozeßbeteiligten
-die Photographien der Spitzel Schreiber und
-Toifl vorlegen (3. Verhandlungstag).
-</p>
-
-<p>
-Der Angeklagte Hoppe glaubt in Toifl mit
-Sicherheit den Mann zu erkennen, der ihm
-in der Winklerschen Wohnung die Flasche
-mit Morphium und den Strick anbot; das
-Gesicht des Schreiber ähnle dem des einen
-Feldgrauen, der bis zuletzt in der Winklerschen
-Wohnung war.
-</p>
-
-<p>
-Der Angeklagte Fichtmann gibt folgende
-Erklärung ab:
-</p>
-
-<p>
-„Am 3. oder 4. August 1919, also einige
-Tage nach dem Mord und vor Auffindung der
-Leiche, kam ich auf die Redaktion des „Hammer
-der Gleichheit“; dessen Herausgeber war
-der Genosse Heinrich. Dort lernte ich einen
-Mann kennen, der sich Schweizer nannte.
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-Heinrich wollte eben einen Artikel gegen den
-Terror schreiben und wir sprachen darüber;
-der Schweizer widersprach dieser Tendenz
-und erzählte dabei, erst vor einigen Tagen
-habe er einen Spitzel namens Blau entlarvt.
-Auf die Frage, was er denn mit Blau gemacht
-habe, erklärte er wörtlich: Blau ist erledigt.
-– Ich erkenne in der Photographie des
-Schreiber diesen Mann.“
-</p>
-
-<p>
-Der Staatsanwalt beantragt hierauf, den
-Heinrich als Zeugen zu laden. Am nächsten
-Tage wird festgestellt, daß Heinrich sich zur
-Zeit in Moskau aufhält.
-</p>
-
-<p>
-Zu Beginn des 6. Verhandlungstages teilt
-R.-A. Dr. S. Weinberg mit, daß die Angeklagten
-Hoppe und Fichtmann plötzlich in
-andere Zellen verlegt wurden und fragt, was
-es damit für Bewandtnis habe. Der Vorsitzende
-erklärt, daß vom Gericht aus keine
-Veranlassung oder Anordnung in dieser Richtung
-erteilt worden sei.
-</p>
-
-<p>
-In den Verhandlungen über den Hergang
-der Tat selbst steht in erster Linie die Vernehmung
-des Lederarbeiters Max Leuschner
-(5. Verhandlungstag):
-</p>
-
-<p>
-„Ende Mai 1919 erschien in einer von mir
-geleiteten Versammlung Blau und erklärte,
-daß ein gewisser Bomin Regierungsspitzel sei.
-Tatsächlich wurde Bomin nachher entlarvt.
-Blau hetzte in außerordentlicher Weise gegen
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-Bomin, so daß ich all meinen Einfluß aufbieten
-mußte, um Unbedachtsamkeiten zu
-verhüten; denn die Arbeiterschaft war gerade
-in diesen Wochen sehr erregt.
-</p>
-
-<p>
-„Nachträglich erschien mir das Benehmen
-des Blau verdächtig und ich beschloß, Erkundigungen
-über ihn einzuziehen. Da kam
-zu mir der ebenfalls später als Spitzel entlarvte
-Strolz; dieser gehörte einer Untergruppe
-meines Bezirks an und war von dieser
-sogar zum <em>Gruppenführer</em> gewählt worden;
-ich hatte ihn aber nicht bestätigt, weil ich
-ihn kaum kannte. Dieser erzählte mir, daß
-nicht nur Bomin ein Spitzel sei, sondern der
-Blau selbst sei ein noch viel gefährlicherer
-Spitzel.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Also hätte ein Spitzel den anderen verraten?“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Leuschner:
-</p>
-
-<p>
-„Das ist bei diesen Leuten gang und gäbe;
-sie bekämpfen sich in der rücksichtslosesten
-Weise.“
-</p>
-
-<p>
-Auch die Kriminalbeamten bestätigen diese
-Tatsache (3., 4. Verhandlungstag).
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg zu Dr. Riemann:
-</p>
-
-<p>
-„Wenn in so erregten Zeiten ein Spitzel
-den anderen an die Kommunisten verrät, ist
-das nicht geradezu eine <em>Aufforderung zum
-Mord</em>?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-</p>
-
-<p>
-„<em>Darauf kann ich keine Antwort
-geben.</em> –“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Leuschner:
-</p>
-
-<p>
-„Ich fragte den Strolz, woher er das wisse.
-Darauf erzählte er mir, er habe als Student
-der Chemie Beziehungen zu militärischen
-Kreisen und höre so durch Kollegen und Bekannte
-auch mancherlei. Diese Erklärung
-schien mir nicht zufriedenstellend und ich
-beschloß, mir auch den Strolz näher anzusehen.
-Als mir auffiel, daß er sich bei mehreren
-Anlässen nach der Zentrale der Kommunistischen
-Partei erkundigte, stellte ich
-ihm eine Falle; ich erzählte ihm einmal nebenbei,
-daß ich am anderen Morgen in die Zentrale
-müsse, und wirklich war ich an diesem
-Tag von meiner Wohnung ab durch drei
-Spitzel verfolgt. Da wußte ich, daß auch
-Strolz ein Spitzel ist.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Unternahmen Sie etwas gegen Strolz?“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Leuschner:
-</p>
-
-<p>
-„Nein. Ich warnte einige zuverlässige
-Leute und ließ ihn ruhig neben uns herlaufen.
-Er kam auch immer wieder zu mir und erzählte
-dabei oft von Blau. So sagte er besonders,
-daß Blau im Ruhrgebiet furchtbar
-unter unseren Leuten gewütet hatte.
-</p>
-
-<p>
-„Eines Tages wurden für mich von unbekannter
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-Seite <em>zwei Briefe</em> abgegeben, die
-Material gegen Blau enthielten: Schriftstücke
-an rechtsradikale Stellen. Ich zeigte die
-Sachen dem Strolz, der sehr überrascht
-war.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Hatten Sie den Eindruck, daß Strolz
-Ihnen die Blätter zustellen ließ?“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Leuschner:
-</p>
-
-<p>
-„Nein. Ich hatte eher den Eindruck, daß
-Strolz ehrlich überrascht war. Wir sprachen
-natürlich über die Herkunft der Dokumente,
-an deren Echtheit nicht zu zweifeln war. Sie
-mußten von einer militärischen Nachrichtenstelle
-kommen. Der Ansicht war auch Strolz.
-Ich selbst muß mich heute fragen: wie kamen
-die Leute gerade auf meine Adresse – wenn
-sie nicht wußten, daß ich so schon über Blau
-orientiert war. Ich nehme also an, daß die
-betreffende Stelle die Absicht hatte, den
-Blau, der ihr selbst lästig war, zu verraten
-und durch die Kommunisten das Weitere besorgen
-zu lassen. Ich nehme das auch deswegen
-an, weil ich glaube, daß Strolz auf
-speziellen Auftrag hin mir den Blau denunziert
-hat. Denn so, wie ich ihn kenne, traue
-ich ihm doch nicht zu, aus eigenem Antrieb
-eine solche Intrige zu inszenieren.
-</p>
-
-<p>
-„Ich tat in dieser Angelegenheit nichts.
-Aber, als in der Versammlung in der Mittenwalder
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-Straße am 31. Juli, die eine geschlossene
-Versammlung war, gegen 9 Uhr Blau
-auftauchte, konnte ich mich nicht halten und
-sagte ihm auf den Kopf zu, daß er ein Spitzel
-sei. Blau bestritt das energisch und verlangte,
-dem Strolz gegenübergestellt zu werden, der
-ihn bestätigen könne. Er verlangte das
-immerzu, aber – da doch gerade Strolz ihn
-verraten hatte, lag mir an dieser Gegenüberstellung
-nicht viel und ich betrieb sie nur,
-um durch Verzögerung die allgemeine Erregung
-zu mildern. Übrigens besaß Blau
-eine Einlaßmarke in die geschlossene Versammlung;
-wo er die herhatte, habe ich nie
-erfahren, ... vermutlich von Strolz, den er
-ja kannte und der zu meiner Sektion gehörte.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Wußten Sie, warum Blau den Strolz verlangte?“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Leuschner:
-</p>
-
-<p>
-„Damals war mir das unklar. Aber später
-hörte ich, daß Strolz in der Zwischenzeit bei
-Blau in München gewesen war, dort gesagt
-hatte, er käme von mir, und in meinem Namen
-Material über die Rechtsleute von Blau gekauft
-hatte. Das Geld dazu hatte er übrigens
-nicht von der kommunistischen Partei.
-– Blau, der nicht wußte, daß Strolz selbst
-ein Spitzel war und sein Doppelspiel entlarvt
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-hatte, wollte den Strolz zur Bestätigung,
-daß er unter der Maske eines Spitzels
-für die Kommunisten arbeite.
-</p>
-
-<p>
-„Unten auf der Straße trat ein unbekannter
-Mann zu mir und sagte, wir sollten den
-Blau festhalten, bis er einen Münchner Genossen
-gebracht habe, der bestätigen könne:
-Blau habe den Auftrag, in der Schweiz den
-Genossen <em>Platten für 80000 M. zu ermorden</em>.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Tatsächlich finden sich in den Briefen des
-Blau Entwürfe und Kopien einer Korrespondenz
-mit schweizerischen Offizieren.“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Leuschner:
-</p>
-
-<p>
-„Um die Leute nicht noch mehr zu erregen,
-sagte ich dem Mann, er solle nur ruhig
-sein. Der Mann fuhr dann mit Hoppe fort,
-angeblich, um den Strolz zu holen. In der
-Zwischenzeit gelang es mir, die Leute zu besänftigen
-und die meisten gingen nach Hause.
-Als Hoppe dann erfolglos zurückkam, hielt
-ich die Angelegenheit eben für erledigt und
-ging auch schlafen – denn solche Entlarvungen
-passierten damals nicht allzu selten, und,
-wenn im ersten Moment Unbedachtes vermieden
-wurde, war die Gefahr vorüber.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Das Zwischenspiel mit dem Münchner ist
-mir neu.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-Zeuge Leuschner:
-</p>
-
-<p>
-„Ja; ich habe der Versammlung nichts
-darüber gesagt, sondern die Meinung aufrechterhalten,
-daß es sich um Strolz handele.
-Als dann der Münchner nicht kam, hatte ich
-erst recht keinen Anlaß, zu reden.
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe dann von Blau erst wieder gehört,
-als die Nachricht seines Todes in der
-Zeitung stand. An diesem Tage, während ich
-aus war, <em>kam Strolz</em> zu meiner Frau und
-sagte ihr, <em>wir müßten verschwinden</em>. Er
-gab meiner Frau einen Fahrtausweis für sechs
-Personen. Ich konnte mir dieses Vorgehen
-nicht recht erklären; kam dann zu dem Resultat,
-daß nicht Strolz auf eigene Faust,
-sondern irgendwelche Behörden die Hand im
-Spiele hatten – und glaubte, daß es auf mich
-abgesehen war. Da zog ich es vor, zu fliehen.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Von einem Todesurteil der Versammlung
-gegen Blau ist Ihnen nichts bekannt?“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Leuschner:
-</p>
-
-<p>
-„Nein. Derartige Geschichten sind Erfindung.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Kennen Sie einen gewissen Samson?“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Leuschner:
-</p>
-
-<p>
-„In der ersten Nacht, in der ich in Haft
-war, wurde ich plötzlich in eine andere Zelle
-gebracht. In dieser befand sich Samson. Ich
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-hatte sofort heraus, daß er ein Spitzel war,
-und ließ mich nicht mit ihm ein. Auch sein
-Angebot, mir Nachrichten nach außerhalb zu
-befördern, lehnte ich ab. Die Aussagen, die
-Samson am nächsten Tage dem Kriminalkommissar
-machte, sind erlogen.“
-</p>
-
-<p>
-Der nächste Zeuge Thiessen war Referent in
-der Mittenwalder Straße. Er hat von Leuschner
-einige dem Blau abgenommene Papiere
-erhalten und später vernichtet. Auch dieser
-Zeuge wurde durch den Spitzel Samson der
-Mittäterschaft bezichtigt und schwer belastet.
