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-The Project Gutenberg eBook of Der Uebel größtes .., by Käte Lubowski
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Der Uebel größtes ..
-
-Author: Käte Lubowski
-
-Release Date: January 29, 2021 [eBook #64416]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UEBEL GRÖSSTES .. ***
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1919 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
- nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
- bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des
- Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird.
-
- Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden im vorliegenden Text in
- deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt.
-
- Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
- Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Der Uebel größtes...
-
-
-
-
- Meisters
-
- Buch-Roman
-
- Eine Sammlung hervorragend
- schöner Romane aus der Feder
- angesehener, bekannter Autoren
-
- Einundvierzigster Band: Der Uebel größtes ..
-
- [Illustration]
-
- Verlag von Oskar Meister, Werdau i. Sa.
-
-
-
-
- Der
- Uebel größtes ..
-
- Roman von
-
- Käte Lubowski.
-
- Einundvierzigster Band des Buch-Romans
-
- [Illustration]
-
- Verlag von Oskar Meister, Werdau i. Sa.
-
-
-
-
- ~Copyright 1919
- by Oskar Meister, Werdau.~
-
- Alle Rechte vorbehalten.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-1.
-
-
-Um die elfte Vormittagsstunde war derjenige Teil des Oeynhausener
-Kurparkes, dem die Gäste den Namen „Schweiz“ gegeben hatten, von
-Rollstühlen und Spaziergängern nahezu frei. Die Meisten ruhten nach
-den Bädern vorschriftsmäßig aus. Jene aber, die es mit der Kur nicht
-so streng nahmen, lustwandelten in möglichster Nähe der Musik. Nur
-eines der bequemen Wägelchen glitt, fast zu eilig für den wundervollen
-Frieden dieser Einsamkeit an der romantischen Schlucht vorüber, welche
-der silberhelle Hambkebach in jahrzehntelanger Kleinarbeit mit Frische
-segnete. Es war keine der gewöhnlichen Lenkerinnen, die ihn vorwärts
-stieß. Die Hände erschienen gepflegt und schmal. Die feingliedrige
-Gestalt zeigte eine stolze Haltung. Der schlanke, sehr weiße Hals
-trug einen Kopf mit auffallend schönen Gesichtszügen. Zuweilen
-schob sich die Fülle des braunschwarzen lockigen Haares, von einem
-Sommerlüftchen gehoben, zu den langbewimperten Lidern hinunter, die
-zwei ausdrucksvolle, sammetdunkle Augen bargen.
-
-Als die Fahrt noch an Schnelligkeit zunahm, wandte sich der Kopf der
-grauhaarigen Frau im Rollstuhl zu der Führerin herum.
-
-„Fräulein Eva von Ostried, der Gaul, den Ihre Phantasie seit geraumer
-Zeit zu reiten belieben, gefällt mir nicht,“ klang es dazu in frischem,
-scherzhaften Ton. „Er ist zu hitzig. Steigen Sie sofort ab.“
-
-Die junge Lenkerin ging bereitwillig auf die gütige Zurechtweisung
-ein: „Hochverehrte Frau Landgerichtspräsident Hanna Melchers aus
-Berlin-Grunewald, Wangenheimstraße 10, ich kann Ihrem Wunsch nicht
-nachkommen, denn... er geht, leider, mit mir durch!“
-
-Ein leichtes Seufzen ertönte.
-
-„Schon wieder? -- Was haben Sie, Kind? Ich merke seit einigen Tagen,
-daß Sie verändert sind. Zum Verlieben bietet sich hier kein Anlaß. Der
-männlichen Jugend ist ja kaum in unversehrtem Zustande zu begegnen und
-ich weiß doch zur Genüge von Ihrer durchaus verständlichen Freude an
-der Gesundheit..“
-
-„Nein.. verliebt.. bin ich nicht!“
-
-„Was aber ist’s dann? Wir leben nun drei Jahre mit einander und ich
-kenne Sie allmählich genau. Spukt in dem Köpfchen wieder der alte
-Traum?“
-
-„Ja,“ sagte Eva von Ostried und ihre Lippen preßten sich zusammen, als
-müsse sie den Schrei der Sehnsucht ersticken, „ich möchte singen..
-singen..“
-
-„Als ob Ihnen das verwehrt würde, Eva. In dem kleinen
-Unterhaltungszimmer unserer Pension Messing steht ein ausgezeichneter
-Flügel und eine andächtige und dankbare Zuhörerschaft ist Ihnen
-ebenfalls sicher. Trotzdem haben Sie mir das feierliche Versprechen
-abgenommen, daß ich töricht genug war, Ihnen zu geben. Warum
-verheimlichen Sie hier ängstlich Ihr Talent?“
-
-„Soll ich wirklich vor der herzensguten, aber doch bereits unstreitig
-etwas kindisch gewordenen Frau la chaise, die mit ihrem seligen
-Fritzchen zwölfmal in Brasilien war und daneben lediglich Tabak und
-höchstens noch ihre „beste“ Olga von daheim gelten läßt -- oder vor
-diesem fürchterlichen, alten Baron, der beständig die Hände bewegt, als
-beabsichtige er seine Zuhörerschaft zu kitzeln, damit sie über seine
-Witzchen auch lachen kann, singen? -- Verlangen Sie +das+ von mir?“
-
-„Verlangen würde ich es wohl nur von meiner leiblichen Tochter.“
-
-Der Rollstuhl stand plötzlich still. Zwei weiche, heiße Lippen preßten
-sich auf die Hände der Präsidentin.
-
-„Ich bin egoistisch und schlecht. Verdanke ich Ihnen doch alles. Was
-wäre damals aus mir geworden, wenn Sie mich, die ohne langjährige
-Zeugnisse auf Ihr Gesuch kam, nicht den vielen Andern, vorzüglich
-Empfohlenen vorgezogen hätten?“
-
-„Lassen wir diese Fragen, mein Kind. Ich bilde mir ein, eine gute
-Menschenkennerin zu sein..“
-
-„Und nun habe ich Sie im Laufe der Zeit oft genug enttäuschen müssen.“
-
-„Auch diese Wahrscheinlichkeit blieb damals nicht unberücksichtigt. Sie
-hatten mich deutlich in Ihrer Seele lesen lassen.“
-
-„Obwohl ich zuerst von meinen Kämpfen und Enttäuschungen schwieg?“
-
-„Die kargen Tatsachen verrieten mir genug. -- Sie waren auf den Wunsch
-eines Jugendfreundes Ihres verstorbenen Vaters von dem nach seinem
-Tode in andere Hände übergegangenen Majorat nach Berlin gekommen und
-ließen Ihre wundervolle Stimme unentgeltlich von ihm ausbilden. Daß er,
-ein Jahr später, bei dem grausamen Eisenbahnunglück ums Leben kam und
-Sie, die völlig Mittellose, danach vergeblich den Vormund und früheren
-Gutsnachbar um ein Darlehn zum Weiterstudium anflehten, verhehlten
-Sie mir nicht. Das Andere -- die harten Enttäuschungen, die Sie in
-dem ungewohnten Kampf ums tägliche Brot in den verschiedenen aus Not
-angenommenen Stellungen zu bestehen hatten, las ich deutlich aus ihrem
-schmalen Gesicht und dem ängstlichen Ausdruck der Augen. Ihre spätere
-Beichte vervollständigte nur diese Geschichte..“
-
-„Aber Sie haben nicht angenommen, daß ich rückfällig werden könnte.“
-
-„Ich habe es gewußt! -- Sehnsucht stirbt schwer. Und Sie sollen Ihr
-Sehnen ja auch behalten und pflegen. Nur Geduld müssen Sie üben. Erst
-fester werden, mein Kind. Erst noch diese heiße Eitelkeit abstreifen,
-die fiebernd nach Ruhm und Huldigung verlangt.“
-
-Der dunkle Kopf senkte sich schuldbewußt.
-
-„Sie sind unaussprechlich gut zu mir.“
-
-„Keine Uebertreibungen! Hundertmal haben Sie, in zorniger Aufwallung,
-anders gedacht, wenn ich Ihrem Verlangen entgegenstand. Ich begreife
-auch das voll.“
-
-„Wenn ich doch wüßte, womit ich Ihnen dies Alles jemals vergelten
-könnte.“
-
-Frau Melchers lächelte leise.
-
-„Das Wort „Vergeltung“ ist niemals von einem häßlichen Beigeschmack
-frei, Eva. Sie sollen nur stets ganz offen zu mir sein.. und mich
-weiter lieb haben. Anderes verlange und erwarte ich nicht.“
-
-„Das glaube ich. Es ist ja so leicht.“
-
-Ein prüfender Blick streifte das schöne Gesicht. Die kluge Frau kannte
-die größeste Schwäche ihrer Hausgenossin, die sie wie eine Tochter
-lieben gelernt, sehr genau. Wenn die reiche Phantasie spielte und die
-ungestüme Eitelkeit den Kritiker abgab, konnte es leicht geschehen,
-daß Eva von Ostried sich über die von der Präsidentin geforderte
-Wahrhaftigkeit hinwegsetzte, ohne sich eines Unrechts bewußt zu werden.
-
-„Und nun hören Sie mir einmal aufmerksam zu, Eva,“ forderte die gütige
-Stimme. „Es kommen nicht sehr viel Stunden, die sich dafür eignen. Sie
-sollen etwas wissen, was Sie -- vielleicht längst geahnt haben. --
-Sie werden demnächst das einundzwanzigste Jahr vollendet haben. Der
-Vormund, der nach dem jähen Tode Ihres Gönners seine Erlaubnis zur
-Wiederaufnahme Ihrer Studien, auch mir gegenüber, brieflich versagte,
-verliert dann seine Gewalt über Ihr Handeln. Im Herbst dürfen Sie also
-über sich verfügen. Aber.. wir wollen erst noch Weihnachten und Ostern
-in aller Stille zusammen feiern. So traut und gänzlich der Häuslichkeit
-gehörend, wie die andern Jahre. Nichtwahr, mein Kind?“
-
-„Ich begreife nicht, wie Sie das meinen. Soll ich dann fort von Ihnen?“
-
-„Ja, Eva, dann verliere ich Sie. In meinem Heim werden Sie allerdings
-weiter leben, aber für mich selbst kaum noch Zeit finden. Denn Sie
-werden wieder als einzige Beschäftigung Musik studieren. Ihre Sehnsucht
-darf neue Befriedigung suchen. Ihr Fleiß muß eisern werden. -- Die
-nötigen Mittel gewähre ich Ihnen. Gegenleistungen verlange ich freilich
-auch. Ich muß, so lange ich lebe, über Ihnen wachen dürfen, Eva. Fühlen
-Sie, wie ich das meine?“
-
-Eva von Ostried warf sich mit ausgebreiteten Armen über die kluge Frau.
-Sie konnte nicht sprechen. Ihr Körper bebte von einem Schluchzen des
-Glückes.
-
-Endlich aber schob sie die Präsidentin sanft zurück.
-
-„So und jetzt zum Theater! Denn, nicht wahr, darum nahmen wir doch
-jenes Eiltempo? -- Heute Abend wird also Mignon gegeben? Obschon ich
-es mir von dieser Stelle aus nicht als reinen Genuß denken kann..
-sollen Sie Ihren Willen haben. Ob daraus nicht für Sie, die jeden Ton
-dieser Oper genau kennen und die Partie des Mädchens aus der Fremde
-ausgezeichnet wiederzugeben wissen, eine arge Enttäuschung wird?“
-
-Das schöne Mädchengesicht strahlte wieder.
-
-„Wie herrlich ist es, daß Sie, die schwer zu Befriedigende, mir dieses
-Lob schenken. Ja... ich freue mich unsagbar auf den heutigen Abend.
-Zu denken, daß.. ich selbst.. es besser machen könnte.. Ist das nicht
-vielleicht der höchste Genuß?“
-
-Ein leichter Schatten glitt über das feine, alte Gesicht.
-
-„Darin werden wir uns niemals verstehen! Mir ist immer weh zumute, wenn
-Jemand eine übernommene Aufgabe mangelhaft erfüllt. -- Aber jetzt muß
-ich zur Eile mahnen. Der letzte Ton der Kurmusik ist verhallt.“
-
-Und der Rollstuhl glitt wieder durch den Dom satten, frischen Grüns dem
-kleinen neuerbauten Theater entgegen.
-
-„Kommen Sie doch auch mit,“ bat Eva, ehe sie zur Kasse ging.
-
-Die Präsidentin schüttelte den Kopf.
-
-„Haben Sie ganz vergessen, daß der Geheimrat meinem rebellischen Herzen
-die allergrößeste Schonung und vor allen Dingen frühzeitige Bettruhe
-anbefohlen hat? Nein.. das ist ausgeschlossen.“
-
-Eva von Ostried wurde rot. Dann aber fand sie eine Entschuldigung für
-ihre Vergeßlichkeit. Wie konnte ein junges, gesundes Wesen beständig
-daran denken, daß eine Leidende unausgesetzt der Rücksicht bedürfe?
-
-„Nur etwas aus der Sonne können Sie mich zuvor noch schieben,“ forderte
-die Präsidentin ohne Empfindlichkeit, „denn aus den für Sie heiligen
-Räumen finden Sie nicht so schnell zurück.“
-
- * * * * *
-
-Es währte aber diesmal sogar für die Langmut der Präsidentin
-zu lange. Die dünnen Glöckchen der Kirche und des Salzwerkes
-verkündeten die zwölfte Stunde. Vom Königshof herüber erscholl das
-melodisch abgestimmte Tamtam, das eine Viertelstunde vor Beginn der
-Hauptmahlzeit, die überall zur gleichen Zeit festgesetzt war, die
-Gäste zusammenrief und immer noch ließ sich Eva von Ostrieds helles
-Gewand nicht erblicken. Schon wollte die an Pünktlichkeit streng
-Gewöhnte eine ihr vom Ansehen bekannte, gerade des Weges daherkommende
-Rollstuhllenkerin bitten, ihren Wagen in die Pension zu bringen,
-als endlich, atemlos vor Erregung, die Säumige kam. Die Präsidentin
-vergaß die beabsichtigte scharfe Zurechtweisung. Der Anblick des
-jungen, schönen Geschöpfes, dessen ausdrucksvolle Augen begeistert
-strahlten, entzückte sie, wie er es stets tat. Das reuige Betteln um
-Vergebung dieser neuen, kleinen Nachlässigkeit würde genügt haben,
-um ihre Empörung in mildes Begreifen umzuwandeln. -- Sie wartete
-umsonst darauf. Eva von Ostried saß im tiefsten, goldensten Land ihrer
-Zukunftsträume und klagte Mignons Steyrisches Lied heraus:
-
- Kam ein armes Kind von fern
- Zigeuner brachten es eben
- Traurig bleich... seine Glieder beben....
-
-Das riß die Geduld der Gütigen.
-
-„Beeilen Sie sich, Eva,“ sagte sie streng und kurz, „oder ich werde,
-so matt ich mich gerade heute auch fühle, der ärztlichen Vorschrift
-entgegen, aussteigen und versuchen, im Laufschritt noch pünktlich
-zu Tisch zu erscheinen.“ In dem nämlichen Augenblick erwachte Eva
-von Ostried zur Wirklichkeit. Sie erblaßte und in ihre Augen kam der
-Ausdruck einer großen Hilflosigkeit.
-
-„Das werden Sie mir nicht antun,“ schmeichelte sie. „Schelten Sie
-tüchtig.. aber sprechen Sie nicht in diesem unerträglich kühlen Ton
-zu mir, wenn ich ihn auch verdient habe.. Gewiß -- ich vergaß meine
-Pflicht. Sobald Sie die Ursache erfahren, werden Sie mich begreifen..“
-
-„Sie können mir später berichten. Jetzt.. vorwärts, Eva.“
-
- * * * * *
-
-Der geräumige Speisesaal, in welchen die Beiden, heute als letzte
-Mittagsgäste, eintraten, war fast zu sehr besetzt. Alle Plätze ohne
-Rücksicht auf die Wohlbeleibten, erschienen gleich schmal, sodaß
-der Hüne unter den Anwesenden, ein alter früherer Oberst der Garde,
-vor seinem gefüllten Teller in zorniger Ungeduld des Augenblickes
-wartete, in dem sich seine rechte Nachbarin, einstweilen befriedigt,
-zurücklehnte. Zu seiner Linken nahm Eva von Ostried Platz. Das
-milderte seinen Zorn. Obwohl er unvermählt geblieben, schätzte er
-Frauenschönheit über allem Andern.
-
-Als Eva nicht wie sonst auf seine neckenden Fragen in dem gleichen Ton
-antwortete, neigte er den mächtigen Kopf ein wenig zur Seite und sah
-sie mit schlauem, verständnisvollen Blinzeln an:
-
-„Strafpauke intus, mein gnädiges Fräulein?“
-
-„Ja,“ nickte sie und setzte leise hinzu „aber verdient.“
-
-„Zu toll geflirtet?“
-
-„Ist das hier überhaupt möglich?“
-
-„Na.. erlauben Sie mal. Wenn Sie von uns elenden Bürgern schon absehen,
-der Paul Karlsen, der erste Liebhaber und Opernsänger ist doch noch
-da.. Und Sie gehören zu den eifrigsten Besuchern des Theaters..“
-
-Den Namen des jungen Menschen, der ein großer Künstler zu werden
-verhieß, hatte er im Gegensatz zu dem andern nur Geflüsterten stark
-betont.
-
-Das scharfe Ohr seiner schon wieder auf den nächsten Gang lüsternen
-rechten Nachbarin fing ihn auf, sie nickte lebhaft und begann, froh,
-endlich einen Gesprächsstoff gefunden zu haben:
-
-„Ja, dieser Karlsen. Denken Sie doch, er soll auch heute im Mignon den
-Wilhelm singen!“
-
-Ein Backfisch, der seiner hochgradigen Bleichsucht und des daraus
-entstandenen nervösen Herzens wegen hier war, mischte sich mit
-allerliebster Wichtigkeit ein:
-
-„Leider wird er ihn nicht singen können. Die schöne Mignon, auf die wir
-uns einen halben Monat lang gefreut haben -- der Gast -- hat vor einer
-Stunde einen bösen Unfall gehabt.“
-
-Die Neuigkeit pflanzte sich fort, denn sie hatten fast alle hingehen
-wollen.
-
-„Wie jammerschade,“ wehklagten die jungen Mädchen.
-
-„Wir werden das Geld natürlich zurückerhalten,“ freuten sich die
-praktischen Mütter.
-
-„Keine trügerischen Hoffnungen, meine Damen,“ spöttelte ein alter
-Gichtiker, „soviel ich vor kaum zehn Minuten gehört habe, soll bereits
-ein vollwertiger Ersatz gefunden sein.“
-
-Lebhafte Fragen bestürmten ihn von allen Seiten.
-
-„Woher wissen Sie es? Das wird nicht ohne weiteres geglaubt.“
-
-„Mir hat es der Theaterdirektor in eigenster Person anvertraut. Eine
-berühmte, große Sängerin, die zufällig hier zur Kur weilt, wird
-einspringen. Er tat sehr geheimnisvoll und verriet nichts weiter, so
-sehr ich auch in ihm drang.“
-
-Frau Melchers wandte sich leise an Eva von Ostried.
-
-„War es das, was Sie mir erzählen wollten, Eva?“
-
-Die langen dunklen Wimpern lagen fast auf der rosigen, weichen Haut der
-Wangen.
-
-„Ja,“ sagte sie, „das und.. noch etwas. Die Aufregung über das
-plötzliche Mißgeschick war so groß -- daß... ich oben... nicht..
-früher fortkonnte..“ Frau Melchers nickte ihr freundlich zu.
-
-„Schon gut, Eva. -- Nun freuen Sie sich natürlich doppelt auf den
-heutigen Abend, nicht wahr?“
-
-„Ich.. fürchte.. mich.. aber daneben auch..“
-
-„So hat sich der kleine Teufel des Neides schon wieder von seiner Kette
-befreit?“
-
-„Noch nicht...“
-
-„Ich werde das Weitere von Ihnen hören. -- Später. -- Erst muß
-ich ruhen. Ich weiß nicht, in meinen Gliedern ist eine sonderbare
-Mattigkeit. Sie schmerzt fast. Am liebsten verschliefe ich die ganze
-zweite Hälfte des Tages..“
-
-„Soll ich nachher den Geheimrat rufen,“ fragte Eva angstvoll.
-
-„Was soll er mir, Kind? -- Ich habe es mir allein ausgeprobt. Wenn
-das Herz matt und doch unruhig hüpft, brauche ich viel Ruhe. Niemand
-soll sprechen. Am besten auch jedes Geräusch vermieden werden. -- Sie
-dürfen darum heute einen ganz freien Nachmittag haben. Genießen Sie ihn
-nach Herzenslust. -- Soll ich die jungen Mädchen am Tisch fragen, ob
-vielleicht ein gemeinsamer Ausflug nach der Porta zustande käme. Zum
-Beginn des Theaters können Sie, trotzdem, pünktlich zurück sein.“
-
-Eva von Ostrieds Hände legten sich bittend auf die Rechte der
-Präsidentin.
-
-Aus ihrer Stimme klang ängstliche Abwehr.
-
-„Bitte, bitte, tun Sie das nicht. Ich bin viel lieber allein. Diese
-jungen Mädchen bleiben mir fremd und unverständlich in all ihren Reden
-und Empfindungen. Und schließlich würde ich doch nur die Geduldete
-unter ihnen sein.“
-
-„Weil Sie mir.. dienen, Eva?“
-
-„Nicht.. weil ich Ihnen diene.. Was gäbe es wohl Schöneres für eine
-Waise. Nur, daß ich es überhaupt tun muß, begreifen diese vom Glück
-verwöhnten nicht. Das richtet eine Scheidewand zwischen ihnen und mir
-auf. -- Wirklich..“
-
-„Sie sind ein großes Kind..“
-
-„Ich wollte, ich wäre es! Als Kind habe ich niemals einschlafen können,
-wenn irgend etwas Geheimnisvolles auf mir lastete.“
-
-„Soll das heißen, daß es damit anders geworden ist?“
-
-„Ich verstehe mich selbst manchmal nicht mehr. -- Was mir einen
-Augenblick als ein unfaßbares Glück erscheinen will, jagt mir im
-nächsten bereits Furcht und Schrecken ein..“
-
-„Eva, Kind, das sind Nerven! Jawohl, so melden sie sich an.“
-
-„Nein -- nein, es ist etwas anderes..“
-
-„Dann könnte es nur ein böses Gewissen sein. Und davon halte ich Sie
-frei.“
-
-Der dunkle Kopf senkte sich tief. Eva von Ostried wurde der Antwort
-überhoben -- das Gespräch noch allgemeiner und lebhafter, sodaß an eine
-weiter unbeachtet geführte Zwiesprache nicht zu denken war. -- --
-
-„Womit also werden Sie diesen sonnigen Nachmittag ausfüllen, Eva,“
-fragte die Präsidentin, als sie, sorglich gebettet, sich mit einem
-Seufzer des Behagens in dem kühlen Zimmer ausstreckte.
-
-„Wenn Sie mich wirklich nicht brauchen können, lege ich mich in einen
-einsamen dunklen Winkel und träume..“
-
-„Und kommen vor dem Theater noch einmal kurz zu mir, damit ich Sie in
-dem neuen, weißen Kleide sehe, ja? -- Das Abendessen werde ich heute
-auf dem Zimmer nehmen, bitte, sagen Sie es an. Und morgen bin ich
-wieder ganz frisch.“
-
-Fühlte sie das Zögern des jungen Wesens? Eva von Ostried blieb noch
-einige Minuten neben ihrem Lager stehen, als laste etwas schweres auf
-ihrer Seele. Las sie das Geheimnis in den sprechenden Augen, das sich
-zuerst offenbaren wollte und nun doch plötzlich dies Vorhaben als so
-ungeheuerlich empfand, daß die Ausführung nicht gewagt wurde?
-
-Sie deutete die offenbare Unsicherheit anders.
-
-„Machen Sie nicht länger ein so reueerfülltes Gesicht, Evalein. Ich
-hab’s längst vergessen, daß Sie mich ungebührlich lange warten ließen.
-Im übrigen, Kind, nicht wahr, Sie wissen doch, daß ich Sie mit dem
-Gefühl einer Mutter lieb habe?“
-
-Eva von Ostried schluchzte an der Brust der Gütigen.
-
-„Ja.. das weiß ich und darum..“ Frau Melchers unterbrach sie schnell.
-
-„Darum jetzt heraus in die Sonne. Vergolden und durchwärmen lassen, was
-dunkel und geheimnisvoll erscheinen will. Gehen Sie, Eva, ich bin sehr
-müde..“
-
- * * * * *
-
-Eva von Ostrieds Pulse klopften in fieberhafter Erregung, als sie,
-zu der Stunde der allgemeinen Mittagsrast, den Weg zum Kurtheater
-einschlug. Ihr Vorwärtshasten wirkte wie ein beständiger Kampf. Nach
-wenigen Laufschritten blieb sie stehen, sah rückwärts, zögerte, als
-riefe sie eine mahnende Stimme zur Umkehr und jagte dann doch weiter,
-als müsse sie um jeden Preis die versäumte Zeit einholen. Einmal sprach
-sie ganz laut zu sich, weil ihre zitternde Seele dies dumpfe Schweigen
-nicht länger zu ertragen vermochte.
-
-„Und.. ich werde es ihr doch sagen! Sie ist so gut..“ Gleich darauf
-huschte ein ängstlicher Schein über ihr Gesicht. -- „Wenn sie es mir
-aber nicht gestattet? O, sie kann auch hart und fest bleiben, sofern
-sie etwas nicht billigt.“
-
-Die Mittagssonne goß auf jedes Blatt einen großen, goldenen Tropfen.
-Unzählige, bis zum Rande gefüllte Becher schwebten auf allen Zweigen.
-Einer strömte seinen kostbaren Inhalt über Eva von Ostrieds schlanke,
-schöne Gestalt aus und überfunkelte sie mit verschwenderischen Glänzen.
-Ihre Augen waren geblendet. Unsanft stieß sie mit dem Eiligen zusammen,
-der ihr entgegenlief.
-
-„Hoppla.. Fräulein von Ostried.. wohin des Weges? Sie wollen mir doch
-nicht etwas ins Handwerk pfuschen.“
-
-Der Geheime Sanitätsrat Schwemann war es, der die Präsidentin
-behandelte.
-
-„Nein, das wage ich nur in äußerster Not.. etwa, wenn Frau Präsident
-absolut nichts von Ihnen oder Ihresgleichen wissen will, Herr
-Geheimrat,“ sagte sie frisch.
-
-„S’ wär schon besser gewesen, sie hätte sich früher an einen von
-unserer Zunft gewandt,“ brummte er halblaut.
-
-„Steht es schlecht mit ihr, Herr Geheimrat?“
-
-„Habe ich das etwa behauptet? -- Fällt mir gar nicht ein. Ist übrigens
-irgend etwas nahes Verwandtes vorhanden?“
-
-„Sie ist ganz einsam in der Welt.“
-
-„Na, dann hören Sie mal einen Augenblick zu. Sie gefällt mir nämlich
-immer weniger. Ist körperlich viel zu sehr für dies ernsthafte
-Herzleiden herunter. Und schont sich dabei nicht gehörig, was die
-Geschichte natürlich verschlimmert.“
-
-„O Gott, was soll ich tun. Sagen Sie mir alles, Herr Geheimrat?“
-
-„Sie? -- Sehr viel ist dagegen nicht zu machen. Sie können ihr
-höchstens jede Aufregung fernhalten und sie gehörig päppeln. -- Also...
-es ist nicht so einfach, meine Liebe. Kann sehr wohl mal kommen, daß
-eines Tages, scheinbar ohne neue Ursache, etwas Menschliches eintritt.
--- Das wollte ich Ihnen doch unter vier Augen sagen, ehe Sie abreisen.
-In zwei Tagen soll die Reise ja wohl heimwärts gehen.“
-
-Eva von Ostrieds Lippen bebten.
-
-„Ich habe Niemand mehr als sie“ klagte sie erschüttert.
-
-„Weil ich mir etwas Aehnliches gedacht habe, sage ich Ihnen das auch
-hauptsächlich. Nun aber keine vorzeitige Leichenbittermiene. Das würde
-sie selbst am meisten betrüben. -- Sie kann sich natürlich auch noch
-längere Zeit halten. Wie gesagt.... auch dem Gesundesten geschieht
-zuweilen ein rasches Unglück. Sehen Sie die Sängerin an. Fällt vor ein
-paar Stunden einfach auf dem ebenen Fußboden hin und bricht sich ein
-Bein. Dabei nicht etwa glatt und anständig. Es wird eine langweilige
-Geschichte werden. Grade komme ich von ihr. Na ja... sollten sich
-übrigens auch besser nach dem Essen aufs Ohr legen. Die Sonne sticht
-gewaltig....“ --
-
-Gegenüber der Seitenpforte des Theaters, durch welche die Schauspieler
-mehr oder minder pünktlich, zu schlüpfen pflegten, stand eine
-kühngeschweifte Bank. Darauf ruhten sie nach den Proben aus und
-belustigten sich damit, über die vorüberkommenden Kurgäste, sofern sie
-nicht zu den eifrigen Verehrern ihrer Kunst zählten, zu spötteln. Denn
-sie kannten fast jeden Einzelnen ihrer treuen Gemeinde, die höchstens
-alle Monat einmal ihr Aussehen änderten. Zur Zeit war diese Bank leer.
-Eva von Ostried nahm darauf Platz. In ihrem Gesicht lag der Ausdruck
-tiefen Kummers. Die Unterredung mit dem Geheimrat hatte vorübergehend
-die eigenen Interessen erstickt. Bittere Selbstvorwürfe stürmten auf
-sie ein.
-
-Während ihre Wohltäterin nach den vorangegangenen Anzeichen einer
-großen Mattigkeit, sicherlich wieder von einem jener tapfer ertragenen
-Anfälle gequält wurde, stand sie im Begriff sie zu hintergehen.
-
-Die mütterliche Güte und Nachsicht der Präsidentin, die ihr der
-Unbekannten, als sie zerbrochen und matt in ihr Haus kam, wieder die
-Kraft zur Lebensfreude schenkte, rührte sie von neuem.
-
-Durfte sie diesen Schritt tun, obgleich sie genau wußte, daß die
-Präsidentin ihn mißbilligen, wenn nicht gar auf das Strengste
-untersagen würde?
-
-In ihrem Gesicht zuckte ein harter Kampf. Eitelkeit und Dankbarkeit
-rangen mit einander. Das berauschende Vorempfinden uneingeschränkter
-Bewunderung maß sich mit der überwältigenden Freude, daß sie sich
-in absehbarer Zeit ihren geliebten Studien wieder gern voll widmen
-und sie ohne drückende Sorgen zu Ende bringen sollte. In diesem
-Augenblick lief ein barfüßiger Junge an der Bank vorüber. Sie empfand
-sein Erscheinen als die Bekräftigung der guten Vorsätze und winkte ihm
-stehen zu bleiben.
-
-„Ich will schnell einen Zettel schreiben,“ sagte sie freundlich „und Du
-trägst ihn mir hinein, ja?“ Er nickte bereitwillig und setzte sich zu
-ihr. Ein aus dem Taschenbuch herausgerissenes Blatt bedeckte sich mit
-ihren feinen, klaren Schriftzeichen.
-
-„Mein Versprechen war übereilt“ schrieb sie, „ich kann es leider nicht
-halten. Teilen sie dies bitte, Herrn Direktor mit.“
-
-Schon hatte sie ihn zusammengefaltet und den Wartenden beauftragt,
-ihn an Herrn Paul Karlsen abzugeben, als drinnen eine umfangreiche,
-wenn auch etwas scharfe Stimme, Philines halb spöttisches halb
-mitleidsvolles Lied zum Gehör brachte:
-
- Hollah, mein werter Herr
- Mögt Ihr uns nicht erst sagen
- Wer ist das arme Kind
- Des Antlitz scheint zu klagen.
-
-Wie mit einem Zauberschlage änderte sich der Ausdruck in Eva von
-Ostrieds Zügen. Alle weiche, kindliche Dankbarkeit schwand daraus. Ihre
-Lippen öffneten sich, als tränken sie jeden einzelnen Ton durstig auf.
-Ihre Augen flammten. Mechanisch zerpflückte sie das Geschriebene und
-reichte dem erstaunt und neugierig blickenden Jungen ein Geldstück hin.
-
-„Ich werde selbst gehen. Es ist gut!“
-
-Und doch fühlte sie dumpf und schwer, daß der Schritt, den sie im
-Begriff stand zu tun, besser unterbleibe. Aber es war für alle
-Erwägungen zu spät geworden. Aus der kleinen Seitentür trat in
-diesem Augenblick, eine schlanke Männergestalt und lief in freudiger
-Erregtheit auf sie zu.
-
-„Wo in aller Welt bleiben Sie? Schnell hinein. Niemand im Städtchen
-ahnt, daß Sie der vom Himmel gefallene, göttliche Ersatz sein wollen.
-Es wird erhaben werden.“
-
-Und sie folgte in willenloser Mattigkeit dem voranschreitenden Karlsen,
-von dem das Publikum auch hier behauptete, daß er ein großer Künstler
-zu werden verspreche.
-
- * * * * *
-
-Die dünngewordenen Stimmchen der Glocken hatten schon die vierte
-Morgenstunde verkündet, als Eva von Ostried endlich einschlafen konnte.
-Ihr Zimmer lag neben demjenigen der Präsidentin. Nachdem sie gegen
-elf Uhr heimgekehrt war, hatte sie durch die Verbindungstür schlüpfen
-wollen, um alles, was ihr widerfahren war, getreulich zu beichten. Ihr
-scharfes Ohr erlauschte aber zuvor die tiefen, regelmäßigen Atemzüge,
-die einen friedvollen Schlummer verrieten. Wie wertvoll dieser für die
-Präsidentin war, wußte sie genau. Darum verschob sie alles bis zum
-nächsten Morgen.
-
-Der zog strahlend und schöner, wie die der gesamten letzten Wochen
-herauf. Eva von Ostried wurde nicht wie sonst, durch den ersten Strahl
-des großen Lichts zu ihren Pflichten geweckt. Die ungeheure Erregung
-des verflossenen Tages hatte eine bleischwere Müdigkeit auf sie
-gesenkt. Nun schläft sie, die sonst, pünktlich um sieben Uhr, das erste
-Frühstück der Präsidentin ans Bett brachte, mit dem unbewußten Behagen
-gesunder, kraftvoller Jugend. Fräulein Messing, die Inhaberin der
-Pension, freute sich darüber. Die große Neuigkeit machte sie doppelt
-unruhig und geschäftig. Darum trug sie auch eigenhändig das Brettchen
-mit der ersten Tagesmahlzeit zu der Präsidentin herein. Mit einem
-verständnisvollen Lächeln wies sie dabei zu der fest geschlossenen
-Verbindungstür hinüber.
-
-„Wir wollen ihr heute ausnahmsweise den langen Schlaf gönnen, nicht
-wahr Frau Präsident?“
-
-Frau Melchers hatte mit Rücksicht auf den gestrigen Theaterbesuch,
-bisher die Klingel nicht gerührt. Trotzdem billigte sie diese
-Versäumnis durchaus nicht. Mit leicht gerunzelten Brauen gab sie zur
-Antwort:
-
-„Sie wollen doch nicht behaupten, daß ein Aufbleiben bis zur zehnten
-oder elften Abendstunde für ein junges, kräftiges Mädchen eine
-Anstrengung bedeutet?“
-
-Fräulein Messing wiegte den Kopf hin und her und lächelte, als wollte
-sie sagen „Halte mich doch nicht für ganz ahnungslos“... Weil ihr die
-laute Aeußerung aber zu wenig respektvoll vorgekommen wäre, milderte
-sie dieselbe und sagte triumphierend:
-
-„Wir wissen es natürlich jetzt Alle und beglückwünschen auch Sie in
-herzlicher Mitfreude.“
-
-Frau Melchers begriff vorläufig nichts, als daß sich am verflossenen
-Abend ein Vorgang abgespielt haben mußte, der ihr ein Geheimnis war und
-der doch auf das Innigste mit ihrer Begleiterin verknüpft blieb.
-
-„Sie sprechen für mich in Rätseln, Fräulein Messing. Darf ich um eine
-klarere Fassung ihrer sicherlich gut gemeinten Wünsche bitten?“
-
-Wäre Fräulein Messing weniger erfüllt von dem überraschenden Ereignis
-gewesen, hätte sie den Ausdruck großen Erschreckens auf dem Gesicht
-der alten Dame wahrgenommen. So aber merkte sie lediglich, daß hier
-ein Geheimnis vorliege und freute sich, die Erste zu sein, die es der
-Nichtsahnenden enthüllte. In ehrlicher Verwunderung schlug sie die
-Hände zusammen.
-
-„Frau Präsident sind also wirklich ahnungslos? Nein, so etwas! Da will
-ich gern berichten. -- Als wir uns gestern Abend an Mignon erfreuen
-wollten, wurde uns die große Ueberraschung zuteil, Fräulein von
-Ostried als solche zu erleben. Gnädige Frau, es war einfach himmlisch.
-Solche Stimme habe ich noch niemals gehört. Das Publikum raste vor
-Begeisterung. Und unsere gesamte Pension hat in aller Eile -- das „wie“
-ist mir freilich bis jetzt verborgen geblieben -- einen herrlichen
-Aufbau aus lauter roten Rosen gestiftet, den Herr Oberst selbst im
-Namen Aller überreicht hat.“
-
-Die Präsidentin hatte sich aufgerichtet und rang mühsam nach Atem. Sie
-war lange unfähig zu einer Entgegnung. Endlich stieß sie hervor:
-
-„Gehen Sie, bitte.. und senden Sie.. mir sofort.. Fräulein von Ostried.“
-
-Das soeben Gehörte war ein harter Schlag für sie. Zwar hatte sie
-gewußt, daß Eva ehrgeizig und eitel zugleich sein konnte -- war auch
-wiederholt gegen deren Anwandlungen von kräftiger Selbstsucht zu Felde
-gezogen.. daß sie aber jemals imstande sein könnte, hinter ihrem
-Rücken, den ersten Schritt in die Oeffentlichkeit zu wagen, empfand
-sie, besonders nach den heute gemachten Zusicherungen, nicht nur als
-Undankbarkeit, sondern als eine Unaufrichtigkeit, die sie schmerzhaft
-quälte.
-
-Gewiß -- sie verhehlte sich nicht, daß ihre wiederholt geäußerte
-Mattigkeit Eva von Ostried das Befragen und Beichten erschwert hatte.
-Immerhin -- würde sie bei ernstlichem Willen die Möglichkeit dazu
-gefunden haben. Sie suchte sie aber nicht, weil sie im Voraus wußte,
-daß ihr unter gar keinen Umständen die Erlaubnis zu diesem verfrühten
-Auftreten erteilt worden wäre. Denn die Präsidentin war Eine von Denen,
-die es viel zu ernst und heilig mit der Ausübung der Kunst nehmen,
-um sie zu einer Entweihung durch fiebernde Eitelkeit mißbrauchen zu
-lassen. Mochte für all diese Ohren Eva von Ostrieds Stimme noch so
-wunderschön geklungen haben, ihr fehlte doch noch unendlich viel,
-um sich öffentlich hören zu lassen. Um sie auch vorher innerlich
-reifen zu machen, hatte sie die Beschränkung der Musikstudien bisher
-durchgesetzt. Was sie ihr gestattete, war lediglich ein wöchentlich
-einmaliger Unterricht durch einen der ersten Stimmbildner. Solange Eva
-ihrem Einfluß zugänglich blieb, hatte sie die berechtigte Hoffnung,
-sie für alle Gefahren, die ihr um der Schönheit halber viel mehr als
-den späteren Genossinnen drohen würden, zu festigen. Sobald sie sich
-erst völlig in jenen Kreis der anders Denkenden einfügte, wurde ihr
-erziehlicher Einfluß geringer, um fraglos sehr bald aufzuhören.
-
-Daß Eva sich bei der ersten Versuchung als schwach erzeigt hatte,
-erfüllte sie mit einer dumpfen Zukunftsangst. Denn sie liebte das junge
-Geschöpf!
-
-Eva von Ostried kam bleich und verweint herein. Sie zeigte nichts von
-dem Glanz einer überwältigenden Freude. Fräulein Messings überstürzte
-Mitteilung, aus der sie entnehmen mußte, daß Frau Melchers alles wisse,
-hatte sie tief gedemütigt. Zudem blieb die andere Erfahrung, von
-welcher außer ihr bisher -- Gottlob -- nur der Andere etwas wußte, mit
-grausamer Härte auf sie ein. Sie warf sich vor dem Lager auf die Knie
-und barg schluchzend den Kopf in die Kissen. Die Stimme der Präsidentin
-klang ungewohnt hart an ihr Ohr:
-
-„Stehen Sie auf! Nur jetzt kein Theater!“
-
-Diese Worte schmerzten mehr, wie ein Schlag. Sie zuckte zusammen und
-stammelte etwas.
-
-„Es ist mir schwer genug geworden -- aber ich konnte.. nicht anders,“
-sollte es heißen.
-
-„Warum nicht? Was hielt Sie zurück, der Stimme Ihres Gewissens zu
-folgen. Denn ich hoffe, daß es sich geregt hat.“
-
-„Ja -- das tat es. Ich hatte mich bereits zur schriftlichen Absage
-durchgerungen. Da hörte ich den Gesang der Philine. Das reizte mich,
-der zu Unrecht auf ihr Können Eingebildeten ihre Mängel zu beweisen. --
-Sie hatte mich am Vormittag wie ein Kind behandelt, das nicht ernst zu
-nehmen ist.“
-
-Die Präsidentin zwang sich zur Ruhe.
-
-„Es bleibt mir unerklärlich, wie man dort überhaupt von Ihrem Talent
-erfahren hat oder sollten Sie anläßlich der häufigen Theaterbesuche,
-längst innige Freundschaft mit den Verschiedenen gepflegt haben, von
-welcher ich natürlich ebenfalls nichts wissen durfte?“
-
-Eva von Ostried richtete sich empor. An dem offenen Blick merkte die
-Präsidentin, daß diese Annahme falsch sei.
-
-„Ich kannte bis gestern persönlich nur Herrn Karlsen, der mir auch
-jedesmal die Karte für die Vorstellungen ausgehändigt hat.“
-
-„Dann berichten Sie, wie man auf Sie als Ersatz der eigentlichen Mignon
-kommen konnte.“
-
-„Herr Karlsen teilte mir heute Mittag in höchster Aufregung den Unfall
-des Gastes mit, als ich mir die Karte zur Abendvorstellung besorgen
-wollte. Gleichzeitig schilderte er mir den großen Ausfall für die
-Schauspieler, weil die gezahlten Preise zurückerstattet werden mußten.
-Erfahrungsgemäß werde an einem der alten und ältesten Lustspiele
-wenig verdient, sondern lediglich mit einer guteingeübten Oper. Der
-Direktor aber müsse nun noch außerdem der anspruchsvollen Philine das
-vereinbarte Spielhonorar zahlen. Dies traurige Ereignis vernichte
-wiederum die stille Hoffnung aller auf eine endliche Aufbesserung ihrer
-Verhältnisse.“
-
-„Nun wurde Ihr Mitleid wach und Sie boten sich an.“
-
-„Nein, das tat ich wirklich nicht. -- Ich sagte nur, daß ich bei
-ernstlichen Bemühungen sehr wohl an einen guten Ersatz der Mignon
-glaube.“
-
-„Damit reizten Sie natürlich Karlsens Widerspruch?“
-
-„Er wußte mich schnell von der Unrichtigkeit zu überzeugen, indem er
-behauptete, die kleinen erreichbaren Vertretungen benachbarter Städte
-seien ohne wiederholte Proben überhaupt nicht imstande, die Partie zu
-übernehmen.“
-
-„Da konnte Ihre Eitelkeit nicht länger stumm bleiben?“
-
-„War ich eitel? Ich fühlte nur ein eigentümlich wundervolles Behagen,
-daß ich ihn widerlegen konnte, stellte mich einfach hin und sang ihm
-die wenigen Strophen aus dem ersten Akt vor.“
-
-„Und da war er sogleich starr vor Bewunderung!“
-
-„Ich weiß es nicht! -- Plötzlich umringten sie mich alle. Der Direktor
--- der alte Jarne -- die neidische Philine... Mein Widerspruch
-verhallte.. Sie zwangen mich einfach zu einem festen Versprechen.“
-
-„Haben Sie wenigstens gewußt, was Sie mir damit antaten, Eva, indem Sie
-mich hintergingen?“
-
-„Ich habe es schwer gefühlt. Die ganze stolze Freude meines ersten
-Erfolges hat es mir verbittert..“
-
-„Sie übertreiben. Daran zu glauben vermag ich beim besten Willen nicht.“
-
-„Und doch ist es so. Bei jedem Hervorruf lastete die Reue auf mir. Ich
-mußte an irgend eine Strafe denken.“
-
-„Die ich über Sie verhängen würde?“
-
-„Nein -- an eine andere. Und sie ist gekommen. Ich möchte Ihnen so gern
-davon sprechen.“
-
-„Um mich zu versöhnen, Eva?“
-
-„Um mich zu erleichtern. Mein Herz ist sehr schwer.“
-
-Da wallte das Muttergefühl an diesem fremden Kinde von neuem warm in
-der Präsidentin auf. Ihre Hand legte sich auf den geneigten Scheitel.
-
-„Glücklich sehen Sie freilich nicht. Also, was ist geschehen?“
-
-Eva von Ostried schlug beide Hände vor das erglühende Gesicht, weil sie
-sich vor dem klaren, tiefen Blick schämte.
-
-„Der Karlsen hat mich nach der Vorstellung geküßt,“ stammelte sie.
-
-Die Präsidentin erschrak.
-
-„Und Sie lieben ihn?“ Eva schüttelte den Kopf.
-
-„Bisher war er mir gleichgültig. Seitdem er das gewagt hat, verachte
-ich ihn. Daß er es tun durfte -- hat mir das Glücksgefühl nach dem
-gestrigen Abend vollends ausgelöscht. Sagen Sie mir, daß so etwas nie
--- nie wieder möglich sein wird. -- Ich ertrüge es kein zweites Mal.“
-
-„Damit würde ich etwas behaupten, an das ich selbst nicht einen
-Augenblick glaube.“
-
-„Sie sind also überzeugt, daß die Kunst, wenn sie auch als etwas Reines
-und Hohes empfunden und ausgeübt wird, vor solchen Uebergriffen nicht
-schützt?“
-
-„Ich hätte Sie für reifer gehalten, Eva! -- Das sind die Fragen eines
-Kindes.“
-
-„Wissen Sie, was ich bei diesem entsetzlichen Kuß gefühlt habe? Daß ich
-imstande wäre, meine geliebte Kunst zu opfern -- wenn mir später das
-gleiche geschehen würde.“
-
-Und sie legte, wie ein furchtsames Kind erschauernd ihr heißes Gesicht
-in die weichen Hände der Präsidentin.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-2.
-
-
-„Niemals erschien mir die Welt ähnlich reich gesegnet wie in diesem
-Jahr,“ sagte Frau Präsident Melchers und wies zu den Obstbäumen ihres
-Gärtchens hinüber, die unter den silbernen Tauschleiern eines frühen
-Septembermorgens tiefgeneigt ihre Lasten trugen.
-
-Eva von Ostried stand, für einen Ausgang bereit, ebenfalls auf
-der offenen Veranda. Sie empfand keine staunende Dankbarkeit beim
-Anblick dieser Wunder. Aus ihren Blicken sprach etwas Unruhvolles.
-Nur für kurze Zeit hatte ihr der Segen dieser Stille, die -- obschon
-nahe dem großen Getriebe Berlins -- dennoch aller Unrast fern und
-fremd zu bleiben schien, wohlgetan. Jetzt fühlte sie sich wieder
-von dieser Abgeschlossenheit gepeinigt. Jede Stunde bedeutete ihr
-etwas Verlorenes. Jeder Tag einen unersetzlichen Verlust. Heimlich
-durchkostete sie die rieselnden Wonnen ihres ersten Erfolges und wußte
-nichts mehr von Reue oder Empörung.
-
-Sagten es ihr nicht immer aufs Neue die bewundernden Blicke fremder
-Menschen, daß sie ungewöhnlich schön ist?
-
-War es darum nicht auch verzeihlich, wenn die Leidenschaft eines Mannes
-und Künstlers sich an ihrem Anblick entflammte und vergaß?
-
-Die Präsidentin beobachtete heimlich den wechselnden Ausdruck auf Eva
-von Ostrieds Zügen. Sie wußte richtig in diesem jungen Gesicht zu
-lesen. Die Sorge um Evas Zukunft verringerte sich nicht. Der Wunsch,
-neben ihr bleiben zu dürfen, bis die Selbstzucht oder eine harte
-Enttäuschung alle Schlacken fortgefegt haben würde, war auch heute in
-ihr. Sie fühlte, wie sich die junge Seele ihr seit der Rückkunft aus
-Oeynhausen mehr und mehr verschloß. Aber sie unterdrückte tapfer alle
-Bitterkeit.
-
-War es nicht auch das Los der leiblichen Mutter allmählich das Kind
-der Schmerzen an irgend eine fremde Freude zu verlieren? Und hatte der
-kommende Tag wirklich die große Bedeutung, die sie ihm zumaß?
-
-„Nun gehen Sie, Eva und besorgen die Kleinigkeiten zu unserm Mahle,“
-sagte sie und zwang damit ihre Gedanken zu fröhlicheren Dingen. „Mein
-alter Freund, Justizrat Doktor Weißgerber, hat mir versprochen, das
-Fest Ihrer Volljährigkeit mit uns zu feiern.“
-
-„Ach,“ meinte Eva lachend, „was soll er mir? Er ist alt, bedenklich und
-weise.“
-
-Ein rascher Blick streifte sie.
-
-War sie wirklich so harmlos, nicht die tiefe Bedeutung seines Besuches
-gerade an ihrem Ehrentage zu ahnen? -- Der junge Mund plauderte sorglos
-weiter.
-
-„Am liebsten würde ich morgen Abend in das große Wohltätigkeitskonzert
-gehen, zu dem mir ein liebenswürdiger, leider unbekannter Spender eine
-Karte zugesandt hat..“
-
-„Und ich?“ Nun klang doch eine leichte Bitterkeit aus der gütigen
-Stimme.
-
-Eva wurde rot.
-
-„Sie erfreuen sich doch auch gern an guter Musik..“
-
-„Freilich tue ich das! Aber ich ermüde jetzt zu sehr dabei.“
-
-„Wenn Herr Justizrat bei Ihnen bleiben würde?“ Der Eigenwunsch besiegte
-alle anderen Bedenken.
-
-„Seine Zeit ist kostbar, das wissen Sie. Opfert er mir schon die
-Mittagszeit, wage ich nicht noch weiteres von ihm zu fordern.“
-
-Eva schwieg. Aber ihr war es, als laste eine Kette auf ihr, welche die
-Schönheit des Lebens für sie fesselte. -- Unfreudig wandte sie sich
-nach kurzem Zaudern, um die aufgetragenen Besorgungen zu erledigen.
-
-Die Präsidentin blickte ihr nach, solange etwas von ihr sichtbar blieb.
-Dann sah sie die durch die alte Pauline hereingebrachte Frühpost
-durch, vermißte dabei die Zusage des aufmerksamen Freundes und ging
-zum Telephon, um ihn zu befragen, wann er morgen frühestens kommen
-könnte. Der Vorsteher seines Büros antwortete an seiner Statt, daß der
-Justizrat seit gestern leider mit einer heftigen Erkältung zu Bette
-liege und hohes Fieber habe. -- Das beunruhigte sie auch wegen des
-Andern. Gar zu gern hätte sie nun endlich ihrem längst ordnungsmäßig
-aufgesetzten Testament jene Nachschrift angefügt, die Eva von Ostrieds
-Zukunft sicher stellte. Einem ausdrücklichen Wunsch ihres verstorbenen
-Gatten entsprach es, daß sie vor Ausführung jeden größeren Entschlusses
-den Rat seines als treu und klug erprobten Jugendfreundes hörte.
-
-Bisher war sie seinem Wunsch stets gefolgt. Für die beabsichtigten
-Stiftungen, denen, mangels Erbberechtigter, ihr großes Vermögen neben
-reichen Legaten bestimmt war, hatte sie auch eines klugen, juristischen
-Beistandes bedurft. Nun hieß es ein Teilchen von dem bereits Verfügten
-abzustreichen und diesem neuen Zweck zuzuführen. Der Gedanke an ein
-Hinausschieben wollte sie unruhig machen. Die Gewöhnung an klares,
-ruhiges Ueberlegen siegte jedoch.
-
-Schließlich kam es auf ein paar Tage des Wartens dabei nicht an.
-
-Sie war damit beschäftigt, den Gaben, die Eva von Ostried morgen
-erfreuen sollten, ein möglichst festliches Aussehen zu verleihen, als
-die alte Pauline, die bereits der jungen Frau Assessor Melchers treu
-gedient hatte, hereinkam und den Besuch eines fremden Herrn meldete.
-Es war kaum zehn Uhr vormittags. Die Stunde dafür also ungewöhnlich.
-Deshalb ließ ihn die Präsidentin nicht eher hereinbitten, bis er sein
-Anliegen genannt hatte.
-
-Das war in kurzen Worten geschehen.
-
-„Er käme wegen unserm Fräulein,“ berichtete Pauline und die anfängliche
-Mißbilligung war aus ihrem Gesicht verschwunden.
-
-Der bald darauf Eintretende war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren.
-Seine breitschultrige Gestalt zeigte die Kraft und Frische eines
-Menschen, der einem gesunden Beruf nachgeht. Sein Gesicht war tief
-gebräunt. Unter den buschigen Brauen blickten die Augen treu und
-klar. Er gefiel der Präsidentin, noch ehe sie ihn angehört hatte. Das
-anfängliche Unbehagen, es könne sich um einen der vielen heimlichen
-Verehrer ihres schönen Schützlings handeln, wandelte sich in eine
-Art behaglicher Neugier. Von diesem ehrenhaft Wirkenden konnte ihrem
-Liebling unmöglich eine Gefahr drohen. Als er seinen Namen nannte,
-streckte sie ihm herzlich die Rechte entgegen.
-
-„Amtsrat Wullenweber aus Hohen-Klitzig, Regierungsbezirk Köslin,
-Hinterpommern,“ wiederholte sie mit einem warmen Lächeln. „Also --
-Eva von Ostrieds Vormund! Wie es mich freut, Sie persönlich kennen
-zu lernen. Unser Briefwechsel war damals kurz und gestaltete sich
-unerfreulich, nicht wahr?“
-
-„Ja,“ sagte er, „ich bildete mir fest ein, daß Sie, Frau Präsident, den
-unglücklichen Gedanken meines Mündels kräftig unterstützten.“
-
-„Warum bezeichnen Sie ihn als unglücklich, Herr Amtsrat?“
-
-„Das läßt sich nicht in ein paar Worten sagen.“
-
-„Soll dies heißen, daß die Zeit zu einer richtiggehenden, sogar für
-eine Frau begreiflichen Erklärung, Ihnen auch heute fehlt?“
-
-„Zeit hätte ich schon, Frau Präsident. Mein Zug geht erst in vier
-Stunden. Mein Hauptgeschäft, der Ankauf einer landwirtschaftlichen
-Maschine, ist bestens besorgt.“
-
-„Ach,“ machte sie enttäuscht, „und ich dachte, daß Sie zu mir kämen,
-weil doch morgen Eva von Ostried selbständig wird.“
-
-Er lächelte. Das gab seinem ernsten, stillen Gesicht etwas unendlich
-Gutes und Liebenswertes.
-
-„Ich glaube, Sie unterschätzen die Sorgen und Lasten des Landmannes
-in dieser jetzigen, bösen Zeit, Frau Präsident. Sobald er den
-Rücken wendet, geschieht bestimmt eine Dummheit. Ich will mich also
-nicht als Einer hinstellen, der allein von der Verantwortung seiner
-Vormundschaft getrieben wird. Wenn schon ich nicht verhehlen kann, daß
-mir Eva von Ostried viel Sorge gemacht hat.“
-
-„Lieber Herr Amtsrat, das Schicksal teile ich mit Ihnen! Wer sie lieb
-hat, wird ewig mit einer gewissen Unruhe im Herzen ihrer Entwicklung
-zusehen.“
-
-„Eigentlich lieb ist sie mir nie gewesen,“ gestand der Amtsrat
-freimütig ein, „dazu hatte sie zu viel von ihrem Vater.“
-
-Ein verstehendes Lächeln erschien auf dem Frauenantlitz.
-
-„Dann haben Sie ihrer Mutter sicher sehr nahe gestanden.“
-
-„Woher wissen Sie das, Frau Präsident?“ Er sah sie erstaunt und
-unsicher an.
-
-„Ich ahne es mit dem Gefühl der reifen Frau. -- Der Vater war
-augenscheinlich niemals Ihr wahrer Freund. Die Tochter steht Ihrem
-Herzen nicht sonderlich nahe und dennoch wehrten Sie sich mit einem
-fast leidenschaftlichen Grimm gegen die Fortsetzung ihrer einst vom
-Vater gebilligten musikalischen Ausbildung, nachdem der berühmte Gönner
-tot war. Da muß also entweder das höchste Gefühl von Verantwortung
-und dieses haben Sie mir ja soeben abgestritten -- oder das, einer
-geliebten Verstorbenen gegebene Versprechen zugrunde liegen.“
-
-„So ist es wirklich. Evas Mutter war die beste und edelste Frau!“
-
-„Sie sind unvermählt geblieben, Herr Amtsrat?“ Er nickte wehmütig.
-
-„Ein paar mal habe ich später aus dieser Einsamkeit herauswollen und
-es doch nie über kläglich gescheiterte Versuche gebracht. Das heißt:
-verstehen Sie mich nicht falsch. Der andere Teil merkte nichts davon.
-Nur mit mir allein brachte ich die Geschichte in Ordnung. Das genügte.
--- Ich konnte Evas Mutter nicht vergessen.“
-
-„Verzeihen Sie, wenn ich forsche. Unzartheit ist es nicht. Wie konnte
-es kommen, daß Sie sich nicht -- war selbst anfangs keine Gegenliebe
-vorhanden -- von so viel Tiefe und Treue rühren ließen?“
-
-Sein grauer Kopf neigte sich auf die Brust.
-
-„Als ich sie kennen lernte, gehörte sie schon dem Andern. Und ich
-war sein Freund und nächster Nachbar. Wissen Sie.. kein Freund, wie
-Sie und auch ich jetzt, ihn verlangen. Dazu waren wir Beide viel zu
-verschieden. Ich eines schlichten Vaters vierter und jüngster Junge,
-zur strengsten Arbeit und Pflichterfüllung seit den ersten Hosen an,
-erzogen -- er, der Einzige des schönen, flotten und leichtsinnigen
-Majoratsherrn auf Waldesruh. Springt man aber jahrelang zusammen barfuß
-über die Stoppeln, lauert im Erlenbusch auf die nistende Rohrdommel
-oder Nachtigall, weil irgend ein Landbezopftes dem dummen Jungen den
-Kopf verdreht hat -- na, dann macht sich so was von selbst. Mein
-Vater hat zudem dem flotten alten Herrn auf Waldesruh des öfteren
-ausgeholfen, ohne sonderlich streng auf die Zinsen zu sehen. So kams,
-daß er, der sonst reichlich hochmütig sein konnte, auch mich als
-Spielgefährten seines Sohnes gnädig duldete. Meine Brüder sind in
-andern Provinzen untergekrochen. Bis auf einen, der sich glücklich
-bis zum Major durchgehungert hat und, nachdem ihm ein Jagdunglück,
-das kriegerische Handwerk gelegt, hier in Berlin mit seinen beiden
-Kindern kein beneidenswertes Dasein hatte. Die Landwirte saßen auf
-guten, kleinen Höfen, die Mann, Weib und Kind ernähren. Sie sind schon
-verstorben. -- Ich kam durch das Erbteil einer Muhme in die Lage, die
-väterliche Domäne zu übernehmen, nachdem mein alter Herr sich zum
-Sterben hingelegt hatte. -- Ein Jahr später schoß sich der schöne,
-tolle, leichtsinnige Vater Ostried eine Kugel durch den Kopf. Sein
-Sohn, der bei den Pasewalker Kürassieren stand, mußte die Uniform
-ausziehen. Das verlangte eine Familienbestimmung. Er tat es ungern,
-wenngleich er sich trotzdem so viel Vergnügen, wie nur irgend möglich,
-bereitete. Kaum war das Trauerjahr zu Ende, jagte ein Fest das andere.
-Der Acker kam dabei natürlich nicht zu seinem Recht. Aber, ich merke
-schon, ich erzähle zu langatmig, Frau Präsident.“ Sie wehrte ab.
-
-„Mich interessiert auch das Kleinste in Ihrer Geschichte, Herr Amtsrat.
-Und Zeit haben wir reichlich. Der Blick, den Sie soeben nach der Tür
-warfen, soll wohl die Frage nach Eva von Ostried ausdrücken, nicht
-wahr?“
-
-„Stimmt wieder. Sie ist doch noch bei Ihnen?“
-
-„Sonst wüßten Sie es längst anders. Sie besorgt jetzt nur allerhand für
-ihren Geburtstag. Ich bin leider für körperliche Anstrengungen nicht
-mehr tauglich. -- Nachher hoffe ich, werden Sie sie noch bestimmt sehen
-können.“
-
-Er wiegte bedächtig den Kopf hin und her.
-
-„Darauf lege ich keinen Wert, Frau Präsident. Ich würde ihr gegenüber
-entweder gerührt -- oder hilflos sein. Beides könnte den mangelnden
-Respekt nicht bringen. -- Nein, lassen Sie nur! Will es der Zufall, daß
-sie kommt, so lange ich da bin, drücke ich mich natürlich nicht.“
-
-Sie verstand ihn wieder.
-
-„Und nun weiter,“ drängte sie.
-
-„Ja und zu einem dieser stolzen Feste kam denn auch eine vergrämt
-aussehende Baronin mit ihrer Tochter. Mich hatte er auch geladen, und
--- weiß Gott -- wie es kam, ich erschien, obwohl ich zuvor dutzende
-von Malen abgesagt hatte. -- Bis dahin wußte ich nicht viel davon,
-wie lieblich eine Frau sein kann. Denn die Langbezopften in unserm
-Dorf hatten fast durchgängig Regennasen und derbe, rote Gesichter. Ich
-war auch sonst keiner von den Redseligen. Aber an dem Tage konnte ich
-überhaupt keinen Ton rausbringen. Nicht mal einen Glückwunsch fand
-ich zusammen, als mir mein Freund -- Hasso von Ostried -- die mir
-unirdisch schön erscheinende Tochter der alten Baronin als seine Braut
-vorstellte. -- Ich habe sie dann auch noch singen hören. Mein Gott --
-zu Musik hat bei uns nie die Zeit gereicht. Darum wußte ich vorher
-nichts von ihrem Zauber. Er hat alles in mir wach und groß gerüttelt.
-Aber es durfte doch nicht leben. Als ich lange nach Mitternacht
-heimgestolpert bin, wußte ich, daß ich Hasso von Ostrieds Braut liebte
--- und wollte nie, nie wieder in sein Haus. Ihr nie -- nie wieder
-begegnen. Und bin nachher doch, ganz freiwillig, hingegangen, weil ich
-wußte, daß sie bald Einen nötig hatte, der es treu und gut mit ihr
-meinte. Auf den sie unbedingt zählen konnte, wenn das unbarmherzige
-Kreuz für ihre schwachen Schultern zu schwer würde. -- Denn er, der
-von Gottes- und Rechtswegen dazu bestimmt gewesen, kümmerte sich bloß
-die ersten Jahre um sie. Nachher war anderes genug da. -- Die Jagd
--- schöne Gäule -- auch ein paar Frauen, die seiner nicht das Wasser
-reichen konnten. Auch wollte er es nicht verwinden, daß das endlich
-geborene Kind ein Mädchen war und keinen Bruder bekam. -- Sie -- Evas
-Mutter -- wurde blasser und elender von Jahr zu Jahr. Er hat gelacht,
-wenn ihn einer warnend darauf hinwies. Ihre Tröster waren die Musik
-und -- ich! Das hat sie mir gestanden -- drei Tage vor ihrem Tode, der
-ganz leise und sanft gewesen sein muß, denn Niemand im Schloß hat etwas
-früher davon gemerkt, als bis alles vorüber gewesen ist.“
-
-„Und sie hat nicht gewollt, daß Eva, wenn sich die schöne Begabung auf
-sie übertrüge, sie jemals öffentlich ausübe,“ fragte die Präsidentin,
-als er einen Augenblick schwieg.
-
-„Sie hat mein Versprechen mit ins Grab genommen, Frau Präsident.“
-
-„Darf ich wissen, worin dies bestand, Herr Amtsrat?“
-
-„Das ist ja die Hauptsache, damit Sie mich und meine damalige
-Schroffheit endlich verstehen. Sie müssen wissen, daß sie sich niemals
-zu mir über ihren Mann beklagt hat. Darum hat mich dies Letzte auch so
-erschüttert. Für sich und ihre Schönheit wollte sie nichts. Jahraus
--- jahrein ging sie in einem weißen Kleide und ich glaube nicht, daß
-sie etwas anderes anzuziehen hatte. Manch einer riß seine Witze drüber
-und hat gemeint, sie spare heimlich, um dem teuren Gatten alle Jahr
-ein paar Flaschen echten Sekt zu schenken, von dem die Buddel damals
-schon 30 Mark gekostet hat. Ich als Einziger habe die Wahrheit erfahren
-dürfen. Ganz zuletzt -- wie schon gesagt. Ich will Ihnen ihre Worte
-wiederholen. „Sie sollen über meiner Tochter wachen,“ hat sie gebeten
-und als ich leise auf Evas Vater hinweisen mußte, nur geflüstert: „Sie
-wird ihm bald genug eine Last sein, denn er ist noch jung und will viel
-vom Leben. Die Ostriedschen Familiengesetze verlangen aber, daß den
-unmündigen Töchtern bei einer zweiten Eheschließung ein Vormund gesetzt
-werde. In gewisser Weise hängt er an ihr,“ hat sie dann weiter gesagt,
-„denn sie wird einst sehr, sehr schön sein. Das macht ihn stolz. Sonst
-aber -- innerlich -- empfindet er dauernd ein Unbehagen, Eva und er
-gleichen einander zu sehr. Sie ist eitel und egoistisch wie er -- schon
-jetzt -- und..“ Hier hat sie ihr Gesicht in den Händen verborgen, als
-schäme sie sich ihrer Geständnisse, „ich glaube beinahe, käme sie nicht
-in sehr feste, treue Hände, daß auch sie es mit den Begriffen der Ehre
-nicht so ganz genau nähme. Darum -- solange Sie Gewalt über sie haben,
-erlauben Sie nicht, daß sie das Talent, das ich ihr vererben mußte,
--- die Stimme, deren Schönheit sich meinem Ohr längst angekündet hat,
-zum Beruf ausbildet. Er würde ihr zum Unsegen werden. -- Ich selbst
-dachte niemals an etwas derartiges. Schon der Gedanke, mich öffentlich
-zeigen zu sollen, mich von jedem bewundern und anstarren zu lassen --
-machte mir Schmerzen. -- Entwickelt sie sich aber weiter zur Tochter
-ihres Vaters, wird sie gerade dies glühend ersehnen..“ Ja, so hat sie
-gesprochen, Frau Präsident. Zuletzt händigte sie mir noch ein Päckchen
-ein, das ich ihrer Tochter bei deren Volljährigkeit übergeben müsse.
-Es waren fünfhundert Mark. Wieviel Entbehrungen mochten daran hängen?
-Bedenken Sie, aus der Hauswirtschaft nahm sie keinen Pfennig ein. Was
-der Garten abwarf, bekam der Schloßherr gleich auf den Schreibtisch
--- wenn die Kaufleute die Erzeugnisse nicht schon zuvor für längst
-gelieferte Waren mit Beschlag belegt hatten. Einzig hundert Mark
-im Jahr erhielt sie aus einer Stiftung vonseiten der verstorbenen
-Mutter her. Davon also hat sie dies zusammengerafft. -- Ich hab’s gut
-angelegt und hier ist es. Es sind tausend Mark draus geworden. Nicht
-viel.. Ich habe mir erzählen lassen, daß nach ihrem Tode der Witwer
-einer schönen Schauspielerin einen einzigen Mantel für das Dreifache
-gekauft habe. -- Aber, es ist doch viel mehr wert wie Millionen. Das
-Herz dieser seltenen, tapferen Frau hängt daran. Wollen Sie das alles
-ihrer Tochter erzählen? -- Ich kann’s nicht so. Ich würde wieder und
-wieder denken müssen.. das ist Hasso Ostrieds Tochter.. und würde das
-Bild vor mir sehen, das ich oft in Wirklichkeit hatte. Obschon der
-zwei Jahre nach ihrem Tod von dem Ostriedschen Kuratorium zwangsweise
-eingesetzte Verwalter des Majorats ihnen später jeden Kohlkopf und
-Groschen zugezählt hat und die Eva mit ihren siebzehn Jahren auch
-nicht mehr gänzlich blind und taub durch die Tage ging -- hat sie die
-Feste, die er -- wer weiß -- aus welchen Mitteln, schließlich wieder
-veranstaltete, mitgemacht -- sich allerlei bunte Fähnchen gekauft und
-mitgelacht..“
-
-„Vergessen Sie ihre Jugend nicht, Herr Amtsrat.“
-
-„Ihre Mutter ist auch jung gewesen und schön wie ein Engel und rein und
-hochbegabt,“ murrte er.
-
-„Vielleicht auch glücklich. -- Wissen Sie denn, Herr Amtsrat, ob es ihr
-nicht ein tiefes großes Glücksempfinden brachte, daß Sie ihr ergeben
-waren?“
-
-„Daran habe ich niemals gedacht.“
-
-„Und es liegt doch so nahe! Ich denke mir, daß sie Ihre feine, starke
-Liebe immer fühlte und das unbegrenzte Vertrauen zu Ihnen faßte, weil
-Sie sich im Zaum hielten. Eine Frau geht nicht dauernd an tiefstem
-Mannesempfinden vorbei. Vielleicht wäre sie sonst unter ihrer Last
-zusammengebrochen.“
-
-Er saß ganz still. Seine breiten, sonnverbrannten Hände lagen schwer
-auf den Knien.
-
-„Wenn es wahr wäre,“ sagte er ein paarmal vor sich hin, „das wäre
-schön.“
-
-„Es ist wahr,“ bekräftigte die Präsidentin. „Wie stellte sich übrigens
-Evas Vater später zu Ihnen?“
-
-„Er war auffallend kurz und unfreundlich, wenn wir uns zufällig an den
-Grenzen trafen. Sein Haus betrat ich nicht wieder.“
-
-„Merken Sie jetzt, daß ich im Recht bin? Obgleich er die Tote nicht mit
-wirklicher Treue liebte, war seiner Eitelkeit der Gedanke, daß Sie ihr
-mehr, als er, bedeutet hatten, unerträglich.“
-
-„Er bestimmte sogar in einem hinterlassenen Brief ausdrücklich einen
-andern Vormund, wie mich, im Falle ich ihn überleben sollte, und seine
-Tochter zu diesem Zeitpunkt noch unmündig wäre. Dabei war er von dem
-Wunsch der Toten genau unterrichtet.“
-
-„Wie kam es also, daß Sie es dennoch geworden sind?“
-
-„Nun, er war im Laufe der Jahre den Herren vom Gericht bekannt
-geworden. Seine zahlreichen Gläubiger wurden durch seine
-Gleichgültigkeit stets gezwungen, sich letzten Endes an die große
-Stelle für das öffentliche Recht zu wenden. Auch war sein Leumund
-schlechter geworden, seitdem er allein mit der Tochter lebte. Derjenige
-aber, den er als Vormund für seine Eva vorgeschlagen hatte, war genau
-so ein leichtsinniger, loser Vogel wie er selbst.“
-
-„An seinen verhältnismäßig frühen Tod muß er doch gedacht haben. Wie
-wäre sonst jener Brief zustande gekommen?“
-
-„Ein toller Ritt nach durchzechter Nacht brachte ihm die schwere
-Lungenentzündung, an deren Folgen er nach ein paar Wochen auch
-gestorben ist. Seine Natur hat sich erstaunlich lange gegen den
-Sensenmann gewehrt. In dieser Zeit der Langenweile und vielleicht auch
-der Nachdenklichkeit ist das erwähnte Schriftstück, das sonst keinerlei
-Wichtiges enthält, entstanden.“
-
-„War er eigentlich mit dem Entschluß seiner Tochter und dem
-hochherzigen Anerbieten seines Freundes, des bekannten Königlichen
-Kammersängers, sofort einverstanden? Evas Ansicht, die dies lebhaft
-bejaht, ist mir in dieser Beziehung nicht maßgebend?“
-
-„Doch, ich glaube es auch! Das Messer saß ihm an der Kehle. Allmählich
-sahen auch die Gläubigsten unter seinen Kreditgebern, daß das
-Kuratorium ihn unerbittlich beschränkte. Sie zogen sich mehr und mehr
-von ihm zurück, um zu den alten Dummheiten keine neuen anzufügen. Denn
-er hatte etwas bestrickend Liebenswürdiges, das auch die Vernünftigsten
-oft genug blendete. -- An mich hat er sich niemals gewandt. Und das ist
-das Einzige, was ich ihm hoch anrechne. -- Er kannte die ungeheuren
-Einnahmen des Kammersängers, der, gleich ihm aus einer altadligen
-Familie stammte, und mag wohl -- bestimmt durch die glanzvolle Aussicht
-für die Tochter, durch welche sich auch seine Lage endlich wieder
-heben mußte, die erbetene Erlaubnis zu ihrer Uebersiedlung nach Berlin
-bereitwilligst gegeben haben. Eva soll dort übrigens ganz zur Familie
-gehört haben. Die Gattin des Künstlers wurde mir seiner Zeit als gute
-Hausfrau gerühmt. -- Davon werden Sie natürlich mehr wissen, wie ich?“
-
-„Eva ist damals ganz in ihrer Kunst aufgegangen und hat sich scheinbar
-um die ihr reichlich prosaisch dünkende Frau des Gönners wenig
-gekümmert. Jedenfalls hat der Umstand, daß die nach dem Tode ihres
-Mannes sofort den Haushalt auflöste und -- ohne Rücksicht auf Eva --
-nach München übersiedelte und sich niemals seitdem durch eine Zeile
-nach ihr erkundigt hat, zur Genüge bewiesen, wie lose das Band eines
-Zusammenhaltes zwischen ihnen gewesen ist..“
-
-„Alles in allem wird Eva von Ostried aber inzwischen eingesehen haben,
-daß ich es gut mit ihr gemeint habe?“
-
-„Leider kann ich das nicht bejahen!“
-
-„Ich nahm die Tatsache, daß sie keinen weiteren Versuch zu meiner
-Umstimmung machte, für weise Einsicht an.“
-
-„Wie wenig kennen Sie die Tochter Ihrer geliebten Toten! Ihr Schweigen
-hatte einen andern Grund. Ich machte ihr klar, daß ich Ihnen keine
-schnelle Aenderung einmal gefaßter Ansichten zutraue und vertröstete
-sie auf die Zukunft. Da war sie klug genug, sich einstweilen zu
-bescheiden.“
-
-„Danach scheinen Sie also ihre Wünsche zu unterstützen, Frau Präsident?
-Das ist mir nach dem starken Eindruck, den ich von Ihnen empfing,
-unbegreiflich.“
-
-„Auch Sie wären andern Sinnes geworden, hätten Sie sich, gleich mir,
-von dem Ernst ihrer Bestrebungen, überzeugen müssen. Und nun gar die
-eigene Mutter. Ich habe kein Kind besessen. Und doch fühle ich, daß
-eine Jede von uns zurücktreten kann und auch will, wird sie inne, daß
-sie der wahren Befriedigung des Kindes hinderlich ist.“
-
-„Darin sollen Sie Recht behalten. Frau von Ostried war wohl eine
-scheue, stille Frau für sich selbst. Hätte sie aber einsehen müssen,
-daß die Tochter schwer unter der Versagung ihrer Erlaubnis litt, wäre
-sie fraglos nachgiebig geworden.“
-
-„Nun begreife ich Sie immer weniger.“
-
-„Das ist auch schwer für Sie. Wir leben in zu verschiedenen
-Verhältnissen. Für Sie ist die Grenze, die ich als Horizont achte,
-nur ein Scheinbegriff geblieben, hinter dem sich die Unendlichkeit
-ausdehnt. Und Wachstum gibt es in Ihrem Leben auch wohl ohne Segen
-und Regen. Ich sah nur mein ganzes Leben hindurch klare Luft, den
-Horizont und die Entwicklung jeglichen Dinges durch Sonne und Regen...
-Einmal bin ich im Theater gewesen und danach nie wieder. Es hat mich
-abgestoßen. Lachen Sie ruhig darüber. Eine Frau stand auf der Bühne und
-hat alles das vor fremden Ohren preisgegeben, was sie sonst schamhaft
-mit sich allein abmacht. -- Mir kam sie dadurch wie entkleidet vor. --
-Dies Gefühl hat mir die Richtschnur gegeben. Schön und gut! Es mag viel
-Kunst dabei sein können. Das verstehe ich nicht. Viel Unwahrhaftigkeit
-und Uebertreibung aber auch. Dazu kommt, daß in der Familie meines
-einzig noch lebenden Bruders eine Tochter, die viel Hang zur Musik und
-zur Künstlerschaft hatte, verloren gegangen ist. Es ist mir sehr nahe
-gegangen. Die Kinder meiner andern Brüder, von denen ich Ihnen auch
-sagte, sind frühzeitig gestorben. Nun habe ich nur noch einen Neffen,
-mit dem ich nie recht warm werden konnte.“
-
-Daß ein Mann, der das Leben mit all seinen Härten, Entsagungen und
-Verlockungen kannte, ein öffentliches Auftreten von dieser Warte
-beurteilte, rührte die Präsidentin. Freilich mochte es reichlich
-unmodern sein -- ja, in den Augen der Meisten wohl gar lächerlich
-wirken. Ihr zeigte es den hohen, sittlichen Wert dieses Mannes, dessen
-unbewußte, kinderreine Keuschheit sich gegen Schaustellungen der
-Gefühle heftig sträubten.
-
-„Was hätte ich dagegen tun wollen,“ sagte sie nach einer Weile des
-Schweigens. „Es wurzelt zu tief bei ihr. Ich hätte sie ganz verloren.
-Nun darf ich sie wenigstens noch eine Zeitlang behalten.“
-
-„Sie besitzt aber nichts, als das Geld, das ich vorher in Ihre Hand
-gelegt habe, Frau Präsident, und ich habe mir erzählen lassen, wie
-hoch die Kosten einer gründlichen Ausbildung sind. Damit sollen aber
-die Ausgaben noch nicht aufhören. Eine erhebliche Summe, sozusagen
-als Daseinssicherheit, muß außerdem vorhanden sein. Mal gibt’s keine
-Einnahmen. Mal kosten die Kleider mehr, wie das gesamte Spielhonorar
-beträgt..“ Sie mußte unwillkürlich über seinen Eifer, hinter dem sich
-ein Stückchen Triumph barg, lächeln.
-
-„Ich bin reich,“ gestand sie endlich. „Sehr reich sogar und habe für
-niemand leiblich Verwandtes zu sorgen. Das hat mir oft bitter weh
-getan. Ich meinte, die gnädige Vorsehung schickte mir Eva von Ostried
-als Ausgleich für mancherlei Entbehrtes. Nun, Enttäuschungen kamen
-auch hinterher. In gewissem Sinne ähnelt sie bestimmt dem Vater, wie
-Sie ihn mir schilderten. Wenn auch alles liebenswerter und weicher in
-ihr gestaltet ist. Ich konnte gar nicht anders handeln, als ich es
-schließlich getan habe. Mit dem Augenblick, in dem ich sie in mein Haus
-aufnahm, gab ich mir das Versprechen, für sie zu sorgen. -- Im April
-nächsten Jahres etwa wird sie wieder ernsthaft ihre Studien aufnehmen.
-Die Mittel bis zum Schluß und ein rundes Kapital für die von Ihnen
-erwähnten Dinge, soll sie von mir erhalten. Ich bringe das in den
-nächsten Tagen in Ordnung.“
-
-„Dann habe ich das Meiste umsonst geredet, Frau Präsident.“
-
-„Glauben Sie das nicht, Herr Amtsrat. Ich gebe alles in passender
-Stunde an Eva weiter. Es wird Wurzel schlagen. Mit Strenge ist nicht
-viel bei ihr zu wirken. Regt sich aber der gute Kern -- spricht die
-Dankbarkeit und besonders das Erbe ihrer Mutter -- eine große Reinheit
-in Empfindung und Anschauung -- dann kann sie erstaunlich fügsam und
-weich sein. Die durch die Wiedergabe Ihrer Worte von neuem geweckte
-Erinnerung an ihre tote Mutter wird ihr zum Schutz werden.“
-
-„Sie wird das bißchen Erlernte von der Musik gründlich vergessen
-haben,“ wandte der Amtsrat ein. „Drei Jahre ist sie nun bei Ihnen.“
-
-„Und Sie meinen wirklich, daß ich in dieser Zeit das Erreichte nicht
-wenigstens erhalten hätte? So kurzsichtig und engherzig war ich nicht.
-Ich habe ihr einen bedeutenden Lehrer gehalten und wenn ich auch keine
-zeitraubenden Uebungsstunden gestattete -- eben weil sie sich an
-die Erfüllung bestimmter Pflichten gewöhnen sollte -- dies Ende zur
-Rückkehr sah ich stets voraus. Es waren also auch in dieser Beziehung
-keine verlorenen Jahre.“
-
-„Die kommenden Zeiten werden unruhig für Sie werden, Frau Präsident.
-Und eine Stütze dürften Sie im Alter kaum an ihr haben.“
-
-„Ich glaube auch nicht, daß ich ihrer bedarf, lieber Herr Amtsrat. Ich
-entstamme einer kurzlebigen Familie. Eigentlich halte ich mich schon
-länger, als es mir vor ungefähr zehn Jahren ein besonders barscher
-Arzt bemessen hat. Ich bin auch jederzeit bereit. Nur vorher will ich
-noch, etwa im ersten Frühlingsgrün des nächsten Jahres, eine liebe
-Jugendbekannte in ihrem Heimatsstädtchen aufsuchen. Immer wieder habe
-ich das hinausgeschoben. Jetzt bin ich fest dazu entschlossen. Und
-wissen Sie, wen ich bei dieser Gelegenheit noch besuchen möchte? Dieser
-Gedanke ist ganz neu.. Einen guten, treuen Menschen, welcher der beste
-und zuverlässigste Freund gewesen ist. Seine Scholle liegt meinem Wege
-überaus günstig. Wenn ich richtig schätze, kaum eine Bahnstunde von der
-pommerschen Seestadt entfernt, in welcher meine Bekannte lebt. Wollen
-Sie seinen Namen wissen? Er heißt Amtsrat Wullenweber und wird hiermit
-feierlich angefragt, ob er mich wohl auf einen Tag haben mag?“
-
-Er strahlte, sie aus seinen treuen, blauen Augen ehrlich erfreut an.
-
-„Ob ich mag, Frau Präsident! Ich will alles vom Boden bis zum Keller
-putzen lassen und meine alte Klidderten soll mal zeigen, was eine
-richtige, gute hinterpommersche Wirtschafterin leisten kann.“
-
-„Um Gotteswillen,“ lachte sie fröhlich, „das wird bestimmt unmöglich
-gemacht. Eines Tages trete ich, ohne vorherige Anmeldung, mit einem
-kleinen Reisetäschlein, bei Ihnen an und werde dankbar sein, wenn
-Sie mir einen Platz an Ihrem Tisch und höchstens noch ein Gericht
-Dabersche Kartoffeln mit fetter Buttermilch gönnen. Denn Sie müssen
-wissen, daß meines lieben Mannes erste Richterstelle in Köslin war, das
-ebenfalls im Regierungsbezirk Köslin liegt. Darüber sind freilich schon
-einige dreißig Jahre vergangen. Auch haben wir damals weder Zeit noch
-Lust gehabt auf den benachbarten Gütern Bekanntschaften anzuknüpfen.
-Meines Mannes Dezernat war sehr umfangreich. Ein Anwalt, der ihm die
-zahlreichen Verträge und Testamente abgenommen hätte, wollte sich aus
-Furcht, kein genügendes Auskommen zu finden, nicht niederlassen.“
-
-„Und jetzt sitzen dort längst ihrer zwei, die in guter Freundschaft
-miteinander leben.“ --
-
-„Sie kennen das kleine, saubere Städtchen natürlich ganz genau?“
-
-„Versteht sich, Frau Präsident. So dick gesät sind ja die Nester bei
-uns da hinten bekanntlich nicht. Mit meinen jungen Schimmeln schaffe
-ich die Geschichte in knappen drei Stunden.“
-
-„Wie seltsam spielt die Vorsehung. Ich bin geneigt, dies alles als
-etwas anzusehen, das Eva von Ostried zum Nutzen und Frommen werden muß.
-Vielleicht lernen Sie sie bald näher kennen und gewinnen sie im Laufe
-der Zeit ebenso lieb, wie ich es tue.“
-
-„Daran würde ihr kaum etwas gelegen sein. Ich habe herausgefühlt,
-daß ihr Vater über mich in einem Ton gesprochen haben muß, der weder
-Vertrauen noch Hochachtung säen konnte.“
-
-„Und dennoch bitte ich Sie in dieser Stunde von ganzem Herzen, unser
-Sorgenkind nicht aus den Augen zu lassen, wenn sich die Prophezeiung
-jenes Arztes einmal überraschend schnell an mir vollziehen sollte.“
-
-„Sie werden gemerkt haben, daß ich ein schwerfälliger Mensch bin, Frau
-Präsident.“
-
-„Einer, hinter dessen schlichtem Wort jedenfalls die Tat steht, Herr
-Amtsrat.“
-
-„Aber auch ein Weltfremder und Ungeschickter.“
-
-„Sie zögern also?“
-
-„Wenn Weg und Ziel im Dunst liegen, geht die Fahrt gewöhnlich schief.
-Ich wüßte nicht, womit ich ihr helfen könnte.“
-
-„Das ist mir vorläufig gleichfalls verborgen. Es kann aber sehr wohl
-kommen, daß sie durch irgend welche Ereignisse hilflos wird. Ich will
-morgen auch diesen Fall mit ihr besprechen. Sie soll sich an Sie
-wenden, wenn sie allein nicht mehr weiter kann.“
-
-„Tut sie das, Frau Präsident, will ich ihr nach bestem Wissen raten und
-helfen. Darauf mein Wort.“
-
-„Das genügt mir. Ich danke Ihnen innig, Herr Amtsrat, und jetzt lassen
-Sie uns ein Glas jenes alten schweren Weines zusammen trinken, dessen
-letzte Flasche seit einem viertel Jahrhundert auf einen würdigen
-Augenblick im Keller wartet.“
-
- * * * * *
-
-Hell war auch der neue Tag und voll goldenen Lichtes. Eva von Ostried
-stand unter einem besonders gesegneten Apfelbaum. Ein Stückchen blauen
-Himmels und die begrenzte Ferne drängte sich durch das Gewirr der
-Zweige und Früchte. Stolze Träume schoben ihr jedes Hindernis fort.
-Sie fühlte sich frei wie nie zuvor, trotzdem ihr nichts geschehen war,
-als daß sich heute ihr einundzwanzigstes Lebensjahr vollendete. Der
-kommenden, ernsten Arbeit gedachte sie freilich auch. Mehr aber des
-andern, nach dem sie sich unaussprechlich sehnte.
-
-Reich -- angebetet -- beneidet zu werden, war ihr Streben. Von jeher
-haßte sie dies Einschränken und Sorgenmüssen. Der Traum ungezählter
-Tage, das bewußte und unbewußte Sehnen nächtlicher Träume, gilt dem
-Glanz einer sorglos heiteren Zukunft. Erst, nach dem großherzigen
-Versprechen der Präsidentin erkannte sie schaudernd, daß ihr Leben
-verfehlt und zerbrochen gewesen wäre, hätte die gütige Frau ihre
-Zukunftswege nicht zu ebnen versprochen.
-
-Bei dem bloßen Gedanken an diese Möglichkeit schüttelte sie wiederum
-ein Grauen. Vielleicht hätte sie dann, gezwungen von ihrer Sehnsucht,
-den Versuch gemacht, um jeden Preis die fehlenden Mittel selbst zu
-beschaffen. So aber war es schöner und bequemer!
-
-Sie nickte der Sonne zu und jauchzte hell auf -- streckte die Arme und
-griff spielerisch nach den blendenden Kreisen.
-
-„Der Ruhm soll mir beide Hände mit Gold füllen.“
-
-Von der Veranda her ertönte ihr Name. Ungeduldig winkte ihr die
-Präsidentin.
-
-„Wo bleiben Sie, Eva?“
-
-Da flogen die Träume von dannen. Was aber blieb, war noch köstlich
-genug. Gaben -- Freundlichkeit -- und Ermahnungen. Auch diese! Eva
-von Ostried hörte scheinbar aufmerksam zu, als ihr Frau Melchers vom
-alten Amtsrat Wullenweber und allem, was zwischen ihnen gesprochen war,
-sagte. Im Stillen dachte sie:
-
-„Ehe ich mich jemals an den engherzigen, mürrischen Nachbar wende,
-würde ich lieber hungern.“
-
-Daß dies Schreckliche in Wahrheit eintreten könnte, erschien ihr
-freilich undenkbar.
-
-Als sie das Erbe der Mutter empfing, mußte sie weinen.
-
-Es war ja so unendlich wenig. Ihr Vater hatte oft mehr als das
-Dreifache in einer Nacht im Spiele verloren. Aber es rührte sie! Die
-verblaßten Erinnerungen füllten sich mit lebendigen Farben. --
-
-Ihre feine, kleine, stille, zarte Mutter! -- Wie sie Paul Karlsen in
-der Dunkelheit des gemeinsamen Warteraums an sich gerissen, hatte sie
-ihrer plötzlich gedenken müssen -- sie um Hilfe anflehend. -- Den
-Vater hatte sie damals vergessen. Der war ja auch nur für die lustigen
-Stunden dagewesen. -- Sie hielt das Geld traumverloren fest und sah
-unverwandt darauf nieder.
-
-„Was gedenken Sie damit zu beginnen, Eva,“ forschte die Präsidentin
-neugierig. „Am besten tragen Sie es noch heute auf die Bank.“
-
-„Ich gebe es nicht fort,“ sagte Eva hastig. „In meinem Schmuckkasten,
-der leider nichts birgt, als die kleine goldene Brosche von Ihnen, wird
-es liegen und geduldig warten.“
-
-„Worauf denn, Kind?“
-
-„Daß ich es in etwas Wunderschönes umsetze. Ich weiß auch schon, worin.
-Zum Beispiel einen Teil in den entzückenden Hut mit dem Reiher, von dem
-uns neulich die Verkäuferin sagte, daß ihn getrost eine regierende
-Fürstin tragen könne.“
-
-„Dies mühsam abgedarbte Scherflein Ihrer guten Mutter wollten Sie so
-hinwerfen, Eva?“
-
-„Schelten Sie nur! -- Schön und verführerisch bleibt der Gedanke doch.
-Da geht eine Prinzessin oder zum mindesten eine Millionärin, würden sie
-sagen und sich nach mir umdrehen. Und würden vor Neid fast platzen. Und
-ich lache mich halb tot und freue mich.“
-
-Da brach jene oft bekämpfte Verständnislosigkeit, die den eigentlichen
-Wert des Geldes garnicht begriff, wieder durch. Scheinbar war sie
-unbesiegbar. Die Präsidentin beschattete die Augen mit der Rechten.
-Es war doch nicht möglich, daß sie ohne ihren alten Freund und
-Rechtsbeistand die Bestimmung über Eva von Ostrieds zukünftiges Erbe
-traf.
-
-Eva von Ostried hatte keinen Augenblick die Empfindung, etwas
-Unrechtes ausgesprochen zu haben. Sie lief fröhlich der Post entgegen,
-die soeben, nach dem langhallenden Klingelton, in den am Gitter
-angebrachten Kasten hineingeschoben wurde. Bald darauf hielt die
-Präsidentin einen an sie gerichteten Brief in der Hand. Die Schrift
-auf dem Umschlag war ihr fremd. Ohne sonderliche Eile öffnete sie ihn.
-Ihre häufig auch nach außen hin betätigte Herzenswärme brachte ihr
-fast täglich die bittenden Jammerrufe Notleidender ins Haus. Als sie
-die wenigen Zeilen überflogen hatte, erblaßte sie und sagte weich und
-zärtlich:
-
-„Du sollst mich nicht vergeblich gerufen haben.“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-3.
-
-
-Solange Eva von Ostried im Hause der Präsidentin weilte, hatte sich
-jene noch niemals von einer Aufregung sichtbar beherrschen lassen.
-Zu allen Zeiten wußte sie das wohltuende Gleichmaß einer abgeklärten
-Ruhe zu bewahren. Jetzt aber sprang sie mit den Zeichen einer großen
-Erregung auf und ging hastig in dem blumengeschmückten Zimmer auf und
-nieder. Dabei ließ sie den soeben empfangenen Brief keinen Augenblick
-aus der Hand. Immer wieder überlas sie ihn und fuhr zuweilen sanft
-darüber hin, als ob sie etwas Liebes streicheln wolle. Endlich blieb
-sie vor Eva stehen.
-
-„Meine alte, liebe Jugendfreundin mußte mich erst rufen, ehe ich mich
-zu ihr finde. Was hilft es, daß ich fest entschlossen war, diese Reise
-anzutreten? Da steht, daß sie sich längst nach mir gesehnt hat und mich
-nur nicht früher zu rufen wagte, weil sie Rücksicht auf mein Herzleiden
-nehmen wollte. Wenn ich nun zu spät käme.“
-
-Ehe Eva etwas darauf erwidern konnte, las sie das Schreiben vor:
-
- „Wundere Dich nicht, meine liebe Hanna, daß ich mit Blei schreibe
- und daß der Umschlag fremde Handzeichen -- nämlich diejenigen einer
- liebevollen Pflegerin -- trägt. Es geht mir nicht gut. Ich hatte
- vor einigen Wochen den Fuß gebrochen und war seitdem zu strenger
- Ruhe verurteilt. Alles schien einen günstigen Verlauf zu nehmen,
- bis eine Lungenentzündung hinzutrat, die mir viel Schmerzen macht.
- Zwar bin ich stets, wie Du weißt, ein harter Mensch gewesen, aber
- man kann doch nichts voraussagen.
-
- Ich habe Sehnsucht nach Dir, Hanna, und würde mich innig freuen,
- wenn Dir Deine Gesundheit endlich gestattete, zu mir zu kommen. In
- diesem Fall telegraphiere ausführlich. Du wirst dann von meiner
- Pflegerin, die nachmittags stets ein Stündchen spazieren gehen muß,
- auf dem Bahnhof erwartet und in mein Haus geleitet werden.
-
- Deine alte treue
-
- Maria Wunsch.“
-
-Dann sagte sie eilig und fest:
-
-„Bringen Sie mir sogleich das Kursbuch, Eva, und beauftragen Sie
-Pauline, daß sie den kleinen Handkoffer herunterschafft. Das
-weitere besprechen wir, sobald ich das Telegramm mit der genauen
-Ankunftsbestimmung fertig habe.“
-
-Eva von Ostried legte die Hand bittend auf den Arm der Präsidentin.
-
-„Sie dürfen unmöglich reisen! Denken Sie daran, wie eindringlich
-Geheimrat Schwemann vor jeder Anstrengung und Aufregung gewarnt hat. --
-Wenn ich auch gelobe, daß Sie sich über keine meiner Vergeßlichkeiten
-ärgern sollen -- wenn ich selbst auf der Reise und während unseres
-Aufenthalts sehr tüchtig und umsichtig sein will -- so würde es doch zu
-viel für Sie werden.“
-
-„Ich glaube, Sie haben mich mißverstanden, Eva. Ich denke diesmal
-allein zu reisen. Sie werden daheim bleiben.“
-
-Das schöne, junge Gesicht wurde blaß vor Schreck.
-
-„Sind Sie unzufrieden mit mir? War ich auf der letzten Reise nicht
-liebevoll und aufmerksam genug? O, ich fühle es. Die unglückliche
-Theatergeschichte trägt die Schuld daran.“
-
-„Nein, mein Kind, die hat gar nichts mit meinem heutigen Entschluß zu
-schaffen. Ich war voll zufrieden mit Ihnen. Die kleine Episode, mit der
-mich allerdings betrübenden Heimlichkeit, kann nichts daran ändern.
-Der Grund ist ein anderer. Das Heim meiner alten Freundin ist eng und
-mehr als bescheiden. Nun bereits eine Pflegerin darin nächtigt und ich
-mich demnächst auch noch dazu finde, würde für Sie kaum ein Plätzchen
-bleiben. Und im Hotel? -- Ja, dann hätte ich wiederum nicht viel von
-Ihnen und meine gute, sorgsame Maria würde sich dauernd aufregen, weil
-sie so beschränkt in der Ausübung ihrer Gastfreundschaft sein muß. Nein
--- nein. Diese Unruhe müssen wir ihr ersparen. Erinnere ich mich recht,
-habe ich unterwegs irgendwo einen längeren Aufenthalt. Das stelle ich
-sogleich fest. -- Jedenfalls Zeit genügend, Ihnen ein Kärtchen zu
-schreiben, Aufzeichnungen, wie ich das auf jeder Reise zu tun liebe, zu
-machen und beschaulich die verschiedenen Tageszeitungen zu lesen.“
-
-„Tun Sie es nicht! Ich flehe Sie an,“ bettelte Eva von Ostried.
-
-„Diesmal bleibe ich fest. Sparen Sie jedes Wort. Eine freudige
-Sicherheit wie ich sie lange nicht mehr empfand, sagt mir, daß ich
-recht handle. Geht es mir trotzdem schlecht -- fühle ich mich ohne Ihre
-kleinen Hilfeleistungen, an welche ich mich allerdings gewöhnt habe, zu
-matt, werde ich Sie umgehend telegraphisch rufen. Das verspreche ich
-Ihnen.“
-
-Noch einmal machte Eva den Versuch zur Umstimmung.
-
-„Wenn Sie mir nur erlauben, daß ich Sie bis zu Ihrem Ziel begleite. Ich
-könnte sofort mit dem nächstmöglichen Zuge zurückreisen.“
-
-„Wie hilflos und hinfällig muß ich Ihnen erscheinen. Nein und zum
-letzten Mal, nein, Eva. Sie bleiben hier, helfen der guten Pauline beim
-Einlegen der Früchte -- schreiben mir fleißig und singen und studieren
-in der übrigen Zeit nach Herzenslust.“
-
-Da mußte Eva von Ostried sich fügen. Sie tat es langsam und
-widerwillig. Als die Präsidentin sie noch einmal zurückrief,
-hoffte sie auf eine Sinnesänderung. Es handelte sich aber um etwas
-Nebensächliches, das nichts an dem Beschlossenen änderte.
-
-„Noch schnell etwas über mein Reisekleid,“ sagte die Präsidentin
-frisch, „meine gute Maria liebte einst besonders ein schwarzes,
-schlichtes Seidenkleid an mir, das ich seit Monaten nicht mehr trug,
-weil es mir zu feierlich war. Sie finden es sorglich verpackt in
-der zweiten Bodenkammer in dem alten Schrank. Streng modern ist es
-natürlich längst nicht mehr. Gleichviel -- ich will ihr die Freude
-machen nach der langen Zeit darin unser Wiedersehen zu feiern. Sie wird
-daran auch merken, wie treu ich selbst das Kleinste und Unwichtigste
-aus unserm Verkehr im Gedächtnis bewahre.“
-
-Eva von Ostried wagte keine weiteren Einwendungen.
-
-Der ruhige, durchaus bestimmte Ton, in dem die Präsidentin gesprochen,
-ließ sie erkennen, daß auf dem bisherigen Wege keine Sinnesänderung
-zu erwarten stand. Ihr Herz klopfte in einer jäherwachten, ihr
-selbst unbegreiflichen Angst. Vielleicht würde die alte Pauline mehr
-ausrichten. -- Die treue Dienerin schüttelte den Kopf, als Eva ihr in
-hastigen Worten das Nötige mitteilte.
-
-„Sie hat es sich vorgenommen. Dagegen können wir nichts machen,“ meinte
-sie bedrückt.
-
-„Versuchen Sie doch wenigstens ihr abzureden, Pauline,“ bat Eva von
-Ostried eindringlich. „Wer so lange wie Sie mit ihr zusammen gewesen --
-ihr gedient -- sie umsorgt, und schließlich auch das Schwerste, den Tod
-ihres Gatten mit durchgemacht hat, der muß verstehen, wirkungsvoller
-als ich zu bitten.“
-
-Das faltige Gesicht senkte sich kummervoll.
-
-„Wie wenig kennen Sie unsere Frau Präsidentin noch, wenn Sie daran
-glauben. Ja -- käme es hierbei allein auf sie an. Wäre das eine Reise
-zur bloßen Erholung. -- Eigensinnig war sie nie und für ordentliche
-Ratschläge hatte sie immer ein offenes Ohr, auch wenn sie so ein
-einfacher Mensch gab, wie unsereins. Es geht aber um Jemand, dem sie
-gut ist und gegen den sie etwas wie ein böses Gewissen hat. Da ist sie
-nicht zu halten. Nein, Fräuleinchen, wir beide können bloß den lieben
-Gott innig bitten, daß er sie uns gesund zurückschickt.“
-
-Das sonderbar beklemmende Gefühl wollte Eva von Ostried nicht
-freigeben. Stärker wurde ihre Unruhe. Sie war fieberhaft fleißig, weil
-sie hoffte, ihre Gedanken dadurch abzulenken. Allein auch dies Mittel
-versagte. Schließlich, als sie mit den hauptsächlichsten Vorbereitungen
-zur Reise fertig geworden, setzte sie sich auf Frau Melchers besonderen
-Wunsch an den Flügel und begann deren Lieblingslied zu singen:
-
- Am Abend, wenn die Sternlein all
- Zum güldnen Tanz antreten,
- Dann falt’ ich fromm die Hände mein
- Um für Dein Glück zu beten..
-
-Mitten in den weichen, wundervoll reinen Tönen versagte ihre Stimme.
-Mit einem erstickten Schluchzen legte sie den Kopf auf die Tasten.
-
-„Was haben Sie, Kind,“ fragte die Präsidentin erschrocken.
-
-„Ich weiß es selbst nicht. Einmal vor langen Jahren war mir ähnlich
-zumute. Damals brannte in Waldesruh die gefüllte Scheune herunter und
-der Wind stand so ungünstig, daß alle ein Herüberspringen der Flammen
-auf unser Schloß fürchteten.“
-
-„Es ist aber letzten Endes glücklich bewahrt geblieben, nicht wahr?“
-
-„Ja -- wie durch ein Wunder!“
-
-„Sehen Sie wohl! Auf dies Wunder wollen auch wir hoffen. Das heißt, ich
-wüßte kaum, aus welcher Not es uns zur Zeit helfen sollte. Der heutige
-Tag hat Sie ungewöhnlich erregt, Evalein. Das ist verständlich. Es tut
-mir herzlich leid, daß wir ihn so wenig festlich und würdig zu Ende
-führen konnten.“
-
-Eva hob die tränennassen Augen zu der Gütigen empor.
-
-„Haben Sie mir wirklich jene Eigenmächtigkeit in Oeynhausen voll
-vergeben,“ fragte sie leise.
-
-„Ich will zugestehen, daß ich anfangs schwer darunter gelitten habe.
-Nun ist längst alles wieder gut. Lassen Sie sich sagen, daß ich Sie wie
-mein eigenes Fleisch und Blut liebe. Ja -- Eva, daran denken Sie stets.
-Nicht nur heute und morgen, sondern auch und besonders, wenn Sie einst
-ohne mich wandern müssen. -- Jetzt aber genug von diesen Dingen. Wir
-wollen uns nicht unnötig weich machen.“
-
-Da fühlte sich Eva endlich von dem unerklärlichen Alp befreit und
-jauchzte ein zartes Frühlingslied heraus. Die Präsidentin nickte
-lächelnd und dachte:
-
-„Wie weich und gut sie ist, trotz ihrer Fehler und wie liebenswert. --
-Warum habe ich mir so viel Sorgen um sie gemacht? Ein Blumengarten ohne
-Unkraut ist doch eine Unmöglichkeit. Ich werde mit Gottes Hilfe schon
-das Wuchernde mit Stumpf und Stiel ausrotten. -- Schwere Aufgaben sind
-allemal die lohnendsten.“
-
-Und sie strich in mütterlicher Zärtlichkeit heimlich über Eva von
-Ostrieds Aermel, ohne daß diese in ihrer begeisterten Versunkenheit
-etwas von der stillen Liebkosung merkte. Seit langen Jahren war der
-Präsidentin nicht so leicht und glücklich zu Sinn gewesen, wie in
-dieser Stunde.
-
- *
-
-Um elf Uhr am nächsten Vormittag war die Abreise endgültig festgesetzt.
-Die alte Pauline hatte es sich nicht nehmen lassen, trotz der Abwehr
-der Präsidentin einen riesigen Strauß bunter Astern und letzter Rosen
-zu binden. Sie war gerade damit beschäftigt, ihn an die Schirmhülle zu
-befestigen, als die Glocke der Gartenpforte anschlug.
-
-„Wir dürfen jetzt keinen Besuch annehmen,“ flüsterte Eva von Ostried
-der Getreuen zu. „Die letzte Stunde muß Frau Präsidentin möglichst
-ruhig verbringen. Hören Sie nur, wie stürmisch geklingelt wird.“
-
-„Ich lasse keinen rein, Fräuleinchen; es sei denn der Geldbriefträger.“
-
-Es war aber nur ein einfach aussehender älterer Mann in der Tracht
-eines schlichten Bauern. Anfangs begriff er nicht, daß es Leute geben
-sollte, die einem Unbescholtenen den Eintritt verwehrten. Als sich aber
-die Pforte durchaus nicht vor ihm öffnen wollte, wurde er zornig.
-
-„Denken Sie vielleicht, ich wäre eigens aus dem Oderbruch hergekommen,
-um mich von Ihnen wieder wegschicken zu lassen, als wollte ich betteln.“
-
-Die alte Pauline suchte ihn zu besänftigen.
-
-„Nehmen Sie doch endlich Vernunft an. Ich sage Ihnen zum letzten
-Mal, es geht eben heute nicht. Unsere Frau Präsidentin will gleich
-verreisen. Eigentlich darf sie gar nicht, weil ihr Herz nicht in
-Ordnung ist. Darum muß sie wenigstens, bis der Wagen kommt, ganz still
-liegen.“
-
-„Das kann sie meinetwegen ja auch,“ murrte der Bauer. „Wenn Sie denken,
-daß ich sie aufregen tue, irren Sie. Was ich von ihr will, macht bloß
-Freude.“
-
-„Warten Sie einen Augenblick,“ meinte Pauline, durch sein zähes
-Ausharren unschlüssig geworden, „ich rufe mal schnell das Fräulein
-heraus. Die wird Ihnen das alles besser klar machen.“
-
-Eva bemühte sich trotz ihrer ärgerlichen Ungeduld, die sich beim
-Anblick des Hartnäckigen steigerte, möglichst sanft zu sein.
-
-„Wirklich, lieber Mann, es geht nicht. Kommen Sie nach ein paar Wochen
-wieder oder -- schreiben Sie an Frau Präsident, wenn Sie mich durchaus
-nicht in Ihre Angelegenheit einweihen wollen.“
-
-„Schreiben -- schreiben,“ echoete der Bauer. „Wenn ich hätt’ schreiben
-wollen, wäre ich erst gar nicht hergekommen. Ich befaß mich aber
-mit solchen neuen Moden nicht gern. Von Mund zu Mund -- von Hand zu
-Hand -- ist alles sicherer. Als ich vor zehn Jahren Frau Präsidentin
-unter meinem Dach hatte, haben wir auch nichts Schriftliches zusammen
-aufgesetzt. Sie hat zu mir gesagt: Sie sind ein rechtschaffener Mann.
-Ich hab’ Vertrauen zu Ihnen. Und hier ist das Geld --“
-
-„Geld wollen Sie also auch heute wieder von ihr, wenn ich Sie recht
-verstehe?“ forschte Eva von Ostried.
-
-Da riß die Geduld des Bauern vollends.
-
-„Ich bin der Tabakbauer Kleinschmidt aus dem Oderbruch, eine Meile von
-Schwedt, und brauch’ kein Geld mehr. Gott sei Dank. Und wenn Sie’s
-immer noch nicht wissen, merken Sie sich’s jetzt wenigstens. Ich bring’
-ihr Geld. Das, was ich ohne Schuldschein oder Hypothek als bloßes
-Darlehn auf mein Gesicht und meine beiden Hände hin mal gekriegt hab’.
-Ich hab’ noch nie bis heut erlebt, daß man einen, der Geld bringt,
-nicht rein läßt. Und nun bestellen Sie ihr das, wenn Sie nachher keinen
-Aerger haben wollen.“
-
-Das tat Eva nach kurzem Ueberlegen wirklich.
-
-Die Präsidentin erhob sich sofort.
-
-„Natürlich lassen Sie ihn nunmehr ungesäumt zu mir, Eva. Ich kann
-mir den Zorn dieses braven, tüchtigen Mannes sehr wohl vorstellen.
-Allerdings begreife ich vorläufig nicht, wie er mir jenes Darlehn
-ohne vorherige Aufkündigung einfach ins Haus bringen kann. Indes war
-die bisherige Art unseres Geschäftsabschlusses ja auch eigenartig und
-ungewöhnlich. Jedenfalls rufen Sie ihn mir!“
-
-Sie streckte dem Eintretenden freundlich die Hand entgegen.
-
-„Nichts für ungut, lieber Kleinschmidt. Sie haben wohl gemerkt, daß
-die, welche ich als die Meinen bezeichnen muß, weil sie treu für mich
-sorgen, überängstlich sind. Sehen Sie’s ihnen nach. Ich muß das täglich
-ertragen und noch dazu mein allerfreundlichstes Gesicht machen. Sie
-werden doch nur sehr kurz davon betroffen.“
-
-„Ich an Ihrer Stelle würde sie schön auf den Trab bringen, Frau
-Präsident.“
-
-„Möchte ich auch mehr als einmal besorgen, lieber Kleinschmidt.
-Aber -- ich fühle, daß ich sie notwendig habe und nehme deshalb die
-gelegentlichen kleinen Uebertreibungen geduldig in den Kauf. -- Ich
-will verreisen, wie Sie natürlich schon gehört haben. Sie sind mir also
-nicht böse, wenn ich Sie nicht zu längerem Verweilen nötigen kann.“
-
-Er zog umständlich eine dicke Brieftasche hervor.
-
-„Als es mir damals so schlecht ging, weil uns die beiden Staatskühe
-fielen und der Nachbar mich mit dem Wechsel betrogen hatte, wollte ich
-mich aus der Welt machen.“ Die Präsidentin legte die Finger an die
-Lippen.
-
-„Nicht mehr dran rühren, Kleinschmidt. Es ist ja alles wieder gut
-geworden.“
-
-„Ist es auch! Ich hab’ mich langsam rausgebuddelt, weil es eben doch
-noch einen guten Menschen gegeben hat, woran ich nicht mehr glauben
-wollte.“
-
-„Es gibt deren Viele,“ versuchte sie ihn abzulenken, aber er beharrte
-eigensinnig bei seinem Thema.
-
-„Nee -- bloß einen. Dabei bleib’ ich. Jede andere feine Dame hätt’
-sich wohl halb zu Tode geschrien, als sie sah, daß sich ein alter
-Nichtsnutz, bei dem der blaue Vogel überall hinflog, das Leben nehmen
-wollt’. Zum mindesten wäre sie bestimmt auf die Dorfstraße gelaufen und
-hätt’s bekannt getan. -- Sie haben bloß still meine Hände gestreichelt
-und geweint. Und sind die ganze Nacht bei mir geblieben und haben immer
-getröstet. -- Und am nächsten Morgen nahmen Sie ein Buch aus der Tasche
-und fragten, wieviel ich nötig hätt’.“
-
-„Hören Sie auf, Kleinschmidt. Es peinigt mich wirklich.“
-
-„Sie sagten ja, Sie wären Geduld gewöhnt, Frau Präsident. Ich muß Ihnen
-das mal so richtig klar machen, -- Sie haben mir viel Geld gegeben
-und kannten mich doch bloß als einen, der ein luftiges Zimmer für --
-weiß Gott, genug Geld an Sie abvermietet hatt’. -- Das hat mir erst
-richtig das Leben gerettet. Nun konnt’ ich mich nicht mehr wegstehlen.
--- Sie mußten Ihr Geld zurückhaben. Und hier ist es! -- Auf Heller und
-Pfennig. Die letzten Zinsen sind auch beigepackt.“
-
-Umständlich begann er die zerknitterten Scheine auf den Tisch zu
-zählen. Sie machte eine entsetzte Bewegung.
-
-„Wo soll ich jetzt mit dieser Summe bleiben? Sie sehen, ich stehe im
-Begriff, eine Reise anzutreten. Mitnehmen mag ich sie nicht. Sie daheim
-im Schreibtisch zu belassen, ist mir zu ängstlich, wennschon ich bisher
-vor Dieben bewahrt geblieben bin.“
-
-Er wußte ihr keinen Rat. Es blieb ihm unverständlich, daß bares, gutes
-Geld unwillkommen sein konnte.
-
-„Nehmen Sie es wieder mit, Kleinschmidt, und bringen oder schicken Sie
-es mir per Post ein paar Monate später. Selbstverständlich berechne ich
-Ihnen für diese Zeit keine Zinsen.“
-
-Er schüttelte energisch den Kopf.
-
-„Nee, Frau Präsident, das mach ich nicht! Behalten Sie es man. Wer so
-ein schönes großes Haus besitzt, hat auch Keller und Schlupfwinkel, wo
-es vor dem lichtscheuen Gesindel sicher liegt.“
-
-Er lächelte schlau. Sie erkannte, daß es zu viel Zeit nehmen würde, um
-ihn zu überzeugen und begann mechanisch die Scheine nachzuzählen.
-
-„Es stimmt natürlich,“ sagte sie. „Zwölftausend Mark und
-zweihundertvierzig als halbjährige Zinsen. Wissen Sie, dies Geld
-schwebt eigentlich gänzlich in der Luft. Ich habe es nicht mal
-ordnungsmäßig gebucht. Wären Sie, trotz Ihres mir bekannt gewordenen
-Fleißes nicht in die Lage gekommen, es zurückzuzahlen, hätte ich es
-Ihnen einfach geschenkt.“
-
-In sein verwittertes Gesicht stieg die Röte der Scham.
-
-„Schenken mag wohl leicht sein, Frau Präsident. Das Nehmen ist ein
-sauer Ding. Ich wär’ mein Leben nicht mehr froh geworden. -- Die
-Tochter hat auch gesagt: „Vater, wir wollen uns ran halten, daß der
-Tisch klar wird.“ Sie wissen wohl, ihr geht es gut. Der Mann ist
-nüchtern und flink und die vier Kinder tun schon manchen Handschlag in
-der Wirtschaft. -- Nun will ich aber nicht länger aufhalten.“
-
-Sobald er gegangen war, rief die Präsidentin Eva von Ostried herein,
-deutete auf das noch ausgebreitete Geld und sagte eilig:
-
-„Das hat er mir soeben zurückgezahlt. Es kann natürlich nicht im Haus
-bleiben. -- Die Einbrüche in der Nachbarschaft mehren sich. Bringen Sie
-es sofort auf die Bank, liebe Eva. Wie günstig, daß wir sie gleich an
-der nächsten Ecke haben. Sie wissen, ich bin durchaus keine ängstliche
-Natur. Nach den jüngsten Erfahrungen unserer Bekannten, denen die
-leichtsinnig im Schreibtisch aufbewahrte Summe gestohlen wurde, ohne
-daß der Dieb bisher zu ermitteln gewesen, würde mir aber der Zwang
-hierzu die ganze Reise verderben. Geschenke mache ich über alles gern.
-Nur eine Unachtsamkeit, aus welcher ein verdienter Verlust käme, würde
-ich mir schwer vergeben.“
-
-Eva hatte bereits den Hut aufgesetzt.
-
-„Und ich würde vor lauter Angst und Verantwortlichkeitsgefühl keine
-Minute ruhig schlafen können,“ gestand sie. -- Im Laufschritt eilte sie
-durch den Vorgarten und stand nach wenigen Minuten vor dem stattlichen
-Gebäude der Großbank. Ihre Hand lag schon auf der eisernen Klinke neben
-der schweren zurückgeschobenen Schutzrollwand, als ihr Blick auf eine
-Mitteilung fiel, die in der Mitte der Tür angebracht war:
-
-Heute wegen Revision der Kassen geschlossen. Einen Augenblick stand
-sie wie erstarrt. Dann, als die Uhr irgend einer öffentlichen Anstalt
-schlug, ward sie mit Schrecken inne, daß in einer halben Stunde die
-Fahrt zum Bahnhof beginnen müsse. Krampfhaft die kleine Ledertasche
-umklammert haltend, eilte sie zurück.
-
-Was sollte nun mit dem Geld geschehen? -- Durfte sie zugeben, daß sich
-die Präsidentin beunruhigte? Ja mehr als das -- daß sie bei ihrem stark
-entwickelten Gefühl zur Ordnung und Vorsicht keinen Augenblick von
-dem quälenden Gedanken an den aufgezwungenen Leichtsinn befreit sein
-würde. Immerhin -- es half nichts! Gemeinsam wollten sie ein möglichst
-sicheres Versteck heraussuchen. Vielleicht wußte die alte Pauline gar
-einen eisernen Kasten, den sie nach dem Muster mißtrauischer Altvordern
-etwa im Keller vergraben könnten. Als sie sich dies ausmalte, mußte
-sie lachen. Das befreite sie von allem Bangen. Ein neuer Gedanke kam
-ihr, wurde kaum geprüft, sondern sogleich als der einzig mögliche
-Rettungsweg empfunden. War es nicht geradezu ihre heilige Pflicht,
-der herzensguten Präsidentin und zweiten Mutter diese ihr plötzlich
-durchaus nicht übertrieben erscheinende Sorge abzunehmen? Als sie die
-Villa erreicht hatte, wartete dort schon die zuvor bestellte Droschke.
-
-„Es ist ja noch viel zu früh,“ rief sie dem Lenker zu. Der schwippte
-als Antwort nur mit der Peitsche. Erst als sie, lauter und
-ungeduldiger, ihre Worte wiederholte, ließ er sich zu einer knappen
-Erwiderung herbei.
-
-„Meinem Fuchs is et all zu spät und auf den Fuchs kommt et ganz alleen
-an, Fräulein.“ Das allerdings mußte sie zugeben. Die Präsidentin
-erwartete sie -- fertig zum Einsteigen -- bereits voller Ungeduld.
-
-„Nun, ist alles erledigt, Eva?“ Ein leises Rot stieg bis unter die
-lockigen, braunen Haare in die weiße Stirn.
-
-Eine Sekunde blieb die Antwort aus. Ihre Augen hielten dem forschenden
-Blick nicht stand. Ein jäher Widerwille gegen die beabsichtigte Lüge
-stieg in ihr auf. Aber die sichtliche Unruhe der Präsidentin beendete
-ihr kurzes Schwanken. Sobald die Bank wieder geöffnet würde, kam ja
-doch alles in Ordnung...
-
-„Ja, es ist ordnungsmäßig eingezahlt.“ Dann zeigte sie, scheinbar
-empört, nach draußen: „Hören Sie nur den alten, unfreundlichen
-Kutscher. Jetzt beginnt er, so laut er nur kann, auf uns zu schelten,
-weil wir seinen Fuchs warten lassen und jetzt -- halt -- halt -- Mann
--- wir kommen ja schon.“ War er wirklich im Begriff gewesen, ohne sie
-davon zu fahren, wie sie es der erschrockenen Präsidentin zurief?
-
-Leichtfüßig sprang sie als Erste in den Wagen, half der Präsidentin
-fürsorglich hinein, während die alte Pauline, bedächtig und kräftig
-mit beiden Armen nachschob, nickte noch einmal freundlich den
-Rückbleibenden zu und sprach alsdann mit drolligem Eifer, allerhand
-unwichtige Kleinigkeiten fragend, auf die Präsidentin ein.
-
--- -- Schön war’s doch, dies Alleinsein!
-
-An dem Gefühl, das wider Willen über Eva von Ostried kam, als sie vom
-Bahnhof zurückgekehrt, in die hohen Zimmer eintrat, merkte sie, wie
-streng eingeteilt sonst ihr Tag sein mußte. Mit unbeschreiblicher Wonne
-warf sie sich in den bequemsten Lehnstuhl und summte ein Lied vor sich
-hin.
-
-War die Präsidentin auch engelgut -- empfand sie selbst eine nie
-verlöschende Dankbarkeit für sie daran, daß diese beliebig über
-ihre Zeit verfügen konnte und natürlich auch verfügte, änderten
-diese Gefühle nichts das Geringste. Eva von Ostried wußte plötzlich,
-wie heiß ihr Sehnen -- nicht zuletzt nach dem verlorenen Recht der
-Selbstbestimmung -- die ganze Zeit gewesen war. Mit einem Schauer
-des Entsetzens gedachte sie ihrer beiden erste Stellen, die sie,
-nach dem Tod des Gönners, sofort anzunehmen gezwungen war. Zwar hatte
-ihr der Amtsrat Wullenweber, dem sie von dieser Veränderung Kenntnis
-geben mußte, vorübergehend seine Gastfreundschaft geboten, „wenn
-sich durchaus nicht schnell ein anderer Ausweg finden lasse,“ aber
-der Gedanke, aus dem warmen, mit feinstem künstlerischen Geschmack
-eingerichteten Heim des verstorbenen Meisters in sein ihr kahl
-und ungemütlich in Erinnerung lebendes Haus, als eine nur ungern
-Geduldete, unterzuschlüpfen, dabei jeden Augenblick die tiefroten
-Türme des alten Waldesruher Schlosses in der Nähe zu sehen -- hatte
-etwas Unerträgliches für sie gehabt. Lieber ließ sie sich von einer
-anspruchsvollen, ungerechten Herrin bis an die Grenze ihrer Kraft
-quälen -- bis sie es eines Tages dann doch nicht länger ertragen konnte
-und weiterzog, zur nächsten, bei der es ihr auch nicht viel besser
-erging.
-
-Nun waren die zahlreichen Wunden der kleinen, täglichen Nadelstiche
-längst verheilt. Sie lebte, umgeben von Nachsicht und Güte, bei der
-edelsten aller Herrinnen und dennoch -- -- War sie ehrlich mit sich,
-mußte sie zugeben, daß einzig der Gedanke an die Zukunft sie tapfer
-auf dem Wege kleinlicher Pflicht weiterlaufen ließ. Hätte sie keine
-Aussicht gehabt, sehr bald ihre geliebten Studien wieder aufzunehmen,
-wäre ihr vielleicht auch diese warme Stätte allmählich zur Hölle
-geworden. -- Mit geschlossenen Augen träumte sie sich in die Zeiten
-hinein, die nach dem Frühjahr ihrer warteten. Gewiß -- es würde viel
-Arbeit -- Kampf und Fleiß kosten. Unstreitig auch wiederum Tage geben,
-an denen sie am eigenen Können verzweifelte.
-
-Danach aber mußte die köstliche Erfüllung aller Sehnsucht kommen! --
-Sie hatte den Schatz in ihrer kleinen Handtasche völlig vergessen.
-Achtlos lag er auf dem Tisch, während sie mit leichtgeöffneten Lippen
-den köstlichen Duft der blühenden Huldigungen zu trinken schien, die
-ihrer in der goldenen Ferne harrten!
-
--- Um die dritte Nachmittagsstunde dieses Tages kam Ralf Kurtzig,
-der alte Meister und frühere langjährige Parsifal des Bayreuther
-Festtempels. Er beschäftigte sich am Feierabend seines Lebens damit,
-fleißig nach gottbegnadeten Talenten Umschau zu halten. So fand er auch
-im Hause des jüngeren Kollegen Eva von Ostried, die Vielversprechende.
-Zu spät hatte er, von einer langen Reise heimkehrend, den Tod des
-Kammersängers erfahren und die Pforten seines reichen, gastlichen Heims
-verschlossen gefunden. Sofort dachte er an Eva von Ostrieds Zukunft,
-denn ihre Mittellosigkeit war ihm bekannt geworden. Fieberhaft hatte
-er nach ihr gesucht. Aus rein künstlerischem Interesse, wie er es vor
-sich erklärte. In Wahrheit trieb ihn -- tief versteckt und von ihm
-selbst noch nicht erkannt -- ein spätes, leidenschaftliches Feuer.
--- Ihre Spur schien verweht. Er hockte im vierten Rang der Oper, um
-ihr zu begegnen. Weil sie Schuberts reine Kunst über alles geliebt
-hatte, versäumte er keinen dieser Liederabende. Es blieb vergeblich
--- bis er sie an der Seite der ihm durch eine reiche Schenkung an die
-Bühnengenossenschaft bekannten Präsidentin in einem philharmonischen
-Konzert wieder sah.
-
-So kams, daß er -- eingeweiht in Frau Melchers ihm zuerst grausam
-erscheinende Pläne -- ihr Lehrer wurde.
-
-Es gab kaum Jemand, der sparsamer mit seinem Lob umging, wie er.
-Darum blieb es auch das höchste Streben seiner wenigen Schüler ihn
-wenigstens nicht zum Tadel zu reizen. -- Heute lief ihm Eva wie ein
-ausgelassenes Kind entgegen. Die verhaltene Ehrfurcht vor seiner weisen
-Künstlerschaft war sprühender Daseinsfreude gewichen. Er empfand das
-sofort und freute sich heimlich daran.
-
-Der Mensch sprach in ihm vor dem Künstler. Das geschah selten.
-
-„Wie schön sie ist,“ mußte er denken und weiter, „die wundervolle
-Herbheit, von der sie selber nichts ahnt, wird ihr den Weg, den sie
-gehen muß, nicht leicht machen.“ Er fühlte, verwundert, daß ihn
-diese Gewißheit verjüngte, verlor eine Sekunde die kühle, sichere
-Ueberlegenheit und beschattete die Augen, als blende ihn das rote
-Licht, das ungehindert durch die Bogenfenster der Diele in das
-Musikzimmer quoll. Dann hatte er sich wieder in der Gewalt und sagte in
-dem spöttelnden Ton, mit dem er jede warme Regung bestrafte:
-
-„Ihr alter Gralhüter meldete bereits, daß die hohe Herrin dieses
-Zauberschlosses verreist sei. Sie murmelte daneben noch allerlei von
-Früchten und Beeren, die Ihre tätige Mitwirkung verlangten.“
-
-Sie sah mit bittenden Augen zu ihm auf.
-
-„Sie sind mir noch ein Geburtstagsgeschenk schuldig,“ bettelte sie.
-
-„So --“ machte er gedehnt, „seit wann denn?“
-
-„Seit gestern.“
-
-„Schade -- sonst hätte man es als verjährt bezeichnen können.“ Und mit
-einem Augenzwinkern, als blende ihn immer noch der rote Schein, setzte
-er hinzu: „Wonach geht also Ihres Herzens Wunsch?“
-
-„Ich bin volljährig geworden, Meister. Da darf ich heute unbescheiden
-sein.“
-
-„Verlangen Sie immerhin. Die Erfüllung steht ja bei mir.“
-
-„Sie müssen mir etwas vorsingen.“
-
-„So -- das muß ich?“ -- In kindlicher Zutraulichkeit griff sie nach
-seiner schlanken, weißen Rechte.
-
-„Ich habe mich den ganzen Vormittag darauf gefreut.“
-
-„War es nicht anmaßend, die Bitte schon als erfüllt zu betrachten?“
-
-„Vielleicht! Sie haben ja aber oft genug betont, daß der Bescheidene
-zwar sehr angenehm, aber doch durchaus unbrauchbar für das praktische
-Leben wäre.“
-
-„Ja -- was soll es denn sein?“
-
-„Parsifals Lied aus dem zweiten Aufzug,“ bat sie mit dem Ausdruck der
-Sehnsucht in Augen und Stimme:
-
- Auf Ewigkeit
- Wärst Du verdammt mit mir
- Für eine Stunde
- Vergessen meiner Sendung
- In Deines Arms Umfangen.
-
-Sein Gesicht hatte wieder den steinernen Ausdruck, um dessentwillen ihm
-viele der früheren Kollegen die Seele abgesprochen hatten.
-
-„Wir reden später noch darüber,“ meinte er kurz. „Vorerst heißt es
-fleißig sein. Beginnen Sie also --“
-
-Wie ein gehorsames Kind fügte sie sich. Die wundervolle Stimme klang
-weich und voll, aus jedem Ton der Uebung. Trotzdem war er nicht
-zufrieden. Kurz und scharf rügte er und verlangte Wiederholungen.
-Für jemand, der seine Art nicht kannte, hätte es leicht den Anschein
-erwecken können, als sitze er um des täglichen Brotes willen neben
-einer Schülerin, die zu unterrichten ihm nicht den geringsten Spaß
-bereitete. Und doch sonnte sich auch heute sein künstlerisches
-Empfinden an dem strahlenden Glanz dieses gesegneten Talents. Er quälte
-sie mit Vorsatz, um zu prüfen, ob auch danach noch ihr leidenschaftlich
-geäußerter Wunsch um Erfüllung bäte oder ob sie in leisem Gekränktsein
-sich von ihm abwende. --
-
-Sie tat es nicht.
-
-Kaum hatte er durch ein Nicken zu verstehen gegeben, daß die
-eigentliche Stunde zu Ende sei, als sie ihn auch schon -- mit gänzlich
-verändertem Ausdruck -- an die Erfüllung seines Versprechens mahnte.
-
-„Das verheißene Reden über meine Bitte schenke ich Ihnen, Meister,“
-sagte sie und lächelte schalkhaft.
-
-Er sang ihr wirklich die nachträgliche Festgabe!
-
-Sie hockte in einem Winkel und hatte den Kopf auf die verschränkten
-Arme gelegt, damit er nicht die Tränen sehen sollte, welche ihr das
-höchste Gefühl der Andacht erpreßte. Er sah sie aber dennoch und freute
-sich auch dessen. -- Sie wußte nicht, wie lange dies Weihespiel gewährt
-hatte. Die strahlende Sonne war blaß geworden. Ein leichter Dunst von
-Müdigkeit ließ die leuchtenden Farben des Herbstes matter erscheinen.
-
-Wie ein reichgewesenes, nunmehr erfülltes Leben wartete dieser Tag
-seinem Sterben entgegen. Es war still zwischen ihnen geworden. Sie kam
-aus ihrem Winkel heraus, setzte sich stumm an den Platz, den er soeben
-verlassen und sang ihm den Dank.
-
- Ich will wiegen Dich, ich will wachen....
- Knabe saß auf der Mutter Schoß
- Spielten zusammen, bis er groß....
-
-Lebenserfüllung auch hier! Das Lied der Solveig, das einen wandermüden
-Sturmgesellen endlich erlöst!
-
-Der Meister regte sich nicht. Sterbensfrieden segnete Raum und Zeit.
-
-Das wundersame Erzittern, das die Kunst dem Reinen schenkt, feierte
-sein Auferstehen.
-
- Ich will wiegen Dich und wachen
- Schlaf und träume, Du Knabe mein
-
--- -- Die Wirklichkeit regierte wieder! --
-
-„Wenn der Drache und der gesegnete Obstgarten nicht wären, würde ich
-Sie jetzt in das Deutsche Opernhaus mitnehmen,“ sagte Ralf Kurtzig, als
-sie verstummt war. -- Und das war sein Dank. -- „Es wird heute Carmen
-gegeben -- mit der Olitava als Gast.“
-
-Eva von Ostried jubelte hell auf.
