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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:28:05 -0700
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+Project Gutenberg's Shakespeare und die Bacon-Mythen, by Kuno Fischer
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+
+
+Title: Shakespeare und die Bacon-Mythen
+
+Author: Kuno Fischer
+
+Release Date: October, 2004 [EBook #6736]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on January 20, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SHAKESPEARE UND DIE BACON-MYTHEN ***
+
+
+
+
+Produced by Delphine Lettau, David Starner
+and the Online Distributed Proofreading Team.
+
+
+
+
+SHAKESPEARE UND DIE BACON-MYTHEN.
+
+Festvortrag
+
+gehalten auf der General-Versammlung der deutschen Shakespeare-
+Gesellschaft zu Weimar am 23. April 1895
+
+von
+
+Kuno Fischer.
+
+
+
+
+VORWORT
+
+Dieser Vortrag ist gleich, nachdem er gehalten war, in der "Beilage
+zur Allgemeinen Zeitung", Nummer 105-107, veröffentlicht worden. Die
+mündliche Rede ist in der gedruckten wortgetreu wiedergegeben, aber
+diese enthält einige Ausführungen (darunter sämmtliche unter dem Text
+befindliche Bemerkungen), die in jener um der Kürze willen
+weggeblieben sind.
+
+Ich habe eine falsche Vorstellungsart darzuthun, zu erklären und zu
+entkräften gehabt und diese Aufgabe mit völliger Sachlichkeit, ohne
+jede persönliche Polemik erfüllt, sogar in der mündlichen Rede
+geflissentlich keinen der Namen genannt, welche der deutschen
+Gegenwart angehören.
+
+Der jüngste und in gewissem Sinn gründlichste Vertreter der "Bacon-
+Theorie" hat am Schlusse seines Buchs erklärt, daß ich zwar ein
+rühmliches Werk über Bacon geschrieben, aber "ohne eine Ahnung zu
+haben, daß «die Vermehrungen der Wissenschaften» im «Shakespeare» zu
+finden sind". Durch ein solches Urteil durfte ich mich wohl
+herausgefordert fühlen, entweder diese "Ahnungen" mir anzueignen oder
+nachzuweisen, daß sie nichts sind als eitle Träumereien. Dies ist in
+einem der letzten Theile meines Vortrags geschehen.
+
+Heidelberg, im Mai 1895.
+
+K. F.
+
+
+
+
+INHALT
+
+I. Das Shakespeare-Geheimniß und der Shakespeare-Mythus
+
+II. Das Bacon-Geheimniß
+ 1. Der Beweis aus dem Mangel aller Beweise
+ 2. Bacon und Shakespeare
+ 3. Unparteiische Stimmen für und wider
+
+III. Die erste Art der Bacon-Mythen
+ 1. Bacon als Quelle des Northumberland-Manuscripts
+ 2. Bacon als geheimnißvoller Dichter. Das Sonett
+ 3. Bacon als staatsgefährlicher Dichter
+ 4. Bacon "unter anderem Namen"
+
+IV. Bacon als Dramatischer Geschichtschreiber
+
+V. Die zweite Art der Bacon-Mythen
+ 1. Bacon als der Kaufmann von Venedig
+ 2. Der Schluß der drei Taugenichtse
+ 3. Bacon als Othello
+ 4. Bacon als Katharina von Aragonien, Wolsey und andere gefallene
+ Größen
+
+VI. Die dritte Art der Bacon-Mythen
+ 1. Bacon als Verfasser des Promus
+ 2. Der Promus als Quelle von Romeo und Julia
+ 3. Die Vergleichung der Werke
+
+VII. Bacons große Geheimschrift: Mythus oder Humbug?
+
+VIII. Der Gipfel der Bacon-Mythen
+ 1. Bacon als philosophischer Dichter
+ 2. Bacon als Erfinder des parabolischen Dramas
+ 3. Der Anfang des ersten Hamlet-Monologs als das non plus ultra
+ naturwissenschaftlicher Dichtung
+ 4. Prospero und Pan
+
+IX. Der Gipfel der Unkritik
+
+X. Bacons Urtheil über Shakespeare
+ 1. Bacon und das Theater seiner Zeit
+ 2. Die Schule Bacons. Voltaire
+
+XI. Die deutsche Shakespeare-Kritik
+ 1. Lessing und Voltaire
+ 2. Goethe
+ 3. Goethe und Schiller
+
+
+
+
+I. DAS SHAKESPEARE-GEHEIMNISS UND DER SHAKESPEARE-MYTHUS.
+
+Als mir die ehrenvolle Aufforderung zu Theil wurde, in der Deutschen
+Shakespeare-Gesellschaft zu Weimar am heutigen Tage die Festrede zu
+halten, war jüngst ein stattliches, bilderreiches, kostbares Werk
+erschienen, das unter den litterarischen Tagesereignissen viel von
+sich reden machte und, obwohl seitdem fast ein Jahr verflossen ist,
+doch in unserer raschlebigen Zeit noch keineswegs zu den Verschollenen
+gehört. Es trug die Aufschrift "Das Shakespeare-Geheimniß" und
+darunter das Brustbild eines Mannes, das allen Lesern sogleich das
+Geheimniß verkünden und zurufen sollte: "Ich bin es! So sah der Mann
+aus, der Romeo und Julia, Hamlet, Lear und Othello, Julius Cäsar,
+Coriolan u. s. w. gedichtet hat!" Das Bild aber war der Kopf Bacons
+nach einem Portrait, welches ein niederländischer Maler im Jahre 1618
+von dem damaligen Großkanzler Englands gemalt hat. [Fußnote: Edwin
+Bormann. Das Shakespeare-Geheimniß. Leipzig, E. Bormanns Selbstverlag.
+1894.]
+
+Wie die Wahrheiten, so müssen auch die menschlichen Irrthümer, sobald
+sie einmal die öffentliche Bahn betreten haben, alle Stadien der
+Begründung durchlaufen, bis jene ihre Sache völlig gewonnen, diese
+aber die ihrige völlig verloren haben. Die sogenannte "Bacon-Theorie",
+nämlich die Ansicht, daß der Verfasser der nach Shakespeare genannten
+weltberühmten Dichtungen nicht William Shakespeare, sondern Francis
+Bacon sei, blickt heute auf eine fast vierzigjährige litterarische
+Laufbahn zurück. Keine litterarische Controverse hat in der zweiten
+Hälfte dieses Jahrhunderts ein breiteres Aufsehen erregt und mehr
+Federn in Bewegung gesetzt, als diese Streitfrage, von der früher wohl
+niemand geglaubt hätte, daß sie jemals ernstlich gestellt werden
+könnte.
+
+Freilich soll A. Gfrörer, damals Bibliothekar in Stuttgart, schon vor
+mehr als fünfzig Jahren mündlich geäußert haben, daß nach einem halben
+Jahrhundert von William Shakespeare die Rede sein werde, wie in der
+neueren Geschichtsforschung von Wilhelm Tell. Indessen war Gfrörer
+kein Prophet und ein Mann von äußerst wandelbaren Meinungen. Aus einem
+sehr ungläubigen Protestanten, wie er damals war, wurde er zehn Jahre
+später ein sehr fanatischer Katholik (1853).
+
+Schon im Jahre 1884 hatte sich über die Bacon-Shakespeare-Controverse
+eine solche Masse von Litteratur in größeren und kleineren Schriften
+angehäuft, daß ihre Zahl auf 255 gestiegen war. Davon waren 161
+amerikanischen, 69 englischen Ursprungs; 117 hatten sich für die
+Autorschaft Shakespeares erklärt, 73 dawider. Im Jahre vorher (1883)
+waren allein 61 Schriften über die Frage erschienen [Fußnote:
+Bibliography of the Bacon-Shakespeare Controversy. By _W. H.
+Wyman_. Cincinnati, P. G. Thomson. 1884.]
+
+Es ist kein uninteressantes, auch kein der Aufmerksamkeit der
+Shakespeare-Freunde und -Forscher unwürdiges Thema, den Ursprung, die
+Art der Entstehung und Fortpflanzung einer so seltsamen, so irrigen
+und gegenwärtig so verbreiteten Vorstellungsweise näher ins Auge zu
+fassen und auf ihren Grund, ihre Beweisarten und ihre Resultate zu
+prüfen. Wie ist es gekommen, daß in der zweiten Hälfte des 19.
+Jahrhunderts, dieses Jahrhunderts der Kritik, wie man das unsrige mit
+Recht genannt hat, mit einem Male die Idee von einem "Shakespeare-
+Mysterium" auftaucht, daß man Bücher über den "Shakespeare-Mythus"
+schreibt, welche beweisen wollen, daß der Dichter William Shakespeare
+eine mythische Figur sei, die als "den süßen Schwan vom Avon" Ben
+Jonson nur zum Schein besungen und verherrlicht habe? In Wahrheit sei
+dieser William Shakespeare ein Bauernjunge aus Warwickshire, ein roher
+und gemeiner Fleischergeselle in Stratford gewesen, der nach einer
+Reihe thörichter und schlechter Jugendstreiche, nach einer eiligen und
+unglücklichen Heirath, nach Wilddiebereien und boshaften Pamphleten
+gezwungen war, seine Vaterstadt zu verlassen; flüchtig, arm und
+verlumpt sei er nach London gekommen, bei den Theatern an der Themse
+erst Pferdejunge, dann Theaterdiener, Statist, Schauspieler, zuletzt
+Theaterdirector oder Unternehmer geworden und habe als solcher die
+Stücke anderer bearbeitet, in Scene gesetzt und aufgeführt. Als ein
+kluger und betriebsamer Geschäftsmann, der er war, habe er auf diesem
+Wege viel Geld verdient, seinem heruntergekommenen Vater und dadurch
+sich selbst ein Wappen erworben, seine Capitalien in Grundbesitz,
+namentlich in Stratforder Häusern, Ländereien und Renten angelegt. Der
+Name Shakespeare bedeute demnach nicht den Autor, sondern den
+Bühnenbearbeiter und Regisseur, den Eigenthümer und Herausgeber,
+gewissermaßen die Firma jener hochberühmten Schauspiele, welche die
+Shakespeare-Dramen heißen, und deren erste Gesammtausgabe sieben Jahre
+nach dem Tode Shakespeares erschien.
+
+Dies ist kurz gefaßt der Kern des sogenannten Shakespeare-Mythus, wie
+denselben Appleton Morgan, ein amerikanischer Advocat, in seinem Buche
+darüber auszuführen gesucht hat (1881). Wer waren nun die Verfasser
+der Stücke? Einer oder Viele? Bekannte oder unbekannte Männer? Nach
+Morgans Ansicht waren es viele, bekannte und unbekannte. Es mag manche
+dunkel gebliebene Gelehrte gegeben haben, deren Feder der findige
+Unternehmer gebraucht hat. Wer weiß, wie sie hießen und in welchen
+Dachstübchen Londons sie verkümmern mußten! Einer der Verfasser von
+bekannter Größe sei Bacon gewesen.
+
+Weil aber ein Orchester die Symphonie nicht macht, sondern das Werk
+ausführt, welches ein Einziger erzeugt hat, so könne der Verfasser der
+Shakespeare-Dramen auch nur einer gewesen sein. Dieser eine war Bacon:
+so lautet die ausgemachte Bacon-Theorie.
+
+
+
+
+II. DAS BACON-GEHEIMNISS.
+
+1. Der Beweis aus dem Mangel aller Beweise.
+
+Da nun alle urkundlichen Zeugnisse irgend eines Zusammenhanges
+zwischen Bacon und Shakespeare gänzlich fehlen, so haben die
+Baconianer, wie man sie nennt, aus der Noth eine Tugend gemacht und
+den völligen Mangel aller sachlichen Beweise für den Beweis der Sache
+ausgegeben: so geflissentlich und so gründlich habe Bacon alle Spuren
+vertilgt, die seine Autorschaft hätten verrathen können! Da er von
+einer gleichzeitigen Größe, wie Shakespeare, hätte reden müssen,
+nirgends aber geredet hat, so habe er absichtlich aus tief versteckten
+Gründen geschwiegen, welche letztere sich der eindringenden
+Nachforschung daraus erklären, aber auch nur daraus: daß er selbst
+Shakespeare war! Alle urkundlichen Gegenbeweise aber, deren es viele
+und unumstößliche giebt, gelten für Schliche und Machinationen, um die
+Autorschaft Bacons zu verbergen und die Welt zu dupiren.
+
+Niemals, solange es eine historische Kritik giebt, hat man dem Mangel
+aller Urkunden und Zeugnisse eine solche Beweiskraft zugeschrieben.
+Ueber Bacon, den Dichter der Shakespeare-Dramen, herrscht ein
+absolutes Schweigen, er ist in den Schleier des tiefsten Geheimnisses
+gehüllt: darin besteht das Bacon-Geheimniß. Wo sich aber ein Mysterium
+findet, da werden wohl auch die Mythen nicht ausbleiben.
+
+
+2. Bacon und Shakespeare.
+
+Auf den ersten Blick mag es ja auffallend genug sein, daß die beiden
+berühmtesten Männer aus dem Zeitalter der Elisabeth und Jakobs I.
+einige Jahrzehnte in London zugleich gelebt haben und einander fremd
+geblieben sind, obwohl es nicht zweifelhaft sein kann, daß jeder vom
+andern gewußt hat.
+
+Indessen wie weit auch die Charaktere und Schicksale, die Stellungen
+und Laufbahnen beider Männer von einander entfernt waren, und wie
+grundverschieden ihre Ansichten vom Werthe des Lebens und der Welt
+sein mochten, so hat sich doch der Genius eines großen Zeitalters,
+dessen mächtigste Söhne sie waren, in beiden wirksam erwiesen und
+gewisse übereinstimmende Auffassungen vom Wesen und der Natur des
+Menschen hervorgerufen.