-Der Zeuge kennt den Samson daher,
-daß er ihm als bedürftiger Kommunist vorgestellt
-wurde; er hat ihn auch mit Geld
-unterstützt und verpflegt. Seine Aussagen
-ergeben nichts Neues. Samson selbst war
-nicht erschienen.
-</p>
-
-<p>
-Der Zeuge Dahms wurde ebenfalls von
-Samson der Mittäterschaft bezichtigt. Er
-wurde daraufhin aus Dänemark, wo er sich
-damals aufhielt, herbeigeschafft. Er erklärte,
-von der ganzen Sache gar nichts zu wissen
-und völlig unschuldig und unberechtigt hineingezogen
-zu sein. Seine Angelegenheit gibt
-Anlaß zu Auseinandersetzungen zwischen
-Verteidigung und Staatsanwaltschaft derart,
-daß der Vorwurf erhoben wurde, die Untersuchungsbehörde
-könne wohl unschuldige
-Kommunisten aus Dänemark herbeischaffen,
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-aber es gelänge ihr nicht, die der Mittäterschaft
-dringend verdächtigen Polizeispitzel
-Toifl, Strolz und Schreiber aus Deutschland
-resp. der Schweiz vor Gericht zu bringen
-(3. und 6. Verhandlungstag).
-</p>
-
-<p>
-Die Vereidigung des Leuschner wird wegen
-Verdachtes der Mittäterschaft vom Gericht
-abgelehnt.
-</p>
-
-<p>
-Bei dem Zeugen Georg Pohl haben Hoppe
-und Blau die Nacht vor dem Mord verbracht.
-Der Zeuge hat in der Voruntersuchung sehr
-belastende Aussagen über Hoppe und Winkler
-gemacht. Bei seiner Vernehmung (4. Verhandlungstag)
-berichtet er nochmals die Vorgänge
-in der Versammlung und auf der Straße.
-Blau habe erklärt, er werde sich rechtfertigen
-– und er werde nicht eher von den Genossen
-weggehen, bis er sich gerechtfertigt habe.
-Da Blau kein Quartier hatte, habe er seine
-Wohnung zur Verfügung gestellt.
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Blau wurde also nicht gefangen gehalten?“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Gg. Pohl:
-</p>
-
-<p>
-„Nein. Er wollte uns nicht verlassen, ehe
-alles klargestellt sei.“
-</p>
-
-<p>
-Der Zeuge erzählt weiter die bekannten
-Vorgänge: wie er am nächsten Tage Blau und
-Hoppe bis zur Winklerschen Wohnung in
-der Großbeerenstraße begleitet habe; dann
-nach Hause gegangen sei; dann am späteren
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-Abend wieder zurückgekommen sei, um zu erfahren,
-was aus der Sache geworden sei. Auf
-der Straße habe er Schröder getroffen, bei
-dem er plaudernd stehengeblieben sei; nach
-einer Weile sei ein Mann gekommen, der sie
-aufforderte, zu helfen. Da sei Schröder weggegangen
-und er habe gesehen, wie eine
-Gruppe von Leuten an die Brücke kam und
-ein Paket ins Wasser warf. Erst später habe
-er die Erklärung dieser Vorgänge erfahren.
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„In der Voruntersuchung haben Sie Fichtmann
-als einen der Männer bezeichnet, die
-aus dem Hause traten.“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Pohl, nach Gegenüberstellung mit
-Fichtmann:
-</p>
-
-<p>
-„Ich kann diese Aussage nicht aufrechterhalten,
-denn es war dunkel und ich stand
-auf der anderen Seite der Straße.“
-</p>
-
-<p>
-Es folgt ein mehrstündiges Kreuzverhör,
-in dem die Protokolle der Voruntersuchung
-einzeln durchgegangen werden. Der Zeuge
-Pohl kann sich an manches nicht mehr erinnern,
-andere Angaben zieht er zurück,
-andere bezeichnet er als unwahr.
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Sind Sie von kommunistischer Seite beeinflußt
-oder bedroht worden?“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Pohl:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Fühlten Sie sich in der Voruntersuchung
-zu Ihren Aussagen gepreßt oder gedrängt?“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Pohl:
-</p>
-
-<p>
-„Vielleicht durch die Aussicht freizukommen
-... Aber die Hauptsache ist, ich war
-völlig zusammengebrochen und wußte nicht
-mehr, was ich sagte. Ich dachte nur daran
-freizukommen und sagte zu allem ‚Ja, ja‘!“
-</p>
-
-<p>
-Kriminalkommissar Maslack bestätigt (5.
-Verhandlungstag), daß Pohl in völlig zusammengebrochenem
-Zustand ein Geständnis
-ablegte, in dem Hoppe und Fichtmann als Täter
-bezeichnet wurden. Er habe den Eindruck,
-daß Pohl damals die Wahrheit gesagt habe.
-</p>
-
-<p>
-Landgerichtsrat Marquardt, der die Voruntersuchung
-leitete, berichtet nach dem Gedächtnis
-die damalige Aussage des Pohl über
-den Hergang der Tat und betont, daß auch
-er den Eindruck der Wahrheit hatte.
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Pohl:
-</p>
-
-<p>
-„Ich kann diese Aussagen nicht aufrechterhalten,
-ich war damals völlig von Sinnen
-und nicht mehr Herr meiner Worte. Ich
-habe ausgesagt und ausgesagt und nur das
-eine gedacht: Freikommen!“
-</p>
-
-<p>
-Der Zeuge betont dann, daß er bereits am
-10. Dezember 1919 einen Brief an Kriminalkommissar
-Maslack schrieb und darin seine
-Aussagen widerrief.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-Es erheben sich über diesen Zeugen noch
-erregte Debatten. Das Gericht beschließt,
-die Vereidigung des Pohl noch aufzuschieben.
-</p>
-
-<p>
-Auf die Vernehmung des Zeugen Geißler,
-der mit Blau und Hoppe bei Pohl übernachtet
-hat, sich aber auf nichts mehr besinnen
-kann, wird allseitig verzichtet (6. Verhandlungstag).
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Von neuem wendet sich das Interesse dem
-Spitzel Toifl zu; und damit der Orlowsky-Affäre,
-wegen der Fichtmann verurteilt ist.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg zu Dr. Riemann
-(3. Verhandlungstag):
-</p>
-
-<p>
-„Ist Ihnen bekannt, daß Oberleutnant
-Graf Westarp aus der Bendlerstraße dem
-Spitzel Toifl den Auftrag gab, Fichtmann zu
-vernichten?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Ist Ihnen bekannt, daß der Spitzel Toifl
-das dem Diamantenhändler Orlowsky geraubte
-Geld mit Genehmigung seiner Dienststelle
-für sich behalten hat?“
-</p>
-
-<p>
-Kr.-K. Dr. Riemann:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-Am 6. Verhandlungstag erscheint der auf
-Antrag der Verteidigung geladene Friseur
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-Meyer, um über Toifl auszusagen: Meyer war
-mit Toifl sehr befreundet und Toifl hatte ihm
-auch von dem Plan gegen Orlowsky erzählt;
-er hatte ihn dringend aufgefordert, selbst mitzumachen.
-Er, Meyer, habe aber abgelehnt
-und auch versucht, den Toifl von solchen
-Plänen abzubringen, die doch der Partei gar
-nichts nützen könnten.
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Wurde nicht davon gesprochen, daß die
-<em>Terrorkasse zu Propagandazwecken
-aufgefüllt</em> werden müsse.“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Meyer:
-</p>
-
-<p>
-„Mag sein, aber ich lehne auch den Terror
-ab und stritt darüber mit Toifl, dem ich damals
-als Freund vertraute.“
-</p>
-
-<p>
-Der Bruder des Angeklagten Fichtmann:
-</p>
-
-<p>
-„Toifl hat den Überfall auf Orlowsky dann
-selbst gemacht.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Woher wissen Sie das so genau?“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Fichtmann:
-</p>
-
-<p>
-„Weil gar nicht mein Bruder an dem
-Überfall teilgenommen hat, <em>sondern ich
-selbst</em>!“ –
-</p>
-
-<p>
-Allgemeines Erstaunen, Debatten.
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Meyer:
-</p>
-
-<p>
-„Toifl sprach dann noch von einer anderen
-großen Sache, die er vorhatte: wenn die
-glücke, dann sei ein großer Spitzel erledigt.
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-Das machte mich zuerst mißtrauisch gegen
-ihn, denn so spricht kein Kommunist.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Wieso?“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Meyer:
-</p>
-
-<p>
-„Von ‚große Sache‘ und ‚wenn es glückt‘:
-das sind die Redensarten der Lockspitzel;
-man kennt das.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Hat Toifl öfter zu Gewalttaten aufgefordert?“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Meyer:
-</p>
-
-<p>
-„Stets.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Hat Toifl auch gesagt, daß die K. P. D.
-zu schlapp sei?“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Meyer:
-</p>
-
-<p>
-„Ja, er drängte auf terroristische Akte.“
-</p>
-
-<p>
-–: Da teilt der Staatsanwalt mit, daß an
-ihn ein Schreiben des Toifl gekommen sei:
-dieser wolle sich als Zeuge zur Verfügung
-stellen, falls ihm genügender polizeilicher
-Schutz zugebilligt werde.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-4-11">
-Der Lockspitzel als Zeuge.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-(Um Längen zu vermeiden, ist der größte
-Teil des schon Erwähnten nicht nochmals gebracht.
-Ferner wurde wegen der Eigenart des
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-Inhalts der größte Teil des Dialogs im Wortlaut
-der Zeitungsberichte, besonders der unabhängig-sozialdemokratischen
-Freiheit übernommen, Nr. 256 und 258; 2., 3. Juli 1920.)
-</p>
-
-<p>
-Am sechsten Verhandlungstage erscheint
-unter starker polizeilicher Bewachung der
-Spitzel Toifl. Der Vorsitzende macht darauf
-aufmerksam, daß er bei der ersten Belästigung
-des Zeugen sowie bei Mißfallens- oder
-Beifallsäußerungen sofort den Zuhörerraum
-räumen lassen würde.
-</p>
-
-<p>
-Toifl gibt seine Personalien an.
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Sind Sie Polizeiagent?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Welchen Beruf üben Sie jetzt aus?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Ich bin Bureauangestellter.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Wo wohnen Sie?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Darüber verweigere ich die Auskunft.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Kennen Sie die Angeklagten?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Nur Fichtmann.“
-</p>
-
-<p>
-Der Zeuge schildert dann seinen Werdegang:
-nach dem Kriege habe er mit kommunistischen
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-Kreisen Fühlung bekommen
-und dadurch auch die Familie Fichtmann
-kennen gelernt. Später sei er dann beim
-Gruppenkommando I (Lüttwitz) in die Reichswehr
-eingetreten. Aber er habe es auch mit
-den Fichtmanns ehrlich gemeint.
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Warum sind Sie in die Reichswehr eingetreten?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Um die Verhältnisse in der Reichswehr
-für die kommunistische Partei auszukundschaften.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Waren Sie überzeugter Kommunist?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Warum wollten Sie dann für die Kommunisten
-kundschaften?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Vater Fichtmann hatte mir angeraten, zur
-Reichswehr zu gehen; und ich hatte ja mein
-Auskommen dort.“
-</p>
-
-<p>
-Der Zeuge schildert dann weiter, wie er bei
-der Reichswehr zum Unteroffizier befördert
-wurde, gleichzeitig auch seinen freundschaftlichen
-Verkehr mit Fichtmanns fortsetzte.
-Mit diesen habe er oft über die Kommunisten
-gesprochen und dabei auch von der Gründung
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-einer Kampfgruppe und einer T-(Terroristen)gruppe
-gehört.
