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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-23 14:15:40 -0800 |
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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Der Uebel größtes .. - -Author: Käte Lubowski - -Release Date: January 29, 2021 [eBook #64416] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UEBEL GRÖSSTES .. *** - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1919 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute - nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten - bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des - Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. - - Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden im vorliegenden Text in - deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt. - - Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden - Sonderzeichen gekennzeichnet: - - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - - Der Uebel größtes... - - - - - Meisters - - Buch-Roman - - Eine Sammlung hervorragend - schöner Romane aus der Feder - angesehener, bekannter Autoren - - Einundvierzigster Band: Der Uebel größtes .. - - [Illustration] - - Verlag von Oskar Meister, Werdau i. Sa. - - - - - Der - Uebel größtes .. - - Roman von - - Käte Lubowski. - - Einundvierzigster Band des Buch-Romans - - [Illustration] - - Verlag von Oskar Meister, Werdau i. Sa. - - - - - ~Copyright 1919 - by Oskar Meister, Werdau.~ - - Alle Rechte vorbehalten. - - - - -[Illustration] - - - - -1. - - -Um die elfte Vormittagsstunde war derjenige Teil des Oeynhausener -Kurparkes, dem die Gäste den Namen „Schweiz“ gegeben hatten, von -Rollstühlen und Spaziergängern nahezu frei. Die Meisten ruhten nach -den Bädern vorschriftsmäßig aus. Jene aber, die es mit der Kur nicht -so streng nahmen, lustwandelten in möglichster Nähe der Musik. Nur -eines der bequemen Wägelchen glitt, fast zu eilig für den wundervollen -Frieden dieser Einsamkeit an der romantischen Schlucht vorüber, welche -der silberhelle Hambkebach in jahrzehntelanger Kleinarbeit mit Frische -segnete. Es war keine der gewöhnlichen Lenkerinnen, die ihn vorwärts -stieß. Die Hände erschienen gepflegt und schmal. Die feingliedrige -Gestalt zeigte eine stolze Haltung. Der schlanke, sehr weiße Hals -trug einen Kopf mit auffallend schönen Gesichtszügen. Zuweilen -schob sich die Fülle des braunschwarzen lockigen Haares, von einem -Sommerlüftchen gehoben, zu den langbewimperten Lidern hinunter, die -zwei ausdrucksvolle, sammetdunkle Augen bargen. - -Als die Fahrt noch an Schnelligkeit zunahm, wandte sich der Kopf der -grauhaarigen Frau im Rollstuhl zu der Führerin herum. - -„Fräulein Eva von Ostried, der Gaul, den Ihre Phantasie seit geraumer -Zeit zu reiten belieben, gefällt mir nicht,“ klang es dazu in frischem, -scherzhaften Ton. „Er ist zu hitzig. Steigen Sie sofort ab.“ - -Die junge Lenkerin ging bereitwillig auf die gütige Zurechtweisung -ein: „Hochverehrte Frau Landgerichtspräsident Hanna Melchers aus -Berlin-Grunewald, Wangenheimstraße 10, ich kann Ihrem Wunsch nicht -nachkommen, denn... er geht, leider, mit mir durch!“ - -Ein leichtes Seufzen ertönte. - -„Schon wieder? -- Was haben Sie, Kind? Ich merke seit einigen Tagen, -daß Sie verändert sind. Zum Verlieben bietet sich hier kein Anlaß. Der -männlichen Jugend ist ja kaum in unversehrtem Zustande zu begegnen und -ich weiß doch zur Genüge von Ihrer durchaus verständlichen Freude an -der Gesundheit..“ - -„Nein.. verliebt.. bin ich nicht!“ - -„Was aber ist’s dann? Wir leben nun drei Jahre mit einander und ich -kenne Sie allmählich genau. Spukt in dem Köpfchen wieder der alte -Traum?“ - -„Ja,“ sagte Eva von Ostried und ihre Lippen preßten sich zusammen, als -müsse sie den Schrei der Sehnsucht ersticken, „ich möchte singen.. -singen..“ - -„Als ob Ihnen das verwehrt würde, Eva. In dem kleinen -Unterhaltungszimmer unserer Pension Messing steht ein ausgezeichneter -Flügel und eine andächtige und dankbare Zuhörerschaft ist Ihnen -ebenfalls sicher. Trotzdem haben Sie mir das feierliche Versprechen -abgenommen, daß ich töricht genug war, Ihnen zu geben. Warum -verheimlichen Sie hier ängstlich Ihr Talent?“ - -„Soll ich wirklich vor der herzensguten, aber doch bereits unstreitig -etwas kindisch gewordenen Frau la chaise, die mit ihrem seligen -Fritzchen zwölfmal in Brasilien war und daneben lediglich Tabak und -höchstens noch ihre „beste“ Olga von daheim gelten läßt -- oder vor -diesem fürchterlichen, alten Baron, der beständig die Hände bewegt, als -beabsichtige er seine Zuhörerschaft zu kitzeln, damit sie über seine -Witzchen auch lachen kann, singen? -- Verlangen Sie +das+ von mir?“ - -„Verlangen würde ich es wohl nur von meiner leiblichen Tochter.“ - -Der Rollstuhl stand plötzlich still. Zwei weiche, heiße Lippen preßten -sich auf die Hände der Präsidentin. - -„Ich bin egoistisch und schlecht. Verdanke ich Ihnen doch alles. Was -wäre damals aus mir geworden, wenn Sie mich, die ohne langjährige -Zeugnisse auf Ihr Gesuch kam, nicht den vielen Andern, vorzüglich -Empfohlenen vorgezogen hätten?“ - -„Lassen wir diese Fragen, mein Kind. Ich bilde mir ein, eine gute -Menschenkennerin zu sein..“ - -„Und nun habe ich Sie im Laufe der Zeit oft genug enttäuschen müssen.“ - -„Auch diese Wahrscheinlichkeit blieb damals nicht unberücksichtigt. Sie -hatten mich deutlich in Ihrer Seele lesen lassen.“ - -„Obwohl ich zuerst von meinen Kämpfen und Enttäuschungen schwieg?“ - -„Die kargen Tatsachen verrieten mir genug. -- Sie waren auf den Wunsch -eines Jugendfreundes Ihres verstorbenen Vaters von dem nach seinem -Tode in andere Hände übergegangenen Majorat nach Berlin gekommen und -ließen Ihre wundervolle Stimme unentgeltlich von ihm ausbilden. Daß er, -ein Jahr später, bei dem grausamen Eisenbahnunglück ums Leben kam und -Sie, die völlig Mittellose, danach vergeblich den Vormund und früheren -Gutsnachbar um ein Darlehn zum Weiterstudium anflehten, verhehlten -Sie mir nicht. Das Andere -- die harten Enttäuschungen, die Sie in -dem ungewohnten Kampf ums tägliche Brot in den verschiedenen aus Not -angenommenen Stellungen zu bestehen hatten, las ich deutlich aus ihrem -schmalen Gesicht und dem ängstlichen Ausdruck der Augen. Ihre spätere -Beichte vervollständigte nur diese Geschichte..“ - -„Aber Sie haben nicht angenommen, daß ich rückfällig werden könnte.“ - -„Ich habe es gewußt! -- Sehnsucht stirbt schwer. Und Sie sollen Ihr -Sehnen ja auch behalten und pflegen. Nur Geduld müssen Sie üben. Erst -fester werden, mein Kind. Erst noch diese heiße Eitelkeit abstreifen, -die fiebernd nach Ruhm und Huldigung verlangt.“ - -Der dunkle Kopf senkte sich schuldbewußt. - -„Sie sind unaussprechlich gut zu mir.“ - -„Keine Uebertreibungen! Hundertmal haben Sie, in zorniger Aufwallung, -anders gedacht, wenn ich Ihrem Verlangen entgegenstand. Ich begreife -auch das voll.“ - -„Wenn ich doch wüßte, womit ich Ihnen dies Alles jemals vergelten -könnte.“ - -Frau Melchers lächelte leise. - -„Das Wort „Vergeltung“ ist niemals von einem häßlichen Beigeschmack -frei, Eva. Sie sollen nur stets ganz offen zu mir sein.. und mich -weiter lieb haben. Anderes verlange und erwarte ich nicht.“ - -„Das glaube ich. Es ist ja so leicht.“ - -Ein prüfender Blick streifte das schöne Gesicht. Die kluge Frau kannte -die größeste Schwäche ihrer Hausgenossin, die sie wie eine Tochter -lieben gelernt, sehr genau. Wenn die reiche Phantasie spielte und die -ungestüme Eitelkeit den Kritiker abgab, konnte es leicht geschehen, -daß Eva von Ostried sich über die von der Präsidentin geforderte -Wahrhaftigkeit hinwegsetzte, ohne sich eines Unrechts bewußt zu werden. - -„Und nun hören Sie mir einmal aufmerksam zu, Eva,“ forderte die gütige -Stimme. „Es kommen nicht sehr viel Stunden, die sich dafür eignen. Sie -sollen etwas wissen, was Sie -- vielleicht längst geahnt haben. -- -Sie werden demnächst das einundzwanzigste Jahr vollendet haben. Der -Vormund, der nach dem jähen Tode Ihres Gönners seine Erlaubnis zur -Wiederaufnahme Ihrer Studien, auch mir gegenüber, brieflich versagte, -verliert dann seine Gewalt über Ihr Handeln. Im Herbst dürfen Sie also -über sich verfügen. Aber.. wir wollen erst noch Weihnachten und Ostern -in aller Stille zusammen feiern. So traut und gänzlich der Häuslichkeit -gehörend, wie die andern Jahre. Nichtwahr, mein Kind?“ - -„Ich begreife nicht, wie Sie das meinen. Soll ich dann fort von Ihnen?“ - -„Ja, Eva, dann verliere ich Sie. In meinem Heim werden Sie allerdings -weiter leben, aber für mich selbst kaum noch Zeit finden. Denn Sie -werden wieder als einzige Beschäftigung Musik studieren. Ihre Sehnsucht -darf neue Befriedigung suchen. Ihr Fleiß muß eisern werden. -- Die -nötigen Mittel gewähre ich Ihnen. Gegenleistungen verlange ich freilich -auch. Ich muß, so lange ich lebe, über Ihnen wachen dürfen, Eva. Fühlen -Sie, wie ich das meine?“ - -Eva von Ostried warf sich mit ausgebreiteten Armen über die kluge Frau. -Sie konnte nicht sprechen. Ihr Körper bebte von einem Schluchzen des -Glückes. - -Endlich aber schob sie die Präsidentin sanft zurück. - -„So und jetzt zum Theater! Denn, nicht wahr, darum nahmen wir doch -jenes Eiltempo? -- Heute Abend wird also Mignon gegeben? Obschon ich -es mir von dieser Stelle aus nicht als reinen Genuß denken kann.. -sollen Sie Ihren Willen haben. Ob daraus nicht für Sie, die jeden Ton -dieser Oper genau kennen und die Partie des Mädchens aus der Fremde -ausgezeichnet wiederzugeben wissen, eine arge Enttäuschung wird?“ - -Das schöne Mädchengesicht strahlte wieder. - -„Wie herrlich ist es, daß Sie, die schwer zu Befriedigende, mir dieses -Lob schenken. Ja... ich freue mich unsagbar auf den heutigen Abend. -Zu denken, daß.. ich selbst.. es besser machen könnte.. Ist das nicht -vielleicht der höchste Genuß?“ - -Ein leichter Schatten glitt über das feine, alte Gesicht. - -„Darin werden wir uns niemals verstehen! Mir ist immer weh zumute, wenn -Jemand eine übernommene Aufgabe mangelhaft erfüllt. -- Aber jetzt muß -ich zur Eile mahnen. Der letzte Ton der Kurmusik ist verhallt.“ - -Und der Rollstuhl glitt wieder durch den Dom satten, frischen Grüns dem -kleinen neuerbauten Theater entgegen. - -„Kommen Sie doch auch mit,“ bat Eva, ehe sie zur Kasse ging. - -Die Präsidentin schüttelte den Kopf. - -„Haben Sie ganz vergessen, daß der Geheimrat meinem rebellischen Herzen -die allergrößeste Schonung und vor allen Dingen frühzeitige Bettruhe -anbefohlen hat? Nein.. das ist ausgeschlossen.“ - -Eva von Ostried wurde rot. Dann aber fand sie eine Entschuldigung für -ihre Vergeßlichkeit. Wie konnte ein junges, gesundes Wesen beständig -daran denken, daß eine Leidende unausgesetzt der Rücksicht bedürfe? - -„Nur etwas aus der Sonne können Sie mich zuvor noch schieben,“ forderte -die Präsidentin ohne Empfindlichkeit, „denn aus den für Sie heiligen -Räumen finden Sie nicht so schnell zurück.“ - - * * * * * - -Es währte aber diesmal sogar für die Langmut der Präsidentin -zu lange. Die dünnen Glöckchen der Kirche und des Salzwerkes -verkündeten die zwölfte Stunde. Vom Königshof herüber erscholl das -melodisch abgestimmte Tamtam, das eine Viertelstunde vor Beginn der -Hauptmahlzeit, die überall zur gleichen Zeit festgesetzt war, die -Gäste zusammenrief und immer noch ließ sich Eva von Ostrieds helles -Gewand nicht erblicken. Schon wollte die an Pünktlichkeit streng -Gewöhnte eine ihr vom Ansehen bekannte, gerade des Weges daherkommende -Rollstuhllenkerin bitten, ihren Wagen in die Pension zu bringen, -als endlich, atemlos vor Erregung, die Säumige kam. Die Präsidentin -vergaß die beabsichtigte scharfe Zurechtweisung. Der Anblick des -jungen, schönen Geschöpfes, dessen ausdrucksvolle Augen begeistert -strahlten, entzückte sie, wie er es stets tat. Das reuige Betteln um -Vergebung dieser neuen, kleinen Nachlässigkeit würde genügt haben, -um ihre Empörung in mildes Begreifen umzuwandeln. -- Sie wartete -umsonst darauf. Eva von Ostried saß im tiefsten, goldensten Land ihrer -Zukunftsträume und klagte Mignons Steyrisches Lied heraus: - - Kam ein armes Kind von fern - Zigeuner brachten es eben - Traurig bleich... seine Glieder beben.... - -Das riß die Geduld der Gütigen. - -„Beeilen Sie sich, Eva,“ sagte sie streng und kurz, „oder ich werde, -so matt ich mich gerade heute auch fühle, der ärztlichen Vorschrift -entgegen, aussteigen und versuchen, im Laufschritt noch pünktlich -zu Tisch zu erscheinen.“ In dem nämlichen Augenblick erwachte Eva -von Ostried zur Wirklichkeit. Sie erblaßte und in ihre Augen kam der -Ausdruck einer großen Hilflosigkeit. - -„Das werden Sie mir nicht antun,“ schmeichelte sie. „Schelten Sie -tüchtig.. aber sprechen Sie nicht in diesem unerträglich kühlen Ton -zu mir, wenn ich ihn auch verdient habe.. Gewiß -- ich vergaß meine -Pflicht. Sobald Sie die Ursache erfahren, werden Sie mich begreifen..“ - -„Sie können mir später berichten. Jetzt.. vorwärts, Eva.“ - - * * * * * - -Der geräumige Speisesaal, in welchen die Beiden, heute als letzte -Mittagsgäste, eintraten, war fast zu sehr besetzt. Alle Plätze ohne -Rücksicht auf die Wohlbeleibten, erschienen gleich schmal, sodaß -der Hüne unter den Anwesenden, ein alter früherer Oberst der Garde, -vor seinem gefüllten Teller in zorniger Ungeduld des Augenblickes -wartete, in dem sich seine rechte Nachbarin, einstweilen befriedigt, -zurücklehnte. Zu seiner Linken nahm Eva von Ostried Platz. Das -milderte seinen Zorn. Obwohl er unvermählt geblieben, schätzte er -Frauenschönheit über allem Andern. - -Als Eva nicht wie sonst auf seine neckenden Fragen in dem gleichen Ton -antwortete, neigte er den mächtigen Kopf ein wenig zur Seite und sah -sie mit schlauem, verständnisvollen Blinzeln an: - -„Strafpauke intus, mein gnädiges Fräulein?“ - -„Ja,“ nickte sie und setzte leise hinzu „aber verdient.“ - -„Zu toll geflirtet?“ - -„Ist das hier überhaupt möglich?“ - -„Na.. erlauben Sie mal. Wenn Sie von uns elenden Bürgern schon absehen, -der Paul Karlsen, der erste Liebhaber und Opernsänger ist doch noch -da.. Und Sie gehören zu den eifrigsten Besuchern des Theaters..“ - -Den Namen des jungen Menschen, der ein großer Künstler zu werden -verhieß, hatte er im Gegensatz zu dem andern nur Geflüsterten stark -betont. - -Das scharfe Ohr seiner schon wieder auf den nächsten Gang lüsternen -rechten Nachbarin fing ihn auf, sie nickte lebhaft und begann, froh, -endlich einen Gesprächsstoff gefunden zu haben: - -„Ja, dieser Karlsen. Denken Sie doch, er soll auch heute im Mignon den -Wilhelm singen!“ - -Ein Backfisch, der seiner hochgradigen Bleichsucht und des daraus -entstandenen nervösen Herzens wegen hier war, mischte sich mit -allerliebster Wichtigkeit ein: - -„Leider wird er ihn nicht singen können. Die schöne Mignon, auf die wir -uns einen halben Monat lang gefreut haben -- der Gast -- hat vor einer -Stunde einen bösen Unfall gehabt.“ - -Die Neuigkeit pflanzte sich fort, denn sie hatten fast alle hingehen -wollen. - -„Wie jammerschade,“ wehklagten die jungen Mädchen. - -„Wir werden das Geld natürlich zurückerhalten,“ freuten sich die -praktischen Mütter. - -„Keine trügerischen Hoffnungen, meine Damen,“ spöttelte ein alter -Gichtiker, „soviel ich vor kaum zehn Minuten gehört habe, soll bereits -ein vollwertiger Ersatz gefunden sein.“ - -Lebhafte Fragen bestürmten ihn von allen Seiten. - -„Woher wissen Sie es? Das wird nicht ohne weiteres geglaubt.“ - -„Mir hat es der Theaterdirektor in eigenster Person anvertraut. Eine -berühmte, große Sängerin, die zufällig hier zur Kur weilt, wird -einspringen. Er tat sehr geheimnisvoll und verriet nichts weiter, so -sehr ich auch in ihm drang.“ - -Frau Melchers wandte sich leise an Eva von Ostried. - -„War es das, was Sie mir erzählen wollten, Eva?“ - -Die langen dunklen Wimpern lagen fast auf der rosigen, weichen Haut der -Wangen. - -„Ja,“ sagte sie, „das und.. noch etwas. Die Aufregung über das -plötzliche Mißgeschick war so groß -- daß... ich oben... nicht.. -früher fortkonnte..“ Frau Melchers nickte ihr freundlich zu. - -„Schon gut, Eva. -- Nun freuen Sie sich natürlich doppelt auf den -heutigen Abend, nicht wahr?“ - -„Ich.. fürchte.. mich.. aber daneben auch..“ - -„So hat sich der kleine Teufel des Neides schon wieder von seiner Kette -befreit?“ - -„Noch nicht...“ - -„Ich werde das Weitere von Ihnen hören. -- Später. -- Erst muß -ich ruhen. Ich weiß nicht, in meinen Gliedern ist eine sonderbare -Mattigkeit. Sie schmerzt fast. Am liebsten verschliefe ich die ganze -zweite Hälfte des Tages..“ - -„Soll ich nachher den Geheimrat rufen,“ fragte Eva angstvoll. - -„Was soll er mir, Kind? -- Ich habe es mir allein ausgeprobt. Wenn -das Herz matt und doch unruhig hüpft, brauche ich viel Ruhe. Niemand -soll sprechen. Am besten auch jedes Geräusch vermieden werden. -- Sie -dürfen darum heute einen ganz freien Nachmittag haben. Genießen Sie ihn -nach Herzenslust. -- Soll ich die jungen Mädchen am Tisch fragen, ob -vielleicht ein gemeinsamer Ausflug nach der Porta zustande käme. Zum -Beginn des Theaters können Sie, trotzdem, pünktlich zurück sein.“ - -Eva von Ostrieds Hände legten sich bittend auf die Rechte der -Präsidentin. - -Aus ihrer Stimme klang ängstliche Abwehr. - -„Bitte, bitte, tun Sie das nicht. Ich bin viel lieber allein. Diese -jungen Mädchen bleiben mir fremd und unverständlich in all ihren Reden -und Empfindungen. Und schließlich würde ich doch nur die Geduldete -unter ihnen sein.“ - -„Weil Sie mir.. dienen, Eva?“ - -„Nicht.. weil ich Ihnen diene.. Was gäbe es wohl Schöneres für eine -Waise. Nur, daß ich es überhaupt tun muß, begreifen diese vom Glück -verwöhnten nicht. Das richtet eine Scheidewand zwischen ihnen und mir -auf. -- Wirklich..“ - -„Sie sind ein großes Kind..“ - -„Ich wollte, ich wäre es! Als Kind habe ich niemals einschlafen können, -wenn irgend etwas Geheimnisvolles auf mir lastete.“ - -„Soll das heißen, daß es damit anders geworden ist?“ - -„Ich verstehe mich selbst manchmal nicht mehr. -- Was mir einen -Augenblick als ein unfaßbares Glück erscheinen will, jagt mir im -nächsten bereits Furcht und Schrecken ein..“ - -„Eva, Kind, das sind Nerven! Jawohl, so melden sie sich an.“ - -„Nein -- nein, es ist etwas anderes..“ - -„Dann könnte es nur ein böses Gewissen sein. Und davon halte ich Sie -frei.“ - -Der dunkle Kopf senkte sich tief. Eva von Ostried wurde der Antwort -überhoben -- das Gespräch noch allgemeiner und lebhafter, sodaß an eine -weiter unbeachtet geführte Zwiesprache nicht zu denken war. -- -- - -„Womit also werden Sie diesen sonnigen Nachmittag ausfüllen, Eva,“ -fragte die Präsidentin, als sie, sorglich gebettet, sich mit einem -Seufzer des Behagens in dem kühlen Zimmer ausstreckte. - -„Wenn Sie mich wirklich nicht brauchen können, lege ich mich in einen -einsamen dunklen Winkel und träume..“ - -„Und kommen vor dem Theater noch einmal kurz zu mir, damit ich Sie in -dem neuen, weißen Kleide sehe, ja? -- Das Abendessen werde ich heute -auf dem Zimmer nehmen, bitte, sagen Sie es an. Und morgen bin ich -wieder ganz frisch.“ - -Fühlte sie das Zögern des jungen Wesens? Eva von Ostried blieb noch -einige Minuten neben ihrem Lager stehen, als laste etwas schweres auf -ihrer Seele. Las sie das Geheimnis in den sprechenden Augen, das sich -zuerst offenbaren wollte und nun doch plötzlich dies Vorhaben als so -ungeheuerlich empfand, daß die Ausführung nicht gewagt wurde? - -Sie deutete die offenbare Unsicherheit anders. - -„Machen Sie nicht länger ein so reueerfülltes Gesicht, Evalein. Ich -hab’s längst vergessen, daß Sie mich ungebührlich lange warten ließen. -Im übrigen, Kind, nicht wahr, Sie wissen doch, daß ich Sie mit dem -Gefühl einer Mutter lieb habe?“ - -Eva von Ostried schluchzte an der Brust der Gütigen. - -„Ja.. das weiß ich und darum..“ Frau Melchers unterbrach sie schnell. - -„Darum jetzt heraus in die Sonne. Vergolden und durchwärmen lassen, was -dunkel und geheimnisvoll erscheinen will. Gehen Sie, Eva, ich bin sehr -müde..“ - - * * * * * - -Eva von Ostrieds Pulse klopften in fieberhafter Erregung, als sie, -zu der Stunde der allgemeinen Mittagsrast, den Weg zum Kurtheater -einschlug. Ihr Vorwärtshasten wirkte wie ein beständiger Kampf. Nach -wenigen Laufschritten blieb sie stehen, sah rückwärts, zögerte, als -riefe sie eine mahnende Stimme zur Umkehr und jagte dann doch weiter, -als müsse sie um jeden Preis die versäumte Zeit einholen. Einmal sprach -sie ganz laut zu sich, weil ihre zitternde Seele dies dumpfe Schweigen -nicht länger zu ertragen vermochte. - -„Und.. ich werde es ihr doch sagen! Sie ist so gut..“ Gleich darauf -huschte ein ängstlicher Schein über ihr Gesicht. -- „Wenn sie es mir -aber nicht gestattet? O, sie kann auch hart und fest bleiben, sofern -sie etwas nicht billigt.“ - -Die Mittagssonne goß auf jedes Blatt einen großen, goldenen Tropfen. -Unzählige, bis zum Rande gefüllte Becher schwebten auf allen Zweigen. -Einer strömte seinen kostbaren Inhalt über Eva von Ostrieds schlanke, -schöne Gestalt aus und überfunkelte sie mit verschwenderischen Glänzen. -Ihre Augen waren geblendet. Unsanft stieß sie mit dem Eiligen zusammen, -der ihr entgegenlief. - -„Hoppla.. Fräulein von Ostried.. wohin des Weges? Sie wollen mir doch -nicht etwas ins Handwerk pfuschen.“ - -Der Geheime Sanitätsrat Schwemann war es, der die Präsidentin -behandelte. - -„Nein, das wage ich nur in äußerster Not.. etwa, wenn Frau Präsident -absolut nichts von Ihnen oder Ihresgleichen wissen will, Herr -Geheimrat,“ sagte sie frisch. - -„S’ wär schon besser gewesen, sie hätte sich früher an einen von -unserer Zunft gewandt,“ brummte er halblaut. - -„Steht es schlecht mit ihr, Herr Geheimrat?“ - -„Habe ich das etwa behauptet? -- Fällt mir gar nicht ein. Ist übrigens -irgend etwas nahes Verwandtes vorhanden?“ - -„Sie ist ganz einsam in der Welt.“ - -„Na, dann hören Sie mal einen Augenblick zu. Sie gefällt mir nämlich -immer weniger. Ist körperlich viel zu sehr für dies ernsthafte -Herzleiden herunter. Und schont sich dabei nicht gehörig, was die -Geschichte natürlich verschlimmert.“ - -„O Gott, was soll ich tun. Sagen Sie mir alles, Herr Geheimrat?“ - -„Sie? -- Sehr viel ist dagegen nicht zu machen. Sie können ihr -höchstens jede Aufregung fernhalten und sie gehörig päppeln. -- Also... -es ist nicht so einfach, meine Liebe. Kann sehr wohl mal kommen, daß -eines Tages, scheinbar ohne neue Ursache, etwas Menschliches eintritt. --- Das wollte ich Ihnen doch unter vier Augen sagen, ehe Sie abreisen. -In zwei Tagen soll die Reise ja wohl heimwärts gehen.“ - -Eva von Ostrieds Lippen bebten. - -„Ich habe Niemand mehr als sie“ klagte sie erschüttert. - -„Weil ich mir etwas Aehnliches gedacht habe, sage ich Ihnen das auch -hauptsächlich. Nun aber keine vorzeitige Leichenbittermiene. Das würde -sie selbst am meisten betrüben. -- Sie kann sich natürlich auch noch -längere Zeit halten. Wie gesagt.... auch dem Gesundesten geschieht -zuweilen ein rasches Unglück. Sehen Sie die Sängerin an. Fällt vor ein -paar Stunden einfach auf dem ebenen Fußboden hin und bricht sich ein -Bein. Dabei nicht etwa glatt und anständig. Es wird eine langweilige -Geschichte werden. Grade komme ich von ihr. Na ja... sollten sich -übrigens auch besser nach dem Essen aufs Ohr legen. Die Sonne sticht -gewaltig....“ -- - -Gegenüber der Seitenpforte des Theaters, durch welche die Schauspieler -mehr oder minder pünktlich, zu schlüpfen pflegten, stand eine -kühngeschweifte Bank. Darauf ruhten sie nach den Proben aus und -belustigten sich damit, über die vorüberkommenden Kurgäste, sofern sie -nicht zu den eifrigen Verehrern ihrer Kunst zählten, zu spötteln. Denn -sie kannten fast jeden Einzelnen ihrer treuen Gemeinde, die höchstens -alle Monat einmal ihr Aussehen änderten. Zur Zeit war diese Bank leer. -Eva von Ostried nahm darauf Platz. In ihrem Gesicht lag der Ausdruck -tiefen Kummers. Die Unterredung mit dem Geheimrat hatte vorübergehend -die eigenen Interessen erstickt. Bittere Selbstvorwürfe stürmten auf -sie ein. - -Während ihre Wohltäterin nach den vorangegangenen Anzeichen einer -großen Mattigkeit, sicherlich wieder von einem jener tapfer ertragenen -Anfälle gequält wurde, stand sie im Begriff sie zu hintergehen. - -Die mütterliche Güte und Nachsicht der Präsidentin, die ihr der -Unbekannten, als sie zerbrochen und matt in ihr Haus kam, wieder die -Kraft zur Lebensfreude schenkte, rührte sie von neuem. - -Durfte sie diesen Schritt tun, obgleich sie genau wußte, daß die -Präsidentin ihn mißbilligen, wenn nicht gar auf das Strengste -untersagen würde? - -In ihrem Gesicht zuckte ein harter Kampf. Eitelkeit und Dankbarkeit -rangen mit einander. Das berauschende Vorempfinden uneingeschränkter -Bewunderung maß sich mit der überwältigenden Freude, daß sie sich -in absehbarer Zeit ihren geliebten Studien wieder gern voll widmen -und sie ohne drückende Sorgen zu Ende bringen sollte. In diesem -Augenblick lief ein barfüßiger Junge an der Bank vorüber. Sie empfand -sein Erscheinen als die Bekräftigung der guten Vorsätze und winkte ihm -stehen zu bleiben. - -„Ich will schnell einen Zettel schreiben,“ sagte sie freundlich „und Du -trägst ihn mir hinein, ja?“ Er nickte bereitwillig und setzte sich zu -ihr. Ein aus dem Taschenbuch herausgerissenes Blatt bedeckte sich mit -ihren feinen, klaren Schriftzeichen. - -„Mein Versprechen war übereilt“ schrieb sie, „ich kann es leider nicht -halten. Teilen sie dies bitte, Herrn Direktor mit.“ - -Schon hatte sie ihn zusammengefaltet und den Wartenden beauftragt, -ihn an Herrn Paul Karlsen abzugeben, als drinnen eine umfangreiche, -wenn auch etwas scharfe Stimme, Philines halb spöttisches halb -mitleidsvolles Lied zum Gehör brachte: - - Hollah, mein werter Herr - Mögt Ihr uns nicht erst sagen - Wer ist das arme Kind - Des Antlitz scheint zu klagen. - -Wie mit einem Zauberschlage änderte sich der Ausdruck in Eva von -Ostrieds Zügen. Alle weiche, kindliche Dankbarkeit schwand daraus. Ihre -Lippen öffneten sich, als tränken sie jeden einzelnen Ton durstig auf. -Ihre Augen flammten. Mechanisch zerpflückte sie das Geschriebene und -reichte dem erstaunt und neugierig blickenden Jungen ein Geldstück hin. - -„Ich werde selbst gehen. Es ist gut!“ - -Und doch fühlte sie dumpf und schwer, daß der Schritt, den sie im -Begriff stand zu tun, besser unterbleibe. Aber es war für alle -Erwägungen zu spät geworden. Aus der kleinen Seitentür trat in -diesem Augenblick, eine schlanke Männergestalt und lief in freudiger -Erregtheit auf sie zu. - -„Wo in aller Welt bleiben Sie? Schnell hinein. Niemand im Städtchen -ahnt, daß Sie der vom Himmel gefallene, göttliche Ersatz sein wollen. -Es wird erhaben werden.“ - -Und sie folgte in willenloser Mattigkeit dem voranschreitenden Karlsen, -von dem das Publikum auch hier behauptete, daß er ein großer Künstler -zu werden verspreche. - - * * * * * - -Die dünngewordenen Stimmchen der Glocken hatten schon die vierte -Morgenstunde verkündet, als Eva von Ostried endlich einschlafen konnte. -Ihr Zimmer lag neben demjenigen der Präsidentin. Nachdem sie gegen -elf Uhr heimgekehrt war, hatte sie durch die Verbindungstür schlüpfen -wollen, um alles, was ihr widerfahren war, getreulich zu beichten. Ihr -scharfes Ohr erlauschte aber zuvor die tiefen, regelmäßigen Atemzüge, -die einen friedvollen Schlummer verrieten. Wie wertvoll dieser für die -Präsidentin war, wußte sie genau. Darum verschob sie alles bis zum -nächsten Morgen. - -Der zog strahlend und schöner, wie die der gesamten letzten Wochen -herauf. Eva von Ostried wurde nicht wie sonst, durch den ersten Strahl -des großen Lichts zu ihren Pflichten geweckt. Die ungeheure Erregung -des verflossenen Tages hatte eine bleischwere Müdigkeit auf sie -gesenkt. Nun schläft sie, die sonst, pünktlich um sieben Uhr, das erste -Frühstück der Präsidentin ans Bett brachte, mit dem unbewußten Behagen -gesunder, kraftvoller Jugend. Fräulein Messing, die Inhaberin der -Pension, freute sich darüber. Die große Neuigkeit machte sie doppelt -unruhig und geschäftig. Darum trug sie auch eigenhändig das Brettchen -mit der ersten Tagesmahlzeit zu der Präsidentin herein. Mit einem -verständnisvollen Lächeln wies sie dabei zu der fest geschlossenen -Verbindungstür hinüber. - -„Wir wollen ihr heute ausnahmsweise den langen Schlaf gönnen, nicht -wahr Frau Präsident?“ - -Frau Melchers hatte mit Rücksicht auf den gestrigen Theaterbesuch, -bisher die Klingel nicht gerührt. Trotzdem billigte sie diese -Versäumnis durchaus nicht. Mit leicht gerunzelten Brauen gab sie zur -Antwort: - -„Sie wollen doch nicht behaupten, daß ein Aufbleiben bis zur zehnten -oder elften Abendstunde für ein junges, kräftiges Mädchen eine -Anstrengung bedeutet?“ - -Fräulein Messing wiegte den Kopf hin und her und lächelte, als wollte -sie sagen „Halte mich doch nicht für ganz ahnungslos“... Weil ihr die -laute Aeußerung aber zu wenig respektvoll vorgekommen wäre, milderte -sie dieselbe und sagte triumphierend: - -„Wir wissen es natürlich jetzt Alle und beglückwünschen auch Sie in -herzlicher Mitfreude.“ - -Frau Melchers begriff vorläufig nichts, als daß sich am verflossenen -Abend ein Vorgang abgespielt haben mußte, der ihr ein Geheimnis war und -der doch auf das Innigste mit ihrer Begleiterin verknüpft blieb. - -„Sie sprechen für mich in Rätseln, Fräulein Messing. Darf ich um eine -klarere Fassung ihrer sicherlich gut gemeinten Wünsche bitten?“ - -Wäre Fräulein Messing weniger erfüllt von dem überraschenden Ereignis -gewesen, hätte sie den Ausdruck großen Erschreckens auf dem Gesicht -der alten Dame wahrgenommen. So aber merkte sie lediglich, daß hier -ein Geheimnis vorliege und freute sich, die Erste zu sein, die es der -Nichtsahnenden enthüllte. In ehrlicher Verwunderung schlug sie die -Hände zusammen. - -„Frau Präsident sind also wirklich ahnungslos? Nein, so etwas! Da will -ich gern berichten. -- Als wir uns gestern Abend an Mignon erfreuen -wollten, wurde uns die große Ueberraschung zuteil, Fräulein von -Ostried als solche zu erleben. Gnädige Frau, es war einfach himmlisch. -Solche Stimme habe ich noch niemals gehört. Das Publikum raste vor -Begeisterung. Und unsere gesamte Pension hat in aller Eile -- das „wie“ -ist mir freilich bis jetzt verborgen geblieben -- einen herrlichen -Aufbau aus lauter roten Rosen gestiftet, den Herr Oberst selbst im -Namen Aller überreicht hat.“ - -Die Präsidentin hatte sich aufgerichtet und rang mühsam nach Atem. Sie -war lange unfähig zu einer Entgegnung. Endlich stieß sie hervor: - -„Gehen Sie, bitte.. und senden Sie.. mir sofort.. Fräulein von Ostried.“ - -Das soeben Gehörte war ein harter Schlag für sie. Zwar hatte sie -gewußt, daß Eva ehrgeizig und eitel zugleich sein konnte -- war auch -wiederholt gegen deren Anwandlungen von kräftiger Selbstsucht zu Felde -gezogen.. daß sie aber jemals imstande sein könnte, hinter ihrem -Rücken, den ersten Schritt in die Oeffentlichkeit zu wagen, empfand -sie, besonders nach den heute gemachten Zusicherungen, nicht nur als -Undankbarkeit, sondern als eine Unaufrichtigkeit, die sie schmerzhaft -quälte. - -Gewiß -- sie verhehlte sich nicht, daß ihre wiederholt geäußerte -Mattigkeit Eva von Ostried das Befragen und Beichten erschwert hatte. -Immerhin -- würde sie bei ernstlichem Willen die Möglichkeit dazu -gefunden haben. Sie suchte sie aber nicht, weil sie im Voraus wußte, -daß ihr unter gar keinen Umständen die Erlaubnis zu diesem verfrühten -Auftreten erteilt worden wäre. Denn die Präsidentin war Eine von Denen, -die es viel zu ernst und heilig mit der Ausübung der Kunst nehmen, -um sie zu einer Entweihung durch fiebernde Eitelkeit mißbrauchen zu -lassen. Mochte für all diese Ohren Eva von Ostrieds Stimme noch so -wunderschön geklungen haben, ihr fehlte doch noch unendlich viel, -um sich öffentlich hören zu lassen. Um sie auch vorher innerlich -reifen zu machen, hatte sie die Beschränkung der Musikstudien bisher -durchgesetzt. Was sie ihr gestattete, war lediglich ein wöchentlich -einmaliger Unterricht durch einen der ersten Stimmbildner. Solange Eva -ihrem Einfluß zugänglich blieb, hatte sie die berechtigte Hoffnung, -sie für alle Gefahren, die ihr um der Schönheit halber viel mehr als -den späteren Genossinnen drohen würden, zu festigen. Sobald sie sich -erst völlig in jenen Kreis der anders Denkenden einfügte, wurde ihr -erziehlicher Einfluß geringer, um fraglos sehr bald aufzuhören. - -Daß Eva sich bei der ersten Versuchung als schwach erzeigt hatte, -erfüllte sie mit einer dumpfen Zukunftsangst. Denn sie liebte das junge -Geschöpf! - -Eva von Ostried kam bleich und verweint herein. Sie zeigte nichts von -dem Glanz einer überwältigenden Freude. Fräulein Messings überstürzte -Mitteilung, aus der sie entnehmen mußte, daß Frau Melchers alles wisse, -hatte sie tief gedemütigt. Zudem blieb die andere Erfahrung, von -welcher außer ihr bisher -- Gottlob -- nur der Andere etwas wußte, mit -grausamer Härte auf sie ein. Sie warf sich vor dem Lager auf die Knie -und barg schluchzend den Kopf in die Kissen. Die Stimme der Präsidentin -klang ungewohnt hart an ihr Ohr: - -„Stehen Sie auf! Nur jetzt kein Theater!“ - -Diese Worte schmerzten mehr, wie ein Schlag. Sie zuckte zusammen und -stammelte etwas. - -„Es ist mir schwer genug geworden -- aber ich konnte.. nicht anders,“ -sollte es heißen. - -„Warum nicht? Was hielt Sie zurück, der Stimme Ihres Gewissens zu -folgen. Denn ich hoffe, daß es sich geregt hat.“ - -„Ja -- das tat es. Ich hatte mich bereits zur schriftlichen Absage -durchgerungen. Da hörte ich den Gesang der Philine. Das reizte mich, -der zu Unrecht auf ihr Können Eingebildeten ihre Mängel zu beweisen. -- -Sie hatte mich am Vormittag wie ein Kind behandelt, das nicht ernst zu -nehmen ist.“ - -Die Präsidentin zwang sich zur Ruhe. - -„Es bleibt mir unerklärlich, wie man dort überhaupt von Ihrem Talent -erfahren hat oder sollten Sie anläßlich der häufigen Theaterbesuche, -längst innige Freundschaft mit den Verschiedenen gepflegt haben, von -welcher ich natürlich ebenfalls nichts wissen durfte?“ - -Eva von Ostried richtete sich empor. An dem offenen Blick merkte die -Präsidentin, daß diese Annahme falsch sei. - -„Ich kannte bis gestern persönlich nur Herrn Karlsen, der mir auch -jedesmal die Karte für die Vorstellungen ausgehändigt hat.“ - -„Dann berichten Sie, wie man auf Sie als Ersatz der eigentlichen Mignon -kommen konnte.“ - -„Herr Karlsen teilte mir heute Mittag in höchster Aufregung den Unfall -des Gastes mit, als ich mir die Karte zur Abendvorstellung besorgen -wollte. Gleichzeitig schilderte er mir den großen Ausfall für die -Schauspieler, weil die gezahlten Preise zurückerstattet werden mußten. -Erfahrungsgemäß werde an einem der alten und ältesten Lustspiele -wenig verdient, sondern lediglich mit einer guteingeübten Oper. Der -Direktor aber müsse nun noch außerdem der anspruchsvollen Philine das -vereinbarte Spielhonorar zahlen. Dies traurige Ereignis vernichte -wiederum die stille Hoffnung aller auf eine endliche Aufbesserung ihrer -Verhältnisse.“ - -„Nun wurde Ihr Mitleid wach und Sie boten sich an.“ - -„Nein, das tat ich wirklich nicht. -- Ich sagte nur, daß ich bei -ernstlichen Bemühungen sehr wohl an einen guten Ersatz der Mignon -glaube.“ - -„Damit reizten Sie natürlich Karlsens Widerspruch?“ - -„Er wußte mich schnell von der Unrichtigkeit zu überzeugen, indem er -behauptete, die kleinen erreichbaren Vertretungen benachbarter Städte -seien ohne wiederholte Proben überhaupt nicht imstande, die Partie zu -übernehmen.“ - -„Da konnte Ihre Eitelkeit nicht länger stumm bleiben?“ - -„War ich eitel? Ich fühlte nur ein eigentümlich wundervolles Behagen, -daß ich ihn widerlegen konnte, stellte mich einfach hin und sang ihm -die wenigen Strophen aus dem ersten Akt vor.“ - -„Und da war er sogleich starr vor Bewunderung!“ - -„Ich weiß es nicht! -- Plötzlich umringten sie mich alle. Der Direktor --- der alte Jarne -- die neidische Philine... Mein Widerspruch -verhallte.. Sie zwangen mich einfach zu einem festen Versprechen.“ - -„Haben Sie wenigstens gewußt, was Sie mir damit antaten, Eva, indem Sie -mich hintergingen?“ - -„Ich habe es schwer gefühlt. Die ganze stolze Freude meines ersten -Erfolges hat es mir verbittert..“ - -„Sie übertreiben. Daran zu glauben vermag ich beim besten Willen nicht.“ - -„Und doch ist es so. Bei jedem Hervorruf lastete die Reue auf mir. Ich -mußte an irgend eine Strafe denken.“ - -„Die ich über Sie verhängen würde?“ - -„Nein -- an eine andere. Und sie ist gekommen. Ich möchte Ihnen so gern -davon sprechen.“ - -„Um mich zu versöhnen, Eva?“ - -„Um mich zu erleichtern. Mein Herz ist sehr schwer.“ - -Da wallte das Muttergefühl an diesem fremden Kinde von neuem warm in -der Präsidentin auf. Ihre Hand legte sich auf den geneigten Scheitel. - -„Glücklich sehen Sie freilich nicht. Also, was ist geschehen?“ - -Eva von Ostried schlug beide Hände vor das erglühende Gesicht, weil sie -sich vor dem klaren, tiefen Blick schämte. - -„Der Karlsen hat mich nach der Vorstellung geküßt,“ stammelte sie. - -Die Präsidentin erschrak. - -„Und Sie lieben ihn?“ Eva schüttelte den Kopf. - -„Bisher war er mir gleichgültig. Seitdem er das gewagt hat, verachte -ich ihn. Daß er es tun durfte -- hat mir das Glücksgefühl nach dem -gestrigen Abend vollends ausgelöscht. Sagen Sie mir, daß so etwas nie --- nie wieder möglich sein wird. -- Ich ertrüge es kein zweites Mal.“ - -„Damit würde ich etwas behaupten, an das ich selbst nicht einen -Augenblick glaube.“ - -„Sie sind also überzeugt, daß die Kunst, wenn sie auch als etwas Reines -und Hohes empfunden und ausgeübt wird, vor solchen Uebergriffen nicht -schützt?“ - -„Ich hätte Sie für reifer gehalten, Eva! -- Das sind die Fragen eines -Kindes.“ - -„Wissen Sie, was ich bei diesem entsetzlichen Kuß gefühlt habe? Daß ich -imstande wäre, meine geliebte Kunst zu opfern -- wenn mir später das -gleiche geschehen würde.“ - -Und sie legte, wie ein furchtsames Kind erschauernd ihr heißes Gesicht -in die weichen Hände der Präsidentin. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -2. - - -„Niemals erschien mir die Welt ähnlich reich gesegnet wie in diesem -Jahr,“ sagte Frau Präsident Melchers und wies zu den Obstbäumen ihres -Gärtchens hinüber, die unter den silbernen Tauschleiern eines frühen -Septembermorgens tiefgeneigt ihre Lasten trugen. - -Eva von Ostried stand, für einen Ausgang bereit, ebenfalls auf -der offenen Veranda. Sie empfand keine staunende Dankbarkeit beim -Anblick dieser Wunder. Aus ihren Blicken sprach etwas Unruhvolles. -Nur für kurze Zeit hatte ihr der Segen dieser Stille, die -- obschon -nahe dem großen Getriebe Berlins -- dennoch aller Unrast fern und -fremd zu bleiben schien, wohlgetan. Jetzt fühlte sie sich wieder -von dieser Abgeschlossenheit gepeinigt. Jede Stunde bedeutete ihr -etwas Verlorenes. Jeder Tag einen unersetzlichen Verlust. Heimlich -durchkostete sie die rieselnden Wonnen ihres ersten Erfolges und wußte -nichts mehr von Reue oder Empörung. - -Sagten es ihr nicht immer aufs Neue die bewundernden Blicke fremder -Menschen, daß sie ungewöhnlich schön ist? - -War es darum nicht auch verzeihlich, wenn die Leidenschaft eines Mannes -und Künstlers sich an ihrem Anblick entflammte und vergaß? - -Die Präsidentin beobachtete heimlich den wechselnden Ausdruck auf Eva -von Ostrieds Zügen. Sie wußte richtig in diesem jungen Gesicht zu -lesen. Die Sorge um Evas Zukunft verringerte sich nicht. Der Wunsch, -neben ihr bleiben zu dürfen, bis die Selbstzucht oder eine harte -Enttäuschung alle Schlacken fortgefegt haben würde, war auch heute in -ihr. Sie fühlte, wie sich die junge Seele ihr seit der Rückkunft aus -Oeynhausen mehr und mehr verschloß. Aber sie unterdrückte tapfer alle -Bitterkeit. - -War es nicht auch das Los der leiblichen Mutter allmählich das Kind -der Schmerzen an irgend eine fremde Freude zu verlieren? Und hatte der -kommende Tag wirklich die große Bedeutung, die sie ihm zumaß? - -„Nun gehen Sie, Eva und besorgen die Kleinigkeiten zu unserm Mahle,“ -sagte sie und zwang damit ihre Gedanken zu fröhlicheren Dingen. „Mein -alter Freund, Justizrat Doktor Weißgerber, hat mir versprochen, das -Fest Ihrer Volljährigkeit mit uns zu feiern.“ - -„Ach,“ meinte Eva lachend, „was soll er mir? Er ist alt, bedenklich und -weise.“ - -Ein rascher Blick streifte sie. - -War sie wirklich so harmlos, nicht die tiefe Bedeutung seines Besuches -gerade an ihrem Ehrentage zu ahnen? -- Der junge Mund plauderte sorglos -weiter. - -„Am liebsten würde ich morgen Abend in das große Wohltätigkeitskonzert -gehen, zu dem mir ein liebenswürdiger, leider unbekannter Spender eine -Karte zugesandt hat..“ - -„Und ich?“ Nun klang doch eine leichte Bitterkeit aus der gütigen -Stimme. - -Eva wurde rot. - -„Sie erfreuen sich doch auch gern an guter Musik..“ - -„Freilich tue ich das! Aber ich ermüde jetzt zu sehr dabei.“ - -„Wenn Herr Justizrat bei Ihnen bleiben würde?“ Der Eigenwunsch besiegte -alle anderen Bedenken. - -„Seine Zeit ist kostbar, das wissen Sie. Opfert er mir schon die -Mittagszeit, wage ich nicht noch weiteres von ihm zu fordern.“ - -Eva schwieg. Aber ihr war es, als laste eine Kette auf ihr, welche die -Schönheit des Lebens für sie fesselte. -- Unfreudig wandte sie sich -nach kurzem Zaudern, um die aufgetragenen Besorgungen zu erledigen. - -Die Präsidentin blickte ihr nach, solange etwas von ihr sichtbar blieb. -Dann sah sie die durch die alte Pauline hereingebrachte Frühpost -durch, vermißte dabei die Zusage des aufmerksamen Freundes und ging -zum Telephon, um ihn zu befragen, wann er morgen frühestens kommen -könnte. Der Vorsteher seines Büros antwortete an seiner Statt, daß der -Justizrat seit gestern leider mit einer heftigen Erkältung zu Bette -liege und hohes Fieber habe. -- Das beunruhigte sie auch wegen des -Andern. Gar zu gern hätte sie nun endlich ihrem längst ordnungsmäßig -aufgesetzten Testament jene Nachschrift angefügt, die Eva von Ostrieds -Zukunft sicher stellte. Einem ausdrücklichen Wunsch ihres verstorbenen -Gatten entsprach es, daß sie vor Ausführung jeden größeren Entschlusses -den Rat seines als treu und klug erprobten Jugendfreundes hörte. - -Bisher war sie seinem Wunsch stets gefolgt. Für die beabsichtigten -Stiftungen, denen, mangels Erbberechtigter, ihr großes Vermögen neben -reichen Legaten bestimmt war, hatte sie auch eines klugen, juristischen -Beistandes bedurft. Nun hieß es ein Teilchen von dem bereits Verfügten -abzustreichen und diesem neuen Zweck zuzuführen. Der Gedanke an ein -Hinausschieben wollte sie unruhig machen. Die Gewöhnung an klares, -ruhiges Ueberlegen siegte jedoch. - -Schließlich kam es auf ein paar Tage des Wartens dabei nicht an. - -Sie war damit beschäftigt, den Gaben, die Eva von Ostried morgen -erfreuen sollten, ein möglichst festliches Aussehen zu verleihen, als -die alte Pauline, die bereits der jungen Frau Assessor Melchers treu -gedient hatte, hereinkam und den Besuch eines fremden Herrn meldete. -Es war kaum zehn Uhr vormittags. Die Stunde dafür also ungewöhnlich. -Deshalb ließ ihn die Präsidentin nicht eher hereinbitten, bis er sein -Anliegen genannt hatte. - -Das war in kurzen Worten geschehen. - -„Er käme wegen unserm Fräulein,“ berichtete Pauline und die anfängliche -Mißbilligung war aus ihrem Gesicht verschwunden. - -Der bald darauf Eintretende war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren. -Seine breitschultrige Gestalt zeigte die Kraft und Frische eines -Menschen, der einem gesunden Beruf nachgeht. Sein Gesicht war tief -gebräunt. Unter den buschigen Brauen blickten die Augen treu und -klar. Er gefiel der Präsidentin, noch ehe sie ihn angehört hatte. Das -anfängliche Unbehagen, es könne sich um einen der vielen heimlichen -Verehrer ihres schönen Schützlings handeln, wandelte sich in eine -Art behaglicher Neugier. Von diesem ehrenhaft Wirkenden konnte ihrem -Liebling unmöglich eine Gefahr drohen. Als er seinen Namen nannte, -streckte sie ihm herzlich die Rechte entgegen. - -„Amtsrat Wullenweber aus Hohen-Klitzig, Regierungsbezirk Köslin, -Hinterpommern,“ wiederholte sie mit einem warmen Lächeln. „Also -- -Eva von Ostrieds Vormund! Wie es mich freut, Sie persönlich kennen -zu lernen. Unser Briefwechsel war damals kurz und gestaltete sich -unerfreulich, nicht wahr?“ - -„Ja,“ sagte er, „ich bildete mir fest ein, daß Sie, Frau Präsident, den -unglücklichen Gedanken meines Mündels kräftig unterstützten.“ - -„Warum bezeichnen Sie ihn als unglücklich, Herr Amtsrat?“ - -„Das läßt sich nicht in ein paar Worten sagen.“ - -„Soll dies heißen, daß die Zeit zu einer richtiggehenden, sogar für -eine Frau begreiflichen Erklärung, Ihnen auch heute fehlt?“ - -„Zeit hätte ich schon, Frau Präsident. Mein Zug geht erst in vier -Stunden. Mein Hauptgeschäft, der Ankauf einer landwirtschaftlichen -Maschine, ist bestens besorgt.“ - -„Ach,“ machte sie enttäuscht, „und ich dachte, daß Sie zu mir kämen, -weil doch morgen Eva von Ostried selbständig wird.“ - -Er lächelte. Das gab seinem ernsten, stillen Gesicht etwas unendlich -Gutes und Liebenswertes. - -„Ich glaube, Sie unterschätzen die Sorgen und Lasten des Landmannes -in dieser jetzigen, bösen Zeit, Frau Präsident. Sobald er den -Rücken wendet, geschieht bestimmt eine Dummheit. Ich will mich also -nicht als Einer hinstellen, der allein von der Verantwortung seiner -Vormundschaft getrieben wird. Wenn schon ich nicht verhehlen kann, daß -mir Eva von Ostried viel Sorge gemacht hat.“ - -„Lieber Herr Amtsrat, das Schicksal teile ich mit Ihnen! Wer sie lieb -hat, wird ewig mit einer gewissen Unruhe im Herzen ihrer Entwicklung -zusehen.“ - -„Eigentlich lieb ist sie mir nie gewesen,“ gestand der Amtsrat -freimütig ein, „dazu hatte sie zu viel von ihrem Vater.“ - -Ein verstehendes Lächeln erschien auf dem Frauenantlitz. - -„Dann haben Sie ihrer Mutter sicher sehr nahe gestanden.“ - -„Woher wissen Sie das, Frau Präsident?“ Er sah sie erstaunt und -unsicher an. - -„Ich ahne es mit dem Gefühl der reifen Frau. -- Der Vater war -augenscheinlich niemals Ihr wahrer Freund. Die Tochter steht Ihrem -Herzen nicht sonderlich nahe und dennoch wehrten Sie sich mit einem -fast leidenschaftlichen Grimm gegen die Fortsetzung ihrer einst vom -Vater gebilligten musikalischen Ausbildung, nachdem der berühmte Gönner -tot war. Da muß also entweder das höchste Gefühl von Verantwortung -und dieses haben Sie mir ja soeben abgestritten -- oder das, einer -geliebten Verstorbenen gegebene Versprechen zugrunde liegen.“ - -„So ist es wirklich. Evas Mutter war die beste und edelste Frau!“ - -„Sie sind unvermählt geblieben, Herr Amtsrat?“ Er nickte wehmütig. - -„Ein paar mal habe ich später aus dieser Einsamkeit herauswollen und -es doch nie über kläglich gescheiterte Versuche gebracht. Das heißt: -verstehen Sie mich nicht falsch. Der andere Teil merkte nichts davon. -Nur mit mir allein brachte ich die Geschichte in Ordnung. Das genügte. --- Ich konnte Evas Mutter nicht vergessen.“ - -„Verzeihen Sie, wenn ich forsche. Unzartheit ist es nicht. Wie konnte -es kommen, daß Sie sich nicht -- war selbst anfangs keine Gegenliebe -vorhanden -- von so viel Tiefe und Treue rühren ließen?“ - -Sein grauer Kopf neigte sich auf die Brust. - -„Als ich sie kennen lernte, gehörte sie schon dem Andern. Und ich -war sein Freund und nächster Nachbar. Wissen Sie.. kein Freund, wie -Sie und auch ich jetzt, ihn verlangen. Dazu waren wir Beide viel zu -verschieden. Ich eines schlichten Vaters vierter und jüngster Junge, -zur strengsten Arbeit und Pflichterfüllung seit den ersten Hosen an, -erzogen -- er, der Einzige des schönen, flotten und leichtsinnigen -Majoratsherrn auf Waldesruh. Springt man aber jahrelang zusammen barfuß -über die Stoppeln, lauert im Erlenbusch auf die nistende Rohrdommel -oder Nachtigall, weil irgend ein Landbezopftes dem dummen Jungen den -Kopf verdreht hat -- na, dann macht sich so was von selbst. Mein -Vater hat zudem dem flotten alten Herrn auf Waldesruh des öfteren -ausgeholfen, ohne sonderlich streng auf die Zinsen zu sehen. So kams, -daß er, der sonst reichlich hochmütig sein konnte, auch mich als -Spielgefährten seines Sohnes gnädig duldete. Meine Brüder sind in -andern Provinzen untergekrochen. Bis auf einen, der sich glücklich -bis zum Major durchgehungert hat und, nachdem ihm ein Jagdunglück, -das kriegerische Handwerk gelegt, hier in Berlin mit seinen beiden -Kindern kein beneidenswertes Dasein hatte. Die Landwirte saßen auf -guten, kleinen Höfen, die Mann, Weib und Kind ernähren. Sie sind schon -verstorben. -- Ich kam durch das Erbteil einer Muhme in die Lage, die -väterliche Domäne zu übernehmen, nachdem mein alter Herr sich zum -Sterben hingelegt hatte. -- Ein Jahr später schoß sich der schöne, -tolle, leichtsinnige Vater Ostried eine Kugel durch den Kopf. Sein -Sohn, der bei den Pasewalker Kürassieren stand, mußte die Uniform -ausziehen. Das verlangte eine Familienbestimmung. Er tat es ungern, -wenngleich er sich trotzdem so viel Vergnügen, wie nur irgend möglich, -bereitete. Kaum war das Trauerjahr zu Ende, jagte ein Fest das andere. -Der Acker kam dabei natürlich nicht zu seinem Recht. Aber, ich merke -schon, ich erzähle zu langatmig, Frau Präsident.“ Sie wehrte ab. - -„Mich interessiert auch das Kleinste in Ihrer Geschichte, Herr Amtsrat. -Und Zeit haben wir reichlich. Der Blick, den Sie soeben nach der Tür -warfen, soll wohl die Frage nach Eva von Ostried ausdrücken, nicht -wahr?“ - -„Stimmt wieder. Sie ist doch noch bei Ihnen?“ - -„Sonst wüßten Sie es längst anders. Sie besorgt jetzt nur allerhand für -ihren Geburtstag. Ich bin leider für körperliche Anstrengungen nicht -mehr tauglich. -- Nachher hoffe ich, werden Sie sie noch bestimmt sehen -können.“ - -Er wiegte bedächtig den Kopf hin und her. - -„Darauf lege ich keinen Wert, Frau Präsident. Ich würde ihr gegenüber -entweder gerührt -- oder hilflos sein. Beides könnte den mangelnden -Respekt nicht bringen. -- Nein, lassen Sie nur! Will es der Zufall, daß -sie kommt, so lange ich da bin, drücke ich mich natürlich nicht.“ - -Sie verstand ihn wieder. - -„Und nun weiter,“ drängte sie. - -„Ja und zu einem dieser stolzen Feste kam denn auch eine vergrämt -aussehende Baronin mit ihrer Tochter. Mich hatte er auch geladen, und --- weiß Gott -- wie es kam, ich erschien, obwohl ich zuvor dutzende -von Malen abgesagt hatte. -- Bis dahin wußte ich nicht viel davon, -wie lieblich eine Frau sein kann. Denn die Langbezopften in unserm -Dorf hatten fast durchgängig Regennasen und derbe, rote Gesichter. Ich -war auch sonst keiner von den Redseligen. Aber an dem Tage konnte ich -überhaupt keinen Ton rausbringen. Nicht mal einen Glückwunsch fand -ich zusammen, als mir mein Freund -- Hasso von Ostried -- die mir -unirdisch schön erscheinende Tochter der alten Baronin als seine Braut -vorstellte. -- Ich habe sie dann auch noch singen hören. Mein Gott -- -zu Musik hat bei uns nie die Zeit gereicht. Darum wußte ich vorher -nichts von ihrem Zauber. Er hat alles in mir wach und groß gerüttelt. -Aber es durfte doch nicht leben. Als ich lange nach Mitternacht -heimgestolpert bin, wußte ich, daß ich Hasso von Ostrieds Braut liebte --- und wollte nie, nie wieder in sein Haus. Ihr nie -- nie wieder -begegnen. Und bin nachher doch, ganz freiwillig, hingegangen, weil ich -wußte, daß sie bald Einen nötig hatte, der es treu und gut mit ihr -meinte. Auf den sie unbedingt zählen konnte, wenn das unbarmherzige -Kreuz für ihre schwachen Schultern zu schwer würde. -- Denn er, der -von Gottes- und Rechtswegen dazu bestimmt gewesen, kümmerte sich bloß -die ersten Jahre um sie. Nachher war anderes genug da. -- Die Jagd --- schöne Gäule -- auch ein paar Frauen, die seiner nicht das Wasser -reichen konnten. Auch wollte er es nicht verwinden, daß das endlich -geborene Kind ein Mädchen war und keinen Bruder bekam. -- Sie -- Evas -Mutter -- wurde blasser und elender von Jahr zu Jahr. Er hat gelacht, -wenn ihn einer warnend darauf hinwies. Ihre Tröster waren die Musik -und -- ich! Das hat sie mir gestanden -- drei Tage vor ihrem Tode, der -ganz leise und sanft gewesen sein muß, denn Niemand im Schloß hat etwas -früher davon gemerkt, als bis alles vorüber gewesen ist.“ - -„Und sie hat nicht gewollt, daß Eva, wenn sich die schöne Begabung auf -sie übertrüge, sie jemals öffentlich ausübe,“ fragte die Präsidentin, -als er einen Augenblick schwieg. - -„Sie hat mein Versprechen mit ins Grab genommen, Frau Präsident.“ - -„Darf ich wissen, worin dies bestand, Herr Amtsrat?“ - -„Das ist ja die Hauptsache, damit Sie mich und meine damalige -Schroffheit endlich verstehen. Sie müssen wissen, daß sie sich niemals -zu mir über ihren Mann beklagt hat. Darum hat mich dies Letzte auch so -erschüttert. Für sich und ihre Schönheit wollte sie nichts. Jahraus --- jahrein ging sie in einem weißen Kleide und ich glaube nicht, daß -sie etwas anderes anzuziehen hatte. Manch einer riß seine Witze drüber -und hat gemeint, sie spare heimlich, um dem teuren Gatten alle Jahr -ein paar Flaschen echten Sekt zu schenken, von dem die Buddel damals -schon 30 Mark gekostet hat. Ich als Einziger habe die Wahrheit erfahren -dürfen. Ganz zuletzt -- wie schon gesagt. Ich will Ihnen ihre Worte -wiederholen. „Sie sollen über meiner Tochter wachen,“ hat sie gebeten -und als ich leise auf Evas Vater hinweisen mußte, nur geflüstert: „Sie -wird ihm bald genug eine Last sein, denn er ist noch jung und will viel -vom Leben. Die Ostriedschen Familiengesetze verlangen aber, daß den -unmündigen Töchtern bei einer zweiten Eheschließung ein Vormund gesetzt -werde. In gewisser Weise hängt er an ihr,“ hat sie dann weiter gesagt, -„denn sie wird einst sehr, sehr schön sein. Das macht ihn stolz. Sonst -aber -- innerlich -- empfindet er dauernd ein Unbehagen, Eva und er -gleichen einander zu sehr. Sie ist eitel und egoistisch wie er -- schon -jetzt -- und..“ Hier hat sie ihr Gesicht in den Händen verborgen, als -schäme sie sich ihrer Geständnisse, „ich glaube beinahe, käme sie nicht -in sehr feste, treue Hände, daß auch sie es mit den Begriffen der Ehre -nicht so ganz genau nähme. Darum -- solange Sie Gewalt über sie haben, -erlauben Sie nicht, daß sie das Talent, das ich ihr vererben mußte, --- die Stimme, deren Schönheit sich meinem Ohr längst angekündet hat, -zum Beruf ausbildet. Er würde ihr zum Unsegen werden. -- Ich selbst -dachte niemals an etwas derartiges. Schon der Gedanke, mich öffentlich -zeigen zu sollen, mich von jedem bewundern und anstarren zu lassen -- -machte mir Schmerzen. -- Entwickelt sie sich aber weiter zur Tochter -ihres Vaters, wird sie gerade dies glühend ersehnen..“ Ja, so hat sie -gesprochen, Frau Präsident. Zuletzt händigte sie mir noch ein Päckchen -ein, das ich ihrer Tochter bei deren Volljährigkeit übergeben müsse. -Es waren fünfhundert Mark. Wieviel Entbehrungen mochten daran hängen? -Bedenken Sie, aus der Hauswirtschaft nahm sie keinen Pfennig ein. Was -der Garten abwarf, bekam der Schloßherr gleich auf den Schreibtisch --- wenn die Kaufleute die Erzeugnisse nicht schon zuvor für längst -gelieferte Waren mit Beschlag belegt hatten. Einzig hundert Mark -im Jahr erhielt sie aus einer Stiftung vonseiten der verstorbenen -Mutter her. Davon also hat sie dies zusammengerafft. -- Ich hab’s gut -angelegt und hier ist es. Es sind tausend Mark draus geworden. Nicht -viel.. Ich habe mir erzählen lassen, daß nach ihrem Tode der Witwer -einer schönen Schauspielerin einen einzigen Mantel für das Dreifache -gekauft habe. -- Aber, es ist doch viel mehr wert wie Millionen. Das -Herz dieser seltenen, tapferen Frau hängt daran. Wollen Sie das alles -ihrer Tochter erzählen? -- Ich kann’s nicht so. Ich würde wieder und -wieder denken müssen.. das ist Hasso Ostrieds Tochter.. und würde das -Bild vor mir sehen, das ich oft in Wirklichkeit hatte. Obschon der -zwei Jahre nach ihrem Tod von dem Ostriedschen Kuratorium zwangsweise -eingesetzte Verwalter des Majorats ihnen später jeden Kohlkopf und -Groschen zugezählt hat und die Eva mit ihren siebzehn Jahren auch -nicht mehr gänzlich blind und taub durch die Tage ging -- hat sie die -Feste, die er -- wer weiß -- aus welchen Mitteln, schließlich wieder -veranstaltete, mitgemacht -- sich allerlei bunte Fähnchen gekauft und -mitgelacht..“ - -„Vergessen Sie ihre Jugend nicht, Herr Amtsrat.“ - -„Ihre Mutter ist auch jung gewesen und schön wie ein Engel und rein und -hochbegabt,“ murrte er. - -„Vielleicht auch glücklich. -- Wissen Sie denn, Herr Amtsrat, ob es ihr -nicht ein tiefes großes Glücksempfinden brachte, daß Sie ihr ergeben -waren?“ - -„Daran habe ich niemals gedacht.“ - -„Und es liegt doch so nahe! Ich denke mir, daß sie Ihre feine, starke -Liebe immer fühlte und das unbegrenzte Vertrauen zu Ihnen faßte, weil -Sie sich im Zaum hielten. Eine Frau geht nicht dauernd an tiefstem -Mannesempfinden vorbei. Vielleicht wäre sie sonst unter ihrer Last -zusammengebrochen.“ - -Er saß ganz still. Seine breiten, sonnverbrannten Hände lagen schwer -auf den Knien. - -„Wenn es wahr wäre,“ sagte er ein paarmal vor sich hin, „das wäre -schön.“ - -„Es ist wahr,“ bekräftigte die Präsidentin. „Wie stellte sich übrigens -Evas Vater später zu Ihnen?“ - -„Er war auffallend kurz und unfreundlich, wenn wir uns zufällig an den -Grenzen trafen. Sein Haus betrat ich nicht wieder.“ - -„Merken Sie jetzt, daß ich im Recht bin? Obgleich er die Tote nicht mit -wirklicher Treue liebte, war seiner Eitelkeit der Gedanke, daß Sie ihr -mehr, als er, bedeutet hatten, unerträglich.“ - -„Er bestimmte sogar in einem hinterlassenen Brief ausdrücklich einen -andern Vormund, wie mich, im Falle ich ihn überleben sollte, und seine -Tochter zu diesem Zeitpunkt noch unmündig wäre. Dabei war er von dem -Wunsch der Toten genau unterrichtet.“ - -„Wie kam es also, daß Sie es dennoch geworden sind?“ - -„Nun, er war im Laufe der Jahre den Herren vom Gericht bekannt -geworden. Seine zahlreichen Gläubiger wurden durch seine -Gleichgültigkeit stets gezwungen, sich letzten Endes an die große -Stelle für das öffentliche Recht zu wenden. Auch war sein Leumund -schlechter geworden, seitdem er allein mit der Tochter lebte. Derjenige -aber, den er als Vormund für seine Eva vorgeschlagen hatte, war genau -so ein leichtsinniger, loser Vogel wie er selbst.“ - -„An seinen verhältnismäßig frühen Tod muß er doch gedacht haben. Wie -wäre sonst jener Brief zustande gekommen?“ - -„Ein toller Ritt nach durchzechter Nacht brachte ihm die schwere -Lungenentzündung, an deren Folgen er nach ein paar Wochen auch -gestorben ist. Seine Natur hat sich erstaunlich lange gegen den -Sensenmann gewehrt. In dieser Zeit der Langenweile und vielleicht auch -der Nachdenklichkeit ist das erwähnte Schriftstück, das sonst keinerlei -Wichtiges enthält, entstanden.“ - -„War er eigentlich mit dem Entschluß seiner Tochter und dem -hochherzigen Anerbieten seines Freundes, des bekannten Königlichen -Kammersängers, sofort einverstanden? Evas Ansicht, die dies lebhaft -bejaht, ist mir in dieser Beziehung nicht maßgebend?“ - -„Doch, ich glaube es auch! Das Messer saß ihm an der Kehle. Allmählich -sahen auch die Gläubigsten unter seinen Kreditgebern, daß das -Kuratorium ihn unerbittlich beschränkte. Sie zogen sich mehr und mehr -von ihm zurück, um zu den alten Dummheiten keine neuen anzufügen. Denn -er hatte etwas bestrickend Liebenswürdiges, das auch die Vernünftigsten -oft genug blendete. -- An mich hat er sich niemals gewandt. Und das ist -das Einzige, was ich ihm hoch anrechne. -- Er kannte die ungeheuren -Einnahmen des Kammersängers, der, gleich ihm aus einer altadligen -Familie stammte, und mag wohl -- bestimmt durch die glanzvolle Aussicht -für die Tochter, durch welche sich auch seine Lage endlich wieder -heben mußte, die erbetene Erlaubnis zu ihrer Uebersiedlung nach Berlin -bereitwilligst gegeben haben. Eva soll dort übrigens ganz zur Familie -gehört haben. Die Gattin des Künstlers wurde mir seiner Zeit als gute -Hausfrau gerühmt. -- Davon werden Sie natürlich mehr wissen, wie ich?“ - -„Eva ist damals ganz in ihrer Kunst aufgegangen und hat sich scheinbar -um die ihr reichlich prosaisch dünkende Frau des Gönners wenig -gekümmert. Jedenfalls hat der Umstand, daß die nach dem Tode ihres -Mannes sofort den Haushalt auflöste und -- ohne Rücksicht auf Eva -- -nach München übersiedelte und sich niemals seitdem durch eine Zeile -nach ihr erkundigt hat, zur Genüge bewiesen, wie lose das Band eines -Zusammenhaltes zwischen ihnen gewesen ist..“ - -„Alles in allem wird Eva von Ostried aber inzwischen eingesehen haben, -daß ich es gut mit ihr gemeint habe?“ - -„Leider kann ich das nicht bejahen!“ - -„Ich nahm die Tatsache, daß sie keinen weiteren Versuch zu meiner -Umstimmung machte, für weise Einsicht an.“ - -„Wie wenig kennen Sie die Tochter Ihrer geliebten Toten! Ihr Schweigen -hatte einen andern Grund. Ich machte ihr klar, daß ich Ihnen keine -schnelle Aenderung einmal gefaßter Ansichten zutraue und vertröstete -sie auf die Zukunft. Da war sie klug genug, sich einstweilen zu -bescheiden.“ - -„Danach scheinen Sie also ihre Wünsche zu unterstützen, Frau Präsident? -Das ist mir nach dem starken Eindruck, den ich von Ihnen empfing, -unbegreiflich.“ - -„Auch Sie wären andern Sinnes geworden, hätten Sie sich, gleich mir, -von dem Ernst ihrer Bestrebungen, überzeugen müssen. Und nun gar die -eigene Mutter. Ich habe kein Kind besessen. Und doch fühle ich, daß -eine Jede von uns zurücktreten kann und auch will, wird sie inne, daß -sie der wahren Befriedigung des Kindes hinderlich ist.“ - -„Darin sollen Sie Recht behalten. Frau von Ostried war wohl eine -scheue, stille Frau für sich selbst. Hätte sie aber einsehen müssen, -daß die Tochter schwer unter der Versagung ihrer Erlaubnis litt, wäre -sie fraglos nachgiebig geworden.“ - -„Nun begreife ich Sie immer weniger.“ - -„Das ist auch schwer für Sie. Wir leben in zu verschiedenen -Verhältnissen. Für Sie ist die Grenze, die ich als Horizont achte, -nur ein Scheinbegriff geblieben, hinter dem sich die Unendlichkeit -ausdehnt. Und Wachstum gibt es in Ihrem Leben auch wohl ohne Segen -und Regen. Ich sah nur mein ganzes Leben hindurch klare Luft, den -Horizont und die Entwicklung jeglichen Dinges durch Sonne und Regen... -Einmal bin ich im Theater gewesen und danach nie wieder. Es hat mich -abgestoßen. Lachen Sie ruhig darüber. Eine Frau stand auf der Bühne und -hat alles das vor fremden Ohren preisgegeben, was sie sonst schamhaft -mit sich allein abmacht. -- Mir kam sie dadurch wie entkleidet vor. -- -Dies Gefühl hat mir die Richtschnur gegeben. Schön und gut! Es mag viel -Kunst dabei sein können. Das verstehe ich nicht. Viel Unwahrhaftigkeit -und Uebertreibung aber auch. Dazu kommt, daß in der Familie meines -einzig noch lebenden Bruders eine Tochter, die viel Hang zur Musik und -zur Künstlerschaft hatte, verloren gegangen ist. Es ist mir sehr nahe -gegangen. Die Kinder meiner andern Brüder, von denen ich Ihnen auch -sagte, sind frühzeitig gestorben. Nun habe ich nur noch einen Neffen, -mit dem ich nie recht warm werden konnte.“ - -Daß ein Mann, der das Leben mit all seinen Härten, Entsagungen und -Verlockungen kannte, ein öffentliches Auftreten von dieser Warte -beurteilte, rührte die Präsidentin. Freilich mochte es reichlich -unmodern sein -- ja, in den Augen der Meisten wohl gar lächerlich -wirken. Ihr zeigte es den hohen, sittlichen Wert dieses Mannes, dessen -unbewußte, kinderreine Keuschheit sich gegen Schaustellungen der -Gefühle heftig sträubten. - -„Was hätte ich dagegen tun wollen,“ sagte sie nach einer Weile des -Schweigens. „Es wurzelt zu tief bei ihr. Ich hätte sie ganz verloren. -Nun darf ich sie wenigstens noch eine Zeitlang behalten.“ - -„Sie besitzt aber nichts, als das Geld, das ich vorher in Ihre Hand -gelegt habe, Frau Präsident, und ich habe mir erzählen lassen, wie -hoch die Kosten einer gründlichen Ausbildung sind. Damit sollen aber -die Ausgaben noch nicht aufhören. Eine erhebliche Summe, sozusagen -als Daseinssicherheit, muß außerdem vorhanden sein. Mal gibt’s keine -Einnahmen. Mal kosten die Kleider mehr, wie das gesamte Spielhonorar -beträgt..“ Sie mußte unwillkürlich über seinen Eifer, hinter dem sich -ein Stückchen Triumph barg, lächeln. - -„Ich bin reich,“ gestand sie endlich. „Sehr reich sogar und habe für -niemand leiblich Verwandtes zu sorgen. Das hat mir oft bitter weh -getan. Ich meinte, die gnädige Vorsehung schickte mir Eva von Ostried -als Ausgleich für mancherlei Entbehrtes. Nun, Enttäuschungen kamen -auch hinterher. In gewissem Sinne ähnelt sie bestimmt dem Vater, wie -Sie ihn mir schilderten. Wenn auch alles liebenswerter und weicher in -ihr gestaltet ist. Ich konnte gar nicht anders handeln, als ich es -schließlich getan habe. Mit dem Augenblick, in dem ich sie in mein Haus -aufnahm, gab ich mir das Versprechen, für sie zu sorgen. -- Im April -nächsten Jahres etwa wird sie wieder ernsthaft ihre Studien aufnehmen. -Die Mittel bis zum Schluß und ein rundes Kapital für die von Ihnen -erwähnten Dinge, soll sie von mir erhalten. Ich bringe das in den -nächsten Tagen in Ordnung.“ - -„Dann habe ich das Meiste umsonst geredet, Frau Präsident.“ - -„Glauben Sie das nicht, Herr Amtsrat. Ich gebe alles in passender -Stunde an Eva weiter. Es wird Wurzel schlagen. Mit Strenge ist nicht -viel bei ihr zu wirken. Regt sich aber der gute Kern -- spricht die -Dankbarkeit und besonders das Erbe ihrer Mutter -- eine große Reinheit -in Empfindung und Anschauung -- dann kann sie erstaunlich fügsam und -weich sein. Die durch die Wiedergabe Ihrer Worte von neuem geweckte -Erinnerung an ihre tote Mutter wird ihr zum Schutz werden.“ - -„Sie wird das bißchen Erlernte von der Musik gründlich vergessen -haben,“ wandte der Amtsrat ein. „Drei Jahre ist sie nun bei Ihnen.“ - -„Und Sie meinen wirklich, daß ich in dieser Zeit das Erreichte nicht -wenigstens erhalten hätte? So kurzsichtig und engherzig war ich nicht. -Ich habe ihr einen bedeutenden Lehrer gehalten und wenn ich auch keine -zeitraubenden Uebungsstunden gestattete -- eben weil sie sich an -die Erfüllung bestimmter Pflichten gewöhnen sollte -- dies Ende zur -Rückkehr sah ich stets voraus. Es waren also auch in dieser Beziehung -keine verlorenen Jahre.“ - -„Die kommenden Zeiten werden unruhig für Sie werden, Frau Präsident. -Und eine Stütze dürften Sie im Alter kaum an ihr haben.“ - -„Ich glaube auch nicht, daß ich ihrer bedarf, lieber Herr Amtsrat. Ich -entstamme einer kurzlebigen Familie. Eigentlich halte ich mich schon -länger, als es mir vor ungefähr zehn Jahren ein besonders barscher -Arzt bemessen hat. Ich bin auch jederzeit bereit. Nur vorher will ich -noch, etwa im ersten Frühlingsgrün des nächsten Jahres, eine liebe -Jugendbekannte in ihrem Heimatsstädtchen aufsuchen. Immer wieder habe -ich das hinausgeschoben. Jetzt bin ich fest dazu entschlossen. Und -wissen Sie, wen ich bei dieser Gelegenheit noch besuchen möchte? Dieser -Gedanke ist ganz neu.. Einen guten, treuen Menschen, welcher der beste -und zuverlässigste Freund gewesen ist. Seine Scholle liegt meinem Wege -überaus günstig. Wenn ich richtig schätze, kaum eine Bahnstunde von der -pommerschen Seestadt entfernt, in welcher meine Bekannte lebt. Wollen -Sie seinen Namen wissen? Er heißt Amtsrat Wullenweber und wird hiermit -feierlich angefragt, ob er mich wohl auf einen Tag haben mag?“ - -Er strahlte, sie aus seinen treuen, blauen Augen ehrlich erfreut an. - -„Ob ich mag, Frau Präsident! Ich will alles vom Boden bis zum Keller -putzen lassen und meine alte Klidderten soll mal zeigen, was eine -richtige, gute hinterpommersche Wirtschafterin leisten kann.“ - -„Um Gotteswillen,“ lachte sie fröhlich, „das wird bestimmt unmöglich -gemacht. Eines Tages trete ich, ohne vorherige Anmeldung, mit einem -kleinen Reisetäschlein, bei Ihnen an und werde dankbar sein, wenn -Sie mir einen Platz an Ihrem Tisch und höchstens noch ein Gericht -Dabersche Kartoffeln mit fetter Buttermilch gönnen. Denn Sie müssen -wissen, daß meines lieben Mannes erste Richterstelle in Köslin war, das -ebenfalls im Regierungsbezirk Köslin liegt. Darüber sind freilich schon -einige dreißig Jahre vergangen. Auch haben wir damals weder Zeit noch -Lust gehabt auf den benachbarten Gütern Bekanntschaften anzuknüpfen. -Meines Mannes Dezernat war sehr umfangreich. Ein Anwalt, der ihm die -zahlreichen Verträge und Testamente abgenommen hätte, wollte sich aus -Furcht, kein genügendes Auskommen zu finden, nicht niederlassen.“ - -„Und jetzt sitzen dort längst ihrer zwei, die in guter Freundschaft -miteinander leben.“ -- - -„Sie kennen das kleine, saubere Städtchen natürlich ganz genau?“ - -„Versteht sich, Frau Präsident. So dick gesät sind ja die Nester bei -uns da hinten bekanntlich nicht. Mit meinen jungen Schimmeln schaffe -ich die Geschichte in knappen drei Stunden.“ - -„Wie seltsam spielt die Vorsehung. Ich bin geneigt, dies alles als -etwas anzusehen, das Eva von Ostried zum Nutzen und Frommen werden muß. -Vielleicht lernen Sie sie bald näher kennen und gewinnen sie im Laufe -der Zeit ebenso lieb, wie ich es tue.“ - -„Daran würde ihr kaum etwas gelegen sein. Ich habe herausgefühlt, -daß ihr Vater über mich in einem Ton gesprochen haben muß, der weder -Vertrauen noch Hochachtung säen konnte.“ - -„Und dennoch bitte ich Sie in dieser Stunde von ganzem Herzen, unser -Sorgenkind nicht aus den Augen zu lassen, wenn sich die Prophezeiung -jenes Arztes einmal überraschend schnell an mir vollziehen sollte.“ - -„Sie werden gemerkt haben, daß ich ein schwerfälliger Mensch bin, Frau -Präsident.“ - -„Einer, hinter dessen schlichtem Wort jedenfalls die Tat steht, Herr -Amtsrat.“ - -„Aber auch ein Weltfremder und Ungeschickter.“ - -„Sie zögern also?“ - -„Wenn Weg und Ziel im Dunst liegen, geht die Fahrt gewöhnlich schief. -Ich wüßte nicht, womit ich ihr helfen könnte.“ - -„Das ist mir vorläufig gleichfalls verborgen. Es kann aber sehr wohl -kommen, daß sie durch irgend welche Ereignisse hilflos wird. Ich will -morgen auch diesen Fall mit ihr besprechen. Sie soll sich an Sie -wenden, wenn sie allein nicht mehr weiter kann.“ - -„Tut sie das, Frau Präsident, will ich ihr nach bestem Wissen raten und -helfen. Darauf mein Wort.“ - -„Das genügt mir. Ich danke Ihnen innig, Herr Amtsrat, und jetzt lassen -Sie uns ein Glas jenes alten schweren Weines zusammen trinken, dessen -letzte Flasche seit einem viertel Jahrhundert auf einen würdigen -Augenblick im Keller wartet.“ - - * * * * * - -Hell war auch der neue Tag und voll goldenen Lichtes. Eva von Ostried -stand unter einem besonders gesegneten Apfelbaum. Ein Stückchen blauen -Himmels und die begrenzte Ferne drängte sich durch das Gewirr der -Zweige und Früchte. Stolze Träume schoben ihr jedes Hindernis fort. -Sie fühlte sich frei wie nie zuvor, trotzdem ihr nichts geschehen war, -als daß sich heute ihr einundzwanzigstes Lebensjahr vollendete. Der -kommenden, ernsten Arbeit gedachte sie freilich auch. Mehr aber des -andern, nach dem sie sich unaussprechlich sehnte. - -Reich -- angebetet -- beneidet zu werden, war ihr Streben. Von jeher -haßte sie dies Einschränken und Sorgenmüssen. Der Traum ungezählter -Tage, das bewußte und unbewußte Sehnen nächtlicher Träume, gilt dem -Glanz einer sorglos heiteren Zukunft. Erst, nach dem großherzigen -Versprechen der Präsidentin erkannte sie schaudernd, daß ihr Leben -verfehlt und zerbrochen gewesen wäre, hätte die gütige Frau ihre -Zukunftswege nicht zu ebnen versprochen. - -Bei dem bloßen Gedanken an diese Möglichkeit schüttelte sie wiederum -ein Grauen. Vielleicht hätte sie dann, gezwungen von ihrer Sehnsucht, -den Versuch gemacht, um jeden Preis die fehlenden Mittel selbst zu -beschaffen. So aber war es schöner und bequemer! - -Sie nickte der Sonne zu und jauchzte hell auf -- streckte die Arme und -griff spielerisch nach den blendenden Kreisen. - -„Der Ruhm soll mir beide Hände mit Gold füllen.“ - -Von der Veranda her ertönte ihr Name. Ungeduldig winkte ihr die -Präsidentin. - -„Wo bleiben Sie, Eva?“ - -Da flogen die Träume von dannen. Was aber blieb, war noch köstlich -genug. Gaben -- Freundlichkeit -- und Ermahnungen. Auch diese! Eva -von Ostried hörte scheinbar aufmerksam zu, als ihr Frau Melchers vom -alten Amtsrat Wullenweber und allem, was zwischen ihnen gesprochen war, -sagte. Im Stillen dachte sie: - -„Ehe ich mich jemals an den engherzigen, mürrischen Nachbar wende, -würde ich lieber hungern.“ - -Daß dies Schreckliche in Wahrheit eintreten könnte, erschien ihr -freilich undenkbar. - -Als sie das Erbe der Mutter empfing, mußte sie weinen. - -Es war ja so unendlich wenig. Ihr Vater hatte oft mehr als das -Dreifache in einer Nacht im Spiele verloren. Aber es rührte sie! Die -verblaßten Erinnerungen füllten sich mit lebendigen Farben. -- - -Ihre feine, kleine, stille, zarte Mutter! -- Wie sie Paul Karlsen in -der Dunkelheit des gemeinsamen Warteraums an sich gerissen, hatte sie -ihrer plötzlich gedenken müssen -- sie um Hilfe anflehend. -- Den -Vater hatte sie damals vergessen. Der war ja auch nur für die lustigen -Stunden dagewesen. -- Sie hielt das Geld traumverloren fest und sah -unverwandt darauf nieder. - -„Was gedenken Sie damit zu beginnen, Eva,“ forschte die Präsidentin -neugierig. „Am besten tragen Sie es noch heute auf die Bank.“ - -„Ich gebe es nicht fort,“ sagte Eva hastig. „In meinem Schmuckkasten, -der leider nichts birgt, als die kleine goldene Brosche von Ihnen, wird -es liegen und geduldig warten.“ - -„Worauf denn, Kind?“ - -„Daß ich es in etwas Wunderschönes umsetze. Ich weiß auch schon, worin. -Zum Beispiel einen Teil in den entzückenden Hut mit dem Reiher, von dem -uns neulich die Verkäuferin sagte, daß ihn getrost eine regierende -Fürstin tragen könne.“ - -„Dies mühsam abgedarbte Scherflein Ihrer guten Mutter wollten Sie so -hinwerfen, Eva?“ - -„Schelten Sie nur! -- Schön und verführerisch bleibt der Gedanke doch. -Da geht eine Prinzessin oder zum mindesten eine Millionärin, würden sie -sagen und sich nach mir umdrehen. Und würden vor Neid fast platzen. Und -ich lache mich halb tot und freue mich.“ - -Da brach jene oft bekämpfte Verständnislosigkeit, die den eigentlichen -Wert des Geldes garnicht begriff, wieder durch. Scheinbar war sie -unbesiegbar. Die Präsidentin beschattete die Augen mit der Rechten. -Es war doch nicht möglich, daß sie ohne ihren alten Freund und -Rechtsbeistand die Bestimmung über Eva von Ostrieds zukünftiges Erbe -traf. - -Eva von Ostried hatte keinen Augenblick die Empfindung, etwas -Unrechtes ausgesprochen zu haben. Sie lief fröhlich der Post entgegen, -die soeben, nach dem langhallenden Klingelton, in den am Gitter -angebrachten Kasten hineingeschoben wurde. Bald darauf hielt die -Präsidentin einen an sie gerichteten Brief in der Hand. Die Schrift -auf dem Umschlag war ihr fremd. Ohne sonderliche Eile öffnete sie ihn. -Ihre häufig auch nach außen hin betätigte Herzenswärme brachte ihr -fast täglich die bittenden Jammerrufe Notleidender ins Haus. Als sie -die wenigen Zeilen überflogen hatte, erblaßte sie und sagte weich und -zärtlich: - -„Du sollst mich nicht vergeblich gerufen haben.“ - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -3. - - -Solange Eva von Ostried im Hause der Präsidentin weilte, hatte sich -jene noch niemals von einer Aufregung sichtbar beherrschen lassen. -Zu allen Zeiten wußte sie das wohltuende Gleichmaß einer abgeklärten -Ruhe zu bewahren. Jetzt aber sprang sie mit den Zeichen einer großen -Erregung auf und ging hastig in dem blumengeschmückten Zimmer auf und -nieder. Dabei ließ sie den soeben empfangenen Brief keinen Augenblick -aus der Hand. Immer wieder überlas sie ihn und fuhr zuweilen sanft -darüber hin, als ob sie etwas Liebes streicheln wolle. Endlich blieb -sie vor Eva stehen. - -„Meine alte, liebe Jugendfreundin mußte mich erst rufen, ehe ich mich -zu ihr finde. Was hilft es, daß ich fest entschlossen war, diese Reise -anzutreten? Da steht, daß sie sich längst nach mir gesehnt hat und mich -nur nicht früher zu rufen wagte, weil sie Rücksicht auf mein Herzleiden -nehmen wollte. Wenn ich nun zu spät käme.“ - -Ehe Eva etwas darauf erwidern konnte, las sie das Schreiben vor: - - „Wundere Dich nicht, meine liebe Hanna, daß ich mit Blei schreibe - und daß der Umschlag fremde Handzeichen -- nämlich diejenigen einer - liebevollen Pflegerin -- trägt. Es geht mir nicht gut. Ich hatte - vor einigen Wochen den Fuß gebrochen und war seitdem zu strenger - Ruhe verurteilt. Alles schien einen günstigen Verlauf zu nehmen, - bis eine Lungenentzündung hinzutrat, die mir viel Schmerzen macht. - Zwar bin ich stets, wie Du weißt, ein harter Mensch gewesen, aber - man kann doch nichts voraussagen. - - Ich habe Sehnsucht nach Dir, Hanna, und würde mich innig freuen, - wenn Dir Deine Gesundheit endlich gestattete, zu mir zu kommen. In - diesem Fall telegraphiere ausführlich. Du wirst dann von meiner - Pflegerin, die nachmittags stets ein Stündchen spazieren gehen muß, - auf dem Bahnhof erwartet und in mein Haus geleitet werden. - - Deine alte treue - - Maria Wunsch.“ - -Dann sagte sie eilig und fest: - -„Bringen Sie mir sogleich das Kursbuch, Eva, und beauftragen Sie -Pauline, daß sie den kleinen Handkoffer herunterschafft. Das -weitere besprechen wir, sobald ich das Telegramm mit der genauen -Ankunftsbestimmung fertig habe.“ - -Eva von Ostried legte die Hand bittend auf den Arm der Präsidentin. - -„Sie dürfen unmöglich reisen! Denken Sie daran, wie eindringlich -Geheimrat Schwemann vor jeder Anstrengung und Aufregung gewarnt hat. -- -Wenn ich auch gelobe, daß Sie sich über keine meiner Vergeßlichkeiten -ärgern sollen -- wenn ich selbst auf der Reise und während unseres -Aufenthalts sehr tüchtig und umsichtig sein will -- so würde es doch zu -viel für Sie werden.“ - -„Ich glaube, Sie haben mich mißverstanden, Eva. Ich denke diesmal -allein zu reisen. Sie werden daheim bleiben.“ - -Das schöne, junge Gesicht wurde blaß vor Schreck. - -„Sind Sie unzufrieden mit mir? War ich auf der letzten Reise nicht -liebevoll und aufmerksam genug? O, ich fühle es. Die unglückliche -Theatergeschichte trägt die Schuld daran.“ - -„Nein, mein Kind, die hat gar nichts mit meinem heutigen Entschluß zu -schaffen. Ich war voll zufrieden mit Ihnen. Die kleine Episode, mit der -mich allerdings betrübenden Heimlichkeit, kann nichts daran ändern. -Der Grund ist ein anderer. Das Heim meiner alten Freundin ist eng und -mehr als bescheiden. Nun bereits eine Pflegerin darin nächtigt und ich -mich demnächst auch noch dazu finde, würde für Sie kaum ein Plätzchen -bleiben. Und im Hotel? -- Ja, dann hätte ich wiederum nicht viel von -Ihnen und meine gute, sorgsame Maria würde sich dauernd aufregen, weil -sie so beschränkt in der Ausübung ihrer Gastfreundschaft sein muß. Nein --- nein. Diese Unruhe müssen wir ihr ersparen. Erinnere ich mich recht, -habe ich unterwegs irgendwo einen längeren Aufenthalt. Das stelle ich -sogleich fest. -- Jedenfalls Zeit genügend, Ihnen ein Kärtchen zu -schreiben, Aufzeichnungen, wie ich das auf jeder Reise zu tun liebe, zu -machen und beschaulich die verschiedenen Tageszeitungen zu lesen.“ - -„Tun Sie es nicht! Ich flehe Sie an,“ bettelte Eva von Ostried. - -„Diesmal bleibe ich fest. Sparen Sie jedes Wort. Eine freudige -Sicherheit wie ich sie lange nicht mehr empfand, sagt mir, daß ich -recht handle. Geht es mir trotzdem schlecht -- fühle ich mich ohne Ihre -kleinen Hilfeleistungen, an welche ich mich allerdings gewöhnt habe, zu -matt, werde ich Sie umgehend telegraphisch rufen. Das verspreche ich -Ihnen.“ - -Noch einmal machte Eva den Versuch zur Umstimmung. - -„Wenn Sie mir nur erlauben, daß ich Sie bis zu Ihrem Ziel begleite. Ich -könnte sofort mit dem nächstmöglichen Zuge zurückreisen.“ - -„Wie hilflos und hinfällig muß ich Ihnen erscheinen. Nein und zum -letzten Mal, nein, Eva. Sie bleiben hier, helfen der guten Pauline beim -Einlegen der Früchte -- schreiben mir fleißig und singen und studieren -in der übrigen Zeit nach Herzenslust.“ - -Da mußte Eva von Ostried sich fügen. Sie tat es langsam und -widerwillig. Als die Präsidentin sie noch einmal zurückrief, -hoffte sie auf eine Sinnesänderung. Es handelte sich aber um etwas -Nebensächliches, das nichts an dem Beschlossenen änderte. - -„Noch schnell etwas über mein Reisekleid,“ sagte die Präsidentin -frisch, „meine gute Maria liebte einst besonders ein schwarzes, -schlichtes Seidenkleid an mir, das ich seit Monaten nicht mehr trug, -weil es mir zu feierlich war. Sie finden es sorglich verpackt in -der zweiten Bodenkammer in dem alten Schrank. Streng modern ist es -natürlich längst nicht mehr. Gleichviel -- ich will ihr die Freude -machen nach der langen Zeit darin unser Wiedersehen zu feiern. Sie wird -daran auch merken, wie treu ich selbst das Kleinste und Unwichtigste -aus unserm Verkehr im Gedächtnis bewahre.“ - -Eva von Ostried wagte keine weiteren Einwendungen. - -Der ruhige, durchaus bestimmte Ton, in dem die Präsidentin gesprochen, -ließ sie erkennen, daß auf dem bisherigen Wege keine Sinnesänderung -zu erwarten stand. Ihr Herz klopfte in einer jäherwachten, ihr -selbst unbegreiflichen Angst. Vielleicht würde die alte Pauline mehr -ausrichten. -- Die treue Dienerin schüttelte den Kopf, als Eva ihr in -hastigen Worten das Nötige mitteilte. - -„Sie hat es sich vorgenommen. Dagegen können wir nichts machen,“ meinte -sie bedrückt. - -„Versuchen Sie doch wenigstens ihr abzureden, Pauline,“ bat Eva von -Ostried eindringlich. „Wer so lange wie Sie mit ihr zusammen gewesen -- -ihr gedient -- sie umsorgt, und schließlich auch das Schwerste, den Tod -ihres Gatten mit durchgemacht hat, der muß verstehen, wirkungsvoller -als ich zu bitten.“ - -Das faltige Gesicht senkte sich kummervoll. - -„Wie wenig kennen Sie unsere Frau Präsidentin noch, wenn Sie daran -glauben. Ja -- käme es hierbei allein auf sie an. Wäre das eine Reise -zur bloßen Erholung. -- Eigensinnig war sie nie und für ordentliche -Ratschläge hatte sie immer ein offenes Ohr, auch wenn sie so ein -einfacher Mensch gab, wie unsereins. Es geht aber um Jemand, dem sie -gut ist und gegen den sie etwas wie ein böses Gewissen hat. Da ist sie -nicht zu halten. Nein, Fräuleinchen, wir beide können bloß den lieben -Gott innig bitten, daß er sie uns gesund zurückschickt.“ - -Das sonderbar beklemmende Gefühl wollte Eva von Ostried nicht -freigeben. Stärker wurde ihre Unruhe. Sie war fieberhaft fleißig, weil -sie hoffte, ihre Gedanken dadurch abzulenken. Allein auch dies Mittel -versagte. Schließlich, als sie mit den hauptsächlichsten Vorbereitungen -zur Reise fertig geworden, setzte sie sich auf Frau Melchers besonderen -Wunsch an den Flügel und begann deren Lieblingslied zu singen: - - Am Abend, wenn die Sternlein all - Zum güldnen Tanz antreten, - Dann falt’ ich fromm die Hände mein - Um für Dein Glück zu beten.. - -Mitten in den weichen, wundervoll reinen Tönen versagte ihre Stimme. -Mit einem erstickten Schluchzen legte sie den Kopf auf die Tasten. - -„Was haben Sie, Kind,“ fragte die Präsidentin erschrocken. - -„Ich weiß es selbst nicht. Einmal vor langen Jahren war mir ähnlich -zumute. Damals brannte in Waldesruh die gefüllte Scheune herunter und -der Wind stand so ungünstig, daß alle ein Herüberspringen der Flammen -auf unser Schloß fürchteten.“ - -„Es ist aber letzten Endes glücklich bewahrt geblieben, nicht wahr?“ - -„Ja -- wie durch ein Wunder!“ - -„Sehen Sie wohl! Auf dies Wunder wollen auch wir hoffen. Das heißt, ich -wüßte kaum, aus welcher Not es uns zur Zeit helfen sollte. Der heutige -Tag hat Sie ungewöhnlich erregt, Evalein. Das ist verständlich. Es tut -mir herzlich leid, daß wir ihn so wenig festlich und würdig zu Ende -führen konnten.“ - -Eva hob die tränennassen Augen zu der Gütigen empor. - -„Haben Sie mir wirklich jene Eigenmächtigkeit in Oeynhausen voll -vergeben,“ fragte sie leise. - -„Ich will zugestehen, daß ich anfangs schwer darunter gelitten habe. -Nun ist längst alles wieder gut. Lassen Sie sich sagen, daß ich Sie wie -mein eigenes Fleisch und Blut liebe. Ja -- Eva, daran denken Sie stets. -Nicht nur heute und morgen, sondern auch und besonders, wenn Sie einst -ohne mich wandern müssen. -- Jetzt aber genug von diesen Dingen. Wir -wollen uns nicht unnötig weich machen.“ - -Da fühlte sich Eva endlich von dem unerklärlichen Alp befreit und -jauchzte ein zartes Frühlingslied heraus. Die Präsidentin nickte -lächelnd und dachte: - -„Wie weich und gut sie ist, trotz ihrer Fehler und wie liebenswert. -- -Warum habe ich mir so viel Sorgen um sie gemacht? Ein Blumengarten ohne -Unkraut ist doch eine Unmöglichkeit. Ich werde mit Gottes Hilfe schon -das Wuchernde mit Stumpf und Stiel ausrotten. -- Schwere Aufgaben sind -allemal die lohnendsten.“ - -Und sie strich in mütterlicher Zärtlichkeit heimlich über Eva von -Ostrieds Aermel, ohne daß diese in ihrer begeisterten Versunkenheit -etwas von der stillen Liebkosung merkte. Seit langen Jahren war der -Präsidentin nicht so leicht und glücklich zu Sinn gewesen, wie in -dieser Stunde. - - * - -Um elf Uhr am nächsten Vormittag war die Abreise endgültig festgesetzt. -Die alte Pauline hatte es sich nicht nehmen lassen, trotz der Abwehr -der Präsidentin einen riesigen Strauß bunter Astern und letzter Rosen -zu binden. Sie war gerade damit beschäftigt, ihn an die Schirmhülle zu -befestigen, als die Glocke der Gartenpforte anschlug. - -„Wir dürfen jetzt keinen Besuch annehmen,“ flüsterte Eva von Ostried -der Getreuen zu. „Die letzte Stunde muß Frau Präsidentin möglichst -ruhig verbringen. Hören Sie nur, wie stürmisch geklingelt wird.“ - -„Ich lasse keinen rein, Fräuleinchen; es sei denn der Geldbriefträger.“ - -Es war aber nur ein einfach aussehender älterer Mann in der Tracht -eines schlichten Bauern. Anfangs begriff er nicht, daß es Leute geben -sollte, die einem Unbescholtenen den Eintritt verwehrten. Als sich aber -die Pforte durchaus nicht vor ihm öffnen wollte, wurde er zornig. - -„Denken Sie vielleicht, ich wäre eigens aus dem Oderbruch hergekommen, -um mich von Ihnen wieder wegschicken zu lassen, als wollte ich betteln.“ - -Die alte Pauline suchte ihn zu besänftigen. - -„Nehmen Sie doch endlich Vernunft an. Ich sage Ihnen zum letzten -Mal, es geht eben heute nicht. Unsere Frau Präsidentin will gleich -verreisen. Eigentlich darf sie gar nicht, weil ihr Herz nicht in -Ordnung ist. Darum muß sie wenigstens, bis der Wagen kommt, ganz still -liegen.“ - -„Das kann sie meinetwegen ja auch,“ murrte der Bauer. „Wenn Sie denken, -daß ich sie aufregen tue, irren Sie. Was ich von ihr will, macht bloß -Freude.“ - -„Warten Sie einen Augenblick,“ meinte Pauline, durch sein zähes -Ausharren unschlüssig geworden, „ich rufe mal schnell das Fräulein -heraus. Die wird Ihnen das alles besser klar machen.“ - -Eva bemühte sich trotz ihrer ärgerlichen Ungeduld, die sich beim -Anblick des Hartnäckigen steigerte, möglichst sanft zu sein. - -„Wirklich, lieber Mann, es geht nicht. Kommen Sie nach ein paar Wochen -wieder oder -- schreiben Sie an Frau Präsident, wenn Sie mich durchaus -nicht in Ihre Angelegenheit einweihen wollen.“ - -„Schreiben -- schreiben,“ echoete der Bauer. „Wenn ich hätt’ schreiben -wollen, wäre ich erst gar nicht hergekommen. Ich befaß mich aber -mit solchen neuen Moden nicht gern. Von Mund zu Mund -- von Hand zu -Hand -- ist alles sicherer. Als ich vor zehn Jahren Frau Präsidentin -unter meinem Dach hatte, haben wir auch nichts Schriftliches zusammen -aufgesetzt. Sie hat zu mir gesagt: Sie sind ein rechtschaffener Mann. -Ich hab’ Vertrauen zu Ihnen. Und hier ist das Geld --“ - -„Geld wollen Sie also auch heute wieder von ihr, wenn ich Sie recht -verstehe?“ forschte Eva von Ostried. - -Da riß die Geduld des Bauern vollends. - -„Ich bin der Tabakbauer Kleinschmidt aus dem Oderbruch, eine Meile von -Schwedt, und brauch’ kein Geld mehr. Gott sei Dank. Und wenn Sie’s -immer noch nicht wissen, merken Sie sich’s jetzt wenigstens. Ich bring’ -ihr Geld. Das, was ich ohne Schuldschein oder Hypothek als bloßes -Darlehn auf mein Gesicht und meine beiden Hände hin mal gekriegt hab’. -Ich hab’ noch nie bis heut erlebt, daß man einen, der Geld bringt, -nicht rein läßt. Und nun bestellen Sie ihr das, wenn Sie nachher keinen -Aerger haben wollen.“ - -Das tat Eva nach kurzem Ueberlegen wirklich. - -Die Präsidentin erhob sich sofort. - -„Natürlich lassen Sie ihn nunmehr ungesäumt zu mir, Eva. Ich kann -mir den Zorn dieses braven, tüchtigen Mannes sehr wohl vorstellen. -Allerdings begreife ich vorläufig nicht, wie er mir jenes Darlehn -ohne vorherige Aufkündigung einfach ins Haus bringen kann. Indes war -die bisherige Art unseres Geschäftsabschlusses ja auch eigenartig und -ungewöhnlich. Jedenfalls rufen Sie ihn mir!“ - -Sie streckte dem Eintretenden freundlich die Hand entgegen. - -„Nichts für ungut, lieber Kleinschmidt. Sie haben wohl gemerkt, daß -die, welche ich als die Meinen bezeichnen muß, weil sie treu für mich -sorgen, überängstlich sind. Sehen Sie’s ihnen nach. Ich muß das täglich -ertragen und noch dazu mein allerfreundlichstes Gesicht machen. Sie -werden doch nur sehr kurz davon betroffen.“ - -„Ich an Ihrer Stelle würde sie schön auf den Trab bringen, Frau -Präsident.“ - -„Möchte ich auch mehr als einmal besorgen, lieber Kleinschmidt. -Aber -- ich fühle, daß ich sie notwendig habe und nehme deshalb die -gelegentlichen kleinen Uebertreibungen geduldig in den Kauf. -- Ich -will verreisen, wie Sie natürlich schon gehört haben. Sie sind mir also -nicht böse, wenn ich Sie nicht zu längerem Verweilen nötigen kann.“ - -Er zog umständlich eine dicke Brieftasche hervor. - -„Als es mir damals so schlecht ging, weil uns die beiden Staatskühe -fielen und der Nachbar mich mit dem Wechsel betrogen hatte, wollte ich -mich aus der Welt machen.“ Die Präsidentin legte die Finger an die -Lippen. - -„Nicht mehr dran rühren, Kleinschmidt. Es ist ja alles wieder gut -geworden.“ - -„Ist es auch! Ich hab’ mich langsam rausgebuddelt, weil es eben doch -noch einen guten Menschen gegeben hat, woran ich nicht mehr glauben -wollte.“ - -„Es gibt deren Viele,“ versuchte sie ihn abzulenken, aber er beharrte -eigensinnig bei seinem Thema. - -„Nee -- bloß einen. Dabei bleib’ ich. Jede andere feine Dame hätt’ -sich wohl halb zu Tode geschrien, als sie sah, daß sich ein alter -Nichtsnutz, bei dem der blaue Vogel überall hinflog, das Leben nehmen -wollt’. Zum mindesten wäre sie bestimmt auf die Dorfstraße gelaufen und -hätt’s bekannt getan. -- Sie haben bloß still meine Hände gestreichelt -und geweint. Und sind die ganze Nacht bei mir geblieben und haben immer -getröstet. -- Und am nächsten Morgen nahmen Sie ein Buch aus der Tasche -und fragten, wieviel ich nötig hätt’.“ - -„Hören Sie auf, Kleinschmidt. Es peinigt mich wirklich.“ - -„Sie sagten ja, Sie wären Geduld gewöhnt, Frau Präsident. Ich muß Ihnen -das mal so richtig klar machen, -- Sie haben mir viel Geld gegeben -und kannten mich doch bloß als einen, der ein luftiges Zimmer für -- -weiß Gott, genug Geld an Sie abvermietet hatt’. -- Das hat mir erst -richtig das Leben gerettet. Nun konnt’ ich mich nicht mehr wegstehlen. --- Sie mußten Ihr Geld zurückhaben. Und hier ist es! -- Auf Heller und -Pfennig. Die letzten Zinsen sind auch beigepackt.“ - -Umständlich begann er die zerknitterten Scheine auf den Tisch zu -zählen. Sie machte eine entsetzte Bewegung. - -„Wo soll ich jetzt mit dieser Summe bleiben? Sie sehen, ich stehe im -Begriff, eine Reise anzutreten. Mitnehmen mag ich sie nicht. Sie daheim -im Schreibtisch zu belassen, ist mir zu ängstlich, wennschon ich bisher -vor Dieben bewahrt geblieben bin.“ - -Er wußte ihr keinen Rat. Es blieb ihm unverständlich, daß bares, gutes -Geld unwillkommen sein konnte. - -„Nehmen Sie es wieder mit, Kleinschmidt, und bringen oder schicken Sie -es mir per Post ein paar Monate später. Selbstverständlich berechne ich -Ihnen für diese Zeit keine Zinsen.“ - -Er schüttelte energisch den Kopf. - -„Nee, Frau Präsident, das mach ich nicht! Behalten Sie es man. Wer so -ein schönes großes Haus besitzt, hat auch Keller und Schlupfwinkel, wo -es vor dem lichtscheuen Gesindel sicher liegt.“ - -Er lächelte schlau. Sie erkannte, daß es zu viel Zeit nehmen würde, um -ihn zu überzeugen und begann mechanisch die Scheine nachzuzählen. - -„Es stimmt natürlich,“ sagte sie. „Zwölftausend Mark und -zweihundertvierzig als halbjährige Zinsen. Wissen Sie, dies Geld -schwebt eigentlich gänzlich in der Luft. Ich habe es nicht mal -ordnungsmäßig gebucht. Wären Sie, trotz Ihres mir bekannt gewordenen -Fleißes nicht in die Lage gekommen, es zurückzuzahlen, hätte ich es -Ihnen einfach geschenkt.“ - -In sein verwittertes Gesicht stieg die Röte der Scham. - -„Schenken mag wohl leicht sein, Frau Präsident. Das Nehmen ist ein -sauer Ding. Ich wär’ mein Leben nicht mehr froh geworden. -- Die -Tochter hat auch gesagt: „Vater, wir wollen uns ran halten, daß der -Tisch klar wird.“ Sie wissen wohl, ihr geht es gut. Der Mann ist -nüchtern und flink und die vier Kinder tun schon manchen Handschlag in -der Wirtschaft. -- Nun will ich aber nicht länger aufhalten.“ - -Sobald er gegangen war, rief die Präsidentin Eva von Ostried herein, -deutete auf das noch ausgebreitete Geld und sagte eilig: - -„Das hat er mir soeben zurückgezahlt. Es kann natürlich nicht im Haus -bleiben. -- Die Einbrüche in der Nachbarschaft mehren sich. Bringen Sie -es sofort auf die Bank, liebe Eva. Wie günstig, daß wir sie gleich an -der nächsten Ecke haben. Sie wissen, ich bin durchaus keine ängstliche -Natur. Nach den jüngsten Erfahrungen unserer Bekannten, denen die -leichtsinnig im Schreibtisch aufbewahrte Summe gestohlen wurde, ohne -daß der Dieb bisher zu ermitteln gewesen, würde mir aber der Zwang -hierzu die ganze Reise verderben. Geschenke mache ich über alles gern. -Nur eine Unachtsamkeit, aus welcher ein verdienter Verlust käme, würde -ich mir schwer vergeben.“ - -Eva hatte bereits den Hut aufgesetzt. - -„Und ich würde vor lauter Angst und Verantwortlichkeitsgefühl keine -Minute ruhig schlafen können,“ gestand sie. -- Im Laufschritt eilte sie -durch den Vorgarten und stand nach wenigen Minuten vor dem stattlichen -Gebäude der Großbank. Ihre Hand lag schon auf der eisernen Klinke neben -der schweren zurückgeschobenen Schutzrollwand, als ihr Blick auf eine -Mitteilung fiel, die in der Mitte der Tür angebracht war: - -Heute wegen Revision der Kassen geschlossen. Einen Augenblick stand -sie wie erstarrt. Dann, als die Uhr irgend einer öffentlichen Anstalt -schlug, ward sie mit Schrecken inne, daß in einer halben Stunde die -Fahrt zum Bahnhof beginnen müsse. Krampfhaft die kleine Ledertasche -umklammert haltend, eilte sie zurück. - -Was sollte nun mit dem Geld geschehen? -- Durfte sie zugeben, daß sich -die Präsidentin beunruhigte? Ja mehr als das -- daß sie bei ihrem stark -entwickelten Gefühl zur Ordnung und Vorsicht keinen Augenblick von -dem quälenden Gedanken an den aufgezwungenen Leichtsinn befreit sein -würde. Immerhin -- es half nichts! Gemeinsam wollten sie ein möglichst -sicheres Versteck heraussuchen. Vielleicht wußte die alte Pauline gar -einen eisernen Kasten, den sie nach dem Muster mißtrauischer Altvordern -etwa im Keller vergraben könnten. Als sie sich dies ausmalte, mußte -sie lachen. Das befreite sie von allem Bangen. Ein neuer Gedanke kam -ihr, wurde kaum geprüft, sondern sogleich als der einzig mögliche -Rettungsweg empfunden. War es nicht geradezu ihre heilige Pflicht, -der herzensguten Präsidentin und zweiten Mutter diese ihr plötzlich -durchaus nicht übertrieben erscheinende Sorge abzunehmen? Als sie die -Villa erreicht hatte, wartete dort schon die zuvor bestellte Droschke. - -„Es ist ja noch viel zu früh,“ rief sie dem Lenker zu. Der schwippte -als Antwort nur mit der Peitsche. Erst als sie, lauter und -ungeduldiger, ihre Worte wiederholte, ließ er sich zu einer knappen -Erwiderung herbei. - -„Meinem Fuchs is et all zu spät und auf den Fuchs kommt et ganz alleen -an, Fräulein.“ Das allerdings mußte sie zugeben. Die Präsidentin -erwartete sie -- fertig zum Einsteigen -- bereits voller Ungeduld. - -„Nun, ist alles erledigt, Eva?“ Ein leises Rot stieg bis unter die -lockigen, braunen Haare in die weiße Stirn. - -Eine Sekunde blieb die Antwort aus. Ihre Augen hielten dem forschenden -Blick nicht stand. Ein jäher Widerwille gegen die beabsichtigte Lüge -stieg in ihr auf. Aber die sichtliche Unruhe der Präsidentin beendete -ihr kurzes Schwanken. Sobald die Bank wieder geöffnet würde, kam ja -doch alles in Ordnung... - -„Ja, es ist ordnungsmäßig eingezahlt.“ Dann zeigte sie, scheinbar -empört, nach draußen: „Hören Sie nur den alten, unfreundlichen -Kutscher. Jetzt beginnt er, so laut er nur kann, auf uns zu schelten, -weil wir seinen Fuchs warten lassen und jetzt -- halt -- halt -- Mann --- wir kommen ja schon.“ War er wirklich im Begriff gewesen, ohne sie -davon zu fahren, wie sie es der erschrockenen Präsidentin zurief? - -Leichtfüßig sprang sie als Erste in den Wagen, half der Präsidentin -fürsorglich hinein, während die alte Pauline, bedächtig und kräftig -mit beiden Armen nachschob, nickte noch einmal freundlich den -Rückbleibenden zu und sprach alsdann mit drolligem Eifer, allerhand -unwichtige Kleinigkeiten fragend, auf die Präsidentin ein. - --- -- Schön war’s doch, dies Alleinsein! - -An dem Gefühl, das wider Willen über Eva von Ostried kam, als sie vom -Bahnhof zurückgekehrt, in die hohen Zimmer eintrat, merkte sie, wie -streng eingeteilt sonst ihr Tag sein mußte. Mit unbeschreiblicher Wonne -warf sie sich in den bequemsten Lehnstuhl und summte ein Lied vor sich -hin. - -War die Präsidentin auch engelgut -- empfand sie selbst eine nie -verlöschende Dankbarkeit für sie daran, daß diese beliebig über -ihre Zeit verfügen konnte und natürlich auch verfügte, änderten -diese Gefühle nichts das Geringste. Eva von Ostried wußte plötzlich, -wie heiß ihr Sehnen -- nicht zuletzt nach dem verlorenen Recht der -Selbstbestimmung -- die ganze Zeit gewesen war. Mit einem Schauer -des Entsetzens gedachte sie ihrer beiden erste Stellen, die sie, -nach dem Tod des Gönners, sofort anzunehmen gezwungen war. Zwar hatte -ihr der Amtsrat Wullenweber, dem sie von dieser Veränderung Kenntnis -geben mußte, vorübergehend seine Gastfreundschaft geboten, „wenn -sich durchaus nicht schnell ein anderer Ausweg finden lasse,“ aber -der Gedanke, aus dem warmen, mit feinstem künstlerischen Geschmack -eingerichteten Heim des verstorbenen Meisters in sein ihr kahl -und ungemütlich in Erinnerung lebendes Haus, als eine nur ungern -Geduldete, unterzuschlüpfen, dabei jeden Augenblick die tiefroten -Türme des alten Waldesruher Schlosses in der Nähe zu sehen -- hatte -etwas Unerträgliches für sie gehabt. Lieber ließ sie sich von einer -anspruchsvollen, ungerechten Herrin bis an die Grenze ihrer Kraft -quälen -- bis sie es eines Tages dann doch nicht länger ertragen konnte -und weiterzog, zur nächsten, bei der es ihr auch nicht viel besser -erging. - -Nun waren die zahlreichen Wunden der kleinen, täglichen Nadelstiche -längst verheilt. Sie lebte, umgeben von Nachsicht und Güte, bei der -edelsten aller Herrinnen und dennoch -- -- War sie ehrlich mit sich, -mußte sie zugeben, daß einzig der Gedanke an die Zukunft sie tapfer -auf dem Wege kleinlicher Pflicht weiterlaufen ließ. Hätte sie keine -Aussicht gehabt, sehr bald ihre geliebten Studien wieder aufzunehmen, -wäre ihr vielleicht auch diese warme Stätte allmählich zur Hölle -geworden. -- Mit geschlossenen Augen träumte sie sich in die Zeiten -hinein, die nach dem Frühjahr ihrer warteten. Gewiß -- es würde viel -Arbeit -- Kampf und Fleiß kosten. Unstreitig auch wiederum Tage geben, -an denen sie am eigenen Können verzweifelte. - -Danach aber mußte die köstliche Erfüllung aller Sehnsucht kommen! -- -Sie hatte den Schatz in ihrer kleinen Handtasche völlig vergessen. -Achtlos lag er auf dem Tisch, während sie mit leichtgeöffneten Lippen -den köstlichen Duft der blühenden Huldigungen zu trinken schien, die -ihrer in der goldenen Ferne harrten! - --- Um die dritte Nachmittagsstunde dieses Tages kam Ralf Kurtzig, -der alte Meister und frühere langjährige Parsifal des Bayreuther -Festtempels. Er beschäftigte sich am Feierabend seines Lebens damit, -fleißig nach gottbegnadeten Talenten Umschau zu halten. So fand er auch -im Hause des jüngeren Kollegen Eva von Ostried, die Vielversprechende. -Zu spät hatte er, von einer langen Reise heimkehrend, den Tod des -Kammersängers erfahren und die Pforten seines reichen, gastlichen Heims -verschlossen gefunden. Sofort dachte er an Eva von Ostrieds Zukunft, -denn ihre Mittellosigkeit war ihm bekannt geworden. Fieberhaft hatte -er nach ihr gesucht. Aus rein künstlerischem Interesse, wie er es vor -sich erklärte. In Wahrheit trieb ihn -- tief versteckt und von ihm -selbst noch nicht erkannt -- ein spätes, leidenschaftliches Feuer. --- Ihre Spur schien verweht. Er hockte im vierten Rang der Oper, um -ihr zu begegnen. Weil sie Schuberts reine Kunst über alles geliebt -hatte, versäumte er keinen dieser Liederabende. Es blieb vergeblich --- bis er sie an der Seite der ihm durch eine reiche Schenkung an die -Bühnengenossenschaft bekannten Präsidentin in einem philharmonischen -Konzert wieder sah. - -So kams, daß er -- eingeweiht in Frau Melchers ihm zuerst grausam -erscheinende Pläne -- ihr Lehrer wurde. - -Es gab kaum Jemand, der sparsamer mit seinem Lob umging, wie er. -Darum blieb es auch das höchste Streben seiner wenigen Schüler ihn -wenigstens nicht zum Tadel zu reizen. -- Heute lief ihm Eva wie ein -ausgelassenes Kind entgegen. Die verhaltene Ehrfurcht vor seiner weisen -Künstlerschaft war sprühender Daseinsfreude gewichen. Er empfand das -sofort und freute sich heimlich daran. - -Der Mensch sprach in ihm vor dem Künstler. Das geschah selten. - -„Wie schön sie ist,“ mußte er denken und weiter, „die wundervolle -Herbheit, von der sie selber nichts ahnt, wird ihr den Weg, den sie -gehen muß, nicht leicht machen.“ Er fühlte, verwundert, daß ihn -diese Gewißheit verjüngte, verlor eine Sekunde die kühle, sichere -Ueberlegenheit und beschattete die Augen, als blende ihn das rote -Licht, das ungehindert durch die Bogenfenster der Diele in das -Musikzimmer quoll. Dann hatte er sich wieder in der Gewalt und sagte in -dem spöttelnden Ton, mit dem er jede warme Regung bestrafte: - -„Ihr alter Gralhüter meldete bereits, daß die hohe Herrin dieses -Zauberschlosses verreist sei. Sie murmelte daneben noch allerlei von -Früchten und Beeren, die Ihre tätige Mitwirkung verlangten.“ - -Sie sah mit bittenden Augen zu ihm auf. - -„Sie sind mir noch ein Geburtstagsgeschenk schuldig,“ bettelte sie. - -„So --“ machte er gedehnt, „seit wann denn?“ - -„Seit gestern.“ - -„Schade -- sonst hätte man es als verjährt bezeichnen können.“ Und mit -einem Augenzwinkern, als blende ihn immer noch der rote Schein, setzte -er hinzu: „Wonach geht also Ihres Herzens Wunsch?“ - -„Ich bin volljährig geworden, Meister. Da darf ich heute unbescheiden -sein.“ - -„Verlangen Sie immerhin. Die Erfüllung steht ja bei mir.“ - -„Sie müssen mir etwas vorsingen.“ - -„So -- das muß ich?“ -- In kindlicher Zutraulichkeit griff sie nach -seiner schlanken, weißen Rechte. - -„Ich habe mich den ganzen Vormittag darauf gefreut.“ - -„War es nicht anmaßend, die Bitte schon als erfüllt zu betrachten?“ - -„Vielleicht! Sie haben ja aber oft genug betont, daß der Bescheidene -zwar sehr angenehm, aber doch durchaus unbrauchbar für das praktische -Leben wäre.“ - -„Ja -- was soll es denn sein?“ - -„Parsifals Lied aus dem zweiten Aufzug,“ bat sie mit dem Ausdruck der -Sehnsucht in Augen und Stimme: - - Auf Ewigkeit - Wärst Du verdammt mit mir - Für eine Stunde - Vergessen meiner Sendung - In Deines Arms Umfangen. - -Sein Gesicht hatte wieder den steinernen Ausdruck, um dessentwillen ihm -viele der früheren Kollegen die Seele abgesprochen hatten. - -„Wir reden später noch darüber,“ meinte er kurz. „Vorerst heißt es -fleißig sein. Beginnen Sie also --“ - -Wie ein gehorsames Kind fügte sie sich. Die wundervolle Stimme klang -weich und voll, aus jedem Ton der Uebung. Trotzdem war er nicht -zufrieden. Kurz und scharf rügte er und verlangte Wiederholungen. -Für jemand, der seine Art nicht kannte, hätte es leicht den Anschein -erwecken können, als sitze er um des täglichen Brotes willen neben -einer Schülerin, die zu unterrichten ihm nicht den geringsten Spaß -bereitete. Und doch sonnte sich auch heute sein künstlerisches -Empfinden an dem strahlenden Glanz dieses gesegneten Talents. Er quälte -sie mit Vorsatz, um zu prüfen, ob auch danach noch ihr leidenschaftlich -geäußerter Wunsch um Erfüllung bäte oder ob sie in leisem Gekränktsein -sich von ihm abwende. -- - -Sie tat es nicht. - -Kaum hatte er durch ein Nicken zu verstehen gegeben, daß die -eigentliche Stunde zu Ende sei, als sie ihn auch schon -- mit gänzlich -verändertem Ausdruck -- an die Erfüllung seines Versprechens mahnte. - -„Das verheißene Reden über meine Bitte schenke ich Ihnen, Meister,“ -sagte sie und lächelte schalkhaft. - -Er sang ihr wirklich die nachträgliche Festgabe! - -Sie hockte in einem Winkel und hatte den Kopf auf die verschränkten -Arme gelegt, damit er nicht die Tränen sehen sollte, welche ihr das -höchste Gefühl der Andacht erpreßte. Er sah sie aber dennoch und freute -sich auch dessen. -- Sie wußte nicht, wie lange dies Weihespiel gewährt -hatte. Die strahlende Sonne war blaß geworden. Ein leichter Dunst von -Müdigkeit ließ die leuchtenden Farben des Herbstes matter erscheinen. - -Wie ein reichgewesenes, nunmehr erfülltes Leben wartete dieser Tag -seinem Sterben entgegen. Es war still zwischen ihnen geworden. Sie kam -aus ihrem Winkel heraus, setzte sich stumm an den Platz, den er soeben -verlassen und sang ihm den Dank. - - Ich will wiegen Dich, ich will wachen.... - Knabe saß auf der Mutter Schoß - Spielten zusammen, bis er groß.... - -Lebenserfüllung auch hier! Das Lied der Solveig, das einen wandermüden -Sturmgesellen endlich erlöst! - -Der Meister regte sich nicht. Sterbensfrieden segnete Raum und Zeit. - -Das wundersame Erzittern, das die Kunst dem Reinen schenkt, feierte -sein Auferstehen. - - Ich will wiegen Dich und wachen - Schlaf und träume, Du Knabe mein - --- -- Die Wirklichkeit regierte wieder! -- - -„Wenn der Drache und der gesegnete Obstgarten nicht wären, würde ich -Sie jetzt in das Deutsche Opernhaus mitnehmen,“ sagte Ralf Kurtzig, als -sie verstummt war. -- Und das war sein Dank. -- „Es wird heute Carmen -gegeben -- mit der Olitava als Gast.“ - -Eva von Ostried jubelte hell auf. - -„Die alte Pauline erlaubts von Herzen gern, denn -- im Vertrauen -- -eine große Hilfe bin ich ihr doch nicht und -- gestern -- war -- ja -- -mein Geburtstag.“ - --- -- Sie saßen im Hintergrund einer Loge und lauschten mit verhaltenem -Atem. Das Lied blutroter Leidenschaft flammte und brannte sich in -das Herz des Einen -- Und das war nicht das junge -- Die heiße -Teufelin triumphierte über den sanften, blonden Engel. Das edle, -scharfgeschnittene Gesicht des Fünfzigers erschien um Jahrzehnte -verjüngt. Seine tiefen, machtvollen Augen bohrten sich in Evas Gesicht --- machten sie einen Herzschlag lang verwirrt -- erinnerten aber im -nächsten Augenblick an zwei andere -- -- damals in Oeynhausen. Sie -mußte wieder an Paul Karlsens gestohlene Zärtlichkeit denken, für die -sie eine Zeitlang nicht mehr den früheren Zorn aufzubringen vermocht -hatte. -- Jetzt begriff sie ihr zur Milde gewandeltes Urteil nicht. -Ein eigentümliches, fremdes Gefühl hatte sie gepackt. Sie wehrte sich -in schauderndem Auflehnen gegen das Empfangen und Erwidern aller -gespielten Leidenschaft -- und verurteilte diese Regung doch, ohne sich -davon zu befreien, als die Wahnvorstellung einer engen Seele. - -Ob sie auf der Bühne überhaupt jemals davon loskam? - -Die scheue Reinheit ihrer Mutter lebte in ihr auf. -- Angst und Zorn -verflogen indes wieder. Sie schloß die Augen, lauschte den Klängen und -fühlte sich bald wunschlos glücklich -- -- - -Gegen elf Uhr war sie daheim. Die alte Pauline saß noch vor dem -aufgeschlagenen Bibelbuch auf der Diele. Eva begann zu schelten: - -„Sie sollten längst zur Ruhe sein, Pauline! Die letzten beiden Tage -waren ohnehin viel zu anstrengend für Sie!“ - -„Ich hätte heute doch nicht schlafen können, Fräuleinchen. Meine -Gedanken springen zu wild.“ - -„Sie ängstigen sich natürlich um unsere liebe Herrin, nicht wahr?“ - -Die Alte nickte kummervoll. - -„Seit ein paar Stunden sehe ich überall ihr Gesicht und das sieht aus, -als wenn sie unzufrieden mit uns wäre. -- Wir hätten sie doch nicht -weglassen dürfen.“ - -„Was wollten wir dagegen machen, Pauline? Sie hielten ja selbst jede -Gegenmaßregel für umsonst.“ - -„Man hätte hinter ihrem Rücken zu Herrn Justizrat schicken müssen.“ - -„Haben Sie vergessen, daß der mit hohem Fieber zu Bett liegt?“ - -„Schreiben hätte er ihr wohl können.“ - -„Quälen Sie sich nicht länger. Morgen früh werden wir eine Karte haben, -die uns erzählt, daß sie uns gar nicht nötig hat. Oder -- vielleicht -telegraphiert sie uns sogar ihre glückliche Ankunft.“ - -„Wenn ihr unterwegs was passiert wäre, Fräuleinchen.“ - -„Sie sind schrecklich, Pauline. Ich werde nun auch keine Ruhe finden -können.“ - -Die Treue malte sich mit selbstquälerischer Gründlichkeit allerhand -furchtbare Möglichkeiten aus. - -„Denken Sie doch, wenn sie ihren Herzkrampf bekäme und Niemand wüßte, -wer sie wäre und wohin sie gehörte.“ - -„Darüber beruhigen Sie sich. Ihr Handtäschchen enthält ihre genaue -Adresse. Darunter steht mein Name mit der Bemerkung, daß jede -Mitteilung an mich zu richten wäre.“ - -„Verlangte sie das ausdrücklich, Fräuleinchen?“ - -„Natürlich. -- Sie wissen ja, wie gut sie alles bedenkt.“ - -„Wenn das nur kein trauriges Vorzeichen ist. -- Sie hat gewiß schon -irgend eine schwere Ahnung gehabt.“ - -„Nein, Pauline. Auch die gesundesten Vorsichtigen unterlassen so etwas -nicht. Ich selbst reise niemals, ohne meine ausführliche Adresse vorher -aufzuschreiben.“ - -„Mir wär sowas graulig. Gerade, als hätte man nur so auf das größeste -Unglück gewartet. -- Hören Sie die Eule schreien, Fräuleinchen?“ - -„Das tut sie bereits seit einigen Wochen um diese Zeit, Pauline.“ - -„Ich höre sie heute wirklich zum ersten Mal. Wir nannten sie zu Hause -den Totenvogel und zogen uns die schweren Federbetten über die Nase, -weil wir uns fürchteten. -- Wenns doch bloß erst morgen wär.“ - -Eva von Ostried wurde ungeduldig. In ihren Nerven schwang sich noch das -Gold der Töne. Alles andere versank in einen Abgrund, um vielleicht am -nächsten Tage, wenn die Sonne hell darüber schien, wieder bestimmte -Form zu gewinnen. - -„Gute Nacht, Pauline,“ sagte sie. „Ich bin rechtschaffen müde. -Gehen Sie endlich auch zur Ruhe. Dann wird sich Ihr Wunsch auf dem -schnellsten und natürlichsten Wege erfüllen.“ - -Das alte Mädchen konnte sich nicht dazu entschließen. Sie saß und -betete immer die gleichen Worte aus dem frommen Lied ihrer Kindheit: - - Alle Menschen groß und klein - Sollen Dir befohlen sein! - -Endlich bewegten sich die welken Lippen nur noch mechanisch. Der Kopf -sank schwer auf die Brust herab. Sie träumte, daß ihre gute Frau -Präsident ungeduldig nach ihr klingele und fuhr mit einem lauten Schrei -aus dem unruhigen Schlaf empor. - --- -- Eva von Ostrieds tiefe, gleichmäßige Atemzüge bewiesen -sehr schnell, daß Sorge, Gedanken und Freude in dem Schlummer -beneidenswerter Jugend ausruhten. Sie vernahm nichts von dem -anhaltenden Schrillen der kleinen Glocke an der Gartenpforte. Erst das -Klopfen an die eigene Tür ließ sie auffahren. - -Die alte Pauline stand, mit einem Telegramm in der Hand, vor ihr. Und -sie riß -- nun auch von einem sonderbar kalten Gefühl gepackt -- die -blaue Verschlußmarke in der Mitte durch -- -- - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -4. - - -Es war -- doch -- nicht möglich! -- - -Jeder Blutstropfen wich aus Eva von Ostrieds Gesicht. Ein eiserner -Reif schien sich um Brust und Schläfe zu pressen. Sie stand plötzlich -in der Mitte des Zimmers, suchte nach ihren Kleidern und fand nichts, -als das Flimmern des Mondes, der überall seine Silbermünzen aufzählte. -Ihre Glieder begannen so stark zu zittern, daß sie kraftlos auf einen -Stuhle sank und den einzigen Wunsch hatte, die Hände der alten Pauline -zu fassen, damit dies entsetzliche Grauen vor ihr wiche. - -Das alte Mädchen starrte auf das Telegramm, das zu Boden geglitten -war. Die helle Nacht durchleuchtete jeden Winkel mit jenen silbernen -Schlafenstunden, von denen die Präsidentin behauptete, daß sie auch den -unruhvollsten Seelen den Frieden schenkten. Eine Ahnung, zu grauenvoll, -um zu Ende gedacht zu werden, erschütterte die beiden Menschen. - -Da löste sich der Krampf eisiger Kälte in Eva von Ostrieds Seele in -einem Schrei auf. Die Hände der alten Pauline tasteten das Blatt vom -Boden empor. Mühsam buchstabierte sie Wort um Wort: - - Dame mit Ausweis Präsident Hanna Melchers, Grunewald und Ihrer - Adresse soeben in Wartesaal 2. Klasse Herzschlag erlegen. Leiche - zur hiesigen Halle überführt. - - Belgard a. Persante. - Bahnhofsdirektion. - --- -- Es war immer noch Nacht. Das Warten auf das erste Morgengrauen -wurde unerträglich. Auf dem Tisch aus heller Birke lag das Kursbuch, -das Eva vergessen hatte, in die Handtasche der Präsidentin zu legen. Es -war noch aufgeschlagen. Trotzdem fand sie nicht, was sie suchte. - -Und man mußte doch zu ihr! - -Sie saßen dicht beieinander und schwiegen. Nur einmal flüsterte die -alte Pauline: - -„Sie wird auch wohl dies längst bedacht haben. Der Justizrat weiß -sicher mit allem Bescheid.“ - -Nun warteten sie darauf, daß man endlich einen Kranken, dessen -Nachtruhe nicht gestört werden durfte, um Rat fragen konnte. -- Sobald -im Osten der erste rosige Streifen den Morgen ankündigte, telephonierte -Eva von Ostried in seine Privatwohnung. Er antwortete ihr selbst. In -seiner Stimme war weder Entsetzen noch Staunen, als er es gehört hatte. - -„Sie haben alles zur Reise nach Belgard vorbereitet, Fräulein von -Ostried? Das war überflüssig! Ich fahre selbst. Und zwar -- warten Sie -mal -- so -- ich hab’s schon -- mit dem Vormittagszuge um 9 Uhr. Alles -weitere später. Ich werde Ihnen von dort Nachricht geben.“ - -Eva wagte eine Einrede. - -„Sie sind sicher noch krank, Herr Justizrat. Wird es Ihr Arzt -erlauben?“ - -Kurz und klar tönte seine Erwiderung: - -„Ich habe ihr dies versprochen, denn sie hat mit ihrem unerwarteten -Tode stets gerechnet. Sie beide halten sich natürlich zu Hause, damit -Sie jederzeit meine Nachricht sofort trifft.“ -- - -Nun galt es wiederum zu warten! - -Eva saß zusammengekauert an dem Platz, von dem aus sie der Präsidentin -deren Lieblingslieder gesungen hatte. Auf dem Flügel stand noch das -Solveiglied von gestern.. Und durch das Entsetzen schlich sich die -Ahnung, daß sie jetzt ganz frei war. - -Sie schämte sich, weil sie daran zu denken vermochte. Der Weg zur -Kunst lag lockend vor ihr. Ihre Seele war sehnsüchtig und weich wie -nie zuvor. Die scheue Ahnung wuchs schnell zur freudigen Gewißheit -- -und bepflanzte ihren Weg mit köstlichen Blumen. -- Sie dachte innig an -die Tote und konnte doch bereits wieder das fordernde -- schöne Leben -fühlen. - -Dagegen half keine heiß aufwallende Scham. -- Die Zukunft war rosenrot. --- Das stille Gesicht der Toten mußte kalt und wachsbleich sein. --- Eine neue Empfindung überkam sie. Wie sie wähnte, ganz rein und -frei von allem Irdischen. -- Sie wurde davon vor dem Bild, das die -Präsidentin als junge Frau darstellte, auf die Knie gezwungen. -- -Das kluge, gütige Antlitz erschien ihr wie das eines Vergebung und -Verstehen auf sie herablächelnden Engels. Niemals glaubte sie die -mütterliche Frau mehr geliebt und verehrt zu haben, wie in diesen -Augenblicken! - -Die Empfindung stärkster Dankbarkeit löste ihr auch die ersten Tränen -aus. Daß sie fortan frei und unabhängig sein durfte -- fern ab von -der grausamen Not, die der Alltag bringen kann -- das war das Werk -der Toten, von dem sie erst, als bestimmt beabsichtigt, in Oeynhausen -Kenntnis erhielt. -- Während ihre Tränen unaufhaltsam rieselten, hörte -sie Melodien, von denen kein anderes Ohr einen Laut vernehmen konnte. -Und ahnte nicht, wie sehr sie -- mit diesem Ausdruck der Reinheit und -Entrücktheit -- ihrer verstorbenen Mutter glich. Nur, daß jene allzeit -ihre reiche Begabung vor fremden Augen wie ein köstliches Geheimnis -verborgen gehalten, während ihre Tochter nach Anerkennung und Ruhm -fieberte. - --- -- Die Schrecken des Todes waren überwunden. -- Der goldene Traum -vom Leben war zu schön. -- Der ausdrückliche Wunsch der Präsidentin, -neben dem Gatten, der in der Waldesruhe des Stahnsdorfer Friedhofes -schlief, beigesetzt zu werden, hatte sich erfüllt. Die kleine, würdige -Feier, von welcher -- ebenfalls nach der Bestimmung der Verblichenen -ihren Bekannten erst am folgenden Tage Kenntnis gegeben werden durfte, -war vorüber. Justizrat Weißgerber, noch blaß und matt von der kaum -überstandenen Erkrankung, saß vor dem Schreibtisch der Präsidentin und -hatte beide Hände auf die Schriftstücke gelegt, die er -- nach ihrer -Bitte -- zur gründlichen Durchsicht mit in sein Heim nehmen wollte. - -„Nun sollen Sie auch endlich näheres über ihre letzte Stunde hören, -Fräulein von Ostried,“ sagte er dabei zu Eva. „Ich mußte mich -gestern kurz fassen. Die Zeit war karg bemessen. -- Sie wissen, -daß sie einen ungefähr einstündigen Aufenthalt in diesem kleinen -pommerschen Städtchen nehmen mußte. Kellner und Wirt berichteten mir -übereinstimmend davon. Zuerst hat sie eifrig geschrieben, wie sie das -auf Reisen gern tat. Wir sprachen einmal über diese ihre Angewohnheit. -Sie meinte, mancherlei Vergessenes und Versäumtes käme auf diese Weise -bei ihr zu seinem Recht. Briefe und Karten behaupteten freilich die -Beiden hinterher nicht aufgefunden zu haben. Aber, sie kann ja auch -das Geschriebene noch selbst in den Kasten gesteckt haben. Entfernt -soll sie sich jedenfalls auf wenige Minuten haben. Kurz darauf hat sie -einen leichten Herzkrampf gehabt. Die Frau des Bahnhofswirts hat ihr -beigestanden und ihr auch eins ihrer Eigenzimmer zum Ausruhn angeboten. -Das lehnte sie indessen ab. Nur ein Glas starken Weines soll sie sehr -hastig getrunken haben. Offensichtlich tat ihr das wohl, denn sie hat -bald darauf den Hilfreichen in ihrer uns zur Genüge bekannten gütigen -Art gedankt und dem Kellner ein sehr reiches Trinkgeld gegeben, obschon -sie noch eine kleine halbe Stunde bleiben mußte. Wenig später hat sich -der Anfall wiederholt. -- Der Arzt wurde gerufen und hat nur noch ihren -Tod feststellen können. Das andere wissen Sie ja.“ - -Eva von Ostried tat mit zuckenden Lippen eine Frage: - -„Ob sie wohl noch -- sehr -- gelitten hat.“ -- Das Staunen über das, -was der Jugend unfaßbar grausam erscheint, durchfror sie von neuem. - -Der Justizrat schüttelte den Kopf. - -„Sie hätten den Ausdruck des Friedens sehen müssen, der auf ihrem -Gesicht lag.“ -- Dann fragte er und in seiner Stimme war ein Klang von -Neugier: - -„Warum mochten Sie übrigens nicht neben Pauline sein, als der Sarg hier -noch einmal geöffnet wurde, wie sie auch dies erlaubt hatte, wenn -einer von Ihnen den Wunsch danach äußerte?“ - -Eva von Ostried zögerte mit der Antwort. - -„Ich habe meinen toten Vater gesehen --“ Es klang wie das Geständnis -von schwer überwundenem Grausen. - -„Ich glaube wohl, daß es kaum noch Jemand mit einem so geringen -Schuldkonto, wie sie es hatte, geben kann,“ meinte er sinnend. - -„Sie sind überzeugt, daß der Friede in ihren Zügen daher gekommen sei?“ - -„Ja -- das bin ich voll und ganz!“ - -„Wie grausam ist auch dies. Das Leben lassen und alle Schuld -- -zusammengedrängt -- in letzter Stunde empfinden und bereuen zu müssen,“ -sagte sie schaudernd und dachte dabei wiederum an ihren Vater, dessen -Qual nicht zu Ende hatte kommen können. - -Er zuckte mitleidslos die Schultern. - -„Einmal rächt sich eben alles! -- Das ist der Trost von uns Juristen, -wenn wir lediglich mit dem Beweis unserer starken Ueberzeugung belasten -können. -- Nun muß ich aber zu meiner Arbeit. Mein Bürovorsteher ist -verzweifelt. Stöße von Akten warten auf mich.“ - -Sie hielt ihn nicht zurück, obgleich ihr schwere Fragen auf den Lippen -brannten. An der Schwelle wandte er noch einmal den Kopf nach ihr. - -„Sie hatte mich schon vor Jahresfrist gebeten, nach ihrem Tode -möglichst unverzüglich den Antrag auf Eröffnung ihres Testaments zu -stellen. Ich habe es also bereits veranlaßt. In ein paar Tagen hoffe -ich, wird auch Ihnen Nachricht zugehen.“ - -„Fräulein von Ostried, ich weiß nichts näheres, als daß sie sich -mit der Absicht getragen hat, Ihnen in jeder Beziehung die Wege zu -ebnen. Vielleicht wollte sie es mit mir an Ihrem letzten Geburtstag -durchsprechen. Vielleicht erschien es so einfach, daß sie hierfür -meinen Rat nicht brauchte. -- Jedenfalls -- machen Sie sich keinerlei -Zukunftssorgen. Nicht wahr, Sie werden dann doch sofort mit aller Kraft -Ihre Studien fortsetzen?“ - -„Ja, Herr Justizrat, das beabsichtige ich zu tun -- denn auch mir hat -sie in Oeynhausen von dieser Absicht gesagt.“ - -„Wohin Sie sich zunächst wenden -- ob Sie, einer Bestimmung gemäß, noch -in diesem Haus bleiben oder ob sie andere Wünsche gehabt hat -- nun, -wir werden ja bald alles hören. -- Jedenfalls schon heute das eine, -jederzeit bin ich für Sie da. Ich weiß, wie nahe Sie ihr standen.“ Und -Eva von Ostried empfand es als ein unsagbares Glück, daß sie diese -edle, gütige Frau wie eine Tochter geliebt hatte. -- -- - -Vier Tage später kam die alte Pauline mit einem geöffneten Schreiben -zu Eva von Ostried. Ihr Gesicht zeigte einen hilflosen und verlegenen -Ausdruck, als sie ihr den großen Bogen hinreichte. - -„Bitte, lesen Sie sich das auch mal durch. Ich versteh’s nicht -ordentlich. Damit muß doch eine andere als ich gemeint sein.“ - -Eva tat ihr den Gefallen und nickte ihr am Schluß freundlich zu. - -„Es stimmt alles, Pauline. Sie sind nun reich!“ - -Da begann das alte Mädchen bitterlich zu weinen. Und unter Tränen stieß -sie heraus: - -„Mir ist so angst. -- Nein, nein, Fräuleinchen -- ich glaube nicht --“ - -„Ich will es Ihnen langsam vorlesen, Pauline. Hören Sie zu. Dann klingt -es wahrscheinlicher.“ - -Sie stand mit andächtig gefaltenen Händen neben Eva von Ostried. - - In dem vorschriftsmäßig eröffneten Testament der verstorbenen Frau - Hanna Melchers, verwitwete Landgerichtspräsident, fand sich die - folgende Bestimmung, von der wir Ihnen hiermit Kenntnis geben: - - „Ich bestimme ferner, daß meine gute Pauline Müller, in dankbarer - Anerkennung ihrer nahezu dreißigjährigen mir treu geleisteten - Dienste bis zu ihrem Tode aus meinem Nachlaß monatlich die Summe - von einhundert und fünfzig Mark erhält. Außerdem soll sie sich nach - Ihrer Wahl die Möbelstücke für zwei Stuben aussuchen und alles - dasjenige an Wäsche und Kleidern, was ihr zu besitzen wünschenswert - erscheint. - - Mein Testamentsvollstrecker und Freund, Justizrat Dr. Weißgerber, - möge freundlichst bei dieser Wahl an einem von ihm zu bestimmenden - Tage zugegen sein --“ - -Das alte Mädchen regte sich noch immer nicht. Sie war sehr rot und -ihre Hände zitterten, trotzdem sie sie fest zusammengelegt hatte. Sie -nahm langsam das Schreiben wieder an sich. Ihre Blicke suchten eine -bestimmte Zeile, die ihr die wichtigste erschien. -- Schwerfällig -buchstabierte sie, während ihr die Tränen über die Wangen liefen: - --- Meine gute Pauline Müller -- - --- Eva von Ostried harrte seither einer ähnlichen Mitteilung. Sie war -erstaunt, daß sie nicht mit der gleichen Post ebenfalls die amtliche -Benachrichtigung empfangen hatte. Als der zweite Tag ereignislos zu -Ende ging, wollte sie sich an den Justizrat wenden. Aber -- schon zum -Ausgehen bereit -- empfand sie etwas wie Scham über ihre Ungeduld. Die -Präsidentin hatte das Nichterfüllen von Versprechungen allzeit hart -verurteilt. -- Wie durfte sie auch nur einen Augenblick Zweifel hegen? -Der nächste Tag -- ja, vielleicht bereits die kommende Stunde -- würden -auch sie beglücken. - -Mit fieberhafter Ungeduld widmete sie sich dem Aufräumen der Zimmer. -Obgleich es ihr selbst sinnlos erschien, säuberte sie mit einer ihr -sonst fremden, peinlichen Gründlichkeit jeden Winkel und vermied dabei -dem Gedanken, der ihr wie ein Wahnsinn erschien, Raum zu geben. - -In der Nacht fand sie keinen Schlaf. Die Eule schrie wieder. -- Der -Totenvogel, wie ihn die alte Pauline genannt hatte. - -Was aber konnte ihr noch Lebendiges geraubt werden? - -Das eine, große, letzte Hoffen, auf welches sich ihr Leben aufbauen -sollte. Es duldete sie nicht länger im Bett. Sie erhob sich und riß die -Fenster auf. Noch immer war Vollmond und silbernes Leuchten. - -Wenn ihr die Präsidentin jenes Hintergehen in Oeynhausen doch nicht -vergeben hätte -- wenn sie erst noch abwarten wollte -- und wartete -- -bis -- es -- nun -- zu spät geworden? - -Sie sank am Fenster nieder und kühlte die heißen, zuckenden Finger am -Glas der Scheiben. Das brachte sie zur Besinnung. - --- Es waren Hirngespinste schlafloser Stunden -- ohne Berechtigung. Ja -mehr. -- Eine Beleidigung für die Beste und Fürsorglichste, die niemals -etwas Beschlossenes versäumt hatte. -- - -Sie begab sich wieder zur Ruhe und schlief nun traumlos und sanft, bis -Pauline sie weckte. - -„Stehen Sie schnell auf, Fräuleinchen. Herr Justizrat ist da und will -mit Ihnen reden.“ - -Das kluge Gesicht des alten Juristen zeigte eine fremde Unsicherheit, -als Eva von Ostried ihm gegenüberstand. - -„Wundern Sie sich nicht über mein frühes Erscheinen,“ versuchte er sich -zu entschuldigen. „Ich hätte ebenso gut bereits gestern um diese Zeit -bei Ihnen sein können. Aber, es war mir zu unfaßbar. Ich konnte und -wollte es nicht glauben.“ - -In ihr regte sich das Angstgefühl der verflossenen Nacht von neuem. - -„Was ist geschehen, Herr Justizrat?“ Er zögerte mit der Antwort. - -„Das Testament, wissen Sie --“ Er sah, wie sie erblaßte. Das gab ihm -die Sicherheit zurück. „Ich habe vorgestern noch einmal darin Einsicht -genommen. Es war mir freilich längst bekannt. Nach Besprechung mit Frau -Präsident hatte ich es aufgesetzt. Ich erwartete aber einen noch nicht -dem Wortlaut nach gesehenen Nachtrag -- in Form eines Zettels oder -meinetwegen eines Briefes. -- Denn, es ruht noch nicht sehr lange beim -zuständigen Amtsgericht. -- Ich fand nichts. -- Kurz -- Sie sind darin -nicht bedacht, Fräulein von Ostried.“ Eine Weile wartete er geduldig -auf eine Entgegnung. Sie schwieg. Er hatte die starke Empfindung, daß -er ihr darüber forthelfen müsse, ohne indes das rechte Mittel zu kennen. - -„Ich habe Ihnen bereits gestern angedeutet, was ich aus ihrem Munde -weiß. Eine harmlose Bemerkung allein ist das nicht gewesen. Sie bat -mich damals auch, daß ich Ihnen zur Seite stehen möchte, wenn sie nicht -mehr dazu imstande wäre. -- Was anders kann sie gemeint haben, als -daß ich Sie auch bei Anlegung des von ihr Ererbten beraten möge? -- -Meine Erkrankung -- die Unmöglichkeit an dem Fest Ihrer Volljährigkeit -zugegen zu sein. -- Vielleicht ihre Reise. -- Ja, das alles kann -dazwischen gekommen sein. Und dennoch glaube ich auch jetzt an kein -Aufschieben. -- Ich sage da vielleicht etwas Sinnloses. -- Ich müßte -es eingesehen haben, daß irgend ein Zufall -- sie an der Ausführung -gehindert hat. -- Gestern zog ich das noch überhaupt nicht in Betracht. -Ich war sicher, daß sich unter den von mir aus ihrem Schreibtisch -entnommenen Schriften eine Bestimmung zu Ihren Gunsten vorfinden mußte ---“ - -Eva von Ostried hob den Blick. Ein entsetztes Fragen, das ihm ans Herz -griff, lag darin. - -„Und Sie -- fanden -- es endlich?“ Die Kehle war ihm wie eingerostet. - -All diese Tausende und Abertausende -- Heime und Stiftungen bekamen -sie -- gänzlich fremde, wenn auch bedürftige Menschen. Und diese hier --- die sie geliebt, an der sie sich erfreut hatte -- die sollte leer -ausgehen? - -Er riß sich zusammen. Es mußte doch geschehen. - -„Nein, ich fand nichts, Fräulein von Ostried.“ - -Sie stand mit schlaff herabhängenden Armen vor ihm. Allmählich -veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichts und wurde schreckhaft -starr, als sähe sie ein Gespenst. -- Es war die Zeit, der sie -entgegenging. -- Schwer hing sich die Freudlosigkeit an ihre Glieder -und machte ihre blühende Jugend frühzeitig welk und alt. Alles Hoffen -versank mit diesem Schlag. -- - -Da war ein schnurgerader, sandiger Weg mit ungezählten spitzen Steinen. -Den mußte sie gehen, weil es nach diesem keinen andern für sie gab. -- -Er tat sehr weh. -- Aber nur ihr Blut floß. Das Leben blieb. - -Sie wimmerte auf und wußte doch nichts davon. Dem alten Mann griff es -ans Herz. Das lichte Bild seiner Freundin wollte sich verdunkeln. - -„Wenn ich ihr doch helfen könnte,“ dachte er grimmig. - -„Ich habe trotz meiner großen Einnahmen auch nur gerade so viel, als -ich für mich und meine fünf Töchter brauche,“ sagte er in einem Ton, -als schäme er sich dieser Wahrheit. „Sie wissen es durch unsere Tote. --- Meinen beiden verwitweten Töchtern gebe ich die gesamten Mittel zur -Fortführung ihres kinderreichen Haushalts -- sonst --“ - -Sie hörte nur dies letzte Wort, das bedauerte, keine Almosen spenden zu -können. Sie mußte also wie eine Bettlerin vor ihm stehen. Sonst hätte -er das nicht zu sagen gewagt. -- Ihre Muskeln spannten sich langsam an. -Ihre Augen wurden stahlhart. Sie fühlte alle Peitschenhiebe, mit denen -der Alltag ihrer wartete, voraus und bäumte sich dagegen auf. - -„Ich besitze eigenes Vermögen, das mir der frühere Vormund durch Frau -Präsident aushändigen ließ,“ sagte sie hochmütig. Eine Last glitt von -seiner Brust. Sie hörte ihn aufatmen und mußte lächeln, weil er ihren -Stolz so willig glaubte. -- - -„Gottlob -- dann ist es ja doch nicht so hart, wie ich gefürchtet habe.“ - -„Durchaus nicht. Keine Sorge um meine Zukunft, Herr Justizrat!“ - -„Sie werden sich aber stets an mich wenden, wenn Sie irgend einen Rat -gebrauchen sollten.“ - -„Sehr gütig von Ihnen. Hoffen wir, daß ich in keinerlei böse Lagen -gerate --“ Ihre sonst melodische Stimme klang fast schrill. Ihr Lächeln -wirkte maskenhaft. Er fuhr mit dem Taschentuch über die hohe, kahle -Stirn. „Ich möchte noch gleich mit der alten Pauline wegen der von ihr -zu wählenden Sachen verhandeln --“ - -Pauline war eigensinnig. Sie mochte von all den schönen, vielfarbenen -Seidenkleidern der Präsidentin nur eins. -- Und gerade das unmodernste -und älteste, worin sie gestorben war. - -„Anziehen werd’ ich’s natürlich nie,“ meinte sie, von neuem aufweinend, -„denn sie hat’s noch mehr in Ehren gehalten, wie ihre andern --“ - --- -- Eva von Ostried kniete vor der altertümlichen Kommode und raffte -ihre Habseligkeiten zusammen. Ohne Ueberlegung warf sie alles in -einen großen, sehr neu aussehenden Koffer. Die fieberhafte Ungeduld, -möglichst schnell aus diesem Hause fortzukommen, trieb sie zur Eile. - -Sie wollte keinen Bissen Gnadenbrot weiter annehmen, keine Bettelgabe -begehren. Während sie sich das stolz und trotzig vornahm, fiel ihr -Blick auf das, was ihr gehörte. Eine glühende Röte überzog ihr -Gesicht. Wozu spielte sie Versteck mit sich? War nicht alles, was sie -besaß durch die Güte der Verstorbenen geschaffen? Hatten ihr nicht -deren zarte Geschenke und das liebevolle Erspähen ihrer geheimsten -Wünsche alles beschert? Was blieb ihr, wenn sie darauf freiwillig -Verzicht leistete? -- Das Gefühl ihrer Ohnmacht gegenüber dieser -Tatsache war so stark, daß sie nicht weiter schaffen konnte. Entsagung --- Kampf und Armut lauerten überall auf sie als willkommene Beute. Denn -was bedeuteten die armseligen tausend Mark Muttererbe? - -Sie mußte auflachen. Es klang grell und schaurig in diesem hellen, -freundlichen Mädchenstübchen. -- Die Tränen schossen ihr in die -Augen. Das weitere Leben war wertlos geworden. -- Und dennoch -- es -fortwerfen, weil der goldene Traum der Künstlerhoffnung verwehrt war? - -Unmöglich! In den Adern pochte die Jugend. Allein die Vorstellung, -sterben zu müssen, schuf schon ein wildes Wehren dagegen. - -Der sandige Weg mit den spitzen Steinen würde beschritten und -- zu -Ende gelaufen werden! -- Ohne die geliebte Kunst! - -War das überhaupt auszudenken? -- Täglich fremden Launen zu dienen, -stündlich Nadelstiche zu erdulden, bis alles Empfinden tot war? -Amtsrat Wullenweber fiel ihr ein. Wenn sie ihn bitten würde? -- Es -war Wahnsinn mit diesem Gedanken auch nur zu spielen. -- Auch Ralf -Kurtzig, der alternde Meister, konnte ihr nicht helfen. Sie wußte durch -die Präsidentin, daß er wohl Reichtümer eingeheimst, aber niemals -aufzuspeichern verstanden hatte. Und ihr Studium war teuer. -- Die -ersten Lehrkräfte waren notwendig. Die Weiterbildung auch des Gehörs -durch den Besuch der besten Konzerte blieb Erfordernis. -- Gute und -nahrhafte Kost, anständige Kleidung mußten auch sein -- -- Sie hatte -erlebt, wie das Geld unter den Fingern zerrann. -- -- - -Sie wollte alles begraben! -- Als sie meinte, daß mit diesem Vorsatz -das Hauptsächlichste geschehen war, packten sie Verzweiflung und Jammer -so heftig, daß sie aufschrie und sich über ihre Noten warf... - -Und doch -- wenn nur der erste Schritt getan war! - -Sie wurde nachdenklich -- vergaß die begonnene Arbeit, riß den Hut -vom Haken und drückte ihn auf das Haar. -- Wenn sie hier fort wollte, -mußte ein neuer Unterschlupf gefunden werden. -- Und fort wollte sie. -Je früher, desto besser. -- Im Laufschritt eilte sie die breite, stille -Straße hinunter. -- Wollte zu der Zweigniederlassung der von der -Präsidentin bisher gelesenen Zeitung, um ein Gesuch nach einer Stellung -aufzugeben -- vergaß dann aber sofort wieder diesen Vorsatz und eilte -gedankenlos weiter, den wundervollen, schattigen Plätzen entgegen, an -denen die prunkvollen Häuser der glücklichen Besitzer lagen. - -Die Welt war klar, satt und durstlos. An stillen Seitenstraßen schienen -die jungen Buchen zu bluten, als verschenkten sie freudig ihren -Lebenssaft. Unbeschreibliche Sehnsucht nach einem Menschen, der sie in -dieser Stunde haltloser Verzweiflung voll verstehen könnte, überkam Eva -von Ostried. Sie wußte sich Niemand! - -Ihre Schönheit hatte zu allen Zeiten glühende Bewunderer gefunden. -Aber sie kannte sich selbst noch zu wenig, um schon zu wissen, daß -sich lediglich ihre stark entwickelte Eitelkeit durch die unverhüllten -Blicke der Leidenschaft befriedigt gefühlt. - -Wäre es anders gewesen, hätte sie damals unmöglich Paul Karlsens -gestohlene Zärtlichkeit als eine unerhörte Beleidigung empfinden -können. Ihr Herz war bisher völlig unberührt geblieben. Ihre -Frauensehnsucht suchte indessen unbewußt -- an den lauten Huldigungen -vorbei -- nach den stillen Gassen, die zu dem Tempel reiner Liebe -führen. - -Und dennoch sträubte sie sich heftig gegen die Zumutung, die Krone des -Frauendaseins einzig in der Ehe mit einem Manne zu suchen. - -Plötzlich verlangsamten sich ihre Schritte. Lauschend neigte sich der -Kopf. Rächten sich die Stunden der Aufregung und gaukelten ihr Töne vor -aus jener Welt, die ihr von heute an verschlossen war. Oder gehörte die -jauchzende Stimme hinter ihrem Rücken der Wirklichkeit an? - - Ach, daß die Seele Dein meiner Seele sich eine, - Du teures Kind, laß mich Deine Augen sehn. - In diesem weißen Kleid, mit diesem Heiligenscheine - Bist Du ein Engel aus Himmelshöhen. - -Sie wollte dem wohlbekannten Liebeswerben Wilhelms entfliehen, stürzte -weiter und stand doch im nächsten Augenblick durch den lockenden Ruf -bezwungen, wie gebannt still. - -Zwei Hände rissen die ihren, die kalt und matt gewesen, an sich. - -„Kleine, süße Mignon, endlich sehen wir uns wieder.“ - -Paul Karlsen war an ihrer Seite und sie ließ ihn nicht ihre Verachtung -spüren. -- Alles lag weit hinter ihr! Wie eines wirren Traumes, den ein -Kind gehabt und sich ganz falsch gedeutet hatte, gedachte sie flüchtig -seines Kusses. - -Er hatte ihre Hände freigegeben und schritt ruhig neben ihr dahin. - -„Wohin wollen Sie, Fräulein von Ostried?“ Das klang durchaus korrekt -und brachte ihr einen Strom zuversichtlicher Hoffnung. - -„Wenn ich das selbst wüßte,“ entgegnete sie leise. Er betrachtete sie -aufmerksam und schob sich ein wenig an sie heran. - -„Fronen Sie nicht mehr bei Ihrer alten Dame, hinter deren Stuhl ich Sie -oft genug -- zähneknirschend -- sehen mußte?“ - -Da sagte sie ihm von dem Tode der Präsidentin. Er hörte ihr aufmerksam -zu. - -„Gottlob -- also der Kunst endlich zurückgegeben! -- Wird das schön -werden. Wir halten natürlich fortan fest zusammen.“ - -Sie mied seinen bittenden Blick. - -„Ich gehe fort von Berlin.“ - -„Ah!“ machte er enttäuscht, „wohin denn? Berlin bietet doch die besten -Ausbildungsmöglichkeiten. Auch kann man hier gar nicht anders, als -sehr brav sein. Ich habe mirs vor allen andern Städten ausgesucht. --- Ob gerade darum? Nein, das zu behaupten wage ich doch nicht. -- -Wissen Sie, nun ist’s entschieden. Don Karlos -- Meister Heinrich und -die verehrten blutigen Könige des nämlichen Namens mit aufsteigender -Numerierung sind tot und feierlich begraben. -- Vor Ihnen steht der -künftige erste Heldentenor der Welt.“ Sie empfand brennenden Neid, -schämte sich der Aufwallung und fragte hastig: - -„Wie ist das möglich geworden?“ - -„Tja --“ machte er und schwippte leichtsinnig mit den Fingern durch die -Luft, „es hat sich halt endlich eine unversiegbare Goldader auffinden -lassen.“ - -Sie ahnte nicht, daß immer noch der Neid aus ihren wundervollen, -leidenschaftlichen Augen sprang. Ihm entging es nicht. Er spielte seine -Rolle ausgezeichnet -- hielt sich fest im Zügel, wenn er sie auch noch -bezaubernder als damals in Oeynhausen fand. - -„Und Sie -- wie weit sind Sie gekommen? -- Ihnen fehlte nicht mehr viel -zur künstlerischen Reife!“ - -Ihre Hand ballte sich in ohnmächtigem Zorn. Er am wenigsten durfte -etwas von ihren jähzerstörten Hoffnungen ahnen. Sie schämte sich ihrer -Armut. - -„Ich? -- Nun, es wird sich bald genug etwas für mich finden lassen. Ich -kann nur noch vorläufig zu keinem festen Entschluß kommen.“ - -Er betrachtete sie heimlich und bemerkte einen bittern fremden Zug, der -vor wenigen Monaten bestimmt noch nicht dagewesen war. Sie erschien ihm -plötzlich wie ein Becher aus edlem Kristall, der alles offenbart. Auch -sie spielte ihm eine Komödie vor. Aber, sie spielte sie nicht glaubhaft -genug. Ihr mußte entschieden etwas geschehen sein, das sie gedemütigt -hatte. Ihr Stolz, der ihn anfangs entflammte, ehe er ihn unbequem und -zuletzt lächerlich gefunden, war in diesem Augenblick unecht. Aber er -wollte sie ein wenig quälen. - -„Sie müssen mir versprechen, daß Sie an der ersten Stelle Ihrer -Tätigkeit meiner in warmer Fürsprache gedenken,“ bat er mit -knabenhafter Frische und hielt ihr die Rechte hin. „Schlagen Sie ein, -Fräulein von Ostried.“ - -Es klang respektvoll und freundschaftlich. Der Ton tat ihr wohl. Ihre -Ehrlichkeit litt indes kein weiteres Versteckspiel. Ihr Herz, das sich -gerade hatte beruhigen wollen, begann wieder wie rasend zu pochen. Ihre -Augen füllten sich mit Tränen, so sehr sie auch dagegen kämpfen mochte. -Das stellte er mit stürmischer Freude fest. Ganz zart bemächtigte er -sich von neuem ihrer Hände: - -„Sie können mir vertrauen. Wirklich -- Herrgott -- wer machte mal keine -Dummheit -- Ihre Schönheit hatte mich einfach kopflos gemacht -- nein --- es war doch wohl mehr die grenzenlose Bewunderung Ihres herrlichen -Talents. Vergeben Sie mir, Eva. Sehen Sie in mir einen Freund und -Bruder --“ - -Da sagte sie ihm alles! - -Er bedauerte sie nicht, als sie zu Ende gekommen war, trotzdem er -sie „armes Hascherl“ nannte. Es klang vielmehr aus den Worten ein -schelmisches Lachen, weil er dem traurigen Zufall die Rechnung -verderben wollte. - -„Das ist wahrhaftig keine Kopfhängerei wert! Wozu wäre ich Ihnen -denn sonst heute in den Weg gelaufen? -- Sie dachten auch nur einen -Augenblick ernstlich daran, der Musik zu entsagen? Ja, wissen Sie denn -nicht, daß Sie damit die größeste Sünde begingen. -- Und -- sündigen -dürfen Sie nicht! -- Herrgott, Mädel, was haben Sie für Gold in der -Kehle. Darauf pumpt Ihnen jeder gerissene Geschäftsmann, so viel Sie -wollen.“ - -Sie mußte, angesteckt durch seine hinreißende Zuversicht, lächeln. - -„Meine alten Gönner und Lehrer leiden an dem nämlichen Uebel, wie ich -selbst,“ sagte sie bitter und dachte in erster Linie an Ralf Kurtzig. - -„Und die jungen,“ fragte er und suchte ihren Blick. Sie wollte sich -nicht empfindlich zeigen und konnte doch nicht hindern, daß eine -glühende Röte ihr Gesicht überzog. Er betrachtete sie mit den Augen des -Künstlers, der sich an jeder gelungenen Schöpfung freut. -- Als sie -jetzt mit der ihm nur zu wohlbekannten Bewegung der Unnahbarkeit den -Kopf zurückwarf, reizte sie -- wie einst -- sein Mannesempfinden. Der -Wunsch, ihre stolze, schlanke Gestalt an sich zu pressen -- den roten, -lockenden Mund mit glühenden Küssen zu bedecken, verlangte genau so -ungestüm wie nach dem Zusammenspiel seine Erfüllung. - -Nur, daß er sich heute überwand und nicht das Geringste tat, um den -zarten Keim ihres jungen Vertrauens zu zerstören. Er sprach weiter, als -habe er keine Antwort von ihr erwartet: - -„Ich wollte Sie nur ein wenig quälen -- Ihnen zeigen, daß Sie im -Augenblick aus eigener Kraft nichts vermögen.“ Sie wurde unsicher. - -„Sie widersprechen sich ja.“ - -„Weil ich soeben noch von den klugen Geschäftsleuten redete? Das -halte ich aufrecht! -- Sie warten sozusagen an allen Ecken auf Sie, -mein Fräulein. Es kommt lediglich darauf an, daß Sie den richtigen -festmachen. Die Wahl muß vorsichtig gehandhabt werden. Zugleich -mit diesem Ehrenwerten lauern hundert Fallen, in welche Ihre -Unerfahrenheit glatt hineintappt, wenn Ihnen der kühle Berater fehlt.“ - -Sie seufzte auf, weil sie ihm glauben mußte. - -„Ich könnte mich an den juristischen Berater der verstorbenen -Präsidentin wenden. Er hat mir seine Hilfe angeboten.“ - -„Ein Jurist und sei er noch so tüchtig, versteht nichts von all diesen -Dingen. -- Da gibt es Vorschläge und schließlich Abschlüsse, gegen die -kein Paragraph gewachsen ist.“ - -„Das bestärkt mich in der Notwendigkeit, zu entsagen.“ - -„Sehen Sie an! So sehr verachten Sie also mich und meine Freundschaft?“ - -„Sie wollten mir wirklich helfen?“ - -„Merken Sie das endlich? Ich habe bereits einen Plan. Wir besteigen die -nächste elektrische Bahn und fahren gemeinsam zu -- nun -- nennen wir -ihn meinetwegen Herrn Freundlich! Der Mann ist bis zu einem gewissen -Grade gefällig und auch beinahe ehrlich, wenn man seine Schliche so -lange und genau kennt, wie ich. -- Mir hat er jedenfalls vor Jahren -rührend geholfen. Freilich,“ und sein Gesicht nahm einen zerknirschten -Ausdruck an, „ein bißchen hänge ich -- aus purer Vergeßlichkeit -- -immer noch bei ihm. Wirklich nur deshalb. Meine Goldader hätte ihn -längst befriedigen können. -- Also -- wollen Sie?“ - -Sie zögerte noch. Die Hoffnung durchleuchtete aber schon das kurze -Zaudern. - -„Er kennt mich doch nicht?“ - -„Darum verbürge ich mich eben für Sie! Mich kennt er und weiß genau, -was ich kann und noch leisten werde. -- Passen Sie auf, wir schaffen -es mit Leichtigkeit. Ein paar tausend Mark gewährt er unter durchaus -annehmbaren Bedingungen zweifellos.“ - -Sie folgte ihm willenlos, als er in eine Seitenstraße einbog und zu -einer Haltestelle herüberquerte. - -Sie saßen Seite an Seite auf dem schadhaften Tuch der schmalen Sitzbank -und schwiegen. Das Hoffen, das Eva von Ostried für alle Zeit eingesargt -zu haben meinte, trieb grüne Keime. -- -- - -Herr Freundlich bewohnte ein düsteres, etwas feuchtes Kellergelaß und -war sehr unfreundlich. Ueber seiner scharfgebogenen Nase spähten zwei -kleine stechende Augen in Karlsens schönes, leichtsinniges Gesicht. - -„Wie werde ich Sie nicht wiederkennen, Herr Karlsen,“ unterbrach er ihn -mürrisch, „Sie stehen ja noch mit achtzig Mark und fünfzig Pfennig zu -Buch.“ - -„Sie irren, Bester, es können unmöglich mehr als dreißig Mark sein.“ - -„Fangen Sie nicht schon wieder an zu handeln. Ich sage Ihnen, daß es -sogar neunzig sind, wie mir eben einfällt.“ - -„Schön. Sie sollen Recht behalten. Sonst ist es demnächst zu hundert -angewachsen. Das weitere in dieser Sache später. -- Heute will ich -nichts für mich. Ich bringe Ihnen hier Fräulein von Ostried, die -schon einmal mit noch nie dagewesenem Erfolg in Oeynhausen die Mignon -gesungen hat. -- Ihre Stimme birgt ganze Goldfelder.“ - -Die schlauen Augen glitten, den Wert ihrer Schönheit abschätzend, jetzt -über Eva von Ostrieds Gestalt und Antlitz. Sie empfand diese Blicke mit -körperlichem Schmerz. - -„Um wieviel handelt es sich denn?“ fragte er langsam und vorsichtig. - -„Fünftausend Mark würden vorläufig genügen.“ - -„Und die Sicherheit?“ - -„Gebe ich Ihnen! Zudem verpflichtet sich die Dame schriftlich zu -regelmäßiger Abzahlung in Raten nach Abschluß ihres ersten Vertrages.“ - -Herr Freundlich lachte kurz und trocken auf. - -„Eine schöne Sicherheit! Wollen Sie mich vielleicht zum Narren halten?“ - -Eva begann zu zittern. Die Scham, daß sie Paul Karlsens Vorschlag -angenommen, wurde so stark, daß sie zur Tür strebte, um ohne Gruß zu -scheiden. -- Da streckte sich die dürre Hand des Geldverleihers nach -ihr aus. - -„Nicht so hitzig, Fräulein. Sie gefallen mir sonst. -- Und ich könnte -Ihnen schon helfen!“ - -Eva von Ostried sah in diesem Augenblick hilfesuchend nach Paul Karlsen -hinüber. Sie wurde unsicher. - -„Wir müssen uns aber vorher erst auf gut Deutsch mit einander -verständigen,“ fuhr er fort. „Es soll natürlich die Oper sein. Kennen -wir doch. -- Was anderes wird’s auch tun. Kurz gesagt: Ich wüßte was -Passendes für Sie. Auf die Stimme kommt’s dabei nicht besonders an. -Aber Kleider und Firlefanz müssen sein. Was sonst verlangt wird, ist -bei Ihnen vorhanden. -- Sie gehen zum Varieté, Fräulein!“ - -Eva von Ostried riß nun doch die niedere Tür auf und flüchtete die -ausgetretenen unsauberen Stufen empor auf die Straße. - -Ohne sich nach Paul Karlsen umzusehen, lief sie weiter. - -„Sie dürfen mir nicht zürnen, ich habe es gut gemeint,“ bettelte seine -Stimme demütig. Sie sah starr geradeaus, damit er die Tränen ihrer -Scham und Verzweiflung nicht merken sollte. - -„Jetzt werden Sie kein Vertrauen mehr zu mir fassen können,“ klagte -er. „Und ich wollte dies doch lediglich versuchen, damit Ihnen -- das -andere -- nicht etwa schwer fallen sollte.“ Nun wandte sie ihm doch ihr -Gesicht zu. - -„Welches andere? Glauben Sie hiernach wirklich noch, daß ich einem -zweiten Versuch zustimmte?“ - -„Ich glaube nichts. Aber ich weiß. Es ist kein Versuch mehr. -- Sie -brauchen lediglich „Ja“ zu sagen. Dann ist alles in Ordnung.“ - -„Ich wollte, ich wäre Ihnen nicht begegnet,“ sagte sie hart. - -„Morgen werden Sie anders denken.“ - -„Morgen werde ich vielleicht schon Berlin verlassen haben.“ - -„Nein,“ sagte er und seine Lippen wurden schmal vor Erregung, „morgen -werden wir beide -- gleich ausgelassenen Kindern -- der Zukunft -entgegenlachen. Wetten?“ Sie tat, als habe sie dies Letzte nicht gehört. - -„Ich muß meine Sachen fertig packen. Leben Sie wohl.“ - -Er hielt Ihre Hand fest. - -„Fräulein von Ostried -- ich bin Ihre Zukunft! Fühlen Sie das nicht? -- -Es ist nicht Großsprecherei. Es ist einfache, ungeschminkte Wahrheit. --- Sie werden pünktlich heute Abend um neun Uhr vor dem Gartentor der -Villa sein, die sich Karlsbaderstraße 14 befindet.“ - -„Ich werde nicht kommen. Verlassen Sie sich darauf.“ - -„Streiten wir nicht. Ich erwarte Sie. Also keine Angst. Dort wird sich -jemand finden, der Ihnen ohne Schuldschein und sonstige Versprechungen -alle Mittel gewährt, die Sie nötig haben. -- Es ist kein Scherz dabei. -Sehen Sie mich an.“ - -Sie schüttelte den Kopf ohne den Blick zu heben. - -„Lassen Sie mich. Ich will nicht mehr.“ - -„Ich mag leichtsinnig und verschwenderisch -- faul und meinetwegen -sogar nicht immer zuverlässig sein. Ein der Kollegenschaft gegebenes -Versprechen habe ich noch nie gebrochen. -- Hören Sie. Mein Ehrenwort, -daß Sie nicht umsonst kommen werden. Daß Sie das bezeichnete Haus als -Eine verlassen, die für alle Zeit zu ihrer Kunst zurückgekehrt ist.“ - -Sie antwortete ihm nicht. Sie riß nur ihre Hand gewaltsam aus der -seinen und setzte ihren Weg allein fort. - -Er machte keinen Versuch ihr zu folgen. - -Aber solange die klare Ferne ein Schatten ihres schwarzen Kleides -zeigte, sah er ihr mit einem Lächeln des Triumphes nach. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -5. - - -Paul Karlsen ging mit gemächlichen Schritten über den rostfarbenen -Kies. Zu beiden Seiten des schmalen Weges blühte der Vorgarten. Ueber -dem weinumzogenen Haus lag die Mittagssonne. Augenscheinlich hatte -er es nicht eilig. Auch die wenigen bequemen Marmorstufen der Treppe -nahm er fast zögernd. In dem Vorraum, der zur eigentlichen Diele -führte, erwartete ihn die steife Gestalt eines alten Dieners, der etwas -eigentümlich Lebloses hatte. Paul Karlsens Augen waren noch von der -Fülle der Sonne geblendet. Er erschrack, als sich eine Hand nach seinem -Hut ausstreckte, trotzdem er dies Bild nun doch nachgerade kennen mußte. - -„Na -- bin ich heute pünktlich, alter Hagen,“ fragte er lässig. - -Das Gesicht veränderte sich nicht. Nur die leise Stimme klang -vorwurfsvoll. - -„Die gnädige Frau wartet seit einer Stunde mit dem Essen!“ - -Er lachte kurz auf, warf den Kopf in den Nacken und murmelte etwas. - -„Verdammter Zwang,“ hieß es. -- - -In dem großen, sehr kühlen Eßzimmer harrten auf köstlichem Leinen zwei -Gedecke. -- Dieser Raum wirkte pomphaft und erdrückend. Die Bespannung -der Wände mit schwarzem Rupfen allzu feierlich. Die wuchtigen Möbel -spreizten sich in ihrer Kostbarkeit. Die Sonne, welche durch stilvoll -bemalte Scheiben ohnehin ihren Weg niemals finden konnte, war vollends -von schweren Vorhängen abgesperrt. Nur die Tafel mit dem blendend -weißen Leinen trug eine Fülle blutroter Rosen und dunkelblauem Kristall. - -Plötzlich löste sich aus der halbdunklen Schwermut die überschlanke -Gestalt einer weißgekleideten Frau und schritt auf Paul Karlsen zu. -Das längliche Gesicht war auffallend bleich. Die Nase trat scharf -hervor, als habe ein kürzlich überstandenes Krankenlager den Wangen die -natürliche Rundung genommen. - -Karlsen führte ihre Hand an die Lippen und ließ den Wortlaut seiner -Stimme in gut gespielter Ueberraschung klingen: - -„Du hast ja diese Leichenkammer heute so herrlich geschmückt, kleine -Frau. Wer soll denn beigesetzt werden? Und ein neues Gewand hast du -ebenfalls angelegt.“ - -Ihr stiegen die Tränen auf. Nicht weil er sie warten ließ. O nein -- -daran hatte sie sich längst gewöhnt. Aber -- daß er nicht -- daran -dachte. - -„Das Kleid,“ sagte sie hastig, um nicht laut aufweinen zu müssen, -„kennst du es wirklich nicht, Paul?“ - -Er zog sie nach einem der hohen Fenster herüber und zerrte den Vorhang -zurück. In dieser Bewegung lag ein Aufbäumen auch gegen vieles andere. - -„Nee, mein Kind. Keine Ahnung habe ich.“ - -„Ich trug es an dem Tage unserer heimlichen Verlobung in Oeynhausen.“ - -Er lachte verlegen auf. - -„Richtig! -- Natürlich! -- Jetzt sehe ich es. Das sind aber doch -höchstens vier Monate her und noch längst kein Jahr. Wo ist also der -geschätzte Anlaß zu einer besonderen Feier?“ - -„Heute sind wir einen Monat Mann und Frau,“ sagte sie leise und konnte -nun doch nicht hindern, daß ein runder Tropfen auf das kostbare Gewand -fiel. -- Er zog ungeduldig die Stirn empor. - -„Schön -- also einen Monat! Was ist das im Vergleich zu all den Jahren, -die hoffentlich noch vor uns liegen. -- Also, ich habe dieses hohe Fest -verschwitzt. Nimm’s nicht übel. Mir brummt der Kopf. Es gibt doch mehr -Arbeit und Schwierigkeiten zu überwinden, als ich anfänglich annahm.“ - -„Ich störe dich doch nicht etwa bei deinen Studien, Paulchen?“ - -Er hatte seinen Rufnamen überhaupt niemals gemocht. Dies „Paulchen“, -das er ihr nicht abgewöhnen konnte, reizte ihn zuweilen bis zur -Tollheit. Jetzt überhörte er es, weil er etwas erreichen wollte. - -„Du im Besonderen bist das bescheidenste und leiseste Wesen, das es -geben kann. Im allgemeinen freilich wäre ich gerade jetzt für eine -kurze Zeit nicht eben ungern solo.“ Sie sah entsetzt zu ihm auf. - -„Soll das heißen!“ Sie konnte nicht vollenden. Ihre Stimme erstickte in -Tränen. Er schüttelte sich, als fröre er. - -„Tu mir den einzigen Gefallen und höre mit dem Weinen auf, Elfriede. -Ich komme mir ja andauernd wie ein Barbar vor. Nein, nicht du sollst -für wenige Tage deine zur Zeit kränkelnde Mutter, eine Straße weiter, -besuchen und sie dadurch halb unsinnig vor Freude machen -- welchen -Wunsch sie mir schon vor einer Woche, allerdings mit der Bitte, ihn -dir vorläufig zu verheimlichen, verraten hat -- sondern ich werde zu -meinem Lehrer unter den blendenden Dachgarten ziehen. Denn, weißt du, -kleine Frau, ich muß üben und immer nur üben -- kann mich nicht mehr -an eine feste Tischzeit binden -- vertrage überhaupt zu solchen Zeiten -vorübergehend keine andere Gesellschaft als eine männliche.“ - -Sie legte die Hand auf seinen Arm. - -„Paulchen, schenk mirs zum heutigen Tag, daß ich in mein altes -Mädchenstübchen zur Mutter darf. Du mußt deine Bequemlichkeit gerade -jetzt haben.“ - -„Das würde eine schöne Geschichte geben, mein liebes Kind! Deine -Mutter würde plötzlich vergessen, wie sehr sie sich nach dir gesehnt -und felsenfest glauben, ich behandele dich schlecht und lieblos. -Denn sieh mal, immerhin bleibt es etwas wunderbar, wenn eine junge, -liebliche Frau nach einmonatlicher Ehe ihren Ehemann -- wenn auch nur -vorübergehend -- verläßt.“ Der letzte Satz gab ihr eine ungeheure Kraft. - -„Glaubst du wirklich, Paulchen, daß ich der Mutter meinen Besuch in -diesem Lichte hinstellen würde?“ - -„Na, na, Kleines -- wer kennt sich mit euch Frauen aus? In gewissem -Sinne ähnelt ihr euch alle verteufelt.“ - -Sie widersprach mit jähaufflackerndem Rot. - -„Hast du schon vergessen, was ich dir in der grünen Einsamkeit des -Siels am Karpfenteich gelobt habe?“ Natürlich hatte er nicht die -geringste Ahnung. Aber er hütete sich es einzugestehen. - -„Frauengelöbnisse sind unberechenbar, wie eure Eifersucht, Schatz.“ - -„Hältst du mich für eifersüchtig?“ - -„Es käme auf die Probe an. Glatt verneinen möchte ich das nicht!“ - -„Ich würde sie bestehen. Verlaß dich drauf.“ - -„Lieber nicht. Deine Mutter wohnt ein bißchen zu nahe, Kleines.“ - -„Wie tief mußt du mich einschätzen, Paul!“ - -„Bewahre. Riesig hoch sogar. Hätte ich dich denn sonst geehelicht?“ - -Sie legte mit einer rührenden Gebärde der Demut ihr Gesicht auf seine -schlanke Hand. - -„Sage so etwas niemals wieder, Paulchen. Wir wollen uns doch fest, -ganz fest vertrauen.“ Ihm wollte ein Lachen aufsteigen. Es wurde aber -zuletzt ein Hüsteln daraus. - -„Wollen wir auch. Natürlich. Aber jetzt komm gefälligst. Ich verspüre -einen Bärenhunger.“ Erschrocken drängte sie ihn zur Tafel hinüber. - -„Verzeih -- ich vergesse das so oft neben dir!“ - -Er musterte ihre magere, noch kindlich unentwickelte Gestalt und -seufzte leicht auf. - -„Leider, mein guter Schatz! Eß und trink, lieb und sing. Ja -- so stand -es an einem alten Bauernhaus in Sachsen. Und recht hat der Spruch! -- -Wie ich sehe, hast du zur Feier des hohen Tages auch herrlich für Stoff -gesorgt. Hoffentlich ist er gut.“ - -Sie ließ es sich nicht nehmen, ihm aus der schweren Kristallkaraffe die -funkelnde Schale zu füllen. - -„Probiere ihn, Paulchen.“ Er hob das kostbare Glas und ließ es hell an -das ihre klingen. - -„Herrlich! -- Ueberhaupt -- das muß ich immer wieder anerkennen, du -bist eine ganz prachtvolle, kleine Hausfrau.“ - -Strahlend sah sie zu ihm auf. - -„Darum habe ich auch einen Wunsch frei, ja?“ - -Der Diener trug die Suppe auf. Die Unterhaltung verstummte. Sobald er -unhörbar entschwunden war, sagte Paul Karlsen spöttisch: - -„Er liebt mich nicht, Elfchen. Weißt du das eigentlich?“ - -„Er liebt jeden, der mir gut ist,“ sagte sie ruhig, fast streng. - -„So? Na, weißt du, das bezweifle ich stark. Oder willst du etwa -andeuten, daß ich --“ - -Sie ließ ihn nicht zu Ende kommen. Sanft legte sie ihre Hand auf seinen -Mund. - -„Ich bin dir unaussprechlich dankbar dafür. Trotzdem wünsche ich mir -noch eine Kleinigkeit.“ - -„Was denn, Kleines?“ - -„Den Besuch bei meiner Mutter.“ - -„Ausgeschlossen! Die Gründe für meine Härte habe ich dir genannt.“ - -„Sie sind sämtlich hinfällig. Ich fange es eben so geschickt an, daß -Mama zum Schluß sich heimlich bei dir bedanken wird.“ - -„Wie wolltest du das anstellen?“ - -„Sehr einfach. Heute nachmittag zur üblichen Whistpartie, wäre ich -doch herübergegangen. Da werde ich also ausnehmend blaß aussehen -müssen. -- Lache nicht -- ein wenig Weiß genügt schon. Sie wird mich -wieder zur Schonung quälen, in ihrer Ueberängstlichkeit meinen längeren -Besuch verlangen, damit sie sich selbst von meinem Gesundheitszustand -überzeugen kann und zwar dies alles in deiner Gegenwart.“ - -„Um Gottes willen, ich soll dich doch nicht etwa begleiten. Das hast du -bisher doch klug zu vermeiden gewußt.“ - -„Bringe mir dies Opfer, Liebster.“ - -„Also gut! Ich will sogar gern mitkommen. Das heißt höchstens für ein -bis zwei Stunden.“ - -„Solange wird es gar nicht nötig sein,“ meinte sie froh. „Aber nun höre -weiter. Du sperrst dich gegen das von ihr Geforderte und verweigerst -schließlich in aller Form deine Erlaubnis. -- Dann wird sie hitzig -werden und unter allen Umständen darauf bestehen. -- Ich kenne sie -doch.“ - -„Du bist ja eine ganz gefährliche, kleine Heuchlerin, Schatz.“ - -Er zog sie leicht in die Arme. In tiefem Glücksgefühl schloß sie die -Augen, die das einzig Schöne in ihrem Gesicht waren. - -„Ist das nicht ein feiner Plan, Paulchen?“ - -„Ausgezeichnet sogar, wenn mir inzwischen die Sache nicht wieder leid -geworden wäre. Du hast als Ernst aufgefaßt, was bei mir nur eine Art -Gefühlsausbruch war.“ - -„Daß du es, wenn auch nur einen Augenblick gewünscht hast, zeigt mir -die Notwendigkeit und nachher -- wird es um so schöner sein.“ - -„Gelt, das hätten wir vor einem Vierteljahr auch noch nicht gedacht?“ - -„Was denn,“ schnurrte er mit erwachender Behaglichkeit. - -„Daß wir so schnell unser Glück erzwingen würden.“ - -Er nickte mit vollem Mund, denn inzwischen war der Braten gekommen, -der, zart und saftig, selbst den größten Feinschmecker befriedigt hätte. - -„Wärst du nicht plötzlich nach der schroffen Ablehnung meines Werbens -durch die Frau Kommerzienrat, wollte natürlich sagen, deiner lieben -Mama, kränker geworden und dadurch jegliche Wirkung der Kur auf dein -rebellisches Herzlein in Frage gestellt -- wer weiß, wer dann heute an -meiner Stelle neben dir säße --“ - -„Wie wenig du mich im Grunde doch kennst, Paulchen. Fühlst du nicht, -daß ich niemals einem andern als dir gehört hätte?“ - -Er nickte ihr zu. - -„Kleines Treues -- du!“ Dann begann er zu scherzen und von jener -Zeit zu plaudern, weil er genau wußte, daß ihr dies die liebste -Unterhaltung war. Seine feurigen Augen strahlten tief in die ihren. Das -schmeichlerische weiche Organ machte auch das unbedeutendste Wort zu -einer Zärtlichkeit. Seine Laune war plötzlich glänzend. - -Ueber den blutroten Rosen und dem blauen Kristall schien die Krone des -Glückes, die allein die Liebe gibt, in warmen Glanz zu schweben! -- -- - -„Ja,“ sagte einige Stunden später Frau Kommerzienrat Eßling zu ihrer -alten Freundin und Vertrauten, die -- wie seit Jahren -- als Erste -zur Whistpartie gekommen war, „in der Nähe hätte ich sie nun ja. -Aber, was will das sagen. So viel man auch aufpaßt -- allwissend ist -doch Niemand. Wer sagt mir, ob Elfriede unter seiner Anleitung nicht -ebenfalls Komödie zu spielen gelernt hat?“ - -Frau Generalkonsul Enck war keine mißtrauische Natur. Aber dieser -überstürzt geschlossenen Verbindung zwischen dem überzarten, beständig -kränkelnden Mädchen und diesem bildhübschen Leichtfuß, dem Karlsen, -brachte sie doch ihre schärfste Mißbilligung entgegen. Hätte man sie, -wie das sonst bei jeder wichtigen Entscheidung der Fall gewesen, nur -um Rat gefragt. Man hatte jedoch, einfach über ihren Kopf fort, in -aller Stille dem durchaus nicht von ihr ernstgenommenen Verlöbnis, die -eheliche Verbindung auf dem Fuße folgen lassen. - -Nun kamen natürlich Reue und Gewissensbisse über die besorgte, selbst -leidende Mutter. Anderseits kannte sie die bewundernswerte Energie -der Kommerzienrätin zu genau, um dieses Bündnis von vornherein als -dauerndes anzusehen. - -„Sie hätten es sich gründlicher überlegen sollen,“ konnte sie sich -nicht versagen, zu erwidern. Die andere sah starr auf das feine -Porzellan der kostbaren Teeschalen herab. - -„Sie haben niemals Kinder besessen. Da können Sie so etwas wohl sagen. -Stehen Sie nur an zwei Krankenbetten, in denen scheinbar bisher -kerngesunde, bildhübsche, lebenslustige Mädchen -- -- Auch die andern -Aerzte haben zuerst keine Ahnung davon gehabt. Denn daß mein Mann an -den Folgen einer hartnäckigen Lungenentzündung in jungen Jahren starb, -gab noch allein keinen Grund zur Beängstigung für seine Kinder ab. -Erleben Sie mal erst, was ich ertragen habe. -- Wie habe ich damals -gegen das furchtbare Gespenst gerungen. Hart bin ich gewesen -- so -hart.“ - -In ihrem energischen Gesicht, aus dem die scharfe Nase, wie sie auch -ihre jetzt noch einzige Tochter hatte, auffallend hervorsprang, zuckte -es. - -„Regen Sie sich nicht mit den alten Geschichten auf, Frau Eßling.“ - -„Die Aussprache mit Ihnen tut mir wohl. Zu wem sollte ich wohl davon -reden, wenn nicht zu Ihnen, vor der ich kein Geheimnis habe. -- Seitdem -ich meinen alten Franz, den Diener, meiner Elfriede gegeben habe, weiß -niemand im Haus um diese Sachen.“ - -„Malen Sie sich nicht zu schwarz, Beste,“ verteidigte die Konsulin. -„Sie mögen damals streng gewesen sein. Wer wäre es in der gleichen Lage -nicht gewesen. An eine Härte glaube ich nicht.“ - -„Sie sollen selbst urteilen. In St. Blasien war’s, wohin ich nach -den erfolglosen Kuren in Hohenhonnef und Davos aus eigenem Entschluß -noch mal mit den beiden ältesten Töchtern ging. Denn Sie wissen, ich -konnte und wollte nicht daran glauben, daß alles vergeblich sein -sollte. In der Liegehalle war ein vergnügliches Leben unter dem jungen -Volke, und keines war da, das an ein frühzeitiges Sterben gedacht -hätte. Als Gesunder läßt man die sonst im Verkehr der verschiedenen -Geschlechter streng beobachteten Richtlinien außer Acht, weil die -armen totgeweihten Geschöpfe doch keine Vollmenschen mehr sind. Nicht -wahr, wenn unsereins so ein schmalschultriges Kerlchen mit fieberroten -Flecken auf den herausstehenden Backenknochen sieht, dann fragt man -nicht erst lange danach, was er sonst ist, hat und will, selbst wenn -er augenscheinliches Wohlgefallen an dem eigenen Fleisch und Blut -zeigt. Im Gegenteil, man freut sich noch gar darüber, und kommt -sich wer weiß wie großmütig und gar edel vor, weil man die leibliche -Mutter von seinem Glückserreger ist. Darum bin ich auch nicht einen -Augenblick besorgt gewesen, als der junge Bildhauer meiner kranken -Aeltesten über alle Gebühr hinaus den Hof machte. Erst, als der ihn -behandelnde Arzt, dem ich mein Bedauern über diesen hoffnungslosen Fall -aussprach, mir rund heraus und lachend erklärte, er wäre froh, wenn -jeder seiner Kranken so gesund wäre, wie dieser Künstler, der sicher im -nächsten Jahr wieder völlig obenauf sein würde, wurde ich nachdenklich, -vorsichtig und streng. -- Mein Mädel nahm ich ins Gebet. Den Bildhauer -behandelte ich so schlecht, wie es nur irgend ging. -- Es war für -alles zu spät. -- Eines Tages erklärte mir meine Tochter, daß sie sich -mit dem Jüngling von Habenichts verlobt habe. Sie hat vor mir auf den -Knien gelegen und mich um meine Einwilligung angefleht. Ich blieb hart. -Daß der offensichtlich seinem Aussehen nach Totgeweihte lediglich an -den Folgen einer schweren Rippenfellentzündung schonungsbedürftig -sei, hatte meine Hoffnung bezüglich der eigenen Kinder wunderbar -gekräftigt. -- Einen Tag nach dem vergeblichen Flehen meiner Aeltesten -reisten wir, die noch nicht zur Hälfte vollendete Kur abbrechend, nach -Hause. Briefe kamen, wurden von mir abgefangen und prompt vernichtet. -Jede Nacht hörte ich das bitterliche Schluchzen meiner Aeltesten -- -merkte, wie sie bleicher und hinfälliger wurde und glaubte plötzlich -doch nicht mehr an den Ernst des Verhängnisses. Es war so nahe. Meine -kleine Elfriede, die wenigst anmutigste der Drei, hatte ich indessen -aufs Land in Pension gegeben, weil der Arzt von der Möglichkeit einer -Ansteckung, selbst bei größester Vorsicht, gesprochen. Nun konnte ich -ganz der Pflege und Sorge für die beiden andern leben. -- Einmal hat -der Bildhauer gewagt, bis in mein Haus vorzudringen. Ich habe ihn auch -empfangen. -- Seitdem hat er keine Zeile mehr geschrieben. Denn ich war -deutlich gewesen. -- Vier Wochen nachher hat meine Tochter, unterstützt -von ihrer Schwester, noch einen letzten Sturm auf mein Mutterherz -gemacht. Weiß Gott, es hat sich in dieser Stunde nicht geregt. Ich habe -es als Laune und Eigensinn empfunden, was doch mehr gewesen ist.“ - -Die Andere legte begütigend die Hand auf die zuckende Schulter der -Kommerzienrätin. - -„Wir wissen alle, was Sie die langen Jahre für eine aufopfernde, -prachtvolle Mutter gewesen sind.“ - -„So prachtvoll, daß ich mich hinterher noch meines gefestigten -Charakters gefreut und ein paar Tage ernsthaft mit dem armen Kind -geschmollt habe. Auch meine Zweite hat begonnen für sie und den -Bildhauer unentwegt zu betteln. -- Als sie einsah, daß ich nicht -nachgab, verstummte sie zwar, aber es war seltsam, auch mit ihr wurde -es seitdem schlechter. Sie schienen sich beide in das Unabänderliche -meines Willens gefügt zu haben, bis zu jenem schrecklichen Augenblick, -an dem mich die Pflegerin in der Nacht rief. Da hat meine Aelteste, die -stets ein sanftes, scheues Ding war, mir gesagt, wie unerträglich ihr -Dasein ohne den Geliebten gewesen und wie wenig sie sich freue, daß -es nun endlich aufhören dürfe. -- Als die Sonne aufging, war sie tot. -Und ich habe Tag und Nacht, von Reue zerrissen, um Vergebung gefleht -und mir gelobt, wenigstens an den andern beiden gutzumachen, wenn es -mir vergönnt wäre. -- Meine Zweite hat keine Kraft mehr zu einer Liebe -gehabt. Sie ist ein Jahr später, wie Sie wissen, auch eingeschlafen. -Da hatte ich nur das Elfchen, die Jüngste. Das Landleben hat ihr auch -nicht die richtige Lebenskraft vermitteln können. Sie blieb weiter zart -und schonungsbedürftig. Was es ist? Ich weiß es nicht! Ein bißchen -Müdigkeit, das die Aerzte als Bleichsucht ansprechen. Ein bißchen -Blässe. So fängt es ja gewöhnlich an. -- Und ich wollte und will sie -behalten. -- Ich war nicht mehr blind und taub. Als ich die Blicke sah, -mit denen der Schauspieler Karlsen, den ich übrigens schon vor einigen -Jahren im Hause einer Bekannten, die ihn sich zu Gesangsvorträgen -herüberkommen ließ, kennen gelernt, meine Elfriede anstarrte, wußte -ich sofort, daß ein Kampf von neuem beginnen müsse. Und wußte -- auch -sein Ende! Denn ich war nicht mehr stark und gesund genug, um noch -einmal jene Zeiten von damals durchzumachen. Sein spielerisches Werben -ging mir wider alles Empfinden. Er war ein viel minderwertiger Mensch -als einst der Bildhauer. Sowas fühlt man als reife Frau sehr schnell. -Eins kam noch hinzu. Wer, wie ich, aus einem reichen Kaufmannshause -stammt, in dem alles ordentlich gebucht und verrechnet wird, kann sich -niemals mit den Gepflogenheiten der Künstlerschaft befreunden. Denn ein -Künstler ist der Karlsen. Das steht auch bei mir fest. Daneben ist er -aber noch etwas anderes --“ - -„Wie im Grunde genommen die meisten Männer, liebe Eßling.“ - -„Das weiß ich doch nicht. Sind sie es aber wirklich, so setzt man -es wenigstens nicht als selbstverständlich bei ihnen voraus. In -ähnlichen Fällen pflegen sie sich mit dem Mantel einer weisen Vorsicht -zu panzern, der den Schein wahrt. Das fällt bei meinem Schwiegersohn -gänzlich fort. Er steht einfach da und erwartet die Huldigungen der -Frauen als den natürlichsten Tribut. Bleiben sie aus -- je nun -- -so ist das eben bei ihm wie bei jedem andern Künstler, noch dazu -bedauernswert. Dann hat er eben nicht eingeschlagen. Findet -- hat -er überhaupt schon vorher eins ergattert -- kein neues oder doch nur -ein sehr zweifelhaftes Unterkommen, steigt weiter herunter, sinkt -schließlich bis zur Schmiere herab.“ - -„Nun, das ist bei Karlsen wohl niemals zu befürchten.“ - -„Nein. Er weiß sich in Szene zu setzen und auch zu halten, was noch -wichtiger ist. Schlau, durchtrieben, bildhübsch, liebenswürdig, flott. --- Sehen Sie, ich habe mir die Klarheit meines Urteils durchaus nicht -trüben lassen. Jawohl, das ist er! Daneben aber auch unzuverlässig und -treulos.“ - -„Haben Sie dafür schon Beweise?“ - -„Brauche ich nicht! Es ginge wider die Weltgeschichte, wäre es anders. -Meine Elfriede ist keine Frau, die solchen Mann dauernd fesseln kann. -Glauben Sie mir, der braucht einen Satan von Weib, das ihn in Atem hält --- ihn quält und peinigt und ihm höchstens Sonntags die Fingerspitzen -zum Kuß überläßt. Er hat sie auch nicht einen Augenblick wirklich -geliebt, während jener Bildhauer meiner Aeltesten rechtschaffen gut -gewesen ist. Das alles sehe ich erst jetzt ein. Das bewußte Messer -saß ihm hart an der Kehle und sein Ehrgeiz -- denn den hat er in -hervorragendem Maße -- sann auf Mittel und Wege, wie er seine Stimme -weiter ausbilden und sich die Welt erorbern konnte.“ - -„Sie werden doch aber Ihrer Elfriede nichts von all diesen Sachen -andeuten, Frau Eßling.“ - -„Wozu? Die Mühe kann ich mir sparen. Sie ist dermaßen in ihn verliebt -und vertraut ihm so blindlings, daß sie zur Zeit ohne Ueberlegung die -eigene Mutter aufgäbe, um ihn zu behalten und ihm weiter zu dienen.“ - -„Jedenfalls fühlt sie sich wohl dabei. Sie war stets durchsichtig wie -Glas -- unfähig der Lüge. Das wissen Sie am besten. Die Ehe bekommt -ihr auch gut. Wie ich sie das letzte Mal sah, hatte sie einen Schein -von Jugend und Frische, den ich bisher an ihr vermißte. Ja, sie lachte -sogar herzhaft.“ - -„Wenn ich das nur genau wüßte,“ machte die Kommerzienrätin gequält. -„Ich deutete es Ihnen bereits an. Auch das Komödienspiel läßt sich -bei so einem harmlosen, aufrichtigen Charakter wie dem ihren gar -wohl erlernen. Und sehen Sie -- da bin ich endlich bei meinem Plan -angekommen. So nahe sie mir wohnt -- so mühelos ich jederzeit herüber -kann, so treu und gewissenhaft der alte Franz auch aufpaßt und mir -unweigerlich sofort Verdächtiges zutragen würde, ebenso fremd ist sie -mir doch in dieser kurzen Zeit geworden. Der Mann mit seiner absoluten -Gewalt über sie steht zwischen uns. Jede ihrer Handlungen wird von -ihm beeinflußt. Ich weiß niemals, was aus ihrer eigenen Seele kommt. -Darum muß ich sie eine kurze Zeit bei mir -- hier in diesem Hause -- -in ihrem kleinen Mädchenstübchen, das immer ihr Entzücken gewesen ist, -haben, muß sie scharf beobachten und sie seinem Einfluß, wenn auch nur -vorübergehend, entreißen, damit ich völlig klarsehe.“ - -„Wie wollen Sie das anfangen? Er wird sich bald dagegen auflehnen.“ - -„Meinen Sie? Die Klugheit würde es ihm freilich anraten. Aber -- ja, -wenn er sie wirklich liebte. So aber wird er es als angenehm empfinden, -wieder mal allein und noch dazu in der ungewohnten Pracht zu leben. - -Ich weiß, Sie waren nicht mit der prunkvollen Ausstattung des Heims für -die jungen Leute einverstanden. Sollte ich aber mein Kind entbehren -lassen? Da entschloß ich mich eher dazu, ihn unnötig zu verwöhnen.“ - -„Sie haben entschieden zu viel Zeit zum Grübeln, liebe Eßling. Ziehen -Sie sich nicht länger von allen Menschen zurück. Kommen Sie auch wieder -öfter zu mir. Sie wissen, in meinem Hause verkehrt viel Jugend. Da geht -es fröhlich zu. Und bringen Sie auch Elfriede öfter mit. Es wird ihr -gut tun.