-
-„Die alte Pauline erlaubts von Herzen gern, denn -- im Vertrauen --
-eine große Hilfe bin ich ihr doch nicht und -- gestern -- war -- ja --
-mein Geburtstag.“
-
--- -- Sie saßen im Hintergrund einer Loge und lauschten mit verhaltenem
-Atem. Das Lied blutroter Leidenschaft flammte und brannte sich in
-das Herz des Einen -- Und das war nicht das junge -- Die heiße
-Teufelin triumphierte über den sanften, blonden Engel. Das edle,
-scharfgeschnittene Gesicht des Fünfzigers erschien um Jahrzehnte
-verjüngt. Seine tiefen, machtvollen Augen bohrten sich in Evas Gesicht
--- machten sie einen Herzschlag lang verwirrt -- erinnerten aber im
-nächsten Augenblick an zwei andere -- -- damals in Oeynhausen. Sie
-mußte wieder an Paul Karlsens gestohlene Zärtlichkeit denken, für die
-sie eine Zeitlang nicht mehr den früheren Zorn aufzubringen vermocht
-hatte. -- Jetzt begriff sie ihr zur Milde gewandeltes Urteil nicht.
-Ein eigentümliches, fremdes Gefühl hatte sie gepackt. Sie wehrte sich
-in schauderndem Auflehnen gegen das Empfangen und Erwidern aller
-gespielten Leidenschaft -- und verurteilte diese Regung doch, ohne sich
-davon zu befreien, als die Wahnvorstellung einer engen Seele.
-
-Ob sie auf der Bühne überhaupt jemals davon loskam?
-
-Die scheue Reinheit ihrer Mutter lebte in ihr auf. -- Angst und Zorn
-verflogen indes wieder. Sie schloß die Augen, lauschte den Klängen und
-fühlte sich bald wunschlos glücklich -- --
-
-Gegen elf Uhr war sie daheim. Die alte Pauline saß noch vor dem
-aufgeschlagenen Bibelbuch auf der Diele. Eva begann zu schelten:
-
-„Sie sollten längst zur Ruhe sein, Pauline! Die letzten beiden Tage
-waren ohnehin viel zu anstrengend für Sie!“
-
-„Ich hätte heute doch nicht schlafen können, Fräuleinchen. Meine
-Gedanken springen zu wild.“
-
-„Sie ängstigen sich natürlich um unsere liebe Herrin, nicht wahr?“
-
-Die Alte nickte kummervoll.
-
-„Seit ein paar Stunden sehe ich überall ihr Gesicht und das sieht aus,
-als wenn sie unzufrieden mit uns wäre. -- Wir hätten sie doch nicht
-weglassen dürfen.“
-
-„Was wollten wir dagegen machen, Pauline? Sie hielten ja selbst jede
-Gegenmaßregel für umsonst.“
-
-„Man hätte hinter ihrem Rücken zu Herrn Justizrat schicken müssen.“
-
-„Haben Sie vergessen, daß der mit hohem Fieber zu Bett liegt?“
-
-„Schreiben hätte er ihr wohl können.“
-
-„Quälen Sie sich nicht länger. Morgen früh werden wir eine Karte haben,
-die uns erzählt, daß sie uns gar nicht nötig hat. Oder -- vielleicht
-telegraphiert sie uns sogar ihre glückliche Ankunft.“
-
-„Wenn ihr unterwegs was passiert wäre, Fräuleinchen.“
-
-„Sie sind schrecklich, Pauline. Ich werde nun auch keine Ruhe finden
-können.“
-
-Die Treue malte sich mit selbstquälerischer Gründlichkeit allerhand
-furchtbare Möglichkeiten aus.
-
-„Denken Sie doch, wenn sie ihren Herzkrampf bekäme und Niemand wüßte,
-wer sie wäre und wohin sie gehörte.“
-
-„Darüber beruhigen Sie sich. Ihr Handtäschchen enthält ihre genaue
-Adresse. Darunter steht mein Name mit der Bemerkung, daß jede
-Mitteilung an mich zu richten wäre.“
-
-„Verlangte sie das ausdrücklich, Fräuleinchen?“
-
-„Natürlich. -- Sie wissen ja, wie gut sie alles bedenkt.“
-
-„Wenn das nur kein trauriges Vorzeichen ist. -- Sie hat gewiß schon
-irgend eine schwere Ahnung gehabt.“
-
-„Nein, Pauline. Auch die gesundesten Vorsichtigen unterlassen so etwas
-nicht. Ich selbst reise niemals, ohne meine ausführliche Adresse vorher
-aufzuschreiben.“
-
-„Mir wär sowas graulig. Gerade, als hätte man nur so auf das größeste
-Unglück gewartet. -- Hören Sie die Eule schreien, Fräuleinchen?“
-
-„Das tut sie bereits seit einigen Wochen um diese Zeit, Pauline.“
-
-„Ich höre sie heute wirklich zum ersten Mal. Wir nannten sie zu Hause
-den Totenvogel und zogen uns die schweren Federbetten über die Nase,
-weil wir uns fürchteten. -- Wenns doch bloß erst morgen wär.“
-
-Eva von Ostried wurde ungeduldig. In ihren Nerven schwang sich noch das
-Gold der Töne. Alles andere versank in einen Abgrund, um vielleicht am
-nächsten Tage, wenn die Sonne hell darüber schien, wieder bestimmte
-Form zu gewinnen.
-
-„Gute Nacht, Pauline,“ sagte sie. „Ich bin rechtschaffen müde.
-Gehen Sie endlich auch zur Ruhe. Dann wird sich Ihr Wunsch auf dem
-schnellsten und natürlichsten Wege erfüllen.“
-
-Das alte Mädchen konnte sich nicht dazu entschließen. Sie saß und
-betete immer die gleichen Worte aus dem frommen Lied ihrer Kindheit:
-
- Alle Menschen groß und klein
- Sollen Dir befohlen sein!
-
-Endlich bewegten sich die welken Lippen nur noch mechanisch. Der Kopf
-sank schwer auf die Brust herab. Sie träumte, daß ihre gute Frau
-Präsident ungeduldig nach ihr klingele und fuhr mit einem lauten Schrei
-aus dem unruhigen Schlaf empor.
-
--- -- Eva von Ostrieds tiefe, gleichmäßige Atemzüge bewiesen
-sehr schnell, daß Sorge, Gedanken und Freude in dem Schlummer
-beneidenswerter Jugend ausruhten. Sie vernahm nichts von dem
-anhaltenden Schrillen der kleinen Glocke an der Gartenpforte. Erst das
-Klopfen an die eigene Tür ließ sie auffahren.
-
-Die alte Pauline stand, mit einem Telegramm in der Hand, vor ihr. Und
-sie riß -- nun auch von einem sonderbar kalten Gefühl gepackt -- die
-blaue Verschlußmarke in der Mitte durch -- --
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-4.
-
-
-Es war -- doch -- nicht möglich! --
-
-Jeder Blutstropfen wich aus Eva von Ostrieds Gesicht. Ein eiserner
-Reif schien sich um Brust und Schläfe zu pressen. Sie stand plötzlich
-in der Mitte des Zimmers, suchte nach ihren Kleidern und fand nichts,
-als das Flimmern des Mondes, der überall seine Silbermünzen aufzählte.
-Ihre Glieder begannen so stark zu zittern, daß sie kraftlos auf einen
-Stuhle sank und den einzigen Wunsch hatte, die Hände der alten Pauline
-zu fassen, damit dies entsetzliche Grauen vor ihr wiche.
-
-Das alte Mädchen starrte auf das Telegramm, das zu Boden geglitten
-war. Die helle Nacht durchleuchtete jeden Winkel mit jenen silbernen
-Schlafenstunden, von denen die Präsidentin behauptete, daß sie auch den
-unruhvollsten Seelen den Frieden schenkten. Eine Ahnung, zu grauenvoll,
-um zu Ende gedacht zu werden, erschütterte die beiden Menschen.
-
-Da löste sich der Krampf eisiger Kälte in Eva von Ostrieds Seele in
-einem Schrei auf. Die Hände der alten Pauline tasteten das Blatt vom
-Boden empor. Mühsam buchstabierte sie Wort um Wort:
-
- Dame mit Ausweis Präsident Hanna Melchers, Grunewald und Ihrer
- Adresse soeben in Wartesaal 2. Klasse Herzschlag erlegen. Leiche
- zur hiesigen Halle überführt.
-
- Belgard a. Persante.
- Bahnhofsdirektion.
-
--- -- Es war immer noch Nacht. Das Warten auf das erste Morgengrauen
-wurde unerträglich. Auf dem Tisch aus heller Birke lag das Kursbuch,
-das Eva vergessen hatte, in die Handtasche der Präsidentin zu legen. Es
-war noch aufgeschlagen. Trotzdem fand sie nicht, was sie suchte.
-
-Und man mußte doch zu ihr!
-
-Sie saßen dicht beieinander und schwiegen. Nur einmal flüsterte die
-alte Pauline:
-
-„Sie wird auch wohl dies längst bedacht haben. Der Justizrat weiß
-sicher mit allem Bescheid.“
-
-Nun warteten sie darauf, daß man endlich einen Kranken, dessen
-Nachtruhe nicht gestört werden durfte, um Rat fragen konnte. -- Sobald
-im Osten der erste rosige Streifen den Morgen ankündigte, telephonierte
-Eva von Ostried in seine Privatwohnung. Er antwortete ihr selbst. In
-seiner Stimme war weder Entsetzen noch Staunen, als er es gehört hatte.
-
-„Sie haben alles zur Reise nach Belgard vorbereitet, Fräulein von
-Ostried? Das war überflüssig! Ich fahre selbst. Und zwar -- warten Sie
-mal -- so -- ich hab’s schon -- mit dem Vormittagszuge um 9 Uhr. Alles
-weitere später. Ich werde Ihnen von dort Nachricht geben.“
-
-Eva wagte eine Einrede.
-
-„Sie sind sicher noch krank, Herr Justizrat. Wird es Ihr Arzt
-erlauben?“
-
-Kurz und klar tönte seine Erwiderung:
-
-„Ich habe ihr dies versprochen, denn sie hat mit ihrem unerwarteten
-Tode stets gerechnet. Sie beide halten sich natürlich zu Hause, damit
-Sie jederzeit meine Nachricht sofort trifft.“ --
-
-Nun galt es wiederum zu warten!
-
-Eva saß zusammengekauert an dem Platz, von dem aus sie der Präsidentin
-deren Lieblingslieder gesungen hatte. Auf dem Flügel stand noch das
-Solveiglied von gestern.. Und durch das Entsetzen schlich sich die
-Ahnung, daß sie jetzt ganz frei war.
-
-Sie schämte sich, weil sie daran zu denken vermochte. Der Weg zur
-Kunst lag lockend vor ihr. Ihre Seele war sehnsüchtig und weich wie
-nie zuvor. Die scheue Ahnung wuchs schnell zur freudigen Gewißheit --
-und bepflanzte ihren Weg mit köstlichen Blumen. -- Sie dachte innig an
-die Tote und konnte doch bereits wieder das fordernde -- schöne Leben
-fühlen.
-
-Dagegen half keine heiß aufwallende Scham. -- Die Zukunft war rosenrot.
--- Das stille Gesicht der Toten mußte kalt und wachsbleich sein.
--- Eine neue Empfindung überkam sie. Wie sie wähnte, ganz rein und
-frei von allem Irdischen. -- Sie wurde davon vor dem Bild, das die
-Präsidentin als junge Frau darstellte, auf die Knie gezwungen. --
-Das kluge, gütige Antlitz erschien ihr wie das eines Vergebung und
-Verstehen auf sie herablächelnden Engels. Niemals glaubte sie die
-mütterliche Frau mehr geliebt und verehrt zu haben, wie in diesen
-Augenblicken!
-
-Die Empfindung stärkster Dankbarkeit löste ihr auch die ersten Tränen
-aus. Daß sie fortan frei und unabhängig sein durfte -- fern ab von
-der grausamen Not, die der Alltag bringen kann -- das war das Werk
-der Toten, von dem sie erst, als bestimmt beabsichtigt, in Oeynhausen
-Kenntnis erhielt. -- Während ihre Tränen unaufhaltsam rieselten, hörte
-sie Melodien, von denen kein anderes Ohr einen Laut vernehmen konnte.
-Und ahnte nicht, wie sehr sie -- mit diesem Ausdruck der Reinheit und
-Entrücktheit -- ihrer verstorbenen Mutter glich. Nur, daß jene allzeit
-ihre reiche Begabung vor fremden Augen wie ein köstliches Geheimnis
-verborgen gehalten, während ihre Tochter nach Anerkennung und Ruhm
-fieberte.
-
--- -- Die Schrecken des Todes waren überwunden. -- Der goldene Traum
-vom Leben war zu schön. -- Der ausdrückliche Wunsch der Präsidentin,
-neben dem Gatten, der in der Waldesruhe des Stahnsdorfer Friedhofes
-schlief, beigesetzt zu werden, hatte sich erfüllt. Die kleine, würdige
-Feier, von welcher -- ebenfalls nach der Bestimmung der Verblichenen
-ihren Bekannten erst am folgenden Tage Kenntnis gegeben werden durfte,
-war vorüber. Justizrat Weißgerber, noch blaß und matt von der kaum
-überstandenen Erkrankung, saß vor dem Schreibtisch der Präsidentin und
-hatte beide Hände auf die Schriftstücke gelegt, die er -- nach ihrer
-Bitte -- zur gründlichen Durchsicht mit in sein Heim nehmen wollte.
-
-„Nun sollen Sie auch endlich näheres über ihre letzte Stunde hören,
-Fräulein von Ostried,“ sagte er dabei zu Eva. „Ich mußte mich
-gestern kurz fassen. Die Zeit war karg bemessen. -- Sie wissen,
-daß sie einen ungefähr einstündigen Aufenthalt in diesem kleinen
-pommerschen Städtchen nehmen mußte. Kellner und Wirt berichteten mir
-übereinstimmend davon. Zuerst hat sie eifrig geschrieben, wie sie das
-auf Reisen gern tat. Wir sprachen einmal über diese ihre Angewohnheit.
-Sie meinte, mancherlei Vergessenes und Versäumtes käme auf diese Weise
-bei ihr zu seinem Recht. Briefe und Karten behaupteten freilich die
-Beiden hinterher nicht aufgefunden zu haben. Aber, sie kann ja auch
-das Geschriebene noch selbst in den Kasten gesteckt haben. Entfernt
-soll sie sich jedenfalls auf wenige Minuten haben. Kurz darauf hat sie
-einen leichten Herzkrampf gehabt. Die Frau des Bahnhofswirts hat ihr
-beigestanden und ihr auch eins ihrer Eigenzimmer zum Ausruhn angeboten.
-Das lehnte sie indessen ab. Nur ein Glas starken Weines soll sie sehr
-hastig getrunken haben. Offensichtlich tat ihr das wohl, denn sie hat
-bald darauf den Hilfreichen in ihrer uns zur Genüge bekannten gütigen
-Art gedankt und dem Kellner ein sehr reiches Trinkgeld gegeben, obschon
-sie noch eine kleine halbe Stunde bleiben mußte. Wenig später hat sich
-der Anfall wiederholt. -- Der Arzt wurde gerufen und hat nur noch ihren
-Tod feststellen können. Das andere wissen Sie ja.“
-
-Eva von Ostried tat mit zuckenden Lippen eine Frage:
-
-„Ob sie wohl noch -- sehr -- gelitten hat.“ -- Das Staunen über das,
-was der Jugend unfaßbar grausam erscheint, durchfror sie von neuem.
-
-Der Justizrat schüttelte den Kopf.
-
-„Sie hätten den Ausdruck des Friedens sehen müssen, der auf ihrem
-Gesicht lag.“ -- Dann fragte er und in seiner Stimme war ein Klang von
-Neugier:
-
-„Warum mochten Sie übrigens nicht neben Pauline sein, als der Sarg hier
-noch einmal geöffnet wurde, wie sie auch dies erlaubt hatte, wenn
-einer von Ihnen den Wunsch danach äußerte?“
-
-Eva von Ostried zögerte mit der Antwort.
-
-„Ich habe meinen toten Vater gesehen --“ Es klang wie das Geständnis
-von schwer überwundenem Grausen.
-
-„Ich glaube wohl, daß es kaum noch Jemand mit einem so geringen
-Schuldkonto, wie sie es hatte, geben kann,“ meinte er sinnend.
-
-„Sie sind überzeugt, daß der Friede in ihren Zügen daher gekommen sei?“
-
-„Ja -- das bin ich voll und ganz!“
-
-„Wie grausam ist auch dies. Das Leben lassen und alle Schuld --
-zusammengedrängt -- in letzter Stunde empfinden und bereuen zu müssen,“
-sagte sie schaudernd und dachte dabei wiederum an ihren Vater, dessen
-Qual nicht zu Ende hatte kommen können.
-
-Er zuckte mitleidslos die Schultern.
-
-„Einmal rächt sich eben alles! -- Das ist der Trost von uns Juristen,
-wenn wir lediglich mit dem Beweis unserer starken Ueberzeugung belasten
-können. -- Nun muß ich aber zu meiner Arbeit. Mein Bürovorsteher ist
-verzweifelt. Stöße von Akten warten auf mich.“
-
-Sie hielt ihn nicht zurück, obgleich ihr schwere Fragen auf den Lippen
-brannten. An der Schwelle wandte er noch einmal den Kopf nach ihr.
-
-„Sie hatte mich schon vor Jahresfrist gebeten, nach ihrem Tode
-möglichst unverzüglich den Antrag auf Eröffnung ihres Testaments zu
-stellen. Ich habe es also bereits veranlaßt. In ein paar Tagen hoffe
-ich, wird auch Ihnen Nachricht zugehen.“
-
-„Fräulein von Ostried, ich weiß nichts näheres, als daß sie sich
-mit der Absicht getragen hat, Ihnen in jeder Beziehung die Wege zu
-ebnen. Vielleicht wollte sie es mit mir an Ihrem letzten Geburtstag
-durchsprechen. Vielleicht erschien es so einfach, daß sie hierfür
-meinen Rat nicht brauchte. -- Jedenfalls -- machen Sie sich keinerlei
-Zukunftssorgen. Nicht wahr, Sie werden dann doch sofort mit aller Kraft
-Ihre Studien fortsetzen?“
-
-„Ja, Herr Justizrat, das beabsichtige ich zu tun -- denn auch mir hat
-sie in Oeynhausen von dieser Absicht gesagt.“
-
-„Wohin Sie sich zunächst wenden -- ob Sie, einer Bestimmung gemäß, noch
-in diesem Haus bleiben oder ob sie andere Wünsche gehabt hat -- nun,
-wir werden ja bald alles hören. -- Jedenfalls schon heute das eine,
-jederzeit bin ich für Sie da. Ich weiß, wie nahe Sie ihr standen.“ Und
-Eva von Ostried empfand es als ein unsagbares Glück, daß sie diese
-edle, gütige Frau wie eine Tochter geliebt hatte. -- --
-
-Vier Tage später kam die alte Pauline mit einem geöffneten Schreiben
-zu Eva von Ostried. Ihr Gesicht zeigte einen hilflosen und verlegenen
-Ausdruck, als sie ihr den großen Bogen hinreichte.
-
-„Bitte, lesen Sie sich das auch mal durch. Ich versteh’s nicht
-ordentlich. Damit muß doch eine andere als ich gemeint sein.“
-
-Eva tat ihr den Gefallen und nickte ihr am Schluß freundlich zu.
-
-„Es stimmt alles, Pauline. Sie sind nun reich!“
-
-Da begann das alte Mädchen bitterlich zu weinen. Und unter Tränen stieß
-sie heraus:
-
-„Mir ist so angst. -- Nein, nein, Fräuleinchen -- ich glaube nicht --“
-
-„Ich will es Ihnen langsam vorlesen, Pauline. Hören Sie zu. Dann klingt
-es wahrscheinlicher.“
-
-Sie stand mit andächtig gefaltenen Händen neben Eva von Ostried.
-
- In dem vorschriftsmäßig eröffneten Testament der verstorbenen Frau
- Hanna Melchers, verwitwete Landgerichtspräsident, fand sich die
- folgende Bestimmung, von der wir Ihnen hiermit Kenntnis geben:
-
- „Ich bestimme ferner, daß meine gute Pauline Müller, in dankbarer
- Anerkennung ihrer nahezu dreißigjährigen mir treu geleisteten
- Dienste bis zu ihrem Tode aus meinem Nachlaß monatlich die Summe
- von einhundert und fünfzig Mark erhält. Außerdem soll sie sich nach
- Ihrer Wahl die Möbelstücke für zwei Stuben aussuchen und alles
- dasjenige an Wäsche und Kleidern, was ihr zu besitzen wünschenswert
- erscheint.
-
- Mein Testamentsvollstrecker und Freund, Justizrat Dr. Weißgerber,
- möge freundlichst bei dieser Wahl an einem von ihm zu bestimmenden
- Tage zugegen sein --“
-
-Das alte Mädchen regte sich noch immer nicht. Sie war sehr rot und
-ihre Hände zitterten, trotzdem sie sie fest zusammengelegt hatte. Sie
-nahm langsam das Schreiben wieder an sich. Ihre Blicke suchten eine
-bestimmte Zeile, die ihr die wichtigste erschien. -- Schwerfällig
-buchstabierte sie, während ihr die Tränen über die Wangen liefen:
-
--- Meine gute Pauline Müller --
-
--- Eva von Ostried harrte seither einer ähnlichen Mitteilung. Sie war
-erstaunt, daß sie nicht mit der gleichen Post ebenfalls die amtliche
-Benachrichtigung empfangen hatte. Als der zweite Tag ereignislos zu
-Ende ging, wollte sie sich an den Justizrat wenden. Aber -- schon zum
-Ausgehen bereit -- empfand sie etwas wie Scham über ihre Ungeduld. Die
-Präsidentin hatte das Nichterfüllen von Versprechungen allzeit hart
-verurteilt. -- Wie durfte sie auch nur einen Augenblick Zweifel hegen?
-Der nächste Tag -- ja, vielleicht bereits die kommende Stunde -- würden
-auch sie beglücken.
-
-Mit fieberhafter Ungeduld widmete sie sich dem Aufräumen der Zimmer.
-Obgleich es ihr selbst sinnlos erschien, säuberte sie mit einer ihr
-sonst fremden, peinlichen Gründlichkeit jeden Winkel und vermied dabei
-dem Gedanken, der ihr wie ein Wahnsinn erschien, Raum zu geben.
-
-In der Nacht fand sie keinen Schlaf. Die Eule schrie wieder. -- Der
-Totenvogel, wie ihn die alte Pauline genannt hatte.
-
-Was aber konnte ihr noch Lebendiges geraubt werden?
-
-Das eine, große, letzte Hoffen, auf welches sich ihr Leben aufbauen
-sollte. Es duldete sie nicht länger im Bett. Sie erhob sich und riß die
-Fenster auf. Noch immer war Vollmond und silbernes Leuchten.
-
-Wenn ihr die Präsidentin jenes Hintergehen in Oeynhausen doch nicht
-vergeben hätte -- wenn sie erst noch abwarten wollte -- und wartete --
-bis -- es -- nun -- zu spät geworden?
-
-Sie sank am Fenster nieder und kühlte die heißen, zuckenden Finger am
-Glas der Scheiben. Das brachte sie zur Besinnung.
-
--- Es waren Hirngespinste schlafloser Stunden -- ohne Berechtigung. Ja
-mehr. -- Eine Beleidigung für die Beste und Fürsorglichste, die niemals
-etwas Beschlossenes versäumt hatte. --
-
-Sie begab sich wieder zur Ruhe und schlief nun traumlos und sanft, bis
-Pauline sie weckte.
-
-„Stehen Sie schnell auf, Fräuleinchen. Herr Justizrat ist da und will
-mit Ihnen reden.“
-
-Das kluge Gesicht des alten Juristen zeigte eine fremde Unsicherheit,
-als Eva von Ostried ihm gegenüberstand.
-
-„Wundern Sie sich nicht über mein frühes Erscheinen,“ versuchte er sich
-zu entschuldigen. „Ich hätte ebenso gut bereits gestern um diese Zeit
-bei Ihnen sein können. Aber, es war mir zu unfaßbar. Ich konnte und
-wollte es nicht glauben.“
-
-In ihr regte sich das Angstgefühl der verflossenen Nacht von neuem.
-
-„Was ist geschehen, Herr Justizrat?“ Er zögerte mit der Antwort.
-
-„Das Testament, wissen Sie --“ Er sah, wie sie erblaßte. Das gab ihm
-die Sicherheit zurück. „Ich habe vorgestern noch einmal darin Einsicht
-genommen. Es war mir freilich längst bekannt. Nach Besprechung mit Frau
-Präsident hatte ich es aufgesetzt. Ich erwartete aber einen noch nicht
-dem Wortlaut nach gesehenen Nachtrag -- in Form eines Zettels oder
-meinetwegen eines Briefes. -- Denn, es ruht noch nicht sehr lange beim
-zuständigen Amtsgericht. -- Ich fand nichts. -- Kurz -- Sie sind darin
-nicht bedacht, Fräulein von Ostried.“ Eine Weile wartete er geduldig
-auf eine Entgegnung. Sie schwieg. Er hatte die starke Empfindung, daß
-er ihr darüber forthelfen müsse, ohne indes das rechte Mittel zu kennen.
-
-„Ich habe Ihnen bereits gestern angedeutet, was ich aus ihrem Munde
-weiß. Eine harmlose Bemerkung allein ist das nicht gewesen. Sie bat
-mich damals auch, daß ich Ihnen zur Seite stehen möchte, wenn sie nicht
-mehr dazu imstande wäre. -- Was anders kann sie gemeint haben, als
-daß ich Sie auch bei Anlegung des von ihr Ererbten beraten möge? --
-Meine Erkrankung -- die Unmöglichkeit an dem Fest Ihrer Volljährigkeit
-zugegen zu sein. -- Vielleicht ihre Reise. -- Ja, das alles kann
-dazwischen gekommen sein. Und dennoch glaube ich auch jetzt an kein
-Aufschieben. -- Ich sage da vielleicht etwas Sinnloses. -- Ich müßte
-es eingesehen haben, daß irgend ein Zufall -- sie an der Ausführung
-gehindert hat. -- Gestern zog ich das noch überhaupt nicht in Betracht.
-Ich war sicher, daß sich unter den von mir aus ihrem Schreibtisch
-entnommenen Schriften eine Bestimmung zu Ihren Gunsten vorfinden mußte
---“
-
-Eva von Ostried hob den Blick. Ein entsetztes Fragen, das ihm ans Herz
-griff, lag darin.
-
-„Und Sie -- fanden -- es endlich?“ Die Kehle war ihm wie eingerostet.
-
-All diese Tausende und Abertausende -- Heime und Stiftungen bekamen
-sie -- gänzlich fremde, wenn auch bedürftige Menschen. Und diese hier
--- die sie geliebt, an der sie sich erfreut hatte -- die sollte leer
-ausgehen?
-
-Er riß sich zusammen. Es mußte doch geschehen.
-
-„Nein, ich fand nichts, Fräulein von Ostried.“
-
-Sie stand mit schlaff herabhängenden Armen vor ihm. Allmählich
-veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichts und wurde schreckhaft
-starr, als sähe sie ein Gespenst. -- Es war die Zeit, der sie
-entgegenging. -- Schwer hing sich die Freudlosigkeit an ihre Glieder
-und machte ihre blühende Jugend frühzeitig welk und alt. Alles Hoffen
-versank mit diesem Schlag. --
-
-Da war ein schnurgerader, sandiger Weg mit ungezählten spitzen Steinen.
-Den mußte sie gehen, weil es nach diesem keinen andern für sie gab. --
-Er tat sehr weh. -- Aber nur ihr Blut floß. Das Leben blieb.
-
-Sie wimmerte auf und wußte doch nichts davon. Dem alten Mann griff es
-ans Herz. Das lichte Bild seiner Freundin wollte sich verdunkeln.
-
-„Wenn ich ihr doch helfen könnte,“ dachte er grimmig.
-
-„Ich habe trotz meiner großen Einnahmen auch nur gerade so viel, als
-ich für mich und meine fünf Töchter brauche,“ sagte er in einem Ton,
-als schäme er sich dieser Wahrheit. „Sie wissen es durch unsere Tote.
--- Meinen beiden verwitweten Töchtern gebe ich die gesamten Mittel zur
-Fortführung ihres kinderreichen Haushalts -- sonst --“
-
-Sie hörte nur dies letzte Wort, das bedauerte, keine Almosen spenden zu
-können. Sie mußte also wie eine Bettlerin vor ihm stehen. Sonst hätte
-er das nicht zu sagen gewagt. -- Ihre Muskeln spannten sich langsam an.
-Ihre Augen wurden stahlhart. Sie fühlte alle Peitschenhiebe, mit denen
-der Alltag ihrer wartete, voraus und bäumte sich dagegen auf.
-
-„Ich besitze eigenes Vermögen, das mir der frühere Vormund durch Frau
-Präsident aushändigen ließ,“ sagte sie hochmütig. Eine Last glitt von
-seiner Brust. Sie hörte ihn aufatmen und mußte lächeln, weil er ihren
-Stolz so willig glaubte. --
-
-„Gottlob -- dann ist es ja doch nicht so hart, wie ich gefürchtet habe.“
-
-„Durchaus nicht. Keine Sorge um meine Zukunft, Herr Justizrat!“
-
-„Sie werden sich aber stets an mich wenden, wenn Sie irgend einen Rat
-gebrauchen sollten.“
-
-„Sehr gütig von Ihnen. Hoffen wir, daß ich in keinerlei böse Lagen
-gerate --“ Ihre sonst melodische Stimme klang fast schrill. Ihr Lächeln
-wirkte maskenhaft. Er fuhr mit dem Taschentuch über die hohe, kahle
-Stirn. „Ich möchte noch gleich mit der alten Pauline wegen der von ihr
-zu wählenden Sachen verhandeln --“
-
-Pauline war eigensinnig. Sie mochte von all den schönen, vielfarbenen
-Seidenkleidern der Präsidentin nur eins. -- Und gerade das unmodernste
-und älteste, worin sie gestorben war.
-
-„Anziehen werd’ ich’s natürlich nie,“ meinte sie, von neuem aufweinend,
-„denn sie hat’s noch mehr in Ehren gehalten, wie ihre andern --“
-
--- -- Eva von Ostried kniete vor der altertümlichen Kommode und raffte
-ihre Habseligkeiten zusammen. Ohne Ueberlegung warf sie alles in
-einen großen, sehr neu aussehenden Koffer. Die fieberhafte Ungeduld,
-möglichst schnell aus diesem Hause fortzukommen, trieb sie zur Eile.
-
-Sie wollte keinen Bissen Gnadenbrot weiter annehmen, keine Bettelgabe
-begehren. Während sie sich das stolz und trotzig vornahm, fiel ihr
-Blick auf das, was ihr gehörte. Eine glühende Röte überzog ihr
-Gesicht. Wozu spielte sie Versteck mit sich? War nicht alles, was sie
-besaß durch die Güte der Verstorbenen geschaffen? Hatten ihr nicht
-deren zarte Geschenke und das liebevolle Erspähen ihrer geheimsten
-Wünsche alles beschert? Was blieb ihr, wenn sie darauf freiwillig
-Verzicht leistete? -- Das Gefühl ihrer Ohnmacht gegenüber dieser
-Tatsache war so stark, daß sie nicht weiter schaffen konnte. Entsagung
--- Kampf und Armut lauerten überall auf sie als willkommene Beute. Denn
-was bedeuteten die armseligen tausend Mark Muttererbe?
-
-Sie mußte auflachen. Es klang grell und schaurig in diesem hellen,
-freundlichen Mädchenstübchen. -- Die Tränen schossen ihr in die
-Augen. Das weitere Leben war wertlos geworden. -- Und dennoch -- es
-fortwerfen, weil der goldene Traum der Künstlerhoffnung verwehrt war?
-
-Unmöglich! In den Adern pochte die Jugend. Allein die Vorstellung,
-sterben zu müssen, schuf schon ein wildes Wehren dagegen.
-
-Der sandige Weg mit den spitzen Steinen würde beschritten und -- zu
-Ende gelaufen werden! -- Ohne die geliebte Kunst!
-
-War das überhaupt auszudenken? -- Täglich fremden Launen zu dienen,
-stündlich Nadelstiche zu erdulden, bis alles Empfinden tot war?
-Amtsrat Wullenweber fiel ihr ein. Wenn sie ihn bitten würde? -- Es
-war Wahnsinn mit diesem Gedanken auch nur zu spielen. -- Auch Ralf
-Kurtzig, der alternde Meister, konnte ihr nicht helfen. Sie wußte durch
-die Präsidentin, daß er wohl Reichtümer eingeheimst, aber niemals
-aufzuspeichern verstanden hatte. Und ihr Studium war teuer. -- Die
-ersten Lehrkräfte waren notwendig. Die Weiterbildung auch des Gehörs
-durch den Besuch der besten Konzerte blieb Erfordernis. -- Gute und
-nahrhafte Kost, anständige Kleidung mußten auch sein -- -- Sie hatte
-erlebt, wie das Geld unter den Fingern zerrann. -- --
-
-Sie wollte alles begraben! -- Als sie meinte, daß mit diesem Vorsatz
-das Hauptsächlichste geschehen war, packten sie Verzweiflung und Jammer
-so heftig, daß sie aufschrie und sich über ihre Noten warf...
-
-Und doch -- wenn nur der erste Schritt getan war!
-
-Sie wurde nachdenklich -- vergaß die begonnene Arbeit, riß den Hut
-vom Haken und drückte ihn auf das Haar. -- Wenn sie hier fort wollte,
-mußte ein neuer Unterschlupf gefunden werden. -- Und fort wollte sie.
-Je früher, desto besser. -- Im Laufschritt eilte sie die breite, stille
-Straße hinunter. -- Wollte zu der Zweigniederlassung der von der
-Präsidentin bisher gelesenen Zeitung, um ein Gesuch nach einer Stellung
-aufzugeben -- vergaß dann aber sofort wieder diesen Vorsatz und eilte
-gedankenlos weiter, den wundervollen, schattigen Plätzen entgegen, an
-denen die prunkvollen Häuser der glücklichen Besitzer lagen.
-
-Die Welt war klar, satt und durstlos. An stillen Seitenstraßen schienen
-die jungen Buchen zu bluten, als verschenkten sie freudig ihren
-Lebenssaft. Unbeschreibliche Sehnsucht nach einem Menschen, der sie in
-dieser Stunde haltloser Verzweiflung voll verstehen könnte, überkam Eva
-von Ostried. Sie wußte sich Niemand!
-
-Ihre Schönheit hatte zu allen Zeiten glühende Bewunderer gefunden.
-Aber sie kannte sich selbst noch zu wenig, um schon zu wissen, daß
-sich lediglich ihre stark entwickelte Eitelkeit durch die unverhüllten
-Blicke der Leidenschaft befriedigt gefühlt.
-
-Wäre es anders gewesen, hätte sie damals unmöglich Paul Karlsens
-gestohlene Zärtlichkeit als eine unerhörte Beleidigung empfinden
-können. Ihr Herz war bisher völlig unberührt geblieben. Ihre
-Frauensehnsucht suchte indessen unbewußt -- an den lauten Huldigungen
-vorbei -- nach den stillen Gassen, die zu dem Tempel reiner Liebe
-führen.
-
-Und dennoch sträubte sie sich heftig gegen die Zumutung, die Krone des
-Frauendaseins einzig in der Ehe mit einem Manne zu suchen.
-
-Plötzlich verlangsamten sich ihre Schritte. Lauschend neigte sich der
-Kopf. Rächten sich die Stunden der Aufregung und gaukelten ihr Töne vor
-aus jener Welt, die ihr von heute an verschlossen war. Oder gehörte die
-jauchzende Stimme hinter ihrem Rücken der Wirklichkeit an?
-
- Ach, daß die Seele Dein meiner Seele sich eine,
- Du teures Kind, laß mich Deine Augen sehn.
- In diesem weißen Kleid, mit diesem Heiligenscheine
- Bist Du ein Engel aus Himmelshöhen.
-
-Sie wollte dem wohlbekannten Liebeswerben Wilhelms entfliehen, stürzte
-weiter und stand doch im nächsten Augenblick durch den lockenden Ruf
-bezwungen, wie gebannt still.
-
-Zwei Hände rissen die ihren, die kalt und matt gewesen, an sich.
-
-„Kleine, süße Mignon, endlich sehen wir uns wieder.“
-
-Paul Karlsen war an ihrer Seite und sie ließ ihn nicht ihre Verachtung
-spüren. -- Alles lag weit hinter ihr! Wie eines wirren Traumes, den ein
-Kind gehabt und sich ganz falsch gedeutet hatte, gedachte sie flüchtig
-seines Kusses.
-
-Er hatte ihre Hände freigegeben und schritt ruhig neben ihr dahin.
-
-„Wohin wollen Sie, Fräulein von Ostried?“ Das klang durchaus korrekt
-und brachte ihr einen Strom zuversichtlicher Hoffnung.
-
-„Wenn ich das selbst wüßte,“ entgegnete sie leise. Er betrachtete sie
-aufmerksam und schob sich ein wenig an sie heran.
-
-„Fronen Sie nicht mehr bei Ihrer alten Dame, hinter deren Stuhl ich Sie
-oft genug -- zähneknirschend -- sehen mußte?“
-
-Da sagte sie ihm von dem Tode der Präsidentin. Er hörte ihr aufmerksam
-zu.
-
-„Gottlob -- also der Kunst endlich zurückgegeben! -- Wird das schön
-werden. Wir halten natürlich fortan fest zusammen.“
-
-Sie mied seinen bittenden Blick.
-
-„Ich gehe fort von Berlin.“
-
-„Ah!“ machte er enttäuscht, „wohin denn? Berlin bietet doch die besten
-Ausbildungsmöglichkeiten. Auch kann man hier gar nicht anders, als
-sehr brav sein. Ich habe mirs vor allen andern Städten ausgesucht.
--- Ob gerade darum? Nein, das zu behaupten wage ich doch nicht. --
-Wissen Sie, nun ist’s entschieden. Don Karlos -- Meister Heinrich und
-die verehrten blutigen Könige des nämlichen Namens mit aufsteigender
-Numerierung sind tot und feierlich begraben. -- Vor Ihnen steht der
-künftige erste Heldentenor der Welt.“ Sie empfand brennenden Neid,
-schämte sich der Aufwallung und fragte hastig:
-
-„Wie ist das möglich geworden?“
-
-„Tja --“ machte er und schwippte leichtsinnig mit den Fingern durch die
-Luft, „es hat sich halt endlich eine unversiegbare Goldader auffinden
-lassen.“
-
-Sie ahnte nicht, daß immer noch der Neid aus ihren wundervollen,
-leidenschaftlichen Augen sprang. Ihm entging es nicht. Er spielte seine
-Rolle ausgezeichnet -- hielt sich fest im Zügel, wenn er sie auch noch
-bezaubernder als damals in Oeynhausen fand.
-
-„Und Sie -- wie weit sind Sie gekommen? -- Ihnen fehlte nicht mehr viel
-zur künstlerischen Reife!“
-
-Ihre Hand ballte sich in ohnmächtigem Zorn. Er am wenigsten durfte
-etwas von ihren jähzerstörten Hoffnungen ahnen. Sie schämte sich ihrer
-Armut.
-
-„Ich? -- Nun, es wird sich bald genug etwas für mich finden lassen. Ich
-kann nur noch vorläufig zu keinem festen Entschluß kommen.“
-
-Er betrachtete sie heimlich und bemerkte einen bittern fremden Zug, der
-vor wenigen Monaten bestimmt noch nicht dagewesen war. Sie erschien ihm
-plötzlich wie ein Becher aus edlem Kristall, der alles offenbart. Auch
-sie spielte ihm eine Komödie vor. Aber, sie spielte sie nicht glaubhaft
-genug. Ihr mußte entschieden etwas geschehen sein, das sie gedemütigt
-hatte. Ihr Stolz, der ihn anfangs entflammte, ehe er ihn unbequem und
-zuletzt lächerlich gefunden, war in diesem Augenblick unecht. Aber er
-wollte sie ein wenig quälen.
-
-„Sie müssen mir versprechen, daß Sie an der ersten Stelle Ihrer
-Tätigkeit meiner in warmer Fürsprache gedenken,“ bat er mit
-knabenhafter Frische und hielt ihr die Rechte hin. „Schlagen Sie ein,
-Fräulein von Ostried.“
-
-Es klang respektvoll und freundschaftlich. Der Ton tat ihr wohl. Ihre
-Ehrlichkeit litt indes kein weiteres Versteckspiel. Ihr Herz, das sich
-gerade hatte beruhigen wollen, begann wieder wie rasend zu pochen. Ihre
-Augen füllten sich mit Tränen, so sehr sie auch dagegen kämpfen mochte.
-Das stellte er mit stürmischer Freude fest. Ganz zart bemächtigte er
-sich von neuem ihrer Hände:
-
-„Sie können mir vertrauen. Wirklich -- Herrgott -- wer machte mal keine
-Dummheit -- Ihre Schönheit hatte mich einfach kopflos gemacht -- nein
--- es war doch wohl mehr die grenzenlose Bewunderung Ihres herrlichen
-Talents. Vergeben Sie mir, Eva. Sehen Sie in mir einen Freund und
-Bruder --“
-
-Da sagte sie ihm alles!
-
-Er bedauerte sie nicht, als sie zu Ende gekommen war, trotzdem er
-sie „armes Hascherl“ nannte. Es klang vielmehr aus den Worten ein
-schelmisches Lachen, weil er dem traurigen Zufall die Rechnung
-verderben wollte.
-
-„Das ist wahrhaftig keine Kopfhängerei wert! Wozu wäre ich Ihnen
-denn sonst heute in den Weg gelaufen? -- Sie dachten auch nur einen
-Augenblick ernstlich daran, der Musik zu entsagen? Ja, wissen Sie denn
-nicht, daß Sie damit die größeste Sünde begingen. -- Und -- sündigen
-dürfen Sie nicht! -- Herrgott, Mädel, was haben Sie für Gold in der
-Kehle. Darauf pumpt Ihnen jeder gerissene Geschäftsmann, so viel Sie
-wollen.“
-
-Sie mußte, angesteckt durch seine hinreißende Zuversicht, lächeln.
-
-„Meine alten Gönner und Lehrer leiden an dem nämlichen Uebel, wie ich
-selbst,“ sagte sie bitter und dachte in erster Linie an Ralf Kurtzig.
-
-„Und die jungen,“ fragte er und suchte ihren Blick. Sie wollte sich
-nicht empfindlich zeigen und konnte doch nicht hindern, daß eine
-glühende Röte ihr Gesicht überzog. Er betrachtete sie mit den Augen des
-Künstlers, der sich an jeder gelungenen Schöpfung freut. -- Als sie
-jetzt mit der ihm nur zu wohlbekannten Bewegung der Unnahbarkeit den
-Kopf zurückwarf, reizte sie -- wie einst -- sein Mannesempfinden. Der
-Wunsch, ihre stolze, schlanke Gestalt an sich zu pressen -- den roten,
-lockenden Mund mit glühenden Küssen zu bedecken, verlangte genau so
-ungestüm wie nach dem Zusammenspiel seine Erfüllung.
-
-Nur, daß er sich heute überwand und nicht das Geringste tat, um den
-zarten Keim ihres jungen Vertrauens zu zerstören. Er sprach weiter, als
-habe er keine Antwort von ihr erwartet:
-
-„Ich wollte Sie nur ein wenig quälen -- Ihnen zeigen, daß Sie im
-Augenblick aus eigener Kraft nichts vermögen.“ Sie wurde unsicher.
-
-„Sie widersprechen sich ja.“
-
-„Weil ich soeben noch von den klugen Geschäftsleuten redete? Das
-halte ich aufrecht! -- Sie warten sozusagen an allen Ecken auf Sie,
-mein Fräulein. Es kommt lediglich darauf an, daß Sie den richtigen
-festmachen. Die Wahl muß vorsichtig gehandhabt werden. Zugleich
-mit diesem Ehrenwerten lauern hundert Fallen, in welche Ihre
-Unerfahrenheit glatt hineintappt, wenn Ihnen der kühle Berater fehlt.“
-
-Sie seufzte auf, weil sie ihm glauben mußte.
-
-„Ich könnte mich an den juristischen Berater der verstorbenen
-Präsidentin wenden. Er hat mir seine Hilfe angeboten.“
-
-„Ein Jurist und sei er noch so tüchtig, versteht nichts von all diesen
-Dingen. -- Da gibt es Vorschläge und schließlich Abschlüsse, gegen die
-kein Paragraph gewachsen ist.“
-
-„Das bestärkt mich in der Notwendigkeit, zu entsagen.“
-
-„Sehen Sie an! So sehr verachten Sie also mich und meine Freundschaft?“
-
-„Sie wollten mir wirklich helfen?“
-
-„Merken Sie das endlich? Ich habe bereits einen Plan. Wir besteigen die
-nächste elektrische Bahn und fahren gemeinsam zu -- nun -- nennen wir
-ihn meinetwegen Herrn Freundlich! Der Mann ist bis zu einem gewissen
-Grade gefällig und auch beinahe ehrlich, wenn man seine Schliche so
-lange und genau kennt, wie ich. -- Mir hat er jedenfalls vor Jahren
-rührend geholfen. Freilich,“ und sein Gesicht nahm einen zerknirschten
-Ausdruck an, „ein bißchen hänge ich -- aus purer Vergeßlichkeit --
-immer noch bei ihm. Wirklich nur deshalb. Meine Goldader hätte ihn
-längst befriedigen können. -- Also -- wollen Sie?“
-
-Sie zögerte noch. Die Hoffnung durchleuchtete aber schon das kurze
-Zaudern.
-
-„Er kennt mich doch nicht?“
-
-„Darum verbürge ich mich eben für Sie! Mich kennt er und weiß genau,
-was ich kann und noch leisten werde. -- Passen Sie auf, wir schaffen
-es mit Leichtigkeit. Ein paar tausend Mark gewährt er unter durchaus
-annehmbaren Bedingungen zweifellos.“
-
-Sie folgte ihm willenlos, als er in eine Seitenstraße einbog und zu
-einer Haltestelle herüberquerte.
-
-Sie saßen Seite an Seite auf dem schadhaften Tuch der schmalen Sitzbank
-und schwiegen. Das Hoffen, das Eva von Ostried für alle Zeit eingesargt
-zu haben meinte, trieb grüne Keime. -- --
-
-Herr Freundlich bewohnte ein düsteres, etwas feuchtes Kellergelaß und
-war sehr unfreundlich. Ueber seiner scharfgebogenen Nase spähten zwei
-kleine stechende Augen in Karlsens schönes, leichtsinniges Gesicht.
-
-„Wie werde ich Sie nicht wiederkennen, Herr Karlsen,“ unterbrach er ihn
-mürrisch, „Sie stehen ja noch mit achtzig Mark und fünfzig Pfennig zu
-Buch.“
-
-„Sie irren, Bester, es können unmöglich mehr als dreißig Mark sein.“
-
-„Fangen Sie nicht schon wieder an zu handeln. Ich sage Ihnen, daß es
-sogar neunzig sind, wie mir eben einfällt.“
-
-„Schön. Sie sollen Recht behalten. Sonst ist es demnächst zu hundert
-angewachsen. Das weitere in dieser Sache später. -- Heute will ich
-nichts für mich. Ich bringe Ihnen hier Fräulein von Ostried, die
-schon einmal mit noch nie dagewesenem Erfolg in Oeynhausen die Mignon
-gesungen hat. -- Ihre Stimme birgt ganze Goldfelder.“
-
-Die schlauen Augen glitten, den Wert ihrer Schönheit abschätzend, jetzt
-über Eva von Ostrieds Gestalt und Antlitz. Sie empfand diese Blicke mit
-körperlichem Schmerz.
-
-„Um wieviel handelt es sich denn?“ fragte er langsam und vorsichtig.
-
-„Fünftausend Mark würden vorläufig genügen.“
-
-„Und die Sicherheit?“
-
-„Gebe ich Ihnen! Zudem verpflichtet sich die Dame schriftlich zu
-regelmäßiger Abzahlung in Raten nach Abschluß ihres ersten Vertrages.“
-
-Herr Freundlich lachte kurz und trocken auf.
-
-„Eine schöne Sicherheit! Wollen Sie mich vielleicht zum Narren halten?“
-
-Eva begann zu zittern. Die Scham, daß sie Paul Karlsens Vorschlag
-angenommen, wurde so stark, daß sie zur Tür strebte, um ohne Gruß zu
-scheiden. -- Da streckte sich die dürre Hand des Geldverleihers nach
-ihr aus.
-
-„Nicht so hitzig, Fräulein. Sie gefallen mir sonst. -- Und ich könnte
-Ihnen schon helfen!“
-
-Eva von Ostried sah in diesem Augenblick hilfesuchend nach Paul Karlsen
-hinüber. Sie wurde unsicher.
-
-„Wir müssen uns aber vorher erst auf gut Deutsch mit einander
-verständigen,“ fuhr er fort. „Es soll natürlich die Oper sein. Kennen
-wir doch. -- Was anderes wird’s auch tun. Kurz gesagt: Ich wüßte was
-Passendes für Sie. Auf die Stimme kommt’s dabei nicht besonders an.
-Aber Kleider und Firlefanz müssen sein. Was sonst verlangt wird, ist
-bei Ihnen vorhanden. -- Sie gehen zum Varieté, Fräulein!“
-
-Eva von Ostried riß nun doch die niedere Tür auf und flüchtete die
-ausgetretenen unsauberen Stufen empor auf die Straße.
-
-Ohne sich nach Paul Karlsen umzusehen, lief sie weiter.
-
-„Sie dürfen mir nicht zürnen, ich habe es gut gemeint,“ bettelte seine
-Stimme demütig. Sie sah starr geradeaus, damit er die Tränen ihrer
-Scham und Verzweiflung nicht merken sollte.
-
-„Jetzt werden Sie kein Vertrauen mehr zu mir fassen können,“ klagte
-er. „Und ich wollte dies doch lediglich versuchen, damit Ihnen -- das
-andere -- nicht etwa schwer fallen sollte.“ Nun wandte sie ihm doch ihr
-Gesicht zu.
-
-„Welches andere? Glauben Sie hiernach wirklich noch, daß ich einem
-zweiten Versuch zustimmte?“
-
-„Ich glaube nichts. Aber ich weiß. Es ist kein Versuch mehr. -- Sie
-brauchen lediglich „Ja“ zu sagen. Dann ist alles in Ordnung.“
-
-„Ich wollte, ich wäre Ihnen nicht begegnet,“ sagte sie hart.
-
-„Morgen werden Sie anders denken.“
-
-„Morgen werde ich vielleicht schon Berlin verlassen haben.“
-
-„Nein,“ sagte er und seine Lippen wurden schmal vor Erregung, „morgen
-werden wir beide -- gleich ausgelassenen Kindern -- der Zukunft
-entgegenlachen. Wetten?“ Sie tat, als habe sie dies Letzte nicht gehört.
-
-„Ich muß meine Sachen fertig packen. Leben Sie wohl.“
-
-Er hielt Ihre Hand fest.
-
-„Fräulein von Ostried -- ich bin Ihre Zukunft! Fühlen Sie das nicht? --
-Es ist nicht Großsprecherei. Es ist einfache, ungeschminkte Wahrheit.
--- Sie werden pünktlich heute Abend um neun Uhr vor dem Gartentor der
-Villa sein, die sich Karlsbaderstraße 14 befindet.“
-
-„Ich werde nicht kommen. Verlassen Sie sich darauf.“
-
-„Streiten wir nicht. Ich erwarte Sie. Also keine Angst. Dort wird sich
-jemand finden, der Ihnen ohne Schuldschein und sonstige Versprechungen
-alle Mittel gewährt, die Sie nötig haben. -- Es ist kein Scherz dabei.
-Sehen Sie mich an.“
-
-Sie schüttelte den Kopf ohne den Blick zu heben.
-
-„Lassen Sie mich. Ich will nicht mehr.“
-
-„Ich mag leichtsinnig und verschwenderisch -- faul und meinetwegen
-sogar nicht immer zuverlässig sein. Ein der Kollegenschaft gegebenes
-Versprechen habe ich noch nie gebrochen. -- Hören Sie. Mein Ehrenwort,
-daß Sie nicht umsonst kommen werden. Daß Sie das bezeichnete Haus als
-Eine verlassen, die für alle Zeit zu ihrer Kunst zurückgekehrt ist.“
-
-Sie antwortete ihm nicht. Sie riß nur ihre Hand gewaltsam aus der
-seinen und setzte ihren Weg allein fort.
-
-Er machte keinen Versuch ihr zu folgen.
-
-Aber solange die klare Ferne ein Schatten ihres schwarzen Kleides
-zeigte, sah er ihr mit einem Lächeln des Triumphes nach.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-5.
-
-
-Paul Karlsen ging mit gemächlichen Schritten über den rostfarbenen
-Kies. Zu beiden Seiten des schmalen Weges blühte der Vorgarten. Ueber
-dem weinumzogenen Haus lag die Mittagssonne. Augenscheinlich hatte
-er es nicht eilig. Auch die wenigen bequemen Marmorstufen der Treppe
-nahm er fast zögernd. In dem Vorraum, der zur eigentlichen Diele
-führte, erwartete ihn die steife Gestalt eines alten Dieners, der etwas
-eigentümlich Lebloses hatte. Paul Karlsens Augen waren noch von der
-Fülle der Sonne geblendet. Er erschrack, als sich eine Hand nach seinem
-Hut ausstreckte, trotzdem er dies Bild nun doch nachgerade kennen mußte.
-
-„Na -- bin ich heute pünktlich, alter Hagen,“ fragte er lässig.
-
-Das Gesicht veränderte sich nicht. Nur die leise Stimme klang
-vorwurfsvoll.
-
-„Die gnädige Frau wartet seit einer Stunde mit dem Essen!“
-
-Er lachte kurz auf, warf den Kopf in den Nacken und murmelte etwas.
-
-„Verdammter Zwang,“ hieß es. --
-
-In dem großen, sehr kühlen Eßzimmer harrten auf köstlichem Leinen zwei
-Gedecke. -- Dieser Raum wirkte pomphaft und erdrückend. Die Bespannung
-der Wände mit schwarzem Rupfen allzu feierlich. Die wuchtigen Möbel
-spreizten sich in ihrer Kostbarkeit. Die Sonne, welche durch stilvoll
-bemalte Scheiben ohnehin ihren Weg niemals finden konnte, war vollends
-von schweren Vorhängen abgesperrt. Nur die Tafel mit dem blendend
-weißen Leinen trug eine Fülle blutroter Rosen und dunkelblauem Kristall.
-
-Plötzlich löste sich aus der halbdunklen Schwermut die überschlanke
-Gestalt einer weißgekleideten Frau und schritt auf Paul Karlsen zu.
-Das längliche Gesicht war auffallend bleich. Die Nase trat scharf
-hervor, als habe ein kürzlich überstandenes Krankenlager den Wangen die
-natürliche Rundung genommen.
-
-Karlsen führte ihre Hand an die Lippen und ließ den Wortlaut seiner
-Stimme in gut gespielter Ueberraschung klingen:
-
-„Du hast ja diese Leichenkammer heute so herrlich geschmückt, kleine
-Frau. Wer soll denn beigesetzt werden? Und ein neues Gewand hast du
-ebenfalls angelegt.“
-
-Ihr stiegen die Tränen auf. Nicht weil er sie warten ließ. O nein --
-daran hatte sie sich längst gewöhnt. Aber -- daß er nicht -- daran
-dachte.
-
-„Das Kleid,“ sagte sie hastig, um nicht laut aufweinen zu müssen,
-„kennst du es wirklich nicht, Paul?“
-
-Er zog sie nach einem der hohen Fenster herüber und zerrte den Vorhang
-zurück. In dieser Bewegung lag ein Aufbäumen auch gegen vieles andere.
-
-„Nee, mein Kind. Keine Ahnung habe ich.“
-
-„Ich trug es an dem Tage unserer heimlichen Verlobung in Oeynhausen.“
-
-Er lachte verlegen auf.
-
-„Richtig! -- Natürlich! -- Jetzt sehe ich es. Das sind aber doch
-höchstens vier Monate her und noch längst kein Jahr. Wo ist also der
-geschätzte Anlaß zu einer besonderen Feier?“
-
-„Heute sind wir einen Monat Mann und Frau,“ sagte sie leise und konnte
-nun doch nicht hindern, daß ein runder Tropfen auf das kostbare Gewand
-fiel. -- Er zog ungeduldig die Stirn empor.
-
-„Schön -- also einen Monat! Was ist das im Vergleich zu all den Jahren,
-die hoffentlich noch vor uns liegen. -- Also, ich habe dieses hohe Fest
-verschwitzt. Nimm’s nicht übel. Mir brummt der Kopf. Es gibt doch mehr
-Arbeit und Schwierigkeiten zu überwinden, als ich anfänglich annahm.“
-
-„Ich störe dich doch nicht etwa bei deinen Studien, Paulchen?“
-
-Er hatte seinen Rufnamen überhaupt niemals gemocht. Dies „Paulchen“,
-das er ihr nicht abgewöhnen konnte, reizte ihn zuweilen bis zur
-Tollheit. Jetzt überhörte er es, weil er etwas erreichen wollte.
-
-„Du im Besonderen bist das bescheidenste und leiseste Wesen, das es
-geben kann. Im allgemeinen freilich wäre ich gerade jetzt für eine
-kurze Zeit nicht eben ungern solo.“ Sie sah entsetzt zu ihm auf.
-
-„Soll das heißen!“ Sie konnte nicht vollenden. Ihre Stimme erstickte in
-Tränen. Er schüttelte sich, als fröre er.
-
-„Tu mir den einzigen Gefallen und höre mit dem Weinen auf, Elfriede.
-Ich komme mir ja andauernd wie ein Barbar vor. Nein, nicht du sollst
-für wenige Tage deine zur Zeit kränkelnde Mutter, eine Straße weiter,
-besuchen und sie dadurch halb unsinnig vor Freude machen -- welchen
-Wunsch sie mir schon vor einer Woche, allerdings mit der Bitte, ihn
-dir vorläufig zu verheimlichen, verraten hat -- sondern ich werde zu
-meinem Lehrer unter den blendenden Dachgarten ziehen. Denn, weißt du,
-kleine Frau, ich muß üben und immer nur üben -- kann mich nicht mehr
-an eine feste Tischzeit binden -- vertrage überhaupt zu solchen Zeiten
-vorübergehend keine andere Gesellschaft als eine männliche.“
-
-Sie legte die Hand auf seinen Arm.
-
-„Paulchen, schenk mirs zum heutigen Tag, daß ich in mein altes
-Mädchenstübchen zur Mutter darf. Du mußt deine Bequemlichkeit gerade
-jetzt haben.“
-
-„Das würde eine schöne Geschichte geben, mein liebes Kind! Deine
-Mutter würde plötzlich vergessen, wie sehr sie sich nach dir gesehnt
-und felsenfest glauben, ich behandele dich schlecht und lieblos.
-Denn sieh mal, immerhin bleibt es etwas wunderbar, wenn eine junge,
-liebliche Frau nach einmonatlicher Ehe ihren Ehemann -- wenn auch nur
-vorübergehend -- verläßt.“ Der letzte Satz gab ihr eine ungeheure Kraft.
-
-„Glaubst du wirklich, Paulchen, daß ich der Mutter meinen Besuch in
-diesem Lichte hinstellen würde?“
-
-„Na, na, Kleines -- wer kennt sich mit euch Frauen aus? In gewissem
-Sinne ähnelt ihr euch alle verteufelt.“
-
-Sie widersprach mit jähaufflackerndem Rot.
-
-„Hast du schon vergessen, was ich dir in der grünen Einsamkeit des
-Siels am Karpfenteich gelobt habe?“ Natürlich hatte er nicht die
-geringste Ahnung. Aber er hütete sich es einzugestehen.
-
-„Frauengelöbnisse sind unberechenbar, wie eure Eifersucht, Schatz.“
-
-„Hältst du mich für eifersüchtig?“
-
-„Es käme auf die Probe an. Glatt verneinen möchte ich das nicht!“
-
-„Ich würde sie bestehen. Verlaß dich drauf.“
-
-„Lieber nicht. Deine Mutter wohnt ein bißchen zu nahe, Kleines.“
-
-„Wie tief mußt du mich einschätzen, Paul!“
-
-„Bewahre. Riesig hoch sogar. Hätte ich dich denn sonst geehelicht?“
-
-Sie legte mit einer rührenden Gebärde der Demut ihr Gesicht auf seine
-schlanke Hand.
-
-„Sage so etwas niemals wieder, Paulchen. Wir wollen uns doch fest,
-ganz fest vertrauen.“ Ihm wollte ein Lachen aufsteigen. Es wurde aber
-zuletzt ein Hüsteln daraus.
-
-„Wollen wir auch. Natürlich. Aber jetzt komm gefälligst. Ich verspüre
-einen Bärenhunger.“ Erschrocken drängte sie ihn zur Tafel hinüber.
-
-„Verzeih -- ich vergesse das so oft neben dir!“
-
-Er musterte ihre magere, noch kindlich unentwickelte Gestalt und
-seufzte leicht auf.
-
-„Leider, mein guter Schatz! Eß und trink, lieb und sing. Ja -- so stand
-es an einem alten Bauernhaus in Sachsen. Und recht hat der Spruch! --
-Wie ich sehe, hast du zur Feier des hohen Tages auch herrlich für Stoff
-gesorgt. Hoffentlich ist er gut.“
-
-Sie ließ es sich nicht nehmen, ihm aus der schweren Kristallkaraffe die
-funkelnde Schale zu füllen.
-
-„Probiere ihn, Paulchen.“ Er hob das kostbare Glas und ließ es hell an
-das ihre klingen.
-
-„Herrlich! -- Ueberhaupt -- das muß ich immer wieder anerkennen, du
-bist eine ganz prachtvolle, kleine Hausfrau.“
-
-Strahlend sah sie zu ihm auf.
-
-„Darum habe ich auch einen Wunsch frei, ja?“
-
-Der Diener trug die Suppe auf. Die Unterhaltung verstummte. Sobald er
-unhörbar entschwunden war, sagte Paul Karlsen spöttisch:
-
-„Er liebt mich nicht, Elfchen. Weißt du das eigentlich?“
-
-„Er liebt jeden, der mir gut ist,“ sagte sie ruhig, fast streng.
-
-„So? Na, weißt du, das bezweifle ich stark. Oder willst du etwa
-andeuten, daß ich --“
-
-Sie ließ ihn nicht zu Ende kommen. Sanft legte sie ihre Hand auf seinen
-Mund.
-
-„Ich bin dir unaussprechlich dankbar dafür. Trotzdem wünsche ich mir
-noch eine Kleinigkeit.“
-
-„Was denn, Kleines?“
-
-„Den Besuch bei meiner Mutter.“
-
-„Ausgeschlossen! Die Gründe für meine Härte habe ich dir genannt.“
-
-„Sie sind sämtlich hinfällig. Ich fange es eben so geschickt an, daß
-Mama zum Schluß sich heimlich bei dir bedanken wird.“
-
-„Wie wolltest du das anstellen?“
-
-„Sehr einfach. Heute nachmittag zur üblichen Whistpartie, wäre ich
-doch herübergegangen. Da werde ich also ausnehmend blaß aussehen
-müssen. -- Lache nicht -- ein wenig Weiß genügt schon. Sie wird mich
-wieder zur Schonung quälen, in ihrer Ueberängstlichkeit meinen längeren
-Besuch verlangen, damit sie sich selbst von meinem Gesundheitszustand
-überzeugen kann und zwar dies alles in deiner Gegenwart.“
-
-„Um Gottes willen, ich soll dich doch nicht etwa begleiten. Das hast du
-bisher doch klug zu vermeiden gewußt.“
-
-„Bringe mir dies Opfer, Liebster.“
-
-„Also gut! Ich will sogar gern mitkommen. Das heißt höchstens für ein
-bis zwei Stunden.“
-
-„Solange wird es gar nicht nötig sein,“ meinte sie froh. „Aber nun höre
-weiter. Du sperrst dich gegen das von ihr Geforderte und verweigerst
-schließlich in aller Form deine Erlaubnis. -- Dann wird sie hitzig
-werden und unter allen Umständen darauf bestehen. -- Ich kenne sie
-doch.“
-
-„Du bist ja eine ganz gefährliche, kleine Heuchlerin, Schatz.“
-
-Er zog sie leicht in die Arme. In tiefem Glücksgefühl schloß sie die
-Augen, die das einzig Schöne in ihrem Gesicht waren.
-
-„Ist das nicht ein feiner Plan, Paulchen?“
-
-„Ausgezeichnet sogar, wenn mir inzwischen die Sache nicht wieder leid
-geworden wäre. Du hast als Ernst aufgefaßt, was bei mir nur eine Art
-Gefühlsausbruch war.“
-
-„Daß du es, wenn auch nur einen Augenblick gewünscht hast, zeigt mir
-die Notwendigkeit und nachher -- wird es um so schöner sein.“
-
-„Gelt, das hätten wir vor einem Vierteljahr auch noch nicht gedacht?“
-
-„Was denn,“ schnurrte er mit erwachender Behaglichkeit.
-
-„Daß wir so schnell unser Glück erzwingen würden.“
-
-Er nickte mit vollem Mund, denn inzwischen war der Braten gekommen,
-der, zart und saftig, selbst den größten Feinschmecker befriedigt hätte.
-
-„Wärst du nicht plötzlich nach der schroffen Ablehnung meines Werbens
-durch die Frau Kommerzienrat, wollte natürlich sagen, deiner lieben
-Mama, kränker geworden und dadurch jegliche Wirkung der Kur auf dein
-rebellisches Herzlein in Frage gestellt -- wer weiß, wer dann heute an
-meiner Stelle neben dir säße --“
-
-„Wie wenig du mich im Grunde doch kennst, Paulchen. Fühlst du nicht,
-daß ich niemals einem andern als dir gehört hätte?“
-
-Er nickte ihr zu.
-
-„Kleines Treues -- du!“ Dann begann er zu scherzen und von jener
-Zeit zu plaudern, weil er genau wußte, daß ihr dies die liebste
-Unterhaltung war. Seine feurigen Augen strahlten tief in die ihren. Das
-schmeichlerische weiche Organ machte auch das unbedeutendste Wort zu
-einer Zärtlichkeit. Seine Laune war plötzlich glänzend.
-
-Ueber den blutroten Rosen und dem blauen Kristall schien die Krone des
-Glückes, die allein die Liebe gibt, in warmen Glanz zu schweben! -- --
-
-„Ja,“ sagte einige Stunden später Frau Kommerzienrat Eßling zu ihrer
-alten Freundin und Vertrauten, die -- wie seit Jahren -- als Erste
-zur Whistpartie gekommen war, „in der Nähe hätte ich sie nun ja.
-Aber, was will das sagen. So viel man auch aufpaßt -- allwissend ist
-doch Niemand. Wer sagt mir, ob Elfriede unter seiner Anleitung nicht
-ebenfalls Komödie zu spielen gelernt hat?“
-
-Frau Generalkonsul Enck war keine mißtrauische Natur. Aber dieser
-überstürzt geschlossenen Verbindung zwischen dem überzarten, beständig
-kränkelnden Mädchen und diesem bildhübschen Leichtfuß, dem Karlsen,
-brachte sie doch ihre schärfste Mißbilligung entgegen. Hätte man sie,
-wie das sonst bei jeder wichtigen Entscheidung der Fall gewesen, nur
-um Rat gefragt. Man hatte jedoch, einfach über ihren Kopf fort, in
-aller Stille dem durchaus nicht von ihr ernstgenommenen Verlöbnis, die
-eheliche Verbindung auf dem Fuße folgen lassen.
-
-Nun kamen natürlich Reue und Gewissensbisse über die besorgte, selbst
-leidende Mutter. Anderseits kannte sie die bewundernswerte Energie
-der Kommerzienrätin zu genau, um dieses Bündnis von vornherein als
-dauerndes anzusehen.
-
-„Sie hätten es sich gründlicher überlegen sollen,“ konnte sie sich
-nicht versagen, zu erwidern. Die andere sah starr auf das feine
-Porzellan der kostbaren Teeschalen herab.
-
-„Sie haben niemals Kinder besessen. Da können Sie so etwas wohl sagen.
-Stehen Sie nur an zwei Krankenbetten, in denen scheinbar bisher
-kerngesunde, bildhübsche, lebenslustige Mädchen -- -- Auch die andern
-Aerzte haben zuerst keine Ahnung davon gehabt. Denn daß mein Mann an
-den Folgen einer hartnäckigen Lungenentzündung in jungen Jahren starb,
-gab noch allein keinen Grund zur Beängstigung für seine Kinder ab.
-Erleben Sie mal erst, was ich ertragen habe. -- Wie habe ich damals
-gegen das furchtbare Gespenst gerungen. Hart bin ich gewesen -- so
-hart.“
-
-In ihrem energischen Gesicht, aus dem die scharfe Nase, wie sie auch
-ihre jetzt noch einzige Tochter hatte, auffallend hervorsprang, zuckte
-es.
-
-„Regen Sie sich nicht mit den alten Geschichten auf, Frau Eßling.“
-
-„Die Aussprache mit Ihnen tut mir wohl. Zu wem sollte ich wohl davon
-reden, wenn nicht zu Ihnen, vor der ich kein Geheimnis habe. -- Seitdem
-ich meinen alten Franz, den Diener, meiner Elfriede gegeben habe, weiß
-niemand im Haus um diese Sachen.“
-
-„Malen Sie sich nicht zu schwarz, Beste,“ verteidigte die Konsulin.
-„Sie mögen damals streng gewesen sein. Wer wäre es in der gleichen Lage
-nicht gewesen. An eine Härte glaube ich nicht.“
-
-„Sie sollen selbst urteilen. In St. Blasien war’s, wohin ich nach
-den erfolglosen Kuren in Hohenhonnef und Davos aus eigenem Entschluß
-noch mal mit den beiden ältesten Töchtern ging. Denn Sie wissen, ich
-konnte und wollte nicht daran glauben, daß alles vergeblich sein
-sollte. In der Liegehalle war ein vergnügliches Leben unter dem jungen
-Volke, und keines war da, das an ein frühzeitiges Sterben gedacht
-hätte. Als Gesunder läßt man die sonst im Verkehr der verschiedenen
-Geschlechter streng beobachteten Richtlinien außer Acht, weil die
-armen totgeweihten Geschöpfe doch keine Vollmenschen mehr sind. Nicht
-wahr, wenn unsereins so ein schmalschultriges Kerlchen mit fieberroten
-Flecken auf den herausstehenden Backenknochen sieht, dann fragt man
-nicht erst lange danach, was er sonst ist, hat und will, selbst wenn
-er augenscheinliches Wohlgefallen an dem eigenen Fleisch und Blut
-zeigt. Im Gegenteil, man freut sich noch gar darüber, und kommt
-sich wer weiß wie großmütig und gar edel vor, weil man die leibliche
-Mutter von seinem Glückserreger ist. Darum bin ich auch nicht einen
-Augenblick besorgt gewesen, als der junge Bildhauer meiner kranken
-Aeltesten über alle Gebühr hinaus den Hof machte. Erst, als der ihn
-behandelnde Arzt, dem ich mein Bedauern über diesen hoffnungslosen Fall
-aussprach, mir rund heraus und lachend erklärte, er wäre froh, wenn
-jeder seiner Kranken so gesund wäre, wie dieser Künstler, der sicher im
-nächsten Jahr wieder völlig obenauf sein würde, wurde ich nachdenklich,
-vorsichtig und streng. -- Mein Mädel nahm ich ins Gebet. Den Bildhauer
-behandelte ich so schlecht, wie es nur irgend ging. -- Es war für
-alles zu spät. -- Eines Tages erklärte mir meine Tochter, daß sie sich
-mit dem Jüngling von Habenichts verlobt habe. Sie hat vor mir auf den
-Knien gelegen und mich um meine Einwilligung angefleht. Ich blieb hart.
-Daß der offensichtlich seinem Aussehen nach Totgeweihte lediglich an
-den Folgen einer schweren Rippenfellentzündung schonungsbedürftig
-sei, hatte meine Hoffnung bezüglich der eigenen Kinder wunderbar
-gekräftigt. -- Einen Tag nach dem vergeblichen Flehen meiner Aeltesten
-reisten wir, die noch nicht zur Hälfte vollendete Kur abbrechend, nach
-Hause. Briefe kamen, wurden von mir abgefangen und prompt vernichtet.
-Jede Nacht hörte ich das bitterliche Schluchzen meiner Aeltesten --
-merkte, wie sie bleicher und hinfälliger wurde und glaubte plötzlich
-doch nicht mehr an den Ernst des Verhängnisses. Es war so nahe. Meine
-kleine Elfriede, die wenigst anmutigste der Drei, hatte ich indessen
-aufs Land in Pension gegeben, weil der Arzt von der Möglichkeit einer
-Ansteckung, selbst bei größester Vorsicht, gesprochen. Nun konnte ich
-ganz der Pflege und Sorge für die beiden andern leben. -- Einmal hat
-der Bildhauer gewagt, bis in mein Haus vorzudringen. Ich habe ihn auch
-empfangen. -- Seitdem hat er keine Zeile mehr geschrieben. Denn ich war
-deutlich gewesen. -- Vier Wochen nachher hat meine Tochter, unterstützt
-von ihrer Schwester, noch einen letzten Sturm auf mein Mutterherz
-gemacht. Weiß Gott, es hat sich in dieser Stunde nicht geregt. Ich habe
-es als Laune und Eigensinn empfunden, was doch mehr gewesen ist.“
-
-Die Andere legte begütigend die Hand auf die zuckende Schulter der
-Kommerzienrätin.
-
-„Wir wissen alle, was Sie die langen Jahre für eine aufopfernde,
-prachtvolle Mutter gewesen sind.“
-
-„So prachtvoll, daß ich mich hinterher noch meines gefestigten
-Charakters gefreut und ein paar Tage ernsthaft mit dem armen Kind
-geschmollt habe. Auch meine Zweite hat begonnen für sie und den
-Bildhauer unentwegt zu betteln. -- Als sie einsah, daß ich nicht
-nachgab, verstummte sie zwar, aber es war seltsam, auch mit ihr wurde
-es seitdem schlechter. Sie schienen sich beide in das Unabänderliche
-meines Willens gefügt zu haben, bis zu jenem schrecklichen Augenblick,
-an dem mich die Pflegerin in der Nacht rief. Da hat meine Aelteste, die
-stets ein sanftes, scheues Ding war, mir gesagt, wie unerträglich ihr
-Dasein ohne den Geliebten gewesen und wie wenig sie sich freue, daß
-es nun endlich aufhören dürfe. -- Als die Sonne aufging, war sie tot.
-Und ich habe Tag und Nacht, von Reue zerrissen, um Vergebung gefleht
-und mir gelobt, wenigstens an den andern beiden gutzumachen, wenn es
-mir vergönnt wäre. -- Meine Zweite hat keine Kraft mehr zu einer Liebe
-gehabt. Sie ist ein Jahr später, wie Sie wissen, auch eingeschlafen.
-Da hatte ich nur das Elfchen, die Jüngste. Das Landleben hat ihr auch
-nicht die richtige Lebenskraft vermitteln können. Sie blieb weiter zart
-und schonungsbedürftig. Was es ist? Ich weiß es nicht! Ein bißchen
-Müdigkeit, das die Aerzte als Bleichsucht ansprechen. Ein bißchen
-Blässe. So fängt es ja gewöhnlich an. -- Und ich wollte und will sie
-behalten. -- Ich war nicht mehr blind und taub. Als ich die Blicke sah,
-mit denen der Schauspieler Karlsen, den ich übrigens schon vor einigen
-Jahren im Hause einer Bekannten, die ihn sich zu Gesangsvorträgen
-herüberkommen ließ, kennen gelernt, meine Elfriede anstarrte, wußte
-ich sofort, daß ein Kampf von neuem beginnen müsse. Und wußte -- auch
-sein Ende! Denn ich war nicht mehr stark und gesund genug, um noch
-einmal jene Zeiten von damals durchzumachen. Sein spielerisches Werben
-ging mir wider alles Empfinden. Er war ein viel minderwertiger Mensch
-als einst der Bildhauer. Sowas fühlt man als reife Frau sehr schnell.
-Eins kam noch hinzu. Wer, wie ich, aus einem reichen Kaufmannshause
-stammt, in dem alles ordentlich gebucht und verrechnet wird, kann sich
-niemals mit den Gepflogenheiten der Künstlerschaft befreunden. Denn ein
-Künstler ist der Karlsen. Das steht auch bei mir fest. Daneben ist er
-aber noch etwas anderes --“
-
-„Wie im Grunde genommen die meisten Männer, liebe Eßling.“
-
-„Das weiß ich doch nicht. Sind sie es aber wirklich, so setzt man
-es wenigstens nicht als selbstverständlich bei ihnen voraus. In
-ähnlichen Fällen pflegen sie sich mit dem Mantel einer weisen Vorsicht
-zu panzern, der den Schein wahrt. Das fällt bei meinem Schwiegersohn
-gänzlich fort. Er steht einfach da und erwartet die Huldigungen der
-Frauen als den natürlichsten Tribut. Bleiben sie aus -- je nun --
-so ist das eben bei ihm wie bei jedem andern Künstler, noch dazu
-bedauernswert. Dann hat er eben nicht eingeschlagen. Findet -- hat
-er überhaupt schon vorher eins ergattert -- kein neues oder doch nur
-ein sehr zweifelhaftes Unterkommen, steigt weiter herunter, sinkt
-schließlich bis zur Schmiere herab.“
-
-„Nun, das ist bei Karlsen wohl niemals zu befürchten.“
-
-„Nein. Er weiß sich in Szene zu setzen und auch zu halten, was noch
-wichtiger ist. Schlau, durchtrieben, bildhübsch, liebenswürdig, flott.
--- Sehen Sie, ich habe mir die Klarheit meines Urteils durchaus nicht
-trüben lassen. Jawohl, das ist er! Daneben aber auch unzuverlässig und
-treulos.“
-
-„Haben Sie dafür schon Beweise?“
-
-„Brauche ich nicht! Es ginge wider die Weltgeschichte, wäre es anders.
-Meine Elfriede ist keine Frau, die solchen Mann dauernd fesseln kann.
-Glauben Sie mir, der braucht einen Satan von Weib, das ihn in Atem hält
--- ihn quält und peinigt und ihm höchstens Sonntags die Fingerspitzen
-zum Kuß überläßt. Er hat sie auch nicht einen Augenblick wirklich
-geliebt, während jener Bildhauer meiner Aeltesten rechtschaffen gut
-gewesen ist. Das alles sehe ich erst jetzt ein. Das bewußte Messer
-saß ihm hart an der Kehle und sein Ehrgeiz -- denn den hat er in
-hervorragendem Maße -- sann auf Mittel und Wege, wie er seine Stimme
-weiter ausbilden und sich die Welt erorbern konnte.“
-
-„Sie werden doch aber Ihrer Elfriede nichts von all diesen Sachen
-andeuten, Frau Eßling.“
-
-„Wozu? Die Mühe kann ich mir sparen. Sie ist dermaßen in ihn verliebt
-und vertraut ihm so blindlings, daß sie zur Zeit ohne Ueberlegung die
-eigene Mutter aufgäbe, um ihn zu behalten und ihm weiter zu dienen.“
-
-„Jedenfalls fühlt sie sich wohl dabei. Sie war stets durchsichtig wie
-Glas -- unfähig der Lüge. Das wissen Sie am besten. Die Ehe bekommt
-ihr auch gut. Wie ich sie das letzte Mal sah, hatte sie einen Schein
-von Jugend und Frische, den ich bisher an ihr vermißte. Ja, sie lachte
-sogar herzhaft.“
-
-„Wenn ich das nur genau wüßte,“ machte die Kommerzienrätin gequält.
-„Ich deutete es Ihnen bereits an. Auch das Komödienspiel läßt sich
-bei so einem harmlosen, aufrichtigen Charakter wie dem ihren gar
-wohl erlernen. Und sehen Sie -- da bin ich endlich bei meinem Plan
-angekommen. So nahe sie mir wohnt -- so mühelos ich jederzeit herüber
-kann, so treu und gewissenhaft der alte Franz auch aufpaßt und mir
-unweigerlich sofort Verdächtiges zutragen würde, ebenso fremd ist sie
-mir doch in dieser kurzen Zeit geworden. Der Mann mit seiner absoluten
-Gewalt über sie steht zwischen uns. Jede ihrer Handlungen wird von
-ihm beeinflußt. Ich weiß niemals, was aus ihrer eigenen Seele kommt.
-Darum muß ich sie eine kurze Zeit bei mir -- hier in diesem Hause --
-in ihrem kleinen Mädchenstübchen, das immer ihr Entzücken gewesen ist,
-haben, muß sie scharf beobachten und sie seinem Einfluß, wenn auch nur
-vorübergehend, entreißen, damit ich völlig klarsehe.“
-
-„Wie wollen Sie das anfangen? Er wird sich bald dagegen auflehnen.“
-
-„Meinen Sie? Die Klugheit würde es ihm freilich anraten. Aber -- ja,
-wenn er sie wirklich liebte. So aber wird er es als angenehm empfinden,
-wieder mal allein und noch dazu in der ungewohnten Pracht zu leben.
-
-Ich weiß, Sie waren nicht mit der prunkvollen Ausstattung des Heims für
-die jungen Leute einverstanden. Sollte ich aber mein Kind entbehren
-lassen? Da entschloß ich mich eher dazu, ihn unnötig zu verwöhnen.“
-
-„Sie haben entschieden zu viel Zeit zum Grübeln, liebe Eßling. Ziehen
-Sie sich nicht länger von allen Menschen zurück. Kommen Sie auch wieder
-öfter zu mir. Sie wissen, in meinem Hause verkehrt viel Jugend. Da geht
-es fröhlich zu. Und bringen Sie auch Elfriede öfter mit. Es wird ihr
-gut tun.“
-
-„Sie können es ihr ja heute gleich vorschlagen. Ich fürchte nur, es
-bleibt wirkungslos, wie alles, was ich bereits zu ihrer Zerstreuung
-versucht habe. Dabei ist sie, wie mir Franz zuverlässig berichtet,
-sehr oft den ganzen Tag allein. Der Hausherr kommt lediglich zu den
-Hauptmahlzeiten und dann nicht etwa pünktlich. Nun, der Zustand
-anhaltender Einsamkeit wird bestimmt abgestellt werden. Um keinen
-Preis darf sie mir versauern. Ich werde eine möglichst gleichaltrige
-Gesellschafterin aus vornehmer Familie für sie nehmen. Die Aerzte haben
-mir wiederholt von der Notwendigkeit, sie froh zu erhalten, gesprochen.“
-
-„Sie sind zwar eine ebenso kluge wie tatkräftige Frau, meine Liebe.
-Indes keine Zauberin. Ich muß Ihnen sagen, daß ich weder an Elfriedes
-längeren Besuch noch an das Dulden der neuen Hausgenossin glaube.“
-
-„Vorläufig bin ich in beiden Fällen zuversichtlich. Das Gesuch
-nach einer Gesellschafterin ist heute bereits in den gelesensten
-Tageszeitungen erschienen. Da der künftige Herr Kammersänger keine
-Zeit hat, auch noch den Inseraten seiner Zeit einen Blick zu gönnen
-und meine Tochter daheim niemals auf diesen Gedanken kam, bin ich
-sicher, daß sie bisher nicht das Geringste von meinem Plan ahnen.
-Verkehr in Elfriedes altem Kreis haben sie nicht. Diese Menschen gehen
-nämlich meinem Herrn Schwiegersohn, wie ich aus Elfchens gelegentlichen
-schüchternen Bemerkungen entnehme, auf die Nerven. Also, wer sollte
-ihnen meine Fürsorglichkeit verraten haben?“
-
-„Ist es nicht gefährlich bei der mir geschilderten Veranlagung Ihres
-Schwiegersohnes ihm so ganz mühelos ein weibliches Wesen ins Haus und
-an den Familientisch zu bringen?“
-
-„Was wollen Sie? Sucht er, wird er stets finden. Was allzu bequem
-gemacht wird, reizt gewöhnlich am wenigstens. Zudem -- müssen sich alle
-Bewerberinnen bei mir melden. Ich werde sie mir sehr genau betrachten
--- ihre Verhältnisse und, wenn irgend möglich, auch ihre Veranlagung
-untersuchen und dann hoffentlich eine gute Wahl treffen.“
-
-„Wenn sie Ihnen nun aber, mit vereinten Kräften, nicht gestatten, die
-gütige Vorsehung zu spielen?“
-
-„Daß meine Elfriede sich zuerst dagegen auflehnt, weiß ich sogar
-bestimmt. Sie ist rührend bescheiden und macht für ihre Person
-keinerlei Ansprüche. Es wird ihr gräßlich sein, zu der ihr bereits
-aufgedrungenen Jungfer noch eine zweite Umsorgerin zu benötigen. Was
-will das aber sagen? Ihr schwacher Einspruch wird unstreitig an der
-feurigen Zustimmung ihres Mannes sterben, wenn er es nicht bereits
-unter der klugen Anwendung meiner Mittelchen getan hat. -- Ihm wird
-diese Lösung außerordentlich genehm sein. Dann braucht er nicht mal
-mehr den guten Willen zum halbwegs pünktlichen Erscheinen bei Tisch
-aufzubringen, denn daß er ihn auch nur einmal in die Tat umgesetzt hat,
-glaube ich bei seinem Egoismus keinesfalls.“
-
-„Ich bewundere Ihre Klugheit aufrichtig, Frau Eßling.“
-
-„Es ist nur die folgerichtige Einsicht von notwendig gewordenen Uebeln,
-deren schädliche Wirkungen ich mich bemühe, so gut es gehen will, von
-meinem Kinde abzuwenden. -- Hören Sie! Ist das nicht ihr Schritt? Nein
--- ich irre mich nicht. Das Ohr der Mutter ist scharf. Aber -- was ist
-das? Sie kommt nicht allein? Da ist doch das unverschämte Lachen ihres
-Mannes. Sollte er ausnahmsweise die Gnade haben?“ --
-
-Es war, als lege sich plötzlich über die strengen, steifen Formen der
-schweren Möbel ein warmer Glanz. Die alten Nippes in der Servante
-begannen leise und vergnügt zu klirren. Im Nebenzimmer streckte
-sich der rotbemützte Kopf des grüngefiederten Papageis blitzschnell
-empor. Das ehrwürdige Zimmer war erfüllt von dem Schmelz der weichen
-Männerstimme.
-
-„Darf ich ebenfalls um eine Tasse Ihres unvergleichlich guten Tees
-bitten, verehrte Schwiegermama?“
-
-Gedankenlos duldete Frau Eßling seinen Handkuß. Ihre Augen blieben
-dabei gespannt auf die Tochter gerichtet.
-
-„Du siehst erschreckend blaß aus, Kind. Wie hast du geschlafen?“
-
-„Ausgezeichnet, Mama.“
-
-„Das glaube ich dir nicht! Zeige deine Hände. Natürlich -- sie sind
-ganz kalt. Hast du gefroren? Warte einen Augenblick, ich werde sofort
-an Franz telephonieren. Es ist bestimmt zu kühl bei Euch. Darum habe
-ich ja am Vorraum der Diele die kleinen Oefen aufstellen lassen, damit
-sie angemacht werden, wenn die Zentralheizung noch nicht geht.“
-
-„Laß doch, Mama,“ wehrte Elfriede gequält und suchte ängstlich den
-Blick ihres Mannes. „Die Sonne wärmt noch ganz wundervoll.“
-
-Aber die Kommerzienrätin ließ sich nicht zurückhalten. Sie hatte schon
-den Hörer in der Hand, um dem alten Diener die nötigen Befehle zu
-erteilen.
-
-Paul Karlsen saß mit einem rätselhaften Lächeln dabei. Er begehrte
-nicht auf, schlug nicht etwa mit der Hand zwischen die zerbrechlichen
-Kostbarkeiten, in denen der goldgelbe Tee deutlich schimmerte. Sondern
-er nickte seiner Frau beruhigend zu.
-
-„Mama hat ganz recht. Ich habe es mir heute auch schon gedacht.“
-
-Trotz dieser ungewohnten Fügsamkeit fand seine Gegenwart durch die
-Kommerzienrätin nicht viel Beachtung. Ueber ihn fort sprach sie
-unaufhörlich zu ihrer Tochter herüber, als befinde sich zu ihrer Linken
-ein leerer Platz.
-
-„Du wirst übrigens ein oder mehrere Tage bei mir bleiben, Elfriedchen.
-Ich muß endlich wissen, ob du abends erhöhte Temperatur hast.
-Widersprich nicht. Ich erlaube auf keinen Fall, daß du heute Abend in
-dein leider etwas feuchtes Heim zurückkehrst.“
-
-Da ließ sich Karlsens unwiderstehlich frohes Lachen hören. Aber es riß
-die andern durchaus nicht zu der gleichen Fröhlichkeit hin. Seine Frau
-sah scheu zu ihrer Mutter herüber.
-
-„Verehrte Schwiegermama, Sie scheinen vergessen zu haben, daß nur ein
-einziger über das Gehen und Verweilen von Elfriede zu bestimmen hat.
-Dieser Eine bin ich, mit Respekt zu melden.“
-
-Diesmal ahnte sie nicht, daß er Komödie spielte. Sein Ton war sehr
-ernst geworden. Sein junges, bartloses Gesicht wirkte fast streng. Den
-lächelnden Blick des Einverständnisses, den er mit Elfriede tauschte,
-bemerkte sie nicht. Ihre angeborene Heftigkeit -- niemals ernsthaft von
-ihr bekämpft -- brach sich Bahn.
-
-„Das bliebe abzuwarten, Herr Schwiegersohn,“ sagte sie in scharf
-zurechtweisendem Ton. „Sind Sie etwa hierher gekommen, um mich
-aufzuregen?“
-
-„Ich wüßte nicht, daß ich diesem vielleicht erstrebenswerten und daher
-löblichen Vorsatz schon jemals freie Entwicklung gegönnt hätte.“
-
-„Lassen Sie doch die Phrasen, Karlsen. Bei mir wirken sie nicht.“
-
-„Diese Bitte gebe ich gehorsamst zurück, Schwiegermama. Kurz: Elfchen
-wird mich nach Hause begleiten. Nicht wahr, Schatz?“
-
-Ein schelmischer Ausdruck huschte über das Gesicht der jungen Frau, und
-ließ es sehr anziehend erscheinen. Sie war glücklich wie ein Kind, daß
-sie im Einverständnis mit ihrem Mann dies unschuldige kleine Geheimnis
-haben durfte. Ohne zu zögern, antwortete sie:
-
-„Ja -- das werde ich bestimmt tun, Mama. Du hast doch gehört, daß Paul
-es ausdrücklich wünscht.“
-
-Da richtete sich die Kommerzienrätin steif empor und fragte kurz und
-empört zu der Konsulin gewandt:
-
-„Was sagen Sie dazu? -- Vor Ihnen, die Sie Elfriede über die Taufe
-gehalten und allzeit wie ein eigenes Kind geliebt haben, brauche ich
-mich nicht zu genieren.“
-
-Frau Enck war wegen der richtigen Antwort in tödlicher Verlegenheit.
-Einerseits schätzte sie gleichfalls diesen jungen Menschen nicht allzu
-sehr, weil sie in seiner Gegenwart beständig das Gefühl hatte, als
-langweile er sich sträflich. Daneben aber stand ihm in dieser Sache ihr
-Hang zur Gerechtigkeit bei.
-
-„Beschlafen Sie sich alles noch mal gründlich,“ versuchte sie zu
-besänftigen. Aber es mißlang ihr gründlich.
-
-Frau Eßling wurde erregter und daher auch in ihren Worten heftig. Sie
-erhob sich, trat nahe an den Schwiegersohn heran und sagte drohend:
-
-„Sie hören, ich wünsche und befehle es. Und nichts wird mich andern
-Sinnes machen können.“
-
-Nun war auch Paul Karlsen aufgestanden. Seine schlanke, elegante
-Gestalt überragte die rundliche der Kommerzienrätin um Haupteslänge.
-
-„Verehrte Schwiegermama, vorerst eine kleine bescheidene Berichtigung.
-Ihre kühn aufgestellten Behauptungen sind wirklich falsch. Der
-männliche Teil in der Ehe hat auch heute noch das Recht -- genau wie zu
-jener Zeit Ihrer Jugend -- den Aufenthalt seiner Gattin zu bestimmen,
-sofern er sich dies Recht nicht durch grobe Pflichtverletzungen
-verwirkt hat. Davon weiß ich mich frei. -- Ich würde Ihnen ja herzlich
-gern einen Gefallen tun. Mir selbst aber Opfer auferlegen -- nee --
-wissen Sie, dazu fühle ich mich nicht stark genug.“
-
-Es klang so überaus ehrlich, daß sogar seine Frau einen Augenblick
-stutzte. An dem hilflosen Blick, den sie ihm zuwarf, merkte er, daß er
-nicht weitergehen, nicht in dieser Rolle übertreiben dürfe. Er schwieg
-also vorsichtig und wartete die nächste Erwiderung ab. Sie blieb lange
-aus. Dann aber klang die vordem herrische Frauenstimme plötzlich um
-vieles leiser. Fast bittend.
-
-„Es soll sich nur um eine kurze Zeit handeln, Karlsen. Sagen wir -- um
-drei bis vier Tage! Wirklich nicht länger.“
-
-Er machte den Eindruck eines Menschen, der aufmerksam eine unliebsame
-Angelegenheit in Erwägung zieht. Daß er nicht sogleich antwortete,
-sondern -- wie um Beherrschung ringend -- mit gesenktem Blick auf seine
-wohlgepflegten, schöngeformten Hände herabsah, gefiel der Konsulin
-ausnehmend gut. Dann meinte er bitter:
-
-„Ich habe Ihre Neigung nicht, Schwiegermama. Das weiß ich natürlich und
-hätte mich gehütet auch nur ein Wort darüber zu verlieren, wenn diese
-Sache nicht gekommen wäre. Jetzt lassen Sie mich darüber sprechen.
-Glauben Sie, es wirkt erziehlich und macht edler, was Sie doch
-beabsichtigen, wenn Sie mich dauernd Ihre Abneigung fühlen lassen? O
-nein -- aber Verbitterung und Trotz können sehr wohl daraus entstehen.
-Bedenken Sie die Folgen, die wiederum das haben kann. -- Nicht so
-schnell. Nein, meine Liebe zu Elfriede läßt mich eine ganze Menge
-geduldig ertragen. Aber -- letzten Endes ist man doch nur ein schwacher
-Mensch. Und ich bin und bleibe noch dazu ein Komödiant. Einer, der gern
-Theater spielt, blendet, täuscht, nicht wahr -- so schätzen Sie mich
-doch ein?“
-
-Die Kommerzienrätin sah ihn unsicher an.
-
-„Sie sind zu ehrlich, um mir zu widersprechen, Frau Schwiegermama
-und ich, nun ja, ich war bis heute zu unehrlich, um gerade heraus zu
-sagen, daß ich mich tausendmal wohler in einer kleinen, bescheidenen
-Mietswohnung mit einem Mädchen für Alles fühlen würde. Der von Ihnen
-errichtete Tempel, in dem nicht mal die Sonne gern weilt, ist mir viel
-zu unbehaglich. Der alte Leisetreter von Diener stört mich. Nicht, wie
-Sie triumphierend meinen mögen, weil ich seine Späheraugen fürchte,
-sondern nur, weil mir dies Gesicht in seiner Maskenhaftigkeit zuwider
-ist. Und wenn es nach mir ginge, machte ich Ihnen eine tiefe Verbeugung
-und schlüpfte mit meinem lieben Schatz irgendwo -- meinetwegen im
-hohen Norden Berlins -- unter. Aber sehen Sie, das durchzubiegen
-bringe ich nicht übers Herz. Nicht Elfchens wegen. Denn schließlich
-bin ich ihrer Gegenliebe sicher. Ich habe aber ebenfalls eine Mutter
-gehabt, Frau Kommerzienrat, und wenn die auch nur eine schlichte,
-bescheidene Frau gewesen ist -- sie war ebenso stolz auf mich und hing
-mit genau derselben Liebe an mir, wie Sie jetzt an Ihrer Tochter. Und
-nur darum, das betone ich ausdrücklich -- gebe ich meine Erlaubnis zu
-dem vorübergehenden Verweilen meiner Frau unter Ihrem Dach. Erinnern
-Sie sich gefälligst. Als wir beide uns neulich zufällig trafen, nahmen
-Sie nicht Elfriedes bleiches Aussehen, an dem ich vielleicht schuldig
-sein könnte, zum Vorwand für diesen Besuch, sondern Sie versuchten mich
-durch ihre eigene Kränklichkeit zu rühren. -- Der Komödiant -- in mir
-sagt leise: „Sieh an, sie kanns fast noch besser wie du.“ Der Mann,
-je nun, dem war der krumme Weg just nicht angenehm. -- Aber diesen
-Mann haben Sie sich ja bisher niemals die Mühe genommen, kennen zu
-lernen. Einen Augenblick -- ich komme gleich zu Ende. -- Elfriede mag
-getrost bei Ihnen bleiben, solange sie will. Mich aber müssen Sie jetzt
-entschuldigen. Wie Sie mich einschätzen, werde ich unverzüglich meine
-vorübergehende Freiheit gehörig ausnutzen wollen. Also -- nicht wahr,
-Sie haben nichts gegen mein Verschwinden. Im übrigen hoffe ich, daß der
-edle Stratege Franz während Elfriedes Abwesenheit brav und zuverlässig
-seine Pflicht als Geheimpolizist erfüllt --“
-
-Die Kommerzienrätin rang um ein gutes oder wenigstens versöhnliches
-Wort, denn die Schlichtheit des Gesagten hatte mehr Eindruck auf sie
-gemacht, als sie sich eingestehen mochte. Ihre starre Natur suchte
-vergeblich danach. Und die Hand, die sie ihm entgegenhielt, übersah er.
-Nur seine Frau nahm er in die Arme und küßte sie herzhaft auf den Mund.
-
-„Wiedersehen, Kleines! Ich schicke dir am besten sogleich deine
-Zofe rüber. Erbarme dich und nimm sie, ja? Was soll ich mit all den
-Wachsfiguren.“
-
-Sie schmiegte sich zärtlich an ihn und flüsterte:
-
-„Paulchen -- mir ist ganz wirr. -- Lange halte ich die Trennung von dir
-doch wohl nicht aus.“ Und er gab ebenso zurück:
-
-„Mein kleiner, tapferer Kamerad, das ist auch gar nicht beabsichtigt.“
-
-Als er wenig später heimging, lachte er leichtsinnig auf. Er hatte
-sich wieder mal auf der ganzen Linie nach ungeteiltem Beifall einen
-glanzvollen Abgang verschafft. Wann wäre ihm auch jemals ein Kampf,
-den er ernsthaft zu gewinnen trachtete, nicht zum Siege ausgeschlagen?
--- Mit wachsender Ungeduld sehnte er die Stunde herbei, die ihm
-ein ungestörtes Beisammensein mit der zur Zeit von ihm am meisten
-bewunderten Frau schenken sollte.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-6.
-
-
-Eva von Ostried lief wie einst als Kind, wenn der große Hofhund ihr
-hart auf den Fersen war, und trotz der wärmenden Sonne fror sie. An der
-großen Brücke, über welche die Wagen mit dem dumpfen Geräusch einer
-riesenhaften Trommel dahinrollten, saß ein Bettler mit einer Drehorgel.
-Die Töne ließen sie auflauschen.
-
-Auf ihrem Wege stand eine alte Frau und rief ihre Zeitungen aus.
-Mechanisch kaufte sie. Vielleicht fand sich schnell eine Unterkunft.
-Irgendwo. Sie schüttelte sich. Aus der Tiefe ihrer Seele stieg ein
-Vorwurf empor.
-
-„Ich hätte diesen Karlsen gar nicht anhören dürfen, nach dem, was er
-mir angetan hatte.“
-
-Dann lächelte sie. Die Freude, ihm den sicher erwarteten Triumph zu
-zerstören, tat ihr wohl.
-
-Auf dem Flur daheim stand die alte Pauline und hielt eifrig Ausschau
-nach ihr.
-
-„Wo bleiben Sie bloß, Fräuleinchen? Waren Sie draußen bei unserer Frau
-Präsident?“ Die Alte hatte rotgeweinte Augen.
-
-„Bei unserer Frau Präsident? Nein, da war ich nicht.“ Es klang bitter.
-
-„Kommen Sie schnell. Sie müssen ja halb verhungert sein.“
-
-„Daran muß ich mich jetzt gewöhnen, Pauline.“
-
-„Daß Sie damit spaßen können. Wenn Sie mich so reich bedacht hat, wie
-wird sie da erst für Sie gesorgt haben.“
-
-„Glauben Sie das wirklich immer noch? Ich habe kaum zur Hälfte
-verdient, was ich von ihr bezog. Müßte eigentlich noch brav
-herauszahlen.“
-
-Das treue Mädchen begriff nichts. Sie merkte nur, daß die junge Gestalt
-vor Erschöpfung schwankte und führte sie sanft in das helle Stübchen,
-das unordentlich und zerwühlt aussah.
-
-„Jetzt legen Sie sich still nieder. Ich hole Ihnen einen Teller voll
-kräftiger Suppe. Und nachher bereden wir alles. Ich habe mir was Feines
-ausgedacht. Sie werden nun doch wohl ganz und gar Musikant werden
-wollen. Denn unsere Frau Präsident hat immer gesagt, daß es jetzt bald
-damit losginge. -- Ich könnte mich ja aufs Altenteil setzen. Aber das
-verstehe ich nicht recht. Ich zieh’ lieber zu Ihnen, Fräuleinchen. Das
-Haus hier, hat Herr Justizrat gesagt, wird verkauft. Solange dürfen wir
-beide noch darin bleiben.“
-
-„Ich nicht,“ sagte Eva mit zuckenden Lippen, „ich habe hier nichts mehr
-zu suchen.“
-
-„Sie sind doch wie ihr eigenes Kind gewesen. Ich weiß gar nicht,
-was Sie wollen. -- Darum kann ich Sie auch nicht allein lassen. Sie
-sind mir eine Art Vermächtnis. Ich putze Ihnen die kleine Wohnung
-und koche und mache alles, wie Sie es nun längst gewöhnt sind. Genug
-Möbel -- darunter den schönen feinen Flügel für Sie habe ich mir schon
-ausgesucht. Sie sollens genau wie bis jetzt kriegen. Dann ist es, als
-wäre sie noch bei uns. Und ich schlafe weiter in meinem Eisernen.“
-
-„Gute Pauline -- ich werde kaum eine eigene Wohnung brauchen. Ich nehme
-ebenfalls in Zukunft willig mit einem eisernen Bette fürlieb.“
-
-„Ich bin ein einfältiger, alter Mensch und will nicht aufdringlich
-sein. Aber wenn Sie mir das erklären möchten, Fräuleinchen.“
-
-„Erklären? Was denn? Es ist ja alles in bester Ordnung! Sie ist tot und
-ich muß sehen, wie ich möglichst schnell zu einer neuen Stelle komme.
-Sie meinen, daß ich plötzlich reich geworden wäre durch sie? Wie käme
-ich wohl dazu? Das wäre ja mehr als seltsam.“
-
-Sie schluchzte auf und war doch der Ueberzeugung, daß sie lache.
-
-„Versteh’ ich endlich recht? Sie wären nicht von unserer guten Frau
-Präsident bedacht, Fräuleinchen?“
-
-„Dazu war sie nicht verpflichtet, Pauline. Ich habe mehr von ihr
-erhalten, als ich jemals verdient habe.“
-
-„Fräuleinchen, sie hätte nicht sterben können, wenn Sie unversorgt
-zurückgeblieben wären. Mag einer reden, was er will. Sagen, daß der
-Tod sie überrumpelt hätte. Ich weiß es besser. Da muß sich noch was
-vorfinden, sage ich.“
-
-„Es ist nichts da, Pauline. Verlassen Sie sich drauf.“
-
-„Lieber guter Gott! Nun sollen Sie hier raus? Ganz nackt und blos? und
-ich und die andern haben so viel!“
-
-„Das ist nur gerecht. Sie haben sich’s verdient! --“
-
-„Das ist Unsinn! Wir beide ziehen zusammen, wie ich schon gesagt habe.
-Denken Sie doch, ich soll einhundertfünfzig Mark im Monat verleben.
-Wie mache ich das? Ich spars doch bloß wieder zusammen und das hätte
-keinen Sinn und Verstand. Denn ich habe keinen auf der Welt und es
-würde wieder eine neue Stiftung draus. Nein, ich sorge für Sie. Und
-nachher, wenn Sie erst richtig ausgelernt haben und es drückt sie,
-geben Sie mir alles wieder. Ja? Wollen wir es so machen?“
-
-Wer hohnlachte da? Eva von Ostried fuhr erschrocken empor. Sie hatte
-deutlich ein heiseres Lachen gehört.
-
-„Ach -- Pauline, ich habe nur gescherzt. Ich bin ja selbst reich. Mein
-früherer Vormund hat am Tage meiner Volljährigkeit der Frau Präsident
-in meiner Abwesenheit das Muttererbe gebracht. Gleich nachher will
-ich’s auf die Bank tragen. Denn es ist immer noch hier im Haus.“
-
-Das alte Mädchen schüttelte ungläubig den Kopf.
-
-„Das ist wahrhaftig ein verkehrter Stolz, Fräuleinchen. Damit tun Sie
-mir sehr weh. Sie haben nichts! Sie konnten ja früher mit mir drüber
-spaßen. Ehe ich’s also nicht mit meinen eigenen Augen gesehen habe,
-glaube ich Ihnen das nicht!“
-
-Eva von Ostried stand plötzlich vor der alten Pauline. Sie war
-verändert. Ihr noch soeben farbloses Gesicht glühte, als habe sie
-Fieber. Krampfhaft suchte sie nach ihrer kleinen, schwarzen Handtasche.
-
-„Um Gottes willen, wo ist sie geblieben? Ich habe sie doch noch soeben
-gehabt?“
-
-„Da liegt sie ja, Fräuleinchen. Ganz sicher!“
-
-Die schlanken Hände rissen den festen Bügel ungestüm auf, tasteten
-unter den Papieren herum und brachten einen dicken Umschlag ans Licht.
-
-„Schauen Sie nur -- wie viel Geld.“ Das alte Mädchen staunte.
-
-„Wirklich!“ machte sie unsicher.
-
-„Und nun seien Sie mir nicht böse, wenn ich nichts essen mag, Pauline.
-Nur schlafen muß ich. Nachher will ich gleich wieder fort. -- Meine
-Sachen sollen doch bald abgeholt werden. Und fertig packen muß ich auch
-noch.“ --
-
-Dann war sie allein! -- Und das Geld, das der alte Tabaksbauer kurz
-vor der Abreise der Präsidentin zurückgezahlt hatte, war immer noch in
-ihrem Besitz. Die Wucht der schweren Ereignisse, die seither über sie
-hereingebrochen, löschten die Erinnerung daran bis zu dieser Stunde
-aus. Jetzt aber wollte sie sogleich den Justizrat Weißgerber anklingeln
-und ihm davon Mitteilung machen. --
-
-Sein Büro war bereits geschlossen. Er selbst befand sich zur Zeit, wie
-ihr am Apparat mitgeteilt wurde, auf einer kleinen beruflichen Reise,
-von welcher er erst spät Abends zurückerwartet wurde. Nun mußte sie es
-bis zum nächsten Tage aufschieben.
-
-Mit keinem Gedanken hatte sie in der Zeit der jagenden Aufregungen
-des ihr anvertrauten Schatzes gedacht. Die Vorstellung, daß er in
-dem Wirrwarr sehr leicht abhanden hätte kommen können, erfüllte sie
-nachträglich mit eisigem Schrecken. Vielleicht hatte die Vorsehung
-es beabsichtigt. Es war jedenfalls gut gewesen, daß sie das Geld der
-alten Pauline vorzeigen konnte. Nun brauchte sie kein Bettelbrot zu
-essen. Denn sie hatte dumpf gefühlt, daß sie sonst dem heftigen Drängen
-nachgegeben haben würde.
-
-Das Gefühl der Mattigkeit war geschwunden. Sie suchte wieder ihre
-Habseligkeiten zusammen. Ihre Hände zitterten nicht mehr. Sie war
-ganz ruhig geworden. Einmal ging sie zum Nachttisch, auf dem die
-frischgefüllte Wasserflasche stand. Wie durstig sie war und wie gut der
-billige Trunk mundete.
-
-Dann schaffte sie weiter. Die Sonne warf eine Hand voll Strahlen durch
-das Fenster auf die kleine Handtasche und hob sie empor wie auf einem
-goldenen Brett. Eva von Ostried nickte herüber, als grüße sie etwas.
-Das viele -- viele Geld! Wenn es ihr Eigen wäre, käme alle Not zu Ende.
-Was könnte es alles schenken?
-
-Ein Bett, in dem sie ausruhen konnte, solange es ihr gefiel. Einen
-Tisch mit einer Lampe darauf, die leuchten durfte -- auch zu dem Flügel
-hin, den sie sich davon erstehen würde. Der Flügel, an dem sie sitzen
-und sich ihres Lebens Glück ersingen konnte.
-
-Sie schauerte zusammen. Wie war es möglich, daß sie überhaupt dieser
-Vorstellung Raum gab. Fremdes Geld? Anvertrautes Gut! Was ging es sie
-an? Mochten sich die verschiedenen überreich bedachten Stiftungen darin
-teilen. Mechanisch häufte sie, was ihr gehörte, weiter zusammen. Wohin
-nun aber mit all diesem Tand?
-
-Ihr Blick fiel auf die an der Brücke gekauften Tageszeitungen. Sie
-vertiefte sich in die Menge feingedruckter Anzeigen. An der einen
-blieben ihre Blicke haften und kehrten dorthin zurück:
-
- Suche sofort aus bester Familie für meine Tochter gebildete
- Gesellschafterin. Ernste Lebensauffassung, fester Charakter neben
- guten Zeugnissen Bedingung. Vorstellung jederzeit. Auch abends bis
- 10 Uhr bei Frau Eßling, Eisenacherstr. 10, Grunewald-Berlin.
-
-Also ganz nahe. Mit einer spitzen Schere schnitt sie sorgfältig die
-Reihen aus. Sobald sie hier fertig war, wollte sie sich vorstellen.
-
-Sie legte das schmucklos schwarze Kleid an, in dem sie ihren Vater
-betrauert hatte. Den wertvollen Spitzenkragen, ein Geschenk der
-Präsidentin, zerrte sie so heftig herunter, das die spinnwebenfeinen
-Sternchen zerrissen. Zu diesem Gange durfte sie sich nicht schmücken.
-Als Gesellschafterin einer sicherlich jungen Tochter mußte sie häßlich,
-unscheinbar und wesenlos sein. Der Spiegel gab ihr Bild in seiner
-vollen Schönheit wieder. Die Kämpfe, die rückwärts lagen, quälten
-sie von neuem. Die unverdiente Eifersucht ihrer früheren Herrinnen
--- der Neid der Dienstboten wegen ihrer Sonderstellung im Hause, der
-eigene, lodernde Zorn, stumm die tiefe Einschätzung zu ertragen und
-nicht zuletzt die Angst, daß sie eines Tages aus Groll, Einsamkeit und
-Lebensdurst -- verdient wäre.
-
-Und nie -- nie mehr die geliebte Kunst? Daran hatte sie überhaupt nicht
-denken wollen. Das zerbrach ihre Kraft. Nun lag sie wieder matt und
-frierend da und konnte nichts denken. Dumpf fühlte sie, daß dies mehr
-als ein Grauen vor dem nahen Wege nach dem Golgatha zur Pflicht war.
-Ein Lebensabschied; der Tod aller Wünsche und Freuden!
-
-Diese zu erwartende Not jagte ihr eine fiebernde Gier durch das Blut.
-Ein paar tausend Mark nur. Denn jene kleine eroberte Summe würde kaum
-für die notdürftigsten Anschaffungen genügen. Freilich verwahrte
-Amtsrat Wullenweber noch einige Möbelstücke aus mütterlichem Besitz
-für sie. Wo aber war der Raum, der sie bergen konnte? Das Leben war
-unerhört teuer. Wiederum nach wenigen Schritten stehen zu bleiben und
-rückwärts zu müssen. Nur das nicht abermals!
-
-Jenes vorübergehend von ihr vergessene Geld, dessen Vorhandensein
-niemand ahnte -- denn die Präsidentin hatte ihr das Nähere erzählt --
-wäre übergenug, um sie glücklich zu machen.
-
-Aber ein Gefühl des Ekels über sich selbst stieg ihr in die Kehle. Wie
-tief sie gesunken war, daß solche Gedanken kommen konnten. Sie schloß
-die Tasche in den Schreibtisch ein und suchte eine andere hervor. Dabei
-sah sie einen Zettel, den die Präsidentin an eine der zahlreichen
-Geburtstagsgaben geheftet hatte.
-
-„Meinem Sorgen- und Glückskinde!“
-
-Sie sah auch das gütige, feine Gesicht deutlich vor sich und hörte
-die Worte, mit denen sie in Oeynhausen ihre Zukunft erleuchtet und
-festgelegt hatte. Kam nicht das Versprechen solcher Frau bereits der
-vollzogenen Handlung gleich. Hatte sich die unabänderliche Tat der
-Schenkung nicht schon damals vollzogen? -- Wen träfe das Verschwinden
-dieses Geldes? -- Es wäre ja gar kein Raub.
-
-Aber was wäre es denn? -- Aber eine Mahnung ward ihr im Innern: Eine
-zerlumpte Zigeunerin hatte einst auf dem väterlichen Majorat der
-Mamsell aus deren Schlafkammer den unechten Sonntagsring entwendet. Die
-Knechte liefen ihr mit Wagenrungen und Heugabeln nach, weil es gleich
-zu Tage kam, griffen sie und spien nach ihr, denn zum Schlagen war sie
-ihnen zu schlecht gewesen.
-
-Die kleine Eva hatte das alles mitangesehen und ebenfalls versucht
-das flinke, rote Zünglein zu recken, um nicht hinter den Erwachsenen
-zurückzustehen.
-
-Jener Ring! Ach -- das war etwas ganz anderes. Er hatte eine Besitzerin
-gehabt, die ein armes Mädchen gewesen und sich nur mühsam so etwas
-leisten konnte.
-
-Dies Geld aber -- --
-
-Sie lag plötzlich auf den Knien und rang die Hände. Ihr Hirn war leer.
-Im Herzen -- am Halse -- in den Fingerspitzen jagte eine entsetzliche
-Angst. Ein Name klang gellend -- in Todesfurcht herausgeschrien --
-durch das Zimmer.
-
-„Mutter -- Mutter -- hilf mir doch!“
-
-Auf dem stillen, süßen, scheuen Frauenantlitz, das aus vergoldetem
-Rahmen auf die verlassene Tochter herabsah, lag der Schatten des
-scheidenden Tages und ließ es noch leidvoller erscheinen!
-
-Kein Rettungsanker hielt stand. Nirgends war eine Stätte der Zuflucht
-für sie bereitet.
-
-Die roten Türme des Waldesruher Heimatschlosses würden zwar noch
-erhaben über alles andere hinwegsehen und die Gräber der Eltern
-gehörten ihr nach wie vor. Ein verwitweter Vetter gleichen Namens saß
-jetzt als Erbberechtigter auf dem alten Majorat und mochte den Zufall
-segnen, der dem tollen Ostried einen Sohn versagte. Vielleicht bei ihm
-untertauchen -- wenn auch nur für kurze Zeit? -- Aufnahme würde sie
-finden. In der Familienchronik war der jeweilige Besitzer ausdrücklich
-angewiesen, jeden bedürftigen und würdigen weiblichen Nachkommen eines
-Vorgängers für mindestens sechs Monate unentgeltlich im Schlosse zu
-beherbergen.
-
-Der bloße Gedanke daran peinigte sie aber schon!
-
-Stellte sie nicht in Wahrheit die Bettelprinzeß dar, wie ihr das einst
-ein Trunkener höhnend nachgerufen hatte? Keine andere Macht, meinte
-sie, käme der des Geldes gleich. Das Blut des Vaters kreiste in diesen
-Augenblicken wild durch ihre Adern, sie wollte gefeiert und verwöhnt
-werden. Es war undenkbar, daß sie untertauchte, um im Dunkel ewiger
-Entbehrungen zu verkommen.
-
-Ein harter Trotz kam über sie. Sie war sich der Macht, die sie auf Paul
-Karlsen ausübte, voll bewußt. Und er war doch reich geworden, wie aus
-jedem seiner Worte hervorging.
-
-Sie riß das schlichte Kleid herunter und suchte eins aus weicher,
-fließender Seide hervor. Wie eine Braut geschmückt wollte sie zu ihm
-gehen und wie eine Königin Gnaden spenden.
-
-Und dann lag sie doch wieder mit dem Gesicht auf der blanken Platte des
-Mahagonitisches und grub in Scham und Not die Zähne tief in das Gewebe
-der seidenen Zierdecke.
-
-„Nie -- nie -- nie kann ich das tun!“
-
-Wenn er sie aber zu seinem Weibe begehrte? Und was konnte er anders
-mit dem heimlichen Werben in jedem Blicke gemeint haben? Paul Karlsens
-Frau, die Genossin des Künstlers, die treue Kameradin eines gleich ihr
-Emporstrebenden?
-
-Warum schüttelte sie sich plötzlich? Das Blut der Mutter kam nun auch
-zu seinem Recht. -- Ohne Liebe sich verkaufen -- das war noch härter
-wie die Fron des Alltags.
-
-Auch nicht um der Kunst willen? Sie fühlte, daß es ihr ans Leben gehen
-wollte.
-
-Wenn sie vor jedem entscheidenden Schritt erst zu Ralf Kurtzig, dem
-alten Meister, gehen würde? Vielleicht wußte er ihr einen Gönner, der
-aus Freude an ihrem Talent freigebig war. Vielleicht riet er ihr aber
-auch, daß sie lieber hungern und verzichten solle, als ihre Kunst
-aufzugeben. Ja -- es war sogar sicher, daß er diesen Rat erteilte. --
-
-Befolgen hätte sie ihn nicht können. Nach dem Tode ihres ersten Gönners
-hatte sie damit einen kurzen Versuch gemacht. --
-
-Die alte Pauline klopfte leise und trug ein vollbesetztes Tablett
-herein. „Jetzt müssen Sie etwas genießen, Fräuleinchen.“
-
-Eva von Ostried wollte fest bleiben. Es gehörte ja alles der Frau, die
-wohl doch im letzten Augenblick ihr feierliches Versprechen bereut
-hatte. Aber das Hungergefühl schmerzte beim Anblick der guten Sachen.
-Sie überlegte nicht länger.
-
-Erst, als sie völlig gesättigt war, verachtete sie sich deswegen. Jäh
-packte sie die Angst, daß sie sich letzten Endes auch zu dem andern
-zwingen lassen könnte.
-
-Stumpf legte sie das kostbare Kleid wieder ab und schlüpfte in das
-schmucklose Trauerfähnchen. Dann ging sie langsam den Weg, der zur
-Eisenacherstraße führte.
-
-Irgendwo auf dem Wege dorthin zu ihrer Linken lag ein weinumwachsenes
-Haus. Der goldgelbe Kies war stumpf und bleich geworden, weil ihn die
-Sonne nicht mehr beschien. Es war eben acht Uhr. Sie wußte die Zeit
-nicht. Mit schleppenden Schritten ging sie an dem Hause im Schatten
-vorüber. Ein paar volle Akkorde schlugen von dem tönenden Reichtum
-drinnen, an ihr Ohr. Sie wollte nichts hören. Eine Stimme erhob sich:
-
- Geschmolzen ist der Winter Schnee
- Ganz stumm und still verfalln dem Grabe..
-
-Ein Krampf schüttelte sie. Nur nicht stehen bleiben. Weiter. --
-
-Aber sie ging doch nicht. An das kunstvoll gehämmerte Gitter gelehnt,
-lauschte sie gierig.
-
- Herr Tristan hob vom heißen Pfühle
- Sein mattes Haupt und sprach -- -- --
- Nicht länger trage ich die Scham,
- So bloß zu stehn mit meinem Gram....
-
-Der Gesang schwieg. Ein Fenster schlug auf. Sie stand wie verzaubert.
-Ueber den blassen Kies knirschten die Schritte eines Mannes.
-
-„Kleine Mignon!“
-
-Sie fühlte sich an die Hand genommen und in das Haus gezogen.
-
-„Ich will nicht! Ich will nicht!“ stammelte sie. Leise lachte er auf.
-
-„Sie hat’s nicht erwarten können,“ dachte er und fand sie schöner und
-begehrenswerter als je in dem klösterlich strengen Gewande.
-
--- Paul Karlsens schneller Entschluß, sie in das Musikzimmer und nicht,
-wie er das ursprünglich beabsichtigt, in sein Herrenzimmer zu führen,
-erwies sich als sehr klug. Die Bildnisse der Meister edler Tonkunst,
-die von den Wänden herab grüßten, wirkten beruhigend und anheimelnd
-auf Eva von Ostrieds Fassungslosigkeit. Sie empfand plötzlich ihre
-Anwesenheit hier nicht mit quälendem Vorwurf. Es blieb ungewöhnlich.
-Jedoch auch nichts weiter.
-
-Paul Karlsen neigte sich mit ritterlicher Besorgnis zu ihr herab. „Ist
-es Ihnen auch zu feierlich bei mir, Fräulein von Ostried?“ Sie hob den
-Blick frei zu dem seinen.
-
-„Hier weht Heimatsluft, Herr Karlsen. Uebrigens -- war ich nicht auf
-dem Wege zu Ihnen.“
-
-„Ah,“ machte er.
-
-Sie errötete, weil sie fühlte, daß er ihr nicht glaubte. Sollte sie
-ihm von ihrem eigentlichen Vorhaben, dessen Ausführung sein Gesang nur
-verzögert haben würde, erzählen? Sie brachte es nicht über die Lippen.
-Einen Augenblick saßen sie sich schweigend gegenüber. Dann sagte sie,
-in ehrlicher Bewunderung umherschauend:
-
-„Wie wunderschön Sie es haben, Herr Karlsen! Die Goldader, von der Sie
-sagten, muß wirklich ergiebig sein.“ Er nickte zufrieden.
-
-„Unerschöpflich fließt sie sogar. Wir haben einen Diener, eine Köchin
-und noch mehrere beigeordnete Untertanen im Hades der Küche, die ich
-freilich noch nicht zu Gesicht bekommen habe.“
-
-Er zählte es mit der Wichtigkeit und dem Stolz eines fröhlichen Jungen
-her, der sich sehr wohl in den neuen, glanzvollen Verhältnissen fühlt.
-Eva von Ostried war nicht neugierig. Sie hätte aber dennoch gar zu
-gern gewußt, wie ein Schicksalsgenosse, von dessen Schulden man sich
-in Oeynhausen Wunderdinge erzählte, plötzlich zu diesen Märchendingen
-gekommen war.
-
-Er hatte das vorausgesehen und sich bereits auf dem Heimgang von seiner
-Schwiegermutter eine durchaus glaubhafte Erklärung zurechtgelegt.
-
-„Es war ein Onkel von Thule,“ summte er Desdemonas zitterndes Lied
-vom König. „Und dieser alte Herr mit Druckknöpfen von Eisen und Feuer
-an der gewichtigen Geldkatze besaß einen Neffen. Einen Nichtnutz
-natürlich, der totsicher vor die Hunde gehen würde. Dieser Schlingel
-bildete sich felsenfest ein, eine Stimme zu haben, die anders wäre,
-wie die des Onkels von Thule. Frechheit, nicht wahr? -- Er glaubte
-weiter, daß die Dummen in absehbarer Zeit mal ihr Geld ausgeben würden,
-um sie hören zu dürfen. Man bedenke -- der Onkel aus Thule war in
-seinem Leben niemals in eine Oper gegangen. Und besagter Neffe hätte
-in seinem Tabak- und Kaffeeexportgeschäft wundervoll unterkommen
-können. -- In Hamburg. Er bot es ihm sogar schriftlich an. Der Bengel
-antwortete überhaupt nicht darauf, trotzdem eine Freimarke beilag. Er
-pumpte ihn aber auch nicht an. Lieber ganz Fremde, die sich wirklich
-überraschend leicht finden ließen. -- Und der Onkel von Thule kam --
-zwar nicht zum Sterben, wohl aber nach Oeynhausen, denn er war immer
-ein kleiner Schlemmer gewesen und nun lag sein Herz im Fett. Und er
-gab auch nicht seiner geehrten Buhle den bekannten güldenen Becher,
-sondern seinem Nichtsnutz von Neffen einen Wink, damit er sich mal zu
-ihm ins Hotel begeben möchte. -- Daß er ihn zuvor ein paar mal aus
-sträflicher Langeweile, von einem leidenden, zufällig hochmusikalischen
-Geschäftsfreund verführt, in allen damals gegebenen Opern gehört hatte,
-nur nebenbei. Jeder, der einen stumpfsinnigen Badeaufenthalt von
-mehreren Wochen durchgemacht hat, wird ihm diese Entgleisung vergeben.
--- Also -- der Bengel erschien und nun machte sich das weitere
-ganz von selbst. -- Wir sind nach Berlin übergesiedelt, denn die
-Exportgeschichte in Hamburg hatte genug für uns abgeworfen und -- na ja
--- da wären wir nun.“
-
-Keinen Augenblick zweifelte sie an der Richtigkeit seiner Erzählung.
-
-„Wie schön ist es, daß sich Ihr Talent voll entfalten kann,“ sagte sie
-und kämpfte gegen allen Neid.
-
-„Das hätte es auch ohne den Onkel fertig gebracht. Wie können Sie
-das von einem -- nun nennen wir es getrost Zufall, abhängig machen!
-Schwerer wäre es freilich gewesen und länger würde es mit dem Aufstieg
-vielleicht gedauert haben. Auf die Spitze wäre ich doch gekommen.“
-
-„Das ist Manneskraft.“ Es klang wie eine Klage.
-
-„Nein, das ist die gesunde Erkenntnis des eigenen Könnens,“ widersprach
-er, „die sollte Jedes haben, das sich seine Begabung nicht lediglich
-einbildet. Sie also auch, Fräulein von Ostried.“
-
-„Ich habe es mir anders überlegt. Ich will nicht weiter.“
-
-„Was wollen Sie nicht, bitte? -- Nicht mehr singen? Einfach
-abschwenken? Gehen Sie doch! Jetzt wären wir endlich bei unserm
-eigentlichen Thema angelangt. -- Nachdem Sie sich umgesehen und meine
-Geschichte vernommen haben, werden Sie auch glauben, daß mir die Gelder
-nicht mehr knapp sind.“
-
-„Was geht das mich an?“ fragte sie brüsk und machte Miene, sich zu
-erheben. „Ich will jetzt gehen. Ihr Herr Onkel wird Sie nicht länger
-entbehren mögen.“
-
-„Mein Herr Onkel ist bei seinen Whistbrüdern,“ lachte er leise. „Von
-denen macht er sich bestimmt nicht vor Mitternacht los. Denn -- eine
-Frau haben wir nicht mehr. Die ist lange, lange tot. -- Nur der alte
-Franz paßt derweilen auf, damit ich keine Dummheiten mache. Denn der
-Onkel von Thule macht sie lieber noch selber. Wundern Sie sich also
-nachher etwa in ein paar Stunden nicht, wenn er plötzlich stocksteif --
-stockdämlich irgendwo herumsteht. Sonst habe ich es aber wirklich in
-jeder Beziehung ausgezeichnet. Kann sozusagen tun und lassen, was ich
-will. Die Geldkatze steht unverschlossen zu meiner Verfügung. Dazu ist
-mein fester Monatswechsel blendend.“
-
-„Wozu sagt er mir das alles?“ dachte Eva von Ostried und ihr Herzschlag
-drohte in einer erstickenden Angst auszusetzen. „Er will doch nicht
-etwa selbst --?“ Das Gefühl des Widerwillens, stärker noch als
-dasjenige der Empörung und des Zornes über die unerhörte Kühnheit, mit
-der er sie damals beleidigt hatte, regte sich wieder.
-
-Sie begriff nicht mehr, daß sie ihm willenlos hierher folgen konnte,
-nach diesem Erlebnis. Ihr Gesicht war sehr bleich geworden. Ihre Augen
-irrten mit einem flackernden Blick umher, als sie sich jetzt erhob.
-
-„Wie mich das für Sie freut! Lassen Sie sich’s weiter wohl sein, Herr
-Karlsen.“ Jedes Wort mußte sie erkämpfen. „Und schnellen, sicheren
-Aufstieg.“ Es klang tonlos. Er war gleichfalls aufgestanden und sah auf
-sie herab -- immer noch, als sie längst zu Ende gesprochen hatte. Das
-brachte ihr eine größere Unsicherheit. Sollte sie ihm jetzt die Hand
-reichen oder -- grußlos entfliehen.
-
-„Nur noch einen Augenblick,“ forderte er und seine Brauen schoben
-sich eng zusammen. „Zwar weiß ich wirklich nicht, womit ich diesmal
-Ihre Unzufriedenheit erregt haben könnte -- irgendwie werde ich mich
-ja aber doch wohl vergangen haben. Denn für solche Wirkungen besitze
-ich auch ein musikalisches Feingefühl. Sicherlich habe ich zu viel um
-den Brennpunkt herumgeredet. Verzeihen Sie mir. -- Als ich Ihnen von
-dem mir gutbekannten Gönner sprach, der Ihnen auf mein Wort helfen
-würde -- stand mein Plan bereits fest. Und das ist er geblieben. --
-Entschuldigen Sie mich für einen Augenblick. Ich hole nur eine wichtige
-Kleinigkeit nebenan aus meinem Studierzimmer.“
-
-Ehe sie eine Entgegnung fand, war er bereits verschwunden. Durch
-die zurückgeschobenen Vorhänge konnte sie den Raum übersehen. Ihre
-Blicke lösten sich von seinen Händen, die hastig in den aufgezogenen
-Schiebladen des Schreibtisches herumkramten und wanderten --
-gedankenlos -- umher. Es trieb sie zur Flucht und sie blieb dennoch.
-Sie nahm nichts von alledem, was sie anstarrte, in sich auf. Die
-Bilder verschwammen zu farblosen Massen. Die wuchtigen Vasen auf hohen
-Sockeln, die sicher ein kleines Vermögen kosteten, wuchsen wie Steine
-auf, die in unsichtbarer Faust nach ihrem Herzen zielten. Mit fast
-übermenschlicher Gewalt zwang sie sich dazu, etwas zu denken -- zu
-sehen -- zu empfinden.
-
-Da lag, gerade über seinem Kopf, ein großer grüner Fleck mit
-leuchtenden Blutstropfen. --
-
-Nein, ein Bild war’s; als sie schärfer, sich dazu zwingend, hinsah,
-erkannte sie die überschlanke Gestalt eines weiblichen Wesens darin,
-die unter rotem Mohn auf grüner Wiese stand. Auf dem Gesicht lag der
-volle Schein einer glutrot gemalten Sonne und hob es scharf heraus. In
-seiner rührenden Anspruchslosigkeit wirkte es fast mit diesem Leuchten,
-das von innen heraus zu strahlen schien, lieblich. Obwohl Nase und Mund
-viel zu groß darin standen. Sie prägte es sich ein, um nur nicht denken
-zu müssen, daß sie mit jeder Minute ihres längeren Verweilens von ihrem
-Mädchenstolz verschwende.
-
-Endlich kam er zurück. -- Hochrot! Zornig!
-
-„Niemals kann ich das finden, was ich gerade suche. Das ist gräßlich!
-Jetzt endlich ist es gelungen. Sehen Sie, bitte! Nun -- was ist das?“
-
-„Ein Scheckbuch,“ sagte sie tonlos, „aber ich begreife nicht.“
-
-„Ganz recht. Sie haben also viel mehr Geschäftssinn wie ich -- etwa
-vor sechs Monaten. Genauere Anweisungen brauche ich Ihnen also wohl
-nicht mehr zu erteilen. -- Sie nehmen dies an sich und füllen einfach
-mit einer bestimmten, von Ihnen beliebig festzusetzenden Summe jeden
-Monat die Geschichte aus. Das weitere macht dann schon die Bank!“ Sie
-streckte beide Hände von sich, als wehre sie eine furchtbare Versuchung
-ab.
-
-„Um Gottes willen, nur das nicht!“
-
-„So verhaßt bin ich Ihnen, Eva? Was Sie ohne Bedenken von dem alten
-Blutsauger, der Sie zur Bretteldiva machen wollte, angenommen hätten,
-ohne diese Bedingung, das wollen Sie mir nicht gestatten?“
-
-„Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen jemals zurückerstatten kann.“
-
-„Darüber sorgen Sie sich nicht. Zinsen allerdings -- verlange ich.“
-
-Daß er sachlich zu sprechen begann, machte sie ruhiger.
-
-„Wovon sollte ich die zahlen.“ Er sah sie fest an.