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„In der Nacht zum 31. Juli 1919 wurde
-der Überfall auf Orlowsky ausgeführt. Auf
-Ihr Zeugnis hin wurde deswegen der Angeklagte
-Max Fichtmann zu zwölf Jahren
-Zuchthaus verurteilt. Nun behauptet der
-Bruder des Angeklagten, Hugo Fichtmann,
-daß gar nicht Max, sondern er selbst an dem
-Überfall teilgenommen hat?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Das ist gelogen!“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Hugo Fichtmann:
-</p>
-
-<p>
-„Ich wiederhole, daß Toifl der Anführer bei
-dem Raubüberfall auf Orlowsky war. Nicht
-mein Bruder, sondern ich war bei dem Unternehmen
-zugegen. Toifl war es, der den Orlowsky
-verhaftete, Toifl schlug ihm in der
-Nähe von Friedrichshagen den Gewehrkolben
-über den Kopf und Toifl feuerte den
-Schuß hinter ihm her.“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Das ist alles gelogen. Die Sache verhielt
-sich so, wie ich sie als Zeuge vor dem Kriegsgericht
-darstellte.“
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Friseur Meyer:
-</p>
-
-<p>
-„Ottomar Toifl, Du bringst hier nur Lügen
-vor. Du kannst nicht ableugnen, daß Du zu
-mir und meiner Frau von dem Überfall auf
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-Orlowsky als Deinem Plan gesprochen hast. Du
-hast auch mich aufgefordert, daran teilzunehmen.
-Du hast dann auch von dem geplanten
-Mord an einem großen Spitzel gesprochen!“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„<em>Das ist alles nicht wahr!</em>“
-</p>
-
-<p>
-Der Vater des Fichtmann bekundet, daß
-Toifl dauernd zu terroristischen Akten hetzte.
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Wir wollen zum Fall Blau kommen.“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Am Sonnabend, dem 2. August, kam ich
-in das Lokal von Fichtmann. Max Fichtmann
-war abwesend und ich erfuhr auf meine
-Frage, daß er von einem Kurier der T-Gruppe
-abgeholt worden sei.“
-</p>
-
-<p>
-Der Vorsitzende lehnt einige Unterbrechungsversuche
-ab und bittet, sich zu gedulden
-und den Zeugen referieren zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Wo tagte die T-Gruppe?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Das weiß ich nicht. – Ich blieb am
-2. August bis gegen 2 Uhr nachts im Lokal
-von Fichtmann, ohne daß Max Fichtmann
-zurückkam. Am Sonntag hatte ich anderweitig
-zu tun, erst am Montag kam ich wieder
-zu Fichtmann. Abends sah ich Max Fichtmann
-und es fiel mir auf, daß er blaß und sehr
-unruhig war. Nun hatte mir bereits nachmittags
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-ein gewisser Herms die B. Z. gezeigt,
-worin der Bericht über den Mord an
-Blau ...“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender und Staatsanwalt gleichzeitig:
-</p>
-
-<p>
-„Sollte es am 4. August ...“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht, unterbrechend:
-</p>
-
-<p>
-„Ich bitte doch dringend, den Zeugen
-sprechen zu lassen!“
-</p>
-
-<p>
-Toifl wird jetzt stutzig (die Leiche wurde
-erst am 7. August gefunden!), überlegt einige
-Sekunden und sagt dann:
-</p>
-
-<p>
-„Ich irre mich wohl in diesem Punkte,
-denn die Nachricht stand, glaube ich, erst am
-Donnerstag in der B. Z. ..., aber ich habe
-noch am Montagabend im Lokal von Obst
-durch einen gewissen Fascheck nähere Mitteilung
-über den Mord erhalten. Ich habe
-darüber einen Bericht geschrieben und an die
-Kriminalpolizei gelangen lassen.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„An wen haben Sie die Anzeige gemacht?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Darüber <em>verweigere ich die Aussage</em>.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Sie sind verpflichtet, diese Aussage zu
-machen.“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe den Bericht durch einen Mittelsmann
-an Kriminalwachtmeister Helmka überbringen
-lassen.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Bei der Garde-Kavallerie-Schützendivision?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Ich glaube. Durch Helmka kam das
-Schreiben an Kriminalkommissar Dr. Riemann,
-der mich später auch vernommen hat.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie sonst noch Angaben über den
-Fall Blau?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Sie haben hier einiges erzählt, was Sie in
-der Voruntersuchung verschwiegen haben;
-warum taten Sie das?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Ich hatte von meiner vorgesetzten Stelle
-nur den Auftrag, auf den Mord hinzuweisen,
-nicht aber den, ihn aufzuklären. Infolgedessen
-habe ich damals auch nur einen Hinweis
-gegeben.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Wer war Ihre vorgesetzte Stelle?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Darauf <em>verweigere ich die Antwort</em>.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Wir werden davon noch sprechen. Warum
-wollte Ihre vorgesetzte Stelle nur Hinweise?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Das weiß ich nicht.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Sie hatten also bestimmten Auftrag, nur
-mitzuteilen, daß Blau von Kommunisten ermordet
-wurde?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Ja.“
-</p>
-
-<p>
-Kriminalkommissar Dr. Riemann gibt Auskunft
-über die Vernehmung des Toifl und vermutet,
-daß dieser aus Angst seine genauere
-Kenntnis verschwiegen habe.
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Das stimmt. Wenn ich mehr ausgesagt
-hätte, hätte ich befürchten müssen, mein
-Leben zu gefährden.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Diese Befürchtung ist doch hinfällig, da
-Sie Ihre Angaben anonym gemacht haben.“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Man hätte trotzdem die Quelle erraten
-können.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Angeklagter Fichtmann, was sagen Sie zu
-den Bekundungen des Toifl?“
-</p>
-
-<p>
-Angeklagter Max Fichtmann:
-</p>
-
-<p>
-„Ich erkläre, daß alles, was er gesagt hat,
-blanker Schwindel ist. Ferner, daß Toifl am
-Sonnabend, dem 2. August, überhaupt nicht
-in meinem Lokal gewesen ist.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-R.-A. Dr. S. Weinberg zu Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie vom Oberleutnant Grafen
-Westarp den Auftrag erhalten, bestimmte
-unbequeme Leute zu beseitigen?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie diesen oder einen inhaltähnlichen
-Auftrag des Grafen Westarp vielleicht
-durch Vermittlung des Kaufmanns Grabant
-bekommen?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Darüber <em>verweigere ich die Aussage</em>.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie irgendwelche Aufträge von
-einem Hauptmann von Ledebur bekommen?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Sie können das beeiden?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl <em>schweigt</em>.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Ich werde Zeugen für die in Frage gestellten
-Tatsachen erbringen. – Haben Sie ferner Formeln
-zu kommunistisch-terroristischen Eiden
-mit der Schreibmaschine geschrieben und in
-15-20 Exemplaren an Kommunisten verteilt?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie hierbei auch in keiner Weise
-mitgewirkt?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Wenn ich es habe, dann auf Befehl von
-Fascheck.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Dieser Ihr Auftraggeber Fascheck ist
-wohl derselbe, der Ihnen Mitteilungen über
-den Fall Blau machte?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Ja.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Und der ist heute wohl nicht aufzufinden?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Das weiß ich nicht.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Sie haben doch selbst auf solche Eidesformeln
-schwören lassen?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Diese Frage hat aber doch mit der Ermordung
-des Blau so gut wie nichts zu tun!“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Ich stelle diese Fragen, um zu beweisen,
-daß die auch in der Anklageschrift genannten
-T-Gruppen und Mörderzentralen nichts weiter
-sind als Ausgeburten einer Spitzelphantasie. –
-Also, Zeuge, besinnen Sie sich noch einmal!“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Ich gebe zu, daß ich gelegentlich die Ablegung
-eines solchen Eides gefordert habe.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie versucht, den aufgelösten roten
-Soldatenbund neu zu gründen?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Aber vielleicht haben Sie dabei mitgewirkt?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Das ist möglich.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Es ist seltsam, daß der Zeuge sich immer
-erst besinnen muß, ehe er sich erinnert; dazu
-braucht es eine zweite Frage. Ich glaube,
-wenn sich der Zeuge länger besinnen könnte,
-er möchte uns noch viel mehr erzählen! –
-Haben Sie jemals zu Gewaltakten, Mordtaten,
-Plünderungen aufgefordert?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie dazu aufgefordert, die Polizeiagentin
-Schröder-Mahnke zu ermorden?“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Ich mache darauf aufmerksam, daß der
-Zeuge auf diese Frage die Antwort verweigern
-kann.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Statt daß der Herr Staatsanwalt beiträgt,
-derartige Kapitalverbrechen aufzuklären,
-verhindert er die Beantwortung darauf
-hingehender Fragen.“
-</p>
-
-<p>
-Staatsanwalt:
-</p>
-
-<p>
-„Es ist meine Pflicht, den Zeugen in Schutz
-zu nehmen, wenn er von der Verteidigung
-terrorisiert wird.“
-</p>
-
-<p>
-Der Vorsitzende greift ein und bittet, die
-Leitung der Verhandlung ihm zu überlassen;
-er habe allerdings nicht feststellen können,
-daß der Zeuge terrorisiert werde. R.-A. Dr.
-S. Weinberg wiederholt seine Frage.
-</p>
-
-<p>
-Toifl <em>verweigert die Aussage</em>.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie innerhalb der kommunistischen
-Partei versucht oder aufgefordert, eine
-sogenannte militär-polizeiliche Abteilung zu
-gründen?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl gibt dies nach einigen Umschweifen zu.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie dazu aufgefordert: Druckereien
-zu überfallen und mit vorgehaltenen Waffen
-den Druck von Flugblättern zu erzwingen,
-deren Text Sie mitbrachten?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe einen solchen Befehl nicht erteilt;
-aber es ist möglich, daß ich ihn weitergegeben
-habe.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie einen solchen Auftrag von
-Ihren Vorgesetzten, etwa von Hauptmann
-von Ledebur oder dem Oberleutnant Graf
-Westarp erhalten?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl <em>verweigert die Aussage</em>.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie eine Liste aufgestellt mit Namen
-von Spitzeln, die ermordet werden sollten?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie mit anderen Raubzüge unternommen
-und dazu Uniformen, Stahlhelme
-und Waffen der Reichswehr geliefert?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Darüber <em>verweigere ich die Aussage</em>.“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender, gleichzeitig:
-</p>
-
-<p>
-„Fragen, die sich auf den Fall Orlowsky beziehen,
-bitte ich zu unterlassen, da dieser Fall
-hier nicht zur Verhandlung steht und erledigt
-ist.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Jawohl, der Fall ist erledigt! Fichtmann
-ist verurteilt, aber der Anführer Toifl steht
-hier und ist frei!“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Zeuge, beantworten Sie also die Frage;
-Sie haben ein Recht zur Verweigerung nur,
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-wenn Sie sich durch Ihre Antwort einer strafbaren
-Handlung beschuldigten.“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„<em>Ich verweigere die Antwort</em> auf diese
-und alle weiteren Fragen, die sich auf den
-Fall Orlowsky beziehen.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie für die Ausführung oder
-Übermittlung der Ihnen durch Westarp und
-von Ledebur erteilten Aufträge Geld erhalten?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl <em>verweigert die Aussage</em>.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Hat Ihnen Ihre vorgesetzte Behörde gestattet,
-in Ausführung der Aufträge geraubtes
-Geld zu behalten?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl <em>verweigert die Aussage</em>.
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Fürchten Sie, durch Beantwortung sich
-einer strafbaren Handlung zu bezichtigen?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Jawohl.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Das genügt mir. – Haben Sie im August
-vergangenen Jahres unter dem Vorwand,
-bolschewistisches Propagandamaterial zu beschlagnahmen,
-4000 M. geraubt und dafür
-eine Quittung ausgestellt?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Nein.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Sie können das beeiden?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Wenn ich es getan hätte, hätte ich meine
-vorgesetzte Behörde davon in Kenntnis gesetzt.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Ich könnte den Beweis dafür antreten;
-aber, um die Verhandlung nicht in die Länge
-zu ziehen, würde ich mich begnügen, wenn
-Sie die Aussage verweigern, weil Sie befürchten,
-sich einer strafbaren Handlung zu bezichtigen.“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„<em>Ich verweigere die Aussage.</em>“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Das genügt mir.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht zu Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„In welchem Bureau sind Sie tätig?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl <em>verweigert die Aussage</em>.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht führt aus, die Verteidigung
-müsse auf der Frage bestehen, da
-diese Stelle wahrscheinlich auch mit dem
-Mord an Blau in Verbindung zu bringen sei.