“ - -„Sie können es ihr ja heute gleich vorschlagen. Ich fürchte nur, es -bleibt wirkungslos, wie alles, was ich bereits zu ihrer Zerstreuung -versucht habe. Dabei ist sie, wie mir Franz zuverlässig berichtet, -sehr oft den ganzen Tag allein. Der Hausherr kommt lediglich zu den -Hauptmahlzeiten und dann nicht etwa pünktlich. Nun, der Zustand -anhaltender Einsamkeit wird bestimmt abgestellt werden. Um keinen -Preis darf sie mir versauern. Ich werde eine möglichst gleichaltrige -Gesellschafterin aus vornehmer Familie für sie nehmen. Die Aerzte haben -mir wiederholt von der Notwendigkeit, sie froh zu erhalten, gesprochen.“ - -„Sie sind zwar eine ebenso kluge wie tatkräftige Frau, meine Liebe. -Indes keine Zauberin. Ich muß Ihnen sagen, daß ich weder an Elfriedes -längeren Besuch noch an das Dulden der neuen Hausgenossin glaube.“ - -„Vorläufig bin ich in beiden Fällen zuversichtlich. Das Gesuch -nach einer Gesellschafterin ist heute bereits in den gelesensten -Tageszeitungen erschienen. Da der künftige Herr Kammersänger keine -Zeit hat, auch noch den Inseraten seiner Zeit einen Blick zu gönnen -und meine Tochter daheim niemals auf diesen Gedanken kam, bin ich -sicher, daß sie bisher nicht das Geringste von meinem Plan ahnen. -Verkehr in Elfriedes altem Kreis haben sie nicht. Diese Menschen gehen -nämlich meinem Herrn Schwiegersohn, wie ich aus Elfchens gelegentlichen -schüchternen Bemerkungen entnehme, auf die Nerven. Also, wer sollte -ihnen meine Fürsorglichkeit verraten haben?“ - -„Ist es nicht gefährlich bei der mir geschilderten Veranlagung Ihres -Schwiegersohnes ihm so ganz mühelos ein weibliches Wesen ins Haus und -an den Familientisch zu bringen?“ - -„Was wollen Sie? Sucht er, wird er stets finden. Was allzu bequem -gemacht wird, reizt gewöhnlich am wenigstens. Zudem -- müssen sich alle -Bewerberinnen bei mir melden. Ich werde sie mir sehr genau betrachten --- ihre Verhältnisse und, wenn irgend möglich, auch ihre Veranlagung -untersuchen und dann hoffentlich eine gute Wahl treffen.“ - -„Wenn sie Ihnen nun aber, mit vereinten Kräften, nicht gestatten, die -gütige Vorsehung zu spielen?“ - -„Daß meine Elfriede sich zuerst dagegen auflehnt, weiß ich sogar -bestimmt. Sie ist rührend bescheiden und macht für ihre Person -keinerlei Ansprüche. Es wird ihr gräßlich sein, zu der ihr bereits -aufgedrungenen Jungfer noch eine zweite Umsorgerin zu benötigen. Was -will das aber sagen? Ihr schwacher Einspruch wird unstreitig an der -feurigen Zustimmung ihres Mannes sterben, wenn er es nicht bereits -unter der klugen Anwendung meiner Mittelchen getan hat. -- Ihm wird -diese Lösung außerordentlich genehm sein. Dann braucht er nicht mal -mehr den guten Willen zum halbwegs pünktlichen Erscheinen bei Tisch -aufzubringen, denn daß er ihn auch nur einmal in die Tat umgesetzt hat, -glaube ich bei seinem Egoismus keinesfalls.“ - -„Ich bewundere Ihre Klugheit aufrichtig, Frau Eßling.“ - -„Es ist nur die folgerichtige Einsicht von notwendig gewordenen Uebeln, -deren schädliche Wirkungen ich mich bemühe, so gut es gehen will, von -meinem Kinde abzuwenden. -- Hören Sie! Ist das nicht ihr Schritt? Nein --- ich irre mich nicht. Das Ohr der Mutter ist scharf. Aber -- was ist -das? Sie kommt nicht allein? Da ist doch das unverschämte Lachen ihres -Mannes. Sollte er ausnahmsweise die Gnade haben?“ -- - -Es war, als lege sich plötzlich über die strengen, steifen Formen der -schweren Möbel ein warmer Glanz. Die alten Nippes in der Servante -begannen leise und vergnügt zu klirren. Im Nebenzimmer streckte -sich der rotbemützte Kopf des grüngefiederten Papageis blitzschnell -empor. Das ehrwürdige Zimmer war erfüllt von dem Schmelz der weichen -Männerstimme. - -„Darf ich ebenfalls um eine Tasse Ihres unvergleichlich guten Tees -bitten, verehrte Schwiegermama?“ - -Gedankenlos duldete Frau Eßling seinen Handkuß. Ihre Augen blieben -dabei gespannt auf die Tochter gerichtet. - -„Du siehst erschreckend blaß aus, Kind. Wie hast du geschlafen?“ - -„Ausgezeichnet, Mama.“ - -„Das glaube ich dir nicht! Zeige deine Hände. Natürlich -- sie sind -ganz kalt. Hast du gefroren? Warte einen Augenblick, ich werde sofort -an Franz telephonieren. Es ist bestimmt zu kühl bei Euch. Darum habe -ich ja am Vorraum der Diele die kleinen Oefen aufstellen lassen, damit -sie angemacht werden, wenn die Zentralheizung noch nicht geht.“ - -„Laß doch, Mama,“ wehrte Elfriede gequält und suchte ängstlich den -Blick ihres Mannes. „Die Sonne wärmt noch ganz wundervoll.“ - -Aber die Kommerzienrätin ließ sich nicht zurückhalten. Sie hatte schon -den Hörer in der Hand, um dem alten Diener die nötigen Befehle zu -erteilen. - -Paul Karlsen saß mit einem rätselhaften Lächeln dabei. Er begehrte -nicht auf, schlug nicht etwa mit der Hand zwischen die zerbrechlichen -Kostbarkeiten, in denen der goldgelbe Tee deutlich schimmerte. Sondern -er nickte seiner Frau beruhigend zu. - -„Mama hat ganz recht. Ich habe es mir heute auch schon gedacht.“ - -Trotz dieser ungewohnten Fügsamkeit fand seine Gegenwart durch die -Kommerzienrätin nicht viel Beachtung. Ueber ihn fort sprach sie -unaufhörlich zu ihrer Tochter herüber, als befinde sich zu ihrer Linken -ein leerer Platz. - -„Du wirst übrigens ein oder mehrere Tage bei mir bleiben, Elfriedchen. -Ich muß endlich wissen, ob du abends erhöhte Temperatur hast. -Widersprich nicht. Ich erlaube auf keinen Fall, daß du heute Abend in -dein leider etwas feuchtes Heim zurückkehrst.“ - -Da ließ sich Karlsens unwiderstehlich frohes Lachen hören. Aber es riß -die andern durchaus nicht zu der gleichen Fröhlichkeit hin. Seine Frau -sah scheu zu ihrer Mutter herüber. - -„Verehrte Schwiegermama, Sie scheinen vergessen zu haben, daß nur ein -einziger über das Gehen und Verweilen von Elfriede zu bestimmen hat. -Dieser Eine bin ich, mit Respekt zu melden.“ - -Diesmal ahnte sie nicht, daß er Komödie spielte. Sein Ton war sehr -ernst geworden. Sein junges, bartloses Gesicht wirkte fast streng. Den -lächelnden Blick des Einverständnisses, den er mit Elfriede tauschte, -bemerkte sie nicht. Ihre angeborene Heftigkeit -- niemals ernsthaft von -ihr bekämpft -- brach sich Bahn. - -„Das bliebe abzuwarten, Herr Schwiegersohn,“ sagte sie in scharf -zurechtweisendem Ton. „Sind Sie etwa hierher gekommen, um mich -aufzuregen?“ - -„Ich wüßte nicht, daß ich diesem vielleicht erstrebenswerten und daher -löblichen Vorsatz schon jemals freie Entwicklung gegönnt hätte.“ - -„Lassen Sie doch die Phrasen, Karlsen. Bei mir wirken sie nicht.“ - -„Diese Bitte gebe ich gehorsamst zurück, Schwiegermama. Kurz: Elfchen -wird mich nach Hause begleiten. Nicht wahr, Schatz?“ - -Ein schelmischer Ausdruck huschte über das Gesicht der jungen Frau, und -ließ es sehr anziehend erscheinen. Sie war glücklich wie ein Kind, daß -sie im Einverständnis mit ihrem Mann dies unschuldige kleine Geheimnis -haben durfte. Ohne zu zögern, antwortete sie: - -„Ja -- das werde ich bestimmt tun, Mama. Du hast doch gehört, daß Paul -es ausdrücklich wünscht.“ - -Da richtete sich die Kommerzienrätin steif empor und fragte kurz und -empört zu der Konsulin gewandt: - -„Was sagen Sie dazu? -- Vor Ihnen, die Sie Elfriede über die Taufe -gehalten und allzeit wie ein eigenes Kind geliebt haben, brauche ich -mich nicht zu genieren.“ - -Frau Enck war wegen der richtigen Antwort in tödlicher Verlegenheit. -Einerseits schätzte sie gleichfalls diesen jungen Menschen nicht allzu -sehr, weil sie in seiner Gegenwart beständig das Gefühl hatte, als -langweile er sich sträflich. Daneben aber stand ihm in dieser Sache ihr -Hang zur Gerechtigkeit bei. - -„Beschlafen Sie sich alles noch mal gründlich,“ versuchte sie zu -besänftigen. Aber es mißlang ihr gründlich. - -Frau Eßling wurde erregter und daher auch in ihren Worten heftig. Sie -erhob sich, trat nahe an den Schwiegersohn heran und sagte drohend: - -„Sie hören, ich wünsche und befehle es. Und nichts wird mich andern -Sinnes machen können.“ - -Nun war auch Paul Karlsen aufgestanden. Seine schlanke, elegante -Gestalt überragte die rundliche der Kommerzienrätin um Haupteslänge. - -„Verehrte Schwiegermama, vorerst eine kleine bescheidene Berichtigung. -Ihre kühn aufgestellten Behauptungen sind wirklich falsch. Der -männliche Teil in der Ehe hat auch heute noch das Recht -- genau wie zu -jener Zeit Ihrer Jugend -- den Aufenthalt seiner Gattin zu bestimmen, -sofern er sich dies Recht nicht durch grobe Pflichtverletzungen -verwirkt hat. Davon weiß ich mich frei. -- Ich würde Ihnen ja herzlich -gern einen Gefallen tun. Mir selbst aber Opfer auferlegen -- nee -- -wissen Sie, dazu fühle ich mich nicht stark genug.“ - -Es klang so überaus ehrlich, daß sogar seine Frau einen Augenblick -stutzte. An dem hilflosen Blick, den sie ihm zuwarf, merkte er, daß er -nicht weitergehen, nicht in dieser Rolle übertreiben dürfe. Er schwieg -also vorsichtig und wartete die nächste Erwiderung ab. Sie blieb lange -aus. Dann aber klang die vordem herrische Frauenstimme plötzlich um -vieles leiser. Fast bittend. - -„Es soll sich nur um eine kurze Zeit handeln, Karlsen. Sagen wir -- um -drei bis vier Tage! Wirklich nicht länger.“ - -Er machte den Eindruck eines Menschen, der aufmerksam eine unliebsame -Angelegenheit in Erwägung zieht. Daß er nicht sogleich antwortete, -sondern -- wie um Beherrschung ringend -- mit gesenktem Blick auf seine -wohlgepflegten, schöngeformten Hände herabsah, gefiel der Konsulin -ausnehmend gut. Dann meinte er bitter: - -„Ich habe Ihre Neigung nicht, Schwiegermama. Das weiß ich natürlich und -hätte mich gehütet auch nur ein Wort darüber zu verlieren, wenn diese -Sache nicht gekommen wäre. Jetzt lassen Sie mich darüber sprechen. -Glauben Sie, es wirkt erziehlich und macht edler, was Sie doch -beabsichtigen, wenn Sie mich dauernd Ihre Abneigung fühlen lassen? O -nein -- aber Verbitterung und Trotz können sehr wohl daraus entstehen. -Bedenken Sie die Folgen, die wiederum das haben kann. -- Nicht so -schnell. Nein, meine Liebe zu Elfriede läßt mich eine ganze Menge -geduldig ertragen. Aber -- letzten Endes ist man doch nur ein schwacher -Mensch. Und ich bin und bleibe noch dazu ein Komödiant. Einer, der gern -Theater spielt, blendet, täuscht, nicht wahr -- so schätzen Sie mich -doch ein?“ - -Die Kommerzienrätin sah ihn unsicher an. - -„Sie sind zu ehrlich, um mir zu widersprechen, Frau Schwiegermama -und ich, nun ja, ich war bis heute zu unehrlich, um gerade heraus zu -sagen, daß ich mich tausendmal wohler in einer kleinen, bescheidenen -Mietswohnung mit einem Mädchen für Alles fühlen würde. Der von Ihnen -errichtete Tempel, in dem nicht mal die Sonne gern weilt, ist mir viel -zu unbehaglich. Der alte Leisetreter von Diener stört mich. Nicht, wie -Sie triumphierend meinen mögen, weil ich seine Späheraugen fürchte, -sondern nur, weil mir dies Gesicht in seiner Maskenhaftigkeit zuwider -ist. Und wenn es nach mir ginge, machte ich Ihnen eine tiefe Verbeugung -und schlüpfte mit meinem lieben Schatz irgendwo -- meinetwegen im -hohen Norden Berlins -- unter. Aber sehen Sie, das durchzubiegen -bringe ich nicht übers Herz. Nicht Elfchens wegen. Denn schließlich -bin ich ihrer Gegenliebe sicher. Ich habe aber ebenfalls eine Mutter -gehabt, Frau Kommerzienrat, und wenn die auch nur eine schlichte, -bescheidene Frau gewesen ist -- sie war ebenso stolz auf mich und hing -mit genau derselben Liebe an mir, wie Sie jetzt an Ihrer Tochter. Und -nur darum, das betone ich ausdrücklich -- gebe ich meine Erlaubnis zu -dem vorübergehenden Verweilen meiner Frau unter Ihrem Dach. Erinnern -Sie sich gefälligst. Als wir beide uns neulich zufällig trafen, nahmen -Sie nicht Elfriedes bleiches Aussehen, an dem ich vielleicht schuldig -sein könnte, zum Vorwand für diesen Besuch, sondern Sie versuchten mich -durch ihre eigene Kränklichkeit zu rühren. -- Der Komödiant -- in mir -sagt leise: „Sieh an, sie kanns fast noch besser wie du.“ Der Mann, -je nun, dem war der krumme Weg just nicht angenehm. -- Aber diesen -Mann haben Sie sich ja bisher niemals die Mühe genommen, kennen zu -lernen. Einen Augenblick -- ich komme gleich zu Ende. -- Elfriede mag -getrost bei Ihnen bleiben, solange sie will. Mich aber müssen Sie jetzt -entschuldigen. Wie Sie mich einschätzen, werde ich unverzüglich meine -vorübergehende Freiheit gehörig ausnutzen wollen. Also -- nicht wahr, -Sie haben nichts gegen mein Verschwinden. Im übrigen hoffe ich, daß der -edle Stratege Franz während Elfriedes Abwesenheit brav und zuverlässig -seine Pflicht als Geheimpolizist erfüllt --“ - -Die Kommerzienrätin rang um ein gutes oder wenigstens versöhnliches -Wort, denn die Schlichtheit des Gesagten hatte mehr Eindruck auf sie -gemacht, als sie sich eingestehen mochte. Ihre starre Natur suchte -vergeblich danach. Und die Hand, die sie ihm entgegenhielt, übersah er. -Nur seine Frau nahm er in die Arme und küßte sie herzhaft auf den Mund. - -„Wiedersehen, Kleines! Ich schicke dir am besten sogleich deine -Zofe rüber. Erbarme dich und nimm sie, ja? Was soll ich mit all den -Wachsfiguren.“ - -Sie schmiegte sich zärtlich an ihn und flüsterte: - -„Paulchen -- mir ist ganz wirr. -- Lange halte ich die Trennung von dir -doch wohl nicht aus.“ Und er gab ebenso zurück: - -„Mein kleiner, tapferer Kamerad, das ist auch gar nicht beabsichtigt.“ - -Als er wenig später heimging, lachte er leichtsinnig auf. Er hatte -sich wieder mal auf der ganzen Linie nach ungeteiltem Beifall einen -glanzvollen Abgang verschafft. Wann wäre ihm auch jemals ein Kampf, -den er ernsthaft zu gewinnen trachtete, nicht zum Siege ausgeschlagen? --- Mit wachsender Ungeduld sehnte er die Stunde herbei, die ihm -ein ungestörtes Beisammensein mit der zur Zeit von ihm am meisten -bewunderten Frau schenken sollte. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -6. - - -Eva von Ostried lief wie einst als Kind, wenn der große Hofhund ihr -hart auf den Fersen war, und trotz der wärmenden Sonne fror sie. An der -großen Brücke, über welche die Wagen mit dem dumpfen Geräusch einer -riesenhaften Trommel dahinrollten, saß ein Bettler mit einer Drehorgel. -Die Töne ließen sie auflauschen. - -Auf ihrem Wege stand eine alte Frau und rief ihre Zeitungen aus. -Mechanisch kaufte sie. Vielleicht fand sich schnell eine Unterkunft. -Irgendwo. Sie schüttelte sich. Aus der Tiefe ihrer Seele stieg ein -Vorwurf empor. - -„Ich hätte diesen Karlsen gar nicht anhören dürfen, nach dem, was er -mir angetan hatte.“ - -Dann lächelte sie. Die Freude, ihm den sicher erwarteten Triumph zu -zerstören, tat ihr wohl. - -Auf dem Flur daheim stand die alte Pauline und hielt eifrig Ausschau -nach ihr. - -„Wo bleiben Sie bloß, Fräuleinchen? Waren Sie draußen bei unserer Frau -Präsident?“ Die Alte hatte rotgeweinte Augen. - -„Bei unserer Frau Präsident? Nein, da war ich nicht.“ Es klang bitter. - -„Kommen Sie schnell. Sie müssen ja halb verhungert sein.“ - -„Daran muß ich mich jetzt gewöhnen, Pauline.“ - -„Daß Sie damit spaßen können. Wenn Sie mich so reich bedacht hat, wie -wird sie da erst für Sie gesorgt haben.“ - -„Glauben Sie das wirklich immer noch? Ich habe kaum zur Hälfte -verdient, was ich von ihr bezog. Müßte eigentlich noch brav -herauszahlen.“ - -Das treue Mädchen begriff nichts. Sie merkte nur, daß die junge Gestalt -vor Erschöpfung schwankte und führte sie sanft in das helle Stübchen, -das unordentlich und zerwühlt aussah. - -„Jetzt legen Sie sich still nieder. Ich hole Ihnen einen Teller voll -kräftiger Suppe. Und nachher bereden wir alles. Ich habe mir was Feines -ausgedacht. Sie werden nun doch wohl ganz und gar Musikant werden -wollen. Denn unsere Frau Präsident hat immer gesagt, daß es jetzt bald -damit losginge. -- Ich könnte mich ja aufs Altenteil setzen. Aber das -verstehe ich nicht recht. Ich zieh’ lieber zu Ihnen, Fräuleinchen. Das -Haus hier, hat Herr Justizrat gesagt, wird verkauft. Solange dürfen wir -beide noch darin bleiben.“ - -„Ich nicht,“ sagte Eva mit zuckenden Lippen, „ich habe hier nichts mehr -zu suchen.“ - -„Sie sind doch wie ihr eigenes Kind gewesen. Ich weiß gar nicht, -was Sie wollen. -- Darum kann ich Sie auch nicht allein lassen. Sie -sind mir eine Art Vermächtnis. Ich putze Ihnen die kleine Wohnung -und koche und mache alles, wie Sie es nun längst gewöhnt sind. Genug -Möbel -- darunter den schönen feinen Flügel für Sie habe ich mir schon -ausgesucht. Sie sollens genau wie bis jetzt kriegen. Dann ist es, als -wäre sie noch bei uns. Und ich schlafe weiter in meinem Eisernen.“ - -„Gute Pauline -- ich werde kaum eine eigene Wohnung brauchen. Ich nehme -ebenfalls in Zukunft willig mit einem eisernen Bette fürlieb.“ - -„Ich bin ein einfältiger, alter Mensch und will nicht aufdringlich -sein. Aber wenn Sie mir das erklären möchten, Fräuleinchen.“ - -„Erklären? Was denn? Es ist ja alles in bester Ordnung! Sie ist tot und -ich muß sehen, wie ich möglichst schnell zu einer neuen Stelle komme. -Sie meinen, daß ich plötzlich reich geworden wäre durch sie? Wie käme -ich wohl dazu? Das wäre ja mehr als seltsam.“ - -Sie schluchzte auf und war doch der Ueberzeugung, daß sie lache. - -„Versteh’ ich endlich recht? Sie wären nicht von unserer guten Frau -Präsident bedacht, Fräuleinchen?“ - -„Dazu war sie nicht verpflichtet, Pauline. Ich habe mehr von ihr -erhalten, als ich jemals verdient habe.“ - -„Fräuleinchen, sie hätte nicht sterben können, wenn Sie unversorgt -zurückgeblieben wären. Mag einer reden, was er will. Sagen, daß der -Tod sie überrumpelt hätte. Ich weiß es besser. Da muß sich noch was -vorfinden, sage ich.“ - -„Es ist nichts da, Pauline. Verlassen Sie sich drauf.“ - -„Lieber guter Gott! Nun sollen Sie hier raus? Ganz nackt und blos? und -ich und die andern haben so viel!“ - -„Das ist nur gerecht. Sie haben sich’s verdient! --“ - -„Das ist Unsinn! Wir beide ziehen zusammen, wie ich schon gesagt habe. -Denken Sie doch, ich soll einhundertfünfzig Mark im Monat verleben. -Wie mache ich das? Ich spars doch bloß wieder zusammen und das hätte -keinen Sinn und Verstand. Denn ich habe keinen auf der Welt und es -würde wieder eine neue Stiftung draus. Nein, ich sorge für Sie. Und -nachher, wenn Sie erst richtig ausgelernt haben und es drückt sie, -geben Sie mir alles wieder. Ja? Wollen wir es so machen?“ - -Wer hohnlachte da? Eva von Ostried fuhr erschrocken empor. Sie hatte -deutlich ein heiseres Lachen gehört. - -„Ach -- Pauline, ich habe nur gescherzt. Ich bin ja selbst reich. Mein -früherer Vormund hat am Tage meiner Volljährigkeit der Frau Präsident -in meiner Abwesenheit das Muttererbe gebracht. Gleich nachher will -ich’s auf die Bank tragen. Denn es ist immer noch hier im Haus.“ - -Das alte Mädchen schüttelte ungläubig den Kopf. - -„Das ist wahrhaftig ein verkehrter Stolz, Fräuleinchen. Damit tun Sie -mir sehr weh. Sie haben nichts! Sie konnten ja früher mit mir drüber -spaßen. Ehe ich’s also nicht mit meinen eigenen Augen gesehen habe, -glaube ich Ihnen das nicht!“ - -Eva von Ostried stand plötzlich vor der alten Pauline. Sie war -verändert. Ihr noch soeben farbloses Gesicht glühte, als habe sie -Fieber. Krampfhaft suchte sie nach ihrer kleinen, schwarzen Handtasche. - -„Um Gottes willen, wo ist sie geblieben? Ich habe sie doch noch soeben -gehabt?“ - -„Da liegt sie ja, Fräuleinchen. Ganz sicher!“ - -Die schlanken Hände rissen den festen Bügel ungestüm auf, tasteten -unter den Papieren herum und brachten einen dicken Umschlag ans Licht. - -„Schauen Sie nur -- wie viel Geld.“ Das alte Mädchen staunte. - -„Wirklich!“ machte sie unsicher. - -„Und nun seien Sie mir nicht böse, wenn ich nichts essen mag, Pauline. -Nur schlafen muß ich. Nachher will ich gleich wieder fort. -- Meine -Sachen sollen doch bald abgeholt werden. Und fertig packen muß ich auch -noch.“ -- - -Dann war sie allein! -- Und das Geld, das der alte Tabaksbauer kurz -vor der Abreise der Präsidentin zurückgezahlt hatte, war immer noch in -ihrem Besitz. Die Wucht der schweren Ereignisse, die seither über sie -hereingebrochen, löschten die Erinnerung daran bis zu dieser Stunde -aus. Jetzt aber wollte sie sogleich den Justizrat Weißgerber anklingeln -und ihm davon Mitteilung machen. -- - -Sein Büro war bereits geschlossen. Er selbst befand sich zur Zeit, wie -ihr am Apparat mitgeteilt wurde, auf einer kleinen beruflichen Reise, -von welcher er erst spät Abends zurückerwartet wurde. Nun mußte sie es -bis zum nächsten Tage aufschieben. - -Mit keinem Gedanken hatte sie in der Zeit der jagenden Aufregungen -des ihr anvertrauten Schatzes gedacht. Die Vorstellung, daß er in -dem Wirrwarr sehr leicht abhanden hätte kommen können, erfüllte sie -nachträglich mit eisigem Schrecken. Vielleicht hatte die Vorsehung -es beabsichtigt. Es war jedenfalls gut gewesen, daß sie das Geld der -alten Pauline vorzeigen konnte. Nun brauchte sie kein Bettelbrot zu -essen. Denn sie hatte dumpf gefühlt, daß sie sonst dem heftigen Drängen -nachgegeben haben würde. - -Das Gefühl der Mattigkeit war geschwunden. Sie suchte wieder ihre -Habseligkeiten zusammen. Ihre Hände zitterten nicht mehr. Sie war -ganz ruhig geworden. Einmal ging sie zum Nachttisch, auf dem die -frischgefüllte Wasserflasche stand. Wie durstig sie war und wie gut der -billige Trunk mundete. - -Dann schaffte sie weiter. Die Sonne warf eine Hand voll Strahlen durch -das Fenster auf die kleine Handtasche und hob sie empor wie auf einem -goldenen Brett. Eva von Ostried nickte herüber, als grüße sie etwas. -Das viele -- viele Geld! Wenn es ihr Eigen wäre, käme alle Not zu Ende. -Was könnte es alles schenken? - -Ein Bett, in dem sie ausruhen konnte, solange es ihr gefiel. Einen -Tisch mit einer Lampe darauf, die leuchten durfte -- auch zu dem Flügel -hin, den sie sich davon erstehen würde. Der Flügel, an dem sie sitzen -und sich ihres Lebens Glück ersingen konnte. - -Sie schauerte zusammen. Wie war es möglich, daß sie überhaupt dieser -Vorstellung Raum gab. Fremdes Geld? Anvertrautes Gut! Was ging es sie -an? Mochten sich die verschiedenen überreich bedachten Stiftungen darin -teilen. Mechanisch häufte sie, was ihr gehörte, weiter zusammen. Wohin -nun aber mit all diesem Tand? - -Ihr Blick fiel auf die an der Brücke gekauften Tageszeitungen. Sie -vertiefte sich in die Menge feingedruckter Anzeigen. An der einen -blieben ihre Blicke haften und kehrten dorthin zurück: - - Suche sofort aus bester Familie für meine Tochter gebildete - Gesellschafterin. Ernste Lebensauffassung, fester Charakter neben - guten Zeugnissen Bedingung. Vorstellung jederzeit. Auch abends bis - 10 Uhr bei Frau Eßling, Eisenacherstr. 10, Grunewald-Berlin. - -Also ganz nahe. Mit einer spitzen Schere schnitt sie sorgfältig die -Reihen aus. Sobald sie hier fertig war, wollte sie sich vorstellen. - -Sie legte das schmucklos schwarze Kleid an, in dem sie ihren Vater -betrauert hatte. Den wertvollen Spitzenkragen, ein Geschenk der -Präsidentin, zerrte sie so heftig herunter, das die spinnwebenfeinen -Sternchen zerrissen. Zu diesem Gange durfte sie sich nicht schmücken. -Als Gesellschafterin einer sicherlich jungen Tochter mußte sie häßlich, -unscheinbar und wesenlos sein. Der Spiegel gab ihr Bild in seiner -vollen Schönheit wieder. Die Kämpfe, die rückwärts lagen, quälten -sie von neuem. Die unverdiente Eifersucht ihrer früheren Herrinnen --- der Neid der Dienstboten wegen ihrer Sonderstellung im Hause, der -eigene, lodernde Zorn, stumm die tiefe Einschätzung zu ertragen und -nicht zuletzt die Angst, daß sie eines Tages aus Groll, Einsamkeit und -Lebensdurst -- verdient wäre. - -Und nie -- nie mehr die geliebte Kunst? Daran hatte sie überhaupt nicht -denken wollen. Das zerbrach ihre Kraft. Nun lag sie wieder matt und -frierend da und konnte nichts denken. Dumpf fühlte sie, daß dies mehr -als ein Grauen vor dem nahen Wege nach dem Golgatha zur Pflicht war. -Ein Lebensabschied; der Tod aller Wünsche und Freuden! - -Diese zu erwartende Not jagte ihr eine fiebernde Gier durch das Blut. -Ein paar tausend Mark nur. Denn jene kleine eroberte Summe würde kaum -für die notdürftigsten Anschaffungen genügen. Freilich verwahrte -Amtsrat Wullenweber noch einige Möbelstücke aus mütterlichem Besitz -für sie. Wo aber war der Raum, der sie bergen konnte? Das Leben war -unerhört teuer. Wiederum nach wenigen Schritten stehen zu bleiben und -rückwärts zu müssen. Nur das nicht abermals! - -Jenes vorübergehend von ihr vergessene Geld, dessen Vorhandensein -niemand ahnte -- denn die Präsidentin hatte ihr das Nähere erzählt -- -wäre übergenug, um sie glücklich zu machen. - -Aber ein Gefühl des Ekels über sich selbst stieg ihr in die Kehle. Wie -tief sie gesunken war, daß solche Gedanken kommen konnten. Sie schloß -die Tasche in den Schreibtisch ein und suchte eine andere hervor. Dabei -sah sie einen Zettel, den die Präsidentin an eine der zahlreichen -Geburtstagsgaben geheftet hatte. - -„Meinem Sorgen- und Glückskinde!“ - -Sie sah auch das gütige, feine Gesicht deutlich vor sich und hörte -die Worte, mit denen sie in Oeynhausen ihre Zukunft erleuchtet und -festgelegt hatte. Kam nicht das Versprechen solcher Frau bereits der -vollzogenen Handlung gleich. Hatte sich die unabänderliche Tat der -Schenkung nicht schon damals vollzogen? -- Wen träfe das Verschwinden -dieses Geldes? -- Es wäre ja gar kein Raub. - -Aber was wäre es denn? -- Aber eine Mahnung ward ihr im Innern: Eine -zerlumpte Zigeunerin hatte einst auf dem väterlichen Majorat der -Mamsell aus deren Schlafkammer den unechten Sonntagsring entwendet. Die -Knechte liefen ihr mit Wagenrungen und Heugabeln nach, weil es gleich -zu Tage kam, griffen sie und spien nach ihr, denn zum Schlagen war sie -ihnen zu schlecht gewesen. - -Die kleine Eva hatte das alles mitangesehen und ebenfalls versucht -das flinke, rote Zünglein zu recken, um nicht hinter den Erwachsenen -zurückzustehen. - -Jener Ring! Ach -- das war etwas ganz anderes. Er hatte eine Besitzerin -gehabt, die ein armes Mädchen gewesen und sich nur mühsam so etwas -leisten konnte. - -Dies Geld aber -- -- - -Sie lag plötzlich auf den Knien und rang die Hände. Ihr Hirn war leer. -Im Herzen -- am Halse -- in den Fingerspitzen jagte eine entsetzliche -Angst. Ein Name klang gellend -- in Todesfurcht herausgeschrien -- -durch das Zimmer. - -„Mutter -- Mutter -- hilf mir doch!“ - -Auf dem stillen, süßen, scheuen Frauenantlitz, das aus vergoldetem -Rahmen auf die verlassene Tochter herabsah, lag der Schatten des -scheidenden Tages und ließ es noch leidvoller erscheinen! - -Kein Rettungsanker hielt stand. Nirgends war eine Stätte der Zuflucht -für sie bereitet. - -Die roten Türme des Waldesruher Heimatschlosses würden zwar noch -erhaben über alles andere hinwegsehen und die Gräber der Eltern -gehörten ihr nach wie vor. Ein verwitweter Vetter gleichen Namens saß -jetzt als Erbberechtigter auf dem alten Majorat und mochte den Zufall -segnen, der dem tollen Ostried einen Sohn versagte. Vielleicht bei ihm -untertauchen -- wenn auch nur für kurze Zeit? -- Aufnahme würde sie -finden. In der Familienchronik war der jeweilige Besitzer ausdrücklich -angewiesen, jeden bedürftigen und würdigen weiblichen Nachkommen eines -Vorgängers für mindestens sechs Monate unentgeltlich im Schlosse zu -beherbergen. - -Der bloße Gedanke daran peinigte sie aber schon! - -Stellte sie nicht in Wahrheit die Bettelprinzeß dar, wie ihr das einst -ein Trunkener höhnend nachgerufen hatte? Keine andere Macht, meinte -sie, käme der des Geldes gleich. Das Blut des Vaters kreiste in diesen -Augenblicken wild durch ihre Adern, sie wollte gefeiert und verwöhnt -werden. Es war undenkbar, daß sie untertauchte, um im Dunkel ewiger -Entbehrungen zu verkommen. - -Ein harter Trotz kam über sie. Sie war sich der Macht, die sie auf Paul -Karlsen ausübte, voll bewußt. Und er war doch reich geworden, wie aus -jedem seiner Worte hervorging. - -Sie riß das schlichte Kleid herunter und suchte eins aus weicher, -fließender Seide hervor. Wie eine Braut geschmückt wollte sie zu ihm -gehen und wie eine Königin Gnaden spenden. - -Und dann lag sie doch wieder mit dem Gesicht auf der blanken Platte des -Mahagonitisches und grub in Scham und Not die Zähne tief in das Gewebe -der seidenen Zierdecke. - -„Nie -- nie -- nie kann ich das tun!“ - -Wenn er sie aber zu seinem Weibe begehrte? Und was konnte er anders -mit dem heimlichen Werben in jedem Blicke gemeint haben? Paul Karlsens -Frau, die Genossin des Künstlers, die treue Kameradin eines gleich ihr -Emporstrebenden? - -Warum schüttelte sie sich plötzlich? Das Blut der Mutter kam nun auch -zu seinem Recht. -- Ohne Liebe sich verkaufen -- das war noch härter -wie die Fron des Alltags. - -Auch nicht um der Kunst willen? Sie fühlte, daß es ihr ans Leben gehen -wollte. - -Wenn sie vor jedem entscheidenden Schritt erst zu Ralf Kurtzig, dem -alten Meister, gehen würde? Vielleicht wußte er ihr einen Gönner, der -aus Freude an ihrem Talent freigebig war. Vielleicht riet er ihr aber -auch, daß sie lieber hungern und verzichten solle, als ihre Kunst -aufzugeben. Ja -- es war sogar sicher, daß er diesen Rat erteilte. -- - -Befolgen hätte sie ihn nicht können. Nach dem Tode ihres ersten Gönners -hatte sie damit einen kurzen Versuch gemacht. -- - -Die alte Pauline klopfte leise und trug ein vollbesetztes Tablett -herein. „Jetzt müssen Sie etwas genießen, Fräuleinchen.“ - -Eva von Ostried wollte fest bleiben. Es gehörte ja alles der Frau, die -wohl doch im letzten Augenblick ihr feierliches Versprechen bereut -hatte. Aber das Hungergefühl schmerzte beim Anblick der guten Sachen. -Sie überlegte nicht länger. - -Erst, als sie völlig gesättigt war, verachtete sie sich deswegen. Jäh -packte sie die Angst, daß sie sich letzten Endes auch zu dem andern -zwingen lassen könnte. - -Stumpf legte sie das kostbare Kleid wieder ab und schlüpfte in das -schmucklose Trauerfähnchen. Dann ging sie langsam den Weg, der zur -Eisenacherstraße führte. - -Irgendwo auf dem Wege dorthin zu ihrer Linken lag ein weinumwachsenes -Haus. Der goldgelbe Kies war stumpf und bleich geworden, weil ihn die -Sonne nicht mehr beschien. Es war eben acht Uhr. Sie wußte die Zeit -nicht. Mit schleppenden Schritten ging sie an dem Hause im Schatten -vorüber. Ein paar volle Akkorde schlugen von dem tönenden Reichtum -drinnen, an ihr Ohr. Sie wollte nichts hören. Eine Stimme erhob sich: - - Geschmolzen ist der Winter Schnee - Ganz stumm und still verfalln dem Grabe.. - -Ein Krampf schüttelte sie. Nur nicht stehen bleiben. Weiter. -- - -Aber sie ging doch nicht. An das kunstvoll gehämmerte Gitter gelehnt, -lauschte sie gierig. - - Herr Tristan hob vom heißen Pfühle - Sein mattes Haupt und sprach -- -- -- - Nicht länger trage ich die Scham, - So bloß zu stehn mit meinem Gram.... - -Der Gesang schwieg. Ein Fenster schlug auf. Sie stand wie verzaubert. -Ueber den blassen Kies knirschten die Schritte eines Mannes. - -„Kleine Mignon!“ - -Sie fühlte sich an die Hand genommen und in das Haus gezogen. - -„Ich will nicht! Ich will nicht!“ stammelte sie. Leise lachte er auf. - -„Sie hat’s nicht erwarten können,“ dachte er und fand sie schöner und -begehrenswerter als je in dem klösterlich strengen Gewande. - --- Paul Karlsens schneller Entschluß, sie in das Musikzimmer und nicht, -wie er das ursprünglich beabsichtigt, in sein Herrenzimmer zu führen, -erwies sich als sehr klug. Die Bildnisse der Meister edler Tonkunst, -die von den Wänden herab grüßten, wirkten beruhigend und anheimelnd -auf Eva von Ostrieds Fassungslosigkeit. Sie empfand plötzlich ihre -Anwesenheit hier nicht mit quälendem Vorwurf. Es blieb ungewöhnlich. -Jedoch auch nichts weiter. - -Paul Karlsen neigte sich mit ritterlicher Besorgnis zu ihr herab. „Ist -es Ihnen auch zu feierlich bei mir, Fräulein von Ostried?“ Sie hob den -Blick frei zu dem seinen. - -„Hier weht Heimatsluft, Herr Karlsen. Uebrigens -- war ich nicht auf -dem Wege zu Ihnen.“ - -„Ah,“ machte er. - -Sie errötete, weil sie fühlte, daß er ihr nicht glaubte. Sollte sie -ihm von ihrem eigentlichen Vorhaben, dessen Ausführung sein Gesang nur -verzögert haben würde, erzählen? Sie brachte es nicht über die Lippen. -Einen Augenblick saßen sie sich schweigend gegenüber. Dann sagte sie, -in ehrlicher Bewunderung umherschauend: - -„Wie wunderschön Sie es haben, Herr Karlsen! Die Goldader, von der Sie -sagten, muß wirklich ergiebig sein.“ Er nickte zufrieden. - -„Unerschöpflich fließt sie sogar. Wir haben einen Diener, eine Köchin -und noch mehrere beigeordnete Untertanen im Hades der Küche, die ich -freilich noch nicht zu Gesicht bekommen habe.“ - -Er zählte es mit der Wichtigkeit und dem Stolz eines fröhlichen Jungen -her, der sich sehr wohl in den neuen, glanzvollen Verhältnissen fühlt. -Eva von Ostried war nicht neugierig. Sie hätte aber dennoch gar zu -gern gewußt, wie ein Schicksalsgenosse, von dessen Schulden man sich -in Oeynhausen Wunderdinge erzählte, plötzlich zu diesen Märchendingen -gekommen war. - -Er hatte das vorausgesehen und sich bereits auf dem Heimgang von seiner -Schwiegermutter eine durchaus glaubhafte Erklärung zurechtgelegt. - -„Es war ein Onkel von Thule,“ summte er Desdemonas zitterndes Lied -vom König. „Und dieser alte Herr mit Druckknöpfen von Eisen und Feuer -an der gewichtigen Geldkatze besaß einen Neffen. Einen Nichtnutz -natürlich, der totsicher vor die Hunde gehen würde. Dieser Schlingel -bildete sich felsenfest ein, eine Stimme zu haben, die anders wäre, -wie die des Onkels von Thule. Frechheit, nicht wahr? -- Er glaubte -weiter, daß die Dummen in absehbarer Zeit mal ihr Geld ausgeben würden, -um sie hören zu dürfen. Man bedenke -- der Onkel aus Thule war in -seinem Leben niemals in eine Oper gegangen. Und besagter Neffe hätte -in seinem Tabak- und Kaffeeexportgeschäft wundervoll unterkommen -können. -- In Hamburg. Er bot es ihm sogar schriftlich an. Der Bengel -antwortete überhaupt nicht darauf, trotzdem eine Freimarke beilag. Er -pumpte ihn aber auch nicht an. Lieber ganz Fremde, die sich wirklich -überraschend leicht finden ließen. -- Und der Onkel von Thule kam -- -zwar nicht zum Sterben, wohl aber nach Oeynhausen, denn er war immer -ein kleiner Schlemmer gewesen und nun lag sein Herz im Fett. Und er -gab auch nicht seiner geehrten Buhle den bekannten güldenen Becher, -sondern seinem Nichtsnutz von Neffen einen Wink, damit er sich mal zu -ihm ins Hotel begeben möchte. -- Daß er ihn zuvor ein paar mal aus -sträflicher Langeweile, von einem leidenden, zufällig hochmusikalischen -Geschäftsfreund verführt, in allen damals gegebenen Opern gehört hatte, -nur nebenbei. Jeder, der einen stumpfsinnigen Badeaufenthalt von -mehreren Wochen durchgemacht hat, wird ihm diese Entgleisung vergeben. --- Also -- der Bengel erschien und nun machte sich das weitere -ganz von selbst. -- Wir sind nach Berlin übergesiedelt, denn die -Exportgeschichte in Hamburg hatte genug für uns abgeworfen und -- na ja --- da wären wir nun.“ - -Keinen Augenblick zweifelte sie an der Richtigkeit seiner Erzählung. - -„Wie schön ist es, daß sich Ihr Talent voll entfalten kann,“ sagte sie -und kämpfte gegen allen Neid. - -„Das hätte es auch ohne den Onkel fertig gebracht. Wie können Sie -das von einem -- nun nennen wir es getrost Zufall, abhängig machen! -Schwerer wäre es freilich gewesen und länger würde es mit dem Aufstieg -vielleicht gedauert haben. Auf die Spitze wäre ich doch gekommen.“ - -„Das ist Manneskraft.“ Es klang wie eine Klage. - -„Nein, das ist die gesunde Erkenntnis des eigenen Könnens,“ widersprach -er, „die sollte Jedes haben, das sich seine Begabung nicht lediglich -einbildet. Sie also auch, Fräulein von Ostried.“ - -„Ich habe es mir anders überlegt. Ich will nicht weiter.“ - -„Was wollen Sie nicht, bitte? -- Nicht mehr singen? Einfach -abschwenken? Gehen Sie doch! Jetzt wären wir endlich bei unserm -eigentlichen Thema angelangt. -- Nachdem Sie sich umgesehen und meine -Geschichte vernommen haben, werden Sie auch glauben, daß mir die Gelder -nicht mehr knapp sind.“ - -„Was geht das mich an?“ fragte sie brüsk und machte Miene, sich zu -erheben. „Ich will jetzt gehen. Ihr Herr Onkel wird Sie nicht länger -entbehren mögen.“ - -„Mein Herr Onkel ist bei seinen Whistbrüdern,“ lachte er leise. „Von -denen macht er sich bestimmt nicht vor Mitternacht los. Denn -- eine -Frau haben wir nicht mehr. Die ist lange, lange tot. -- Nur der alte -Franz paßt derweilen auf, damit ich keine Dummheiten mache. Denn der -Onkel von Thule macht sie lieber noch selber. Wundern Sie sich also -nachher etwa in ein paar Stunden nicht, wenn er plötzlich stocksteif -- -stockdämlich irgendwo herumsteht. Sonst habe ich es aber wirklich in -jeder Beziehung ausgezeichnet. Kann sozusagen tun und lassen, was ich -will. Die Geldkatze steht unverschlossen zu meiner Verfügung. Dazu ist -mein fester Monatswechsel blendend.“ - -„Wozu sagt er mir das alles?“ dachte Eva von Ostried und ihr Herzschlag -drohte in einer erstickenden Angst auszusetzen. „Er will doch nicht -etwa selbst --?“ Das Gefühl des Widerwillens, stärker noch als -dasjenige der Empörung und des Zornes über die unerhörte Kühnheit, mit -der er sie damals beleidigt hatte, regte sich wieder. - -Sie begriff nicht mehr, daß sie ihm willenlos hierher folgen konnte, -nach diesem Erlebnis. Ihr Gesicht war sehr bleich geworden. Ihre Augen -irrten mit einem flackernden Blick umher, als sie sich jetzt erhob. - -„Wie mich das für Sie freut! Lassen Sie sich’s weiter wohl sein, Herr -Karlsen.“ Jedes Wort mußte sie erkämpfen. „Und schnellen, sicheren -Aufstieg.“ Es klang tonlos. Er war gleichfalls aufgestanden und sah auf -sie herab -- immer noch, als sie längst zu Ende gesprochen hatte. Das -brachte ihr eine größere Unsicherheit. Sollte sie ihm jetzt die Hand -reichen oder -- grußlos entfliehen. - -„Nur noch einen Augenblick,“ forderte er und seine Brauen schoben -sich eng zusammen. „Zwar weiß ich wirklich nicht, womit ich diesmal -Ihre Unzufriedenheit erregt haben könnte -- irgendwie werde ich mich -ja aber doch wohl vergangen haben. Denn für solche Wirkungen besitze -ich auch ein musikalisches Feingefühl. Sicherlich habe ich zu viel um -den Brennpunkt herumgeredet. Verzeihen Sie mir. -- Als ich Ihnen von -dem mir gutbekannten Gönner sprach, der Ihnen auf mein Wort helfen -würde -- stand mein Plan bereits fest. Und das ist er geblieben. -- -Entschuldigen Sie mich für einen Augenblick. Ich hole nur eine wichtige -Kleinigkeit nebenan aus meinem Studierzimmer.“ - -Ehe sie eine Entgegnung fand, war er bereits verschwunden. Durch -die zurückgeschobenen Vorhänge konnte sie den Raum übersehen. Ihre -Blicke lösten sich von seinen Händen, die hastig in den aufgezogenen -Schiebladen des Schreibtisches herumkramten und wanderten -- -gedankenlos -- umher. Es trieb sie zur Flucht und sie blieb dennoch. -Sie nahm nichts von alledem, was sie anstarrte, in sich auf. Die -Bilder verschwammen zu farblosen Massen. Die wuchtigen Vasen auf hohen -Sockeln, die sicher ein kleines Vermögen kosteten, wuchsen wie Steine -auf, die in unsichtbarer Faust nach ihrem Herzen zielten. Mit fast -übermenschlicher Gewalt zwang sie sich dazu, etwas zu denken -- zu -sehen -- zu empfinden. - -Da lag, gerade über seinem Kopf, ein großer grüner Fleck mit -leuchtenden Blutstropfen. -- - -Nein, ein Bild war’s; als sie schärfer, sich dazu zwingend, hinsah, -erkannte sie die überschlanke Gestalt eines weiblichen Wesens darin, -die unter rotem Mohn auf grüner Wiese stand. Auf dem Gesicht lag der -volle Schein einer glutrot gemalten Sonne und hob es scharf heraus. In -seiner rührenden Anspruchslosigkeit wirkte es fast mit diesem Leuchten, -das von innen heraus zu strahlen schien, lieblich. Obwohl Nase und Mund -viel zu groß darin standen. Sie prägte es sich ein, um nur nicht denken -zu müssen, daß sie mit jeder Minute ihres längeren Verweilens von ihrem -Mädchenstolz verschwende. - -Endlich kam er zurück. -- Hochrot! Zornig! - -„Niemals kann ich das finden, was ich gerade suche. Das ist gräßlich! -Jetzt endlich ist es gelungen. Sehen Sie, bitte! Nun -- was ist das?“ - -„Ein Scheckbuch,“ sagte sie tonlos, „aber ich begreife nicht.“ - -„Ganz recht. Sie haben also viel mehr Geschäftssinn wie ich -- etwa -vor sechs Monaten. Genauere Anweisungen brauche ich Ihnen also wohl -nicht mehr zu erteilen. -- Sie nehmen dies an sich und füllen einfach -mit einer bestimmten, von Ihnen beliebig festzusetzenden Summe jeden -Monat die Geschichte aus. Das weitere macht dann schon die Bank!“ Sie -streckte beide Hände von sich, als wehre sie eine furchtbare Versuchung -ab. - -„Um Gottes willen, nur das nicht!“ - -„So verhaßt bin ich Ihnen, Eva? Was Sie ohne Bedenken von dem alten -Blutsauger, der Sie zur Bretteldiva machen wollte, angenommen hätten, -ohne diese Bedingung, das wollen Sie mir nicht gestatten?“ - -„Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen jemals zurückerstatten kann.“ - -„Darüber sorgen Sie sich nicht. Zinsen allerdings -- verlange ich.“ - -Daß er sachlich zu sprechen begann, machte sie ruhiger. - -„Wovon sollte ich die zahlen.“ Er sah sie fest an. - -„Wovon? Fühlen Sie das nicht, Eva?“ - -Ihre Hände hingen matt hernieder. Er betrachtete sie lange. Aber er -nahm sie nicht in die seinen. Nur nichts übereilen. Langsam begann er -ihr in Worten ein lebendiges Bild zu malen. - -„Sie beziehen, am liebsten in meiner Gegend, eine kleine feine Wohnung. -Nur kein Kellerloch oder Dachstübchen. Das drückt von vornherein das -Können nieder. Auch die öffentliche Meinung. Dann schaffen Sie sich -jemand, der Ihnen den Kleinkram des täglichen Lebens fernhält und -nebenbei diskret ist. Dann erst sehen Sie sich nach geeigneten Lehrern -um. Natürlich müssen sie erstklassig sein. Auf die Honorare darf es -nicht ankommen. Und dann -- ergibt sich das Schönste wie von selbst. -Das Lernen. Das Vertiefen. Die Seligkeit, daß es bestimmt geschafft -wird. Die Vorausempfindung all des brennenden Neides der liebwerten -Kollegenschaft -- aber auch der Macht, die täglich wachsen und genau -wie die meine, zur Andacht niederreißen wird -- mag die Menge willig -sein oder nicht.“ - -Mit weitvorgestrecktem Haupt hatte sie ihm gelauscht. Das war ein -Klang aus jener Welt, in der allein sie glücklich zu werden wähnte. -Ein echter Klang. Das fühlte sie. In diesem Augenblick empfand sie -auch keinen Widerwillen gegen Paul Karlsen. Seine Güte zurückzuweisen, -erschien ihr unnatürlich. Ja -- unmöglich, je länger sie über seinen -Vorschlag nachdachte. - -„Die Zinsen -- wie hoch?“ fragte sie nur noch. - -Da lag er ihr zu Füßen und zwang sie in einen tiefen, niederen Sessel -hinein. - -„Deine Liebe und sonst nichts! Fühlst du immer noch nicht, wie ich mich -nach dir verzehre. Siehst du nicht, daß ich dir alles zu Füßen legen -möchte und nur verlange, daß du dich von mir anbeten und lieben läßt?“ - -Sie stieß ihn nicht zurück, trotzdem sie unter seiner Berührung -zusammenschauerte. Nur ein Gedanke hämmerte in ihrer Stirn: - -„Bin ich jetzt seine Braut? -- Und muß ich nun auch sein Weib werden?“ - -Ein Finger pochte leise an die hohe Tür. Paul Karlsen fuhr auf und -setzte sich ihr gegenüber. - -„Haben Herr Karlsen gerufen?“ Der alte Diener streckte sein -unbewegliches Gesicht bescheiden in das Zimmer hinein. - --- Der Zauber dieses Augenblickes war ihm unwiderbringlich verloren. -Ihre Not für ein Weilchen überwunden. - -Sie schickte sich an zu gehen, und er hielt sie nicht zurück. - -„Ich werde Nachricht geben. Vielleicht morgen schon,“ flüsterte sie und -glaubte zu wissen, daß sie sich ihm aus Liebe zur Kunst verkaufen könne. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -7. - - -Kaum tausend Schritt von Karlsens Villa entfernt stand abseits von der -Verkehrsstraße eine Bank. Auf diese strebte Eva von Ostried zu. Im -Augenblicke war es ihr unmöglich, ihren Weg fortzusetzen. Alles Denken, -bis zur äußersten Grenze erschöpft, setzte aus und sie gab sich willig -dieser Müdigkeit hin. - -Sie fühlte, daß sie sich dem Manne, der ihr seine Liebe geboten, -anverlobt habe. Daß sie überhaupt nach seinem Kuß zu ihm ging, ließ nur -diese Deutung zu. Er mußte annehmen, daß sie sein Gefühl erwiderte! - -Und es war doch eine Lüge! Sie fühlte nichts für ihn. - -Die Blicke, die er auf ihr hatte ruhen lassen, peinigten sie noch -nachträglich! Das Erinnern an seine heißen, zuckenden Hände, die sie -umklammert hatten, als er vor ihr kniete, brachte ihr erneut die starke -Empfindung des Widerwillens gegen seine Zärtlichkeiten. - -Das Verhältnis zwischen ihren Eltern fiel ihr ein. Der Vater hatte -zuweilen, nach einer besonders guten Flasche Wein von der hingebenden -Zärtlichkeit ihrer Mutter in der Verlobungszeit gesprochen. Und -doch war später aus der Ehe das geworden, was Evas erste Jugend -unaussprechlich ängstigte und sie noch jetzt mit Grauen erfüllte! An -dem unverbesserlichen Leichtsinn des schönen Ostried zerbrach die -Kraft und das Leben ihrer Mutter, nachdem wohl schon längst ihre Liebe -dem starren Pflichtbewußtsein weichen mußte. - -Und sie selbst wollte sich jetzt ohne einen Funken schlummernder -Zärtlichkeit binden? - -Um den roten Mund grub sich eine Falte, die ihr Gesicht hart machte. -Der Preis, den sie sich dadurch erringen würde, war hoch genug, um -einem törichten, streng verschwiegenen Mädchentraume dies Opfer zu -bringen. - -Sie war bereit! Aber nicht mehr völlig bedingungslos. Das Gesuch der -Frau Eßling wegen der Gesellschafterin für die Tochter fiel ihr ein. -Sie wollte versuchen, dort ein paar Wochen unterzuschlüpfen, um sich -eine Bedenkzeit zu sichern. - -Frau Kommerzienrat Eßling befand sich in einer selten weichen -Stimmung, als ihr gemeldet wurde, daß eine Bewerberin draußen warte. -Der Sieg über den Willen des Schwiegersohns hatte sie vorübergehend -versöhnlicher gestimmt. Ihr Gerechtigkeitsgefühl konnte sich zudem -gegen die Wahrheit seiner Bitterkeiten nicht verschließen. In der -Hauptsache füllte sie die Freude, die Tochter wieder -- wenn auch nur -für kurze Zeit -- bei sich zu haben, gänzlich aus. Daneben verschwand -jede Trauer und Auflehnung. - -Elfriede Karlsen lag, wie einst während langer Jahre, auf dem Ruhebette -und ließ sich mit dem Lächeln eines dankbaren Kindes von ihrer Mutter -verwöhnen. Noch ahnte sie die neueste Fürsorge der Kommerzienrätin -nicht. Mit wenigen hastigen Worten wurde sie ihr jetzt als eine -Notwendigkeit hingestellt. - -„Aber, Mama,“ sagte sie flehend, „das ist grausam von dir --“ - -„Du solltest froh sein, daß ich auf diesen erlösenden Gedanken gekommen -bin, Elfriedchen. Die vielen einsamen Stunden taugen nicht für dich. Du -grübelst zu viel.“ - -„Ich warte auf meinen Mann und das ist wunderschön,“ sagte sie. Es lag -alle Treue und Zärtlichkeit darin. - -„Diese Stunde ist nicht geeignet, um darüber zu streiten, Kind. Schnell -nur eins: Ihr betont beide bei jeder Gelegenheit, daß ein Künstler frei -sein muß und du willst ihn doch nicht von der Kette lassen?“ - -Das blasse Gesicht rötete sich trotz der weißen Puderschicht, die Frau -Eßling ihrer Tochter niemals zugetraut. - -„Soll das heißen, daß ich ihn ungebührlich in Anspruch nehme, ihn -in seiner Entwicklung hemme? -- Das aber kann unmöglich deine wahre -Ansicht sein, Mama. Noch vor wenigen Tagen hast du mir den ernsthaften -Vorwurf einer viel zu großen Anspruchslosigkeit gegen Paul gemacht!“ - -„Darin liegt kein Widerspruch, mein Kind! Natürlich und verständlich, -wenn eine junge, verliebte Frau die Minuten zählt, bis ihr der Gatte -endlich wiedergeschenkt ist. Aber auch ebenso begreiflich, wenn bei -einer Veranlagung wie dein Mann sie nun doch einmal hat, ihn jeder -leiseste Zwang behindert und vielleicht sogar verstimmt und hemmt.“ - -„Hat er sich etwa dir gegenüber beklagt, Mama?“ - -Die Kommerzienrätin lachte bitter auf. - -„Wo denkst du hin, Elfriedchen. Ein so großer Künstler nimmt sich nicht -die Mühe, eine gewöhnliche Sterbliche, wie mich, in seine Empfindungen -einzuweihen. Aber erinnere dich nur. Ist er nicht häufig genug -ungehalten gewesen, wenn du etwa eine Stunde oder noch länger wie ein -geduldiges Lämmchen mit dem Essen auf ihn gewartet hast?“ - -„Mama, nimm den alten Franz wieder zu dir,“ bat die junge Frau gequält. -Sie wußte sofort, aus welcher Quelle ihre Mutter die Kenntnis jedes -auch des kleinsten und unwichtigsten Geschehnisses aus ihrem Leben -schöpfte. - -„Du hast mich schon mehrmals darum gebeten, Elfriede. Und heute, wie -früher sage ich dir, daß er bleiben wird und muß.“ - -Elfriede Karlsen seufzte tief auf. - -„Was also soll diese Gesellschafterin mir helfen?“ - -Frau Eßling fühlte, daß der anfängliche Widerstand zu wanken begann. -Etwas wie Neugier klang aus der Frage. - -„Unendlich viel, Elfchen! Natürlich muß sie klug und gebildet, frisch -und einwandfrei sein. Ihr werdet Euch schnell anfreunden. Du hast -niemals eine Freundin besessen. Dann sind die Stunden des Wartens -plötzlich ausgefüllt. Vielleicht erscheinen sie dir im Laufe der -Zeit sogar, wenn Ihr zusammen ein nettes Buch lest -- Spaziergänge -macht, Einkäufe erledigt und Bilder anseht, zu kurz. Jedenfalls, ein -vorwurfsvolles Gesicht oder gar, was mir bei weitem gefährlicher -erscheint, ein abgespanntes, enttäuschtes und nicht gerade glänzend -aussehendes Frauchen wird Karlsen nicht vorfinden, auch wenn er sich -selbst erheblich verspäten sollte. Was meinst du, muß die Folge hiervon -sein? So viel habe ich gelernt, um zu wissen, daß Karlsen launenhaft -ist. Das Geringste kann ihn verstimmen; eine Kleinigkeit kann ihn aber -zu einem hinreißenden Gesellschafter machen.“ - -„Ich habe keine Ahnung gehabt, daß du ihn so genau kennst,“ sagte -Elfriede. - -„Höre nur weiter, Friedchen! -- Indem du nicht länger mit dieser -deutlich zur Schau getragenen Sehnsucht nach ihm schmachtest -- nicht -mehr die Hände ringst, wenn eine seiner Leibspeisen ungenießbar -geworden ist, dir die Augen auch nicht mehr rot und trübe weinst, wirst -du dir deinen Mann zu einer Dankbarkeit verpflichten, die dich ihm -wichtiger und damit unentbehrlicher machen muß, als dies leider bisher -der Fall gewesen ist.“ - -Die junge Frau hatte sich aufgerichtet und sah unsicher zu ihrer Mutter -hinüber. - -„Wenn du wirklich Recht hättest, Mama! Aber ich kann nicht daran -glauben. Beständig eine Dritte am Tische zu haben denke ich -mir qualvoll. Vergißt du, daß sie mir von der kurzen Zeit des -Beisammenseins das Beste wegnimmt?“ - -„Kind, du bist die +Frau+ eines Künstlers. Du mußt sorgen, daß du sie -auch +bleibst+!“ - -Elfriede Karlsen war sehr bleich geworden. - -„Du glaubst doch nicht, daß mich Paul nicht mehr liebt?“ - -„Wenn ich das auch nur fürchtete, würde ich anders mit meinem Herrn -Schwiegersohne umspringen. Nein, davon ist bis jetzt keine Rede. Aber -ich will verhüten, daß es jemals zu einer merklichen Abkühlung käme. -Glaube mir, Friedchen, mein Rat ist klug und wohlerwogen. Dies Mittel, -das ich ihm ebenso wie dir verordne, wird dich voll glücklich machen. -Nicht wahr, das wäre doch schön, mein Kind? Jetzt geh einen Augenblick -ins Nebenzimmer. Zuerst will ich alles Unwesentliche mit der Bewerberin -besprechen. Scheint sie mir die Rechte für dich zu sein, so rufe ich -dich.“ - -Eva von Ostried ließ die prüfenden Blicke und die gründlichen Fragen -der Kommerzienrätin in vollendet guter Haltung über sich ergehen. Sie -zeigte keine Empfindlichkeit, weil sie draußen ungewöhnlich lange zu -warten gehabt hatte. Mit ruhiger Selbstverständlichkeit nahm sie in -einem ihr von Frau Eßling gebotenen Sessel Platz und beantwortete kurz -und klar deren Fragen. - -„Die Zeugnisse, die Sie vorweisen können, sind nicht eben glänzend, -Fräulein von Ostried.“ - -„Eher das Gegenteil, gnädige Frau! Kaum siebzehnjährig nahm ich die -erste Stelle an und besaß doch keinerlei Vorkenntnisse, nur den guten -Willen, meine Pflicht zu erfüllen.“ - -„Wollen Sie mir nun etwas über Ihre Jugend -- die Jahre vorher, meine -ich und vor allem von der Notwendigkeit, die Sie auf den Erwerbsweg -zwang, erzählen?“ fragte die Kommerzienrätin. - -„Gern! -- Mein Vater war Besitzer des Majorats Waldesruh im Kreise -Köslin, Provinz Hinterpommern. Meine Mutter, eine geborene Baroneß -Strachwitz, starb, als ich vierzehn Jahre zählte. Unsere Verhältnisse -waren stets die denkbar schlechtesten. Waldesruh war bereits unter -meinem Großvater arg heruntergewirtschaftet. Bei dem Tode meines Vaters -blieb mir nichts Nennenswertes. Mein Vormund, Amtsrat Wullenweber, -wünschte zudem, daß ich mir sogleich einen Erwerb schaffe. Besondere -Sachen hatte ich nicht erlernt. So stand mir lediglich der Weg des -Kinderfräuleins oder der Hausstütze offen.“ - -„In der zweiten Stelle, in der Sie kaum vier Monate weilten, müssen -doch ganz besonders wichtige Gründe die Veranlassung zu so schnellem -Wechsel gegeben haben? Ich sehe, daß dies Zeugnis die Bemerkung „auf -ausdrücklichen Wunsch entlassen“ enthält.“ - -„Diese Gründe waren allerdings vorhanden, gnädige Frau,“ gab Eva ruhig -zu. „Des Hausherrn Verhalten. Jedenfalls konnte ich nicht länger in -seinem Hause bleiben.“ - -„Ich verstehe! Es gefällt mir ausnehmend, daß Sie so empfinden. Sie -sind ein sehr schönes Mädchen. Das werden Sie nicht nur von andern -gehört haben, sondern selbst genau wissen.“ - -Eva von Ostried nahm diese Worte als das einfache Feststellen einer -Tatsache hin. Es wäre ihr kindisch erschienen, abzuwehren oder gar zu -widersprechen. - -„Darum fühlte ich mich auch im Hause der verwitweten Frau -Landgerichtspräsident Hanna Melchers überaus glücklich. Drei Jahre war -ich bei ihr und kann wohl sagen, daß eine Mutter nicht gütiger und -liebevoller zu mir hätte sein können.“ - -„Und dieses letzte und wichtigste Zeugnis, Fräulein von Ostried? -Sollten Sie vergessen haben, es mir auszuhändigen?“ - -„Leider besteht es nicht, gnädige Frau. Frau Präsidentin ist während -einer allein unternommenen Reise unerwartet einem Herzschlage erlegen. -Sie könnten sich aber über mich bei Justizrat Dr. Weißgerber, dem -langjährigen Freund und Testamentsvollstrecker der Frau Präsidentin, -erkundigen.“ - -„Wann ist er daheim? -- Wissen Sie das? In sein Büro möchte ich diese -Sache nicht gern tragen.“ - -„Er hatte heute außerhalb zu tun. Immerhin wäre es möglich, daß er -schon zurückgekehrt ist.“ - -Sie sagte das leise und zögernd, weil ihr plötzlich einfiel, daß -auch sie ja eigentlich noch wegen des Geldes den Versuch der späten -Rücksprache hätte machen sollen. -- Der Kommerzienrätin war das -Schwanken in der jungen Stimme nicht entgangen. Auch wunderte sie sich -über den plötzlich veränderten Ausdruck des schönen Gesichtes. -- -Erst in diesem Augenblick dachte Eva von Ostried daran, daß es leicht -möglich sei, der Justizrat sage am Apparat etwas von ihren vernichteten -musikalischen Aussichten. Darüber hatte sie aus guten Gründen -geschwiegen. - -Frau Eßling aber glaubte bestimmt, daß Eva von Ostried jene Auskunft, -trotzdem sie auf dieselbe ausdrücklich hingewiesen, zu fürchten hatte -und war umso mehr entschlossen, den Justizrat zu befragen. -- Der -Justizrat war soeben angekommen und bestätigte am Fernsprecher kurz und -klar, daß Eva von Ostried zur vollsten Zufriedenheit der Verstorbenen -drei volle Jahre in deren Hause gewesen sei, und daß sie auch von -ihm persönlich in jeder Beziehung als ausgezeichneter Charakter -geschätzt werde. Er ließ sogar mit einfließen, daß die Präsidentin -fest entschlossen gewesen, die junge geliebte Hausgenossin sicher zu -stellen. Zweifellos habe sie an der Ausführung dieses Entschlusses der -schnelle Tod gehindert. - -Frau Eßling kam befriedigt vom Fernsprecher zurück. - -„Ich möchte es gern mit Ihnen versuchen, wenn Sie denselben Wunsch -haben,“ sagte sie freundlich. „Ich hoffe, wir werden sehr schnell mit -einander einig werden. Nur wenige Anweisungen und Bedingungen müßte -ich Ihnen zuvor nennen: Sie würden nicht in meinem Hause zu leben -haben, sondern bei meiner jungverheirateten Tochter, die Sie gleich -noch kennen lernen sollen. Denn sie weilt vorübergehend bei mir. Ihre -Pflichten werden sich leicht gestalten. -- Sind Sie musikalisch?“ - -„Ja,“ sagte Eva. „Es dürfte sicher genügen. Ich singe.“ - -„Das ist mir sehr angenehm. Meine Tochter hat entschieden ein feines -Gehör, war aber stets zu leidend, um sich den Anstrengungen langen -Uebens auszusetzen. Würden Sie ihr etwa auch Unterricht erteilen -können?“ - -Evas Hände wurden eiskalt. Wie ein Hohn des Schicksals erschien ihr das -alles. Aber sie nickte bereitwillig. - -„Gut. Für häusliche Arbeiten ist im übrigen eine Kraft vorhanden. Es -kommt mir, wie Sie gemerkt haben werden, lediglich darauf an, daß meine -Tochter zerstreut und froh erhalten wird. Sie muß zu viel allein sein. -Das taugt nicht für ein stilles, ja scheues Wesen, wie das ihre. Können -Sie lustig sein, Fräulein von Ostried?“ - -„Ich werde es vielleicht lernen, gnädige Frau.“ - -„Und treu, Fräulein von Ostried? Absolut? In jeder Lage? Bei jeder -Versuchung?“ - -„Wie habe ich das zu verstehen, gnädige Frau?“ - -„Wie ein Mädchen Ihrer Herkunft und Bildung dies verstehen muß. -- -Treu der Herrin. Was das heißt -- hm -- eine Erklärung ist nach Ihren -Erfahrungen in Ihrer zweiten Stelle wohl kaum notwendig. -- Mein -Schwiegersohn ist Künstler. Ich weiß nicht mal, ob ich das schon -erwähnte. Künstler entzünden sich zumeist sehr schnell und heftig. Und -Sie sind, wie ich das bereits feststellte, von der Natur besonders -reich bedacht.“ - -„Ich würde lieber sterben, als eine Ehe zu zerbrechen helfen.“ - -„Den Eindruck habe ich auch von Ihnen. -- Meine Erfahrung mag Ihnen -wiederholen, was Sie längst selbst erfahren haben werden. Das -Köstlichste und Wertvollste bleibt das gute Gewissen. „Der Uebel -größestes aber ist die Schuld!“ schrieb mir mein seliger Vater unter -den Einsegnungsspruch. Seither habe ich es als Wahrheit immer wieder -bestätigt gefunden. -- Treu der Herrin, sagte ich, die Sie sehr gütig --- sehr schwesterlich behandeln wird. -- Treu aber auch mir. -- So -selbstverständlich das Erfüllen der ersten Bedingung ist, so sonderbar -wird Sie die zweite anmuten. Ich,“ ihre Stimme klang plötzlich -gedämpft, „habe nicht dasjenige Vertrauen zu meinem Schwiegersohn, -das nötig sein sollte, um ruhig und sorglos das Glück des einzigen -Kindes in seinen Händen zu lassen. Diese Heirat ist nur ungern von mir -zugegeben. Ich mißtraue ihrer Beständigkeit. -- Wollen Sie, im Fall -Sie die untrüglichen Beweise für die Berechtigung meines sehr regen -Mißtrauens haben, mir dies unverzüglich mitteilen?“ - -„Das muß ich entschieden ablehnen,“ erwiderte Eva von Ostried bestimmt. -„Ich erwähnte bereits, daß ich mich verachten würde, wenn ich Unfrieden -zwischen Eheleute streute.“ - -„Wenn ich auf diese Erklärung hin auf ihre Dienste bei meiner Tochter -verzichten müßte, Fräulein von Ostried?“ - -Eva zögerte mit der Antwort. Das Verlangen nach einem Platze, der -sie vorläufig -- vor der Not des Lebens schützte -- an dem sie sich, -fern von der leiblichen Not, ungehindert prüfen konnte, ehe sie sich -fest an Paul Karlsen band, drängte sie zum Einlenken. -- Die innere -Wahrhaftigkeit aber verbot ihr ein Nachgeben. - -„Trotzdem könnte ich es nicht versprechen, gnädige Frau.“ - -Die Kommerzienrätin betrachtete das junge Gesicht lange. Dann reichte -sie Eva von Ostried die Rechte hin. - -„Also gut. -- Die Treue für meine Tochter soll mir genügen. -- -Vergessen Sie das andere. -- Noch ein Wort über Ihr Gehalt. Ich -beabsichtigte Ihnen hundert Mark monatlich anweisen zu lassen. Sind Sie -damit zufrieden?“ - -„Fünfzig Mark weniger, wie das Gnadengeld der alten Pauline beträgt,“ -dachte Eva bitter, obschon ihr diese Summe genügte. - -„Es wird reichen, gnädige Frau,“ sagte sie eintönig. - -„So, damit wäre alles besprochen. Jetzt werde ich meine Tochter -benachrichtigen. Einen Augenblick, bitte.“ -- -- - -„Ich fürchte nur, das Sie sich neben mir langweilen werden,“ sagte die -junge Frau. - -Eva lächelte. - -„Wir wollen versuchen, uns jeden Tag mit einer besonderen Freude zu -erheitern, gnädige Frau.“ - -Die Kommerzienrätin fand den Ton, in dem ihre Tochter zu der neuen -Gesellschafterin sprach, für den Anfang viel zu warm. Gewiß hatte auch -sie vorhin ein schwesterliches Verhältnis als sehr wahrscheinlich -erwähnt. Immerhin mußte dies doch erst verdient werden. Sie riß deshalb -das Gespräch wieder an sich. - -„Ist Ihnen der Montag nächster Woche als Tag des Eintritts recht, -Fräulein von Ostried? Sie sind doch durch nichts gebunden, nicht wahr? --- Oder wollten Sie noch etwas im Hause der Verstorbenen ordnen?“ - -„Ich könnte bereits morgen kommen, gnädige Frau! Das alte treue -Mädchen, das der Präsidentin lange Jahre diente, besorgt alles Nötige -allein. Aber Sie haben mir noch gar nicht Namen und Wohnung Ihrer Frau -Tochter genannt.“ - -Die junge Frau antwortete an Stelle ihrer Mutter. Es gewährte ihr immer -aufs Neue eine stolze Freude, sich als Frau des jungen Künstlers zu -bekennen. - -„Unser Häuschen liegt sehr nahe hier; Karlsbaderstraße 10. Wir haben -es wundervoll. Nur ein wenig dunkel und kühl. Auf dem Schilde am -Gittertore steht Paul Karlsen. -- Das ist mein Mann.“ - -Eva von Ostried blinzelte, als werde sie aus dem Dunkel in einen -grellerleuchteten Raum gestoßen. - -Sie sollte also zu Paul Karlsens Frau? In sein Haus? Und achtgeben, daß -er die -- eheliche Treue halte? - -Das Frauenbild auf grüner Wiese im roten Mohn hatte bereits den Mann -zu ihren Füßen gesehen. Den Mann, als dessen Braut sie sich betrachtet -hatte. - -„Was ist Ihnen,“ fragte die junge Frau ängstlich und sah hilflos zu -ihrer Mutter hin. Hatte Eva von Ostried wirklich aufgestöhnt, als werde -sie von heftigen Schmerzen gepeinigt? - -Es mußte ein Irrtum gewesen sein! Jetzt stand sie mit dem Ausdruck -eines Lächelns da. Nur auffallend gerade und steif hielt sie sich. - -„Verzeihen Sie -- ich bekam soeben wieder einen jener kleinen Anfälle, -mit denen ich, leider, häufiger zu kämpfen habe.“ - -Frau Eßlings Stimme klang erregt. - -„Warum haben Sie bisher nicht davon gesprochen?“ - -„Gott -- man will doch „unter“, gnädige Frau. Nicht wahr?“ - -„Du wirst sie darum nicht fortschicken,“ flüsterte die junge Frau -bittend. - -Die Kommerzienrätin überhörte den Einwand ihrer Tochter völlig. - -„Durchaus begreiflich, liebes Fräulein. Sie finden auch ganz sicher -ein Haus, in dem diese Kleinigkeit nicht stört. Nur für meine Tochter -passen Sie, leider, nicht als ebenfalls Schonungsbedürftige. Das sehen -Sie auch ein?“ Eva von Ostried nickte mechanisch. - -„Vollkommen, gnädige Frau.“ - -Warum ging sie jetzt nicht. Ihr Lächeln wurde der Kommerzienrätin -unerträglich, bis ihr ein Gedanke kam. - -„Kann ich Ihnen vielleicht in anderer Weise etwas helfen, Fräulein,“ -fragte sie, im Grunde herzlich froh darüber, daß sich ihre Handlung auf -gütlichem Wege ungeschehen machen ließ. „Ich halte Sie doch für ein -vernünftiges Mädchen.“ - -Eva von Ostried neigte ein wenig den Kopf, als danke sie für eine -Huldigung. -- Sie blieb aber weiter unbeweglich stehen und lächelte -maskenhaft. Der jungen Frau kamen die Tränen. - -„Ich würde Sie trotzdem bitten, Fräulein von Ostried,“ sagte sie rasch -und herzlich, „aber wenn Mama nicht will, muß ich mich stets fügen. -Seien Sie, bitte, nicht so sehr traurig. Ich werde Sie all meinen -Bekannten warm empfehlen und bis Sie etwas gefunden haben, besuchen Sie -mich fleißig alle Tage. Auch zu den Mahlzeiten. Wir speisen gegen 2 und -7 Uhr. Ja, wollen Sie das tun?“ - -Frau Eßling war ins Nebenzimmer gegangen und kam jetzt eilig zurück. -Sie drückte einen verschlossenen Umschlag in Eva von Ostrieds Hand. - -„Alles Gute für Ihren Weg und fallen Sie beim Hinausgehen nicht über -die dumme Stufe, die zur Diele hinabführt.“ - -„Sie sind sehr gütig, gnädige Frau! Verlassen Sie sich darauf. Ich -werde nicht fallen!“ - -Hatte sie sich verneigt oder -- war sie grußlos geschieden? Die -ausgestreckte Rechte und den bittenden Blick der jungen Frau mußte sie -wohl übersehen haben. - -„Sie hat etwas verloren,“ sagte Frau Elfriede verwirrt und zeigte auf -das Weiße, das dort lag, wo noch soeben die schöne stolze Gestalt -gestanden hatte. - -Es war der Umschlag, in den Frau Eßling großmütig einen -Fünfzigmarkschein getan hatte. - - * * * * * - -Am nächsten Morgen gegen neun Uhr war Justizrat Weißgerber schon -wieder in der Wohnung seiner alten, toten Freundin. Er ging durch -die nur angelehnte Gartenpforte über die Diele sofort zur Küche. -Denn er wollte ungestört mit der alten Pauline sprechen. Diese hatte -eine mächtige Hornbrille auf der Nase und fertigte umständlich und -sorgsam das Verzeichnis der mit Obst und Gemüse gefüllten Gläser an. -Offensichtlich war ihr eine Störung bei dieser Arbeit sehr unangenehm. - -„Es gibt soeben noch etwas Wichtigeres für Sie zu tun, Pauline,“ sagte -der Justizrat eilig. „Sehen Sie mal her. Auf diesem Zettelchen, den -ich in einem Notizbuch aus dem Jahre 1917 fand, spricht unsere Frau -Präsident von allerhand wichtigen Aufzeichnungen, die sich in einer -kleinen, schwarzen Kiste, um deren Verbleib die gute Pauline wisse, -finden lassen sollen. Haben Sie eine Ahnung, wo sich besagte Kiste zur -Zeit befindet?“ - -„Eine kleine schwarze Kiste? -- Jawohl! Die habe ich selbst auf der -Bodenkammer in eine größere gestellt.“ - -„Wir müssen sie eiligst herunterschaffen.“ - -„Wozu denn, Herr Justizrat?“ - -„Denken Sie ein wenig nach. Sie wissen nun ja auch darin Bescheid. Uns -fehlt doch etwas, nicht wahr?“ - -In das alte Gesicht kam ein Zug von Spannung. - -„Sie hoffen gerade so wie ich, daß sich was für das Fräulein finden -lassen muß. Ach -- Herr Justizrat, sie ist wie außer sich. Zum Erbarmen -sieht sie aus. Die halbe Nacht habe ich gesucht. Da ist kein Eckchen, -das verschont wär’. Ich hatte bestimmt im Gefühl, daß ich es finden -müsse, glauben Sie mir. Sogar das Bett unserer Frau Präsident hab’ -ich aufgetrennt. Meine selige Großmutter hatte auch was Schriftliches -in ihrem Kopfkissen versteckt. -- Aber alles umsonst. Wie vor einem -Rätsel steh’ ich. Alles, was unsere Frau Präsident anfaßte und sagte, -war so klar wie Glas. Aus diesem Dunkel kann ich mich mein Lebtag nicht -rausfinden.“ - -„Wenn ich Sie recht verstehe, ist Fräulein von Ostried nun doch -zusammengebrochen, so tapfer sie sich angestellt hat. Mir gegenüber -würde sie sich zweifellos weiter zusammennehmen. Sie werden darüber -mehr wissen. Oder doch nicht? -- Ich glaube, daß sie wieder in Stellung -zu gehen beabsichtigt? Eine Dame verlangte telephonisch ausführliche -Auskunft über sie.“ - -„Sie ist sehr stolz, Herr Justizrat. Das habe ich früher nie gefühlt. -Ist’s ihre adlige Herkunft, oder was anderes. Sie will jedenfalls -nichts von unsereinem annehmen. Und wie gern tät ich’s doch!“ - -„Das kann ich ihr nicht verdenken, Pauline. Es tut ihr weh, daß sie -leer ausgegangen sein soll. Am meisten quält sich darüber ihr Stolz, -auf den Sie schlecht zu sprechen sind. Glauben Sie mir, es ist gut, daß -sie den besitzt. Hat Sie sich heute zu Ihnen ausgesprochen?“ - -„Sie hat nur gesagt, daß gegen Mittag jemand ihre Sachen abholen würde.“ - -„Und über das „Wohin“ kein Wort?“ - -„Nichts. Fragen habe ich nicht mögen. Es kam mir zu aufdringlich vor. -Sie hat ja eigenes Geld, Herr Justizrat. Ich hab’s mit meinen Augen -gesehen. Das wird sie nun wohl erst aufbrauchen.“ - -Selbst seinem juristischen Scharfsinn fehlte im Augenblick die -Verbindung zwischen Eva von Ostrieds ihm gegenüber getaner Aeußerung -und ihrem scheinbar ganz neuen Entschluß, nun doch wieder in Stellung -zu gehen. - -„Gleichviel, Pauline, tun wir unsere Pflicht, indem wir die Kiste -durchstöbern. Wenn sie auch nichts von Wichtigkeit bringt, müssen wir -uns bescheiden!“ - -Trotzdem er sich wiederholt sagte, daß eine erfahrene, klardenkende -Frau wie es die Präsidentin gewesen, Beschlüsse von größester -Wichtigkeit unmöglich zusammen mit wertlosen Zeilen, die lediglich -einen Erinnerungswert für sie selbst haben mochten, zusammenschichten -würde, durchsuchte er -- eine Viertelstunde später -- umständlich jedes -noch so kleine Blättchen. - -Auch dies war vergeblich, genau, wie er es gefürchtet hatte, und -seufzend klappte er endlich den Deckel herunter und legte das viel zu -wuchtige Schloß eigenhändig in die Krampe. - -„Am liebsten ginge ich zu ihr und bäte sie vorläufig in mein Haus,“ -sagte er vor sich hin. - -„Ich fürchte, Herr Justizrat, das wird nichts helfen. Sie ist wie von -Stein geworden. -- Als ich ihr heute Morgen den Kaffee gebracht habe, -war sie kalkweiß. „Haben Sie schlecht geschlafen, Fräuleinchen,“ hab’ -ich gefragt und wollte ihre Hand ein bißchen streicheln. Denn so ein -Elternloses mag sich jetzt doppelt und dreifach einsam fühlen. Aber, -was meinen Sie, Herr Justizrat; weggezogen hat sie ihre Hand und ganz -vergnügt getan. Daß sie prachtvoll geschlafen hätt’ und sich wer weiß -wie sehr auf die Arbeit freue. Ja, das hat sie gesagt. Angesehen hat -sie mich dabei aber nicht. -- Seitdem war ich nicht wieder bei ihr -drin. Nur ein bißchen gehorcht hab’ ich mal, ob sie vielleicht geweint -hat. Ich glaub’ aber wohl nicht. Laut geredet hat sie. Ich hab’ sogar -verstanden, was es war. „Der Uebel größtes...“ Jawohl, immer nur diese -drei Worte sind’s gewesen.“ - -„Wäre sie nicht bereits volljährig, hätte ich mich ihretwegen längst -mit dem Vormund in Verbindung gesetzt.“ - -„Ich glaube, damit wär’ sie auch nicht zufrieden gewesen. Sie hat kein -Vertrauen zu ihm fassen können und wird froh sein, daß er ihr nichts -mehr zu sagen hat.“ - -„Besitzt sie denn keine Freundin. -- Niemand, der einigen Einfluß auf -sie ausüben könnte, Pauline?“ - -„Davon hab ich nie etwas gemerkt. Unsere Frau Präsident hat ihr in -meiner Gegenwart mehr als einmal zugeredet, sie sollte doch mit diesem -oder jenem jungen Mädchen, das in unser Haus kam, spazieren gehen. Das -hat sie immer abgelehnt. Den Grund kann ich mir auch denken.“ - -„Ich wüßte keinen. Ich habe vielmehr die Ueberzeugung von ihr, daß sie -ein guter und zuverlässiger Kamerad sein müßte.“ - -„Sie ist aber zehnmal hübscher wie die andern. Sie sollten nur mal die -Blicke sehen, wenn sie auf der Straße geht. Mit ihr zusammen Einkäufe -zu machen, war ein richtiger Spaß. War das ein Herumgedrehe und -Nachgegucke. -- Hinterhergelaufen sind sie auch wohl. -- Fremdes junges -Blut freut sich darüber aber nicht. Das wird leicht neidisch.“ - -„Möchte ihr die Schönheit nur nicht zum Unsegen werden.“ - -„Die Angst ist unnötig, Herr Justizrat. Sie konnte zu kalt und stolz -aussehen, wenn’s einer von den jungen Herren gar zu auffällig mit -seiner Bewunderung trieb.“ - -Der Justizrat mußte lächeln. - -„Sie haben auch diesmal Recht, Pauline. Es will mir nur nicht in den -Kopf, daß man sich jetzt einfach nicht mehr um sie bekümmern soll.“ - -„Das wär allerdings traurig. Aber ich werde, ob sie will oder nicht, -aufpassen auf sie. -- Geht es ihr schlecht, komm ich zu Ihnen, Herr -Justizrat. Das andere besorgen Sie denn.“ - -Eben ging Eva von Ostried, wie in tiefen Gedanken versunken, unten -vorüber, ohne die beiden sorgenvollen Gesichter zu bemerken. Sie -hatte einen eiligen Gang vor. Noch einmal wollte sie versuchen, -unterzukommen. Die neueste Tageszeitung hatte ihr wiederum einen -Fingerzeig gegeben. Die hastige Unruhe des Verkehrs war ihr etwas -Ungewohntes. Ihr Kopf begann von neuem zu schmerzen. Trotzdem dachte -sie nicht daran, umzukehren. Ein verbissener Trotz lag auf ihrem -bleichen Gesicht, als sie endlich in die Friedensstraße einbog und die -bezeichnete Nummer zu suchen begann. Das neue Gesuch verlangte eine -gebildete Stütze im Osten Berlins. - -Das Haus, in das sie eintrat, war so dunkel, als sei es ohne Fenster -erbaut worden. Im Flur roch es nach Mittagskohl, Kaninchen und Leim. -Jeder einzelne Geruch für sich wäre erträglich gewesen. Die Vereinigung -erregte ihr Uebelkeit. -- Das im dritten Stock auf ihr Klingeln -öffnende Mädchen, lächelte ihr vertraulich zu: - -„Na, denn man rin in die gute Stube. Drei sind all vor Ihnen.“ - -Sie wurde in die Küche gewiesen. Eine der Wartenden rückte gefällig auf -ihrem Schemel zur Seite. - -„Wir werden uns schon vertragen.“ - -Eva kam der freundlichen Aufforderung nicht nach. Sie kämpfte mit dem -Gefühl des Schwindels. „Ein Glas Wasser,“ bat sie matt. - -Eins der Mädchen hielt einen Tassentopf ohne Henkel unter die -aufgedrehte Leitung. An den schneeweißen Lippen der Neusten merkten -sie, daß deren Einsilbigkeit nicht dem Hochmut entsprang. Eva von -Ostried wollte trinken, aber sie vermochte das unsaubere, abgestoßene -Gefäß nicht an den Mund zu führen. Stumm setzte sie es nieder und -wandte sich zum Gehen. - --- -- Am Spätnachmittag dieses Tages hielt eine Droschke vor dem -Haus der verstorbenen Präsidentin. Eva von Ostried hatte bereits auf -sie gewartet. Nun trat sie vom Fenster zurück. Koffer und Handtasche -waren fertig zum Fortschaffen. Sie selbst zum Einsteigen bereit. -Auf dem Mahagonitisch lag wieder die kleine schwarze Tasche mit den -zwölftausend Mark anvertrauten Geldes. Ihre Hand streckte sich danach -aus und zuckte doch wieder leer zurück. Dann aber preßte sie die Lippen -zusammen und riß sie an sich. -- - -Nun war es entschieden! -- - -Die alte Pauline kam angelaufen: „Sie wollen doch nicht etwa schon weg, -Fräuleinchen?“ - -„Ist es nicht höchste Zeit damit,“ fragte sie ruhig. „Leben Sie wohl, -Pauline.“ - -„Wohin soll es denn nun gehen? Das ist doch gar nicht möglich.“ - -„Wohin?“ Die schönen Augen schlossen sich leicht. Der Raub in ihrer -Hand hatte ihr Herz erkältet. „Vielleicht schreibe ich Ihnen einmal, -beste Pauline.“ - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -8. - - -Amtsrat Wullenweber auf Hohenklitzig erwartete Gäste. Sein einziger -Bruder, der als Major a. D. in Berlin lebte, sollte, geleitet von dem -Sohne, eintreffen. - -Dieser Bruder war ein schwererträglicher Egoist geworden, nachdem ihn -ein hartes Geschick zweimal grausam strafte. Der erste Schlag raubte -dem verschwenderischen und von jeher leichtsinnigen, daneben aber im -Dienst tüchtigen und ehrgeizigen Offizier die bis dahin ausgezeichnete -Gesundheit. Ein ungeschickter Schütze schoß ihn auf einer Treibjagd so -unglücklich an, daß er sich seither nur an zwei Krücken fortbewegen -konnte. Der zweite Hieb traf ihn schwer an seiner Ehre und machte ihn -zum schroffen Verächter jeglichen Menschenwertes, weil er die helfenden -Krücken verzeihender Einsicht nicht zu finden vermochte. - -Amtsrat Wullenweber hatte von einem persönlichen Empfange am Bahnhof -abgesehen. Er stand auf der Steintreppe vor seinem unscheinbaren -Gutshause und spähte nach der Staubwolke aus, die ihm das Nahen des -Wagens verraten sollte. - -Und nun saßen sie zu Dreien an einem runden Tische und sprachen -über völlig gleichgültige Dinge. Das Zimmer blitzte in Frische und -Sauberkeit. Auf den kalt- und steifwirkenden Möbeln aus hellster -Birke zeigte sich kein Stäubchen. Es fehlte aber dennoch jede Spur -einer liebreich schmückenden Frauenhand. Das Mahl war einfach, aber -schmackhaft zubereitet, doch schien keiner den rechten Genuß daran zu -finden. - -Amtsrat Wullenweber, der ein ebenso ausgezeichneter Ackerwirt wie -schlechter Diplomat war, setzte das Grübeln über die ungefährlichste -der persönlichen Fragen mit stummer Energie fort. Endlich meinte er sie -gefunden zu haben und wandte sich an den Neffen, der schlankgewachsen, -blond und merkwürdig ernsthaft für seine zweiunddreißig Jahre, zwischen -ihnen saß. - -„Na, Walter, nächstens mußt du nun auch wohl schon drei Jahre Assessor -sein, nicht wahr?“ - -Doktor jur. Walter Wullenweber besaß die strahlend blauen Augen eines -reich Begnadeten, der sich trotz aller Lebenshärten, seine kleine Welt -voller innerer Schönheit unversehrt erhalten hat. - -„Etwas länger bereits, Onkel,“ erwiderte er und seine Stimme klang -weniger klar, wie bisher. - -„Nun -- und --“ - -„Immer noch nicht Präsident,“ scherzte er. „Trotzdem fühle ich mich -den Umständen nach recht wohl. Die Arbeit befriedigt mich, nachdem ich -meinen auch dir ja zur Genüge bekanntgewordenen Jugendwunsch überwand. -Ja, ich freue mich sogar darauf, als Richter zu wirken. Am liebsten in -einer möglichst kleinen Stadt mit viel ländlicher Umgebung.“ - -„Dann melde dich hierher an das Amtsgericht Köslin,“ riet der Amtsrat. -„Da hast du alles. Alltäglich machst du in Straf-, Zivil- und -Grundbuchsachen. Sonntags flitzt du zu mir raus und speist von der -Glanzdecke.“ - -Der Major a. D., der mißmutig und schweigsam zugehört, mischte sich -jetzt ins Gespräch. - -„Und ich schimmele indessen in unserer hochherrschaftlichen Hofwohnung -am grünen Strand der Spree und warte auf irgend einen geduldigen -Jemand, der mich die Hühnerstiege herunterschleift, damit ich nicht -gänzlich verkomme.“ - -In dem ernsten Gesicht des jungen Juristen zuckte es unwillig. Aber er -blieb ruhig. - -„Wenn du dich nicht zum Mitkommen in besagtes Städtchen entschließen -könntest, müßten wir uns allerdings zuerst nach einer kräftigen Stütze -für dich umsehen,“ sagte er ohne Empfindlichkeit. - -„Soll ich jetzt vielleicht auch noch in eines jener mir schon als -Fähnrich unausstehlichen Nester unterkriechen?“ - -„Von einem Zwang kann natürlich keine Rede sein, Vater. Auch ich ließe -mich nie mehr zu etwas zwingen.“ - -Der alte Herr sah scharf zu dem Sohn hin. - -„Was soll das heißen, bitte?“ - -„Daß ich den Weg gehen werde, den ich mir, nach manchem inneren Kampf, -ausersehen habe.“ - -„Darf ich wenigstens erfahren, wohin er dich führen soll.“ - -„Ganz gewiß. Zur Anstellung als Richter, dem gewöhnlich Gegebenen, wenn -man die nötigen juristischen Vorstufen überwunden hat.“ - -„Mach dich gefälligst nicht lächerlich, Walter! Wenn man in unserer -Lage sitzt, kommt es lediglich aufs Geldverdienen an.“ - -Assessor Wullenweber schüttelte den Kopf. - -„Ueber dieselbe Ansicht wäre es -- vor ungefähr zwölf Jahren -- beinahe -zwischen uns zum Bruch gekommen. Damals ließ ich mich von dir zwingen. -Mein bescheidenes Muttererbe hätte vielleicht wirklich nicht zu dem als -sinnlos von dir bezeichneten von mir ersehnten Lebensberuf ausgereicht -und du hattest recht, mir ein persönliches opfern deiner Mittel als -ausgeschlossen hinzustellen. Heute jedoch,“ und seine Stimme wurde -hell und scharf, „wäre jeder Versuch zu meiner Umstimmung für dich -aussichtslos. Oder doch nur von Erfolg, wenn ein sehr trauriger Grund -dazu käme.“ - -Der Major hatte sich zurückgelehnt und spielte an den schwarzen Heften -der Bestecks. „Was verstehst du darunter?“ Für eine harmlose Frage war -der Ton zu scharf. - -„Ehrenschulden, die unbedingt abgetragen werden müssen. Und ich habe -keine, Vater.“ - -Das Mahl war beendet. - -„Wir setzen uns noch eine Pfeife lang auf die Veranda,“ schlug der -Amtsrat, der seinen heftigen, verbitterten Bruder nicht sogleich am -ersten Tage durch eine schroffe Einmischung reizen wollte, vor. - -Sie saßen alle Drei auf den sauber gescheuerten Steinfließen und -stießen dicke Tabakswolken aus den kurzen Rohren. Zu einer gemütlichen -Unterhaltung wollte es auch jetzt nicht kommen. Die Luft schien wie mit -Zündstoff angefüllt. - -„Sage mal selbst,“ wandte sich der Major plötzlich an seinen Bruder, -„hältst du es für möglich, daß einer mit seiner kleinen Pension -auskommen kann?“ - -Der Assessor wechselte die Farbe. - -„Was soll das heißen, Vater?“ - -„Bleib’ ruhig sitzen! Schlimm genug, daß dir das nicht längst allein -klar geworden ist.“ - -„Ich verstehe nicht, worauf du hinaus willst.“ - -„Scheinst ja merkwürdig schwer von Begriffen in diesem Punkt zu sein. -Kurz -- ich mag nicht länger rumhocken und entbehren -- stillhalten und -abstreichen.“ - -Der Amtsrat sah das bleichgewordene Gesicht seines Neffen und nickte -ihm fast väterlich zu, obwohl sie sich bisher merkwürdig fremd -gegenüber gestanden hatten. „Nimm’s nicht tragisch, Junge. Wir ändern -ihn doch nicht mehr,“ sollte es heißen. Dann zog er die Stirnhaut -empor, wodurch er sich schon als Sechsjähriger unter seinen Brüdern -eine besondere Achtung verschaffte und kniff ein wenig die Lippen ein, -als schlucke er eine bittere Arznei. Aber er wurde damit fertig! - -„Du hast’s wirklich verteufelt eng und dunkel in Berlin, Bruder. -Davon habe ich mich ja vor ein paar Wochen selbst überzeugen müssen. -Aber dein Junge solls und kanns diesmal nicht ändern. Das siehst du -bei ruhiger Ueberlegung auch ein. Ich mache dir einen vernünftigen -Vorschlag. Packe deinen Kram und zieh’ zu mir. Zwei Stuben kannst du -ganz für dich haben und diese Veranda und den ganzen Garten, denn ich -sehe auf dem Felde genug Grünes. Jawohl -- meinetwegen auch noch das -kleine Seezimmer dazu, obgleich ich mich daran gewöhnt habe. Nur den -Jungen laß endlich von der Leine!“ - -„Ich geh’ nicht raus aus Berlin,“ knurrte der Major eigensinnig. - -„In deiner Lage ist das ein Wahnsinn, Richard.“ - -„In meiner jetzigen -- vielleicht! Darum soll sie eben auch geändert -werden. Walter kann leicht und angenehm das dreifache verdienen, wenn -er nur mal ruhig nachdenkt. Wir mieten uns nachher irgend eine kleine -Villa. Ich kann mir einen Diener halten. Und das Leben wird wieder -einigermaßen anständig.“ - -„Du hast mir bereits neulich etwas derartiges angedeutet, Vater. Ich -faßte es keinen Augenblick als Ernst auf.“ - -„Darum habe ich mir die Wiederholung bis heute aufgespart. Onkel soll -zuhören. Nicht wahr, Wilhelm,“ wandte er sich an den Amtsrat, „ein -guter Rechenmeister warst du immer.“ - -„Ich rechnete aber für mich und mit mir als Verdiener, mein Lieber.“ - -„Soll das ein versteckter Vorwurf sein?“ - -„Deute es dir, wie du willst! Daß Walter nicht Musik studieren durfte, -darin mischte ich mich nicht ein. Das verstehe ich schließlich nicht. -Wie er sich damals als grüner Bengel damit abgefunden hat, das gefiel -mir, wenn schon er sich auffallend ablehnend zu mir benommen hat. Darum -nehme ich heute und später seine Partei.“ - -„Ihr tut gerade, als wollte ich ihn zu etwas Unerhörtem verleiten und -ich will ihn doch lediglich in eine gute, ja famose Lage bringen.“ - -„Ueber dies Kunststück würde ich gern näheres erfahren,“ lachte der -Amtsrat gemütlich. - -„Er soll als Teilhaber bei einem äußerst geschätzten, erstklassigen -Anwalt eintreten. Der Mann hat ohne Vermögen angefangen und eine aus -sieben Köpfen bestehende Familie durchgebracht. Neben der seinen, -erhält er noch die Familien seiner beiden ältesten verwitweten Töchter. -Das Geschäft muß also einträglich sein. Als anfänglichen Monatsgehalt -ist er willens, einem tüchtigen Assessor, der dauernd eintritt, -vorläufig neunhundert Mark zu gewähren. Nachher soll es steigen oder -gar zur Hälfte gehen, denn er hat einen Knax weggekriegt und kanns -allein nicht mehr schaffen. Später besteht natürlich die sichere -Aussicht zur gänzlichen Uebernahme seiner juristischen Praxis. Ich habe -die Empfindung, daß dieser Zeitpunkt nahe ist. Der Mann macht’s wohl -kaum noch sehr lange.“ - -Walter Wullenweber war anfangs mit einem ungläubigen Lächeln der -Schilderung seines Vaters gefolgt. Jetzt begann er damit zu rechnen, -daß tatsächlich etwas Wahres daran sein mußte. - -„Woher weißt du das alles,“ fragte er sachlich und noch vollkommen -beherrscht. - -„Gott -- ich habe mal was bei dem Mann zu tun gehabt. Wir sind ins -Gespräch gekommen. Er hat mich sogar mal in deiner Abwesenheit -freundschaftlichst besucht. Verzeih’ nur gütigst, wenn ich mich -ein paar Straßen weiter ohne deine gnädige Mithilfe oder Erlaubnis -davonmache.“ - -Walter Wullenweber kannte seinen Vater genau. Darum wußte er auch -jetzt, daß der nicht etwa unter seiner Bevormundung litt, sondern, daß -sein Gewissen in irgend einer Beziehung nicht das reinste war. Diese -bestimmte Annahme schärfte ihm in plötzlich erwachsender Angst den -Blick. - -Zeigte der Sechzigjährige nicht die deutlichen Spuren einer nervösen -Unsicherheit wie nach jeder begangenen Torheit? Und war sein -ohnehin sprunghaft wechselndes Benehmen in letzter Zeit nicht noch -unbeständiger geworden? Jetzt mußte sich Wullenweber mit aller Kraft -zur Bewahrung seiner Ruhe zwingen. - -„Konnte ich dir nicht ebenso gut raten und helfen, wie es der -Justizrat Weißgerber imstande war, Vater? Du siehst, so ganz blind -und taub bin ich doch nicht neben dir dahingegangen. Ich sah Euch vor -einiger Zeit aus einem Weinlokal herauskommen. Das nahm mich bei dem -Vielbeschäftigten eigentlich Wunder -- ich wollte dich auch fragen -- -vergaß es aber nachher über etwas wichtigerem. Nicht wahr, bei ihm -gedachtest du mich auch unterzubringen? Aber, lassen wir das jetzt. -Etwas anderes erscheint mir wichtiger. Wozu brauchtest du einen fremden -Juristen? Wozu trugst du das Geld aus dem Hause?“ - -Der schwache Versuch, die Angelegenheit ins Scherzhafte zu ziehen, -mißlang. - -„So weit bin ich noch nicht heruntergekommen, mein Sohn, um mir dauernd -und in jeder Kleinigkeit von dir Vorschriften machen zu lassen. Noch -bestimme ich. Und wenn einer von uns beiden zu gehorchen hat, bist du -es. Das merke dir.“ Der Amtsrat versuchte zu beschwichtigen. - -„Kinder, nur keinen Streit!“ - -„Verzeih, Onkel, daß dies gleich die erste Stunde ausfüllen muß. Du -hast ja aber selbst gehört, daß sich Vater die Auseinandersetzung -ausdrücklich für diesen Tag aufgespart hat.“ - -„Zänkereien vertrage ich nicht,“ begehrte der Major auf. „Meine Ruhe -wollte ich endlich mal haben, frei sein. Du sollst nicht wieder aus -einer Lappalie ein Erdbeben machen, Walter.“ - -Ein langer strenger Blick streifte ihn. - -„Du weißt, daß ich schon übermorgen abreisen muß, Vater. Dann ist also -dein Wunsch erfüllt. Ich möchte aber nicht mit dieser seltsamen Unruhe -an die Arbeit zurück. Wir wollen uns aussprechen. Ich erkläre dir -nochmals, daß alles, was du über mich bestimmen solltest oder bereits, -ohne mein Wissen, bestimmt hast, hinfällig ist. Niemals werde ich nur -um des Geldes willen einen Weg, den mir mein Innerstes vorzeichnet, -aufgeben.“ - -„Ich hätte wissen müssen, daß du keiner Kindesliebe fähig bist.“ - -„Sprich nicht weiter, Vater. Denke rückwärts.“ - -„Habe ich nicht nötig! Was ich getan habe, auch das, woran du jetzt -vielleicht auch noch rühren möchtest, ich täte es gleich wieder.“ - -„Richard,“ mahnte der Amtsrat still. „Laß die Schatten ruhen.“ - -„Ihr meint wohl, ich fürchte mich vor ihnen? Weit gefehlt, was sich an -meinem eigenen Stamm nicht biegen lassen will, muß weggebrochen werden.“ - -„Versündige dich nicht, Bruder.“ - -„Sprecht doch endlich ihren Namen aus. Macht mir Vorwürfe. Schiebt mir -alle Schuld in die Schuhe. Ich kann’s ertragen. Ich werde Euch Rede und -Antwort stehen.“ - -Er war der Ueberzeugung, daß seine Stimme im Zorn gellte, und sie -war doch nur ein zitterndes, angstvolles Flüstern. Der Schatten, dem -er anscheinend mutig begegnete, mußte ihn atemlos gehetzt haben. -Das Gespräch verstummte. Der Atem des alten Offiziers bekam keine -Kraft mehr. Sein Gesicht erschien in der ungewissen Beleuchtung -des schwefelgelben Abendsrots grau und verfallen. Ein junges, -leidenschaftliches Geschöpf, dem die Mutter zu früh sterben mußte, saß -plötzlich auf dem vierten Stuhl. Und doch lag in Wahrheit nichts als -der unruhige Schein wilden Weinlaubs darauf. Die einzige Tochter des -Majors und Walters Schwester! - -Der Amtsrat wischte sich über die Augen. Seitdem das mit ihr geschehen -war, hatte der Bruder sein Haus gemieden. Erst jetzt war er, ohne -besondere Einladung, wieder gekommen. - -„Die Reise hat mich etwas angestrengt,“ sagte der Major plötzlich. „Ich -will schlafen gehen.“ -- -- - -Eine Weile verharrte der Amtsrat noch in nachdenklichem Schweigen. Dann -tippte er dem Neffen auf die Schulter. - -„Du mußt mir alles von damals erzählen, Walter. Aus den Briefen, die -mir der Vater geschrieben hat, bin ich nicht klug geworden. Hast du -irgend etwas über sie erfahren können?“ - -„Nein, Onkel. Es ist alles vergeblich geblieben. -- Du weißt, Vater war -stets ein leidenschaftlicher Schachspieler. Auch unser Leben hat er -berechnen wollen, weil es für sein eigenes nicht mehr anging. Mancher -Zug mag richtig gewesen sein! Nur der Grundgedanke blieb falsch. Nach -ihm waren wir, seine beiden Kinder, willenlose Figuren. Dir ist die -Lieselotte auch lieb gewesen. Ihre Tollheiten erfrischten, ihr Liebreiz -entzückte jeden. Der Vater war sehr stolz auf sie, solange sie sich ihm -bedingungslos fügte. Sie hatten stets miteinander Geheimnisse vor mir. -Ich durfte ihr daher meine brüderliche Liebe nicht so voll zeigen, wie -ich sie empfand. Mußte streng mit ihr sein, denn ich wollte doch nicht, -daß sie verloren gehen sollte. -- Sie fügte sich dem Vater also willig, -bis die Liebe über sie kam. Den Anfang habe ich mit erlebt. Er sang auf -der Abendgesellschaft einer reichen Frau, die sich einbildete, seine -Stimme entdeckt zu haben. -- In Berlin selbst lebte er nicht dauernd, -und das machte mich ruhig. Er nannte sich Schauspieler und zog überall -umher, wo man ihn bezahlte. Einen ersten Brief fing ich ab -- las ihn -und nahm sie mir vor. Sie versprach, ihn zu vergessen. Das Versprechen -hat sie aber nicht gehalten. Die kleine Lieselotte war mit einem -Schlage Komödiantin geworden.“ - -„Und hat Euer Vater nichts davon gemerkt.“ - -„Du weißt, er besitzt die Fähigkeit, Unbequemes solange zu übersehen, -wie es nur irgend angeht. Eines Tages hatte er aber seinen größten -Schachzug fertig überlegt. -- Ein Millionär hatte die Lieselotte auf -einem Winterball kennen gelernt und begehrte sie. Die Anbetung des -älteren reichen Mannes hat ihr bis zu einem gewissen Grade sogar Spaß -gemacht. Als sie merkte, daß er ernste Absichten hatte, wurde sie -zuerst ängstlich, dann scheu, und schließlich energisch. Sie wollte -ihn nicht. -- Es war aber bereits alles zwischen dem Vater und jenem -abgehandelt. Er hatte ihm auch eine Menge Schulden bezahlt, von -denen wir Kinder nichts wußten. Es war also seiner Ansicht nach eine -Unmöglichkeit, die Sache rückgängig zu machen. -- Lieselotte hat nicht -an den Ernst seiner Drohung, daß sie sich diesmal unweigerlich fügen -müsse, geglaubt. So hinreißend lieblich sie war, ebenso unbändig, -leidenschaftlich und lebenshungrig ist sie gewesen. Von dieser Seite -kennst du sie nicht. Hier war sie lediglich das spielerische Kind. -Allmählich wuchs sich ihr Durst nach Freiheit zu einer fast krankhaften -Gier heraus. Vielleicht hätte sie doch schließlich eingewilligt, wäre -der andere, an dessen ehrliche Absichten ich niemals glaubte -- nicht -immer wieder dazwischen getreten. -- Ein Lump, Onkel, in der Maske -eines bildhübschen Schlingels. -- Sie blieb taub und blind. Ich habe -in jenen Zeiten täglich versucht, auf sie einzuwirken, schließlich -in jener Nacht nach den letzten, wilden Auseinandersetzungen mit dem -Vater, auch fest geglaubt, daß sie zur Einsicht gekommen wäre. -- -Nach ein paar Monaten, hoffte ich, würde sich der Grimm des Vaters -und ihre eigene blinde Leidenschaft verebbt haben. Ich hatte mich -gründlich verrechnet. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. -- Du -kannst überzeugt sein, Onkel, das Menschenmögliche, um ihren Aufenthalt -herauszubringen, habe ich versucht.“ - -„Und der Millionär, Walter?“ - -„Hat umgehend seine Forderungen eingeklagt.“ - -„Pfui Teufel.“ - -„Ich glaube, als ordentlicher Geschäftsmann mußte er das tun.“ - -„Wie habt Ihr’s möglich machen können, Junge?“ - -„Es ging schon!“ - -„Viel Vertrauen hast du nicht zu mir gezeigt.“ - -„Doch, Onkel! Ich wußte zum Beispiel ganz genau, daß du helfen würdest, -wenn ich dich darum gebeten hätte.“ - -„Ich versichere dir, daß mir niemals eine Bitte oder Anfrage von Euch -zugegangen ist.“ - -„Das weiß ich! Weil ich unbedingtes Vertrauen in deine Bereitschaft -setzte, durfte der Brief des Vaters, der deine Hilfe forderte, nicht -abgehen.“ - -„Das verstehe ich nicht, Junge.“ - -„Du hättest dein Geld niemals von ihm zurückerhalten und wenn er es dir -hundertmal zugesichert hätte.“ - -„Darum also hast +du+ es nicht erlaubt? Ich habe dich bisher nicht -richtig gekannt.“ - -„Das hat mir oft genug leid getan, Onkel. Sehr gern hätte ich vieles -mit dir besprochen, was ich nun allein mit mir ausfechten mußte. Wie -sollte ich es aber ändern? Ehe ich nicht die alte Rechnung des Vaters -beglichen hatte, mochte ich das nicht anstreben!“ - -„Das wäre dir wirklich gelungen?“ - -„Ja, seit einem Monat bin ich diese Last los.“ - -„Aus eigener Kraft?“ - -„Ich glaube, ein glattes Bejahen gäbe ein falsches Bild. Mein Studium -wurde billiger, als ich es mir ausgerechnet hatte. Ein paar tausend -Mark erübrigten sich davon. Und der Rest? Weißt du, es mag einer -so viel auf Berlin schelten, wie er Lust hat. Ein Gutes bringt es -zweifellos. Erwerbsmöglichkeiten, an welche man selbst in einer -größeren Mittelstadt gar nicht denken würde. Einige, die ich benützte, -mögen nicht gerade standesgemäß gewesen sein. Daß sie durchaus -anständig waren, bedarf nicht der Zusicherung. In der Hauptsache -verdiente ich durch Repetitorien. Mir saß alles noch frisch im -Gedächtnis. Da habe ich ein halbes Dutzend Referendare zum Examen -eingepaukt. Sie schafften es und das brachte mir weitere. So ist -eigentlich nicht mal ein Wunder dabei gewesen.“ - -„Und du meinst, daß dein Vater jetzt endlich gelernt hat, mit dem -Seinen auszukommen?“ - -„Bisher habe ich den Gedanken an neue Schulden nicht haben können. -Er hat ja doch gesehen, wie ich schuften mußte. Vorhin wurde ich -allerdings stutzig. Hattest du nicht auch das Gefühl, als schleppe er -an einer Last, die er überängstlich zu verbergen versucht?“ - -„Ich schob das auf die Erinnerung an Lieselotte.“ - -„Die wirkt ganz anders! Danach kommen Stunden, in denen er sich -einschließt und nachher trinkt.“ - -„Und das ist nun deine Jugend!“ - -„Meine eigentliche Jugend ist der unerschütterliche Glaube an eine gute -Zukunft.“ - -„Du hast eine von Herzen lieb, nicht wahr, mein Junge?“ - -„Nein, Onkel, noch nicht! Mir blieb zu wenig Zeit dazu, glaube ich. - -Aber ich fühle, daß es eines Tages kommen wird. Und darum lebe ich -trotz allem auch gern. Ein Ziel ist da und ein fester Wille zur -Erfüllung aller Pflichten.“ - -„Sonderbarer Heiliger.“ - -„Bis heute habe ich zu keinem davon gesprochen, Onkel.“ - -„Das glaube ich dir aufs Wort! Siehst du, da haben wir uns nun -jahrzehntelang gekannt und ich habe doch nichts weiter von dir gewußt, -als daß du einen Jugendwunsch, von dessen Ernsthaftigkeit ich mich -allerdings überzeugt hatte, überwunden hast. Ich fand das riesig -vernünftig und die Art, in der du es tatest, hat mir gefallen, wie ich -ja schon erwähnte. -- Diese eine Stunde hat gründlichere Arbeit als -die ganzen Jahre getan. Nun kenne ich dich wirklich. Weiß Gott, viel -Freude ist nie in meinem Leben gewesen. Nicht mal das Ziel, das du -dir gesetzt hast, war darin vorgesehen. Nur immer der graue Alltag. -Ich habe viel Staub schlucken müssen, denn zu den Sonn- und Feiertagen -ließ ich mir nie recht Zeit. Jetzt freue ich mich und bitte meinem -Leben manches ab. Sieh hinaus. Der Mond scheint gerade hell. Die Felder -mit Stoppeln haben ihre Ernte hinter sich. Das Brachland muß ausruhen, -damit es im nächsten Jahre wieder seine Schuldigkeit tut. Sogar die -Fichtenkusseln wachsen langsam aber sicher ins Geld. -- Ich hab’ bloß -immer in meinem Dasein säend geschuftet. Ohne Sinn und Verstand. Denn -für wen? Ein ekliges Geschäft, wenn man darauf keine Antwort weiß. -Jetzt wird’s anders werden. Du mußt öfter zu mir kommen, Junge!“ - -Einen Augenblick ruhten ihre Hände fest in einander! Das war wie ein -Schwur, obgleich kein Wort dabei gesprochen wurde. - -„Und jetzt wollen wir in die Klappe gehen,“ sagte der Amtsrat wieder in -seinem alten, fast befehlshaberischen Tone, den sich ein Herr leicht -angewöhnt, der auf seinem Stück Eigenland streng nach Ordnung -sieht. -- -- - -Walter Wullenweber konnte nicht schlafen. Hinter der weißgetünchten -Wand ruhte sein Vater und war ihm, nur durch eine dünne Verschalung -getrennt, so nahe, daß er das unruhige Umherwerfen des schwerfälligen -Körpers vernehmen mußte. Im Karpfenteich und in den sich -daranschließenden Sumpfgräben quakten die Frösche. Aus den Viehställen -sang zuweilen eine klirrende Kette. - -Hinter der weißen Wand ward ein Stöhnen hörbar. Er erhärtete sich -dagegen. Mußte er nicht auch, schweigsam, oft genug leiden? Tief -wühlte sich sein Kopf in den verschwenderischen Reichtum der weichen -Federkissen ein. Und doch lauschten die Sinne -- wider Willen -- und -erlauschten, daß sich der Mann, der um keinen Preis alt und schwach -sein wollte, in Schmerzen wand. Da sprang er auf und ging zu ihm. - -„Was hast du, Vater? Soll ich dir von deinen Tropfen geben?“ - -Der Major winkte ab. „Laß nur. Dagegen helfen sie doch nicht! Ich halte -das nicht länger aus.“ - -„Luft und Stille hier werden dir gut tun. Nur Geduld.“ - -„Dazu habe ich keine Zeit mehr.“ - -„Was hast du, Vater?“ - -„Du mußt mir helfen, Walter!“ - -„Sobald es Tag geworden, wollen wir nach einem Arzt senden,“ sagte -Walter Wullenweber und glaubte doch nicht, daß der hiergegen etwas -vermöge. - -„Was soll mir der? Ich brauche nur dich!“ - -„Ich bin ja bei dir!“ - -„Du willst mich nicht verstehen. Da in der Tasche steckt der Wisch.“ - -Und Walter Wullenweber las: - - „Wenn Sie innerhalb von zwei Wochen nicht Ihr mir gegebenes - Ehrenwort einlösen und das Geliehene zurückzahlen mit 7 Prozent - Zinsen, mache ich die Sache anhängig. Halten Sie mich nicht für - ganz dumm. Ich kenne Mittel und Wege, die Sie klein bekommen. Erst - im vergangenen Jahre ist einem alten Offizier ein gebührender - Denkzettel vom Ehrenrat aus ähnlichem Anlaß erteilt. Denn wenn - einer sein Ehrenwort bricht, so ist er nichts weiter als ein - Schuft. -- -- --“ - -„Ist das wahr, was hier steht?“ - -Hart und fast mitleidslos klang die Frage. - -„Ja, es ist wahr! Aber --“ - -Walter Wullenweber ließ sich schwer auf den Schemel sinken, der -irgendwo stand. Er empfand in diesem Augenblick nichts als Verachtung -für den Mann, der ihm alles zerschlug, was er sich mühsam errang. - -„Es geht mich nichts an,“ sagte er sehr langsam. - -„Du willst mich nicht -- retten?“ - -„Nein.“ - -„Ich soll also --?“ - -„Ganz recht; du sollst endlich einmal selbst tragen, was du verschuldet -hast. Ich bin nicht länger willig, mich zu opfern!“ - -„Es ist auch dein Name.“ - -„Leider! Ich werde meiner vorgesetzten Behörde unverzüglich von -dem Beschluß der deinen, sowie ich davon Kenntnis erhalte, Bericht -erstatten und tragen, was daraus für mich kommt!“ - -„Und wenn ich dir schwöre, daß dies das letzte Mal sein soll.“ - -„Ich würde keinen Glauben mehr an dich aufbringen können. Damals, -ja, da bildete ich mir ein, daß ein Mensch so etwas nicht zum andern -Mal fertig brächte. Kein Fremder einem Fremden gegenüber. Und dich -betrachtete ich damals noch als meinen Vater.“ - -„Soll das heißen, daß du heute -- nicht mehr?“ - -„Ja! Das wollte ich damit sagen!“ - -„Walter sei barmherzig.“ - -„Bist du es jemals gewesen? Hast du uns nicht alles zerschlagen, -Wunsch, Jugend, Zukunft?“ - -„Aber die Ehre, die habe ich doch hochgehalten!“ - -„Das bildest du dir nur ein.“ - -„Du bist nicht Offizier!“ - -„Auf meine Auffassung kommt es aber zur Zeit mehr an.“ - -„Wenn ich dir mein Ehrenwort verpfände, daß ich nie wieder.“ - -„Spare es dir! Ich lege keinen Wert darauf!“ - -Ein Schrei gurgelte aus dem weitgeöffneten Munde. Das Gesicht nahm eine -bläuliche Färbung an. Die Züge spannten sich. Das Kinn schob sich weit -vor. Und dann kam jäh ein sichtbarer Verfall. - -„Ob das der Tod ist,“ fragte sich Walter Wullenweber und zog, wie bei -dem juristischen Aufbau eines wohlgelungenen Gutachtens die einzig -mögliche Folge aus der Bejahung: „Dann trage ich die Schuld!“ - -Es war aber nur ein leichter Schlaganfall, wie der aus der nächsten -Stadt zugezogene Arzt am Spätvormittag des neuen Tages feststellte. -Lebensgefahr lag nicht vor. Alle merklichen Folgen würden sich -voraussichtlich nach einiger Zeit verlieren. - -Walter Wullenweber wich dem fragenden Blicke seines Onkel aus. Am -nächsten Tage rüstete er sich zur Abreise, ohne Nachurlaub erbeten zu -haben. Er fühlte, daß seine Anwesenheit den Kranken nicht förderte. - -„Du machst dem Futternapf meiner alten Klidderten wenig Ehre,“ sagte -der Amtsrat in der letzten Stunde zu dem Neffen. „Was ist’s denn? Hast -du mir nichts zu sagen, Junge?“ - -„Herzlichst zu danken. Sonst wüßte ich nichts.“ - -„So, ich dachte! Na schön. Warst du schon bei deinem Vater?“ - -„Ich stehe eben im Begriff.“ - -„Warte einen Augenblick. Ich begleite dich.“ - -Walter Wullenweber wollte eigentlich die paar letzten Minuten mit dem -Kranken allein sein. Er schwieg aber. „Vielleicht ist es besser so,“ -dachte er stumpf und trat scheinbar ruhig an das Bett des Majors. - -„Ich muß nun fort.“ Der Kranke wollte sich auf die Ellbogen stützen, um -sich ein wenig emporzuringen. Es gelang aber nicht. - -„Ich gebe dir mein Wort, daß alles anders werden soll. Willst du mir -nicht die Hand reichen, Walter.“ - -Ein kurzes Zaudern. Dann reichte sie ihm der Assessor hin. „Werde -gesund, Vater!“ - -Da weinte Major a. D. von Wullenweber die ersten Tränen, seitdem ihm -das von dem ungeschickten Schützen geschehen war. - -Eine Woche später erhielt er Nachricht von seinem Sohne. - - Lieber Vater! Heute nur kurz die Mitteilung, daß ich von meiner - Behörde den Abschied aus dem Staatsdienst erbeten habe, um, sobald - er mir erteilt sein wird, bei Justizrat Weißgerber, mit dem ich - bereits einig bin, einzutreten. - - Teile es auch Onkel mit. In Eile - - Dein Walter. - -Als auch der Amtsrat den Inhalt kannte, schlug er mit der Faust auf den -Tisch. - -„Und das erfahre ich erst heute? Was hast du denn wieder angestellt? -Konntest du wenigstens deinen Mund nicht rechtzeitig aufmachen, damit -dies verhindert wurde?“ - -Da erzählte der Major das Hauptsächlichste. Das Fehlende dachte sich -der andere schon hinzu. - -„Wieviel wars denn zum Kuckuck?“ - -„Viertausend Mark!“ gestand der Major zerknirscht. - -„Und wofür? Für Lumpereien natürlich!“ - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -9. - - -Das Nationaltheater hatte seinen großen Tag. Die Aufführung des ersten -Aktes des „Parsifal“ war vorüber. Die Reihen lichteten sich. Es -strömte die Stufen hinab, die in den Garten des Theaters führten. Auf -den meisten Gesichtern lag noch die Andacht des Weihespiels. Einzig -eine Frauengestalt hatte ihren Stuhlplatz inne behalten und saß mit -zusammengelegten Händen. In ihr zitterten die heiligen Klänge nach: -„Selig im Glauben.“ - -Zwei Herren waren, abseits des flutenden Menschenstromes, stehen -geblieben und sahen zu ihr hinüber. - -„Sie haben vor Beginn im Erfrischungsraum mit ihr gesprochen, Kurtzig,“ -sagte der Jüngere, „kommen Sie, wir gehen jetzt zu ihr.“ - -„Das wage ich nicht, Baron Alvensleben. Sie wissen, wer einen -Gottesdienst stört, muß eines Strafbefehls gewärtig sein.“ - -Der alternde Meister schüttelte den Kopf. - -„Sie steht doch aber in der Oeffentlichkeit, mein Lieber!“ - -„So -- tut sie das? Ich dachte, wir wären uns gestern Nacht nach ihrem -Konzert gerade darüber einig geworden, weshalb sie an der Laufbahn -einer Bühnensängerin vorbei, in der musikalischen Welt Berlins in der -Hauptsache als erste Bildnerin verheißungsvoller Stimmen gilt und sich -nur selten zu einer Konzertreise versteht.“ - -„Gott ja, gestern Nacht! Inzwischen habe ich darüber nachgesonnen und -muß gestehen, daß mir die Aufgabe, sie umzustimmen, sehr verlockend -erscheint.“ - -„Sie sind nicht der Erste, der das erkannt und auch versucht hat, -Baron.“ - -„Vielleicht aber der erste Leiter einer hocheingeschätzten Oper, der -willig ist, sie sogleich in seinen Verband zu übernehmen.“ - -„Auch diese Freude muß ich Ihnen leider zerstören. Vor einem halben -Jahre, als sie noch lange nicht so weit wie heute gekommen war, machte -bereits Ihr Kollege Spartenberg denselben recht energischen Versuch.“ - -„Sie kennen sie länger, Kurtzig?“ - -„Ungefähr fünf Jahre.“ - -„Da werden Sie auch um die Gründe wissen? Sie kennen auch mich. Ich bin -verschwiegen. Was käme da in Betracht?“ - -„Da fragen Sie mich zu viel, Baron.“ - -„Vielleicht erblich belastet?“ - -„Möglich! Die Mutter, nach dem Bilde zu urteilen, war eine Schönheit! -Der Vater soll ein flotter Herr gewesen sein, der ihr nichts als -Schulden und den alten Namen hinterließ.“ - -„Verdreht,“ sagte Baron Alvensleben, „aber hören Sie, versucht wird es -dennoch. Wenn nicht jetzt, ganz bestimmt am Schlusse. Wenigstens ein -Plauderstündchen im Parkhotel mit ihr.“ - -„Schön! Machen Sie sich das Vergnügen! Sie können sich meinetwegen als -Zeuge ihrer gestrigen Triumphe einführen. Nur, sagen Sie ihr nichts von -unserer Bekanntschaft.“ - -„Na nu!“ - -„Ja, Baron. Sie vertraut mir voll und ich möchte nicht, daß dies jemals -anders würde. Kein Mißverstehen, Ihr Lächeln ist unangebracht. Die -Kunst kann, wie wir soeben festgestellt haben, sehr rein sein. Der -Künstler in mir freut sich an ihr, ringt um die Erhaltung ihrer Gunst, -zollt ihr neidlos die verdiente Anerkennung.“ - -„Das haben Sie mir gut gegeben, Kurtzig. Ich nehme es Ihnen nicht übel. -Kommen Sie. Nein, nicht in den Prunksaal. Sehen Sie, da schreit der -Unterschied zwischen Bayreuth und München. Die Aufführung verspricht -auch diesmal ganz hervorragend zu bleiben. Nur das Drum und Dran -ist’s, was hier nie erreicht wird. Die Weihe fehlt. An Kosimas -Brandaugen vorbei schlich man sich dort während der Pausen, trunken -vor Begeisterung in das sanfte Grün eines wirklichen Götterhains und -entheiligte sich nicht, bis die feierlich rufenden Tubenklänge wiederum -erbrausten.“ - -Ganz einsam saß Eva von Ostried in dem weiten Raume. Sie war auf vier -Tage nach München gekommen, um im Anschluß an die beiden Konzerte, -in denen sie sang, den „Parsifal“ vor allem zu hören. Nun hatte die -Musik alles Schlafende in ihr wachgerüttelt. In Berlin konnte sie -es zurückschieben in das Dämmern eines dauernden Halbschlummers. -Während sie bereits seit Jahresfrist lehrte, vernachlässigte sie das -Selbstlernen nicht. Ihre Zeit war dadurch mit jeder Stunde, ja, mit -jeder Minute, im voraus berechnet. Hier ruhte sie aus. - -Aber überwand sie jetzt auch die Schatten, bezwang sie alle Gedanken, -indem sie sich zu der Menge begab, zum Einschlafen brachte sie sie -nicht wieder. Sie würden sich zwischen ihre Empfindung und die -Gestaltung der nächsten Aufzüge drängen und ihr nichts hinterlassen -als das bittere Gefühl, plötzlich vor der verschlossenen Pforte zum -Allerheiligsten zu stehen. Darum ließ sie sich willig von ihren -Gedanken zwingen. - -Wie war es doch damals gewesen, als sie die Villa der toten Präsidentin -verließ? -- Sie hatte sich eine kleine Wohnung genommen. Wirklich in -guter Gegend. Und eine Bedienung, die in jeder Beziehung ausgezeichnet -für sie sorgte, war auch schnell gefunden, weil sie mit dem Entgelt -nicht kargte. Dann kamen die Lehrer an die Reihe. -- Die allerersten. -Ralf Kurtzig blieb ihr treu, wie sie ihm. Seine Gegenwart war ihr -ständig mit einer Feier verbunden, die sie wunderbar für die nüchternen -Arbeitsstunden des Unterrichts stärkte. Ohne das gesteckte Ziel jemals -zu verlieren, schritt sie weiter. Das Ziel, auf Heller und Pfennig -einst zurückzuerstatten, was -- -- - -Jede neubeginnende Woche bestimmte sie zum Beginn des Zurücklegens. Es -wollte aber immer noch nichts damit werden. - -Sie wurde erschreckend mager, nervös und hilflos. Denn ihre Nächte -hielten tausend Rächer für die durchhetzten, gedankenlosen Tage -in Bereitschaft. Der Inhalt der kleinen schwarzen Handtasche nahm -merkwürdig schnell ab. Es kostete alles noch viel mehr, als sie -berechnet hatte. Von den zwölftausend Mark hatte das erste Jahr mit -seinen zahlreichen Anschaffungen die Hälfte verbraucht. Nach dieser -Feststellung änderte sie auch ihren Lebensplan. Bis dahin sah sie -Unterrichtsstunden lediglich als eine Hilfsquelle an. Jetzt stellte -sie nach Rücksprache mit ihren Lehrern fest, daß bis zum ersten -Geldverdienen als Opernsängerin noch eine geraume Zeit vergehen -mußte. Denn als abgeschlossen konnten sie die Ausbildung ihrer Stimme -vorläufig noch nicht bezeichnen. - -Und danach? - -Sie zweifelte nicht daran, daß ihr die breite Oeffentlichkeit mit -Huldigungen und Beifall danken würde. -- Ob sich aber auch in gleichem -Maße die Gagen einstellen würden? -- Toiletten würden nötig werden, die -erschreckend viel kosteten, wenn nicht ein anderer sie bezahlte. - -Auch jener andere hatte sich zur Verfügung gestellt. Paul Karlsen, -der sich aus den Berichten seiner ahnungslosen Frau die Zusammenhänge -leicht aufbaute, fand sie schnell und flehte um ihre Vergebung. Als Eva -von Ostried ihm für immer die Tür gewiesen, wußte sie, daß das Blut -ihrer Mutter in ihr stärker geworden, als dasjenige ihres Vaters. Auf -der einen Seite lockte ein Erfolg, wie sie ihn niemals auf der andern -erwarten durfte. - -Knie beugten sich vor ihr! Hände haschten nach dem Saum ihres Gewandes. -Geld und Schmuck leuchteten. Lorbeer duftete. Und sie hielt es für -unmöglich, zu entsagen! Aber aus dem wirren Hetzen der Gespenster rang -sich eine Aussicht zum Frieden durch: Gutmachen! - -Es war schwer, wenn nicht unmöglich! Und der heimliche Fluch würde -weiter lasten. Vielleicht, daß ihn der Beifall einer dankbaren Menge --- die Leidenschaft eines Einzelnen für Stunden abnahm? - -Und wiederum danach? -- Was sind Stunden im Vergleich zu Jahren -- -Jahrzehnten? - -In jener Zeit der härtesten Kämpfe klopfte eine blutjunge, blasse -Verkäuferin an ihre Tür. Sie hatte Eva von Ostried singen hören und -wußte seit diesem Augenblick mit dem feinen Gefühl der Ringenden, daß -jene eine Gottbegnadete war. -- Fast weinend vor Verlegenheit und -Erschrecken über ihre Kühnheit hatte sie ihre Bitte vorgetragen. - -„Helfen zum Aufstieg!“ -- Retten aus dem Schlamm, der schon ihre Füße -netzte. - -Eva von Ostried war voller Mitleid gewesen, obwohl sie nicht an die -Berufung dieses blassen Kindes zur Kunst glaubte. Warum sollte sie sich -aber kein kleines Liedchen von ihr anhören? Summte ihre Köchin nicht -auch beständig. - -Das kleine Lied aber war zur Offenbarung eines großen Talents -geworden! Die schmale Verkäuferin schied mit dem Strahlen eines sie -überwältigenden Glücksgefühls. So kam Eva von Ostried zu ihrer ersten -allerdings nicht zahlungsfähigen Schülerin, und erlebte, wie diese -wuchs und strebte, wie Schlacke um Schlacke abfiel und das Edelmetall -alle Tage herrlicher hervorleuchtete. Sie würde es wohl auch noch -erleben müssen, wie jene einst von sich reden machen, Bewunderer haben, -die Menge hinreißen würde, während sie selbst nichts weiter war als -deren Förderin und Schleiferin. - -„Der Uebel größtes aber ist die Schuld!“ Davor gab es keine Rettung! - -Einzig, wenn sie der Schar ihrer beständig wachsenden Schüler dienend, -sich selbst und die zuckenden Wünsche immer aufs neue überwand, -fühlte sie Ruhe, die fast dem Frieden gleichkam. Und doch blieb es -nur ein Scheinfrieden! An der Empörung ihrer Lehrer, als sie ihnen -den Entschluß bekannt gab -- an jedem Blicke offenkundiger Huldigung, -der ihr gezollt wurde, empfand sie die unerhörte Härte ihres Opfers. -Unzählige Mal war eine Umkehr von ihr beschlossen. Und dann mußte der -leidenschaftlich gefaßte Vorsatz doch unter dem Vernichtungsfeuer der -Gewissensangst verbrennen! - -Sie hatte nicht gewagt, jenes Geld aus dem Hause zu geben. Konnte die -Bank nicht nach seiner Herkunft forschen und sie entlarven? - -Noch bevor die Tubenklänge die andächtige Gemeinde zurückgerufen -hatten, begann sich der Zuschauerraum zu füllen. Eva von Ostrieds -Blicke wurden plötzlich von etwas Flammenden gefesselt. In dem -brandroten Haar einer üppigen Erscheinung glühte ein Halbmond -köstlicher Edelsteine auf. Sie empfand den Anblick des auffallenden -Schmuckes an dieser Stätte als etwas Ungewöhnliches. Ernst und -feierlich, wie zum Tisch des Herrn waren die meisten erschienen. Es -reizte sie, nun auch das Gesicht unter dem lohenden Haar zu sehen. -Die leuchtend weiße Haut, der stark sinnliche Mund, die unnatürlich -schwarzen dichten Brauen kamen ihr bekannt vor. - -Das war doch eine im Palasttheater beschäftigte Soubrette, die für -kurze Zeit ihre Flurnachbarin gewesen! -- Und ihr Begleiter? Denn -immer wieder neigte sie sich in eifrigem Tuscheln zu dem schlanken -Nachbar hinüber. -- Paul Karlsen! - -Ein Wort von ihm -- nahe an ihrem Ohr geflüstert -- ließ sie -zusammenfahren. „Dummerchen!“ War das zu der andern gesagt -oder belustigte er sich über ihre Zurückweisung, sie als etwas -unbeschreiblich Albernes und Törichtes verhöhnend? Dann lachten beide. - -Lachten sie etwa gemeinsam über sie? Hatte er ihr von jener Stunde -erzählt, die sie neben ihm in seinem Musikzimmer verbrachte oder die -Komik jener andern geschildert, die sie zum Hüter seiner ehelichen -Treue machen wollte? -- - -Ihr schossen die Tränen der Empörung in die Augen. Zum ersten Male -spürte sie ein starkes Verlangen nach einer Hand, die sie an diesem -allen vorüber, in die Stille und Klarheit führen und dort festhalten -würde. - --- -- Karfreitagsehnen! Unbeschreibliches Verlangen nach Glück und -Frieden! Heiligste Verzückung! Lossprechung von aller Schuld! Sei -heilig! - -Der Lichtschein aus der Höhe erfüllte den Gral mit hellstem Erglühen. -Die Andacht war vollendet! - -Eva von Ostried ahnte nicht, daß sie tränenüberströmt, in zitternder -Ergriffenheit fassungslos auf den sich langsam senkenden Vorhang -starrte. Sie merkte erst, daß sie gehen müsse, als sich leise eine Hand -nach der ihren tastete. - -„Kommen Sie, Kind. Sonst sperrt man die heiligen Tore zu.“ - -„Sie sind’s, Meister?“ Zutraulich schob sie ihren Arm unter den seinen. -„Jetzt gehen wir ein wenig an den Hildebrand-Brunnen, ja?“ - -Er wäre gern dorthin und überall weiter in dem weichen, fließenden Grau -dieser Dämmerstunde mit ihr gewandert, aber ein Dritter war plötzlich -neben ihnen und ließ sich nicht wegschieben. - -„Baron Alvensleben!“ bequemte sich Ralf Kurtzig endlich seinen Namen -zu nennen. -- Nun waren sie zu Dreien! Es war kein Zauber mehr dabei. -Alles sah nüchtern und verwaschen aus, denn der Regen rieselte leise -aus der Luft herab. Das gewahrte Eva von Ostried erst jetzt. - -„Wir wollen uns möglichst schnell ins Parkhotel begeben,“ schlug der -Baron vor, als sei es ganz selbstverständlich, daß sie für den Rest -dieses Tages zusammenblieben. „Ihnen ist es doch recht, gnädiges -Fräulein? Ich habe einen kleinen Tisch am offenen Fenster bestellt. Die -Anlagen des Maximilianplatzes sind in diesem Jahre besonders schön.“ - -Sie sah bittend zu Ralf Kurtzig hinüber. - -„Nicht wahr, ich vertrage nach solcher Musik keine fremden Menschen?“ - -Baron Alvensleben lachte leise. „Empfinden Sie mich etwa als fremd? -Mir sind Sie eine liebe Bekannte -- seit vorgestern und gestern her. -Ich hörte Sie zweimal. Ihre Schubertlieder am ersten Abend waren -eine wundervolle Leistung, hinter welcher die sonst recht saubere -Kunstfertigkeit des Violinisten leider abgrundtief versank. Am -künstlerisch wertvollsten freilich faßten Sie am zweiten Abend das -Lied der Carmen auf, wie Sie ja auch mit dem hinreißenden Glanz und -der einzigen Wärme Ihrer Stimme der Bühne und nicht dem Konzertsaal -gehören.“ - -Er tat, als merke er ihr Zusammenzucken nicht. Heimlich aber freute er -sich daran und pries die gründliche Kenntnis von der Beeinflussung auf -die Künstlerseele. - -„Aha, der Köder lockt schon. Alter, guter Kurtzig, wir kennen doch den -Rummel,“ dachte er dabei. Er glitt klug und geschickt, als sei dies -nichts anderes, als eine bedeutungslos gemeinte Feststellung gewesen, -zu ihren Liedern zurück. Sie war ein seltener Vogel. Scheu -- trotzig -und unsäglich empfindlich. Das fühlte er deutlich. Bestimmt eine, die -einen Regisseur zur Verzweiflung bringen konnte, daneben aber auch das -liebe Publikum vor Wonne rasen machend. - -„Von wem stammte übrigens das kleine Lied, das Sie als Zugabe sangen,“ -fragte er weiter. „Die Liederfolge verriet den Komponisten nicht. Die -drei Sternchen an Stelle des Namens pflegen sonst zu einem gewissen -Mißtrauen zu berechtigen. Diesmal nahm bei aller Schlichtheit die -Originalität der führenden Melodie stark gefangen.“ - -„Den Komponisten vermag ich nicht zu nennen,“ gestand Eva von Ostried, -„das kleine Lied hat eine eigene Geschichte.“ - -„Die Sie am offenen Fenster erzählen werden, ja,“ bat er mit einem -knabenhaft fröhlichen Blick. - -„So lang, daß sie nicht zuvor beendet sein dürfte, ist sie nicht, Herr -Baron. -- Ich saß eines Tages in einem Berliner Café und fand auf dem -Platze neben mir ein mit Noten bedecktes Blatt, augenscheinlich erst -ein Entwurf, denn es war viel ausgestrichen und verbessert. Ich nahm’s -mit nach Hause. Und seither singe ich es jedesmal als Zugabe. Die -Wirkung, die es zuerst auf mich ausübte, ist die gleiche geblieben.“ - -Sie waren sehr schnell vorwärts gegangen. Ohne, daß Eva von Ostried -früher etwas davon gemerkt, standen sie vor dem Parkhotel. Mit einer -abwehrenden Bewegung wandte sie sich zur Umkehr. - -„Jetzt wäre es geradezu eine Beleidigung, wollten Sie uns verlassen,“ -sagte Alvensleben entrüstet. - -„Ich begreife nicht, was Ihnen an meiner Gesellschaft liegen kann, Herr -Baron? Mir wäre es jetzt eine Qual in einem besetzten Raume zu sitzen,“ -sagte Eva. „Das können Sie sicher am besten begreifen, Herr Baron. Der -Regen hat aufgehört. Ich gehe zum Hildebrand-Brunnen. Wenn Sie beide -mich dort später noch aufsuchen wollen, sollen Sie mich schon finden. -Ein Stündlein bleibe ich bestimmt.“ - - * - -„Warum sind Sie so schweigsam, Kurtzig,“ fragte der Baron, als sie -sich endlich unter dem geöffneten Fenster gegenüber saßen. „Sie sehen -doch, ich ärgere mich auch nicht, obgleich mir eine ähnliche Abfuhr -noch nicht vorgekommen ist. Wer mag wohl der Glückliche sein, der sie -irgendwohin an ein Tischlein-deck-dich führen darf?“ - -„Es fällt ihr nicht ein, sich an den ersten besten zu hängen.“ Ralf -Kurtzig erwiderte das in einer ihm sonst fremden Gereiztheit. - -„Aber bester Meister, wer traut ihr denn eine Geschmacklosigkeit zu? -Sicher ist er ein Auserwählter. Ob Adonis oder Künstler -- oder gar -beides vereint -- das wage ich nicht zu entscheiden. Sie werden ihren -Geschmack besser kennen.“ - -„Ihr Herz hat bestimmt noch nicht gesprochen.“ Das klang nicht mehr so -sicher, wie das erste Mal. In der Stimme lag ein gequälter Ton, der den -Baron aufhorchen ließ. Er kniff das linke Auge zu und hob spähend das -gefüllte Glas empor. - -„Wenn Sie das genau wissen -- und Sie waren ja stets ein sehr sicherer -Beobachter -- ja, warum zögern Sie dann noch, alter Freund?“ - -Ralf Kurtzig fuhr jäh zurück. - -„Ich verstehe Sie nicht, Baron. In dieser Sache vertrage ich keinen -Scherz.“ - -„So tief sitzt es schon! Dann beeilen Sie sich gefälligst, ehe Sie zu -spät kommen. Eine Stunde Bedenkzeit hat sie Ihnen gegeben und zu einer -Verlängerung dürfte sie sich kaum verstehen.“ - -„Ich verbitte mir alles weitere in dieser Sache.“ Der alternde Meister -war so hastig aufgestanden, daß er dabei sein Glas vom Tische stieß. - -„Kurtzig, machen Sie keine Geschichten. Sie werden doch wohl von einem -guten Freund eine harmlose Neckerei vertragen? Wozu hätte ich meine -gesunden Augen? Sie hängt augenscheinlich sehr an Ihnen, kennt Sie -durch verschiedene Jahre, lächelt Ihnen zu, strahlt Sie an. Herrgott, -was ist denn dabei? Haben wir nicht schon ganz andere Sachen erlebt? -Denken Sie an den alten Dresdner Amfortas aus den achtziger Jahren und -seine jugendschöne kaum zwanzigjährige Gattin, die Heroine des W.’r -Stadttheaters.“ - -„Ich bin ihr Lehrer, vor dem sie -- genau wie meine andern Leute -- -zittert und bebt.“ Es klang schon milder. - -„Wenn Sie das sagen, wird es ja wohl stimmen. Mir scheint, das Zittern -und Beben liegt reichlich lange hinter Euch beiden, was?“ - -„Ich habe Anteil an ihrer Entwicklung -- Freude an ihrer Kunst und -Schönheit. Es fällt mir nicht ein, das zu bestreiten.“ - -„Na, sehen Sie wohl.“ - -„Mehr aber nicht!“ - -„Wozu das betonen. Lassen Sie. Wenn es uns noch hascht, will die Scham -kommen und einen großen Zorn daraus brauen. Dabei, großer Gott! Was hat -das Altwerden mit der Abkühlung der Gefühle zu schaffen? Die bleiben -nicht nur. Nein, sie werden stärker und klarer, wie alter Wein, der -doch auch den begehrtesten Rausch bringt. Danach gibt’s keinen Jammer. -Fahren Sie nicht auf. Wer ihn kennt, wirklich kennt, der zieht ihn -dem Most und dem feurigsten Heurigen allemal vor. -- Und nun die Hand -her, alter Sturmgeselle. Dafür darf keine Scham auf Lager sein. Das -Einzige, was Sie bewegen kann, wäre ein großer und gerechter Stolz. Ich -streite nicht mal ab, daß mir ein Neidgefühl hochsteigen wollte. Sehen -Sie, so ehrlich bin ich Ihnen gegenüber. Und nun Schluß damit. Wenn -wir mit dem Essen fertig sind, mache ich noch einen Spaziergang an der -Isar entlang. Vielleicht allein. Vielleicht auch nicht. Aber auf Ihre -Begleitung rechne ich nicht. Sie gehen ja wohl nachher noch ein bißchen -an den Hildebrand-Brunnen?“ -- -- -- - -Ralf Kurtzig spürte eine wohlige Wärme durch seine Adern glühen. Der -Wein war gut. Und schließlich -- der Alvensleben ein anständiger Kerl, -von dem man sich auch mal eine kleine Entgleisung gefallen lassen -konnte. - -War’s denn überhaupt eine? - -Sie sprachen jetzt eifrig von dem Winterspielplan, den der Baron -schon bestimmt hatte. Ralf Kurtzig hörte ihm nur scheinbar aufmerksam -zu. Seine Blicke irrten durch das geöffnete Fenster und suchten den -Brunnen. Er saß träumerisch da und nahm kaum etwas von den Speisen. - -„Dann trinken Sie wenigstens, Kurtzig.“ Und der Baron schänkte -ihm fleißig ein. Dabei lag das wissende Lächeln eines, dem die -Frauen keinerlei Ueberraschungen mehr bestreiten können, um seinen -glattrasierten Mund. Mit dem verwöhnten Auge des Feinschmeckers kostete -er die zunehmende Spannung in den geistvollen Zügen des ihm gegenüber -Sitzenden behaglich aus. Er hatte doch stets das richtige Gefühl. Schon -gestern kam ihm die Gewißheit, daß es nur eines Fünkchens bedürfe, um -den Brand dieser späten Leidenschaft zu entzünden. Und dieser Funke -war gefallen. Weiterer bedurfte es nach seiner Erfahrung nicht mehr. -Ralf Kurtzig fühlte sich heiß, jung und sehnsüchtig. Und daran trug der -schwere Oberungar den Löwenanteil. - -„Ich denke, wir sind jetzt voll befriedigt,“ sagte er und ließ die -Augen schärfer in die Ferne spähen. - -Bereitwillig erhob sich der Baron. - -„Das ist auch meine Ansicht. Man soll dem kühlen, grauen Tone dieses -Abends etwas Rot auflegen. Besorgen wir das also.“ - -Vor dem Eingang des Hotels trennten sie sich. Ohne zu zaudern setzte -Ralf Kurtzig seinen Weg in der Richtung auf den Hildebrand-Brunnen -fort. Erst nach einigen Minuten blieb er stehen, riß den Hut herunter -und ließ sich die müde, schwere Spätsommerluft um die Stirn gehen. - -Was hatte er vor? - -Es zuckte in seinen Armen, als wolle er Lasten heben und in die Lüfte -emporwerfen. Seine hohe, edel geformte Stirn wurde flammend rot. - -Er war ein Narr! Hundertmal war er zu diesem Mädchen gegangen -- hatte -auch wohl seine Hand gehalten -- Rat erteilt -- gescholten -- und jetzt -plötzlich? Der Wein war schuld! - -Er hatte es im Untergefühl, daß sie schließlich nur ihn auf der Welt -besaß, wenn sie auch noch niemals mit einander darüber gesprochen -hatten. Zuerst war es das Verhältnis zwischen Lehrer und Schülerin, -später dasjenige eines Vaters zur Tochter, eines Freundes zur Freundin. - -Noch einmal, Ralf Kurtzig, du bist ein Narr! - -Aber wahr blieb’s trotzdem, daß der sechzigjährige Amfortas mit der -Zwanzigjährigen über alle Maßen glücklich geworden war. Noch ein -rosenrotes, dufterfülltes Spätglück. - -Warum sollte es also ihm unmöglich sein? -- - -Was denn? Keinen Schritt weiter. Nicht zum Hildebrand-Brunnen. Nicht -den Wahnsinn einer Stunde in das Leben einer tragen, deren einziger -Freund und Schutz er werden durfte. Sich selbst nicht zum Bettler -machen. - -Und doch ging er weiter. - -Da saß sie. Zusammengekauert. Verträumt. Er sah ihre Hände. Weiß und -zart hoben sie sich von den Spitzen ihres Kleides ab. Und jetzt winkten -sie ihn heran. Da war er neben ihr und nahm an ihrer Seite Platz. - -Ihre Augen leuchteten voller Glanz. Der leichte Schleier war -verschwunden. An ihren dichten langen Wimpern hing eine Träne. - -„Warum haben Sie geweint,“ fragte er und wußte nicht, daß in seiner -Stimme die Leidenschaft zitterte. Sie hörte den Klang und wunderte -sich. Er war ihr fremd. - -„Ich fühlte mich sehr einsam, aber dann habe ich mich auf Sie freuen -müssen,“ sagte sie dankbar. - -„Auf mich?“ Wie ein Rausch stieg es von seinem wildpochenden Herzen zum -Hirn empor. Der Wein trug die Schuld. Nein, die weiche, graue Luft. - -„Auf mich?“ fragte er noch einmal. - -Sie nickte ihm zu und legte ihre Hand auf die seine. -- Da lag sie. -Nicht zu berühren wagte er sie, obgleich alles in ihm danach schrie, -sie mit glühenden Küssen zu bedecken. - -„Was wäre ich ohne Sie,“ fragte sie leise und weich. - -Ist er ein Narr? Starr und steif saß er neben ihr. Ihre Hand war bei -einer hastigen Bewegung von der seinen herabgeglitten und hing nun -- -matt und verlassen -- zwischen ihm und ihr. - -Der Brunnen plätscherte. Irgendwo durchschnitt das sanfte Dämmergrau -ein kleines funkelndes Licht. War das schon das Rot, von dem -Alvensleben gesagt hat? Seine Stirn wurde feucht. Mühsam erhob er sich. - -„Ich muß fort.“ - -„Meister, was ist Ihnen? Habe ich Sie verletzt?“ In ihrem Ton lag tiefe -Traurigkeit. Da blieb er neben ihr. - -Und plötzlich. -- Er war nicht länger Herr über sich. Er hatte ihre -beiden, weichen, weißen Hände an sich gerissen und an sein Herz -gepreßt. - -„Hörst du das schlagen? Für dich! -- Für dich!“ - -Sie wurde unruhig, obwohl sie den Wechsel in seinen Stimmungen kannte. - -„Was haben Sie, Meister? Sind Sie krank?“ - -„Was mir ist? Fühlst du das nicht?“ - -Er hat sie „Du“ genannt. Wie seltsam. Früher hatte sie sich das -brennend gewünscht. Heute ängstigte es sie. - -„Fühlst du meine Liebe nicht? Ich kann sie nicht länger verbergen. Ein -Jahr ist lang. Seitdem weiß ich es schon und habe dagegen gerungen. -- -Nun geht’s nicht mehr. -- Werde mein Weib!“ - -Sie starrte ihn fassungslos an. War er irre geworden? Er sprach weiter, -ohne ihre Antwort abzuwarten. - -„Du gehörst mir ja schon längst mit jedem deiner Gedanken. Weißt du das -nicht?“ Sie fühlte seinen heißen Atem -- das Nähern seiner Lippen und -wurde von einer wilden Angst, von einem Entsetzen emporgerissen. -- -- - -„Ich kann nicht! Ich kann nicht!“ - -Er wollte sie küssen. Wild wehrte sie sich und stieß nach ihm, nach -ihrem geliebten, verehrten Meister, dem einzigen Menschen, dem sie voll -vertraut hatte. Er fühlte den Stoß und sah das aufsteigende Grauen in -ihren Augen -- taumelte zurück, sah sie irre an und stammelte etwas. - -Was? Sie verstand es nicht. Sie sah nur, daß er von ihr ging. - -Nun hatte sie Keinen mehr auf der Welt! - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -10. - - -Ein ganzes langes, reiches Leben umsonst gelebt! Den angestrebten -Daseinszweck verfehlend -- nichts anderes in ihren Augen als eine Beute -wahnwitziger Lächerlichkeit! - -Er konnte ihr nach diesem nie wieder begegnen. Das stand in ihm fest. - -Eva von Ostried war in ihr Hotel zurückgekehrt. Hastig wollte sie die -Treppe emporeilen, da winkte das Fräulein aus der Buchhalterei ihr -durch das herabgelassene Schalterfenster zu. - -„Ein Herr hat schon zweimal nach Ihnen gefragt. Jetzt wollte er sich -nicht wieder fortschicken lassen. Er wartet auf dem Gang vor Ihrem -Zimmer. Es war nichts dagegen zu machen.“ - -Eva von Ostried war sehr müde. Jeder Schritt wurde ihr schwer. „Wer -kann das sein,“ dachte sie ohne sonderliches Interesse. - -Es war ein ihr gänzlich Fremder, klein und beleibt, im Aeußeren -elegant, der Anzug von modernstem Schnitt, Wäsche und Schlipsnadel -leuchteten um die Wette. Nur seine Hände paßten nicht dazu, die sich, -dicht behaart und mit kurzen, dicken Fingern und ungepflegten Nägeln -ihr wie freundschaftlich entgegen streckten. - -„Sakra, das hat lang gedauert, meine Gnädigste.“ - -Sie wich einen Schritt zurück. Ihr fiel es nicht ein, ihre Hand zu -heben. „Ich wüßte nicht, daß ich eine Verabredung mit Ihnen getroffen -hätte,“ entgegnete sie kühl. - -Der Wohlbeleibte schien indes ihre Zurechtweisung nicht zu empfinden. -Er sah sie in strahlender Zufriedenheit an. - -„So unschlau würden’s doch auch net sein,“ sagte er mit gutgespielter -Treuherzigkeit. „Wer zuerst kommt, tut halt auch zuerst mahlen, net -wahr?“ - -„Der heutige Tag war sehr anstrengend für mich. Bitte fassen Sie sich -kurz.“ - -„Sie werden schnellstens wieder aufg’lebt sein, Gnädigste. Ich hab -nämlich grad kei Kartl zur Hand. Mei Name ist Alois Sendelhuber. -Gnädigste wird schon meinen Namen g’hört haben.“ - -„Nein,“ sagte Eva von Ostried und betrachtete die klauenartig gebogene -Hornkrücke seines kräftigen Stockes, die wenig zu dem eleganten andern -passen wollte. - -„Sollt’ man’s glauben? Mei kloans G’schäfterl hat sonst a guten Ruf.“ - -Eva von Ostried meinte endlich zu begreifen. Vielleicht war er gestern -oder vorgestern in ihren Konzerten gewesen und sprach nun das, was der -Kollege von der Geige ihr zart anzudeuten wagte, in schöner Offenheit -aus. - -„Ich brauche gar nichts, Herr Sendelhuber. Danke vielmals für Ihre -Bemühung. Berlin, wohin ich mich morgen zurückbegebe, versorgt mich -schon ausreichend.“ - -Sein Gesicht wurde plötzlich unendlich schlau und vergnügt. - -„Auch kein neues Konzört-Angaschemang, meine Gnädigste?“ - -„Wie sagten Sie,“ fragte Eva von Ostried auflauschend und blitzschnell -überlegend, daß sie jetzt Geld verdienen müsse und dies am ehesten -durch Konzerte vermöchte. Ja, das wäre schön. Da kämen neue Einnahmen -zusammen und der Zeitpunkt der ersten ruhevollen Nacht würde näher -gerückt. Die weiche Wölbung seines mächtigen Bauches begann sich mit zu -freuen. - -„Gelt’s, da spitzens? Also, wollen wir nun ’n eingehen. Wenn’s g’fällig -ist.“ - -Sie saßen sich in dem geräumigen Zimmer mit der geschmacklosen -Ausstattung der Dutzendräume gegenüber. - -„I hätt für den November Neigung,“ meinte er und blätterte in seinem -nicht ganz saubern Notizbuch. „Den Ersten, Fünften und Neunten --“ - -„Den Neunten bin ich bereits versagt, Herr Sendelhuber.“ - -„Schad’t nix. Sagen Sie wo und bei wem, das andere mach i halt scho. -Kleinigkeit.“ Sie sah kühl und sehr hochmütig aus. - -„Das gibt es bei mir nicht. Was ich versprochen habe, wird auch -erfüllt.“ - -„S’ sind halt noch a Anfangerin. Ach i über dö damische Konkurrenz weg, -mach i scho das G’schäft für uns zwei beid’. Also den Ersten, Fünften -und Neunten hab i g’sagt. Am Erst und Fünften hier, wo man Sie bereits -kennen tut. Am Neunten in Nürnberg. Und die Einnahm’? Wir teilen’s -halt!“ - -„Nein, das genügt mir nicht.“ - -„Schauens -- schauens!“ sagte er nachdenklich und begann zu rechnen. - -Sie saß ganz still und mußte denken, was ihr Ralf Kurtzig jetzt wohl -raten würde. - -„Unter zwei Drittel für mich tu ich’s auf keinen Fall, Herr -Sendelhuber.“ Dann zogen sich ihre Brauen zornig zusammen. Warum griff -sie nicht sofort zu? -- Ralf Kurtzig hätte seinen Vorschlag für den -Anfang durchaus annehmbar gefunden? Ihm beugte sie sich schließlich -und sagte unsicher, noch ehe Herr Sendelhuber mit dem Rechnen zu Ende -gekommen war. - -„Schön, meinetwegen, für diesmal die Hälfte.“ - -Sofort stellte sein Stift die emsige Arbeit des Zahlenmalens ein. - -„’s is auch klüger. Sie stehen sich, im Vertrauen, bei der Hälft’ -besser!“ - -„Also ein kleiner Gauner,“ dachte sie und äußerte doch nichts -dergleichen. Sie wollte plötzlich vor allen Dingen möglichst schnell -einen guten Ruf als Konzertsängerin haben und dazu brauchte sie solche -Leute. Denn unter den verschiedenen Abschriften alter Verträge, die er -ihr als Beweis seiner Tüchtigkeit und Beliebtheit vorlegte, befanden -sich lauter gute, bekannte Künstlernamen. - -Er schrieb bereits auf einem umfangreichen Bogen. - -„Also am Ersten, Fünften und Neunten. So war’s doch? Die damische Feder -tut’s scho wieder net, is halt a Kreiz.“ Er stieß sie kräftig auf die -Decke des Tisches, wischte mit dem breiten Zeigefinger den entstandenen -Tintenfleck fort und schrieb weiter. - -„Den Neunten werde ich unter keinen Umständen singen, Herr Sendelhuber. -Sie haben das wohl schon wieder vergessen.“ - -„Wo werd i? Da is nix weiter drüber zu reden. Also den N--eu--n--ten --“ - -Sie setzte ihren Namen darunter, ohne den Entwurf durchzulesen. Er -faltete ihn umständlich zusammen und barg ihn bei den andern. - -„An Umsatz werden wir schon hab’n! Mähnetscht Sie wer?“ - -„Wie meinen Sie das, Herr Sendelhuber?“ - -Er machte eine kleine, vertrauliche Bewegung, führte sie aber nicht -voll aus, sondern lachte tonlos. - -„I sah Sie halt mit dem Herrn Baron Alvensleben z’sammen. Und der -Kurtzig war auch dabei. Schaun’s -- München ist net Berlin. Koane -G’schäftsstadt. Sei Ruh und sei Maß. Das wär den meisten Leut g’nug. -Bequem sind s’ halt. Wollen gern wissen, ob eins scho G’schmack g’fund -hat.“ - -Sie begriff endlich. - -„Bei so einem Wuchs und G’schau und denn die Stimm.“ - -„Nett, daß er auch die Stimme erwähnt,“ mußte sie denken und wollte -auffahren. Damit hätte sie sich indes nur lächerlich gemacht. Und, was -die Hauptsache blieb und wohl ewig bleiben würde, solange es Kunst und -Künstlerinnen auf der Welt gab, sie mußte jetzt Geld verdienen. - -„I lass’ Ihnen den Vertrag fein ausfertigen und schick’n nach Berlin.“ -Das letzte Wort sprach er mit einer leichten Senkung in der fetten -Stimme, die seine Verachtung für die von ihm gemiedene Stadt beweisen -sollte. - -„Ich danke Ihnen, Herr Sendelhuber.“ - -Sie wollte allein sein. Eine schwere Müdigkeit drückte ihr die Lider -zu. Weil er nicht Miene machte, aufzustehen, überwand sie sich und -reichte ihm, über den Tisch, die Hand hin. Er war zu sehr mit dem -Einschrauben seines Füllfederhalters beschäftigt, als daß er sie etwa -aus Nichtachtung übersehen haben könnte. Lächelnd ließ sie sie sinken. - -„Nun er mich sicher hat, ist das ja auch überflüssig.“ - -Endlich war er fertig. - -„S--o, jetzt will i noch meine geröhste Kartoffeln eß’n und dann für -heut genug. A Wort noch, Freilein! Pfi--it! I muß ja noch a Depesch’n -geb’n! An die Gret Melchenhuber oder Margarete Kolwinirgers, wie sie -sich zu nenne beliebt. A schlaues Luderchen. I bin aber scho allemal a -Minut vor ihr aufg’wacht. -- Also, Freilein, nix übelnehmen. Aber Sie -sollten a bessere Zeugmach’rin nehmen. A Adress’n kann i gern geben.“ -Und er suchte wieder in seinem Notizbuch. „Bestell’n Sie a schönen Gruß -von mir. Dann pumpt’s halt gern.“ - -Sie lachte nun auch. Es machte sie noch reizvoller. Blitzschnell fuhr -er mit der roten Zunge über die wulstigen Lippen. - -„Na also! Wir verstehe uns scheint’s doch ganz gut mitsamm’n. I hab’ -die Aehre, Freilein und mit dem Zuschicken bin i pünktlichst.“ - --- -- Eva von Ostried hatte sich noch ein kleines Abendessen nach -oben bestellt. Es war inzwischen zehn Uhr geworden; viel Gutes -stand also kaum mehr zu erwarten. Früher hätte sie nach einer -ähnlichen Erschütterung gar nicht daran denken können. Jetzt wies -sie das Pflichtgefühl, sich leistungsfähig zu erhalten, darauf hin -und verlangte gebieterisch Gehorsam. Was sollte werden, wenn sie -zusammenbrach, ohne zuvor ihre Schuld getilgt zu haben? -- - -Das Essen widerte sie an. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Aber die -Mattigkeit, die ihre Hände beim Zufassen erzittern ließ, zwang sie zur -Vernunft. Außer der ersten Frühmahlzeit hatte sie heute noch nichts -weiter genossen, als das hastig gelöffelte Fruchteis im Speiseraume -des Prinzregenttheaters. Und morgen mußte sie doch frisch sein für die -Reise und die anstrengende Tätigkeit in Berlin. - -Mechanisch stocherte sie in dem „Karfiol“ herum und bemühte sich -von den goldbraunen „Pflanzerln“ etwas in den Mund zu schieben. Es -deuchte sie eine schwere Arbeit. Sie zwang alle Gedanken zu dem -geschäftskundigen Herrn Alois Sendelhuber und konnte doch damit das -Bild nicht verscheuchen, das überall auftauchte und ihr Empfinden -peinigte. Die Erinnerung an den alternden Meister, der ihr einziger -Freund gewesen war. - -Warum schob sie ihn in die Vergangenheit? Er stand trotzig und stark im -Leben und würde es überwinden! War sie mit ihrer entsetzten Verneinung, -von welcher der Verstand nichts wußte, voreilig gewesen? Mußte es nicht -ein wundervolles Ausruhen neben seiner reifen Persönlichkeit sein? Ein -einziges dankerfülltes Streben, um ihm zu vergelten, daß er so eine wie -sie... - -Da war es wieder, was nun Stunden fest geschlafen hatte. Die heiße -Gewissensnot, weil sie einmal gestrauchelt war. - -Davon ahnte er nichts. Sie hatte auch niemals in Betracht gezogen, es -ihm zu beichten. - -Und doch mit dieser Lüge einen, der ihr seinen Namen geben wollte, zu -belasten, war das nicht die zweite Sünde? Darüber hätte sie in diesem -Fall hinwegkommen können, weil sie ihn nicht als den Erwählten ihres -Herzens empfand. Nur, wo strömende, tiefe, gewaltige Liebe sich hingab, -durfte kein Geheimnis walten. - -Wie friedlich es wohl dauernd mit ihm sein mußte. Geborgen von seiner -Stärke, getragen von der Abgeklärtheit seiner Lebensauffassung, -gestützt von den Erfahrungen seiner ruhmreichen Vergangenheit. Konnte -es eine bessere Erfüllung aller Jugendträume geben? Sie empfand -plötzlich heftige Sehnsucht nach der Festigkeit seiner Stimme. Daneben -stieß die Furcht vor dem ersten Wiedersehen nach dieser Stunde ihr Herz. - -Drei Türen weiter wohnte er. Ob er endlich daheim sein mochte? Was -würde sie tun, wenn er jetzt zu ihr treten und sagen würde, daß sie ihn -nach diesem Scheiden nicht mehr wiedersehen werde, es sei denn, daß sie -die drei Worte am Hildebrand-Brunnen zurücknähme. - -Ohne ihn würde es kalt und leer sein. Der Tag keine Freuden mehr. Sie -selbst müßten ratlos und unsicher in allen Dingen stehen. Sie malte -sich aus, wie er bei ihr gesessen hatte in Zeiten strengster Arbeit. -Ein unerbittlicher Lehrer, der quälen konnte, bis die Tränen der -Erschöpfung und des Zornes flossen. - -Ein Finger pochte an die Tür. Eine Bedienerin trat über die Schwelle. - -„Verzeihung, gnädiges Fräulein, ich soll nachschauen, ob der Herr von -Nummer 41, Herr Kurtzig ist sein Name, bei Ihnen wäre?“ - -„Wer fragt das?“ forschte Eva von Ostried erstaunt. - -„Die Herrn Künstler, die von der Klause herübergekommen sind und ihn -schon überall gesucht haben.“ - -„Ich bin allein, wie Sie sehen. Er wird in seinem Zimmer sein.“ - -„Nein, der Schlüssel hängt unten in der Buchhalterei. Er hat befohlen, -daß ihm zu elf Uhr eine Flasche Sekt aufs Eis gelegt werden möchte. Und -zwei Gläser dazu bestellt. Und einen kleinen Tisch mit lauter roten -Rosen. Die Blumen sind gerade vorhin gebracht worden vom Michelsberger -Franzel, der beim englischen Garten die schönste Binderei hält.“ - -„Wann hat er den Sekt bestellt? Erinnern Sie sich der Stunde?“ - -„Gleich nach acht Uhr kann’s gewesen sein, per Telephon aus dem -Parkhotel.“ - -„Bei wem machte er die Bestellung?“ - -„Bei mir, gnädiges Fräulein. Ich bediene ihn seit Jahren, wenn er -herkommt. Er weiß, daß Verlaß auf mich ist.“ - -„War er fröhlich, ich meine, klang seine Stimme so, als er mit Ihnen -sprach.“ - -Die frische kräftige Kellnerin nickte zutraulich. - -„So froh hat er’s geschmettert, wie nur einer sein kann, der nachher -Sekt trinken will mit zwei Gläsern, gnädiges Fräulein! Und dazu die -roten Rosen. Wir sind halt alle sündige Menschen. Und der Herr Ralf -Kurtzig ist einer von denen, die mit achtzig Jahren noch nicht alt -sind.“ - -„Die roten Rosen werden welken,“ sagte Eva von Ostried träumerisch. - -„Schon möglich. Die Hitze war heute groß. Man konnte ja kaum atmen.“ - -„Und der Sekt und die beiden Gläser? Das Eis wird schließlich auch -schmelzen --“ - -„Wär alles recht schade, gnädiges Fräulein. Der Tropfen, der -ungetrunken bleibt, kann nicht einheizen und die meisten Leut’ können -doch nicht leben beim toten Ofen.“ - -„Der tote Ofen -- was meinen Sie damit?“ - -„Was man meinen muß, wenn man ein Herz im Leibe hat. Wein und Lieb sind -halt Zwillinge. Wenn einem das erste bitter schmeckt oder vor der Nase -weggetrunken wird, ist gewöhnlich das andere versalzen.“ - -„Und was, glauben Sie, wird dann aus ihm?“ Eva von Ostried hatte -vergessen, mit wem sie sprach. Der Klang einer menschlichen Stimme tat -ihr wohl. - -„Danach? Es kommt drauf an. Einer wirft sich in die Brust und versuchts -mit einem feinen Pelz aus andern Sachen, Gott weiß, da gibt’s ja genug. -Die einen spielen oder arbeiten gar wie wild und manch’ einer soll -dabei auch schon den Verstand verloren haben. Die andern mögen nicht -weiter. Die machen Schluß.“ - -Schluß -- Schluß schrie es in plötzlich erwachender Angst in Eva von -Ostried. Die Kellnerin lauschte aufmerksam auf und deutete dann mit -schalkhafter Miene und weit von sich gestreckten Armen geradeaus. - -„Hören Sie das Poltern, gnädiges Fräulein? Ich wette, daß das die -ungeduldigen Herren Künstler aus der Klause sind. Sie werden sich -einfach vor seine Tür hinhocken. Ja, das machen die! Passen Sie mal -auf.“ - -Und mit einem Lachen in den Augen lief sie aus dem Zimmer, nachdem sie -noch vielmals um Vergebung wegen der dummen Rederei gebeten hatte. - --- Eva von Ostried wollte sich endlich zur Ruhe begeben. Denn morgen. -Da war sie schon wieder bei Ralf Kurtzig. Vor der Abreise nach Berlin -hatten sie mit einander noch in die Pinakothek gehen wollen. Während -sie das dachte, lauschte sie nach den Geräuschen vor ihrer Tür. Da -trappten wohl wirklich Ralf Kurtzigs frühere Schüler, um noch ein -Stündlein bei ihrem Meister zu sitzen. Sie fühlte, daß er sich darüber -freuen würde, wenngleich sie seine polternden Worte bei der Erkenntnis -ihrer Huldigung zu hören meinte. „Geht lieber schlafen -- Ihr. Das ist -Euern Stimmen zuträglicher.“ - -Sie öffnete die Tür. Ihre Blicke irrten den matterleuchteten Flur -entlang. Vier erwartungsvolle Gesichter wandten sich ihr entgegen. - -„Grüß Gott, werte Kollegin! Halt -- dageblieben? Rede und Antwort -gestanden: Wo haben Sie ihn gelassen?“ - -„Ich warte auch auf ihn,“ sagte sie und erschrak nun selber, denn sie -hatte sich das bisher nicht zugestanden. - -„Da ist es das Einfachste und Erfreulichste, wenn wir das fortan -gemeinsam besorgen.“ Sie schüttelte den Kopf. - -„Das geht leider nicht.“ - -„Und warum nicht,“ staunte der Sprecher. „Ich denke, Sie sind sein -Liebling?“ - -„Wer sagt Ihnen das?“ - -„Einer, der es bestimmt wissen muß. Können Sie gut raten?“ - -„Sie scherzen.“ - -„Fällt mir nicht ein. Er hat, als ich ihm vorgestern durch ein Dutzend -Straßen nachgejagt bin und zuletzt auch glücklich eingefangen habe, -immer nur von Ihnen gesprochen. Denn ich war sein Lieblingsschüler! -Sind wir also nicht zwei ganz alte, sehr gute Bekannte?“ - -Sie wollte wissen, was er gesprochen hatte von ihr. - -„Gott, was einer, wie er, halt so sagt. Nicht besonders viel! -Zusammengefaßt wohl kaum zehn Druckzeilen. Es kommt ja auch lediglich -auf den Inhalt an. Ist’s Ihnen wirklich um den zu tun?“ - -„Ja,“ nickte sie. - -„Auch wenn Sie rot werden müssen, vor Stolz?“ - -„Auch dann!“ - -„Vielleicht bringe ich alles zusammen. Also, daß er Sie gefunden -hätte, daß er Ihnen zum Aufstieg helfen dürfte, das wäre doch das -Allerschönste aus seinem Leben.“ - -Sie blickte versonnen vor sich hin. Das Allerschönste. - -„Nun verlange ich auch die Belohnung. Kommen Sie, einen fünften Schemel -besorgen wir. Uns hat gerade noch die Frauenstimme gefehlt. Sowie wir -das erste Geräusch hören, soll’s losgehen.“ - -„Was haben Sie vor?“ - -„Einen Willkommensgruß natürlich zur Begrüßung. Alle vernünftigen Leute -wären längst zur Ruhe, sagt die Kellnerin aus Berlin. Einen falschen -werden wir also nicht ansingen.“ - -„Nein, ich kann nicht bleiben, aber ich werde innen warten,“ sagte sie, -nickte ihnen freundlich zu und ging. Aber sie blieb wirklich in den -Kleidern. - -Lange, lange! Da hub draußen ein Singen und Klingen an: - - Geschmolzen ist der Winterschnee, - Der Hornung wandelt sich zum See. - -Nun kam er also! - -Aber mit einem schrillen Mißton brach der Gesang ab und ein Raunen und -Reden und Laufen hörte sie herein. - -Da eilte sie mit bangem Herzen hinaus zur Treppe -- -- - -Auf einer Bahre hatten sie ihn gebracht. Einer der Träger erzählte mit -umständlicher Wichtigkeit, ohne daß ihn jemand darum befragt hätte: -„Wir gingen gerade vorüber, als sein Körper unten aufgeklatscht ist. Es -war nicht leicht, ihn rauszufischen. Hier ist seine Brieftasche, in der -wir eine Karte von diesem Hotel mit seinem Namen darauf gefunden haben.“ - --- Sein langes, eisgraues Haar hing tief in die Stirn hinein. Mit -großem hellen Blicke starrten die offenen Augen. Seine Lippen waren -nicht ganz so fest wie sonst geschlossen. -- - -Da warf sich Eva von Ostried neben der Bahre auf die Knie und preßte -seine schlaffen Hände an ihr Herz, wie er es am Brunnen mit den ihren -getan hatte. Und +er+ wehrte ihr nicht. - -Sie legte ihren Kopf dorthin, wo seine Liebe für sie gepocht. Es war -still -- für immer. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -11. - - -Nach vier Tagen sandte Herr Alois Sendelhuber die Abschrift des -Vertrages an Eva von Ostried. Sie war gerade im Begriff, zu einer -Unterrichtsstunde nach dem Grunewalde hinaus zu fahren. Ihre neueste -Lernbegierige war die Tochter eines mehrfachen Millionärs und hatte bei -gutem musikalischen Gehör ein recht bildungsfähiges Zwitscherstimmchen. - -Vor ihr lag, soeben abgeschlossen, ein Heft, in dem sie alle Ausgaben -und Einnahmen zu buchen pflegte. Sie hatte festgestellt, daß sie die -letzten fünf Wochen mit ihrem Verdienst allein ausgekommen war, ohne -den Rest des andern Geldes anzugreifen. - -Freilich, was war das für ein Leben gewesen. - -Der Spiegel warf ihre Gestalt in dem reichlich abgetragenen Kleid -getreulich zurück. Herrn Sendelhubers Kleidermacherin wäre mindestens -vier Wochen zu beschäftigen gewesen. - -Demnach fehlte ihr alles, was sie einst als begehrenswert erstrebte. -Sie litt unter diesem gewaltsam durchgeführten Mangel wie an einer -schleichenden Krankheit. - -Und +schön+! - -Das alte jäh aufwallende Verlangen nach äußerem Tand packte sie -ungestüm. Nach der Stunde im Grunewald würde sie endlich alles -notwendig Gewordene in einem der ersten Geschäfte bestellen. - -War denn aber wirklich dazu das Geld vorhanden? Sie hatte sich gelobt, -fortan -- selbst wenn sich die Einnahmen vorläufig nicht steigern -sollten -- den kleinen Blechkasten mit des ehrbaren Tabaksbauern -Zurückgezahlten nicht zu öffnen. - -Aber jetzt riß sie ihn aus dem Dunkel des Schreibtisches hervor, -ließ die Feder aufspringen und entnahm dem dünngewordenen Päckchen -+einen+ Schein! Er würde genügen. - -Nach kaum einer Minute legte sie ihn wieder zu den andern zurück. Ihr -Gesicht war sehr blaß geworden. - -Was hatte sie vorgehabt? Einen Teil des Raubes dazu verwenden wollen, -um der alten Eitelkeit zu dienen. Die mühselige Arbeit restloser -Selbstbezwingung also einfach vernichtend, indem sie von neuem sündigte. - -Das konnte allein kommen, weil ihr Ralf Kurtzigs Beistand fehlte. Sie -nahm die Kreidezeichnung, auf der ihn ein junger, talentvoller Maler -mit klarem Blick für seine innere Größe darstellte, zur Hand und -vertiefte sich darin. - -Ob sie ihn nicht doch geliebt hatte? Unbewußt? - -Der Alltag entriß sie endlich allem Grübeln. Herrn Alois Sendelhubers -Vertrag sah sie vorwurfsvoll ob der Vernachlässigung an und verwandte -sich in dessen kleine, schlau zwinkernde Augen. Sie nahm ihn an sich, -um ihn später auf der Fahrt zu lesen. Jetzt galt es keine weitere -Zeit zu verlieren. In diesem Augenblick steckte aber die unzufriedene -Bedienerin den Kopf zur Tür hinein. - -„Sie brauchen nicht zu glauben, daß ich Ihr Frühstück vergessen hätte, -Fräulein. Es war nur nichts mehr im Hause. Und wieder um Geld bitten -und das Gefrage und Vorwürfemachen mit anhören, gerad’ als ob man ein -kleiner Betrüger wär’, nee, lieber nich! Unterwegs wird ja auch wohl -was zum präpeln zu kriegen sein, denke ich.“ - -Eva von Ostried war das Blut in die Wangen gestiegen. - -„Ich habe mich genau erkundigt,“ sagte sie kurz, „die Summe, die ich -hingebe, genügt für uns beide völlig.“ - -„Könnte ich mich denn nich auch mal bei derselben Quelle ein bißchen -belehren,“ fragte das Mädchen höhnisch und stemmte lachend beide Hände -in die Seite. „Oder hat’s vielleicht der Spatz gesagt, der hier alle -Morgen rumpiept, weil ihm keine Krume mehr gegönnt wird?“ - -„Sie werden unverschämt,“ sagte Eva von Ostried und bezwang ihre -Empörung. - -„Nicht im geringsten, Fräulein. Bloß tückisch, weil ich immer an einem -leeren Futternapf stehen muß. Und darum, sehen Sie, ich bin viel zu -abgewachsen für Ihr Portemonnaie. Eine, die ’nen Kopf kleiner ist wie -ich und noch ein bißchen was von der vorigen Stelle auf den Rippen hat, -die müssen Sie sich nehmen. Ich geh’ nämlich in vierzehn Tagen.“ - -„Es ist gut,“ sagte Eva von Ostried und mußte doch schaudernd an die -neuen Unbequemlichkeiten denken, die daraus entstehen würden. - -„Ich hätt’ noch was zu sagen.“ - -„Dann beeilen Sie sich. Ich muß fort.“ - -„Es nimmt bloß ein paar Minuten weg. Bis vor kurzem, na, sagen wir -mal, bis Sie nach München gondelten, habe ich doch im Ganzen recht -ordentlich gewirtschaftet, nich?“ - -Eva von Ostried dachte nach und mußte zugeben, daß die Mahlzeiten -zumeist reichlich und schmackhaft gewesen. - -„Daraus erkennen Sie selbst, wie gut Sie mit dem Wochengeld auskommen -können,“ stellte sie fest. - -„Nee,“ triumphierte das Mädchen, „die Rechnung stimmt nich. Der Zuschuß -hat aufgehört. So klappt’s.“ - -„Welcher Zuschuß? Was meinen Sie damit?“ - -„Meine Mutter hat uns Kindern gesagt, wenn einer tot ist, dem man was -geschworen hat, könnt’ man getrost seinen Mund auftun. Darum will ich -auch nicht länger schweigen. Herr Kurtzig hat mir doch regelmäßig Geld -gegeben, damit das Fräulein seine kleine Freuden hätt’.“ - -„Geld! Und das erfahre ich erst heute?“ - -„Ich hab’s schon gesagt. Schwören mußte ich ihm, daß ich meinen Mund -hielt.“ - -„Wieviel?“ fragte Eva von Ostried und fühlte eine schwere Mattigkeit in -allen Gliedern. - -„Wie kann ich das noch wissen. Viel hat er ja auch wohl nicht gerade -gehabt. Das merkt unsereins schnell. Mal zwanzig Mark, mal auch ein -bißchen weniger. Unter zehn Emmchen gab er aber nie. Dazu hat er das -Fräulein viel zu sehr verehrt.“ - -Eva von Ostried hatte die Empfindung, als wolle ihr Herz verbrennen. -Und in den Blicken des Mädchens stand die helle Schadenfreude über die -Bestürzung der jungen Herrin. - -„Es gibt noch viele, die mehr spendieren würden, wenn sie Sonntag -abends hier ab und zu ein bißchen singen und spielen könnten, -Fräulein.“ - -„Gehen Sie auf der Stelle,“ befahl Eva von Ostried und wies mit der -Hand nach der Tür. - -„Mach ich gern! Wollen Sie meine Sachen nachsehen, ob ich aus Versehen -was Fremdes eingepackt hab’? Es ist nämlich schon alles parat.“ - -„Nein! Nur beeilen Sie sich möglichst, damit Sie aus meiner Wohnung -kommen.“ - --- -- In der Küche polterten dann die Schritte eines Mannes, der das -bereit gehaltene Gepäck abholte. Kräftig wurde eine Tür zugeschlagen. -Sie machte keine Miene nachzusehen, ob das Mädchen nun endlich fort -sei. Sie fühlte sich wie zerschlagen. - -Aus einem matten Pflichtbewußtsein, das sich widerwillig regte, ging -sie zum Fernsprecher und teilte der Schülerin im Grunewald mit, daß sie -sich zu elend fühle, um heute herauszukommen. Dann saß sie stumpf und -regungslos auf ihrem Platze. - -Ralf Kurtzig, du hast es gut gemeint! Auch darin! Und doch, wenn du das -jetzt wüßtest, du warst ein so kluger, reifer Mensch, hast du nicht -geahnt, daß du dem Klatsch mit dieser Herzensgüte reichlich Nahrung -gabst? - -Nein, das hatte er nicht erwogen. Dazu stand sie ihm zu hoch. -Konnte es wohl einen untrüglicheren Beweis als diesen für seinen -unerschütterlichen Glauben an ihre unantastbare Reinheit geben? Ein -edler Mensch kann ja gar nicht mit der Niedrigkeit eines andern rechnen. - -Seine Liebe erschien ihr in einem völlig neuen Lichte. Ein ungeheurer -Stolz, daß er sie erwählen wollte, erfüllte sie. Eine dankbare Freude, -daß sie ihn erlaben durfte, bis zu jener Stunde am Brunnen. - -Aber solche Liebe, mag sie auch unerwidert bleiben, verpflichtet -zu einem vollgültigen Beweis von Würdigkeit. Sie nahm Herrn Alois -Sendelhubers Vertrag aus der Tasche und überlas den kurzen Inhalt -zweimal. Er hatte sie für den neunten November verpflichtet. Der neunte -November war aber, wie sie Herrn Sendelhuber wiederholt mitgeteilt -hatte, längst vergeben. - -Es paßte Herrn Alois Sendelhuber natürlich besser, wenn er ihren -Einwand einfach vergaß. Sofort schrieb sie ihm und bat um Abänderung. - -Als eine Woche später immer noch keine Antwort eingetroffen war, -drahtete sie. Und wartete nun erregt und ungeduldig auf seine Erklärung. - -Herrn Sendelhubers Geschäftstüchtigkeit hatte nicht unterlassen, -im Falle sie sich ohne ärztliche Beglaubigung auch nur einer der -drei eingegangenen Verpflichtungen entzöge, eine erhebliche Strafe -festzusetzen. Die Summe würde voraussichtlich diejenige der gesamten -Winterkonzerte übersteigen. - -Kurz entschlossen ging sie zu einem Anwalt. - -Er fragte nicht, wie sie erwartet, nach ihren Wünschen. Aber er hörte -sie wenigstens an. - -„Kontrakte werden gemacht, daß sie vor der Unterschrift durchgelesen -werden,“ sagte er großartig. - -Das gleiche hatte sich Eva von Ostried auch bereits gesagt. Trotzdem -mußte dieser eine Punkt mit Leichtigkeit unwirksam zu erklären sein. -Das lag ihr im Gefühl. - -„Ich habe Herrn Sendelhuber ausdrücklich und wiederholt erklärt, daß -ich an diesem neunten November nicht mehr frei wäre,“ warf sie ein. - -Darauf schien er kein Gewicht zu legen. - -„Sind Sie überhaupt geschäftsfähig?“ - -„Ich bin volljährig.“ Er zuckte die Achseln. - -„Meiner Ansicht nach nichts zu machen. Aber Sie können meinetwegen -wiederkommen. Bei einer Stunde ist der Bürovorsteher vom Essen zurück. -Und dann findet sich auch der Herr Justizrat ein.“ - -Als Eva von Ostried endlich wieder in der frischen Luft stand, mußte -sie herzlich lachen. Sie erschrak vor diesen fröhlichen Lauten. Wie -lange hatte sie doch nicht mehr dies heimliche Behagen gespürt! - -Die Erscheinung des würdigen Vertreters von Bürovorsteher und Justizrat -hatte etwas zu köstlich Erheiterndes gehabt. Ob auch wohl der Herr -Justizrat -- -- - -Der Titel füllte sich plötzlich mit lebensvoller Erinnerung. Hatte -ihr der treue Freund und Berater der Präsidentin nicht beim Abschied -auf das Bereitwilligste seine Dienste angeboten? Ihre Gedanken waren -seither nicht wieder zu ihm gelaufen. Sie hatte die Zeit, in welcher -sie ihm beinahe täglich begegnen mußte, künstlich versenkt. Nun aber -beschloß sie, nachdem sie die Wartefrist auf Herrn Sendelhubers -Antwort noch einmal auf vierundzwanzig Stunden verlängert hatte, ihn -aufzusuchen. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -12. - - -Als Eva von Ostried in die Mohrenstraße einbog, um Justizrat Weißgerber -an seiner Arbeitsstätte aufzusuchen, klopfte ihr Herz zum Zerspringen. -Alles Vergangene wurde wieder lebendig! - -Der Vorraum wirkte immer noch wie ein mächtiges Abteil erster Klasse -auf sie. Ueberall waren gradlinige, mit rotem Plüsch überzogene -Sitzbänke aufgestellt. Nur der alte, würdige Bürovorsteher, der ihr -einst die neuesten Tageszeitungen als Zeitvertreib freundlich gebracht, -war einem jungen Kavalier mit aufstrebendem Haarwuchs gewichen, der -zuweilen einem ältlichen, demütigen Fräulein eine Weisung zurief und -jeder Kommende erhielt neuerdings eine Blechmarke zugeteilt, welche das -Recht auf Gehör ausdrücklich verlieh. - -Geduldig wartend saß sie, bis ihre Nummer aufgerufen ward. - -Mit einer sorgsam zurechtgelegten Entschuldigung, daß ihre Zeit bisher -keinen Besuch in seiner Privatwohnung gestattet habe, trat sie über die -Schwelle, aber die Entschuldigung blieb ungesprochen. Der, welcher an -alter Stelle vor dem wuchtigen Schreibtische saß, war nicht Justizrat -Weißgerber. - -Die Tatsache wirkte eigentlich erleichternd auf sie. - -Das fremde kluge, ernsthaft männliche Gesicht flößte ihr sofort -Vertrauen ein. Während sie auf eine einladende Handbewegung ihm -gegenüber Platz nahm, fiel ihr die Farbe seiner Augen auf. Sie war -tiefblau und so klar, wie der Himmel, wenn er vom Glanz der Sonne -durchleuchtet ist. Seine Stimme freilich klang, im Gegensatz zu der des -alten erfahrenen Juristen, unsicher. - -Als sie mit der Darlegung ihres Falles zu Ende gekommen war, suchte er -wiederholt nach passenden Worten und machte kleine Pausen, als er sie -endlich gefunden, in denen er sie fast erstaunt ansah. Sie fühlte, daß -er -- wider Willen -- ihrer Schönheit huldigen mußte. - -Das geschah ihr oft. Aber noch nie zuvor empfand sie eine ähnliche -warme Freude darüber. - -Nun hatte er sich wieder voll in der Gewalt. Sein Blick ruhte nicht -mehr auf ihrem Gesicht. Er schien alles von der Spitze des Stiftes, den -er unruhig zwischen Daumen und Zeigefinger wirbelte, herunterzulesen. - -„Sie können beweisen, gnädiges Fräulein, daß Sie tatsächlich über den -strittigen neunten November verfügt hatten, während Sie in München mit -diesem -- so danke sehr, Herrn Alois Sendelhuber verhandelten?“ - -„Einen vollgültigen Beweis nennen Sie dies wohl nicht,“ fragte sie und -hielt ihm das Notizbuch mit ihren Aufzeichnungen entgegen. Er ließ die -Blicke länger auf den aufgeschlagenen Seiten ruhen, als es die eine ihm -bezeichnete Zeile erforderte. - -„Doch -- doch,“ meinte er zerstreut und gab es ihr noch nicht zurück. -„Wollen Sie mir aber besser noch eine Bestätigung der Schwestern -Moldenhauer mit der Namhaftmachung des Datums, an welchem die -Abmachung geschah, besorgen.“ - -„Das würde sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. So viel ich weiß, -befinden sie sich auf einer großen Konzertreise und sind erst eine -Woche vor dem neunten in Berlin zu erwarten.“ - -„Sie könnten es aber eidlich erhärten, nicht wahr?“ - -„Ja, das kann ich. Außerdem habe ich Herrn Sendelhuber mehrmals darauf -aufmerksam gemacht, daß ich ihm diesen Tag nicht geben kann.“ - -In das ernste Gesicht kam ein Lächeln, das es sehr jung machte. - -„Mit Herrn Sendelhubers weitem Gewissen müssen wir uns als leidige -Tatsache abfinden. Ein Zeuge war bei Ihrer Unterredung nicht zugegen?“ - -„Nein, wir waren allein. Ich kannte ihn bis dahin gar nicht. Er -erwartete mich, als ich spät Abends heimkam.“ - -Sie hatte die Farbe gewechselt. Das entging ihm nicht. - -„Es liegt kein Grund zur Beunruhigung vor,“ tröstete er. „Wir würden im -gerichtlichen Verfahren zweifellos obsiegen. Aber, nicht wahr, es wäre -friedlicher und erledigte sich vor allen Dingen ungleich schneller, -wenn man den genannten Herrn durch einen einfachen Briefwechsel zur -Einsicht brächte.“ - -„Mir hat er auf solche Bestrebungen nicht geantwortet.“ - -„Das glaube ich gern. Der Briefbogen mit der Firma zweier Anwälte ist -bekanntlich wirksamer wie das schönste Schriftstück mit Röslein und -Jasmin.“ - -Sie sahen sich beide an und mußten lachen. Das kleine Buch lag noch -immer in seiner Hand. - -„So ein Kunstwerk soll heute noch an ihn abgehen, gnädiges Fräulein.“ - -„Und dann,“ fragte sie schnell. - -„Dann schreibe ich Ihnen, sobald ich etwas von ihm höre.“ - -Sie nickte und schielte nach dem Notizbüchlein. Er wurde rot wie ein -Schuljunge. - -„Bitte, hier ist es wieder.“ Und dann nach einer kleinen Pause: -„All diese Stunden, die darin verzeichnet sind, müssen Sie die etwa -erteilen?“ - -Da erzählte sie ihm ein wenig von ihrem Tag. - -„Wie halten Sie das aus, gnädiges Fräulein?“ - -„Sie sehen ja, mir geht es recht gut dabei.“ - -„Das wird das Verdienst Ihrer Angehörigen sein. Man wird Sie sehr -verwöhnen?“ Das Gegenteil erschien ihm unmöglich. - -Sie blickte auf das spiegelblanke Holz der Tischplatte. - -„Ich stehe ganz allein.“ - -Sie glaubte eine heimliche Angst aus seinen Blicken herauszulesen. Eine -feine Spannung hing in der Luft. In seinem Gesicht zuckte es nervös. -Warum saß sie noch hier? - -Aber sie blieb und fragte plötzlich nach Justizrat Weißgerber. - -„Seit ein paar Monaten geht es ihm gesundheitlich durchaus nicht nach -Wunsch. Darum suchte er sich einen Helfer. Und der bin nun eben ich.“ - -„Bleiben Sie dauernd hier?“ mußte sie fragen, denn die Vorstellung, -daß sie ihn, wenn sie in derselben Sache etwa noch einmal kommen -müßte, nicht mehr treffen könnte, begann ihr ein unbehagliches Gefühl -auszulösen. - -Daß er mit seiner Antwort zögerte, fiel ihr nicht auf. - -„Ja, ich werde bleiben,“ sagte er endlich. - -Klang das nicht, als sei er erst jetzt zu einem festen Entschluß -gelangt? - -„Sie haben mir noch nicht Ihre volle Adresse gegeben, gnädiges -Fräulein. Herrn Sendelhubers schwer zu entziffernde Handschrift ließ -mich Ihren Namen zuverlässig nicht erkennen.“ - -„Richtig, das hätte ich beinahe vergessen.“ - -Er sah von der dargereichten Karte schnell wieder zu ihr. - -„Ihren Namen habe ich schon oft gehört. -- Bestimmt! Es ist kein Irrtum -möglich.“ - -„Wer könnte ihn genannt haben?“ - -„Sie müssen es erraten,“ forderte er fröhlich. - -„Wer weiß, ob ich ihn nach diesem jemals wiedersehe,“ sagte sie sich -heimlich. „Warum soll ich mich also mit dem Gehen übereilen?“ - -„Justizrat Weißgerber hat von mir gesprochen, nicht wahr? Oder -mein Namen ist Ihnen in alten Schriftstücken, in denen ich als -Bevollmächtigte der Frau Präsidentin Melchers, in deren Haus ich bis zu -ihrem Tod gewesen, verzeichnet stehe, zu Gesicht gekommen.“ - -„Fehlgeschossen. Bitte -- weiter raten!“ - -„Dann gebe ich den Kampf auf.“ - -„Erinnern Sie sich noch der alten Pauline?“ - -Alles Blut drängte ihr zum Herzen. - -Wie war das möglich? Wußte er? - -Nein, sie allein kannte das Geheimnis ihrer Schuld. -- Er merkte auch -nichts von ihrer Erregung. Er freute sich nur dieser Minuten. - -„Ja, die alte Pauline! Ist sie nicht etwas ganz besonderes? Justizrat -Weißgerber empfahl sie mir, als ich ihm hilflos und, wie ich ehrlich -gestehen muß, eines Tages halb verhungert den üblichen kurzen -Wochenbericht über den Stand unserer Arbeit gab. Sie fühlte sich in -ihrem Feriendasein totunglücklich und hatte den Justizrat als alten -Gönner gebeten, ihr wieder angemessene Beschäftigung zu besorgen. Als -er meine Not sah, schickte er sie zu mir und siehe, wir schieden nicht -mehr von einander. Seitdem verwöhnt sie mich auf eigentlich unerlaubte -Art.“ - -Eva von Ostried wollte etwas erwidern -- ebenfalls eine Freundlichkeit -über sie anfügen -- eine Frage nach ihrem Ergehen tun -- Ihre Kehle -blieb wie zugeschnürt. Vor ihr stand das Gespenst des Abschiedtages aus -der Villa der Präsidentin und lähmte ihre Zunge. Sie hatte es schlafend -gewähnt. Nun erhob es sich und zerstörte ihr Leben. - -„So mußte es wohl kommen, daß sie mir auch von Ihnen berichtete.“ - -„Was hat sie gesagt,“ stieß Eva von Ostried hervor. - -„Ja, was wohl, gnädiges Fräulein? Wollen Sie das wirklich hören?“ - -Nun wußte sie, daß die Treue, gleich den andern, ahnungslos geblieben -war. - -„Sie sah immer nur das Allerbeste,“ lenkte sie ab und stand auf. - -„Soll ich sie nicht wenigstens grüßen?“ fragte er. - -„Natürlich!“ nickte sie, „sie hat mir ja nur Liebes und Gutes -erwiesen.“ Und dann nach einer Pause: „Sie geben mir wohl Nachricht, -wenn Herr Sendelhuber geantwortet hat?“ - -Irrte er, oder war sie plötzlich verändert? - -Klang ihre Stimme kühl und fremd? Hatten ihre schönen sprechenden -Augen den Ausdruck der Abwehr angenommen? Erregte es vielleicht ihr -Mißfallen, daß er ihr seinen Namen noch nicht genannt hatte? - -„Sie müssen doch wissen, wem unsere alte, gemeinsame Freundin jetzt -dient, gnädiges Fräulein. Es ist ein gewisser Walter Wullenweber, bis -vor zwei Jahren Königlich Preußischer Gerichtsassessor beim Landgericht -3.“ - -Sein Name erweckte ihr sofort die Erinnerung an den einstigen -Vormund. Aber sie unterließ es nach einem Zusammenhang zu forschen. -Daraus hätten sich Fragen ergeben können, deren Beantwortung einen -scharfsichtigen Juristen zu allerhand für sie gefährlichen Schlüssen -zwangen. Er würde es durch die alte Pauline ohnehin früh genug -erfahren, wenn sie es ihm nicht bereits erzählt haben sollte. - -Wenn er sich dann an den ehemaligen Vormund wandte, Fragen stellte, -erfuhr, daß ihr gesamtes mütterliches Vermögen ein Nichts gewesen und -die alte Pauline zu ihr schickte, damit die herausbringe, wie ihr das -jetzige Dasein möglich geworden war? - -Ihr schwindelte. Da war die Schuld wieder, die sich quälend an ihr -rächte! Sie konnte es nicht länger unter seinem klaren, warmen Blick -ertragen. - -Hatte sie ihm die Hand hingereicht oder nahm er sie einfach? -- Sie -wußte es hinterher nicht. Sie spürte nur den kraftvollen Druck, der -ihre Finger umschlossen gehalten, als wären sie ein frierendes Vöglein! - -An einem Spätnachmittag, als sie aus dem theoretischen Unterricht, den -ihr der bekannteste Musikpädagoge Berlins erteilte, zurückkehrte, lag -ein Schreiben mit der Firma des Justizrats Weißgerbers und Rechtsanwalt -Wullenwebers auf ihrem Arbeitstisch. - -Eva von Ostried riß ihn auf. Mit einem Schlage zog wieder die köstliche -Ruhe, die sie zuletzt in dem Sprechzimmer empfunden, in ihr Herz. - - „Wir teilen hierdurch umgehend mit, daß wir soeben in den Besitz - der Antwort auf unser Schreiben vom 6. d. M. gelangt sind. Herr - Sendelhuber erklärt sich darin bereit, ohne sich unserer Ansicht - von der Rechtsunwirksamkeit des mit Ihnen bezüglich des neunten - Novembers geschlossenen Vertrages anzuschließen, gegen eine von - Ihnen zu zahlende Entschädigung von 300 (dreihundert) Mark, seine - Ansprüche bezüglich des genannten Tages, fallen zu lassen. - - Wir halten, wie wir Ihnen seiner Zeit bereits mündlich ausführten, - die eventuelle richterliche Entscheidung für Sie günstig. Setzen - daneben aber unser Bestreben fort, diese Angelegenheit auf - gütlichem Wege zu regeln. Zur Vereinbarung dieses Zweckes wäre uns - Ihr Besuch in unserm Büro sehr erwünscht. Die Sprechstunden ersehen - Sie oben...“ - -Sie ließ das Schreiben sinken und sah starr zu der herbstlich bunten -Pracht des Parkes hinüber. Eine schwere Enttäuschung lähmte ihre -Denkkraft für Augenblicke. - -Es war nur gut, daß diese Zuschrift nicht den Schlußvermerk trug: -„Privatgespräche werden in Zukunft höflichst verbeten oder entsprechend -berechnet!“ - -Sie riß einen Bogen aus ihrer Mappe und schrieb hastig, daß sie keine -Zeit zu diesem Besuch finden könne und es daher den Unterzeichneten -überlasse, einen für sie möglichst günstigen Abschluß mit Herrn Alois -Sendelhuber zu erzielen. Schlimmstenfalls sei sie zu der von ihm -geforderten Buße bereit, denn zu einem Prozesse fehle ihr die Zeit, -sowie das nötige Vertrauen zu ihrer Geduld. - -Als sie ihren Namen darunter gesetzt und das Geschriebene überlesen -hatte, schämte sie sich ihrer damit offenbarten Bitterkeit. - -Und plötzlich wußte sie den wahren Grund ihres unruhevollen Wartens. -Wie ein Schlag war dies, der sie betäubte. Wenn er mit lächelnder -Duldsamkeit schon, als sie das erste Mal bei ihm gewesen, die richtige -Deutung für ihr langes Verweilen gefunden und ihr nun keine Hoffnungen -erwecken wollte? - -Ja, das würde es sein! Hätte er ihr sonst diesen Brief senden können? -Darum mußte sie nun doch zu der vorgeschlagenen mündlichen Besprechung -gehen. - -Sie zerpflückte ihre Antwort. Ihr Gesicht wurde hochmütig. Ihre -schlanke Gestalt reckte sich auf. Er sollte seinen Irrtum sehr schnell -einsehen! - -Als sie ihm gegenüberstand, fühlte sie ganz klar, daß alle Unruhe -durch ihn gekommen war. Sie hätte vor Scham aufschreien können und -lächelte doch wie eine leblose Puppe, die Hand, die er ihr zum Gruß -entgegenstreckte, übersehend. - -„Darf ich bitten, daß wir uns möglichst kurz fassen. Ich bin heute sehr -eilig, Herr Rechtsanwalt!“ - -Er sah sie erschrocken an. - -„Gnädiges Fräulein, habe ich Sie neulich irgendwie verletzt?“ - -Jetzt lachte sie hell auf. - -„Im Gegenteil, Herr Rechtsanwalt, Sie haben einer Klientin durch Ihre -private Freundlichkeit mehr Zeit geopfert, als es klug war.“ - -„Soll das ein nachträglicher Vorwurf sein, weil ich Sie zu lange in -Anspruch genommen habe.“ - -„Deuten Sie es ganz nach Belieben. Nur, bitte, jetzt zur Sache, wie -Herr Justizrat Weißgerber früher zu sagen pflegte.“ - -Er saß ihr mit zornig zusammengezogenen Brauen gegenüber. Was fiel ihr -ein? Neckte sie ihn einfach oder waren das Künstlerlaunen. - -„Ich habe kurz entworfen, was am besten Herrn Sendelhuber zu antworten -wäre. Darf ich es vorlesen oder belieben Sie selbst.“ - -Sie nahm ihm das Blatt mit leichtem Neigen des Kopfes aus der Hand und -vertiefte sich scheinbar in seinen Inhalt. Er beobachtete sie dabei -scharf. - -Es währte sehr lange. - -Ein kleines Lächeln durchsonnte die Finsternis seiner Mienen. - -„Wenn ich es Ihnen näher erklären darf,“ erbot er sich. - -„Ich habe es begriffen,“ antwortete sie kurz. - -„Also?“ fragte er leise und sah sie mit dem Blicke an, der ihr das -erste Mal die köstliche Ruhe in das Herz getragen. - -„Es ist gut, wie Sie es vorgeschlagen haben.“ - -„Ja, aber Verzeihung, daß ich darauf aufmerksam machen muß, wir -verzeichneten zwei Vorschläge. Und einer darf es doch entschieden nur -sein.“ - -Sie wurde flammend rot, weil sie sich auf einer Unwahrheit ertappt sah. -Sie hatte kein Wort begriffen. - -„Ich möchte keinen Prozeß,“ sagte sie wie ein törichtes Kind. „Das -andere soll mir gleich sein.“ - -Sie stand hastig auf. - -„Gnädiges Fräulein,“ sagte er weich und bittend, „was haben Sie? Gehen -Sie nicht so fort. Ich bitte Sie herzlich.“ - -Sie lächelte krampfhaft. - -„Was ich habe? -- Nichts. Wie kommen Sie darauf, Herr Rechtsanwalt?“ - -Mit einer Verneigung gab er ihr den Weg frei. - -„Wünschen Sie vielleicht, daß ich zuvor diese Angelegenheit noch einmal -mit Herrn Justizrat, als Ihrem früheren Bekannten, durchspreche?“ - -„Nein, ich danke. Ich möchte alles so schnell wie nur irgend möglich -vergessen und bin darum auch zu der von ihm geforderten Buße bereit.“ - -Er sah sie fest und lange an. - -„Sie haben es ja schon vergessen, wenn Sie es überhaupt gefühlt haben.“ - -„Ich verstehe Sie nicht.“ - -„Als Sie mich neulich verließen, hatte ich die dankbare Empfindung, daß -wir beide uns voll verstanden hätten.“ - -„Dann haben Sie sich eben geirrt. Das soll den besten Juristen -bisweilen geschehen können.“ - -Wieder war er an ihrer Seite. - -„Fräulein von Ostried, ich kann es nicht glauben. Es würde mich sehr -unglücklich machen.“ - -Sie zerrte an den feinen Handschuhen und zerriß sie, weil sie etwas -Entsetzliches fühlte. Tränen, die aufsteigen wollten und die er doch um -keinen Preis sehen durfte. - -Er sah sie aber doch. Und nahm ihre beiden Hände in die seinen. - -„Ich flehe um ein ehrliches Wort.“ - -„Der Brief,“ sagte sie wider Willen, „ich dachte, Sie bereuten das -Private.“ - -Er begriff nicht sogleich. - -„Warum denn um Gottes willen.“ Und dann mit plötzlichem Verstehen: - -„Den Zeilen, auf denen ein Dutzend fremder Augen ruhten, durfte ich -nicht anvertrauen, wie es in mir aussah, während ich sie aufgab.