+
+Bacon verlangt eine Sittenlehre, die nicht auf abstracte Vorschriften,
+sondern auf wirkliche Menschenkenntniß, auf das Studium menschlicher
+Charaktere und Leidenschaften gegründet sein soll; die Sittenlehrer
+sollen nicht Kalligraphen sein, wie die Schreiblehrer: er fordert eine
+Naturgeschichte der Affecte, die man uns nach dem Leben schildern
+möge, wie sie entstehen und wachsen, wie sie erregt und gesteigert,
+wie sie gemäßigt und bemeistert werden; wie man sie fängt, den Affect
+durch den Affect, wie auf der Jagd Thiere durch Thiere. Um die
+menschlichen Charaktere und Leidenschaften zu studiren, verweist Bacon
+die Sittenlehre auf die Geschichtschreiber und Dichter. Er hätte statt
+aller einen einzigen nennen sollen, der in seinen dramatischen Werken
+die mannichfaltigsten, gehaltvollsten und wahrsten Menschenbilder
+geschaffen hat: seinen Landsmann und Zeitgenossen William Shakespeare.
+Wie Bacon den Menschen von Seiten der Sittenlehre studirt und erkannt
+wissen will, so hat ihn Shakespeare dargestellt und gedichtet.
+
+Wie man den Affect durch den Affect fängt, so wie auf der Jagd Thiere
+durch Thiere! Ich meine in Shakespeares "Cäsar" den Decius Brutus zu
+hören, wie er im Rathe der Verschworenen sich anheischig macht, den
+Herrscher in den Senat zu locken:
+
+ "Ich übermeist're ihn. Er hört es gern,
+ Das Einhorn lasse sich mit Bäumen fangen,
+ Der Löw' im Netz, der Elephant in Gruben,
+ Der Bär mit Spiegeln und der Mensch durch Schmeichler.
+ Doch sag' ich ihm, daß er die Schmeichler haßt,
+ Bejaht er es, am meisten dann geschmeichelt.
+ Laßt mich gewähren,
+ Denn ich verstehe, sein Gemüth zu lenken,
+ Und will ihn bringen auf das Capitol."
+[Fußnote: Mein Werk "Francis Bacon und seine Nachfolger". (Leipzig,
+Brockhaus. 2. Aufl. 1875.) S. 283-292, 383 bis 384; vgl. _Bacon_:
+Ess. of friendship. Works VI, p. 437 bis 443.]
+
+Zu der Sittenlehre gehört auch die Pflichtenlehre, die uns
+vorschreibt, was wir thun sollen. Hier vermißt Bacon die Lehre von den
+entgegengesetzten Lastern, die uns zeigen möge, was die Menschen
+wirklich thun, wie sie jene bösen Künste der Falschheit und Täuschung
+ausüben, klug wie die Schlangen, aber keineswegs ohne Falsch wie die
+Tauben. Diese bösen Künste gleichen dem gefährlichen Basilisken, bei
+dem, wie die Fabel sagt, alles darauf ankomme, wer den ersten Blick
+hat. Erkennen wir den Basilisken, bevor er uns anblickt, dann sind wir
+gerettet; im andern Fall sind wir gebannt und verloren. Daher
+empfiehlt Bacon, den Macchiavelli zu studiren, der in seinem Buche vom
+Fürsten diese Künste der Falschheit und Täuschung unübertrefflich
+geschildert habe. Genau so hat Shakespeare diese «_malae artes_»
+personificirt in seinem "Richard III.":
+
+ "Ich will mehr Schiffer als die Nix ersäufen,
+ Mehr Gaffer tödten als der Basilisk,
+ Ich will den Redner gut wie Nestor spielen,
+ Verschmitzter täuschen, als Ulyß gekonnt,
+ Und Sinon gleich ein zweites Troja nehmen.
+ Ich leihe Farben dem Chamäleon,
+ Verwandle mehr wie Proteus mich
+ Und nehme den mörderischen Machiavell in Lehr'."
+[Fußnote: Mein Werk "Fr. Bacon &c." S. 389-390.]
+
+Solche und eine Reihe ähnlicher Uebereinstimmungen zwischen Bacon und
+Shakespeare habe ich stets mit hohem Interesse verfolgt, aber nie
+etwas anderes daraus hergeleitet als ein Zeugniß jener
+Ideenverwandtschaft, die zwischen den führenden Geistern einer
+Weltepoche zu herrschen pflegt. Der größte Philosoph und der größte
+Dichter des Elisabethanischen Zeitalters! Ich bin so oft bei dem
+Studium des Einen an gleichartige Anschauungen des Andern erinnert
+worden, daß ich lebhaft wünschte, es möchten sich von den persönlichen
+Eindrücken, welche der Eine von dem Andern gehabt hat, insbesondere
+Bacon von Shakespeare, einige sichere Spuren auffinden lassen. Als
+daher die Bacon-Shakespeare-Controverse so viele Federn zu
+beschäftigen anfing, habe ich zwar niemals gezweifelt, daß die
+"Baconianer" einer in die Luft gebauten Hypothese nachtrachteten, aber
+ich habe mit einem ihrer amerikanischen Gegner gehofft, daß diese
+Untersuchungen über manche am Wege gelegenen Punkte ein unerwartetes
+Licht verbreiten könnten: interessante «side-lights» und «collateral
+information», wie John Weiß solche beiläufige Gewinne genannt hat.
+Aber meine Hoffnungen sind weniger erfüllt worden als die seinigen.
+
+Die Baconianer sind von ihrem Dogma zu sehr besessen und verhalten
+sich zu der Frage nicht als Kritiker und Forscher, sondern wie
+Advokaten, die immer bestrebt sind, die Gegengründe, auch die
+solidesten, wegzureden aber zu ignoriren, die Scheingründe dagegen,
+auch die losesten, durch alle möglichen superlativen Verstärkungen
+einzureden und zu verdichten; sie beweisen nicht, sondern plaidiren:
+sie plaidiren pro Bacon contra Shakespeare und behandeln die ganze
+Controverse als «plea».
+
+Es ist nicht zufällig, daß unter den Wortführern der Baconianer sich
+einige Advokaten besonders hervorgethan haben. Sobald sie auf William
+Shakespeare zu sprechen kommen, reden sie wie von einer Gegenpartei,
+deren Verurtheilung auf alle Art zu betreiben sei. Unwillkürlich
+gerathen sie daher in den Ton der Schmähung. Da heißt es: "dieser
+Bauernjunge, dieser Fleischerlehrling, dieser Wilddieb, dieser
+Taugenichts" u.s.f. Wenn es sich darum handelte, W. Shakespeare heilig
+zu sprechen, so würde Hr. A. Morgan nicht übel zum advocatus diaboli
+taugen, vorausgesetzt, daß er noch heute so denkt, wie vor fünfzehn
+Jahren.
+
+Während nun die Baconianer unaufhörlich von einem "Shakespeare-Mythus"
+neben, der zu Gunsten Bacons von Grund aus zerstört werden müsse,
+häufen sie selbst Mythen über Mythen auf Bacon, d. h. sie lassen
+denselben eine Menge Dinge sagen und thun, die er nie gesagt und nie
+gethan hat. Von diesen Bacon-Mythen will ich reden, indem ich ihren
+Gang, gleichsam ihre Etappen verfolge von den vermeintlichen äußeren
+und äußerlichen bis zu den vermeintlichen inneren und innersten
+Gründen, auf welche sich die Behauptung stützt: daß Bacon den Dichter
+Shakespeare gewesen sei.
+
+
+3. Unparteiische Stimmen für und wider.
+
+Hören wir zuvor noch einige Stimmen von England her, die sich über die
+Frage geäußert haben, ohne darüber zu streiten.
+
+Nach dem Tode des Lord Palmerston (1865) hat man unter anderen
+Merkwürdigkeiten von diesem Staatsmann erzählt, daß er gern mit
+litterarischen Dingen Staat gemacht und öfter die paradoxe Meinung
+hingeworfen habe: nicht Shakespeare, sondern Bacon sei der Verfasser
+der nach jenem genannten Stücke gewesen; gelegentlich habe der Lord
+das Buch einer amerikanischen Dame herbeigeholt, worin die Sache
+bewiesen sei. Es war die Schrift der Ms. Delia Bacon, die, wohl von
+ihrem Namen geblendet, die fixe Idee gefaßt hatte, daß Lord Bacon das
+System feiner politischen Philosophie in einer Reihe von Schauspielen,
+die der Hand Shakespeares anvertraut waren, der Zukunft offenbart
+habe. Der "Hamlet" habe gleichsam das Programm der ganzen Serie
+enthalten. Um ihre Idee zu beweisen und auszuführen, ist Ms. Delia
+Bacon nach England gegangen und hat nach vielen Leiden und
+Entbehrungen ihre Irrfahrten im Irrenhause geendet. Wenn es Märtyrer
+des Irrthums giebt, so war diese unglückliche Frau ein solcher
+Märtyrer. Sie ist durch ihre Schriften aus den Jahren 1856 und 1857
+die Anfängerin, wenn nicht die Begründerin der Bacon-Theorie geworden.
+
+Weit gewichtiger und interessanter als die Späße des Lord Palmerston
+sind die Aussprüche eines Mannes, wie Thomas Carlyle, der die Heroen
+des Geistes zu würdigen wußte und dazu den Ernst und die Tiefe der
+Einsicht wie der Kenntnisse besaß. Er hat sich von Ms. Delia Bacon
+besuchen lassen, ihre Ansichten angehört und darauf gesagt: "Ihr Bacon
+hätte ebenso gut die Erde erschaffen können, wie den Hamlet!" Einem
+gleichzeitigen Briefe an einen amerikanischen Freund hat
+er die Nachschrift hinzugefügt: "Ihre Landsmännin ist verrückt". Viele
+Jahre vorher, in seinen Vorlesungen über die Heroen und deren
+Verehrung, hatte Carlyle auch von Bacon und Shakespeare gesprochen und
+hier erklärt: daß jener mit allem Geist, den er gehabt und in seinen
+Werken dargelegt habe, diesem gegenüber nur secundär sei, denn
+Shakespeare war ein Schöpfer, was Bacon nicht war. Seit den Tagen
+Shakespeares sei nur Einer erschienen, der an ihn erinnere: dieser
+Eine und Einzige sei Goethe. [Fußnote: Wymann, Nr. 73 und 131. Vergl.
+Carlyle: «On Heroes» (1889), p. 97. «The hero as poet.»]
+
+Der jüngste Herausgeber der Gesammtwerke Bacons und sein Biograph,
+James Spedding in Cambridge, gegenwärtig wohl die erste Autorität in
+Sachen Bacons, ist wiederholt nach seiner Ansicht gefragt worden und
+hat sich gegen die Bacon-Theorie völlig ablehnend verhalten. Er hat
+einem ihrer Hauptvertreter geantwortet: wer auch die Stücke
+Shakespeares geschrieben haben möge, einer gewiß nicht, nämlich Bacon.
+
+
+III. DIE ERSTE ART DER BACON-MYTHEN.
+
+1. Bacon als Quelle des Northumberland-Manuscripts.
+
+Im Jahre 1867 ist in der Bibliothek des Grafen Northumberland zu
+London ein altes handschriftliches Buch aufgefunden worden,
+verstümmelt, defect, angebrannt, welches Abschriften baconischer,
+shakespearischer und anderer Werke enthalten hat. Es enthält noch vier
+Reden Bacons vollständig (wenn auch etwas beschädigt), von denen
+bisher nur ein Theil bekannt war. Diese Reden hatten den Zweck, die
+Königin am Queensday, dem Jahrestage ihrer Krönung, zu feiern. Es galt
+die Feier des 17. November 1592, als Elisabeth 34 Jahre glorreich
+regiert hatte.
+
+Bacon componirt das aufzuführende Festspiel. Vier Personen berathen
+die Feier: die erste Rede gilt dem Preise der Tapferkeit, die zweite
+dem der Liebe, die dritte dem der Erkenntniß, die vierte der Königin
+selbst, die alle diese Tugenden in sich vereinige. Die Rede «_The
+praise of knowledge_» ist höchst interessant. Man erkennt darin den
+neuerungslustigen Philosophen, den Verfasser des "Neuen Organon", das
+erst 28 Jahre später erschien. Das Festspiel heißt «_A conference of
+pleasure_». Unter diesem Namen hat Spedding das Northumberland-
+Manuscript herausgegeben (1870). [Fußnote: _Works_ VIII (1862),
+p. 119-126. Vgl. XIV (1874), _preface_. Diese Sonderausgabe ist
+gegenwärtig vergriffen.]
+
+Auf dem ersten Blatte dieses paper book steht die Angabe des Inhalts,
+worunter sich auch die Titel: "Richard II." und "Richard III."
+befinden. Aus demselben Blatte stehen gekritzelt einigemale der Name
+"Francis Bacon" und acht- bis neunmal der Name "William Shakespeare",
+offenbar von der Hand des Abschreibers, der nach Speddings positiver
+Erklärung Bacon nicht war. Stammt das Manuscript, wie Spedding meint,
+aus dem Zeitalter der Elisabeth, so ist dies vielleicht die einzige
+handschriftliche Stelle aus jenen Tagen, wo die beiden Namen Bacon und
+Shakespeare unmittelbar neben einander gestellt sind. Das ist recht
+interessant, beweist aber für die Bacon-Theorie nicht das Mindeste.