-
-„Wovon? Fühlen Sie das nicht, Eva?“
-
-Ihre Hände hingen matt hernieder. Er betrachtete sie lange. Aber er
-nahm sie nicht in die seinen. Nur nichts übereilen. Langsam begann er
-ihr in Worten ein lebendiges Bild zu malen.
-
-„Sie beziehen, am liebsten in meiner Gegend, eine kleine feine Wohnung.
-Nur kein Kellerloch oder Dachstübchen. Das drückt von vornherein das
-Können nieder. Auch die öffentliche Meinung. Dann schaffen Sie sich
-jemand, der Ihnen den Kleinkram des täglichen Lebens fernhält und
-nebenbei diskret ist. Dann erst sehen Sie sich nach geeigneten Lehrern
-um. Natürlich müssen sie erstklassig sein. Auf die Honorare darf es
-nicht ankommen. Und dann -- ergibt sich das Schönste wie von selbst.
-Das Lernen. Das Vertiefen. Die Seligkeit, daß es bestimmt geschafft
-wird. Die Vorausempfindung all des brennenden Neides der liebwerten
-Kollegenschaft -- aber auch der Macht, die täglich wachsen und genau
-wie die meine, zur Andacht niederreißen wird -- mag die Menge willig
-sein oder nicht.“
-
-Mit weitvorgestrecktem Haupt hatte sie ihm gelauscht. Das war ein
-Klang aus jener Welt, in der allein sie glücklich zu werden wähnte.
-Ein echter Klang. Das fühlte sie. In diesem Augenblick empfand sie
-auch keinen Widerwillen gegen Paul Karlsen. Seine Güte zurückzuweisen,
-erschien ihr unnatürlich. Ja -- unmöglich, je länger sie über seinen
-Vorschlag nachdachte.
-
-„Die Zinsen -- wie hoch?“ fragte sie nur noch.
-
-Da lag er ihr zu Füßen und zwang sie in einen tiefen, niederen Sessel
-hinein.
-
-„Deine Liebe und sonst nichts! Fühlst du immer noch nicht, wie ich mich
-nach dir verzehre. Siehst du nicht, daß ich dir alles zu Füßen legen
-möchte und nur verlange, daß du dich von mir anbeten und lieben läßt?“
-
-Sie stieß ihn nicht zurück, trotzdem sie unter seiner Berührung
-zusammenschauerte. Nur ein Gedanke hämmerte in ihrer Stirn:
-
-„Bin ich jetzt seine Braut? -- Und muß ich nun auch sein Weib werden?“
-
-Ein Finger pochte leise an die hohe Tür. Paul Karlsen fuhr auf und
-setzte sich ihr gegenüber.
-
-„Haben Herr Karlsen gerufen?“ Der alte Diener streckte sein
-unbewegliches Gesicht bescheiden in das Zimmer hinein.
-
--- Der Zauber dieses Augenblickes war ihm unwiderbringlich verloren.
-Ihre Not für ein Weilchen überwunden.
-
-Sie schickte sich an zu gehen, und er hielt sie nicht zurück.
-
-„Ich werde Nachricht geben. Vielleicht morgen schon,“ flüsterte sie und
-glaubte zu wissen, daß sie sich ihm aus Liebe zur Kunst verkaufen könne.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-7.
-
-
-Kaum tausend Schritt von Karlsens Villa entfernt stand abseits von der
-Verkehrsstraße eine Bank. Auf diese strebte Eva von Ostried zu. Im
-Augenblicke war es ihr unmöglich, ihren Weg fortzusetzen. Alles Denken,
-bis zur äußersten Grenze erschöpft, setzte aus und sie gab sich willig
-dieser Müdigkeit hin.
-
-Sie fühlte, daß sie sich dem Manne, der ihr seine Liebe geboten,
-anverlobt habe. Daß sie überhaupt nach seinem Kuß zu ihm ging, ließ nur
-diese Deutung zu. Er mußte annehmen, daß sie sein Gefühl erwiderte!
-
-Und es war doch eine Lüge! Sie fühlte nichts für ihn.
-
-Die Blicke, die er auf ihr hatte ruhen lassen, peinigten sie noch
-nachträglich! Das Erinnern an seine heißen, zuckenden Hände, die sie
-umklammert hatten, als er vor ihr kniete, brachte ihr erneut die starke
-Empfindung des Widerwillens gegen seine Zärtlichkeiten.
-
-Das Verhältnis zwischen ihren Eltern fiel ihr ein. Der Vater hatte
-zuweilen, nach einer besonders guten Flasche Wein von der hingebenden
-Zärtlichkeit ihrer Mutter in der Verlobungszeit gesprochen. Und
-doch war später aus der Ehe das geworden, was Evas erste Jugend
-unaussprechlich ängstigte und sie noch jetzt mit Grauen erfüllte! An
-dem unverbesserlichen Leichtsinn des schönen Ostried zerbrach die
-Kraft und das Leben ihrer Mutter, nachdem wohl schon längst ihre Liebe
-dem starren Pflichtbewußtsein weichen mußte.
-
-Und sie selbst wollte sich jetzt ohne einen Funken schlummernder
-Zärtlichkeit binden?
-
-Um den roten Mund grub sich eine Falte, die ihr Gesicht hart machte.
-Der Preis, den sie sich dadurch erringen würde, war hoch genug, um
-einem törichten, streng verschwiegenen Mädchentraume dies Opfer zu
-bringen.
-
-Sie war bereit! Aber nicht mehr völlig bedingungslos. Das Gesuch der
-Frau Eßling wegen der Gesellschafterin für die Tochter fiel ihr ein.
-Sie wollte versuchen, dort ein paar Wochen unterzuschlüpfen, um sich
-eine Bedenkzeit zu sichern.
-
-Frau Kommerzienrat Eßling befand sich in einer selten weichen
-Stimmung, als ihr gemeldet wurde, daß eine Bewerberin draußen warte.
-Der Sieg über den Willen des Schwiegersohns hatte sie vorübergehend
-versöhnlicher gestimmt. Ihr Gerechtigkeitsgefühl konnte sich zudem
-gegen die Wahrheit seiner Bitterkeiten nicht verschließen. In der
-Hauptsache füllte sie die Freude, die Tochter wieder -- wenn auch nur
-für kurze Zeit -- bei sich zu haben, gänzlich aus. Daneben verschwand
-jede Trauer und Auflehnung.
-
-Elfriede Karlsen lag, wie einst während langer Jahre, auf dem Ruhebette
-und ließ sich mit dem Lächeln eines dankbaren Kindes von ihrer Mutter
-verwöhnen. Noch ahnte sie die neueste Fürsorge der Kommerzienrätin
-nicht. Mit wenigen hastigen Worten wurde sie ihr jetzt als eine
-Notwendigkeit hingestellt.
-
-„Aber, Mama,“ sagte sie flehend, „das ist grausam von dir --“
-
-„Du solltest froh sein, daß ich auf diesen erlösenden Gedanken gekommen
-bin, Elfriedchen. Die vielen einsamen Stunden taugen nicht für dich. Du
-grübelst zu viel.“
-
-„Ich warte auf meinen Mann und das ist wunderschön,“ sagte sie. Es lag
-alle Treue und Zärtlichkeit darin.
-
-„Diese Stunde ist nicht geeignet, um darüber zu streiten, Kind. Schnell
-nur eins: Ihr betont beide bei jeder Gelegenheit, daß ein Künstler frei
-sein muß und du willst ihn doch nicht von der Kette lassen?“
-
-Das blasse Gesicht rötete sich trotz der weißen Puderschicht, die Frau
-Eßling ihrer Tochter niemals zugetraut.
-
-„Soll das heißen, daß ich ihn ungebührlich in Anspruch nehme, ihn
-in seiner Entwicklung hemme? -- Das aber kann unmöglich deine wahre
-Ansicht sein, Mama. Noch vor wenigen Tagen hast du mir den ernsthaften
-Vorwurf einer viel zu großen Anspruchslosigkeit gegen Paul gemacht!“
-
-„Darin liegt kein Widerspruch, mein Kind! Natürlich und verständlich,
-wenn eine junge, verliebte Frau die Minuten zählt, bis ihr der Gatte
-endlich wiedergeschenkt ist. Aber auch ebenso begreiflich, wenn bei
-einer Veranlagung wie dein Mann sie nun doch einmal hat, ihn jeder
-leiseste Zwang behindert und vielleicht sogar verstimmt und hemmt.“
-
-„Hat er sich etwa dir gegenüber beklagt, Mama?“
-
-Die Kommerzienrätin lachte bitter auf.
-
-„Wo denkst du hin, Elfriedchen. Ein so großer Künstler nimmt sich nicht
-die Mühe, eine gewöhnliche Sterbliche, wie mich, in seine Empfindungen
-einzuweihen. Aber erinnere dich nur. Ist er nicht häufig genug
-ungehalten gewesen, wenn du etwa eine Stunde oder noch länger wie ein
-geduldiges Lämmchen mit dem Essen auf ihn gewartet hast?“
-
-„Mama, nimm den alten Franz wieder zu dir,“ bat die junge Frau gequält.
-Sie wußte sofort, aus welcher Quelle ihre Mutter die Kenntnis jedes
-auch des kleinsten und unwichtigsten Geschehnisses aus ihrem Leben
-schöpfte.
-
-„Du hast mich schon mehrmals darum gebeten, Elfriede. Und heute, wie
-früher sage ich dir, daß er bleiben wird und muß.“
-
-Elfriede Karlsen seufzte tief auf.
-
-„Was also soll diese Gesellschafterin mir helfen?“
-
-Frau Eßling fühlte, daß der anfängliche Widerstand zu wanken begann.
-Etwas wie Neugier klang aus der Frage.
-
-„Unendlich viel, Elfchen! Natürlich muß sie klug und gebildet, frisch
-und einwandfrei sein. Ihr werdet Euch schnell anfreunden. Du hast
-niemals eine Freundin besessen. Dann sind die Stunden des Wartens
-plötzlich ausgefüllt. Vielleicht erscheinen sie dir im Laufe der
-Zeit sogar, wenn Ihr zusammen ein nettes Buch lest -- Spaziergänge
-macht, Einkäufe erledigt und Bilder anseht, zu kurz. Jedenfalls, ein
-vorwurfsvolles Gesicht oder gar, was mir bei weitem gefährlicher
-erscheint, ein abgespanntes, enttäuschtes und nicht gerade glänzend
-aussehendes Frauchen wird Karlsen nicht vorfinden, auch wenn er sich
-selbst erheblich verspäten sollte. Was meinst du, muß die Folge hiervon
-sein? So viel habe ich gelernt, um zu wissen, daß Karlsen launenhaft
-ist. Das Geringste kann ihn verstimmen; eine Kleinigkeit kann ihn aber
-zu einem hinreißenden Gesellschafter machen.“
-
-„Ich habe keine Ahnung gehabt, daß du ihn so genau kennst,“ sagte
-Elfriede.
-
-„Höre nur weiter, Friedchen! -- Indem du nicht länger mit dieser
-deutlich zur Schau getragenen Sehnsucht nach ihm schmachtest -- nicht
-mehr die Hände ringst, wenn eine seiner Leibspeisen ungenießbar
-geworden ist, dir die Augen auch nicht mehr rot und trübe weinst, wirst
-du dir deinen Mann zu einer Dankbarkeit verpflichten, die dich ihm
-wichtiger und damit unentbehrlicher machen muß, als dies leider bisher
-der Fall gewesen ist.“
-
-Die junge Frau hatte sich aufgerichtet und sah unsicher zu ihrer Mutter
-hinüber.
-
-„Wenn du wirklich Recht hättest, Mama! Aber ich kann nicht daran
-glauben. Beständig eine Dritte am Tische zu haben denke ich
-mir qualvoll. Vergißt du, daß sie mir von der kurzen Zeit des
-Beisammenseins das Beste wegnimmt?“
-
-„Kind, du bist die +Frau+ eines Künstlers. Du mußt sorgen, daß du sie
-auch +bleibst+!“
-
-Elfriede Karlsen war sehr bleich geworden.
-
-„Du glaubst doch nicht, daß mich Paul nicht mehr liebt?“
-
-„Wenn ich das auch nur fürchtete, würde ich anders mit meinem Herrn
-Schwiegersohne umspringen. Nein, davon ist bis jetzt keine Rede. Aber
-ich will verhüten, daß es jemals zu einer merklichen Abkühlung käme.
-Glaube mir, Friedchen, mein Rat ist klug und wohlerwogen. Dies Mittel,
-das ich ihm ebenso wie dir verordne, wird dich voll glücklich machen.
-Nicht wahr, das wäre doch schön, mein Kind? Jetzt geh einen Augenblick
-ins Nebenzimmer. Zuerst will ich alles Unwesentliche mit der Bewerberin
-besprechen. Scheint sie mir die Rechte für dich zu sein, so rufe ich
-dich.“
-
-Eva von Ostried ließ die prüfenden Blicke und die gründlichen Fragen
-der Kommerzienrätin in vollendet guter Haltung über sich ergehen. Sie
-zeigte keine Empfindlichkeit, weil sie draußen ungewöhnlich lange zu
-warten gehabt hatte. Mit ruhiger Selbstverständlichkeit nahm sie in
-einem ihr von Frau Eßling gebotenen Sessel Platz und beantwortete kurz
-und klar deren Fragen.
-
-„Die Zeugnisse, die Sie vorweisen können, sind nicht eben glänzend,
-Fräulein von Ostried.“
-
-„Eher das Gegenteil, gnädige Frau! Kaum siebzehnjährig nahm ich die
-erste Stelle an und besaß doch keinerlei Vorkenntnisse, nur den guten
-Willen, meine Pflicht zu erfüllen.“
-
-„Wollen Sie mir nun etwas über Ihre Jugend -- die Jahre vorher, meine
-ich und vor allem von der Notwendigkeit, die Sie auf den Erwerbsweg
-zwang, erzählen?“ fragte die Kommerzienrätin.
-
-„Gern! -- Mein Vater war Besitzer des Majorats Waldesruh im Kreise
-Köslin, Provinz Hinterpommern. Meine Mutter, eine geborene Baroneß
-Strachwitz, starb, als ich vierzehn Jahre zählte. Unsere Verhältnisse
-waren stets die denkbar schlechtesten. Waldesruh war bereits unter
-meinem Großvater arg heruntergewirtschaftet. Bei dem Tode meines Vaters
-blieb mir nichts Nennenswertes. Mein Vormund, Amtsrat Wullenweber,
-wünschte zudem, daß ich mir sogleich einen Erwerb schaffe. Besondere
-Sachen hatte ich nicht erlernt. So stand mir lediglich der Weg des
-Kinderfräuleins oder der Hausstütze offen.“
-
-„In der zweiten Stelle, in der Sie kaum vier Monate weilten, müssen
-doch ganz besonders wichtige Gründe die Veranlassung zu so schnellem
-Wechsel gegeben haben? Ich sehe, daß dies Zeugnis die Bemerkung „auf
-ausdrücklichen Wunsch entlassen“ enthält.“
-
-„Diese Gründe waren allerdings vorhanden, gnädige Frau,“ gab Eva ruhig
-zu. „Des Hausherrn Verhalten. Jedenfalls konnte ich nicht länger in
-seinem Hause bleiben.“
-
-„Ich verstehe! Es gefällt mir ausnehmend, daß Sie so empfinden. Sie
-sind ein sehr schönes Mädchen. Das werden Sie nicht nur von andern
-gehört haben, sondern selbst genau wissen.“
-
-Eva von Ostried nahm diese Worte als das einfache Feststellen einer
-Tatsache hin. Es wäre ihr kindisch erschienen, abzuwehren oder gar zu
-widersprechen.
-
-„Darum fühlte ich mich auch im Hause der verwitweten Frau
-Landgerichtspräsident Hanna Melchers überaus glücklich. Drei Jahre war
-ich bei ihr und kann wohl sagen, daß eine Mutter nicht gütiger und
-liebevoller zu mir hätte sein können.“
-
-„Und dieses letzte und wichtigste Zeugnis, Fräulein von Ostried?
-Sollten Sie vergessen haben, es mir auszuhändigen?“
-
-„Leider besteht es nicht, gnädige Frau. Frau Präsidentin ist während
-einer allein unternommenen Reise unerwartet einem Herzschlage erlegen.
-Sie könnten sich aber über mich bei Justizrat Dr. Weißgerber, dem
-langjährigen Freund und Testamentsvollstrecker der Frau Präsidentin,
-erkundigen.“
-
-„Wann ist er daheim? -- Wissen Sie das? In sein Büro möchte ich diese
-Sache nicht gern tragen.“
-
-„Er hatte heute außerhalb zu tun. Immerhin wäre es möglich, daß er
-schon zurückgekehrt ist.“
-
-Sie sagte das leise und zögernd, weil ihr plötzlich einfiel, daß
-auch sie ja eigentlich noch wegen des Geldes den Versuch der späten
-Rücksprache hätte machen sollen. -- Der Kommerzienrätin war das
-Schwanken in der jungen Stimme nicht entgangen. Auch wunderte sie sich
-über den plötzlich veränderten Ausdruck des schönen Gesichtes. --
-Erst in diesem Augenblick dachte Eva von Ostried daran, daß es leicht
-möglich sei, der Justizrat sage am Apparat etwas von ihren vernichteten
-musikalischen Aussichten. Darüber hatte sie aus guten Gründen
-geschwiegen.
-
-Frau Eßling aber glaubte bestimmt, daß Eva von Ostried jene Auskunft,
-trotzdem sie auf dieselbe ausdrücklich hingewiesen, zu fürchten hatte
-und war umso mehr entschlossen, den Justizrat zu befragen. -- Der
-Justizrat war soeben angekommen und bestätigte am Fernsprecher kurz und
-klar, daß Eva von Ostried zur vollsten Zufriedenheit der Verstorbenen
-drei volle Jahre in deren Hause gewesen sei, und daß sie auch von
-ihm persönlich in jeder Beziehung als ausgezeichneter Charakter
-geschätzt werde. Er ließ sogar mit einfließen, daß die Präsidentin
-fest entschlossen gewesen, die junge geliebte Hausgenossin sicher zu
-stellen. Zweifellos habe sie an der Ausführung dieses Entschlusses der
-schnelle Tod gehindert.
-
-Frau Eßling kam befriedigt vom Fernsprecher zurück.
-
-„Ich möchte es gern mit Ihnen versuchen, wenn Sie denselben Wunsch
-haben,“ sagte sie freundlich. „Ich hoffe, wir werden sehr schnell mit
-einander einig werden. Nur wenige Anweisungen und Bedingungen müßte
-ich Ihnen zuvor nennen: Sie würden nicht in meinem Hause zu leben
-haben, sondern bei meiner jungverheirateten Tochter, die Sie gleich
-noch kennen lernen sollen. Denn sie weilt vorübergehend bei mir. Ihre
-Pflichten werden sich leicht gestalten. -- Sind Sie musikalisch?“
-
-„Ja,“ sagte Eva. „Es dürfte sicher genügen. Ich singe.“
-
-„Das ist mir sehr angenehm. Meine Tochter hat entschieden ein feines
-Gehör, war aber stets zu leidend, um sich den Anstrengungen langen
-Uebens auszusetzen. Würden Sie ihr etwa auch Unterricht erteilen
-können?“
-
-Evas Hände wurden eiskalt. Wie ein Hohn des Schicksals erschien ihr das
-alles. Aber sie nickte bereitwillig.
-
-„Gut. Für häusliche Arbeiten ist im übrigen eine Kraft vorhanden. Es
-kommt mir, wie Sie gemerkt haben werden, lediglich darauf an, daß meine
-Tochter zerstreut und froh erhalten wird. Sie muß zu viel allein sein.
-Das taugt nicht für ein stilles, ja scheues Wesen, wie das ihre. Können
-Sie lustig sein, Fräulein von Ostried?“
-
-„Ich werde es vielleicht lernen, gnädige Frau.“
-
-„Und treu, Fräulein von Ostried? Absolut? In jeder Lage? Bei jeder
-Versuchung?“
-
-„Wie habe ich das zu verstehen, gnädige Frau?“
-
-„Wie ein Mädchen Ihrer Herkunft und Bildung dies verstehen muß. --
-Treu der Herrin. Was das heißt -- hm -- eine Erklärung ist nach Ihren
-Erfahrungen in Ihrer zweiten Stelle wohl kaum notwendig. -- Mein
-Schwiegersohn ist Künstler. Ich weiß nicht mal, ob ich das schon
-erwähnte. Künstler entzünden sich zumeist sehr schnell und heftig. Und
-Sie sind, wie ich das bereits feststellte, von der Natur besonders
-reich bedacht.“
-
-„Ich würde lieber sterben, als eine Ehe zu zerbrechen helfen.“
-
-„Den Eindruck habe ich auch von Ihnen. -- Meine Erfahrung mag Ihnen
-wiederholen, was Sie längst selbst erfahren haben werden. Das
-Köstlichste und Wertvollste bleibt das gute Gewissen. „Der Uebel
-größestes aber ist die Schuld!“ schrieb mir mein seliger Vater unter
-den Einsegnungsspruch. Seither habe ich es als Wahrheit immer wieder
-bestätigt gefunden. -- Treu der Herrin, sagte ich, die Sie sehr gütig
--- sehr schwesterlich behandeln wird. -- Treu aber auch mir. -- So
-selbstverständlich das Erfüllen der ersten Bedingung ist, so sonderbar
-wird Sie die zweite anmuten. Ich,“ ihre Stimme klang plötzlich
-gedämpft, „habe nicht dasjenige Vertrauen zu meinem Schwiegersohn,
-das nötig sein sollte, um ruhig und sorglos das Glück des einzigen
-Kindes in seinen Händen zu lassen. Diese Heirat ist nur ungern von mir
-zugegeben. Ich mißtraue ihrer Beständigkeit. -- Wollen Sie, im Fall
-Sie die untrüglichen Beweise für die Berechtigung meines sehr regen
-Mißtrauens haben, mir dies unverzüglich mitteilen?“
-
-„Das muß ich entschieden ablehnen,“ erwiderte Eva von Ostried bestimmt.
-„Ich erwähnte bereits, daß ich mich verachten würde, wenn ich Unfrieden
-zwischen Eheleute streute.“
-
-„Wenn ich auf diese Erklärung hin auf ihre Dienste bei meiner Tochter
-verzichten müßte, Fräulein von Ostried?“
-
-Eva zögerte mit der Antwort. Das Verlangen nach einem Platze, der
-sie vorläufig -- vor der Not des Lebens schützte -- an dem sie sich,
-fern von der leiblichen Not, ungehindert prüfen konnte, ehe sie sich
-fest an Paul Karlsen band, drängte sie zum Einlenken. -- Die innere
-Wahrhaftigkeit aber verbot ihr ein Nachgeben.
-
-„Trotzdem könnte ich es nicht versprechen, gnädige Frau.“
-
-Die Kommerzienrätin betrachtete das junge Gesicht lange. Dann reichte
-sie Eva von Ostried die Rechte hin.
-
-„Also gut. -- Die Treue für meine Tochter soll mir genügen. --
-Vergessen Sie das andere. -- Noch ein Wort über Ihr Gehalt. Ich
-beabsichtigte Ihnen hundert Mark monatlich anweisen zu lassen. Sind Sie
-damit zufrieden?“
-
-„Fünfzig Mark weniger, wie das Gnadengeld der alten Pauline beträgt,“
-dachte Eva bitter, obschon ihr diese Summe genügte.
-
-„Es wird reichen, gnädige Frau,“ sagte sie eintönig.
-
-„So, damit wäre alles besprochen. Jetzt werde ich meine Tochter
-benachrichtigen. Einen Augenblick, bitte.“ -- --
-
-„Ich fürchte nur, das Sie sich neben mir langweilen werden,“ sagte die
-junge Frau.
-
-Eva lächelte.
-
-„Wir wollen versuchen, uns jeden Tag mit einer besonderen Freude zu
-erheitern, gnädige Frau.“
-
-Die Kommerzienrätin fand den Ton, in dem ihre Tochter zu der neuen
-Gesellschafterin sprach, für den Anfang viel zu warm. Gewiß hatte auch
-sie vorhin ein schwesterliches Verhältnis als sehr wahrscheinlich
-erwähnt. Immerhin mußte dies doch erst verdient werden. Sie riß deshalb
-das Gespräch wieder an sich.
-
-„Ist Ihnen der Montag nächster Woche als Tag des Eintritts recht,
-Fräulein von Ostried? Sie sind doch durch nichts gebunden, nicht wahr?
--- Oder wollten Sie noch etwas im Hause der Verstorbenen ordnen?“
-
-„Ich könnte bereits morgen kommen, gnädige Frau! Das alte treue
-Mädchen, das der Präsidentin lange Jahre diente, besorgt alles Nötige
-allein. Aber Sie haben mir noch gar nicht Namen und Wohnung Ihrer Frau
-Tochter genannt.“
-
-Die junge Frau antwortete an Stelle ihrer Mutter. Es gewährte ihr immer
-aufs Neue eine stolze Freude, sich als Frau des jungen Künstlers zu
-bekennen.
-
-„Unser Häuschen liegt sehr nahe hier; Karlsbaderstraße 10. Wir haben
-es wundervoll. Nur ein wenig dunkel und kühl. Auf dem Schilde am
-Gittertore steht Paul Karlsen. -- Das ist mein Mann.“
-
-Eva von Ostried blinzelte, als werde sie aus dem Dunkel in einen
-grellerleuchteten Raum gestoßen.
-
-Sie sollte also zu Paul Karlsens Frau? In sein Haus? Und achtgeben, daß
-er die -- eheliche Treue halte?
-
-Das Frauenbild auf grüner Wiese im roten Mohn hatte bereits den Mann
-zu ihren Füßen gesehen. Den Mann, als dessen Braut sie sich betrachtet
-hatte.
-
-„Was ist Ihnen,“ fragte die junge Frau ängstlich und sah hilflos zu
-ihrer Mutter hin. Hatte Eva von Ostried wirklich aufgestöhnt, als werde
-sie von heftigen Schmerzen gepeinigt?
-
-Es mußte ein Irrtum gewesen sein! Jetzt stand sie mit dem Ausdruck
-eines Lächelns da. Nur auffallend gerade und steif hielt sie sich.
-
-„Verzeihen Sie -- ich bekam soeben wieder einen jener kleinen Anfälle,
-mit denen ich, leider, häufiger zu kämpfen habe.“
-
-Frau Eßlings Stimme klang erregt.
-
-„Warum haben Sie bisher nicht davon gesprochen?“
-
-„Gott -- man will doch „unter“, gnädige Frau. Nicht wahr?“
-
-„Du wirst sie darum nicht fortschicken,“ flüsterte die junge Frau
-bittend.
-
-Die Kommerzienrätin überhörte den Einwand ihrer Tochter völlig.
-
-„Durchaus begreiflich, liebes Fräulein. Sie finden auch ganz sicher
-ein Haus, in dem diese Kleinigkeit nicht stört. Nur für meine Tochter
-passen Sie, leider, nicht als ebenfalls Schonungsbedürftige. Das sehen
-Sie auch ein?“ Eva von Ostried nickte mechanisch.
-
-„Vollkommen, gnädige Frau.“
-
-Warum ging sie jetzt nicht. Ihr Lächeln wurde der Kommerzienrätin
-unerträglich, bis ihr ein Gedanke kam.
-
-„Kann ich Ihnen vielleicht in anderer Weise etwas helfen, Fräulein,“
-fragte sie, im Grunde herzlich froh darüber, daß sich ihre Handlung auf
-gütlichem Wege ungeschehen machen ließ. „Ich halte Sie doch für ein
-vernünftiges Mädchen.“
-
-Eva von Ostried neigte ein wenig den Kopf, als danke sie für eine
-Huldigung. -- Sie blieb aber weiter unbeweglich stehen und lächelte
-maskenhaft. Der jungen Frau kamen die Tränen.
-
-„Ich würde Sie trotzdem bitten, Fräulein von Ostried,“ sagte sie rasch
-und herzlich, „aber wenn Mama nicht will, muß ich mich stets fügen.
-Seien Sie, bitte, nicht so sehr traurig. Ich werde Sie all meinen
-Bekannten warm empfehlen und bis Sie etwas gefunden haben, besuchen Sie
-mich fleißig alle Tage. Auch zu den Mahlzeiten. Wir speisen gegen 2 und
-7 Uhr. Ja, wollen Sie das tun?“
-
-Frau Eßling war ins Nebenzimmer gegangen und kam jetzt eilig zurück.
-Sie drückte einen verschlossenen Umschlag in Eva von Ostrieds Hand.
-
-„Alles Gute für Ihren Weg und fallen Sie beim Hinausgehen nicht über
-die dumme Stufe, die zur Diele hinabführt.“
-
-„Sie sind sehr gütig, gnädige Frau! Verlassen Sie sich darauf. Ich
-werde nicht fallen!“
-
-Hatte sie sich verneigt oder -- war sie grußlos geschieden? Die
-ausgestreckte Rechte und den bittenden Blick der jungen Frau mußte sie
-wohl übersehen haben.
-
-„Sie hat etwas verloren,“ sagte Frau Elfriede verwirrt und zeigte auf
-das Weiße, das dort lag, wo noch soeben die schöne stolze Gestalt
-gestanden hatte.
-
-Es war der Umschlag, in den Frau Eßling großmütig einen
-Fünfzigmarkschein getan hatte.
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Morgen gegen neun Uhr war Justizrat Weißgerber schon
-wieder in der Wohnung seiner alten, toten Freundin. Er ging durch
-die nur angelehnte Gartenpforte über die Diele sofort zur Küche.
-Denn er wollte ungestört mit der alten Pauline sprechen. Diese hatte
-eine mächtige Hornbrille auf der Nase und fertigte umständlich und
-sorgsam das Verzeichnis der mit Obst und Gemüse gefüllten Gläser an.
-Offensichtlich war ihr eine Störung bei dieser Arbeit sehr unangenehm.
-
-„Es gibt soeben noch etwas Wichtigeres für Sie zu tun, Pauline,“ sagte
-der Justizrat eilig. „Sehen Sie mal her. Auf diesem Zettelchen, den
-ich in einem Notizbuch aus dem Jahre 1917 fand, spricht unsere Frau
-Präsident von allerhand wichtigen Aufzeichnungen, die sich in einer
-kleinen, schwarzen Kiste, um deren Verbleib die gute Pauline wisse,
-finden lassen sollen. Haben Sie eine Ahnung, wo sich besagte Kiste zur
-Zeit befindet?“
-
-„Eine kleine schwarze Kiste? -- Jawohl! Die habe ich selbst auf der
-Bodenkammer in eine größere gestellt.“
-
-„Wir müssen sie eiligst herunterschaffen.“
-
-„Wozu denn, Herr Justizrat?“
-
-„Denken Sie ein wenig nach. Sie wissen nun ja auch darin Bescheid. Uns
-fehlt doch etwas, nicht wahr?“
-
-In das alte Gesicht kam ein Zug von Spannung.
-
-„Sie hoffen gerade so wie ich, daß sich was für das Fräulein finden
-lassen muß. Ach -- Herr Justizrat, sie ist wie außer sich. Zum Erbarmen
-sieht sie aus. Die halbe Nacht habe ich gesucht. Da ist kein Eckchen,
-das verschont wär’. Ich hatte bestimmt im Gefühl, daß ich es finden
-müsse, glauben Sie mir. Sogar das Bett unserer Frau Präsident hab’
-ich aufgetrennt. Meine selige Großmutter hatte auch was Schriftliches
-in ihrem Kopfkissen versteckt. -- Aber alles umsonst. Wie vor einem
-Rätsel steh’ ich. Alles, was unsere Frau Präsident anfaßte und sagte,
-war so klar wie Glas. Aus diesem Dunkel kann ich mich mein Lebtag nicht
-rausfinden.“
-
-„Wenn ich Sie recht verstehe, ist Fräulein von Ostried nun doch
-zusammengebrochen, so tapfer sie sich angestellt hat. Mir gegenüber
-würde sie sich zweifellos weiter zusammennehmen. Sie werden darüber
-mehr wissen. Oder doch nicht? -- Ich glaube, daß sie wieder in Stellung
-zu gehen beabsichtigt? Eine Dame verlangte telephonisch ausführliche
-Auskunft über sie.“
-
-„Sie ist sehr stolz, Herr Justizrat. Das habe ich früher nie gefühlt.
-Ist’s ihre adlige Herkunft, oder was anderes. Sie will jedenfalls
-nichts von unsereinem annehmen. Und wie gern tät ich’s doch!“
-
-„Das kann ich ihr nicht verdenken, Pauline. Es tut ihr weh, daß sie
-leer ausgegangen sein soll. Am meisten quält sich darüber ihr Stolz,
-auf den Sie schlecht zu sprechen sind. Glauben Sie mir, es ist gut, daß
-sie den besitzt. Hat Sie sich heute zu Ihnen ausgesprochen?“
-
-„Sie hat nur gesagt, daß gegen Mittag jemand ihre Sachen abholen würde.“
-
-„Und über das „Wohin“ kein Wort?“
-
-„Nichts. Fragen habe ich nicht mögen. Es kam mir zu aufdringlich vor.
-Sie hat ja eigenes Geld, Herr Justizrat. Ich hab’s mit meinen Augen
-gesehen. Das wird sie nun wohl erst aufbrauchen.“
-
-Selbst seinem juristischen Scharfsinn fehlte im Augenblick die
-Verbindung zwischen Eva von Ostrieds ihm gegenüber getaner Aeußerung
-und ihrem scheinbar ganz neuen Entschluß, nun doch wieder in Stellung
-zu gehen.
-
-„Gleichviel, Pauline, tun wir unsere Pflicht, indem wir die Kiste
-durchstöbern. Wenn sie auch nichts von Wichtigkeit bringt, müssen wir
-uns bescheiden!“
-
-Trotzdem er sich wiederholt sagte, daß eine erfahrene, klardenkende
-Frau wie es die Präsidentin gewesen, Beschlüsse von größester
-Wichtigkeit unmöglich zusammen mit wertlosen Zeilen, die lediglich
-einen Erinnerungswert für sie selbst haben mochten, zusammenschichten
-würde, durchsuchte er -- eine Viertelstunde später -- umständlich jedes
-noch so kleine Blättchen.
-
-Auch dies war vergeblich, genau, wie er es gefürchtet hatte, und
-seufzend klappte er endlich den Deckel herunter und legte das viel zu
-wuchtige Schloß eigenhändig in die Krampe.
-
-„Am liebsten ginge ich zu ihr und bäte sie vorläufig in mein Haus,“
-sagte er vor sich hin.
-
-„Ich fürchte, Herr Justizrat, das wird nichts helfen. Sie ist wie von
-Stein geworden. -- Als ich ihr heute Morgen den Kaffee gebracht habe,
-war sie kalkweiß. „Haben Sie schlecht geschlafen, Fräuleinchen,“ hab’
-ich gefragt und wollte ihre Hand ein bißchen streicheln. Denn so ein
-Elternloses mag sich jetzt doppelt und dreifach einsam fühlen. Aber,
-was meinen Sie, Herr Justizrat; weggezogen hat sie ihre Hand und ganz
-vergnügt getan. Daß sie prachtvoll geschlafen hätt’ und sich wer weiß
-wie sehr auf die Arbeit freue. Ja, das hat sie gesagt. Angesehen hat
-sie mich dabei aber nicht. -- Seitdem war ich nicht wieder bei ihr
-drin. Nur ein bißchen gehorcht hab’ ich mal, ob sie vielleicht geweint
-hat. Ich glaub’ aber wohl nicht. Laut geredet hat sie. Ich hab’ sogar
-verstanden, was es war. „Der Uebel größtes...“ Jawohl, immer nur diese
-drei Worte sind’s gewesen.“
-
-„Wäre sie nicht bereits volljährig, hätte ich mich ihretwegen längst
-mit dem Vormund in Verbindung gesetzt.“
-
-„Ich glaube, damit wär’ sie auch nicht zufrieden gewesen. Sie hat kein
-Vertrauen zu ihm fassen können und wird froh sein, daß er ihr nichts
-mehr zu sagen hat.“
-
-„Besitzt sie denn keine Freundin. -- Niemand, der einigen Einfluß auf
-sie ausüben könnte, Pauline?“
-
-„Davon hab ich nie etwas gemerkt. Unsere Frau Präsident hat ihr in
-meiner Gegenwart mehr als einmal zugeredet, sie sollte doch mit diesem
-oder jenem jungen Mädchen, das in unser Haus kam, spazieren gehen. Das
-hat sie immer abgelehnt. Den Grund kann ich mir auch denken.“
-
-„Ich wüßte keinen. Ich habe vielmehr die Ueberzeugung von ihr, daß sie
-ein guter und zuverlässiger Kamerad sein müßte.“
-
-„Sie ist aber zehnmal hübscher wie die andern. Sie sollten nur mal die
-Blicke sehen, wenn sie auf der Straße geht. Mit ihr zusammen Einkäufe
-zu machen, war ein richtiger Spaß. War das ein Herumgedrehe und
-Nachgegucke. -- Hinterhergelaufen sind sie auch wohl. -- Fremdes junges
-Blut freut sich darüber aber nicht. Das wird leicht neidisch.“
-
-„Möchte ihr die Schönheit nur nicht zum Unsegen werden.“
-
-„Die Angst ist unnötig, Herr Justizrat. Sie konnte zu kalt und stolz
-aussehen, wenn’s einer von den jungen Herren gar zu auffällig mit
-seiner Bewunderung trieb.“
-
-Der Justizrat mußte lächeln.
-
-„Sie haben auch diesmal Recht, Pauline. Es will mir nur nicht in den
-Kopf, daß man sich jetzt einfach nicht mehr um sie bekümmern soll.“
-
-„Das wär allerdings traurig. Aber ich werde, ob sie will oder nicht,
-aufpassen auf sie. -- Geht es ihr schlecht, komm ich zu Ihnen, Herr
-Justizrat. Das andere besorgen Sie denn.“
-
-Eben ging Eva von Ostried, wie in tiefen Gedanken versunken, unten
-vorüber, ohne die beiden sorgenvollen Gesichter zu bemerken. Sie
-hatte einen eiligen Gang vor. Noch einmal wollte sie versuchen,
-unterzukommen. Die neueste Tageszeitung hatte ihr wiederum einen
-Fingerzeig gegeben. Die hastige Unruhe des Verkehrs war ihr etwas
-Ungewohntes. Ihr Kopf begann von neuem zu schmerzen. Trotzdem dachte
-sie nicht daran, umzukehren. Ein verbissener Trotz lag auf ihrem
-bleichen Gesicht, als sie endlich in die Friedensstraße einbog und die
-bezeichnete Nummer zu suchen begann. Das neue Gesuch verlangte eine
-gebildete Stütze im Osten Berlins.
-
-Das Haus, in das sie eintrat, war so dunkel, als sei es ohne Fenster
-erbaut worden. Im Flur roch es nach Mittagskohl, Kaninchen und Leim.
-Jeder einzelne Geruch für sich wäre erträglich gewesen. Die Vereinigung
-erregte ihr Uebelkeit. -- Das im dritten Stock auf ihr Klingeln
-öffnende Mädchen, lächelte ihr vertraulich zu:
-
-„Na, denn man rin in die gute Stube. Drei sind all vor Ihnen.“
-
-Sie wurde in die Küche gewiesen. Eine der Wartenden rückte gefällig auf
-ihrem Schemel zur Seite.
-
-„Wir werden uns schon vertragen.“
-
-Eva kam der freundlichen Aufforderung nicht nach. Sie kämpfte mit dem
-Gefühl des Schwindels. „Ein Glas Wasser,“ bat sie matt.
-
-Eins der Mädchen hielt einen Tassentopf ohne Henkel unter die
-aufgedrehte Leitung. An den schneeweißen Lippen der Neusten merkten
-sie, daß deren Einsilbigkeit nicht dem Hochmut entsprang. Eva von
-Ostried wollte trinken, aber sie vermochte das unsaubere, abgestoßene
-Gefäß nicht an den Mund zu führen. Stumm setzte sie es nieder und
-wandte sich zum Gehen.
-
--- -- Am Spätnachmittag dieses Tages hielt eine Droschke vor dem
-Haus der verstorbenen Präsidentin. Eva von Ostried hatte bereits auf
-sie gewartet. Nun trat sie vom Fenster zurück. Koffer und Handtasche
-waren fertig zum Fortschaffen. Sie selbst zum Einsteigen bereit.
-Auf dem Mahagonitisch lag wieder die kleine schwarze Tasche mit den
-zwölftausend Mark anvertrauten Geldes. Ihre Hand streckte sich danach
-aus und zuckte doch wieder leer zurück. Dann aber preßte sie die Lippen
-zusammen und riß sie an sich. --
-
-Nun war es entschieden! --
-
-Die alte Pauline kam angelaufen: „Sie wollen doch nicht etwa schon weg,
-Fräuleinchen?“
-
-„Ist es nicht höchste Zeit damit,“ fragte sie ruhig. „Leben Sie wohl,
-Pauline.“
-
-„Wohin soll es denn nun gehen? Das ist doch gar nicht möglich.“
-
-„Wohin?“ Die schönen Augen schlossen sich leicht. Der Raub in ihrer
-Hand hatte ihr Herz erkältet. „Vielleicht schreibe ich Ihnen einmal,
-beste Pauline.“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-8.
-
-
-Amtsrat Wullenweber auf Hohenklitzig erwartete Gäste. Sein einziger
-Bruder, der als Major a. D. in Berlin lebte, sollte, geleitet von dem
-Sohne, eintreffen.
-
-Dieser Bruder war ein schwererträglicher Egoist geworden, nachdem ihn
-ein hartes Geschick zweimal grausam strafte. Der erste Schlag raubte
-dem verschwenderischen und von jeher leichtsinnigen, daneben aber im
-Dienst tüchtigen und ehrgeizigen Offizier die bis dahin ausgezeichnete
-Gesundheit. Ein ungeschickter Schütze schoß ihn auf einer Treibjagd so
-unglücklich an, daß er sich seither nur an zwei Krücken fortbewegen
-konnte. Der zweite Hieb traf ihn schwer an seiner Ehre und machte ihn
-zum schroffen Verächter jeglichen Menschenwertes, weil er die helfenden
-Krücken verzeihender Einsicht nicht zu finden vermochte.
-
-Amtsrat Wullenweber hatte von einem persönlichen Empfange am Bahnhof
-abgesehen. Er stand auf der Steintreppe vor seinem unscheinbaren
-Gutshause und spähte nach der Staubwolke aus, die ihm das Nahen des
-Wagens verraten sollte.
-
-Und nun saßen sie zu Dreien an einem runden Tische und sprachen
-über völlig gleichgültige Dinge. Das Zimmer blitzte in Frische und
-Sauberkeit. Auf den kalt- und steifwirkenden Möbeln aus hellster
-Birke zeigte sich kein Stäubchen. Es fehlte aber dennoch jede Spur
-einer liebreich schmückenden Frauenhand. Das Mahl war einfach, aber
-schmackhaft zubereitet, doch schien keiner den rechten Genuß daran zu
-finden.
-
-Amtsrat Wullenweber, der ein ebenso ausgezeichneter Ackerwirt wie
-schlechter Diplomat war, setzte das Grübeln über die ungefährlichste
-der persönlichen Fragen mit stummer Energie fort. Endlich meinte er sie
-gefunden zu haben und wandte sich an den Neffen, der schlankgewachsen,
-blond und merkwürdig ernsthaft für seine zweiunddreißig Jahre, zwischen
-ihnen saß.
-
-„Na, Walter, nächstens mußt du nun auch wohl schon drei Jahre Assessor
-sein, nicht wahr?“
-
-Doktor jur. Walter Wullenweber besaß die strahlend blauen Augen eines
-reich Begnadeten, der sich trotz aller Lebenshärten, seine kleine Welt
-voller innerer Schönheit unversehrt erhalten hat.
-
-„Etwas länger bereits, Onkel,“ erwiderte er und seine Stimme klang
-weniger klar, wie bisher.
-
-„Nun -- und --“
-
-„Immer noch nicht Präsident,“ scherzte er. „Trotzdem fühle ich mich
-den Umständen nach recht wohl. Die Arbeit befriedigt mich, nachdem ich
-meinen auch dir ja zur Genüge bekanntgewordenen Jugendwunsch überwand.
-Ja, ich freue mich sogar darauf, als Richter zu wirken. Am liebsten in
-einer möglichst kleinen Stadt mit viel ländlicher Umgebung.“
-
-„Dann melde dich hierher an das Amtsgericht Köslin,“ riet der Amtsrat.
-„Da hast du alles. Alltäglich machst du in Straf-, Zivil- und
-Grundbuchsachen. Sonntags flitzt du zu mir raus und speist von der
-Glanzdecke.“
-
-Der Major a. D., der mißmutig und schweigsam zugehört, mischte sich
-jetzt ins Gespräch.
-
-„Und ich schimmele indessen in unserer hochherrschaftlichen Hofwohnung
-am grünen Strand der Spree und warte auf irgend einen geduldigen
-Jemand, der mich die Hühnerstiege herunterschleift, damit ich nicht
-gänzlich verkomme.“
-
-In dem ernsten Gesicht des jungen Juristen zuckte es unwillig. Aber er
-blieb ruhig.
-
-„Wenn du dich nicht zum Mitkommen in besagtes Städtchen entschließen
-könntest, müßten wir uns allerdings zuerst nach einer kräftigen Stütze
-für dich umsehen,“ sagte er ohne Empfindlichkeit.
-
-„Soll ich jetzt vielleicht auch noch in eines jener mir schon als
-Fähnrich unausstehlichen Nester unterkriechen?“
-
-„Von einem Zwang kann natürlich keine Rede sein, Vater. Auch ich ließe
-mich nie mehr zu etwas zwingen.“
-
-Der alte Herr sah scharf zu dem Sohn hin.
-
-„Was soll das heißen, bitte?“
-
-„Daß ich den Weg gehen werde, den ich mir, nach manchem inneren Kampf,
-ausersehen habe.“
-
-„Darf ich wenigstens erfahren, wohin er dich führen soll.“
-
-„Ganz gewiß. Zur Anstellung als Richter, dem gewöhnlich Gegebenen, wenn
-man die nötigen juristischen Vorstufen überwunden hat.“
-
-„Mach dich gefälligst nicht lächerlich, Walter! Wenn man in unserer
-Lage sitzt, kommt es lediglich aufs Geldverdienen an.“
-
-Assessor Wullenweber schüttelte den Kopf.
-
-„Ueber dieselbe Ansicht wäre es -- vor ungefähr zwölf Jahren -- beinahe
-zwischen uns zum Bruch gekommen. Damals ließ ich mich von dir zwingen.
-Mein bescheidenes Muttererbe hätte vielleicht wirklich nicht zu dem als
-sinnlos von dir bezeichneten von mir ersehnten Lebensberuf ausgereicht
-und du hattest recht, mir ein persönliches opfern deiner Mittel als
-ausgeschlossen hinzustellen. Heute jedoch,“ und seine Stimme wurde
-hell und scharf, „wäre jeder Versuch zu meiner Umstimmung für dich
-aussichtslos. Oder doch nur von Erfolg, wenn ein sehr trauriger Grund
-dazu käme.“
-
-Der Major hatte sich zurückgelehnt und spielte an den schwarzen Heften
-der Bestecks. „Was verstehst du darunter?“ Für eine harmlose Frage war
-der Ton zu scharf.
-
-„Ehrenschulden, die unbedingt abgetragen werden müssen. Und ich habe
-keine, Vater.“
-
-Das Mahl war beendet.
-
-„Wir setzen uns noch eine Pfeife lang auf die Veranda,“ schlug der
-Amtsrat, der seinen heftigen, verbitterten Bruder nicht sogleich am
-ersten Tage durch eine schroffe Einmischung reizen wollte, vor.
-
-Sie saßen alle Drei auf den sauber gescheuerten Steinfließen und
-stießen dicke Tabakswolken aus den kurzen Rohren. Zu einer gemütlichen
-Unterhaltung wollte es auch jetzt nicht kommen. Die Luft schien wie mit
-Zündstoff angefüllt.
-
-„Sage mal selbst,“ wandte sich der Major plötzlich an seinen Bruder,
-„hältst du es für möglich, daß einer mit seiner kleinen Pension
-auskommen kann?“
-
-Der Assessor wechselte die Farbe.
-
-„Was soll das heißen, Vater?“
-
-„Bleib’ ruhig sitzen! Schlimm genug, daß dir das nicht längst allein
-klar geworden ist.“
-
-„Ich verstehe nicht, worauf du hinaus willst.“
-
-„Scheinst ja merkwürdig schwer von Begriffen in diesem Punkt zu sein.
-Kurz -- ich mag nicht länger rumhocken und entbehren -- stillhalten und
-abstreichen.“
-
-Der Amtsrat sah das bleichgewordene Gesicht seines Neffen und nickte
-ihm fast väterlich zu, obwohl sie sich bisher merkwürdig fremd
-gegenüber gestanden hatten. „Nimm’s nicht tragisch, Junge. Wir ändern
-ihn doch nicht mehr,“ sollte es heißen. Dann zog er die Stirnhaut
-empor, wodurch er sich schon als Sechsjähriger unter seinen Brüdern
-eine besondere Achtung verschaffte und kniff ein wenig die Lippen ein,
-als schlucke er eine bittere Arznei. Aber er wurde damit fertig!
-
-„Du hast’s wirklich verteufelt eng und dunkel in Berlin, Bruder.
-Davon habe ich mich ja vor ein paar Wochen selbst überzeugen müssen.
-Aber dein Junge solls und kanns diesmal nicht ändern. Das siehst du
-bei ruhiger Ueberlegung auch ein. Ich mache dir einen vernünftigen
-Vorschlag. Packe deinen Kram und zieh’ zu mir. Zwei Stuben kannst du
-ganz für dich haben und diese Veranda und den ganzen Garten, denn ich
-sehe auf dem Felde genug Grünes. Jawohl -- meinetwegen auch noch das
-kleine Seezimmer dazu, obgleich ich mich daran gewöhnt habe. Nur den
-Jungen laß endlich von der Leine!“
-
-„Ich geh’ nicht raus aus Berlin,“ knurrte der Major eigensinnig.
-
-„In deiner Lage ist das ein Wahnsinn, Richard.“
-
-„In meiner jetzigen -- vielleicht! Darum soll sie eben auch geändert
-werden. Walter kann leicht und angenehm das dreifache verdienen, wenn
-er nur mal ruhig nachdenkt. Wir mieten uns nachher irgend eine kleine
-Villa. Ich kann mir einen Diener halten. Und das Leben wird wieder
-einigermaßen anständig.“
-
-„Du hast mir bereits neulich etwas derartiges angedeutet, Vater. Ich
-faßte es keinen Augenblick als Ernst auf.“
-
-„Darum habe ich mir die Wiederholung bis heute aufgespart. Onkel soll
-zuhören. Nicht wahr, Wilhelm,“ wandte er sich an den Amtsrat, „ein
-guter Rechenmeister warst du immer.“
-
-„Ich rechnete aber für mich und mit mir als Verdiener, mein Lieber.“
-
-„Soll das ein versteckter Vorwurf sein?“
-
-„Deute es dir, wie du willst! Daß Walter nicht Musik studieren durfte,
-darin mischte ich mich nicht ein. Das verstehe ich schließlich nicht.
-Wie er sich damals als grüner Bengel damit abgefunden hat, das gefiel
-mir, wenn schon er sich auffallend ablehnend zu mir benommen hat. Darum
-nehme ich heute und später seine Partei.“
-
-„Ihr tut gerade, als wollte ich ihn zu etwas Unerhörtem verleiten und
-ich will ihn doch lediglich in eine gute, ja famose Lage bringen.“
-
-„Ueber dies Kunststück würde ich gern näheres erfahren,“ lachte der
-Amtsrat gemütlich.
-
-„Er soll als Teilhaber bei einem äußerst geschätzten, erstklassigen
-Anwalt eintreten. Der Mann hat ohne Vermögen angefangen und eine aus
-sieben Köpfen bestehende Familie durchgebracht. Neben der seinen,
-erhält er noch die Familien seiner beiden ältesten verwitweten Töchter.
-Das Geschäft muß also einträglich sein. Als anfänglichen Monatsgehalt
-ist er willens, einem tüchtigen Assessor, der dauernd eintritt,
-vorläufig neunhundert Mark zu gewähren. Nachher soll es steigen oder
-gar zur Hälfte gehen, denn er hat einen Knax weggekriegt und kanns
-allein nicht mehr schaffen. Später besteht natürlich die sichere
-Aussicht zur gänzlichen Uebernahme seiner juristischen Praxis. Ich habe
-die Empfindung, daß dieser Zeitpunkt nahe ist. Der Mann macht’s wohl
-kaum noch sehr lange.“
-
-Walter Wullenweber war anfangs mit einem ungläubigen Lächeln der
-Schilderung seines Vaters gefolgt. Jetzt begann er damit zu rechnen,
-daß tatsächlich etwas Wahres daran sein mußte.
-
-„Woher weißt du das alles,“ fragte er sachlich und noch vollkommen
-beherrscht.
-
-„Gott -- ich habe mal was bei dem Mann zu tun gehabt. Wir sind ins
-Gespräch gekommen. Er hat mich sogar mal in deiner Abwesenheit
-freundschaftlichst besucht. Verzeih’ nur gütigst, wenn ich mich
-ein paar Straßen weiter ohne deine gnädige Mithilfe oder Erlaubnis
-davonmache.“
-
-Walter Wullenweber kannte seinen Vater genau. Darum wußte er auch
-jetzt, daß der nicht etwa unter seiner Bevormundung litt, sondern, daß
-sein Gewissen in irgend einer Beziehung nicht das reinste war. Diese
-bestimmte Annahme schärfte ihm in plötzlich erwachsender Angst den
-Blick.
-
-Zeigte der Sechzigjährige nicht die deutlichen Spuren einer nervösen
-Unsicherheit wie nach jeder begangenen Torheit? Und war sein
-ohnehin sprunghaft wechselndes Benehmen in letzter Zeit nicht noch
-unbeständiger geworden? Jetzt mußte sich Wullenweber mit aller Kraft
-zur Bewahrung seiner Ruhe zwingen.
-
-„Konnte ich dir nicht ebenso gut raten und helfen, wie es der
-Justizrat Weißgerber imstande war, Vater? Du siehst, so ganz blind
-und taub bin ich doch nicht neben dir dahingegangen. Ich sah Euch vor
-einiger Zeit aus einem Weinlokal herauskommen. Das nahm mich bei dem
-Vielbeschäftigten eigentlich Wunder -- ich wollte dich auch fragen --
-vergaß es aber nachher über etwas wichtigerem. Nicht wahr, bei ihm
-gedachtest du mich auch unterzubringen? Aber, lassen wir das jetzt.
-Etwas anderes erscheint mir wichtiger. Wozu brauchtest du einen fremden
-Juristen? Wozu trugst du das Geld aus dem Hause?“
-
-Der schwache Versuch, die Angelegenheit ins Scherzhafte zu ziehen,
-mißlang.
-
-„So weit bin ich noch nicht heruntergekommen, mein Sohn, um mir dauernd
-und in jeder Kleinigkeit von dir Vorschriften machen zu lassen. Noch
-bestimme ich. Und wenn einer von uns beiden zu gehorchen hat, bist du
-es. Das merke dir.“ Der Amtsrat versuchte zu beschwichtigen.
-
-„Kinder, nur keinen Streit!“
-
-„Verzeih, Onkel, daß dies gleich die erste Stunde ausfüllen muß. Du
-hast ja aber selbst gehört, daß sich Vater die Auseinandersetzung
-ausdrücklich für diesen Tag aufgespart hat.“
-
-„Zänkereien vertrage ich nicht,“ begehrte der Major auf. „Meine Ruhe
-wollte ich endlich mal haben, frei sein. Du sollst nicht wieder aus
-einer Lappalie ein Erdbeben machen, Walter.“
-
-Ein langer strenger Blick streifte ihn.
-
-„Du weißt, daß ich schon übermorgen abreisen muß, Vater. Dann ist also
-dein Wunsch erfüllt. Ich möchte aber nicht mit dieser seltsamen Unruhe
-an die Arbeit zurück. Wir wollen uns aussprechen. Ich erkläre dir
-nochmals, daß alles, was du über mich bestimmen solltest oder bereits,
-ohne mein Wissen, bestimmt hast, hinfällig ist. Niemals werde ich nur
-um des Geldes willen einen Weg, den mir mein Innerstes vorzeichnet,
-aufgeben.“
-
-„Ich hätte wissen müssen, daß du keiner Kindesliebe fähig bist.“
-
-„Sprich nicht weiter, Vater. Denke rückwärts.“
-
-„Habe ich nicht nötig! Was ich getan habe, auch das, woran du jetzt
-vielleicht auch noch rühren möchtest, ich täte es gleich wieder.“
-
-„Richard,“ mahnte der Amtsrat still. „Laß die Schatten ruhen.“
-
-„Ihr meint wohl, ich fürchte mich vor ihnen? Weit gefehlt, was sich an
-meinem eigenen Stamm nicht biegen lassen will, muß weggebrochen werden.“
-
-„Versündige dich nicht, Bruder.“
-
-„Sprecht doch endlich ihren Namen aus. Macht mir Vorwürfe. Schiebt mir
-alle Schuld in die Schuhe. Ich kann’s ertragen. Ich werde Euch Rede und
-Antwort stehen.“
-
-Er war der Ueberzeugung, daß seine Stimme im Zorn gellte, und sie
-war doch nur ein zitterndes, angstvolles Flüstern. Der Schatten, dem
-er anscheinend mutig begegnete, mußte ihn atemlos gehetzt haben.
-Das Gespräch verstummte. Der Atem des alten Offiziers bekam keine
-Kraft mehr. Sein Gesicht erschien in der ungewissen Beleuchtung
-des schwefelgelben Abendsrots grau und verfallen. Ein junges,
-leidenschaftliches Geschöpf, dem die Mutter zu früh sterben mußte, saß
-plötzlich auf dem vierten Stuhl. Und doch lag in Wahrheit nichts als
-der unruhige Schein wilden Weinlaubs darauf. Die einzige Tochter des
-Majors und Walters Schwester!
-
-Der Amtsrat wischte sich über die Augen. Seitdem das mit ihr geschehen
-war, hatte der Bruder sein Haus gemieden. Erst jetzt war er, ohne
-besondere Einladung, wieder gekommen.
-
-„Die Reise hat mich etwas angestrengt,“ sagte der Major plötzlich. „Ich
-will schlafen gehen.“ -- --
-
-Eine Weile verharrte der Amtsrat noch in nachdenklichem Schweigen. Dann
-tippte er dem Neffen auf die Schulter.
-
-„Du mußt mir alles von damals erzählen, Walter. Aus den Briefen, die
-mir der Vater geschrieben hat, bin ich nicht klug geworden. Hast du
-irgend etwas über sie erfahren können?“
-
-„Nein, Onkel. Es ist alles vergeblich geblieben. -- Du weißt, Vater war
-stets ein leidenschaftlicher Schachspieler. Auch unser Leben hat er
-berechnen wollen, weil es für sein eigenes nicht mehr anging. Mancher
-Zug mag richtig gewesen sein! Nur der Grundgedanke blieb falsch. Nach
-ihm waren wir, seine beiden Kinder, willenlose Figuren. Dir ist die
-Lieselotte auch lieb gewesen. Ihre Tollheiten erfrischten, ihr Liebreiz
-entzückte jeden. Der Vater war sehr stolz auf sie, solange sie sich ihm
-bedingungslos fügte. Sie hatten stets miteinander Geheimnisse vor mir.
-Ich durfte ihr daher meine brüderliche Liebe nicht so voll zeigen, wie
-ich sie empfand. Mußte streng mit ihr sein, denn ich wollte doch nicht,
-daß sie verloren gehen sollte. -- Sie fügte sich dem Vater also willig,
-bis die Liebe über sie kam. Den Anfang habe ich mit erlebt. Er sang auf
-der Abendgesellschaft einer reichen Frau, die sich einbildete, seine
-Stimme entdeckt zu haben. -- In Berlin selbst lebte er nicht dauernd,
-und das machte mich ruhig. Er nannte sich Schauspieler und zog überall
-umher, wo man ihn bezahlte. Einen ersten Brief fing ich ab -- las ihn
-und nahm sie mir vor. Sie versprach, ihn zu vergessen. Das Versprechen
-hat sie aber nicht gehalten. Die kleine Lieselotte war mit einem
-Schlage Komödiantin geworden.“
-
-„Und hat Euer Vater nichts davon gemerkt.“
-
-„Du weißt, er besitzt die Fähigkeit, Unbequemes solange zu übersehen,
-wie es nur irgend angeht. Eines Tages hatte er aber seinen größten
-Schachzug fertig überlegt. -- Ein Millionär hatte die Lieselotte auf
-einem Winterball kennen gelernt und begehrte sie. Die Anbetung des
-älteren reichen Mannes hat ihr bis zu einem gewissen Grade sogar Spaß
-gemacht. Als sie merkte, daß er ernste Absichten hatte, wurde sie
-zuerst ängstlich, dann scheu, und schließlich energisch. Sie wollte
-ihn nicht. -- Es war aber bereits alles zwischen dem Vater und jenem
-abgehandelt. Er hatte ihm auch eine Menge Schulden bezahlt, von
-denen wir Kinder nichts wußten. Es war also seiner Ansicht nach eine
-Unmöglichkeit, die Sache rückgängig zu machen. -- Lieselotte hat nicht
-an den Ernst seiner Drohung, daß sie sich diesmal unweigerlich fügen
-müsse, geglaubt. So hinreißend lieblich sie war, ebenso unbändig,
-leidenschaftlich und lebenshungrig ist sie gewesen. Von dieser Seite
-kennst du sie nicht. Hier war sie lediglich das spielerische Kind.
-Allmählich wuchs sich ihr Durst nach Freiheit zu einer fast krankhaften
-Gier heraus. Vielleicht hätte sie doch schließlich eingewilligt, wäre
-der andere, an dessen ehrliche Absichten ich niemals glaubte -- nicht
-immer wieder dazwischen getreten. -- Ein Lump, Onkel, in der Maske
-eines bildhübschen Schlingels. -- Sie blieb taub und blind. Ich habe
-in jenen Zeiten täglich versucht, auf sie einzuwirken, schließlich
-in jener Nacht nach den letzten, wilden Auseinandersetzungen mit dem
-Vater, auch fest geglaubt, daß sie zur Einsicht gekommen wäre. --
-Nach ein paar Monaten, hoffte ich, würde sich der Grimm des Vaters
-und ihre eigene blinde Leidenschaft verebbt haben. Ich hatte mich
-gründlich verrechnet. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. -- Du
-kannst überzeugt sein, Onkel, das Menschenmögliche, um ihren Aufenthalt
-herauszubringen, habe ich versucht.“
-
-„Und der Millionär, Walter?“
-
-„Hat umgehend seine Forderungen eingeklagt.“
-
-„Pfui Teufel.“
-
-„Ich glaube, als ordentlicher Geschäftsmann mußte er das tun.“
-
-„Wie habt Ihr’s möglich machen können, Junge?“
-
-„Es ging schon!“
-
-„Viel Vertrauen hast du nicht zu mir gezeigt.“
-
-„Doch, Onkel! Ich wußte zum Beispiel ganz genau, daß du helfen würdest,
-wenn ich dich darum gebeten hätte.“
-
-„Ich versichere dir, daß mir niemals eine Bitte oder Anfrage von Euch
-zugegangen ist.“
-
-„Das weiß ich! Weil ich unbedingtes Vertrauen in deine Bereitschaft
-setzte, durfte der Brief des Vaters, der deine Hilfe forderte, nicht
-abgehen.“
-
-„Das verstehe ich nicht, Junge.“
-
-„Du hättest dein Geld niemals von ihm zurückerhalten und wenn er es dir
-hundertmal zugesichert hätte.“
-
-„Darum also hast +du+ es nicht erlaubt? Ich habe dich bisher nicht
-richtig gekannt.“
-
-„Das hat mir oft genug leid getan, Onkel. Sehr gern hätte ich vieles
-mit dir besprochen, was ich nun allein mit mir ausfechten mußte. Wie
-sollte ich es aber ändern? Ehe ich nicht die alte Rechnung des Vaters
-beglichen hatte, mochte ich das nicht anstreben!“
-
-„Das wäre dir wirklich gelungen?“
-
-„Ja, seit einem Monat bin ich diese Last los.“
-
-„Aus eigener Kraft?“
-
-„Ich glaube, ein glattes Bejahen gäbe ein falsches Bild. Mein Studium
-wurde billiger, als ich es mir ausgerechnet hatte. Ein paar tausend
-Mark erübrigten sich davon. Und der Rest? Weißt du, es mag einer
-so viel auf Berlin schelten, wie er Lust hat. Ein Gutes bringt es
-zweifellos. Erwerbsmöglichkeiten, an welche man selbst in einer
-größeren Mittelstadt gar nicht denken würde. Einige, die ich benützte,
-mögen nicht gerade standesgemäß gewesen sein. Daß sie durchaus
-anständig waren, bedarf nicht der Zusicherung. In der Hauptsache
-verdiente ich durch Repetitorien. Mir saß alles noch frisch im
-Gedächtnis. Da habe ich ein halbes Dutzend Referendare zum Examen
-eingepaukt. Sie schafften es und das brachte mir weitere. So ist
-eigentlich nicht mal ein Wunder dabei gewesen.“
-
-„Und du meinst, daß dein Vater jetzt endlich gelernt hat, mit dem
-Seinen auszukommen?“
-
-„Bisher habe ich den Gedanken an neue Schulden nicht haben können.
-Er hat ja doch gesehen, wie ich schuften mußte. Vorhin wurde ich
-allerdings stutzig. Hattest du nicht auch das Gefühl, als schleppe er
-an einer Last, die er überängstlich zu verbergen versucht?“
-
-„Ich schob das auf die Erinnerung an Lieselotte.“
-
-„Die wirkt ganz anders! Danach kommen Stunden, in denen er sich
-einschließt und nachher trinkt.“
-
-„Und das ist nun deine Jugend!“
-
-„Meine eigentliche Jugend ist der unerschütterliche Glaube an eine gute
-Zukunft.“
-
-„Du hast eine von Herzen lieb, nicht wahr, mein Junge?“
-
-„Nein, Onkel, noch nicht! Mir blieb zu wenig Zeit dazu, glaube ich.
-
-Aber ich fühle, daß es eines Tages kommen wird. Und darum lebe ich
-trotz allem auch gern. Ein Ziel ist da und ein fester Wille zur
-Erfüllung aller Pflichten.“
-
-„Sonderbarer Heiliger.“
-
-„Bis heute habe ich zu keinem davon gesprochen, Onkel.“
-
-„Das glaube ich dir aufs Wort! Siehst du, da haben wir uns nun
-jahrzehntelang gekannt und ich habe doch nichts weiter von dir gewußt,
-als daß du einen Jugendwunsch, von dessen Ernsthaftigkeit ich mich
-allerdings überzeugt hatte, überwunden hast. Ich fand das riesig
-vernünftig und die Art, in der du es tatest, hat mir gefallen, wie ich
-ja schon erwähnte. -- Diese eine Stunde hat gründlichere Arbeit als
-die ganzen Jahre getan. Nun kenne ich dich wirklich. Weiß Gott, viel
-Freude ist nie in meinem Leben gewesen. Nicht mal das Ziel, das du
-dir gesetzt hast, war darin vorgesehen. Nur immer der graue Alltag.
-Ich habe viel Staub schlucken müssen, denn zu den Sonn- und Feiertagen
-ließ ich mir nie recht Zeit. Jetzt freue ich mich und bitte meinem
-Leben manches ab. Sieh hinaus. Der Mond scheint gerade hell. Die Felder
-mit Stoppeln haben ihre Ernte hinter sich. Das Brachland muß ausruhen,
-damit es im nächsten Jahre wieder seine Schuldigkeit tut. Sogar die
-Fichtenkusseln wachsen langsam aber sicher ins Geld. -- Ich hab’ bloß
-immer in meinem Dasein säend geschuftet. Ohne Sinn und Verstand. Denn
-für wen? Ein ekliges Geschäft, wenn man darauf keine Antwort weiß.
-Jetzt wird’s anders werden. Du mußt öfter zu mir kommen, Junge!“
-
-Einen Augenblick ruhten ihre Hände fest in einander! Das war wie ein
-Schwur, obgleich kein Wort dabei gesprochen wurde.
-
-„Und jetzt wollen wir in die Klappe gehen,“ sagte der Amtsrat wieder in
-seinem alten, fast befehlshaberischen Tone, den sich ein Herr leicht
-angewöhnt, der auf seinem Stück Eigenland streng nach Ordnung
-sieht. -- --
-
-Walter Wullenweber konnte nicht schlafen. Hinter der weißgetünchten
-Wand ruhte sein Vater und war ihm, nur durch eine dünne Verschalung
-getrennt, so nahe, daß er das unruhige Umherwerfen des schwerfälligen
-Körpers vernehmen mußte. Im Karpfenteich und in den sich
-daranschließenden Sumpfgräben quakten die Frösche. Aus den Viehställen
-sang zuweilen eine klirrende Kette.
-
-Hinter der weißen Wand ward ein Stöhnen hörbar. Er erhärtete sich
-dagegen. Mußte er nicht auch, schweigsam, oft genug leiden? Tief
-wühlte sich sein Kopf in den verschwenderischen Reichtum der weichen
-Federkissen ein. Und doch lauschten die Sinne -- wider Willen -- und
-erlauschten, daß sich der Mann, der um keinen Preis alt und schwach
-sein wollte, in Schmerzen wand. Da sprang er auf und ging zu ihm.
-
-„Was hast du, Vater? Soll ich dir von deinen Tropfen geben?“
-
-Der Major winkte ab. „Laß nur. Dagegen helfen sie doch nicht! Ich halte
-das nicht länger aus.“
-
-„Luft und Stille hier werden dir gut tun. Nur Geduld.“
-
-„Dazu habe ich keine Zeit mehr.“
-
-„Was hast du, Vater?“
-
-„Du mußt mir helfen, Walter!“
-
-„Sobald es Tag geworden, wollen wir nach einem Arzt senden,“ sagte
-Walter Wullenweber und glaubte doch nicht, daß der hiergegen etwas
-vermöge.
-
-„Was soll mir der? Ich brauche nur dich!“
-
-„Ich bin ja bei dir!“
-
-„Du willst mich nicht verstehen. Da in der Tasche steckt der Wisch.“
-
-Und Walter Wullenweber las:
-
- „Wenn Sie innerhalb von zwei Wochen nicht Ihr mir gegebenes
- Ehrenwort einlösen und das Geliehene zurückzahlen mit 7 Prozent
- Zinsen, mache ich die Sache anhängig. Halten Sie mich nicht für
- ganz dumm. Ich kenne Mittel und Wege, die Sie klein bekommen. Erst
- im vergangenen Jahre ist einem alten Offizier ein gebührender
- Denkzettel vom Ehrenrat aus ähnlichem Anlaß erteilt. Denn wenn
- einer sein Ehrenwort bricht, so ist er nichts weiter als ein
- Schuft. -- -- --“
-
-„Ist das wahr, was hier steht?“
-
-Hart und fast mitleidslos klang die Frage.
-
-„Ja, es ist wahr! Aber --“
-
-Walter Wullenweber ließ sich schwer auf den Schemel sinken, der
-irgendwo stand. Er empfand in diesem Augenblick nichts als Verachtung
-für den Mann, der ihm alles zerschlug, was er sich mühsam errang.
-
-„Es geht mich nichts an,“ sagte er sehr langsam.
-
-„Du willst mich nicht -- retten?“
-
-„Nein.“
-
-„Ich soll also --?“
-
-„Ganz recht; du sollst endlich einmal selbst tragen, was du verschuldet
-hast. Ich bin nicht länger willig, mich zu opfern!“
-
-„Es ist auch dein Name.“
-
-„Leider! Ich werde meiner vorgesetzten Behörde unverzüglich von
-dem Beschluß der deinen, sowie ich davon Kenntnis erhalte, Bericht
-erstatten und tragen, was daraus für mich kommt!“
-
-„Und wenn ich dir schwöre, daß dies das letzte Mal sein soll.“
-
-„Ich würde keinen Glauben mehr an dich aufbringen können. Damals,
-ja, da bildete ich mir ein, daß ein Mensch so etwas nicht zum andern
-Mal fertig brächte. Kein Fremder einem Fremden gegenüber. Und dich
-betrachtete ich damals noch als meinen Vater.“
-
-„Soll das heißen, daß du heute -- nicht mehr?“
-
-„Ja! Das wollte ich damit sagen!“
-
-„Walter sei barmherzig.“
-
-„Bist du es jemals gewesen? Hast du uns nicht alles zerschlagen,
-Wunsch, Jugend, Zukunft?“
-
-„Aber die Ehre, die habe ich doch hochgehalten!“
-
-„Das bildest du dir nur ein.“
-
-„Du bist nicht Offizier!“
-
-„Auf meine Auffassung kommt es aber zur Zeit mehr an.“
-
-„Wenn ich dir mein Ehrenwort verpfände, daß ich nie wieder.“
-
-„Spare es dir! Ich lege keinen Wert darauf!“
-
-Ein Schrei gurgelte aus dem weitgeöffneten Munde. Das Gesicht nahm eine
-bläuliche Färbung an. Die Züge spannten sich. Das Kinn schob sich weit
-vor. Und dann kam jäh ein sichtbarer Verfall.
-
-„Ob das der Tod ist,“ fragte sich Walter Wullenweber und zog, wie bei
-dem juristischen Aufbau eines wohlgelungenen Gutachtens die einzig
-mögliche Folge aus der Bejahung: „Dann trage ich die Schuld!“
-
-Es war aber nur ein leichter Schlaganfall, wie der aus der nächsten
-Stadt zugezogene Arzt am Spätvormittag des neuen Tages feststellte.
-Lebensgefahr lag nicht vor. Alle merklichen Folgen würden sich
-voraussichtlich nach einiger Zeit verlieren.
-
-Walter Wullenweber wich dem fragenden Blicke seines Onkel aus. Am
-nächsten Tage rüstete er sich zur Abreise, ohne Nachurlaub erbeten zu
-haben. Er fühlte, daß seine Anwesenheit den Kranken nicht förderte.
-
-„Du machst dem Futternapf meiner alten Klidderten wenig Ehre,“ sagte
-der Amtsrat in der letzten Stunde zu dem Neffen. „Was ist’s denn? Hast
-du mir nichts zu sagen, Junge?“
-
-„Herzlichst zu danken. Sonst wüßte ich nichts.“
-
-„So, ich dachte! Na schön. Warst du schon bei deinem Vater?“
-
-„Ich stehe eben im Begriff.“
-
-„Warte einen Augenblick. Ich begleite dich.“
-
-Walter Wullenweber wollte eigentlich die paar letzten Minuten mit dem
-Kranken allein sein. Er schwieg aber. „Vielleicht ist es besser so,“
-dachte er stumpf und trat scheinbar ruhig an das Bett des Majors.
-
-„Ich muß nun fort.“ Der Kranke wollte sich auf die Ellbogen stützen, um
-sich ein wenig emporzuringen. Es gelang aber nicht.
-
-„Ich gebe dir mein Wort, daß alles anders werden soll. Willst du mir
-nicht die Hand reichen, Walter.“
-
-Ein kurzes Zaudern. Dann reichte sie ihm der Assessor hin. „Werde
-gesund, Vater!“
-
-Da weinte Major a. D. von Wullenweber die ersten Tränen, seitdem ihm
-das von dem ungeschickten Schützen geschehen war.
-
-Eine Woche später erhielt er Nachricht von seinem Sohne.
-
- Lieber Vater! Heute nur kurz die Mitteilung, daß ich von meiner
- Behörde den Abschied aus dem Staatsdienst erbeten habe, um, sobald
- er mir erteilt sein wird, bei Justizrat Weißgerber, mit dem ich
- bereits einig bin, einzutreten.
-
- Teile es auch Onkel mit. In Eile
-
- Dein Walter.
-
-Als auch der Amtsrat den Inhalt kannte, schlug er mit der Faust auf den
-Tisch.
-
-„Und das erfahre ich erst heute? Was hast du denn wieder angestellt?
-Konntest du wenigstens deinen Mund nicht rechtzeitig aufmachen, damit
-dies verhindert wurde?“
-
-Da erzählte der Major das Hauptsächlichste. Das Fehlende dachte sich
-der andere schon hinzu.
-
-„Wieviel wars denn zum Kuckuck?“
-
-„Viertausend Mark!“ gestand der Major zerknirscht.
-
-„Und wofür? Für Lumpereien natürlich!“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-9.
-
-
-Das Nationaltheater hatte seinen großen Tag. Die Aufführung des ersten
-Aktes des „Parsifal“ war vorüber. Die Reihen lichteten sich. Es
-strömte die Stufen hinab, die in den Garten des Theaters führten. Auf
-den meisten Gesichtern lag noch die Andacht des Weihespiels. Einzig
-eine Frauengestalt hatte ihren Stuhlplatz inne behalten und saß mit
-zusammengelegten Händen. In ihr zitterten die heiligen Klänge nach:
-„Selig im Glauben.“
-
-Zwei Herren waren, abseits des flutenden Menschenstromes, stehen
-geblieben und sahen zu ihr hinüber.
-
-„Sie haben vor Beginn im Erfrischungsraum mit ihr gesprochen, Kurtzig,“
-sagte der Jüngere, „kommen Sie, wir gehen jetzt zu ihr.“
-
-„Das wage ich nicht, Baron Alvensleben. Sie wissen, wer einen
-Gottesdienst stört, muß eines Strafbefehls gewärtig sein.“
-
-Der alternde Meister schüttelte den Kopf.
-
-„Sie steht doch aber in der Oeffentlichkeit, mein Lieber!“
-
-„So -- tut sie das? Ich dachte, wir wären uns gestern Nacht nach ihrem
-Konzert gerade darüber einig geworden, weshalb sie an der Laufbahn
-einer Bühnensängerin vorbei, in der musikalischen Welt Berlins in der
-Hauptsache als erste Bildnerin verheißungsvoller Stimmen gilt und sich
-nur selten zu einer Konzertreise versteht.“
-
-„Gott ja, gestern Nacht! Inzwischen habe ich darüber nachgesonnen und
-muß gestehen, daß mir die Aufgabe, sie umzustimmen, sehr verlockend
-erscheint.“
-
-„Sie sind nicht der Erste, der das erkannt und auch versucht hat,
-Baron.“
-
-„Vielleicht aber der erste Leiter einer hocheingeschätzten Oper, der
-willig ist, sie sogleich in seinen Verband zu übernehmen.“
-
-„Auch diese Freude muß ich Ihnen leider zerstören. Vor einem halben
-Jahre, als sie noch lange nicht so weit wie heute gekommen war, machte
-bereits Ihr Kollege Spartenberg denselben recht energischen Versuch.“
-
-„Sie kennen sie länger, Kurtzig?“
-
-„Ungefähr fünf Jahre.“
-
-„Da werden Sie auch um die Gründe wissen? Sie kennen auch mich. Ich bin
-verschwiegen. Was käme da in Betracht?“
-
-„Da fragen Sie mich zu viel, Baron.“
-
-„Vielleicht erblich belastet?“
-
-„Möglich! Die Mutter, nach dem Bilde zu urteilen, war eine Schönheit!
-Der Vater soll ein flotter Herr gewesen sein, der ihr nichts als
-Schulden und den alten Namen hinterließ.“
-
-„Verdreht,“ sagte Baron Alvensleben, „aber hören Sie, versucht wird es
-dennoch. Wenn nicht jetzt, ganz bestimmt am Schlusse. Wenigstens ein
-Plauderstündchen im Parkhotel mit ihr.“
-
-„Schön! Machen Sie sich das Vergnügen! Sie können sich meinetwegen als
-Zeuge ihrer gestrigen Triumphe einführen. Nur, sagen Sie ihr nichts von
-unserer Bekanntschaft.“
-
-„Na nu!“
-
-„Ja, Baron. Sie vertraut mir voll und ich möchte nicht, daß dies jemals
-anders würde. Kein Mißverstehen, Ihr Lächeln ist unangebracht. Die
-Kunst kann, wie wir soeben festgestellt haben, sehr rein sein. Der
-Künstler in mir freut sich an ihr, ringt um die Erhaltung ihrer Gunst,
-zollt ihr neidlos die verdiente Anerkennung.“
-
-„Das haben Sie mir gut gegeben, Kurtzig. Ich nehme es Ihnen nicht übel.
-Kommen Sie. Nein, nicht in den Prunksaal. Sehen Sie, da schreit der
-Unterschied zwischen Bayreuth und München. Die Aufführung verspricht
-auch diesmal ganz hervorragend zu bleiben. Nur das Drum und Dran
-ist’s, was hier nie erreicht wird. Die Weihe fehlt. An Kosimas
-Brandaugen vorbei schlich man sich dort während der Pausen, trunken
-vor Begeisterung in das sanfte Grün eines wirklichen Götterhains und
-entheiligte sich nicht, bis die feierlich rufenden Tubenklänge wiederum
-erbrausten.“
-
-Ganz einsam saß Eva von Ostried in dem weiten Raume. Sie war auf vier
-Tage nach München gekommen, um im Anschluß an die beiden Konzerte,
-in denen sie sang, den „Parsifal“ vor allem zu hören. Nun hatte die
-Musik alles Schlafende in ihr wachgerüttelt. In Berlin konnte sie
-es zurückschieben in das Dämmern eines dauernden Halbschlummers.
-Während sie bereits seit Jahresfrist lehrte, vernachlässigte sie das
-Selbstlernen nicht. Ihre Zeit war dadurch mit jeder Stunde, ja, mit
-jeder Minute, im voraus berechnet. Hier ruhte sie aus.
-
-Aber überwand sie jetzt auch die Schatten, bezwang sie alle Gedanken,
-indem sie sich zu der Menge begab, zum Einschlafen brachte sie sie
-nicht wieder. Sie würden sich zwischen ihre Empfindung und die
-Gestaltung der nächsten Aufzüge drängen und ihr nichts hinterlassen
-als das bittere Gefühl, plötzlich vor der verschlossenen Pforte zum
-Allerheiligsten zu stehen. Darum ließ sie sich willig von ihren
-Gedanken zwingen.
-
-Wie war es doch damals gewesen, als sie die Villa der toten Präsidentin
-verließ? -- Sie hatte sich eine kleine Wohnung genommen. Wirklich in
-guter Gegend. Und eine Bedienung, die in jeder Beziehung ausgezeichnet
-für sie sorgte, war auch schnell gefunden, weil sie mit dem Entgelt
-nicht kargte. Dann kamen die Lehrer an die Reihe. -- Die allerersten.
-Ralf Kurtzig blieb ihr treu, wie sie ihm. Seine Gegenwart war ihr
-ständig mit einer Feier verbunden, die sie wunderbar für die nüchternen
-Arbeitsstunden des Unterrichts stärkte. Ohne das gesteckte Ziel jemals
-zu verlieren, schritt sie weiter. Das Ziel, auf Heller und Pfennig
-einst zurückzuerstatten, was -- --
-
-Jede neubeginnende Woche bestimmte sie zum Beginn des Zurücklegens. Es
-wollte aber immer noch nichts damit werden.
-
-Sie wurde erschreckend mager, nervös und hilflos. Denn ihre Nächte
-hielten tausend Rächer für die durchhetzten, gedankenlosen Tage
-in Bereitschaft. Der Inhalt der kleinen schwarzen Handtasche nahm
-merkwürdig schnell ab. Es kostete alles noch viel mehr, als sie
-berechnet hatte. Von den zwölftausend Mark hatte das erste Jahr mit
-seinen zahlreichen Anschaffungen die Hälfte verbraucht. Nach dieser
-Feststellung änderte sie auch ihren Lebensplan. Bis dahin sah sie
-Unterrichtsstunden lediglich als eine Hilfsquelle an. Jetzt stellte
-sie nach Rücksprache mit ihren Lehrern fest, daß bis zum ersten
-Geldverdienen als Opernsängerin noch eine geraume Zeit vergehen
-mußte. Denn als abgeschlossen konnten sie die Ausbildung ihrer Stimme
-vorläufig noch nicht bezeichnen.
-
-Und danach?
-
-Sie zweifelte nicht daran, daß ihr die breite Oeffentlichkeit mit
-Huldigungen und Beifall danken würde. -- Ob sich aber auch in gleichem
-Maße die Gagen einstellen würden? -- Toiletten würden nötig werden, die
-erschreckend viel kosteten, wenn nicht ein anderer sie bezahlte.
-
-Auch jener andere hatte sich zur Verfügung gestellt. Paul Karlsen,
-der sich aus den Berichten seiner ahnungslosen Frau die Zusammenhänge
-leicht aufbaute, fand sie schnell und flehte um ihre Vergebung. Als Eva
-von Ostried ihm für immer die Tür gewiesen, wußte sie, daß das Blut
-ihrer Mutter in ihr stärker geworden, als dasjenige ihres Vaters. Auf
-der einen Seite lockte ein Erfolg, wie sie ihn niemals auf der andern
-erwarten durfte.
-
-Knie beugten sich vor ihr! Hände haschten nach dem Saum ihres Gewandes.
-Geld und Schmuck leuchteten. Lorbeer duftete. Und sie hielt es für
-unmöglich, zu entsagen! Aber aus dem wirren Hetzen der Gespenster rang
-sich eine Aussicht zum Frieden durch: Gutmachen!
-
-Es war schwer, wenn nicht unmöglich! Und der heimliche Fluch würde
-weiter lasten. Vielleicht, daß ihn der Beifall einer dankbaren Menge
--- die Leidenschaft eines Einzelnen für Stunden abnahm?
-
-Und wiederum danach? -- Was sind Stunden im Vergleich zu Jahren --
-Jahrzehnten?
-
-In jener Zeit der härtesten Kämpfe klopfte eine blutjunge, blasse
-Verkäuferin an ihre Tür. Sie hatte Eva von Ostried singen hören und
-wußte seit diesem Augenblick mit dem feinen Gefühl der Ringenden, daß
-jene eine Gottbegnadete war. -- Fast weinend vor Verlegenheit und
-Erschrecken über ihre Kühnheit hatte sie ihre Bitte vorgetragen.
-
-„Helfen zum Aufstieg!“ -- Retten aus dem Schlamm, der schon ihre Füße
-netzte.
-
-Eva von Ostried war voller Mitleid gewesen, obwohl sie nicht an die
-Berufung dieses blassen Kindes zur Kunst glaubte. Warum sollte sie sich
-aber kein kleines Liedchen von ihr anhören? Summte ihre Köchin nicht
-auch beständig.
-
-Das kleine Lied aber war zur Offenbarung eines großen Talents
-geworden! Die schmale Verkäuferin schied mit dem Strahlen eines sie
-überwältigenden Glücksgefühls. So kam Eva von Ostried zu ihrer ersten
-allerdings nicht zahlungsfähigen Schülerin, und erlebte, wie diese
-wuchs und strebte, wie Schlacke um Schlacke abfiel und das Edelmetall
-alle Tage herrlicher hervorleuchtete. Sie würde es wohl auch noch
-erleben müssen, wie jene einst von sich reden machen, Bewunderer haben,
-die Menge hinreißen würde, während sie selbst nichts weiter war als
-deren Förderin und Schleiferin.
-
-„Der Uebel größtes aber ist die Schuld!“ Davor gab es keine Rettung!
-
-Einzig, wenn sie der Schar ihrer beständig wachsenden Schüler dienend,
-sich selbst und die zuckenden Wünsche immer aufs neue überwand,
-fühlte sie Ruhe, die fast dem Frieden gleichkam. Und doch blieb es
-nur ein Scheinfrieden! An der Empörung ihrer Lehrer, als sie ihnen
-den Entschluß bekannt gab -- an jedem Blicke offenkundiger Huldigung,
-der ihr gezollt wurde, empfand sie die unerhörte Härte ihres Opfers.
-Unzählige Mal war eine Umkehr von ihr beschlossen. Und dann mußte der
-leidenschaftlich gefaßte Vorsatz doch unter dem Vernichtungsfeuer der
-Gewissensangst verbrennen!
-
-Sie hatte nicht gewagt, jenes Geld aus dem Hause zu geben. Konnte die
-Bank nicht nach seiner Herkunft forschen und sie entlarven?
-
-Noch bevor die Tubenklänge die andächtige Gemeinde zurückgerufen
-hatten, begann sich der Zuschauerraum zu füllen. Eva von Ostrieds
-Blicke wurden plötzlich von etwas Flammenden gefesselt. In dem
-brandroten Haar einer üppigen Erscheinung glühte ein Halbmond
-köstlicher Edelsteine auf. Sie empfand den Anblick des auffallenden
-Schmuckes an dieser Stätte als etwas Ungewöhnliches. Ernst und
-feierlich, wie zum Tisch des Herrn waren die meisten erschienen. Es
-reizte sie, nun auch das Gesicht unter dem lohenden Haar zu sehen.
-Die leuchtend weiße Haut, der stark sinnliche Mund, die unnatürlich
-schwarzen dichten Brauen kamen ihr bekannt vor.
-
-Das war doch eine im Palasttheater beschäftigte Soubrette, die für
-kurze Zeit ihre Flurnachbarin gewesen! -- Und ihr Begleiter? Denn
-immer wieder neigte sie sich in eifrigem Tuscheln zu dem schlanken
-Nachbar hinüber. -- Paul Karlsen!
-
-Ein Wort von ihm -- nahe an ihrem Ohr geflüstert -- ließ sie
-zusammenfahren. „Dummerchen!“ War das zu der andern gesagt
-oder belustigte er sich über ihre Zurückweisung, sie als etwas
-unbeschreiblich Albernes und Törichtes verhöhnend? Dann lachten beide.
-
-Lachten sie etwa gemeinsam über sie? Hatte er ihr von jener Stunde
-erzählt, die sie neben ihm in seinem Musikzimmer verbrachte oder die
-Komik jener andern geschildert, die sie zum Hüter seiner ehelichen
-Treue machen wollte? --
-
-Ihr schossen die Tränen der Empörung in die Augen. Zum ersten Male
-spürte sie ein starkes Verlangen nach einer Hand, die sie an diesem
-allen vorüber, in die Stille und Klarheit führen und dort festhalten
-würde.
-
--- -- Karfreitagsehnen! Unbeschreibliches Verlangen nach Glück und
-Frieden! Heiligste Verzückung! Lossprechung von aller Schuld! Sei
-heilig!
-
-Der Lichtschein aus der Höhe erfüllte den Gral mit hellstem Erglühen.
-Die Andacht war vollendet!
-
-Eva von Ostried ahnte nicht, daß sie tränenüberströmt, in zitternder
-Ergriffenheit fassungslos auf den sich langsam senkenden Vorhang
-starrte. Sie merkte erst, daß sie gehen müsse, als sich leise eine Hand
-nach der ihren tastete.
-
-„Kommen Sie, Kind. Sonst sperrt man die heiligen Tore zu.“
-
-„Sie sind’s, Meister?“ Zutraulich schob sie ihren Arm unter den seinen.
-„Jetzt gehen wir ein wenig an den Hildebrand-Brunnen, ja?“
-
-Er wäre gern dorthin und überall weiter in dem weichen, fließenden Grau
-dieser Dämmerstunde mit ihr gewandert, aber ein Dritter war plötzlich
-neben ihnen und ließ sich nicht wegschieben.
-
-„Baron Alvensleben!“ bequemte sich Ralf Kurtzig endlich seinen Namen
-zu nennen. -- Nun waren sie zu Dreien! Es war kein Zauber mehr dabei.
-Alles sah nüchtern und verwaschen aus, denn der Regen rieselte leise
-aus der Luft herab. Das gewahrte Eva von Ostried erst jetzt.
-
-„Wir wollen uns möglichst schnell ins Parkhotel begeben,“ schlug der
-Baron vor, als sei es ganz selbstverständlich, daß sie für den Rest
-dieses Tages zusammenblieben. „Ihnen ist es doch recht, gnädiges
-Fräulein? Ich habe einen kleinen Tisch am offenen Fenster bestellt. Die
-Anlagen des Maximilianplatzes sind in diesem Jahre besonders schön.“
-
-Sie sah bittend zu Ralf Kurtzig hinüber.
-
-„Nicht wahr, ich vertrage nach solcher Musik keine fremden Menschen?“
-
-Baron Alvensleben lachte leise. „Empfinden Sie mich etwa als fremd?
-Mir sind Sie eine liebe Bekannte -- seit vorgestern und gestern her.
-Ich hörte Sie zweimal. Ihre Schubertlieder am ersten Abend waren
-eine wundervolle Leistung, hinter welcher die sonst recht saubere
-Kunstfertigkeit des Violinisten leider abgrundtief versank. Am
-künstlerisch wertvollsten freilich faßten Sie am zweiten Abend das
-Lied der Carmen auf, wie Sie ja auch mit dem hinreißenden Glanz und
-der einzigen Wärme Ihrer Stimme der Bühne und nicht dem Konzertsaal
-gehören.“
-
-Er tat, als merke er ihr Zusammenzucken nicht. Heimlich aber freute er
-sich daran und pries die gründliche Kenntnis von der Beeinflussung auf
-die Künstlerseele.
-
-„Aha, der Köder lockt schon. Alter, guter Kurtzig, wir kennen doch den
-Rummel,“ dachte er dabei. Er glitt klug und geschickt, als sei dies
-nichts anderes, als eine bedeutungslos gemeinte Feststellung gewesen,
-zu ihren Liedern zurück. Sie war ein seltener Vogel. Scheu -- trotzig
-und unsäglich empfindlich. Das fühlte er deutlich. Bestimmt eine, die
-einen Regisseur zur Verzweiflung bringen konnte, daneben aber auch das
-liebe Publikum vor Wonne rasen machend.
-
-„Von wem stammte übrigens das kleine Lied, das Sie als Zugabe sangen,“
-fragte er weiter. „Die Liederfolge verriet den Komponisten nicht. Die
-drei Sternchen an Stelle des Namens pflegen sonst zu einem gewissen
-Mißtrauen zu berechtigen. Diesmal nahm bei aller Schlichtheit die
-Originalität der führenden Melodie stark gefangen.“
-
-„Den Komponisten vermag ich nicht zu nennen,“ gestand Eva von Ostried,
-„das kleine Lied hat eine eigene Geschichte.“
-
-„Die Sie am offenen Fenster erzählen werden, ja,“ bat er mit einem
-knabenhaft fröhlichen Blick.
-
-„So lang, daß sie nicht zuvor beendet sein dürfte, ist sie nicht, Herr
-Baron. -- Ich saß eines Tages in einem Berliner Café und fand auf dem
-Platze neben mir ein mit Noten bedecktes Blatt, augenscheinlich erst
-ein Entwurf, denn es war viel ausgestrichen und verbessert. Ich nahm’s
-mit nach Hause. Und seither singe ich es jedesmal als Zugabe. Die
-Wirkung, die es zuerst auf mich ausübte, ist die gleiche geblieben.“
-
-Sie waren sehr schnell vorwärts gegangen. Ohne, daß Eva von Ostried
-früher etwas davon gemerkt, standen sie vor dem Parkhotel. Mit einer
-abwehrenden Bewegung wandte sie sich zur Umkehr.
-
-„Jetzt wäre es geradezu eine Beleidigung, wollten Sie uns verlassen,“
-sagte Alvensleben entrüstet.
-
-„Ich begreife nicht, was Ihnen an meiner Gesellschaft liegen kann, Herr
-Baron? Mir wäre es jetzt eine Qual in einem besetzten Raume zu sitzen,“
-sagte Eva. „Das können Sie sicher am besten begreifen, Herr Baron. Der
-Regen hat aufgehört. Ich gehe zum Hildebrand-Brunnen. Wenn Sie beide
-mich dort später noch aufsuchen wollen, sollen Sie mich schon finden.
-Ein Stündlein bleibe ich bestimmt.“
-
- *
-
-„Warum sind Sie so schweigsam, Kurtzig,“ fragte der Baron, als sie
-sich endlich unter dem geöffneten Fenster gegenüber saßen. „Sie sehen
-doch, ich ärgere mich auch nicht, obgleich mir eine ähnliche Abfuhr
-noch nicht vorgekommen ist. Wer mag wohl der Glückliche sein, der sie
-irgendwohin an ein Tischlein-deck-dich führen darf?“
-
-„Es fällt ihr nicht ein, sich an den ersten besten zu hängen.“ Ralf
-Kurtzig erwiderte das in einer ihm sonst fremden Gereiztheit.
-
-„Aber bester Meister, wer traut ihr denn eine Geschmacklosigkeit zu?
-Sicher ist er ein Auserwählter. Ob Adonis oder Künstler -- oder gar
-beides vereint -- das wage ich nicht zu entscheiden. Sie werden ihren
-Geschmack besser kennen.“
-
-„Ihr Herz hat bestimmt noch nicht gesprochen.“ Das klang nicht mehr so
-sicher, wie das erste Mal. In der Stimme lag ein gequälter Ton, der den
-Baron aufhorchen ließ. Er kniff das linke Auge zu und hob spähend das
-gefüllte Glas empor.
-
-„Wenn Sie das genau wissen -- und Sie waren ja stets ein sehr sicherer
-Beobachter -- ja, warum zögern Sie dann noch, alter Freund?“
-
-Ralf Kurtzig fuhr jäh zurück.
-
-„Ich verstehe Sie nicht, Baron. In dieser Sache vertrage ich keinen
-Scherz.“
-
-„So tief sitzt es schon! Dann beeilen Sie sich gefälligst, ehe Sie zu
-spät kommen. Eine Stunde Bedenkzeit hat sie Ihnen gegeben und zu einer
-Verlängerung dürfte sie sich kaum verstehen.“
-
-„Ich verbitte mir alles weitere in dieser Sache.“ Der alternde Meister
-war so hastig aufgestanden, daß er dabei sein Glas vom Tische stieß.
-
-„Kurtzig, machen Sie keine Geschichten. Sie werden doch wohl von einem
-guten Freund eine harmlose Neckerei vertragen? Wozu hätte ich meine
-gesunden Augen? Sie hängt augenscheinlich sehr an Ihnen, kennt Sie
-durch verschiedene Jahre, lächelt Ihnen zu, strahlt Sie an. Herrgott,
-was ist denn dabei? Haben wir nicht schon ganz andere Sachen erlebt?
-Denken Sie an den alten Dresdner Amfortas aus den achtziger Jahren und
-seine jugendschöne kaum zwanzigjährige Gattin, die Heroine des W.’r
-Stadttheaters.“
-
-„Ich bin ihr Lehrer, vor dem sie -- genau wie meine andern Leute --
-zittert und bebt.“ Es klang schon milder.
-
-„Wenn Sie das sagen, wird es ja wohl stimmen. Mir scheint, das Zittern
-und Beben liegt reichlich lange hinter Euch beiden, was?“
-
-„Ich habe Anteil an ihrer Entwicklung -- Freude an ihrer Kunst und
-Schönheit. Es fällt mir nicht ein, das zu bestreiten.“
-
-„Na, sehen Sie wohl.“
-
-„Mehr aber nicht!“
-
-„Wozu das betonen. Lassen Sie. Wenn es uns noch hascht, will die Scham
-kommen und einen großen Zorn daraus brauen. Dabei, großer Gott! Was hat
-das Altwerden mit der Abkühlung der Gefühle zu schaffen? Die bleiben
-nicht nur. Nein, sie werden stärker und klarer, wie alter Wein, der
-doch auch den begehrtesten Rausch bringt. Danach gibt’s keinen Jammer.
-Fahren Sie nicht auf. Wer ihn kennt, wirklich kennt, der zieht ihn
-dem Most und dem feurigsten Heurigen allemal vor. -- Und nun die Hand
-her, alter Sturmgeselle. Dafür darf keine Scham auf Lager sein. Das
-Einzige, was Sie bewegen kann, wäre ein großer und gerechter Stolz. Ich
-streite nicht mal ab, daß mir ein Neidgefühl hochsteigen wollte. Sehen
-Sie, so ehrlich bin ich Ihnen gegenüber. Und nun Schluß damit. Wenn
-wir mit dem Essen fertig sind, mache ich noch einen Spaziergang an der
-Isar entlang. Vielleicht allein. Vielleicht auch nicht. Aber auf Ihre
-Begleitung rechne ich nicht. Sie gehen ja wohl nachher noch ein bißchen
-an den Hildebrand-Brunnen?“ -- -- --
-
-Ralf Kurtzig spürte eine wohlige Wärme durch seine Adern glühen. Der
-Wein war gut. Und schließlich -- der Alvensleben ein anständiger Kerl,
-von dem man sich auch mal eine kleine Entgleisung gefallen lassen
-konnte.
-
-War’s denn überhaupt eine?
-
-Sie sprachen jetzt eifrig von dem Winterspielplan, den der Baron
-schon bestimmt hatte. Ralf Kurtzig hörte ihm nur scheinbar aufmerksam
-zu. Seine Blicke irrten durch das geöffnete Fenster und suchten den
-Brunnen. Er saß träumerisch da und nahm kaum etwas von den Speisen.
-
-„Dann trinken Sie wenigstens, Kurtzig.“ Und der Baron schänkte
-ihm fleißig ein. Dabei lag das wissende Lächeln eines, dem die
-Frauen keinerlei Ueberraschungen mehr bestreiten können, um seinen
-glattrasierten Mund. Mit dem verwöhnten Auge des Feinschmeckers kostete
-er die zunehmende Spannung in den geistvollen Zügen des ihm gegenüber
-Sitzenden behaglich aus. Er hatte doch stets das richtige Gefühl. Schon
-gestern kam ihm die Gewißheit, daß es nur eines Fünkchens bedürfe, um
-den Brand dieser späten Leidenschaft zu entzünden. Und dieser Funke
-war gefallen. Weiterer bedurfte es nach seiner Erfahrung nicht mehr.
-Ralf Kurtzig fühlte sich heiß, jung und sehnsüchtig. Und daran trug der
-schwere Oberungar den Löwenanteil.
-
-„Ich denke, wir sind jetzt voll befriedigt,“ sagte er und ließ die
-Augen schärfer in die Ferne spähen.
-
-Bereitwillig erhob sich der Baron.
-
-„Das ist auch meine Ansicht. Man soll dem kühlen, grauen Tone dieses
-Abends etwas Rot auflegen. Besorgen wir das also.“
-
-Vor dem Eingang des Hotels trennten sie sich. Ohne zu zaudern setzte
-Ralf Kurtzig seinen Weg in der Richtung auf den Hildebrand-Brunnen
-fort. Erst nach einigen Minuten blieb er stehen, riß den Hut herunter
-und ließ sich die müde, schwere Spätsommerluft um die Stirn gehen.
-
-Was hatte er vor?
-
-Es zuckte in seinen Armen, als wolle er Lasten heben und in die Lüfte
-emporwerfen. Seine hohe, edel geformte Stirn wurde flammend rot.
-
-Er war ein Narr! Hundertmal war er zu diesem Mädchen gegangen -- hatte
-auch wohl seine Hand gehalten -- Rat erteilt -- gescholten -- und jetzt
-plötzlich? Der Wein war schuld!
-
-Er hatte es im Untergefühl, daß sie schließlich nur ihn auf der Welt
-besaß, wenn sie auch noch niemals mit einander darüber gesprochen
-hatten. Zuerst war es das Verhältnis zwischen Lehrer und Schülerin,
-später dasjenige eines Vaters zur Tochter, eines Freundes zur Freundin.
-
-Noch einmal, Ralf Kurtzig, du bist ein Narr!
-
-Aber wahr blieb’s trotzdem, daß der sechzigjährige Amfortas mit der
-Zwanzigjährigen über alle Maßen glücklich geworden war. Noch ein
-rosenrotes, dufterfülltes Spätglück.
-
-Warum sollte es also ihm unmöglich sein? --
-
-Was denn? Keinen Schritt weiter. Nicht zum Hildebrand-Brunnen. Nicht
-den Wahnsinn einer Stunde in das Leben einer tragen, deren einziger
-Freund und Schutz er werden durfte. Sich selbst nicht zum Bettler
-machen.
-
-Und doch ging er weiter.
-
-Da saß sie. Zusammengekauert. Verträumt. Er sah ihre Hände. Weiß und
-zart hoben sie sich von den Spitzen ihres Kleides ab. Und jetzt winkten
-sie ihn heran. Da war er neben ihr und nahm an ihrer Seite Platz.
-
-Ihre Augen leuchteten voller Glanz. Der leichte Schleier war
-verschwunden. An ihren dichten langen Wimpern hing eine Träne.
-
-„Warum haben Sie geweint,“ fragte er und wußte nicht, daß in seiner
-Stimme die Leidenschaft zitterte. Sie hörte den Klang und wunderte
-sich. Er war ihr fremd.
-
-„Ich fühlte mich sehr einsam, aber dann habe ich mich auf Sie freuen
-müssen,“ sagte sie dankbar.
-
-„Auf mich?“ Wie ein Rausch stieg es von seinem wildpochenden Herzen zum
-Hirn empor. Der Wein trug die Schuld. Nein, die weiche, graue Luft.
-
-„Auf mich?“ fragte er noch einmal.
-
-Sie nickte ihm zu und legte ihre Hand auf die seine. -- Da lag sie.
-Nicht zu berühren wagte er sie, obgleich alles in ihm danach schrie,
-sie mit glühenden Küssen zu bedecken.
-
-„Was wäre ich ohne Sie,“ fragte sie leise und weich.
-
-Ist er ein Narr? Starr und steif saß er neben ihr. Ihre Hand war bei
-einer hastigen Bewegung von der seinen herabgeglitten und hing nun --
-matt und verlassen -- zwischen ihm und ihr.
-
-Der Brunnen plätscherte. Irgendwo durchschnitt das sanfte Dämmergrau
-ein kleines funkelndes Licht. War das schon das Rot, von dem
-Alvensleben gesagt hat? Seine Stirn wurde feucht. Mühsam erhob er sich.
-
-„Ich muß fort.“
-
-„Meister, was ist Ihnen? Habe ich Sie verletzt?“ In ihrem Ton lag tiefe
-Traurigkeit. Da blieb er neben ihr.
-
-Und plötzlich. -- Er war nicht länger Herr über sich. Er hatte ihre
-beiden, weichen, weißen Hände an sich gerissen und an sein Herz
-gepreßt.
-
-„Hörst du das schlagen? Für dich! -- Für dich!“
-
-Sie wurde unruhig, obwohl sie den Wechsel in seinen Stimmungen kannte.
-
-„Was haben Sie, Meister? Sind Sie krank?“
-
-„Was mir ist? Fühlst du das nicht?“
-
-Er hat sie „Du“ genannt. Wie seltsam. Früher hatte sie sich das
-brennend gewünscht. Heute ängstigte es sie.
-
-„Fühlst du meine Liebe nicht? Ich kann sie nicht länger verbergen. Ein
-Jahr ist lang. Seitdem weiß ich es schon und habe dagegen gerungen. --
-Nun geht’s nicht mehr. -- Werde mein Weib!“
-
-Sie starrte ihn fassungslos an. War er irre geworden? Er sprach weiter,
-ohne ihre Antwort abzuwarten.
-
-„Du gehörst mir ja schon längst mit jedem deiner Gedanken. Weißt du das
-nicht?“ Sie fühlte seinen heißen Atem -- das Nähern seiner Lippen und
-wurde von einer wilden Angst, von einem Entsetzen emporgerissen. -- --
-
-„Ich kann nicht! Ich kann nicht!“
-
-Er wollte sie küssen. Wild wehrte sie sich und stieß nach ihm, nach
-ihrem geliebten, verehrten Meister, dem einzigen Menschen, dem sie voll
-vertraut hatte. Er fühlte den Stoß und sah das aufsteigende Grauen in
-ihren Augen -- taumelte zurück, sah sie irre an und stammelte etwas.
-
-Was? Sie verstand es nicht. Sie sah nur, daß er von ihr ging.
-
-Nun hatte sie Keinen mehr auf der Welt!
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-10.
-
-
-Ein ganzes langes, reiches Leben umsonst gelebt! Den angestrebten
-Daseinszweck verfehlend -- nichts anderes in ihren Augen als eine Beute
-wahnwitziger Lächerlichkeit!
-
-Er konnte ihr nach diesem nie wieder begegnen. Das stand in ihm fest.
-
-Eva von Ostried war in ihr Hotel zurückgekehrt. Hastig wollte sie die
-Treppe emporeilen, da winkte das Fräulein aus der Buchhalterei ihr
-durch das herabgelassene Schalterfenster zu.
-
-„Ein Herr hat schon zweimal nach Ihnen gefragt. Jetzt wollte er sich
-nicht wieder fortschicken lassen. Er wartet auf dem Gang vor Ihrem
-Zimmer. Es war nichts dagegen zu machen.“
-
-Eva von Ostried war sehr müde. Jeder Schritt wurde ihr schwer. „Wer
-kann das sein,“ dachte sie ohne sonderliches Interesse.
-
-Es war ein ihr gänzlich Fremder, klein und beleibt, im Aeußeren
-elegant, der Anzug von modernstem Schnitt, Wäsche und Schlipsnadel
-leuchteten um die Wette. Nur seine Hände paßten nicht dazu, die sich,
-dicht behaart und mit kurzen, dicken Fingern und ungepflegten Nägeln
-ihr wie freundschaftlich entgegen streckten.
-
-„Sakra, das hat lang gedauert, meine Gnädigste.“
-
-Sie wich einen Schritt zurück. Ihr fiel es nicht ein, ihre Hand zu
-heben. „Ich wüßte nicht, daß ich eine Verabredung mit Ihnen getroffen
-hätte,“ entgegnete sie kühl.
-
-Der Wohlbeleibte schien indes ihre Zurechtweisung nicht zu empfinden.
-Er sah sie in strahlender Zufriedenheit an.
-
-„So unschlau würden’s doch auch net sein,“ sagte er mit gutgespielter
-Treuherzigkeit. „Wer zuerst kommt, tut halt auch zuerst mahlen, net
-wahr?“
-
-„Der heutige Tag war sehr anstrengend für mich. Bitte fassen Sie sich
-kurz.“
-
-„Sie werden schnellstens wieder aufg’lebt sein, Gnädigste. Ich hab
-nämlich grad kei Kartl zur Hand. Mei Name ist Alois Sendelhuber.
-Gnädigste wird schon meinen Namen g’hört haben.“
-
-„Nein,“ sagte Eva von Ostried und betrachtete die klauenartig gebogene
-Hornkrücke seines kräftigen Stockes, die wenig zu dem eleganten andern
-passen wollte.
-
-„Sollt’ man’s glauben? Mei kloans G’schäfterl hat sonst a guten Ruf.“
-
-Eva von Ostried meinte endlich zu begreifen. Vielleicht war er gestern
-oder vorgestern in ihren Konzerten gewesen und sprach nun das, was der
-Kollege von der Geige ihr zart anzudeuten wagte, in schöner Offenheit
-aus.
-
-„Ich brauche gar nichts, Herr Sendelhuber. Danke vielmals für Ihre
-Bemühung. Berlin, wohin ich mich morgen zurückbegebe, versorgt mich
-schon ausreichend.“
-
-Sein Gesicht wurde plötzlich unendlich schlau und vergnügt.
-
-„Auch kein neues Konzört-Angaschemang, meine Gnädigste?“
-
-„Wie sagten Sie,“ fragte Eva von Ostried auflauschend und blitzschnell
-überlegend, daß sie jetzt Geld verdienen müsse und dies am ehesten
-durch Konzerte vermöchte. Ja, das wäre schön. Da kämen neue Einnahmen
-zusammen und der Zeitpunkt der ersten ruhevollen Nacht würde näher
-gerückt. Die weiche Wölbung seines mächtigen Bauches begann sich mit zu
-freuen.
-
-„Gelt’s, da spitzens? Also, wollen wir nun ’n eingehen. Wenn’s g’fällig
-ist.“
-
-Sie saßen sich in dem geräumigen Zimmer mit der geschmacklosen
-Ausstattung der Dutzendräume gegenüber.
-
-„I hätt für den November Neigung,“ meinte er und blätterte in seinem
-nicht ganz saubern Notizbuch. „Den Ersten, Fünften und Neunten --“
-
-„Den Neunten bin ich bereits versagt, Herr Sendelhuber.“
-
-„Schad’t nix. Sagen Sie wo und bei wem, das andere mach i halt scho.
-Kleinigkeit.“ Sie sah kühl und sehr hochmütig aus.
-
-„Das gibt es bei mir nicht. Was ich versprochen habe, wird auch
-erfüllt.“
-
-„S’ sind halt noch a Anfangerin. Ach i über dö damische Konkurrenz weg,
-mach i scho das G’schäft für uns zwei beid’. Also den Ersten, Fünften
-und Neunten hab i g’sagt. Am Erst und Fünften hier, wo man Sie bereits
-kennen tut. Am Neunten in Nürnberg. Und die Einnahm’? Wir teilen’s
-halt!“
-
-„Nein, das genügt mir nicht.“
-
-„Schauens -- schauens!“ sagte er nachdenklich und begann zu rechnen.
-
-Sie saß ganz still und mußte denken, was ihr Ralf Kurtzig jetzt wohl
-raten würde.
-
-„Unter zwei Drittel für mich tu ich’s auf keinen Fall, Herr
-Sendelhuber.“ Dann zogen sich ihre Brauen zornig zusammen. Warum griff
-sie nicht sofort zu? -- Ralf Kurtzig hätte seinen Vorschlag für den
-Anfang durchaus annehmbar gefunden? Ihm beugte sie sich schließlich
-und sagte unsicher, noch ehe Herr Sendelhuber mit dem Rechnen zu Ende
-gekommen war.
-
-„Schön, meinetwegen, für diesmal die Hälfte.“
-
-Sofort stellte sein Stift die emsige Arbeit des Zahlenmalens ein.
-
-„’s is auch klüger. Sie stehen sich, im Vertrauen, bei der Hälft’
-besser!“
-
-„Also ein kleiner Gauner,“ dachte sie und äußerte doch nichts
-dergleichen. Sie wollte plötzlich vor allen Dingen möglichst schnell
-einen guten Ruf als Konzertsängerin haben und dazu brauchte sie solche
-Leute. Denn unter den verschiedenen Abschriften alter Verträge, die er
-ihr als Beweis seiner Tüchtigkeit und Beliebtheit vorlegte, befanden
-sich lauter gute, bekannte Künstlernamen.
-
-Er schrieb bereits auf einem umfangreichen Bogen.
-
-„Also am Ersten, Fünften und Neunten. So war’s doch? Die damische Feder
-tut’s scho wieder net, is halt a Kreiz.“ Er stieß sie kräftig auf die
-Decke des Tisches, wischte mit dem breiten Zeigefinger den entstandenen
-Tintenfleck fort und schrieb weiter.
-
-„Den Neunten werde ich unter keinen Umständen singen, Herr Sendelhuber.
-Sie haben das wohl schon wieder vergessen.“
-
-„Wo werd i? Da is nix weiter drüber zu reden. Also den N--eu--n--ten --“
-
-Sie setzte ihren Namen darunter, ohne den Entwurf durchzulesen. Er
-faltete ihn umständlich zusammen und barg ihn bei den andern.
-
-„An Umsatz werden wir schon hab’n! Mähnetscht Sie wer?“
-
-„Wie meinen Sie das, Herr Sendelhuber?“
-
-Er machte eine kleine, vertrauliche Bewegung, führte sie aber nicht
-voll aus, sondern lachte tonlos.
-
-„I sah Sie halt mit dem Herrn Baron Alvensleben z’sammen. Und der
-Kurtzig war auch dabei. Schaun’s -- München ist net Berlin. Koane
-G’schäftsstadt. Sei Ruh und sei Maß. Das wär den meisten Leut g’nug.
-Bequem sind s’ halt. Wollen gern wissen, ob eins scho G’schmack g’fund
-hat.“
-
-Sie begriff endlich.
-
-„Bei so einem Wuchs und G’schau und denn die Stimm.“
-
-„Nett, daß er auch die Stimme erwähnt,“ mußte sie denken und wollte
-auffahren. Damit hätte sie sich indes nur lächerlich gemacht. Und, was
-die Hauptsache blieb und wohl ewig bleiben würde, solange es Kunst und
-Künstlerinnen auf der Welt gab, sie mußte jetzt Geld verdienen.
-
-„I lass’ Ihnen den Vertrag fein ausfertigen und schick’n nach Berlin.“
-Das letzte Wort sprach er mit einer leichten Senkung in der fetten
-Stimme, die seine Verachtung für die von ihm gemiedene Stadt beweisen
-sollte.
-
-„Ich danke Ihnen, Herr Sendelhuber.“
-
-Sie wollte allein sein. Eine schwere Müdigkeit drückte ihr die Lider
-zu. Weil er nicht Miene machte, aufzustehen, überwand sie sich und
-reichte ihm, über den Tisch, die Hand hin. Er war zu sehr mit dem
-Einschrauben seines Füllfederhalters beschäftigt, als daß er sie etwa
-aus Nichtachtung übersehen haben könnte. Lächelnd ließ sie sie sinken.
-
-„Nun er mich sicher hat, ist das ja auch überflüssig.“
-
-Endlich war er fertig.
-
-„S--o, jetzt will i noch meine geröhste Kartoffeln eß’n und dann für
-heut genug. A Wort noch, Freilein! Pfi--it! I muß ja noch a Depesch’n
-geb’n! An die Gret Melchenhuber oder Margarete Kolwinirgers, wie sie
-sich zu nenne beliebt. A schlaues Luderchen. I bin aber scho allemal a
-Minut vor ihr aufg’wacht. -- Also, Freilein, nix übelnehmen. Aber Sie
-sollten a bessere Zeugmach’rin nehmen. A Adress’n kann i gern geben.“
-Und er suchte wieder in seinem Notizbuch. „Bestell’n Sie a schönen Gruß
-von mir. Dann pumpt’s halt gern.“
-
-Sie lachte nun auch. Es machte sie noch reizvoller. Blitzschnell fuhr
-er mit der roten Zunge über die wulstigen Lippen.
-
-„Na also! Wir verstehe uns scheint’s doch ganz gut mitsamm’n. I hab’
-die Aehre, Freilein und mit dem Zuschicken bin i pünktlichst.“
-
--- -- Eva von Ostried hatte sich noch ein kleines Abendessen nach
-oben bestellt. Es war inzwischen zehn Uhr geworden; viel Gutes
-stand also kaum mehr zu erwarten. Früher hätte sie nach einer
-ähnlichen Erschütterung gar nicht daran denken können. Jetzt wies
-sie das Pflichtgefühl, sich leistungsfähig zu erhalten, darauf hin
-und verlangte gebieterisch Gehorsam. Was sollte werden, wenn sie
-zusammenbrach, ohne zuvor ihre Schuld getilgt zu haben? --
-
-Das Essen widerte sie an. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Aber die
-Mattigkeit, die ihre Hände beim Zufassen erzittern ließ, zwang sie zur
-Vernunft. Außer der ersten Frühmahlzeit hatte sie heute noch nichts
-weiter genossen, als das hastig gelöffelte Fruchteis im Speiseraume
-des Prinzregenttheaters. Und morgen mußte sie doch frisch sein für die
-Reise und die anstrengende Tätigkeit in Berlin.
-
-Mechanisch stocherte sie in dem „Karfiol“ herum und bemühte sich
-von den goldbraunen „Pflanzerln“ etwas in den Mund zu schieben. Es
-deuchte sie eine schwere Arbeit. Sie zwang alle Gedanken zu dem
-geschäftskundigen Herrn Alois Sendelhuber und konnte doch damit das
-Bild nicht verscheuchen, das überall auftauchte und ihr Empfinden
-peinigte. Die Erinnerung an den alternden Meister, der ihr einziger
-Freund gewesen war.
-
-Warum schob sie ihn in die Vergangenheit? Er stand trotzig und stark im
-Leben und würde es überwinden! War sie mit ihrer entsetzten Verneinung,
-von welcher der Verstand nichts wußte, voreilig gewesen? Mußte es nicht
-ein wundervolles Ausruhen neben seiner reifen Persönlichkeit sein? Ein
-einziges dankerfülltes Streben, um ihm zu vergelten, daß er so eine wie
-sie...
-
-Da war es wieder, was nun Stunden fest geschlafen hatte. Die heiße
-Gewissensnot, weil sie einmal gestrauchelt war.
-
-Davon ahnte er nichts. Sie hatte auch niemals in Betracht gezogen, es
-ihm zu beichten.
-
-Und doch mit dieser Lüge einen, der ihr seinen Namen geben wollte, zu
-belasten, war das nicht die zweite Sünde? Darüber hätte sie in diesem
-Fall hinwegkommen können, weil sie ihn nicht als den Erwählten ihres
-Herzens empfand. Nur, wo strömende, tiefe, gewaltige Liebe sich hingab,
-durfte kein Geheimnis walten.
-
-Wie friedlich es wohl dauernd mit ihm sein mußte. Geborgen von seiner
-Stärke, getragen von der Abgeklärtheit seiner Lebensauffassung,
-gestützt von den Erfahrungen seiner ruhmreichen Vergangenheit. Konnte
-es eine bessere Erfüllung aller Jugendträume geben? Sie empfand
-plötzlich heftige Sehnsucht nach der Festigkeit seiner Stimme. Daneben
-stieß die Furcht vor dem ersten Wiedersehen nach dieser Stunde ihr Herz.
-
-Drei Türen weiter wohnte er. Ob er endlich daheim sein mochte? Was
-würde sie tun, wenn er jetzt zu ihr treten und sagen würde, daß sie ihn
-nach diesem Scheiden nicht mehr wiedersehen werde, es sei denn, daß sie
-die drei Worte am Hildebrand-Brunnen zurücknähme.
-
-Ohne ihn würde es kalt und leer sein. Der Tag keine Freuden mehr. Sie
-selbst müßten ratlos und unsicher in allen Dingen stehen. Sie malte
-sich aus, wie er bei ihr gesessen hatte in Zeiten strengster Arbeit.
-Ein unerbittlicher Lehrer, der quälen konnte, bis die Tränen der
-Erschöpfung und des Zornes flossen.
-
-Ein Finger pochte an die Tür. Eine Bedienerin trat über die Schwelle.
-
-„Verzeihung, gnädiges Fräulein, ich soll nachschauen, ob der Herr von
-Nummer 41, Herr Kurtzig ist sein Name, bei Ihnen wäre?“
-
-„Wer fragt das?“ forschte Eva von Ostried erstaunt.
-
-„Die Herrn Künstler, die von der Klause herübergekommen sind und ihn
-schon überall gesucht haben.“
-
-„Ich bin allein, wie Sie sehen. Er wird in seinem Zimmer sein.“
-
-„Nein, der Schlüssel hängt unten in der Buchhalterei. Er hat befohlen,
-daß ihm zu elf Uhr eine Flasche Sekt aufs Eis gelegt werden möchte. Und
-zwei Gläser dazu bestellt. Und einen kleinen Tisch mit lauter roten
-Rosen. Die Blumen sind gerade vorhin gebracht worden vom Michelsberger
-Franzel, der beim englischen Garten die schönste Binderei hält.“
-
-„Wann hat er den Sekt bestellt? Erinnern Sie sich der Stunde?“
-
-„Gleich nach acht Uhr kann’s gewesen sein, per Telephon aus dem
-Parkhotel.“
-
-„Bei wem machte er die Bestellung?“
-
-„Bei mir, gnädiges Fräulein. Ich bediene ihn seit Jahren, wenn er
-herkommt. Er weiß, daß Verlaß auf mich ist.“
-
-„War er fröhlich, ich meine, klang seine Stimme so, als er mit Ihnen
-sprach.“
-
-Die frische kräftige Kellnerin nickte zutraulich.
-
-„So froh hat er’s geschmettert, wie nur einer sein kann, der nachher
-Sekt trinken will mit zwei Gläsern, gnädiges Fräulein! Und dazu die
-roten Rosen. Wir sind halt alle sündige Menschen. Und der Herr Ralf
-Kurtzig ist einer von denen, die mit achtzig Jahren noch nicht alt
-sind.“
-
-„Die roten Rosen werden welken,“ sagte Eva von Ostried träumerisch.
-
-„Schon möglich. Die Hitze war heute groß. Man konnte ja kaum atmen.“
-
-„Und der Sekt und die beiden Gläser? Das Eis wird schließlich auch
-schmelzen --“
-
-„Wär alles recht schade, gnädiges Fräulein. Der Tropfen, der
-ungetrunken bleibt, kann nicht einheizen und die meisten Leut’ können
-doch nicht leben beim toten Ofen.“
-
-„Der tote Ofen -- was meinen Sie damit?“
-
-„Was man meinen muß, wenn man ein Herz im Leibe hat. Wein und Lieb sind
-halt Zwillinge. Wenn einem das erste bitter schmeckt oder vor der Nase
-weggetrunken wird, ist gewöhnlich das andere versalzen.“
-
-„Und was, glauben Sie, wird dann aus ihm?“ Eva von Ostried hatte
-vergessen, mit wem sie sprach. Der Klang einer menschlichen Stimme tat
-ihr wohl.
-
-„Danach? Es kommt drauf an. Einer wirft sich in die Brust und versuchts
-mit einem feinen Pelz aus andern Sachen, Gott weiß, da gibt’s ja genug.
-Die einen spielen oder arbeiten gar wie wild und manch’ einer soll
-dabei auch schon den Verstand verloren haben. Die andern mögen nicht
-weiter. Die machen Schluß.“
-
-Schluß -- Schluß schrie es in plötzlich erwachender Angst in Eva von
-Ostried. Die Kellnerin lauschte aufmerksam auf und deutete dann mit
-schalkhafter Miene und weit von sich gestreckten Armen geradeaus.
-
-„Hören Sie das Poltern, gnädiges Fräulein? Ich wette, daß das die
-ungeduldigen Herren Künstler aus der Klause sind. Sie werden sich
-einfach vor seine Tür hinhocken. Ja, das machen die! Passen Sie mal
-auf.“
-
-Und mit einem Lachen in den Augen lief sie aus dem Zimmer, nachdem sie
-noch vielmals um Vergebung wegen der dummen Rederei gebeten hatte.
-
--- Eva von Ostried wollte sich endlich zur Ruhe begeben. Denn morgen.
-Da war sie schon wieder bei Ralf Kurtzig. Vor der Abreise nach Berlin
-hatten sie mit einander noch in die Pinakothek gehen wollen. Während
-sie das dachte, lauschte sie nach den Geräuschen vor ihrer Tür. Da
-trappten wohl wirklich Ralf Kurtzigs frühere Schüler, um noch ein
-Stündlein bei ihrem Meister zu sitzen. Sie fühlte, daß er sich darüber
-freuen würde, wenngleich sie seine polternden Worte bei der Erkenntnis
-ihrer Huldigung zu hören meinte. „Geht lieber schlafen -- Ihr. Das ist
-Euern Stimmen zuträglicher.“
-
-Sie öffnete die Tür. Ihre Blicke irrten den matterleuchteten Flur
-entlang. Vier erwartungsvolle Gesichter wandten sich ihr entgegen.
-
-„Grüß Gott, werte Kollegin! Halt -- dageblieben? Rede und Antwort
-gestanden: Wo haben Sie ihn gelassen?“
-
-„Ich warte auch auf ihn,“ sagte sie und erschrak nun selber, denn sie
-hatte sich das bisher nicht zugestanden.
-
-„Da ist es das Einfachste und Erfreulichste, wenn wir das fortan
-gemeinsam besorgen.“ Sie schüttelte den Kopf.
-
-„Das geht leider nicht.“
-
-„Und warum nicht,“ staunte der Sprecher. „Ich denke, Sie sind sein
-Liebling?“
-
-„Wer sagt Ihnen das?“
-
-„Einer, der es bestimmt wissen muß. Können Sie gut raten?“
-
-„Sie scherzen.“
-
-„Fällt mir nicht ein. Er hat, als ich ihm vorgestern durch ein Dutzend
-Straßen nachgejagt bin und zuletzt auch glücklich eingefangen habe,
-immer nur von Ihnen gesprochen. Denn ich war sein Lieblingsschüler!
-Sind wir also nicht zwei ganz alte, sehr gute Bekannte?“
-
-Sie wollte wissen, was er gesprochen hatte von ihr.
-
-„Gott, was einer, wie er, halt so sagt. Nicht besonders viel!
-Zusammengefaßt wohl kaum zehn Druckzeilen. Es kommt ja auch lediglich
-auf den Inhalt an. Ist’s Ihnen wirklich um den zu tun?“
-
-„Ja,“ nickte sie.
-
-„Auch wenn Sie rot werden müssen, vor Stolz?“
-
-„Auch dann!“
-
-„Vielleicht bringe ich alles zusammen. Also, daß er Sie gefunden
-hätte, daß er Ihnen zum Aufstieg helfen dürfte, das wäre doch das
-Allerschönste aus seinem Leben.“
-
-Sie blickte versonnen vor sich hin. Das Allerschönste.
-
-„Nun verlange ich auch die Belohnung. Kommen Sie, einen fünften Schemel
-besorgen wir. Uns hat gerade noch die Frauenstimme gefehlt. Sowie wir
-das erste Geräusch hören, soll’s losgehen.“
-
-„Was haben Sie vor?“
-
-„Einen Willkommensgruß natürlich zur Begrüßung. Alle vernünftigen Leute
-wären längst zur Ruhe, sagt die Kellnerin aus Berlin. Einen falschen
-werden wir also nicht ansingen.“
-
-„Nein, ich kann nicht bleiben, aber ich werde innen warten,“ sagte sie,
-nickte ihnen freundlich zu und ging. Aber sie blieb wirklich in den
-Kleidern.
-
-Lange, lange! Da hub draußen ein Singen und Klingen an:
-
- Geschmolzen ist der Winterschnee,
- Der Hornung wandelt sich zum See.
-
-Nun kam er also!
-
-Aber mit einem schrillen Mißton brach der Gesang ab und ein Raunen und
-Reden und Laufen hörte sie herein.
-
-Da eilte sie mit bangem Herzen hinaus zur Treppe -- --
-
-Auf einer Bahre hatten sie ihn gebracht. Einer der Träger erzählte mit
-umständlicher Wichtigkeit, ohne daß ihn jemand darum befragt hätte:
-„Wir gingen gerade vorüber, als sein Körper unten aufgeklatscht ist. Es
-war nicht leicht, ihn rauszufischen. Hier ist seine Brieftasche, in der
-wir eine Karte von diesem Hotel mit seinem Namen darauf gefunden haben.“
-
--- Sein langes, eisgraues Haar hing tief in die Stirn hinein. Mit
-großem hellen Blicke starrten die offenen Augen. Seine Lippen waren
-nicht ganz so fest wie sonst geschlossen. --
-
-Da warf sich Eva von Ostried neben der Bahre auf die Knie und preßte
-seine schlaffen Hände an ihr Herz, wie er es am Brunnen mit den ihren
-getan hatte. Und +er+ wehrte ihr nicht.
-
-Sie legte ihren Kopf dorthin, wo seine Liebe für sie gepocht. Es war
-still -- für immer.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-11.
-
-
-Nach vier Tagen sandte Herr Alois Sendelhuber die Abschrift des
-Vertrages an Eva von Ostried. Sie war gerade im Begriff, zu einer
-Unterrichtsstunde nach dem Grunewalde hinaus zu fahren. Ihre neueste
-Lernbegierige war die Tochter eines mehrfachen Millionärs und hatte bei
-gutem musikalischen Gehör ein recht bildungsfähiges Zwitscherstimmchen.
-
-Vor ihr lag, soeben abgeschlossen, ein Heft, in dem sie alle Ausgaben
-und Einnahmen zu buchen pflegte. Sie hatte festgestellt, daß sie die
-letzten fünf Wochen mit ihrem Verdienst allein ausgekommen war, ohne
-den Rest des andern Geldes anzugreifen.
-
-Freilich, was war das für ein Leben gewesen.
-
-Der Spiegel warf ihre Gestalt in dem reichlich abgetragenen Kleid
-getreulich zurück. Herrn Sendelhubers Kleidermacherin wäre mindestens
-vier Wochen zu beschäftigen gewesen.
-
-Demnach fehlte ihr alles, was sie einst als begehrenswert erstrebte.
-Sie litt unter diesem gewaltsam durchgeführten Mangel wie an einer
-schleichenden Krankheit.
-
-Und +schön+!
-
-Das alte jäh aufwallende Verlangen nach äußerem Tand packte sie
-ungestüm. Nach der Stunde im Grunewald würde sie endlich alles
-notwendig Gewordene in einem der ersten Geschäfte bestellen.
-
-War denn aber wirklich dazu das Geld vorhanden? Sie hatte sich gelobt,
-fortan -- selbst wenn sich die Einnahmen vorläufig nicht steigern
-sollten -- den kleinen Blechkasten mit des ehrbaren Tabaksbauern
-Zurückgezahlten nicht zu öffnen.