“ - -Seine Stimme war plötzlich voller Jubel! - -„Ein Dutzend fremder Augen,“ machte sie ungläubig, noch rosenrot vor -Scham. - -„Ja,“ nickte er eifrig. „Hören Sie einen Augenblick aufmerksam zu. --- Durchschnittlich an jedem Tage gehen zwanzig bis fünfundzwanzig -ähnlicher Mitteilungen heraus. Ich bediene mich dazu eines Apparats, -nehme den Schalltrichter zur Hand und spreche hinein, was ich nach -gründlichem Ueberlegen für richtig halte. Ein Referendar, der mir zur -Ausbildung überwiesen ist, steht in vielen Fällen daneben und hört zu, -nachdem ich die Sache zuvor mündlich mit ihm durchgesprochen habe. -Oder, wie es bei dem Brief an Sie der Fall sein mußte, er selbst gab -ihn auf, während ich als Obergutachter zuhörte. Danach kommt der -Laufjunge und holt die Walzen ab. Das Fräulein in der Nische schreibt -sie getreulich herunter. Mit Durchschlag natürlich, wie das in einem -richtiggehenden Betrieb selbstverständlich ist. Die Kopie wird wiederum -dem Laufjungen anvertraut, der in aller Heimlichkeit danach trachtet, -sie zu lesen, weil er ebenso neu- wie lernbegierig ist. Der Schreiber, -der sie in das betreffende Aktenstück einheftet -- denn auch Sie haben -bereits ein solches erhalten --“ - -„Hören Sie auf,“ bat sie kläglich. - -„O nein, immer gründliches Verfahren. Ich erspare Ihnen nichts. Den -Schreiber interessiert schon erstmal Ihr Name. Nicht wahr, er ist -ungewöhnlich und klingt wie Musik. Und dann, daß Sie Künstlerin sind. -Wir haben hier natürlich die verschiedensten Größen als getreue -Klienten. Dies aber ist ein seltener Fall. Wie wird er ihn nicht -lesen. Der Invalide, der das Amt hat, die abgehenden Schriftstücke in -den Umschlag zu befördern -- nun -- warum soll er nicht das gleiche -durchaus menschliche Verlangen haben? Durfte ich da auch nur ein Wort -hineintragen, das mein Herz verraten hätte?“ - -Sie stand, übergossen von neuer tiefer Röte vor ihm. Noch einmal wehrte -sie sich verzweifelt. - -„Was hat Ihr Herz damit zu schaffen?“ - -„Mein Herz?“ sagte er. „Das hat keine Ruhe finden können -- seitdem!“ - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -13. - - -Eva von Ostried hatte seit kurzem ein jüngeres Mädchen in ihrer -Behausung, das sie in einem Zustande der Erschöpfung und Krankheit -aufgefunden und zu sich genommen hatte, ein Mädchen, über dessen -Vergangenheit ein undurchsichtiger Schleier gebreitet schien. - -Gretchen Müller nannte es sich und niemand hier wußte um seine -Vergangenheit. Die Einzige, die das Recht gehabt, sie zu befragen, -rührte nicht daran. So blieb die Spur verwehrt. - -Gretchen hatte Stunden, in denen ihr Herz ganz leicht war. Dann -pflegte sie die Blumen, besorgte wie die guterzogene Haustochter einer -sparsamen Bürgerfamilie, Zimmer und Küche und setzte sich darnach -mit einer Handarbeit zu der wuchernden Kresse und den rotblühenden -Feuerbohnen auf den kleinen Balkon. - -Eva von Ostried war zu solchen Stunden nicht daheim. Ueber den Flügel -lag eine Decke gebreitet. Es war alles verschwiegen und leise! - -Und doch brauchte nur ein Klingelton zu rufen, dann war es anders! -Zumeist öffnete Gretchen Müller nicht. Eva von Ostried schloß sich die -Tür nach ihrer Heimkunft selbst auf. - -Und jetzt klingelte es dennoch, stark und fordernd. Da entschloß sie -sich nachzusehen. Eva von Ostried hatte von einer wichtigen Nachricht -gesprochen, die ihr möglicherweise zugehen würde. - -Als die Tür aufsprang, fuhr das Mädchen mit einem Schrei zurück. Ihre -Arme streckten sich weit vor. Ihre Augen wurden starr vor Entsetzen. -Ihr Peiniger, der Zerstörer ihres jungen Lebens stand vor ihr und trat -fast lautlos herein. - -„Diesmal hast du mir das Finden nicht eben leicht gemacht,“ sagte er in -einem freundlichen Unterhaltungston. - -„Geh’!“ stieß sie hervor, „oder --“ - -„Du stockst sehr richtig, mein Herz. Jedes weiteres Wort wäre zum -mindesten eine Unvorsichtigkeit von dir.“ - -„Im nächsten Zimmer befindet sich meine Herrin. Sie muß sogleich -herauskommen.“ - -„Warum nennst du sie nicht mit ihrem Namen? Eva von Ostried klingt doch -sehr schön. Auch ist es eine Ehre für dich bei dieser hochbegabten -Zukunftsleuchte Unterschlupf gefunden zu haben.“ - -„Woher weißt du auch dies?“ - -„Ich erfahre alles, was ich wissen will. Das sollte dir eigentlich zur -Genüge bekannt sein. Ich weiß selbstverständlich auch, daß du zur Zeit -allein in der Wohnung bist. Fräulein von Ostried erteilt außerhalb -Stunden und kommt bestimmt nicht vor Mittag zurück.“ - -„Trotzdem wirst du dich sofort entfernen, oder ich rufe die Polizei.“ - -„Du hast gute Gründe, sie nicht zu rufen, mein Kind.“ - -„Du bringst mich dahin, daß ich auch diese Enthüllung nicht mehr -fürchte.“ - -„Denke darüber, wie es dir beliebt. Ich meine doch, du solltest -Rücksicht nehmen. Es ist außerordentlich gefällig, daß dich diese Dame -aufgenommen hat. Der Lohn, den du zahlst, wenn sich die Polizei mit dir -und also auch mit ihr beschäftigen müßte, wäre, meiner Ansicht nach, -ein schlechter.“ - -„Du bist ein Teufel!“ - -„Ich besitze Briefe von dir, die mir andere Kosenamen geben. Freilich, -hießest du damals noch nicht Gretchen Müller.“ - -Sie hob die Hand, wie um sie auf seinen leichtsinnigen Mund zu pressen. -Er wich geschickt aus und zischte leise: - -„Und darum solltest du die hohe Polizei mir gegenüber aus dem Spiel -lassen. Ich habe in meinem bisherigen Leben noch nichts getan, was ihr -Anlaß gäbe, mich scharf zu beobachten. Du aber --“ - -„Was ich geworden bin, hast du aus mir gemacht.“ - -„Das ist eine sehr bequeme Darstellung, mein Kind. Vergiß nicht, daß -jedes einzig die Folgen seiner Veranlagung trägt. Gut! Zufällig bin ich -derjenige, der die deine zum Ausbruch brachte. Das ist mein Pech. Denn, -ob du es auch als das deine fühlst -- je nun? Sei doch ehrlich. Denke -daran, wie du mir freudig, um mit dem Jäger zu reden, „auf den ersten -Pfiff“ gefolgt bist.“ - -„Du hast deine Rolle zu gut gespielt, weil sie dir allzu geläufig war. -Wie konnte ich das ahnen?“ - -„Mag sein! Du wirst dir damals nicht eingebildet haben, daß ein Mann -wie ich vor dir noch kein Mädel geküßt hätte.“ - -„Ja, das habe ich mir eingebildet! Bei Gott! Aber was willst du jetzt -von mir?“ - -„Nicht viel. Dir klarmachen, daß du in meiner Gewalt bist und bleibst! -Es ist nur klug und weise, wenn du nicht weiter in diesem hochfahrenden -Ton mit mir verhandelst.“ - -„Es muß doch ein Zweck dabei sein,“ wimmerte sie, „ich kann ihn nur -nicht erkennen.“ - -„Nimm an, daß ich dich wirklich geliebt hätte.“ - -„Du lügst jetzt wie stets,“ sagte sie. - -„Dann weißt du mehr wie ich. Wozu hätte ich nötig, mich überhaupt noch -um dich zu kümmern, nachdem du mir diese unglaublichen Ungelegenheiten -bereitet hast.“ - -„Was hast du mit mir vor?“ - -Er ließ sich auf die Truhe nieder. Nun war er ihr so nahe, daß er ihr -mit der weißen, gepflegten Hand über das lose silberne Haar hätte -streichen können. Ein Sonnenstrahl schwebte auf sie herab und verfing -sich darin. Die fieberhafte Röte wachsender Angst gab dem schmalen -Gesicht den trügerischen Schein der Gesundheit. - -„Du siehst immer noch sehr reizend aus,“ flüsterte er ihr ins Ohr. -„Indessen, du hast das richtige Gefühl. Ja, ich habe etwas mit dir vor. -Eine Kleinigkeit nur. Einen Gegendienst.“ - -„Ich bin zu schwach geworden, um dich gleichfalls zu verderben. Das -wäre der einzige Dienst, auf den du Anspruch hättest.“ - -„Laß das jetzt. Erinnere dich gefälligst an die Zeiten, in denen du mir -täglich deine Not geklagt hast. Angeblich littest du doch unerträglich -unter der Tyrannei der lieben Deinen. Dein Vater wollte Kapital aus dir -schlagen. Dein tugendsamer Bruder hätte dich am liebsten an die Kette -gelegt. Und das Schätzchen, das sie dir ausgesucht hatten. Sei doch -endlich mal ein bißchen fidel, mein Kind und lache mit -- war er nicht -fürchterlich mit seinem vogelähnlichem Kopf und den drohenden Wulsten -unter den kleinen Augen? Na, ich will dir das schöne Bild nicht weiter -ausmalen. Du besorgst das in deinen jetzigen sicher recht stillen -Stunden besser allein. Also -- Vorwürfe muß ich energisch zurückweisen. -Du hast es mir nicht schwer gemacht damals.“ - -„Ich habe dir vertraut.“ - -„Habe ich dies Vertrauen vielleicht nicht gerechtfertigt? Hättest -du nicht den Himmel auf Erden behalten können, wärest du nicht so -wahnsinnig kleinlich und eigensinnig gewesen? Hatte ich nicht ein -behagliches Nest für dich bereit? Fehlte auch nur das Geringste für -deine Bequemlichkeit darin?“ - -„In dem Augenblick, der mich lehrte, daß du längst anderweitig gebunden -warst, habe ich nichts mehr von dir angenommen. Das wenigstens sollst -du mir jetzt bestätigen.“ - -„Wenn du so großes Gewicht darauf legst. Schön, mein Kind. Ich -bestätige es hiermit feierlich. Warum aber? Ein Künstler braucht viel -Geld, wenn er selbst keins besitzt. Mit dem Pumpen ist das stets eine -mißliche Geschichte. Das Sicherste und Bequemste bleibt eine reiche -Partie. Ja, mag er selbst Unsummen einnehmen, er wird als freier Mann -stets doch eine Kleinigkeit über seinen Etat hinaus verbrauchen. -Das verstehst du nicht. -- Ich verdiente dazumal noch wenig. Die -Kommerzienrätin, auf deren einer Abendgesellschaft ich dich nach der -bestellten Singerei, kennen lernte, bezahlte anständig. Aber sonst -- -Lieber Gott. Da mußte ich mich eben auf diese Weise sichern.“ - -„Daß du dich vor deiner Frau nicht schämst?“ - -„Frage sie, ob sie nicht überaus glücklich mit mir geworden ist.“ - -„Ich möchte ihr die Hände küssen, damit sie mir vergibt, was ich ihr -unwissend geraubt habe.“ - -„Wünsche dir das meinetwegen. Daß es sich dir niemals erfüllt, -laß meine Sorge sein. Im übrigen -- ich muß endlich deine Frage -beantworten: Du wolltest wissen, was ich mit dir vorhabe? Ich will vor -allen Dingen deine Lage aufbessern. Dich auf eigene Füße stellen. Du -magst dir hinfort ein Leben nach deinem Geschmack einrichten. Nimmst -du Vernunft an, werden wir uns sehr schnell verstehen. Höre zu. Ich -verlange von dir, daß du niemals zu Eva von Ostried meinen Namen -nennst. Spitzte sich auch selbst, im für mich ungünstigsten Falle, -ihr Interesse für dich derartig zu, daß sie völlige Offenheit von dir -verlangte. Denn sie ist schrecklich moralisch und würde dich nicht bei -sich behalten, wüßte sie -- -- Sage ihr in diesem Fall, was du willst. -Nur nicht die Wahrheit. Du hast ja damals, als du das Doppelspiel -triebst, sehr nett lügen können. Also schweigen, ja?“ - -Sie stieß seine Hand fort. „Eines solchen Versprechens bedarf es nicht! -Ich würde mich eher unter hundert Qualen zu Tode martern lassen, ehe -ich mein ganzes Geheimnis preisgäbe.“ - -„Schön. Dann sind wir in der Hauptsache einig. Ich danke dir, -Lieselotte.“ - -„Nicht diesen Namen nennen, nicht den Namen!“ - -„Du hast ganz Recht. Je gründlicher wir sind, desto wirksamer wird -alles. Also, Gretchen Müller, höre mich noch ein paar Minuten an. Ich -will mich nicht entschuldigen. Das lag mir niemals. Selbst, wenn ich in -deinem Fall ausnahmsweise Gewissensbisse gehabt haben sollte.“ - -„Du hast sie nie gekannt. Diese Rolle liegt dir schlecht.“ - -„Dann nenne es meinetwegen anders. Immerhin -- besteht der Wunsch bei -deiner Empfindlichkeit, etwas übrigens zu tun. Als ich dich kennen -lernte, war ich noch nicht mal ganz fest verlobt. In aller Heimlichkeit -nur. Und ich wußte noch nicht mit Bestimmtheit, ob überhaupt eine Ehe -daraus würde.“ - -„Gibt es denn wirklich so viel reiche Mädchen, daß dir damals schon die -zweite noch reichere in Aussicht stand? Lüge wenigstens jetzt nicht. -Du warbst in aller Form um mich und gabst mir dein Wort. Oder habe ich -mir dies alles nur eingebildet? Waren zuvor deine heißen Blicke und -Huldigungen, dein Ehrenwort nur Lüge? Empfandest du nichts von jenen -leidenschaftlichen Gefühlen, die du mir so oft geschildert hast?“ - -„Das sind viel Fragen auf einmal. Deine Frische hatte mich bezaubert. -Diese entzückende Lebendigkeit -- nicht nur in der Auffassung, sondern -auch und besonders in der Wiedergabe alles Erlebten, Gehörten und -Erschauten, war mir neu. Dazu kam, daß du aus sogenanntem guten Hause -kamst. Ein Reiz mehr. Auch hattest du, obschon du keine Note kanntest, -das feinste musikalische Gehör, was mir bisher begegnet ist. Meine -Macht über Dich wurde unbegrenzt. Ich hätte dich zur Verbrecherin -machen können, wenn ich gewollt.“ - -„+Das+ hast du gefühlt?“ - -„Vom ersten Augenblick unseres Kennenlernens an. Weißt du noch? Wir -standen eng zusammengekeilt vor der Kasse des Opernhauses. Da sprach -ich dich an, weil du mir ausnehmend gefielst. Merkst du jetzt, wie -diskret ich bin? Das Märchen von der ersten Begegnung im Hause der -Kommerzienrätin hatte ich mir um deinetwegen so fest eingeprägt, das -ich dies reizende Stündlein dir gegenüber vorhin zu erwähnen unterließ.“ - -„Mache meine Scham nicht noch größer,“ sagte sie mit zuckenden Lippen. - -„Es ist ja auch belanglos. Das weitere will ich trotzdem kurz -zusammenfassen. Auch um meinetwillen. -- Sieh mal, als ich dich dann -einen Monat später bei der musikalischen Rätin wiedersah und dir -bei der Vorstellung zuflüsterte, daß wir niemand von unserer süßen -Bekanntschaft erzählen wollten, warst du dazu bereit. Deiner lieben -Familie war ich sogleich angenehm. Dein Bruder mochte mich absolut -nicht. Dein Vater war ein ganz scharmanter Herr. Wir hätten uns sogar -ausgezeichnet verstanden, wäre er nicht zufällig dein Vater gewesen. -So witterte er in mir den Feind. Daß wir beide uns fortan in dem Hause -der alten Musiknärrin auch gesellschaftlich begegneten, erleichterte -die Sache natürlich. Glaube mir, ich hatte nicht daran gedacht, -dich ins Unglück zu bringen. Erst, wie du mich um Hilfe gegen den -fürchterlichen Geldsack anflehtest, da erwachte, ich könnte kurz sagen: -die Ritterlichkeit! Es klänge großartig, stimmte aber nicht. Ich wollte -den schweren Kerl ausstechen. Daneben dich natürlich auch von einem -Los, das dir Grauen einflößte, bewahren.“ - -„Daneben -- wirklich.“ - -„Ja, so war’s! Dann kam alles ein bißchen anders. Du machtest -Dummheiten. Liefst kopflos von Hause weg, kamst zu mir als zu deinem -einzigen Freund und so weiter. Und zurück -- verzeihe mir, daß ich dies -ausdrücklich feststelle -- wolltest du unter keinen Umständen.“ - -„Ich dachte an eine Beschleunigung unserer Heirat. Denn für deine Braut -hielt ich mich. Hatte ich etwa kein Recht dazu?“ - -„Nach gut bürgerlichen Begriffen zweifellos! Künstleransichten sind -aber gemeinhin andere. Sage selbst, was sollte ich tun, wo du nun mal -da warst und mir erklärtest, lieber gingest du in den Tod, als zu -deiner lieben Familie zurück.“ - -„Höre auf, wenn du noch einen Funken Barmherzigkeit in der Seele hast.“ - -„Ich bin sogleich zu Ende. Ich war also nicht brutal genug, um dich -fortzuweisen. Schön, das war vielleicht mein Unrecht. Mehr Schlechtes -kann ich im Augenblick nicht zusammen finden.“ - -„Daß du weiter die verächtliche Komödie spieltest -- mir den festen -Glauben, ich sei deine verlobte Braut und sehr bald dein Weib, auch -vor dem Gesetz, nicht nahmst, indem du mir endlich von deinen älteren -Verpflichtungen sagtest.“ - -„Wäre das nicht mehr als grausam gewesen? Was hättest du darauf getan? -Bedenke, damals hießest du noch nicht Gretchen Müller. Du wärst ins -Wasser gegangen oder hättest sonst einen Gewaltstreich mit denselben -Folgen verübt.“ - -„Das wäre Barmherzigkeit für mich gewesen.“ - -„Ich empfinde es anders. Vielleicht wir Männer überhaupt.“ - -„Du hast tausend neuer Ausflüchte erfunden, um mir zu beweisen, daß -sich unserer ehelichen Verbindung immer neue Hindernisse in den Weg -stellten.“ - -„Die Gründe habe ich dir soeben klargelegt, mein Kind.“ - -„Höre damit auf. Warum hast du nicht wenigstens später die Wahrheit -gesagt?“ - -„Wann? Jedes weitere Zusammensein wäre damit zerschlagen gewesen. Du -wärst auch später wohl noch fortgelaufen und damals warst du körperlich -fast noch mehr erschüttert wie jetzt. Du mußtest erst wieder in die -Höhe kommen.“ - -„Nein, das ist nicht der Grund. Rücksichtnahme kennst du nicht. Du -hättest unumwunden ausgesprochen, wenn ich dich allmählich beschwert -hätte.“ - -„Man hat auch seine -- Anständigkeit.“ - -„Lasse sie mich endlich kennen lernen, damit meine Scham nicht so heiß -brennt.“ - -„Woher kennst du Eva von Ostried?“ - -„Vielleicht aus der Oeffentlichkeit -- vielleicht auch nicht. Laß dir -genügen, daß ich sie kenne.“ - -„Das Recht, sie beim Vornamen zu nennen, steht dir nicht zu. Sie ist zu -rein, als daß du --“ - -„Du bist ein Närrchen! Aber, rein ist sie wirklich. Darin hast du dich -diesmal nicht getäuscht.“ - -„Ich habe nur den Wunsch noch, daß du gehst.“ - -„Gleich -- gleich! Du hast mir also versprochen, daß du Eva von -Ostried niemals verrätst, was zwischen uns gewesen ist. Ich habe die -bestimmte Ahnung, als hätte andernfalls dein scheinbar recht angenehmer -Aufenthalt hier sein Ende erreicht. Und dann wieder bei Fretzburg u. -Sohn in die Putzabteilung zurück? Nee, weißt du -- übrigens würden sie -dich da gar nicht wieder einstellen.“ - -„Bleibst du jetzt noch eine Minute, so rufe ich um Hilfe!“ - -„Wer würde dich hören? Du siehst nach dem Fenster? Es ist unmöglich. -Aber ehe jemand erscheinen würde, wäre ich bestimmt verschwunden. -Und dann? Man würde dich einfach für geisteskrank halten. Zudem habe -ich nicht mehr vor, sehr lange zu bleiben. Nur eine Kleinigkeit will -ich noch schnell ordnen. In deinem Interesse, wie du mir hinterher -zugestehen wirst. Ich bitte dich, daß du jetzt zur Vernunft kommst. -Nimm an, ich käme erst in diesem Augenblick zur Tür herein und wäre -dir dankbar, weil du Eva von Ostried gegenüber den Mund zu halten -versprochen hast. Dir geht es schlecht. In diesem Gewand machst du den -Eindruck einer Nonne, die ihre Haube noch nicht aufgesetzt hat. Auch -sonst siehst du -- verzeih’ diesen Ausdruck -- etwas abgewirtschaftet -aus. Gefallen gegen Gefallen. Nimm diese Kleinigkeit. Mir macht es -nichts aus.“ - -Und er drückte ihr ein bißchen unter dem feinen Taschentuch geschickt -verborgen gehaltenes Päckchen mit Scheinen in die Rechte. - -Als sie das Knistern hörte, wurde sie leichenblaß. - -Lässig setzte er den Hut auf und nickte ihr zu. - -„Denk noch mal über alles nach und sei verständig, Lieselotte.“ - -Der Name brachte sie zur Besinnung. Matt hob sie die Hand mit dem Geld. -Er legte die seine darüber und zwang ihren Arm in den Schoß. Unter -seiner Berührung flammte eine purpurne Glut über ihr Gesicht bis zu dem -altsilbernen Haare hinauf. Dann hob sich die Hand noch einmal. - -Mit einer Kraft, die sie sich selbst nicht zugetraut hatte, schlug sie -in das leichtsinnige, schöne Männergesicht. Die Scheine umflatterten -ihn, lagen auf seinen Schultern, zu seinen Füßen. Mechanisch bückte er -sich und sammelte sie auf. Neben dem Spiegel, der zu beiden Seiten auf -rotgetönter Esche blanke, starke Kleiderhaken trug, hing die vergessene -Reitpeitsche eines Schülers, der einen eigenen Gaul besaß. Die riß die -bebende Mädchenhand herunter. -- - --- -- Dann war sie allein. - -Sie setzte sich wieder auf den Hocker neben die Truhe und rieb an ihrer -Hand herum, als müsse sie einen Schmutzfleck entfernen. Sie weinte -nicht. Sie nickte nur vor sich hin. Dann überkam sie jäh das Heimweh! -Nach der engen dunklen väterlichen Wohnung, die sie oft genug hatte -erdrücken wollen -- nach dem Vater selbst -- vor allem aber nach dem -Bruder. - -Daneben fühlte sie, daß dies unmöglich geworden war und von allen -Schmerzen, die auf ihr lasteten, erschien ihr diese Gewißheit als die -unerträglichste. Sie vergegenwärtigte sich das letzte, zukünftige -Leiden mit seiner verstärkten dem Wahnsinn nahebringenden Sehnsucht. -Und wußte doch, daß über ihre Lippen kein Ruf zu denen, die ihr einst -zugehört hatten, dringen würde. Sie mußte für immer einschlafen, -ohne an dieser Scham zu ersticken. Eva von Ostried, die Gütige, würde -liebreich ihre Hände halten -- wohl gar ihren Kopf auf das im letzten -Kampf wildschlagende Herz betten -- sie vielleicht sogar in die Arme -nehmen. Dann war alles aus und überwunden. - -Wenn sie Eva von Ostried alles vergelten könne, vorher! - -Ihr kam ein Lächeln, als sie diesen Wunsch empfand. Wie wäre das jemals -möglich? -- -- - -„Heute nachmittag werden wir beide ein richtiggehendes Fest feiern,“ -sagte Eva von Ostried, als sie, die sich sonst einer großen -Pünktlichkeit befleißigte, viel später wie gewöhnlich heimkam. - -„Darauf freue ich mich,“ erwiderte Gretchen Müller und ließ nichts von -den stechenden Schmerzen merken, mit denen sie zu kämpfen hatte. „Wir -lassen die Vorhänge herunter und dann singen Sie, ja?“ - -„Nein, meine Liebe, das werden wir nicht tun. Diesmal geht’s ins Grüne -hinaus. Jawohl! Wehren Sie nur ab, zucken Sie zusammen, als erwarteten -uns draußen eine Schar hungriger Wölfe. Ich bleibe steinhart. Wissen -Sie, was der Arzt sagte, als ich ihn Ihretwegen befragte: „In erster -Linie frische, gute Luft.““ - -„Ich habe heute lange Zeit auf dem Balkon zugebracht.“ - -„Ich will seine Vorzüge nicht verkleinern. Es ist angenehm, daß wir -ihn haben. Einen vollwertigen Ersatz bietet er nicht. Das habe ich -Ihnen übrigens schon mehrmals erklären wollen. Sie fanden aber stets -neue Schönheiten und Annehmlichkeiten heraus und ich war nach der Tage -Last zu müde, um Sie zu widerlegen. Aber heute! Wissen Sie, was wir -anstellen werden? Die elektrischen Bahnen sind überfüllt. Zum Wandern -ist es zu weit. Also nehmen wir stolz einen Wagen.“ - -Um keinen Preis wollte sie die feinfühlige Kranke merken lassen, daß -sie vor jeder Anstrengung ängstlich behütet werden mußte. Gretchen -Müller empfand es aber doch. - -Es war diesmal nicht Bescheidenheit, die sich ängstlich weigerte, -mitzutun, sondern die durch das heutige Erlebnis noch verstärkte Furcht -von früheren Bekannten oder gar von ihren nächsten Angehörigen gesehen -und erkannt zu werden. - -„Wenden Sie nicht ein, daß es eine arge Verschwendung wäre,“ begann Eva -von Ostried von neuem, „ich für meinen Teil bedarf dieser Abwechslung -wahrhaftig ebenso dringend. Natürlich wird die Fahrt zum Grunewald -hinausgehen. Irgend ein Tischlein am Wasser muß sich finden lassen. -Wir werden uns einbilden, daß wir im eigenen Park säßen und die -Dienerschaft ein wenig beurlaubt hätten, um recht ungestört zu sein.“ - -„Ich kann nicht mitkommen,“ sagte Gretchen Müller mit eintöniger, müder -Stimme. - -Da begriff Eva von Ostried, daß sie die Angst, die sich aus dem -Zucken der feinen Lippen offenbarte, beschwichtigen müsse. Jedes Wort -hätte geschmerzt. Jede Aufmunterung zur Beherrschung nur noch eine -vergrößerte Scheuheit hervorgerufen. Und sie wollte doch heilen. So -begann sie leise ein uraltes Reiselied zu summen: - - Wir ziehen vermummt durch Stadt und Land - Von Freund und Feinden unerkannt.. - Juvivallera -- Juvivallera -- -- - -„Ich kann nicht,“ wiederholte der blasse Mund. - -Das waren die Worte, die bisher Eva von Ostried als genügende Erklärung -angesehen hatte. Heute kämpfte sie dagegen an. - -„Ich meinte auch oft genug, daß sich etwas nicht zwingen ließe und es -geht dann doch.“ - -„Weil Sie nicht wissen, wie schwer eine Schuld lasten kann.“ - -Einen Augenblick sah Eva von Ostried zögernd zu Boden. Dann sagte sie -leise und schwermütig: - -„Doch, das weiß ich wohl.“ - -„Aber die brennende Scham kennen Sie nicht.“ - -„Für so wertlos halten Sie mich, Kind?“ - -„Nein,“ wehrte die andere erschrocken ab, „nur für nicht so tief -gesunken, als ich es bin.“ - -Einen Augenblick fühlte Eva von Ostried das Verlangen, sich dieser -Leidensgefährtin gegenüber auszusprechen. Es mußte unsäglich schön -sein, mit einander zu weinen. Dann empfand sie es als Schwäche, -überwand sie und sagte frisch und froh: - -„Die aufgezwungenen Liebesgaben, mit denen man, in bester Absicht zwar, -seinen lieben Nächsten quält, sind die gefährlichsten, glaube ich. Also -begrabe ich hiermit meinen Wunsch feierlich.“ - -„Ich bringe Ihnen nichts wie Enttäuschungen, Fräulein von Ostried.“ - -„Dies heute war wirklich eine. Aber jetzt ist sie überwunden. Sprechen -wir schnell von etwas anderem. Sehen Sie nur, Sie haben da Ihr -Taschentuch verloren, Kindchen.“ Und sie hob das feine Batistgewebe auf -und betrachtete es aufmerksam. „Es gehört Ihnen doch oder sollte es -einer aus der Schülerschar vergessen haben. Lassen Sie mich nach dem -Namen sehen.“ - -Gretchen Müller machte eine Bewegung, als wolle sie sich darauf -stürzen, um es Eva von Ostried zu entreißen, aber als trügen sie die -müden Füße nicht länger, ließ sie sich wieder auf den kleinen Hocker -sinken. - -„„P. K.“ ist es gezeichnet, Fräulein Gretchen? Ich kenne jemand, der -es verloren haben könnte, Fräulein Gretchen,“ sagte Eva von Ostried -ahnungsvoll. „Soll ich seinen Namen nennen oder -- wollen Sie es tun?“ - -Scham und Angst schüttelten den elenden Körper. - -„Ich will sterben,“ flehte das Mädchen. - -„Wird es Ihnen so schwer,“ fragte Eva jetzt. „Dann muß ich es wohl tun. -Nicht wahr, Paul Karlsen war hier -- bei Ihnen?“ - -Mit einem Aufschrei warf sich Gretchen Müller ihr zu Füßen und -umklammerte ihre Knie. - -„Muß ich jetzt fort?“ - -Hinter Evas Stirn fieberten die Gedanken, wie einst -- - -„Wer hat das Recht zu verdammen? Niemand auf der ganzen Welt! Auch -die, welche sich schuldlos wähnen, nicht.“ Sie neigte sich und zog die -Kniende sanft zu sich empor. „Du armes, armes Kind.“ - -In ihren Augen glühte keine Verachtung. Ihr Gesicht verzog sich nicht -zu unnahbarem Stolz. - -Es war eine alles begreifende und verzeihende Liebe darin! - -Das müde, gepeinigte Mädchen erkannte, daß Eva von Ostried jenen Mann -niemals geliebt hatte und dennoch voll die Macht begriff, die er besaß! - - - - -[Illustration] - - - - -14. - - -Vor das Hohen-Klitziger Herrenhaus rollte ein Landauer! Die rassigen -Köpfe zweier Blauschimmel verdunkelten plötzlich das Küchenfenster, -hinter dem die Mamsell das Futter für die jungen Puten zurechtknetete. -Sie wandte sich nach der einzigen ihr zur Verfügung stehenden Hilfe um, -die damit beschäftigt war, von einem Paar langschäftiger Stiefel die -Kotspritzer mit einem Holzspahn herunter zu kratzen. - -„Nee,“ dachte sie dabei, „die sieht kein bißchen proper aus,“ und -machte sich selbst zum Gehen bereit. - -Sie pochte an die zweite Tür neben der Küche, hinter welcher der -Klitziger Herr zur Sicherheit noch einmal die Seiten zusammenrechnete, -deren Ergebnis sein Bruder bereits festgestellt hatte. - -„Herr Amtsrat, die Waldesruher Schimmel halten vor der Treppe.“ - -Er sah flüchtig auf, ohne die Feder von den Zahlenreihen zu nehmen. - -„Ist wohl ein neuer Kutscher, der noch nicht weiß, wo der Dorfschmied -wohnt.“ - -„Ich glaube nicht, daß es neuer Hufbeschlag sein soll, Herr Amtsrat. -Der Schloßherr sitzt im Wagen.“ - -„So,“ sagte der alte Wullenweber nicht sonderlich interessiert, -„dann fragen Sie ihn nur nach seinen Wünschen. Ich wäre hier und für -dringende Sachen auch zu sprechen.“ - -Er blieb ruhig sitzen; aber er verrechnete sich. Sein verwittertes -Gesicht nahm einen unwilligen Ausdruck an. Bisher hatte es der Nachbar -nicht der Mühe wert gehalten, sich ihm in seinem Hause vorzustellen. An -der Grenze freilich wollte er es verschiedentlich tun. Dazu zeigte der -Amtsrat keine Neigung. - -Der Waldesruher Herr stand in dem Rufe, ein adelsstolzer, hochfahrender -Mann zu sein, der sich einsam hielt. Daneben war er aber auch -zweifelsfrei ein tüchtiger Landwirt und das nötigte dem Amtsrat einigen -Respekt ab. Es war keine Kleinigkeit gewesen, den zurückgekommenen -Acker und die verfallenen Katenhäuser in Ordnung zu bringen. - -Horst Waldemar von Ostried maß sieben Fuß. Also nicht in allen Fällen -konnte er dafür, wenn er über die meisten Menschen und Dinge fortsah. -In erster Ehe war er mit einer Gräfin Aschaffenburg vermählt gewesen, -die ihm keinen Erben geschenkt hatte. Seit ihrem Tode, der ein Jahr vor -der Uebernahme des Majorats Waldesruh erfolgte, befürchteten die Eltern -des nächsten Anwärters die Mitteilung seiner zweiten Heirat. - -Wie er sich jetzt vor dem Aelteren verneigte, bemühte er sich -augenscheinlich freundlich und herablassend zu sein. - -„Ich hatte es mir schon lange vorgenommen, Herr Nachbar.“ - -„Ja, so’n Weg von einem Kilometer will überwunden und vorher überlegt -sein, Herr Nachbar,“ nickte der Amtsrat mit belustigtem Lächeln. - -Der andere räusperte sich. - -„Ich komme mit einer Bitte, Herr Amtsrat.“ - -„Das habe ich mir denken können, Herr von Ostried.“ - -„Es handelt sich nämlich um die Adresse von der Tochter meines -Vorgängers.“ - -„So, Sie möchten wissen, wo sich Ihre Base Eva zur Zeit aufhält?“ - -„Ganz recht; daran wäre mir viel gelegen.“ - -Ein prüfender Blick strich über die mächtige Gestalt des Schloßherrn -hin. Sollte diese Frage etwa die Vorbereitung zu einer zweiten Ehe -sein? Es war, als ahne der Riese ähnliche Gedanken. Fast hastig gab er -eine Erklärung ab. - -„Wir müssen einen Familientag einberufen, zu dem -- unserm Hausgesetze -gemäß -- sämtliche Ostrieds gerader Linie eingeladen werden müssen.“ - -„Ich glaube, auf diesen Anspruch wird Eva von Ostried keinen besonderen -Wert legen.“ - -„Darauf kommt es nicht an. Es ist eine reine Formsache. Ich kann Ihnen -übrigens gern den Grund nennen, wenn es Sie interessieren sollte.“ - -„Bemühen Sie sich nicht. Ich mache mir nicht viel aus solchen -Geschichten.“ - -„Erlauben Sie mir, daß ich es trotzdem tue, um nicht für meine Person -in irgend einen unbegründeten Verdacht zu kommen.“ - -Der Amtsrat mußte wieder lächeln. Schlau war der Kerl entschieden. - -„Daß Sie sich daraus etwas machen, Herr von Ostried.“ - -„Die Tochter meines Vorgängers steht bei unserer ganzen Familie in -nicht sonderlicher Hochachtung.“ - -„Solange ich ihr Vormund gewesen bin, war nichts, auch nicht das -Geringste an ihrer Aufführung zu mäkeln.“ - -„Sie wollte doch -- äh -- zur Bühne.“ - -„Das meinen Sie damit? Ach so! Na ja, das beabsichtigte sie freilich -stark. Im Prinzip war ich auch dagegen, wie das ja die Verweigerung -meiner Erlaubnis bis zu ihrer Volljährigkeit bewiesen hat.“ - -„Darf ich also kurz referieren, Herr Amtsrat.“ - -„Wenn Sie es durchaus nicht anders tun. Bitte schön.“ - -„Ein Ostried-Javelingen hat kürzlich eine Eingabe um Verleihung -des seit fünfzehn Jahren nicht mehr zur Verteilung gelangten -Stiftungsgeldes für bedürftige Familienmitglieder gestellt. Zum -rechtswirksamen Gewähren ist nicht nur die schriftliche Zustimmung -sämtlicher stimmfähiger Ostrieds -- auch der weiblichen -- -erforderlich, sondern ihr Zusammenkommen an gemeinsamer Stelle zwecks -vertraulicher mündlicher Aussprache.“ - -„Jetzt fange ich an, die Notwendigkeit zu begreifen, Herr von Ostried. -Das muß sein, weil zu erwarten ist, daß dieser oder jener ein bißchen -Dampf vor einer Beleidigung oder Ablehnung mit Tinte hat.“ - -„Es gibt doch Sachen, die zu empfindlich sind, um sie -niederzuschreiben.“ - -„Gerade das habe ich gemeint. Da fliegt ein Wort in der Luft rum, die -Frauen flüstern es vielleicht bloß. Aber gehört und bewertet wird’s -jedenfalls. Und das mag schon genügen.“ - -„War Ihre Frau Mutter vielleicht --“ - -Der Amtsrat unterbrach ihn kurz. „Nein, durchaus nicht! Sie war -eine geborene Hafermatz aus Kölpin, Tochter des derzeitigen -Wirtschaftsbeamten. Meine Weisheit hat einen andern Ursprung. Ich -weiß das von einer, die auch mal um dieses Geld eingekommen ist, -weil damit ihr schwacher Körper wohl noch auszuheilen gewesen wäre. -Eva von Ostrieds Mutter hatte sich nämlich nach vielen und harten -Gewissensnöten zu diesem Ersuchen entschlossen. Sie tat’s ihrem Kinde -zu Liebe. Die Antwort war eine Woche später eine bestimmt verneinende.“ - -„Dann haben also bereits bei der Vorberatung, die schriftlich erledigt -werden kann, die Mehrzahl der Familienmitglieder den Antrag abgelehnt.“ - -„Jedenfalls wird es so gewesen sein.“ - -„Wir brauchen nicht Verstecken mit einander zu spielen, Herr Amtsrat. -Mein Vorgänger war kein Mann, dem man solche Zuwendungen machen durfte. -Unser Hausgesetz verlangt ausdrücklich einen tadellosen Charakter -oder um mit seinen Worten aus dem Jahre 1800 zu sprechen: Es muß eine -feine und ritterliche Familie sein, der früher und auch jetzo nichts -anzuhängen gewesen ist.“ - -„Sie sprechen da plötzlich von dem Manne. Ich habe nie gehört, daß dem -damaligen schönen Ostried irgend ein Organ schwach geworden wäre. Hier -handelte es sich um die Frau, die über jedem Zweifel erhaben stand.“ - -„Was der Mann tut, darstellt oder unterläßt, fällt in der Ehe allemal -auf die Frau zurück. Auch darüber gibt es natürlich Bestimmungen.“ - -„Ein schönes Familiengesetz, das so was vorschreibt.“ - -„Darüber wollen wir nicht streiten, Herr Amtsrat.“ - -„Sie haben Recht. Einem Gaul, der ein Kleber ist, bringt ja auch kein -Schenkeldruck von der Stelle, wenn er nicht schließlich selbst will.“ - -Das hochmütige Gesicht verlor nichts von seiner kühlen Freundlichkeit. - -„Für so eigensinnig hätte ich Sie nicht gehalten, Herr Amtsrat.“ - -„Das soll wohl eine Beleidigung sein,“ dachte der alte Wullenweber und -lachte vergnügt in sich hinein. „Mein Jungeken, damit hast du bei mir -kein Glück.“ - -Laut sagte er: - -„Ich bin sogar so eigensinnig, daß ich Eva von Ostrieds Vater nicht -mehr in mein Haus reingelassen habe, seitdem es mir keine Ehre mehr -sein konnte, mit ihm umzugehen.“ - -Der Hieb saß. - -„Aber seiner Tochter scheinen Sie erfreulicherweise die alte Zuneigung -erhalten zu haben,“ meinte der Schloßherr mit glatter Höflichkeit. - -„Zu der Tochter stand und stehe ich weiter in gar keinem Verhältnis. -Sie ist mir fremd geblieben. Was ich übernahm, tat ich lediglich für -ihre Mutter. Uebrigens weiß ich seit ihrer Volljährigkeit nur das eine, -daß sie seit dem Tode ihrer mütterlichen Freundin, irgendwo in Berlin -untergetaucht ist.“ - -„Auch die Adresse ist Ihnen unbekannt geblieben, Herr Amtsrat?“ - -„Noch gestern hätte ich das glatt verneinen müssen. Heute allerdings.“ - -Es klang zögernd. Aber der Schloßherr hat bereits das Notizbuch -hervorgesucht und netzte den Stift behutsam an den Lippen. - -„Ich war vorher noch nicht zu Ende gekommen, Herr Amtsrat. Ich lege -aus zweierlei Gründen großes Gewicht gerade auf diese Adresse. Erstens -ist anzunehmen, daß Fräulein von Ostried, wenn auch nur, um sich für -die Teilnahmslosigkeit unserer Familie zu rächen, widersprechen würde, -sobald sie etwas von dem ohne sie gefaßten Beschluß erführe.“ - -„Mein Gott, wie sollte sie davon hören.“ - -„Es könnte immerhin möglich sein. -- Der zweite Grund betrifft -sie selbst. Ich halte mich noch nicht befugt darüber zu sprechen. -Jedenfalls -- -- Also, wenn ich Sie jetzt bemühen darf, Herr Amtsrat.“ - -„So schnell geht das nicht. Sie denken wohl, ich brauchte sie ihnen so -ganz einfach bloß zudiktieren.“ - -„Etwas anderes zog ich allerdings nicht in Betracht.“ - -„Bedaure! Sie müssen sich noch selbst darum bemühen. Ich besitze -seit gestern nämlich lediglich die Möglichkeit, näheres über sie zu -erfahren. Mein Neffe, Rechtsanwalt Wullenweber, berichtet mir, daß sie -in einer geschäftlichen Angelegenheit seinen juristischen Beistand in -Anspruch genommen hätte. Seine Adresse ist zu Ihrer Verfügung.“ -- Der -Amtsrat nannte sie. - -„Haben Sie eine Ahnung, verehrter Herr Amtsrat, ob Ihr Herr Neffe ein -tüchtiger Anwalt ist?“ - -„Ich bin ebenso wenig Jurist, wie Sie, Herr von Ostried und unser -zuständiges Amtsgericht kenne ich, Gottlob, bisher nur von außen. So -viel weiß ich aber, daß der Justizrat, dessen Teilhaber er ist, einen -guten Namen und ungeheuren Zuspruch hat.“ - -„Das genügt mir völlig. Anläßlich des Familientages muß ich nämlich -einen Anwalt für bestimmte Zusätze und kleine Abänderungen in unseren -Statuten gewinnen.“ - -Er empfand es als angenehm, dies bei seiner Bitte um Eva von Ostrieds -Adresse nunmehr in den Vordergrund stellen zu können. - -„Wenn ich recht unterrichtet bin, haben Sie, Herr Amtsrat, als -einstiger Vormund und Bevollmächtigter von Eva von Ostrieds Vermögen -auch sehr wertvolle alte Möbelstücke aus dem Waldesruher Schloß zur -Aufbewahrung übernommen?“ - -Der Amtsrat lächelte grimmig. - -„Vermögen! Das klingt außerordentlich stolz. Wissen Sie zufällig, wie -hoch sich die Summe bezifferte?“ - -„Wie käme ich zu einer genauen Kenntnis. Wir mit dem gleichen Namen -hofften damals, daß sie jedenfalls zu einem standesgemäßen Unterhalt -ausreichen würde.“ - -„Nett von Ihnen! Sie hofften, leider, vorbei. Eintausend Mark waren’s!“ - -„Wie könnte sie sich damit durchgefunden haben?“ - -„Die Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Ich hatte die Ehre, eine -vortreffliche Frau, die ihr eine zweite Mutter geworden war, kurz vor -ihrem unerwartet eingetretenen Tode kennen zu lernen, und ging mit dem -berechtigten Gefühl von ihr, daß sie fraglos einen Teil ihres soliden -Reichtums meinem verflossenen Mündel überschriebe. Erst gestern teilte -mir mein Neffe mit, der übrigens diese Wissenschaft wiederum von dem -Notar und Freund der Toten, dem schon erwähnten tüchtigen Justizrat, -schöpfte, daß der plötzliche Tod sie daran gehindert haben müsse. -Jedenfalls ging Eva von Ostried leer aus. Aber Sie fragten auch nach -den alten Möbeln. Einen Augenblick! Bitte, hier ist das Verzeichnis. -Es sind Stücke von großer Schönheit darunter. Das Sterbezimmer ihrer -Mutter besitzt Eva bereits. Deren kleines Wohnzimmer -- übrigens -eingebrachtes und daher nicht zur Masse gehöriges Gut, wie auch jene -Sachen, die sich schon in Eva von Ostrieds Besitz befinden -- stellt -dies dar.“ - -„Ein offenes Wort, Herr Amtsrat! Sind diese kostbaren alten Stücke -verkäuflich? Ich weiß nicht, ob Sie ahnen, daß ich leidenschaftlicher -Sammler von altertümlichen Möbeln bin. Einen ebenso hohen Preis wie -jeder andere fremde Liebhaber würde ich natürlich auch anlegen.“ - -„Ich bin so ungebildet in diesen Sachen, daß ich nicht mal sagen kann, -ob das wirklich Altertümer in Ihrem Sinne sind. Nur das eine weiß -ich aus dem Mund von Evas Mutter, daß sie schon im Heim von deren -Großeltern gewesen sind.“ - -„Darf ich wissen, wie Sie über einen Verkauf denken, Herr Amtsrat?“ - -„Darüber habe ich nichts mehr zu bestimmen, Herr von Ostried. Als ihr -Vormund hätte ich einen besonders günstigen Verkauf, mit Rücksicht auf -die bestehende Vermögenslosigkeit, zweifelsfrei verantworten können. -Jetzt stehe ich kaum anders wie jeder Fremde zu der Besitzerin.“ - -„Könnten Sie mir wenigstens die Möbel zeigen, Herr Amtsrat?“ - -„Dazu wäre meine alte Klidderten nötiger als ich. Ich habe mich nur -bis zu dem Augenblick ihrer sicheren Unterstellung darum gekümmert. -Das Zudecken und Abstauben ist der Klidderten ihre Sache. Die wird -aber gerade mit dem Kochen zu tun haben. Eine Sache könnten Sie indes -ansehen. Evas Mutter machte sie mir zum Geschenk. Stil und Holzart -sind hier wie dort gleich. Sehen Sie dort, der Schreibtisch aus -italienischem Nußbaum.“ - -Es war ein wundervolles Stück mit reicher künstlerischer -Tiefschnitzerei. In Form und Art an die alten Zylinderbüros erinnernd, -die in keiner Großvaterstube zu fehlen pflegten. Nur, daß die Einlagen -über den reich geschnitzten Holzrändern aus Mosaikstückchen bestanden, -die sich zu kleinen, wirkungsvollen Bildern einten. Das runde große -Medaillon des Aufsatzes, das ein halbes Jahrhundert später, als Ersatz -des zerschlagenen Mosaikbildes eingefügt war, zeigte ein Pastellbild. -Ein namhafter Maler aus jener verzweifelten Zeit, in der Eva von -Ostrieds Mutter auf den Gedanken gekommen war, einen Teil des Schlosses -und des wundervollen Parkes erholungsbedürftigen Künstlern gegen -Entgelt zur Verfügung zu stellen, hatte es geschaffen. - -Der Schloßherr warf mit einer geschickten Bewegung das Monokle -in das kurzsichtige rechte Auge. Sein müder Blick belebte sich -auffallend. Der tiefe Durchzieher, mit der einst auf dem Heidelburger -Fechtboden erhaltenen blutroten Belehrung, daß auch nicht sonderlich -hochgewachsene Leute eine gute Klinge führen können, begann zu glühen. -Das Hochmütige in seinen Zügen verschwand. - -Als er nach langem aufmerksamen Betrachten den Kopf hob und die Hände -von der Schnitzerei nahm, war er ein ganz anderer wie zuvor. Es -bedurfte also nur des Aufflammens einer leidenschaftlichen Neigung, um -die oft genug abstoßend wirkende Tünche herunter zu bröckeln. - -„Ich würde Ihnen zehntausend Mark geben, wenn Sie mir dies Stück -überlassen könnten, Herr Amtsrat.“ - -„Es wäre mir auch nicht um das Doppelte feil, Herr von Ostried.“ - -„Soviel allerdings. -- Immerhin fordern Sie getrost. Wir werden uns -bestimmt verständigen.“ - -„Es ist unverkäuflich,“ entschied der alte Wullenweber kurz und zornig. - -„Sie sind doch aber gar nicht Sammler solcher Dinge! Was kann dies für -Sie für einen Wert haben?“ - -„Den da,“ sagte der Amtsrat einsilbig und legte den Zeigefinger -behutsam auf das Pastellbild. - -„Sehen Sie,“ frohlockte der andere, „damit wären wir uns schon -bedeutend näher gekommen. Dieses Bildnis würde ich sofort für Sie -entfernen lassen. Für meine Zwecke entstellt es das Ganze und -verringert seinen Wert erheblich.“ - -„S--o, das wäre also Ihre Ansicht?“ - -Der Schloßherr neigte sich zu dem Bild herab und schenkte ihm zum -ersten mal einige Aufmerksamkeit. - -„Wen stellt es dar, wenn ich fragen darf?“ - -„Frau von Ostried und ihre Tochter Eva.“ - -Noch einmal glitt sein Blick prüfend darüber hin. „Ich kannte die Frau -meines Vorgängers nicht persönlich,“ meinte er endlich und es klang wie -eine Entschuldigung. „Sie muß sehr schön gewesen sein.“ - -„Vielleicht befragen Sie deswegen die paar alten Leute, die sich ihrer -gewiß noch erinnern.“ - -Das klang eiskalt und schnitt eigentlich jede weitere Frage ab. Der -Schloßherr wollte es nicht empfinden. Er blickte immer noch, von -dem unvergleichlichen Reiz der beiden aneinandergeschmiegten Köpfe -gefesselt, auf das Bild von Mutter und Tochter. - -„Sie sind scheinbar ein Frauenverächter, Herr Amtsrat.“ - -„Wieso? Weil ich mich im ersten Augenblick von Ihrer Frage abgestoßen -fühlte? Sie sollen sich nichts falsches vorstellen. Für mich ist Frau -von Ostried die Schönste auf der ganzen Welt gewesen und geblieben.“ - -Er mußte dies sagen, weil er kein anderes Mittel kannte, um die ihm -zudringlich und lästig werdenden Fragen abzuwehren. Der Schloßherr -begriff. Es war alles durchaus verständlich. Der leichtsinnige -Schloßherr, der sich nicht um die Seinen bekümmert hatte, auf der einen -Seite. Dieser biedere, brave Mann, der gewiß nur seine Augen und Ohren -für die kränkelnde, vom eigenen Gatten vernachlässigte Frau bereit -gehalten, auf der andern! Dazu diese strenge Abgeschlossenheit von Welt -und Leben. - -Unangenehm blieb einzig, daß die Schönheit auf dem Pastellbild -den alten Namen trug wie er und der Kummersbacher, das Mitglied -des Herrenhauses auf Lebenszeit, und die Vettern Exzellenz, der -Generalleutnant und der Wirkliche Geheime Rat, sowie die andern -der Familie. Schließlich hätte man sich auch damit im Lauf der -Jahre abgefunden, wenn dies verblüffend reizende Gesicht neben der -großäugigen Frau, das irgendwo in Berlin herumlief, nicht immer noch -weiter zur Familie gehörte. Die Tatsache, daß Eva bei dem Einladen zum -Familientag unmöglich übergangen werden durfte, bewies es deutlich. Ein -Gesicht wie dieses, selbst wenn es den kindlichen Zauber eingebüßt, -machte es der Trägerin doppelt und dreifach schwer, ohne Aufsehen durch -die Welt zu kommen. - -„Wann haben Sie Eva von Ostried zum letzten mal gesehen, Herr Amtsrat,“ -forschte er aus diesen Gedanken heraus. - -Der alte Wullenweber fuhr erschrocken zusammen. So tief hatte er sich -mit der heraufbeschworenen Vergangenheit beschäftigt. - -„Bei ihres Vaters Begräbnis ist es gewesen. Hätte ich gefehlt, wäre sie -ganz allein neben dem Seelsorger hinter dem Sarg, hergeschritten. Denn -die Tagelöhner blieben aus Bescheidenheit eine halbe Meile zurück. Und -von den Nachbarn oder seiner Familie war niemand dabei.“ - -„Die Anzeigen von seinem Tod müssen sich verspätet haben. Vielleicht -sind überhaupt keine verschickt. Ich jedenfalls erhielt die Nachricht -erst durch meine Berufung zu seinem Nachfolger.“ - -„Also doch rechtzeitig,“ meinte der Amtsrat bitter und sah nach der -Uhr, die mit behaglichem Pendelschlag die kleine Pause belebte. - -„Ich habe nur einer Leidenschaft im Leben bisher nachgegeben,“ begann -er von neuem und diesmal leiser und weicher wie zuvor. „Ich verriet sie -Ihnen bereits. Schon in frühster Jugend war die Vorliebe für alte, -wirklich schöne Sachen so groß, daß ich mir jedes Vergnügen versagte, -um mich endlich in den Besitz eines ersehnten Gegenstandes zu bringen.“ - -„Verrückt,“ mußte der alte Wullenweber denken, aber es söhnte ihn etwas -mit diesem scheinbar kalten, wesenlosen Menschen aus. - -„Vielleicht sprechen Sie persönlich mit Ihrer Base, wenn Sie zu dem -hochwichtigen Familientage in Berlin sind,“ schlug er vor. - -„Vorläufig geht es mir um dies Stück.“ Und er fuhr, wie liebkosend, -über das edle, alte Holz. - -Ehe noch der Amtsrat die scharfe Erwiderung, die ihm dies taktlose -Festhalten auf die Lippen zwang, aussprechen konnte, fuhr er fort: - -„Ich würde Ihnen sehr gern durch einen Berliner Sachverständigen das -Pastellbild entfernen und in einen durchaus würdigen Rahmen bringen -lassen. Derselbe könnte mir auch den Ersatz für das Mosaikrund -besorgen. Ihnen ginge nach Ihren eigenen Worten durch die Hingabe des -alten Stückes selbst nicht allzu viel verloren. Mir aber täten Sie -einen großen Gefallen. Wollen Sie nicht wenigstens die Güte haben, sich -meinen Vorschlag zu überlegen?“ - -„Eine Gegenfrage,“ sagte der Amtsrat und seine Stimme klang stahlhart. -„Was würden Sie sagen, läge die Geschichte umgekehrt? Sie wollten aus -einem für Sie wichtigen Grunde nicht und der andere -- nun -- der hörte -eben nicht auf zu drängen. Sie würden mich aufrichtig verbinden, wenn -ich das wissen dürfte, Herr von Ostried!“ - -Mit einem Schlage verwandelte sich das Gesicht des Majoratsherrn -wiederum in das unbeweglich hochmütige. Das Monokle hüpfte mit feinem -Klingen gegen einen Kopf des tadellos sitzenden Besuchsrockes. Die -blassen, kühlen Augen schauten von neuem wie aus einer Maske. Er nahm -die Hacken zusammen und verneigte sich leicht. - -„Verzeihung, wenn ich aufdringlich erschienen bin. Sie haben natürlich -recht. Ich würde mir das ebenfalls verbeten haben. Nun, mein Agent in -Berlin wird ja wohl ein ähnliches Stück auftreiben können.“ - -Er reichte dem Amtsrat die Hand hin. - -„Ich habe Sie ungebührlich lange aufgehalten, Herr Amtsrat!“ - -Seine Bewegungen waren wieder gemessen und herablassend. Eine jede -schien das aufrichtige Bedauern auszudrücken, daß er sich mit dem -ungefälligen Nachbar überhaupt eingelassen hatte. - --- Der Abschied war schließlich fast hastig. - -Wenn es einmal und zwar schüchtern gegen die Küchentür stieß, dann war -es Filax, der alte Stubenhund, den ein beständiger Hunger plagte. Wenn -es zweimal und zwar mit einem donnerähnlichen Geräusch dagegen krachte, -war es der Major a. D. Wullenweber, der die alte Klidderten anschnauzen -wollte. - -Auguste, die fahrige blutjunge Deern, duckte sich jedesmal bei -Beginn des Polterns ängstlich zusammen. Die Mamsell jedoch öffnete -unerschrocken, wenn auch voller Behutsamkeit, damit der Draußenstehende -nicht etwa von einem heftigen Anprall umgeworfen würde und sagte -freundlich: - -„Ja, Herr Major, heute wird’s zehn Minuten später mit den frischen -Kartoffeln. Der Waldesruher Herr war bei uns.“ - -„Wenn Sie „frische Kartoffeln“ sagen, klingt das noch großartiger als -wenn seiner Zeit der Oberkellner in Esplanade meinetwegen „frische -Austern“ lispelte,“ höhnte er poltrig und unzufrieden. - -„Ich kenne bloß Dabersche und denn magnum bonum und die kleine blaue -frühe, denn von der weißen halt’ ich nichts. Austern bauen wir hier gar -nich.“ - -„Sie sind ein Kamel, Klidderten.“ - -„Denn müßt ich ja wohl in die Wüste, Herr Major. So ist mir das von -meiner Jugend her erinnerlich. Und denn kriegten Sie alle überhaupt -nichts warmes auf den Tisch.“ - -„Nun schweigen Sie endlich still. Wenn man schon nichts zu essen -bekommt, muß man wenigstens einen ordentlichen Tropfen trinken. -Nehmen Sie mal Vernunft an, Fräulein Kliddert. Eine einzige Flasche, -Mamsellchen. Na los.“ Sie kam ein wenig näher. Aber doch nicht -mehr, wie auf fünf Schritt Distanz. Dann ließ sie die angeborene -Bescheidenheit halt machen. - -„Begucken Sie sich bloß mal im Spiegel, Herr Major. Ist das nicht eine -wahre Freude mit Ihnen? Sehen Sie vielleicht aus wie einer, der in -die Sechzig will? Wirklich nicht. Von der dummen Krankheit, als Sie -gerade angekommen waren, ist keine Spur mehr zu merken. „Klidderten,“ -hat neulich der Waldesruher Gärtner zu mir gesagt, denn er kommt jeden -Donnerstag aus alter Gewohnheit auf einen Schwatz in die Küche. „Was -ist das für ein Kavalier mit dem feinen Spitzbart --“ - -„Hören Sie schon damit auf,“ murrte der Major, aber in seiner Eitelkeit -freute er sich kindisch darüber. - -Die alte Klidderten schielte nach der andern Seite des Hauses hin, von -welcher ihr der Amtsrat zu Hilfe kommen sollte, denn die Blauschimmel -waren schon angetrabt. Dann war für diesmal wieder alles ausgestanden. -Vor dem Bruder schwieg der Herr Major davon! - -Aber der Hohenklitziger Herr stand versonnen und sah dem davonrollenden -Gefährt mit gefurchter Stirn nach. - -Die Gedanken schossen ihm wild durch den Kopf. - -„Wenn der das Mädel in Berlin kennen lernen sollte und sie gefällt -ihm und er kriegt doch vielleicht nicht von seinem Agenten den -ähnlichen alten Schreibtisch und er denkt dann so nebenbei dran, daß es -vielleicht hübscher und angenehmer wäre, der jetzige Anwärter erbte das -Majorat nicht, sondern sein eigenes Fleisch und Blut und sie sagt „ja“, -denn wie sollte ein armes Ding wohl den Mut zu einem „nein“ finden.“ - -Aergerlich wandte er sich herum. Was ging ihn dies alles an? Hatte er -sich die letzten Jahre überhaupt um das Mädel -- die Eva -- gekümmert? -Trotzdem sie die Tochter der geliebten Frau war. Dumme Ausrede, daß -er an die Erbschaft durch die Präsidentin und ihr gutes Auskommen -felsenfest geglaubt hatte. - -Ein Mann in seinen Jahren glaubt nur das, wovon er sich auch überzeugt -halten darf. Erst der Junge, der Walter, mußte sie ausfindig machen, -ehe er an sie dachte. - -Gedankenlos war er weiter gegangen und stand nun vor der alten -Klidderten, die ihm heftig zublinkte. Diese Sprache begriff er -ausgezeichnet. Seitdem sich sein Bruder damals nach dem glücklich -überstandenen Schlaganfall zum Hierbleiben entschlossen hatte, stand -sie ihm auch hierin getreulich zur Seite. Es kamen immer wieder Tage, -in denen der Major ein unbändiges Verlangen nach den Dingen trug, -durch die er sich bis jetzt seine Vergnügungen verschaffte. In dieser -Abgeschlossenheit wäre ihm höchstens ein guter, alter Tropfen aus dem -Keller mit der lebensgefährlichen Treppe erreichbar gewesen. Er selbst -war aber nicht imstande, die schwindelnde Stiege hinabzuklimmen und die -alte blödsinnige Gans, wie er sie soeben bei sich nannte, tat ihm nicht -den heimlichen Gefallen. - -Da sprach ihn der Amtsrat an: „Du hattest heute früh einen Brief von -Walter, nicht wahr?“ - -Der Major brummte eine Erwiderung die unverständlich blieb. - -„Sonderbar,“ wunderte sich der Amtsrat, „weil er doch gerade erst -gestern an mich geschrieben hatte.“ - -„Wieso sonderbar? Kann er nicht auch mal ausnahmsweise was mit seinem -Vater zu bereden haben?“ - -„Natürlich. Er betonte aber gerade zu mir, wie knapp seine Zeit -geworden sei.“ - -„Wenn dich die Neugier sticht, kannst du den Brief nachher lesen.“ - -„Du weißt genau, daß es etwas anderes ist!“ - -„Meinetwegen. Du hör’ mal,“ und er zog den Amtsrat bei Seite wie ein -Kind, das etwas Heimliches zu sagen hat, vor dem es sich im Grunde -genommen, ein wenig schämt, „befiehl doch mal deiner verehrten -Scharteke da, daß sie uns eine von dem herben Ungar raufholt. Frage -nichts. Gib auch keine Lehren. Tu mir mal ausnahmsweise den kleinen -Gefallen.“ - -Der Amtsrat hatte eine heftige Ablehnung bereit. Als er aber das alte, -bittende Gesicht sah, überkam ihn eine eigentümliche Weichheit. - -Schließlich war es keine Kleinigkeit, daß der Bruder Leichtfuß seinen -tiefgewurzelten Widerwillen gegen die ländliche Stille überwunden und --- seinem Ehrenwort getreu -- ohne neue Schulden zu machen, bei ihm -ausharrte. Er tuschelte mit der Klidderten. - -„Schön, holen Sie eine rauf. Wir haben ja ohnehin noch fünfzig von der -Sorte.“ - -„Aber, ihn bloß nichts davon merken lassen, Herr Amtsrat.“ - -„Wenn Sie sich nicht verplappern, Klidderten.“ - -„Wo werd’ ich denn. Ich bleibe dabei, daß es im Ganzen überhaupt bloß -noch zwei waren. Eine wurde ausgetrunken, als Herr Walter das letzte -mal bei uns war. Nu is denn keine einzige mehr da. Bloß noch der -Säuerling, den ich für’s Wildragut gebrauche.“ - -Mit verständnisvollem Lächeln verschwand sie hinter der schweren -Küchentür. -- Der Amtsrat trank kaum ein halbes Glas von dem -goldklaren, alten, schweren Sorgenbrecher. Daß er ihm Bescheid -tun sollte, verlangte der Major auch gar nicht. Er selbst sog mit -geschlossenen Augen in kleinen, schmatzenden Zügen. - -In der Mitte des Tisches dampften die frischen Kartoffeln mit einer -reichlichen Beigabe grüner Petersilie. Neben jedem der beiden Gedecke -duftete eine kräftige Scheibe Bratspeck. Dazu stand -- wie gewöhnlich --- ein Topf mit köstlicher Buttermilch bereit. Der alte Offizier wurde -wieder jung, leichtsinnig und prahlerisch. - -„Als ich bei den Kürassieren in Dernburg stand, kriegte ich von zarter -Hand ganze Körbe voll Champus. Bedankt habe ich mich nie. Bei wem denn? -Man ahnte natürlich. Das Nest war ja klein. Aber die Eifersucht unter -der edlen Weiblichkeit war zu groß geworden. So war’s schlauer, ich -stellte mich unwissend.“ - -Der junge Kürassierleutnant hatte sich dann in die Infanterie stecken -lassen müssen. Wegen Schulden natürlich. - -„Zuerst dachte ich mir das gräßlich. Hatte Selbstmordgedanken. -Schließlich machte sich’s ganz nett. Mädelchen waren da noch viel -aufmerksamer und verliebter.“ - -Als Hauptmann der Infanterie kam er auf der Treibjagd zu dem, was er -sein Unglück nannte. - -„Alles vorbei. Es war zum Rasendwerden. Man war niemand mehr.“ Seine -Ehe hatte er vergessen. Sie war ja auch nur kurz gewesen. -- In der -Flasche schimmerte der Boden mit dem Rest des Goldenen. -- - -„Doch -- die Kinder! Vater spielen will gelernt sein. Mir lag’s nicht. -Der Junge war mir zuweilen direkt peinlich mit seiner unbequemen Art zu -gucken und Fragen zu stellen. Aber -- das Mädchen.“ - -Der letzte Tropfen hing schwer an seinem grauen Bart, den der -Haarkünstler nun nicht mehr ausbesserte. Ihn stieß das Elend. - -„Daß du’s weißt, ich bleibe nicht länger hier. Morgen früh geht’s -weg. Kannst du mir das verdenken? Zwei reichliche Jahre immer bloß -Buttermilch und die Faltenschnute von deiner Klidderten. Daß man das -überhaupt geschafft hat. Nie raus aus der Bude. Immer hinter den -Rechenbüchern und dabei noch das Gefühl, als mache der erste beste -Quartaner die Geschichte besser. -- Jetzt geht in Berlin nach dem -toten Sommer das Leben wieder los. Auf der Tauentzienstraße, weißt du! -Mädelchen gibt’s da. Einfach süß. Wenn ich im Wagen oder wo am Fenster -sitze, mache ich immer noch eine gute Figur. Und die kleine Weinstube -beim Anstermeier. Piekfein. Und anständig. Niemals mahnen die. Bloß -einmal im Jahre, wenn’s einem natürlich am wenigsten paßt, erinnern sie -bescheiden. -- Uebermorgen kann ich schon drin sitzen. Gleich nachher -will ich dem Jungen telegraphieren. Du läßt’s zur Post besorgen. Das -werd’ ich ja wohl noch verlangen können.“ - -Der Amtsrat hatte zugehört, ohne einmal den Schwall der Worte zu hemmen. - -„Du wolltest mir Walter’s Brief geben,“ sagte er nur, als der Major -endlich verstummt war. - -„Den Brief? Richtig. Hier ist er!“ - -„Ich werde ihn dir noch einmal vorlesen.“ - -„Nicht nötig. Habe mich bereits selbst genügend von seinem Inhalt -unterrichtet.“ - -Der Amtsrat bedachte den Einwand nicht. Er wußte, daß die Erinnerung an -das gegebene Wort auftauchen und zurückreißen würde. Halblaut begann er: - - „Lieber Vater! Soeben habe ich die letzte Rate deiner Schulden - getilgt. Es ließ sich also, wider Erwarten, schnell erledigen. - Justizrat Weißgerber zahlte mir, als auch in letzter Instanz der - Millionenprozeß, von dem ich das letzte mal erzählte, zu unsern - Gunsten entschieden wurde, zwei Drittel des in diesem Falle von - unserem Klienten versprochenen Extrahonorars aus, weil ich die - ganze Mühe damit gehabt. - - Freilich bin ich zur Zeit selbst völlig blank. Ich habe mein halbes - Vierteljahrsgehalt noch dazu gelegt, um endlich frei zu sein. Nun - mache ich dir einen Vorschlag. Willst Du durchaus wieder nach - Berlin, sollst Du wissen, das Du mir willkommen bist. Es kann jetzt - in jeder Beziehung besser, wie früher, für Dich gesorgt werden. Nur - mußt Du mit Deiner Reise bis zum nächsten Quartal warten, damit ich - Dir genügend Geld schicken kann. Hast Du noch selbst von Deiner - Pension zur Verfügung, teile mir das mit. In diesem Falle stände - Deiner früheren Rückkehr, wenn sie Dir wünschenswert erscheinen - sollte, nichts mehr im Wege. - - Dein Sohn Walter.“ - -Ohne eine Bemerkung reichte der alte Wullenweber das Schreiben zurück. -Seine Augen brannten wie nach einem Erntetag mit heftigem Ostwind bei -reichlicher Sonne. Schweigend steckte auch der Major den Brief in die -Tasche. Geflissentlich sahen sie aneinander vorbei. - -„Ich will mich noch eine Viertelstunde auf’s Ohr legen,“ meinte endlich -der Amtsrat und erhob sich. - -Da langte auch der Major nach seinen Stöcken. - --- -- Der alte, schwere Goldene hatte ausgewirkt. Aber der feste Wille -zur schleunigen Rückkehr nach Berlin lebte weiter. Das Kursbuch mußte -herhalten. - -„Hier war man ja doch schon mit den gefräßigen Spatzen munter. Also -- -los. Morgen früh um sieben Uhr! Und keine Stunde zugegeben!“ - -So stand’s auch in dem Telegramm an Walter Wullenweber zu lesen. Der -Major kniffte es sorgfältig zusammen. Jetzt würde man endlich bald -wieder ein Mensch werden! - -Er stelzte in die weißgetünchte Schlafkammer von damals, die er immer -noch inne hatte. An der dünnen Bretterwand hing jetzt das Bild seines -Kaisers zwischen den beiden toten Majestäten, denen er ebenfalls seinen -Treueid geschworen hatte. - -Als sein Sohn mit ihm redete -- jawohl, so stimmte es. Der mit ihm, -denn er spielte nur den stummen, gequälten Zuhörer -- war die Wand noch -leer gewesen. - -Damals wurde auch ein Treueid geschworen. - -Dachte er denn daran, ihn zu brechen? War es diese Einsamkeit, die ihn -nach innen sehen ließ. Das Alter oder das andere? - -Die verlorene Tochter -- seines Lebens Lust und Stolz. - -Er las plötzlich aus einem Buch mit erhabenen Lettern. - -„Eines Tages werde ich meinen letzten Treueid brechen, wenn ich nach -Berlin zurückkehren sollte!“ - -Die Erkenntnis erfüllte ihn mit Abscheu gegen sich selbst. - --- An diesem Nachmittag saß er nicht hinter den Rechenbüchern. Er -stolperte im Garten herum, entdeckte noch etliche Aepfel in verwegener -Höhe und schimpfte mit Karl Pergande, dem Fünfzigjährigen, der das -Jungvieh unter sich hatte. -- -- - -Bei der Abendpfeife auf der Veranda tippte er dem Bruder auf die -Schulter. - -„Berlin paßt mir doch nicht mehr. Es ist zu laut, zu eng und zu teuer -für unsereins. Wenn du nichts dagegen hast, bleibe ich hier.“ - -Der alte Amtsrat paffte sich in eine undurchsichtige Wolke hinein. - -„Ist mir auch viel angenehmer,“ sagte er kurz. „Am Sonntag kommt -ohnehin der Pferdehändler aus der Stadt mit zwei angeblich fünfjährigen -Braunen. Die mußt du dir eingehend ansehen. Ich allein trau mir das -Geschäft nicht zu, denn der Hallunke tattert sehr geschickt.“ - --- Sie waren an diesem Abend durchaus nicht herzlicher wie sonst -zusammen. - -Und dennoch fühlten sie sich beide zufrieden und ruhig, daß es nun -entschieden war. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -15. - - - „Du bittest mich um eine vertrauliche Auskunft über das Vermögen - meines einstigen Mündels Eva von Ostried?“ schrieb Amtsrat - Wullenweber an seinen Neffen. „Das verstehe ich nicht. Neugier sähe - Dir unähnlich. Beabsichtigt ihr etwa Dein Justizrat Zuwendungen - zu machen? Notwendig hätte sie das sicher. Denn ihr gesamtes - mütterliches Erbe, das ich am Tage ihrer Volljährigkeit Frau - Präsident Melchers für sie übergab, betrug nur eintausend Mark. - Hätte ich geahnt, daß die wackere Frau unerwartet schnell, und - zwar mit dem von Dir erwähnten, für Eva von Ostried sehr traurigen - Ergebnis sterben mußte, hätte ich doch die Tochter ihrer Mutter - in ihr gesehen und mich auch nach der erfüllten Pflicht um sie - gekümmert. Ihr jetzt noch, nachdem sie sicher das Schwerste hinter - sich hat, zu schreiben, widerstrebt mir. Wohl aber möchte ich sehr - gern wissen, ob ihr Hilfe erwünscht wäre. Ich weiß nichts über - ihr Leben und Wirken. Wäre es nicht das Einfachste, Du zögest - Erkundigungen über ihre Lage ein? Geben sie irgendwie zu meiner - Unterstützung Anlaß, werde ich mich mit ihr stets in Verbindung - setzen. Laß es Dir durch den Kopf gehen und gib mir Bescheid, - sobald Du etwa erfährst, daß es ihr kümmerlich ergeht. Im anderen - Falle ist die Sache ja ohnehin auf das Beste erledigt. - - Dein Vater wird Dir inzwischen selbst seine Absicht, Hohen-Klitzig - nicht mehr zu verlassen, mitgeteilt haben. Daher mußte sich - mein Verhältnis zu ihm, von innen heraus, bessern. Erlauben Dir - die Geschäfte und die Gesundheit Deines Justizrats eine kurze - Ausspannung, so weißt Du, daß Du mit Deinem Besuch stets erfreust - Deinen - - getreuen alten - Wilhelm Wullenweber.“ - -Der junge Anwalt las diesen Brief mit einer Empfindung, die ihm im -Augenblick noch unklar war. Er spürte nur, daß ihn der Inhalt unruhig -machte. - -Seitdem Justizrat Weißgerber ihm von Eva von Ostrieds schwerer -Enttäuschung bei dem Tode der Präsidentin gesagt, ihre Verzweiflung -und Kämpfe geschildert, brachte er die Frage nicht mehr zum Schweigen, -woher sie nun doch gleich darauf das Geld zu weiteren Studien genommen -haben könnte... Ihre Schönheit wirkte, auch in der Erinnerung, in alter -Stärke auf ihn. Er empfand sie als das Vollendetste, das er jemals -gesehen hatte. Wie er, würden auch andere fühlen. Und ihr Bild trat -ganz scharf vor ihn hin. Er sah wieder ihr Erröten -- den Glanz ihrer -großen, sprechenden Augen und fühlte das leise Beben ihrer Hand in der -seinen, und seine Unruhe wurde zur heißen Sehnsucht nach ihr! Aber nach -üblichen Begriffen kannten sie einander ja kaum! - -Gestern war ihr Herr Alois Sendelhubers erneuter Bescheid -zugestellt. Walter Wullenweber hatte schließlich doch kurzweg einen -Entschädigungsanspruch in jeder Höhe abgelehnt und ihr, bei einem -Beharren seiner Forderung, auf den Weg der Klage verwiesen. Darauf -hatte sich der schlaue Agent, der sich Eva von Ostrieds ihm besonders -wertvoll dünkende Kundschaft auf keinen Fall verscherzen wollte, zur -postwendenden „ausnahmsweisen“ Lösung des Vertrages -- bezüglich -des strittigen neunten Novembers -- verstanden. Somit war diese -Angelegenheit erledigt und nichts stand mehr aus, als die Entrichtung -der entstandenen Unkosten von Seiten der Anwälte, die der Justizrat -Weißgerber, nach Kenntnis der Angelegenheit, jedoch unberechnet zu -lassen wünschte. Das schwache Fädchen, an dem er sie gehalten, war -damit zerrissen. - -Sie aber nie wiederzusehen, erschien Walter unmöglich. Er setzte sich -an den Flügel und versuchte die kleinen Lieder zu spielen, die ihm sehr -einsame und verzagte Stunden einst als Tröster geschenkt hatten. Seine -Sinne blieben nicht bei den Tönen. Sie irrten ab und verlangten nach -dem Leben. - -Die alte Pauline brachte einen Brief herein. Sie verweilte noch wenig -im Zimmer, wie sie das auch bei der Präsidentin getan hatte. - -„Herr Rechtsanwalt, ich hab’ neulich nun doch unserm Fräulein -geschrieben.“ Für sie stand Eva von Ostried längst wieder in der -Gegenwart genau wie einst. Er hielt die Blicke beharrlich gesenkt, als -könne sie sonst seine Gedanken lesen. - -„Was hatten Sie ihr denn Wichtiges mitzuteilen, Pauline?“ - -„Nun, wie es mir indessen gegangen is und wie gut ich es auch wieder -bei Ihnen habe.“ - -„Das wird nicht alles gewesen sein, obschon es, was meine Person -anlangt, bereits zu viel ist,“ sagte er mechanisch und sah interesselos -auf den Brief. - -„Sie haben Recht. Die Hauptsache hab’ ich verschwiegen. Ich möchte doch -so gern wissen, wie sie wohnt und wie sie alles angefangen hat. Ach, -Herr Rechtsanwalt, warum kommt’s meist ganz anders, wie man denkt? -Ich hänge ja so sehr an ihr und hab’ mir damals beim Abschied fest -eingebildet, wüßt’ ich mal erst, wo sie wohnte, liefe ich auch gleich -hin. Denken Sie an, ich war auch wirklich schon mal da. Gleich, nachdem -ich von Ihnen die Adresse gehört hab’.“ - -Sie stockte und sah von ihm weg. - -„Wann war das ungefähr, Pauline?“ - -„Heute vor zwei Wochen, Herr Rechtsanwalt!“ - -„Warum verschwiegen Sie mir das?“ - -„Ich war so von Herzen betrübt, Herr Rechtsanwalt.“ - -„War sie unfreundlich zu Ihnen?“ - -„Ach, ich hab’ sie gar nicht gesehen!“ - -„Das verstehe ich nicht!“ - -„Mir war’s selbst, als könnte das nicht mit rechten Dingen zugehen. -Bloß bis an ihre Tür bin ich gekommen.“ - -„Sie können mir alles sagen, Pauline. Ja, ich bitte Sie sogar herzlich -darum.“ - -„Ich hab’s gleich gefühlt, daß Sie einen guten Begriff von ihr haben, -Herr Rechtsanwalt. Und so sehr hab’ ich mich darüber gefreut.“ - -„Nun, dann erzählen Sie einmal!“ - -„Es ist schnell erzählt. Ich wußte doch nicht Bescheid und befragte -mich erst unten beim Hauswart. Da war eine drin, die mir gleich -erzählte, daß sie mal bei unserm Fräulein in Stellung gewesen. Sie -gefiel mir auf den ersten Blick nicht. Ach, Herr Rechtsanwalt, wenn Sie -wüßten, was ich von der zu hören gekriegt hab’.“ - -„Es wird nicht schlimm sein,“ meinte er. Aber in seiner Stimme zitterte -die Angst vor den nächsten Minuten. - -„Doch! Ein Freund von unserm Fräulein soll der Person regelmäßig Geld -gegeben haben, damit sie nicht zu hungern brauchte. Aber nun ist er -plötzlich gestorben, in München, wo sie gerade ein Konzert gegeben -hat. Und nun sollte überall geknapst werden und das Fräulein sei -ihr noch obendrein dumm gekommen, als ob sie was dafür könnte, daß -sich noch kein neuer Freund gefunden hätt’. Solche Gemeinheiten bloß -auszusprechen, nicht wahr? Ich kenn’ doch unser Fräulein! Freude hat -sie wohl dran gehabt, wenn ihr einer nachgesehen hat. Wozu hätt’ ihr -der liebe Gott denn auch sonst all die Schönheit gegeben? Aber stolz -und rein ist sie immer gewesen. Das kann sich bei ihr einfach nicht -ändern. Und man hört ja schön die Lügerei heraus. In München soll sie -gesungen haben, gerade als der Freund sterben mußte. Und unser Fräulein -hätt’ schrecklich nachher geweint. Erzählt hätte sie nichts näheres -davon; bloß, daß er nicht mehr Sonntags und auch so kommen könnt’, -weil er eben tot wäre. -- Aber irgend eine andere Person aus ihrem -Hause hat eine Zeitung angebracht. Da hat alles drin gestanden. Sogar -sein Namen. Und unser Fräulein soll ausdrücklich auch erwähnt sein als -eine, die ganz untröstlich gewesen ist, als sie seine Leiche gebracht -hätten. Und jetzt wäre ein Mädchen bei ihr. -- Bestimmtes wisse man ja -wohl nicht. Aber, wenn sich eine niemals an die Sonne traute, keinen -Menschen ohne Verabredung zur Tür reinließ und immer so scheu wie ein -Hund rumkröche -- denn könnte man sich schon allerlei denken. Der -Doktor, der die Hausmeisterkinder bei der Grippe behandelt hat, soll -zu irgendwem geäußert haben, daß sie den nächsten Kuckuck wohl nicht -mehr hören würde. Und wenn so eine dennoch gehalten würde und verwöhnt -und verhätschelt dazu, wie die Hausmeistertochter, die oben aufwartet, -erzählt, denn wüßte man schon genug.“ - -„Und Sie haben das alles doch geglaubt, Pauline! Sonst hätten Sie nun -gerade zu ihr hinauf müssen und sie befragen. Ja, das durften Sie nach -der langen zusammenverlebten Zeit ganz gewiß.“ - -„Ich mußte weinen,“ sagte sie still. „Ich war zu unglücklich von dem -Getratsch, Herr Rechtsanwalt, wie ich schon gesagt hab’.“ - -„Sie werden noch einen anderen Grund gehabt haben,“ meinte er. „Auch -Ihre Ehrbarkeit hat sich gegen diesen Besuch gesträubt?“ - -Ihr Gesicht war ganz blaß geworden. - -„Das versteh’ ich wohl nicht richtig!“ - -„Nun, Sie hielten sich, nach dem Gehörten, wohl für zu gut, um Fräulein -von Ostried noch zu besuchen.“ - -Sie stieß einen leisen Schrei aus. - -„Bei Gott, das war’s nicht!“ - -„Was könnte es anders gewesen sein?“ - -Sie suchte nach den rechten Worten. - -„In meiner Jugend war ich sehr hitzig und auch jetzt noch geht nicht -alles so still zu, wie sich das wohl eigentlich für mein Alter ziemen -tät’. Dafür kann einer nichts, glaube ich. Ich war so voller Gift und -Galle, daß ich meine Hände kaum stillhalten konnt’. Die wollten der -lügnerischen Person an den Hals. -- Und so hätt’ ich zu ihr reinkommen -sollen? Das wurde mir klar, als ich vor ihrer Tür stand. Verstellen -kann ich mich nicht; sie überhaupt würde gleich gewußt haben, daß -etwas vorgekommen wär’. Und wenn sie mich angesehen und auf’s Gewissen -gefragt hätt’, ja, Herr Rechtsanwalt, dann wär’ bestimmt alles -- -aber auch alles -- rausgesprudelt. Hinterher hätt’ ich mich prügeln -können, soviel es mir paßte. Was gesagt war, blieb! Und wenn ich’s -hundertmal widerrufen und bedauert hätt’. Den Schmerz wollte ich unserm -Fräulein nicht antun. Darum bin ich eins -- zwei -- drei wieder die -Treppe hinunter und habe mich unten auf der Straße erst mal richtig -ausgeweint. Am nächsten Tage wußte ich, daß alles Lüge war von Anfang -bis zu Ende. Aber wie das alles zusammenhängt, kann ich nicht wissen.“ - -Er sah starr geradeaus. Den Zusammenhang, den Pauline nicht zu finden -vermochte, den fand er leicht. Er sah ein armes, schönes, schwer -enttäuschtes Mädchen ohne Schutz und Rat. Die Folgen waren unschwer zu -erraten und wer dürfte darum verurteilen? - -„Hatten Sie sich denn in aller Form bei ihr angesagt, Pauline?“ - -„Ich habe sie gefragt, wann ich ihr passend käm’.“ - -„Und die Antwort?“ - -Das alte Mädchen zögerte einen Augenblick verlegen! - -„Geschrieben hat sie mir noch nicht, Herr Rechtsanwalt.“ - -„Hm?!“ - -„Der Brief kann ja verloren gegangen sein, Herr Rechtsanwalt.“ - -„Sie werden wohl gar noch einmal bei ihr anfragen?“ sagte er nach einer -langen Pause. - -„Nein, Herr Rechtsanwalt. Ich werd’ heute nachmittag direkt zu ihr -gehen. Herr Rechtsanwalt erlaubt’s mir doch?“ - -„Daß Sie ausgehen? Aber gewiß, liebe Pauline. Sie sollen mich überhaupt -nicht wegen dieser selbstverständlichen Dinge befragen.“ - -Jetzt lachte sie ein wenig. Dann hörte er die Tür gehen und war mit dem -immer noch uneröffneten Briefe allein. Das lenkte ihn zunächst ab. Die -fremde steife Schrift auf dem Umschlag war ihm unbekannt. - -Der geöffnete Brief zeigte eine siebenzackige Krone über einem Adler, -der ein Lamm in seinen Horst schleppte. Der Waldsruher Majoratsherr -brachte darunter seine Wünsche zum Ausdruck. - -Die Zeilen waren liebenswürdig abgefaßt. Hinter dem Auftrage, der die -Abänderung und teilweise Erweiterung der Familienstatuten erbat, zeigte -sich die Verheißung zur Rechtvertretung bei einem Zivilprozeß über ein -erhebliches Objekt. Daß der darin Beklagte dem jungen Anwalt als ein -minderwertiger Aufkäufer alter Waldbestände bekannt war, hätte ihm -das in Aussicht Gestellte nur angenehm machen müssen. Trotzdem regte -sich ein Gefühl des Widerwillens gegen den ihm bis heute unbekannt -gebliebenen Auftraggeber. - -In diesem Augenblick war er unfähig zu jeder klaren, nüchternen -Erwägung. Erst ein wenig später glaubte er zu wissen, daß ein Mädchen -mit der Vergangenheit Eva von Ostrieds unmöglich dem in jeder Beziehung -verwöhnten Geschmack dieses adelsstolzen, schwerreichen Witwers genügen -könne. - -Vergangenheit! -- Wie kam er dazu, dies zweideutige Wort mit ihr in -Verbindung zu bringen? Dem elenden Klatsch eines natürlich sehr gegen -seinen Willen entlassenen Mädchens auch nur den geringsten Glauben zu -schenken? - -Ihn verlangte nach einer Aussprache mit ihr. Es konnte sie unmöglich -vorbereitungslos treffen! Seine Blicke würden ihr längst alles verraten -haben. - -Er legte Feder und Papier zurecht und schrieb. - -Zuerst malte er ihr das Bild seiner Eltern. Dann ging er zu dem über, -was ihm leicht von der Feder ging. - - „Als ich Sie sah, wußte ich sofort, daß die Stunde meines Glückes - da war. Ich zweifelte nicht. Das kam erst später. Sie fühlten - alles. Ich merkte es und war sehr froh darüber. Schon als Sie mich - das erste Mal verließen, lag mir jeder Zweifel fern. Ich war ruhig - und dankbar, daß das Glück nicht an mir vorüberging. Unsere zweite - Zwiesprache sprengte fast mein Herz vor Seligkeit. Sie hatten - unter der Schar der harmlosen Worte jenes Briefes nach einem Laut - gesucht, der Ihnen mehr verriet. - - Darum durfte ich Ihnen auch schon jetzt meine Liebe zeigen. Sie - widerstrebten nicht. Mein Herz lag in ihrer Hand. - - Nun folgten wunderliche Tage. Zuerst Stunden, die ich um jeden - Preis auskosten wollte, so schön und unvergleichlich waren sie. - Bis eines Tages mein wildes Verlangen sie unerträglich schalt. - - Damals habe ich Sie aus der Ferne mit einem Andern gesehen. Ich bin - auf ihn -- sicherlich einen völlig harmlosen Bekannten -- sinnlos - eifersüchtig gewesen. Nicht wahr, er ist doch nichts anderes für - Sie? Zuweilen sprach ich mit der alten Pauline über Sie. Oft nur - Ihren Namen, das war mir genug. Ich vertraute mir nicht mehr. - Und das ist sehr hart. Sie sollen alles wissen. Das habe ich mir - gelobt. Wir dürfen hinfort kein Geheimnis zwischen uns dulden. - Fühlen Sie das auch? Ich habe Sie vor mir verdächtigt und niedrig - gestellt. Es war alles nur die sinnlos tobende Eifersucht. Ich habe - Sie über alles lieb! Das Ganze bringe ich Ihnen! Nicht nur den Rest. - - Vor Ihnen habe ich keine geliebt. Ich bin überzeugt, daß ich auf - Sie warten mußte. Darum fordere ich auch Ihre ganze Seele! - - Sie sollen mich als Bruder, Freund und Vater empfinden, dem Sie - alles sagen dürfen und auch sagen müssen, ehe ich Ihr Lebenskamerad - und Geliebter werden darf. - - Sie sind rein. Ich weiß es! Kein Fleck ist vorhanden. Keine Stelle, - die sich verbergen müsse vor meiner Liebe. Wäre es anders, könnte - ich nicht über alle Begriffe selig sein, wie ich es jetzt bin! - - Ihr Walter Wullenweber.“ - -Ohne abzusetzen hatte er zu Ende geschrieben! Unter einem wundervollen -Zwange, und wie das Gefühl eines starken, lebensspendenden Rausches -blieb es ihm in der Seele zurück. - --- Er lief in den Abend hinaus und sah nichts als unruhig segelnde -Wolken. - -Als er heimkam, war es schon dunkel. In der engen Wohnung erwarteten -ihn Helle und Wärme. Die alte Pauline war zurück und hatte die -Abendmahlzeit gerichtet. - -Er nahm an, daß sie ihm, ohne seine Frage, berichten werde. Aber gegen -ihre Gewohnheit verließ sie sogleich das Zimmer, in dem er zu speisen -pflegte. Langsam schob er Bissen um Bissen in den Mund, und lauschte -dabei nach der Küche hinüber. - -Von der behaglichen Hängelampe herab schwang sich die dicke Schnur -mit der elektrischen Klingel für die Bedienung. Bisher hatte Walter -Wullenweber sie noch nicht benutzt. Er betrachtete die alte Pauline -nicht als seine Untergebene, sondern als einen freundlichen Hausgeist, -der aus eitel Lust an der Arbeit das Händestillhalten nicht erlernen -konnte. Jetzt preßte er den kleinen weißen Knopf in die Birne aus -rotgetöntem Holz. - -Sie erschien sofort ohne sich verwundert zu zeigen. - -„Wollen Sie mir gar nichts von Ihrem Ausflug erzählen?“ fragte er -obenhin. - -Sie versuchte ihre Verlegenheit unter einem Kichern zu verstecken, das -ihm weitab von aller echten Fröhlichkeit erschien. Denn ihr Gesicht, -in dem bei einer wirklichen Freude alle Falten mitlachen mußten, blieb -sorgenvoll. - -„Ach,“ machte sie, „das ist doch kein Ausflug gewesen, Herr -Rechtsanwalt!“ - -„Wie haben Sie Fräulein von Ostried gefunden, Pauline?“ - -„Ich hab’ halt wieder Pech gehabt.“ - -„S--o, nahm Ihnen die Person von neulich zum zweiten Mal den Mut?“ - -Sie wurde ärgerlich. - -„Sie sollen das doch nicht sagen, Herr Rechtsanwalt! Natürlich war ich -oben. Und geklingelt hab’ ich auch. Mir hat aber Keiner aufgemacht.“ - -„Die Herrschaft wird ausgeflogen gewesen sein. Der Tag war ganz dazu -gemacht.“ - -„Nein, zu Haus waren sie ganz gewiß.“ - -„Ihr Fräulein würde doch die alte Pauline, deren Liebling sie immer -noch ist, nicht so schlecht behandeln! Sie werden sich geirrt haben,“ -widersprach er. - -„Ich konnte es auch lange nicht fassen. Aber es war doch wohl so. Ehe -ich ihr ins Haus ging, habe ich mir nebenan die kleinen, netten Gärten -auf dem Bauland besehen. Vor dem Fenster an der Ecke stand Eine und -guckte gerade auf mich runter. Ich kann beschwören, daß das unser -Fräulein gewesen ist.“ - -„Sie haben sich eben versehen, beste Pauline. Ihre Augen haben sechzig -Jahre gedient. Da müssen Sie nicht mehr zu viel von ihnen verlangen.“ - -„Sie war’s bestimmt, Herr Rechtsanwalt. Ich hab’ raufgewinkt und sie -hat in der ersten Ueberraschung auch die Hand gehoben. Aber bloß ganz -matt. Nachher war sie gleich weg. Dann bin ich nach oben. Wohl zehnmal -hab’ ich geklingelt. Gerade wollte ich wieder gehen, da schob eins so -recht heimlich von innen die Platte vom Guckloch weg. Das Fräulein -war’s aber nicht. Vielleicht die Andere.“ - -„Deren Aufenthalt bei Fräulein von Ostried die Person damals -mißbilligte?“ - -„So denke ich’s mir!“ - -„Konnten Sie das Gesicht wahrnehmen?“ - -„Freilich! Ich hab’ doch scharf aufgepaßt. Ganz elend und durchsichtig -war’s. Aber schlecht und verworfen -- -- Nee, Herr Rechtsanwalt. Solche -sehen anders aus.“ - -„Und dann haben Sie sich also davon gemacht?“ - -„Was sollte ich sonst tun? Zufällig fand ich einen Bleistift in meiner -Tasche und den Fahrschein verwahre ich mir auch allemal, weil die -Kinder darauf wild sind. Auf den hab’ ich geschrieben „die alte Pauline -war hier!“ und das in den Briefkasten geschoben.“ - -„Warum setzen Sie sich nicht,“ fragte er plötzlich. „Ich muß noch -mancherlei mit Ihnen besprechen. Wenn ich mich recht erinnere, -erzählten Sie mir von Fräulein von Ostrieds reichem Muttererbe. Oder, -sollte ich mich verhört haben?“ - -Sie erzählte es noch einmal kurz. - -„Sie zeigte Ihnen also, um Sie über ihre Zukunft zu beruhigen, ihren -ganzen Reichtum?“ - -„Ja, so war’s!“ - -„Und die alte sparsame Pauline ist seitdem der Ueberzeugung, daß es -sich um Fünfzigtausend oder gar noch mehr handelte?“ - -„Ganz so dumm bin ich doch nicht. Mit Geld weiß ich gut Bescheid. Ehe -das Fräulein zu uns gekommen ist, hab’ ich alles auf die Bank tragen -und wieder runterholen müssen, so oft unsere Frau Präsident nicht mit -ihrem Herzen in Ordnung war.“ - -„Ich will Ihnen genau sagen, wie viel es gewesen ist. Eintausend Mark -und kein Pfennig mehr!“ - -„Nein, nein. Es ist ein ganzes Pack Tausender gewesen.“ - -„Wenn Sie das eidlich erhärten sollten, gute Pauline.“ - -„Schwören, meinen Sie doch damit, Herr Rechtsanwalt? Da würd’ ich mich -keinen Augenblick besinnen. Wieviel Stück es gewesen sind, das kann ich -auf’s Haar nicht wissen. Zehn oder noch ein paar mehr waren es aber auf -Ehre und Gewissen. Zehn zum mindesten!“ - -„Ich will noch etwas arbeiten, Pauline,“ sagte er da ohne weiteren -Widerspruch. - -Mit ein paar eiligen Schritten war sie neben ihm: „Was Schlechtes -dürfen Sie aber nicht von ihr denken, Herr Rechtsanwalt. Sie ist rein -wie ein Engel.“ - -Schwerfällig nahm er in einem entlegenen Winkel seines Arbeitszimmers -Platz. Möglichst von der Lampe entfernt, deren greller Schein ihm weh -tat. Zum zweiten Male an diesem Tage bereitete er sich zum Schreiben an -sie vor. Ach ja, wo war denn der erste Brief geblieben? Genau an dieser -Stelle hatte er sich befunden, als er fortgegangen war. Er sprang zu -der alten Pauline hinaus. - -„Wo haben Sie den Brief von meinem Schreibtische, Pauline?“ - -„Sie meinen doch den an unser Fräulein?“ - -„Ja, wo ist er?“ - -„Im Briefkasten, Herr Rechtsanwalt. Das war meine erste Arbeit, als ich -wieder zu Haus war!“ - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -16. - - -Hinter Eva von Ostried lag ein Tag und eine Nacht voller Kampf und -Entsagen! Die scharfen Augen der alten Pauline hatten sich nicht -getäuscht. Es war wirklich ihre Hand gewesen, die sich, wiederwinkend, -hinter dem Fenster erhob. In jenem Augenblick war ihr das Leben wie -ein mächtiger Strom, der sie reißend schnell zum Glück führen wollte, -erschienen. Sie empfand nicht länger in der Nahenden die unerträgliche -Mahnerin an einen begangenen Treubruch... - -Ihre Hand, die nur matt den Gruß erwiderte, war auch nicht schwach -geworden, weil sie sich fürchtete. Das kam erst später. Sie war selbst -zur Tür geflogen, um der Kommenden zu öffnen. Sehnsüchtig wartete sie -ihres ersten, auf der Treppe hörbaren Schrittes. Als er dann endlich -vernehmbar wurde, vollzog sich mit einem Schlag der Wechsel von -höchster Seligkeit zum tiefsten Entsetzen. - -Erst jetzt kam die eigentliche Strafe für ihre Schuld. Alles -bisher Durchlittene war nichts gegen dieses. Erinnern und Reue und -Bußbereitschaft. - -Ihr Kampf währte so lange, bis die Schritte Rast machten. Da war er -wider sie entschieden. Sie schleppte sich ins Zimmer zurück. Nur so -viel Kraft hatte sie noch gefunden, um der Hausgenossin, die sich schon -beim ersten Klingelzeichen zur Tür begeben hatte, das Oeffnen zu -verwehren. - -Stundenlang lag sie danach blaß und starr auf dem Ruhebett. - -Dann kam Walter Wullenwebers Brief. - -Sie preßte den Brief an die schmerzende Brust, als sei sie gewiß, damit -lasse sich das Stechen und Bohren lindern. Und plötzlich preßten sich -ihre Lippen auf die Buchstaben. - -Das Heimweh war wieder da. Das brennende, wilde Heimweh! Was sollte -nun werden? Eva von Ostried wußte, als sie den Brief gelesen, daß -sie täglich und stündlich auf ihn gewartet hatte! Ungezählte Mal -wiederholte sie sich die Worte seiner Liebe. Und dennoch haftete keines -in ihr, außer den wenigen: „.. Sie sind rein. Ich weiß es!“ - -Was sie in München nach Ralf Kurtzigs unerwarteter Werbung zum ersten -Mal empfunden hatte, daß sie dem Mann ihrer Liebe jenes furchtbare -Geheimnis enthüllen müsse, ehe sie die Seine werden könne, wurzelte -bereits fest in ihr. Walter Wullenweber sollte wissen und richten! In -seine Hände wollte sie die Entscheidung über ihr Schicksal legen. - -Und dann erschien es ihr doch unerhört grausam. Sie suchte unentwegt -nach einem barmherzigen Ausweg. - -Er würde sie verachten! -- Vielleicht war seine Liebe aber so heiß, daß -er sie dennoch zu seinem Weibe machte? - -Ja, und deshalb sollte er dies wissen! - -Aber als sie die Feder eintauchte, beschloß sie, es ihm zu -verschweigen. Denn nun war ihr unbändig heißer Stolz erwacht. Eine -glaubhafte Erklärung, woher die Mittel zu ihrem Studium stammten, -würde sich finden lassen. Was wußte ein lediger Mann von den Kosten -einer Haushaltungsführung aus dem Nichts -- von der Notwendigkeit -aller sonstigen Anschaffungen. Schlimmstenfalls konnte sie ihm von -jetzigen großen Einnahmen durch Schüler und Konzerte sprechen und das -Ueberwinden des ersten Jahres nach dem Tode der Präsidentin durch die -vorhandene kleine Erbschaft und reiche Selbstersparnisse erklären. Sein -Vertrauen war groß genug, um ihr alles zu glauben. Es erschien ihr -unerschöpflich wie ein Brunnen über der springenden Erdquelle. - -Das ging aus seinem Briefe hervor. - -Es handelte es sich ja auch um sein Glück! Nicht lediglich um das ihre! -Wem schadete sie, wenn das Geheimnis ihrer Schuld gewahrt bliebe? - -Wieder las sie seine Zeilen. - -Dann verriegelte sie ihre Tür. - -Gegen Abend tastete sie sich endlich empor und antwortete ihm. Sie -hätte nicht zu sagen vermocht, woher ihr die Kraft dazu gekommen war: - - „Vom ersten Augenblick unseres Kennenlernens an habe ich Sie als - einen grundguten Menschen empfunden. Viele solcher waren mir bis - dahin nicht begegnet. Darum zeigte ich mich auch anders, wie sonst. - - Ich danke Ihnen für alles, was Sie mir in Ihrem Brief gesagt haben. - Es soll mir ein Ansporn zum Reifer- und Besserwerden sein. Erwidern - kann ich Ihre Liebe nicht. Ich habe mir die Kunst erwählt. Ihr muß - ich treu bleiben. Das begreifen Sie wohl. In dieser Stunde nehme - ich Abschied für immer von Ihnen und fühle für Sie wie für einen - lieben, großen, treuen Bruder, den ich innig bitte, uns Beiden - jedes Wiedersehen zu ersparen. - - Es brächte mir nur Qualen und keine Sinnesänderung. - - Aber wissen sollen Sie, daß mein Herz keinem andern gehört noch - jemals gehören wird....“ - - * * * * * - -In der Karlsenschen Villa waren die Rolläden herabgelassen. - -Die junge Herrin des Hauses verließ seit Wochen das Zimmer nicht mehr. -Zuerst war es eine harmlose Erkältung gewesen, hervorgerufen durch eine -Fahrt im offenen Wagen bei empfindlichem Ostwind. Paul Karlsen hatte -damals im „Deutschen Opernhaus“ als Stolzing auf Engagement gesungen -und, fiebernd vor Stolz und Rausch, erklärt, daß er im geschlossenen -Gefährt ersticken müsse. Da waren sie selbstverständlich ohne das -schützende Verdeck mit dem feurigen Braunen der Kommerzienrätin durch -die Nacht gejagt, um irgendwo mit ein paar auserwählten Kollegen den -ungeheuren Erfolg des Abends bei eiskaltem Sekt zu feiern. - -Frau Elfriede war selig gewesen, weil er sie dazu mitnahm. Unter dem -Vorwande, dadurch schneller nach der Vorstellung heimzukommen, hatte -sie das Gefährt von ihrer Mutter, die es sonst dem Schwiegersohn nicht -gewährte, erbeten, nachdem diese umsonst die zarte Tochter von einem -Theaterbesuche bei dem rauhen Wetter abzuhalten versucht hatte. - -In ihrem lichtblauen Seidenkleide mit den wundervollen echten Spitzen --- das Rot des Fiebers und der Erregung auf dem schmalen Gesicht -- -hatte die junge Frau fast hübsch ausgesehen. Dankbar umfaßte sie ihres -Mannes Rechte, weil er sie nicht zuvor heimgeschickt, um dann allein -zur Nachfeier fortzustürmen. - -Freilich glaubte sie genau zu wissen, daß er das bisher einzig aus -Sorge für ihre Gesundheit so getan. Aber eben deswegen jauchzte sie -inwendig, daß sie +einmal+ von ihm als Gesunde betrachtet wurde. - -Wie hätte sie darum auch nur das leiseste Wort einwenden dürfen, als -er den Kutscher zu immer größerer Eile anfeuerte? Der Wind schnitt wie -mit scharfen Messern in ihre empfindliche Haut. Ihre Brust begann zu -schmerzen, weil sie krampfhaft den Atem einhielt. Sie brauchte aber nur -ihres jungen, sieghaften Stolzings zu gedenken, dessen Stimme besonders -im Preislied von berückendem Glanz gewesen. So war sie zugleich Weib -und Kind! Wunschlos glücklich und daneben neugierig auf den Blick in -das bunte Leben. - -Nun war es ihr nicht viel anders wie den kleinen Spätmalven ergangen! -Sie büßte schwer. Aus der Erkältung war ein Husten geworden, der sich -sehr böse und hartnäckig gestaltete, weil ihn die Leidende zu lange -verheimlichte. Die schmerzhafte Brust- und Rippenfellentzündung, die -sich hinzugesellte, war zwar auch wieder überwunden. Eine kleine -Schwäche blieb indes zurück. Das Herz war angegriffen! Nur das Herz. -- - -Frau Eßling besuchte die Tochter täglich. Aber sie vermied es, mit -dem Schwiegersohn zusammenzutreffen. Das ließ sich, ohne damit zu -verletzen, sehr gut einrichten. Seitdem Paul Karlsen den fünfjährigen -Vertrag, der ihn an das „Deutsche Opernhaus“ band, unterzeichnet hatte, -war er noch weniger wie früher in seinem Heim anzutreffen. - -Heimlich vor der Tochter hatte sich die Kommerzienrätin erkundigt, -ob ihn die Proben zur Zeit so voll, wie er behauptete, in Anspruch -nahmen. Und die gewonnene Auskunft mußte es bestätigt haben, denn sie -widersprach Frau Elfriede nicht mehr, wenn die über die Grausamkeit der -Spielleitung zu klagen begann. -- - -Im übrigen betrachtete sie diese Erkrankung, die ja, Gottlob, bald zur -Genesung werden sollte, als ihr Geschenk, das sie dankbar genoß. Ihre -Befürchtungen waren auch geringer geworden, seitdem sich die Tochter -endlich bereit gefunden, während einiger Wintermonate mit ihr nach St. -Blasien zu gehen. Der wöchentlich einmal zu dem Hausarzt hinzugezogene -Professor erklärte sich mit dem Verlauf durchaus zufrieden und die -junge Frau selbst fühlte, außer der Mattigkeit, keinerlei Beschwerden. - -Heute hatte sie sogar heimlich das Bett verlassen, um mit dem Gatten -das Mittagsmahl in dem feierlichen Speisezimmer einzunehmen. Sie -brach aber unter den geschickten Händen der Jungfer, die sie für die -Ausführung ihres Planes gewonnen, zusammen. - -Nun ruhte sie längst wieder in den kostbaren Kissen und lauschte auf -den Tritt ihres Mannes, der sogleich hörbar werden mußte. Denn Paul -Karlsen wollte ihr den Rest dieses Tages zum Geschenk darbringen. Die -Proben fielen aus, ein paar von der Kollegenschaft sehnlichst begehrte -Aussprachen hatte er, nach seinem Bericht, abgesagt. Deshalb blieb -auch die Kommerzienrätin heute fern. Nur der übliche Morgengruß, ein -Strauß frischgeschnittener Herbstblumen aus dem Heimatsgarten standen -auf der Glaseinlage des Nachttisches. - -Vor dem Ruhelager stand ein zierlicher, mit bunten Weinranken und -flammendem Mohn geschmückter Tisch mit zwei Gedecken. Die drei von -schweren weißen Perlen gehaltenen rosa Schalen brannten und erfüllten -alle Gegenstände mit warmem, erwartungsvollem Leuchten. - -Sie wußte, wie sehr ihres Mannes Stimmung von äußeren Dingen -abhängig war. Hatte unzählige Mal erlebt, daß ihn ein trüber Tag -- -ein klagendes Wort, -- ja, selbst eine unfrisch gewordene Blume in -den Vasen reizen und niederdrücken konnte. Darum sollte ihm alles -entgegenstrahlen wie zu einem Feste. - -Selbst der graue Tag hatte sich gegen Mittag aufgehellt. Ein frischer -Wind fegte die letzten Wolken zusammen und warf sie in das Nichts. Die -Rolläden wurden jetzt emporgezogen. Der buntfarbige Schein des wilden -Weins vermählte sich mit den rosa Schleiern zu einer verschwimmenden -Farbe von unbeschreiblichem Reiz. - -Die junge Frau dachte daran, daß sie in diesem Herbst eigentlich mit -dem Gatten in das kleine Landhaus am Scharmützelsee hatte flüchten -wollen, um wie eine richtige Hausfrau selbst die Mahlzeiten zu -bereiten, während er auf der dazu gekauften ergiebigen Jagd das -Wildpret für den nächsten Tag erlegte! Dies kleine Märchen, mit dem -sie ihm, sehr gegen den Willen der Mutter, einen langgehegten Wunsch -erfüllte, war für sie zu einer Quelle beständiger Sehnsucht geworden. - -Denn Paul Karlsen verbrachte seither die wenigen Mondscheinnächte, die -ihm keine Berufspflichten auferlegten, im Anstand auf der Wildkanzel, -und sie durfte ihm lediglich mit jedem ihrer Gedanken auf diesen -Streifzügen begleiten. - -Gerade wollte sich ein tiefer, schmerzlicher Seufzer gegen die Härte -des Geschicks auflehnen, als ein leichter, federnder Schritt vor ihrer -Tür erklang. - -Im Augenblick veränderte sich ihr Gesicht. Von innen heraus kam das -Strahlen, übergoß nun auch sie mit dem Schimmer rosigen Lebens -- -tuschte ein liebliches Rot auf ihre Wangen und setzte glänzende Lichter -in ihre Augen, die ihm entgegen lachten. - -„Wie schön, daß du endlich da bist, Paulchen.“ - -Er küßte ritterlich ihre Hand und warf sich, ehe er ihr gegenüber Platz -nahm, mit einem kleinen fröhlichen Jauchzer, der sie unbeschreiblich -glücklich machte, auf das kostbare Fell des Eisbären, welches ein -zweites breites Ruhebett deckte. - -„Du bist eine ganz raffinierte Person, Elfchen! Direkt gefährlich hast -du’s gemacht!“ - -„Gefällt es dir wirklich, Paulchen?“ - -„Es ist -- nee -- stimmungsvoll wäre nicht das richtige Wort! Warte -mal --“ und er dachte scheinbar darüber nach, während er in Wahrheit -überlegte, wie er ihr nachher glaubhaft machen könne, daß er nun doch -nicht den ganzen Nachmittag und Abend an ihrem Lager verbringen werde. - -Die feine, gepflegte Hand sank herab. - -„So -- jetzt hab ich’s! Raffiniert drückt es auch nicht voll aus. Sagen -wir mal -- verliebt --“ - -„Das bin ich aber gar nicht in dich.“ - -„Erlaube mal! Mein gutes Recht habe ich mir noch nie kürzen lassen.“ - -„Ich habe dich lieb,“ sagte sie mit rührender Schlichtheit. - -Er hatte genau gewußt, daß sie dies erwidern würde, wie sie ihm -überhaupt keinerlei Ueberraschungen zu bereiten vermochte. Auch diesen -wirklich netten Ausputz hatte er ganz bestimmt erwartet. Es rührte ihn -gewiß, aber langweilig blieb die ewig gleiche, dienende Unterwürfigkeit -und Anbetung dabei doch. - -„Du bist ein gutes, liebes Tierchen,“ lobte er freundlich, „erwähle dir -eine Extrabelohnung.“ - -„Darf ich sehr unbescheiden sein, Paulchen?“ - -„Wollen mal sehen,“ machte er lässig. - -„Dann lies mir, nachdem wir gegessen und du dich gründlich geruht -hast, etwas vor. Besondere Wünsche wage ich nicht. Deine Stimme -erfüllt ja alles, auch das, was mich früher nicht fesseln konnte, mit -unvergleichlichem Glanz.“ - -Es schmeichelte seiner Eitelkeit. Aber -- ihr vorlesen -- gräßlich -langweilig! Neue Hinweise fand die gute, kleine Frau doch nicht -heraus. Lernen konnte er also dabei nichts. Im voraus fühlte er ihre -grenzenlose Bewunderung -- sah förmlich, wie sie, überwältigt von -seiner Begabung, in Tränen ausbrach und schließlich ihre Arme um seinen -Hals schmiegen wollte. - -Da war die kleine Teufelin, das Evachen, eine andere Zuhörerin. Die -junge Dresdener Künstlerin hatte neben ihm in den Meistersingern -gewirkt. Nun weilte sie zwar längst wieder an ihrem Hoftheaterchen und -zeigte vorläufig nicht die geringste Lust, dies gegen ein anderes, und -sei es selbst dasjenige, an dem er glänzte, einzutauschen. Heute war -sie auf der Durchreise in Berlin und, wie ihm ihr Telegramm mitteilte, -gern bereit, ihm im Esplanade ein langbemessenes Plauderweilchen zu -gewähren. - -„Schön,“ sagte er endlich gönnerhaft, als sei er nun mit dem Nachdenken -fertig, „was nehmen wir also? Goethe, ja? Ein bißchen sollst du noch -vor Tisch naschen!“ - -Sie nickte mit leuchtenden Augen -- und wartete. - -Er dachte einen Augenblick daran, ihr einfach von einer dringenden -beruflichen Zusammenkunft zu erzählen, die ihm morgen sehr viel Zeit -fortnehmen würde. Dann aber schob er diesen Gedanken vorläufig zurück. -Vorsichtig begann er das herbeigeholte Buch aufzuschlagen und fuhr mit -den Fingern über die einzelnen Gedichte, als liebkose er sie. - -„Hören wir mal die Epigramme, die der Meister in Venedig schuf.“ Und er -begann träumerisch und weich das Dritte: - - Immer hat mich die Liebste begierig im Arme geschlossen, - Immer drängt sich mein Herz fest an den Busen ihr an. - Immer lehnt ihr Haupt an meinen Knien. Ich blicke - nach dem lieblichen Mund, ihr nach den Augen hinauf. - -Sie war wie berauscht. Die Freude, weil dieser Begnadete ihr gehörte, -beschleunigten ihren flatternden Herzschlag noch mehr. Dies zarte -Geständnis -- auch seiner Liebe -- entschädigte sie für vieles, um das -sie zuweilen andere junge Frauen glühend beneidete. War ihr Glück dafür -nicht auch tausendmal vielfältiger und reicher? - -Als er jetzt verstummte, wollte sie so fröhlich lachen, wie er es gern -hatte, einen Scherz versuchen, damit die von ihm bespöttelte Weichheit -fernblieb. - -Und sie konnte doch nur haltlos und überglücklich weinen! Es half -nichts, daß sie sich sofort seine lebhafte Abneigung gegen alle Tränen, -die nicht auf der Bühne vergossen wurden, klarmachte. Unaufhaltsam -strömten die Tropfen über ihr Gesicht und löschten alle trügerische -Frische fort. - -Wie durch einen Schleier gewahrte sie, daß er seinen Mund mißbilligend -verzog. Todesangst ergriff sie, der schöne sehnsüchtig erwartete Tag -möchte ihm zu einer großen Enttäuschung werden! - -„Ich bin zu glücklich,“ entschuldigte sie sich leise. - -Er war aufgestanden und zu ihr getreten. - -„Matt bist du, mein Kleines und ich, alter Tölpel, gebe mich zu dieser -unprogrammäßigen Aufregung auch noch her.“ - -„Du willst doch nicht sagen --“ Ihre Stimme zitterte ängstlich. - -„Daß ich unmöglich den langen geschlagenen Nachmittag oder gar noch -den Abend deine angegriffenen Nerven quälen darf, so schwer mir ein -freiwilliger Verzicht auf diese famosen Stunden auch wird.“ - -„Paulchen, ich flehe dich an! Glaube mir doch, es ist nichts, als die -große, große Freude, dich heute bei mir haben zu dürfen.“ - -„Der Meergreis von Hausarzt, der dich kennt, solange du überhaupt da -bist, hat mir strengste Ruhe und Schonung für dich zur heiligsten -Pflicht gemacht.“ - -„Aber ich ruhe mich ja gerade bei der Musik deiner Stimme aus! Höre -nur, wie wundervoll artig mein Herz geht.“ - -Lachend schüttelte er den Kopf. „Davon verstehe ich nichts, Elfchen! -Ich weiß jetzt lediglich, daß es dein Wohl gilt. Höchstens zwei Stunden -insgesamt bleibe ich bei dir. Dann entschwinde ich. Du schläfst fein -ein und träumst von mir, wenn nicht besser von unserm Altmeister -Goethe.“ - -„Das besorge ich an sämtlichen andern Tagen schon, Paulchen,“ beharrte -sie in fieberhafter Unruhe. „Dies heute ist mein Festtag, den ich nicht -hergebe.“ - -„Sei nicht kindisch, dumme, kleine Frau.“ - -Sie richtete sich auf und blickte ihn fast streng an. - -„Ich werde sofort aufstehen und mich ankleiden lassen. Jawohl, das -mache ich! Ganz bestimmt, wenn du grausam bleibst.“ Er lenkte ein. - -„Gut, dann will ich auch noch den Nachmittagstee bei dir nehmen. Aber --- Hand her. Kein Wort hinterher zu deiner Mama oder zu dem Meergreise! -Auch der häusliche Detektiv muß ahnungslos bleiben. Für ihn verschwinde -ich gleich nach dem Mittag, das hoffentlich nicht mehr allzu lange -auf sich warten läßt. Denn, verzeih, Kleines, aber ich habe einen -Bärenhunger.“ - -Er sprach den Speisen mit dem Appetit eines beneidenswerten Gesunden -zu, der eine beträchtliche Menge braucht, um sich den Ueberschuß seiner -Kraft zu erhalten. Seiner Stimme zu liebe war er ein sehr mäßiger -Trinker. Und dies blieb das einzige Opfer, das er brachte. Denn er -liebte einen guten Tropfen bei lustiger Gesellschaft und brauchte ihn -eigentlich zur Anreizung noch mehr, wenn sie fehlte. Darum hatte er -bei jeder der Hauptmahlzeiten einen Kampf mit sich zu bestehen, der -schließlich eine erhöhte Reizbarkeit auslöste. - -Heute beschloß er eine Ausnahme zu machen. - -Er hob den Sekt aus dem Kühler und war im Begriff den Kelch seiner -Frau zu füllen, als er, noch ehe er begonnen, die Flasche wieder steil -emporhielt. - -„Die Zufuhr von jeglicher Flüssigkeit muß bei dir -- nach den Herrn -Aerzten -- möglichst beschränkt werden. Das Herzchen darf sich nicht -überarbeiten.“ - -Sie zog ein Schmollmäulchen. - -„Nur ein einziges Glas, Paulchen. Wir haben uns ja ohnehin schon gegen -Mama, den Arzt und den Alten verschworen.“ - -„Nun, dann will ich ausnahmsweise großmütig sein. Schaden kann es -eigentlich kaum. Trinke einen tüchtigen Schluck und dann berichte -wahrheitsgemäß von seiner Wirkung.“ - -Weil sie fühlte, wie sehr sie einer Stärkung bedurfte, leerte sie den -Kelch hastig. Er drohte ihr scherzhaft. - -„Leichtsinn du! So war’s nicht gemeint.“ - -Bittend schob sie ihm das schlanke Glas herüber. „Noch einmal, ja?“ - -„Auf gar keinen Fall, Frau Elfriede.“ - -„Ich sollte doch Bericht geben. Wie aber vermag ich das. Kaum ein -Fingerhut voll war es.“ - -Er tat ihr mit einem nachsichtigen Lächeln den Willen. - -Sie stießen miteinander an. Ihre Lippen röteten sich. - -„Jetzt mußt du auch tüchtig essen,“ forderte er und häufte ihr den -Teller. Das hatte er noch nie getan. Es erfüllte sie mit heißer -Dankbarkeit. Gehorsam begann sie. Aber es ging nicht. - -„Ich bin immer noch zu durstig,“ gestand sie mit einem verlegnen -Seufzen. „Gib mir noch etwas. Merkst du nicht, wie es mich erfrischt?“ - -„Habe ich mich denn verhört, daß dir die vereinigte Macht der Aerzte -alle Flüssigkeitsaufnahme streng beschränkte,“ fragte er gedankenlos -und vergaß, daß er es bereits vorher, als feststehend, erwähnt hatte. -„Gewiß, ich irre mich. Denn du bist doch sonst verständig und folgsam -wie eine kleine Musterschülerin.“ - -„Das hast du entschieden geträumt, Paulchen. Vor ein paar Wochen, ja, -da hat die ärztliche Obrigkeit etwas Aehnliches gesagt. Das Verbot -hat längst ausgewirkt. Heute ist es also mein gutes Recht.“ Warm -und wohlig durchrieselte sie das edle, berauschende Getränk. Auch -er begann sich behaglich zu fühlen. Im Allgemeinen war’s doch recht -hübsch, daß er es so weit gebracht hatte. Einige Unbequemlichkeiten -gab es freilich zu überwinden. Die scharf äugende Schwiegermama -- der -Detektiv von Diener und zuweilen sogar die kleine, verliebte Frau. Denn -sie war rechtschaffen wie ein Backfisch in ihn verliebt, trotz ihres -großartigen Protestes. Zu einem richtig flammenden machtvollen Gefühl -reichte ihr bißchen Kraft nicht aus. - -Sie merkte, daß er fröhlich wurde. Das spannte ihre Kräfte an und ließ -sie nichts denken, als daß er voll glücklich sein möge. Die leise, -geschickte Jungfer bediente heute bei Tisch. Daß der Alte bei den -sterbenden Malven stand und scharf ins Zimmer hereinspähte, konnten sie -nicht ahnen, denn sie waren beide mit sich und den prickelnden Tropfen -zu sehr beschäftigt. - -Paul Karlsen blieb auch bei ihr, als das kleine Mahl beendet war. - -„Jetzt mußt du deine Havanna rauchen,“ drängte sie liebevoll. - -„In deinem Krankenzimmer? Nee, mein Schatz so ungeniert betrage ich -mich denn doch nicht --“ - -Sie hatte aber schon ein verborgen gehaltenes Schächtelchen mit -Zigarren hervorgeholt. - -„Heute kommandiere ich, mein Lieb.“ Lachend ließ er sich die schwere -Havanna von ihr entzünden. - -„Wenn uns jetzt deine Vorgesetzten sehen, Kleines.“ - -„Ich erkenne nur dich an und sonst niemand.“ - -„Na, na,“ machte er mit erhobenem Finger. - -„Soll ich dir eine Probe von meiner Unfolgsamkeit gegen sie alle -ablegen?“ - -„Das wirst du gefälligst unterlassen. Es wäre wahnsinnig, wenn du in -deiner Lage eine Unvorsichtigkeit begingest.“ - -Ein schmerzhafter Stich durchzuckte ihr Herz. In deiner Lage? O, wie -sie die beständigen Hinweise auf ihre Schonungsbedürftigkeit haßte. - -Freilich hatten sie nicht immer den gleichen Klang! Die Mutter wählte -zarte Umschreibungen dafür. Der alte Hausarzt bezeichnete es einfach -mit den verschiedenen sanften, warnenden oder empörten O--o! Der alte -treue Diener wagte zuweilen ein leises, flehendes aber. Sie meinten in -allen Fällen das Gleiche. - -„Nämlich, nimm dich in Acht. Sonst --“ - -Sie dachte plötzlich mit der Empfindung aufrichtigen Mitleids an alle, -die einen frühen Tod erleiden mußten. Auch an die Schwestern, die sie -noch lebhaft in der Erinnerung als stille, bleiche, ungeliebte Wesen -hatte. - -Sie aber wurde geliebt wie kaum eine zweite Frau, war glücklich und -dachte noch lange nicht an das Sterben! Dies bißchen Unpäßlichkeit. -Nun, was hatte dies zu sagen? War nicht diese oder jene aus ihrer -Bekanntschaft ebenfalls eine Zeitlang bleichsüchtig und matt gewesen? - -Sie wollte gesund und stark werden. Für sich und den Liebsten und all -das, was vielleicht die Zukunft noch für sie bereit halten würde. Und -beweisen wollte sie ihm ebenfalls, wie unnötig und übertrieben die -ewige Bevormundung sei! - -Sie rang sich auf und lief zu ihm! Er lag auf dem kostbaren -Eisbärenfell und paffte runde, kunstgerechte Ringel in das Rosa der -Luft. - -Es stieg ihr wie Lachen auf, aber sie mußte husten, als solle sie -ersticken. - -„Leichtsinn,“ schalt er. Aber auch er lachte dabei. - -Sie begann, durch den ungewohnten Genuß des Sektes angeregt, durch den -eigenen Willen hochgehalten, zu tollen und wieder zu lachen, zerrte -eins der seidenen Kissen unter seinem Kopf hervor, warf es gegen sein -Gesicht und stand einen Augenblick mit wogender Brust -- atemlos von -der ungewohnten Anstrengung mit einem Gefühl heftigen Schwindels. - -Als es überwunden war, ohne daß er etwas davon gemerkt hatte, erhöhte -sich ihre Ausgelassenheit noch. Ein Rausch glühte in ihr. Dann wurde -sie mit einem Schlage ganz matt. Er fühlte ihren leichten Körper schwer -und immer schwerer in seinen Armen und trug sie auf ihr Lager zurück. -Dort lag sie regungslos unter dem Geriesel der feinen Spitzen. - -„Jetzt sagst du lange Zeit kein einziges Wort,“ befahl er. „Ich werde -nicht weiter ruhen, sondern wieder lesen. Also, weiter im Text mit -unserm Goethe.“ - -Sie strengte sich umsonst an, ihm zu folgen. In bleischwerer Müdigkeit -sanken ihre Lider zu. Es war sehr still. Denn auch Karlsens weiche, -schmeichelnde Stimme klang wie ein Streicheln, das alles noch sanfter -machte. Er sah nach einer Weile zu ihr hin und entdeckte, daß sie -eingeschlafen war. - -Sobald er verstummte, öffnete sie die Augen und starrte ihn mit -seltsam leeren Blicken an. Es war ihm auch, als röchele sie leise. Er -ging nicht zu ihr, um sie zu befragen, ob sie Schmerzen habe, aber -er begann wieder zu lesen, bis er endlich, heftig und mißmutig, das -Buch zuklappte und sich erhob. Da öffneten sich ihre Lider von neuem. -Diesmal streckten sich in zitternder Bewegung die Arme nach ihm aus. - -„Paulchen.“ In traumverlorener Bitte klang sein Name. Da ging er -großmütig an ihr Lager und küßte sie. - -„Schlaf weiter, kleine, müde Frau!“ - -Ihre Lippen waren so kühl, daß er zusammenfuhr. Ihr Gesicht ähnelte, -nun die Röte der Erregung daraus geschwunden, einer geblichenen Maske. -Wie sein Mund den ihren berührte, lächelte sie dankbar. - -Unter dem feinen Batist der losen Jacke sah er das stoßweiße Zucken des -matten Herzens -- merkte, wie ihre blassen Lippen nach einem tiefen, -erlösenden Atemzug dursteten. Mit kaltem Schrecken durchrieselte ihn -der Gedanke, daß plötzlich eine Verschlechterung eingetreten sein -könne, die ihn ans Haus fesseln mußte. Ihn zog es unwiderstehlich fort --- ins Esplanade. - -Er wollte der Jungfer von seiner Befürchtung Mitteilung machen, ehe -er verschwand. Sah dann aber ein, daß er ihr lediglich von seinem -Ausgange sagen könne, damit sie sich zu der Kranken begebe. Sein -mehrmaliges Läuten nach ihr blieb indessen wirkungslos. Nur der alte -Diener erschien. Ohne stehen zu bleiben, rief er ihm, nur den Kopf -zurückwendend, zu: - -„Die gnädige Frau hat mit bestem Appetit gegessen und jetzt schläft sie -herrlich. Ich fahre nach dem Scharmützelsee hinaus, um auf den Rehbock -zu gehen. Melden Sie das der Frau Kommerzienrat.“ - -Eine Antwort erhielt er nicht. Ungeduldig stürmte er durch den -Vorgarten, ohne zu sehen, daß sich über das alte Gesicht im Vestibül -eine heimliche Träne stahl! - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -17. - - -Auf dem gärtnerischen Hätschelkinde des neueren Charlottenburgs, -dem Savigniplatze, rief ein alter Invalide eine Neuigkeit aus dem -Morgenblatte aus. Eva von Ostried wartete hier seit geraumer Weile -auf ihre Bahn; als die heisere Stimme an ihr Ohr schlug, streckte sie -mechanisch die Hand aus und kaufte ein Blatt. - -Zuerst überflog sie die fettgedruckte Ueberschrift ohne sonderliches -Interesse. Dann aber las sie mit scharfer Spannung und konnte nicht -gleich voll begreifen: - - „Kurz vor Redaktionsschluß ging uns die folgende Nachricht zu, die - eine angesehene und sehr wohltätige Dame der Berliner Gesellschaft - in tiefe Trauer versetzt. Als sich gegen acht Uhr abends in einem - zuvor für diesen Zweck bestellten Zimmer im Hotel Esplanade die uns - von der letzten Aufführung der „Meistersinger“ her als vollendetes - „Evachen“ bekannte Dresdener Kammersängerin J. P. mit dem neuen - Heldentenor des Charlottenburger Deutschen Opernhauses, Herrn - P. K., zu einem Imbiß niedergelassen hatten, erzwang sich eine - auffallend gekleidete Person den Eingang in diesen Raum und schoß - den vielversprechenden Künstler nieder. An einem zweiten Schusse, - den sie im Begriff stand, auf seine Begleiterin abzugeben, konnte - sie glücklicherweise gehindert werden. Der sofort herbeigerufene - Arzt vermochte leider nur noch den Tod des hochbegabten Sängers - festzustellen. Aus eigner Ueberzeugung wissen wir, daß dem - heimgegangenen Künstler eine glänzende Laufbahn sicher war, die - das grauenhafte Verbrechen jäh zerstörte. Die Personalien der - Mörderin waren bis zu dieser Stunde noch nicht festzustellen, - weil sie hartnäckig jede Auskunft über ihre Person verweigerte. - Der Direktor des Hotels glaubt in ihr eine frühere Chansonette zu - erkennen. Ob dies richtig ist, bleibt abzuwarten. Dagegen erfahren - wir zuverlässig, daß am Nachmittag desselben Tages, also noch - bevor das Schreckliche geschah, die junge, seit langer Zeit schwer - leidende Gattin des Künstlers in ihrem schönem Heim im Grunewald - einem Herzschlag erlag. Ihr plötzlicher Tod steht in keinerlei - Zusammenhang mit dem Vorfall. Sie war die einzige noch lebende - Tochter der eingangs erwähnten Frau Kommerzienrätin E., die mit ihr - nun auch das letzte Kind verliert, nachdem vor Jahren ihre beiden - älteren Töchter von einer heimtückischen Krankheit dahingerafft - wurden....“ - -Eva von Ostried setzte sich auf eine der Bänke, vor denen eine Schar -Kinder spielten. Sie war bestürzt, denn Karlchen war das Opfer seiner -Schuld, und wieder flammte es in riesenhafter Schrift vor ihr auf: -„Der Uebel größtes...“ Und diesmal vervollständigte sie ruhig und fest -„aber ist die Schuld“. Seitdem sie ihr Lebensglück opfern mußte, fand -sie keine Strafe dafür zu groß. Es verging kein Tag, an dem nicht der -heiße, zwingende Wunsch zur Sühne in ihrer Seele flammte. - -Als Eva von Ostried nach Hause kam, fand sie die Hausgenossin scheinbar -unverändert am Herde walten. Das gewährte ihr eine vorübergehende -Erleichterung. So legte sie die Arme um die schmalen Schultern und -führte Gretchen Müller sanft in das kleine Zimmer, in das die liebe -Sonne und das bunte Herbstlaub der alten Parkbäume hineinschienen. - -„Ich habe Ihnen das Versprechen gegeben, Sie niemals, wie die Andern, -durch eine Frage zu quälen, Fräulein Gretchen“, begann sie unsicher. -„Denn es muß alles seine Zeit haben, um heilen zu können, Gretchen. Und -wir haben es deshalb noch nie in Worte gefaßt -- -- ich weiß aber, wie -nahe Ihnen Paul Karlsen einst gestanden hat...“ - -„Ich habe ihn sehr lieb gehabt. -- -- Das ist lange, lange her...“ - -„Und jetzt...“ - -„Sie wollen mir sagen, daß er tot ist, nicht wahr?“ - -„Sie wissen bereits?“ - -„Ich habe alles gelesen,“ antwortete das Mädchen. - -Sie schauerte zusammen. „Ich habe ihn verachtet -- ihm geflucht -- -und doch -- im innersten Herzen liebte ich ihn weiter. Warum das sein -muß, weiß ich nicht. Ich schämte mich, daß ich mich heimlich von ihm -küssen ließ, daß ich den Meinen Kummer und Schande machen mußte. Ich -löste mich eines Tages von ihm, schlug und spie nach ihm, und habe doch -immer nach seinem Anblick Sehnsucht gehabt. Keinem könnte ich das sonst -sagen, wie Ihnen. Als ich ihm folgte, wollte ich nichts anderes, als -daß er mich bald zu seiner Frau machen würde. Daß er nicht mehr frei -war, erfuhr ich viel später. Seitdem hat er mich nicht mehr berühren -dürfen. Tagelang habe ich gehungert, weil ich sein Geld verachtete; -denken Sie doch, das Geld seiner Frau! Kannten Sie sie? Ja? Wie sah sie -aus? Ich denke sie mir wie ein Kind, das weder einen eigenen Willen -noch ein eigenes Leben hatte.“ - -„So ist sie wohl gewesen?“ - -„Ihr Vertrauen zu ihm muß grenzenlos gewesen sein. Darüber wurde eines -Tages in dem Kreis, in den er mich einführte, hinter seinem Rücken viel -gespöttelt. Dadurch habe ich davon erfahren....“ - -„Nur darum ist sie schrankenlos glücklich gewesen und auch geblieben, -Gretchen.“ - -„Glauben Sie an ihr Glück?“ - -„Ich habe es gefühlt,“ sagte Eva von Ostried und erzählte ihr, wie sie -die junge zarte Frau kennen gelernt. - -„So glauben Sie nicht, daß sie etwas von mir geahnt hat?“ - -„Auf keinen Fall. Er war zu gewandt und zu klug, um ihr nicht die -vollendete Komödie des treuen Ehemannes vorzuspielen.“ - -„Dann wird sie mir auch niemals geflucht haben.“ - -„Nein, mein Kleines, das konnte sie bestimmt nicht tun, weil sie -ahnungslos war. Wäre sie es aber selbst nicht geblieben -- hätte sie -im Laufe der Zeit einsehen müssen, daß seine Treue weniger wie ein -fadenscheiniges Tuch darstellte, dazu hätte weder ihre Kraft noch ihre -Veranlagung ausgereicht. Was sie an Gefühlsstärken besaß, gehörte ihm.“ - -„Können Sie sich vorstellen, daß ich am meisten um diese arme, stille, -vertrauensselige Frau gelitten habe?“ - -„Ja, das kann ich! Es war aber unnötig.“ - -„Nun ist sie gestorben, ohne dies erleben zu müssen...“ - -„Das erscheint mir als ihr größtes Glück. -- Ich muß heute noch meine -Rechnungsbücher abschließen, Kind,“ meinte Eva dann in verändertem, -ruhigen Tone. „Es ist sehr viel nachzutragen. Und Briefe muß ich -ebenfalls schreiben. Denn bald geht es zu den beiden Konzerten nach -München. Ich möchte Sie gern mitnehmen. Könnten Sie sich jetzt nicht -leichter entschließen?“ - -„Meine Angst vor der lauten Welt ist trotzdem größer geworden,“ gestand -Gretchen Müller beschämt. „Aber auch, wenn ich meine Bangigkeit -bekämpfen könnte, wäre die Qual zu groß für mich.“ - -„So elend fühlen Sie sich wieder?“ - -„Das wäre übertrieben. Ich bin nur dauernd sehr müde. Sehen Sie, jetzt -könnte ich zum Beispiel auf der Stelle einschlafen. Und nachts in der -gegebenen Zeit vermag ich kein Auge zu schließen.“ - -„Ich mache mir bittere Vorwürfe, daß ich Ihnen nachgab und den Arzt -lange Zeit nicht befragte.“ - -„Glauben Sie wirklich, daß er mir noch helfen kann?!“ Sie lächelte. -Das gab ihrem durchsichtigen Gesicht den gleichen, unendlich rührenden -Ausdruck, wie ihn die Heiligen auf den alten, steifen Bildern in -Kirchen besitzen. - -„Sie sind zu viel allein, Gretchen.“ - -Eva von Ostried rechnete wirklich. Es war dasjenige, was ihr zu -erlernen am schwersten geworden war. Wenn sie rückwärts dachte, hatte -sie von jener Summe keinen Pfennig zu irgend einem unnützlichen -Vergnügen verbraucht. Und doch schmolz das Geld erschreckend zusammen. - -Der Sommer hatte ihr im Verhältnis wenig Einnahmen gebracht. Die -schwerreiche Schülerin im Grunewald verlobte sich und verlor die Lust -zu weiterem Lernen. Ihre Lehrer forderten mit dem Steigen aller Werte -bedeutend höhere Honorare.... - -Es wäre aber dennoch nur ein Teilchen über die Hälfte entnommen -gewesen, hätte sie Gretchen Müller nicht Obdach und Pflege gewährt. -Zuerst entnahm sie für diesen Zweck der kleinen Tasche skrupellos -Schein um Schein. Bis sie plötzlich mit jähem Entsetzen merkte, daß sie -nur noch zwei enthielt. Die Leidende mußte nach der strengen Forderung -des Arztes, ohne daß sie einen klaren Begriff davon bekam, auf das -Sorgfältigste gepflegt werden. Der Leidenden einfach zu eröffnen, daß -es ihr -- leider -- nicht länger möglich sei, sie zu behalten, erschien -ihr mehr als grausam. Ja, ihr Herz wollte es auch nicht zugeben! Sie -hing an dem stillen scheuen Wesen. - -München mit der Einnahme der beiden Konzerte stand zwar in naher -Aussicht. Wer aber vermochte den Ertrag im Voraus zu berechnen?! Es -brauchten nur ungewöhnlich zahlreiche Darbietungen der ähnlichen Art -zusammenzutreffen, dann war das Ergebnis bei weitem nicht das erhoffte. -Das Honorar für den neunten November, in dem sie im Blüthnersaal singen -würde, war zwar festgelegt, aber nicht sonderlich hoch bemessen. Ihr -war es mehr auf das Zusammenwirken mit dem bekannten Künstlertrio wie -auf die Einnahmen angekommen. - -Wie sollte sie also jemals imstande sein, mit Zins und Zinseszins, -wie sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht, alles zurückzugeben? Die -heimliche Not wuchs zuweilen so mächtig, daß sie sie in alle Welt hätte -hinausschreien mögen. - -Und doch wachte sie mit ängstlicher Sorgsamkeit über jedem ihrer Worte, -meinte oft genug aus einer unschuldigen Frage oder einem bedeutsamen -Blick ein Ahnen ihres Frevels herauszulesen.. Sie arbeitete und lernte -nur noch wie ein Automat! Einmal mußte ja doch alles anders werden! - -Sollte sie sich jetzt noch der Bühne zuwenden? - -Das sonderbare Erschauern durchkältete sie von neuem. Ihre Keuschheit -kämpfte dagegen an. Aber war sie nicht schön? Liefen ihr die Männer -nicht in voller Bewunderung nach? Nur ihres ermunternden Lächelns hätte -es bedurft, um die Fäden zu knüpfen. Sie mußte ihr Leben von Grund auf -ändern. Die Gleichgültigkeit gegen die kleinen Geschehnisse des Daseins -fortan bekämpfen. Da lag zum Beispiel noch uneröffnet die schon vor -Stunden angekommene Post. - -Weltbewegendes war nicht darunter. Ein Schüler sagte für diesen -Nachmittag seine Stunde ab und erbat sich eine andere Stunde dafür. Das -brachte wieder Mühen und Aenderungen in Menge. Ihr theoretischer Lehrer -fragte an, ob sie eine in der Berliner Gesellschaft durch Schönheit und -Geld wohlbekannte Gräfin regelmäßig zum Gesang begleiten wolle. Sie -zahle ausgezeichnet. Dazu verspürte Eva von Ostried nicht die geringste -Lust, so gern sie auch ihre Einnahmen vergrößert hätte. Ihr Stolz -bäumte sich auf. In dem Bewußtsein ihrer Künstlerschaft empfand sie das -Anerbieten als eine Beleidigung. Freilich war es gut gemeint, denn sie -hatte neulich in seiner Gegenwart einen vernehmlichen Seufzer über die -wachsenden Ausgaben getan. - -Eine Handschrift auf dem graugetönten steifen Leinenumschlag war ihr -fremd und nicht angenehm. Sie zeigte so viel Schnörkel und Haken, als -wisse der Schreiber nicht voll mit sich Bescheid. Es war der Brief des -Waldesruher Majoratsherrn, der sie für Mittwoch nächster Woche zur -Teilnahme an der Familiensitzung der Ostrieds in das Haus Adlon einlud. - -Früher hätte sie ihn achtlos bei Seite geschoben. Ihre einzige -Empfindung wäre möglicherweise eine berechtigte Bitterkeit gewesen, -daß sich das gesamte edle Geschlecht niemals um ihr Wohl bekümmert -habe. Eine Erinnerung aus ihrer Kinderzeit an zwei Erscheinungen, die -ihr damals wie aus Holz geschnitzt erschienen, tauchte auf. Die beiden -steifen, stummen Gestalten thronten eines Tages an der Spitze der -elterlichen Mittagstafel. Zwischen ihm hatte ein rothaariges, kleines -Mädchen von ihrem Alter Platz genommen, das sie lebhaft an ihren toten -Goldfisch erinnerte. Dessen Augen hatten aus dem gläsernen See ebenso -blaß, rund und erstaunt geblickt, wie diejenigen der schweigsamen Puppe. - -Sie hatte die beiden Steifen mit Großtanten anreden und ihnen die Hand -küssen sollen. Das war ihr aber nicht möglich gewesen, weil sie ein -heftiger Widerwille geschüttelt hatte. - -Ihr zarte, scheue Mutter hörte mit ängstlichen Augen den späteren -Erklärungen der ungebetenen Gäste zu, die wiederholt betonten, daß -sie lediglich des gebrochenen Wagenrades halber hier Einkehr gehalten -hätten. - -Der Vater hatte zuvor in den Ställen seine Wut über den unerwünschten -Besuch ausgetobt. Aber nachher küßte er selbst die häßlichen Hände aus -Holz. Und dann waren sie plötzlich wieder fort gewesen! Näheres erfuhr -die kleine Eva über den kurzbemessenen Besuch von keiner Seite. Nur -wenn sie ungehorsam war, schreckte sie die Kinderfrau mit der Drohung. -„Warte, die gnädigen Großtanten sollen schon wiederkommen....“ - -Es traf aber nicht ein. Es kam seitdem überhaupt Niemand mehr von der -Verwandtschaft! Noch einmal überlas sie das Schreiben. Ihm fehlte jede -persönliche Bemerkung. Auch wurde eine Antwort auf diese Einladung -nicht erwartet. Wer nicht erschien und auch keinen Einspruch gegen den -bekannt gegebenen Tag erhob, unterwarf sich dem von der Mehrheit der -Anwesenden gefaßten Beschluß. - -Heute überlegte Eva von Ostried mit einem Gefühl der Genugtuung, daß es -ihr gutes Recht sei, unter diesen Andern zu sitzen und mitzustimmen. -Ihr Einspruch würde genügen, um einen neuen Tag in Vorschlag zu -bringen. Diese Feststellung befriedigte sie. Seitdem sie jene Schuld -auf sich geladen, verlangte sie heißhungrig nach äußerer Anerkennung -ihrer Standesrechte. Wenn es sich also mit ihren Pflichten vereinen -ließe, würde sie vielleicht dieser Einladung nachkommen. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -18. - - -Der Generalleutnant a. D. Jeschko von Ostried, Exzellenz, zog zum -dritten Male die Uhr aus der Tasche, warf einen scharfen Blick über die -mit ihm an der gleichen Tafel Sitzenden und stellte fest: „Vier Uhr -genau!“ Dann wartete er noch eine Minute und erhob sich. - -„Als Aeltester der hier anwesenden männlichen Ostrieds eröffne ich -hiermit den Familientag unseres Geschlechts und begrüße Alle an -dieser Stelle.“.... Hier unterbrach er sich und sah aus strengen, eng -zusammengeschobenen Augen auf den plötzlich erscheinenden alten Diener -des Kummersbacher Vetters, der die verschiedenen Ostrieds im Vestibül -zu empfangen und hierher zu weisen hatte. „Der Kummersbacher kann seine -Untergebenen keine Subordination lehren“, dachte er grimmig, während er -nervös mit der Rechten auf der Tafel herumtrommelte. - -„Es ist noch eine Dame angekommen, die sich Fräulein Eva von Ostried -nennt“, meldete der Alte gemütlich. „Soll ich sie hereinführen, Euer -Exzellenz?“ - -„Nein,“ schrie der Generalleutnant, „denn nach der vollzogenen -Eröffnung brauche ich das nicht mehr zu gestatten.“ - -„Mach’ dich nicht lächerlich, Vetter,“ warf der Besitzer der Herrschaft -Kummersbach, Mitglied des Herrenhauses, launig dazwischen und blinkte -seinem getreuen Hermann verständnisinnig zu. - -„Los... hopp!“ - -Die Falkenaugen des alten Soldaten blitzten und die Adlernase stach -gefährlich in die Luft. Das zurechtweisende Wort erstarb ihm aber auf -den Lippen. In diesem Augenblick öffnete sich nämlich zum zweiten Mal -die Tür und ließ eine junge, auffallend schöne Erscheinung sehen. - -„Um vier Uhr genau ist der Beginn der Verhandlung in jeder Einladung -festgesetzt. Wer sind Sie überhaupt, wenn ich fragen darf,“ rief ihr -die Exzellenz entgegen. - -„Es schlägt soeben vier Uhr,“ sagte die Nahende ruhig und trat dicht -an den Ehrenplatz und damit zur Seite des Generalleutnants. Ihr Kopf -wandte sich dabei ein wenig nach rückwärts, als lausche sie. - -„Hören Sie, bitte.“ - -Sie hörten es natürlich Alle, aber die meisten glaubten es trotzdem -nicht. - -„Ich kenne Sie nicht,“ sagte der Generalleutnant wieder, weil er mit -einer zwischen Aerger und Bewunderung geteilten Empfindung zu kämpfen -hatte. - -„Ich bin Eva von Ostried, die Tochter des im Jahre 1913 auf Waldesruh -verstorbenen Majoratsherrn Weddo. Hier ist meine Einladung!“ - -Er warf einen flüchtigen Blick darauf. - -„Danach steht Ihnen natürlich die Teilnahme an dieser Sitzung frei. Ich -darf Sie vorstellen.“ - -Und er nannte ihren Namen, ohne ihr die der Anwesenden bekannt zu -geben. Eva von Ostried fühlte, wie ihr das Blut heiß ins Gesicht schoß. - -Sie hatte keinen freundlichen Empfang erwartet. Diese Strenge und -Formlosigkeit empfand sie aber als Beleidigung. Vielleicht hätte sie -stolz genug sein müssen, um jetzt zu gehen, aber sie lächelte nur -- -und blieb! - -„Wohin darf ich mich setzen?“ fragte sie ruhig und hell. - -Da stand Jemand auf und näherte sich ihr. Er war breitschultrig und -sonnverbrannt und seine Augen blickten unter den eisgrauen Brauen noch -jünglingsklar. - -„Zu mir,“ sagte er kurz und herzlich. „Ich bin der Kummersbacher. Ob -dir das irgend etwas besagt, ahne ich nicht. Ich nenne dich du. Du -erlaubst doch?“ Und er bot ihr ritterlich den Arm und führte sie an -seinen Platz. „So, hier setz’ dich einstweilen. Bitte, Vetter Horst -Waldemar, etwas nach links, damit mein Hermann noch einen Schemel -reinklemmen kann“. - -So saß Eva von Ostried denn neben dem, der auf Lebenszeit im Herrenhaus -Nachfolger ihres Vaters war. Eine peinliche Pause entstand. Wieder -durchbrach die Stimme des Kummersbachers die Schwüle. - -„Ich will dir besser alle Anwesenden nennen, liebe Base.“ - -Und ohne sich durch den abweisenden Ausdruck der meisten Gesichter -beirren zu lassen, stellte er sie einzeln vor. - -Schlank und stolz stand Eva von Ostried neben der breitschultrigen -Gestalt und neigte ihr Haupt nicht tiefer, wie sie das in allen andern -Fällen getan hätte, denn es streckte sich ihr keine Hand entgegen. Die -weiblichen Mitglieder beachteten sie anscheinend überhaupt nicht. Nur -die Männer spähten verstohlen nach ihr hinüber. Ihre Schönheit wirkte -verblüffend auf sie. Die gesuchte Einfachheit ihrer Kleidung hob die -knospenden Formen auf das Vorteilhafteste. Die ausdrucksvollen Augen -leuchteten aus dem sanften Elfenbeinton der weichen Haut und in dem -Nußbraun ihrer Flechten spielten goldene Lichter. - -Horst Waldemar, der Majoratsherr, sah von seiner Höhe herab prüfend -auf die neue Nachbarin. Er mußte zugeben, daß er sie sich anders -vorgestellt hatte. Zwar mußte er nach dem Bilde, das sie im Kindesalter -neben ihrer Mutter zeigte, auf ein hübsches Gesicht gefaßt sein.... -diesen außerordentlichen Reiz mit einer sichern und nicht nur -gespielten feinen Vornehmheit gepaart, hatte er nicht erwartet. Seine -Ansicht über die Tochter seines Vorgängers wurde dadurch natürlich -keineswegs geändert. Nach wie vor empfand er ihre Zugehörigkeit zur -Familie, die, mochte sie auch jahrelang nicht hervorgetreten sein, eine -Stunde wie die jetzige, zweifelsfrei feststellte, als peinlich. Bisher -hatte er noch nicht mit dem Mitglied einer Bühne unter den Augen seiner -weiblichen Verwandten an dem nämlichen Tisch gesessen. Trotzdem sprach -er sie jetzt an. - -„Ich werde mir nächstens gestatten, in einer geschäftlichen Sache an -Sie heranzutreten, gnädiges Fräulein.“ - -Sie betrachtete ihn erstaunt. Er hatte das kühle wesenlose Gesicht -eines Menschen, der sich im Widerspruch mit den Schnörkeln und Haken -seiner Handschrift befand. Sie war überzeugt, daß er sehr genau mit -sich und seinen Wünschen Bescheid wußte. Kühl und knapp antwortete sie -ihm, während doch ein eisiges Erschrecken sie anpackte. Es war sehr -möglich, er kam ihr noch mit unbeglichenen Forderungen aus ihres Vaters -Schuldkonto. - -„Sie können es einfacher haben. Ich bin schon heute bereit, Sie -anzuhören.“ - -Er verneigte sich verbindlich. „Hoffentlich finde ich nachher -Gelegenheit dazu. Jetzt ergreift aber Vetter Exzellenz endlich das -Wort!“ - -Der Generalleutnant holte tief Atem, sah jeden Anwesenden, außer -Eva von Ostried, fest an, um sich das Nennen der einzelnen Namen -zu ersparen und begann: „Uns Andern ist die Vorgeschichte unseres -Verwandten Edgar von Ostried-Javelingen zur Genüge bekannt. Denn wir -gewährten ihm die Mittel zum Studium. Ich spreche dies also für das -fremde Mitglied. Die Studien hat er mit Abschluß des nötigen Examens -ordnungsgemäß und rechtzeitig erledigt. Leider mußten wir danach noch -einmal eingreifen, und diesmal ungebeten. Er wollte nämlich eine -Stellung als Regisseur annehmen. Bei einem Theater.“ Hier räusperten -sich die gnädigen Großtanten vernehmlich und die Zwillinge kicherten -verschämt auf. „Das war natürlich, so lange er sich offiziell zu -uns bekannte, nicht tunlich. Wir wiesen ihn auf die Tätigkeit des -privaten Schriftstellers hin, die auch seiner angegriffenen Gesundheit -zuträglicher war.“ - -„Darum pfeift er nun wohl auch auf dem sogenannten letzten Loch,“ warf -der Kummersbacher trocken ein. Der Einwand blieb aber unbeachtet und -die Exzellenz fuhr fort: - -„Er hat in unserm Auftrage die Familiengeschichte unseres Geschlechts -neu bearbeitet. Selbstverständlich unter Zugrundelegung alter, -zuverlässiger Quellen. Sie ist gedruckt und bei dem Verlage Müller -und Schulze in Berlin für 22 Mark jederzeit zu beziehen. Was er sonst -noch geschrieben hat, weiß ich nicht. Mir hat er einmal ein Drama -zugeschickt, das mir Anlaß zu einem sehr ernsten Brief gab. Jedenfalls -befindet er sich zur Zeit in schlechter Vermögenslage. Darum hat er den -Antrag gestellt, die für bedürftige und würdige Mitglieder auf 5234 -Mark angewachsene Summe verliehen zu erhalten. Ich für meine Person -hege keine Bedenken, sie ihm zuzuwenden. Der Tatbestand wäre hiermit -erschöpft. Ich bitte zur Abstimmung zu schreiten. Etwaige Gegengründe -sind möglichst kurz vorzutragen.“ - -Hermine von Ostried, die älteste der Großtanten stand wuchtig und -herausfordernd auf. - -„Er selbst bezeichnete sich mir gegenüber als einen freien Künstler. -Das schickt sich meiner Ansicht nach nicht für ein Mitglied unseres -Hauses. Was ist das überhaupt? Die Zigeuner, die einst von meinem -seligen Herrn Vater die Erlaubnis zum Aufschlagen ihrer Buden, in denen -sie dressierte Affen und Seiltänzer zeigten, nachsuchten, nannten sich -ebenso. Ich muß darauf bestehen, daß er zuvor ausdrücklich verspricht, -einem heute ebenfalls noch festzusetzenden Konsortium jede seiner -Arbeiten vor Drucklegung zu unterbreiten. Denn vor der Welt decken wir -ihn doch sozusagen.“ - -Eva von Ostried, für welche die Rede mehr wie für den siechen Dichter -bestimmt war, der irgendwo im Nebenzimmer auf die Entscheidung -wartete, um nachher sein gerührtes „Danke schön“ zu stammeln, lächelte -freundlich. - -„Darf ich um das Wort bitten, Exzellenz,“ fragte sie plötzlich sehr -höflich, als eine kurze Pause entstand. - -„Ich war noch nicht fertig,“ sagte die Stiftsdame hochmütig und empört -über die offensichtliche Belustigung auf dem schönen Gesicht. - -„Du bist also nicht für eine bedingungslose Hingabe, beste Hermine,“ -warf der Generalleutnant ungeduldig hin. - -„Das habe ich nicht ausdrücken wollen, Jeschko. Ich wollte lediglich -meinen Standpunkt darlegen.“ Und dann fuhr sie lang und breit in ihrer -Rede fort, ohne daß ihr jemand aufmerksam zuhörte. - -„Diese Summe hätte zwar ebenso gut dem Familiengesetz nach einer -der ledigen Töchter unserer Familie zugeführt werden können, aber -meinetwegen mag er sie nehmen,“ äußerte sich ein „Vortragender Rat“ -etwas mißgünstig. Seine Gattin stieß ihn kräftig unter dem Tisch an -dasjenige Knie, in dem sich zur Zeit grade der Ischiasnerv unerträglich -regte. - -„Ich bitte dich, diese Taktlosigkeit in Gegenwart des Waldesruher. -Es ist furchtbar mit dir...“ Die hochblonde Ingeborg saß hilflos und -errötend da, denn sie hatte begriffen, daß diese Bemerkung auch sie -anging. Ihr Gesicht wirkte sehr weiß und rot. Die Augen hatten den -starren ausdruckslosen Blick hübscher Wachspuppen. Die kräftige, -ebenfalls sehr weiße Zahnreihe leuchtete hinter den rosa Lippen auf, -auch wenn sie, wie jetzt, schwieg. - -Ein „Regierungsassessor“ murmelte etwas von „unsereinem hätte es auch -schon hundertmal bitter not getan,“ aber es wurde dann ohne weiteres -Einreden zur Abstimmung geschritten und der Diener des Kummersbachers -erhielt den Auftrag, Herrn Doktor von Ostried Javelingen herein zu -bitten. - -Eva von Ostrieds Blicke richteten sich voll warmen Mitleids auf den -Eintretenden. Er sah hager und verfallen aus. Seine Kleider saßen -schlotternd. Seine Hände waren wie vertrocknet. Aber in seinen -dunkelblauen Augen brannte ein helles Feuer. Er stand neben dem -Generalleutnant, Exzellenz, doch sah er eigentlich nur die Fremde in -diesem ihm sonst wohlbekannten Kreise. Sein Dank war verworren und -längst nicht so überströmend, wie das zu erwarten gestanden hätte. Er -schämte sich vor dem fremden, ihm über alle Begriffe schön dünkenden -Mädchen. - -Nun war die Hauptsache erledigt! - -„Du wolltest vorher etwas sagen, Base Eva, wenn ich nicht irre“..... -Die jünglingsklaren Augen des Kummersbacher winkten ihr aufmunternd -zu, als verhießen sie: „Nimm kein Blatt vor den Mund. Ich halte deine -Kante!“ - -In Eva von Ostried war allerdings bei den Worten des Stiftsfräuleins -Hermine heller Zorn emporgelodert. Die versteckte Art, mit der hier -mehr über sie wie über den armen, krankaussehenden Dichter der Stab -gebrochen wurde, erschien ihr verächtlich. Nun aber das erste Feuer -niederglimmen mußte, ohne zu strafen, fühlte sie die alte matte -Gleichgültigkeit. - -Der Regierungsassessor erwachte aus seiner Schläfrigkeit und späte -erwartungsvoll nach ihr hin. Irrte sie oder zuckte in seinen -Mundwinkeln ein feiner, überlegenener Spott, der ihrem Schweigen -galt? Raffte sie sich jetzt nicht zum Sprechen auf, durfte sie -keinen Augenblick länger verweilen. Denn sie konnte sonst eine nicht -mißzuverstehende Aufforderung zum Verlassen dieses Zimmers durch die -Stiftstanten oder durch die soldatische Exzellenz erwarten. - -Deshalb erhob sie sich jetzt doch. - -„Ich wollte mich, als einzig dazu Berechtigte, in Abwesenheit des -Angegriffenen gegen die Mißachtung des freien Künstlers wehren,“ -sagte sie ohne Erregung. „Nun aber ist ja der davon Betroffene selbst -dazu imstande. Wenn mir erlaubt wird, ihm kurz zu sagen, was von der -Stiftsdame Hermine behauptet wurde...“ - -„Dagegen protestiere ich,“ schrie die Angegriffene in maßloser Erregung. - -„Es ist nicht Sitte, daß aus der geheimen Familiensitzung nachträglich -dem dabei nicht zugezogenen Hauptbeteiligten Eröffnungen gemacht -werden,“ entschied der Generalleutnant. - -„Ich weise darauf hin, daß ich dies während der Beratung abmachen -wollte.“ Eva von Ostrieds Zurückweisung des ihr gemachten Vorwurfs -klang durchaus sachlich. „Nachdem ich von dem Tadel des Herrn -Generalleutnants Kenntnis habe, verzichte ich auf jedes weitere Wort.“ - -„Ich verlange, daß du sprichst,“ sagte der Kummersbacher streng und -scharf. Die andern kannten diesen Ton. Wenn er sich dazu verstieg, -pflegte er nicht früher Ruhe zu geben, als bis er seinen Willen bekam. -Eine kleine Pause entstand. - -„Vetter Javelingen könnte ja noch mal abtreten,“ schlug der -Regierungsassessor lässig vor. - -„So sprechen Sie denn, wenn es durchaus sein muß,“ erlaubte der -Generalleutnant kurz. Und Eva von Ostried fuhr fort: - -„Es wurde vorher also der umherziehende Zigeuner dem freien Künstler -gleich erachtet. Das empfand ich an sich als keinen Schimpf. Auch -der heimatlose Ungar kann sehr wohl etwas von dem Gottesgeschenk in -sich haben. Ich richte mich gegen den Ton, in welchem der Vergleich -vorgebracht wurde. Er strebte die Herabsetzung und Verächtlichmachung -des Künstlerstandes an. Empfindlichkeit liegt mir ebenso fern wie der -Wunsch, nach diesem Tage vielleicht einen engeren Zusammenschluß an die -Familie, welcher ich entstamme, zu erstreben. Wenn aber die Rednerin -auch den abwesenden Dichter vorschob, so richtete sie in Wahrheit -ihre Angriffe gegen mich. Dabei war sie klug genug, meinen Namen -nicht klar zu nennen. Besäße ich einen brüderlichen oder väterlichen -Freund, würde ich diesen zur Erwiderung auf schriftlichem Wege -veranlassen. Aber ich stehe ganz allein. Nun ist es mir darum zu tun, -an derselben Stelle, die mich beleidigen wollte, zu antworten. Kurz -meinen Lebenslauf, seitdem ich Waldesruh verließ: Der Freund meines -Vaters übernahm meine Ausbildung zur Bühnenkünstlerin. Sein bedeutender -Ruf verbürgte die Richtigkeit seines Urteils. Nachdem er unerwartet -starb und mein Vormund, Amtsrat Wullenweber auf Hohen-Klitzig, seine -Erlaubnis zum Weiterstudium versagte, nahm ich verschiedene Stellungen -als Kinderfräulein und Gesellschafterin an. Zeugnisse darüber sind -vorhanden. Zuletzt weilte ich drei Jahre bei Frau Präsident Melchers. -Ueber diese Zeit erteilt Justizrat Weißgerber Auskunft.“ - -Der Waldesruher Majoratsherr, der bis jetzt mit leicht gesenktem -Kopf vor sich niedergesehen hatte, streifte sie mit einem raschen -Seitenblick. Famos sah sie aus und ganz famos sprach sie auch. Trotzdem -würde sie von der Familie nach diesem wohl ebenso wenig beachtet werden -wie bis dahin. Und er schien das Interesse für ihre Ausführungen zu -verlieren. - -„Frau Melchers starb auf einer Reise nach Pommern am Herzschlag und -ich, die inzwischen mündig Gewordene, beschloß, endlich meinen -sehnlichsten Wunsch, die Ausbildung zur Bühne, fortzusetzen.“ - -„Woher hat sie das Geld dazu genommen,“ tuschelte das jüngere -Stiftsfräulein ihrer Schwester neugierig zu. - -Eva von Ostried fühlte, daß sie schwach werden wollte. Nun kam der -dunkle Punkt! Und es hieb alles wieder auf sie ein... Die Not des -Gewissens glühte -- die Angst bis an’s Lebensende unter dieser -heimlichen Schmach zu leiden ... Einen Augenblick gab sie ihre Sache -verloren. Dann erwachte ihr Stolz. „Meinem Gott und mir... und ihm, -den ich liebe, bin ich Rechenschaft schuldig. Diesen nicht...“ Und sie -sprach weiter: - -„Das Geld -- ganz recht. -- Das war eine böse Geschichte. Denn mein -mütterliches Erbteil betrug nur tausend Mark. Ich hätte aber sehr bald -vielleicht das Zwanzigfache verdienen können, wenn nicht das Blut -meiner Mutter in mir wach geworden wäre. Ich konnte mich nun doch -nicht für die Bühne zur Laufbahn entschließen. Die Gründe dafür nenne -ich hier nicht. Sie würden doch kein Verständnis oder keinen Glauben -finden. Der Tropfen Ostriedsches Blut -- das Erbe meines Vaters also --- war nicht dagegen. Zur Zeit verdiene ich meinen Lebensunterhalt -durch Unterricht und Konzerte. So werde ich im nächsten Monat zweimal -in München, am neunten November einmal im Blüthnersaal, hier, singen. -In der Hauptsache ernähren mich die Stunden, die ich begabten Schülern -erteile. Meine Wohnung befindet sich in Charlottenburg, Königsweg 24. -Ich hatte nicht nötig, dies alles zu sagen. Wie schon erwähnt, stehe -ich aber ganz allein für mich ein und bin daher dem niederen Klatsch -schutzlos ausgesetzt. Das Andenken an meine Mutter verbietet mir, mich -verdächtigen zu lassen.“ Sie neigte sich leicht und machte Miene zu -gehen. - -Da stand der Generalleutnant, Exzellenz, langsam auf, kam um den Tisch -herum auf sie zu und hielt die Hand hin. - -„Wir Männer haben zu wenig Zeit und auch zu wenig Begabung, um -die Richtigkeit gehässiger Berichte nachzuprüfen,“ sagte er nicht -unfreundlich. „Darum tut es mir persönlich leid, wenn Sie sich durch -unsere bisherige Zurückhaltung verletzt gefühlt haben sollten.“ - -Einen Augenblick legte sie ihre Rechte in die seine. - -„Glauben Sie jetzt aber ja nicht, Exzellenz, daß ich mich in Ihren -Kreis drängen möchte.“ - -Er sah erstaunt auf. Gradwegs in ihre wundervollen, klaren Augen. Einen -Augenblick drohte ihn die weltmännische Sicherheit zu verlassen. - -„Und warum nicht,“ fragte er erstaunt. - -„Weil ich keine Zeit dazu fände und auch nicht ehrgeizig bin, -Exzellenz. Sonst stände ich ja wohl heute als Mitglied einer Bühne vor -Ihnen.“ - -Die andern Herren hatten sich gleichfalls erhoben und sahen etwas -verlegen auf den Generalleutnant. Sie tat, als merke sie nichts von dem -Erwägen, das aus allen Gesichtern sprach. - -„Ich muß nun fort, Exzellenz.“ - -Neben ihr lachte der Kummersbacher behaglich auf. „Nee, meine Tochter, -du bleibst noch gefälligst eine Weile! Wir machen nachher unten eine -gemütliche Ecke. Du, meine Wenigkeit, unser Dichter und wer sonst noch -Lust hat, kann sich anschließen. Sage nicht „nein“... Bitte...“ - -„Ich wollte mit der gnädigen Base noch wegen geschäftlicher Dinge -verhandeln. Darf ich also mitkommen?“ fragte der Waldesruher höflich. - -„Schön. Kannst du machen! Wann kommt denn übrigens der Anwalt? -Warum Ihr durchaus die Familienbestimmungen abändern wollt, ist mir -zwar nicht klar. Es sind ohnehin zu viel. Aber wenn es sonst ein -vernünftiger Mann ist, kann auch das ganz nett werden. So’n Jurist -steckt einem manchmal gehörige Lichter über das, was man Logik des -Denkens nennt, auf.“ - -Der Waldesruher klemmte das Monokel ins Auge und prüfte die Uhr. „In -zwei Stunden wird er da sein. Solange hätte ich also Zeit.“ - -Eva von Ostried stand unschlüssig zwischen den Beiden. „Es hat doch -keinen rechten Zweck,“ meinte sie leise zu dem Kummersbacher. - -„Zweck,“ lachte der vergnügt. „Na wer weiß! Sieh mal rüber. Die -gnädigen Stiftstanten giften recht erheblich, weil ihr Liebling, die -brave Ingeborg, fortwährend sehnsüchtige Blicke zu uns rüber wirft. -Allein darum lohnt es sich schon.“ - -„Willst du mit von der Partie sein, Inge,“ fragte er laut. „Ich stehe -dafür ein, daß du ungestohlen wieder abgeliefert wirst.“ - -„Wir wollten den Waldesruher Vetter grade herzlich bitten, daß er mit -uns den Tee nimmt,“ lehnte das ältere Stiftsfräulein in süßlichem Ton -für sie ab. - -Horst Waldemar von Ostried ging hinüber und küßte der Sprecherin -flüchtig die Hand, die immer noch wie dürres Holz erschien. - -„Leider kann ich heute der gütigen Einladung nicht folgen, verehrte -Großtante. Ich bemerkte schon soeben, etwas Geschäftliches hindert mich -an diesem Vergnügen.“ - -Dem Dichter war es endlich gelungen, sich an Eva von Ostrieds Seite zu -drängen. „Wie innig habe ich Ihnen zu danken,“ flüsterte er. - -„In der Hauptsache sprach ich für mich,“ meinte sie lächelnd. - -„Daß Sie es überhaupt sagten, war schön.“ - -„Traurig genug, dass es gesagt werden mußte, nicht wahr?“ - -Er nickte. „Sie ahnen ja gar nicht, wie unbeschreiblich glücklich Sie -sind.“ - -„Ich!“ machte sie erschrocken. „Warum denn nur? Sie haben gehört -- ich -bin von meinem gesteckten Ziele abgeirrt ...“ - -„Aus freien Stücken, ja! Diesen Zwang kann man sich wohl gefallen -lassen.“ - -„Er zerbricht auch mancherlei. Glauben Sie nur!“ - -„Was wissen Sie davon? Ihre Augen sind licht und rein.“ In diesem -Augenblick trat der Kummersbacher wieder heran und verdrängte ihn durch -das Vorhandensein seiner mächtigen Gestalt. - --- Zu Vieren saßen sie um einen Rundtisch. - -„Ich bringe dich nachher nach Hause,“ sagte der Kummersbacher. „Das -erlaubst du mir wohl? Auf der Fahrt können wir uns beide noch ein -bißchen aussprechen.“ - -Sie richtete sich auf und lächelte krampfhaft. - -„Ich glaube, du bist sehr gut, Onkel Friedrich Wilhelm. Aber, nun ist -es für alles zu spät.“ - -Sie sprach es nur für ihn. Ihre Stimme war ein Flüstern. Der -Waldesruher unterhielt sich weiter mit dem Dichter, obgleich er ihn im -übrigen nicht als vollwertigen Menschen ansah. - -„Mir kannst du vertrauen, Kind. Ich begreife dich schon!“ - -„So war’s nicht gemeint. Ich dachte lediglich an das mancherlei -Schwere, das ich als junges, unreifes Ding, damals ganz allein mit mir, -abmachen mußte. Das machte mich vorübergehend bitter. Jetzt bin ich -damit fertig. Wirklich. Eine gemeinsame Fahrt denke ich mir für dich -sehr unangenehm nach diesem Sekt. Ich benutze nämlich die elektrische -Bahn.“ - -„Und dir von mir einen Wagenplatz bezahlen zu lassen, das widerstrebt -dir, mit andern Worten.“ - -„Ja, das tut es!“ - -„Du bist eine seltsame Heilige, scheint mir.“ - -„Aber nicht darum.“ - -„Also außerdem auch noch. Das kann ich leider nicht beurteilen.“ - -Der leichtergraute Kopf des Waldesruher wandte sich in diesem -Augenblick zu ihr hin. - -„Darf ich jetzt endlich meine Frage an Sie richten, gnädige Base?“ - -„Ich bitte darum, Herr von Ostried.“ - -Er zuckte unter ihrer förmlichen Anrede ein wenig zusammen und saß -danach noch steifer und hochmütiger auf seinem Platz. Sonst war er -derjenige, der unerwünschte Vertraulichkeiten zurückwies. - -„Sie besitzen von Ihrer Frau Mutter einen Schatz wertvoller, alter -Möbel.“ - -„Das ist Ihnen bekannt?“ wunderte sie sich. „Wie seltsam.“ - -„Nicht so sehr, wie es den Anschein hat. Waldesruh und Hohen-Klitzig -grenzen noch immer.“ - -„Das hatte ich beinahe vergessen.“ - -„Und einen Teil der alten Leute behielt ich in meinen Diensten.“ - -„Wirklich?“ fragte sie mit leisem Spott. - -Er überlegte, ob er ihr eine scharfe Zurechtweisung erteilen solle, -unterließ es aber, um sie nicht, ohne jedes Nachdenken, zu einer -abweisenden Antwort zu veranlassen. - -„Die haben mir also davon berichtet,“ fuhr er fort, „als gerade eine -Sendung aus Berlin ankam, die von Kluserichter, dem Gutstischler, -ausgepackt wurde. Ich bin dann bald zu dem Amtsrat herübergefahren, um -sie zu besichtigen. Er verwies mich indes an Sie.“ - -Sie hatte wiederholt daran gedacht, sich auch diese Sachen in ihr Heim -kommen zu lassen, unterließ es aber, weil die jetzige Wohnung keinen -genügenden Raum dafür bot. Ihr Herz hing zudem nicht an den Stücken. -Für einen guten Preis würde sie sich jetzt ohne weiteres davon getrennt -haben, weil sie diejenigen Möbel, die einen wirklichen Erinnerungswert -für sie besaßen, bereits umgaben. Sie diesem zu überlassen, verbot -ihr Stolz. Wieder spürte sie die unsägliche Nichtachtung, die darin -lag, daß er ihrem toten Vater nicht die letzte Ehre erwies, die -Kaltherzigkeit, mit welcher er ihr, der Heimatlosen damals schriftlich -begegnete. - -„Diese Sachen sind unverkäuflich,“ gab sie kurz zur Antwort. - -„Sie wollen also gar nicht mein Gebot hören?“ - -„Es würde mich nicht umstimmen.“ - -Sein Hochmut fand die schroffe Ablehnung einfach lächerlich. Eine -kindische Ueberhebung von dieser gänzlich Mittellosen, die mit eisigem -Schweigen abgetan zu werden verdiente. Die Leidenschaft des Sammlers -versuchte dennoch ein Letztes: - -„Vielleicht darf ich später noch einmal nachfragen, ob Sie Ihre Ansicht -geändert haben?“ - -Sie zuckte die Achseln. -- In demselben Augenblick hatte er -blitzschnell die ihn eiskalt überrieselnde Empfindung, daß neben dieser -unpersönlichen Stimme, die nach einem Wiedersehen verlangt hatte, auch -noch der Mann in ihm danach strebte. Brüsk erhob er sich. - -„Verzeihung, ich will Befehl geben, daß mir sofort die Ankunft des -Rechtsanwalts gemeldet wird.“ - -„Das brauchst du doch nur an meinen Hermann nach oben zu -telephonieren,“ riet der Kummersbacher und unter seinem eisgrauen Bart -zuckte die Schadenfreude über die schneidige Abfuhr auf. - -Trotz des Rates nahm der andere nicht wieder Platz. Es trieb ihn fort. -Das Gefühl lebhaften Aergers über die schroffe Ablehnung, nach welcher -er beschlossen hatte, den schlauen Agenten auf Eva von Ostrieds Schätze -zu hetzen, war verflogen. Jetzt wehrte er sich lediglich gegen das -wachsende Wohlbehagen, das ihm ihr Anblick bringen wollte. - -„Weshalb hast du eigentlich den Anwalt so heimlich bestellt,“ fragte -der Kummersbacher vergnügt. - -„Heimlich? Das dürfte nicht zutreffen. Es war vorher mit Jeschko -ausgemacht, daß wir abändern wollten. Ihr habt Euch ja in Pausch und -Bogen schon längst vorher damit einverstanden erklärt. Mir fiel neben -dem Abfassen von der Bekanntgabe des Familientages natürlich auch die -Wahl des Anwalts zu.“ - -Er merkte nicht, daß ihn der Frager nur noch ein wenig fesseln wollte, -um mit inniger Schadenfreude zu prüfen, ob seine längst gemachte -Feststellung von dem starken Eindruck der schönen Base auf den Egoisten -wirklich zutreffe. - -„Ich kenne hier nämlich verschiedene sehr tüchtige Anwälte,“ beharrte -er eigensinnig, „und denen würde ich gern eine Kleinigkeit zu verdienen -gegeben haben.“ - -„Dieser ist mir ebenfalls warm empfohlen. Ein gewisser Doktor -Wullenweber, vereinigt mit dem als sehr tüchtig anerkannten Justizrat -Weißgerber. Zudem Neffe meines Klitziger Nachbarn.“ Dann verneigte -er sich stumm gegen Eva, ohne ihr die Hand zu reichen und nickte den -beiden andern zu. - -Sie sah plötzlich starr und bleich aus. Oder veränderte nur der erste -fahle Schein der Dämmerung, der gespenstisch durch die steingrünen -Vorhänge kroch, ihr Aussehen? - -„Die Luft ist hier nicht besonders gut, nicht wahr?“ erkundigte sich -der Kummersbacher teilnehmend, als sie jetzt zu Dreien waren. - -„Ich muß nach Hause,“ sagte sie tonlos, ohne auf seine Frage zu -antworten. - -Es erschien ihr alles nebensächlich und phrasenhaft neben dem einen, -was sie soeben gehört. - -„Dieser Entschluß kommt ein bißchen plötzlich, Kind..“ - -Schweigend knöpfte sie an ihren Handschuhen. - -„Ich blieb schon viel zu lange.“ - -„Warum ärgerst du dich eigentlich,“ forschte er beinahe sanft. „Ich -sehe keinen Anlaß.“ - -Sie lachte. Aber es klang wie ein Schrei. - -„Aergern, nein, wirklich nicht!“ - -„Schön, dann also nicht! Meine Begleitung war dir nicht angenehm und -anders hast du es dir inzwischen wohl nicht überlegt?“ - -„Es war unrecht, daß ich gekommen bin,“ klagte sie leise. - -„Ich freue mich aufrichtig darüber. Das kannst du mir glauben.“ - -Sie reichte ihm beide Hände zum Abschied. „Vielen, vielen Dank, Onkel -Friedrich Wilhelm.“ - -„Möchte wohl wissen, wofür?“ brummte er. „Ich sage trotz deines -deutlichen Abwinkens, „auf baldiges Wiedersehen.“ Höre mal zu. Im -Oktober bin ich wieder auf vier bis fünf Wochen daheim. Dann kommst du -zu mir. Ich bitte dich herzlich darum.“ - -Sie stand mit schlaff herabhängenden Armen vor ihm. - -„Versprich mir das,“ drängte er, „Unser Dichter wird auch kommen.“ - -Der blasse Mensch freute sich wie ein glückliches Kind. - -„Ja -- ich komme bestimmt. Das wird sehr schön werden.“ - -„So schnell kann ich nicht Vertrauen fassen,“ entschuldigte sie sich. - -„Siehst du, das begreife ich. Daß du wenigstens versuchen willst, es zu -bekommen, das kannst du mir auch versprechen?“ - -„Ich glaube nicht, daß ich diesen Versuch machen werde.“ - -Er hatte ihr die breiten wuchtigen Hände auf die Schultern gelegt und -zog sie sanft zu sich heran. „Man hat es nicht anders verdient. Stimmt! --- Trotzdem --“ Und er neigte sich zu ihr und küßte sie auf den Mund. -„Denn ich könnte bequem dein Großvater sein, Mädel,“ sagte er nachher -wie erklärend, „aber auch schon mit der Vaterwürde wäre ich sehr -zufrieden!“ - --- -- Wie eine Träumende ging sie die breiten, schönen Straßen -herunter. Sein Name hatte alles wieder aufgewühlt. Sie kam nicht los -von ihm. Und es mußte doch geschehen. - -„Verehrte Base, gestatten Sie, daß ich Sie begleite --“ Ihr Kopf fuhr -herum. Das gelangweilte Gesicht des Regierungsassessors sah in diesem -Augenblick äußerst angeregt und verschmitzt aus. Eine Blutwelle der -Empörung stieg ihr bis in die Stirn hinauf. - -„Ich gestatte lediglich, daß Sie sofort von meiner Seite verschwinden,“ -sagte sie kalt und würdigte den Verblüfften keines Blickes weiter. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -19. - - -„Sie, Herr Rechtsanwalt Wullenweber, haben sich, wie mir mein -Waldesruher Vetter mitteilt, bereits über den Inhalt der vorhandenen -Familiengesetze unterrichten können,“ sagte Generalleutnant von -Ostried, der zur Vorbesprechung über die neu aufzunehmenden Paragraphen -mit dem soeben Angekommenen und dem Majoratsherrn, fernab von der -langen, feierlichen Tafel, in seinem nicht übermäßig geräumigen -Logierzimmer Platz genommen hatte. - -Walter Wullenweber verneigte sich bejahend. - -„Diejenigen Bestimmungen, welche seit Einführung des Bürgerlichen -Gesetzbuches -- selbst in dieser Form als Familiengesetz -- anfechtbar -geworden sind, habe ich mir erlaubt durchzuarbeiten und anders zu -formulieren.“ - -„Sehr schön,“ lobte die Exzellenz zerstreut, „aber das hat Zeit bis -nachher. Das Neue ist entschieden wichtiger. -- Willst du mir mal -gütigst das kleine Heft herüber geben, Vetter?“ - -Der Waldesruher reckte nur den Arm weit aus und reichte es ihm hin. - -„Famos. Immer wieder unterschätze ich deine Körperlänge. -- So bitte, -Herr Rechtsanwalt, wollen Sie gefälligst Einsicht nehmen, was gewünscht -und erstrebt wird. Vor allen Dingen muß das lächerliche Befragen des -gesamten Familienrats, wenn zum Beispiel in der Familiengruft eine -neue Trauerweide vom Obergärtner gesetzt oder ein Grabmal aufgefärbt -wird, eingestellt werden. Künftig soll ein aus zwei oder drei Leuten -bestehender Ausschuß darin maßgebend sein. Andere Punkte freilich -sind bedeutender. Unsere, das heißt, meines Vetters und meine Ansicht -erfahren Sie nebenstehend.“ - -Walter Wullenweber las aufmerksam. - -„Die vorgeschlagenen Abänderungen sind bei weitem einfacher und -zweckdienlicher,“ unterbrach er einmal das Schweigen; „nur fehlt -die rechtswirksame Form, wie z. B. hier bei einer hypothekarischen -Sicherheit für einen der Ostrieds gerader Linie. Das ist aber eine -Kleinigkeit.“ - -Dann vertiefte er sich wiederum, bis ihm das Rot einer heimlichen -Erregung über das stubenblasse Gesicht lief. Er sah den Waldesruher -Majoratsherrn prüfend an und in diesem Blick lag entschieden etwas -Feindliches. - -„Sind Sie damit einverstanden, Herr von Ostried, daß der eventuelle -älteste Enkel Ihres verstorbenen Herrn Vorgängers nach Ihnen -- -also vor dem bisherigen Anwärter -- als Waldesruher Majoratsherr -in Frage käme? Absatz 3 der mir zugänglich gemachten Bestimmungen -verlangt ausdrücklich bei einer Abänderung in erster Linie die -Bereitwilligkeitserklärung des derzeitigen Majoratsinhabers. Darum -meine Frage. Auch darf ich nicht verhehlen, daß die Vorlage dieser -neuen Erbfolge bei auch nur einer widerstrebenden Stimme glatt erledigt -ist.“ - -Horst Waldemar von Ostried blickte eine Kleinigkeit gelangweilt drein. - -„Ihre erste Frage ist schnell beantwortet, Herr Rechtsanwalt. Warum -sollte ich dagegen sein? Bis jetzt lebe ich als kinderloser Witwer. -Sollte ich eine neue Heirat schließen.“ - -Die Exzellenz sah überrascht auf und knurrte etwas. „Na nu -- das ist -mir ganz neu.“ - -„Wie meinst du,“ fragte der andere ruhig. - -„Bitte weiter. Es war nichts von Wichtigkeit.“ - -„Ich wollte sagen, daß in jedem Fall mein Sohn, würde mir noch ein -solcher beschert sein, als mein Nachfolger auf Waldesruh in Betracht -käme. Diese ganze Neuregelung liegt reichlich weit im Felde. Immerhin -besteht ein Zwang für sie.“ - -„Den zu erkennen ist mir bisher nicht möglich gewesen. Darf ich alles -Notwendige wissen, um nachher sämtliche Einwendungen widerlegen zu -können.“ - -„An denen wird es selbstverständlich nicht fehlen,“ meinte die -Exzellenz ahnungsvoll. „Wappnen Sie sich also mit sehr viel Geduld, -sonst werden Sie bestimmt nervös!“ - -„Ehe ich zu dem Hauptsächlichsten komme, will ich Ihnen kurz -wiederholen, was Sie ja, von der Vertretung ihrer Interessen her, -bereits vor mir wußten,“ begann Horst Waldemar wieder. „Vorläufig ist -die Tochter meines Vorgängers noch ledig. Ich ahne auch nicht, ob eine -Aussicht zur Abänderung dieses Zustandes bereits vorhanden ist. Und -wenn selbst die junge Dame, die übrigens vorher bei dem ersten Teil der -Familiensitzung zugegen war -- ist Künstlerin und es wird ein unserer -Familie voll ebenbürtiger Gatte als Vater eines neuen Majoratsherrn zur -Bedingung gemacht --“ - -„Schön genug wäre sie allerdings für einen Prinzen, wenn sonst das -andere stimmte,“ warf die Exzellenz nachdenklich ein. - -Der Waldesruher sah ihn bedeutsam an und zog rasch, wie, um dies -zu verdecken, seine Uhr. „Die Zeit eilt. Wir dürfen uns nicht bei -Nebensachen aufhalten.“ - -„Ich war noch nicht zu Ende,“ sagte Horst Waldemar kurz und fuhr -fort: „Ein Widerstreben würde, auch menschlich beleuchtet, völlig -unerklärlich sein. Trotzdem werden Sie nachher einen heißen Kampf -entbrennen sehen. Die übrige Familie weiß nämlich bis zu dieser Stunde -lediglich, daß die alten Gesetze durchgesehen und verbessert werden -sollen. Damit haben sie sich ohne weiteres einverstanden erklärt. Ihnen -mehr zu sagen, schien meinen Vetter und mir verfrüht. Es hätte Anlaß -zu unerfreulichen schriftlichen Erklärungen gegeben. Denn wir wissen, -daß jeder Einwand gegen die neue Erbvorlage vergeblich bleiben muß. -Das durch einen Zufall aufgefundene Zusatzschriftstück verlangt die -erwähnte Erbfolge ausdrücklich.“ - -„Dies Schriftstück war mir bisher nicht zugänglich. Sehr gern würde ich -mich jetzt mit seinem Inhalt bekannt machen.“ - -„Darum bitten wir Sie natürlich. Hier ist es. Sie sehen, eine Abschrift -hätte unüberwindliche Schwierigkeiten gebracht. Das Pergament ist -brüchig geworden und muß sehr vorsichtig behandelt werden. Zudem -hätte ein halbgebildeter Abschreiber kaum die Menge lateinischer -Redewendungen richtig wiedergegeben. Ich zog daher die Aushändigung -an Ort und Stelle vor und bin gern bereit, Ihnen bei scheinbar -unleserlichen Stellen zu helfen.“ - -Walter Wullenweber prüfte eingehend den Inhalt des Dargereichten. -Er hatte sich jetzt wieder voll in der Gewalt. Seine scharfen Augen -bemühten sich unter den zahlreichen dunklen Stockflecken die kleine -spitze Schrift zu enträtseln. - -Die Exzellenz reichte ihm eine Lupe über den Tisch hin. „Wenn Sie an -gewisse Stellen kommen, wird sie Ihnen gute Dienste tun.“ - -Nach einiger Zeit legte Walter Wullenweber die Rechte auf das Pergament -und sah auf: - -„Nun dies aufgefunden ist, könnte selbst die heftigste Ablehnung nicht -mehr an der veränderten Erbfolge rütteln. Ich unterstelle natürlich -die Echtheit. Wenn sie von einem Mitglied in Zweifel gezogen würde, -kämen langwierige und kaum erfolgreiche Erhebungen heraus. Vollgültige -Beweise von der einen oder andern Seite erscheinen mir unmöglich.“ - -„Ausgeschlossen,“ sagte der Waldesruher mit großer Bestimmtheit. „Daran -wagt Keiner zu tippen. Zudem habe ich bereits die Uebereinstimmung -dieser Handschrift mit den Aufzeichnungen eines Ahnen einwandfrei -feststellen und von einem gerichtlichen Sachverständigen beglaubigen -lassen. Hier ist das Dokument darüber. Vielleicht vermag es Ihnen in -dem Kampfe zu dienen.“ - -„Dann dürfte jeder Einspruch wirkungslos bleiben.“ - -Der Generalleutnant schlug sich in bester Laune, auf die Knie. „Wie -ich mich freue,“ sagte er aus tiefstem Herzen, „wenn es auch nur ein -Schreckschuß ist und voraussichtlich bleiben wird. Diesen ewig müden, -gelangweilten Bengel, deinen bisherigen Nachfolger, muß das mal endlich -wach machen.“ - -„Hier ist auch noch der Umschlag, in dem das Gefundene steckte, Herr -Rechtsanwalt.“ - -„Wie, Sie selbst haben es gefunden, Herr von Ostried?“ - -„Ohne meinen Vorsatz allerdings! Ich ließ das Kellergewölbe im -Waldesruher Schloß aufreißen, damit das schadhafte Mauerwerk -ausgebessert werde. Die merkwürdig geformten Nischen und die -zahlreichen Verstecke mit den unsichtbar eingelegten Steintüren -interessierten mich umso mehr, als bereits mein Großvater, der wie -ich Sammler von Altertümern war, uns Kindern von kostbaren seit den -Kreuzzügen dort lagernden Schätzen erzählt hatte. In Wahrheit fand sich -nur ein verrosteter Eisenkasten vor, der dies Schriftstück barg. Ob mir -oder den andern der Fund angenehm sein konnte oder das Gegenteil, habe -ich wirklich nicht erwogen. Es war einfach meine Pflicht, daß ich ihn -nach Kenntnis des Inhalts ungesäumt dem Senior unserer Familie, meinem -Vetter, Generalleutnant von Ostried, unterbreitete. Dies ist geschehen.“ - -Das klang ohne jede Beimischung von Gefühlswärme, wie Walter -Wullenweber feststellte. Es beruhigte ihn. Mit einigem Eifer begann -er den Entwurf der neuen Bestimmung zu formen. Jetzt war er fertig, -überlas alles und übergab es dann der Exzellenz, die es laut zum Gehör -brachte. - -„Ausgezeichnet,“ stellten sie beide fest. „Wir können die Herrschaften -wieder zusammentrommeln lassen.“ - -„Einen Augenblick,“ sagte Horst Waldemar plötzlich, als sich die -Exzellenz erhob, um seinen Hermann zu beauftragen. „Den letzten -Punkt haben Sie zu erwähnen vergessen. Sie erinnern sich doch, Herr -Rechtsanwalt?“ - --- Eine halbe Stunde später einten sie sich wieder um die lange -feierliche Tafel. Nur die Reihenfolge war ein wenig verändert. Eva von -Ostrieds Platz hatte jetzt der Regierungsassessor eingenommen, während -Walter Wullenweber zwischen dem Generalleutnant und dem Waldesruher saß. - -Das Stiftsfräulein Hermine fuhr, nachdem der Generalleutnant nach den -unwichtigen Abänderungen den Punkt der neuen Erbfolge zur Kenntnis -gebracht, von ihrem Stuhl empor. Auch die andern starrten mehr oder -minder überrascht, nach dem Sprecher hin, der das Auffinden des -alten Schriftstückes noch mit keinem Worte erwähnt hatte. Er hatte -absichtlich davon geschwiegen. - -Der Kummersbacher freute sich aufrichtig für Eva von Ostried. Nicht, -daß er schon ihren ältesten Sohn unter den Waldesruher Buchen hätte -herumgaloppieren sehen, nein, daran glaubte er nicht! Er gönnte ihr nur -von Herzen jene Ehrenerklärung, die in der Annahme der neuen Bestimmung -lag. Scharf spähte sein Blick zu Horst Waldemar hin. Sollte es bei -diesem angegrauten Eiszapfen etwa denkbar sein, daß er sich in die -jene, lockende Schönheit vergafft habe? - -Der Vortragende Rat, Exzellenz, und seine Zwillingstöchter waren -mehr verwundert wie empört. Was ging es sie schließlich an, wer die -Waldesruher Herrlichkeiten genoß? Ihnen blieben sie jedenfalls fern. - -Fassungslos machte die Mitteilung lediglich die Eltern des -Regierungsassessors, die bleich und stumm nach Atem rangen. - -Der Anwärter selbst hatte nur eine Sekunde die Farbe verloren. Dann -war sein Plan gefaßt. Noch ehe Eva von Ostried das Geringste von -all diesem erfuhr, also sogleich nach Schluß der Komödie, würde -er ihr schreiben. Das verstand er ausgezeichnet. Sie sollte seine -Rechtfertigung schon annehmen und ihm, wenn er sich mündlich ihre -Verzeihung holte, eine andere Behandlung gewähren, als vorher zwischen -den sommermüden alten Linden! - -Lodernden Zorn, der ihr häßliches Gesicht noch abstoßender erscheinen -ließ, empfand einzig das ältere Stiftsfräulein, während ihre um zehn -Jahr jüngere, als unbegabt geltende Schwester Klausine leise zu -weinen begann. Sie hatte sich schon zu lange auf die Sommerfrische in -Waldesruh unter Ingeborgs Fürsorge gefreut. Dieser Traum von Stille, -endlichem Frieden und unbeschnitten reichlichen Gerichten würde durch -den Sohn jener Unausstehlichen natürlich zu Schanden werden! - -Hermine von Ostried wartete auf das letzte Wort des Generalleutnants. -Kaum war es gesprochen, schrillte ihre hohe, jetzt von Verachtung und -Zorn gellende Stimme. - -„Es ist ein Scherz und nichts weiter, den du dir soeben mit uns erlaubt -hast, lieber Jeschko. Ich für meine Person lasse mir solche Sachen -nicht gefallen, mögen auch die andern töricht genug sein, sich dadurch -verblüffen zu lassen. Ich frage dich, was du damit bezweckst?“ - -Aber sie ließ ihm nicht etwa Zeit die Frage zu beantworten. Sein -lächelndes Gesicht, das sich nunmehr zu verklären begann, reizte sie -unaussprechlich. „Schamlos genug, daß Euch Männern diese Bettelprinzeß -die Köpfe verdreht hat.“ - -Da fuhr mit gewaltigem Schlag eine Faust auf die Tafel nieder. Das war -die Sprache des Kummersbacher. - -Der schmale Dichter, der auf seiner andern Seite saß, während zu seiner -Linken die schweigsame Gemahlin des Vortragenden Rates thronte, fuhr -zwar zusammen, denn er hatte mit seligen Augen von einer lichten, -schönen Frau geträumt, die bei ihrem Sohn in Waldesruh dereinst die -alte Heimat wiedergefunden. Als ihn aber die wortlose, donnernde Rede -vollends aus allen Träumen gerissen, als er begriff, wem dies galt, -leuchteten seine Augen strahlender und seine Seele band sich fest an -den alten, aufrechten, knorrigen Mann, der seinem Zorn jetzt auch Worte -verlieh. - -„Keinen Mucks weiter! Hörst du?! Ich verbiete es dir! Du hast es dein -Leben lang gut verstanden, aus dem Hinterhalt zu geifern. Die dir -gehörig Bescheid tun könnte, ist nicht mehr da. Warum sie sehr bald -schon gegangen ist? Klar genug für einen, der ein bißchen nachdenken -kann. Ihr Frauen habt sie gemieden, als ob sie eine Pestkranke wäre. -Was hat sie Euch getan? -- Antwort! Sie hat nichts von Euch erbettelt -und Euch damit das Recht vor der Nase weggeschnappt, sich um sie zu -bekümmern... ihr das Leben zu vergällen, wie Ihr das über alles gern -besorgt hättet. Warum sage ich eigentlich „Ihr“? Ich meine ja nur dich, -Hermine. Denn deiner armen Schwester Seele hast du, falls eine in ihr -gesteckt haben sollte, allmählich schon bei Lebzeiten aus ihrem mageren -Körper vertrieben. Es ist auch entschieden bequemer für dich.“ - -„Es ist ein Fremder mit uns am Tisch,“ flüsterte der Vortragende Rat -ihm beschwörend zu, „nimm Rücksicht darauf, Kummersbacher.“ - -„Das hätten die gefälligst bedenken sollen, die ihn angeschleppt -brachten. Im übrigen ist er Jurist und hält Verschwiegenheit. Herunter -muß auch noch das andere. Sie hat sich allein durchgerungen, sage -ich dir. Schwer genug mag das manchmal gewesen sein. Und wenn selbst -nicht... wenn das Geld aus einer uns unbekannten Quelle geflossen -wäre...“ - -„Das ist unstreitig,“ rief die Angegriffene... „und zwar aus einer -unsauberen.“ - -„Wage das nicht ein zweites Mal auszusprechen! Ich bringe dich sonst -wegen Verleumdung vor das Gericht. So wahr ich hier stehe...“ - -„Du hast es ja soeben selbst angedeutet...“ - -„Weil es dir besser paßte, hast du mich nicht zu Ende kommen lassen. -Ich verbürge mich dafür, daß die Quelle rein gewesen ist. Jawohl! Und -wenn du sie noch durch ein einziges Wort -- gleichviel ob offen oder -versteckt -- herunterreißt ... bei Gott... ich räche sie! Zudem braucht -sie wenigstens in Zukunft kein Geld mehr aus irgendwelchen Quellchen. -Meines ist da und jederzeit für sie bereit. Es hat mich schon längst -bedrückt. Wenn sie auch vorläufig noch nicht will, sie muß und sie wird -schon, sage ich dir. Und Euch Allen hiermit!“ - -Der Vortragende Rat, Exzellenz, der den Kummersbacher seiner Zeit aus -guten Gründen um die Uebernahme der Patenschaft bei seinen Töchtern -erfolgreich gebeten, lenkte ein: „Du bist immer noch wie ein ganz -Junger, Kummersbacher. Wer greift sie denn schon an? Meine Frau und -ich durchaus nicht. Ist nichts an diesem Gerede, werden wir die ersten -sein, die ihr unser Haus öffnen.“ - -Noch einmal lohte der Zorn hell auf. „Was ist geredet worden? Was habt -Ihr über sie gehört?“ - -Der Vorsichtige schwieg betreten und schickte einen kurzen Blick zu -seiner Gattin, der heißen sollte: „Jetzt zeige, daß du wenigstens ein -echt weibliches Geschick im Glätten dieser Wogen hast.“ - -Aber die Frau Vortragende Rätin blieb sich nur bewußt, daß ihr das -Stiftsfräulein Hermine dreihundert Mark für die neuen Wintermäntel der -Zwillinge (mit 5 Prozent Zinsen) zugesagt hatte. Sie stammelte daher -Unverständliches. - -„Es ist zu widerlich,“ sagte der Kummersbacher kurz und verstummte. - -Sie sahen alle nach dem älteren Stiftsfräulein hinüber. Die lächelte -jetzt. Das war noch viel abstoßender wie zuvor die Wut, die ihre Züge -verzerrt hatte. - -„Ein einziger Einspruch genügt, um den neuen Beschluß abzulehnen,“ -sagte sie lauernd. „Nun wohl, ich verweigere meine Zustimmung. -Alles andere ist mir gleichgültig. Und ich sage noch einmal.... die -Bettelprinzeß ist nicht schlau genug.“ - -Diesmal blieb der Kummersbacher ruhig. „Dies Wort hast du vor rund -dreißig Jahren schon auf ihre Mutter angewandt. Damit verdarbst du -der armen, scheuen Frau, als die sie mir von zuverlässiger Seite -später geschildert wurde, die als vertrauendes, unschuldiges Kind nach -Waldesruh kam, von vornherein ihre Stellung in der Familie. Damals -hattest du, leider, noch einen gewissen Einfluß. Auch ich habe mich -dadurch zurückschrecken lassen. Nein, das stimmt doch nicht. Dich -kannte ich von jeher. Daß sie den tollen Weddo heiraten konnte, nahm -mich gegen sie ein. Ein zweites Mal gelingt dir Aehnliches nicht, -selbst wenn dein teuflischer Einspruch die neue Satzung untergraben -würde.“ - -Sie hörte nur dies und lachte voller Hohn. „Ein Wahnsinn, daß man uns -überhaupt damit kommt.“ - -„Bitte, Herr Rechtsanwalt, lesen Sie gefälligst das aufgefundene -Schriftstück vor,“ rief der Generalleutnant plötzlich dazwischen. Sein -Ton war wie eine Fanfare. - -Sie stutzten und lauschten aufmerksam, was Walter Wullenwebers tiefe, -ruhige Stimme ihnen enthüllte. Der Major a. D. und seine Gattin sanken -mehr und mehr in sich zusammen. Das ältere Stiftsfräulein wurde -aschgrau. - -„Fälschung,“ keuchte sie..., „elendes Machwerk. Aber wartet! Ich -entlarve Euch schon...“ - -Dem Vortragenden Rat, Exzellenz und dem Kummersbacher wurde das die -Echtheit feststellende Gutachten eines namhaften, auch vom Gericht -in den verworrensten Fällen als letzte Instanz angerufenen Gelehrten -auf diesem Gebiete zur Prüfung vorgelegt. Sie gaben es an die andern -Herren weiter. Als sich die Hand des Stiftsfräuleins Hermine danach -ausstreckte, wehrte der Generalleutnant kurz ab. - -„Nach dem Vorangegangenen kann ich meine Erlaubnis dazu nicht geben. -Du, Hermine, kannst es jederzeit nach Ausweis über deine Person, im -Bureau unseres Anwalts, des Herrn Wullenweber, einsehen. Seine Adresse -wird dir zugehen. Und nun genug davon! Weiteres wird in dieser Sache -von dir nicht angehört werden. Damit wärst du auf den gerichtlichen Weg -zu verweisen.“ - -Eine drückende Stille entstand. Sie lehnte mit leicht geschlossenen -Augen auf ihrem Stuhl. Niemand bemühte sich um sie. Jeder am Tisch tat, -als beschäftige ihn zur Zeit grade etwas anderes. Als sie sich wieder -aufgerafft hatte, sagte sie merkwürdig ruhig: - -„Ich danke für diesen Hinweis. Er wird aber, denke ich, überflüssig -werden. Oder sollte der Vetter Generalleutnant sowie die andern -wirklich nichts von jener hauptsächlichsten Bedingung ahnen, die auch -dies alte seltsamerweise zur rechten Zeit aufgefundene Schriftstück -nicht außer Kraft setzen kann? Mit der schaffe ich es leicht.“ - -Der Generalleutnant wechselte mit dem Anwalt einen raschen Blick. „Es -ist klüger, wir zeigen uns ebenfalls davon unterrichtet,“ flüsterte -Walter Wullenweber. - -„Ich bitte, daß Sie uns gefälligst jene Bestimmung zu Gehör bringen, -Herr Rechtsanwalt.“ - -Walter Wullenweber sprach fast ein wenig zu kalt und sachlich für -den Geschmack des Kummersbacher. Sein Inneres forderte jetzt eine -hinreißende Rede für Eva von Ostried. Es war aber vielleicht richtiger, -wie der junge Jurist es anfaßte. - -„Die Bedingung, welche die,“ hier stockte er und fuhr erst fort, als -der Generalleutnant keinen Namen einschob, „jene Dame soeben erwähnte, -ist natürlich Seiner Exzellenz und dem Majoratsherrn ebensogut, wie -auch mir, dem Wortlaut nach bekannt und im Gedächtnis. Ich werde -sie zur Vermeidung jeden Mißverständnisses wörtlich verlesen. Sie -findet sich am Schluß der in Kraft stehenden Familiensatzungen und -erstreckt sich -- ihrem Wortlaut und Sinn nach -- auf sämtliche im -Vorangegangenen ausgeführte Bestimmungen. Dieser ausdrückliche Hinweis -geschieht für diejenigen unter den Anwesenden, welche sie bisher nicht -genau kannten und sich vielleicht nach Beendigung der Besprechung noch -einmal selbst davon zu überzeugen wünschen. Ich lese also vor: - - „Alles, was an Rechten, Wünschen und Anträgen erfüllt werden - sollte, geschieht in der schweigenden Voraussetzung, daß sich - Anwärter oder Antragsteller des zu Verlangenden oder des Erbetenen - bis zu dem Tage der Gewährung als durchaus wert und würdig erzeigt - haben. Sollten sich nach stattgefundener Verleihung untrügliche - Beweise von dem Unwert des Empfängers beibringen lassen, so ist - nicht nur das in Besitz genommene unverzüglich herauszugeben, - sondern auch die bereits empfangene Bereicherung mit Heller und - Pfennig durch den Seniorenkonvent -- das sind die drei ältesten - männlichen Ostrieds grader Linie -- abzuschätzen und zu ihren - Händen zurück zu erstatten. Unter Wert und Würdigkeit eines - männlichen Empfängers ist Ehrenhaftigkeit, solider Lebenswandel, - der sich von Aergernis erregender Völlerei, Glücksspiel und - ehelicher Untreue freihält, in der Hauptsache zu verstehen. Wert - und Würdigkeit eines weiblichen Empfängers muß noch strenger - beurteilt werden. Sittliche Reinheit hat hier für Ehrenhaftigkeit - zu stehen. Die Erzählungen von Schandmäulern, die dies anzweifeln, - soll zwar gehört, indes niemals ohne ernsthafte Prüfung vonseiten - des Seniorenkonvents geglaubt werden. Als Beweis des Unwerts ist - anzusehen: Wer einen Ehegatten, einen verlobten Bräutigam, auch - schon einen heimlichen Versprochenen, einer andern abwendig macht. - Wer durch unentwegtes Scharmutzieren, Kokettieren, ja selbst durch - herausfordernde Kleidung, den Ehrbaren Anlaß zu öffentlichem - Aergernis gibt. Ausgeschlossen von Gunsterweisungen aller Art - sollen ferner sein, die durch öffentliche Schaustellungen in Buden - und Zirkussen, sowie andern nicht einwandfreien Schauplätzen - laufend Gelder verdienen.“ - - Dieser letzte Passus ist wegen einer Gewissen angefügt, die sich - im Jahre 1570 des alten ehrenwerten Namen von Ostried durch solche - Künste unwert zeigte, ihn abgesprochen bekam und später in Elend - und Not endete. Dies als abschreckendes Beispiel unseren lieben - Frauen. Ihr Rufname ist ebenfalls ausgelöscht. Ihr Bildnis findet - sich in keiner Ahnengalerie vor.“ - -Walter Wullenweber hatte in den Blicken des älteren Stiftsfräuleins -das Aufleuchten des Triumphs deutlich wahrgenommen. Obwohl es ihm -lächerlich erschien, empfand er plötzlich eine unerklärliche Angst um -eine, die seine Liebe zurückgewiesen hatte; er befürchtete, daß jetzt -jemand der hier Versammelten die Erbringung solchen Beweises laut -verlangen könne. Und wiederum wünschte er einen Herzschlag lang, daß -der Seniorenkonvent die ihm später zweifelsfrei von diesem gehässigen -Stiftsfräulein unterbreiteten Ermittlungen bösester Art als zutreffend -bestätigen möge. Dann war sie frei und schutzloser, wie je -- -- und er -hätte sie schützen dürfen.... - -Als diese zweite stürmische Beratung zu Ende war, trat der -Kummersbacher auf ihn zu: - -„Haben Sie zehn Minuten Zeit für mich, Herr Rechtsanwalt? Nichts -Geschäftliches. Und doch etwas, das von dem soeben Erlebten nicht zu -trennen ist.