+
+Von "Richard II." und "Richard III." findet sich nichts als die Namen
+im Inhaltsverzeichniß. Nun meinen die Baconianer, daß dieses
+Manuscript unmittelbar oder mittelbar von Bacon selbst herrühre, daß
+es den handschriftlichen Text jener beiden Historien enthalten habe,
+noch bevor dieselben gedruckt waren, ja sogar, wie einige zu glauben
+scheinen, nicht bloß enthalten habe, sondern noch enthalte!
+
+Wenn man diese Fictionen addirt, so ergiebt sich als Totalsumme der
+Mythus: daß Bacon die Shakespearischen Historien verfaßt habe, denn
+wer die erste und letzte vor dem Drucke aufgezeichnet hat, wird wohl
+den ganzen Cyklus geschrieben haben.
+
+
+2. Bacon als geheimnißvoller Dichter. Das Sonett.
+
+"Richard II" war gedruckt und "Heinrich V." so gut wie vollendet, als
+die Königin im März 1599 ihren Liebling, den Grafen Essex (keineswegs
+wider seinen Willen, sondern auf seinen dringenden Wunsch), als
+Statthalter nach Irland schickte, um die dortige Rebellion schnell
+niederzuwerfen. Alle Welt erwartet seine baldige siegreiche Rückkehr.
+Shakespeare hat dem letzten Act "Heinrichs V." einen Prolog
+vorausgeschickt, worin er den Grafen schon als Triumphator begrüßt und
+mit dem Sieger von Agincourt vergleicht.
+
+Plötzlich kehrt Essex unverrichteter Dinge und eigenmächtig nach
+London zurück (Sept. 1599) und überrascht die Königin in ihrem Palaste
+Nonsuch. Die ihm zärtlich gesinnte, aber mit Recht erzürnte
+Herrscherin beschließt, ihn richten und strafen zu lassen nicht «_ad
+ruinam__», wie sie sagt, sondern «_ad correctionem__» und «_ad
+reparationem__». Sie hat damals mit Bacon, einem ihrer
+außerordentlichen juristischen Räthe, dem Freunde und Günstlinge des
+Grafen Essex, öfter über diese Angelegenheit gesprochen. Eines Tages
+(im September 1600) kündigt ihm die Königin an, daß sie in seiner
+Sommerwohnung zu Twickenham-Park zu Mittag essen wolle. Auf diese
+Veranlassung verfaßt Bacon ein Sonett, um die Königin zu feiern und
+für den damals verbannten Essex günstig zu stimmen.
+
+Er selbst erzählt diese Begebenheit in seiner späteren
+Vertheidigungsschrift wegen seines Verhaltens zu und gegen Essex. "Ich
+hatte", so schreibt er, "ein Sonett verfertigt, obgleich ich mich
+nicht für einen Dichter ausgebe (_though I profess not to be a
+poet_.)" [Fußnote: _Sir Francis Bacon his apology, in certain
+imputations concerning the Late Earl of Essex etc. London 1604. Works
+X, pag. 139-162_.] Die Baconianer aber lassen ihn sagen: "obwohl
+ich nicht bekenne, daß ich ein Dichter bin". Er ist also nach seinem
+eigenen Geständniß ein heimlicher Dichter, ein Dichter incognito, d.
+h. Shakespeare!
+
+Aus einem heimlichen Dichter, d. i. aus einem Manne, der sich nicht
+für einen Dichter hält und ausgiebt, aber in gelegener Stunde sein
+Sonett macht, auch wohl ein Festspiel componirt, wird ein
+geheimnißvoller Dichter, von dem man nach drei Jahrhunderten entdeckt,
+daß er Shakespeare war. Niemals ist ein Gedicht so ergiebig, so
+fruchtbar gewesen, wie dieses Sonett, denn es hat in den Köpfen der
+Baconianer 36 Dramen und 154 Sonette geboren!
+
+
+3. Bacon als staatsgefährlicher Dichter.
+
+Kaum hat Bacon in seiner eben erwähnten Apologie, beiläufig gesagt,
+dem Muster- und Meisterstück einer Denkschrift, die Geschichte von
+jenem Sonette erzählt, so macht er unseren heutigen Baconianern
+alsbald noch ein zweites höchst merkwürdiges und folgenreiches
+Geständniß.
+
+Ich will vorausschicken, daß Bacon, einer der berühmtesten und
+bewährtesten Parlamentsredner Englands, die Kunst der kurzen,
+treffenden, bildlich einleuchtenden Rede in hohem Maße besaß und
+geflissentlich auszubilden bedacht war. Antworten solcher Art gehörten
+zu seinen Specialitäten. Es waren, wie man heute sagt, "geflügelte Worte",
+die von seinem Munde weg- und anderen zuflogen, die sie weitertrugen,
+wohl auch selbst gesagt haben wollten. Die Königin liebte solche Reden
+und Antworten und wußte sie zu erwidern.
+
+Nun hatte ein _Dr_. Hayward dem Grafen Essex eine Schrift
+gewidmet, die von dem ersten Regierungsjahre Heinrichs IV., also von
+der Entthronung Richards II. handelte. Die Königin hegte den
+schlimmsten Verdacht, sie witterte hochverrätherische Absichten und
+wollte den angeblichen Verfasser einsperren und foltern lassen, um den
+wirklichen zu erfahren. Bacon suchte die Herrscherin zu begütigen und
+ihr die Schrift als unverfänglich darzustellen; es sei nicht Verrath
+darin enthalten, sondern Felonie, der Verfasser habe nicht den Thron
+gefährdet, sondern den Tacitus bestohlen; die Königin möge nicht den
+Mann, sondern seine Feder auf die peinliche Frage stellen, d.h. den
+Verfasser in der Clausur die Schrift da fortsetzen lassen, wo er
+dieselbe abgebrochen habe; dann wolle er (Bacon) schon erkennen, ob
+Hayward der Verfasser sei oben nicht.
+
+In seiner Erzählung, die von jenem Sonette herkommt, fährt Bacon so
+fort: "Um dieselbe Zeit, in einer Sache, die mit dem Processe des
+Grafen Essex einige Verwandtschaft hatte, gedenke ich einer meiner
+Antworten, die, obwohl sie von mir ausging, später in anderer Namen
+umlief". [Fußnote: _Apology, pag. 149-150_.] So hat er gesagt.
+Nun aber läßt man ihn sagen (indem die Uebersetzung ein Wörtchen
+einfügt, welches nicht im Text steht): "Um dieselbe Zeit erinnere ich
+mich einer Antwort von mir in einer Sache, die einige Verwandtschaft
+mit des Lords Angelegenheit hatte, und die, obgleich sie von mir
+ausging, dann in anderer Namen umlief". [Fußnote: E. Bormann, S. 278-
+282.]
+
+Demnach wäre, was von Bacon ausging, nicht jene Antwort gewesen, die
+er der Königin gab, sondern die Sache, die mit dem Proceß des Grafen
+zusammenhing, d. h. die Darstellung der Entthronung Richards II.; die
+Anderen aber, in deren Namen die Sache später umlief, seien _Dr._
+Hayward und William Shakespeare. Hier also habe Bacon selbst bekannt,
+daß er "Richard II." verfaßt und aus Furcht vor dem Zorn der Königin
+sich hinter Shakespeare als seinen Strohmann versteckt habe.
+
+Die offene Empörung des Grafen, die er mit seinem Tode als
+Hochverräther gebüßt hat, geschah am 8. Februar 1601. Am Nachmittag
+des 7. wurde vor den Verschworenen "Richard II." aufgeführt, um sie
+sehen zu lassen, wie man einen König entthrone. Dieses Stück war aber
+nicht, wie man vielfach angenommen hat--auch ich habe mich darin
+geirrt--, Shakespeares gleichnamige Historie, die auch zu dem
+revolutionären Zweck schlecht gepaßt hätte, sondern nach gerichtlicher
+Aussage und Feststellung ein altes Stück (_old play_), das seine
+Zugkraft verloren hatte, weshalb den Schauspielern ein höherer Preis
+für die Aufführung gezahlt wurde. [Fußnote: _A declaration of the
+practices and treasons attempted and committed by Robert late Earl of
+Essex and his complices etc. 1601. Works IX. p. 289-290_.]
+
+Shakespeares "Richard II." war 1597 erschienen. Es ist schon deshalb
+unmöglich, daß Bacon aus Beweggründen der Furcht, wozu die Anlässe
+erst in den Jahren 1599 bis 1601 eintreten konnten, schon drei Jahre
+vorher sich hinter Shakespeare versteckt haben soll.
+
+Dies ist der Mythus von Bacon als dem Verfasser "Richards II.", noch
+dazu in staatsgefährlicher Absicht, die nie einem Menschen ferner lag,
+vielmehr so sehr zuwiderlief als ihm. Hier ist ein ganzes Nest von
+Bacon-Mythen, verworrener Chronologie und falschen Interpretationen!
+
+Essex und seine Freunde, darunter der auch durch Shakespeare berühmte
+Graf Southampton, die Bacon gerichtlich hatte verfolgen müssen, waren
+am Hofe zu Edinburg bei Jakob VI., dem Sohne der Maria Stuart, dem
+Thronfolger der Elisabeth, wohl angesehen. Gleich nach dem Tode der
+Königin verfaßte Bacon jene Denkschrift, in der seiner dem Grafen
+Essex erwiesenen guten Gesinnungen und Dienste ausführlich gedacht
+war, namentlich auch jenes Sonetts, das er zu Essex' Gunsten in der
+Stille von Twickenham Park gedichtet hatte. Jetzt war Zeit, daran zu
+erinnern. Er hatte im Interesse und Dienste des Grafen Essex auch
+Festspiele componirt, ohne sich als deren Verfasser zu rühmen. Dies
+alles mochte dem Dichter John Davies bekannt sein, der ihm befreundet,
+bei König Jakob beliebt und zu demselben gereist war. An diesen seinen
+Freund schrieb Bacon am 28. März 1603 (gleich nach dem Tode der
+Königin) und empfahl sich ihm mit dem Wunsche, er möge heimlichen
+Dichtern gut sein (_desiring you to be good to concealed poets_).
+[Fußnote: _Works X, p. 65._ Vgl. den Brief an den Lord
+Southampton, _p. 75_.]
+
+Dieses Schlußwort des Briefchens erscheint unsern Baconianern
+außerordentlich bedeutsam. Hier nennt sich Bacon selbst einen
+heimlichen Dichter, er lüftet auf einen Augenblick den Schleier seines
+großen Geheimnisses, und man erkennt sogleich--die Züge Shakespeares!
+
+
+4. Bacon "unter anderem Namen".
+
+Die Würden und Titel, welche Bacon auf der Höhe seiner Laufbahn
+empfing, haben seinen Namen in gewisser Weise verändert. Als er im
+Jahre 1618 "Bacon von Verulam" geworden war, schrieb er sich "Francis
+Verulam". Nachdem ihn der König in den ersten Tagen des Jahres 1621,
+kurz vor seinem schmählichen Sturz, vor feierlich versammeltem Hofe
+zum "Viscount von St. Alban" erhoben hatte, hieß er und schrieb sich
+"Francis St. Alban". Der Name Bacon verschwindet hinter dem Titel und
+der Würde des Pairs: derselbe verhält sich zu Verulam oder St. Alban,
+wie Cecil zu Salisbury, Pitt zu Chatham, Disraeli zu Beaconsfield.
+Niemand sagt "Pitt von Chatham", niemand sollte sagen "Bacon von
+Verulam", aber alle Welt braucht diese incorrecte Bezeichnung, selbst
+die Geschichte der Philosophie. Unter dem Namen "Bacon" oder "Bacon
+von Verulam" ist er weltberühmt, unter dem Namen "St. Alban" kennt ihn
+so gut wie niemand.
+
+Nun schreibt Toby Matthew, einer seiner vieljährigen und vertrautesten
+Freunde, der zur römischen Kirche bekehrte Sohn eines englischen
+Bischofs, im Jahre 1623 an ihn als "Viscount von St. Alban" und sagt
+(wahrscheinlich im Hinblick auf das eben damals in lateinischer
+Sprache in neun Büchern erschienene Hauptwerk) in der Nachschrift
+seines Briefes: "Der wunderbarste Geist, den ich in meiner Nation und
+diesseits der See kennen gelernt habe, ist von Eurer Lordschaft Namen,
+aber bekannt ist er unter einem andern".
+
+Hier sehen unsre Baconianer den Schleier des großen Geheimnisses nicht
+bloß gelüftet, sondern gefallen, und es erscheint--Shakespeare in
+Lebensgröße! "Ein höchst mysteriöses Postscript (_most
+mysterious_)", sagt Mrs. Henry Pott. Wen anderen könnte "der andere
+Namen" bedeuten als Shakespeare?
+
+Das Räthsel löst sich, wie mir scheint, weit einfacher. Der Mann,
+dessen Werke die Welt kennt und bewundert, heißt nicht Viscount von
+St. Alban, sondern Bacon.
+
+
+IV. BACON ALS DRAMATISCHER GESCHICHTSSCHREIBER.
+
+Zwischen den beiden Tetralogien von "Richard II." bis "Richard III."
+auf der einen Seite und "Heinrich VIII." auf der anderen liegt in der
+Reihenfolge der Könige die Regierung Heinrichs VII., in der
+Reihenfolge der Dramen eine Lücke. Nun meinen die Baconianer, daß zur
+Ausfüllung der letzteren Bacons "Geschichte der Regierung Heinrichs
+VII." geschrieben und dramatisch stilisirt war.