-
-Aber jetzt riß sie ihn aus dem Dunkel des Schreibtisches hervor,
-ließ die Feder aufspringen und entnahm dem dünngewordenen Päckchen
-+einen+ Schein! Er würde genügen.
-
-Nach kaum einer Minute legte sie ihn wieder zu den andern zurück. Ihr
-Gesicht war sehr blaß geworden.
-
-Was hatte sie vorgehabt? Einen Teil des Raubes dazu verwenden wollen,
-um der alten Eitelkeit zu dienen. Die mühselige Arbeit restloser
-Selbstbezwingung also einfach vernichtend, indem sie von neuem sündigte.
-
-Das konnte allein kommen, weil ihr Ralf Kurtzigs Beistand fehlte. Sie
-nahm die Kreidezeichnung, auf der ihn ein junger, talentvoller Maler
-mit klarem Blick für seine innere Größe darstellte, zur Hand und
-vertiefte sich darin.
-
-Ob sie ihn nicht doch geliebt hatte? Unbewußt?
-
-Der Alltag entriß sie endlich allem Grübeln. Herrn Alois Sendelhubers
-Vertrag sah sie vorwurfsvoll ob der Vernachlässigung an und verwandte
-sich in dessen kleine, schlau zwinkernde Augen. Sie nahm ihn an sich,
-um ihn später auf der Fahrt zu lesen. Jetzt galt es keine weitere
-Zeit zu verlieren. In diesem Augenblick steckte aber die unzufriedene
-Bedienerin den Kopf zur Tür hinein.
-
-„Sie brauchen nicht zu glauben, daß ich Ihr Frühstück vergessen hätte,
-Fräulein. Es war nur nichts mehr im Hause. Und wieder um Geld bitten
-und das Gefrage und Vorwürfemachen mit anhören, gerad’ als ob man ein
-kleiner Betrüger wär’, nee, lieber nich! Unterwegs wird ja auch wohl
-was zum präpeln zu kriegen sein, denke ich.“
-
-Eva von Ostried war das Blut in die Wangen gestiegen.
-
-„Ich habe mich genau erkundigt,“ sagte sie kurz, „die Summe, die ich
-hingebe, genügt für uns beide völlig.“
-
-„Könnte ich mich denn nich auch mal bei derselben Quelle ein bißchen
-belehren,“ fragte das Mädchen höhnisch und stemmte lachend beide Hände
-in die Seite. „Oder hat’s vielleicht der Spatz gesagt, der hier alle
-Morgen rumpiept, weil ihm keine Krume mehr gegönnt wird?“
-
-„Sie werden unverschämt,“ sagte Eva von Ostried und bezwang ihre
-Empörung.
-
-„Nicht im geringsten, Fräulein. Bloß tückisch, weil ich immer an einem
-leeren Futternapf stehen muß. Und darum, sehen Sie, ich bin viel zu
-abgewachsen für Ihr Portemonnaie. Eine, die ’nen Kopf kleiner ist wie
-ich und noch ein bißchen was von der vorigen Stelle auf den Rippen hat,
-die müssen Sie sich nehmen. Ich geh’ nämlich in vierzehn Tagen.“
-
-„Es ist gut,“ sagte Eva von Ostried und mußte doch schaudernd an die
-neuen Unbequemlichkeiten denken, die daraus entstehen würden.
-
-„Ich hätt’ noch was zu sagen.“
-
-„Dann beeilen Sie sich. Ich muß fort.“
-
-„Es nimmt bloß ein paar Minuten weg. Bis vor kurzem, na, sagen wir
-mal, bis Sie nach München gondelten, habe ich doch im Ganzen recht
-ordentlich gewirtschaftet, nich?“
-
-Eva von Ostried dachte nach und mußte zugeben, daß die Mahlzeiten
-zumeist reichlich und schmackhaft gewesen.
-
-„Daraus erkennen Sie selbst, wie gut Sie mit dem Wochengeld auskommen
-können,“ stellte sie fest.
-
-„Nee,“ triumphierte das Mädchen, „die Rechnung stimmt nich. Der Zuschuß
-hat aufgehört. So klappt’s.“
-
-„Welcher Zuschuß? Was meinen Sie damit?“
-
-„Meine Mutter hat uns Kindern gesagt, wenn einer tot ist, dem man was
-geschworen hat, könnt’ man getrost seinen Mund auftun. Darum will ich
-auch nicht länger schweigen. Herr Kurtzig hat mir doch regelmäßig Geld
-gegeben, damit das Fräulein seine kleine Freuden hätt’.“
-
-„Geld! Und das erfahre ich erst heute?“
-
-„Ich hab’s schon gesagt. Schwören mußte ich ihm, daß ich meinen Mund
-hielt.“
-
-„Wieviel?“ fragte Eva von Ostried und fühlte eine schwere Mattigkeit in
-allen Gliedern.
-
-„Wie kann ich das noch wissen. Viel hat er ja auch wohl nicht gerade
-gehabt. Das merkt unsereins schnell. Mal zwanzig Mark, mal auch ein
-bißchen weniger. Unter zehn Emmchen gab er aber nie. Dazu hat er das
-Fräulein viel zu sehr verehrt.“
-
-Eva von Ostried hatte die Empfindung, als wolle ihr Herz verbrennen.
-Und in den Blicken des Mädchens stand die helle Schadenfreude über die
-Bestürzung der jungen Herrin.
-
-„Es gibt noch viele, die mehr spendieren würden, wenn sie Sonntag
-abends hier ab und zu ein bißchen singen und spielen könnten,
-Fräulein.“
-
-„Gehen Sie auf der Stelle,“ befahl Eva von Ostried und wies mit der
-Hand nach der Tür.
-
-„Mach ich gern! Wollen Sie meine Sachen nachsehen, ob ich aus Versehen
-was Fremdes eingepackt hab’? Es ist nämlich schon alles parat.“
-
-„Nein! Nur beeilen Sie sich möglichst, damit Sie aus meiner Wohnung
-kommen.“
-
--- -- In der Küche polterten dann die Schritte eines Mannes, der das
-bereit gehaltene Gepäck abholte. Kräftig wurde eine Tür zugeschlagen.
-Sie machte keine Miene nachzusehen, ob das Mädchen nun endlich fort
-sei. Sie fühlte sich wie zerschlagen.
-
-Aus einem matten Pflichtbewußtsein, das sich widerwillig regte, ging
-sie zum Fernsprecher und teilte der Schülerin im Grunewald mit, daß sie
-sich zu elend fühle, um heute herauszukommen. Dann saß sie stumpf und
-regungslos auf ihrem Platze.
-
-Ralf Kurtzig, du hast es gut gemeint! Auch darin! Und doch, wenn du das
-jetzt wüßtest, du warst ein so kluger, reifer Mensch, hast du nicht
-geahnt, daß du dem Klatsch mit dieser Herzensgüte reichlich Nahrung
-gabst?
-
-Nein, das hatte er nicht erwogen. Dazu stand sie ihm zu hoch.
-Konnte es wohl einen untrüglicheren Beweis als diesen für seinen
-unerschütterlichen Glauben an ihre unantastbare Reinheit geben? Ein
-edler Mensch kann ja gar nicht mit der Niedrigkeit eines andern rechnen.
-
-Seine Liebe erschien ihr in einem völlig neuen Lichte. Ein ungeheurer
-Stolz, daß er sie erwählen wollte, erfüllte sie. Eine dankbare Freude,
-daß sie ihn erlaben durfte, bis zu jener Stunde am Brunnen.
-
-Aber solche Liebe, mag sie auch unerwidert bleiben, verpflichtet
-zu einem vollgültigen Beweis von Würdigkeit. Sie nahm Herrn Alois
-Sendelhubers Vertrag aus der Tasche und überlas den kurzen Inhalt
-zweimal. Er hatte sie für den neunten November verpflichtet. Der neunte
-November war aber, wie sie Herrn Sendelhuber wiederholt mitgeteilt
-hatte, längst vergeben.
-
-Es paßte Herrn Alois Sendelhuber natürlich besser, wenn er ihren
-Einwand einfach vergaß. Sofort schrieb sie ihm und bat um Abänderung.
-
-Als eine Woche später immer noch keine Antwort eingetroffen war,
-drahtete sie. Und wartete nun erregt und ungeduldig auf seine Erklärung.
-
-Herrn Sendelhubers Geschäftstüchtigkeit hatte nicht unterlassen,
-im Falle sie sich ohne ärztliche Beglaubigung auch nur einer der
-drei eingegangenen Verpflichtungen entzöge, eine erhebliche Strafe
-festzusetzen. Die Summe würde voraussichtlich diejenige der gesamten
-Winterkonzerte übersteigen.
-
-Kurz entschlossen ging sie zu einem Anwalt.
-
-Er fragte nicht, wie sie erwartet, nach ihren Wünschen. Aber er hörte
-sie wenigstens an.
-
-„Kontrakte werden gemacht, daß sie vor der Unterschrift durchgelesen
-werden,“ sagte er großartig.
-
-Das gleiche hatte sich Eva von Ostried auch bereits gesagt. Trotzdem
-mußte dieser eine Punkt mit Leichtigkeit unwirksam zu erklären sein.
-Das lag ihr im Gefühl.
-
-„Ich habe Herrn Sendelhuber ausdrücklich und wiederholt erklärt, daß
-ich an diesem neunten November nicht mehr frei wäre,“ warf sie ein.
-
-Darauf schien er kein Gewicht zu legen.
-
-„Sind Sie überhaupt geschäftsfähig?“
-
-„Ich bin volljährig.“ Er zuckte die Achseln.
-
-„Meiner Ansicht nach nichts zu machen. Aber Sie können meinetwegen
-wiederkommen. Bei einer Stunde ist der Bürovorsteher vom Essen zurück.
-Und dann findet sich auch der Herr Justizrat ein.“
-
-Als Eva von Ostried endlich wieder in der frischen Luft stand, mußte
-sie herzlich lachen. Sie erschrak vor diesen fröhlichen Lauten. Wie
-lange hatte sie doch nicht mehr dies heimliche Behagen gespürt!
-
-Die Erscheinung des würdigen Vertreters von Bürovorsteher und Justizrat
-hatte etwas zu köstlich Erheiterndes gehabt. Ob auch wohl der Herr
-Justizrat -- --
-
-Der Titel füllte sich plötzlich mit lebensvoller Erinnerung. Hatte
-ihr der treue Freund und Berater der Präsidentin nicht beim Abschied
-auf das Bereitwilligste seine Dienste angeboten? Ihre Gedanken waren
-seither nicht wieder zu ihm gelaufen. Sie hatte die Zeit, in welcher
-sie ihm beinahe täglich begegnen mußte, künstlich versenkt. Nun aber
-beschloß sie, nachdem sie die Wartefrist auf Herrn Sendelhubers
-Antwort noch einmal auf vierundzwanzig Stunden verlängert hatte, ihn
-aufzusuchen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-12.
-
-
-Als Eva von Ostried in die Mohrenstraße einbog, um Justizrat Weißgerber
-an seiner Arbeitsstätte aufzusuchen, klopfte ihr Herz zum Zerspringen.
-Alles Vergangene wurde wieder lebendig!
-
-Der Vorraum wirkte immer noch wie ein mächtiges Abteil erster Klasse
-auf sie. Ueberall waren gradlinige, mit rotem Plüsch überzogene
-Sitzbänke aufgestellt. Nur der alte, würdige Bürovorsteher, der ihr
-einst die neuesten Tageszeitungen als Zeitvertreib freundlich gebracht,
-war einem jungen Kavalier mit aufstrebendem Haarwuchs gewichen, der
-zuweilen einem ältlichen, demütigen Fräulein eine Weisung zurief und
-jeder Kommende erhielt neuerdings eine Blechmarke zugeteilt, welche das
-Recht auf Gehör ausdrücklich verlieh.
-
-Geduldig wartend saß sie, bis ihre Nummer aufgerufen ward.
-
-Mit einer sorgsam zurechtgelegten Entschuldigung, daß ihre Zeit bisher
-keinen Besuch in seiner Privatwohnung gestattet habe, trat sie über die
-Schwelle, aber die Entschuldigung blieb ungesprochen. Der, welcher an
-alter Stelle vor dem wuchtigen Schreibtische saß, war nicht Justizrat
-Weißgerber.
-
-Die Tatsache wirkte eigentlich erleichternd auf sie.
-
-Das fremde kluge, ernsthaft männliche Gesicht flößte ihr sofort
-Vertrauen ein. Während sie auf eine einladende Handbewegung ihm
-gegenüber Platz nahm, fiel ihr die Farbe seiner Augen auf. Sie war
-tiefblau und so klar, wie der Himmel, wenn er vom Glanz der Sonne
-durchleuchtet ist. Seine Stimme freilich klang, im Gegensatz zu der des
-alten erfahrenen Juristen, unsicher.
-
-Als sie mit der Darlegung ihres Falles zu Ende gekommen war, suchte er
-wiederholt nach passenden Worten und machte kleine Pausen, als er sie
-endlich gefunden, in denen er sie fast erstaunt ansah. Sie fühlte, daß
-er -- wider Willen -- ihrer Schönheit huldigen mußte.
-
-Das geschah ihr oft. Aber noch nie zuvor empfand sie eine ähnliche
-warme Freude darüber.
-
-Nun hatte er sich wieder voll in der Gewalt. Sein Blick ruhte nicht
-mehr auf ihrem Gesicht. Er schien alles von der Spitze des Stiftes, den
-er unruhig zwischen Daumen und Zeigefinger wirbelte, herunterzulesen.
-
-„Sie können beweisen, gnädiges Fräulein, daß Sie tatsächlich über den
-strittigen neunten November verfügt hatten, während Sie in München mit
-diesem -- so danke sehr, Herrn Alois Sendelhuber verhandelten?“
-
-„Einen vollgültigen Beweis nennen Sie dies wohl nicht,“ fragte sie und
-hielt ihm das Notizbuch mit ihren Aufzeichnungen entgegen. Er ließ die
-Blicke länger auf den aufgeschlagenen Seiten ruhen, als es die eine ihm
-bezeichnete Zeile erforderte.
-
-„Doch -- doch,“ meinte er zerstreut und gab es ihr noch nicht zurück.
-„Wollen Sie mir aber besser noch eine Bestätigung der Schwestern
-Moldenhauer mit der Namhaftmachung des Datums, an welchem die
-Abmachung geschah, besorgen.“
-
-„Das würde sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. So viel ich weiß,
-befinden sie sich auf einer großen Konzertreise und sind erst eine
-Woche vor dem neunten in Berlin zu erwarten.“
-
-„Sie könnten es aber eidlich erhärten, nicht wahr?“
-
-„Ja, das kann ich. Außerdem habe ich Herrn Sendelhuber mehrmals darauf
-aufmerksam gemacht, daß ich ihm diesen Tag nicht geben kann.“
-
-In das ernste Gesicht kam ein Lächeln, das es sehr jung machte.
-
-„Mit Herrn Sendelhubers weitem Gewissen müssen wir uns als leidige
-Tatsache abfinden. Ein Zeuge war bei Ihrer Unterredung nicht zugegen?“
-
-„Nein, wir waren allein. Ich kannte ihn bis dahin gar nicht. Er
-erwartete mich, als ich spät Abends heimkam.“
-
-Sie hatte die Farbe gewechselt. Das entging ihm nicht.
-
-„Es liegt kein Grund zur Beunruhigung vor,“ tröstete er. „Wir würden im
-gerichtlichen Verfahren zweifellos obsiegen. Aber, nicht wahr, es wäre
-friedlicher und erledigte sich vor allen Dingen ungleich schneller,
-wenn man den genannten Herrn durch einen einfachen Briefwechsel zur
-Einsicht brächte.“
-
-„Mir hat er auf solche Bestrebungen nicht geantwortet.“
-
-„Das glaube ich gern. Der Briefbogen mit der Firma zweier Anwälte ist
-bekanntlich wirksamer wie das schönste Schriftstück mit Röslein und
-Jasmin.“
-
-Sie sahen sich beide an und mußten lachen. Das kleine Buch lag noch
-immer in seiner Hand.
-
-„So ein Kunstwerk soll heute noch an ihn abgehen, gnädiges Fräulein.“
-
-„Und dann,“ fragte sie schnell.
-
-„Dann schreibe ich Ihnen, sobald ich etwas von ihm höre.“
-
-Sie nickte und schielte nach dem Notizbüchlein. Er wurde rot wie ein
-Schuljunge.
-
-„Bitte, hier ist es wieder.“ Und dann nach einer kleinen Pause:
-„All diese Stunden, die darin verzeichnet sind, müssen Sie die etwa
-erteilen?“
-
-Da erzählte sie ihm ein wenig von ihrem Tag.
-
-„Wie halten Sie das aus, gnädiges Fräulein?“
-
-„Sie sehen ja, mir geht es recht gut dabei.“
-
-„Das wird das Verdienst Ihrer Angehörigen sein. Man wird Sie sehr
-verwöhnen?“ Das Gegenteil erschien ihm unmöglich.
-
-Sie blickte auf das spiegelblanke Holz der Tischplatte.
-
-„Ich stehe ganz allein.“
-
-Sie glaubte eine heimliche Angst aus seinen Blicken herauszulesen. Eine
-feine Spannung hing in der Luft. In seinem Gesicht zuckte es nervös.
-Warum saß sie noch hier?
-
-Aber sie blieb und fragte plötzlich nach Justizrat Weißgerber.
-
-„Seit ein paar Monaten geht es ihm gesundheitlich durchaus nicht nach
-Wunsch. Darum suchte er sich einen Helfer. Und der bin nun eben ich.“
-
-„Bleiben Sie dauernd hier?“ mußte sie fragen, denn die Vorstellung,
-daß sie ihn, wenn sie in derselben Sache etwa noch einmal kommen
-müßte, nicht mehr treffen könnte, begann ihr ein unbehagliches Gefühl
-auszulösen.
-
-Daß er mit seiner Antwort zögerte, fiel ihr nicht auf.
-
-„Ja, ich werde bleiben,“ sagte er endlich.
-
-Klang das nicht, als sei er erst jetzt zu einem festen Entschluß
-gelangt?
-
-„Sie haben mir noch nicht Ihre volle Adresse gegeben, gnädiges
-Fräulein. Herrn Sendelhubers schwer zu entziffernde Handschrift ließ
-mich Ihren Namen zuverlässig nicht erkennen.“
-
-„Richtig, das hätte ich beinahe vergessen.“
-
-Er sah von der dargereichten Karte schnell wieder zu ihr.
-
-„Ihren Namen habe ich schon oft gehört. -- Bestimmt! Es ist kein Irrtum
-möglich.“
-
-„Wer könnte ihn genannt haben?“
-
-„Sie müssen es erraten,“ forderte er fröhlich.
-
-„Wer weiß, ob ich ihn nach diesem jemals wiedersehe,“ sagte sie sich
-heimlich. „Warum soll ich mich also mit dem Gehen übereilen?“
-
-„Justizrat Weißgerber hat von mir gesprochen, nicht wahr? Oder
-mein Namen ist Ihnen in alten Schriftstücken, in denen ich als
-Bevollmächtigte der Frau Präsidentin Melchers, in deren Haus ich bis zu
-ihrem Tod gewesen, verzeichnet stehe, zu Gesicht gekommen.“
-
-„Fehlgeschossen. Bitte -- weiter raten!“
-
-„Dann gebe ich den Kampf auf.“
-
-„Erinnern Sie sich noch der alten Pauline?“
-
-Alles Blut drängte ihr zum Herzen.
-
-Wie war das möglich? Wußte er?
-
-Nein, sie allein kannte das Geheimnis ihrer Schuld. -- Er merkte auch
-nichts von ihrer Erregung. Er freute sich nur dieser Minuten.
-
-„Ja, die alte Pauline! Ist sie nicht etwas ganz besonderes? Justizrat
-Weißgerber empfahl sie mir, als ich ihm hilflos und, wie ich ehrlich
-gestehen muß, eines Tages halb verhungert den üblichen kurzen
-Wochenbericht über den Stand unserer Arbeit gab. Sie fühlte sich in
-ihrem Feriendasein totunglücklich und hatte den Justizrat als alten
-Gönner gebeten, ihr wieder angemessene Beschäftigung zu besorgen. Als
-er meine Not sah, schickte er sie zu mir und siehe, wir schieden nicht
-mehr von einander. Seitdem verwöhnt sie mich auf eigentlich unerlaubte
-Art.“
-
-Eva von Ostried wollte etwas erwidern -- ebenfalls eine Freundlichkeit
-über sie anfügen -- eine Frage nach ihrem Ergehen tun -- Ihre Kehle
-blieb wie zugeschnürt. Vor ihr stand das Gespenst des Abschiedtages aus
-der Villa der Präsidentin und lähmte ihre Zunge. Sie hatte es schlafend
-gewähnt. Nun erhob es sich und zerstörte ihr Leben.
-
-„So mußte es wohl kommen, daß sie mir auch von Ihnen berichtete.“
-
-„Was hat sie gesagt,“ stieß Eva von Ostried hervor.
-
-„Ja, was wohl, gnädiges Fräulein? Wollen Sie das wirklich hören?“
-
-Nun wußte sie, daß die Treue, gleich den andern, ahnungslos geblieben
-war.
-
-„Sie sah immer nur das Allerbeste,“ lenkte sie ab und stand auf.
-
-„Soll ich sie nicht wenigstens grüßen?“ fragte er.
-
-„Natürlich!“ nickte sie, „sie hat mir ja nur Liebes und Gutes
-erwiesen.“ Und dann nach einer Pause: „Sie geben mir wohl Nachricht,
-wenn Herr Sendelhuber geantwortet hat?“
-
-Irrte er, oder war sie plötzlich verändert?
-
-Klang ihre Stimme kühl und fremd? Hatten ihre schönen sprechenden
-Augen den Ausdruck der Abwehr angenommen? Erregte es vielleicht ihr
-Mißfallen, daß er ihr seinen Namen noch nicht genannt hatte?
-
-„Sie müssen doch wissen, wem unsere alte, gemeinsame Freundin jetzt
-dient, gnädiges Fräulein. Es ist ein gewisser Walter Wullenweber, bis
-vor zwei Jahren Königlich Preußischer Gerichtsassessor beim Landgericht
-3.“
-
-Sein Name erweckte ihr sofort die Erinnerung an den einstigen
-Vormund. Aber sie unterließ es nach einem Zusammenhang zu forschen.
-Daraus hätten sich Fragen ergeben können, deren Beantwortung einen
-scharfsichtigen Juristen zu allerhand für sie gefährlichen Schlüssen
-zwangen. Er würde es durch die alte Pauline ohnehin früh genug
-erfahren, wenn sie es ihm nicht bereits erzählt haben sollte.
-
-Wenn er sich dann an den ehemaligen Vormund wandte, Fragen stellte,
-erfuhr, daß ihr gesamtes mütterliches Vermögen ein Nichts gewesen und
-die alte Pauline zu ihr schickte, damit die herausbringe, wie ihr das
-jetzige Dasein möglich geworden war?
-
-Ihr schwindelte. Da war die Schuld wieder, die sich quälend an ihr
-rächte! Sie konnte es nicht länger unter seinem klaren, warmen Blick
-ertragen.
-
-Hatte sie ihm die Hand hingereicht oder nahm er sie einfach? -- Sie
-wußte es hinterher nicht. Sie spürte nur den kraftvollen Druck, der
-ihre Finger umschlossen gehalten, als wären sie ein frierendes Vöglein!
-
-An einem Spätnachmittag, als sie aus dem theoretischen Unterricht, den
-ihr der bekannteste Musikpädagoge Berlins erteilte, zurückkehrte, lag
-ein Schreiben mit der Firma des Justizrats Weißgerbers und Rechtsanwalt
-Wullenwebers auf ihrem Arbeitstisch.
-
-Eva von Ostried riß ihn auf. Mit einem Schlage zog wieder die köstliche
-Ruhe, die sie zuletzt in dem Sprechzimmer empfunden, in ihr Herz.
-
- „Wir teilen hierdurch umgehend mit, daß wir soeben in den Besitz
- der Antwort auf unser Schreiben vom 6. d. M. gelangt sind. Herr
- Sendelhuber erklärt sich darin bereit, ohne sich unserer Ansicht
- von der Rechtsunwirksamkeit des mit Ihnen bezüglich des neunten
- Novembers geschlossenen Vertrages anzuschließen, gegen eine von
- Ihnen zu zahlende Entschädigung von 300 (dreihundert) Mark, seine
- Ansprüche bezüglich des genannten Tages, fallen zu lassen.
-
- Wir halten, wie wir Ihnen seiner Zeit bereits mündlich ausführten,
- die eventuelle richterliche Entscheidung für Sie günstig. Setzen
- daneben aber unser Bestreben fort, diese Angelegenheit auf
- gütlichem Wege zu regeln. Zur Vereinbarung dieses Zweckes wäre uns
- Ihr Besuch in unserm Büro sehr erwünscht. Die Sprechstunden ersehen
- Sie oben...“
-
-Sie ließ das Schreiben sinken und sah starr zu der herbstlich bunten
-Pracht des Parkes hinüber. Eine schwere Enttäuschung lähmte ihre
-Denkkraft für Augenblicke.
-
-Es war nur gut, daß diese Zuschrift nicht den Schlußvermerk trug:
-„Privatgespräche werden in Zukunft höflichst verbeten oder entsprechend
-berechnet!“
-
-Sie riß einen Bogen aus ihrer Mappe und schrieb hastig, daß sie keine
-Zeit zu diesem Besuch finden könne und es daher den Unterzeichneten
-überlasse, einen für sie möglichst günstigen Abschluß mit Herrn Alois
-Sendelhuber zu erzielen. Schlimmstenfalls sei sie zu der von ihm
-geforderten Buße bereit, denn zu einem Prozesse fehle ihr die Zeit,
-sowie das nötige Vertrauen zu ihrer Geduld.
-
-Als sie ihren Namen darunter gesetzt und das Geschriebene überlesen
-hatte, schämte sie sich ihrer damit offenbarten Bitterkeit.
-
-Und plötzlich wußte sie den wahren Grund ihres unruhevollen Wartens.
-Wie ein Schlag war dies, der sie betäubte. Wenn er mit lächelnder
-Duldsamkeit schon, als sie das erste Mal bei ihm gewesen, die richtige
-Deutung für ihr langes Verweilen gefunden und ihr nun keine Hoffnungen
-erwecken wollte?
-
-Ja, das würde es sein! Hätte er ihr sonst diesen Brief senden können?
-Darum mußte sie nun doch zu der vorgeschlagenen mündlichen Besprechung
-gehen.
-
-Sie zerpflückte ihre Antwort. Ihr Gesicht wurde hochmütig. Ihre
-schlanke Gestalt reckte sich auf. Er sollte seinen Irrtum sehr schnell
-einsehen!
-
-Als sie ihm gegenüberstand, fühlte sie ganz klar, daß alle Unruhe
-durch ihn gekommen war. Sie hätte vor Scham aufschreien können und
-lächelte doch wie eine leblose Puppe, die Hand, die er ihr zum Gruß
-entgegenstreckte, übersehend.
-
-„Darf ich bitten, daß wir uns möglichst kurz fassen. Ich bin heute sehr
-eilig, Herr Rechtsanwalt!“
-
-Er sah sie erschrocken an.
-
-„Gnädiges Fräulein, habe ich Sie neulich irgendwie verletzt?“
-
-Jetzt lachte sie hell auf.
-
-„Im Gegenteil, Herr Rechtsanwalt, Sie haben einer Klientin durch Ihre
-private Freundlichkeit mehr Zeit geopfert, als es klug war.“
-
-„Soll das ein nachträglicher Vorwurf sein, weil ich Sie zu lange in
-Anspruch genommen habe.“
-
-„Deuten Sie es ganz nach Belieben. Nur, bitte, jetzt zur Sache, wie
-Herr Justizrat Weißgerber früher zu sagen pflegte.“
-
-Er saß ihr mit zornig zusammengezogenen Brauen gegenüber. Was fiel ihr
-ein? Neckte sie ihn einfach oder waren das Künstlerlaunen.
-
-„Ich habe kurz entworfen, was am besten Herrn Sendelhuber zu antworten
-wäre. Darf ich es vorlesen oder belieben Sie selbst.“
-
-Sie nahm ihm das Blatt mit leichtem Neigen des Kopfes aus der Hand und
-vertiefte sich scheinbar in seinen Inhalt. Er beobachtete sie dabei
-scharf.
-
-Es währte sehr lange.
-
-Ein kleines Lächeln durchsonnte die Finsternis seiner Mienen.
-
-„Wenn ich es Ihnen näher erklären darf,“ erbot er sich.
-
-„Ich habe es begriffen,“ antwortete sie kurz.
-
-„Also?“ fragte er leise und sah sie mit dem Blicke an, der ihr das
-erste Mal die köstliche Ruhe in das Herz getragen.
-
-„Es ist gut, wie Sie es vorgeschlagen haben.“
-
-„Ja, aber Verzeihung, daß ich darauf aufmerksam machen muß, wir
-verzeichneten zwei Vorschläge. Und einer darf es doch entschieden nur
-sein.“
-
-Sie wurde flammend rot, weil sie sich auf einer Unwahrheit ertappt sah.
-Sie hatte kein Wort begriffen.
-
-„Ich möchte keinen Prozeß,“ sagte sie wie ein törichtes Kind. „Das
-andere soll mir gleich sein.“
-
-Sie stand hastig auf.
-
-„Gnädiges Fräulein,“ sagte er weich und bittend, „was haben Sie? Gehen
-Sie nicht so fort. Ich bitte Sie herzlich.“
-
-Sie lächelte krampfhaft.
-
-„Was ich habe? -- Nichts. Wie kommen Sie darauf, Herr Rechtsanwalt?“
-
-Mit einer Verneigung gab er ihr den Weg frei.
-
-„Wünschen Sie vielleicht, daß ich zuvor diese Angelegenheit noch einmal
-mit Herrn Justizrat, als Ihrem früheren Bekannten, durchspreche?“
-
-„Nein, ich danke. Ich möchte alles so schnell wie nur irgend möglich
-vergessen und bin darum auch zu der von ihm geforderten Buße bereit.“
-
-Er sah sie fest und lange an.
-
-„Sie haben es ja schon vergessen, wenn Sie es überhaupt gefühlt haben.“
-
-„Ich verstehe Sie nicht.“
-
-„Als Sie mich neulich verließen, hatte ich die dankbare Empfindung, daß
-wir beide uns voll verstanden hätten.“
-
-„Dann haben Sie sich eben geirrt. Das soll den besten Juristen
-bisweilen geschehen können.“
-
-Wieder war er an ihrer Seite.
-
-„Fräulein von Ostried, ich kann es nicht glauben. Es würde mich sehr
-unglücklich machen.“
-
-Sie zerrte an den feinen Handschuhen und zerriß sie, weil sie etwas
-Entsetzliches fühlte. Tränen, die aufsteigen wollten und die er doch um
-keinen Preis sehen durfte.
-
-Er sah sie aber doch. Und nahm ihre beiden Hände in die seinen.
-
-„Ich flehe um ein ehrliches Wort.“
-
-„Der Brief,“ sagte sie wider Willen, „ich dachte, Sie bereuten das
-Private.“
-
-Er begriff nicht sogleich.
-
-„Warum denn um Gottes willen.“ Und dann mit plötzlichem Verstehen:
-
-„Den Zeilen, auf denen ein Dutzend fremder Augen ruhten, durfte ich
-nicht anvertrauen, wie es in mir aussah, während ich sie aufgab.“
-
-Seine Stimme war plötzlich voller Jubel!
-
-„Ein Dutzend fremder Augen,“ machte sie ungläubig, noch rosenrot vor
-Scham.
-
-„Ja,“ nickte er eifrig. „Hören Sie einen Augenblick aufmerksam zu.
--- Durchschnittlich an jedem Tage gehen zwanzig bis fünfundzwanzig
-ähnlicher Mitteilungen heraus. Ich bediene mich dazu eines Apparats,
-nehme den Schalltrichter zur Hand und spreche hinein, was ich nach
-gründlichem Ueberlegen für richtig halte. Ein Referendar, der mir zur
-Ausbildung überwiesen ist, steht in vielen Fällen daneben und hört zu,
-nachdem ich die Sache zuvor mündlich mit ihm durchgesprochen habe.
-Oder, wie es bei dem Brief an Sie der Fall sein mußte, er selbst gab
-ihn auf, während ich als Obergutachter zuhörte. Danach kommt der
-Laufjunge und holt die Walzen ab. Das Fräulein in der Nische schreibt
-sie getreulich herunter. Mit Durchschlag natürlich, wie das in einem
-richtiggehenden Betrieb selbstverständlich ist. Die Kopie wird wiederum
-dem Laufjungen anvertraut, der in aller Heimlichkeit danach trachtet,
-sie zu lesen, weil er ebenso neu- wie lernbegierig ist. Der Schreiber,
-der sie in das betreffende Aktenstück einheftet -- denn auch Sie haben
-bereits ein solches erhalten --“
-
-„Hören Sie auf,“ bat sie kläglich.
-
-„O nein, immer gründliches Verfahren. Ich erspare Ihnen nichts. Den
-Schreiber interessiert schon erstmal Ihr Name. Nicht wahr, er ist
-ungewöhnlich und klingt wie Musik. Und dann, daß Sie Künstlerin sind.
-Wir haben hier natürlich die verschiedensten Größen als getreue
-Klienten. Dies aber ist ein seltener Fall. Wie wird er ihn nicht
-lesen. Der Invalide, der das Amt hat, die abgehenden Schriftstücke in
-den Umschlag zu befördern -- nun -- warum soll er nicht das gleiche
-durchaus menschliche Verlangen haben? Durfte ich da auch nur ein Wort
-hineintragen, das mein Herz verraten hätte?“
-
-Sie stand, übergossen von neuer tiefer Röte vor ihm. Noch einmal wehrte
-sie sich verzweifelt.
-
-„Was hat Ihr Herz damit zu schaffen?“
-
-„Mein Herz?“ sagte er. „Das hat keine Ruhe finden können -- seitdem!“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-13.
-
-
-Eva von Ostried hatte seit kurzem ein jüngeres Mädchen in ihrer
-Behausung, das sie in einem Zustande der Erschöpfung und Krankheit
-aufgefunden und zu sich genommen hatte, ein Mädchen, über dessen
-Vergangenheit ein undurchsichtiger Schleier gebreitet schien.
-
-Gretchen Müller nannte es sich und niemand hier wußte um seine
-Vergangenheit. Die Einzige, die das Recht gehabt, sie zu befragen,
-rührte nicht daran. So blieb die Spur verwehrt.
-
-Gretchen hatte Stunden, in denen ihr Herz ganz leicht war. Dann
-pflegte sie die Blumen, besorgte wie die guterzogene Haustochter einer
-sparsamen Bürgerfamilie, Zimmer und Küche und setzte sich darnach
-mit einer Handarbeit zu der wuchernden Kresse und den rotblühenden
-Feuerbohnen auf den kleinen Balkon.
-
-Eva von Ostried war zu solchen Stunden nicht daheim. Ueber den Flügel
-lag eine Decke gebreitet. Es war alles verschwiegen und leise!
-
-Und doch brauchte nur ein Klingelton zu rufen, dann war es anders!
-Zumeist öffnete Gretchen Müller nicht. Eva von Ostried schloß sich die
-Tür nach ihrer Heimkunft selbst auf.
-
-Und jetzt klingelte es dennoch, stark und fordernd. Da entschloß sie
-sich nachzusehen. Eva von Ostried hatte von einer wichtigen Nachricht
-gesprochen, die ihr möglicherweise zugehen würde.
-
-Als die Tür aufsprang, fuhr das Mädchen mit einem Schrei zurück. Ihre
-Arme streckten sich weit vor. Ihre Augen wurden starr vor Entsetzen.
-Ihr Peiniger, der Zerstörer ihres jungen Lebens stand vor ihr und trat
-fast lautlos herein.
-
-„Diesmal hast du mir das Finden nicht eben leicht gemacht,“ sagte er in
-einem freundlichen Unterhaltungston.
-
-„Geh’!“ stieß sie hervor, „oder --“
-
-„Du stockst sehr richtig, mein Herz. Jedes weiteres Wort wäre zum
-mindesten eine Unvorsichtigkeit von dir.“
-
-„Im nächsten Zimmer befindet sich meine Herrin. Sie muß sogleich
-herauskommen.“
-
-„Warum nennst du sie nicht mit ihrem Namen? Eva von Ostried klingt doch
-sehr schön. Auch ist es eine Ehre für dich bei dieser hochbegabten
-Zukunftsleuchte Unterschlupf gefunden zu haben.“
-
-„Woher weißt du auch dies?“
-
-„Ich erfahre alles, was ich wissen will. Das sollte dir eigentlich zur
-Genüge bekannt sein. Ich weiß selbstverständlich auch, daß du zur Zeit
-allein in der Wohnung bist. Fräulein von Ostried erteilt außerhalb
-Stunden und kommt bestimmt nicht vor Mittag zurück.“
-
-„Trotzdem wirst du dich sofort entfernen, oder ich rufe die Polizei.“
-
-„Du hast gute Gründe, sie nicht zu rufen, mein Kind.“
-
-„Du bringst mich dahin, daß ich auch diese Enthüllung nicht mehr
-fürchte.“
-
-„Denke darüber, wie es dir beliebt. Ich meine doch, du solltest
-Rücksicht nehmen. Es ist außerordentlich gefällig, daß dich diese Dame
-aufgenommen hat. Der Lohn, den du zahlst, wenn sich die Polizei mit dir
-und also auch mit ihr beschäftigen müßte, wäre, meiner Ansicht nach,
-ein schlechter.“
-
-„Du bist ein Teufel!“
-
-„Ich besitze Briefe von dir, die mir andere Kosenamen geben. Freilich,
-hießest du damals noch nicht Gretchen Müller.“
-
-Sie hob die Hand, wie um sie auf seinen leichtsinnigen Mund zu pressen.
-Er wich geschickt aus und zischte leise:
-
-„Und darum solltest du die hohe Polizei mir gegenüber aus dem Spiel
-lassen. Ich habe in meinem bisherigen Leben noch nichts getan, was ihr
-Anlaß gäbe, mich scharf zu beobachten. Du aber --“
-
-„Was ich geworden bin, hast du aus mir gemacht.“
-
-„Das ist eine sehr bequeme Darstellung, mein Kind. Vergiß nicht, daß
-jedes einzig die Folgen seiner Veranlagung trägt. Gut! Zufällig bin ich
-derjenige, der die deine zum Ausbruch brachte. Das ist mein Pech. Denn,
-ob du es auch als das deine fühlst -- je nun? Sei doch ehrlich. Denke
-daran, wie du mir freudig, um mit dem Jäger zu reden, „auf den ersten
-Pfiff“ gefolgt bist.“
-
-„Du hast deine Rolle zu gut gespielt, weil sie dir allzu geläufig war.
-Wie konnte ich das ahnen?“
-
-„Mag sein! Du wirst dir damals nicht eingebildet haben, daß ein Mann
-wie ich vor dir noch kein Mädel geküßt hätte.“
-
-„Ja, das habe ich mir eingebildet! Bei Gott! Aber was willst du jetzt
-von mir?“
-
-„Nicht viel. Dir klarmachen, daß du in meiner Gewalt bist und bleibst!
-Es ist nur klug und weise, wenn du nicht weiter in diesem hochfahrenden
-Ton mit mir verhandelst.“
-
-„Es muß doch ein Zweck dabei sein,“ wimmerte sie, „ich kann ihn nur
-nicht erkennen.“
-
-„Nimm an, daß ich dich wirklich geliebt hätte.“
-
-„Du lügst jetzt wie stets,“ sagte sie.
-
-„Dann weißt du mehr wie ich. Wozu hätte ich nötig, mich überhaupt noch
-um dich zu kümmern, nachdem du mir diese unglaublichen Ungelegenheiten
-bereitet hast.“
-
-„Was hast du mit mir vor?“
-
-Er ließ sich auf die Truhe nieder. Nun war er ihr so nahe, daß er ihr
-mit der weißen, gepflegten Hand über das lose silberne Haar hätte
-streichen können. Ein Sonnenstrahl schwebte auf sie herab und verfing
-sich darin. Die fieberhafte Röte wachsender Angst gab dem schmalen
-Gesicht den trügerischen Schein der Gesundheit.
-
-„Du siehst immer noch sehr reizend aus,“ flüsterte er ihr ins Ohr.
-„Indessen, du hast das richtige Gefühl. Ja, ich habe etwas mit dir vor.
-Eine Kleinigkeit nur. Einen Gegendienst.“
-
-„Ich bin zu schwach geworden, um dich gleichfalls zu verderben. Das
-wäre der einzige Dienst, auf den du Anspruch hättest.“
-
-„Laß das jetzt. Erinnere dich gefälligst an die Zeiten, in denen du mir
-täglich deine Not geklagt hast. Angeblich littest du doch unerträglich
-unter der Tyrannei der lieben Deinen. Dein Vater wollte Kapital aus dir
-schlagen. Dein tugendsamer Bruder hätte dich am liebsten an die Kette
-gelegt. Und das Schätzchen, das sie dir ausgesucht hatten. Sei doch
-endlich mal ein bißchen fidel, mein Kind und lache mit -- war er nicht
-fürchterlich mit seinem vogelähnlichem Kopf und den drohenden Wulsten
-unter den kleinen Augen? Na, ich will dir das schöne Bild nicht weiter
-ausmalen. Du besorgst das in deinen jetzigen sicher recht stillen
-Stunden besser allein. Also -- Vorwürfe muß ich energisch zurückweisen.
-Du hast es mir nicht schwer gemacht damals.“
-
-„Ich habe dir vertraut.“
-
-„Habe ich dies Vertrauen vielleicht nicht gerechtfertigt? Hättest
-du nicht den Himmel auf Erden behalten können, wärest du nicht so
-wahnsinnig kleinlich und eigensinnig gewesen? Hatte ich nicht ein
-behagliches Nest für dich bereit? Fehlte auch nur das Geringste für
-deine Bequemlichkeit darin?“
-
-„In dem Augenblick, der mich lehrte, daß du längst anderweitig gebunden
-warst, habe ich nichts mehr von dir angenommen. Das wenigstens sollst
-du mir jetzt bestätigen.“
-
-„Wenn du so großes Gewicht darauf legst. Schön, mein Kind. Ich
-bestätige es hiermit feierlich. Warum aber? Ein Künstler braucht viel
-Geld, wenn er selbst keins besitzt. Mit dem Pumpen ist das stets eine
-mißliche Geschichte. Das Sicherste und Bequemste bleibt eine reiche
-Partie. Ja, mag er selbst Unsummen einnehmen, er wird als freier Mann
-stets doch eine Kleinigkeit über seinen Etat hinaus verbrauchen.
-Das verstehst du nicht. -- Ich verdiente dazumal noch wenig. Die
-Kommerzienrätin, auf deren einer Abendgesellschaft ich dich nach der
-bestellten Singerei, kennen lernte, bezahlte anständig. Aber sonst --
-Lieber Gott. Da mußte ich mich eben auf diese Weise sichern.“
-
-„Daß du dich vor deiner Frau nicht schämst?“
-
-„Frage sie, ob sie nicht überaus glücklich mit mir geworden ist.“
-
-„Ich möchte ihr die Hände küssen, damit sie mir vergibt, was ich ihr
-unwissend geraubt habe.“
-
-„Wünsche dir das meinetwegen. Daß es sich dir niemals erfüllt,
-laß meine Sorge sein. Im übrigen -- ich muß endlich deine Frage
-beantworten: Du wolltest wissen, was ich mit dir vorhabe? Ich will vor
-allen Dingen deine Lage aufbessern. Dich auf eigene Füße stellen. Du
-magst dir hinfort ein Leben nach deinem Geschmack einrichten. Nimmst
-du Vernunft an, werden wir uns sehr schnell verstehen. Höre zu. Ich
-verlange von dir, daß du niemals zu Eva von Ostried meinen Namen
-nennst. Spitzte sich auch selbst, im für mich ungünstigsten Falle,
-ihr Interesse für dich derartig zu, daß sie völlige Offenheit von dir
-verlangte. Denn sie ist schrecklich moralisch und würde dich nicht bei
-sich behalten, wüßte sie -- -- Sage ihr in diesem Fall, was du willst.
-Nur nicht die Wahrheit. Du hast ja damals, als du das Doppelspiel
-triebst, sehr nett lügen können. Also schweigen, ja?“
-
-Sie stieß seine Hand fort. „Eines solchen Versprechens bedarf es nicht!
-Ich würde mich eher unter hundert Qualen zu Tode martern lassen, ehe
-ich mein ganzes Geheimnis preisgäbe.“
-
-„Schön. Dann sind wir in der Hauptsache einig. Ich danke dir,
-Lieselotte.“
-
-„Nicht diesen Namen nennen, nicht den Namen!“
-
-„Du hast ganz Recht. Je gründlicher wir sind, desto wirksamer wird
-alles. Also, Gretchen Müller, höre mich noch ein paar Minuten an. Ich
-will mich nicht entschuldigen. Das lag mir niemals. Selbst, wenn ich in
-deinem Fall ausnahmsweise Gewissensbisse gehabt haben sollte.“
-
-„Du hast sie nie gekannt. Diese Rolle liegt dir schlecht.“
-
-„Dann nenne es meinetwegen anders. Immerhin -- besteht der Wunsch bei
-deiner Empfindlichkeit, etwas übrigens zu tun. Als ich dich kennen
-lernte, war ich noch nicht mal ganz fest verlobt. In aller Heimlichkeit
-nur. Und ich wußte noch nicht mit Bestimmtheit, ob überhaupt eine Ehe
-daraus würde.“
-
-„Gibt es denn wirklich so viel reiche Mädchen, daß dir damals schon die
-zweite noch reichere in Aussicht stand? Lüge wenigstens jetzt nicht.
-Du warbst in aller Form um mich und gabst mir dein Wort. Oder habe ich
-mir dies alles nur eingebildet? Waren zuvor deine heißen Blicke und
-Huldigungen, dein Ehrenwort nur Lüge? Empfandest du nichts von jenen
-leidenschaftlichen Gefühlen, die du mir so oft geschildert hast?“
-
-„Das sind viel Fragen auf einmal. Deine Frische hatte mich bezaubert.
-Diese entzückende Lebendigkeit -- nicht nur in der Auffassung, sondern
-auch und besonders in der Wiedergabe alles Erlebten, Gehörten und
-Erschauten, war mir neu. Dazu kam, daß du aus sogenanntem guten Hause
-kamst. Ein Reiz mehr. Auch hattest du, obschon du keine Note kanntest,
-das feinste musikalische Gehör, was mir bisher begegnet ist. Meine
-Macht über Dich wurde unbegrenzt. Ich hätte dich zur Verbrecherin
-machen können, wenn ich gewollt.“
-
-„+Das+ hast du gefühlt?“
-
-„Vom ersten Augenblick unseres Kennenlernens an. Weißt du noch? Wir
-standen eng zusammengekeilt vor der Kasse des Opernhauses. Da sprach
-ich dich an, weil du mir ausnehmend gefielst. Merkst du jetzt, wie
-diskret ich bin? Das Märchen von der ersten Begegnung im Hause der
-Kommerzienrätin hatte ich mir um deinetwegen so fest eingeprägt, das
-ich dies reizende Stündlein dir gegenüber vorhin zu erwähnen unterließ.“
-
-„Mache meine Scham nicht noch größer,“ sagte sie mit zuckenden Lippen.
-
-„Es ist ja auch belanglos. Das weitere will ich trotzdem kurz
-zusammenfassen. Auch um meinetwillen. -- Sieh mal, als ich dich dann
-einen Monat später bei der musikalischen Rätin wiedersah und dir
-bei der Vorstellung zuflüsterte, daß wir niemand von unserer süßen
-Bekanntschaft erzählen wollten, warst du dazu bereit. Deiner lieben
-Familie war ich sogleich angenehm. Dein Bruder mochte mich absolut
-nicht. Dein Vater war ein ganz scharmanter Herr. Wir hätten uns sogar
-ausgezeichnet verstanden, wäre er nicht zufällig dein Vater gewesen.
-So witterte er in mir den Feind. Daß wir beide uns fortan in dem Hause
-der alten Musiknärrin auch gesellschaftlich begegneten, erleichterte
-die Sache natürlich. Glaube mir, ich hatte nicht daran gedacht,
-dich ins Unglück zu bringen. Erst, wie du mich um Hilfe gegen den
-fürchterlichen Geldsack anflehtest, da erwachte, ich könnte kurz sagen:
-die Ritterlichkeit! Es klänge großartig, stimmte aber nicht. Ich wollte
-den schweren Kerl ausstechen. Daneben dich natürlich auch von einem
-Los, das dir Grauen einflößte, bewahren.“
-
-„Daneben -- wirklich.“
-
-„Ja, so war’s! Dann kam alles ein bißchen anders. Du machtest
-Dummheiten. Liefst kopflos von Hause weg, kamst zu mir als zu deinem
-einzigen Freund und so weiter. Und zurück -- verzeihe mir, daß ich dies
-ausdrücklich feststelle -- wolltest du unter keinen Umständen.“
-
-„Ich dachte an eine Beschleunigung unserer Heirat. Denn für deine Braut
-hielt ich mich. Hatte ich etwa kein Recht dazu?“
-
-„Nach gut bürgerlichen Begriffen zweifellos! Künstleransichten sind
-aber gemeinhin andere. Sage selbst, was sollte ich tun, wo du nun mal
-da warst und mir erklärtest, lieber gingest du in den Tod, als zu
-deiner lieben Familie zurück.“
-
-„Höre auf, wenn du noch einen Funken Barmherzigkeit in der Seele hast.“
-
-„Ich bin sogleich zu Ende. Ich war also nicht brutal genug, um dich
-fortzuweisen. Schön, das war vielleicht mein Unrecht. Mehr Schlechtes
-kann ich im Augenblick nicht zusammen finden.“
-
-„Daß du weiter die verächtliche Komödie spieltest -- mir den festen
-Glauben, ich sei deine verlobte Braut und sehr bald dein Weib, auch
-vor dem Gesetz, nicht nahmst, indem du mir endlich von deinen älteren
-Verpflichtungen sagtest.“
-
-„Wäre das nicht mehr als grausam gewesen? Was hättest du darauf getan?
-Bedenke, damals hießest du noch nicht Gretchen Müller. Du wärst ins
-Wasser gegangen oder hättest sonst einen Gewaltstreich mit denselben
-Folgen verübt.“
-
-„Das wäre Barmherzigkeit für mich gewesen.“
-
-„Ich empfinde es anders. Vielleicht wir Männer überhaupt.“
-
-„Du hast tausend neuer Ausflüchte erfunden, um mir zu beweisen, daß
-sich unserer ehelichen Verbindung immer neue Hindernisse in den Weg
-stellten.“
-
-„Die Gründe habe ich dir soeben klargelegt, mein Kind.“
-
-„Höre damit auf. Warum hast du nicht wenigstens später die Wahrheit
-gesagt?“
-
-„Wann? Jedes weitere Zusammensein wäre damit zerschlagen gewesen. Du
-wärst auch später wohl noch fortgelaufen und damals warst du körperlich
-fast noch mehr erschüttert wie jetzt. Du mußtest erst wieder in die
-Höhe kommen.“
-
-„Nein, das ist nicht der Grund. Rücksichtnahme kennst du nicht. Du
-hättest unumwunden ausgesprochen, wenn ich dich allmählich beschwert
-hätte.“
-
-„Man hat auch seine -- Anständigkeit.“
-
-„Lasse sie mich endlich kennen lernen, damit meine Scham nicht so heiß
-brennt.“
-
-„Woher kennst du Eva von Ostried?“
-
-„Vielleicht aus der Oeffentlichkeit -- vielleicht auch nicht. Laß dir
-genügen, daß ich sie kenne.“
-
-„Das Recht, sie beim Vornamen zu nennen, steht dir nicht zu. Sie ist zu
-rein, als daß du --“
-
-„Du bist ein Närrchen! Aber, rein ist sie wirklich. Darin hast du dich
-diesmal nicht getäuscht.“
-
-„Ich habe nur den Wunsch noch, daß du gehst.“
-
-„Gleich -- gleich! Du hast mir also versprochen, daß du Eva von
-Ostried niemals verrätst, was zwischen uns gewesen ist. Ich habe die
-bestimmte Ahnung, als hätte andernfalls dein scheinbar recht angenehmer
-Aufenthalt hier sein Ende erreicht. Und dann wieder bei Fretzburg u.
-Sohn in die Putzabteilung zurück? Nee, weißt du -- übrigens würden sie
-dich da gar nicht wieder einstellen.“
-
-„Bleibst du jetzt noch eine Minute, so rufe ich um Hilfe!“
-
-„Wer würde dich hören? Du siehst nach dem Fenster? Es ist unmöglich.
-Aber ehe jemand erscheinen würde, wäre ich bestimmt verschwunden.
-Und dann? Man würde dich einfach für geisteskrank halten. Zudem habe
-ich nicht mehr vor, sehr lange zu bleiben. Nur eine Kleinigkeit will
-ich noch schnell ordnen. In deinem Interesse, wie du mir hinterher
-zugestehen wirst. Ich bitte dich, daß du jetzt zur Vernunft kommst.
-Nimm an, ich käme erst in diesem Augenblick zur Tür herein und wäre
-dir dankbar, weil du Eva von Ostried gegenüber den Mund zu halten
-versprochen hast. Dir geht es schlecht. In diesem Gewand machst du den
-Eindruck einer Nonne, die ihre Haube noch nicht aufgesetzt hat. Auch
-sonst siehst du -- verzeih’ diesen Ausdruck -- etwas abgewirtschaftet
-aus. Gefallen gegen Gefallen. Nimm diese Kleinigkeit. Mir macht es
-nichts aus.“
-
-Und er drückte ihr ein bißchen unter dem feinen Taschentuch geschickt
-verborgen gehaltenes Päckchen mit Scheinen in die Rechte.
-
-Als sie das Knistern hörte, wurde sie leichenblaß.
-
-Lässig setzte er den Hut auf und nickte ihr zu.
-
-„Denk noch mal über alles nach und sei verständig, Lieselotte.“
-
-Der Name brachte sie zur Besinnung. Matt hob sie die Hand mit dem Geld.
-Er legte die seine darüber und zwang ihren Arm in den Schoß. Unter
-seiner Berührung flammte eine purpurne Glut über ihr Gesicht bis zu dem
-altsilbernen Haare hinauf. Dann hob sich die Hand noch einmal.
-
-Mit einer Kraft, die sie sich selbst nicht zugetraut hatte, schlug sie
-in das leichtsinnige, schöne Männergesicht. Die Scheine umflatterten
-ihn, lagen auf seinen Schultern, zu seinen Füßen. Mechanisch bückte er
-sich und sammelte sie auf. Neben dem Spiegel, der zu beiden Seiten auf
-rotgetönter Esche blanke, starke Kleiderhaken trug, hing die vergessene
-Reitpeitsche eines Schülers, der einen eigenen Gaul besaß. Die riß die
-bebende Mädchenhand herunter. --
-
--- -- Dann war sie allein.
-
-Sie setzte sich wieder auf den Hocker neben die Truhe und rieb an ihrer
-Hand herum, als müsse sie einen Schmutzfleck entfernen. Sie weinte
-nicht. Sie nickte nur vor sich hin. Dann überkam sie jäh das Heimweh!
-Nach der engen dunklen väterlichen Wohnung, die sie oft genug hatte
-erdrücken wollen -- nach dem Vater selbst -- vor allem aber nach dem
-Bruder.
-
-Daneben fühlte sie, daß dies unmöglich geworden war und von allen
-Schmerzen, die auf ihr lasteten, erschien ihr diese Gewißheit als die
-unerträglichste. Sie vergegenwärtigte sich das letzte, zukünftige
-Leiden mit seiner verstärkten dem Wahnsinn nahebringenden Sehnsucht.
-Und wußte doch, daß über ihre Lippen kein Ruf zu denen, die ihr einst
-zugehört hatten, dringen würde. Sie mußte für immer einschlafen,
-ohne an dieser Scham zu ersticken. Eva von Ostried, die Gütige, würde
-liebreich ihre Hände halten -- wohl gar ihren Kopf auf das im letzten
-Kampf wildschlagende Herz betten -- sie vielleicht sogar in die Arme
-nehmen. Dann war alles aus und überwunden.
-
-Wenn sie Eva von Ostried alles vergelten könne, vorher!
-
-Ihr kam ein Lächeln, als sie diesen Wunsch empfand. Wie wäre das jemals
-möglich? -- --
-
-„Heute nachmittag werden wir beide ein richtiggehendes Fest feiern,“
-sagte Eva von Ostried, als sie, die sich sonst einer großen
-Pünktlichkeit befleißigte, viel später wie gewöhnlich heimkam.
-
-„Darauf freue ich mich,“ erwiderte Gretchen Müller und ließ nichts von
-den stechenden Schmerzen merken, mit denen sie zu kämpfen hatte. „Wir
-lassen die Vorhänge herunter und dann singen Sie, ja?“
-
-„Nein, meine Liebe, das werden wir nicht tun. Diesmal geht’s ins Grüne
-hinaus. Jawohl! Wehren Sie nur ab, zucken Sie zusammen, als erwarteten
-uns draußen eine Schar hungriger Wölfe. Ich bleibe steinhart. Wissen
-Sie, was der Arzt sagte, als ich ihn Ihretwegen befragte: „In erster
-Linie frische, gute Luft.““
-
-„Ich habe heute lange Zeit auf dem Balkon zugebracht.“
-
-„Ich will seine Vorzüge nicht verkleinern. Es ist angenehm, daß wir
-ihn haben. Einen vollwertigen Ersatz bietet er nicht. Das habe ich
-Ihnen übrigens schon mehrmals erklären wollen. Sie fanden aber stets
-neue Schönheiten und Annehmlichkeiten heraus und ich war nach der Tage
-Last zu müde, um Sie zu widerlegen. Aber heute! Wissen Sie, was wir
-anstellen werden? Die elektrischen Bahnen sind überfüllt. Zum Wandern
-ist es zu weit. Also nehmen wir stolz einen Wagen.“
-
-Um keinen Preis wollte sie die feinfühlige Kranke merken lassen, daß
-sie vor jeder Anstrengung ängstlich behütet werden mußte. Gretchen
-Müller empfand es aber doch.
-
-Es war diesmal nicht Bescheidenheit, die sich ängstlich weigerte,
-mitzutun, sondern die durch das heutige Erlebnis noch verstärkte Furcht
-von früheren Bekannten oder gar von ihren nächsten Angehörigen gesehen
-und erkannt zu werden.
-
-„Wenden Sie nicht ein, daß es eine arge Verschwendung wäre,“ begann Eva
-von Ostried von neuem, „ich für meinen Teil bedarf dieser Abwechslung
-wahrhaftig ebenso dringend. Natürlich wird die Fahrt zum Grunewald
-hinausgehen. Irgend ein Tischlein am Wasser muß sich finden lassen.
-Wir werden uns einbilden, daß wir im eigenen Park säßen und die
-Dienerschaft ein wenig beurlaubt hätten, um recht ungestört zu sein.“
-
-„Ich kann nicht mitkommen,“ sagte Gretchen Müller mit eintöniger, müder
-Stimme.
-
-Da begriff Eva von Ostried, daß sie die Angst, die sich aus dem
-Zucken der feinen Lippen offenbarte, beschwichtigen müsse. Jedes Wort
-hätte geschmerzt. Jede Aufmunterung zur Beherrschung nur noch eine
-vergrößerte Scheuheit hervorgerufen. Und sie wollte doch heilen. So
-begann sie leise ein uraltes Reiselied zu summen:
-
- Wir ziehen vermummt durch Stadt und Land
- Von Freund und Feinden unerkannt..
- Juvivallera -- Juvivallera -- --
-
-„Ich kann nicht,“ wiederholte der blasse Mund.
-
-Das waren die Worte, die bisher Eva von Ostried als genügende Erklärung
-angesehen hatte. Heute kämpfte sie dagegen an.
-
-„Ich meinte auch oft genug, daß sich etwas nicht zwingen ließe und es
-geht dann doch.“
-
-„Weil Sie nicht wissen, wie schwer eine Schuld lasten kann.“
-
-Einen Augenblick sah Eva von Ostried zögernd zu Boden. Dann sagte sie
-leise und schwermütig:
-
-„Doch, das weiß ich wohl.“
-
-„Aber die brennende Scham kennen Sie nicht.“
-
-„Für so wertlos halten Sie mich, Kind?“
-
-„Nein,“ wehrte die andere erschrocken ab, „nur für nicht so tief
-gesunken, als ich es bin.“
-
-Einen Augenblick fühlte Eva von Ostried das Verlangen, sich dieser
-Leidensgefährtin gegenüber auszusprechen. Es mußte unsäglich schön
-sein, mit einander zu weinen. Dann empfand sie es als Schwäche,
-überwand sie und sagte frisch und froh:
-
-„Die aufgezwungenen Liebesgaben, mit denen man, in bester Absicht zwar,
-seinen lieben Nächsten quält, sind die gefährlichsten, glaube ich. Also
-begrabe ich hiermit meinen Wunsch feierlich.“
-
-„Ich bringe Ihnen nichts wie Enttäuschungen, Fräulein von Ostried.“
-
-„Dies heute war wirklich eine. Aber jetzt ist sie überwunden. Sprechen
-wir schnell von etwas anderem. Sehen Sie nur, Sie haben da Ihr
-Taschentuch verloren, Kindchen.“ Und sie hob das feine Batistgewebe auf
-und betrachtete es aufmerksam. „Es gehört Ihnen doch oder sollte es
-einer aus der Schülerschar vergessen haben. Lassen Sie mich nach dem
-Namen sehen.“
-
-Gretchen Müller machte eine Bewegung, als wolle sie sich darauf
-stürzen, um es Eva von Ostried zu entreißen, aber als trügen sie die
-müden Füße nicht länger, ließ sie sich wieder auf den kleinen Hocker
-sinken.
-
-„„P. K.“ ist es gezeichnet, Fräulein Gretchen? Ich kenne jemand, der
-es verloren haben könnte, Fräulein Gretchen,“ sagte Eva von Ostried
-ahnungsvoll. „Soll ich seinen Namen nennen oder -- wollen Sie es tun?“
-
-Scham und Angst schüttelten den elenden Körper.
-
-„Ich will sterben,“ flehte das Mädchen.
-
-„Wird es Ihnen so schwer,“ fragte Eva jetzt. „Dann muß ich es wohl tun.
-Nicht wahr, Paul Karlsen war hier -- bei Ihnen?“
-
-Mit einem Aufschrei warf sich Gretchen Müller ihr zu Füßen und
-umklammerte ihre Knie.
-
-„Muß ich jetzt fort?“
-
-Hinter Evas Stirn fieberten die Gedanken, wie einst --
-
-„Wer hat das Recht zu verdammen? Niemand auf der ganzen Welt! Auch
-die, welche sich schuldlos wähnen, nicht.“ Sie neigte sich und zog die
-Kniende sanft zu sich empor. „Du armes, armes Kind.“
-
-In ihren Augen glühte keine Verachtung. Ihr Gesicht verzog sich nicht
-zu unnahbarem Stolz.
-
-Es war eine alles begreifende und verzeihende Liebe darin!
-
-Das müde, gepeinigte Mädchen erkannte, daß Eva von Ostried jenen Mann
-niemals geliebt hatte und dennoch voll die Macht begriff, die er besaß!
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-14.
-
-
-Vor das Hohen-Klitziger Herrenhaus rollte ein Landauer! Die rassigen
-Köpfe zweier Blauschimmel verdunkelten plötzlich das Küchenfenster,
-hinter dem die Mamsell das Futter für die jungen Puten zurechtknetete.
-Sie wandte sich nach der einzigen ihr zur Verfügung stehenden Hilfe um,
-die damit beschäftigt war, von einem Paar langschäftiger Stiefel die
-Kotspritzer mit einem Holzspahn herunter zu kratzen.
-
-„Nee,“ dachte sie dabei, „die sieht kein bißchen proper aus,“ und
-machte sich selbst zum Gehen bereit.
-
-Sie pochte an die zweite Tür neben der Küche, hinter welcher der
-Klitziger Herr zur Sicherheit noch einmal die Seiten zusammenrechnete,
-deren Ergebnis sein Bruder bereits festgestellt hatte.
-
-„Herr Amtsrat, die Waldesruher Schimmel halten vor der Treppe.“
-
-Er sah flüchtig auf, ohne die Feder von den Zahlenreihen zu nehmen.
-
-„Ist wohl ein neuer Kutscher, der noch nicht weiß, wo der Dorfschmied
-wohnt.“
-
-„Ich glaube nicht, daß es neuer Hufbeschlag sein soll, Herr Amtsrat.
-Der Schloßherr sitzt im Wagen.“
-
-„So,“ sagte der alte Wullenweber nicht sonderlich interessiert,
-„dann fragen Sie ihn nur nach seinen Wünschen. Ich wäre hier und für
-dringende Sachen auch zu sprechen.“
-
-Er blieb ruhig sitzen; aber er verrechnete sich. Sein verwittertes
-Gesicht nahm einen unwilligen Ausdruck an. Bisher hatte es der Nachbar
-nicht der Mühe wert gehalten, sich ihm in seinem Hause vorzustellen. An
-der Grenze freilich wollte er es verschiedentlich tun. Dazu zeigte der
-Amtsrat keine Neigung.
-
-Der Waldesruher Herr stand in dem Rufe, ein adelsstolzer, hochfahrender
-Mann zu sein, der sich einsam hielt. Daneben war er aber auch
-zweifelsfrei ein tüchtiger Landwirt und das nötigte dem Amtsrat einigen
-Respekt ab. Es war keine Kleinigkeit gewesen, den zurückgekommenen
-Acker und die verfallenen Katenhäuser in Ordnung zu bringen.
-
-Horst Waldemar von Ostried maß sieben Fuß. Also nicht in allen Fällen
-konnte er dafür, wenn er über die meisten Menschen und Dinge fortsah.
-In erster Ehe war er mit einer Gräfin Aschaffenburg vermählt gewesen,
-die ihm keinen Erben geschenkt hatte. Seit ihrem Tode, der ein Jahr vor
-der Uebernahme des Majorats Waldesruh erfolgte, befürchteten die Eltern
-des nächsten Anwärters die Mitteilung seiner zweiten Heirat.
-
-Wie er sich jetzt vor dem Aelteren verneigte, bemühte er sich
-augenscheinlich freundlich und herablassend zu sein.
-
-„Ich hatte es mir schon lange vorgenommen, Herr Nachbar.“
-
-„Ja, so’n Weg von einem Kilometer will überwunden und vorher überlegt
-sein, Herr Nachbar,“ nickte der Amtsrat mit belustigtem Lächeln.
-
-Der andere räusperte sich.
-
-„Ich komme mit einer Bitte, Herr Amtsrat.“
-
-„Das habe ich mir denken können, Herr von Ostried.“
-
-„Es handelt sich nämlich um die Adresse von der Tochter meines
-Vorgängers.“
-
-„So, Sie möchten wissen, wo sich Ihre Base Eva zur Zeit aufhält?“
-
-„Ganz recht; daran wäre mir viel gelegen.“
-
-Ein prüfender Blick strich über die mächtige Gestalt des Schloßherrn
-hin. Sollte diese Frage etwa die Vorbereitung zu einer zweiten Ehe
-sein? Es war, als ahne der Riese ähnliche Gedanken. Fast hastig gab er
-eine Erklärung ab.
-
-„Wir müssen einen Familientag einberufen, zu dem -- unserm Hausgesetze
-gemäß -- sämtliche Ostrieds gerader Linie eingeladen werden müssen.“
-
-„Ich glaube, auf diesen Anspruch wird Eva von Ostried keinen besonderen
-Wert legen.“
-
-„Darauf kommt es nicht an. Es ist eine reine Formsache. Ich kann Ihnen
-übrigens gern den Grund nennen, wenn es Sie interessieren sollte.“
-
-„Bemühen Sie sich nicht. Ich mache mir nicht viel aus solchen
-Geschichten.“
-
-„Erlauben Sie mir, daß ich es trotzdem tue, um nicht für meine Person
-in irgend einen unbegründeten Verdacht zu kommen.“
-
-Der Amtsrat mußte wieder lächeln. Schlau war der Kerl entschieden.
-
-„Daß Sie sich daraus etwas machen, Herr von Ostried.“
-
-„Die Tochter meines Vorgängers steht bei unserer ganzen Familie in
-nicht sonderlicher Hochachtung.“
-
-„Solange ich ihr Vormund gewesen bin, war nichts, auch nicht das
-Geringste an ihrer Aufführung zu mäkeln.“
-
-„Sie wollte doch -- äh -- zur Bühne.“
-
-„Das meinen Sie damit? Ach so! Na ja, das beabsichtigte sie freilich
-stark. Im Prinzip war ich auch dagegen, wie das ja die Verweigerung
-meiner Erlaubnis bis zu ihrer Volljährigkeit bewiesen hat.“
-
-„Darf ich also kurz referieren, Herr Amtsrat.“
-
-„Wenn Sie es durchaus nicht anders tun. Bitte schön.“
-
-„Ein Ostried-Javelingen hat kürzlich eine Eingabe um Verleihung
-des seit fünfzehn Jahren nicht mehr zur Verteilung gelangten
-Stiftungsgeldes für bedürftige Familienmitglieder gestellt. Zum
-rechtswirksamen Gewähren ist nicht nur die schriftliche Zustimmung
-sämtlicher stimmfähiger Ostrieds -- auch der weiblichen --
-erforderlich, sondern ihr Zusammenkommen an gemeinsamer Stelle zwecks
-vertraulicher mündlicher Aussprache.“
-
-„Jetzt fange ich an, die Notwendigkeit zu begreifen, Herr von Ostried.
-Das muß sein, weil zu erwarten ist, daß dieser oder jener ein bißchen
-Dampf vor einer Beleidigung oder Ablehnung mit Tinte hat.“
-
-„Es gibt doch Sachen, die zu empfindlich sind, um sie
-niederzuschreiben.“
-
-„Gerade das habe ich gemeint. Da fliegt ein Wort in der Luft rum, die
-Frauen flüstern es vielleicht bloß. Aber gehört und bewertet wird’s
-jedenfalls. Und das mag schon genügen.“
-
-„War Ihre Frau Mutter vielleicht --“
-
-Der Amtsrat unterbrach ihn kurz. „Nein, durchaus nicht! Sie war
-eine geborene Hafermatz aus Kölpin, Tochter des derzeitigen
-Wirtschaftsbeamten. Meine Weisheit hat einen andern Ursprung. Ich
-weiß das von einer, die auch mal um dieses Geld eingekommen ist,
-weil damit ihr schwacher Körper wohl noch auszuheilen gewesen wäre.
-Eva von Ostrieds Mutter hatte sich nämlich nach vielen und harten
-Gewissensnöten zu diesem Ersuchen entschlossen. Sie tat’s ihrem Kinde
-zu Liebe. Die Antwort war eine Woche später eine bestimmt verneinende.“
-
-„Dann haben also bereits bei der Vorberatung, die schriftlich erledigt
-werden kann, die Mehrzahl der Familienmitglieder den Antrag abgelehnt.“
-
-„Jedenfalls wird es so gewesen sein.“
-
-„Wir brauchen nicht Verstecken mit einander zu spielen, Herr Amtsrat.
-Mein Vorgänger war kein Mann, dem man solche Zuwendungen machen durfte.
-Unser Hausgesetz verlangt ausdrücklich einen tadellosen Charakter
-oder um mit seinen Worten aus dem Jahre 1800 zu sprechen: Es muß eine
-feine und ritterliche Familie sein, der früher und auch jetzo nichts
-anzuhängen gewesen ist.“
-
-„Sie sprechen da plötzlich von dem Manne. Ich habe nie gehört, daß dem
-damaligen schönen Ostried irgend ein Organ schwach geworden wäre. Hier
-handelte es sich um die Frau, die über jedem Zweifel erhaben stand.“
-
-„Was der Mann tut, darstellt oder unterläßt, fällt in der Ehe allemal
-auf die Frau zurück. Auch darüber gibt es natürlich Bestimmungen.“
-
-„Ein schönes Familiengesetz, das so was vorschreibt.“
-
-„Darüber wollen wir nicht streiten, Herr Amtsrat.“
-
-„Sie haben Recht. Einem Gaul, der ein Kleber ist, bringt ja auch kein
-Schenkeldruck von der Stelle, wenn er nicht schließlich selbst will.“
-
-Das hochmütige Gesicht verlor nichts von seiner kühlen Freundlichkeit.
-
-„Für so eigensinnig hätte ich Sie nicht gehalten, Herr Amtsrat.“
-
-„Das soll wohl eine Beleidigung sein,“ dachte der alte Wullenweber und
-lachte vergnügt in sich hinein. „Mein Jungeken, damit hast du bei mir
-kein Glück.“
-
-Laut sagte er:
-
-„Ich bin sogar so eigensinnig, daß ich Eva von Ostrieds Vater nicht
-mehr in mein Haus reingelassen habe, seitdem es mir keine Ehre mehr
-sein konnte, mit ihm umzugehen.“
-
-Der Hieb saß.
-
-„Aber seiner Tochter scheinen Sie erfreulicherweise die alte Zuneigung
-erhalten zu haben,“ meinte der Schloßherr mit glatter Höflichkeit.
-
-„Zu der Tochter stand und stehe ich weiter in gar keinem Verhältnis.
-Sie ist mir fremd geblieben. Was ich übernahm, tat ich lediglich für
-ihre Mutter. Uebrigens weiß ich seit ihrer Volljährigkeit nur das eine,
-daß sie seit dem Tode ihrer mütterlichen Freundin, irgendwo in Berlin
-untergetaucht ist.“
-
-„Auch die Adresse ist Ihnen unbekannt geblieben, Herr Amtsrat?“
-
-„Noch gestern hätte ich das glatt verneinen müssen. Heute allerdings.“
-
-Es klang zögernd. Aber der Schloßherr hat bereits das Notizbuch
-hervorgesucht und netzte den Stift behutsam an den Lippen.
-
-„Ich war vorher noch nicht zu Ende gekommen, Herr Amtsrat. Ich lege
-aus zweierlei Gründen großes Gewicht gerade auf diese Adresse. Erstens
-ist anzunehmen, daß Fräulein von Ostried, wenn auch nur, um sich für
-die Teilnahmslosigkeit unserer Familie zu rächen, widersprechen würde,
-sobald sie etwas von dem ohne sie gefaßten Beschluß erführe.“
-
-„Mein Gott, wie sollte sie davon hören.“
-
-„Es könnte immerhin möglich sein. -- Der zweite Grund betrifft
-sie selbst. Ich halte mich noch nicht befugt darüber zu sprechen.
-Jedenfalls -- -- Also, wenn ich Sie jetzt bemühen darf, Herr Amtsrat.“
-
-„So schnell geht das nicht. Sie denken wohl, ich brauchte sie ihnen so
-ganz einfach bloß zudiktieren.“
-
-„Etwas anderes zog ich allerdings nicht in Betracht.“
-
-„Bedaure! Sie müssen sich noch selbst darum bemühen. Ich besitze
-seit gestern nämlich lediglich die Möglichkeit, näheres über sie zu
-erfahren. Mein Neffe, Rechtsanwalt Wullenweber, berichtet mir, daß sie
-in einer geschäftlichen Angelegenheit seinen juristischen Beistand in
-Anspruch genommen hätte. Seine Adresse ist zu Ihrer Verfügung.“ -- Der
-Amtsrat nannte sie.
-
-„Haben Sie eine Ahnung, verehrter Herr Amtsrat, ob Ihr Herr Neffe ein
-tüchtiger Anwalt ist?“
-
-„Ich bin ebenso wenig Jurist, wie Sie, Herr von Ostried und unser
-zuständiges Amtsgericht kenne ich, Gottlob, bisher nur von außen. So
-viel weiß ich aber, daß der Justizrat, dessen Teilhaber er ist, einen
-guten Namen und ungeheuren Zuspruch hat.“
-
-„Das genügt mir völlig. Anläßlich des Familientages muß ich nämlich
-einen Anwalt für bestimmte Zusätze und kleine Abänderungen in unseren
-Statuten gewinnen.“
-
-Er empfand es als angenehm, dies bei seiner Bitte um Eva von Ostrieds
-Adresse nunmehr in den Vordergrund stellen zu können.
-
-„Wenn ich recht unterrichtet bin, haben Sie, Herr Amtsrat, als
-einstiger Vormund und Bevollmächtigter von Eva von Ostrieds Vermögen
-auch sehr wertvolle alte Möbelstücke aus dem Waldesruher Schloß zur
-Aufbewahrung übernommen?“
-
-Der Amtsrat lächelte grimmig.
-
-„Vermögen! Das klingt außerordentlich stolz. Wissen Sie zufällig, wie
-hoch sich die Summe bezifferte?“
-
-„Wie käme ich zu einer genauen Kenntnis. Wir mit dem gleichen Namen
-hofften damals, daß sie jedenfalls zu einem standesgemäßen Unterhalt
-ausreichen würde.“
-
-„Nett von Ihnen! Sie hofften, leider, vorbei. Eintausend Mark waren’s!“
-
-„Wie könnte sie sich damit durchgefunden haben?“
-
-„Die Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Ich hatte die Ehre, eine
-vortreffliche Frau, die ihr eine zweite Mutter geworden war, kurz vor
-ihrem unerwartet eingetretenen Tode kennen zu lernen, und ging mit dem
-berechtigten Gefühl von ihr, daß sie fraglos einen Teil ihres soliden
-Reichtums meinem verflossenen Mündel überschriebe. Erst gestern teilte
-mir mein Neffe mit, der übrigens diese Wissenschaft wiederum von dem
-Notar und Freund der Toten, dem schon erwähnten tüchtigen Justizrat,
-schöpfte, daß der plötzliche Tod sie daran gehindert haben müsse.
-Jedenfalls ging Eva von Ostried leer aus. Aber Sie fragten auch nach
-den alten Möbeln. Einen Augenblick! Bitte, hier ist das Verzeichnis.
-Es sind Stücke von großer Schönheit darunter. Das Sterbezimmer ihrer
-Mutter besitzt Eva bereits. Deren kleines Wohnzimmer -- übrigens
-eingebrachtes und daher nicht zur Masse gehöriges Gut, wie auch jene
-Sachen, die sich schon in Eva von Ostrieds Besitz befinden -- stellt
-dies dar.“
-
-„Ein offenes Wort, Herr Amtsrat! Sind diese kostbaren alten Stücke
-verkäuflich? Ich weiß nicht, ob Sie ahnen, daß ich leidenschaftlicher
-Sammler von altertümlichen Möbeln bin. Einen ebenso hohen Preis wie
-jeder andere fremde Liebhaber würde ich natürlich auch anlegen.“
-
-„Ich bin so ungebildet in diesen Sachen, daß ich nicht mal sagen kann,
-ob das wirklich Altertümer in Ihrem Sinne sind. Nur das eine weiß
-ich aus dem Mund von Evas Mutter, daß sie schon im Heim von deren
-Großeltern gewesen sind.“
-
-„Darf ich wissen, wie Sie über einen Verkauf denken, Herr Amtsrat?“
-
-„Darüber habe ich nichts mehr zu bestimmen, Herr von Ostried. Als ihr
-Vormund hätte ich einen besonders günstigen Verkauf, mit Rücksicht auf
-die bestehende Vermögenslosigkeit, zweifelsfrei verantworten können.
-Jetzt stehe ich kaum anders wie jeder Fremde zu der Besitzerin.“
-
-„Könnten Sie mir wenigstens die Möbel zeigen, Herr Amtsrat?“
-
-„Dazu wäre meine alte Klidderten nötiger als ich. Ich habe mich nur
-bis zu dem Augenblick ihrer sicheren Unterstellung darum gekümmert.
-Das Zudecken und Abstauben ist der Klidderten ihre Sache. Die wird
-aber gerade mit dem Kochen zu tun haben. Eine Sache könnten Sie indes
-ansehen. Evas Mutter machte sie mir zum Geschenk. Stil und Holzart
-sind hier wie dort gleich. Sehen Sie dort, der Schreibtisch aus
-italienischem Nußbaum.“
-
-Es war ein wundervolles Stück mit reicher künstlerischer
-Tiefschnitzerei. In Form und Art an die alten Zylinderbüros erinnernd,
-die in keiner Großvaterstube zu fehlen pflegten. Nur, daß die Einlagen
-über den reich geschnitzten Holzrändern aus Mosaikstückchen bestanden,
-die sich zu kleinen, wirkungsvollen Bildern einten. Das runde große
-Medaillon des Aufsatzes, das ein halbes Jahrhundert später, als Ersatz
-des zerschlagenen Mosaikbildes eingefügt war, zeigte ein Pastellbild.
-Ein namhafter Maler aus jener verzweifelten Zeit, in der Eva von
-Ostrieds Mutter auf den Gedanken gekommen war, einen Teil des Schlosses
-und des wundervollen Parkes erholungsbedürftigen Künstlern gegen
-Entgelt zur Verfügung zu stellen, hatte es geschaffen.
-
-Der Schloßherr warf mit einer geschickten Bewegung das Monokle
-in das kurzsichtige rechte Auge. Sein müder Blick belebte sich
-auffallend. Der tiefe Durchzieher, mit der einst auf dem Heidelburger
-Fechtboden erhaltenen blutroten Belehrung, daß auch nicht sonderlich
-hochgewachsene Leute eine gute Klinge führen können, begann zu glühen.
-Das Hochmütige in seinen Zügen verschwand.
-
-Als er nach langem aufmerksamen Betrachten den Kopf hob und die Hände
-von der Schnitzerei nahm, war er ein ganz anderer wie zuvor. Es
-bedurfte also nur des Aufflammens einer leidenschaftlichen Neigung, um
-die oft genug abstoßend wirkende Tünche herunter zu bröckeln.
-
-„Ich würde Ihnen zehntausend Mark geben, wenn Sie mir dies Stück
-überlassen könnten, Herr Amtsrat.“
-
-„Es wäre mir auch nicht um das Doppelte feil, Herr von Ostried.“
-
-„Soviel allerdings. -- Immerhin fordern Sie getrost. Wir werden uns
-bestimmt verständigen.“
-
-„Es ist unverkäuflich,“ entschied der alte Wullenweber kurz und zornig.
-
-„Sie sind doch aber gar nicht Sammler solcher Dinge! Was kann dies für
-Sie für einen Wert haben?“
-
-„Den da,“ sagte der Amtsrat einsilbig und legte den Zeigefinger
-behutsam auf das Pastellbild.
-
-„Sehen Sie,“ frohlockte der andere, „damit wären wir uns schon
-bedeutend näher gekommen. Dieses Bildnis würde ich sofort für Sie
-entfernen lassen. Für meine Zwecke entstellt es das Ganze und
-verringert seinen Wert erheblich.“
-
-„S--o, das wäre also Ihre Ansicht?“
-
-Der Schloßherr neigte sich zu dem Bild herab und schenkte ihm zum
-ersten mal einige Aufmerksamkeit.
-
-„Wen stellt es dar, wenn ich fragen darf?“
-
-„Frau von Ostried und ihre Tochter Eva.“
-
-Noch einmal glitt sein Blick prüfend darüber hin. „Ich kannte die Frau
-meines Vorgängers nicht persönlich,“ meinte er endlich und es klang wie
-eine Entschuldigung. „Sie muß sehr schön gewesen sein.“
-
-„Vielleicht befragen Sie deswegen die paar alten Leute, die sich ihrer
-gewiß noch erinnern.“
-
-Das klang eiskalt und schnitt eigentlich jede weitere Frage ab. Der
-Schloßherr wollte es nicht empfinden. Er blickte immer noch, von
-dem unvergleichlichen Reiz der beiden aneinandergeschmiegten Köpfe
-gefesselt, auf das Bild von Mutter und Tochter.
-
-„Sie sind scheinbar ein Frauenverächter, Herr Amtsrat.“
-
-„Wieso? Weil ich mich im ersten Augenblick von Ihrer Frage abgestoßen
-fühlte? Sie sollen sich nichts falsches vorstellen. Für mich ist Frau
-von Ostried die Schönste auf der ganzen Welt gewesen und geblieben.“
-
-Er mußte dies sagen, weil er kein anderes Mittel kannte, um die ihm
-zudringlich und lästig werdenden Fragen abzuwehren. Der Schloßherr
-begriff. Es war alles durchaus verständlich. Der leichtsinnige
-Schloßherr, der sich nicht um die Seinen bekümmert hatte, auf der einen
-Seite. Dieser biedere, brave Mann, der gewiß nur seine Augen und Ohren
-für die kränkelnde, vom eigenen Gatten vernachlässigte Frau bereit
-gehalten, auf der andern! Dazu diese strenge Abgeschlossenheit von Welt
-und Leben.
-
-Unangenehm blieb einzig, daß die Schönheit auf dem Pastellbild
-den alten Namen trug wie er und der Kummersbacher, das Mitglied
-des Herrenhauses auf Lebenszeit, und die Vettern Exzellenz, der
-Generalleutnant und der Wirkliche Geheime Rat, sowie die andern
-der Familie. Schließlich hätte man sich auch damit im Lauf der
-Jahre abgefunden, wenn dies verblüffend reizende Gesicht neben der
-großäugigen Frau, das irgendwo in Berlin herumlief, nicht immer noch
-weiter zur Familie gehörte. Die Tatsache, daß Eva bei dem Einladen zum
-Familientag unmöglich übergangen werden durfte, bewies es deutlich. Ein
-Gesicht wie dieses, selbst wenn es den kindlichen Zauber eingebüßt,
-machte es der Trägerin doppelt und dreifach schwer, ohne Aufsehen durch
-die Welt zu kommen.
-
-„Wann haben Sie Eva von Ostried zum letzten mal gesehen, Herr Amtsrat,“
-forschte er aus diesen Gedanken heraus.
-
-Der alte Wullenweber fuhr erschrocken zusammen. So tief hatte er sich
-mit der heraufbeschworenen Vergangenheit beschäftigt.
-
-„Bei ihres Vaters Begräbnis ist es gewesen. Hätte ich gefehlt, wäre sie
-ganz allein neben dem Seelsorger hinter dem Sarg, hergeschritten. Denn
-die Tagelöhner blieben aus Bescheidenheit eine halbe Meile zurück. Und
-von den Nachbarn oder seiner Familie war niemand dabei.“
-
-„Die Anzeigen von seinem Tod müssen sich verspätet haben. Vielleicht
-sind überhaupt keine verschickt. Ich jedenfalls erhielt die Nachricht
-erst durch meine Berufung zu seinem Nachfolger.“
-
-„Also doch rechtzeitig,“ meinte der Amtsrat bitter und sah nach der
-Uhr, die mit behaglichem Pendelschlag die kleine Pause belebte.
-
-„Ich habe nur einer Leidenschaft im Leben bisher nachgegeben,“ begann
-er von neuem und diesmal leiser und weicher wie zuvor. „Ich verriet sie
-Ihnen bereits. Schon in frühster Jugend war die Vorliebe für alte,
-wirklich schöne Sachen so groß, daß ich mir jedes Vergnügen versagte,
-um mich endlich in den Besitz eines ersehnten Gegenstandes zu bringen.“
-
-„Verrückt,“ mußte der alte Wullenweber denken, aber es söhnte ihn etwas
-mit diesem scheinbar kalten, wesenlosen Menschen aus.
-
-„Vielleicht sprechen Sie persönlich mit Ihrer Base, wenn Sie zu dem
-hochwichtigen Familientage in Berlin sind,“ schlug er vor.
-
-„Vorläufig geht es mir um dies Stück.“ Und er fuhr, wie liebkosend,
-über das edle, alte Holz.
-
-Ehe noch der Amtsrat die scharfe Erwiderung, die ihm dies taktlose
-Festhalten auf die Lippen zwang, aussprechen konnte, fuhr er fort:
-
-„Ich würde Ihnen sehr gern durch einen Berliner Sachverständigen das
-Pastellbild entfernen und in einen durchaus würdigen Rahmen bringen
-lassen. Derselbe könnte mir auch den Ersatz für das Mosaikrund
-besorgen. Ihnen ginge nach Ihren eigenen Worten durch die Hingabe des
-alten Stückes selbst nicht allzu viel verloren. Mir aber täten Sie
-einen großen Gefallen. Wollen Sie nicht wenigstens die Güte haben, sich
-meinen Vorschlag zu überlegen?“
-
-„Eine Gegenfrage,“ sagte der Amtsrat und seine Stimme klang stahlhart.
-„Was würden Sie sagen, läge die Geschichte umgekehrt? Sie wollten aus
-einem für Sie wichtigen Grunde nicht und der andere -- nun -- der hörte
-eben nicht auf zu drängen. Sie würden mich aufrichtig verbinden, wenn
-ich das wissen dürfte, Herr von Ostried!“
-
-Mit einem Schlage verwandelte sich das Gesicht des Majoratsherrn
-wiederum in das unbeweglich hochmütige. Das Monokle hüpfte mit feinem
-Klingen gegen einen Kopf des tadellos sitzenden Besuchsrockes. Die
-blassen, kühlen Augen schauten von neuem wie aus einer Maske. Er nahm
-die Hacken zusammen und verneigte sich leicht.
-
-„Verzeihung, wenn ich aufdringlich erschienen bin. Sie haben natürlich
-recht. Ich würde mir das ebenfalls verbeten haben. Nun, mein Agent in
-Berlin wird ja wohl ein ähnliches Stück auftreiben können.“
-
-Er reichte dem Amtsrat die Hand hin.
-
-„Ich habe Sie ungebührlich lange aufgehalten, Herr Amtsrat!“
-
-Seine Bewegungen waren wieder gemessen und herablassend. Eine jede
-schien das aufrichtige Bedauern auszudrücken, daß er sich mit dem
-ungefälligen Nachbar überhaupt eingelassen hatte.
-
--- Der Abschied war schließlich fast hastig.
-
-Wenn es einmal und zwar schüchtern gegen die Küchentür stieß, dann war
-es Filax, der alte Stubenhund, den ein beständiger Hunger plagte. Wenn
-es zweimal und zwar mit einem donnerähnlichen Geräusch dagegen krachte,
-war es der Major a. D. Wullenweber, der die alte Klidderten anschnauzen
-wollte.
-
-Auguste, die fahrige blutjunge Deern, duckte sich jedesmal bei
-Beginn des Polterns ängstlich zusammen. Die Mamsell jedoch öffnete
-unerschrocken, wenn auch voller Behutsamkeit, damit der Draußenstehende
-nicht etwa von einem heftigen Anprall umgeworfen würde und sagte
-freundlich:
-
-„Ja, Herr Major, heute wird’s zehn Minuten später mit den frischen
-Kartoffeln. Der Waldesruher Herr war bei uns.“
-
-„Wenn Sie „frische Kartoffeln“ sagen, klingt das noch großartiger als
-wenn seiner Zeit der Oberkellner in Esplanade meinetwegen „frische
-Austern“ lispelte,“ höhnte er poltrig und unzufrieden.
-
-„Ich kenne bloß Dabersche und denn magnum bonum und die kleine blaue
-frühe, denn von der weißen halt’ ich nichts. Austern bauen wir hier gar
-nich.“
-
-„Sie sind ein Kamel, Klidderten.“
-
-„Denn müßt ich ja wohl in die Wüste, Herr Major. So ist mir das von
-meiner Jugend her erinnerlich. Und denn kriegten Sie alle überhaupt
-nichts warmes auf den Tisch.“
-
-„Nun schweigen Sie endlich still. Wenn man schon nichts zu essen
-bekommt, muß man wenigstens einen ordentlichen Tropfen trinken.
-Nehmen Sie mal Vernunft an, Fräulein Kliddert. Eine einzige Flasche,
-Mamsellchen. Na los.“ Sie kam ein wenig näher. Aber doch nicht
-mehr, wie auf fünf Schritt Distanz. Dann ließ sie die angeborene
-Bescheidenheit halt machen.
-
-„Begucken Sie sich bloß mal im Spiegel, Herr Major. Ist das nicht eine
-wahre Freude mit Ihnen? Sehen Sie vielleicht aus wie einer, der in
-die Sechzig will? Wirklich nicht. Von der dummen Krankheit, als Sie
-gerade angekommen waren, ist keine Spur mehr zu merken. „Klidderten,“
-hat neulich der Waldesruher Gärtner zu mir gesagt, denn er kommt jeden
-Donnerstag aus alter Gewohnheit auf einen Schwatz in die Küche. „Was
-ist das für ein Kavalier mit dem feinen Spitzbart --“
-
-„Hören Sie schon damit auf,“ murrte der Major, aber in seiner Eitelkeit
-freute er sich kindisch darüber.
-
-Die alte Klidderten schielte nach der andern Seite des Hauses hin, von
-welcher ihr der Amtsrat zu Hilfe kommen sollte, denn die Blauschimmel
-waren schon angetrabt. Dann war für diesmal wieder alles ausgestanden.
-Vor dem Bruder schwieg der Herr Major davon!
-
-Aber der Hohenklitziger Herr stand versonnen und sah dem davonrollenden
-Gefährt mit gefurchter Stirn nach.
-
-Die Gedanken schossen ihm wild durch den Kopf.
-
-„Wenn der das Mädel in Berlin kennen lernen sollte und sie gefällt
-ihm und er kriegt doch vielleicht nicht von seinem Agenten den
-ähnlichen alten Schreibtisch und er denkt dann so nebenbei dran, daß es
-vielleicht hübscher und angenehmer wäre, der jetzige Anwärter erbte das
-Majorat nicht, sondern sein eigenes Fleisch und Blut und sie sagt „ja“,
-denn wie sollte ein armes Ding wohl den Mut zu einem „nein“ finden.“
-
-Aergerlich wandte er sich herum. Was ging ihn dies alles an? Hatte er
-sich die letzten Jahre überhaupt um das Mädel -- die Eva -- gekümmert?
-Trotzdem sie die Tochter der geliebten Frau war. Dumme Ausrede, daß
-er an die Erbschaft durch die Präsidentin und ihr gutes Auskommen
-felsenfest geglaubt hatte.
-
-Ein Mann in seinen Jahren glaubt nur das, wovon er sich auch überzeugt
-halten darf. Erst der Junge, der Walter, mußte sie ausfindig machen,
-ehe er an sie dachte.
-
-Gedankenlos war er weiter gegangen und stand nun vor der alten
-Klidderten, die ihm heftig zublinkte. Diese Sprache begriff er
-ausgezeichnet. Seitdem sich sein Bruder damals nach dem glücklich
-überstandenen Schlaganfall zum Hierbleiben entschlossen hatte, stand
-sie ihm auch hierin getreulich zur Seite. Es kamen immer wieder Tage,
-in denen der Major ein unbändiges Verlangen nach den Dingen trug,
-durch die er sich bis jetzt seine Vergnügungen verschaffte. In dieser
-Abgeschlossenheit wäre ihm höchstens ein guter, alter Tropfen aus dem
-Keller mit der lebensgefährlichen Treppe erreichbar gewesen. Er selbst
-war aber nicht imstande, die schwindelnde Stiege hinabzuklimmen und die
-alte blödsinnige Gans, wie er sie soeben bei sich nannte, tat ihm nicht
-den heimlichen Gefallen.
-
-Da sprach ihn der Amtsrat an: „Du hattest heute früh einen Brief von
-Walter, nicht wahr?“
-
-Der Major brummte eine Erwiderung die unverständlich blieb.
-
-„Sonderbar,“ wunderte sich der Amtsrat, „weil er doch gerade erst
-gestern an mich geschrieben hatte.“
-
-„Wieso sonderbar? Kann er nicht auch mal ausnahmsweise was mit seinem
-Vater zu bereden haben?“
-
-„Natürlich. Er betonte aber gerade zu mir, wie knapp seine Zeit
-geworden sei.“
-
-„Wenn dich die Neugier sticht, kannst du den Brief nachher lesen.“
-
-„Du weißt genau, daß es etwas anderes ist!“
-
-„Meinetwegen. Du hör’ mal,“ und er zog den Amtsrat bei Seite wie ein
-Kind, das etwas Heimliches zu sagen hat, vor dem es sich im Grunde
-genommen, ein wenig schämt, „befiehl doch mal deiner verehrten
-Scharteke da, daß sie uns eine von dem herben Ungar raufholt. Frage
-nichts. Gib auch keine Lehren. Tu mir mal ausnahmsweise den kleinen
-Gefallen.“
-
-Der Amtsrat hatte eine heftige Ablehnung bereit. Als er aber das alte,
-bittende Gesicht sah, überkam ihn eine eigentümliche Weichheit.
-
-Schließlich war es keine Kleinigkeit, daß der Bruder Leichtfuß seinen
-tiefgewurzelten Widerwillen gegen die ländliche Stille überwunden und
--- seinem Ehrenwort getreu -- ohne neue Schulden zu machen, bei ihm
-ausharrte. Er tuschelte mit der Klidderten.
-
-„Schön, holen Sie eine rauf. Wir haben ja ohnehin noch fünfzig von der
-Sorte.“
-
-„Aber, ihn bloß nichts davon merken lassen, Herr Amtsrat.“
-
-„Wenn Sie sich nicht verplappern, Klidderten.“
-
-„Wo werd’ ich denn. Ich bleibe dabei, daß es im Ganzen überhaupt bloß
-noch zwei waren. Eine wurde ausgetrunken, als Herr Walter das letzte
-mal bei uns war. Nu is denn keine einzige mehr da. Bloß noch der
-Säuerling, den ich für’s Wildragut gebrauche.“
-
-Mit verständnisvollem Lächeln verschwand sie hinter der schweren
-Küchentür. -- Der Amtsrat trank kaum ein halbes Glas von dem
-goldklaren, alten, schweren Sorgenbrecher. Daß er ihm Bescheid
-tun sollte, verlangte der Major auch gar nicht. Er selbst sog mit
-geschlossenen Augen in kleinen, schmatzenden Zügen.
-
-In der Mitte des Tisches dampften die frischen Kartoffeln mit einer
-reichlichen Beigabe grüner Petersilie. Neben jedem der beiden Gedecke
-duftete eine kräftige Scheibe Bratspeck. Dazu stand -- wie gewöhnlich
--- ein Topf mit köstlicher Buttermilch bereit. Der alte Offizier wurde
-wieder jung, leichtsinnig und prahlerisch.
-
-„Als ich bei den Kürassieren in Dernburg stand, kriegte ich von zarter
-Hand ganze Körbe voll Champus. Bedankt habe ich mich nie. Bei wem denn?
-Man ahnte natürlich. Das Nest war ja klein. Aber die Eifersucht unter
-der edlen Weiblichkeit war zu groß geworden. So war’s schlauer, ich
-stellte mich unwissend.“
-
-Der junge Kürassierleutnant hatte sich dann in die Infanterie stecken
-lassen müssen. Wegen Schulden natürlich.
-
-„Zuerst dachte ich mir das gräßlich. Hatte Selbstmordgedanken.
-Schließlich machte sich’s ganz nett. Mädelchen waren da noch viel
-aufmerksamer und verliebter.“
-
-Als Hauptmann der Infanterie kam er auf der Treibjagd zu dem, was er
-sein Unglück nannte.
-
-„Alles vorbei. Es war zum Rasendwerden. Man war niemand mehr.“ Seine
-Ehe hatte er vergessen. Sie war ja auch nur kurz gewesen. -- In der
-Flasche schimmerte der Boden mit dem Rest des Goldenen. --
-
-„Doch -- die Kinder! Vater spielen will gelernt sein. Mir lag’s nicht.
-Der Junge war mir zuweilen direkt peinlich mit seiner unbequemen Art zu
-gucken und Fragen zu stellen. Aber -- das Mädchen.“
-
-Der letzte Tropfen hing schwer an seinem grauen Bart, den der
-Haarkünstler nun nicht mehr ausbesserte. Ihn stieß das Elend.
-
-„Daß du’s weißt, ich bleibe nicht länger hier. Morgen früh geht’s
-weg. Kannst du mir das verdenken? Zwei reichliche Jahre immer bloß
-Buttermilch und die Faltenschnute von deiner Klidderten. Daß man das
-überhaupt geschafft hat. Nie raus aus der Bude. Immer hinter den
-Rechenbüchern und dabei noch das Gefühl, als mache der erste beste
-Quartaner die Geschichte besser. -- Jetzt geht in Berlin nach dem
-toten Sommer das Leben wieder los. Auf der Tauentzienstraße, weißt du!
-Mädelchen gibt’s da. Einfach süß. Wenn ich im Wagen oder wo am Fenster
-sitze, mache ich immer noch eine gute Figur. Und die kleine Weinstube
-beim Anstermeier. Piekfein. Und anständig. Niemals mahnen die. Bloß
-einmal im Jahre, wenn’s einem natürlich am wenigsten paßt, erinnern sie
-bescheiden. -- Uebermorgen kann ich schon drin sitzen. Gleich nachher
-will ich dem Jungen telegraphieren. Du läßt’s zur Post besorgen. Das
-werd’ ich ja wohl noch verlangen können.“
-
-Der Amtsrat hatte zugehört, ohne einmal den Schwall der Worte zu hemmen.
-
-„Du wolltest mir Walter’s Brief geben,“ sagte er nur, als der Major
-endlich verstummt war.
-
-„Den Brief? Richtig. Hier ist er!“
-
-„Ich werde ihn dir noch einmal vorlesen.“
-
-„Nicht nötig. Habe mich bereits selbst genügend von seinem Inhalt
-unterrichtet.“
-
-Der Amtsrat bedachte den Einwand nicht. Er wußte, daß die Erinnerung an
-das gegebene Wort auftauchen und zurückreißen würde. Halblaut begann er:
-
- „Lieber Vater! Soeben habe ich die letzte Rate deiner Schulden
- getilgt. Es ließ sich also, wider Erwarten, schnell erledigen.
- Justizrat Weißgerber zahlte mir, als auch in letzter Instanz der
- Millionenprozeß, von dem ich das letzte mal erzählte, zu unsern
- Gunsten entschieden wurde, zwei Drittel des in diesem Falle von
- unserem Klienten versprochenen Extrahonorars aus, weil ich die
- ganze Mühe damit gehabt.
-
- Freilich bin ich zur Zeit selbst völlig blank. Ich habe mein halbes
- Vierteljahrsgehalt noch dazu gelegt, um endlich frei zu sein. Nun
- mache ich dir einen Vorschlag. Willst Du durchaus wieder nach
- Berlin, sollst Du wissen, das Du mir willkommen bist. Es kann jetzt
- in jeder Beziehung besser, wie früher, für Dich gesorgt werden. Nur
- mußt Du mit Deiner Reise bis zum nächsten Quartal warten, damit ich
- Dir genügend Geld schicken kann. Hast Du noch selbst von Deiner
- Pension zur Verfügung, teile mir das mit. In diesem Falle stände
- Deiner früheren Rückkehr, wenn sie Dir wünschenswert erscheinen
- sollte, nichts mehr im Wege.
-
- Dein Sohn Walter.“
-
-Ohne eine Bemerkung reichte der alte Wullenweber das Schreiben zurück.
-Seine Augen brannten wie nach einem Erntetag mit heftigem Ostwind bei
-reichlicher Sonne. Schweigend steckte auch der Major den Brief in die
-Tasche. Geflissentlich sahen sie aneinander vorbei.
-
-„Ich will mich noch eine Viertelstunde auf’s Ohr legen,“ meinte endlich
-der Amtsrat und erhob sich.
-
-Da langte auch der Major nach seinen Stöcken.
-
--- -- Der alte, schwere Goldene hatte ausgewirkt. Aber der feste Wille
-zur schleunigen Rückkehr nach Berlin lebte weiter. Das Kursbuch mußte
-herhalten.
-
-„Hier war man ja doch schon mit den gefräßigen Spatzen munter. Also --
-los. Morgen früh um sieben Uhr! Und keine Stunde zugegeben!“
-
-So stand’s auch in dem Telegramm an Walter Wullenweber zu lesen. Der
-Major kniffte es sorgfältig zusammen. Jetzt würde man endlich bald
-wieder ein Mensch werden!
-
-Er stelzte in die weißgetünchte Schlafkammer von damals, die er immer
-noch inne hatte. An der dünnen Bretterwand hing jetzt das Bild seines
-Kaisers zwischen den beiden toten Majestäten, denen er ebenfalls seinen
-Treueid geschworen hatte.
-
-Als sein Sohn mit ihm redete -- jawohl, so stimmte es. Der mit ihm,
-denn er spielte nur den stummen, gequälten Zuhörer -- war die Wand noch
-leer gewesen.
-
-Damals wurde auch ein Treueid geschworen.
-
-Dachte er denn daran, ihn zu brechen? War es diese Einsamkeit, die ihn
-nach innen sehen ließ. Das Alter oder das andere?
-
-Die verlorene Tochter -- seines Lebens Lust und Stolz.
-
-Er las plötzlich aus einem Buch mit erhabenen Lettern.
-
-„Eines Tages werde ich meinen letzten Treueid brechen, wenn ich nach
-Berlin zurückkehren sollte!“
-
-Die Erkenntnis erfüllte ihn mit Abscheu gegen sich selbst.
-
--- An diesem Nachmittag saß er nicht hinter den Rechenbüchern. Er
-stolperte im Garten herum, entdeckte noch etliche Aepfel in verwegener
-Höhe und schimpfte mit Karl Pergande, dem Fünfzigjährigen, der das
-Jungvieh unter sich hatte. -- --
-
-Bei der Abendpfeife auf der Veranda tippte er dem Bruder auf die
-Schulter.
-
-„Berlin paßt mir doch nicht mehr. Es ist zu laut, zu eng und zu teuer
-für unsereins. Wenn du nichts dagegen hast, bleibe ich hier.“
-
-Der alte Amtsrat paffte sich in eine undurchsichtige Wolke hinein.
-
-„Ist mir auch viel angenehmer,“ sagte er kurz. „Am Sonntag kommt
-ohnehin der Pferdehändler aus der Stadt mit zwei angeblich fünfjährigen
-Braunen. Die mußt du dir eingehend ansehen. Ich allein trau mir das
-Geschäft nicht zu, denn der Hallunke tattert sehr geschickt.“
-
--- Sie waren an diesem Abend durchaus nicht herzlicher wie sonst
-zusammen.
-
-Und dennoch fühlten sie sich beide zufrieden und ruhig, daß es nun
-entschieden war.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-15.
-
-
- „Du bittest mich um eine vertrauliche Auskunft über das Vermögen
- meines einstigen Mündels Eva von Ostried?“ schrieb Amtsrat
- Wullenweber an seinen Neffen. „Das verstehe ich nicht. Neugier sähe
- Dir unähnlich. Beabsichtigt ihr etwa Dein Justizrat Zuwendungen
- zu machen? Notwendig hätte sie das sicher. Denn ihr gesamtes
- mütterliches Erbe, das ich am Tage ihrer Volljährigkeit Frau
- Präsident Melchers für sie übergab, betrug nur eintausend Mark.
- Hätte ich geahnt, daß die wackere Frau unerwartet schnell, und
- zwar mit dem von Dir erwähnten, für Eva von Ostried sehr traurigen
- Ergebnis sterben mußte, hätte ich doch die Tochter ihrer Mutter
- in ihr gesehen und mich auch nach der erfüllten Pflicht um sie
- gekümmert. Ihr jetzt noch, nachdem sie sicher das Schwerste hinter
- sich hat, zu schreiben, widerstrebt mir. Wohl aber möchte ich sehr
- gern wissen, ob ihr Hilfe erwünscht wäre. Ich weiß nichts über
- ihr Leben und Wirken. Wäre es nicht das Einfachste, Du zögest
- Erkundigungen über ihre Lage ein? Geben sie irgendwie zu meiner
- Unterstützung Anlaß, werde ich mich mit ihr stets in Verbindung
- setzen. Laß es Dir durch den Kopf gehen und gib mir Bescheid,
- sobald Du etwa erfährst, daß es ihr kümmerlich ergeht. Im anderen
- Falle ist die Sache ja ohnehin auf das Beste erledigt.
-
- Dein Vater wird Dir inzwischen selbst seine Absicht, Hohen-Klitzig
- nicht mehr zu verlassen, mitgeteilt haben. Daher mußte sich
- mein Verhältnis zu ihm, von innen heraus, bessern. Erlauben Dir
- die Geschäfte und die Gesundheit Deines Justizrats eine kurze
- Ausspannung, so weißt Du, daß Du mit Deinem Besuch stets erfreust
- Deinen
-
- getreuen alten
- Wilhelm Wullenweber.“
-
-Der junge Anwalt las diesen Brief mit einer Empfindung, die ihm im
-Augenblick noch unklar war. Er spürte nur, daß ihn der Inhalt unruhig
-machte.
-
-Seitdem Justizrat Weißgerber ihm von Eva von Ostrieds schwerer
-Enttäuschung bei dem Tode der Präsidentin gesagt, ihre Verzweiflung
-und Kämpfe geschildert, brachte er die Frage nicht mehr zum Schweigen,
-woher sie nun doch gleich darauf das Geld zu weiteren Studien genommen
-haben könnte... Ihre Schönheit wirkte, auch in der Erinnerung, in alter
-Stärke auf ihn. Er empfand sie als das Vollendetste, das er jemals
-gesehen hatte. Wie er, würden auch andere fühlen. Und ihr Bild trat
-ganz scharf vor ihn hin. Er sah wieder ihr Erröten -- den Glanz ihrer
-großen, sprechenden Augen und fühlte das leise Beben ihrer Hand in der
-seinen, und seine Unruhe wurde zur heißen Sehnsucht nach ihr! Aber nach
-üblichen Begriffen kannten sie einander ja kaum!
-
-Gestern war ihr Herr Alois Sendelhubers erneuter Bescheid
-zugestellt. Walter Wullenweber hatte schließlich doch kurzweg einen
-Entschädigungsanspruch in jeder Höhe abgelehnt und ihr, bei einem
-Beharren seiner Forderung, auf den Weg der Klage verwiesen. Darauf
-hatte sich der schlaue Agent, der sich Eva von Ostrieds ihm besonders
-wertvoll dünkende Kundschaft auf keinen Fall verscherzen wollte, zur
-postwendenden „ausnahmsweisen“ Lösung des Vertrages -- bezüglich
-des strittigen neunten Novembers -- verstanden. Somit war diese
-Angelegenheit erledigt und nichts stand mehr aus, als die Entrichtung
-der entstandenen Unkosten von Seiten der Anwälte, die der Justizrat
-Weißgerber, nach Kenntnis der Angelegenheit, jedoch unberechnet zu
-lassen wünschte. Das schwache Fädchen, an dem er sie gehalten, war
-damit zerrissen.
-
-Sie aber nie wiederzusehen, erschien Walter unmöglich. Er setzte sich
-an den Flügel und versuchte die kleinen Lieder zu spielen, die ihm sehr
-einsame und verzagte Stunden einst als Tröster geschenkt hatten. Seine
-Sinne blieben nicht bei den Tönen. Sie irrten ab und verlangten nach
-dem Leben.
-
-Die alte Pauline brachte einen Brief herein. Sie verweilte noch wenig
-im Zimmer, wie sie das auch bei der Präsidentin getan hatte.
-
-„Herr Rechtsanwalt, ich hab’ neulich nun doch unserm Fräulein
-geschrieben.“ Für sie stand Eva von Ostried längst wieder in der
-Gegenwart genau wie einst. Er hielt die Blicke beharrlich gesenkt, als
-könne sie sonst seine Gedanken lesen.
-
-„Was hatten Sie ihr denn Wichtiges mitzuteilen, Pauline?“
-
-„Nun, wie es mir indessen gegangen is und wie gut ich es auch wieder
-bei Ihnen habe.“
-
-„Das wird nicht alles gewesen sein, obschon es, was meine Person
-anlangt, bereits zu viel ist,“ sagte er mechanisch und sah interesselos
-auf den Brief.
-
-„Sie haben Recht. Die Hauptsache hab’ ich verschwiegen. Ich möchte doch
-so gern wissen, wie sie wohnt und wie sie alles angefangen hat. Ach,
-Herr Rechtsanwalt, warum kommt’s meist ganz anders, wie man denkt?
-Ich hänge ja so sehr an ihr und hab’ mir damals beim Abschied fest
-eingebildet, wüßt’ ich mal erst, wo sie wohnte, liefe ich auch gleich
-hin. Denken Sie an, ich war auch wirklich schon mal da. Gleich, nachdem
-ich von Ihnen die Adresse gehört hab’.“
-
-Sie stockte und sah von ihm weg.
-
-„Wann war das ungefähr, Pauline?“
-
-„Heute vor zwei Wochen, Herr Rechtsanwalt!“
-
-„Warum verschwiegen Sie mir das?“
-
-„Ich war so von Herzen betrübt, Herr Rechtsanwalt.“
-
-„War sie unfreundlich zu Ihnen?“
-
-„Ach, ich hab’ sie gar nicht gesehen!“
-
-„Das verstehe ich nicht!“
-
-„Mir war’s selbst, als könnte das nicht mit rechten Dingen zugehen.
-Bloß bis an ihre Tür bin ich gekommen.“
-
-„Sie können mir alles sagen, Pauline. Ja, ich bitte Sie sogar herzlich
-darum.“
-
-„Ich hab’s gleich gefühlt, daß Sie einen guten Begriff von ihr haben,
-Herr Rechtsanwalt. Und so sehr hab’ ich mich darüber gefreut.“
-
-„Nun, dann erzählen Sie einmal!“
-
-„Es ist schnell erzählt. Ich wußte doch nicht Bescheid und befragte
-mich erst unten beim Hauswart. Da war eine drin, die mir gleich
-erzählte, daß sie mal bei unserm Fräulein in Stellung gewesen. Sie
-gefiel mir auf den ersten Blick nicht. Ach, Herr Rechtsanwalt, wenn Sie
-wüßten, was ich von der zu hören gekriegt hab’.“
-
-„Es wird nicht schlimm sein,“ meinte er. Aber in seiner Stimme zitterte
-die Angst vor den nächsten Minuten.
-
-„Doch! Ein Freund von unserm Fräulein soll der Person regelmäßig Geld
-gegeben haben, damit sie nicht zu hungern brauchte. Aber nun ist er
-plötzlich gestorben, in München, wo sie gerade ein Konzert gegeben
-hat. Und nun sollte überall geknapst werden und das Fräulein sei
-ihr noch obendrein dumm gekommen, als ob sie was dafür könnte, daß
-sich noch kein neuer Freund gefunden hätt’. Solche Gemeinheiten bloß
-auszusprechen, nicht wahr? Ich kenn’ doch unser Fräulein! Freude hat
-sie wohl dran gehabt, wenn ihr einer nachgesehen hat. Wozu hätt’ ihr
-der liebe Gott denn auch sonst all die Schönheit gegeben? Aber stolz
-und rein ist sie immer gewesen. Das kann sich bei ihr einfach nicht
-ändern. Und man hört ja schön die Lügerei heraus. In München soll sie
-gesungen haben, gerade als der Freund sterben mußte. Und unser Fräulein
-hätt’ schrecklich nachher geweint. Erzählt hätte sie nichts näheres
-davon; bloß, daß er nicht mehr Sonntags und auch so kommen könnt’,
-weil er eben tot wäre. -- Aber irgend eine andere Person aus ihrem
-Hause hat eine Zeitung angebracht. Da hat alles drin gestanden. Sogar
-sein Namen. Und unser Fräulein soll ausdrücklich auch erwähnt sein als
-eine, die ganz untröstlich gewesen ist, als sie seine Leiche gebracht
-hätten. Und jetzt wäre ein Mädchen bei ihr. -- Bestimmtes wisse man ja
-wohl nicht. Aber, wenn sich eine niemals an die Sonne traute, keinen
-Menschen ohne Verabredung zur Tür reinließ und immer so scheu wie ein
-Hund rumkröche -- denn könnte man sich schon allerlei denken. Der
-Doktor, der die Hausmeisterkinder bei der Grippe behandelt hat, soll
-zu irgendwem geäußert haben, daß sie den nächsten Kuckuck wohl nicht
-mehr hören würde. Und wenn so eine dennoch gehalten würde und verwöhnt
-und verhätschelt dazu, wie die Hausmeistertochter, die oben aufwartet,
-erzählt, denn wüßte man schon genug.“
-
-„Und Sie haben das alles doch geglaubt, Pauline! Sonst hätten Sie nun
-gerade zu ihr hinauf müssen und sie befragen. Ja, das durften Sie nach
-der langen zusammenverlebten Zeit ganz gewiß.“
-
-„Ich mußte weinen,“ sagte sie still. „Ich war zu unglücklich von dem
-Getratsch, Herr Rechtsanwalt, wie ich schon gesagt hab’.“
-
-„Sie werden noch einen anderen Grund gehabt haben,“ meinte er. „Auch
-Ihre Ehrbarkeit hat sich gegen diesen Besuch gesträubt?“
-
-Ihr Gesicht war ganz blaß geworden.
-
-„Das versteh’ ich wohl nicht richtig!“
-
-„Nun, Sie hielten sich, nach dem Gehörten, wohl für zu gut, um Fräulein
-von Ostried noch zu besuchen.“
-
-Sie stieß einen leisen Schrei aus.
-
-„Bei Gott, das war’s nicht!“
-
-„Was könnte es anders gewesen sein?“
-
-Sie suchte nach den rechten Worten.
-
-„In meiner Jugend war ich sehr hitzig und auch jetzt noch geht nicht
-alles so still zu, wie sich das wohl eigentlich für mein Alter ziemen
-tät’. Dafür kann einer nichts, glaube ich. Ich war so voller Gift und
-Galle, daß ich meine Hände kaum stillhalten konnt’. Die wollten der
-lügnerischen Person an den Hals. -- Und so hätt’ ich zu ihr reinkommen
-sollen? Das wurde mir klar, als ich vor ihrer Tür stand. Verstellen
-kann ich mich nicht; sie überhaupt würde gleich gewußt haben, daß
-etwas vorgekommen wär’. Und wenn sie mich angesehen und auf’s Gewissen
-gefragt hätt’, ja, Herr Rechtsanwalt, dann wär’ bestimmt alles --
-aber auch alles -- rausgesprudelt. Hinterher hätt’ ich mich prügeln
-können, soviel es mir paßte. Was gesagt war, blieb! Und wenn ich’s
-hundertmal widerrufen und bedauert hätt’. Den Schmerz wollte ich unserm
-Fräulein nicht antun. Darum bin ich eins -- zwei -- drei wieder die
-Treppe hinunter und habe mich unten auf der Straße erst mal richtig
-ausgeweint. Am nächsten Tage wußte ich, daß alles Lüge war von Anfang
-bis zu Ende. Aber wie das alles zusammenhängt, kann ich nicht wissen.“
-
-Er sah starr geradeaus. Den Zusammenhang, den Pauline nicht zu finden
-vermochte, den fand er leicht. Er sah ein armes, schönes, schwer
-enttäuschtes Mädchen ohne Schutz und Rat. Die Folgen waren unschwer zu
-erraten und wer dürfte darum verurteilen?
-
-„Hatten Sie sich denn in aller Form bei ihr angesagt, Pauline?“
-
-„Ich habe sie gefragt, wann ich ihr passend käm’.“
-
-„Und die Antwort?“
-
-Das alte Mädchen zögerte einen Augenblick verlegen!
-
-„Geschrieben hat sie mir noch nicht, Herr Rechtsanwalt.“
-
-„Hm?!“
-
-„Der Brief kann ja verloren gegangen sein, Herr Rechtsanwalt.“
-
-„Sie werden wohl gar noch einmal bei ihr anfragen?“ sagte er nach einer
-langen Pause.
-
-„Nein, Herr Rechtsanwalt. Ich werd’ heute nachmittag direkt zu ihr
-gehen. Herr Rechtsanwalt erlaubt’s mir doch?“
-
-„Daß Sie ausgehen? Aber gewiß, liebe Pauline. Sie sollen mich überhaupt
-nicht wegen dieser selbstverständlichen Dinge befragen.“
-
-Jetzt lachte sie ein wenig. Dann hörte er die Tür gehen und war mit dem
-immer noch uneröffneten Briefe allein. Das lenkte ihn zunächst ab. Die
-fremde steife Schrift auf dem Umschlag war ihm unbekannt.
-
-Der geöffnete Brief zeigte eine siebenzackige Krone über einem Adler,
-der ein Lamm in seinen Horst schleppte. Der Waldsruher Majoratsherr
-brachte darunter seine Wünsche zum Ausdruck.
-
-Die Zeilen waren liebenswürdig abgefaßt. Hinter dem Auftrage, der die
-Abänderung und teilweise Erweiterung der Familienstatuten erbat, zeigte
-sich die Verheißung zur Rechtvertretung bei einem Zivilprozeß über ein
-erhebliches Objekt. Daß der darin Beklagte dem jungen Anwalt als ein
-minderwertiger Aufkäufer alter Waldbestände bekannt war, hätte ihm
-das in Aussicht Gestellte nur angenehm machen müssen. Trotzdem regte
-sich ein Gefühl des Widerwillens gegen den ihm bis heute unbekannt
-gebliebenen Auftraggeber.
-
-In diesem Augenblick war er unfähig zu jeder klaren, nüchternen
-Erwägung. Erst ein wenig später glaubte er zu wissen, daß ein Mädchen
-mit der Vergangenheit Eva von Ostrieds unmöglich dem in jeder Beziehung
-verwöhnten Geschmack dieses adelsstolzen, schwerreichen Witwers genügen
-könne.
-
-Vergangenheit! -- Wie kam er dazu, dies zweideutige Wort mit ihr in
-Verbindung zu bringen? Dem elenden Klatsch eines natürlich sehr gegen
-seinen Willen entlassenen Mädchens auch nur den geringsten Glauben zu
-schenken?
-
-Ihn verlangte nach einer Aussprache mit ihr. Es konnte sie unmöglich
-vorbereitungslos treffen! Seine Blicke würden ihr längst alles verraten
-haben.
-
-Er legte Feder und Papier zurecht und schrieb.
-
-Zuerst malte er ihr das Bild seiner Eltern. Dann ging er zu dem über,
-was ihm leicht von der Feder ging.
-
- „Als ich Sie sah, wußte ich sofort, daß die Stunde meines Glückes
- da war. Ich zweifelte nicht. Das kam erst später. Sie fühlten
- alles. Ich merkte es und war sehr froh darüber. Schon als Sie mich
- das erste Mal verließen, lag mir jeder Zweifel fern. Ich war ruhig
- und dankbar, daß das Glück nicht an mir vorüberging. Unsere zweite
- Zwiesprache sprengte fast mein Herz vor Seligkeit. Sie hatten
- unter der Schar der harmlosen Worte jenes Briefes nach einem Laut
- gesucht, der Ihnen mehr verriet.
-
- Darum durfte ich Ihnen auch schon jetzt meine Liebe zeigen. Sie
- widerstrebten nicht. Mein Herz lag in ihrer Hand.
-
- Nun folgten wunderliche Tage. Zuerst Stunden, die ich um jeden
- Preis auskosten wollte, so schön und unvergleichlich waren sie.
- Bis eines Tages mein wildes Verlangen sie unerträglich schalt.
-
- Damals habe ich Sie aus der Ferne mit einem Andern gesehen. Ich bin
- auf ihn -- sicherlich einen völlig harmlosen Bekannten -- sinnlos
- eifersüchtig gewesen. Nicht wahr, er ist doch nichts anderes für
- Sie? Zuweilen sprach ich mit der alten Pauline über Sie. Oft nur
- Ihren Namen, das war mir genug. Ich vertraute mir nicht mehr.
- Und das ist sehr hart. Sie sollen alles wissen. Das habe ich mir
- gelobt. Wir dürfen hinfort kein Geheimnis zwischen uns dulden.
- Fühlen Sie das auch? Ich habe Sie vor mir verdächtigt und niedrig
- gestellt. Es war alles nur die sinnlos tobende Eifersucht. Ich habe
- Sie über alles lieb! Das Ganze bringe ich Ihnen! Nicht nur den Rest.
-
- Vor Ihnen habe ich keine geliebt. Ich bin überzeugt, daß ich auf
- Sie warten mußte. Darum fordere ich auch Ihre ganze Seele!
-
- Sie sollen mich als Bruder, Freund und Vater empfinden, dem Sie
- alles sagen dürfen und auch sagen müssen, ehe ich Ihr Lebenskamerad
- und Geliebter werden darf.
-
- Sie sind rein. Ich weiß es! Kein Fleck ist vorhanden. Keine Stelle,
- die sich verbergen müsse vor meiner Liebe. Wäre es anders, könnte
- ich nicht über alle Begriffe selig sein, wie ich es jetzt bin!
-
- Ihr Walter Wullenweber.“
-
-Ohne abzusetzen hatte er zu Ende geschrieben! Unter einem wundervollen
-Zwange, und wie das Gefühl eines starken, lebensspendenden Rausches
-blieb es ihm in der Seele zurück.
-
--- Er lief in den Abend hinaus und sah nichts als unruhig segelnde
-Wolken.
-
-Als er heimkam, war es schon dunkel. In der engen Wohnung erwarteten
-ihn Helle und Wärme. Die alte Pauline war zurück und hatte die
-Abendmahlzeit gerichtet.
-
-Er nahm an, daß sie ihm, ohne seine Frage, berichten werde. Aber gegen
-ihre Gewohnheit verließ sie sogleich das Zimmer, in dem er zu speisen
-pflegte. Langsam schob er Bissen um Bissen in den Mund, und lauschte
-dabei nach der Küche hinüber.
-
-Von der behaglichen Hängelampe herab schwang sich die dicke Schnur
-mit der elektrischen Klingel für die Bedienung. Bisher hatte Walter
-Wullenweber sie noch nicht benutzt. Er betrachtete die alte Pauline
-nicht als seine Untergebene, sondern als einen freundlichen Hausgeist,
-der aus eitel Lust an der Arbeit das Händestillhalten nicht erlernen
-konnte. Jetzt preßte er den kleinen weißen Knopf in die Birne aus
-rotgetöntem Holz.
-
-Sie erschien sofort ohne sich verwundert zu zeigen.
-
-„Wollen Sie mir gar nichts von Ihrem Ausflug erzählen?“ fragte er
-obenhin.
-
-Sie versuchte ihre Verlegenheit unter einem Kichern zu verstecken, das
-ihm weitab von aller echten Fröhlichkeit erschien. Denn ihr Gesicht,
-in dem bei einer wirklichen Freude alle Falten mitlachen mußten, blieb
-sorgenvoll.
-
-„Ach,“ machte sie, „das ist doch kein Ausflug gewesen, Herr
-Rechtsanwalt!“
-
-„Wie haben Sie Fräulein von Ostried gefunden, Pauline?“
-
-„Ich hab’ halt wieder Pech gehabt.“
-
-„S--o, nahm Ihnen die Person von neulich zum zweiten Mal den Mut?“
-
-Sie wurde ärgerlich.
-
-„Sie sollen das doch nicht sagen, Herr Rechtsanwalt! Natürlich war ich
-oben. Und geklingelt hab’ ich auch. Mir hat aber Keiner aufgemacht.“
-
-„Die Herrschaft wird ausgeflogen gewesen sein. Der Tag war ganz dazu
-gemacht.“
-
-„Nein, zu Haus waren sie ganz gewiß.“
-
-„Ihr Fräulein würde doch die alte Pauline, deren Liebling sie immer
-noch ist, nicht so schlecht behandeln! Sie werden sich geirrt haben,“
-widersprach er.
-
-„Ich konnte es auch lange nicht fassen. Aber es war doch wohl so. Ehe
-ich ihr ins Haus ging, habe ich mir nebenan die kleinen, netten Gärten
-auf dem Bauland besehen. Vor dem Fenster an der Ecke stand Eine und
-guckte gerade auf mich runter. Ich kann beschwören, daß das unser
-Fräulein gewesen ist.“
-
-„Sie haben sich eben versehen, beste Pauline. Ihre Augen haben sechzig
-Jahre gedient. Da müssen Sie nicht mehr zu viel von ihnen verlangen.“
-
-„Sie war’s bestimmt, Herr Rechtsanwalt. Ich hab’ raufgewinkt und sie
-hat in der ersten Ueberraschung auch die Hand gehoben. Aber bloß ganz
-matt. Nachher war sie gleich weg. Dann bin ich nach oben. Wohl zehnmal
-hab’ ich geklingelt. Gerade wollte ich wieder gehen, da schob eins so
-recht heimlich von innen die Platte vom Guckloch weg. Das Fräulein
-war’s aber nicht. Vielleicht die Andere.“
-
-„Deren Aufenthalt bei Fräulein von Ostried die Person damals
-mißbilligte?“
-
-„So denke ich’s mir!“
-
-„Konnten Sie das Gesicht wahrnehmen?“
-
-„Freilich! Ich hab’ doch scharf aufgepaßt. Ganz elend und durchsichtig
-war’s. Aber schlecht und verworfen -- -- Nee, Herr Rechtsanwalt. Solche
-sehen anders aus.“
-
-„Und dann haben Sie sich also davon gemacht?“
-
-„Was sollte ich sonst tun? Zufällig fand ich einen Bleistift in meiner
-Tasche und den Fahrschein verwahre ich mir auch allemal, weil die
-Kinder darauf wild sind. Auf den hab’ ich geschrieben „die alte Pauline
-war hier!“ und das in den Briefkasten geschoben.“
-
-„Warum setzen Sie sich nicht,“ fragte er plötzlich. „Ich muß noch
-mancherlei mit Ihnen besprechen. Wenn ich mich recht erinnere,
-erzählten Sie mir von Fräulein von Ostrieds reichem Muttererbe. Oder,
-sollte ich mich verhört haben?“
-
-Sie erzählte es noch einmal kurz.
-
-„Sie zeigte Ihnen also, um Sie über ihre Zukunft zu beruhigen, ihren
-ganzen Reichtum?“
-
-„Ja, so war’s!“
-
-„Und die alte sparsame Pauline ist seitdem der Ueberzeugung, daß es
-sich um Fünfzigtausend oder gar noch mehr handelte?“
-
-„Ganz so dumm bin ich doch nicht. Mit Geld weiß ich gut Bescheid. Ehe
-das Fräulein zu uns gekommen ist, hab’ ich alles auf die Bank tragen
-und wieder runterholen müssen, so oft unsere Frau Präsident nicht mit
-ihrem Herzen in Ordnung war.“
-
-„Ich will Ihnen genau sagen, wie viel es gewesen ist. Eintausend Mark
-und kein Pfennig mehr!“
-
-„Nein, nein. Es ist ein ganzes Pack Tausender gewesen.“
-
-„Wenn Sie das eidlich erhärten sollten, gute Pauline.“
-
-„Schwören, meinen Sie doch damit, Herr Rechtsanwalt? Da würd’ ich mich
-keinen Augenblick besinnen. Wieviel Stück es gewesen sind, das kann ich
-auf’s Haar nicht wissen. Zehn oder noch ein paar mehr waren es aber auf
-Ehre und Gewissen. Zehn zum mindesten!“
-
-„Ich will noch etwas arbeiten, Pauline,“ sagte er da ohne weiteren
-Widerspruch.
-
-Mit ein paar eiligen Schritten war sie neben ihm: „Was Schlechtes
-dürfen Sie aber nicht von ihr denken, Herr Rechtsanwalt. Sie ist rein
-wie ein Engel.“
-
-Schwerfällig nahm er in einem entlegenen Winkel seines Arbeitszimmers
-Platz. Möglichst von der Lampe entfernt, deren greller Schein ihm weh
-tat. Zum zweiten Male an diesem Tage bereitete er sich zum Schreiben an
-sie vor. Ach ja, wo war denn der erste Brief geblieben? Genau an dieser
-Stelle hatte er sich befunden, als er fortgegangen war. Er sprang zu
-der alten Pauline hinaus.
-
-„Wo haben Sie den Brief von meinem Schreibtische, Pauline?“
-
-„Sie meinen doch den an unser Fräulein?“
-
-„Ja, wo ist er?“
-
-„Im Briefkasten, Herr Rechtsanwalt. Das war meine erste Arbeit, als ich
-wieder zu Haus war!“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-16.
-
-
-Hinter Eva von Ostried lag ein Tag und eine Nacht voller Kampf und
-Entsagen! Die scharfen Augen der alten Pauline hatten sich nicht
-getäuscht. Es war wirklich ihre Hand gewesen, die sich, wiederwinkend,
-hinter dem Fenster erhob. In jenem Augenblick war ihr das Leben wie
-ein mächtiger Strom, der sie reißend schnell zum Glück führen wollte,
-erschienen. Sie empfand nicht länger in der Nahenden die unerträgliche
-Mahnerin an einen begangenen Treubruch...