“ - -So saßen sie denn ein wenig später beisammen, und der Kummersbacher -begann: „Was ich eigentlich will, ist so ’ne Sache. Kann verschieden -aufgefaßt werden. Ich will nämlich auch eine Kleinigkeit von Fräulein -Eva von Ostried. Da sind welche, die stehen ihr nicht grade feindlich -gegenüber. Der Generalleutnant zum Beispiel; auch den Waldesruher -rechne ich dazu. Die andern, mit Ausnahme des kränklichen Herrn, der -sich schweigsam verhielt und, wie Dichter das leicht tun, für sie -flammt, hassen sie. Einer mehr, einer weniger. Fast hinter jedem Mann -steht ein Weib und hetzt ein bißchen. Hinter dem Stiftsfräulein der -auf Lebensdauer eingemietete Teufel, der sie völlig regiert. Hinter -dem Major außerdem die glühende Angst um das Wohl seines einzigen -Sprößlings. Da hat also schon seine Richtigkeit! -- Ich habe Eva von -Ostried ebenfalls bis zum heutigen Tage nicht persönlich gekannt. -Habe mich leider, wie schon zugestanden, auch nicht um sie gekümmert. -Ein anständiger Kerl soll die gemachten Fehler, sobald er sie merkt, -abzuändern wenigstens versuchen. Und darum habe ich Sie hergebeten. -Sie hat es nicht leicht, sich durchzuschlagen. Das fühle ich. Wenn man -offene Augen haben will, bringt man das schnell heraus. Direkt von mir -nimmt sie aber vorläufig nichts an. Bestimmt hat sie mit Entbehrungen -zu kämpfen. Das soll aufhören. Zuerst habe ich daran gedacht, ihr -eine regelmäßige Monatsrente durch Ihre freundliche Vermittlung, ohne -Nennung meines Namens natürlich, auszusetzen. Sie würde das schnell -herausbringen und mit einem dankenden Wort an Sie zurückschicken. Nun -ist mir endlich was Besseres eingefallen. Sie leben in Berlin und -irgend welche musikalisch befähigte Jugend mag Ihnen auch bekannt -sein?!“ - -„Zufällig bin ich täglich mit einem jungen Menschen zusammen, dessen -ganzes Sehnen danach geht, sein musikalisches Talent in den Freistunden -vervollkommnen zu lassen.“ - -„Das paßt großartig. Wer ist’s denn?“ - -„Einer unserer Schreiber.“ - -„Das dämpft meine Freude allerdings. Dem Kerlchen wird sie kein -fürstliches Honorar zutrauen, nicht wahr?“ - -Endlich begriff Walter Wullenweber. „So war das gemeint?“ - -„Natürlich! Ich beabsichtige für jede Stunde -- na, sagen wir mal -- -zehn Mark zu zahlen und ihn ungefähr vier bis fünf pro Woche nehmen zu -lassen.“ - -Der junge Anwalt mußte lachen. „Da er zu jeder Unterrichtsstunde -tüchtig üben muß, dürfte ihm daneben für seine bisherige Tätigkeit kaum -noch Zeit übrig bleiben.“ - -„Vielleicht hat er eine Schwester, die auch ideale Bestrebungen in sich -fühlt.“ - -„Sogar ihrer mehrere. Bescheidene, wohlerzogene Mädchen. Näheres -weiß ich allerdings nicht. Ich werde mich jetzt für die Familie -interessieren.“ - -„Ja, tun Sie das! Und wenn es möglich ist, könnten ja besser gleich -alle bei ihr antreten. Ihre Adresse kann ich Ihnen sofort geben...“ - -Eine Sekunde überlegte Walter Wullenweber. „Lassen Sie, Herr von -Ostried,“ sagte er dann und sein Ton klang anders wie bisher, „es ist -unnötig. Ich kenne sie.“ - -„So darf ich wissen, woher?“ - -„Fräulein von Ostried hat mich als ihren Beistand gegen einen ihrer -Agenten benötigt. Es galt, einen kleinen Irrtum richtig zu stellen...“ - -„Da war sie wohl persönlich bei Ihnen?“ - -„Ganz recht! Zweimal. Dann hatte sich die Sache zu ihren Gunsten -erledigt.“ - -Dem Kummersbacher war diese Neuigkeit offensichtlich angenehm. Er -rückte näher heran und fragte den jungen Anwalt in vertraulichem Ton: - -„Und glauben Sie auch nur ein Wort von dem, was das enge Hirn einer, -die nicht anders als böse denken und sein kann, über sie ausstreut?“ - -Bisher hatte sich Walter Wullenweber fest im Zügel gehabt. Jetzt ließ -seine Kraft nach. - -Der Kummersbacher bemerkte die Veränderung seines Mienenspiels. - -„Was haben Sie, Herr Rechtsanwalt? Die verdammte Stickluft hier.“ - -„Das ist es nicht,“ sagte Walter Wullenweber tonlos. - -Der Kummersbacher sah ihn fest an, begriff langsam und nickte ein paar -mal. - -„So stehts also. Und sie? Verzeihen Sie die Frage. Neugier liegt nicht -drin. Ich habe das Mädel so lieb wie eine Tochter gewonnen.“ - -Das Bekenntnis des alten Herrn, daß er sich um sie sorge, ließ keine -Ausrede zu. - -„Ich -- wollte sie zum Weibe. Aber -- sie kam nicht...!“ - -Es wirkte wie das erschütternde Geständnis eines, der für einen -Augenblick die Maske abwirft, und der Kummersbacher fragte kein Wort -mehr. Er hatte auch keinen Trost bei der Hand. Kurz und herzlich sagte -er: - -„Wir beide haben heute nicht das letztemal zusammen geredet! Nicht -wahr, das Gefühl haben Sie auch?“ - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -20. - - -Zeit und Arbeit trabten weiter, obwohl Walter Wullenweber in den -kommenden Tagen unter der starken Empfindung litt, daß sein Leben still -stehe! Niemals war in dem Weißgerberschen Bureau so heftig zu tun -gewesen, wie in diesen vergangenen Oktoberwochen. Dazu kam, daß der -Justizrat weiter an einer zunehmenden Körperschwäche litt, bei welcher -der Arzt strengste Schonung forderte, und Walter Wullenweber nahm sich, -um die Arbeit zu schaffen, jetzt dicke Stöße von Akten mit nach Hause. - -Wenn er endlich gegen Mitternacht zur Ruhe ging, den Kopf noch voll -schwirrender Berufsgedanken, war er todmüde, verfiel auch schnell in -einen tiefen Schlaf, um plötzlich mit dem Gedanken emporzuschrecken: -„... nun habe ich gründlich verschlafen.“ Und doch war es kaum später -als zwei Uhr morgens. - -Aber sein Bedürfnis nach Ruhe war gänzlich geschwunden. Er brauchte -alle Kraft, um nicht aufzuspringen und von neuem zu arbeiten. - -Der dauernde Kampf, sich von den schweren, persönlichen Gedanken -freizuhalten, drohte ihn aufzureiben... - -Ihre klaren, sprechenden Augen -- die ganze Schönheit der jungen -stolzen Gestalt -- vor allem ihre weiche Stimme, deren Klang ihm -verheißungsvoll zärtlich erschienen war. - -Kurz! Er kam nicht von ihr frei. - -Lange begriff er nicht, wie das möglich sein konnte. Er wollte der -immer stärker werdenden Ahnung nicht Gehör schenken. Aber sie wurde ihm -zur Gewißheit. „Der Grund ihrer Ablehnung ist ein anderer! Sie liebt -dich, wie du sie liebst...“ - -Schließlich war er sicher, daß sie sich ihm +um eines Geheimnisses -halber+ versagte! Die Saat des eigenen Mißtrauens, gestreut durch den -Bericht der alten, ahnungslosen Pauline von dem stattlichen Päckchen -brauner Scheine in der Handtasche -- die einwandfreie Feststellung -ihrer eigenen Vermögenslosigkeit -- dazu das Lockmittel ihrer -bezaubernden Schönheit, das augenscheinlich sogar die alten harten -Vertreter ihrer Familie auf ihre Seite gebracht, wuchs, seit dem das -Stiftsfräulein Hermine den Stab über sie brach. Er wollte nicht daran -glauben. Seine Liebe zu ihr war stärker als alles. Und doch, täglich -zertrümmerte er seinen Glauben an ihre Reinheit. - -Die alte Pauline hatte ihren Namen nicht mehr erwähnt, seitdem er es -ihr verboten. Das war damals nach Eva’s Brief gewesen, als er noch -geglaubt hatte, daß sie nun für ihn abgetan sei. Jetzt war er oft -auf dem Wege zur Küche, um ihr zu gestehen, daß er ihr Schweigen -nicht länger ertragen könne. Hinein ging er niemals. Er blieb vor der -geschlossenen Tür und schüttelte den Kopf über seine Schwachheit. - -Als er eines Morgens gegen neun Uhr an dem Schreibtisch seiner -Arbeitsstätte schaffte, brannte noch die elektrische Lampe. Um -diese Stunde durfte, ohne Vereinbarung, kein Klient vorsprechen. -Heute meldete der kleine musikalische Schreiber, dem dies Amt bis -zur Tischzeit oblag, eine Dame, die ihn ungesäumt in dringendster -Angelegenheit zu sprechen wünsche. Mit einem Schlage durchfuhr ihn -die Hoffnung, daß es Eva von Ostried sein könne. Er überlegte nichts, -sondern starrte der sich öffnenden Tür entgegen. -- Es war aber das -Stiftsfräulein Hermine, die grau wie der herbe Tag, vor ihm stand. - -Er wollte ihr kurz und unfreundlich eröffnen, daß sie sich bis zur -angezeigten Sprechstunde zu gedulden habe... aber seine Kehle war wie -zugeschnürt. Ungehindert ließ er sie sprechen. - -„Ich möchte Sie um meine Unterschriftsbeglaubigung bitten, Herr -Rechtsanwalt.“ Dabei hatte sie schon mehrere Schriftstücke vor ihn -ausgebreitet und wies mit der harten, knöchernen Hand darauf hin. „Es -ist nämlich eine außerordentlich dringende Sache. Ich habe mein Geld -mit sechs Prozent anlegen können, während ich bisher dumm genug war, es -für nur vier einem kleinen Gutsbesitzer zu überlassen.“ - -Aus ihren Augen leuchtete die Habgier. Er merkte es deutlich, aber -es stieß ihn, den sonst Feinfühligen, nicht ab. Sein persönliches -Empfinden regte sich nicht. - -Die Beglaubigung war schnell getan. Trotzdem blieb das Stiftsfräulein -noch. Sie hatte denselben Stuhl inne, wie damals Eva von Ostried. Daran -mußte Walter Wullenweber plötzlich denken. Die zusammengefalteten -Schriftstücke lagen immer noch in seiner Hand, ohne daß die -Eigentümerin Miene machte, sie an sich zu nehmen. - -„Ich bitte sehr, das gehört Ihnen.“ - -Sie nickte. Aber sie nahm sie ihm trotzdem nicht ab. Um seinem Blicke -einen Ruhepunkt zu geben, senkte er ihn darauf nieder und las -mechanisch den Namen eines waghalsigen Unternehmers, der seit Jahren -ungeheure Werte an Grund und Boden an sich brachte. Sein Name war ihm -vielfach begegnet. Ohne, daß ihm bisher die Gerichte sein Handwerk zu -legen vermochten, hatte doch jeder, der sich mit seinen Angelegenheiten -beschäftigen mußte, das deutlichste Gefühl, daß dies Werk vieler -Millionen eines Tages zusammenbrechen und unzählige Vertrauensselige -unter sich begraben und zermalmen werde. - -Die Verantwortung des Beraters von Rechtswegen regte sich in ihm. Auch -dieser Unangenehmen gegenüber! - -„Sie haben das Geld doch noch nicht hingegeben?“ - -„Doch,“ nickte sie stolz. „Die Leute drängen ihm ja ihre Mittel -förmlich auf und er suchte nur eine bestimmte Summe.“ - -Walter Wullenweber war auch diese Gepflogenheit bekannt. Um bei -kleinen Sparern kein Mißtrauen zu erwecken, bezifferte er in seinen -Gutachten das Geforderte in der letzten Zeit kaum jemals höher als mit -hunderttausend Mark. - -„Es machte grade unser gesamtes Vermögen aus,“ fügte sie noch hinzu. - -„Und Sie haben sich zuvor bei niemand einen Rat geholt? Keinerlei -Auskunft über ihn eingezogen?“ - -„Das war unnötig. Jede der zweiundzwanzig Damen unseres Stiftes -war bereit, ihm das ihre, bis auf den letzten Pfennig, ebenfalls -anzuvertrauen. Ich war nur schneller wie sie und darum glücklicher.“ - -So widerwärtig sie ihm auch heute war, eine letzte Frage mußte er -dennoch an sie richten. - -„Wäre es möglich, daß Sie Ihr Geld, vielleicht mit einem kleinen -Verlust -- noch zurückziehen könnten? Mir ist bekannt, daß solche -Leute, wenn sie dabei etwas verdienen können, sich ausnahmsweise dazu -bereit erklären.“ - -„Glücklicherweise ist das ausgeschlossen,“ kicherte sie. „Das Terrain -ist bereits damit erworben. Ich werde außer den sechs Prozent Zinsen -noch zwei weitere Prozent nach der Bebauung vom Reingewinn abbekommen. -Denken Sie -- also das Doppelte der bisherigen Einkünfte...“ - -Er sagte nichts weiter dagegen. Wozu auch? Zu ändern gab es nichts mehr -und sie würde es noch früh genug erfahren. Sie deutete sein Verstummen -nach ihrer eigenen Veranlagung. - -„Die andern Stiftsdamen würden mich steinigen, wenn sie wüßten, daß mir -dies rechtzeitig gelungen ist.“ Sie sah ihn lauernd an. Der abweisende -Ausdruck in seinen Zügen bestärkte sie in der Annahme, daß auch er ihr -dies glänzende Geschäft mißgönne. Darüber freute sie sich, wollte grade -eine hämische Bemerkung machen, unterdrückte sie aber rechtzeitig, weil -sie an das andere dachte, um dessentwillen sie in der Hauptsache zu ihm -gekommen war. - -„Ich habe noch eine Bitte an Sie, Herr Rechtsanwalt.“ - -„Dafür bin ich zur Sprechstunde von 12 bis 2 Uhr nachmittags zur -Verfügung,“ meinte er abweisend. „Dies hier geschah nur ganz -ausnahmsweise! Der ungeschulte Schreiber soll keine unangemeldeten -Besucher vorlassen.“ - -„Wenn Sie mich jetzt noch einen Augenblick anhören, wird es nicht Ihr -Schade sein,“ tuschelte sie vertraulich. - -„Ich bitte höflichst, einstweilen zu gehen,“ entschied er kurz, von -ihrer Vertraulichkeit abgestoßen. - -„Es handelt sich nämlich um Eva von Ostried,“ fuhr sie fort, als habe -sie seine Worte nicht vernommen. - -Das entwaffnete ihn! - -„Sie waren ja Zeuge meiner Ansichten über sie, Herr Rechtsanwalt. -Natürlich habe ich sofort versucht, die nötigen Beweise, von deren -Vorhandensein ich mich nach wie vor überzeugt halte, zu erbringen. Es -ist mir nicht gelungen. Ich habe keine Berührungspunkte zu den Kreisen, -in denen sie lebt. Wie soll ich also das bestimmt vorhandene Material -zusammentragen? Sie sind ein Mann und haben als solcher überall -Zutritt. Sie sind außerdem noch Jurist und wissen genau, worauf es hier -ankommt. Tun Sie mir den Gefallen und bemühen Sie sich in dieser Sache -an meiner Statt. An dem Tage, an dem Sie mir Vollgültiges bringen, -erhalten Sie von mir dreihundert Mark. Das gesetzliche Honorar, das Sie -als Anwalt für Ihre Bemühungen fordern können, bleibt davon unberührt.“ - -„Wenn Sie nicht wollen, daß ich ungesäumt dem Generalleutnant von Ihrem -Verlangen Bericht erstatte, entfernen Sie sich auf der Stelle.“ - -Sie ging mit wutverzerrtem Gesicht. „Gestehen Sie es nur, Sie sind auch -einer von denen, der in ihren Netzen zappelt,“ zischelte sie, schon auf -der Schwelle stehend. -- - -Er war wieder allein und riß die Fenster weit auf, als schwebe in -diesem Raum ein Pestgeruch wahnwitziger Verdächtigung, der ihm -Uebelkeit erregte. Dann hieb es wie mit Hammerschlägen auf ihn ein. „Er -war auch einer...“ - -Stimmte das nicht? Kam er von ihr los? Er fühlte, daß er an dieser -Sehnsucht und Ungewißheit langsam zu Grunde gehen müsse! - -An diesem Abend kam er erst gegen neun Uhr nach Hause. Die alte Pauline -war seinetwegen in Sorge. Sie wußte sich sein schon seit Wochen -verändertes Wesen nicht anders zu deuten, als daß er sich krank fühle. -Während er sonst beim Auftragen der Speisen gern einen Scherz machte, -saß er jetzt gedankenlos am Tisch und genoß hastig und unfreudig, was -sie ihm vorsetzte. Heute wartete der sorgfältig zubereitete Imbiß -längst auf ihn. - -„Es gibt ein Gläschen Glühwein, Herr Rechtsanwalt,“ sagte sie -verheißungsvoll, „haben Sie das nicht gerochen? Die Luft geht scharf -und Sie sehen immer aus, als ob Sie nie richtig warm werden könnten.“ - -Er nickte ihr zu, während er die Aktentasche abwarf. - -„Sie hätten Mediziner werden sollen, gute Pauline. Ihre Diagnose stimmt -aufs Haar.“ - -„Sie haben also wirklich gefroren und sagen mir keine Silbe davon,“ -meinte sie vorwurfsvoll. „Wie gern hätte ich ein paar Kohlen in den -Ofen gelegt.“ - -„Der Glühwein wird auch helfen. Bringen Sie ihn nur möglichst schnell.“ - -Sie blieb nachher noch wie in früheren guten Tagen ein wenig am Tisch -stehen und sah ihm zu, in der Hoffnung, daß er sich aussprechen werde. -Hastig goß er den dampfenden Trank herunter. - -„Kann ich noch eins bekommen, Pauline?“ - -„Aber gewiß! Nur wär’s vielleicht besser, ich brächt’ es Ihnen kurz -vor dem Schlafengehen. Das nimmt man, soll’s helfen, in ganz kleinen -Schlückchen -- macht die Augen zu und schläft geschwind ein, wenn’s -sonst auch noch so lange dauern muß.“ - -„Ich werde ausnahmsweise gehorsam sein. Also -- nachher noch eins! -Vorher aber und zwar jetzt gleich, bitte, das andere...“ - -Sie hantierte kopfschüttelnd in der Küche, um seinen Wunsch zu -erfüllen. Er würde sich doch nichts angewöhnen? Neulich war er einmal -seltsam wankend nach Hause gekommen. - -Auch dies zweite leerte er sehr schnell. - -„Ich muß übrigens nachher noch einmal fort, Pauline.“ - -„Bei diesem Wetter? Hören Sie doch, wie der Regen an die Scheiben -klatscht.“ - -„Es hilft nichts. Ich muß eben. Suchen Sie, bitte, den alten -Lodenmantel heraus. Die elektrischen Bahnen werden noch überfüllter wie -sonst schon sein.“ Sie schlug jammernd die Hände zusammen. - -„Jetzt womöglich auch noch eine Stunde oder länger zu Fuß laufen. -Lieber Gott, und ich hab’s so gut und trocken und warm. Kann ich das -nicht für Sie abmachen, Herr Rechtsanwalt? Lachen Sie mich nicht -aus. Ich weiß wohl, daß ich viel zu dumm für Ihre Sachen bin. Aber -vielleicht ist’s nur ein Auftrag oder so was. Es war doch schon mal so. -Da durfte ich auch an Ihrer Stelle gehen.“ - -Er legte gerührt seine Hand auf die ihre. - -„Vielleicht machten Sie es diesmal sogar besser, als ich, Pauline. Aber --- nein -- es darf nicht sein. Ich werde nicht früher ruhig.“ - -Das war wieder geheimnisvoll und unverständlich, wie jetzt so vieles. -Seufzend brachte sie den Mantel, der von den Kletterpartien aus der -Studentenzeit herstammte und hing ihn sorglich um seine Schultern. - -„Wann werden Sie wohl ungefähr zurück sein, Herr Rechtsanwalt?“ - -„Sie beabsichtigen doch nicht etwa aufzubleiben...“ - --- -- -- -- Das Vorwärtskämpfen durch den dunklen, nassen Abend tat -ihm wohl. Der Regen, der jetzt fein und emsig herunterrieselte, netzte -seine pochenden Schläfen und beruhigte die wirren Gedanken. Trotzdem -fiel es ihm nicht ein, umzukehren -- oder das, was er vor hatte, als -etwas Sinnloses zu empfinden. Es gestaltete sich im Gegenteil immer -klarer in ihm, daß er diesen Weg machen müsse! - -Einmal versuchte er einen Platz auf der Plattform des elektrischen -Wagens zu bekommen. Es gelang ihm wirklich. Aber nun stand er -- -eingekeilt von der Masse mürrischer, hastiger Menschen und atmete den -Dunst durchnäßter Mäntel und Kleider ein. Das dünkte ihn unerträglich. - -In den kleinen verlaufenen Pfützen der Straße spiegelten sich die -trüben brennenden Laternen, sodaß es wirkte, als winke eine Schar -abgestürzter Lichtlein, die sich vor dem Ertrinken wehrten, zu ihm -herauf. Eine halbe Stunde ertrug er es. Dann sprang er ab und ging -das letzte Stück durch Wind, Regen und Kühle. Ohne zu zögern setzte -er seinen Weg fort. Als er die neue Kantstraße hinunterschritt und -zu beiden Seiten des kunstvollen Brückengeländers den Spiegel des -Lietzensees mit der neuen Fülle ertrinkender Lichter sah, beschleunigte -er seine Schritte. Ungezählte mal war er denselben Weg in Gedanken -gewandert, hatte ihn sich nach der Karte so genau eingeprägt, daß ihm -die Gegend vertraut erschien. Nun bog er rechts ab und hielt sich -an dem Drahtzaun entlang, der die alten schönen Bäume des Parkes am -Königsweg begrenzte. - -Das Haus, in dem Eva von Ostried wohnte, war schnell gefunden. Die -alte Pauline hatte es ihm, als sie noch darüber berichten durfte, -ausführlich und häufig genug beschrieben. - -Gänzlich in das Dunkel gedrückt, stand er und starrte nach den Fenstern -hinüber, die er als die ihren zu erkennen glaubte. Hinter der Glastür, -die auf einen kleinen Balkon hinausführte, sah er den Schein einer -rotumhangenen Lampe --, er unterschied die Köpfe zweier Menschen dicht -nebeneinander. Der mit dem langgehaltenen fast bis zu den Schultern -herunterfallenden Haar war derjenige eines Mannes. - -Diese Entdeckung durchzuckte ihn wie ein Stich. Er wollte auch -sein Gesicht sehen. Dies gelang ihm nicht. Es mußte, in tiefer -Versunkenheit, über etwas geneigt sein, das es völlig verbarg. - -Auch von der weiblichen Gestalt vermochte er lediglich ein Stückchen -des freigetragenen Halses und eine Hand, die sich zuweilen nach einem -Gegenstand ausstreckte, mit Sicherheit festzustellen. - -Es genügte ihm. Das Blut brauste vor seinen Ohren. Sein ohnmächtiger -Zorn löste sich langsam in eifersüchtige Qualen auf. - -Nun stand er hier und sah zu, wie sich dort oben unter dem Schein -des verführerischen Purpurs, der das junge Blut doppelt erhitzen -mochte, eines der vielen Schäferstündchen abspielte. Er versuchte sich -einzureden, daß diese Gewißheit das beste Heilmittel für seine Liebe -sei, sah nach dem Schienenstrange der Elektrischen hin, der durch -Nebel und Nässe in der Ferne aufblitzte, und beschloß, heimwärts zu -eilen und traumlos auszuschlafen. Denn er war sehr, sehr müde. Aber er -machte keinen Versuch, sich zu entfernen. Er starrte weiter auf das -verschwimmende Bild der beiden dicht zusammengeneigten Köpfe. - -Die breite Promenade war menschenleer. Nur einmal klappte die niedere -Tür der gegenüberliegenden Polizeiwache und ließ zwei stämmige -Schutzleute heraus. Ein paarmal drehten sie sich nach ihm herum, dann -gingen sie beruhigt weiter. Er fühlte nichts mehr wie das Bild, dessen -Gestalten er klar erkennen mußte, ehe er von hier schied. Seine Augen -brannten. Seine Zunge lag hart und trocken im Munde. Vielleicht war es -wirklich schon Mitternacht, denn irgendwo schlug eine Uhr zwölfmal. -Seine Taschenuhr war plötzlich stehen geblieben. Er entsann sich dumpf -eines Märchens, nach dem dies stets geschah, wenn eines Menschen -Liebstes die Augen für immer schloß. Erst später fiel ihm ein, daß es -ganz natürlich zuging, weil er vergessen hatte, sie aufzuziehen. - -Er mußte nun heim! - -Da schob sich ächzend die schwere Haustür, von innen geöffnet, auf, und -eine Männergestalt trat auf den Bürgersteig hinaus. In dem gleichen -Augenblick erlosch oben der rote Lampenschein. - -Mit ein paar Sätzen war Walter Wullenweber bei dem Andern -- -- ging -neben ihm dahin, starrte ihn an wie ein Irrer.... - -Das war doch -- --. Das Gefühl der Atemlosigkeit wich der Befreiung, -die zu schön erschien, um bedingungslos an sie zu glauben. - -„Herr Rechtsanwalt Wullenweber, nicht wahr?“ fragte eine Stimme, die -selbst in dem Augenblick gerechtfertigten Erstaunens noch sanft blieb. - -Der schweigsame Dichter von der Familientafel der Ostrieds sah erstaunt -zu dem Anwalt auf. Walter Wullenweber suchte nach einer glaubhaft -klingenden Erklärung. - -„Ich hatte in der Gegend zu tun und hoffte nun auf eine zufällig des -Weges daherkommende Droschke.“ - -Die Notlüge war zögernd und ungeschickt hervorgebracht. Aber Edgar von -Ostried-Javelingen kannte kein Mißtrauen. Langsam tastete er sich, nach -den traumhaften Stunden, in die Wirklichkeit zurück und lachte leise -auf: - -„Dann ist es gut, daß mich der Zufall Ihnen in den Weg geführt hat. -Das gibt es hier kaum. Wir erhaschen aber bestimmt noch die letzte -Elektrische, wenn wir eilen. Nicht wahr, wir bleiben jetzt zusammen, um -später, wenn die Bahn uns heraussetzt, ein Stückchen durch die Nacht zu -gehen. Ist Ihnen das recht?“ - -Walter Wullenweber bejahte fast ungestüm. Ein wenig später saßen sie -nebeneinander wie zwei alte Freunde. - -Walter Wullenweber wartete, daß ihr Name fallen würde. - -„Ich war in Fräulein von Ostrieds kleinem, entzückenden Heim,“ begann -der Dichter endlich. „Ich weiß nicht, ob Sie ihre Adresse kennen.“ - -„Doch,“ meinte Walter Wullenweber mit mühsamer Beherrschung, „als der -Anwalt der Ostrieds...“ - -„Richtig. Wir hatten es an jenem großen Familientage ausgemacht, daß -ich sie zuweilen an Sonn- oder Feiertagen besuchen dürfe.“ - -„Aber heute ist doch kein Feiertag,“ warf Walter Wullenweber mechanisch -ein. - -„Nicht im gewöhnlichen Sinne! Für mich bestand er, obwohl sie selbst -leider nicht zu Hause war.“ - -„Fräulein von Ostried ist... abwesend?“ - -„Seit vier Tagen weilt sie in München, um dort in zwei Konzerten zu -singen.“ - -Walter Wullenweber seufzte tief auf. Wie hatte er das nur vergessen -können?! Durch seine Verhandlungen mit Herrn Alois Sendelhuber kannte -er die Daten genau. - -„Hier habe ich übrigens eine glänzende Rezension aus den Münchener -Neuesten Nachrichten über das erste Konzert,“ plauderte der Dichter -und suchte einen Ausschnitt aus der Brieftasche. „Leider ist es zum -Lesen zu dunkel. Der Inhalt bringt eine schrankenlose Anerkennung ihres -herrlichen Stimmaterials bei vornehmster und edelster Vortragsweise. -Sie wird sicher dies alles ebenso interessieren wie mich, denn, nicht -wahr, auch Sie glauben bedingungslos an ihre Reinheit?“ - -Ueber Walter Wullenwebers Gesicht lief ein heftiges Zucken. Anfangs -wollte er die Frage überhören. Dann vermochte er es doch nicht. -Vielleicht blieb dies die einzige Gelegenheit, um sich aus dem -offenherzigen Bericht eines großen, guten Kindes, ein klares Bild zu -formen. - -„Tun Sie es denn?“ fragte er dagegen. Ein erstaunter Blick traf ihn. - -„Ich? Allerdings! Ich verehre sie auch um ihrer selbstlosen Güte und -Entsagungsfreudigkeit willen, von allen Menschen am meisten. Und ihre -Künstlerschaft ist begnadet. Dazu bedurfte ich keine Kritik. Das habe -ich sofort in der ersten Viertelstunde gefühlt, die ich ihrem Gesang -lauschen durfte. Sie machen ja plötzlich so ein merkwürdiges Gesicht, -Herr Rechtsanwalt? Trauen Sie mir keine Urteilskraft zu?“ - -„Sicher halten Sie sich von Fräulein von Ostrieds Vortrefflichkeiten -voll überzeugt!“ - -„Soll das vielleicht heißen, daß Sie an ihnen zweifeln?“ - -„Zweifeln? Ich glaube nicht, daß der Ausdruck paßt.“ - -„Auch jetzt bleiben Sie noch Jurist. Wie leid mir das tut. Als ich Sie -neulich längere Zeit beobachtet hatte, war ich sicher, daß Sie ein -starkes Gefühl für die Angegriffene hatten, obwohl Sie dies nicht zum -Ausdruck bringen konnten.“ - -„Nehmen wir an, daß Sie sich nicht darin getäuscht haben.“ - -„Dann dürfen Sie nicht an ihr zweifeln!“ - -„Alles Zweifeln entspringt dem Verstand! Dagegen kann das Gefühl nicht -an.“ - -„Wie sonderbar und hart! -- Sie waren wohl nie in ihrem Heim? Hatten -keine Gelegenheit sie zu studieren, wie es mir vergönnt war.“ - -„Nein. Wie wäre das auch möglich gewesen. Sie suchte mich als Anwalt -auf, wir lernten uns dabei kennen -- verhandelten --“ - -„Dann sind Sie entschuldbar, obgleich ich sofort einen nachhaltigen -Eindruck von ihr empfing. Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie ist sehr -schön. Vielleicht überhaupt die Allerschönste. Es liegt nahe, daß ich -mich blind in sie verliebt haben könnte. Mein schwacher Körper -- meine -armselige Stellung als Mensch und leider vor der großen Volksmenge auch -noch als Dichter wären kein Hindernis. Ich bin aber gar nicht verliebt -in sie. Ich liebe sie! Auch das nicht im üblichen Sinne. Wie man das -Gute und Schöne lieben und anbeten muß, so fühle ich für sie. Es kommt -mir gar nicht in den Sinn, daß dies etwa in den Augen solcher, denen -nichts heilig ist, lächerlich erscheinen könnte.“ - -„Schwärmer,“ sagte Walter Wullenweber leise. „Was erscheint Ihnen denn -so göttlich an ihr?“ - -„Vor einer Stunde war ich noch fest überzeugt, daß niemals ein Wort -davon über meine Lippen gehen würde. Jetzt fühle ich, daß ich, um ihr -einen Dienst zu erweisen, daran rühren muß. Sie sollen ein klares, -unverzeichnetes Bild von ihr erhalten. -- Sie hat ein junges, sicher -dem Tode verfallenes Mädchen bei sich. Bei der habe ich heute gesessen -und ihr aus meinen neusten Schöpfungen vorgelesen. Sie ist sehr einsam -und muß sehr unglücklich sein und Eva von Ostried hat mich gebeten, -während ihres Fernseins nach ihr zu sehen. Völlig hat sie sich nicht -zu mir ausgesprochen. Es gibt aber Minuten, in denen eine schreckliche -Vergangenheit aus ihren entsetzten Augen redet. -- - -Was ich über Eva von Ostried an Tatsächlichen weiß, hörte ich von ihr. -Eines Tages hat sie das ihr bis dahin fremde Mädchen aufgenommen, die -Schwerkranke mit allen Opfern gepflegt und wie eine Schwester gehalten. -Der Grund ist mir klar. Sie weiß bestimmt, daß deren Wochen oder -Monate gezählt sind -- daß niemand das sieche, heimatlose Geschöpfchen -aufnehmen würde. Darum machte sie ihr mit dem Sonnenschein ihrer Güte -die letzte Stunde leicht...“ - -„Dies todkranke, verlassene Mädchen ist eine Gefallene, nicht wahr?“ - -Der Dichter zuckte zusammen. Ueber sein Gesicht flammte das helle Rot -der Scham oder Empörung. - -„Ich weiß nicht, ob sie jemals gestrauchelt oder gar gefallen ist. Und -will es auch nicht wissen. Haben Sie allzeit aufrecht dagestanden? -Ja? Ich nicht! Ich habe Zeiten hinter mir, in denen ich zu dem -Schlechtesten fähig gewesen wäre. Warum ich es nicht ausführte? Ich -hatte eine Mutter, die ein Engel war und einen Vater, der ein Held im -Ertragen und Entsagen, auch in den opfervollsten Zeiten, blieb. Beide -Eltern starben, als ich zwanzig Jahre zählte. Viel zu früh natürlich. -Und dennoch spät genug, um mich stark und reif gemacht zu haben. Bei -jeder Anfechtung waren sie mein Schutz und Schirm. Wissen Sie denn, -ob das kleine, arme Gretchen Müller jemals einen Schutzgeist besitzen -durfte? Nun ist auch sie rein und still und sehnsüchtig nach allem -Guten. Was ist denn die Hauptsache? Was jemand getan oder versehen hat -oder wie er es zuletzt gutmacht? Ich glaube, dies letztere. Ich sage -Ihnen, das kranke Mädchen hat sich entsühnt. Und weil Eva von Ostried -das genau fühlt, wird ihre Güte und Liebe immer größer!“ - -„So ist Fräulein von Ostried von ihrem jetzigen Leben also voll -befriedigt?“ - -„Das glaube ich nicht. Sie ist ein verschlossener, starker Mensch, -der alles allein trägt. Meinen Sie vielleicht, daß sie sich etwa zu -Fräulein Gretchen ausspräche, denn ich darf das für mich noch nicht in -Anspruch nehmen. Unsere Bekanntschaft ist zu neu. Sie hat mir gegenüber -den Ton einer besorgten älteren Schwester, der neben all meiner -Anbetung den unbedingten Respekt keinen Augenblick vergessen macht. -Aber die Hausgenossin ahnt ein schweres Geheimnis in diesem Leben und -leidet schwer darunter, weil sie nicht zu helfen vermag.“ - -„Sie ahnt auch nicht, was es sein könnte?“ - -„Nein! Eva von Ostried vermeidet über sich zu sprechen.“ Noch einmal -äußerte sich der alte Argwohn in Walter Wullenweber: „Sie wird ihre -guten Gründe dafür haben.“ - -„Wahrscheinlich. Gut sind sie sicher. Ob richtig? Das wäre die Frage. -Ich jedenfalls verstehe, daß sie die Todkranke, die von viel Schmerzen -gepeinigt wird, nicht noch mehr belasten will.“ - -„Wie Sie für alles, was sie angeht, irgend eine Entschuldigung oder -Erklärung bereit halten.“ - -„Könnte ich sie sonst wirklich anbeten? Sie lächeln und denken, ein -Dichter kann das sehr wohl. O nein, Herr Rechtsanwalt. Wenn ich auch -arm und abhängig bleiben muß, meine Begriffe von Frauenehre und -Menschenwürde stehen fest. Die lasse ich mir von niemand antasten, -geschweige denn rauben. Wenn sich heute ein Dutzend weiser und -berühmter Denker die Mühe machen wollten, mich mit anscheinend logisch -aufgebauten Beweisen andern Sinnes zu machen, es hilfe ihnen nichts. -Wenn meine Seele klingt, wie sie das in Eva von Ostrieds Gegenwart tut, -dann irrt mein Gefühl nicht.“ - -„Sie sind ein beneidenswert glücklicher Mensch.“ - -Der elektrische Wagen lief nicht mehr. Die wenigen Fahrgäste waren -ausgestiegen. Nun kletterten auch die beiden letzten in ihre Gedanken -Versunkenen heraus. - -„Bleiben wir noch ein wenig zusammen?“ fragte der Dichter wieder sehr -schüchtern. - -„Es kommt darauf an, wo Sie wohnen.“ - -Er nannte eine Straße im hohen Osten. - -„Dann haben wir noch eine Viertelstunde den gleichen Weg.“ - -Schweigsam gingen sie durch die Nacht. Der Regen hatte aufgehört. -Sterne waren da und ein schmaler, blasser Mond. - -„Herr Rechtsanwalt,“ sagte der Dichter plötzlich leise. - -Walter Wullenweber fuhr zusammen. Er hatte die Gegenwart des andern -vergessen. - -„Verzeihen Sie mir meine Schweigsamkeit. Mir ging so manches durch den -Kopf.“ - -„Das fühlte ich und würde Sie auch nicht gestört haben, wenn die -Viertelstunde nicht bald herum wäre. Eine Bitte hätte ich: Werden Sie -Eva von Ostried ein wahrer Freund und Berater, wenn Sie es können. -Ja? Sie ist sehr einsam und ich bin doch nicht die Persönlichkeit zum -schützen. Wollen Sie?“ - -Walter Wullenweber hielt die feingliedrige Hand des Dichters und preßte -sie voller Kraft. - -„Ich will es versuchen!“ - -Nun ging er allein weiter. Die Sterne waren schon wieder verschwunden -und der schmale Mond blinkte nur noch wie ein gelber Faden, der zwei -dicke, graue, unruhige Wolken zusammen zu nähen versuchte. Ihm war -heiß, jung und sehnsüchtig zu Mute! - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -21. - - -Der geräumige, vornehm ausgestattete Blüthnersaal schien bereits eine -halbe Stunde vor Beginn des heutigen Konzerts gefüllt. Aber mit dem -Glockenschlage strömte nochmals ein neuer Menschenstrom herein, staute -sich einen Augenblick und verteilte sich dann nach allen Seiten hin. -Wie das Rauschen einer Unruhe lief’s durch den Saal, dann schlossen -sich die Türen und es wurde ganz still. - -Das Künstlertrio begann mit dem tatrischen Tondrama von Tschaikowski. -Vielleicht beherrschte der wundervoll reine Klang des Cello ein -wenig zu sehr die Melodie, die von der Geige hätte geführt werden -müssen. Aber das war nur für die ersten Minuten der Fall. Dann bot -das Zusammenspiel einen künstlerischen Genuß von höchster Vollendung -und die gewaltige Dramatik des ersten Satzes löste eine beifallslose -Ergriffenheit aus. - -Nach der ersten Pause kam von einer der Türen Horst Waldemar von -Ostried und ging suchend -- die Platzkarte in der Hand -- die -vollbesetzten Reihen auf und ab. Er wußte genau, daß er irgendwo unter -einem Pfeiler einen Eckplatz hatte. - -Als er endlich die kleine Dame im Schwabinger Künstlerkleidchen und die -dazu gehörenden braunen Haarschnecken vertrieben hatte, war es gerade -der Augenblick, daß Evas stolze, schlanke Erscheinung in dem sehr -schlicht gehaltenen Gewand aus weißer, fließender Seide auf dem Podium -erschien. - -„Hast du jemals etwas so Märchenhaftes gesehen?“ flüsterte hinter -seinem Rücken ein begeistertes junges Wesen ihrem älteren, würdigen -Nachbar, der offenbar ihr Vater war, zu. - -Horst Waldemar lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit ihrer Antwort. - -„Ausnahmsweise spielst du dich als echter Kindskopf auf,“ tadelte die -tiefe Stimme. „Befreie dich gefälligst von ihren äußeren Reizen, sonst -kannst du unmöglich das genügende Verständnis für sie als Sängerin -aufbringen. Und du weißt, daß sie das verdient.“ - -„Ich empfinde dich als einen merkwürdig gnädigen Kritiker, so bald es -sich um sie handelt, Papa.“ - -„Merkst du nicht, daß sie uns alle durch ihr Talent dazu zwingt, -Kind? Dies alles ist nur der Anfang. Eines Tages wird man in der -musikalischen Welt nur von ihr sprechen. Dann wird sie ungeheure -Honorare bestimmen und erhalten. Man wird sich einfach zerreißen, -um sie festzumachen. Das habe ich bereits vor einem Jahre gewußt. -Und niemals begriffen, daß sie sich mit dem bescheidenen Lose einer -Konzertsängerin begnügt.“ - -„Sie wird sehr bald einen Prinzen oder einen Doppelmillionär heiraten, -Papa, und dann darf sie nur für den Einen singen.“ - -Er lachte leise. - -„Beide mögen sich finden lassen! Ob sie aber mag?“ - -„Ich glaube, ich könnte nicht widerstehen.“ - -„Diesen Glauben teile ich. Du bist leider im Alltag das nüchternste -Geschöpf unter der Sonne, wenn es irgendwie Stellung, Vorteil oder -Glanz zu erkaufen gibt.“ - -Es klang bitter. - -„Ich muß doch, seitdem Mama tot ist, sparen. Für uns Beide,“ sagte -sie, als schäme sie sich ein wenig für ihren alten Vater, der das -wirtschaftliche Einmaleins so schlecht beherrschte. - -Er seufzte verzweifelt auf. „Ach, diese ewigen Geldnöte, Trude.“ - -Da jauchzte der erste Ton durch die andächtige Stille und löschte die -Nöte des Lebens aus. Schuberts tiefergreifende ewig schöne Weihelieder -erbrausten. Das Lied vom „Abendrot“ umspann die Hörer mit seinem -weichen, sehnsüchtigen Ewigkeitszauber. - -Den fünf Handschriftliedern war ihre Stimme und die Begleitung voll -angepaßt und jubelnde Stürme echter Begeisterung lösten sie aus. Eva -von Ostried stand, als ginge sie die Raserei der Menge nichts an, -und trat schließlich, mit einer Handbewegung auf den Komponisten -deutend, bescheiden zurück. Er mußte an ihre Seite kommen. Die beiden -hochgewachsenen Menschen reichten sich einen Augenblick fest die Hände. - -In diesem Augenblick erhob sich Horst Waldemar von Ostried so leise, -wie es seine mächtige Figur zuließ und tastete sich nach der Tür. Ihre -Mitwirkung war nach der gedruckten musikalischen Beitragsfolge hiermit -zu Ende. Noch einmal sah er zu ihr hinüber. Sie hatte die Hände wieder -frei und leicht zusammengelegt. Sein Blick war gefesselt. Gewaltsam -riß er ihn los. Noch ehe ihm das voll gelungen, hatte sie ihn bemerkt. -Eine Sekunde begegneten sich ihre Blicke. In der nächsten wandte sie -den Kopf zur Seite. - -Ihm flog etwas durch den Sinn. Zusammenhanglos, wie er meinte und -töricht genug. Die Worte, die vorher der alte Kritiker über den -Prinzen gesagt hatte -- „Ob sie aber mag?“ Dann reckte er sich noch -höher auf und verließ in dem Augenblick den Saal, als die unaufhörlich -Klatschenden sich glücklich eine Zugabe erbettelt hatten. Es war das -kleine Lied des unbekannten Komponisten, daß sie damals in München -gesungen: - - Ich hatt’ eine weiße Rose - Auf meinem Blumenbrett... - -Eva hatte sich dem nicht endenden Beifall entzogen und war auf der -Hintertreppe ins Freie gelangt, denn der Anblick des Einen, der sich -plötzlich weit vorgebeugt und unverwandt zu ihr herab gestarrt, hatte -ihr die Fassung und alle Freude an dem schönen, großen Erfolg geraubt. - -Nun sah sie nur ihn, fürchtete ihm irgendwo zu begegnen und stellte -doch in dem nächsten Augenblick mit bitterer Angst fest, daß er -zu stark und zu stolz sei, um nach dem Geschehenen auch nur einen -solchen Versuch zu machen. Die herzliche Einladung des Trios zu einem -gemütlichen Beisammensein nach dem Konzert hatte sie, unter irgend -einem törichten Vorwand, abgelehnt. Wie eine Diebin schlich sie sich -fort. Der Schwarm der Hörer hatte sich verlaufen. In der Beförderung -der elektrischen Bahnen mußte vorübergehend eine Stockung eingetreten -sein. Es war alles still und tot um sie her. - -Plötzlich stand er neben ihr und ging an ihrer Seite weiter. Walter -Wullenweber hätte dies noch vor Stunden für unmöglich gehalten. Er -wollte nichts, als sie wiedersehen, und danach alles überlegen! Nun -zwang ihn etwas zu ihr. - -„Woher kennen Sie das kleine Lied?“ - -„Das Lied? Welches Lied?“ fragte sie. - -„Mein Lied.“ - -„Das von der weißen Rose? -- Es ist das Ihre?“ - -„Ja, ich habe es vertont. Der Text ist von meiner armen, kleinen -Schwester.“ - -„Ich fand es vergessen in einer kleinen Konditorei und nahm es mit mir. -Seitdem habe ich es oft gesungen.“ - -„Eva,“ sagte er dicht an ihrem Ohr und alles, was er an Liebe, Leid, -Sehnsucht und Angst um sie getragen hatte, lag in diesem einen Worte. - -Es riß sie von ihm fort, denn die alte Schuld schlug mit harten Fäusten -auf sie ein, aber sie hörte nichts als das eine leise, zärtliche Wort. -Und seine Hand riß die ihre an sich: „Ich liebe dich -- weiter über -alles.“ - -Da gab sie den Kampf auf. - -„Wo warst du so lange?“ fragte sie voll seliger Scheu. - -Nun nahm er auch ihre schlanke stolze Gestalt. Einen Augenblick ruhte -sie an seinem Herzen. - -„Ich war immer bei dir, Eva.“ - -„Und ließest mich doch ganz allein.“ - -„Durfte ich denn kommen? Hast du deinen Brief vergessen, den -schrecklichen kalten Brief?“ - -„Es war alles nicht wahr,“ stammelte sie. - -„Warum dann aber? Wozu diese unsägliche Qual für uns Beide?“ - -„Frage nichts! Ich weiß es nicht. Ich weiß nur das Eine.“ - -„Was ist das? Sprich es aus!“ - -„Daß ich dich ebenso liebe, wie du mich!“ - -Seine Arme umfaßten sie -- trugen sie beinahe, und mit geschlossenen -Augen ließ sie es geschehen. „Du, du,“ sagte er nur, „nun hat alle Not -eine Ende!“ - -Da schlug es wieder in ihr wundes Gewissen. „Ich muß noch mit dir -sprechen. Morgen, ja?“ - -Das unheimliche Gespenst des dunklen Geheimnisses, unter dem er bis zur -Grenze des Ertragenkönnens gelitten -- da war es wieder. Und dennoch -nichts mehr von alledem. - -„Es ist doch Keiner da, der jemals ein Recht an dir gehabt hätte, Eva?“ - -Stolz und frei blickten ihre Augen in die seinen. - -„Niemand! Das schwöre ich dir!“ - -Nun war alles -- alles gut! Keine Frage sollte jemals an seinen Qualen -rühren. Er würde ihr bedingungslos vertrauen. Er hob ihre Hände und -preßte seine Lippen darauf. - -Der nächste Tag war ein Sonntag. Mit holdseliger Befangenheit, die -ihn rührte und beglückte zugleich, hatte sie seinen Besuch in ihrem -Heim abgewehrt. So war es festgelegt, daß sie sich um die Mittagszeit -draußen in Wannsee treffen und alles nötige miteinander vereinbaren -würden. Denn sie waren im Innern gleich entschlossen, daß sie schon -diesen Winter als Mann und Frau durchleben mußten! - -Auf dem schmalen Sitzbrett eines Bootes saßen sie und sprachen von sich -und ihrer Zukunft. - -„Ein glänzendes Los erwartet dich nicht, Liebste,“ meinte er. „Siehst -du, mein festes Einkommen genügt eigentlich. Aber da ist noch mein -Vater. Ich schrieb dir damals alles von ihm. Und dann meine kleine -Schwester. Wenn ich sie doch eines Tages wiederfände.“ - -Fest schmiegte sie sich an ihn. - -„Mit mir, die ich leider mit ganz leeren Händen zu dir kommen muß, -rechnest du also lediglich als Verbraucherin?“ - -Er sah sie erschrocken an. - -„Anders darf es nicht sein, Eva!“ - -„O doch! Verstehe mich nicht falsch. Ich werde an dir und deiner Liebe -volles Genüge finden. Das weiß ich. Frei von allem Ehrgeiz will ich dir -schaffen helfen, indem ich weitere Stunden gebe.“ - -„Nicht früher, bis es dringend notwendig geworden ist. Versprich mir -das schon jetzt.“ - -„Gut,“ sagte sie nach einer Weile. -- An ihrem Zaudern merkte er, wie -schwer ihr die Zusage wurde. - -„Ich glaube, das war von mir allzu egoistisch, Liebling. Aendern wir -es darum ungesäumt ab. Wenn deine Sehnsucht dich früher dazu treiben -sollte, dann sagst du es mir!“ - -Sie nickte. - -„Wie du mir überhaupt alles -- alles anvertrauen mußt. Nicht wahr? Aber -das ist ja selbstverständlich!“ - -„Wenn ich dir nun doch eine Kleinigkeit verschweigen würde,“ fragte sie -mit schmerzhaft zusammengezogenen Brauen. - -„Es käme darauf an, was es wäre. Halte mich nicht für kleinlich. Ich -will dir immer grenzenlos vertrauen. Aber ein Geheimnis, daß schon -bestanden hat, ehe du mein Weib wärst. Siehst du, das müßte ich -kennen. Oder?“ Er stockte. - -„Warum sprichst du nicht zu Ende, Walter?“ - -„Es war nichts, Liebste,“ lenkte er ab. - -„Du willst kein Geheimnis dulden und schaffst in demselben Atemzug -eins,“ klagte sie. - -Ihre Augen standen voller Tränen. Der Jammer über ihr Schicksal -erpreßte sie. Er aber glaubte, sie verletzt zu haben, befreite sich von -dem sich selbst gegebenen Versprechen und sagte rasch und klar: - -„Du hast einen Anspruch, den Satz zu Ende zu hören. Ich wollte sagen, -wenn es das Geheimnis eines Geschehnisses wäre, von dem du wüßtest, daß -es nichts in mir änderte -- das ich voll begreifen, ja vielleicht sogar -nachmachen könnte, dann gestände ich dir ohne weiteres das Recht zum -Verschweigen ein.“ - -„Also in keinem andern Fall?“ - -„Nein! Vielleicht könnte ich etwas, das ich nie begreifen lernte, -dennoch verzeihen.“ - -„Du mußt mir noch mehr darüber sagen, Walter. Ich verstehe dich noch -nicht völlig.“ - -„Und es ist doch so klar, Liebste! Ein hartes Geheimnis, lediglich -durch einen Zufall enthüllt, würde für immer Glauben und Vertrauen in -mir vernichten.“ - -„Auch die Liebe?“ fragte sie mit Aufbietung aller Kraft. - -„Meinst, daß die ohne Glauben und Vertrauen möglich ist?“ - -Einen Augenblick rang sie um Atem. Jetzt mußte sie es ihm sagen. Keine -Minute durfte es länger nach diesem verschwiegen werden. - -Da legte er den Arm um sie und zog ihren Kopf an seine Brust. So ruhte -sie aus, während der leichte Kahn fast stillstand, und dachte dumpf und -verzweifelt und dennoch über alle Maßen selig: Noch einen Herzschlag -lang, und dann -- -- - -Er küßte sie auf Mund und Augen. Ein leiser Wind begann sie ein wenig -vorwärts zu treiben. Die Sonne sah ihr warm und strahlend ins Gesicht. - -Plötzlich ward sie fest entschlossen, ihr Glück nicht aufs Spiel zu -setzen. Denn der Zufall? Er konnte ihr nichts anhaben. Niemand außer -ihr wußte darum! - -„Wir törichten, dummen Menschen,“ flüsterte sie an seinem Herzen und -lachte dabei. Wie von einem Alp befreit atmete er auf. - -Daß sie jetzt schweigen konnte und lachen war der beste Beweis, daß er -sich alle Schatten nur eingebildet hatte! - -Sie wurde sprühend ausgelassen. - -„Daß hätte ich niemals für möglich gehalten,“ wunderte er sich beglückt. - -„Du wirst noch viel Seltsames an mir erleben.“ - -„Sicher aber lauter Schönes und Beseligendes.“ - -„Möglich! Als deine Frau findet auch das immer noch ausstehende Wunder, -das eine Ahne verheißen hat, eine Erfüllung.“ - -„Worin könnte das wohl noch bestehen?“ - -„Daß einer Ostried, die gleich einer Nachtigall flötet -- verzeih’ -mir diese Anmaßung, aber so steht es geschrieben -- eines Tages ein -Märchenschloß vom Himmel herabfällt, worin wir Beide dann unsere -allerreinste, allertiefste Liebe vor den neidischen Menschen verstecken -können.“ - -„Das Schloß mag nahe genug sein. Aber, ich bin das Hindernis. Paß nur -auf, du kennst meine Schattenseiten nicht.“ - -„Ich weiß nur, daß ich glücklich durch dich bin. Was wird nur die alte -Pauline sagen, wenn sie alles erfährt.“ - -„Ich bilde mir ein, sie hat es vorausgewußt, Liebste.“ - -„Hat sie etwas derartiges verraten oder gar dir zugeredet.“ - -Es klang schelmisch und übermütig. - -„Gelobt hat sie dich nur immer, bis ich ihr das im vollen Ernst -verbieten mußte.“ - -„Und darin ist sie gehorsam gewesen?“ - -„Aufs Wort.“ - -„Dann wirst du auch mich völlig beherrschen, Liebster.“ - -„Und du wirst dich zu deiner Kunst zurücksehnen?“ - -„Soll ich es dir wirklich wiederholen, du Unersättlicher? Mein Sehnen -bist du! Ohne dich wäre mir jenes sagenhafte Märchenschloß nie und -nimmer beschert worden.“ - -„So süß es in meinen Ohren klingt, Liebling. Der Jurist weiß es -anders.“ Und er erzählte ihr von jener durch Horst Waldemar von Ostried -aufgefundenen grundlegenden Erbfolgebestimmung. Sie hörte aufmerksam -zu und brach schließlich in ein helles Lachen aus. Diesmal kam es aus -einem schattenlos fröhlichen Herzen. - -„Nun verstehe ich endlich den Brief des Regierungsassessors und nunmehr -entthronten Anwärters. Das heißt,“ fügte sie verbessernd ein, „jetzt -kann er wieder seine alte langweilige Maske vorstecken. Zwei Tage -nach dem Familientag erhielt ich ein Schreiben von ihm. Ach so -- -ich muß noch etwas voranschicken. Er wollte mich nach jener Sitzung -heimbegleiten -- aber ich hatte kein Verständnis dafür und schickte ihn -fort. Darauf nahm er Bezug. Es war ein schöner Brief. Du mußt ihn auch -lesen. Inhalt: Ich hätte es ihm angetan und er flehte um meine Huld!“ - -„Richtig Huld hat er geschrieben?“ - -„Jawohl! Du, das war sehr diplomatisch. Darunter konnte ich mir -allerhand vorstellen. Warte, es geht noch weiter. Wann er kommen dürfe, -um sich von meiner Vergebung zu überzeugen und wann vor allen Dingen -er mich seinen lieben Eltern bringen könne, die sich herzlich auf mich -freuten. Dabei schenkten mir damals besagte liebe Eltern auch nicht die -geringste Beachtung.“ - -„Was hast du ihm geantwortet?“ - -„Geantwortet? Aber, Liebster?“ - -„Nun ja --“ - -„Kein Wort natürlich! Er ist doch auch Jurist und wenn ich ihm ganz -klar meine Ansicht über diesen Fall mitgeteilt hätte, würde er mich -sicher vor das hohe Gericht geschleppt haben. Denn, du mußt bedenken, -daß ich bei Abfassung seines Briefes die für ihn ausschlaggebenden -Beweggründe noch nicht ahnte. Ich habe ihn einfach für wahnsinnig -gehalten. Später änderte ich diese betrübliche Ansicht in eine nicht -minder unschöne ab. Er wurde mir langsam zu einem gewissenlosen -Betörer, dem jedes Mittel zur Erlangung eines unsaubern Wunsches recht -ist.“ - -„Du hättest also Frau Regierungsassessor und noch viel mehr werden -können. Bestimmt aber die Schloßherrin von Waldesruh, wenn auch im -reifsten Alter. Der jetzige Majoratsherr scheint keine Lust zur -Wiedervermählung zu haben.“ - -Sie zuckte zusammen, als fröstele sie. „Niemals sah ich ein -seelenloseres Gesicht als das seine! Findest du das nicht auch?“ - -„Sonderlich zu erwärmen vermag auch ich mich nicht für ihn. Aber er ist -ein Mann von hochanständiger Gesinnung. Nicht wahr, wie leicht hätte -er es gehabt, diese unbequeme Bestimmung aus dem verrosteten Kasten -einfach verschwinden zu lassen. Wenn er auch nachträglich ausgeführt -hat, daß sie ihn und einen eventuellen Sohn aus einer zweiten Ehe nicht -anficht. Immerhin, es brachte ihm Arbeit und Reibereien ein.“ - -„Natürlich. Ich vergesse immer wieder, daß ich in den Augen der ganzen -Familie verfehmt bin. Nein,“ verbesserte sie sich, „das wäre undankbar. -Der Kummersbacher war herzlich gut mit mir und der kleine Dichter, der -mich übrigens treu besucht, hat mir längst zwei Flügel verliehen.“ - -„Mache dich jedenfalls in allernächster Zeit auf die wichtige Eröffnung -gefaßt, Evalein, daß deiner späteren Linie bei einer standesgemäßen -Heirat die Aussicht zur Wiedererlangung der alten Heimat beschert sein -soll!“ Sie errötete tief und nestelte sich von neuem an ihn. - -„Ich gehöre dir. Nur dir! Alles andere ist wertlos geworden! Du wirst -mir auch diese Mitteilung, die hinfällig geworden ist, ersparen -- -nicht wahr?“ - -„Das darf ich als pflichtgetreuer Anwalt, der gar nichts mit deinem -Liebsten zu schaffen hat, nicht!“ - -„Aber, wenn ich nun doch sehr, sehr bald auch vor der Oeffentlichkeit -deine Braut heiße.“ - -„Damit bist du leider noch nicht meine Frau!“ - -„Auch das wird gar nicht mehr so lange auf sich warten lassen?“ - -„Wären dir endlos lange zwei Monate als Verlobungszeit zu kurz, -Liebste?“ - -„Nein, nein! Das sind ja mehr als sechzig Tage!“ - -Schweigsam aneinander gelehnt saßen sie, sahen träumerisch nach den -silbergrauen Perlen und beschlossen, Hand in Hand, daß in den nächsten -Tagen ein ausführlicher Brief über dies Ereignis nach Hohen-Klitzig -berichten solle. - -Noch einmal jammerte Eva von Ostrieds Gewissen auf. Dann hatte sie auch -diese Regung überwunden. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -22. - - -Sie hatte ein Herz aus Glas und der Geliebte sah alles, was darin -vorging! Selbst bis dahin ahnungslos, daß es so war, offenbarte ihr -erst sein entsetztes Stammeln, daß sich ihm nun doch ihr Geheimnis -enthüllt habe. Sie gewann es über sich, um seine Vergebung zu betteln, -sie zu gewähren war ihm unmöglich! - -Er schüttelte sie ab und floh mit einem Ruf des Abscheus für immer -- -- - -Als Eva von Ostried mit einem wilden Schrei aus diesem Traume -emporfuhr, versuchte sie sich zu verhöhnen. Nachmittags, wenn sie sich -zum Aussuchen der Verlobungsringe treffen würden, wollte sie ihm davon -erzählen. Zugleich erschrak sie über diese Kühnheit, denn lediglich das -gläserne Herz war ein Gebilde ihrer aufgepeitschten Nerven. Das weitere -entsprach ja der Wahrheit! - -Die Morgensonne leuchtete durch die herbstlichen Bäume des Parkes -und trug zu ihrem goldenen Strahlen den Widerschein der gelb und -rotgefärbten Blätter ins Zimmer hinein; dabei wurde Evas Herz wieder -ruhig. - -Gegen zehn Uhr vormittags brachte Gretchen Müller einen Rohrpostbrief. - -Eva von Ostried streckte mit glücklichem Lächeln die Hand danach aus. -Walter Wullenweber schrieb in großer Eile: - - Mein Liebling, werde soeben telegraphisch zur Entgegennahme eines - Testaments in die Nähe Berlins aufs Land gerufen. Komme wegen - ungünstiger Bahnverbindung jedenfalls erst spät abends zurück. Auf - morgen also... - -Ein neuer Tag ohne ihn! Es erschien ihr schmerzlich und doch süß -zugleich! Die Tränen kamen ihr vor Glück. - -Der Montag vormittag war ihr sonst wegen der fünf aufeinanderfolgenden -Stunden dahingeflogen. Heute dehnte er sich endlos. - -Nachdem ihr Tagewerk vollendet, schloß sie sich in das kleine -einfenstrige Zimmer ein, wie damals, als sie ihm den Abschiedsbrief -geschickt hatte. Ein Berliner Konzertagent kam, verhandelte mit -Gretchen Müller und begehrte Eva von Ostried danach ungesäumt zu -sprechen. „Er mag wiederkommen,“ sagte sie drinnen, ohne zu öffnen. Was -ging sie noch die Kunst an? Ihr Glück lag einzig in +ihm+. Mechanisch -nahm sie das dünne Päckchen aus dem Schreibtisch und legte es vor sich -hin. Ihr graute vor der erneuten Berührung. Mit spitzen Fingern zog sie -endlich seinen Inhalt ans Licht. Es enthielt nur noch zwei Scheine. Die -letzten! Das andere des Raubes war aufgebraucht. Wenn sie die laufenden -hauswirtschaftlichen Ausgaben beglichen haben würde, mußte sie von -neuem einen dieser Scheine wechseln. Die letzte unbezahlte Arztrechnung -für Gretchen Müller fiel ihr ein. Es waren wiederum dreihundert Mark, -trotzdem sie selten genug nach dem Sanitätsrat gesandt hatte. - -Es schadete ja auch nichts. Gewechselt mußte doch werden. Sie brauchte -ein Hochzeitskleid -- einen Schleier und den grünen Myrthenkranz. -Wovon sollte sie dies und noch viel mehr bezahlen, wenn nicht von -diesem Gelde? - -Seine Braut, die ihre äußere Schönheit gestohlen haben würde -- im -wahrsten Sinne des Wortes. Den Treuschwur verachtend und selbst -- -Verbrecherin! - -Aber heimliche Stimmen flüsterten Trost und Hoffnung: „Er läßt dich -niemals! Ohne dich ist seine Zukunft schal. Sei ganz ruhig --“ - -Sie nickte und glaubte es zuletzt! Und spann nun aus, wie es sein -würde, wenn Sie ihm alles gesagt hätte. Eine unbeschreibliche Seligkeit -mußte das werden! Von dieser Vorstellung kam sie nicht mehr los. - -Gegen Abend schrieb sie ihm alles, wie es sie dünkte, zu nüchtern. Da -sie es überlas, erschien es ihr grausam. Aber es war ihr unmöglich -gewesen von ihren Gefühlen dabei zu sprechen; die würde er klar -empfinden, ohne daß sie ein Wort verlöre, meinte sie. Unmöglich schien -es ihr auch, der Opfer Erwähnung zu tun, die sie gebracht und noch eine -Zeitlang weiter bringen mußte, weil sie der heimatlosen Schwerkranken -eine Zufluchtsstätte bot. Das alles würde Sache der mündlichen -Aussprache sein. - -Als der Brief fertig war, begriff sie nicht, wie sie jemals zaudern -konnte. Sie trug ihn selbst fort, wie damals. -- Dann ging sie ihren -Tag weiter! -- -- - -Jedesmal, wenn vierundzwanzig Stunden später die Klingel gellte, -glaubte sie zu fühlen, daß er jetzt da sei. - -Glaubte es immer wieder, bis dieser Tag sank und ein neuer kam, der -ebenso ereignislos verlief wie sein Vorgänger. Erst am dritten Tage -packte sie eine fürchterliche Angst. Wenn er nicht darüber fortkäme? --- Das währte aber nicht lange. Seine tiefe große Liebe würde niemals -sterben können. - -Am vierten Tage hatte sie keine Hoffnung mehr! Und am fünften Tage -ertrug sie die Qual nicht länger. Ohne ihren Namen zu nennen, fragte -sie im Büro an, ob er zu sprechen sei. Darauf erwartete sie ein „Nein“ -und erhielt statt dessen den Bescheid, daß er, wie alle Tage, seine -juristischen Sprechstunden abhalte. - -Da warf sie sich auf einen Stuhl und mußte lachen. Es klang schaurig. -Sonst hätte sie aber schreien müssen -- immer nur schreien -- das ganze -Haus zusammen und noch weiter zu der Straße hinaus, denn die Fenster -waren weit geöffnet. - -Er lebte und gab ihr keine Antwort! Was war das? - -Ein paar Stunden später wußte sie es. Sie riß seinen Brief gleich vor -der Tür auf, als sie ihn empfing. Da sank sie bewußtlos zusammen, und -Gretchen Müller fand sie, den Brief in der Hand. - -Gretchen Müller hatte noch niemals einen Blick in fremde Post getan. -Jetzt las sie, nach kurzem Zaudern, bewußt Wort um Wort, begriff nicht -alles, aber wußte doch, daß der Strenge nun auch bereit war, sein -eigenes Herz zu Tode zu foltern. - - „Du wirst viel gelitten haben, ehe Dir dieser Brief möglich - war,“ schrieb er. „Das fühle ich deutlich. Was Du tatest, mag - Dir damals einen Augenblick als der einzige Ausweg erschienen - sein. Leichtsinnig hast Du es nicht tun können. Es wird sich auch - hundertfach gerächt haben. Alles das wiederhole ich mir seit Tagen. - Dein erster Brief war eine Folge davon und wie vieles andere wohl - noch, das Du unerwähnt ließest. Ich glaube sogar, daß ich eine - andere verteidigen könnte. Eine, die ich nicht liebe als meines - Wesens Heiligstes. Um Deine Freisprechung habe ich vor meinem Gott - gerungen und sie doch nicht finden können. Es ist unaussprechlich - grausam, auch für Dich. Aber daran läßt sich vorläufig nichts - ändern. - - Ich ringe weiter. Habe Geduld mit mir und mit dem dumpfen - Schrecken, der mich nicht loslassen will.“ - -Nach überraschend kurzer Zeit konnte Eva von Ostried sich allein auf -das Ruhebett begeben. Suchend irrte ihr Blick umher. - -„Ich habe den Brief auf Ihren Schreibtisch gelegt,“ sagte Gretchen -Müller. - -Am nächsten Tage raffte sich Eva von Ostried auf und stand plötzlich -vor der Hausgenossin. „Wenn Sie mir schnell etwas Warmes bereiten -könnten, Gretchen. Ich muß nämlich zu dem Agenten, den ich neulich -durch Sie abweisen ließ. Wie gut, daß Sie sich seine neue Adresse geben -ließen.“ - -Es klang ruhig. Auch das Gesicht war, obgleich immer noch sehr blaß, -wieder ebenmäßig schön, wie zuvor. Entsetzt wehrte Gretchen Müller ab: - -„Sie dürfen auf keinen Fall heraus. Hören Sie nur, wie scharf der Wind -pfeift.“ - -„Es war leichtsinnig, daß ich den Agenten nicht anhörte,“ sagte Eva. -„Erinnern Sie sich noch, was er sagte?“ - -„Ganz genau. Er käme, um eine Reihe Winterkonzerte mit Ihnen zu -vereinbaren und wenn es möglich sein könnte, auch über das andere zu -reden.“ - -„Welches andere? Mir ist nichts bekannt!“ - -„Ich wagte nicht danach zu fragen. Er war eilig und beleidigt, weil Sie -ihn nicht vorließen.“ - -„Nun also, wie stehts jetzt mit der Wegzehrung, Gretchen?“ - -„Sie ist längst bereit. Aus dem Hause lasse ich Sie aber nicht.“ - -„Seien Sie nicht kindisch.“ - -„Ich flehe Sie an. Hören Sie nur dies eine Mal auf mich.“ - -Eva von Ostried fühlte ein inneres Erschrecken. - -Es mußte einen Grund haben, daß Gretchen Müller sie zurückhalten -wollte. Sollte sie etwas ahnen? - -Aber was war denn überhaupt geschehen? Zwei Menschen, die sich auf -seltsame Art gefunden, hatten sich ebenso wieder getrennt. Ein Teil -war schuldig, der andere schneeweiß. Noch besser. Eins rang mit der -Nacht des Wahnsinns; das andere hielt unentwegt seine juristischen -Sprechstunden ab. - -Bedurfte es eines klareren Beweises, wer mehr litt? - -Sie biß die Zähne zusammen. Und wenn sie auf dem Wege niederfallen -sollte, sie würde jetzt doch den Agenten aufsuchen und sich von ihm -anwerben lassen, wohin er sie haben wollte. - -Und Toiletten würde sie anschaffen. Nicht mehr weiße, unschuldsvolle -Nonnenkleider, sondern prunkvoll schimmernde, wie es sich für eine -große Sünderin ziemte. - -Und kostbare Steine mußten Arme und Hals in Zukunft ebenfalls -schmücken. Man bekam sie schon, wenn man es nur erlaubte! - -Ihre Augen brannten dunkel aus dem wieder erblaßten Gesicht. Heiß und -rot lockten die Lippen. - -Sie suchte nach ihrem Mantel und vermochte ihn doch nicht zu fassen, -trotzdem er vor ihr am Ständer hing. Es schwebte und wogte plötzlich -alles um sie herum. - -„Ich gehe doch,“ stieß sie hervor, als stände der mächtige Feind neben -ihr, der ihren Willen band. - -Sie fühlte ein Knäul aufsteigen, an dem sie zu ersticken drohte. -„Wasser -- einen Schluck Wasser,“ keuchte sie atemlos. - -Sie netzte die Lippen, aber das Würgen blieb. Eine erbarmungslose Faust -stieß sie auf den nächsten Stuhl. Ihre Hand fuhr an die Stirn. Wie leer -das da war. Wie tot. Der Fahrt auf dem Wannsee erinnerte sie sich, als -sein Mund sich auf den ihren preßte. „Ohne Glauben und Vertrauen keine -Liebe möglich,“ sagte er -- -- - -Irgend etwas löste sich in ihr; ein Schrei, ein Schluchzen; Tränen -stürzten aus ihren Augen. - -Gretchen Müller sah starr geradeaus, als merke sie von alledem nichts. -Jedes Trostwort war sinnlos. Nur eins konnte helfen. Und dies eine -blieb zu schwer für sie! Sie dachte an alle Güte, welche sie durch -die jetzt namenlos Leidende erfahren hatte. Noch einmal durchlitt -sie die Qualen der Armut und des erschütternden Erkennens eigenen -Unwerts. Nichts blieb ihr erspart. Die Demütigungen, die sie als -Stellungssuchende erfahren, die Ansinnen, die ihr noch jetzt das Blut -vor Scham in die Wangen trieben -- die Liebe zu dem Unwürdigen, die -nicht sterben wollte, obwohl sie ihn verachten mußte. Und zuletzt der -nagende, jammervolle Hunger. Wie hatte das alles monatelang in ihrem -Körper gewühlt, bis sie endlich entschlossen gewesen, das elende Leben -von sich zu werfen. - -Erst jetzt war sie imstande eine Kleinigkeit für ihre Retterin zu tun. - -Sie hatte lediglich nötig ihm zu sagen: „So ist es und nicht anders. -Mag sie selbst in den Augen der Welt das Schlimmste getan haben. Ich -weiß nichts und will nichts davon wissen. Es ist alles aufgewogen durch -ihre Güte und Größe. Ich habe doch Augen zu sehen. Wie viel Männer -hätten ihren Reichtum willig hingegeben für ihr Lächeln, für das Dulden -reicher Gaben. Sie hat nie etwas angenommen. Ich weiß, daß sie alle -Schätze für Einen aufgespart hat. Und nun richtet er sie. Wer darf das -tun?“ - -Mehr brauchte sie kaum zu sagen. - -Fast gierig prüfte Gretchen Müller das Gesicht, das ihr doch längst mit -jedem Zug vertraut geworden. Seine Schönheit erfüllte sie in diesem -Augenblick mit unsagbarer Freude. Es war unmöglich, daß einer, der sie -liebte, hier freiwillig entsagte. - -„Vielleicht entschließe ich mich sehr bald zur Bühne. Vielleicht auch -nicht! Es hat ja noch Zeit,“ sagte Eva nach längerer Zeit des Besinnens. - --- -- Eine Woche später ging ihr, aus dem Büro in der Markgrafenstraße, -von einer fremden kritzlichen Handschrift, deren Name unleserlich -blieb, unterzeichnet, nachstehende Eröffnung zu: - - Gemäß einer durch Herrn Horst Woldemar von Ostried, derzeitigen - Majoratsherrn auf Waldesruh, aufgefundenen grundlegenden - Familienbestimmung aus dem Jahre 1701 wäre auch das weibliche - eheliche Kind eines ohne männliche Nachkommenschaft verstorbenen - Majoratsherrn von Waldesruh insoweit am Majorat erbberechtigt, - als ein aus ihrer ebenbürtigen Ehe hervorgegangener Sohn mit - dem vollendeten achtzehnten Lebensjahr, besagtes Majorat mit - allen darauf ruhenden Rechten und Verbindlichkeiten übernehmen - soll. Bedingung wäre, daß diese Tochter in jeder Beziehung - einen einwandsfreien Lebenswandel geführt hat. Sie haben nach - Ansicht des Seniorenkonvents bisher dies Recht nicht verwirkt - und werden deshalb hiermit vorgemerkt. Aus der abschriftlich - beigefügten, später aufgenommenen Bestimmung, die sich auf Seite - 56 des Familienstatuts aus dem Jahre 1830 vorfindet, ersehen - Sie die genausten Bedingungen für diese Vormerkung ebenso, wie - auch dasjenige, was unter einer ebenbürtigen Ehe im Sinne der - grundlegenden Bestimmung zu verstehen ist. - - Die Mitteilung, daß Sie von dieser Nachricht Kenntnis genommen und - mit Ihrer Vormerkung resp. Eintragung vor dem Regierungsassessor - von Ostried sich einverstanden erklären, erbitten wir gefälligst - umgehend. - -Ohne auch nur einen Augenblick zu überlegen, antwortete Eva von Ostried: - - Ich verzichte ausdrücklich auf dieses Recht und bitte, mich mit - ähnlichen sich etwa in Zukunft noch neu ergebenden Mitteilungen zu - verschonen. - -Dann mußte sie lachen. Es entsprang der Bitterkeit und Verachtung über -alle Satzungen, die Menschen gemacht hatten. Langsam begriff sie das -eine: - -Walter Wullenweber hatte die vorliegende Mitteilung nicht mit seinem -Namen decken können, weil sie in seinen Augen nicht dasjenige -„untadlige Weibsbildn“ war, das sie zu sein hatte, um als Stammutter -eines zukünftigen Majoratsherrn in Betracht zu kommen. Es regte sie -nicht mehr auf! - -Ihr Gesicht wurde hart wie ihre Seele. Ihre Hand zitterte nicht, als -sie jetzt zum zweiten mal die Feder eintauchte, um einen unwiderruflich -letzten Brief an Walter Wullenweber zu schreiben. Sie tat es wie eine -Fremde: - - „Ich will dein Ringen, wenn es inzwischen nicht aufgegeben sein - sollte, kurz beenden. Quäle dich nicht mehr damit, für mein - Verbrechen Entschuldigung oder gar Vergebung zu finden. Dazu ist - es zu spät geworden. Ich wüßte mir nichts mehr damit anzufangen. - Der Rausch, dem ich mich hingab, wirkt nicht mehr. Daß ich Dir für - Deine spätere würdigere Ehe das Beste wünsche, sei Dir ein Beweis, - wie ruhig und empfindungslos mein Herz für Dich geworden ist.“ - -Sie überlas das Geschriebene nicht. Eilig verschloß sie den Umschlag -und fühlte nichts dabei, außer der staunenden Verwunderung, daß sie ihm -erst heute geschrieben hatte. - -Erst als er mit dem andern zusammen besorgt war, erschrak sie plötzlich -so sehr, daß sie sich setzen mußte, weil ihre Knie zitterten. Wie war -es möglich geworden, daß sie ihm darin noch das „Du“ gegeben hatte? - -Pah, sie wollte nicht mehr darüber nachdenken. Ihre Seele sollte -endlich frei werden. Und als müsse sie diesen Entschluß ungesäumt -bekräftigen, drückte sie auf den Knopf der elektrischen Klingel, die -zur Küche hinausführte. Ihre Stimme klang aber fest, beinahe kalt, als -sie zu der Eintretenden sagte: - -„Meine Verlobung, liebes Gretchen, war nicht von Bestand. Sie ist -wieder gelöst. Und zwar endgültig!“ - -Dann sprach sie hastig, ohne eine Antwort zu ermöglichen, von -gleichgültigen Dingen. - --- -- Die nächste Zeit brachte viel Hast und Abwechslung. Der emsige -Agent hatte von Eva von Ostrieds augenscheinlich eingetretenen -Bekehrung zur Vernunft einem ihm bekannten Direktor Mitteilung gemacht. -Das wiederum ergab vertrauliche Anfragen, die eine ausführliche Antwort -erheischten. In irgendwelcher Weise band sich Eva von Ostried vorläufig -nicht. - -Mitten in diese Unruhe hinein kam eines Tages der Brief des Waldesruher -Majoratsherrn, der zwecks mündlicher Rücksprache in der bekannten -Neuregelung und ihrer Ablehnung im Auftrage des Seniorenkonvents um die -Gewährung einer mündlichen Aussprache an einem von ihr zwischen dem -Zwanzigsten und Fünfundzwanzigsten zu bestimmenden Tage höflichst bat. - -Der Vorwand wäre für jede Andere, wie Eva von Ostried, durchsichtig -gewesen. Seine Anwesenheit neulich im Blüthnersaal -- eine vor Tagen -stattgefundene zufällige Begegnung mit ihm, bei welcher er deutlich die -von ihr vereitelte Absicht einer Annäherung zu erkennen gab, hätten sie -zum Nachdenken bringen müssen. - -Ihr lag dies alles viel zu weit ab. Sie mochte ihn nicht wiedersehen. -Die Vorstellung seines kalten, ausdruckslosen Gesichts brachte ihr -ein unbehagliches Gefühl. Kurz, wenn auch nicht unfreundlich, lehnte -sie sein Ersuchen mit dem Hinweis ab, daß eine Aussprache ihren -unabänderlich feststehenden Entschluß nicht umzustoßen vermöge. - -An einem der nächsten Tage kam, nach längerer Pause diesmal, der Vetter -Javelingen wieder. - -Eva von Ostried sah ihm erstaunt entgegen. „So feierlich? Ja, was gibt -es denn? Hat der neue Operntext seinen Komponisten gefunden und bringen -Sie mir schon die weibliche Hauptrolle zum Studium?“ - -Er schüttelte den Kopf. - -„Das ist es nicht! Ich komme als Abgesandter des Kummersbacher.“ Er -sah, daß sie die Lippen verzog, als schmecke sie einen unangenehm -bitteren Trank. - -„Augenscheinlich mochten Sie ihn damals sehr gern,“ wunderte er sich. -„Und jetzt plötzlich? Wirklich, ich merkte längst die Umwandlung.“ Es -klang hilflos. - -„Von solchen Kleinigkeiten sollten Sie sich nicht quälen lassen,“ -mahnte sie sanft. - -„Es schmerzt mich, daß Sie sich so fest verschließen, Eva.“ - -„Tue ich das? Dann ist es jedenfalls nichts neues. Sie kennen mich -nur noch nicht von dieser meiner eigentlichen Seite. Gewiß, der -Kummersbacher war sehr gut zu mir und ich habe auch nicht das Geringste -gegen ihn. Ich bin aber wider alles Gewaltsame. Warum soll ich jetzt -plötzlich einer Verwandtschaft wegen, die mir bisher nichts war, in -einen neuen Kreis hineinlaufen? Denn, nicht wahr, mit dem Kummersbacher -allein hätte es in Zukunft nicht sein Bewenden.“ - -„Ich belästige Sie ja ohnehin schon,“ meinte er. - -„Halten Sie mich für so unehrlich, daß ich mir eine Belästigung -gefallen ließe? Wenn Sie kommen, bringen Sie mir Freude mit. Wenn auch -nicht in allen Fällen für mich, die Vielbeschäftigte, so doch für -das liebe, kranke Mädchen, das ihrer dringender bedarf als ich, die -körperlich Gesunde. Schon darum sind Sie mir stets willkommen. Sie -wissen, meine Zeit gehört der Arbeit. Wenn es mir aber möglich wird, -lausche ich Ihnen herzlich gern.“ - -Er zog ihre Hand ehrerbietig an die Lippen. Sie mußte denken, ob er das -wohl auch tun würde, wenn er wüßte. - -„Ich komme also heute mit einem Auftrage,“ gestand er fast schüchtern. - -Ihr Gesicht nahm einen hochmütigen Ausdruck an. „In Wahrheit schickt -Sie gar nicht der Kummersbacher, sondern der Waldesruher, nicht wahr?“ - -„Nein... wirklich nicht! Aber -- wissen Sie schon davon?“ - -„Daß er mich im Auftrage des hohen Seniorenkonvents zur Einwilligung -jener mich lächerlich anmutenden Eintragung bewegen will? Nun, das hat -er mir geschrieben!“ - -„Ich dachte an das... andere.“ Ein unbewußter Neid ließ seine sanfte -Stimme schärfer als sonst werden. - -„Davon weiß ich nichts. Mag auch nichts hören. Verzeihen Sie diese -Offenheit.“ - -„Ich fürchte aber, Sie werden ihm nicht mehr entgehen.“ - -„Dann ist es immer noch Zeit, daß ich mich darüber ärgere oder freue.“ - -„Sie dürfen sich nicht freuen,“ sagte er leidenschaftlich. - -„Ich glaube selbst, daß dies mein Schicksal ist.“ - -„Nicht so! Freude sollen Sie haben, so viel es nur irgend gibt.... -Aber... Warum sind Sie so bitter geworden?“ - -„Sie irren, mein lieber Dichter. Nur abgearbeitet bin ich. Und... werde -es in Zukunft noch viel mehr sein. Sehen Sie hier -- mein Büchlein ist -voller Pflichten. In nächster Woche singe ich zweimal in Dresden. -Danach in Weimar. Verhandlungen mit Dessau schweben gleichfalls. Berlin -will mich auch. Die Vorbesprechungen, dies ängstliche Aufpassen, daß -der Agent nicht den Löwenanteil in die eigene Tasche senkt, ist sehr -anstrengend.“ - -„Ich könnte es nicht.“ - -„Wenn man ein bestimmtes Ziel vor Augen hat, geht auch dies!“ - -„Sehnen Sie sich denn nach Reichtum, Eva?“ fragte er. - -„Ja, das tue ich!“ - -Er erblaßte und sah auf seine schmalen, nervösen Hände nieder. „Reich -ist er. Sehr reich sogar! Der Kummersbacher sprach von mehreren -Millionen...“ - -„Nun also... hübsch für ihn! Wer der Glückliche ist, will ich nicht -wissen. Ich gönne jedem sein Schäfchen. Nur Sie sollen jetzt endlich -zum Ziel kommen. Was ist es für ein geheimnisvoller Auftrag, den Sie da -übernommen haben.“ - -„Der Kummersbacher läßt Sie innig um Ihren Besuch bitten, so bald es -sich einrichten läßt.“ - -„Hat er vielleicht gehört, daß ich gerade für die nächsten Monate -täglich voll besetzt bin?“ - -„Wie mißtrauisch Sie geworden sind.“ - -„Das gehört zu meinem Geschäft! Denn, wenn ich nach dem Beschlusse des -hohen Familienrats auch keine Bänkelsängerin bin, aber eine, die sich -von zwei Mark an von Jedem anstarren lassen muß, die bin ich nun doch -mal.“ - -„Ihnen muß etwas Hartes geschehen sein,“ forschte er. - -„Vielleicht! -- Machen Sie ein Sonett darüber. Aber am Schluß muß man -lachen können. Hören Sie?“ - -Sie wurde ihm unheimlich. - -„Also, der gute Kummersbacher erinnert sich seiner freundlichen -Einladung von dazumal?“ fuhr sie fort. „Sagen Sie ihm mit einem schönen -Gruß meine Dankbarkeit und ich käme bestimmt in der Zeit von Januar bis -April...“ - -„Dann beanspruchen ihn die Sitzungen im Herrenhaus und die -Nachberatungen in Berlin.“ - -„Eben darum,“ meinte sie ruhig. „Und nun kein Wort mehr davon. Ich -bitte Sie herzlich darum. Kleiden Sie meinetwegen die Ablehnung auf -Ihre zarte Weise ein. Ich will nicht die Gastfreundschaft der Familie, -von keinem Einzigen ...“ - -„Ohne Ausnahme?“ fragte er mit eigenem Nachdruck. - -„Ausnahmslos,“ bestätigte sie. „Und jetzt kommen Sie. Ich werde Sie -begleiten. Gretchen Müller wird sehnsüchtig warten... Eine Stunde kann -ich mich ebenfalls von Ihnen fortreißen lassen. Dann muß ich wieder -arbeiten und Briefe schreiben. Ach, diese ewigen Geschäftsbriefe..“ - --- -- -- Er las leise und bescheiden, wie auch sonst am Anfang! - -Die Eröffnung des Kummersbacher klang ihm in den Ohren. „Paß auf, -es kommt. Für so was habe ich einen feinen Riecher... Darum beeile -dich gefälligst, daß wir sie möglichst bald in meine ländliche Stille -kriegen. Ihre Nerven, die deiner Ansicht nach reichlich runter sind, -müssen erst in die Höhe, ehe er seinen Mund zu der entscheidenden Frage -auftut...“ - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -23. - - -Es kam wirklich... und zwar erheblich schneller, wie es der -Kummersbacher nach der mit heimlicher Schadenfreude von ihm -festgestellten Umwandlung des bis dahin scheinbar temperamentlosen -Vetters erwartet hatte. Eva von Ostried stand noch im Schmuck eines -weinroten Sammetkleides, das die Schneiderin erst soeben abgeliefert -und zum letzten mal angeprobt hatte, als die Klingel tönte. - -Es war der Waldesruher Majoratsherr, der um die Ehre bat, die gnädige -Base sprechen zu dürfen. - -Sie dachte lange nach, während er zuerst ungeduldig, danach empört über -das rücksichtslose Wartenlassen auf dem schmalen Korridor hin- und -herging. Warum erweckte dieser Besuch ihren Unmut? Er brachte ihr doch -eine ehrenvolle Genugtuung. Denn, wenn es sich nicht um eine solche -handelte, würde sich ein eiskalter, untadliger Ehrenmann wie dieser -solcher Mühe nicht unterziehen. Eine feine Falte stand zwischen ihren -Brauen, als sie sich endlich entschlossen hatte. - -„Führen Sie ihn in das Musikzimmer, Gretchen.“ - -„Aber das Kleid,“ gab die andere zu bedenken. - -„Es wird bei der kurzen Unterredung nicht stören.“ - -Horst Waldemar von Ostried sah eine Sekunde verblüfft auf. Sie reichte -ihm nicht die Hand entgegen. Nur den feinen Kopf neigte sie und -deutete höflich auf einen Polsterstuhl. - -„Warum kommen Sie, Herr von Ostried?“ - -„Sie werden sich erinnern... mein Brief...“ - -„Also darum,“ machte sie gedehnt, „ich dachte, das sei längst abgetan. -Sie haben gehört, daß ich nicht will...“ - -„Darauf kommt es nicht an, gnädigste Base.“ - -„Soll das ein Scherz sein? Aber der läge Ihnen nicht..“ - -„Sie haben etwas bei der ganzen Sache übersehen,“ meinte er belehrend, -„oder vielleicht unser Anwalt?! Die von mir aufgefundene Bestimmung -hat ausdrücklich das Wort „soll“ bei der jetzt neu durchzuführenden -Erbfolge vorgesehen.“ - -„Niemand kann über den Willen eines Menschen bestimmen, als er allein,“ -wandte sie kühl ein. - -„Das ist ein großer Irrtum. Es gibt Höheres und Stärkeres, dem wir alle -uns beugen müssen.“ - -„Was könnte das sein,“ fragte sie ungläubig. - -„In der Hauptsache... das Gesetz...“ - -„Jetzt wird er mir bestimmt alle Paragraphen aufzählen, die wir -beachten müssen,“ fürchtete sie dumpf und ergeben. - -„Zuerst dasjenige, was in uns selber ist,“ begann er wieder. - -„Das meine will, daß ich mit gleicher Münze heimzahle. Verachtung gegen -Verachtung.“ - -„Sie dürfen nicht abschweifen. Sonst werden wir uns nie verstehen.“ - -„Ich lege auch keinen Wert darauf.“ - -„Aber ich tue es. Sehen Sie, das Gesetz, welches ich meine, ist etwas -Ehrfurchtgebietendes, denn es kommt aus der Schmiede der Ehre! Wie -es sichtbare Orden und Ehrenzeichen für Heldentaten gibt, so sind -unsichtbare da, deren Fehlen mehr wie Strafen reden. Daß Sie laut der -jetzt zu Kraft erklärten Bestimmung vorgemerkt sind, ist ein solches -unsichtbares Ehrenzeichen.“ - -„Wenn Sie es so auffassen und gekommen sind, um mich zu Ihrer Ansicht -zu bekehren, danke ich Ihnen,“ sagte sie um vieles wärmer. - -„Wie stellen Sie sich also jetzt zu unserer Frage?“ - -„Nicht anders wie zuvor.“ - -„Das heißt, Sie sehen auch jetzt noch ab?“ - -„Natürlich. Es liegt mir nichts daran.. Ich will frei sein. Ich -will...“ Sie wollte hinzufügen, daß sie keinen persönlichen Verkehr -wünsche, empfand dies aber einen Augenblick später als taktlos und -verstummte. - -Er schien die Streifen des Teppichs, der weich und dunkel am Boden -hinkroch, zu zählen. - -„Ich bitte Sie um Ihre Einwilligung,“ sagte er plötzlich. - -Sie mußte ein Lächeln unterdrücken. „Was hätten Sie davon, Herr von -Ostried?“ - -Er zuckte nervös zusammen. „Warum nennen Sie mich hartnäckig mit -diesem... steifen Namen?“ - -„Erlassen Sie mir die Antwort. Sie sind zur Zeit unter meinem Dach und, -wenn ich auch kein Edelfräulein in Ihrem Sinne sein mag, das ist mir -stets heilig gewesen.“ - -„Ich möchte den sehen, der sich niemals irrt...“ - -„Gut! Wir wollen es nicht in Worte kleiden... Ich fühle es und danke -Ihnen nochmals. Sagen Sie den andern auch davon, denn, nicht wahr, der --- wie nennen Sie ihn doch? -- Seniorenkonvent weiß um Ihr Kommen.“ - -„Nein,“ sagte er kurz und sehr laut. - -Das begriff sie nicht. „Ich habe mich niemals mit all diesen -Bestimmungen beschäftigt,“ entschuldigte sie sich. - -„Ich will haben, daß Sie in den Augen der gesamten Familie rein und -makellos dastehen. Daß wir Sie dafür befunden haben, bewirkt das -noch nicht. Die Hämischen könnten behaupten, es habe sich inzwischen -etwas ihnen Verborgenes herausfinden lassen, das Ihre Unwürdigkeit -dennoch dartäte. Der Vetter Regierungsassessor hat Sie neulich auf dem -Familientag bereits auffallend genug übersehen.“ - -Jetzt mußte sie lachen. - -„Stimmt das etwa nicht,“ fragte er gereizt. „Hat er Sie begrüßt oder -Ihnen auch nur ein verbindliches Wort gesagt?“ - -„Aber... nachgelaufen ist er mir und hat mir seine Begleitung -angeboten.“ - -„Und Sie?“ - -„Ich habe ihn fortgeschickt, wie man das auch ohne Ihre Familiengesetze -zu kennen, eben tut...“ - -„Darum wird er Sie jetzt um so mehr mit seiner Abneigung verfolgen.“ - -„Daran liegt mir auch nicht das Geringste.“ - -„Aber mir liegt daran!“ - -Sie sah ihn erschrocken an und stellte fest, daß er sehr rot und erregt -geworden war. - -„Ihnen? Sie hören ja, daß ich mich auch weiter allein zu schützen -gedenke. Ja... und hören Sie weiter. Ich muß Ihnen einen Vorschlag -machen. Vielleicht ist es Ihnen allen unangenehm, daß ich den alten -Namen Ostried führe. Bitte, seien Sie ganz ehrlich mit mir. Ich bin -Künstlerin und kann ihn, ohne, daß es besonders auffällt, jederzeit -ablegen. Einmal war ich bereits dazu entschlossen...“ - -„Sie sollen ihn behalten! Aber der Vetter Regierungsassessor darf Sie -nicht verächtlich machen.“ - -Sie legte den Kopf ein wenig auf die Seite und blinzelte in die -Schatten, die jetzt dunkelblau und lila getönt den Raum erfüllten. -„Leider verachtet er mich durchaus nicht. Fast wäre mir das lieber -gewesen, als das andere...“ - -„Was ist das?“ fragte er. - -„Wenn ich ihn nicht... sehr tief einschätzte, würde ich darüber -schweigen. Ich mißachte ihn aber. Darum...“ und sie erhob sich, ging in -das Nebenzimmer und nahm aus dem Mittelfach ihres Schreibtisches seinen -Brief. - -„Lesen Sie ihn. Dies Schreiben ging mir zu, nachdem die Anschlußsitzung -über meine oder besser meines künftigen Sohnes Erbfolge stattgefunden -hatte.“ - -Horst Waldemar von Ostried las erstaunlich lange an den kurzen Zeilen. - -„Es ist eine Gemeinheit,“ sagte er dann kurz und scharf. Sie nickte. - -„Man könnte es wohl als solche bezeichnen! Daß Sie so ehrlich sind, -freut mich doppelt...“ - -„Könnten Sie mir den ungefähren Wortlaut Ihrer Antwort an ihn -mitteilen?“ - -„Nein... das möchte ich nicht.“ - -„Hätte ich mich in Ihnen getäuscht?!“ - -„Möglich! Vielleicht mißverstehen wir uns aber. Weil ich nämlich keine -Antwort gab, kann ich auch keinen Wortlaut wiederholen.“ - -Er atmete auf. „Das war gut!“ Dann saß er stumm und schweigsam da. - -„Warum geht er jetzt nicht,“ dachte sie erstaunt und sagte laut: -„Verzeihen Sie diese Dunkelheit. Ich will jetzt Licht machen... Ich -liebe die weichen, unbestimmbaren Farben der Dämmerung sehr.“ - -„Lassen Sie es!“ bat er. - -Gehorsam nahm sie wieder ihren Platz ein. Die drückende Stille begann -sie unruhig zu machen. - -„Fühlen Sie den Zweck meines Besuches nicht endlich heraus?“ fragte er. - -Sie dachte nach und schüttelte den Kopf. - -„Und dennoch ist es gut, daß er ihn geschrieben hat,“ meinte er aus -tiefem Sinnen heraus. Ihre Anschauungen mußten erdenweit auseinander -gehen... sonst hätte sie ihn doch wenigstens einmal ohne Erklärung -verstehen müssen. - -„Mir gilt er nicht mehr, als der Beweis, daß der Name allein noch lange -nicht adelt...“ - -Er ließ diesen Einwurf unbeachtet. „Können Sie mir dies Schreiben -anvertrauen,“ fragte er. - -„Wozu? Ich will nicht haben, daß er etwa zur Rechenschaft gezogen wird.“ - -„Eine Beleidigung in diesem Sinne enthält er nicht! Daß er den Wunsch -ausspricht, Sie seinen Eltern zuzuführen, beweist ja gerade, daß er Sie -respektiert. Er hätte noch etwas damit warten müssen. Aber er mag wohl -gefürchtet haben, ein anderer käme ihm zuvor...“ - -„Sie baten um den Brief,“ lenkte Eva von Ostried hastig ab, „darf ich -wenigstens wissen, zu welchem Zweck das geschah?“ - -„Um eine Handhabe zu besitzen.“ - -„Verstehe ich Sie recht? Glauben Sie, daß er unklug genug ist, um diese -Sache vielleicht falsch wieder zu geben?“ - -„Das nicht. Seines Schweigens hierüber sind wir sicher. Nur etwas -anderes steht zu befürchten. Vor jedem lauten Wort wird er sich hüten. -Er ist in jeder Beziehung ein leiser, vorsichtiger Herr. Es könnte sich -aber ereignen, daß er Sie aus dem Hinterhalt angriffe. Sagen wir mal, -der Kummersbacher, der seine Augen und Ohren überall hat, würde etwas -erfahren und mir wieder erzählen?“ - -„Warum grade Ihnen?“ - -„Untersuchen wir das jetzt nicht. Unterstellen wir es als sicher. -Dann könnte ich diesen Brief vorzeigen und ihn bloßstellen, wie er es -verdient hat....“ - -„Eigentlich sind wir beide uns doch sehr fremd,“ meinte sie zögernd. - -„Soll das heißen, daß Sie kein Vertrauen zu mir haben?“ - -„Vertrauen...“ sie dehnte das Wort aus, überlegte ein wenig und sah -dann wieder und diesmal -- bewußt -- zu ihm hinüber. Seine kalten -farblosen Augen hatten sich auffallend belebt. „Wir wollen den Begriff -nicht zerlegen. Behalten Sie den Brief. Ich danke Ihnen für Ihre gute -Absicht. Nicht wahr, wenn er etwa ein Jahr geschwiegen haben sollte, -dann vernichten Sie ihn. Ein Zurückschicken ist unnötig.“ - -Als er ihn in die feine helle Ledertasche versenkt hatte, tat er die -Frage, die er seit Wochen immer wieder überlegt und nach allen Seiten -erwogen und nun endgültig beschlossen hatte: - -„Weil Sie es nicht fühlen, muß ich es klar aussprechen. Könnten Sie -sich entschließen, meine Frau zu werden, Eva?“ Er sah, daß es sie -gänzlich überraschend traf und fuhr fort: „Ich werde im nächsten Monat -vierundfünfzig Jahr und gelte als ziemlich gefühllos. Vielleicht bin -ich es auch. Meine erste Ehe war durchaus korrekt. Wie sich die zweite -gestalten wird, liegt in Ihrer Hand. Sie werden enttäuscht sein, daß -ich Ihnen kein Wort von Liebe spreche. Ich kann das nicht. Schon als -kleiner Junge wäre ich lieber gestorben, ehe ich ein Gefühl verraten -hätte. Es ist Vererbung. Meine Mutter war ebenso.“ - -Sie saß wie erstarrt und konnte nur denken... „Möchte er doch weiter -sprechen. Wenn er aufhört, muß ich ihm antworten.“ Daß er ihr noch vor -kurzem unangenehm, ja widerlich gewesen, begriff sie nicht mehr. Zur -Zeit war er ihr nicht unleidlicher wie jeder andere! - -Und was sang und klang plötzlich vor ihren Ohren? Sanfte, -verführerische Stimmen tönten! Und jede verhieß das nämliche! Erlösung --- Sühne -- Ruhe! Ihm würde sie kein Wort davon sagen. Kein inneres -Drängen erzwang dies. Ihr ferneres Leben würde auf das Eine, Große, -Letzte eingestellt sein. Untadlig zu werden und weiter Gutes zu tun, wo -irgend sich nur die Gelegenheit bieten wollte. - -Und vor allem -- den Raub könnte sie zurückzahlen. - -Er war ja schwerreich. Der Dichter hatte von mehreren Millionen -gesprochen. Denn jetzt war es ihr klar, daß er diesen und keinen -anderen gemeint hatte. Sie wollte von ihrem Nadelgelde und seinen gewiß -sehr reichlich fließenden Geschenken Pfennig um Pfennig zusammenraffen, -bis sie endlich alles an den Justizrat Weißgerber, als eine sich an -die Stiftung der Präsidentin anschließende Schenkung, zurückzuzahlen -vermochte... - -Jetzt schwieg er und sah sie erwartungsvoll an. Eine furchtbare Angst -begann sie zu foltern, daß er aufstehen und gehen könne... beleidigt, -weil sie ihn keiner schnellen Antwort würdigte. - -„Haben Sie sich bereits gebunden -- dann allerdings,“ sagte er -undeutlich, wie ihr schien. - -„Nein, ich bin frei.“ Das war keine Lüge. - -„Wie lange soll ich warten,“ fragte er. Es klang fast demütig. - -„Zwei Wochen,“ bat sie. „Ich habe ein paar Verpflichtungen in Dresden -und Weimar übernommen. Dann werde ich auch mit mir fertig sein.“ - -In seinen Zügen arbeitete es. Aber er verriet nicht seine Gedanken. -Er sah sie noch einmal an, als müsse er die Erinnerung an ihre stolze -Schönheit mit fortnehmen für diese beiden Wochen. Später würde er sie -nicht mehr nötig haben. Er wünschte keine lange Verlobungszeit. - -Langsam stand er auf, küßte ihre Hand und schied ohne ein weiteres Wort. - -Eva von Ostried zeigte sich die nächsten Tage gelassen, fast heiter. -Sie erschien wohl und frisch, als habe sie nicht über schlaflose Nächte -zu klagen. Daß ein wenig künstliches Rot über die tiefe Blässe und -den scharfen Leidenszug hinwegtäuschte, ahnte Gretchen Müller nicht. -Sie trat nie mehr, ohne zuvor feierlich anzuklopfen, in das kleine -einfenstrige Zimmer ein. Die unbestimmte Angst, eine Zusammengebrochene -oder doch Verzweifelte zu sehen, hielt sie zu dieser Vorsicht an. -Einmal, als sie Eva von Ostried ausgegangen wähnte, sah sie sie mit -eingewühltem Kopf auf dem Ruhebett liegen und hörte ein ersticktes, -jammervolles Schluchzen. - - * * * * * - -Der Kummersbacher saß vor seinem alten Zylinderbureau, sah abwechselnd -in das Wirtschaftsbuch seines Beamten und auf die kotbespritzten, von -aufgeweichten Lehmwegen zeugenden Stiefeln herab, dachte aber weder an -das eine noch das andere, sondern ärgerte sich mit verbissenem Ingrimm, -weil der Doktor, der seines Rheumas wegen die Ritte im Regen streng -untersagt hatte, wieder mal Recht behielt. Denn es zwickte und quälte -ganz abscheulich. - -Draußen lief seit Tagen durch das graue Himmelssieb ein gleichmäßiger -Regen nieder und verwandelte Straßen, Aecker und Gärten in einen -zähen Brei von unappetitlicher Farbe. In solchen Zeiten merkte der -Kummersbacher, daß er ein lediger Mann war. - -Er schielte nach den derben Jungen seines Hofmeisters, die unter dem -Fenster des Arbeitszimmers mit krampfhaft hochgezogenen Hosenleder über -die Pfützen sprangen. - -Dieser Anblick verbesserte seine schlechte Laune nicht. Als Hermann, -der Getreue, seinen grauen Kopf zur Tür hineinsteckte, polterte er los: - -„Was störst du mich fortwährend. Ich habe zu tun. Verstanden?“ - -„Eine Dame ist draußen,“ meldete er unerschrocken und setzte -vertraulich hinzu: „Sie war neulich auch in Berlin beim Familientag.“ - -Im Nu war der Kummersbacher auf den Beinen. - -„Wenn es die Eva wäre...“ Natürlich war sie es! Des kleinen Javelingens -Antwort stand immer noch aus. Vielleicht hatte sie dies gewünscht und -kam nun selbst, um sie zu bringen und... bei ihm zu bleiben. - -„Hol’ andere Stiefel,“ kommandierte er. „Aber ein bißchen pausenlos -- -und... das gnädige Fräulein führe solange in das Eßzimmer.“ - -Dann dachte er gerührt und ärgerlich, daß dies Gerenne vom Bahnhof -durch Wind, Regen und Brei eigentlich ein unverantwortlicher Leichtsinn -von ihr gewesen sei... Hermann stand immer noch vor seinem Gebieter. - -„Was fällt dir ein. So lauf’ doch...“ - -„Gnädiger Herr,“ sagte er plötzlich und ein Lachen flog um seinen -faltigen glattrasierten Mund, „die Stiebel vom gnädigen Fräulein sind -noch viel dreckiger...“ - -Der Kummersbacher brummte etwas. Dann schob er sich an seinem Diener -vorbei und lief humpelnd auf die Diele heraus. - -Hier stand etwas unendlich Gebücktes, Demütiges. - -Bei diesem Anblick erlosch seine Freude. Er stutzte und schüttelte -den Kopf... Wo hatte der Hermann seine Augen gehabt? Das war doch -gar keine Dame. Ein bis auf die Haut durchnäßtes armes, heimatloses -Geschöpf war’s, das sich vor Hunger und Uebermüdung wohl nicht weiter -zu schleppen vermocht hatte. - -„Gehen Sie in die Küche und lassen Sie sich allerlei Gutes von dem Koch -verabreichen,“ sagte er mit der unbewußten Weichheit und Milde, die ihn -stets beherrschte, sobald jemand seine Hilfe brauchte. - -Aber die Demütige blieb, richtete sich nur ein wenig empor und sagte -leise: - -„Ich bin doch Klausine von Ostried...“ - -Es fuhr ihm in die Knochen. Er begriff nicht, wie sie sich zu ihm -durchgefunden hatte. - -„Tritt, bitte, hier ein,“ sagte er endlich. „Du kannst auch im Zimmer -ablegen... und nachher mußt du dir wohl trockene Sachen anziehen.“ - -Sie trug nichts in der Hand wie eine kleine, abgegriffene Tasche mit -einstmals kunstvoller Perlenstickerei. Der Kummersbacher überlegte -kurz, daß sich darin kaum alles, was eine Frau für ihren äußeren -Menschen gebraucht, vorfinden könnte, wurde einen Augenblick verlegen -und sagte zu dem Diener gewandt: - -„Was machen wir jetzt? Weiß der Himmel, nun haben wir nicht mal was zum -Anziehen für sie bei der Hand. Sie muß also vorläufig sehr bald in die -Federn. Na, nun geh, du kannst einen Grog für sie bringen und für mich -zur Gesellschaft auch einen. Dann richte das wärmste Fremdenzimmer ... -Hoppla!“ - -Klausine von Ostried, das Stiftsfräulein, hatte indessen ihre -triefenden Hüllen über den Kaminofen ausgebreitet, in dem ein lustiges -Feuer prasselte. - -„Setz’ dich einstweilen nahe an die Glut,“ kommandierte der -Kummersbacher mitleidig. „So, aber verbrenne dir nicht die Hüfe...“ - -„Es ist himmlisch warm,“ flüsterte sie dankbar und hielt nun auch die -mageren Hände an die durchhitzten Stäbe. - -Eine Weile gönnte er ihr diese Behaglichkeit. Dann tippte er ihr auf -die Schulter und fragte langsam: - -„Jetzt möchte ich endlich wissen, weshalb du das gemacht hast, -Klausine?“ - -Der freudige Ausdruck ihres verkümmerten, spitzen Gesichts erlosch. -Sie begann zu weinen. Wie bei einem Kinde liefen auch ihr schließlich -die Tränen stromweise über die eingefallenen Wangen. Er erinnerte -sich, daß sie in beständiger Furcht vor der Schwester leben sollte und -meinte endlich selbst die Erklärung für ihren Besuch gefunden zu haben. -Hatte er ihr nicht, in einer Aufwallung von Mitleid, bei dem letzten -Beisammensein in Berlin gesagt, daß sie jederzeit ein ruhiges Fleckchen -bei ihm finden werde, wenn sie es im Stift etwa nicht mehr ertragen -könne? - -„Du willst jetzt lieber hier bleiben?“ fragte er weich. - -Sie nickte nur und saß dann weiter -- hilflos und ängstlich -- neben -der Glut. - -„Sage frei heraus, was passiert ist,“ forderte er nach neuem, -geduldigen Warten. Sie begann stärker zu zittern. - -„Hunger,“ stotterte sie, als schäme sie sich dieses Geständnisses. - -Da ging der Kummersbacher selbst -- an dem verdutzten alten Melchers -vorüber -- in die Speisekammer, schnitt von der freihängenden Seite -eine Handbreit Speck herunter, riß das Schwarzbrot in den einen, die -angebrochene Kümmelflasche in den andern Arm und ging wieder in das -Speisezimmer zurück. Die Geschichte mit dem Tablett und den übrigen -Zubehörteilen für ein richtiges Mahl dauerte ihm hierfür zu lange. - -„Iß tüchtig,“ nötigte er und schnitt ihr mit seinem derben Jagdmesser, -das er niemals aus der Tasche ließ, selbst die Bissen zurecht. - -Gierig schlang sie alles herunter, bekam feuerrote Fleckchen und -trank auch einen tüchtigen Schluck von dem alten, scharfen Kümmel, -obwohl ihre Augen danach noch mehr tränten. Dann saß sie mit andächtig -zusammengelegten Händen und blinzelte in die knackenden Holzscheite. - -„Jetzt wirst du reden, Klausine,“ befahl er nach geraumer Weile. „Was -also ist geschehen?“ fragte er ungläubig und rüttelte sie ein wenig am -Arm. - -„Sie hat unser ganzes Geld verloren und das konnte sie nicht -überwinden.“ - -„Ja, wie hat sie das denn, in drei Deibels Namen, angefangen? Weißt du -Genaueres darüber?“ - -„Gesagt hat sie mir kein Wort. Aber ich habe es aus den Briefen -zusammengelesen. Du kannst dich selbst überzeugen. Ich habe sie dir -mitgebracht.“ - -Er überflog die zerknitterten Schriftstücke, ballte sie zusammen und -schleuderte sie endlich zornig in die äußerste Ecke des Zimmers. - -„Auf diesen plumpen Schwindel ist sie so einfach glatt reingefallen?“ - -„Das weiß ich nicht. Sieh, hier ist noch ein Brief. Er kam vor vier -Tagen. Danach hat sie es getan...“ - -Er las auch diesen. - -„Richtig! Da teilt ihr ein anderer sauberer Vogel höflichst mit, -daß ihr auf Grundstück soundso -- im Grundbuch Blatt soundso -- -eingetragenes Geld in Summe 104000 Mark bei der Zwangsversteigerung -ausgefallen sei. Also mit andern Worten, alles hops.“ - -„So habe ich es auch aufgefaßt.“ - -Das wunderte ihn, weil er sie für einfältiger gehalten hatte. „Was also -hat sie getan, nachdem sie diesen Wisch gelesen?“ - -„Mich mit zwei Telegrammen zur Post weggeschickt. Ganz heimlich mußte -ich mich fortschleichen. Die andern im Stift durften nichts davon -ahnen.“ - -„Nun, und die Antwort? Sagtest du nicht, daß du sie gleich auf dem Amt -erwarten mußtest?“ Sie nickte wieder. - -„Die hat sie in der Küche verbrannt. Wir haben nämlich jede unsere -besondere,“ erzählte sie wichtig. - -„Laß jetzt die Nebensachen,“ verwies er streng. Sie hörte nicht darauf. - -„In der Küche ist es doch geschehen,“ fuhr sie eintöniger fort und -begann schon wieder zu zittern. - -„Was ist geschehen? -- Nimm dich zusammen, Klausine. So weit warst du -schon vorhin...“ - -„Genaues weiß ich nicht. Als ich dazu kam, waren schon alle Stiftsdamen -bei ihr und schrieen und jammerten. Sie lag mitten auf den Fließ. -Der Gasschlauch hing herunter und die Luft war schrecklich, trotzdem -überall die Fenster offen standen...“ - -Nun begriff er! -- Sie hatte den Verlust des Geldes nicht verwinden -können und wollte sich einfach aus dem für sie wertlos gewordenen Leben -stehlen. - -„Sie ist tot?“ fragte er mit gedämpfter Stimme. - -„Sie haben gleich nach dem Arzt geschickt... Noch eine kleine -Viertelstunde, hat der zu mir gesagt, dann wäre er zu spät gekommen.“ - -„Sie lebt also...“ - -„Sie hat mich doch zu dir geschickt...“ - -„Und der Auftrag?“ - -Da lag ihm plötzlich die schmale, verängstigte, durchnäßte Heimatlose -zu Füßen. „Du sollst uns einen Winkel geben, wo uns kein Mensch sehen -und finden kann,“ bettelte sie... - -„Ihr habt doch Euern Platz im Stift nach wie vor.“ - -„Sie kann nicht mehr dableiben. Sie müsse vor Scham sterben, hat sie -gesagt. Und sie schickt dir auch was, damit du es tust... Es wäre ihr -Letztes, läßt sie sagen...“ - -Es waren, mehrfach in einen kleinen schmutzig gewordenen Leinenbeutel -eingenäht, zweiundachtzig Mark. - -Ein Würgen stieg in die Kehle des Kummersbachers hoch. Unsicher langte -er nach der Kümmelflasche und füllte einen kleinen Becher, der irgendwo -umherstand. - -Verdient hatte sie durch ihre Härte, Geldgier und Verleumdungssucht -mancherlei. Aber dies war eine zu harte Strafe. - -„Du wirst vorläufig hier bleiben,“ entschied er nach kurzem Ueberlegen. -„Ihr werde ich ausführlich schreiben.“ Ihr kleines Gesicht leuchtete -in seliger Freude auf. „Und jetzt klingle ich nach Hermann. Er wird -dir dein Zimmer anweisen. Lege dich aufs Ohr und versuche zu schlafen. -Nötig hast du’s. Deine Sachen lege auf einen Stuhl draußen vor die -Tür, damit sie richtig getrocknet werden können. Deine übrigen sollen -nachkommen. Ich veranlasse das schon.“ - -Als er allein war und wieder an seinem Schreibtisch saß, stand er auf -und schritt lange ruhelos auf und ab. - -Als er mit sich einig war, schrieb er an Hermine: - - Deine Schwester wird solange bei mir bleiben, bis sie frisch und - gesund ist. Du aber wirst Dich innerhalb zweier Wochen bereit - halten, meinem zu Dir entsandten Diener Hermann dorthin zu folgen, - wohin er Dich bringen wird. Er ist treu wie Gold und zuverlässig -- - auch im Schweigen. Verlaß Dich also ganz auf ihn. In mein Haus kann - ich Dich leider nicht bitten. Vielleicht setze ich Dir die Gründe - auseinander, wenn Du erst wieder Deine Nerven in der Hand hast. - Jetzt nur das eine: Des Daseins Not wird nicht, solange Ihr lebt, - an Euch herankommen, weil Ihr denselben Namen tragt wie auch ich. - Nur dieser Grund und das grenzenlose Mitleid mit Deiner Schwester - treibt mich hierzu. Zwanzig Kilometer von Schloß Kummersbach - kaufte ich vor Jahresfrist für zwei inzwischen auch alt und grau - gewordene, treue, brave Menschen, die in meinen Diensten durch - einen Unfall das Gehör verloren, einen kleinen schmucken Bauernhof. - Das geräumige Wohnhaus hat drei unbenutzte hübsche, helle Stuben, - die ich sogleich für Euch herrichten lasse. An barem Gelde sollen - Dir, außer allem, was Ihr dort kostenfrei bezieht, monatlich 50 - Mark überwiesen werden. Kommst Du mit dieser Summe nicht aus, bin - ich, nach Prüfung zu weiterem bereit. - -Es war ihm unmöglich, ein Trostwort oder auch nur einen warmen Gruß -anzufügen. - -Nach alter Gewohnheit siegelte er den Brief und übergab ihn seinem -Diener. Dann holte er noch einen Kümmel, obwohl er sich sonst nur -einmal in der Woche etwas derartiges zu leisten pflegte. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -24. - - -Gretchen Müller saß allein im Zimmer und hielt Rückerinnerungen. Ihre -seltsam aufregende Kindheit baute sich leuchtend klar vor ihr auf: Der -Vater, der sie, wenn er bei guter Laune war, mit Schmeichelnamen und -Süßigkeiten überschüttete -- dem sie zuweilen noch am späten Abend -einen Brief ganz heimlich forttragen oder aus dem feinen Geschäft -an der nächsten Ecke eine Flasche Wein besorgen mußte, streichelte -ihr anerkennend das weiche Gesichtchen. Der Bruder, der dauernd über -ihr und allen Ausgängen wachte, erschien ihr trotz des unaufhörlich -zwischen ihnen bestehenden Kampfes als der Stab, der sie stützte und -leitete. Wenn sie abends in ihrem Bettchen lag und die Hände zu dem von -ihm gelehrten Gebet faltete, dachte sie seiner als letzten Gedanken. - -Er half bereits von der Tertia an für den Haushalt mit zu verdienen. -Eine Anzahl Jungen, kaum älter als sie selbst, waren ins Haus gekommen. -Ihnen allen hatte er mit nie versagendem Eifer in schwachen Fächern -nachgeholfen. Zuweilen fiel von diesen Einnahmen eine Kleinigkeit für -sie ab. Ein gutes Buch oder ein Blumenzwiebelchen, dessen Entwicklung -sie eifrig zu überwachen hatte. Immer wieder hatte sie seiner gedenken -müssen. - -Ihres Vaters, der sie bis auf das letzte unerhörte Quälen, das sie -schließlich dem Verführer in die Arme getrieben, nur immer verwöhnte -und bewunderte, gedachte sie längst als eines armen Verirrten, der auch -seinen eigenen, richtigen Weg niemals erkannte. - -Und jetzt sollte sie -- vielleicht sehr bald -- sterben, ohne dem -Bruder gedankt, seine Vergebung erfleht und ohne ihn vor allem auf -die Straße zu seinem Glücke geführt zu haben! Bisher war sie sicher -gewesen, daß der Tod, wenn er endlich käme, von ihr als heißersehnter -Erlöser empfunden werde. - -Seit Tagen grübelte sie unaufhörlich! Sie suchte allein zu sein, denn -sie wollte ungestört bleiben, um nur zu einem vernünftigen Entschluß zu -kommen. - -Da klopfte es. -- Zuerst wollte sie nicht öffnen. Schließlich tat -sie es, vor der Tür stand nur die schwächliche Sechszehnjährige des -Hausmeisters. - -„Ich brauche Sie heute nicht,“ sagte Gretchen Müller leise und -enttäuscht. - -„Fräulein von Ostried hat mir heute eine feine Ansichtskarte von -Dresden geschrieben,“ erzählte Jene wichtig. „Ich soll alle Tage -raufgehen und mich ja nicht von Ihnen wegschicken lassen. Sie hätte so -viel Angst um Sie und darum gar keine rechte Ruhe.“ - -Gretchen Müller hatte sich nachdenklich an das Fenster neben Eva von -Ostrieds Schreibtisch gesetzt. Es gab wirklich jemand, der sich um -sie sorgte? Wie schön das war! Sie hätte es eigentlich nach aller -empfangenen Güte wissen und daher keinen Augenblick vergessen dürfen. - -„Sie sollen auch ordentlich essen und trinken,“ tuschelte die -Sechszehnjährige geheimnisvoll, indem sie auf einen freien Winkel neben -dem Schreibtisch zeigte. „Da in der Ecke stände was ganz Feines für -Sie, wenn Sie es noch nicht gefunden haben sollten.“ - -Eine Flasche stärkenden Weines, ein gebratenes Hühnchen und ein paar -andere Leckerbissen. Am Halse der Flasche war ein Zettelchen befestigt, -das Eva von Ostrieds klare Handschrift trug: Meinem lieben Gretchen, -damit ich sie frisch und wohl wiederfinde. - -Daran hatte Eva von Ostried in ihrem Schmerz und in dem Kampf um die -Antwort der schwersten Zukunftsfrage denken können! - -In diesem Augenblicke kam Gretchen Müller zum ersten Male die Frage an, -wieviel sie ihrer Wohltäterin wohl gekostet haben mochte. Eine genaue -Vorstellung besaß sie nicht davon. Sie hatte aber die bestimmte Ahnung, -daß es eine große Summe sein müsse. - -Da lag die Mappe, in welche Eva von Ostried gewissenhaft alle -Rechnungen einzuheften pflegte. Sie hatte die sonst, nach jedem -Gebrauch ängstlich verschlossen, sicherlich über dem Schweren der -letzten Zeit vergessen. Mechanisch klappte Gretchen Müller sie auf und -überflog die einzelnen Posten. Immer wieder begegnete sie ihrem Namen -als Veranlasserin der Ausgaben. Entsetzt zuckte sie zusammen, rieb die -Augen, als wollte sie um jeden Preis aus diesem Traum erwachen und -vertiefte sich von neuem. - -Dies alles waren Dinge, die sie benötigt hatte. Hier die langen -Rechnungen des Apothekers und das erste beglichene Arzthonorar, die -Kosten für die Pflegerin und Stärkungsmittel. Dort die Neuanschaffungen -für Wäsche und Kleider. Mit bebenden Fingern tupfte sie auf die -einzelnen Reihen und zählte sie umständlich zusammen: - -Dreitausend und fünfhundert Mark für sie. Und wovon? - -Um Gottes willen! Wenn Eva von Ostried darum jene Schuld, die der Mann -ihrer Liebe nicht vergeben konnte, auf sich geladen hätte? Täglich -hatte sie doch an dem ängstlichen Erwägen jeder Ausgabe gemerkt, daß -Eva von Ostried nicht mit irdischen Schätzen gesegnet sein konnte! - -Ihre abgezehrten Hände hatten sich zusammengekrampft, als flehten sie -um die Kraft zu dem schwersten, entsühnenden, letzten Schritt! - -Wenn sie aber noch einmal gesundete? Wozu dann die neue, jammervolle -Qual? Dann würde sie gewiß nicht früher ruhen, bis sie alles -zurückgezahlt hatte. - -Müde dämmerte sie ein. Wundervoll ruhig, wie seit Monaten nicht mehr, -gestaltete sich ihr Schlummer. Als sie nach Stunden daraus erwachte, -war sie frei von Schmerzen. Die Nacht durchschlief sie gleichfalls -traumlos tief bis zum Morgen, an dem sie die gellende Pfeife des -Novembersturms wachheulen mußte. - -Ihr war so wohl und leicht, wie seit langem nicht. - -„Ich werde bestimmt noch einmal gesund,“ dachte sie und tastete sich -auf, um etwas zu genießen. - -Aber plötzlich -- sickerte es warm und purpurn, wie ein eiliges -Bächlein, über ihre Lippen. Das war der fliehende Strom des Lebens; -dagegen gab es nun nichts mehr. Morgen war sie vielleicht schon tot! - -Sie versuchte sich emporzurichten. Es schlug fehl. So rief sie -mit lauter Stimme, wie sie fest überzeugt war, den Namen der -Hausmeisterstochter. Es war aber nur ein heiseres Stammeln, das -ungehört verklang. - -In höchster Angst begann sie zu beten. - -Als sie eine Stunde später noch einmal versuchte, sich zu erheben, -schien ihre Kraft gewachsen zu sein. Sie brachte es fertig, zum -Schreibtisch zu taumeln. Mit kaum leserlicher Hand malte sie wenige -Zeilen: - - Lieber, guter Bruder! Komme sogleich zu mir. Ich soll sterben und - muß Dich zuvor noch gesprochen haben. Frage die Botin nichts. Du - wirst alles aus meinem Munde erfahren, auch warum ich bei Eva von - Ostried bin. Fürchte keine Begegnung mit ihr. Sie weilt in Dresden. - Die Schlüssel zur Wohnung schicke ich Dir mit. Es könnte sein, daß - ich nicht mehr zu öffnen imstande wäre. - -Dann versuchte sie die Treppe herunter zu schleichen. Als sie endlich -vor der gutmütigen Hauswartfrau stand, schrie diese laut auf. - -„Mein Je... wat ist denn mit Ihnen? Sie sehen ja wie ein Geist aus.“ - -„Ich bin sehr krank,“ sagte Gretchen Müller kaum verständlich. „Dieser -Brief muß sofort an die Adresse hier. Bitte, rufen Sie Ihre Tochter...“ - -„Amanda? Die ist leider nicht da! Kann ich nicht meinen Max schicken?“ - -„Wie alt ist er?“ - -„Ostern wird er acht.“ - -„Nein. Bitte, gehen Sie selbst! Hier, nehmen Sie -- für Ihre Tochter.“ - -Es war ein Halskettchen aus feinstem Silberfiligran. - --- -- -- Mit einem Aechzen sank sie dann auf das Ruhebett ihres -einfenstrigen Zimmers, und ihre fieberglänzenden Augen verfolgten -gespannt den gleichmäßig vorwärtsrückenden Zeiger der Uhr. Schließlich -schlief sie vor Schwäche ein. - - * * * * * - -Die alte Pauline stand, noch schneeweiß bis in die Lippen, vor Walter -Wullenweber und berichtete von dem Unglück, das sie am Vormittag -betroffen hatte. - -„Wie es gekommen ist? Ich hatte mir einen heißen Stein ins Bett -geschoben. Wenn man alt ist, kann man nicht mehr so recht warm werden. -Hundertmal hab’ ich das schon gemacht und nie ist was passiert. Nun -heute grade. Die Betten sind verkohlt und das schöne Kleiderspind ist -ganz hin. Alle Sachen drin sind zu Fetzen verbrannt. Nur ein Kleid ist -wie durch ein Wunder verschont, das gute Schwarzseidene, in dem unsere -Frau Präsident gestorben ist...“ - -„Grämen Sie sich nicht darüber, Pauline,“ tröstete Walter Wullenweber. - -„Wäre die Flurnachbarin nicht so beherzt gewesen, hätt’ ich Ihnen die -ganze Wohnung ausgeräuchert...“ - -„Freuen wir uns also des günstigen Ausgangs --“ - -„Nun hab’ ich richtig nichts anzuziehen. Und ich muß doch an ihr Grab. -Ihr Geburtstag is...“ - -„Ich denke, das gute Schwarzseidene ist verschont geblieben? Sagten Sie -das nicht soeben?“ - -Erschrocken wehrte sie ab. „Wo denken Sie hin, Herr Rechtsanwalt?! Das -ist mir heilig. Nein, nein....“ - -„Ihre Frau Präsidentin würde Sie auslachen, wenn sie das gehört -hätte..“ - -„Meinen Sie wirklich?“ Es klang, als leuchte eine scheue Hoffnung durch -alle Trostlosigkeit. - -„Auch nach meinem Empfinden wäre es kindisch, wenn Sie aus diesem -Grunde fernblieben. Nach allem, was Sie mir von ihr erzählt haben, kann -ich mir unmöglich denken, daß sie dies billigen würde.“ - -„Ich glaube beinahe auch nicht recht dran...“ - -„Wie können Sie noch überlegen? Der Schaden ist gewiß schmerzlich für -Sie, aber viel schmerzlicher würde es sein, wenn auch dies letzte Kleid --- dies Heiligtum in Ihren Augen -- mitverbrannt wäre.“ - -„Darüber könnt’ ich bestimmt nicht wegkommen...“ - -„Sehen Sie wohl? Also Kopf hoch! und Hand her. -- Vielleicht hat Ihre -Frau Präsidentin aus der Höhe den ganzen Brand überhaupt bestellt, -damit ihre alte, überbescheidene Pauline wenigstens einmal im Leben in -Seide rauscht.“ - -„Zuzutrauen wär’ ihr das schon...“ - -„Na also. Nachher werden Sie mir jedes verbrannte Stück genau aufzählen -und möglichst beschreiben, damit ich ordnungsgemäß Anzeige von dem -Brand machen kann. Einstweilen sehen Sie, bitte, nach, wer draußen -Sturm läutet.“ - -Es war die Hausmeistersfrau, die Gretchen Müllers Brief brachte. - -„Lieber, guter Bruder...“ Walter Wullenweber wischte mechanisch über -die schrägliegenden Buchstaben, die ihm in zitternden Wellenlinien -entgegensahen. Er rief nach der alten Pauline. Seine Füße waren -plötzlich zu schwer zum Aufstehen, seine Hand zu unsicher zum Klingeln. - -„Ich möchte die Botin sprechen, die dies soeben gebracht hat. Schicken -Sie sie herein,“ sagte er mit schwerer Zunge. - -„Ach Gott, Herr Rechtsanwalt.“ Er wehrte ab. - -„Die Frau ist sehr eilig gewesen; gleich ist sie wieder weg.“ - -„Hm --“. „Da liegt noch was Eingewickeltes, Herr Rechtsanwalt,“ -erinnerte Pauline. „Es sind Schlüssel, hat die Frau gesagt. Sie möchten -sich selbst die Wohnung aufschließen. Das Fräulein wäre nämlich ein -bißchen kränklich ...“ - - * * * * * - -Der Name auf dem Schild und der Schlüssel in seiner Hand... Nein, nein, -es war kein Traum! Schon stand er mit einem unsäglichen Gefühl von -Verwirrtheit auf dem schmalen Korridor. - -„Lieselott!“ rief er laut und erschrak über den Klang der eigenen -Stimme. - -Dann tappte er weiter. Das Musikzimmer kannte er aus Eva von Ostrieds -Schilderungen. Er sah auch im Geist die hohe, stolze Gestalt der -Besitzerin und fühlte, daß seine heiße Liebe zu ihr niemals sterben -konnte. Jeder weitere Schritt war eine Qual für ihn. Wie ein Einbrecher -kam er sich vor und ging doch weiter... bis er in dem kleinen, -einfenstrigen Raume stand, dessen Fenster einen Ausschnitt der -sommermüden Bäume zeigte... - -Auf dem Ruhebette lag eine schmale, zusammengekrümmte Mädchengestalt. -Das Gesicht war wachsbleich. Die Lippen farblos. Der Goldton ihres -Haares das einzig Lebendige an diesem starren Bilde. - -Mit einem dumpfen Aufschluchzen warf er sich über sie. „Kleine -Lieselotte!“ - -Seine Arme hoben sie ein wenig empor. „Lieselott, ich bin bei dir.“ - -Da zuckten die Lider endlich und ihre Augen wachten auf: „Walter... -Bruder...“ Nichts weiter vermochte sie zu sagen. - -Er fragte nichts. Er lag auf den Knieen und hatte seinen Kopf in ihre -Hände gebettet. Sanft lehnte sie ihre Wange an sein dichtes, blondes -Haar. - -„Wie schön ist das, Walterle...“ Und dann wie ein Hauch: „Der Vater... -unser Vater... weiß er schon?“ - -Er machte eine verneinende Bewegung. - -„Walterle,“ sagte sie dicht an seinem Ohr, „ich habe mich halbtot vor -dir geschämt. Jetzt ist alles, alles gut! Aber, es dauert nicht mehr -lange. Und ich muß dir doch so viel erzählen.“ - -Zuerst sprach sie von sich, während er einen Stuhl neben ihr Lager -geschoben hatte und ihre Hände festhielt. Sie mußte häufig Pausen -machen. Sonst reichte ihr Atem nicht aus. Und er mußte doch so -unendlich viel wissen. - -„Du wirst geahnt haben, wohin ich ging, als ich Euch verließ?“ begann -sie in bebender Scham. - -„Ja,“ nickte er und verhüllte seine Augen mit der Rechten, „zu dem -Mann, vor dem ich dich schützen wollte.“ - -„Laß mir deine Hände, Walter.“ - -Er fühlte die Eiseskälte ihrer Finger und schauerte zusammen, weil er -daraus die Nähe des Todes zu spüren meinte. Ihre Stimme war so leise, -daß er sich zu ihren Lippen herabneigen mußte, um sie überhaupt zu -verstehen. - -„Er hatte geschworen, mich zu seiner Frau zu machen.“ - -„Das hast du geglaubt?“ - -„Wäre ich sonst zu ihm gegangen? Konntest du das auch nur einen -Augenblick von mir glauben, Bruder?“ - -Er schwieg. Das war das Härteste gewesen, daß er davon überzeugt war. - -„Ich schwöre es dir! Als ich die untrüglichen Beweise seiner -Treulosigkeit hatte, als ich wußte, daß bereits eine andere seinen -Namen trug, ohne daß mir eine Ahnung davon gekommen war, verließ ich -ihn.“ - -„Wie habe ich dich gesucht, Lieselott...“ - -„Finden lassen durfte ich mich nicht von dir. Nicht wahr, das verstehst -du auch. Gelernt hatte ich nichts wie das bißchen Harfenspiel. Und in -ein Nachtkaffee wollte ich nicht! -- Dein Name, Walter, hat mich vor -vielem zurückgehalten. Mit diesem Namen durfte ich auch nicht in der -Oeffentlichkeit arbeiten. Du hättest mich gefunden. Ein Zufall half -mir. Als ich wieder einmal umsonst nach Beschäftigung gegangen war, -fand ich, neben mir, in einem Abteil der Stadtbahn eine Tasche mit -Ausweispapieren... Ich nahm sie an mich. Es ging doch nicht anders. -Seitdem bin ich „Gretchen Müller.“ Aber er fand mich auch als solches -und ließ mir keine Ruhe. In dem Geschäft, das mich angenommen, machte -er mich unmöglich. Ich wollte sterben... Da war aber eine, die es -verhindert hat. Eine Schülerin von Eva von Ostried. Sie hat mich zu ihr -gebracht ...“ - -„Wie lange schon,“ fragte er heiser. - -„Länger als zwei Jahre. Ohne Eva von Ostried wäre ich verhungert. Ihr -verdanke ich alles. Nicht nur, daß ich wieder anständige Kleider und -eine Heimat erhielt, das sie mich pflegte und umsorgte. Ach, das war -wohl schön... Aber das andere war das Wunder, das meine Seele gereinigt -hat. Wie eine Schwester ist sie allzeit zu mir gewesen. Sieh her, diese -Sachen hat sie für mich gekauft, damit ich auch in ihrer Abwesenheit -nicht darbe. Und hier in dieser Mappe stehts, wieviel Geld sie für mich -geopfert hat. Woher sie das konnte? -- Walterle, ich weiß es nicht, -wie so vieles. Aber ich las deinen harten, letzten Brief an sie. Er -bestätigte meine Ahnung, die mich nicht verlassen, seitdem ich das -erste Mal einen Umschlag mit deiner Handschrift bei ihr sah. Sie ahnt -nicht, daß ich deine Schwester bin, wie sie mir auch deinen Namen nicht -verraten hat. Nur, daß sie Braut geworden und nachher -- -- das andere --- -- daß alles aus sei -- -- hat sie mir gesagt. Walterle, hör’ zu --- -- sie hat mich in die Arme genommen, auch damals, als der Verführer -bei ihr eindrang und sie wissen mußte... Laß -- frage nichts -- -- -fluche ihm auch nicht. Er ist tot -- -- Vielleicht tat sie es, weil sie -auch um sich litt -- -- Und um dich. Am allermeisten. Nun hast du ihre -heiße Liebe, die nur für dich fühlt und bangt, zurückgestoßen...“ - -Er stöhnte auf. „Was mich das gekostet hat -- -- --“ - -„Ich weiß es, denn ich kenne dich, Bruder! Du hättest mich nie -wiedergefunden, wäre sie nicht in mein Leben getreten. -- Nicht um mich --- -- nein um ihretwillen fand ich die Kraft, dich zu rufen...“ - -„Sie liebt mich nicht mehr,“ wendete er ein. - -„Ach du! Ihre Liebe ist so stark, daß sie sich vor ihr fürchtet. Darum -wird sie es auch vielleicht tun.“ - -„Wovon sprichst du?“ - -„Ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie ein Verwandter von ihr -- ein -Majoratsherr -- der denselben Namen wie sie führt, um sie geworben hat.“ - -„Und sie...? Ist sie schon seine Braut?“ - -„Noch nicht. Aber die beiden Wochen Bedenkzeit, die sie sich erbeten -hat, sind bald verstrichen...“ - -„Wann sind sie vorüber?“ - -„Es war vor neun Tagen...“ Er stand auf. - -„Glaubst du, Lieselotte, daß sie nach allem mir noch einmal vertrauen -kann?“ - -„Ich weiß nicht, was Euch getrennt hat und will es nicht wissen. Nur, -daß sie dich weiter über alles liebt, weiß ich als einzig Gewisses.“ - -„Und ich sie ebenfalls --!“ - -„Also wirst du sie aufsuchen?“ - -„Es wird mich zwingen...“ - -„Dabei sollst du ihr diesen Brief geben. Ja, Bruder? Ehe du kamst, habe -ich ihn geschrieben. Es steht nur eine Zeile darin.“ - -„Und warum willst du nicht selbst -- --?“ - -Sie lächelte ihn an. „Ich werde sterben. Es ist nur der Wein, der mir -diese letzte Kraft gab, auszuhalten. Jetzt darfst du mich nicht allein -lassen. Hörst du? Erst, wenn es ganz dunkel geworden ist, sollst du -heimgehen...“ - -Ein langes Schweigen kam. Er hatte sie aufgerichtet. - -„Wo wohnt dein Arzt, Lieselotte,“ forschte er. - -„Laß ihn, Walter. Was soll er mir noch? Sieh mich an. Du bist mein Arzt -und Erlöser... Und nun erzähle vom Vater -- --“ - -Er tat es, und sie nickte zuweilen. - -„Jetzt wird er sich über meinen Gruß freuen, Bruder...“ - -„Ich werde ihm telegraphieren, Lieselott!“ - -„Morgen, ja! Nicht heute! Es tut so bitterlich weh -- hier -- hier --- --“ und sie zeigte auf die Brust. - -Fest bettete er sie in seinen Armen. - -„Glaubst du, Walter, daß mich eine andere, wie sie, damals aufgenommen -hätte -- mit dem Schimpf der Verlassenen und Geächteten. Todkrank. Kaum -ein anständiges Stück Zeug auf dem Leibe -- --“ - -„Hör’ auf!“ flehte er gequält. - -„Du mußt genau wissen, wie es damals um mich stand. Sonst begreifst du -ihr großes, warmes Opfer nicht voll.“ - -„Doch, ich fühle es in seiner ganzen Tragweite, Lieselott.“ - -„Du hast sie vorher eine Heilige genannt. Das ist sie wirklich... Sieh, -ich weiß am besten, wie rein sich ihre Seele hält. Darin ist lauter -Licht und Keuschheit. Alles nur für dich!“ - -„Und ich konnte sie richten,“ dachte er dumpf. - -Ihr leichter Körper wurde schwer in seinen Armen. Das Gesicht -veränderte sich auffallend. Es nahm spitze, fremde Züge an. Der Atem -setzte aus. -- Es ging aber wieder vorüber. - -„Tag und Nacht hat sie um dich geweint, Walter!“ - -Dann sprach sie lange nichts mehr. Nur der Atem kämpfte verzweifelter, -bis wieder ein rosenrotes Bächlein über ihre Lippen quoll. Danach wurde -ihr leichter wie zuvor. Nur die Stimme gehorchte nicht mehr, und die -Gedanken waren weit -- weit weg. - -„Meine Harfe,“ verlangte sie mit einem röchelnden Lachen, „laßt sie mir -doch!“ - -Er dachte daran, daß er sie ihr zuweilen verschlossen gehalten, weil -sie ihre Aufgaben für die Schule und später für die Häuslichkeit -darüber vernachlässigte. Ueberall empfand er seine Mißgriffe. - -„Herr Tebecke konnte keine Musik vertragen,“ träumte sie erschauernd. - -Das war der Name des Mannes, dessen Reichtum den Vater geblendet und -sie aus dem Hause dem Andern entgegen gehetzt hatte. - -Auf ihren eingefallenen Wangen erblühte ein Röslein. Die Augen -glänzten. Sie wußte nichts mehr von der Gegenwart... - -Sie lag, die Hände fromm gefaltet und lächelte. - -Mit einem Wehlaut warf er sich über ihre Hülle... - -Die kleine weiße Rose, aus dem Heimatsboden gerissen, durch den Strom -sündiger Leidenschaft blutrot gefärbt, im Staub der Straße zertreten, --- nun war sie wieder schneeweiß und würdig für den himmlischen Garten -des allmächtigen Vaters! - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Schluß. - - -Eva von Ostried war einen halben Tag eher, wie sie zuerst gedacht, aus -Dresden zurückgekehrt, hatte von jeder telegraphischen Benachrichtigung -abgesehen, weil sie der kleinen, aufmerksamen Hausgenossin keine Mühe -machen wollte und sich durch den mitgenommenen Schlüssel mühelos -Zutritt verschafft. Die verworrene Erzählung der Hausmeistersfrau unten -im Hausgange war ihr unverständlich geblieben. Nun stand sie, Sorge und -Zärtlichkeit auf dem Gesicht, vor -- -- Walter Wullenweber -- -- - -Als sie ihn erkannte, streckten sich ihre Arme in stummer entsetzter -Abwehr aus. -- Nichts begriff sie, als daß er da war. Alles andere -wurde ihr unfaßbar. Erst nach geraumer Weile merkte sie, was geschehen, -und schrie in grauenhafter Furcht auf, daß die Todkranke, als sie ihrer -letzten Stunde gewiß wurde, ihn gerufen haben mußte. - -Aber warum? Hatte sie alles gewußt und wollte für sie bitten? Ja -- so -war es! Durch diese Erkenntnis kam sie zur Kraft! - -„Sie hat es gut gemeint,“ sagte sie endlich leise und weich, „und -es war auch gütig, daß du gekommen bist. Aber, nicht wahr, nun -wollen wir uns nicht länger quälen. Ich werde mein nächstes Konzert -abtelegraphieren und sie zur Ruhe betten lassen. Lebe wohl...“ - -Er war dicht neben ihr. - -„Eva!“ - -Sie hob nur die Hand. - -„Laß alles schlafen. Das ist meine letzte Bitte.“ - -Da stieß er heraus, was sie erst allmählich erfahren sollte. „Sie ist -meine Schwester, Eva! Die arme kleine Lieselotte, von der ich dir -schrieb... damals -- --“ - -„Deine -- Schwester -- die du so lange vergeblich gesucht hast?“ - -„Ja. Hier ist der Brief, mit dem sie mich rief.“ - -Sie starrte darauf hin, als begriffe sie seinen Sinn nicht. „Deine -Schwester?“ wiederholte sie nur immer wieder. - -„Nicht wahr, das ändert alles!“ - -Sie sah mit wirrem Blick umher, an ihm vorbei und endlich auf das -bleiche, lächelnde Gesicht der Toten. - -„Was könnte es wohl ändern? Doch, die Bitterkeit! Ich will dir -wenigstens die Hand reichen.“ Wie einst riß er ihre Rechte an sein -Herz. „Nicht so! Es ist nur um ihretwillen. Sie hat mir ja auch dies -Opfer gebracht.“ - -„Fühlst du es als Opfer, Eva? Vergiß doch! Ich liebe dich noch immer -über alles.“ - -Sie schüttelte den Kopf. „Nichts mehr davon. Es ist alles längst vorbei -und überwunden.“ - -„Bei ihrem Andenken schwöre ich dir, daß ich nie aufgehört habe, dich -zu lieben. Nur das andere...“ Er stockte. - -„Es war sehr hart, aber ich habe es begreifen gelernt.“ - -„Jetzt mußt du begreifen, daß ich nicht ohne dich leben kann, Eva.“ - -„Du bildest dir nur ein, daß es so sein müsse. Begreiflich. Glaubst, -mir um deiner Schwester willen Dankbarkeit zu schulden. Der Schmerz -um sie -- -- ein wenig wohl auch die Reue -- haben dich, den sonst -unbestechlich Ehrlichen so weit getrieben. Ich verstehe auch das. Und -will -- vergessen -- --“ - -„Du sollst nicht, Eva!“ - -„Wenn ich schon -- -- vorher vergessen hätte -- --?“ - -Er sah sie fassungslos an. „Lieselott hat mir auch von der Werbung des -Waldesruher gesprochen. Solltest du dich bereits vor Ablauf der beiden -Wochen für ihn entschieden haben?“ - -„Ich wollte es tun,“ erwiderte sie sanft. „Aber -- -- nun wird es wohl -doch nicht gehen.“ - -„Warum nicht?“ drängte er mit neu erwachender Hoffnung. - -„Warum? Ach -- -- das läßt sich schwer ausdrücken. Vielleicht, weil ich -mich auch seiner nicht wert fühle.“ - -Er umklammerte ihre Handgelenke. „Du sprichst nicht die Wahrheit -- --“ - -„Ich könnte nichts anderes sagen -- -- im Augenblicke.“ - -„Soll das heißen, daß ich später -- -- morgen, übermorgen -- --“ - -„Nein,“ wehrte sie erschrocken ab. „Es soll heißen, daß ich niemals -wieder -- --“ - -„Wen? Den Andern?“ - -„Nein, dich,“ sagte sie, immer noch wie im Traum. - -„Eva, ich flehe dich an. Denke daran, daß es das letzte Mal sein kann.“ - -„Das wäre gut! Ich will ruhig werden und sühnen. Gönne mir diese Ruhe.“ - -„Du hast hundertmal gut gemacht. Ich danke dir -- --“ - -Sie ließ ihn nicht zu Ende kommen. - -„Nur an mein Glück hat sie gedacht, deine kleine Schwester. Das sieht -ihr ähnlich. Ich habe sie sehr lieb gehabt. Vielleicht -- --“ - -„Sei barmherzig. Vergib mir meine Härte und Ungerechtigkeit.“ - -„Steh auf -- -- ich allein bleibe die Schuldige. Es hilft nichts, -ich -- -- habe gestohlen. Siehst du, jetzt zum ersten Mal geht das -fürchterliche Wort aus meinem Munde. Das Gespenst läßt sich nicht -vertreiben. Die Präsidentin hatte mir nichts zugedacht und ich habe es -nicht glauben wollen. Ich habe dir nie von meinem Verhältnis zu ihr -gesprochen. Jede ihrer Handlungen bewies mir, daß sie mich lieb hatte. -Selbst, wenn sie unzufrieden mit mir war, wurde sie nicht hart. Ich -merkte vielmehr, daß sie darunter litt. Und sie -- -- hat es mir auch -versprochen. Klipp und klar. Da ist es mir unfaßbar gewesen, daß sie, -die nie ein gegebenes Versprechen brach, nicht an mich gedacht haben -sollte. Bei Gott! Mein Gefühl hat unablässig dagegen geeifert, immer -noch, bis vor ganz kurzem. Nicht wahr, wenn sich schließlich doch ein -Nachsatz, der mich bedacht hätte, vorfand, dann -- ja dann -- --. Das -wirst du gewiß auch nicht verstehen. Wirst meinen, an meiner Schuld -ändere das nichts. Mich hätte es losgesprochen. Ich hätte mir einbilden -können, ich wäre nun nicht länger schuldig! So aber, wenn ich vergessen -wollte -- wie damals -- in deinen Armen -- nachher kam es doch wieder. -Ein Satz nur, aber ein fürchterlicher, strenger noch wie du -- -- „Der -Uebel größtes... aber ist die Schuld...““ - -„Wir werden gemeinsam arbeiten und sparen, damit wir alles -zurückerstatten,“ flehte er erschüttert. „Denn so grausam, daß du mich -nun zu deinem Schuldner auf Lebenszeit machst, der nicht abtragen darf, -was du seiner Schwester gegeben, kannst du nicht sein.“ - -„Das Geld -- -- das schreckliche Geld -- --“ klagte sie. „Wie es dich -schon drückt, daß du es schuldest -- --“ - -„Nein, das andere ist mir die Hauptsache. Deine Liebe, die -selbstverständliche Güte, dein Verstehen und Vergeben, mit dem du meine -Schwester überschüttet hast -- --“ - -„Sollte ich, die schuldig Gewordene, sie verurteilen?“ - -„Ich war auch schuldig an ihr und habe dich doch gepeinigt.“ - -„Das tust du erst jetzt und ich kann es nicht länger ertragen. Laß uns -das Nötige ruhig mit einander besprechen. Ich überlasse dir natürlich -die Bestimmung über alles, was sie angeht. Willst du es lieber allein -besorgen, weil doch auch wohl dein Vater kommen wird... so begebe -ich mich für diese kurze Zeit in eine Pension. Wirklich, es macht -mir nichts. Du denkst, daß dies hier die Heimstätte deiner kleinen -Schwester sei, aus der, hinweggetragen zu werden, ihr gutes Recht ist. -Wenn alles vorüber ist, kehre ich schon zurück. Wohl kaum mehr für -lange... Ich weiß das alles noch nicht.“ - -Er stand hoch und stark neben ihr, als habe er die Last, die ihn zu -ihren Füßen niederzwang, endlich abgeworfen. - -„Noch einmal. Ich liebe dich! Sei barmherzig. Stoße mich nicht zurück.“ - -„Weil ich es sein muß, sage ich: mache ein Ende! Glaubst du, daß du mir -dankbar zu sein hast, dann habe ich ja auch die Erfüllung einer Bitte -gut.“ - -„Sprich sie aus. Was du willst, soll geschehen!“ - -„Ich danke dir. Vergiß mich, Walter!“ - -„Kannst du dir das wirklich erbitten?“ - -„Ja, das kann ich!“ - -Er griff an die Stirn. Sein Gesicht wurde von einer schmerzhaften Angst -verzerrt. - -„Eine Erklärung verlange ich wenigstens...“ - -Sie sann ein wenig. „Wie soll ich das erklären? Fühlst du es nicht?“ - -Er schüttelte wild den Kopf. - -„Nein? Du hast doch empfunden, daß ich dein Leben verdorben hätte... -wenn...“ - -„Empfunden? Doch nicht! Nur einen Augenblick lang gefürchtet. Das, was -dir gehört, hatte gar nichts damit zu schaffen. Das andere in mir, -das für das Recht steht und fällt, schrieb dir den Brief. Mein Herz -hat dich auch in diesem Augenblick keinen Deut weniger geliebt als zu -Anfang und jetzt!“ - -Mit leicht geschlossenen Augen lauschte sie ihm. „Es klingt schön. -- -Ich glaube es aber nicht!“ - -„Dann muß ich vollenden. Ich verstehe, daß du mich niemals geliebt hast -wie ich dich...“ - -In ihrem Gesicht begann es zu zucken. Sie war am Ende ihrer Kraft. - -Noch ein Wort -- eine Wiederholung der alten Bitte -- ein -Entgegenrecken seiner Arme und... Sah er denn ihre große, heiße Liebe, -daß er nicht müde wurde, sie zu verlangen? Er durfte sie nicht gewahr -werden. Nie mehr... Sein Leben mußte hell und rein bleiben. Würde sie -sein Weib, machte sie ihn zum Mitschuldigen und vernichtete ihn langsam -damit. Was lag an ihr? Mochte sie nachher zusammenbrechen. Bis sie es -ausgesprochen hatte, würde sie sich aufrecht erhalten. - -„Ich gehe also. Du und die alte Pauline, Ihr werdet alles nach deinem -Willen einrichten. Den Schlüssel kannst du danach unten bei der -Hausmeistersfrau abgeben. Ich hole ihn mir später schon...“ - -„Soll das deine Antwort auf meine Anschuldigung sein?“ - -„Verlangst du wirklich eine?“ - -„Eva,“ stöhnte er, „laß es genug der Folter sein. Ich bitte dich nach -diesem nicht mehr!“ - -Sanft streichelte sie die gefalteten Hände der Toten. Und es war, als -bringe ihr die eisige Kühle die Besinnung zurück -- -- als sei sie nun -gegen alle Sehnsucht gefeit. - -„Ich kann nicht,“ gestand sie leise, „und wenn ich mich halbtot quälen -würde.“ - -„Quälen sollst du dich nicht. Nein -- das hast du nicht um uns -verdient.“ Es klang hart und fest. „Du hast uns genug geopfert. -- Noch -heute Abend werde ich meine kleine Schwester zu mir holen. Verzeih dies -Letzte. Ich muß dich solange aus deiner eigenen Wohnung vertreiben. -Danach aber -- ich hoffe gegen zehn Uhr -- ist jede Spur von uns -verwischt.“ - -Sie fühlte mit kaltem Schrecken, wie sie zu taumeln begann. Wenn er sie -jetzt noch einmal ansehen würde -- -- Seine Augen mieden ihr Gesicht, -während er, nach kurzer Pause, wieder zu sprechen begann. - -„Du hast mir am Schluß deines letzten Briefes etwas schreiben können, -was ich lange nicht begriffen habe. Vielleicht hast du es wirklich so -gemeint. Daß ich glücklich werden soll ohne dich. Jetzt beginne ich -deinen Wunsch zu begreifen. Du wirst und willst ohne mich glücklich -werden. Das weiß ich nun -- --“ - -Sie widersprach ihm nicht. Einen Herzschlag lang wartete er darauf. -- -„Lebe wohl, Eva.“ - -Hatte sie den gleichen Abschiedsgruß für ihn gehabt? Mit vorgeneigtem -Oberkörper stand sie und lauschte, wie sein Schritt auf dem -teppichlosen Stückchen Parkett zwischen Sterbezimmer und Musikraum -hörbar wurde -- -- wie er über den langen Korridor tappte -- die Hand -auf den Drücker schlug, der stets ein wenig schwer gehorchte und die -Tür hinter sich zuklappte. - -Dann erst brach sie mit einem wilden verzweifelten Aufschrei, der -nichts als unsterbliche, ewige Liebe nach ihm war, in die Kniee. - - * * * * * - -Major a. D. Wullenweber hatte nicht zur Bestattung seiner Tochter -kommen können. Noch bevor der Eilbrief seines Sohnes in Hohen-Klitzig -angekommen war, packte ihn ein neuer Schlaganfall. Lebensgefahr bestand -auch diesmal nach dem Urteil des Arztes nicht. Immerhin war die größte -Schonung und Ruhe erforderlich. Der Amtsrat verschwieg ihm daher den -Inhalt des zur Vorbereitung des Vaters an seine Adresse gerichteten -Briefes. So lag der Kranke -- ahnungslos -- mit leise röchelndem Atem, -ohne zu ahnen, daß in derselben Stunde, in welcher er nach drei Tagen -wieder mit Genuß einer schmackhaften Suppe zusprach, seine kleine -Lieselott an der Seite ihrer Mutter zur letzten Ruhe gebettet wurde. - -Die alte Pauline war von Walter Wullenweber so weit ins Vertrauen -gezogen, wie es sich um das traurige Geheimnis seiner kleinen Schwester -handelte. Mehr hatte er ihr auch nicht sagen wollen! Und sprach ihr -dann, als alles vorüber war, doch davon, daß er Eva von Ostried liebte -und sie, nach kurzem unaussprechlichen Glück, verlieren mußte. - -„Sie dürfen morgen nun doch nicht zum Geburtstag Ihrer Frau Präsidentin -heraus,“ sagte er am dritten Abend nach der Beisetzung. - -„Warum denn nicht, Herr Rechtsanwalt?“ - -„Weil Sie von rechtswegen längst ins Bett gehören...“ - -„Da halte ich es gar nicht aus. Mir ist, als müßte ich laufen und immer -blos laufen, um einzuholen, was mir sonst wegflitzt.“ - -„Ich habe einen schönen großen Kranz bestellt, Pauline. Lauter tiefrote -Astern, von denen Sie mir mal sagten, daß sie Frau Präsidentin von -allen Blumen am liebsten hatte,“ versuchte er sie zu beruhigen. - -„Wie gut Sie sind,“ dankte sie gerührt. - -„Gut?!“ lachte er gerührt auf. „Sie dürften eigentlich sowas nicht -sagen. Versprechen Sie mir jetzt feierlich, daß Sie sich mit meinem -Vorschlag einverstanden erklären.“ - -„Was soll ich denn, Herr Rechtsanwalt?“ - -„Morgen brav daheimbleiben und hier den Tag im Gedächtnis an Ihre Frau -Präsidentin verbringen. Den schönen Kranz trage ich ihr selbst ans -Grab. Es macht mir nichts aus...“ - -Sie wurde rot wie ein junges Mädchen, das eine Not nicht länger -verbergen kann. „Und wenn Sie mich festbänden, bliebe ich nicht zu -Hause. So gut Sie es wieder mal meinen. Das geht nicht. Wie eine -Meineidige käme ich mir vor. Ich hab’ ihr in die Hand versprochen, -daß ich jedes Jahr, solange ich am Leben bin, ihr Grab an dem Tage -schmücken wollt’, denn sie konnte keine Unordnung leiden. Und wenn ich -mir gleich den Tod holen müßt’ -- jawohl... hin würde ich doch machen.“ - -Da sagte er kein weiteres Wort dagegen, sondern ließ sie gewähren, -als sie am nächsten Tage in dem feierlichen Schwarzseidenen, mit dem -Kranz auf dem Arm vor ihm stand und leise und beschämt wegen ihres -Ungehorsams um Entschuldigung bat. -- - -Walter Wullenweber hielt sich mit eisernem Willen aufrecht. Seine stark -entwickelte Pflichttreue, die unermüdlich die angehäufte Arbeit abtrug, -unterstützte ihn. Nur in den kurz bemessenen Freistunden gab er sich -seinen trostlosen Gedanken hin. - -Ob sie ihn wirklich nicht mehr liebte? Tagelang hatte er es als -sicher angenommen. Wie durch ein aufregendes Ereignis Gesicht und -Gehör verloren gehen konnten, mochte auch wohl ihre Liebe dieser -Erschütterung nicht standgehalten haben. Jetzt begann er ihre Scham und -ihren Stolz richtig einzuschätzen. Begriff, so sehr es auch gegen das -starre Gesetz ging, daß eine nachträglich aufgefundene Bestimmung der -Präsidentin zu ihren Gunsten die Last der Tat von ihr abgewälzt hätte. - -Damit ward ihm auch das Andere klar. Daß sie mit diesem Augenblick -wieder sein und diesmal auf ewig gewesen wäre. Nun dies unmöglich -geworden war, hatte er keinen Anteil mehr an ihr! Er hatte den Kopf auf -die Platte des Schreibtisches gelegt und litt weit über alle Kraft -unter der Unmöglichkeit, dies jemals zu ändern -- -- -- - -Das ungestüme Aufreißen der Korridortür, ihr heftiges Zuschlagen, -das Hereinstürzen der feierlich angetanen, alten Pauline, ließ ihn -erschrocken emporfahren. Selbst nach dem Brande war sie nicht so -fassungslos erschienen. Sie stand vor ihm, wie er sie noch nie gesehen -hatte. Ihre welken Lippen zittern. - -Augenscheinlich wollte sie etwas berichten und brachte doch nichts -heraus, als ein Aufschluchzen der Freude! - -„Das habe ich in der Tasche von unserer Frau Präsidentin -Schwarzseidenem gefunden,“ konnte sie endlich herausbringen. - -Er las den Inhalt des gelblich gewordenen Zettels. Ihn voll zu -begreifen, war ihm noch versagt. Es war zu neu, zu gewaltig und -zu schön. Als er sich endlich dazu zwingen konnte und sich auch -überzeugte, daß Unterschrift und Datum diesen Zeilen volle Gültigkeit -verliehen, steckte er ihn zu sich und sprang auf. - -Bescheiden, auch jetzt noch, wartete die alte Pauline auf das erste -seiner Worte. - -Er preßte nur stumm ihre Hände zwischen den seinen, sodaß sie Mühe -hatte, einen Aufschrei zu unterdrücken und stürzte fort -- -- -- - -Mit stillem Lächeln sah sie ihm nach. Ihr war nicht verborgen, wohin -ihn jetzt sein Weg führen mußte. - - * * * * * - -Seit zwei Tagen weilte Eva von Ostried wieder in ihrem Heim. Es kam -ihr grenzenlos öde vor. Der jubelnde Beifall, der ihr ebenso in -Dresden wie in Weimar geworden, lag weit hinter ihr. Ihr Blick galt der -Zukunft. Morgen in der Frühe würde sie den Vertrag unterzeichnen, der -sie auf die Dauer von drei Monaten in die verschiedensten Großstädte -führen sollte. Und dann -- -- - -Ja -- dann kam endlich doch wohl noch alles, wie sie es einst so heiß -gewünscht und nun längst nicht mehr erstrebt hatte -- -- --. - -Wahrscheinlich zum kommenden Herbst würde sie einer schon jetzt -ergangenen dringenden Einladung des Dresdner Intendanten folgend, dort -auf Engagement singen. - -Sie kämpfte nicht mehr. Alles schien überwunden zu sein. Das einzige -Gefühl, dessen sie sich für fähig hielt, bestand in einem brennenden -Neid auf die Tote. - -Das kleine einfenstrige Zimmer, aus dem sie hinausgetragen war, blieb -seither unbenutzt. Furchtsam wurde es von Eva von Ostried gemieden. -Nicht die Tote allein wehrte ihr den Eintritt, sondern vor allem der -Lebende, der erst langsam für sie sterben mußte. - -Sie saß vor dem Flügel, aber sie dachte nicht an das, was einst ihr -höchstes Sehnen gewesen. Wie längst durchlesene Bücher, die kein -Interesse mehr erwecken konnten, betrachtete sie die Stöße von Noten. -Es gab nur noch ein Lied für sie, das sie niemals vergessen würde, das -kleine Lied von der weißen Rose.... - -Sein Lied! Vorläufig hatte sie sich am Fenster einen Tisch mit allem -Nötigen zum Schreiben zurechtgestellt. Sinnend ruhte ihr Blick auf dem -großen weißen Bogen, der gespenstisch zu ihr hinwinkte. Ehe es Abend -geworden war, wollte sie einen Brief schreiben... - -Sie ging hinüber und tauchte die Feder ein. Wenn er fort sein würde, -hatte sie keine Anwartschaft mehr auf das alte stille Schloß in -Waldesruh! Trotzdem schrieb sie ihn hastig! Er wurde kurz. - - Ich kann nicht Ihre Gattin werden. Aber ich danke Ihnen warm für - die mir zugedachte Ehre... - -Warum konnte sie es nun doch nicht? -- Auf dem Tischchen lag ein Stoß -geöffneter Briefe, die sie in Dresden und Weimar erhalten hatte. -Schwärmerische Ergüsse -- -- - -Nun brach sie wieder hervor, die alte heiße, wilde Sehnsucht nach dem -Geliebten. Das mühsame Versteckspiel mit den eigenen Gefühlen war -nutzlose Marter. Ihre Seele gehörte ihm auf ewig. - -Wie erlöst atmete sie auf, als draußen die Klingel ging. „Wirklich -kommt er,“ dachte sie befriedigt, während sie hinausging. - -Sie konnte den Eintretenden in dem Zwielicht nicht sogleich erkennen -und ahnte doch sofort, wer er sei! Ihr Herz begann wie rasend zu pochen. - --- -- -- Gehorsam blickte sie auf ein beschriebenes Blatt nieder, -das er vor sie hingelegt hatte, als sie sich im Musikzimmer -gegenüberstanden. - -„Ich kann nicht,“ flüsterte sie, als sie die Handschrift sah. Da las -ihr Walter Wullenweber vor: - - Nach einem Anfall großer Herzschwäche, den ich zwar überwunden - habe, dessen Wiederkehr ich aber fühle, bestimme ich hiermit - als Nachtrag zu meinem bereits gemachten Testament, daß meine - geliebte Pflegetochter Eva von Ostried bei meinem Ableben - Einhundertundfünfzigtausend Mark durch Herrn Justizrat Weißgerber - ausgezahlt erhalten soll. Und zwar ist diese Summe von derjenigen - für die Stiftungen festgelegten abzuziehen. An den ausgesetzten - Legaten soll nichts geändert werden. Meine treuesten Grüße gehören - meiner lieben Eva. - - Zur Zeit Belgard a. d. Persante, Hinterpommern, im Wartesaal der 2. - Klasse, den 24. August 1918. - - Frau Präsident Hanna Melchers. - -Als Walter Wullenweber zu Ende gelesen hatte, sah er sie an. Und sah, -daß sie ihre Hände, wie bittend, zu ihm erhoben hatte. Nun lag sie an -seinem Herzen. - -„Eva -- jetzt -- bleibst du mein?“ - -„Ja,“ flüsterte sie, „dein, nur dein!“ - -Er ließ den Brief der kleinen toten Schwester in ihren Schoß gleiten, -während er sie küßte. - -„Den mußt du selbst lesen.“ - -Wie kurz er war! Die Zeichen fast unleserlich. Und doch der einzige -Satz wundervoll freisprechend -- an dem endlich errungenen Glück -vollendend, was ihm im Augenblick -- vielleicht noch unbewußt -- fehlte. - -„Der Uebel größtes ist die +ungesühnte+ Schuld!“ - -In dieser heiligen Stunde streifte Eva von Ostried alle Bitterkeit ab. -Die Zeit des Leidens erschien ihr als eine Gnade, durch welche sie -pilgern mußte, um des Geliebten würdig zu sein. Während sie ihre Wange -an die seine schmiegte, sagte sie dankbar und demütig: - -„Unsere kleine Schwester hat recht! Aber ich will noch weiter in ihrem -Sinne sühnen, um meines großen Glückes auch würdig zu bleiben!“ - -[Illustration] - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UEBEL GRÖSSTES .. *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for an eBook, except by following -the terms of the trademark license, including paying royalties for use -of the Project Gutenberg trademark. 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General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/64416-0.zip b/old/64416-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 8124920..0000000 --- a/old/64416-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/64416-h.zip b/old/64416-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 7346166..0000000 --- a/old/64416-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/64416-h/64416-h.htm b/old/64416-h/64416-h.htm deleted file mode 100644 index d6b78cc..0000000 --- a/old/64416-h/64416-h.htm +++ /dev/null @@ -1,15787 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - Der Uebel größtes.., by Käte Lubowski—A Project Gutenberg eBook - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; 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Ungewöhnliche -und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten -bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts -dadurch nicht beeinträchtigt wird.</p> - -<p class="p0">Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden im -vorliegenden Text in deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt.</p> - -<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; Passagen -in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> erscheinen im vorliegenden -Text kursiv. <span class="nohtml">Abhängig von der im -jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original -<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in -serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt -erscheinen.</span></p> - -</div> - -<div class="titelei"> - -<p class="s2 center padtop5 mbot3 break-before">Der Uebel größtes...</p> - -<p class="s2 center mtop3 padtop1 break-before"><b>Meisters<br /> -<span class="s2">Buch-Roman</span></b></p> - -<p class="s4 center">Eine Sammlung hervorragend<br /> -schöner Romane aus der Feder<br /> -angesehener, bekannter Autoren</p> - -<p class="s3 center mtop1"><b class="s4">Einundvierzigster Band: Der Uebel größtes ..</b></p> - -<div class="figcenter illowe8 padtop3" id="i_002_signet"> - <img class="w100" src="images/i_002_signet.jpg" alt="Verlagssignet" /> -</div> - -<p class="s3 center mtop3 mbot3">Verlag von Oskar Meister, Werdau i. Sa.</p> - -<h1 class="padtop1">Der<br /> -<span class="s4">Uebel größtes ..</span></h1> - -<p class="s3 center">Roman von<br /> -<span class="s4">Käte Lubowski.</span></p> - -<p class="s3 center mtop1"><b class="s4">Einundvierzigster Band des Buch-Romans</b></p> - -<div class="figcenter illowe8 padtop3" id="i_002_signet2"> - <img class="w100" src="images/i_002_signet.jpg" alt="Verlagssignet" /> -</div> - -<p class="s3 center mtop3 mbot3">Verlag von Oskar Meister, Werdau i. Sa.</p> - -<p class="center antiqua padtop5">Copyright 1919<br /> -by Oskar Meister, Werdau.</p> - -<p class="center mbot3">Alle Rechte vorbehalten.</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[S. 5]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_005_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_005_kopf.jpg" alt="Kapitel 1, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_1">1.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">U</span>m die elfte Vormittagsstunde war derjenige Teil des Oeynhausener -Kurparkes, dem die Gäste den Namen „Schweiz“ gegeben hatten, von -Rollstühlen und Spaziergängern nahezu frei. Die Meisten ruhten nach -den Bädern vorschriftsmäßig aus. Jene aber, die es mit der Kur nicht -so streng nahmen, lustwandelten in möglichster Nähe der Musik. Nur -eines der bequemen Wägelchen glitt, fast zu eilig für den wundervollen -Frieden dieser Einsamkeit an der romantischen Schlucht vorüber, welche -der silberhelle Hambkebach in jahrzehntelanger Kleinarbeit mit Frische -segnete. Es war keine der gewöhnlichen Lenkerinnen, die ihn vorwärts -stieß. Die Hände erschienen gepflegt und schmal. Die feingliedrige -Gestalt zeigte eine stolze Haltung. Der schlanke, sehr weiße Hals -trug einen Kopf mit auffallend schönen Gesichtszügen. Zuweilen -schob sich die Fülle des braunschwarzen lockigen Haares, von einem -Sommerlüftchen gehoben, zu den langbewimperten Lidern hinunter, die -zwei ausdrucksvolle, sammetdunkle Augen bargen.</p> - -<p>Als die Fahrt noch an Schnelligkeit zunahm, wandte sich der Kopf der -grauhaarigen Frau im Rollstuhl zu der Führerin herum.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[S. 6]</span></p> - -<p>„Fräulein Eva von Ostried, der Gaul, den Ihre Phantasie seit geraumer -Zeit zu reiten belieben, gefällt mir nicht,“ klang es dazu in frischem, -scherzhaften Ton. „Er ist zu hitzig. Steigen Sie sofort ab.“</p> - -<p>Die junge Lenkerin ging bereitwillig auf die gütige Zurechtweisung -ein: „Hochverehrte Frau Landgerichtspräsident Hanna Melchers aus -Berlin-Grunewald, Wangenheimstraße 10, ich kann Ihrem Wunsch nicht -nachkommen, denn... er geht, leider, mit mir durch!“</p> - -<p>Ein leichtes Seufzen ertönte.</p> - -<p>„Schon wieder? – Was haben Sie, Kind? Ich merke seit einigen Tagen, -daß Sie verändert sind. Zum Verlieben bietet sich hier kein Anlaß. Der -männlichen Jugend ist ja kaum in unversehrtem Zustande zu begegnen und -ich weiß doch zur Genüge von Ihrer durchaus verständlichen Freude an -der Gesundheit..“</p> - -<p>„Nein.. verliebt.. bin ich nicht!“</p> - -<p>„Was aber ist’s dann? Wir leben nun drei Jahre mit einander und ich -kenne Sie allmählich genau. Spukt in dem Köpfchen wieder der alte -Traum?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Eva von Ostried und ihre Lippen preßten sich zusammen, als -müsse sie den Schrei der Sehnsucht ersticken, „ich möchte singen.. -singen..“</p> - -<p>„Als ob Ihnen das verwehrt würde, Eva. In dem kleinen -Unterhaltungszimmer unserer Pension Messing steht ein ausgezeichneter -Flügel und eine andächtige und dankbare Zuhörerschaft ist Ihnen -ebenfalls sicher. Trotzdem haben Sie mir das feierliche Versprechen -abgenommen, daß ich töricht genug war, Ihnen zu geben. Warum -verheimlichen Sie hier ängstlich Ihr Talent?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[S. 7]</span></p> - -<p>„Soll ich wirklich vor der herzensguten, aber doch bereits unstreitig -etwas kindisch gewordenen Frau la chaise, die mit ihrem seligen -Fritzchen zwölfmal in Brasilien war und daneben lediglich Tabak und -höchstens noch ihre „beste“ Olga von daheim gelten läßt – oder vor -diesem fürchterlichen, alten Baron, der beständig die Hände bewegt, als -beabsichtige er seine Zuhörerschaft zu kitzeln, damit sie über seine -Witzchen auch lachen kann, singen? – Verlangen Sie <em class="gesperrt">das</em> von mir?“</p> - -<p>„Verlangen würde ich es wohl nur von meiner leiblichen Tochter.“</p> - -<p>Der Rollstuhl stand plötzlich still. Zwei weiche, heiße Lippen preßten -sich auf die Hände der Präsidentin.</p> - -<p>„Ich bin egoistisch und schlecht. Verdanke ich Ihnen doch alles. Was -wäre damals aus mir geworden, wenn Sie mich, die ohne langjährige -Zeugnisse auf Ihr Gesuch kam, nicht den vielen Andern, vorzüglich -Empfohlenen vorgezogen hätten?“</p> - -<p>„Lassen wir diese Fragen, mein Kind. Ich bilde mir ein, eine gute -Menschenkennerin zu sein..“</p> - -<p>„Und nun habe ich Sie im Laufe der Zeit oft genug enttäuschen müssen.“</p> - -<p>„Auch diese Wahrscheinlichkeit blieb damals nicht unberücksichtigt. Sie -hatten mich deutlich in Ihrer Seele lesen lassen.“</p> - -<p>„Obwohl ich zuerst von meinen Kämpfen und Enttäuschungen schwieg?“</p> - -<p>„Die kargen Tatsachen verrieten mir genug. – Sie waren auf den Wunsch -eines Jugendfreundes Ihres verstorbenen Vaters von dem nach seinem -Tode in andere<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[S. 8]</span> Hände übergegangenen Majorat nach Berlin gekommen und -ließen Ihre wundervolle Stimme unentgeltlich von ihm ausbilden. Daß er, -ein Jahr später, bei dem grausamen Eisenbahnunglück ums Leben kam und -Sie, die völlig Mittellose, danach vergeblich den Vormund und früheren -Gutsnachbar um ein Darlehn zum Weiterstudium anflehten, verhehlten -Sie mir nicht. Das Andere – die harten Enttäuschungen, die Sie in -dem ungewohnten Kampf ums tägliche Brot in den verschiedenen aus Not -angenommenen Stellungen zu bestehen hatten, las ich deutlich aus ihrem -schmalen Gesicht und dem ängstlichen Ausdruck der Augen. Ihre spätere -Beichte vervollständigte nur diese Geschichte..“</p> - -<p>„Aber Sie haben nicht angenommen, daß ich rückfällig werden könnte.“</p> - -<p>„Ich habe es gewußt! – Sehnsucht stirbt schwer. Und Sie sollen Ihr -Sehnen ja auch behalten und pflegen. Nur Geduld müssen Sie üben. Erst -fester werden, mein Kind. Erst noch diese heiße Eitelkeit abstreifen, -die fiebernd nach Ruhm und Huldigung verlangt.“</p> - -<p>Der dunkle Kopf senkte sich schuldbewußt.</p> - -<p>„Sie sind unaussprechlich gut zu mir.“</p> - -<p>„Keine Uebertreibungen! Hundertmal haben Sie, in zorniger Aufwallung, -anders gedacht, wenn ich Ihrem Verlangen entgegenstand. Ich begreife -auch das voll.“</p> - -<p>„Wenn ich doch wüßte, womit ich Ihnen dies Alles jemals vergelten -könnte.“</p> - -<p>Frau Melchers lächelte leise.</p> - -<p>„Das Wort „Vergeltung“ ist niemals von einem häßlichen Beigeschmack -frei, Eva. Sie sollen nur stets ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[S. 9]</span> offen zu mir sein.. und mich -weiter lieb haben. Anderes verlange und erwarte ich nicht.“</p> - -<p>„Das glaube ich. Es ist ja so leicht.“</p> - -<p>Ein prüfender Blick streifte das schöne Gesicht. Die kluge Frau kannte -die größeste Schwäche ihrer Hausgenossin, die sie wie eine Tochter -lieben gelernt, sehr genau. Wenn die reiche Phantasie spielte und die -ungestüme Eitelkeit den Kritiker abgab, konnte es leicht geschehen, -daß Eva von Ostried sich über die von der Präsidentin geforderte -Wahrhaftigkeit hinwegsetzte, ohne sich eines Unrechts bewußt zu werden.</p> - -<p>„Und nun hören Sie mir einmal aufmerksam zu, Eva,“ forderte die gütige -Stimme. „Es kommen nicht sehr viel Stunden, die sich dafür eignen. Sie -sollen etwas wissen, was Sie – vielleicht längst geahnt haben. – -Sie werden demnächst das einundzwanzigste Jahr vollendet haben. Der -Vormund, der nach dem jähen Tode Ihres Gönners seine Erlaubnis zur -Wiederaufnahme Ihrer Studien, auch mir gegenüber, brieflich versagte, -verliert dann seine Gewalt über Ihr Handeln. Im Herbst dürfen Sie also -über sich verfügen. Aber.. wir wollen erst noch Weihnachten und Ostern -in aller Stille zusammen feiern. So traut und gänzlich der Häuslichkeit -gehörend, wie die andern Jahre. Nichtwahr, mein Kind?“</p> - -<p>„Ich begreife nicht, wie Sie das meinen. Soll ich dann fort von Ihnen?“</p> - -<p>„Ja, Eva, dann verliere ich Sie. In meinem Heim werden Sie allerdings -weiter leben, aber für mich selbst kaum noch Zeit finden. Denn Sie -werden wieder als einzige Beschäftigung Musik studieren. Ihre Sehnsucht -darf neue<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[S. 10]</span> Befriedigung suchen. Ihr Fleiß muß eisern werden. – Die -nötigen Mittel gewähre ich Ihnen. Gegenleistungen verlange ich freilich -auch. Ich muß, so lange ich lebe, über Ihnen wachen dürfen, Eva. Fühlen -Sie, wie ich das meine?“</p> - -<p>Eva von Ostried warf sich mit ausgebreiteten Armen über die kluge Frau. -Sie konnte nicht sprechen. Ihr Körper bebte von einem Schluchzen des -Glückes.</p> - -<p>Endlich aber schob sie die Präsidentin sanft zurück.</p> - -<p>„So und jetzt zum Theater! Denn, nicht wahr, darum nahmen wir doch -jenes Eiltempo? – Heute Abend wird also Mignon gegeben? Obschon ich -es mir von dieser Stelle aus nicht als reinen Genuß denken kann.. -sollen Sie Ihren Willen haben. Ob daraus nicht für Sie, die jeden Ton -dieser Oper genau kennen und die Partie des Mädchens aus der Fremde -ausgezeichnet wiederzugeben wissen, eine arge Enttäuschung wird?“</p> - -<p>Das schöne Mädchengesicht strahlte wieder.</p> - -<p>„Wie herrlich ist es, daß Sie, die schwer zu Befriedigende, mir dieses -Lob schenken. Ja... ich freue mich unsagbar auf den heutigen Abend. -Zu denken, daß.. ich selbst.. es besser machen könnte.. Ist das nicht -vielleicht der höchste Genuß?“</p> - -<p>Ein leichter Schatten glitt über das feine, alte Gesicht.</p> - -<p>„Darin werden wir uns niemals verstehen! Mir ist immer weh zumute, wenn -Jemand eine übernommene Aufgabe mangelhaft erfüllt. – Aber jetzt muß -ich zur Eile mahnen. Der letzte Ton der Kurmusik ist verhallt.“</p> - -<p>Und der Rollstuhl glitt wieder durch den Dom satten, frischen Grüns dem -kleinen neuerbauten Theater entgegen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[S. 11]</span></p> - -<p>„Kommen Sie doch auch mit,“ bat Eva, ehe sie zur Kasse ging.</p> - -<p>Die Präsidentin schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Haben Sie ganz vergessen, daß der Geheimrat meinem rebellischen Herzen -die allergrößeste Schonung und vor allen Dingen frühzeitige Bettruhe -anbefohlen hat? Nein.. das ist ausgeschlossen.“</p> - -<p>Eva von Ostried wurde rot. Dann aber fand sie eine Entschuldigung für -ihre Vergeßlichkeit. Wie konnte ein junges, gesundes Wesen beständig -daran denken, daß eine Leidende unausgesetzt der Rücksicht bedürfe?</p> - -<p>„Nur etwas aus der Sonne können Sie mich zuvor noch schieben,“ forderte -die Präsidentin ohne Empfindlichkeit, „denn aus den für Sie heiligen -Räumen finden Sie nicht so schnell zurück.“</p> - -<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_011_tb"> - <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" /> -</div> - -<p>Es währte aber diesmal sogar für die Langmut der Präsidentin -zu lange. Die dünnen Glöckchen der Kirche und des Salzwerkes -verkündeten die zwölfte Stunde. Vom Königshof herüber erscholl das -melodisch abgestimmte Tamtam, das eine Viertelstunde vor Beginn der -Hauptmahlzeit, die überall zur gleichen Zeit festgesetzt war, die -Gäste zusammenrief und immer noch ließ sich Eva von Ostrieds helles -Gewand nicht erblicken. Schon wollte die an Pünktlichkeit streng -Gewöhnte eine ihr vom Ansehen bekannte, gerade des Weges daherkommende -Rollstuhllenkerin bitten, ihren Wagen in die Pension zu bringen, -als endlich, atemlos vor Erregung, die Säumige kam. Die Präsidentin -vergaß die beabsichtigte scharfe Zurechtweisung. Der Anblick des -jun<span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[S. 12]</span>gen, schönen Geschöpfes, dessen ausdrucksvolle Augen begeistert -strahlten, entzückte sie, wie er es stets tat. Das reuige Betteln um -Vergebung dieser neuen, kleinen Nachlässigkeit würde genügt haben, -um ihre Empörung in mildes Begreifen umzuwandeln. – Sie wartete -umsonst darauf. Eva von Ostried saß im tiefsten, goldensten Land ihrer -Zukunftsträume und klagte Mignons Steyrisches Lied heraus:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Kam ein armes Kind von fern</div> - <div class="verse indent2">Zigeuner brachten es eben</div> - <div class="verse indent2">Traurig bleich... seine Glieder beben....</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Das riß die Geduld der Gütigen.</p> - -<p>„Beeilen Sie sich, Eva,“ sagte sie streng und kurz, „oder ich werde, -so matt ich mich gerade heute auch fühle, der ärztlichen Vorschrift -entgegen, aussteigen und versuchen, im Laufschritt noch pünktlich -zu Tisch zu erscheinen.“ In dem nämlichen Augenblick erwachte Eva -von Ostried zur Wirklichkeit. Sie erblaßte und in ihre Augen kam der -Ausdruck einer großen Hilflosigkeit.</p> - -<p>„Das werden Sie mir nicht antun,“ schmeichelte sie. „Schelten Sie -tüchtig.. aber sprechen Sie nicht in diesem unerträglich kühlen Ton -zu mir, wenn ich ihn auch verdient habe.. Gewiß – ich vergaß meine -Pflicht. Sobald Sie die Ursache erfahren, werden Sie mich begreifen..“</p> - -<p>„Sie können mir später berichten. Jetzt.. vorwärts, Eva.“</p> - -<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_012_tb"> - <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" /> -</div> - -<p>Der geräumige Speisesaal, in welchen die Beiden, heute als letzte -Mittagsgäste, eintraten, war fast zu sehr besetzt.<span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[S. 13]</span> Alle Plätze ohne -Rücksicht auf die Wohlbeleibten, erschienen gleich schmal, sodaß -der Hüne unter den Anwesenden, ein alter früherer Oberst der Garde, -vor seinem gefüllten Teller in zorniger Ungeduld des Augenblickes -wartete, in dem sich seine rechte Nachbarin, einstweilen befriedigt, -zurücklehnte. Zu seiner Linken nahm Eva von Ostried Platz. Das -milderte seinen Zorn. Obwohl er unvermählt geblieben, schätzte er -Frauenschönheit über allem Andern.</p> - -<p>Als Eva nicht wie sonst auf seine neckenden Fragen in dem gleichen Ton -antwortete, neigte er den mächtigen Kopf ein wenig zur Seite und sah -sie mit schlauem, verständnisvollen Blinzeln an:</p> - -<p>„Strafpauke intus, mein gnädiges Fräulein?“</p> - -<p>„Ja,“ nickte sie und setzte leise hinzu „aber verdient.“</p> - -<p>„Zu toll geflirtet?“</p> - -<p>„Ist das hier überhaupt möglich?“</p> - -<p>„Na.. erlauben Sie mal. Wenn Sie von uns elenden Bürgern schon absehen, -der Paul Karlsen, der erste Liebhaber und Opernsänger ist doch noch -da.. Und Sie gehören zu den eifrigsten Besuchern des Theaters..“</p> - -<p>Den Namen des jungen Menschen, der ein großer Künstler zu werden -verhieß, hatte er im Gegensatz zu dem andern nur Geflüsterten stark -betont.</p> - -<p>Das scharfe Ohr seiner schon wieder auf den nächsten Gang lüsternen -rechten Nachbarin fing ihn auf, sie nickte lebhaft und begann, froh, -endlich einen Gesprächsstoff gefunden zu haben:</p> - -<p>„Ja, dieser Karlsen. Denken Sie doch, er soll auch heute im Mignon den -Wilhelm singen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[S. 14]</span></p> - -<p>Ein Backfisch, der seiner hochgradigen Bleichsucht und des daraus -entstandenen nervösen Herzens wegen hier war, mischte sich mit -allerliebster Wichtigkeit ein:</p> - -<p>„Leider wird er ihn nicht singen können. Die schöne Mignon, auf die wir -uns einen halben Monat lang gefreut haben – der Gast – hat vor einer -Stunde einen bösen Unfall gehabt.“</p> - -<p>Die Neuigkeit pflanzte sich fort, denn sie hatten fast alle hingehen -wollen.</p> - -<p>„Wie jammerschade,“ wehklagten die jungen Mädchen.</p> - -<p>„Wir werden das Geld natürlich zurückerhalten,“ freuten sich die -praktischen Mütter.</p> - -<p>„Keine trügerischen Hoffnungen, meine Damen,“ spöttelte ein alter -Gichtiker, „soviel ich vor kaum zehn Minuten gehört habe, soll bereits -ein vollwertiger Ersatz gefunden sein.“</p> - -<p>Lebhafte Fragen bestürmten ihn von allen Seiten.</p> - -<p>„Woher wissen Sie es? Das wird nicht ohne weiteres geglaubt.“</p> - -<p>„Mir hat es der Theaterdirektor in eigenster Person anvertraut. Eine -berühmte, große Sängerin, die zufällig hier zur Kur weilt, wird -einspringen. Er tat sehr geheimnisvoll und verriet nichts weiter, so -sehr ich auch in ihm drang.“</p> - -<p>Frau Melchers wandte sich leise an Eva von Ostried.</p> - -<p>„War es das, was Sie mir erzählen wollten, Eva?“</p> - -<p>Die langen dunklen Wimpern lagen fast auf der rosigen, weichen Haut der -Wangen.</p> - -<p>„Ja,“ sagte sie, „das und.. noch etwas. Die Aufregung über das -plötzliche Mißgeschick war so groß – daß... ich<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[S. 15]</span> oben... nicht.. -früher fortkonnte..“ Frau Melchers nickte ihr freundlich zu.</p> - -<p>„Schon gut, Eva. – Nun freuen Sie sich natürlich doppelt auf den -heutigen Abend, nicht wahr?“</p> - -<p>„Ich.. fürchte.. mich.. aber daneben auch..“</p> - -<p>„So hat sich der kleine Teufel des Neides schon wieder von seiner Kette -befreit?“</p> - -<p>„Noch nicht...“</p> - -<p>„Ich werde das Weitere von Ihnen hören. – Später. – Erst muß -ich ruhen. Ich weiß nicht, in meinen Gliedern ist eine sonderbare -Mattigkeit. Sie schmerzt fast. Am liebsten verschliefe ich die ganze -zweite Hälfte des Tages..“</p> - -<p>„Soll ich nachher den Geheimrat rufen,“ fragte Eva angstvoll.</p> - -<p>„Was soll er mir, Kind? – Ich habe es mir allein ausgeprobt. Wenn -das Herz matt und doch unruhig hüpft, brauche ich viel Ruhe. Niemand -soll sprechen. Am besten auch jedes Geräusch vermieden werden. – Sie -dürfen darum heute einen ganz freien Nachmittag haben. Genießen Sie ihn -nach Herzenslust. – Soll ich die jungen Mädchen am Tisch fragen, ob -vielleicht ein gemeinsamer Ausflug nach der Porta zustande käme. Zum -Beginn des Theaters können Sie, trotzdem, pünktlich zurück sein.“</p> - -<p>Eva von Ostrieds Hände legten sich bittend auf die Rechte der -Präsidentin.</p> - -<p>Aus ihrer Stimme klang ängstliche Abwehr.</p> - -<p>„Bitte, bitte, tun Sie das nicht. Ich bin viel lieber allein. Diese -jungen Mädchen bleiben mir fremd und unverständlich in all ihren Reden -und Empfindungen. Und schließlich würde ich doch nur die Geduldete -unter ihnen sein.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[S. 16]</span></p> - -<p>„Weil Sie mir.. dienen, Eva?“</p> - -<p>„Nicht.. weil ich Ihnen diene.. Was gäbe es wohl Schöneres für eine -Waise. Nur, daß ich es überhaupt tun muß, begreifen diese vom Glück -verwöhnten nicht. Das richtet eine Scheidewand zwischen ihnen und mir -auf. – Wirklich..“</p> - -<p>„Sie sind ein großes Kind..“</p> - -<p>„Ich wollte, ich wäre es! Als Kind habe ich niemals einschlafen können, -wenn irgend etwas Geheimnisvolles auf mir lastete.“</p> - -<p>„Soll das heißen, daß es damit anders geworden ist?“</p> - -<p>„Ich verstehe mich selbst manchmal nicht mehr. – Was mir einen -Augenblick als ein unfaßbares Glück erscheinen will, jagt mir im -nächsten bereits Furcht und Schrecken ein..“</p> - -<p>„Eva, Kind, das sind Nerven! Jawohl, so melden sie sich an.“</p> - -<p>„Nein – nein, es ist etwas anderes..“</p> - -<p>„Dann könnte es nur ein böses Gewissen sein. Und davon halte ich Sie -frei.“</p> - -<p>Der dunkle Kopf senkte sich tief. Eva von Ostried wurde der Antwort -überhoben – das Gespräch noch allgemeiner und lebhafter, sodaß an eine -weiter unbeachtet geführte Zwiesprache nicht zu denken war. – –</p> - -<p>„Womit also werden Sie diesen sonnigen Nachmittag ausfüllen, Eva,“ -fragte die Präsidentin, als sie, sorglich gebettet, sich mit einem -Seufzer des Behagens in dem kühlen Zimmer ausstreckte.</p> - -<p>„Wenn Sie mich wirklich nicht brauchen können, lege ich mich in einen -einsamen dunklen Winkel und träume..“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[S. 17]</span></p> - -<p>„Und kommen vor dem Theater noch einmal kurz zu mir, damit ich Sie in -dem neuen, weißen Kleide sehe, ja? – Das Abendessen werde ich heute -auf dem Zimmer nehmen, bitte, sagen Sie es an. Und morgen bin ich -wieder ganz frisch.“</p> - -<p>Fühlte sie das Zögern des jungen Wesens? Eva von Ostried blieb noch -einige Minuten neben ihrem Lager stehen, als laste etwas schweres auf -ihrer Seele. Las sie das Geheimnis in den sprechenden Augen, das sich -zuerst offenbaren wollte und nun doch plötzlich dies Vorhaben als so -ungeheuerlich empfand, daß die Ausführung nicht gewagt wurde?</p> - -<p>Sie deutete die offenbare Unsicherheit anders.</p> - -<p>„Machen Sie nicht länger ein so reueerfülltes Gesicht, Evalein. Ich -hab’s längst vergessen, daß Sie mich ungebührlich lange warten ließen. -Im übrigen, Kind, nicht wahr, Sie wissen doch, daß ich Sie mit dem -Gefühl einer Mutter lieb habe?“</p> - -<p>Eva von Ostried schluchzte an der Brust der Gütigen.</p> - -<p>„Ja.. das weiß ich und darum..“ Frau Melchers unterbrach sie schnell.</p> - -<p>„Darum jetzt heraus in die Sonne. Vergolden und durchwärmen lassen, was -dunkel und geheimnisvoll erscheinen will. Gehen Sie, Eva, ich bin sehr -müde..“</p> - -<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_017_tb"> - <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" /> -</div> - -<p>Eva von Ostrieds Pulse klopften in fieberhafter Erregung, als sie, -zu der Stunde der allgemeinen Mittagsrast, den Weg zum Kurtheater -einschlug. Ihr Vorwärtshasten wirkte wie ein beständiger Kampf. Nach -wenigen Laufschritten blieb sie stehen, sah rückwärts, zögerte, als -riefe sie<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[S. 18]</span> eine mahnende Stimme zur Umkehr und jagte dann doch weiter, -als müsse sie um jeden Preis die versäumte Zeit einholen. Einmal sprach -sie ganz laut zu sich, weil ihre zitternde Seele dies dumpfe Schweigen -nicht länger zu ertragen vermochte.</p> - -<p>„Und.. ich werde es ihr doch sagen! Sie ist so gut..“ Gleich darauf -huschte ein ängstlicher Schein über ihr Gesicht. – „Wenn sie es mir -aber nicht gestattet? O, sie kann auch hart und fest bleiben, sofern -sie etwas nicht billigt.“</p> - -<p>Die Mittagssonne goß auf jedes Blatt einen großen, goldenen Tropfen. -Unzählige, bis zum Rande gefüllte Becher schwebten auf allen Zweigen. -Einer strömte seinen kostbaren Inhalt über Eva von Ostrieds schlanke, -schöne Gestalt aus und überfunkelte sie mit verschwenderischen Glänzen. -Ihre Augen waren geblendet. Unsanft stieß sie mit dem Eiligen zusammen, -der ihr entgegenlief.</p> - -<p>„Hoppla.. Fräulein von Ostried.. wohin des Weges? Sie wollen mir doch -nicht etwas ins Handwerk pfuschen.“</p> - -<p>Der Geheime Sanitätsrat Schwemann war es, der die Präsidentin -behandelte.</p> - -<p>„Nein, das wage ich nur in äußerster Not.. etwa, wenn Frau Präsident -absolut nichts von Ihnen oder Ihresgleichen wissen will, Herr -Geheimrat,“ sagte sie frisch.</p> - -<p>„S’ wär schon besser gewesen, sie hätte sich früher an einen von -unserer Zunft gewandt,“ brummte er halblaut.</p> - -<p>„Steht es schlecht mit ihr, Herr Geheimrat?“</p> - -<p>„Habe ich das etwa behauptet? – Fällt mir gar nicht ein. Ist übrigens -irgend etwas nahes Verwandtes vorhanden?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[S. 19]</span></p> - -<p>„Sie ist ganz einsam in der Welt.“</p> - -<p>„Na, dann hören Sie mal einen Augenblick zu. Sie gefällt mir nämlich -immer weniger. Ist körperlich viel zu sehr für dies ernsthafte -Herzleiden herunter. Und schont sich dabei nicht gehörig, was die -Geschichte natürlich verschlimmert.“</p> - -<p>„O Gott, was soll ich tun. Sagen Sie mir alles, Herr Geheimrat?“</p> - -<p>„Sie? – Sehr viel ist dagegen nicht zu machen. Sie können ihr -höchstens jede Aufregung fernhalten und sie gehörig päppeln. – Also... -es ist nicht so einfach, meine Liebe. Kann sehr wohl mal kommen, daß -eines Tages, scheinbar ohne neue Ursache, etwas Menschliches eintritt. -– Das wollte ich Ihnen doch unter vier Augen sagen, ehe Sie abreisen. -In zwei Tagen soll die Reise ja wohl heimwärts gehen.“</p> - -<p>Eva von Ostrieds Lippen bebten.</p> - -<p>„Ich habe Niemand mehr als sie“ klagte sie erschüttert.</p> - -<p>„Weil ich mir etwas Aehnliches gedacht habe, sage ich Ihnen das auch -hauptsächlich. Nun aber keine vorzeitige Leichenbittermiene. Das würde -sie selbst am meisten betrüben. – Sie kann sich natürlich auch noch -längere Zeit halten. Wie gesagt.... auch dem Gesundesten geschieht -zuweilen ein rasches Unglück. Sehen Sie die Sängerin an. Fällt vor ein -paar Stunden einfach auf dem ebenen Fußboden hin und bricht sich ein -Bein. Dabei nicht etwa glatt und anständig. Es wird eine langweilige -Geschichte werden. Grade komme ich von ihr. Na ja... sollten sich -übrigens auch besser nach dem Essen aufs Ohr legen. Die Sonne sticht -gewaltig....“ –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[S. 20]</span></p> - -<p>Gegenüber der Seitenpforte des Theaters, durch welche die Schauspieler -mehr oder minder pünktlich, zu schlüpfen pflegten, stand eine -kühngeschweifte Bank. Darauf ruhten sie nach den Proben aus und -belustigten sich damit, über die vorüberkommenden Kurgäste, sofern sie -nicht zu den eifrigen Verehrern ihrer Kunst zählten, zu spötteln. Denn -sie kannten fast jeden Einzelnen ihrer treuen Gemeinde, die höchstens -alle Monat einmal ihr Aussehen änderten. Zur Zeit war diese Bank leer. -Eva von Ostried nahm darauf Platz. In ihrem Gesicht lag der Ausdruck -tiefen Kummers. Die Unterredung mit dem Geheimrat hatte vorübergehend -die eigenen Interessen erstickt. Bittere Selbstvorwürfe stürmten auf -sie ein.</p> - -<p>Während ihre Wohltäterin nach den vorangegangenen Anzeichen einer -großen Mattigkeit, sicherlich wieder von einem jener tapfer ertragenen -Anfälle gequält wurde, stand sie im Begriff sie zu hintergehen.</p> - -<p>Die mütterliche Güte und Nachsicht der Präsidentin, die ihr der -Unbekannten, als sie zerbrochen und matt in ihr Haus kam, wieder die -Kraft zur Lebensfreude schenkte, rührte sie von neuem.</p> - -<p>Durfte sie diesen Schritt tun, obgleich sie genau wußte, daß die -Präsidentin ihn mißbilligen, wenn nicht gar auf das Strengste -untersagen würde?</p> - -<p>In ihrem Gesicht zuckte ein harter Kampf. Eitelkeit und Dankbarkeit -rangen mit einander. Das berauschende Vorempfinden uneingeschränkter -Bewunderung maß sich mit der überwältigenden Freude, daß sie sich -in absehbarer Zeit ihren geliebten Studien wieder gern voll widmen -und sie ohne drückende Sorgen zu Ende bringen sollte. In<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[S. 21]</span> diesem -Augenblick lief ein barfüßiger Junge an der Bank vorüber. Sie empfand -sein Erscheinen als die Bekräftigung der guten Vorsätze und winkte ihm -stehen zu bleiben.</p> - -<p>„Ich will schnell einen Zettel schreiben,“ sagte sie freundlich „und Du -trägst ihn mir hinein, ja?“ Er nickte bereitwillig und setzte sich zu -ihr. Ein aus dem Taschenbuch herausgerissenes Blatt bedeckte sich mit -ihren feinen, klaren Schriftzeichen.</p> - -<p>„Mein Versprechen war übereilt“ schrieb sie, „ich kann es leider nicht -halten. Teilen sie dies bitte, Herrn Direktor mit.“</p> - -<p>Schon hatte sie ihn zusammengefaltet und den Wartenden beauftragt, -ihn an Herrn Paul Karlsen abzugeben, als drinnen eine umfangreiche, -wenn auch etwas scharfe Stimme, Philines halb spöttisches halb -mitleidsvolles Lied zum Gehör brachte:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Hollah, mein werter Herr</div> - <div class="verse indent2">Mögt Ihr uns nicht erst sagen</div> - <div class="verse indent2">Wer ist das arme Kind</div> - <div class="verse indent2">Des Antlitz scheint zu klagen.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Wie mit einem Zauberschlage änderte sich der Ausdruck in Eva von -Ostrieds Zügen. Alle weiche, kindliche Dankbarkeit schwand daraus. Ihre -Lippen öffneten sich, als tränken sie jeden einzelnen Ton durstig auf. -Ihre Augen flammten. Mechanisch zerpflückte sie das Geschriebene und -reichte dem erstaunt und neugierig blickenden Jungen ein Geldstück hin.</p> - -<p>„Ich werde selbst gehen. Es ist gut!“</p> - -<p>Und doch fühlte sie dumpf und schwer, daß der Schritt, den sie im -Begriff stand zu tun, besser unterbleibe. Aber es war für alle -Erwägungen zu spät geworden. Aus der<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[S. 22]</span> kleinen Seitentür trat in -diesem Augenblick, eine schlanke Männergestalt und lief in freudiger -Erregtheit auf sie zu.</p> - -<p>„Wo in aller Welt bleiben Sie? Schnell hinein. Niemand im Städtchen -ahnt, daß Sie der vom Himmel gefallene, göttliche Ersatz sein wollen. -Es wird erhaben werden.“</p> - -<p>Und sie folgte in willenloser Mattigkeit dem voranschreitenden Karlsen, -von dem das Publikum auch hier behauptete, daß er ein großer Künstler -zu werden verspreche.</p> - -<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_022_tb"> - <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" /> -</div> - -<p>Die dünngewordenen Stimmchen der Glocken hatten schon die vierte -Morgenstunde verkündet, als Eva von Ostried endlich einschlafen konnte. -Ihr Zimmer lag neben demjenigen der Präsidentin. Nachdem sie gegen -elf Uhr heimgekehrt war, hatte sie durch die Verbindungstür schlüpfen -wollen, um alles, was ihr widerfahren war, getreulich zu beichten. Ihr -scharfes Ohr erlauschte aber zuvor die tiefen, regelmäßigen Atemzüge, -die einen friedvollen Schlummer verrieten. Wie wertvoll dieser für die -Präsidentin war, wußte sie genau. Darum verschob sie alles bis zum -nächsten Morgen.</p> - -<p>Der zog strahlend und schöner, wie die der gesamten letzten Wochen -herauf. Eva von Ostried wurde nicht wie sonst, durch den ersten Strahl -des großen Lichts zu ihren Pflichten geweckt. Die ungeheure Erregung -des verflossenen Tages hatte eine bleischwere Müdigkeit auf sie -gesenkt. Nun schläft sie, die sonst, pünktlich um sieben Uhr, das erste -Frühstück der Präsidentin ans Bett brachte, mit dem unbewußten Behagen -gesunder, kraftvoller Jugend.<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[S. 23]</span> Fräulein Messing, die Inhaberin der -Pension, freute sich darüber. Die große Neuigkeit machte sie doppelt -unruhig und geschäftig. Darum trug sie auch eigenhändig das Brettchen -mit der ersten Tagesmahlzeit zu der Präsidentin herein. Mit einem -verständnisvollen Lächeln wies sie dabei zu der fest geschlossenen -Verbindungstür hinüber.</p> - -<p>„Wir wollen ihr heute ausnahmsweise den langen Schlaf gönnen, nicht -wahr Frau Präsident?“</p> - -<p>Frau Melchers hatte mit Rücksicht auf den gestrigen Theaterbesuch, -bisher die Klingel nicht gerührt. Trotzdem billigte sie diese -Versäumnis durchaus nicht. Mit leicht gerunzelten Brauen gab sie zur -Antwort:</p> - -<p>„Sie wollen doch nicht behaupten, daß ein Aufbleiben bis zur zehnten -oder elften Abendstunde für ein junges, kräftiges Mädchen eine -Anstrengung bedeutet?“</p> - -<p>Fräulein Messing wiegte den Kopf hin und her und lächelte, als wollte -sie sagen „Halte mich doch nicht für ganz ahnungslos“... Weil ihr die -laute Aeußerung aber zu wenig respektvoll vorgekommen wäre, milderte -sie dieselbe und sagte triumphierend:</p> - -<p>„Wir wissen es natürlich jetzt Alle und beglückwünschen auch Sie in -herzlicher Mitfreude.“</p> - -<p>Frau Melchers begriff vorläufig nichts, als daß sich am verflossenen -Abend ein Vorgang abgespielt haben mußte, der ihr ein Geheimnis war und -der doch auf das Innigste mit ihrer Begleiterin verknüpft blieb.</p> - -<p>„Sie sprechen für mich in Rätseln, Fräulein Messing. Darf ich um eine -klarere Fassung ihrer sicherlich gut gemeinten Wünsche bitten?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[S. 24]</span></p> - -<p>Wäre Fräulein Messing weniger erfüllt von dem überraschenden Ereignis -gewesen, hätte sie den Ausdruck großen Erschreckens auf dem Gesicht -der alten Dame wahrgenommen. So aber merkte sie lediglich, daß hier -ein Geheimnis vorliege und freute sich, die Erste zu sein, die es der -Nichtsahnenden enthüllte. In ehrlicher Verwunderung schlug sie die -Hände zusammen.