+
+Diese Ansicht ist von vornherein verfehlt und mit den urkundlichen
+Thatsachen in Widerstreit. Als Bacon unmittelbar nach seinem Sturz,
+von London verbannt, fern von den historischen Quellen und
+Hülfsmitteln, binnen wenigen Monaten das genannte Werk verfaßte, hatte
+er nicht die Absicht, eine Lücke zu ergänzen, sondern die Geschichte
+Englands von der Vereinigung der Rosen bis zur Vereinigung der Reiche,
+d. h. von Heinrich VII. bis Jakob I., zu schreiben. Er hat dieses
+Werk, wie viele andere, nicht ausgeführt, aber noch den Anfang der
+Geschichte Heinrichs VIII. hinterlassen: Beweises genug, daß sein Werk
+nicht eine Lücke zwischen Richard III. und Heinrich VIII. auszufüllen
+bestimmt war.
+
+Der Erste, der auf den dramatischen Stil dieses Werkes hingewiesen und
+daraus Schlüsse gezogen hat, welche die Bacon-Theorie stützen sollten,
+war wohl Villeman mit seinem Schriftchen «_Un problème
+littéraire_» (1878) [Fußnote: Wyman scheint die Schrift nicht
+gekannt zu haben, da er den Verfasser "Villemain" und den Titel «_Un
+procès_» nennt. Nr. 109.], einer der wenigen Franzosen, die etwas
+zur Bacon-Theorie beigesteuert haben: ein Mangel oder eine Enthaltung,
+die der französischen Litteratur keineswegs zum Vorwurf gereicht.
+
+Wenn Bacon in seinem "Heinrich VII." erzählt, daß die Ursachen der
+Bürgerkriege wie schweres, dichtes Gewölk über England hingen, so
+vernimmt Villeman die Sprache Richards III.: "Die Wolken all', die
+unser Haus bedroht" u.s.f. Wenn es in "Heinrich VII." heißt, daß eine
+Person sich entfernt oder die Scene gewechselt habe, daß die
+Schicksale der Wittwe Eduards IV. Gegenstand einer Tragödie hätten
+sein können, daß Perkin Warbeck (der falsche Richard) die Kunst eines
+vollendeten Schauspielers besessen, daß in einem Moment politischer
+Spannung sich der Adel Englands versammelt habe, wie die Personen
+eines Dramas bei der Lösung des Knotens u.s.f., so ruft Villeman
+seinen Lesern zu: "Hört! Er redet von Scene, Tragödie, Rolle,
+Schauspieler, dramatischem Knoten" u.s.f. Der Verfasser der Geschichte
+Heinrichs VII. sei ein dramatischer Schriftsteller; dieselbe Feder
+habe auch "Richard III.", die Historien, mit einem Worte Shakespeare
+geschrieben.
+
+Wenn die jüngste Bacon-Theorie sich rühmt, die Entdeckungen des
+dramatischen Stils in Bacons "Heinrich VII." zuerst gemacht zu haben,
+so ist sie im Irrthum. Ob der theatralischen Bilder und Gleichnisse
+ein Dutzend oben einige Dutzende hergezählt werden, thut nichts zur
+Sache. Da ihre Beweiskraft gleich Null ist, so kann sie durch die Zahl
+der Beispiele nicht vermehrt werden. Bacon hatte das Drama die
+Geschichte in sichtbarer Gegenwart (_historia spectabilis_)
+genannt, wir nennen die Schaubühne "die Bretter, welche die Welt
+bedeuten", daher ist nichts natürlicher, als daß ein
+Geschichtschreiber seine Sprache öfter durch Bilder belebt, die an die
+Bühne erinnern. Daraus folgt nicht, daß der Historiker ein
+dramatischer Schriftsteller ist. Auch die vielen Blankverse, die in
+Bacons "Heinrich VII." sich mögen auffinden lassen, beweisen nicht,
+daß er Shakespeare war.
+
+Zur Niederschlagung solcher Argumente hat es gedient, daß man sogleich
+eine Reihe theatralischer Gleichnisse aus Mommsen und eine Reihe
+Blankverse aus Macaulay angeführt hat: ein ebenso treffender wie
+amüsanter Gegenbeweis. [Fußnote: W. Brandes in Westermanns Ill.
+Monatshefte. Okt 1894. S. 130-131.]
+
+Was aber die parallelen Ausdrucksweisen (insbesondere in Bacons
+"Heinrich VII." und Shakespeares "Richard III."), diese sogenannten
+Parallelismen und deren Beweiskraft betrifft, die bei allen Vertretern
+der Bacon-Theorie eine so überaus wichtige Rolle spielt, so werde ich
+diese Schlußart gleich in dem folgenden Abschnitt etwas näher
+beleuchten.
+
+
+V. DIE ZWEITE ART DER BACON-MYTHEN.
+
+1. Bacon als der Kaufmann von Venedig.
+
+Zu den verhängnisvollen Charakterschwächen Bacons gehörte der Hang,
+über seine Verhältnisse zu leben, mehr Geld auszugeben, als er hatte,
+und sich immer von neuem in Schulden zu stürzen. Oft und gern half ihm
+sein Bruder Anthony. [Fußnote: _Works_ VIII. S. 322. (Zahlungen
+aus den Jahren Sept. 1593 bis Jan. 1595.)] Aber der Goldschmied
+Sympson in der Lombardstreet, dem er einen Wechsel von 300 Pfund
+schuldete, war ein ungeduldiger Gläubiger und ließ Bacon eines Tages,
+als dieser in wichtigen Geschäften aus dem Tower kam, auf offener
+Straße verhaften; auch wäre er sicherlich eingesperrt worden, wenn
+nicht schleunige Hülfe zur Hand gewesen wäre. Sie kam diesmal nicht
+von Bruder Anthony, sondern, wie es scheint, von amtlicher Seite.
+[Fußnote: _Works_ IX, p. 106-108. (Die Sache begiebt sich am 24.
+Sept. 1598.)]
+
+Hier entdeckt sich nun unsern Baconianern plötzlich die schönste
+Uebereinstimmung zwischen diesem widerwärtigen Erlebniß Bacons im
+September des Jahres 1598 und dem "Kaufmann von Venedig", der bald
+nachher erschien. Der großmüthige und freigebige Kaufmann heißt
+Antonio, Bacons großmüthiger und freigebiger Bruder heißt Anthony:
+also ist Anthony gleich Antonio, Bacon mithin gleich Bassanio; der
+Goldschmied Sympson aber ist der Jude Shylock, beide haben denselben
+Anfangsconsonanten und dieselben Vocale. Wie merkwürdig! Wie
+überzeugend! Die Verhaftung Bacons als insolventen Schuldners ist das
+Original, der "Kaufmann von Venedig" ist das dramatische Abbild, das
+von ihm selbst verfaßte. Eine nette Art von Bacon-Mythen, nach welchen
+Bacon seine eigenen Lebensschicksale dramatisirt und durch Shakespeare
+auf die Bühne gebracht hat. [Fußnote: Bormann, S. 301 ff.]
+
+
+2. Der Schluß der drei Taugenichtse.
+
+Hier ist nun die für die ganze Bacon-Theorie so charakteristische
+Schlußart, daß sie eine nähere Beleuchtung verdient.
+
+Anthony und Antonio haben denselben Namen, also ist Anthony gleich
+Antonio; Sympson und Shylock sind beide Wucherer, also ist Sympson
+gleich Shylock; Bacon wird verhaftet, der Kaufmann von Venedig wird
+auch verhaftet, also ist Bacon der Kaufmann von Venedig. Da aber
+Anthony schon Antonio ist und außerdem mit dem ganzen Handel nichts zu
+thun hat, so ist Bacon nicht Antonio, sondern muß Bassanio sein, der
+aber nicht verhaftet wird, und so dreht sich die Sache im sinnlosen
+Kreise. [Fußnote: Ebendaselbst S. 302.]
+
+Diese Art zu schließen ist bekanntlich eine der allerverpöntesten. Die
+Logiker nach Aristoteles nennen sie den positiven Schluß in der
+zweiten Figur. Um aber nicht schulmäßig zu reden, erlaube ich mir,
+dieselbe Sache etwas anschaulicher und concreter zu bezeichnen. Ich
+erinnere mich, daß eines unsrer lustigen Blätter einmal zum Spaß drei
+Taugenichtse beweisen lassen wollte, daß sie gute Leute seien; ihr
+Beweis lautete: "Aller guten Dinge sind drei, wir sind unser drei,
+also sind wir gute Dinge".
+
+Ich will diesen Schluß, um die Schulsprache zu vermeiden, den der drei
+Taugenichtse nennen, indem ich den Ausdruck lediglich im logischen und
+bildlichen, keineswegs aber im moralischen Sinne gebrauche. Doch muß
+ich hinzufügen, daß nicht blos in dem angefügten Falle, sondern
+durchgängig die gesammte Bacon-Theorie sich die Façon dieses verpönten
+Schlusses angeeignet hat: es ist gleichsam der Tact, nach welchem sie
+marschirt.
+
+
+3. Bacon als Othello.
+
+In seinem Testament vom Jahre 1621 hatte Bacon seine Frau reichlich
+bedacht, auch in dem späteren Testamente vom December 1625 diese
+günstigen Bestimmungen wiederholt, aber nachträglich widerrufen aus
+gerechten und schwerwiegenden Gründen (_for just and great
+causes_). Der Grund war die inzwischen entdeckte Untreue der Frau.
+Hier haben einige Baconianer das Motiv zum Othello gewittert. Freilich
+erschien dieser 1622, während die Enterbung vom December 1625 datirt;
+freilich war der Othello schon gedichtet und aufgeführt, ehe Bacon
+geheirathet hat, aber das thut den Rechnungen der Mrs. Henry Pott
+keinen Eintrag.
+
+
+4. Bacon als Katharina von Aragonien, Wolsey und andere gefallene
+ Größen.
+
+Bacon habe seinen Sturz, der ihm bekanntlich zur Schuld und Schande
+gereicht hat, "still und stolz" ertragen und diese Gesinnungsart in
+Personen wie Katharina von Aragonien, Buckingham, Wolsey u. a.
+dramatisch dargestellt.
+
+In Wahrheit hat Bacon seine Richter um Barmherzigkeit angefleht und
+sich ein gebrochenes Rohr genannt: das war nicht "stolz". In Wahrheit
+ist er nicht müde geworden, um seine volle Wiederherstellung zu
+bitten: das war nicht "still". "Still und stolz!" Das klingt ja fast
+wie "edle Einfalt" und "stille Größe", wie Winckelmann die
+griechischen Kunstwerke charakterisirt hat. [Fußnote: Ebendaselbst S.
+298-300.]
+
+
+VI. DIE DRITTE ART DER BACON-MYTHEN.
+
+1. Bacon als Verfasser des Promus.
+
+In einer Sammlung von Manuscripten, die im Brittischen Museum
+aufbewahrt werden, finden sich etwa 50 Folioseiten unter dem Titel
+"Vorrath musterhafter und anmuthiger Redewendungen (_Promus of
+formularies and elegancies_)", in Gruppen gesondert, als da sind
+Begrüßungsformen, Gleichnisse, Metaphern, Sprichwörter &c. Ein Theil
+dieses Promus ist nach Speddings Ansicht, der dem Ganzen keinen
+irgendwie bedeutsamen Werth zuschreibt, von Bacons Hand, weshalb er
+einige wenige Auszüge daraus in seine Gesammtausgabe der Werke
+aufgenommen hat. Dies geschah schon 1861. [Fußnote: _Works_ VII,
+p. 187-213.]
+
+Einige Jahrzehnte später hat eine englische Dame, Mrs. Henry Pott, den
+Promus vollständig herausgegeben (1883) und nach einer angeblichen
+Durchmusterung von mehreren tausend Büchern an 1655 Redewendungen
+nachweisen wollen, daß sie in der vorbaconischen Litteratur nicht, in
+der gleichzeitigen aber nur bei Shakespeare sich finden, welche
+sprachgeschichtliche Behauptung von sachkundiger Seite bestritten und
+widerlegt worden ist. Sie hat im "Promus" die Keime zu entdecken
+gemeint, woraus sowohl die Sonette, als auch die Dramen Shakespeares
+erwachsen seien, weshalb diese Dichtungen insgesammt nicht von
+Shakespeare, sondern nur von Bacon herrühren können. Diesen Beweis der
+Bacon-Theorie nennt sie den ersten aus einleuchtenden inneren Gründen
+(_internal evidence_). [Fußnote: _The promus of formularies and
+elegancies [being private notes, circ. 1594, hitherto unpublished] by
+_Francis Bacon_, illustrated and elucidated by passages from
+_Shakespeare_ by Mrs. Henry Pott with preface by E. A. Abbot,
+London 1883._ Mit Appendix und Index zählt das Buch 658 Seiten,
+während Speddings Auszüge nur 13 Seiten betragen und von den auf Romeo
+und Julia bezogenen nichts enthalten.]
+
+
+2. Der Promus als Quelle von Romeo und Julia.
+
+Ich will nur diejenigen Blätter beachten, welche die Keime, gleichsam
+den Rohstoff und die Vorbereitung zu "Romeo und Julia" enthalten
+sollen und deshalb von Mrs. Henry Pott selbst für vorzüglich geeignet
+erklärt werden, ihre Ansicht zu beweisen. Mit gespannter Erwartung
+nehme ich die Blätter zur Hand, mit einer Enttäuschung ohne gleichen
+lege ich sie beiseite.
+
+Da steht: "guten Morgen", "guten Abend", "gute Nacht", "Amen", "der
+Hahn," "die Lerche", ein lateinischer Vers, welcher die Knaben
+ermahnt, früh aufzustehen, aber nicht umsonst, «_mane_» nicht
+«_vane_»; ein lateinischer Vers, welcher den Schlaf ein falsches
+Bild des eisigen Todes nennt u.s.f.
+
+Diese Brocken sollen unter den Händen Bacons sich in die Quellen
+verwandelt haben, denen die größte aller Liebestragödien entströmt
+ist!