-
-Ihre Hand, die nur matt den Gruß erwiderte, war auch nicht schwach
-geworden, weil sie sich fürchtete. Das kam erst später. Sie war selbst
-zur Tür geflogen, um der Kommenden zu öffnen. Sehnsüchtig wartete sie
-ihres ersten, auf der Treppe hörbaren Schrittes. Als er dann endlich
-vernehmbar wurde, vollzog sich mit einem Schlag der Wechsel von
-höchster Seligkeit zum tiefsten Entsetzen.
-
-Erst jetzt kam die eigentliche Strafe für ihre Schuld. Alles
-bisher Durchlittene war nichts gegen dieses. Erinnern und Reue und
-Bußbereitschaft.
-
-Ihr Kampf währte so lange, bis die Schritte Rast machten. Da war er
-wider sie entschieden. Sie schleppte sich ins Zimmer zurück. Nur so
-viel Kraft hatte sie noch gefunden, um der Hausgenossin, die sich schon
-beim ersten Klingelzeichen zur Tür begeben hatte, das Oeffnen zu
-verwehren.
-
-Stundenlang lag sie danach blaß und starr auf dem Ruhebett.
-
-Dann kam Walter Wullenwebers Brief.
-
-Sie preßte den Brief an die schmerzende Brust, als sei sie gewiß, damit
-lasse sich das Stechen und Bohren lindern. Und plötzlich preßten sich
-ihre Lippen auf die Buchstaben.
-
-Das Heimweh war wieder da. Das brennende, wilde Heimweh! Was sollte
-nun werden? Eva von Ostried wußte, als sie den Brief gelesen, daß
-sie täglich und stündlich auf ihn gewartet hatte! Ungezählte Mal
-wiederholte sie sich die Worte seiner Liebe. Und dennoch haftete keines
-in ihr, außer den wenigen: „.. Sie sind rein. Ich weiß es!“
-
-Was sie in München nach Ralf Kurtzigs unerwarteter Werbung zum ersten
-Mal empfunden hatte, daß sie dem Mann ihrer Liebe jenes furchtbare
-Geheimnis enthüllen müsse, ehe sie die Seine werden könne, wurzelte
-bereits fest in ihr. Walter Wullenweber sollte wissen und richten! In
-seine Hände wollte sie die Entscheidung über ihr Schicksal legen.
-
-Und dann erschien es ihr doch unerhört grausam. Sie suchte unentwegt
-nach einem barmherzigen Ausweg.
-
-Er würde sie verachten! -- Vielleicht war seine Liebe aber so heiß, daß
-er sie dennoch zu seinem Weibe machte?
-
-Ja, und deshalb sollte er dies wissen!
-
-Aber als sie die Feder eintauchte, beschloß sie, es ihm zu
-verschweigen. Denn nun war ihr unbändig heißer Stolz erwacht. Eine
-glaubhafte Erklärung, woher die Mittel zu ihrem Studium stammten,
-würde sich finden lassen. Was wußte ein lediger Mann von den Kosten
-einer Haushaltungsführung aus dem Nichts -- von der Notwendigkeit
-aller sonstigen Anschaffungen. Schlimmstenfalls konnte sie ihm von
-jetzigen großen Einnahmen durch Schüler und Konzerte sprechen und das
-Ueberwinden des ersten Jahres nach dem Tode der Präsidentin durch die
-vorhandene kleine Erbschaft und reiche Selbstersparnisse erklären. Sein
-Vertrauen war groß genug, um ihr alles zu glauben. Es erschien ihr
-unerschöpflich wie ein Brunnen über der springenden Erdquelle.
-
-Das ging aus seinem Briefe hervor.
-
-Es handelte es sich ja auch um sein Glück! Nicht lediglich um das ihre!
-Wem schadete sie, wenn das Geheimnis ihrer Schuld gewahrt bliebe?
-
-Wieder las sie seine Zeilen.
-
-Dann verriegelte sie ihre Tür.
-
-Gegen Abend tastete sie sich endlich empor und antwortete ihm. Sie
-hätte nicht zu sagen vermocht, woher ihr die Kraft dazu gekommen war:
-
- „Vom ersten Augenblick unseres Kennenlernens an habe ich Sie als
- einen grundguten Menschen empfunden. Viele solcher waren mir bis
- dahin nicht begegnet. Darum zeigte ich mich auch anders, wie sonst.
-
- Ich danke Ihnen für alles, was Sie mir in Ihrem Brief gesagt haben.
- Es soll mir ein Ansporn zum Reifer- und Besserwerden sein. Erwidern
- kann ich Ihre Liebe nicht. Ich habe mir die Kunst erwählt. Ihr muß
- ich treu bleiben. Das begreifen Sie wohl. In dieser Stunde nehme
- ich Abschied für immer von Ihnen und fühle für Sie wie für einen
- lieben, großen, treuen Bruder, den ich innig bitte, uns Beiden
- jedes Wiedersehen zu ersparen.
-
- Es brächte mir nur Qualen und keine Sinnesänderung.
-
- Aber wissen sollen Sie, daß mein Herz keinem andern gehört noch
- jemals gehören wird....“
-
- * * * * *
-
-In der Karlsenschen Villa waren die Rolläden herabgelassen.
-
-Die junge Herrin des Hauses verließ seit Wochen das Zimmer nicht mehr.
-Zuerst war es eine harmlose Erkältung gewesen, hervorgerufen durch eine
-Fahrt im offenen Wagen bei empfindlichem Ostwind. Paul Karlsen hatte
-damals im „Deutschen Opernhaus“ als Stolzing auf Engagement gesungen
-und, fiebernd vor Stolz und Rausch, erklärt, daß er im geschlossenen
-Gefährt ersticken müsse. Da waren sie selbstverständlich ohne das
-schützende Verdeck mit dem feurigen Braunen der Kommerzienrätin durch
-die Nacht gejagt, um irgendwo mit ein paar auserwählten Kollegen den
-ungeheuren Erfolg des Abends bei eiskaltem Sekt zu feiern.
-
-Frau Elfriede war selig gewesen, weil er sie dazu mitnahm. Unter dem
-Vorwande, dadurch schneller nach der Vorstellung heimzukommen, hatte
-sie das Gefährt von ihrer Mutter, die es sonst dem Schwiegersohn nicht
-gewährte, erbeten, nachdem diese umsonst die zarte Tochter von einem
-Theaterbesuche bei dem rauhen Wetter abzuhalten versucht hatte.
-
-In ihrem lichtblauen Seidenkleide mit den wundervollen echten Spitzen
--- das Rot des Fiebers und der Erregung auf dem schmalen Gesicht --
-hatte die junge Frau fast hübsch ausgesehen. Dankbar umfaßte sie ihres
-Mannes Rechte, weil er sie nicht zuvor heimgeschickt, um dann allein
-zur Nachfeier fortzustürmen.
-
-Freilich glaubte sie genau zu wissen, daß er das bisher einzig aus
-Sorge für ihre Gesundheit so getan. Aber eben deswegen jauchzte sie
-inwendig, daß sie +einmal+ von ihm als Gesunde betrachtet wurde.
-
-Wie hätte sie darum auch nur das leiseste Wort einwenden dürfen, als
-er den Kutscher zu immer größerer Eile anfeuerte? Der Wind schnitt wie
-mit scharfen Messern in ihre empfindliche Haut. Ihre Brust begann zu
-schmerzen, weil sie krampfhaft den Atem einhielt. Sie brauchte aber nur
-ihres jungen, sieghaften Stolzings zu gedenken, dessen Stimme besonders
-im Preislied von berückendem Glanz gewesen. So war sie zugleich Weib
-und Kind! Wunschlos glücklich und daneben neugierig auf den Blick in
-das bunte Leben.
-
-Nun war es ihr nicht viel anders wie den kleinen Spätmalven ergangen!
-Sie büßte schwer. Aus der Erkältung war ein Husten geworden, der sich
-sehr böse und hartnäckig gestaltete, weil ihn die Leidende zu lange
-verheimlichte. Die schmerzhafte Brust- und Rippenfellentzündung, die
-sich hinzugesellte, war zwar auch wieder überwunden. Eine kleine
-Schwäche blieb indes zurück. Das Herz war angegriffen! Nur das Herz. --
-
-Frau Eßling besuchte die Tochter täglich. Aber sie vermied es, mit
-dem Schwiegersohn zusammenzutreffen. Das ließ sich, ohne damit zu
-verletzen, sehr gut einrichten. Seitdem Paul Karlsen den fünfjährigen
-Vertrag, der ihn an das „Deutsche Opernhaus“ band, unterzeichnet hatte,
-war er noch weniger wie früher in seinem Heim anzutreffen.
-
-Heimlich vor der Tochter hatte sich die Kommerzienrätin erkundigt,
-ob ihn die Proben zur Zeit so voll, wie er behauptete, in Anspruch
-nahmen. Und die gewonnene Auskunft mußte es bestätigt haben, denn sie
-widersprach Frau Elfriede nicht mehr, wenn die über die Grausamkeit der
-Spielleitung zu klagen begann. --
-
-Im übrigen betrachtete sie diese Erkrankung, die ja, Gottlob, bald zur
-Genesung werden sollte, als ihr Geschenk, das sie dankbar genoß. Ihre
-Befürchtungen waren auch geringer geworden, seitdem sich die Tochter
-endlich bereit gefunden, während einiger Wintermonate mit ihr nach St.
-Blasien zu gehen. Der wöchentlich einmal zu dem Hausarzt hinzugezogene
-Professor erklärte sich mit dem Verlauf durchaus zufrieden und die
-junge Frau selbst fühlte, außer der Mattigkeit, keinerlei Beschwerden.
-
-Heute hatte sie sogar heimlich das Bett verlassen, um mit dem Gatten
-das Mittagsmahl in dem feierlichen Speisezimmer einzunehmen. Sie
-brach aber unter den geschickten Händen der Jungfer, die sie für die
-Ausführung ihres Planes gewonnen, zusammen.
-
-Nun ruhte sie längst wieder in den kostbaren Kissen und lauschte auf
-den Tritt ihres Mannes, der sogleich hörbar werden mußte. Denn Paul
-Karlsen wollte ihr den Rest dieses Tages zum Geschenk darbringen. Die
-Proben fielen aus, ein paar von der Kollegenschaft sehnlichst begehrte
-Aussprachen hatte er, nach seinem Bericht, abgesagt. Deshalb blieb
-auch die Kommerzienrätin heute fern. Nur der übliche Morgengruß, ein
-Strauß frischgeschnittener Herbstblumen aus dem Heimatsgarten standen
-auf der Glaseinlage des Nachttisches.
-
-Vor dem Ruhelager stand ein zierlicher, mit bunten Weinranken und
-flammendem Mohn geschmückter Tisch mit zwei Gedecken. Die drei von
-schweren weißen Perlen gehaltenen rosa Schalen brannten und erfüllten
-alle Gegenstände mit warmem, erwartungsvollem Leuchten.
-
-Sie wußte, wie sehr ihres Mannes Stimmung von äußeren Dingen
-abhängig war. Hatte unzählige Mal erlebt, daß ihn ein trüber Tag --
-ein klagendes Wort, -- ja, selbst eine unfrisch gewordene Blume in
-den Vasen reizen und niederdrücken konnte. Darum sollte ihm alles
-entgegenstrahlen wie zu einem Feste.
-
-Selbst der graue Tag hatte sich gegen Mittag aufgehellt. Ein frischer
-Wind fegte die letzten Wolken zusammen und warf sie in das Nichts. Die
-Rolläden wurden jetzt emporgezogen. Der buntfarbige Schein des wilden
-Weins vermählte sich mit den rosa Schleiern zu einer verschwimmenden
-Farbe von unbeschreiblichem Reiz.
-
-Die junge Frau dachte daran, daß sie in diesem Herbst eigentlich mit
-dem Gatten in das kleine Landhaus am Scharmützelsee hatte flüchten
-wollen, um wie eine richtige Hausfrau selbst die Mahlzeiten zu
-bereiten, während er auf der dazu gekauften ergiebigen Jagd das
-Wildpret für den nächsten Tag erlegte! Dies kleine Märchen, mit dem
-sie ihm, sehr gegen den Willen der Mutter, einen langgehegten Wunsch
-erfüllte, war für sie zu einer Quelle beständiger Sehnsucht geworden.
-
-Denn Paul Karlsen verbrachte seither die wenigen Mondscheinnächte, die
-ihm keine Berufspflichten auferlegten, im Anstand auf der Wildkanzel,
-und sie durfte ihm lediglich mit jedem ihrer Gedanken auf diesen
-Streifzügen begleiten.
-
-Gerade wollte sich ein tiefer, schmerzlicher Seufzer gegen die Härte
-des Geschicks auflehnen, als ein leichter, federnder Schritt vor ihrer
-Tür erklang.
-
-Im Augenblick veränderte sich ihr Gesicht. Von innen heraus kam das
-Strahlen, übergoß nun auch sie mit dem Schimmer rosigen Lebens --
-tuschte ein liebliches Rot auf ihre Wangen und setzte glänzende Lichter
-in ihre Augen, die ihm entgegen lachten.
-
-„Wie schön, daß du endlich da bist, Paulchen.“
-
-Er küßte ritterlich ihre Hand und warf sich, ehe er ihr gegenüber Platz
-nahm, mit einem kleinen fröhlichen Jauchzer, der sie unbeschreiblich
-glücklich machte, auf das kostbare Fell des Eisbären, welches ein
-zweites breites Ruhebett deckte.
-
-„Du bist eine ganz raffinierte Person, Elfchen! Direkt gefährlich hast
-du’s gemacht!“
-
-„Gefällt es dir wirklich, Paulchen?“
-
-„Es ist -- nee -- stimmungsvoll wäre nicht das richtige Wort! Warte
-mal --“ und er dachte scheinbar darüber nach, während er in Wahrheit
-überlegte, wie er ihr nachher glaubhaft machen könne, daß er nun doch
-nicht den ganzen Nachmittag und Abend an ihrem Lager verbringen werde.
-
-Die feine, gepflegte Hand sank herab.
-
-„So -- jetzt hab ich’s! Raffiniert drückt es auch nicht voll aus. Sagen
-wir mal -- verliebt --“
-
-„Das bin ich aber gar nicht in dich.“
-
-„Erlaube mal! Mein gutes Recht habe ich mir noch nie kürzen lassen.“
-
-„Ich habe dich lieb,“ sagte sie mit rührender Schlichtheit.
-
-Er hatte genau gewußt, daß sie dies erwidern würde, wie sie ihm
-überhaupt keinerlei Ueberraschungen zu bereiten vermochte. Auch diesen
-wirklich netten Ausputz hatte er ganz bestimmt erwartet. Es rührte ihn
-gewiß, aber langweilig blieb die ewig gleiche, dienende Unterwürfigkeit
-und Anbetung dabei doch.
-
-„Du bist ein gutes, liebes Tierchen,“ lobte er freundlich, „erwähle dir
-eine Extrabelohnung.“
-
-„Darf ich sehr unbescheiden sein, Paulchen?“
-
-„Wollen mal sehen,“ machte er lässig.
-
-„Dann lies mir, nachdem wir gegessen und du dich gründlich geruht
-hast, etwas vor. Besondere Wünsche wage ich nicht. Deine Stimme
-erfüllt ja alles, auch das, was mich früher nicht fesseln konnte, mit
-unvergleichlichem Glanz.“
-
-Es schmeichelte seiner Eitelkeit. Aber -- ihr vorlesen -- gräßlich
-langweilig! Neue Hinweise fand die gute, kleine Frau doch nicht
-heraus. Lernen konnte er also dabei nichts. Im voraus fühlte er ihre
-grenzenlose Bewunderung -- sah förmlich, wie sie, überwältigt von
-seiner Begabung, in Tränen ausbrach und schließlich ihre Arme um seinen
-Hals schmiegen wollte.
-
-Da war die kleine Teufelin, das Evachen, eine andere Zuhörerin. Die
-junge Dresdener Künstlerin hatte neben ihm in den Meistersingern
-gewirkt. Nun weilte sie zwar längst wieder an ihrem Hoftheaterchen und
-zeigte vorläufig nicht die geringste Lust, dies gegen ein anderes, und
-sei es selbst dasjenige, an dem er glänzte, einzutauschen. Heute war
-sie auf der Durchreise in Berlin und, wie ihm ihr Telegramm mitteilte,
-gern bereit, ihm im Esplanade ein langbemessenes Plauderweilchen zu
-gewähren.
-
-„Schön,“ sagte er endlich gönnerhaft, als sei er nun mit dem Nachdenken
-fertig, „was nehmen wir also? Goethe, ja? Ein bißchen sollst du noch
-vor Tisch naschen!“
-
-Sie nickte mit leuchtenden Augen -- und wartete.
-
-Er dachte einen Augenblick daran, ihr einfach von einer dringenden
-beruflichen Zusammenkunft zu erzählen, die ihm morgen sehr viel Zeit
-fortnehmen würde. Dann aber schob er diesen Gedanken vorläufig zurück.
-Vorsichtig begann er das herbeigeholte Buch aufzuschlagen und fuhr mit
-den Fingern über die einzelnen Gedichte, als liebkose er sie.
-
-„Hören wir mal die Epigramme, die der Meister in Venedig schuf.“ Und er
-begann träumerisch und weich das Dritte:
-
- Immer hat mich die Liebste begierig im Arme geschlossen,
- Immer drängt sich mein Herz fest an den Busen ihr an.
- Immer lehnt ihr Haupt an meinen Knien. Ich blicke
- nach dem lieblichen Mund, ihr nach den Augen hinauf.
-
-Sie war wie berauscht. Die Freude, weil dieser Begnadete ihr gehörte,
-beschleunigten ihren flatternden Herzschlag noch mehr. Dies zarte
-Geständnis -- auch seiner Liebe -- entschädigte sie für vieles, um das
-sie zuweilen andere junge Frauen glühend beneidete. War ihr Glück dafür
-nicht auch tausendmal vielfältiger und reicher?
-
-Als er jetzt verstummte, wollte sie so fröhlich lachen, wie er es gern
-hatte, einen Scherz versuchen, damit die von ihm bespöttelte Weichheit
-fernblieb.
-
-Und sie konnte doch nur haltlos und überglücklich weinen! Es half
-nichts, daß sie sich sofort seine lebhafte Abneigung gegen alle Tränen,
-die nicht auf der Bühne vergossen wurden, klarmachte. Unaufhaltsam
-strömten die Tropfen über ihr Gesicht und löschten alle trügerische
-Frische fort.
-
-Wie durch einen Schleier gewahrte sie, daß er seinen Mund mißbilligend
-verzog. Todesangst ergriff sie, der schöne sehnsüchtig erwartete Tag
-möchte ihm zu einer großen Enttäuschung werden!
-
-„Ich bin zu glücklich,“ entschuldigte sie sich leise.
-
-Er war aufgestanden und zu ihr getreten.
-
-„Matt bist du, mein Kleines und ich, alter Tölpel, gebe mich zu dieser
-unprogrammäßigen Aufregung auch noch her.“
-
-„Du willst doch nicht sagen --“ Ihre Stimme zitterte ängstlich.
-
-„Daß ich unmöglich den langen geschlagenen Nachmittag oder gar noch
-den Abend deine angegriffenen Nerven quälen darf, so schwer mir ein
-freiwilliger Verzicht auf diese famosen Stunden auch wird.“
-
-„Paulchen, ich flehe dich an! Glaube mir doch, es ist nichts, als die
-große, große Freude, dich heute bei mir haben zu dürfen.“
-
-„Der Meergreis von Hausarzt, der dich kennt, solange du überhaupt da
-bist, hat mir strengste Ruhe und Schonung für dich zur heiligsten
-Pflicht gemacht.“
-
-„Aber ich ruhe mich ja gerade bei der Musik deiner Stimme aus! Höre
-nur, wie wundervoll artig mein Herz geht.“
-
-Lachend schüttelte er den Kopf. „Davon verstehe ich nichts, Elfchen!
-Ich weiß jetzt lediglich, daß es dein Wohl gilt. Höchstens zwei Stunden
-insgesamt bleibe ich bei dir. Dann entschwinde ich. Du schläfst fein
-ein und träumst von mir, wenn nicht besser von unserm Altmeister
-Goethe.“
-
-„Das besorge ich an sämtlichen andern Tagen schon, Paulchen,“ beharrte
-sie in fieberhafter Unruhe. „Dies heute ist mein Festtag, den ich nicht
-hergebe.“
-
-„Sei nicht kindisch, dumme, kleine Frau.“
-
-Sie richtete sich auf und blickte ihn fast streng an.
-
-„Ich werde sofort aufstehen und mich ankleiden lassen. Jawohl, das
-mache ich! Ganz bestimmt, wenn du grausam bleibst.“ Er lenkte ein.
-
-„Gut, dann will ich auch noch den Nachmittagstee bei dir nehmen. Aber
--- Hand her. Kein Wort hinterher zu deiner Mama oder zu dem Meergreise!
-Auch der häusliche Detektiv muß ahnungslos bleiben. Für ihn verschwinde
-ich gleich nach dem Mittag, das hoffentlich nicht mehr allzu lange
-auf sich warten läßt. Denn, verzeih, Kleines, aber ich habe einen
-Bärenhunger.“
-
-Er sprach den Speisen mit dem Appetit eines beneidenswerten Gesunden
-zu, der eine beträchtliche Menge braucht, um sich den Ueberschuß seiner
-Kraft zu erhalten. Seiner Stimme zu liebe war er ein sehr mäßiger
-Trinker. Und dies blieb das einzige Opfer, das er brachte. Denn er
-liebte einen guten Tropfen bei lustiger Gesellschaft und brauchte ihn
-eigentlich zur Anreizung noch mehr, wenn sie fehlte. Darum hatte er
-bei jeder der Hauptmahlzeiten einen Kampf mit sich zu bestehen, der
-schließlich eine erhöhte Reizbarkeit auslöste.
-
-Heute beschloß er eine Ausnahme zu machen.
-
-Er hob den Sekt aus dem Kühler und war im Begriff den Kelch seiner
-Frau zu füllen, als er, noch ehe er begonnen, die Flasche wieder steil
-emporhielt.
-
-„Die Zufuhr von jeglicher Flüssigkeit muß bei dir -- nach den Herrn
-Aerzten -- möglichst beschränkt werden. Das Herzchen darf sich nicht
-überarbeiten.“
-
-Sie zog ein Schmollmäulchen.
-
-„Nur ein einziges Glas, Paulchen. Wir haben uns ja ohnehin schon gegen
-Mama, den Arzt und den Alten verschworen.“
-
-„Nun, dann will ich ausnahmsweise großmütig sein. Schaden kann es
-eigentlich kaum. Trinke einen tüchtigen Schluck und dann berichte
-wahrheitsgemäß von seiner Wirkung.“
-
-Weil sie fühlte, wie sehr sie einer Stärkung bedurfte, leerte sie den
-Kelch hastig. Er drohte ihr scherzhaft.
-
-„Leichtsinn du! So war’s nicht gemeint.“
-
-Bittend schob sie ihm das schlanke Glas herüber. „Noch einmal, ja?“
-
-„Auf gar keinen Fall, Frau Elfriede.“
-
-„Ich sollte doch Bericht geben. Wie aber vermag ich das. Kaum ein
-Fingerhut voll war es.“
-
-Er tat ihr mit einem nachsichtigen Lächeln den Willen.
-
-Sie stießen miteinander an. Ihre Lippen röteten sich.
-
-„Jetzt mußt du auch tüchtig essen,“ forderte er und häufte ihr den
-Teller. Das hatte er noch nie getan. Es erfüllte sie mit heißer
-Dankbarkeit. Gehorsam begann sie. Aber es ging nicht.
-
-„Ich bin immer noch zu durstig,“ gestand sie mit einem verlegnen
-Seufzen. „Gib mir noch etwas. Merkst du nicht, wie es mich erfrischt?“
-
-„Habe ich mich denn verhört, daß dir die vereinigte Macht der Aerzte
-alle Flüssigkeitsaufnahme streng beschränkte,“ fragte er gedankenlos
-und vergaß, daß er es bereits vorher, als feststehend, erwähnt hatte.
-„Gewiß, ich irre mich. Denn du bist doch sonst verständig und folgsam
-wie eine kleine Musterschülerin.“
-
-„Das hast du entschieden geträumt, Paulchen. Vor ein paar Wochen, ja,
-da hat die ärztliche Obrigkeit etwas Aehnliches gesagt. Das Verbot
-hat längst ausgewirkt. Heute ist es also mein gutes Recht.“ Warm
-und wohlig durchrieselte sie das edle, berauschende Getränk. Auch
-er begann sich behaglich zu fühlen. Im Allgemeinen war’s doch recht
-hübsch, daß er es so weit gebracht hatte. Einige Unbequemlichkeiten
-gab es freilich zu überwinden. Die scharf äugende Schwiegermama -- der
-Detektiv von Diener und zuweilen sogar die kleine, verliebte Frau. Denn
-sie war rechtschaffen wie ein Backfisch in ihn verliebt, trotz ihres
-großartigen Protestes. Zu einem richtig flammenden machtvollen Gefühl
-reichte ihr bißchen Kraft nicht aus.
-
-Sie merkte, daß er fröhlich wurde. Das spannte ihre Kräfte an und ließ
-sie nichts denken, als daß er voll glücklich sein möge. Die leise,
-geschickte Jungfer bediente heute bei Tisch. Daß der Alte bei den
-sterbenden Malven stand und scharf ins Zimmer hereinspähte, konnten sie
-nicht ahnen, denn sie waren beide mit sich und den prickelnden Tropfen
-zu sehr beschäftigt.
-
-Paul Karlsen blieb auch bei ihr, als das kleine Mahl beendet war.
-
-„Jetzt mußt du deine Havanna rauchen,“ drängte sie liebevoll.
-
-„In deinem Krankenzimmer? Nee, mein Schatz so ungeniert betrage ich
-mich denn doch nicht --“
-
-Sie hatte aber schon ein verborgen gehaltenes Schächtelchen mit
-Zigarren hervorgeholt.
-
-„Heute kommandiere ich, mein Lieb.“ Lachend ließ er sich die schwere
-Havanna von ihr entzünden.
-
-„Wenn uns jetzt deine Vorgesetzten sehen, Kleines.“
-
-„Ich erkenne nur dich an und sonst niemand.“
-
-„Na, na,“ machte er mit erhobenem Finger.
-
-„Soll ich dir eine Probe von meiner Unfolgsamkeit gegen sie alle
-ablegen?“
-
-„Das wirst du gefälligst unterlassen. Es wäre wahnsinnig, wenn du in
-deiner Lage eine Unvorsichtigkeit begingest.“
-
-Ein schmerzhafter Stich durchzuckte ihr Herz. In deiner Lage? O, wie
-sie die beständigen Hinweise auf ihre Schonungsbedürftigkeit haßte.
-
-Freilich hatten sie nicht immer den gleichen Klang! Die Mutter wählte
-zarte Umschreibungen dafür. Der alte Hausarzt bezeichnete es einfach
-mit den verschiedenen sanften, warnenden oder empörten O--o! Der alte
-treue Diener wagte zuweilen ein leises, flehendes aber. Sie meinten in
-allen Fällen das Gleiche.
-
-„Nämlich, nimm dich in Acht. Sonst --“
-
-Sie dachte plötzlich mit der Empfindung aufrichtigen Mitleids an alle,
-die einen frühen Tod erleiden mußten. Auch an die Schwestern, die sie
-noch lebhaft in der Erinnerung als stille, bleiche, ungeliebte Wesen
-hatte.
-
-Sie aber wurde geliebt wie kaum eine zweite Frau, war glücklich und
-dachte noch lange nicht an das Sterben! Dies bißchen Unpäßlichkeit.
-Nun, was hatte dies zu sagen? War nicht diese oder jene aus ihrer
-Bekanntschaft ebenfalls eine Zeitlang bleichsüchtig und matt gewesen?
-
-Sie wollte gesund und stark werden. Für sich und den Liebsten und all
-das, was vielleicht die Zukunft noch für sie bereit halten würde. Und
-beweisen wollte sie ihm ebenfalls, wie unnötig und übertrieben die
-ewige Bevormundung sei!
-
-Sie rang sich auf und lief zu ihm! Er lag auf dem kostbaren
-Eisbärenfell und paffte runde, kunstgerechte Ringel in das Rosa der
-Luft.
-
-Es stieg ihr wie Lachen auf, aber sie mußte husten, als solle sie
-ersticken.
-
-„Leichtsinn,“ schalt er. Aber auch er lachte dabei.
-
-Sie begann, durch den ungewohnten Genuß des Sektes angeregt, durch den
-eigenen Willen hochgehalten, zu tollen und wieder zu lachen, zerrte
-eins der seidenen Kissen unter seinem Kopf hervor, warf es gegen sein
-Gesicht und stand einen Augenblick mit wogender Brust -- atemlos von
-der ungewohnten Anstrengung mit einem Gefühl heftigen Schwindels.
-
-Als es überwunden war, ohne daß er etwas davon gemerkt hatte, erhöhte
-sich ihre Ausgelassenheit noch. Ein Rausch glühte in ihr. Dann wurde
-sie mit einem Schlage ganz matt. Er fühlte ihren leichten Körper schwer
-und immer schwerer in seinen Armen und trug sie auf ihr Lager zurück.
-Dort lag sie regungslos unter dem Geriesel der feinen Spitzen.
-
-„Jetzt sagst du lange Zeit kein einziges Wort,“ befahl er. „Ich werde
-nicht weiter ruhen, sondern wieder lesen. Also, weiter im Text mit
-unserm Goethe.“
-
-Sie strengte sich umsonst an, ihm zu folgen. In bleischwerer Müdigkeit
-sanken ihre Lider zu. Es war sehr still. Denn auch Karlsens weiche,
-schmeichelnde Stimme klang wie ein Streicheln, das alles noch sanfter
-machte. Er sah nach einer Weile zu ihr hin und entdeckte, daß sie
-eingeschlafen war.
-
-Sobald er verstummte, öffnete sie die Augen und starrte ihn mit
-seltsam leeren Blicken an. Es war ihm auch, als röchele sie leise. Er
-ging nicht zu ihr, um sie zu befragen, ob sie Schmerzen habe, aber
-er begann wieder zu lesen, bis er endlich, heftig und mißmutig, das
-Buch zuklappte und sich erhob. Da öffneten sich ihre Lider von neuem.
-Diesmal streckten sich in zitternder Bewegung die Arme nach ihm aus.
-
-„Paulchen.“ In traumverlorener Bitte klang sein Name. Da ging er
-großmütig an ihr Lager und küßte sie.
-
-„Schlaf weiter, kleine, müde Frau!“
-
-Ihre Lippen waren so kühl, daß er zusammenfuhr. Ihr Gesicht ähnelte,
-nun die Röte der Erregung daraus geschwunden, einer geblichenen Maske.
-Wie sein Mund den ihren berührte, lächelte sie dankbar.
-
-Unter dem feinen Batist der losen Jacke sah er das stoßweiße Zucken des
-matten Herzens -- merkte, wie ihre blassen Lippen nach einem tiefen,
-erlösenden Atemzug dursteten. Mit kaltem Schrecken durchrieselte ihn
-der Gedanke, daß plötzlich eine Verschlechterung eingetreten sein
-könne, die ihn ans Haus fesseln mußte. Ihn zog es unwiderstehlich fort
--- ins Esplanade.
-
-Er wollte der Jungfer von seiner Befürchtung Mitteilung machen, ehe
-er verschwand. Sah dann aber ein, daß er ihr lediglich von seinem
-Ausgange sagen könne, damit sie sich zu der Kranken begebe. Sein
-mehrmaliges Läuten nach ihr blieb indessen wirkungslos. Nur der alte
-Diener erschien. Ohne stehen zu bleiben, rief er ihm, nur den Kopf
-zurückwendend, zu:
-
-„Die gnädige Frau hat mit bestem Appetit gegessen und jetzt schläft sie
-herrlich. Ich fahre nach dem Scharmützelsee hinaus, um auf den Rehbock
-zu gehen. Melden Sie das der Frau Kommerzienrat.“
-
-Eine Antwort erhielt er nicht. Ungeduldig stürmte er durch den
-Vorgarten, ohne zu sehen, daß sich über das alte Gesicht im Vestibül
-eine heimliche Träne stahl!
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-17.
-
-
-Auf dem gärtnerischen Hätschelkinde des neueren Charlottenburgs,
-dem Savigniplatze, rief ein alter Invalide eine Neuigkeit aus dem
-Morgenblatte aus. Eva von Ostried wartete hier seit geraumer Weile
-auf ihre Bahn; als die heisere Stimme an ihr Ohr schlug, streckte sie
-mechanisch die Hand aus und kaufte ein Blatt.
-
-Zuerst überflog sie die fettgedruckte Ueberschrift ohne sonderliches
-Interesse. Dann aber las sie mit scharfer Spannung und konnte nicht
-gleich voll begreifen:
-
- „Kurz vor Redaktionsschluß ging uns die folgende Nachricht zu, die
- eine angesehene und sehr wohltätige Dame der Berliner Gesellschaft
- in tiefe Trauer versetzt. Als sich gegen acht Uhr abends in einem
- zuvor für diesen Zweck bestellten Zimmer im Hotel Esplanade die uns
- von der letzten Aufführung der „Meistersinger“ her als vollendetes
- „Evachen“ bekannte Dresdener Kammersängerin J. P. mit dem neuen
- Heldentenor des Charlottenburger Deutschen Opernhauses, Herrn
- P. K., zu einem Imbiß niedergelassen hatten, erzwang sich eine
- auffallend gekleidete Person den Eingang in diesen Raum und schoß
- den vielversprechenden Künstler nieder. An einem zweiten Schusse,
- den sie im Begriff stand, auf seine Begleiterin abzugeben, konnte
- sie glücklicherweise gehindert werden. Der sofort herbeigerufene
- Arzt vermochte leider nur noch den Tod des hochbegabten Sängers
- festzustellen. Aus eigner Ueberzeugung wissen wir, daß dem
- heimgegangenen Künstler eine glänzende Laufbahn sicher war, die
- das grauenhafte Verbrechen jäh zerstörte. Die Personalien der
- Mörderin waren bis zu dieser Stunde noch nicht festzustellen,
- weil sie hartnäckig jede Auskunft über ihre Person verweigerte.
- Der Direktor des Hotels glaubt in ihr eine frühere Chansonette zu
- erkennen. Ob dies richtig ist, bleibt abzuwarten. Dagegen erfahren
- wir zuverlässig, daß am Nachmittag desselben Tages, also noch
- bevor das Schreckliche geschah, die junge, seit langer Zeit schwer
- leidende Gattin des Künstlers in ihrem schönem Heim im Grunewald
- einem Herzschlag erlag. Ihr plötzlicher Tod steht in keinerlei
- Zusammenhang mit dem Vorfall. Sie war die einzige noch lebende
- Tochter der eingangs erwähnten Frau Kommerzienrätin E., die mit ihr
- nun auch das letzte Kind verliert, nachdem vor Jahren ihre beiden
- älteren Töchter von einer heimtückischen Krankheit dahingerafft
- wurden....“
-
-Eva von Ostried setzte sich auf eine der Bänke, vor denen eine Schar
-Kinder spielten. Sie war bestürzt, denn Karlchen war das Opfer seiner
-Schuld, und wieder flammte es in riesenhafter Schrift vor ihr auf:
-„Der Uebel größtes...“ Und diesmal vervollständigte sie ruhig und fest
-„aber ist die Schuld“. Seitdem sie ihr Lebensglück opfern mußte, fand
-sie keine Strafe dafür zu groß. Es verging kein Tag, an dem nicht der
-heiße, zwingende Wunsch zur Sühne in ihrer Seele flammte.
-
-Als Eva von Ostried nach Hause kam, fand sie die Hausgenossin scheinbar
-unverändert am Herde walten. Das gewährte ihr eine vorübergehende
-Erleichterung. So legte sie die Arme um die schmalen Schultern und
-führte Gretchen Müller sanft in das kleine Zimmer, in das die liebe
-Sonne und das bunte Herbstlaub der alten Parkbäume hineinschienen.
-
-„Ich habe Ihnen das Versprechen gegeben, Sie niemals, wie die Andern,
-durch eine Frage zu quälen, Fräulein Gretchen“, begann sie unsicher.
-„Denn es muß alles seine Zeit haben, um heilen zu können, Gretchen. Und
-wir haben es deshalb noch nie in Worte gefaßt -- -- ich weiß aber, wie
-nahe Ihnen Paul Karlsen einst gestanden hat...“
-
-„Ich habe ihn sehr lieb gehabt. -- -- Das ist lange, lange her...“
-
-„Und jetzt...“
-
-„Sie wollen mir sagen, daß er tot ist, nicht wahr?“
-
-„Sie wissen bereits?“
-
-„Ich habe alles gelesen,“ antwortete das Mädchen.
-
-Sie schauerte zusammen. „Ich habe ihn verachtet -- ihm geflucht --
-und doch -- im innersten Herzen liebte ich ihn weiter. Warum das sein
-muß, weiß ich nicht. Ich schämte mich, daß ich mich heimlich von ihm
-küssen ließ, daß ich den Meinen Kummer und Schande machen mußte. Ich
-löste mich eines Tages von ihm, schlug und spie nach ihm, und habe doch
-immer nach seinem Anblick Sehnsucht gehabt. Keinem könnte ich das sonst
-sagen, wie Ihnen. Als ich ihm folgte, wollte ich nichts anderes, als
-daß er mich bald zu seiner Frau machen würde. Daß er nicht mehr frei
-war, erfuhr ich viel später. Seitdem hat er mich nicht mehr berühren
-dürfen. Tagelang habe ich gehungert, weil ich sein Geld verachtete;
-denken Sie doch, das Geld seiner Frau! Kannten Sie sie? Ja? Wie sah sie
-aus? Ich denke sie mir wie ein Kind, das weder einen eigenen Willen
-noch ein eigenes Leben hatte.“
-
-„So ist sie wohl gewesen?“
-
-„Ihr Vertrauen zu ihm muß grenzenlos gewesen sein. Darüber wurde eines
-Tages in dem Kreis, in den er mich einführte, hinter seinem Rücken viel
-gespöttelt. Dadurch habe ich davon erfahren....“
-
-„Nur darum ist sie schrankenlos glücklich gewesen und auch geblieben,
-Gretchen.“
-
-„Glauben Sie an ihr Glück?“
-
-„Ich habe es gefühlt,“ sagte Eva von Ostried und erzählte ihr, wie sie
-die junge zarte Frau kennen gelernt.
-
-„So glauben Sie nicht, daß sie etwas von mir geahnt hat?“
-
-„Auf keinen Fall. Er war zu gewandt und zu klug, um ihr nicht die
-vollendete Komödie des treuen Ehemannes vorzuspielen.“
-
-„Dann wird sie mir auch niemals geflucht haben.“
-
-„Nein, mein Kleines, das konnte sie bestimmt nicht tun, weil sie
-ahnungslos war. Wäre sie es aber selbst nicht geblieben -- hätte sie
-im Laufe der Zeit einsehen müssen, daß seine Treue weniger wie ein
-fadenscheiniges Tuch darstellte, dazu hätte weder ihre Kraft noch ihre
-Veranlagung ausgereicht. Was sie an Gefühlsstärken besaß, gehörte ihm.“
-
-„Können Sie sich vorstellen, daß ich am meisten um diese arme, stille,
-vertrauensselige Frau gelitten habe?“
-
-„Ja, das kann ich! Es war aber unnötig.“
-
-„Nun ist sie gestorben, ohne dies erleben zu müssen...“
-
-„Das erscheint mir als ihr größtes Glück. -- Ich muß heute noch meine
-Rechnungsbücher abschließen, Kind,“ meinte Eva dann in verändertem,
-ruhigen Tone. „Es ist sehr viel nachzutragen. Und Briefe muß ich
-ebenfalls schreiben. Denn bald geht es zu den beiden Konzerten nach
-München. Ich möchte Sie gern mitnehmen. Könnten Sie sich jetzt nicht
-leichter entschließen?“
-
-„Meine Angst vor der lauten Welt ist trotzdem größer geworden,“ gestand
-Gretchen Müller beschämt. „Aber auch, wenn ich meine Bangigkeit
-bekämpfen könnte, wäre die Qual zu groß für mich.“
-
-„So elend fühlen Sie sich wieder?“
-
-„Das wäre übertrieben. Ich bin nur dauernd sehr müde. Sehen Sie, jetzt
-könnte ich zum Beispiel auf der Stelle einschlafen. Und nachts in der
-gegebenen Zeit vermag ich kein Auge zu schließen.“
-
-„Ich mache mir bittere Vorwürfe, daß ich Ihnen nachgab und den Arzt
-lange Zeit nicht befragte.“
-
-„Glauben Sie wirklich, daß er mir noch helfen kann?!“ Sie lächelte.
-Das gab ihrem durchsichtigen Gesicht den gleichen, unendlich rührenden
-Ausdruck, wie ihn die Heiligen auf den alten, steifen Bildern in
-Kirchen besitzen.
-
-„Sie sind zu viel allein, Gretchen.“
-
-Eva von Ostried rechnete wirklich. Es war dasjenige, was ihr zu
-erlernen am schwersten geworden war. Wenn sie rückwärts dachte, hatte
-sie von jener Summe keinen Pfennig zu irgend einem unnützlichen
-Vergnügen verbraucht. Und doch schmolz das Geld erschreckend zusammen.
-
-Der Sommer hatte ihr im Verhältnis wenig Einnahmen gebracht. Die
-schwerreiche Schülerin im Grunewald verlobte sich und verlor die Lust
-zu weiterem Lernen. Ihre Lehrer forderten mit dem Steigen aller Werte
-bedeutend höhere Honorare....
-
-Es wäre aber dennoch nur ein Teilchen über die Hälfte entnommen
-gewesen, hätte sie Gretchen Müller nicht Obdach und Pflege gewährt.
-Zuerst entnahm sie für diesen Zweck der kleinen Tasche skrupellos
-Schein um Schein. Bis sie plötzlich mit jähem Entsetzen merkte, daß sie
-nur noch zwei enthielt. Die Leidende mußte nach der strengen Forderung
-des Arztes, ohne daß sie einen klaren Begriff davon bekam, auf das
-Sorgfältigste gepflegt werden. Der Leidenden einfach zu eröffnen, daß
-es ihr -- leider -- nicht länger möglich sei, sie zu behalten, erschien
-ihr mehr als grausam. Ja, ihr Herz wollte es auch nicht zugeben! Sie
-hing an dem stillen scheuen Wesen.
-
-München mit der Einnahme der beiden Konzerte stand zwar in naher
-Aussicht. Wer aber vermochte den Ertrag im Voraus zu berechnen?! Es
-brauchten nur ungewöhnlich zahlreiche Darbietungen der ähnlichen Art
-zusammenzutreffen, dann war das Ergebnis bei weitem nicht das erhoffte.
-Das Honorar für den neunten November, in dem sie im Blüthnersaal singen
-würde, war zwar festgelegt, aber nicht sonderlich hoch bemessen. Ihr
-war es mehr auf das Zusammenwirken mit dem bekannten Künstlertrio wie
-auf die Einnahmen angekommen.
-
-Wie sollte sie also jemals imstande sein, mit Zins und Zinseszins,
-wie sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht, alles zurückzugeben? Die
-heimliche Not wuchs zuweilen so mächtig, daß sie sie in alle Welt hätte
-hinausschreien mögen.
-
-Und doch wachte sie mit ängstlicher Sorgsamkeit über jedem ihrer Worte,
-meinte oft genug aus einer unschuldigen Frage oder einem bedeutsamen
-Blick ein Ahnen ihres Frevels herauszulesen.. Sie arbeitete und lernte
-nur noch wie ein Automat! Einmal mußte ja doch alles anders werden!
-
-Sollte sie sich jetzt noch der Bühne zuwenden?
-
-Das sonderbare Erschauern durchkältete sie von neuem. Ihre Keuschheit
-kämpfte dagegen an. Aber war sie nicht schön? Liefen ihr die Männer
-nicht in voller Bewunderung nach? Nur ihres ermunternden Lächelns hätte
-es bedurft, um die Fäden zu knüpfen. Sie mußte ihr Leben von Grund auf
-ändern. Die Gleichgültigkeit gegen die kleinen Geschehnisse des Daseins
-fortan bekämpfen. Da lag zum Beispiel noch uneröffnet die schon vor
-Stunden angekommene Post.
-
-Weltbewegendes war nicht darunter. Ein Schüler sagte für diesen
-Nachmittag seine Stunde ab und erbat sich eine andere Stunde dafür. Das
-brachte wieder Mühen und Aenderungen in Menge. Ihr theoretischer Lehrer
-fragte an, ob sie eine in der Berliner Gesellschaft durch Schönheit und
-Geld wohlbekannte Gräfin regelmäßig zum Gesang begleiten wolle. Sie
-zahle ausgezeichnet. Dazu verspürte Eva von Ostried nicht die geringste
-Lust, so gern sie auch ihre Einnahmen vergrößert hätte. Ihr Stolz
-bäumte sich auf. In dem Bewußtsein ihrer Künstlerschaft empfand sie das
-Anerbieten als eine Beleidigung. Freilich war es gut gemeint, denn sie
-hatte neulich in seiner Gegenwart einen vernehmlichen Seufzer über die
-wachsenden Ausgaben getan.
-
-Eine Handschrift auf dem graugetönten steifen Leinenumschlag war ihr
-fremd und nicht angenehm. Sie zeigte so viel Schnörkel und Haken, als
-wisse der Schreiber nicht voll mit sich Bescheid. Es war der Brief des
-Waldesruher Majoratsherrn, der sie für Mittwoch nächster Woche zur
-Teilnahme an der Familiensitzung der Ostrieds in das Haus Adlon einlud.
-
-Früher hätte sie ihn achtlos bei Seite geschoben. Ihre einzige
-Empfindung wäre möglicherweise eine berechtigte Bitterkeit gewesen,
-daß sich das gesamte edle Geschlecht niemals um ihr Wohl bekümmert
-habe. Eine Erinnerung aus ihrer Kinderzeit an zwei Erscheinungen, die
-ihr damals wie aus Holz geschnitzt erschienen, tauchte auf. Die beiden
-steifen, stummen Gestalten thronten eines Tages an der Spitze der
-elterlichen Mittagstafel. Zwischen ihm hatte ein rothaariges, kleines
-Mädchen von ihrem Alter Platz genommen, das sie lebhaft an ihren toten
-Goldfisch erinnerte. Dessen Augen hatten aus dem gläsernen See ebenso
-blaß, rund und erstaunt geblickt, wie diejenigen der schweigsamen Puppe.
-
-Sie hatte die beiden Steifen mit Großtanten anreden und ihnen die Hand
-küssen sollen. Das war ihr aber nicht möglich gewesen, weil sie ein
-heftiger Widerwille geschüttelt hatte.
-
-Ihr zarte, scheue Mutter hörte mit ängstlichen Augen den späteren
-Erklärungen der ungebetenen Gäste zu, die wiederholt betonten, daß
-sie lediglich des gebrochenen Wagenrades halber hier Einkehr gehalten
-hätten.
-
-Der Vater hatte zuvor in den Ställen seine Wut über den unerwünschten
-Besuch ausgetobt. Aber nachher küßte er selbst die häßlichen Hände aus
-Holz. Und dann waren sie plötzlich wieder fort gewesen! Näheres erfuhr
-die kleine Eva über den kurzbemessenen Besuch von keiner Seite. Nur
-wenn sie ungehorsam war, schreckte sie die Kinderfrau mit der Drohung.
-„Warte, die gnädigen Großtanten sollen schon wiederkommen....“
-
-Es traf aber nicht ein. Es kam seitdem überhaupt Niemand mehr von der
-Verwandtschaft! Noch einmal überlas sie das Schreiben. Ihm fehlte jede
-persönliche Bemerkung. Auch wurde eine Antwort auf diese Einladung
-nicht erwartet. Wer nicht erschien und auch keinen Einspruch gegen den
-bekannt gegebenen Tag erhob, unterwarf sich dem von der Mehrheit der
-Anwesenden gefaßten Beschluß.
-
-Heute überlegte Eva von Ostried mit einem Gefühl der Genugtuung, daß es
-ihr gutes Recht sei, unter diesen Andern zu sitzen und mitzustimmen.
-Ihr Einspruch würde genügen, um einen neuen Tag in Vorschlag zu
-bringen. Diese Feststellung befriedigte sie. Seitdem sie jene Schuld
-auf sich geladen, verlangte sie heißhungrig nach äußerer Anerkennung
-ihrer Standesrechte. Wenn es sich also mit ihren Pflichten vereinen
-ließe, würde sie vielleicht dieser Einladung nachkommen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-18.
-
-
-Der Generalleutnant a. D. Jeschko von Ostried, Exzellenz, zog zum
-dritten Male die Uhr aus der Tasche, warf einen scharfen Blick über die
-mit ihm an der gleichen Tafel Sitzenden und stellte fest: „Vier Uhr
-genau!“ Dann wartete er noch eine Minute und erhob sich.
-
-„Als Aeltester der hier anwesenden männlichen Ostrieds eröffne ich
-hiermit den Familientag unseres Geschlechts und begrüße Alle an
-dieser Stelle.“.... Hier unterbrach er sich und sah aus strengen, eng
-zusammengeschobenen Augen auf den plötzlich erscheinenden alten Diener
-des Kummersbacher Vetters, der die verschiedenen Ostrieds im Vestibül
-zu empfangen und hierher zu weisen hatte. „Der Kummersbacher kann seine
-Untergebenen keine Subordination lehren“, dachte er grimmig, während er
-nervös mit der Rechten auf der Tafel herumtrommelte.
-
-„Es ist noch eine Dame angekommen, die sich Fräulein Eva von Ostried
-nennt“, meldete der Alte gemütlich. „Soll ich sie hereinführen, Euer
-Exzellenz?“
-
-„Nein,“ schrie der Generalleutnant, „denn nach der vollzogenen
-Eröffnung brauche ich das nicht mehr zu gestatten.“
-
-„Mach’ dich nicht lächerlich, Vetter,“ warf der Besitzer der Herrschaft
-Kummersbach, Mitglied des Herrenhauses, launig dazwischen und blinkte
-seinem getreuen Hermann verständnisinnig zu.
-
-„Los... hopp!“
-
-Die Falkenaugen des alten Soldaten blitzten und die Adlernase stach
-gefährlich in die Luft. Das zurechtweisende Wort erstarb ihm aber auf
-den Lippen. In diesem Augenblick öffnete sich nämlich zum zweiten Mal
-die Tür und ließ eine junge, auffallend schöne Erscheinung sehen.
-
-„Um vier Uhr genau ist der Beginn der Verhandlung in jeder Einladung
-festgesetzt. Wer sind Sie überhaupt, wenn ich fragen darf,“ rief ihr
-die Exzellenz entgegen.
-
-„Es schlägt soeben vier Uhr,“ sagte die Nahende ruhig und trat dicht
-an den Ehrenplatz und damit zur Seite des Generalleutnants. Ihr Kopf
-wandte sich dabei ein wenig nach rückwärts, als lausche sie.
-
-„Hören Sie, bitte.“
-
-Sie hörten es natürlich Alle, aber die meisten glaubten es trotzdem
-nicht.
-
-„Ich kenne Sie nicht,“ sagte der Generalleutnant wieder, weil er mit
-einer zwischen Aerger und Bewunderung geteilten Empfindung zu kämpfen
-hatte.
-
-„Ich bin Eva von Ostried, die Tochter des im Jahre 1913 auf Waldesruh
-verstorbenen Majoratsherrn Weddo. Hier ist meine Einladung!“
-
-Er warf einen flüchtigen Blick darauf.
-
-„Danach steht Ihnen natürlich die Teilnahme an dieser Sitzung frei. Ich
-darf Sie vorstellen.“
-
-Und er nannte ihren Namen, ohne ihr die der Anwesenden bekannt zu
-geben. Eva von Ostried fühlte, wie ihr das Blut heiß ins Gesicht schoß.
-
-Sie hatte keinen freundlichen Empfang erwartet. Diese Strenge und
-Formlosigkeit empfand sie aber als Beleidigung. Vielleicht hätte sie
-stolz genug sein müssen, um jetzt zu gehen, aber sie lächelte nur --
-und blieb!
-
-„Wohin darf ich mich setzen?“ fragte sie ruhig und hell.
-
-Da stand Jemand auf und näherte sich ihr. Er war breitschultrig und
-sonnverbrannt und seine Augen blickten unter den eisgrauen Brauen noch
-jünglingsklar.
-
-„Zu mir,“ sagte er kurz und herzlich. „Ich bin der Kummersbacher. Ob
-dir das irgend etwas besagt, ahne ich nicht. Ich nenne dich du. Du
-erlaubst doch?“ Und er bot ihr ritterlich den Arm und führte sie an
-seinen Platz. „So, hier setz’ dich einstweilen. Bitte, Vetter Horst
-Waldemar, etwas nach links, damit mein Hermann noch einen Schemel
-reinklemmen kann“.
-
-So saß Eva von Ostried denn neben dem, der auf Lebenszeit im Herrenhaus
-Nachfolger ihres Vaters war. Eine peinliche Pause entstand. Wieder
-durchbrach die Stimme des Kummersbachers die Schwüle.
-
-„Ich will dir besser alle Anwesenden nennen, liebe Base.“
-
-Und ohne sich durch den abweisenden Ausdruck der meisten Gesichter
-beirren zu lassen, stellte er sie einzeln vor.
-
-Schlank und stolz stand Eva von Ostried neben der breitschultrigen
-Gestalt und neigte ihr Haupt nicht tiefer, wie sie das in allen andern
-Fällen getan hätte, denn es streckte sich ihr keine Hand entgegen. Die
-weiblichen Mitglieder beachteten sie anscheinend überhaupt nicht. Nur
-die Männer spähten verstohlen nach ihr hinüber. Ihre Schönheit wirkte
-verblüffend auf sie. Die gesuchte Einfachheit ihrer Kleidung hob die
-knospenden Formen auf das Vorteilhafteste. Die ausdrucksvollen Augen
-leuchteten aus dem sanften Elfenbeinton der weichen Haut und in dem
-Nußbraun ihrer Flechten spielten goldene Lichter.
-
-Horst Waldemar, der Majoratsherr, sah von seiner Höhe herab prüfend
-auf die neue Nachbarin. Er mußte zugeben, daß er sie sich anders
-vorgestellt hatte. Zwar mußte er nach dem Bilde, das sie im Kindesalter
-neben ihrer Mutter zeigte, auf ein hübsches Gesicht gefaßt sein....
-diesen außerordentlichen Reiz mit einer sichern und nicht nur
-gespielten feinen Vornehmheit gepaart, hatte er nicht erwartet. Seine
-Ansicht über die Tochter seines Vorgängers wurde dadurch natürlich
-keineswegs geändert. Nach wie vor empfand er ihre Zugehörigkeit zur
-Familie, die, mochte sie auch jahrelang nicht hervorgetreten sein, eine
-Stunde wie die jetzige, zweifelsfrei feststellte, als peinlich. Bisher
-hatte er noch nicht mit dem Mitglied einer Bühne unter den Augen seiner
-weiblichen Verwandten an dem nämlichen Tisch gesessen. Trotzdem sprach
-er sie jetzt an.
-
-„Ich werde mir nächstens gestatten, in einer geschäftlichen Sache an
-Sie heranzutreten, gnädiges Fräulein.“
-
-Sie betrachtete ihn erstaunt. Er hatte das kühle wesenlose Gesicht
-eines Menschen, der sich im Widerspruch mit den Schnörkeln und Haken
-seiner Handschrift befand. Sie war überzeugt, daß er sehr genau mit
-sich und seinen Wünschen Bescheid wußte. Kühl und knapp antwortete sie
-ihm, während doch ein eisiges Erschrecken sie anpackte. Es war sehr
-möglich, er kam ihr noch mit unbeglichenen Forderungen aus ihres Vaters
-Schuldkonto.
-
-„Sie können es einfacher haben. Ich bin schon heute bereit, Sie
-anzuhören.“
-
-Er verneigte sich verbindlich. „Hoffentlich finde ich nachher
-Gelegenheit dazu. Jetzt ergreift aber Vetter Exzellenz endlich das
-Wort!“
-
-Der Generalleutnant holte tief Atem, sah jeden Anwesenden, außer
-Eva von Ostried, fest an, um sich das Nennen der einzelnen Namen
-zu ersparen und begann: „Uns Andern ist die Vorgeschichte unseres
-Verwandten Edgar von Ostried-Javelingen zur Genüge bekannt. Denn wir
-gewährten ihm die Mittel zum Studium. Ich spreche dies also für das
-fremde Mitglied. Die Studien hat er mit Abschluß des nötigen Examens
-ordnungsgemäß und rechtzeitig erledigt. Leider mußten wir danach noch
-einmal eingreifen, und diesmal ungebeten. Er wollte nämlich eine
-Stellung als Regisseur annehmen. Bei einem Theater.“ Hier räusperten
-sich die gnädigen Großtanten vernehmlich und die Zwillinge kicherten
-verschämt auf. „Das war natürlich, so lange er sich offiziell zu
-uns bekannte, nicht tunlich. Wir wiesen ihn auf die Tätigkeit des
-privaten Schriftstellers hin, die auch seiner angegriffenen Gesundheit
-zuträglicher war.“
-
-„Darum pfeift er nun wohl auch auf dem sogenannten letzten Loch,“ warf
-der Kummersbacher trocken ein. Der Einwand blieb aber unbeachtet und
-die Exzellenz fuhr fort:
-
-„Er hat in unserm Auftrage die Familiengeschichte unseres Geschlechts
-neu bearbeitet. Selbstverständlich unter Zugrundelegung alter,
-zuverlässiger Quellen. Sie ist gedruckt und bei dem Verlage Müller
-und Schulze in Berlin für 22 Mark jederzeit zu beziehen. Was er sonst
-noch geschrieben hat, weiß ich nicht. Mir hat er einmal ein Drama
-zugeschickt, das mir Anlaß zu einem sehr ernsten Brief gab. Jedenfalls
-befindet er sich zur Zeit in schlechter Vermögenslage. Darum hat er den
-Antrag gestellt, die für bedürftige und würdige Mitglieder auf 5234
-Mark angewachsene Summe verliehen zu erhalten. Ich für meine Person
-hege keine Bedenken, sie ihm zuzuwenden. Der Tatbestand wäre hiermit
-erschöpft. Ich bitte zur Abstimmung zu schreiten. Etwaige Gegengründe
-sind möglichst kurz vorzutragen.“
-
-Hermine von Ostried, die älteste der Großtanten stand wuchtig und
-herausfordernd auf.
-
-„Er selbst bezeichnete sich mir gegenüber als einen freien Künstler.
-Das schickt sich meiner Ansicht nach nicht für ein Mitglied unseres
-Hauses. Was ist das überhaupt? Die Zigeuner, die einst von meinem
-seligen Herrn Vater die Erlaubnis zum Aufschlagen ihrer Buden, in denen
-sie dressierte Affen und Seiltänzer zeigten, nachsuchten, nannten sich
-ebenso. Ich muß darauf bestehen, daß er zuvor ausdrücklich verspricht,
-einem heute ebenfalls noch festzusetzenden Konsortium jede seiner
-Arbeiten vor Drucklegung zu unterbreiten. Denn vor der Welt decken wir
-ihn doch sozusagen.“
-
-Eva von Ostried, für welche die Rede mehr wie für den siechen Dichter
-bestimmt war, der irgendwo im Nebenzimmer auf die Entscheidung
-wartete, um nachher sein gerührtes „Danke schön“ zu stammeln, lächelte
-freundlich.
-
-„Darf ich um das Wort bitten, Exzellenz,“ fragte sie plötzlich sehr
-höflich, als eine kurze Pause entstand.
-
-„Ich war noch nicht fertig,“ sagte die Stiftsdame hochmütig und empört
-über die offensichtliche Belustigung auf dem schönen Gesicht.
-
-„Du bist also nicht für eine bedingungslose Hingabe, beste Hermine,“
-warf der Generalleutnant ungeduldig hin.
-
-„Das habe ich nicht ausdrücken wollen, Jeschko. Ich wollte lediglich
-meinen Standpunkt darlegen.“ Und dann fuhr sie lang und breit in ihrer
-Rede fort, ohne daß ihr jemand aufmerksam zuhörte.
-
-„Diese Summe hätte zwar ebenso gut dem Familiengesetz nach einer
-der ledigen Töchter unserer Familie zugeführt werden können, aber
-meinetwegen mag er sie nehmen,“ äußerte sich ein „Vortragender Rat“
-etwas mißgünstig. Seine Gattin stieß ihn kräftig unter dem Tisch an
-dasjenige Knie, in dem sich zur Zeit grade der Ischiasnerv unerträglich
-regte.
-
-„Ich bitte dich, diese Taktlosigkeit in Gegenwart des Waldesruher.
-Es ist furchtbar mit dir...“ Die hochblonde Ingeborg saß hilflos und
-errötend da, denn sie hatte begriffen, daß diese Bemerkung auch sie
-anging. Ihr Gesicht wirkte sehr weiß und rot. Die Augen hatten den
-starren ausdruckslosen Blick hübscher Wachspuppen. Die kräftige,
-ebenfalls sehr weiße Zahnreihe leuchtete hinter den rosa Lippen auf,
-auch wenn sie, wie jetzt, schwieg.
-
-Ein „Regierungsassessor“ murmelte etwas von „unsereinem hätte es auch
-schon hundertmal bitter not getan,“ aber es wurde dann ohne weiteres
-Einreden zur Abstimmung geschritten und der Diener des Kummersbachers
-erhielt den Auftrag, Herrn Doktor von Ostried Javelingen herein zu
-bitten.
-
-Eva von Ostrieds Blicke richteten sich voll warmen Mitleids auf den
-Eintretenden. Er sah hager und verfallen aus. Seine Kleider saßen
-schlotternd. Seine Hände waren wie vertrocknet. Aber in seinen
-dunkelblauen Augen brannte ein helles Feuer. Er stand neben dem
-Generalleutnant, Exzellenz, doch sah er eigentlich nur die Fremde in
-diesem ihm sonst wohlbekannten Kreise. Sein Dank war verworren und
-längst nicht so überströmend, wie das zu erwarten gestanden hätte. Er
-schämte sich vor dem fremden, ihm über alle Begriffe schön dünkenden
-Mädchen.
-
-Nun war die Hauptsache erledigt!
-
-„Du wolltest vorher etwas sagen, Base Eva, wenn ich nicht irre“.....
-Die jünglingsklaren Augen des Kummersbacher winkten ihr aufmunternd
-zu, als verhießen sie: „Nimm kein Blatt vor den Mund. Ich halte deine
-Kante!“
-
-In Eva von Ostried war allerdings bei den Worten des Stiftsfräuleins
-Hermine heller Zorn emporgelodert. Die versteckte Art, mit der hier
-mehr über sie wie über den armen, krankaussehenden Dichter der Stab
-gebrochen wurde, erschien ihr verächtlich. Nun aber das erste Feuer
-niederglimmen mußte, ohne zu strafen, fühlte sie die alte matte
-Gleichgültigkeit.
-
-Der Regierungsassessor erwachte aus seiner Schläfrigkeit und späte
-erwartungsvoll nach ihr hin. Irrte sie oder zuckte in seinen
-Mundwinkeln ein feiner, überlegenener Spott, der ihrem Schweigen
-galt? Raffte sie sich jetzt nicht zum Sprechen auf, durfte sie
-keinen Augenblick länger verweilen. Denn sie konnte sonst eine nicht
-mißzuverstehende Aufforderung zum Verlassen dieses Zimmers durch die
-Stiftstanten oder durch die soldatische Exzellenz erwarten.
-
-Deshalb erhob sie sich jetzt doch.
-
-„Ich wollte mich, als einzig dazu Berechtigte, in Abwesenheit des
-Angegriffenen gegen die Mißachtung des freien Künstlers wehren,“
-sagte sie ohne Erregung. „Nun aber ist ja der davon Betroffene selbst
-dazu imstande. Wenn mir erlaubt wird, ihm kurz zu sagen, was von der
-Stiftsdame Hermine behauptet wurde...“
-
-„Dagegen protestiere ich,“ schrie die Angegriffene in maßloser Erregung.
-
-„Es ist nicht Sitte, daß aus der geheimen Familiensitzung nachträglich
-dem dabei nicht zugezogenen Hauptbeteiligten Eröffnungen gemacht
-werden,“ entschied der Generalleutnant.
-
-„Ich weise darauf hin, daß ich dies während der Beratung abmachen
-wollte.“ Eva von Ostrieds Zurückweisung des ihr gemachten Vorwurfs
-klang durchaus sachlich. „Nachdem ich von dem Tadel des Herrn
-Generalleutnants Kenntnis habe, verzichte ich auf jedes weitere Wort.“
-
-„Ich verlange, daß du sprichst,“ sagte der Kummersbacher streng und
-scharf. Die andern kannten diesen Ton. Wenn er sich dazu verstieg,
-pflegte er nicht früher Ruhe zu geben, als bis er seinen Willen bekam.
-Eine kleine Pause entstand.
-
-„Vetter Javelingen könnte ja noch mal abtreten,“ schlug der
-Regierungsassessor lässig vor.
-
-„So sprechen Sie denn, wenn es durchaus sein muß,“ erlaubte der
-Generalleutnant kurz. Und Eva von Ostried fuhr fort:
-
-„Es wurde vorher also der umherziehende Zigeuner dem freien Künstler
-gleich erachtet. Das empfand ich an sich als keinen Schimpf. Auch
-der heimatlose Ungar kann sehr wohl etwas von dem Gottesgeschenk in
-sich haben. Ich richte mich gegen den Ton, in welchem der Vergleich
-vorgebracht wurde. Er strebte die Herabsetzung und Verächtlichmachung
-des Künstlerstandes an. Empfindlichkeit liegt mir ebenso fern wie der
-Wunsch, nach diesem Tage vielleicht einen engeren Zusammenschluß an die
-Familie, welcher ich entstamme, zu erstreben. Wenn aber die Rednerin
-auch den abwesenden Dichter vorschob, so richtete sie in Wahrheit
-ihre Angriffe gegen mich. Dabei war sie klug genug, meinen Namen
-nicht klar zu nennen. Besäße ich einen brüderlichen oder väterlichen
-Freund, würde ich diesen zur Erwiderung auf schriftlichem Wege
-veranlassen. Aber ich stehe ganz allein. Nun ist es mir darum zu tun,
-an derselben Stelle, die mich beleidigen wollte, zu antworten. Kurz
-meinen Lebenslauf, seitdem ich Waldesruh verließ: Der Freund meines
-Vaters übernahm meine Ausbildung zur Bühnenkünstlerin. Sein bedeutender
-Ruf verbürgte die Richtigkeit seines Urteils. Nachdem er unerwartet
-starb und mein Vormund, Amtsrat Wullenweber auf Hohen-Klitzig, seine
-Erlaubnis zum Weiterstudium versagte, nahm ich verschiedene Stellungen
-als Kinderfräulein und Gesellschafterin an. Zeugnisse darüber sind
-vorhanden. Zuletzt weilte ich drei Jahre bei Frau Präsident Melchers.
-Ueber diese Zeit erteilt Justizrat Weißgerber Auskunft.“
-
-Der Waldesruher Majoratsherr, der bis jetzt mit leicht gesenktem
-Kopf vor sich niedergesehen hatte, streifte sie mit einem raschen
-Seitenblick. Famos sah sie aus und ganz famos sprach sie auch. Trotzdem
-würde sie von der Familie nach diesem wohl ebenso wenig beachtet werden
-wie bis dahin. Und er schien das Interesse für ihre Ausführungen zu
-verlieren.
-
-„Frau Melchers starb auf einer Reise nach Pommern am Herzschlag und
-ich, die inzwischen mündig Gewordene, beschloß, endlich meinen
-sehnlichsten Wunsch, die Ausbildung zur Bühne, fortzusetzen.“
-
-„Woher hat sie das Geld dazu genommen,“ tuschelte das jüngere
-Stiftsfräulein ihrer Schwester neugierig zu.
-
-Eva von Ostried fühlte, daß sie schwach werden wollte. Nun kam der
-dunkle Punkt! Und es hieb alles wieder auf sie ein... Die Not des
-Gewissens glühte -- die Angst bis an’s Lebensende unter dieser
-heimlichen Schmach zu leiden ... Einen Augenblick gab sie ihre Sache
-verloren. Dann erwachte ihr Stolz. „Meinem Gott und mir... und ihm,
-den ich liebe, bin ich Rechenschaft schuldig. Diesen nicht...“ Und sie
-sprach weiter:
-
-„Das Geld -- ganz recht. -- Das war eine böse Geschichte. Denn mein
-mütterliches Erbteil betrug nur tausend Mark. Ich hätte aber sehr bald
-vielleicht das Zwanzigfache verdienen können, wenn nicht das Blut
-meiner Mutter in mir wach geworden wäre. Ich konnte mich nun doch
-nicht für die Bühne zur Laufbahn entschließen. Die Gründe dafür nenne
-ich hier nicht. Sie würden doch kein Verständnis oder keinen Glauben
-finden. Der Tropfen Ostriedsches Blut -- das Erbe meines Vaters also
--- war nicht dagegen. Zur Zeit verdiene ich meinen Lebensunterhalt
-durch Unterricht und Konzerte. So werde ich im nächsten Monat zweimal
-in München, am neunten November einmal im Blüthnersaal, hier, singen.
-In der Hauptsache ernähren mich die Stunden, die ich begabten Schülern
-erteile. Meine Wohnung befindet sich in Charlottenburg, Königsweg 24.
-Ich hatte nicht nötig, dies alles zu sagen. Wie schon erwähnt, stehe
-ich aber ganz allein für mich ein und bin daher dem niederen Klatsch
-schutzlos ausgesetzt. Das Andenken an meine Mutter verbietet mir, mich
-verdächtigen zu lassen.“ Sie neigte sich leicht und machte Miene zu
-gehen.
-
-Da stand der Generalleutnant, Exzellenz, langsam auf, kam um den Tisch
-herum auf sie zu und hielt die Hand hin.
-
-„Wir Männer haben zu wenig Zeit und auch zu wenig Begabung, um
-die Richtigkeit gehässiger Berichte nachzuprüfen,“ sagte er nicht
-unfreundlich. „Darum tut es mir persönlich leid, wenn Sie sich durch
-unsere bisherige Zurückhaltung verletzt gefühlt haben sollten.“
-
-Einen Augenblick legte sie ihre Rechte in die seine.
-
-„Glauben Sie jetzt aber ja nicht, Exzellenz, daß ich mich in Ihren
-Kreis drängen möchte.“
-
-Er sah erstaunt auf. Gradwegs in ihre wundervollen, klaren Augen. Einen
-Augenblick drohte ihn die weltmännische Sicherheit zu verlassen.
-
-„Und warum nicht,“ fragte er erstaunt.
-
-„Weil ich keine Zeit dazu fände und auch nicht ehrgeizig bin,
-Exzellenz. Sonst stände ich ja wohl heute als Mitglied einer Bühne vor
-Ihnen.“
-
-Die andern Herren hatten sich gleichfalls erhoben und sahen etwas
-verlegen auf den Generalleutnant. Sie tat, als merke sie nichts von dem
-Erwägen, das aus allen Gesichtern sprach.
-
-„Ich muß nun fort, Exzellenz.“
-
-Neben ihr lachte der Kummersbacher behaglich auf. „Nee, meine Tochter,
-du bleibst noch gefälligst eine Weile! Wir machen nachher unten eine
-gemütliche Ecke. Du, meine Wenigkeit, unser Dichter und wer sonst noch
-Lust hat, kann sich anschließen. Sage nicht „nein“... Bitte...“
-
-„Ich wollte mit der gnädigen Base noch wegen geschäftlicher Dinge
-verhandeln. Darf ich also mitkommen?“ fragte der Waldesruher höflich.
-
-„Schön. Kannst du machen! Wann kommt denn übrigens der Anwalt?
-Warum Ihr durchaus die Familienbestimmungen abändern wollt, ist mir
-zwar nicht klar. Es sind ohnehin zu viel. Aber wenn es sonst ein
-vernünftiger Mann ist, kann auch das ganz nett werden. So’n Jurist
-steckt einem manchmal gehörige Lichter über das, was man Logik des
-Denkens nennt, auf.“
-
-Der Waldesruher klemmte das Monokel ins Auge und prüfte die Uhr. „In
-zwei Stunden wird er da sein. Solange hätte ich also Zeit.“
-
-Eva von Ostried stand unschlüssig zwischen den Beiden. „Es hat doch
-keinen rechten Zweck,“ meinte sie leise zu dem Kummersbacher.
-
-„Zweck,“ lachte der vergnügt. „Na wer weiß! Sieh mal rüber. Die
-gnädigen Stiftstanten giften recht erheblich, weil ihr Liebling, die
-brave Ingeborg, fortwährend sehnsüchtige Blicke zu uns rüber wirft.
-Allein darum lohnt es sich schon.“
-
-„Willst du mit von der Partie sein, Inge,“ fragte er laut. „Ich stehe
-dafür ein, daß du ungestohlen wieder abgeliefert wirst.“
-
-„Wir wollten den Waldesruher Vetter grade herzlich bitten, daß er mit
-uns den Tee nimmt,“ lehnte das ältere Stiftsfräulein in süßlichem Ton
-für sie ab.
-
-Horst Waldemar von Ostried ging hinüber und küßte der Sprecherin
-flüchtig die Hand, die immer noch wie dürres Holz erschien.
-
-„Leider kann ich heute der gütigen Einladung nicht folgen, verehrte
-Großtante. Ich bemerkte schon soeben, etwas Geschäftliches hindert mich
-an diesem Vergnügen.“
-
-Dem Dichter war es endlich gelungen, sich an Eva von Ostrieds Seite zu
-drängen. „Wie innig habe ich Ihnen zu danken,“ flüsterte er.
-
-„In der Hauptsache sprach ich für mich,“ meinte sie lächelnd.
-
-„Daß Sie es überhaupt sagten, war schön.“
-
-„Traurig genug, dass es gesagt werden mußte, nicht wahr?“
-
-Er nickte. „Sie ahnen ja gar nicht, wie unbeschreiblich glücklich Sie
-sind.“
-
-„Ich!“ machte sie erschrocken. „Warum denn nur? Sie haben gehört -- ich
-bin von meinem gesteckten Ziele abgeirrt ...“
-
-„Aus freien Stücken, ja! Diesen Zwang kann man sich wohl gefallen
-lassen.“
-
-„Er zerbricht auch mancherlei. Glauben Sie nur!“
-
-„Was wissen Sie davon? Ihre Augen sind licht und rein.“ In diesem
-Augenblick trat der Kummersbacher wieder heran und verdrängte ihn durch
-das Vorhandensein seiner mächtigen Gestalt.
-
--- Zu Vieren saßen sie um einen Rundtisch.
-
-„Ich bringe dich nachher nach Hause,“ sagte der Kummersbacher. „Das
-erlaubst du mir wohl? Auf der Fahrt können wir uns beide noch ein
-bißchen aussprechen.“
-
-Sie richtete sich auf und lächelte krampfhaft.
-
-„Ich glaube, du bist sehr gut, Onkel Friedrich Wilhelm. Aber, nun ist
-es für alles zu spät.“
-
-Sie sprach es nur für ihn. Ihre Stimme war ein Flüstern. Der
-Waldesruher unterhielt sich weiter mit dem Dichter, obgleich er ihn im
-übrigen nicht als vollwertigen Menschen ansah.
-
-„Mir kannst du vertrauen, Kind. Ich begreife dich schon!“
-
-„So war’s nicht gemeint. Ich dachte lediglich an das mancherlei
-Schwere, das ich als junges, unreifes Ding, damals ganz allein mit mir,
-abmachen mußte. Das machte mich vorübergehend bitter. Jetzt bin ich
-damit fertig. Wirklich. Eine gemeinsame Fahrt denke ich mir für dich
-sehr unangenehm nach diesem Sekt. Ich benutze nämlich die elektrische
-Bahn.“
-
-„Und dir von mir einen Wagenplatz bezahlen zu lassen, das widerstrebt
-dir, mit andern Worten.“
-
-„Ja, das tut es!“
-
-„Du bist eine seltsame Heilige, scheint mir.“
-
-„Aber nicht darum.“
-
-„Also außerdem auch noch. Das kann ich leider nicht beurteilen.“
-
-Der leichtergraute Kopf des Waldesruher wandte sich in diesem
-Augenblick zu ihr hin.
-
-„Darf ich jetzt endlich meine Frage an Sie richten, gnädige Base?“
-
-„Ich bitte darum, Herr von Ostried.“
-
-Er zuckte unter ihrer förmlichen Anrede ein wenig zusammen und saß
-danach noch steifer und hochmütiger auf seinem Platz. Sonst war er
-derjenige, der unerwünschte Vertraulichkeiten zurückwies.
-
-„Sie besitzen von Ihrer Frau Mutter einen Schatz wertvoller, alter
-Möbel.“
-
-„Das ist Ihnen bekannt?“ wunderte sie sich. „Wie seltsam.“
-
-„Nicht so sehr, wie es den Anschein hat. Waldesruh und Hohen-Klitzig
-grenzen noch immer.“
-
-„Das hatte ich beinahe vergessen.“
-
-„Und einen Teil der alten Leute behielt ich in meinen Diensten.“
-
-„Wirklich?“ fragte sie mit leisem Spott.
-
-Er überlegte, ob er ihr eine scharfe Zurechtweisung erteilen solle,
-unterließ es aber, um sie nicht, ohne jedes Nachdenken, zu einer
-abweisenden Antwort zu veranlassen.
-
-„Die haben mir also davon berichtet,“ fuhr er fort, „als gerade eine
-Sendung aus Berlin ankam, die von Kluserichter, dem Gutstischler,
-ausgepackt wurde. Ich bin dann bald zu dem Amtsrat herübergefahren, um
-sie zu besichtigen. Er verwies mich indes an Sie.“
-
-Sie hatte wiederholt daran gedacht, sich auch diese Sachen in ihr Heim
-kommen zu lassen, unterließ es aber, weil die jetzige Wohnung keinen
-genügenden Raum dafür bot. Ihr Herz hing zudem nicht an den Stücken.
-Für einen guten Preis würde sie sich jetzt ohne weiteres davon getrennt
-haben, weil sie diejenigen Möbel, die einen wirklichen Erinnerungswert
-für sie besaßen, bereits umgaben. Sie diesem zu überlassen, verbot
-ihr Stolz. Wieder spürte sie die unsägliche Nichtachtung, die darin
-lag, daß er ihrem toten Vater nicht die letzte Ehre erwies, die
-Kaltherzigkeit, mit welcher er ihr, der Heimatlosen damals schriftlich
-begegnete.
-
-„Diese Sachen sind unverkäuflich,“ gab sie kurz zur Antwort.
-
-„Sie wollen also gar nicht mein Gebot hören?“
-
-„Es würde mich nicht umstimmen.“
-
-Sein Hochmut fand die schroffe Ablehnung einfach lächerlich. Eine
-kindische Ueberhebung von dieser gänzlich Mittellosen, die mit eisigem
-Schweigen abgetan zu werden verdiente. Die Leidenschaft des Sammlers
-versuchte dennoch ein Letztes:
-
-„Vielleicht darf ich später noch einmal nachfragen, ob Sie Ihre Ansicht
-geändert haben?“
-
-Sie zuckte die Achseln. -- In demselben Augenblick hatte er
-blitzschnell die ihn eiskalt überrieselnde Empfindung, daß neben dieser
-unpersönlichen Stimme, die nach einem Wiedersehen verlangt hatte, auch
-noch der Mann in ihm danach strebte. Brüsk erhob er sich.
-
-„Verzeihung, ich will Befehl geben, daß mir sofort die Ankunft des
-Rechtsanwalts gemeldet wird.“
-
-„Das brauchst du doch nur an meinen Hermann nach oben zu
-telephonieren,“ riet der Kummersbacher und unter seinem eisgrauen Bart
-zuckte die Schadenfreude über die schneidige Abfuhr auf.
-
-Trotz des Rates nahm der andere nicht wieder Platz. Es trieb ihn fort.
-Das Gefühl lebhaften Aergers über die schroffe Ablehnung, nach welcher
-er beschlossen hatte, den schlauen Agenten auf Eva von Ostrieds Schätze
-zu hetzen, war verflogen. Jetzt wehrte er sich lediglich gegen das
-wachsende Wohlbehagen, das ihm ihr Anblick bringen wollte.
-
-„Weshalb hast du eigentlich den Anwalt so heimlich bestellt,“ fragte
-der Kummersbacher vergnügt.
-
-„Heimlich? Das dürfte nicht zutreffen. Es war vorher mit Jeschko
-ausgemacht, daß wir abändern wollten. Ihr habt Euch ja in Pausch und
-Bogen schon längst vorher damit einverstanden erklärt. Mir fiel neben
-dem Abfassen von der Bekanntgabe des Familientages natürlich auch die
-Wahl des Anwalts zu.“
-
-Er merkte nicht, daß ihn der Frager nur noch ein wenig fesseln wollte,
-um mit inniger Schadenfreude zu prüfen, ob seine längst gemachte
-Feststellung von dem starken Eindruck der schönen Base auf den Egoisten
-wirklich zutreffe.
-
-„Ich kenne hier nämlich verschiedene sehr tüchtige Anwälte,“ beharrte
-er eigensinnig, „und denen würde ich gern eine Kleinigkeit zu verdienen
-gegeben haben.“
-
-„Dieser ist mir ebenfalls warm empfohlen. Ein gewisser Doktor
-Wullenweber, vereinigt mit dem als sehr tüchtig anerkannten Justizrat
-Weißgerber. Zudem Neffe meines Klitziger Nachbarn.“ Dann verneigte
-er sich stumm gegen Eva, ohne ihr die Hand zu reichen und nickte den
-beiden andern zu.
-
-Sie sah plötzlich starr und bleich aus. Oder veränderte nur der erste
-fahle Schein der Dämmerung, der gespenstisch durch die steingrünen
-Vorhänge kroch, ihr Aussehen?
-
-„Die Luft ist hier nicht besonders gut, nicht wahr?“ erkundigte sich
-der Kummersbacher teilnehmend, als sie jetzt zu Dreien waren.
-
-„Ich muß nach Hause,“ sagte sie tonlos, ohne auf seine Frage zu
-antworten.
-
-Es erschien ihr alles nebensächlich und phrasenhaft neben dem einen,
-was sie soeben gehört.
-
-„Dieser Entschluß kommt ein bißchen plötzlich, Kind..“
-
-Schweigend knöpfte sie an ihren Handschuhen.
-
-„Ich blieb schon viel zu lange.“
-
-„Warum ärgerst du dich eigentlich,“ forschte er beinahe sanft. „Ich
-sehe keinen Anlaß.“
-
-Sie lachte. Aber es klang wie ein Schrei.
-
-„Aergern, nein, wirklich nicht!“
-
-„Schön, dann also nicht! Meine Begleitung war dir nicht angenehm und
-anders hast du es dir inzwischen wohl nicht überlegt?“
-
-„Es war unrecht, daß ich gekommen bin,“ klagte sie leise.
-
-„Ich freue mich aufrichtig darüber. Das kannst du mir glauben.“
-
-Sie reichte ihm beide Hände zum Abschied. „Vielen, vielen Dank, Onkel
-Friedrich Wilhelm.“
-
-„Möchte wohl wissen, wofür?“ brummte er. „Ich sage trotz deines
-deutlichen Abwinkens, „auf baldiges Wiedersehen.“ Höre mal zu. Im
-Oktober bin ich wieder auf vier bis fünf Wochen daheim. Dann kommst du
-zu mir. Ich bitte dich herzlich darum.“
-
-Sie stand mit schlaff herabhängenden Armen vor ihm.
-
-„Versprich mir das,“ drängte er, „Unser Dichter wird auch kommen.“
-
-Der blasse Mensch freute sich wie ein glückliches Kind.
-
-„Ja -- ich komme bestimmt. Das wird sehr schön werden.“
-
-„So schnell kann ich nicht Vertrauen fassen,“ entschuldigte sie sich.
-
-„Siehst du, das begreife ich. Daß du wenigstens versuchen willst, es zu
-bekommen, das kannst du mir auch versprechen?“
-
-„Ich glaube nicht, daß ich diesen Versuch machen werde.“
-
-Er hatte ihr die breiten wuchtigen Hände auf die Schultern gelegt und
-zog sie sanft zu sich heran. „Man hat es nicht anders verdient. Stimmt!
--- Trotzdem --“ Und er neigte sich zu ihr und küßte sie auf den Mund.
-„Denn ich könnte bequem dein Großvater sein, Mädel,“ sagte er nachher
-wie erklärend, „aber auch schon mit der Vaterwürde wäre ich sehr
-zufrieden!“
-
--- -- Wie eine Träumende ging sie die breiten, schönen Straßen
-herunter. Sein Name hatte alles wieder aufgewühlt. Sie kam nicht los
-von ihm. Und es mußte doch geschehen.
-
-„Verehrte Base, gestatten Sie, daß ich Sie begleite --“ Ihr Kopf fuhr
-herum. Das gelangweilte Gesicht des Regierungsassessors sah in diesem
-Augenblick äußerst angeregt und verschmitzt aus. Eine Blutwelle der
-Empörung stieg ihr bis in die Stirn hinauf.
-
-„Ich gestatte lediglich, daß Sie sofort von meiner Seite verschwinden,“
-sagte sie kalt und würdigte den Verblüfften keines Blickes weiter.
-
-[Illustration]
-
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-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-19.
-
-
-„Sie, Herr Rechtsanwalt Wullenweber, haben sich, wie mir mein
-Waldesruher Vetter mitteilt, bereits über den Inhalt der vorhandenen
-Familiengesetze unterrichten können,“ sagte Generalleutnant von
-Ostried, der zur Vorbesprechung über die neu aufzunehmenden Paragraphen
-mit dem soeben Angekommenen und dem Majoratsherrn, fernab von der
-langen, feierlichen Tafel, in seinem nicht übermäßig geräumigen
-Logierzimmer Platz genommen hatte.
-
-Walter Wullenweber verneigte sich bejahend.
-
-„Diejenigen Bestimmungen, welche seit Einführung des Bürgerlichen
-Gesetzbuches -- selbst in dieser Form als Familiengesetz -- anfechtbar
-geworden sind, habe ich mir erlaubt durchzuarbeiten und anders zu
-formulieren.“
-
-„Sehr schön,“ lobte die Exzellenz zerstreut, „aber das hat Zeit bis
-nachher. Das Neue ist entschieden wichtiger. -- Willst du mir mal
-gütigst das kleine Heft herüber geben, Vetter?“
-
-Der Waldesruher reckte nur den Arm weit aus und reichte es ihm hin.
-
-„Famos. Immer wieder unterschätze ich deine Körperlänge. -- So bitte,
-Herr Rechtsanwalt, wollen Sie gefälligst Einsicht nehmen, was gewünscht
-und erstrebt wird. Vor allen Dingen muß das lächerliche Befragen des
-gesamten Familienrats, wenn zum Beispiel in der Familiengruft eine
-neue Trauerweide vom Obergärtner gesetzt oder ein Grabmal aufgefärbt
-wird, eingestellt werden. Künftig soll ein aus zwei oder drei Leuten
-bestehender Ausschuß darin maßgebend sein. Andere Punkte freilich
-sind bedeutender. Unsere, das heißt, meines Vetters und meine Ansicht
-erfahren Sie nebenstehend.“
-
-Walter Wullenweber las aufmerksam.
-
-„Die vorgeschlagenen Abänderungen sind bei weitem einfacher und
-zweckdienlicher,“ unterbrach er einmal das Schweigen; „nur fehlt
-die rechtswirksame Form, wie z. B. hier bei einer hypothekarischen
-Sicherheit für einen der Ostrieds gerader Linie. Das ist aber eine
-Kleinigkeit.“
-
-Dann vertiefte er sich wiederum, bis ihm das Rot einer heimlichen
-Erregung über das stubenblasse Gesicht lief. Er sah den Waldesruher
-Majoratsherrn prüfend an und in diesem Blick lag entschieden etwas
-Feindliches.
-
-„Sind Sie damit einverstanden, Herr von Ostried, daß der eventuelle
-älteste Enkel Ihres verstorbenen Herrn Vorgängers nach Ihnen --
-also vor dem bisherigen Anwärter -- als Waldesruher Majoratsherr
-in Frage käme? Absatz 3 der mir zugänglich gemachten Bestimmungen
-verlangt ausdrücklich bei einer Abänderung in erster Linie die
-Bereitwilligkeitserklärung des derzeitigen Majoratsinhabers. Darum
-meine Frage. Auch darf ich nicht verhehlen, daß die Vorlage dieser
-neuen Erbfolge bei auch nur einer widerstrebenden Stimme glatt erledigt
-ist.“
-
-Horst Waldemar von Ostried blickte eine Kleinigkeit gelangweilt drein.
-
-„Ihre erste Frage ist schnell beantwortet, Herr Rechtsanwalt. Warum
-sollte ich dagegen sein? Bis jetzt lebe ich als kinderloser Witwer.
-Sollte ich eine neue Heirat schließen.“
-
-Die Exzellenz sah überrascht auf und knurrte etwas. „Na nu -- das ist
-mir ganz neu.“
-
-„Wie meinst du,“ fragte der andere ruhig.
-
-„Bitte weiter. Es war nichts von Wichtigkeit.“
-
-„Ich wollte sagen, daß in jedem Fall mein Sohn, würde mir noch ein
-solcher beschert sein, als mein Nachfolger auf Waldesruh in Betracht
-käme. Diese ganze Neuregelung liegt reichlich weit im Felde. Immerhin
-besteht ein Zwang für sie.“
-
-„Den zu erkennen ist mir bisher nicht möglich gewesen. Darf ich alles
-Notwendige wissen, um nachher sämtliche Einwendungen widerlegen zu
-können.“
-
-„An denen wird es selbstverständlich nicht fehlen,“ meinte die
-Exzellenz ahnungsvoll. „Wappnen Sie sich also mit sehr viel Geduld,
-sonst werden Sie bestimmt nervös!“
-
-„Ehe ich zu dem Hauptsächlichsten komme, will ich Ihnen kurz
-wiederholen, was Sie ja, von der Vertretung ihrer Interessen her,
-bereits vor mir wußten,“ begann Horst Waldemar wieder. „Vorläufig ist
-die Tochter meines Vorgängers noch ledig. Ich ahne auch nicht, ob eine
-Aussicht zur Abänderung dieses Zustandes bereits vorhanden ist. Und
-wenn selbst die junge Dame, die übrigens vorher bei dem ersten Teil der
-Familiensitzung zugegen war -- ist Künstlerin und es wird ein unserer
-Familie voll ebenbürtiger Gatte als Vater eines neuen Majoratsherrn zur
-Bedingung gemacht --“
-
-„Schön genug wäre sie allerdings für einen Prinzen, wenn sonst das
-andere stimmte,“ warf die Exzellenz nachdenklich ein.
-
-Der Waldesruher sah ihn bedeutsam an und zog rasch, wie, um dies
-zu verdecken, seine Uhr. „Die Zeit eilt. Wir dürfen uns nicht bei
-Nebensachen aufhalten.“
-
-„Ich war noch nicht zu Ende,“ sagte Horst Waldemar kurz und fuhr
-fort: „Ein Widerstreben würde, auch menschlich beleuchtet, völlig
-unerklärlich sein. Trotzdem werden Sie nachher einen heißen Kampf
-entbrennen sehen. Die übrige Familie weiß nämlich bis zu dieser Stunde
-lediglich, daß die alten Gesetze durchgesehen und verbessert werden
-sollen. Damit haben sie sich ohne weiteres einverstanden erklärt. Ihnen
-mehr zu sagen, schien meinen Vetter und mir verfrüht. Es hätte Anlaß
-zu unerfreulichen schriftlichen Erklärungen gegeben. Denn wir wissen,
-daß jeder Einwand gegen die neue Erbvorlage vergeblich bleiben muß.
-Das durch einen Zufall aufgefundene Zusatzschriftstück verlangt die
-erwähnte Erbfolge ausdrücklich.“
-
-„Dies Schriftstück war mir bisher nicht zugänglich. Sehr gern würde ich
-mich jetzt mit seinem Inhalt bekannt machen.“
-
-„Darum bitten wir Sie natürlich. Hier ist es. Sie sehen, eine Abschrift
-hätte unüberwindliche Schwierigkeiten gebracht. Das Pergament ist
-brüchig geworden und muß sehr vorsichtig behandelt werden. Zudem
-hätte ein halbgebildeter Abschreiber kaum die Menge lateinischer
-Redewendungen richtig wiedergegeben. Ich zog daher die Aushändigung
-an Ort und Stelle vor und bin gern bereit, Ihnen bei scheinbar
-unleserlichen Stellen zu helfen.“
-
-Walter Wullenweber prüfte eingehend den Inhalt des Dargereichten.
-Er hatte sich jetzt wieder voll in der Gewalt. Seine scharfen Augen
-bemühten sich unter den zahlreichen dunklen Stockflecken die kleine
-spitze Schrift zu enträtseln.
-
-Die Exzellenz reichte ihm eine Lupe über den Tisch hin. „Wenn Sie an
-gewisse Stellen kommen, wird sie Ihnen gute Dienste tun.“
-
-Nach einiger Zeit legte Walter Wullenweber die Rechte auf das Pergament
-und sah auf:
-
-„Nun dies aufgefunden ist, könnte selbst die heftigste Ablehnung nicht
-mehr an der veränderten Erbfolge rütteln. Ich unterstelle natürlich
-die Echtheit. Wenn sie von einem Mitglied in Zweifel gezogen würde,
-kämen langwierige und kaum erfolgreiche Erhebungen heraus. Vollgültige
-Beweise von der einen oder andern Seite erscheinen mir unmöglich.“
-
-„Ausgeschlossen,“ sagte der Waldesruher mit großer Bestimmtheit. „Daran
-wagt Keiner zu tippen. Zudem habe ich bereits die Uebereinstimmung
-dieser Handschrift mit den Aufzeichnungen eines Ahnen einwandfrei
-feststellen und von einem gerichtlichen Sachverständigen beglaubigen
-lassen. Hier ist das Dokument darüber. Vielleicht vermag es Ihnen in
-dem Kampfe zu dienen.“
-
-„Dann dürfte jeder Einspruch wirkungslos bleiben.“
-
-Der Generalleutnant schlug sich in bester Laune, auf die Knie. „Wie
-ich mich freue,“ sagte er aus tiefstem Herzen, „wenn es auch nur ein
-Schreckschuß ist und voraussichtlich bleiben wird. Diesen ewig müden,
-gelangweilten Bengel, deinen bisherigen Nachfolger, muß das mal endlich
-wach machen.“
-
-„Hier ist auch noch der Umschlag, in dem das Gefundene steckte, Herr
-Rechtsanwalt.“
-
-„Wie, Sie selbst haben es gefunden, Herr von Ostried?“
-
-„Ohne meinen Vorsatz allerdings! Ich ließ das Kellergewölbe im
-Waldesruher Schloß aufreißen, damit das schadhafte Mauerwerk
-ausgebessert werde. Die merkwürdig geformten Nischen und die
-zahlreichen Verstecke mit den unsichtbar eingelegten Steintüren
-interessierten mich umso mehr, als bereits mein Großvater, der wie
-ich Sammler von Altertümern war, uns Kindern von kostbaren seit den
-Kreuzzügen dort lagernden Schätzen erzählt hatte. In Wahrheit fand sich
-nur ein verrosteter Eisenkasten vor, der dies Schriftstück barg. Ob mir
-oder den andern der Fund angenehm sein konnte oder das Gegenteil, habe
-ich wirklich nicht erwogen. Es war einfach meine Pflicht, daß ich ihn
-nach Kenntnis des Inhalts ungesäumt dem Senior unserer Familie, meinem
-Vetter, Generalleutnant von Ostried, unterbreitete. Dies ist geschehen.“
-
-Das klang ohne jede Beimischung von Gefühlswärme, wie Walter
-Wullenweber feststellte. Es beruhigte ihn. Mit einigem Eifer begann
-er den Entwurf der neuen Bestimmung zu formen. Jetzt war er fertig,
-überlas alles und übergab es dann der Exzellenz, die es laut zum Gehör
-brachte.
-
-„Ausgezeichnet,“ stellten sie beide fest. „Wir können die Herrschaften
-wieder zusammentrommeln lassen.“
-
-„Einen Augenblick,“ sagte Horst Waldemar plötzlich, als sich die
-Exzellenz erhob, um seinen Hermann zu beauftragen. „Den letzten
-Punkt haben Sie zu erwähnen vergessen. Sie erinnern sich doch, Herr
-Rechtsanwalt?“
-
--- Eine halbe Stunde später einten sie sich wieder um die lange
-feierliche Tafel. Nur die Reihenfolge war ein wenig verändert. Eva von
-Ostrieds Platz hatte jetzt der Regierungsassessor eingenommen, während
-Walter Wullenweber zwischen dem Generalleutnant und dem Waldesruher saß.
-
-Das Stiftsfräulein Hermine fuhr, nachdem der Generalleutnant nach den
-unwichtigen Abänderungen den Punkt der neuen Erbfolge zur Kenntnis
-gebracht, von ihrem Stuhl empor. Auch die andern starrten mehr oder
-minder überrascht, nach dem Sprecher hin, der das Auffinden des
-alten Schriftstückes noch mit keinem Worte erwähnt hatte. Er hatte
-absichtlich davon geschwiegen.
-
-Der Kummersbacher freute sich aufrichtig für Eva von Ostried. Nicht,
-daß er schon ihren ältesten Sohn unter den Waldesruher Buchen hätte
-herumgaloppieren sehen, nein, daran glaubte er nicht! Er gönnte ihr nur
-von Herzen jene Ehrenerklärung, die in der Annahme der neuen Bestimmung
-lag. Scharf spähte sein Blick zu Horst Waldemar hin. Sollte es bei
-diesem angegrauten Eiszapfen etwa denkbar sein, daß er sich in die
-jene, lockende Schönheit vergafft habe?
-
-Der Vortragende Rat, Exzellenz, und seine Zwillingstöchter waren
-mehr verwundert wie empört. Was ging es sie schließlich an, wer die
-Waldesruher Herrlichkeiten genoß? Ihnen blieben sie jedenfalls fern.
-
-Fassungslos machte die Mitteilung lediglich die Eltern des
-Regierungsassessors, die bleich und stumm nach Atem rangen.
-
-Der Anwärter selbst hatte nur eine Sekunde die Farbe verloren. Dann
-war sein Plan gefaßt. Noch ehe Eva von Ostried das Geringste von
-all diesem erfuhr, also sogleich nach Schluß der Komödie, würde
-er ihr schreiben. Das verstand er ausgezeichnet. Sie sollte seine
-Rechtfertigung schon annehmen und ihm, wenn er sich mündlich ihre
-Verzeihung holte, eine andere Behandlung gewähren, als vorher zwischen
-den sommermüden alten Linden!
-
-Lodernden Zorn, der ihr häßliches Gesicht noch abstoßender erscheinen
-ließ, empfand einzig das ältere Stiftsfräulein, während ihre um zehn
-Jahr jüngere, als unbegabt geltende Schwester Klausine leise zu
-weinen begann. Sie hatte sich schon zu lange auf die Sommerfrische in
-Waldesruh unter Ingeborgs Fürsorge gefreut. Dieser Traum von Stille,
-endlichem Frieden und unbeschnitten reichlichen Gerichten würde durch
-den Sohn jener Unausstehlichen natürlich zu Schanden werden!
-
-Hermine von Ostried wartete auf das letzte Wort des Generalleutnants.
-Kaum war es gesprochen, schrillte ihre hohe, jetzt von Verachtung und
-Zorn gellende Stimme.
-
-„Es ist ein Scherz und nichts weiter, den du dir soeben mit uns erlaubt
-hast, lieber Jeschko. Ich für meine Person lasse mir solche Sachen
-nicht gefallen, mögen auch die andern töricht genug sein, sich dadurch
-verblüffen zu lassen. Ich frage dich, was du damit bezweckst?“
-
-Aber sie ließ ihm nicht etwa Zeit die Frage zu beantworten. Sein
-lächelndes Gesicht, das sich nunmehr zu verklären begann, reizte sie
-unaussprechlich. „Schamlos genug, daß Euch Männern diese Bettelprinzeß
-die Köpfe verdreht hat.“
-
-Da fuhr mit gewaltigem Schlag eine Faust auf die Tafel nieder. Das war
-die Sprache des Kummersbacher.
-
-Der schmale Dichter, der auf seiner andern Seite saß, während zu seiner
-Linken die schweigsame Gemahlin des Vortragenden Rates thronte, fuhr
-zwar zusammen, denn er hatte mit seligen Augen von einer lichten,
-schönen Frau geträumt, die bei ihrem Sohn in Waldesruh dereinst die
-alte Heimat wiedergefunden. Als ihn aber die wortlose, donnernde Rede
-vollends aus allen Träumen gerissen, als er begriff, wem dies galt,
-leuchteten seine Augen strahlender und seine Seele band sich fest an
-den alten, aufrechten, knorrigen Mann, der seinem Zorn jetzt auch Worte
-verlieh.
-
-„Keinen Mucks weiter! Hörst du?! Ich verbiete es dir! Du hast es dein
-Leben lang gut verstanden, aus dem Hinterhalt zu geifern. Die dir
-gehörig Bescheid tun könnte, ist nicht mehr da. Warum sie sehr bald
-schon gegangen ist? Klar genug für einen, der ein bißchen nachdenken
-kann. Ihr Frauen habt sie gemieden, als ob sie eine Pestkranke wäre.
-Was hat sie Euch getan? -- Antwort! Sie hat nichts von Euch erbettelt
-und Euch damit das Recht vor der Nase weggeschnappt, sich um sie zu
-bekümmern... ihr das Leben zu vergällen, wie Ihr das über alles gern
-besorgt hättet. Warum sage ich eigentlich „Ihr“? Ich meine ja nur dich,
-Hermine. Denn deiner armen Schwester Seele hast du, falls eine in ihr
-gesteckt haben sollte, allmählich schon bei Lebzeiten aus ihrem mageren
-Körper vertrieben. Es ist auch entschieden bequemer für dich.“
-
-„Es ist ein Fremder mit uns am Tisch,“ flüsterte der Vortragende Rat
-ihm beschwörend zu, „nimm Rücksicht darauf, Kummersbacher.“
-
-„Das hätten die gefälligst bedenken sollen, die ihn angeschleppt
-brachten. Im übrigen ist er Jurist und hält Verschwiegenheit. Herunter
-muß auch noch das andere. Sie hat sich allein durchgerungen, sage
-ich dir. Schwer genug mag das manchmal gewesen sein. Und wenn selbst
-nicht... wenn das Geld aus einer uns unbekannten Quelle geflossen
-wäre...“
-
-„Das ist unstreitig,“ rief die Angegriffene... „und zwar aus einer
-unsauberen.“
-
-„Wage das nicht ein zweites Mal auszusprechen! Ich bringe dich sonst
-wegen Verleumdung vor das Gericht. So wahr ich hier stehe...“
-
-„Du hast es ja soeben selbst angedeutet...“
-
-„Weil es dir besser paßte, hast du mich nicht zu Ende kommen lassen.
-Ich verbürge mich dafür, daß die Quelle rein gewesen ist. Jawohl! Und
-wenn du sie noch durch ein einziges Wort -- gleichviel ob offen oder
-versteckt -- herunterreißt ... bei Gott... ich räche sie! Zudem braucht
-sie wenigstens in Zukunft kein Geld mehr aus irgendwelchen Quellchen.
-Meines ist da und jederzeit für sie bereit. Es hat mich schon längst
-bedrückt. Wenn sie auch vorläufig noch nicht will, sie muß und sie wird
-schon, sage ich dir. Und Euch Allen hiermit!“
-
-Der Vortragende Rat, Exzellenz, der den Kummersbacher seiner Zeit aus
-guten Gründen um die Uebernahme der Patenschaft bei seinen Töchtern
-erfolgreich gebeten, lenkte ein: „Du bist immer noch wie ein ganz
-Junger, Kummersbacher. Wer greift sie denn schon an? Meine Frau und
-ich durchaus nicht. Ist nichts an diesem Gerede, werden wir die ersten
-sein, die ihr unser Haus öffnen.“
-
-Noch einmal lohte der Zorn hell auf. „Was ist geredet worden? Was habt
-Ihr über sie gehört?“
-
-Der Vorsichtige schwieg betreten und schickte einen kurzen Blick zu
-seiner Gattin, der heißen sollte: „Jetzt zeige, daß du wenigstens ein
-echt weibliches Geschick im Glätten dieser Wogen hast.“
-
-Aber die Frau Vortragende Rätin blieb sich nur bewußt, daß ihr das
-Stiftsfräulein Hermine dreihundert Mark für die neuen Wintermäntel der
-Zwillinge (mit 5 Prozent Zinsen) zugesagt hatte. Sie stammelte daher
-Unverständliches.
-
-„Es ist zu widerlich,“ sagte der Kummersbacher kurz und verstummte.
-
-Sie sahen alle nach dem älteren Stiftsfräulein hinüber. Die lächelte
-jetzt. Das war noch viel abstoßender wie zuvor die Wut, die ihre Züge
-verzerrt hatte.
-
-„Ein einziger Einspruch genügt, um den neuen Beschluß abzulehnen,“
-sagte sie lauernd. „Nun wohl, ich verweigere meine Zustimmung.
-Alles andere ist mir gleichgültig. Und ich sage noch einmal.... die
-Bettelprinzeß ist nicht schlau genug.“
-
-Diesmal blieb der Kummersbacher ruhig. „Dies Wort hast du vor rund
-dreißig Jahren schon auf ihre Mutter angewandt. Damit verdarbst du
-der armen, scheuen Frau, als die sie mir von zuverlässiger Seite
-später geschildert wurde, die als vertrauendes, unschuldiges Kind nach
-Waldesruh kam, von vornherein ihre Stellung in der Familie. Damals
-hattest du, leider, noch einen gewissen Einfluß. Auch ich habe mich
-dadurch zurückschrecken lassen. Nein, das stimmt doch nicht. Dich
-kannte ich von jeher. Daß sie den tollen Weddo heiraten konnte, nahm
-mich gegen sie ein. Ein zweites Mal gelingt dir Aehnliches nicht,
-selbst wenn dein teuflischer Einspruch die neue Satzung untergraben
-würde.“
-
-Sie hörte nur dies und lachte voller Hohn. „Ein Wahnsinn, daß man uns
-überhaupt damit kommt.“
-
-„Bitte, Herr Rechtsanwalt, lesen Sie gefälligst das aufgefundene
-Schriftstück vor,“ rief der Generalleutnant plötzlich dazwischen. Sein
-Ton war wie eine Fanfare.
-
-Sie stutzten und lauschten aufmerksam, was Walter Wullenwebers tiefe,
-ruhige Stimme ihnen enthüllte. Der Major a. D. und seine Gattin sanken
-mehr und mehr in sich zusammen. Das ältere Stiftsfräulein wurde
-aschgrau.
-
-„Fälschung,“ keuchte sie..., „elendes Machwerk. Aber wartet! Ich
-entlarve Euch schon...“
-
-Dem Vortragenden Rat, Exzellenz und dem Kummersbacher wurde das die
-Echtheit feststellende Gutachten eines namhaften, auch vom Gericht
-in den verworrensten Fällen als letzte Instanz angerufenen Gelehrten
-auf diesem Gebiete zur Prüfung vorgelegt. Sie gaben es an die andern
-Herren weiter. Als sich die Hand des Stiftsfräuleins Hermine danach
-ausstreckte, wehrte der Generalleutnant kurz ab.
-
-„Nach dem Vorangegangenen kann ich meine Erlaubnis dazu nicht geben.
-Du, Hermine, kannst es jederzeit nach Ausweis über deine Person, im
-Bureau unseres Anwalts, des Herrn Wullenweber, einsehen. Seine Adresse
-wird dir zugehen. Und nun genug davon! Weiteres wird in dieser Sache
-von dir nicht angehört werden. Damit wärst du auf den gerichtlichen Weg
-zu verweisen.“
-
-Eine drückende Stille entstand. Sie lehnte mit leicht geschlossenen
-Augen auf ihrem Stuhl. Niemand bemühte sich um sie. Jeder am Tisch tat,
-als beschäftige ihn zur Zeit grade etwas anderes. Als sie sich wieder
-aufgerafft hatte, sagte sie merkwürdig ruhig:
-
-„Ich danke für diesen Hinweis. Er wird aber, denke ich, überflüssig
-werden. Oder sollte der Vetter Generalleutnant sowie die andern
-wirklich nichts von jener hauptsächlichsten Bedingung ahnen, die auch
-dies alte seltsamerweise zur rechten Zeit aufgefundene Schriftstück
-nicht außer Kraft setzen kann? Mit der schaffe ich es leicht.“
-
-Der Generalleutnant wechselte mit dem Anwalt einen raschen Blick. „Es
-ist klüger, wir zeigen uns ebenfalls davon unterrichtet,“ flüsterte
-Walter Wullenweber.
-
-„Ich bitte, daß Sie uns gefälligst jene Bestimmung zu Gehör bringen,
-Herr Rechtsanwalt.“
-
-Walter Wullenweber sprach fast ein wenig zu kalt und sachlich für
-den Geschmack des Kummersbacher. Sein Inneres forderte jetzt eine
-hinreißende Rede für Eva von Ostried. Es war aber vielleicht richtiger,
-wie der junge Jurist es anfaßte.
-
-„Die Bedingung, welche die,“ hier stockte er und fuhr erst fort, als
-der Generalleutnant keinen Namen einschob, „jene Dame soeben erwähnte,
-ist natürlich Seiner Exzellenz und dem Majoratsherrn ebensogut, wie
-auch mir, dem Wortlaut nach bekannt und im Gedächtnis. Ich werde
-sie zur Vermeidung jeden Mißverständnisses wörtlich verlesen. Sie
-findet sich am Schluß der in Kraft stehenden Familiensatzungen und
-erstreckt sich -- ihrem Wortlaut und Sinn nach -- auf sämtliche im
-Vorangegangenen ausgeführte Bestimmungen. Dieser ausdrückliche Hinweis
-geschieht für diejenigen unter den Anwesenden, welche sie bisher nicht
-genau kannten und sich vielleicht nach Beendigung der Besprechung noch
-einmal selbst davon zu überzeugen wünschen. Ich lese also vor:
-
- „Alles, was an Rechten, Wünschen und Anträgen erfüllt werden
- sollte, geschieht in der schweigenden Voraussetzung, daß sich
- Anwärter oder Antragsteller des zu Verlangenden oder des Erbetenen
- bis zu dem Tage der Gewährung als durchaus wert und würdig erzeigt
- haben. Sollten sich nach stattgefundener Verleihung untrügliche
- Beweise von dem Unwert des Empfängers beibringen lassen, so ist
- nicht nur das in Besitz genommene unverzüglich herauszugeben,
- sondern auch die bereits empfangene Bereicherung mit Heller und
- Pfennig durch den Seniorenkonvent -- das sind die drei ältesten
- männlichen Ostrieds grader Linie -- abzuschätzen und zu ihren
- Händen zurück zu erstatten. Unter Wert und Würdigkeit eines
- männlichen Empfängers ist Ehrenhaftigkeit, solider Lebenswandel,
- der sich von Aergernis erregender Völlerei, Glücksspiel und
- ehelicher Untreue freihält, in der Hauptsache zu verstehen. Wert
- und Würdigkeit eines weiblichen Empfängers muß noch strenger
- beurteilt werden. Sittliche Reinheit hat hier für Ehrenhaftigkeit
- zu stehen. Die Erzählungen von Schandmäulern, die dies anzweifeln,
- soll zwar gehört, indes niemals ohne ernsthafte Prüfung vonseiten
- des Seniorenkonvents geglaubt werden. Als Beweis des Unwerts ist
- anzusehen: Wer einen Ehegatten, einen verlobten Bräutigam, auch
- schon einen heimlichen Versprochenen, einer andern abwendig macht.
- Wer durch unentwegtes Scharmutzieren, Kokettieren, ja selbst durch
- herausfordernde Kleidung, den Ehrbaren Anlaß zu öffentlichem
- Aergernis gibt. Ausgeschlossen von Gunsterweisungen aller Art
- sollen ferner sein, die durch öffentliche Schaustellungen in Buden
- und Zirkussen, sowie andern nicht einwandfreien Schauplätzen
- laufend Gelder verdienen.“
-
- Dieser letzte Passus ist wegen einer Gewissen angefügt, die sich
- im Jahre 1570 des alten ehrenwerten Namen von Ostried durch solche
- Künste unwert zeigte, ihn abgesprochen bekam und später in Elend
- und Not endete. Dies als abschreckendes Beispiel unseren lieben
- Frauen. Ihr Rufname ist ebenfalls ausgelöscht. Ihr Bildnis findet
- sich in keiner Ahnengalerie vor.“
-
-Walter Wullenweber hatte in den Blicken des älteren Stiftsfräuleins
-das Aufleuchten des Triumphs deutlich wahrgenommen. Obwohl es ihm
-lächerlich erschien, empfand er plötzlich eine unerklärliche Angst um
-eine, die seine Liebe zurückgewiesen hatte; er befürchtete, daß jetzt
-jemand der hier Versammelten die Erbringung solchen Beweises laut
-verlangen könne. Und wiederum wünschte er einen Herzschlag lang, daß
-der Seniorenkonvent die ihm später zweifelsfrei von diesem gehässigen
-Stiftsfräulein unterbreiteten Ermittlungen bösester Art als zutreffend
-bestätigen möge. Dann war sie frei und schutzloser, wie je -- -- und er
-hätte sie schützen dürfen....
-
-Als diese zweite stürmische Beratung zu Ende war, trat der
-Kummersbacher auf ihn zu:
-
-„Haben Sie zehn Minuten Zeit für mich, Herr Rechtsanwalt? Nichts
-Geschäftliches. Und doch etwas, das von dem soeben Erlebten nicht zu
-trennen ist.“
-
-So saßen sie denn ein wenig später beisammen, und der Kummersbacher
-begann: „Was ich eigentlich will, ist so ’ne Sache. Kann verschieden
-aufgefaßt werden. Ich will nämlich auch eine Kleinigkeit von Fräulein
-Eva von Ostried. Da sind welche, die stehen ihr nicht grade feindlich
-gegenüber. Der Generalleutnant zum Beispiel; auch den Waldesruher
-rechne ich dazu. Die andern, mit Ausnahme des kränklichen Herrn, der
-sich schweigsam verhielt und, wie Dichter das leicht tun, für sie
-flammt, hassen sie. Einer mehr, einer weniger. Fast hinter jedem Mann
-steht ein Weib und hetzt ein bißchen. Hinter dem Stiftsfräulein der
-auf Lebensdauer eingemietete Teufel, der sie völlig regiert. Hinter
-dem Major außerdem die glühende Angst um das Wohl seines einzigen
-Sprößlings. Da hat also schon seine Richtigkeit! -- Ich habe Eva von
-Ostried ebenfalls bis zum heutigen Tage nicht persönlich gekannt.
-Habe mich leider, wie schon zugestanden, auch nicht um sie gekümmert.
-Ein anständiger Kerl soll die gemachten Fehler, sobald er sie merkt,
-abzuändern wenigstens versuchen. Und darum habe ich Sie hergebeten.
-Sie hat es nicht leicht, sich durchzuschlagen. Das fühle ich. Wenn man
-offene Augen haben will, bringt man das schnell heraus. Direkt von mir
-nimmt sie aber vorläufig nichts an. Bestimmt hat sie mit Entbehrungen
-zu kämpfen. Das soll aufhören. Zuerst habe ich daran gedacht, ihr
-eine regelmäßige Monatsrente durch Ihre freundliche Vermittlung, ohne
-Nennung meines Namens natürlich, auszusetzen. Sie würde das schnell
-herausbringen und mit einem dankenden Wort an Sie zurückschicken. Nun
-ist mir endlich was Besseres eingefallen. Sie leben in Berlin und
-irgend welche musikalisch befähigte Jugend mag Ihnen auch bekannt
-sein?!“
-
-„Zufällig bin ich täglich mit einem jungen Menschen zusammen, dessen
-ganzes Sehnen danach geht, sein musikalisches Talent in den Freistunden
-vervollkommnen zu lassen.“
-
-„Das paßt großartig. Wer ist’s denn?“
-
-„Einer unserer Schreiber.“
-
-„Das dämpft meine Freude allerdings. Dem Kerlchen wird sie kein
-fürstliches Honorar zutrauen, nicht wahr?“
-
-Endlich begriff Walter Wullenweber. „So war das gemeint?“
-
-„Natürlich! Ich beabsichtige für jede Stunde -- na, sagen wir mal --
-zehn Mark zu zahlen und ihn ungefähr vier bis fünf pro Woche nehmen zu
-lassen.“
-
-Der junge Anwalt mußte lachen. „Da er zu jeder Unterrichtsstunde
-tüchtig üben muß, dürfte ihm daneben für seine bisherige Tätigkeit kaum
-noch Zeit übrig bleiben.“
-
-„Vielleicht hat er eine Schwester, die auch ideale Bestrebungen in sich
-fühlt.“
-
-„Sogar ihrer mehrere. Bescheidene, wohlerzogene Mädchen. Näheres
-weiß ich allerdings nicht. Ich werde mich jetzt für die Familie
-interessieren.“
-
-„Ja, tun Sie das! Und wenn es möglich ist, könnten ja besser gleich
-alle bei ihr antreten. Ihre Adresse kann ich Ihnen sofort geben...“
-
-Eine Sekunde überlegte Walter Wullenweber. „Lassen Sie, Herr von
-Ostried,“ sagte er dann und sein Ton klang anders wie bisher, „es ist
-unnötig. Ich kenne sie.“
-
-„So darf ich wissen, woher?“
-
-„Fräulein von Ostried hat mich als ihren Beistand gegen einen ihrer
-Agenten benötigt. Es galt, einen kleinen Irrtum richtig zu stellen...“
-
-„Da war sie wohl persönlich bei Ihnen?“
-
-„Ganz recht! Zweimal. Dann hatte sich die Sache zu ihren Gunsten
-erledigt.“
-
-Dem Kummersbacher war diese Neuigkeit offensichtlich angenehm. Er
-rückte näher heran und fragte den jungen Anwalt in vertraulichem Ton:
-
-„Und glauben Sie auch nur ein Wort von dem, was das enge Hirn einer,
-die nicht anders als böse denken und sein kann, über sie ausstreut?“
-
-Bisher hatte sich Walter Wullenweber fest im Zügel gehabt. Jetzt ließ
-seine Kraft nach.
-
-Der Kummersbacher bemerkte die Veränderung seines Mienenspiels.
-
-„Was haben Sie, Herr Rechtsanwalt? Die verdammte Stickluft hier.“
-
-„Das ist es nicht,“ sagte Walter Wullenweber tonlos.
-
-Der Kummersbacher sah ihn fest an, begriff langsam und nickte ein paar
-mal.
-
-„So stehts also. Und sie? Verzeihen Sie die Frage. Neugier liegt nicht
-drin. Ich habe das Mädel so lieb wie eine Tochter gewonnen.“
-
-Das Bekenntnis des alten Herrn, daß er sich um sie sorge, ließ keine
-Ausrede zu.
-
-„Ich -- wollte sie zum Weibe. Aber -- sie kam nicht...!“
-
-Es wirkte wie das erschütternde Geständnis eines, der für einen
-Augenblick die Maske abwirft, und der Kummersbacher fragte kein Wort
-mehr. Er hatte auch keinen Trost bei der Hand. Kurz und herzlich sagte
-er:
-
-„Wir beide haben heute nicht das letztemal zusammen geredet! Nicht
-wahr, das Gefühl haben Sie auch?“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-20.
-
-
-Zeit und Arbeit trabten weiter, obwohl Walter Wullenweber in den
-kommenden Tagen unter der starken Empfindung litt, daß sein Leben still
-stehe! Niemals war in dem Weißgerberschen Bureau so heftig zu tun
-gewesen, wie in diesen vergangenen Oktoberwochen. Dazu kam, daß der
-Justizrat weiter an einer zunehmenden Körperschwäche litt, bei welcher
-der Arzt strengste Schonung forderte, und Walter Wullenweber nahm sich,
-um die Arbeit zu schaffen, jetzt dicke Stöße von Akten mit nach Hause.
-
-Wenn er endlich gegen Mitternacht zur Ruhe ging, den Kopf noch voll
-schwirrender Berufsgedanken, war er todmüde, verfiel auch schnell in
-einen tiefen Schlaf, um plötzlich mit dem Gedanken emporzuschrecken:
-„... nun habe ich gründlich verschlafen.“ Und doch war es kaum später
-als zwei Uhr morgens.
-
-Aber sein Bedürfnis nach Ruhe war gänzlich geschwunden. Er brauchte
-alle Kraft, um nicht aufzuspringen und von neuem zu arbeiten.
-
-Der dauernde Kampf, sich von den schweren, persönlichen Gedanken
-freizuhalten, drohte ihn aufzureiben...
-
-Ihre klaren, sprechenden Augen -- die ganze Schönheit der jungen
-stolzen Gestalt -- vor allem ihre weiche Stimme, deren Klang ihm
-verheißungsvoll zärtlich erschienen war.
-
-Kurz! Er kam nicht von ihr frei.
-
-Lange begriff er nicht, wie das möglich sein konnte. Er wollte der
-immer stärker werdenden Ahnung nicht Gehör schenken. Aber sie wurde ihm
-zur Gewißheit. „Der Grund ihrer Ablehnung ist ein anderer! Sie liebt
-dich, wie du sie liebst...“
-
-Schließlich war er sicher, daß sie sich ihm +um eines Geheimnisses
-halber+ versagte! Die Saat des eigenen Mißtrauens, gestreut durch den
-Bericht der alten, ahnungslosen Pauline von dem stattlichen Päckchen
-brauner Scheine in der Handtasche -- die einwandfreie Feststellung
-ihrer eigenen Vermögenslosigkeit -- dazu das Lockmittel ihrer
-bezaubernden Schönheit, das augenscheinlich sogar die alten harten
-Vertreter ihrer Familie auf ihre Seite gebracht, wuchs, seit dem das
-Stiftsfräulein Hermine den Stab über sie brach. Er wollte nicht daran
-glauben. Seine Liebe zu ihr war stärker als alles. Und doch, täglich
-zertrümmerte er seinen Glauben an ihre Reinheit.
-
-Die alte Pauline hatte ihren Namen nicht mehr erwähnt, seitdem er es
-ihr verboten. Das war damals nach Eva’s Brief gewesen, als er noch
-geglaubt hatte, daß sie nun für ihn abgetan sei. Jetzt war er oft
-auf dem Wege zur Küche, um ihr zu gestehen, daß er ihr Schweigen
-nicht länger ertragen könne. Hinein ging er niemals. Er blieb vor der
-geschlossenen Tür und schüttelte den Kopf über seine Schwachheit.
-
-Als er eines Morgens gegen neun Uhr an dem Schreibtisch seiner
-Arbeitsstätte schaffte, brannte noch die elektrische Lampe. Um
-diese Stunde durfte, ohne Vereinbarung, kein Klient vorsprechen.
-Heute meldete der kleine musikalische Schreiber, dem dies Amt bis
-zur Tischzeit oblag, eine Dame, die ihn ungesäumt in dringendster
-Angelegenheit zu sprechen wünsche. Mit einem Schlage durchfuhr ihn
-die Hoffnung, daß es Eva von Ostried sein könne. Er überlegte nichts,
-sondern starrte der sich öffnenden Tür entgegen. -- Es war aber das
-Stiftsfräulein Hermine, die grau wie der herbe Tag, vor ihm stand.
-
-Er wollte ihr kurz und unfreundlich eröffnen, daß sie sich bis zur
-angezeigten Sprechstunde zu gedulden habe... aber seine Kehle war wie
-zugeschnürt. Ungehindert ließ er sie sprechen.
-
-„Ich möchte Sie um meine Unterschriftsbeglaubigung bitten, Herr
-Rechtsanwalt.“ Dabei hatte sie schon mehrere Schriftstücke vor ihn
-ausgebreitet und wies mit der harten, knöchernen Hand darauf hin. „Es
-ist nämlich eine außerordentlich dringende Sache. Ich habe mein Geld
-mit sechs Prozent anlegen können, während ich bisher dumm genug war, es
-für nur vier einem kleinen Gutsbesitzer zu überlassen.“
-
-Aus ihren Augen leuchtete die Habgier. Er merkte es deutlich, aber
-es stieß ihn, den sonst Feinfühligen, nicht ab. Sein persönliches
-Empfinden regte sich nicht.
-
-Die Beglaubigung war schnell getan. Trotzdem blieb das Stiftsfräulein
-noch. Sie hatte denselben Stuhl inne, wie damals Eva von Ostried. Daran
-mußte Walter Wullenweber plötzlich denken. Die zusammengefalteten
-Schriftstücke lagen immer noch in seiner Hand, ohne daß die
-Eigentümerin Miene machte, sie an sich zu nehmen.
-
-„Ich bitte sehr, das gehört Ihnen.“
-
-Sie nickte. Aber sie nahm sie ihm trotzdem nicht ab. Um seinem Blicke
-einen Ruhepunkt zu geben, senkte er ihn darauf nieder und las
-mechanisch den Namen eines waghalsigen Unternehmers, der seit Jahren
-ungeheure Werte an Grund und Boden an sich brachte. Sein Name war ihm
-vielfach begegnet. Ohne, daß ihm bisher die Gerichte sein Handwerk zu
-legen vermochten, hatte doch jeder, der sich mit seinen Angelegenheiten
-beschäftigen mußte, das deutlichste Gefühl, daß dies Werk vieler
-Millionen eines Tages zusammenbrechen und unzählige Vertrauensselige
-unter sich begraben und zermalmen werde.
-
-Die Verantwortung des Beraters von Rechtswegen regte sich in ihm. Auch
-dieser Unangenehmen gegenüber!
-
-„Sie haben das Geld doch noch nicht hingegeben?“
-
-„Doch,“ nickte sie stolz. „Die Leute drängen ihm ja ihre Mittel
-förmlich auf und er suchte nur eine bestimmte Summe.“
-
-Walter Wullenweber war auch diese Gepflogenheit bekannt. Um bei
-kleinen Sparern kein Mißtrauen zu erwecken, bezifferte er in seinen
-Gutachten das Geforderte in der letzten Zeit kaum jemals höher als mit
-hunderttausend Mark.
-
-„Es machte grade unser gesamtes Vermögen aus,“ fügte sie noch hinzu.
-
-„Und Sie haben sich zuvor bei niemand einen Rat geholt? Keinerlei
-Auskunft über ihn eingezogen?“
-
-„Das war unnötig. Jede der zweiundzwanzig Damen unseres Stiftes
-war bereit, ihm das ihre, bis auf den letzten Pfennig, ebenfalls
-anzuvertrauen. Ich war nur schneller wie sie und darum glücklicher.“
-
-So widerwärtig sie ihm auch heute war, eine letzte Frage mußte er
-dennoch an sie richten.
-
-„Wäre es möglich, daß Sie Ihr Geld, vielleicht mit einem kleinen
-Verlust -- noch zurückziehen könnten? Mir ist bekannt, daß solche
-Leute, wenn sie dabei etwas verdienen können, sich ausnahmsweise dazu
-bereit erklären.“
-
-„Glücklicherweise ist das ausgeschlossen,“ kicherte sie. „Das Terrain
-ist bereits damit erworben. Ich werde außer den sechs Prozent Zinsen
-noch zwei weitere Prozent nach der Bebauung vom Reingewinn abbekommen.
-Denken Sie -- also das Doppelte der bisherigen Einkünfte...“
-
-Er sagte nichts weiter dagegen. Wozu auch? Zu ändern gab es nichts mehr
-und sie würde es noch früh genug erfahren. Sie deutete sein Verstummen
-nach ihrer eigenen Veranlagung.
-
-„Die andern Stiftsdamen würden mich steinigen, wenn sie wüßten, daß mir
-dies rechtzeitig gelungen ist.“ Sie sah ihn lauernd an. Der abweisende
-Ausdruck in seinen Zügen bestärkte sie in der Annahme, daß auch er ihr
-dies glänzende Geschäft mißgönne. Darüber freute sie sich, wollte grade
-eine hämische Bemerkung machen, unterdrückte sie aber rechtzeitig, weil
-sie an das andere dachte, um dessentwillen sie in der Hauptsache zu ihm
-gekommen war.
-
-„Ich habe noch eine Bitte an Sie, Herr Rechtsanwalt.“
-
-„Dafür bin ich zur Sprechstunde von 12 bis 2 Uhr nachmittags zur
-Verfügung,“ meinte er abweisend. „Dies hier geschah nur ganz
-ausnahmsweise! Der ungeschulte Schreiber soll keine unangemeldeten
-Besucher vorlassen.“
-
-„Wenn Sie mich jetzt noch einen Augenblick anhören, wird es nicht Ihr
-Schade sein,“ tuschelte sie vertraulich.
-
-„Ich bitte höflichst, einstweilen zu gehen,“ entschied er kurz, von
-ihrer Vertraulichkeit abgestoßen.
-
-„Es handelt sich nämlich um Eva von Ostried,“ fuhr sie fort, als habe
-sie seine Worte nicht vernommen.
-
-Das entwaffnete ihn!
-
-„Sie waren ja Zeuge meiner Ansichten über sie, Herr Rechtsanwalt.
-Natürlich habe ich sofort versucht, die nötigen Beweise, von deren
-Vorhandensein ich mich nach wie vor überzeugt halte, zu erbringen. Es
-ist mir nicht gelungen. Ich habe keine Berührungspunkte zu den Kreisen,
-in denen sie lebt. Wie soll ich also das bestimmt vorhandene Material
-zusammentragen? Sie sind ein Mann und haben als solcher überall
-Zutritt. Sie sind außerdem noch Jurist und wissen genau, worauf es hier
-ankommt. Tun Sie mir den Gefallen und bemühen Sie sich in dieser Sache
-an meiner Statt. An dem Tage, an dem Sie mir Vollgültiges bringen,
-erhalten Sie von mir dreihundert Mark. Das gesetzliche Honorar, das Sie
-als Anwalt für Ihre Bemühungen fordern können, bleibt davon unberührt.“
-
-„Wenn Sie nicht wollen, daß ich ungesäumt dem Generalleutnant von Ihrem
-Verlangen Bericht erstatte, entfernen Sie sich auf der Stelle.“
-
-Sie ging mit wutverzerrtem Gesicht. „Gestehen Sie es nur, Sie sind auch
-einer von denen, der in ihren Netzen zappelt,“ zischelte sie, schon auf
-der Schwelle stehend. --
-
-Er war wieder allein und riß die Fenster weit auf, als schwebe in
-diesem Raum ein Pestgeruch wahnwitziger Verdächtigung, der ihm
-Uebelkeit erregte. Dann hieb es wie mit Hammerschlägen auf ihn ein. „Er
-war auch einer...“
-
-Stimmte das nicht? Kam er von ihr los? Er fühlte, daß er an dieser
-Sehnsucht und Ungewißheit langsam zu Grunde gehen müsse!
-
-An diesem Abend kam er erst gegen neun Uhr nach Hause. Die alte Pauline
-war seinetwegen in Sorge. Sie wußte sich sein schon seit Wochen
-verändertes Wesen nicht anders zu deuten, als daß er sich krank fühle.
-Während er sonst beim Auftragen der Speisen gern einen Scherz machte,
-saß er jetzt gedankenlos am Tisch und genoß hastig und unfreudig, was
-sie ihm vorsetzte. Heute wartete der sorgfältig zubereitete Imbiß
-längst auf ihn.
-
-„Es gibt ein Gläschen Glühwein, Herr Rechtsanwalt,“ sagte sie
-verheißungsvoll, „haben Sie das nicht gerochen? Die Luft geht scharf
-und Sie sehen immer aus, als ob Sie nie richtig warm werden könnten.“
-
-Er nickte ihr zu, während er die Aktentasche abwarf.
-
-„Sie hätten Mediziner werden sollen, gute Pauline. Ihre Diagnose stimmt
-aufs Haar.“
-
-„Sie haben also wirklich gefroren und sagen mir keine Silbe davon,“
-meinte sie vorwurfsvoll. „Wie gern hätte ich ein paar Kohlen in den
-Ofen gelegt.“
-
-„Der Glühwein wird auch helfen. Bringen Sie ihn nur möglichst schnell.“
-
-Sie blieb nachher noch wie in früheren guten Tagen ein wenig am Tisch
-stehen und sah ihm zu, in der Hoffnung, daß er sich aussprechen werde.
-Hastig goß er den dampfenden Trank herunter.