-Toifl erwidert, er könne aus Sorge um seine
-Sicherheit und Angst vor den Kommunisten
-seine Arbeitsstätte nicht nennen; ein Gerichtsbeschluß
-gibt ihm recht.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie für irgendeine Stelle oder Person
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-eine provokatorische Tätigkeit in der
-kommunistischen Partei ausgeübt?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl fragt an, ob er verpflichtet sei, diese
-Frage zu beantworten. Nach Belehrung
-durch den Vorsitzenden <em>verweigert er die
-Aussage</em>.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht:
-</p>
-
-<p>
-„Würden Sie sich im Falle der Antwort
-einer strafbaren Handlung bezichtigen?“
-</p>
-
-<p>
-Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Ich glaube.“
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Es folgen noch einige Zeugen zum Verhör
-des Toifl.
-</p>
-
-<p>
-Die Frau des Toifl gibt an, Mutter Fichtmann
-habe anläßlich der Verhaftung ihres
-Sohnes geäußert: sie würde sich aufhängen,
-wenn ihr Sohn wegen Blau verhaftet sei.
-Frau Fichtmann bestreitet diese Aussage.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg fragt Frau Toifl,
-was sie über den Fall Orlowsky wisse. Frau
-Toifl <em>verweigert die Aussage</em>.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„War Ihr Mann bei der antibolschewistischen
-Liga beschäftigt?“
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Diese Frage ist unerheblich.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Nein, denn Blau war bei der antibolschewistischen
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-Liga, der Spitzel Strolz hat ihn
-verraten: es ist möglich, daß der ganze Mordplan
-von der antibolschewistischen Liga ausging.“
-</p>
-
-<p>
-Frau Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe mich nicht um die Beschäftigung
-meines Mannes gekümmert.“
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Dr. S. Weinberg:
-</p>
-
-<p>
-„Bekamen Sie öfter den Besuch eines Kaufmanns
-Grabant?“
-</p>
-
-<p>
-Frau Toifl:
-</p>
-
-<p>
-„Darüber <em>verweigere ich die Aussage</em>.“
-</p>
-
-<p>
-Zeugin Frau Simanowski erzählt, daß Toifl
-in ihrem Bezirk Bezirksleiter der Kommunistischen
-Partei war. Er habe sich immer
-an die jungen Leute herangemacht und sie zu
-Gewalttaten aufgefordert. So habe sie ihn
-selbst sagen gehört: das Aas, die Schröder-Mahnke,
-sei Spitzelin und müsse umgebracht
-werden. Ein andermal habe er geäußert,
-Meyer und Faust müßten beseitigt werden.
-</p>
-
-<p>
-Vorsitzender:
-</p>
-
-<p>
-„Sie haben also gehört, daß Toifl zum
-Mord aufforderte?“
-</p>
-
-<p>
-Zeugin Simanowski:
-</p>
-
-<p>
-„Es ist, wie ich gesagt habe.“
-</p>
-
-<p>
-Zeugin Frau Meyer erinnert sich genau,
-daß Toifl Ende Juli oder Anfang August 1919
-in Gegenwart ihres Mannes erzählt habe, er
-und noch einige andere, die er mit Uniformen
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-und Waffen der Reichswehr ausgerüstet habe,
-hätten auf Grund seines Noske-Ausweises am
-Molkenmarkt einen Mann verhaftet, nach
-Friedenshagen verschleppt und dort ausgeraubt.
-Dabei habe Toifl auch die große Sache
-mit dem Spitzel erwähnt, den er erledigen
-wollte.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<img src="images/i163.jpg" alt="" />
-<p class="cap">
-Spitzelausweis einer Schwarzen Schar.
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Toifl erklärt, die Aussagen der Zeugen
-seien lauter Lügen.
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Erwin Thun schildert, wie Toifl in
-seiner Wohnung die militärpolizeiliche Abteilung
-gründete. Gleichzeitig wurden auch
-Leute auf die „Schwarze Schar“ vereidigt.
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-Ferner habe Toifl auch ihn aufgefordert, den
-Faust zu ermorden.
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Schmid bekundet Aufforderungen
-des Toifl zum Diebstahl. „Die Genossen
-sollten sich keine moralischen Bedenken
-machen, sondern nehmen, wo zu nehmen sei.“
-Auch habe Toifl eines Tages eine Liste gebracht,
-auf der die Namen von zwanzig
-Spitzeln standen, „die alle nacheinander um
-die Ecke zu bringen seien“.
-</p>
-
-<p>
-Toifl bestreitet all das.
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Schmid erinnert sich genau einer
-Aufforderung Toifls zum Diebstahl von Linoleum
-für ein Parteiorgan. Toifl erklärt,
-die Aufforderung habe wohl bestanden, sie
-sei aber nicht von ihm, sondern von Schmid
-selbst ausgegangen.
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Paul Worm ist derjenige, den Toifl
-in späteren Aussagen der Voruntersuchung
-als den „Franz“ der Anklageschrift bezeichnete
-und der Mittäterschaft bezichtigte. Der
-Zeuge bestreitet ganz entschieden, an der
-Ermordung des Blau teilgenommen zu haben.
-Ebenso bekundet Hugo Fichtmann, daß die
-ihm von Toifl unterschobenen Äußerungen
-über Worm völlig erlogen seien. Worm wird
-daraufhin dem Hoppe gegenübergestellt, der
-bestätigt, das sei nicht jener Franz, den er
-am Mordtage kennen gelernt habe. Ebenso
-Pohl. Worm bietet Zeugen an, daß er niemals
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-sich Franz genannt habe, – wie Toifl
-das ausgesagt habe.
-</p>
-
-<p>
-Toifl bleibt bei seinen alten Angaben.
-</p>
-
-<p>
-Der Zeuge Bischof war Vormund des Toifl
-und stellt ihm ein gutes Zeugnis aus; besonders
-habe er nie gelogen.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht teilt mit, daß sich bei
-ihm eine Menge Leute gemeldet hätten, vor
-denen Toifl Aufforderungen zu Gewalttaten
-äußerte; aber sowohl Staatsanwalt als Richter,
-als auch Geschworene erklären, in dieser
-Hinsicht genügend aufgeklärt zu sein – so
-wird von der Vernehmung dieser Zeugen Abstand
-genommen.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-4-12">
-Schluß der Beweisaufnahme.<br />
-Plädoyers.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Die Verhandlung neigt sich ihrem Ende zu.
-Die Verteidiger betonen, daß die Spitzel
-Samson, Strolz und Schreiber noch immer
-auf der Zeugen- oder Anklagebank fehlen.
-</p>
-
-<p>
-Bezüglich Samson wird erklärt, daß dessen
-Aussagen gegen die Angeklagten nicht so ins
-Gewicht fallen, daß sie eine Änderung des
-Urteils bewirken könnten.
-</p>
-
-<p>
-Zum Fall Strolz berichtet R.-A. Dr. S.
-Weinberg, er habe inzwischen erfahren, daß
-dieser von der antibolschewistischen Liga für
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-seine Tätigkeit in Sachen Blau 5000 M. erhielt.
-Aber er glaube, daß die Beweisaufnahme
-ein hinlänglich klares Bild dieses
-Mannes ergeben habe: man könne wohl erwägen,
-auf ihn zu verzichten. Diesen Verzicht
-sprach R.-A. Th. Liebknecht klar aus: nachdem
-der Kriminalkommissar Dr. Riemann
-selbst ausgesagt habe, Strolz habe den Blau
-an die Kommunisten verraten, habe die Verteidigung
-nicht mehr nötig, diesen Belastungszeugen
-zu sehen.
-</p>
-
-<p>
-Dagegen verlangten die Verteidiger den
-Schreiber. Auf Anregung des Vorsitzenden
-ändern sie ihren Beweisantrag dahin, daß
-Schreiber den Mord an Blau nicht allein,
-sondern in Gemeinschaft mit anderen begangen
-habe. Der Staatsanwalt erklärt sich
-nochmals außerstande, den Beschuldigten
-beizubringen. Daraufhin lehnt das Gericht
-den Beweisantrag ab, da durch die Aussage
-sowohl wie durch die eventuelle Mitschuld
-des Schreiber an der Beurteilung der Beteiligung
-der Angeklagten nichts geändert wird
-(d. h. die eventuelle Untersuchung gegen
-Schreiber wird von dem Verfahren gegen
-Fichtmann und Gen. abgetrennt – es kann
-aber auch heißen: Schreiber ist so sehr der
-Schuld oder Mitschuld verdächtig, daß seine
-Aussagen nicht gegen die Mitverdächtigen gewertet
-werden können).
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-Bezüglich Toifl teilt Dr. Weinberg noch mit,
-daß dieser am 23. Juni 1919 wegen Erpressung
-verhaftet wurde und in Polizeigewahrsam
-in der Dirksenstraße gekommen war.
-Am anderen Tage kam Oberleutnant Graf
-Westarp mit einer Bescheinigung vom Reichswehrgruppenkommando
-20 und befreite ihn.
-Der Verteidiger bietet Beweis an, verzichtet
-aber für die Verteidigung darauf. Auch das
-Gericht legt keinen Wert auf Herbeischaffung
-der Akten und Vernehmung der Beteiligten.
-</p>
-
-<p>
-So wurde am achten Verhandlungstage die
-Beweisaufnahme geschlossen und der Wortlaut
-der Schuldfragen festgelegt.
-</p>
-
-<p>
-Den neunten Verhandlungstag eröffnete
-Staatsanwaltschaftsrat Dr. Ortmann mit
-seinem Plädoyer. Er stellte das Für und
-Wider der Beweisaufnahme gegeneinander
-und kam in dreistündigen Ausführungen zu
-folgendem Schluß:
-</p>
-
-<p>
-„Ich will bei der Beurteilung dieses Falles
-keinerlei politische Gesichtspunkte anlegen.
-Sicher, die Tat fand statt in einem Milieu von
-Politik, und dort, wo sie nicht gerade am
-schönsten ist, aber: Irgendwelche Beweise dafür,
-daß die politische Partei der Angeklagten,
-die kommunistische Partei, hinter der Mordtat
-steht, hat die Verhandlung nicht erbracht.
-Es liegt mir fern, irgendwelche Vorwürfe
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-gegen die kommunistische Partei oder
-gegen die Gesamtheit ihrer Mitglieder zu erheben.
-Doch, diese Einschränkung hebt
-nicht auf: die Tatsache eines begangenen
-Mordes, den das Gericht zu ahnden hat.
-Noch ist es nicht gelungen, die Tat in ihrer
-Ganzheit aufzudecken, die Untersuchung in
-dieser Richtung wird weitergehen – fest
-steht indes, daß der Tod des Blau beabsichtigt
-war; es war Mord. Und es ist erwiesen,
-daß die Angeklagten an diesem Morde teilnahmen.“
-</p>
-
-<p>
-Der Staatsanwalt begründete diesen Satz
-ausführlich – Argumente, die hier nicht
-nochmals erörtert zu werden brauchen, weil
-sie aus der Anklageschrift bekannt sind. Am
-Schluß bat der Anklagevertreter, bei Hoppe
-und Fichtmann die Schuldfragen wegen
-Mord, bei Winkler die wegen Beihilfe zu bejahen.
-</p>
-
-<p>
-Von den Verteidigern nahm zuerst R.-A.
-Dr. Siegfried Weinberg das Wort. Zunächst
-geißelte er in allgemeinen Überblicken das
-System der politischen Rechtspflege in
-Deutschland und die verschiedenartige Behandlung
-der zahlreichen politischen Mörder
-von rechts und der wenigen von links. Er gab
-alsdann in großen Zügen ein Bild des Milieus,
-das der Prozeß aufgezeigt habe. An Stelle
-der ursprünglich auf die Anklagebank gesetzten
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-Personen sei etwas anderes auf die
-Anklagebank gekommen: ein Lockspitzelsystem,
-wie es scheußlicher noch nie dagewesen
-sei. Der Kampf gegen dieses sei nicht
-Sache einer einzelnen Partei, sondern aller
-anständigen Menschen.