+
+Erst muß im Promus "guten Morgen" und «_bon jour_» gestanden
+haben, bevor Mercutio sagen konnte: «_Signor Romeo, bon jour!_»
+(II. 4). Erst wurde im Promus notirt: "Gute Nacht!", um den Mercutio
+sagen zu lassen: "Gute Nacht, Freund Romeo!" Nun erst konnte Julia
+sagen: "Und tausendmal gute Nacht!" (II. 2). Im Promus steht "Amen",
+um den Romeo auszurüsten und den Segenswunsch des Bruders Lorenzo
+bekräftigen zu lassen: "Amen! So sei's!" (II. 6).
+
+Im Promus lesen wir nichts als das Wort "Lerche". Das soll der Keim
+sein, woraus das wundervollste aller Liebesgespräche hervorging: die
+Worte Julias: "Es war die Nachtigall und nicht die Lerche!" die Worte
+Romeos: "Die Lerche war's, die Tagverkünderin!"
+
+Im Promus lesen wir den lateinischen Vers, welcher den Schlaf ein
+falsches Bild des eisigen Todes nennt. Dieser Vers sei der Text zu der
+Rede Lorenzos, worin er Julien die erstarrenden Wirkungen seines
+Schlaftrunkes schildert (IV. 1), der Text zu den Worten des alten
+Capulet, als er die Tochter in der Erstarrung vor sich sieht: "Der Tod
+liegt auf ihr, wie ein Maienfrost auf des Gefildes schönster Blume
+liegt!"
+
+Nichts wäre erwünschter gewesen, als wenn auf diesen so ergiebigen
+Blättern einmal der Name "Romeo" gestanden hätte. Wirklich hat Mrs.
+Henry Pott ihn zu finden geglaubt: sie las «_rome_» und hielt es
+für die Abkürzung von Romeo. In Wahrheit aber stand nicht
+«_rome_» da, sondern «_vane_», wie von sachkundiger Seite
+nachgewiesen worden. [Fußnote: Eduard Engel, in Nr. 480 der
+"Nationalzeitung" vom 25. August 1894.--Ueber den Promus s. Bormann,
+S. 271-76.]
+
+Wenn die Erinnerung der Amme an das Erdbeben vor elf Jahren auf die
+Entstehung der Dichtung zu beziehen ist, wie Delius gemeint hat, so
+würde die letztere in das Jahr 1592 fallen und also einige Jahre
+früher entstanden sein als der Promus, der am 5. December 1594
+beginnt.
+
+
+3. Die Vergleichung der Werke.
+
+Wie dem auch sei, Mrs. Henry Pott hat eine neue Art Bacon-Mythen auf
+das Tapet gebracht: sie läßt Bacon Vorrathskammern anlegen und mit
+Worten und Wörtern füllen, um die Personen seiner Dramen damit zu
+speisen. In ihrer nächsten Schrift: "Hat Francis Bacon Shakespeare
+geschrieben?" [Fußnote: _Did Francis Bacon write Shakespeare? The
+lives of Bacon and Shakespeare compared with the dates and subject
+matter of the plays. By the editor of Bacons promus etc. «Look an this
+picture and on this.» W. H. Guest a. Co. 1885._--Ueber den Sturm
+und Othello vgl. S. 48, S. 61-62.] (1885) hat sie bereits angefangen,
+die Werke Bacons mit den Werken Shakespeares zu vergleichen, z. B. die
+naturgeschichtliche Abhandlung über die Winde mit dem Lustspiel "Der
+Sturm", um deren innere Uebereinstimmung und Einheit zu erweisen; sie
+hat damit den Weg betreten und angebahnt, welchen die jüngste Bacon-
+Theorie auszubauen sich zur Aufgabe gesetzt hat.
+
+Im übrigen befolgt ihre Beweisart genau jenen Tact, nach welchem der
+Marsch der Bacon-Theorie sich richtet. Da der Promus und "Romeo und
+Julia" eine Anzahl gleicher Worte und Wörter enthalten, so steht Romeo
+und Julia im Promus.
+
+
+VII. BACONS GROSSE GEHEIMSCHRIFT: MYTHUS ODER HUMBUG?
+
+Die ganze Bacon-Theorie würde mit einem Schlage feststehen, wenn sich
+irgendwo eine verborgene oder versteckte Urkunde aufspüren ließe,
+worin Bacon selbst berichtet hat: daß er der Dichter war, William
+Shakespeare aber sein Werkzeug und ein Mensch von der Art, wie unsere
+Baconianer ihn vorstellen. Und da Bacon, wie aus seiner Lehre
+ersichtlich, sich mit der Kunst des Chiffrirens und Dechiffrirens
+beschäftigt hat, so wird er diese Urkunde wohl chiffrirt und der
+Nachwelt überlassen haben, den Schlüssel zu finden. Das große
+Bacongeheimniß in Chiffern! Eine solche Urkunde dürfte man füglich
+"die große Geheimschrift" nennen: _great kryptogramm_.
+
+Aber wo sie finden? Am Ende hat sie Bacon in seinen eigenen Werken
+versteckt und zwar in denjenigen, welche den Inhalt seines großen
+Geheimnisses ausmachen, in seinen Shakespeare-Dramen, in deren erster
+Gesammtausgabe, hauptsächlich in den beiden Theilen Heinrichs IV.
+Nirgends steht hier der Name "Stratford", öfter dagegen der Name "St.
+Alban", noch öfter der Name "Francis". "Franz! Franz!" "Gleich, Herr,
+gleich!"--Wie Falstaff die Kaufleute plündert, schreit er: "Nieder mit
+euch, ihr Speckfresser (_bacon-knaves_)!"Da haben wir schon
+"Francis" und "Bacon", also "Francis Bacon"! Wie leicht sind die Worte
+schütteln (_shake_) und Speer (_speare_) anzutreffen: da
+haben wir Shakespeare. In einer Scene der "Lustigen Weiber" spielt der
+Knabe William seine Rolle. Also F r a n c i s B a c o n und W i l l i
+a m S h a k e s p e a r e wären da, die beiden Hauptagenten jener
+tief verborgenen Geschichte, die das Bacon-Geheimniß ausmacht!
+
+Nun wird es nicht schwer halten, in der Folio-Ausgabe Worte und
+Wortklänge genug ausfindig zu machen, daraus die ganze Legende von
+Bacon als dem Verfasser "Richards II.", von "Richard II." als einem
+staatsgefährlichen Stück, von Hayward und dem Zorne der Königin, von
+Shakespeare als dem Stratforder Taugenichts und dem Londoner
+Schauspieler und Regisseur zu construiren und so zusammenzusetzen, wie
+es die _fable convenue_ der Baconianer verlangt. Diese Geschichte
+soll dann Bacon selbst als Denkschrift verfaßt und die letztere mit
+seinen dramatischen Dichtungen dergestalt umwoben und durchsetzt
+haben, daß sie im Dickicht derselben tief verborgen ruht.
+
+Die einzelnen Worte und Wortklänge, woraus sie besteht, haben in den
+Dramen eine andere Bedeutung als in der Denkschrift. In dieser sind
+sie Chiffern, nach rückwärts und vorwärts durch Abstände getrennt, die
+arithmetisch berechnet und durch Rechnung erkennbar sind oder sein
+sollen. Die Rechnung enthält den Schlüssel zur Dechiffrirung.
+
+So ist die große Geheimschrift entstanden, welche der Amerikaner
+Ignatius Donnelly entdeckt haben will (1888), nachdem sie 265 Jahre
+lang dem Auge der Welt verborgen geblieben. [Fußnote: Das Werk in zwei
+Bänden hat viel Glück gemacht; es ist alsbald in 20000 Exemplaren
+verkauft worden und hat 800000 Mark eingebracht. So heißt es.] Er hat
+sie aufgefunden, nachdem er sie zuvor e r f u n d e n und nach der
+Richtschnur der Legende, wie sie die Bacon-Theorie vorschreibt, aus
+den Worten der Dramen zu componiren sich abgemüht hat; er hat eine
+Anzahl incohärenter Bruchstücke mitgetheilt, den Schlüssel aber für
+sich behalten. Seit sieben Jahren wartet man vergeblich auf die
+Vollendung und die Lösung. Donnelly kann nicht geben, was er selbst
+nicht hat. Wo keine Chiffern sind, da ist auch kein Schlüssel!
+
+Die ganze Scheinenträthselung richtet sich selbst durch die Absurdität
+ihrer Resultate. Diese Geheimschrift nämlich schildert William
+Shakespeare als einen Menschen, der mit zwanzig Jahren bei seinen
+Wilddiebereien einen Schuß in den Kopf bekommt und ein häßliches Loch
+in der Stirn davonträgt; der dreizehn Jahre später, von Krankheiten
+entstellt und entkräftet, unsicheren Ganges einherschwankt, zugleich
+aber stark, groß, wohlbeleibt ist und den Falstaff unübertrefflich
+spielt. Ein solcher Mensch existirt nicht.
+
+Um die Industrie Donnellys richtiger zu bezeichnen, als das Wort
+"Mythus" besagt, lassen wir uns einen Ausdruck dienen, den das
+"Journal des Débats" schon zehn Jahre früher auf die Bacon-Theorie
+überhaupt angewendet hat. "Man erlaube mir", schrieb damals Herr
+Varagnac, "die Bacon-Theorie für nichts anderes zu halten, als was die
+Leute da drüben mit einem charakteristischen Worte benennen, welches
+in dem Vaterlande Barnums ebenso üblich ist, wie die Sache, die es
+bezeichnet: das Wort heißt «Humbug»." [Fußnote: Nach der großen
+Geheimschrift berichtet ein Buchhändler aus Stratford über die
+dortigen Abenteuer und Jugendsünden William Shakespeares aus dem Jahre
+1584; der Bischof von Worcester, in dessen Sprengel Stratford liegt,
+berichtet dem Staatssecretär Cecil über den Schauspieler W.
+Shakespeare aus dem Jahre 1597; Cecil aber berichtet der Königin über
+Bacon und Essex, über die staatsgefährlichen und gottlosen Dramen
+seines Vetters Bacon, den er St. Alban nennt, obwohl Bacon diesen
+Titel erst viele Jahre später empfing.
+
+Wenn Bacon über die Wilddiebereien Shakespeares und dessen Händel mit
+dem Ritter Thomas Lucy hätte unterrichtet sein wollen, so stand ihm
+der nächste Weg offen, weil er mit der Familie des Ritters sehr gut,
+sogar verwandtschaftlich bekannt war, wie aus seinem Briefe an den
+jüngeren Thomas Lucy auf Charlecote erhellt, den Spedding mitgetheilt
+hat (_Works_ IX, p. 369).
+
+Donnelly meint, daß Shakespeare den "Hamlet" schon deshalb nicht habe
+schreiben können, weil ihm die Quelle in der dänischen Geschichte des
+_Saxo Grammaticus_ verschlossen war, denn er habe kein Dänisch
+verstanden! Als ob Saxo seine «_Historia Danica_» d ä n i s c h
+geschrieben! Als ob Bacon Dänisch verstanden, da er doch an König
+Christian IV. von Dänemark l a t e i n i s c h geschrieben!
+(_Works_ XIV, p. 82.) Als ob es von der Hamletsage des Saxo nicht
+die französische Bearbeitung des Belleforest gegeben!]
+
+
+VIII. DER GIPFEL DER BACON-MYTHEN.
+
+1. Bacon als philosophischer Dichter.
+
+Die Bacon-Theorie hat noch einen Schritt zu thun, und der Gipfel ihrer
+Mythenbildung ist erstiegen: sie bedarf weder des Promus noch der
+großen Geheimschrift, wenn sich nachweisen läßt, daß die Werke
+Shakespeares, die 36 Dramen der Folio, alle die Historien, Komödien
+und Tragödien philosophische Werke sind, insbesondere
+naturphilosophische, die als solche nicht William Shakespeare, sondern
+nur Francis Bacon, der erste Philosoph des Zeitalters, der Begründer
+der Naturphilosophie und des Empirismus, verfaßt haben konnte. Dies zu
+beweisen, hat nun die allerjüngste Bacon-Theorie unternommen.
+
+Darnach habe Bacon das Hauptwerk seines Lebens, die große Erneuerung
+der Wissenschaften (_Magna instauratio_), welches in sechs Theile
+zerfällt, nicht nur theilweise, sondern ganz und vollständig
+ausgeführt: die erste Hälfte in drei prosaischen Werken (der
+Encyklopädie, dem Organon und der Naturgeschichte), die zweite in den
+36 Dramen der Folio.
+
+Philosophische Dramen sind allegorischer Art und gehören als
+allegorische Dramen zu jenen Maskenspielen, über welche Bacon einen
+seiner Essays verfaßt hat, der mit der Erklärung beginnt und endet,
+daß solche Spiele bloßer Tand (_toys_) seien. [Fußnote: _Works
+VII. Ess. XXVIII. Masques and triumphs, pag. 467-68_.]
+
+Und er sollte die Absicht gehabt haben, die Hälfte seines größten
+Werkes in dieser Form auszuführen? Wir vergessen das große Schweigen,
+das absichtliche Dupiren! Dieser Essay soll dazu dienen, ihn selbst
+als dramatischen Dichter zu verschleiern: er ist ja ein heimlicher
+Dichter, ein geheimnißvoller, er ist Shakespeare! Eben darin besteht
+ja das Bacon-Geheimniß! [Fußnote: Bormann, S. 293.]
+
+
+2. Bacon als Erfinder des parabolischen Dramas.