</p> - -<p>„Frau Präsident sind also wirklich ahnungslos? Nein, so etwas! Da will -ich gern berichten. – Als wir uns gestern Abend an Mignon erfreuen -wollten, wurde uns die große Ueberraschung zuteil, Fräulein von -Ostried als solche zu erleben. Gnädige Frau, es war einfach himmlisch. -Solche Stimme habe ich noch niemals gehört. Das Publikum raste vor -Begeisterung. Und unsere gesamte Pension hat in aller Eile – das „wie“ -ist mir freilich bis jetzt verborgen geblieben – einen herrlichen -Aufbau aus lauter roten Rosen gestiftet, den Herr Oberst selbst im -Namen Aller überreicht hat.“</p> - -<p>Die Präsidentin hatte sich aufgerichtet und rang mühsam nach Atem. Sie -war lange unfähig zu einer Entgegnung. Endlich stieß sie hervor:</p> - -<p>„Gehen Sie, bitte.. und senden Sie.. mir sofort.. Fräulein von Ostried.“</p> - -<p>Das soeben Gehörte war ein harter Schlag für sie. Zwar hatte sie -gewußt, daß Eva ehrgeizig und eitel zugleich sein konnte – war auch -wiederholt gegen deren Anwandlungen von kräftiger Selbstsucht zu Felde -gezogen.. daß sie aber jemals imstande sein könnte, hinter ihrem -Rücken, den ersten Schritt in die Oeffentlichkeit zu wagen, empfand -sie, besonders nach den heute gemachten Zusicherungen,<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[S. 25]</span> nicht nur als -Undankbarkeit, sondern als eine Unaufrichtigkeit, die sie schmerzhaft -quälte.</p> - -<p>Gewiß – sie verhehlte sich nicht, daß ihre wiederholt geäußerte -Mattigkeit Eva von Ostried das Befragen und Beichten erschwert hatte. -Immerhin – würde sie bei ernstlichem Willen die Möglichkeit dazu -gefunden haben. Sie suchte sie aber nicht, weil sie im Voraus wußte, -daß ihr unter gar keinen Umständen die Erlaubnis zu diesem verfrühten -Auftreten erteilt worden wäre. Denn die Präsidentin war Eine von Denen, -die es viel zu ernst und heilig mit der Ausübung der Kunst nehmen, -um sie zu einer Entweihung durch fiebernde Eitelkeit mißbrauchen zu -lassen. Mochte für all diese Ohren Eva von Ostrieds Stimme noch so -wunderschön geklungen haben, ihr fehlte doch noch unendlich viel, -um sich öffentlich hören zu lassen. Um sie auch vorher innerlich -reifen zu machen, hatte sie die Beschränkung der Musikstudien bisher -durchgesetzt. Was sie ihr gestattete, war lediglich ein wöchentlich -einmaliger Unterricht durch einen der ersten Stimmbildner. Solange Eva -ihrem Einfluß zugänglich blieb, hatte sie die berechtigte Hoffnung, -sie für alle Gefahren, die ihr um der Schönheit halber viel mehr als -den späteren Genossinnen drohen würden, zu festigen. Sobald sie sich -erst völlig in jenen Kreis der anders Denkenden einfügte, wurde ihr -erziehlicher Einfluß geringer, um fraglos sehr bald aufzuhören.</p> - -<p>Daß Eva sich bei der ersten Versuchung als schwach erzeigt hatte, -erfüllte sie mit einer dumpfen Zukunftsangst. Denn sie liebte das junge -Geschöpf!</p> - -<p>Eva von Ostried kam bleich und verweint herein. Sie zeigte nichts von -dem Glanz einer überwältigenden Freude.<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[S. 26]</span> Fräulein Messings überstürzte -Mitteilung, aus der sie entnehmen mußte, daß Frau Melchers alles wisse, -hatte sie tief gedemütigt. Zudem blieb die andere Erfahrung, von -welcher außer ihr bisher – Gottlob – nur der Andere etwas wußte, mit -grausamer Härte auf sie ein. Sie warf sich vor dem Lager auf die Knie -und barg schluchzend den Kopf in die Kissen. Die Stimme der Präsidentin -klang ungewohnt hart an ihr Ohr:</p> - -<p>„Stehen Sie auf! Nur jetzt kein Theater!“</p> - -<p>Diese Worte schmerzten mehr, wie ein Schlag. Sie zuckte zusammen und -stammelte etwas.</p> - -<p>„Es ist mir schwer genug geworden – aber ich konnte.. nicht anders,“ -sollte es heißen.</p> - -<p>„Warum nicht? Was hielt Sie zurück, der Stimme Ihres Gewissens zu -folgen. Denn ich hoffe, daß es sich geregt hat.“</p> - -<p>„Ja – das tat es. Ich hatte mich bereits zur schriftlichen Absage -durchgerungen. Da hörte ich den Gesang der Philine. Das reizte mich, -der zu Unrecht auf ihr Können Eingebildeten ihre Mängel zu beweisen. – -Sie hatte mich am Vormittag wie ein Kind behandelt, das nicht ernst zu -nehmen ist.“</p> - -<p>Die Präsidentin zwang sich zur Ruhe.</p> - -<p>„Es bleibt mir unerklärlich, wie man dort überhaupt von Ihrem Talent -erfahren hat oder sollten Sie anläßlich der häufigen Theaterbesuche, -längst innige Freundschaft mit den Verschiedenen gepflegt haben, von -welcher ich natürlich ebenfalls nichts wissen durfte?“</p> - -<p>Eva von Ostried richtete sich empor. An dem offenen Blick merkte die -Präsidentin, daß diese Annahme falsch sei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[S. 27]</span></p> - -<p>„Ich kannte bis gestern persönlich nur Herrn Karlsen, der mir auch -jedesmal die Karte für die Vorstellungen ausgehändigt hat.“</p> - -<p>„Dann berichten Sie, wie man auf Sie als Ersatz der eigentlichen Mignon -kommen konnte.“</p> - -<p>„Herr Karlsen teilte mir heute Mittag in höchster Aufregung den Unfall -des Gastes mit, als ich mir die Karte zur Abendvorstellung besorgen -wollte. Gleichzeitig schilderte er mir den großen Ausfall für die -Schauspieler, weil die gezahlten Preise zurückerstattet werden mußten. -Erfahrungsgemäß werde an einem der alten und ältesten Lustspiele -wenig verdient, sondern lediglich mit einer guteingeübten Oper. Der -Direktor aber müsse nun noch außerdem der anspruchsvollen Philine das -vereinbarte Spielhonorar zahlen. Dies traurige Ereignis vernichte -wiederum die stille Hoffnung aller auf eine endliche Aufbesserung ihrer -Verhältnisse.“</p> - -<p>„Nun wurde Ihr Mitleid wach und Sie boten sich an.“</p> - -<p>„Nein, das tat ich wirklich nicht. – Ich sagte nur, daß ich bei -ernstlichen Bemühungen sehr wohl an einen guten Ersatz der Mignon -glaube.“</p> - -<p>„Damit reizten Sie natürlich Karlsens Widerspruch?“</p> - -<p>„Er wußte mich schnell von der Unrichtigkeit zu überzeugen, indem er -behauptete, die kleinen erreichbaren Vertretungen benachbarter Städte -seien ohne wiederholte Proben überhaupt nicht imstande, die Partie zu -übernehmen.“</p> - -<p>„Da konnte Ihre Eitelkeit nicht länger stumm bleiben?“</p> - -<p>„War ich eitel? Ich fühlte nur ein eigentümlich wundervolles Behagen, -daß ich ihn widerlegen konnte, stellte mich<span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[S. 28]</span> einfach hin und sang ihm -die wenigen Strophen aus dem ersten Akt vor.“</p> - -<p>„Und da war er sogleich starr vor Bewunderung!“</p> - -<p>„Ich weiß es nicht! – Plötzlich umringten sie mich alle. Der Direktor -– der alte Jarne – die neidische Philine... Mein Widerspruch -verhallte.. Sie zwangen mich einfach zu einem festen Versprechen.“</p> - -<p>„Haben Sie wenigstens gewußt, was Sie mir damit antaten, Eva, indem Sie -mich hintergingen?“</p> - -<p>„Ich habe es schwer gefühlt. Die ganze stolze Freude meines ersten -Erfolges hat es mir verbittert..“</p> - -<p>„Sie übertreiben. Daran zu glauben vermag ich beim besten Willen nicht.“</p> - -<p>„Und doch ist es so. Bei jedem Hervorruf lastete die Reue auf mir. Ich -mußte an irgend eine Strafe denken.“</p> - -<p>„Die ich über Sie verhängen würde?“</p> - -<p>„Nein – an eine andere. Und sie ist gekommen. Ich möchte Ihnen so gern -davon sprechen.“</p> - -<p>„Um mich zu versöhnen, Eva?“</p> - -<p>„Um mich zu erleichtern. Mein Herz ist sehr schwer.“</p> - -<p>Da wallte das Muttergefühl an diesem fremden Kinde von neuem warm in -der Präsidentin auf. Ihre Hand legte sich auf den geneigten Scheitel.</p> - -<p>„Glücklich sehen Sie freilich nicht. Also, was ist geschehen?“</p> - -<p>Eva von Ostried schlug beide Hände vor das erglühende Gesicht, weil sie -sich vor dem klaren, tiefen Blick schämte.</p> - -<p>„Der Karlsen hat mich nach der Vorstellung geküßt,“ stammelte sie.</p> - -<p>Die Präsidentin erschrak.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[S. 29]</span></p> - -<p>„Und Sie lieben ihn?“ Eva schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Bisher war er mir gleichgültig. Seitdem er das gewagt hat, verachte -ich ihn. Daß er es tun durfte – hat mir das Glücksgefühl nach dem -gestrigen Abend vollends ausgelöscht. Sagen Sie mir, daß so etwas nie -– nie wieder möglich sein wird. – Ich ertrüge es kein zweites Mal.“</p> - -<p>„Damit würde ich etwas behaupten, an das ich selbst nicht einen -Augenblick glaube.“</p> - -<p>„Sie sind also überzeugt, daß die Kunst, wenn sie auch als etwas Reines -und Hohes empfunden und ausgeübt wird, vor solchen Uebergriffen nicht -schützt?“</p> - -<p>„Ich hätte Sie für reifer gehalten, Eva! – Das sind die Fragen eines -Kindes.“</p> - -<p>„Wissen Sie, was ich bei diesem entsetzlichen Kuß gefühlt habe? Daß ich -imstande wäre, meine geliebte Kunst zu opfern – wenn mir später das -gleiche geschehen würde.“</p> - -<p>Und sie legte, wie ein furchtsames Kind erschauernd ihr heißes Gesicht -in die weichen Hände der Präsidentin.</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_029_ende"> - <img class="w100" src="images/i_029_ende.jpg" alt="Kapitel 1, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[S. 30]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_030_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_030_kopf.jpg" alt="Kapitel 2, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_2">2.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc"><span class="s7">„</span>N</span>iemals erschien mir die Welt ähnlich reich gesegnet wie in diesem -Jahr,“ sagte Frau Präsident Melchers und wies zu den Obstbäumen ihres -Gärtchens hinüber, die unter den silbernen Tauschleiern eines frühen -Septembermorgens tiefgeneigt ihre Lasten trugen.</p> - -<p>Eva von Ostried stand, für einen Ausgang bereit, ebenfalls auf -der offenen Veranda. Sie empfand keine staunende Dankbarkeit beim -Anblick dieser Wunder. Aus ihren Blicken sprach etwas Unruhvolles. -Nur für kurze Zeit hatte ihr der Segen dieser Stille, die – obschon -nahe dem großen Getriebe Berlins – dennoch aller Unrast fern und -fremd zu bleiben schien, wohlgetan. Jetzt fühlte sie sich wieder -von dieser Abgeschlossenheit gepeinigt. Jede Stunde bedeutete ihr -etwas Verlorenes. Jeder Tag einen unersetzlichen Verlust. Heimlich -durchkostete sie die rieselnden Wonnen ihres ersten Erfolges und wußte -nichts mehr von Reue oder Empörung.</p> - -<p>Sagten es ihr nicht immer aufs Neue die bewundernden Blicke fremder -Menschen, daß sie ungewöhnlich schön ist?</p> - -<p>War es darum nicht auch verzeihlich, wenn die Leidenschaft eines Mannes -und Künstlers sich an ihrem Anblick entflammte und vergaß?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[S. 31]</span></p> - -<p>Die Präsidentin beobachtete heimlich den wechselnden Ausdruck auf Eva -von Ostrieds Zügen. Sie wußte richtig in diesem jungen Gesicht zu -lesen. Die Sorge um Evas Zukunft verringerte sich nicht. Der Wunsch, -neben ihr bleiben zu dürfen, bis die Selbstzucht oder eine harte -Enttäuschung alle Schlacken fortgefegt haben würde, war auch heute in -ihr. Sie fühlte, wie sich die junge Seele ihr seit der Rückkunft aus -Oeynhausen mehr und mehr verschloß. Aber sie unterdrückte tapfer alle -Bitterkeit.</p> - -<p>War es nicht auch das Los der leiblichen Mutter allmählich das Kind -der Schmerzen an irgend eine fremde Freude zu verlieren? Und hatte der -kommende Tag wirklich die große Bedeutung, die sie ihm zumaß?</p> - -<p>„Nun gehen Sie, Eva und besorgen die Kleinigkeiten zu unserm Mahle,“ -sagte sie und zwang damit ihre Gedanken zu fröhlicheren Dingen. „Mein -alter Freund, Justizrat Doktor Weißgerber, hat mir versprochen, das -Fest Ihrer Volljährigkeit mit uns zu feiern.“</p> - -<p>„Ach,“ meinte Eva lachend, „was soll er mir? Er ist alt, bedenklich und -weise.“</p> - -<p>Ein rascher Blick streifte sie.</p> - -<p>War sie wirklich so harmlos, nicht die tiefe Bedeutung seines Besuches -gerade an ihrem Ehrentage zu ahnen? – Der junge Mund plauderte sorglos -weiter.</p> - -<p>„Am liebsten würde ich morgen Abend in das große Wohltätigkeitskonzert -gehen, zu dem mir ein liebenswürdiger, leider unbekannter Spender eine -Karte zugesandt hat..“</p> - -<p>„Und ich?“ Nun klang doch eine leichte Bitterkeit aus der gütigen -Stimme.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[S. 32]</span></p> - -<p>Eva wurde rot.</p> - -<p>„Sie erfreuen sich doch auch gern an guter Musik..“</p> - -<p>„Freilich tue ich das! Aber ich ermüde jetzt zu sehr dabei.“</p> - -<p>„Wenn Herr Justizrat bei Ihnen bleiben würde?“ Der Eigenwunsch besiegte -alle anderen Bedenken.</p> - -<p>„Seine Zeit ist kostbar, das wissen Sie. Opfert er mir schon die -Mittagszeit, wage ich nicht noch weiteres von ihm zu fordern.“</p> - -<p>Eva schwieg. Aber ihr war es, als laste eine Kette auf ihr, welche die -Schönheit des Lebens für sie fesselte. – Unfreudig wandte sie sich -nach kurzem Zaudern, um die aufgetragenen Besorgungen zu erledigen.</p> - -<p>Die Präsidentin blickte ihr nach, solange etwas von ihr sichtbar blieb. -Dann sah sie die durch die alte Pauline hereingebrachte Frühpost -durch, vermißte dabei die Zusage des aufmerksamen Freundes und ging -zum Telephon, um ihn zu befragen, wann er morgen frühestens kommen -könnte. Der Vorsteher seines Büros antwortete an seiner Statt, daß der -Justizrat seit gestern leider mit einer heftigen Erkältung zu Bette -liege und hohes Fieber habe. – Das beunruhigte sie auch wegen des -Andern. Gar zu gern hätte sie nun endlich ihrem längst ordnungsmäßig -aufgesetzten Testament jene Nachschrift angefügt, die Eva von Ostrieds -Zukunft sicher stellte. Einem ausdrücklichen Wunsch ihres verstorbenen -Gatten entsprach es, daß sie vor Ausführung jeden größeren Entschlusses -den Rat seines als treu und klug erprobten Jugendfreundes hörte.</p> - -<p>Bisher war sie seinem Wunsch stets gefolgt. Für die beabsichtigten -Stiftungen, denen, mangels Erbberechtigter,<span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[S. 33]</span> ihr großes Vermögen neben -reichen Legaten bestimmt war, hatte sie auch eines klugen, juristischen -Beistandes bedurft. Nun hieß es ein Teilchen von dem bereits Verfügten -abzustreichen und diesem neuen Zweck zuzuführen. Der Gedanke an ein -Hinausschieben wollte sie unruhig machen. Die Gewöhnung an klares, -ruhiges Ueberlegen siegte jedoch.</p> - -<p>Schließlich kam es auf ein paar Tage des Wartens dabei nicht an.</p> - -<p>Sie war damit beschäftigt, den Gaben, die Eva von Ostried morgen -erfreuen sollten, ein möglichst festliches Aussehen zu verleihen, als -die alte Pauline, die bereits der jungen Frau Assessor Melchers treu -gedient hatte, hereinkam und den Besuch eines fremden Herrn meldete. -Es war kaum zehn Uhr vormittags. Die Stunde dafür also ungewöhnlich. -Deshalb ließ ihn die Präsidentin nicht eher hereinbitten, bis er sein -Anliegen genannt hatte.</p> - -<p>Das war in kurzen Worten geschehen.</p> - -<p>„Er käme wegen unserm Fräulein,“ berichtete Pauline und die anfängliche -Mißbilligung war aus ihrem Gesicht verschwunden.</p> - -<p>Der bald darauf Eintretende war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren. -Seine breitschultrige Gestalt zeigte die Kraft und Frische eines -Menschen, der einem gesunden Beruf nachgeht. Sein Gesicht war tief -gebräunt. Unter den buschigen Brauen blickten die Augen treu und -klar. Er gefiel der Präsidentin, noch ehe sie ihn angehört hatte. Das -anfängliche Unbehagen, es könne sich um einen der vielen heimlichen -Verehrer ihres schönen Schützlings handeln, wandelte sich in eine -Art behaglicher Neugier. Von diesem ehrenhaft Wirkenden konnte ihrem -Liebling unmög<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[S. 34]</span>lich eine Gefahr drohen. Als er seinen Namen nannte, -streckte sie ihm herzlich die Rechte entgegen.</p> - -<p>„Amtsrat Wullenweber aus Hohen-Klitzig, Regierungsbezirk Köslin, -Hinterpommern,“ wiederholte sie mit einem warmen Lächeln. „Also – -Eva von Ostrieds Vormund! Wie es mich freut, Sie persönlich kennen -zu lernen. Unser Briefwechsel war damals kurz und gestaltete sich -unerfreulich, nicht wahr?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte er, „ich bildete mir fest ein, daß Sie, Frau Präsident, den -unglücklichen Gedanken meines Mündels kräftig unterstützten.“</p> - -<p>„Warum bezeichnen Sie ihn als unglücklich, Herr Amtsrat?“</p> - -<p>„Das läßt sich nicht in ein paar Worten sagen.“</p> - -<p>„Soll dies heißen, daß die Zeit zu einer richtiggehenden, sogar für -eine Frau begreiflichen Erklärung, Ihnen auch heute fehlt?“</p> - -<p>„Zeit hätte ich schon, Frau Präsident. Mein Zug geht erst in vier -Stunden. Mein Hauptgeschäft, der Ankauf einer landwirtschaftlichen -Maschine, ist bestens besorgt.“</p> - -<p>„Ach,“ machte sie enttäuscht, „und ich dachte, daß Sie zu mir kämen, -weil doch morgen Eva von Ostried selbständig wird.“</p> - -<p>Er lächelte. Das gab seinem ernsten, stillen Gesicht etwas unendlich -Gutes und Liebenswertes.</p> - -<p>„Ich glaube, Sie unterschätzen die Sorgen und Lasten des Landmannes -in dieser jetzigen, bösen Zeit, Frau Präsident. Sobald er den -Rücken wendet, geschieht bestimmt eine Dummheit. Ich will mich also -nicht als Einer hinstellen, der allein von der Verantwortung seiner -Vormund<span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[S. 35]</span>schaft getrieben wird. Wenn schon ich nicht verhehlen kann, daß -mir Eva von Ostried viel Sorge gemacht hat.“</p> - -<p>„Lieber Herr Amtsrat, das Schicksal teile ich mit Ihnen! Wer sie lieb -hat, wird ewig mit einer gewissen Unruhe im Herzen ihrer Entwicklung -zusehen.“</p> - -<p>„Eigentlich lieb ist sie mir nie gewesen,“ gestand der Amtsrat -freimütig ein, „dazu hatte sie zu viel von ihrem Vater.“</p> - -<p>Ein verstehendes Lächeln erschien auf dem Frauenantlitz.</p> - -<p>„Dann haben Sie ihrer Mutter sicher sehr nahe gestanden.“</p> - -<p>„Woher wissen Sie das, Frau Präsident?“ Er sah sie erstaunt und -unsicher an.</p> - -<p>„Ich ahne es mit dem Gefühl der reifen Frau. – Der Vater war -augenscheinlich niemals Ihr wahrer Freund. Die Tochter steht Ihrem -Herzen nicht sonderlich nahe und dennoch wehrten Sie sich mit einem -fast leidenschaftlichen Grimm gegen die Fortsetzung ihrer einst vom -Vater gebilligten musikalischen Ausbildung, nachdem der berühmte Gönner -tot war. Da muß also entweder das höchste Gefühl von Verantwortung -und dieses haben Sie mir ja soeben abgestritten – oder das, einer -geliebten Verstorbenen gegebene Versprechen zugrunde liegen.“</p> - -<p>„So ist es wirklich. Evas Mutter war die beste und edelste Frau!“</p> - -<p>„Sie sind unvermählt geblieben, Herr Amtsrat?“ Er nickte wehmütig.</p> - -<p>„Ein paar mal habe ich später aus dieser Einsamkeit herauswollen und -es doch nie über kläglich gescheiterte Versuche gebracht. Das heißt: -verstehen Sie mich nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[S. 36]</span> falsch. Der andere Teil merkte nichts davon. -Nur mit mir allein brachte ich die Geschichte in Ordnung. Das genügte. -– Ich konnte Evas Mutter nicht vergessen.“</p> - -<p>„Verzeihen Sie, wenn ich forsche. Unzartheit ist es nicht. Wie konnte -es kommen, daß Sie sich nicht – war selbst anfangs keine Gegenliebe -vorhanden – von so viel Tiefe und Treue rühren ließen?“</p> - -<p>Sein grauer Kopf neigte sich auf die Brust.</p> - -<p>„Als ich sie kennen lernte, gehörte sie schon dem Andern. Und ich -war sein Freund und nächster Nachbar. Wissen Sie.. kein Freund, wie -Sie und auch ich jetzt, ihn verlangen. Dazu waren wir Beide viel zu -verschieden. Ich eines schlichten Vaters vierter und jüngster Junge, -zur strengsten Arbeit und Pflichterfüllung seit den ersten Hosen an, -erzogen – er, der Einzige des schönen, flotten und leichtsinnigen -Majoratsherrn auf Waldesruh. Springt man aber jahrelang zusammen barfuß -über die Stoppeln, lauert im Erlenbusch auf die nistende Rohrdommel -oder Nachtigall, weil irgend ein Landbezopftes dem dummen Jungen den -Kopf verdreht hat – na, dann macht sich so was von selbst. Mein -Vater hat zudem dem flotten alten Herrn auf Waldesruh des öfteren -ausgeholfen, ohne sonderlich streng auf die Zinsen zu sehen. So kams, -daß er, der sonst reichlich hochmütig sein konnte, auch mich als -Spielgefährten seines Sohnes gnädig duldete. Meine Brüder sind in -andern Provinzen untergekrochen. Bis auf einen, der sich glücklich -bis zum Major durchgehungert hat und, nachdem ihm ein Jagdunglück, -das kriegerische Handwerk gelegt, hier in Berlin mit seinen beiden -Kindern kein beneidenswertes Dasein hatte. Die Landwirte saßen<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[S. 37]</span> auf -guten, kleinen Höfen, die Mann, Weib und Kind ernähren. Sie sind schon -verstorben. – Ich kam durch das Erbteil einer Muhme in die Lage, die -väterliche Domäne zu übernehmen, nachdem mein alter Herr sich zum -Sterben hingelegt hatte. – Ein Jahr später schoß sich der schöne, -tolle, leichtsinnige Vater Ostried eine Kugel durch den Kopf. Sein -Sohn, der bei den Pasewalker Kürassieren stand, mußte die Uniform -ausziehen. Das verlangte eine Familienbestimmung. Er tat es ungern, -wenngleich er sich trotzdem so viel Vergnügen, wie nur irgend möglich, -bereitete. Kaum war das Trauerjahr zu Ende, jagte ein Fest das andere. -Der Acker kam dabei natürlich nicht zu seinem Recht. Aber, ich merke -schon, ich erzähle zu langatmig, Frau Präsident.“ Sie wehrte ab.</p> - -<p>„Mich interessiert auch das Kleinste in Ihrer Geschichte, Herr Amtsrat. -Und Zeit haben wir reichlich. Der Blick, den Sie soeben nach der Tür -warfen, soll wohl die Frage nach Eva von Ostried ausdrücken, nicht -wahr?“</p> - -<p>„Stimmt wieder. Sie ist doch noch bei Ihnen?“</p> - -<p>„Sonst wüßten Sie es längst anders. Sie besorgt jetzt nur allerhand für -ihren Geburtstag. Ich bin leider für körperliche Anstrengungen nicht -mehr tauglich. – Nachher hoffe ich, werden Sie sie noch bestimmt sehen -können.“</p> - -<p>Er wiegte bedächtig den Kopf hin und her.</p> - -<p>„Darauf lege ich keinen Wert, Frau Präsident. Ich würde ihr gegenüber -entweder gerührt – oder hilflos sein. Beides könnte den mangelnden -Respekt nicht bringen. – Nein, lassen Sie nur! Will es der Zufall, daß -sie kommt, so lange ich da bin, drücke ich mich natürlich nicht.“</p> - -<p>Sie verstand ihn wieder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[S. 38]</span></p> - -<p>„Und nun weiter,“ drängte sie.</p> - -<p>„Ja und zu einem dieser stolzen Feste kam denn auch eine vergrämt -aussehende Baronin mit ihrer Tochter. Mich hatte er auch geladen, und -– weiß Gott – wie es kam, ich erschien, obwohl ich zuvor dutzende -von Malen abgesagt hatte. – Bis dahin wußte ich nicht viel davon, -wie lieblich eine Frau sein kann. Denn die Langbezopften in unserm -Dorf hatten fast durchgängig Regennasen und derbe, rote Gesichter. Ich -war auch sonst keiner von den Redseligen. Aber an dem Tage konnte ich -überhaupt keinen Ton rausbringen. Nicht mal einen Glückwunsch fand -ich zusammen, als mir mein Freund – Hasso von Ostried – die mir -unirdisch schön erscheinende Tochter der alten Baronin als seine Braut -vorstellte. – Ich habe sie dann auch noch singen hören. Mein Gott – -zu Musik hat bei uns nie die Zeit gereicht. Darum wußte ich vorher -nichts von ihrem Zauber. Er hat alles in mir wach und groß gerüttelt. -Aber es durfte doch nicht leben. Als ich lange nach Mitternacht -heimgestolpert bin, wußte ich, daß ich Hasso von Ostrieds Braut liebte -– und wollte nie, nie wieder in sein Haus. Ihr nie – nie wieder -begegnen. Und bin nachher doch, ganz freiwillig, hingegangen, weil ich -wußte, daß sie bald Einen nötig hatte, der es treu und gut mit ihr -meinte. Auf den sie unbedingt zählen konnte, wenn das unbarmherzige -Kreuz für ihre schwachen Schultern zu schwer würde. – Denn er, der -von Gottes- und Rechtswegen dazu bestimmt gewesen, kümmerte sich bloß -die ersten Jahre um sie. Nachher war anderes genug da. – Die Jagd -– schöne Gäule – auch ein paar Frauen, die seiner nicht das Wasser -reichen konnten. Auch wollte er es nicht verwinden, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[S. 39]</span> das endlich -geborene Kind ein Mädchen war und keinen Bruder bekam. – Sie – Evas -Mutter – wurde blasser und elender von Jahr zu Jahr. Er hat gelacht, -wenn ihn einer warnend darauf hinwies. Ihre Tröster waren die Musik -und – ich! Das hat sie mir gestanden – drei Tage vor ihrem Tode, der -ganz leise und sanft gewesen sein muß, denn Niemand im Schloß hat etwas -früher davon gemerkt, als bis alles vorüber gewesen ist.“</p> - -<p>„Und sie hat nicht gewollt, daß Eva, wenn sich die schöne Begabung auf -sie übertrüge, sie jemals öffentlich ausübe,“ fragte die Präsidentin, -als er einen Augenblick schwieg.</p> - -<p>„Sie hat mein Versprechen mit ins Grab genommen, Frau Präsident.“</p> - -<p>„Darf ich wissen, worin dies bestand, Herr Amtsrat?“</p> - -<p>„Das ist ja die Hauptsache, damit Sie mich und meine damalige -Schroffheit endlich verstehen. Sie müssen wissen, daß sie sich niemals -zu mir über ihren Mann beklagt hat. Darum hat mich dies Letzte auch so -erschüttert. Für sich und ihre Schönheit wollte sie nichts. Jahraus -– jahrein ging sie in einem weißen Kleide und ich glaube nicht, daß -sie etwas anderes anzuziehen hatte. Manch einer riß seine Witze drüber -und hat gemeint, sie spare heimlich, um dem teuren Gatten alle Jahr -ein paar Flaschen echten Sekt zu schenken, von dem die Buddel damals -schon 30 Mark gekostet hat. Ich als Einziger habe die Wahrheit erfahren -dürfen. Ganz zuletzt – wie schon gesagt. Ich will Ihnen ihre Worte -wiederholen. „Sie sollen über meiner Tochter wachen,“ hat sie gebeten -und als ich leise auf Evas Vater hinweisen mußte, nur geflüstert: „Sie -wird ihm bald genug eine Last sein, denn er ist noch jung und will viel -vom<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[S. 40]</span> Leben. Die Ostriedschen Familiengesetze verlangen aber, daß den -unmündigen Töchtern bei einer zweiten Eheschließung ein Vormund gesetzt -werde. In gewisser Weise hängt er an ihr,“ hat sie dann weiter gesagt, -„denn sie wird einst sehr, sehr schön sein. Das macht ihn stolz. Sonst -aber – innerlich – empfindet er dauernd ein Unbehagen, Eva und er -gleichen einander zu sehr. Sie ist eitel und egoistisch wie er – schon -jetzt – und..“ Hier hat sie ihr Gesicht in den Händen verborgen, als -schäme sie sich ihrer Geständnisse, „ich glaube beinahe, käme sie nicht -in sehr feste, treue Hände, daß auch sie es mit den Begriffen der Ehre -nicht so ganz genau nähme. Darum – solange Sie Gewalt über sie haben, -erlauben Sie nicht, daß sie das Talent, das ich ihr vererben mußte, -– die Stimme, deren Schönheit sich meinem Ohr längst angekündet hat, -zum Beruf ausbildet. Er würde ihr zum Unsegen werden. – Ich selbst -dachte niemals an etwas derartiges. Schon der Gedanke, mich öffentlich -zeigen zu sollen, mich von jedem bewundern und anstarren zu lassen – -machte mir Schmerzen. – Entwickelt sie sich aber weiter zur Tochter -ihres Vaters, wird sie gerade dies glühend ersehnen..“ Ja, so hat sie -gesprochen, Frau Präsident. Zuletzt händigte sie mir noch ein Päckchen -ein, das ich ihrer Tochter bei deren Volljährigkeit übergeben müsse. -Es waren fünfhundert Mark. Wieviel Entbehrungen mochten daran hängen? -Bedenken Sie, aus der Hauswirtschaft nahm sie keinen Pfennig ein. Was -der Garten abwarf, bekam der Schloßherr gleich auf den Schreibtisch -– wenn die Kaufleute die Erzeugnisse nicht schon zuvor für längst -gelieferte Waren mit Beschlag belegt hatten. Einzig hundert Mark -im Jahr<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[S. 41]</span> erhielt sie aus einer Stiftung vonseiten der verstorbenen -Mutter her. Davon also hat sie dies zusammengerafft. – Ich hab’s gut -angelegt und hier ist es. Es sind tausend Mark draus geworden. Nicht -viel.. Ich habe mir erzählen lassen, daß nach ihrem Tode der Witwer -einer schönen Schauspielerin einen einzigen Mantel für das Dreifache -gekauft habe. – Aber, es ist doch viel mehr wert wie Millionen. Das -Herz dieser seltenen, tapferen Frau hängt daran. Wollen Sie das alles -ihrer Tochter erzählen? – Ich kann’s nicht so. Ich würde wieder und -wieder denken müssen.. das ist Hasso Ostrieds Tochter.. und würde das -Bild vor mir sehen, das ich oft in Wirklichkeit hatte. Obschon der -zwei Jahre nach ihrem Tod von dem Ostriedschen Kuratorium zwangsweise -eingesetzte Verwalter des Majorats ihnen später jeden Kohlkopf und -Groschen zugezählt hat und die Eva mit ihren siebzehn Jahren auch -nicht mehr gänzlich blind und taub durch die Tage ging – hat sie die -Feste, die er – wer weiß – aus welchen Mitteln, schließlich wieder -veranstaltete, mitgemacht – sich allerlei bunte Fähnchen gekauft und -mitgelacht..“</p> - -<p>„Vergessen Sie ihre Jugend nicht, Herr Amtsrat.“</p> - -<p>„Ihre Mutter ist auch jung gewesen und schön wie ein Engel und rein und -hochbegabt,“ murrte er.</p> - -<p>„Vielleicht auch glücklich. – Wissen Sie denn, Herr Amtsrat, ob es ihr -nicht ein tiefes großes Glücksempfinden brachte, daß Sie ihr ergeben -waren?“</p> - -<p>„Daran habe ich niemals gedacht.“</p> - -<p>„Und es liegt doch so nahe! Ich denke mir, daß sie Ihre feine, starke -Liebe immer fühlte und das unbegrenzte Vertrauen zu Ihnen faßte, weil -Sie sich im Zaum hielten. Eine<span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[S. 42]</span> Frau geht nicht dauernd an tiefstem -Mannesempfinden vorbei. Vielleicht wäre sie sonst unter ihrer Last -zusammengebrochen.“</p> - -<p>Er saß ganz still. Seine breiten, sonnverbrannten Hände lagen schwer -auf den Knien.</p> - -<p>„Wenn es wahr wäre,“ sagte er ein paarmal vor sich hin, „das wäre -schön.“</p> - -<p>„Es ist wahr,“ bekräftigte die Präsidentin. „Wie stellte sich übrigens -Evas Vater später zu Ihnen?“</p> - -<p>„Er war auffallend kurz und unfreundlich, wenn wir uns zufällig an den -Grenzen trafen. Sein Haus betrat ich nicht wieder.“</p> - -<p>„Merken Sie jetzt, daß ich im Recht bin? Obgleich er die Tote nicht mit -wirklicher Treue liebte, war seiner Eitelkeit der Gedanke, daß Sie ihr -mehr, als er, bedeutet hatten, unerträglich.“</p> - -<p>„Er bestimmte sogar in einem hinterlassenen Brief ausdrücklich einen -andern Vormund, wie mich, im Falle ich ihn überleben sollte, und seine -Tochter zu diesem Zeitpunkt noch unmündig wäre. Dabei war er von dem -Wunsch der Toten genau unterrichtet.“</p> - -<p>„Wie kam es also, daß Sie es dennoch geworden sind?“</p> - -<p>„Nun, er war im Laufe der Jahre den Herren vom Gericht bekannt -geworden. Seine zahlreichen Gläubiger wurden durch seine -Gleichgültigkeit stets gezwungen, sich letzten Endes an die große -Stelle für das öffentliche Recht zu wenden. Auch war sein Leumund -schlechter geworden, seitdem er allein mit der Tochter lebte. Derjenige -aber, den er als Vormund für seine Eva vorgeschlagen hatte, war genau -so ein leichtsinniger, loser Vogel wie er selbst.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[S. 43]</span></p> - -<p>„An seinen verhältnismäßig frühen Tod muß er doch gedacht haben. Wie -wäre sonst jener Brief zustande gekommen?“</p> - -<p>„Ein toller Ritt nach durchzechter Nacht brachte ihm die schwere -Lungenentzündung, an deren Folgen er nach ein paar Wochen auch -gestorben ist. Seine Natur hat sich erstaunlich lange gegen den -Sensenmann gewehrt. In dieser Zeit der Langenweile und vielleicht auch -der Nachdenklichkeit ist das erwähnte Schriftstück, das sonst keinerlei -Wichtiges enthält, entstanden.“</p> - -<p>„War er eigentlich mit dem Entschluß seiner Tochter und dem -hochherzigen Anerbieten seines Freundes, des bekannten Königlichen -Kammersängers, sofort einverstanden? Evas Ansicht, die dies lebhaft -bejaht, ist mir in dieser Beziehung nicht maßgebend?“</p> - -<p>„Doch, ich glaube es auch! Das Messer saß ihm an der Kehle. Allmählich -sahen auch die Gläubigsten unter seinen Kreditgebern, daß das -Kuratorium ihn unerbittlich beschränkte. Sie zogen sich mehr und mehr -von ihm zurück, um zu den alten Dummheiten keine neuen anzufügen. Denn -er hatte etwas bestrickend Liebenswürdiges, das auch die Vernünftigsten -oft genug blendete. – An mich hat er sich niemals gewandt. Und das ist -das Einzige, was ich ihm hoch anrechne. – Er kannte die ungeheuren -Einnahmen des Kammersängers, der, gleich ihm aus einer altadligen -Familie stammte, und mag wohl – bestimmt durch die glanzvolle Aussicht -für die Tochter, durch welche sich auch seine Lage endlich wieder -heben mußte, die erbetene Erlaubnis zu ihrer Uebersiedlung nach Berlin -bereitwilligst gegeben haben. Eva soll dort übrigens ganz zur Familie<span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[S. 44]</span> -gehört haben. Die Gattin des Künstlers wurde mir seiner Zeit als gute -Hausfrau gerühmt. – Davon werden Sie natürlich mehr wissen, wie ich?“</p> - -<p>„Eva ist damals ganz in ihrer Kunst aufgegangen und hat sich scheinbar -um die ihr reichlich prosaisch dünkende Frau des Gönners wenig -gekümmert. Jedenfalls hat der Umstand, daß die nach dem Tode ihres -Mannes sofort den Haushalt auflöste und – ohne Rücksicht auf Eva – -nach München übersiedelte und sich niemals seitdem durch eine Zeile -nach ihr erkundigt hat, zur Genüge bewiesen, wie lose das Band eines -Zusammenhaltes zwischen ihnen gewesen ist..“</p> - -<p>„Alles in allem wird Eva von Ostried aber inzwischen eingesehen haben, -daß ich es gut mit ihr gemeint habe?“</p> - -<p>„Leider kann ich das nicht bejahen!“</p> - -<p>„Ich nahm die Tatsache, daß sie keinen weiteren Versuch zu meiner -Umstimmung machte, für weise Einsicht an.“</p> - -<p>„Wie wenig kennen Sie die Tochter Ihrer geliebten Toten! Ihr Schweigen -hatte einen andern Grund. Ich machte ihr klar, daß ich Ihnen keine -schnelle Aenderung einmal gefaßter Ansichten zutraue und vertröstete -sie auf die Zukunft. Da war sie klug genug, sich einstweilen zu -bescheiden.“</p> - -<p>„Danach scheinen Sie also ihre Wünsche zu unterstützen, Frau Präsident? -Das ist mir nach dem starken Eindruck, den ich von Ihnen empfing, -unbegreiflich.“</p> - -<p>„Auch Sie wären andern Sinnes geworden, hätten Sie sich, gleich mir, -von dem Ernst ihrer Bestrebungen, überzeugen müssen. Und nun gar die -eigene Mutter. Ich habe kein Kind besessen. Und doch fühle ich, daß -eine Jede<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[S. 45]</span> von uns zurücktreten kann und auch will, wird sie inne, daß -sie der wahren Befriedigung des Kindes hinderlich ist.“</p> - -<p>„Darin sollen Sie Recht behalten. Frau von Ostried war wohl eine -scheue, stille Frau für sich selbst. Hätte sie aber einsehen müssen, -daß die Tochter schwer unter der Versagung ihrer Erlaubnis litt, wäre -sie fraglos nachgiebig geworden.“</p> - -<p>„Nun begreife ich Sie immer weniger.“</p> - -<p>„Das ist auch schwer für Sie. Wir leben in zu verschiedenen -Verhältnissen. Für Sie ist die Grenze, die ich als Horizont achte, -nur ein Scheinbegriff geblieben, hinter dem sich die Unendlichkeit -ausdehnt. Und Wachstum gibt es in Ihrem Leben auch wohl ohne Segen -und Regen. Ich sah nur mein ganzes Leben hindurch klare Luft, den -Horizont und die Entwicklung jeglichen Dinges durch Sonne und Regen... -Einmal bin ich im Theater gewesen und danach nie wieder. Es hat mich -abgestoßen. Lachen Sie ruhig darüber. Eine Frau stand auf der Bühne und -hat alles das vor fremden Ohren preisgegeben, was sie sonst schamhaft -mit sich allein abmacht. – Mir kam sie dadurch wie entkleidet vor. – -Dies Gefühl hat mir die Richtschnur gegeben. Schön und gut! Es mag viel -Kunst dabei sein können. Das verstehe ich nicht. Viel Unwahrhaftigkeit -und Uebertreibung aber auch. Dazu kommt, daß in der Familie meines -einzig noch lebenden Bruders eine Tochter, die viel Hang zur Musik und -zur Künstlerschaft hatte, verloren gegangen ist. Es ist mir sehr nahe -gegangen. Die Kinder meiner andern Brüder, von denen ich Ihnen auch -sagte, sind frühzeitig gestorben. Nun habe ich nur noch einen Neffen, -mit dem ich nie recht warm werden konnte.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[S. 46]</span></p> - -<p>Daß ein Mann, der das Leben mit all seinen Härten, Entsagungen und -Verlockungen kannte, ein öffentliches Auftreten von dieser Warte -beurteilte, rührte die Präsidentin. Freilich mochte es reichlich -unmodern sein – ja, in den Augen der Meisten wohl gar lächerlich -wirken. Ihr zeigte es den hohen, sittlichen Wert dieses Mannes, dessen -unbewußte, kinderreine Keuschheit sich gegen Schaustellungen der -Gefühle heftig sträubten.</p> - -<p>„Was hätte ich dagegen tun wollen,“ sagte sie nach einer Weile des -Schweigens. „Es wurzelt zu tief bei ihr. Ich hätte sie ganz verloren. -Nun darf ich sie wenigstens noch eine Zeitlang behalten.“</p> - -<p>„Sie besitzt aber nichts, als das Geld, das ich vorher in Ihre Hand -gelegt habe, Frau Präsident, und ich habe mir erzählen lassen, wie -hoch die Kosten einer gründlichen Ausbildung sind. Damit sollen aber -die Ausgaben noch nicht aufhören. Eine erhebliche Summe, sozusagen -als Daseinssicherheit, muß außerdem vorhanden sein. Mal gibt’s keine -Einnahmen. Mal kosten die Kleider mehr, wie das gesamte Spielhonorar -beträgt..“ Sie mußte unwillkürlich über seinen Eifer, hinter dem sich -ein Stückchen Triumph barg, lächeln.</p> - -<p>„Ich bin reich,“ gestand sie endlich. „Sehr reich sogar und habe für -niemand leiblich Verwandtes zu sorgen. Das hat mir oft bitter weh -getan. Ich meinte, die gnädige Vorsehung schickte mir Eva von Ostried -als Ausgleich für mancherlei Entbehrtes. Nun, Enttäuschungen kamen -auch hinterher. In gewissem Sinne ähnelt sie bestimmt dem Vater, wie -Sie ihn mir schilderten. Wenn auch alles liebenswerter und weicher in -ihr gestaltet ist. Ich konnte gar<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[S. 47]</span> nicht anders handeln, als ich es -schließlich getan habe. Mit dem Augenblick, in dem ich sie in mein Haus -aufnahm, gab ich mir das Versprechen, für sie zu sorgen. – Im April -nächsten Jahres etwa wird sie wieder ernsthaft ihre Studien aufnehmen. -Die Mittel bis zum Schluß und ein rundes Kapital für die von Ihnen -erwähnten Dinge, soll sie von mir erhalten. Ich bringe das in den -nächsten Tagen in Ordnung.“</p> - -<p>„Dann habe ich das Meiste umsonst geredet, Frau Präsident.“</p> - -<p>„Glauben Sie das nicht, Herr Amtsrat. Ich gebe alles in passender -Stunde an Eva weiter. Es wird Wurzel schlagen. Mit Strenge ist nicht -viel bei ihr zu wirken. Regt sich aber der gute Kern – spricht die -Dankbarkeit und besonders das Erbe ihrer Mutter – eine große Reinheit -in Empfindung und Anschauung – dann kann sie erstaunlich fügsam und -weich sein. Die durch die Wiedergabe Ihrer Worte von neuem geweckte -Erinnerung an ihre tote Mutter wird ihr zum Schutz werden.“</p> - -<p>„Sie wird das bißchen Erlernte von der Musik gründlich vergessen -haben,“ wandte der Amtsrat ein. „Drei Jahre ist sie nun bei Ihnen.“</p> - -<p>„Und Sie meinen wirklich, daß ich in dieser Zeit das Erreichte nicht -wenigstens erhalten hätte? So kurzsichtig und engherzig war ich nicht. -Ich habe ihr einen bedeutenden Lehrer gehalten und wenn ich auch keine -zeitraubenden Uebungsstunden gestattete – eben weil sie sich an -die Erfüllung bestimmter Pflichten gewöhnen sollte – dies Ende zur -Rückkehr sah ich stets voraus. Es waren also auch in dieser Beziehung -keine verlorenen Jahre.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[S. 48]</span></p> - -<p>„Die kommenden Zeiten werden unruhig für Sie werden, Frau Präsident. -Und eine Stütze dürften Sie im Alter kaum an ihr haben.“</p> - -<p>„Ich glaube auch nicht, daß ich ihrer bedarf, lieber Herr Amtsrat. Ich -entstamme einer kurzlebigen Familie. Eigentlich halte ich mich schon -länger, als es mir vor ungefähr zehn Jahren ein besonders barscher -Arzt bemessen hat. Ich bin auch jederzeit bereit. Nur vorher will ich -noch, etwa im ersten Frühlingsgrün des nächsten Jahres, eine liebe -Jugendbekannte in ihrem Heimatsstädtchen aufsuchen. Immer wieder habe -ich das hinausgeschoben. Jetzt bin ich fest dazu entschlossen. Und -wissen Sie, wen ich bei dieser Gelegenheit noch besuchen möchte? Dieser -Gedanke ist ganz neu.. Einen guten, treuen Menschen, welcher der beste -und zuverlässigste Freund gewesen ist. Seine Scholle liegt meinem Wege -überaus günstig. Wenn ich richtig schätze, kaum eine Bahnstunde von der -pommerschen Seestadt entfernt, in welcher meine Bekannte lebt. Wollen -Sie seinen Namen wissen? Er heißt Amtsrat Wullenweber und wird hiermit -feierlich angefragt, ob er mich wohl auf einen Tag haben mag?“</p> - -<p>Er strahlte, sie aus seinen treuen, blauen Augen ehrlich erfreut an.</p> - -<p>„Ob ich mag, Frau Präsident! Ich will alles vom Boden bis zum Keller -putzen lassen und meine alte Klidderten soll mal zeigen, was eine -richtige, gute hinterpommersche Wirtschafterin leisten kann.“</p> - -<p>„Um Gotteswillen,“ lachte sie fröhlich, „das wird bestimmt unmöglich -gemacht. Eines Tages trete ich, ohne vorherige Anmeldung, mit einem -kleinen Reisetäschlein, bei<span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[S. 49]</span> Ihnen an und werde dankbar sein, wenn -Sie mir einen Platz an Ihrem Tisch und höchstens noch ein Gericht -Dabersche Kartoffeln mit fetter Buttermilch gönnen. Denn Sie müssen -wissen, daß meines lieben Mannes erste Richterstelle in Köslin war, das -ebenfalls im Regierungsbezirk Köslin liegt. Darüber sind freilich schon -einige dreißig Jahre vergangen. Auch haben wir damals weder Zeit noch -Lust gehabt auf den benachbarten Gütern Bekanntschaften anzuknüpfen. -Meines Mannes Dezernat war sehr umfangreich. Ein Anwalt, der ihm die -zahlreichen Verträge und Testamente abgenommen hätte, wollte sich aus -Furcht, kein genügendes Auskommen zu finden, nicht niederlassen.“</p> - -<p>„Und jetzt sitzen dort längst ihrer zwei, die in guter Freundschaft -miteinander leben.“ –</p> - -<p>„Sie kennen das kleine, saubere Städtchen natürlich ganz genau?“</p> - -<p>„Versteht sich, Frau Präsident. So dick gesät sind ja die Nester bei -uns da hinten bekanntlich nicht. Mit meinen jungen Schimmeln schaffe -ich die Geschichte in knappen drei Stunden.“</p> - -<p>„Wie seltsam spielt die Vorsehung. Ich bin geneigt, dies alles als -etwas anzusehen, das Eva von Ostried zum Nutzen und Frommen werden muß. -Vielleicht lernen Sie sie bald näher kennen und gewinnen sie im Laufe -der Zeit ebenso lieb, wie ich es tue.“</p> - -<p>„Daran würde ihr kaum etwas gelegen sein. Ich habe herausgefühlt, -daß ihr Vater über mich in einem Ton gesprochen haben muß, der weder -Vertrauen noch Hochachtung säen konnte.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[S. 50]</span></p> - -<p>„Und dennoch bitte ich Sie in dieser Stunde von ganzem Herzen, unser -Sorgenkind nicht aus den Augen zu lassen, wenn sich die Prophezeiung -jenes Arztes einmal überraschend schnell an mir vollziehen sollte.“</p> - -<p>„Sie werden gemerkt haben, daß ich ein schwerfälliger Mensch bin, Frau -Präsident.“</p> - -<p>„Einer, hinter dessen schlichtem Wort jedenfalls die Tat steht, Herr -Amtsrat.“</p> - -<p>„Aber auch ein Weltfremder und Ungeschickter.“</p> - -<p>„Sie zögern also?“</p> - -<p>„Wenn Weg und Ziel im Dunst liegen, geht die Fahrt gewöhnlich schief. -Ich wüßte nicht, womit ich ihr helfen könnte.“</p> - -<p>„Das ist mir vorläufig gleichfalls verborgen. Es kann aber sehr wohl -kommen, daß sie durch irgend welche Ereignisse hilflos wird. Ich will -morgen auch diesen Fall mit ihr besprechen. Sie soll sich an Sie -wenden, wenn sie allein nicht mehr weiter kann.“</p> - -<p>„Tut sie das, Frau Präsident, will ich ihr nach bestem Wissen raten und -helfen. Darauf mein Wort.“</p> - -<p>„Das genügt mir. Ich danke Ihnen innig, Herr Amtsrat, und jetzt lassen -Sie uns ein Glas jenes alten schweren Weines zusammen trinken, dessen -letzte Flasche seit einem viertel Jahrhundert auf einen würdigen -Augenblick im Keller wartet.“</p> - -<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_050_tb"> - <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" /> -</div> - -<p>Hell war auch der neue Tag und voll goldenen Lichtes. Eva von Ostried -stand unter einem besonders gesegneten Apfelbaum. Ein Stückchen blauen -Himmels und die be<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[S. 51]</span>grenzte Ferne drängte sich durch das Gewirr der -Zweige und Früchte. Stolze Träume schoben ihr jedes Hindernis fort. -Sie fühlte sich frei wie nie zuvor, trotzdem ihr nichts geschehen war, -als daß sich heute ihr einundzwanzigstes Lebensjahr vollendete. Der -kommenden, ernsten Arbeit gedachte sie freilich auch. Mehr aber des -andern, nach dem sie sich unaussprechlich sehnte.</p> - -<p>Reich – angebetet – beneidet zu werden, war ihr Streben. Von jeher -haßte sie dies Einschränken und Sorgenmüssen. Der Traum ungezählter -Tage, das bewußte und unbewußte Sehnen nächtlicher Träume, gilt dem -Glanz einer sorglos heiteren Zukunft. Erst, nach dem großherzigen -Versprechen der Präsidentin erkannte sie schaudernd, daß ihr Leben -verfehlt und zerbrochen gewesen wäre, hätte die gütige Frau ihre -Zukunftswege nicht zu ebnen versprochen.</p> - -<p>Bei dem bloßen Gedanken an diese Möglichkeit schüttelte sie wiederum -ein Grauen. Vielleicht hätte sie dann, gezwungen von ihrer Sehnsucht, -den Versuch gemacht, um jeden Preis die fehlenden Mittel selbst zu -beschaffen. So aber war es schöner und bequemer!</p> - -<p>Sie nickte der Sonne zu und jauchzte hell auf – streckte die Arme und -griff spielerisch nach den blendenden Kreisen.</p> - -<p>„Der Ruhm soll mir beide Hände mit Gold füllen.“</p> - -<p>Von der Veranda her ertönte ihr Name. Ungeduldig winkte ihr die -Präsidentin.</p> - -<p>„Wo bleiben Sie, Eva?“</p> - -<p>Da flogen die Träume von dannen. Was aber blieb, war noch köstlich -genug. Gaben – Freundlichkeit – und Ermahnungen. Auch diese! Eva -von Ostried hörte schein<span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[S. 52]</span>bar aufmerksam zu, als ihr Frau Melchers vom -alten Amtsrat Wullenweber und allem, was zwischen ihnen gesprochen war, -sagte. Im Stillen dachte sie:</p> - -<p>„Ehe ich mich jemals an den engherzigen, mürrischen Nachbar wende, -würde ich lieber hungern.“</p> - -<p>Daß dies Schreckliche in Wahrheit eintreten könnte, erschien ihr -freilich undenkbar.</p> - -<p>Als sie das Erbe der Mutter empfing, mußte sie weinen.</p> - -<p>Es war ja so unendlich wenig. Ihr Vater hatte oft mehr als das -Dreifache in einer Nacht im Spiele verloren. Aber es rührte sie! Die -verblaßten Erinnerungen füllten sich mit lebendigen Farben. –</p> - -<p>Ihre feine, kleine, stille, zarte Mutter! – Wie sie Paul Karlsen in -der Dunkelheit des gemeinsamen Warteraums an sich gerissen, hatte sie -ihrer plötzlich gedenken müssen – sie um Hilfe anflehend. – Den -Vater hatte sie damals vergessen. Der war ja auch nur für die lustigen -Stunden dagewesen. – Sie hielt das Geld traumverloren fest und sah -unverwandt darauf nieder.</p> - -<p>„Was gedenken Sie damit zu beginnen, Eva,“ forschte die Präsidentin -neugierig. „Am besten tragen Sie es noch heute auf die Bank.“</p> - -<p>„Ich gebe es nicht fort,“ sagte Eva hastig. „In meinem Schmuckkasten, -der leider nichts birgt, als die kleine goldene Brosche von Ihnen, wird -es liegen und geduldig warten.“</p> - -<p>„Worauf denn, Kind?“</p> - -<p>„Daß ich es in etwas Wunderschönes umsetze. Ich weiß auch schon, worin. -Zum Beispiel einen Teil in den entzückenden Hut mit dem Reiher, von dem -uns neulich die<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[S. 53]</span> Verkäuferin sagte, daß ihn getrost eine regierende -Fürstin tragen könne.“</p> - -<p>„Dies mühsam abgedarbte Scherflein Ihrer guten Mutter wollten Sie so -hinwerfen, Eva?“</p> - -<p>„Schelten Sie nur! – Schön und verführerisch bleibt der Gedanke doch. -Da geht eine Prinzessin oder zum mindesten eine Millionärin, würden sie -sagen und sich nach mir umdrehen. Und würden vor Neid fast platzen. Und -ich lache mich halb tot und freue mich.“</p> - -<p>Da brach jene oft bekämpfte Verständnislosigkeit, die den eigentlichen -Wert des Geldes garnicht begriff, wieder durch. Scheinbar war sie -unbesiegbar. Die Präsidentin beschattete die Augen mit der Rechten. -Es war doch nicht möglich, daß sie ohne ihren alten Freund und -Rechtsbeistand die Bestimmung über Eva von Ostrieds zukünftiges Erbe -traf.</p> - -<p>Eva von Ostried hatte keinen Augenblick die Empfindung, etwas -Unrechtes ausgesprochen zu haben. Sie lief fröhlich der Post entgegen, -die soeben, nach dem langhallenden Klingelton, in den am Gitter -angebrachten Kasten hineingeschoben wurde. Bald darauf hielt die -Präsidentin einen an sie gerichteten Brief in der Hand. Die Schrift -auf dem Umschlag war ihr fremd. Ohne sonderliche Eile öffnete sie ihn. -Ihre häufig auch nach außen hin betätigte Herzenswärme brachte ihr -fast täglich die bittenden Jammerrufe Notleidender ins Haus. Als sie -die wenigen Zeilen überflogen hatte, erblaßte sie und sagte weich und -zärtlich:</p> - -<p>„Du sollst mich nicht vergeblich gerufen haben.“</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_053_ende"> - <img class="w100" src="images/i_053_ende.jpg" alt="Kapitel 2, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[S. 54]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_054_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_054_kopf.jpg" alt="Kapitel 3, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_3">3.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">S</span>olange Eva von Ostried im Hause der Präsidentin weilte, hatte sich -jene noch niemals von einer Aufregung sichtbar beherrschen lassen. -Zu allen Zeiten wußte sie das wohltuende Gleichmaß einer abgeklärten -Ruhe zu bewahren. Jetzt aber sprang sie mit den Zeichen einer großen -Erregung auf und ging hastig in dem blumengeschmückten Zimmer auf und -nieder. Dabei ließ sie den soeben empfangenen Brief keinen Augenblick -aus der Hand. Immer wieder überlas sie ihn und fuhr zuweilen sanft -darüber hin, als ob sie etwas Liebes streicheln wolle. Endlich blieb -sie vor Eva stehen.</p> - -<p>„Meine alte, liebe Jugendfreundin mußte mich erst rufen, ehe ich mich -zu ihr finde. Was hilft es, daß ich fest entschlossen war, diese Reise -anzutreten? Da steht, daß sie sich längst nach mir gesehnt hat und mich -nur nicht früher zu rufen wagte, weil sie Rücksicht auf mein Herzleiden -nehmen wollte. Wenn ich nun zu spät käme.“</p> - -<p>Ehe Eva etwas darauf erwidern konnte, las sie das Schreiben vor:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>„Wundere Dich nicht, meine liebe Hanna, daß ich mit Blei schreibe -und daß der Umschlag fremde Handzeichen – nämlich diejenigen einer -liebevollen Pflegerin – trägt. Es geht mir nicht gut. Ich hatte -vor einigen<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a><span class="s4">[S. 55]</span></span> Wochen den Fuß gebrochen und war seitdem zu strenger -Ruhe verurteilt. Alles schien einen günstigen Verlauf zu nehmen, -bis eine Lungenentzündung hinzutrat, die mir viel Schmerzen macht. -Zwar bin ich stets, wie Du weißt, ein harter Mensch gewesen, aber -man kann doch nichts voraussagen.</p> - -<p>Ich habe Sehnsucht nach Dir, Hanna, und würde mich innig freuen, -wenn Dir Deine Gesundheit endlich gestattete, zu mir zu kommen. In -diesem Fall telegraphiere ausführlich. Du wirst dann von meiner -Pflegerin, die nachmittags stets ein Stündchen spazieren gehen muß, -auf dem Bahnhof erwartet und in mein Haus geleitet werden.</p> - -<p>Deine alte treue</p> - -<p class="right mright2">Maria Wunsch.“</p> - -</div> - -<p>Dann sagte sie eilig und fest:</p> - -<p>„Bringen Sie mir sogleich das Kursbuch, Eva, und beauftragen Sie -Pauline, daß sie den kleinen Handkoffer herunterschafft. Das -weitere besprechen wir, sobald ich das Telegramm mit der genauen -Ankunftsbestimmung fertig habe.“</p> - -<p>Eva von Ostried legte die Hand bittend auf den Arm der Präsidentin.</p> - -<p>„Sie dürfen unmöglich reisen! Denken Sie daran, wie eindringlich -Geheimrat Schwemann vor jeder Anstrengung und Aufregung gewarnt hat. – -Wenn ich auch gelobe, daß Sie sich über keine meiner Vergeßlichkeiten -ärgern sollen – wenn ich selbst auf der Reise und während unseres -Aufenthalts sehr tüchtig und umsichtig sein will – so würde es doch zu -viel für Sie werden.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[S. 56]</span></p> - -<p>„Ich glaube, Sie haben mich mißverstanden, Eva. Ich denke diesmal -allein zu reisen. Sie werden daheim bleiben.“</p> - -<p>Das schöne, junge Gesicht wurde blaß vor Schreck.</p> - -<p>„Sind Sie unzufrieden mit mir? War ich auf der letzten Reise nicht -liebevoll und aufmerksam genug? O, ich fühle es. Die unglückliche -Theatergeschichte trägt die Schuld daran.“</p> - -<p>„Nein, mein Kind, die hat gar nichts mit meinem heutigen Entschluß zu -schaffen. Ich war voll zufrieden mit Ihnen. Die kleine Episode, mit der -mich allerdings betrübenden Heimlichkeit, kann nichts daran ändern. -Der Grund ist ein anderer. Das Heim meiner alten Freundin ist eng und -mehr als bescheiden. Nun bereits eine Pflegerin darin nächtigt und ich -mich demnächst auch noch dazu finde, würde für Sie kaum ein Plätzchen -bleiben. Und im Hotel? – Ja, dann hätte ich wiederum nicht viel von -Ihnen und meine gute, sorgsame Maria würde sich dauernd aufregen, weil -sie so beschränkt in der Ausübung ihrer Gastfreundschaft sein muß. Nein -– nein. Diese Unruhe müssen wir ihr ersparen. Erinnere ich mich recht, -habe ich unterwegs irgendwo einen längeren Aufenthalt. Das stelle ich -sogleich fest. – Jedenfalls Zeit genügend, Ihnen ein Kärtchen zu -schreiben, Aufzeichnungen, wie ich das auf jeder Reise zu tun liebe, zu -machen und beschaulich die verschiedenen Tageszeitungen zu lesen.“</p> - -<p>„Tun Sie es nicht! Ich flehe Sie an,“ bettelte Eva von Ostried.</p> - -<p>„Diesmal bleibe ich fest. Sparen Sie jedes Wort. Eine freudige -Sicherheit wie ich sie lange nicht mehr empfand,<span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[S. 57]</span> sagt mir, daß ich -recht handle. Geht es mir trotzdem schlecht – fühle ich mich ohne Ihre -kleinen Hilfeleistungen, an welche ich mich allerdings gewöhnt habe, zu -matt, werde ich Sie umgehend telegraphisch rufen. Das verspreche ich -Ihnen.“</p> - -<p>Noch einmal machte Eva den Versuch zur Umstimmung.</p> - -<p>„Wenn Sie mir nur erlauben, daß ich Sie bis zu Ihrem Ziel begleite. Ich -könnte sofort mit dem nächstmöglichen Zuge zurückreisen.“</p> - -<p>„Wie hilflos und hinfällig muß ich Ihnen erscheinen. Nein und zum -letzten Mal, nein, Eva. Sie bleiben hier, helfen der guten Pauline beim -Einlegen der Früchte – schreiben mir fleißig und singen und studieren -in der übrigen Zeit nach Herzenslust.“</p> - -<p>Da mußte Eva von Ostried sich fügen. Sie tat es langsam und -widerwillig. Als die Präsidentin sie noch einmal zurückrief, -hoffte sie auf eine Sinnesänderung. Es handelte sich aber um etwas -Nebensächliches, das nichts an dem Beschlossenen änderte.</p> - -<p>„Noch schnell etwas über mein Reisekleid,“ sagte die Präsidentin -frisch, „meine gute Maria liebte einst besonders ein schwarzes, -schlichtes Seidenkleid an mir, das ich seit Monaten nicht mehr trug, -weil es mir zu feierlich war. Sie finden es sorglich verpackt in -der zweiten Bodenkammer in dem alten Schrank. Streng modern ist es -natürlich längst nicht mehr. Gleichviel – ich will ihr die Freude -machen nach der langen Zeit darin unser Wiedersehen zu feiern. Sie wird -daran auch merken, wie treu ich selbst das Kleinste und Unwichtigste -aus unserm Verkehr im Gedächtnis bewahre.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[S. 58]</span></p> - -<p>Eva von Ostried wagte keine weiteren Einwendungen.</p> - -<p>Der ruhige, durchaus bestimmte Ton, in dem die Präsidentin gesprochen, -ließ sie erkennen, daß auf dem bisherigen Wege keine Sinnesänderung -zu erwarten stand. Ihr Herz klopfte in einer jäherwachten, ihr -selbst unbegreiflichen Angst. Vielleicht würde die alte Pauline mehr -ausrichten. – Die treue Dienerin schüttelte den Kopf, als Eva ihr in -hastigen Worten das Nötige mitteilte.</p> - -<p>„Sie hat es sich vorgenommen. Dagegen können wir nichts machen,“ meinte -sie bedrückt.</p> - -<p>„Versuchen Sie doch wenigstens ihr abzureden, Pauline,“ bat Eva von -Ostried eindringlich. „Wer so lange wie Sie mit ihr zusammen gewesen – -ihr gedient – sie umsorgt, und schließlich auch das Schwerste, den Tod -ihres Gatten mit durchgemacht hat, der muß verstehen, wirkungsvoller -als ich zu bitten.“</p> - -<p>Das faltige Gesicht senkte sich kummervoll.</p> - -<p>„Wie wenig kennen Sie unsere Frau Präsidentin noch, wenn Sie daran -glauben. Ja – käme es hierbei allein auf sie an. Wäre das eine Reise -zur bloßen Erholung. – Eigensinnig war sie nie und für ordentliche -Ratschläge hatte sie immer ein offenes Ohr, auch wenn sie so ein -einfacher Mensch gab, wie unsereins. Es geht aber um Jemand, dem sie -gut ist und gegen den sie etwas wie ein böses Gewissen hat. Da ist sie -nicht zu halten. Nein, Fräuleinchen, wir beide können bloß den lieben -Gott innig bitten, daß er sie uns gesund zurückschickt.“</p> - -<p>Das sonderbar beklemmende Gefühl wollte Eva von Ostried nicht -freigeben. Stärker wurde ihre Unruhe. Sie war fieberhaft fleißig, weil -sie hoffte, ihre Gedanken da<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[S. 59]</span>durch abzulenken. Allein auch dies Mittel -versagte. Schließlich, als sie mit den hauptsächlichsten Vorbereitungen -zur Reise fertig geworden, setzte sie sich auf Frau Melchers besonderen -Wunsch an den Flügel und begann deren Lieblingslied zu singen:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Am Abend, wenn die Sternlein all</div> - <div class="verse indent2">Zum güldnen Tanz antreten,</div> - <div class="verse indent2">Dann falt’ ich fromm die Hände mein</div> - <div class="verse indent2">Um für Dein Glück zu beten..</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Mitten in den weichen, wundervoll reinen Tönen versagte ihre Stimme. -Mit einem erstickten Schluchzen legte sie den Kopf auf die Tasten.</p> - -<p>„Was haben Sie, Kind,“ fragte die Präsidentin erschrocken.</p> - -<p>„Ich weiß es selbst nicht. Einmal vor langen Jahren war mir ähnlich -zumute. Damals brannte in Waldesruh die gefüllte Scheune herunter und -der Wind stand so ungünstig, daß alle ein Herüberspringen der Flammen -auf unser Schloß fürchteten.“</p> - -<p>„Es ist aber letzten Endes glücklich bewahrt geblieben, nicht wahr?“</p> - -<p>„Ja – wie durch ein Wunder!“</p> - -<p>„Sehen Sie wohl! Auf dies Wunder wollen auch wir hoffen. Das heißt, ich -wüßte kaum, aus welcher Not es uns zur Zeit helfen sollte. Der heutige -Tag hat Sie ungewöhnlich erregt, Evalein. Das ist verständlich. Es tut -mir herzlich leid, daß wir ihn so wenig festlich und würdig zu Ende -führen konnten.“</p> - -<p>Eva hob die tränennassen Augen zu der Gütigen empor.</p> - -<p>„Haben Sie mir wirklich jene Eigenmächtigkeit in Oeynhausen voll -vergeben,“ fragte sie leise.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[S. 60]</span></p> - -<p>„Ich will zugestehen, daß ich anfangs schwer darunter gelitten habe. -Nun ist längst alles wieder gut. Lassen Sie sich sagen, daß ich Sie wie -mein eigenes Fleisch und Blut liebe. Ja – Eva, daran denken Sie stets. -Nicht nur heute und morgen, sondern auch und besonders, wenn Sie einst -ohne mich wandern müssen. – Jetzt aber genug von diesen Dingen. Wir -wollen uns nicht unnötig weich machen.“</p> - -<p>Da fühlte sich Eva endlich von dem unerklärlichen Alp befreit und -jauchzte ein zartes Frühlingslied heraus. Die Präsidentin nickte -lächelnd und dachte:</p> - -<p>„Wie weich und gut sie ist, trotz ihrer Fehler und wie liebenswert. – -Warum habe ich mir so viel Sorgen um sie gemacht? Ein Blumengarten ohne -Unkraut ist doch eine Unmöglichkeit. Ich werde mit Gottes Hilfe schon -das Wuchernde mit Stumpf und Stiel ausrotten. – Schwere Aufgaben sind -allemal die lohnendsten.“</p> - -<p>Und sie strich in mütterlicher Zärtlichkeit heimlich über Eva von -Ostrieds Aermel, ohne daß diese in ihrer begeisterten Versunkenheit -etwas von der stillen Liebkosung merkte. Seit langen Jahren war der -Präsidentin nicht so leicht und glücklich zu Sinn gewesen, wie in -dieser Stunde.</p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1"><b>*</b></p> - -<p>Um elf Uhr am nächsten Vormittag war die Abreise endgültig festgesetzt. -Die alte Pauline hatte es sich nicht nehmen lassen, trotz der Abwehr -der Präsidentin einen riesigen Strauß bunter Astern und letzter Rosen -zu binden. Sie war gerade damit beschäftigt, ihn an die Schirmhülle zu -befestigen, als die Glocke der Gartenpforte anschlug.</p> - -<p>„Wir dürfen jetzt keinen Besuch annehmen,“ flüsterte Eva von Ostried -der Getreuen zu. „Die letzte Stunde muß<span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[S. 61]</span> Frau Präsidentin möglichst -ruhig verbringen. Hören Sie nur, wie stürmisch geklingelt wird.“</p> - -<p>„Ich lasse keinen rein, Fräuleinchen; es sei denn der Geldbriefträger.“</p> - -<p>Es war aber nur ein einfach aussehender älterer Mann in der Tracht -eines schlichten Bauern. Anfangs begriff er nicht, daß es Leute geben -sollte, die einem Unbescholtenen den Eintritt verwehrten. Als sich aber -die Pforte durchaus nicht vor ihm öffnen wollte, wurde er zornig.</p> - -<p>„Denken Sie vielleicht, ich wäre eigens aus dem Oderbruch hergekommen, -um mich von Ihnen wieder wegschicken zu lassen, als wollte ich betteln.“</p> - -<p>Die alte Pauline suchte ihn zu besänftigen.</p> - -<p>„Nehmen Sie doch endlich Vernunft an. Ich sage Ihnen zum letzten -Mal, es geht eben heute nicht. Unsere Frau Präsidentin will gleich -verreisen. Eigentlich darf sie gar nicht, weil ihr Herz nicht in -Ordnung ist. Darum muß sie wenigstens, bis der Wagen kommt, ganz still -liegen.“</p> - -<p>„Das kann sie meinetwegen ja auch,“ murrte der Bauer. „Wenn Sie denken, -daß ich sie aufregen tue, irren Sie. Was ich von ihr will, macht bloß -Freude.“</p> - -<p>„Warten Sie einen Augenblick,“ meinte Pauline, durch sein zähes -Ausharren unschlüssig geworden, „ich rufe mal schnell das Fräulein -heraus. Die wird Ihnen das alles besser klar machen.“</p> - -<p>Eva bemühte sich trotz ihrer ärgerlichen Ungeduld, die sich beim -Anblick des Hartnäckigen steigerte, möglichst sanft zu sein.</p> - -<p>„Wirklich, lieber Mann, es geht nicht. Kommen Sie nach ein paar Wochen -wieder oder – schreiben Sie an Frau<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[S. 62]</span> Präsident, wenn Sie mich durchaus -nicht in Ihre Angelegenheit einweihen wollen.“</p> - -<p>„Schreiben – schreiben,“ echoete der Bauer. „Wenn ich hätt’ schreiben -wollen, wäre ich erst gar nicht hergekommen. Ich befaß mich aber -mit solchen neuen Moden nicht gern. Von Mund zu Mund – von Hand zu -Hand – ist alles sicherer. Als ich vor zehn Jahren Frau Präsidentin -unter meinem Dach hatte, haben wir auch nichts Schriftliches zusammen -aufgesetzt. Sie hat zu mir gesagt: Sie sind ein rechtschaffener Mann. -Ich hab’ Vertrauen zu Ihnen. Und hier ist das Geld –“</p> - -<p>„Geld wollen Sie also auch heute wieder von ihr, wenn ich Sie recht -verstehe?“ forschte Eva von Ostried.</p> - -<p>Da riß die Geduld des Bauern vollends.</p> - -<p>„Ich bin der Tabakbauer Kleinschmidt aus dem Oderbruch, eine Meile von -Schwedt, und brauch’ kein Geld mehr. Gott sei Dank. Und wenn Sie’s -immer noch nicht wissen, merken Sie sich’s jetzt wenigstens. Ich bring’ -ihr Geld. Das, was ich ohne Schuldschein oder Hypothek als bloßes -Darlehn auf mein Gesicht und meine beiden Hände hin mal gekriegt hab’. -Ich hab’ noch nie bis heut erlebt, daß man einen, der Geld bringt, -nicht rein läßt. Und nun bestellen Sie ihr das, wenn Sie nachher keinen -Aerger haben wollen.“</p> - -<p>Das tat Eva nach kurzem Ueberlegen wirklich.</p> - -<p>Die Präsidentin erhob sich sofort.</p> - -<p>„Natürlich lassen Sie ihn nunmehr ungesäumt zu mir, Eva. Ich kann -mir den Zorn dieses braven, tüchtigen Mannes sehr wohl vorstellen. -Allerdings begreife ich vorläufig nicht, wie er mir jenes Darlehn -ohne vorherige Auf<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[S. 63]</span>kündigung einfach ins Haus bringen kann. Indes war -die bisherige Art unseres Geschäftsabschlusses ja auch eigenartig und -ungewöhnlich. Jedenfalls rufen Sie ihn mir!“</p> - -<p>Sie streckte dem Eintretenden freundlich die Hand entgegen.</p> - -<p>„Nichts für ungut, lieber Kleinschmidt. Sie haben wohl gemerkt, daß -die, welche ich als die Meinen bezeichnen muß, weil sie treu für mich -sorgen, überängstlich sind. Sehen Sie’s ihnen nach. Ich muß das täglich -ertragen und noch dazu mein allerfreundlichstes Gesicht machen. Sie -werden doch nur sehr kurz davon betroffen.“</p> - -<p>„Ich an Ihrer Stelle würde sie schön auf den Trab bringen, Frau -Präsident.“</p> - -<p>„Möchte ich auch mehr als einmal besorgen, lieber Kleinschmidt. -Aber – ich fühle, daß ich sie notwendig habe und nehme deshalb die -gelegentlichen kleinen Uebertreibungen geduldig in den Kauf. – Ich -will verreisen, wie Sie natürlich schon gehört haben. Sie sind mir also -nicht böse, wenn ich Sie nicht zu längerem Verweilen nötigen kann.“</p> - -<p>Er zog umständlich eine dicke Brieftasche hervor.</p> - -<p>„Als es mir damals so schlecht ging, weil uns die beiden Staatskühe -fielen und der Nachbar mich mit dem Wechsel betrogen hatte, wollte ich -mich aus der Welt machen.“ Die Präsidentin legte die Finger an die -Lippen.</p> - -<p>„Nicht mehr dran rühren, Kleinschmidt. Es ist ja alles wieder gut -geworden.“</p> - -<p>„Ist es auch! Ich hab’ mich langsam rausgebuddelt, weil es eben doch -noch einen guten Menschen gegeben hat, woran ich nicht mehr glauben -wollte.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[S. 64]</span></p> - -<p>„Es gibt deren Viele,“ versuchte sie ihn abzulenken, aber er beharrte -eigensinnig bei seinem Thema.</p> - -<p>„Nee – bloß einen. Dabei bleib’ ich. Jede andere feine Dame hätt’ -sich wohl halb zu Tode geschrien, als sie sah, daß sich ein alter -Nichtsnutz, bei dem der blaue Vogel überall hinflog, das Leben nehmen -wollt’. Zum mindesten wäre sie bestimmt auf die Dorfstraße gelaufen und -hätt’s bekannt getan. – Sie haben bloß still meine Hände gestreichelt -und geweint. Und sind die ganze Nacht bei mir geblieben und haben immer -getröstet. – Und am nächsten Morgen nahmen Sie ein Buch aus der Tasche -und fragten, wieviel ich nötig hätt’.“</p> - -<p>„Hören Sie auf, Kleinschmidt. Es peinigt mich wirklich.“</p> - -<p>„Sie sagten ja, Sie wären Geduld gewöhnt, Frau Präsident. Ich muß Ihnen -das mal so richtig klar machen, – Sie haben mir viel Geld gegeben -und kannten mich doch bloß als einen, der ein luftiges Zimmer für – -weiß Gott, genug Geld an Sie abvermietet hatt’. – Das hat mir erst -richtig das Leben gerettet. Nun konnt’ ich mich nicht mehr wegstehlen. -– Sie mußten Ihr Geld zurückhaben. Und hier ist es! – Auf Heller und -Pfennig. Die letzten Zinsen sind auch beigepackt.“</p> - -<p>Umständlich begann er die zerknitterten Scheine auf den Tisch zu -zählen. Sie machte eine entsetzte Bewegung.</p> - -<p>„Wo soll ich jetzt mit dieser Summe bleiben? Sie sehen, ich stehe im -Begriff, eine Reise anzutreten. Mitnehmen mag ich sie nicht. Sie daheim -im Schreibtisch zu belassen, ist mir zu ängstlich, wennschon ich bisher -vor Dieben bewahrt geblieben bin.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[S. 65]</span></p> - -<p>Er wußte ihr keinen Rat. Es blieb ihm unverständlich, daß bares, gutes -Geld unwillkommen sein konnte.</p> - -<p>„Nehmen Sie es wieder mit, Kleinschmidt, und bringen oder schicken Sie -es mir per Post ein paar Monate später. Selbstverständlich berechne ich -Ihnen für diese Zeit keine Zinsen.“</p> - -<p>Er schüttelte energisch den Kopf.</p> - -<p>„Nee, Frau Präsident, das mach ich nicht! Behalten Sie es man. Wer so -ein schönes großes Haus besitzt, hat auch Keller und Schlupfwinkel, wo -es vor dem lichtscheuen Gesindel sicher liegt.“</p> - -<p>Er lächelte schlau. Sie erkannte, daß es zu viel Zeit nehmen würde, um -ihn zu überzeugen und begann mechanisch die Scheine nachzuzählen.</p> - -<p>„Es stimmt natürlich,“ sagte sie. „Zwölftausend Mark und -zweihundertvierzig als halbjährige Zinsen. Wissen Sie, dies Geld -schwebt eigentlich gänzlich in der Luft. Ich habe es nicht mal -ordnungsmäßig gebucht. Wären Sie, trotz Ihres mir bekannt gewordenen -Fleißes nicht in die Lage gekommen, es zurückzuzahlen, hätte ich es -Ihnen einfach geschenkt.“</p> - -<p>In sein verwittertes Gesicht stieg die Röte der Scham.</p> - -<p>„Schenken mag wohl leicht sein, Frau Präsident. Das Nehmen ist ein -sauer Ding. Ich wär’ mein Leben nicht mehr froh geworden. – Die -Tochter hat auch gesagt: „Vater, wir wollen uns ran halten, daß der -Tisch klar wird.“ Sie wissen wohl, ihr geht es gut. Der Mann ist -nüchtern und flink und die vier Kinder tun schon manchen Handschlag in -der Wirtschaft. – Nun will ich aber nicht länger aufhalten.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[S. 66]</span></p> - -<p>Sobald er gegangen war, rief die Präsidentin Eva von Ostried herein, -deutete auf das noch ausgebreitete Geld und sagte eilig:</p> - -<p>„Das hat er mir soeben zurückgezahlt. Es kann natürlich nicht im Haus -bleiben. – Die Einbrüche in der Nachbarschaft mehren sich. Bringen Sie -es sofort auf die Bank, liebe Eva. Wie günstig, daß wir sie gleich an -der nächsten Ecke haben. Sie wissen, ich bin durchaus keine ängstliche -Natur. Nach den jüngsten Erfahrungen unserer Bekannten, denen die -leichtsinnig im Schreibtisch aufbewahrte Summe gestohlen wurde, ohne -daß der Dieb bisher zu ermitteln gewesen, würde mir aber der Zwang -hierzu die ganze Reise verderben. Geschenke mache ich über alles gern. -Nur eine Unachtsamkeit, aus welcher ein verdienter Verlust käme, würde -ich mir schwer vergeben.“</p> - -<p>Eva hatte bereits den Hut aufgesetzt.</p> - -<p>„Und ich würde vor lauter Angst und Verantwortlichkeitsgefühl keine -Minute ruhig schlafen können,“ gestand sie. – Im Laufschritt eilte sie -durch den Vorgarten und stand nach wenigen Minuten vor dem stattlichen -Gebäude der Großbank. Ihre Hand lag schon auf der eisernen Klinke neben -der schweren zurückgeschobenen Schutzrollwand, als ihr Blick auf eine -Mitteilung fiel, die in der Mitte der Tür angebracht war:</p> - -<p>Heute wegen Revision der Kassen geschlossen. Einen Augenblick stand -sie wie erstarrt. Dann, als die Uhr irgend einer öffentlichen Anstalt -schlug, ward sie mit Schrecken inne, daß in einer halben Stunde die -Fahrt zum Bahnhof beginnen müsse. Krampfhaft die kleine Ledertasche -umklammert haltend, eilte sie zurück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[S. 67]</span></p> - -<p>Was sollte nun mit dem Geld geschehen? – Durfte sie zugeben, daß sich -die Präsidentin beunruhigte? Ja mehr als das – daß sie bei ihrem stark -entwickelten Gefühl zur Ordnung und Vorsicht keinen Augenblick von -dem quälenden Gedanken an den aufgezwungenen Leichtsinn befreit sein -würde. Immerhin – es half nichts! Gemeinsam wollten sie ein möglichst -sicheres Versteck heraussuchen. Vielleicht wußte die alte Pauline gar -einen eisernen Kasten, den sie nach dem Muster mißtrauischer Altvordern -etwa im Keller vergraben könnten. Als sie sich dies ausmalte, mußte -sie lachen. Das befreite sie von allem Bangen. Ein neuer Gedanke kam -ihr, wurde kaum geprüft, sondern sogleich als der einzig mögliche -Rettungsweg empfunden. War es nicht geradezu ihre heilige Pflicht, -der herzensguten Präsidentin und zweiten Mutter diese ihr plötzlich -durchaus nicht übertrieben erscheinende Sorge abzunehmen? Als sie die -Villa erreicht hatte, wartete dort schon die zuvor bestellte Droschke.</p> - -<p>„Es ist ja noch viel zu früh,“ rief sie dem Lenker zu. Der schwippte -als Antwort nur mit der Peitsche. Erst als sie, lauter und -ungeduldiger, ihre Worte wiederholte, ließ er sich zu einer knappen -Erwiderung herbei.</p> - -<p>„Meinem Fuchs is et all zu spät und auf den Fuchs kommt et ganz alleen -an, Fräulein.“ Das allerdings mußte sie zugeben. Die Präsidentin -erwartete sie – fertig zum Einsteigen – bereits voller Ungeduld.</p> - -<p>„Nun, ist alles erledigt, Eva?“ Ein leises Rot stieg bis unter die -lockigen, braunen Haare in die weiße Stirn.</p> - -<p>Eine Sekunde blieb die Antwort aus. Ihre Augen hielten dem forschenden -Blick nicht stand. Ein jäher Wider<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[S. 68]</span>wille gegen die beabsichtigte Lüge -stieg in ihr auf. Aber die sichtliche Unruhe der Präsidentin beendete -ihr kurzes Schwanken. Sobald die Bank wieder geöffnet würde, kam ja -doch alles in Ordnung...</p> - -<p>„Ja, es ist ordnungsmäßig eingezahlt.“ Dann zeigte sie, scheinbar -empört, nach draußen: „Hören Sie nur den alten, unfreundlichen -Kutscher. Jetzt beginnt er, so laut er nur kann, auf uns zu schelten, -weil wir seinen Fuchs warten lassen und jetzt – halt – halt – Mann -– wir kommen ja schon.“ War er wirklich im Begriff gewesen, ohne sie -davon zu fahren, wie sie es der erschrockenen Präsidentin zurief?</p> - -<p>Leichtfüßig sprang sie als Erste in den Wagen, half der Präsidentin -fürsorglich hinein, während die alte Pauline, bedächtig und kräftig -mit beiden Armen nachschob, nickte noch einmal freundlich den -Rückbleibenden zu und sprach alsdann mit drolligem Eifer, allerhand -unwichtige Kleinigkeiten fragend, auf die Präsidentin ein.</p> - -<p>– – Schön war’s doch, dies Alleinsein!</p> - -<p>An dem Gefühl, das wider Willen über Eva von Ostried kam, als sie vom -Bahnhof zurückgekehrt, in die hohen Zimmer eintrat, merkte sie, wie -streng eingeteilt sonst ihr Tag sein mußte. Mit unbeschreiblicher Wonne -warf sie sich in den bequemsten Lehnstuhl und summte ein Lied vor sich -hin.</p> - -<p>War die Präsidentin auch engelgut – empfand sie selbst eine nie -verlöschende Dankbarkeit für sie daran, daß diese beliebig über -ihre Zeit verfügen konnte und natürlich auch verfügte, änderten -diese Gefühle nichts das Geringste. Eva von Ostried wußte plötzlich, -wie heiß ihr Sehnen – nicht zuletzt nach dem verlorenen Recht der -Selbstbestimmung – die ganze Zeit gewesen war. Mit einem Schauer -des Ent<span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[S. 69]</span>setzens gedachte sie ihrer beiden erste Stellen, die sie, -nach dem Tod des Gönners, sofort anzunehmen gezwungen war. Zwar hatte -ihr der Amtsrat Wullenweber, dem sie von dieser Veränderung Kenntnis -geben mußte, vorübergehend seine Gastfreundschaft geboten, „wenn -sich durchaus nicht schnell ein anderer Ausweg finden lasse,“ aber -der Gedanke, aus dem warmen, mit feinstem künstlerischen Geschmack -eingerichteten Heim des verstorbenen Meisters in sein ihr kahl -und ungemütlich in Erinnerung lebendes Haus, als eine nur ungern -Geduldete, unterzuschlüpfen, dabei jeden Augenblick die tiefroten -Türme des alten Waldesruher Schlosses in der Nähe zu sehen – hatte -etwas Unerträgliches für sie gehabt. Lieber ließ sie sich von einer -anspruchsvollen, ungerechten Herrin bis an die Grenze ihrer Kraft -quälen – bis sie es eines Tages dann doch nicht länger ertragen konnte -und weiterzog, zur nächsten, bei der es ihr auch nicht viel besser -erging.</p> - -<p>Nun waren die zahlreichen Wunden der kleinen, täglichen Nadelstiche -längst verheilt. Sie lebte, umgeben von Nachsicht und Güte, bei der -edelsten aller Herrinnen und dennoch – – War sie ehrlich mit sich, -mußte sie zugeben, daß einzig der Gedanke an die Zukunft sie tapfer -auf dem Wege kleinlicher Pflicht weiterlaufen ließ. Hätte sie keine -Aussicht gehabt, sehr bald ihre geliebten Studien wieder aufzunehmen, -wäre ihr vielleicht auch diese warme Stätte allmählich zur Hölle -geworden. – Mit geschlossenen Augen träumte sie sich in die Zeiten -hinein, die nach dem Frühjahr ihrer warteten. Gewiß – es würde viel -Arbeit – Kampf und Fleiß kosten. Unstreitig auch wiederum Tage geben, -an denen sie am eigenen Können verzweifelte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[S. 70]</span></p> - -<p>Danach aber mußte die köstliche Erfüllung aller Sehnsucht kommen! – -Sie hatte den Schatz in ihrer kleinen Handtasche völlig vergessen. -Achtlos lag er auf dem Tisch, während sie mit leichtgeöffneten Lippen -den köstlichen Duft der blühenden Huldigungen zu trinken schien, die -ihrer in der goldenen Ferne harrten!</p> - -<p>– Um die dritte Nachmittagsstunde dieses Tages kam Ralf Kurtzig, -der alte Meister und frühere langjährige Parsifal des Bayreuther -Festtempels. Er beschäftigte sich am Feierabend seines Lebens damit, -fleißig nach gottbegnadeten Talenten Umschau zu halten. So fand er auch -im Hause des jüngeren Kollegen Eva von Ostried, die Vielversprechende. -Zu spät hatte er, von einer langen Reise heimkehrend, den Tod des -Kammersängers erfahren und die Pforten seines reichen, gastlichen Heims -verschlossen gefunden. Sofort dachte er an Eva von Ostrieds Zukunft, -denn ihre Mittellosigkeit war ihm bekannt geworden. Fieberhaft hatte -er nach ihr gesucht. Aus rein künstlerischem Interesse, wie er es vor -sich erklärte. In Wahrheit trieb ihn – tief versteckt und von ihm -selbst noch nicht erkannt – ein spätes, leidenschaftliches Feuer. -– Ihre Spur schien verweht. Er hockte im vierten Rang der Oper, um -ihr zu begegnen. Weil sie Schuberts reine Kunst über alles geliebt -hatte, versäumte er keinen dieser Liederabende. Es blieb vergeblich -– bis er sie an der Seite der ihm durch eine reiche Schenkung an die -Bühnengenossenschaft bekannten Präsidentin in einem philharmonischen -Konzert wieder sah.</p> - -<p>So kams, daß er – eingeweiht in Frau Melchers ihm zuerst grausam -erscheinende Pläne – ihr Lehrer wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[S. 71]</span></p> - -<p>Es gab kaum Jemand, der sparsamer mit seinem Lob umging, wie er. -Darum blieb es auch das höchste Streben seiner wenigen Schüler ihn -wenigstens nicht zum Tadel zu reizen. – Heute lief ihm Eva wie ein -ausgelassenes Kind entgegen. Die verhaltene Ehrfurcht vor seiner weisen -Künstlerschaft war sprühender Daseinsfreude gewichen. Er empfand das -sofort und freute sich heimlich daran.</p> - -<p>Der Mensch sprach in ihm vor dem Künstler. Das geschah selten.</p> - -<p>„Wie schön sie ist,“ mußte er denken und weiter, „die wundervolle -Herbheit, von der sie selber nichts ahnt, wird ihr den Weg, den sie -gehen muß, nicht leicht machen.“ Er fühlte, verwundert, daß ihn -diese Gewißheit verjüngte, verlor eine Sekunde die kühle, sichere -Ueberlegenheit und beschattete die Augen, als blende ihn das rote -Licht, das ungehindert durch die Bogenfenster der Diele in das -Musikzimmer quoll. Dann hatte er sich wieder in der Gewalt und sagte in -dem spöttelnden Ton, mit dem er jede warme Regung bestrafte:</p> - -<p>„Ihr alter Gralhüter meldete bereits, daß die hohe Herrin dieses -Zauberschlosses verreist sei. Sie murmelte daneben noch allerlei von -Früchten und Beeren, die Ihre tätige Mitwirkung verlangten.“</p> - -<p>Sie sah mit bittenden Augen zu ihm auf.</p> - -<p>„Sie sind mir noch ein Geburtstagsgeschenk schuldig,“ bettelte sie.</p> - -<p>„So –“ machte er gedehnt, „seit wann denn?“</p> - -<p>„Seit gestern.“</p> - -<p>„Schade – sonst hätte man es als verjährt bezeichnen können.“ Und mit -einem Augenzwinkern, als blende ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[S. 72]</span> immer noch der rote Schein, setzte -er hinzu: „Wonach geht also Ihres Herzens Wunsch?“</p> - -<p>„Ich bin volljährig geworden, Meister. Da darf ich heute unbescheiden -sein.“</p> - -<p>„Verlangen Sie immerhin. Die Erfüllung steht ja bei mir.“</p> - -<p>„Sie müssen mir etwas vorsingen.“</p> - -<p>„So – das muß ich?“ – In kindlicher Zutraulichkeit griff sie nach -seiner schlanken, weißen Rechte.</p> - -<p>„Ich habe mich den ganzen Vormittag darauf gefreut.“</p> - -<p>„War es nicht anmaßend, die Bitte schon als erfüllt zu betrachten?“</p> - -<p>„Vielleicht! Sie haben ja aber oft genug betont, daß der Bescheidene -zwar sehr angenehm, aber doch durchaus unbrauchbar für das praktische -Leben wäre.“</p> - -<p>„Ja – was soll es denn sein?“</p> - -<p>„Parsifals Lied aus dem zweiten Aufzug,“ bat sie mit dem Ausdruck der -Sehnsucht in Augen und Stimme:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Auf Ewigkeit</div> - <div class="verse indent2">Wärst Du verdammt mit mir</div> - <div class="verse indent2">Für eine Stunde</div> - <div class="verse indent2">Vergessen meiner Sendung</div> - <div class="verse indent2">In Deines Arms Umfangen.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Sein Gesicht hatte wieder den steinernen Ausdruck, um dessentwillen ihm -viele der früheren Kollegen die Seele abgesprochen hatten.</p> - -<p>„Wir reden später noch darüber,“ meinte er kurz. „Vorerst heißt es -fleißig sein. Beginnen Sie also –“</p> - -<p>Wie ein gehorsames Kind fügte sie sich. Die wundervolle Stimme klang -weich und voll, aus jedem Ton der<span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[S. 73]</span> Uebung. Trotzdem war er nicht -zufrieden. Kurz und scharf rügte er und verlangte Wiederholungen. -Für jemand, der seine Art nicht kannte, hätte es leicht den Anschein -erwecken können, als sitze er um des täglichen Brotes willen neben -einer Schülerin, die zu unterrichten ihm nicht den geringsten Spaß -bereitete. Und doch sonnte sich auch heute sein künstlerisches -Empfinden an dem strahlenden Glanz dieses gesegneten Talents. Er quälte -sie mit Vorsatz, um zu prüfen, ob auch danach noch ihr leidenschaftlich -geäußerter Wunsch um Erfüllung bäte oder ob sie in leisem Gekränktsein -sich von ihm abwende. –</p> - -<p>Sie tat es nicht.</p> - -<p>Kaum hatte er durch ein Nicken zu verstehen gegeben, daß die -eigentliche Stunde zu Ende sei, als sie ihn auch schon – mit gänzlich -verändertem Ausdruck – an die Erfüllung seines Versprechens mahnte.</p> - -<p>„Das verheißene Reden über meine Bitte schenke ich Ihnen, Meister,“ -sagte sie und lächelte schalkhaft.</p> - -<p>Er sang ihr wirklich die nachträgliche Festgabe!</p> - -<p>Sie hockte in einem Winkel und hatte den Kopf auf die verschränkten -Arme gelegt, damit er nicht die Tränen sehen sollte, welche ihr das -höchste Gefühl der Andacht erpreßte. Er sah sie aber dennoch und freute -sich auch dessen. – Sie wußte nicht, wie lange dies Weihespiel gewährt -hatte. Die strahlende Sonne war blaß geworden. Ein leichter Dunst von -Müdigkeit ließ die leuchtenden Farben des Herbstes matter erscheinen.</p> - -<p>Wie ein reichgewesenes, nunmehr erfülltes Leben wartete dieser Tag -seinem Sterben entgegen. Es war still zwischen ihnen geworden. Sie kam -aus ihrem Winkel her<span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[S. 74]</span>aus, setzte sich stumm an den Platz, den er soeben -verlassen und sang ihm den Dank.</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Ich will wiegen Dich, ich will wachen....</div> - <div class="verse indent2">Knabe saß auf der Mutter Schoß</div> - <div class="verse indent2">Spielten zusammen, bis er groß....</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Lebenserfüllung auch hier! Das Lied der Solveig, das einen wandermüden -Sturmgesellen endlich erlöst!</p> - -<p>Der Meister regte sich nicht. Sterbensfrieden segnete Raum und Zeit.</p> - -<p>Das wundersame Erzittern, das die Kunst dem Reinen schenkt, feierte -sein Auferstehen.</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Ich will wiegen Dich und wachen</div> - <div class="verse indent2">Schlaf und träume, Du Knabe mein</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>– – Die Wirklichkeit regierte wieder! –</p> - -<p>„Wenn der Drache und der gesegnete Obstgarten nicht wären, würde ich -Sie jetzt in das Deutsche Opernhaus mitnehmen,“ sagte Ralf Kurtzig, als -sie verstummt war. – Und das war sein Dank. – „Es wird heute Carmen -gegeben – mit der Olitava als Gast.“</p> - -<p>Eva von Ostried jubelte hell auf.</p> - -<p>„Die alte Pauline erlaubts von Herzen gern, denn – im Vertrauen – -eine große Hilfe bin ich ihr doch nicht und – gestern – war – ja – -mein Geburtstag.“</p> - -<p>– – Sie saßen im Hintergrund einer Loge und lauschten mit verhaltenem -Atem. Das Lied blutroter Leidenschaft flammte und brannte sich in -das Herz des Einen – Und das war nicht das junge – Die heiße -Teufelin triumphierte über den sanften, blonden Engel. Das edle, -scharfgeschnittene Gesicht des Fünfzigers erschien um Jahrzehnte -verjüngt. Seine tiefen, machtvollen Augen bohrten sich in<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[S. 75]</span> Evas Gesicht -– machten sie einen Herzschlag lang verwirrt – erinnerten aber im -nächsten Augenblick an zwei andere – – damals in Oeynhausen. Sie -mußte wieder an Paul Karlsens gestohlene Zärtlichkeit denken, für die -sie eine Zeitlang nicht mehr den früheren Zorn aufzubringen vermocht -hatte. – Jetzt begriff sie ihr zur Milde gewandeltes Urteil nicht. -Ein eigentümliches, fremdes Gefühl hatte sie gepackt. Sie wehrte sich -in schauderndem Auflehnen gegen das Empfangen und Erwidern aller -gespielten Leidenschaft – und verurteilte diese Regung doch, ohne sich -davon zu befreien, als die Wahnvorstellung einer engen Seele.</p> - -<p>Ob sie auf der Bühne überhaupt jemals davon loskam?</p> - -<p>Die scheue Reinheit ihrer Mutter lebte in ihr auf. – Angst und Zorn -verflogen indes wieder. Sie schloß die Augen, lauschte den Klängen und -fühlte sich bald wunschlos glücklich – –</p> - -<p>Gegen elf Uhr war sie daheim. Die alte Pauline saß noch vor dem -aufgeschlagenen Bibelbuch auf der Diele. Eva begann zu schelten:</p> - -<p>„Sie sollten längst zur Ruhe sein, Pauline! Die letzten beiden Tage -waren ohnehin viel zu anstrengend für Sie!“</p> - -<p>„Ich hätte heute doch nicht schlafen können, Fräuleinchen. Meine -Gedanken springen zu wild.“</p> - -<p>„Sie ängstigen sich natürlich um unsere liebe Herrin, nicht wahr?“</p> - -<p>Die Alte nickte kummervoll.</p> - -<p>„Seit ein paar Stunden sehe ich überall ihr Gesicht und das sieht aus, -als wenn sie unzufrieden mit uns wäre. – Wir hätten sie doch nicht -weglassen dürfen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[S. 76]</span></p> - -<p>„Was wollten wir dagegen machen, Pauline? Sie hielten ja selbst jede -Gegenmaßregel für umsonst.“</p> - -<p>„Man hätte hinter ihrem Rücken zu Herrn Justizrat schicken müssen.“</p> - -<p>„Haben Sie vergessen, daß der mit hohem Fieber zu Bett liegt?“</p> - -<p>„Schreiben hätte er ihr wohl können.“</p> - -<p>„Quälen Sie sich nicht länger. Morgen früh werden wir eine Karte haben, -die uns erzählt, daß sie uns gar nicht nötig hat. Oder – vielleicht -telegraphiert sie uns sogar ihre glückliche Ankunft.“</p> - -<p>„Wenn ihr unterwegs was passiert wäre, Fräuleinchen.“</p> - -<p>„Sie sind schrecklich, Pauline. Ich werde nun auch keine Ruhe finden -können.“</p> - -<p>Die Treue malte sich mit selbstquälerischer Gründlichkeit allerhand -furchtbare Möglichkeiten aus.</p> - -<p>„Denken Sie doch, wenn sie ihren Herzkrampf bekäme und Niemand wüßte, -wer sie wäre und wohin sie gehörte.“</p> - -<p>„Darüber beruhigen Sie sich. Ihr Handtäschchen enthält ihre genaue -Adresse. Darunter steht mein Name mit der Bemerkung, daß jede -Mitteilung an mich zu richten wäre.“</p> - -<p>„Verlangte sie das ausdrücklich, Fräuleinchen?“</p> - -<p>„Natürlich. – Sie wissen ja, wie gut sie alles bedenkt.“</p> - -<p>„Wenn das nur kein trauriges Vorzeichen ist. – Sie hat gewiß schon -irgend eine schwere Ahnung gehabt.“</p> - -<p>„Nein, Pauline. Auch die gesundesten Vorsichtigen unterlassen so etwas -nicht. Ich selbst reise niemals, ohne meine ausführliche Adresse vorher -aufzuschreiben.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[S. 77]</span></p> - -<p>„Mir wär sowas graulig. Gerade, als hätte man nur so auf das größeste -Unglück gewartet. – Hören Sie die Eule schreien, Fräuleinchen?“</p> - -<p>„Das tut sie bereits seit einigen Wochen um diese Zeit, Pauline.“</p> - -<p>„Ich höre sie heute wirklich zum ersten Mal. Wir nannten sie zu Hause -den Totenvogel und zogen uns die schweren Federbetten über die Nase, -weil wir uns fürchteten. – Wenns doch bloß erst morgen wär.“</p> - -<p>Eva von Ostried wurde ungeduldig. In ihren Nerven schwang sich noch das -Gold der Töne. Alles andere versank in einen Abgrund, um vielleicht am -nächsten Tage, wenn die Sonne hell darüber schien, wieder bestimmte -Form zu gewinnen.</p> - -<p>„Gute Nacht, Pauline,“ sagte sie. „Ich bin rechtschaffen müde. -Gehen Sie endlich auch zur Ruhe. Dann wird sich Ihr Wunsch auf dem -schnellsten und natürlichsten Wege erfüllen.“</p> - -<p>Das alte Mädchen konnte sich nicht dazu entschließen. Sie saß und -betete immer die gleichen Worte aus dem frommen Lied ihrer Kindheit:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Alle Menschen groß und klein</div> - <div class="verse indent2">Sollen Dir befohlen sein!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Endlich bewegten sich die welken Lippen nur noch mechanisch. Der Kopf -sank schwer auf die Brust herab. Sie träumte, daß ihre gute Frau -Präsident ungeduldig nach ihr klingele und fuhr mit einem lauten Schrei -aus dem unruhigen Schlaf empor.</p> - -<p>– – Eva von Ostrieds tiefe, gleichmäßige Atemzüge bewiesen -sehr schnell, daß Sorge, Gedanken und Freude in<span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[S. 78]</span> dem Schlummer -beneidenswerter Jugend ausruhten. Sie vernahm nichts von dem -anhaltenden Schrillen der kleinen Glocke an der Gartenpforte. Erst das -Klopfen an die eigene Tür ließ sie auffahren.</p> - -<p>Die alte Pauline stand, mit einem Telegramm in der Hand, vor ihr. Und -sie riß – nun auch von einem sonderbar kalten Gefühl gepackt – die -blaue Verschlußmarke in der Mitte durch – –</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_078_ende"> - <img class="w100" src="images/i_078_ende.jpg" alt="Kapitel 3, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[S. 79]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_079_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_030_kopf.jpg" alt="Kapitel 4, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_4">4.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">E</span>s war – doch – nicht möglich! –</p> - -<p>Jeder Blutstropfen wich aus Eva von Ostrieds Gesicht. Ein eiserner -Reif schien sich um Brust und Schläfe zu pressen. Sie stand plötzlich -in der Mitte des Zimmers, suchte nach ihren Kleidern und fand nichts, -als das Flimmern des Mondes, der überall seine Silbermünzen aufzählte. -Ihre Glieder begannen so stark zu zittern, daß sie kraftlos auf einen -Stuhle sank und den einzigen Wunsch hatte, die Hände der alten Pauline -zu fassen, damit dies entsetzliche Grauen vor ihr wiche.</p> - -<p>Das alte Mädchen starrte auf das Telegramm, das zu Boden geglitten -war. Die helle Nacht durchleuchtete jeden Winkel mit jenen silbernen -Schlafenstunden, von denen die Präsidentin behauptete, daß sie auch den -unruhvollsten Seelen den Frieden schenkten. Eine Ahnung, zu grauenvoll, -um zu Ende gedacht zu werden, erschütterte die beiden Menschen.</p> - -<p>Da löste sich der Krampf eisiger Kälte in Eva von Ostrieds Seele in -einem Schrei auf. Die Hände der alten Pauline tasteten das Blatt vom -Boden empor. Mühsam buchstabierte sie Wort um Wort:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Dame mit Ausweis Präsident Hanna Melchers, Grunewald und Ihrer -Adresse soeben in Wartesaal<span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a><span class="s4">[S. 80]</span></span> 2. Klasse Herzschlag erlegen. Leiche -zur hiesigen Halle überführt.</p> - -<p class="right mright2">Belgard a. Persante.<br /> -Bahnhofsdirektion.</p> - -</div> - -<p>– – Es war immer noch Nacht. Das Warten auf das erste Morgengrauen -wurde unerträglich. Auf dem Tisch aus heller Birke lag das Kursbuch, -das Eva vergessen hatte, in die Handtasche der Präsidentin zu legen. Es -war noch aufgeschlagen. Trotzdem fand sie nicht, was sie suchte.</p> - -<p>Und man mußte doch zu ihr!</p> - -<p>Sie saßen dicht beieinander und schwiegen. Nur einmal flüsterte die -alte Pauline:</p> - -<p>„Sie wird auch wohl dies längst bedacht haben. Der Justizrat weiß -sicher mit allem Bescheid.“</p> - -<p>Nun warteten sie darauf, daß man endlich einen Kranken, dessen -Nachtruhe nicht gestört werden durfte, um Rat fragen konnte. – Sobald -im Osten der erste rosige Streifen den Morgen ankündigte, telephonierte -Eva von Ostried in seine Privatwohnung. Er antwortete ihr selbst. In -seiner Stimme war weder Entsetzen noch Staunen, als er es gehört hatte.</p> - -<p>„Sie haben alles zur Reise nach Belgard vorbereitet, Fräulein von -Ostried? Das war überflüssig! Ich fahre selbst. Und zwar – warten Sie -mal – so – ich hab’s schon – mit dem Vormittagszuge um 9 Uhr. Alles -weitere später. Ich werde Ihnen von dort Nachricht geben.“</p> - -<p>Eva wagte eine Einrede.</p> - -<p>„Sie sind sicher noch krank, Herr Justizrat. Wird es Ihr Arzt -erlauben?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[S. 81]</span></p> - -<p>Kurz und klar tönte seine Erwiderung:</p> - -<p>„Ich habe ihr dies versprochen, denn sie hat mit ihrem unerwarteten -Tode stets gerechnet. Sie beide halten sich natürlich zu Hause, damit -Sie jederzeit meine Nachricht sofort trifft.“ –</p> - -<p>Nun galt es wiederum zu warten!</p> - -<p>Eva saß zusammengekauert an dem Platz, von dem aus sie der Präsidentin -deren Lieblingslieder gesungen hatte. Auf dem Flügel stand noch das -Solveiglied von gestern.. Und durch das Entsetzen schlich sich die -Ahnung, daß sie jetzt ganz frei war.</p> - -<p>Sie schämte sich, weil sie daran zu denken vermochte. Der Weg zur -Kunst lag lockend vor ihr. Ihre Seele war sehnsüchtig und weich wie -nie zuvor. Die scheue Ahnung wuchs schnell zur freudigen Gewißheit – -und bepflanzte ihren Weg mit köstlichen Blumen. – Sie dachte innig an -die Tote und konnte doch bereits wieder das fordernde – schöne Leben -fühlen.</p> - -<p>Dagegen half keine heiß aufwallende Scham. – Die Zukunft war rosenrot. -– Das stille Gesicht der Toten mußte kalt und wachsbleich sein. -– Eine neue Empfindung überkam sie. Wie sie wähnte, ganz rein und -frei von allem Irdischen. – Sie wurde davon vor dem Bild, das die -Präsidentin als junge Frau darstellte, auf die Knie gezwungen. – -Das kluge, gütige Antlitz erschien ihr wie das eines Vergebung und -Verstehen auf sie herablächelnden Engels. Niemals glaubte sie die -mütterliche Frau mehr geliebt und verehrt zu haben, wie in diesen -Augenblicken!</p> - -<p>Die Empfindung stärkster Dankbarkeit löste ihr auch die ersten Tränen -aus. Daß sie fortan frei und unabhängig sein<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[S. 82]</span> durfte – fern ab von -der grausamen Not, die der Alltag bringen kann – das war das Werk -der Toten, von dem sie erst, als bestimmt beabsichtigt, in Oeynhausen -Kenntnis erhielt. – Während ihre Tränen unaufhaltsam rieselten, hörte -sie Melodien, von denen kein anderes Ohr einen Laut vernehmen konnte. -Und ahnte nicht, wie sehr sie – mit diesem Ausdruck der Reinheit und -Entrücktheit – ihrer verstorbenen Mutter glich. Nur, daß jene allzeit -ihre reiche Begabung vor fremden Augen wie ein köstliches Geheimnis -verborgen gehalten, während ihre Tochter nach Anerkennung und Ruhm -fieberte.</p> - -<p>– – Die Schrecken des Todes waren überwunden. – Der goldene Traum -vom Leben war zu schön. – Der ausdrückliche Wunsch der Präsidentin, -neben dem Gatten, der in der Waldesruhe des Stahnsdorfer Friedhofes -schlief, beigesetzt zu werden, hatte sich erfüllt. Die kleine, würdige -Feier, von welcher – ebenfalls nach der Bestimmung der Verblichenen -ihren Bekannten erst am folgenden Tage Kenntnis gegeben werden durfte, -war vorüber. Justizrat Weißgerber, noch blaß und matt von der kaum -überstandenen Erkrankung, saß vor dem Schreibtisch der Präsidentin und -hatte beide Hände auf die Schriftstücke gelegt, die er – nach ihrer -Bitte – zur gründlichen Durchsicht mit in sein Heim nehmen wollte.</p> - -<p>„Nun sollen Sie auch endlich näheres über ihre letzte Stunde hören, -Fräulein von Ostried,“ sagte er dabei zu Eva. „Ich mußte mich -gestern kurz fassen. Die Zeit war karg bemessen. – Sie wissen, -daß sie einen ungefähr einstündigen Aufenthalt in diesem kleinen -pommerschen Städtchen nehmen mußte. Kellner und Wirt berichteten<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[S. 83]</span> mir -übereinstimmend davon. Zuerst hat sie eifrig geschrieben, wie sie das -auf Reisen gern tat. Wir sprachen einmal über diese ihre Angewohnheit. -Sie meinte, mancherlei Vergessenes und Versäumtes käme auf diese Weise -bei ihr zu seinem Recht. Briefe und Karten behaupteten freilich die -Beiden hinterher nicht aufgefunden zu haben. Aber, sie kann ja auch -das Geschriebene noch selbst in den Kasten gesteckt haben. Entfernt -soll sie sich jedenfalls auf wenige Minuten haben. Kurz darauf hat sie -einen leichten Herzkrampf gehabt. Die Frau des Bahnhofswirts hat ihr -beigestanden und ihr auch eins ihrer Eigenzimmer zum Ausruhn angeboten. -Das lehnte sie indessen ab. Nur ein Glas starken Weines soll sie sehr -hastig getrunken haben. Offensichtlich tat ihr das wohl, denn sie hat -bald darauf den Hilfreichen in ihrer uns zur Genüge bekannten gütigen -Art gedankt und dem Kellner ein sehr reiches Trinkgeld gegeben, obschon -sie noch eine kleine halbe Stunde bleiben mußte. Wenig später hat sich -der Anfall wiederholt. – Der Arzt wurde gerufen und hat nur noch ihren -Tod feststellen können. Das andere wissen Sie ja.“</p> - -<p>Eva von Ostried tat mit zuckenden Lippen eine Frage:</p> - -<p>„Ob sie wohl noch – sehr – gelitten hat.“ – Das Staunen über das, -was der Jugend unfaßbar grausam erscheint, durchfror sie von neuem.</p> - -<p>Der Justizrat schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Sie hätten den Ausdruck des Friedens sehen müssen, der auf ihrem -Gesicht lag.“ – Dann fragte er und in seiner Stimme war ein Klang von -Neugier:</p> - -<p>„Warum mochten Sie übrigens nicht neben Pauline sein, als der Sarg hier -noch einmal geöffnet wurde, wie sie<span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[S. 84]</span> auch dies erlaubt hatte, wenn -einer von Ihnen den Wunsch danach äußerte?“</p> - -<p>Eva von Ostried zögerte mit der Antwort.</p> - -<p>„Ich habe meinen toten Vater gesehen –“ Es klang wie das Geständnis -von schwer überwundenem Grausen.</p> - -<p>„Ich glaube wohl, daß es kaum noch Jemand mit einem so geringen -Schuldkonto, wie sie es hatte, geben kann,“ meinte er sinnend.</p> - -<p>„Sie sind überzeugt, daß der Friede in ihren Zügen daher gekommen sei?“</p> - -<p>„Ja – das bin ich voll und ganz!“</p> - -<p>„Wie grausam ist auch dies. Das Leben lassen und alle Schuld – -zusammengedrängt – in letzter Stunde empfinden und bereuen zu müssen,“ -sagte sie schaudernd und dachte dabei wiederum an ihren Vater, dessen -Qual nicht zu Ende hatte kommen können.</p> - -<p>Er zuckte mitleidslos die Schultern.</p> - -<p>„Einmal rächt sich eben alles! – Das ist der Trost von uns Juristen, -wenn wir lediglich mit dem Beweis unserer starken Ueberzeugung belasten -können. – Nun muß ich aber zu meiner Arbeit. Mein Bürovorsteher ist -verzweifelt. Stöße von Akten warten auf mich.“</p> - -<p>Sie hielt ihn nicht zurück, obgleich ihr schwere Fragen auf den Lippen -brannten. An der Schwelle wandte er noch einmal den Kopf nach ihr.</p> - -<p>„Sie hatte mich schon vor Jahresfrist gebeten, nach ihrem Tode -möglichst unverzüglich den Antrag auf Eröffnung ihres Testaments zu -stellen. Ich habe es also bereits veranlaßt. In ein paar Tagen hoffe -ich, wird auch Ihnen Nachricht zugehen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[S. 85]</span></p> - -<p>„Fräulein von Ostried, ich weiß nichts näheres, als daß sie sich -mit der Absicht getragen hat, Ihnen in jeder Beziehung die Wege zu -ebnen. Vielleicht wollte sie es mit mir an Ihrem letzten Geburtstag -durchsprechen. Vielleicht erschien es so einfach, daß sie hierfür -meinen Rat nicht brauchte. – Jedenfalls – machen Sie sich keinerlei -Zukunftssorgen. Nicht wahr, Sie werden dann doch sofort mit aller Kraft -Ihre Studien fortsetzen?“</p> - -<p>„Ja, Herr Justizrat, das beabsichtige ich zu tun – denn auch mir hat -sie in Oeynhausen von dieser Absicht gesagt.“</p> - -<p>„Wohin Sie sich zunächst wenden – ob Sie, einer Bestimmung gemäß, noch -in diesem Haus bleiben oder ob sie andere Wünsche gehabt hat – nun, -wir werden ja bald alles hören. – Jedenfalls schon heute das eine, -jederzeit bin ich für Sie da. Ich weiß, wie nahe Sie ihr standen.“ Und -Eva von Ostried empfand es als ein unsagbares Glück, daß sie diese -edle, gütige Frau wie eine Tochter geliebt hatte. – –</p> - -<p>Vier Tage später kam die alte Pauline mit einem geöffneten Schreiben -zu Eva von Ostried. Ihr Gesicht zeigte einen hilflosen und verlegenen -Ausdruck, als sie ihr den großen Bogen hinreichte.</p> - -<p>„Bitte, lesen Sie sich das auch mal durch. Ich versteh’s nicht -ordentlich. Damit muß doch eine andere als ich gemeint sein.“</p> - -<p>Eva tat ihr den Gefallen und nickte ihr am Schluß freundlich zu.</p> - -<p>„Es stimmt alles, Pauline. Sie sind nun reich!“</p> - -<p>Da begann das alte Mädchen bitterlich zu weinen. Und unter Tränen stieß -sie heraus:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[S. 86]</span></p> - -<p>„Mir ist so angst. – Nein, nein, Fräuleinchen – ich glaube nicht –“</p> - -<p>„Ich will es Ihnen langsam vorlesen, Pauline. Hören Sie zu. Dann klingt -es wahrscheinlicher.“</p> - -<p>Sie stand mit andächtig gefaltenen Händen neben Eva von Ostried.</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>In dem vorschriftsmäßig eröffneten Testament der verstorbenen Frau -Hanna Melchers, verwitwete Landgerichtspräsident, fand sich die -folgende Bestimmung, von der wir Ihnen hiermit Kenntnis geben:</p> - -<p>„Ich bestimme ferner, daß meine gute Pauline Müller, in dankbarer -Anerkennung ihrer nahezu dreißigjährigen mir treu geleisteten -Dienste bis zu ihrem Tode aus meinem Nachlaß monatlich die Summe -von einhundert und fünfzig Mark erhält. Außerdem soll sie sich nach -Ihrer Wahl die Möbelstücke für zwei Stuben aussuchen und alles -dasjenige an Wäsche und Kleidern, was ihr zu besitzen wünschenswert -erscheint.</p> - -<p>Mein Testamentsvollstrecker und Freund, Justizrat Dr. Weißgerber, -möge freundlichst bei dieser Wahl an einem von ihm zu bestimmenden -Tage zugegen sein –“</p> - -</div> - -<p>Das alte Mädchen regte sich noch immer nicht. Sie war sehr rot und -ihre Hände zitterten, trotzdem sie sie fest zusammengelegt hatte. Sie -nahm langsam das Schreiben wieder an sich. Ihre Blicke suchten eine -bestimmte Zeile, die ihr die wichtigste erschien. – Schwerfällig -buchstabierte sie, während ihr die Tränen über die Wangen liefen:</p> - -<p>– Meine gute Pauline Müller –</p> - -<p>– Eva von Ostried harrte seither einer ähnlichen Mitteilung. Sie war -erstaunt, daß sie nicht mit der gleichen<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[S. 87]</span> Post ebenfalls die amtliche -Benachrichtigung empfangen hatte. Als der zweite Tag ereignislos zu -Ende ging, wollte sie sich an den Justizrat wenden. Aber – schon zum -Ausgehen bereit – empfand sie etwas wie Scham über ihre Ungeduld. Die -Präsidentin hatte das Nichterfüllen von Versprechungen allzeit hart -verurteilt. – Wie durfte sie auch nur einen Augenblick Zweifel hegen? -Der nächste Tag – ja, vielleicht bereits die kommende Stunde – würden -auch sie beglücken.</p> - -<p>Mit fieberhafter Ungeduld widmete sie sich dem Aufräumen der Zimmer. -Obgleich es ihr selbst sinnlos erschien, säuberte sie mit einer ihr -sonst fremden, peinlichen Gründlichkeit jeden Winkel und vermied dabei -dem Gedanken, der ihr wie ein Wahnsinn erschien, Raum zu geben.</p> - -<p>In der Nacht fand sie keinen Schlaf. Die Eule schrie wieder. – Der -Totenvogel, wie ihn die alte Pauline genannt hatte.</p> - -<p>Was aber konnte ihr noch Lebendiges geraubt werden?</p> - -<p>Das eine, große, letzte Hoffen, auf welches sich ihr Leben aufbauen -sollte. Es duldete sie nicht länger im Bett. Sie erhob sich und riß die -Fenster auf. Noch immer war Vollmond und silbernes Leuchten.</p> - -<p>Wenn ihr die Präsidentin jenes Hintergehen in Oeynhausen doch nicht -vergeben hätte – wenn sie erst noch abwarten wollte – und wartete – -bis – es – nun – zu spät geworden?</p> - -<p>Sie sank am Fenster nieder und kühlte die heißen, zuckenden Finger am -Glas der Scheiben. Das brachte sie zur Besinnung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[S. 88]</span></p> - -<p>– Es waren Hirngespinste schlafloser Stunden – ohne Berechtigung. Ja -mehr. – Eine Beleidigung für die Beste und Fürsorglichste, die niemals -etwas Beschlossenes versäumt hatte. –</p> - -<p>Sie begab sich wieder zur Ruhe und schlief nun traumlos und sanft, bis -Pauline sie weckte.</p> - -<p>„Stehen Sie schnell auf, Fräuleinchen. Herr Justizrat ist da und will -mit Ihnen reden.“</p> - -<p>Das kluge Gesicht des alten Juristen zeigte eine fremde Unsicherheit, -als Eva von Ostried ihm gegenüberstand.</p> - -<p>„Wundern Sie sich nicht über mein frühes Erscheinen,“ versuchte er sich -zu entschuldigen. „Ich hätte ebenso gut bereits gestern um diese Zeit -bei Ihnen sein können. Aber, es war mir zu unfaßbar. Ich konnte und -wollte es nicht glauben.“</p> - -<p>In ihr regte sich das Angstgefühl der verflossenen Nacht von neuem.</p> - -<p>„Was ist geschehen, Herr Justizrat?“ Er zögerte mit der Antwort.</p> - -<p>„Das Testament, wissen Sie –“ Er sah, wie sie erblaßte. Das gab ihm -die Sicherheit zurück. „Ich habe vorgestern noch einmal darin Einsicht -genommen. Es war mir freilich längst bekannt. Nach Besprechung mit Frau -Präsident hatte ich es aufgesetzt. Ich erwartete aber einen noch nicht -dem Wortlaut nach gesehenen Nachtrag – in Form eines Zettels oder -meinetwegen eines Briefes. – Denn, es ruht noch nicht sehr lange beim -zuständigen Amtsgericht. – Ich fand nichts. – Kurz – Sie sind darin -nicht bedacht, Fräulein von Ostried.“ Eine Weile wartete er geduldig -auf eine Entgegnung. Sie schwieg. Er hatte die<span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[S. 89]</span> starke Empfindung, daß -er ihr darüber forthelfen müsse, ohne indes das rechte Mittel zu kennen.</p> - -<p>„Ich habe Ihnen bereits gestern angedeutet, was ich aus ihrem Munde -weiß. Eine harmlose Bemerkung allein ist das nicht gewesen. Sie bat -mich damals auch, daß ich Ihnen zur Seite stehen möchte, wenn sie nicht -mehr dazu imstande wäre. – Was anders kann sie gemeint haben, als -daß ich Sie auch bei Anlegung des von ihr Ererbten beraten möge? – -Meine Erkrankung – die Unmöglichkeit an dem Fest Ihrer Volljährigkeit -zugegen zu sein. – Vielleicht ihre Reise. – Ja, das alles kann -dazwischen gekommen sein. Und dennoch glaube ich auch jetzt an kein -Aufschieben. – Ich sage da vielleicht etwas Sinnloses. – Ich müßte -es eingesehen haben, daß irgend ein Zufall – sie an der Ausführung -gehindert hat. – Gestern zog ich das noch überhaupt nicht in Betracht. -Ich war sicher, daß sich unter den von mir aus ihrem Schreibtisch -entnommenen Schriften eine Bestimmung zu Ihren Gunsten vorfinden mußte -–“</p> - -<p>Eva von Ostried hob den Blick. Ein entsetztes Fragen, das ihm ans Herz -griff, lag darin.</p> - -<p>„Und Sie – fanden – es endlich?“ Die Kehle war ihm wie eingerostet.</p> - -<p>All diese Tausende und Abertausende – Heime und Stiftungen bekamen -sie – gänzlich fremde, wenn auch bedürftige Menschen. Und diese hier -– die sie geliebt, an der sie sich erfreut hatte – die sollte leer -ausgehen?</p> - -<p>Er riß sich zusammen. Es mußte doch geschehen.</p> - -<p>„Nein, ich fand nichts, Fräulein von Ostried.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[S. 90]</span></p> - -<p>Sie stand mit schlaff herabhängenden Armen vor ihm. Allmählich -veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichts und wurde schreckhaft -starr, als sähe sie ein Gespenst. – Es war die Zeit, der sie -entgegenging. – Schwer hing sich die Freudlosigkeit an ihre Glieder -und machte ihre blühende Jugend frühzeitig welk und alt. Alles Hoffen -versank mit diesem Schlag. –</p> - -<p>Da war ein schnurgerader, sandiger Weg mit ungezählten spitzen Steinen. -Den mußte sie gehen, weil es nach diesem keinen andern für sie gab. – -Er tat sehr weh. – Aber nur ihr Blut floß. Das Leben blieb.</p> - -<p>Sie wimmerte auf und wußte doch nichts davon. Dem alten Mann griff es -ans Herz. Das lichte Bild seiner Freundin wollte sich verdunkeln.</p> - -<p>„Wenn ich ihr doch helfen könnte,“ dachte er grimmig.</p> - -<p>„Ich habe trotz meiner großen Einnahmen auch nur gerade so viel, als -ich für mich und meine fünf Töchter brauche,“ sagte er in einem Ton, -als schäme er sich dieser Wahrheit. „Sie wissen es durch unsere Tote. -– Meinen beiden verwitweten Töchtern gebe ich die gesamten Mittel zur -Fortführung ihres kinderreichen Haushalts – sonst –“</p> - -<p>Sie hörte nur dies letzte Wort, das bedauerte, keine Almosen spenden zu -können. Sie mußte also wie eine Bettlerin vor ihm stehen. Sonst hätte -er das nicht zu sagen gewagt. – Ihre Muskeln spannten sich langsam an. -Ihre Augen wurden stahlhart. Sie fühlte alle Peitschenhiebe, mit denen -der Alltag ihrer wartete, voraus und bäumte sich dagegen auf.</p> - -<p>„Ich besitze eigenes Vermögen, das mir der frühere Vormund durch Frau -Präsident aushändigen ließ,“ sagte sie<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[S. 91]</span> hochmütig. Eine Last glitt von -seiner Brust. Sie hörte ihn aufatmen und mußte lächeln, weil er ihren -Stolz so willig glaubte. –</p> - -<p>„Gottlob – dann ist es ja doch nicht so hart, wie ich gefürchtet habe.“</p> - -<p>„Durchaus nicht. Keine Sorge um meine Zukunft, Herr Justizrat!“</p> - -<p>„Sie werden sich aber stets an mich wenden, wenn Sie irgend einen Rat -gebrauchen sollten.“</p> - -<p>„Sehr gütig von Ihnen. Hoffen wir, daß ich in keinerlei böse Lagen -gerate –“ Ihre sonst melodische Stimme klang fast schrill. Ihr Lächeln -wirkte maskenhaft. Er fuhr mit dem Taschentuch über die hohe, kahle -Stirn. „Ich möchte noch gleich mit der alten Pauline wegen der von ihr -zu wählenden Sachen verhandeln –“</p> - -<p>Pauline war eigensinnig. Sie mochte von all den schönen, vielfarbenen -Seidenkleidern der Präsidentin nur eins. – Und gerade das unmodernste -und älteste, worin sie gestorben war.</p> - -<p>„Anziehen werd’ ich’s natürlich nie,“ meinte sie, von neuem aufweinend, -„denn sie hat’s noch mehr in Ehren gehalten, wie ihre andern –“</p> - -<p>– – Eva von Ostried kniete vor der altertümlichen Kommode und raffte -ihre Habseligkeiten zusammen. Ohne Ueberlegung warf sie alles in -einen großen, sehr neu aussehenden Koffer. Die fieberhafte Ungeduld, -möglichst schnell aus diesem Hause fortzukommen, trieb sie zur Eile.</p> - -<p>Sie wollte keinen Bissen Gnadenbrot weiter annehmen, keine Bettelgabe -begehren. Während sie sich das stolz und trotzig vornahm, fiel ihr -Blick auf das, was ihr gehörte.<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[S. 92]</span> Eine glühende Röte überzog ihr -Gesicht. Wozu spielte sie Versteck mit sich? War nicht alles, was sie -besaß durch die Güte der Verstorbenen geschaffen? Hatten ihr nicht -deren zarte Geschenke und das liebevolle Erspähen ihrer geheimsten -Wünsche alles beschert? Was blieb ihr, wenn sie darauf freiwillig -Verzicht leistete? – Das Gefühl ihrer Ohnmacht gegenüber dieser -Tatsache war so stark, daß sie nicht weiter schaffen konnte. Entsagung -– Kampf und Armut lauerten überall auf sie als willkommene Beute. Denn -was bedeuteten die armseligen tausend Mark Muttererbe?</p> - -<p>Sie mußte auflachen. Es klang grell und schaurig in diesem hellen, -freundlichen Mädchenstübchen. – Die Tränen schossen ihr in die -Augen. Das weitere Leben war wertlos geworden. – Und dennoch – es -fortwerfen, weil der goldene Traum der Künstlerhoffnung verwehrt war?</p> - -<p>Unmöglich! In den Adern pochte die Jugend. Allein die Vorstellung, -sterben zu müssen, schuf schon ein wildes Wehren dagegen.</p> - -<p>Der sandige Weg mit den spitzen Steinen würde beschritten und – zu -Ende gelaufen werden! – Ohne die geliebte Kunst!</p> - -<p>War das überhaupt auszudenken? – Täglich fremden Launen zu dienen, -stündlich Nadelstiche zu erdulden, bis alles Empfinden tot war? -Amtsrat Wullenweber fiel ihr ein. Wenn sie ihn bitten würde? – Es -war Wahnsinn mit diesem Gedanken auch nur zu spielen. – Auch Ralf -Kurtzig, der alternde Meister, konnte ihr nicht helfen. Sie wußte durch -die Präsidentin, daß er wohl Reichtümer eingeheimst, aber niemals -aufzuspeichern verstanden hatte.<span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[S. 93]</span> Und ihr Studium war teuer. – Die -ersten Lehrkräfte waren notwendig. Die Weiterbildung auch des Gehörs -durch den Besuch der besten Konzerte blieb Erfordernis. – Gute und -nahrhafte Kost, anständige Kleidung mußten auch sein – – Sie hatte -erlebt, wie das Geld unter den Fingern zerrann. – –</p> - -<p>Sie wollte alles begraben! – Als sie meinte, daß mit diesem Vorsatz -das Hauptsächlichste geschehen war, packten sie Verzweiflung und Jammer -so heftig, daß sie aufschrie und sich über ihre Noten warf...</p> - -<p>Und doch – wenn nur der erste Schritt getan war!</p> - -<p>Sie wurde nachdenklich – vergaß die begonnene Arbeit, riß den Hut -vom Haken und drückte ihn auf das Haar. – Wenn sie hier fort wollte, -mußte ein neuer Unterschlupf gefunden werden. – Und fort wollte sie. -Je früher, desto besser. – Im Laufschritt eilte sie die breite, stille -Straße hinunter. – Wollte zu der Zweigniederlassung der von der -Präsidentin bisher gelesenen Zeitung, um ein Gesuch nach einer Stellung -aufzugeben – vergaß dann aber sofort wieder diesen Vorsatz und eilte -gedankenlos weiter, den wundervollen, schattigen Plätzen entgegen, an -denen die prunkvollen Häuser der glücklichen Besitzer lagen.</p> - -<p>Die Welt war klar, satt und durstlos. An stillen Seitenstraßen schienen -die jungen Buchen zu bluten, als verschenkten sie freudig ihren -Lebenssaft. Unbeschreibliche Sehnsucht nach einem Menschen, der sie in -dieser Stunde haltloser Verzweiflung voll verstehen könnte, überkam Eva -von Ostried. Sie wußte sich Niemand!</p> - -<p>Ihre Schönheit hatte zu allen Zeiten glühende Bewunderer gefunden. -Aber sie kannte sich selbst noch zu wenig,<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[S. 94]</span> um schon zu wissen, daß -sich lediglich ihre stark entwickelte Eitelkeit durch die unverhüllten -Blicke der Leidenschaft befriedigt gefühlt.</p> - -<p>Wäre es anders gewesen, hätte sie damals unmöglich Paul Karlsens -gestohlene Zärtlichkeit als eine unerhörte Beleidigung empfinden -können. Ihr Herz war bisher völlig unberührt geblieben. Ihre -Frauensehnsucht suchte indessen unbewußt – an den lauten Huldigungen -vorbei – nach den stillen Gassen, die zu dem Tempel reiner Liebe -führen.</p> - -<p>Und dennoch sträubte sie sich heftig gegen die Zumutung, die Krone des -Frauendaseins einzig in der Ehe mit einem Manne zu suchen.</p> - -<p>Plötzlich verlangsamten sich ihre Schritte. Lauschend neigte sich der -Kopf. Rächten sich die Stunden der Aufregung und gaukelten ihr Töne vor -aus jener Welt, die ihr von heute an verschlossen war. Oder gehörte die -jauchzende Stimme hinter ihrem Rücken der Wirklichkeit an?</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Ach, daß die Seele Dein meiner Seele sich eine,</div> - <div class="verse indent2">Du teures Kind, laß mich Deine Augen sehn.</div> - <div class="verse indent2">In diesem weißen Kleid, mit diesem Heiligenscheine</div> - <div class="verse indent2">Bist Du ein Engel aus Himmelshöhen.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Sie wollte dem wohlbekannten Liebeswerben Wilhelms entfliehen, stürzte -weiter und stand doch im nächsten Augenblick durch den lockenden Ruf -bezwungen, wie gebannt still.</p> - -<p>Zwei Hände rissen die ihren, die kalt und matt gewesen, an sich.</p> - -<p>„Kleine, süße Mignon, endlich sehen wir uns wieder.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[S. 95]</span></p> - -<p>Paul Karlsen war an ihrer Seite und sie ließ ihn nicht ihre Verachtung -spüren. – Alles lag weit hinter ihr! Wie eines wirren Traumes, den ein -Kind gehabt und sich ganz falsch gedeutet hatte, gedachte sie flüchtig -seines Kusses.</p> - -<p>Er hatte ihre Hände freigegeben und schritt ruhig neben ihr dahin.</p> - -<p>„Wohin wollen Sie, Fräulein von Ostried?“ Das klang durchaus korrekt -und brachte ihr einen Strom zuversichtlicher Hoffnung.</p> - -<p>„Wenn ich das selbst wüßte,“ entgegnete sie leise. Er betrachtete sie -aufmerksam und schob sich ein wenig an sie heran.</p> - -<p>„Fronen Sie nicht mehr bei Ihrer alten Dame, hinter deren Stuhl ich Sie -oft genug – zähneknirschend – sehen mußte?“</p> - -<p>Da sagte sie ihm von dem Tode der Präsidentin. Er hörte ihr aufmerksam -zu.</p> - -<p>„Gottlob – also der Kunst endlich zurückgegeben! – Wird das schön -werden. Wir halten natürlich fortan fest zusammen.“</p> - -<p>Sie mied seinen bittenden Blick.</p> - -<p>„Ich gehe fort von Berlin.“</p> - -<p>„Ah!“ machte er enttäuscht, „wohin denn? Berlin bietet doch die besten -Ausbildungsmöglichkeiten. Auch kann man hier gar nicht anders, als -sehr brav sein. Ich habe mirs vor allen andern Städten ausgesucht. -– Ob gerade darum? Nein, das zu behaupten wage ich doch nicht. – -Wissen Sie, nun ist’s entschieden. Don Karlos – Meister Heinrich und -die verehrten blutigen Könige des nämlichen Namens mit aufsteigender -Numerierung sind tot und<span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[S. 96]</span> feierlich begraben. – Vor Ihnen steht der -künftige erste Heldentenor der Welt.“ Sie empfand brennenden Neid, -schämte sich der Aufwallung und fragte hastig:</p> - -<p>„Wie ist das möglich geworden?“</p> - -<p>„Tja –“ machte er und schwippte leichtsinnig mit den Fingern durch die -Luft, „es hat sich halt endlich eine unversiegbare Goldader auffinden -lassen.“</p> - -<p>Sie ahnte nicht, daß immer noch der Neid aus ihren wundervollen, -leidenschaftlichen Augen sprang. Ihm entging es nicht. Er spielte seine -Rolle ausgezeichnet – hielt sich fest im Zügel, wenn er sie auch noch -bezaubernder als damals in Oeynhausen fand.</p> - -<p>„Und Sie – wie weit sind Sie gekommen? – Ihnen fehlte nicht mehr viel -zur künstlerischen Reife!“</p> - -<p>Ihre Hand ballte sich in ohnmächtigem Zorn. Er am wenigsten durfte -etwas von ihren jähzerstörten Hoffnungen ahnen. Sie schämte sich ihrer -Armut.</p> - -<p>„Ich? – Nun, es wird sich bald genug etwas für mich finden lassen. Ich -kann nur noch vorläufig zu keinem festen Entschluß kommen.“</p> - -<p>Er betrachtete sie heimlich und bemerkte einen bittern fremden Zug, der -vor wenigen Monaten bestimmt noch nicht dagewesen war. Sie erschien ihm -plötzlich wie ein Becher aus edlem Kristall, der alles offenbart. Auch -sie spielte ihm eine Komödie vor. Aber, sie spielte sie nicht glaubhaft -genug. Ihr mußte entschieden etwas geschehen sein, das sie gedemütigt -hatte. Ihr Stolz, der ihn anfangs entflammte, ehe er ihn unbequem und -zuletzt lächerlich gefunden, war in diesem Augenblick unecht. Aber er -wollte sie ein wenig quälen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[S. 97]</span></p> - -<p>„Sie müssen mir versprechen, daß Sie an der ersten Stelle Ihrer -Tätigkeit meiner in warmer Fürsprache gedenken,“ bat er mit -knabenhafter Frische und hielt ihr die Rechte hin. „Schlagen Sie ein, -Fräulein von Ostried.“</p> - -<p>Es klang respektvoll und freundschaftlich. Der Ton tat ihr wohl. Ihre -Ehrlichkeit litt indes kein weiteres Versteckspiel. Ihr Herz, das sich -gerade hatte beruhigen wollen, begann wieder wie rasend zu pochen. Ihre -Augen füllten sich mit Tränen, so sehr sie auch dagegen kämpfen mochte. -Das stellte er mit stürmischer Freude fest. Ganz zart bemächtigte er -sich von neuem ihrer Hände:</p> - -<p>„Sie können mir vertrauen. Wirklich – Herrgott – wer machte mal keine -Dummheit – Ihre Schönheit hatte mich einfach kopflos gemacht – nein -– es war doch wohl mehr die grenzenlose Bewunderung Ihres herrlichen -Talents. Vergeben Sie mir, Eva. Sehen Sie in mir einen Freund und -Bruder –“</p> - -<p>Da sagte sie ihm alles!</p> - -<p>Er bedauerte sie nicht, als sie zu Ende gekommen war, trotzdem er -sie „armes Hascherl“ nannte. Es klang vielmehr aus den Worten ein -schelmisches Lachen, weil er dem traurigen Zufall die Rechnung -verderben wollte.</p> - -<p>„Das ist wahrhaftig keine Kopfhängerei wert! Wozu wäre ich Ihnen -denn sonst heute in den Weg gelaufen? – Sie dachten auch nur einen -Augenblick ernstlich daran, der Musik zu entsagen? Ja, wissen Sie denn -nicht, daß Sie damit die größeste Sünde begingen. – Und – sündigen -dürfen Sie nicht! – Herrgott, Mädel, was haben Sie für Gold in der -Kehle. Darauf pumpt Ihnen jeder gerissene Geschäftsmann, so viel Sie -wollen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[S. 98]</span></p> - -<p>Sie mußte, angesteckt durch seine hinreißende Zuversicht, lächeln.</p> - -<p>„Meine alten Gönner und Lehrer leiden an dem nämlichen Uebel, wie ich -selbst,“ sagte sie bitter und dachte in erster Linie an Ralf Kurtzig.</p> - -<p>„Und die jungen,“ fragte er und suchte ihren Blick. Sie wollte sich -nicht empfindlich zeigen und konnte doch nicht hindern, daß eine -glühende Röte ihr Gesicht überzog. Er betrachtete sie mit den Augen des -Künstlers, der sich an jeder gelungenen Schöpfung freut. – Als sie -jetzt mit der ihm nur zu wohlbekannten Bewegung der Unnahbarkeit den -Kopf zurückwarf, reizte sie – wie einst – sein Mannesempfinden. Der -Wunsch, ihre stolze, schlanke Gestalt an sich zu pressen – den roten, -lockenden Mund mit glühenden Küssen zu bedecken, verlangte genau so -ungestüm wie nach dem Zusammenspiel seine Erfüllung.</p> - -<p>Nur, daß er sich heute überwand und nicht das Geringste tat, um den -zarten Keim ihres jungen Vertrauens zu zerstören. Er sprach weiter, als -habe er keine Antwort von ihr erwartet:</p> - -<p>„Ich wollte Sie nur ein wenig quälen – Ihnen zeigen, daß Sie im -Augenblick aus eigener Kraft nichts vermögen.“ Sie wurde unsicher.</p> - -<p>„Sie widersprechen sich ja.“</p> - -<p>„Weil ich soeben noch von den klugen Geschäftsleuten redete? Das -halte ich aufrecht! – Sie warten sozusagen an allen Ecken auf Sie, -mein Fräulein. Es kommt lediglich darauf an, daß Sie den richtigen -festmachen. Die Wahl muß vorsichtig gehandhabt werden. Zugleich -mit diesem Ehrenwerten lauern hundert Fallen, in welche Ihre -Un<span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[S. 99]</span>erfahrenheit glatt hineintappt, wenn Ihnen der kühle Berater fehlt.“</p> - -<p>Sie seufzte auf, weil sie ihm glauben mußte.</p> - -<p>„Ich könnte mich an den juristischen Berater der verstorbenen -Präsidentin wenden. Er hat mir seine Hilfe angeboten.“</p> - -<p>„Ein Jurist und sei er noch so tüchtig, versteht nichts von all diesen -Dingen. – Da gibt es Vorschläge und schließlich Abschlüsse, gegen die -kein Paragraph gewachsen ist.“</p> - -<p>„Das bestärkt mich in der Notwendigkeit, zu entsagen.“</p> - -<p>„Sehen Sie an! So sehr verachten Sie also mich und meine Freundschaft?“</p> - -<p>„Sie wollten mir wirklich helfen?“</p> - -<p>„Merken Sie das endlich? Ich habe bereits einen Plan. Wir besteigen die -nächste elektrische Bahn und fahren gemeinsam zu – nun – nennen wir -ihn meinetwegen Herrn Freundlich! Der Mann ist bis zu einem gewissen -Grade gefällig und auch beinahe ehrlich, wenn man seine Schliche so -lange und genau kennt, wie ich. – Mir hat er jedenfalls vor Jahren -rührend geholfen. Freilich,“ und sein Gesicht nahm einen zerknirschten -Ausdruck an, „ein bißchen hänge ich – aus purer Vergeßlichkeit – -immer noch bei ihm. Wirklich nur deshalb. Meine Goldader hätte ihn -längst befriedigen können. – Also – wollen Sie?“</p> - -<p>Sie zögerte noch. Die Hoffnung durchleuchtete aber schon das kurze -Zaudern.</p> - -<p>„Er kennt mich doch nicht?“</p> - -<p>„Darum verbürge ich mich eben für Sie! Mich kennt er und weiß genau, -was ich kann und noch leisten werde. – Passen Sie auf, wir schaffen -es mit Leichtigkeit. Ein paar<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[S. 100]</span> tausend Mark gewährt er unter durchaus -annehmbaren Bedingungen zweifellos.“</p> - -<p>Sie folgte ihm willenlos, als er in eine Seitenstraße einbog und zu -einer Haltestelle herüberquerte.</p> - -<p>Sie saßen Seite an Seite auf dem schadhaften Tuch der schmalen Sitzbank -und schwiegen. Das Hoffen, das Eva von Ostried für alle Zeit eingesargt -zu haben meinte, trieb grüne Keime. – –</p> - -<p>Herr Freundlich bewohnte ein düsteres, etwas feuchtes Kellergelaß und -war sehr unfreundlich. Ueber seiner scharfgebogenen Nase spähten zwei -kleine stechende Augen in Karlsens schönes, leichtsinniges Gesicht.</p> - -<p>„Wie werde ich Sie nicht wiederkennen, Herr Karlsen,“ unterbrach er ihn -mürrisch, „Sie stehen ja noch mit achtzig Mark und fünfzig Pfennig zu -Buch.“</p> - -<p>„Sie irren, Bester, es können unmöglich mehr als dreißig Mark sein.“</p> - -<p>„Fangen Sie nicht schon wieder an zu handeln. Ich sage Ihnen, daß es -sogar neunzig sind, wie mir eben einfällt.“</p> - -<p>„Schön. Sie sollen Recht behalten. Sonst ist es demnächst zu hundert -angewachsen. Das weitere in dieser Sache später. – Heute will ich -nichts für mich. Ich bringe Ihnen hier Fräulein von Ostried, die -schon einmal mit noch nie dagewesenem Erfolg in Oeynhausen die Mignon -gesungen hat. – Ihre Stimme birgt ganze Goldfelder.“</p> - -<p>Die schlauen Augen glitten, den Wert ihrer Schönheit abschätzend, jetzt -über Eva von Ostrieds Gestalt und Antlitz. Sie empfand diese Blicke mit -körperlichem Schmerz.</p> - -<p>„Um wieviel handelt es sich denn?“ fragte er langsam und vorsichtig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[S. 101]</span></p> - -<p>„Fünftausend Mark würden vorläufig genügen.“</p> - -<p>„Und die Sicherheit?“</p> - -<p>„Gebe ich Ihnen! Zudem verpflichtet sich die Dame schriftlich zu -regelmäßiger Abzahlung in Raten nach Abschluß ihres ersten Vertrages.“</p> - -<p>Herr Freundlich lachte kurz und trocken auf.</p> - -<p>„Eine schöne Sicherheit! Wollen Sie mich vielleicht zum Narren halten?“</p> - -<p>Eva begann zu zittern. Die Scham, daß sie Paul Karlsens Vorschlag -angenommen, wurde so stark, daß sie zur Tür strebte, um ohne Gruß zu -scheiden. – Da streckte sich die dürre Hand des Geldverleihers nach -ihr aus.</p> - -<p>„Nicht so hitzig, Fräulein. Sie gefallen mir sonst. – Und ich könnte -Ihnen schon helfen!“</p> - -<p>Eva von Ostried sah in diesem Augenblick hilfesuchend nach Paul Karlsen -hinüber. Sie wurde unsicher.</p> - -<p>„Wir müssen uns aber vorher erst auf gut Deutsch mit einander -verständigen,“ fuhr er fort. „Es soll natürlich die Oper sein. Kennen -wir doch. – Was anderes wird’s auch tun. Kurz gesagt: Ich wüßte was -Passendes für Sie. Auf die Stimme kommt’s dabei nicht besonders an. -Aber Kleider und Firlefanz müssen sein. Was sonst verlangt wird, ist -bei Ihnen vorhanden. – Sie gehen zum Varieté, Fräulein!“</p> - -<p>Eva von Ostried riß nun doch die niedere Tür auf und flüchtete die -ausgetretenen unsauberen Stufen empor auf die Straße.</p> - -<p>Ohne sich nach Paul Karlsen umzusehen, lief sie weiter.</p> - -<p>„Sie dürfen mir nicht zürnen, ich habe es gut gemeint,“ bettelte seine -Stimme demütig. Sie sah starr geradeaus,<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[S. 102]</span> damit er die Tränen ihrer -Scham und Verzweiflung nicht merken sollte.</p> - -<p>„Jetzt werden Sie kein Vertrauen mehr zu mir fassen können,“ klagte -er. „Und ich wollte dies doch lediglich versuchen, damit Ihnen – das -andere – nicht etwa schwer fallen sollte.“ Nun wandte sie ihm doch ihr -Gesicht zu.</p> - -<p>„Welches andere? Glauben Sie hiernach wirklich noch, daß ich einem -zweiten Versuch zustimmte?“</p> - -<p>„Ich glaube nichts. Aber ich weiß. Es ist kein Versuch mehr. – Sie -brauchen lediglich „Ja“ zu sagen. Dann ist alles in Ordnung.“</p> - -<p>„Ich wollte, ich wäre Ihnen nicht begegnet,“ sagte sie hart.</p> - -<p>„Morgen werden Sie anders denken.“</p> - -<p>„Morgen werde ich vielleicht schon Berlin verlassen haben.“</p> - -<p>„Nein,“ sagte er und seine Lippen wurden schmal vor Erregung, „morgen -werden wir beide – gleich ausgelassenen Kindern – der Zukunft -entgegenlachen. Wetten?“ Sie tat, als habe sie dies Letzte nicht gehört.</p> - -<p>„Ich muß meine Sachen fertig packen. Leben Sie wohl.“</p> - -<p>Er hielt Ihre Hand fest.</p> - -<p>„Fräulein von Ostried – ich bin Ihre Zukunft! Fühlen Sie das nicht? – -Es ist nicht Großsprecherei. Es ist einfache, ungeschminkte Wahrheit. -– Sie werden pünktlich heute Abend um neun Uhr vor dem Gartentor der -Villa sein, die sich Karlsbaderstraße 14 befindet.“</p> - -<p>„Ich werde nicht kommen. Verlassen Sie sich darauf.“</p> - -<p>„Streiten wir nicht. Ich erwarte Sie. Also keine Angst. Dort wird sich -jemand finden, der Ihnen ohne Schuldschein<span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[S. 103]</span> und sonstige Versprechungen -alle Mittel gewährt, die Sie nötig haben. – Es ist kein Scherz dabei. -Sehen Sie mich an.“</p> - -<p>Sie schüttelte den Kopf ohne den Blick zu heben.</p> - -<p>„Lassen Sie mich. Ich will nicht mehr.“</p> - -<p>„Ich mag leichtsinnig und verschwenderisch – faul und meinetwegen -sogar nicht immer zuverlässig sein. Ein der Kollegenschaft gegebenes -Versprechen habe ich noch nie gebrochen. – Hören Sie. Mein Ehrenwort, -daß Sie nicht umsonst kommen werden. Daß Sie das bezeichnete Haus als -Eine verlassen, die für alle Zeit zu ihrer Kunst zurückgekehrt ist.“</p> - -<p>Sie antwortete ihm nicht. Sie riß nur ihre Hand gewaltsam aus der -seinen und setzte ihren Weg allein fort.</p> - -<p>Er machte keinen Versuch ihr zu folgen.</p> - -<p>Aber solange die klare Ferne ein Schatten ihres schwarzen Kleides -zeigte, sah er ihr mit einem Lächeln des Triumphes nach.</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_103_ende"> - <img class="w100" src="images/i_103_ende.jpg" alt="Kapitel 4, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[S. 104]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_104_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_054_kopf.jpg" alt="Kapitel 2, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_5">5.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">P</span>aul Karlsen ging mit gemächlichen Schritten über den rostfarbenen -Kies. Zu beiden Seiten des schmalen Weges blühte der Vorgarten. Ueber -dem weinumzogenen Haus lag die Mittagssonne. Augenscheinlich hatte -er es nicht eilig. Auch die wenigen bequemen Marmorstufen der Treppe -nahm er fast zögernd. In dem Vorraum, der zur eigentlichen Diele -führte, erwartete ihn die steife Gestalt eines alten Dieners, der etwas -eigentümlich Lebloses hatte. Paul Karlsens Augen waren noch von der -Fülle der Sonne geblendet. Er erschrack, als sich eine Hand nach seinem -Hut ausstreckte, trotzdem er dies Bild nun doch nachgerade kennen mußte.</p> - -<p>„Na – bin ich heute pünktlich, alter Hagen,“ fragte er lässig.</p> - -<p>Das Gesicht veränderte sich nicht. Nur die leise Stimme klang -vorwurfsvoll.</p> - -<p>„Die gnädige Frau wartet seit einer Stunde mit dem Essen!“</p> - -<p>Er lachte kurz auf, warf den Kopf in den Nacken und murmelte etwas.</p> - -<p>„Verdammter Zwang,“ hieß es. –</p> - -<p>In dem großen, sehr kühlen Eßzimmer harrten auf köstlichem Leinen zwei -Gedecke. – Dieser Raum wirkte pomp<span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[S. 105]</span>haft und erdrückend. Die Bespannung -der Wände mit schwarzem Rupfen allzu feierlich. Die wuchtigen Möbel -spreizten sich in ihrer Kostbarkeit. Die Sonne, welche durch stilvoll -bemalte Scheiben ohnehin ihren Weg niemals finden konnte, war vollends -von schweren Vorhängen abgesperrt. Nur die Tafel mit dem blendend -weißen Leinen trug eine Fülle blutroter Rosen und dunkelblauem Kristall.</p> - -<p>Plötzlich löste sich aus der halbdunklen Schwermut die überschlanke -Gestalt einer weißgekleideten Frau und schritt auf Paul Karlsen zu. -Das längliche Gesicht war auffallend bleich. Die Nase trat scharf -hervor, als habe ein kürzlich überstandenes Krankenlager den Wangen die -natürliche Rundung genommen.</p> - -<p>Karlsen führte ihre Hand an die Lippen und ließ den Wortlaut seiner -Stimme in gut gespielter Ueberraschung klingen:</p> - -<p>„Du hast ja diese Leichenkammer heute so herrlich geschmückt, kleine -Frau. Wer soll denn beigesetzt werden? Und ein neues Gewand hast du -ebenfalls angelegt.“</p> - -<p>Ihr stiegen die Tränen auf. Nicht weil er sie warten ließ. O nein – -daran hatte sie sich längst gewöhnt. Aber – daß er nicht – daran -dachte.</p> - -<p>„Das Kleid,“ sagte sie hastig, um nicht laut aufweinen zu müssen, -„kennst du es wirklich nicht, Paul?“</p> - -<p>Er zog sie nach einem der hohen Fenster herüber und zerrte den Vorhang -zurück. In dieser Bewegung lag ein Aufbäumen auch gegen vieles andere.</p> - -<p>„Nee, mein Kind. Keine Ahnung habe ich.“</p> - -<p>„Ich trug es an dem Tage unserer heimlichen Verlobung in Oeynhausen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[S. 106]</span></p> - -<p>Er lachte verlegen auf.</p> - -<p>„Richtig! – Natürlich! – Jetzt sehe ich es. Das sind aber doch -höchstens vier Monate her und noch längst kein Jahr. Wo ist also der -geschätzte Anlaß zu einer besonderen Feier?“</p> - -<p>„Heute sind wir einen Monat Mann und Frau,“ sagte sie leise und konnte -nun doch nicht hindern, daß ein runder Tropfen auf das kostbare Gewand -fiel. – Er zog ungeduldig die Stirn empor.</p> - -<p>„Schön – also einen Monat! Was ist das im Vergleich zu all den Jahren, -die hoffentlich noch vor uns liegen. – Also, ich habe dieses hohe Fest -verschwitzt. Nimm’s nicht übel. Mir brummt der Kopf. Es gibt doch mehr -Arbeit und Schwierigkeiten zu überwinden, als ich anfänglich annahm.“</p> - -<p>„Ich störe dich doch nicht etwa bei deinen Studien, Paulchen?“</p> - -<p>Er hatte seinen Rufnamen überhaupt niemals gemocht. Dies „Paulchen“, -das er ihr nicht abgewöhnen konnte, reizte ihn zuweilen bis zur -Tollheit. Jetzt überhörte er es, weil er etwas erreichen wollte.</p> - -<p>„Du im Besonderen bist das bescheidenste und leiseste Wesen, das es -geben kann. Im allgemeinen freilich wäre ich gerade jetzt für eine -kurze Zeit nicht eben ungern solo.“ Sie sah entsetzt zu ihm auf.</p> - -<p>„Soll das heißen!“ Sie konnte nicht vollenden. Ihre Stimme erstickte in -Tränen. Er schüttelte sich, als fröre er.</p> - -<p>„Tu mir den einzigen Gefallen und höre mit dem Weinen auf, Elfriede. -Ich komme mir ja andauernd wie ein Barbar vor. Nein, nicht du sollst -für wenige Tage deine<span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[S. 107]</span> zur Zeit kränkelnde Mutter, eine Straße weiter, -besuchen und sie dadurch halb unsinnig vor Freude machen – welchen -Wunsch sie mir schon vor einer Woche, allerdings mit der Bitte, ihn -dir vorläufig zu verheimlichen, verraten hat – sondern ich werde zu -meinem Lehrer unter den blendenden Dachgarten ziehen. Denn, weißt du, -kleine Frau, ich muß üben und immer nur üben – kann mich nicht mehr -an eine feste Tischzeit binden – vertrage überhaupt zu solchen Zeiten -vorübergehend keine andere Gesellschaft als eine männliche.“</p> - -<p>Sie legte die Hand auf seinen Arm.</p> - -<p>„Paulchen, schenk mirs zum heutigen Tag, daß ich in mein altes -Mädchenstübchen zur Mutter darf. Du mußt deine Bequemlichkeit gerade -jetzt haben.“</p> - -<p>„Das würde eine schöne Geschichte geben, mein liebes Kind! Deine -Mutter würde plötzlich vergessen, wie sehr sie sich nach dir gesehnt -und felsenfest glauben, ich behandele dich schlecht und lieblos. -Denn sieh mal, immerhin bleibt es etwas wunderbar, wenn eine junge, -liebliche Frau nach einmonatlicher Ehe ihren Ehemann – wenn auch nur -vorübergehend – verläßt.“ Der letzte Satz gab ihr eine ungeheure Kraft.</p> - -<p>„Glaubst du wirklich, Paulchen, daß ich der Mutter meinen Besuch in -diesem Lichte hinstellen würde?“</p> - -<p>„Na, na, Kleines – wer kennt sich mit euch Frauen aus? In gewissem -Sinne ähnelt ihr euch alle verteufelt.“</p> - -<p>Sie widersprach mit jähaufflackerndem Rot.</p> - -<p>„Hast du schon vergessen, was ich dir in der grünen Einsamkeit des -Siels am Karpfenteich gelobt habe?“ Natür<span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[S. 108]</span>lich hatte er nicht die -geringste Ahnung. Aber er hütete sich es einzugestehen.</p> - -<p>„Frauengelöbnisse sind unberechenbar, wie eure Eifersucht, Schatz.“</p> - -<p>„Hältst du mich für eifersüchtig?“</p> - -<p>„Es käme auf die Probe an. Glatt verneinen möchte ich das nicht!“</p> - -<p>„Ich würde sie bestehen. Verlaß dich drauf.“</p> - -<p>„Lieber nicht. Deine Mutter wohnt ein bißchen zu nahe, Kleines.“</p> - -<p>„Wie tief mußt du mich einschätzen, Paul!“</p> - -<p>„Bewahre. Riesig hoch sogar. Hätte ich dich denn sonst geehelicht?“</p> - -<p>Sie legte mit einer rührenden Gebärde der Demut ihr Gesicht auf seine -schlanke Hand.</p> - -<p>„Sage so etwas niemals wieder, Paulchen. Wir wollen uns doch fest, -ganz fest vertrauen.“ Ihm wollte ein Lachen aufsteigen. Es wurde aber -zuletzt ein Hüsteln daraus.</p> - -<p>„Wollen wir auch. Natürlich. Aber jetzt komm gefälligst. Ich verspüre -einen Bärenhunger.“ Erschrocken drängte sie ihn zur Tafel hinüber.</p> - -<p>„Verzeih – ich vergesse das so oft neben dir!“</p> - -<p>Er musterte ihre magere, noch kindlich unentwickelte Gestalt und -seufzte leicht auf.</p> - -<p>„Leider, mein guter Schatz! Eß und trink, lieb und sing. Ja – so stand -es an einem alten Bauernhaus in Sachsen. Und recht hat der Spruch! – -Wie ich sehe, hast du zur Feier des hohen Tages auch herrlich für Stoff -gesorgt. Hoffentlich ist er gut.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[S. 109]</span></p> - -<p>Sie ließ es sich nicht nehmen, ihm aus der schweren Kristallkaraffe die -funkelnde Schale zu füllen.</p> - -<p>„Probiere ihn, Paulchen.“ Er hob das kostbare Glas und ließ es hell an -das ihre klingen.</p> - -<p>„Herrlich! – Ueberhaupt – das muß ich immer wieder anerkennen, du -bist eine ganz prachtvolle, kleine Hausfrau.“</p> - -<p>Strahlend sah sie zu ihm auf.</p> - -<p>„Darum habe ich auch einen Wunsch frei, ja?“</p> - -<p>Der Diener trug die Suppe auf. Die Unterhaltung verstummte. Sobald er -unhörbar entschwunden war, sagte Paul Karlsen spöttisch:</p> - -<p>„Er liebt mich nicht, Elfchen. Weißt du das eigentlich?“</p> - -<p>„Er liebt jeden, der mir gut ist,“ sagte sie ruhig, fast streng.</p> - -<p>„So? Na, weißt du, das bezweifle ich stark. Oder willst du etwa -andeuten, daß ich –“</p> - -<p>Sie ließ ihn nicht zu Ende kommen. Sanft legte sie ihre Hand auf seinen -Mund.</p> - -<p>„Ich bin dir unaussprechlich dankbar dafür. Trotzdem wünsche ich mir -noch eine Kleinigkeit.“</p> - -<p>„Was denn, Kleines?“</p> - -<p>„Den Besuch bei meiner Mutter.“</p> - -<p>„Ausgeschlossen! Die Gründe für meine Härte habe ich dir genannt.“</p> - -<p>„Sie sind sämtlich hinfällig. Ich fange es eben so geschickt an, daß -Mama zum Schluß sich heimlich bei dir bedanken wird.“</p> - -<p>„Wie wolltest du das anstellen?“</p> - -<p>„Sehr einfach. Heute nachmittag zur üblichen Whistpartie, wäre ich -doch herübergegangen. Da werde ich also<span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[S. 110]</span> ausnehmend blaß aussehen -müssen. – Lache nicht – ein wenig Weiß genügt schon. Sie wird mich -wieder zur Schonung quälen, in ihrer Ueberängstlichkeit meinen längeren -Besuch verlangen, damit sie sich selbst von meinem Gesundheitszustand -überzeugen kann und zwar dies alles in deiner Gegenwart.“</p> - -<p>„Um Gottes willen, ich soll dich doch nicht etwa begleiten. Das hast du -bisher doch klug zu vermeiden gewußt.“</p> - -<p>„Bringe mir dies Opfer, Liebster.“</p> - -<p>„Also gut! Ich will sogar gern mitkommen. Das heißt höchstens für ein -bis zwei Stunden.“</p> - -<p>„Solange wird es gar nicht nötig sein,“ meinte sie froh. „Aber nun höre -weiter. Du sperrst dich gegen das von ihr Geforderte und verweigerst -schließlich in aller Form deine Erlaubnis. – Dann wird sie hitzig -werden und unter allen Umständen darauf bestehen. – Ich kenne sie -doch.“</p> - -<p>„Du bist ja eine ganz gefährliche, kleine Heuchlerin, Schatz.“</p> - -<p>Er zog sie leicht in die Arme. In tiefem Glücksgefühl schloß sie die -Augen, die das einzig Schöne in ihrem Gesicht waren.</p> - -<p>„Ist das nicht ein feiner Plan, Paulchen?“</p> - -<p>„Ausgezeichnet sogar, wenn mir inzwischen die Sache nicht wieder leid -geworden wäre. Du hast als Ernst aufgefaßt, was bei mir nur eine Art -Gefühlsausbruch war.“</p> - -<p>„Daß du es, wenn auch nur einen Augenblick gewünscht hast, zeigt mir -die Notwendigkeit und nachher – wird es um so schöner sein.“</p> - -<p>„Gelt, das hätten wir vor einem Vierteljahr auch noch nicht gedacht?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[S. 111]</span></p> - -<p>„Was denn,“ schnurrte er mit erwachender Behaglichkeit.</p> - -<p>„Daß wir so schnell unser Glück erzwingen würden.“</p> - -<p>Er nickte mit vollem Mund, denn inzwischen war der Braten gekommen, -der, zart und saftig, selbst den größten Feinschmecker befriedigt hätte.</p> - -<p>„Wärst du nicht plötzlich nach der schroffen Ablehnung meines Werbens -durch die Frau Kommerzienrat, wollte natürlich sagen, deiner lieben -Mama, kränker geworden und dadurch jegliche Wirkung der Kur auf dein -rebellisches Herzlein in Frage gestellt – wer weiß, wer dann heute an -meiner Stelle neben dir säße –“</p> - -<p>„Wie wenig du mich im Grunde doch kennst, Paulchen. Fühlst du nicht, -daß ich niemals einem andern als dir gehört hätte?“</p> - -<p>Er nickte ihr zu.</p> - -<p>„Kleines Treues – du!“ Dann begann er zu scherzen und von jener -Zeit zu plaudern, weil er genau wußte, daß ihr dies die liebste -Unterhaltung war. Seine feurigen Augen strahlten tief in die ihren. Das -schmeichlerische weiche Organ machte auch das unbedeutendste Wort zu -einer Zärtlichkeit. Seine Laune war plötzlich glänzend.</p> - -<p>Ueber den blutroten Rosen und dem blauen Kristall schien die Krone des -Glückes, die allein die Liebe gibt, in warmen Glanz zu schweben! – –</p> - -<p>„Ja,“ sagte einige Stunden später Frau Kommerzienrat Eßling zu ihrer -alten Freundin und Vertrauten, die – wie seit Jahren – als Erste -zur Whistpartie gekommen war, „in der Nähe hätte ich sie nun ja. -Aber, was will das sagen. So viel man auch aufpaßt – allwissend ist -doch Niemand. Wer sagt mir, ob Elfriede unter seiner An<span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[S. 112]</span>leitung nicht -ebenfalls Komödie zu spielen gelernt hat?“</p> - -<p>Frau Generalkonsul Enck war keine mißtrauische Natur. Aber dieser -überstürzt geschlossenen Verbindung zwischen dem überzarten, beständig -kränkelnden Mädchen und diesem bildhübschen Leichtfuß, dem Karlsen, -brachte sie doch ihre schärfste Mißbilligung entgegen. Hätte man sie, -wie das sonst bei jeder wichtigen Entscheidung der Fall gewesen, nur -um Rat gefragt. Man hatte jedoch, einfach über ihren Kopf fort, in -aller Stille dem durchaus nicht von ihr ernstgenommenen Verlöbnis, die -eheliche Verbindung auf dem Fuße folgen lassen.</p> - -<p>Nun kamen natürlich Reue und Gewissensbisse über die besorgte, selbst -leidende Mutter. Anderseits kannte sie die bewundernswerte Energie -der Kommerzienrätin zu genau, um dieses Bündnis von vornherein als -dauerndes anzusehen.</p> - -<p>„Sie hätten es sich gründlicher überlegen sollen,“ konnte sie sich -nicht versagen, zu erwidern. Die andere sah starr auf das feine -Porzellan der kostbaren Teeschalen herab.</p> - -<p>„Sie haben niemals Kinder besessen. Da können Sie so etwas wohl sagen. -Stehen Sie nur an zwei Krankenbetten, in denen scheinbar bisher -kerngesunde, bildhübsche, lebenslustige Mädchen – – Auch die andern -Aerzte haben zuerst keine Ahnung davon gehabt. Denn daß mein Mann an -den Folgen einer hartnäckigen Lungenentzündung in jungen Jahren starb, -gab noch allein keinen Grund zur Beängstigung für seine Kinder ab. -Erleben Sie mal erst, was ich ertragen habe. – Wie habe ich damals -gegen das furchtbare Gespenst gerungen. Hart bin ich gewesen – so -hart.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[S. 113]</span></p> - -<p>In ihrem energischen Gesicht, aus dem die scharfe Nase, wie sie auch -ihre jetzt noch einzige Tochter hatte, auffallend hervorsprang, zuckte -es.</p> - -<p>„Regen Sie sich nicht mit den alten Geschichten auf, Frau Eßling.“</p> - -<p>„Die Aussprache mit Ihnen tut mir wohl. Zu wem sollte ich wohl davon -reden, wenn nicht zu Ihnen, vor der ich kein Geheimnis habe. – Seitdem -ich meinen alten Franz, den Diener, meiner Elfriede gegeben habe, weiß -niemand im Haus um diese Sachen.“</p> - -<p>„Malen Sie sich nicht zu schwarz, Beste,“ verteidigte die Konsulin. -„Sie mögen damals streng gewesen sein. Wer wäre es in der gleichen Lage -nicht gewesen. An eine Härte glaube ich nicht.“</p> - -<p>„Sie sollen selbst urteilen. In St. Blasien war’s, wohin ich nach -den erfolglosen Kuren in Hohenhonnef und Davos aus eigenem Entschluß -noch mal mit den beiden ältesten Töchtern ging. Denn Sie wissen, ich -konnte und wollte nicht daran glauben, daß alles vergeblich sein -sollte. In der Liegehalle war ein vergnügliches Leben unter dem jungen -Volke, und keines war da, das an ein frühzeitiges Sterben gedacht -hätte. Als Gesunder läßt man die sonst im Verkehr der verschiedenen -Geschlechter streng beobachteten Richtlinien außer Acht, weil die -armen totgeweihten Geschöpfe doch keine Vollmenschen mehr sind. Nicht -wahr, wenn unsereins so ein schmalschultriges Kerlchen mit fieberroten -Flecken auf den herausstehenden Backenknochen sieht, dann fragt man -nicht erst lange danach, was er sonst ist, hat und will, selbst wenn -er augenscheinliches Wohlgefallen an dem eigenen Fleisch und Blut -zeigt. Im Gegenteil,<span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[S. 114]</span> man freut sich noch gar darüber, und kommt -sich wer weiß wie großmütig und gar edel vor, weil man die leibliche -Mutter von seinem Glückserreger ist. Darum bin ich auch nicht einen -Augenblick besorgt gewesen, als der junge Bildhauer meiner kranken -Aeltesten über alle Gebühr hinaus den Hof machte. Erst, als der ihn -behandelnde Arzt, dem ich mein Bedauern über diesen hoffnungslosen Fall -aussprach, mir rund heraus und lachend erklärte, er wäre froh, wenn -jeder seiner Kranken so gesund wäre, wie dieser Künstler, der sicher im -nächsten Jahr wieder völlig obenauf sein würde, wurde ich nachdenklich, -vorsichtig und streng. – Mein Mädel nahm ich ins Gebet. Den Bildhauer -behandelte ich so schlecht, wie es nur irgend ging. – Es war für -alles zu spät. – Eines Tages erklärte mir meine Tochter, daß sie sich -mit dem Jüngling von Habenichts verlobt habe. Sie hat vor mir auf den -Knien gelegen und mich um meine Einwilligung angefleht. Ich blieb hart. -Daß der offensichtlich seinem Aussehen nach Totgeweihte lediglich an -den Folgen einer schweren Rippenfellentzündung schonungsbedürftig -sei, hatte meine Hoffnung bezüglich der eigenen Kinder wunderbar -gekräftigt. – Einen Tag nach dem vergeblichen Flehen meiner Aeltesten -reisten wir, die noch nicht zur Hälfte vollendete Kur abbrechend, nach -Hause. Briefe kamen, wurden von mir abgefangen und prompt vernichtet. -Jede Nacht hörte ich das bitterliche Schluchzen meiner Aeltesten – -merkte, wie sie bleicher und hinfälliger wurde und glaubte plötzlich -doch nicht mehr an den Ernst des Verhängnisses. Es war so nahe. Meine -kleine Elfriede, die wenigst anmutigste der Drei, hatte ich indessen -aufs Land in Pension gegeben, weil der Arzt von der Möglich<span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[S. 115]</span>keit einer -Ansteckung, selbst bei größester Vorsicht, gesprochen. Nun konnte ich -ganz der Pflege und Sorge für die beiden andern leben. – Einmal hat -der Bildhauer gewagt, bis in mein Haus vorzudringen. Ich habe ihn auch -empfangen. – Seitdem hat er keine Zeile mehr geschrieben. Denn ich war -deutlich gewesen. – Vier Wochen nachher hat meine Tochter, unterstützt -von ihrer Schwester, noch einen letzten Sturm auf mein Mutterherz -gemacht. Weiß Gott, es hat sich in dieser Stunde nicht geregt. Ich habe -es als Laune und Eigensinn empfunden, was doch mehr gewesen ist.“</p> - -<p>Die Andere legte begütigend die Hand auf die zuckende Schulter der -Kommerzienrätin.</p> - -<p>„Wir wissen alle, was Sie die langen Jahre für eine aufopfernde, -prachtvolle Mutter gewesen sind.“</p> - -<p>„So prachtvoll, daß ich mich hinterher noch meines gefestigten -Charakters gefreut und ein paar Tage ernsthaft mit dem armen Kind -geschmollt habe. Auch meine Zweite hat begonnen für sie und den -Bildhauer unentwegt zu betteln. – Als sie einsah, daß ich nicht -nachgab, verstummte sie zwar, aber es war seltsam, auch mit ihr wurde -es seitdem schlechter. Sie schienen sich beide in das Unabänderliche -meines Willens gefügt zu haben, bis zu jenem schrecklichen Augenblick, -an dem mich die Pflegerin in der Nacht rief. Da hat meine Aelteste, die -stets ein sanftes, scheues Ding war, mir gesagt, wie unerträglich ihr -Dasein ohne den Geliebten gewesen und wie wenig sie sich freue, daß -es nun endlich aufhören dürfe. – Als die Sonne aufging, war sie tot. -Und ich habe Tag und Nacht, von Reue zerrissen, um Vergebung gefleht -und mir gelobt, wenigstens an den an<span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[S. 116]</span>dern beiden gutzumachen, wenn es -mir vergönnt wäre. – Meine Zweite hat keine Kraft mehr zu einer Liebe -gehabt. Sie ist ein Jahr später, wie Sie wissen, auch eingeschlafen. -Da hatte ich nur das Elfchen, die Jüngste. Das Landleben hat ihr auch -nicht die richtige Lebenskraft vermitteln können. Sie blieb weiter zart -und schonungsbedürftig. Was es ist? Ich weiß es nicht! Ein bißchen -Müdigkeit, das die Aerzte als Bleichsucht ansprechen. Ein bißchen -Blässe. So fängt es ja gewöhnlich an. – Und ich wollte und will sie -behalten. – Ich war nicht mehr blind und taub. Als ich die Blicke sah, -mit denen der Schauspieler Karlsen, den ich übrigens schon vor einigen -Jahren im Hause einer Bekannten, die ihn sich zu Gesangsvorträgen -herüberkommen ließ, kennen gelernt, meine Elfriede anstarrte, wußte -ich sofort, daß ein Kampf von neuem beginnen müsse. Und wußte – auch -sein Ende! Denn ich war nicht mehr stark und gesund genug, um noch -einmal jene Zeiten von damals durchzumachen. Sein spielerisches Werben -ging mir wider alles Empfinden. Er war ein viel minderwertiger Mensch -als einst der Bildhauer. Sowas fühlt man als reife Frau sehr schnell. -Eins kam noch hinzu. Wer, wie ich, aus einem reichen Kaufmannshause -stammt, in dem alles ordentlich gebucht und verrechnet wird, kann sich -niemals mit den Gepflogenheiten der Künstlerschaft befreunden. Denn ein -Künstler ist der Karlsen. Das steht auch bei mir fest. Daneben ist er -aber noch etwas anderes –“</p> - -<p>„Wie im Grunde genommen die meisten Männer, liebe Eßling.“</p> - -<p>„Das weiß ich doch nicht. Sind sie es aber wirklich, so setzt man -es wenigstens nicht als selbstverständlich bei ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[S. 117]</span> voraus. In -ähnlichen Fällen pflegen sie sich mit dem Mantel einer weisen Vorsicht -zu panzern, der den Schein wahrt. Das fällt bei meinem Schwiegersohn -gänzlich fort. Er steht einfach da und erwartet die Huldigungen der -Frauen als den natürlichsten Tribut. Bleiben sie aus – je nun – -so ist das eben bei ihm wie bei jedem andern Künstler, noch dazu -bedauernswert. Dann hat er eben nicht eingeschlagen. Findet – hat -er überhaupt schon vorher eins ergattert – kein neues oder doch nur -ein sehr zweifelhaftes Unterkommen, steigt weiter herunter, sinkt -schließlich bis zur Schmiere herab.“</p> - -<p>„Nun, das ist bei Karlsen wohl niemals zu befürchten.“</p> - -<p>„Nein. Er weiß sich in Szene zu setzen und auch zu halten, was noch -wichtiger ist. Schlau, durchtrieben, bildhübsch, liebenswürdig, flott. -– Sehen Sie, ich habe mir die Klarheit meines Urteils durchaus nicht -trüben lassen. Jawohl, das ist er! Daneben aber auch unzuverlässig und -treulos.“</p> - -<p>„Haben Sie dafür schon Beweise?“</p> - -<p>„Brauche ich nicht! Es ginge wider die Weltgeschichte, wäre es anders. -Meine Elfriede ist keine Frau, die solchen Mann dauernd fesseln kann. -Glauben Sie mir, der braucht einen Satan von Weib, das ihn in Atem hält -– ihn quält und peinigt und ihm höchstens Sonntags die Fingerspitzen -zum Kuß überläßt. Er hat sie auch nicht einen Augenblick wirklich -geliebt, während jener Bildhauer meiner Aeltesten rechtschaffen gut -gewesen ist. Das alles sehe ich erst jetzt ein. Das bewußte Messer -saß ihm hart an der Kehle und sein Ehrgeiz – denn den hat er in -hervorragendem Maße – sann auf Mittel und Wege, wie er seine Stimme -weiter ausbilden und sich die Welt erorbern konnte.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[S. 118]</span></p> - -<p>„Sie werden doch aber Ihrer Elfriede nichts von all diesen Sachen -andeuten, Frau Eßling.“</p> - -<p>„Wozu? Die Mühe kann ich mir sparen. Sie ist dermaßen in ihn verliebt -und vertraut ihm so blindlings, daß sie zur Zeit ohne Ueberlegung die -eigene Mutter aufgäbe, um ihn zu behalten und ihm weiter zu dienen.“</p> - -<p>„Jedenfalls fühlt sie sich wohl dabei. Sie war stets durchsichtig wie -Glas – unfähig der Lüge. Das wissen Sie am besten. Die Ehe bekommt -ihr auch gut. Wie ich sie das letzte Mal sah, hatte sie einen Schein -von Jugend und Frische, den ich bisher an ihr vermißte. Ja, sie lachte -sogar herzhaft.“</p> - -<p>„Wenn ich das nur genau wüßte,“ machte die Kommerzienrätin gequält. -„Ich deutete es Ihnen bereits an. Auch das Komödienspiel läßt sich -bei so einem harmlosen, aufrichtigen Charakter wie dem ihren gar -wohl erlernen. Und sehen Sie – da bin ich endlich bei meinem Plan -angekommen. So nahe sie mir wohnt – so mühelos ich jederzeit herüber -kann, so treu und gewissenhaft der alte Franz auch aufpaßt und mir -unweigerlich sofort Verdächtiges zutragen würde, ebenso fremd ist sie -mir doch in dieser kurzen Zeit geworden. Der Mann mit seiner absoluten -Gewalt über sie steht zwischen uns. Jede ihrer Handlungen wird von -ihm beeinflußt. Ich weiß niemals, was aus ihrer eigenen Seele kommt. -Darum muß ich sie eine kurze Zeit bei mir – hier in diesem Hause – -in ihrem kleinen Mädchenstübchen, das immer ihr Entzücken gewesen ist, -haben, muß sie scharf beobachten und sie seinem Einfluß, wenn auch nur -vorübergehend, entreißen, damit ich völlig klarsehe.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[S. 119]</span></p> - -<p>„Wie wollen Sie das anfangen? Er wird sich bald dagegen auflehnen.“</p> - -<p>„Meinen Sie? Die Klugheit würde es ihm freilich anraten. Aber – ja, -wenn er sie wirklich liebte. So aber wird er es als angenehm empfinden, -wieder mal allein und noch dazu in der ungewohnten Pracht zu leben.</p> - -<p>Ich weiß, Sie waren nicht mit der prunkvollen Ausstattung des Heims für -die jungen Leute einverstanden. Sollte ich aber mein Kind entbehren -lassen? Da entschloß ich mich eher dazu, ihn unnötig zu verwöhnen.“</p> - -<p>„Sie haben entschieden zu viel Zeit zum Grübeln, liebe Eßling. Ziehen -Sie sich nicht länger von allen Menschen zurück. Kommen Sie auch wieder -öfter zu mir. Sie wissen, in meinem Hause verkehrt viel Jugend. Da geht -es fröhlich zu. Und bringen Sie auch Elfriede öfter mit. Es wird ihr -gut tun.“</p> - -<p>„Sie können es ihr ja heute gleich vorschlagen. Ich fürchte nur, es -bleibt wirkungslos, wie alles, was ich bereits zu ihrer Zerstreuung -versucht habe. Dabei ist sie, wie mir Franz zuverlässig berichtet, -sehr oft den ganzen Tag allein. Der Hausherr kommt lediglich zu den -Hauptmahlzeiten und dann nicht etwa pünktlich. Nun, der Zustand -anhaltender Einsamkeit wird bestimmt abgestellt werden. Um keinen -Preis darf sie mir versauern. Ich werde eine möglichst gleichaltrige -Gesellschafterin aus vornehmer Familie für sie nehmen. Die Aerzte haben -mir wiederholt von der Notwendigkeit, sie froh zu erhalten, gesprochen.“</p> - -<p>„Sie sind zwar eine ebenso kluge wie tatkräftige Frau, meine Liebe. -Indes keine Zauberin. Ich muß Ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[S. 120]</span> sagen, daß ich weder an Elfriedes -längeren Besuch noch an das Dulden der neuen Hausgenossin glaube.“</p> - -<p>„Vorläufig bin ich in beiden Fällen zuversichtlich. Das Gesuch -nach einer Gesellschafterin ist heute bereits in den gelesensten -Tageszeitungen erschienen. Da der künftige Herr Kammersänger keine -Zeit hat, auch noch den Inseraten seiner Zeit einen Blick zu gönnen -und meine Tochter daheim niemals auf diesen Gedanken kam, bin ich -sicher, daß sie bisher nicht das Geringste von meinem Plan ahnen. -Verkehr in Elfriedes altem Kreis haben sie nicht. Diese Menschen gehen -nämlich meinem Herrn Schwiegersohn, wie ich aus Elfchens gelegentlichen -schüchternen Bemerkungen entnehme, auf die Nerven. Also, wer sollte -ihnen meine Fürsorglichkeit verraten haben?“</p> - -<p>„Ist es nicht gefährlich bei der mir geschilderten Veranlagung Ihres -Schwiegersohnes ihm so ganz mühelos ein weibliches Wesen ins Haus und -an den Familientisch zu bringen?“</p> - -<p>„Was wollen Sie? Sucht er, wird er stets finden. Was allzu bequem -gemacht wird, reizt gewöhnlich am wenigstens. Zudem – müssen sich alle -Bewerberinnen bei mir melden. Ich werde sie mir sehr genau betrachten -– ihre Verhältnisse und, wenn irgend möglich, auch ihre Veranlagung -untersuchen und dann hoffentlich eine gute Wahl treffen.“</p> - -<p>„Wenn sie Ihnen nun aber, mit vereinten Kräften, nicht gestatten, die -gütige Vorsehung zu spielen?“</p> - -<p>„Daß meine Elfriede sich zuerst dagegen auflehnt, weiß ich sogar -bestimmt. Sie ist rührend bescheiden und macht für ihre Person -keinerlei Ansprüche. Es wird ihr gräßlich<span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[S. 121]</span> sein, zu der ihr bereits -aufgedrungenen Jungfer noch eine zweite Umsorgerin zu benötigen. Was -will das aber sagen? Ihr schwacher Einspruch wird unstreitig an der -feurigen Zustimmung ihres Mannes sterben, wenn er es nicht bereits -unter der klugen Anwendung meiner Mittelchen getan hat. – Ihm wird -diese Lösung außerordentlich genehm sein. Dann braucht er nicht mal -mehr den guten Willen zum halbwegs pünktlichen Erscheinen bei Tisch -aufzubringen, denn daß er ihn auch nur einmal in die Tat umgesetzt hat, -glaube ich bei seinem Egoismus keinesfalls.“</p> - -<p>„Ich bewundere Ihre Klugheit aufrichtig, Frau Eßling.“</p> - -<p>„Es ist nur die folgerichtige Einsicht von notwendig gewordenen Uebeln, -deren schädliche Wirkungen ich mich bemühe, so gut es gehen will, von -meinem Kinde abzuwenden. – Hören Sie! Ist das nicht ihr Schritt? Nein -– ich irre mich nicht. Das Ohr der Mutter ist scharf. Aber – was ist -das? Sie kommt nicht allein? Da ist doch das unverschämte Lachen ihres -Mannes. Sollte er ausnahmsweise die Gnade haben?“ –</p> - -<p>Es war, als lege sich plötzlich über die strengen, steifen Formen der -schweren Möbel ein warmer Glanz. Die alten Nippes in der Servante -begannen leise und vergnügt zu klirren. Im Nebenzimmer streckte -sich der rotbemützte Kopf des grüngefiederten Papageis blitzschnell -empor. Das ehrwürdige Zimmer war erfüllt von dem Schmelz der weichen -Männerstimme.</p> - -<p>„Darf ich ebenfalls um eine Tasse Ihres unvergleichlich guten Tees -bitten, verehrte Schwiegermama?“</p> - -<p>Gedankenlos duldete Frau Eßling seinen Handkuß. Ihre Augen blieben -dabei gespannt auf die Tochter gerichtet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[S. 122]</span></p> - -<p>„Du siehst erschreckend blaß aus, Kind. Wie hast du geschlafen?“</p> - -<p>„Ausgezeichnet, Mama.“</p> - -<p>„Das glaube ich dir nicht! Zeige deine Hände. Natürlich – sie sind -ganz kalt. Hast du gefroren? Warte einen Augenblick, ich werde sofort -an Franz telephonieren. Es ist bestimmt zu kühl bei Euch. Darum habe -ich ja am Vorraum der Diele die kleinen Oefen aufstellen lassen, damit -sie angemacht werden, wenn die Zentralheizung noch nicht geht.“</p> - -<p>„Laß doch, Mama,“ wehrte Elfriede gequält und suchte ängstlich den -Blick ihres Mannes. „Die Sonne wärmt noch ganz wundervoll.“</p> - -<p>Aber die Kommerzienrätin ließ sich nicht zurückhalten. Sie hatte schon -den Hörer in der Hand, um dem alten Diener die nötigen Befehle zu -erteilen.</p> - -<p>Paul Karlsen saß mit einem rätselhaften Lächeln dabei. Er begehrte -nicht auf, schlug nicht etwa mit der Hand zwischen die zerbrechlichen -Kostbarkeiten, in denen der goldgelbe Tee deutlich schimmerte. Sondern -er nickte seiner Frau beruhigend zu.</p> - -<p>„Mama hat ganz recht. Ich habe es mir heute auch schon gedacht.“</p> - -<p>Trotz dieser ungewohnten Fügsamkeit fand seine Gegenwart durch die -Kommerzienrätin nicht viel Beachtung. Ueber ihn fort sprach sie -unaufhörlich zu ihrer Tochter herüber, als befinde sich zu ihrer Linken -ein leerer Platz.</p> - -<p>„Du wirst übrigens ein oder mehrere Tage bei mir bleiben, Elfriedchen. -Ich muß endlich wissen, ob du abends erhöhte Temperatur hast. -Widersprich nicht. Ich erlaube<span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[S. 123]</span> auf keinen Fall, daß du heute Abend in -dein leider etwas feuchtes Heim zurückkehrst.“</p> - -<p>Da ließ sich Karlsens unwiderstehlich frohes Lachen hören. Aber es riß -die andern durchaus nicht zu der gleichen Fröhlichkeit hin. Seine Frau -sah scheu zu ihrer Mutter herüber.</p> - -<p>„Verehrte Schwiegermama, Sie scheinen vergessen zu haben, daß nur ein -einziger über das Gehen und Verweilen von Elfriede zu bestimmen hat. -Dieser Eine bin ich, mit Respekt zu melden.“</p> - -<p>Diesmal ahnte sie nicht, daß er Komödie spielte. Sein Ton war sehr -ernst geworden. Sein junges, bartloses Gesicht wirkte fast streng. Den -lächelnden Blick des Einverständnisses, den er mit Elfriede tauschte, -bemerkte sie nicht. Ihre angeborene Heftigkeit – niemals ernsthaft von -ihr bekämpft – brach sich Bahn.</p> - -<p>„Das bliebe abzuwarten, Herr Schwiegersohn,“ sagte sie in scharf -zurechtweisendem Ton. „Sind Sie etwa hierher gekommen, um mich -aufzuregen?“</p> - -<p>„Ich wüßte nicht, daß ich diesem vielleicht erstrebenswerten und daher -löblichen Vorsatz schon jemals freie Entwicklung gegönnt hätte.“</p> - -<p>„Lassen Sie doch die Phrasen, Karlsen. Bei mir wirken sie nicht.“</p> - -<p>„Diese Bitte gebe ich gehorsamst zurück, Schwiegermama. Kurz: Elfchen -wird mich nach Hause begleiten. Nicht wahr, Schatz?“</p> - -<p>Ein schelmischer Ausdruck huschte über das Gesicht der jungen Frau, und -ließ es sehr anziehend erscheinen. Sie war glücklich wie ein Kind, daß -sie im Einverständnis mit<span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[S. 124]</span> ihrem Mann dies unschuldige kleine Geheimnis -haben durfte. Ohne zu zögern, antwortete sie:</p> - -<p>„Ja – das werde ich bestimmt tun, Mama. Du hast doch gehört, daß Paul -es ausdrücklich wünscht.“</p> - -<p>Da richtete sich die Kommerzienrätin steif empor und fragte kurz und -empört zu der Konsulin gewandt:</p> - -<p>„Was sagen Sie dazu? – Vor Ihnen, die Sie Elfriede über die Taufe -gehalten und allzeit wie ein eigenes Kind geliebt haben, brauche ich -mich nicht zu genieren.“</p> - -<p>Frau Enck war wegen der richtigen Antwort in tödlicher Verlegenheit. -Einerseits schätzte sie gleichfalls diesen jungen Menschen nicht allzu -sehr, weil sie in seiner Gegenwart beständig das Gefühl hatte, als -langweile er sich sträflich. Daneben aber stand ihm in dieser Sache ihr -Hang zur Gerechtigkeit bei.</p> - -<p>„Beschlafen Sie sich alles noch mal gründlich,“ versuchte sie zu -besänftigen. Aber es mißlang ihr gründlich.</p> - -<p>Frau Eßling wurde erregter und daher auch in ihren Worten heftig. Sie -erhob sich, trat nahe an den Schwiegersohn heran und sagte drohend:</p> - -<p>„Sie hören, ich wünsche und befehle es. Und nichts wird mich andern -Sinnes machen können.“</p> - -<p>Nun war auch Paul Karlsen aufgestanden. Seine schlanke, elegante -Gestalt überragte die rundliche der Kommerzienrätin um Haupteslänge.</p> - -<p>„Verehrte Schwiegermama, vorerst eine kleine bescheidene Berichtigung. -Ihre kühn aufgestellten Behauptungen sind wirklich falsch. Der -männliche Teil in der Ehe hat auch heute noch das Recht – genau wie zu -jener Zeit Ihrer Jugend – den Aufenthalt seiner Gattin zu bestimmen, -so<span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[S. 125]</span>fern er sich dies Recht nicht durch grobe Pflichtverletzungen -verwirkt hat. Davon weiß ich mich frei. – Ich würde Ihnen ja herzlich -gern einen Gefallen tun. Mir selbst aber Opfer auferlegen – nee – -wissen Sie, dazu fühle ich mich nicht stark genug.“</p> - -<p>Es klang so überaus ehrlich, daß sogar seine Frau einen Augenblick -stutzte. An dem hilflosen Blick, den sie ihm zuwarf, merkte er, daß er -nicht weitergehen, nicht in dieser Rolle übertreiben dürfe. Er schwieg -also vorsichtig und wartete die nächste Erwiderung ab. Sie blieb lange -aus. Dann aber klang die vordem herrische Frauenstimme plötzlich um -vieles leiser. Fast bittend.</p> - -<p>„Es soll sich nur um eine kurze Zeit handeln, Karlsen. Sagen wir – um -drei bis vier Tage! Wirklich nicht länger.“</p> - -<p>Er machte den Eindruck eines Menschen, der aufmerksam eine unliebsame -Angelegenheit in Erwägung zieht. Daß er nicht sogleich antwortete, -sondern – wie um Beherrschung ringend – mit gesenktem Blick auf seine -wohlgepflegten, schöngeformten Hände herabsah, gefiel der Konsulin -ausnehmend gut. Dann meinte er bitter:</p> - -<p>„Ich habe Ihre Neigung nicht, Schwiegermama. Das weiß ich natürlich und -hätte mich gehütet auch nur ein Wort darüber zu verlieren, wenn diese -Sache nicht gekommen wäre. Jetzt lassen Sie mich darüber sprechen. -Glauben Sie, es wirkt erziehlich und macht edler, was Sie doch -beabsichtigen, wenn Sie mich dauernd Ihre Abneigung fühlen lassen? O -nein – aber Verbitterung und Trotz können sehr wohl daraus entstehen. -Bedenken Sie die Folgen, die wiederum das haben kann. – Nicht so -schnell. Nein,<span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[S. 126]</span> meine Liebe zu Elfriede läßt mich eine ganze Menge -geduldig ertragen. Aber – letzten Endes ist man doch nur ein schwacher -Mensch. Und ich bin und bleibe noch dazu ein Komödiant. Einer, der gern -Theater spielt, blendet, täuscht, nicht wahr – so schätzen Sie mich -doch ein?“</p> - -<p>Die Kommerzienrätin sah ihn unsicher an.</p> - -<p>„Sie sind zu ehrlich, um mir zu widersprechen, Frau Schwiegermama -und ich, nun ja, ich war bis heute zu unehrlich, um gerade heraus zu -sagen, daß ich mich tausendmal wohler in einer kleinen, bescheidenen -Mietswohnung mit einem Mädchen für Alles fühlen würde. Der von Ihnen -errichtete Tempel, in dem nicht mal die Sonne gern weilt, ist mir viel -zu unbehaglich. Der alte Leisetreter von Diener stört mich. Nicht, wie -Sie triumphierend meinen mögen, weil ich seine Späheraugen fürchte, -sondern nur, weil mir dies Gesicht in seiner Maskenhaftigkeit zuwider -ist. Und wenn es nach mir ginge, machte ich Ihnen eine tiefe Verbeugung -und schlüpfte mit meinem lieben Schatz irgendwo – meinetwegen im -hohen Norden Berlins – unter. Aber sehen Sie, das durchzubiegen -bringe ich nicht übers Herz. Nicht Elfchens wegen. Denn schließlich -bin ich ihrer Gegenliebe sicher. Ich habe aber ebenfalls eine Mutter -gehabt, Frau Kommerzienrat, und wenn die auch nur eine schlichte, -bescheidene Frau gewesen ist – sie war ebenso stolz auf mich und hing -mit genau derselben Liebe an mir, wie Sie jetzt an Ihrer Tochter. Und -nur darum, das betone ich ausdrücklich – gebe ich meine Erlaubnis zu -dem vorübergehenden Verweilen meiner Frau unter Ihrem Dach. Erinnern -Sie sich gefälligst. Als wir beide uns neulich zufällig trafen, nahmen -Sie nicht Elfriedes<span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[S. 127]</span> bleiches Aussehen, an dem ich vielleicht schuldig -sein könnte, zum Vorwand für diesen Besuch, sondern Sie versuchten mich -durch ihre eigene Kränklichkeit zu rühren. – Der Komödiant – in mir -sagt leise: „Sieh an, sie kanns fast noch besser wie du.“ Der Mann, -je nun, dem war der krumme Weg just nicht angenehm. – Aber diesen -Mann haben Sie sich ja bisher niemals die Mühe genommen, kennen zu -lernen. Einen Augenblick – ich komme gleich zu Ende. – Elfriede mag -getrost bei Ihnen bleiben, solange sie will. Mich aber müssen Sie jetzt -entschuldigen. Wie Sie mich einschätzen, werde ich unverzüglich meine -vorübergehende Freiheit gehörig ausnutzen wollen. Also – nicht wahr, -Sie haben nichts gegen mein Verschwinden. Im übrigen hoffe ich, daß der -edle Stratege Franz während Elfriedes Abwesenheit brav und zuverlässig -seine Pflicht als Geheimpolizist erfüllt –“</p> - -<p>Die Kommerzienrätin rang um ein gutes oder wenigstens versöhnliches -Wort, denn die Schlichtheit des Gesagten hatte mehr Eindruck auf sie -gemacht, als sie sich eingestehen mochte. Ihre starre Natur suchte -vergeblich danach. Und die Hand, die sie ihm entgegenhielt, übersah er. -Nur seine Frau nahm er in die Arme und küßte sie herzhaft auf den Mund.</p> - -<p>„Wiedersehen, Kleines! Ich schicke dir am besten sogleich deine -Zofe rüber. Erbarme dich und nimm sie, ja? Was soll ich mit all den -Wachsfiguren.“</p> - -<p>Sie schmiegte sich zärtlich an ihn und flüsterte:</p> - -<p>„Paulchen – mir ist ganz wirr. – Lange halte ich die Trennung von dir -doch wohl nicht aus.“ Und er gab ebenso zurück:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[S. 128]</span></p> - -<p>„Mein kleiner, tapferer Kamerad, das ist auch gar nicht beabsichtigt.“</p> - -<p>Als er wenig später heimging, lachte er leichtsinnig auf. Er hatte -sich wieder mal auf der ganzen Linie nach ungeteiltem Beifall einen -glanzvollen Abgang verschafft. Wann wäre ihm auch jemals ein Kampf, -den er ernsthaft zu gewinnen trachtete, nicht zum Siege ausgeschlagen? -– Mit wachsender Ungeduld sehnte er die Stunde herbei, die ihm -ein ungestörtes Beisammensein mit der zur Zeit von ihm am meisten -bewunderten Frau schenken sollte.</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_128_ende"> - <img class="w100" src="images/i_029_ende.jpg" alt="Kapitel 5, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[S. 129]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_129_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_129_kopf.jpg" alt="Kapitel 6, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_6">6.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">E</span>va von Ostried lief wie einst als Kind, wenn der große Hofhund ihr -hart auf den Fersen war, und trotz der wärmenden Sonne fror sie. An der -großen Brücke, über welche die Wagen mit dem dumpfen Geräusch einer -riesenhaften Trommel dahinrollten, saß ein Bettler mit einer Drehorgel. -Die Töne ließen sie auflauschen.</p> - -<p>Auf ihrem Wege stand eine alte Frau und rief ihre Zeitungen aus. -Mechanisch kaufte sie. Vielleicht fand sich schnell eine Unterkunft. -Irgendwo. Sie schüttelte sich. Aus der Tiefe ihrer Seele stieg ein -Vorwurf empor.</p> - -<p>„Ich hätte diesen Karlsen gar nicht anhören dürfen, nach dem, was er -mir angetan hatte.“</p> - -<p>Dann lächelte sie. Die Freude, ihm den sicher erwarteten Triumph zu -zerstören, tat ihr wohl.</p> - -<p>Auf dem Flur daheim stand die alte Pauline und hielt eifrig Ausschau -nach ihr.</p> - -<p>„Wo bleiben Sie bloß, Fräuleinchen? Waren Sie draußen bei unserer Frau -Präsident?“ Die Alte hatte rotgeweinte Augen.</p> - -<p>„Bei unserer Frau Präsident? Nein, da war ich nicht.“ Es klang bitter.</p> - -<p>„Kommen Sie schnell. Sie müssen ja halb verhungert sein.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[S. 130]</span></p> - -<p>„Daran muß ich mich jetzt gewöhnen, Pauline.“</p> - -<p>„Daß Sie damit spaßen können. Wenn Sie mich so reich bedacht hat, wie -wird sie da erst für Sie gesorgt haben.