-
-„Kann ich noch eins bekommen, Pauline?“
-
-„Aber gewiß! Nur wär’s vielleicht besser, ich brächt’ es Ihnen kurz
-vor dem Schlafengehen. Das nimmt man, soll’s helfen, in ganz kleinen
-Schlückchen -- macht die Augen zu und schläft geschwind ein, wenn’s
-sonst auch noch so lange dauern muß.“
-
-„Ich werde ausnahmsweise gehorsam sein. Also -- nachher noch eins!
-Vorher aber und zwar jetzt gleich, bitte, das andere...“
-
-Sie hantierte kopfschüttelnd in der Küche, um seinen Wunsch zu
-erfüllen. Er würde sich doch nichts angewöhnen? Neulich war er einmal
-seltsam wankend nach Hause gekommen.
-
-Auch dies zweite leerte er sehr schnell.
-
-„Ich muß übrigens nachher noch einmal fort, Pauline.“
-
-„Bei diesem Wetter? Hören Sie doch, wie der Regen an die Scheiben
-klatscht.“
-
-„Es hilft nichts. Ich muß eben. Suchen Sie, bitte, den alten
-Lodenmantel heraus. Die elektrischen Bahnen werden noch überfüllter wie
-sonst schon sein.“ Sie schlug jammernd die Hände zusammen.
-
-„Jetzt womöglich auch noch eine Stunde oder länger zu Fuß laufen.
-Lieber Gott, und ich hab’s so gut und trocken und warm. Kann ich das
-nicht für Sie abmachen, Herr Rechtsanwalt? Lachen Sie mich nicht
-aus. Ich weiß wohl, daß ich viel zu dumm für Ihre Sachen bin. Aber
-vielleicht ist’s nur ein Auftrag oder so was. Es war doch schon mal so.
-Da durfte ich auch an Ihrer Stelle gehen.“
-
-Er legte gerührt seine Hand auf die ihre.
-
-„Vielleicht machten Sie es diesmal sogar besser, als ich, Pauline. Aber
--- nein -- es darf nicht sein. Ich werde nicht früher ruhig.“
-
-Das war wieder geheimnisvoll und unverständlich, wie jetzt so vieles.
-Seufzend brachte sie den Mantel, der von den Kletterpartien aus der
-Studentenzeit herstammte und hing ihn sorglich um seine Schultern.
-
-„Wann werden Sie wohl ungefähr zurück sein, Herr Rechtsanwalt?“
-
-„Sie beabsichtigen doch nicht etwa aufzubleiben...“
-
--- -- -- -- Das Vorwärtskämpfen durch den dunklen, nassen Abend tat
-ihm wohl. Der Regen, der jetzt fein und emsig herunterrieselte, netzte
-seine pochenden Schläfen und beruhigte die wirren Gedanken. Trotzdem
-fiel es ihm nicht ein, umzukehren -- oder das, was er vor hatte, als
-etwas Sinnloses zu empfinden. Es gestaltete sich im Gegenteil immer
-klarer in ihm, daß er diesen Weg machen müsse!
-
-Einmal versuchte er einen Platz auf der Plattform des elektrischen
-Wagens zu bekommen. Es gelang ihm wirklich. Aber nun stand er --
-eingekeilt von der Masse mürrischer, hastiger Menschen und atmete den
-Dunst durchnäßter Mäntel und Kleider ein. Das dünkte ihn unerträglich.
-
-In den kleinen verlaufenen Pfützen der Straße spiegelten sich die
-trüben brennenden Laternen, sodaß es wirkte, als winke eine Schar
-abgestürzter Lichtlein, die sich vor dem Ertrinken wehrten, zu ihm
-herauf. Eine halbe Stunde ertrug er es. Dann sprang er ab und ging
-das letzte Stück durch Wind, Regen und Kühle. Ohne zu zögern setzte
-er seinen Weg fort. Als er die neue Kantstraße hinunterschritt und
-zu beiden Seiten des kunstvollen Brückengeländers den Spiegel des
-Lietzensees mit der neuen Fülle ertrinkender Lichter sah, beschleunigte
-er seine Schritte. Ungezählte mal war er denselben Weg in Gedanken
-gewandert, hatte ihn sich nach der Karte so genau eingeprägt, daß ihm
-die Gegend vertraut erschien. Nun bog er rechts ab und hielt sich
-an dem Drahtzaun entlang, der die alten schönen Bäume des Parkes am
-Königsweg begrenzte.
-
-Das Haus, in dem Eva von Ostried wohnte, war schnell gefunden. Die
-alte Pauline hatte es ihm, als sie noch darüber berichten durfte,
-ausführlich und häufig genug beschrieben.
-
-Gänzlich in das Dunkel gedrückt, stand er und starrte nach den Fenstern
-hinüber, die er als die ihren zu erkennen glaubte. Hinter der Glastür,
-die auf einen kleinen Balkon hinausführte, sah er den Schein einer
-rotumhangenen Lampe --, er unterschied die Köpfe zweier Menschen dicht
-nebeneinander. Der mit dem langgehaltenen fast bis zu den Schultern
-herunterfallenden Haar war derjenige eines Mannes.
-
-Diese Entdeckung durchzuckte ihn wie ein Stich. Er wollte auch
-sein Gesicht sehen. Dies gelang ihm nicht. Es mußte, in tiefer
-Versunkenheit, über etwas geneigt sein, das es völlig verbarg.
-
-Auch von der weiblichen Gestalt vermochte er lediglich ein Stückchen
-des freigetragenen Halses und eine Hand, die sich zuweilen nach einem
-Gegenstand ausstreckte, mit Sicherheit festzustellen.
-
-Es genügte ihm. Das Blut brauste vor seinen Ohren. Sein ohnmächtiger
-Zorn löste sich langsam in eifersüchtige Qualen auf.
-
-Nun stand er hier und sah zu, wie sich dort oben unter dem Schein
-des verführerischen Purpurs, der das junge Blut doppelt erhitzen
-mochte, eines der vielen Schäferstündchen abspielte. Er versuchte sich
-einzureden, daß diese Gewißheit das beste Heilmittel für seine Liebe
-sei, sah nach dem Schienenstrange der Elektrischen hin, der durch
-Nebel und Nässe in der Ferne aufblitzte, und beschloß, heimwärts zu
-eilen und traumlos auszuschlafen. Denn er war sehr, sehr müde. Aber er
-machte keinen Versuch, sich zu entfernen. Er starrte weiter auf das
-verschwimmende Bild der beiden dicht zusammengeneigten Köpfe.
-
-Die breite Promenade war menschenleer. Nur einmal klappte die niedere
-Tür der gegenüberliegenden Polizeiwache und ließ zwei stämmige
-Schutzleute heraus. Ein paarmal drehten sie sich nach ihm herum, dann
-gingen sie beruhigt weiter. Er fühlte nichts mehr wie das Bild, dessen
-Gestalten er klar erkennen mußte, ehe er von hier schied. Seine Augen
-brannten. Seine Zunge lag hart und trocken im Munde. Vielleicht war es
-wirklich schon Mitternacht, denn irgendwo schlug eine Uhr zwölfmal.
-Seine Taschenuhr war plötzlich stehen geblieben. Er entsann sich dumpf
-eines Märchens, nach dem dies stets geschah, wenn eines Menschen
-Liebstes die Augen für immer schloß. Erst später fiel ihm ein, daß es
-ganz natürlich zuging, weil er vergessen hatte, sie aufzuziehen.
-
-Er mußte nun heim!
-
-Da schob sich ächzend die schwere Haustür, von innen geöffnet, auf, und
-eine Männergestalt trat auf den Bürgersteig hinaus. In dem gleichen
-Augenblick erlosch oben der rote Lampenschein.
-
-Mit ein paar Sätzen war Walter Wullenweber bei dem Andern -- -- ging
-neben ihm dahin, starrte ihn an wie ein Irrer....
-
-Das war doch -- --. Das Gefühl der Atemlosigkeit wich der Befreiung,
-die zu schön erschien, um bedingungslos an sie zu glauben.
-
-„Herr Rechtsanwalt Wullenweber, nicht wahr?“ fragte eine Stimme, die
-selbst in dem Augenblick gerechtfertigten Erstaunens noch sanft blieb.
-
-Der schweigsame Dichter von der Familientafel der Ostrieds sah erstaunt
-zu dem Anwalt auf. Walter Wullenweber suchte nach einer glaubhaft
-klingenden Erklärung.
-
-„Ich hatte in der Gegend zu tun und hoffte nun auf eine zufällig des
-Weges daherkommende Droschke.“
-
-Die Notlüge war zögernd und ungeschickt hervorgebracht. Aber Edgar von
-Ostried-Javelingen kannte kein Mißtrauen. Langsam tastete er sich, nach
-den traumhaften Stunden, in die Wirklichkeit zurück und lachte leise
-auf:
-
-„Dann ist es gut, daß mich der Zufall Ihnen in den Weg geführt hat.
-Das gibt es hier kaum. Wir erhaschen aber bestimmt noch die letzte
-Elektrische, wenn wir eilen. Nicht wahr, wir bleiben jetzt zusammen, um
-später, wenn die Bahn uns heraussetzt, ein Stückchen durch die Nacht zu
-gehen. Ist Ihnen das recht?“
-
-Walter Wullenweber bejahte fast ungestüm. Ein wenig später saßen sie
-nebeneinander wie zwei alte Freunde.
-
-Walter Wullenweber wartete, daß ihr Name fallen würde.
-
-„Ich war in Fräulein von Ostrieds kleinem, entzückenden Heim,“ begann
-der Dichter endlich. „Ich weiß nicht, ob Sie ihre Adresse kennen.“
-
-„Doch,“ meinte Walter Wullenweber mit mühsamer Beherrschung, „als der
-Anwalt der Ostrieds...“
-
-„Richtig. Wir hatten es an jenem großen Familientage ausgemacht, daß
-ich sie zuweilen an Sonn- oder Feiertagen besuchen dürfe.“
-
-„Aber heute ist doch kein Feiertag,“ warf Walter Wullenweber mechanisch
-ein.
-
-„Nicht im gewöhnlichen Sinne! Für mich bestand er, obwohl sie selbst
-leider nicht zu Hause war.“
-
-„Fräulein von Ostried ist... abwesend?“
-
-„Seit vier Tagen weilt sie in München, um dort in zwei Konzerten zu
-singen.“
-
-Walter Wullenweber seufzte tief auf. Wie hatte er das nur vergessen
-können?! Durch seine Verhandlungen mit Herrn Alois Sendelhuber kannte
-er die Daten genau.
-
-„Hier habe ich übrigens eine glänzende Rezension aus den Münchener
-Neuesten Nachrichten über das erste Konzert,“ plauderte der Dichter
-und suchte einen Ausschnitt aus der Brieftasche. „Leider ist es zum
-Lesen zu dunkel. Der Inhalt bringt eine schrankenlose Anerkennung ihres
-herrlichen Stimmaterials bei vornehmster und edelster Vortragsweise.
-Sie wird sicher dies alles ebenso interessieren wie mich, denn, nicht
-wahr, auch Sie glauben bedingungslos an ihre Reinheit?“
-
-Ueber Walter Wullenwebers Gesicht lief ein heftiges Zucken. Anfangs
-wollte er die Frage überhören. Dann vermochte er es doch nicht.
-Vielleicht blieb dies die einzige Gelegenheit, um sich aus dem
-offenherzigen Bericht eines großen, guten Kindes, ein klares Bild zu
-formen.
-
-„Tun Sie es denn?“ fragte er dagegen. Ein erstaunter Blick traf ihn.
-
-„Ich? Allerdings! Ich verehre sie auch um ihrer selbstlosen Güte und
-Entsagungsfreudigkeit willen, von allen Menschen am meisten. Und ihre
-Künstlerschaft ist begnadet. Dazu bedurfte ich keine Kritik. Das habe
-ich sofort in der ersten Viertelstunde gefühlt, die ich ihrem Gesang
-lauschen durfte. Sie machen ja plötzlich so ein merkwürdiges Gesicht,
-Herr Rechtsanwalt? Trauen Sie mir keine Urteilskraft zu?“
-
-„Sicher halten Sie sich von Fräulein von Ostrieds Vortrefflichkeiten
-voll überzeugt!“
-
-„Soll das vielleicht heißen, daß Sie an ihnen zweifeln?“
-
-„Zweifeln? Ich glaube nicht, daß der Ausdruck paßt.“
-
-„Auch jetzt bleiben Sie noch Jurist. Wie leid mir das tut. Als ich Sie
-neulich längere Zeit beobachtet hatte, war ich sicher, daß Sie ein
-starkes Gefühl für die Angegriffene hatten, obwohl Sie dies nicht zum
-Ausdruck bringen konnten.“
-
-„Nehmen wir an, daß Sie sich nicht darin getäuscht haben.“
-
-„Dann dürfen Sie nicht an ihr zweifeln!“
-
-„Alles Zweifeln entspringt dem Verstand! Dagegen kann das Gefühl nicht
-an.“
-
-„Wie sonderbar und hart! -- Sie waren wohl nie in ihrem Heim? Hatten
-keine Gelegenheit sie zu studieren, wie es mir vergönnt war.“
-
-„Nein. Wie wäre das auch möglich gewesen. Sie suchte mich als Anwalt
-auf, wir lernten uns dabei kennen -- verhandelten --“
-
-„Dann sind Sie entschuldbar, obgleich ich sofort einen nachhaltigen
-Eindruck von ihr empfing. Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie ist sehr
-schön. Vielleicht überhaupt die Allerschönste. Es liegt nahe, daß ich
-mich blind in sie verliebt haben könnte. Mein schwacher Körper -- meine
-armselige Stellung als Mensch und leider vor der großen Volksmenge auch
-noch als Dichter wären kein Hindernis. Ich bin aber gar nicht verliebt
-in sie. Ich liebe sie! Auch das nicht im üblichen Sinne. Wie man das
-Gute und Schöne lieben und anbeten muß, so fühle ich für sie. Es kommt
-mir gar nicht in den Sinn, daß dies etwa in den Augen solcher, denen
-nichts heilig ist, lächerlich erscheinen könnte.“
-
-„Schwärmer,“ sagte Walter Wullenweber leise. „Was erscheint Ihnen denn
-so göttlich an ihr?“
-
-„Vor einer Stunde war ich noch fest überzeugt, daß niemals ein Wort
-davon über meine Lippen gehen würde. Jetzt fühle ich, daß ich, um ihr
-einen Dienst zu erweisen, daran rühren muß. Sie sollen ein klares,
-unverzeichnetes Bild von ihr erhalten. -- Sie hat ein junges, sicher
-dem Tode verfallenes Mädchen bei sich. Bei der habe ich heute gesessen
-und ihr aus meinen neusten Schöpfungen vorgelesen. Sie ist sehr einsam
-und muß sehr unglücklich sein und Eva von Ostried hat mich gebeten,
-während ihres Fernseins nach ihr zu sehen. Völlig hat sie sich nicht
-zu mir ausgesprochen. Es gibt aber Minuten, in denen eine schreckliche
-Vergangenheit aus ihren entsetzten Augen redet. --
-
-Was ich über Eva von Ostried an Tatsächlichen weiß, hörte ich von ihr.
-Eines Tages hat sie das ihr bis dahin fremde Mädchen aufgenommen, die
-Schwerkranke mit allen Opfern gepflegt und wie eine Schwester gehalten.
-Der Grund ist mir klar. Sie weiß bestimmt, daß deren Wochen oder
-Monate gezählt sind -- daß niemand das sieche, heimatlose Geschöpfchen
-aufnehmen würde. Darum machte sie ihr mit dem Sonnenschein ihrer Güte
-die letzte Stunde leicht...“
-
-„Dies todkranke, verlassene Mädchen ist eine Gefallene, nicht wahr?“
-
-Der Dichter zuckte zusammen. Ueber sein Gesicht flammte das helle Rot
-der Scham oder Empörung.
-
-„Ich weiß nicht, ob sie jemals gestrauchelt oder gar gefallen ist. Und
-will es auch nicht wissen. Haben Sie allzeit aufrecht dagestanden?
-Ja? Ich nicht! Ich habe Zeiten hinter mir, in denen ich zu dem
-Schlechtesten fähig gewesen wäre. Warum ich es nicht ausführte? Ich
-hatte eine Mutter, die ein Engel war und einen Vater, der ein Held im
-Ertragen und Entsagen, auch in den opfervollsten Zeiten, blieb. Beide
-Eltern starben, als ich zwanzig Jahre zählte. Viel zu früh natürlich.
-Und dennoch spät genug, um mich stark und reif gemacht zu haben. Bei
-jeder Anfechtung waren sie mein Schutz und Schirm. Wissen Sie denn,
-ob das kleine, arme Gretchen Müller jemals einen Schutzgeist besitzen
-durfte? Nun ist auch sie rein und still und sehnsüchtig nach allem
-Guten. Was ist denn die Hauptsache? Was jemand getan oder versehen hat
-oder wie er es zuletzt gutmacht? Ich glaube, dies letztere. Ich sage
-Ihnen, das kranke Mädchen hat sich entsühnt. Und weil Eva von Ostried
-das genau fühlt, wird ihre Güte und Liebe immer größer!“
-
-„So ist Fräulein von Ostried von ihrem jetzigen Leben also voll
-befriedigt?“
-
-„Das glaube ich nicht. Sie ist ein verschlossener, starker Mensch,
-der alles allein trägt. Meinen Sie vielleicht, daß sie sich etwa zu
-Fräulein Gretchen ausspräche, denn ich darf das für mich noch nicht in
-Anspruch nehmen. Unsere Bekanntschaft ist zu neu. Sie hat mir gegenüber
-den Ton einer besorgten älteren Schwester, der neben all meiner
-Anbetung den unbedingten Respekt keinen Augenblick vergessen macht.
-Aber die Hausgenossin ahnt ein schweres Geheimnis in diesem Leben und
-leidet schwer darunter, weil sie nicht zu helfen vermag.“
-
-„Sie ahnt auch nicht, was es sein könnte?“
-
-„Nein! Eva von Ostried vermeidet über sich zu sprechen.“ Noch einmal
-äußerte sich der alte Argwohn in Walter Wullenweber: „Sie wird ihre
-guten Gründe dafür haben.“
-
-„Wahrscheinlich. Gut sind sie sicher. Ob richtig? Das wäre die Frage.
-Ich jedenfalls verstehe, daß sie die Todkranke, die von viel Schmerzen
-gepeinigt wird, nicht noch mehr belasten will.“
-
-„Wie Sie für alles, was sie angeht, irgend eine Entschuldigung oder
-Erklärung bereit halten.“
-
-„Könnte ich sie sonst wirklich anbeten? Sie lächeln und denken, ein
-Dichter kann das sehr wohl. O nein, Herr Rechtsanwalt. Wenn ich auch
-arm und abhängig bleiben muß, meine Begriffe von Frauenehre und
-Menschenwürde stehen fest. Die lasse ich mir von niemand antasten,
-geschweige denn rauben. Wenn sich heute ein Dutzend weiser und
-berühmter Denker die Mühe machen wollten, mich mit anscheinend logisch
-aufgebauten Beweisen andern Sinnes zu machen, es hilfe ihnen nichts.
-Wenn meine Seele klingt, wie sie das in Eva von Ostrieds Gegenwart tut,
-dann irrt mein Gefühl nicht.“
-
-„Sie sind ein beneidenswert glücklicher Mensch.“
-
-Der elektrische Wagen lief nicht mehr. Die wenigen Fahrgäste waren
-ausgestiegen. Nun kletterten auch die beiden letzten in ihre Gedanken
-Versunkenen heraus.
-
-„Bleiben wir noch ein wenig zusammen?“ fragte der Dichter wieder sehr
-schüchtern.
-
-„Es kommt darauf an, wo Sie wohnen.“
-
-Er nannte eine Straße im hohen Osten.
-
-„Dann haben wir noch eine Viertelstunde den gleichen Weg.“
-
-Schweigsam gingen sie durch die Nacht. Der Regen hatte aufgehört.
-Sterne waren da und ein schmaler, blasser Mond.
-
-„Herr Rechtsanwalt,“ sagte der Dichter plötzlich leise.
-
-Walter Wullenweber fuhr zusammen. Er hatte die Gegenwart des andern
-vergessen.
-
-„Verzeihen Sie mir meine Schweigsamkeit. Mir ging so manches durch den
-Kopf.“
-
-„Das fühlte ich und würde Sie auch nicht gestört haben, wenn die
-Viertelstunde nicht bald herum wäre. Eine Bitte hätte ich: Werden Sie
-Eva von Ostried ein wahrer Freund und Berater, wenn Sie es können.
-Ja? Sie ist sehr einsam und ich bin doch nicht die Persönlichkeit zum
-schützen. Wollen Sie?“
-
-Walter Wullenweber hielt die feingliedrige Hand des Dichters und preßte
-sie voller Kraft.
-
-„Ich will es versuchen!“
-
-Nun ging er allein weiter. Die Sterne waren schon wieder verschwunden
-und der schmale Mond blinkte nur noch wie ein gelber Faden, der zwei
-dicke, graue, unruhige Wolken zusammen zu nähen versuchte. Ihm war
-heiß, jung und sehnsüchtig zu Mute!
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-21.
-
-
-Der geräumige, vornehm ausgestattete Blüthnersaal schien bereits eine
-halbe Stunde vor Beginn des heutigen Konzerts gefüllt. Aber mit dem
-Glockenschlage strömte nochmals ein neuer Menschenstrom herein, staute
-sich einen Augenblick und verteilte sich dann nach allen Seiten hin.
-Wie das Rauschen einer Unruhe lief’s durch den Saal, dann schlossen
-sich die Türen und es wurde ganz still.
-
-Das Künstlertrio begann mit dem tatrischen Tondrama von Tschaikowski.
-Vielleicht beherrschte der wundervoll reine Klang des Cello ein
-wenig zu sehr die Melodie, die von der Geige hätte geführt werden
-müssen. Aber das war nur für die ersten Minuten der Fall. Dann bot
-das Zusammenspiel einen künstlerischen Genuß von höchster Vollendung
-und die gewaltige Dramatik des ersten Satzes löste eine beifallslose
-Ergriffenheit aus.
-
-Nach der ersten Pause kam von einer der Türen Horst Waldemar von
-Ostried und ging suchend -- die Platzkarte in der Hand -- die
-vollbesetzten Reihen auf und ab. Er wußte genau, daß er irgendwo unter
-einem Pfeiler einen Eckplatz hatte.
-
-Als er endlich die kleine Dame im Schwabinger Künstlerkleidchen und die
-dazu gehörenden braunen Haarschnecken vertrieben hatte, war es gerade
-der Augenblick, daß Evas stolze, schlanke Erscheinung in dem sehr
-schlicht gehaltenen Gewand aus weißer, fließender Seide auf dem Podium
-erschien.
-
-„Hast du jemals etwas so Märchenhaftes gesehen?“ flüsterte hinter
-seinem Rücken ein begeistertes junges Wesen ihrem älteren, würdigen
-Nachbar, der offenbar ihr Vater war, zu.
-
-Horst Waldemar lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit ihrer Antwort.
-
-„Ausnahmsweise spielst du dich als echter Kindskopf auf,“ tadelte die
-tiefe Stimme. „Befreie dich gefälligst von ihren äußeren Reizen, sonst
-kannst du unmöglich das genügende Verständnis für sie als Sängerin
-aufbringen. Und du weißt, daß sie das verdient.“
-
-„Ich empfinde dich als einen merkwürdig gnädigen Kritiker, so bald es
-sich um sie handelt, Papa.“
-
-„Merkst du nicht, daß sie uns alle durch ihr Talent dazu zwingt,
-Kind? Dies alles ist nur der Anfang. Eines Tages wird man in der
-musikalischen Welt nur von ihr sprechen. Dann wird sie ungeheure
-Honorare bestimmen und erhalten. Man wird sich einfach zerreißen,
-um sie festzumachen. Das habe ich bereits vor einem Jahre gewußt.
-Und niemals begriffen, daß sie sich mit dem bescheidenen Lose einer
-Konzertsängerin begnügt.“
-
-„Sie wird sehr bald einen Prinzen oder einen Doppelmillionär heiraten,
-Papa, und dann darf sie nur für den Einen singen.“
-
-Er lachte leise.
-
-„Beide mögen sich finden lassen! Ob sie aber mag?“
-
-„Ich glaube, ich könnte nicht widerstehen.“
-
-„Diesen Glauben teile ich. Du bist leider im Alltag das nüchternste
-Geschöpf unter der Sonne, wenn es irgendwie Stellung, Vorteil oder
-Glanz zu erkaufen gibt.“
-
-Es klang bitter.
-
-„Ich muß doch, seitdem Mama tot ist, sparen. Für uns Beide,“ sagte
-sie, als schäme sie sich ein wenig für ihren alten Vater, der das
-wirtschaftliche Einmaleins so schlecht beherrschte.
-
-Er seufzte verzweifelt auf. „Ach, diese ewigen Geldnöte, Trude.“
-
-Da jauchzte der erste Ton durch die andächtige Stille und löschte die
-Nöte des Lebens aus. Schuberts tiefergreifende ewig schöne Weihelieder
-erbrausten. Das Lied vom „Abendrot“ umspann die Hörer mit seinem
-weichen, sehnsüchtigen Ewigkeitszauber.
-
-Den fünf Handschriftliedern war ihre Stimme und die Begleitung voll
-angepaßt und jubelnde Stürme echter Begeisterung lösten sie aus. Eva
-von Ostried stand, als ginge sie die Raserei der Menge nichts an,
-und trat schließlich, mit einer Handbewegung auf den Komponisten
-deutend, bescheiden zurück. Er mußte an ihre Seite kommen. Die beiden
-hochgewachsenen Menschen reichten sich einen Augenblick fest die Hände.
-
-In diesem Augenblick erhob sich Horst Waldemar von Ostried so leise,
-wie es seine mächtige Figur zuließ und tastete sich nach der Tür. Ihre
-Mitwirkung war nach der gedruckten musikalischen Beitragsfolge hiermit
-zu Ende. Noch einmal sah er zu ihr hinüber. Sie hatte die Hände wieder
-frei und leicht zusammengelegt. Sein Blick war gefesselt. Gewaltsam
-riß er ihn los. Noch ehe ihm das voll gelungen, hatte sie ihn bemerkt.
-Eine Sekunde begegneten sich ihre Blicke. In der nächsten wandte sie
-den Kopf zur Seite.
-
-Ihm flog etwas durch den Sinn. Zusammenhanglos, wie er meinte und
-töricht genug. Die Worte, die vorher der alte Kritiker über den
-Prinzen gesagt hatte -- „Ob sie aber mag?“ Dann reckte er sich noch
-höher auf und verließ in dem Augenblick den Saal, als die unaufhörlich
-Klatschenden sich glücklich eine Zugabe erbettelt hatten. Es war das
-kleine Lied des unbekannten Komponisten, daß sie damals in München
-gesungen:
-
- Ich hatt’ eine weiße Rose
- Auf meinem Blumenbrett...
-
-Eva hatte sich dem nicht endenden Beifall entzogen und war auf der
-Hintertreppe ins Freie gelangt, denn der Anblick des Einen, der sich
-plötzlich weit vorgebeugt und unverwandt zu ihr herab gestarrt, hatte
-ihr die Fassung und alle Freude an dem schönen, großen Erfolg geraubt.
-
-Nun sah sie nur ihn, fürchtete ihm irgendwo zu begegnen und stellte
-doch in dem nächsten Augenblick mit bitterer Angst fest, daß er
-zu stark und zu stolz sei, um nach dem Geschehenen auch nur einen
-solchen Versuch zu machen. Die herzliche Einladung des Trios zu einem
-gemütlichen Beisammensein nach dem Konzert hatte sie, unter irgend
-einem törichten Vorwand, abgelehnt. Wie eine Diebin schlich sie sich
-fort. Der Schwarm der Hörer hatte sich verlaufen. In der Beförderung
-der elektrischen Bahnen mußte vorübergehend eine Stockung eingetreten
-sein. Es war alles still und tot um sie her.
-
-Plötzlich stand er neben ihr und ging an ihrer Seite weiter. Walter
-Wullenweber hätte dies noch vor Stunden für unmöglich gehalten. Er
-wollte nichts, als sie wiedersehen, und danach alles überlegen! Nun
-zwang ihn etwas zu ihr.
-
-„Woher kennen Sie das kleine Lied?“
-
-„Das Lied? Welches Lied?“ fragte sie.
-
-„Mein Lied.“
-
-„Das von der weißen Rose? -- Es ist das Ihre?“
-
-„Ja, ich habe es vertont. Der Text ist von meiner armen, kleinen
-Schwester.“
-
-„Ich fand es vergessen in einer kleinen Konditorei und nahm es mit mir.
-Seitdem habe ich es oft gesungen.“
-
-„Eva,“ sagte er dicht an ihrem Ohr und alles, was er an Liebe, Leid,
-Sehnsucht und Angst um sie getragen hatte, lag in diesem einen Worte.
-
-Es riß sie von ihm fort, denn die alte Schuld schlug mit harten Fäusten
-auf sie ein, aber sie hörte nichts als das eine leise, zärtliche Wort.
-Und seine Hand riß die ihre an sich: „Ich liebe dich -- weiter über
-alles.“
-
-Da gab sie den Kampf auf.
-
-„Wo warst du so lange?“ fragte sie voll seliger Scheu.
-
-Nun nahm er auch ihre schlanke stolze Gestalt. Einen Augenblick ruhte
-sie an seinem Herzen.
-
-„Ich war immer bei dir, Eva.“
-
-„Und ließest mich doch ganz allein.“
-
-„Durfte ich denn kommen? Hast du deinen Brief vergessen, den
-schrecklichen kalten Brief?“
-
-„Es war alles nicht wahr,“ stammelte sie.
-
-„Warum dann aber? Wozu diese unsägliche Qual für uns Beide?“
-
-„Frage nichts! Ich weiß es nicht. Ich weiß nur das Eine.“
-
-„Was ist das? Sprich es aus!“
-
-„Daß ich dich ebenso liebe, wie du mich!“
-
-Seine Arme umfaßten sie -- trugen sie beinahe, und mit geschlossenen
-Augen ließ sie es geschehen. „Du, du,“ sagte er nur, „nun hat alle Not
-eine Ende!“
-
-Da schlug es wieder in ihr wundes Gewissen. „Ich muß noch mit dir
-sprechen. Morgen, ja?“
-
-Das unheimliche Gespenst des dunklen Geheimnisses, unter dem er bis zur
-Grenze des Ertragenkönnens gelitten -- da war es wieder. Und dennoch
-nichts mehr von alledem.
-
-„Es ist doch Keiner da, der jemals ein Recht an dir gehabt hätte, Eva?“
-
-Stolz und frei blickten ihre Augen in die seinen.
-
-„Niemand! Das schwöre ich dir!“
-
-Nun war alles -- alles gut! Keine Frage sollte jemals an seinen Qualen
-rühren. Er würde ihr bedingungslos vertrauen. Er hob ihre Hände und
-preßte seine Lippen darauf.
-
-Der nächste Tag war ein Sonntag. Mit holdseliger Befangenheit, die
-ihn rührte und beglückte zugleich, hatte sie seinen Besuch in ihrem
-Heim abgewehrt. So war es festgelegt, daß sie sich um die Mittagszeit
-draußen in Wannsee treffen und alles nötige miteinander vereinbaren
-würden. Denn sie waren im Innern gleich entschlossen, daß sie schon
-diesen Winter als Mann und Frau durchleben mußten!
-
-Auf dem schmalen Sitzbrett eines Bootes saßen sie und sprachen von sich
-und ihrer Zukunft.
-
-„Ein glänzendes Los erwartet dich nicht, Liebste,“ meinte er. „Siehst
-du, mein festes Einkommen genügt eigentlich. Aber da ist noch mein
-Vater. Ich schrieb dir damals alles von ihm. Und dann meine kleine
-Schwester. Wenn ich sie doch eines Tages wiederfände.“
-
-Fest schmiegte sie sich an ihn.
-
-„Mit mir, die ich leider mit ganz leeren Händen zu dir kommen muß,
-rechnest du also lediglich als Verbraucherin?“
-
-Er sah sie erschrocken an.
-
-„Anders darf es nicht sein, Eva!“
-
-„O doch! Verstehe mich nicht falsch. Ich werde an dir und deiner Liebe
-volles Genüge finden. Das weiß ich. Frei von allem Ehrgeiz will ich dir
-schaffen helfen, indem ich weitere Stunden gebe.“
-
-„Nicht früher, bis es dringend notwendig geworden ist. Versprich mir
-das schon jetzt.“
-
-„Gut,“ sagte sie nach einer Weile. -- An ihrem Zaudern merkte er, wie
-schwer ihr die Zusage wurde.
-
-„Ich glaube, das war von mir allzu egoistisch, Liebling. Aendern wir
-es darum ungesäumt ab. Wenn deine Sehnsucht dich früher dazu treiben
-sollte, dann sagst du es mir!“
-
-Sie nickte.
-
-„Wie du mir überhaupt alles -- alles anvertrauen mußt. Nicht wahr? Aber
-das ist ja selbstverständlich!“
-
-„Wenn ich dir nun doch eine Kleinigkeit verschweigen würde,“ fragte sie
-mit schmerzhaft zusammengezogenen Brauen.
-
-„Es käme darauf an, was es wäre. Halte mich nicht für kleinlich. Ich
-will dir immer grenzenlos vertrauen. Aber ein Geheimnis, daß schon
-bestanden hat, ehe du mein Weib wärst. Siehst du, das müßte ich
-kennen. Oder?“ Er stockte.
-
-„Warum sprichst du nicht zu Ende, Walter?“
-
-„Es war nichts, Liebste,“ lenkte er ab.
-
-„Du willst kein Geheimnis dulden und schaffst in demselben Atemzug
-eins,“ klagte sie.
-
-Ihre Augen standen voller Tränen. Der Jammer über ihr Schicksal
-erpreßte sie. Er aber glaubte, sie verletzt zu haben, befreite sich von
-dem sich selbst gegebenen Versprechen und sagte rasch und klar:
-
-„Du hast einen Anspruch, den Satz zu Ende zu hören. Ich wollte sagen,
-wenn es das Geheimnis eines Geschehnisses wäre, von dem du wüßtest, daß
-es nichts in mir änderte -- das ich voll begreifen, ja vielleicht sogar
-nachmachen könnte, dann gestände ich dir ohne weiteres das Recht zum
-Verschweigen ein.“
-
-„Also in keinem andern Fall?“
-
-„Nein! Vielleicht könnte ich etwas, das ich nie begreifen lernte,
-dennoch verzeihen.“
-
-„Du mußt mir noch mehr darüber sagen, Walter. Ich verstehe dich noch
-nicht völlig.“
-
-„Und es ist doch so klar, Liebste! Ein hartes Geheimnis, lediglich
-durch einen Zufall enthüllt, würde für immer Glauben und Vertrauen in
-mir vernichten.“
-
-„Auch die Liebe?“ fragte sie mit Aufbietung aller Kraft.
-
-„Meinst, daß die ohne Glauben und Vertrauen möglich ist?“
-
-Einen Augenblick rang sie um Atem. Jetzt mußte sie es ihm sagen. Keine
-Minute durfte es länger nach diesem verschwiegen werden.
-
-Da legte er den Arm um sie und zog ihren Kopf an seine Brust. So ruhte
-sie aus, während der leichte Kahn fast stillstand, und dachte dumpf und
-verzweifelt und dennoch über alle Maßen selig: Noch einen Herzschlag
-lang, und dann -- --
-
-Er küßte sie auf Mund und Augen. Ein leiser Wind begann sie ein wenig
-vorwärts zu treiben. Die Sonne sah ihr warm und strahlend ins Gesicht.
-
-Plötzlich ward sie fest entschlossen, ihr Glück nicht aufs Spiel zu
-setzen. Denn der Zufall? Er konnte ihr nichts anhaben. Niemand außer
-ihr wußte darum!
-
-„Wir törichten, dummen Menschen,“ flüsterte sie an seinem Herzen und
-lachte dabei. Wie von einem Alp befreit atmete er auf.
-
-Daß sie jetzt schweigen konnte und lachen war der beste Beweis, daß er
-sich alle Schatten nur eingebildet hatte!
-
-Sie wurde sprühend ausgelassen.
-
-„Daß hätte ich niemals für möglich gehalten,“ wunderte er sich beglückt.
-
-„Du wirst noch viel Seltsames an mir erleben.“
-
-„Sicher aber lauter Schönes und Beseligendes.“
-
-„Möglich! Als deine Frau findet auch das immer noch ausstehende Wunder,
-das eine Ahne verheißen hat, eine Erfüllung.“
-
-„Worin könnte das wohl noch bestehen?“
-
-„Daß einer Ostried, die gleich einer Nachtigall flötet -- verzeih’
-mir diese Anmaßung, aber so steht es geschrieben -- eines Tages ein
-Märchenschloß vom Himmel herabfällt, worin wir Beide dann unsere
-allerreinste, allertiefste Liebe vor den neidischen Menschen verstecken
-können.“
-
-„Das Schloß mag nahe genug sein. Aber, ich bin das Hindernis. Paß nur
-auf, du kennst meine Schattenseiten nicht.“
-
-„Ich weiß nur, daß ich glücklich durch dich bin. Was wird nur die alte
-Pauline sagen, wenn sie alles erfährt.“
-
-„Ich bilde mir ein, sie hat es vorausgewußt, Liebste.“
-
-„Hat sie etwas derartiges verraten oder gar dir zugeredet.“
-
-Es klang schelmisch und übermütig.
-
-„Gelobt hat sie dich nur immer, bis ich ihr das im vollen Ernst
-verbieten mußte.“
-
-„Und darin ist sie gehorsam gewesen?“
-
-„Aufs Wort.“
-
-„Dann wirst du auch mich völlig beherrschen, Liebster.“
-
-„Und du wirst dich zu deiner Kunst zurücksehnen?“
-
-„Soll ich es dir wirklich wiederholen, du Unersättlicher? Mein Sehnen
-bist du! Ohne dich wäre mir jenes sagenhafte Märchenschloß nie und
-nimmer beschert worden.“
-
-„So süß es in meinen Ohren klingt, Liebling. Der Jurist weiß es
-anders.“ Und er erzählte ihr von jener durch Horst Waldemar von Ostried
-aufgefundenen grundlegenden Erbfolgebestimmung. Sie hörte aufmerksam
-zu und brach schließlich in ein helles Lachen aus. Diesmal kam es aus
-einem schattenlos fröhlichen Herzen.
-
-„Nun verstehe ich endlich den Brief des Regierungsassessors und nunmehr
-entthronten Anwärters. Das heißt,“ fügte sie verbessernd ein, „jetzt
-kann er wieder seine alte langweilige Maske vorstecken. Zwei Tage
-nach dem Familientag erhielt ich ein Schreiben von ihm. Ach so --
-ich muß noch etwas voranschicken. Er wollte mich nach jener Sitzung
-heimbegleiten -- aber ich hatte kein Verständnis dafür und schickte ihn
-fort. Darauf nahm er Bezug. Es war ein schöner Brief. Du mußt ihn auch
-lesen. Inhalt: Ich hätte es ihm angetan und er flehte um meine Huld!“
-
-„Richtig Huld hat er geschrieben?“
-
-„Jawohl! Du, das war sehr diplomatisch. Darunter konnte ich mir
-allerhand vorstellen. Warte, es geht noch weiter. Wann er kommen dürfe,
-um sich von meiner Vergebung zu überzeugen und wann vor allen Dingen
-er mich seinen lieben Eltern bringen könne, die sich herzlich auf mich
-freuten. Dabei schenkten mir damals besagte liebe Eltern auch nicht die
-geringste Beachtung.“
-
-„Was hast du ihm geantwortet?“
-
-„Geantwortet? Aber, Liebster?“
-
-„Nun ja --“
-
-„Kein Wort natürlich! Er ist doch auch Jurist und wenn ich ihm ganz
-klar meine Ansicht über diesen Fall mitgeteilt hätte, würde er mich
-sicher vor das hohe Gericht geschleppt haben. Denn, du mußt bedenken,
-daß ich bei Abfassung seines Briefes die für ihn ausschlaggebenden
-Beweggründe noch nicht ahnte. Ich habe ihn einfach für wahnsinnig
-gehalten. Später änderte ich diese betrübliche Ansicht in eine nicht
-minder unschöne ab. Er wurde mir langsam zu einem gewissenlosen
-Betörer, dem jedes Mittel zur Erlangung eines unsaubern Wunsches recht
-ist.“
-
-„Du hättest also Frau Regierungsassessor und noch viel mehr werden
-können. Bestimmt aber die Schloßherrin von Waldesruh, wenn auch im
-reifsten Alter. Der jetzige Majoratsherr scheint keine Lust zur
-Wiedervermählung zu haben.“
-
-Sie zuckte zusammen, als fröstele sie. „Niemals sah ich ein
-seelenloseres Gesicht als das seine! Findest du das nicht auch?“
-
-„Sonderlich zu erwärmen vermag auch ich mich nicht für ihn. Aber er ist
-ein Mann von hochanständiger Gesinnung. Nicht wahr, wie leicht hätte
-er es gehabt, diese unbequeme Bestimmung aus dem verrosteten Kasten
-einfach verschwinden zu lassen. Wenn er auch nachträglich ausgeführt
-hat, daß sie ihn und einen eventuellen Sohn aus einer zweiten Ehe nicht
-anficht. Immerhin, es brachte ihm Arbeit und Reibereien ein.“
-
-„Natürlich. Ich vergesse immer wieder, daß ich in den Augen der ganzen
-Familie verfehmt bin. Nein,“ verbesserte sie sich, „das wäre undankbar.
-Der Kummersbacher war herzlich gut mit mir und der kleine Dichter, der
-mich übrigens treu besucht, hat mir längst zwei Flügel verliehen.“
-
-„Mache dich jedenfalls in allernächster Zeit auf die wichtige Eröffnung
-gefaßt, Evalein, daß deiner späteren Linie bei einer standesgemäßen
-Heirat die Aussicht zur Wiedererlangung der alten Heimat beschert sein
-soll!“ Sie errötete tief und nestelte sich von neuem an ihn.
-
-„Ich gehöre dir. Nur dir! Alles andere ist wertlos geworden! Du wirst
-mir auch diese Mitteilung, die hinfällig geworden ist, ersparen --
-nicht wahr?“
-
-„Das darf ich als pflichtgetreuer Anwalt, der gar nichts mit deinem
-Liebsten zu schaffen hat, nicht!“
-
-„Aber, wenn ich nun doch sehr, sehr bald auch vor der Oeffentlichkeit
-deine Braut heiße.“
-
-„Damit bist du leider noch nicht meine Frau!“
-
-„Auch das wird gar nicht mehr so lange auf sich warten lassen?“
-
-„Wären dir endlos lange zwei Monate als Verlobungszeit zu kurz,
-Liebste?“
-
-„Nein, nein! Das sind ja mehr als sechzig Tage!“
-
-Schweigsam aneinander gelehnt saßen sie, sahen träumerisch nach den
-silbergrauen Perlen und beschlossen, Hand in Hand, daß in den nächsten
-Tagen ein ausführlicher Brief über dies Ereignis nach Hohen-Klitzig
-berichten solle.
-
-Noch einmal jammerte Eva von Ostrieds Gewissen auf. Dann hatte sie auch
-diese Regung überwunden.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-22.
-
-
-Sie hatte ein Herz aus Glas und der Geliebte sah alles, was darin
-vorging! Selbst bis dahin ahnungslos, daß es so war, offenbarte ihr
-erst sein entsetztes Stammeln, daß sich ihm nun doch ihr Geheimnis
-enthüllt habe. Sie gewann es über sich, um seine Vergebung zu betteln,
-sie zu gewähren war ihm unmöglich!
-
-Er schüttelte sie ab und floh mit einem Ruf des Abscheus für immer -- --
-
-Als Eva von Ostried mit einem wilden Schrei aus diesem Traume
-emporfuhr, versuchte sie sich zu verhöhnen. Nachmittags, wenn sie sich
-zum Aussuchen der Verlobungsringe treffen würden, wollte sie ihm davon
-erzählen. Zugleich erschrak sie über diese Kühnheit, denn lediglich das
-gläserne Herz war ein Gebilde ihrer aufgepeitschten Nerven. Das weitere
-entsprach ja der Wahrheit!
-
-Die Morgensonne leuchtete durch die herbstlichen Bäume des Parkes
-und trug zu ihrem goldenen Strahlen den Widerschein der gelb und
-rotgefärbten Blätter ins Zimmer hinein; dabei wurde Evas Herz wieder
-ruhig.
-
-Gegen zehn Uhr vormittags brachte Gretchen Müller einen Rohrpostbrief.
-
-Eva von Ostried streckte mit glücklichem Lächeln die Hand danach aus.
-Walter Wullenweber schrieb in großer Eile:
-
- Mein Liebling, werde soeben telegraphisch zur Entgegennahme eines
- Testaments in die Nähe Berlins aufs Land gerufen. Komme wegen
- ungünstiger Bahnverbindung jedenfalls erst spät abends zurück. Auf
- morgen also...
-
-Ein neuer Tag ohne ihn! Es erschien ihr schmerzlich und doch süß
-zugleich! Die Tränen kamen ihr vor Glück.
-
-Der Montag vormittag war ihr sonst wegen der fünf aufeinanderfolgenden
-Stunden dahingeflogen. Heute dehnte er sich endlos.
-
-Nachdem ihr Tagewerk vollendet, schloß sie sich in das kleine
-einfenstrige Zimmer ein, wie damals, als sie ihm den Abschiedsbrief
-geschickt hatte. Ein Berliner Konzertagent kam, verhandelte mit
-Gretchen Müller und begehrte Eva von Ostried danach ungesäumt zu
-sprechen. „Er mag wiederkommen,“ sagte sie drinnen, ohne zu öffnen. Was
-ging sie noch die Kunst an? Ihr Glück lag einzig in +ihm+. Mechanisch
-nahm sie das dünne Päckchen aus dem Schreibtisch und legte es vor sich
-hin. Ihr graute vor der erneuten Berührung. Mit spitzen Fingern zog sie
-endlich seinen Inhalt ans Licht. Es enthielt nur noch zwei Scheine. Die
-letzten! Das andere des Raubes war aufgebraucht. Wenn sie die laufenden
-hauswirtschaftlichen Ausgaben beglichen haben würde, mußte sie von
-neuem einen dieser Scheine wechseln. Die letzte unbezahlte Arztrechnung
-für Gretchen Müller fiel ihr ein. Es waren wiederum dreihundert Mark,
-trotzdem sie selten genug nach dem Sanitätsrat gesandt hatte.
-
-Es schadete ja auch nichts. Gewechselt mußte doch werden. Sie brauchte
-ein Hochzeitskleid -- einen Schleier und den grünen Myrthenkranz.
-Wovon sollte sie dies und noch viel mehr bezahlen, wenn nicht von
-diesem Gelde?
-
-Seine Braut, die ihre äußere Schönheit gestohlen haben würde -- im
-wahrsten Sinne des Wortes. Den Treuschwur verachtend und selbst --
-Verbrecherin!
-
-Aber heimliche Stimmen flüsterten Trost und Hoffnung: „Er läßt dich
-niemals! Ohne dich ist seine Zukunft schal. Sei ganz ruhig --“
-
-Sie nickte und glaubte es zuletzt! Und spann nun aus, wie es sein
-würde, wenn Sie ihm alles gesagt hätte. Eine unbeschreibliche Seligkeit
-mußte das werden! Von dieser Vorstellung kam sie nicht mehr los.
-
-Gegen Abend schrieb sie ihm alles, wie es sie dünkte, zu nüchtern. Da
-sie es überlas, erschien es ihr grausam. Aber es war ihr unmöglich
-gewesen von ihren Gefühlen dabei zu sprechen; die würde er klar
-empfinden, ohne daß sie ein Wort verlöre, meinte sie. Unmöglich schien
-es ihr auch, der Opfer Erwähnung zu tun, die sie gebracht und noch eine
-Zeitlang weiter bringen mußte, weil sie der heimatlosen Schwerkranken
-eine Zufluchtsstätte bot. Das alles würde Sache der mündlichen
-Aussprache sein.
-
-Als der Brief fertig war, begriff sie nicht, wie sie jemals zaudern
-konnte. Sie trug ihn selbst fort, wie damals. -- Dann ging sie ihren
-Tag weiter! -- --
-
-Jedesmal, wenn vierundzwanzig Stunden später die Klingel gellte,
-glaubte sie zu fühlen, daß er jetzt da sei.
-
-Glaubte es immer wieder, bis dieser Tag sank und ein neuer kam, der
-ebenso ereignislos verlief wie sein Vorgänger. Erst am dritten Tage
-packte sie eine fürchterliche Angst. Wenn er nicht darüber fortkäme?
--- Das währte aber nicht lange. Seine tiefe große Liebe würde niemals
-sterben können.
-
-Am vierten Tage hatte sie keine Hoffnung mehr! Und am fünften Tage
-ertrug sie die Qual nicht länger. Ohne ihren Namen zu nennen, fragte
-sie im Büro an, ob er zu sprechen sei. Darauf erwartete sie ein „Nein“
-und erhielt statt dessen den Bescheid, daß er, wie alle Tage, seine
-juristischen Sprechstunden abhalte.
-
-Da warf sie sich auf einen Stuhl und mußte lachen. Es klang schaurig.
-Sonst hätte sie aber schreien müssen -- immer nur schreien -- das ganze
-Haus zusammen und noch weiter zu der Straße hinaus, denn die Fenster
-waren weit geöffnet.
-
-Er lebte und gab ihr keine Antwort! Was war das?
-
-Ein paar Stunden später wußte sie es. Sie riß seinen Brief gleich vor
-der Tür auf, als sie ihn empfing. Da sank sie bewußtlos zusammen, und
-Gretchen Müller fand sie, den Brief in der Hand.
-
-Gretchen Müller hatte noch niemals einen Blick in fremde Post getan.
-Jetzt las sie, nach kurzem Zaudern, bewußt Wort um Wort, begriff nicht
-alles, aber wußte doch, daß der Strenge nun auch bereit war, sein
-eigenes Herz zu Tode zu foltern.
-
- „Du wirst viel gelitten haben, ehe Dir dieser Brief möglich
- war,“ schrieb er. „Das fühle ich deutlich. Was Du tatest, mag
- Dir damals einen Augenblick als der einzige Ausweg erschienen
- sein. Leichtsinnig hast Du es nicht tun können. Es wird sich auch
- hundertfach gerächt haben. Alles das wiederhole ich mir seit Tagen.
- Dein erster Brief war eine Folge davon und wie vieles andere wohl
- noch, das Du unerwähnt ließest. Ich glaube sogar, daß ich eine
- andere verteidigen könnte. Eine, die ich nicht liebe als meines
- Wesens Heiligstes. Um Deine Freisprechung habe ich vor meinem Gott
- gerungen und sie doch nicht finden können. Es ist unaussprechlich
- grausam, auch für Dich. Aber daran läßt sich vorläufig nichts
- ändern.
-
- Ich ringe weiter. Habe Geduld mit mir und mit dem dumpfen
- Schrecken, der mich nicht loslassen will.“
-
-Nach überraschend kurzer Zeit konnte Eva von Ostried sich allein auf
-das Ruhebett begeben. Suchend irrte ihr Blick umher.
-
-„Ich habe den Brief auf Ihren Schreibtisch gelegt,“ sagte Gretchen
-Müller.
-
-Am nächsten Tage raffte sich Eva von Ostried auf und stand plötzlich
-vor der Hausgenossin. „Wenn Sie mir schnell etwas Warmes bereiten
-könnten, Gretchen. Ich muß nämlich zu dem Agenten, den ich neulich
-durch Sie abweisen ließ. Wie gut, daß Sie sich seine neue Adresse geben
-ließen.“
-
-Es klang ruhig. Auch das Gesicht war, obgleich immer noch sehr blaß,
-wieder ebenmäßig schön, wie zuvor. Entsetzt wehrte Gretchen Müller ab:
-
-„Sie dürfen auf keinen Fall heraus. Hören Sie nur, wie scharf der Wind
-pfeift.“
-
-„Es war leichtsinnig, daß ich den Agenten nicht anhörte,“ sagte Eva.
-„Erinnern Sie sich noch, was er sagte?“
-
-„Ganz genau. Er käme, um eine Reihe Winterkonzerte mit Ihnen zu
-vereinbaren und wenn es möglich sein könnte, auch über das andere zu
-reden.“
-
-„Welches andere? Mir ist nichts bekannt!“
-
-„Ich wagte nicht danach zu fragen. Er war eilig und beleidigt, weil Sie
-ihn nicht vorließen.“
-
-„Nun also, wie stehts jetzt mit der Wegzehrung, Gretchen?“
-
-„Sie ist längst bereit. Aus dem Hause lasse ich Sie aber nicht.“
-
-„Seien Sie nicht kindisch.“
-
-„Ich flehe Sie an. Hören Sie nur dies eine Mal auf mich.“
-
-Eva von Ostried fühlte ein inneres Erschrecken.
-
-Es mußte einen Grund haben, daß Gretchen Müller sie zurückhalten
-wollte. Sollte sie etwas ahnen?
-
-Aber was war denn überhaupt geschehen? Zwei Menschen, die sich auf
-seltsame Art gefunden, hatten sich ebenso wieder getrennt. Ein Teil
-war schuldig, der andere schneeweiß. Noch besser. Eins rang mit der
-Nacht des Wahnsinns; das andere hielt unentwegt seine juristischen
-Sprechstunden ab.
-
-Bedurfte es eines klareren Beweises, wer mehr litt?
-
-Sie biß die Zähne zusammen. Und wenn sie auf dem Wege niederfallen
-sollte, sie würde jetzt doch den Agenten aufsuchen und sich von ihm
-anwerben lassen, wohin er sie haben wollte.
-
-Und Toiletten würde sie anschaffen. Nicht mehr weiße, unschuldsvolle
-Nonnenkleider, sondern prunkvoll schimmernde, wie es sich für eine
-große Sünderin ziemte.
-
-Und kostbare Steine mußten Arme und Hals in Zukunft ebenfalls
-schmücken. Man bekam sie schon, wenn man es nur erlaubte!
-
-Ihre Augen brannten dunkel aus dem wieder erblaßten Gesicht. Heiß und
-rot lockten die Lippen.
-
-Sie suchte nach ihrem Mantel und vermochte ihn doch nicht zu fassen,
-trotzdem er vor ihr am Ständer hing. Es schwebte und wogte plötzlich
-alles um sie herum.
-
-„Ich gehe doch,“ stieß sie hervor, als stände der mächtige Feind neben
-ihr, der ihren Willen band.
-
-Sie fühlte ein Knäul aufsteigen, an dem sie zu ersticken drohte.
-„Wasser -- einen Schluck Wasser,“ keuchte sie atemlos.
-
-Sie netzte die Lippen, aber das Würgen blieb. Eine erbarmungslose Faust
-stieß sie auf den nächsten Stuhl. Ihre Hand fuhr an die Stirn. Wie leer
-das da war. Wie tot. Der Fahrt auf dem Wannsee erinnerte sie sich, als
-sein Mund sich auf den ihren preßte. „Ohne Glauben und Vertrauen keine
-Liebe möglich,“ sagte er -- --
-
-Irgend etwas löste sich in ihr; ein Schrei, ein Schluchzen; Tränen
-stürzten aus ihren Augen.
-
-Gretchen Müller sah starr geradeaus, als merke sie von alledem nichts.
-Jedes Trostwort war sinnlos. Nur eins konnte helfen. Und dies eine
-blieb zu schwer für sie! Sie dachte an alle Güte, welche sie durch
-die jetzt namenlos Leidende erfahren hatte. Noch einmal durchlitt
-sie die Qualen der Armut und des erschütternden Erkennens eigenen
-Unwerts. Nichts blieb ihr erspart. Die Demütigungen, die sie als
-Stellungssuchende erfahren, die Ansinnen, die ihr noch jetzt das Blut
-vor Scham in die Wangen trieben -- die Liebe zu dem Unwürdigen, die
-nicht sterben wollte, obwohl sie ihn verachten mußte. Und zuletzt der
-nagende, jammervolle Hunger. Wie hatte das alles monatelang in ihrem
-Körper gewühlt, bis sie endlich entschlossen gewesen, das elende Leben
-von sich zu werfen.
-
-Erst jetzt war sie imstande eine Kleinigkeit für ihre Retterin zu tun.
-
-Sie hatte lediglich nötig ihm zu sagen: „So ist es und nicht anders.
-Mag sie selbst in den Augen der Welt das Schlimmste getan haben. Ich
-weiß nichts und will nichts davon wissen. Es ist alles aufgewogen durch
-ihre Güte und Größe. Ich habe doch Augen zu sehen. Wie viel Männer
-hätten ihren Reichtum willig hingegeben für ihr Lächeln, für das Dulden
-reicher Gaben. Sie hat nie etwas angenommen. Ich weiß, daß sie alle
-Schätze für Einen aufgespart hat. Und nun richtet er sie. Wer darf das
-tun?“
-
-Mehr brauchte sie kaum zu sagen.
-
-Fast gierig prüfte Gretchen Müller das Gesicht, das ihr doch längst mit
-jedem Zug vertraut geworden. Seine Schönheit erfüllte sie in diesem
-Augenblick mit unsagbarer Freude. Es war unmöglich, daß einer, der sie
-liebte, hier freiwillig entsagte.
-
-„Vielleicht entschließe ich mich sehr bald zur Bühne. Vielleicht auch
-nicht! Es hat ja noch Zeit,“ sagte Eva nach längerer Zeit des Besinnens.
-
--- -- Eine Woche später ging ihr, aus dem Büro in der Markgrafenstraße,
-von einer fremden kritzlichen Handschrift, deren Name unleserlich
-blieb, unterzeichnet, nachstehende Eröffnung zu:
-
- Gemäß einer durch Herrn Horst Woldemar von Ostried, derzeitigen
- Majoratsherrn auf Waldesruh, aufgefundenen grundlegenden
- Familienbestimmung aus dem Jahre 1701 wäre auch das weibliche
- eheliche Kind eines ohne männliche Nachkommenschaft verstorbenen
- Majoratsherrn von Waldesruh insoweit am Majorat erbberechtigt,
- als ein aus ihrer ebenbürtigen Ehe hervorgegangener Sohn mit
- dem vollendeten achtzehnten Lebensjahr, besagtes Majorat mit
- allen darauf ruhenden Rechten und Verbindlichkeiten übernehmen
- soll. Bedingung wäre, daß diese Tochter in jeder Beziehung
- einen einwandsfreien Lebenswandel geführt hat. Sie haben nach
- Ansicht des Seniorenkonvents bisher dies Recht nicht verwirkt
- und werden deshalb hiermit vorgemerkt. Aus der abschriftlich
- beigefügten, später aufgenommenen Bestimmung, die sich auf Seite
- 56 des Familienstatuts aus dem Jahre 1830 vorfindet, ersehen
- Sie die genausten Bedingungen für diese Vormerkung ebenso, wie
- auch dasjenige, was unter einer ebenbürtigen Ehe im Sinne der
- grundlegenden Bestimmung zu verstehen ist.
-
- Die Mitteilung, daß Sie von dieser Nachricht Kenntnis genommen und
- mit Ihrer Vormerkung resp. Eintragung vor dem Regierungsassessor
- von Ostried sich einverstanden erklären, erbitten wir gefälligst
- umgehend.
-
-Ohne auch nur einen Augenblick zu überlegen, antwortete Eva von Ostried:
-
- Ich verzichte ausdrücklich auf dieses Recht und bitte, mich mit
- ähnlichen sich etwa in Zukunft noch neu ergebenden Mitteilungen zu
- verschonen.
-
-Dann mußte sie lachen. Es entsprang der Bitterkeit und Verachtung über
-alle Satzungen, die Menschen gemacht hatten. Langsam begriff sie das
-eine:
-
-Walter Wullenweber hatte die vorliegende Mitteilung nicht mit seinem
-Namen decken können, weil sie in seinen Augen nicht dasjenige
-„untadlige Weibsbildn“ war, das sie zu sein hatte, um als Stammutter
-eines zukünftigen Majoratsherrn in Betracht zu kommen. Es regte sie
-nicht mehr auf!
-
-Ihr Gesicht wurde hart wie ihre Seele. Ihre Hand zitterte nicht, als
-sie jetzt zum zweiten mal die Feder eintauchte, um einen unwiderruflich
-letzten Brief an Walter Wullenweber zu schreiben. Sie tat es wie eine
-Fremde:
-
- „Ich will dein Ringen, wenn es inzwischen nicht aufgegeben sein
- sollte, kurz beenden. Quäle dich nicht mehr damit, für mein
- Verbrechen Entschuldigung oder gar Vergebung zu finden. Dazu ist
- es zu spät geworden. Ich wüßte mir nichts mehr damit anzufangen.
- Der Rausch, dem ich mich hingab, wirkt nicht mehr. Daß ich Dir für
- Deine spätere würdigere Ehe das Beste wünsche, sei Dir ein Beweis,
- wie ruhig und empfindungslos mein Herz für Dich geworden ist.“
-
-Sie überlas das Geschriebene nicht. Eilig verschloß sie den Umschlag
-und fühlte nichts dabei, außer der staunenden Verwunderung, daß sie ihm
-erst heute geschrieben hatte.
-
-Erst als er mit dem andern zusammen besorgt war, erschrak sie plötzlich
-so sehr, daß sie sich setzen mußte, weil ihre Knie zitterten. Wie war
-es möglich geworden, daß sie ihm darin noch das „Du“ gegeben hatte?
-
-Pah, sie wollte nicht mehr darüber nachdenken. Ihre Seele sollte
-endlich frei werden. Und als müsse sie diesen Entschluß ungesäumt
-bekräftigen, drückte sie auf den Knopf der elektrischen Klingel, die
-zur Küche hinausführte. Ihre Stimme klang aber fest, beinahe kalt, als
-sie zu der Eintretenden sagte:
-
-„Meine Verlobung, liebes Gretchen, war nicht von Bestand. Sie ist
-wieder gelöst. Und zwar endgültig!“
-
-Dann sprach sie hastig, ohne eine Antwort zu ermöglichen, von
-gleichgültigen Dingen.
-
--- -- Die nächste Zeit brachte viel Hast und Abwechslung. Der emsige
-Agent hatte von Eva von Ostrieds augenscheinlich eingetretenen
-Bekehrung zur Vernunft einem ihm bekannten Direktor Mitteilung gemacht.
-Das wiederum ergab vertrauliche Anfragen, die eine ausführliche Antwort
-erheischten. In irgendwelcher Weise band sich Eva von Ostried vorläufig
-nicht.
-
-Mitten in diese Unruhe hinein kam eines Tages der Brief des Waldesruher
-Majoratsherrn, der zwecks mündlicher Rücksprache in der bekannten
-Neuregelung und ihrer Ablehnung im Auftrage des Seniorenkonvents um die
-Gewährung einer mündlichen Aussprache an einem von ihr zwischen dem
-Zwanzigsten und Fünfundzwanzigsten zu bestimmenden Tage höflichst bat.
-
-Der Vorwand wäre für jede Andere, wie Eva von Ostried, durchsichtig
-gewesen. Seine Anwesenheit neulich im Blüthnersaal -- eine vor Tagen
-stattgefundene zufällige Begegnung mit ihm, bei welcher er deutlich die
-von ihr vereitelte Absicht einer Annäherung zu erkennen gab, hätten sie
-zum Nachdenken bringen müssen.
-
-Ihr lag dies alles viel zu weit ab. Sie mochte ihn nicht wiedersehen.
-Die Vorstellung seines kalten, ausdruckslosen Gesichts brachte ihr
-ein unbehagliches Gefühl. Kurz, wenn auch nicht unfreundlich, lehnte
-sie sein Ersuchen mit dem Hinweis ab, daß eine Aussprache ihren
-unabänderlich feststehenden Entschluß nicht umzustoßen vermöge.
-
-An einem der nächsten Tage kam, nach längerer Pause diesmal, der Vetter
-Javelingen wieder.
-
-Eva von Ostried sah ihm erstaunt entgegen. „So feierlich? Ja, was gibt
-es denn? Hat der neue Operntext seinen Komponisten gefunden und bringen
-Sie mir schon die weibliche Hauptrolle zum Studium?“
-
-Er schüttelte den Kopf.
-
-„Das ist es nicht! Ich komme als Abgesandter des Kummersbacher.“ Er
-sah, daß sie die Lippen verzog, als schmecke sie einen unangenehm
-bitteren Trank.
-
-„Augenscheinlich mochten Sie ihn damals sehr gern,“ wunderte er sich.
-„Und jetzt plötzlich? Wirklich, ich merkte längst die Umwandlung.“ Es
-klang hilflos.
-
-„Von solchen Kleinigkeiten sollten Sie sich nicht quälen lassen,“
-mahnte sie sanft.
-
-„Es schmerzt mich, daß Sie sich so fest verschließen, Eva.“
-
-„Tue ich das? Dann ist es jedenfalls nichts neues. Sie kennen mich
-nur noch nicht von dieser meiner eigentlichen Seite. Gewiß, der
-Kummersbacher war sehr gut zu mir und ich habe auch nicht das Geringste
-gegen ihn. Ich bin aber wider alles Gewaltsame. Warum soll ich jetzt
-plötzlich einer Verwandtschaft wegen, die mir bisher nichts war, in
-einen neuen Kreis hineinlaufen? Denn, nicht wahr, mit dem Kummersbacher
-allein hätte es in Zukunft nicht sein Bewenden.“
-
-„Ich belästige Sie ja ohnehin schon,“ meinte er.
-
-„Halten Sie mich für so unehrlich, daß ich mir eine Belästigung
-gefallen ließe? Wenn Sie kommen, bringen Sie mir Freude mit. Wenn auch
-nicht in allen Fällen für mich, die Vielbeschäftigte, so doch für
-das liebe, kranke Mädchen, das ihrer dringender bedarf als ich, die
-körperlich Gesunde. Schon darum sind Sie mir stets willkommen. Sie
-wissen, meine Zeit gehört der Arbeit. Wenn es mir aber möglich wird,
-lausche ich Ihnen herzlich gern.“
-
-Er zog ihre Hand ehrerbietig an die Lippen. Sie mußte denken, ob er das
-wohl auch tun würde, wenn er wüßte.
-
-„Ich komme also heute mit einem Auftrage,“ gestand er fast schüchtern.
-
-Ihr Gesicht nahm einen hochmütigen Ausdruck an. „In Wahrheit schickt
-Sie gar nicht der Kummersbacher, sondern der Waldesruher, nicht wahr?“
-
-„Nein... wirklich nicht! Aber -- wissen Sie schon davon?“
-
-„Daß er mich im Auftrage des hohen Seniorenkonvents zur Einwilligung
-jener mich lächerlich anmutenden Eintragung bewegen will? Nun, das hat
-er mir geschrieben!“
-
-„Ich dachte an das... andere.“ Ein unbewußter Neid ließ seine sanfte
-Stimme schärfer als sonst werden.
-
-„Davon weiß ich nichts. Mag auch nichts hören. Verzeihen Sie diese
-Offenheit.“
-
-„Ich fürchte aber, Sie werden ihm nicht mehr entgehen.“
-
-„Dann ist es immer noch Zeit, daß ich mich darüber ärgere oder freue.“
-
-„Sie dürfen sich nicht freuen,“ sagte er leidenschaftlich.
-
-„Ich glaube selbst, daß dies mein Schicksal ist.“
-
-„Nicht so! Freude sollen Sie haben, so viel es nur irgend gibt....
-Aber... Warum sind Sie so bitter geworden?“
-
-„Sie irren, mein lieber Dichter. Nur abgearbeitet bin ich. Und... werde
-es in Zukunft noch viel mehr sein. Sehen Sie hier -- mein Büchlein ist
-voller Pflichten. In nächster Woche singe ich zweimal in Dresden.
-Danach in Weimar. Verhandlungen mit Dessau schweben gleichfalls. Berlin
-will mich auch. Die Vorbesprechungen, dies ängstliche Aufpassen, daß
-der Agent nicht den Löwenanteil in die eigene Tasche senkt, ist sehr
-anstrengend.“
-
-„Ich könnte es nicht.“
-
-„Wenn man ein bestimmtes Ziel vor Augen hat, geht auch dies!“
-
-„Sehnen Sie sich denn nach Reichtum, Eva?“ fragte er.
-
-„Ja, das tue ich!“
-
-Er erblaßte und sah auf seine schmalen, nervösen Hände nieder. „Reich
-ist er. Sehr reich sogar! Der Kummersbacher sprach von mehreren
-Millionen...“
-
-„Nun also... hübsch für ihn! Wer der Glückliche ist, will ich nicht
-wissen. Ich gönne jedem sein Schäfchen. Nur Sie sollen jetzt endlich
-zum Ziel kommen. Was ist es für ein geheimnisvoller Auftrag, den Sie da
-übernommen haben.“
-
-„Der Kummersbacher läßt Sie innig um Ihren Besuch bitten, so bald es
-sich einrichten läßt.“
-
-„Hat er vielleicht gehört, daß ich gerade für die nächsten Monate
-täglich voll besetzt bin?“
-
-„Wie mißtrauisch Sie geworden sind.“
-
-„Das gehört zu meinem Geschäft! Denn, wenn ich nach dem Beschlusse des
-hohen Familienrats auch keine Bänkelsängerin bin, aber eine, die sich
-von zwei Mark an von Jedem anstarren lassen muß, die bin ich nun doch
-mal.“
-
-„Ihnen muß etwas Hartes geschehen sein,“ forschte er.
-
-„Vielleicht! -- Machen Sie ein Sonett darüber. Aber am Schluß muß man
-lachen können. Hören Sie?“
-
-Sie wurde ihm unheimlich.
-
-„Also, der gute Kummersbacher erinnert sich seiner freundlichen
-Einladung von dazumal?“ fuhr sie fort. „Sagen Sie ihm mit einem schönen
-Gruß meine Dankbarkeit und ich käme bestimmt in der Zeit von Januar bis
-April...“
-
-„Dann beanspruchen ihn die Sitzungen im Herrenhaus und die
-Nachberatungen in Berlin.“
-
-„Eben darum,“ meinte sie ruhig. „Und nun kein Wort mehr davon. Ich
-bitte Sie herzlich darum. Kleiden Sie meinetwegen die Ablehnung auf
-Ihre zarte Weise ein. Ich will nicht die Gastfreundschaft der Familie,
-von keinem Einzigen ...“
-
-„Ohne Ausnahme?“ fragte er mit eigenem Nachdruck.
-
-„Ausnahmslos,“ bestätigte sie. „Und jetzt kommen Sie. Ich werde Sie
-begleiten. Gretchen Müller wird sehnsüchtig warten... Eine Stunde kann
-ich mich ebenfalls von Ihnen fortreißen lassen. Dann muß ich wieder
-arbeiten und Briefe schreiben. Ach, diese ewigen Geschäftsbriefe..“
-
--- -- -- Er las leise und bescheiden, wie auch sonst am Anfang!
-
-Die Eröffnung des Kummersbacher klang ihm in den Ohren. „Paß auf,
-es kommt. Für so was habe ich einen feinen Riecher... Darum beeile
-dich gefälligst, daß wir sie möglichst bald in meine ländliche Stille
-kriegen. Ihre Nerven, die deiner Ansicht nach reichlich runter sind,
-müssen erst in die Höhe, ehe er seinen Mund zu der entscheidenden Frage
-auftut...“
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-23.
-
-
-Es kam wirklich... und zwar erheblich schneller, wie es der
-Kummersbacher nach der mit heimlicher Schadenfreude von ihm
-festgestellten Umwandlung des bis dahin scheinbar temperamentlosen
-Vetters erwartet hatte. Eva von Ostried stand noch im Schmuck eines
-weinroten Sammetkleides, das die Schneiderin erst soeben abgeliefert
-und zum letzten mal angeprobt hatte, als die Klingel tönte.
-
-Es war der Waldesruher Majoratsherr, der um die Ehre bat, die gnädige
-Base sprechen zu dürfen.
-
-Sie dachte lange nach, während er zuerst ungeduldig, danach empört über
-das rücksichtslose Wartenlassen auf dem schmalen Korridor hin- und
-herging. Warum erweckte dieser Besuch ihren Unmut? Er brachte ihr doch
-eine ehrenvolle Genugtuung. Denn, wenn es sich nicht um eine solche
-handelte, würde sich ein eiskalter, untadliger Ehrenmann wie dieser
-solcher Mühe nicht unterziehen. Eine feine Falte stand zwischen ihren
-Brauen, als sie sich endlich entschlossen hatte.
-
-„Führen Sie ihn in das Musikzimmer, Gretchen.“
-
-„Aber das Kleid,“ gab die andere zu bedenken.
-
-„Es wird bei der kurzen Unterredung nicht stören.“
-
-Horst Waldemar von Ostried sah eine Sekunde verblüfft auf. Sie reichte
-ihm nicht die Hand entgegen. Nur den feinen Kopf neigte sie und
-deutete höflich auf einen Polsterstuhl.
-
-„Warum kommen Sie, Herr von Ostried?“
-
-„Sie werden sich erinnern... mein Brief...“
-
-„Also darum,“ machte sie gedehnt, „ich dachte, das sei längst abgetan.
-Sie haben gehört, daß ich nicht will...“
-
-„Darauf kommt es nicht an, gnädigste Base.“
-
-„Soll das ein Scherz sein? Aber der läge Ihnen nicht..“
-
-„Sie haben etwas bei der ganzen Sache übersehen,“ meinte er belehrend,
-„oder vielleicht unser Anwalt?! Die von mir aufgefundene Bestimmung
-hat ausdrücklich das Wort „soll“ bei der jetzt neu durchzuführenden
-Erbfolge vorgesehen.“
-
-„Niemand kann über den Willen eines Menschen bestimmen, als er allein,“
-wandte sie kühl ein.
-
-„Das ist ein großer Irrtum. Es gibt Höheres und Stärkeres, dem wir alle
-uns beugen müssen.“
-
-„Was könnte das sein,“ fragte sie ungläubig.
-
-„In der Hauptsache... das Gesetz...“
-
-„Jetzt wird er mir bestimmt alle Paragraphen aufzählen, die wir
-beachten müssen,“ fürchtete sie dumpf und ergeben.
-
-„Zuerst dasjenige, was in uns selber ist,“ begann er wieder.
-
-„Das meine will, daß ich mit gleicher Münze heimzahle. Verachtung gegen
-Verachtung.“
-
-„Sie dürfen nicht abschweifen. Sonst werden wir uns nie verstehen.“
-
-„Ich lege auch keinen Wert darauf.“
-
-„Aber ich tue es. Sehen Sie, das Gesetz, welches ich meine, ist etwas
-Ehrfurchtgebietendes, denn es kommt aus der Schmiede der Ehre! Wie
-es sichtbare Orden und Ehrenzeichen für Heldentaten gibt, so sind
-unsichtbare da, deren Fehlen mehr wie Strafen reden. Daß Sie laut der
-jetzt zu Kraft erklärten Bestimmung vorgemerkt sind, ist ein solches
-unsichtbares Ehrenzeichen.“
-
-„Wenn Sie es so auffassen und gekommen sind, um mich zu Ihrer Ansicht
-zu bekehren, danke ich Ihnen,“ sagte sie um vieles wärmer.
-
-„Wie stellen Sie sich also jetzt zu unserer Frage?“
-
-„Nicht anders wie zuvor.“
-
-„Das heißt, Sie sehen auch jetzt noch ab?“
-
-„Natürlich. Es liegt mir nichts daran.. Ich will frei sein. Ich
-will...“ Sie wollte hinzufügen, daß sie keinen persönlichen Verkehr
-wünsche, empfand dies aber einen Augenblick später als taktlos und
-verstummte.
-
-Er schien die Streifen des Teppichs, der weich und dunkel am Boden
-hinkroch, zu zählen.
-
-„Ich bitte Sie um Ihre Einwilligung,“ sagte er plötzlich.
-
-Sie mußte ein Lächeln unterdrücken. „Was hätten Sie davon, Herr von
-Ostried?“
-
-Er zuckte nervös zusammen. „Warum nennen Sie mich hartnäckig mit
-diesem... steifen Namen?“
-
-„Erlassen Sie mir die Antwort. Sie sind zur Zeit unter meinem Dach und,
-wenn ich auch kein Edelfräulein in Ihrem Sinne sein mag, das ist mir
-stets heilig gewesen.“
-
-„Ich möchte den sehen, der sich niemals irrt...“
-
-„Gut! Wir wollen es nicht in Worte kleiden... Ich fühle es und danke
-Ihnen nochmals. Sagen Sie den andern auch davon, denn, nicht wahr, der
--- wie nennen Sie ihn doch? -- Seniorenkonvent weiß um Ihr Kommen.“
-
-„Nein,“ sagte er kurz und sehr laut.
-
-Das begriff sie nicht. „Ich habe mich niemals mit all diesen
-Bestimmungen beschäftigt,“ entschuldigte sie sich.
-
-„Ich will haben, daß Sie in den Augen der gesamten Familie rein und
-makellos dastehen. Daß wir Sie dafür befunden haben, bewirkt das
-noch nicht. Die Hämischen könnten behaupten, es habe sich inzwischen
-etwas ihnen Verborgenes herausfinden lassen, das Ihre Unwürdigkeit
-dennoch dartäte. Der Vetter Regierungsassessor hat Sie neulich auf dem
-Familientag bereits auffallend genug übersehen.“
-
-Jetzt mußte sie lachen.
-
-„Stimmt das etwa nicht,“ fragte er gereizt. „Hat er Sie begrüßt oder
-Ihnen auch nur ein verbindliches Wort gesagt?“
-
-„Aber... nachgelaufen ist er mir und hat mir seine Begleitung
-angeboten.“
-
-„Und Sie?“
-
-„Ich habe ihn fortgeschickt, wie man das auch ohne Ihre Familiengesetze
-zu kennen, eben tut...“
-
-„Darum wird er Sie jetzt um so mehr mit seiner Abneigung verfolgen.“
-
-„Daran liegt mir auch nicht das Geringste.“
-
-„Aber mir liegt daran!“
-
-Sie sah ihn erschrocken an und stellte fest, daß er sehr rot und erregt
-geworden war.
-
-„Ihnen? Sie hören ja, daß ich mich auch weiter allein zu schützen
-gedenke. Ja... und hören Sie weiter. Ich muß Ihnen einen Vorschlag
-machen. Vielleicht ist es Ihnen allen unangenehm, daß ich den alten
-Namen Ostried führe. Bitte, seien Sie ganz ehrlich mit mir. Ich bin
-Künstlerin und kann ihn, ohne, daß es besonders auffällt, jederzeit
-ablegen. Einmal war ich bereits dazu entschlossen...“
-
-„Sie sollen ihn behalten! Aber der Vetter Regierungsassessor darf Sie
-nicht verächtlich machen.“
-
-Sie legte den Kopf ein wenig auf die Seite und blinzelte in die
-Schatten, die jetzt dunkelblau und lila getönt den Raum erfüllten.
-„Leider verachtet er mich durchaus nicht. Fast wäre mir das lieber
-gewesen, als das andere...“
-
-„Was ist das?“ fragte er.
-
-„Wenn ich ihn nicht... sehr tief einschätzte, würde ich darüber
-schweigen. Ich mißachte ihn aber. Darum...“ und sie erhob sich, ging in
-das Nebenzimmer und nahm aus dem Mittelfach ihres Schreibtisches seinen
-Brief.
-
-„Lesen Sie ihn. Dies Schreiben ging mir zu, nachdem die Anschlußsitzung
-über meine oder besser meines künftigen Sohnes Erbfolge stattgefunden
-hatte.“
-
-Horst Waldemar von Ostried las erstaunlich lange an den kurzen Zeilen.
-
-„Es ist eine Gemeinheit,“ sagte er dann kurz und scharf. Sie nickte.
-
-„Man könnte es wohl als solche bezeichnen! Daß Sie so ehrlich sind,
-freut mich doppelt...“
-
-„Könnten Sie mir den ungefähren Wortlaut Ihrer Antwort an ihn
-mitteilen?“
-
-„Nein... das möchte ich nicht.“
-
-„Hätte ich mich in Ihnen getäuscht?!“
-
-„Möglich! Vielleicht mißverstehen wir uns aber. Weil ich nämlich keine
-Antwort gab, kann ich auch keinen Wortlaut wiederholen.“
-
-Er atmete auf. „Das war gut!“ Dann saß er stumm und schweigsam da.
-
-„Warum geht er jetzt nicht,“ dachte sie erstaunt und sagte laut:
-„Verzeihen Sie diese Dunkelheit. Ich will jetzt Licht machen... Ich
-liebe die weichen, unbestimmbaren Farben der Dämmerung sehr.“
-
-„Lassen Sie es!“ bat er.
-
-Gehorsam nahm sie wieder ihren Platz ein. Die drückende Stille begann
-sie unruhig zu machen.
-
-„Fühlen Sie den Zweck meines Besuches nicht endlich heraus?“ fragte er.
-
-Sie dachte nach und schüttelte den Kopf.
-
-„Und dennoch ist es gut, daß er ihn geschrieben hat,“ meinte er aus
-tiefem Sinnen heraus. Ihre Anschauungen mußten erdenweit auseinander
-gehen... sonst hätte sie ihn doch wenigstens einmal ohne Erklärung
-verstehen müssen.
-
-„Mir gilt er nicht mehr, als der Beweis, daß der Name allein noch lange
-nicht adelt...“
-
-Er ließ diesen Einwurf unbeachtet. „Können Sie mir dies Schreiben
-anvertrauen,“ fragte er.
-
-„Wozu? Ich will nicht haben, daß er etwa zur Rechenschaft gezogen wird.“
-
-„Eine Beleidigung in diesem Sinne enthält er nicht! Daß er den Wunsch
-ausspricht, Sie seinen Eltern zuzuführen, beweist ja gerade, daß er Sie
-respektiert. Er hätte noch etwas damit warten müssen. Aber er mag wohl
-gefürchtet haben, ein anderer käme ihm zuvor...“
-
-„Sie baten um den Brief,“ lenkte Eva von Ostried hastig ab, „darf ich
-wenigstens wissen, zu welchem Zweck das geschah?“
-
-„Um eine Handhabe zu besitzen.“
-
-„Verstehe ich Sie recht? Glauben Sie, daß er unklug genug ist, um diese
-Sache vielleicht falsch wieder zu geben?“
-
-„Das nicht. Seines Schweigens hierüber sind wir sicher. Nur etwas
-anderes steht zu befürchten. Vor jedem lauten Wort wird er sich hüten.
-Er ist in jeder Beziehung ein leiser, vorsichtiger Herr. Es könnte sich
-aber ereignen, daß er Sie aus dem Hinterhalt angriffe. Sagen wir mal,
-der Kummersbacher, der seine Augen und Ohren überall hat, würde etwas
-erfahren und mir wieder erzählen?“
-
-„Warum grade Ihnen?“
-
-„Untersuchen wir das jetzt nicht. Unterstellen wir es als sicher.
-Dann könnte ich diesen Brief vorzeigen und ihn bloßstellen, wie er es
-verdient hat....“
-
-„Eigentlich sind wir beide uns doch sehr fremd,“ meinte sie zögernd.
-
-„Soll das heißen, daß Sie kein Vertrauen zu mir haben?“
-
-„Vertrauen...“ sie dehnte das Wort aus, überlegte ein wenig und sah
-dann wieder und diesmal -- bewußt -- zu ihm hinüber. Seine kalten
-farblosen Augen hatten sich auffallend belebt. „Wir wollen den Begriff
-nicht zerlegen. Behalten Sie den Brief. Ich danke Ihnen für Ihre gute
-Absicht. Nicht wahr, wenn er etwa ein Jahr geschwiegen haben sollte,
-dann vernichten Sie ihn. Ein Zurückschicken ist unnötig.“
-
-Als er ihn in die feine helle Ledertasche versenkt hatte, tat er die
-Frage, die er seit Wochen immer wieder überlegt und nach allen Seiten
-erwogen und nun endgültig beschlossen hatte:
-
-„Weil Sie es nicht fühlen, muß ich es klar aussprechen. Könnten Sie
-sich entschließen, meine Frau zu werden, Eva?“ Er sah, daß es sie
-gänzlich überraschend traf und fuhr fort: „Ich werde im nächsten Monat
-vierundfünfzig Jahr und gelte als ziemlich gefühllos. Vielleicht bin
-ich es auch. Meine erste Ehe war durchaus korrekt. Wie sich die zweite
-gestalten wird, liegt in Ihrer Hand. Sie werden enttäuscht sein, daß
-ich Ihnen kein Wort von Liebe spreche. Ich kann das nicht. Schon als
-kleiner Junge wäre ich lieber gestorben, ehe ich ein Gefühl verraten
-hätte. Es ist Vererbung. Meine Mutter war ebenso.“
-
-Sie saß wie erstarrt und konnte nur denken... „Möchte er doch weiter
-sprechen. Wenn er aufhört, muß ich ihm antworten.“ Daß er ihr noch vor
-kurzem unangenehm, ja widerlich gewesen, begriff sie nicht mehr. Zur
-Zeit war er ihr nicht unleidlicher wie jeder andere!
-
-Und was sang und klang plötzlich vor ihren Ohren? Sanfte,
-verführerische Stimmen tönten! Und jede verhieß das nämliche! Erlösung
--- Sühne -- Ruhe! Ihm würde sie kein Wort davon sagen. Kein inneres
-Drängen erzwang dies. Ihr ferneres Leben würde auf das Eine, Große,
-Letzte eingestellt sein. Untadlig zu werden und weiter Gutes zu tun, wo
-irgend sich nur die Gelegenheit bieten wollte.
-
-Und vor allem -- den Raub könnte sie zurückzahlen.
-
-Er war ja schwerreich. Der Dichter hatte von mehreren Millionen
-gesprochen. Denn jetzt war es ihr klar, daß er diesen und keinen
-anderen gemeint hatte. Sie wollte von ihrem Nadelgelde und seinen gewiß
-sehr reichlich fließenden Geschenken Pfennig um Pfennig zusammenraffen,
-bis sie endlich alles an den Justizrat Weißgerber, als eine sich an
-die Stiftung der Präsidentin anschließende Schenkung, zurückzuzahlen
-vermochte...
-
-Jetzt schwieg er und sah sie erwartungsvoll an. Eine furchtbare Angst
-begann sie zu foltern, daß er aufstehen und gehen könne... beleidigt,
-weil sie ihn keiner schnellen Antwort würdigte.
-
-„Haben Sie sich bereits gebunden -- dann allerdings,“ sagte er
-undeutlich, wie ihr schien.
-
-„Nein, ich bin frei.“ Das war keine Lüge.
-
-„Wie lange soll ich warten,“ fragte er. Es klang fast demütig.
-
-„Zwei Wochen,“ bat sie. „Ich habe ein paar Verpflichtungen in Dresden
-und Weimar übernommen. Dann werde ich auch mit mir fertig sein.“
-
-In seinen Zügen arbeitete es. Aber er verriet nicht seine Gedanken.
-Er sah sie noch einmal an, als müsse er die Erinnerung an ihre stolze
-Schönheit mit fortnehmen für diese beiden Wochen. Später würde er sie
-nicht mehr nötig haben. Er wünschte keine lange Verlobungszeit.
-
-Langsam stand er auf, küßte ihre Hand und schied ohne ein weiteres Wort.
-
-Eva von Ostried zeigte sich die nächsten Tage gelassen, fast heiter.
-Sie erschien wohl und frisch, als habe sie nicht über schlaflose Nächte
-zu klagen. Daß ein wenig künstliches Rot über die tiefe Blässe und
-den scharfen Leidenszug hinwegtäuschte, ahnte Gretchen Müller nicht.
-Sie trat nie mehr, ohne zuvor feierlich anzuklopfen, in das kleine
-einfenstrige Zimmer ein. Die unbestimmte Angst, eine Zusammengebrochene
-oder doch Verzweifelte zu sehen, hielt sie zu dieser Vorsicht an.
-Einmal, als sie Eva von Ostried ausgegangen wähnte, sah sie sie mit
-eingewühltem Kopf auf dem Ruhebett liegen und hörte ein ersticktes,
-jammervolles Schluchzen.
-
- * * * * *
-
-Der Kummersbacher saß vor seinem alten Zylinderbureau, sah abwechselnd
-in das Wirtschaftsbuch seines Beamten und auf die kotbespritzten, von
-aufgeweichten Lehmwegen zeugenden Stiefeln herab, dachte aber weder an
-das eine noch das andere, sondern ärgerte sich mit verbissenem Ingrimm,
-weil der Doktor, der seines Rheumas wegen die Ritte im Regen streng
-untersagt hatte, wieder mal Recht behielt. Denn es zwickte und quälte
-ganz abscheulich.
-
-Draußen lief seit Tagen durch das graue Himmelssieb ein gleichmäßiger
-Regen nieder und verwandelte Straßen, Aecker und Gärten in einen
-zähen Brei von unappetitlicher Farbe. In solchen Zeiten merkte der
-Kummersbacher, daß er ein lediger Mann war.
-
-Er schielte nach den derben Jungen seines Hofmeisters, die unter dem
-Fenster des Arbeitszimmers mit krampfhaft hochgezogenen Hosenleder über
-die Pfützen sprangen.
-
-Dieser Anblick verbesserte seine schlechte Laune nicht. Als Hermann,
-der Getreue, seinen grauen Kopf zur Tür hineinsteckte, polterte er los:
-
-„Was störst du mich fortwährend. Ich habe zu tun. Verstanden?“
-
-„Eine Dame ist draußen,“ meldete er unerschrocken und setzte
-vertraulich hinzu: „Sie war neulich auch in Berlin beim Familientag.“
-
-Im Nu war der Kummersbacher auf den Beinen.
-
-„Wenn es die Eva wäre...“ Natürlich war sie es! Des kleinen Javelingens
-Antwort stand immer noch aus. Vielleicht hatte sie dies gewünscht und
-kam nun selbst, um sie zu bringen und... bei ihm zu bleiben.
-
-„Hol’ andere Stiefel,“ kommandierte er. „Aber ein bißchen pausenlos --
-und... das gnädige Fräulein führe solange in das Eßzimmer.“
-
-Dann dachte er gerührt und ärgerlich, daß dies Gerenne vom Bahnhof
-durch Wind, Regen und Brei eigentlich ein unverantwortlicher Leichtsinn
-von ihr gewesen sei... Hermann stand immer noch vor seinem Gebieter.
-
-„Was fällt dir ein. So lauf’ doch...“
-
-„Gnädiger Herr,“ sagte er plötzlich und ein Lachen flog um seinen
-faltigen glattrasierten Mund, „die Stiebel vom gnädigen Fräulein sind
-noch viel dreckiger...“
-
-Der Kummersbacher brummte etwas. Dann schob er sich an seinem Diener
-vorbei und lief humpelnd auf die Diele heraus.
-
-Hier stand etwas unendlich Gebücktes, Demütiges.
-
-Bei diesem Anblick erlosch seine Freude. Er stutzte und schüttelte
-den Kopf... Wo hatte der Hermann seine Augen gehabt? Das war doch
-gar keine Dame. Ein bis auf die Haut durchnäßtes armes, heimatloses
-Geschöpf war’s, das sich vor Hunger und Uebermüdung wohl nicht weiter
-zu schleppen vermocht hatte.
-
-„Gehen Sie in die Küche und lassen Sie sich allerlei Gutes von dem Koch
-verabreichen,“ sagte er mit der unbewußten Weichheit und Milde, die ihn
-stets beherrschte, sobald jemand seine Hilfe brauchte.
-
-Aber die Demütige blieb, richtete sich nur ein wenig empor und sagte
-leise:
-
-„Ich bin doch Klausine von Ostried...“
-
-Es fuhr ihm in die Knochen. Er begriff nicht, wie sie sich zu ihm
-durchgefunden hatte.
-
-„Tritt, bitte, hier ein,“ sagte er endlich. „Du kannst auch im Zimmer
-ablegen... und nachher mußt du dir wohl trockene Sachen anziehen.“
-
-Sie trug nichts in der Hand wie eine kleine, abgegriffene Tasche mit
-einstmals kunstvoller Perlenstickerei. Der Kummersbacher überlegte
-kurz, daß sich darin kaum alles, was eine Frau für ihren äußeren
-Menschen gebraucht, vorfinden könnte, wurde einen Augenblick verlegen
-und sagte zu dem Diener gewandt:
-
-„Was machen wir jetzt? Weiß der Himmel, nun haben wir nicht mal was zum
-Anziehen für sie bei der Hand. Sie muß also vorläufig sehr bald in die
-Federn. Na, nun geh, du kannst einen Grog für sie bringen und für mich
-zur Gesellschaft auch einen. Dann richte das wärmste Fremdenzimmer ...
-Hoppla!“
-
-Klausine von Ostried, das Stiftsfräulein, hatte indessen ihre
-triefenden Hüllen über den Kaminofen ausgebreitet, in dem ein lustiges
-Feuer prasselte.
-
-„Setz’ dich einstweilen nahe an die Glut,“ kommandierte der
-Kummersbacher mitleidig. „So, aber verbrenne dir nicht die Hüfe...“
-
-„Es ist himmlisch warm,“ flüsterte sie dankbar und hielt nun auch die
-mageren Hände an die durchhitzten Stäbe.
-
-Eine Weile gönnte er ihr diese Behaglichkeit. Dann tippte er ihr auf
-die Schulter und fragte langsam:
-
-„Jetzt möchte ich endlich wissen, weshalb du das gemacht hast,
-Klausine?“
-
-Der freudige Ausdruck ihres verkümmerten, spitzen Gesichts erlosch.
-Sie begann zu weinen. Wie bei einem Kinde liefen auch ihr schließlich
-die Tränen stromweise über die eingefallenen Wangen. Er erinnerte
-sich, daß sie in beständiger Furcht vor der Schwester leben sollte und
-meinte endlich selbst die Erklärung für ihren Besuch gefunden zu haben.
-Hatte er ihr nicht, in einer Aufwallung von Mitleid, bei dem letzten
-Beisammensein in Berlin gesagt, daß sie jederzeit ein ruhiges Fleckchen
-bei ihm finden werde, wenn sie es im Stift etwa nicht mehr ertragen
-könne?
-
-„Du willst jetzt lieber hier bleiben?“ fragte er weich.
-
-Sie nickte nur und saß dann weiter -- hilflos und ängstlich -- neben
-der Glut.
-
-„Sage frei heraus, was passiert ist,“ forderte er nach neuem,
-geduldigen Warten. Sie begann stärker zu zittern.
-
-„Hunger,“ stotterte sie, als schäme sie sich dieses Geständnisses.
-
-Da ging der Kummersbacher selbst -- an dem verdutzten alten Melchers
-vorüber -- in die Speisekammer, schnitt von der freihängenden Seite
-eine Handbreit Speck herunter, riß das Schwarzbrot in den einen, die
-angebrochene Kümmelflasche in den andern Arm und ging wieder in das
-Speisezimmer zurück. Die Geschichte mit dem Tablett und den übrigen
-Zubehörteilen für ein richtiges Mahl dauerte ihm hierfür zu lange.
-
-„Iß tüchtig,“ nötigte er und schnitt ihr mit seinem derben Jagdmesser,
-das er niemals aus der Tasche ließ, selbst die Bissen zurecht.
-
-Gierig schlang sie alles herunter, bekam feuerrote Fleckchen und
-trank auch einen tüchtigen Schluck von dem alten, scharfen Kümmel,
-obwohl ihre Augen danach noch mehr tränten. Dann saß sie mit andächtig
-zusammengelegten Händen und blinzelte in die knackenden Holzscheite.
-
-„Jetzt wirst du reden, Klausine,“ befahl er nach geraumer Weile. „Was
-also ist geschehen?“ fragte er ungläubig und rüttelte sie ein wenig am
-Arm.
-
-„Sie hat unser ganzes Geld verloren und das konnte sie nicht
-überwinden.“
-
-„Ja, wie hat sie das denn, in drei Deibels Namen, angefangen? Weißt du
-Genaueres darüber?“
-
-„Gesagt hat sie mir kein Wort. Aber ich habe es aus den Briefen
-zusammengelesen. Du kannst dich selbst überzeugen. Ich habe sie dir
-mitgebracht.“
-
-Er überflog die zerknitterten Schriftstücke, ballte sie zusammen und
-schleuderte sie endlich zornig in die äußerste Ecke des Zimmers.
-
-„Auf diesen plumpen Schwindel ist sie so einfach glatt reingefallen?“
-
-„Das weiß ich nicht. Sieh, hier ist noch ein Brief. Er kam vor vier
-Tagen. Danach hat sie es getan...“
-
-Er las auch diesen.
-
-„Richtig! Da teilt ihr ein anderer sauberer Vogel höflichst mit,
-daß ihr auf Grundstück soundso -- im Grundbuch Blatt soundso --
-eingetragenes Geld in Summe 104000 Mark bei der Zwangsversteigerung
-ausgefallen sei. Also mit andern Worten, alles hops.“
-
-„So habe ich es auch aufgefaßt.“
-
-Das wunderte ihn, weil er sie für einfältiger gehalten hatte. „Was also
-hat sie getan, nachdem sie diesen Wisch gelesen?“
-
-„Mich mit zwei Telegrammen zur Post weggeschickt. Ganz heimlich mußte
-ich mich fortschleichen. Die andern im Stift durften nichts davon
-ahnen.“
-
-„Nun, und die Antwort? Sagtest du nicht, daß du sie gleich auf dem Amt
-erwarten mußtest?“ Sie nickte wieder.
-
-„Die hat sie in der Küche verbrannt. Wir haben nämlich jede unsere
-besondere,“ erzählte sie wichtig.
-
-„Laß jetzt die Nebensachen,“ verwies er streng. Sie hörte nicht darauf.
-
-„In der Küche ist es doch geschehen,“ fuhr sie eintöniger fort und
-begann schon wieder zu zittern.
-
-„Was ist geschehen? -- Nimm dich zusammen, Klausine. So weit warst du
-schon vorhin...“
-
-„Genaues weiß ich nicht. Als ich dazu kam, waren schon alle Stiftsdamen
-bei ihr und schrieen und jammerten. Sie lag mitten auf den Fließ.
-Der Gasschlauch hing herunter und die Luft war schrecklich, trotzdem
-überall die Fenster offen standen...“
-
-Nun begriff er! -- Sie hatte den Verlust des Geldes nicht verwinden
-können und wollte sich einfach aus dem für sie wertlos gewordenen Leben
-stehlen.
-
-„Sie ist tot?“ fragte er mit gedämpfter Stimme.
-
-„Sie haben gleich nach dem Arzt geschickt... Noch eine kleine
-Viertelstunde, hat der zu mir gesagt, dann wäre er zu spät gekommen.“
-
-„Sie lebt also...“
-
-„Sie hat mich doch zu dir geschickt...“
-
-„Und der Auftrag?“
-
-Da lag ihm plötzlich die schmale, verängstigte, durchnäßte Heimatlose
-zu Füßen. „Du sollst uns einen Winkel geben, wo uns kein Mensch sehen
-und finden kann,“ bettelte sie...
-
-„Ihr habt doch Euern Platz im Stift nach wie vor.“
-
-„Sie kann nicht mehr dableiben. Sie müsse vor Scham sterben, hat sie
-gesagt. Und sie schickt dir auch was, damit du es tust... Es wäre ihr
-Letztes, läßt sie sagen...“
-
-Es waren, mehrfach in einen kleinen schmutzig gewordenen Leinenbeutel
-eingenäht, zweiundachtzig Mark.
-
-Ein Würgen stieg in die Kehle des Kummersbachers hoch. Unsicher langte
-er nach der Kümmelflasche und füllte einen kleinen Becher, der irgendwo
-umherstand.
-
-Verdient hatte sie durch ihre Härte, Geldgier und Verleumdungssucht
-mancherlei. Aber dies war eine zu harte Strafe.
-
-„Du wirst vorläufig hier bleiben,“ entschied er nach kurzem Ueberlegen.
-„Ihr werde ich ausführlich schreiben.“ Ihr kleines Gesicht leuchtete
-in seliger Freude auf. „Und jetzt klingle ich nach Hermann. Er wird
-dir dein Zimmer anweisen. Lege dich aufs Ohr und versuche zu schlafen.
-Nötig hast du’s. Deine Sachen lege auf einen Stuhl draußen vor die
-Tür, damit sie richtig getrocknet werden können. Deine übrigen sollen
-nachkommen. Ich veranlasse das schon.“
-
-Als er allein war und wieder an seinem Schreibtisch saß, stand er auf
-und schritt lange ruhelos auf und ab.
-
-Als er mit sich einig war, schrieb er an Hermine:
-
- Deine Schwester wird solange bei mir bleiben, bis sie frisch und
- gesund ist. Du aber wirst Dich innerhalb zweier Wochen bereit
- halten, meinem zu Dir entsandten Diener Hermann dorthin zu folgen,
- wohin er Dich bringen wird. Er ist treu wie Gold und zuverlässig --
- auch im Schweigen. Verlaß Dich also ganz auf ihn. In mein Haus kann
- ich Dich leider nicht bitten. Vielleicht setze ich Dir die Gründe
- auseinander, wenn Du erst wieder Deine Nerven in der Hand hast.
- Jetzt nur das eine: Des Daseins Not wird nicht, solange Ihr lebt,
- an Euch herankommen, weil Ihr denselben Namen tragt wie auch ich.
- Nur dieser Grund und das grenzenlose Mitleid mit Deiner Schwester
- treibt mich hierzu. Zwanzig Kilometer von Schloß Kummersbach
- kaufte ich vor Jahresfrist für zwei inzwischen auch alt und grau
- gewordene, treue, brave Menschen, die in meinen Diensten durch
- einen Unfall das Gehör verloren, einen kleinen schmucken Bauernhof.
- Das geräumige Wohnhaus hat drei unbenutzte hübsche, helle Stuben,
- die ich sogleich für Euch herrichten lasse. An barem Gelde sollen
- Dir, außer allem, was Ihr dort kostenfrei bezieht, monatlich 50
- Mark überwiesen werden. Kommst Du mit dieser Summe nicht aus, bin
- ich, nach Prüfung zu weiterem bereit.
-
-Es war ihm unmöglich, ein Trostwort oder auch nur einen warmen Gruß
-anzufügen.
-
-Nach alter Gewohnheit siegelte er den Brief und übergab ihn seinem
-Diener. Dann holte er noch einen Kümmel, obwohl er sich sonst nur
-einmal in der Woche etwas derartiges zu leisten pflegte.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-24.
-
-
-Gretchen Müller saß allein im Zimmer und hielt Rückerinnerungen. Ihre
-seltsam aufregende Kindheit baute sich leuchtend klar vor ihr auf: Der
-Vater, der sie, wenn er bei guter Laune war, mit Schmeichelnamen und
-Süßigkeiten überschüttete -- dem sie zuweilen noch am späten Abend
-einen Brief ganz heimlich forttragen oder aus dem feinen Geschäft
-an der nächsten Ecke eine Flasche Wein besorgen mußte, streichelte
-ihr anerkennend das weiche Gesichtchen. Der Bruder, der dauernd über
-ihr und allen Ausgängen wachte, erschien ihr trotz des unaufhörlich
-zwischen ihnen bestehenden Kampfes als der Stab, der sie stützte und
-leitete. Wenn sie abends in ihrem Bettchen lag und die Hände zu dem von
-ihm gelehrten Gebet faltete, dachte sie seiner als letzten Gedanken.
-
-Er half bereits von der Tertia an für den Haushalt mit zu verdienen.
-Eine Anzahl Jungen, kaum älter als sie selbst, waren ins Haus gekommen.
-Ihnen allen hatte er mit nie versagendem Eifer in schwachen Fächern
-nachgeholfen. Zuweilen fiel von diesen Einnahmen eine Kleinigkeit für
-sie ab. Ein gutes Buch oder ein Blumenzwiebelchen, dessen Entwicklung
-sie eifrig zu überwachen hatte. Immer wieder hatte sie seiner gedenken
-müssen.
-
-Ihres Vaters, der sie bis auf das letzte unerhörte Quälen, das sie
-schließlich dem Verführer in die Arme getrieben, nur immer verwöhnte
-und bewunderte, gedachte sie längst als eines armen Verirrten, der auch
-seinen eigenen, richtigen Weg niemals erkannte.
-
-Und jetzt sollte sie -- vielleicht sehr bald -- sterben, ohne dem
-Bruder gedankt, seine Vergebung erfleht und ohne ihn vor allem auf
-die Straße zu seinem Glücke geführt zu haben! Bisher war sie sicher
-gewesen, daß der Tod, wenn er endlich käme, von ihr als heißersehnter
-Erlöser empfunden werde.
-
-Seit Tagen grübelte sie unaufhörlich! Sie suchte allein zu sein, denn
-sie wollte ungestört bleiben, um nur zu einem vernünftigen Entschluß zu
-kommen.
-
-Da klopfte es. -- Zuerst wollte sie nicht öffnen. Schließlich tat
-sie es, vor der Tür stand nur die schwächliche Sechszehnjährige des
-Hausmeisters.
-
-„Ich brauche Sie heute nicht,“ sagte Gretchen Müller leise und
-enttäuscht.
-
-„Fräulein von Ostried hat mir heute eine feine Ansichtskarte von
-Dresden geschrieben,“ erzählte Jene wichtig. „Ich soll alle Tage
-raufgehen und mich ja nicht von Ihnen wegschicken lassen. Sie hätte so
-viel Angst um Sie und darum gar keine rechte Ruhe.“
-
-Gretchen Müller hatte sich nachdenklich an das Fenster neben Eva von
-Ostrieds Schreibtisch gesetzt. Es gab wirklich jemand, der sich um
-sie sorgte? Wie schön das war! Sie hätte es eigentlich nach aller
-empfangenen Güte wissen und daher keinen Augenblick vergessen dürfen.
-
-„Sie sollen auch ordentlich essen und trinken,“ tuschelte die
-Sechszehnjährige geheimnisvoll, indem sie auf einen freien Winkel neben
-dem Schreibtisch zeigte. „Da in der Ecke stände was ganz Feines für
-Sie, wenn Sie es noch nicht gefunden haben sollten.“
-
-Eine Flasche stärkenden Weines, ein gebratenes Hühnchen und ein paar
-andere Leckerbissen. Am Halse der Flasche war ein Zettelchen befestigt,
-das Eva von Ostrieds klare Handschrift trug: Meinem lieben Gretchen,
-damit ich sie frisch und wohl wiederfinde.
-
-Daran hatte Eva von Ostried in ihrem Schmerz und in dem Kampf um die
-Antwort der schwersten Zukunftsfrage denken können!
-
-In diesem Augenblicke kam Gretchen Müller zum ersten Male die Frage an,
-wieviel sie ihrer Wohltäterin wohl gekostet haben mochte. Eine genaue
-Vorstellung besaß sie nicht davon. Sie hatte aber die bestimmte Ahnung,
-daß es eine große Summe sein müsse.
-
-Da lag die Mappe, in welche Eva von Ostried gewissenhaft alle
-Rechnungen einzuheften pflegte. Sie hatte die sonst, nach jedem
-Gebrauch ängstlich verschlossen, sicherlich über dem Schweren der
-letzten Zeit vergessen. Mechanisch klappte Gretchen Müller sie auf und
-überflog die einzelnen Posten. Immer wieder begegnete sie ihrem Namen
-als Veranlasserin der Ausgaben. Entsetzt zuckte sie zusammen, rieb die
-Augen, als wollte sie um jeden Preis aus diesem Traum erwachen und
-vertiefte sich von neuem.
-
-Dies alles waren Dinge, die sie benötigt hatte. Hier die langen
-Rechnungen des Apothekers und das erste beglichene Arzthonorar, die
-Kosten für die Pflegerin und Stärkungsmittel. Dort die Neuanschaffungen
-für Wäsche und Kleider. Mit bebenden Fingern tupfte sie auf die
-einzelnen Reihen und zählte sie umständlich zusammen:
-
-Dreitausend und fünfhundert Mark für sie. Und wovon?
-
-Um Gottes willen! Wenn Eva von Ostried darum jene Schuld, die der Mann
-ihrer Liebe nicht vergeben konnte, auf sich geladen hätte? Täglich
-hatte sie doch an dem ängstlichen Erwägen jeder Ausgabe gemerkt, daß
-Eva von Ostried nicht mit irdischen Schätzen gesegnet sein konnte!
-
-Ihre abgezehrten Hände hatten sich zusammengekrampft, als flehten sie
-um die Kraft zu dem schwersten, entsühnenden, letzten Schritt!
-
-Wenn sie aber noch einmal gesundete? Wozu dann die neue, jammervolle
-Qual? Dann würde sie gewiß nicht früher ruhen, bis sie alles
-zurückgezahlt hatte.
-
-Müde dämmerte sie ein. Wundervoll ruhig, wie seit Monaten nicht mehr,
-gestaltete sich ihr Schlummer. Als sie nach Stunden daraus erwachte,
-war sie frei von Schmerzen. Die Nacht durchschlief sie gleichfalls
-traumlos tief bis zum Morgen, an dem sie die gellende Pfeife des
-Novembersturms wachheulen mußte.
-
-Ihr war so wohl und leicht, wie seit langem nicht.
-
-„Ich werde bestimmt noch einmal gesund,“ dachte sie und tastete sich
-auf, um etwas zu genießen.
-
-Aber plötzlich -- sickerte es warm und purpurn, wie ein eiliges
-Bächlein, über ihre Lippen. Das war der fliehende Strom des Lebens;
-dagegen gab es nun nichts mehr. Morgen war sie vielleicht schon tot!
-
-Sie versuchte sich emporzurichten. Es schlug fehl. So rief sie
-mit lauter Stimme, wie sie fest überzeugt war, den Namen der
-Hausmeisterstochter. Es war aber nur ein heiseres Stammeln, das
-ungehört verklang.
-
-In höchster Angst begann sie zu beten.
-
-Als sie eine Stunde später noch einmal versuchte, sich zu erheben,
-schien ihre Kraft gewachsen zu sein. Sie brachte es fertig, zum
-Schreibtisch zu taumeln. Mit kaum leserlicher Hand malte sie wenige
-Zeilen:
-
- Lieber, guter Bruder! Komme sogleich zu mir. Ich soll sterben und
- muß Dich zuvor noch gesprochen haben. Frage die Botin nichts. Du
- wirst alles aus meinem Munde erfahren, auch warum ich bei Eva von
- Ostried bin. Fürchte keine Begegnung mit ihr. Sie weilt in Dresden.
- Die Schlüssel zur Wohnung schicke ich Dir mit. Es könnte sein, daß
- ich nicht mehr zu öffnen imstande wäre.
-
-Dann versuchte sie die Treppe herunter zu schleichen. Als sie endlich
-vor der gutmütigen Hauswartfrau stand, schrie diese laut auf.
-
-„Mein Je... wat ist denn mit Ihnen? Sie sehen ja wie ein Geist aus.“
-
-„Ich bin sehr krank,“ sagte Gretchen Müller kaum verständlich. „Dieser
-Brief muß sofort an die Adresse hier. Bitte, rufen Sie Ihre Tochter...“
-
-„Amanda? Die ist leider nicht da! Kann ich nicht meinen Max schicken?“
-
-„Wie alt ist er?“
-
-„Ostern wird er acht.“
-
-„Nein. Bitte, gehen Sie selbst! Hier, nehmen Sie -- für Ihre Tochter.“
-
-Es war ein Halskettchen aus feinstem Silberfiligran.
-
--- -- -- Mit einem Aechzen sank sie dann auf das Ruhebett ihres
-einfenstrigen Zimmers, und ihre fieberglänzenden Augen verfolgten
-gespannt den gleichmäßig vorwärtsrückenden Zeiger der Uhr. Schließlich
-schlief sie vor Schwäche ein.
-
- * * * * *
-
-Die alte Pauline stand, noch schneeweiß bis in die Lippen, vor Walter
-Wullenweber und berichtete von dem Unglück, das sie am Vormittag
-betroffen hatte.
-
-„Wie es gekommen ist? Ich hatte mir einen heißen Stein ins Bett
-geschoben. Wenn man alt ist, kann man nicht mehr so recht warm werden.
-Hundertmal hab’ ich das schon gemacht und nie ist was passiert. Nun
-heute grade. Die Betten sind verkohlt und das schöne Kleiderspind ist
-ganz hin. Alle Sachen drin sind zu Fetzen verbrannt. Nur ein Kleid ist
-wie durch ein Wunder verschont, das gute Schwarzseidene, in dem unsere
-Frau Präsident gestorben ist...“
-
-„Grämen Sie sich nicht darüber, Pauline,“ tröstete Walter Wullenweber.
-
-„Wäre die Flurnachbarin nicht so beherzt gewesen, hätt’ ich Ihnen die
-ganze Wohnung ausgeräuchert...“
-
-„Freuen wir uns also des günstigen Ausgangs --“
-
-„Nun hab’ ich richtig nichts anzuziehen. Und ich muß doch an ihr Grab.
-Ihr Geburtstag is...“
-
-„Ich denke, das gute Schwarzseidene ist verschont geblieben? Sagten Sie
-das nicht soeben?“
-
-Erschrocken wehrte sie ab. „Wo denken Sie hin, Herr Rechtsanwalt?! Das
-ist mir heilig. Nein, nein....“
-
-„Ihre Frau Präsidentin würde Sie auslachen, wenn sie das gehört
-hätte..“
-
-„Meinen Sie wirklich?“ Es klang, als leuchte eine scheue Hoffnung durch
-alle Trostlosigkeit.
-
-„Auch nach meinem Empfinden wäre es kindisch, wenn Sie aus diesem
-Grunde fernblieben. Nach allem, was Sie mir von ihr erzählt haben, kann
-ich mir unmöglich denken, daß sie dies billigen würde.“
-
-„Ich glaube beinahe auch nicht recht dran...“
-
-„Wie können Sie noch überlegen? Der Schaden ist gewiß schmerzlich für
-Sie, aber viel schmerzlicher würde es sein, wenn auch dies letzte Kleid
--- dies Heiligtum in Ihren Augen -- mitverbrannt wäre.“
-
-„Darüber könnt’ ich bestimmt nicht wegkommen...“
-
-„Sehen Sie wohl? Also Kopf hoch! und Hand her. -- Vielleicht hat Ihre
-Frau Präsidentin aus der Höhe den ganzen Brand überhaupt bestellt,
-damit ihre alte, überbescheidene Pauline wenigstens einmal im Leben in
-Seide rauscht.“
-
-„Zuzutrauen wär’ ihr das schon...“
-
-„Na also. Nachher werden Sie mir jedes verbrannte Stück genau aufzählen
-und möglichst beschreiben, damit ich ordnungsgemäß Anzeige von dem
-Brand machen kann. Einstweilen sehen Sie, bitte, nach, wer draußen
-Sturm läutet.“
-
-Es war die Hausmeistersfrau, die Gretchen Müllers Brief brachte.
-
-„Lieber, guter Bruder...“ Walter Wullenweber wischte mechanisch über
-die schrägliegenden Buchstaben, die ihm in zitternden Wellenlinien
-entgegensahen. Er rief nach der alten Pauline. Seine Füße waren
-plötzlich zu schwer zum Aufstehen, seine Hand zu unsicher zum Klingeln.
-
-„Ich möchte die Botin sprechen, die dies soeben gebracht hat. Schicken
-Sie sie herein,“ sagte er mit schwerer Zunge.
-
-„Ach Gott, Herr Rechtsanwalt.“ Er wehrte ab.
-
-„Die Frau ist sehr eilig gewesen; gleich ist sie wieder weg.“
-
-„Hm --“. „Da liegt noch was Eingewickeltes, Herr Rechtsanwalt,“
-erinnerte Pauline. „Es sind Schlüssel, hat die Frau gesagt. Sie möchten
-sich selbst die Wohnung aufschließen. Das Fräulein wäre nämlich ein
-bißchen kränklich ...“
-
- * * * * *
-
-Der Name auf dem Schild und der Schlüssel in seiner Hand... Nein, nein,
-es war kein Traum! Schon stand er mit einem unsäglichen Gefühl von
-Verwirrtheit auf dem schmalen Korridor.
-
-„Lieselott!“ rief er laut und erschrak über den Klang der eigenen
-Stimme.
-
-Dann tappte er weiter. Das Musikzimmer kannte er aus Eva von Ostrieds
-Schilderungen. Er sah auch im Geist die hohe, stolze Gestalt der
-Besitzerin und fühlte, daß seine heiße Liebe zu ihr niemals sterben
-konnte. Jeder weitere Schritt war eine Qual für ihn. Wie ein Einbrecher
-kam er sich vor und ging doch weiter... bis er in dem kleinen,
-einfenstrigen Raume stand, dessen Fenster einen Ausschnitt der
-sommermüden Bäume zeigte...
-
-Auf dem Ruhebette lag eine schmale, zusammengekrümmte Mädchengestalt.
-Das Gesicht war wachsbleich. Die Lippen farblos. Der Goldton ihres
-Haares das einzig Lebendige an diesem starren Bilde.
-
-Mit einem dumpfen Aufschluchzen warf er sich über sie. „Kleine
-Lieselotte!“
-
-Seine Arme hoben sie ein wenig empor. „Lieselott, ich bin bei dir.“
-
-Da zuckten die Lider endlich und ihre Augen wachten auf: „Walter...
-Bruder...“ Nichts weiter vermochte sie zu sagen.
-
-Er fragte nichts. Er lag auf den Knieen und hatte seinen Kopf in ihre
-Hände gebettet. Sanft lehnte sie ihre Wange an sein dichtes, blondes
-Haar.
-
-„Wie schön ist das, Walterle...“ Und dann wie ein Hauch: „Der Vater...
-unser Vater... weiß er schon?“
-
-Er machte eine verneinende Bewegung.
-
-„Walterle,“ sagte sie dicht an seinem Ohr, „ich habe mich halbtot vor
-dir geschämt. Jetzt ist alles, alles gut! Aber, es dauert nicht mehr
-lange. Und ich muß dir doch so viel erzählen.“
-
-Zuerst sprach sie von sich, während er einen Stuhl neben ihr Lager
-geschoben hatte und ihre Hände festhielt. Sie mußte häufig Pausen
-machen. Sonst reichte ihr Atem nicht aus. Und er mußte doch so
-unendlich viel wissen.
-
-„Du wirst geahnt haben, wohin ich ging, als ich Euch verließ?“ begann
-sie in bebender Scham.
-
-„Ja,“ nickte er und verhüllte seine Augen mit der Rechten, „zu dem
-Mann, vor dem ich dich schützen wollte.“
-
-„Laß mir deine Hände, Walter.“
-
-Er fühlte die Eiseskälte ihrer Finger und schauerte zusammen, weil er
-daraus die Nähe des Todes zu spüren meinte. Ihre Stimme war so leise,
-daß er sich zu ihren Lippen herabneigen mußte, um sie überhaupt zu
-verstehen.
-
-„Er hatte geschworen, mich zu seiner Frau zu machen.“
-
-„Das hast du geglaubt?“
-
-„Wäre ich sonst zu ihm gegangen? Konntest du das auch nur einen
-Augenblick von mir glauben, Bruder?“
-
-Er schwieg. Das war das Härteste gewesen, daß er davon überzeugt war.
-
-„Ich schwöre es dir! Als ich die untrüglichen Beweise seiner
-Treulosigkeit hatte, als ich wußte, daß bereits eine andere seinen
-Namen trug, ohne daß mir eine Ahnung davon gekommen war, verließ ich
-ihn.“
-
-„Wie habe ich dich gesucht, Lieselott...“
-
-„Finden lassen durfte ich mich nicht von dir. Nicht wahr, das verstehst
-du auch. Gelernt hatte ich nichts wie das bißchen Harfenspiel. Und in
-ein Nachtkaffee wollte ich nicht! -- Dein Name, Walter, hat mich vor
-vielem zurückgehalten. Mit diesem Namen durfte ich auch nicht in der
-Oeffentlichkeit arbeiten. Du hättest mich gefunden. Ein Zufall half
-mir. Als ich wieder einmal umsonst nach Beschäftigung gegangen war,
-fand ich, neben mir, in einem Abteil der Stadtbahn eine Tasche mit
-Ausweispapieren... Ich nahm sie an mich. Es ging doch nicht anders.
-Seitdem bin ich „Gretchen Müller.“ Aber er fand mich auch als solches
-und ließ mir keine Ruhe. In dem Geschäft, das mich angenommen, machte
-er mich unmöglich. Ich wollte sterben... Da war aber eine, die es
-verhindert hat. Eine Schülerin von Eva von Ostried. Sie hat mich zu ihr
-gebracht ...“
-
-„Wie lange schon,“ fragte er heiser.
-
-„Länger als zwei Jahre. Ohne Eva von Ostried wäre ich verhungert. Ihr
-verdanke ich alles. Nicht nur, daß ich wieder anständige Kleider und
-eine Heimat erhielt, das sie mich pflegte und umsorgte. Ach, das war
-wohl schön... Aber das andere war das Wunder, das meine Seele gereinigt
-hat. Wie eine Schwester ist sie allzeit zu mir gewesen. Sieh her, diese
-Sachen hat sie für mich gekauft, damit ich auch in ihrer Abwesenheit
-nicht darbe. Und hier in dieser Mappe stehts, wieviel Geld sie für mich
-geopfert hat. Woher sie das konnte? -- Walterle, ich weiß es nicht,
-wie so vieles. Aber ich las deinen harten, letzten Brief an sie. Er
-bestätigte meine Ahnung, die mich nicht verlassen, seitdem ich das
-erste Mal einen Umschlag mit deiner Handschrift bei ihr sah. Sie ahnt
-nicht, daß ich deine Schwester bin, wie sie mir auch deinen Namen nicht
-verraten hat. Nur, daß sie Braut geworden und nachher -- -- das andere
--- -- daß alles aus sei -- -- hat sie mir gesagt. Walterle, hör’ zu
--- -- sie hat mich in die Arme genommen, auch damals, als der Verführer
-bei ihr eindrang und sie wissen mußte... Laß -- frage nichts -- --
-fluche ihm auch nicht. Er ist tot -- -- Vielleicht tat sie es, weil sie
-auch um sich litt -- -- Und um dich. Am allermeisten. Nun hast du ihre
-heiße Liebe, die nur für dich fühlt und bangt, zurückgestoßen...“
-
-Er stöhnte auf. „Was mich das gekostet hat -- -- --“
-
-„Ich weiß es, denn ich kenne dich, Bruder! Du hättest mich nie
-wiedergefunden, wäre sie nicht in mein Leben getreten. -- Nicht um mich
--- -- nein um ihretwillen fand ich die Kraft, dich zu rufen...“
-
-„Sie liebt mich nicht mehr,“ wendete er ein.
-
-„Ach du! Ihre Liebe ist so stark, daß sie sich vor ihr fürchtet. Darum
-wird sie es auch vielleicht tun.“
-
-„Wovon sprichst du?“
-
-„Ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie ein Verwandter von ihr -- ein
-Majoratsherr -- der denselben Namen wie sie führt, um sie geworben hat.“
-
-„Und sie...? Ist sie schon seine Braut?“
-
-„Noch nicht. Aber die beiden Wochen Bedenkzeit, die sie sich erbeten
-hat, sind bald verstrichen...“
-
-„Wann sind sie vorüber?“
-
-„Es war vor neun Tagen...“ Er stand auf.
-
-„Glaubst du, Lieselotte, daß sie nach allem mir noch einmal vertrauen
-kann?“
-
-„Ich weiß nicht, was Euch getrennt hat und will es nicht wissen. Nur,
-daß sie dich weiter über alles liebt, weiß ich als einzig Gewisses.“
-
-„Und ich sie ebenfalls --!“
-
-„Also wirst du sie aufsuchen?“
-
-„Es wird mich zwingen...“
-
-„Dabei sollst du ihr diesen Brief geben. Ja, Bruder? Ehe du kamst, habe
-ich ihn geschrieben. Es steht nur eine Zeile darin.“
-
-„Und warum willst du nicht selbst -- --?“
-
-Sie lächelte ihn an. „Ich werde sterben. Es ist nur der Wein, der mir
-diese letzte Kraft gab, auszuhalten. Jetzt darfst du mich nicht allein
-lassen. Hörst du? Erst, wenn es ganz dunkel geworden ist, sollst du
-heimgehen...“
-
-Ein langes Schweigen kam. Er hatte sie aufgerichtet.
-
-„Wo wohnt dein Arzt, Lieselotte,“ forschte er.
-
-„Laß ihn, Walter. Was soll er mir noch? Sieh mich an. Du bist mein Arzt
-und Erlöser... Und nun erzähle vom Vater -- --“
-
-Er tat es, und sie nickte zuweilen.
-
-„Jetzt wird er sich über meinen Gruß freuen, Bruder...“
-
-„Ich werde ihm telegraphieren, Lieselott!“
-
-„Morgen, ja! Nicht heute! Es tut so bitterlich weh -- hier -- hier
--- --“ und sie zeigte auf die Brust.
-
-Fest bettete er sie in seinen Armen.
-
-„Glaubst du, Walter, daß mich eine andere, wie sie, damals aufgenommen
-hätte -- mit dem Schimpf der Verlassenen und Geächteten. Todkrank. Kaum
-ein anständiges Stück Zeug auf dem Leibe -- --“
-
-„Hör’ auf!“ flehte er gequält.
-
-„Du mußt genau wissen, wie es damals um mich stand. Sonst begreifst du
-ihr großes, warmes Opfer nicht voll.“
-
-„Doch, ich fühle es in seiner ganzen Tragweite, Lieselott.“
-
-„Du hast sie vorher eine Heilige genannt. Das ist sie wirklich... Sieh,
-ich weiß am besten, wie rein sich ihre Seele hält. Darin ist lauter
-Licht und Keuschheit. Alles nur für dich!“
-
-„Und ich konnte sie richten,“ dachte er dumpf.
-
-Ihr leichter Körper wurde schwer in seinen Armen. Das Gesicht
-veränderte sich auffallend. Es nahm spitze, fremde Züge an. Der Atem
-setzte aus. -- Es ging aber wieder vorüber.
-
-„Tag und Nacht hat sie um dich geweint, Walter!“
-
-Dann sprach sie lange nichts mehr. Nur der Atem kämpfte verzweifelter,
-bis wieder ein rosenrotes Bächlein über ihre Lippen quoll. Danach wurde
-ihr leichter wie zuvor. Nur die Stimme gehorchte nicht mehr, und die
-Gedanken waren weit -- weit weg.
-
-„Meine Harfe,“ verlangte sie mit einem röchelnden Lachen, „laßt sie mir
-doch!“
-
-Er dachte daran, daß er sie ihr zuweilen verschlossen gehalten, weil
-sie ihre Aufgaben für die Schule und später für die Häuslichkeit
-darüber vernachlässigte. Ueberall empfand er seine Mißgriffe.
-
-„Herr Tebecke konnte keine Musik vertragen,“ träumte sie erschauernd.
-
-Das war der Name des Mannes, dessen Reichtum den Vater geblendet und
-sie aus dem Hause dem Andern entgegen gehetzt hatte.
-
-Auf ihren eingefallenen Wangen erblühte ein Röslein. Die Augen
-glänzten. Sie wußte nichts mehr von der Gegenwart...
-
-Sie lag, die Hände fromm gefaltet und lächelte.
-
-Mit einem Wehlaut warf er sich über ihre Hülle...
-
-Die kleine weiße Rose, aus dem Heimatsboden gerissen, durch den Strom
-sündiger Leidenschaft blutrot gefärbt, im Staub der Straße zertreten,
--- nun war sie wieder schneeweiß und würdig für den himmlischen Garten
-des allmächtigen Vaters!
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Schluß.
-
-
-Eva von Ostried war einen halben Tag eher, wie sie zuerst gedacht, aus
-Dresden zurückgekehrt, hatte von jeder telegraphischen Benachrichtigung
-abgesehen, weil sie der kleinen, aufmerksamen Hausgenossin keine Mühe
-machen wollte und sich durch den mitgenommenen Schlüssel mühelos
-Zutritt verschafft. Die verworrene Erzählung der Hausmeistersfrau unten
-im Hausgange war ihr unverständlich geblieben. Nun stand sie, Sorge und
-Zärtlichkeit auf dem Gesicht, vor -- -- Walter Wullenweber -- --
-
-Als sie ihn erkannte, streckten sich ihre Arme in stummer entsetzter
-Abwehr aus. -- Nichts begriff sie, als daß er da war. Alles andere
-wurde ihr unfaßbar. Erst nach geraumer Weile merkte sie, was geschehen,
-und schrie in grauenhafter Furcht auf, daß die Todkranke, als sie ihrer
-letzten Stunde gewiß wurde, ihn gerufen haben mußte.
-
-Aber warum? Hatte sie alles gewußt und wollte für sie bitten? Ja -- so
-war es! Durch diese Erkenntnis kam sie zur Kraft!
-
-„Sie hat es gut gemeint,“ sagte sie endlich leise und weich, „und
-es war auch gütig, daß du gekommen bist. Aber, nicht wahr, nun
-wollen wir uns nicht länger quälen. Ich werde mein nächstes Konzert
-abtelegraphieren und sie zur Ruhe betten lassen. Lebe wohl...“
-
-Er war dicht neben ihr.
-
-„Eva!“
-
-Sie hob nur die Hand.
-
-„Laß alles schlafen. Das ist meine letzte Bitte.“
-
-Da stieß er heraus, was sie erst allmählich erfahren sollte. „Sie ist
-meine Schwester, Eva! Die arme kleine Lieselotte, von der ich dir
-schrieb... damals -- --“
-
-„Deine -- Schwester -- die du so lange vergeblich gesucht hast?“
-
-„Ja. Hier ist der Brief, mit dem sie mich rief.“
-
-Sie starrte darauf hin, als begriffe sie seinen Sinn nicht. „Deine
-Schwester?“ wiederholte sie nur immer wieder.
-
-„Nicht wahr, das ändert alles!“
-
-Sie sah mit wirrem Blick umher, an ihm vorbei und endlich auf das
-bleiche, lächelnde Gesicht der Toten.
-
-„Was könnte es wohl ändern? Doch, die Bitterkeit! Ich will dir
-wenigstens die Hand reichen.“ Wie einst riß er ihre Rechte an sein
-Herz. „Nicht so! Es ist nur um ihretwillen. Sie hat mir ja auch dies
-Opfer gebracht.“
-
-„Fühlst du es als Opfer, Eva? Vergiß doch! Ich liebe dich noch immer
-über alles.“
-
-Sie schüttelte den Kopf. „Nichts mehr davon. Es ist alles längst vorbei
-und überwunden.“
-
-„Bei ihrem Andenken schwöre ich dir, daß ich nie aufgehört habe, dich
-zu lieben. Nur das andere...“ Er stockte.
-
-„Es war sehr hart, aber ich habe es begreifen gelernt.“
-
-„Jetzt mußt du begreifen, daß ich nicht ohne dich leben kann, Eva.“
-
-„Du bildest dir nur ein, daß es so sein müsse. Begreiflich. Glaubst,
-mir um deiner Schwester willen Dankbarkeit zu schulden. Der Schmerz
-um sie -- -- ein wenig wohl auch die Reue -- haben dich, den sonst
-unbestechlich Ehrlichen so weit getrieben. Ich verstehe auch das. Und
-will -- vergessen -- --“
-
-„Du sollst nicht, Eva!“
-
-„Wenn ich schon -- -- vorher vergessen hätte -- --?“
-
-Er sah sie fassungslos an. „Lieselott hat mir auch von der Werbung des
-Waldesruher gesprochen. Solltest du dich bereits vor Ablauf der beiden
-Wochen für ihn entschieden haben?“
-
-„Ich wollte es tun,“ erwiderte sie sanft. „Aber -- -- nun wird es wohl
-doch nicht gehen.“
-
-„Warum nicht?“ drängte er mit neu erwachender Hoffnung.
-
-„Warum? Ach -- -- das läßt sich schwer ausdrücken. Vielleicht, weil ich
-mich auch seiner nicht wert fühle.“
-
-Er umklammerte ihre Handgelenke. „Du sprichst nicht die Wahrheit -- --“
-
-„Ich könnte nichts anderes sagen -- -- im Augenblicke.“
-
-„Soll das heißen, daß ich später -- -- morgen, übermorgen -- --“
-
-„Nein,“ wehrte sie erschrocken ab. „Es soll heißen, daß ich niemals
-wieder -- --“
-
-„Wen? Den Andern?“
-
-„Nein, dich,“ sagte sie, immer noch wie im Traum.
-
-„Eva, ich flehe dich an. Denke daran, daß es das letzte Mal sein kann.“
-
-„Das wäre gut! Ich will ruhig werden und sühnen. Gönne mir diese Ruhe.“
-
-„Du hast hundertmal gut gemacht. Ich danke dir -- --“
-
-Sie ließ ihn nicht zu Ende kommen.