+
+Nach der allerjüngsten Bacon-Theorie soll Bacon gelehrt haben: daß das
+parabolische oder allegorische, insbesondere naturphilosophische Drama
+die höchste Gattung der Poesie sei. Diese Behauptung aber, in welcher
+die jüngste Bacon-Theorie hängt, wie die Thür in der Angel, ist von
+Grund aus falsch, und ich bin verwundert gewesen, daß unter der
+beträchtlichen Anzahl von Schriften darüber, die mir zu Gesicht
+gekommen sind, nur eine war, welche diese fundamentale Täuschung
+gemerkt hat. [Fußnote: Ebendaselbst S. 4-7. W. Brandes: Ueber das
+Shakespeare-Geheimniß. Westermanns Illustr. deutsche Monatshefte. Oct.
+1894. S. 123-125.]
+
+In Wahrheit hat Bacon gelehrt, daß der menschliche Geist in seinem
+Innern die Welt abbilde, und zwar kraft seiner Vermögen (des
+Gedächtnisses, der Einbildungskraft und der Vernunft) auf dreifache
+Art: das Abbild der Thatsachen oder Begebenheiten sei die
+Weltbeschreibung oder G e s c h i c h t e, das der Ursachen oder
+Gesetze sei die W i s s e n s c h a f t aber vernunftgemäße Erfahrung
+(was man heute in Frankreich und England "positive Philosophie"
+nennt), das Abbild der Geschichte vermöge unserer Einbildungskraft,
+dieses imaginäre oder phantasiegemäße Abbild sei die P o e s i e.
+
+Diese selbst ist wiederum dreifacher Art, da sie die Geschichte
+entweder in vergangenen Begebenheiten erzählt oder in gegenwärtigen
+Handlungen vorführt oder endlich als bedeutungsvolle Vorgänge
+darstellt: die erste Art der Poesie ist episch, die zweite dramatisch,
+die dritte parabolisch, wie die Gleichnisse, Fabeln und Mythen, die
+halb zur Veranschaulichung, halb zur Verhüllung moralischer und
+religiöser Wahrheiten dienen.
+
+Es ist, beiläufig gesagt, höchst charakteristisch, daß Bacon die
+Poesie nur als W e l t a b b i l d gelten ließ, daß er die lyrische
+Gattung, die Darstellung des eigenen Innern, die Herzensergießungen,
+die Sprache des Eros davon ausschloß und nicht zur Poesie, sondern zur
+Rhetorik gerechnet hat. Glaubt man wirklich, daß dieser Mann ein
+Dichter sein konnte, daß er der Dichter von "Romeo und Julia", daß er
+Shakespeare war!?
+
+Da wir im Traum Dinge für wirklich halten, die nur imaginär sind, so
+hat Bacon von der Poesie, diesem imaginären Abbilde der Welt, einmal
+gesagt, daß sie gleichsam ein Traum der Wissenschaft sei (_tanquam
+scientiae somnium_); er hat die Poesie ganz im Sinne der
+Renaissance als eine Art weniger der Wissenschaft als der
+Gelehrsamkeit und der gelehrten Bildung (_genus doctrinae_)
+betrachtet, ohne welche poetische Werke weder zu machen noch zu
+verstehen sind.
+
+Das durchgängige Thema aller Arten der Poesie ist nach Bacon die G e s
+c h i c h t e (_historia_). Wenn er von der parabolischen Poesie
+als einer sinnbildlichen Geschichte (_historia cum typo_) sagt,
+daß dieselbe unter den übrigen Arten hervorrage (_inter reliquas
+eminet_), so hat er damit nicht den poetischen Werth, sondern den r
+e l i g i ö s e n Charakter der allegorischen Dichtung hervorheben
+wollen. [Fußnote: _De dignitate et augmentis scientiarum Lib. II,
+cp. XIII. Works I, p. 520_.]
+
+Es ist ihm nicht in den Sinn gekommen, die Arten der Poesie abzustufen
+oder dem Range nach zu ordnen: der epischen Poesie die dramatische,
+beiden aber die parabolische überzuordnen; es hat ihm noch weniger in
+den Sinn kommen können, nunmehr die dramatische und parabolische
+Poesie zu combiniren und das p a r a b o l i s c h e D r a m a für
+die höchste Gattung der Poesie zu erklären. [Fußnote: Bormann, S. 7.]
+
+Eine solche Art der Anordnung und Abstufung kommt mir vor, als ob
+jemand das Militär in Soldaten zu Fuß, zu Pferde und zur See
+eintheilen, dann seiner Liebhaberei gemäß den Soldaten zu Fuß die zu
+Pferde und zur See vorziehen oder überordnen, endlich die beiden
+höheren Arten combiniren und nunmehr d i e R e i t e r z u r S e e
+für die höchste Gattung des Militärs erklären wollte! Genau so läßt
+die jüngste Bacon-Theorie in der Lehre Bacons die parabolischen und
+naturphilosophischen Dramen entstehen.
+
+Der Begriff naturphilosophischer Dramen ist nicht bloß völlig
+unbaconisch, er ist auch in der Theorie und Geschichte der Dichtkunst
+völlig unbekannt. Was Erzählungen und Dramen, was Gleichnisse und
+Fabeln sind, weiß jeder; was naturphilosophische Dramen sind, weiß
+niemand. Die ersten Beispiele derselben hat auch zufolge der jüngsten
+Bacon-Theorie erst Bacon in den 36 Dramen der Folio geliefert.
+
+Wenn eine Untersuchung zu Resultaten führt, die ihre Unmöglichkeit
+offen zur Schau tragen, so hat sie die Probe geliefert und abgelegt,
+daß sie falsch ist und in der Irre. Machen wir die Probe.
+
+
+3. Der Anfang des ersten Hamlet-Monologs als das _non plus ultra_
+ naturwissenschaftlicher Dichtung.
+
+Der "Hamlet" repräsentirt ein naturphilosophisches Drama, worin Bacon
+seine Lehre vom menschlichen Körper und dessen Lebensgeist, von
+Gesundheit und Krankheit, von Leben und Tod und noch vielem Anderen
+dargelegt haben soll. Hier hat die jüngste Bacon-Theorie sogleich zwei
+Zeilen entdeckt, die nach ihrer wörtlichen Aussage "zu den am meisten
+mit Naturwissenschaft durchtränkten gehören, die je ein Dichter
+geschrieben habe". [Fußnote: Ebendaselbst S. 47.]
+
+Diese zwei Zeilen sind die Anfangsworte des ersten Hamlet-Monologs:
+"O, schmelze doch dies allzufeste Fleisch, zerging' und löst' in einen
+Thau sich auf!" In diesen Worten werden wir auf das anschaulichste
+über die drei Aggregatzustände der Körper belehrt: den festen,
+flüssigen und gasförmigen, wobei der Thau (_dew_) zu den Gasen
+gerechnet wird! Hamlet wolle sich auflösen und in das Weltall
+verflüchtigen. Gleich daraus nennt er die Welt "einen wüsten Garten,
+den Unkraut gänzlich erfüllt". Und doch will er Luft werden, um das
+Unkraut zu nähren? Dies die allerneueste Art, die Räthsel des "Hamlet"
+zu lösen, nicht auf physiologischem, sondern nunmehr auf chemischem
+Wege!
+
+Nachdem ich diese Probe kennen gelernt, halte ich das
+naturphilosophische Drama nicht blos für unbaconisch und unerhört,
+sondern auch für unvernünftig und sinnlos.
+
+
+4. Prospero und Pan.
+
+Das herrliche Lustspiel "Der Sturm" enthält nach der jüngsten Bacon-
+Theorie ein Gemenge naturgeschichtlicher Lehren von den Winden, den
+Mißgeburten und Anderem, wozu der naturphilosophische Mythus vom P a n
+kommt, wie Bacon denselben auffaßt und deutet.
+
+Ein solches Gemenge zerstört schon die erste Bedingung eines Dramas,
+nämlich die sinnvolle Einheit der Handlung. Man nimmt uns das
+Lustspiel und servirt uns ein Simmelsammelsurium, eine Hexensuppe, die
+kein dichterischer Kopf ersinnen und kein gesunder Geschmack vertragen
+kann.
+
+[Fußnote: Ebendaselbst S. 7-8. Bacon vermißt und fordert eine
+«_historia praetergenerationum_». _Praetergenerationes_ sind
+nicht "Zwischenformen", sondern Mißgeburten, d. h. Zeugungen, die nach
+Aristoteles nicht [griechisch: katà] sondern [griechisch: parà physin]
+geschehen, was durch das lateinische oder unlateinische Wort
+«_praetergenerationes_» ausgedrückt wird. Zwischenformen sind
+Uebergangsformen, aber nicht Monstra. Caliban und Ariel im Sturm sind
+keine "Zwischenformen", auch keine natürlichen Mißbildungen
+(_praetergenerationes_), denn sie gehören nicht in die Natur,
+sondern in die Märchenwelt: Caliban als Ungeheuer, Ariel als
+Elementargeist.
+
+Ich benutze die Anmerkung, um Einiges anzuführen, das in den Text
+aufzunehmen ich nicht für nöthig gehalten.
+
+Der Vertreter der jüngsten Bacon-Theorie hat von den "36
+philosophischen Dramen" nur vier nach seiner Art erörtert: den
+"Sturm", "Hamlet", "Verlorene Liebesmüh'", worin die Lehre vom Licht
+und den Leuchtstoffen dramatisch vorgetragen sei, und die Tragödie des
+"Lear", als in welcher Bacon die Lehre von den Geschäften nach seinen
+Erläuterungen Salomonischer Sprüche dramatisirt habe. Das Thema der
+Historien oder Königsdramen seien astronomische und meteorologische
+Lehren; in den Gestalten der Könige, Vasallen, gefallenen Größen
+erscheinen die Sonnen, Planeten, Monde, Sternschnuppen u.s.f.
+
+In der Lehre von den Geschäften wird auch der zerstreuten
+Mannichfaltigkeit der Anlässe zu allerhand Geschäften gedacht. Bacon
+bezeichnet diese zerstreute Mannichfaltigkeit als «_sparsae
+occasiones_» und erklärt seinen Ausdruck durch «_universa
+negotiorum varietas_». Der Vertreter der jüngsten Bacon-Theorie
+übersetzt «_sparsae occasiones_» durch "Zerrüttete Geschäfte" und
+erinnert auch daran, wie der nächtliche Sturm die Haare Lears
+auseinanderwehe und zerstreue (_crines sparsi_)! S. Bormann, S.
+111, 155 (Anmerkung).]
+
+In Prospero habe Bacon den Mythus um Pan dramatisirt: Pan repräsentire
+das All, Prospero sei in allen Dingen wohlerfahren; jener ist behaart,
+dieser hat einen langen Bart; der eine trage einen Königsmantel, der
+andere einen Zaubermantel, Pan sei der Führer, also der Herzog
+tanzender Nymphen, Prospero sei der Herzog von Mailand, jener errege
+plötzlichen Schrecken, dieser Sturm u.s.f.
+
+Dazu kommt noch, daß in der Folio der Sturm an e r s t e r Stelle
+steht, und in dem zweiten Buch der Baconischen Encyklopädie, wo
+beispielsweise drei Mythen erörtert werden sollen, der Mythus vom Pan
+auch an e r s t e r Stelle steht. Welcher tiefe innere Zusammenhang!
+
+Man braucht nur den "Schluß der drei Taugenichtse" auf Prospero und
+Pan anzuwenden, so ist ihre Identität einleuchtend, denn beide sind
+behaart, beide haben Mäntel u.s.f. [Fußnote: Vgl. oben die
+Parallelstellen zwischen Bacons Heinrich VII. und Shakespeares Richard
+III., zwischen Bacon und dem Kaufmann von Venedig, zwischen dem Promus
+und Romeo und Julia.]
+
+
+IX. DER GIPFEL DER UNKRITIK.
+
+Mit der zunehmenden Würdigung der Werke Shakespeares ist in der
+begeisterten Anerkennung der Welt die Größe und Herrlichkeit dieses
+Dichters ins Unermeßliche gewachsen und hat eine Höhe erreicht, die
+über das Maß der litterarischen Vergleichungen weit hinausragt. Sobald
+aber einmal die superlativen Schätzungen Mode werden, bleiben auch die
+maßlosen Ueberschätzungen nicht aus. Die Grenze zwischen dem
+Enthusiasmus und der Manie, ich meine zwischen der Begeisterung und
+der Narrheit, wird überschritten, und der Kritik gegenüber erhebt sich
+nun die U n k r i t i k, die auch ihren Gipfel haben will.
+
+Darf ich es offen sagen, daß von diesen Ueberschätzungen ins Blaue,
+von diesen Steigerungen Shakespeares ins Uebermenschliche und Absolute
+auch die deutsche Betrachtungsart nicht immer frei geblieben ist, auch
+nicht in einigen ihrer bedeutenden und nennenswerthen Repräsentanten;
+habe ich doch noch jüngst aus schätzenswerther Feder lesen müssen, daß
+ein einziger Vers in "Romeo und Julia" mehr werth sei, als alle
+Philosophie der Welt, nach welcher Schätzung man der Amme Juliettas
+einen Altar errichten müßte, um die Werke Platos und Kants darauf zu
+opfern!
+
+Aber der eigentliche Typus und Gipfel der Unkritik ist nicht in
+Deutschland, sondern jenseits des Oceans ausgemacht worden: diesem
+Gipfel ist die Bacon-Theorie mit allen ihr zugehörigen Mythen
+entquollen. Man muß nur hören, was in den Büchern der Nathanael
+Holmes, Appelton Morgan u. a. zu lesen steht, um sich diesen
+Chimborasso von Dunst vorzustellen, in den sie die Werke Shakespeares
+verwandelt haben.