-</p>
-
-<p>
-„Der Herr Staatsanwalt hat den Alibibeweis
-des Angeklagten Fichtmann unberücksichtigt
-gelassen; er hat die Aussagen
-des Hoppe und Winkler ignoriert und über
-ihr Verhalten Behauptungen aufgestellt, für
-die kein einwandfreies Zeugnis vorhanden
-ist. Es ist doch so: über die Beteiligung des
-Hoppe und Winkler wissen wir effektiv nur,
-was die beiden selbst angeben: daß Hoppe
-den Blau verließ, als er die Mordabsicht der
-anderen ihm Unbekannten sah und nicht
-hindern konnte; daß Winkler seine Wohnung
-auslieh und fortging. Alles andere ist Rede
-und Widerrede, hier bezeugt und dort widerrufen.
-</p>
-
-<p>
-„Der Herr Staatsanwalt hat sich bei seinen
-Darlegungen gestützt auf die Angaben der
-Spitzel und der Kriminalbeamten, – die
-ihrerseits wieder durch Spitzel geleitet und
-orientiert wurden. Wir wissen, daß zur Aufklärung
-von Kapitalverbrechen der Verrat
-das wichtigste Hilfsmittel ist. Aber man
-sehe diese Art Zeugen an, ein Volk, über das
-Kriminalkommissar Dr. Riemann vor Gericht
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-hier geurteilt hat. Und wenn dieser
-Mann hier sein Entsetzen ausdrückte über
-das politische Lockspitzeltum, dieser Mann,
-der durch den Beruf an manches gewohnt
-und sicherlich abgehärtet ist, was sollen dann
-wir tun?!
-</p>
-
-<p>
-„Meine Herrn – wenn wir Verteidiger uns
-damit begnügten, den Charakter dieser Belastungszeugen
-aufzudecken und den Argumenten
-der Anklage, die sich auf diese Zeugen
-stützt, die Argumente entgegenhielten,
-die sich aus den Aussagen der anderen Zeugen
-ergeben: dann wäre unsere Aufgabe leicht –
-aber sie führte nur zu dem Ziel, einer Darstellung
-eine strikt widersprechende gegenüberzustellen.
-Und Sie, meine Herren Geschworenen,
-müßten sich sagen, daß über
-dem Undurchdringlich des Ja und Nein eine
-Tat steht, die trotz allem ein Mord ist –
-eine Tat, die bestraft werden muß; und Sie
-würden sich sagen: Ihre Pflicht verlange von
-Ihnen, daß ein Abermals dieser Tat verhütet
-wird.
-</p>
-
-<p>
-„Wir wollen nicht zulassen, daß Schuld
-oder Unschuld entschieden wird gleich einem
-Würfelspiel: – je nach dem, was einer gerade
-glaubt. Und nachdem die Beweisaufnahme
-selbst restlose Aufklärung nicht gebracht
-hat, wollen wir eine Frage aufwerfen,
-die das alte römische Recht an den Anfang
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-allen Strafgerichts stellte: cui bono? Wem
-versprach sich ein Vorteil?
-</p>
-
-<p>
-„Wer hatte den Spitzel Blau zu fürchten?
-– Wir wollen uns diesen Mann genauer ansehen.
-Seine Rolle als Lockspitzel in den
-Januarkämpfen 1919 zu Berlin ist vom Gericht
-zugegeben; dann erscheint er in München,
-wo er von der „Eisernen Hand“ ein
-Monatsgehalt von 530 M. bezieht. Von dieser
-Stelle forderte er erpresserisch eine Extragratifikation
-von 500 M. und drohte mit Anzeige.
-Man stelle sich vor, wie unangenehm
-ein solcher Prozeß geworden wäre, und man
-stelle sich weiter vor, wie die Herren der
-„Eisernen Hand“ nun Blau gegenüberstanden.
-Die Antwort ist da: von Berlin aus, von
-unbekanntem Auftraggeber, wird der Spitzel
-Strolz nach München geschickt, um den Blau
-zu versuchen. Dem Strolz gelingt es, dem
-Blau Material über die Rechtsradikalen abzukaufen:
-Blau war entlarvt! Zwei unmittelbare
-Folgen sind sichtbar: erstens: Blau wird
-in Berlin durch Strolz an die Kommunisten
-verraten; zweitens: Blau ist der Münchner
-Polizei als unzuverlässig bekannt, wird in
-Haft genommen und ausgewiesen.
-</p>
-
-<p>
-„Ob Blau von München fortgelockt wurde
-oder ob er dem Herm als Begleiter sich aufdrängte,
-ist nicht so wichtig – vielleicht trifft
-beides zu. Tatsache bleibt, daß Blau nach
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-seiner Entlassung aus der Münchner Haft
-ohne Mittel war und die Unterstützung der
-dortigen Arbeiter in Anspruch nahm. Tatsache
-ist weiter, daß auch die Münchner Arbeiter
-ihn bald durchschauten: so konnte er
-sich in München nicht halten, und: was sollte
-der Agent der antibolschewistischen Liga jetzt
-tun? ... Er mußte nach Berlin! ... nur nach
-Aussprache mit seinen Auftraggebern konnte
-er hoffen, sich zu rangieren. Und er hoffte auf
-eine große Sache.
-</p>
-
-<p>
-„Es scheint auch, daß Blau freiwillig nach
-Berlin fuhr; jedenfalls unterstand er keinem
-Zwange, als er die Wohnung seiner Frau besuchte.
-Er wird auch andere Leute getroffen
-haben: abends, als er in der Mittenwalder
-Straße auftauchte, war er im Besitz einer
-gültigen Einlaßkarte. Von wem er sie erhalten
-hat? Von den Kommunisten nicht –
-aber vielleicht von dem Mann, auf den er sich
-berief, dessen Anwesenheit in Berlin er wußte,
-dem er selbst Dokumente verkauft hatte:
-dem Spitzel Strolz, der zu Leuschners Bezirk
-gehörte! Es ist mehr als wahrscheinlich,
-daß dieser Strolz, der den Blau an Leuschner
-schon verraten hatte, ihn nun gerade zu
-diesem Leuschner schickte. Warum? Herr
-Kriminalkommissar Riemann mochte die
-Frage nicht entscheiden, ob der Verrat des
-Blau nicht schon Aufforderung zum Mord war.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-„Wer immer noch überlegte, ob Blau von
-München aus transportiert wurde, der erinnere
-sich, daß der Zeuge Thiessen in der
-Versammlung dem Blau kompromittierende
-Papiere abnahm. Hätte der Spitzel sich gefährdet
-gefühlt: er hätte die Beweise zu
-Hause gelassen – doch er fühlte sich sicher
-und ging ja auf neue Taten aus. Dagegen
-läßt sich das Kesseltreiben gegen das Opfer
-sehr schön verfolgen: zuerst verrät man ihn
-an Leuschner; als daraufhin nichts erfolgt,
-spielt man dem Leuschner Beweise in die
-Hand: nun könnte doch die kommunistische
-Zentrale sich rühren. Aber sie rührt sich
-nicht! Da kommt Blau nach Berlin und man
-schickt ihn in die Versammlung zu Leuschner.
-Doch er wird nicht totgeschlagen: da
-kommt ein Mann, auch ein Spitzel, erzählt,
-Blau habe den Auftrag, den Schweizer Platten
-für 80000 M. zu ermorden; ein Münchner
-Genosse habe die Nachricht gebracht ... Genügt
-das nicht?
-</p>
-
-<p>
-„Nun fragen wir: wie kommt ein Münchner
-Genosse dazu, von einem solchen Mordauftrag
-zu wissen? Sollte Blau ihn vorgezeigt
-haben? Oder davon erzählt haben –
-und ausgerechnet zur Mittenwalder Straße in
-Berlin kommt zufällig einer gelaufen, der
-darüber Bescheid weiß? – Wenn dieser
-Mordplan des Blau überhaupt bestand, konnten
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-nur die davon wissen, welche die Tat bezahlen
-wollten; aber: die ganze Geschichte
-sieht aus nach Öl, das man ins Feuer gießt:
-der Münchner Genosse hütete sich auch sehr,
-zu erscheinen.
-</p>
-
-<p>
-„Doch Blau lebte immer noch! Am anderen
-Tag kommt ein Mann in die Pohlsche
-Wohnung, spricht mit Hoppe auf dem Gang;
-entrüstet sich, daß Blau noch nicht tot ist,
-hat Morphium: es soll Schreiber gewesen
-sein; wieder ein Spitzel, der sich allerdings
-hüten mußte, in die Stube zu gehen, da Blau
-ihn kannte. Hoppe lehnt ab: und am Abend
-erscheinen Fremde, die Besitz von der Wohnung
-ergreifen und ihre Sache selbst tun.
-</p>
-
-<p>
-„Meine Herren! Die Tatsache eines Mordplanes
-gegen Blau ist klar: es wurde von
-mehreren Seiten gegen den unsicheren Spitzel
-vorgegangen – und wenn wir nach den Urhebern
-fragen, müssen wir die Strolz und
-Schreiber, die Acosta und Schröder-Mahnke
-betrachten und ihre Auftraggeber erkennen.
-Toifl, der einzige Spitzel, den das Gericht
-genoß, scheint der am wenigsten Beteiligte
-zu sein; sonst wäre er kaum erschienen.“
-</p>
-
-<p>
-Der Verteidiger entrollte bei dieser Gelegenheit
-das Charakterbild der einzelnen in
-dieser Affäre tätig gewesenen Spitzel, wie es
-sich aus der Beweisaufnahme zeigt.
-</p>
-
-<p>
-„Man inszenierte ein Kesseltreiben; man
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-schob den Kommunisten den lästigen Blau
-hin, als Beute; man wollte ihnen die Ausführung
-eines Urteils überlassen, das man
-selbst gefällt hat. Dann hatte man zwei auf
-einen Schlag: man war den Blau los und
-hatte neue kommunistische Greuel! Die Angeklagten
-hier sind schuldlos: es sind die
-Leute, denen man den Mord zumuten wollte,
-die Leute, die sich weigerten, ihn auszuführen
-und deren Besonnenheit es zu verdanken ist,
-daß nicht schon in der Versammlung, nicht
-schon am Kreuzberg die Tat geschah.“ –
-</p>
-
-<p>
-Dr. Weinberg stützte diese Auffassung ausführlichst
-durch die Ergebnisse der Beweisaufnahme
-und durch Parallelen zu anderen
-Vorfällen der Zeit. Er legte das Milieu dieser
-Spitzel bloß: wie Blau den Bomin entlarvte,
-Strolz den Blau und Toifl die Schröder-Mahnke;
-wie in diesen Handlungen die persönliche
-Minderwertigkeit und der Konkurrenzneid
-der Lockspitzel sich zeige, der ihre
-Aussagen und Zeugnisse entwerte; und, wie
-im Falle Blau, deutlich das Gemeinsame eines
-Vorgehens, das Auftragmäßige der verschiedenen
-parallelen Schritte erkennbar sei. Blau
-war der ungetreue Spitzel, der dem Tode
-verfallene.
-</p>
-
-<p>
-Im Gegensatz dazu hatte die Kommunistische
-Partei keine Veranlassung und keinen
-Nutzen vom Tode des Blau:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-„Überlegen Sie doch: wenn man den einen
-Spitzel wegschafft, tritt ein anderer an seine
-Stelle; automatisch: ist es da nicht bequemer,
-den Entlarvten zu dulden, in Sicherheit zu
-wiegen und in Schranken zu halten? Der erkannte
-Spitzel kann vielleicht noch vorteilhaft
-sein, in jedem Fall ist er ungefährlich
-und häufig sogar ergötzlich. Natürlich:
-Deutschland ist groß: man muß den Mann
-photographieren, die Ortsgruppen warnen:
-dann mag er ruhig wo anders auftauchen.