-
-„Nur an mein Glück hat sie gedacht, deine kleine Schwester. Das sieht
-ihr ähnlich. Ich habe sie sehr lieb gehabt. Vielleicht -- --“
-
-„Sei barmherzig. Vergib mir meine Härte und Ungerechtigkeit.“
-
-„Steh auf -- -- ich allein bleibe die Schuldige. Es hilft nichts,
-ich -- -- habe gestohlen. Siehst du, jetzt zum ersten Mal geht das
-fürchterliche Wort aus meinem Munde. Das Gespenst läßt sich nicht
-vertreiben. Die Präsidentin hatte mir nichts zugedacht und ich habe es
-nicht glauben wollen. Ich habe dir nie von meinem Verhältnis zu ihr
-gesprochen. Jede ihrer Handlungen bewies mir, daß sie mich lieb hatte.
-Selbst, wenn sie unzufrieden mit mir war, wurde sie nicht hart. Ich
-merkte vielmehr, daß sie darunter litt. Und sie -- -- hat es mir auch
-versprochen. Klipp und klar. Da ist es mir unfaßbar gewesen, daß sie,
-die nie ein gegebenes Versprechen brach, nicht an mich gedacht haben
-sollte. Bei Gott! Mein Gefühl hat unablässig dagegen geeifert, immer
-noch, bis vor ganz kurzem. Nicht wahr, wenn sich schließlich doch ein
-Nachsatz, der mich bedacht hätte, vorfand, dann -- ja dann -- --. Das
-wirst du gewiß auch nicht verstehen. Wirst meinen, an meiner Schuld
-ändere das nichts. Mich hätte es losgesprochen. Ich hätte mir einbilden
-können, ich wäre nun nicht länger schuldig! So aber, wenn ich vergessen
-wollte -- wie damals -- in deinen Armen -- nachher kam es doch wieder.
-Ein Satz nur, aber ein fürchterlicher, strenger noch wie du -- -- „Der
-Uebel größtes... aber ist die Schuld...““
-
-„Wir werden gemeinsam arbeiten und sparen, damit wir alles
-zurückerstatten,“ flehte er erschüttert. „Denn so grausam, daß du mich
-nun zu deinem Schuldner auf Lebenszeit machst, der nicht abtragen darf,
-was du seiner Schwester gegeben, kannst du nicht sein.“
-
-„Das Geld -- -- das schreckliche Geld -- --“ klagte sie. „Wie es dich
-schon drückt, daß du es schuldest -- --“
-
-„Nein, das andere ist mir die Hauptsache. Deine Liebe, die
-selbstverständliche Güte, dein Verstehen und Vergeben, mit dem du meine
-Schwester überschüttet hast -- --“
-
-„Sollte ich, die schuldig Gewordene, sie verurteilen?“
-
-„Ich war auch schuldig an ihr und habe dich doch gepeinigt.“
-
-„Das tust du erst jetzt und ich kann es nicht länger ertragen. Laß uns
-das Nötige ruhig mit einander besprechen. Ich überlasse dir natürlich
-die Bestimmung über alles, was sie angeht. Willst du es lieber allein
-besorgen, weil doch auch wohl dein Vater kommen wird... so begebe
-ich mich für diese kurze Zeit in eine Pension. Wirklich, es macht
-mir nichts. Du denkst, daß dies hier die Heimstätte deiner kleinen
-Schwester sei, aus der, hinweggetragen zu werden, ihr gutes Recht ist.
-Wenn alles vorüber ist, kehre ich schon zurück. Wohl kaum mehr für
-lange... Ich weiß das alles noch nicht.“
-
-Er stand hoch und stark neben ihr, als habe er die Last, die ihn zu
-ihren Füßen niederzwang, endlich abgeworfen.
-
-„Noch einmal. Ich liebe dich! Sei barmherzig. Stoße mich nicht zurück.“
-
-„Weil ich es sein muß, sage ich: mache ein Ende! Glaubst du, daß du mir
-dankbar zu sein hast, dann habe ich ja auch die Erfüllung einer Bitte
-gut.“
-
-„Sprich sie aus. Was du willst, soll geschehen!“
-
-„Ich danke dir. Vergiß mich, Walter!“
-
-„Kannst du dir das wirklich erbitten?“
-
-„Ja, das kann ich!“
-
-Er griff an die Stirn. Sein Gesicht wurde von einer schmerzhaften Angst
-verzerrt.
-
-„Eine Erklärung verlange ich wenigstens...“
-
-Sie sann ein wenig. „Wie soll ich das erklären? Fühlst du es nicht?“
-
-Er schüttelte wild den Kopf.
-
-„Nein? Du hast doch empfunden, daß ich dein Leben verdorben hätte...
-wenn...“
-
-„Empfunden? Doch nicht! Nur einen Augenblick lang gefürchtet. Das, was
-dir gehört, hatte gar nichts damit zu schaffen. Das andere in mir,
-das für das Recht steht und fällt, schrieb dir den Brief. Mein Herz
-hat dich auch in diesem Augenblick keinen Deut weniger geliebt als zu
-Anfang und jetzt!“
-
-Mit leicht geschlossenen Augen lauschte sie ihm. „Es klingt schön. --
-Ich glaube es aber nicht!“
-
-„Dann muß ich vollenden. Ich verstehe, daß du mich niemals geliebt hast
-wie ich dich...“
-
-In ihrem Gesicht begann es zu zucken. Sie war am Ende ihrer Kraft.
-
-Noch ein Wort -- eine Wiederholung der alten Bitte -- ein
-Entgegenrecken seiner Arme und... Sah er denn ihre große, heiße Liebe,
-daß er nicht müde wurde, sie zu verlangen? Er durfte sie nicht gewahr
-werden. Nie mehr... Sein Leben mußte hell und rein bleiben. Würde sie
-sein Weib, machte sie ihn zum Mitschuldigen und vernichtete ihn langsam
-damit. Was lag an ihr? Mochte sie nachher zusammenbrechen. Bis sie es
-ausgesprochen hatte, würde sie sich aufrecht erhalten.
-
-„Ich gehe also. Du und die alte Pauline, Ihr werdet alles nach deinem
-Willen einrichten. Den Schlüssel kannst du danach unten bei der
-Hausmeistersfrau abgeben. Ich hole ihn mir später schon...“
-
-„Soll das deine Antwort auf meine Anschuldigung sein?“
-
-„Verlangst du wirklich eine?“
-
-„Eva,“ stöhnte er, „laß es genug der Folter sein. Ich bitte dich nach
-diesem nicht mehr!“
-
-Sanft streichelte sie die gefalteten Hände der Toten. Und es war, als
-bringe ihr die eisige Kühle die Besinnung zurück -- -- als sei sie nun
-gegen alle Sehnsucht gefeit.
-
-„Ich kann nicht,“ gestand sie leise, „und wenn ich mich halbtot quälen
-würde.“
-
-„Quälen sollst du dich nicht. Nein -- das hast du nicht um uns
-verdient.“ Es klang hart und fest. „Du hast uns genug geopfert. -- Noch
-heute Abend werde ich meine kleine Schwester zu mir holen. Verzeih dies
-Letzte. Ich muß dich solange aus deiner eigenen Wohnung vertreiben.
-Danach aber -- ich hoffe gegen zehn Uhr -- ist jede Spur von uns
-verwischt.“
-
-Sie fühlte mit kaltem Schrecken, wie sie zu taumeln begann. Wenn er sie
-jetzt noch einmal ansehen würde -- -- Seine Augen mieden ihr Gesicht,
-während er, nach kurzer Pause, wieder zu sprechen begann.
-
-„Du hast mir am Schluß deines letzten Briefes etwas schreiben können,
-was ich lange nicht begriffen habe. Vielleicht hast du es wirklich so
-gemeint. Daß ich glücklich werden soll ohne dich. Jetzt beginne ich
-deinen Wunsch zu begreifen. Du wirst und willst ohne mich glücklich
-werden. Das weiß ich nun -- --“
-
-Sie widersprach ihm nicht. Einen Herzschlag lang wartete er darauf. --
-„Lebe wohl, Eva.“
-
-Hatte sie den gleichen Abschiedsgruß für ihn gehabt? Mit vorgeneigtem
-Oberkörper stand sie und lauschte, wie sein Schritt auf dem
-teppichlosen Stückchen Parkett zwischen Sterbezimmer und Musikraum
-hörbar wurde -- -- wie er über den langen Korridor tappte -- die Hand
-auf den Drücker schlug, der stets ein wenig schwer gehorchte und die
-Tür hinter sich zuklappte.
-
-Dann erst brach sie mit einem wilden verzweifelten Aufschrei, der
-nichts als unsterbliche, ewige Liebe nach ihm war, in die Kniee.
-
- * * * * *
-
-Major a. D. Wullenweber hatte nicht zur Bestattung seiner Tochter
-kommen können. Noch bevor der Eilbrief seines Sohnes in Hohen-Klitzig
-angekommen war, packte ihn ein neuer Schlaganfall. Lebensgefahr bestand
-auch diesmal nach dem Urteil des Arztes nicht. Immerhin war die größte
-Schonung und Ruhe erforderlich. Der Amtsrat verschwieg ihm daher den
-Inhalt des zur Vorbereitung des Vaters an seine Adresse gerichteten
-Briefes. So lag der Kranke -- ahnungslos -- mit leise röchelndem Atem,
-ohne zu ahnen, daß in derselben Stunde, in welcher er nach drei Tagen
-wieder mit Genuß einer schmackhaften Suppe zusprach, seine kleine
-Lieselott an der Seite ihrer Mutter zur letzten Ruhe gebettet wurde.
-
-Die alte Pauline war von Walter Wullenweber so weit ins Vertrauen
-gezogen, wie es sich um das traurige Geheimnis seiner kleinen Schwester
-handelte. Mehr hatte er ihr auch nicht sagen wollen! Und sprach ihr
-dann, als alles vorüber war, doch davon, daß er Eva von Ostried liebte
-und sie, nach kurzem unaussprechlichen Glück, verlieren mußte.
-
-„Sie dürfen morgen nun doch nicht zum Geburtstag Ihrer Frau Präsidentin
-heraus,“ sagte er am dritten Abend nach der Beisetzung.
-
-„Warum denn nicht, Herr Rechtsanwalt?“
-
-„Weil Sie von rechtswegen längst ins Bett gehören...“
-
-„Da halte ich es gar nicht aus. Mir ist, als müßte ich laufen und immer
-blos laufen, um einzuholen, was mir sonst wegflitzt.“
-
-„Ich habe einen schönen großen Kranz bestellt, Pauline. Lauter tiefrote
-Astern, von denen Sie mir mal sagten, daß sie Frau Präsidentin von
-allen Blumen am liebsten hatte,“ versuchte er sie zu beruhigen.
-
-„Wie gut Sie sind,“ dankte sie gerührt.
-
-„Gut?!“ lachte er gerührt auf. „Sie dürften eigentlich sowas nicht
-sagen. Versprechen Sie mir jetzt feierlich, daß Sie sich mit meinem
-Vorschlag einverstanden erklären.“
-
-„Was soll ich denn, Herr Rechtsanwalt?“
-
-„Morgen brav daheimbleiben und hier den Tag im Gedächtnis an Ihre Frau
-Präsidentin verbringen. Den schönen Kranz trage ich ihr selbst ans
-Grab. Es macht mir nichts aus...“
-
-Sie wurde rot wie ein junges Mädchen, das eine Not nicht länger
-verbergen kann. „Und wenn Sie mich festbänden, bliebe ich nicht zu
-Hause. So gut Sie es wieder mal meinen. Das geht nicht. Wie eine
-Meineidige käme ich mir vor. Ich hab’ ihr in die Hand versprochen,
-daß ich jedes Jahr, solange ich am Leben bin, ihr Grab an dem Tage
-schmücken wollt’, denn sie konnte keine Unordnung leiden. Und wenn ich
-mir gleich den Tod holen müßt’ -- jawohl... hin würde ich doch machen.“
-
-Da sagte er kein weiteres Wort dagegen, sondern ließ sie gewähren,
-als sie am nächsten Tage in dem feierlichen Schwarzseidenen, mit dem
-Kranz auf dem Arm vor ihm stand und leise und beschämt wegen ihres
-Ungehorsams um Entschuldigung bat. --
-
-Walter Wullenweber hielt sich mit eisernem Willen aufrecht. Seine stark
-entwickelte Pflichttreue, die unermüdlich die angehäufte Arbeit abtrug,
-unterstützte ihn. Nur in den kurz bemessenen Freistunden gab er sich
-seinen trostlosen Gedanken hin.
-
-Ob sie ihn wirklich nicht mehr liebte? Tagelang hatte er es als
-sicher angenommen. Wie durch ein aufregendes Ereignis Gesicht und
-Gehör verloren gehen konnten, mochte auch wohl ihre Liebe dieser
-Erschütterung nicht standgehalten haben. Jetzt begann er ihre Scham und
-ihren Stolz richtig einzuschätzen. Begriff, so sehr es auch gegen das
-starre Gesetz ging, daß eine nachträglich aufgefundene Bestimmung der
-Präsidentin zu ihren Gunsten die Last der Tat von ihr abgewälzt hätte.
-
-Damit ward ihm auch das Andere klar. Daß sie mit diesem Augenblick
-wieder sein und diesmal auf ewig gewesen wäre. Nun dies unmöglich
-geworden war, hatte er keinen Anteil mehr an ihr! Er hatte den Kopf auf
-die Platte des Schreibtisches gelegt und litt weit über alle Kraft
-unter der Unmöglichkeit, dies jemals zu ändern -- -- --
-
-Das ungestüme Aufreißen der Korridortür, ihr heftiges Zuschlagen,
-das Hereinstürzen der feierlich angetanen, alten Pauline, ließ ihn
-erschrocken emporfahren. Selbst nach dem Brande war sie nicht so
-fassungslos erschienen. Sie stand vor ihm, wie er sie noch nie gesehen
-hatte. Ihre welken Lippen zittern.
-
-Augenscheinlich wollte sie etwas berichten und brachte doch nichts
-heraus, als ein Aufschluchzen der Freude!
-
-„Das habe ich in der Tasche von unserer Frau Präsidentin
-Schwarzseidenem gefunden,“ konnte sie endlich herausbringen.
-
-Er las den Inhalt des gelblich gewordenen Zettels. Ihn voll zu
-begreifen, war ihm noch versagt. Es war zu neu, zu gewaltig und
-zu schön. Als er sich endlich dazu zwingen konnte und sich auch
-überzeugte, daß Unterschrift und Datum diesen Zeilen volle Gültigkeit
-verliehen, steckte er ihn zu sich und sprang auf.
-
-Bescheiden, auch jetzt noch, wartete die alte Pauline auf das erste
-seiner Worte.
-
-Er preßte nur stumm ihre Hände zwischen den seinen, sodaß sie Mühe
-hatte, einen Aufschrei zu unterdrücken und stürzte fort -- -- --
-
-Mit stillem Lächeln sah sie ihm nach. Ihr war nicht verborgen, wohin
-ihn jetzt sein Weg führen mußte.
-
- * * * * *
-
-Seit zwei Tagen weilte Eva von Ostried wieder in ihrem Heim. Es kam
-ihr grenzenlos öde vor. Der jubelnde Beifall, der ihr ebenso in
-Dresden wie in Weimar geworden, lag weit hinter ihr. Ihr Blick galt der
-Zukunft. Morgen in der Frühe würde sie den Vertrag unterzeichnen, der
-sie auf die Dauer von drei Monaten in die verschiedensten Großstädte
-führen sollte. Und dann -- --
-
-Ja -- dann kam endlich doch wohl noch alles, wie sie es einst so heiß
-gewünscht und nun längst nicht mehr erstrebt hatte -- -- --.
-
-Wahrscheinlich zum kommenden Herbst würde sie einer schon jetzt
-ergangenen dringenden Einladung des Dresdner Intendanten folgend, dort
-auf Engagement singen.
-
-Sie kämpfte nicht mehr. Alles schien überwunden zu sein. Das einzige
-Gefühl, dessen sie sich für fähig hielt, bestand in einem brennenden
-Neid auf die Tote.
-
-Das kleine einfenstrige Zimmer, aus dem sie hinausgetragen war, blieb
-seither unbenutzt. Furchtsam wurde es von Eva von Ostried gemieden.
-Nicht die Tote allein wehrte ihr den Eintritt, sondern vor allem der
-Lebende, der erst langsam für sie sterben mußte.
-
-Sie saß vor dem Flügel, aber sie dachte nicht an das, was einst ihr
-höchstes Sehnen gewesen. Wie längst durchlesene Bücher, die kein
-Interesse mehr erwecken konnten, betrachtete sie die Stöße von Noten.
-Es gab nur noch ein Lied für sie, das sie niemals vergessen würde, das
-kleine Lied von der weißen Rose....
-
-Sein Lied! Vorläufig hatte sie sich am Fenster einen Tisch mit allem
-Nötigen zum Schreiben zurechtgestellt. Sinnend ruhte ihr Blick auf dem
-großen weißen Bogen, der gespenstisch zu ihr hinwinkte. Ehe es Abend
-geworden war, wollte sie einen Brief schreiben...
-
-Sie ging hinüber und tauchte die Feder ein. Wenn er fort sein würde,
-hatte sie keine Anwartschaft mehr auf das alte stille Schloß in
-Waldesruh! Trotzdem schrieb sie ihn hastig! Er wurde kurz.
-
- Ich kann nicht Ihre Gattin werden. Aber ich danke Ihnen warm für
- die mir zugedachte Ehre...
-
-Warum konnte sie es nun doch nicht? -- Auf dem Tischchen lag ein Stoß
-geöffneter Briefe, die sie in Dresden und Weimar erhalten hatte.
-Schwärmerische Ergüsse -- --
-
-Nun brach sie wieder hervor, die alte heiße, wilde Sehnsucht nach dem
-Geliebten. Das mühsame Versteckspiel mit den eigenen Gefühlen war
-nutzlose Marter. Ihre Seele gehörte ihm auf ewig.
-
-Wie erlöst atmete sie auf, als draußen die Klingel ging. „Wirklich
-kommt er,“ dachte sie befriedigt, während sie hinausging.
-
-Sie konnte den Eintretenden in dem Zwielicht nicht sogleich erkennen
-und ahnte doch sofort, wer er sei! Ihr Herz begann wie rasend zu pochen.
-
--- -- -- Gehorsam blickte sie auf ein beschriebenes Blatt nieder,
-das er vor sie hingelegt hatte, als sie sich im Musikzimmer
-gegenüberstanden.
-
-„Ich kann nicht,“ flüsterte sie, als sie die Handschrift sah. Da las
-ihr Walter Wullenweber vor:
-
- Nach einem Anfall großer Herzschwäche, den ich zwar überwunden
- habe, dessen Wiederkehr ich aber fühle, bestimme ich hiermit
- als Nachtrag zu meinem bereits gemachten Testament, daß meine
- geliebte Pflegetochter Eva von Ostried bei meinem Ableben
- Einhundertundfünfzigtausend Mark durch Herrn Justizrat Weißgerber
- ausgezahlt erhalten soll. Und zwar ist diese Summe von derjenigen
- für die Stiftungen festgelegten abzuziehen. An den ausgesetzten
- Legaten soll nichts geändert werden. Meine treuesten Grüße gehören
- meiner lieben Eva.
-
- Zur Zeit Belgard a. d. Persante, Hinterpommern, im Wartesaal der 2.
- Klasse, den 24. August 1918.
-
- Frau Präsident Hanna Melchers.
-
-Als Walter Wullenweber zu Ende gelesen hatte, sah er sie an. Und sah,
-daß sie ihre Hände, wie bittend, zu ihm erhoben hatte. Nun lag sie an
-seinem Herzen.
-
-„Eva -- jetzt -- bleibst du mein?“
-
-„Ja,“ flüsterte sie, „dein, nur dein!“
-
-Er ließ den Brief der kleinen toten Schwester in ihren Schoß gleiten,
-während er sie küßte.
-
-„Den mußt du selbst lesen.“
-
-Wie kurz er war! Die Zeichen fast unleserlich. Und doch der einzige
-Satz wundervoll freisprechend -- an dem endlich errungenen Glück
-vollendend, was ihm im Augenblick -- vielleicht noch unbewußt -- fehlte.
-
-„Der Uebel größtes ist die +ungesühnte+ Schuld!“
-
-In dieser heiligen Stunde streifte Eva von Ostried alle Bitterkeit ab.
-Die Zeit des Leidens erschien ihr als eine Gnade, durch welche sie
-pilgern mußte, um des Geliebten würdig zu sein. Während sie ihre Wange
-an die seine schmiegte, sagte sie dankbar und demütig:
-
-„Unsere kleine Schwester hat recht! Aber ich will noch weiter in ihrem
-Sinne sühnen, um meines großen Glückes auch würdig zu bleiben!“
-
-[Illustration]
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UEBEL GRÖSSTES .. ***
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-easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
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-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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-Archive Foundation
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-</div>
-
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Der Uebel größtes ..</div>
-
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Käte Lubowski</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: January 29, 2021 [eBook #64416]</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
-
-<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</div>
-
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UEBEL GRÖSSTES .. ***</div>
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1919 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
-bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts
-dadurch nicht beeinträchtigt wird.</p>
-
-<p class="p0">Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden im
-vorliegenden Text in deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt.</p>
-
-<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; Passagen
-in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> erscheinen im vorliegenden
-Text kursiv. <span class="nohtml">Abhängig von der im
-jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original
-<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in
-serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
-erscheinen.</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<p class="s2 center padtop5 mbot3 break-before">Der Uebel größtes...</p>
-
-<p class="s2 center mtop3 padtop1 break-before"><b>Meisters<br />
-<span class="s2">Buch-Roman</span></b></p>
-
-<p class="s4 center">Eine Sammlung hervorragend<br />
-schöner Romane aus der Feder<br />
-angesehener, bekannter Autoren</p>
-
-<p class="s3 center mtop1"><b class="s4">Einundvierzigster Band: Der Uebel größtes ..</b></p>
-
-<div class="figcenter illowe8 padtop3" id="i_002_signet">
- <img class="w100" src="images/i_002_signet.jpg" alt="Verlagssignet" />
-</div>
-
-<p class="s3 center mtop3 mbot3">Verlag von Oskar Meister, Werdau i. Sa.</p>
-
-<h1 class="padtop1">Der<br />
-<span class="s4">Uebel größtes ..</span></h1>
-
-<p class="s3 center">Roman von<br />
-<span class="s4">Käte Lubowski.</span></p>
-
-<p class="s3 center mtop1"><b class="s4">Einundvierzigster Band des Buch-Romans</b></p>
-
-<div class="figcenter illowe8 padtop3" id="i_002_signet2">
- <img class="w100" src="images/i_002_signet.jpg" alt="Verlagssignet" />
-</div>
-
-<p class="s3 center mtop3 mbot3">Verlag von Oskar Meister, Werdau i. Sa.</p>
-
-<p class="center antiqua padtop5">Copyright 1919<br />
-by Oskar Meister, Werdau.</p>
-
-<p class="center mbot3">Alle Rechte vorbehalten.</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[S.&nbsp;5]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_005_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_005_kopf.jpg" alt="Kapitel 1, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_1">1.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">U</span>m die elfte Vormittagsstunde war derjenige Teil des Oeynhausener
-Kurparkes, dem die Gäste den Namen „Schweiz“ gegeben hatten, von
-Rollstühlen und Spaziergängern nahezu frei. Die Meisten ruhten nach
-den Bädern vorschriftsmäßig aus. Jene aber, die es mit der Kur nicht
-so streng nahmen, lustwandelten in möglichster Nähe der Musik. Nur
-eines der bequemen Wägelchen glitt, fast zu eilig für den wundervollen
-Frieden dieser Einsamkeit an der romantischen Schlucht vorüber, welche
-der silberhelle Hambkebach in jahrzehntelanger Kleinarbeit mit Frische
-segnete. Es war keine der gewöhnlichen Lenkerinnen, die ihn vorwärts
-stieß. Die Hände erschienen gepflegt und schmal. Die feingliedrige
-Gestalt zeigte eine stolze Haltung. Der schlanke, sehr weiße Hals
-trug einen Kopf mit auffallend schönen Gesichtszügen. Zuweilen
-schob sich die Fülle des braunschwarzen lockigen Haares, von einem
-Sommerlüftchen gehoben, zu den langbewimperten Lidern hinunter, die
-zwei ausdrucksvolle, sammetdunkle Augen bargen.</p>
-
-<p>Als die Fahrt noch an Schnelligkeit zunahm, wandte sich der Kopf der
-grauhaarigen Frau im Rollstuhl zu der Führerin herum.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[S.&nbsp;6]</span></p>
-
-<p>„Fräulein Eva von Ostried, der Gaul, den Ihre Phantasie seit geraumer
-Zeit zu reiten belieben, gefällt mir nicht,“ klang es dazu in frischem,
-scherzhaften Ton. „Er ist zu hitzig. Steigen Sie sofort ab.“</p>
-
-<p>Die junge Lenkerin ging bereitwillig auf die gütige Zurechtweisung
-ein: „Hochverehrte Frau Landgerichtspräsident Hanna Melchers aus
-Berlin-Grunewald, Wangenheimstraße 10, ich kann Ihrem Wunsch nicht
-nachkommen, denn... er geht, leider, mit mir durch!“</p>
-
-<p>Ein leichtes Seufzen ertönte.</p>
-
-<p>„Schon wieder? &ndash; Was haben Sie, Kind? Ich merke seit einigen Tagen,
-daß Sie verändert sind. Zum Verlieben bietet sich hier kein Anlaß. Der
-männlichen Jugend ist ja kaum in unversehrtem Zustande zu begegnen und
-ich weiß doch zur Genüge von Ihrer durchaus verständlichen Freude an
-der Gesundheit..“</p>
-
-<p>„Nein.. verliebt.. bin ich nicht!“</p>
-
-<p>„Was aber ist’s dann? Wir leben nun drei Jahre mit einander und ich
-kenne Sie allmählich genau. Spukt in dem Köpfchen wieder der alte
-Traum?“</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte Eva von Ostried und ihre Lippen preßten sich zusammen, als
-müsse sie den Schrei der Sehnsucht ersticken, „ich möchte singen..
-singen..“</p>
-
-<p>„Als ob Ihnen das verwehrt würde, Eva. In dem kleinen
-Unterhaltungszimmer unserer Pension Messing steht ein ausgezeichneter
-Flügel und eine andächtige und dankbare Zuhörerschaft ist Ihnen
-ebenfalls sicher. Trotzdem haben Sie mir das feierliche Versprechen
-abgenommen, daß ich töricht genug war, Ihnen zu geben. Warum
-verheimlichen Sie hier ängstlich Ihr Talent?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[S.&nbsp;7]</span></p>
-
-<p>„Soll ich wirklich vor der herzensguten, aber doch bereits unstreitig
-etwas kindisch gewordenen Frau la chaise, die mit ihrem seligen
-Fritzchen zwölfmal in Brasilien war und daneben lediglich Tabak und
-höchstens noch ihre „beste“ Olga von daheim gelten läßt &ndash; oder vor
-diesem fürchterlichen, alten Baron, der beständig die Hände bewegt, als
-beabsichtige er seine Zuhörerschaft zu kitzeln, damit sie über seine
-Witzchen auch lachen kann, singen? &ndash; Verlangen Sie <em class="gesperrt">das</em> von mir?“</p>
-
-<p>„Verlangen würde ich es wohl nur von meiner leiblichen Tochter.“</p>
-
-<p>Der Rollstuhl stand plötzlich still. Zwei weiche, heiße Lippen preßten
-sich auf die Hände der Präsidentin.</p>
-
-<p>„Ich bin egoistisch und schlecht. Verdanke ich Ihnen doch alles. Was
-wäre damals aus mir geworden, wenn Sie mich, die ohne langjährige
-Zeugnisse auf Ihr Gesuch kam, nicht den vielen Andern, vorzüglich
-Empfohlenen vorgezogen hätten?“</p>
-
-<p>„Lassen wir diese Fragen, mein Kind. Ich bilde mir ein, eine gute
-Menschenkennerin zu sein..“</p>
-
-<p>„Und nun habe ich Sie im Laufe der Zeit oft genug enttäuschen müssen.“</p>
-
-<p>„Auch diese Wahrscheinlichkeit blieb damals nicht unberücksichtigt. Sie
-hatten mich deutlich in Ihrer Seele lesen lassen.“</p>
-
-<p>„Obwohl ich zuerst von meinen Kämpfen und Enttäuschungen schwieg?“</p>
-
-<p>„Die kargen Tatsachen verrieten mir genug. &ndash; Sie waren auf den Wunsch
-eines Jugendfreundes Ihres verstorbenen Vaters von dem nach seinem
-Tode in andere<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[S.&nbsp;8]</span> Hände übergegangenen Majorat nach Berlin gekommen und
-ließen Ihre wundervolle Stimme unentgeltlich von ihm ausbilden. Daß er,
-ein Jahr später, bei dem grausamen Eisenbahnunglück ums Leben kam und
-Sie, die völlig Mittellose, danach vergeblich den Vormund und früheren
-Gutsnachbar um ein Darlehn zum Weiterstudium anflehten, verhehlten
-Sie mir nicht. Das Andere &ndash; die harten Enttäuschungen, die Sie in
-dem ungewohnten Kampf ums tägliche Brot in den verschiedenen aus Not
-angenommenen Stellungen zu bestehen hatten, las ich deutlich aus ihrem
-schmalen Gesicht und dem ängstlichen Ausdruck der Augen. Ihre spätere
-Beichte vervollständigte nur diese Geschichte..“</p>
-
-<p>„Aber Sie haben nicht angenommen, daß ich rückfällig werden könnte.“</p>
-
-<p>„Ich habe es gewußt! &ndash; Sehnsucht stirbt schwer. Und Sie sollen Ihr
-Sehnen ja auch behalten und pflegen. Nur Geduld müssen Sie üben. Erst
-fester werden, mein Kind. Erst noch diese heiße Eitelkeit abstreifen,
-die fiebernd nach Ruhm und Huldigung verlangt.“</p>
-
-<p>Der dunkle Kopf senkte sich schuldbewußt.</p>
-
-<p>„Sie sind unaussprechlich gut zu mir.“</p>
-
-<p>„Keine Uebertreibungen! Hundertmal haben Sie, in zorniger Aufwallung,
-anders gedacht, wenn ich Ihrem Verlangen entgegenstand. Ich begreife
-auch das voll.“</p>
-
-<p>„Wenn ich doch wüßte, womit ich Ihnen dies Alles jemals vergelten
-könnte.“</p>
-
-<p>Frau Melchers lächelte leise.</p>
-
-<p>„Das Wort „Vergeltung“ ist niemals von einem häßlichen Beigeschmack
-frei, Eva. Sie sollen nur stets ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[S.&nbsp;9]</span> offen zu mir sein.. und mich
-weiter lieb haben. Anderes verlange und erwarte ich nicht.“</p>
-
-<p>„Das glaube ich. Es ist ja so leicht.“</p>
-
-<p>Ein prüfender Blick streifte das schöne Gesicht. Die kluge Frau kannte
-die größeste Schwäche ihrer Hausgenossin, die sie wie eine Tochter
-lieben gelernt, sehr genau. Wenn die reiche Phantasie spielte und die
-ungestüme Eitelkeit den Kritiker abgab, konnte es leicht geschehen,
-daß Eva von Ostried sich über die von der Präsidentin geforderte
-Wahrhaftigkeit hinwegsetzte, ohne sich eines Unrechts bewußt zu werden.</p>
-
-<p>„Und nun hören Sie mir einmal aufmerksam zu, Eva,“ forderte die gütige
-Stimme. „Es kommen nicht sehr viel Stunden, die sich dafür eignen. Sie
-sollen etwas wissen, was Sie &ndash; vielleicht längst geahnt haben. &ndash;
-Sie werden demnächst das einundzwanzigste Jahr vollendet haben. Der
-Vormund, der nach dem jähen Tode Ihres Gönners seine Erlaubnis zur
-Wiederaufnahme Ihrer Studien, auch mir gegenüber, brieflich versagte,
-verliert dann seine Gewalt über Ihr Handeln. Im Herbst dürfen Sie also
-über sich verfügen. Aber.. wir wollen erst noch Weihnachten und Ostern
-in aller Stille zusammen feiern. So traut und gänzlich der Häuslichkeit
-gehörend, wie die andern Jahre. Nichtwahr, mein Kind?“</p>
-
-<p>„Ich begreife nicht, wie Sie das meinen. Soll ich dann fort von Ihnen?“</p>
-
-<p>„Ja, Eva, dann verliere ich Sie. In meinem Heim werden Sie allerdings
-weiter leben, aber für mich selbst kaum noch Zeit finden. Denn Sie
-werden wieder als einzige Beschäftigung Musik studieren. Ihre Sehnsucht
-darf neue<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[S.&nbsp;10]</span> Befriedigung suchen. Ihr Fleiß muß eisern werden. &ndash; Die
-nötigen Mittel gewähre ich Ihnen. Gegenleistungen verlange ich freilich
-auch. Ich muß, so lange ich lebe, über Ihnen wachen dürfen, Eva. Fühlen
-Sie, wie ich das meine?“</p>
-
-<p>Eva von Ostried warf sich mit ausgebreiteten Armen über die kluge Frau.
-Sie konnte nicht sprechen. Ihr Körper bebte von einem Schluchzen des
-Glückes.</p>
-
-<p>Endlich aber schob sie die Präsidentin sanft zurück.</p>
-
-<p>„So und jetzt zum Theater! Denn, nicht wahr, darum nahmen wir doch
-jenes Eiltempo? &ndash; Heute Abend wird also Mignon gegeben? Obschon ich
-es mir von dieser Stelle aus nicht als reinen Genuß denken kann..
-sollen Sie Ihren Willen haben. Ob daraus nicht für Sie, die jeden Ton
-dieser Oper genau kennen und die Partie des Mädchens aus der Fremde
-ausgezeichnet wiederzugeben wissen, eine arge Enttäuschung wird?“</p>
-
-<p>Das schöne Mädchengesicht strahlte wieder.</p>
-
-<p>„Wie herrlich ist es, daß Sie, die schwer zu Befriedigende, mir dieses
-Lob schenken. Ja... ich freue mich unsagbar auf den heutigen Abend.
-Zu denken, daß.. ich selbst.. es besser machen könnte.. Ist das nicht
-vielleicht der höchste Genuß?“</p>
-
-<p>Ein leichter Schatten glitt über das feine, alte Gesicht.</p>
-
-<p>„Darin werden wir uns niemals verstehen! Mir ist immer weh zumute, wenn
-Jemand eine übernommene Aufgabe mangelhaft erfüllt. &ndash; Aber jetzt muß
-ich zur Eile mahnen. Der letzte Ton der Kurmusik ist verhallt.“</p>
-
-<p>Und der Rollstuhl glitt wieder durch den Dom satten, frischen Grüns dem
-kleinen neuerbauten Theater entgegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[S.&nbsp;11]</span></p>
-
-<p>„Kommen Sie doch auch mit,“ bat Eva, ehe sie zur Kasse ging.</p>
-
-<p>Die Präsidentin schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>„Haben Sie ganz vergessen, daß der Geheimrat meinem rebellischen Herzen
-die allergrößeste Schonung und vor allen Dingen frühzeitige Bettruhe
-anbefohlen hat? Nein.. das ist ausgeschlossen.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried wurde rot. Dann aber fand sie eine Entschuldigung für
-ihre Vergeßlichkeit. Wie konnte ein junges, gesundes Wesen beständig
-daran denken, daß eine Leidende unausgesetzt der Rücksicht bedürfe?</p>
-
-<p>„Nur etwas aus der Sonne können Sie mich zuvor noch schieben,“ forderte
-die Präsidentin ohne Empfindlichkeit, „denn aus den für Sie heiligen
-Räumen finden Sie nicht so schnell zurück.“</p>
-
-<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_011_tb">
- <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" />
-</div>
-
-<p>Es währte aber diesmal sogar für die Langmut der Präsidentin
-zu lange. Die dünnen Glöckchen der Kirche und des Salzwerkes
-verkündeten die zwölfte Stunde. Vom Königshof herüber erscholl das
-melodisch abgestimmte Tamtam, das eine Viertelstunde vor Beginn der
-Hauptmahlzeit, die überall zur gleichen Zeit festgesetzt war, die
-Gäste zusammenrief und immer noch ließ sich Eva von Ostrieds helles
-Gewand nicht erblicken. Schon wollte die an Pünktlichkeit streng
-Gewöhnte eine ihr vom Ansehen bekannte, gerade des Weges daherkommende
-Rollstuhllenkerin bitten, ihren Wagen in die Pension zu bringen,
-als endlich, atemlos vor Erregung, die Säumige kam. Die Präsidentin
-vergaß die beabsichtigte scharfe Zurechtweisung. Der Anblick des
-jun<span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[S.&nbsp;12]</span>gen, schönen Geschöpfes, dessen ausdrucksvolle Augen begeistert
-strahlten, entzückte sie, wie er es stets tat. Das reuige Betteln um
-Vergebung dieser neuen, kleinen Nachlässigkeit würde genügt haben,
-um ihre Empörung in mildes Begreifen umzuwandeln. &ndash; Sie wartete
-umsonst darauf. Eva von Ostried saß im tiefsten, goldensten Land ihrer
-Zukunftsträume und klagte Mignons Steyrisches Lied heraus:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Kam ein armes Kind von fern</div>
- <div class="verse indent2">Zigeuner brachten es eben</div>
- <div class="verse indent2">Traurig bleich... seine Glieder beben....</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Das riß die Geduld der Gütigen.</p>
-
-<p>„Beeilen Sie sich, Eva,“ sagte sie streng und kurz, „oder ich werde,
-so matt ich mich gerade heute auch fühle, der ärztlichen Vorschrift
-entgegen, aussteigen und versuchen, im Laufschritt noch pünktlich
-zu Tisch zu erscheinen.“ In dem nämlichen Augenblick erwachte Eva
-von Ostried zur Wirklichkeit. Sie erblaßte und in ihre Augen kam der
-Ausdruck einer großen Hilflosigkeit.</p>
-
-<p>„Das werden Sie mir nicht antun,“ schmeichelte sie. „Schelten Sie
-tüchtig.. aber sprechen Sie nicht in diesem unerträglich kühlen Ton
-zu mir, wenn ich ihn auch verdient habe.. Gewiß &ndash; ich vergaß meine
-Pflicht. Sobald Sie die Ursache erfahren, werden Sie mich begreifen..“</p>
-
-<p>„Sie können mir später berichten. Jetzt.. vorwärts, Eva.“</p>
-
-<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_012_tb">
- <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" />
-</div>
-
-<p>Der geräumige Speisesaal, in welchen die Beiden, heute als letzte
-Mittagsgäste, eintraten, war fast zu sehr besetzt.<span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[S.&nbsp;13]</span> Alle Plätze ohne
-Rücksicht auf die Wohlbeleibten, erschienen gleich schmal, sodaß
-der Hüne unter den Anwesenden, ein alter früherer Oberst der Garde,
-vor seinem gefüllten Teller in zorniger Ungeduld des Augenblickes
-wartete, in dem sich seine rechte Nachbarin, einstweilen befriedigt,
-zurücklehnte. Zu seiner Linken nahm Eva von Ostried Platz. Das
-milderte seinen Zorn. Obwohl er unvermählt geblieben, schätzte er
-Frauenschönheit über allem Andern.</p>
-
-<p>Als Eva nicht wie sonst auf seine neckenden Fragen in dem gleichen Ton
-antwortete, neigte er den mächtigen Kopf ein wenig zur Seite und sah
-sie mit schlauem, verständnisvollen Blinzeln an:</p>
-
-<p>„Strafpauke intus, mein gnädiges Fräulein?“</p>
-
-<p>„Ja,“ nickte sie und setzte leise hinzu „aber verdient.“</p>
-
-<p>„Zu toll geflirtet?“</p>
-
-<p>„Ist das hier überhaupt möglich?“</p>
-
-<p>„Na.. erlauben Sie mal. Wenn Sie von uns elenden Bürgern schon absehen,
-der Paul Karlsen, der erste Liebhaber und Opernsänger ist doch noch
-da.. Und Sie gehören zu den eifrigsten Besuchern des Theaters..“</p>
-
-<p>Den Namen des jungen Menschen, der ein großer Künstler zu werden
-verhieß, hatte er im Gegensatz zu dem andern nur Geflüsterten stark
-betont.</p>
-
-<p>Das scharfe Ohr seiner schon wieder auf den nächsten Gang lüsternen
-rechten Nachbarin fing ihn auf, sie nickte lebhaft und begann, froh,
-endlich einen Gesprächsstoff gefunden zu haben:</p>
-
-<p>„Ja, dieser Karlsen. Denken Sie doch, er soll auch heute im Mignon den
-Wilhelm singen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[S.&nbsp;14]</span></p>
-
-<p>Ein Backfisch, der seiner hochgradigen Bleichsucht und des daraus
-entstandenen nervösen Herzens wegen hier war, mischte sich mit
-allerliebster Wichtigkeit ein:</p>
-
-<p>„Leider wird er ihn nicht singen können. Die schöne Mignon, auf die wir
-uns einen halben Monat lang gefreut haben &ndash; der Gast &ndash; hat vor einer
-Stunde einen bösen Unfall gehabt.“</p>
-
-<p>Die Neuigkeit pflanzte sich fort, denn sie hatten fast alle hingehen
-wollen.</p>
-
-<p>„Wie jammerschade,“ wehklagten die jungen Mädchen.</p>
-
-<p>„Wir werden das Geld natürlich zurückerhalten,“ freuten sich die
-praktischen Mütter.</p>
-
-<p>„Keine trügerischen Hoffnungen, meine Damen,“ spöttelte ein alter
-Gichtiker, „soviel ich vor kaum zehn Minuten gehört habe, soll bereits
-ein vollwertiger Ersatz gefunden sein.“</p>
-
-<p>Lebhafte Fragen bestürmten ihn von allen Seiten.</p>
-
-<p>„Woher wissen Sie es? Das wird nicht ohne weiteres geglaubt.“</p>
-
-<p>„Mir hat es der Theaterdirektor in eigenster Person anvertraut. Eine
-berühmte, große Sängerin, die zufällig hier zur Kur weilt, wird
-einspringen. Er tat sehr geheimnisvoll und verriet nichts weiter, so
-sehr ich auch in ihm drang.“</p>
-
-<p>Frau Melchers wandte sich leise an Eva von Ostried.</p>
-
-<p>„War es das, was Sie mir erzählen wollten, Eva?“</p>
-
-<p>Die langen dunklen Wimpern lagen fast auf der rosigen, weichen Haut der
-Wangen.</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte sie, „das und.. noch etwas. Die Aufregung über das
-plötzliche Mißgeschick war so groß &ndash; daß... ich<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[S.&nbsp;15]</span> oben... nicht..
-früher fortkonnte..“ Frau Melchers nickte ihr freundlich zu.</p>
-
-<p>„Schon gut, Eva. &ndash; Nun freuen Sie sich natürlich doppelt auf den
-heutigen Abend, nicht wahr?“</p>
-
-<p>„Ich.. fürchte.. mich.. aber daneben auch..“</p>
-
-<p>„So hat sich der kleine Teufel des Neides schon wieder von seiner Kette
-befreit?“</p>
-
-<p>„Noch nicht...“</p>
-
-<p>„Ich werde das Weitere von Ihnen hören. &ndash; Später. &ndash; Erst muß
-ich ruhen. Ich weiß nicht, in meinen Gliedern ist eine sonderbare
-Mattigkeit. Sie schmerzt fast. Am liebsten verschliefe ich die ganze
-zweite Hälfte des Tages..“</p>
-
-<p>„Soll ich nachher den Geheimrat rufen,“ fragte Eva angstvoll.</p>
-
-<p>„Was soll er mir, Kind? &ndash; Ich habe es mir allein ausgeprobt. Wenn
-das Herz matt und doch unruhig hüpft, brauche ich viel Ruhe. Niemand
-soll sprechen. Am besten auch jedes Geräusch vermieden werden. &ndash; Sie
-dürfen darum heute einen ganz freien Nachmittag haben. Genießen Sie ihn
-nach Herzenslust. &ndash; Soll ich die jungen Mädchen am Tisch fragen, ob
-vielleicht ein gemeinsamer Ausflug nach der Porta zustande käme. Zum
-Beginn des Theaters können Sie, trotzdem, pünktlich zurück sein.“</p>
-
-<p>Eva von Ostrieds Hände legten sich bittend auf die Rechte der
-Präsidentin.</p>
-
-<p>Aus ihrer Stimme klang ängstliche Abwehr.</p>
-
-<p>„Bitte, bitte, tun Sie das nicht. Ich bin viel lieber allein. Diese
-jungen Mädchen bleiben mir fremd und unverständlich in all ihren Reden
-und Empfindungen. Und schließlich würde ich doch nur die Geduldete
-unter ihnen sein.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[S.&nbsp;16]</span></p>
-
-<p>„Weil Sie mir.. dienen, Eva?“</p>
-
-<p>„Nicht.. weil ich Ihnen diene.. Was gäbe es wohl Schöneres für eine
-Waise. Nur, daß ich es überhaupt tun muß, begreifen diese vom Glück
-verwöhnten nicht. Das richtet eine Scheidewand zwischen ihnen und mir
-auf. &ndash; Wirklich..“</p>
-
-<p>„Sie sind ein großes Kind..“</p>
-
-<p>„Ich wollte, ich wäre es! Als Kind habe ich niemals einschlafen können,
-wenn irgend etwas Geheimnisvolles auf mir lastete.“</p>
-
-<p>„Soll das heißen, daß es damit anders geworden ist?“</p>
-
-<p>„Ich verstehe mich selbst manchmal nicht mehr. &ndash; Was mir einen
-Augenblick als ein unfaßbares Glück erscheinen will, jagt mir im
-nächsten bereits Furcht und Schrecken ein..“</p>
-
-<p>„Eva, Kind, das sind Nerven! Jawohl, so melden sie sich an.“</p>
-
-<p>„Nein &ndash; nein, es ist etwas anderes..“</p>
-
-<p>„Dann könnte es nur ein böses Gewissen sein. Und davon halte ich Sie
-frei.“</p>
-
-<p>Der dunkle Kopf senkte sich tief. Eva von Ostried wurde der Antwort
-überhoben &ndash; das Gespräch noch allgemeiner und lebhafter, sodaß an eine
-weiter unbeachtet geführte Zwiesprache nicht zu denken war.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>„Womit also werden Sie diesen sonnigen Nachmittag ausfüllen, Eva,“
-fragte die Präsidentin, als sie, sorglich gebettet, sich mit einem
-Seufzer des Behagens in dem kühlen Zimmer ausstreckte.</p>
-
-<p>„Wenn Sie mich wirklich nicht brauchen können, lege ich mich in einen
-einsamen dunklen Winkel und träume..“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[S.&nbsp;17]</span></p>
-
-<p>„Und kommen vor dem Theater noch einmal kurz zu mir, damit ich Sie in
-dem neuen, weißen Kleide sehe, ja? &ndash; Das Abendessen werde ich heute
-auf dem Zimmer nehmen, bitte, sagen Sie es an. Und morgen bin ich
-wieder ganz frisch.“</p>
-
-<p>Fühlte sie das Zögern des jungen Wesens? Eva von Ostried blieb noch
-einige Minuten neben ihrem Lager stehen, als laste etwas schweres auf
-ihrer Seele. Las sie das Geheimnis in den sprechenden Augen, das sich
-zuerst offenbaren wollte und nun doch plötzlich dies Vorhaben als so
-ungeheuerlich empfand, daß die Ausführung nicht gewagt wurde?</p>
-
-<p>Sie deutete die offenbare Unsicherheit anders.</p>
-
-<p>„Machen Sie nicht länger ein so reueerfülltes Gesicht, Evalein. Ich
-hab’s längst vergessen, daß Sie mich ungebührlich lange warten ließen.
-Im übrigen, Kind, nicht wahr, Sie wissen doch, daß ich Sie mit dem
-Gefühl einer Mutter lieb habe?“</p>
-
-<p>Eva von Ostried schluchzte an der Brust der Gütigen.</p>
-
-<p>„Ja.. das weiß ich und darum..“ Frau Melchers unterbrach sie schnell.</p>
-
-<p>„Darum jetzt heraus in die Sonne. Vergolden und durchwärmen lassen, was
-dunkel und geheimnisvoll erscheinen will. Gehen Sie, Eva, ich bin sehr
-müde..“</p>
-
-<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_017_tb">
- <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" />
-</div>
-
-<p>Eva von Ostrieds Pulse klopften in fieberhafter Erregung, als sie,
-zu der Stunde der allgemeinen Mittagsrast, den Weg zum Kurtheater
-einschlug. Ihr Vorwärtshasten wirkte wie ein beständiger Kampf. Nach
-wenigen Laufschritten blieb sie stehen, sah rückwärts, zögerte, als
-riefe sie<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[S.&nbsp;18]</span> eine mahnende Stimme zur Umkehr und jagte dann doch weiter,
-als müsse sie um jeden Preis die versäumte Zeit einholen. Einmal sprach
-sie ganz laut zu sich, weil ihre zitternde Seele dies dumpfe Schweigen
-nicht länger zu ertragen vermochte.</p>
-
-<p>„Und.. ich werde es ihr doch sagen! Sie ist so gut..“ Gleich darauf
-huschte ein ängstlicher Schein über ihr Gesicht. &ndash; „Wenn sie es mir
-aber nicht gestattet? O, sie kann auch hart und fest bleiben, sofern
-sie etwas nicht billigt.“</p>
-
-<p>Die Mittagssonne goß auf jedes Blatt einen großen, goldenen Tropfen.
-Unzählige, bis zum Rande gefüllte Becher schwebten auf allen Zweigen.
-Einer strömte seinen kostbaren Inhalt über Eva von Ostrieds schlanke,
-schöne Gestalt aus und überfunkelte sie mit verschwenderischen Glänzen.
-Ihre Augen waren geblendet. Unsanft stieß sie mit dem Eiligen zusammen,
-der ihr entgegenlief.</p>
-
-<p>„Hoppla.. Fräulein von Ostried.. wohin des Weges? Sie wollen mir doch
-nicht etwas ins Handwerk pfuschen.“</p>
-
-<p>Der Geheime Sanitätsrat Schwemann war es, der die Präsidentin
-behandelte.</p>
-
-<p>„Nein, das wage ich nur in äußerster Not.. etwa, wenn Frau Präsident
-absolut nichts von Ihnen oder Ihresgleichen wissen will, Herr
-Geheimrat,“ sagte sie frisch.</p>
-
-<p>„S’ wär schon besser gewesen, sie hätte sich früher an einen von
-unserer Zunft gewandt,“ brummte er halblaut.</p>
-
-<p>„Steht es schlecht mit ihr, Herr Geheimrat?“</p>
-
-<p>„Habe ich das etwa behauptet? &ndash; Fällt mir gar nicht ein. Ist übrigens
-irgend etwas nahes Verwandtes vorhanden?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[S.&nbsp;19]</span></p>
-
-<p>„Sie ist ganz einsam in der Welt.“</p>
-
-<p>„Na, dann hören Sie mal einen Augenblick zu. Sie gefällt mir nämlich
-immer weniger. Ist körperlich viel zu sehr für dies ernsthafte
-Herzleiden herunter. Und schont sich dabei nicht gehörig, was die
-Geschichte natürlich verschlimmert.“</p>
-
-<p>„O Gott, was soll ich tun. Sagen Sie mir alles, Herr Geheimrat?“</p>
-
-<p>„Sie? &ndash; Sehr viel ist dagegen nicht zu machen. Sie können ihr
-höchstens jede Aufregung fernhalten und sie gehörig päppeln. &ndash; Also...
-es ist nicht so einfach, meine Liebe. Kann sehr wohl mal kommen, daß
-eines Tages, scheinbar ohne neue Ursache, etwas Menschliches eintritt.
-&ndash; Das wollte ich Ihnen doch unter vier Augen sagen, ehe Sie abreisen.
-In zwei Tagen soll die Reise ja wohl heimwärts gehen.“</p>
-
-<p>Eva von Ostrieds Lippen bebten.</p>
-
-<p>„Ich habe Niemand mehr als sie“ klagte sie erschüttert.</p>
-
-<p>„Weil ich mir etwas Aehnliches gedacht habe, sage ich Ihnen das auch
-hauptsächlich. Nun aber keine vorzeitige Leichenbittermiene. Das würde
-sie selbst am meisten betrüben. &ndash; Sie kann sich natürlich auch noch
-längere Zeit halten. Wie gesagt.... auch dem Gesundesten geschieht
-zuweilen ein rasches Unglück. Sehen Sie die Sängerin an. Fällt vor ein
-paar Stunden einfach auf dem ebenen Fußboden hin und bricht sich ein
-Bein. Dabei nicht etwa glatt und anständig. Es wird eine langweilige
-Geschichte werden. Grade komme ich von ihr. Na ja... sollten sich
-übrigens auch besser nach dem Essen aufs Ohr legen. Die Sonne sticht
-gewaltig....“&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[S.&nbsp;20]</span></p>
-
-<p>Gegenüber der Seitenpforte des Theaters, durch welche die Schauspieler
-mehr oder minder pünktlich, zu schlüpfen pflegten, stand eine
-kühngeschweifte Bank. Darauf ruhten sie nach den Proben aus und
-belustigten sich damit, über die vorüberkommenden Kurgäste, sofern sie
-nicht zu den eifrigen Verehrern ihrer Kunst zählten, zu spötteln. Denn
-sie kannten fast jeden Einzelnen ihrer treuen Gemeinde, die höchstens
-alle Monat einmal ihr Aussehen änderten. Zur Zeit war diese Bank leer.
-Eva von Ostried nahm darauf Platz. In ihrem Gesicht lag der Ausdruck
-tiefen Kummers. Die Unterredung mit dem Geheimrat hatte vorübergehend
-die eigenen Interessen erstickt. Bittere Selbstvorwürfe stürmten auf
-sie ein.</p>
-
-<p>Während ihre Wohltäterin nach den vorangegangenen Anzeichen einer
-großen Mattigkeit, sicherlich wieder von einem jener tapfer ertragenen
-Anfälle gequält wurde, stand sie im Begriff sie zu hintergehen.</p>
-
-<p>Die mütterliche Güte und Nachsicht der Präsidentin, die ihr der
-Unbekannten, als sie zerbrochen und matt in ihr Haus kam, wieder die
-Kraft zur Lebensfreude schenkte, rührte sie von neuem.</p>
-
-<p>Durfte sie diesen Schritt tun, obgleich sie genau wußte, daß die
-Präsidentin ihn mißbilligen, wenn nicht gar auf das Strengste
-untersagen würde?</p>
-
-<p>In ihrem Gesicht zuckte ein harter Kampf. Eitelkeit und Dankbarkeit
-rangen mit einander. Das berauschende Vorempfinden uneingeschränkter
-Bewunderung maß sich mit der überwältigenden Freude, daß sie sich
-in absehbarer Zeit ihren geliebten Studien wieder gern voll widmen
-und sie ohne drückende Sorgen zu Ende bringen sollte. In<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[S.&nbsp;21]</span> diesem
-Augenblick lief ein barfüßiger Junge an der Bank vorüber. Sie empfand
-sein Erscheinen als die Bekräftigung der guten Vorsätze und winkte ihm
-stehen zu bleiben.</p>
-
-<p>„Ich will schnell einen Zettel schreiben,“ sagte sie freundlich „und Du
-trägst ihn mir hinein, ja?“ Er nickte bereitwillig und setzte sich zu
-ihr. Ein aus dem Taschenbuch herausgerissenes Blatt bedeckte sich mit
-ihren feinen, klaren Schriftzeichen.</p>
-
-<p>„Mein Versprechen war übereilt“ schrieb sie, „ich kann es leider nicht
-halten. Teilen sie dies bitte, Herrn Direktor mit.“</p>
-
-<p>Schon hatte sie ihn zusammengefaltet und den Wartenden beauftragt,
-ihn an Herrn Paul Karlsen abzugeben, als drinnen eine umfangreiche,
-wenn auch etwas scharfe Stimme, Philines halb spöttisches halb
-mitleidsvolles Lied zum Gehör brachte:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Hollah, mein werter Herr</div>
- <div class="verse indent2">Mögt Ihr uns nicht erst sagen</div>
- <div class="verse indent2">Wer ist das arme Kind</div>
- <div class="verse indent2">Des Antlitz scheint zu klagen.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Wie mit einem Zauberschlage änderte sich der Ausdruck in Eva von
-Ostrieds Zügen. Alle weiche, kindliche Dankbarkeit schwand daraus. Ihre
-Lippen öffneten sich, als tränken sie jeden einzelnen Ton durstig auf.
-Ihre Augen flammten. Mechanisch zerpflückte sie das Geschriebene und
-reichte dem erstaunt und neugierig blickenden Jungen ein Geldstück hin.</p>
-
-<p>„Ich werde selbst gehen. Es ist gut!“</p>
-
-<p>Und doch fühlte sie dumpf und schwer, daß der Schritt, den sie im
-Begriff stand zu tun, besser unterbleibe. Aber es war für alle
-Erwägungen zu spät geworden. Aus der<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[S.&nbsp;22]</span> kleinen Seitentür trat in
-diesem Augenblick, eine schlanke Männergestalt und lief in freudiger
-Erregtheit auf sie zu.</p>
-
-<p>„Wo in aller Welt bleiben Sie? Schnell hinein. Niemand im Städtchen
-ahnt, daß Sie der vom Himmel gefallene, göttliche Ersatz sein wollen.
-Es wird erhaben werden.“</p>
-
-<p>Und sie folgte in willenloser Mattigkeit dem voranschreitenden Karlsen,
-von dem das Publikum auch hier behauptete, daß er ein großer Künstler
-zu werden verspreche.</p>
-
-<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_022_tb">
- <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" />
-</div>
-
-<p>Die dünngewordenen Stimmchen der Glocken hatten schon die vierte
-Morgenstunde verkündet, als Eva von Ostried endlich einschlafen konnte.
-Ihr Zimmer lag neben demjenigen der Präsidentin. Nachdem sie gegen
-elf Uhr heimgekehrt war, hatte sie durch die Verbindungstür schlüpfen
-wollen, um alles, was ihr widerfahren war, getreulich zu beichten. Ihr
-scharfes Ohr erlauschte aber zuvor die tiefen, regelmäßigen Atemzüge,
-die einen friedvollen Schlummer verrieten. Wie wertvoll dieser für die
-Präsidentin war, wußte sie genau. Darum verschob sie alles bis zum
-nächsten Morgen.</p>
-
-<p>Der zog strahlend und schöner, wie die der gesamten letzten Wochen
-herauf. Eva von Ostried wurde nicht wie sonst, durch den ersten Strahl
-des großen Lichts zu ihren Pflichten geweckt. Die ungeheure Erregung
-des verflossenen Tages hatte eine bleischwere Müdigkeit auf sie
-gesenkt. Nun schläft sie, die sonst, pünktlich um sieben Uhr, das erste
-Frühstück der Präsidentin ans Bett brachte, mit dem unbewußten Behagen
-gesunder, kraftvoller Jugend.<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[S.&nbsp;23]</span> Fräulein Messing, die Inhaberin der
-Pension, freute sich darüber. Die große Neuigkeit machte sie doppelt
-unruhig und geschäftig. Darum trug sie auch eigenhändig das Brettchen
-mit der ersten Tagesmahlzeit zu der Präsidentin herein. Mit einem
-verständnisvollen Lächeln wies sie dabei zu der fest geschlossenen
-Verbindungstür hinüber.</p>
-
-<p>„Wir wollen ihr heute ausnahmsweise den langen Schlaf gönnen, nicht
-wahr Frau Präsident?“</p>
-
-<p>Frau Melchers hatte mit Rücksicht auf den gestrigen Theaterbesuch,
-bisher die Klingel nicht gerührt. Trotzdem billigte sie diese
-Versäumnis durchaus nicht. Mit leicht gerunzelten Brauen gab sie zur
-Antwort:</p>
-
-<p>„Sie wollen doch nicht behaupten, daß ein Aufbleiben bis zur zehnten
-oder elften Abendstunde für ein junges, kräftiges Mädchen eine
-Anstrengung bedeutet?“</p>
-
-<p>Fräulein Messing wiegte den Kopf hin und her und lächelte, als wollte
-sie sagen „Halte mich doch nicht für ganz ahnungslos“... Weil ihr die
-laute Aeußerung aber zu wenig respektvoll vorgekommen wäre, milderte
-sie dieselbe und sagte triumphierend:</p>
-
-<p>„Wir wissen es natürlich jetzt Alle und beglückwünschen auch Sie in
-herzlicher Mitfreude.“</p>
-
-<p>Frau Melchers begriff vorläufig nichts, als daß sich am verflossenen
-Abend ein Vorgang abgespielt haben mußte, der ihr ein Geheimnis war und
-der doch auf das Innigste mit ihrer Begleiterin verknüpft blieb.</p>
-
-<p>„Sie sprechen für mich in Rätseln, Fräulein Messing. Darf ich um eine
-klarere Fassung ihrer sicherlich gut gemeinten Wünsche bitten?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[S.&nbsp;24]</span></p>
-
-<p>Wäre Fräulein Messing weniger erfüllt von dem überraschenden Ereignis
-gewesen, hätte sie den Ausdruck großen Erschreckens auf dem Gesicht
-der alten Dame wahrgenommen. So aber merkte sie lediglich, daß hier
-ein Geheimnis vorliege und freute sich, die Erste zu sein, die es der
-Nichtsahnenden enthüllte. In ehrlicher Verwunderung schlug sie die
-Hände zusammen.</p>
-
-<p>„Frau Präsident sind also wirklich ahnungslos? Nein, so etwas! Da will
-ich gern berichten. &ndash; Als wir uns gestern Abend an Mignon erfreuen
-wollten, wurde uns die große Ueberraschung zuteil, Fräulein von
-Ostried als solche zu erleben. Gnädige Frau, es war einfach himmlisch.
-Solche Stimme habe ich noch niemals gehört. Das Publikum raste vor
-Begeisterung. Und unsere gesamte Pension hat in aller Eile &ndash; das „wie“
-ist mir freilich bis jetzt verborgen geblieben &ndash; einen herrlichen
-Aufbau aus lauter roten Rosen gestiftet, den Herr Oberst selbst im
-Namen Aller überreicht hat.“</p>
-
-<p>Die Präsidentin hatte sich aufgerichtet und rang mühsam nach Atem. Sie
-war lange unfähig zu einer Entgegnung. Endlich stieß sie hervor:</p>
-
-<p>„Gehen Sie, bitte.. und senden Sie.. mir sofort.. Fräulein von Ostried.“</p>
-
-<p>Das soeben Gehörte war ein harter Schlag für sie. Zwar hatte sie
-gewußt, daß Eva ehrgeizig und eitel zugleich sein konnte &ndash; war auch
-wiederholt gegen deren Anwandlungen von kräftiger Selbstsucht zu Felde
-gezogen.. daß sie aber jemals imstande sein könnte, hinter ihrem
-Rücken, den ersten Schritt in die Oeffentlichkeit zu wagen, empfand
-sie, besonders nach den heute gemachten Zusicherungen,<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[S.&nbsp;25]</span> nicht nur als
-Undankbarkeit, sondern als eine Unaufrichtigkeit, die sie schmerzhaft
-quälte.</p>
-
-<p>Gewiß &ndash; sie verhehlte sich nicht, daß ihre wiederholt geäußerte
-Mattigkeit Eva von Ostried das Befragen und Beichten erschwert hatte.
-Immerhin &ndash; würde sie bei ernstlichem Willen die Möglichkeit dazu
-gefunden haben. Sie suchte sie aber nicht, weil sie im Voraus wußte,
-daß ihr unter gar keinen Umständen die Erlaubnis zu diesem verfrühten
-Auftreten erteilt worden wäre. Denn die Präsidentin war Eine von Denen,
-die es viel zu ernst und heilig mit der Ausübung der Kunst nehmen,
-um sie zu einer Entweihung durch fiebernde Eitelkeit mißbrauchen zu
-lassen. Mochte für all diese Ohren Eva von Ostrieds Stimme noch so
-wunderschön geklungen haben, ihr fehlte doch noch unendlich viel,
-um sich öffentlich hören zu lassen. Um sie auch vorher innerlich
-reifen zu machen, hatte sie die Beschränkung der Musikstudien bisher
-durchgesetzt. Was sie ihr gestattete, war lediglich ein wöchentlich
-einmaliger Unterricht durch einen der ersten Stimmbildner. Solange Eva
-ihrem Einfluß zugänglich blieb, hatte sie die berechtigte Hoffnung,
-sie für alle Gefahren, die ihr um der Schönheit halber viel mehr als
-den späteren Genossinnen drohen würden, zu festigen. Sobald sie sich
-erst völlig in jenen Kreis der anders Denkenden einfügte, wurde ihr
-erziehlicher Einfluß geringer, um fraglos sehr bald aufzuhören.</p>
-
-<p>Daß Eva sich bei der ersten Versuchung als schwach erzeigt hatte,
-erfüllte sie mit einer dumpfen Zukunftsangst. Denn sie liebte das junge
-Geschöpf!</p>
-
-<p>Eva von Ostried kam bleich und verweint herein. Sie zeigte nichts von
-dem Glanz einer überwältigenden Freude.<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[S.&nbsp;26]</span> Fräulein Messings überstürzte
-Mitteilung, aus der sie entnehmen mußte, daß Frau Melchers alles wisse,
-hatte sie tief gedemütigt. Zudem blieb die andere Erfahrung, von
-welcher außer ihr bisher &ndash; Gottlob &ndash; nur der Andere etwas wußte, mit
-grausamer Härte auf sie ein. Sie warf sich vor dem Lager auf die Knie
-und barg schluchzend den Kopf in die Kissen. Die Stimme der Präsidentin
-klang ungewohnt hart an ihr Ohr:</p>
-
-<p>„Stehen Sie auf! Nur jetzt kein Theater!“</p>
-
-<p>Diese Worte schmerzten mehr, wie ein Schlag. Sie zuckte zusammen und
-stammelte etwas.</p>
-
-<p>„Es ist mir schwer genug geworden &ndash; aber ich konnte.. nicht anders,“
-sollte es heißen.</p>
-
-<p>„Warum nicht? Was hielt Sie zurück, der Stimme Ihres Gewissens zu
-folgen. Denn ich hoffe, daß es sich geregt hat.“</p>
-
-<p>„Ja &ndash; das tat es. Ich hatte mich bereits zur schriftlichen Absage
-durchgerungen. Da hörte ich den Gesang der Philine. Das reizte mich,
-der zu Unrecht auf ihr Können Eingebildeten ihre Mängel zu beweisen. &ndash;
-Sie hatte mich am Vormittag wie ein Kind behandelt, das nicht ernst zu
-nehmen ist.“</p>
-
-<p>Die Präsidentin zwang sich zur Ruhe.</p>
-
-<p>„Es bleibt mir unerklärlich, wie man dort überhaupt von Ihrem Talent
-erfahren hat oder sollten Sie anläßlich der häufigen Theaterbesuche,
-längst innige Freundschaft mit den Verschiedenen gepflegt haben, von
-welcher ich natürlich ebenfalls nichts wissen durfte?“</p>
-
-<p>Eva von Ostried richtete sich empor. An dem offenen Blick merkte die
-Präsidentin, daß diese Annahme falsch sei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[S.&nbsp;27]</span></p>
-
-<p>„Ich kannte bis gestern persönlich nur Herrn Karlsen, der mir auch
-jedesmal die Karte für die Vorstellungen ausgehändigt hat.“</p>
-
-<p>„Dann berichten Sie, wie man auf Sie als Ersatz der eigentlichen Mignon
-kommen konnte.“</p>
-
-<p>„Herr Karlsen teilte mir heute Mittag in höchster Aufregung den Unfall
-des Gastes mit, als ich mir die Karte zur Abendvorstellung besorgen
-wollte. Gleichzeitig schilderte er mir den großen Ausfall für die
-Schauspieler, weil die gezahlten Preise zurückerstattet werden mußten.
-Erfahrungsgemäß werde an einem der alten und ältesten Lustspiele
-wenig verdient, sondern lediglich mit einer guteingeübten Oper. Der
-Direktor aber müsse nun noch außerdem der anspruchsvollen Philine das
-vereinbarte Spielhonorar zahlen. Dies traurige Ereignis vernichte
-wiederum die stille Hoffnung aller auf eine endliche Aufbesserung ihrer
-Verhältnisse.“</p>
-
-<p>„Nun wurde Ihr Mitleid wach und Sie boten sich an.“</p>
-
-<p>„Nein, das tat ich wirklich nicht. &ndash; Ich sagte nur, daß ich bei
-ernstlichen Bemühungen sehr wohl an einen guten Ersatz der Mignon
-glaube.“</p>
-
-<p>„Damit reizten Sie natürlich Karlsens Widerspruch?“</p>
-
-<p>„Er wußte mich schnell von der Unrichtigkeit zu überzeugen, indem er
-behauptete, die kleinen erreichbaren Vertretungen benachbarter Städte
-seien ohne wiederholte Proben überhaupt nicht imstande, die Partie zu
-übernehmen.“</p>
-
-<p>„Da konnte Ihre Eitelkeit nicht länger stumm bleiben?“</p>
-
-<p>„War ich eitel? Ich fühlte nur ein eigentümlich wundervolles Behagen,
-daß ich ihn widerlegen konnte, stellte mich<span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[S.&nbsp;28]</span> einfach hin und sang ihm
-die wenigen Strophen aus dem ersten Akt vor.“</p>
-
-<p>„Und da war er sogleich starr vor Bewunderung!“</p>
-
-<p>„Ich weiß es nicht! &ndash; Plötzlich umringten sie mich alle. Der Direktor
-&ndash; der alte Jarne &ndash; die neidische Philine... Mein Widerspruch
-verhallte.. Sie zwangen mich einfach zu einem festen Versprechen.“</p>
-
-<p>„Haben Sie wenigstens gewußt, was Sie mir damit antaten, Eva, indem Sie
-mich hintergingen?“</p>
-
-<p>„Ich habe es schwer gefühlt. Die ganze stolze Freude meines ersten
-Erfolges hat es mir verbittert..“</p>
-
-<p>„Sie übertreiben. Daran zu glauben vermag ich beim besten Willen nicht.“</p>
-
-<p>„Und doch ist es so. Bei jedem Hervorruf lastete die Reue auf mir. Ich
-mußte an irgend eine Strafe denken.“</p>
-
-<p>„Die ich über Sie verhängen würde?“</p>
-
-<p>„Nein &ndash; an eine andere. Und sie ist gekommen. Ich möchte Ihnen so gern
-davon sprechen.“</p>
-
-<p>„Um mich zu versöhnen, Eva?“</p>
-
-<p>„Um mich zu erleichtern. Mein Herz ist sehr schwer.“</p>
-
-<p>Da wallte das Muttergefühl an diesem fremden Kinde von neuem warm in
-der Präsidentin auf. Ihre Hand legte sich auf den geneigten Scheitel.</p>
-
-<p>„Glücklich sehen Sie freilich nicht. Also, was ist geschehen?“</p>
-
-<p>Eva von Ostried schlug beide Hände vor das erglühende Gesicht, weil sie
-sich vor dem klaren, tiefen Blick schämte.</p>
-
-<p>„Der Karlsen hat mich nach der Vorstellung geküßt,“ stammelte sie.</p>
-
-<p>Die Präsidentin erschrak.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[S.&nbsp;29]</span></p>
-
-<p>„Und Sie lieben ihn?“ Eva schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>„Bisher war er mir gleichgültig. Seitdem er das gewagt hat, verachte
-ich ihn. Daß er es tun durfte &ndash; hat mir das Glücksgefühl nach dem
-gestrigen Abend vollends ausgelöscht. Sagen Sie mir, daß so etwas nie
-&ndash; nie wieder möglich sein wird. &ndash; Ich ertrüge es kein zweites Mal.“</p>
-
-<p>„Damit würde ich etwas behaupten, an das ich selbst nicht einen
-Augenblick glaube.“</p>
-
-<p>„Sie sind also überzeugt, daß die Kunst, wenn sie auch als etwas Reines
-und Hohes empfunden und ausgeübt wird, vor solchen Uebergriffen nicht
-schützt?“</p>
-
-<p>„Ich hätte Sie für reifer gehalten, Eva! &ndash; Das sind die Fragen eines
-Kindes.“</p>
-
-<p>„Wissen Sie, was ich bei diesem entsetzlichen Kuß gefühlt habe? Daß ich
-imstande wäre, meine geliebte Kunst zu opfern &ndash; wenn mir später das
-gleiche geschehen würde.“</p>
-
-<p>Und sie legte, wie ein furchtsames Kind erschauernd ihr heißes Gesicht
-in die weichen Hände der Präsidentin.</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_029_ende">
- <img class="w100" src="images/i_029_ende.jpg" alt="Kapitel 1, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[S.&nbsp;30]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_030_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_030_kopf.jpg" alt="Kapitel 2, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_2">2.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc"><span class="s7">„</span>N</span>iemals erschien mir die Welt ähnlich reich gesegnet wie in diesem
-Jahr,“ sagte Frau Präsident Melchers und wies zu den Obstbäumen ihres
-Gärtchens hinüber, die unter den silbernen Tauschleiern eines frühen
-Septembermorgens tiefgeneigt ihre Lasten trugen.</p>
-
-<p>Eva von Ostried stand, für einen Ausgang bereit, ebenfalls auf
-der offenen Veranda. Sie empfand keine staunende Dankbarkeit beim
-Anblick dieser Wunder. Aus ihren Blicken sprach etwas Unruhvolles.
-Nur für kurze Zeit hatte ihr der Segen dieser Stille, die &ndash; obschon
-nahe dem großen Getriebe Berlins &ndash; dennoch aller Unrast fern und
-fremd zu bleiben schien, wohlgetan. Jetzt fühlte sie sich wieder
-von dieser Abgeschlossenheit gepeinigt. Jede Stunde bedeutete ihr
-etwas Verlorenes. Jeder Tag einen unersetzlichen Verlust. Heimlich
-durchkostete sie die rieselnden Wonnen ihres ersten Erfolges und wußte
-nichts mehr von Reue oder Empörung.</p>
-
-<p>Sagten es ihr nicht immer aufs Neue die bewundernden Blicke fremder
-Menschen, daß sie ungewöhnlich schön ist?</p>
-
-<p>War es darum nicht auch verzeihlich, wenn die Leidenschaft eines Mannes
-und Künstlers sich an ihrem Anblick entflammte und vergaß?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[S.&nbsp;31]</span></p>
-
-<p>Die Präsidentin beobachtete heimlich den wechselnden Ausdruck auf Eva
-von Ostrieds Zügen. Sie wußte richtig in diesem jungen Gesicht zu
-lesen. Die Sorge um Evas Zukunft verringerte sich nicht. Der Wunsch,
-neben ihr bleiben zu dürfen, bis die Selbstzucht oder eine harte
-Enttäuschung alle Schlacken fortgefegt haben würde, war auch heute in
-ihr. Sie fühlte, wie sich die junge Seele ihr seit der Rückkunft aus
-Oeynhausen mehr und mehr verschloß. Aber sie unterdrückte tapfer alle
-Bitterkeit.</p>
-
-<p>War es nicht auch das Los der leiblichen Mutter allmählich das Kind
-der Schmerzen an irgend eine fremde Freude zu verlieren? Und hatte der
-kommende Tag wirklich die große Bedeutung, die sie ihm zumaß?</p>
-
-<p>„Nun gehen Sie, Eva und besorgen die Kleinigkeiten zu unserm Mahle,“
-sagte sie und zwang damit ihre Gedanken zu fröhlicheren Dingen. „Mein
-alter Freund, Justizrat Doktor Weißgerber, hat mir versprochen, das
-Fest Ihrer Volljährigkeit mit uns zu feiern.“</p>
-
-<p>„Ach,“ meinte Eva lachend, „was soll er mir? Er ist alt, bedenklich und
-weise.“</p>
-
-<p>Ein rascher Blick streifte sie.</p>
-
-<p>War sie wirklich so harmlos, nicht die tiefe Bedeutung seines Besuches
-gerade an ihrem Ehrentage zu ahnen? &ndash; Der junge Mund plauderte sorglos
-weiter.</p>
-
-<p>„Am liebsten würde ich morgen Abend in das große Wohltätigkeitskonzert
-gehen, zu dem mir ein liebenswürdiger, leider unbekannter Spender eine
-Karte zugesandt hat..“</p>
-
-<p>„Und ich?“ Nun klang doch eine leichte Bitterkeit aus der gütigen
-Stimme.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[S.&nbsp;32]</span></p>
-
-<p>Eva wurde rot.</p>
-
-<p>„Sie erfreuen sich doch auch gern an guter Musik..“</p>
-
-<p>„Freilich tue ich das! Aber ich ermüde jetzt zu sehr dabei.“</p>
-
-<p>„Wenn Herr Justizrat bei Ihnen bleiben würde?“ Der Eigenwunsch besiegte
-alle anderen Bedenken.</p>
-
-<p>„Seine Zeit ist kostbar, das wissen Sie. Opfert er mir schon die
-Mittagszeit, wage ich nicht noch weiteres von ihm zu fordern.“</p>
-
-<p>Eva schwieg. Aber ihr war es, als laste eine Kette auf ihr, welche die
-Schönheit des Lebens für sie fesselte. &ndash; Unfreudig wandte sie sich
-nach kurzem Zaudern, um die aufgetragenen Besorgungen zu erledigen.</p>
-
-<p>Die Präsidentin blickte ihr nach, solange etwas von ihr sichtbar blieb.
-Dann sah sie die durch die alte Pauline hereingebrachte Frühpost
-durch, vermißte dabei die Zusage des aufmerksamen Freundes und ging
-zum Telephon, um ihn zu befragen, wann er morgen frühestens kommen
-könnte. Der Vorsteher seines Büros antwortete an seiner Statt, daß der
-Justizrat seit gestern leider mit einer heftigen Erkältung zu Bette
-liege und hohes Fieber habe. &ndash; Das beunruhigte sie auch wegen des
-Andern. Gar zu gern hätte sie nun endlich ihrem längst ordnungsmäßig
-aufgesetzten Testament jene Nachschrift angefügt, die Eva von Ostrieds
-Zukunft sicher stellte. Einem ausdrücklichen Wunsch ihres verstorbenen
-Gatten entsprach es, daß sie vor Ausführung jeden größeren Entschlusses
-den Rat seines als treu und klug erprobten Jugendfreundes hörte.</p>
-
-<p>Bisher war sie seinem Wunsch stets gefolgt. Für die beabsichtigten
-Stiftungen, denen, mangels Erbberechtigter,<span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[S.&nbsp;33]</span> ihr großes Vermögen neben
-reichen Legaten bestimmt war, hatte sie auch eines klugen, juristischen
-Beistandes bedurft. Nun hieß es ein Teilchen von dem bereits Verfügten
-abzustreichen und diesem neuen Zweck zuzuführen. Der Gedanke an ein
-Hinausschieben wollte sie unruhig machen. Die Gewöhnung an klares,
-ruhiges Ueberlegen siegte jedoch.</p>
-
-<p>Schließlich kam es auf ein paar Tage des Wartens dabei nicht an.</p>
-
-<p>Sie war damit beschäftigt, den Gaben, die Eva von Ostried morgen
-erfreuen sollten, ein möglichst festliches Aussehen zu verleihen, als
-die alte Pauline, die bereits der jungen Frau Assessor Melchers treu
-gedient hatte, hereinkam und den Besuch eines fremden Herrn meldete.
-Es war kaum zehn Uhr vormittags. Die Stunde dafür also ungewöhnlich.
-Deshalb ließ ihn die Präsidentin nicht eher hereinbitten, bis er sein
-Anliegen genannt hatte.</p>
-
-<p>Das war in kurzen Worten geschehen.</p>
-
-<p>„Er käme wegen unserm Fräulein,“ berichtete Pauline und die anfängliche
-Mißbilligung war aus ihrem Gesicht verschwunden.</p>
-
-<p>Der bald darauf Eintretende war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren.
-Seine breitschultrige Gestalt zeigte die Kraft und Frische eines
-Menschen, der einem gesunden Beruf nachgeht. Sein Gesicht war tief
-gebräunt. Unter den buschigen Brauen blickten die Augen treu und
-klar. Er gefiel der Präsidentin, noch ehe sie ihn angehört hatte. Das
-anfängliche Unbehagen, es könne sich um einen der vielen heimlichen
-Verehrer ihres schönen Schützlings handeln, wandelte sich in eine
-Art behaglicher Neugier. Von diesem ehrenhaft Wirkenden konnte ihrem
-Liebling unmög<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[S.&nbsp;34]</span>lich eine Gefahr drohen. Als er seinen Namen nannte,
-streckte sie ihm herzlich die Rechte entgegen.</p>
-
-<p>„Amtsrat Wullenweber aus Hohen-Klitzig, Regierungsbezirk Köslin,
-Hinterpommern,“ wiederholte sie mit einem warmen Lächeln. „Also &ndash;
-Eva von Ostrieds Vormund! Wie es mich freut, Sie persönlich kennen
-zu lernen. Unser Briefwechsel war damals kurz und gestaltete sich
-unerfreulich, nicht wahr?“</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte er, „ich bildete mir fest ein, daß Sie, Frau Präsident, den
-unglücklichen Gedanken meines Mündels kräftig unterstützten.“</p>
-
-<p>„Warum bezeichnen Sie ihn als unglücklich, Herr Amtsrat?“</p>
-
-<p>„Das läßt sich nicht in ein paar Worten sagen.“</p>
-
-<p>„Soll dies heißen, daß die Zeit zu einer richtiggehenden, sogar für
-eine Frau begreiflichen Erklärung, Ihnen auch heute fehlt?“</p>
-
-<p>„Zeit hätte ich schon, Frau Präsident. Mein Zug geht erst in vier
-Stunden. Mein Hauptgeschäft, der Ankauf einer landwirtschaftlichen
-Maschine, ist bestens besorgt.“</p>
-
-<p>„Ach,“ machte sie enttäuscht, „und ich dachte, daß Sie zu mir kämen,
-weil doch morgen Eva von Ostried selbständig wird.“</p>
-
-<p>Er lächelte. Das gab seinem ernsten, stillen Gesicht etwas unendlich
-Gutes und Liebenswertes.</p>
-
-<p>„Ich glaube, Sie unterschätzen die Sorgen und Lasten des Landmannes
-in dieser jetzigen, bösen Zeit, Frau Präsident. Sobald er den
-Rücken wendet, geschieht bestimmt eine Dummheit. Ich will mich also
-nicht als Einer hinstellen, der allein von der Verantwortung seiner
-Vormund<span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[S.&nbsp;35]</span>schaft getrieben wird. Wenn schon ich nicht verhehlen kann, daß
-mir Eva von Ostried viel Sorge gemacht hat.“</p>
-
-<p>„Lieber Herr Amtsrat, das Schicksal teile ich mit Ihnen! Wer sie lieb
-hat, wird ewig mit einer gewissen Unruhe im Herzen ihrer Entwicklung
-zusehen.“</p>
-
-<p>„Eigentlich lieb ist sie mir nie gewesen,“ gestand der Amtsrat
-freimütig ein, „dazu hatte sie zu viel von ihrem Vater.“</p>
-
-<p>Ein verstehendes Lächeln erschien auf dem Frauenantlitz.</p>
-
-<p>„Dann haben Sie ihrer Mutter sicher sehr nahe gestanden.“</p>
-
-<p>„Woher wissen Sie das, Frau Präsident?“ Er sah sie erstaunt und
-unsicher an.</p>
-
-<p>„Ich ahne es mit dem Gefühl der reifen Frau. &ndash; Der Vater war
-augenscheinlich niemals Ihr wahrer Freund. Die Tochter steht Ihrem
-Herzen nicht sonderlich nahe und dennoch wehrten Sie sich mit einem
-fast leidenschaftlichen Grimm gegen die Fortsetzung ihrer einst vom
-Vater gebilligten musikalischen Ausbildung, nachdem der berühmte Gönner
-tot war. Da muß also entweder das höchste Gefühl von Verantwortung
-und dieses haben Sie mir ja soeben abgestritten &ndash; oder das, einer
-geliebten Verstorbenen gegebene Versprechen zugrunde liegen.“</p>
-
-<p>„So ist es wirklich. Evas Mutter war die beste und edelste Frau!“</p>
-
-<p>„Sie sind unvermählt geblieben, Herr Amtsrat?“ Er nickte wehmütig.</p>
-
-<p>„Ein paar mal habe ich später aus dieser Einsamkeit herauswollen und
-es doch nie über kläglich gescheiterte Versuche gebracht. Das heißt:
-verstehen Sie mich nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[S.&nbsp;36]</span> falsch. Der andere Teil merkte nichts davon.
-Nur mit mir allein brachte ich die Geschichte in Ordnung. Das genügte.
-&ndash; Ich konnte Evas Mutter nicht vergessen.“</p>
-
-<p>„Verzeihen Sie, wenn ich forsche. Unzartheit ist es nicht. Wie konnte
-es kommen, daß Sie sich nicht &ndash; war selbst anfangs keine Gegenliebe
-vorhanden &ndash; von so viel Tiefe und Treue rühren ließen?“</p>
-
-<p>Sein grauer Kopf neigte sich auf die Brust.</p>
-
-<p>„Als ich sie kennen lernte, gehörte sie schon dem Andern. Und ich
-war sein Freund und nächster Nachbar. Wissen Sie.. kein Freund, wie
-Sie und auch ich jetzt, ihn verlangen. Dazu waren wir Beide viel zu
-verschieden. Ich eines schlichten Vaters vierter und jüngster Junge,
-zur strengsten Arbeit und Pflichterfüllung seit den ersten Hosen an,
-erzogen &ndash; er, der Einzige des schönen, flotten und leichtsinnigen
-Majoratsherrn auf Waldesruh. Springt man aber jahrelang zusammen barfuß
-über die Stoppeln, lauert im Erlenbusch auf die nistende Rohrdommel
-oder Nachtigall, weil irgend ein Landbezopftes dem dummen Jungen den
-Kopf verdreht hat &ndash; na, dann macht sich so was von selbst. Mein
-Vater hat zudem dem flotten alten Herrn auf Waldesruh des öfteren
-ausgeholfen, ohne sonderlich streng auf die Zinsen zu sehen. So kams,
-daß er, der sonst reichlich hochmütig sein konnte, auch mich als
-Spielgefährten seines Sohnes gnädig duldete. Meine Brüder sind in
-andern Provinzen untergekrochen. Bis auf einen, der sich glücklich
-bis zum Major durchgehungert hat und, nachdem ihm ein Jagdunglück,
-das kriegerische Handwerk gelegt, hier in Berlin mit seinen beiden
-Kindern kein beneidenswertes Dasein hatte. Die Landwirte saßen<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[S.&nbsp;37]</span> auf
-guten, kleinen Höfen, die Mann, Weib und Kind ernähren. Sie sind schon
-verstorben. &ndash; Ich kam durch das Erbteil einer Muhme in die Lage, die
-väterliche Domäne zu übernehmen, nachdem mein alter Herr sich zum
-Sterben hingelegt hatte. &ndash; Ein Jahr später schoß sich der schöne,
-tolle, leichtsinnige Vater Ostried eine Kugel durch den Kopf. Sein
-Sohn, der bei den Pasewalker Kürassieren stand, mußte die Uniform
-ausziehen. Das verlangte eine Familienbestimmung. Er tat es ungern,
-wenngleich er sich trotzdem so viel Vergnügen, wie nur irgend möglich,
-bereitete. Kaum war das Trauerjahr zu Ende, jagte ein Fest das andere.
-Der Acker kam dabei natürlich nicht zu seinem Recht. Aber, ich merke
-schon, ich erzähle zu langatmig, Frau Präsident.“ Sie wehrte ab.</p>
-
-<p>„Mich interessiert auch das Kleinste in Ihrer Geschichte, Herr Amtsrat.
-Und Zeit haben wir reichlich. Der Blick, den Sie soeben nach der Tür
-warfen, soll wohl die Frage nach Eva von Ostried ausdrücken, nicht
-wahr?“</p>
-
-<p>„Stimmt wieder. Sie ist doch noch bei Ihnen?“</p>
-
-<p>„Sonst wüßten Sie es längst anders. Sie besorgt jetzt nur allerhand für
-ihren Geburtstag. Ich bin leider für körperliche Anstrengungen nicht
-mehr tauglich. &ndash; Nachher hoffe ich, werden Sie sie noch bestimmt sehen
-können.“</p>
-
-<p>Er wiegte bedächtig den Kopf hin und her.</p>
-
-<p>„Darauf lege ich keinen Wert, Frau Präsident. Ich würde ihr gegenüber
-entweder gerührt &ndash; oder hilflos sein. Beides könnte den mangelnden
-Respekt nicht bringen. &ndash; Nein, lassen Sie nur! Will es der Zufall, daß
-sie kommt, so lange ich da bin, drücke ich mich natürlich nicht.“</p>
-
-<p>Sie verstand ihn wieder.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[S.&nbsp;38]</span></p>
-
-<p>„Und nun weiter,“ drängte sie.</p>
-
-<p>„Ja und zu einem dieser stolzen Feste kam denn auch eine vergrämt
-aussehende Baronin mit ihrer Tochter. Mich hatte er auch geladen, und
-&ndash; weiß Gott &ndash; wie es kam, ich erschien, obwohl ich zuvor dutzende
-von Malen abgesagt hatte. &ndash; Bis dahin wußte ich nicht viel davon,
-wie lieblich eine Frau sein kann. Denn die Langbezopften in unserm
-Dorf hatten fast durchgängig Regennasen und derbe, rote Gesichter. Ich
-war auch sonst keiner von den Redseligen. Aber an dem Tage konnte ich
-überhaupt keinen Ton rausbringen. Nicht mal einen Glückwunsch fand
-ich zusammen, als mir mein Freund &ndash; Hasso von Ostried &ndash; die mir
-unirdisch schön erscheinende Tochter der alten Baronin als seine Braut
-vorstellte. &ndash; Ich habe sie dann auch noch singen hören. Mein Gott &ndash;
-zu Musik hat bei uns nie die Zeit gereicht. Darum wußte ich vorher
-nichts von ihrem Zauber. Er hat alles in mir wach und groß gerüttelt.
-Aber es durfte doch nicht leben. Als ich lange nach Mitternacht
-heimgestolpert bin, wußte ich, daß ich Hasso von Ostrieds Braut liebte
-&ndash; und wollte nie, nie wieder in sein Haus. Ihr nie &ndash; nie wieder
-begegnen. Und bin nachher doch, ganz freiwillig, hingegangen, weil ich
-wußte, daß sie bald Einen nötig hatte, der es treu und gut mit ihr
-meinte. Auf den sie unbedingt zählen konnte, wenn das unbarmherzige
-Kreuz für ihre schwachen Schultern zu schwer würde. &ndash; Denn er, der
-von Gottes- und Rechtswegen dazu bestimmt gewesen, kümmerte sich bloß
-die ersten Jahre um sie. Nachher war anderes genug da. &ndash; Die Jagd
-&ndash; schöne Gäule &ndash; auch ein paar Frauen, die seiner nicht das Wasser
-reichen konnten. Auch wollte er es nicht verwinden, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[S.&nbsp;39]</span> das endlich
-geborene Kind ein Mädchen war und keinen Bruder bekam. &ndash; Sie &ndash; Evas
-Mutter &ndash; wurde blasser und elender von Jahr zu Jahr. Er hat gelacht,
-wenn ihn einer warnend darauf hinwies. Ihre Tröster waren die Musik
-und &ndash; ich! Das hat sie mir gestanden &ndash; drei Tage vor ihrem Tode, der
-ganz leise und sanft gewesen sein muß, denn Niemand im Schloß hat etwas
-früher davon gemerkt, als bis alles vorüber gewesen ist.“</p>
-
-<p>„Und sie hat nicht gewollt, daß Eva, wenn sich die schöne Begabung auf
-sie übertrüge, sie jemals öffentlich ausübe,“ fragte die Präsidentin,
-als er einen Augenblick schwieg.</p>
-
-<p>„Sie hat mein Versprechen mit ins Grab genommen, Frau Präsident.“</p>
-
-<p>„Darf ich wissen, worin dies bestand, Herr Amtsrat?“</p>
-
-<p>„Das ist ja die Hauptsache, damit Sie mich und meine damalige
-Schroffheit endlich verstehen. Sie müssen wissen, daß sie sich niemals
-zu mir über ihren Mann beklagt hat. Darum hat mich dies Letzte auch so
-erschüttert. Für sich und ihre Schönheit wollte sie nichts. Jahraus
-&ndash; jahrein ging sie in einem weißen Kleide und ich glaube nicht, daß
-sie etwas anderes anzuziehen hatte. Manch einer riß seine Witze drüber
-und hat gemeint, sie spare heimlich, um dem teuren Gatten alle Jahr
-ein paar Flaschen echten Sekt zu schenken, von dem die Buddel damals
-schon 30 Mark gekostet hat. Ich als Einziger habe die Wahrheit erfahren
-dürfen. Ganz zuletzt &ndash; wie schon gesagt. Ich will Ihnen ihre Worte
-wiederholen. „Sie sollen über meiner Tochter wachen,“ hat sie gebeten
-und als ich leise auf Evas Vater hinweisen mußte, nur geflüstert: „Sie
-wird ihm bald genug eine Last sein, denn er ist noch jung und will viel
-vom<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[S.&nbsp;40]</span> Leben. Die Ostriedschen Familiengesetze verlangen aber, daß den
-unmündigen Töchtern bei einer zweiten Eheschließung ein Vormund gesetzt
-werde. In gewisser Weise hängt er an ihr,“ hat sie dann weiter gesagt,
-„denn sie wird einst sehr, sehr schön sein. Das macht ihn stolz. Sonst
-aber &ndash; innerlich &ndash; empfindet er dauernd ein Unbehagen, Eva und er
-gleichen einander zu sehr. Sie ist eitel und egoistisch wie er &ndash; schon
-jetzt &ndash; und..“ Hier hat sie ihr Gesicht in den Händen verborgen, als
-schäme sie sich ihrer Geständnisse, „ich glaube beinahe, käme sie nicht
-in sehr feste, treue Hände, daß auch sie es mit den Begriffen der Ehre
-nicht so ganz genau nähme. Darum &ndash; solange Sie Gewalt über sie haben,
-erlauben Sie nicht, daß sie das Talent, das ich ihr vererben mußte,
-&ndash; die Stimme, deren Schönheit sich meinem Ohr längst angekündet hat,
-zum Beruf ausbildet. Er würde ihr zum Unsegen werden. &ndash; Ich selbst
-dachte niemals an etwas derartiges. Schon der Gedanke, mich öffentlich
-zeigen zu sollen, mich von jedem bewundern und anstarren zu lassen &ndash;
-machte mir Schmerzen. &ndash; Entwickelt sie sich aber weiter zur Tochter
-ihres Vaters, wird sie gerade dies glühend ersehnen..“ Ja, so hat sie
-gesprochen, Frau Präsident. Zuletzt händigte sie mir noch ein Päckchen
-ein, das ich ihrer Tochter bei deren Volljährigkeit übergeben müsse.
-Es waren fünfhundert Mark. Wieviel Entbehrungen mochten daran hängen?
-Bedenken Sie, aus der Hauswirtschaft nahm sie keinen Pfennig ein. Was
-der Garten abwarf, bekam der Schloßherr gleich auf den Schreibtisch
-&ndash; wenn die Kaufleute die Erzeugnisse nicht schon zuvor für längst
-gelieferte Waren mit Beschlag belegt hatten. Einzig hundert Mark
-im Jahr<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[S.&nbsp;41]</span> erhielt sie aus einer Stiftung vonseiten der verstorbenen
-Mutter her. Davon also hat sie dies zusammengerafft. &ndash; Ich hab’s gut
-angelegt und hier ist es. Es sind tausend Mark draus geworden. Nicht
-viel.. Ich habe mir erzählen lassen, daß nach ihrem Tode der Witwer
-einer schönen Schauspielerin einen einzigen Mantel für das Dreifache
-gekauft habe. &ndash; Aber, es ist doch viel mehr wert wie Millionen. Das
-Herz dieser seltenen, tapferen Frau hängt daran. Wollen Sie das alles
-ihrer Tochter erzählen? &ndash; Ich kann’s nicht so. Ich würde wieder und
-wieder denken müssen.. das ist Hasso Ostrieds Tochter.. und würde das
-Bild vor mir sehen, das ich oft in Wirklichkeit hatte. Obschon der
-zwei Jahre nach ihrem Tod von dem Ostriedschen Kuratorium zwangsweise
-eingesetzte Verwalter des Majorats ihnen später jeden Kohlkopf und
-Groschen zugezählt hat und die Eva mit ihren siebzehn Jahren auch
-nicht mehr gänzlich blind und taub durch die Tage ging &ndash; hat sie die
-Feste, die er &ndash; wer weiß &ndash; aus welchen Mitteln, schließlich wieder
-veranstaltete, mitgemacht &ndash; sich allerlei bunte Fähnchen gekauft und
-mitgelacht..“</p>
-
-<p>„Vergessen Sie ihre Jugend nicht, Herr Amtsrat.“</p>
-
-<p>„Ihre Mutter ist auch jung gewesen und schön wie ein Engel und rein und
-hochbegabt,“ murrte er.</p>
-
-<p>„Vielleicht auch glücklich. &ndash; Wissen Sie denn, Herr Amtsrat, ob es ihr
-nicht ein tiefes großes Glücksempfinden brachte, daß Sie ihr ergeben
-waren?“</p>
-
-<p>„Daran habe ich niemals gedacht.“</p>
-
-<p>„Und es liegt doch so nahe! Ich denke mir, daß sie Ihre feine, starke
-Liebe immer fühlte und das unbegrenzte Vertrauen zu Ihnen faßte, weil
-Sie sich im Zaum hielten. Eine<span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[S.&nbsp;42]</span> Frau geht nicht dauernd an tiefstem
-Mannesempfinden vorbei. Vielleicht wäre sie sonst unter ihrer Last
-zusammengebrochen.“</p>
-
-<p>Er saß ganz still. Seine breiten, sonnverbrannten Hände lagen schwer
-auf den Knien.</p>
-
-<p>„Wenn es wahr wäre,“ sagte er ein paarmal vor sich hin, „das wäre
-schön.“</p>
-
-<p>„Es ist wahr,“ bekräftigte die Präsidentin. „Wie stellte sich übrigens
-Evas Vater später zu Ihnen?“</p>
-
-<p>„Er war auffallend kurz und unfreundlich, wenn wir uns zufällig an den
-Grenzen trafen. Sein Haus betrat ich nicht wieder.“</p>
-
-<p>„Merken Sie jetzt, daß ich im Recht bin? Obgleich er die Tote nicht mit
-wirklicher Treue liebte, war seiner Eitelkeit der Gedanke, daß Sie ihr
-mehr, als er, bedeutet hatten, unerträglich.“</p>
-
-<p>„Er bestimmte sogar in einem hinterlassenen Brief ausdrücklich einen
-andern Vormund, wie mich, im Falle ich ihn überleben sollte, und seine
-Tochter zu diesem Zeitpunkt noch unmündig wäre. Dabei war er von dem
-Wunsch der Toten genau unterrichtet.“</p>
-
-<p>„Wie kam es also, daß Sie es dennoch geworden sind?“</p>
-
-<p>„Nun, er war im Laufe der Jahre den Herren vom Gericht bekannt
-geworden. Seine zahlreichen Gläubiger wurden durch seine
-Gleichgültigkeit stets gezwungen, sich letzten Endes an die große
-Stelle für das öffentliche Recht zu wenden. Auch war sein Leumund
-schlechter geworden, seitdem er allein mit der Tochter lebte. Derjenige
-aber, den er als Vormund für seine Eva vorgeschlagen hatte, war genau
-so ein leichtsinniger, loser Vogel wie er selbst.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[S.&nbsp;43]</span></p>
-
-<p>„An seinen verhältnismäßig frühen Tod muß er doch gedacht haben. Wie
-wäre sonst jener Brief zustande gekommen?“</p>
-
-<p>„Ein toller Ritt nach durchzechter Nacht brachte ihm die schwere
-Lungenentzündung, an deren Folgen er nach ein paar Wochen auch
-gestorben ist. Seine Natur hat sich erstaunlich lange gegen den
-Sensenmann gewehrt. In dieser Zeit der Langenweile und vielleicht auch
-der Nachdenklichkeit ist das erwähnte Schriftstück, das sonst keinerlei
-Wichtiges enthält, entstanden.“</p>
-
-<p>„War er eigentlich mit dem Entschluß seiner Tochter und dem
-hochherzigen Anerbieten seines Freundes, des bekannten Königlichen
-Kammersängers, sofort einverstanden? Evas Ansicht, die dies lebhaft
-bejaht, ist mir in dieser Beziehung nicht maßgebend?“</p>
-
-<p>„Doch, ich glaube es auch! Das Messer saß ihm an der Kehle. Allmählich
-sahen auch die Gläubigsten unter seinen Kreditgebern, daß das
-Kuratorium ihn unerbittlich beschränkte. Sie zogen sich mehr und mehr
-von ihm zurück, um zu den alten Dummheiten keine neuen anzufügen. Denn
-er hatte etwas bestrickend Liebenswürdiges, das auch die Vernünftigsten
-oft genug blendete. &ndash; An mich hat er sich niemals gewandt. Und das ist
-das Einzige, was ich ihm hoch anrechne. &ndash; Er kannte die ungeheuren
-Einnahmen des Kammersängers, der, gleich ihm aus einer altadligen
-Familie stammte, und mag wohl &ndash; bestimmt durch die glanzvolle Aussicht
-für die Tochter, durch welche sich auch seine Lage endlich wieder
-heben mußte, die erbetene Erlaubnis zu ihrer Uebersiedlung nach Berlin
-bereitwilligst gegeben haben. Eva soll dort übrigens ganz zur Familie<span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[S.&nbsp;44]</span>
-gehört haben. Die Gattin des Künstlers wurde mir seiner Zeit als gute
-Hausfrau gerühmt. &ndash; Davon werden Sie natürlich mehr wissen, wie ich?“</p>
-
-<p>„Eva ist damals ganz in ihrer Kunst aufgegangen und hat sich scheinbar
-um die ihr reichlich prosaisch dünkende Frau des Gönners wenig
-gekümmert. Jedenfalls hat der Umstand, daß die nach dem Tode ihres
-Mannes sofort den Haushalt auflöste und &ndash; ohne Rücksicht auf Eva &ndash;
-nach München übersiedelte und sich niemals seitdem durch eine Zeile
-nach ihr erkundigt hat, zur Genüge bewiesen, wie lose das Band eines
-Zusammenhaltes zwischen ihnen gewesen ist..“</p>
-
-<p>„Alles in allem wird Eva von Ostried aber inzwischen eingesehen haben,
-daß ich es gut mit ihr gemeint habe?“</p>
-
-<p>„Leider kann ich das nicht bejahen!“</p>
-
-<p>„Ich nahm die Tatsache, daß sie keinen weiteren Versuch zu meiner
-Umstimmung machte, für weise Einsicht an.“</p>
-
-<p>„Wie wenig kennen Sie die Tochter Ihrer geliebten Toten! Ihr Schweigen
-hatte einen andern Grund. Ich machte ihr klar, daß ich Ihnen keine
-schnelle Aenderung einmal gefaßter Ansichten zutraue und vertröstete
-sie auf die Zukunft. Da war sie klug genug, sich einstweilen zu
-bescheiden.“</p>
-
-<p>„Danach scheinen Sie also ihre Wünsche zu unterstützen, Frau Präsident?
-Das ist mir nach dem starken Eindruck, den ich von Ihnen empfing,
-unbegreiflich.“</p>
-
-<p>„Auch Sie wären andern Sinnes geworden, hätten Sie sich, gleich mir,
-von dem Ernst ihrer Bestrebungen, überzeugen müssen. Und nun gar die
-eigene Mutter. Ich habe kein Kind besessen. Und doch fühle ich, daß
-eine Jede<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[S.&nbsp;45]</span> von uns zurücktreten kann und auch will, wird sie inne, daß
-sie der wahren Befriedigung des Kindes hinderlich ist.“</p>
-
-<p>„Darin sollen Sie Recht behalten. Frau von Ostried war wohl eine
-scheue, stille Frau für sich selbst. Hätte sie aber einsehen müssen,
-daß die Tochter schwer unter der Versagung ihrer Erlaubnis litt, wäre
-sie fraglos nachgiebig geworden.“</p>
-
-<p>„Nun begreife ich Sie immer weniger.“</p>
-
-<p>„Das ist auch schwer für Sie. Wir leben in zu verschiedenen
-Verhältnissen. Für Sie ist die Grenze, die ich als Horizont achte,
-nur ein Scheinbegriff geblieben, hinter dem sich die Unendlichkeit
-ausdehnt. Und Wachstum gibt es in Ihrem Leben auch wohl ohne Segen
-und Regen. Ich sah nur mein ganzes Leben hindurch klare Luft, den
-Horizont und die Entwicklung jeglichen Dinges durch Sonne und Regen...
-Einmal bin ich im Theater gewesen und danach nie wieder. Es hat mich
-abgestoßen. Lachen Sie ruhig darüber. Eine Frau stand auf der Bühne und
-hat alles das vor fremden Ohren preisgegeben, was sie sonst schamhaft
-mit sich allein abmacht. &ndash; Mir kam sie dadurch wie entkleidet vor. &ndash;
-Dies Gefühl hat mir die Richtschnur gegeben. Schön und gut! Es mag viel
-Kunst dabei sein können. Das verstehe ich nicht. Viel Unwahrhaftigkeit
-und Uebertreibung aber auch. Dazu kommt, daß in der Familie meines
-einzig noch lebenden Bruders eine Tochter, die viel Hang zur Musik und
-zur Künstlerschaft hatte, verloren gegangen ist. Es ist mir sehr nahe
-gegangen. Die Kinder meiner andern Brüder, von denen ich Ihnen auch
-sagte, sind frühzeitig gestorben. Nun habe ich nur noch einen Neffen,
-mit dem ich nie recht warm werden konnte.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[S.&nbsp;46]</span></p>
-
-<p>Daß ein Mann, der das Leben mit all seinen Härten, Entsagungen und
-Verlockungen kannte, ein öffentliches Auftreten von dieser Warte
-beurteilte, rührte die Präsidentin. Freilich mochte es reichlich
-unmodern sein &ndash; ja, in den Augen der Meisten wohl gar lächerlich
-wirken. Ihr zeigte es den hohen, sittlichen Wert dieses Mannes, dessen
-unbewußte, kinderreine Keuschheit sich gegen Schaustellungen der
-Gefühle heftig sträubten.</p>
-
-<p>„Was hätte ich dagegen tun wollen,“ sagte sie nach einer Weile des
-Schweigens. „Es wurzelt zu tief bei ihr. Ich hätte sie ganz verloren.
-Nun darf ich sie wenigstens noch eine Zeitlang behalten.“</p>
-
-<p>„Sie besitzt aber nichts, als das Geld, das ich vorher in Ihre Hand
-gelegt habe, Frau Präsident, und ich habe mir erzählen lassen, wie
-hoch die Kosten einer gründlichen Ausbildung sind. Damit sollen aber
-die Ausgaben noch nicht aufhören. Eine erhebliche Summe, sozusagen
-als Daseinssicherheit, muß außerdem vorhanden sein. Mal gibt’s keine
-Einnahmen. Mal kosten die Kleider mehr, wie das gesamte Spielhonorar
-beträgt..“ Sie mußte unwillkürlich über seinen Eifer, hinter dem sich
-ein Stückchen Triumph barg, lächeln.</p>
-
-<p>„Ich bin reich,“ gestand sie endlich. „Sehr reich sogar und habe für
-niemand leiblich Verwandtes zu sorgen. Das hat mir oft bitter weh
-getan. Ich meinte, die gnädige Vorsehung schickte mir Eva von Ostried
-als Ausgleich für mancherlei Entbehrtes. Nun, Enttäuschungen kamen
-auch hinterher. In gewissem Sinne ähnelt sie bestimmt dem Vater, wie
-Sie ihn mir schilderten. Wenn auch alles liebenswerter und weicher in
-ihr gestaltet ist. Ich konnte gar<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[S.&nbsp;47]</span> nicht anders handeln, als ich es
-schließlich getan habe. Mit dem Augenblick, in dem ich sie in mein Haus
-aufnahm, gab ich mir das Versprechen, für sie zu sorgen. &ndash; Im April
-nächsten Jahres etwa wird sie wieder ernsthaft ihre Studien aufnehmen.
-Die Mittel bis zum Schluß und ein rundes Kapital für die von Ihnen
-erwähnten Dinge, soll sie von mir erhalten. Ich bringe das in den
-nächsten Tagen in Ordnung.“</p>
-
-<p>„Dann habe ich das Meiste umsonst geredet, Frau Präsident.“</p>
-
-<p>„Glauben Sie das nicht, Herr Amtsrat. Ich gebe alles in passender
-Stunde an Eva weiter. Es wird Wurzel schlagen. Mit Strenge ist nicht
-viel bei ihr zu wirken. Regt sich aber der gute Kern &ndash; spricht die
-Dankbarkeit und besonders das Erbe ihrer Mutter &ndash; eine große Reinheit
-in Empfindung und Anschauung &ndash; dann kann sie erstaunlich fügsam und
-weich sein. Die durch die Wiedergabe Ihrer Worte von neuem geweckte
-Erinnerung an ihre tote Mutter wird ihr zum Schutz werden.“</p>
-
-<p>„Sie wird das bißchen Erlernte von der Musik gründlich vergessen
-haben,“ wandte der Amtsrat ein. „Drei Jahre ist sie nun bei Ihnen.“</p>
-
-<p>„Und Sie meinen wirklich, daß ich in dieser Zeit das Erreichte nicht
-wenigstens erhalten hätte? So kurzsichtig und engherzig war ich nicht.
-Ich habe ihr einen bedeutenden Lehrer gehalten und wenn ich auch keine
-zeitraubenden Uebungsstunden gestattete &ndash; eben weil sie sich an
-die Erfüllung bestimmter Pflichten gewöhnen sollte &ndash; dies Ende zur
-Rückkehr sah ich stets voraus. Es waren also auch in dieser Beziehung
-keine verlorenen Jahre.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[S.&nbsp;48]</span></p>
-
-<p>„Die kommenden Zeiten werden unruhig für Sie werden, Frau Präsident.
-Und eine Stütze dürften Sie im Alter kaum an ihr haben.“</p>
-
-<p>„Ich glaube auch nicht, daß ich ihrer bedarf, lieber Herr Amtsrat. Ich
-entstamme einer kurzlebigen Familie. Eigentlich halte ich mich schon
-länger, als es mir vor ungefähr zehn Jahren ein besonders barscher
-Arzt bemessen hat. Ich bin auch jederzeit bereit. Nur vorher will ich
-noch, etwa im ersten Frühlingsgrün des nächsten Jahres, eine liebe
-Jugendbekannte in ihrem Heimatsstädtchen aufsuchen. Immer wieder habe
-ich das hinausgeschoben. Jetzt bin ich fest dazu entschlossen. Und
-wissen Sie, wen ich bei dieser Gelegenheit noch besuchen möchte? Dieser
-Gedanke ist ganz neu.. Einen guten, treuen Menschen, welcher der beste
-und zuverlässigste Freund gewesen ist. Seine Scholle liegt meinem Wege
-überaus günstig. Wenn ich richtig schätze, kaum eine Bahnstunde von der
-pommerschen Seestadt entfernt, in welcher meine Bekannte lebt. Wollen
-Sie seinen Namen wissen? Er heißt Amtsrat Wullenweber und wird hiermit
-feierlich angefragt, ob er mich wohl auf einen Tag haben mag?“</p>
-
-<p>Er strahlte, sie aus seinen treuen, blauen Augen ehrlich erfreut an.</p>
-
-<p>„Ob ich mag, Frau Präsident! Ich will alles vom Boden bis zum Keller
-putzen lassen und meine alte Klidderten soll mal zeigen, was eine
-richtige, gute hinterpommersche Wirtschafterin leisten kann.“</p>
-
-<p>„Um Gotteswillen,“ lachte sie fröhlich, „das wird bestimmt unmöglich
-gemacht. Eines Tages trete ich, ohne vorherige Anmeldung, mit einem
-kleinen Reisetäschlein, bei<span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[S.&nbsp;49]</span> Ihnen an und werde dankbar sein, wenn
-Sie mir einen Platz an Ihrem Tisch und höchstens noch ein Gericht
-Dabersche Kartoffeln mit fetter Buttermilch gönnen. Denn Sie müssen
-wissen, daß meines lieben Mannes erste Richterstelle in Köslin war, das
-ebenfalls im Regierungsbezirk Köslin liegt. Darüber sind freilich schon
-einige dreißig Jahre vergangen. Auch haben wir damals weder Zeit noch
-Lust gehabt auf den benachbarten Gütern Bekanntschaften anzuknüpfen.
-Meines Mannes Dezernat war sehr umfangreich. Ein Anwalt, der ihm die
-zahlreichen Verträge und Testamente abgenommen hätte, wollte sich aus
-Furcht, kein genügendes Auskommen zu finden, nicht niederlassen.“</p>
-
-<p>„Und jetzt sitzen dort längst ihrer zwei, die in guter Freundschaft
-miteinander leben.“&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>„Sie kennen das kleine, saubere Städtchen natürlich ganz genau?“</p>
-
-<p>„Versteht sich, Frau Präsident. So dick gesät sind ja die Nester bei
-uns da hinten bekanntlich nicht. Mit meinen jungen Schimmeln schaffe
-ich die Geschichte in knappen drei Stunden.“</p>
-
-<p>„Wie seltsam spielt die Vorsehung. Ich bin geneigt, dies alles als
-etwas anzusehen, das Eva von Ostried zum Nutzen und Frommen werden muß.
-Vielleicht lernen Sie sie bald näher kennen und gewinnen sie im Laufe
-der Zeit ebenso lieb, wie ich es tue.“</p>
-
-<p>„Daran würde ihr kaum etwas gelegen sein. Ich habe herausgefühlt,
-daß ihr Vater über mich in einem Ton gesprochen haben muß, der weder
-Vertrauen noch Hochachtung säen konnte.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[S.&nbsp;50]</span></p>
-
-<p>„Und dennoch bitte ich Sie in dieser Stunde von ganzem Herzen, unser
-Sorgenkind nicht aus den Augen zu lassen, wenn sich die Prophezeiung
-jenes Arztes einmal überraschend schnell an mir vollziehen sollte.“</p>
-
-<p>„Sie werden gemerkt haben, daß ich ein schwerfälliger Mensch bin, Frau
-Präsident.“</p>
-
-<p>„Einer, hinter dessen schlichtem Wort jedenfalls die Tat steht, Herr
-Amtsrat.“</p>
-
-<p>„Aber auch ein Weltfremder und Ungeschickter.“</p>
-
-<p>„Sie zögern also?“</p>
-
-<p>„Wenn Weg und Ziel im Dunst liegen, geht die Fahrt gewöhnlich schief.
-Ich wüßte nicht, womit ich ihr helfen könnte.“</p>
-
-<p>„Das ist mir vorläufig gleichfalls verborgen. Es kann aber sehr wohl
-kommen, daß sie durch irgend welche Ereignisse hilflos wird. Ich will
-morgen auch diesen Fall mit ihr besprechen. Sie soll sich an Sie
-wenden, wenn sie allein nicht mehr weiter kann.“</p>
-
-<p>„Tut sie das, Frau Präsident, will ich ihr nach bestem Wissen raten und
-helfen. Darauf mein Wort.“</p>
-
-<p>„Das genügt mir. Ich danke Ihnen innig, Herr Amtsrat, und jetzt lassen
-Sie uns ein Glas jenes alten schweren Weines zusammen trinken, dessen
-letzte Flasche seit einem viertel Jahrhundert auf einen würdigen
-Augenblick im Keller wartet.“</p>
-
-<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_050_tb">
- <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" />
-</div>
-
-<p>Hell war auch der neue Tag und voll goldenen Lichtes. Eva von Ostried
-stand unter einem besonders gesegneten Apfelbaum. Ein Stückchen blauen
-Himmels und die be<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[S.&nbsp;51]</span>grenzte Ferne drängte sich durch das Gewirr der
-Zweige und Früchte. Stolze Träume schoben ihr jedes Hindernis fort.
-Sie fühlte sich frei wie nie zuvor, trotzdem ihr nichts geschehen war,
-als daß sich heute ihr einundzwanzigstes Lebensjahr vollendete. Der
-kommenden, ernsten Arbeit gedachte sie freilich auch. Mehr aber des
-andern, nach dem sie sich unaussprechlich sehnte.</p>
-
-<p>Reich &ndash; angebetet &ndash; beneidet zu werden, war ihr Streben. Von jeher
-haßte sie dies Einschränken und Sorgenmüssen. Der Traum ungezählter
-Tage, das bewußte und unbewußte Sehnen nächtlicher Träume, gilt dem
-Glanz einer sorglos heiteren Zukunft. Erst, nach dem großherzigen
-Versprechen der Präsidentin erkannte sie schaudernd, daß ihr Leben
-verfehlt und zerbrochen gewesen wäre, hätte die gütige Frau ihre
-Zukunftswege nicht zu ebnen versprochen.</p>
-
-<p>Bei dem bloßen Gedanken an diese Möglichkeit schüttelte sie wiederum
-ein Grauen. Vielleicht hätte sie dann, gezwungen von ihrer Sehnsucht,
-den Versuch gemacht, um jeden Preis die fehlenden Mittel selbst zu
-beschaffen. So aber war es schöner und bequemer!</p>
-
-<p>Sie nickte der Sonne zu und jauchzte hell auf &ndash; streckte die Arme und
-griff spielerisch nach den blendenden Kreisen.</p>
-
-<p>„Der Ruhm soll mir beide Hände mit Gold füllen.“</p>
-
-<p>Von der Veranda her ertönte ihr Name. Ungeduldig winkte ihr die
-Präsidentin.</p>
-
-<p>„Wo bleiben Sie, Eva?“</p>
-
-<p>Da flogen die Träume von dannen. Was aber blieb, war noch köstlich
-genug. Gaben &ndash; Freundlichkeit &ndash; und Ermahnungen. Auch diese! Eva
-von Ostried hörte schein<span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[S.&nbsp;52]</span>bar aufmerksam zu, als ihr Frau Melchers vom
-alten Amtsrat Wullenweber und allem, was zwischen ihnen gesprochen war,
-sagte. Im Stillen dachte sie:</p>
-
-<p>„Ehe ich mich jemals an den engherzigen, mürrischen Nachbar wende,
-würde ich lieber hungern.“</p>
-
-<p>Daß dies Schreckliche in Wahrheit eintreten könnte, erschien ihr
-freilich undenkbar.</p>
-
-<p>Als sie das Erbe der Mutter empfing, mußte sie weinen.</p>
-
-<p>Es war ja so unendlich wenig. Ihr Vater hatte oft mehr als das
-Dreifache in einer Nacht im Spiele verloren. Aber es rührte sie! Die
-verblaßten Erinnerungen füllten sich mit lebendigen Farben.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ihre feine, kleine, stille, zarte Mutter! &ndash; Wie sie Paul Karlsen in
-der Dunkelheit des gemeinsamen Warteraums an sich gerissen, hatte sie
-ihrer plötzlich gedenken müssen &ndash; sie um Hilfe anflehend. &ndash; Den
-Vater hatte sie damals vergessen. Der war ja auch nur für die lustigen
-Stunden dagewesen. &ndash; Sie hielt das Geld traumverloren fest und sah
-unverwandt darauf nieder.</p>
-
-<p>„Was gedenken Sie damit zu beginnen, Eva,“ forschte die Präsidentin
-neugierig. „Am besten tragen Sie es noch heute auf die Bank.“</p>
-
-<p>„Ich gebe es nicht fort,“ sagte Eva hastig. „In meinem Schmuckkasten,
-der leider nichts birgt, als die kleine goldene Brosche von Ihnen, wird
-es liegen und geduldig warten.“</p>
-
-<p>„Worauf denn, Kind?“</p>
-
-<p>„Daß ich es in etwas Wunderschönes umsetze. Ich weiß auch schon, worin.
-Zum Beispiel einen Teil in den entzückenden Hut mit dem Reiher, von dem
-uns neulich die<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[S.&nbsp;53]</span> Verkäuferin sagte, daß ihn getrost eine regierende
-Fürstin tragen könne.“</p>
-
-<p>„Dies mühsam abgedarbte Scherflein Ihrer guten Mutter wollten Sie so
-hinwerfen, Eva?“</p>
-
-<p>„Schelten Sie nur! &ndash; Schön und verführerisch bleibt der Gedanke doch.
-Da geht eine Prinzessin oder zum mindesten eine Millionärin, würden sie
-sagen und sich nach mir umdrehen. Und würden vor Neid fast platzen. Und
-ich lache mich halb tot und freue mich.“</p>
-
-<p>Da brach jene oft bekämpfte Verständnislosigkeit, die den eigentlichen
-Wert des Geldes garnicht begriff, wieder durch. Scheinbar war sie
-unbesiegbar. Die Präsidentin beschattete die Augen mit der Rechten.
-Es war doch nicht möglich, daß sie ohne ihren alten Freund und
-Rechtsbeistand die Bestimmung über Eva von Ostrieds zukünftiges Erbe
-traf.</p>
-
-<p>Eva von Ostried hatte keinen Augenblick die Empfindung, etwas
-Unrechtes ausgesprochen zu haben. Sie lief fröhlich der Post entgegen,
-die soeben, nach dem langhallenden Klingelton, in den am Gitter
-angebrachten Kasten hineingeschoben wurde. Bald darauf hielt die
-Präsidentin einen an sie gerichteten Brief in der Hand. Die Schrift
-auf dem Umschlag war ihr fremd. Ohne sonderliche Eile öffnete sie ihn.
-Ihre häufig auch nach außen hin betätigte Herzenswärme brachte ihr
-fast täglich die bittenden Jammerrufe Notleidender ins Haus. Als sie
-die wenigen Zeilen überflogen hatte, erblaßte sie und sagte weich und
-zärtlich:</p>
-
-<p>„Du sollst mich nicht vergeblich gerufen haben.“</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_053_ende">
- <img class="w100" src="images/i_053_ende.jpg" alt="Kapitel 2, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[S.&nbsp;54]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_054_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_054_kopf.jpg" alt="Kapitel 3, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_3">3.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">S</span>olange Eva von Ostried im Hause der Präsidentin weilte, hatte sich
-jene noch niemals von einer Aufregung sichtbar beherrschen lassen.
-Zu allen Zeiten wußte sie das wohltuende Gleichmaß einer abgeklärten
-Ruhe zu bewahren. Jetzt aber sprang sie mit den Zeichen einer großen
-Erregung auf und ging hastig in dem blumengeschmückten Zimmer auf und
-nieder. Dabei ließ sie den soeben empfangenen Brief keinen Augenblick
-aus der Hand. Immer wieder überlas sie ihn und fuhr zuweilen sanft
-darüber hin, als ob sie etwas Liebes streicheln wolle. Endlich blieb
-sie vor Eva stehen.</p>
-
-<p>„Meine alte, liebe Jugendfreundin mußte mich erst rufen, ehe ich mich
-zu ihr finde. Was hilft es, daß ich fest entschlossen war, diese Reise
-anzutreten? Da steht, daß sie sich längst nach mir gesehnt hat und mich
-nur nicht früher zu rufen wagte, weil sie Rücksicht auf mein Herzleiden
-nehmen wollte. Wenn ich nun zu spät käme.“</p>
-
-<p>Ehe Eva etwas darauf erwidern konnte, las sie das Schreiben vor:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„Wundere Dich nicht, meine liebe Hanna, daß ich mit Blei schreibe
-und daß der Umschlag fremde Handzeichen &ndash; nämlich diejenigen einer
-liebevollen Pflegerin &ndash; trägt. Es geht mir nicht gut. Ich hatte
-vor einigen<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a><span class="s4">[S.&nbsp;55]</span></span> Wochen den Fuß gebrochen und war seitdem zu strenger
-Ruhe verurteilt. Alles schien einen günstigen Verlauf zu nehmen,
-bis eine Lungenentzündung hinzutrat, die mir viel Schmerzen macht.
-Zwar bin ich stets, wie Du weißt, ein harter Mensch gewesen, aber
-man kann doch nichts voraussagen.</p>
-
-<p>Ich habe Sehnsucht nach Dir, Hanna, und würde mich innig freuen,
-wenn Dir Deine Gesundheit endlich gestattete, zu mir zu kommen. In
-diesem Fall telegraphiere ausführlich. Du wirst dann von meiner
-Pflegerin, die nachmittags stets ein Stündchen spazieren gehen muß,
-auf dem Bahnhof erwartet und in mein Haus geleitet werden.</p>
-
-<p>Deine alte treue</p>
-
-<p class="right mright2">Maria Wunsch.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Dann sagte sie eilig und fest:</p>
-
-<p>„Bringen Sie mir sogleich das Kursbuch, Eva, und beauftragen Sie
-Pauline, daß sie den kleinen Handkoffer herunterschafft. Das
-weitere besprechen wir, sobald ich das Telegramm mit der genauen
-Ankunftsbestimmung fertig habe.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried legte die Hand bittend auf den Arm der Präsidentin.</p>
-
-<p>„Sie dürfen unmöglich reisen! Denken Sie daran, wie eindringlich
-Geheimrat Schwemann vor jeder Anstrengung und Aufregung gewarnt hat. &ndash;
-Wenn ich auch gelobe, daß Sie sich über keine meiner Vergeßlichkeiten
-ärgern sollen &ndash; wenn ich selbst auf der Reise und während unseres
-Aufenthalts sehr tüchtig und umsichtig sein will &ndash; so würde es doch zu
-viel für Sie werden.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[S.&nbsp;56]</span></p>
-
-<p>„Ich glaube, Sie haben mich mißverstanden, Eva. Ich denke diesmal
-allein zu reisen. Sie werden daheim bleiben.“</p>
-
-<p>Das schöne, junge Gesicht wurde blaß vor Schreck.</p>
-
-<p>„Sind Sie unzufrieden mit mir? War ich auf der letzten Reise nicht
-liebevoll und aufmerksam genug? O, ich fühle es. Die unglückliche
-Theatergeschichte trägt die Schuld daran.“</p>
-
-<p>„Nein, mein Kind, die hat gar nichts mit meinem heutigen Entschluß zu
-schaffen. Ich war voll zufrieden mit Ihnen. Die kleine Episode, mit der
-mich allerdings betrübenden Heimlichkeit, kann nichts daran ändern.
-Der Grund ist ein anderer. Das Heim meiner alten Freundin ist eng und
-mehr als bescheiden. Nun bereits eine Pflegerin darin nächtigt und ich
-mich demnächst auch noch dazu finde, würde für Sie kaum ein Plätzchen
-bleiben. Und im Hotel? &ndash; Ja, dann hätte ich wiederum nicht viel von
-Ihnen und meine gute, sorgsame Maria würde sich dauernd aufregen, weil
-sie so beschränkt in der Ausübung ihrer Gastfreundschaft sein muß. Nein
-&ndash; nein. Diese Unruhe müssen wir ihr ersparen. Erinnere ich mich recht,
-habe ich unterwegs irgendwo einen längeren Aufenthalt. Das stelle ich
-sogleich fest. &ndash; Jedenfalls Zeit genügend, Ihnen ein Kärtchen zu
-schreiben, Aufzeichnungen, wie ich das auf jeder Reise zu tun liebe, zu
-machen und beschaulich die verschiedenen Tageszeitungen zu lesen.“</p>
-
-<p>„Tun Sie es nicht! Ich flehe Sie an,“ bettelte Eva von Ostried.</p>
-
-<p>„Diesmal bleibe ich fest. Sparen Sie jedes Wort. Eine freudige
-Sicherheit wie ich sie lange nicht mehr empfand,<span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[S.&nbsp;57]</span> sagt mir, daß ich
-recht handle. Geht es mir trotzdem schlecht &ndash; fühle ich mich ohne Ihre
-kleinen Hilfeleistungen, an welche ich mich allerdings gewöhnt habe, zu
-matt, werde ich Sie umgehend telegraphisch rufen. Das verspreche ich
-Ihnen.“</p>
-
-<p>Noch einmal machte Eva den Versuch zur Umstimmung.</p>
-
-<p>„Wenn Sie mir nur erlauben, daß ich Sie bis zu Ihrem Ziel begleite. Ich
-könnte sofort mit dem nächstmöglichen Zuge zurückreisen.“</p>
-
-<p>„Wie hilflos und hinfällig muß ich Ihnen erscheinen. Nein und zum
-letzten Mal, nein, Eva. Sie bleiben hier, helfen der guten Pauline beim
-Einlegen der Früchte &ndash; schreiben mir fleißig und singen und studieren
-in der übrigen Zeit nach Herzenslust.“</p>
-
-<p>Da mußte Eva von Ostried sich fügen. Sie tat es langsam und
-widerwillig. Als die Präsidentin sie noch einmal zurückrief,
-hoffte sie auf eine Sinnesänderung. Es handelte sich aber um etwas
-Nebensächliches, das nichts an dem Beschlossenen änderte.</p>
-
-<p>„Noch schnell etwas über mein Reisekleid,“ sagte die Präsidentin
-frisch, „meine gute Maria liebte einst besonders ein schwarzes,
-schlichtes Seidenkleid an mir, das ich seit Monaten nicht mehr trug,
-weil es mir zu feierlich war. Sie finden es sorglich verpackt in
-der zweiten Bodenkammer in dem alten Schrank. Streng modern ist es
-natürlich längst nicht mehr. Gleichviel &ndash; ich will ihr die Freude
-machen nach der langen Zeit darin unser Wiedersehen zu feiern. Sie wird
-daran auch merken, wie treu ich selbst das Kleinste und Unwichtigste
-aus unserm Verkehr im Gedächtnis bewahre.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[S.&nbsp;58]</span></p>
-
-<p>Eva von Ostried wagte keine weiteren Einwendungen.</p>
-
-<p>Der ruhige, durchaus bestimmte Ton, in dem die Präsidentin gesprochen,
-ließ sie erkennen, daß auf dem bisherigen Wege keine Sinnesänderung
-zu erwarten stand. Ihr Herz klopfte in einer jäherwachten, ihr
-selbst unbegreiflichen Angst. Vielleicht würde die alte Pauline mehr
-ausrichten. &ndash; Die treue Dienerin schüttelte den Kopf, als Eva ihr in
-hastigen Worten das Nötige mitteilte.</p>
-
-<p>„Sie hat es sich vorgenommen. Dagegen können wir nichts machen,“ meinte
-sie bedrückt.</p>
-
-<p>„Versuchen Sie doch wenigstens ihr abzureden, Pauline,“ bat Eva von
-Ostried eindringlich. „Wer so lange wie Sie mit ihr zusammen gewesen &ndash;
-ihr gedient &ndash; sie umsorgt, und schließlich auch das Schwerste, den Tod
-ihres Gatten mit durchgemacht hat, der muß verstehen, wirkungsvoller
-als ich zu bitten.“</p>
-
-<p>Das faltige Gesicht senkte sich kummervoll.</p>
-
-<p>„Wie wenig kennen Sie unsere Frau Präsidentin noch, wenn Sie daran
-glauben. Ja &ndash; käme es hierbei allein auf sie an. Wäre das eine Reise
-zur bloßen Erholung. &ndash; Eigensinnig war sie nie und für ordentliche
-Ratschläge hatte sie immer ein offenes Ohr, auch wenn sie so ein
-einfacher Mensch gab, wie unsereins. Es geht aber um Jemand, dem sie
-gut ist und gegen den sie etwas wie ein böses Gewissen hat. Da ist sie
-nicht zu halten. Nein, Fräuleinchen, wir beide können bloß den lieben
-Gott innig bitten, daß er sie uns gesund zurückschickt.“</p>
-
-<p>Das sonderbar beklemmende Gefühl wollte Eva von Ostried nicht
-freigeben. Stärker wurde ihre Unruhe. Sie war fieberhaft fleißig, weil
-sie hoffte, ihre Gedanken da<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[S.&nbsp;59]</span>durch abzulenken. Allein auch dies Mittel
-versagte. Schließlich, als sie mit den hauptsächlichsten Vorbereitungen
-zur Reise fertig geworden, setzte sie sich auf Frau Melchers besonderen
-Wunsch an den Flügel und begann deren Lieblingslied zu singen:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Am Abend, wenn die Sternlein all</div>
- <div class="verse indent2">Zum güldnen Tanz antreten,</div>
- <div class="verse indent2">Dann falt’ ich fromm die Hände mein</div>
- <div class="verse indent2">Um für Dein Glück zu beten..</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Mitten in den weichen, wundervoll reinen Tönen versagte ihre Stimme.