“</p> - -<p>„Glauben Sie das wirklich immer noch? Ich habe kaum zur Hälfte -verdient, was ich von ihr bezog. Müßte eigentlich noch brav -herauszahlen.“</p> - -<p>Das treue Mädchen begriff nichts. Sie merkte nur, daß die junge Gestalt -vor Erschöpfung schwankte und führte sie sanft in das helle Stübchen, -das unordentlich und zerwühlt aussah.</p> - -<p>„Jetzt legen Sie sich still nieder. Ich hole Ihnen einen Teller voll -kräftiger Suppe. Und nachher bereden wir alles. Ich habe mir was Feines -ausgedacht. Sie werden nun doch wohl ganz und gar Musikant werden -wollen. Denn unsere Frau Präsident hat immer gesagt, daß es jetzt bald -damit losginge. – Ich könnte mich ja aufs Altenteil setzen. Aber das -verstehe ich nicht recht. Ich zieh’ lieber zu Ihnen, Fräuleinchen. Das -Haus hier, hat Herr Justizrat gesagt, wird verkauft. Solange dürfen wir -beide noch darin bleiben.“</p> - -<p>„Ich nicht,“ sagte Eva mit zuckenden Lippen, „ich habe hier nichts mehr -zu suchen.“</p> - -<p>„Sie sind doch wie ihr eigenes Kind gewesen. Ich weiß gar nicht, -was Sie wollen. – Darum kann ich Sie auch nicht allein lassen. Sie -sind mir eine Art Vermächtnis. Ich putze Ihnen die kleine Wohnung -und koche und mache alles, wie Sie es nun längst gewöhnt sind. Genug -Möbel – darunter den schönen feinen Flügel für Sie habe ich mir schon -ausgesucht. Sie sollens genau wie bis jetzt kriegen.<span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[S. 131]</span> Dann ist es, als -wäre sie noch bei uns. Und ich schlafe weiter in meinem Eisernen.“</p> - -<p>„Gute Pauline – ich werde kaum eine eigene Wohnung brauchen. Ich nehme -ebenfalls in Zukunft willig mit einem eisernen Bette fürlieb.“</p> - -<p>„Ich bin ein einfältiger, alter Mensch und will nicht aufdringlich -sein. Aber wenn Sie mir das erklären möchten, Fräuleinchen.“</p> - -<p>„Erklären? Was denn? Es ist ja alles in bester Ordnung! Sie ist tot und -ich muß sehen, wie ich möglichst schnell zu einer neuen Stelle komme. -Sie meinen, daß ich plötzlich reich geworden wäre durch sie? Wie käme -ich wohl dazu? Das wäre ja mehr als seltsam.“</p> - -<p>Sie schluchzte auf und war doch der Ueberzeugung, daß sie lache.</p> - -<p>„Versteh’ ich endlich recht? Sie wären nicht von unserer guten Frau -Präsident bedacht, Fräuleinchen?“</p> - -<p>„Dazu war sie nicht verpflichtet, Pauline. Ich habe mehr von ihr -erhalten, als ich jemals verdient habe.“</p> - -<p>„Fräuleinchen, sie hätte nicht sterben können, wenn Sie unversorgt -zurückgeblieben wären. Mag einer reden, was er will. Sagen, daß der -Tod sie überrumpelt hätte. Ich weiß es besser. Da muß sich noch was -vorfinden, sage ich.“</p> - -<p>„Es ist nichts da, Pauline. Verlassen Sie sich drauf.“</p> - -<p>„Lieber guter Gott! Nun sollen Sie hier raus? Ganz nackt und blos? und -ich und die andern haben so viel!“</p> - -<p>„Das ist nur gerecht. Sie haben sich’s verdient! –“</p> - -<p>„Das ist Unsinn! Wir beide ziehen zusammen, wie ich schon gesagt habe. -Denken Sie doch, ich soll einhundertfünfzig Mark im Monat verleben. -Wie mache ich das? Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[S. 132]</span> spars doch bloß wieder zusammen und das hätte -keinen Sinn und Verstand. Denn ich habe keinen auf der Welt und es -würde wieder eine neue Stiftung draus. Nein, ich sorge für Sie. Und -nachher, wenn Sie erst richtig ausgelernt haben und es drückt sie, -geben Sie mir alles wieder. Ja? Wollen wir es so machen?“</p> - -<p>Wer hohnlachte da? Eva von Ostried fuhr erschrocken empor. Sie hatte -deutlich ein heiseres Lachen gehört.</p> - -<p>„Ach – Pauline, ich habe nur gescherzt. Ich bin ja selbst reich. Mein -früherer Vormund hat am Tage meiner Volljährigkeit der Frau Präsident -in meiner Abwesenheit das Muttererbe gebracht. Gleich nachher will -ich’s auf die Bank tragen. Denn es ist immer noch hier im Haus.“</p> - -<p>Das alte Mädchen schüttelte ungläubig den Kopf.</p> - -<p>„Das ist wahrhaftig ein verkehrter Stolz, Fräuleinchen. Damit tun Sie -mir sehr weh. Sie haben nichts! Sie konnten ja früher mit mir drüber -spaßen. Ehe ich’s also nicht mit meinen eigenen Augen gesehen habe, -glaube ich Ihnen das nicht!“</p> - -<p>Eva von Ostried stand plötzlich vor der alten Pauline. Sie war -verändert. Ihr noch soeben farbloses Gesicht glühte, als habe sie -Fieber. Krampfhaft suchte sie nach ihrer kleinen, schwarzen Handtasche.</p> - -<p>„Um Gottes willen, wo ist sie geblieben? Ich habe sie doch noch soeben -gehabt?“</p> - -<p>„Da liegt sie ja, Fräuleinchen. Ganz sicher!“</p> - -<p>Die schlanken Hände rissen den festen Bügel ungestüm auf, tasteten -unter den Papieren herum und brachten einen dicken Umschlag ans Licht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[S. 133]</span></p> - -<p>„Schauen Sie nur – wie viel Geld.“ Das alte Mädchen staunte.</p> - -<p>„Wirklich!“ machte sie unsicher.</p> - -<p>„Und nun seien Sie mir nicht böse, wenn ich nichts essen mag, Pauline. -Nur schlafen muß ich. Nachher will ich gleich wieder fort. – Meine -Sachen sollen doch bald abgeholt werden. Und fertig packen muß ich auch -noch.“ –</p> - -<p>Dann war sie allein! – Und das Geld, das der alte Tabaksbauer kurz -vor der Abreise der Präsidentin zurückgezahlt hatte, war immer noch in -ihrem Besitz. Die Wucht der schweren Ereignisse, die seither über sie -hereingebrochen, löschten die Erinnerung daran bis zu dieser Stunde -aus. Jetzt aber wollte sie sogleich den Justizrat Weißgerber anklingeln -und ihm davon Mitteilung machen. –</p> - -<p>Sein Büro war bereits geschlossen. Er selbst befand sich zur Zeit, wie -ihr am Apparat mitgeteilt wurde, auf einer kleinen beruflichen Reise, -von welcher er erst spät Abends zurückerwartet wurde. Nun mußte sie es -bis zum nächsten Tage aufschieben.</p> - -<p>Mit keinem Gedanken hatte sie in der Zeit der jagenden Aufregungen -des ihr anvertrauten Schatzes gedacht. Die Vorstellung, daß er in -dem Wirrwarr sehr leicht abhanden hätte kommen können, erfüllte sie -nachträglich mit eisigem Schrecken. Vielleicht hatte die Vorsehung -es beabsichtigt. Es war jedenfalls gut gewesen, daß sie das Geld der -alten Pauline vorzeigen konnte. Nun brauchte sie kein Bettelbrot zu -essen. Denn sie hatte dumpf gefühlt, daß sie sonst dem heftigen Drängen -nachgegeben haben würde.</p> - -<p>Das Gefühl der Mattigkeit war geschwunden. Sie suchte wieder ihre -Habseligkeiten zusammen. Ihre Hände zitter<span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[S. 134]</span>ten nicht mehr. Sie war -ganz ruhig geworden. Einmal ging sie zum Nachttisch, auf dem die -frischgefüllte Wasserflasche stand. Wie durstig sie war und wie gut der -billige Trunk mundete.</p> - -<p>Dann schaffte sie weiter. Die Sonne warf eine Hand voll Strahlen durch -das Fenster auf die kleine Handtasche und hob sie empor wie auf einem -goldenen Brett. Eva von Ostried nickte herüber, als grüße sie etwas. -Das viele – viele Geld! Wenn es ihr Eigen wäre, käme alle Not zu Ende. -Was könnte es alles schenken?</p> - -<p>Ein Bett, in dem sie ausruhen konnte, solange es ihr gefiel. Einen -Tisch mit einer Lampe darauf, die leuchten durfte – auch zu dem Flügel -hin, den sie sich davon erstehen würde. Der Flügel, an dem sie sitzen -und sich ihres Lebens Glück ersingen konnte.</p> - -<p>Sie schauerte zusammen. Wie war es möglich, daß sie überhaupt dieser -Vorstellung Raum gab. Fremdes Geld? Anvertrautes Gut! Was ging es sie -an? Mochten sich die verschiedenen überreich bedachten Stiftungen darin -teilen. Mechanisch häufte sie, was ihr gehörte, weiter zusammen. Wohin -nun aber mit all diesem Tand?</p> - -<p>Ihr Blick fiel auf die an der Brücke gekauften Tageszeitungen. Sie -vertiefte sich in die Menge feingedruckter Anzeigen. An der einen -blieben ihre Blicke haften und kehrten dorthin zurück:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Suche sofort aus bester Familie für meine Tochter gebildete -Gesellschafterin. Ernste Lebensauffassung, fester Charakter neben -guten Zeugnissen Bedingung. Vorstellung jederzeit. Auch abends bis -10 Uhr bei Frau Eßling, Eisenacherstr. 10, Grunewald-Berlin.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[S. 135]</span></p> - -<p>Also ganz nahe. Mit einer spitzen Schere schnitt sie sorgfältig die -Reihen aus. Sobald sie hier fertig war, wollte sie sich vorstellen.</p> - -<p>Sie legte das schmucklos schwarze Kleid an, in dem sie ihren Vater -betrauert hatte. Den wertvollen Spitzenkragen, ein Geschenk der -Präsidentin, zerrte sie so heftig herunter, das die spinnwebenfeinen -Sternchen zerrissen. Zu diesem Gange durfte sie sich nicht schmücken. -Als Gesellschafterin einer sicherlich jungen Tochter mußte sie häßlich, -unscheinbar und wesenlos sein. Der Spiegel gab ihr Bild in seiner -vollen Schönheit wieder. Die Kämpfe, die rückwärts lagen, quälten -sie von neuem. Die unverdiente Eifersucht ihrer früheren Herrinnen -– der Neid der Dienstboten wegen ihrer Sonderstellung im Hause, der -eigene, lodernde Zorn, stumm die tiefe Einschätzung zu ertragen und -nicht zuletzt die Angst, daß sie eines Tages aus Groll, Einsamkeit und -Lebensdurst – verdient wäre.</p> - -<p>Und nie – nie mehr die geliebte Kunst? Daran hatte sie überhaupt nicht -denken wollen. Das zerbrach ihre Kraft. Nun lag sie wieder matt und -frierend da und konnte nichts denken. Dumpf fühlte sie, daß dies mehr -als ein Grauen vor dem nahen Wege nach dem Golgatha zur Pflicht war. -Ein Lebensabschied; der Tod aller Wünsche und Freuden!</p> - -<p>Diese zu erwartende Not jagte ihr eine fiebernde Gier durch das Blut. -Ein paar tausend Mark nur. Denn jene kleine eroberte Summe würde kaum -für die notdürftigsten Anschaffungen genügen. Freilich verwahrte -Amtsrat Wullenweber noch einige Möbelstücke aus mütterlichem<span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[S. 136]</span> Besitz -für sie. Wo aber war der Raum, der sie bergen konnte? Das Leben war -unerhört teuer. Wiederum nach wenigen Schritten stehen zu bleiben und -rückwärts zu müssen. Nur das nicht abermals!</p> - -<p>Jenes vorübergehend von ihr vergessene Geld, dessen Vorhandensein -niemand ahnte – denn die Präsidentin hatte ihr das Nähere erzählt – -wäre übergenug, um sie glücklich zu machen.</p> - -<p>Aber ein Gefühl des Ekels über sich selbst stieg ihr in die Kehle. Wie -tief sie gesunken war, daß solche Gedanken kommen konnten. Sie schloß -die Tasche in den Schreibtisch ein und suchte eine andere hervor. Dabei -sah sie einen Zettel, den die Präsidentin an eine der zahlreichen -Geburtstagsgaben geheftet hatte.</p> - -<p>„Meinem Sorgen- und Glückskinde!“</p> - -<p>Sie sah auch das gütige, feine Gesicht deutlich vor sich und hörte -die Worte, mit denen sie in Oeynhausen ihre Zukunft erleuchtet und -festgelegt hatte. Kam nicht das Versprechen solcher Frau bereits der -vollzogenen Handlung gleich. Hatte sich die unabänderliche Tat der -Schenkung nicht schon damals vollzogen? – Wen träfe das Verschwinden -dieses Geldes? – Es wäre ja gar kein Raub.</p> - -<p>Aber was wäre es denn? – Aber eine Mahnung ward ihr im Innern: Eine -zerlumpte Zigeunerin hatte einst auf dem väterlichen Majorat der -Mamsell aus deren Schlafkammer den unechten Sonntagsring entwendet. Die -Knechte liefen ihr mit Wagenrungen und Heugabeln nach, weil es gleich -zu Tage kam, griffen sie und spien nach ihr, denn zum Schlagen war sie -ihnen zu schlecht gewesen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[S. 137]</span></p> - -<p>Die kleine Eva hatte das alles mitangesehen und ebenfalls versucht -das flinke, rote Zünglein zu recken, um nicht hinter den Erwachsenen -zurückzustehen.</p> - -<p>Jener Ring! Ach – das war etwas ganz anderes. Er hatte eine Besitzerin -gehabt, die ein armes Mädchen gewesen und sich nur mühsam so etwas -leisten konnte.</p> - -<p>Dies Geld aber – –</p> - -<p>Sie lag plötzlich auf den Knien und rang die Hände. Ihr Hirn war leer. -Im Herzen – am Halse – in den Fingerspitzen jagte eine entsetzliche -Angst. Ein Name klang gellend – in Todesfurcht herausgeschrien – -durch das Zimmer.</p> - -<p>„Mutter – Mutter – hilf mir doch!“</p> - -<p>Auf dem stillen, süßen, scheuen Frauenantlitz, das aus vergoldetem -Rahmen auf die verlassene Tochter herabsah, lag der Schatten des -scheidenden Tages und ließ es noch leidvoller erscheinen!</p> - -<p>Kein Rettungsanker hielt stand. Nirgends war eine Stätte der Zuflucht -für sie bereitet.</p> - -<p>Die roten Türme des Waldesruher Heimatschlosses würden zwar noch -erhaben über alles andere hinwegsehen und die Gräber der Eltern -gehörten ihr nach wie vor. Ein verwitweter Vetter gleichen Namens saß -jetzt als Erbberechtigter auf dem alten Majorat und mochte den Zufall -segnen, der dem tollen Ostried einen Sohn versagte. Vielleicht bei ihm -untertauchen – wenn auch nur für kurze Zeit? – Aufnahme würde sie -finden. In der Familienchronik war der jeweilige Besitzer ausdrücklich -angewiesen, jeden bedürftigen und würdigen weiblichen Nachkommen<span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[S. 138]</span> eines -Vorgängers für mindestens sechs Monate unentgeltlich im Schlosse zu -beherbergen.</p> - -<p>Der bloße Gedanke daran peinigte sie aber schon!</p> - -<p>Stellte sie nicht in Wahrheit die Bettelprinzeß dar, wie ihr das einst -ein Trunkener höhnend nachgerufen hatte? Keine andere Macht, meinte -sie, käme der des Geldes gleich. Das Blut des Vaters kreiste in diesen -Augenblicken wild durch ihre Adern, sie wollte gefeiert und verwöhnt -werden. Es war undenkbar, daß sie untertauchte, um im Dunkel ewiger -Entbehrungen zu verkommen.</p> - -<p>Ein harter Trotz kam über sie. Sie war sich der Macht, die sie auf Paul -Karlsen ausübte, voll bewußt. Und er war doch reich geworden, wie aus -jedem seiner Worte hervorging.</p> - -<p>Sie riß das schlichte Kleid herunter und suchte eins aus weicher, -fließender Seide hervor. Wie eine Braut geschmückt wollte sie zu ihm -gehen und wie eine Königin Gnaden spenden.</p> - -<p>Und dann lag sie doch wieder mit dem Gesicht auf der blanken Platte des -Mahagonitisches und grub in Scham und Not die Zähne tief in das Gewebe -der seidenen Zierdecke.</p> - -<p>„Nie – nie – nie kann ich das tun!“</p> - -<p>Wenn er sie aber zu seinem Weibe begehrte? Und was konnte er anders -mit dem heimlichen Werben in jedem Blicke gemeint haben? Paul Karlsens -Frau, die Genossin des Künstlers, die treue Kameradin eines gleich ihr -Emporstrebenden?</p> - -<p>Warum schüttelte sie sich plötzlich? Das Blut der Mutter kam nun auch -zu seinem Recht. – Ohne Liebe sich ver<span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[S. 139]</span>kaufen – das war noch härter -wie die Fron des Alltags.</p> - -<p>Auch nicht um der Kunst willen? Sie fühlte, daß es ihr ans Leben gehen -wollte.</p> - -<p>Wenn sie vor jedem entscheidenden Schritt erst zu Ralf Kurtzig, dem -alten Meister, gehen würde? Vielleicht wußte er ihr einen Gönner, der -aus Freude an ihrem Talent freigebig war. Vielleicht riet er ihr aber -auch, daß sie lieber hungern und verzichten solle, als ihre Kunst -aufzugeben. Ja – es war sogar sicher, daß er diesen Rat erteilte. –</p> - -<p>Befolgen hätte sie ihn nicht können. Nach dem Tode ihres ersten Gönners -hatte sie damit einen kurzen Versuch gemacht. –</p> - -<p>Die alte Pauline klopfte leise und trug ein vollbesetztes Tablett -herein. „Jetzt müssen Sie etwas genießen, Fräuleinchen.“</p> - -<p>Eva von Ostried wollte fest bleiben. Es gehörte ja alles der Frau, die -wohl doch im letzten Augenblick ihr feierliches Versprechen bereut -hatte. Aber das Hungergefühl schmerzte beim Anblick der guten Sachen. -Sie überlegte nicht länger.</p> - -<p>Erst, als sie völlig gesättigt war, verachtete sie sich deswegen. Jäh -packte sie die Angst, daß sie sich letzten Endes auch zu dem andern -zwingen lassen könnte.</p> - -<p>Stumpf legte sie das kostbare Kleid wieder ab und schlüpfte in das -schmucklose Trauerfähnchen. Dann ging sie langsam den Weg, der zur -Eisenacherstraße führte.</p> - -<p>Irgendwo auf dem Wege dorthin zu ihrer Linken lag ein weinumwachsenes -Haus. Der goldgelbe Kies war stumpf und bleich geworden, weil ihn die -Sonne nicht mehr beschien. Es war eben acht Uhr. Sie wußte die Zeit -nicht.<span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[S. 140]</span> Mit schleppenden Schritten ging sie an dem Hause im Schatten -vorüber. Ein paar volle Akkorde schlugen von dem tönenden Reichtum -drinnen, an ihr Ohr. Sie wollte nichts hören. Eine Stimme erhob sich:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Geschmolzen ist der Winter Schnee</div> - <div class="verse indent2">Ganz stumm und still verfalln dem Grabe..</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Ein Krampf schüttelte sie. Nur nicht stehen bleiben. Weiter. –</p> - -<p>Aber sie ging doch nicht. An das kunstvoll gehämmerte Gitter gelehnt, -lauschte sie gierig.</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Herr Tristan hob vom heißen Pfühle</div> - <div class="verse indent2">Sein mattes Haupt und sprach – – –</div> - <div class="verse indent2">Nicht länger trage ich die Scham,</div> - <div class="verse indent2">So bloß zu stehn mit meinem Gram....</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Der Gesang schwieg. Ein Fenster schlug auf. Sie stand wie verzaubert. -Ueber den blassen Kies knirschten die Schritte eines Mannes.</p> - -<p>„Kleine Mignon!“</p> - -<p>Sie fühlte sich an die Hand genommen und in das Haus gezogen.</p> - -<p>„Ich will nicht! Ich will nicht!“ stammelte sie. Leise lachte er auf.</p> - -<p>„Sie hat’s nicht erwarten können,“ dachte er und fand sie schöner und -begehrenswerter als je in dem klösterlich strengen Gewande.</p> - -<p>– Paul Karlsens schneller Entschluß, sie in das Musikzimmer und nicht, -wie er das ursprünglich beabsichtigt, in sein Herrenzimmer zu führen, -erwies sich als sehr klug. Die Bildnisse der Meister edler Tonkunst, -die von den Wän<span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[S. 141]</span>den herab grüßten, wirkten beruhigend und anheimelnd -auf Eva von Ostrieds Fassungslosigkeit. Sie empfand plötzlich ihre -Anwesenheit hier nicht mit quälendem Vorwurf. Es blieb ungewöhnlich. -Jedoch auch nichts weiter.</p> - -<p>Paul Karlsen neigte sich mit ritterlicher Besorgnis zu ihr herab. „Ist -es Ihnen auch zu feierlich bei mir, Fräulein von Ostried?“ Sie hob den -Blick frei zu dem seinen.</p> - -<p>„Hier weht Heimatsluft, Herr Karlsen. Uebrigens – war ich nicht auf -dem Wege zu Ihnen.“</p> - -<p>„Ah,“ machte er.</p> - -<p>Sie errötete, weil sie fühlte, daß er ihr nicht glaubte. Sollte sie -ihm von ihrem eigentlichen Vorhaben, dessen Ausführung sein Gesang nur -verzögert haben würde, erzählen? Sie brachte es nicht über die Lippen. -Einen Augenblick saßen sie sich schweigend gegenüber. Dann sagte sie, -in ehrlicher Bewunderung umherschauend:</p> - -<p>„Wie wunderschön Sie es haben, Herr Karlsen! Die Goldader, von der Sie -sagten, muß wirklich ergiebig sein.“ Er nickte zufrieden.</p> - -<p>„Unerschöpflich fließt sie sogar. Wir haben einen Diener, eine Köchin -und noch mehrere beigeordnete Untertanen im Hades der Küche, die ich -freilich noch nicht zu Gesicht bekommen habe.“</p> - -<p>Er zählte es mit der Wichtigkeit und dem Stolz eines fröhlichen Jungen -her, der sich sehr wohl in den neuen, glanzvollen Verhältnissen fühlt. -Eva von Ostried war nicht neugierig. Sie hätte aber dennoch gar zu -gern gewußt, wie ein Schicksalsgenosse, von dessen Schulden man sich -in Oeynhausen Wunderdinge erzählte, plötzlich zu diesen Märchendingen -gekommen war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[S. 142]</span></p> - -<p>Er hatte das vorausgesehen und sich bereits auf dem Heimgang von seiner -Schwiegermutter eine durchaus glaubhafte Erklärung zurechtgelegt.</p> - -<p>„Es war ein Onkel von Thule,“ summte er Desdemonas zitterndes Lied -vom König. „Und dieser alte Herr mit Druckknöpfen von Eisen und Feuer -an der gewichtigen Geldkatze besaß einen Neffen. Einen Nichtnutz -natürlich, der totsicher vor die Hunde gehen würde. Dieser Schlingel -bildete sich felsenfest ein, eine Stimme zu haben, die anders wäre, -wie die des Onkels von Thule. Frechheit, nicht wahr? – Er glaubte -weiter, daß die Dummen in absehbarer Zeit mal ihr Geld ausgeben würden, -um sie hören zu dürfen. Man bedenke – der Onkel aus Thule war in -seinem Leben niemals in eine Oper gegangen. Und besagter Neffe hätte -in seinem Tabak- und Kaffeeexportgeschäft wundervoll unterkommen -können. – In Hamburg. Er bot es ihm sogar schriftlich an. Der Bengel -antwortete überhaupt nicht darauf, trotzdem eine Freimarke beilag. Er -pumpte ihn aber auch nicht an. Lieber ganz Fremde, die sich wirklich -überraschend leicht finden ließen. – Und der Onkel von Thule kam – -zwar nicht zum Sterben, wohl aber nach Oeynhausen, denn er war immer -ein kleiner Schlemmer gewesen und nun lag sein Herz im Fett. Und er -gab auch nicht seiner geehrten Buhle den bekannten güldenen Becher, -sondern seinem Nichtsnutz von Neffen einen Wink, damit er sich mal zu -ihm ins Hotel begeben möchte. – Daß er ihn zuvor ein paar mal aus -sträflicher Langeweile, von einem leidenden, zufällig hochmusikalischen -Geschäftsfreund verführt, in allen damals gegebenen Opern gehört hatte, -nur nebenbei. Jeder, der einen stumpfsinnigen Badeaufenthalt<span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[S. 143]</span> von -mehreren Wochen durchgemacht hat, wird ihm diese Entgleisung vergeben. -– Also – der Bengel erschien und nun machte sich das weitere -ganz von selbst. – Wir sind nach Berlin übergesiedelt, denn die -Exportgeschichte in Hamburg hatte genug für uns abgeworfen und – na ja -– da wären wir nun.“</p> - -<p>Keinen Augenblick zweifelte sie an der Richtigkeit seiner Erzählung.</p> - -<p>„Wie schön ist es, daß sich Ihr Talent voll entfalten kann,“ sagte sie -und kämpfte gegen allen Neid.</p> - -<p>„Das hätte es auch ohne den Onkel fertig gebracht. Wie können Sie -das von einem – nun nennen wir es getrost Zufall, abhängig machen! -Schwerer wäre es freilich gewesen und länger würde es mit dem Aufstieg -vielleicht gedauert haben. Auf die Spitze wäre ich doch gekommen.“</p> - -<p>„Das ist Manneskraft.“ Es klang wie eine Klage.</p> - -<p>„Nein, das ist die gesunde Erkenntnis des eigenen Könnens,“ widersprach -er, „die sollte Jedes haben, das sich seine Begabung nicht lediglich -einbildet. Sie also auch, Fräulein von Ostried.“</p> - -<p>„Ich habe es mir anders überlegt. Ich will nicht weiter.“</p> - -<p>„Was wollen Sie nicht, bitte? – Nicht mehr singen? Einfach -abschwenken? Gehen Sie doch! Jetzt wären wir endlich bei unserm -eigentlichen Thema angelangt. – Nachdem Sie sich umgesehen und meine -Geschichte vernommen haben, werden Sie auch glauben, daß mir die Gelder -nicht mehr knapp sind.“</p> - -<p>„Was geht das mich an?“ fragte sie brüsk und machte Miene, sich zu -erheben. „Ich will jetzt gehen. Ihr Herr Onkel wird Sie nicht länger -entbehren mögen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[S. 144]</span></p> - -<p>„Mein Herr Onkel ist bei seinen Whistbrüdern,“ lachte er leise. „Von -denen macht er sich bestimmt nicht vor Mitternacht los. Denn – eine -Frau haben wir nicht mehr. Die ist lange, lange tot. – Nur der alte -Franz paßt derweilen auf, damit ich keine Dummheiten mache. Denn der -Onkel von Thule macht sie lieber noch selber. Wundern Sie sich also -nachher etwa in ein paar Stunden nicht, wenn er plötzlich stocksteif – -stockdämlich irgendwo herumsteht. Sonst habe ich es aber wirklich in -jeder Beziehung ausgezeichnet. Kann sozusagen tun und lassen, was ich -will. Die Geldkatze steht unverschlossen zu meiner Verfügung. Dazu ist -mein fester Monatswechsel blendend.“</p> - -<p>„Wozu sagt er mir das alles?“ dachte Eva von Ostried und ihr Herzschlag -drohte in einer erstickenden Angst auszusetzen. „Er will doch nicht -etwa selbst –?“ Das Gefühl des Widerwillens, stärker noch als -dasjenige der Empörung und des Zornes über die unerhörte Kühnheit, mit -der er sie damals beleidigt hatte, regte sich wieder.</p> - -<p>Sie begriff nicht mehr, daß sie ihm willenlos hierher folgen konnte, -nach diesem Erlebnis. Ihr Gesicht war sehr bleich geworden. Ihre Augen -irrten mit einem flackernden Blick umher, als sie sich jetzt erhob.</p> - -<p>„Wie mich das für Sie freut! Lassen Sie sich’s weiter wohl sein, Herr -Karlsen.“ Jedes Wort mußte sie erkämpfen. „Und schnellen, sicheren -Aufstieg.“ Es klang tonlos. Er war gleichfalls aufgestanden und sah auf -sie herab – immer noch, als sie längst zu Ende gesprochen hatte. Das -brachte ihr eine größere Unsicherheit. Sollte sie ihm jetzt die Hand -reichen oder – grußlos entfliehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[S. 145]</span></p> - -<p>„Nur noch einen Augenblick,“ forderte er und seine Brauen schoben -sich eng zusammen. „Zwar weiß ich wirklich nicht, womit ich diesmal -Ihre Unzufriedenheit erregt haben könnte – irgendwie werde ich mich -ja aber doch wohl vergangen haben. Denn für solche Wirkungen besitze -ich auch ein musikalisches Feingefühl. Sicherlich habe ich zu viel um -den Brennpunkt herumgeredet. Verzeihen Sie mir. – Als ich Ihnen von -dem mir gutbekannten Gönner sprach, der Ihnen auf mein Wort helfen -würde – stand mein Plan bereits fest. Und das ist er geblieben. – -Entschuldigen Sie mich für einen Augenblick. Ich hole nur eine wichtige -Kleinigkeit nebenan aus meinem Studierzimmer.“</p> - -<p>Ehe sie eine Entgegnung fand, war er bereits verschwunden. Durch -die zurückgeschobenen Vorhänge konnte sie den Raum übersehen. Ihre -Blicke lösten sich von seinen Händen, die hastig in den aufgezogenen -Schiebladen des Schreibtisches herumkramten und wanderten – -gedankenlos – umher. Es trieb sie zur Flucht und sie blieb dennoch. -Sie nahm nichts von alledem, was sie anstarrte, in sich auf. Die -Bilder verschwammen zu farblosen Massen. Die wuchtigen Vasen auf hohen -Sockeln, die sicher ein kleines Vermögen kosteten, wuchsen wie Steine -auf, die in unsichtbarer Faust nach ihrem Herzen zielten. Mit fast -übermenschlicher Gewalt zwang sie sich dazu, etwas zu denken – zu -sehen – zu empfinden.</p> - -<p>Da lag, gerade über seinem Kopf, ein großer grüner Fleck mit -leuchtenden Blutstropfen. –</p> - -<p>Nein, ein Bild war’s; als sie schärfer, sich dazu zwingend, hinsah, -erkannte sie die überschlanke Gestalt eines weiblichen<span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[S. 146]</span> Wesens darin, -die unter rotem Mohn auf grüner Wiese stand. Auf dem Gesicht lag der -volle Schein einer glutrot gemalten Sonne und hob es scharf heraus. In -seiner rührenden Anspruchslosigkeit wirkte es fast mit diesem Leuchten, -das von innen heraus zu strahlen schien, lieblich. Obwohl Nase und Mund -viel zu groß darin standen. Sie prägte es sich ein, um nur nicht denken -zu müssen, daß sie mit jeder Minute ihres längeren Verweilens von ihrem -Mädchenstolz verschwende.</p> - -<p>Endlich kam er zurück. – Hochrot! Zornig!</p> - -<p>„Niemals kann ich das finden, was ich gerade suche. Das ist gräßlich! -Jetzt endlich ist es gelungen. Sehen Sie, bitte! Nun – was ist das?“</p> - -<p>„Ein Scheckbuch,“ sagte sie tonlos, „aber ich begreife nicht.“</p> - -<p>„Ganz recht. Sie haben also viel mehr Geschäftssinn wie ich – etwa -vor sechs Monaten. Genauere Anweisungen brauche ich Ihnen also wohl -nicht mehr zu erteilen. – Sie nehmen dies an sich und füllen einfach -mit einer bestimmten, von Ihnen beliebig festzusetzenden Summe jeden -Monat die Geschichte aus. Das weitere macht dann schon die Bank!“ Sie -streckte beide Hände von sich, als wehre sie eine furchtbare Versuchung -ab.</p> - -<p>„Um Gottes willen, nur das nicht!“</p> - -<p>„So verhaßt bin ich Ihnen, Eva? Was Sie ohne Bedenken von dem alten -Blutsauger, der Sie zur Bretteldiva machen wollte, angenommen hätten, -ohne diese Bedingung, das wollen Sie mir nicht gestatten?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen jemals zurückerstatten kann.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[S. 147]</span></p> - -<p>„Darüber sorgen Sie sich nicht. Zinsen allerdings – verlange ich.“</p> - -<p>Daß er sachlich zu sprechen begann, machte sie ruhiger.</p> - -<p>„Wovon sollte ich die zahlen.“ Er sah sie fest an.</p> - -<p>„Wovon? Fühlen Sie das nicht, Eva?“</p> - -<p>Ihre Hände hingen matt hernieder. Er betrachtete sie lange. Aber er -nahm sie nicht in die seinen. Nur nichts übereilen. Langsam begann er -ihr in Worten ein lebendiges Bild zu malen.</p> - -<p>„Sie beziehen, am liebsten in meiner Gegend, eine kleine feine Wohnung. -Nur kein Kellerloch oder Dachstübchen. Das drückt von vornherein das -Können nieder. Auch die öffentliche Meinung. Dann schaffen Sie sich -jemand, der Ihnen den Kleinkram des täglichen Lebens fernhält und -nebenbei diskret ist. Dann erst sehen Sie sich nach geeigneten Lehrern -um. Natürlich müssen sie erstklassig sein. Auf die Honorare darf es -nicht ankommen. Und dann – ergibt sich das Schönste wie von selbst. -Das Lernen. Das Vertiefen. Die Seligkeit, daß es bestimmt geschafft -wird. Die Vorausempfindung all des brennenden Neides der liebwerten -Kollegenschaft – aber auch der Macht, die täglich wachsen und genau -wie die meine, zur Andacht niederreißen wird – mag die Menge willig -sein oder nicht.“</p> - -<p>Mit weitvorgestrecktem Haupt hatte sie ihm gelauscht. Das war ein -Klang aus jener Welt, in der allein sie glücklich zu werden wähnte. -Ein echter Klang. Das fühlte sie. In diesem Augenblick empfand sie -auch keinen Widerwillen gegen Paul Karlsen. Seine Güte zurückzuweisen, -erschien ihr unnatürlich. Ja – unmöglich, je länger sie über seinen -Vorschlag nachdachte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[S. 148]</span></p> - -<p>„Die Zinsen – wie hoch?“ fragte sie nur noch.</p> - -<p>Da lag er ihr zu Füßen und zwang sie in einen tiefen, niederen Sessel -hinein.</p> - -<p>„Deine Liebe und sonst nichts! Fühlst du immer noch nicht, wie ich mich -nach dir verzehre. Siehst du nicht, daß ich dir alles zu Füßen legen -möchte und nur verlange, daß du dich von mir anbeten und lieben läßt?“</p> - -<p>Sie stieß ihn nicht zurück, trotzdem sie unter seiner Berührung -zusammenschauerte. Nur ein Gedanke hämmerte in ihrer Stirn:</p> - -<p>„Bin ich jetzt seine Braut? – Und muß ich nun auch sein Weib werden?“</p> - -<p>Ein Finger pochte leise an die hohe Tür. Paul Karlsen fuhr auf und -setzte sich ihr gegenüber.</p> - -<p>„Haben Herr Karlsen gerufen?“ Der alte Diener streckte sein -unbewegliches Gesicht bescheiden in das Zimmer hinein.</p> - -<p>– Der Zauber dieses Augenblickes war ihm unwiderbringlich verloren. -Ihre Not für ein Weilchen überwunden.</p> - -<p>Sie schickte sich an zu gehen, und er hielt sie nicht zurück.</p> - -<p>„Ich werde Nachricht geben. Vielleicht morgen schon,“ flüsterte sie und -glaubte zu wissen, daß sie sich ihm aus Liebe zur Kunst verkaufen könne.</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_148_ende"> - <img class="w100" src="images/i_029_ende.jpg" alt="Kapitel 6, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a>[S. 149]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_149_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_005_kopf.jpg" alt="Kapitel 7, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_7">7.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">K</span>aum tausend Schritt von Karlsens Villa entfernt stand abseits von der -Verkehrsstraße eine Bank. Auf diese strebte Eva von Ostried zu. Im -Augenblicke war es ihr unmöglich, ihren Weg fortzusetzen. Alles Denken, -bis zur äußersten Grenze erschöpft, setzte aus und sie gab sich willig -dieser Müdigkeit hin.</p> - -<p>Sie fühlte, daß sie sich dem Manne, der ihr seine Liebe geboten, -anverlobt habe. Daß sie überhaupt nach seinem Kuß zu ihm ging, ließ nur -diese Deutung zu. Er mußte annehmen, daß sie sein Gefühl erwiderte!</p> - -<p>Und es war doch eine Lüge! Sie fühlte nichts für ihn.</p> - -<p>Die Blicke, die er auf ihr hatte ruhen lassen, peinigten sie noch -nachträglich! Das Erinnern an seine heißen, zuckenden Hände, die sie -umklammert hatten, als er vor ihr kniete, brachte ihr erneut die starke -Empfindung des Widerwillens gegen seine Zärtlichkeiten.</p> - -<p>Das Verhältnis zwischen ihren Eltern fiel ihr ein. Der Vater hatte -zuweilen, nach einer besonders guten Flasche Wein von der hingebenden -Zärtlichkeit ihrer Mutter in der Verlobungszeit gesprochen. Und -doch war später aus der Ehe das geworden, was Evas erste Jugend -unaussprechlich ängstigte und sie noch jetzt mit Grauen erfüllte! An -dem<span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[S. 150]</span> unverbesserlichen Leichtsinn des schönen Ostried zerbrach die -Kraft und das Leben ihrer Mutter, nachdem wohl schon längst ihre Liebe -dem starren Pflichtbewußtsein weichen mußte.</p> - -<p>Und sie selbst wollte sich jetzt ohne einen Funken schlummernder -Zärtlichkeit binden?</p> - -<p>Um den roten Mund grub sich eine Falte, die ihr Gesicht hart machte. -Der Preis, den sie sich dadurch erringen würde, war hoch genug, um -einem törichten, streng verschwiegenen Mädchentraume dies Opfer zu -bringen.</p> - -<p>Sie war bereit! Aber nicht mehr völlig bedingungslos. Das Gesuch der -Frau Eßling wegen der Gesellschafterin für die Tochter fiel ihr ein. -Sie wollte versuchen, dort ein paar Wochen unterzuschlüpfen, um sich -eine Bedenkzeit zu sichern.</p> - -<p>Frau Kommerzienrat Eßling befand sich in einer selten weichen -Stimmung, als ihr gemeldet wurde, daß eine Bewerberin draußen warte. -Der Sieg über den Willen des Schwiegersohns hatte sie vorübergehend -versöhnlicher gestimmt. Ihr Gerechtigkeitsgefühl konnte sich zudem -gegen die Wahrheit seiner Bitterkeiten nicht verschließen. In der -Hauptsache füllte sie die Freude, die Tochter wieder – wenn auch nur -für kurze Zeit – bei sich zu haben, gänzlich aus. Daneben verschwand -jede Trauer und Auflehnung.</p> - -<p>Elfriede Karlsen lag, wie einst während langer Jahre, auf dem Ruhebette -und ließ sich mit dem Lächeln eines dankbaren Kindes von ihrer Mutter -verwöhnen. Noch ahnte sie die neueste Fürsorge der Kommerzienrätin -nicht. Mit wenigen hastigen Worten wurde sie ihr jetzt als eine -Notwendigkeit hingestellt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[S. 151]</span></p> - -<p>„Aber, Mama,“ sagte sie flehend, „das ist grausam von dir –“</p> - -<p>„Du solltest froh sein, daß ich auf diesen erlösenden Gedanken gekommen -bin, Elfriedchen. Die vielen einsamen Stunden taugen nicht für dich. Du -grübelst zu viel.“</p> - -<p>„Ich warte auf meinen Mann und das ist wunderschön,“ sagte sie. Es lag -alle Treue und Zärtlichkeit darin.</p> - -<p>„Diese Stunde ist nicht geeignet, um darüber zu streiten, Kind. Schnell -nur eins: Ihr betont beide bei jeder Gelegenheit, daß ein Künstler frei -sein muß und du willst ihn doch nicht von der Kette lassen?“</p> - -<p>Das blasse Gesicht rötete sich trotz der weißen Puderschicht, die Frau -Eßling ihrer Tochter niemals zugetraut.</p> - -<p>„Soll das heißen, daß ich ihn ungebührlich in Anspruch nehme, ihn -in seiner Entwicklung hemme? – Das aber kann unmöglich deine wahre -Ansicht sein, Mama. Noch vor wenigen Tagen hast du mir den ernsthaften -Vorwurf einer viel zu großen Anspruchslosigkeit gegen Paul gemacht!“</p> - -<p>„Darin liegt kein Widerspruch, mein Kind! Natürlich und verständlich, -wenn eine junge, verliebte Frau die Minuten zählt, bis ihr der Gatte -endlich wiedergeschenkt ist. Aber auch ebenso begreiflich, wenn bei -einer Veranlagung wie dein Mann sie nun doch einmal hat, ihn jeder -leiseste Zwang behindert und vielleicht sogar verstimmt und hemmt.“</p> - -<p>„Hat er sich etwa dir gegenüber beklagt, Mama?“</p> - -<p>Die Kommerzienrätin lachte bitter auf.</p> - -<p>„Wo denkst du hin, Elfriedchen. Ein so großer Künstler nimmt sich nicht -die Mühe, eine gewöhnliche Sterbliche,<span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[S. 152]</span> wie mich, in seine Empfindungen -einzuweihen. Aber erinnere dich nur. Ist er nicht häufig genug -ungehalten gewesen, wenn du etwa eine Stunde oder noch länger wie ein -geduldiges Lämmchen mit dem Essen auf ihn gewartet hast?“</p> - -<p>„Mama, nimm den alten Franz wieder zu dir,“ bat die junge Frau gequält. -Sie wußte sofort, aus welcher Quelle ihre Mutter die Kenntnis jedes -auch des kleinsten und unwichtigsten Geschehnisses aus ihrem Leben -schöpfte.</p> - -<p>„Du hast mich schon mehrmals darum gebeten, Elfriede. Und heute, wie -früher sage ich dir, daß er bleiben wird und muß.“</p> - -<p>Elfriede Karlsen seufzte tief auf.</p> - -<p>„Was also soll diese Gesellschafterin mir helfen?“</p> - -<p>Frau Eßling fühlte, daß der anfängliche Widerstand zu wanken begann. -Etwas wie Neugier klang aus der Frage.</p> - -<p>„Unendlich viel, Elfchen! Natürlich muß sie klug und gebildet, frisch -und einwandfrei sein. Ihr werdet Euch schnell anfreunden. Du hast -niemals eine Freundin besessen. Dann sind die Stunden des Wartens -plötzlich ausgefüllt. Vielleicht erscheinen sie dir im Laufe der -Zeit sogar, wenn Ihr zusammen ein nettes Buch lest – Spaziergänge -macht, Einkäufe erledigt und Bilder anseht, zu kurz. Jedenfalls, ein -vorwurfsvolles Gesicht oder gar, was mir bei weitem gefährlicher -erscheint, ein abgespanntes, enttäuschtes und nicht gerade glänzend -aussehendes Frauchen wird Karlsen nicht vorfinden, auch wenn er sich -selbst erheblich verspäten sollte. Was meinst du, muß die Folge hiervon -sein? So viel habe ich gelernt, um zu wissen, daß Karlsen launenhaft -ist. Das Geringste kann ihn verstim<span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[S. 153]</span>men; eine Kleinigkeit kann ihn aber -zu einem hinreißenden Gesellschafter machen.“</p> - -<p>„Ich habe keine Ahnung gehabt, daß du ihn so genau kennst,“ sagte -Elfriede.</p> - -<p>„Höre nur weiter, Friedchen! – Indem du nicht länger mit dieser -deutlich zur Schau getragenen Sehnsucht nach ihm schmachtest – nicht -mehr die Hände ringst, wenn eine seiner Leibspeisen ungenießbar -geworden ist, dir die Augen auch nicht mehr rot und trübe weinst, wirst -du dir deinen Mann zu einer Dankbarkeit verpflichten, die dich ihm -wichtiger und damit unentbehrlicher machen muß, als dies leider bisher -der Fall gewesen ist.“</p> - -<p>Die junge Frau hatte sich aufgerichtet und sah unsicher zu ihrer Mutter -hinüber.</p> - -<p>„Wenn du wirklich Recht hättest, Mama! Aber ich kann nicht daran -glauben. Beständig eine Dritte am Tische zu haben denke ich -mir qualvoll. Vergißt du, daß sie mir von der kurzen Zeit des -Beisammenseins das Beste wegnimmt?“</p> - -<p>„Kind, du bist die <em class="gesperrt">Frau</em> eines Künstlers. Du mußt sorgen, daß du -sie auch <em class="gesperrt">bleibst</em>!“</p> - -<p>Elfriede Karlsen war sehr bleich geworden.</p> - -<p>„Du glaubst doch nicht, daß mich Paul nicht mehr liebt?“</p> - -<p>„Wenn ich das auch nur fürchtete, würde ich anders mit meinem Herrn -Schwiegersohne umspringen. Nein, davon ist bis jetzt keine Rede. Aber -ich will verhüten, daß es jemals zu einer merklichen Abkühlung käme. -Glaube mir, Friedchen, mein Rat ist klug und wohlerwogen. Dies Mittel, -das ich ihm ebenso wie dir verordne, wird dich voll glücklich machen. -Nicht wahr, das wäre doch schön, mein<span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[S. 154]</span> Kind? Jetzt geh einen Augenblick -ins Nebenzimmer. Zuerst will ich alles Unwesentliche mit der Bewerberin -besprechen. Scheint sie mir die Rechte für dich zu sein, so rufe ich -dich.“</p> - -<p>Eva von Ostried ließ die prüfenden Blicke und die gründlichen Fragen -der Kommerzienrätin in vollendet guter Haltung über sich ergehen. Sie -zeigte keine Empfindlichkeit, weil sie draußen ungewöhnlich lange zu -warten gehabt hatte. Mit ruhiger Selbstverständlichkeit nahm sie in -einem ihr von Frau Eßling gebotenen Sessel Platz und beantwortete kurz -und klar deren Fragen.</p> - -<p>„Die Zeugnisse, die Sie vorweisen können, sind nicht eben glänzend, -Fräulein von Ostried.“</p> - -<p>„Eher das Gegenteil, gnädige Frau! Kaum siebzehnjährig nahm ich die -erste Stelle an und besaß doch keinerlei Vorkenntnisse, nur den guten -Willen, meine Pflicht zu erfüllen.“</p> - -<p>„Wollen Sie mir nun etwas über Ihre Jugend – die Jahre vorher, meine -ich und vor allem von der Notwendigkeit, die Sie auf den Erwerbsweg -zwang, erzählen?“ fragte die Kommerzienrätin.</p> - -<p>„Gern! – Mein Vater war Besitzer des Majorats Waldesruh im Kreise -Köslin, Provinz Hinterpommern. Meine Mutter, eine geborene Baroneß -Strachwitz, starb, als ich vierzehn Jahre zählte. Unsere Verhältnisse -waren stets die denkbar schlechtesten. Waldesruh war bereits unter -meinem Großvater arg heruntergewirtschaftet. Bei dem Tode meines Vaters -blieb mir nichts Nennenswertes. Mein Vormund, Amtsrat Wullenweber, -wünschte zudem, daß ich mir sogleich einen Erwerb schaffe. Besondere -Sachen hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[S. 155]</span> ich nicht erlernt. So stand mir lediglich der Weg des -Kinderfräuleins oder der Hausstütze offen.“</p> - -<p>„In der zweiten Stelle, in der Sie kaum vier Monate weilten, müssen -doch ganz besonders wichtige Gründe die Veranlassung zu so schnellem -Wechsel gegeben haben? Ich sehe, daß dies Zeugnis die Bemerkung „auf -ausdrücklichen Wunsch entlassen“ enthält.“</p> - -<p>„Diese Gründe waren allerdings vorhanden, gnädige Frau,“ gab Eva ruhig -zu. „Des Hausherrn Verhalten. Jedenfalls konnte ich nicht länger in -seinem Hause bleiben.“</p> - -<p>„Ich verstehe! Es gefällt mir ausnehmend, daß Sie so empfinden. Sie -sind ein sehr schönes Mädchen. Das werden Sie nicht nur von andern -gehört haben, sondern selbst genau wissen.“</p> - -<p>Eva von Ostried nahm diese Worte als das einfache Feststellen einer -Tatsache hin. Es wäre ihr kindisch erschienen, abzuwehren oder gar zu -widersprechen.</p> - -<p>„Darum fühlte ich mich auch im Hause der verwitweten Frau -Landgerichtspräsident Hanna Melchers überaus glücklich. Drei Jahre war -ich bei ihr und kann wohl sagen, daß eine Mutter nicht gütiger und -liebevoller zu mir hätte sein können.“</p> - -<p>„Und dieses letzte und wichtigste Zeugnis, Fräulein von Ostried? -Sollten Sie vergessen haben, es mir auszuhändigen?“</p> - -<p>„Leider besteht es nicht, gnädige Frau. Frau Präsidentin ist während -einer allein unternommenen Reise unerwartet einem Herzschlage erlegen. -Sie könnten sich aber über mich bei Justizrat Dr. Weißgerber, dem -langjährigen Freund<span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[S. 156]</span> und Testamentsvollstrecker der Frau Präsidentin, -erkundigen.“</p> - -<p>„Wann ist er daheim? – Wissen Sie das? In sein Büro möchte ich diese -Sache nicht gern tragen.“</p> - -<p>„Er hatte heute außerhalb zu tun. Immerhin wäre es möglich, daß er -schon zurückgekehrt ist.“</p> - -<p>Sie sagte das leise und zögernd, weil ihr plötzlich einfiel, daß -auch sie ja eigentlich noch wegen des Geldes den Versuch der späten -Rücksprache hätte machen sollen. – Der Kommerzienrätin war das -Schwanken in der jungen Stimme nicht entgangen. Auch wunderte sie sich -über den plötzlich veränderten Ausdruck des schönen Gesichtes. – -Erst in diesem Augenblick dachte Eva von Ostried daran, daß es leicht -möglich sei, der Justizrat sage am Apparat etwas von ihren vernichteten -musikalischen Aussichten. Darüber hatte sie aus guten Gründen -geschwiegen.</p> - -<p>Frau Eßling aber glaubte bestimmt, daß Eva von Ostried jene Auskunft, -trotzdem sie auf dieselbe ausdrücklich hingewiesen, zu fürchten hatte -und war umso mehr entschlossen, den Justizrat zu befragen. – Der -Justizrat war soeben angekommen und bestätigte am Fernsprecher kurz und -klar, daß Eva von Ostried zur vollsten Zufriedenheit der Verstorbenen -drei volle Jahre in deren Hause gewesen sei, und daß sie auch von -ihm persönlich in jeder Beziehung als ausgezeichneter Charakter -geschätzt werde. Er ließ sogar mit einfließen, daß die Präsidentin -fest entschlossen gewesen, die junge geliebte Hausgenossin sicher zu -stellen. Zweifellos habe sie an der Ausführung dieses Entschlusses der -schnelle Tod gehindert.</p> - -<p>Frau Eßling kam befriedigt vom Fernsprecher zurück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[S. 157]</span></p> - -<p>„Ich möchte es gern mit Ihnen versuchen, wenn Sie denselben Wunsch -haben,“ sagte sie freundlich. „Ich hoffe, wir werden sehr schnell mit -einander einig werden. Nur wenige Anweisungen und Bedingungen müßte -ich Ihnen zuvor nennen: Sie würden nicht in meinem Hause zu leben -haben, sondern bei meiner jungverheirateten Tochter, die Sie gleich -noch kennen lernen sollen. Denn sie weilt vorübergehend bei mir. Ihre -Pflichten werden sich leicht gestalten. – Sind Sie musikalisch?“</p> - -<p>„Ja,“ sagte Eva. „Es dürfte sicher genügen. Ich singe.“</p> - -<p>„Das ist mir sehr angenehm. Meine Tochter hat entschieden ein feines -Gehör, war aber stets zu leidend, um sich den Anstrengungen langen -Uebens auszusetzen. Würden Sie ihr etwa auch Unterricht erteilen -können?“</p> - -<p>Evas Hände wurden eiskalt. Wie ein Hohn des Schicksals erschien ihr das -alles. Aber sie nickte bereitwillig.</p> - -<p>„Gut. Für häusliche Arbeiten ist im übrigen eine Kraft vorhanden. Es -kommt mir, wie Sie gemerkt haben werden, lediglich darauf an, daß meine -Tochter zerstreut und froh erhalten wird. Sie muß zu viel allein sein. -Das taugt nicht für ein stilles, ja scheues Wesen, wie das ihre. Können -Sie lustig sein, Fräulein von Ostried?“</p> - -<p>„Ich werde es vielleicht lernen, gnädige Frau.“</p> - -<p>„Und treu, Fräulein von Ostried? Absolut? In jeder Lage? Bei jeder -Versuchung?“</p> - -<p>„Wie habe ich das zu verstehen, gnädige Frau?“</p> - -<p>„Wie ein Mädchen Ihrer Herkunft und Bildung dies verstehen muß. – -Treu der Herrin. Was das heißt – hm – eine Erklärung ist nach Ihren -Erfahrungen in Ihrer zweiten Stelle wohl kaum notwendig. – Mein -Schwiegersohn<span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[S. 158]</span> ist Künstler. Ich weiß nicht mal, ob ich das schon -erwähnte. Künstler entzünden sich zumeist sehr schnell und heftig. Und -Sie sind, wie ich das bereits feststellte, von der Natur besonders -reich bedacht.“</p> - -<p>„Ich würde lieber sterben, als eine Ehe zu zerbrechen helfen.“</p> - -<p>„Den Eindruck habe ich auch von Ihnen. – Meine Erfahrung mag Ihnen -wiederholen, was Sie längst selbst erfahren haben werden. Das -Köstlichste und Wertvollste bleibt das gute Gewissen. „Der Uebel -größestes aber ist die Schuld!“ schrieb mir mein seliger Vater unter -den Einsegnungsspruch. Seither habe ich es als Wahrheit immer wieder -bestätigt gefunden. – Treu der Herrin, sagte ich, die Sie sehr gütig -– sehr schwesterlich behandeln wird. – Treu aber auch mir. – So -selbstverständlich das Erfüllen der ersten Bedingung ist, so sonderbar -wird Sie die zweite anmuten. Ich,“ ihre Stimme klang plötzlich -gedämpft, „habe nicht dasjenige Vertrauen zu meinem Schwiegersohn, -das nötig sein sollte, um ruhig und sorglos das Glück des einzigen -Kindes in seinen Händen zu lassen. Diese Heirat ist nur ungern von mir -zugegeben. Ich mißtraue ihrer Beständigkeit. – Wollen Sie, im Fall -Sie die untrüglichen Beweise für die Berechtigung meines sehr regen -Mißtrauens haben, mir dies unverzüglich mitteilen?“</p> - -<p>„Das muß ich entschieden ablehnen,“ erwiderte Eva von Ostried bestimmt. -„Ich erwähnte bereits, daß ich mich verachten würde, wenn ich Unfrieden -zwischen Eheleute streute.“</p> - -<p>„Wenn ich auf diese Erklärung hin auf ihre Dienste bei meiner Tochter -verzichten müßte, Fräulein von Ostried?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[S. 159]</span></p> - -<p>Eva zögerte mit der Antwort. Das Verlangen nach einem Platze, der -sie vorläufig – vor der Not des Lebens schützte – an dem sie sich, -fern von der leiblichen Not, ungehindert prüfen konnte, ehe sie sich -fest an Paul Karlsen band, drängte sie zum Einlenken. – Die innere -Wahrhaftigkeit aber verbot ihr ein Nachgeben.</p> - -<p>„Trotzdem könnte ich es nicht versprechen, gnädige Frau.“</p> - -<p>Die Kommerzienrätin betrachtete das junge Gesicht lange. Dann reichte -sie Eva von Ostried die Rechte hin.</p> - -<p>„Also gut. – Die Treue für meine Tochter soll mir genügen. – -Vergessen Sie das andere. – Noch ein Wort über Ihr Gehalt. Ich -beabsichtigte Ihnen hundert Mark monatlich anweisen zu lassen. Sind Sie -damit zufrieden?“</p> - -<p>„Fünfzig Mark weniger, wie das Gnadengeld der alten Pauline beträgt,“ -dachte Eva bitter, obschon ihr diese Summe genügte.</p> - -<p>„Es wird reichen, gnädige Frau,“ sagte sie eintönig.</p> - -<p>„So, damit wäre alles besprochen. Jetzt werde ich meine Tochter -benachrichtigen. Einen Augenblick, bitte.“ – –</p> - -<p>„Ich fürchte nur, das Sie sich neben mir langweilen werden,“ sagte die -junge Frau.</p> - -<p>Eva lächelte.</p> - -<p>„Wir wollen versuchen, uns jeden Tag mit einer besonderen Freude zu -erheitern, gnädige Frau.“</p> - -<p>Die Kommerzienrätin fand den Ton, in dem ihre Tochter zu der neuen -Gesellschafterin sprach, für den Anfang viel zu warm. Gewiß hatte auch -sie vorhin ein schwesterliches Verhältnis als sehr wahrscheinlich -erwähnt. Immerhin mußte dies doch erst verdient werden. Sie riß deshalb -das Gespräch wieder an sich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160"></a>[S. 160]</span></p> - -<p>„Ist Ihnen der Montag nächster Woche als Tag des Eintritts recht, -Fräulein von Ostried? Sie sind doch durch nichts gebunden, nicht wahr? -– Oder wollten Sie noch etwas im Hause der Verstorbenen ordnen?“</p> - -<p>„Ich könnte bereits morgen kommen, gnädige Frau! Das alte treue -Mädchen, das der Präsidentin lange Jahre diente, besorgt alles Nötige -allein. Aber Sie haben mir noch gar nicht Namen und Wohnung Ihrer Frau -Tochter genannt.“</p> - -<p>Die junge Frau antwortete an Stelle ihrer Mutter. Es gewährte ihr immer -aufs Neue eine stolze Freude, sich als Frau des jungen Künstlers zu -bekennen.</p> - -<p>„Unser Häuschen liegt sehr nahe hier; Karlsbaderstraße 10. Wir haben -es wundervoll. Nur ein wenig dunkel und kühl. Auf dem Schilde am -Gittertore steht Paul Karlsen. – Das ist mein Mann.“</p> - -<p>Eva von Ostried blinzelte, als werde sie aus dem Dunkel in einen -grellerleuchteten Raum gestoßen.</p> - -<p>Sie sollte also zu Paul Karlsens Frau? In sein Haus? Und achtgeben, daß -er die – eheliche Treue halte?</p> - -<p>Das Frauenbild auf grüner Wiese im roten Mohn hatte bereits den Mann -zu ihren Füßen gesehen. Den Mann, als dessen Braut sie sich betrachtet -hatte.</p> - -<p>„Was ist Ihnen,“ fragte die junge Frau ängstlich und sah hilflos zu -ihrer Mutter hin. Hatte Eva von Ostried wirklich aufgestöhnt, als werde -sie von heftigen Schmerzen gepeinigt?</p> - -<p>Es mußte ein Irrtum gewesen sein! Jetzt stand sie mit dem Ausdruck -eines Lächelns da. Nur auffallend gerade und steif hielt sie sich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[S. 161]</span></p> - -<p>„Verzeihen Sie – ich bekam soeben wieder einen jener kleinen Anfälle, -mit denen ich, leider, häufiger zu kämpfen habe.“</p> - -<p>Frau Eßlings Stimme klang erregt.</p> - -<p>„Warum haben Sie bisher nicht davon gesprochen?“</p> - -<p>„Gott – man will doch „unter“, gnädige Frau. Nicht wahr?“</p> - -<p>„Du wirst sie darum nicht fortschicken,“ flüsterte die junge Frau -bittend.</p> - -<p>Die Kommerzienrätin überhörte den Einwand ihrer Tochter völlig.</p> - -<p>„Durchaus begreiflich, liebes Fräulein. Sie finden auch ganz sicher -ein Haus, in dem diese Kleinigkeit nicht stört. Nur für meine Tochter -passen Sie, leider, nicht als ebenfalls Schonungsbedürftige. Das sehen -Sie auch ein?“ Eva von Ostried nickte mechanisch.</p> - -<p>„Vollkommen, gnädige Frau.“</p> - -<p>Warum ging sie jetzt nicht. Ihr Lächeln wurde der Kommerzienrätin -unerträglich, bis ihr ein Gedanke kam.</p> - -<p>„Kann ich Ihnen vielleicht in anderer Weise etwas helfen, Fräulein,“ -fragte sie, im Grunde herzlich froh darüber, daß sich ihre Handlung auf -gütlichem Wege ungeschehen machen ließ. „Ich halte Sie doch für ein -vernünftiges Mädchen.“</p> - -<p>Eva von Ostried neigte ein wenig den Kopf, als danke sie für eine -Huldigung. – Sie blieb aber weiter unbeweglich stehen und lächelte -maskenhaft. Der jungen Frau kamen die Tränen.</p> - -<p>„Ich würde Sie trotzdem bitten, Fräulein von Ostried,“ sagte sie rasch -und herzlich, „aber wenn Mama nicht will,<span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[S. 162]</span> muß ich mich stets fügen. -Seien Sie, bitte, nicht so sehr traurig. Ich werde Sie all meinen -Bekannten warm empfehlen und bis Sie etwas gefunden haben, besuchen Sie -mich fleißig alle Tage. Auch zu den Mahlzeiten. Wir speisen gegen 2 und -7 Uhr. Ja, wollen Sie das tun?“</p> - -<p>Frau Eßling war ins Nebenzimmer gegangen und kam jetzt eilig zurück. -Sie drückte einen verschlossenen Umschlag in Eva von Ostrieds Hand.</p> - -<p>„Alles Gute für Ihren Weg und fallen Sie beim Hinausgehen nicht über -die dumme Stufe, die zur Diele hinabführt.“</p> - -<p>„Sie sind sehr gütig, gnädige Frau! Verlassen Sie sich darauf. Ich -werde nicht fallen!“</p> - -<p>Hatte sie sich verneigt oder – war sie grußlos geschieden? Die -ausgestreckte Rechte und den bittenden Blick der jungen Frau mußte sie -wohl übersehen haben.</p> - -<p>„Sie hat etwas verloren,“ sagte Frau Elfriede verwirrt und zeigte auf -das Weiße, das dort lag, wo noch soeben die schöne stolze Gestalt -gestanden hatte.</p> - -<p>Es war der Umschlag, in den Frau Eßling großmütig einen -Fünfzigmarkschein getan hatte.</p> - -<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_162_tb"> - <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" /> -</div> - -<p>Am nächsten Morgen gegen neun Uhr war Justizrat Weißgerber schon -wieder in der Wohnung seiner alten, toten Freundin. Er ging durch -die nur angelehnte Gartenpforte über die Diele sofort zur Küche. -Denn er wollte ungestört mit der alten Pauline sprechen. Diese hatte -eine mächtige Hornbrille auf der Nase und fertigte umständlich und -sorgsam das Verzeichnis der mit Obst und Gemüse ge<span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[S. 163]</span>füllten Gläser an. -Offensichtlich war ihr eine Störung bei dieser Arbeit sehr unangenehm.</p> - -<p>„Es gibt soeben noch etwas Wichtigeres für Sie zu tun, Pauline,“ sagte -der Justizrat eilig. „Sehen Sie mal her. Auf diesem Zettelchen, den -ich in einem Notizbuch aus dem Jahre 1917 fand, spricht unsere Frau -Präsident von allerhand wichtigen Aufzeichnungen, die sich in einer -kleinen, schwarzen Kiste, um deren Verbleib die gute Pauline wisse, -finden lassen sollen. Haben Sie eine Ahnung, wo sich besagte Kiste zur -Zeit befindet?“</p> - -<p>„Eine kleine schwarze Kiste? – Jawohl! Die habe ich selbst auf der -Bodenkammer in eine größere gestellt.“</p> - -<p>„Wir müssen sie eiligst herunterschaffen.“</p> - -<p>„Wozu denn, Herr Justizrat?“</p> - -<p>„Denken Sie ein wenig nach. Sie wissen nun ja auch darin Bescheid. Uns -fehlt doch etwas, nicht wahr?“</p> - -<p>In das alte Gesicht kam ein Zug von Spannung.</p> - -<p>„Sie hoffen gerade so wie ich, daß sich was für das Fräulein finden -lassen muß. Ach – Herr Justizrat, sie ist wie außer sich. Zum Erbarmen -sieht sie aus. Die halbe Nacht habe ich gesucht. Da ist kein Eckchen, -das verschont wär’. Ich hatte bestimmt im Gefühl, daß ich es finden -müsse, glauben Sie mir. Sogar das Bett unserer Frau Präsident hab’ -ich aufgetrennt. Meine selige Großmutter hatte auch was Schriftliches -in ihrem Kopfkissen versteckt. – Aber alles umsonst. Wie vor einem -Rätsel steh’ ich. Alles, was unsere Frau Präsident anfaßte und sagte, -war so klar wie Glas. Aus diesem Dunkel kann ich mich mein Lebtag nicht -rausfinden.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164"></a>[S. 164]</span></p> - -<p>„Wenn ich Sie recht verstehe, ist Fräulein von Ostried nun doch -zusammengebrochen, so tapfer sie sich angestellt hat. Mir gegenüber -würde sie sich zweifellos weiter zusammennehmen. Sie werden darüber -mehr wissen. Oder doch nicht? – Ich glaube, daß sie wieder in Stellung -zu gehen beabsichtigt? Eine Dame verlangte telephonisch ausführliche -Auskunft über sie.“</p> - -<p>„Sie ist sehr stolz, Herr Justizrat. Das habe ich früher nie gefühlt. -Ist’s ihre adlige Herkunft, oder was anderes. Sie will jedenfalls -nichts von unsereinem annehmen. Und wie gern tät ich’s doch!“</p> - -<p>„Das kann ich ihr nicht verdenken, Pauline. Es tut ihr weh, daß sie -leer ausgegangen sein soll. Am meisten quält sich darüber ihr Stolz, -auf den Sie schlecht zu sprechen sind. Glauben Sie mir, es ist gut, daß -sie den besitzt. Hat Sie sich heute zu Ihnen ausgesprochen?“</p> - -<p>„Sie hat nur gesagt, daß gegen Mittag jemand ihre Sachen abholen würde.“</p> - -<p>„Und über das „Wohin“ kein Wort?“</p> - -<p>„Nichts. Fragen habe ich nicht mögen. Es kam mir zu aufdringlich vor. -Sie hat ja eigenes Geld, Herr Justizrat. Ich hab’s mit meinen Augen -gesehen. Das wird sie nun wohl erst aufbrauchen.“</p> - -<p>Selbst seinem juristischen Scharfsinn fehlte im Augenblick die -Verbindung zwischen Eva von Ostrieds ihm gegenüber getaner Aeußerung -und ihrem scheinbar ganz neuen Entschluß, nun doch wieder in Stellung -zu gehen.</p> - -<p>„Gleichviel, Pauline, tun wir unsere Pflicht, indem wir die Kiste -durchstöbern. Wenn sie auch nichts von Wichtigkeit bringt, müssen wir -uns bescheiden!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[S. 165]</span></p> - -<p>Trotzdem er sich wiederholt sagte, daß eine erfahrene, klardenkende -Frau wie es die Präsidentin gewesen, Beschlüsse von größester -Wichtigkeit unmöglich zusammen mit wertlosen Zeilen, die lediglich -einen Erinnerungswert für sie selbst haben mochten, zusammenschichten -würde, durchsuchte er – eine Viertelstunde später – umständlich jedes -noch so kleine Blättchen.</p> - -<p>Auch dies war vergeblich, genau, wie er es gefürchtet hatte, und -seufzend klappte er endlich den Deckel herunter und legte das viel zu -wuchtige Schloß eigenhändig in die Krampe.</p> - -<p>„Am liebsten ginge ich zu ihr und bäte sie vorläufig in mein Haus,“ -sagte er vor sich hin.</p> - -<p>„Ich fürchte, Herr Justizrat, das wird nichts helfen. Sie ist wie von -Stein geworden. – Als ich ihr heute Morgen den Kaffee gebracht habe, -war sie kalkweiß. „Haben Sie schlecht geschlafen, Fräuleinchen,“ hab’ -ich gefragt und wollte ihre Hand ein bißchen streicheln. Denn so ein -Elternloses mag sich jetzt doppelt und dreifach einsam fühlen. Aber, -was meinen Sie, Herr Justizrat; weggezogen hat sie ihre Hand und ganz -vergnügt getan. Daß sie prachtvoll geschlafen hätt’ und sich wer weiß -wie sehr auf die Arbeit freue. Ja, das hat sie gesagt. Angesehen hat -sie mich dabei aber nicht. – Seitdem war ich nicht wieder bei ihr -drin. Nur ein bißchen gehorcht hab’ ich mal, ob sie vielleicht geweint -hat. Ich glaub’ aber wohl nicht. Laut geredet hat sie. Ich hab’ sogar -verstanden, was es war. „Der Uebel größtes...“ Jawohl, immer nur diese -drei Worte sind’s gewesen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[S. 166]</span></p> - -<p>„Wäre sie nicht bereits volljährig, hätte ich mich ihretwegen längst -mit dem Vormund in Verbindung gesetzt.“</p> - -<p>„Ich glaube, damit wär’ sie auch nicht zufrieden gewesen. Sie hat kein -Vertrauen zu ihm fassen können und wird froh sein, daß er ihr nichts -mehr zu sagen hat.“</p> - -<p>„Besitzt sie denn keine Freundin. – Niemand, der einigen Einfluß auf -sie ausüben könnte, Pauline?“</p> - -<p>„Davon hab ich nie etwas gemerkt. Unsere Frau Präsident hat ihr in -meiner Gegenwart mehr als einmal zugeredet, sie sollte doch mit diesem -oder jenem jungen Mädchen, das in unser Haus kam, spazieren gehen. Das -hat sie immer abgelehnt. Den Grund kann ich mir auch denken.“</p> - -<p>„Ich wüßte keinen. Ich habe vielmehr die Ueberzeugung von ihr, daß sie -ein guter und zuverlässiger Kamerad sein müßte.“</p> - -<p>„Sie ist aber zehnmal hübscher wie die andern. Sie sollten nur mal die -Blicke sehen, wenn sie auf der Straße geht. Mit ihr zusammen Einkäufe -zu machen, war ein richtiger Spaß. War das ein Herumgedrehe und -Nachgegucke. – Hinterhergelaufen sind sie auch wohl. – Fremdes junges -Blut freut sich darüber aber nicht. Das wird leicht neidisch.“</p> - -<p>„Möchte ihr die Schönheit nur nicht zum Unsegen werden.“</p> - -<p>„Die Angst ist unnötig, Herr Justizrat. Sie konnte zu kalt und stolz -aussehen, wenn’s einer von den jungen Herren gar zu auffällig mit -seiner Bewunderung trieb.“</p> - -<p>Der Justizrat mußte lächeln.</p> - -<p>„Sie haben auch diesmal Recht, Pauline. Es will mir nur nicht in den -Kopf, daß man sich jetzt einfach nicht mehr um sie bekümmern soll.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[S. 167]</span></p> - -<p>„Das wär allerdings traurig. Aber ich werde, ob sie will oder nicht, -aufpassen auf sie. – Geht es ihr schlecht, komm ich zu Ihnen, Herr -Justizrat. Das andere besorgen Sie denn.“</p> - -<p>Eben ging Eva von Ostried, wie in tiefen Gedanken versunken, unten -vorüber, ohne die beiden sorgenvollen Gesichter zu bemerken. Sie -hatte einen eiligen Gang vor. Noch einmal wollte sie versuchen, -unterzukommen. Die neueste Tageszeitung hatte ihr wiederum einen -Fingerzeig gegeben. Die hastige Unruhe des Verkehrs war ihr etwas -Ungewohntes. Ihr Kopf begann von neuem zu schmerzen. Trotzdem dachte -sie nicht daran, umzukehren. Ein verbissener Trotz lag auf ihrem -bleichen Gesicht, als sie endlich in die Friedensstraße einbog und die -bezeichnete Nummer zu suchen begann. Das neue Gesuch verlangte eine -gebildete Stütze im Osten Berlins.</p> - -<p>Das Haus, in das sie eintrat, war so dunkel, als sei es ohne Fenster -erbaut worden. Im Flur roch es nach Mittagskohl, Kaninchen und Leim. -Jeder einzelne Geruch für sich wäre erträglich gewesen. Die Vereinigung -erregte ihr Uebelkeit. – Das im dritten Stock auf ihr Klingeln -öffnende Mädchen, lächelte ihr vertraulich zu:</p> - -<p>„Na, denn man rin in die gute Stube. Drei sind all vor Ihnen.“</p> - -<p>Sie wurde in die Küche gewiesen. Eine der Wartenden rückte gefällig auf -ihrem Schemel zur Seite.</p> - -<p>„Wir werden uns schon vertragen.“</p> - -<p>Eva kam der freundlichen Aufforderung nicht nach. Sie kämpfte mit dem -Gefühl des Schwindels. „Ein Glas Wasser,“ bat sie matt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[S. 168]</span></p> - -<p>Eins der Mädchen hielt einen Tassentopf ohne Henkel unter die -aufgedrehte Leitung. An den schneeweißen Lippen der Neusten merkten -sie, daß deren Einsilbigkeit nicht dem Hochmut entsprang. Eva von -Ostried wollte trinken, aber sie vermochte das unsaubere, abgestoßene -Gefäß nicht an den Mund zu führen. Stumm setzte sie es nieder und -wandte sich zum Gehen.</p> - -<p>– – Am Spätnachmittag dieses Tages hielt eine Droschke vor dem -Haus der verstorbenen Präsidentin. Eva von Ostried hatte bereits auf -sie gewartet. Nun trat sie vom Fenster zurück. Koffer und Handtasche -waren fertig zum Fortschaffen. Sie selbst zum Einsteigen bereit. -Auf dem Mahagonitisch lag wieder die kleine schwarze Tasche mit den -zwölftausend Mark anvertrauten Geldes. Ihre Hand streckte sich danach -aus und zuckte doch wieder leer zurück. Dann aber preßte sie die Lippen -zusammen und riß sie an sich. –</p> - -<p>Nun war es entschieden! –</p> - -<p>Die alte Pauline kam angelaufen: „Sie wollen doch nicht etwa schon weg, -Fräuleinchen?“</p> - -<p>„Ist es nicht höchste Zeit damit,“ fragte sie ruhig. „Leben Sie wohl, -Pauline.“</p> - -<p>„Wohin soll es denn nun gehen? Das ist doch gar nicht möglich.“</p> - -<p>„Wohin?“ Die schönen Augen schlossen sich leicht. Der Raub in ihrer -Hand hatte ihr Herz erkältet. „Vielleicht schreibe ich Ihnen einmal, -beste Pauline.“</p> - -<div class="figcenter illowe4 padtop1" id="i_168_ende"> - <img class="w100" src="images/i_168_ende.jpg" alt="Kapitel 7, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[S. 169]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_169_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_169_kopf.jpg" alt="Kapitel 8, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_8">8.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">A</span>mtsrat Wullenweber auf Hohenklitzig erwartete Gäste. Sein einziger -Bruder, der als Major a. D. in Berlin lebte, sollte, geleitet von dem -Sohne, eintreffen.</p> - -<p>Dieser Bruder war ein schwererträglicher Egoist geworden, nachdem ihn -ein hartes Geschick zweimal grausam strafte. Der erste Schlag raubte -dem verschwenderischen und von jeher leichtsinnigen, daneben aber im -Dienst tüchtigen und ehrgeizigen Offizier die bis dahin ausgezeichnete -Gesundheit. Ein ungeschickter Schütze schoß ihn auf einer Treibjagd so -unglücklich an, daß er sich seither nur an zwei Krücken fortbewegen -konnte. Der zweite Hieb traf ihn schwer an seiner Ehre und machte ihn -zum schroffen Verächter jeglichen Menschenwertes, weil er die helfenden -Krücken verzeihender Einsicht nicht zu finden vermochte.</p> - -<p>Amtsrat Wullenweber hatte von einem persönlichen Empfange am Bahnhof -abgesehen. Er stand auf der Steintreppe vor seinem unscheinbaren -Gutshause und spähte nach der Staubwolke aus, die ihm das Nahen des -Wagens verraten sollte.</p> - -<p>Und nun saßen sie zu Dreien an einem runden Tische und sprachen -über völlig gleichgültige Dinge. Das Zimmer blitzte in Frische und -Sauberkeit. Auf den kalt- und steif<span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[S. 170]</span>wirkenden Möbeln aus hellster -Birke zeigte sich kein Stäubchen. Es fehlte aber dennoch jede Spur -einer liebreich schmückenden Frauenhand. Das Mahl war einfach, aber -schmackhaft zubereitet, doch schien keiner den rechten Genuß daran zu -finden.</p> - -<p>Amtsrat Wullenweber, der ein ebenso ausgezeichneter Ackerwirt wie -schlechter Diplomat war, setzte das Grübeln über die ungefährlichste -der persönlichen Fragen mit stummer Energie fort. Endlich meinte er sie -gefunden zu haben und wandte sich an den Neffen, der schlankgewachsen, -blond und merkwürdig ernsthaft für seine zweiunddreißig Jahre, zwischen -ihnen saß.</p> - -<p>„Na, Walter, nächstens mußt du nun auch wohl schon drei Jahre Assessor -sein, nicht wahr?“</p> - -<p>Doktor jur. Walter Wullenweber besaß die strahlend blauen Augen eines -reich Begnadeten, der sich trotz aller Lebenshärten, seine kleine Welt -voller innerer Schönheit unversehrt erhalten hat.</p> - -<p>„Etwas länger bereits, Onkel,“ erwiderte er und seine Stimme klang -weniger klar, wie bisher.</p> - -<p>„Nun – und –“</p> - -<p>„Immer noch nicht Präsident,“ scherzte er. „Trotzdem fühle ich mich -den Umständen nach recht wohl. Die Arbeit befriedigt mich, nachdem ich -meinen auch dir ja zur Genüge bekanntgewordenen Jugendwunsch überwand. -Ja, ich freue mich sogar darauf, als Richter zu wirken. Am liebsten in -einer möglichst kleinen Stadt mit viel ländlicher Umgebung.“</p> - -<p>„Dann melde dich hierher an das Amtsgericht Köslin,“ riet der Amtsrat. -„Da hast du alles. Alltäglich machst du<span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[S. 171]</span> in Straf-, Zivil- und -Grundbuchsachen. Sonntags flitzt du zu mir raus und speist von der -Glanzdecke.“</p> - -<p>Der Major a. D., der mißmutig und schweigsam zugehört, mischte sich -jetzt ins Gespräch.</p> - -<p>„Und ich schimmele indessen in unserer hochherrschaftlichen Hofwohnung -am grünen Strand der Spree und warte auf irgend einen geduldigen -Jemand, der mich die Hühnerstiege herunterschleift, damit ich nicht -gänzlich verkomme.“</p> - -<p>In dem ernsten Gesicht des jungen Juristen zuckte es unwillig. Aber er -blieb ruhig.</p> - -<p>„Wenn du dich nicht zum Mitkommen in besagtes Städtchen entschließen -könntest, müßten wir uns allerdings zuerst nach einer kräftigen Stütze -für dich umsehen,“ sagte er ohne Empfindlichkeit.</p> - -<p>„Soll ich jetzt vielleicht auch noch in eines jener mir schon als -Fähnrich unausstehlichen Nester unterkriechen?“</p> - -<p>„Von einem Zwang kann natürlich keine Rede sein, Vater. Auch ich ließe -mich nie mehr zu etwas zwingen.“</p> - -<p>Der alte Herr sah scharf zu dem Sohn hin.</p> - -<p>„Was soll das heißen, bitte?“</p> - -<p>„Daß ich den Weg gehen werde, den ich mir, nach manchem inneren Kampf, -ausersehen habe.“</p> - -<p>„Darf ich wenigstens erfahren, wohin er dich führen soll.“</p> - -<p>„Ganz gewiß. Zur Anstellung als Richter, dem gewöhnlich Gegebenen, wenn -man die nötigen juristischen Vorstufen überwunden hat.“</p> - -<p>„Mach dich gefälligst nicht lächerlich, Walter! Wenn man in unserer -Lage sitzt, kommt es lediglich aufs Geldverdienen an.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[S. 172]</span></p> - -<p>Assessor Wullenweber schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Ueber dieselbe Ansicht wäre es – vor ungefähr zwölf Jahren – beinahe -zwischen uns zum Bruch gekommen. Damals ließ ich mich von dir zwingen. -Mein bescheidenes Muttererbe hätte vielleicht wirklich nicht zu dem als -sinnlos von dir bezeichneten von mir ersehnten Lebensberuf ausgereicht -und du hattest recht, mir ein persönliches opfern deiner Mittel als -ausgeschlossen hinzustellen. Heute jedoch,“ und seine Stimme wurde -hell und scharf, „wäre jeder Versuch zu meiner Umstimmung für dich -aussichtslos. Oder doch nur von Erfolg, wenn ein sehr trauriger Grund -dazu käme.“</p> - -<p>Der Major hatte sich zurückgelehnt und spielte an den schwarzen Heften -der Bestecks. „Was verstehst du darunter?“ Für eine harmlose Frage war -der Ton zu scharf.</p> - -<p>„Ehrenschulden, die unbedingt abgetragen werden müssen. Und ich habe -keine, Vater.“</p> - -<p>Das Mahl war beendet.</p> - -<p>„Wir setzen uns noch eine Pfeife lang auf die Veranda,“ schlug der -Amtsrat, der seinen heftigen, verbitterten Bruder nicht sogleich am -ersten Tage durch eine schroffe Einmischung reizen wollte, vor.</p> - -<p>Sie saßen alle Drei auf den sauber gescheuerten Steinfließen und -stießen dicke Tabakswolken aus den kurzen Rohren. Zu einer gemütlichen -Unterhaltung wollte es auch jetzt nicht kommen. Die Luft schien wie mit -Zündstoff angefüllt.</p> - -<p>„Sage mal selbst,“ wandte sich der Major plötzlich an seinen Bruder, -„hältst du es für möglich, daß einer mit seiner kleinen Pension -auskommen kann?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[S. 173]</span></p> - -<p>Der Assessor wechselte die Farbe.</p> - -<p>„Was soll das heißen, Vater?“</p> - -<p>„Bleib’ ruhig sitzen! Schlimm genug, daß dir das nicht längst allein -klar geworden ist.“</p> - -<p>„Ich verstehe nicht, worauf du hinaus willst.“</p> - -<p>„Scheinst ja merkwürdig schwer von Begriffen in diesem Punkt zu sein. -Kurz – ich mag nicht länger rumhocken und entbehren – stillhalten und -abstreichen.“</p> - -<p>Der Amtsrat sah das bleichgewordene Gesicht seines Neffen und nickte -ihm fast väterlich zu, obwohl sie sich bisher merkwürdig fremd -gegenüber gestanden hatten. „Nimm’s nicht tragisch, Junge. Wir ändern -ihn doch nicht mehr,“ sollte es heißen. Dann zog er die Stirnhaut -empor, wodurch er sich schon als Sechsjähriger unter seinen Brüdern -eine besondere Achtung verschaffte und kniff ein wenig die Lippen ein, -als schlucke er eine bittere Arznei. Aber er wurde damit fertig!</p> - -<p>„Du hast’s wirklich verteufelt eng und dunkel in Berlin, Bruder. -Davon habe ich mich ja vor ein paar Wochen selbst überzeugen müssen. -Aber dein Junge solls und kanns diesmal nicht ändern. Das siehst du -bei ruhiger Ueberlegung auch ein. Ich mache dir einen vernünftigen -Vorschlag. Packe deinen Kram und zieh’ zu mir. Zwei Stuben kannst du -ganz für dich haben und diese Veranda und den ganzen Garten, denn ich -sehe auf dem Felde genug Grünes. Jawohl – meinetwegen auch noch das -kleine Seezimmer dazu, obgleich ich mich daran gewöhnt habe. Nur den -Jungen laß endlich von der Leine!“</p> - -<p>„Ich geh’ nicht raus aus Berlin,“ knurrte der Major eigensinnig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[S. 174]</span></p> - -<p>„In deiner Lage ist das ein Wahnsinn, Richard.“</p> - -<p>„In meiner jetzigen – vielleicht! Darum soll sie eben auch geändert -werden. Walter kann leicht und angenehm das dreifache verdienen, wenn -er nur mal ruhig nachdenkt. Wir mieten uns nachher irgend eine kleine -Villa. Ich kann mir einen Diener halten. Und das Leben wird wieder -einigermaßen anständig.“</p> - -<p>„Du hast mir bereits neulich etwas derartiges angedeutet, Vater. Ich -faßte es keinen Augenblick als Ernst auf.“</p> - -<p>„Darum habe ich mir die Wiederholung bis heute aufgespart. Onkel soll -zuhören. Nicht wahr, Wilhelm,“ wandte er sich an den Amtsrat, „ein -guter Rechenmeister warst du immer.“</p> - -<p>„Ich rechnete aber für mich und mit mir als Verdiener, mein Lieber.“</p> - -<p>„Soll das ein versteckter Vorwurf sein?“</p> - -<p>„Deute es dir, wie du willst! Daß Walter nicht Musik studieren durfte, -darin mischte ich mich nicht ein. Das verstehe ich schließlich nicht. -Wie er sich damals als grüner Bengel damit abgefunden hat, das gefiel -mir, wenn schon er sich auffallend ablehnend zu mir benommen hat. Darum -nehme ich heute und später seine Partei.“</p> - -<p>„Ihr tut gerade, als wollte ich ihn zu etwas Unerhörtem verleiten und -ich will ihn doch lediglich in eine gute, ja famose Lage bringen.“</p> - -<p>„Ueber dies Kunststück würde ich gern näheres erfahren,“ lachte der -Amtsrat gemütlich.</p> - -<p>„Er soll als Teilhaber bei einem äußerst geschätzten, erstklassigen -Anwalt eintreten. Der Mann hat ohne Vermögen angefangen und eine aus -sieben Köpfen bestehende Familie<span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[S. 175]</span> durchgebracht. Neben der seinen, -erhält er noch die Familien seiner beiden ältesten verwitweten Töchter. -Das Geschäft muß also einträglich sein. Als anfänglichen Monatsgehalt -ist er willens, einem tüchtigen Assessor, der dauernd eintritt, -vorläufig neunhundert Mark zu gewähren. Nachher soll es steigen oder -gar zur Hälfte gehen, denn er hat einen Knax weggekriegt und kanns -allein nicht mehr schaffen. Später besteht natürlich die sichere -Aussicht zur gänzlichen Uebernahme seiner juristischen Praxis. Ich habe -die Empfindung, daß dieser Zeitpunkt nahe ist. Der Mann macht’s wohl -kaum noch sehr lange.“</p> - -<p>Walter Wullenweber war anfangs mit einem ungläubigen Lächeln der -Schilderung seines Vaters gefolgt. Jetzt begann er damit zu rechnen, -daß tatsächlich etwas Wahres daran sein mußte.</p> - -<p>„Woher weißt du das alles,“ fragte er sachlich und noch vollkommen -beherrscht.</p> - -<p>„Gott – ich habe mal was bei dem Mann zu tun gehabt. Wir sind ins -Gespräch gekommen. Er hat mich sogar mal in deiner Abwesenheit -freundschaftlichst besucht. Verzeih’ nur gütigst, wenn ich mich -ein paar Straßen weiter ohne deine gnädige Mithilfe oder Erlaubnis -davonmache.“</p> - -<p>Walter Wullenweber kannte seinen Vater genau. Darum wußte er auch -jetzt, daß der nicht etwa unter seiner Bevormundung litt, sondern, daß -sein Gewissen in irgend einer Beziehung nicht das reinste war. Diese -bestimmte Annahme schärfte ihm in plötzlich erwachsender Angst den -Blick.</p> - -<p>Zeigte der Sechzigjährige nicht die deutlichen Spuren einer nervösen -Unsicherheit wie nach jeder begangenen Torheit? Und war sein -ohnehin sprunghaft wechselndes Be<span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[S. 176]</span>nehmen in letzter Zeit nicht noch -unbeständiger geworden? Jetzt mußte sich Wullenweber mit aller Kraft -zur Bewahrung seiner Ruhe zwingen.</p> - -<p>„Konnte ich dir nicht ebenso gut raten und helfen, wie es der -Justizrat Weißgerber imstande war, Vater? Du siehst, so ganz blind -und taub bin ich doch nicht neben dir dahingegangen. Ich sah Euch vor -einiger Zeit aus einem Weinlokal herauskommen. Das nahm mich bei dem -Vielbeschäftigten eigentlich Wunder – ich wollte dich auch fragen – -vergaß es aber nachher über etwas wichtigerem. Nicht wahr, bei ihm -gedachtest du mich auch unterzubringen? Aber, lassen wir das jetzt. -Etwas anderes erscheint mir wichtiger. Wozu brauchtest du einen fremden -Juristen? Wozu trugst du das Geld aus dem Hause?“</p> - -<p>Der schwache Versuch, die Angelegenheit ins Scherzhafte zu ziehen, -mißlang.</p> - -<p>„So weit bin ich noch nicht heruntergekommen, mein Sohn, um mir dauernd -und in jeder Kleinigkeit von dir Vorschriften machen zu lassen. Noch -bestimme ich. Und wenn einer von uns beiden zu gehorchen hat, bist du -es. Das merke dir.“ Der Amtsrat versuchte zu beschwichtigen.</p> - -<p>„Kinder, nur keinen Streit!“</p> - -<p>„Verzeih, Onkel, daß dies gleich die erste Stunde ausfüllen muß. Du -hast ja aber selbst gehört, daß sich Vater die Auseinandersetzung -ausdrücklich für diesen Tag aufgespart hat.“</p> - -<p>„Zänkereien vertrage ich nicht,“ begehrte der Major auf. „Meine Ruhe -wollte ich endlich mal haben, frei sein. Du sollst nicht wieder aus -einer Lappalie ein Erdbeben machen, Walter.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[S. 177]</span></p> - -<p>Ein langer strenger Blick streifte ihn.</p> - -<p>„Du weißt, daß ich schon übermorgen abreisen muß, Vater. Dann ist also -dein Wunsch erfüllt. Ich möchte aber nicht mit dieser seltsamen Unruhe -an die Arbeit zurück. Wir wollen uns aussprechen. Ich erkläre dir -nochmals, daß alles, was du über mich bestimmen solltest oder bereits, -ohne mein Wissen, bestimmt hast, hinfällig ist. Niemals werde ich nur -um des Geldes willen einen Weg, den mir mein Innerstes vorzeichnet, -aufgeben.“</p> - -<p>„Ich hätte wissen müssen, daß du keiner Kindesliebe fähig bist.“</p> - -<p>„Sprich nicht weiter, Vater. Denke rückwärts.“</p> - -<p>„Habe ich nicht nötig! Was ich getan habe, auch das, woran du jetzt -vielleicht auch noch rühren möchtest, ich täte es gleich wieder.“</p> - -<p>„Richard,“ mahnte der Amtsrat still. „Laß die Schatten ruhen.“</p> - -<p>„Ihr meint wohl, ich fürchte mich vor ihnen? Weit gefehlt, was sich an -meinem eigenen Stamm nicht biegen lassen will, muß weggebrochen werden.“</p> - -<p>„Versündige dich nicht, Bruder.“</p> - -<p>„Sprecht doch endlich ihren Namen aus. Macht mir Vorwürfe. Schiebt mir -alle Schuld in die Schuhe. Ich kann’s ertragen. Ich werde Euch Rede und -Antwort stehen.“</p> - -<p>Er war der Ueberzeugung, daß seine Stimme im Zorn gellte, und sie -war doch nur ein zitterndes, angstvolles Flüstern. Der Schatten, dem -er anscheinend mutig begegnete, mußte ihn atemlos gehetzt haben. -Das Gespräch verstummte. Der Atem des alten Offiziers bekam keine<span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[S. 178]</span> -Kraft mehr. Sein Gesicht erschien in der ungewissen Beleuchtung -des schwefelgelben Abendsrots grau und verfallen. Ein junges, -leidenschaftliches Geschöpf, dem die Mutter zu früh sterben mußte, saß -plötzlich auf dem vierten Stuhl. Und doch lag in Wahrheit nichts als -der unruhige Schein wilden Weinlaubs darauf. Die einzige Tochter des -Majors und Walters Schwester!</p> - -<p>Der Amtsrat wischte sich über die Augen. Seitdem das mit ihr geschehen -war, hatte der Bruder sein Haus gemieden. Erst jetzt war er, ohne -besondere Einladung, wieder gekommen.</p> - -<p>„Die Reise hat mich etwas angestrengt,“ sagte der Major plötzlich. „Ich -will schlafen gehen.“ – –</p> - -<p>Eine Weile verharrte der Amtsrat noch in nachdenklichem Schweigen. Dann -tippte er dem Neffen auf die Schulter.</p> - -<p>„Du mußt mir alles von damals erzählen, Walter. Aus den Briefen, die -mir der Vater geschrieben hat, bin ich nicht klug geworden. Hast du -irgend etwas über sie erfahren können?“</p> - -<p>„Nein, Onkel. Es ist alles vergeblich geblieben. – Du weißt, Vater war -stets ein leidenschaftlicher Schachspieler. Auch unser Leben hat er -berechnen wollen, weil es für sein eigenes nicht mehr anging. Mancher -Zug mag richtig gewesen sein! Nur der Grundgedanke blieb falsch. Nach -ihm waren wir, seine beiden Kinder, willenlose Figuren. Dir ist die -Lieselotte auch lieb gewesen. Ihre Tollheiten erfrischten, ihr Liebreiz -entzückte jeden. Der Vater war sehr stolz auf sie, solange sie sich ihm -bedingungslos fügte. Sie hatten stets miteinander Geheimnisse vor mir. -Ich durfte ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[S. 179]</span> daher meine brüderliche Liebe nicht so voll zeigen, wie -ich sie empfand. Mußte streng mit ihr sein, denn ich wollte doch nicht, -daß sie verloren gehen sollte. – Sie fügte sich dem Vater also willig, -bis die Liebe über sie kam. Den Anfang habe ich mit erlebt. Er sang auf -der Abendgesellschaft einer reichen Frau, die sich einbildete, seine -Stimme entdeckt zu haben. – In Berlin selbst lebte er nicht dauernd, -und das machte mich ruhig. Er nannte sich Schauspieler und zog überall -umher, wo man ihn bezahlte. Einen ersten Brief fing ich ab – las ihn -und nahm sie mir vor. Sie versprach, ihn zu vergessen. Das Versprechen -hat sie aber nicht gehalten. Die kleine Lieselotte war mit einem -Schlage Komödiantin geworden.“</p> - -<p>„Und hat Euer Vater nichts davon gemerkt.“</p> - -<p>„Du weißt, er besitzt die Fähigkeit, Unbequemes solange zu übersehen, -wie es nur irgend angeht. Eines Tages hatte er aber seinen größten -Schachzug fertig überlegt. – Ein Millionär hatte die Lieselotte auf -einem Winterball kennen gelernt und begehrte sie. Die Anbetung des -älteren reichen Mannes hat ihr bis zu einem gewissen Grade sogar Spaß -gemacht. Als sie merkte, daß er ernste Absichten hatte, wurde sie -zuerst ängstlich, dann scheu, und schließlich energisch. Sie wollte -ihn nicht. – Es war aber bereits alles zwischen dem Vater und jenem -abgehandelt. Er hatte ihm auch eine Menge Schulden bezahlt, von -denen wir Kinder nichts wußten. Es war also seiner Ansicht nach eine -Unmöglichkeit, die Sache rückgängig zu machen. – Lieselotte hat nicht -an den Ernst seiner Drohung, daß sie sich diesmal unweigerlich fügen -müsse, geglaubt. So hinreißend lieblich sie war, ebenso unbändig, -leidenschaftlich und le<span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[S. 180]</span>benshungrig ist sie gewesen. Von dieser Seite -kennst du sie nicht. Hier war sie lediglich das spielerische Kind. -Allmählich wuchs sich ihr Durst nach Freiheit zu einer fast krankhaften -Gier heraus. Vielleicht hätte sie doch schließlich eingewilligt, wäre -der andere, an dessen ehrliche Absichten ich niemals glaubte – nicht -immer wieder dazwischen getreten. – Ein Lump, Onkel, in der Maske -eines bildhübschen Schlingels. – Sie blieb taub und blind. Ich habe -in jenen Zeiten täglich versucht, auf sie einzuwirken, schließlich -in jener Nacht nach den letzten, wilden Auseinandersetzungen mit dem -Vater, auch fest geglaubt, daß sie zur Einsicht gekommen wäre. – -Nach ein paar Monaten, hoffte ich, würde sich der Grimm des Vaters -und ihre eigene blinde Leidenschaft verebbt haben. Ich hatte mich -gründlich verrechnet. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. – Du -kannst überzeugt sein, Onkel, das Menschenmögliche, um ihren Aufenthalt -herauszubringen, habe ich versucht.“</p> - -<p>„Und der Millionär, Walter?“</p> - -<p>„Hat umgehend seine Forderungen eingeklagt.“</p> - -<p>„Pfui Teufel.“</p> - -<p>„Ich glaube, als ordentlicher Geschäftsmann mußte er das tun.“</p> - -<p>„Wie habt Ihr’s möglich machen können, Junge?“</p> - -<p>„Es ging schon!“</p> - -<p>„Viel Vertrauen hast du nicht zu mir gezeigt.“</p> - -<p>„Doch, Onkel! Ich wußte zum Beispiel ganz genau, daß du helfen würdest, -wenn ich dich darum gebeten hätte.“</p> - -<p>„Ich versichere dir, daß mir niemals eine Bitte oder Anfrage von Euch -zugegangen ist.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[S. 181]</span></p> - -<p>„Das weiß ich! Weil ich unbedingtes Vertrauen in deine Bereitschaft -setzte, durfte der Brief des Vaters, der deine Hilfe forderte, nicht -abgehen.“</p> - -<p>„Das verstehe ich nicht, Junge.“</p> - -<p>„Du hättest dein Geld niemals von ihm zurückerhalten und wenn er es dir -hundertmal zugesichert hätte.“</p> - -<p>„Darum also hast <em class="gesperrt">du</em> es nicht erlaubt? Ich habe dich bisher nicht -richtig gekannt.“</p> - -<p>„Das hat mir oft genug leid getan, Onkel. Sehr gern hätte ich vieles -mit dir besprochen, was ich nun allein mit mir ausfechten mußte. Wie -sollte ich es aber ändern? Ehe ich nicht die alte Rechnung des Vaters -beglichen hatte, mochte ich das nicht anstreben!“</p> - -<p>„Das wäre dir wirklich gelungen?“</p> - -<p>„Ja, seit einem Monat bin ich diese Last los.“</p> - -<p>„Aus eigener Kraft?“</p> - -<p>„Ich glaube, ein glattes Bejahen gäbe ein falsches Bild. Mein Studium -wurde billiger, als ich es mir ausgerechnet hatte. Ein paar tausend -Mark erübrigten sich davon. Und der Rest? Weißt du, es mag einer -so viel auf Berlin schelten, wie er Lust hat. Ein Gutes bringt es -zweifellos. Erwerbsmöglichkeiten, an welche man selbst in einer -größeren Mittelstadt gar nicht denken würde. Einige, die ich benützte, -mögen nicht gerade standesgemäß gewesen sein. Daß sie durchaus -anständig waren, bedarf nicht der Zusicherung. In der Hauptsache -verdiente ich durch Repetitorien. Mir saß alles noch frisch im -Gedächtnis. Da habe ich ein halbes Dutzend Referendare zum Examen -eingepaukt. Sie schafften es und das brachte mir weitere. So ist -eigentlich nicht mal ein Wunder dabei gewesen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[S. 182]</span></p> - -<p>„Und du meinst, daß dein Vater jetzt endlich gelernt hat, mit dem -Seinen auszukommen?“</p> - -<p>„Bisher habe ich den Gedanken an neue Schulden nicht haben können. -Er hat ja doch gesehen, wie ich schuften mußte. Vorhin wurde ich -allerdings stutzig. Hattest du nicht auch das Gefühl, als schleppe er -an einer Last, die er überängstlich zu verbergen versucht?“</p> - -<p>„Ich schob das auf die Erinnerung an Lieselotte.“</p> - -<p>„Die wirkt ganz anders! Danach kommen Stunden, in denen er sich -einschließt und nachher trinkt.“</p> - -<p>„Und das ist nun deine Jugend!“</p> - -<p>„Meine eigentliche Jugend ist der unerschütterliche Glaube an eine gute -Zukunft.“</p> - -<p>„Du hast eine von Herzen lieb, nicht wahr, mein Junge?“</p> - -<p>„Nein, Onkel, noch nicht! Mir blieb zu wenig Zeit dazu, glaube ich.</p> - -<p>Aber ich fühle, daß es eines Tages kommen wird. Und darum lebe ich -trotz allem auch gern. Ein Ziel ist da und ein fester Wille zur -Erfüllung aller Pflichten.“</p> - -<p>„Sonderbarer Heiliger.“</p> - -<p>„Bis heute habe ich zu keinem davon gesprochen, Onkel.“</p> - -<p>„Das glaube ich dir aufs Wort! Siehst du, da haben wir uns nun -jahrzehntelang gekannt und ich habe doch nichts weiter von dir gewußt, -als daß du einen Jugendwunsch, von dessen Ernsthaftigkeit ich mich -allerdings überzeugt hatte, überwunden hast. Ich fand das riesig -vernünftig und die Art, in der du es tatest, hat mir gefallen, wie ich -ja schon erwähnte. – Diese eine Stunde hat gründlichere Arbeit als -die ganzen Jahre getan. Nun kenne ich dich wirklich. Weiß Gott, viel -Freude ist nie in meinem Leben ge<span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[S. 183]</span>wesen. Nicht mal das Ziel, das du -dir gesetzt hast, war darin vorgesehen. Nur immer der graue Alltag. -Ich habe viel Staub schlucken müssen, denn zu den Sonn- und Feiertagen -ließ ich mir nie recht Zeit. Jetzt freue ich mich und bitte meinem -Leben manches ab. Sieh hinaus. Der Mond scheint gerade hell. Die Felder -mit Stoppeln haben ihre Ernte hinter sich. Das Brachland muß ausruhen, -damit es im nächsten Jahre wieder seine Schuldigkeit tut. Sogar die -Fichtenkusseln wachsen langsam aber sicher ins Geld. – Ich hab’ bloß -immer in meinem Dasein säend geschuftet. Ohne Sinn und Verstand. Denn -für wen? Ein ekliges Geschäft, wenn man darauf keine Antwort weiß. -Jetzt wird’s anders werden. Du mußt öfter zu mir kommen, Junge!“</p> - -<p>Einen Augenblick ruhten ihre Hände fest in einander! Das war wie ein -Schwur, obgleich kein Wort dabei gesprochen wurde.</p> - -<p>„Und jetzt wollen wir in die Klappe gehen,“ sagte der Amtsrat wieder in -seinem alten, fast befehlshaberischen Tone, den sich ein Herr leicht -angewöhnt, der auf seinem Stück Eigenland streng nach Ordnung -sieht. – –</p> - -<p>Walter Wullenweber konnte nicht schlafen. Hinter der weißgetünchten -Wand ruhte sein Vater und war ihm, nur durch eine dünne Verschalung -getrennt, so nahe, daß er das unruhige Umherwerfen des schwerfälligen -Körpers vernehmen mußte. Im Karpfenteich und in den sich -daranschließenden Sumpfgräben quakten die Frösche. Aus den Viehställen -sang zuweilen eine klirrende Kette.</p> - -<p>Hinter der weißen Wand ward ein Stöhnen hörbar. Er erhärtete sich -dagegen. Mußte er nicht auch, schweigsam,<span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[S. 184]</span> oft genug leiden? Tief -wühlte sich sein Kopf in den verschwenderischen Reichtum der weichen -Federkissen ein. Und doch lauschten die Sinne – wider Willen – und -erlauschten, daß sich der Mann, der um keinen Preis alt und schwach -sein wollte, in Schmerzen wand. Da sprang er auf und ging zu ihm.</p> - -<p>„Was hast du, Vater? Soll ich dir von deinen Tropfen geben?“</p> - -<p>Der Major winkte ab. „Laß nur. Dagegen helfen sie doch nicht! Ich halte -das nicht länger aus.“</p> - -<p>„Luft und Stille hier werden dir gut tun. Nur Geduld.“</p> - -<p>„Dazu habe ich keine Zeit mehr.“</p> - -<p>„Was hast du, Vater?“</p> - -<p>„Du mußt mir helfen, Walter!“</p> - -<p>„Sobald es Tag geworden, wollen wir nach einem Arzt senden,“ sagte -Walter Wullenweber und glaubte doch nicht, daß der hiergegen etwas -vermöge.</p> - -<p>„Was soll mir der? Ich brauche nur dich!“</p> - -<p>„Ich bin ja bei dir!“</p> - -<p>„Du willst mich nicht verstehen. Da in der Tasche steckt der Wisch.“</p> - -<p>Und Walter Wullenweber las:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>„Wenn Sie innerhalb von zwei Wochen nicht Ihr mir gegebenes -Ehrenwort einlösen und das Geliehene zurückzahlen mit 7 Prozent -Zinsen, mache ich die Sache anhängig. Halten Sie mich nicht für -ganz dumm. Ich kenne Mittel und Wege, die Sie klein bekommen. Erst -im vergangenen Jahre ist einem alten Offizier ein gebührender -Denkzettel vom Ehrenrat aus ähnlichem Anlaß<span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a><span class="s4">[S. 185]</span></span> erteilt. Denn wenn -einer sein Ehrenwort bricht, so ist er nichts weiter als ein -Schuft. – – –“</p> - -</div> - -<p>„Ist das wahr, was hier steht?“</p> - -<p>Hart und fast mitleidslos klang die Frage.</p> - -<p>„Ja, es ist wahr! Aber –“</p> - -<p>Walter Wullenweber ließ sich schwer auf den Schemel sinken, der -irgendwo stand. Er empfand in diesem Augenblick nichts als Verachtung -für den Mann, der ihm alles zerschlug, was er sich mühsam errang.</p> - -<p>„Es geht mich nichts an,“ sagte er sehr langsam.</p> - -<p>„Du willst mich nicht – retten?“</p> - -<p>„Nein.“</p> - -<p>„Ich soll also –?“</p> - -<p>„Ganz recht; du sollst endlich einmal selbst tragen, was du verschuldet -hast. Ich bin nicht länger willig, mich zu opfern!“</p> - -<p>„Es ist auch dein Name.“</p> - -<p>„Leider! Ich werde meiner vorgesetzten Behörde unverzüglich von -dem Beschluß der deinen, sowie ich davon Kenntnis erhalte, Bericht -erstatten und tragen, was daraus für mich kommt!“</p> - -<p>„Und wenn ich dir schwöre, daß dies das letzte Mal sein soll.“</p> - -<p>„Ich würde keinen Glauben mehr an dich aufbringen können. Damals, -ja, da bildete ich mir ein, daß ein Mensch so etwas nicht zum andern -Mal fertig brächte. Kein Fremder einem Fremden gegenüber. Und dich -betrachtete ich damals noch als meinen Vater.“</p> - -<p>„Soll das heißen, daß du heute – nicht mehr?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[S. 186]</span></p> - -<p>„Ja! Das wollte ich damit sagen!“</p> - -<p>„Walter sei barmherzig.“</p> - -<p>„Bist du es jemals gewesen? Hast du uns nicht alles zerschlagen, -Wunsch, Jugend, Zukunft?“</p> - -<p>„Aber die Ehre, die habe ich doch hochgehalten!“</p> - -<p>„Das bildest du dir nur ein.“</p> - -<p>„Du bist nicht Offizier!“</p> - -<p>„Auf meine Auffassung kommt es aber zur Zeit mehr an.“</p> - -<p>„Wenn ich dir mein Ehrenwort verpfände, daß ich nie wieder.“</p> - -<p>„Spare es dir! Ich lege keinen Wert darauf!“</p> - -<p>Ein Schrei gurgelte aus dem weitgeöffneten Munde. Das Gesicht nahm eine -bläuliche Färbung an. Die Züge spannten sich. Das Kinn schob sich weit -vor. Und dann kam jäh ein sichtbarer Verfall.</p> - -<p>„Ob das der Tod ist,“ fragte sich Walter Wullenweber und zog, wie bei -dem juristischen Aufbau eines wohlgelungenen Gutachtens die einzig -mögliche Folge aus der Bejahung: „Dann trage ich die Schuld!“</p> - -<p>Es war aber nur ein leichter Schlaganfall, wie der aus der nächsten -Stadt zugezogene Arzt am Spätvormittag des neuen Tages feststellte. -Lebensgefahr lag nicht vor. Alle merklichen Folgen würden sich -voraussichtlich nach einiger Zeit verlieren.</p> - -<p>Walter Wullenweber wich dem fragenden Blicke seines Onkel aus. Am -nächsten Tage rüstete er sich zur Abreise, ohne Nachurlaub erbeten zu -haben. Er fühlte, daß seine Anwesenheit den Kranken nicht förderte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[S. 187]</span></p> - -<p>„Du machst dem Futternapf meiner alten Klidderten wenig Ehre,“ sagte -der Amtsrat in der letzten Stunde zu dem Neffen. „Was ist’s denn? Hast -du mir nichts zu sagen, Junge?“</p> - -<p>„Herzlichst zu danken. Sonst wüßte ich nichts.“</p> - -<p>„So, ich dachte! Na schön. Warst du schon bei deinem Vater?“</p> - -<p>„Ich stehe eben im Begriff.“</p> - -<p>„Warte einen Augenblick. Ich begleite dich.“</p> - -<p>Walter Wullenweber wollte eigentlich die paar letzten Minuten mit dem -Kranken allein sein. Er schwieg aber. „Vielleicht ist es besser so,“ -dachte er stumpf und trat scheinbar ruhig an das Bett des Majors.</p> - -<p>„Ich muß nun fort.“ Der Kranke wollte sich auf die Ellbogen stützen, um -sich ein wenig emporzuringen. Es gelang aber nicht.</p> - -<p>„Ich gebe dir mein Wort, daß alles anders werden soll. Willst du mir -nicht die Hand reichen, Walter.“</p> - -<p>Ein kurzes Zaudern. Dann reichte sie ihm der Assessor hin. „Werde -gesund, Vater!“</p> - -<p>Da weinte Major a. D. von Wullenweber die ersten Tränen, seitdem ihm -das von dem ungeschickten Schützen geschehen war.</p> - -<p>Eine Woche später erhielt er Nachricht von seinem Sohne.</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Lieber Vater! Heute nur kurz die Mitteilung, daß ich von meiner -Behörde den Abschied aus dem Staatsdienst erbeten habe, um, sobald -er mir erteilt sein wird, bei Justizrat Weißgerber, mit dem ich -bereits einig bin, einzutreten.</p> - -<p>Teile es auch Onkel mit. In Eile</p> - -<p class="right mright2">Dein Walter.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[S. 188]</span></p> - -<p>Als auch der Amtsrat den Inhalt kannte, schlug er mit der Faust auf den -Tisch.</p> - -<p>„Und das erfahre ich erst heute? Was hast du denn wieder angestellt? -Konntest du wenigstens deinen Mund nicht rechtzeitig aufmachen, damit -dies verhindert wurde?“</p> - -<p>Da erzählte der Major das Hauptsächlichste. Das Fehlende dachte sich -der andere schon hinzu.</p> - -<p>„Wieviel wars denn zum Kuckuck?“</p> - -<p>„Viertausend Mark!“ gestand der Major zerknirscht.</p> - -<p>„Und wofür? Für Lumpereien natürlich!“</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_188_ende"> - <img class="w100" src="images/i_078_ende.jpg" alt="Kapitel 8, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[S. 189]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_189_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_189_kopf.jpg" alt="Kapitel 9, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_9">9.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">D</span>as Nationaltheater hatte seinen großen Tag. Die Aufführung des ersten -Aktes des „Parsifal“ war vorüber. Die Reihen lichteten sich. Es -strömte die Stufen hinab, die in den Garten des Theaters führten. Auf -den meisten Gesichtern lag noch die Andacht des Weihespiels. Einzig -eine Frauengestalt hatte ihren Stuhlplatz inne behalten und saß mit -zusammengelegten Händen. In ihr zitterten die heiligen Klänge nach: -„Selig im Glauben.“</p> - -<p>Zwei Herren waren, abseits des flutenden Menschenstromes, stehen -geblieben und sahen zu ihr hinüber.</p> - -<p>„Sie haben vor Beginn im Erfrischungsraum mit ihr gesprochen, Kurtzig,“ -sagte der Jüngere, „kommen Sie, wir gehen jetzt zu ihr.“</p> - -<p>„Das wage ich nicht, Baron Alvensleben. Sie wissen, wer einen -Gottesdienst stört, muß eines Strafbefehls gewärtig sein.“</p> - -<p>Der alternde Meister schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Sie steht doch aber in der Oeffentlichkeit, mein Lieber!“</p> - -<p>„So – tut sie das? Ich dachte, wir wären uns gestern Nacht nach ihrem -Konzert gerade darüber einig geworden, weshalb sie an der Laufbahn -einer Bühnensängerin vorbei, in der musikalischen Welt Berlins in der -Hauptsache als<span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[S. 190]</span> erste Bildnerin verheißungsvoller Stimmen gilt und sich -nur selten zu einer Konzertreise versteht.“</p> - -<p>„Gott ja, gestern Nacht! Inzwischen habe ich darüber nachgesonnen und -muß gestehen, daß mir die Aufgabe, sie umzustimmen, sehr verlockend -erscheint.“</p> - -<p>„Sie sind nicht der Erste, der das erkannt und auch versucht hat, -Baron.“</p> - -<p>„Vielleicht aber der erste Leiter einer hocheingeschätzten Oper, der -willig ist, sie sogleich in seinen Verband zu übernehmen.“</p> - -<p>„Auch diese Freude muß ich Ihnen leider zerstören. Vor einem halben -Jahre, als sie noch lange nicht so weit wie heute gekommen war, machte -bereits Ihr Kollege Spartenberg denselben recht energischen Versuch.“</p> - -<p>„Sie kennen sie länger, Kurtzig?“</p> - -<p>„Ungefähr fünf Jahre.“</p> - -<p>„Da werden Sie auch um die Gründe wissen? Sie kennen auch mich. Ich bin -verschwiegen. Was käme da in Betracht?“</p> - -<p>„Da fragen Sie mich zu viel, Baron.“</p> - -<p>„Vielleicht erblich belastet?“</p> - -<p>„Möglich! Die Mutter, nach dem Bilde zu urteilen, war eine Schönheit! -Der Vater soll ein flotter Herr gewesen sein, der ihr nichts als -Schulden und den alten Namen hinterließ.“</p> - -<p>„Verdreht,“ sagte Baron Alvensleben, „aber hören Sie, versucht wird es -dennoch. Wenn nicht jetzt, ganz bestimmt am Schlusse. Wenigstens ein -Plauderstündchen im Parkhotel mit ihr.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[S. 191]</span></p> - -<p>„Schön! Machen Sie sich das Vergnügen! Sie können sich meinetwegen als -Zeuge ihrer gestrigen Triumphe einführen. Nur, sagen Sie ihr nichts von -unserer Bekanntschaft.“</p> - -<p>„Na nu!“</p> - -<p>„Ja, Baron. Sie vertraut mir voll und ich möchte nicht, daß dies jemals -anders würde. Kein Mißverstehen, Ihr Lächeln ist unangebracht. Die -Kunst kann, wie wir soeben festgestellt haben, sehr rein sein. Der -Künstler in mir freut sich an ihr, ringt um die Erhaltung ihrer Gunst, -zollt ihr neidlos die verdiente Anerkennung.“</p> - -<p>„Das haben Sie mir gut gegeben, Kurtzig. Ich nehme es Ihnen nicht übel. -Kommen Sie. Nein, nicht in den Prunksaal. Sehen Sie, da schreit der -Unterschied zwischen Bayreuth und München. Die Aufführung verspricht -auch diesmal ganz hervorragend zu bleiben. Nur das Drum und Dran -ist’s, was hier nie erreicht wird. Die Weihe fehlt. An Kosimas -Brandaugen vorbei schlich man sich dort während der Pausen, trunken -vor Begeisterung in das sanfte Grün eines wirklichen Götterhains und -entheiligte sich nicht, bis die feierlich rufenden Tubenklänge wiederum -erbrausten.“</p> - -<p>Ganz einsam saß Eva von Ostried in dem weiten Raume. Sie war auf vier -Tage nach München gekommen, um im Anschluß an die beiden Konzerte, -in denen sie sang, den „Parsifal“ vor allem zu hören. Nun hatte die -Musik alles Schlafende in ihr wachgerüttelt. In Berlin konnte sie -es zurückschieben in das Dämmern eines dauernden Halbschlummers. -Während sie bereits seit Jahresfrist lehrte, vernachlässigte sie das -Selbstlernen nicht. Ihre Zeit war<span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[S. 192]</span> dadurch mit jeder Stunde, ja, mit -jeder Minute, im voraus berechnet. Hier ruhte sie aus.</p> - -<p>Aber überwand sie jetzt auch die Schatten, bezwang sie alle Gedanken, -indem sie sich zu der Menge begab, zum Einschlafen brachte sie sie -nicht wieder. Sie würden sich zwischen ihre Empfindung und die -Gestaltung der nächsten Aufzüge drängen und ihr nichts hinterlassen -als das bittere Gefühl, plötzlich vor der verschlossenen Pforte zum -Allerheiligsten zu stehen. Darum ließ sie sich willig von ihren -Gedanken zwingen.</p> - -<p>Wie war es doch damals gewesen, als sie die Villa der toten Präsidentin -verließ? – Sie hatte sich eine kleine Wohnung genommen. Wirklich in -guter Gegend. Und eine Bedienung, die in jeder Beziehung ausgezeichnet -für sie sorgte, war auch schnell gefunden, weil sie mit dem Entgelt -nicht kargte. Dann kamen die Lehrer an die Reihe. – Die allerersten. -Ralf Kurtzig blieb ihr treu, wie sie ihm. Seine Gegenwart war ihr -ständig mit einer Feier verbunden, die sie wunderbar für die nüchternen -Arbeitsstunden des Unterrichts stärkte. Ohne das gesteckte Ziel jemals -zu verlieren, schritt sie weiter. Das Ziel, auf Heller und Pfennig -einst zurückzuerstatten, was – –</p> - -<p>Jede neubeginnende Woche bestimmte sie zum Beginn des Zurücklegens. Es -wollte aber immer noch nichts damit werden.</p> - -<p>Sie wurde erschreckend mager, nervös und hilflos. Denn ihre Nächte -hielten tausend Rächer für die durchhetzten, gedankenlosen Tage -in Bereitschaft. Der Inhalt der kleinen schwarzen Handtasche nahm -merkwürdig schnell ab. Es kostete alles noch viel mehr, als sie -berechnet hatte. Von<span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[S. 193]</span> den zwölftausend Mark hatte das erste Jahr mit -seinen zahlreichen Anschaffungen die Hälfte verbraucht. Nach dieser -Feststellung änderte sie auch ihren Lebensplan. Bis dahin sah sie -Unterrichtsstunden lediglich als eine Hilfsquelle an. Jetzt stellte -sie nach Rücksprache mit ihren Lehrern fest, daß bis zum ersten -Geldverdienen als Opernsängerin noch eine geraume Zeit vergehen -mußte. Denn als abgeschlossen konnten sie die Ausbildung ihrer Stimme -vorläufig noch nicht bezeichnen.</p> - -<p>Und danach?</p> - -<p>Sie zweifelte nicht daran, daß ihr die breite Oeffentlichkeit mit -Huldigungen und Beifall danken würde. – Ob sich aber auch in gleichem -Maße die Gagen einstellen würden? – Toiletten würden nötig werden, die -erschreckend viel kosteten, wenn nicht ein anderer sie bezahlte.</p> - -<p>Auch jener andere hatte sich zur Verfügung gestellt. Paul Karlsen, -der sich aus den Berichten seiner ahnungslosen Frau die Zusammenhänge -leicht aufbaute, fand sie schnell und flehte um ihre Vergebung. Als Eva -von Ostried ihm für immer die Tür gewiesen, wußte sie, daß das Blut -ihrer Mutter in ihr stärker geworden, als dasjenige ihres Vaters. Auf -der einen Seite lockte ein Erfolg, wie sie ihn niemals auf der andern -erwarten durfte.</p> - -<p>Knie beugten sich vor ihr! Hände haschten nach dem Saum ihres Gewandes. -Geld und Schmuck leuchteten. Lorbeer duftete. Und sie hielt es für -unmöglich, zu entsagen! Aber aus dem wirren Hetzen der Gespenster rang -sich eine Aussicht zum Frieden durch: Gutmachen!</p> - -<p>Es war schwer, wenn nicht unmöglich! Und der heimliche Fluch würde -weiter lasten. Vielleicht, daß ihn der<span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[S. 194]</span> Beifall einer dankbaren Menge -– die Leidenschaft eines Einzelnen für Stunden abnahm?</p> - -<p>Und wiederum danach? – Was sind Stunden im Vergleich zu Jahren – -Jahrzehnten?</p> - -<p>In jener Zeit der härtesten Kämpfe klopfte eine blutjunge, blasse -Verkäuferin an ihre Tür. Sie hatte Eva von Ostried singen hören und -wußte seit diesem Augenblick mit dem feinen Gefühl der Ringenden, daß -jene eine Gottbegnadete war. – Fast weinend vor Verlegenheit und -Erschrecken über ihre Kühnheit hatte sie ihre Bitte vorgetragen.</p> - -<p>„Helfen zum Aufstieg!“ – Retten aus dem Schlamm, der schon ihre Füße -netzte.</p> - -<p>Eva von Ostried war voller Mitleid gewesen, obwohl sie nicht an die -Berufung dieses blassen Kindes zur Kunst glaubte. Warum sollte sie sich -aber kein kleines Liedchen von ihr anhören? Summte ihre Köchin nicht -auch beständig.</p> - -<p>Das kleine Lied aber war zur Offenbarung eines großen Talents -geworden! Die schmale Verkäuferin schied mit dem Strahlen eines sie -überwältigenden Glücksgefühls. So kam Eva von Ostried zu ihrer ersten -allerdings nicht zahlungsfähigen Schülerin, und erlebte, wie diese -wuchs und strebte, wie Schlacke um Schlacke abfiel und das Edelmetall -alle Tage herrlicher hervorleuchtete. Sie würde es wohl auch noch -erleben müssen, wie jene einst von sich reden machen, Bewunderer haben, -die Menge hinreißen würde, während sie selbst nichts weiter war als -deren Förderin und Schleiferin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[S. 195]</span></p> - -<p>„Der Uebel größtes aber ist die Schuld!“ Davor gab es keine Rettung!</p> - -<p>Einzig, wenn sie der Schar ihrer beständig wachsenden Schüler dienend, -sich selbst und die zuckenden Wünsche immer aufs neue überwand, -fühlte sie Ruhe, die fast dem Frieden gleichkam. Und doch blieb es -nur ein Scheinfrieden! An der Empörung ihrer Lehrer, als sie ihnen -den Entschluß bekannt gab – an jedem Blicke offenkundiger Huldigung, -der ihr gezollt wurde, empfand sie die unerhörte Härte ihres Opfers. -Unzählige Mal war eine Umkehr von ihr beschlossen. Und dann mußte der -leidenschaftlich gefaßte Vorsatz doch unter dem Vernichtungsfeuer der -Gewissensangst verbrennen!</p> - -<p>Sie hatte nicht gewagt, jenes Geld aus dem Hause zu geben. Konnte die -Bank nicht nach seiner Herkunft forschen und sie entlarven?</p> - -<p>Noch bevor die Tubenklänge die andächtige Gemeinde zurückgerufen -hatten, begann sich der Zuschauerraum zu füllen. Eva von Ostrieds -Blicke wurden plötzlich von etwas Flammenden gefesselt. In dem -brandroten Haar einer üppigen Erscheinung glühte ein Halbmond -köstlicher Edelsteine auf. Sie empfand den Anblick des auffallenden -Schmuckes an dieser Stätte als etwas Ungewöhnliches. Ernst und -feierlich, wie zum Tisch des Herrn waren die meisten erschienen. Es -reizte sie, nun auch das Gesicht unter dem lohenden Haar zu sehen. -Die leuchtend weiße Haut, der stark sinnliche Mund, die unnatürlich -schwarzen dichten Brauen kamen ihr bekannt vor.</p> - -<p>Das war doch eine im Palasttheater beschäftigte Soubrette, die für -kurze Zeit ihre Flurnachbarin gewesen! –<span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[S. 196]</span> Und ihr Begleiter? Denn -immer wieder neigte sie sich in eifrigem Tuscheln zu dem schlanken -Nachbar hinüber. – Paul Karlsen!</p> - -<p>Ein Wort von ihm – nahe an ihrem Ohr geflüstert – ließ sie -zusammenfahren. „Dummerchen!“ War das zu der andern gesagt -oder belustigte er sich über ihre Zurückweisung, sie als etwas -unbeschreiblich Albernes und Törichtes verhöhnend? Dann lachten beide.</p> - -<p>Lachten sie etwa gemeinsam über sie? Hatte er ihr von jener Stunde -erzählt, die sie neben ihm in seinem Musikzimmer verbrachte oder die -Komik jener andern geschildert, die sie zum Hüter seiner ehelichen -Treue machen wollte? –</p> - -<p>Ihr schossen die Tränen der Empörung in die Augen. Zum ersten Male -spürte sie ein starkes Verlangen nach einer Hand, die sie an diesem -allen vorüber, in die Stille und Klarheit führen und dort festhalten -würde.</p> - -<p>– – Karfreitagsehnen! Unbeschreibliches Verlangen nach Glück und -Frieden! Heiligste Verzückung! Lossprechung von aller Schuld! Sei -heilig!</p> - -<p>Der Lichtschein aus der Höhe erfüllte den Gral mit hellstem Erglühen. -Die Andacht war vollendet!</p> - -<p>Eva von Ostried ahnte nicht, daß sie tränenüberströmt, in zitternder -Ergriffenheit fassungslos auf den sich langsam senkenden Vorhang -starrte. Sie merkte erst, daß sie gehen müsse, als sich leise eine Hand -nach der ihren tastete.</p> - -<p>„Kommen Sie, Kind. Sonst sperrt man die heiligen Tore zu.“</p> - -<p>„Sie sind’s, Meister?“ Zutraulich schob sie ihren Arm unter den seinen. -„Jetzt gehen wir ein wenig an den Hildebrand-Brunnen, ja?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[S. 197]</span></p> - -<p>Er wäre gern dorthin und überall weiter in dem weichen, fließenden Grau -dieser Dämmerstunde mit ihr gewandert, aber ein Dritter war plötzlich -neben ihnen und ließ sich nicht wegschieben.</p> - -<p>„Baron Alvensleben!“ bequemte sich Ralf Kurtzig endlich seinen Namen -zu nennen. – Nun waren sie zu Dreien! Es war kein Zauber mehr dabei. -Alles sah nüchtern und verwaschen aus, denn der Regen rieselte leise -aus der Luft herab. Das gewahrte Eva von Ostried erst jetzt.</p> - -<p>„Wir wollen uns möglichst schnell ins Parkhotel begeben,“ schlug der -Baron vor, als sei es ganz selbstverständlich, daß sie für den Rest -dieses Tages zusammenblieben. „Ihnen ist es doch recht, gnädiges -Fräulein? Ich habe einen kleinen Tisch am offenen Fenster bestellt. Die -Anlagen des Maximilianplatzes sind in diesem Jahre besonders schön.“</p> - -<p>Sie sah bittend zu Ralf Kurtzig hinüber.</p> - -<p>„Nicht wahr, ich vertrage nach solcher Musik keine fremden Menschen?“</p> - -<p>Baron Alvensleben lachte leise. „Empfinden Sie mich etwa als fremd? -Mir sind Sie eine liebe Bekannte – seit vorgestern und gestern her. -Ich hörte Sie zweimal. Ihre Schubertlieder am ersten Abend waren -eine wundervolle Leistung, hinter welcher die sonst recht saubere -Kunstfertigkeit des Violinisten leider abgrundtief versank. Am -künstlerisch wertvollsten freilich faßten Sie am zweiten Abend das -Lied der Carmen auf, wie Sie ja auch mit dem hinreißenden Glanz und -der einzigen Wärme Ihrer Stimme der Bühne und nicht dem Konzertsaal -gehören.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[S. 198]</span></p> - -<p>Er tat, als merke er ihr Zusammenzucken nicht. Heimlich aber freute er -sich daran und pries die gründliche Kenntnis von der Beeinflussung auf -die Künstlerseele.</p> - -<p>„Aha, der Köder lockt schon. Alter, guter Kurtzig, wir kennen doch den -Rummel,“ dachte er dabei. Er glitt klug und geschickt, als sei dies -nichts anderes, als eine bedeutungslos gemeinte Feststellung gewesen, -zu ihren Liedern zurück. Sie war ein seltener Vogel. Scheu – trotzig -und unsäglich empfindlich. Das fühlte er deutlich. Bestimmt eine, die -einen Regisseur zur Verzweiflung bringen konnte, daneben aber auch das -liebe Publikum vor Wonne rasen machend.</p> - -<p>„Von wem stammte übrigens das kleine Lied, das Sie als Zugabe sangen,“ -fragte er weiter. „Die Liederfolge verriet den Komponisten nicht. Die -drei Sternchen an Stelle des Namens pflegen sonst zu einem gewissen -Mißtrauen zu berechtigen. Diesmal nahm bei aller Schlichtheit die -Originalität der führenden Melodie stark gefangen.“</p> - -<p>„Den Komponisten vermag ich nicht zu nennen,“ gestand Eva von Ostried, -„das kleine Lied hat eine eigene Geschichte.“</p> - -<p>„Die Sie am offenen Fenster erzählen werden, ja,“ bat er mit einem -knabenhaft fröhlichen Blick.</p> - -<p>„So lang, daß sie nicht zuvor beendet sein dürfte, ist sie nicht, Herr -Baron. – Ich saß eines Tages in einem Berliner Café und fand auf dem -Platze neben mir ein mit Noten bedecktes Blatt, augenscheinlich erst -ein Entwurf, denn es war viel ausgestrichen und verbessert. Ich nahm’s -mit nach Hause. Und seither singe ich es jedesmal als Zu<span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[S. 199]</span>gabe. Die -Wirkung, die es zuerst auf mich ausübte, ist die gleiche geblieben.“</p> - -<p>Sie waren sehr schnell vorwärts gegangen. Ohne, daß Eva von Ostried -früher etwas davon gemerkt, standen sie vor dem Parkhotel. Mit einer -abwehrenden Bewegung wandte sie sich zur Umkehr.</p> - -<p>„Jetzt wäre es geradezu eine Beleidigung, wollten Sie uns verlassen,“ -sagte Alvensleben entrüstet.</p> - -<p>„Ich begreife nicht, was Ihnen an meiner Gesellschaft liegen kann, Herr -Baron? Mir wäre es jetzt eine Qual in einem besetzten Raume zu sitzen,“ -sagte Eva. „Das können Sie sicher am besten begreifen, Herr Baron. Der -Regen hat aufgehört. Ich gehe zum Hildebrand-Brunnen. Wenn Sie beide -mich dort später noch aufsuchen wollen, sollen Sie mich schon finden. -Ein Stündlein bleibe ich bestimmt.“</p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1"><b>*</b></p> - -<p>„Warum sind Sie so schweigsam, Kurtzig,“ fragte der Baron, als sie -sich endlich unter dem geöffneten Fenster gegenüber saßen. „Sie sehen -doch, ich ärgere mich auch nicht, obgleich mir eine ähnliche Abfuhr -noch nicht vorgekommen ist. Wer mag wohl der Glückliche sein, der sie -irgendwohin an ein Tischlein-deck-dich führen darf?“</p> - -<p>„Es fällt ihr nicht ein, sich an den ersten besten zu hängen.“ Ralf -Kurtzig erwiderte das in einer ihm sonst fremden Gereiztheit.</p> - -<p>„Aber bester Meister, wer traut ihr denn eine Geschmacklosigkeit zu? -Sicher ist er ein Auserwählter. Ob Adonis oder Künstler – oder gar -beides vereint – das wage ich nicht zu entscheiden. Sie werden ihren -Geschmack besser kennen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[S. 200]</span></p> - -<p>„Ihr Herz hat bestimmt noch nicht gesprochen.“ Das klang nicht mehr so -sicher, wie das erste Mal. In der Stimme lag ein gequälter Ton, der den -Baron aufhorchen ließ. Er kniff das linke Auge zu und hob spähend das -gefüllte Glas empor.</p> - -<p>„Wenn Sie das genau wissen – und Sie waren ja stets ein sehr sicherer -Beobachter – ja, warum zögern Sie dann noch, alter Freund?“</p> - -<p>Ralf Kurtzig fuhr jäh zurück.</p> - -<p>„Ich verstehe Sie nicht, Baron. In dieser Sache vertrage ich keinen -Scherz.“</p> - -<p>„So tief sitzt es schon! Dann beeilen Sie sich gefälligst, ehe Sie zu -spät kommen. Eine Stunde Bedenkzeit hat sie Ihnen gegeben und zu einer -Verlängerung dürfte sie sich kaum verstehen.“</p> - -<p>„Ich verbitte mir alles weitere in dieser Sache.“ Der alternde Meister -war so hastig aufgestanden, daß er dabei sein Glas vom Tische stieß.</p> - -<p>„Kurtzig, machen Sie keine Geschichten. Sie werden doch wohl von einem -guten Freund eine harmlose Neckerei vertragen? Wozu hätte ich meine -gesunden Augen? Sie hängt augenscheinlich sehr an Ihnen, kennt Sie -durch verschiedene Jahre, lächelt Ihnen zu, strahlt Sie an. Herrgott, -was ist denn dabei? Haben wir nicht schon ganz andere Sachen erlebt? -Denken Sie an den alten Dresdner Amfortas aus den achtziger Jahren und -seine jugendschöne kaum zwanzigjährige Gattin, die Heroine des W.’r -Stadttheaters.“</p> - -<p>„Ich bin ihr Lehrer, vor dem sie – genau wie meine andern Leute – -zittert und bebt.“ Es klang schon milder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[S. 201]</span></p> - -<p>„Wenn Sie das sagen, wird es ja wohl stimmen. Mir scheint, das Zittern -und Beben liegt reichlich lange hinter Euch beiden, was?“</p> - -<p>„Ich habe Anteil an ihrer Entwicklung – Freude an ihrer Kunst und -Schönheit. Es fällt mir nicht ein, das zu bestreiten.“</p> - -<p>„Na, sehen Sie wohl.“</p> - -<p>„Mehr aber nicht!“</p> - -<p>„Wozu das betonen. Lassen Sie. Wenn es uns noch hascht, will die Scham -kommen und einen großen Zorn daraus brauen. Dabei, großer Gott! Was hat -das Altwerden mit der Abkühlung der Gefühle zu schaffen? Die bleiben -nicht nur. Nein, sie werden stärker und klarer, wie alter Wein, der -doch auch den begehrtesten Rausch bringt. Danach gibt’s keinen Jammer. -Fahren Sie nicht auf. Wer ihn kennt, wirklich kennt, der zieht ihn -dem Most und dem feurigsten Heurigen allemal vor. – Und nun die Hand -her, alter Sturmgeselle. Dafür darf keine Scham auf Lager sein. Das -Einzige, was Sie bewegen kann, wäre ein großer und gerechter Stolz. Ich -streite nicht mal ab, daß mir ein Neidgefühl hochsteigen wollte. Sehen -Sie, so ehrlich bin ich Ihnen gegenüber. Und nun Schluß damit. Wenn -wir mit dem Essen fertig sind, mache ich noch einen Spaziergang an der -Isar entlang. Vielleicht allein. Vielleicht auch nicht. Aber auf Ihre -Begleitung rechne ich nicht. Sie gehen ja wohl nachher noch ein bißchen -an den Hildebrand-Brunnen?“ – – –</p> - -<p>Ralf Kurtzig spürte eine wohlige Wärme durch seine Adern glühen. Der -Wein war gut. Und schließlich – der<span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[S. 202]</span> Alvensleben ein anständiger Kerl, -von dem man sich auch mal eine kleine Entgleisung gefallen lassen -konnte.</p> - -<p>War’s denn überhaupt eine?</p> - -<p>Sie sprachen jetzt eifrig von dem Winterspielplan, den der Baron -schon bestimmt hatte. Ralf Kurtzig hörte ihm nur scheinbar aufmerksam -zu. Seine Blicke irrten durch das geöffnete Fenster und suchten den -Brunnen. Er saß träumerisch da und nahm kaum etwas von den Speisen.</p> - -<p>„Dann trinken Sie wenigstens, Kurtzig.“ Und der Baron schänkte -ihm fleißig ein. Dabei lag das wissende Lächeln eines, dem die -Frauen keinerlei Ueberraschungen mehr bestreiten können, um seinen -glattrasierten Mund. Mit dem verwöhnten Auge des Feinschmeckers kostete -er die zunehmende Spannung in den geistvollen Zügen des ihm gegenüber -Sitzenden behaglich aus. Er hatte doch stets das richtige Gefühl. Schon -gestern kam ihm die Gewißheit, daß es nur eines Fünkchens bedürfe, um -den Brand dieser späten Leidenschaft zu entzünden. Und dieser Funke -war gefallen. Weiterer bedurfte es nach seiner Erfahrung nicht mehr. -Ralf Kurtzig fühlte sich heiß, jung und sehnsüchtig. Und daran trug der -schwere Oberungar den Löwenanteil.</p> - -<p>„Ich denke, wir sind jetzt voll befriedigt,“ sagte er und ließ die -Augen schärfer in die Ferne spähen.</p> - -<p>Bereitwillig erhob sich der Baron.</p> - -<p>„Das ist auch meine Ansicht. Man soll dem kühlen, grauen Tone dieses -Abends etwas Rot auflegen. Besorgen wir das also.“</p> - -<p>Vor dem Eingang des Hotels trennten sie sich. Ohne zu zaudern setzte -Ralf Kurtzig seinen Weg in der Richtung auf den Hildebrand-Brunnen -fort. Erst nach einigen Minuten<span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[S. 203]</span> blieb er stehen, riß den Hut herunter -und ließ sich die müde, schwere Spätsommerluft um die Stirn gehen.</p> - -<p>Was hatte er vor?</p> - -<p>Es zuckte in seinen Armen, als wolle er Lasten heben und in die Lüfte -emporwerfen. Seine hohe, edel geformte Stirn wurde flammend rot.</p> - -<p>Er war ein Narr! Hundertmal war er zu diesem Mädchen gegangen – hatte -auch wohl seine Hand gehalten – Rat erteilt – gescholten – und jetzt -plötzlich? Der Wein war schuld!</p> - -<p>Er hatte es im Untergefühl, daß sie schließlich nur ihn auf der Welt -besaß, wenn sie auch noch niemals mit einander darüber gesprochen -hatten. Zuerst war es das Verhältnis zwischen Lehrer und Schülerin, -später dasjenige eines Vaters zur Tochter, eines Freundes zur Freundin.</p> - -<p>Noch einmal, Ralf Kurtzig, du bist ein Narr!</p> - -<p>Aber wahr blieb’s trotzdem, daß der sechzigjährige Amfortas mit der -Zwanzigjährigen über alle Maßen glücklich geworden war. Noch ein -rosenrotes, dufterfülltes Spätglück.</p> - -<p>Warum sollte es also ihm unmöglich sein? –</p> - -<p>Was denn? Keinen Schritt weiter. Nicht zum Hildebrand-Brunnen. Nicht -den Wahnsinn einer Stunde in das Leben einer tragen, deren einziger -Freund und Schutz er werden durfte. Sich selbst nicht zum Bettler -machen.</p> - -<p>Und doch ging er weiter.</p> - -<p>Da saß sie. Zusammengekauert. Verträumt. Er sah ihre Hände. Weiß und -zart hoben sie sich von den Spitzen ihres Kleides ab. Und jetzt winkten -sie ihn heran. Da war er neben ihr und nahm an ihrer Seite Platz.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[S. 204]</span></p> - -<p>Ihre Augen leuchteten voller Glanz. Der leichte Schleier war -verschwunden. An ihren dichten langen Wimpern hing eine Träne.</p> - -<p>„Warum haben Sie geweint,“ fragte er und wußte nicht, daß in seiner -Stimme die Leidenschaft zitterte. Sie hörte den Klang und wunderte -sich. Er war ihr fremd.</p> - -<p>„Ich fühlte mich sehr einsam, aber dann habe ich mich auf Sie freuen -müssen,“ sagte sie dankbar.</p> - -<p>„Auf mich?“ Wie ein Rausch stieg es von seinem wildpochenden Herzen zum -Hirn empor. Der Wein trug die Schuld. Nein, die weiche, graue Luft.</p> - -<p>„Auf mich?“ fragte er noch einmal.</p> - -<p>Sie nickte ihm zu und legte ihre Hand auf die seine. – Da lag sie. -Nicht zu berühren wagte er sie, obgleich alles in ihm danach schrie, -sie mit glühenden Küssen zu bedecken.</p> - -<p>„Was wäre ich ohne Sie,“ fragte sie leise und weich.</p> - -<p>Ist er ein Narr? Starr und steif saß er neben ihr. Ihre Hand war bei -einer hastigen Bewegung von der seinen herabgeglitten und hing nun – -matt und verlassen – zwischen ihm und ihr.</p> - -<p>Der Brunnen plätscherte. Irgendwo durchschnitt das sanfte Dämmergrau -ein kleines funkelndes Licht. War das schon das Rot, von dem -Alvensleben gesagt hat? Seine Stirn wurde feucht. Mühsam erhob er sich.</p> - -<p>„Ich muß fort.“</p> - -<p>„Meister, was ist Ihnen? Habe ich Sie verletzt?“ In ihrem Ton lag tiefe -Traurigkeit. Da blieb er neben ihr.</p> - -<p>Und plötzlich. – Er war nicht länger Herr über sich. Er hatte ihre -beiden, weichen, weißen Hände an sich gerissen und an sein Herz -gepreßt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[S. 205]</span></p> - -<p>„Hörst du das schlagen? Für dich! – Für dich!“</p> - -<p>Sie wurde unruhig, obwohl sie den Wechsel in seinen Stimmungen kannte.</p> - -<p>„Was haben Sie, Meister? Sind Sie krank?“</p> - -<p>„Was mir ist? Fühlst du das nicht?“</p> - -<p>Er hat sie „Du“ genannt. Wie seltsam. Früher hatte sie sich das -brennend gewünscht. Heute ängstigte es sie.</p> - -<p>„Fühlst du meine Liebe nicht? Ich kann sie nicht länger verbergen. Ein -Jahr ist lang. Seitdem weiß ich es schon und habe dagegen gerungen. – -Nun geht’s nicht mehr. – Werde mein Weib!“</p> - -<p>Sie starrte ihn fassungslos an. War er irre geworden? Er sprach weiter, -ohne ihre Antwort abzuwarten.</p> - -<p>„Du gehörst mir ja schon längst mit jedem deiner Gedanken. Weißt du das -nicht?“ Sie fühlte seinen heißen Atem – das Nähern seiner Lippen und -wurde von einer wilden Angst, von einem Entsetzen emporgerissen. – –</p> - -<p>„Ich kann nicht! Ich kann nicht!“</p> - -<p>Er wollte sie küssen. Wild wehrte sie sich und stieß nach ihm, nach -ihrem geliebten, verehrten Meister, dem einzigen Menschen, dem sie voll -vertraut hatte. Er fühlte den Stoß und sah das aufsteigende Grauen in -ihren Augen – taumelte zurück, sah sie irre an und stammelte etwas.</p> - -<p>Was? Sie verstand es nicht. Sie sah nur, daß er von ihr ging.</p> - -<p>Nun hatte sie Keinen mehr auf der Welt!</p> - -<div class="figcenter illowe4 padtop1" id="i_205_ende"> - <img class="w100" src="images/i_205_ende.jpg" alt="Kapitel 9, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[S. 206]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_206_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_206_kopf.jpg" alt="Kapitel 10, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_10">10.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">E</span>in ganzes langes, reiches Leben umsonst gelebt! Den angestrebten -Daseinszweck verfehlend – nichts anderes in ihren Augen als eine Beute -wahnwitziger Lächerlichkeit!</p> - -<p>Er konnte ihr nach diesem nie wieder begegnen. Das stand in ihm fest.</p> - -<p>Eva von Ostried war in ihr Hotel zurückgekehrt. Hastig wollte sie die -Treppe emporeilen, da winkte das Fräulein aus der Buchhalterei ihr -durch das herabgelassene Schalterfenster zu.</p> - -<p>„Ein Herr hat schon zweimal nach Ihnen gefragt. Jetzt wollte er sich -nicht wieder fortschicken lassen. Er wartet auf dem Gang vor Ihrem -Zimmer. Es war nichts dagegen zu machen.“</p> - -<p>Eva von Ostried war sehr müde. Jeder Schritt wurde ihr schwer. „Wer -kann das sein,“ dachte sie ohne sonderliches Interesse.</p> - -<p>Es war ein ihr gänzlich Fremder, klein und beleibt, im Aeußeren -elegant, der Anzug von modernstem Schnitt, Wäsche und Schlipsnadel -leuchteten um die Wette. Nur seine Hände paßten nicht dazu, die sich, -dicht behaart und mit kurzen, dicken Fingern und ungepflegten Nägeln -ihr wie freundschaftlich entgegen streckten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[S. 207]</span></p> - -<p>„Sakra, das hat lang gedauert, meine Gnädigste.“</p> - -<p>Sie wich einen Schritt zurück. Ihr fiel es nicht ein, ihre Hand zu -heben. „Ich wüßte nicht, daß ich eine Verabredung mit Ihnen getroffen -hätte,“ entgegnete sie kühl.</p> - -<p>Der Wohlbeleibte schien indes ihre Zurechtweisung nicht zu empfinden. -Er sah sie in strahlender Zufriedenheit an.</p> - -<p>„So unschlau würden’s doch auch net sein,“ sagte er mit gutgespielter -Treuherzigkeit. „Wer zuerst kommt, tut halt auch zuerst mahlen, net -wahr?“</p> - -<p>„Der heutige Tag war sehr anstrengend für mich. Bitte fassen Sie sich -kurz.“</p> - -<p>„Sie werden schnellstens wieder aufg’lebt sein, Gnädigste. Ich hab -nämlich grad kei Kartl zur Hand. Mei Name ist Alois Sendelhuber. -Gnädigste wird schon meinen Namen g’hört haben.“</p> - -<p>„Nein,“ sagte Eva von Ostried und betrachtete die klauenartig gebogene -Hornkrücke seines kräftigen Stockes, die wenig zu dem eleganten andern -passen wollte.</p> - -<p>„Sollt’ man’s glauben? Mei kloans G’schäfterl hat sonst a guten Ruf.“</p> - -<p>Eva von Ostried meinte endlich zu begreifen. Vielleicht war er gestern -oder vorgestern in ihren Konzerten gewesen und sprach nun das, was der -Kollege von der Geige ihr zart anzudeuten wagte, in schöner Offenheit -aus.</p> - -<p>„Ich brauche gar nichts, Herr Sendelhuber. Danke vielmals für Ihre -Bemühung. Berlin, wohin ich mich morgen zurückbegebe, versorgt mich -schon ausreichend.“</p> - -<p>Sein Gesicht wurde plötzlich unendlich schlau und vergnügt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[S. 208]</span></p> - -<p>„Auch kein neues Konzört-Angaschemang, meine Gnädigste?“</p> - -<p>„Wie sagten Sie,“ fragte Eva von Ostried auflauschend und blitzschnell -überlegend, daß sie jetzt Geld verdienen müsse und dies am ehesten -durch Konzerte vermöchte. Ja, das wäre schön. Da kämen neue Einnahmen -zusammen und der Zeitpunkt der ersten ruhevollen Nacht würde näher -gerückt. Die weiche Wölbung seines mächtigen Bauches begann sich mit zu -freuen.</p> - -<p>„Gelt’s, da spitzens? Also, wollen wir nun ’n eingehen. Wenn’s g’fällig -ist.“</p> - -<p>Sie saßen sich in dem geräumigen Zimmer mit der geschmacklosen -Ausstattung der Dutzendräume gegenüber.</p> - -<p>„I hätt für den November Neigung,“ meinte er und blätterte in seinem -nicht ganz saubern Notizbuch. „Den Ersten, Fünften und Neunten –“</p> - -<p>„Den Neunten bin ich bereits versagt, Herr Sendelhuber.“</p> - -<p>„Schad’t nix. Sagen Sie wo und bei wem, das andere mach i halt scho. -Kleinigkeit.“ Sie sah kühl und sehr hochmütig aus.</p> - -<p>„Das gibt es bei mir nicht. Was ich versprochen habe, wird auch -erfüllt.“</p> - -<p>„S’ sind halt noch a Anfangerin. Ach i über dö damische Konkurrenz weg, -mach i scho das G’schäft für uns zwei beid’. Also den Ersten, Fünften -und Neunten hab i g’sagt. Am Erst und Fünften hier, wo man Sie bereits -kennen tut. Am Neunten in Nürnberg. Und die Einnahm’? Wir teilen’s -halt!“</p> - -<p>„Nein, das genügt mir nicht.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_209"></a>[S. 209]</span></p> - -<p>„Schauens – schauens!“ sagte er nachdenklich und begann zu rechnen.</p> - -<p>Sie saß ganz still und mußte denken, was ihr Ralf Kurtzig jetzt wohl -raten würde.</p> - -<p>„Unter zwei Drittel für mich tu ich’s auf keinen Fall, Herr -Sendelhuber.“ Dann zogen sich ihre Brauen zornig zusammen. Warum griff -sie nicht sofort zu? – Ralf Kurtzig hätte seinen Vorschlag für den -Anfang durchaus annehmbar gefunden? Ihm beugte sie sich schließlich -und sagte unsicher, noch ehe Herr Sendelhuber mit dem Rechnen zu Ende -gekommen war.</p> - -<p>„Schön, meinetwegen, für diesmal die Hälfte.“</p> - -<p>Sofort stellte sein Stift die emsige Arbeit des Zahlenmalens ein.</p> - -<p>„’s is auch klüger. Sie stehen sich, im Vertrauen, bei der Hälft’ -besser!“</p> - -<p>„Also ein kleiner Gauner,“ dachte sie und äußerte doch nichts -dergleichen. Sie wollte plötzlich vor allen Dingen möglichst schnell -einen guten Ruf als Konzertsängerin haben und dazu brauchte sie solche -Leute. Denn unter den verschiedenen Abschriften alter Verträge, die er -ihr als Beweis seiner Tüchtigkeit und Beliebtheit vorlegte, befanden -sich lauter gute, bekannte Künstlernamen.</p> - -<p>Er schrieb bereits auf einem umfangreichen Bogen.</p> - -<p>„Also am Ersten, Fünften und Neunten. So war’s doch? Die damische Feder -tut’s scho wieder net, is halt a Kreiz.“ Er stieß sie kräftig auf die -Decke des Tisches, wischte mit dem breiten Zeigefinger den entstandenen -Tintenfleck fort und schrieb weiter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210"></a>[S. 210]</span></p> - -<p>„Den Neunten werde ich unter keinen Umständen singen, Herr Sendelhuber. -Sie haben das wohl schon wieder vergessen.“</p> - -<p>„Wo werd i? Da is nix weiter drüber zu reden. Also den N–eu–n–ten –“</p> - -<p>Sie setzte ihren Namen darunter, ohne den Entwurf durchzulesen. Er -faltete ihn umständlich zusammen und barg ihn bei den andern.</p> - -<p>„An Umsatz werden wir schon hab’n! Mähnetscht Sie wer?“</p> - -<p>„Wie meinen Sie das, Herr Sendelhuber?“</p> - -<p>Er machte eine kleine, vertrauliche Bewegung, führte sie aber nicht -voll aus, sondern lachte tonlos.</p> - -<p>„I sah Sie halt mit dem Herrn Baron Alvensleben z’sammen. Und der -Kurtzig war auch dabei. Schaun’s – München ist net Berlin. Koane -G’schäftsstadt. Sei Ruh und sei Maß. Das wär den meisten Leut g’nug. -Bequem sind s’ halt. Wollen gern wissen, ob eins scho G’schmack g’fund -hat.“</p> - -<p>Sie begriff endlich.</p> - -<p>„Bei so einem Wuchs und G’schau und denn die Stimm.“</p> - -<p>„Nett, daß er auch die Stimme erwähnt,“ mußte sie denken und wollte -auffahren. Damit hätte sie sich indes nur lächerlich gemacht. Und, was -die Hauptsache blieb und wohl ewig bleiben würde, solange es Kunst und -Künstlerinnen auf der Welt gab, sie mußte jetzt Geld verdienen.</p> - -<p>„I lass’ Ihnen den Vertrag fein ausfertigen und schick’n nach Berlin.“ -Das letzte Wort sprach er mit einer leichten Senkung in der fetten -Stimme, die seine Verachtung für die von ihm gemiedene Stadt beweisen -sollte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_211"></a>[S. 211]</span></p> - -<p>„Ich danke Ihnen, Herr Sendelhuber.“</p> - -<p>Sie wollte allein sein. Eine schwere Müdigkeit drückte ihr die Lider -zu. Weil er nicht Miene machte, aufzustehen, überwand sie sich und -reichte ihm, über den Tisch, die Hand hin. Er war zu sehr mit dem -Einschrauben seines Füllfederhalters beschäftigt, als daß er sie etwa -aus Nichtachtung übersehen haben könnte. Lächelnd ließ sie sie sinken.</p> - -<p>„Nun er mich sicher hat, ist das ja auch überflüssig.“</p> - -<p>Endlich war er fertig.</p> - -<p>„S–o, jetzt will i noch meine geröhste Kartoffeln eß’n und dann für -heut genug. A Wort noch, Freilein! Pfi–it! I muß ja noch a Depesch’n -geb’n! An die Gret Melchenhuber oder Margarete Kolwinirgers, wie sie -sich zu nenne beliebt. A schlaues Luderchen. I bin aber scho allemal a -Minut vor ihr aufg’wacht. – Also, Freilein, nix übelnehmen. Aber Sie -sollten a bessere Zeugmach’rin nehmen. A Adress’n kann i gern geben.“ -Und er suchte wieder in seinem Notizbuch. „Bestell’n Sie a schönen Gruß -von mir. Dann pumpt’s halt gern.“</p> - -<p>Sie lachte nun auch. Es machte sie noch reizvoller. Blitzschnell fuhr -er mit der roten Zunge über die wulstigen Lippen.</p> - -<p>„Na also! Wir verstehe uns scheint’s doch ganz gut mitsamm’n. I hab’ -die Aehre, Freilein und mit dem Zuschicken bin i pünktlichst.“</p> - -<p>– – Eva von Ostried hatte sich noch ein kleines Abendessen nach -oben bestellt. Es war inzwischen zehn Uhr geworden; viel Gutes -stand also kaum mehr zu erwarten. Früher hätte sie nach einer -ähnlichen Erschütterung gar nicht daran denken können. Jetzt wies -sie das Pflichtgefühl,<span class="pagenum"><a id="Seite_212"></a>[S. 212]</span> sich leistungsfähig zu erhalten, darauf hin -und verlangte gebieterisch Gehorsam. Was sollte werden, wenn sie -zusammenbrach, ohne zuvor ihre Schuld getilgt zu haben? –</p> - -<p>Das Essen widerte sie an. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Aber die -Mattigkeit, die ihre Hände beim Zufassen erzittern ließ, zwang sie zur -Vernunft. Außer der ersten Frühmahlzeit hatte sie heute noch nichts -weiter genossen, als das hastig gelöffelte Fruchteis im Speiseraume -des Prinzregenttheaters. Und morgen mußte sie doch frisch sein für die -Reise und die anstrengende Tätigkeit in Berlin.</p> - -<p>Mechanisch stocherte sie in dem „Karfiol“ herum und bemühte sich -von den goldbraunen „Pflanzerln“ etwas in den Mund zu schieben. Es -deuchte sie eine schwere Arbeit. Sie zwang alle Gedanken zu dem -geschäftskundigen Herrn Alois Sendelhuber und konnte doch damit das -Bild nicht verscheuchen, das überall auftauchte und ihr Empfinden -peinigte. Die Erinnerung an den alternden Meister, der ihr einziger -Freund gewesen war.</p> - -<p>Warum schob sie ihn in die Vergangenheit? Er stand trotzig und stark im -Leben und würde es überwinden! War sie mit ihrer entsetzten Verneinung, -von welcher der Verstand nichts wußte, voreilig gewesen? Mußte es nicht -ein wundervolles Ausruhen neben seiner reifen Persönlichkeit sein? Ein -einziges dankerfülltes Streben, um ihm zu vergelten, daß er so eine wie -sie...</p> - -<p>Da war es wieder, was nun Stunden fest geschlafen hatte. Die heiße -Gewissensnot, weil sie einmal gestrauchelt war.</p> - -<p>Davon ahnte er nichts. Sie hatte auch niemals in Betracht gezogen, es -ihm zu beichten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213"></a>[S. 213]</span></p> - -<p>Und doch mit dieser Lüge einen, der ihr seinen Namen geben wollte, zu -belasten, war das nicht die zweite Sünde? Darüber hätte sie in diesem -Fall hinwegkommen können, weil sie ihn nicht als den Erwählten ihres -Herzens empfand. Nur, wo strömende, tiefe, gewaltige Liebe sich hingab, -durfte kein Geheimnis walten.</p> - -<p>Wie friedlich es wohl dauernd mit ihm sein mußte. Geborgen von seiner -Stärke, getragen von der Abgeklärtheit seiner Lebensauffassung, -gestützt von den Erfahrungen seiner ruhmreichen Vergangenheit. Konnte -es eine bessere Erfüllung aller Jugendträume geben? Sie empfand -plötzlich heftige Sehnsucht nach der Festigkeit seiner Stimme. Daneben -stieß die Furcht vor dem ersten Wiedersehen nach dieser Stunde ihr Herz.</p> - -<p>Drei Türen weiter wohnte er. Ob er endlich daheim sein mochte? Was -würde sie tun, wenn er jetzt zu ihr treten und sagen würde, daß sie ihn -nach diesem Scheiden nicht mehr wiedersehen werde, es sei denn, daß sie -die drei Worte am Hildebrand-Brunnen zurücknähme.</p> - -<p>Ohne ihn würde es kalt und leer sein. Der Tag keine Freuden mehr. Sie -selbst müßten ratlos und unsicher in allen Dingen stehen. Sie malte -sich aus, wie er bei ihr gesessen hatte in Zeiten strengster Arbeit. -Ein unerbittlicher Lehrer, der quälen konnte, bis die Tränen der -Erschöpfung und des Zornes flossen.</p> - -<p>Ein Finger pochte an die Tür. Eine Bedienerin trat über die Schwelle.</p> - -<p>„Verzeihung, gnädiges Fräulein, ich soll nachschauen, ob der Herr von -Nummer 41, Herr Kurtzig ist sein Name, bei Ihnen wäre?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214"></a>[S. 214]</span></p> - -<p>„Wer fragt das?“ forschte Eva von Ostried erstaunt.</p> - -<p>„Die Herrn Künstler, die von der Klause herübergekommen sind und ihn -schon überall gesucht haben.“</p> - -<p>„Ich bin allein, wie Sie sehen. Er wird in seinem Zimmer sein.“</p> - -<p>„Nein, der Schlüssel hängt unten in der Buchhalterei. Er hat befohlen, -daß ihm zu elf Uhr eine Flasche Sekt aufs Eis gelegt werden möchte. Und -zwei Gläser dazu bestellt. Und einen kleinen Tisch mit lauter roten -Rosen. Die Blumen sind gerade vorhin gebracht worden vom Michelsberger -Franzel, der beim englischen Garten die schönste Binderei hält.“</p> - -<p>„Wann hat er den Sekt bestellt? Erinnern Sie sich der Stunde?“</p> - -<p>„Gleich nach acht Uhr kann’s gewesen sein, per Telephon aus dem -Parkhotel.“</p> - -<p>„Bei wem machte er die Bestellung?“</p> - -<p>„Bei mir, gnädiges Fräulein. Ich bediene ihn seit Jahren, wenn er -herkommt. Er weiß, daß Verlaß auf mich ist.“</p> - -<p>„War er fröhlich, ich meine, klang seine Stimme so, als er mit Ihnen -sprach.“</p> - -<p>Die frische kräftige Kellnerin nickte zutraulich.</p> - -<p>„So froh hat er’s geschmettert, wie nur einer sein kann, der nachher -Sekt trinken will mit zwei Gläsern, gnädiges Fräulein! Und dazu die -roten Rosen. Wir sind halt alle sündige Menschen. Und der Herr Ralf -Kurtzig ist einer von denen, die mit achtzig Jahren noch nicht alt -sind.“</p> - -<p>„Die roten Rosen werden welken,“ sagte Eva von Ostried träumerisch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_215"></a>[S. 215]</span></p> - -<p>„Schon möglich. Die Hitze war heute groß. Man konnte ja kaum atmen.“</p> - -<p>„Und der Sekt und die beiden Gläser? Das Eis wird schließlich auch -schmelzen –“</p> - -<p>„Wär alles recht schade, gnädiges Fräulein. Der Tropfen, der -ungetrunken bleibt, kann nicht einheizen und die meisten Leut’ können -doch nicht leben beim toten Ofen.“</p> - -<p>„Der tote Ofen – was meinen Sie damit?“</p> - -<p>„Was man meinen muß, wenn man ein Herz im Leibe hat. Wein und Lieb sind -halt Zwillinge. Wenn einem das erste bitter schmeckt oder vor der Nase -weggetrunken wird, ist gewöhnlich das andere versalzen.“</p> - -<p>„Und was, glauben Sie, wird dann aus ihm?“ Eva von Ostried hatte -vergessen, mit wem sie sprach. Der Klang einer menschlichen Stimme tat -ihr wohl.</p> - -<p>„Danach? Es kommt drauf an. Einer wirft sich in die Brust und versuchts -mit einem feinen Pelz aus andern Sachen, Gott weiß, da gibt’s ja genug. -Die einen spielen oder arbeiten gar wie wild und manch’ einer soll -dabei auch schon den Verstand verloren haben. Die andern mögen nicht -weiter. Die machen Schluß.“</p> - -<p>Schluß – Schluß schrie es in plötzlich erwachender Angst in Eva von -Ostried. Die Kellnerin lauschte aufmerksam auf und deutete dann mit -schalkhafter Miene und weit von sich gestreckten Armen geradeaus.</p> - -<p>„Hören Sie das Poltern, gnädiges Fräulein? Ich wette, daß das die -ungeduldigen Herren Künstler aus der Klause sind. Sie werden sich -einfach vor seine Tür hinhocken. Ja, das machen die! Passen Sie mal -auf.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_216"></a>[S. 216]</span></p> - -<p>Und mit einem Lachen in den Augen lief sie aus dem Zimmer, nachdem sie -noch vielmals um Vergebung wegen der dummen Rederei gebeten hatte.</p> - -<p>– Eva von Ostried wollte sich endlich zur Ruhe begeben. Denn morgen. -Da war sie schon wieder bei Ralf Kurtzig. Vor der Abreise nach Berlin -hatten sie mit einander noch in die Pinakothek gehen wollen. Während -sie das dachte, lauschte sie nach den Geräuschen vor ihrer Tür. Da -trappten wohl wirklich Ralf Kurtzigs frühere Schüler, um noch ein -Stündlein bei ihrem Meister zu sitzen. Sie fühlte, daß er sich darüber -freuen würde, wenngleich sie seine polternden Worte bei der Erkenntnis -ihrer Huldigung zu hören meinte. „Geht lieber schlafen – Ihr. Das ist -Euern Stimmen zuträglicher.“</p> - -<p>Sie öffnete die Tür. Ihre Blicke irrten den matterleuchteten Flur -entlang. Vier erwartungsvolle Gesichter wandten sich ihr entgegen.</p> - -<p>„Grüß Gott, werte Kollegin! Halt – dageblieben? Rede und Antwort -gestanden: Wo haben Sie ihn gelassen?“</p> - -<p>„Ich warte auch auf ihn,“ sagte sie und erschrak nun selber, denn sie -hatte sich das bisher nicht zugestanden.</p> - -<p>„Da ist es das Einfachste und Erfreulichste, wenn wir das fortan -gemeinsam besorgen.“ Sie schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Das geht leider nicht.“</p> - -<p>„Und warum nicht,“ staunte der Sprecher. „Ich denke, Sie sind sein -Liebling?“</p> - -<p>„Wer sagt Ihnen das?“</p> - -<p>„Einer, der es bestimmt wissen muß. Können Sie gut raten?“</p> - -<p>„Sie scherzen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_217"></a>[S. 217]</span></p> - -<p>„Fällt mir nicht ein. Er hat, als ich ihm vorgestern durch ein Dutzend -Straßen nachgejagt bin und zuletzt auch glücklich eingefangen habe, -immer nur von Ihnen gesprochen. Denn ich war sein Lieblingsschüler! -Sind wir also nicht zwei ganz alte, sehr gute Bekannte?“</p> - -<p>Sie wollte wissen, was er gesprochen hatte von ihr.</p> - -<p>„Gott, was einer, wie er, halt so sagt. Nicht besonders viel! -Zusammengefaßt wohl kaum zehn Druckzeilen. Es kommt ja auch lediglich -auf den Inhalt an. Ist’s Ihnen wirklich um den zu tun?“</p> - -<p>„Ja,“ nickte sie.</p> - -<p>„Auch wenn Sie rot werden müssen, vor Stolz?“</p> - -<p>„Auch dann!“</p> - -<p>„Vielleicht bringe ich alles zusammen. Also, daß er Sie gefunden -hätte, daß er Ihnen zum Aufstieg helfen dürfte, das wäre doch das -Allerschönste aus seinem Leben.“</p> - -<p>Sie blickte versonnen vor sich hin. Das Allerschönste.</p> - -<p>„Nun verlange ich auch die Belohnung. Kommen Sie, einen fünften Schemel -besorgen wir. Uns hat gerade noch die Frauenstimme gefehlt. Sowie wir -das erste Geräusch hören, soll’s losgehen.“</p> - -<p>„Was haben Sie vor?“</p> - -<p>„Einen Willkommensgruß natürlich zur Begrüßung. Alle vernünftigen Leute -wären längst zur Ruhe, sagt die Kellnerin aus Berlin. Einen falschen -werden wir also nicht ansingen.“</p> - -<p>„Nein, ich kann nicht bleiben, aber ich werde innen warten,“ sagte sie, -nickte ihnen freundlich zu und ging. Aber sie blieb wirklich in den -Kleidern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218"></a>[S. 218]</span></p> - -<p>Lange, lange! Da hub draußen ein Singen und Klingen an:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Geschmolzen ist der Winterschnee,</div> - <div class="verse indent2">Der Hornung wandelt sich zum See.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Nun kam er also!</p> - -<p>Aber mit einem schrillen Mißton brach der Gesang ab und ein Raunen und -Reden und Laufen hörte sie herein.</p> - -<p>Da eilte sie mit bangem Herzen hinaus zur Treppe – –</p> - -<p>Auf einer Bahre hatten sie ihn gebracht. Einer der Träger erzählte mit -umständlicher Wichtigkeit, ohne daß ihn jemand darum befragt hätte: -„Wir gingen gerade vorüber, als sein Körper unten aufgeklatscht ist. Es -war nicht leicht, ihn rauszufischen. Hier ist seine Brieftasche, in der -wir eine Karte von diesem Hotel mit seinem Namen darauf gefunden haben.“</p> - -<p>– Sein langes, eisgraues Haar hing tief in die Stirn hinein. Mit -großem hellen Blicke starrten die offenen Augen. Seine Lippen waren -nicht ganz so fest wie sonst geschlossen. –</p> - -<p>Da warf sich Eva von Ostried neben der Bahre auf die Knie und preßte -seine schlaffen Hände an ihr Herz, wie er es am Brunnen mit den ihren -getan hatte. Und <em class="gesperrt">er</em> wehrte ihr nicht.</p> - -<p>Sie legte ihren Kopf dorthin, wo seine Liebe für sie gepocht. Es war -still – für immer.</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_218_ende"> - <img class="w100" src="images/i_218_ende.jpg" alt="Kapitel 10, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219"></a>[S. 219]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_219_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_005_kopf.jpg" alt="Kapitel 11, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_11">11.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">N</span>ach vier Tagen sandte Herr Alois Sendelhuber die Abschrift des -Vertrages an Eva von Ostried. Sie war gerade im Begriff, zu einer -Unterrichtsstunde nach dem Grunewalde hinaus zu fahren. Ihre neueste -Lernbegierige war die Tochter eines mehrfachen Millionärs und hatte bei -gutem musikalischen Gehör ein recht bildungsfähiges Zwitscherstimmchen.</p> - -<p>Vor ihr lag, soeben abgeschlossen, ein Heft, in dem sie alle Ausgaben -und Einnahmen zu buchen pflegte. Sie hatte festgestellt, daß sie die -letzten fünf Wochen mit ihrem Verdienst allein ausgekommen war, ohne -den Rest des andern Geldes anzugreifen.</p> - -<p>Freilich, was war das für ein Leben gewesen.</p> - -<p>Der Spiegel warf ihre Gestalt in dem reichlich abgetragenen Kleid -getreulich zurück. Herrn Sendelhubers Kleidermacherin wäre mindestens -vier Wochen zu beschäftigen gewesen.</p> - -<p>Demnach fehlte ihr alles, was sie einst als begehrenswert erstrebte. -Sie litt unter diesem gewaltsam durchgeführten Mangel wie an einer -schleichenden Krankheit.</p> - -<p>Und <em class="gesperrt">schön</em>!</p> - -<p>Das alte jäh aufwallende Verlangen nach äußerem Tand packte sie -ungestüm. Nach der Stunde im Grunewald würde<span class="pagenum"><a id="Seite_220"></a>[S. 220]</span> sie endlich alles -notwendig Gewordene in einem der ersten Geschäfte bestellen.</p> - -<p>War denn aber wirklich dazu das Geld vorhanden? Sie hatte sich gelobt, -fortan – selbst wenn sich die Einnahmen vorläufig nicht steigern -sollten – den kleinen Blechkasten mit des ehrbaren Tabaksbauern -Zurückgezahlten nicht zu öffnen.</p> - -<p>Aber jetzt riß sie ihn aus dem Dunkel des Schreibtisches hervor, -ließ die Feder aufspringen und entnahm dem dünngewordenen Päckchen -<em class="gesperrt">einen</em> Schein! Er würde genügen.</p> - -<p>Nach kaum einer Minute legte sie ihn wieder zu den andern zurück. Ihr -Gesicht war sehr blaß geworden.</p> - -<p>Was hatte sie vorgehabt? Einen Teil des Raubes dazu verwenden wollen, -um der alten Eitelkeit zu dienen. Die mühselige Arbeit restloser -Selbstbezwingung also einfach vernichtend, indem sie von neuem sündigte.</p> - -<p>Das konnte allein kommen, weil ihr Ralf Kurtzigs Beistand fehlte. Sie -nahm die Kreidezeichnung, auf der ihn ein junger, talentvoller Maler -mit klarem Blick für seine innere Größe darstellte, zur Hand und -vertiefte sich darin.</p> - -<p>Ob sie ihn nicht doch geliebt hatte? Unbewußt?</p> - -<p>Der Alltag entriß sie endlich allem Grübeln. Herrn Alois Sendelhubers -Vertrag sah sie vorwurfsvoll ob der Vernachlässigung an und verwandte -sich in dessen kleine, schlau zwinkernde Augen. Sie nahm ihn an sich, -um ihn später auf der Fahrt zu lesen. Jetzt galt es keine weitere -Zeit zu verlieren. In diesem Augenblick steckte aber die unzufriedene -Bedienerin den Kopf zur Tür hinein.</p> - -<p>„Sie brauchen nicht zu glauben, daß ich Ihr Frühstück vergessen hätte, -Fräulein. Es war nur nichts mehr im<span class="pagenum"><a id="Seite_221"></a>[S. 221]</span> Hause. Und wieder um Geld bitten -und das Gefrage und Vorwürfemachen mit anhören, gerad’ als ob man ein -kleiner Betrüger wär’, nee, lieber nich! Unterwegs wird ja auch wohl -was zum präpeln zu kriegen sein, denke ich.“</p> - -<p>Eva von Ostried war das Blut in die Wangen gestiegen.</p> - -<p>„Ich habe mich genau erkundigt,“ sagte sie kurz, „die Summe, die ich -hingebe, genügt für uns beide völlig.“</p> - -<p>„Könnte ich mich denn nich auch mal bei derselben Quelle ein bißchen -belehren,“ fragte das Mädchen höhnisch und stemmte lachend beide Hände -in die Seite. „Oder hat’s vielleicht der Spatz gesagt, der hier alle -Morgen rumpiept, weil ihm keine Krume mehr gegönnt wird?“</p> - -<p>„Sie werden unverschämt,“ sagte Eva von Ostried und bezwang ihre -Empörung.</p> - -<p>„Nicht im geringsten, Fräulein. Bloß tückisch, weil ich immer an einem -leeren Futternapf stehen muß. Und darum, sehen Sie, ich bin viel zu -abgewachsen für Ihr Portemonnaie. Eine, die ’nen Kopf kleiner ist wie -ich und noch ein bißchen was von der vorigen Stelle auf den Rippen hat, -die müssen Sie sich nehmen. Ich geh’ nämlich in vierzehn Tagen.“</p> - -<p>„Es ist gut,“ sagte Eva von Ostried und mußte doch schaudernd an die -neuen Unbequemlichkeiten denken, die daraus entstehen würden.</p> - -<p>„Ich hätt’ noch was zu sagen.“</p> - -<p>„Dann beeilen Sie sich. Ich muß fort.“</p> - -<p>„Es nimmt bloß ein paar Minuten weg. Bis vor kurzem, na, sagen wir -mal, bis Sie nach München gondelten, habe ich doch im Ganzen recht -ordentlich gewirtschaftet, nich?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_222"></a>[S. 222]</span></p> - -<p>Eva von Ostried dachte nach und mußte zugeben, daß die Mahlzeiten -zumeist reichlich und schmackhaft gewesen.</p> - -<p>„Daraus erkennen Sie selbst, wie gut Sie mit dem Wochengeld auskommen -können,“ stellte sie fest.</p> - -<p>„Nee,“ triumphierte das Mädchen, „die Rechnung stimmt nich. Der Zuschuß -hat aufgehört. So klappt’s.“</p> - -<p>„Welcher Zuschuß? Was meinen Sie damit?“</p> - -<p>„Meine Mutter hat uns Kindern gesagt, wenn einer tot ist, dem man was -geschworen hat, könnt’ man getrost seinen Mund auftun. Darum will ich -auch nicht länger schweigen. Herr Kurtzig hat mir doch regelmäßig Geld -gegeben, damit das Fräulein seine kleine Freuden hätt’.“</p> - -<p>„Geld! Und das erfahre ich erst heute?“</p> - -<p>„Ich hab’s schon gesagt. Schwören mußte ich ihm, daß ich meinen Mund -hielt.“</p> - -<p>„Wieviel?“ fragte Eva von Ostried und fühlte eine schwere Mattigkeit in -allen Gliedern.</p> - -<p>„Wie kann ich das noch wissen. Viel hat er ja auch wohl nicht gerade -gehabt. Das merkt unsereins schnell. Mal zwanzig Mark, mal auch ein -bißchen weniger. Unter zehn Emmchen gab er aber nie. Dazu hat er das -Fräulein viel zu sehr verehrt.“</p> - -<p>Eva von Ostried hatte die Empfindung, als wolle ihr Herz verbrennen. -Und in den Blicken des Mädchens stand die helle Schadenfreude über die -Bestürzung der jungen Herrin.</p> - -<p>„Es gibt noch viele, die mehr spendieren würden, wenn sie Sonntag -abends hier ab und zu ein bißchen singen und spielen könnten, -Fräulein.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_223"></a>[S. 223]</span></p> - -<p>„Gehen Sie auf der Stelle,“ befahl Eva von Ostried und wies mit der -Hand nach der Tür.</p> - -<p>„Mach ich gern! Wollen Sie meine Sachen nachsehen, ob ich aus Versehen -was Fremdes eingepackt hab’? Es ist nämlich schon alles parat.“</p> - -<p>„Nein! Nur beeilen Sie sich möglichst, damit Sie aus meiner Wohnung -kommen.“</p> - -<p>– – In der Küche polterten dann die Schritte eines Mannes, der das -bereit gehaltene Gepäck abholte. Kräftig wurde eine Tür zugeschlagen. -Sie machte keine Miene nachzusehen, ob das Mädchen nun endlich fort -sei. Sie fühlte sich wie zerschlagen.</p> - -<p>Aus einem matten Pflichtbewußtsein, das sich widerwillig regte, ging -sie zum Fernsprecher und teilte der Schülerin im Grunewald mit, daß sie -sich zu elend fühle, um heute herauszukommen. Dann saß sie stumpf und -regungslos auf ihrem Platze.</p> - -<p>Ralf Kurtzig, du hast es gut gemeint! Auch darin! Und doch, wenn du das -jetzt wüßtest, du warst ein so kluger, reifer Mensch, hast du nicht -geahnt, daß du dem Klatsch mit dieser Herzensgüte reichlich Nahrung -gabst?</p> - -<p>Nein, das hatte er nicht erwogen. Dazu stand sie ihm zu hoch. -Konnte es wohl einen untrüglicheren Beweis als diesen für seinen -unerschütterlichen Glauben an ihre unantastbare Reinheit geben? Ein -edler Mensch kann ja gar nicht mit der Niedrigkeit eines andern rechnen.</p> - -<p>Seine Liebe erschien ihr in einem völlig neuen Lichte. Ein ungeheurer -Stolz, daß er sie erwählen wollte, erfüllte sie. Eine dankbare Freude, -daß sie ihn erlaben durfte, bis zu jener Stunde am Brunnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_224"></a>[S. 224]</span></p> - -<p>Aber solche Liebe, mag sie auch unerwidert bleiben, verpflichtet -zu einem vollgültigen Beweis von Würdigkeit. Sie nahm Herrn Alois -Sendelhubers Vertrag aus der Tasche und überlas den kurzen Inhalt -zweimal. Er hatte sie für den neunten November verpflichtet. Der neunte -November war aber, wie sie Herrn Sendelhuber wiederholt mitgeteilt -hatte, längst vergeben.</p> - -<p>Es paßte Herrn Alois Sendelhuber natürlich besser, wenn er ihren -Einwand einfach vergaß. Sofort schrieb sie ihm und bat um Abänderung.</p> - -<p>Als eine Woche später immer noch keine Antwort eingetroffen war, -drahtete sie. Und wartete nun erregt und ungeduldig auf seine Erklärung.</p> - -<p>Herrn Sendelhubers Geschäftstüchtigkeit hatte nicht unterlassen, -im Falle sie sich ohne ärztliche Beglaubigung auch nur einer der -drei eingegangenen Verpflichtungen entzöge, eine erhebliche Strafe -festzusetzen. Die Summe würde voraussichtlich diejenige der gesamten -Winterkonzerte übersteigen.</p> - -<p>Kurz entschlossen ging sie zu einem Anwalt.</p> - -<p>Er fragte nicht, wie sie erwartet, nach ihren Wünschen. Aber er hörte -sie wenigstens an.</p> - -<p>„Kontrakte werden gemacht, daß sie vor der Unterschrift durchgelesen -werden,“ sagte er großartig.</p> - -<p>Das gleiche hatte sich Eva von Ostried auch bereits gesagt. Trotzdem -mußte dieser eine Punkt mit Leichtigkeit unwirksam zu erklären sein. -Das lag ihr im Gefühl.</p> - -<p>„Ich habe Herrn Sendelhuber ausdrücklich und wiederholt erklärt, daß -ich an diesem neunten November nicht mehr frei wäre,“ warf sie ein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225"></a>[S. 225]</span></p> - -<p>Darauf schien er kein Gewicht zu legen.</p> - -<p>„Sind Sie überhaupt geschäftsfähig?“</p> - -<p>„Ich bin volljährig.“ Er zuckte die Achseln.</p> - -<p>„Meiner Ansicht nach nichts zu machen. Aber Sie können meinetwegen -wiederkommen. Bei einer Stunde ist der Bürovorsteher vom Essen zurück. -Und dann findet sich auch der Herr Justizrat ein.“</p> - -<p>Als Eva von Ostried endlich wieder in der frischen Luft stand, mußte -sie herzlich lachen. Sie erschrak vor diesen fröhlichen Lauten. Wie -lange hatte sie doch nicht mehr dies heimliche Behagen gespürt!</p> - -<p>Die Erscheinung des würdigen Vertreters von Bürovorsteher und Justizrat -hatte etwas zu köstlich Erheiterndes gehabt. Ob auch wohl der Herr -Justizrat – –</p> - -<p>Der Titel füllte sich plötzlich mit lebensvoller Erinnerung. Hatte -ihr der treue Freund und Berater der Präsidentin nicht beim Abschied -auf das Bereitwilligste seine Dienste angeboten? Ihre Gedanken waren -seither nicht wieder zu ihm gelaufen. Sie hatte die Zeit, in welcher -sie ihm beinahe täglich begegnen mußte, künstlich versenkt. Nun aber -beschloß sie, nachdem sie die Wartefrist auf Herrn Sendelhubers -Antwort noch einmal auf vierundzwanzig Stunden verlängert hatte, ihn -aufzusuchen.</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_225_ende"> - <img class="w100" src="images/i_103_ende.jpg" alt="Kapitel 11, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_226"></a>[S. 226]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_226_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_226_kopf.jpg" alt="Kapitel 12, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_12">12.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">A</span>ls Eva von Ostried in die Mohrenstraße einbog, um Justizrat Weißgerber -an seiner Arbeitsstätte aufzusuchen, klopfte ihr Herz zum Zerspringen. -Alles Vergangene wurde wieder lebendig!</p> - -<p>Der Vorraum wirkte immer noch wie ein mächtiges Abteil erster Klasse -auf sie. Ueberall waren gradlinige, mit rotem Plüsch überzogene -Sitzbänke aufgestellt. Nur der alte, würdige Bürovorsteher, der ihr -einst die neuesten Tageszeitungen als Zeitvertreib freundlich gebracht, -war einem jungen Kavalier mit aufstrebendem Haarwuchs gewichen, der -zuweilen einem ältlichen, demütigen Fräulein eine Weisung zurief und -jeder Kommende erhielt neuerdings eine Blechmarke zugeteilt, welche das -Recht auf Gehör ausdrücklich verlieh.</p> - -<p>Geduldig wartend saß sie, bis ihre Nummer aufgerufen ward.</p> - -<p>Mit einer sorgsam zurechtgelegten Entschuldigung, daß ihre Zeit bisher -keinen Besuch in seiner Privatwohnung gestattet habe, trat sie über die -Schwelle, aber die Entschuldigung blieb ungesprochen. Der, welcher an -alter Stelle vor dem wuchtigen Schreibtische saß, war nicht Justizrat -Weißgerber.</p> - -<p>Die Tatsache wirkte eigentlich erleichternd auf sie.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_227"></a>[S. 227]</span></p> - -<p>Das fremde kluge, ernsthaft männliche Gesicht flößte ihr sofort -Vertrauen ein. Während sie auf eine einladende Handbewegung ihm -gegenüber Platz nahm, fiel ihr die Farbe seiner Augen auf. Sie war -tiefblau und so klar, wie der Himmel, wenn er vom Glanz der Sonne -durchleuchtet ist. Seine Stimme freilich klang, im Gegensatz zu der des -alten erfahrenen Juristen, unsicher.</p> - -<p>Als sie mit der Darlegung ihres Falles zu Ende gekommen war, suchte er -wiederholt nach passenden Worten und machte kleine Pausen, als er sie -endlich gefunden, in denen er sie fast erstaunt ansah. Sie fühlte, daß -er – wider Willen – ihrer Schönheit huldigen mußte.</p> - -<p>Das geschah ihr oft. Aber noch nie zuvor empfand sie eine ähnliche -warme Freude darüber.</p> - -<p>Nun hatte er sich wieder voll in der Gewalt. Sein Blick ruhte nicht -mehr auf ihrem Gesicht. Er schien alles von der Spitze des Stiftes, den -er unruhig zwischen Daumen und Zeigefinger wirbelte, herunterzulesen.</p> - -<p>„Sie können beweisen, gnädiges Fräulein, daß Sie tatsächlich über den -strittigen neunten November verfügt hatten, während Sie in München mit -diesem – so danke sehr, Herrn Alois Sendelhuber verhandelten?“</p> - -<p>„Einen vollgültigen Beweis nennen Sie dies wohl nicht,“ fragte sie und -hielt ihm das Notizbuch mit ihren Aufzeichnungen entgegen. Er ließ die -Blicke länger auf den aufgeschlagenen Seiten ruhen, als es die eine ihm -bezeichnete Zeile erforderte.</p> - -<p>„Doch – doch,“ meinte er zerstreut und gab es ihr noch nicht zurück. -„Wollen Sie mir aber besser noch eine Bestätigung der Schwestern -Moldenhauer mit der Namhaft<span class="pagenum"><a id="Seite_228"></a>[S. 228]</span>machung des Datums, an welchem die -Abmachung geschah, besorgen.“</p> - -<p>„Das würde sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. So viel ich weiß, -befinden sie sich auf einer großen Konzertreise und sind erst eine -Woche vor dem neunten in Berlin zu erwarten.“</p> - -<p>„Sie könnten es aber eidlich erhärten, nicht wahr?“</p> - -<p>„Ja, das kann ich. Außerdem habe ich Herrn Sendelhuber mehrmals darauf -aufmerksam gemacht, daß ich ihm diesen Tag nicht geben kann.“</p> - -<p>In das ernste Gesicht kam ein Lächeln, das es sehr jung machte.</p> - -<p>„Mit Herrn Sendelhubers weitem Gewissen müssen wir uns als leidige -Tatsache abfinden. Ein Zeuge war bei Ihrer Unterredung nicht zugegen?“</p> - -<p>„Nein, wir waren allein. Ich kannte ihn bis dahin gar nicht. Er -erwartete mich, als ich spät Abends heimkam.“</p> - -<p>Sie hatte die Farbe gewechselt. Das entging ihm nicht.</p> - -<p>„Es liegt kein Grund zur Beunruhigung vor,“ tröstete er. „Wir würden im -gerichtlichen Verfahren zweifellos obsiegen. Aber, nicht wahr, es wäre -friedlicher und erledigte sich vor allen Dingen ungleich schneller, -wenn man den genannten Herrn durch einen einfachen Briefwechsel zur -Einsicht brächte.“</p> - -<p>„Mir hat er auf solche Bestrebungen nicht geantwortet.“</p> - -<p>„Das glaube ich gern. Der Briefbogen mit der Firma zweier Anwälte ist -bekanntlich wirksamer wie das schönste Schriftstück mit Röslein und -Jasmin.“</p> - -<p>Sie sahen sich beide an und mußten lachen. Das kleine Buch lag noch -immer in seiner Hand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_229"></a>[S. 229]</span></p> - -<p>„So ein Kunstwerk soll heute noch an ihn abgehen, gnädiges Fräulein.“</p> - -<p>„Und dann,“ fragte sie schnell.</p> - -<p>„Dann schreibe ich Ihnen, sobald ich etwas von ihm höre.“</p> - -<p>Sie nickte und schielte nach dem Notizbüchlein. Er wurde rot wie ein -Schuljunge.</p> - -<p>„Bitte, hier ist es wieder.“ Und dann nach einer kleinen Pause: -„All diese Stunden, die darin verzeichnet sind, müssen Sie die etwa -erteilen?“</p> - -<p>Da erzählte sie ihm ein wenig von ihrem Tag.</p> - -<p>„Wie halten Sie das aus, gnädiges Fräulein?“</p> - -<p>„Sie sehen ja, mir geht es recht gut dabei.“</p> - -<p>„Das wird das Verdienst Ihrer Angehörigen sein. Man wird Sie sehr -verwöhnen?“ Das Gegenteil erschien ihm unmöglich.</p> - -<p>Sie blickte auf das spiegelblanke Holz der Tischplatte.</p> - -<p>„Ich stehe ganz allein.“</p> - -<p>Sie glaubte eine heimliche Angst aus seinen Blicken herauszulesen. Eine -feine Spannung hing in der Luft. In seinem Gesicht zuckte es nervös. -Warum saß sie noch hier?</p> - -<p>Aber sie blieb und fragte plötzlich nach Justizrat Weißgerber.</p> - -<p>„Seit ein paar Monaten geht es ihm gesundheitlich durchaus nicht nach -Wunsch. Darum suchte er sich einen Helfer. Und der bin nun eben ich.“</p> - -<p>„Bleiben Sie dauernd hier?“ mußte sie fragen, denn die Vorstellung, -daß sie ihn, wenn sie in derselben Sache etwa noch einmal kommen -müßte, nicht mehr treffen könnte, begann ihr ein unbehagliches Gefühl -auszulösen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_230"></a>[S. 230]</span></p> - -<p>Daß er mit seiner Antwort zögerte, fiel ihr nicht auf.</p> - -<p>„Ja, ich werde bleiben,“ sagte er endlich.</p> - -<p>Klang das nicht, als sei er erst jetzt zu einem festen Entschluß -gelangt?</p> - -<p>„Sie haben mir noch nicht Ihre volle Adresse gegeben, gnädiges -Fräulein. Herrn Sendelhubers schwer zu entziffernde Handschrift ließ -mich Ihren Namen zuverlässig nicht erkennen.“</p> - -<p>„Richtig, das hätte ich beinahe vergessen.“</p> - -<p>Er sah von der dargereichten Karte schnell wieder zu ihr.</p> - -<p>„Ihren Namen habe ich schon oft gehört. – Bestimmt! Es ist kein Irrtum -möglich.“</p> - -<p>„Wer könnte ihn genannt haben?“</p> - -<p>„Sie müssen es erraten,“ forderte er fröhlich.</p> - -<p>„Wer weiß, ob ich ihn nach diesem jemals wiedersehe,“ sagte sie sich -heimlich. „Warum soll ich mich also mit dem Gehen übereilen?“</p> - -<p>„Justizrat Weißgerber hat von mir gesprochen, nicht wahr? Oder -mein Namen ist Ihnen in alten Schriftstücken, in denen ich als -Bevollmächtigte der Frau Präsidentin Melchers, in deren Haus ich bis zu -ihrem Tod gewesen, verzeichnet stehe, zu Gesicht gekommen.“</p> - -<p>„Fehlgeschossen. Bitte – weiter raten!“</p> - -<p>„Dann gebe ich den Kampf auf.“</p> - -<p>„Erinnern Sie sich noch der alten Pauline?“</p> - -<p>Alles Blut drängte ihr zum Herzen.</p> - -<p>Wie war das möglich? Wußte er?</p> - -<p>Nein, sie allein kannte das Geheimnis ihrer Schuld. – Er merkte auch -nichts von ihrer Erregung. Er freute sich nur dieser Minuten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_231"></a>[S. 231]</span></p> - -<p>„Ja, die alte Pauline! Ist sie nicht etwas ganz besonderes? Justizrat -Weißgerber empfahl sie mir, als ich ihm hilflos und, wie ich ehrlich -gestehen muß, eines Tages halb verhungert den üblichen kurzen -Wochenbericht über den Stand unserer Arbeit gab. Sie fühlte sich in -ihrem Feriendasein totunglücklich und hatte den Justizrat als alten -Gönner gebeten, ihr wieder angemessene Beschäftigung zu besorgen. Als -er meine Not sah, schickte er sie zu mir und siehe, wir schieden nicht -mehr von einander. Seitdem verwöhnt sie mich auf eigentlich unerlaubte -Art.“</p> - -<p>Eva von Ostried wollte etwas erwidern – ebenfalls eine Freundlichkeit -über sie anfügen – eine Frage nach ihrem Ergehen tun – Ihre Kehle -blieb wie zugeschnürt. Vor ihr stand das Gespenst des Abschiedtages aus -der Villa der Präsidentin und lähmte ihre Zunge. Sie hatte es schlafend -gewähnt. Nun erhob es sich und zerstörte ihr Leben.</p> - -<p>„So mußte es wohl kommen, daß sie mir auch von Ihnen berichtete.“</p> - -<p>„Was hat sie gesagt,“ stieß Eva von Ostried hervor.</p> - -<p>„Ja, was wohl, gnädiges Fräulein? Wollen Sie das wirklich hören?“</p> - -<p>Nun wußte sie, daß die Treue, gleich den andern, ahnungslos geblieben -war.</p> - -<p>„Sie sah immer nur das Allerbeste,“ lenkte sie ab und stand auf.</p> - -<p>„Soll ich sie nicht wenigstens grüßen?“ fragte er.</p> - -<p>„Natürlich!“ nickte sie, „sie hat mir ja nur Liebes und Gutes -erwiesen.“ Und dann nach einer Pause: „Sie geben mir wohl Nachricht, -wenn Herr Sendelhuber geantwortet hat?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_232"></a>[S. 232]</span></p> - -<p>Irrte er, oder war sie plötzlich verändert?</p> - -<p>Klang ihre Stimme kühl und fremd? Hatten ihre schönen sprechenden -Augen den Ausdruck der Abwehr angenommen? Erregte es vielleicht ihr -Mißfallen, daß er ihr seinen Namen noch nicht genannt hatte?</p> - -<p>„Sie müssen doch wissen, wem unsere alte, gemeinsame Freundin jetzt -dient, gnädiges Fräulein. Es ist ein gewisser Walter Wullenweber, bis -vor zwei Jahren Königlich Preußischer Gerichtsassessor beim Landgericht -3.“</p> - -<p>Sein Name erweckte ihr sofort die Erinnerung an den einstigen -Vormund. Aber sie unterließ es nach einem Zusammenhang zu forschen. -Daraus hätten sich Fragen ergeben können, deren Beantwortung einen -scharfsichtigen Juristen zu allerhand für sie gefährlichen Schlüssen -zwangen. Er würde es durch die alte Pauline ohnehin früh genug -erfahren, wenn sie es ihm nicht bereits erzählt haben sollte.</p> - -<p>Wenn er sich dann an den ehemaligen Vormund wandte, Fragen stellte, -erfuhr, daß ihr gesamtes mütterliches Vermögen ein Nichts gewesen und -die alte Pauline zu ihr schickte, damit die herausbringe, wie ihr das -jetzige Dasein möglich geworden war?</p> - -<p>Ihr schwindelte. Da war die Schuld wieder, die sich quälend an ihr -rächte! Sie konnte es nicht länger unter seinem klaren, warmen Blick -ertragen.</p> - -<p>Hatte sie ihm die Hand hingereicht oder nahm er sie einfach? – Sie -wußte es hinterher nicht. Sie spürte nur den kraftvollen Druck, der -ihre Finger umschlossen gehalten, als wären sie ein frierendes Vöglein!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233"></a>[S. 233]</span></p> - -<p>An einem Spätnachmittag, als sie aus dem theoretischen Unterricht, den -ihr der bekannteste Musikpädagoge Berlins erteilte, zurückkehrte, lag -ein Schreiben mit der Firma des Justizrats Weißgerbers und Rechtsanwalt -Wullenwebers auf ihrem Arbeitstisch.</p> - -<p>Eva von Ostried riß ihn auf. Mit einem Schlage zog wieder die köstliche -Ruhe, die sie zuletzt in dem Sprechzimmer empfunden, in ihr Herz.</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>„Wir teilen hierdurch umgehend mit, daß wir soeben in den Besitz -der Antwort auf unser Schreiben vom 6. d. M. gelangt sind. Herr -Sendelhuber erklärt sich darin bereit, ohne sich unserer Ansicht -von der Rechtsunwirksamkeit des mit Ihnen bezüglich des neunten -Novembers geschlossenen Vertrages anzuschließen, gegen eine von -Ihnen zu zahlende Entschädigung von 300 (dreihundert) Mark, seine -Ansprüche bezüglich des genannten Tages, fallen zu lassen.</p> - -<p>Wir halten, wie wir Ihnen seiner Zeit bereits mündlich ausführten, -die eventuelle richterliche Entscheidung für Sie günstig. Setzen -daneben aber unser Bestreben fort, diese Angelegenheit auf -gütlichem Wege zu regeln. Zur Vereinbarung dieses Zweckes wäre uns -Ihr Besuch in unserm Büro sehr erwünscht. Die Sprechstunden ersehen -Sie oben...“</p> - -</div> - -<p>Sie ließ das Schreiben sinken und sah starr zu der herbstlich bunten -Pracht des Parkes hinüber. Eine schwere Enttäuschung lähmte ihre -Denkkraft für Augenblicke.</p> - -<p>Es war nur gut, daß diese Zuschrift nicht den Schlußvermerk trug: -„Privatgespräche werden in Zukunft höflichst verbeten oder entsprechend -berechnet!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_234"></a>[S. 234]</span></p> - -<p>Sie riß einen Bogen aus ihrer Mappe und schrieb hastig, daß sie keine -Zeit zu diesem Besuch finden könne und es daher den Unterzeichneten -überlasse, einen für sie möglichst günstigen Abschluß mit Herrn Alois -Sendelhuber zu erzielen. Schlimmstenfalls sei sie zu der von ihm -geforderten Buße bereit, denn zu einem Prozesse fehle ihr die Zeit, -sowie das nötige Vertrauen zu ihrer Geduld.</p> - -<p>Als sie ihren Namen darunter gesetzt und das Geschriebene überlesen -hatte, schämte sie sich ihrer damit offenbarten Bitterkeit.</p> - -<p>Und plötzlich wußte sie den wahren Grund ihres unruhevollen Wartens. -Wie ein Schlag war dies, der sie betäubte. Wenn er mit lächelnder -Duldsamkeit schon, als sie das erste Mal bei ihm gewesen, die richtige -Deutung für ihr langes Verweilen gefunden und ihr nun keine Hoffnungen -erwecken wollte?</p> - -<p>Ja, das würde es sein! Hätte er ihr sonst diesen Brief senden können? -Darum mußte sie nun doch zu der vorgeschlagenen mündlichen Besprechung -gehen.</p> - -<p>Sie zerpflückte ihre Antwort. Ihr Gesicht wurde hochmütig. Ihre -schlanke Gestalt reckte sich auf. Er sollte seinen Irrtum sehr schnell -einsehen!</p> - -<p>Als sie ihm gegenüberstand, fühlte sie ganz klar, daß alle Unruhe -durch ihn gekommen war. Sie hätte vor Scham aufschreien können und -lächelte doch wie eine leblose Puppe, die Hand, die er ihr zum Gruß -entgegenstreckte, übersehend.</p> - -<p>„Darf ich bitten, daß wir uns möglichst kurz fassen. Ich bin heute sehr -eilig, Herr Rechtsanwalt!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235"></a>[S. 235]</span></p> - -<p>Er sah sie erschrocken an.</p> - -<p>„Gnädiges Fräulein, habe ich Sie neulich irgendwie verletzt?“</p> - -<p>Jetzt lachte sie hell auf.</p> - -<p>„Im Gegenteil, Herr Rechtsanwalt, Sie haben einer Klientin durch Ihre -private Freundlichkeit mehr Zeit geopfert, als es klug war.“</p> - -<p>„Soll das ein nachträglicher Vorwurf sein, weil ich Sie zu lange in -Anspruch genommen habe.“</p> - -<p>„Deuten Sie es ganz nach Belieben. Nur, bitte, jetzt zur Sache, wie -Herr Justizrat Weißgerber früher zu sagen pflegte.“</p> - -<p>Er saß ihr mit zornig zusammengezogenen Brauen gegenüber. Was fiel ihr -ein? Neckte sie ihn einfach oder waren das Künstlerlaunen.</p> - -<p>„Ich habe kurz entworfen, was am besten Herrn Sendelhuber zu antworten -wäre. Darf ich es vorlesen oder belieben Sie selbst.“</p> - -<p>Sie nahm ihm das Blatt mit leichtem Neigen des Kopfes aus der Hand und -vertiefte sich scheinbar in seinen Inhalt. Er beobachtete sie dabei -scharf.</p> - -<p>Es währte sehr lange.</p> - -<p>Ein kleines Lächeln durchsonnte die Finsternis seiner Mienen.</p> - -<p>„Wenn ich es Ihnen näher erklären darf,“ erbot er sich.</p> - -<p>„Ich habe es begriffen,“ antwortete sie kurz.</p> - -<p>„Also?“ fragte er leise und sah sie mit dem Blicke an, der ihr das -erste Mal die köstliche Ruhe in das Herz getragen.</p> - -<p>„Es ist gut, wie Sie es vorgeschlagen haben.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_236"></a>[S. 236]</span></p> - -<p>„Ja, aber Verzeihung, daß ich darauf aufmerksam machen muß, wir -verzeichneten zwei Vorschläge. Und einer darf es doch entschieden nur -sein.“</p> - -<p>Sie wurde flammend rot, weil sie sich auf einer Unwahrheit ertappt sah. -Sie hatte kein Wort begriffen.</p> - -<p>„Ich möchte keinen Prozeß,“ sagte sie wie ein törichtes Kind. „Das -andere soll mir gleich sein.“</p> - -<p>Sie stand hastig auf.</p> - -<p>„Gnädiges Fräulein,“ sagte er weich und bittend, „was haben Sie? Gehen -Sie nicht so fort. Ich bitte Sie herzlich.“</p> - -<p>Sie lächelte krampfhaft.</p> - -<p>„Was ich habe? – Nichts. Wie kommen Sie darauf, Herr Rechtsanwalt?“</p> - -<p>Mit einer Verneigung gab er ihr den Weg frei.</p> - -<p>„Wünschen Sie vielleicht, daß ich zuvor diese Angelegenheit noch einmal -mit Herrn Justizrat, als Ihrem früheren Bekannten, durchspreche?“</p> - -<p>„Nein, ich danke. Ich möchte alles so schnell wie nur irgend möglich -vergessen und bin darum auch zu der von ihm geforderten Buße bereit.“</p> - -<p>Er sah sie fest und lange an.</p> - -<p>„Sie haben es ja schon vergessen, wenn Sie es überhaupt gefühlt haben.“</p> - -<p>„Ich verstehe Sie nicht.“</p> - -<p>„Als Sie mich neulich verließen, hatte ich die dankbare Empfindung, daß -wir beide uns voll verstanden hätten.“</p> - -<p>„Dann haben Sie sich eben geirrt. Das soll den besten Juristen -bisweilen geschehen können.“</p> - -<p>Wieder war er an ihrer Seite.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_237"></a>[S. 237]</span></p> - -<p>„Fräulein von Ostried, ich kann es nicht glauben. Es würde mich sehr -unglücklich machen.