-Es ist unklug, Spitzel zu töten.“
-</p>
-
-<p>
-Hierauf ging Dr. Weinberg nochmals auf
-das Verhalten der Angeklagten ein: wie die
-Ergebnisse der Voruntersuchung es darstellten
-und die der Beweisaufnahme es verändert
-aufzeigten. Dann bat Dr. S. Weinberg
-darum, seine Klienten freizusprechen,
-gegebenenfalls bei Hoppe die Frage wegen
-Unterlassung der Anzeige einer strafbaren
-Handlung zu bejahen und sprach die Hoffnung
-aus, der Prozeß möge wenigstens die
-Folge haben, die politische Atmosphäre zu
-säubern und das maßlose Spitzeltum einzudämmen.
-</p>
-
-<p>
-R.-A. Th. Liebknecht nahm hierauf in
-einstündiger Rede das Wort, unterstrich die
-Ausführungen des Vorredners und schloß
-sich denselben in jeder Beziehung an. Er
-wandte sich alsdann der Beteiligung Winklers
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-an der Tat zu und legte dar, daß diesem
-Angeklagten irgendeine strafbare Beteiligung
-an der Ermordung Blaus durch die Beweisaufnahme
-nicht nachgewiesen sei und
-forderte die Freisprechung desselben. (R.-A.
-Dr. Rosenfeld war am Erscheinen verhindert.)
-</p>
-
-<p>
-Nach einer kurzen Replik des Staatsanwalts
-und einigen Worten der Verteidiger
-bittet der Angeklagte Hoppe ums Wort und
-erklärt, daß ihm selbst nach zehntägiger
-Verhandlung das Eigentliche der Tat noch
-vollkommen dunkel sei; er habe den dringenden
-Verdacht, diejenigen, die am meisten
-hetzten, seien bezahlte Subjekte gewesen und
-er komme immer mehr zu der Überzeugung,
-daß Kommunisten an der ganzen Geschichte
-gar nicht beteiligt gewesen seien. Was ihn
-anbelange, so betone er nochmals, daß er all
-sein Wissen gestanden habe und er betone
-ferner seine ablehnende Stellung zum individuellen
-Terror und zur Propaganda der Tat.
-Er bäte, die entsprechenden Stellen des Programms
-der freien sozialistischen Jugend anzuhören,
-– und verliest dieselben.
-</p>
-
-<p>
-Hierauf folgte die Rechtsbelehrung der Geschworenen
-durch den Vorsitzenden. Die
-Schuldfragen lauteten:
-</p>
-
-<div class="doc">
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-<p class="u hdr">
-<span class="line1">Fragen an die Geschworenen</span><br />
-<span class="line2">in der Strafsache</span><br />
-<span class="line3">gegen</span>
-</p>
-
-<p>
-1. den Lederarbeiter (Schankwirt) Max <em>Fichtmann</em>
-</p>
-
-<p>
-2. den Kaufmann (Broschürenverkäufer) Erwin <em>Hoppe</em>
-</p>
-
-<p>
-3. den Schneidergesellen Willi <em>Winkler</em>,
-sämtlich hier im Untersuchungsgefängnis.
-</p>
-
- <div class="table">
- <div class="table178">
- <div class="tr">
- <div class="tdl">
-<p>
-<em>Fragen.</em>
-</p>
-
- </div>
- <div class="tdr">
-<p>
-<em>Antworten.</em>
-</p>
-
-<p>
-Dabei sind die §§ 307,
-308 der Strafprozeßordnung
-zu beachten:
-</p>
-
-<p>
-§ 307. Der Spruch ist von
-dem Obmanne neben den Fragen
-niederzuschreiben und
-von ihm zu unterzeichnen.
-</p>
-
-<p>
-Bei jeder dem Angeklagten
-nachteiligen Entscheidung
-ist anzugeben, daß
-dieselbe mit mehr als sieben
-Stimmen, bei Verneinung
-der mildernden Umstände,
-daß dieselben mit mehr als
-sechs Stimmen gefaßt worden
-sind. Im übrigen darf
-das Stimmenverhältnis nicht
-angegeben werden.
-</p>
-
-<p>
-§ 308. Der Spruch ist im
-Sitzungszimmer von dem
-Obmann kundzugeben. Der
-Obmann spricht die Worte:
-</p>
-
- <div class="block">
-<p>
-„Auf Ehre und Gewissen
-bezeuge ich als
-den Spruch der Geschworenen“
-</p>
-
- </div>
-<p>
-und verliest die gestellten
-Fragen mit den darauf abgegebenen
-Antworten.
-</p>
-
- </div>
- </div>
- <div class="tr">
- <div class="tdl">
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-<p>
-1. Ist der Angeklagte
-</p>
-
-<p>
-Max <em>Fichtmann</em>
-</p>
-
-<p>
-schuldig, zu Berlin in der Nacht vom
-2. zum 3. August 1919 in gemeinschaftlicher
-Ausführung mit mehreren
-Anderen, vorsätzlich einen
-Menschen, den Inspektor Karl Blau,
-getötet zu haben, indem er die Tötung
-mit Überlegung ausführte?
-</p>
-
- </div>
- <div class="tdr">
-<p>
-nein.
-</p>
-
- </div>
- </div>
- <div class="tr">
- <div class="tdl">
-<p>
-2. <em>Im Falle der Verneinung der
-Frage zu 1</em>:
-</p>
-
-<p>
-Ist der Angeklagte Max Fichtmann
-schuldig, zu Berlin in der
-Nacht vom 2. zum 3. August 1919
-in gemeinschaftlicher Ausführung
-mit mehreren Anderen vorsätzlich
-einen Menschen, den Inspektor Karl
-Blau, getötet zu haben, indem er die
-Tötung <em>nicht</em> mit Überlegung ausführte?
-</p>
-
- </div>
- <div class="tdr">
-<p>
-nein.
-</p>
-
- </div>
- </div>
- <div class="tr">
- <div class="tdl">
-<p>
-3. <em>Im Falle der Verneinung der
-Frage zu 1 und Bejahung der
-Frage zu 2</em>:
-</p>
-
-<p>
-Sind mildernde Umstände hinsichtlich
-der Tat zu 2 vorhanden?
-</p>
-
- </div>
-<p class="empty tdr">
-&nbsp;
-</p>
-
- </div>
- <div class="tr">
- <div class="tdl">
-<p>
-4. <em>Im Falle der Verneinung der
-Fragen zu 1 und 2</em>:
-</p>
-
-<p>
-Ist der Angeklagte Max Fichtmann
-schuldig, zu Berlin Anfang
-August 1919 mehreren Anderen
-durch Rat oder Tat wissentlich
-Hilfe dazu geleistet zu haben, daß
-sie zu Berlin in der Nacht vom
-2. zum 3. August 1919 einen Menschen,
-den Inspektor Karl Blau,
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-vorsätzlich töteten, indem sie die
-Tötung mit Überlegung ausführten?
-</p>
-
- </div>
- <div class="tdr">
-<p>
-nein.
-</p>
-
- </div>
- </div>
- <div class="tr">
- <div class="tdl">
-<p>
-5. <em>Im Falle der Verneinung der
-Fragen zu 1, 2 und 4</em>:
-</p>
-
-<p>
-Ist der Angeklagte Max Fichtmann
-schuldig, zu Berlin Anfang
-August 1919 mehreren Anderen
-durch Rat und Tat wissentlich
-Hilfe dazu geleistet zu haben, daß
-sie zu Berlin in der Nacht vom
-2. zum 3. August 1919 einen Menschen,
-den Inspektor Karl Blau,
-vorsätzlich töteten, indem sie die
-Tötung <em>nicht</em> mit Überlegung ausführten?
-</p>
-
- </div>
- <div class="tdr">
-<p>
-nein.
-</p>
-
- </div>
- </div>
- <div class="tr">
- <div class="tdl">
-<p>
-6. <em>Im Falle der Verneinung der
-Fragen zu 1, 2 und 4 und Bejahung
-der Frage zu 5</em>:
-</p>
-
-<p>
-Sind mildernde Umstände hinsichtlich
-der zu 5 bezeichneten Tat
-vorhanden?
-</p>
-
- </div>
-<p class="empty tdr">
-&nbsp;
-</p>
-
- </div>
- <div class="tr">
- <div class="tdl">
-<p>
-7. Ist der Angeklagte Erwin Hoppe
-schuldig, zu Berlin in der Nacht
-vom 2. zum 3. August 1919 in gemeinschaftlicher
-Ausführung mit
-mehreren Anderen vorsätzlich einen
-Menschen, den Inspektor Karl
-Blau, getötet zu haben, indem er
-die Tötung mit Überlegung ausführte?
-</p>
-
- </div>
- <div class="tdr">
-<p>
-nein.
-</p>
-
- </div>
- </div>
- <div class="tr">
- <div class="tdl">
-<p>
-8. <em>Im Falle der Verneinung der
-Frage zu 7</em>:
-</p>
-
-<p>
-Ist der Angeklagte Erwin Hoppe
-schuldig, zu Berlin in der Nacht
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-vom 2. zum 3. August 1919 in gemeinschaftlicher
-Ausführung mit
-mehreren Anderen vorsätzlich einen
-Menschen, den Inspektor Karl
-Blau, getötet zu haben, indem er
-die Tötung <em>nicht</em> mit Überlegung
-ausführte?
-</p>
-
- </div>
- <div class="tdr">
-<p>
-nein.
-</p>
-
- </div>
- </div>
- <div class="tr">
- <div class="tdl">
-<p>
-9. <em>Im Falle der Verneinung der
-Frage zu 7 und Bejahung der
-Frage zu 8</em>:
-</p>
-
-<p>
-Sind mildernde Umstände hinsichtlich
-der Tat zu 8 vorhanden?
-</p>
-
- </div>
-<p class="empty tdr">
-&nbsp;
-</p>
-
- </div>
- <div class="tr">
- <div class="tdl">
-<p>
-10. <em>Im Falle der Verneinung der
-Fragen zu 7 und 8</em>:
-</p>
-
-<p>
-Ist der Angeklagte Erwin Hoppe
-schuldig, zu Berlin Anfang August
-1919 mehreren Anderen durch Rat
-oder Tat wissentlich Hilfe dazu
-geleistet zu haben, daß sie zu Berlin
-in der Nacht vom 2. zum 3.
-August 1919 einen Menschen, den
-Inspektor Karl Blau, vorsätzlich
-töteten, indem sie die Tötung mit
-Überlegung ausführten?
-</p>
-
- </div>
- <div class="tdr">
-<p>
-nein.
-</p>
-
- </div>
- </div>
- <div class="tr">
- <div class="tdl">
-<p>
-11. <em>Im Falle der Verneinung der
-Fragen zu 7, 8 und 10</em>:
-</p>
-
-<p>
-Ist der Angeklagte Erwin Hoppe
-schuldig, zu Berlin Anfang August
-1919 mehreren Anderen durch Rat
-oder Tat wissentlich Hilfe dazu
-geleistet zu haben, daß sie zu Berlin
-in der Nacht vom 2. zum 3.
-August 1919 einen Menschen, den
-Inspektor Karl Blau, vorsätzlich
-töteten, indem sie die Tötung
-<em>nicht</em> mit Überlegung ausführten?
-</p>
-
- </div>
- <div class="tdr">
-<p>
-ja mit mehr als
-sieben Stimmen.
-</p>
-
- </div>
- </div>
- <div class="tr">
- <div class="tdl">
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-<p>
-12. <em>Im Falle der Verneinung der
-Fragen zu 7, 8 und 10 und Bejahung
-der Frage zu 11</em>:
-</p>
-
-<p>
-Sind mildernde Umstände hinsichtlich
-der Tat zu 11 vorhanden?
-</p>
-
- </div>
- <div class="tdr">
-<p>
-nein mit mehr
-als 6 Stimmen.