+
+Da heißt es: "Wir scheuen uns nicht, mit unserer Verehrung des
+Verfassers der Werke Shakespeares die Grenzen des Götzendienstes zu
+überschreiten.--Er war im vollsten Besitz sowohl aller vor seiner Zeit
+vorhandenen Gelehrsamkeit, als auch alles seitdem angesammelten
+Wissens; die ganze Kunde der Vergangenheit, wie der unbeschränkte
+Zugang zu den Geheimnissen, die noch im Schoße der Zeit verschlossen
+waren, stand ihm zu Gebot; er besaß alles philosophische,
+astronomische, physikalische, chemische, geologische, historische,
+classische und sonstige Wissen. Dieser unermeßlich begabte Geist
+(_myriad-minded genius_), vertraut, wie er war, mit der ganzen
+Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ist aus die Erde gekommen, um
+der Führer und das zweite Evangelium der Menschheit zu werden." So
+sagt wörtlich der Richter Nath. Holmes, der in die Fußstapfen der Ms.
+Delia Bacon trat und der eigentliche Begründer der Bacon-Theorie
+wurde. "Wenn alle Künste und Wissenschaften verloren gingen und nichts
+übrig bliebe als die Werke Shakespeares, so würde man jene aus diesen
+wiederherstellen können." So sagt wörtlich der Advocat A. Morgan.
+[Fußnote: A. Morgan: Der Shakespeare-Mythus und die Autorschaft der
+Shakespeare-Dramen. Autorisirte deutsche Bearbeitung von Karl Müller-
+Mylius. (Brockhaus 1885), S. 17-18, 37 bis 38, 40, S. 59, 64, S. 133,
+136, 166, 168-171, 198, 208.]
+
+Demnach war der Verfasser der Werke Shakespeares nicht blos das
+ausbündigste aller Genies, nicht blos ein nie dagewesener Übermensch,
+sondern ein absolutes Wunder, eine unerklärliche, geheimnißvolle,
+mysteriöse Erscheinung in der Geschichte der Menschheit. Siehe da das
+Shakespeare-Mysterium!
+
+Und eine solche universelle Weisheit in voller Rüstung, wie die
+Minerva aus dem Haupte Jupiters, soll aus dem Gehirn des Warwickshirer
+Bauern, des Stratforder Fleischers geboren sein? Je ungeheuerlicher
+das Shakespeare-Mysterium, um so unbegreiflicher die Autorschaft des
+William Shakespeare. Siehe da der Shakespeare-Mythus! "Ich bin einer
+von den vielen", sagt Dr. Furneß, "welche nie im Stande gewesen sind,
+das Leben William Shakespeares und die Dramen Shakespeares innerhalb
+des Raumes einer Planetenbahn einander nahe zu bringen. Es giebt in
+der Welt nicht zwei mit einander weniger verträgliche Dinge."
+
+Wenn man den Verfasser der Werke Shakespeares zum Gott heraufschraubt
+und den William Shakespeare aus Stratford zu einem Menschen
+herabwürdigt, der in seiner Jugend nicht viel besser war als ein S t r
+o l c h, in seinen späteren Jahren aber ein geriebener Theateragent,
+ein schnöder Geldmensch, ein harter Gläubiger und Wucherer wurde,--nun
+ja, dann sind alle die natürlichen Fäden zerrissen, die den Verfasser
+mit seinen Werken verknüpfen; dann schweben die Werke Shakespeares in
+der Luft, dann sind sie vacant, ihr Verfasser wird gesucht, die
+Erfinder der Bacon-Theorie geben sich für die ehrlichen Finder und
+verlangen ihren Lohn. Sie haben einen allwissenden und allmächtigen
+Bacon erfunden, der nicht blos den Shakespeare, sondern nach Donnellys
+Geheimschrift auch den Marlowe und nach Mrs. Windle auch den Montaigne
+geschrieben hat. Nun ist Auction! Wer bietet mehr? Ein jüngst
+erschienenes englisches Buch bietet, wohl um die Auction zu parodiren,
+das meiste: es läßt Bacon seinem Entzifferer bekennen, daß er nicht
+blos Shakespeare und Marlowe, sondern auch Robert Green, George Peel
+und alle Werke von Edmund Spenser verfaßt habe.
+
+Dieser allwissende Verfasser der Shakespeare-Werke habe unter anderem
+schon die Entdeckungen gekannt, die erst nach seinem Tode gemacht
+wurden. So versichert A. Morgan und nennt als die beiden
+vorzüglichsten Beispiele Harveys Lehre von der Herzthätigkeit und
+Newtons Lehre von der Gravitation: er habe jene durch den Menenius im
+"Coriolan", diese durch die Cressida in "Troilus und Cressida"
+verkündet. Aber die Fabel des Menenius steht schon im Livius, und
+handelt ja nicht von der Thätigkeit des Herzens, sondern von der des
+Magens. Und wenn die treulose Cressida ihre Anziehungskraft auf alle
+Männer mit dem festen Mittelpunkt der Erde vergleicht, so muß man eine
+sonderbare Vorstellung von Newtons Astronomie und Gravitationslehre
+haben, um sie in "dem f e s t e n Mittelpunkt der Erde"
+wiederzuerkennen.
+
+Und jener allwissende Mann sollte Bacon sein, dem es zum Vorwurfe
+gereicht, daß er den königlichen Leibarzt Harvey nicht zu würdigen
+gewußt, den deutschen Astronomen Kepler, seinen Zeitgenossen, und
+dessen Entdeckungen nicht gekannt, die Entdeckungen aber des
+Kopernikus und des Galilei verworfen und zu jenen Idolen oder
+Irrthümern gerechnet habe, die aus dem Bestreben nach falschen
+Vereinfachungen hervorgehen?
+
+Wie kommt der allwissende Bacon zu allen jenen groben geographischen
+und historischen Irrthümern, die man von jeher dem unwissenden
+Shakespeare zur Last gelegt hat? Was die bekannten, zum Ueberdruß
+aufgezählten Anachronismen betrifft, die Anführung des Aristoteles im
+Trojanischen Krieg, die Trommeln im Coriolan, die Schlaguhr im Cäsar,
+die Kanonen im König Johann, die Löwen und Schlangen in den Ardennen
+u.s.f., so bleiben sie auf der Rechnung Shakespeares stehen, der als
+Regisseur aus Unwissenheit und Effecthascherei solche Dinge in die
+Stücke hineinprakticirt habe; wogegen die Reise zu Schiff von Verona
+nach Mailand in den "Beiden Edelleuten von Verona" und die
+Meeresküsten Böhmens im "Wintermärchen" zu jenen wunderbaren
+Einsichten gehören, die den Verfasser der Werke Shakespeares vor allen
+andern Sterblichen auszeichnen; denn es habe vor Zeiten einen Canal
+zwischen Verona und Mailand und böhmische Besitzungen am Adriatischen
+Meere gegeben, welche wiederzuentdecken nur der Magus vermocht habe,
+der die Shakespeare-Dramen gedichtet.
+
+Daß der Verfasser dieser Werke ein Gott war, ist das erste Phantom;
+daß William Shakespeare ein unwissendes und schlechtes Subject war,
+ist das zweite; daß Bacon ein allwissender Philosoph und ein
+allmächtiger Dichter war, ist das dritte: die Summe dieser drei
+Phantome heißt "Bacon-Theorie": sie besteht, wie ein amerikanisches
+Blatt schon vor Jahren gesagt hat, indem es auf einen schönen
+Ausspruch Prosperos anspielt, aus dem Zeug, woraus unsere Träume
+gemacht sind.
+
+
+X. BACONS URTHEIL ÜBER SHAKESPEARE.
+
+1. Bacon und das Theater seiner Zeit.
+
+Die Dinge mit wachen Augen gesehen, so ist Bacon wieder der Philosoph
+und der Kanzler, Shakespeare wieder der Schauspieler und der Dichter.
+Und nun komme ich auf die Frage zurück: wie mag jener von diesem
+gedacht haben? Eines wissen wir genau: wie Bacon über die Schaubühne
+seiner Zeit gedacht hat. Dies ist die bekannte Größe. Suchen wir
+daraus die unbekannte zu gewinnen: sein Urtheil über Shakespeare.
+
+Die Welt der dramatischen Dichtung sei das Theater, und nach dem Maße
+ihrer eigenen Bildung könne jene auf das Volksleben ebenso wohlthätig
+wie verderblich einwirken, beides um so gewaltiger, als ihre Eindrücke
+durch die Menge der Zuschauer vervielfältigt und dadurch
+außerordentlich verstärkt werden. Groß, wie der Nutzen, sei auch der
+Schaden, den das Theater stifte. Im Alterthum habe man die bildenden
+und veredelnden Einflüsse der Schaubühne gepflegt, in unsern Zeiten
+dagegen völlig vernachlässigt. Dort habe die «_disciplina
+theatri_» geherrscht, hier dagegen, herrsche die «_corruptela
+theatri_»: «_disciplina theatri plane nostris temporibus
+neglecta_».
+
+Dieses Urtheil über die Schaubühne seiner Zeit steht in seinem großen
+Werk über den Werth und die Vermehrung der Wissenschaften, welches in
+demselben Jahre erschien als die erste Gesammtausgabe der Werke
+Shakespeares; es stand noch nicht in der ersten Ausgabe des Werks vom
+Jahre 1605, sondern erst in der vom Jahre 1623 [Fußnote: _Works_
+1, p. 519.], nachdem die englische Schaubühne die Werke Shakespeares
+in ihrer ganzen Größe, in ihrem vollen Umfange erlebt hatte. Daher
+kann es nicht zweifelhaft sein, daß Bacon die Schauspiele Shakespeares
+nicht zu würdigen gewußt und, wie die Schaubühne selbst, _en
+bloc_ gering geschätzt hat.
+[Fußnote: Spedding macht unter dem Text der eben angeführten Stelle
+dieselbe Bemerkung. Man möge ja nicht glauben, daß Shakespeare damals
+besonders angesehen und in der großen Welt gekannt worden sei. In
+einem Briefwechsel zwischen John Chamberlain und Dudley Carleton, der
+sich durch das Vierteljahrhundert erstreckt (1598-1623), in welches
+Shakespeares Höhenlaufbahn fällt, sei die Rede von allen Tages-, Hof-
+und Stadtneuigkeiten, von allem, was sich auf den Rednerbühnen und in
+der Litteratur Neues begeben, von den Maskenspielen am Hofe bis in die
+kleinsten Details, von ihren Verfassern und Schauspielern, von ihrem
+Plan, ihrer Ausführung und Aufnahme, aber auch nicht mit einer
+einzigen Silbe von S h a k e s p e a r e, dem Dichter des "Hamlet",
+"Was Ihr wollt", "Othello", "Maß für Maß", "Kaufmann von Venedig",
+"Macbeth", "Lear", "Sturm", "Wintermärchen" u.s.w.--Im Jahre 1608 habe
+der Lord Southampton an den Lordkanzler Ellesmere geschrieben, um eine
+Bittschrift der beiden Schauspieler Burbadge und Shakespeare zu
+befürworten, er bezeichnet Shakespeare als seinen besonderen Freund
+und den Verfasser einiger der besten Schauspiele, beide Männer seien
+recht berühmt in ihrem Fach, aber es würde Seiner Lordschaft nicht
+ziemen, sich an die Orte zu begeben, wo sie das Ohr der Menge
+ergötzen. Und doch hatte derselbe Lordkanzler sechs Jahre vorher die
+Königin in Harewood empfangen und zu ihrer Unterhaltung den "Othello"
+aufführen lassen.
+
+Das Volk kannte die Schauspiele, aber kümmerte sich wenig um deren
+Verfasser, es verhielt sich zu den Theaterstücken, wie die Kinder zu
+den Geschichten, die sie mit so vielem Vergnügen anhören, sie fragen
+nicht darnach, wer diese Geschichten überliefert oder ersonnen hat.
+Die Schauspiele als Gegenstände der Schaulust gehörten in die Theater,
+wo man sie sah und hörte, nicht aber in die Litteratur und die Bücher,
+die man las. So war es zu Shakespeares Zeit und noch lange nachher in
+England. _Works_ 1, p. 519-520 Anmerkung.]
+
+
+2. Die Schule Bacons. Voltaire.
+
+Wie Bacons Urtheil über Shakespeare ausgefallen sein würde, wenn er
+ihn litterarisch beachtet hätte, ist mir nunmehr, nach genauerer
+Erwägung, einleuchtend genug: er sah in ihm ein Beispiel, wohl auch
+eine der wirksamsten Ursachen der «_corruptela theatri_». Auch
+von den Philosophen, die in seiner Richtung fortgeschritten sind, wie
+Hobbes und Locke, ist Shakespeare ungewürdigt und unbeachtet
+geblieben. Bacon aber ist durch Locke, dessen Lehre in Frankreich zur
+Herrschaft gelangte, der Vater des französischen Sensualismus und der
+Encyklopädisten geworden, die seine Bücher über den Werth und die
+Vermehrung der Wissenschaften als ihre große Erbschaft gepriesen
+haben.
+
+Ein Jahrhundert nach Bacons Tod erschien Zuflucht suchend der
+jugendliche V o l t a i r e in England (1726), um hier einige Jahre zu
+bleiben, Sprache und Sitten, Denker und Dichter des Landes zu studiren
+und seinen Landsleuten bekannt zu machen. Als der größte Naturforscher
+galt ihm Newton mit Recht, als der größte Philosoph John Locke, er
+nannte ihn "den einzigen vernünftigen Metaphysiker, der überhaupt je
+auf Erden erschienen sei"; unter den Dichtern, mit denen er lesend und
+übersetzend sich beschäftigte, war außer Milton, Dryden und Pope auch
+Shakespeare. Er will der erste Franzose gewesen sein, der die
+Originalwerke Shakespeares gelesen, theilweise übersetzt und in
+Frankreich eingeführt hat. Über das englische Theater zur Zeit der
+Elisabeth hat Voltaire genau so gedacht wie Bacon: _corruptela
+theatri, disciplina theatri plane neglecta!_ Er hat, was Bacon
+nicht gethan, dieses Urtheil ausdrücklich auf Shakespeare angewendet:
+unter den weltberühmten Schriftstellern er zuerst.