“</p> - -<p>Sie zerrte an den feinen Handschuhen und zerriß sie, weil sie etwas -Entsetzliches fühlte. Tränen, die aufsteigen wollten und die er doch um -keinen Preis sehen durfte.</p> - -<p>Er sah sie aber doch. Und nahm ihre beiden Hände in die seinen.</p> - -<p>„Ich flehe um ein ehrliches Wort.“</p> - -<p>„Der Brief,“ sagte sie wider Willen, „ich dachte, Sie bereuten das -Private.“</p> - -<p>Er begriff nicht sogleich.</p> - -<p>„Warum denn um Gottes willen.“ Und dann mit plötzlichem Verstehen:</p> - -<p>„Den Zeilen, auf denen ein Dutzend fremder Augen ruhten, durfte ich -nicht anvertrauen, wie es in mir aussah, während ich sie aufgab.“</p> - -<p>Seine Stimme war plötzlich voller Jubel!</p> - -<p>„Ein Dutzend fremder Augen,“ machte sie ungläubig, noch rosenrot vor -Scham.</p> - -<p>„Ja,“ nickte er eifrig. „Hören Sie einen Augenblick aufmerksam zu. -– Durchschnittlich an jedem Tage gehen zwanzig bis fünfundzwanzig -ähnlicher Mitteilungen heraus. Ich bediene mich dazu eines Apparats, -nehme den Schalltrichter zur Hand und spreche hinein, was ich nach -gründlichem Ueberlegen für richtig halte. Ein Referendar, der mir zur -Ausbildung überwiesen ist, steht in vielen Fällen daneben und hört zu, -nachdem ich die Sache zuvor mündlich mit ihm durchgesprochen habe. -Oder, wie es bei dem Brief an Sie der Fall sein mußte, er selbst gab -ihn auf, während ich als Obergutachter zuhörte. Danach kommt<span class="pagenum"><a id="Seite_238"></a>[S. 238]</span> der -Laufjunge und holt die Walzen ab. Das Fräulein in der Nische schreibt -sie getreulich herunter. Mit Durchschlag natürlich, wie das in einem -richtiggehenden Betrieb selbstverständlich ist. Die Kopie wird wiederum -dem Laufjungen anvertraut, der in aller Heimlichkeit danach trachtet, -sie zu lesen, weil er ebenso neu- wie lernbegierig ist. Der Schreiber, -der sie in das betreffende Aktenstück einheftet – denn auch Sie haben -bereits ein solches erhalten –“</p> - -<p>„Hören Sie auf,“ bat sie kläglich.</p> - -<p>„O nein, immer gründliches Verfahren. Ich erspare Ihnen nichts. Den -Schreiber interessiert schon erstmal Ihr Name. Nicht wahr, er ist -ungewöhnlich und klingt wie Musik. Und dann, daß Sie Künstlerin sind. -Wir haben hier natürlich die verschiedensten Größen als getreue -Klienten. Dies aber ist ein seltener Fall. Wie wird er ihn nicht -lesen. Der Invalide, der das Amt hat, die abgehenden Schriftstücke in -den Umschlag zu befördern – nun – warum soll er nicht das gleiche -durchaus menschliche Verlangen haben? Durfte ich da auch nur ein Wort -hineintragen, das mein Herz verraten hätte?“</p> - -<p>Sie stand, übergossen von neuer tiefer Röte vor ihm. Noch einmal wehrte -sie sich verzweifelt.</p> - -<p>„Was hat Ihr Herz damit zu schaffen?“</p> - -<p>„Mein Herz?“ sagte er. „Das hat keine Ruhe finden können – seitdem!“</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_238_ende"> - <img class="w100" src="images/i_103_ende.jpg" alt="Kapitel 12, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_239"></a>[S. 239]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_239_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_030_kopf.jpg" alt="Kapitel 13, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_13">13.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">E</span>va von Ostried hatte seit kurzem ein jüngeres Mädchen in ihrer -Behausung, das sie in einem Zustande der Erschöpfung und Krankheit -aufgefunden und zu sich genommen hatte, ein Mädchen, über dessen -Vergangenheit ein undurchsichtiger Schleier gebreitet schien.</p> - -<p>Gretchen Müller nannte es sich und niemand hier wußte um seine -Vergangenheit. Die Einzige, die das Recht gehabt, sie zu befragen, -rührte nicht daran. So blieb die Spur verwehrt.</p> - -<p>Gretchen hatte Stunden, in denen ihr Herz ganz leicht war. Dann -pflegte sie die Blumen, besorgte wie die guterzogene Haustochter einer -sparsamen Bürgerfamilie, Zimmer und Küche und setzte sich darnach -mit einer Handarbeit zu der wuchernden Kresse und den rotblühenden -Feuerbohnen auf den kleinen Balkon.</p> - -<p>Eva von Ostried war zu solchen Stunden nicht daheim. Ueber den Flügel -lag eine Decke gebreitet. Es war alles verschwiegen und leise!</p> - -<p>Und doch brauchte nur ein Klingelton zu rufen, dann war es anders! -Zumeist öffnete Gretchen Müller nicht. Eva von Ostried schloß sich die -Tür nach ihrer Heimkunft selbst auf.</p> - -<p>Und jetzt klingelte es dennoch, stark und fordernd. Da entschloß sie -sich nachzusehen. Eva von Ostried hatte von<span class="pagenum"><a id="Seite_240"></a>[S. 240]</span> einer wichtigen Nachricht -gesprochen, die ihr möglicherweise zugehen würde.</p> - -<p>Als die Tür aufsprang, fuhr das Mädchen mit einem Schrei zurück. Ihre -Arme streckten sich weit vor. Ihre Augen wurden starr vor Entsetzen. -Ihr Peiniger, der Zerstörer ihres jungen Lebens stand vor ihr und trat -fast lautlos herein.</p> - -<p>„Diesmal hast du mir das Finden nicht eben leicht gemacht,“ sagte er in -einem freundlichen Unterhaltungston.</p> - -<p>„Geh’!“ stieß sie hervor, „oder –“</p> - -<p>„Du stockst sehr richtig, mein Herz. Jedes weiteres Wort wäre zum -mindesten eine Unvorsichtigkeit von dir.“</p> - -<p>„Im nächsten Zimmer befindet sich meine Herrin. Sie muß sogleich -herauskommen.“</p> - -<p>„Warum nennst du sie nicht mit ihrem Namen? Eva von Ostried klingt doch -sehr schön. Auch ist es eine Ehre für dich bei dieser hochbegabten -Zukunftsleuchte Unterschlupf gefunden zu haben.“</p> - -<p>„Woher weißt du auch dies?“</p> - -<p>„Ich erfahre alles, was ich wissen will. Das sollte dir eigentlich zur -Genüge bekannt sein. Ich weiß selbstverständlich auch, daß du zur Zeit -allein in der Wohnung bist. Fräulein von Ostried erteilt außerhalb -Stunden und kommt bestimmt nicht vor Mittag zurück.“</p> - -<p>„Trotzdem wirst du dich sofort entfernen, oder ich rufe die Polizei.“</p> - -<p>„Du hast gute Gründe, sie nicht zu rufen, mein Kind.“</p> - -<p>„Du bringst mich dahin, daß ich auch diese Enthüllung nicht mehr -fürchte.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_241"></a>[S. 241]</span></p> - -<p>„Denke darüber, wie es dir beliebt. Ich meine doch, du solltest -Rücksicht nehmen. Es ist außerordentlich gefällig, daß dich diese Dame -aufgenommen hat. Der Lohn, den du zahlst, wenn sich die Polizei mit dir -und also auch mit ihr beschäftigen müßte, wäre, meiner Ansicht nach, -ein schlechter.“</p> - -<p>„Du bist ein Teufel!“</p> - -<p>„Ich besitze Briefe von dir, die mir andere Kosenamen geben. Freilich, -hießest du damals noch nicht Gretchen Müller.“</p> - -<p>Sie hob die Hand, wie um sie auf seinen leichtsinnigen Mund zu pressen. -Er wich geschickt aus und zischte leise:</p> - -<p>„Und darum solltest du die hohe Polizei mir gegenüber aus dem Spiel -lassen. Ich habe in meinem bisherigen Leben noch nichts getan, was ihr -Anlaß gäbe, mich scharf zu beobachten. Du aber –“</p> - -<p>„Was ich geworden bin, hast du aus mir gemacht.“</p> - -<p>„Das ist eine sehr bequeme Darstellung, mein Kind. Vergiß nicht, daß -jedes einzig die Folgen seiner Veranlagung trägt. Gut! Zufällig bin ich -derjenige, der die deine zum Ausbruch brachte. Das ist mein Pech. Denn, -ob du es auch als das deine fühlst – je nun? Sei doch ehrlich. Denke -daran, wie du mir freudig, um mit dem Jäger zu reden, „auf den ersten -Pfiff“ gefolgt bist.“</p> - -<p>„Du hast deine Rolle zu gut gespielt, weil sie dir allzu geläufig war. -Wie konnte ich das ahnen?“</p> - -<p>„Mag sein! Du wirst dir damals nicht eingebildet haben, daß ein Mann -wie ich vor dir noch kein Mädel geküßt hätte.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_242"></a>[S. 242]</span></p> - -<p>„Ja, das habe ich mir eingebildet! Bei Gott! Aber was willst du jetzt -von mir?“</p> - -<p>„Nicht viel. Dir klarmachen, daß du in meiner Gewalt bist und bleibst! -Es ist nur klug und weise, wenn du nicht weiter in diesem hochfahrenden -Ton mit mir verhandelst.“</p> - -<p>„Es muß doch ein Zweck dabei sein,“ wimmerte sie, „ich kann ihn nur -nicht erkennen.“</p> - -<p>„Nimm an, daß ich dich wirklich geliebt hätte.“</p> - -<p>„Du lügst jetzt wie stets,“ sagte sie.</p> - -<p>„Dann weißt du mehr wie ich. Wozu hätte ich nötig, mich überhaupt noch -um dich zu kümmern, nachdem du mir diese unglaublichen Ungelegenheiten -bereitet hast.“</p> - -<p>„Was hast du mit mir vor?“</p> - -<p>Er ließ sich auf die Truhe nieder. Nun war er ihr so nahe, daß er ihr -mit der weißen, gepflegten Hand über das lose silberne Haar hätte -streichen können. Ein Sonnenstrahl schwebte auf sie herab und verfing -sich darin. Die fieberhafte Röte wachsender Angst gab dem schmalen -Gesicht den trügerischen Schein der Gesundheit.</p> - -<p>„Du siehst immer noch sehr reizend aus,“ flüsterte er ihr ins Ohr. -„Indessen, du hast das richtige Gefühl. Ja, ich habe etwas mit dir vor. -Eine Kleinigkeit nur. Einen Gegendienst.“</p> - -<p>„Ich bin zu schwach geworden, um dich gleichfalls zu verderben. Das -wäre der einzige Dienst, auf den du Anspruch hättest.“</p> - -<p>„Laß das jetzt. Erinnere dich gefälligst an die Zeiten, in denen du mir -täglich deine Not geklagt hast. Angeblich<span class="pagenum"><a id="Seite_243"></a>[S. 243]</span> littest du doch unerträglich -unter der Tyrannei der lieben Deinen. Dein Vater wollte Kapital aus dir -schlagen. Dein tugendsamer Bruder hätte dich am liebsten an die Kette -gelegt. Und das Schätzchen, das sie dir ausgesucht hatten. Sei doch -endlich mal ein bißchen fidel, mein Kind und lache mit – war er nicht -fürchterlich mit seinem vogelähnlichem Kopf und den drohenden Wulsten -unter den kleinen Augen? Na, ich will dir das schöne Bild nicht weiter -ausmalen. Du besorgst das in deinen jetzigen sicher recht stillen -Stunden besser allein. Also – Vorwürfe muß ich energisch zurückweisen. -Du hast es mir nicht schwer gemacht damals.“</p> - -<p>„Ich habe dir vertraut.“</p> - -<p>„Habe ich dies Vertrauen vielleicht nicht gerechtfertigt? Hättest -du nicht den Himmel auf Erden behalten können, wärest du nicht so -wahnsinnig kleinlich und eigensinnig gewesen? Hatte ich nicht ein -behagliches Nest für dich bereit? Fehlte auch nur das Geringste für -deine Bequemlichkeit darin?“</p> - -<p>„In dem Augenblick, der mich lehrte, daß du längst anderweitig gebunden -warst, habe ich nichts mehr von dir angenommen. Das wenigstens sollst -du mir jetzt bestätigen.“</p> - -<p>„Wenn du so großes Gewicht darauf legst. Schön, mein Kind. Ich -bestätige es hiermit feierlich. Warum aber? Ein Künstler braucht viel -Geld, wenn er selbst keins besitzt. Mit dem Pumpen ist das stets eine -mißliche Geschichte. Das Sicherste und Bequemste bleibt eine reiche -Partie. Ja, mag er selbst Unsummen einnehmen, er wird als freier Mann -stets doch eine Kleinigkeit über seinen Etat hinaus verbrauchen. -Das verstehst du nicht. – Ich verdiente dazumal noch wenig. Die -Kommerzienrätin, auf deren einer Abend<span class="pagenum"><a id="Seite_244"></a>[S. 244]</span>gesellschaft ich dich nach der -bestellten Singerei, kennen lernte, bezahlte anständig. Aber sonst – -Lieber Gott. Da mußte ich mich eben auf diese Weise sichern.“</p> - -<p>„Daß du dich vor deiner Frau nicht schämst?“</p> - -<p>„Frage sie, ob sie nicht überaus glücklich mit mir geworden ist.“</p> - -<p>„Ich möchte ihr die Hände küssen, damit sie mir vergibt, was ich ihr -unwissend geraubt habe.“</p> - -<p>„Wünsche dir das meinetwegen. Daß es sich dir niemals erfüllt, -laß meine Sorge sein. Im übrigen – ich muß endlich deine Frage -beantworten: Du wolltest wissen, was ich mit dir vorhabe? Ich will vor -allen Dingen deine Lage aufbessern. Dich auf eigene Füße stellen. Du -magst dir hinfort ein Leben nach deinem Geschmack einrichten. Nimmst -du Vernunft an, werden wir uns sehr schnell verstehen. Höre zu. Ich -verlange von dir, daß du niemals zu Eva von Ostried meinen Namen -nennst. Spitzte sich auch selbst, im für mich ungünstigsten Falle, -ihr Interesse für dich derartig zu, daß sie völlige Offenheit von dir -verlangte. Denn sie ist schrecklich moralisch und würde dich nicht bei -sich behalten, wüßte sie – – Sage ihr in diesem Fall, was du willst. -Nur nicht die Wahrheit. Du hast ja damals, als du das Doppelspiel -triebst, sehr nett lügen können. Also schweigen, ja?“</p> - -<p>Sie stieß seine Hand fort. „Eines solchen Versprechens bedarf es nicht! -Ich würde mich eher unter hundert Qualen zu Tode martern lassen, ehe -ich mein ganzes Geheimnis preisgäbe.“</p> - -<p>„Schön. Dann sind wir in der Hauptsache einig. Ich danke dir, -Lieselotte.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245"></a>[S. 245]</span></p> - -<p>„Nicht diesen Namen nennen, nicht den Namen!“</p> - -<p>„Du hast ganz Recht. Je gründlicher wir sind, desto wirksamer wird -alles. Also, Gretchen Müller, höre mich noch ein paar Minuten an. Ich -will mich nicht entschuldigen. Das lag mir niemals. Selbst, wenn ich in -deinem Fall ausnahmsweise Gewissensbisse gehabt haben sollte.“</p> - -<p>„Du hast sie nie gekannt. Diese Rolle liegt dir schlecht.“</p> - -<p>„Dann nenne es meinetwegen anders. Immerhin – besteht der Wunsch bei -deiner Empfindlichkeit, etwas übrigens zu tun. Als ich dich kennen -lernte, war ich noch nicht mal ganz fest verlobt. In aller Heimlichkeit -nur. Und ich wußte noch nicht mit Bestimmtheit, ob überhaupt eine Ehe -daraus würde.“</p> - -<p>„Gibt es denn wirklich so viel reiche Mädchen, daß dir damals schon die -zweite noch reichere in Aussicht stand? Lüge wenigstens jetzt nicht. -Du warbst in aller Form um mich und gabst mir dein Wort. Oder habe ich -mir dies alles nur eingebildet? Waren zuvor deine heißen Blicke und -Huldigungen, dein Ehrenwort nur Lüge? Empfandest du nichts von jenen -leidenschaftlichen Gefühlen, die du mir so oft geschildert hast?“</p> - -<p>„Das sind viel Fragen auf einmal. Deine Frische hatte mich bezaubert. -Diese entzückende Lebendigkeit – nicht nur in der Auffassung, sondern -auch und besonders in der Wiedergabe alles Erlebten, Gehörten und -Erschauten, war mir neu. Dazu kam, daß du aus sogenanntem guten Hause -kamst. Ein Reiz mehr. Auch hattest du, obschon du keine Note kanntest, -das feinste musikalische Gehör, was mir bisher begegnet ist. Meine -Macht über Dich wurde unbegrenzt.<span class="pagenum"><a id="Seite_246"></a>[S. 246]</span> Ich hätte dich zur Verbrecherin -machen können, wenn ich gewollt.“</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Das</em> hast du gefühlt?“</p> - -<p>„Vom ersten Augenblick unseres Kennenlernens an. Weißt du noch? Wir -standen eng zusammengekeilt vor der Kasse des Opernhauses. Da sprach -ich dich an, weil du mir ausnehmend gefielst. Merkst du jetzt, wie -diskret ich bin? Das Märchen von der ersten Begegnung im Hause der -Kommerzienrätin hatte ich mir um deinetwegen so fest eingeprägt, das -ich dies reizende Stündlein dir gegenüber vorhin zu erwähnen unterließ.“</p> - -<p>„Mache meine Scham nicht noch größer,“ sagte sie mit zuckenden Lippen.</p> - -<p>„Es ist ja auch belanglos. Das weitere will ich trotzdem kurz -zusammenfassen. Auch um meinetwillen. – Sieh mal, als ich dich dann -einen Monat später bei der musikalischen Rätin wiedersah und dir -bei der Vorstellung zuflüsterte, daß wir niemand von unserer süßen -Bekanntschaft erzählen wollten, warst du dazu bereit. Deiner lieben -Familie war ich sogleich angenehm. Dein Bruder mochte mich absolut -nicht. Dein Vater war ein ganz scharmanter Herr. Wir hätten uns sogar -ausgezeichnet verstanden, wäre er nicht zufällig dein Vater gewesen. -So witterte er in mir den Feind. Daß wir beide uns fortan in dem Hause -der alten Musiknärrin auch gesellschaftlich begegneten, erleichterte -die Sache natürlich. Glaube mir, ich hatte nicht daran gedacht, -dich ins Unglück zu bringen. Erst, wie du mich um Hilfe gegen den -fürchterlichen Geldsack anflehtest, da erwachte, ich könnte kurz sagen: -die Ritterlichkeit! Es klänge großartig, stimmte aber nicht. Ich wollte -den schweren Kerl aus<span class="pagenum"><a id="Seite_247"></a>[S. 247]</span>stechen. Daneben dich natürlich auch von einem -Los, das dir Grauen einflößte, bewahren.“</p> - -<p>„Daneben – wirklich.“</p> - -<p>„Ja, so war’s! Dann kam alles ein bißchen anders. Du machtest -Dummheiten. Liefst kopflos von Hause weg, kamst zu mir als zu deinem -einzigen Freund und so weiter. Und zurück – verzeihe mir, daß ich dies -ausdrücklich feststelle – wolltest du unter keinen Umständen.“</p> - -<p>„Ich dachte an eine Beschleunigung unserer Heirat. Denn für deine Braut -hielt ich mich. Hatte ich etwa kein Recht dazu?“</p> - -<p>„Nach gut bürgerlichen Begriffen zweifellos! Künstleransichten sind -aber gemeinhin andere. Sage selbst, was sollte ich tun, wo du nun mal -da warst und mir erklärtest, lieber gingest du in den Tod, als zu -deiner lieben Familie zurück.“</p> - -<p>„Höre auf, wenn du noch einen Funken Barmherzigkeit in der Seele hast.“</p> - -<p>„Ich bin sogleich zu Ende. Ich war also nicht brutal genug, um dich -fortzuweisen. Schön, das war vielleicht mein Unrecht. Mehr Schlechtes -kann ich im Augenblick nicht zusammen finden.“</p> - -<p>„Daß du weiter die verächtliche Komödie spieltest – mir den festen -Glauben, ich sei deine verlobte Braut und sehr bald dein Weib, auch -vor dem Gesetz, nicht nahmst, indem du mir endlich von deinen älteren -Verpflichtungen sagtest.“</p> - -<p>„Wäre das nicht mehr als grausam gewesen? Was hättest du darauf getan? -Bedenke, damals hießest du noch nicht Gretchen Müller. Du wärst ins -Wasser gegangen oder<span class="pagenum"><a id="Seite_248"></a>[S. 248]</span> hättest sonst einen Gewaltstreich mit denselben -Folgen verübt.“</p> - -<p>„Das wäre Barmherzigkeit für mich gewesen.“</p> - -<p>„Ich empfinde es anders. Vielleicht wir Männer überhaupt.“</p> - -<p>„Du hast tausend neuer Ausflüchte erfunden, um mir zu beweisen, daß -sich unserer ehelichen Verbindung immer neue Hindernisse in den Weg -stellten.“</p> - -<p>„Die Gründe habe ich dir soeben klargelegt, mein Kind.“</p> - -<p>„Höre damit auf. Warum hast du nicht wenigstens später die Wahrheit -gesagt?“</p> - -<p>„Wann? Jedes weitere Zusammensein wäre damit zerschlagen gewesen. Du -wärst auch später wohl noch fortgelaufen und damals warst du körperlich -fast noch mehr erschüttert wie jetzt. Du mußtest erst wieder in die -Höhe kommen.“</p> - -<p>„Nein, das ist nicht der Grund. Rücksichtnahme kennst du nicht. Du -hättest unumwunden ausgesprochen, wenn ich dich allmählich beschwert -hätte.“</p> - -<p>„Man hat auch seine – Anständigkeit.“</p> - -<p>„Lasse sie mich endlich kennen lernen, damit meine Scham nicht so heiß -brennt.“</p> - -<p>„Woher kennst du Eva von Ostried?“</p> - -<p>„Vielleicht aus der Oeffentlichkeit – vielleicht auch nicht. Laß dir -genügen, daß ich sie kenne.“</p> - -<p>„Das Recht, sie beim Vornamen zu nennen, steht dir nicht zu. Sie ist zu -rein, als daß du –“</p> - -<p>„Du bist ein Närrchen! Aber, rein ist sie wirklich. Darin hast du dich -diesmal nicht getäuscht.“</p> - -<p>„Ich habe nur den Wunsch noch, daß du gehst.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_249"></a>[S. 249]</span></p> - -<p>„Gleich – gleich! Du hast mir also versprochen, daß du Eva von -Ostried niemals verrätst, was zwischen uns gewesen ist. Ich habe die -bestimmte Ahnung, als hätte andernfalls dein scheinbar recht angenehmer -Aufenthalt hier sein Ende erreicht. Und dann wieder bei Fretzburg u. -Sohn in die Putzabteilung zurück? Nee, weißt du – übrigens würden sie -dich da gar nicht wieder einstellen.“</p> - -<p>„Bleibst du jetzt noch eine Minute, so rufe ich um Hilfe!“</p> - -<p>„Wer würde dich hören? Du siehst nach dem Fenster? Es ist unmöglich. -Aber ehe jemand erscheinen würde, wäre ich bestimmt verschwunden. -Und dann? Man würde dich einfach für geisteskrank halten. Zudem habe -ich nicht mehr vor, sehr lange zu bleiben. Nur eine Kleinigkeit will -ich noch schnell ordnen. In deinem Interesse, wie du mir hinterher -zugestehen wirst. Ich bitte dich, daß du jetzt zur Vernunft kommst. -Nimm an, ich käme erst in diesem Augenblick zur Tür herein und wäre -dir dankbar, weil du Eva von Ostried gegenüber den Mund zu halten -versprochen hast. Dir geht es schlecht. In diesem Gewand machst du den -Eindruck einer Nonne, die ihre Haube noch nicht aufgesetzt hat. Auch -sonst siehst du – verzeih’ diesen Ausdruck – etwas abgewirtschaftet -aus. Gefallen gegen Gefallen. Nimm diese Kleinigkeit. Mir macht es -nichts aus.“</p> - -<p>Und er drückte ihr ein bißchen unter dem feinen Taschentuch geschickt -verborgen gehaltenes Päckchen mit Scheinen in die Rechte.</p> - -<p>Als sie das Knistern hörte, wurde sie leichenblaß.</p> - -<p>Lässig setzte er den Hut auf und nickte ihr zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_250"></a>[S. 250]</span></p> - -<p>„Denk noch mal über alles nach und sei verständig, Lieselotte.“</p> - -<p>Der Name brachte sie zur Besinnung. Matt hob sie die Hand mit dem Geld. -Er legte die seine darüber und zwang ihren Arm in den Schoß. Unter -seiner Berührung flammte eine purpurne Glut über ihr Gesicht bis zu dem -altsilbernen Haare hinauf. Dann hob sich die Hand noch einmal.</p> - -<p>Mit einer Kraft, die sie sich selbst nicht zugetraut hatte, schlug sie -in das leichtsinnige, schöne Männergesicht. Die Scheine umflatterten -ihn, lagen auf seinen Schultern, zu seinen Füßen. Mechanisch bückte er -sich und sammelte sie auf. Neben dem Spiegel, der zu beiden Seiten auf -rotgetönter Esche blanke, starke Kleiderhaken trug, hing die vergessene -Reitpeitsche eines Schülers, der einen eigenen Gaul besaß. Die riß die -bebende Mädchenhand herunter. –</p> - -<p>– – Dann war sie allein.</p> - -<p>Sie setzte sich wieder auf den Hocker neben die Truhe und rieb an ihrer -Hand herum, als müsse sie einen Schmutzfleck entfernen. Sie weinte -nicht. Sie nickte nur vor sich hin. Dann überkam sie jäh das Heimweh! -Nach der engen dunklen väterlichen Wohnung, die sie oft genug hatte -erdrücken wollen – nach dem Vater selbst – vor allem aber nach dem -Bruder.</p> - -<p>Daneben fühlte sie, daß dies unmöglich geworden war und von allen -Schmerzen, die auf ihr lasteten, erschien ihr diese Gewißheit als die -unerträglichste. Sie vergegenwärtigte sich das letzte, zukünftige -Leiden mit seiner verstärkten dem Wahnsinn nahebringenden Sehnsucht. -Und wußte doch, daß über ihre Lippen kein Ruf zu denen, die ihr einst -zugehört hatten, dringen würde. Sie mußte für immer<span class="pagenum"><a id="Seite_251"></a>[S. 251]</span> einschlafen, -ohne an dieser Scham zu ersticken. Eva von Ostried, die Gütige, würde -liebreich ihre Hände halten – wohl gar ihren Kopf auf das im letzten -Kampf wildschlagende Herz betten – sie vielleicht sogar in die Arme -nehmen. Dann war alles aus und überwunden.</p> - -<p>Wenn sie Eva von Ostried alles vergelten könne, vorher!</p> - -<p>Ihr kam ein Lächeln, als sie diesen Wunsch empfand. Wie wäre das jemals -möglich? – –</p> - -<p>„Heute nachmittag werden wir beide ein richtiggehendes Fest feiern,“ -sagte Eva von Ostried, als sie, die sich sonst einer großen -Pünktlichkeit befleißigte, viel später wie gewöhnlich heimkam.</p> - -<p>„Darauf freue ich mich,“ erwiderte Gretchen Müller und ließ nichts von -den stechenden Schmerzen merken, mit denen sie zu kämpfen hatte. „Wir -lassen die Vorhänge herunter und dann singen Sie, ja?“</p> - -<p>„Nein, meine Liebe, das werden wir nicht tun. Diesmal geht’s ins Grüne -hinaus. Jawohl! Wehren Sie nur ab, zucken Sie zusammen, als erwarteten -uns draußen eine Schar hungriger Wölfe. Ich bleibe steinhart. Wissen -Sie, was der Arzt sagte, als ich ihn Ihretwegen befragte: „In erster -Linie frische, gute Luft.““</p> - -<p>„Ich habe heute lange Zeit auf dem Balkon zugebracht.“</p> - -<p>„Ich will seine Vorzüge nicht verkleinern. Es ist angenehm, daß wir -ihn haben. Einen vollwertigen Ersatz bietet er nicht. Das habe ich -Ihnen übrigens schon mehrmals erklären wollen. Sie fanden aber stets -neue Schönheiten und Annehmlichkeiten heraus und ich war nach der Tage -Last zu müde, um Sie zu widerlegen. Aber heute! Wissen Sie, was wir -anstellen werden? Die elektrischen<span class="pagenum"><a id="Seite_252"></a>[S. 252]</span> Bahnen sind überfüllt. Zum Wandern -ist es zu weit. Also nehmen wir stolz einen Wagen.“</p> - -<p>Um keinen Preis wollte sie die feinfühlige Kranke merken lassen, daß -sie vor jeder Anstrengung ängstlich behütet werden mußte. Gretchen -Müller empfand es aber doch.</p> - -<p>Es war diesmal nicht Bescheidenheit, die sich ängstlich weigerte, -mitzutun, sondern die durch das heutige Erlebnis noch verstärkte Furcht -von früheren Bekannten oder gar von ihren nächsten Angehörigen gesehen -und erkannt zu werden.</p> - -<p>„Wenden Sie nicht ein, daß es eine arge Verschwendung wäre,“ begann Eva -von Ostried von neuem, „ich für meinen Teil bedarf dieser Abwechslung -wahrhaftig ebenso dringend. Natürlich wird die Fahrt zum Grunewald -hinausgehen. Irgend ein Tischlein am Wasser muß sich finden lassen. -Wir werden uns einbilden, daß wir im eigenen Park säßen und die -Dienerschaft ein wenig beurlaubt hätten, um recht ungestört zu sein.“</p> - -<p>„Ich kann nicht mitkommen,“ sagte Gretchen Müller mit eintöniger, müder -Stimme.</p> - -<p>Da begriff Eva von Ostried, daß sie die Angst, die sich aus dem -Zucken der feinen Lippen offenbarte, beschwichtigen müsse. Jedes Wort -hätte geschmerzt. Jede Aufmunterung zur Beherrschung nur noch eine -vergrößerte Scheuheit hervorgerufen. Und sie wollte doch heilen. So -begann sie leise ein uraltes Reiselied zu summen:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Wir ziehen vermummt durch Stadt und Land</div> - <div class="verse indent2">Von Freund und Feinden unerkannt..</div> - <div class="verse indent2">Juvivallera – Juvivallera – –</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Ich kann nicht,“ wiederholte der blasse Mund.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_253"></a>[S. 253]</span></p> - -<p>Das waren die Worte, die bisher Eva von Ostried als genügende Erklärung -angesehen hatte. Heute kämpfte sie dagegen an.</p> - -<p>„Ich meinte auch oft genug, daß sich etwas nicht zwingen ließe und es -geht dann doch.“</p> - -<p>„Weil Sie nicht wissen, wie schwer eine Schuld lasten kann.“</p> - -<p>Einen Augenblick sah Eva von Ostried zögernd zu Boden. Dann sagte sie -leise und schwermütig:</p> - -<p>„Doch, das weiß ich wohl.“</p> - -<p>„Aber die brennende Scham kennen Sie nicht.“</p> - -<p>„Für so wertlos halten Sie mich, Kind?“</p> - -<p>„Nein,“ wehrte die andere erschrocken ab, „nur für nicht so tief -gesunken, als ich es bin.“</p> - -<p>Einen Augenblick fühlte Eva von Ostried das Verlangen, sich dieser -Leidensgefährtin gegenüber auszusprechen. Es mußte unsäglich schön -sein, mit einander zu weinen. Dann empfand sie es als Schwäche, -überwand sie und sagte frisch und froh:</p> - -<p>„Die aufgezwungenen Liebesgaben, mit denen man, in bester Absicht zwar, -seinen lieben Nächsten quält, sind die gefährlichsten, glaube ich. Also -begrabe ich hiermit meinen Wunsch feierlich.“</p> - -<p>„Ich bringe Ihnen nichts wie Enttäuschungen, Fräulein von Ostried.“</p> - -<p>„Dies heute war wirklich eine. Aber jetzt ist sie überwunden. Sprechen -wir schnell von etwas anderem. Sehen Sie nur, Sie haben da Ihr -Taschentuch verloren, Kindchen.“ Und sie hob das feine Batistgewebe auf -und betrachtete es aufmerksam. „Es gehört Ihnen doch oder<span class="pagenum"><a id="Seite_254"></a>[S. 254]</span> sollte es -einer aus der Schülerschar vergessen haben. Lassen Sie mich nach dem -Namen sehen.“</p> - -<p>Gretchen Müller machte eine Bewegung, als wolle sie sich darauf -stürzen, um es Eva von Ostried zu entreißen, aber als trügen sie die -müden Füße nicht länger, ließ sie sich wieder auf den kleinen Hocker -sinken.</p> - -<p>„„P. K.“ ist es gezeichnet, Fräulein Gretchen? Ich kenne jemand, der -es verloren haben könnte, Fräulein Gretchen,“ sagte Eva von Ostried -ahnungsvoll. „Soll ich seinen Namen nennen oder – wollen Sie es tun?“</p> - -<p>Scham und Angst schüttelten den elenden Körper.</p> - -<p>„Ich will sterben,“ flehte das Mädchen.</p> - -<p>„Wird es Ihnen so schwer,“ fragte Eva jetzt. „Dann muß ich es wohl tun. -Nicht wahr, Paul Karlsen war hier – bei Ihnen?“</p> - -<p>Mit einem Aufschrei warf sich Gretchen Müller ihr zu Füßen und -umklammerte ihre Knie.</p> - -<p>„Muß ich jetzt fort?“</p> - -<p>Hinter Evas Stirn fieberten die Gedanken, wie einst –</p> - -<p>„Wer hat das Recht zu verdammen? Niemand auf der ganzen Welt! Auch -die, welche sich schuldlos wähnen, nicht.“ Sie neigte sich und zog die -Kniende sanft zu sich empor. „Du armes, armes Kind.“</p> - -<p>In ihren Augen glühte keine Verachtung. Ihr Gesicht verzog sich nicht -zu unnahbarem Stolz.</p> - -<p>Es war eine alles begreifende und verzeihende Liebe darin!</p> - -<p>Das müde, gepeinigte Mädchen erkannte, daß Eva von Ostried jenen Mann -niemals geliebt hatte und dennoch voll die Macht begriff, die er besaß!</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255"></a>[S. 255]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_255_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_129_kopf.jpg" alt="Kapitel 14, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_14">14.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">V</span>or das Hohen-Klitziger Herrenhaus rollte ein Landauer! Die rassigen -Köpfe zweier Blauschimmel verdunkelten plötzlich das Küchenfenster, -hinter dem die Mamsell das Futter für die jungen Puten zurechtknetete. -Sie wandte sich nach der einzigen ihr zur Verfügung stehenden Hilfe um, -die damit beschäftigt war, von einem Paar langschäftiger Stiefel die -Kotspritzer mit einem Holzspahn herunter zu kratzen.</p> - -<p>„Nee,“ dachte sie dabei, „die sieht kein bißchen proper aus,“ und -machte sich selbst zum Gehen bereit.</p> - -<p>Sie pochte an die zweite Tür neben der Küche, hinter welcher der -Klitziger Herr zur Sicherheit noch einmal die Seiten zusammenrechnete, -deren Ergebnis sein Bruder bereits festgestellt hatte.</p> - -<p>„Herr Amtsrat, die Waldesruher Schimmel halten vor der Treppe.“</p> - -<p>Er sah flüchtig auf, ohne die Feder von den Zahlenreihen zu nehmen.</p> - -<p>„Ist wohl ein neuer Kutscher, der noch nicht weiß, wo der Dorfschmied -wohnt.“</p> - -<p>„Ich glaube nicht, daß es neuer Hufbeschlag sein soll, Herr Amtsrat. -Der Schloßherr sitzt im Wagen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256"></a>[S. 256]</span></p> - -<p>„So,“ sagte der alte Wullenweber nicht sonderlich interessiert, -„dann fragen Sie ihn nur nach seinen Wünschen. Ich wäre hier und für -dringende Sachen auch zu sprechen.“</p> - -<p>Er blieb ruhig sitzen; aber er verrechnete sich. Sein verwittertes -Gesicht nahm einen unwilligen Ausdruck an. Bisher hatte es der Nachbar -nicht der Mühe wert gehalten, sich ihm in seinem Hause vorzustellen. An -der Grenze freilich wollte er es verschiedentlich tun. Dazu zeigte der -Amtsrat keine Neigung.</p> - -<p>Der Waldesruher Herr stand in dem Rufe, ein adelsstolzer, hochfahrender -Mann zu sein, der sich einsam hielt. Daneben war er aber auch -zweifelsfrei ein tüchtiger Landwirt und das nötigte dem Amtsrat einigen -Respekt ab. Es war keine Kleinigkeit gewesen, den zurückgekommenen -Acker und die verfallenen Katenhäuser in Ordnung zu bringen.</p> - -<p>Horst Waldemar von Ostried maß sieben Fuß. Also nicht in allen Fällen -konnte er dafür, wenn er über die meisten Menschen und Dinge fortsah. -In erster Ehe war er mit einer Gräfin Aschaffenburg vermählt gewesen, -die ihm keinen Erben geschenkt hatte. Seit ihrem Tode, der ein Jahr vor -der Uebernahme des Majorats Waldesruh erfolgte, befürchteten die Eltern -des nächsten Anwärters die Mitteilung seiner zweiten Heirat.</p> - -<p>Wie er sich jetzt vor dem Aelteren verneigte, bemühte er sich -augenscheinlich freundlich und herablassend zu sein.</p> - -<p>„Ich hatte es mir schon lange vorgenommen, Herr Nachbar.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257"></a>[S. 257]</span></p> - -<p>„Ja, so’n Weg von einem Kilometer will überwunden und vorher überlegt -sein, Herr Nachbar,“ nickte der Amtsrat mit belustigtem Lächeln.</p> - -<p>Der andere räusperte sich.</p> - -<p>„Ich komme mit einer Bitte, Herr Amtsrat.“</p> - -<p>„Das habe ich mir denken können, Herr von Ostried.“</p> - -<p>„Es handelt sich nämlich um die Adresse von der Tochter meines -Vorgängers.“</p> - -<p>„So, Sie möchten wissen, wo sich Ihre Base Eva zur Zeit aufhält?“</p> - -<p>„Ganz recht; daran wäre mir viel gelegen.“</p> - -<p>Ein prüfender Blick strich über die mächtige Gestalt des Schloßherrn -hin. Sollte diese Frage etwa die Vorbereitung zu einer zweiten Ehe -sein? Es war, als ahne der Riese ähnliche Gedanken. Fast hastig gab er -eine Erklärung ab.</p> - -<p>„Wir müssen einen Familientag einberufen, zu dem – unserm Hausgesetze -gemäß – sämtliche Ostrieds gerader Linie eingeladen werden müssen.“</p> - -<p>„Ich glaube, auf diesen Anspruch wird Eva von Ostried keinen besonderen -Wert legen.“</p> - -<p>„Darauf kommt es nicht an. Es ist eine reine Formsache. Ich kann Ihnen -übrigens gern den Grund nennen, wenn es Sie interessieren sollte.“</p> - -<p>„Bemühen Sie sich nicht. Ich mache mir nicht viel aus solchen -Geschichten.“</p> - -<p>„Erlauben Sie mir, daß ich es trotzdem tue, um nicht für meine Person -in irgend einen unbegründeten Verdacht zu kommen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_258"></a>[S. 258]</span></p> - -<p>Der Amtsrat mußte wieder lächeln. Schlau war der Kerl entschieden.</p> - -<p>„Daß Sie sich daraus etwas machen, Herr von Ostried.“</p> - -<p>„Die Tochter meines Vorgängers steht bei unserer ganzen Familie in -nicht sonderlicher Hochachtung.“</p> - -<p>„Solange ich ihr Vormund gewesen bin, war nichts, auch nicht das -Geringste an ihrer Aufführung zu mäkeln.“</p> - -<p>„Sie wollte doch – äh – zur Bühne.“</p> - -<p>„Das meinen Sie damit? Ach so! Na ja, das beabsichtigte sie freilich -stark. Im Prinzip war ich auch dagegen, wie das ja die Verweigerung -meiner Erlaubnis bis zu ihrer Volljährigkeit bewiesen hat.“</p> - -<p>„Darf ich also kurz referieren, Herr Amtsrat.“</p> - -<p>„Wenn Sie es durchaus nicht anders tun. Bitte schön.“</p> - -<p>„Ein Ostried-Javelingen hat kürzlich eine Eingabe um Verleihung -des seit fünfzehn Jahren nicht mehr zur Verteilung gelangten -Stiftungsgeldes für bedürftige Familienmitglieder gestellt. Zum -rechtswirksamen Gewähren ist nicht nur die schriftliche Zustimmung -sämtlicher stimmfähiger Ostrieds – auch der weiblichen – -erforderlich, sondern ihr Zusammenkommen an gemeinsamer Stelle zwecks -vertraulicher mündlicher Aussprache.“</p> - -<p>„Jetzt fange ich an, die Notwendigkeit zu begreifen, Herr von Ostried. -Das muß sein, weil zu erwarten ist, daß dieser oder jener ein bißchen -Dampf vor einer Beleidigung oder Ablehnung mit Tinte hat.“</p> - -<p>„Es gibt doch Sachen, die zu empfindlich sind, um sie -niederzuschreiben.“</p> - -<p>„Gerade das habe ich gemeint. Da fliegt ein Wort in der Luft rum, die -Frauen flüstern es vielleicht bloß. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_259"></a>[S. 259]</span> gehört und bewertet wird’s -jedenfalls. Und das mag schon genügen.“</p> - -<p>„War Ihre Frau Mutter vielleicht –“</p> - -<p>Der Amtsrat unterbrach ihn kurz. „Nein, durchaus nicht! Sie war -eine geborene Hafermatz aus Kölpin, Tochter des derzeitigen -Wirtschaftsbeamten. Meine Weisheit hat einen andern Ursprung. Ich -weiß das von einer, die auch mal um dieses Geld eingekommen ist, -weil damit ihr schwacher Körper wohl noch auszuheilen gewesen wäre. -Eva von Ostrieds Mutter hatte sich nämlich nach vielen und harten -Gewissensnöten zu diesem Ersuchen entschlossen. Sie tat’s ihrem Kinde -zu Liebe. Die Antwort war eine Woche später eine bestimmt verneinende.“</p> - -<p>„Dann haben also bereits bei der Vorberatung, die schriftlich erledigt -werden kann, die Mehrzahl der Familienmitglieder den Antrag abgelehnt.“</p> - -<p>„Jedenfalls wird es so gewesen sein.“</p> - -<p>„Wir brauchen nicht Verstecken mit einander zu spielen, Herr Amtsrat. -Mein Vorgänger war kein Mann, dem man solche Zuwendungen machen durfte. -Unser Hausgesetz verlangt ausdrücklich einen tadellosen Charakter -oder um mit seinen Worten aus dem Jahre 1800 zu sprechen: Es muß eine -feine und ritterliche Familie sein, der früher und auch jetzo nichts -anzuhängen gewesen ist.“</p> - -<p>„Sie sprechen da plötzlich von dem Manne. Ich habe nie gehört, daß dem -damaligen schönen Ostried irgend ein Organ schwach geworden wäre. Hier -handelte es sich um die Frau, die über jedem Zweifel erhaben stand.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260"></a>[S. 260]</span></p> - -<p>„Was der Mann tut, darstellt oder unterläßt, fällt in der Ehe allemal -auf die Frau zurück. Auch darüber gibt es natürlich Bestimmungen.“</p> - -<p>„Ein schönes Familiengesetz, das so was vorschreibt.“</p> - -<p>„Darüber wollen wir nicht streiten, Herr Amtsrat.“</p> - -<p>„Sie haben Recht. Einem Gaul, der ein Kleber ist, bringt ja auch kein -Schenkeldruck von der Stelle, wenn er nicht schließlich selbst will.“</p> - -<p>Das hochmütige Gesicht verlor nichts von seiner kühlen Freundlichkeit.</p> - -<p>„Für so eigensinnig hätte ich Sie nicht gehalten, Herr Amtsrat.“</p> - -<p>„Das soll wohl eine Beleidigung sein,“ dachte der alte Wullenweber und -lachte vergnügt in sich hinein. „Mein Jungeken, damit hast du bei mir -kein Glück.“</p> - -<p>Laut sagte er:</p> - -<p>„Ich bin sogar so eigensinnig, daß ich Eva von Ostrieds Vater nicht -mehr in mein Haus reingelassen habe, seitdem es mir keine Ehre mehr -sein konnte, mit ihm umzugehen.“</p> - -<p>Der Hieb saß.</p> - -<p>„Aber seiner Tochter scheinen Sie erfreulicherweise die alte Zuneigung -erhalten zu haben,“ meinte der Schloßherr mit glatter Höflichkeit.</p> - -<p>„Zu der Tochter stand und stehe ich weiter in gar keinem Verhältnis. -Sie ist mir fremd geblieben. Was ich übernahm, tat ich lediglich für -ihre Mutter. Uebrigens weiß ich seit ihrer Volljährigkeit nur das eine, -daß sie seit dem Tode ihrer mütterlichen Freundin, irgendwo in Berlin -untergetaucht ist.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_261"></a>[S. 261]</span></p> - -<p>„Auch die Adresse ist Ihnen unbekannt geblieben, Herr Amtsrat?“</p> - -<p>„Noch gestern hätte ich das glatt verneinen müssen. Heute allerdings.“</p> - -<p>Es klang zögernd. Aber der Schloßherr hat bereits das Notizbuch -hervorgesucht und netzte den Stift behutsam an den Lippen.</p> - -<p>„Ich war vorher noch nicht zu Ende gekommen, Herr Amtsrat. Ich lege -aus zweierlei Gründen großes Gewicht gerade auf diese Adresse. Erstens -ist anzunehmen, daß Fräulein von Ostried, wenn auch nur, um sich für -die Teilnahmslosigkeit unserer Familie zu rächen, widersprechen würde, -sobald sie etwas von dem ohne sie gefaßten Beschluß erführe.“</p> - -<p>„Mein Gott, wie sollte sie davon hören.“</p> - -<p>„Es könnte immerhin möglich sein. – Der zweite Grund betrifft -sie selbst. Ich halte mich noch nicht befugt darüber zu sprechen. -Jedenfalls – – Also, wenn ich Sie jetzt bemühen darf, Herr Amtsrat.“</p> - -<p>„So schnell geht das nicht. Sie denken wohl, ich brauchte sie ihnen so -ganz einfach bloß zudiktieren.“</p> - -<p>„Etwas anderes zog ich allerdings nicht in Betracht.“</p> - -<p>„Bedaure! Sie müssen sich noch selbst darum bemühen. Ich besitze -seit gestern nämlich lediglich die Möglichkeit, näheres über sie zu -erfahren. Mein Neffe, Rechtsanwalt Wullenweber, berichtet mir, daß sie -in einer geschäftlichen Angelegenheit seinen juristischen Beistand in -Anspruch genommen hätte. Seine Adresse ist zu Ihrer Verfügung.“ – Der -Amtsrat nannte sie.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_262"></a>[S. 262]</span></p> - -<p>„Haben Sie eine Ahnung, verehrter Herr Amtsrat, ob Ihr Herr Neffe ein -tüchtiger Anwalt ist?“</p> - -<p>„Ich bin ebenso wenig Jurist, wie Sie, Herr von Ostried und unser -zuständiges Amtsgericht kenne ich, Gottlob, bisher nur von außen. So -viel weiß ich aber, daß der Justizrat, dessen Teilhaber er ist, einen -guten Namen und ungeheuren Zuspruch hat.“</p> - -<p>„Das genügt mir völlig. Anläßlich des Familientages muß ich nämlich -einen Anwalt für bestimmte Zusätze und kleine Abänderungen in unseren -Statuten gewinnen.“</p> - -<p>Er empfand es als angenehm, dies bei seiner Bitte um Eva von Ostrieds -Adresse nunmehr in den Vordergrund stellen zu können.</p> - -<p>„Wenn ich recht unterrichtet bin, haben Sie, Herr Amtsrat, als -einstiger Vormund und Bevollmächtigter von Eva von Ostrieds Vermögen -auch sehr wertvolle alte Möbelstücke aus dem Waldesruher Schloß zur -Aufbewahrung übernommen?“</p> - -<p>Der Amtsrat lächelte grimmig.</p> - -<p>„Vermögen! Das klingt außerordentlich stolz. Wissen Sie zufällig, wie -hoch sich die Summe bezifferte?“</p> - -<p>„Wie käme ich zu einer genauen Kenntnis. Wir mit dem gleichen Namen -hofften damals, daß sie jedenfalls zu einem standesgemäßen Unterhalt -ausreichen würde.“</p> - -<p>„Nett von Ihnen! Sie hofften, leider, vorbei. Eintausend Mark waren’s!“</p> - -<p>„Wie könnte sie sich damit durchgefunden haben?“</p> - -<p>„Die Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Ich hatte die Ehre, eine -vortreffliche Frau, die ihr eine zweite Mutter geworden war, kurz vor -ihrem unerwartet eingetrete<span class="pagenum"><a id="Seite_263"></a>[S. 263]</span>nen Tode kennen zu lernen, und ging mit dem -berechtigten Gefühl von ihr, daß sie fraglos einen Teil ihres soliden -Reichtums meinem verflossenen Mündel überschriebe. Erst gestern teilte -mir mein Neffe mit, der übrigens diese Wissenschaft wiederum von dem -Notar und Freund der Toten, dem schon erwähnten tüchtigen Justizrat, -schöpfte, daß der plötzliche Tod sie daran gehindert haben müsse. -Jedenfalls ging Eva von Ostried leer aus. Aber Sie fragten auch nach -den alten Möbeln. Einen Augenblick! Bitte, hier ist das Verzeichnis. -Es sind Stücke von großer Schönheit darunter. Das Sterbezimmer ihrer -Mutter besitzt Eva bereits. Deren kleines Wohnzimmer – übrigens -eingebrachtes und daher nicht zur Masse gehöriges Gut, wie auch jene -Sachen, die sich schon in Eva von Ostrieds Besitz befinden – stellt -dies dar.“</p> - -<p>„Ein offenes Wort, Herr Amtsrat! Sind diese kostbaren alten Stücke -verkäuflich? Ich weiß nicht, ob Sie ahnen, daß ich leidenschaftlicher -Sammler von altertümlichen Möbeln bin. Einen ebenso hohen Preis wie -jeder andere fremde Liebhaber würde ich natürlich auch anlegen.“</p> - -<p>„Ich bin so ungebildet in diesen Sachen, daß ich nicht mal sagen kann, -ob das wirklich Altertümer in Ihrem Sinne sind. Nur das eine weiß -ich aus dem Mund von Evas Mutter, daß sie schon im Heim von deren -Großeltern gewesen sind.“</p> - -<p>„Darf ich wissen, wie Sie über einen Verkauf denken, Herr Amtsrat?“</p> - -<p>„Darüber habe ich nichts mehr zu bestimmen, Herr von Ostried. Als ihr -Vormund hätte ich einen besonders günstigen Verkauf, mit Rücksicht auf -die bestehende Vermögens<span class="pagenum"><a id="Seite_264"></a>[S. 264]</span>losigkeit, zweifelsfrei verantworten können. -Jetzt stehe ich kaum anders wie jeder Fremde zu der Besitzerin.“</p> - -<p>„Könnten Sie mir wenigstens die Möbel zeigen, Herr Amtsrat?“</p> - -<p>„Dazu wäre meine alte Klidderten nötiger als ich. Ich habe mich nur -bis zu dem Augenblick ihrer sicheren Unterstellung darum gekümmert. -Das Zudecken und Abstauben ist der Klidderten ihre Sache. Die wird -aber gerade mit dem Kochen zu tun haben. Eine Sache könnten Sie indes -ansehen. Evas Mutter machte sie mir zum Geschenk. Stil und Holzart -sind hier wie dort gleich. Sehen Sie dort, der Schreibtisch aus -italienischem Nußbaum.“</p> - -<p>Es war ein wundervolles Stück mit reicher künstlerischer -Tiefschnitzerei. In Form und Art an die alten Zylinderbüros erinnernd, -die in keiner Großvaterstube zu fehlen pflegten. Nur, daß die Einlagen -über den reich geschnitzten Holzrändern aus Mosaikstückchen bestanden, -die sich zu kleinen, wirkungsvollen Bildern einten. Das runde große -Medaillon des Aufsatzes, das ein halbes Jahrhundert später, als Ersatz -des zerschlagenen Mosaikbildes eingefügt war, zeigte ein Pastellbild. -Ein namhafter Maler aus jener verzweifelten Zeit, in der Eva von -Ostrieds Mutter auf den Gedanken gekommen war, einen Teil des Schlosses -und des wundervollen Parkes erholungsbedürftigen Künstlern gegen -Entgelt zur Verfügung zu stellen, hatte es geschaffen.</p> - -<p>Der Schloßherr warf mit einer geschickten Bewegung das Monokle -in das kurzsichtige rechte Auge. Sein müder Blick belebte sich -auffallend. Der tiefe Durchzieher, mit der einst auf dem Heidelburger -Fechtboden erhaltenen blutroten Belehrung, daß auch nicht sonderlich -hochgewachsene Leute<span class="pagenum"><a id="Seite_265"></a>[S. 265]</span> eine gute Klinge führen können, begann zu glühen. -Das Hochmütige in seinen Zügen verschwand.</p> - -<p>Als er nach langem aufmerksamen Betrachten den Kopf hob und die Hände -von der Schnitzerei nahm, war er ein ganz anderer wie zuvor. Es -bedurfte also nur des Aufflammens einer leidenschaftlichen Neigung, um -die oft genug abstoßend wirkende Tünche herunter zu bröckeln.</p> - -<p>„Ich würde Ihnen zehntausend Mark geben, wenn Sie mir dies Stück -überlassen könnten, Herr Amtsrat.“</p> - -<p>„Es wäre mir auch nicht um das Doppelte feil, Herr von Ostried.“</p> - -<p>„Soviel allerdings. – Immerhin fordern Sie getrost. Wir werden uns -bestimmt verständigen.“</p> - -<p>„Es ist unverkäuflich,“ entschied der alte Wullenweber kurz und zornig.</p> - -<p>„Sie sind doch aber gar nicht Sammler solcher Dinge! Was kann dies für -Sie für einen Wert haben?“</p> - -<p>„Den da,“ sagte der Amtsrat einsilbig und legte den Zeigefinger -behutsam auf das Pastellbild.</p> - -<p>„Sehen Sie,“ frohlockte der andere, „damit wären wir uns schon -bedeutend näher gekommen. Dieses Bildnis würde ich sofort für Sie -entfernen lassen. Für meine Zwecke entstellt es das Ganze und -verringert seinen Wert erheblich.“</p> - -<p>„S–o, das wäre also Ihre Ansicht?“</p> - -<p>Der Schloßherr neigte sich zu dem Bild herab und schenkte ihm zum -ersten mal einige Aufmerksamkeit.</p> - -<p>„Wen stellt es dar, wenn ich fragen darf?“</p> - -<p>„Frau von Ostried und ihre Tochter Eva.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266"></a>[S. 266]</span></p> - -<p>Noch einmal glitt sein Blick prüfend darüber hin. „Ich kannte die Frau -meines Vorgängers nicht persönlich,“ meinte er endlich und es klang wie -eine Entschuldigung. „Sie muß sehr schön gewesen sein.“</p> - -<p>„Vielleicht befragen Sie deswegen die paar alten Leute, die sich ihrer -gewiß noch erinnern.“</p> - -<p>Das klang eiskalt und schnitt eigentlich jede weitere Frage ab. Der -Schloßherr wollte es nicht empfinden. Er blickte immer noch, von -dem unvergleichlichen Reiz der beiden aneinandergeschmiegten Köpfe -gefesselt, auf das Bild von Mutter und Tochter.</p> - -<p>„Sie sind scheinbar ein Frauenverächter, Herr Amtsrat.“</p> - -<p>„Wieso? Weil ich mich im ersten Augenblick von Ihrer Frage abgestoßen -fühlte? Sie sollen sich nichts falsches vorstellen. Für mich ist Frau -von Ostried die Schönste auf der ganzen Welt gewesen und geblieben.“</p> - -<p>Er mußte dies sagen, weil er kein anderes Mittel kannte, um die ihm -zudringlich und lästig werdenden Fragen abzuwehren. Der Schloßherr -begriff. Es war alles durchaus verständlich. Der leichtsinnige -Schloßherr, der sich nicht um die Seinen bekümmert hatte, auf der einen -Seite. Dieser biedere, brave Mann, der gewiß nur seine Augen und Ohren -für die kränkelnde, vom eigenen Gatten vernachlässigte Frau bereit -gehalten, auf der andern! Dazu diese strenge Abgeschlossenheit von Welt -und Leben.</p> - -<p>Unangenehm blieb einzig, daß die Schönheit auf dem Pastellbild -den alten Namen trug wie er und der Kummersbacher, das Mitglied -des Herrenhauses auf Lebenszeit, und die Vettern Exzellenz, der -Generalleutnant und der Wirkliche Geheime Rat, sowie die andern -der Familie. Schließ<span class="pagenum"><a id="Seite_267"></a>[S. 267]</span>lich hätte man sich auch damit im Lauf der -Jahre abgefunden, wenn dies verblüffend reizende Gesicht neben der -großäugigen Frau, das irgendwo in Berlin herumlief, nicht immer noch -weiter zur Familie gehörte. Die Tatsache, daß Eva bei dem Einladen zum -Familientag unmöglich übergangen werden durfte, bewies es deutlich. Ein -Gesicht wie dieses, selbst wenn es den kindlichen Zauber eingebüßt, -machte es der Trägerin doppelt und dreifach schwer, ohne Aufsehen durch -die Welt zu kommen.</p> - -<p>„Wann haben Sie Eva von Ostried zum letzten mal gesehen, Herr Amtsrat,“ -forschte er aus diesen Gedanken heraus.</p> - -<p>Der alte Wullenweber fuhr erschrocken zusammen. So tief hatte er sich -mit der heraufbeschworenen Vergangenheit beschäftigt.</p> - -<p>„Bei ihres Vaters Begräbnis ist es gewesen. Hätte ich gefehlt, wäre sie -ganz allein neben dem Seelsorger hinter dem Sarg, hergeschritten. Denn -die Tagelöhner blieben aus Bescheidenheit eine halbe Meile zurück. Und -von den Nachbarn oder seiner Familie war niemand dabei.“</p> - -<p>„Die Anzeigen von seinem Tod müssen sich verspätet haben. Vielleicht -sind überhaupt keine verschickt. Ich jedenfalls erhielt die Nachricht -erst durch meine Berufung zu seinem Nachfolger.“</p> - -<p>„Also doch rechtzeitig,“ meinte der Amtsrat bitter und sah nach der -Uhr, die mit behaglichem Pendelschlag die kleine Pause belebte.</p> - -<p>„Ich habe nur einer Leidenschaft im Leben bisher nachgegeben,“ begann -er von neuem und diesmal leiser und weicher wie zuvor. „Ich verriet sie -Ihnen bereits. Schon<span class="pagenum"><a id="Seite_268"></a>[S. 268]</span> in frühster Jugend war die Vorliebe für alte, -wirklich schöne Sachen so groß, daß ich mir jedes Vergnügen versagte, -um mich endlich in den Besitz eines ersehnten Gegenstandes zu bringen.“</p> - -<p>„Verrückt,“ mußte der alte Wullenweber denken, aber es söhnte ihn etwas -mit diesem scheinbar kalten, wesenlosen Menschen aus.</p> - -<p>„Vielleicht sprechen Sie persönlich mit Ihrer Base, wenn Sie zu dem -hochwichtigen Familientage in Berlin sind,“ schlug er vor.</p> - -<p>„Vorläufig geht es mir um dies Stück.“ Und er fuhr, wie liebkosend, -über das edle, alte Holz.</p> - -<p>Ehe noch der Amtsrat die scharfe Erwiderung, die ihm dies taktlose -Festhalten auf die Lippen zwang, aussprechen konnte, fuhr er fort:</p> - -<p>„Ich würde Ihnen sehr gern durch einen Berliner Sachverständigen das -Pastellbild entfernen und in einen durchaus würdigen Rahmen bringen -lassen. Derselbe könnte mir auch den Ersatz für das Mosaikrund -besorgen. Ihnen ginge nach Ihren eigenen Worten durch die Hingabe des -alten Stückes selbst nicht allzu viel verloren. Mir aber täten Sie -einen großen Gefallen. Wollen Sie nicht wenigstens die Güte haben, sich -meinen Vorschlag zu überlegen?“</p> - -<p>„Eine Gegenfrage,“ sagte der Amtsrat und seine Stimme klang stahlhart. -„Was würden Sie sagen, läge die Geschichte umgekehrt? Sie wollten aus -einem für Sie wichtigen Grunde nicht und der andere – nun – der hörte -eben nicht auf zu drängen. Sie würden mich aufrichtig verbinden, wenn -ich das wissen dürfte, Herr von Ostried!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269"></a>[S. 269]</span></p> - -<p>Mit einem Schlage verwandelte sich das Gesicht des Majoratsherrn -wiederum in das unbeweglich hochmütige. Das Monokle hüpfte mit feinem -Klingen gegen einen Kopf des tadellos sitzenden Besuchsrockes. Die -blassen, kühlen Augen schauten von neuem wie aus einer Maske. Er nahm -die Hacken zusammen und verneigte sich leicht.</p> - -<p>„Verzeihung, wenn ich aufdringlich erschienen bin. Sie haben natürlich -recht. Ich würde mir das ebenfalls verbeten haben. Nun, mein Agent in -Berlin wird ja wohl ein ähnliches Stück auftreiben können.“</p> - -<p>Er reichte dem Amtsrat die Hand hin.</p> - -<p>„Ich habe Sie ungebührlich lange aufgehalten, Herr Amtsrat!“</p> - -<p>Seine Bewegungen waren wieder gemessen und herablassend. Eine jede -schien das aufrichtige Bedauern auszudrücken, daß er sich mit dem -ungefälligen Nachbar überhaupt eingelassen hatte.</p> - -<p>– Der Abschied war schließlich fast hastig.</p> - -<p>Wenn es einmal und zwar schüchtern gegen die Küchentür stieß, dann war -es Filax, der alte Stubenhund, den ein beständiger Hunger plagte. Wenn -es zweimal und zwar mit einem donnerähnlichen Geräusch dagegen krachte, -war es der Major a. D. Wullenweber, der die alte Klidderten anschnauzen -wollte.</p> - -<p>Auguste, die fahrige blutjunge Deern, duckte sich jedesmal bei -Beginn des Polterns ängstlich zusammen. Die Mamsell jedoch öffnete -unerschrocken, wenn auch voller Behutsamkeit, damit der Draußenstehende -nicht etwa von einem heftigen Anprall umgeworfen würde und sagte -freundlich:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270"></a>[S. 270]</span></p> - -<p>„Ja, Herr Major, heute wird’s zehn Minuten später mit den frischen -Kartoffeln. Der Waldesruher Herr war bei uns.“</p> - -<p>„Wenn Sie „frische Kartoffeln“ sagen, klingt das noch großartiger als -wenn seiner Zeit der Oberkellner in Esplanade meinetwegen „frische -Austern“ lispelte,“ höhnte er poltrig und unzufrieden.</p> - -<p>„Ich kenne bloß Dabersche und denn magnum bonum und die kleine blaue -frühe, denn von der weißen halt’ ich nichts. Austern bauen wir hier gar -nich.“</p> - -<p>„Sie sind ein Kamel, Klidderten.“</p> - -<p>„Denn müßt ich ja wohl in die Wüste, Herr Major. So ist mir das von -meiner Jugend her erinnerlich. Und denn kriegten Sie alle überhaupt -nichts warmes auf den Tisch.“</p> - -<p>„Nun schweigen Sie endlich still. Wenn man schon nichts zu essen -bekommt, muß man wenigstens einen ordentlichen Tropfen trinken. -Nehmen Sie mal Vernunft an, Fräulein Kliddert. Eine einzige Flasche, -Mamsellchen. Na los.“ Sie kam ein wenig näher. Aber doch nicht -mehr, wie auf fünf Schritt Distanz. Dann ließ sie die angeborene -Bescheidenheit halt machen.</p> - -<p>„Begucken Sie sich bloß mal im Spiegel, Herr Major. Ist das nicht eine -wahre Freude mit Ihnen? Sehen Sie vielleicht aus wie einer, der in -die Sechzig will? Wirklich nicht. Von der dummen Krankheit, als Sie -gerade angekommen waren, ist keine Spur mehr zu merken. „Klidderten,“ -hat neulich der Waldesruher Gärtner zu mir gesagt, denn er kommt jeden -Donnerstag aus alter Gewohnheit auf einen Schwatz in die Küche. „Was -ist das für ein Kavalier mit dem feinen Spitzbart –“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_271"></a>[S. 271]</span></p> - -<p>„Hören Sie schon damit auf,“ murrte der Major, aber in seiner Eitelkeit -freute er sich kindisch darüber.</p> - -<p>Die alte Klidderten schielte nach der andern Seite des Hauses hin, von -welcher ihr der Amtsrat zu Hilfe kommen sollte, denn die Blauschimmel -waren schon angetrabt. Dann war für diesmal wieder alles ausgestanden. -Vor dem Bruder schwieg der Herr Major davon!</p> - -<p>Aber der Hohenklitziger Herr stand versonnen und sah dem davonrollenden -Gefährt mit gefurchter Stirn nach.</p> - -<p>Die Gedanken schossen ihm wild durch den Kopf.</p> - -<p>„Wenn der das Mädel in Berlin kennen lernen sollte und sie gefällt -ihm und er kriegt doch vielleicht nicht von seinem Agenten den -ähnlichen alten Schreibtisch und er denkt dann so nebenbei dran, daß es -vielleicht hübscher und angenehmer wäre, der jetzige Anwärter erbte das -Majorat nicht, sondern sein eigenes Fleisch und Blut und sie sagt „ja“, -denn wie sollte ein armes Ding wohl den Mut zu einem „nein“ finden.“</p> - -<p>Aergerlich wandte er sich herum. Was ging ihn dies alles an? Hatte er -sich die letzten Jahre überhaupt um das Mädel – die Eva – gekümmert? -Trotzdem sie die Tochter der geliebten Frau war. Dumme Ausrede, daß -er an die Erbschaft durch die Präsidentin und ihr gutes Auskommen -felsenfest geglaubt hatte.</p> - -<p>Ein Mann in seinen Jahren glaubt nur das, wovon er sich auch überzeugt -halten darf. Erst der Junge, der Walter, mußte sie ausfindig machen, -ehe er an sie dachte.</p> - -<p>Gedankenlos war er weiter gegangen und stand nun vor der alten -Klidderten, die ihm heftig zublinkte. Diese Sprache begriff er -ausgezeichnet. Seitdem sich sein Bruder damals<span class="pagenum"><a id="Seite_272"></a>[S. 272]</span> nach dem glücklich -überstandenen Schlaganfall zum Hierbleiben entschlossen hatte, stand -sie ihm auch hierin getreulich zur Seite. Es kamen immer wieder Tage, -in denen der Major ein unbändiges Verlangen nach den Dingen trug, -durch die er sich bis jetzt seine Vergnügungen verschaffte. In dieser -Abgeschlossenheit wäre ihm höchstens ein guter, alter Tropfen aus dem -Keller mit der lebensgefährlichen Treppe erreichbar gewesen. Er selbst -war aber nicht imstande, die schwindelnde Stiege hinabzuklimmen und die -alte blödsinnige Gans, wie er sie soeben bei sich nannte, tat ihm nicht -den heimlichen Gefallen.</p> - -<p>Da sprach ihn der Amtsrat an: „Du hattest heute früh einen Brief von -Walter, nicht wahr?“</p> - -<p>Der Major brummte eine Erwiderung die unverständlich blieb.</p> - -<p>„Sonderbar,“ wunderte sich der Amtsrat, „weil er doch gerade erst -gestern an mich geschrieben hatte.“</p> - -<p>„Wieso sonderbar? Kann er nicht auch mal ausnahmsweise was mit seinem -Vater zu bereden haben?“</p> - -<p>„Natürlich. Er betonte aber gerade zu mir, wie knapp seine Zeit -geworden sei.“</p> - -<p>„Wenn dich die Neugier sticht, kannst du den Brief nachher lesen.“</p> - -<p>„Du weißt genau, daß es etwas anderes ist!“</p> - -<p>„Meinetwegen. Du hör’ mal,“ und er zog den Amtsrat bei Seite wie ein -Kind, das etwas Heimliches zu sagen hat, vor dem es sich im Grunde -genommen, ein wenig schämt, „befiehl doch mal deiner verehrten -Scharteke da, daß sie uns eine von dem herben Ungar raufholt. Frage -nichts. Gib<span class="pagenum"><a id="Seite_273"></a>[S. 273]</span> auch keine Lehren. Tu mir mal ausnahmsweise den kleinen -Gefallen.“</p> - -<p>Der Amtsrat hatte eine heftige Ablehnung bereit. Als er aber das alte, -bittende Gesicht sah, überkam ihn eine eigentümliche Weichheit.</p> - -<p>Schließlich war es keine Kleinigkeit, daß der Bruder Leichtfuß seinen -tiefgewurzelten Widerwillen gegen die ländliche Stille überwunden und -– seinem Ehrenwort getreu – ohne neue Schulden zu machen, bei ihm -ausharrte. Er tuschelte mit der Klidderten.</p> - -<p>„Schön, holen Sie eine rauf. Wir haben ja ohnehin noch fünfzig von der -Sorte.“</p> - -<p>„Aber, ihn bloß nichts davon merken lassen, Herr Amtsrat.“</p> - -<p>„Wenn Sie sich nicht verplappern, Klidderten.“</p> - -<p>„Wo werd’ ich denn. Ich bleibe dabei, daß es im Ganzen überhaupt bloß -noch zwei waren. Eine wurde ausgetrunken, als Herr Walter das letzte -mal bei uns war. Nu is denn keine einzige mehr da. Bloß noch der -Säuerling, den ich für’s Wildragut gebrauche.“</p> - -<p>Mit verständnisvollem Lächeln verschwand sie hinter der schweren -Küchentür. – Der Amtsrat trank kaum ein halbes Glas von dem -goldklaren, alten, schweren Sorgenbrecher. Daß er ihm Bescheid -tun sollte, verlangte der Major auch gar nicht. Er selbst sog mit -geschlossenen Augen in kleinen, schmatzenden Zügen.</p> - -<p>In der Mitte des Tisches dampften die frischen Kartoffeln mit einer -reichlichen Beigabe grüner Petersilie. Neben jedem der beiden Gedecke -duftete eine kräftige Scheibe Bratspeck. Dazu stand – wie gewöhnlich -– ein Topf mit köst<span class="pagenum"><a id="Seite_274"></a>[S. 274]</span>licher Buttermilch bereit. Der alte Offizier wurde -wieder jung, leichtsinnig und prahlerisch.</p> - -<p>„Als ich bei den Kürassieren in Dernburg stand, kriegte ich von zarter -Hand ganze Körbe voll Champus. Bedankt habe ich mich nie. Bei wem denn? -Man ahnte natürlich. Das Nest war ja klein. Aber die Eifersucht unter -der edlen Weiblichkeit war zu groß geworden. So war’s schlauer, ich -stellte mich unwissend.“</p> - -<p>Der junge Kürassierleutnant hatte sich dann in die Infanterie stecken -lassen müssen. Wegen Schulden natürlich.</p> - -<p>„Zuerst dachte ich mir das gräßlich. Hatte Selbstmordgedanken. -Schließlich machte sich’s ganz nett. Mädelchen waren da noch viel -aufmerksamer und verliebter.“</p> - -<p>Als Hauptmann der Infanterie kam er auf der Treibjagd zu dem, was er -sein Unglück nannte.</p> - -<p>„Alles vorbei. Es war zum Rasendwerden. Man war niemand mehr.“ Seine -Ehe hatte er vergessen. Sie war ja auch nur kurz gewesen. – In der -Flasche schimmerte der Boden mit dem Rest des Goldenen. –</p> - -<p>„Doch – die Kinder! Vater spielen will gelernt sein. Mir lag’s nicht. -Der Junge war mir zuweilen direkt peinlich mit seiner unbequemen Art zu -gucken und Fragen zu stellen. Aber – das Mädchen.“</p> - -<p>Der letzte Tropfen hing schwer an seinem grauen Bart, den der -Haarkünstler nun nicht mehr ausbesserte. Ihn stieß das Elend.</p> - -<p>„Daß du’s weißt, ich bleibe nicht länger hier. Morgen früh geht’s -weg. Kannst du mir das verdenken? Zwei reichliche Jahre immer bloß -Buttermilch und die Faltenschnute von deiner Klidderten. Daß man das -überhaupt<span class="pagenum"><a id="Seite_275"></a>[S. 275]</span> geschafft hat. Nie raus aus der Bude. Immer hinter den -Rechenbüchern und dabei noch das Gefühl, als mache der erste beste -Quartaner die Geschichte besser. – Jetzt geht in Berlin nach dem -toten Sommer das Leben wieder los. Auf der Tauentzienstraße, weißt du! -Mädelchen gibt’s da. Einfach süß. Wenn ich im Wagen oder wo am Fenster -sitze, mache ich immer noch eine gute Figur. Und die kleine Weinstube -beim Anstermeier. Piekfein. Und anständig. Niemals mahnen die. Bloß -einmal im Jahre, wenn’s einem natürlich am wenigsten paßt, erinnern sie -bescheiden. – Uebermorgen kann ich schon drin sitzen. Gleich nachher -will ich dem Jungen telegraphieren. Du läßt’s zur Post besorgen. Das -werd’ ich ja wohl noch verlangen können.“</p> - -<p>Der Amtsrat hatte zugehört, ohne einmal den Schwall der Worte zu hemmen.</p> - -<p>„Du wolltest mir Walter’s Brief geben,“ sagte er nur, als der Major -endlich verstummt war.</p> - -<p>„Den Brief? Richtig. Hier ist er!“</p> - -<p>„Ich werde ihn dir noch einmal vorlesen.“</p> - -<p>„Nicht nötig. Habe mich bereits selbst genügend von seinem Inhalt -unterrichtet.“</p> - -<p>Der Amtsrat bedachte den Einwand nicht. Er wußte, daß die Erinnerung an -das gegebene Wort auftauchen und zurückreißen würde. Halblaut begann er:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>„Lieber Vater! Soeben habe ich die letzte Rate deiner Schulden -getilgt. Es ließ sich also, wider Erwarten, schnell erledigen. -Justizrat Weißgerber zahlte mir, als auch in letzter Instanz der -Millionenprozeß, von dem ich das letzte mal erzählte, zu unsern -Gunsten entschieden<span class="pagenum"><a id="Seite_276"></a><span class="s4">[S. 276]</span></span> wurde, zwei Drittel des in diesem Falle von -unserem Klienten versprochenen Extrahonorars aus, weil ich die -ganze Mühe damit gehabt.</p> - -<p>Freilich bin ich zur Zeit selbst völlig blank. Ich habe mein halbes -Vierteljahrsgehalt noch dazu gelegt, um endlich frei zu sein. Nun -mache ich dir einen Vorschlag. Willst Du durchaus wieder nach -Berlin, sollst Du wissen, das Du mir willkommen bist. Es kann jetzt -in jeder Beziehung besser, wie früher, für Dich gesorgt werden. Nur -mußt Du mit Deiner Reise bis zum nächsten Quartal warten, damit ich -Dir genügend Geld schicken kann. Hast Du noch selbst von Deiner -Pension zur Verfügung, teile mir das mit. In diesem Falle stände -Deiner früheren Rückkehr, wenn sie Dir wünschenswert erscheinen -sollte, nichts mehr im Wege.</p> - -<p class="right mright2">Dein Sohn Walter.“</p> - -</div> - -<p>Ohne eine Bemerkung reichte der alte Wullenweber das Schreiben zurück. -Seine Augen brannten wie nach einem Erntetag mit heftigem Ostwind bei -reichlicher Sonne. Schweigend steckte auch der Major den Brief in die -Tasche. Geflissentlich sahen sie aneinander vorbei.</p> - -<p>„Ich will mich noch eine Viertelstunde auf’s Ohr legen,“ meinte endlich -der Amtsrat und erhob sich.</p> - -<p>Da langte auch der Major nach seinen Stöcken.</p> - -<p>– – Der alte, schwere Goldene hatte ausgewirkt. Aber der feste Wille -zur schleunigen Rückkehr nach Berlin lebte weiter. Das Kursbuch mußte -herhalten.</p> - -<p>„Hier war man ja doch schon mit den gefräßigen Spatzen munter. Also – -los. Morgen früh um sieben Uhr! Und keine Stunde zugegeben!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277"></a>[S. 277]</span></p> - -<p>So stand’s auch in dem Telegramm an Walter Wullenweber zu lesen. Der -Major kniffte es sorgfältig zusammen. Jetzt würde man endlich bald -wieder ein Mensch werden!</p> - -<p>Er stelzte in die weißgetünchte Schlafkammer von damals, die er immer -noch inne hatte. An der dünnen Bretterwand hing jetzt das Bild seines -Kaisers zwischen den beiden toten Majestäten, denen er ebenfalls seinen -Treueid geschworen hatte.</p> - -<p>Als sein Sohn mit ihm redete – jawohl, so stimmte es. Der mit ihm, -denn er spielte nur den stummen, gequälten Zuhörer – war die Wand noch -leer gewesen.</p> - -<p>Damals wurde auch ein Treueid geschworen.</p> - -<p>Dachte er denn daran, ihn zu brechen? War es diese Einsamkeit, die ihn -nach innen sehen ließ. Das Alter oder das andere?</p> - -<p>Die verlorene Tochter – seines Lebens Lust und Stolz.</p> - -<p>Er las plötzlich aus einem Buch mit erhabenen Lettern.</p> - -<p>„Eines Tages werde ich meinen letzten Treueid brechen, wenn ich nach -Berlin zurückkehren sollte!“</p> - -<p>Die Erkenntnis erfüllte ihn mit Abscheu gegen sich selbst.</p> - -<p>– An diesem Nachmittag saß er nicht hinter den Rechenbüchern. Er -stolperte im Garten herum, entdeckte noch etliche Aepfel in verwegener -Höhe und schimpfte mit Karl Pergande, dem Fünfzigjährigen, der das -Jungvieh unter sich hatte. – –</p> - -<p>Bei der Abendpfeife auf der Veranda tippte er dem Bruder auf die -Schulter.</p> - -<p>„Berlin paßt mir doch nicht mehr. Es ist zu laut, zu eng und zu teuer -für unsereins. Wenn du nichts dagegen hast, bleibe ich hier.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_278"></a>[S. 278]</span></p> - -<p>Der alte Amtsrat paffte sich in eine undurchsichtige Wolke hinein.</p> - -<p>„Ist mir auch viel angenehmer,“ sagte er kurz. „Am Sonntag kommt -ohnehin der Pferdehändler aus der Stadt mit zwei angeblich fünfjährigen -Braunen. Die mußt du dir eingehend ansehen. Ich allein trau mir das -Geschäft nicht zu, denn der Hallunke tattert sehr geschickt.“</p> - -<p>– Sie waren an diesem Abend durchaus nicht herzlicher wie sonst -zusammen.</p> - -<p>Und dennoch fühlten sie sich beide zufrieden und ruhig, daß es nun -entschieden war.</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_278_ende"> - <img class="w100" src="images/i_029_ende.jpg" alt="Kapitel 14, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_279"></a>[S. 279]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_279_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_054_kopf.jpg" alt="Kapitel 15, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_15">15.</h2> - -</div> - -<div class="blockquot"> - -<p class="p0"><span class="dc"><span class="s7">„</span>D</span>u -bittest mich um eine vertrauliche Auskunft über das Vermögen -meines einstigen Mündels Eva von Ostried?“ schrieb Amtsrat -Wullenweber an seinen Neffen. „Das verstehe ich nicht. Neugier sähe -Dir unähnlich. Beabsichtigt ihr etwa Dein Justizrat Zuwendungen -zu machen? Notwendig hätte sie das sicher. Denn ihr gesamtes -mütterliches Erbe, das ich am Tage ihrer Volljährigkeit Frau -Präsident Melchers für sie übergab, betrug nur eintausend Mark. -Hätte ich geahnt, daß die wackere Frau unerwartet schnell, und -zwar mit dem von Dir erwähnten, für Eva von Ostried sehr traurigen -Ergebnis sterben mußte, hätte ich doch die Tochter ihrer Mutter -in ihr gesehen und mich auch nach der erfüllten Pflicht um sie -gekümmert. Ihr jetzt noch, nachdem sie sicher das Schwerste hinter -sich hat, zu schreiben, widerstrebt mir. Wohl aber möchte ich sehr -gern wissen, ob ihr Hilfe erwünscht wäre. Ich weiß nichts über -ihr Leben und Wirken. Wäre es nicht das Einfachste, Du zögest -Erkundigungen über ihre Lage ein? Geben sie irgendwie zu meiner -Unterstützung Anlaß, werde ich mich mit ihr stets in Verbindung -setzen. Laß es Dir durch den Kopf gehen und gib mir Bescheid, -sobald Du etwa erfährst, daß es ihr kümmerlich ergeht. Im anderen -Falle ist die Sache ja ohnehin auf das Beste erledigt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_280"></a><span class="s4"><span class="s4">[S. 280]</span></span></span></p> - -<p>Dein Vater wird Dir inzwischen selbst seine Absicht, Hohen-Klitzig -nicht mehr zu verlassen, mitgeteilt haben. Daher mußte sich -mein Verhältnis zu ihm, von innen heraus, bessern. Erlauben Dir -die Geschäfte und die Gesundheit Deines Justizrats eine kurze -Ausspannung, so weißt Du, daß Du mit Deinem Besuch stets erfreust -Deinen</p> - -<p class="right mright2"><span class="mright8">getreuen alten</span><br /> -Wilhelm Wullenweber.“</p> - -</div> - -<p>Der junge Anwalt las diesen Brief mit einer Empfindung, die ihm im -Augenblick noch unklar war. Er spürte nur, daß ihn der Inhalt unruhig -machte.</p> - -<p>Seitdem Justizrat Weißgerber ihm von Eva von Ostrieds schwerer -Enttäuschung bei dem Tode der Präsidentin gesagt, ihre Verzweiflung -und Kämpfe geschildert, brachte er die Frage nicht mehr zum Schweigen, -woher sie nun doch gleich darauf das Geld zu weiteren Studien genommen -haben könnte... Ihre Schönheit wirkte, auch in der Erinnerung, in alter -Stärke auf ihn. Er empfand sie als das Vollendetste, das er jemals -gesehen hatte. Wie er, würden auch andere fühlen. Und ihr Bild trat -ganz scharf vor ihn hin. Er sah wieder ihr Erröten – den Glanz ihrer -großen, sprechenden Augen und fühlte das leise Beben ihrer Hand in der -seinen, und seine Unruhe wurde zur heißen Sehnsucht nach ihr! Aber nach -üblichen Begriffen kannten sie einander ja kaum!</p> - -<p>Gestern war ihr Herr Alois Sendelhubers erneuter Bescheid -zugestellt. Walter Wullenweber hatte schließlich doch kurzweg einen -Entschädigungsanspruch in jeder Höhe ab<span class="pagenum"><a id="Seite_281"></a>[S. 281]</span>gelehnt und ihr, bei einem -Beharren seiner Forderung, auf den Weg der Klage verwiesen. Darauf -hatte sich der schlaue Agent, der sich Eva von Ostrieds ihm besonders -wertvoll dünkende Kundschaft auf keinen Fall verscherzen wollte, zur -postwendenden „ausnahmsweisen“ Lösung des Vertrages – bezüglich -des strittigen neunten Novembers – verstanden. Somit war diese -Angelegenheit erledigt und nichts stand mehr aus, als die Entrichtung -der entstandenen Unkosten von Seiten der Anwälte, die der Justizrat -Weißgerber, nach Kenntnis der Angelegenheit, jedoch unberechnet zu -lassen wünschte. Das schwache Fädchen, an dem er sie gehalten, war -damit zerrissen.</p> - -<p>Sie aber nie wiederzusehen, erschien Walter unmöglich. Er setzte sich -an den Flügel und versuchte die kleinen Lieder zu spielen, die ihm sehr -einsame und verzagte Stunden einst als Tröster geschenkt hatten. Seine -Sinne blieben nicht bei den Tönen. Sie irrten ab und verlangten nach -dem Leben.</p> - -<p>Die alte Pauline brachte einen Brief herein. Sie verweilte noch wenig -im Zimmer, wie sie das auch bei der Präsidentin getan hatte.</p> - -<p>„Herr Rechtsanwalt, ich hab’ neulich nun doch unserm Fräulein -geschrieben.“ Für sie stand Eva von Ostried längst wieder in der -Gegenwart genau wie einst. Er hielt die Blicke beharrlich gesenkt, als -könne sie sonst seine Gedanken lesen.</p> - -<p>„Was hatten Sie ihr denn Wichtiges mitzuteilen, Pauline?“</p> - -<p>„Nun, wie es mir indessen gegangen is und wie gut ich es auch wieder -bei Ihnen habe.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_282"></a>[S. 282]</span></p> - -<p>„Das wird nicht alles gewesen sein, obschon es, was meine Person -anlangt, bereits zu viel ist,“ sagte er mechanisch und sah interesselos -auf den Brief.</p> - -<p>„Sie haben Recht. Die Hauptsache hab’ ich verschwiegen. Ich möchte doch -so gern wissen, wie sie wohnt und wie sie alles angefangen hat. Ach, -Herr Rechtsanwalt, warum kommt’s meist ganz anders, wie man denkt? -Ich hänge ja so sehr an ihr und hab’ mir damals beim Abschied fest -eingebildet, wüßt’ ich mal erst, wo sie wohnte, liefe ich auch gleich -hin. Denken Sie an, ich war auch wirklich schon mal da. Gleich, nachdem -ich von Ihnen die Adresse gehört hab’.“</p> - -<p>Sie stockte und sah von ihm weg.</p> - -<p>„Wann war das ungefähr, Pauline?“</p> - -<p>„Heute vor zwei Wochen, Herr Rechtsanwalt!“</p> - -<p>„Warum verschwiegen Sie mir das?“</p> - -<p>„Ich war so von Herzen betrübt, Herr Rechtsanwalt.“</p> - -<p>„War sie unfreundlich zu Ihnen?“</p> - -<p>„Ach, ich hab’ sie gar nicht gesehen!“</p> - -<p>„Das verstehe ich nicht!“</p> - -<p>„Mir war’s selbst, als könnte das nicht mit rechten Dingen zugehen. -Bloß bis an ihre Tür bin ich gekommen.“</p> - -<p>„Sie können mir alles sagen, Pauline. Ja, ich bitte Sie sogar herzlich -darum.“</p> - -<p>„Ich hab’s gleich gefühlt, daß Sie einen guten Begriff von ihr haben, -Herr Rechtsanwalt. Und so sehr hab’ ich mich darüber gefreut.“</p> - -<p>„Nun, dann erzählen Sie einmal!“</p> - -<p>„Es ist schnell erzählt. Ich wußte doch nicht Bescheid und befragte -mich erst unten beim Hauswart. Da war<span class="pagenum"><a id="Seite_283"></a>[S. 283]</span> eine drin, die mir gleich -erzählte, daß sie mal bei unserm Fräulein in Stellung gewesen. Sie -gefiel mir auf den ersten Blick nicht. Ach, Herr Rechtsanwalt, wenn Sie -wüßten, was ich von der zu hören gekriegt hab’.“</p> - -<p>„Es wird nicht schlimm sein,“ meinte er. Aber in seiner Stimme zitterte -die Angst vor den nächsten Minuten.</p> - -<p>„Doch! Ein Freund von unserm Fräulein soll der Person regelmäßig Geld -gegeben haben, damit sie nicht zu hungern brauchte. Aber nun ist er -plötzlich gestorben, in München, wo sie gerade ein Konzert gegeben -hat. Und nun sollte überall geknapst werden und das Fräulein sei -ihr noch obendrein dumm gekommen, als ob sie was dafür könnte, daß -sich noch kein neuer Freund gefunden hätt’. Solche Gemeinheiten bloß -auszusprechen, nicht wahr? Ich kenn’ doch unser Fräulein! Freude hat -sie wohl dran gehabt, wenn ihr einer nachgesehen hat. Wozu hätt’ ihr -der liebe Gott denn auch sonst all die Schönheit gegeben? Aber stolz -und rein ist sie immer gewesen. Das kann sich bei ihr einfach nicht -ändern. Und man hört ja schön die Lügerei heraus. In München soll sie -gesungen haben, gerade als der Freund sterben mußte. Und unser Fräulein -hätt’ schrecklich nachher geweint. Erzählt hätte sie nichts näheres -davon; bloß, daß er nicht mehr Sonntags und auch so kommen könnt’, -weil er eben tot wäre. – Aber irgend eine andere Person aus ihrem -Hause hat eine Zeitung angebracht. Da hat alles drin gestanden. Sogar -sein Namen. Und unser Fräulein soll ausdrücklich auch erwähnt sein als -eine, die ganz untröstlich gewesen ist, als sie seine Leiche gebracht -hätten. Und jetzt wäre ein Mädchen bei ihr. – Bestimmtes wisse man ja -wohl nicht. Aber, wenn sich eine<span class="pagenum"><a id="Seite_284"></a>[S. 284]</span> niemals an die Sonne traute, keinen -Menschen ohne Verabredung zur Tür reinließ und immer so scheu wie ein -Hund rumkröche – denn könnte man sich schon allerlei denken. Der -Doktor, der die Hausmeisterkinder bei der Grippe behandelt hat, soll -zu irgendwem geäußert haben, daß sie den nächsten Kuckuck wohl nicht -mehr hören würde. Und wenn so eine dennoch gehalten würde und verwöhnt -und verhätschelt dazu, wie die Hausmeistertochter, die oben aufwartet, -erzählt, denn wüßte man schon genug.“</p> - -<p>„Und Sie haben das alles doch geglaubt, Pauline! Sonst hätten Sie nun -gerade zu ihr hinauf müssen und sie befragen. Ja, das durften Sie nach -der langen zusammenverlebten Zeit ganz gewiß.“</p> - -<p>„Ich mußte weinen,“ sagte sie still. „Ich war zu unglücklich von dem -Getratsch, Herr Rechtsanwalt, wie ich schon gesagt hab’.“</p> - -<p>„Sie werden noch einen anderen Grund gehabt haben,“ meinte er. „Auch -Ihre Ehrbarkeit hat sich gegen diesen Besuch gesträubt?“</p> - -<p>Ihr Gesicht war ganz blaß geworden.</p> - -<p>„Das versteh’ ich wohl nicht richtig!“</p> - -<p>„Nun, Sie hielten sich, nach dem Gehörten, wohl für zu gut, um Fräulein -von Ostried noch zu besuchen.“</p> - -<p>Sie stieß einen leisen Schrei aus.</p> - -<p>„Bei Gott, das war’s nicht!“</p> - -<p>„Was könnte es anders gewesen sein?“</p> - -<p>Sie suchte nach den rechten Worten.</p> - -<p>„In meiner Jugend war ich sehr hitzig und auch jetzt noch geht nicht -alles so still zu, wie sich das wohl eigentlich für mein Alter ziemen -tät’. Dafür kann einer nichts, glaube<span class="pagenum"><a id="Seite_285"></a>[S. 285]</span> ich. Ich war so voller Gift und -Galle, daß ich meine Hände kaum stillhalten konnt’. Die wollten der -lügnerischen Person an den Hals. – Und so hätt’ ich zu ihr reinkommen -sollen? Das wurde mir klar, als ich vor ihrer Tür stand. Verstellen -kann ich mich nicht; sie überhaupt würde gleich gewußt haben, daß -etwas vorgekommen wär’. Und wenn sie mich angesehen und auf’s Gewissen -gefragt hätt’, ja, Herr Rechtsanwalt, dann wär’ bestimmt alles – -aber auch alles – rausgesprudelt. Hinterher hätt’ ich mich prügeln -können, soviel es mir paßte. Was gesagt war, blieb! Und wenn ich’s -hundertmal widerrufen und bedauert hätt’. Den Schmerz wollte ich unserm -Fräulein nicht antun. Darum bin ich eins – zwei – drei wieder die -Treppe hinunter und habe mich unten auf der Straße erst mal richtig -ausgeweint. Am nächsten Tage wußte ich, daß alles Lüge war von Anfang -bis zu Ende. Aber wie das alles zusammenhängt, kann ich nicht wissen.“</p> - -<p>Er sah starr geradeaus. Den Zusammenhang, den Pauline nicht zu finden -vermochte, den fand er leicht. Er sah ein armes, schönes, schwer -enttäuschtes Mädchen ohne Schutz und Rat. Die Folgen waren unschwer zu -erraten und wer dürfte darum verurteilen?</p> - -<p>„Hatten Sie sich denn in aller Form bei ihr angesagt, Pauline?“</p> - -<p>„Ich habe sie gefragt, wann ich ihr passend käm’.“</p> - -<p>„Und die Antwort?“</p> - -<p>Das alte Mädchen zögerte einen Augenblick verlegen!</p> - -<p>„Geschrieben hat sie mir noch nicht, Herr Rechtsanwalt.“</p> - -<p>„Hm?!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_286"></a>[S. 286]</span></p> - -<p>„Der Brief kann ja verloren gegangen sein, Herr Rechtsanwalt.“</p> - -<p>„Sie werden wohl gar noch einmal bei ihr anfragen?“ sagte er nach einer -langen Pause.</p> - -<p>„Nein, Herr Rechtsanwalt. Ich werd’ heute nachmittag direkt zu ihr -gehen. Herr Rechtsanwalt erlaubt’s mir doch?“</p> - -<p>„Daß Sie ausgehen? Aber gewiß, liebe Pauline. Sie sollen mich überhaupt -nicht wegen dieser selbstverständlichen Dinge befragen.“</p> - -<p>Jetzt lachte sie ein wenig. Dann hörte er die Tür gehen und war mit dem -immer noch uneröffneten Briefe allein. Das lenkte ihn zunächst ab. Die -fremde steife Schrift auf dem Umschlag war ihm unbekannt.</p> - -<p>Der geöffnete Brief zeigte eine siebenzackige Krone über einem Adler, -der ein Lamm in seinen Horst schleppte. Der Waldsruher Majoratsherr -brachte darunter seine Wünsche zum Ausdruck.</p> - -<p>Die Zeilen waren liebenswürdig abgefaßt. Hinter dem Auftrage, der die -Abänderung und teilweise Erweiterung der Familienstatuten erbat, zeigte -sich die Verheißung zur Rechtvertretung bei einem Zivilprozeß über ein -erhebliches Objekt. Daß der darin Beklagte dem jungen Anwalt als ein -minderwertiger Aufkäufer alter Waldbestände bekannt war, hätte ihm -das in Aussicht Gestellte nur angenehm machen müssen. Trotzdem regte -sich ein Gefühl des Widerwillens gegen den ihm bis heute unbekannt -gebliebenen Auftraggeber.</p> - -<p>In diesem Augenblick war er unfähig zu jeder klaren, nüchternen -Erwägung. Erst ein wenig später glaubte er<span class="pagenum"><a id="Seite_287"></a>[S. 287]</span> zu wissen, daß ein Mädchen -mit der Vergangenheit Eva von Ostrieds unmöglich dem in jeder Beziehung -verwöhnten Geschmack dieses adelsstolzen, schwerreichen Witwers genügen -könne.</p> - -<p>Vergangenheit! – Wie kam er dazu, dies zweideutige Wort mit ihr in -Verbindung zu bringen? Dem elenden Klatsch eines natürlich sehr gegen -seinen Willen entlassenen Mädchens auch nur den geringsten Glauben zu -schenken?</p> - -<p>Ihn verlangte nach einer Aussprache mit ihr. Es konnte sie unmöglich -vorbereitungslos treffen! Seine Blicke würden ihr längst alles verraten -haben.</p> - -<p>Er legte Feder und Papier zurecht und schrieb.</p> - -<p>Zuerst malte er ihr das Bild seiner Eltern. Dann ging er zu dem über, -was ihm leicht von der Feder ging.</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>„Als ich Sie sah, wußte ich sofort, daß die Stunde meines Glückes -da war. Ich zweifelte nicht. Das kam erst später. Sie fühlten -alles. Ich merkte es und war sehr froh darüber. Schon als Sie mich -das erste Mal verließen, lag mir jeder Zweifel fern. Ich war ruhig -und dankbar, daß das Glück nicht an mir vorüberging. Unsere zweite -Zwiesprache sprengte fast mein Herz vor Seligkeit. Sie hatten -unter der Schar der harmlosen Worte jenes Briefes nach einem Laut -gesucht, der Ihnen mehr verriet.</p> - -<p>Darum durfte ich Ihnen auch schon jetzt meine Liebe zeigen. Sie -widerstrebten nicht. Mein Herz lag in ihrer Hand.</p> - -<p>Nun folgten wunderliche Tage. Zuerst Stunden, die ich um jeden -Preis auskosten wollte, so schön und unver<span class="pagenum"><a id="Seite_288"></a><span class="s4">[S. 288]</span></span>gleichlich waren sie. -Bis eines Tages mein wildes Verlangen sie unerträglich schalt.</p> - -<p>Damals habe ich Sie aus der Ferne mit einem Andern gesehen. Ich bin -auf ihn – sicherlich einen völlig harmlosen Bekannten – sinnlos -eifersüchtig gewesen. Nicht wahr, er ist doch nichts anderes für -Sie? Zuweilen sprach ich mit der alten Pauline über Sie. Oft nur -Ihren Namen, das war mir genug. Ich vertraute mir nicht mehr. -Und das ist sehr hart. Sie sollen alles wissen. Das habe ich mir -gelobt. Wir dürfen hinfort kein Geheimnis zwischen uns dulden. -Fühlen Sie das auch? Ich habe Sie vor mir verdächtigt und niedrig -gestellt. Es war alles nur die sinnlos tobende Eifersucht. Ich habe -Sie über alles lieb! Das Ganze bringe ich Ihnen! Nicht nur den Rest.</p> - -<p>Vor Ihnen habe ich keine geliebt. Ich bin überzeugt, daß ich auf -Sie warten mußte. Darum fordere ich auch Ihre ganze Seele!</p> - -<p>Sie sollen mich als Bruder, Freund und Vater empfinden, dem Sie -alles sagen dürfen und auch sagen müssen, ehe ich Ihr Lebenskamerad -und Geliebter werden darf.</p> - -<p>Sie sind rein. Ich weiß es! Kein Fleck ist vorhanden. Keine Stelle, -die sich verbergen müsse vor meiner Liebe. Wäre es anders, könnte -ich nicht über alle Begriffe selig sein, wie ich es jetzt bin!</p> - -<p class="right mright2">Ihr Walter Wullenweber.“</p> - -</div> - -<p>Ohne abzusetzen hatte er zu Ende geschrieben! Unter einem wundervollen -Zwange, und wie das Gefühl eines starken, lebensspendenden Rausches -blieb es ihm in der Seele zurück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_289"></a>[S. 289]</span></p> - -<p>– Er lief in den Abend hinaus und sah nichts als unruhig segelnde -Wolken.</p> - -<p>Als er heimkam, war es schon dunkel. In der engen Wohnung erwarteten -ihn Helle und Wärme. Die alte Pauline war zurück und hatte die -Abendmahlzeit gerichtet.</p> - -<p>Er nahm an, daß sie ihm, ohne seine Frage, berichten werde. Aber gegen -ihre Gewohnheit verließ sie sogleich das Zimmer, in dem er zu speisen -pflegte. Langsam schob er Bissen um Bissen in den Mund, und lauschte -dabei nach der Küche hinüber.</p> - -<p>Von der behaglichen Hängelampe herab schwang sich die dicke Schnur -mit der elektrischen Klingel für die Bedienung. Bisher hatte Walter -Wullenweber sie noch nicht benutzt. Er betrachtete die alte Pauline -nicht als seine Untergebene, sondern als einen freundlichen Hausgeist, -der aus eitel Lust an der Arbeit das Händestillhalten nicht erlernen -konnte. Jetzt preßte er den kleinen weißen Knopf in die Birne aus -rotgetöntem Holz.</p> - -<p>Sie erschien sofort ohne sich verwundert zu zeigen.</p> - -<p>„Wollen Sie mir gar nichts von Ihrem Ausflug erzählen?“ fragte er -obenhin.</p> - -<p>Sie versuchte ihre Verlegenheit unter einem Kichern zu verstecken, das -ihm weitab von aller echten Fröhlichkeit erschien. Denn ihr Gesicht, -in dem bei einer wirklichen Freude alle Falten mitlachen mußten, blieb -sorgenvoll.</p> - -<p>„Ach,“ machte sie, „das ist doch kein Ausflug gewesen, Herr -Rechtsanwalt!“</p> - -<p>„Wie haben Sie Fräulein von Ostried gefunden, Pauline?“</p> - -<p>„Ich hab’ halt wieder Pech gehabt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_290"></a>[S. 290]</span></p> - -<p>„S–o, nahm Ihnen die Person von neulich zum zweiten Mal den Mut?“</p> - -<p>Sie wurde ärgerlich.</p> - -<p>„Sie sollen das doch nicht sagen, Herr Rechtsanwalt! Natürlich war ich -oben. Und geklingelt hab’ ich auch. Mir hat aber Keiner aufgemacht.“</p> - -<p>„Die Herrschaft wird ausgeflogen gewesen sein. Der Tag war ganz dazu -gemacht.“</p> - -<p>„Nein, zu Haus waren sie ganz gewiß.“</p> - -<p>„Ihr Fräulein würde doch die alte Pauline, deren Liebling sie immer -noch ist, nicht so schlecht behandeln! Sie werden sich geirrt haben,“ -widersprach er.</p> - -<p>„Ich konnte es auch lange nicht fassen. Aber es war doch wohl so. Ehe -ich ihr ins Haus ging, habe ich mir nebenan die kleinen, netten Gärten -auf dem Bauland besehen. Vor dem Fenster an der Ecke stand Eine und -guckte gerade auf mich runter. Ich kann beschwören, daß das unser -Fräulein gewesen ist.“</p> - -<p>„Sie haben sich eben versehen, beste Pauline. Ihre Augen haben sechzig -Jahre gedient. Da müssen Sie nicht mehr zu viel von ihnen verlangen.“</p> - -<p>„Sie war’s bestimmt, Herr Rechtsanwalt. Ich hab’ raufgewinkt und sie -hat in der ersten Ueberraschung auch die Hand gehoben. Aber bloß ganz -matt. Nachher war sie gleich weg. Dann bin ich nach oben. Wohl zehnmal -hab’ ich geklingelt. Gerade wollte ich wieder gehen, da schob eins so -recht heimlich von innen die Platte vom Guckloch weg. Das Fräulein -war’s aber nicht. Vielleicht die Andere.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_291"></a>[S. 291]</span></p> - -<p>„Deren Aufenthalt bei Fräulein von Ostried die Person damals -mißbilligte?“</p> - -<p>„So denke ich’s mir!“</p> - -<p>„Konnten Sie das Gesicht wahrnehmen?“</p> - -<p>„Freilich! Ich hab’ doch scharf aufgepaßt. Ganz elend und durchsichtig -war’s. Aber schlecht und verworfen – – Nee, Herr Rechtsanwalt. Solche -sehen anders aus.“</p> - -<p>„Und dann haben Sie sich also davon gemacht?“</p> - -<p>„Was sollte ich sonst tun? Zufällig fand ich einen Bleistift in meiner -Tasche und den Fahrschein verwahre ich mir auch allemal, weil die -Kinder darauf wild sind. Auf den hab’ ich geschrieben „die alte Pauline -war hier!“ und das in den Briefkasten geschoben.“</p> - -<p>„Warum setzen Sie sich nicht,“ fragte er plötzlich. „Ich muß noch -mancherlei mit Ihnen besprechen. Wenn ich mich recht erinnere, -erzählten Sie mir von Fräulein von Ostrieds reichem Muttererbe. Oder, -sollte ich mich verhört haben?“</p> - -<p>Sie erzählte es noch einmal kurz.</p> - -<p>„Sie zeigte Ihnen also, um Sie über ihre Zukunft zu beruhigen, ihren -ganzen Reichtum?“</p> - -<p>„Ja, so war’s!“</p> - -<p>„Und die alte sparsame Pauline ist seitdem der Ueberzeugung, daß es -sich um Fünfzigtausend oder gar noch mehr handelte?“</p> - -<p>„Ganz so dumm bin ich doch nicht. Mit Geld weiß ich gut Bescheid. Ehe -das Fräulein zu uns gekommen ist, hab’ ich alles auf die Bank tragen -und wieder runterholen müssen, so oft unsere Frau Präsident nicht mit -ihrem Herzen in Ordnung war.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_292"></a>[S. 292]</span></p> - -<p>„Ich will Ihnen genau sagen, wie viel es gewesen ist. Eintausend Mark -und kein Pfennig mehr!“</p> - -<p>„Nein, nein. Es ist ein ganzes Pack Tausender gewesen.“</p> - -<p>„Wenn Sie das eidlich erhärten sollten, gute Pauline.“</p> - -<p>„Schwören, meinen Sie doch damit, Herr Rechtsanwalt? Da würd’ ich mich -keinen Augenblick besinnen. Wieviel Stück es gewesen sind, das kann ich -auf’s Haar nicht wissen. Zehn oder noch ein paar mehr waren es aber auf -Ehre und Gewissen. Zehn zum mindesten!“</p> - -<p>„Ich will noch etwas arbeiten, Pauline,“ sagte er da ohne weiteren -Widerspruch.</p> - -<p>Mit ein paar eiligen Schritten war sie neben ihm: „Was Schlechtes -dürfen Sie aber nicht von ihr denken, Herr Rechtsanwalt. Sie ist rein -wie ein Engel.“</p> - -<p>Schwerfällig nahm er in einem entlegenen Winkel seines Arbeitszimmers -Platz. Möglichst von der Lampe entfernt, deren greller Schein ihm weh -tat. Zum zweiten Male an diesem Tage bereitete er sich zum Schreiben an -sie vor. Ach ja, wo war denn der erste Brief geblieben? Genau an dieser -Stelle hatte er sich befunden, als er fortgegangen war. Er sprang zu -der alten Pauline hinaus.</p> - -<p>„Wo haben Sie den Brief von meinem Schreibtische, Pauline?“</p> - -<p>„Sie meinen doch den an unser Fräulein?“</p> - -<p>„Ja, wo ist er?“</p> - -<p>„Im Briefkasten, Herr Rechtsanwalt. Das war meine erste Arbeit, als ich -wieder zu Haus war!“</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_292_ende"> - <img class="w100" src="images/i_053_ende.jpg" alt="Kapitel 15, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_293"></a>[S. 293]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_293_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_189_kopf.jpg" alt="Kapitel 16, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_16">16.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">H</span>inter Eva von Ostried lag ein Tag und eine Nacht voller Kampf und -Entsagen! Die scharfen Augen der alten Pauline hatten sich nicht -getäuscht. Es war wirklich ihre Hand gewesen, die sich, wiederwinkend, -hinter dem Fenster erhob. In jenem Augenblick war ihr das Leben wie -ein mächtiger Strom, der sie reißend schnell zum Glück führen wollte, -erschienen. Sie empfand nicht länger in der Nahenden die unerträgliche -Mahnerin an einen begangenen Treubruch...</p> - -<p>Ihre Hand, die nur matt den Gruß erwiderte, war auch nicht schwach -geworden, weil sie sich fürchtete. Das kam erst später. Sie war selbst -zur Tür geflogen, um der Kommenden zu öffnen. Sehnsüchtig wartete sie -ihres ersten, auf der Treppe hörbaren Schrittes. Als er dann endlich -vernehmbar wurde, vollzog sich mit einem Schlag der Wechsel von -höchster Seligkeit zum tiefsten Entsetzen.</p> - -<p>Erst jetzt kam die eigentliche Strafe für ihre Schuld. Alles -bisher Durchlittene war nichts gegen dieses. Erinnern und Reue und -Bußbereitschaft.</p> - -<p>Ihr Kampf währte so lange, bis die Schritte Rast machten. Da war er -wider sie entschieden. Sie schleppte sich ins Zimmer zurück. Nur so -viel Kraft hatte sie noch gefunden, um der Hausgenossin, die sich schon -beim ersten<span class="pagenum"><a id="Seite_294"></a>[S. 294]</span> Klingelzeichen zur Tür begeben hatte, das Oeffnen zu -verwehren.</p> - -<p>Stundenlang lag sie danach blaß und starr auf dem Ruhebett.</p> - -<p>Dann kam Walter Wullenwebers Brief.</p> - -<p>Sie preßte den Brief an die schmerzende Brust, als sei sie gewiß, damit -lasse sich das Stechen und Bohren lindern. Und plötzlich preßten sich -ihre Lippen auf die Buchstaben.</p> - -<p>Das Heimweh war wieder da. Das brennende, wilde Heimweh! Was sollte -nun werden? Eva von Ostried wußte, als sie den Brief gelesen, daß -sie täglich und stündlich auf ihn gewartet hatte! Ungezählte Mal -wiederholte sie sich die Worte seiner Liebe. Und dennoch haftete keines -in ihr, außer den wenigen: „.. Sie sind rein. Ich weiß es!“</p> - -<p>Was sie in München nach Ralf Kurtzigs unerwarteter Werbung zum ersten -Mal empfunden hatte, daß sie dem Mann ihrer Liebe jenes furchtbare -Geheimnis enthüllen müsse, ehe sie die Seine werden könne, wurzelte -bereits fest in ihr. Walter Wullenweber sollte wissen und richten! In -seine Hände wollte sie die Entscheidung über ihr Schicksal legen.</p> - -<p>Und dann erschien es ihr doch unerhört grausam. Sie suchte unentwegt -nach einem barmherzigen Ausweg.</p> - -<p>Er würde sie verachten! – Vielleicht war seine Liebe aber so heiß, daß -er sie dennoch zu seinem Weibe machte?</p> - -<p>Ja, und deshalb sollte er dies wissen!</p> - -<p>Aber als sie die Feder eintauchte, beschloß sie, es ihm zu -verschweigen. Denn nun war ihr unbändig heißer Stolz erwacht. Eine -glaubhafte Erklärung, woher die Mittel<span class="pagenum"><a id="Seite_295"></a>[S. 295]</span> zu ihrem Studium stammten, -würde sich finden lassen. Was wußte ein lediger Mann von den Kosten -einer Haushaltungsführung aus dem Nichts – von der Notwendigkeit -aller sonstigen Anschaffungen. Schlimmstenfalls konnte sie ihm von -jetzigen großen Einnahmen durch Schüler und Konzerte sprechen und das -Ueberwinden des ersten Jahres nach dem Tode der Präsidentin durch die -vorhandene kleine Erbschaft und reiche Selbstersparnisse erklären. Sein -Vertrauen war groß genug, um ihr alles zu glauben. Es erschien ihr -unerschöpflich wie ein Brunnen über der springenden Erdquelle.</p> - -<p>Das ging aus seinem Briefe hervor.</p> - -<p>Es handelte es sich ja auch um sein Glück! Nicht lediglich um das ihre! -Wem schadete sie, wenn das Geheimnis ihrer Schuld gewahrt bliebe?</p> - -<p>Wieder las sie seine Zeilen.</p> - -<p>Dann verriegelte sie ihre Tür.</p> - -<p>Gegen Abend tastete sie sich endlich empor und antwortete ihm. Sie -hätte nicht zu sagen vermocht, woher ihr die Kraft dazu gekommen war:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>„Vom ersten Augenblick unseres Kennenlernens an habe ich Sie als -einen grundguten Menschen empfunden. Viele solcher waren mir bis -dahin nicht begegnet. Darum zeigte ich mich auch anders, wie sonst.</p> - -<p>Ich danke Ihnen für alles, was Sie mir in Ihrem Brief gesagt haben. -Es soll mir ein Ansporn zum Reifer- und Besserwerden sein. Erwidern -kann ich Ihre Liebe nicht. Ich habe mir die Kunst erwählt. Ihr muß -ich treu bleiben. Das begreifen Sie wohl. In dieser Stunde nehme -ich Abschied für immer von Ihnen und fühle für<span class="pagenum"><a id="Seite_296"></a><span class="s4">[S. 296]</span></span> Sie wie für einen -lieben, großen, treuen Bruder, den ich innig bitte, uns Beiden -jedes Wiedersehen zu ersparen.</p> - -<p>Es brächte mir nur Qualen und keine Sinnesänderung.</p> - -<p>Aber wissen sollen Sie, daß mein Herz keinem andern gehört noch -jemals gehören wird....“</p> - -</div> - -<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_296_tb"> - <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" /> -</div> - -<p>In der Karlsenschen Villa waren die Rolläden herabgelassen.</p> - -<p>Die junge Herrin des Hauses verließ seit Wochen das Zimmer nicht mehr. -Zuerst war es eine harmlose Erkältung gewesen, hervorgerufen durch eine -Fahrt im offenen Wagen bei empfindlichem Ostwind. Paul Karlsen hatte -damals im „Deutschen Opernhaus“ als Stolzing auf Engagement gesungen -und, fiebernd vor Stolz und Rausch, erklärt, daß er im geschlossenen -Gefährt ersticken müsse. Da waren sie selbstverständlich ohne das -schützende Verdeck mit dem feurigen Braunen der Kommerzienrätin durch -die Nacht gejagt, um irgendwo mit ein paar auserwählten Kollegen den -ungeheuren Erfolg des Abends bei eiskaltem Sekt zu feiern.</p> - -<p>Frau Elfriede war selig gewesen, weil er sie dazu mitnahm. Unter dem -Vorwande, dadurch schneller nach der Vorstellung heimzukommen, hatte -sie das Gefährt von ihrer Mutter, die es sonst dem Schwiegersohn nicht -gewährte, erbeten, nachdem diese umsonst die zarte Tochter von einem -Theaterbesuche bei dem rauhen Wetter abzuhalten versucht hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_297"></a>[S. 297]</span></p> - -<p>In ihrem lichtblauen Seidenkleide mit den wundervollen echten Spitzen -– das Rot des Fiebers und der Erregung auf dem schmalen Gesicht – -hatte die junge Frau fast hübsch ausgesehen. Dankbar umfaßte sie ihres -Mannes Rechte, weil er sie nicht zuvor heimgeschickt, um dann allein -zur Nachfeier fortzustürmen.</p> - -<p>Freilich glaubte sie genau zu wissen, daß er das bisher einzig aus -Sorge für ihre Gesundheit so getan. Aber eben deswegen jauchzte sie -inwendig, daß sie <em class="gesperrt">einmal</em> von ihm als Gesunde betrachtet wurde.</p> - -<p>Wie hätte sie darum auch nur das leiseste Wort einwenden dürfen, als -er den Kutscher zu immer größerer Eile anfeuerte? Der Wind schnitt wie -mit scharfen Messern in ihre empfindliche Haut. Ihre Brust begann zu -schmerzen, weil sie krampfhaft den Atem einhielt. Sie brauchte aber nur -ihres jungen, sieghaften Stolzings zu gedenken, dessen Stimme besonders -im Preislied von berückendem Glanz gewesen. So war sie zugleich Weib -und Kind! Wunschlos glücklich und daneben neugierig auf den Blick in -das bunte Leben.</p> - -<p>Nun war es ihr nicht viel anders wie den kleinen Spätmalven ergangen! -Sie büßte schwer. Aus der Erkältung war ein Husten geworden, der sich -sehr böse und hartnäckig gestaltete, weil ihn die Leidende zu lange -verheimlichte. Die schmerzhafte Brust- und Rippenfellentzündung, die -sich hinzugesellte, war zwar auch wieder überwunden. Eine kleine -Schwäche blieb indes zurück. Das Herz war angegriffen! Nur das Herz. –</p> - -<p>Frau Eßling besuchte die Tochter täglich. Aber sie vermied es, mit -dem Schwiegersohn zusammenzutreffen. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_298"></a>[S. 298]</span> ließ sich, ohne damit zu -verletzen, sehr gut einrichten. Seitdem Paul Karlsen den fünfjährigen -Vertrag, der ihn an das „Deutsche Opernhaus“ band, unterzeichnet hatte, -war er noch weniger wie früher in seinem Heim anzutreffen.</p> - -<p>Heimlich vor der Tochter hatte sich die Kommerzienrätin erkundigt, -ob ihn die Proben zur Zeit so voll, wie er behauptete, in Anspruch -nahmen. Und die gewonnene Auskunft mußte es bestätigt haben, denn sie -widersprach Frau Elfriede nicht mehr, wenn die über die Grausamkeit der -Spielleitung zu klagen begann. mdash;</p> - -<p>Im übrigen betrachtete sie diese Erkrankung, die ja, Gottlob, bald zur -Genesung werden sollte, als ihr Geschenk, das sie dankbar genoß. Ihre -Befürchtungen waren auch geringer geworden, seitdem sich die Tochter -endlich bereit gefunden, während einiger Wintermonate mit ihr nach St. -Blasien zu gehen. Der wöchentlich einmal zu dem Hausarzt hinzugezogene -Professor erklärte sich mit dem Verlauf durchaus zufrieden und die -junge Frau selbst fühlte, außer der Mattigkeit, keinerlei Beschwerden.</p> - -<p>Heute hatte sie sogar heimlich das Bett verlassen, um mit dem Gatten -das Mittagsmahl in dem feierlichen Speisezimmer einzunehmen. Sie -brach aber unter den geschickten Händen der Jungfer, die sie für die -Ausführung ihres Planes gewonnen, zusammen.</p> - -<p>Nun ruhte sie längst wieder in den kostbaren Kissen und lauschte auf -den Tritt ihres Mannes, der sogleich hörbar werden mußte. Denn Paul -Karlsen wollte ihr den Rest dieses Tages zum Geschenk darbringen. Die -Proben fielen aus, ein paar von der Kollegenschaft sehnlichst begehrte -Aussprachen hatte er, nach seinem Bericht, abgesagt. Des<span class="pagenum"><a id="Seite_299"></a>[S. 299]</span>halb blieb -auch die Kommerzienrätin heute fern. Nur der übliche Morgengruß, ein -Strauß frischgeschnittener Herbstblumen aus dem Heimatsgarten standen -auf der Glaseinlage des Nachttisches.</p> - -<p>Vor dem Ruhelager stand ein zierlicher, mit bunten Weinranken und -flammendem Mohn geschmückter Tisch mit zwei Gedecken. Die drei von -schweren weißen Perlen gehaltenen rosa Schalen brannten und erfüllten -alle Gegenstände mit warmem, erwartungsvollem Leuchten.</p> - -<p>Sie wußte, wie sehr ihres Mannes Stimmung von äußeren Dingen -abhängig war. Hatte unzählige Mal erlebt, daß ihn ein trüber Tag – -ein klagendes Wort, – ja, selbst eine unfrisch gewordene Blume in -den Vasen reizen und niederdrücken konnte. Darum sollte ihm alles -entgegenstrahlen wie zu einem Feste.</p> - -<p>Selbst der graue Tag hatte sich gegen Mittag aufgehellt. Ein frischer -Wind fegte die letzten Wolken zusammen und warf sie in das Nichts. Die -Rolläden wurden jetzt emporgezogen. Der buntfarbige Schein des wilden -Weins vermählte sich mit den rosa Schleiern zu einer verschwimmenden -Farbe von unbeschreiblichem Reiz.</p> - -<p>Die junge Frau dachte daran, daß sie in diesem Herbst eigentlich mit -dem Gatten in das kleine Landhaus am Scharmützelsee hatte flüchten -wollen, um wie eine richtige Hausfrau selbst die Mahlzeiten zu -bereiten, während er auf der dazu gekauften ergiebigen Jagd das -Wildpret für den nächsten Tag erlegte! Dies kleine Märchen, mit dem -sie ihm, sehr gegen den Willen der Mutter, einen langgehegten Wunsch -erfüllte, war für sie zu einer Quelle beständiger Sehnsucht geworden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_300"></a>[S. 300]</span></p> - -<p>Denn Paul Karlsen verbrachte seither die wenigen Mondscheinnächte, die -ihm keine Berufspflichten auferlegten, im Anstand auf der Wildkanzel, -und sie durfte ihm lediglich mit jedem ihrer Gedanken auf diesen -Streifzügen begleiten.</p> - -<p>Gerade wollte sich ein tiefer, schmerzlicher Seufzer gegen die Härte -des Geschicks auflehnen, als ein leichter, federnder Schritt vor ihrer -Tür erklang.</p> - -<p>Im Augenblick veränderte sich ihr Gesicht. Von innen heraus kam das -Strahlen, übergoß nun auch sie mit dem Schimmer rosigen Lebens – -tuschte ein liebliches Rot auf ihre Wangen und setzte glänzende Lichter -in ihre Augen, die ihm entgegen lachten.</p> - -<p>„Wie schön, daß du endlich da bist, Paulchen.“</p> - -<p>Er küßte ritterlich ihre Hand und warf sich, ehe er ihr gegenüber Platz -nahm, mit einem kleinen fröhlichen Jauchzer, der sie unbeschreiblich -glücklich machte, auf das kostbare Fell des Eisbären, welches ein -zweites breites Ruhebett deckte.</p> - -<p>„Du bist eine ganz raffinierte Person, Elfchen! Direkt gefährlich hast -du’s gemacht!“</p> - -<p>„Gefällt es dir wirklich, Paulchen?“</p> - -<p>„Es ist – nee – stimmungsvoll wäre nicht das richtige Wort! Warte -mal –“ und er dachte scheinbar darüber nach, während er in Wahrheit -überlegte, wie er ihr nachher glaubhaft machen könne, daß er nun doch -nicht den ganzen Nachmittag und Abend an ihrem Lager verbringen werde.</p> - -<p>Die feine, gepflegte Hand sank herab.</p> - -<p>„So – jetzt hab ich’s! Raffiniert drückt es auch nicht voll aus. Sagen -wir mal – verliebt –“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_301"></a>[S. 301]</span></p> - -<p>„Das bin ich aber gar nicht in dich.“</p> - -<p>„Erlaube mal! Mein gutes Recht habe ich mir noch nie kürzen lassen.“</p> - -<p>„Ich habe dich lieb,“ sagte sie mit rührender Schlichtheit.</p> - -<p>Er hatte genau gewußt, daß sie dies erwidern würde, wie sie ihm -überhaupt keinerlei Ueberraschungen zu bereiten vermochte. Auch diesen -wirklich netten Ausputz hatte er ganz bestimmt erwartet. Es rührte ihn -gewiß, aber langweilig blieb die ewig gleiche, dienende Unterwürfigkeit -und Anbetung dabei doch.</p> - -<p>„Du bist ein gutes, liebes Tierchen,“ lobte er freundlich, „erwähle dir -eine Extrabelohnung.“</p> - -<p>„Darf ich sehr unbescheiden sein, Paulchen?“</p> - -<p>„Wollen mal sehen,“ machte er lässig.</p> - -<p>„Dann lies mir, nachdem wir gegessen und du dich gründlich geruht -hast, etwas vor. Besondere Wünsche wage ich nicht. Deine Stimme -erfüllt ja alles, auch das, was mich früher nicht fesseln konnte, mit -unvergleichlichem Glanz.“</p> - -<p>Es schmeichelte seiner Eitelkeit. Aber – ihr vorlesen – gräßlich -langweilig! Neue Hinweise fand die gute, kleine Frau doch nicht -heraus. Lernen konnte er also dabei nichts. Im voraus fühlte er ihre -grenzenlose Bewunderung – sah förmlich, wie sie, überwältigt von -seiner Begabung, in Tränen ausbrach und schließlich ihre Arme um seinen -Hals schmiegen wollte.</p> - -<p>Da war die kleine Teufelin, das Evachen, eine andere Zuhörerin. Die -junge Dresdener Künstlerin hatte neben ihm in den Meistersingern -gewirkt. Nun weilte sie zwar längst wieder an ihrem Hoftheaterchen und -zeigte vorläufig nicht die geringste Lust, dies gegen ein anderes, und -sei<span class="pagenum"><a id="Seite_302"></a>[S. 302]</span> es selbst dasjenige, an dem er glänzte, einzutauschen. Heute war -sie auf der Durchreise in Berlin und, wie ihm ihr Telegramm mitteilte, -gern bereit, ihm im Esplanade ein langbemessenes Plauderweilchen zu -gewähren.</p> - -<p>„Schön,“ sagte er endlich gönnerhaft, als sei er nun mit dem Nachdenken -fertig, „was nehmen wir also? Goethe, ja? Ein bißchen sollst du noch -vor Tisch naschen!“</p> - -<p>Sie nickte mit leuchtenden Augen – und wartete.</p> - -<p>Er dachte einen Augenblick daran, ihr einfach von einer dringenden -beruflichen Zusammenkunft zu erzählen, die ihm morgen sehr viel Zeit -fortnehmen würde. Dann aber schob er diesen Gedanken vorläufig zurück. -Vorsichtig begann er das herbeigeholte Buch aufzuschlagen und fuhr mit -den Fingern über die einzelnen Gedichte, als liebkose er sie.</p> - -<p>„Hören wir mal die Epigramme, die der Meister in Venedig schuf.“ Und er -begann träumerisch und weich das Dritte:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Immer hat mich die Liebste begierig im Arme geschlossen,</div> - <div class="verse indent2">Immer drängt sich mein Herz fest an den Busen ihr an.</div> - <div class="verse indent2">Immer lehnt ihr Haupt an meinen Knien. Ich blicke</div> - <div class="verse indent2">nach dem lieblichen Mund, ihr nach den Augen hinauf.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Sie war wie berauscht. Die Freude, weil dieser Begnadete ihr gehörte, -beschleunigten ihren flatternden Herzschlag noch mehr. Dies zarte -Geständnis – auch seiner Liebe – entschädigte sie für vieles, um das -sie zuweilen andere junge Frauen glühend beneidete. War ihr Glück dafür -nicht auch tausendmal vielfältiger und reicher?</p> - -<p>Als er jetzt verstummte, wollte sie so fröhlich lachen, wie er es gern -hatte, einen Scherz versuchen, damit die von ihm bespöttelte Weichheit -fernblieb.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_303"></a>[S. 303]</span></p> - -<p>Und sie konnte doch nur haltlos und überglücklich weinen! Es half -nichts, daß sie sich sofort seine lebhafte Abneigung gegen alle Tränen, -die nicht auf der Bühne vergossen wurden, klarmachte. Unaufhaltsam -strömten die Tropfen über ihr Gesicht und löschten alle trügerische -Frische fort.</p> - -<p>Wie durch einen Schleier gewahrte sie, daß er seinen Mund mißbilligend -verzog. Todesangst ergriff sie, der schöne sehnsüchtig erwartete Tag -möchte ihm zu einer großen Enttäuschung werden!</p> - -<p>„Ich bin zu glücklich,“ entschuldigte sie sich leise.</p> - -<p>Er war aufgestanden und zu ihr getreten.</p> - -<p>„Matt bist du, mein Kleines und ich, alter Tölpel, gebe mich zu dieser -unprogrammäßigen Aufregung auch noch her.“</p> - -<p>„Du willst doch nicht sagen –“ Ihre Stimme zitterte ängstlich.</p> - -<p>„Daß ich unmöglich den langen geschlagenen Nachmittag oder gar noch -den Abend deine angegriffenen Nerven quälen darf, so schwer mir ein -freiwilliger Verzicht auf diese famosen Stunden auch wird.“</p> - -<p>„Paulchen, ich flehe dich an! Glaube mir doch, es ist nichts, als die -große, große Freude, dich heute bei mir haben zu dürfen.“</p> - -<p>„Der Meergreis von Hausarzt, der dich kennt, solange du überhaupt da -bist, hat mir strengste Ruhe und Schonung für dich zur heiligsten -Pflicht gemacht.“</p> - -<p>„Aber ich ruhe mich ja gerade bei der Musik deiner Stimme aus! Höre -nur, wie wundervoll artig mein Herz geht.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_304"></a>[S. 304]</span></p> - -<p>Lachend schüttelte er den Kopf. „Davon verstehe ich nichts, Elfchen! -Ich weiß jetzt lediglich, daß es dein Wohl gilt. Höchstens zwei Stunden -insgesamt bleibe ich bei dir. Dann entschwinde ich. Du schläfst fein -ein und träumst von mir, wenn nicht besser von unserm Altmeister -Goethe.“</p> - -<p>„Das besorge ich an sämtlichen andern Tagen schon, Paulchen,“ beharrte -sie in fieberhafter Unruhe. „Dies heute ist mein Festtag, den ich nicht -hergebe.“</p> - -<p>„Sei nicht kindisch, dumme, kleine Frau.“</p> - -<p>Sie richtete sich auf und blickte ihn fast streng an.</p> - -<p>„Ich werde sofort aufstehen und mich ankleiden lassen. Jawohl, das -mache ich! Ganz bestimmt, wenn du grausam bleibst.“ Er lenkte ein.</p> - -<p>„Gut, dann will ich auch noch den Nachmittagstee bei dir nehmen. Aber -– Hand her. Kein Wort hinterher zu deiner Mama oder zu dem Meergreise! -Auch der häusliche Detektiv muß ahnungslos bleiben. Für ihn verschwinde -ich gleich nach dem Mittag, das hoffentlich nicht mehr allzu lange -auf sich warten läßt. Denn, verzeih, Kleines, aber ich habe einen -Bärenhunger.“</p> - -<p>Er sprach den Speisen mit dem Appetit eines beneidenswerten Gesunden -zu, der eine beträchtliche Menge braucht, um sich den Ueberschuß seiner -Kraft zu erhalten. Seiner Stimme zu liebe war er ein sehr mäßiger -Trinker. Und dies blieb das einzige Opfer, das er brachte. Denn er -liebte einen guten Tropfen bei lustiger Gesellschaft und brauchte ihn -eigentlich zur Anreizung noch mehr, wenn sie fehlte. Darum hatte er -bei jeder der Hauptmahlzeiten einen Kampf mit sich zu bestehen, der -schließlich eine erhöhte Reizbarkeit auslöste.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_305"></a>[S. 305]</span></p> - -<p>Heute beschloß er eine Ausnahme zu machen.</p> - -<p>Er hob den Sekt aus dem Kühler und war im Begriff den Kelch seiner -Frau zu füllen, als er, noch ehe er begonnen, die Flasche wieder steil -emporhielt.</p> - -<p>„Die Zufuhr von jeglicher Flüssigkeit muß bei dir – nach den Herrn -Aerzten – möglichst beschränkt werden. Das Herzchen darf sich nicht -überarbeiten.“</p> - -<p>Sie zog ein Schmollmäulchen.</p> - -<p>„Nur ein einziges Glas, Paulchen. Wir haben uns ja ohnehin schon gegen -Mama, den Arzt und den Alten verschworen.“</p> - -<p>„Nun, dann will ich ausnahmsweise großmütig sein. Schaden kann es -eigentlich kaum. Trinke einen tüchtigen Schluck und dann berichte -wahrheitsgemäß von seiner Wirkung.“</p> - -<p>Weil sie fühlte, wie sehr sie einer Stärkung bedurfte, leerte sie den -Kelch hastig. Er drohte ihr scherzhaft.</p> - -<p>„Leichtsinn du! So war’s nicht gemeint.“</p> - -<p>Bittend schob sie ihm das schlanke Glas herüber. „Noch einmal, ja?“</p> - -<p>„Auf gar keinen Fall, Frau Elfriede.“</p> - -<p>„Ich sollte doch Bericht geben. Wie aber vermag ich das. Kaum ein -Fingerhut voll war es.“</p> - -<p>Er tat ihr mit einem nachsichtigen Lächeln den Willen.</p> - -<p>Sie stießen miteinander an. Ihre Lippen röteten sich.</p> - -<p>„Jetzt mußt du auch tüchtig essen,“ forderte er und häufte ihr den -Teller. Das hatte er noch nie getan. Es erfüllte sie mit heißer -Dankbarkeit. Gehorsam begann sie. Aber es ging nicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_306"></a>[S. 306]</span></p> - -<p>„Ich bin immer noch zu durstig,“ gestand sie mit einem verlegnen -Seufzen. „Gib mir noch etwas. Merkst du nicht, wie es mich erfrischt?“</p> - -<p>„Habe ich mich denn verhört, daß dir die vereinigte Macht der Aerzte -alle Flüssigkeitsaufnahme streng beschränkte,“ fragte er gedankenlos -und vergaß, daß er es bereits vorher, als feststehend, erwähnt hatte. -„Gewiß, ich irre mich. Denn du bist doch sonst verständig und folgsam -wie eine kleine Musterschülerin.“</p> - -<p>„Das hast du entschieden geträumt, Paulchen. Vor ein paar Wochen, ja, -da hat die ärztliche Obrigkeit etwas Aehnliches gesagt. Das Verbot -hat längst ausgewirkt. Heute ist es also mein gutes Recht.“ Warm -und wohlig durchrieselte sie das edle, berauschende Getränk. Auch -er begann sich behaglich zu fühlen. Im Allgemeinen war’s doch recht -hübsch, daß er es so weit gebracht hatte. Einige Unbequemlichkeiten -gab es freilich zu überwinden. Die scharf äugende Schwiegermama – der -Detektiv von Diener und zuweilen sogar die kleine, verliebte Frau. Denn -sie war rechtschaffen wie ein Backfisch in ihn verliebt, trotz ihres -großartigen Protestes. Zu einem richtig flammenden machtvollen Gefühl -reichte ihr bißchen Kraft nicht aus.</p> - -<p>Sie merkte, daß er fröhlich wurde. Das spannte ihre Kräfte an und ließ -sie nichts denken, als daß er voll glücklich sein möge. Die leise, -geschickte Jungfer bediente heute bei Tisch. Daß der Alte bei den -sterbenden Malven stand und scharf ins Zimmer hereinspähte, konnten sie -nicht ahnen, denn sie waren beide mit sich und den prickelnden Tropfen -zu sehr beschäftigt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_307"></a>[S. 307]</span></p> - -<p>Paul Karlsen blieb auch bei ihr, als das kleine Mahl beendet war.</p> - -<p>„Jetzt mußt du deine Havanna rauchen,“ drängte sie liebevoll.</p> - -<p>„In deinem Krankenzimmer? Nee, mein Schatz so ungeniert betrage ich -mich denn doch nicht –“</p> - -<p>Sie hatte aber schon ein verborgen gehaltenes Schächtelchen mit -Zigarren hervorgeholt.</p> - -<p>„Heute kommandiere ich, mein Lieb.“ Lachend ließ er sich die schwere -Havanna von ihr entzünden.</p> - -<p>„Wenn uns jetzt deine Vorgesetzten sehen, Kleines.“</p> - -<p>„Ich erkenne nur dich an und sonst niemand.“</p> - -<p>„Na, na,“ machte er mit erhobenem Finger.</p> - -<p>„Soll ich dir eine Probe von meiner Unfolgsamkeit gegen sie alle -ablegen?“</p> - -<p>„Das wirst du gefälligst unterlassen. Es wäre wahnsinnig, wenn du in -deiner Lage eine Unvorsichtigkeit begingest.“</p> - -<p>Ein schmerzhafter Stich durchzuckte ihr Herz. In deiner Lage? O, wie -sie die beständigen Hinweise auf ihre Schonungsbedürftigkeit haßte.</p> - -<p>Freilich hatten sie nicht immer den gleichen Klang! Die Mutter wählte -zarte Umschreibungen dafür. Der alte Hausarzt bezeichnete es einfach -mit den verschiedenen sanften, warnenden oder empörten O–o! Der alte -treue Diener wagte zuweilen ein leises, flehendes aber. Sie meinten in -allen Fällen das Gleiche.</p> - -<p>„Nämlich, nimm dich in Acht. Sonst –“</p> - -<p>Sie dachte plötzlich mit der Empfindung aufrichtigen Mitleids an alle, -die einen frühen Tod erleiden mußten. Auch<span class="pagenum"><a id="Seite_308"></a>[S. 308]</span> an die Schwestern, die sie -noch lebhaft in der Erinnerung als stille, bleiche, ungeliebte Wesen -hatte.</p> - -<p>Sie aber wurde geliebt wie kaum eine zweite Frau, war glücklich und -dachte noch lange nicht an das Sterben! Dies bißchen Unpäßlichkeit. -Nun, was hatte dies zu sagen? War nicht diese oder jene aus ihrer -Bekanntschaft ebenfalls eine Zeitlang bleichsüchtig und matt gewesen?</p> - -<p>Sie wollte gesund und stark werden. Für sich und den Liebsten und all -das, was vielleicht die Zukunft noch für sie bereit halten würde. Und -beweisen wollte sie ihm ebenfalls, wie unnötig und übertrieben die -ewige Bevormundung sei!</p> - -<p>Sie rang sich auf und lief zu ihm! Er lag auf dem kostbaren -Eisbärenfell und paffte runde, kunstgerechte Ringel in das Rosa der -Luft.</p> - -<p>Es stieg ihr wie Lachen auf, aber sie mußte husten, als solle sie -ersticken.</p> - -<p>„Leichtsinn,“ schalt er. Aber auch er lachte dabei.</p> - -<p>Sie begann, durch den ungewohnten Genuß des Sektes angeregt, durch den -eigenen Willen hochgehalten, zu tollen und wieder zu lachen, zerrte -eins der seidenen Kissen unter seinem Kopf hervor, warf es gegen sein -Gesicht und stand einen Augenblick mit wogender Brust – atemlos von -der ungewohnten Anstrengung mit einem Gefühl heftigen Schwindels.</p> - -<p>Als es überwunden war, ohne daß er etwas davon gemerkt hatte, erhöhte -sich ihre Ausgelassenheit noch. Ein Rausch glühte in ihr. Dann wurde -sie mit einem Schlage ganz matt. Er fühlte ihren leichten Körper schwer -und immer schwerer in seinen Armen und trug sie auf ihr Lager<span class="pagenum"><a id="Seite_309"></a>[S. 309]</span> zurück. -Dort lag sie regungslos unter dem Geriesel der feinen Spitzen.</p> - -<p>„Jetzt sagst du lange Zeit kein einziges Wort,“ befahl er. „Ich werde -nicht weiter ruhen, sondern wieder lesen. Also, weiter im Text mit -unserm Goethe.“</p> - -<p>Sie strengte sich umsonst an, ihm zu folgen. In bleischwerer Müdigkeit -sanken ihre Lider zu. Es war sehr still. Denn auch Karlsens weiche, -schmeichelnde Stimme klang wie ein Streicheln, das alles noch sanfter -machte. Er sah nach einer Weile zu ihr hin und entdeckte, daß sie -eingeschlafen war.</p> - -<p>Sobald er verstummte, öffnete sie die Augen und starrte ihn mit -seltsam leeren Blicken an. Es war ihm auch, als röchele sie leise. Er -ging nicht zu ihr, um sie zu befragen, ob sie Schmerzen habe, aber -er begann wieder zu lesen, bis er endlich, heftig und mißmutig, das -Buch zuklappte und sich erhob. Da öffneten sich ihre Lider von neuem. -Diesmal streckten sich in zitternder Bewegung die Arme nach ihm aus.</p> - -<p>„Paulchen.“ In traumverlorener Bitte klang sein Name. Da ging er -großmütig an ihr Lager und küßte sie.</p> - -<p>„Schlaf weiter, kleine, müde Frau!“</p> - -<p>Ihre Lippen waren so kühl, daß er zusammenfuhr. Ihr Gesicht ähnelte, -nun die Röte der Erregung daraus geschwunden, einer geblichenen Maske. -Wie sein Mund den ihren berührte, lächelte sie dankbar.</p> - -<p>Unter dem feinen Batist der losen Jacke sah er das stoßweiße Zucken des -matten Herzens – merkte, wie ihre blassen Lippen nach einem tiefen, -erlösenden Atemzug dursteten. Mit kaltem Schrecken durchrieselte ihn -der Ge<span class="pagenum"><a id="Seite_310"></a>[S. 310]</span>danke, daß plötzlich eine Verschlechterung eingetreten sein -könne, die ihn ans Haus fesseln mußte. Ihn zog es unwiderstehlich fort -– ins Esplanade.</p> - -<p>Er wollte der Jungfer von seiner Befürchtung Mitteilung machen, ehe -er verschwand. Sah dann aber ein, daß er ihr lediglich von seinem -Ausgange sagen könne, damit sie sich zu der Kranken begebe. Sein -mehrmaliges Läuten nach ihr blieb indessen wirkungslos. Nur der alte -Diener erschien. Ohne stehen zu bleiben, rief er ihm, nur den Kopf -zurückwendend, zu:</p> - -<p>„Die gnädige Frau hat mit bestem Appetit gegessen und jetzt schläft sie -herrlich. Ich fahre nach dem Scharmützelsee hinaus, um auf den Rehbock -zu gehen. Melden Sie das der Frau Kommerzienrat.“</p> - -<p>Eine Antwort erhielt er nicht. Ungeduldig stürmte er durch den -Vorgarten, ohne zu sehen, daß sich über das alte Gesicht im Vestibül -eine heimliche Träne stahl!</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_310_ende"> - <img class="w100" src="images/i_029_ende.jpg" alt="Kapitel 16, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_311"></a>[S. 311]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_311_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_206_kopf.jpg" alt="Kapitel 17, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_17">17.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">A</span>uf dem gärtnerischen Hätschelkinde des neueren Charlottenburgs, -dem Savigniplatze, rief ein alter Invalide eine Neuigkeit aus dem -Morgenblatte aus. Eva von Ostried wartete hier seit geraumer Weile -auf ihre Bahn; als die heisere Stimme an ihr Ohr schlug, streckte sie -mechanisch die Hand aus und kaufte ein Blatt.</p> - -<p>Zuerst überflog sie die fettgedruckte Ueberschrift ohne sonderliches -Interesse. Dann aber las sie mit scharfer Spannung und konnte nicht -gleich voll begreifen:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>„Kurz vor Redaktionsschluß ging uns die folgende Nachricht zu, die -eine angesehene und sehr wohltätige Dame der Berliner Gesellschaft -in tiefe Trauer versetzt. Als sich gegen acht Uhr abends in einem -zuvor für diesen Zweck bestellten Zimmer im Hotel Esplanade die uns -von der letzten Aufführung der „Meistersinger“ her als vollendetes -„Evachen“ bekannte Dresdener Kammersängerin J. P. mit dem neuen -Heldentenor des Charlottenburger Deutschen Opernhauses, Herrn -P. K., zu einem Imbiß niedergelassen hatten, erzwang sich eine -auffallend gekleidete Person den Eingang in diesen Raum und schoß -den vielversprechenden Künstler nieder. An einem zweiten Schusse, -den sie im Begriff stand, auf seine Begleiterin abzugeben, konnte -sie glücklicherweise gehindert werden. Der sofort herbeigerufene -Arzt vermochte leider nur noch den Tod des hochbegabten Sän<span class="pagenum"><a id="Seite_312"></a><span class="s4">[S. 312]</span></span>gers -festzustellen. Aus eigner Ueberzeugung wissen wir, daß dem -heimgegangenen Künstler eine glänzende Laufbahn sicher war, die -das grauenhafte Verbrechen jäh zerstörte. Die Personalien der -Mörderin waren bis zu dieser Stunde noch nicht festzustellen, -weil sie hartnäckig jede Auskunft über ihre Person verweigerte. -Der Direktor des Hotels glaubt in ihr eine frühere Chansonette zu -erkennen. Ob dies richtig ist, bleibt abzuwarten. Dagegen erfahren -wir zuverlässig, daß am Nachmittag desselben Tages, also noch -bevor das Schreckliche geschah, die junge, seit langer Zeit schwer -leidende Gattin des Künstlers in ihrem schönem Heim im Grunewald -einem Herzschlag erlag. Ihr plötzlicher Tod steht in keinerlei -Zusammenhang mit dem Vorfall. Sie war die einzige noch lebende -Tochter der eingangs erwähnten Frau Kommerzienrätin E., die mit ihr -nun auch das letzte Kind verliert, nachdem vor Jahren ihre beiden -älteren Töchter von einer heimtückischen Krankheit dahingerafft -wurden....“</p> - -</div> - -<p>Eva von Ostried setzte sich auf eine der Bänke, vor denen eine Schar -Kinder spielten. Sie war bestürzt, denn Karlchen war das Opfer seiner -Schuld, und wieder flammte es in riesenhafter Schrift vor ihr auf: -„Der Uebel größtes...“ Und diesmal vervollständigte sie ruhig und fest -„aber ist die Schuld“. Seitdem sie ihr Lebensglück opfern mußte, fand -sie keine Strafe dafür zu groß. Es verging kein Tag, an dem nicht der -heiße, zwingende Wunsch zur Sühne in ihrer Seele flammte.</p> - -<p>Als Eva von Ostried nach Hause kam, fand sie die Hausgenossin scheinbar -unverändert am Herde walten. Das gewährte ihr eine vorübergehende -Erleichterung. So legte sie die Arme um die schmalen Schultern und -führte Gretchen Müller sanft in das kleine Zimmer, in das die liebe<span class="pagenum"><a id="Seite_313"></a>[S. 313]</span> -Sonne und das bunte Herbstlaub der alten Parkbäume hineinschienen.</p> - -<p>„Ich habe Ihnen das Versprechen gegeben, Sie niemals, wie die Andern, -durch eine Frage zu quälen, Fräulein Gretchen“, begann sie unsicher. -„Denn es muß alles seine Zeit haben, um heilen zu können, Gretchen. Und -wir haben es deshalb noch nie in Worte gefaßt – – ich weiß aber, wie -nahe Ihnen Paul Karlsen einst gestanden hat...“</p> - -<p>„Ich habe ihn sehr lieb gehabt. – – Das ist lange, lange her...“</p> - -<p>„Und jetzt...“</p> - -<p>„Sie wollen mir sagen, daß er tot ist, nicht wahr?“</p> - -<p>„Sie wissen bereits?“</p> - -<p>„Ich habe alles gelesen,“ antwortete das Mädchen.</p> - -<p>Sie schauerte zusammen. „Ich habe ihn verachtet – ihm geflucht – -und doch – im innersten Herzen liebte ich ihn weiter. Warum das sein -muß, weiß ich nicht. Ich schämte mich, daß ich mich heimlich von ihm -küssen ließ, daß ich den Meinen Kummer und Schande machen mußte. Ich -löste mich eines Tages von ihm, schlug und spie nach ihm, und habe doch -immer nach seinem Anblick Sehnsucht gehabt. Keinem könnte ich das sonst -sagen, wie Ihnen. Als ich ihm folgte, wollte ich nichts anderes, als -daß er mich bald zu seiner Frau machen würde. Daß er nicht mehr frei -war, erfuhr ich viel später. Seitdem hat er mich nicht mehr berühren -dürfen. Tagelang habe ich gehungert, weil ich sein Geld verachtete; -denken Sie doch, das Geld seiner Frau! Kannten Sie sie? Ja? Wie sah sie -aus? Ich denke sie mir wie ein Kind, das weder einen eigenen Willen -noch ein eigenes Leben hatte.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_314"></a>[S. 314]</span></p> - -<p>„So ist sie wohl gewesen?“</p> - -<p>„Ihr Vertrauen zu ihm muß grenzenlos gewesen sein. Darüber wurde eines -Tages in dem Kreis, in den er mich einführte, hinter seinem Rücken viel -gespöttelt. Dadurch habe ich davon erfahren....“</p> - -<p>„Nur darum ist sie schrankenlos glücklich gewesen und auch geblieben, -Gretchen.“</p> - -<p>„Glauben Sie an ihr Glück?“</p> - -<p>„Ich habe es gefühlt,“ sagte Eva von Ostried und erzählte ihr, wie sie -die junge zarte Frau kennen gelernt.</p> - -<p>„So glauben Sie nicht, daß sie etwas von mir geahnt hat?“</p> - -<p>„Auf keinen Fall. Er war zu gewandt und zu klug, um ihr nicht die -vollendete Komödie des treuen Ehemannes vorzuspielen.“</p> - -<p>„Dann wird sie mir auch niemals geflucht haben.“</p> - -<p>„Nein, mein Kleines, das konnte sie bestimmt nicht tun, weil sie -ahnungslos war. Wäre sie es aber selbst nicht geblieben – hätte sie -im Laufe der Zeit einsehen müssen, daß seine Treue weniger wie ein -fadenscheiniges Tuch darstellte, dazu hätte weder ihre Kraft noch ihre -Veranlagung ausgereicht. Was sie an Gefühlsstärken besaß, gehörte ihm.“</p> - -<p>„Können Sie sich vorstellen, daß ich am meisten um diese arme, stille, -vertrauensselige Frau gelitten habe?“</p> - -<p>„Ja, das kann ich! Es war aber unnötig.“</p> - -<p>„Nun ist sie gestorben, ohne dies erleben zu müssen...“</p> - -<p>„Das erscheint mir als ihr größtes Glück. – Ich muß heute noch meine -Rechnungsbücher abschließen, Kind,“ meinte Eva dann in verändertem, -ruhigen Tone. „Es ist sehr viel nachzutragen. Und Briefe muß ich -ebenfalls schrei<span class="pagenum"><a id="Seite_315"></a>[S. 315]</span>ben. Denn bald geht es zu den beiden Konzerten nach -München. Ich möchte Sie gern mitnehmen. Könnten Sie sich jetzt nicht -leichter entschließen?“</p> - -<p>„Meine Angst vor der lauten Welt ist trotzdem größer geworden,“ gestand -Gretchen Müller beschämt. „Aber auch, wenn ich meine Bangigkeit -bekämpfen könnte, wäre die Qual zu groß für mich.“</p> - -<p>„So elend fühlen Sie sich wieder?“</p> - -<p>„Das wäre übertrieben. Ich bin nur dauernd sehr müde. Sehen Sie, jetzt -könnte ich zum Beispiel auf der Stelle einschlafen. Und nachts in der -gegebenen Zeit vermag ich kein Auge zu schließen.“</p> - -<p>„Ich mache mir bittere Vorwürfe, daß ich Ihnen nachgab und den Arzt -lange Zeit nicht befragte.“</p> - -<p>„Glauben Sie wirklich, daß er mir noch helfen kann?!“ Sie lächelte. -Das gab ihrem durchsichtigen Gesicht den gleichen, unendlich rührenden -Ausdruck, wie ihn die Heiligen auf den alten, steifen Bildern in -Kirchen besitzen.</p> - -<p>„Sie sind zu viel allein, Gretchen.“</p> - -<p>Eva von Ostried rechnete wirklich. Es war dasjenige, was ihr zu -erlernen am schwersten geworden war. Wenn sie rückwärts dachte, hatte -sie von jener Summe keinen Pfennig zu irgend einem unnützlichen -Vergnügen verbraucht. Und doch schmolz das Geld erschreckend zusammen.</p> - -<p>Der Sommer hatte ihr im Verhältnis wenig Einnahmen gebracht. Die -schwerreiche Schülerin im Grunewald verlobte sich und verlor die Lust -zu weiterem Lernen. Ihre Lehrer forderten mit dem Steigen aller Werte -bedeutend höhere Honorare....</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_316"></a>[S. 316]</span></p> - -<p>Es wäre aber dennoch nur ein Teilchen über die Hälfte entnommen -gewesen, hätte sie Gretchen Müller nicht Obdach und Pflege gewährt. -Zuerst entnahm sie für diesen Zweck der kleinen Tasche skrupellos -Schein um Schein. Bis sie plötzlich mit jähem Entsetzen merkte, daß sie -nur noch zwei enthielt. Die Leidende mußte nach der strengen Forderung -des Arztes, ohne daß sie einen klaren Begriff davon bekam, auf das -Sorgfältigste gepflegt werden. Der Leidenden einfach zu eröffnen, daß -es ihr – leider – nicht länger möglich sei, sie zu behalten, erschien -ihr mehr als grausam. Ja, ihr Herz wollte es auch nicht zugeben! Sie -hing an dem stillen scheuen Wesen.</p> - -<p>München mit der Einnahme der beiden Konzerte stand zwar in naher -Aussicht. Wer aber vermochte den Ertrag im Voraus zu berechnen?! Es -brauchten nur ungewöhnlich zahlreiche Darbietungen der ähnlichen Art -zusammenzutreffen, dann war das Ergebnis bei weitem nicht das erhoffte. -Das Honorar für den neunten November, in dem sie im Blüthnersaal singen -würde, war zwar festgelegt, aber nicht sonderlich hoch bemessen. Ihr -war es mehr auf das Zusammenwirken mit dem bekannten Künstlertrio wie -auf die Einnahmen angekommen.</p> - -<p>Wie sollte sie also jemals imstande sein, mit Zins und Zinseszins, -wie sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht, alles zurückzugeben? Die -heimliche Not wuchs zuweilen so mächtig, daß sie sie in alle Welt hätte -hinausschreien mögen.</p> - -<p>Und doch wachte sie mit ängstlicher Sorgsamkeit über jedem ihrer Worte, -meinte oft genug aus einer unschuldigen Frage oder einem bedeutsamen -Blick ein Ahnen ihres Frevels herauszulesen.. Sie arbeitete und lernte -nur noch wie<span class="pagenum"><a id="Seite_317"></a>[S. 317]</span> ein Automat! Einmal mußte ja doch alles anders werden!</p> - -<p>Sollte sie sich jetzt noch der Bühne zuwenden?</p> - -<p>Das sonderbare Erschauern durchkältete sie von neuem. Ihre Keuschheit -kämpfte dagegen an. Aber war sie nicht schön? Liefen ihr die Männer -nicht in voller Bewunderung nach? Nur ihres ermunternden Lächelns hätte -es bedurft, um die Fäden zu knüpfen. Sie mußte ihr Leben von Grund auf -ändern. Die Gleichgültigkeit gegen die kleinen Geschehnisse des Daseins -fortan bekämpfen. Da lag zum Beispiel noch uneröffnet die schon vor -Stunden angekommene Post.</p> - -<p>Weltbewegendes war nicht darunter. Ein Schüler sagte für diesen -Nachmittag seine Stunde ab und erbat sich eine andere Stunde dafür. Das -brachte wieder Mühen und Aenderungen in Menge. Ihr theoretischer Lehrer -fragte an, ob sie eine in der Berliner Gesellschaft durch Schönheit und -Geld wohlbekannte Gräfin regelmäßig zum Gesang begleiten wolle. Sie -zahle ausgezeichnet. Dazu verspürte Eva von Ostried nicht die geringste -Lust, so gern sie auch ihre Einnahmen vergrößert hätte. Ihr Stolz -bäumte sich auf. In dem Bewußtsein ihrer Künstlerschaft empfand sie das -Anerbieten als eine Beleidigung. Freilich war es gut gemeint, denn sie -hatte neulich in seiner Gegenwart einen vernehmlichen Seufzer über die -wachsenden Ausgaben getan.</p> - -<p>Eine Handschrift auf dem graugetönten steifen Leinenumschlag war ihr -fremd und nicht angenehm. Sie zeigte so viel Schnörkel und Haken, als -wisse der Schreiber nicht voll mit sich Bescheid. Es war der Brief des -Waldesruher Majoratsherrn, der sie für Mittwoch nächster Woche zur -Teilnahme an der Familiensitzung der Ostrieds in das Haus Adlon einlud.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_318"></a>[S. 318]</span></p> - -<p>Früher hätte sie ihn achtlos bei Seite geschoben. Ihre einzige -Empfindung wäre möglicherweise eine berechtigte Bitterkeit gewesen, -daß sich das gesamte edle Geschlecht niemals um ihr Wohl bekümmert -habe. Eine Erinnerung aus ihrer Kinderzeit an zwei Erscheinungen, die -ihr damals wie aus Holz geschnitzt erschienen, tauchte auf. Die beiden -steifen, stummen Gestalten thronten eines Tages an der Spitze der -elterlichen Mittagstafel. Zwischen ihm hatte ein rothaariges, kleines -Mädchen von ihrem Alter Platz genommen, das sie lebhaft an ihren toten -Goldfisch erinnerte. Dessen Augen hatten aus dem gläsernen See ebenso -blaß, rund und erstaunt geblickt, wie diejenigen der schweigsamen Puppe.</p> - -<p>Sie hatte die beiden Steifen mit Großtanten anreden und ihnen die Hand -küssen sollen. Das war ihr aber nicht möglich gewesen, weil sie ein -heftiger Widerwille geschüttelt hatte.</p> - -<p>Ihr zarte, scheue Mutter hörte mit ängstlichen Augen den späteren -Erklärungen der ungebetenen Gäste zu, die wiederholt betonten, daß -sie lediglich des gebrochenen Wagenrades halber hier Einkehr gehalten -hätten.</p> - -<p>Der Vater hatte zuvor in den Ställen seine Wut über den unerwünschten -Besuch ausgetobt. Aber nachher küßte er selbst die häßlichen Hände aus -Holz. Und dann waren sie plötzlich wieder fort gewesen! Näheres erfuhr -die kleine Eva über den kurzbemessenen Besuch von keiner Seite. Nur -wenn sie ungehorsam war, schreckte sie die Kinderfrau mit der Drohung. -„Warte, die gnädigen Großtanten sollen schon wiederkommen....“</p> - -<p>Es traf aber nicht ein. Es kam seitdem überhaupt Niemand mehr von der -Verwandtschaft! Noch einmal überlas<span class="pagenum"><a id="Seite_319"></a>[S. 319]</span> sie das Schreiben. Ihm fehlte jede -persönliche Bemerkung. Auch wurde eine Antwort auf diese Einladung -nicht erwartet. Wer nicht erschien und auch keinen Einspruch gegen den -bekannt gegebenen Tag erhob, unterwarf sich dem von der Mehrheit der -Anwesenden gefaßten Beschluß.</p> - -<p>Heute überlegte Eva von Ostried mit einem Gefühl der Genugtuung, daß es -ihr gutes Recht sei, unter diesen Andern zu sitzen und mitzustimmen. -Ihr Einspruch würde genügen, um einen neuen Tag in Vorschlag zu -bringen. Diese Feststellung befriedigte sie. Seitdem sie jene Schuld -auf sich geladen, verlangte sie heißhungrig nach äußerer Anerkennung -ihrer Standesrechte. Wenn es sich also mit ihren Pflichten vereinen -ließe, würde sie vielleicht dieser Einladung nachkommen.</p> - -<div class="figcenter illowe8 padtop1" id="i_319_ende"> - <img class="w100" src="images/i_319_ende.jpg" alt="Kapitel 17, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_320"></a>[S. 320]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_320_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_054_kopf.jpg" alt="Kapitel 18, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_18">18.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">D</span>er Generalleutnant a. D. Jeschko von Ostried, Exzellenz, zog zum -dritten Male die Uhr aus der Tasche, warf einen scharfen Blick über die -mit ihm an der gleichen Tafel Sitzenden und stellte fest: „Vier Uhr -genau!“ Dann wartete er noch eine Minute und erhob sich.</p> - -<p>„Als Aeltester der hier anwesenden männlichen Ostrieds eröffne ich -hiermit den Familientag unseres Geschlechts und begrüße Alle an -dieser Stelle.“.... Hier unterbrach er sich und sah aus strengen, eng -zusammengeschobenen Augen auf den plötzlich erscheinenden alten Diener -des Kummersbacher Vetters, der die verschiedenen Ostrieds im Vestibül -zu empfangen und hierher zu weisen hatte. „Der Kummersbacher kann seine -Untergebenen keine Subordination lehren“, dachte er grimmig, während er -nervös mit der Rechten auf der Tafel herumtrommelte.</p> - -<p>„Es ist noch eine Dame angekommen, die sich Fräulein Eva von Ostried -nennt“, meldete der Alte gemütlich. „Soll ich sie hereinführen, Euer -Exzellenz?“</p> - -<p>„Nein,“ schrie der Generalleutnant, „denn nach der vollzogenen -Eröffnung brauche ich das nicht mehr zu gestatten.“</p> - -<p>„Mach’ dich nicht lächerlich, Vetter,“ warf der Besitzer der Herrschaft -Kummersbach, Mitglied des Herrenhauses, launig dazwischen und blinkte -seinem getreuen Hermann verständnisinnig zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_321"></a>[S. 321]</span></p> - -<p>„Los... hopp!“</p> - -<p>Die Falkenaugen des alten Soldaten blitzten und die Adlernase stach -gefährlich in die Luft. Das zurechtweisende Wort erstarb ihm aber auf -den Lippen. In diesem Augenblick öffnete sich nämlich zum zweiten Mal -die Tür und ließ eine junge, auffallend schöne Erscheinung sehen.</p> - -<p>„Um vier Uhr genau ist der Beginn der Verhandlung in jeder Einladung -festgesetzt. Wer sind Sie überhaupt, wenn ich fragen darf,“ rief ihr -die Exzellenz entgegen.</p> - -<p>„Es schlägt soeben vier Uhr,“ sagte die Nahende ruhig und trat dicht -an den Ehrenplatz und damit zur Seite des Generalleutnants. Ihr Kopf -wandte sich dabei ein wenig nach rückwärts, als lausche sie.</p> - -<p>„Hören Sie, bitte.“</p> - -<p>Sie hörten es natürlich Alle, aber die meisten glaubten es trotzdem -nicht.</p> - -<p>„Ich kenne Sie nicht,“ sagte der Generalleutnant wieder, weil er mit -einer zwischen Aerger und Bewunderung geteilten Empfindung zu kämpfen -hatte.</p> - -<p>„Ich bin Eva von Ostried, die Tochter des im Jahre 1913 auf Waldesruh -verstorbenen Majoratsherrn Weddo. Hier ist meine Einladung!“</p> - -<p>Er warf einen flüchtigen Blick darauf.</p> - -<p>„Danach steht Ihnen natürlich die Teilnahme an dieser Sitzung frei. Ich -darf Sie vorstellen.“</p> - -<p>Und er nannte ihren Namen, ohne ihr die der Anwesenden bekannt zu -geben. Eva von Ostried fühlte, wie ihr das Blut heiß ins Gesicht schoß.</p> - -<p>Sie hatte keinen freundlichen Empfang erwartet. Diese Strenge und -Formlosigkeit empfand sie aber als Be<span class="pagenum"><a id="Seite_322"></a>[S. 322]</span>leidigung. Vielleicht hätte sie -stolz genug sein müssen, um jetzt zu gehen, aber sie lächelte nur – -und blieb!</p> - -<p>„Wohin darf ich mich setzen?“ fragte sie ruhig und hell.</p> - -<p>Da stand Jemand auf und näherte sich ihr. Er war breitschultrig und -sonnverbrannt und seine Augen blickten unter den eisgrauen Brauen noch -jünglingsklar.</p> - -<p>„Zu mir,“ sagte er kurz und herzlich. „Ich bin der Kummersbacher. Ob -dir das irgend etwas besagt, ahne ich nicht. Ich nenne dich du. Du -erlaubst doch?“ Und er bot ihr ritterlich den Arm und führte sie an -seinen Platz. „So, hier setz’ dich einstweilen. Bitte, Vetter Horst -Waldemar, etwas nach links, damit mein Hermann noch einen Schemel -reinklemmen kann“.</p> - -<p>So saß Eva von Ostried denn neben dem, der auf Lebenszeit im Herrenhaus -Nachfolger ihres Vaters war. Eine peinliche Pause entstand. Wieder -durchbrach die Stimme des Kummersbachers die Schwüle.</p> - -<p>„Ich will dir besser alle Anwesenden nennen, liebe Base.“</p> - -<p>Und ohne sich durch den abweisenden Ausdruck der meisten Gesichter -beirren zu lassen, stellte er sie einzeln vor.</p> - -<p>Schlank und stolz stand Eva von Ostried neben der breitschultrigen -Gestalt und neigte ihr Haupt nicht tiefer, wie sie das in allen andern -Fällen getan hätte, denn es streckte sich ihr keine Hand entgegen. Die -weiblichen Mitglieder beachteten sie anscheinend überhaupt nicht. Nur -die Männer spähten verstohlen nach ihr hinüber. Ihre Schönheit wirkte -verblüffend auf sie. Die gesuchte Einfachheit ihrer Kleidung hob die -knospenden Formen auf das Vorteilhafteste. Die ausdrucksvollen Augen -leuchteten aus dem sanf<span class="pagenum"><a id="Seite_323"></a>[S. 323]</span>ten Elfenbeinton der weichen Haut und in dem -Nußbraun ihrer Flechten spielten goldene Lichter.</p> - -<p>Horst Waldemar, der Majoratsherr, sah von seiner Höhe herab prüfend -auf die neue Nachbarin. Er mußte zugeben, daß er sie sich anders -vorgestellt hatte. Zwar mußte er nach dem Bilde, das sie im Kindesalter -neben ihrer Mutter zeigte, auf ein hübsches Gesicht gefaßt sein.... -diesen außerordentlichen Reiz mit einer sichern und nicht nur -gespielten feinen Vornehmheit gepaart, hatte er nicht erwartet. Seine -Ansicht über die Tochter seines Vorgängers wurde dadurch natürlich -keineswegs geändert. Nach wie vor empfand er ihre Zugehörigkeit zur -Familie, die, mochte sie auch jahrelang nicht hervorgetreten sein, eine -Stunde wie die jetzige, zweifelsfrei feststellte, als peinlich. Bisher -hatte er noch nicht mit dem Mitglied einer Bühne unter den Augen seiner -weiblichen Verwandten an dem nämlichen Tisch gesessen. Trotzdem sprach -er sie jetzt an.</p> - -<p>„Ich werde mir nächstens gestatten, in einer geschäftlichen Sache an -Sie heranzutreten, gnädiges Fräulein.“</p> - -<p>Sie betrachtete ihn erstaunt. Er hatte das kühle wesenlose Gesicht -eines Menschen, der sich im Widerspruch mit den Schnörkeln und Haken -seiner Handschrift befand. Sie war überzeugt, daß er sehr genau mit -sich und seinen Wünschen Bescheid wußte. Kühl und knapp antwortete sie -ihm, während doch ein eisiges Erschrecken sie anpackte. Es war sehr -möglich, er kam ihr noch mit unbeglichenen Forderungen aus ihres Vaters -Schuldkonto.</p> - -<p>„Sie können es einfacher haben. Ich bin schon heute bereit, Sie -anzuhören.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_324"></a>[S. 324]</span></p> - -<p>Er verneigte sich verbindlich. „Hoffentlich finde ich nachher -Gelegenheit dazu. Jetzt ergreift aber Vetter Exzellenz endlich das -Wort!“</p> - -<p>Der Generalleutnant holte tief Atem, sah jeden Anwesenden, außer -Eva von Ostried, fest an, um sich das Nennen der einzelnen Namen -zu ersparen und begann: „Uns Andern ist die Vorgeschichte unseres -Verwandten Edgar von Ostried-Javelingen zur Genüge bekannt. Denn wir -gewährten ihm die Mittel zum Studium. Ich spreche dies also für das -fremde Mitglied. Die Studien hat er mit Abschluß des nötigen Examens -ordnungsgemäß und rechtzeitig erledigt. Leider mußten wir danach noch -einmal eingreifen, und diesmal ungebeten. Er wollte nämlich eine -Stellung als Regisseur annehmen. Bei einem Theater.“ Hier räusperten -sich die gnädigen Großtanten vernehmlich und die Zwillinge kicherten -verschämt auf. „Das war natürlich, so lange er sich offiziell zu -uns bekannte, nicht tunlich. Wir wiesen ihn auf die Tätigkeit des -privaten Schriftstellers hin, die auch seiner angegriffenen Gesundheit -zuträglicher war.“</p> - -<p>„Darum pfeift er nun wohl auch auf dem sogenannten letzten Loch,“ warf -der Kummersbacher trocken ein. Der Einwand blieb aber unbeachtet und -die Exzellenz fuhr fort:</p> - -<p>„Er hat in unserm Auftrage die Familiengeschichte unseres Geschlechts -neu bearbeitet. Selbstverständlich unter Zugrundelegung alter, -zuverlässiger Quellen. Sie ist gedruckt und bei dem Verlage Müller -und Schulze in Berlin für 22 Mark jederzeit zu beziehen. Was er sonst -noch geschrieben hat, weiß ich nicht. Mir hat er einmal ein Drama -zugeschickt, das mir Anlaß zu einem sehr ernsten Brief gab.<span class="pagenum"><a id="Seite_325"></a>[S. 325]</span> Jedenfalls -befindet er sich zur Zeit in schlechter Vermögenslage. Darum hat er den -Antrag gestellt, die für bedürftige und würdige Mitglieder auf 5234 -Mark angewachsene Summe verliehen zu erhalten. Ich für meine Person -hege keine Bedenken, sie ihm zuzuwenden. Der Tatbestand wäre hiermit -erschöpft. Ich bitte zur Abstimmung zu schreiten. Etwaige Gegengründe -sind möglichst kurz vorzutragen.“</p> - -<p>Hermine von Ostried, die älteste der Großtanten stand wuchtig und -herausfordernd auf.</p> - -<p>„Er selbst bezeichnete sich mir gegenüber als einen freien Künstler. -Das schickt sich meiner Ansicht nach nicht für ein Mitglied unseres -Hauses. Was ist das überhaupt? Die Zigeuner, die einst von meinem -seligen Herrn Vater die Erlaubnis zum Aufschlagen ihrer Buden, in denen -sie dressierte Affen und Seiltänzer zeigten, nachsuchten, nannten sich -ebenso. Ich muß darauf bestehen, daß er zuvor ausdrücklich verspricht, -einem heute ebenfalls noch festzusetzenden Konsortium jede seiner -Arbeiten vor Drucklegung zu unterbreiten. Denn vor der Welt decken wir -ihn doch sozusagen.“</p> - -<p>Eva von Ostried, für welche die Rede mehr wie für den siechen Dichter -bestimmt war, der irgendwo im Nebenzimmer auf die Entscheidung -wartete, um nachher sein gerührtes „Danke schön“ zu stammeln, lächelte -freundlich.</p> - -<p>„Darf ich um das Wort bitten, Exzellenz,“ fragte sie plötzlich sehr -höflich, als eine kurze Pause entstand.</p> - -<p>„Ich war noch nicht fertig,“ sagte die Stiftsdame hochmütig und empört -über die offensichtliche Belustigung auf dem schönen Gesicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_326"></a>[S. 326]</span></p> - -<p>„Du bist also nicht für eine bedingungslose Hingabe, beste Hermine,“ -warf der Generalleutnant ungeduldig hin.</p> - -<p>„Das habe ich nicht ausdrücken wollen, Jeschko. Ich wollte lediglich -meinen Standpunkt darlegen.“ Und dann fuhr sie lang und breit in ihrer -Rede fort, ohne daß ihr jemand aufmerksam zuhörte.</p> - -<p>„Diese Summe hätte zwar ebenso gut dem Familiengesetz nach einer -der ledigen Töchter unserer Familie zugeführt werden können, aber -meinetwegen mag er sie nehmen,“ äußerte sich ein „Vortragender Rat“ -etwas mißgünstig. Seine Gattin stieß ihn kräftig unter dem Tisch an -dasjenige Knie, in dem sich zur Zeit grade der Ischiasnerv unerträglich -regte.</p> - -<p>„Ich bitte dich, diese Taktlosigkeit in Gegenwart des Waldesruher. -Es ist furchtbar mit dir...“ Die hochblonde Ingeborg saß hilflos und -errötend da, denn sie hatte begriffen, daß diese Bemerkung auch sie -anging. Ihr Gesicht wirkte sehr weiß und rot. Die Augen hatten den -starren ausdruckslosen Blick hübscher Wachspuppen. Die kräftige, -ebenfalls sehr weiße Zahnreihe leuchtete hinter den rosa Lippen auf, -auch wenn sie, wie jetzt, schwieg.</p> - -<p>Ein „Regierungsassessor“ murmelte etwas von „unsereinem hätte es auch -schon hundertmal bitter not getan,“ aber es wurde dann ohne weiteres -Einreden zur Abstimmung geschritten und der Diener des Kummersbachers -erhielt den Auftrag, Herrn Doktor von Ostried Javelingen herein zu -bitten.</p> - -<p>Eva von Ostrieds Blicke richteten sich voll warmen Mitleids auf den -Eintretenden. Er sah hager und verfallen aus. Seine Kleider saßen -schlotternd. Seine Hände waren<span class="pagenum"><a id="Seite_327"></a>[S. 327]</span> wie vertrocknet. Aber in seinen -dunkelblauen Augen brannte ein helles Feuer. Er stand neben dem -Generalleutnant, Exzellenz, doch sah er eigentlich nur die Fremde in -diesem ihm sonst wohlbekannten Kreise. Sein Dank war verworren und -längst nicht so überströmend, wie das zu erwarten gestanden hätte. Er -schämte sich vor dem fremden, ihm über alle Begriffe schön dünkenden -Mädchen.</p> - -<p>Nun war die Hauptsache erledigt!</p> - -<p>„Du wolltest vorher etwas sagen, Base Eva, wenn ich nicht irre“..... -Die jünglingsklaren Augen des Kummersbacher winkten ihr aufmunternd -zu, als verhießen sie: „Nimm kein Blatt vor den Mund. Ich halte deine -Kante!“</p> - -<p>In Eva von Ostried war allerdings bei den Worten des Stiftsfräuleins -Hermine heller Zorn emporgelodert. Die versteckte Art, mit der hier -mehr über sie wie über den armen, krankaussehenden Dichter der Stab -gebrochen wurde, erschien ihr verächtlich. Nun aber das erste Feuer -niederglimmen mußte, ohne zu strafen, fühlte sie die alte matte -Gleichgültigkeit.</p> - -<p>Der Regierungsassessor erwachte aus seiner Schläfrigkeit und späte -erwartungsvoll nach ihr hin. Irrte sie oder zuckte in seinen -Mundwinkeln ein feiner, überlegenener Spott, der ihrem Schweigen -galt? Raffte sie sich jetzt nicht zum Sprechen auf, durfte sie -keinen Augenblick länger verweilen. Denn sie konnte sonst eine nicht -mißzuverstehende Aufforderung zum Verlassen dieses Zimmers durch die -Stiftstanten oder durch die soldatische Exzellenz erwarten.</p> - -<p>Deshalb erhob sie sich jetzt doch.</p> - -<p>„Ich wollte mich, als einzig dazu Berechtigte, in Abwesenheit des -Angegriffenen gegen die Mißachtung des<span class="pagenum"><a id="Seite_328"></a>[S. 328]</span> freien Künstlers wehren,“ -sagte sie ohne Erregung. „Nun aber ist ja der davon Betroffene selbst -dazu imstande. Wenn mir erlaubt wird, ihm kurz zu sagen, was von der -Stiftsdame Hermine behauptet wurde...“</p> - -<p>„Dagegen protestiere ich,“ schrie die Angegriffene in maßloser Erregung.</p> - -<p>„Es ist nicht Sitte, daß aus der geheimen Familiensitzung nachträglich -dem dabei nicht zugezogenen Hauptbeteiligten Eröffnungen gemacht -werden,“ entschied der Generalleutnant.</p> - -<p>„Ich weise darauf hin, daß ich dies während der Beratung abmachen -wollte.“ Eva von Ostrieds Zurückweisung des ihr gemachten Vorwurfs -klang durchaus sachlich. „Nachdem ich von dem Tadel des Herrn -Generalleutnants Kenntnis habe, verzichte ich auf jedes weitere Wort.“</p> - -<p>„Ich verlange, daß du sprichst,“ sagte der Kummersbacher streng und -scharf. Die andern kannten diesen Ton. Wenn er sich dazu verstieg, -pflegte er nicht früher Ruhe zu geben, als bis er seinen Willen bekam. -Eine kleine Pause entstand.</p> - -<p>„Vetter Javelingen könnte ja noch mal abtreten,“ schlug der -Regierungsassessor lässig vor.</p> - -<p>„So sprechen Sie denn, wenn es durchaus sein muß,“ erlaubte der -Generalleutnant kurz. Und Eva von Ostried fuhr fort:</p> - -<p>„Es wurde vorher also der umherziehende Zigeuner dem freien Künstler -gleich erachtet. Das empfand ich an sich als keinen Schimpf. Auch -der heimatlose Ungar kann sehr wohl etwas von dem Gottesgeschenk in -sich haben. Ich richte mich gegen den Ton, in welchem der Vergleich -vorgebracht wurde. Er strebte die Herabsetzung und Verächt<span class="pagenum"><a id="Seite_329"></a>[S. 329]</span>lichmachung -des Künstlerstandes an. Empfindlichkeit liegt mir ebenso fern wie der -Wunsch, nach diesem Tage vielleicht einen engeren Zusammenschluß an die -Familie, welcher ich entstamme, zu erstreben. Wenn aber die Rednerin -auch den abwesenden Dichter vorschob, so richtete sie in Wahrheit -ihre Angriffe gegen mich. Dabei war sie klug genug, meinen Namen -nicht klar zu nennen. Besäße ich einen brüderlichen oder väterlichen -Freund, würde ich diesen zur Erwiderung auf schriftlichem Wege -veranlassen. Aber ich stehe ganz allein. Nun ist es mir darum zu tun, -an derselben Stelle, die mich beleidigen wollte, zu antworten. Kurz -meinen Lebenslauf, seitdem ich Waldesruh verließ: Der Freund meines -Vaters übernahm meine Ausbildung zur Bühnenkünstlerin. Sein bedeutender -Ruf verbürgte die Richtigkeit seines Urteils. Nachdem er unerwartet -starb und mein Vormund, Amtsrat Wullenweber auf Hohen-Klitzig, seine -Erlaubnis zum Weiterstudium versagte, nahm ich verschiedene Stellungen -als Kinderfräulein und Gesellschafterin an. Zeugnisse darüber sind -vorhanden. Zuletzt weilte ich drei Jahre bei Frau Präsident Melchers. -Ueber diese Zeit erteilt Justizrat Weißgerber Auskunft.“</p> - -<p>Der Waldesruher Majoratsherr, der bis jetzt mit leicht gesenktem -Kopf vor sich niedergesehen hatte, streifte sie mit einem raschen -Seitenblick. Famos sah sie aus und ganz famos sprach sie auch. Trotzdem -würde sie von der Familie nach diesem wohl ebenso wenig beachtet werden -wie bis dahin. Und er schien das Interesse für ihre Ausführungen zu -verlieren.</p> - -<p>„Frau Melchers starb auf einer Reise nach Pommern am Herzschlag und -ich, die inzwischen mündig Gewordene, be<span class="pagenum"><a id="Seite_330"></a>[S. 330]</span>schloß, endlich meinen -sehnlichsten Wunsch, die Ausbildung zur Bühne, fortzusetzen.“</p> - -<p>„Woher hat sie das Geld dazu genommen,“ tuschelte das jüngere -Stiftsfräulein ihrer Schwester neugierig zu.</p> - -<p>Eva von Ostried fühlte, daß sie schwach werden wollte. Nun kam der -dunkle Punkt! Und es hieb alles wieder auf sie ein... Die Not des -Gewissens glühte – die Angst bis an’s Lebensende unter dieser -heimlichen Schmach zu leiden ... Einen Augenblick gab sie ihre Sache -verloren. Dann erwachte ihr Stolz. „Meinem Gott und mir... und ihm, -den ich liebe, bin ich Rechenschaft schuldig. Diesen nicht...“ Und sie -sprach weiter:</p> - -<p>„Das Geld – ganz recht. – Das war eine böse Geschichte. Denn mein -mütterliches Erbteil betrug nur tausend Mark. Ich hätte aber sehr bald -vielleicht das Zwanzigfache verdienen können, wenn nicht das Blut -meiner Mutter in mir wach geworden wäre. Ich konnte mich nun doch -nicht für die Bühne zur Laufbahn entschließen. Die Gründe dafür nenne -ich hier nicht. Sie würden doch kein Verständnis oder keinen Glauben -finden. Der Tropfen Ostriedsches Blut – das Erbe meines Vaters also -– war nicht dagegen. Zur Zeit verdiene ich meinen Lebensunterhalt -durch Unterricht und Konzerte. So werde ich im nächsten Monat zweimal -in München, am neunten November einmal im Blüthnersaal, hier, singen. -In der Hauptsache ernähren mich die Stunden, die ich begabten Schülern -erteile. Meine Wohnung befindet sich in Charlottenburg, Königsweg 24. -Ich hatte nicht nötig, dies alles zu sagen. Wie schon erwähnt, stehe -ich aber ganz allein für mich ein und bin daher dem niederen Klatsch -schutzlos ausgesetzt. Das Andenken<span class="pagenum"><a id="Seite_331"></a>[S. 331]</span> an meine Mutter verbietet mir, mich -verdächtigen zu lassen.“ Sie neigte sich leicht und machte Miene zu -gehen.</p> - -<p>Da stand der Generalleutnant, Exzellenz, langsam auf, kam um den Tisch -herum auf sie zu und hielt die Hand hin.</p> - -<p>„Wir Männer haben zu wenig Zeit und auch zu wenig Begabung, um -die Richtigkeit gehässiger Berichte nachzuprüfen,“ sagte er nicht -unfreundlich. „Darum tut es mir persönlich leid, wenn Sie sich durch -unsere bisherige Zurückhaltung verletzt gefühlt haben sollten.“</p> - -<p>Einen Augenblick legte sie ihre Rechte in die seine.</p> - -<p>„Glauben Sie jetzt aber ja nicht, Exzellenz, daß ich mich in Ihren -Kreis drängen möchte.“</p> - -<p>Er sah erstaunt auf. Gradwegs in ihre wundervollen, klaren Augen. Einen -Augenblick drohte ihn die weltmännische Sicherheit zu verlassen.</p> - -<p>„Und warum nicht,“ fragte er erstaunt.</p> - -<p>„Weil ich keine Zeit dazu fände und auch nicht ehrgeizig bin, -Exzellenz. Sonst stände ich ja wohl heute als Mitglied einer Bühne vor -Ihnen.“</p> - -<p>Die andern Herren hatten sich gleichfalls erhoben und sahen etwas -verlegen auf den Generalleutnant. Sie tat, als merke sie nichts von dem -Erwägen, das aus allen Gesichtern sprach.</p> - -<p>„Ich muß nun fort, Exzellenz.“</p> - -<p>Neben ihr lachte der Kummersbacher behaglich auf. „Nee, meine Tochter, -du bleibst noch gefälligst eine Weile! Wir machen nachher unten eine -gemütliche Ecke. Du, meine Wenigkeit, unser Dichter und wer sonst noch -Lust hat, kann sich anschließen. Sage nicht „nein“... Bitte...“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_332"></a>[S. 332]</span></p> - -<p>„Ich wollte mit der gnädigen Base noch wegen geschäftlicher Dinge -verhandeln. Darf ich also mitkommen?“ fragte der Waldesruher höflich.</p> - -<p>„Schön. Kannst du machen! Wann kommt denn übrigens der Anwalt? -Warum Ihr durchaus die Familienbestimmungen abändern wollt, ist mir -zwar nicht klar. Es sind ohnehin zu viel. Aber wenn es sonst ein -vernünftiger Mann ist, kann auch das ganz nett werden. So’n Jurist -steckt einem manchmal gehörige Lichter über das, was man Logik des -Denkens nennt, auf.“</p> - -<p>Der Waldesruher klemmte das Monokel ins Auge und prüfte die Uhr. „In -zwei Stunden wird er da sein. Solange hätte ich also Zeit.“</p> - -<p>Eva von Ostried stand unschlüssig zwischen den Beiden. „Es hat doch -keinen rechten Zweck,“ meinte sie leise zu dem Kummersbacher.</p> - -<p>„Zweck,“ lachte der vergnügt. „Na wer weiß! Sieh mal rüber. Die -gnädigen Stiftstanten giften recht erheblich, weil ihr Liebling, die -brave Ingeborg, fortwährend sehnsüchtige Blicke zu uns rüber wirft. -Allein darum lohnt es sich schon.“</p> - -<p>„Willst du mit von der Partie sein, Inge,“ fragte er laut. „Ich stehe -dafür ein, daß du ungestohlen wieder abgeliefert wirst.“</p> - -<p>„Wir wollten den Waldesruher Vetter grade herzlich bitten, daß er mit -uns den Tee nimmt,“ lehnte das ältere Stiftsfräulein in süßlichem Ton -für sie ab.</p> - -<p>Horst Waldemar von Ostried ging hinüber und küßte der Sprecherin -flüchtig die Hand, die immer noch wie dürres Holz erschien.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_333"></a>[S. 333]</span></p> - -<p>„Leider kann ich heute der gütigen Einladung nicht folgen, verehrte -Großtante. Ich bemerkte schon soeben, etwas Geschäftliches hindert mich -an diesem Vergnügen.“</p> - -<p>Dem Dichter war es endlich gelungen, sich an Eva von Ostrieds Seite zu -drängen. „Wie innig habe ich Ihnen zu danken,“ flüsterte er.</p> - -<p>„In der Hauptsache sprach ich für mich,“ meinte sie lächelnd.</p> - -<p>„Daß Sie es überhaupt sagten, war schön.“</p> - -<p>„Traurig genug, dass es gesagt werden mußte, nicht wahr?“</p> - -<p>Er nickte. „Sie ahnen ja gar nicht, wie unbeschreiblich glücklich Sie -sind.“</p> - -<p>„Ich!“ machte sie erschrocken. „Warum denn nur? Sie haben gehört – ich -bin von meinem gesteckten Ziele abgeirrt ...“</p> - -<p>„Aus freien Stücken, ja! Diesen Zwang kann man sich wohl gefallen -lassen.“</p> - -<p>„Er zerbricht auch mancherlei. Glauben Sie nur!“</p> - -<p>„Was wissen Sie davon? Ihre Augen sind licht und rein.“ In diesem -Augenblick trat der Kummersbacher wieder heran und verdrängte ihn durch -das Vorhandensein seiner mächtigen Gestalt.</p> - -<p>– Zu Vieren saßen sie um einen Rundtisch.</p> - -<p>„Ich bringe dich nachher nach Hause,“ sagte der Kummersbacher. „Das -erlaubst du mir wohl? Auf der Fahrt können wir uns beide noch ein -bißchen aussprechen.“</p> - -<p>Sie richtete sich auf und lächelte krampfhaft.</p> - -<p>„Ich glaube, du bist sehr gut, Onkel Friedrich Wilhelm. Aber, nun ist -es für alles zu spät.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_334"></a>[S. 334]</span></p> - -<p>Sie sprach es nur für ihn. Ihre Stimme war ein Flüstern. Der -Waldesruher unterhielt sich weiter mit dem Dichter, obgleich er ihn im -übrigen nicht als vollwertigen Menschen ansah.</p> - -<p>„Mir kannst du vertrauen, Kind. Ich begreife dich schon!“</p> - -<p>„So war’s nicht gemeint. Ich dachte lediglich an das mancherlei -Schwere, das ich als junges, unreifes Ding, damals ganz allein mit mir, -abmachen mußte. Das machte mich vorübergehend bitter. Jetzt bin ich -damit fertig. Wirklich. Eine gemeinsame Fahrt denke ich mir für dich -sehr unangenehm nach diesem Sekt. Ich benutze nämlich die elektrische -Bahn.“</p> - -<p>„Und dir von mir einen Wagenplatz bezahlen zu lassen, das widerstrebt -dir, mit andern Worten.“</p> - -<p>„Ja, das tut es!“</p> - -<p>„Du bist eine seltsame Heilige, scheint mir.“</p> - -<p>„Aber nicht darum.“</p> - -<p>„Also außerdem auch noch. Das kann ich leider nicht beurteilen.“</p> - -<p>Der leichtergraute Kopf des Waldesruher wandte sich in diesem -Augenblick zu ihr hin.</p> - -<p>„Darf ich jetzt endlich meine Frage an Sie richten, gnädige Base?“</p> - -<p>„Ich bitte darum, Herr von Ostried.“</p> - -<p>Er zuckte unter ihrer förmlichen Anrede ein wenig zusammen und saß -danach noch steifer und hochmütiger auf seinem Platz. Sonst war er -derjenige, der unerwünschte Vertraulichkeiten zurückwies.</p> - -<p>„Sie besitzen von Ihrer Frau Mutter einen Schatz wertvoller, alter -Möbel.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_335"></a>[S. 335]</span></p> - -<p>„Das ist Ihnen bekannt?“ wunderte sie sich. „Wie seltsam.“</p> - -<p>„Nicht so sehr, wie es den Anschein hat. Waldesruh und Hohen-Klitzig -grenzen noch immer.“</p> - -<p>„Das hatte ich beinahe vergessen.“</p> - -<p>„Und einen Teil der alten Leute behielt ich in meinen Diensten.“</p> - -<p>„Wirklich?“ fragte sie mit leisem Spott.</p> - -<p>Er überlegte, ob er ihr eine scharfe Zurechtweisung erteilen solle, -unterließ es aber, um sie nicht, ohne jedes Nachdenken, zu einer -abweisenden Antwort zu veranlassen.</p> - -<p>„Die haben mir also davon berichtet,“ fuhr er fort, „als gerade eine -Sendung aus Berlin ankam, die von Kluserichter, dem Gutstischler, -ausgepackt wurde. Ich bin dann bald zu dem Amtsrat herübergefahren, um -sie zu besichtigen. Er verwies mich indes an Sie.“</p> - -<p>Sie hatte wiederholt daran gedacht, sich auch diese Sachen in ihr Heim -kommen zu lassen, unterließ es aber, weil die jetzige Wohnung keinen -genügenden Raum dafür bot. Ihr Herz hing zudem nicht an den Stücken. -Für einen guten Preis würde sie sich jetzt ohne weiteres davon getrennt -haben, weil sie diejenigen Möbel, die einen wirklichen Erinnerungswert -für sie besaßen, bereits umgaben. Sie diesem zu überlassen, verbot -ihr Stolz. Wieder spürte sie die unsägliche Nichtachtung, die darin -lag, daß er ihrem toten Vater nicht die letzte Ehre erwies, die -Kaltherzigkeit, mit welcher er ihr, der Heimatlosen damals schriftlich -begegnete.</p> - -<p>„Diese Sachen sind unverkäuflich,“ gab sie kurz zur Antwort.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_336"></a>[S. 336]</span></p> - -<p>„Sie wollen also gar nicht mein Gebot hören?“</p> - -<p>„Es würde mich nicht umstimmen.“</p> - -<p>Sein Hochmut fand die schroffe Ablehnung einfach lächerlich. Eine -kindische Ueberhebung von dieser gänzlich Mittellosen, die mit eisigem -Schweigen abgetan zu werden verdiente. Die Leidenschaft des Sammlers -versuchte dennoch ein Letztes:</p> - -<p>„Vielleicht darf ich später noch einmal nachfragen, ob Sie Ihre Ansicht -geändert haben?“</p> - -<p>Sie zuckte die Achseln. – In demselben Augenblick hatte er -blitzschnell die ihn eiskalt überrieselnde Empfindung, daß neben dieser -unpersönlichen Stimme, die nach einem Wiedersehen verlangt hatte, auch -noch der Mann in ihm danach strebte. Brüsk erhob er sich.</p> - -<p>„Verzeihung, ich will Befehl geben, daß mir sofort die Ankunft des -Rechtsanwalts gemeldet wird.“</p> - -<p>„Das brauchst du doch nur an meinen Hermann nach oben zu -telephonieren,“ riet der Kummersbacher und unter seinem eisgrauen Bart -zuckte die Schadenfreude über die schneidige Abfuhr auf.</p> - -<p>Trotz des Rates nahm der andere nicht wieder Platz. Es trieb ihn fort. -Das Gefühl lebhaften Aergers über die schroffe Ablehnung, nach welcher -er beschlossen hatte, den schlauen Agenten auf Eva von Ostrieds Schätze -zu hetzen, war verflogen. Jetzt wehrte er sich lediglich gegen das -wachsende Wohlbehagen, das ihm ihr Anblick bringen wollte.</p> - -<p>„Weshalb hast du eigentlich den Anwalt so heimlich bestellt,“ fragte -der Kummersbacher vergnügt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_337"></a>[S. 337]</span></p> - -<p>„Heimlich? Das dürfte nicht zutreffen. Es war vorher mit Jeschko -ausgemacht, daß wir abändern wollten. Ihr habt Euch ja in Pausch und -Bogen schon längst vorher damit einverstanden erklärt. Mir fiel neben -dem Abfassen von der Bekanntgabe des Familientages natürlich auch die -Wahl des Anwalts zu.“</p> - -<p>Er merkte nicht, daß ihn der Frager nur noch ein wenig fesseln wollte, -um mit inniger Schadenfreude zu prüfen, ob seine längst gemachte -Feststellung von dem starken Eindruck der schönen Base auf den Egoisten -wirklich zutreffe.</p> - -<p>„Ich kenne hier nämlich verschiedene sehr tüchtige Anwälte,“ beharrte -er eigensinnig, „und denen würde ich gern eine Kleinigkeit zu verdienen -gegeben haben.“</p> - -<p>„Dieser ist mir ebenfalls warm empfohlen. Ein gewisser Doktor -Wullenweber, vereinigt mit dem als sehr tüchtig anerkannten Justizrat -Weißgerber. Zudem Neffe meines Klitziger Nachbarn.“ Dann verneigte -er sich stumm gegen Eva, ohne ihr die Hand zu reichen und nickte den -beiden andern zu.</p> - -<p>Sie sah plötzlich starr und bleich aus. Oder veränderte nur der erste -fahle Schein der Dämmerung, der gespenstisch durch die steingrünen -Vorhänge kroch, ihr Aussehen?</p> - -<p>„Die Luft ist hier nicht besonders gut, nicht wahr?“ erkundigte sich -der Kummersbacher teilnehmend, als sie jetzt zu Dreien waren.</p> - -<p>„Ich muß nach Hause,“ sagte sie tonlos, ohne auf seine Frage zu -antworten.</p> - -<p>Es erschien ihr alles nebensächlich und phrasenhaft neben dem einen, -was sie soeben gehört.</p> - -<p>„Dieser Entschluß kommt ein bißchen plötzlich, Kind..“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_338"></a>[S. 338]</span></p> - -<p>Schweigend knöpfte sie an ihren Handschuhen.</p> - -<p>„Ich blieb schon viel zu lange.“</p> - -<p>„Warum ärgerst du dich eigentlich,“ forschte er beinahe sanft. „Ich -sehe keinen Anlaß.“</p> - -<p>Sie lachte. Aber es klang wie ein Schrei.</p> - -<p>„Aergern, nein, wirklich nicht!“</p> - -<p>„Schön, dann also nicht! Meine Begleitung war dir nicht angenehm und -anders hast du es dir inzwischen wohl nicht überlegt?“</p> - -<p>„Es war unrecht, daß ich gekommen bin,“ klagte sie leise.</p> - -<p>„Ich freue mich aufrichtig darüber. Das kannst du mir glauben.“</p> - -<p>Sie reichte ihm beide Hände zum Abschied. „Vielen, vielen Dank, Onkel -Friedrich Wilhelm.“</p> - -<p>„Möchte wohl wissen, wofür?“ brummte er. „Ich sage trotz deines -deutlichen Abwinkens, „auf baldiges Wiedersehen.“ Höre mal zu. Im -Oktober bin ich wieder auf vier bis fünf Wochen daheim. Dann kommst du -zu mir. Ich bitte dich herzlich darum.“</p> - -<p>Sie stand mit schlaff herabhängenden Armen vor ihm.</p> - -<p>„Versprich mir das,“ drängte er, „Unser Dichter wird auch kommen.“</p> - -<p>Der blasse Mensch freute sich wie ein glückliches Kind.</p> - -<p>„Ja – ich komme bestimmt. Das wird sehr schön werden.“</p> - -<p>„So schnell kann ich nicht Vertrauen fassen,“ entschuldigte sie sich.</p> - -<p>„Siehst du, das begreife ich. Daß du wenigstens versuchen willst, es zu -bekommen, das kannst du mir auch versprechen?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_339"></a>[S. 339]</span></p> - -<p>„Ich glaube nicht, daß ich diesen Versuch machen werde.“</p> - -<p>Er hatte ihr die breiten wuchtigen Hände auf die Schultern gelegt und -zog sie sanft zu sich heran. „Man hat es nicht anders verdient. Stimmt! -– Trotzdem –“ Und er neigte sich zu ihr und küßte sie auf den Mund. -„Denn ich könnte bequem dein Großvater sein, Mädel,“ sagte er nachher -wie erklärend, „aber auch schon mit der Vaterwürde wäre ich sehr -zufrieden!“</p> - -<p>– – Wie eine Träumende ging sie die breiten, schönen Straßen -herunter. Sein Name hatte alles wieder aufgewühlt. Sie kam nicht los -von ihm. Und es mußte doch geschehen.</p> - -<p>„Verehrte Base, gestatten Sie, daß ich Sie begleite –“ Ihr Kopf fuhr -herum. Das gelangweilte Gesicht des Regierungsassessors sah in diesem -Augenblick äußerst angeregt und verschmitzt aus. Eine Blutwelle der -Empörung stieg ihr bis in die Stirn hinauf.</p> - -<p>„Ich gestatte lediglich, daß Sie sofort von meiner Seite verschwinden,“ -sagte sie kalt und würdigte den Verblüfften keines Blickes weiter.</p> - -<div class="figcenter illowe4 padtop1" id="i_339_ende"> - <img class="w100" src="images/i_339_ende.jpg" alt="Kapitel 18, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_340"></a>[S. 340]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_340_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_005_kopf.jpg" alt="Kapitel 19, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_19">19.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc"><span class="s7">„</span>S</span>ie, Herr Rechtsanwalt Wullenweber, haben sich, wie mir mein -Waldesruher Vetter mitteilt, bereits über den Inhalt der vorhandenen -Familiengesetze unterrichten können,“ sagte Generalleutnant von -Ostried, der zur Vorbesprechung über die neu aufzunehmenden Paragraphen -mit dem soeben Angekommenen und dem Majoratsherrn, fernab von der -langen, feierlichen Tafel, in seinem nicht übermäßig geräumigen -Logierzimmer Platz genommen hatte.</p> - -<p>Walter Wullenweber verneigte sich bejahend.</p> - -<p>„Diejenigen Bestimmungen, welche seit Einführung des Bürgerlichen -Gesetzbuches – selbst in dieser Form als Familiengesetz – anfechtbar -geworden sind, habe ich mir erlaubt durchzuarbeiten und anders zu -formulieren.“</p> - -<p>„Sehr schön,“ lobte die Exzellenz zerstreut, „aber das hat Zeit bis -nachher. Das Neue ist entschieden wichtiger. – Willst du mir mal -gütigst das kleine Heft herüber geben, Vetter?“</p> - -<p>Der Waldesruher reckte nur den Arm weit aus und reichte es ihm hin.</p> - -<p>„Famos. Immer wieder unterschätze ich deine Körperlänge. – So bitte, -Herr Rechtsanwalt, wollen Sie gefälligst Einsicht nehmen, was gewünscht -und erstrebt wird. Vor<span class="pagenum"><a id="Seite_341"></a>[S. 341]</span> allen Dingen muß das lächerliche Befragen des -gesamten Familienrats, wenn zum Beispiel in der Familiengruft eine -neue Trauerweide vom Obergärtner gesetzt oder ein Grabmal aufgefärbt -wird, eingestellt werden. Künftig soll ein aus zwei oder drei Leuten -bestehender Ausschuß darin maßgebend sein. Andere Punkte freilich -sind bedeutender. Unsere, das heißt, meines Vetters und meine Ansicht -erfahren Sie nebenstehend.“</p> - -<p>Walter Wullenweber las aufmerksam.</p> - -<p>„Die vorgeschlagenen Abänderungen sind bei weitem einfacher und -zweckdienlicher,“ unterbrach er einmal das Schweigen; „nur fehlt -die rechtswirksame Form, wie z. B. hier bei einer hypothekarischen -Sicherheit für einen der Ostrieds gerader Linie. Das ist aber eine -Kleinigkeit.“</p> - -<p>Dann vertiefte er sich wiederum, bis ihm das Rot einer heimlichen -Erregung über das stubenblasse Gesicht lief. Er sah den Waldesruher -Majoratsherrn prüfend an und in diesem Blick lag entschieden etwas -Feindliches.</p> - -<p>„Sind Sie damit einverstanden, Herr von Ostried, daß der eventuelle -älteste Enkel Ihres verstorbenen Herrn Vorgängers nach Ihnen – -also vor dem bisherigen Anwärter – als Waldesruher Majoratsherr -in Frage käme? Absatz 3 der mir zugänglich gemachten Bestimmungen -verlangt ausdrücklich bei einer Abänderung in erster Linie die -Bereitwilligkeitserklärung des derzeitigen Majoratsinhabers. Darum -meine Frage. Auch darf ich nicht verhehlen, daß die Vorlage dieser -neuen Erbfolge bei auch nur einer widerstrebenden Stimme glatt erledigt -ist.“</p> - -<p>Horst Waldemar von Ostried blickte eine Kleinigkeit gelangweilt drein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_342"></a>[S. 342]</span></p> - -<p>„Ihre erste Frage ist schnell beantwortet, Herr Rechtsanwalt. Warum -sollte ich dagegen sein? Bis jetzt lebe ich als kinderloser Witwer. -Sollte ich eine neue Heirat schließen.“</p> - -<p>Die Exzellenz sah überrascht auf und knurrte etwas. „Na nu – das ist -mir ganz neu.“</p> - -<p>„Wie meinst du,“ fragte der andere ruhig.</p> - -<p>„Bitte weiter. Es war nichts von Wichtigkeit.“</p> - -<p>„Ich wollte sagen, daß in jedem Fall mein Sohn, würde mir noch ein -solcher beschert sein, als mein Nachfolger auf Waldesruh in Betracht -käme. Diese ganze Neuregelung liegt reichlich weit im Felde. Immerhin -besteht ein Zwang für sie.“</p> - -<p>„Den zu erkennen ist mir bisher nicht möglich gewesen. Darf ich alles -Notwendige wissen, um nachher sämtliche Einwendungen widerlegen zu -können.“</p> - -<p>„An denen wird es selbstverständlich nicht fehlen,“ meinte die -Exzellenz ahnungsvoll. „Wappnen Sie sich also mit sehr viel Geduld, -sonst werden Sie bestimmt nervös!“</p> - -<p>„Ehe ich zu dem Hauptsächlichsten komme, will ich Ihnen kurz -wiederholen, was Sie ja, von der Vertretung ihrer Interessen her, -bereits vor mir wußten,“ begann Horst Waldemar wieder. „Vorläufig ist -die Tochter meines Vorgängers noch ledig. Ich ahne auch nicht, ob eine -Aussicht zur Abänderung dieses Zustandes bereits vorhanden ist. Und -wenn selbst die junge Dame, die übrigens vorher bei dem ersten Teil der -Familiensitzung zugegen war – ist Künstlerin und es wird ein unserer -Familie voll ebenbürtiger Gatte als Vater eines neuen Majoratsherrn zur -Bedingung gemacht –“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_343"></a>[S. 343]</span></p> - -<p>„Schön genug wäre sie allerdings für einen Prinzen, wenn sonst das -andere stimmte,“ warf die Exzellenz nachdenklich ein.</p> - -<p>Der Waldesruher sah ihn bedeutsam an und zog rasch, wie, um dies -zu verdecken, seine Uhr. „Die Zeit eilt. Wir dürfen uns nicht bei -Nebensachen aufhalten.“</p> - -<p>„Ich war noch nicht zu Ende,“ sagte Horst Waldemar kurz und fuhr -fort: „Ein Widerstreben würde, auch menschlich beleuchtet, völlig -unerklärlich sein. Trotzdem werden Sie nachher einen heißen Kampf -entbrennen sehen. Die übrige Familie weiß nämlich bis zu dieser Stunde -lediglich, daß die alten Gesetze durchgesehen und verbessert werden -sollen. Damit haben sie sich ohne weiteres einverstanden erklärt. Ihnen -mehr zu sagen, schien meinen Vetter und mir verfrüht. Es hätte Anlaß -zu unerfreulichen schriftlichen Erklärungen gegeben. Denn wir wissen, -daß jeder Einwand gegen die neue Erbvorlage vergeblich bleiben muß. -Das durch einen Zufall aufgefundene Zusatzschriftstück verlangt die -erwähnte Erbfolge ausdrücklich.“</p> - -<p>„Dies Schriftstück war mir bisher nicht zugänglich. Sehr gern würde ich -mich jetzt mit seinem Inhalt bekannt machen.“</p> - -<p>„Darum bitten wir Sie natürlich. Hier ist es. Sie sehen, eine Abschrift -hätte unüberwindliche Schwierigkeiten gebracht. Das Pergament ist -brüchig geworden und muß sehr vorsichtig behandelt werden. Zudem -hätte ein halbgebildeter Abschreiber kaum die Menge lateinischer -Redewendungen richtig wiedergegeben. Ich zog daher die Aushändigung -an Ort und Stelle vor und bin gern bereit, Ihnen bei scheinbar -unleserlichen Stellen zu helfen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_344"></a>[S. 344]</span></p> - -<p>Walter Wullenweber prüfte eingehend den Inhalt des Dargereichten. -Er hatte sich jetzt wieder voll in der Gewalt. Seine scharfen Augen -bemühten sich unter den zahlreichen dunklen Stockflecken die kleine -spitze Schrift zu enträtseln.