-</p>
-
- </div>
- </div>
- <div class="tr">
- <div class="tdl">
-<p>
-13. <em>Im Falle der Verneinung der
-Fragen zu 7, 8, 10 und 11</em>:
-</p>
-
-<p>
-Ist der Angeklagte Erwin Hoppe
-schuldig, zu Berlin Anfang August
-1919 von dem Vorhaben eines
-Anderen oder Anderer,
-</p>
-
-<p>
-den Inspektor Karl Blau vorsätzlich
-zu töten und die Tötung
-mit Überlegung auszuführen,
-</p>
-
-<p>
-zu einer Zeit, in welcher die Verhütung
-des Verbrechens möglich
-war, glaubhafte Kenntnis erhalten
-und es unterlassen zu haben, hiervon
-der Behörde oder der durch
-das Verbrechen bedrohten Person
-zur rechten Zeit Anzeige zu
-machen, und ist das Verbrechen
-begangen worden, oder ist der Entschluß,
-es zu verüben, durch Handlungen
-betätigt worden, welche
-einen Anfang oder Ausführung
-des beabsichtigten, aber nicht zur
-Vollendung gekommenen Verbrechens
-enthalten?
-</p>
-
- </div>
-<p class="empty tdr">
-&nbsp;
-</p>
-
- </div>
- <div class="tr">
- <div class="tdl">
-<p>
-14. Ist der Angeklagte Willi <em>Winkler</em>
-schuldig, zu Berlin Anfang
-August 1919 mehreren Anderen
-durch Rat oder Tat wissentlich
-Hilfe dazu geleistet zu haben, daß
-sie zu Berlin in der Nacht vom
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-2. zum 3. August 1919 einen Menschen,
-den Inspektor Karl Blau,
-vorsätzlich töteten, indem sie die
-Tötung mit Überlegung ausführten?
-</p>
-
- </div>
- <div class="tdr">
-<p>
-nein.
-</p>
-
- </div>
- </div>
- <div class="tr">
- <div class="tdl">
-<p>
-15. <em>Im Falle der Verneinung der
-Frage zu 14</em>:
-</p>
-
-<p>
-Ist der Angeklagte Willi Winkler
-schuldig, zu Berlin Anfang
-August 1919 mehreren Anderen
-durch Rat oder Tat wissentlich
-Hilfe dazu geleistet zu haben, daß
-sie zu Berlin in der Nacht vom
-2. zum 3. August 1919 einen Menschen,
-den Inspektor Karl Blau,
-vorsätzlich töteten, indem sie die
-Tötung <em>nicht</em> mit Überlegung
-ausführten?
-</p>
-
- </div>
- <div class="tdr">
-<p>
-ja mit mehr als
-sieben Stimmen.
-</p>
-
- </div>
- </div>
- <div class="tr">
- <div class="tdl">
-<p>
-16. <em>Im Falle der Verneinung der
-Frage zu 14 und Bejahung
-der Frage zu 15</em>:
-</p>
-
-<p>
-Sind mildernde Umstände hinsichtlich
-der zu 15 bezeichneten
-Tat vorhanden?
-</p>
-
- </div>
- <div class="tdr">
-<p>
-ja.
-</p>
-
- </div>
- </div>
- <div class="tr">
- <div class="tdl">
-<p>
-17. <em>Im Falle der Verneinung der
-Fragen zu 14 und 15</em>:
-</p>
-
-<p>
-Ist der Angeklagte Willi Winkler
-schuldig, zu Berlin Anfang
-August 1919 von dem Vorhaben
-eines Anderen oder Anderer, den
-Inspektor Karl Blau vorsätzlich
-zu töten und die Tötung mit Überlegung
-auszuführen,
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-zu einer Zeit, in welcher die
-Verhütung des Verbrechens möglich
-war, glaubhafte Kenntnis erhalten
-und es unterlassen zu haben,
-hiervon der Behörde oder der durch
-das Verbrechen bedrohten Person
-zur rechten Zeit Anzeige zu
-machen, und ist das Verbrechen
-begangen worden, oder ist der Entschluß,
-es zu verüben, durch Handlungen
-betätigt worden, welche
-einen Anfang der Ausführung des
-beabsichtigten, aber nicht zur Vollendung
-gekommenen Verbrechens
-enthalten?
-</p>
-
- </div>
-<p class="empty tdr">
-&nbsp;
-</p>
-
- </div>
- </div>
- </div>
-<p class="date">
-Berlin, den 5. Juli 1920.
-</p>
-
-<p class="sign">
-gez. Joel.
-</p>
-
-<p class="sign">
-gez. Aschner.<br />
-Obmann.
-</p>
-
-<p class="sign">
-gez. Schröder.<br />
-als Gerichtsschreiber.
-</p>
-
-<p class="sign">
-gez. Joel als Vorsitzender.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Nach zweieinhalbstündiger Beratung hatten
-die Geschworenen gesprochen.
-</p>
-
-<p>
-Der Staatsanwalt beantragte:
-</p>
-
-<p class="block u">
-für Fichtmann die Freisprechung,<br />
-für Hoppe zehn Jahre Zuchthaus,<br />
-für Winkler drei Jahre Gefängnis.
-</p>
-
-<p>
-Das Urteil wurde nach einstündiger Beratung
-gefällt; dasselbe erging wie folgt:
-</p>
-
-<div class="doc">
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-<p class="noindent">
-2 c. J. 2691. 19
-</p>
-
-<p class="u hdr">
-<span class="line1">In der Strafsache</span><br />
-<span class="line2">gegen</span>
-</p>
-
- <div class="hang">
-<p>
-1. den Lederarbeiter (Schankwirt) Max <em>Fichtmann</em> aus
-Berlin, zur Zeit in der Strafanstalt Brandenburg a. d. H.
-in Strafhaft, geboren am 22. November 1898 in Berlin,
-mosaisch,
-</p>
-
-<p>
-2. den Kaufmann Erwin <em>Hoppe</em>, zur Zeit hier in Untersuchungshaft,
-geboren am 1. April 1899 in Berlin, religionslos,
-</p>
-
-<p>
-3. den Schneidergesellen Willi <em>Winkler</em>, zur Zeit hier in
-Untersuchungshaft, geboren am 16. September 1899 in
-Berlin, evangelisch,
-</p>
-
- </div>
-<p class="noindent">
-wegen Mordes
-</p>
-
-<p class="noindent">
-hat das Schwurgericht beim Landgericht II in Berlin in
-der Sitzung vom 24. Juni bis 5. Juli 1920, an welcher
-teilgenommen haben:
-</p>
-
- <div class="block hang">
-<p class="u">
-Landgerichtsrat Dr. <em>Joel</em><br />
-als Vorsitzender,
-</p>
-
-<p class="u">
-Landgerichtsrat Geh. Justizrat <em>Bienutta</em>,
-</p>
-
-<p class="u">
-Gerichtsassessor <em>Siemens</em><br />
-als beisitzende Richter,
-</p>
-
-<p class="u">
-Staatsanwaltschaftsrat Dr. <em>Ortmann</em><br />
-als Beamter der Staatsanwaltschaft,
-</p>
-
-<p class="u">
-Landgerichtsassistent <em>Schröder</em><br />
-als Gerichtsschreiber,
-</p>
-
- </div>
-<p class="noindent">
-für Recht erkannt:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
-Der Angeklagte Kaufmann Erwin <em>Hoppe</em> wird
-wegen Beihilfe zum Totschlag zu sechs Jahren Zuchthaus
-verurteilt, von denen 8 Monate durch die erlittene
-Untersuchungshaft verbüßt sind, der Angeklagte Schneidergeselle
-Willi <em>Winkler</em> wird wegen Beihilfe zum
-Totschlag zu drei Jahren Gefängnis, von denen gleichfalls
-acht Monate durch die erlittene Untersuchungshaft
-verbüßt sind, verurteilt.
-</p>
-
-<p>
-Der Angeklagte Lederarbeiter Max <em>Fichtmann</em>
-wird freigesprochen.
-</p>
-
-<p>
-Die durch das Verfahren gegen den Angeklagten
-Fichtmann entstandenen Kosten werden der Staatskasse
-auferlegt. Die übrigen Kosten des Verfahrens
-haben die Angeklagten Hoppe und Winkler zu tragen.
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-4-13">
-Gründe.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Nach dem Spruch der Geschworenen sind die Angeklagten
-Hoppe und Winkler schuldig, zu Berlin Anfang
-August 1919 mehreren anderen Tätern durch Rat oder Tat
-wissentliche Hilfe dazu geleistet zu haben, daß sie zu
-Berlin in der Nacht vom 2. zum 3. August 1919 einen
-Menschen, den Inspektor Blau, vorsätzlich töteten, indem
-sie die Tötung <em>nicht</em> mit Überlegung ausführten. Dem
-Angeklagten Hoppe sind mildernde Umstände versagt,
-dem Angeklagten Winkler solche zugebilligt worden. Die
-beiden Angeklagten waren daher Hoppe, gemäß §§ 212, 49,
-Winkler gemäß §§ 212 und 213, 49 St.G.B. zu bestrafen.
-</p>
-
-<p>
-Bei der Strafzumessung hat das Gericht berücksichtigt,
-daß die aus politischen Motiven begangene Tötung des
-Inspektors Blau eine ungemein brutale Tat und im höchsten
-Grade gemeingefährlich ist. Es war daher strenge
-Ahndung erforderlich, zumal die Angeklagten keine Reue
-zeigen. Andererseits war zu erwägen, daß die jugendlichen
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-und unerfahrenen Angeklagten durch politischen
-Fanatismus irregeführt und hierdurch zu ihrer Tat mißleitet
-worden sind.
-</p>
-
-<p>
-Beim Angeklagten <em>Hoppe</em> kommt jedoch strafschärfend
-hinzu die große verbrecherische Energie, die er bei der
-Durchführung der Tat bewiesen hat. Beim Angeklagten
-<em>Winkler</em> ist strafmildernd zu berücksichtigen, daß er
-offenbar ganz erheblich unter dem Einfluß des ihm geistig
-bedeutend überlegenen Angeklagten Hoppe gestanden hat.
-Auch ist er noch völlig unbescholten. Ebenso war dem Angeklagten
-Hoppe zugute zu rechnen, daß er bisher verhältnismäßig
-unbedeutend vorbestraft ist.
-</p>
-
-<p>
-Unter Berücksichtigung aller dieser Umstände hielt das
-Gericht die erkannten Strafen für eine ausreichende und
-angemessene Sühne.
-</p>
-
-<p>
-Der Angeklagte Fichtmann ist nach dem Spruch der
-Geschworenen nicht schuldig und war daher freizusprechen.
-</p>
-
-<p>
-Die Kostenentscheidung beruht auf §§ 497, 499 St.P.O.,
-die über die Anrechnung der Untersuchungshaft auf § 60
-St.G.B.
-</p>
-
-<p class="sign">
-gez. Joel Siemens.
-</p>
-
- <div class="narrow">
-<p>
-Der beisitzende Richter
-L.G.R. Geh. J.R. Bienutta
-ist beurlaubt und daher
-verhindert seine Unterschrift
-beizufügen.
-</p>
-
-<p>
-Dies wird gemäß § 275
-St.P.O. bescheinigt.
-</p>
-
- </div>
-<p class="sign">
-gez. Joel<br />
-L.G.R.
-</p>
-
-<p class="fl cb normal">
-Siegel
-</p>
-
-<p class="u fr date">
-<em>Ausgefertigt</em><br />
-Berlin, den 30. Juli 1920.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Gerichtsschreiber des Landgerichts II.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-5">
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-ANHANG.
-</h2>
-
-</div>
-
-<h3 class="section" id="chapter-5-1">
-I.<br />
-Der Spitzel Toifl.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Der Hauptzeuge der letzten Prozeßtage,
-Spitzel, Aufrührer, Mädchenverführer (nach
-Aussage einer Zeugin) heißt nicht etwa
-Beelzebub, aber Toifl. Ein unorthographischer
-Teufel. Ein Opfer des Spitzelsystems
-heißt Faust und der Vormund Toifls: Bischof.
-O unergründliche Ironie des Zufalls!
-</p>
-
-<p>
-Zeuge Toifl ist Spitzel, agent provocateur
-gewesen. Im Dienst der M. P. A. Das heißt
-nicht etwa: Macht praktische Arbeit, sondern
-Militärpolitische Abteilung.