+
+Die Epoche der Elisabeth war in seinen Augen die Blüthe Englands,
+nicht die des Geschmacks. Die Epoche Richelieus kam und mit ihr der
+große Corneille, die Epoche Ludwigs XIV. und mit ihr Molière und
+Racine; dagegen in dem Zeitalter der Elisabeth erschien Shakespeare:
+er trägt die Schuld, daß die Bühne so verwahrlost, das Theater so
+verwildert war, die Tragödie voller Ungeschmack und Unsitten, voller
+Possen und Obscönitäten, das Ernsthafte mit dem Lächerlichen, das
+Possenhafte mit dem Schauderhaften in unmittelbarer Verbindung: «_la
+bouffonnerie jointe à l'horreur!_»
+
+Der Geist dieses Shakespeare erschien ihm wie "ein dunkles Chaos",
+worin einige Funken von Genie sprühten und leuchteten, aber auch nicht
+die leiseste Spur von Geschmack sich regte. Dies ist der Typus, dem
+Voltaire in seinem Urtheil über Shakespeare treu blieb. Als aber
+fünfzig Jahre, nachdem er den englischen Dichter kennen gelernt und
+seinen Landsleuten kennen gelehrt hatte, Shakespeare in Frankreich
+Mode zu werden anfing, als die Jugend in Paris für ihn zu schwärmen
+begann, als Letourneur eine Uebersetzung veranstaltete, die er dem
+König und der Königin widmen durfte, in deren Vorrede Shakespeare als
+der Genius des Theaters und der Tragödie gepriesen, Corneille dagegen
+mit keiner Silbe genannt war und ebensowenig ein anderer der großen
+französischen Schriftsteller,--da gerieth der greise Voltaire außer
+sich und beschwor in seinem Sendschreiben vom 25. August 1776 die
+französische Akademie, den Skandal zu verhüten und nicht zu dulden,
+daß die Grazien Frankreichs auf dem Altare Englands geopfert würden.
+[Fußnote: _Oeuvres de Voltaire_ (1785). T. LXIV, p. 366 bis 398.]
+Die französische Litteratur verhalte sich zur englischen, wie der Hof
+Ludwigs XIV. zu dem Karls II. "Ich sterbe", schrieb Voltaire kurz vor
+seinem Tode, "und hinterlasse mein Land dem Einbruch eines
+barbarischen Geschmacks." "Und ich bin Schuld daran!" rief er
+trostlos, "denn ich habe diesen «_Gille-Shakespeare_» in
+Frankreich bekannt gemacht." Hatte er früher Shakespeare einen
+trunkenen Wilden genannt, so hieß er jetzt "der rohe Possenreißer"
+(«_l'histrion barbare_»).
+
+
+XI. DIE DEUTSCHE SHAKESPEARE-KRITIK.
+
+1. Lessing und Voltaire.
+
+Voltaires Erbitterung war so niedergeschlagen und ohnmächtig, daß hier
+selbst der Witz und die Satire ihren Meister in Stich ließen. Er ahnte
+nicht, daß über Shakespeare und ihn schon seit einem Jahrzehnt in
+Deutschland ein Gericht ergangen war, welches die Stimme der Nachwelt
+geredet und deren Urtheil in der Hauptsache entschieden hat.
+
+In den Jahren 1762-1766 war Wielands Shakespeare-Uebersetzung
+erschienen. Lessings "Hamburgische Dramaturgie" folgte ihr auf dem
+Fuße (1767-1769). Hier wurde Voltaire mit Shakespeare verglichen,
+gerade in den Stücken, wo er mit ihm hatte wetteifern wollen: das
+Gespenst des Ninus mit dem des Hamlet, die Eifersucht des Orosman mit
+bei des Othello: das qualmende Scheit Holz mit dem flammenden
+Scheiterhaufen; die Liebestragödie der Zaire mit Romeo und Julia:
+Voltaire verstehe sich wohl auf den Kanzleistil der Liebe, aber in der
+Kanzlei wisse man nicht immer die eigentlichen Geheimnisse der
+Regierung. Und als Weiße in seinem "Richard III." sich dagegen
+verwahrte, an Shakespeare ein Plagium begangen zu haben, so bemerkte
+Lessing: "Vorausgesetzt, daß man eines an ihm begehen kann. Aber was
+man von dem Homer gesagt hat, es lasse sich dem Herkules eher seine
+Keule als ihm ein Vers abringen, das läßt sich vollkommen auch von
+Shakespeare sagen. Auf die geringste seiner Schönheiten ist ein
+Stempel gedrückt, welcher gleich der ganzen Welt zuruft: "Ich bin
+Shakespeares!" Und wehe der fremden Schönheit, die das Herz hat, sich
+neben ihr zu stellen! Shakespeare will studirt, nicht geplündert
+sein." "Alle, auch die kleinsten Theile beim Shakespeare sind nach den
+großen Maßen des historischen Schauspiels zugeschnitten, und dieses
+verhält sich zu der Tragödie französischen Geschmacks, ungefähr wie
+ein weitläufiges Frescogemälde gegen ein Miniaturbildchen für einen
+Ring. Was kann man zu diesem aus jenem nehmen, als etwa ein Gesicht,
+eine einzelne Figur, höchstens eine kleine Gruppe, die man sodann als
+ein eigenes Ganzes ausführen muß. Ebenso würden aus einzelnen Gedanken
+Shakespeares ganze Scenen und aus einzelnen Scenen ganze Aufzüge
+werden müssen. Denn wenn man den Aermel aus dem Kleide eines Riesen
+für einen Zwerg recht nutzen will, so muß man ihm nicht wieder einen
+Aermel, sondern einen ganzen Rock daraus machen."
+
+Daß in den Dichtungen Shakespeares Funken und Blitze des Genies zu
+sehen sind, die oft auf das wunderbarste die Naturwahrheit der Dinge
+erleuchten, dies hatte auch Voltaire nicht verkannt; das Ganze aber
+erschien ihm wie "ein dunkles Chaos". Nun, dieses Chaos klärte sich
+auf, und es zeigte sich ein wohlgeordnetes, wundervolles Gemälde, als
+Lessing hineinschaute. "Shakespeare", sagte er, "will studirt, nicht
+geplündert sein. Haben wir Genie, so muß uns Shakespeare das sein, was
+dem Landschaftsmaler die _camera obscura_ ist: er sehe fleißig
+hinein, um zu lernen, wie sich die Natur in allen Fällen auf Eine
+Fläche projectiret, aber er borge nichts daraus." [Fußnote:
+"Hamburgische Dramaturgie." I, S. 10, 15, II, S. 73.]
+
+Wo Voltaire ein «_c h a o s o b s c u r_» gefunden hatte,
+entdeckte Lessing eine «_c a m e r a o b s c u r a_». Der
+Unterschied beider in Ansehung ihrer Schätzung und Beurtheilung
+Shakespeares läßt sich nicht kürzer und treffender bezeichnen als mit
+diesen Ausdrücken, welche sie selbst gebraucht haben.
+
+
+2. Goethe.
+
+Indessen war es nicht genug, anzuerkennen, daß Shakespeare nicht blos
+ein gewaltiges Genie, sondern auch ein großer K ü n s t l e r gewesen
+sei; daß er nicht blos zu blitzen und zu donnern vermocht, sondern
+auch seine Werke künstlerisch gestaltet, geordnet und componirt habe:
+es mußte im einzelnen an einer seiner großen Dichtungen nachschaffend
+gezeigt werden, wie tiefsinnig angelegt, durchdacht, in allen seinen
+Theilen berechnet das Ganze sei. Dies ist in eminenter und
+vorbildlicher Weise zuerst durch G o e t h e geschehen in seiner
+Analyse des Hamlet im vierten und fünften Buche der Lehrjahre Wilhelm
+Meisters. Dieses Werk erschien 1795. Ein Jahrhundert ist seitdem
+vergangen, und es geziemt sich wohl, an dem heutigen Tage diese schöne
+säkulare Erinnerung zu feiern.
+
+
+3. Goethe und Schiller.
+
+Schon im nächsten Jahre vereinigten sich beide Dichter gegen die
+niedere, feindlich gesinnte Litteratur zu dem Feldzuge in den
+"Xenien": hier ließen sie auch "Shakespeares Schatten" erscheinen, dem
+Herakles in der Unterwelt vergleichbar, wie Homer ihn beschrieben,
+riesig, Schrecken erregend, stets seine Ziele treffend und
+durchbohrend mit dem nie fehlenden Pfeil, umstürmt und umtobt von dem
+lärmenden Gefolge der Nachahmer:
+
+ "Schrecklich stand das Ungethüm da, die Hand an dem Bogen,
+ Und der Pfeil auf der Senn' traf noch beständig das Herz!
+ Rings um ihn schrie, wie Vögelgeschrei, das Geschrei der Tragöden,
+ Und das Hundegebell der Dramaturgen um ihn."
+
+Das Studium Shakespeares hatte Lessing empfohlen, nicht die Entlehnung
+oder die Nachahmung, die so leicht in die Wildbahn des rohen und
+gemeinen Naturalismus entartet. Es mußte die echte Nachfolge
+Shakespeares von der unechten wohl unterschieden werden. Wenn Voltaire
+wider die heranstürmenden Geister eines wilden und wüsten Naturalismus
+sich und seine Kunst, den Geschmack und die Regel, mit einem Worte die
+Grazien Frankreichs vertheidigt hatte, so war er keineswegs nur im
+Unrecht. Auch hatte diesem Rechte Lessing nicht widersprochen, er
+hatte in dem eigenen Vaterlande schon das Geschrei der Stürmer und
+Dränger vernommen und über die Genies gelacht, die aller Regel den
+Krieg erklären wollten, während doch das wahre Genie selbst die Regel
+giebt. Aber erst nachdem die deutsche Kunst ihrem Führer gefolgt war
+und in der echten Nachfolge der Alten und Shakespeares ihre volle
+Selbständigkeit und Höhe erreicht hatte, war der Zeitpunkt gekommen,
+auch Voltaire gerecht zu werden. Ein denkwürdiger und höchst
+interessanter Moment in der Geschichte der Weltlitteratur, als Goethe
+den "Mahomet" Voltaires im Januar 1800 hier in Weimar auf die Bühne
+brachte und Schiller ein Gedicht voller Beistimmung und Huldigung an
+ihn richtete. Er blickte zurück auf die Bahn, welche Lessing zur
+Originalität gewiesen hatte:
+
+ "S e l b s t in der Künste Heiligthum zu steigen,
+ Hat sich der deutsche Genius erkühnt,
+ Und auf der Spur der Griechen und des Britten
+ Ist er dem besseren Ruhme nachgeschritten."
+
+Nunmehr hat die dramatische Kunst der Deutschen die Welt zum Theater,
+und es gilt von ihr in Wahrheit das Wort Bacons «_theatrum pro mundo
+habet_»:
+
+ "Erweitert jetzt ist des Theaters Enge,
+ In seinem Raume drängt sich eine Welt,
+ Nicht mehr der Worte rednerisch' Gepränge,
+ Nur der Natur getreues Bild gefällt.
+
+ Verbannet ist der Sitten falsche Strenge,
+ Und menschlich redet, menschlich fühlt der Held;
+ Die Leidenschaft erhebt die freien Töne,
+ Und in der Wahrheit findet man das Schöne."
+
+Wir sind zu einer Reihe glänzender Erinnerungen gelangt, die auf das
+Weimarische Doppelgestirn und einige der Werke hinschauen, die das
+Ende des vorigen Jahrhunderts gekrönt haben. Glorreiche «_fin de
+siècle!_» Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts scheint unsere
+dramatische Kunst die Mahnung vergessen zu haben oder verachten zu
+wollen, die sie im letzten Jahre des achtzehnten in jenem Gedichte
+empfing:
+
+ "Doch leicht gezimmert nur ist Thespis' Wagen,
+ Und er ist gleich dem acheront'schen Kahn,
+ Nur Schatten, nur Idole kann er tragen,
+ Und drängt das rohe Leben sich heran,
+ So droht das leichte Fahrzeug umzuschlagen,
+ Das nur die flücht'gen Geister fassen kann.
+ Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen,
+ Und siegt Natur, so muß die Kunst entweichen."
+
+Das Gedicht enthält zwei scheinbar widersprechende Sätze: "Nur der
+Natur getreues Bild gefällt". "Und siegt Natur, so muß die Kunst
+entweichen." Wer diese beiden Sätze richtig versteht und darum zu
+vereinigen weiß, erkennt den Genius der Goethe-Schiller-Epoche und der
+goldenen Zeit der Weimarischen Kunst, deren fortwirkender Kraft wir es
+danken, daß in dem jüngsten Menschenalter hier in Weimar unter dem
+Schutz und Schirm des erhabenen Fürstenpaares die Deutsche
+Shakespeare-Gesellschaft und die Weimarische Goethe-Gesellschaft
+entstanden und fortgediehen sind.
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Shakespeare und die Bacon-Mythen, by Kuno Fischer
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SHAKESPEARE UND DIE BACON-MYTHEN ***
+
+This file should be named 6736-8.txt or 6736-8.zip
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+Produced by Delphine Lettau, David Starner
+and the Online Distributed Proofreading Team.
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+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
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+and editing by those who wish to do so.
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+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
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+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
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