</p> - -<p>Die Exzellenz reichte ihm eine Lupe über den Tisch hin. „Wenn Sie an -gewisse Stellen kommen, wird sie Ihnen gute Dienste tun.“</p> - -<p>Nach einiger Zeit legte Walter Wullenweber die Rechte auf das Pergament -und sah auf:</p> - -<p>„Nun dies aufgefunden ist, könnte selbst die heftigste Ablehnung nicht -mehr an der veränderten Erbfolge rütteln. Ich unterstelle natürlich -die Echtheit. Wenn sie von einem Mitglied in Zweifel gezogen würde, -kämen langwierige und kaum erfolgreiche Erhebungen heraus. Vollgültige -Beweise von der einen oder andern Seite erscheinen mir unmöglich.“</p> - -<p>„Ausgeschlossen,“ sagte der Waldesruher mit großer Bestimmtheit. „Daran -wagt Keiner zu tippen. Zudem habe ich bereits die Uebereinstimmung -dieser Handschrift mit den Aufzeichnungen eines Ahnen einwandfrei -feststellen und von einem gerichtlichen Sachverständigen beglaubigen -lassen. Hier ist das Dokument darüber. Vielleicht vermag es Ihnen in -dem Kampfe zu dienen.“</p> - -<p>„Dann dürfte jeder Einspruch wirkungslos bleiben.“</p> - -<p>Der Generalleutnant schlug sich in bester Laune, auf die Knie. „Wie -ich mich freue,“ sagte er aus tiefstem Herzen, „wenn es auch nur ein -Schreckschuß ist und voraussichtlich bleiben wird. Diesen ewig müden, -gelangweilten Bengel, deinen bisherigen Nachfolger, muß das mal endlich -wach machen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_345"></a>[S. 345]</span></p> - -<p>„Hier ist auch noch der Umschlag, in dem das Gefundene steckte, Herr -Rechtsanwalt.“</p> - -<p>„Wie, Sie selbst haben es gefunden, Herr von Ostried?“</p> - -<p>„Ohne meinen Vorsatz allerdings! Ich ließ das Kellergewölbe im -Waldesruher Schloß aufreißen, damit das schadhafte Mauerwerk -ausgebessert werde. Die merkwürdig geformten Nischen und die -zahlreichen Verstecke mit den unsichtbar eingelegten Steintüren -interessierten mich umso mehr, als bereits mein Großvater, der wie -ich Sammler von Altertümern war, uns Kindern von kostbaren seit den -Kreuzzügen dort lagernden Schätzen erzählt hatte. In Wahrheit fand sich -nur ein verrosteter Eisenkasten vor, der dies Schriftstück barg. Ob mir -oder den andern der Fund angenehm sein konnte oder das Gegenteil, habe -ich wirklich nicht erwogen. Es war einfach meine Pflicht, daß ich ihn -nach Kenntnis des Inhalts ungesäumt dem Senior unserer Familie, meinem -Vetter, Generalleutnant von Ostried, unterbreitete. Dies ist geschehen.“</p> - -<p>Das klang ohne jede Beimischung von Gefühlswärme, wie Walter -Wullenweber feststellte. Es beruhigte ihn. Mit einigem Eifer begann -er den Entwurf der neuen Bestimmung zu formen. Jetzt war er fertig, -überlas alles und übergab es dann der Exzellenz, die es laut zum Gehör -brachte.</p> - -<p>„Ausgezeichnet,“ stellten sie beide fest. „Wir können die Herrschaften -wieder zusammentrommeln lassen.“</p> - -<p>„Einen Augenblick,“ sagte Horst Waldemar plötzlich, als sich die -Exzellenz erhob, um seinen Hermann zu beauftragen. „Den letzten -Punkt haben Sie zu erwähnen vergessen. Sie erinnern sich doch, Herr -Rechtsanwalt?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_346"></a>[S. 346]</span></p> - -<p>– Eine halbe Stunde später einten sie sich wieder um die lange -feierliche Tafel. Nur die Reihenfolge war ein wenig verändert. Eva von -Ostrieds Platz hatte jetzt der Regierungsassessor eingenommen, während -Walter Wullenweber zwischen dem Generalleutnant und dem Waldesruher saß.</p> - -<p>Das Stiftsfräulein Hermine fuhr, nachdem der Generalleutnant nach den -unwichtigen Abänderungen den Punkt der neuen Erbfolge zur Kenntnis -gebracht, von ihrem Stuhl empor. Auch die andern starrten mehr oder -minder überrascht, nach dem Sprecher hin, der das Auffinden des -alten Schriftstückes noch mit keinem Worte erwähnt hatte. Er hatte -absichtlich davon geschwiegen.</p> - -<p>Der Kummersbacher freute sich aufrichtig für Eva von Ostried. Nicht, -daß er schon ihren ältesten Sohn unter den Waldesruher Buchen hätte -herumgaloppieren sehen, nein, daran glaubte er nicht! Er gönnte ihr nur -von Herzen jene Ehrenerklärung, die in der Annahme der neuen Bestimmung -lag. Scharf spähte sein Blick zu Horst Waldemar hin. Sollte es bei -diesem angegrauten Eiszapfen etwa denkbar sein, daß er sich in die -jene, lockende Schönheit vergafft habe?</p> - -<p>Der Vortragende Rat, Exzellenz, und seine Zwillingstöchter waren -mehr verwundert wie empört. Was ging es sie schließlich an, wer die -Waldesruher Herrlichkeiten genoß? Ihnen blieben sie jedenfalls fern.</p> - -<p>Fassungslos machte die Mitteilung lediglich die Eltern des -Regierungsassessors, die bleich und stumm nach Atem rangen.</p> - -<p>Der Anwärter selbst hatte nur eine Sekunde die Farbe verloren. Dann -war sein Plan gefaßt. Noch ehe Eva von<span class="pagenum"><a id="Seite_347"></a>[S. 347]</span> Ostried das Geringste von -all diesem erfuhr, also sogleich nach Schluß der Komödie, würde -er ihr schreiben. Das verstand er ausgezeichnet. Sie sollte seine -Rechtfertigung schon annehmen und ihm, wenn er sich mündlich ihre -Verzeihung holte, eine andere Behandlung gewähren, als vorher zwischen -den sommermüden alten Linden!</p> - -<p>Lodernden Zorn, der ihr häßliches Gesicht noch abstoßender erscheinen -ließ, empfand einzig das ältere Stiftsfräulein, während ihre um zehn -Jahr jüngere, als unbegabt geltende Schwester Klausine leise zu -weinen begann. Sie hatte sich schon zu lange auf die Sommerfrische in -Waldesruh unter Ingeborgs Fürsorge gefreut. Dieser Traum von Stille, -endlichem Frieden und unbeschnitten reichlichen Gerichten würde durch -den Sohn jener Unausstehlichen natürlich zu Schanden werden!</p> - -<p>Hermine von Ostried wartete auf das letzte Wort des Generalleutnants. -Kaum war es gesprochen, schrillte ihre hohe, jetzt von Verachtung und -Zorn gellende Stimme.</p> - -<p>„Es ist ein Scherz und nichts weiter, den du dir soeben mit uns erlaubt -hast, lieber Jeschko. Ich für meine Person lasse mir solche Sachen -nicht gefallen, mögen auch die andern töricht genug sein, sich dadurch -verblüffen zu lassen. Ich frage dich, was du damit bezweckst?“</p> - -<p>Aber sie ließ ihm nicht etwa Zeit die Frage zu beantworten. Sein -lächelndes Gesicht, das sich nunmehr zu verklären begann, reizte sie -unaussprechlich. „Schamlos genug, daß Euch Männern diese Bettelprinzeß -die Köpfe verdreht hat.“</p> - -<p>Da fuhr mit gewaltigem Schlag eine Faust auf die Tafel nieder. Das war -die Sprache des Kummersbacher.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_348"></a>[S. 348]</span></p> - -<p>Der schmale Dichter, der auf seiner andern Seite saß, während zu seiner -Linken die schweigsame Gemahlin des Vortragenden Rates thronte, fuhr -zwar zusammen, denn er hatte mit seligen Augen von einer lichten, -schönen Frau geträumt, die bei ihrem Sohn in Waldesruh dereinst die -alte Heimat wiedergefunden. Als ihn aber die wortlose, donnernde Rede -vollends aus allen Träumen gerissen, als er begriff, wem dies galt, -leuchteten seine Augen strahlender und seine Seele band sich fest an -den alten, aufrechten, knorrigen Mann, der seinem Zorn jetzt auch Worte -verlieh.</p> - -<p>„Keinen Mucks weiter! Hörst du?! Ich verbiete es dir! Du hast es dein -Leben lang gut verstanden, aus dem Hinterhalt zu geifern. Die dir -gehörig Bescheid tun könnte, ist nicht mehr da. Warum sie sehr bald -schon gegangen ist? Klar genug für einen, der ein bißchen nachdenken -kann. Ihr Frauen habt sie gemieden, als ob sie eine Pestkranke wäre. -Was hat sie Euch getan? – Antwort! Sie hat nichts von Euch erbettelt -und Euch damit das Recht vor der Nase weggeschnappt, sich um sie zu -bekümmern... ihr das Leben zu vergällen, wie Ihr das über alles gern -besorgt hättet. Warum sage ich eigentlich „Ihr“? Ich meine ja nur dich, -Hermine. Denn deiner armen Schwester Seele hast du, falls eine in ihr -gesteckt haben sollte, allmählich schon bei Lebzeiten aus ihrem mageren -Körper vertrieben. Es ist auch entschieden bequemer für dich.“</p> - -<p>„Es ist ein Fremder mit uns am Tisch,“ flüsterte der Vortragende Rat -ihm beschwörend zu, „nimm Rücksicht darauf, Kummersbacher.“</p> - -<p>„Das hätten die gefälligst bedenken sollen, die ihn angeschleppt -brachten. Im übrigen ist er Jurist und hält Ver<span class="pagenum"><a id="Seite_349"></a>[S. 349]</span>schwiegenheit. Herunter -muß auch noch das andere. Sie hat sich allein durchgerungen, sage -ich dir. Schwer genug mag das manchmal gewesen sein. Und wenn selbst -nicht... wenn das Geld aus einer uns unbekannten Quelle geflossen -wäre...“</p> - -<p>„Das ist unstreitig,“ rief die Angegriffene... „und zwar aus einer -unsauberen.“</p> - -<p>„Wage das nicht ein zweites Mal auszusprechen! Ich bringe dich sonst -wegen Verleumdung vor das Gericht. So wahr ich hier stehe...“</p> - -<p>„Du hast es ja soeben selbst angedeutet...“</p> - -<p>„Weil es dir besser paßte, hast du mich nicht zu Ende kommen lassen. -Ich verbürge mich dafür, daß die Quelle rein gewesen ist. Jawohl! Und -wenn du sie noch durch ein einziges Wort – gleichviel ob offen oder -versteckt – herunterreißt ... bei Gott... ich räche sie! Zudem braucht -sie wenigstens in Zukunft kein Geld mehr aus irgendwelchen Quellchen. -Meines ist da und jederzeit für sie bereit. Es hat mich schon längst -bedrückt. Wenn sie auch vorläufig noch nicht will, sie muß und sie wird -schon, sage ich dir. Und Euch Allen hiermit!“</p> - -<p>Der Vortragende Rat, Exzellenz, der den Kummersbacher seiner Zeit aus -guten Gründen um die Uebernahme der Patenschaft bei seinen Töchtern -erfolgreich gebeten, lenkte ein: „Du bist immer noch wie ein ganz -Junger, Kummersbacher. Wer greift sie denn schon an? Meine Frau und -ich durchaus nicht. Ist nichts an diesem Gerede, werden wir die ersten -sein, die ihr unser Haus öffnen.“</p> - -<p>Noch einmal lohte der Zorn hell auf. „Was ist geredet worden? Was habt -Ihr über sie gehört?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_350"></a>[S. 350]</span></p> - -<p>Der Vorsichtige schwieg betreten und schickte einen kurzen Blick zu -seiner Gattin, der heißen sollte: „Jetzt zeige, daß du wenigstens ein -echt weibliches Geschick im Glätten dieser Wogen hast.“</p> - -<p>Aber die Frau Vortragende Rätin blieb sich nur bewußt, daß ihr das -Stiftsfräulein Hermine dreihundert Mark für die neuen Wintermäntel der -Zwillinge (mit 5 Prozent Zinsen) zugesagt hatte. Sie stammelte daher -Unverständliches.</p> - -<p>„Es ist zu widerlich,“ sagte der Kummersbacher kurz und verstummte.</p> - -<p>Sie sahen alle nach dem älteren Stiftsfräulein hinüber. Die lächelte -jetzt. Das war noch viel abstoßender wie zuvor die Wut, die ihre Züge -verzerrt hatte.</p> - -<p>„Ein einziger Einspruch genügt, um den neuen Beschluß abzulehnen,“ -sagte sie lauernd. „Nun wohl, ich verweigere meine Zustimmung. -Alles andere ist mir gleichgültig. Und ich sage noch einmal.... die -Bettelprinzeß ist nicht schlau genug.“</p> - -<p>Diesmal blieb der Kummersbacher ruhig. „Dies Wort hast du vor rund -dreißig Jahren schon auf ihre Mutter angewandt. Damit verdarbst du -der armen, scheuen Frau, als die sie mir von zuverlässiger Seite -später geschildert wurde, die als vertrauendes, unschuldiges Kind nach -Waldesruh kam, von vornherein ihre Stellung in der Familie. Damals -hattest du, leider, noch einen gewissen Einfluß. Auch ich habe mich -dadurch zurückschrecken lassen. Nein, das stimmt doch nicht. Dich -kannte ich von jeher. Daß sie den tollen Weddo heiraten konnte, nahm -mich gegen sie ein. Ein zweites Mal gelingt dir Aehnliches nicht, -selbst wenn dein teuflischer Einspruch die neue Satzung untergraben -würde.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_351"></a>[S. 351]</span></p> - -<p>Sie hörte nur dies und lachte voller Hohn. „Ein Wahnsinn, daß man uns -überhaupt damit kommt.“</p> - -<p>„Bitte, Herr Rechtsanwalt, lesen Sie gefälligst das aufgefundene -Schriftstück vor,“ rief der Generalleutnant plötzlich dazwischen. Sein -Ton war wie eine Fanfare.</p> - -<p>Sie stutzten und lauschten aufmerksam, was Walter Wullenwebers tiefe, -ruhige Stimme ihnen enthüllte. Der Major a. D. und seine Gattin sanken -mehr und mehr in sich zusammen. Das ältere Stiftsfräulein wurde -aschgrau.</p> - -<p>„Fälschung,“ keuchte sie..., „elendes Machwerk. Aber wartet! Ich -entlarve Euch schon...“</p> - -<p>Dem Vortragenden Rat, Exzellenz und dem Kummersbacher wurde das die -Echtheit feststellende Gutachten eines namhaften, auch vom Gericht -in den verworrensten Fällen als letzte Instanz angerufenen Gelehrten -auf diesem Gebiete zur Prüfung vorgelegt. Sie gaben es an die andern -Herren weiter. Als sich die Hand des Stiftsfräuleins Hermine danach -ausstreckte, wehrte der Generalleutnant kurz ab.</p> - -<p>„Nach dem Vorangegangenen kann ich meine Erlaubnis dazu nicht geben. -Du, Hermine, kannst es jederzeit nach Ausweis über deine Person, im -Bureau unseres Anwalts, des Herrn Wullenweber, einsehen. Seine Adresse -wird dir zugehen. Und nun genug davon! Weiteres wird in dieser Sache -von dir nicht angehört werden. Damit wärst du auf den gerichtlichen Weg -zu verweisen.“</p> - -<p>Eine drückende Stille entstand. Sie lehnte mit leicht geschlossenen -Augen auf ihrem Stuhl. Niemand bemühte sich um sie. Jeder am Tisch tat, -als beschäftige ihn zur Zeit grade etwas anderes. Als sie sich wieder -aufgerafft hatte, sagte sie merkwürdig ruhig:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_352"></a>[S. 352]</span></p> - -<p>„Ich danke für diesen Hinweis. Er wird aber, denke ich, überflüssig -werden. Oder sollte der Vetter Generalleutnant sowie die andern -wirklich nichts von jener hauptsächlichsten Bedingung ahnen, die auch -dies alte seltsamerweise zur rechten Zeit aufgefundene Schriftstück -nicht außer Kraft setzen kann? Mit der schaffe ich es leicht.“</p> - -<p>Der Generalleutnant wechselte mit dem Anwalt einen raschen Blick. „Es -ist klüger, wir zeigen uns ebenfalls davon unterrichtet,“ flüsterte -Walter Wullenweber.</p> - -<p>„Ich bitte, daß Sie uns gefälligst jene Bestimmung zu Gehör bringen, -Herr Rechtsanwalt.“</p> - -<p>Walter Wullenweber sprach fast ein wenig zu kalt und sachlich für -den Geschmack des Kummersbacher. Sein Inneres forderte jetzt eine -hinreißende Rede für Eva von Ostried. Es war aber vielleicht richtiger, -wie der junge Jurist es anfaßte.</p> - -<p>„Die Bedingung, welche die,“ hier stockte er und fuhr erst fort, als -der Generalleutnant keinen Namen einschob, „jene Dame soeben erwähnte, -ist natürlich Seiner Exzellenz und dem Majoratsherrn ebensogut, wie -auch mir, dem Wortlaut nach bekannt und im Gedächtnis. Ich werde -sie zur Vermeidung jeden Mißverständnisses wörtlich verlesen. Sie -findet sich am Schluß der in Kraft stehenden Familiensatzungen und -erstreckt sich – ihrem Wortlaut und Sinn nach – auf sämtliche im -Vorangegangenen ausgeführte Bestimmungen. Dieser ausdrückliche Hinweis -geschieht für diejenigen unter den Anwesenden, welche sie bisher nicht -genau kannten und sich vielleicht nach Beendigung der Besprechung noch -einmal selbst davon zu überzeugen wünschen. Ich lese also vor:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_353"></a>[S. 353]</span></p> - -<div class="blockquot"> - -<p>„Alles, was an Rechten, Wünschen und Anträgen erfüllt werden -sollte, geschieht in der schweigenden Voraussetzung, daß sich -Anwärter oder Antragsteller des zu Verlangenden oder des Erbetenen -bis zu dem Tage der Gewährung als durchaus wert und würdig erzeigt -haben. Sollten sich nach stattgefundener Verleihung untrügliche -Beweise von dem Unwert des Empfängers beibringen lassen, so ist -nicht nur das in Besitz genommene unverzüglich herauszugeben, -sondern auch die bereits empfangene Bereicherung mit Heller und -Pfennig durch den Seniorenkonvent – das sind die drei ältesten -männlichen Ostrieds grader Linie – abzuschätzen und zu ihren -Händen zurück zu erstatten. Unter Wert und Würdigkeit eines -männlichen Empfängers ist Ehrenhaftigkeit, solider Lebenswandel, -der sich von Aergernis erregender Völlerei, Glücksspiel und -ehelicher Untreue freihält, in der Hauptsache zu verstehen. Wert -und Würdigkeit eines weiblichen Empfängers muß noch strenger -beurteilt werden. Sittliche Reinheit hat hier für Ehrenhaftigkeit -zu stehen. Die Erzählungen von Schandmäulern, die dies anzweifeln, -soll zwar gehört, indes niemals ohne ernsthafte Prüfung vonseiten -des Seniorenkonvents geglaubt werden. Als Beweis des Unwerts ist -anzusehen: Wer einen Ehegatten, einen verlobten Bräutigam, auch -schon einen heimlichen Versprochenen, einer andern abwendig macht. -Wer durch unentwegtes Scharmutzieren, Kokettieren, ja selbst durch -herausfordernde Kleidung, den Ehrbaren Anlaß zu öffentlichem -Aergernis gibt. Ausgeschlossen von Gunsterweisungen aller Art -sollen ferner sein, die durch öffentliche Schaustellungen in Buden -und<span class="pagenum"><a id="Seite_354"></a>[S. 354]</span> Zirkussen, sowie andern nicht einwandfreien Schauplätzen -laufend Gelder verdienen.“</p> - -<p>Dieser letzte Passus ist wegen einer Gewissen angefügt, die sich -im Jahre 1570 des alten ehrenwerten Namen von Ostried durch solche -Künste unwert zeigte, ihn abgesprochen bekam und später in Elend -und Not endete. Dies als abschreckendes Beispiel unseren lieben -Frauen. Ihr Rufname ist ebenfalls ausgelöscht. Ihr Bildnis findet -sich in keiner Ahnengalerie vor.“</p> - -</div> - -<p>Walter Wullenweber hatte in den Blicken des älteren Stiftsfräuleins -das Aufleuchten des Triumphs deutlich wahrgenommen. Obwohl es ihm -lächerlich erschien, empfand er plötzlich eine unerklärliche Angst um -eine, die seine Liebe zurückgewiesen hatte; er befürchtete, daß jetzt -jemand der hier Versammelten die Erbringung solchen Beweises laut -verlangen könne. Und wiederum wünschte er einen Herzschlag lang, daß -der Seniorenkonvent die ihm später zweifelsfrei von diesem gehässigen -Stiftsfräulein unterbreiteten Ermittlungen bösester Art als zutreffend -bestätigen möge. Dann war sie frei und schutzloser, wie je – – und er -hätte sie schützen dürfen....</p> - -<p>Als diese zweite stürmische Beratung zu Ende war, trat der -Kummersbacher auf ihn zu:</p> - -<p>„Haben Sie zehn Minuten Zeit für mich, Herr Rechtsanwalt? Nichts -Geschäftliches. Und doch etwas, das von dem soeben Erlebten nicht zu -trennen ist.“</p> - -<p>So saßen sie denn ein wenig später beisammen, und der Kummersbacher -begann: „Was ich eigentlich will, ist so ’ne Sache. Kann verschieden -aufgefaßt werden. Ich will nämlich auch eine Kleinigkeit von Fräulein -Eva von Ostried. Da<span class="pagenum"><a id="Seite_355"></a>[S. 355]</span> sind welche, die stehen ihr nicht grade feindlich -gegenüber. Der Generalleutnant zum Beispiel; auch den Waldesruher -rechne ich dazu. Die andern, mit Ausnahme des kränklichen Herrn, der -sich schweigsam verhielt und, wie Dichter das leicht tun, für sie -flammt, hassen sie. Einer mehr, einer weniger. Fast hinter jedem Mann -steht ein Weib und hetzt ein bißchen. Hinter dem Stiftsfräulein der -auf Lebensdauer eingemietete Teufel, der sie völlig regiert. Hinter -dem Major außerdem die glühende Angst um das Wohl seines einzigen -Sprößlings. Da hat also schon seine Richtigkeit! – Ich habe Eva von -Ostried ebenfalls bis zum heutigen Tage nicht persönlich gekannt. -Habe mich leider, wie schon zugestanden, auch nicht um sie gekümmert. -Ein anständiger Kerl soll die gemachten Fehler, sobald er sie merkt, -abzuändern wenigstens versuchen. Und darum habe ich Sie hergebeten. -Sie hat es nicht leicht, sich durchzuschlagen. Das fühle ich. Wenn man -offene Augen haben will, bringt man das schnell heraus. Direkt von mir -nimmt sie aber vorläufig nichts an. Bestimmt hat sie mit Entbehrungen -zu kämpfen. Das soll aufhören. Zuerst habe ich daran gedacht, ihr -eine regelmäßige Monatsrente durch Ihre freundliche Vermittlung, ohne -Nennung meines Namens natürlich, auszusetzen. Sie würde das schnell -herausbringen und mit einem dankenden Wort an Sie zurückschicken. Nun -ist mir endlich was Besseres eingefallen. Sie leben in Berlin und -irgend welche musikalisch befähigte Jugend mag Ihnen auch bekannt -sein?!“</p> - -<p>„Zufällig bin ich täglich mit einem jungen Menschen zusammen, dessen -ganzes Sehnen danach geht, sein musikalisches Talent in den Freistunden -vervollkommnen zu lassen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_356"></a>[S. 356]</span></p> - -<p>„Das paßt großartig. Wer ist’s denn?“</p> - -<p>„Einer unserer Schreiber.“</p> - -<p>„Das dämpft meine Freude allerdings. Dem Kerlchen wird sie kein -fürstliches Honorar zutrauen, nicht wahr?“</p> - -<p>Endlich begriff Walter Wullenweber. „So war das gemeint?“</p> - -<p>„Natürlich! Ich beabsichtige für jede Stunde – na, sagen wir mal – -zehn Mark zu zahlen und ihn ungefähr vier bis fünf pro Woche nehmen zu -lassen.“</p> - -<p>Der junge Anwalt mußte lachen. „Da er zu jeder Unterrichtsstunde -tüchtig üben muß, dürfte ihm daneben für seine bisherige Tätigkeit kaum -noch Zeit übrig bleiben.“</p> - -<p>„Vielleicht hat er eine Schwester, die auch ideale Bestrebungen in sich -fühlt.“</p> - -<p>„Sogar ihrer mehrere. Bescheidene, wohlerzogene Mädchen. Näheres -weiß ich allerdings nicht. Ich werde mich jetzt für die Familie -interessieren.“</p> - -<p>„Ja, tun Sie das! Und wenn es möglich ist, könnten ja besser gleich -alle bei ihr antreten. Ihre Adresse kann ich Ihnen sofort geben...“</p> - -<p>Eine Sekunde überlegte Walter Wullenweber. „Lassen Sie, Herr von -Ostried,“ sagte er dann und sein Ton klang anders wie bisher, „es ist -unnötig. Ich kenne sie.“</p> - -<p>„So darf ich wissen, woher?“</p> - -<p>„Fräulein von Ostried hat mich als ihren Beistand gegen einen ihrer -Agenten benötigt. Es galt, einen kleinen Irrtum richtig zu stellen...“</p> - -<p>„Da war sie wohl persönlich bei Ihnen?“</p> - -<p>„Ganz recht! Zweimal. Dann hatte sich die Sache zu ihren Gunsten -erledigt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_357"></a>[S. 357]</span></p> - -<p>Dem Kummersbacher war diese Neuigkeit offensichtlich angenehm. Er -rückte näher heran und fragte den jungen Anwalt in vertraulichem Ton:</p> - -<p>„Und glauben Sie auch nur ein Wort von dem, was das enge Hirn einer, -die nicht anders als böse denken und sein kann, über sie ausstreut?“</p> - -<p>Bisher hatte sich Walter Wullenweber fest im Zügel gehabt. Jetzt ließ -seine Kraft nach.</p> - -<p>Der Kummersbacher bemerkte die Veränderung seines Mienenspiels.</p> - -<p>„Was haben Sie, Herr Rechtsanwalt? Die verdammte Stickluft hier.“</p> - -<p>„Das ist es nicht,“ sagte Walter Wullenweber tonlos.</p> - -<p>Der Kummersbacher sah ihn fest an, begriff langsam und nickte ein paar -mal.</p> - -<p>„So stehts also. Und sie? Verzeihen Sie die Frage. Neugier liegt nicht -drin. Ich habe das Mädel so lieb wie eine Tochter gewonnen.“</p> - -<p>Das Bekenntnis des alten Herrn, daß er sich um sie sorge, ließ keine -Ausrede zu.</p> - -<p>„Ich – wollte sie zum Weibe. Aber – sie kam nicht...!“</p> - -<p>Es wirkte wie das erschütternde Geständnis eines, der für einen -Augenblick die Maske abwirft, und der Kummersbacher fragte kein Wort -mehr. Er hatte auch keinen Trost bei der Hand. Kurz und herzlich sagte -er:</p> - -<p>„Wir beide haben heute nicht das letztemal zusammen geredet! Nicht -wahr, das Gefühl haben Sie auch?“</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_357_ende"> - <img class="w100" src="images/i_357_ende.jpg" alt="Kapitel 19, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_358"></a>[S. 358]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_358_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_030_kopf.jpg" alt="Kapitel 20, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_20">20.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">Z</span>eit und Arbeit trabten weiter, obwohl Walter Wullenweber in den -kommenden Tagen unter der starken Empfindung litt, daß sein Leben still -stehe! Niemals war in dem Weißgerberschen Bureau so heftig zu tun -gewesen, wie in diesen vergangenen Oktoberwochen. Dazu kam, daß der -Justizrat weiter an einer zunehmenden Körperschwäche litt, bei welcher -der Arzt strengste Schonung forderte, und Walter Wullenweber nahm sich, -um die Arbeit zu schaffen, jetzt dicke Stöße von Akten mit nach Hause.</p> - -<p>Wenn er endlich gegen Mitternacht zur Ruhe ging, den Kopf noch voll -schwirrender Berufsgedanken, war er todmüde, verfiel auch schnell in -einen tiefen Schlaf, um plötzlich mit dem Gedanken emporzuschrecken: -„... nun habe ich gründlich verschlafen.“ Und doch war es kaum später -als zwei Uhr morgens.</p> - -<p>Aber sein Bedürfnis nach Ruhe war gänzlich geschwunden. Er brauchte -alle Kraft, um nicht aufzuspringen und von neuem zu arbeiten.</p> - -<p>Der dauernde Kampf, sich von den schweren, persönlichen Gedanken -freizuhalten, drohte ihn aufzureiben...</p> - -<p>Ihre klaren, sprechenden Augen – die ganze Schönheit der jungen -stolzen Gestalt – vor allem ihre weiche Stimme, deren Klang ihm -verheißungsvoll zärtlich erschienen war.</p> - -<p>Kurz! Er kam nicht von ihr frei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_359"></a>[S. 359]</span></p> - -<p>Lange begriff er nicht, wie das möglich sein konnte. Er wollte der -immer stärker werdenden Ahnung nicht Gehör schenken. Aber sie wurde ihm -zur Gewißheit. „Der Grund ihrer Ablehnung ist ein anderer! Sie liebt -dich, wie du sie liebst...“</p> - -<p>Schließlich war er sicher, daß sie sich ihm <em class="gesperrt">um eines Geheimnisses -halber</em> versagte! Die Saat des eigenen Mißtrauens, gestreut durch -den Bericht der alten, ahnungslosen Pauline von dem stattlichen -Päckchen brauner Scheine in der Handtasche – die einwandfreie -Feststellung ihrer eigenen Vermögenslosigkeit – dazu das Lockmittel -ihrer bezaubernden Schönheit, das augenscheinlich sogar die alten -harten Vertreter ihrer Familie auf ihre Seite gebracht, wuchs, seit dem -das Stiftsfräulein Hermine den Stab über sie brach. Er wollte nicht -daran glauben. Seine Liebe zu ihr war stärker als alles. Und doch, -täglich zertrümmerte er seinen Glauben an ihre Reinheit.</p> - -<p>Die alte Pauline hatte ihren Namen nicht mehr erwähnt, seitdem er es -ihr verboten. Das war damals nach Eva’s Brief gewesen, als er noch -geglaubt hatte, daß sie nun für ihn abgetan sei. Jetzt war er oft -auf dem Wege zur Küche, um ihr zu gestehen, daß er ihr Schweigen -nicht länger ertragen könne. Hinein ging er niemals. Er blieb vor der -geschlossenen Tür und schüttelte den Kopf über seine Schwachheit.</p> - -<p>Als er eines Morgens gegen neun Uhr an dem Schreibtisch seiner -Arbeitsstätte schaffte, brannte noch die elektrische Lampe. Um -diese Stunde durfte, ohne Vereinbarung, kein Klient vorsprechen. -Heute meldete der kleine musikalische Schreiber, dem dies Amt bis -zur Tischzeit oblag, eine Dame,<span class="pagenum"><a id="Seite_360"></a>[S. 360]</span> die ihn ungesäumt in dringendster -Angelegenheit zu sprechen wünsche. Mit einem Schlage durchfuhr ihn -die Hoffnung, daß es Eva von Ostried sein könne. Er überlegte nichts, -sondern starrte der sich öffnenden Tür entgegen. – Es war aber das -Stiftsfräulein Hermine, die grau wie der herbe Tag, vor ihm stand.</p> - -<p>Er wollte ihr kurz und unfreundlich eröffnen, daß sie sich bis zur -angezeigten Sprechstunde zu gedulden habe... aber seine Kehle war wie -zugeschnürt. Ungehindert ließ er sie sprechen.</p> - -<p>„Ich möchte Sie um meine Unterschriftsbeglaubigung bitten, Herr -Rechtsanwalt.“ Dabei hatte sie schon mehrere Schriftstücke vor ihn -ausgebreitet und wies mit der harten, knöchernen Hand darauf hin. „Es -ist nämlich eine außerordentlich dringende Sache. Ich habe mein Geld -mit sechs Prozent anlegen können, während ich bisher dumm genug war, es -für nur vier einem kleinen Gutsbesitzer zu überlassen.“</p> - -<p>Aus ihren Augen leuchtete die Habgier. Er merkte es deutlich, aber -es stieß ihn, den sonst Feinfühligen, nicht ab. Sein persönliches -Empfinden regte sich nicht.</p> - -<p>Die Beglaubigung war schnell getan. Trotzdem blieb das Stiftsfräulein -noch. Sie hatte denselben Stuhl inne, wie damals Eva von Ostried. Daran -mußte Walter Wullenweber plötzlich denken. Die zusammengefalteten -Schriftstücke lagen immer noch in seiner Hand, ohne daß die -Eigentümerin Miene machte, sie an sich zu nehmen.</p> - -<p>„Ich bitte sehr, das gehört Ihnen.“</p> - -<p>Sie nickte. Aber sie nahm sie ihm trotzdem nicht ab. Um seinem Blicke -einen Ruhepunkt zu geben, senkte er ihn darauf<span class="pagenum"><a id="Seite_361"></a>[S. 361]</span> nieder und las -mechanisch den Namen eines waghalsigen Unternehmers, der seit Jahren -ungeheure Werte an Grund und Boden an sich brachte. Sein Name war ihm -vielfach begegnet. Ohne, daß ihm bisher die Gerichte sein Handwerk zu -legen vermochten, hatte doch jeder, der sich mit seinen Angelegenheiten -beschäftigen mußte, das deutlichste Gefühl, daß dies Werk vieler -Millionen eines Tages zusammenbrechen und unzählige Vertrauensselige -unter sich begraben und zermalmen werde.</p> - -<p>Die Verantwortung des Beraters von Rechtswegen regte sich in ihm. Auch -dieser Unangenehmen gegenüber!</p> - -<p>„Sie haben das Geld doch noch nicht hingegeben?“</p> - -<p>„Doch,“ nickte sie stolz. „Die Leute drängen ihm ja ihre Mittel -förmlich auf und er suchte nur eine bestimmte Summe.“</p> - -<p>Walter Wullenweber war auch diese Gepflogenheit bekannt. Um bei -kleinen Sparern kein Mißtrauen zu erwecken, bezifferte er in seinen -Gutachten das Geforderte in der letzten Zeit kaum jemals höher als mit -hunderttausend Mark.</p> - -<p>„Es machte grade unser gesamtes Vermögen aus,“ fügte sie noch hinzu.</p> - -<p>„Und Sie haben sich zuvor bei niemand einen Rat geholt? Keinerlei -Auskunft über ihn eingezogen?“</p> - -<p>„Das war unnötig. Jede der zweiundzwanzig Damen unseres Stiftes -war bereit, ihm das ihre, bis auf den letzten Pfennig, ebenfalls -anzuvertrauen. Ich war nur schneller wie sie und darum glücklicher.“</p> - -<p>So widerwärtig sie ihm auch heute war, eine letzte Frage mußte er -dennoch an sie richten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_362"></a>[S. 362]</span></p> - -<p>„Wäre es möglich, daß Sie Ihr Geld, vielleicht mit einem kleinen -Verlust – noch zurückziehen könnten? Mir ist bekannt, daß solche -Leute, wenn sie dabei etwas verdienen können, sich ausnahmsweise dazu -bereit erklären.“</p> - -<p>„Glücklicherweise ist das ausgeschlossen,“ kicherte sie. „Das Terrain -ist bereits damit erworben. Ich werde außer den sechs Prozent Zinsen -noch zwei weitere Prozent nach der Bebauung vom Reingewinn abbekommen. -Denken Sie – also das Doppelte der bisherigen Einkünfte...“</p> - -<p>Er sagte nichts weiter dagegen. Wozu auch? Zu ändern gab es nichts mehr -und sie würde es noch früh genug erfahren. Sie deutete sein Verstummen -nach ihrer eigenen Veranlagung.</p> - -<p>„Die andern Stiftsdamen würden mich steinigen, wenn sie wüßten, daß mir -dies rechtzeitig gelungen ist.“ Sie sah ihn lauernd an. Der abweisende -Ausdruck in seinen Zügen bestärkte sie in der Annahme, daß auch er ihr -dies glänzende Geschäft mißgönne. Darüber freute sie sich, wollte grade -eine hämische Bemerkung machen, unterdrückte sie aber rechtzeitig, weil -sie an das andere dachte, um dessentwillen sie in der Hauptsache zu ihm -gekommen war.</p> - -<p>„Ich habe noch eine Bitte an Sie, Herr Rechtsanwalt.“</p> - -<p>„Dafür bin ich zur Sprechstunde von 12 bis 2 Uhr nachmittags zur -Verfügung,“ meinte er abweisend. „Dies hier geschah nur ganz -ausnahmsweise! Der ungeschulte Schreiber soll keine unangemeldeten -Besucher vorlassen.“</p> - -<p>„Wenn Sie mich jetzt noch einen Augenblick anhören, wird es nicht Ihr -Schade sein,“ tuschelte sie vertraulich.</p> - -<p>„Ich bitte höflichst, einstweilen zu gehen,“ entschied er kurz, von -ihrer Vertraulichkeit abgestoßen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_363"></a>[S. 363]</span></p> - -<p>„Es handelt sich nämlich um Eva von Ostried,“ fuhr sie fort, als habe -sie seine Worte nicht vernommen.</p> - -<p>Das entwaffnete ihn!</p> - -<p>„Sie waren ja Zeuge meiner Ansichten über sie, Herr Rechtsanwalt. -Natürlich habe ich sofort versucht, die nötigen Beweise, von deren -Vorhandensein ich mich nach wie vor überzeugt halte, zu erbringen. Es -ist mir nicht gelungen. Ich habe keine Berührungspunkte zu den Kreisen, -in denen sie lebt. Wie soll ich also das bestimmt vorhandene Material -zusammentragen? Sie sind ein Mann und haben als solcher überall -Zutritt. Sie sind außerdem noch Jurist und wissen genau, worauf es hier -ankommt. Tun Sie mir den Gefallen und bemühen Sie sich in dieser Sache -an meiner Statt. An dem Tage, an dem Sie mir Vollgültiges bringen, -erhalten Sie von mir dreihundert Mark. Das gesetzliche Honorar, das Sie -als Anwalt für Ihre Bemühungen fordern können, bleibt davon unberührt.“</p> - -<p>„Wenn Sie nicht wollen, daß ich ungesäumt dem Generalleutnant von Ihrem -Verlangen Bericht erstatte, entfernen Sie sich auf der Stelle.“</p> - -<p>Sie ging mit wutverzerrtem Gesicht. „Gestehen Sie es nur, Sie sind auch -einer von denen, der in ihren Netzen zappelt,“ zischelte sie, schon auf -der Schwelle stehend. –</p> - -<p>Er war wieder allein und riß die Fenster weit auf, als schwebe in -diesem Raum ein Pestgeruch wahnwitziger Verdächtigung, der ihm -Uebelkeit erregte. Dann hieb es wie mit Hammerschlägen auf ihn ein. „Er -war auch einer...“</p> - -<p>Stimmte das nicht? Kam er von ihr los? Er fühlte, daß er an dieser -Sehnsucht und Ungewißheit langsam zu Grunde gehen müsse!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_364"></a>[S. 364]</span></p> - -<p>An diesem Abend kam er erst gegen neun Uhr nach Hause. Die alte Pauline -war seinetwegen in Sorge. Sie wußte sich sein schon seit Wochen -verändertes Wesen nicht anders zu deuten, als daß er sich krank fühle. -Während er sonst beim Auftragen der Speisen gern einen Scherz machte, -saß er jetzt gedankenlos am Tisch und genoß hastig und unfreudig, was -sie ihm vorsetzte. Heute wartete der sorgfältig zubereitete Imbiß -längst auf ihn.</p> - -<p>„Es gibt ein Gläschen Glühwein, Herr Rechtsanwalt,“ sagte sie -verheißungsvoll, „haben Sie das nicht gerochen? Die Luft geht scharf -und Sie sehen immer aus, als ob Sie nie richtig warm werden könnten.“</p> - -<p>Er nickte ihr zu, während er die Aktentasche abwarf.</p> - -<p>„Sie hätten Mediziner werden sollen, gute Pauline. Ihre Diagnose stimmt -aufs Haar.“</p> - -<p>„Sie haben also wirklich gefroren und sagen mir keine Silbe davon,“ -meinte sie vorwurfsvoll. „Wie gern hätte ich ein paar Kohlen in den -Ofen gelegt.“</p> - -<p>„Der Glühwein wird auch helfen. Bringen Sie ihn nur möglichst schnell.“</p> - -<p>Sie blieb nachher noch wie in früheren guten Tagen ein wenig am Tisch -stehen und sah ihm zu, in der Hoffnung, daß er sich aussprechen werde. -Hastig goß er den dampfenden Trank herunter.</p> - -<p>„Kann ich noch eins bekommen, Pauline?“</p> - -<p>„Aber gewiß! Nur wär’s vielleicht besser, ich brächt’ es Ihnen kurz -vor dem Schlafengehen. Das nimmt man, soll’s helfen, in ganz kleinen -Schlückchen – macht die Augen zu und schläft geschwind ein, wenn’s -sonst auch noch so lange dauern muß.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_365"></a>[S. 365]</span></p> - -<p>„Ich werde ausnahmsweise gehorsam sein. Also – nachher noch eins! -Vorher aber und zwar jetzt gleich, bitte, das andere...“</p> - -<p>Sie hantierte kopfschüttelnd in der Küche, um seinen Wunsch zu -erfüllen. Er würde sich doch nichts angewöhnen? Neulich war er einmal -seltsam wankend nach Hause gekommen.</p> - -<p>Auch dies zweite leerte er sehr schnell.</p> - -<p>„Ich muß übrigens nachher noch einmal fort, Pauline.“</p> - -<p>„Bei diesem Wetter? Hören Sie doch, wie der Regen an die Scheiben -klatscht.“</p> - -<p>„Es hilft nichts. Ich muß eben. Suchen Sie, bitte, den alten -Lodenmantel heraus. Die elektrischen Bahnen werden noch überfüllter wie -sonst schon sein.“ Sie schlug jammernd die Hände zusammen.</p> - -<p>„Jetzt womöglich auch noch eine Stunde oder länger zu Fuß laufen. -Lieber Gott, und ich hab’s so gut und trocken und warm. Kann ich das -nicht für Sie abmachen, Herr Rechtsanwalt? Lachen Sie mich nicht -aus. Ich weiß wohl, daß ich viel zu dumm für Ihre Sachen bin. Aber -vielleicht ist’s nur ein Auftrag oder so was. Es war doch schon mal so. -Da durfte ich auch an Ihrer Stelle gehen.“</p> - -<p>Er legte gerührt seine Hand auf die ihre.</p> - -<p>„Vielleicht machten Sie es diesmal sogar besser, als ich, Pauline. Aber -– nein – es darf nicht sein. Ich werde nicht früher ruhig.“</p> - -<p>Das war wieder geheimnisvoll und unverständlich, wie jetzt so vieles. -Seufzend brachte sie den Mantel, der von den Kletterpartien aus der -Studentenzeit herstammte und hing ihn sorglich um seine Schultern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_366"></a>[S. 366]</span></p> - -<p>„Wann werden Sie wohl ungefähr zurück sein, Herr Rechtsanwalt?“</p> - -<p>„Sie beabsichtigen doch nicht etwa aufzubleiben...“</p> - -<p>– – – – Das Vorwärtskämpfen durch den dunklen, nassen Abend tat -ihm wohl. Der Regen, der jetzt fein und emsig herunterrieselte, netzte -seine pochenden Schläfen und beruhigte die wirren Gedanken. Trotzdem -fiel es ihm nicht ein, umzukehren – oder das, was er vor hatte, als -etwas Sinnloses zu empfinden. Es gestaltete sich im Gegenteil immer -klarer in ihm, daß er diesen Weg machen müsse!</p> - -<p>Einmal versuchte er einen Platz auf der Plattform des elektrischen -Wagens zu bekommen. Es gelang ihm wirklich. Aber nun stand er – -eingekeilt von der Masse mürrischer, hastiger Menschen und atmete den -Dunst durchnäßter Mäntel und Kleider ein. Das dünkte ihn unerträglich.</p> - -<p>In den kleinen verlaufenen Pfützen der Straße spiegelten sich die -trüben brennenden Laternen, sodaß es wirkte, als winke eine Schar -abgestürzter Lichtlein, die sich vor dem Ertrinken wehrten, zu ihm -herauf. Eine halbe Stunde ertrug er es. Dann sprang er ab und ging -das letzte Stück durch Wind, Regen und Kühle. Ohne zu zögern setzte -er seinen Weg fort. Als er die neue Kantstraße hinunterschritt und -zu beiden Seiten des kunstvollen Brückengeländers den Spiegel des -Lietzensees mit der neuen Fülle ertrinkender Lichter sah, beschleunigte -er seine Schritte. Ungezählte mal war er denselben Weg in Gedanken -gewandert, hatte ihn sich nach der Karte so genau eingeprägt, daß ihm -die Gegend vertraut erschien. Nun bog er rechts ab und hielt sich -an dem Drahtzaun entlang, der die alten schönen Bäume des Parkes am -Königsweg begrenzte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_367"></a>[S. 367]</span></p> - -<p>Das Haus, in dem Eva von Ostried wohnte, war schnell gefunden. Die -alte Pauline hatte es ihm, als sie noch darüber berichten durfte, -ausführlich und häufig genug beschrieben.</p> - -<p>Gänzlich in das Dunkel gedrückt, stand er und starrte nach den Fenstern -hinüber, die er als die ihren zu erkennen glaubte. Hinter der Glastür, -die auf einen kleinen Balkon hinausführte, sah er den Schein einer -rotumhangenen Lampe –, er unterschied die Köpfe zweier Menschen dicht -nebeneinander. Der mit dem langgehaltenen fast bis zu den Schultern -herunterfallenden Haar war derjenige eines Mannes.</p> - -<p>Diese Entdeckung durchzuckte ihn wie ein Stich. Er wollte auch -sein Gesicht sehen. Dies gelang ihm nicht. Es mußte, in tiefer -Versunkenheit, über etwas geneigt sein, das es völlig verbarg.</p> - -<p>Auch von der weiblichen Gestalt vermochte er lediglich ein Stückchen -des freigetragenen Halses und eine Hand, die sich zuweilen nach einem -Gegenstand ausstreckte, mit Sicherheit festzustellen.</p> - -<p>Es genügte ihm. Das Blut brauste vor seinen Ohren. Sein ohnmächtiger -Zorn löste sich langsam in eifersüchtige Qualen auf.</p> - -<p>Nun stand er hier und sah zu, wie sich dort oben unter dem Schein -des verführerischen Purpurs, der das junge Blut doppelt erhitzen -mochte, eines der vielen Schäferstündchen abspielte. Er versuchte sich -einzureden, daß diese Gewißheit das beste Heilmittel für seine Liebe -sei, sah nach dem Schienenstrange der Elektrischen hin, der durch -Nebel und Nässe in der Ferne aufblitzte, und beschloß, heimwärts zu<span class="pagenum"><a id="Seite_368"></a>[S. 368]</span> -eilen und traumlos auszuschlafen. Denn er war sehr, sehr müde. Aber er -machte keinen Versuch, sich zu entfernen. Er starrte weiter auf das -verschwimmende Bild der beiden dicht zusammengeneigten Köpfe.</p> - -<p>Die breite Promenade war menschenleer. Nur einmal klappte die niedere -Tür der gegenüberliegenden Polizeiwache und ließ zwei stämmige -Schutzleute heraus. Ein paarmal drehten sie sich nach ihm herum, dann -gingen sie beruhigt weiter. Er fühlte nichts mehr wie das Bild, dessen -Gestalten er klar erkennen mußte, ehe er von hier schied. Seine Augen -brannten. Seine Zunge lag hart und trocken im Munde. Vielleicht war es -wirklich schon Mitternacht, denn irgendwo schlug eine Uhr zwölfmal. -Seine Taschenuhr war plötzlich stehen geblieben. Er entsann sich dumpf -eines Märchens, nach dem dies stets geschah, wenn eines Menschen -Liebstes die Augen für immer schloß. Erst später fiel ihm ein, daß es -ganz natürlich zuging, weil er vergessen hatte, sie aufzuziehen.</p> - -<p>Er mußte nun heim!</p> - -<p>Da schob sich ächzend die schwere Haustür, von innen geöffnet, auf, und -eine Männergestalt trat auf den Bürgersteig hinaus. In dem gleichen -Augenblick erlosch oben der rote Lampenschein.</p> - -<p>Mit ein paar Sätzen war Walter Wullenweber bei dem Andern – – ging -neben ihm dahin, starrte ihn an wie ein Irrer....</p> - -<p>Das war doch – –. Das Gefühl der Atemlosigkeit wich der Befreiung, -die zu schön erschien, um bedingungslos an sie zu glauben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_369"></a>[S. 369]</span></p> - -<p>„Herr Rechtsanwalt Wullenweber, nicht wahr?“ fragte eine Stimme, die -selbst in dem Augenblick gerechtfertigten Erstaunens noch sanft blieb.</p> - -<p>Der schweigsame Dichter von der Familientafel der Ostrieds sah erstaunt -zu dem Anwalt auf. Walter Wullenweber suchte nach einer glaubhaft -klingenden Erklärung.</p> - -<p>„Ich hatte in der Gegend zu tun und hoffte nun auf eine zufällig des -Weges daherkommende Droschke.“</p> - -<p>Die Notlüge war zögernd und ungeschickt hervorgebracht. Aber Edgar von -Ostried-Javelingen kannte kein Mißtrauen. Langsam tastete er sich, nach -den traumhaften Stunden, in die Wirklichkeit zurück und lachte leise -auf:</p> - -<p>„Dann ist es gut, daß mich der Zufall Ihnen in den Weg geführt hat. -Das gibt es hier kaum. Wir erhaschen aber bestimmt noch die letzte -Elektrische, wenn wir eilen. Nicht wahr, wir bleiben jetzt zusammen, um -später, wenn die Bahn uns heraussetzt, ein Stückchen durch die Nacht zu -gehen. Ist Ihnen das recht?“</p> - -<p>Walter Wullenweber bejahte fast ungestüm. Ein wenig später saßen sie -nebeneinander wie zwei alte Freunde.</p> - -<p>Walter Wullenweber wartete, daß ihr Name fallen würde.</p> - -<p>„Ich war in Fräulein von Ostrieds kleinem, entzückenden Heim,“ begann -der Dichter endlich. „Ich weiß nicht, ob Sie ihre Adresse kennen.“</p> - -<p>„Doch,“ meinte Walter Wullenweber mit mühsamer Beherrschung, „als der -Anwalt der Ostrieds...“</p> - -<p>„Richtig. Wir hatten es an jenem großen Familientage ausgemacht, daß -ich sie zuweilen an Sonn- oder Feiertagen besuchen dürfe.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_370"></a>[S. 370]</span></p> - -<p>„Aber heute ist doch kein Feiertag,“ warf Walter Wullenweber mechanisch -ein.</p> - -<p>„Nicht im gewöhnlichen Sinne! Für mich bestand er, obwohl sie selbst -leider nicht zu Hause war.“</p> - -<p>„Fräulein von Ostried ist... abwesend?“</p> - -<p>„Seit vier Tagen weilt sie in München, um dort in zwei Konzerten zu -singen.“</p> - -<p>Walter Wullenweber seufzte tief auf. Wie hatte er das nur vergessen -können?! Durch seine Verhandlungen mit Herrn Alois Sendelhuber kannte -er die Daten genau.</p> - -<p>„Hier habe ich übrigens eine glänzende Rezension aus den Münchener -Neuesten Nachrichten über das erste Konzert,“ plauderte der Dichter -und suchte einen Ausschnitt aus der Brieftasche. „Leider ist es zum -Lesen zu dunkel. Der Inhalt bringt eine schrankenlose Anerkennung ihres -herrlichen Stimmaterials bei vornehmster und edelster Vortragsweise. -Sie wird sicher dies alles ebenso interessieren wie mich, denn, nicht -wahr, auch Sie glauben bedingungslos an ihre Reinheit?“</p> - -<p>Ueber Walter Wullenwebers Gesicht lief ein heftiges Zucken. Anfangs -wollte er die Frage überhören. Dann vermochte er es doch nicht. -Vielleicht blieb dies die einzige Gelegenheit, um sich aus dem -offenherzigen Bericht eines großen, guten Kindes, ein klares Bild zu -formen.</p> - -<p>„Tun Sie es denn?“ fragte er dagegen. Ein erstaunter Blick traf ihn.</p> - -<p>„Ich? Allerdings! Ich verehre sie auch um ihrer selbstlosen Güte und -Entsagungsfreudigkeit willen, von allen Menschen am meisten. Und ihre -Künstlerschaft ist begnadet. Dazu bedurfte ich keine Kritik. Das habe -ich sofort in der<span class="pagenum"><a id="Seite_371"></a>[S. 371]</span> ersten Viertelstunde gefühlt, die ich ihrem Gesang -lauschen durfte. Sie machen ja plötzlich so ein merkwürdiges Gesicht, -Herr Rechtsanwalt? Trauen Sie mir keine Urteilskraft zu?“</p> - -<p>„Sicher halten Sie sich von Fräulein von Ostrieds Vortrefflichkeiten -voll überzeugt!“</p> - -<p>„Soll das vielleicht heißen, daß Sie an ihnen zweifeln?“</p> - -<p>„Zweifeln? Ich glaube nicht, daß der Ausdruck paßt.“</p> - -<p>„Auch jetzt bleiben Sie noch Jurist. Wie leid mir das tut. Als ich Sie -neulich längere Zeit beobachtet hatte, war ich sicher, daß Sie ein -starkes Gefühl für die Angegriffene hatten, obwohl Sie dies nicht zum -Ausdruck bringen konnten.“</p> - -<p>„Nehmen wir an, daß Sie sich nicht darin getäuscht haben.“</p> - -<p>„Dann dürfen Sie nicht an ihr zweifeln!“</p> - -<p>„Alles Zweifeln entspringt dem Verstand! Dagegen kann das Gefühl nicht -an.“</p> - -<p>„Wie sonderbar und hart! – Sie waren wohl nie in ihrem Heim? Hatten -keine Gelegenheit sie zu studieren, wie es mir vergönnt war.“</p> - -<p>„Nein. Wie wäre das auch möglich gewesen. Sie suchte mich als Anwalt -auf, wir lernten uns dabei kennen – verhandelten –“</p> - -<p>„Dann sind Sie entschuldbar, obgleich ich sofort einen nachhaltigen -Eindruck von ihr empfing. Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie ist sehr -schön. Vielleicht überhaupt die Allerschönste. Es liegt nahe, daß ich -mich blind in sie verliebt haben könnte. Mein schwacher Körper – meine -armselige Stellung als Mensch und leider vor der großen Volksmenge auch -noch als Dichter wären kein Hindernis. Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_372"></a>[S. 372]</span> bin aber gar nicht verliebt -in sie. Ich liebe sie! Auch das nicht im üblichen Sinne. Wie man das -Gute und Schöne lieben und anbeten muß, so fühle ich für sie. Es kommt -mir gar nicht in den Sinn, daß dies etwa in den Augen solcher, denen -nichts heilig ist, lächerlich erscheinen könnte.“</p> - -<p>„Schwärmer,“ sagte Walter Wullenweber leise. „Was erscheint Ihnen denn -so göttlich an ihr?“</p> - -<p>„Vor einer Stunde war ich noch fest überzeugt, daß niemals ein Wort -davon über meine Lippen gehen würde. Jetzt fühle ich, daß ich, um ihr -einen Dienst zu erweisen, daran rühren muß. Sie sollen ein klares, -unverzeichnetes Bild von ihr erhalten. – Sie hat ein junges, sicher -dem Tode verfallenes Mädchen bei sich. Bei der habe ich heute gesessen -und ihr aus meinen neusten Schöpfungen vorgelesen. Sie ist sehr einsam -und muß sehr unglücklich sein und Eva von Ostried hat mich gebeten, -während ihres Fernseins nach ihr zu sehen. Völlig hat sie sich nicht -zu mir ausgesprochen. Es gibt aber Minuten, in denen eine schreckliche -Vergangenheit aus ihren entsetzten Augen redet. –</p> - -<p>Was ich über Eva von Ostried an Tatsächlichen weiß, hörte ich von ihr. -Eines Tages hat sie das ihr bis dahin fremde Mädchen aufgenommen, die -Schwerkranke mit allen Opfern gepflegt und wie eine Schwester gehalten. -Der Grund ist mir klar. Sie weiß bestimmt, daß deren Wochen oder -Monate gezählt sind – daß niemand das sieche, heimatlose Geschöpfchen -aufnehmen würde. Darum machte sie ihr mit dem Sonnenschein ihrer Güte -die letzte Stunde leicht...“</p> - -<p>„Dies todkranke, verlassene Mädchen ist eine Gefallene, nicht wahr?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_373"></a>[S. 373]</span></p> - -<p>Der Dichter zuckte zusammen. Ueber sein Gesicht flammte das helle Rot -der Scham oder Empörung.</p> - -<p>„Ich weiß nicht, ob sie jemals gestrauchelt oder gar gefallen ist. Und -will es auch nicht wissen. Haben Sie allzeit aufrecht dagestanden? -Ja? Ich nicht! Ich habe Zeiten hinter mir, in denen ich zu dem -Schlechtesten fähig gewesen wäre. Warum ich es nicht ausführte? Ich -hatte eine Mutter, die ein Engel war und einen Vater, der ein Held im -Ertragen und Entsagen, auch in den opfervollsten Zeiten, blieb. Beide -Eltern starben, als ich zwanzig Jahre zählte. Viel zu früh natürlich. -Und dennoch spät genug, um mich stark und reif gemacht zu haben. Bei -jeder Anfechtung waren sie mein Schutz und Schirm. Wissen Sie denn, -ob das kleine, arme Gretchen Müller jemals einen Schutzgeist besitzen -durfte? Nun ist auch sie rein und still und sehnsüchtig nach allem -Guten. Was ist denn die Hauptsache? Was jemand getan oder versehen hat -oder wie er es zuletzt gutmacht? Ich glaube, dies letztere. Ich sage -Ihnen, das kranke Mädchen hat sich entsühnt. Und weil Eva von Ostried -das genau fühlt, wird ihre Güte und Liebe immer größer!“</p> - -<p>„So ist Fräulein von Ostried von ihrem jetzigen Leben also voll -befriedigt?“</p> - -<p>„Das glaube ich nicht. Sie ist ein verschlossener, starker Mensch, -der alles allein trägt. Meinen Sie vielleicht, daß sie sich etwa zu -Fräulein Gretchen ausspräche, denn ich darf das für mich noch nicht in -Anspruch nehmen. Unsere Bekanntschaft ist zu neu. Sie hat mir gegenüber -den Ton einer besorgten älteren Schwester, der neben all meiner -Anbetung den unbedingten Respekt keinen Augenblick vergessen macht.<span class="pagenum"><a id="Seite_374"></a>[S. 374]</span> -Aber die Hausgenossin ahnt ein schweres Geheimnis in diesem Leben und -leidet schwer darunter, weil sie nicht zu helfen vermag.“</p> - -<p>„Sie ahnt auch nicht, was es sein könnte?“</p> - -<p>„Nein! Eva von Ostried vermeidet über sich zu sprechen.“ Noch einmal -äußerte sich der alte Argwohn in Walter Wullenweber: „Sie wird ihre -guten Gründe dafür haben.“</p> - -<p>„Wahrscheinlich. Gut sind sie sicher. Ob richtig? Das wäre die Frage. -Ich jedenfalls verstehe, daß sie die Todkranke, die von viel Schmerzen -gepeinigt wird, nicht noch mehr belasten will.“</p> - -<p>„Wie Sie für alles, was sie angeht, irgend eine Entschuldigung oder -Erklärung bereit halten.“</p> - -<p>„Könnte ich sie sonst wirklich anbeten? Sie lächeln und denken, ein -Dichter kann das sehr wohl. O nein, Herr Rechtsanwalt. Wenn ich auch -arm und abhängig bleiben muß, meine Begriffe von Frauenehre und -Menschenwürde stehen fest. Die lasse ich mir von niemand antasten, -geschweige denn rauben. Wenn sich heute ein Dutzend weiser und -berühmter Denker die Mühe machen wollten, mich mit anscheinend logisch -aufgebauten Beweisen andern Sinnes zu machen, es hilfe ihnen nichts. -Wenn meine Seele klingt, wie sie das in Eva von Ostrieds Gegenwart tut, -dann irrt mein Gefühl nicht.“</p> - -<p>„Sie sind ein beneidenswert glücklicher Mensch.“</p> - -<p>Der elektrische Wagen lief nicht mehr. Die wenigen Fahrgäste waren -ausgestiegen. Nun kletterten auch die beiden letzten in ihre Gedanken -Versunkenen heraus.</p> - -<p>„Bleiben wir noch ein wenig zusammen?“ fragte der Dichter wieder sehr -schüchtern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_375"></a>[S. 375]</span></p> - -<p>„Es kommt darauf an, wo Sie wohnen.“</p> - -<p>Er nannte eine Straße im hohen Osten.</p> - -<p>„Dann haben wir noch eine Viertelstunde den gleichen Weg.“</p> - -<p>Schweigsam gingen sie durch die Nacht. Der Regen hatte aufgehört. -Sterne waren da und ein schmaler, blasser Mond.</p> - -<p>„Herr Rechtsanwalt,“ sagte der Dichter plötzlich leise.</p> - -<p>Walter Wullenweber fuhr zusammen. Er hatte die Gegenwart des andern -vergessen.</p> - -<p>„Verzeihen Sie mir meine Schweigsamkeit. Mir ging so manches durch den -Kopf.“</p> - -<p>„Das fühlte ich und würde Sie auch nicht gestört haben, wenn die -Viertelstunde nicht bald herum wäre. Eine Bitte hätte ich: Werden Sie -Eva von Ostried ein wahrer Freund und Berater, wenn Sie es können. -Ja? Sie ist sehr einsam und ich bin doch nicht die Persönlichkeit zum -schützen. Wollen Sie?“</p> - -<p>Walter Wullenweber hielt die feingliedrige Hand des Dichters und preßte -sie voller Kraft.</p> - -<p>„Ich will es versuchen!“</p> - -<p>Nun ging er allein weiter. Die Sterne waren schon wieder verschwunden -und der schmale Mond blinkte nur noch wie ein gelber Faden, der zwei -dicke, graue, unruhige Wolken zusammen zu nähen versuchte. Ihm war -heiß, jung und sehnsüchtig zu Mute!</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_375_ende"> - <img class="w100" src="images/i_357_ende.jpg" alt="Kapitel 19, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_376"></a>[S. 376]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_376_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_005_kopf.jpg" alt="Kapitel 21, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_21">21.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">D</span>er geräumige, vornehm ausgestattete Blüthnersaal schien bereits eine -halbe Stunde vor Beginn des heutigen Konzerts gefüllt. Aber mit dem -Glockenschlage strömte nochmals ein neuer Menschenstrom herein, staute -sich einen Augenblick und verteilte sich dann nach allen Seiten hin. -Wie das Rauschen einer Unruhe lief’s durch den Saal, dann schlossen -sich die Türen und es wurde ganz still.</p> - -<p>Das Künstlertrio begann mit dem tatrischen Tondrama von Tschaikowski. -Vielleicht beherrschte der wundervoll reine Klang des Cello ein -wenig zu sehr die Melodie, die von der Geige hätte geführt werden -müssen. Aber das war nur für die ersten Minuten der Fall. Dann bot -das Zusammenspiel einen künstlerischen Genuß von höchster Vollendung -und die gewaltige Dramatik des ersten Satzes löste eine beifallslose -Ergriffenheit aus.</p> - -<p>Nach der ersten Pause kam von einer der Türen Horst Waldemar von -Ostried und ging suchend – die Platzkarte in der Hand – die -vollbesetzten Reihen auf und ab. Er wußte genau, daß er irgendwo unter -einem Pfeiler einen Eckplatz hatte.</p> - -<p>Als er endlich die kleine Dame im Schwabinger Künstlerkleidchen und die -dazu gehörenden braunen Haarschnecken<span class="pagenum"><a id="Seite_377"></a>[S. 377]</span> vertrieben hatte, war es gerade -der Augenblick, daß Evas stolze, schlanke Erscheinung in dem sehr -schlicht gehaltenen Gewand aus weißer, fließender Seide auf dem Podium -erschien.</p> - -<p>„Hast du jemals etwas so Märchenhaftes gesehen?“ flüsterte hinter -seinem Rücken ein begeistertes junges Wesen ihrem älteren, würdigen -Nachbar, der offenbar ihr Vater war, zu.</p> - -<p>Horst Waldemar lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit ihrer Antwort.</p> - -<p>„Ausnahmsweise spielst du dich als echter Kindskopf auf,“ tadelte die -tiefe Stimme. „Befreie dich gefälligst von ihren äußeren Reizen, sonst -kannst du unmöglich das genügende Verständnis für sie als Sängerin -aufbringen. Und du weißt, daß sie das verdient.“</p> - -<p>„Ich empfinde dich als einen merkwürdig gnädigen Kritiker, so bald es -sich um sie handelt, Papa.“</p> - -<p>„Merkst du nicht, daß sie uns alle durch ihr Talent dazu zwingt, -Kind? Dies alles ist nur der Anfang. Eines Tages wird man in der -musikalischen Welt nur von ihr sprechen. Dann wird sie ungeheure -Honorare bestimmen und erhalten. Man wird sich einfach zerreißen, -um sie festzumachen. Das habe ich bereits vor einem Jahre gewußt. -Und niemals begriffen, daß sie sich mit dem bescheidenen Lose einer -Konzertsängerin begnügt.“</p> - -<p>„Sie wird sehr bald einen Prinzen oder einen Doppelmillionär heiraten, -Papa, und dann darf sie nur für den Einen singen.“</p> - -<p>Er lachte leise.</p> - -<p>„Beide mögen sich finden lassen! Ob sie aber mag?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_378"></a>[S. 378]</span></p> - -<p>„Ich glaube, ich könnte nicht widerstehen.“</p> - -<p>„Diesen Glauben teile ich. Du bist leider im Alltag das nüchternste -Geschöpf unter der Sonne, wenn es irgendwie Stellung, Vorteil oder -Glanz zu erkaufen gibt.“</p> - -<p>Es klang bitter.</p> - -<p>„Ich muß doch, seitdem Mama tot ist, sparen. Für uns Beide,“ sagte -sie, als schäme sie sich ein wenig für ihren alten Vater, der das -wirtschaftliche Einmaleins so schlecht beherrschte.</p> - -<p>Er seufzte verzweifelt auf. „Ach, diese ewigen Geldnöte, Trude.“</p> - -<p>Da jauchzte der erste Ton durch die andächtige Stille und löschte die -Nöte des Lebens aus. Schuberts tiefergreifende ewig schöne Weihelieder -erbrausten. Das Lied vom „Abendrot“ umspann die Hörer mit seinem -weichen, sehnsüchtigen Ewigkeitszauber.</p> - -<p>Den fünf Handschriftliedern war ihre Stimme und die Begleitung voll -angepaßt und jubelnde Stürme echter Begeisterung lösten sie aus. Eva -von Ostried stand, als ginge sie die Raserei der Menge nichts an, -und trat schließlich, mit einer Handbewegung auf den Komponisten -deutend, bescheiden zurück. Er mußte an ihre Seite kommen. Die beiden -hochgewachsenen Menschen reichten sich einen Augenblick fest die Hände.</p> - -<p>In diesem Augenblick erhob sich Horst Waldemar von Ostried so leise, -wie es seine mächtige Figur zuließ und tastete sich nach der Tür. Ihre -Mitwirkung war nach der gedruckten musikalischen Beitragsfolge hiermit -zu Ende. Noch einmal sah er zu ihr hinüber. Sie hatte die Hände wieder -frei und leicht zusammengelegt. Sein Blick war<span class="pagenum"><a id="Seite_379"></a>[S. 379]</span> gefesselt. Gewaltsam -riß er ihn los. Noch ehe ihm das voll gelungen, hatte sie ihn bemerkt. -Eine Sekunde begegneten sich ihre Blicke. In der nächsten wandte sie -den Kopf zur Seite.</p> - -<p>Ihm flog etwas durch den Sinn. Zusammenhanglos, wie er meinte und -töricht genug. Die Worte, die vorher der alte Kritiker über den -Prinzen gesagt hatte – „Ob sie aber mag?“ Dann reckte er sich noch -höher auf und verließ in dem Augenblick den Saal, als die unaufhörlich -Klatschenden sich glücklich eine Zugabe erbettelt hatten. Es war das -kleine Lied des unbekannten Komponisten, daß sie damals in München -gesungen:</p> - -<div class="poetry-container s5"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Ich hatt’ eine weiße Rose</div> - <div class="verse indent2">Auf meinem Blumenbrett...</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Eva hatte sich dem nicht endenden Beifall entzogen und war auf der -Hintertreppe ins Freie gelangt, denn der Anblick des Einen, der sich -plötzlich weit vorgebeugt und unverwandt zu ihr herab gestarrt, hatte -ihr die Fassung und alle Freude an dem schönen, großen Erfolg geraubt.</p> - -<p>Nun sah sie nur ihn, fürchtete ihm irgendwo zu begegnen und stellte -doch in dem nächsten Augenblick mit bitterer Angst fest, daß er -zu stark und zu stolz sei, um nach dem Geschehenen auch nur einen -solchen Versuch zu machen. Die herzliche Einladung des Trios zu einem -gemütlichen Beisammensein nach dem Konzert hatte sie, unter irgend -einem törichten Vorwand, abgelehnt. Wie eine Diebin schlich sie sich -fort. Der Schwarm der Hörer hatte sich verlaufen. In der Beförderung -der elektrischen Bahnen mußte vorübergehend eine Stockung eingetreten -sein. Es war alles still und tot um sie her.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_380"></a>[S. 380]</span></p> - -<p>Plötzlich stand er neben ihr und ging an ihrer Seite weiter. Walter -Wullenweber hätte dies noch vor Stunden für unmöglich gehalten. Er -wollte nichts, als sie wiedersehen, und danach alles überlegen! Nun -zwang ihn etwas zu ihr.</p> - -<p>„Woher kennen Sie das kleine Lied?“</p> - -<p>„Das Lied? Welches Lied?“ fragte sie.</p> - -<p>„Mein Lied.“</p> - -<p>„Das von der weißen Rose? – Es ist das Ihre?“</p> - -<p>„Ja, ich habe es vertont. Der Text ist von meiner armen, kleinen -Schwester.“</p> - -<p>„Ich fand es vergessen in einer kleinen Konditorei und nahm es mit mir. -Seitdem habe ich es oft gesungen.“</p> - -<p>„Eva,“ sagte er dicht an ihrem Ohr und alles, was er an Liebe, Leid, -Sehnsucht und Angst um sie getragen hatte, lag in diesem einen Worte.</p> - -<p>Es riß sie von ihm fort, denn die alte Schuld schlug mit harten Fäusten -auf sie ein, aber sie hörte nichts als das eine leise, zärtliche Wort. -Und seine Hand riß die ihre an sich: „Ich liebe dich – weiter über -alles.“</p> - -<p>Da gab sie den Kampf auf.</p> - -<p>„Wo warst du so lange?“ fragte sie voll seliger Scheu.</p> - -<p>Nun nahm er auch ihre schlanke stolze Gestalt. Einen Augenblick ruhte -sie an seinem Herzen.</p> - -<p>„Ich war immer bei dir, Eva.“</p> - -<p>„Und ließest mich doch ganz allein.“</p> - -<p>„Durfte ich denn kommen? Hast du deinen Brief vergessen, den -schrecklichen kalten Brief?“</p> - -<p>„Es war alles nicht wahr,“ stammelte sie.</p> - -<p>„Warum dann aber? Wozu diese unsägliche Qual für uns Beide?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_381"></a>[S. 381]</span></p> - -<p>„Frage nichts! Ich weiß es nicht. Ich weiß nur das Eine.“</p> - -<p>„Was ist das? Sprich es aus!“</p> - -<p>„Daß ich dich ebenso liebe, wie du mich!“</p> - -<p>Seine Arme umfaßten sie – trugen sie beinahe, und mit geschlossenen -Augen ließ sie es geschehen. „Du, du,“ sagte er nur, „nun hat alle Not -eine Ende!“</p> - -<p>Da schlug es wieder in ihr wundes Gewissen. „Ich muß noch mit dir -sprechen. Morgen, ja?“</p> - -<p>Das unheimliche Gespenst des dunklen Geheimnisses, unter dem er bis zur -Grenze des Ertragenkönnens gelitten – da war es wieder. Und dennoch -nichts mehr von alledem.</p> - -<p>„Es ist doch Keiner da, der jemals ein Recht an dir gehabt hätte, Eva?“</p> - -<p>Stolz und frei blickten ihre Augen in die seinen.</p> - -<p>„Niemand! Das schwöre ich dir!“</p> - -<p>Nun war alles – alles gut! Keine Frage sollte jemals an seinen Qualen -rühren. Er würde ihr bedingungslos vertrauen. Er hob ihre Hände und -preßte seine Lippen darauf.</p> - -<p>Der nächste Tag war ein Sonntag. Mit holdseliger Befangenheit, die -ihn rührte und beglückte zugleich, hatte sie seinen Besuch in ihrem -Heim abgewehrt. So war es festgelegt, daß sie sich um die Mittagszeit -draußen in Wannsee treffen und alles nötige miteinander vereinbaren -würden. Denn sie waren im Innern gleich entschlossen, daß sie schon -diesen Winter als Mann und Frau durchleben mußten!</p> - -<p>Auf dem schmalen Sitzbrett eines Bootes saßen sie und sprachen von sich -und ihrer Zukunft.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_382"></a>[S. 382]</span></p> - -<p>„Ein glänzendes Los erwartet dich nicht, Liebste,“ meinte er. „Siehst -du, mein festes Einkommen genügt eigentlich. Aber da ist noch mein -Vater. Ich schrieb dir damals alles von ihm. Und dann meine kleine -Schwester. Wenn ich sie doch eines Tages wiederfände.“</p> - -<p>Fest schmiegte sie sich an ihn.</p> - -<p>„Mit mir, die ich leider mit ganz leeren Händen zu dir kommen muß, -rechnest du also lediglich als Verbraucherin?“</p> - -<p>Er sah sie erschrocken an.</p> - -<p>„Anders darf es nicht sein, Eva!“</p> - -<p>„O doch! Verstehe mich nicht falsch. Ich werde an dir und deiner Liebe -volles Genüge finden. Das weiß ich. Frei von allem Ehrgeiz will ich dir -schaffen helfen, indem ich weitere Stunden gebe.“</p> - -<p>„Nicht früher, bis es dringend notwendig geworden ist. Versprich mir -das schon jetzt.“</p> - -<p>„Gut,“ sagte sie nach einer Weile. – An ihrem Zaudern merkte er, wie -schwer ihr die Zusage wurde.</p> - -<p>„Ich glaube, das war von mir allzu egoistisch, Liebling. Aendern wir -es darum ungesäumt ab. Wenn deine Sehnsucht dich früher dazu treiben -sollte, dann sagst du es mir!“</p> - -<p>Sie nickte.</p> - -<p>„Wie du mir überhaupt alles – alles anvertrauen mußt. Nicht wahr? Aber -das ist ja selbstverständlich!“</p> - -<p>„Wenn ich dir nun doch eine Kleinigkeit verschweigen würde,“ fragte sie -mit schmerzhaft zusammengezogenen Brauen.</p> - -<p>„Es käme darauf an, was es wäre. Halte mich nicht für kleinlich. Ich -will dir immer grenzenlos vertrauen. Aber ein Geheimnis, daß schon -bestanden hat, ehe du mein Weib<span class="pagenum"><a id="Seite_383"></a>[S. 383]</span> wärst. Siehst du, das müßte ich -kennen. Oder?“ Er stockte.</p> - -<p>„Warum sprichst du nicht zu Ende, Walter?“</p> - -<p>„Es war nichts, Liebste,“ lenkte er ab.</p> - -<p>„Du willst kein Geheimnis dulden und schaffst in demselben Atemzug -eins,“ klagte sie.</p> - -<p>Ihre Augen standen voller Tränen. Der Jammer über ihr Schicksal -erpreßte sie. Er aber glaubte, sie verletzt zu haben, befreite sich von -dem sich selbst gegebenen Versprechen und sagte rasch und klar:</p> - -<p>„Du hast einen Anspruch, den Satz zu Ende zu hören. Ich wollte sagen, -wenn es das Geheimnis eines Geschehnisses wäre, von dem du wüßtest, daß -es nichts in mir änderte – das ich voll begreifen, ja vielleicht sogar -nachmachen könnte, dann gestände ich dir ohne weiteres das Recht zum -Verschweigen ein.“</p> - -<p>„Also in keinem andern Fall?“</p> - -<p>„Nein! Vielleicht könnte ich etwas, das ich nie begreifen lernte, -dennoch verzeihen.“</p> - -<p>„Du mußt mir noch mehr darüber sagen, Walter. Ich verstehe dich noch -nicht völlig.“</p> - -<p>„Und es ist doch so klar, Liebste! Ein hartes Geheimnis, lediglich -durch einen Zufall enthüllt, würde für immer Glauben und Vertrauen in -mir vernichten.“</p> - -<p>„Auch die Liebe?“ fragte sie mit Aufbietung aller Kraft.</p> - -<p>„Meinst, daß die ohne Glauben und Vertrauen möglich ist?“</p> - -<p>Einen Augenblick rang sie um Atem. Jetzt mußte sie es ihm sagen. Keine -Minute durfte es länger nach diesem verschwiegen werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_384"></a>[S. 384]</span></p> - -<p>Da legte er den Arm um sie und zog ihren Kopf an seine Brust. So ruhte -sie aus, während der leichte Kahn fast stillstand, und dachte dumpf und -verzweifelt und dennoch über alle Maßen selig: Noch einen Herzschlag -lang, und dann – –</p> - -<p>Er küßte sie auf Mund und Augen. Ein leiser Wind begann sie ein wenig -vorwärts zu treiben. Die Sonne sah ihr warm und strahlend ins Gesicht.</p> - -<p>Plötzlich ward sie fest entschlossen, ihr Glück nicht aufs Spiel zu -setzen. Denn der Zufall? Er konnte ihr nichts anhaben. Niemand außer -ihr wußte darum!</p> - -<p>„Wir törichten, dummen Menschen,“ flüsterte sie an seinem Herzen und -lachte dabei. Wie von einem Alp befreit atmete er auf.</p> - -<p>Daß sie jetzt schweigen konnte und lachen war der beste Beweis, daß er -sich alle Schatten nur eingebildet hatte!</p> - -<p>Sie wurde sprühend ausgelassen.</p> - -<p>„Daß hätte ich niemals für möglich gehalten,“ wunderte er sich beglückt.</p> - -<p>„Du wirst noch viel Seltsames an mir erleben.“</p> - -<p>„Sicher aber lauter Schönes und Beseligendes.“</p> - -<p>„Möglich! Als deine Frau findet auch das immer noch ausstehende Wunder, -das eine Ahne verheißen hat, eine Erfüllung.“</p> - -<p>„Worin könnte das wohl noch bestehen?“</p> - -<p>„Daß einer Ostried, die gleich einer Nachtigall flötet – verzeih’ -mir diese Anmaßung, aber so steht es geschrieben – eines Tages ein -Märchenschloß vom Himmel herabfällt, worin wir Beide dann unsere -allerreinste, allertiefste Liebe vor den neidischen Menschen verstecken -können.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_385"></a>[S. 385]</span></p> - -<p>„Das Schloß mag nahe genug sein. Aber, ich bin das Hindernis. Paß nur -auf, du kennst meine Schattenseiten nicht.“</p> - -<p>„Ich weiß nur, daß ich glücklich durch dich bin. Was wird nur die alte -Pauline sagen, wenn sie alles erfährt.“</p> - -<p>„Ich bilde mir ein, sie hat es vorausgewußt, Liebste.“</p> - -<p>„Hat sie etwas derartiges verraten oder gar dir zugeredet.“</p> - -<p>Es klang schelmisch und übermütig.</p> - -<p>„Gelobt hat sie dich nur immer, bis ich ihr das im vollen Ernst -verbieten mußte.“</p> - -<p>„Und darin ist sie gehorsam gewesen?“</p> - -<p>„Aufs Wort.“</p> - -<p>„Dann wirst du auch mich völlig beherrschen, Liebster.“</p> - -<p>„Und du wirst dich zu deiner Kunst zurücksehnen?“</p> - -<p>„Soll ich es dir wirklich wiederholen, du Unersättlicher? Mein Sehnen -bist du! Ohne dich wäre mir jenes sagenhafte Märchenschloß nie und -nimmer beschert worden.“</p> - -<p>„So süß es in meinen Ohren klingt, Liebling. Der Jurist weiß es -anders.“ Und er erzählte ihr von jener durch Horst Waldemar von Ostried -aufgefundenen grundlegenden Erbfolgebestimmung. Sie hörte aufmerksam -zu und brach schließlich in ein helles Lachen aus. Diesmal kam es aus -einem schattenlos fröhlichen Herzen.</p> - -<p>„Nun verstehe ich endlich den Brief des Regierungsassessors und nunmehr -entthronten Anwärters. Das heißt,“ fügte sie verbessernd ein, „jetzt -kann er wieder seine alte langweilige Maske vorstecken. Zwei Tage -nach dem Familientag erhielt ich ein Schreiben von ihm. Ach so – -ich muß noch etwas voranschicken. Er wollte mich nach jener Sitzung<span class="pagenum"><a id="Seite_386"></a>[S. 386]</span> -heimbegleiten – aber ich hatte kein Verständnis dafür und schickte ihn -fort. Darauf nahm er Bezug. Es war ein schöner Brief. Du mußt ihn auch -lesen. Inhalt: Ich hätte es ihm angetan und er flehte um meine Huld!“</p> - -<p>„Richtig Huld hat er geschrieben?“</p> - -<p>„Jawohl! Du, das war sehr diplomatisch. Darunter konnte ich mir -allerhand vorstellen. Warte, es geht noch weiter. Wann er kommen dürfe, -um sich von meiner Vergebung zu überzeugen und wann vor allen Dingen -er mich seinen lieben Eltern bringen könne, die sich herzlich auf mich -freuten. Dabei schenkten mir damals besagte liebe Eltern auch nicht die -geringste Beachtung.“</p> - -<p>„Was hast du ihm geantwortet?“</p> - -<p>„Geantwortet? Aber, Liebster?“</p> - -<p>„Nun ja –“</p> - -<p>„Kein Wort natürlich! Er ist doch auch Jurist und wenn ich ihm ganz -klar meine Ansicht über diesen Fall mitgeteilt hätte, würde er mich -sicher vor das hohe Gericht geschleppt haben. Denn, du mußt bedenken, -daß ich bei Abfassung seines Briefes die für ihn ausschlaggebenden -Beweggründe noch nicht ahnte. Ich habe ihn einfach für wahnsinnig -gehalten. Später änderte ich diese betrübliche Ansicht in eine nicht -minder unschöne ab. Er wurde mir langsam zu einem gewissenlosen -Betörer, dem jedes Mittel zur Erlangung eines unsaubern Wunsches recht -ist.“</p> - -<p>„Du hättest also Frau Regierungsassessor und noch viel mehr werden -können. Bestimmt aber die Schloßherrin von Waldesruh, wenn auch im -reifsten Alter. Der jetzige Majoratsherr scheint keine Lust zur -Wiedervermählung zu haben.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_387"></a>[S. 387]</span></p> - -<p>Sie zuckte zusammen, als fröstele sie. „Niemals sah ich ein -seelenloseres Gesicht als das seine! Findest du das nicht auch?“</p> - -<p>„Sonderlich zu erwärmen vermag auch ich mich nicht für ihn. Aber er ist -ein Mann von hochanständiger Gesinnung. Nicht wahr, wie leicht hätte -er es gehabt, diese unbequeme Bestimmung aus dem verrosteten Kasten -einfach verschwinden zu lassen. Wenn er auch nachträglich ausgeführt -hat, daß sie ihn und einen eventuellen Sohn aus einer zweiten Ehe nicht -anficht. Immerhin, es brachte ihm Arbeit und Reibereien ein.“</p> - -<p>„Natürlich. Ich vergesse immer wieder, daß ich in den Augen der ganzen -Familie verfehmt bin. Nein,“ verbesserte sie sich, „das wäre undankbar. -Der Kummersbacher war herzlich gut mit mir und der kleine Dichter, der -mich übrigens treu besucht, hat mir längst zwei Flügel verliehen.“</p> - -<p>„Mache dich jedenfalls in allernächster Zeit auf die wichtige Eröffnung -gefaßt, Evalein, daß deiner späteren Linie bei einer standesgemäßen -Heirat die Aussicht zur Wiedererlangung der alten Heimat beschert sein -soll!“ Sie errötete tief und nestelte sich von neuem an ihn.</p> - -<p>„Ich gehöre dir. Nur dir! Alles andere ist wertlos geworden! Du wirst -mir auch diese Mitteilung, die hinfällig geworden ist, ersparen – -nicht wahr?“</p> - -<p>„Das darf ich als pflichtgetreuer Anwalt, der gar nichts mit deinem -Liebsten zu schaffen hat, nicht!“</p> - -<p>„Aber, wenn ich nun doch sehr, sehr bald auch vor der Oeffentlichkeit -deine Braut heiße.“</p> - -<p>„Damit bist du leider noch nicht meine Frau!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_388"></a>[S. 388]</span></p> - -<p>„Auch das wird gar nicht mehr so lange auf sich warten lassen?“</p> - -<p>„Wären dir endlos lange zwei Monate als Verlobungszeit zu kurz, -Liebste?“</p> - -<p>„Nein, nein! Das sind ja mehr als sechzig Tage!“</p> - -<p>Schweigsam aneinander gelehnt saßen sie, sahen träumerisch nach den -silbergrauen Perlen und beschlossen, Hand in Hand, daß in den nächsten -Tagen ein ausführlicher Brief über dies Ereignis nach Hohen-Klitzig -berichten solle.</p> - -<p>Noch einmal jammerte Eva von Ostrieds Gewissen auf. Dann hatte sie auch -diese Regung überwunden.</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_388_ende"> - <img class="w100" src="images/i_388_ende.jpg" alt="Kapitel 21, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_389"></a>[S. 389]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_389_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_169_kopf.jpg" alt="Kapitel 22, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_22">22.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">S</span>ie hatte ein Herz aus Glas und der Geliebte sah alles, was darin -vorging! Selbst bis dahin ahnungslos, daß es so war, offenbarte ihr -erst sein entsetztes Stammeln, daß sich ihm nun doch ihr Geheimnis -enthüllt habe. Sie gewann es über sich, um seine Vergebung zu betteln, -sie zu gewähren war ihm unmöglich!</p> - -<p>Er schüttelte sie ab und floh mit einem Ruf des Abscheus für immer – –</p> - -<p>Als Eva von Ostried mit einem wilden Schrei aus diesem Traume -emporfuhr, versuchte sie sich zu verhöhnen. Nachmittags, wenn sie sich -zum Aussuchen der Verlobungsringe treffen würden, wollte sie ihm davon -erzählen. Zugleich erschrak sie über diese Kühnheit, denn lediglich das -gläserne Herz war ein Gebilde ihrer aufgepeitschten Nerven. Das weitere -entsprach ja der Wahrheit!</p> - -<p>Die Morgensonne leuchtete durch die herbstlichen Bäume des Parkes -und trug zu ihrem goldenen Strahlen den Widerschein der gelb und -rotgefärbten Blätter ins Zimmer hinein; dabei wurde Evas Herz wieder -ruhig.</p> - -<p>Gegen zehn Uhr vormittags brachte Gretchen Müller einen Rohrpostbrief.</p> - -<p>Eva von Ostried streckte mit glücklichem Lächeln die Hand danach aus. -Walter Wullenweber schrieb in großer Eile:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_390"></a>[S. 390]</span></p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Mein Liebling, werde soeben telegraphisch zur Entgegennahme eines -Testaments in die Nähe Berlins aufs Land gerufen. Komme wegen -ungünstiger Bahnverbindung jedenfalls erst spät abends zurück. Auf -morgen also...</p> - -</div> - -<p>Ein neuer Tag ohne ihn! Es erschien ihr schmerzlich und doch süß -zugleich! Die Tränen kamen ihr vor Glück.</p> - -<p>Der Montag vormittag war ihr sonst wegen der fünf aufeinanderfolgenden -Stunden dahingeflogen. Heute dehnte er sich endlos.</p> - -<p>Nachdem ihr Tagewerk vollendet, schloß sie sich in das kleine -einfenstrige Zimmer ein, wie damals, als sie ihm den Abschiedsbrief -geschickt hatte. Ein Berliner Konzertagent kam, verhandelte mit -Gretchen Müller und begehrte Eva von Ostried danach ungesäumt zu -sprechen. „Er mag wiederkommen,“ sagte sie drinnen, ohne zu öffnen. -Was ging sie noch die Kunst an? Ihr Glück lag einzig in <em class="gesperrt">ihm</em>. -Mechanisch nahm sie das dünne Päckchen aus dem Schreibtisch und legte -es vor sich hin. Ihr graute vor der erneuten Berührung. Mit spitzen -Fingern zog sie endlich seinen Inhalt ans Licht. Es enthielt nur noch -zwei Scheine. Die letzten! Das andere des Raubes war aufgebraucht. -Wenn sie die laufenden hauswirtschaftlichen Ausgaben beglichen -haben würde, mußte sie von neuem einen dieser Scheine wechseln. Die -letzte unbezahlte Arztrechnung für Gretchen Müller fiel ihr ein. Es -waren wiederum dreihundert Mark, trotzdem sie selten genug nach dem -Sanitätsrat gesandt hatte.</p> - -<p>Es schadete ja auch nichts. Gewechselt mußte doch werden. Sie brauchte -ein Hochzeitskleid – einen Schleier und<span class="pagenum"><a id="Seite_391"></a>[S. 391]</span> den grünen Myrthenkranz. -Wovon sollte sie dies und noch viel mehr bezahlen, wenn nicht von -diesem Gelde?</p> - -<p>Seine Braut, die ihre äußere Schönheit gestohlen haben würde – im -wahrsten Sinne des Wortes. Den Treuschwur verachtend und selbst – -Verbrecherin!</p> - -<p>Aber heimliche Stimmen flüsterten Trost und Hoffnung: „Er läßt dich -niemals! Ohne dich ist seine Zukunft schal. Sei ganz ruhig –“</p> - -<p>Sie nickte und glaubte es zuletzt! Und spann nun aus, wie es sein -würde, wenn Sie ihm alles gesagt hätte. Eine unbeschreibliche Seligkeit -mußte das werden! Von dieser Vorstellung kam sie nicht mehr los.</p> - -<p>Gegen Abend schrieb sie ihm alles, wie es sie dünkte, zu nüchtern. Da -sie es überlas, erschien es ihr grausam. Aber es war ihr unmöglich -gewesen von ihren Gefühlen dabei zu sprechen; die würde er klar -empfinden, ohne daß sie ein Wort verlöre, meinte sie. Unmöglich schien -es ihr auch, der Opfer Erwähnung zu tun, die sie gebracht und noch eine -Zeitlang weiter bringen mußte, weil sie der heimatlosen Schwerkranken -eine Zufluchtsstätte bot. Das alles würde Sache der mündlichen -Aussprache sein.</p> - -<p>Als der Brief fertig war, begriff sie nicht, wie sie jemals zaudern -konnte. Sie trug ihn selbst fort, wie damals. – Dann ging sie ihren -Tag weiter! – –</p> - -<p>Jedesmal, wenn vierundzwanzig Stunden später die Klingel gellte, -glaubte sie zu fühlen, daß er jetzt da sei.</p> - -<p>Glaubte es immer wieder, bis dieser Tag sank und ein neuer kam, der -ebenso ereignislos verlief wie sein Vorgänger. Erst am dritten Tage -packte sie eine fürchterliche Angst. Wenn er nicht darüber fortkäme? -– Das währte<span class="pagenum"><a id="Seite_392"></a>[S. 392]</span> aber nicht lange. Seine tiefe große Liebe würde niemals -sterben können.</p> - -<p>Am vierten Tage hatte sie keine Hoffnung mehr! Und am fünften Tage -ertrug sie die Qual nicht länger. Ohne ihren Namen zu nennen, fragte -sie im Büro an, ob er zu sprechen sei. Darauf erwartete sie ein „Nein“ -und erhielt statt dessen den Bescheid, daß er, wie alle Tage, seine -juristischen Sprechstunden abhalte.</p> - -<p>Da warf sie sich auf einen Stuhl und mußte lachen. Es klang schaurig. -Sonst hätte sie aber schreien müssen – immer nur schreien – das ganze -Haus zusammen und noch weiter zu der Straße hinaus, denn die Fenster -waren weit geöffnet.</p> - -<p>Er lebte und gab ihr keine Antwort! Was war das?</p> - -<p>Ein paar Stunden später wußte sie es. Sie riß seinen Brief gleich vor -der Tür auf, als sie ihn empfing. Da sank sie bewußtlos zusammen, und -Gretchen Müller fand sie, den Brief in der Hand.</p> - -<p>Gretchen Müller hatte noch niemals einen Blick in fremde Post getan. -Jetzt las sie, nach kurzem Zaudern, bewußt Wort um Wort, begriff nicht -alles, aber wußte doch, daß der Strenge nun auch bereit war, sein -eigenes Herz zu Tode zu foltern.</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>„Du wirst viel gelitten haben, ehe Dir dieser Brief möglich -war,“ schrieb er. „Das fühle ich deutlich. Was Du tatest, mag -Dir damals einen Augenblick als der einzige Ausweg erschienen -sein. Leichtsinnig hast Du es nicht tun können. Es wird sich auch -hundertfach gerächt haben. Alles das wiederhole ich mir seit Tagen. -Dein erster Brief war eine Folge davon und wie vieles andere wohl<span class="pagenum"><a id="Seite_393"></a><span class="s4">[S. 393]</span></span> -noch, das Du unerwähnt ließest. Ich glaube sogar, daß ich eine -andere verteidigen könnte. Eine, die ich nicht liebe als meines -Wesens Heiligstes. Um Deine Freisprechung habe ich vor meinem Gott -gerungen und sie doch nicht finden können. Es ist unaussprechlich -grausam, auch für Dich. Aber daran läßt sich vorläufig nichts -ändern.</p> - -<p>Ich ringe weiter. Habe Geduld mit mir und mit dem dumpfen -Schrecken, der mich nicht loslassen will.“</p> - -</div> - -<p>Nach überraschend kurzer Zeit konnte Eva von Ostried sich allein auf -das Ruhebett begeben. Suchend irrte ihr Blick umher.</p> - -<p>„Ich habe den Brief auf Ihren Schreibtisch gelegt,“ sagte Gretchen -Müller.</p> - -<p>Am nächsten Tage raffte sich Eva von Ostried auf und stand plötzlich -vor der Hausgenossin. „Wenn Sie mir schnell etwas Warmes bereiten -könnten, Gretchen. Ich muß nämlich zu dem Agenten, den ich neulich -durch Sie abweisen ließ. Wie gut, daß Sie sich seine neue Adresse geben -ließen.“</p> - -<p>Es klang ruhig. Auch das Gesicht war, obgleich immer noch sehr blaß, -wieder ebenmäßig schön, wie zuvor. Entsetzt wehrte Gretchen Müller ab:</p> - -<p>„Sie dürfen auf keinen Fall heraus. Hören Sie nur, wie scharf der Wind -pfeift.“</p> - -<p>„Es war leichtsinnig, daß ich den Agenten nicht anhörte,“ sagte Eva. -„Erinnern Sie sich noch, was er sagte?“</p> - -<p>„Ganz genau. Er käme, um eine Reihe Winterkonzerte mit Ihnen zu -vereinbaren und wenn es möglich sein könnte, auch über das andere zu -reden.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_394"></a>[S. 394]</span></p> - -<p>„Welches andere? Mir ist nichts bekannt!“</p> - -<p>„Ich wagte nicht danach zu fragen. Er war eilig und beleidigt, weil Sie -ihn nicht vorließen.“</p> - -<p>„Nun also, wie stehts jetzt mit der Wegzehrung, Gretchen?“</p> - -<p>„Sie ist längst bereit. Aus dem Hause lasse ich Sie aber nicht.“</p> - -<p>„Seien Sie nicht kindisch.“</p> - -<p>„Ich flehe Sie an. Hören Sie nur dies eine Mal auf mich.“</p> - -<p>Eva von Ostried fühlte ein inneres Erschrecken.</p> - -<p>Es mußte einen Grund haben, daß Gretchen Müller sie zurückhalten -wollte. Sollte sie etwas ahnen?</p> - -<p>Aber was war denn überhaupt geschehen? Zwei Menschen, die sich auf -seltsame Art gefunden, hatten sich ebenso wieder getrennt. Ein Teil -war schuldig, der andere schneeweiß. Noch besser. Eins rang mit der -Nacht des Wahnsinns; das andere hielt unentwegt seine juristischen -Sprechstunden ab.</p> - -<p>Bedurfte es eines klareren Beweises, wer mehr litt?</p> - -<p>Sie biß die Zähne zusammen. Und wenn sie auf dem Wege niederfallen -sollte, sie würde jetzt doch den Agenten aufsuchen und sich von ihm -anwerben lassen, wohin er sie haben wollte.</p> - -<p>Und Toiletten würde sie anschaffen. Nicht mehr weiße, unschuldsvolle -Nonnenkleider, sondern prunkvoll schimmernde, wie es sich für eine -große Sünderin ziemte.</p> - -<p>Und kostbare Steine mußten Arme und Hals in Zukunft ebenfalls -schmücken. Man bekam sie schon, wenn man es nur erlaubte!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_395"></a>[S. 395]</span></p> - -<p>Ihre Augen brannten dunkel aus dem wieder erblaßten Gesicht. Heiß und -rot lockten die Lippen.</p> - -<p>Sie suchte nach ihrem Mantel und vermochte ihn doch nicht zu fassen, -trotzdem er vor ihr am Ständer hing. Es schwebte und wogte plötzlich -alles um sie herum.</p> - -<p>„Ich gehe doch,“ stieß sie hervor, als stände der mächtige Feind neben -ihr, der ihren Willen band.</p> - -<p>Sie fühlte ein Knäul aufsteigen, an dem sie zu ersticken drohte. -„Wasser – einen Schluck Wasser,“ keuchte sie atemlos.</p> - -<p>Sie netzte die Lippen, aber das Würgen blieb. Eine erbarmungslose Faust -stieß sie auf den nächsten Stuhl. Ihre Hand fuhr an die Stirn. Wie leer -das da war. Wie tot. Der Fahrt auf dem Wannsee erinnerte sie sich, als -sein Mund sich auf den ihren preßte. „Ohne Glauben und Vertrauen keine -Liebe möglich,“ sagte er – –</p> - -<p>Irgend etwas löste sich in ihr; ein Schrei, ein Schluchzen; Tränen -stürzten aus ihren Augen.</p> - -<p>Gretchen Müller sah starr geradeaus, als merke sie von alledem nichts. -Jedes Trostwort war sinnlos. Nur eins konnte helfen. Und dies eine -blieb zu schwer für sie! Sie dachte an alle Güte, welche sie durch -die jetzt namenlos Leidende erfahren hatte. Noch einmal durchlitt -sie die Qualen der Armut und des erschütternden Erkennens eigenen -Unwerts. Nichts blieb ihr erspart. Die Demütigungen, die sie als -Stellungssuchende erfahren, die Ansinnen, die ihr noch jetzt das Blut -vor Scham in die Wangen trieben – die Liebe zu dem Unwürdigen, die -nicht sterben wollte, obwohl sie ihn verachten mußte. Und zuletzt der -nagende, jammervolle Hunger. Wie hatte das alles monatelang in<span class="pagenum"><a id="Seite_396"></a>[S. 396]</span> ihrem -Körper gewühlt, bis sie endlich entschlossen gewesen, das elende Leben -von sich zu werfen.</p> - -<p>Erst jetzt war sie imstande eine Kleinigkeit für ihre Retterin zu tun.</p> - -<p>Sie hatte lediglich nötig ihm zu sagen: „So ist es und nicht anders. -Mag sie selbst in den Augen der Welt das Schlimmste getan haben. Ich -weiß nichts und will nichts davon wissen. Es ist alles aufgewogen durch -ihre Güte und Größe. Ich habe doch Augen zu sehen. Wie viel Männer -hätten ihren Reichtum willig hingegeben für ihr Lächeln, für das Dulden -reicher Gaben. Sie hat nie etwas angenommen. Ich weiß, daß sie alle -Schätze für Einen aufgespart hat. Und nun richtet er sie. Wer darf das -tun?“</p> - -<p>Mehr brauchte sie kaum zu sagen.</p> - -<p>Fast gierig prüfte Gretchen Müller das Gesicht, das ihr doch längst mit -jedem Zug vertraut geworden. Seine Schönheit erfüllte sie in diesem -Augenblick mit unsagbarer Freude. Es war unmöglich, daß einer, der sie -liebte, hier freiwillig entsagte.</p> - -<p>„Vielleicht entschließe ich mich sehr bald zur Bühne. Vielleicht auch -nicht! Es hat ja noch Zeit,“ sagte Eva nach längerer Zeit des Besinnens.</p> - -<p>– – Eine Woche später ging ihr, aus dem Büro in der Markgrafenstraße, -von einer fremden kritzlichen Handschrift, deren Name unleserlich -blieb, unterzeichnet, nachstehende Eröffnung zu:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Gemäß einer durch Herrn Horst Woldemar von Ostried, derzeitigen -Majoratsherrn auf Waldesruh, aufgefundenen grundlegenden -Familienbestimmung aus dem Jahre 1701 wäre auch das weibliche -eheliche Kind eines<span class="pagenum"><a id="Seite_397"></a><span class="s4">[S. 397]</span></span> ohne männliche Nachkommenschaft verstorbenen -Majoratsherrn von Waldesruh insoweit am Majorat erbberechtigt, -als ein aus ihrer ebenbürtigen Ehe hervorgegangener Sohn mit -dem vollendeten achtzehnten Lebensjahr, besagtes Majorat mit -allen darauf ruhenden Rechten und Verbindlichkeiten übernehmen -soll. Bedingung wäre, daß diese Tochter in jeder Beziehung -einen einwandsfreien Lebenswandel geführt hat. Sie haben nach -Ansicht des Seniorenkonvents bisher dies Recht nicht verwirkt -und werden deshalb hiermit vorgemerkt. Aus der abschriftlich -beigefügten, später aufgenommenen Bestimmung, die sich auf Seite -56 des Familienstatuts aus dem Jahre 1830 vorfindet, ersehen -Sie die genausten Bedingungen für diese Vormerkung ebenso, wie -auch dasjenige, was unter einer ebenbürtigen Ehe im Sinne der -grundlegenden Bestimmung zu verstehen ist.</p> - -<p>Die Mitteilung, daß Sie von dieser Nachricht Kenntnis genommen und -mit Ihrer Vormerkung resp. Eintragung vor dem Regierungsassessor -von Ostried sich einverstanden erklären, erbitten wir gefälligst -umgehend.</p> - -</div> - -<p>Ohne auch nur einen Augenblick zu überlegen, antwortete Eva von Ostried:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Ich verzichte ausdrücklich auf dieses Recht und bitte, mich mit -ähnlichen sich etwa in Zukunft noch neu ergebenden Mitteilungen zu -verschonen.</p> - -</div> - -<p>Dann mußte sie lachen. Es entsprang der Bitterkeit und Verachtung über -alle Satzungen, die Menschen gemacht hatten. Langsam begriff sie das -eine:</p> - -<p>Walter Wullenweber hatte die vorliegende Mitteilung nicht mit seinem -Namen decken können, weil sie in seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_398"></a>[S. 398]</span> Augen nicht dasjenige -„untadlige Weibsbildn“ war, das sie zu sein hatte, um als Stammutter -eines zukünftigen Majoratsherrn in Betracht zu kommen. Es regte sie -nicht mehr auf!</p> - -<p>Ihr Gesicht wurde hart wie ihre Seele. Ihre Hand zitterte nicht, als -sie jetzt zum zweiten mal die Feder eintauchte, um einen unwiderruflich -letzten Brief an Walter Wullenweber zu schreiben. Sie tat es wie eine -Fremde:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>„Ich will dein Ringen, wenn es inzwischen nicht aufgegeben sein -sollte, kurz beenden. Quäle dich nicht mehr damit, für mein -Verbrechen Entschuldigung oder gar Vergebung zu finden. Dazu ist -es zu spät geworden. Ich wüßte mir nichts mehr damit anzufangen. -Der Rausch, dem ich mich hingab, wirkt nicht mehr. Daß ich Dir für -Deine spätere würdigere Ehe das Beste wünsche, sei Dir ein Beweis, -wie ruhig und empfindungslos mein Herz für Dich geworden ist.“</p> - -</div> - -<p>Sie überlas das Geschriebene nicht. Eilig verschloß sie den Umschlag -und fühlte nichts dabei, außer der staunenden Verwunderung, daß sie ihm -erst heute geschrieben hatte.</p> - -<p>Erst als er mit dem andern zusammen besorgt war, erschrak sie plötzlich -so sehr, daß sie sich setzen mußte, weil ihre Knie zitterten. Wie war -es möglich geworden, daß sie ihm darin noch das „Du“ gegeben hatte?</p> - -<p>Pah, sie wollte nicht mehr darüber nachdenken. Ihre Seele sollte -endlich frei werden. Und als müsse sie diesen Entschluß ungesäumt -bekräftigen, drückte sie auf den Knopf der elektrischen Klingel, die -zur Küche hinausführte. Ihre Stimme klang aber fest, beinahe kalt, als -sie zu der Eintretenden sagte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_399"></a>[S. 399]</span></p> - -<p>„Meine Verlobung, liebes Gretchen, war nicht von Bestand. Sie ist -wieder gelöst. Und zwar endgültig!“</p> - -<p>Dann sprach sie hastig, ohne eine Antwort zu ermöglichen, von -gleichgültigen Dingen.</p> - -<p>– – Die nächste Zeit brachte viel Hast und Abwechslung. Der emsige -Agent hatte von Eva von Ostrieds augenscheinlich eingetretenen -Bekehrung zur Vernunft einem ihm bekannten Direktor Mitteilung gemacht. -Das wiederum ergab vertrauliche Anfragen, die eine ausführliche Antwort -erheischten. In irgendwelcher Weise band sich Eva von Ostried vorläufig -nicht.</p> - -<p>Mitten in diese Unruhe hinein kam eines Tages der Brief des Waldesruher -Majoratsherrn, der zwecks mündlicher Rücksprache in der bekannten -Neuregelung und ihrer Ablehnung im Auftrage des Seniorenkonvents um die -Gewährung einer mündlichen Aussprache an einem von ihr zwischen dem -Zwanzigsten und Fünfundzwanzigsten zu bestimmenden Tage höflichst bat.</p> - -<p>Der Vorwand wäre für jede Andere, wie Eva von Ostried, durchsichtig -gewesen. Seine Anwesenheit neulich im Blüthnersaal – eine vor Tagen -stattgefundene zufällige Begegnung mit ihm, bei welcher er deutlich die -von ihr vereitelte Absicht einer Annäherung zu erkennen gab, hätten sie -zum Nachdenken bringen müssen.</p> - -<p>Ihr lag dies alles viel zu weit ab. Sie mochte ihn nicht wiedersehen. -Die Vorstellung seines kalten, ausdruckslosen Gesichts brachte ihr -ein unbehagliches Gefühl. Kurz, wenn auch nicht unfreundlich, lehnte -sie sein Ersuchen mit dem Hinweis ab, daß eine Aussprache ihren -unabänderlich feststehenden Entschluß nicht umzustoßen vermöge.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_400"></a>[S. 400]</span></p> - -<p>An einem der nächsten Tage kam, nach längerer Pause diesmal, der Vetter -Javelingen wieder.</p> - -<p>Eva von Ostried sah ihm erstaunt entgegen. „So feierlich? Ja, was gibt -es denn? Hat der neue Operntext seinen Komponisten gefunden und bringen -Sie mir schon die weibliche Hauptrolle zum Studium?“</p> - -<p>Er schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Das ist es nicht! Ich komme als Abgesandter des Kummersbacher.“ Er -sah, daß sie die Lippen verzog, als schmecke sie einen unangenehm -bitteren Trank.</p> - -<p>„Augenscheinlich mochten Sie ihn damals sehr gern,“ wunderte er sich. -„Und jetzt plötzlich? Wirklich, ich merkte längst die Umwandlung.“ Es -klang hilflos.</p> - -<p>„Von solchen Kleinigkeiten sollten Sie sich nicht quälen lassen,“ -mahnte sie sanft.</p> - -<p>„Es schmerzt mich, daß Sie sich so fest verschließen, Eva.“</p> - -<p>„Tue ich das? Dann ist es jedenfalls nichts neues. Sie kennen mich -nur noch nicht von dieser meiner eigentlichen Seite. Gewiß, der -Kummersbacher war sehr gut zu mir und ich habe auch nicht das Geringste -gegen ihn. Ich bin aber wider alles Gewaltsame. Warum soll ich jetzt -plötzlich einer Verwandtschaft wegen, die mir bisher nichts war, in -einen neuen Kreis hineinlaufen? Denn, nicht wahr, mit dem Kummersbacher -allein hätte es in Zukunft nicht sein Bewenden.“</p> - -<p>„Ich belästige Sie ja ohnehin schon,“ meinte er.</p> - -<p>„Halten Sie mich für so unehrlich, daß ich mir eine Belästigung -gefallen ließe? Wenn Sie kommen, bringen Sie mir Freude mit. Wenn auch -nicht in allen Fällen für mich, die Vielbeschäftigte, so doch für -das liebe, kranke Mädchen,<span class="pagenum"><a id="Seite_401"></a>[S. 401]</span> das ihrer dringender bedarf als ich, die -körperlich Gesunde. Schon darum sind Sie mir stets willkommen. Sie -wissen, meine Zeit gehört der Arbeit. Wenn es mir aber möglich wird, -lausche ich Ihnen herzlich gern.“</p> - -<p>Er zog ihre Hand ehrerbietig an die Lippen. Sie mußte denken, ob er das -wohl auch tun würde, wenn er wüßte.</p> - -<p>„Ich komme also heute mit einem Auftrage,“ gestand er fast schüchtern.</p> - -<p>Ihr Gesicht nahm einen hochmütigen Ausdruck an. „In Wahrheit schickt -Sie gar nicht der Kummersbacher, sondern der Waldesruher, nicht wahr?“</p> - -<p>„Nein... wirklich nicht! Aber – wissen Sie schon davon?“</p> - -<p>„Daß er mich im Auftrage des hohen Seniorenkonvents zur Einwilligung -jener mich lächerlich anmutenden Eintragung bewegen will? Nun, das hat -er mir geschrieben!“</p> - -<p>„Ich dachte an das... andere.“ Ein unbewußter Neid ließ seine sanfte -Stimme schärfer als sonst werden.</p> - -<p>„Davon weiß ich nichts. Mag auch nichts hören. Verzeihen Sie diese -Offenheit.“</p> - -<p>„Ich fürchte aber, Sie werden ihm nicht mehr entgehen.“</p> - -<p>„Dann ist es immer noch Zeit, daß ich mich darüber ärgere oder freue.“</p> - -<p>„Sie dürfen sich nicht freuen,“ sagte er leidenschaftlich.</p> - -<p>„Ich glaube selbst, daß dies mein Schicksal ist.“</p> - -<p>„Nicht so! Freude sollen Sie haben, so viel es nur irgend gibt.... -Aber... Warum sind Sie so bitter geworden?“</p> - -<p>„Sie irren, mein lieber Dichter. Nur abgearbeitet bin ich. Und... werde -es in Zukunft noch viel mehr sein. Sehen Sie hier – mein Büchlein ist -voller Pflichten. In<span class="pagenum"><a id="Seite_402"></a>[S. 402]</span> nächster Woche singe ich zweimal in Dresden. -Danach in Weimar. Verhandlungen mit Dessau schweben gleichfalls. Berlin -will mich auch. Die Vorbesprechungen, dies ängstliche Aufpassen, daß -der Agent nicht den Löwenanteil in die eigene Tasche senkt, ist sehr -anstrengend.“</p> - -<p>„Ich könnte es nicht.“</p> - -<p>„Wenn man ein bestimmtes Ziel vor Augen hat, geht auch dies!“</p> - -<p>„Sehnen Sie sich denn nach Reichtum, Eva?“ fragte er.</p> - -<p>„Ja, das tue ich!“</p> - -<p>Er erblaßte und sah auf seine schmalen, nervösen Hände nieder. „Reich -ist er. Sehr reich sogar! Der Kummersbacher sprach von mehreren -Millionen...“</p> - -<p>„Nun also... hübsch für ihn! Wer der Glückliche ist, will ich nicht -wissen. Ich gönne jedem sein Schäfchen. Nur Sie sollen jetzt endlich -zum Ziel kommen. Was ist es für ein geheimnisvoller Auftrag, den Sie da -übernommen haben.“</p> - -<p>„Der Kummersbacher läßt Sie innig um Ihren Besuch bitten, so bald es -sich einrichten läßt.“</p> - -<p>„Hat er vielleicht gehört, daß ich gerade für die nächsten Monate -täglich voll besetzt bin?“</p> - -<p>„Wie mißtrauisch Sie geworden sind.“</p> - -<p>„Das gehört zu meinem Geschäft! Denn, wenn ich nach dem Beschlusse des -hohen Familienrats auch keine Bänkelsängerin bin, aber eine, die sich -von zwei Mark an von Jedem anstarren lassen muß, die bin ich nun doch -mal.“</p> - -<p>„Ihnen muß etwas Hartes geschehen sein,“ forschte er.</p> - -<p>„Vielleicht! – Machen Sie ein Sonett darüber. Aber am Schluß muß man -lachen können. Hören Sie?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_403"></a>[S. 403]</span></p> - -<p>Sie wurde ihm unheimlich.</p> - -<p>„Also, der gute Kummersbacher erinnert sich seiner freundlichen -Einladung von dazumal?“ fuhr sie fort. „Sagen Sie ihm mit einem schönen -Gruß meine Dankbarkeit und ich käme bestimmt in der Zeit von Januar bis -April...“</p> - -<p>„Dann beanspruchen ihn die Sitzungen im Herrenhaus und die -Nachberatungen in Berlin.“</p> - -<p>„Eben darum,“ meinte sie ruhig. „Und nun kein Wort mehr davon. Ich -bitte Sie herzlich darum. Kleiden Sie meinetwegen die Ablehnung auf -Ihre zarte Weise ein. Ich will nicht die Gastfreundschaft der Familie, -von keinem Einzigen ...“</p> - -<p>„Ohne Ausnahme?“ fragte er mit eigenem Nachdruck.</p> - -<p>„Ausnahmslos,“ bestätigte sie. „Und jetzt kommen Sie. Ich werde Sie -begleiten. Gretchen Müller wird sehnsüchtig warten... Eine Stunde kann -ich mich ebenfalls von Ihnen fortreißen lassen. Dann muß ich wieder -arbeiten und Briefe schreiben. Ach, diese ewigen Geschäftsbriefe..“</p> - -<p>– – – Er las leise und bescheiden, wie auch sonst am Anfang!</p> - -<p>Die Eröffnung des Kummersbacher klang ihm in den Ohren. „Paß auf, -es kommt. Für so was habe ich einen feinen Riecher... Darum beeile -dich gefälligst, daß wir sie möglichst bald in meine ländliche Stille -kriegen. Ihre Nerven, die deiner Ansicht nach reichlich runter sind, -müssen erst in die Höhe, ehe er seinen Mund zu der entscheidenden Frage -auftut...“</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_403_ende"> - <img class="w100" src="images/i_357_ende.jpg" alt="Kapitel 2, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_404"></a>[S. 404]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_404_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_129_kopf.jpg" alt="Kapitel 23, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_23">23.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">E</span>s kam wirklich... und zwar erheblich schneller, wie es der -Kummersbacher nach der mit heimlicher Schadenfreude von ihm -festgestellten Umwandlung des bis dahin scheinbar temperamentlosen -Vetters erwartet hatte. Eva von Ostried stand noch im Schmuck eines -weinroten Sammetkleides, das die Schneiderin erst soeben abgeliefert -und zum letzten mal angeprobt hatte, als die Klingel tönte.</p> - -<p>Es war der Waldesruher Majoratsherr, der um die Ehre bat, die gnädige -Base sprechen zu dürfen.</p> - -<p>Sie dachte lange nach, während er zuerst ungeduldig, danach empört über -das rücksichtslose Wartenlassen auf dem schmalen Korridor hin- und -herging. Warum erweckte dieser Besuch ihren Unmut? Er brachte ihr doch -eine ehrenvolle Genugtuung. Denn, wenn es sich nicht um eine solche -handelte, würde sich ein eiskalter, untadliger Ehrenmann wie dieser -solcher Mühe nicht unterziehen. Eine feine Falte stand zwischen ihren -Brauen, als sie sich endlich entschlossen hatte.</p> - -<p>„Führen Sie ihn in das Musikzimmer, Gretchen.“</p> - -<p>„Aber das Kleid,“ gab die andere zu bedenken.</p> - -<p>„Es wird bei der kurzen Unterredung nicht stören.“</p> - -<p>Horst Waldemar von Ostried sah eine Sekunde verblüfft auf. Sie reichte -ihm nicht die Hand entgegen. Nur den<span class="pagenum"><a id="Seite_405"></a>[S. 405]</span> feinen Kopf neigte sie und -deutete höflich auf einen Polsterstuhl.</p> - -<p>„Warum kommen Sie, Herr von Ostried?“</p> - -<p>„Sie werden sich erinnern... mein Brief...“</p> - -<p>„Also darum,“ machte sie gedehnt, „ich dachte, das sei längst abgetan. -Sie haben gehört, daß ich nicht will...“</p> - -<p>„Darauf kommt es nicht an, gnädigste Base.“</p> - -<p>„Soll das ein Scherz sein? Aber der läge Ihnen nicht..“</p> - -<p>„Sie haben etwas bei der ganzen Sache übersehen,“ meinte er belehrend, -„oder vielleicht unser Anwalt?! Die von mir aufgefundene Bestimmung -hat ausdrücklich das Wort „soll“ bei der jetzt neu durchzuführenden -Erbfolge vorgesehen.“</p> - -<p>„Niemand kann über den Willen eines Menschen bestimmen, als er allein,“ -wandte sie kühl ein.</p> - -<p>„Das ist ein großer Irrtum. Es gibt Höheres und Stärkeres, dem wir alle -uns beugen müssen.“</p> - -<p>„Was könnte das sein,“ fragte sie ungläubig.</p> - -<p>„In der Hauptsache... das Gesetz...“</p> - -<p>„Jetzt wird er mir bestimmt alle Paragraphen aufzählen, die wir -beachten müssen,“ fürchtete sie dumpf und ergeben.</p> - -<p>„Zuerst dasjenige, was in uns selber ist,“ begann er wieder.</p> - -<p>„Das meine will, daß ich mit gleicher Münze heimzahle. Verachtung gegen -Verachtung.“</p> - -<p>„Sie dürfen nicht abschweifen. Sonst werden wir uns nie verstehen.“</p> - -<p>„Ich lege auch keinen Wert darauf.“</p> - -<p>„Aber ich tue es. Sehen Sie, das Gesetz, welches ich meine, ist etwas -Ehrfurchtgebietendes, denn es kommt aus<span class="pagenum"><a id="Seite_406"></a>[S. 406]</span> der Schmiede der Ehre! Wie -es sichtbare Orden und Ehrenzeichen für Heldentaten gibt, so sind -unsichtbare da, deren Fehlen mehr wie Strafen reden. Daß Sie laut der -jetzt zu Kraft erklärten Bestimmung vorgemerkt sind, ist ein solches -unsichtbares Ehrenzeichen.“</p> - -<p>„Wenn Sie es so auffassen und gekommen sind, um mich zu Ihrer Ansicht -zu bekehren, danke ich Ihnen,“ sagte sie um vieles wärmer.</p> - -<p>„Wie stellen Sie sich also jetzt zu unserer Frage?“</p> - -<p>„Nicht anders wie zuvor.“</p> - -<p>„Das heißt, Sie sehen auch jetzt noch ab?“</p> - -<p>„Natürlich. Es liegt mir nichts daran.. Ich will frei sein. Ich -will...“ Sie wollte hinzufügen, daß sie keinen persönlichen Verkehr -wünsche, empfand dies aber einen Augenblick später als taktlos und -verstummte.</p> - -<p>Er schien die Streifen des Teppichs, der weich und dunkel am Boden -hinkroch, zu zählen.</p> - -<p>„Ich bitte Sie um Ihre Einwilligung,“ sagte er plötzlich.</p> - -<p>Sie mußte ein Lächeln unterdrücken. „Was hätten Sie davon, Herr von -Ostried?“</p> - -<p>Er zuckte nervös zusammen. „Warum nennen Sie mich hartnäckig mit -diesem... steifen Namen?“</p> - -<p>„Erlassen Sie mir die Antwort. Sie sind zur Zeit unter meinem Dach und, -wenn ich auch kein Edelfräulein in Ihrem Sinne sein mag, das ist mir -stets heilig gewesen.“</p> - -<p>„Ich möchte den sehen, der sich niemals irrt...“</p> - -<p>„Gut! Wir wollen es nicht in Worte kleiden... Ich fühle es und danke -Ihnen nochmals. Sagen Sie den andern auch davon, denn, nicht wahr, der -– wie nennen Sie ihn doch? – Seniorenkonvent weiß um Ihr Kommen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_407"></a>[S. 407]</span></p> - -<p>„Nein,“ sagte er kurz und sehr laut.</p> - -<p>Das begriff sie nicht. „Ich habe mich niemals mit all diesen -Bestimmungen beschäftigt,“ entschuldigte sie sich.</p> - -<p>„Ich will haben, daß Sie in den Augen der gesamten Familie rein und -makellos dastehen. Daß wir Sie dafür befunden haben, bewirkt das -noch nicht. Die Hämischen könnten behaupten, es habe sich inzwischen -etwas ihnen Verborgenes herausfinden lassen, das Ihre Unwürdigkeit -dennoch dartäte. Der Vetter Regierungsassessor hat Sie neulich auf dem -Familientag bereits auffallend genug übersehen.“</p> - -<p>Jetzt mußte sie lachen.</p> - -<p>„Stimmt das etwa nicht,“ fragte er gereizt. „Hat er Sie begrüßt oder -Ihnen auch nur ein verbindliches Wort gesagt?“</p> - -<p>„Aber... nachgelaufen ist er mir und hat mir seine Begleitung -angeboten.“</p> - -<p>„Und Sie?“</p> - -<p>„Ich habe ihn fortgeschickt, wie man das auch ohne Ihre Familiengesetze -zu kennen, eben tut...“</p> - -<p>„Darum wird er Sie jetzt um so mehr mit seiner Abneigung verfolgen.“</p> - -<p>„Daran liegt mir auch nicht das Geringste.“</p> - -<p>„Aber mir liegt daran!“</p> - -<p>Sie sah ihn erschrocken an und stellte fest, daß er sehr rot und erregt -geworden war.</p> - -<p>„Ihnen? Sie hören ja, daß ich mich auch weiter allein zu schützen -gedenke. Ja... und hören Sie weiter. Ich muß Ihnen einen Vorschlag -machen. Vielleicht ist es Ihnen allen unangenehm, daß ich den alten -Namen Ostried führe.<span class="pagenum"><a id="Seite_408"></a>[S. 408]</span> Bitte, seien Sie ganz ehrlich mit mir. Ich bin -Künstlerin und kann ihn, ohne, daß es besonders auffällt, jederzeit -ablegen. Einmal war ich bereits dazu entschlossen...“</p> - -<p>„Sie sollen ihn behalten! Aber der Vetter Regierungsassessor darf Sie -nicht verächtlich machen.“</p> - -<p>Sie legte den Kopf ein wenig auf die Seite und blinzelte in die -Schatten, die jetzt dunkelblau und lila getönt den Raum erfüllten. -„Leider verachtet er mich durchaus nicht. Fast wäre mir das lieber -gewesen, als das andere...“</p> - -<p>„Was ist das?“ fragte er.</p> - -<p>„Wenn ich ihn nicht... sehr tief einschätzte, würde ich darüber -schweigen. Ich mißachte ihn aber. Darum...“ und sie erhob sich, ging in -das Nebenzimmer und nahm aus dem Mittelfach ihres Schreibtisches seinen -Brief.</p> - -<p>„Lesen Sie ihn. Dies Schreiben ging mir zu, nachdem die Anschlußsitzung -über meine oder besser meines künftigen Sohnes Erbfolge stattgefunden -hatte.“</p> - -<p>Horst Waldemar von Ostried las erstaunlich lange an den kurzen Zeilen.</p> - -<p>„Es ist eine Gemeinheit,“ sagte er dann kurz und scharf. Sie nickte.</p> - -<p>„Man könnte es wohl als solche bezeichnen! Daß Sie so ehrlich sind, -freut mich doppelt...“</p> - -<p>„Könnten Sie mir den ungefähren Wortlaut Ihrer Antwort an ihn -mitteilen?“</p> - -<p>„Nein... das möchte ich nicht.“</p> - -<p>„Hätte ich mich in Ihnen getäuscht?!“</p> - -<p>„Möglich! Vielleicht mißverstehen wir uns aber. Weil ich nämlich keine -Antwort gab, kann ich auch keinen Wortlaut wiederholen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_409"></a>[S. 409]</span></p> - -<p>Er atmete auf. „Das war gut!“ Dann saß er stumm und schweigsam da.</p> - -<p>„Warum geht er jetzt nicht,“ dachte sie erstaunt und sagte laut: -„Verzeihen Sie diese Dunkelheit. Ich will jetzt Licht machen... Ich -liebe die weichen, unbestimmbaren Farben der Dämmerung sehr.“</p> - -<p>„Lassen Sie es!“ bat er.</p> - -<p>Gehorsam nahm sie wieder ihren Platz ein. Die drückende Stille begann -sie unruhig zu machen.</p> - -<p>„Fühlen Sie den Zweck meines Besuches nicht endlich heraus?“ fragte er.</p> - -<p>Sie dachte nach und schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Und dennoch ist es gut, daß er ihn geschrieben hat,“ meinte er aus -tiefem Sinnen heraus. Ihre Anschauungen mußten erdenweit auseinander -gehen... sonst hätte sie ihn doch wenigstens einmal ohne Erklärung -verstehen müssen.</p> - -<p>„Mir gilt er nicht mehr, als der Beweis, daß der Name allein noch lange -nicht adelt...“</p> - -<p>Er ließ diesen Einwurf unbeachtet. „Können Sie mir dies Schreiben -anvertrauen,“ fragte er.</p> - -<p>„Wozu? Ich will nicht haben, daß er etwa zur Rechenschaft gezogen wird.“</p> - -<p>„Eine Beleidigung in diesem Sinne enthält er nicht! Daß er den Wunsch -ausspricht, Sie seinen Eltern zuzuführen, beweist ja gerade, daß er Sie -respektiert. Er hätte noch etwas damit warten müssen. Aber er mag wohl -gefürchtet haben, ein anderer käme ihm zuvor...“</p> - -<p>„Sie baten um den Brief,“ lenkte Eva von Ostried hastig ab, „darf ich -wenigstens wissen, zu welchem Zweck das geschah?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_410"></a>[S. 410]</span></p> - -<p>„Um eine Handhabe zu besitzen.“</p> - -<p>„Verstehe ich Sie recht? Glauben Sie, daß er unklug genug ist, um diese -Sache vielleicht falsch wieder zu geben?“</p> - -<p>„Das nicht. Seines Schweigens hierüber sind wir sicher. Nur etwas -anderes steht zu befürchten. Vor jedem lauten Wort wird er sich hüten. -Er ist in jeder Beziehung ein leiser, vorsichtiger Herr. Es könnte sich -aber ereignen, daß er Sie aus dem Hinterhalt angriffe. Sagen wir mal, -der Kummersbacher, der seine Augen und Ohren überall hat, würde etwas -erfahren und mir wieder erzählen?“</p> - -<p>„Warum grade Ihnen?“</p> - -<p>„Untersuchen wir das jetzt nicht. Unterstellen wir es als sicher. -Dann könnte ich diesen Brief vorzeigen und ihn bloßstellen, wie er es -verdient hat....“</p> - -<p>„Eigentlich sind wir beide uns doch sehr fremd,“ meinte sie zögernd.</p> - -<p>„Soll das heißen, daß Sie kein Vertrauen zu mir haben?“</p> - -<p>„Vertrauen...“ sie dehnte das Wort aus, überlegte ein wenig und sah -dann wieder und diesmal – bewußt – zu ihm hinüber. Seine kalten -farblosen Augen hatten sich auffallend belebt. „Wir wollen den Begriff -nicht zerlegen. Behalten Sie den Brief. Ich danke Ihnen für Ihre gute -Absicht. Nicht wahr, wenn er etwa ein Jahr geschwiegen haben sollte, -dann vernichten Sie ihn. Ein Zurückschicken ist unnötig.“</p> - -<p>Als er ihn in die feine helle Ledertasche versenkt hatte, tat er die -Frage, die er seit Wochen immer wieder überlegt und nach allen Seiten -erwogen und nun endgültig beschlossen hatte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_411"></a>[S. 411]</span></p> - -<p>„Weil Sie es nicht fühlen, muß ich es klar aussprechen. Könnten Sie -sich entschließen, meine Frau zu werden, Eva?“ Er sah, daß es sie -gänzlich überraschend traf und fuhr fort: „Ich werde im nächsten Monat -vierundfünfzig Jahr und gelte als ziemlich gefühllos. Vielleicht bin -ich es auch. Meine erste Ehe war durchaus korrekt. Wie sich die zweite -gestalten wird, liegt in Ihrer Hand. Sie werden enttäuscht sein, daß -ich Ihnen kein Wort von Liebe spreche. Ich kann das nicht. Schon als -kleiner Junge wäre ich lieber gestorben, ehe ich ein Gefühl verraten -hätte. Es ist Vererbung. Meine Mutter war ebenso.“</p> - -<p>Sie saß wie erstarrt und konnte nur denken... „Möchte er doch weiter -sprechen. Wenn er aufhört, muß ich ihm antworten.“ Daß er ihr noch vor -kurzem unangenehm, ja widerlich gewesen, begriff sie nicht mehr. Zur -Zeit war er ihr nicht unleidlicher wie jeder andere!</p> - -<p>Und was sang und klang plötzlich vor ihren Ohren? Sanfte, -verführerische Stimmen tönten! Und jede verhieß das nämliche! Erlösung -– Sühne – Ruhe! Ihm würde sie kein Wort davon sagen. Kein inneres -Drängen erzwang dies. Ihr ferneres Leben würde auf das Eine, Große, -Letzte eingestellt sein. Untadlig zu werden und weiter Gutes zu tun, wo -irgend sich nur die Gelegenheit bieten wollte.</p> - -<p>Und vor allem – den Raub könnte sie zurückzahlen.</p> - -<p>Er war ja schwerreich. Der Dichter hatte von mehreren Millionen -gesprochen. Denn jetzt war es ihr klar, daß er diesen und keinen -anderen gemeint hatte. Sie wollte von ihrem Nadelgelde und seinen gewiß -sehr reichlich fließenden Geschenken Pfennig um Pfennig zusammenraffen, -bis<span class="pagenum"><a id="Seite_412"></a>[S. 412]</span> sie endlich alles an den Justizrat Weißgerber, als eine sich an -die Stiftung der Präsidentin anschließende Schenkung, zurückzuzahlen -vermochte...</p> - -<p>Jetzt schwieg er und sah sie erwartungsvoll an. Eine furchtbare Angst -begann sie zu foltern, daß er aufstehen und gehen könne... beleidigt, -weil sie ihn keiner schnellen Antwort würdigte.</p> - -<p>„Haben Sie sich bereits gebunden – dann allerdings,“ sagte er -undeutlich, wie ihr schien.</p> - -<p>„Nein, ich bin frei.“ Das war keine Lüge.</p> - -<p>„Wie lange soll ich warten,“ fragte er. Es klang fast demütig.</p> - -<p>„Zwei Wochen,“ bat sie. „Ich habe ein paar Verpflichtungen in Dresden -und Weimar übernommen. Dann werde ich auch mit mir fertig sein.“</p> - -<p>In seinen Zügen arbeitete es. Aber er verriet nicht seine Gedanken. -Er sah sie noch einmal an, als müsse er die Erinnerung an ihre stolze -Schönheit mit fortnehmen für diese beiden Wochen. Später würde er sie -nicht mehr nötig haben. Er wünschte keine lange Verlobungszeit.</p> - -<p>Langsam stand er auf, küßte ihre Hand und schied ohne ein weiteres Wort.</p> - -<p>Eva von Ostried zeigte sich die nächsten Tage gelassen, fast heiter. -Sie erschien wohl und frisch, als habe sie nicht über schlaflose Nächte -zu klagen. Daß ein wenig künstliches Rot über die tiefe Blässe und -den scharfen Leidenszug hinwegtäuschte, ahnte Gretchen Müller nicht. -Sie trat nie mehr, ohne zuvor feierlich anzuklopfen, in das kleine -einfenstrige Zimmer ein. Die unbestimmte Angst, eine Zusammengebrochene -oder doch Verzweifelte zu sehen, hielt sie<span class="pagenum"><a id="Seite_413"></a>[S. 413]</span> zu dieser Vorsicht an. -Einmal, als sie Eva von Ostried ausgegangen wähnte, sah sie sie mit -eingewühltem Kopf auf dem Ruhebett liegen und hörte ein ersticktes, -jammervolles Schluchzen.</p> - -<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_413_tb"> - <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" /> -</div> - -<p>Der Kummersbacher saß vor seinem alten Zylinderbureau, sah abwechselnd -in das Wirtschaftsbuch seines Beamten und auf die kotbespritzten, von -aufgeweichten Lehmwegen zeugenden Stiefeln herab, dachte aber weder an -das eine noch das andere, sondern ärgerte sich mit verbissenem Ingrimm, -weil der Doktor, der seines Rheumas wegen die Ritte im Regen streng -untersagt hatte, wieder mal Recht behielt. Denn es zwickte und quälte -ganz abscheulich.</p> - -<p>Draußen lief seit Tagen durch das graue Himmelssieb ein gleichmäßiger -Regen nieder und verwandelte Straßen, Aecker und Gärten in einen -zähen Brei von unappetitlicher Farbe. In solchen Zeiten merkte der -Kummersbacher, daß er ein lediger Mann war.</p> - -<p>Er schielte nach den derben Jungen seines Hofmeisters, die unter dem -Fenster des Arbeitszimmers mit krampfhaft hochgezogenen Hosenleder über -die Pfützen sprangen.</p> - -<p>Dieser Anblick verbesserte seine schlechte Laune nicht. Als Hermann, -der Getreue, seinen grauen Kopf zur Tür hineinsteckte, polterte er los:</p> - -<p>„Was störst du mich fortwährend. Ich habe zu tun. Verstanden?“</p> - -<p>„Eine Dame ist draußen,“ meldete er unerschrocken und setzte -vertraulich hinzu: „Sie war neulich auch in Berlin beim Familientag.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_414"></a>[S. 414]</span></p> - -<p>Im Nu war der Kummersbacher auf den Beinen.</p> - -<p>„Wenn es die Eva wäre...“ Natürlich war sie es! Des kleinen Javelingens -Antwort stand immer noch aus. Vielleicht hatte sie dies gewünscht und -kam nun selbst, um sie zu bringen und... bei ihm zu bleiben.</p> - -<p>„Hol’ andere Stiefel,“ kommandierte er. „Aber ein bißchen pausenlos – -und... das gnädige Fräulein führe solange in das Eßzimmer.“</p> - -<p>Dann dachte er gerührt und ärgerlich, daß dies Gerenne vom Bahnhof -durch Wind, Regen und Brei eigentlich ein unverantwortlicher Leichtsinn -von ihr gewesen sei... Hermann stand immer noch vor seinem Gebieter.</p> - -<p>„Was fällt dir ein. So lauf’ doch...“</p> - -<p>„Gnädiger Herr,“ sagte er plötzlich und ein Lachen flog um seinen -faltigen glattrasierten Mund, „die Stiebel vom gnädigen Fräulein sind -noch viel dreckiger...“</p> - -<p>Der Kummersbacher brummte etwas. Dann schob er sich an seinem Diener -vorbei und lief humpelnd auf die Diele heraus.</p> - -<p>Hier stand etwas unendlich Gebücktes, Demütiges.</p> - -<p>Bei diesem Anblick erlosch seine Freude. Er stutzte und schüttelte -den Kopf... Wo hatte der Hermann seine Augen gehabt? Das war doch -gar keine Dame. Ein bis auf die Haut durchnäßtes armes, heimatloses -Geschöpf war’s, das sich vor Hunger und Uebermüdung wohl nicht weiter -zu schleppen vermocht hatte.</p> - -<p>„Gehen Sie in die Küche und lassen Sie sich allerlei Gutes von dem Koch -verabreichen,“ sagte er mit der unbewußten Weichheit und Milde, die ihn -stets beherrschte, sobald jemand seine Hilfe brauchte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_415"></a>[S. 415]</span></p> - -<p>Aber die Demütige blieb, richtete sich nur ein wenig empor und sagte -leise:</p> - -<p>„Ich bin doch Klausine von Ostried...“</p> - -<p>Es fuhr ihm in die Knochen. Er begriff nicht, wie sie sich zu ihm -durchgefunden hatte.</p> - -<p>„Tritt, bitte, hier ein,“ sagte er endlich. „Du kannst auch im Zimmer -ablegen... und nachher mußt du dir wohl trockene Sachen anziehen.“</p> - -<p>Sie trug nichts in der Hand wie eine kleine, abgegriffene Tasche mit -einstmals kunstvoller Perlenstickerei. Der Kummersbacher überlegte -kurz, daß sich darin kaum alles, was eine Frau für ihren äußeren -Menschen gebraucht, vorfinden könnte, wurde einen Augenblick verlegen -und sagte zu dem Diener gewandt:</p> - -<p>„Was machen wir jetzt? Weiß der Himmel, nun haben wir nicht mal was zum -Anziehen für sie bei der Hand. Sie muß also vorläufig sehr bald in die -Federn. Na, nun geh, du kannst einen Grog für sie bringen und für mich -zur Gesellschaft auch einen. Dann richte das wärmste Fremdenzimmer ... -Hoppla!“</p> - -<p>Klausine von Ostried, das Stiftsfräulein, hatte indessen ihre -triefenden Hüllen über den Kaminofen ausgebreitet, in dem ein lustiges -Feuer prasselte.</p> - -<p>„Setz’ dich einstweilen nahe an die Glut,“ kommandierte der -Kummersbacher mitleidig. „So, aber verbrenne dir nicht die Hüfe...“</p> - -<p>„Es ist himmlisch warm,“ flüsterte sie dankbar und hielt nun auch die -mageren Hände an die durchhitzten Stäbe.</p> - -<p>Eine Weile gönnte er ihr diese Behaglichkeit. Dann tippte er ihr auf -die Schulter und fragte langsam:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_416"></a>[S. 416]</span></p> - -<p>„Jetzt möchte ich endlich wissen, weshalb du das gemacht hast, -Klausine?“</p> - -<p>Der freudige Ausdruck ihres verkümmerten, spitzen Gesichts erlosch. -Sie begann zu weinen. Wie bei einem Kinde liefen auch ihr schließlich -die Tränen stromweise über die eingefallenen Wangen. Er erinnerte -sich, daß sie in beständiger Furcht vor der Schwester leben sollte und -meinte endlich selbst die Erklärung für ihren Besuch gefunden zu haben. -Hatte er ihr nicht, in einer Aufwallung von Mitleid, bei dem letzten -Beisammensein in Berlin gesagt, daß sie jederzeit ein ruhiges Fleckchen -bei ihm finden werde, wenn sie es im Stift etwa nicht mehr ertragen -könne?</p> - -<p>„Du willst jetzt lieber hier bleiben?“ fragte er weich.</p> - -<p>Sie nickte nur und saß dann weiter – hilflos und ängstlich – neben -der Glut.</p> - -<p>„Sage frei heraus, was passiert ist,“ forderte er nach neuem, -geduldigen Warten. Sie begann stärker zu zittern.</p> - -<p>„Hunger,“ stotterte sie, als schäme sie sich dieses Geständnisses.</p> - -<p>Da ging der Kummersbacher selbst – an dem verdutzten alten Melchers -vorüber – in die Speisekammer, schnitt von der freihängenden Seite -eine Handbreit Speck herunter, riß das Schwarzbrot in den einen, die -angebrochene Kümmelflasche in den andern Arm und ging wieder in das -Speisezimmer zurück. Die Geschichte mit dem Tablett und den übrigen -Zubehörteilen für ein richtiges Mahl dauerte ihm hierfür zu lange.</p> - -<p>„Iß tüchtig,“ nötigte er und schnitt ihr mit seinem derben Jagdmesser, -das er niemals aus der Tasche ließ, selbst die Bissen zurecht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_417"></a>[S. 417]</span></p> - -<p>Gierig schlang sie alles herunter, bekam feuerrote Fleckchen und -trank auch einen tüchtigen Schluck von dem alten, scharfen Kümmel, -obwohl ihre Augen danach noch mehr tränten. Dann saß sie mit andächtig -zusammengelegten Händen und blinzelte in die knackenden Holzscheite.</p> - -<p>„Jetzt wirst du reden, Klausine,“ befahl er nach geraumer Weile. „Was -also ist geschehen?“ fragte er ungläubig und rüttelte sie ein wenig am -Arm.</p> - -<p>„Sie hat unser ganzes Geld verloren und das konnte sie nicht -überwinden.“</p> - -<p>„Ja, wie hat sie das denn, in drei Deibels Namen, angefangen? Weißt du -Genaueres darüber?“</p> - -<p>„Gesagt hat sie mir kein Wort. Aber ich habe es aus den Briefen -zusammengelesen. Du kannst dich selbst überzeugen. Ich habe sie dir -mitgebracht.“</p> - -<p>Er überflog die zerknitterten Schriftstücke, ballte sie zusammen und -schleuderte sie endlich zornig in die äußerste Ecke des Zimmers.</p> - -<p>„Auf diesen plumpen Schwindel ist sie so einfach glatt reingefallen?“</p> - -<p>„Das weiß ich nicht. Sieh, hier ist noch ein Brief. Er kam vor vier -Tagen. Danach hat sie es getan...“</p> - -<p>Er las auch diesen.</p> - -<p>„Richtig! Da teilt ihr ein anderer sauberer Vogel höflichst mit, -daß ihr auf Grundstück soundso – im Grundbuch Blatt soundso – -eingetragenes Geld in Summe 104000 Mark bei der Zwangsversteigerung -ausgefallen sei. Also mit andern Worten, alles hops.“</p> - -<p>„So habe ich es auch aufgefaßt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_418"></a>[S. 418]</span></p> - -<p>Das wunderte ihn, weil er sie für einfältiger gehalten hatte. „Was also -hat sie getan, nachdem sie diesen Wisch gelesen?“</p> - -<p>„Mich mit zwei Telegrammen zur Post weggeschickt. Ganz heimlich mußte -ich mich fortschleichen. Die andern im Stift durften nichts davon -ahnen.“</p> - -<p>„Nun, und die Antwort? Sagtest du nicht, daß du sie gleich auf dem Amt -erwarten mußtest?“ Sie nickte wieder.</p> - -<p>„Die hat sie in der Küche verbrannt. Wir haben nämlich jede unsere -besondere,“ erzählte sie wichtig.</p> - -<p>„Laß jetzt die Nebensachen,“ verwies er streng. Sie hörte nicht darauf.</p> - -<p>„In der Küche ist es doch geschehen,“ fuhr sie eintöniger fort und -begann schon wieder zu zittern.</p> - -<p>„Was ist geschehen? – Nimm dich zusammen, Klausine. So weit warst du -schon vorhin...“</p> - -<p>„Genaues weiß ich nicht. Als ich dazu kam, waren schon alle Stiftsdamen -bei ihr und schrieen und jammerten. Sie lag mitten auf den Fließ. -Der Gasschlauch hing herunter und die Luft war schrecklich, trotzdem -überall die Fenster offen standen...“</p> - -<p>Nun begriff er! – Sie hatte den Verlust des Geldes nicht verwinden -können und wollte sich einfach aus dem für sie wertlos gewordenen Leben -stehlen.</p> - -<p>„Sie ist tot?“ fragte er mit gedämpfter Stimme.</p> - -<p>„Sie haben gleich nach dem Arzt geschickt... Noch eine kleine -Viertelstunde, hat der zu mir gesagt, dann wäre er zu spät gekommen.“</p> - -<p>„Sie lebt also...“</p> - -<p>„Sie hat mich doch zu dir geschickt...“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_419"></a>[S. 419]</span></p> - -<p>„Und der Auftrag?“</p> - -<p>Da lag ihm plötzlich die schmale, verängstigte, durchnäßte Heimatlose -zu Füßen. „Du sollst uns einen Winkel geben, wo uns kein Mensch sehen -und finden kann,“ bettelte sie...</p> - -<p>„Ihr habt doch Euern Platz im Stift nach wie vor.“</p> - -<p>„Sie kann nicht mehr dableiben. Sie müsse vor Scham sterben, hat sie -gesagt. Und sie schickt dir auch was, damit du es tust... Es wäre ihr -Letztes, läßt sie sagen...“</p> - -<p>Es waren, mehrfach in einen kleinen schmutzig gewordenen Leinenbeutel -eingenäht, zweiundachtzig Mark.</p> - -<p>Ein Würgen stieg in die Kehle des Kummersbachers hoch. Unsicher langte -er nach der Kümmelflasche und füllte einen kleinen Becher, der irgendwo -umherstand.</p> - -<p>Verdient hatte sie durch ihre Härte, Geldgier und Verleumdungssucht -mancherlei. Aber dies war eine zu harte Strafe.</p> - -<p>„Du wirst vorläufig hier bleiben,“ entschied er nach kurzem Ueberlegen. -„Ihr werde ich ausführlich schreiben.“ Ihr kleines Gesicht leuchtete -in seliger Freude auf. „Und jetzt klingle ich nach Hermann. Er wird -dir dein Zimmer anweisen. Lege dich aufs Ohr und versuche zu schlafen. -Nötig hast du’s. Deine Sachen lege auf einen Stuhl draußen vor die -Tür, damit sie richtig getrocknet werden können. Deine übrigen sollen -nachkommen. Ich veranlasse das schon.“</p> - -<p>Als er allein war und wieder an seinem Schreibtisch saß, stand er auf -und schritt lange ruhelos auf und ab.</p> - -<p>Als er mit sich einig war, schrieb er an Hermine:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Deine Schwester wird solange bei mir bleiben, bis sie frisch und -gesund ist. Du aber wirst Dich innerhalb<span class="pagenum"><a id="Seite_420"></a><span class="s4">[S. 420]</span></span> zweier Wochen bereit -halten, meinem zu Dir entsandten Diener Hermann dorthin zu folgen, -wohin er Dich bringen wird. Er ist treu wie Gold und zuverlässig – -auch im Schweigen. Verlaß Dich also ganz auf ihn. In mein Haus kann -ich Dich leider nicht bitten. Vielleicht setze ich Dir die Gründe -auseinander, wenn Du erst wieder Deine Nerven in der Hand hast. -Jetzt nur das eine: Des Daseins Not wird nicht, solange Ihr lebt, -an Euch herankommen, weil Ihr denselben Namen tragt wie auch ich. -Nur dieser Grund und das grenzenlose Mitleid mit Deiner Schwester -treibt mich hierzu. Zwanzig Kilometer von Schloß Kummersbach -kaufte ich vor Jahresfrist für zwei inzwischen auch alt und grau -gewordene, treue, brave Menschen, die in meinen Diensten durch -einen Unfall das Gehör verloren, einen kleinen schmucken Bauernhof. -Das geräumige Wohnhaus hat drei unbenutzte hübsche, helle Stuben, -die ich sogleich für Euch herrichten lasse. An barem Gelde sollen -Dir, außer allem, was Ihr dort kostenfrei bezieht, monatlich 50 -Mark überwiesen werden. Kommst Du mit dieser Summe nicht aus, bin -ich, nach Prüfung zu weiterem bereit.</p> - -</div> - -<p>Es war ihm unmöglich, ein Trostwort oder auch nur einen warmen Gruß -anzufügen.</p> - -<p>Nach alter Gewohnheit siegelte er den Brief und übergab ihn seinem -Diener. Dann holte er noch einen Kümmel, obwohl er sich sonst nur -einmal in der Woche etwas derartiges zu leisten pflegte.</p> - -<div class="figcenter illowe4 padtop1" id="i_420_ende"> - <img class="w100" src="images/i_168_ende.jpg" alt="Kapitel 23, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_421"></a>[S. 421]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_421_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_030_kopf.jpg" alt="Kapitel 24, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Kapitel_24">24.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">G</span>retchen Müller saß allein im Zimmer und hielt Rückerinnerungen. Ihre -seltsam aufregende Kindheit baute sich leuchtend klar vor ihr auf: Der -Vater, der sie, wenn er bei guter Laune war, mit Schmeichelnamen und -Süßigkeiten überschüttete – dem sie zuweilen noch am späten Abend -einen Brief ganz heimlich forttragen oder aus dem feinen Geschäft -an der nächsten Ecke eine Flasche Wein besorgen mußte, streichelte -ihr anerkennend das weiche Gesichtchen. Der Bruder, der dauernd über -ihr und allen Ausgängen wachte, erschien ihr trotz des unaufhörlich -zwischen ihnen bestehenden Kampfes als der Stab, der sie stützte und -leitete. Wenn sie abends in ihrem Bettchen lag und die Hände zu dem von -ihm gelehrten Gebet faltete, dachte sie seiner als letzten Gedanken.</p> - -<p>Er half bereits von der Tertia an für den Haushalt mit zu verdienen. -Eine Anzahl Jungen, kaum älter als sie selbst, waren ins Haus gekommen. -Ihnen allen hatte er mit nie versagendem Eifer in schwachen Fächern -nachgeholfen. Zuweilen fiel von diesen Einnahmen eine Kleinigkeit für -sie ab. Ein gutes Buch oder ein Blumenzwiebelchen, dessen Entwicklung -sie eifrig zu überwachen hatte. Immer wieder hatte sie seiner gedenken -müssen.</p> - -<p>Ihres Vaters, der sie bis auf das letzte unerhörte Quälen, das sie -schließlich dem Verführer in die Arme getrieben,<span class="pagenum"><a id="Seite_422"></a>[S. 422]</span> nur immer verwöhnte -und bewunderte, gedachte sie längst als eines armen Verirrten, der auch -seinen eigenen, richtigen Weg niemals erkannte.</p> - -<p>Und jetzt sollte sie – vielleicht sehr bald – sterben, ohne dem -Bruder gedankt, seine Vergebung erfleht und ohne ihn vor allem auf -die Straße zu seinem Glücke geführt zu haben! Bisher war sie sicher -gewesen, daß der Tod, wenn er endlich käme, von ihr als heißersehnter -Erlöser empfunden werde.</p> - -<p>Seit Tagen grübelte sie unaufhörlich! Sie suchte allein zu sein, denn -sie wollte ungestört bleiben, um nur zu einem vernünftigen Entschluß zu -kommen.</p> - -<p>Da klopfte es. – Zuerst wollte sie nicht öffnen. Schließlich tat -sie es, vor der Tür stand nur die schwächliche Sechszehnjährige des -Hausmeisters.</p> - -<p>„Ich brauche Sie heute nicht,“ sagte Gretchen Müller leise und -enttäuscht.</p> - -<p>„Fräulein von Ostried hat mir heute eine feine Ansichtskarte von -Dresden geschrieben,“ erzählte Jene wichtig. „Ich soll alle Tage -raufgehen und mich ja nicht von Ihnen wegschicken lassen. Sie hätte so -viel Angst um Sie und darum gar keine rechte Ruhe.“</p> - -<p>Gretchen Müller hatte sich nachdenklich an das Fenster neben Eva von -Ostrieds Schreibtisch gesetzt. Es gab wirklich jemand, der sich um -sie sorgte? Wie schön das war! Sie hätte es eigentlich nach aller -empfangenen Güte wissen und daher keinen Augenblick vergessen dürfen.</p> - -<p>„Sie sollen auch ordentlich essen und trinken,“ tuschelte die -Sechszehnjährige geheimnisvoll, indem sie auf einen freien Winkel neben -dem Schreibtisch zeigte. „Da in der<span class="pagenum"><a id="Seite_423"></a>[S. 423]</span> Ecke stände was ganz Feines für -Sie, wenn Sie es noch nicht gefunden haben sollten.“</p> - -<p>Eine Flasche stärkenden Weines, ein gebratenes Hühnchen und ein paar -andere Leckerbissen. Am Halse der Flasche war ein Zettelchen befestigt, -das Eva von Ostrieds klare Handschrift trug: Meinem lieben Gretchen, -damit ich sie frisch und wohl wiederfinde.</p> - -<p>Daran hatte Eva von Ostried in ihrem Schmerz und in dem Kampf um die -Antwort der schwersten Zukunftsfrage denken können!</p> - -<p>In diesem Augenblicke kam Gretchen Müller zum ersten Male die Frage an, -wieviel sie ihrer Wohltäterin wohl gekostet haben mochte. Eine genaue -Vorstellung besaß sie nicht davon. Sie hatte aber die bestimmte Ahnung, -daß es eine große Summe sein müsse.</p> - -<p>Da lag die Mappe, in welche Eva von Ostried gewissenhaft alle -Rechnungen einzuheften pflegte. Sie hatte die sonst, nach jedem -Gebrauch ängstlich verschlossen, sicherlich über dem Schweren der -letzten Zeit vergessen. Mechanisch klappte Gretchen Müller sie auf und -überflog die einzelnen Posten. Immer wieder begegnete sie ihrem Namen -als Veranlasserin der Ausgaben. Entsetzt zuckte sie zusammen, rieb die -Augen, als wollte sie um jeden Preis aus diesem Traum erwachen und -vertiefte sich von neuem.</p> - -<p>Dies alles waren Dinge, die sie benötigt hatte. Hier die langen -Rechnungen des Apothekers und das erste beglichene Arzthonorar, die -Kosten für die Pflegerin und Stärkungsmittel. Dort die Neuanschaffungen -für Wäsche und Kleider. Mit bebenden Fingern tupfte sie auf die -einzelnen Reihen und zählte sie umständlich zusammen:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_424"></a>[S. 424]</span></p> - -<p>Dreitausend und fünfhundert Mark für sie. Und wovon?</p> - -<p>Um Gottes willen! Wenn Eva von Ostried darum jene Schuld, die der Mann -ihrer Liebe nicht vergeben konnte, auf sich geladen hätte? Täglich -hatte sie doch an dem ängstlichen Erwägen jeder Ausgabe gemerkt, daß -Eva von Ostried nicht mit irdischen Schätzen gesegnet sein konnte!</p> - -<p>Ihre abgezehrten Hände hatten sich zusammengekrampft, als flehten sie -um die Kraft zu dem schwersten, entsühnenden, letzten Schritt!</p> - -<p>Wenn sie aber noch einmal gesundete? Wozu dann die neue, jammervolle -Qual? Dann würde sie gewiß nicht früher ruhen, bis sie alles -zurückgezahlt hatte.</p> - -<p>Müde dämmerte sie ein. Wundervoll ruhig, wie seit Monaten nicht mehr, -gestaltete sich ihr Schlummer. Als sie nach Stunden daraus erwachte, -war sie frei von Schmerzen. Die Nacht durchschlief sie gleichfalls -traumlos tief bis zum Morgen, an dem sie die gellende Pfeife des -Novembersturms wachheulen mußte.</p> - -<p>Ihr war so wohl und leicht, wie seit langem nicht.</p> - -<p>„Ich werde bestimmt noch einmal gesund,“ dachte sie und tastete sich -auf, um etwas zu genießen.</p> - -<p>Aber plötzlich – sickerte es warm und purpurn, wie ein eiliges -Bächlein, über ihre Lippen. Das war der fliehende Strom des Lebens; -dagegen gab es nun nichts mehr. Morgen war sie vielleicht schon tot!</p> - -<p>Sie versuchte sich emporzurichten. Es schlug fehl. So rief sie -mit lauter Stimme, wie sie fest überzeugt war, den Namen der -Hausmeisterstochter. Es war aber nur ein heiseres Stammeln, das -ungehört verklang.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_425"></a>[S. 425]</span></p> - -<p>In höchster Angst begann sie zu beten.</p> - -<p>Als sie eine Stunde später noch einmal versuchte, sich zu erheben, -schien ihre Kraft gewachsen zu sein. Sie brachte es fertig, zum -Schreibtisch zu taumeln. Mit kaum leserlicher Hand malte sie wenige -Zeilen:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Lieber, guter Bruder! Komme sogleich zu mir. Ich soll sterben und -muß Dich zuvor noch gesprochen haben. Frage die Botin nichts. Du -wirst alles aus meinem Munde erfahren, auch warum ich bei Eva von -Ostried bin. Fürchte keine Begegnung mit ihr. Sie weilt in Dresden. -Die Schlüssel zur Wohnung schicke ich Dir mit. Es könnte sein, daß -ich nicht mehr zu öffnen imstande wäre.</p> - -</div> - -<p>Dann versuchte sie die Treppe herunter zu schleichen. Als sie endlich -vor der gutmütigen Hauswartfrau stand, schrie diese laut auf.</p> - -<p>„Mein Je... wat ist denn mit Ihnen? Sie sehen ja wie ein Geist aus.“</p> - -<p>„Ich bin sehr krank,“ sagte Gretchen Müller kaum verständlich. „Dieser -Brief muß sofort an die Adresse hier. Bitte, rufen Sie Ihre Tochter...“</p> - -<p>„Amanda? Die ist leider nicht da! Kann ich nicht meinen Max schicken?“</p> - -<p>„Wie alt ist er?“</p> - -<p>„Ostern wird er acht.“</p> - -<p>„Nein. Bitte, gehen Sie selbst! Hier, nehmen Sie – für Ihre Tochter.“</p> - -<p>Es war ein Halskettchen aus feinstem Silberfiligran.</p> - -<p>– – – Mit einem Aechzen sank sie dann auf das Ruhebett ihres -einfenstrigen Zimmers, und ihre fieberglänzen<span class="pagenum"><a id="Seite_426"></a>[S. 426]</span>den Augen verfolgten -gespannt den gleichmäßig vorwärtsrückenden Zeiger der Uhr. Schließlich -schlief sie vor Schwäche ein.</p> - -<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_426_tb"> - <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" /> -</div> - -<p>Die alte Pauline stand, noch schneeweiß bis in die Lippen, vor Walter -Wullenweber und berichtete von dem Unglück, das sie am Vormittag -betroffen hatte.</p> - -<p>„Wie es gekommen ist? Ich hatte mir einen heißen Stein ins Bett -geschoben. Wenn man alt ist, kann man nicht mehr so recht warm werden. -Hundertmal hab’ ich das schon gemacht und nie ist was passiert. Nun -heute grade. Die Betten sind verkohlt und das schöne Kleiderspind ist -ganz hin. Alle Sachen drin sind zu Fetzen verbrannt. Nur ein Kleid ist -wie durch ein Wunder verschont, das gute Schwarzseidene, in dem unsere -Frau Präsident gestorben ist...“</p> - -<p>„Grämen Sie sich nicht darüber, Pauline,“ tröstete Walter Wullenweber.</p> - -<p>„Wäre die Flurnachbarin nicht so beherzt gewesen, hätt’ ich Ihnen die -ganze Wohnung ausgeräuchert...“</p> - -<p>„Freuen wir uns also des günstigen Ausgangs –“</p> - -<p>„Nun hab’ ich richtig nichts anzuziehen. Und ich muß doch an ihr Grab. -Ihr Geburtstag is...“</p> - -<p>„Ich denke, das gute Schwarzseidene ist verschont geblieben? Sagten Sie -das nicht soeben?“</p> - -<p>Erschrocken wehrte sie ab. „Wo denken Sie hin, Herr Rechtsanwalt?! Das -ist mir heilig. Nein, nein....“</p> - -<p>„Ihre Frau Präsidentin würde Sie auslachen, wenn sie das gehört -hätte..“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_427"></a>[S. 427]</span></p> - -<p>„Meinen Sie wirklich?“ Es klang, als leuchte eine scheue Hoffnung durch -alle Trostlosigkeit.</p> - -<p>„Auch nach meinem Empfinden wäre es kindisch, wenn Sie aus diesem -Grunde fernblieben. Nach allem, was Sie mir von ihr erzählt haben, kann -ich mir unmöglich denken, daß sie dies billigen würde.“</p> - -<p>„Ich glaube beinahe auch nicht recht dran...“</p> - -<p>„Wie können Sie noch überlegen? Der Schaden ist gewiß schmerzlich für -Sie, aber viel schmerzlicher würde es sein, wenn auch dies letzte Kleid -– dies Heiligtum in Ihren Augen – mitverbrannt wäre.“</p> - -<p>„Darüber könnt’ ich bestimmt nicht wegkommen...“</p> - -<p>„Sehen Sie wohl? Also Kopf hoch! und Hand her. – Vielleicht hat Ihre -Frau Präsidentin aus der Höhe den ganzen Brand überhaupt bestellt, -damit ihre alte, überbescheidene Pauline wenigstens einmal im Leben in -Seide rauscht.“</p> - -<p>„Zuzutrauen wär’ ihr das schon...“</p> - -<p>„Na also. Nachher werden Sie mir jedes verbrannte Stück genau aufzählen -und möglichst beschreiben, damit ich ordnungsgemäß Anzeige von dem -Brand machen kann. Einstweilen sehen Sie, bitte, nach, wer draußen -Sturm läutet.“</p> - -<p>Es war die Hausmeistersfrau, die Gretchen Müllers Brief brachte.</p> - -<p>„Lieber, guter Bruder...“ Walter Wullenweber wischte mechanisch über -die schrägliegenden Buchstaben, die ihm in zitternden Wellenlinien -entgegensahen. Er rief nach der alten Pauline. Seine Füße waren -plötzlich zu schwer zum Aufstehen, seine Hand zu unsicher zum Klingeln.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_428"></a>[S. 428]</span></p> - -<p>„Ich möchte die Botin sprechen, die dies soeben gebracht hat. Schicken -Sie sie herein,“ sagte er mit schwerer Zunge.</p> - -<p>„Ach Gott, Herr Rechtsanwalt.“ Er wehrte ab.</p> - -<p>„Die Frau ist sehr eilig gewesen; gleich ist sie wieder weg.“</p> - -<p>„Hm –“. „Da liegt noch was Eingewickeltes, Herr Rechtsanwalt,“ -erinnerte Pauline. „Es sind Schlüssel, hat die Frau gesagt. Sie möchten -sich selbst die Wohnung aufschließen. Das Fräulein wäre nämlich ein -bißchen kränklich ...“</p> - -<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_428_tb"> - <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" /> -</div> - -<p>Der Name auf dem Schild und der Schlüssel in seiner Hand... Nein, nein, -es war kein Traum! Schon stand er mit einem unsäglichen Gefühl von -Verwirrtheit auf dem schmalen Korridor.</p> - -<p>„Lieselott!“ rief er laut und erschrak über den Klang der eigenen -Stimme.</p> - -<p>Dann tappte er weiter. Das Musikzimmer kannte er aus Eva von Ostrieds -Schilderungen. Er sah auch im Geist die hohe, stolze Gestalt der -Besitzerin und fühlte, daß seine heiße Liebe zu ihr niemals sterben -konnte. Jeder weitere Schritt war eine Qual für ihn. Wie ein Einbrecher -kam er sich vor und ging doch weiter... bis er in dem kleinen, -einfenstrigen Raume stand, dessen Fenster einen Ausschnitt der -sommermüden Bäume zeigte...</p> - -<p>Auf dem Ruhebette lag eine schmale, zusammengekrümmte Mädchengestalt. -Das Gesicht war wachsbleich. Die Lippen farblos. Der Goldton ihres -Haares das einzig Lebendige an diesem starren Bilde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_429"></a>[S. 429]</span></p> - -<p>Mit einem dumpfen Aufschluchzen warf er sich über sie. „Kleine -Lieselotte!“</p> - -<p>Seine Arme hoben sie ein wenig empor. „Lieselott, ich bin bei dir.“</p> - -<p>Da zuckten die Lider endlich und ihre Augen wachten auf: „Walter... -Bruder...“ Nichts weiter vermochte sie zu sagen.</p> - -<p>Er fragte nichts. Er lag auf den Knieen und hatte seinen Kopf in ihre -Hände gebettet. Sanft lehnte sie ihre Wange an sein dichtes, blondes -Haar.</p> - -<p>„Wie schön ist das, Walterle...“ Und dann wie ein Hauch: „Der Vater... -unser Vater... weiß er schon?“</p> - -<p>Er machte eine verneinende Bewegung.</p> - -<p>„Walterle,“ sagte sie dicht an seinem Ohr, „ich habe mich halbtot vor -dir geschämt. Jetzt ist alles, alles gut! Aber, es dauert nicht mehr -lange. Und ich muß dir doch so viel erzählen.“</p> - -<p>Zuerst sprach sie von sich, während er einen Stuhl neben ihr Lager -geschoben hatte und ihre Hände festhielt. Sie mußte häufig Pausen -machen. Sonst reichte ihr Atem nicht aus. Und er mußte doch so -unendlich viel wissen.</p> - -<p>„Du wirst geahnt haben, wohin ich ging, als ich Euch verließ?“ begann -sie in bebender Scham.</p> - -<p>„Ja,“ nickte er und verhüllte seine Augen mit der Rechten, „zu dem -Mann, vor dem ich dich schützen wollte.“</p> - -<p>„Laß mir deine Hände, Walter.“</p> - -<p>Er fühlte die Eiseskälte ihrer Finger und schauerte zusammen, weil er -daraus die Nähe des Todes zu spüren meinte. Ihre Stimme war so leise, -daß er sich zu ihren Lippen herabneigen mußte, um sie überhaupt zu -verstehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_430"></a>[S. 430]</span></p> - -<p>„Er hatte geschworen, mich zu seiner Frau zu machen.“</p> - -<p>„Das hast du geglaubt?“</p> - -<p>„Wäre ich sonst zu ihm gegangen? Konntest du das auch nur einen -Augenblick von mir glauben, Bruder?“</p> - -<p>Er schwieg. Das war das Härteste gewesen, daß er davon überzeugt war.</p> - -<p>„Ich schwöre es dir! Als ich die untrüglichen Beweise seiner -Treulosigkeit hatte, als ich wußte, daß bereits eine andere seinen -Namen trug, ohne daß mir eine Ahnung davon gekommen war, verließ ich -ihn.“</p> - -<p>„Wie habe ich dich gesucht, Lieselott...“</p> - -<p>„Finden lassen durfte ich mich nicht von dir. Nicht wahr, das verstehst -du auch. Gelernt hatte ich nichts wie das bißchen Harfenspiel. Und in -ein Nachtkaffee wollte ich nicht! – Dein Name, Walter, hat mich vor -vielem zurückgehalten. Mit diesem Namen durfte ich auch nicht in der -Oeffentlichkeit arbeiten. Du hättest mich gefunden. Ein Zufall half -mir. Als ich wieder einmal umsonst nach Beschäftigung gegangen war, -fand ich, neben mir, in einem Abteil der Stadtbahn eine Tasche mit -Ausweispapieren... Ich nahm sie an mich. Es ging doch nicht anders. -Seitdem bin ich „Gretchen Müller.“ Aber er fand mich auch als solches -und ließ mir keine Ruhe. In dem Geschäft, das mich angenommen, machte -er mich unmöglich. Ich wollte sterben... Da war aber eine, die es -verhindert hat. Eine Schülerin von Eva von Ostried. Sie hat mich zu ihr -gebracht ...“</p> - -<p>„Wie lange schon,“ fragte er heiser.</p> - -<p>„Länger als zwei Jahre. Ohne Eva von Ostried wäre ich verhungert. Ihr -verdanke ich alles. Nicht nur, daß ich<span class="pagenum"><a id="Seite_431"></a>[S. 431]</span> wieder anständige Kleider und -eine Heimat erhielt, das sie mich pflegte und umsorgte. Ach, das war -wohl schön... Aber das andere war das Wunder, das meine Seele gereinigt -hat. Wie eine Schwester ist sie allzeit zu mir gewesen. Sieh her, diese -Sachen hat sie für mich gekauft, damit ich auch in ihrer Abwesenheit -nicht darbe. Und hier in dieser Mappe stehts, wieviel Geld sie für mich -geopfert hat. Woher sie das konnte? – Walterle, ich weiß es nicht, -wie so vieles. Aber ich las deinen harten, letzten Brief an sie. Er -bestätigte meine Ahnung, die mich nicht verlassen, seitdem ich das -erste Mal einen Umschlag mit deiner Handschrift bei ihr sah. Sie ahnt -nicht, daß ich deine Schwester bin, wie sie mir auch deinen Namen nicht -verraten hat. Nur, daß sie Braut geworden und nachher – – das andere -– – daß alles aus sei – – hat sie mir gesagt. Walterle, hör’ zu – -– sie hat mich in die Arme genommen, auch damals, als der Verführer -bei ihr eindrang und sie wissen mußte... Laß – frage nichts – – -fluche ihm auch nicht. Er ist tot – – Vielleicht tat sie es, weil sie -auch um sich litt – – Und um dich. Am allermeisten. Nun hast du ihre -heiße Liebe, die nur für dich fühlt und bangt, zurückgestoßen...“</p> - -<p>Er stöhnte auf. „Was mich das gekostet hat – – –“</p> - -<p>„Ich weiß es, denn ich kenne dich, Bruder! Du hättest mich nie -wiedergefunden, wäre sie nicht in mein Leben getreten. – Nicht um mich -– – nein um ihretwillen fand ich die Kraft, dich zu rufen...“</p> - -<p>„Sie liebt mich nicht mehr,“ wendete er ein.</p> - -<p>„Ach du! Ihre Liebe ist so stark, daß sie sich vor ihr fürchtet. Darum -wird sie es auch vielleicht tun.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_432"></a>[S. 432]</span></p> - -<p>„Wovon sprichst du?“</p> - -<p>„Ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie ein Verwandter von ihr – ein -Majoratsherr – der denselben Namen wie sie führt, um sie geworben hat.“</p> - -<p>„Und sie...? Ist sie schon seine Braut?“</p> - -<p>„Noch nicht. Aber die beiden Wochen Bedenkzeit, die sie sich erbeten -hat, sind bald verstrichen...“</p> - -<p>„Wann sind sie vorüber?“</p> - -<p>„Es war vor neun Tagen...“ Er stand auf.</p> - -<p>„Glaubst du, Lieselotte, daß sie nach allem mir noch einmal vertrauen -kann?“</p> - -<p>„Ich weiß nicht, was Euch getrennt hat und will es nicht wissen. Nur, -daß sie dich weiter über alles liebt, weiß ich als einzig Gewisses.“</p> - -<p>„Und ich sie ebenfalls –!“</p> - -<p>„Also wirst du sie aufsuchen?“</p> - -<p>„Es wird mich zwingen...“</p> - -<p>„Dabei sollst du ihr diesen Brief geben. Ja, Bruder? Ehe du kamst, habe -ich ihn geschrieben. Es steht nur eine Zeile darin.“</p> - -<p>„Und warum willst du nicht selbst – –?“</p> - -<p>Sie lächelte ihn an. „Ich werde sterben. Es ist nur der Wein, der mir -diese letzte Kraft gab, auszuhalten. Jetzt darfst du mich nicht allein -lassen. Hörst du? Erst, wenn es ganz dunkel geworden ist, sollst du -heimgehen...“</p> - -<p>Ein langes Schweigen kam. Er hatte sie aufgerichtet.</p> - -<p>„Wo wohnt dein Arzt, Lieselotte,“ forschte er.</p> - -<p>„Laß ihn, Walter. Was soll er mir noch? Sieh mich an. Du bist mein Arzt -und Erlöser... Und nun erzähle vom Vater – –“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_433"></a>[S. 433]</span></p> - -<p>Er tat es, und sie nickte zuweilen.</p> - -<p>„Jetzt wird er sich über meinen Gruß freuen, Bruder...“</p> - -<p>„Ich werde ihm telegraphieren, Lieselott!“</p> - -<p>„Morgen, ja! Nicht heute! Es tut so bitterlich weh – hier – hier – -–“ und sie zeigte auf die Brust.</p> - -<p>Fest bettete er sie in seinen Armen.</p> - -<p>„Glaubst du, Walter, daß mich eine andere, wie sie, damals aufgenommen -hätte – mit dem Schimpf der Verlassenen und Geächteten. Todkrank. Kaum -ein anständiges Stück Zeug auf dem Leibe – –“</p> - -<p>„Hör’ auf!“ flehte er gequält.</p> - -<p>„Du mußt genau wissen, wie es damals um mich stand. Sonst begreifst du -ihr großes, warmes Opfer nicht voll.“</p> - -<p>„Doch, ich fühle es in seiner ganzen Tragweite, Lieselott.“</p> - -<p>„Du hast sie vorher eine Heilige genannt. Das ist sie wirklich... Sieh, -ich weiß am besten, wie rein sich ihre Seele hält. Darin ist lauter -Licht und Keuschheit. Alles nur für dich!“</p> - -<p>„Und ich konnte sie richten,“ dachte er dumpf.</p> - -<p>Ihr leichter Körper wurde schwer in seinen Armen. Das Gesicht -veränderte sich auffallend. Es nahm spitze, fremde Züge an. Der Atem -setzte aus. – Es ging aber wieder vorüber.</p> - -<p>„Tag und Nacht hat sie um dich geweint, Walter!“</p> - -<p>Dann sprach sie lange nichts mehr. Nur der Atem kämpfte verzweifelter, -bis wieder ein rosenrotes Bächlein über ihre Lippen quoll. Danach wurde -ihr leichter wie zuvor. Nur die Stimme gehorchte nicht mehr, und die -Gedanken waren weit – weit weg.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_434"></a>[S. 434]</span></p> - -<p>„Meine Harfe,“ verlangte sie mit einem röchelnden Lachen, „laßt sie mir -doch!“</p> - -<p>Er dachte daran, daß er sie ihr zuweilen verschlossen gehalten, weil -sie ihre Aufgaben für die Schule und später für die Häuslichkeit -darüber vernachlässigte. Ueberall empfand er seine Mißgriffe.</p> - -<p>„Herr Tebecke konnte keine Musik vertragen,“ träumte sie erschauernd.</p> - -<p>Das war der Name des Mannes, dessen Reichtum den Vater geblendet und -sie aus dem Hause dem Andern entgegen gehetzt hatte.</p> - -<p>Auf ihren eingefallenen Wangen erblühte ein Röslein. Die Augen -glänzten. Sie wußte nichts mehr von der Gegenwart...</p> - -<p>Sie lag, die Hände fromm gefaltet und lächelte.</p> - -<p>Mit einem Wehlaut warf er sich über ihre Hülle...</p> - -<p>Die kleine weiße Rose, aus dem Heimatsboden gerissen, durch den Strom -sündiger Leidenschaft blutrot gefärbt, im Staub der Straße zertreten, -– nun war sie wieder schneeweiß und würdig für den himmlischen Garten -des allmächtigen Vaters!</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_434_ende"> - <img class="w100" src="images/i_029_ende.jpg" alt="Kapitel 24, Ende" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_435"></a>[S. 435]</span></p> - -<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_435_kopf"> - <img class="w100" src="images/i_435_kopf.jpg" alt="Schlusskapitel, Kopfstück" /> -</div> - -<h2 class="nopad" id="Schluss">Schluß.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="dc">E</span>va von Ostried war einen halben Tag eher, wie sie zuerst gedacht, aus -Dresden zurückgekehrt, hatte von jeder telegraphischen Benachrichtigung -abgesehen, weil sie der kleinen, aufmerksamen Hausgenossin keine Mühe -machen wollte und sich durch den mitgenommenen Schlüssel mühelos -Zutritt verschafft. Die verworrene Erzählung der Hausmeistersfrau unten -im Hausgange war ihr unverständlich geblieben. Nun stand sie, Sorge und -Zärtlichkeit auf dem Gesicht, vor – – Walter Wullenweber – –</p> - -<p>Als sie ihn erkannte, streckten sich ihre Arme in stummer entsetzter -Abwehr aus. – Nichts begriff sie, als daß er da war. Alles andere -wurde ihr unfaßbar. Erst nach geraumer Weile merkte sie, was geschehen, -und schrie in grauenhafter Furcht auf, daß die Todkranke, als sie ihrer -letzten Stunde gewiß wurde, ihn gerufen haben mußte.</p> - -<p>Aber warum? Hatte sie alles gewußt und wollte für sie bitten? Ja – so -war es! Durch diese Erkenntnis kam sie zur Kraft!</p> - -<p>„Sie hat es gut gemeint,“ sagte sie endlich leise und weich, „und -es war auch gütig, daß du gekommen bist. Aber, nicht wahr, nun -wollen wir uns nicht länger quälen. Ich werde mein nächstes Konzert -abtelegraphieren und sie zur Ruhe betten lassen. Lebe wohl...“</p> - -<p>Er war dicht neben ihr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_436"></a>[S. 436]</span></p> - -<p>„Eva!“</p> - -<p>Sie hob nur die Hand.</p> - -<p>„Laß alles schlafen. Das ist meine letzte Bitte.“</p> - -<p>Da stieß er heraus, was sie erst allmählich erfahren sollte. „Sie ist -meine Schwester, Eva! Die arme kleine Lieselotte, von der ich dir -schrieb... damals – –“</p> - -<p>„Deine – Schwester – die du so lange vergeblich gesucht hast?“</p> - -<p>„Ja. Hier ist der Brief, mit dem sie mich rief.“</p> - -<p>Sie starrte darauf hin, als begriffe sie seinen Sinn nicht. „Deine -Schwester?“ wiederholte sie nur immer wieder.</p> - -<p>„Nicht wahr, das ändert alles!“</p> - -<p>Sie sah mit wirrem Blick umher, an ihm vorbei und endlich auf das -bleiche, lächelnde Gesicht der Toten.</p> - -<p>„Was könnte es wohl ändern? Doch, die Bitterkeit! Ich will dir -wenigstens die Hand reichen.“ Wie einst riß er ihre Rechte an sein -Herz. „Nicht so! Es ist nur um ihretwillen. Sie hat mir ja auch dies -Opfer gebracht.“</p> - -<p>„Fühlst du es als Opfer, Eva? Vergiß doch! Ich liebe dich noch immer -über alles.“</p> - -<p>Sie schüttelte den Kopf. „Nichts mehr davon. Es ist alles längst vorbei -und überwunden.“</p> - -<p>„Bei ihrem Andenken schwöre ich dir, daß ich nie aufgehört habe, dich -zu lieben. Nur das andere...“ Er stockte.</p> - -<p>„Es war sehr hart, aber ich habe es begreifen gelernt.“</p> - -<p>„Jetzt mußt du begreifen, daß ich nicht ohne dich leben kann, Eva.“</p> - -<p>„Du bildest dir nur ein, daß es so sein müsse. Begreiflich. Glaubst, -mir um deiner Schwester willen Dankbarkeit zu schulden. Der Schmerz -um sie – – ein wenig wohl<span class="pagenum"><a id="Seite_437"></a>[S. 437]</span> auch die Reue – haben dich, den sonst -unbestechlich Ehrlichen so weit getrieben. Ich verstehe auch das. Und -will – vergessen – –“</p> - -<p>„Du sollst nicht, Eva!“</p> - -<p>„Wenn ich schon – – vorher vergessen hätte – –?“</p> - -<p>Er sah sie fassungslos an. „Lieselott hat mir auch von der Werbung des -Waldesruher gesprochen. Solltest du dich bereits vor Ablauf der beiden -Wochen für ihn entschieden haben?“</p> - -<p>„Ich wollte es tun,“ erwiderte sie sanft. „Aber – – nun wird es wohl -doch nicht gehen.“</p> - -<p>„Warum nicht?“ drängte er mit neu erwachender Hoffnung.</p> - -<p>„Warum? Ach – – das läßt sich schwer ausdrücken. Vielleicht, weil ich -mich auch seiner nicht wert fühle.“</p> - -<p>Er umklammerte ihre Handgelenke. „Du sprichst nicht die Wahrheit – –“</p> - -<p>„Ich könnte nichts anderes sagen – – im Augenblicke.“</p> - -<p>„Soll das heißen, daß ich später – – morgen, übermorgen – –“</p> - -<p>„Nein,“ wehrte sie erschrocken ab. „Es soll heißen, daß ich niemals -wieder – –“</p> - -<p>„Wen? Den Andern?“</p> - -<p>„Nein, dich,“ sagte sie, immer noch wie im Traum.</p> - -<p>„Eva, ich flehe dich an. Denke daran, daß es das letzte Mal sein kann.“</p> - -<p>„Das wäre gut! Ich will ruhig werden und sühnen. Gönne mir diese Ruhe.“</p> - -<p>„Du hast hundertmal gut gemacht. Ich danke dir – –“</p> - -<p>Sie ließ ihn nicht zu Ende kommen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_438"></a>[S. 438]</span></p> - -<p>„Nur an mein Glück hat sie gedacht, deine kleine Schwester. Das sieht -ihr ähnlich. Ich habe sie sehr lieb gehabt. Vielleicht – –“</p> - -<p>„Sei barmherzig. Vergib mir meine Härte und Ungerechtigkeit.“</p> - -<p>„Steh auf – – ich allein bleibe die Schuldige. Es hilft nichts, -ich – – habe gestohlen. Siehst du, jetzt zum ersten Mal geht das -fürchterliche Wort aus meinem Munde. Das Gespenst läßt sich nicht -vertreiben. Die Präsidentin hatte mir nichts zugedacht und ich habe es -nicht glauben wollen. Ich habe dir nie von meinem Verhältnis zu ihr -gesprochen. Jede ihrer Handlungen bewies mir, daß sie mich lieb hatte. -Selbst, wenn sie unzufrieden mit mir war, wurde sie nicht hart. Ich -merkte vielmehr, daß sie darunter litt. Und sie – – hat es mir auch -versprochen. Klipp und klar. Da ist es mir unfaßbar gewesen, daß sie, -die nie ein gegebenes Versprechen brach, nicht an mich gedacht haben -sollte. Bei Gott! Mein Gefühl hat unablässig dagegen geeifert, immer -noch, bis vor ganz kurzem. Nicht wahr, wenn sich schließlich doch ein -Nachsatz, der mich bedacht hätte, vorfand, dann – ja dann – –. Das -wirst du gewiß auch nicht verstehen. Wirst meinen, an meiner Schuld -ändere das nichts. Mich hätte es losgesprochen. Ich hätte mir einbilden -können, ich wäre nun nicht länger schuldig! So aber, wenn ich vergessen -wollte – wie damals – in deinen Armen – nachher kam es doch wieder. -Ein Satz nur, aber ein fürchterlicher, strenger noch wie du – – „Der -Uebel größtes... aber ist die Schuld...““</p> - -<p>„Wir werden gemeinsam arbeiten und sparen, damit wir alles -zurückerstatten,“ flehte er erschüttert. „Denn so grau<span class="pagenum"><a id="Seite_439"></a>[S. 439]</span>sam, daß du mich -nun zu deinem Schuldner auf Lebenszeit machst, der nicht abtragen darf, -was du seiner Schwester gegeben, kannst du nicht sein.“</p> - -<p>„Das Geld – – das schreckliche Geld – –“ klagte sie. „Wie es dich -schon drückt, daß du es schuldest – –“</p> - -<p>„Nein, das andere ist mir die Hauptsache. Deine Liebe, die -selbstverständliche Güte, dein Verstehen und Vergeben, mit dem du meine -Schwester überschüttet hast – –“</p> - -<p>„Sollte ich, die schuldig Gewordene, sie verurteilen?“</p> - -<p>„Ich war auch schuldig an ihr und habe dich doch gepeinigt.“</p> - -<p>„Das tust du erst jetzt und ich kann es nicht länger ertragen. Laß uns -das Nötige ruhig mit einander besprechen. Ich überlasse dir natürlich -die Bestimmung über alles, was sie angeht. Willst du es lieber allein -besorgen, weil doch auch wohl dein Vater kommen wird... so begebe -ich mich für diese kurze Zeit in eine Pension. Wirklich, es macht -mir nichts. Du denkst, daß dies hier die Heimstätte deiner kleinen -Schwester sei, aus der, hinweggetragen zu werden, ihr gutes Recht ist. -Wenn alles vorüber ist, kehre ich schon zurück. Wohl kaum mehr für -lange... Ich weiß das alles noch nicht.“</p> - -<p>Er stand hoch und stark neben ihr, als habe er die Last, die ihn zu -ihren Füßen niederzwang, endlich abgeworfen.</p> - -<p>„Noch einmal. Ich liebe dich! Sei barmherzig. Stoße mich nicht zurück.“</p> - -<p>„Weil ich es sein muß, sage ich: mache ein Ende! Glaubst du, daß du mir -dankbar zu sein hast, dann habe ich ja auch die Erfüllung einer Bitte -gut.“</p> - -<p>„Sprich sie aus. Was du willst, soll geschehen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_440"></a>[S. 440]</span></p> - -<p>„Ich danke dir. Vergiß mich, Walter!“</p> - -<p>„Kannst du dir das wirklich erbitten?“</p> - -<p>„Ja, das kann ich!“</p> - -<p>Er griff an die Stirn. Sein Gesicht wurde von einer schmerzhaften Angst -verzerrt.</p> - -<p>„Eine Erklärung verlange ich wenigstens...“</p> - -<p>Sie sann ein wenig. „Wie soll ich das erklären? Fühlst du es nicht?“</p> - -<p>Er schüttelte wild den Kopf.</p> - -<p>„Nein? Du hast doch empfunden, daß ich dein Leben verdorben hätte... -wenn...“</p> - -<p>„Empfunden? Doch nicht! Nur einen Augenblick lang gefürchtet. Das, was -dir gehört, hatte gar nichts damit zu schaffen. Das andere in mir, -das für das Recht steht und fällt, schrieb dir den Brief. Mein Herz -hat dich auch in diesem Augenblick keinen Deut weniger geliebt als zu -Anfang und jetzt!“</p> - -<p>Mit leicht geschlossenen Augen lauschte sie ihm. „Es klingt schön. – -Ich glaube es aber nicht!“</p> - -<p>„Dann muß ich vollenden. Ich verstehe, daß du mich niemals geliebt hast -wie ich dich...“</p> - -<p>In ihrem Gesicht begann es zu zucken. Sie war am Ende ihrer Kraft.</p> - -<p>Noch ein Wort – eine Wiederholung der alten Bitte – ein -Entgegenrecken seiner Arme und... Sah er denn ihre große, heiße Liebe, -daß er nicht müde wurde, sie zu verlangen? Er durfte sie nicht gewahr -werden. Nie mehr... Sein Leben mußte hell und rein bleiben. Würde sie -sein Weib, machte sie ihn zum Mitschuldigen und vernichtete ihn langsam -damit. Was lag an ihr? Mochte sie nachher zu<span class="pagenum"><a id="Seite_441"></a>[S. 441]</span>sammenbrechen. Bis sie es -ausgesprochen hatte, würde sie sich aufrecht erhalten.</p> - -<p>„Ich gehe also. Du und die alte Pauline, Ihr werdet alles nach deinem -Willen einrichten. Den Schlüssel kannst du danach unten bei der -Hausmeistersfrau abgeben. Ich hole ihn mir später schon...“</p> - -<p>„Soll das deine Antwort auf meine Anschuldigung sein?“</p> - -<p>„Verlangst du wirklich eine?“</p> - -<p>„Eva,“ stöhnte er, „laß es genug der Folter sein. Ich bitte dich nach -diesem nicht mehr!“</p> - -<p>Sanft streichelte sie die gefalteten Hände der Toten. Und es war, als -bringe ihr die eisige Kühle die Besinnung zurück – – als sei sie nun -gegen alle Sehnsucht gefeit.</p> - -<p>„Ich kann nicht,“ gestand sie leise, „und wenn ich mich halbtot quälen -würde.“</p> - -<p>„Quälen sollst du dich nicht. Nein – das hast du nicht um uns -verdient.“ Es klang hart und fest. „Du hast uns genug geopfert. – Noch -heute Abend werde ich meine kleine Schwester zu mir holen. Verzeih dies -Letzte. Ich muß dich solange aus deiner eigenen Wohnung vertreiben. -Danach aber – ich hoffe gegen zehn Uhr – ist jede Spur von uns -verwischt.“</p> - -<p>Sie fühlte mit kaltem Schrecken, wie sie zu taumeln begann. Wenn er sie -jetzt noch einmal ansehen würde – – Seine Augen mieden ihr Gesicht, -während er, nach kurzer Pause, wieder zu sprechen begann.</p> - -<p>„Du hast mir am Schluß deines letzten Briefes etwas schreiben können, -was ich lange nicht begriffen habe. Vielleicht hast du es wirklich so -gemeint. Daß ich glücklich wer<span class="pagenum"><a id="Seite_442"></a>[S. 442]</span>den soll ohne dich. Jetzt beginne ich -deinen Wunsch zu begreifen. Du wirst und willst ohne mich glücklich -werden. Das weiß ich nun – –“</p> - -<p>Sie widersprach ihm nicht. Einen Herzschlag lang wartete er darauf. – -„Lebe wohl, Eva.“</p> - -<p>Hatte sie den gleichen Abschiedsgruß für ihn gehabt? Mit vorgeneigtem -Oberkörper stand sie und lauschte, wie sein Schritt auf dem -teppichlosen Stückchen Parkett zwischen Sterbezimmer und Musikraum -hörbar wurde – – wie er über den langen Korridor tappte – die Hand -auf den Drücker schlug, der stets ein wenig schwer gehorchte und die -Tür hinter sich zuklappte.</p> - -<p>Dann erst brach sie mit einem wilden verzweifelten Aufschrei, der -nichts als unsterbliche, ewige Liebe nach ihm war, in die Kniee.</p> - -<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_442_tb"> - <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" /> -</div> - -<p>Major a. D. Wullenweber hatte nicht zur Bestattung seiner Tochter -kommen können. Noch bevor der Eilbrief seines Sohnes in Hohen-Klitzig -angekommen war, packte ihn ein neuer Schlaganfall. Lebensgefahr bestand -auch diesmal nach dem Urteil des Arztes nicht. Immerhin war die größte -Schonung und Ruhe erforderlich. Der Amtsrat verschwieg ihm daher den -Inhalt des zur Vorbereitung des Vaters an seine Adresse gerichteten -Briefes. So lag der Kranke – ahnungslos – mit leise röchelndem Atem, -ohne zu ahnen, daß in derselben Stunde, in welcher er nach drei Tagen -wieder mit Genuß einer schmackhaften Suppe zusprach, seine kleine -Lieselott an der Seite ihrer Mutter zur letzten Ruhe gebettet wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_443"></a>[S. 443]</span></p> - -<p>Die alte Pauline war von Walter Wullenweber so weit ins Vertrauen -gezogen, wie es sich um das traurige Geheimnis seiner kleinen Schwester -handelte. Mehr hatte er ihr auch nicht sagen wollen! Und sprach ihr -dann, als alles vorüber war, doch davon, daß er Eva von Ostried liebte -und sie, nach kurzem unaussprechlichen Glück, verlieren mußte.</p> - -<p>„Sie dürfen morgen nun doch nicht zum Geburtstag Ihrer Frau Präsidentin -heraus,“ sagte er am dritten Abend nach der Beisetzung.</p> - -<p>„Warum denn nicht, Herr Rechtsanwalt?“</p> - -<p>„Weil Sie von rechtswegen längst ins Bett gehören...“</p> - -<p>„Da halte ich es gar nicht aus. Mir ist, als müßte ich laufen und immer -blos laufen, um einzuholen, was mir sonst wegflitzt.“</p> - -<p>„Ich habe einen schönen großen Kranz bestellt, Pauline. Lauter tiefrote -Astern, von denen Sie mir mal sagten, daß sie Frau Präsidentin von -allen Blumen am liebsten hatte,“ versuchte er sie zu beruhigen.</p> - -<p>„Wie gut Sie sind,“ dankte sie gerührt.</p> - -<p>„Gut?!“ lachte er gerührt auf. „Sie dürften eigentlich sowas nicht -sagen. Versprechen Sie mir jetzt feierlich, daß Sie sich mit meinem -Vorschlag einverstanden erklären.“</p> - -<p>„Was soll ich denn, Herr Rechtsanwalt?“</p> - -<p>„Morgen brav daheimbleiben und hier den Tag im Gedächtnis an Ihre Frau -Präsidentin verbringen. Den schönen Kranz trage ich ihr selbst ans -Grab. Es macht mir nichts aus...“</p> - -<p>Sie wurde rot wie ein junges Mädchen, das eine Not nicht länger -verbergen kann. „Und wenn Sie mich fest<span class="pagenum"><a id="Seite_444"></a>[S. 444]</span>bänden, bliebe ich nicht zu -Hause. So gut Sie es wieder mal meinen. Das geht nicht. Wie eine -Meineidige käme ich mir vor. Ich hab’ ihr in die Hand versprochen, -daß ich jedes Jahr, solange ich am Leben bin, ihr Grab an dem Tage -schmücken wollt’, denn sie konnte keine Unordnung leiden. Und wenn ich -mir gleich den Tod holen müßt’ – jawohl... hin würde ich doch machen.“</p> - -<p>Da sagte er kein weiteres Wort dagegen, sondern ließ sie gewähren, -als sie am nächsten Tage in dem feierlichen Schwarzseidenen, mit dem -Kranz auf dem Arm vor ihm stand und leise und beschämt wegen ihres -Ungehorsams um Entschuldigung bat. –</p> - -<p>Walter Wullenweber hielt sich mit eisernem Willen aufrecht. Seine stark -entwickelte Pflichttreue, die unermüdlich die angehäufte Arbeit abtrug, -unterstützte ihn. Nur in den kurz bemessenen Freistunden gab er sich -seinen trostlosen Gedanken hin.</p> - -<p>Ob sie ihn wirklich nicht mehr liebte? Tagelang hatte er es als -sicher angenommen. Wie durch ein aufregendes Ereignis Gesicht und -Gehör verloren gehen konnten, mochte auch wohl ihre Liebe dieser -Erschütterung nicht standgehalten haben. Jetzt begann er ihre Scham und -ihren Stolz richtig einzuschätzen. Begriff, so sehr es auch gegen das -starre Gesetz ging, daß eine nachträglich aufgefundene Bestimmung der -Präsidentin zu ihren Gunsten die Last der Tat von ihr abgewälzt hätte.</p> - -<p>Damit ward ihm auch das Andere klar. Daß sie mit diesem Augenblick -wieder sein und diesmal auf ewig gewesen wäre. Nun dies unmöglich -geworden war, hatte er keinen Anteil mehr an ihr! Er hatte den Kopf auf -die Platte des<span class="pagenum"><a id="Seite_445"></a>[S. 445]</span> Schreibtisches gelegt und litt weit über alle Kraft -unter der Unmöglichkeit, dies jemals zu ändern – mdash; –</p> - -<p>Das ungestüme Aufreißen der Korridortür, ihr heftiges Zuschlagen, -das Hereinstürzen der feierlich angetanen, alten Pauline, ließ ihn -erschrocken emporfahren. Selbst nach dem Brande war sie nicht so -fassungslos erschienen. Sie stand vor ihm, wie er sie noch nie gesehen -hatte. Ihre welken Lippen zittern.</p> - -<p>Augenscheinlich wollte sie etwas berichten und brachte doch nichts -heraus, als ein Aufschluchzen der Freude!</p> - -<p>„Das habe ich in der Tasche von unserer Frau Präsidentin -Schwarzseidenem gefunden,“ konnte sie endlich herausbringen.</p> - -<p>Er las den Inhalt des gelblich gewordenen Zettels. Ihn voll zu -begreifen, war ihm noch versagt. Es war zu neu, zu gewaltig und -zu schön. Als er sich endlich dazu zwingen konnte und sich auch -überzeugte, daß Unterschrift und Datum diesen Zeilen volle Gültigkeit -verliehen, steckte er ihn zu sich und sprang auf.</p> - -<p>Bescheiden, auch jetzt noch, wartete die alte Pauline auf das erste -seiner Worte.</p> - -<p>Er preßte nur stumm ihre Hände zwischen den seinen, sodaß sie Mühe -hatte, einen Aufschrei zu unterdrücken und stürzte fort – – –</p> - -<p>Mit stillem Lächeln sah sie ihm nach. Ihr war nicht verborgen, wohin -ihn jetzt sein Weg führen mußte.</p> - -<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_445_tb"> - <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" /> -</div> - -<p>Seit zwei Tagen weilte Eva von Ostried wieder in ihrem Heim. Es kam -ihr grenzenlos öde vor. Der jubelnde Bei<span class="pagenum"><a id="Seite_446"></a>[S. 446]</span>fall, der ihr ebenso in -Dresden wie in Weimar geworden, lag weit hinter ihr. Ihr Blick galt der -Zukunft. Morgen in der Frühe würde sie den Vertrag unterzeichnen, der -sie auf die Dauer von drei Monaten in die verschiedensten Großstädte -führen sollte. Und dann – –</p> - -<p>Ja – dann kam endlich doch wohl noch alles, wie sie es einst so heiß -gewünscht und nun längst nicht mehr erstrebt hatte – – –.</p> - -<p>Wahrscheinlich zum kommenden Herbst würde sie einer schon jetzt -ergangenen dringenden Einladung des Dresdner Intendanten folgend, dort -auf Engagement singen.</p> - -<p>Sie kämpfte nicht mehr. Alles schien überwunden zu sein. Das einzige -Gefühl, dessen sie sich für fähig hielt, bestand in einem brennenden -Neid auf die Tote.</p> - -<p>Das kleine einfenstrige Zimmer, aus dem sie hinausgetragen war, blieb -seither unbenutzt. Furchtsam wurde es von Eva von Ostried gemieden. -Nicht die Tote allein wehrte ihr den Eintritt, sondern vor allem der -Lebende, der erst langsam für sie sterben mußte.</p> - -<p>Sie saß vor dem Flügel, aber sie dachte nicht an das, was einst ihr -höchstes Sehnen gewesen. Wie längst durchlesene Bücher, die kein -Interesse mehr erwecken konnten, betrachtete sie die Stöße von Noten. -Es gab nur noch ein Lied für sie, das sie niemals vergessen würde, das -kleine Lied von der weißen Rose....</p> - -<p>Sein Lied! Vorläufig hatte sie sich am Fenster einen Tisch mit allem -Nötigen zum Schreiben zurechtgestellt. Sinnend ruhte ihr Blick auf dem -großen weißen Bogen, der gespenstisch zu ihr hinwinkte. Ehe es Abend -geworden war, wollte sie einen Brief schreiben...</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_447"></a>[S. 447]</span></p> - -<p>Sie ging hinüber und tauchte die Feder ein. Wenn er fort sein würde, -hatte sie keine Anwartschaft mehr auf das alte stille Schloß in -Waldesruh! Trotzdem schrieb sie ihn hastig! Er wurde kurz.</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Ich kann nicht Ihre Gattin werden. Aber ich danke Ihnen warm für -die mir zugedachte Ehre...</p> - -</div> - -<p>Warum konnte sie es nun doch nicht? – Auf dem Tischchen lag ein Stoß -geöffneter Briefe, die sie in Dresden und Weimar erhalten hatte. -Schwärmerische Ergüsse – –</p> - -<p>Nun brach sie wieder hervor, die alte heiße, wilde Sehnsucht nach dem -Geliebten. Das mühsame Versteckspiel mit den eigenen Gefühlen war -nutzlose Marter. Ihre Seele gehörte ihm auf ewig.</p> - -<p>Wie erlöst atmete sie auf, als draußen die Klingel ging. „Wirklich -kommt er,“ dachte sie befriedigt, während sie hinausging.</p> - -<p>Sie konnte den Eintretenden in dem Zwielicht nicht sogleich erkennen -und ahnte doch sofort, wer er sei! Ihr Herz begann wie rasend zu pochen.</p> - -<p>– – – Gehorsam blickte sie auf ein beschriebenes Blatt nieder, -das er vor sie hingelegt hatte, als sie sich im Musikzimmer -gegenüberstanden.</p> - -<p>„Ich kann nicht,“ flüsterte sie, als sie die Handschrift sah. Da las -ihr Walter Wullenweber vor:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Nach einem Anfall großer Herzschwäche, den ich zwar überwunden -habe, dessen Wiederkehr ich aber fühle, bestimme ich hiermit -als Nachtrag zu meinem bereits gemachten Testament, daß meine -geliebte Pflegetochter Eva von Ostried bei meinem Ableben -Einhundertundfünfzigtausend Mark durch Herrn Justizrat Weißgerber<span class="pagenum"><a id="Seite_448"></a><span class="s4">[S. 448]</span></span> -ausgezahlt erhalten soll. Und zwar ist diese Summe von derjenigen -für die Stiftungen festgelegten abzuziehen. An den ausgesetzten -Legaten soll nichts geändert werden. Meine treuesten Grüße gehören -meiner lieben Eva.</p> - -<p>Zur Zeit Belgard a. d. Persante, Hinterpommern, im Wartesaal der 2. -Klasse, den 24. August 1918.</p> - -<p class="right mright2">Frau Präsident Hanna Melchers.</p> - -</div> - -<p>Als Walter Wullenweber zu Ende gelesen hatte, sah er sie an. Und sah, -daß sie ihre Hände, wie bittend, zu ihm erhoben hatte. Nun lag sie an -seinem Herzen.</p> - -<p>„Eva – jetzt – bleibst du mein?“</p> - -<p>„Ja,“ flüsterte sie, „dein, nur dein!“</p> - -<p>Er ließ den Brief der kleinen toten Schwester in ihren Schoß gleiten, -während er sie küßte.</p> - -<p>„Den mußt du selbst lesen.“</p> - -<p>Wie kurz er war! Die Zeichen fast unleserlich. Und doch der einzige -Satz wundervoll freisprechend – an dem endlich errungenen Glück -vollendend, was ihm im Augenblick – vielleicht noch unbewußt – fehlte.</p> - -<p>„Der Uebel größtes ist die <em class="gesperrt">ungesühnte</em> Schuld!“</p> - -<p>In dieser heiligen Stunde streifte Eva von Ostried alle Bitterkeit ab. -Die Zeit des Leidens erschien ihr als eine Gnade, durch welche sie -pilgern mußte, um des Geliebten würdig zu sein. Während sie ihre Wange -an die seine schmiegte, sagte sie dankbar und demütig:</p> - -<p>„Unsere kleine Schwester hat recht! Aber ich will noch weiter in ihrem -Sinne sühnen, um meines großen Glückes auch würdig zu bleiben!“</p> - -<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="Ende"> - <img class="w100" src="images/i_357_ende.jpg" alt="Ende" /> -</div> - -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UEBEL GRÖSSTES .. ***</div> -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</body> -</html> diff --git a/old/64416-h/images/cover.jpg b/old/64416-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 8eeba27..0000000 --- a/old/64416-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64416-h/images/i_002_signet.jpg b/old/64416-h/images/i_002_signet.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 9d4210c..0000000 --- a/old/64416-h/images/i_002_signet.jpg 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