-</p>
-
-<p>
-Toifl ist Österreicher, immer noch. Obwohl
-er M. P. A. war. Ein bißchen glatt und leichtfertig.
-Seine Moral dreht sich in fettig geölten
-Angeln. Patent „Teufel“. Er fühlt sich unglücklich
-in seiner namenlosen Alltäglichkeit.
-Es gilt Bildungs- und gesellschaftliche Hindernisse
-wegzuradieren. Die Revolution ist
-ein günstiger Zufall. Sie bricht gerade aus,
-da Toifl anfängt, sich nach einer Karriere
-umzusehen. Spionage, denkt er, ist ein
-Sprungbrett. Er spielt gesellschaftlich die
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-Rolle eines ehemaligen österreichischen Fähnrichs.
-Sein Gesicht ist von jener blassen,
-blonden Leere, der man unter Umständen die
-Fähnrichscharge glauben darf ... Wie er so
-auftritt, nett, blond, in dunkelblauem Anzug,
-und elastische Schritte posiert, macht er
-einen braven Eindruck. Typus aufgeweckter
-Junge.
-</p>
-
-<p>
-Bei näherem Zusehen aber knetet er in
-zappeligen Händen ein schweißdurchtränktes
-Taschentuch, kämpft er sich mühsam ein
-bißchen Haltung ab. Bemüht, gelassene
-Eleganz vorzutäuschen, zieht er kleinbürgerlich
-sorgfältig die gebügelte Hose hinauf,
-so oft er sich setzt. Und man sieht: er ist
-gar nicht elastisch. Seine Seele schreitet nur
-sozusagen auf Gummiabsätzen.
-</p>
-
-<p class="attr">
-Joseph Roth.<br />
-(Neue Berliner Nr. 145, 1920.)
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-5-2">
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
-II.<br />
-Zum Blau-Prozeß.
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Dieser Prozeß wird einst unter den Dokumenten
-der bürgerlichen Kultur mit an erster
-Stelle stehen, – obgleich für das Gericht gerade
-da das Interesse aufhörte, wo das Interesse
-der Allgemeinheit anfing.
-</p>
-
-<p>
-Da war der Zeuge Schreiber. Er war, solange
-er von fürsorglichen Behörden beschützt
-und behütet war, ein Zeuge, wie man
-sich nur einen Zeugen wünscht. Aber als er
-gezwungen werden sollte, Aug’ in Aug’ seine
-Aussagen zu wiederholen: da war der Zeuge
-Schreiber in seine heimischen eidgenössischen
-Felder entrückt. Auf dringendste Einladung
-begnügt er sich nicht, wie sein unerfahrenerer
-Kollege Toifl mit „Schutz vor den
-Kommunisten“: er stellt Bedingungen. Neben
-einer ganz ansehnlichen Entschädigung
-in Schweizer Valuta fordert er die Auszahlung
-von 4000 M., welche ihm nach seiner Angabe
-die Münchner Polizei schuldet. Und
-fordert Vorausbezahlung!
-</p>
-
-<p>
-Da war ein Weibsbild, von Lemurenhäßlichkeit
-und zudem in Reichswehruniform
-maskiert. In jedem anderen Falle hätte man
-sie sofort eingesponnen; aber hier war der
-Polizeikommissar Maslack, der es befürwortete,
-– und der Untersuchungsrichter Dr.
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-Marquardt erteilte der Polizeispitzelin Schröder-Mahnke
-Sprecherlaubnis ohne Aufsicht
-durch Gefängnisbeamte! In einem Falle, da
-zur Isolierung der Angeklagten besondere
-Vorsichtsmaßregeln getroffen wurden: da
-darf man Spitzeln Akten zeigen, Spitzel in
-die Gefängnisse schicken, von Spitzeln die
-Welt heimsuchen lassen wie von Heuschrecken
-das Land Ägypten; da ist jedes
-Mittel recht.
-</p>
-
-<p>
-Und dann sind da die „Mittel“: die lange
-Kette Blau, Toifl, Strolz, Acosta, Samson –
-von den unbekannteren ganz zu schweigen ...
-und hier ist die große Lücke, die der Prozeß
-gelassen hat. Wir alle sehen nur die Spitzel;
-wo aber ist die Hand, die sie lenkte? Wo ist
-der große Unbekannte, dessen Werkzeuge
-über die kommunistische Partei herfielen?
-Wo ist der Mann, der sie bezahlte: Den Schreiber
-für die Beseitigung von Blau, den Toifl
-für den Raubüberfall auf Orlowsky, den
-Strolz und Acosta für das stramme Zufassen?
-</p>
-
-<p>
-Hier und gerade hier war das kriminalistische,
-moralische und politische Zentrum des
-ganzen Prozesses, und nur, wenn dieses Dunkel
-erhellt wurde, konnte psychologisch die
-Tat aufgeklärt werden. Und nur dann konnte
-festgestellt werden, wer Mörder war und wer
-den Mord brauchte. Und dann konnte gezeigt
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-werden, ob der Opfer des großen Unbekannten
-noch mehr seien als Hoppe, Winkler
-und Fichtmann; es galt zu untersuchen,
-ob nicht vom Morde an Karl Liebknecht und
-Rosa Luxemburg, über Leo Jogisches, die
-30 Matrosen, Dorenbach und all die Hunderte
-namenlos Gemordete eine einzige Linie führt.
-</p>
-
-<p>
-Das war aufzuklären!
-</p>
-
-<p class="attr">
-J. Steinborn.<br />
-(Aus der Roten Fahne, Nr. 123 u. 125, 1920.)
-</p>
-
-<h3 class="section" id="chapter-5-3">
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-III.<br />
-Denkschrift des Reichsjustizministers<br />
-über die politischen Morde.<br />
-Nr. IV 62598 Gr.
-</h3>
-
-<div class="doc">
-<p class="u date">
-Reichstag 4. 12. 23.<br />
-verkündet in der 394. Sitzung.
-</p>
-
-<p class="hdr">
-<span class="line1">16. Der Polizeiagent Blau.</span>
-</p>
-
-<p>
-In der Strafsache gegen Fichtmann und Genossen
-wegen Ermordung des Inspektors Blau sind in der Hauptverhandlung
-vor dem Schwurgericht beim Landgericht I
-in Berlin vom 24. Juni bis 5. Juli 1920 die Zeugen
-Schreiber und Toifl, von denen der erstere sich in der
-Schweiz aufhält und zur Verhandlung nicht erschien,
-letzterer eidlich vernommen wurde, der Teilnahme an der
-Ermordung verdächtigt worden. Die Verdächtigungen
-entbehren aber jeder Grundlage.
-</p>
-
-<p>
-Wegen des Raubüberfalles auf den Diamantenhändler
-Orlowsky hat vor dem außerordentlichen Kriegsgericht
-beim Landgericht II in Berlin ein Strafverfahren geschwebt,
-in dem nur Fichtmann und Manske verurteilt
-wurden. Toifl wurde in der Hauptverhandlung als
-Zeuge vernommen. Wie die Urteilsgründe ergeben, hat
-Toifl allerdings an dem Unternehmen als „Regierungsagent“
-teilgenommen. Das Gericht betonte aber ausdrücklich,
-daß Toifl <em>notgedrungen</em> die Rolle des Führers
-übernehmen mußte, um nicht Verdacht zu erregen und
-als Regierungsagent entlarvt zu werden. Und, daß es
-seinen, wenn auch uneidlichen Angaben, vollen Glauben
-geschenkt habe.
-</p>
-
-<p>
-Bei dieser Sachlage ist mangels begründeten Verdachtes
-einer strafbaren Teilnahme von der Strafverfolgung des
-Toifl und Schreiber Abstand genommen worden.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="centerpic full">
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a><img src="images/i195.jpg" alt="" />
-<p class="cap">
-Unterschriften des Blau.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="centerpic full">
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a><img src="images/i196.jpg" alt="" />
-<p class="cap">
-Bericht des Blau an Leutnant Siebel.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="centerpic full">
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a><img src="images/i197.jpg" alt="" />
-<p class="cap">
-Brief des Blau mit Mordangebot.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="centerpic full">
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a><img src="images/i198.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="ads chapter">
-<p class="ser">
-<span class="line1">In der Sammlung</span><br />
-<span class="line2">AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT</span><br />
-<span class="line3">– DIE VERBRECHEN DER GEGENWART. –</span><br />
-<span class="line4">erscheinen in kürzester Zeit folgende Bände:</span>
-</p>
-
- <div class="table">
- <div class="volumes">
- <div class="r">
-<p class="v">
-*Band 1:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">ALFRED DÖBLIN</span><br />
-DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND IHR GIFTMORD
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-*Band 2:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">EGON ERWIN KISCH</span><br />
-DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS REDL
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-*Band 3:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">EDUARD TRAUTNER</span><br />
-DER MORD AM POLIZEIAGENTEN BLAU
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-*Band 4:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">ERNST WEISS</span><br />
-DER FALL VUKOBRANKOVICS
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 5:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">PAUL MAYER</span><br />
-DER FECHENBACHPROZESS
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 6:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">FRIEDRICH STERNTHAL</span><br />
-DER FALL DER RATHENAUMÖRDER
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 7:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">RENÉ SCHICKELE</span><br />
-DIE CAILLAUXPROZESSE
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 8:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">IWAN GOLL</span><br />
-DER FALL DER GERMAINE BERTON
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 9:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">HENRI BARBUSSE</span><br />
-DIE MATROSEN DES SCHWARZEN MEERES
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 10:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">HERMANN UNGAR</span><br />
-DER FALL GRUPEN
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 11:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">ARNOLT BRONNEN</span><br />
-DIE ERMORDUNG DES BÖRSENMAKLERS F.
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 12:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">KARL OTTEN</span><br />
-DER FALL DES HAUPTMANN VON KÖPENICK
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 13:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">OTTO KAUS</span><br />
-DER FALL GROSSMANN
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 14:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">EUGEN ORTNER</span><br />
-DER FALL DES MASSENMÖRDERS SCHUMANN
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 15:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">KARL FEDERN</span><br />
-DER FALL MURRI-BONMARTINI
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 16:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">KURT KERSTEN</span><br />
-DER PROZESS GEGEN DIE MOSKAUER SOZIALREVOLUTIONÄRE
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 17:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">MARTIN BERADT</span><br />
-DER FALL HASSELBACH
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 18:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">F. A. ANGERMAYER</span><br />
-DER FALL DER PARISER AUTOMOBILBANDITEN
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 19:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">WILLY HAAS</span><br />
-DER FALL GROSS
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 20:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">ARTHUR HOLITSCHER</span><br />
-DER FALL RAVACHOL
-</p>
-
- </div>
- <div class="r">
-<p class="v">
-Band 21:
-</p>
-
-<p class="t">
-<span class="firstline">JOSEPH ROTH</span><br />
-DER FALL HOFRICHTER
-</p>
-
- </div>
- </div>
- </div>
-<p class="s c">
-Die mit * versehenen Bände sind bereits erschienen.
-</p>
-
-<p class="s c">
-Ferner Bände von:
-</p>
-
-<p class="c">
-MAX BROD, OTTO FLAKE, OSKAR MAURUS FONTANA,
-WALTER HASENCLEVER, GEORG KAISER,
-THOMAS MANN, LEO MATTHIAS, RENÉ SCHICKELE,
-JAKOB WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN
-und vielen Anderen.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="printer">
-OHLENROTH’SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="trnote chapter">
-<p class="transnote">
-Anmerkungen zur Transkription
-</p>
-
-<p class="skip_in_txt">
-Das Cover wurde vom Bearbeiter den ursprünglichen
-Bucheinbänden der Serie nachempfunden und der <span class="underline">public domain</span> zur Verfügung gestellt.
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-</p>
-
-</div>
-
-
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>DER MORD AM POLIZEIAGENTEN BLAU</span> ***</div>
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-or any Project Gutenberg&#8482; work, (b) alteration, modification, or
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-Defect you cause.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</div>
-</div>
-</body>
-</html>
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