-Mit einem erstickten Schluchzen legte sie den Kopf auf die Tasten.</p>
-
-<p>„Was haben Sie, Kind,“ fragte die Präsidentin erschrocken.</p>
-
-<p>„Ich weiß es selbst nicht. Einmal vor langen Jahren war mir ähnlich
-zumute. Damals brannte in Waldesruh die gefüllte Scheune herunter und
-der Wind stand so ungünstig, daß alle ein Herüberspringen der Flammen
-auf unser Schloß fürchteten.“</p>
-
-<p>„Es ist aber letzten Endes glücklich bewahrt geblieben, nicht wahr?“</p>
-
-<p>„Ja &ndash; wie durch ein Wunder!“</p>
-
-<p>„Sehen Sie wohl! Auf dies Wunder wollen auch wir hoffen. Das heißt, ich
-wüßte kaum, aus welcher Not es uns zur Zeit helfen sollte. Der heutige
-Tag hat Sie ungewöhnlich erregt, Evalein. Das ist verständlich. Es tut
-mir herzlich leid, daß wir ihn so wenig festlich und würdig zu Ende
-führen konnten.“</p>
-
-<p>Eva hob die tränennassen Augen zu der Gütigen empor.</p>
-
-<p>„Haben Sie mir wirklich jene Eigenmächtigkeit in Oeynhausen voll
-vergeben,“ fragte sie leise.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[S.&nbsp;60]</span></p>
-
-<p>„Ich will zugestehen, daß ich anfangs schwer darunter gelitten habe.
-Nun ist längst alles wieder gut. Lassen Sie sich sagen, daß ich Sie wie
-mein eigenes Fleisch und Blut liebe. Ja &ndash; Eva, daran denken Sie stets.
-Nicht nur heute und morgen, sondern auch und besonders, wenn Sie einst
-ohne mich wandern müssen. &ndash; Jetzt aber genug von diesen Dingen. Wir
-wollen uns nicht unnötig weich machen.“</p>
-
-<p>Da fühlte sich Eva endlich von dem unerklärlichen Alp befreit und
-jauchzte ein zartes Frühlingslied heraus. Die Präsidentin nickte
-lächelnd und dachte:</p>
-
-<p>„Wie weich und gut sie ist, trotz ihrer Fehler und wie liebenswert. &ndash;
-Warum habe ich mir so viel Sorgen um sie gemacht? Ein Blumengarten ohne
-Unkraut ist doch eine Unmöglichkeit. Ich werde mit Gottes Hilfe schon
-das Wuchernde mit Stumpf und Stiel ausrotten. &ndash; Schwere Aufgaben sind
-allemal die lohnendsten.“</p>
-
-<p>Und sie strich in mütterlicher Zärtlichkeit heimlich über Eva von
-Ostrieds Aermel, ohne daß diese in ihrer begeisterten Versunkenheit
-etwas von der stillen Liebkosung merkte. Seit langen Jahren war der
-Präsidentin nicht so leicht und glücklich zu Sinn gewesen, wie in
-dieser Stunde.</p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1"><b>*</b></p>
-
-<p>Um elf Uhr am nächsten Vormittag war die Abreise endgültig festgesetzt.
-Die alte Pauline hatte es sich nicht nehmen lassen, trotz der Abwehr
-der Präsidentin einen riesigen Strauß bunter Astern und letzter Rosen
-zu binden. Sie war gerade damit beschäftigt, ihn an die Schirmhülle zu
-befestigen, als die Glocke der Gartenpforte anschlug.</p>
-
-<p>„Wir dürfen jetzt keinen Besuch annehmen,“ flüsterte Eva von Ostried
-der Getreuen zu. „Die letzte Stunde muß<span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[S.&nbsp;61]</span> Frau Präsidentin möglichst
-ruhig verbringen. Hören Sie nur, wie stürmisch geklingelt wird.“</p>
-
-<p>„Ich lasse keinen rein, Fräuleinchen; es sei denn der Geldbriefträger.“</p>
-
-<p>Es war aber nur ein einfach aussehender älterer Mann in der Tracht
-eines schlichten Bauern. Anfangs begriff er nicht, daß es Leute geben
-sollte, die einem Unbescholtenen den Eintritt verwehrten. Als sich aber
-die Pforte durchaus nicht vor ihm öffnen wollte, wurde er zornig.</p>
-
-<p>„Denken Sie vielleicht, ich wäre eigens aus dem Oderbruch hergekommen,
-um mich von Ihnen wieder wegschicken zu lassen, als wollte ich betteln.“</p>
-
-<p>Die alte Pauline suchte ihn zu besänftigen.</p>
-
-<p>„Nehmen Sie doch endlich Vernunft an. Ich sage Ihnen zum letzten
-Mal, es geht eben heute nicht. Unsere Frau Präsidentin will gleich
-verreisen. Eigentlich darf sie gar nicht, weil ihr Herz nicht in
-Ordnung ist. Darum muß sie wenigstens, bis der Wagen kommt, ganz still
-liegen.“</p>
-
-<p>„Das kann sie meinetwegen ja auch,“ murrte der Bauer. „Wenn Sie denken,
-daß ich sie aufregen tue, irren Sie. Was ich von ihr will, macht bloß
-Freude.“</p>
-
-<p>„Warten Sie einen Augenblick,“ meinte Pauline, durch sein zähes
-Ausharren unschlüssig geworden, „ich rufe mal schnell das Fräulein
-heraus. Die wird Ihnen das alles besser klar machen.“</p>
-
-<p>Eva bemühte sich trotz ihrer ärgerlichen Ungeduld, die sich beim
-Anblick des Hartnäckigen steigerte, möglichst sanft zu sein.</p>
-
-<p>„Wirklich, lieber Mann, es geht nicht. Kommen Sie nach ein paar Wochen
-wieder oder &ndash; schreiben Sie an Frau<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[S.&nbsp;62]</span> Präsident, wenn Sie mich durchaus
-nicht in Ihre Angelegenheit einweihen wollen.“</p>
-
-<p>„Schreiben &ndash; schreiben,“ echoete der Bauer. „Wenn ich hätt’ schreiben
-wollen, wäre ich erst gar nicht hergekommen. Ich befaß mich aber
-mit solchen neuen Moden nicht gern. Von Mund zu Mund &ndash; von Hand zu
-Hand &ndash; ist alles sicherer. Als ich vor zehn Jahren Frau Präsidentin
-unter meinem Dach hatte, haben wir auch nichts Schriftliches zusammen
-aufgesetzt. Sie hat zu mir gesagt: Sie sind ein rechtschaffener Mann.
-Ich hab’ Vertrauen zu Ihnen. Und hier ist das Geld &ndash;“</p>
-
-<p>„Geld wollen Sie also auch heute wieder von ihr, wenn ich Sie recht
-verstehe?“ forschte Eva von Ostried.</p>
-
-<p>Da riß die Geduld des Bauern vollends.</p>
-
-<p>„Ich bin der Tabakbauer Kleinschmidt aus dem Oderbruch, eine Meile von
-Schwedt, und brauch’ kein Geld mehr. Gott sei Dank. Und wenn Sie’s
-immer noch nicht wissen, merken Sie sich’s jetzt wenigstens. Ich bring’
-ihr Geld. Das, was ich ohne Schuldschein oder Hypothek als bloßes
-Darlehn auf mein Gesicht und meine beiden Hände hin mal gekriegt hab’.
-Ich hab’ noch nie bis heut erlebt, daß man einen, der Geld bringt,
-nicht rein läßt. Und nun bestellen Sie ihr das, wenn Sie nachher keinen
-Aerger haben wollen.“</p>
-
-<p>Das tat Eva nach kurzem Ueberlegen wirklich.</p>
-
-<p>Die Präsidentin erhob sich sofort.</p>
-
-<p>„Natürlich lassen Sie ihn nunmehr ungesäumt zu mir, Eva. Ich kann
-mir den Zorn dieses braven, tüchtigen Mannes sehr wohl vorstellen.
-Allerdings begreife ich vorläufig nicht, wie er mir jenes Darlehn
-ohne vorherige Auf<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[S.&nbsp;63]</span>kündigung einfach ins Haus bringen kann. Indes war
-die bisherige Art unseres Geschäftsabschlusses ja auch eigenartig und
-ungewöhnlich. Jedenfalls rufen Sie ihn mir!“</p>
-
-<p>Sie streckte dem Eintretenden freundlich die Hand entgegen.</p>
-
-<p>„Nichts für ungut, lieber Kleinschmidt. Sie haben wohl gemerkt, daß
-die, welche ich als die Meinen bezeichnen muß, weil sie treu für mich
-sorgen, überängstlich sind. Sehen Sie’s ihnen nach. Ich muß das täglich
-ertragen und noch dazu mein allerfreundlichstes Gesicht machen. Sie
-werden doch nur sehr kurz davon betroffen.“</p>
-
-<p>„Ich an Ihrer Stelle würde sie schön auf den Trab bringen, Frau
-Präsident.“</p>
-
-<p>„Möchte ich auch mehr als einmal besorgen, lieber Kleinschmidt.
-Aber &ndash; ich fühle, daß ich sie notwendig habe und nehme deshalb die
-gelegentlichen kleinen Uebertreibungen geduldig in den Kauf. &ndash; Ich
-will verreisen, wie Sie natürlich schon gehört haben. Sie sind mir also
-nicht böse, wenn ich Sie nicht zu längerem Verweilen nötigen kann.“</p>
-
-<p>Er zog umständlich eine dicke Brieftasche hervor.</p>
-
-<p>„Als es mir damals so schlecht ging, weil uns die beiden Staatskühe
-fielen und der Nachbar mich mit dem Wechsel betrogen hatte, wollte ich
-mich aus der Welt machen.“ Die Präsidentin legte die Finger an die
-Lippen.</p>
-
-<p>„Nicht mehr dran rühren, Kleinschmidt. Es ist ja alles wieder gut
-geworden.“</p>
-
-<p>„Ist es auch! Ich hab’ mich langsam rausgebuddelt, weil es eben doch
-noch einen guten Menschen gegeben hat, woran ich nicht mehr glauben
-wollte.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[S.&nbsp;64]</span></p>
-
-<p>„Es gibt deren Viele,“ versuchte sie ihn abzulenken, aber er beharrte
-eigensinnig bei seinem Thema.</p>
-
-<p>„Nee &ndash; bloß einen. Dabei bleib’ ich. Jede andere feine Dame hätt’
-sich wohl halb zu Tode geschrien, als sie sah, daß sich ein alter
-Nichtsnutz, bei dem der blaue Vogel überall hinflog, das Leben nehmen
-wollt’. Zum mindesten wäre sie bestimmt auf die Dorfstraße gelaufen und
-hätt’s bekannt getan. &ndash; Sie haben bloß still meine Hände gestreichelt
-und geweint. Und sind die ganze Nacht bei mir geblieben und haben immer
-getröstet. &ndash; Und am nächsten Morgen nahmen Sie ein Buch aus der Tasche
-und fragten, wieviel ich nötig hätt’.“</p>
-
-<p>„Hören Sie auf, Kleinschmidt. Es peinigt mich wirklich.“</p>
-
-<p>„Sie sagten ja, Sie wären Geduld gewöhnt, Frau Präsident. Ich muß Ihnen
-das mal so richtig klar machen, &ndash; Sie haben mir viel Geld gegeben
-und kannten mich doch bloß als einen, der ein luftiges Zimmer für &ndash;
-weiß Gott, genug Geld an Sie abvermietet hatt’. &ndash; Das hat mir erst
-richtig das Leben gerettet. Nun konnt’ ich mich nicht mehr wegstehlen.
-&ndash; Sie mußten Ihr Geld zurückhaben. Und hier ist es! &ndash; Auf Heller und
-Pfennig. Die letzten Zinsen sind auch beigepackt.“</p>
-
-<p>Umständlich begann er die zerknitterten Scheine auf den Tisch zu
-zählen. Sie machte eine entsetzte Bewegung.</p>
-
-<p>„Wo soll ich jetzt mit dieser Summe bleiben? Sie sehen, ich stehe im
-Begriff, eine Reise anzutreten. Mitnehmen mag ich sie nicht. Sie daheim
-im Schreibtisch zu belassen, ist mir zu ängstlich, wennschon ich bisher
-vor Dieben bewahrt geblieben bin.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[S.&nbsp;65]</span></p>
-
-<p>Er wußte ihr keinen Rat. Es blieb ihm unverständlich, daß bares, gutes
-Geld unwillkommen sein konnte.</p>
-
-<p>„Nehmen Sie es wieder mit, Kleinschmidt, und bringen oder schicken Sie
-es mir per Post ein paar Monate später. Selbstverständlich berechne ich
-Ihnen für diese Zeit keine Zinsen.“</p>
-
-<p>Er schüttelte energisch den Kopf.</p>
-
-<p>„Nee, Frau Präsident, das mach ich nicht! Behalten Sie es man. Wer so
-ein schönes großes Haus besitzt, hat auch Keller und Schlupfwinkel, wo
-es vor dem lichtscheuen Gesindel sicher liegt.“</p>
-
-<p>Er lächelte schlau. Sie erkannte, daß es zu viel Zeit nehmen würde, um
-ihn zu überzeugen und begann mechanisch die Scheine nachzuzählen.</p>
-
-<p>„Es stimmt natürlich,“ sagte sie. „Zwölftausend Mark und
-zweihundertvierzig als halbjährige Zinsen. Wissen Sie, dies Geld
-schwebt eigentlich gänzlich in der Luft. Ich habe es nicht mal
-ordnungsmäßig gebucht. Wären Sie, trotz Ihres mir bekannt gewordenen
-Fleißes nicht in die Lage gekommen, es zurückzuzahlen, hätte ich es
-Ihnen einfach geschenkt.“</p>
-
-<p>In sein verwittertes Gesicht stieg die Röte der Scham.</p>
-
-<p>„Schenken mag wohl leicht sein, Frau Präsident. Das Nehmen ist ein
-sauer Ding. Ich wär’ mein Leben nicht mehr froh geworden. &ndash; Die
-Tochter hat auch gesagt: „Vater, wir wollen uns ran halten, daß der
-Tisch klar wird.“ Sie wissen wohl, ihr geht es gut. Der Mann ist
-nüchtern und flink und die vier Kinder tun schon manchen Handschlag in
-der Wirtschaft. &ndash; Nun will ich aber nicht länger aufhalten.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[S.&nbsp;66]</span></p>
-
-<p>Sobald er gegangen war, rief die Präsidentin Eva von Ostried herein,
-deutete auf das noch ausgebreitete Geld und sagte eilig:</p>
-
-<p>„Das hat er mir soeben zurückgezahlt. Es kann natürlich nicht im Haus
-bleiben. &ndash; Die Einbrüche in der Nachbarschaft mehren sich. Bringen Sie
-es sofort auf die Bank, liebe Eva. Wie günstig, daß wir sie gleich an
-der nächsten Ecke haben. Sie wissen, ich bin durchaus keine ängstliche
-Natur. Nach den jüngsten Erfahrungen unserer Bekannten, denen die
-leichtsinnig im Schreibtisch aufbewahrte Summe gestohlen wurde, ohne
-daß der Dieb bisher zu ermitteln gewesen, würde mir aber der Zwang
-hierzu die ganze Reise verderben. Geschenke mache ich über alles gern.
-Nur eine Unachtsamkeit, aus welcher ein verdienter Verlust käme, würde
-ich mir schwer vergeben.“</p>
-
-<p>Eva hatte bereits den Hut aufgesetzt.</p>
-
-<p>„Und ich würde vor lauter Angst und Verantwortlichkeitsgefühl keine
-Minute ruhig schlafen können,“ gestand sie. &ndash; Im Laufschritt eilte sie
-durch den Vorgarten und stand nach wenigen Minuten vor dem stattlichen
-Gebäude der Großbank. Ihre Hand lag schon auf der eisernen Klinke neben
-der schweren zurückgeschobenen Schutzrollwand, als ihr Blick auf eine
-Mitteilung fiel, die in der Mitte der Tür angebracht war:</p>
-
-<p>Heute wegen Revision der Kassen geschlossen. Einen Augenblick stand
-sie wie erstarrt. Dann, als die Uhr irgend einer öffentlichen Anstalt
-schlug, ward sie mit Schrecken inne, daß in einer halben Stunde die
-Fahrt zum Bahnhof beginnen müsse. Krampfhaft die kleine Ledertasche
-umklammert haltend, eilte sie zurück.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[S.&nbsp;67]</span></p>
-
-<p>Was sollte nun mit dem Geld geschehen? &ndash; Durfte sie zugeben, daß sich
-die Präsidentin beunruhigte? Ja mehr als das &ndash; daß sie bei ihrem stark
-entwickelten Gefühl zur Ordnung und Vorsicht keinen Augenblick von
-dem quälenden Gedanken an den aufgezwungenen Leichtsinn befreit sein
-würde. Immerhin &ndash; es half nichts! Gemeinsam wollten sie ein möglichst
-sicheres Versteck heraussuchen. Vielleicht wußte die alte Pauline gar
-einen eisernen Kasten, den sie nach dem Muster mißtrauischer Altvordern
-etwa im Keller vergraben könnten. Als sie sich dies ausmalte, mußte
-sie lachen. Das befreite sie von allem Bangen. Ein neuer Gedanke kam
-ihr, wurde kaum geprüft, sondern sogleich als der einzig mögliche
-Rettungsweg empfunden. War es nicht geradezu ihre heilige Pflicht,
-der herzensguten Präsidentin und zweiten Mutter diese ihr plötzlich
-durchaus nicht übertrieben erscheinende Sorge abzunehmen? Als sie die
-Villa erreicht hatte, wartete dort schon die zuvor bestellte Droschke.</p>
-
-<p>„Es ist ja noch viel zu früh,“ rief sie dem Lenker zu. Der schwippte
-als Antwort nur mit der Peitsche. Erst als sie, lauter und
-ungeduldiger, ihre Worte wiederholte, ließ er sich zu einer knappen
-Erwiderung herbei.</p>
-
-<p>„Meinem Fuchs is et all zu spät und auf den Fuchs kommt et ganz alleen
-an, Fräulein.“ Das allerdings mußte sie zugeben. Die Präsidentin
-erwartete sie &ndash; fertig zum Einsteigen &ndash; bereits voller Ungeduld.</p>
-
-<p>„Nun, ist alles erledigt, Eva?“ Ein leises Rot stieg bis unter die
-lockigen, braunen Haare in die weiße Stirn.</p>
-
-<p>Eine Sekunde blieb die Antwort aus. Ihre Augen hielten dem forschenden
-Blick nicht stand. Ein jäher Wider<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[S.&nbsp;68]</span>wille gegen die beabsichtigte Lüge
-stieg in ihr auf. Aber die sichtliche Unruhe der Präsidentin beendete
-ihr kurzes Schwanken. Sobald die Bank wieder geöffnet würde, kam ja
-doch alles in Ordnung...</p>
-
-<p>„Ja, es ist ordnungsmäßig eingezahlt.“ Dann zeigte sie, scheinbar
-empört, nach draußen: „Hören Sie nur den alten, unfreundlichen
-Kutscher. Jetzt beginnt er, so laut er nur kann, auf uns zu schelten,
-weil wir seinen Fuchs warten lassen und jetzt &ndash; halt &ndash; halt &ndash; Mann
-&ndash; wir kommen ja schon.“ War er wirklich im Begriff gewesen, ohne sie
-davon zu fahren, wie sie es der erschrockenen Präsidentin zurief?</p>
-
-<p>Leichtfüßig sprang sie als Erste in den Wagen, half der Präsidentin
-fürsorglich hinein, während die alte Pauline, bedächtig und kräftig
-mit beiden Armen nachschob, nickte noch einmal freundlich den
-Rückbleibenden zu und sprach alsdann mit drolligem Eifer, allerhand
-unwichtige Kleinigkeiten fragend, auf die Präsidentin ein.</p>
-
-<p>&ndash; &ndash; Schön war’s doch, dies Alleinsein!</p>
-
-<p>An dem Gefühl, das wider Willen über Eva von Ostried kam, als sie vom
-Bahnhof zurückgekehrt, in die hohen Zimmer eintrat, merkte sie, wie
-streng eingeteilt sonst ihr Tag sein mußte. Mit unbeschreiblicher Wonne
-warf sie sich in den bequemsten Lehnstuhl und summte ein Lied vor sich
-hin.</p>
-
-<p>War die Präsidentin auch engelgut &ndash; empfand sie selbst eine nie
-verlöschende Dankbarkeit für sie daran, daß diese beliebig über
-ihre Zeit verfügen konnte und natürlich auch verfügte, änderten
-diese Gefühle nichts das Geringste. Eva von Ostried wußte plötzlich,
-wie heiß ihr Sehnen &ndash; nicht zuletzt nach dem verlorenen Recht der
-Selbstbestimmung &ndash; die ganze Zeit gewesen war. Mit einem Schauer
-des Ent<span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[S.&nbsp;69]</span>setzens gedachte sie ihrer beiden erste Stellen, die sie,
-nach dem Tod des Gönners, sofort anzunehmen gezwungen war. Zwar hatte
-ihr der Amtsrat Wullenweber, dem sie von dieser Veränderung Kenntnis
-geben mußte, vorübergehend seine Gastfreundschaft geboten, „wenn
-sich durchaus nicht schnell ein anderer Ausweg finden lasse,“ aber
-der Gedanke, aus dem warmen, mit feinstem künstlerischen Geschmack
-eingerichteten Heim des verstorbenen Meisters in sein ihr kahl
-und ungemütlich in Erinnerung lebendes Haus, als eine nur ungern
-Geduldete, unterzuschlüpfen, dabei jeden Augenblick die tiefroten
-Türme des alten Waldesruher Schlosses in der Nähe zu sehen &ndash; hatte
-etwas Unerträgliches für sie gehabt. Lieber ließ sie sich von einer
-anspruchsvollen, ungerechten Herrin bis an die Grenze ihrer Kraft
-quälen &ndash; bis sie es eines Tages dann doch nicht länger ertragen konnte
-und weiterzog, zur nächsten, bei der es ihr auch nicht viel besser
-erging.</p>
-
-<p>Nun waren die zahlreichen Wunden der kleinen, täglichen Nadelstiche
-längst verheilt. Sie lebte, umgeben von Nachsicht und Güte, bei der
-edelsten aller Herrinnen und dennoch &ndash; &ndash; War sie ehrlich mit sich,
-mußte sie zugeben, daß einzig der Gedanke an die Zukunft sie tapfer
-auf dem Wege kleinlicher Pflicht weiterlaufen ließ. Hätte sie keine
-Aussicht gehabt, sehr bald ihre geliebten Studien wieder aufzunehmen,
-wäre ihr vielleicht auch diese warme Stätte allmählich zur Hölle
-geworden. &ndash; Mit geschlossenen Augen träumte sie sich in die Zeiten
-hinein, die nach dem Frühjahr ihrer warteten. Gewiß &ndash; es würde viel
-Arbeit &ndash; Kampf und Fleiß kosten. Unstreitig auch wiederum Tage geben,
-an denen sie am eigenen Können verzweifelte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[S.&nbsp;70]</span></p>
-
-<p>Danach aber mußte die köstliche Erfüllung aller Sehnsucht kommen! &ndash;
-Sie hatte den Schatz in ihrer kleinen Handtasche völlig vergessen.
-Achtlos lag er auf dem Tisch, während sie mit leichtgeöffneten Lippen
-den köstlichen Duft der blühenden Huldigungen zu trinken schien, die
-ihrer in der goldenen Ferne harrten!</p>
-
-<p>&ndash; Um die dritte Nachmittagsstunde dieses Tages kam Ralf Kurtzig,
-der alte Meister und frühere langjährige Parsifal des Bayreuther
-Festtempels. Er beschäftigte sich am Feierabend seines Lebens damit,
-fleißig nach gottbegnadeten Talenten Umschau zu halten. So fand er auch
-im Hause des jüngeren Kollegen Eva von Ostried, die Vielversprechende.
-Zu spät hatte er, von einer langen Reise heimkehrend, den Tod des
-Kammersängers erfahren und die Pforten seines reichen, gastlichen Heims
-verschlossen gefunden. Sofort dachte er an Eva von Ostrieds Zukunft,
-denn ihre Mittellosigkeit war ihm bekannt geworden. Fieberhaft hatte
-er nach ihr gesucht. Aus rein künstlerischem Interesse, wie er es vor
-sich erklärte. In Wahrheit trieb ihn &ndash; tief versteckt und von ihm
-selbst noch nicht erkannt &ndash; ein spätes, leidenschaftliches Feuer.
-&ndash; Ihre Spur schien verweht. Er hockte im vierten Rang der Oper, um
-ihr zu begegnen. Weil sie Schuberts reine Kunst über alles geliebt
-hatte, versäumte er keinen dieser Liederabende. Es blieb vergeblich
-&ndash; bis er sie an der Seite der ihm durch eine reiche Schenkung an die
-Bühnengenossenschaft bekannten Präsidentin in einem philharmonischen
-Konzert wieder sah.</p>
-
-<p>So kams, daß er &ndash; eingeweiht in Frau Melchers ihm zuerst grausam
-erscheinende Pläne &ndash; ihr Lehrer wurde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[S.&nbsp;71]</span></p>
-
-<p>Es gab kaum Jemand, der sparsamer mit seinem Lob umging, wie er.
-Darum blieb es auch das höchste Streben seiner wenigen Schüler ihn
-wenigstens nicht zum Tadel zu reizen. &ndash; Heute lief ihm Eva wie ein
-ausgelassenes Kind entgegen. Die verhaltene Ehrfurcht vor seiner weisen
-Künstlerschaft war sprühender Daseinsfreude gewichen. Er empfand das
-sofort und freute sich heimlich daran.</p>
-
-<p>Der Mensch sprach in ihm vor dem Künstler. Das geschah selten.</p>
-
-<p>„Wie schön sie ist,“ mußte er denken und weiter, „die wundervolle
-Herbheit, von der sie selber nichts ahnt, wird ihr den Weg, den sie
-gehen muß, nicht leicht machen.“ Er fühlte, verwundert, daß ihn
-diese Gewißheit verjüngte, verlor eine Sekunde die kühle, sichere
-Ueberlegenheit und beschattete die Augen, als blende ihn das rote
-Licht, das ungehindert durch die Bogenfenster der Diele in das
-Musikzimmer quoll. Dann hatte er sich wieder in der Gewalt und sagte in
-dem spöttelnden Ton, mit dem er jede warme Regung bestrafte:</p>
-
-<p>„Ihr alter Gralhüter meldete bereits, daß die hohe Herrin dieses
-Zauberschlosses verreist sei. Sie murmelte daneben noch allerlei von
-Früchten und Beeren, die Ihre tätige Mitwirkung verlangten.“</p>
-
-<p>Sie sah mit bittenden Augen zu ihm auf.</p>
-
-<p>„Sie sind mir noch ein Geburtstagsgeschenk schuldig,“ bettelte sie.</p>
-
-<p>„So &ndash;“ machte er gedehnt, „seit wann denn?“</p>
-
-<p>„Seit gestern.“</p>
-
-<p>„Schade &ndash; sonst hätte man es als verjährt bezeichnen können.“ Und mit
-einem Augenzwinkern, als blende ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[S.&nbsp;72]</span> immer noch der rote Schein, setzte
-er hinzu: „Wonach geht also Ihres Herzens Wunsch?“</p>
-
-<p>„Ich bin volljährig geworden, Meister. Da darf ich heute unbescheiden
-sein.“</p>
-
-<p>„Verlangen Sie immerhin. Die Erfüllung steht ja bei mir.“</p>
-
-<p>„Sie müssen mir etwas vorsingen.“</p>
-
-<p>„So &ndash; das muß ich?“ &ndash; In kindlicher Zutraulichkeit griff sie nach
-seiner schlanken, weißen Rechte.</p>
-
-<p>„Ich habe mich den ganzen Vormittag darauf gefreut.“</p>
-
-<p>„War es nicht anmaßend, die Bitte schon als erfüllt zu betrachten?“</p>
-
-<p>„Vielleicht! Sie haben ja aber oft genug betont, daß der Bescheidene
-zwar sehr angenehm, aber doch durchaus unbrauchbar für das praktische
-Leben wäre.“</p>
-
-<p>„Ja &ndash; was soll es denn sein?“</p>
-
-<p>„Parsifals Lied aus dem zweiten Aufzug,“ bat sie mit dem Ausdruck der
-Sehnsucht in Augen und Stimme:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Auf Ewigkeit</div>
- <div class="verse indent2">Wärst Du verdammt mit mir</div>
- <div class="verse indent2">Für eine Stunde</div>
- <div class="verse indent2">Vergessen meiner Sendung</div>
- <div class="verse indent2">In Deines Arms Umfangen.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Sein Gesicht hatte wieder den steinernen Ausdruck, um dessentwillen ihm
-viele der früheren Kollegen die Seele abgesprochen hatten.</p>
-
-<p>„Wir reden später noch darüber,“ meinte er kurz. „Vorerst heißt es
-fleißig sein. Beginnen Sie also &ndash;“</p>
-
-<p>Wie ein gehorsames Kind fügte sie sich. Die wundervolle Stimme klang
-weich und voll, aus jedem Ton der<span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[S.&nbsp;73]</span> Uebung. Trotzdem war er nicht
-zufrieden. Kurz und scharf rügte er und verlangte Wiederholungen.
-Für jemand, der seine Art nicht kannte, hätte es leicht den Anschein
-erwecken können, als sitze er um des täglichen Brotes willen neben
-einer Schülerin, die zu unterrichten ihm nicht den geringsten Spaß
-bereitete. Und doch sonnte sich auch heute sein künstlerisches
-Empfinden an dem strahlenden Glanz dieses gesegneten Talents. Er quälte
-sie mit Vorsatz, um zu prüfen, ob auch danach noch ihr leidenschaftlich
-geäußerter Wunsch um Erfüllung bäte oder ob sie in leisem Gekränktsein
-sich von ihm abwende.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie tat es nicht.</p>
-
-<p>Kaum hatte er durch ein Nicken zu verstehen gegeben, daß die
-eigentliche Stunde zu Ende sei, als sie ihn auch schon &ndash; mit gänzlich
-verändertem Ausdruck &ndash; an die Erfüllung seines Versprechens mahnte.</p>
-
-<p>„Das verheißene Reden über meine Bitte schenke ich Ihnen, Meister,“
-sagte sie und lächelte schalkhaft.</p>
-
-<p>Er sang ihr wirklich die nachträgliche Festgabe!</p>
-
-<p>Sie hockte in einem Winkel und hatte den Kopf auf die verschränkten
-Arme gelegt, damit er nicht die Tränen sehen sollte, welche ihr das
-höchste Gefühl der Andacht erpreßte. Er sah sie aber dennoch und freute
-sich auch dessen. &ndash; Sie wußte nicht, wie lange dies Weihespiel gewährt
-hatte. Die strahlende Sonne war blaß geworden. Ein leichter Dunst von
-Müdigkeit ließ die leuchtenden Farben des Herbstes matter erscheinen.</p>
-
-<p>Wie ein reichgewesenes, nunmehr erfülltes Leben wartete dieser Tag
-seinem Sterben entgegen. Es war still zwischen ihnen geworden. Sie kam
-aus ihrem Winkel her<span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[S.&nbsp;74]</span>aus, setzte sich stumm an den Platz, den er soeben
-verlassen und sang ihm den Dank.</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Ich will wiegen Dich, ich will wachen....</div>
- <div class="verse indent2">Knabe saß auf der Mutter Schoß</div>
- <div class="verse indent2">Spielten zusammen, bis er groß....</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Lebenserfüllung auch hier! Das Lied der Solveig, das einen wandermüden
-Sturmgesellen endlich erlöst!</p>
-
-<p>Der Meister regte sich nicht. Sterbensfrieden segnete Raum und Zeit.</p>
-
-<p>Das wundersame Erzittern, das die Kunst dem Reinen schenkt, feierte
-sein Auferstehen.</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Ich will wiegen Dich und wachen</div>
- <div class="verse indent2">Schlaf und träume, Du Knabe mein</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>&ndash; &ndash; Die Wirklichkeit regierte wieder!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>„Wenn der Drache und der gesegnete Obstgarten nicht wären, würde ich
-Sie jetzt in das Deutsche Opernhaus mitnehmen,“ sagte Ralf Kurtzig, als
-sie verstummt war. &ndash; Und das war sein Dank. &ndash; „Es wird heute Carmen
-gegeben &ndash; mit der Olitava als Gast.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried jubelte hell auf.</p>
-
-<p>„Die alte Pauline erlaubts von Herzen gern, denn &ndash; im Vertrauen &ndash;
-eine große Hilfe bin ich ihr doch nicht und &ndash; gestern &ndash; war &ndash; ja &ndash;
-mein Geburtstag.“</p>
-
-<p>&ndash; &ndash; Sie saßen im Hintergrund einer Loge und lauschten mit verhaltenem
-Atem. Das Lied blutroter Leidenschaft flammte und brannte sich in
-das Herz des Einen &ndash; Und das war nicht das junge &ndash; Die heiße
-Teufelin triumphierte über den sanften, blonden Engel. Das edle,
-scharfgeschnittene Gesicht des Fünfzigers erschien um Jahrzehnte
-verjüngt. Seine tiefen, machtvollen Augen bohrten sich in<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[S.&nbsp;75]</span> Evas Gesicht
-&ndash; machten sie einen Herzschlag lang verwirrt &ndash; erinnerten aber im
-nächsten Augenblick an zwei andere &ndash; &ndash; damals in Oeynhausen. Sie
-mußte wieder an Paul Karlsens gestohlene Zärtlichkeit denken, für die
-sie eine Zeitlang nicht mehr den früheren Zorn aufzubringen vermocht
-hatte. &ndash; Jetzt begriff sie ihr zur Milde gewandeltes Urteil nicht.
-Ein eigentümliches, fremdes Gefühl hatte sie gepackt. Sie wehrte sich
-in schauderndem Auflehnen gegen das Empfangen und Erwidern aller
-gespielten Leidenschaft &ndash; und verurteilte diese Regung doch, ohne sich
-davon zu befreien, als die Wahnvorstellung einer engen Seele.</p>
-
-<p>Ob sie auf der Bühne überhaupt jemals davon loskam?</p>
-
-<p>Die scheue Reinheit ihrer Mutter lebte in ihr auf. &ndash; Angst und Zorn
-verflogen indes wieder. Sie schloß die Augen, lauschte den Klängen und
-fühlte sich bald wunschlos glücklich&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Gegen elf Uhr war sie daheim. Die alte Pauline saß noch vor dem
-aufgeschlagenen Bibelbuch auf der Diele. Eva begann zu schelten:</p>
-
-<p>„Sie sollten längst zur Ruhe sein, Pauline! Die letzten beiden Tage
-waren ohnehin viel zu anstrengend für Sie!“</p>
-
-<p>„Ich hätte heute doch nicht schlafen können, Fräuleinchen. Meine
-Gedanken springen zu wild.“</p>
-
-<p>„Sie ängstigen sich natürlich um unsere liebe Herrin, nicht wahr?“</p>
-
-<p>Die Alte nickte kummervoll.</p>
-
-<p>„Seit ein paar Stunden sehe ich überall ihr Gesicht und das sieht aus,
-als wenn sie unzufrieden mit uns wäre. &ndash; Wir hätten sie doch nicht
-weglassen dürfen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[S.&nbsp;76]</span></p>
-
-<p>„Was wollten wir dagegen machen, Pauline? Sie hielten ja selbst jede
-Gegenmaßregel für umsonst.“</p>
-
-<p>„Man hätte hinter ihrem Rücken zu Herrn Justizrat schicken müssen.“</p>
-
-<p>„Haben Sie vergessen, daß der mit hohem Fieber zu Bett liegt?“</p>
-
-<p>„Schreiben hätte er ihr wohl können.“</p>
-
-<p>„Quälen Sie sich nicht länger. Morgen früh werden wir eine Karte haben,
-die uns erzählt, daß sie uns gar nicht nötig hat. Oder &ndash; vielleicht
-telegraphiert sie uns sogar ihre glückliche Ankunft.“</p>
-
-<p>„Wenn ihr unterwegs was passiert wäre, Fräuleinchen.“</p>
-
-<p>„Sie sind schrecklich, Pauline. Ich werde nun auch keine Ruhe finden
-können.“</p>
-
-<p>Die Treue malte sich mit selbstquälerischer Gründlichkeit allerhand
-furchtbare Möglichkeiten aus.</p>
-
-<p>„Denken Sie doch, wenn sie ihren Herzkrampf bekäme und Niemand wüßte,
-wer sie wäre und wohin sie gehörte.“</p>
-
-<p>„Darüber beruhigen Sie sich. Ihr Handtäschchen enthält ihre genaue
-Adresse. Darunter steht mein Name mit der Bemerkung, daß jede
-Mitteilung an mich zu richten wäre.“</p>
-
-<p>„Verlangte sie das ausdrücklich, Fräuleinchen?“</p>
-
-<p>„Natürlich. &ndash; Sie wissen ja, wie gut sie alles bedenkt.“</p>
-
-<p>„Wenn das nur kein trauriges Vorzeichen ist. &ndash; Sie hat gewiß schon
-irgend eine schwere Ahnung gehabt.“</p>
-
-<p>„Nein, Pauline. Auch die gesundesten Vorsichtigen unterlassen so etwas
-nicht. Ich selbst reise niemals, ohne meine ausführliche Adresse vorher
-aufzuschreiben.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[S.&nbsp;77]</span></p>
-
-<p>„Mir wär sowas graulig. Gerade, als hätte man nur so auf das größeste
-Unglück gewartet. &ndash; Hören Sie die Eule schreien, Fräuleinchen?“</p>
-
-<p>„Das tut sie bereits seit einigen Wochen um diese Zeit, Pauline.“</p>
-
-<p>„Ich höre sie heute wirklich zum ersten Mal. Wir nannten sie zu Hause
-den Totenvogel und zogen uns die schweren Federbetten über die Nase,
-weil wir uns fürchteten. &ndash; Wenns doch bloß erst morgen wär.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried wurde ungeduldig. In ihren Nerven schwang sich noch das
-Gold der Töne. Alles andere versank in einen Abgrund, um vielleicht am
-nächsten Tage, wenn die Sonne hell darüber schien, wieder bestimmte
-Form zu gewinnen.</p>
-
-<p>„Gute Nacht, Pauline,“ sagte sie. „Ich bin rechtschaffen müde.
-Gehen Sie endlich auch zur Ruhe. Dann wird sich Ihr Wunsch auf dem
-schnellsten und natürlichsten Wege erfüllen.“</p>
-
-<p>Das alte Mädchen konnte sich nicht dazu entschließen. Sie saß und
-betete immer die gleichen Worte aus dem frommen Lied ihrer Kindheit:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Alle Menschen groß und klein</div>
- <div class="verse indent2">Sollen Dir befohlen sein!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Endlich bewegten sich die welken Lippen nur noch mechanisch. Der Kopf
-sank schwer auf die Brust herab. Sie träumte, daß ihre gute Frau
-Präsident ungeduldig nach ihr klingele und fuhr mit einem lauten Schrei
-aus dem unruhigen Schlaf empor.</p>
-
-<p>&ndash; &ndash; Eva von Ostrieds tiefe, gleichmäßige Atemzüge bewiesen
-sehr schnell, daß Sorge, Gedanken und Freude in<span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[S.&nbsp;78]</span> dem Schlummer
-beneidenswerter Jugend ausruhten. Sie vernahm nichts von dem
-anhaltenden Schrillen der kleinen Glocke an der Gartenpforte. Erst das
-Klopfen an die eigene Tür ließ sie auffahren.</p>
-
-<p>Die alte Pauline stand, mit einem Telegramm in der Hand, vor ihr. Und
-sie riß &ndash; nun auch von einem sonderbar kalten Gefühl gepackt &ndash; die
-blaue Verschlußmarke in der Mitte durch&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_078_ende">
- <img class="w100" src="images/i_078_ende.jpg" alt="Kapitel 3, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[S.&nbsp;79]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_079_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_030_kopf.jpg" alt="Kapitel 4, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_4">4.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">E</span>s war &ndash; doch &ndash; nicht möglich!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Jeder Blutstropfen wich aus Eva von Ostrieds Gesicht. Ein eiserner
-Reif schien sich um Brust und Schläfe zu pressen. Sie stand plötzlich
-in der Mitte des Zimmers, suchte nach ihren Kleidern und fand nichts,
-als das Flimmern des Mondes, der überall seine Silbermünzen aufzählte.
-Ihre Glieder begannen so stark zu zittern, daß sie kraftlos auf einen
-Stuhle sank und den einzigen Wunsch hatte, die Hände der alten Pauline
-zu fassen, damit dies entsetzliche Grauen vor ihr wiche.</p>
-
-<p>Das alte Mädchen starrte auf das Telegramm, das zu Boden geglitten
-war. Die helle Nacht durchleuchtete jeden Winkel mit jenen silbernen
-Schlafenstunden, von denen die Präsidentin behauptete, daß sie auch den
-unruhvollsten Seelen den Frieden schenkten. Eine Ahnung, zu grauenvoll,
-um zu Ende gedacht zu werden, erschütterte die beiden Menschen.</p>
-
-<p>Da löste sich der Krampf eisiger Kälte in Eva von Ostrieds Seele in
-einem Schrei auf. Die Hände der alten Pauline tasteten das Blatt vom
-Boden empor. Mühsam buchstabierte sie Wort um Wort:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Dame mit Ausweis Präsident Hanna Melchers, Grunewald und Ihrer
-Adresse soeben in Wartesaal<span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a><span class="s4">[S.&nbsp;80]</span></span> 2. Klasse Herzschlag erlegen. Leiche
-zur hiesigen Halle überführt.</p>
-
-<p class="right mright2">Belgard a. Persante.<br />
-Bahnhofsdirektion.</p>
-
-</div>
-
-<p>&ndash; &ndash; Es war immer noch Nacht. Das Warten auf das erste Morgengrauen
-wurde unerträglich. Auf dem Tisch aus heller Birke lag das Kursbuch,
-das Eva vergessen hatte, in die Handtasche der Präsidentin zu legen. Es
-war noch aufgeschlagen. Trotzdem fand sie nicht, was sie suchte.</p>
-
-<p>Und man mußte doch zu ihr!</p>
-
-<p>Sie saßen dicht beieinander und schwiegen. Nur einmal flüsterte die
-alte Pauline:</p>
-
-<p>„Sie wird auch wohl dies längst bedacht haben. Der Justizrat weiß
-sicher mit allem Bescheid.“</p>
-
-<p>Nun warteten sie darauf, daß man endlich einen Kranken, dessen
-Nachtruhe nicht gestört werden durfte, um Rat fragen konnte. &ndash; Sobald
-im Osten der erste rosige Streifen den Morgen ankündigte, telephonierte
-Eva von Ostried in seine Privatwohnung. Er antwortete ihr selbst. In
-seiner Stimme war weder Entsetzen noch Staunen, als er es gehört hatte.</p>
-
-<p>„Sie haben alles zur Reise nach Belgard vorbereitet, Fräulein von
-Ostried? Das war überflüssig! Ich fahre selbst. Und zwar &ndash; warten Sie
-mal &ndash; so &ndash; ich hab’s schon &ndash; mit dem Vormittagszuge um 9 Uhr. Alles
-weitere später. Ich werde Ihnen von dort Nachricht geben.“</p>
-
-<p>Eva wagte eine Einrede.</p>
-
-<p>„Sie sind sicher noch krank, Herr Justizrat. Wird es Ihr Arzt
-erlauben?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[S.&nbsp;81]</span></p>
-
-<p>Kurz und klar tönte seine Erwiderung:</p>
-
-<p>„Ich habe ihr dies versprochen, denn sie hat mit ihrem unerwarteten
-Tode stets gerechnet. Sie beide halten sich natürlich zu Hause, damit
-Sie jederzeit meine Nachricht sofort trifft.“&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nun galt es wiederum zu warten!</p>
-
-<p>Eva saß zusammengekauert an dem Platz, von dem aus sie der Präsidentin
-deren Lieblingslieder gesungen hatte. Auf dem Flügel stand noch das
-Solveiglied von gestern.. Und durch das Entsetzen schlich sich die
-Ahnung, daß sie jetzt ganz frei war.</p>
-
-<p>Sie schämte sich, weil sie daran zu denken vermochte. Der Weg zur
-Kunst lag lockend vor ihr. Ihre Seele war sehnsüchtig und weich wie
-nie zuvor. Die scheue Ahnung wuchs schnell zur freudigen Gewißheit &ndash;
-und bepflanzte ihren Weg mit köstlichen Blumen. &ndash; Sie dachte innig an
-die Tote und konnte doch bereits wieder das fordernde &ndash; schöne Leben
-fühlen.</p>
-
-<p>Dagegen half keine heiß aufwallende Scham. &ndash; Die Zukunft war rosenrot.
-&ndash; Das stille Gesicht der Toten mußte kalt und wachsbleich sein.
-&ndash; Eine neue Empfindung überkam sie. Wie sie wähnte, ganz rein und
-frei von allem Irdischen. &ndash; Sie wurde davon vor dem Bild, das die
-Präsidentin als junge Frau darstellte, auf die Knie gezwungen. &ndash;
-Das kluge, gütige Antlitz erschien ihr wie das eines Vergebung und
-Verstehen auf sie herablächelnden Engels. Niemals glaubte sie die
-mütterliche Frau mehr geliebt und verehrt zu haben, wie in diesen
-Augenblicken!</p>
-
-<p>Die Empfindung stärkster Dankbarkeit löste ihr auch die ersten Tränen
-aus. Daß sie fortan frei und unabhängig sein<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[S.&nbsp;82]</span> durfte &ndash; fern ab von
-der grausamen Not, die der Alltag bringen kann &ndash; das war das Werk
-der Toten, von dem sie erst, als bestimmt beabsichtigt, in Oeynhausen
-Kenntnis erhielt. &ndash; Während ihre Tränen unaufhaltsam rieselten, hörte
-sie Melodien, von denen kein anderes Ohr einen Laut vernehmen konnte.
-Und ahnte nicht, wie sehr sie &ndash; mit diesem Ausdruck der Reinheit und
-Entrücktheit &ndash; ihrer verstorbenen Mutter glich. Nur, daß jene allzeit
-ihre reiche Begabung vor fremden Augen wie ein köstliches Geheimnis
-verborgen gehalten, während ihre Tochter nach Anerkennung und Ruhm
-fieberte.</p>
-
-<p>&ndash; &ndash; Die Schrecken des Todes waren überwunden. &ndash; Der goldene Traum
-vom Leben war zu schön. &ndash; Der ausdrückliche Wunsch der Präsidentin,
-neben dem Gatten, der in der Waldesruhe des Stahnsdorfer Friedhofes
-schlief, beigesetzt zu werden, hatte sich erfüllt. Die kleine, würdige
-Feier, von welcher &ndash; ebenfalls nach der Bestimmung der Verblichenen
-ihren Bekannten erst am folgenden Tage Kenntnis gegeben werden durfte,
-war vorüber. Justizrat Weißgerber, noch blaß und matt von der kaum
-überstandenen Erkrankung, saß vor dem Schreibtisch der Präsidentin und
-hatte beide Hände auf die Schriftstücke gelegt, die er &ndash; nach ihrer
-Bitte &ndash; zur gründlichen Durchsicht mit in sein Heim nehmen wollte.</p>
-
-<p>„Nun sollen Sie auch endlich näheres über ihre letzte Stunde hören,
-Fräulein von Ostried,“ sagte er dabei zu Eva. „Ich mußte mich
-gestern kurz fassen. Die Zeit war karg bemessen. &ndash; Sie wissen,
-daß sie einen ungefähr einstündigen Aufenthalt in diesem kleinen
-pommerschen Städtchen nehmen mußte. Kellner und Wirt berichteten<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[S.&nbsp;83]</span> mir
-übereinstimmend davon. Zuerst hat sie eifrig geschrieben, wie sie das
-auf Reisen gern tat. Wir sprachen einmal über diese ihre Angewohnheit.
-Sie meinte, mancherlei Vergessenes und Versäumtes käme auf diese Weise
-bei ihr zu seinem Recht. Briefe und Karten behaupteten freilich die
-Beiden hinterher nicht aufgefunden zu haben. Aber, sie kann ja auch
-das Geschriebene noch selbst in den Kasten gesteckt haben. Entfernt
-soll sie sich jedenfalls auf wenige Minuten haben. Kurz darauf hat sie
-einen leichten Herzkrampf gehabt. Die Frau des Bahnhofswirts hat ihr
-beigestanden und ihr auch eins ihrer Eigenzimmer zum Ausruhn angeboten.
-Das lehnte sie indessen ab. Nur ein Glas starken Weines soll sie sehr
-hastig getrunken haben. Offensichtlich tat ihr das wohl, denn sie hat
-bald darauf den Hilfreichen in ihrer uns zur Genüge bekannten gütigen
-Art gedankt und dem Kellner ein sehr reiches Trinkgeld gegeben, obschon
-sie noch eine kleine halbe Stunde bleiben mußte. Wenig später hat sich
-der Anfall wiederholt. &ndash; Der Arzt wurde gerufen und hat nur noch ihren
-Tod feststellen können. Das andere wissen Sie ja.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried tat mit zuckenden Lippen eine Frage:</p>
-
-<p>„Ob sie wohl noch &ndash; sehr &ndash; gelitten hat.“ &ndash; Das Staunen über das,
-was der Jugend unfaßbar grausam erscheint, durchfror sie von neuem.</p>
-
-<p>Der Justizrat schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>„Sie hätten den Ausdruck des Friedens sehen müssen, der auf ihrem
-Gesicht lag.“ &ndash; Dann fragte er und in seiner Stimme war ein Klang von
-Neugier:</p>
-
-<p>„Warum mochten Sie übrigens nicht neben Pauline sein, als der Sarg hier
-noch einmal geöffnet wurde, wie sie<span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[S.&nbsp;84]</span> auch dies erlaubt hatte, wenn
-einer von Ihnen den Wunsch danach äußerte?“</p>
-
-<p>Eva von Ostried zögerte mit der Antwort.</p>
-
-<p>„Ich habe meinen toten Vater gesehen &ndash;“ Es klang wie das Geständnis
-von schwer überwundenem Grausen.</p>
-
-<p>„Ich glaube wohl, daß es kaum noch Jemand mit einem so geringen
-Schuldkonto, wie sie es hatte, geben kann,“ meinte er sinnend.</p>
-
-<p>„Sie sind überzeugt, daß der Friede in ihren Zügen daher gekommen sei?“</p>
-
-<p>„Ja &ndash; das bin ich voll und ganz!“</p>
-
-<p>„Wie grausam ist auch dies. Das Leben lassen und alle Schuld &ndash;
-zusammengedrängt &ndash; in letzter Stunde empfinden und bereuen zu müssen,“
-sagte sie schaudernd und dachte dabei wiederum an ihren Vater, dessen
-Qual nicht zu Ende hatte kommen können.</p>
-
-<p>Er zuckte mitleidslos die Schultern.</p>
-
-<p>„Einmal rächt sich eben alles! &ndash; Das ist der Trost von uns Juristen,
-wenn wir lediglich mit dem Beweis unserer starken Ueberzeugung belasten
-können. &ndash; Nun muß ich aber zu meiner Arbeit. Mein Bürovorsteher ist
-verzweifelt. Stöße von Akten warten auf mich.“</p>
-
-<p>Sie hielt ihn nicht zurück, obgleich ihr schwere Fragen auf den Lippen
-brannten. An der Schwelle wandte er noch einmal den Kopf nach ihr.</p>
-
-<p>„Sie hatte mich schon vor Jahresfrist gebeten, nach ihrem Tode
-möglichst unverzüglich den Antrag auf Eröffnung ihres Testaments zu
-stellen. Ich habe es also bereits veranlaßt. In ein paar Tagen hoffe
-ich, wird auch Ihnen Nachricht zugehen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[S.&nbsp;85]</span></p>
-
-<p>„Fräulein von Ostried, ich weiß nichts näheres, als daß sie sich
-mit der Absicht getragen hat, Ihnen in jeder Beziehung die Wege zu
-ebnen. Vielleicht wollte sie es mit mir an Ihrem letzten Geburtstag
-durchsprechen. Vielleicht erschien es so einfach, daß sie hierfür
-meinen Rat nicht brauchte. &ndash; Jedenfalls &ndash; machen Sie sich keinerlei
-Zukunftssorgen. Nicht wahr, Sie werden dann doch sofort mit aller Kraft
-Ihre Studien fortsetzen?“</p>
-
-<p>„Ja, Herr Justizrat, das beabsichtige ich zu tun &ndash; denn auch mir hat
-sie in Oeynhausen von dieser Absicht gesagt.“</p>
-
-<p>„Wohin Sie sich zunächst wenden &ndash; ob Sie, einer Bestimmung gemäß, noch
-in diesem Haus bleiben oder ob sie andere Wünsche gehabt hat &ndash; nun,
-wir werden ja bald alles hören. &ndash; Jedenfalls schon heute das eine,
-jederzeit bin ich für Sie da. Ich weiß, wie nahe Sie ihr standen.“ Und
-Eva von Ostried empfand es als ein unsagbares Glück, daß sie diese
-edle, gütige Frau wie eine Tochter geliebt hatte.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Vier Tage später kam die alte Pauline mit einem geöffneten Schreiben
-zu Eva von Ostried. Ihr Gesicht zeigte einen hilflosen und verlegenen
-Ausdruck, als sie ihr den großen Bogen hinreichte.</p>
-
-<p>„Bitte, lesen Sie sich das auch mal durch. Ich versteh’s nicht
-ordentlich. Damit muß doch eine andere als ich gemeint sein.“</p>
-
-<p>Eva tat ihr den Gefallen und nickte ihr am Schluß freundlich zu.</p>
-
-<p>„Es stimmt alles, Pauline. Sie sind nun reich!“</p>
-
-<p>Da begann das alte Mädchen bitterlich zu weinen. Und unter Tränen stieß
-sie heraus:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[S.&nbsp;86]</span></p>
-
-<p>„Mir ist so angst. &ndash; Nein, nein, Fräuleinchen &ndash; ich glaube nicht &ndash;“</p>
-
-<p>„Ich will es Ihnen langsam vorlesen, Pauline. Hören Sie zu. Dann klingt
-es wahrscheinlicher.“</p>
-
-<p>Sie stand mit andächtig gefaltenen Händen neben Eva von Ostried.</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>In dem vorschriftsmäßig eröffneten Testament der verstorbenen Frau
-Hanna Melchers, verwitwete Landgerichtspräsident, fand sich die
-folgende Bestimmung, von der wir Ihnen hiermit Kenntnis geben:</p>
-
-<p>„Ich bestimme ferner, daß meine gute Pauline Müller, in dankbarer
-Anerkennung ihrer nahezu dreißigjährigen mir treu geleisteten
-Dienste bis zu ihrem Tode aus meinem Nachlaß monatlich die Summe
-von einhundert und fünfzig Mark erhält. Außerdem soll sie sich nach
-Ihrer Wahl die Möbelstücke für zwei Stuben aussuchen und alles
-dasjenige an Wäsche und Kleidern, was ihr zu besitzen wünschenswert
-erscheint.</p>
-
-<p>Mein Testamentsvollstrecker und Freund, Justizrat Dr. Weißgerber,
-möge freundlichst bei dieser Wahl an einem von ihm zu bestimmenden
-Tage zugegen sein &ndash;“</p>
-
-</div>
-
-<p>Das alte Mädchen regte sich noch immer nicht. Sie war sehr rot und
-ihre Hände zitterten, trotzdem sie sie fest zusammengelegt hatte. Sie
-nahm langsam das Schreiben wieder an sich. Ihre Blicke suchten eine
-bestimmte Zeile, die ihr die wichtigste erschien. &ndash; Schwerfällig
-buchstabierte sie, während ihr die Tränen über die Wangen liefen:</p>
-
-<p>&ndash; Meine gute Pauline Müller&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>&ndash; Eva von Ostried harrte seither einer ähnlichen Mitteilung. Sie war
-erstaunt, daß sie nicht mit der gleichen<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[S.&nbsp;87]</span> Post ebenfalls die amtliche
-Benachrichtigung empfangen hatte. Als der zweite Tag ereignislos zu
-Ende ging, wollte sie sich an den Justizrat wenden. Aber &ndash; schon zum
-Ausgehen bereit &ndash; empfand sie etwas wie Scham über ihre Ungeduld. Die
-Präsidentin hatte das Nichterfüllen von Versprechungen allzeit hart
-verurteilt. &ndash; Wie durfte sie auch nur einen Augenblick Zweifel hegen?
-Der nächste Tag &ndash; ja, vielleicht bereits die kommende Stunde &ndash; würden
-auch sie beglücken.</p>
-
-<p>Mit fieberhafter Ungeduld widmete sie sich dem Aufräumen der Zimmer.
-Obgleich es ihr selbst sinnlos erschien, säuberte sie mit einer ihr
-sonst fremden, peinlichen Gründlichkeit jeden Winkel und vermied dabei
-dem Gedanken, der ihr wie ein Wahnsinn erschien, Raum zu geben.</p>
-
-<p>In der Nacht fand sie keinen Schlaf. Die Eule schrie wieder. &ndash; Der
-Totenvogel, wie ihn die alte Pauline genannt hatte.</p>
-
-<p>Was aber konnte ihr noch Lebendiges geraubt werden?</p>
-
-<p>Das eine, große, letzte Hoffen, auf welches sich ihr Leben aufbauen
-sollte. Es duldete sie nicht länger im Bett. Sie erhob sich und riß die
-Fenster auf. Noch immer war Vollmond und silbernes Leuchten.</p>
-
-<p>Wenn ihr die Präsidentin jenes Hintergehen in Oeynhausen doch nicht
-vergeben hätte &ndash; wenn sie erst noch abwarten wollte &ndash; und wartete &ndash;
-bis &ndash; es &ndash; nun &ndash; zu spät geworden?</p>
-
-<p>Sie sank am Fenster nieder und kühlte die heißen, zuckenden Finger am
-Glas der Scheiben. Das brachte sie zur Besinnung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[S.&nbsp;88]</span></p>
-
-<p>&ndash; Es waren Hirngespinste schlafloser Stunden &ndash; ohne Berechtigung. Ja
-mehr. &ndash; Eine Beleidigung für die Beste und Fürsorglichste, die niemals
-etwas Beschlossenes versäumt hatte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie begab sich wieder zur Ruhe und schlief nun traumlos und sanft, bis
-Pauline sie weckte.</p>
-
-<p>„Stehen Sie schnell auf, Fräuleinchen. Herr Justizrat ist da und will
-mit Ihnen reden.“</p>
-
-<p>Das kluge Gesicht des alten Juristen zeigte eine fremde Unsicherheit,
-als Eva von Ostried ihm gegenüberstand.</p>
-
-<p>„Wundern Sie sich nicht über mein frühes Erscheinen,“ versuchte er sich
-zu entschuldigen. „Ich hätte ebenso gut bereits gestern um diese Zeit
-bei Ihnen sein können. Aber, es war mir zu unfaßbar. Ich konnte und
-wollte es nicht glauben.“</p>
-
-<p>In ihr regte sich das Angstgefühl der verflossenen Nacht von neuem.</p>
-
-<p>„Was ist geschehen, Herr Justizrat?“ Er zögerte mit der Antwort.</p>
-
-<p>„Das Testament, wissen Sie &ndash;“ Er sah, wie sie erblaßte. Das gab ihm
-die Sicherheit zurück. „Ich habe vorgestern noch einmal darin Einsicht
-genommen. Es war mir freilich längst bekannt. Nach Besprechung mit Frau
-Präsident hatte ich es aufgesetzt. Ich erwartete aber einen noch nicht
-dem Wortlaut nach gesehenen Nachtrag &ndash; in Form eines Zettels oder
-meinetwegen eines Briefes. &ndash; Denn, es ruht noch nicht sehr lange beim
-zuständigen Amtsgericht. &ndash; Ich fand nichts. &ndash; Kurz &ndash; Sie sind darin
-nicht bedacht, Fräulein von Ostried.“ Eine Weile wartete er geduldig
-auf eine Entgegnung. Sie schwieg. Er hatte die<span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[S.&nbsp;89]</span> starke Empfindung, daß
-er ihr darüber forthelfen müsse, ohne indes das rechte Mittel zu kennen.</p>
-
-<p>„Ich habe Ihnen bereits gestern angedeutet, was ich aus ihrem Munde
-weiß. Eine harmlose Bemerkung allein ist das nicht gewesen. Sie bat
-mich damals auch, daß ich Ihnen zur Seite stehen möchte, wenn sie nicht
-mehr dazu imstande wäre. &ndash; Was anders kann sie gemeint haben, als
-daß ich Sie auch bei Anlegung des von ihr Ererbten beraten möge? &ndash;
-Meine Erkrankung &ndash; die Unmöglichkeit an dem Fest Ihrer Volljährigkeit
-zugegen zu sein. &ndash; Vielleicht ihre Reise. &ndash; Ja, das alles kann
-dazwischen gekommen sein. Und dennoch glaube ich auch jetzt an kein
-Aufschieben. &ndash; Ich sage da vielleicht etwas Sinnloses. &ndash; Ich müßte
-es eingesehen haben, daß irgend ein Zufall &ndash; sie an der Ausführung
-gehindert hat. &ndash; Gestern zog ich das noch überhaupt nicht in Betracht.
-Ich war sicher, daß sich unter den von mir aus ihrem Schreibtisch
-entnommenen Schriften eine Bestimmung zu Ihren Gunsten vorfinden mußte
-&ndash;“</p>
-
-<p>Eva von Ostried hob den Blick. Ein entsetztes Fragen, das ihm ans Herz
-griff, lag darin.</p>
-
-<p>„Und Sie &ndash; fanden &ndash; es endlich?“ Die Kehle war ihm wie eingerostet.</p>
-
-<p>All diese Tausende und Abertausende &ndash; Heime und Stiftungen bekamen
-sie &ndash; gänzlich fremde, wenn auch bedürftige Menschen. Und diese hier
-&ndash; die sie geliebt, an der sie sich erfreut hatte &ndash; die sollte leer
-ausgehen?</p>
-
-<p>Er riß sich zusammen. Es mußte doch geschehen.</p>
-
-<p>„Nein, ich fand nichts, Fräulein von Ostried.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[S.&nbsp;90]</span></p>
-
-<p>Sie stand mit schlaff herabhängenden Armen vor ihm. Allmählich
-veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichts und wurde schreckhaft
-starr, als sähe sie ein Gespenst. &ndash; Es war die Zeit, der sie
-entgegenging. &ndash; Schwer hing sich die Freudlosigkeit an ihre Glieder
-und machte ihre blühende Jugend frühzeitig welk und alt. Alles Hoffen
-versank mit diesem Schlag.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da war ein schnurgerader, sandiger Weg mit ungezählten spitzen Steinen.
-Den mußte sie gehen, weil es nach diesem keinen andern für sie gab. &ndash;
-Er tat sehr weh. &ndash; Aber nur ihr Blut floß. Das Leben blieb.</p>
-
-<p>Sie wimmerte auf und wußte doch nichts davon. Dem alten Mann griff es
-ans Herz. Das lichte Bild seiner Freundin wollte sich verdunkeln.</p>
-
-<p>„Wenn ich ihr doch helfen könnte,“ dachte er grimmig.</p>
-
-<p>„Ich habe trotz meiner großen Einnahmen auch nur gerade so viel, als
-ich für mich und meine fünf Töchter brauche,“ sagte er in einem Ton,
-als schäme er sich dieser Wahrheit. „Sie wissen es durch unsere Tote.
-&ndash; Meinen beiden verwitweten Töchtern gebe ich die gesamten Mittel zur
-Fortführung ihres kinderreichen Haushalts &ndash; sonst &ndash;“</p>
-
-<p>Sie hörte nur dies letzte Wort, das bedauerte, keine Almosen spenden zu
-können. Sie mußte also wie eine Bettlerin vor ihm stehen. Sonst hätte
-er das nicht zu sagen gewagt. &ndash; Ihre Muskeln spannten sich langsam an.
-Ihre Augen wurden stahlhart. Sie fühlte alle Peitschenhiebe, mit denen
-der Alltag ihrer wartete, voraus und bäumte sich dagegen auf.</p>
-
-<p>„Ich besitze eigenes Vermögen, das mir der frühere Vormund durch Frau
-Präsident aushändigen ließ,“ sagte sie<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[S.&nbsp;91]</span> hochmütig. Eine Last glitt von
-seiner Brust. Sie hörte ihn aufatmen und mußte lächeln, weil er ihren
-Stolz so willig glaubte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>„Gottlob &ndash; dann ist es ja doch nicht so hart, wie ich gefürchtet habe.“</p>
-
-<p>„Durchaus nicht. Keine Sorge um meine Zukunft, Herr Justizrat!“</p>
-
-<p>„Sie werden sich aber stets an mich wenden, wenn Sie irgend einen Rat
-gebrauchen sollten.“</p>
-
-<p>„Sehr gütig von Ihnen. Hoffen wir, daß ich in keinerlei böse Lagen
-gerate &ndash;“ Ihre sonst melodische Stimme klang fast schrill. Ihr Lächeln
-wirkte maskenhaft. Er fuhr mit dem Taschentuch über die hohe, kahle
-Stirn. „Ich möchte noch gleich mit der alten Pauline wegen der von ihr
-zu wählenden Sachen verhandeln &ndash;“</p>
-
-<p>Pauline war eigensinnig. Sie mochte von all den schönen, vielfarbenen
-Seidenkleidern der Präsidentin nur eins. &ndash; Und gerade das unmodernste
-und älteste, worin sie gestorben war.</p>
-
-<p>„Anziehen werd’ ich’s natürlich nie,“ meinte sie, von neuem aufweinend,
-„denn sie hat’s noch mehr in Ehren gehalten, wie ihre andern &ndash;“</p>
-
-<p>&ndash; &ndash; Eva von Ostried kniete vor der altertümlichen Kommode und raffte
-ihre Habseligkeiten zusammen. Ohne Ueberlegung warf sie alles in
-einen großen, sehr neu aussehenden Koffer. Die fieberhafte Ungeduld,
-möglichst schnell aus diesem Hause fortzukommen, trieb sie zur Eile.</p>
-
-<p>Sie wollte keinen Bissen Gnadenbrot weiter annehmen, keine Bettelgabe
-begehren. Während sie sich das stolz und trotzig vornahm, fiel ihr
-Blick auf das, was ihr gehörte.<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[S.&nbsp;92]</span> Eine glühende Röte überzog ihr
-Gesicht. Wozu spielte sie Versteck mit sich? War nicht alles, was sie
-besaß durch die Güte der Verstorbenen geschaffen? Hatten ihr nicht
-deren zarte Geschenke und das liebevolle Erspähen ihrer geheimsten
-Wünsche alles beschert? Was blieb ihr, wenn sie darauf freiwillig
-Verzicht leistete? &ndash; Das Gefühl ihrer Ohnmacht gegenüber dieser
-Tatsache war so stark, daß sie nicht weiter schaffen konnte. Entsagung
-&ndash; Kampf und Armut lauerten überall auf sie als willkommene Beute. Denn
-was bedeuteten die armseligen tausend Mark Muttererbe?</p>
-
-<p>Sie mußte auflachen. Es klang grell und schaurig in diesem hellen,
-freundlichen Mädchenstübchen. &ndash; Die Tränen schossen ihr in die
-Augen. Das weitere Leben war wertlos geworden. &ndash; Und dennoch &ndash; es
-fortwerfen, weil der goldene Traum der Künstlerhoffnung verwehrt war?</p>
-
-<p>Unmöglich! In den Adern pochte die Jugend. Allein die Vorstellung,
-sterben zu müssen, schuf schon ein wildes Wehren dagegen.</p>
-
-<p>Der sandige Weg mit den spitzen Steinen würde beschritten und &ndash; zu
-Ende gelaufen werden! &ndash; Ohne die geliebte Kunst!</p>
-
-<p>War das überhaupt auszudenken? &ndash; Täglich fremden Launen zu dienen,
-stündlich Nadelstiche zu erdulden, bis alles Empfinden tot war?
-Amtsrat Wullenweber fiel ihr ein. Wenn sie ihn bitten würde? &ndash; Es
-war Wahnsinn mit diesem Gedanken auch nur zu spielen. &ndash; Auch Ralf
-Kurtzig, der alternde Meister, konnte ihr nicht helfen. Sie wußte durch
-die Präsidentin, daß er wohl Reichtümer eingeheimst, aber niemals
-aufzuspeichern verstanden hatte.<span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[S.&nbsp;93]</span> Und ihr Studium war teuer. &ndash; Die
-ersten Lehrkräfte waren notwendig. Die Weiterbildung auch des Gehörs
-durch den Besuch der besten Konzerte blieb Erfordernis. &ndash; Gute und
-nahrhafte Kost, anständige Kleidung mußten auch sein &ndash; &ndash; Sie hatte
-erlebt, wie das Geld unter den Fingern zerrann.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie wollte alles begraben! &ndash; Als sie meinte, daß mit diesem Vorsatz
-das Hauptsächlichste geschehen war, packten sie Verzweiflung und Jammer
-so heftig, daß sie aufschrie und sich über ihre Noten warf...</p>
-
-<p>Und doch &ndash; wenn nur der erste Schritt getan war!</p>
-
-<p>Sie wurde nachdenklich &ndash; vergaß die begonnene Arbeit, riß den Hut
-vom Haken und drückte ihn auf das Haar. &ndash; Wenn sie hier fort wollte,
-mußte ein neuer Unterschlupf gefunden werden. &ndash; Und fort wollte sie.
-Je früher, desto besser. &ndash; Im Laufschritt eilte sie die breite, stille
-Straße hinunter. &ndash; Wollte zu der Zweigniederlassung der von der
-Präsidentin bisher gelesenen Zeitung, um ein Gesuch nach einer Stellung
-aufzugeben &ndash; vergaß dann aber sofort wieder diesen Vorsatz und eilte
-gedankenlos weiter, den wundervollen, schattigen Plätzen entgegen, an
-denen die prunkvollen Häuser der glücklichen Besitzer lagen.</p>
-
-<p>Die Welt war klar, satt und durstlos. An stillen Seitenstraßen schienen
-die jungen Buchen zu bluten, als verschenkten sie freudig ihren
-Lebenssaft. Unbeschreibliche Sehnsucht nach einem Menschen, der sie in
-dieser Stunde haltloser Verzweiflung voll verstehen könnte, überkam Eva
-von Ostried. Sie wußte sich Niemand!</p>
-
-<p>Ihre Schönheit hatte zu allen Zeiten glühende Bewunderer gefunden.
-Aber sie kannte sich selbst noch zu wenig,<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[S.&nbsp;94]</span> um schon zu wissen, daß
-sich lediglich ihre stark entwickelte Eitelkeit durch die unverhüllten
-Blicke der Leidenschaft befriedigt gefühlt.</p>
-
-<p>Wäre es anders gewesen, hätte sie damals unmöglich Paul Karlsens
-gestohlene Zärtlichkeit als eine unerhörte Beleidigung empfinden
-können. Ihr Herz war bisher völlig unberührt geblieben. Ihre
-Frauensehnsucht suchte indessen unbewußt &ndash; an den lauten Huldigungen
-vorbei &ndash; nach den stillen Gassen, die zu dem Tempel reiner Liebe
-führen.</p>
-
-<p>Und dennoch sträubte sie sich heftig gegen die Zumutung, die Krone des
-Frauendaseins einzig in der Ehe mit einem Manne zu suchen.</p>
-
-<p>Plötzlich verlangsamten sich ihre Schritte. Lauschend neigte sich der
-Kopf. Rächten sich die Stunden der Aufregung und gaukelten ihr Töne vor
-aus jener Welt, die ihr von heute an verschlossen war. Oder gehörte die
-jauchzende Stimme hinter ihrem Rücken der Wirklichkeit an?</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Ach, daß die Seele Dein meiner Seele sich eine,</div>
- <div class="verse indent2">Du teures Kind, laß mich Deine Augen sehn.</div>
- <div class="verse indent2">In diesem weißen Kleid, mit diesem Heiligenscheine</div>
- <div class="verse indent2">Bist Du ein Engel aus Himmelshöhen.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Sie wollte dem wohlbekannten Liebeswerben Wilhelms entfliehen, stürzte
-weiter und stand doch im nächsten Augenblick durch den lockenden Ruf
-bezwungen, wie gebannt still.</p>
-
-<p>Zwei Hände rissen die ihren, die kalt und matt gewesen, an sich.</p>
-
-<p>„Kleine, süße Mignon, endlich sehen wir uns wieder.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[S.&nbsp;95]</span></p>
-
-<p>Paul Karlsen war an ihrer Seite und sie ließ ihn nicht ihre Verachtung
-spüren. &ndash; Alles lag weit hinter ihr! Wie eines wirren Traumes, den ein
-Kind gehabt und sich ganz falsch gedeutet hatte, gedachte sie flüchtig
-seines Kusses.</p>
-
-<p>Er hatte ihre Hände freigegeben und schritt ruhig neben ihr dahin.</p>
-
-<p>„Wohin wollen Sie, Fräulein von Ostried?“ Das klang durchaus korrekt
-und brachte ihr einen Strom zuversichtlicher Hoffnung.</p>
-
-<p>„Wenn ich das selbst wüßte,“ entgegnete sie leise. Er betrachtete sie
-aufmerksam und schob sich ein wenig an sie heran.</p>
-
-<p>„Fronen Sie nicht mehr bei Ihrer alten Dame, hinter deren Stuhl ich Sie
-oft genug &ndash; zähneknirschend &ndash; sehen mußte?“</p>
-
-<p>Da sagte sie ihm von dem Tode der Präsidentin. Er hörte ihr aufmerksam
-zu.</p>
-
-<p>„Gottlob &ndash; also der Kunst endlich zurückgegeben! &ndash; Wird das schön
-werden. Wir halten natürlich fortan fest zusammen.“</p>
-
-<p>Sie mied seinen bittenden Blick.</p>
-
-<p>„Ich gehe fort von Berlin.“</p>
-
-<p>„Ah!“ machte er enttäuscht, „wohin denn? Berlin bietet doch die besten
-Ausbildungsmöglichkeiten. Auch kann man hier gar nicht anders, als
-sehr brav sein. Ich habe mirs vor allen andern Städten ausgesucht.
-&ndash; Ob gerade darum? Nein, das zu behaupten wage ich doch nicht. &ndash;
-Wissen Sie, nun ist’s entschieden. Don Karlos &ndash; Meister Heinrich und
-die verehrten blutigen Könige des nämlichen Namens mit aufsteigender
-Numerierung sind tot und<span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[S.&nbsp;96]</span> feierlich begraben. &ndash; Vor Ihnen steht der
-künftige erste Heldentenor der Welt.“ Sie empfand brennenden Neid,
-schämte sich der Aufwallung und fragte hastig:</p>
-
-<p>„Wie ist das möglich geworden?“</p>
-
-<p>„Tja &ndash;“ machte er und schwippte leichtsinnig mit den Fingern durch die
-Luft, „es hat sich halt endlich eine unversiegbare Goldader auffinden
-lassen.“</p>
-
-<p>Sie ahnte nicht, daß immer noch der Neid aus ihren wundervollen,
-leidenschaftlichen Augen sprang. Ihm entging es nicht. Er spielte seine
-Rolle ausgezeichnet &ndash; hielt sich fest im Zügel, wenn er sie auch noch
-bezaubernder als damals in Oeynhausen fand.</p>
-
-<p>„Und Sie &ndash; wie weit sind Sie gekommen? &ndash; Ihnen fehlte nicht mehr viel
-zur künstlerischen Reife!“</p>
-
-<p>Ihre Hand ballte sich in ohnmächtigem Zorn. Er am wenigsten durfte
-etwas von ihren jähzerstörten Hoffnungen ahnen. Sie schämte sich ihrer
-Armut.</p>
-
-<p>„Ich? &ndash; Nun, es wird sich bald genug etwas für mich finden lassen. Ich
-kann nur noch vorläufig zu keinem festen Entschluß kommen.“</p>
-
-<p>Er betrachtete sie heimlich und bemerkte einen bittern fremden Zug, der
-vor wenigen Monaten bestimmt noch nicht dagewesen war. Sie erschien ihm
-plötzlich wie ein Becher aus edlem Kristall, der alles offenbart. Auch
-sie spielte ihm eine Komödie vor. Aber, sie spielte sie nicht glaubhaft
-genug. Ihr mußte entschieden etwas geschehen sein, das sie gedemütigt
-hatte. Ihr Stolz, der ihn anfangs entflammte, ehe er ihn unbequem und
-zuletzt lächerlich gefunden, war in diesem Augenblick unecht. Aber er
-wollte sie ein wenig quälen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[S.&nbsp;97]</span></p>
-
-<p>„Sie müssen mir versprechen, daß Sie an der ersten Stelle Ihrer
-Tätigkeit meiner in warmer Fürsprache gedenken,“ bat er mit
-knabenhafter Frische und hielt ihr die Rechte hin. „Schlagen Sie ein,
-Fräulein von Ostried.“</p>
-
-<p>Es klang respektvoll und freundschaftlich. Der Ton tat ihr wohl. Ihre
-Ehrlichkeit litt indes kein weiteres Versteckspiel. Ihr Herz, das sich
-gerade hatte beruhigen wollen, begann wieder wie rasend zu pochen. Ihre
-Augen füllten sich mit Tränen, so sehr sie auch dagegen kämpfen mochte.
-Das stellte er mit stürmischer Freude fest. Ganz zart bemächtigte er
-sich von neuem ihrer Hände:</p>
-
-<p>„Sie können mir vertrauen. Wirklich &ndash; Herrgott &ndash; wer machte mal keine
-Dummheit &ndash; Ihre Schönheit hatte mich einfach kopflos gemacht &ndash; nein
-&ndash; es war doch wohl mehr die grenzenlose Bewunderung Ihres herrlichen
-Talents. Vergeben Sie mir, Eva. Sehen Sie in mir einen Freund und
-Bruder &ndash;“</p>
-
-<p>Da sagte sie ihm alles!</p>
-
-<p>Er bedauerte sie nicht, als sie zu Ende gekommen war, trotzdem er
-sie „armes Hascherl“ nannte. Es klang vielmehr aus den Worten ein
-schelmisches Lachen, weil er dem traurigen Zufall die Rechnung
-verderben wollte.</p>
-
-<p>„Das ist wahrhaftig keine Kopfhängerei wert! Wozu wäre ich Ihnen
-denn sonst heute in den Weg gelaufen? &ndash; Sie dachten auch nur einen
-Augenblick ernstlich daran, der Musik zu entsagen? Ja, wissen Sie denn
-nicht, daß Sie damit die größeste Sünde begingen. &ndash; Und &ndash; sündigen
-dürfen Sie nicht! &ndash; Herrgott, Mädel, was haben Sie für Gold in der
-Kehle. Darauf pumpt Ihnen jeder gerissene Geschäftsmann, so viel Sie
-wollen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[S.&nbsp;98]</span></p>
-
-<p>Sie mußte, angesteckt durch seine hinreißende Zuversicht, lächeln.</p>
-
-<p>„Meine alten Gönner und Lehrer leiden an dem nämlichen Uebel, wie ich
-selbst,“ sagte sie bitter und dachte in erster Linie an Ralf Kurtzig.</p>
-
-<p>„Und die jungen,“ fragte er und suchte ihren Blick. Sie wollte sich
-nicht empfindlich zeigen und konnte doch nicht hindern, daß eine
-glühende Röte ihr Gesicht überzog. Er betrachtete sie mit den Augen des
-Künstlers, der sich an jeder gelungenen Schöpfung freut. &ndash; Als sie
-jetzt mit der ihm nur zu wohlbekannten Bewegung der Unnahbarkeit den
-Kopf zurückwarf, reizte sie &ndash; wie einst &ndash; sein Mannesempfinden. Der
-Wunsch, ihre stolze, schlanke Gestalt an sich zu pressen &ndash; den roten,
-lockenden Mund mit glühenden Küssen zu bedecken, verlangte genau so
-ungestüm wie nach dem Zusammenspiel seine Erfüllung.</p>
-
-<p>Nur, daß er sich heute überwand und nicht das Geringste tat, um den
-zarten Keim ihres jungen Vertrauens zu zerstören. Er sprach weiter, als
-habe er keine Antwort von ihr erwartet:</p>
-
-<p>„Ich wollte Sie nur ein wenig quälen &ndash; Ihnen zeigen, daß Sie im
-Augenblick aus eigener Kraft nichts vermögen.“ Sie wurde unsicher.</p>
-
-<p>„Sie widersprechen sich ja.“</p>
-
-<p>„Weil ich soeben noch von den klugen Geschäftsleuten redete? Das
-halte ich aufrecht! &ndash; Sie warten sozusagen an allen Ecken auf Sie,
-mein Fräulein. Es kommt lediglich darauf an, daß Sie den richtigen
-festmachen. Die Wahl muß vorsichtig gehandhabt werden. Zugleich
-mit diesem Ehrenwerten lauern hundert Fallen, in welche Ihre
-Un<span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[S.&nbsp;99]</span>erfahrenheit glatt hineintappt, wenn Ihnen der kühle Berater fehlt.“</p>
-
-<p>Sie seufzte auf, weil sie ihm glauben mußte.</p>
-
-<p>„Ich könnte mich an den juristischen Berater der verstorbenen
-Präsidentin wenden. Er hat mir seine Hilfe angeboten.“</p>
-
-<p>„Ein Jurist und sei er noch so tüchtig, versteht nichts von all diesen
-Dingen. &ndash; Da gibt es Vorschläge und schließlich Abschlüsse, gegen die
-kein Paragraph gewachsen ist.“</p>
-
-<p>„Das bestärkt mich in der Notwendigkeit, zu entsagen.“</p>
-
-<p>„Sehen Sie an! So sehr verachten Sie also mich und meine Freundschaft?“</p>
-
-<p>„Sie wollten mir wirklich helfen?“</p>
-
-<p>„Merken Sie das endlich? Ich habe bereits einen Plan. Wir besteigen die
-nächste elektrische Bahn und fahren gemeinsam zu &ndash; nun &ndash; nennen wir
-ihn meinetwegen Herrn Freundlich! Der Mann ist bis zu einem gewissen
-Grade gefällig und auch beinahe ehrlich, wenn man seine Schliche so
-lange und genau kennt, wie ich. &ndash; Mir hat er jedenfalls vor Jahren
-rührend geholfen. Freilich,“ und sein Gesicht nahm einen zerknirschten
-Ausdruck an, „ein bißchen hänge ich &ndash; aus purer Vergeßlichkeit &ndash;
-immer noch bei ihm. Wirklich nur deshalb. Meine Goldader hätte ihn
-längst befriedigen können. &ndash; Also &ndash; wollen Sie?“</p>
-
-<p>Sie zögerte noch. Die Hoffnung durchleuchtete aber schon das kurze
-Zaudern.</p>
-
-<p>„Er kennt mich doch nicht?“</p>
-
-<p>„Darum verbürge ich mich eben für Sie! Mich kennt er und weiß genau,
-was ich kann und noch leisten werde. &ndash; Passen Sie auf, wir schaffen
-es mit Leichtigkeit. Ein paar<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[S.&nbsp;100]</span> tausend Mark gewährt er unter durchaus
-annehmbaren Bedingungen zweifellos.“</p>
-
-<p>Sie folgte ihm willenlos, als er in eine Seitenstraße einbog und zu
-einer Haltestelle herüberquerte.</p>
-
-<p>Sie saßen Seite an Seite auf dem schadhaften Tuch der schmalen Sitzbank
-und schwiegen. Das Hoffen, das Eva von Ostried für alle Zeit eingesargt
-zu haben meinte, trieb grüne Keime.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Herr Freundlich bewohnte ein düsteres, etwas feuchtes Kellergelaß und
-war sehr unfreundlich. Ueber seiner scharfgebogenen Nase spähten zwei
-kleine stechende Augen in Karlsens schönes, leichtsinniges Gesicht.</p>
-
-<p>„Wie werde ich Sie nicht wiederkennen, Herr Karlsen,“ unterbrach er ihn
-mürrisch, „Sie stehen ja noch mit achtzig Mark und fünfzig Pfennig zu
-Buch.“</p>
-
-<p>„Sie irren, Bester, es können unmöglich mehr als dreißig Mark sein.“</p>
-
-<p>„Fangen Sie nicht schon wieder an zu handeln. Ich sage Ihnen, daß es
-sogar neunzig sind, wie mir eben einfällt.“</p>
-
-<p>„Schön. Sie sollen Recht behalten. Sonst ist es demnächst zu hundert
-angewachsen. Das weitere in dieser Sache später. &ndash; Heute will ich
-nichts für mich. Ich bringe Ihnen hier Fräulein von Ostried, die
-schon einmal mit noch nie dagewesenem Erfolg in Oeynhausen die Mignon
-gesungen hat. &ndash; Ihre Stimme birgt ganze Goldfelder.“</p>
-
-<p>Die schlauen Augen glitten, den Wert ihrer Schönheit abschätzend, jetzt
-über Eva von Ostrieds Gestalt und Antlitz. Sie empfand diese Blicke mit
-körperlichem Schmerz.</p>
-
-<p>„Um wieviel handelt es sich denn?“ fragte er langsam und vorsichtig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[S.&nbsp;101]</span></p>
-
-<p>„Fünftausend Mark würden vorläufig genügen.“</p>
-
-<p>„Und die Sicherheit?“</p>
-
-<p>„Gebe ich Ihnen! Zudem verpflichtet sich die Dame schriftlich zu
-regelmäßiger Abzahlung in Raten nach Abschluß ihres ersten Vertrages.“</p>
-
-<p>Herr Freundlich lachte kurz und trocken auf.</p>
-
-<p>„Eine schöne Sicherheit! Wollen Sie mich vielleicht zum Narren halten?“</p>
-
-<p>Eva begann zu zittern. Die Scham, daß sie Paul Karlsens Vorschlag
-angenommen, wurde so stark, daß sie zur Tür strebte, um ohne Gruß zu
-scheiden. &ndash; Da streckte sich die dürre Hand des Geldverleihers nach
-ihr aus.</p>
-
-<p>„Nicht so hitzig, Fräulein. Sie gefallen mir sonst. &ndash; Und ich könnte
-Ihnen schon helfen!“</p>
-
-<p>Eva von Ostried sah in diesem Augenblick hilfesuchend nach Paul Karlsen
-hinüber. Sie wurde unsicher.</p>
-
-<p>„Wir müssen uns aber vorher erst auf gut Deutsch mit einander
-verständigen,“ fuhr er fort. „Es soll natürlich die Oper sein. Kennen
-wir doch. &ndash; Was anderes wird’s auch tun. Kurz gesagt: Ich wüßte was
-Passendes für Sie. Auf die Stimme kommt’s dabei nicht besonders an.
-Aber Kleider und Firlefanz müssen sein. Was sonst verlangt wird, ist
-bei Ihnen vorhanden. &ndash; Sie gehen zum Varieté, Fräulein!“</p>
-
-<p>Eva von Ostried riß nun doch die niedere Tür auf und flüchtete die
-ausgetretenen unsauberen Stufen empor auf die Straße.</p>
-
-<p>Ohne sich nach Paul Karlsen umzusehen, lief sie weiter.</p>
-
-<p>„Sie dürfen mir nicht zürnen, ich habe es gut gemeint,“ bettelte seine
-Stimme demütig. Sie sah starr geradeaus,<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[S.&nbsp;102]</span> damit er die Tränen ihrer
-Scham und Verzweiflung nicht merken sollte.</p>
-
-<p>„Jetzt werden Sie kein Vertrauen mehr zu mir fassen können,“ klagte
-er. „Und ich wollte dies doch lediglich versuchen, damit Ihnen &ndash; das
-andere &ndash; nicht etwa schwer fallen sollte.“ Nun wandte sie ihm doch ihr
-Gesicht zu.</p>
-
-<p>„Welches andere? Glauben Sie hiernach wirklich noch, daß ich einem
-zweiten Versuch zustimmte?“</p>
-
-<p>„Ich glaube nichts. Aber ich weiß. Es ist kein Versuch mehr. &ndash; Sie
-brauchen lediglich „Ja“ zu sagen. Dann ist alles in Ordnung.“</p>
-
-<p>„Ich wollte, ich wäre Ihnen nicht begegnet,“ sagte sie hart.</p>
-
-<p>„Morgen werden Sie anders denken.“</p>
-
-<p>„Morgen werde ich vielleicht schon Berlin verlassen haben.“</p>
-
-<p>„Nein,“ sagte er und seine Lippen wurden schmal vor Erregung, „morgen
-werden wir beide &ndash; gleich ausgelassenen Kindern &ndash; der Zukunft
-entgegenlachen. Wetten?“ Sie tat, als habe sie dies Letzte nicht gehört.</p>
-
-<p>„Ich muß meine Sachen fertig packen. Leben Sie wohl.“</p>
-
-<p>Er hielt Ihre Hand fest.</p>
-
-<p>„Fräulein von Ostried &ndash; ich bin Ihre Zukunft! Fühlen Sie das nicht? &ndash;
-Es ist nicht Großsprecherei. Es ist einfache, ungeschminkte Wahrheit.
-&ndash; Sie werden pünktlich heute Abend um neun Uhr vor dem Gartentor der
-Villa sein, die sich Karlsbaderstraße 14 befindet.“</p>
-
-<p>„Ich werde nicht kommen. Verlassen Sie sich darauf.“</p>
-
-<p>„Streiten wir nicht. Ich erwarte Sie. Also keine Angst. Dort wird sich
-jemand finden, der Ihnen ohne Schuldschein<span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[S. 103]</span> und sonstige Versprechungen
-alle Mittel gewährt, die Sie nötig haben. &ndash; Es ist kein Scherz dabei.
-Sehen Sie mich an.“</p>
-
-<p>Sie schüttelte den Kopf ohne den Blick zu heben.</p>
-
-<p>„Lassen Sie mich. Ich will nicht mehr.“</p>
-
-<p>„Ich mag leichtsinnig und verschwenderisch &ndash; faul und meinetwegen
-sogar nicht immer zuverlässig sein. Ein der Kollegenschaft gegebenes
-Versprechen habe ich noch nie gebrochen. &ndash; Hören Sie. Mein Ehrenwort,
-daß Sie nicht umsonst kommen werden. Daß Sie das bezeichnete Haus als
-Eine verlassen, die für alle Zeit zu ihrer Kunst zurückgekehrt ist.“</p>
-
-<p>Sie antwortete ihm nicht. Sie riß nur ihre Hand gewaltsam aus der
-seinen und setzte ihren Weg allein fort.</p>
-
-<p>Er machte keinen Versuch ihr zu folgen.</p>
-
-<p>Aber solange die klare Ferne ein Schatten ihres schwarzen Kleides
-zeigte, sah er ihr mit einem Lächeln des Triumphes nach.</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_103_ende">
- <img class="w100" src="images/i_103_ende.jpg" alt="Kapitel 4, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[S.&nbsp;104]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_104_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_054_kopf.jpg" alt="Kapitel 2, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_5">5.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">P</span>aul Karlsen ging mit gemächlichen Schritten über den rostfarbenen
-Kies. Zu beiden Seiten des schmalen Weges blühte der Vorgarten. Ueber
-dem weinumzogenen Haus lag die Mittagssonne. Augenscheinlich hatte
-er es nicht eilig. Auch die wenigen bequemen Marmorstufen der Treppe
-nahm er fast zögernd. In dem Vorraum, der zur eigentlichen Diele
-führte, erwartete ihn die steife Gestalt eines alten Dieners, der etwas
-eigentümlich Lebloses hatte. Paul Karlsens Augen waren noch von der
-Fülle der Sonne geblendet. Er erschrack, als sich eine Hand nach seinem
-Hut ausstreckte, trotzdem er dies Bild nun doch nachgerade kennen mußte.</p>
-
-<p>„Na &ndash; bin ich heute pünktlich, alter Hagen,“ fragte er lässig.</p>
-
-<p>Das Gesicht veränderte sich nicht. Nur die leise Stimme klang
-vorwurfsvoll.</p>
-
-<p>„Die gnädige Frau wartet seit einer Stunde mit dem Essen!“</p>
-
-<p>Er lachte kurz auf, warf den Kopf in den Nacken und murmelte etwas.</p>
-
-<p>„Verdammter Zwang,“ hieß es.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In dem großen, sehr kühlen Eßzimmer harrten auf köstlichem Leinen zwei
-Gedecke. &ndash; Dieser Raum wirkte pomp<span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[S.&nbsp;105]</span>haft und erdrückend. Die Bespannung
-der Wände mit schwarzem Rupfen allzu feierlich. Die wuchtigen Möbel
-spreizten sich in ihrer Kostbarkeit. Die Sonne, welche durch stilvoll
-bemalte Scheiben ohnehin ihren Weg niemals finden konnte, war vollends
-von schweren Vorhängen abgesperrt. Nur die Tafel mit dem blendend
-weißen Leinen trug eine Fülle blutroter Rosen und dunkelblauem Kristall.</p>
-
-<p>Plötzlich löste sich aus der halbdunklen Schwermut die überschlanke
-Gestalt einer weißgekleideten Frau und schritt auf Paul Karlsen zu.
-Das längliche Gesicht war auffallend bleich. Die Nase trat scharf
-hervor, als habe ein kürzlich überstandenes Krankenlager den Wangen die
-natürliche Rundung genommen.</p>
-
-<p>Karlsen führte ihre Hand an die Lippen und ließ den Wortlaut seiner
-Stimme in gut gespielter Ueberraschung klingen:</p>
-
-<p>„Du hast ja diese Leichenkammer heute so herrlich geschmückt, kleine
-Frau. Wer soll denn beigesetzt werden? Und ein neues Gewand hast du
-ebenfalls angelegt.“</p>
-
-<p>Ihr stiegen die Tränen auf. Nicht weil er sie warten ließ. O nein &ndash;
-daran hatte sie sich längst gewöhnt. Aber &ndash; daß er nicht &ndash; daran
-dachte.</p>
-
-<p>„Das Kleid,“ sagte sie hastig, um nicht laut aufweinen zu müssen,
-„kennst du es wirklich nicht, Paul?“</p>
-
-<p>Er zog sie nach einem der hohen Fenster herüber und zerrte den Vorhang
-zurück. In dieser Bewegung lag ein Aufbäumen auch gegen vieles andere.</p>
-
-<p>„Nee, mein Kind. Keine Ahnung habe ich.“</p>
-
-<p>„Ich trug es an dem Tage unserer heimlichen Verlobung in Oeynhausen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[S.&nbsp;106]</span></p>
-
-<p>Er lachte verlegen auf.</p>
-
-<p>„Richtig! &ndash; Natürlich! &ndash; Jetzt sehe ich es. Das sind aber doch
-höchstens vier Monate her und noch längst kein Jahr. Wo ist also der
-geschätzte Anlaß zu einer besonderen Feier?“</p>
-
-<p>„Heute sind wir einen Monat Mann und Frau,“ sagte sie leise und konnte
-nun doch nicht hindern, daß ein runder Tropfen auf das kostbare Gewand
-fiel. &ndash; Er zog ungeduldig die Stirn empor.</p>
-
-<p>„Schön &ndash; also einen Monat! Was ist das im Vergleich zu all den Jahren,
-die hoffentlich noch vor uns liegen. &ndash; Also, ich habe dieses hohe Fest
-verschwitzt. Nimm’s nicht übel. Mir brummt der Kopf. Es gibt doch mehr
-Arbeit und Schwierigkeiten zu überwinden, als ich anfänglich annahm.“</p>
-
-<p>„Ich störe dich doch nicht etwa bei deinen Studien, Paulchen?“</p>
-
-<p>Er hatte seinen Rufnamen überhaupt niemals gemocht. Dies „Paulchen“,
-das er ihr nicht abgewöhnen konnte, reizte ihn zuweilen bis zur
-Tollheit. Jetzt überhörte er es, weil er etwas erreichen wollte.</p>
-
-<p>„Du im Besonderen bist das bescheidenste und leiseste Wesen, das es
-geben kann. Im allgemeinen freilich wäre ich gerade jetzt für eine
-kurze Zeit nicht eben ungern solo.“ Sie sah entsetzt zu ihm auf.</p>
-
-<p>„Soll das heißen!“ Sie konnte nicht vollenden. Ihre Stimme erstickte in
-Tränen. Er schüttelte sich, als fröre er.</p>
-
-<p>„Tu mir den einzigen Gefallen und höre mit dem Weinen auf, Elfriede.
-Ich komme mir ja andauernd wie ein Barbar vor. Nein, nicht du sollst
-für wenige Tage deine<span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[S.&nbsp;107]</span> zur Zeit kränkelnde Mutter, eine Straße weiter,
-besuchen und sie dadurch halb unsinnig vor Freude machen &ndash; welchen
-Wunsch sie mir schon vor einer Woche, allerdings mit der Bitte, ihn
-dir vorläufig zu verheimlichen, verraten hat &ndash; sondern ich werde zu
-meinem Lehrer unter den blendenden Dachgarten ziehen. Denn, weißt du,
-kleine Frau, ich muß üben und immer nur üben &ndash; kann mich nicht mehr
-an eine feste Tischzeit binden &ndash; vertrage überhaupt zu solchen Zeiten
-vorübergehend keine andere Gesellschaft als eine männliche.“</p>
-
-<p>Sie legte die Hand auf seinen Arm.</p>
-
-<p>„Paulchen, schenk mirs zum heutigen Tag, daß ich in mein altes
-Mädchenstübchen zur Mutter darf. Du mußt deine Bequemlichkeit gerade
-jetzt haben.“</p>
-
-<p>„Das würde eine schöne Geschichte geben, mein liebes Kind! Deine
-Mutter würde plötzlich vergessen, wie sehr sie sich nach dir gesehnt
-und felsenfest glauben, ich behandele dich schlecht und lieblos.
-Denn sieh mal, immerhin bleibt es etwas wunderbar, wenn eine junge,
-liebliche Frau nach einmonatlicher Ehe ihren Ehemann &ndash; wenn auch nur
-vorübergehend &ndash; verläßt.“ Der letzte Satz gab ihr eine ungeheure Kraft.</p>
-
-<p>„Glaubst du wirklich, Paulchen, daß ich der Mutter meinen Besuch in
-diesem Lichte hinstellen würde?“</p>
-
-<p>„Na, na, Kleines &ndash; wer kennt sich mit euch Frauen aus? In gewissem
-Sinne ähnelt ihr euch alle verteufelt.“</p>
-
-<p>Sie widersprach mit jähaufflackerndem Rot.</p>
-
-<p>„Hast du schon vergessen, was ich dir in der grünen Einsamkeit des
-Siels am Karpfenteich gelobt habe?“ Natür<span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[S.&nbsp;108]</span>lich hatte er nicht die
-geringste Ahnung. Aber er hütete sich es einzugestehen.</p>
-
-<p>„Frauengelöbnisse sind unberechenbar, wie eure Eifersucht, Schatz.“</p>
-
-<p>„Hältst du mich für eifersüchtig?“</p>
-
-<p>„Es käme auf die Probe an. Glatt verneinen möchte ich das nicht!“</p>
-
-<p>„Ich würde sie bestehen. Verlaß dich drauf.“</p>
-
-<p>„Lieber nicht. Deine Mutter wohnt ein bißchen zu nahe, Kleines.“</p>
-
-<p>„Wie tief mußt du mich einschätzen, Paul!“</p>
-
-<p>„Bewahre. Riesig hoch sogar. Hätte ich dich denn sonst geehelicht?“</p>
-
-<p>Sie legte mit einer rührenden Gebärde der Demut ihr Gesicht auf seine
-schlanke Hand.</p>
-
-<p>„Sage so etwas niemals wieder, Paulchen. Wir wollen uns doch fest,
-ganz fest vertrauen.“ Ihm wollte ein Lachen aufsteigen. Es wurde aber
-zuletzt ein Hüsteln daraus.</p>
-
-<p>„Wollen wir auch. Natürlich. Aber jetzt komm gefälligst. Ich verspüre
-einen Bärenhunger.“ Erschrocken drängte sie ihn zur Tafel hinüber.</p>
-
-<p>„Verzeih &ndash; ich vergesse das so oft neben dir!“</p>
-
-<p>Er musterte ihre magere, noch kindlich unentwickelte Gestalt und
-seufzte leicht auf.</p>
-
-<p>„Leider, mein guter Schatz! Eß und trink, lieb und sing. Ja &ndash; so stand
-es an einem alten Bauernhaus in Sachsen. Und recht hat der Spruch! &ndash;
-Wie ich sehe, hast du zur Feier des hohen Tages auch herrlich für Stoff
-gesorgt. Hoffentlich ist er gut.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[S.&nbsp;109]</span></p>
-
-<p>Sie ließ es sich nicht nehmen, ihm aus der schweren Kristallkaraffe die
-funkelnde Schale zu füllen.</p>
-
-<p>„Probiere ihn, Paulchen.“ Er hob das kostbare Glas und ließ es hell an
-das ihre klingen.</p>
-
-<p>„Herrlich! &ndash; Ueberhaupt &ndash; das muß ich immer wieder anerkennen, du
-bist eine ganz prachtvolle, kleine Hausfrau.“</p>
-
-<p>Strahlend sah sie zu ihm auf.</p>
-
-<p>„Darum habe ich auch einen Wunsch frei, ja?“</p>
-
-<p>Der Diener trug die Suppe auf. Die Unterhaltung verstummte. Sobald er
-unhörbar entschwunden war, sagte Paul Karlsen spöttisch:</p>
-
-<p>„Er liebt mich nicht, Elfchen. Weißt du das eigentlich?“</p>
-
-<p>„Er liebt jeden, der mir gut ist,“ sagte sie ruhig, fast streng.</p>
-
-<p>„So? Na, weißt du, das bezweifle ich stark. Oder willst du etwa
-andeuten, daß ich &ndash;“</p>
-
-<p>Sie ließ ihn nicht zu Ende kommen. Sanft legte sie ihre Hand auf seinen
-Mund.</p>
-
-<p>„Ich bin dir unaussprechlich dankbar dafür. Trotzdem wünsche ich mir
-noch eine Kleinigkeit.“</p>
-
-<p>„Was denn, Kleines?“</p>
-
-<p>„Den Besuch bei meiner Mutter.“</p>
-
-<p>„Ausgeschlossen! Die Gründe für meine Härte habe ich dir genannt.“</p>
-
-<p>„Sie sind sämtlich hinfällig. Ich fange es eben so geschickt an, daß
-Mama zum Schluß sich heimlich bei dir bedanken wird.“</p>
-
-<p>„Wie wolltest du das anstellen?“</p>
-
-<p>„Sehr einfach. Heute nachmittag zur üblichen Whistpartie, wäre ich
-doch herübergegangen. Da werde ich also<span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[S.&nbsp;110]</span> ausnehmend blaß aussehen
-müssen. &ndash; Lache nicht &ndash; ein wenig Weiß genügt schon. Sie wird mich
-wieder zur Schonung quälen, in ihrer Ueberängstlichkeit meinen längeren
-Besuch verlangen, damit sie sich selbst von meinem Gesundheitszustand
-überzeugen kann und zwar dies alles in deiner Gegenwart.“</p>
-
-<p>„Um Gottes willen, ich soll dich doch nicht etwa begleiten. Das hast du
-bisher doch klug zu vermeiden gewußt.“</p>
-
-<p>„Bringe mir dies Opfer, Liebster.“</p>
-
-<p>„Also gut! Ich will sogar gern mitkommen. Das heißt höchstens für ein
-bis zwei Stunden.“</p>
-
-<p>„Solange wird es gar nicht nötig sein,“ meinte sie froh. „Aber nun höre
-weiter. Du sperrst dich gegen das von ihr Geforderte und verweigerst
-schließlich in aller Form deine Erlaubnis. &ndash; Dann wird sie hitzig
-werden und unter allen Umständen darauf bestehen. &ndash; Ich kenne sie
-doch.“</p>
-
-<p>„Du bist ja eine ganz gefährliche, kleine Heuchlerin, Schatz.“</p>
-
-<p>Er zog sie leicht in die Arme. In tiefem Glücksgefühl schloß sie die
-Augen, die das einzig Schöne in ihrem Gesicht waren.</p>
-
-<p>„Ist das nicht ein feiner Plan, Paulchen?“</p>
-
-<p>„Ausgezeichnet sogar, wenn mir inzwischen die Sache nicht wieder leid
-geworden wäre. Du hast als Ernst aufgefaßt, was bei mir nur eine Art
-Gefühlsausbruch war.“</p>
-
-<p>„Daß du es, wenn auch nur einen Augenblick gewünscht hast, zeigt mir
-die Notwendigkeit und nachher &ndash; wird es um so schöner sein.“</p>
-
-<p>„Gelt, das hätten wir vor einem Vierteljahr auch noch nicht gedacht?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[S.&nbsp;111]</span></p>
-
-<p>„Was denn,“ schnurrte er mit erwachender Behaglichkeit.</p>
-
-<p>„Daß wir so schnell unser Glück erzwingen würden.“</p>
-
-<p>Er nickte mit vollem Mund, denn inzwischen war der Braten gekommen,
-der, zart und saftig, selbst den größten Feinschmecker befriedigt hätte.</p>
-
-<p>„Wärst du nicht plötzlich nach der schroffen Ablehnung meines Werbens
-durch die Frau Kommerzienrat, wollte natürlich sagen, deiner lieben
-Mama, kränker geworden und dadurch jegliche Wirkung der Kur auf dein
-rebellisches Herzlein in Frage gestellt &ndash; wer weiß, wer dann heute an
-meiner Stelle neben dir säße &ndash;“</p>
-
-<p>„Wie wenig du mich im Grunde doch kennst, Paulchen. Fühlst du nicht,
-daß ich niemals einem andern als dir gehört hätte?“</p>
-
-<p>Er nickte ihr zu.</p>
-
-<p>„Kleines Treues &ndash; du!“ Dann begann er zu scherzen und von jener
-Zeit zu plaudern, weil er genau wußte, daß ihr dies die liebste
-Unterhaltung war. Seine feurigen Augen strahlten tief in die ihren. Das
-schmeichlerische weiche Organ machte auch das unbedeutendste Wort zu
-einer Zärtlichkeit. Seine Laune war plötzlich glänzend.</p>
-
-<p>Ueber den blutroten Rosen und dem blauen Kristall schien die Krone des
-Glückes, die allein die Liebe gibt, in warmen Glanz zu schweben!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte einige Stunden später Frau Kommerzienrat Eßling zu ihrer
-alten Freundin und Vertrauten, die &ndash; wie seit Jahren &ndash; als Erste
-zur Whistpartie gekommen war, „in der Nähe hätte ich sie nun ja.
-Aber, was will das sagen. So viel man auch aufpaßt &ndash; allwissend ist
-doch Niemand. Wer sagt mir, ob Elfriede unter seiner An<span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[S.&nbsp;112]</span>leitung nicht
-ebenfalls Komödie zu spielen gelernt hat?“</p>
-
-<p>Frau Generalkonsul Enck war keine mißtrauische Natur. Aber dieser
-überstürzt geschlossenen Verbindung zwischen dem überzarten, beständig
-kränkelnden Mädchen und diesem bildhübschen Leichtfuß, dem Karlsen,
-brachte sie doch ihre schärfste Mißbilligung entgegen. Hätte man sie,
-wie das sonst bei jeder wichtigen Entscheidung der Fall gewesen, nur
-um Rat gefragt. Man hatte jedoch, einfach über ihren Kopf fort, in
-aller Stille dem durchaus nicht von ihr ernstgenommenen Verlöbnis, die
-eheliche Verbindung auf dem Fuße folgen lassen.</p>
-
-<p>Nun kamen natürlich Reue und Gewissensbisse über die besorgte, selbst
-leidende Mutter. Anderseits kannte sie die bewundernswerte Energie
-der Kommerzienrätin zu genau, um dieses Bündnis von vornherein als
-dauerndes anzusehen.</p>
-
-<p>„Sie hätten es sich gründlicher überlegen sollen,“ konnte sie sich
-nicht versagen, zu erwidern. Die andere sah starr auf das feine
-Porzellan der kostbaren Teeschalen herab.</p>
-
-<p>„Sie haben niemals Kinder besessen. Da können Sie so etwas wohl sagen.
-Stehen Sie nur an zwei Krankenbetten, in denen scheinbar bisher
-kerngesunde, bildhübsche, lebenslustige Mädchen &ndash; &ndash; Auch die andern
-Aerzte haben zuerst keine Ahnung davon gehabt. Denn daß mein Mann an
-den Folgen einer hartnäckigen Lungenentzündung in jungen Jahren starb,
-gab noch allein keinen Grund zur Beängstigung für seine Kinder ab.
-Erleben Sie mal erst, was ich ertragen habe. &ndash; Wie habe ich damals
-gegen das furchtbare Gespenst gerungen. Hart bin ich gewesen &ndash; so
-hart.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[S.&nbsp;113]</span></p>
-
-<p>In ihrem energischen Gesicht, aus dem die scharfe Nase, wie sie auch
-ihre jetzt noch einzige Tochter hatte, auffallend hervorsprang, zuckte
-es.</p>
-
-<p>„Regen Sie sich nicht mit den alten Geschichten auf, Frau Eßling.“</p>
-
-<p>„Die Aussprache mit Ihnen tut mir wohl. Zu wem sollte ich wohl davon
-reden, wenn nicht zu Ihnen, vor der ich kein Geheimnis habe. &ndash; Seitdem
-ich meinen alten Franz, den Diener, meiner Elfriede gegeben habe, weiß
-niemand im Haus um diese Sachen.“</p>
-
-<p>„Malen Sie sich nicht zu schwarz, Beste,“ verteidigte die Konsulin.
-„Sie mögen damals streng gewesen sein. Wer wäre es in der gleichen Lage
-nicht gewesen. An eine Härte glaube ich nicht.“</p>
-
-<p>„Sie sollen selbst urteilen. In St. Blasien war’s, wohin ich nach
-den erfolglosen Kuren in Hohenhonnef und Davos aus eigenem Entschluß
-noch mal mit den beiden ältesten Töchtern ging. Denn Sie wissen, ich
-konnte und wollte nicht daran glauben, daß alles vergeblich sein
-sollte. In der Liegehalle war ein vergnügliches Leben unter dem jungen
-Volke, und keines war da, das an ein frühzeitiges Sterben gedacht
-hätte. Als Gesunder läßt man die sonst im Verkehr der verschiedenen
-Geschlechter streng beobachteten Richtlinien außer Acht, weil die
-armen totgeweihten Geschöpfe doch keine Vollmenschen mehr sind. Nicht
-wahr, wenn unsereins so ein schmalschultriges Kerlchen mit fieberroten
-Flecken auf den herausstehenden Backenknochen sieht, dann fragt man
-nicht erst lange danach, was er sonst ist, hat und will, selbst wenn
-er augenscheinliches Wohlgefallen an dem eigenen Fleisch und Blut
-zeigt. Im Gegenteil,<span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[S.&nbsp;114]</span> man freut sich noch gar darüber, und kommt
-sich wer weiß wie großmütig und gar edel vor, weil man die leibliche
-Mutter von seinem Glückserreger ist. Darum bin ich auch nicht einen
-Augenblick besorgt gewesen, als der junge Bildhauer meiner kranken
-Aeltesten über alle Gebühr hinaus den Hof machte. Erst, als der ihn
-behandelnde Arzt, dem ich mein Bedauern über diesen hoffnungslosen Fall
-aussprach, mir rund heraus und lachend erklärte, er wäre froh, wenn
-jeder seiner Kranken so gesund wäre, wie dieser Künstler, der sicher im
-nächsten Jahr wieder völlig obenauf sein würde, wurde ich nachdenklich,
-vorsichtig und streng. &ndash; Mein Mädel nahm ich ins Gebet. Den Bildhauer
-behandelte ich so schlecht, wie es nur irgend ging. &ndash; Es war für
-alles zu spät. &ndash; Eines Tages erklärte mir meine Tochter, daß sie sich
-mit dem Jüngling von Habenichts verlobt habe. Sie hat vor mir auf den
-Knien gelegen und mich um meine Einwilligung angefleht. Ich blieb hart.
-Daß der offensichtlich seinem Aussehen nach Totgeweihte lediglich an
-den Folgen einer schweren Rippenfellentzündung schonungsbedürftig
-sei, hatte meine Hoffnung bezüglich der eigenen Kinder wunderbar
-gekräftigt. &ndash; Einen Tag nach dem vergeblichen Flehen meiner Aeltesten
-reisten wir, die noch nicht zur Hälfte vollendete Kur abbrechend, nach
-Hause. Briefe kamen, wurden von mir abgefangen und prompt vernichtet.
-Jede Nacht hörte ich das bitterliche Schluchzen meiner Aeltesten &ndash;
-merkte, wie sie bleicher und hinfälliger wurde und glaubte plötzlich
-doch nicht mehr an den Ernst des Verhängnisses. Es war so nahe. Meine
-kleine Elfriede, die wenigst anmutigste der Drei, hatte ich indessen
-aufs Land in Pension gegeben, weil der Arzt von der Möglich<span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[S.&nbsp;115]</span>keit einer
-Ansteckung, selbst bei größester Vorsicht, gesprochen. Nun konnte ich
-ganz der Pflege und Sorge für die beiden andern leben. &ndash; Einmal hat
-der Bildhauer gewagt, bis in mein Haus vorzudringen. Ich habe ihn auch
-empfangen. &ndash; Seitdem hat er keine Zeile mehr geschrieben. Denn ich war
-deutlich gewesen. &ndash; Vier Wochen nachher hat meine Tochter, unterstützt
-von ihrer Schwester, noch einen letzten Sturm auf mein Mutterherz
-gemacht. Weiß Gott, es hat sich in dieser Stunde nicht geregt. Ich habe
-es als Laune und Eigensinn empfunden, was doch mehr gewesen ist.“</p>
-
-<p>Die Andere legte begütigend die Hand auf die zuckende Schulter der
-Kommerzienrätin.</p>
-
-<p>„Wir wissen alle, was Sie die langen Jahre für eine aufopfernde,
-prachtvolle Mutter gewesen sind.“</p>
-
-<p>„So prachtvoll, daß ich mich hinterher noch meines gefestigten
-Charakters gefreut und ein paar Tage ernsthaft mit dem armen Kind
-geschmollt habe. Auch meine Zweite hat begonnen für sie und den
-Bildhauer unentwegt zu betteln. &ndash; Als sie einsah, daß ich nicht
-nachgab, verstummte sie zwar, aber es war seltsam, auch mit ihr wurde
-es seitdem schlechter. Sie schienen sich beide in das Unabänderliche
-meines Willens gefügt zu haben, bis zu jenem schrecklichen Augenblick,
-an dem mich die Pflegerin in der Nacht rief. Da hat meine Aelteste, die
-stets ein sanftes, scheues Ding war, mir gesagt, wie unerträglich ihr
-Dasein ohne den Geliebten gewesen und wie wenig sie sich freue, daß
-es nun endlich aufhören dürfe. &ndash; Als die Sonne aufging, war sie tot.
-Und ich habe Tag und Nacht, von Reue zerrissen, um Vergebung gefleht
-und mir gelobt, wenigstens an den an<span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[S.&nbsp;116]</span>dern beiden gutzumachen, wenn es
-mir vergönnt wäre. &ndash; Meine Zweite hat keine Kraft mehr zu einer Liebe
-gehabt. Sie ist ein Jahr später, wie Sie wissen, auch eingeschlafen.
-Da hatte ich nur das Elfchen, die Jüngste. Das Landleben hat ihr auch
-nicht die richtige Lebenskraft vermitteln können. Sie blieb weiter zart
-und schonungsbedürftig. Was es ist? Ich weiß es nicht! Ein bißchen
-Müdigkeit, das die Aerzte als Bleichsucht ansprechen. Ein bißchen
-Blässe. So fängt es ja gewöhnlich an. &ndash; Und ich wollte und will sie
-behalten. &ndash; Ich war nicht mehr blind und taub. Als ich die Blicke sah,
-mit denen der Schauspieler Karlsen, den ich übrigens schon vor einigen
-Jahren im Hause einer Bekannten, die ihn sich zu Gesangsvorträgen
-herüberkommen ließ, kennen gelernt, meine Elfriede anstarrte, wußte
-ich sofort, daß ein Kampf von neuem beginnen müsse. Und wußte &ndash; auch
-sein Ende! Denn ich war nicht mehr stark und gesund genug, um noch
-einmal jene Zeiten von damals durchzumachen. Sein spielerisches Werben
-ging mir wider alles Empfinden. Er war ein viel minderwertiger Mensch
-als einst der Bildhauer. Sowas fühlt man als reife Frau sehr schnell.
-Eins kam noch hinzu. Wer, wie ich, aus einem reichen Kaufmannshause
-stammt, in dem alles ordentlich gebucht und verrechnet wird, kann sich
-niemals mit den Gepflogenheiten der Künstlerschaft befreunden. Denn ein
-Künstler ist der Karlsen. Das steht auch bei mir fest. Daneben ist er
-aber noch etwas anderes &ndash;“</p>
-
-<p>„Wie im Grunde genommen die meisten Männer, liebe Eßling.“</p>
-
-<p>„Das weiß ich doch nicht. Sind sie es aber wirklich, so setzt man
-es wenigstens nicht als selbstverständlich bei ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[S.&nbsp;117]</span> voraus. In
-ähnlichen Fällen pflegen sie sich mit dem Mantel einer weisen Vorsicht
-zu panzern, der den Schein wahrt. Das fällt bei meinem Schwiegersohn
-gänzlich fort. Er steht einfach da und erwartet die Huldigungen der
-Frauen als den natürlichsten Tribut. Bleiben sie aus &ndash; je nun &ndash;
-so ist das eben bei ihm wie bei jedem andern Künstler, noch dazu
-bedauernswert. Dann hat er eben nicht eingeschlagen. Findet &ndash; hat
-er überhaupt schon vorher eins ergattert &ndash; kein neues oder doch nur
-ein sehr zweifelhaftes Unterkommen, steigt weiter herunter, sinkt
-schließlich bis zur Schmiere herab.“</p>
-
-<p>„Nun, das ist bei Karlsen wohl niemals zu befürchten.“</p>
-
-<p>„Nein. Er weiß sich in Szene zu setzen und auch zu halten, was noch
-wichtiger ist. Schlau, durchtrieben, bildhübsch, liebenswürdig, flott.
-&ndash; Sehen Sie, ich habe mir die Klarheit meines Urteils durchaus nicht
-trüben lassen. Jawohl, das ist er! Daneben aber auch unzuverlässig und
-treulos.“</p>
-
-<p>„Haben Sie dafür schon Beweise?“</p>
-
-<p>„Brauche ich nicht! Es ginge wider die Weltgeschichte, wäre es anders.
-Meine Elfriede ist keine Frau, die solchen Mann dauernd fesseln kann.
-Glauben Sie mir, der braucht einen Satan von Weib, das ihn in Atem hält
-&ndash; ihn quält und peinigt und ihm höchstens Sonntags die Fingerspitzen
-zum Kuß überläßt. Er hat sie auch nicht einen Augenblick wirklich
-geliebt, während jener Bildhauer meiner Aeltesten rechtschaffen gut
-gewesen ist. Das alles sehe ich erst jetzt ein. Das bewußte Messer
-saß ihm hart an der Kehle und sein Ehrgeiz &ndash; denn den hat er in
-hervorragendem Maße &ndash; sann auf Mittel und Wege, wie er seine Stimme
-weiter ausbilden und sich die Welt erorbern konnte.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[S.&nbsp;118]</span></p>
-
-<p>„Sie werden doch aber Ihrer Elfriede nichts von all diesen Sachen
-andeuten, Frau Eßling.“</p>
-
-<p>„Wozu? Die Mühe kann ich mir sparen. Sie ist dermaßen in ihn verliebt
-und vertraut ihm so blindlings, daß sie zur Zeit ohne Ueberlegung die
-eigene Mutter aufgäbe, um ihn zu behalten und ihm weiter zu dienen.“</p>
-
-<p>„Jedenfalls fühlt sie sich wohl dabei. Sie war stets durchsichtig wie
-Glas &ndash; unfähig der Lüge. Das wissen Sie am besten. Die Ehe bekommt
-ihr auch gut. Wie ich sie das letzte Mal sah, hatte sie einen Schein
-von Jugend und Frische, den ich bisher an ihr vermißte. Ja, sie lachte
-sogar herzhaft.“</p>
-
-<p>„Wenn ich das nur genau wüßte,“ machte die Kommerzienrätin gequält.
-„Ich deutete es Ihnen bereits an. Auch das Komödienspiel läßt sich
-bei so einem harmlosen, aufrichtigen Charakter wie dem ihren gar
-wohl erlernen. Und sehen Sie &ndash; da bin ich endlich bei meinem Plan
-angekommen. So nahe sie mir wohnt &ndash; so mühelos ich jederzeit herüber
-kann, so treu und gewissenhaft der alte Franz auch aufpaßt und mir
-unweigerlich sofort Verdächtiges zutragen würde, ebenso fremd ist sie
-mir doch in dieser kurzen Zeit geworden. Der Mann mit seiner absoluten
-Gewalt über sie steht zwischen uns. Jede ihrer Handlungen wird von
-ihm beeinflußt. Ich weiß niemals, was aus ihrer eigenen Seele kommt.
-Darum muß ich sie eine kurze Zeit bei mir &ndash; hier in diesem Hause &ndash;
-in ihrem kleinen Mädchenstübchen, das immer ihr Entzücken gewesen ist,
-haben, muß sie scharf beobachten und sie seinem Einfluß, wenn auch nur
-vorübergehend, entreißen, damit ich völlig klarsehe.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[S.&nbsp;119]</span></p>
-
-<p>„Wie wollen Sie das anfangen? Er wird sich bald dagegen auflehnen.“</p>
-
-<p>„Meinen Sie? Die Klugheit würde es ihm freilich anraten. Aber &ndash; ja,
-wenn er sie wirklich liebte. So aber wird er es als angenehm empfinden,
-wieder mal allein und noch dazu in der ungewohnten Pracht zu leben.</p>
-
-<p>Ich weiß, Sie waren nicht mit der prunkvollen Ausstattung des Heims für
-die jungen Leute einverstanden. Sollte ich aber mein Kind entbehren
-lassen? Da entschloß ich mich eher dazu, ihn unnötig zu verwöhnen.“</p>
-
-<p>„Sie haben entschieden zu viel Zeit zum Grübeln, liebe Eßling. Ziehen
-Sie sich nicht länger von allen Menschen zurück. Kommen Sie auch wieder
-öfter zu mir. Sie wissen, in meinem Hause verkehrt viel Jugend. Da geht
-es fröhlich zu. Und bringen Sie auch Elfriede öfter mit. Es wird ihr
-gut tun.“</p>
-
-<p>„Sie können es ihr ja heute gleich vorschlagen. Ich fürchte nur, es
-bleibt wirkungslos, wie alles, was ich bereits zu ihrer Zerstreuung
-versucht habe. Dabei ist sie, wie mir Franz zuverlässig berichtet,
-sehr oft den ganzen Tag allein. Der Hausherr kommt lediglich zu den
-Hauptmahlzeiten und dann nicht etwa pünktlich. Nun, der Zustand
-anhaltender Einsamkeit wird bestimmt abgestellt werden. Um keinen
-Preis darf sie mir versauern. Ich werde eine möglichst gleichaltrige
-Gesellschafterin aus vornehmer Familie für sie nehmen. Die Aerzte haben
-mir wiederholt von der Notwendigkeit, sie froh zu erhalten, gesprochen.“</p>
-
-<p>„Sie sind zwar eine ebenso kluge wie tatkräftige Frau, meine Liebe.
-Indes keine Zauberin. Ich muß Ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[S.&nbsp;120]</span> sagen, daß ich weder an Elfriedes
-längeren Besuch noch an das Dulden der neuen Hausgenossin glaube.“</p>
-
-<p>„Vorläufig bin ich in beiden Fällen zuversichtlich. Das Gesuch
-nach einer Gesellschafterin ist heute bereits in den gelesensten
-Tageszeitungen erschienen. Da der künftige Herr Kammersänger keine
-Zeit hat, auch noch den Inseraten seiner Zeit einen Blick zu gönnen
-und meine Tochter daheim niemals auf diesen Gedanken kam, bin ich
-sicher, daß sie bisher nicht das Geringste von meinem Plan ahnen.
-Verkehr in Elfriedes altem Kreis haben sie nicht. Diese Menschen gehen
-nämlich meinem Herrn Schwiegersohn, wie ich aus Elfchens gelegentlichen
-schüchternen Bemerkungen entnehme, auf die Nerven. Also, wer sollte
-ihnen meine Fürsorglichkeit verraten haben?“</p>
-
-<p>„Ist es nicht gefährlich bei der mir geschilderten Veranlagung Ihres
-Schwiegersohnes ihm so ganz mühelos ein weibliches Wesen ins Haus und
-an den Familientisch zu bringen?“</p>
-
-<p>„Was wollen Sie? Sucht er, wird er stets finden. Was allzu bequem
-gemacht wird, reizt gewöhnlich am wenigstens. Zudem &ndash; müssen sich alle
-Bewerberinnen bei mir melden. Ich werde sie mir sehr genau betrachten
-&ndash; ihre Verhältnisse und, wenn irgend möglich, auch ihre Veranlagung
-untersuchen und dann hoffentlich eine gute Wahl treffen.“</p>
-
-<p>„Wenn sie Ihnen nun aber, mit vereinten Kräften, nicht gestatten, die
-gütige Vorsehung zu spielen?“</p>
-
-<p>„Daß meine Elfriede sich zuerst dagegen auflehnt, weiß ich sogar
-bestimmt. Sie ist rührend bescheiden und macht für ihre Person
-keinerlei Ansprüche. Es wird ihr gräßlich<span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[S.&nbsp;121]</span> sein, zu der ihr bereits
-aufgedrungenen Jungfer noch eine zweite Umsorgerin zu benötigen. Was
-will das aber sagen? Ihr schwacher Einspruch wird unstreitig an der
-feurigen Zustimmung ihres Mannes sterben, wenn er es nicht bereits
-unter der klugen Anwendung meiner Mittelchen getan hat. &ndash; Ihm wird
-diese Lösung außerordentlich genehm sein. Dann braucht er nicht mal
-mehr den guten Willen zum halbwegs pünktlichen Erscheinen bei Tisch
-aufzubringen, denn daß er ihn auch nur einmal in die Tat umgesetzt hat,
-glaube ich bei seinem Egoismus keinesfalls.“</p>
-
-<p>„Ich bewundere Ihre Klugheit aufrichtig, Frau Eßling.“</p>
-
-<p>„Es ist nur die folgerichtige Einsicht von notwendig gewordenen Uebeln,
-deren schädliche Wirkungen ich mich bemühe, so gut es gehen will, von
-meinem Kinde abzuwenden. &ndash; Hören Sie! Ist das nicht ihr Schritt? Nein
-&ndash; ich irre mich nicht. Das Ohr der Mutter ist scharf. Aber &ndash; was ist
-das? Sie kommt nicht allein? Da ist doch das unverschämte Lachen ihres
-Mannes. Sollte er ausnahmsweise die Gnade haben?“&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es war, als lege sich plötzlich über die strengen, steifen Formen der
-schweren Möbel ein warmer Glanz. Die alten Nippes in der Servante
-begannen leise und vergnügt zu klirren. Im Nebenzimmer streckte
-sich der rotbemützte Kopf des grüngefiederten Papageis blitzschnell
-empor. Das ehrwürdige Zimmer war erfüllt von dem Schmelz der weichen
-Männerstimme.</p>
-
-<p>„Darf ich ebenfalls um eine Tasse Ihres unvergleichlich guten Tees
-bitten, verehrte Schwiegermama?“</p>
-
-<p>Gedankenlos duldete Frau Eßling seinen Handkuß. Ihre Augen blieben
-dabei gespannt auf die Tochter gerichtet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[S.&nbsp;122]</span></p>
-
-<p>„Du siehst erschreckend blaß aus, Kind. Wie hast du geschlafen?“</p>
-
-<p>„Ausgezeichnet, Mama.“</p>
-
-<p>„Das glaube ich dir nicht! Zeige deine Hände. Natürlich &ndash; sie sind
-ganz kalt. Hast du gefroren? Warte einen Augenblick, ich werde sofort
-an Franz telephonieren. Es ist bestimmt zu kühl bei Euch. Darum habe
-ich ja am Vorraum der Diele die kleinen Oefen aufstellen lassen, damit
-sie angemacht werden, wenn die Zentralheizung noch nicht geht.“</p>
-
-<p>„Laß doch, Mama,“ wehrte Elfriede gequält und suchte ängstlich den
-Blick ihres Mannes. „Die Sonne wärmt noch ganz wundervoll.“</p>
-
-<p>Aber die Kommerzienrätin ließ sich nicht zurückhalten. Sie hatte schon
-den Hörer in der Hand, um dem alten Diener die nötigen Befehle zu
-erteilen.</p>
-
-<p>Paul Karlsen saß mit einem rätselhaften Lächeln dabei. Er begehrte
-nicht auf, schlug nicht etwa mit der Hand zwischen die zerbrechlichen
-Kostbarkeiten, in denen der goldgelbe Tee deutlich schimmerte. Sondern
-er nickte seiner Frau beruhigend zu.</p>
-
-<p>„Mama hat ganz recht. Ich habe es mir heute auch schon gedacht.“</p>
-
-<p>Trotz dieser ungewohnten Fügsamkeit fand seine Gegenwart durch die
-Kommerzienrätin nicht viel Beachtung. Ueber ihn fort sprach sie
-unaufhörlich zu ihrer Tochter herüber, als befinde sich zu ihrer Linken
-ein leerer Platz.</p>
-
-<p>„Du wirst übrigens ein oder mehrere Tage bei mir bleiben, Elfriedchen.
-Ich muß endlich wissen, ob du abends erhöhte Temperatur hast.
-Widersprich nicht. Ich erlaube<span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[S.&nbsp;123]</span> auf keinen Fall, daß du heute Abend in
-dein leider etwas feuchtes Heim zurückkehrst.“</p>
-
-<p>Da ließ sich Karlsens unwiderstehlich frohes Lachen hören. Aber es riß
-die andern durchaus nicht zu der gleichen Fröhlichkeit hin. Seine Frau
-sah scheu zu ihrer Mutter herüber.</p>
-
-<p>„Verehrte Schwiegermama, Sie scheinen vergessen zu haben, daß nur ein
-einziger über das Gehen und Verweilen von Elfriede zu bestimmen hat.
-Dieser Eine bin ich, mit Respekt zu melden.“</p>
-
-<p>Diesmal ahnte sie nicht, daß er Komödie spielte. Sein Ton war sehr
-ernst geworden. Sein junges, bartloses Gesicht wirkte fast streng. Den
-lächelnden Blick des Einverständnisses, den er mit Elfriede tauschte,
-bemerkte sie nicht. Ihre angeborene Heftigkeit &ndash; niemals ernsthaft von
-ihr bekämpft &ndash; brach sich Bahn.</p>
-
-<p>„Das bliebe abzuwarten, Herr Schwiegersohn,“ sagte sie in scharf
-zurechtweisendem Ton. „Sind Sie etwa hierher gekommen, um mich
-aufzuregen?“</p>
-
-<p>„Ich wüßte nicht, daß ich diesem vielleicht erstrebenswerten und daher
-löblichen Vorsatz schon jemals freie Entwicklung gegönnt hätte.“</p>
-
-<p>„Lassen Sie doch die Phrasen, Karlsen. Bei mir wirken sie nicht.“</p>
-
-<p>„Diese Bitte gebe ich gehorsamst zurück, Schwiegermama. Kurz: Elfchen
-wird mich nach Hause begleiten. Nicht wahr, Schatz?“</p>
-
-<p>Ein schelmischer Ausdruck huschte über das Gesicht der jungen Frau, und
-ließ es sehr anziehend erscheinen. Sie war glücklich wie ein Kind, daß
-sie im Einverständnis mit<span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[S.&nbsp;124]</span> ihrem Mann dies unschuldige kleine Geheimnis
-haben durfte. Ohne zu zögern, antwortete sie:</p>
-
-<p>„Ja &ndash; das werde ich bestimmt tun, Mama. Du hast doch gehört, daß Paul
-es ausdrücklich wünscht.“</p>
-
-<p>Da richtete sich die Kommerzienrätin steif empor und fragte kurz und
-empört zu der Konsulin gewandt:</p>
-
-<p>„Was sagen Sie dazu? &ndash; Vor Ihnen, die Sie Elfriede über die Taufe
-gehalten und allzeit wie ein eigenes Kind geliebt haben, brauche ich
-mich nicht zu genieren.“</p>
-
-<p>Frau Enck war wegen der richtigen Antwort in tödlicher Verlegenheit.
-Einerseits schätzte sie gleichfalls diesen jungen Menschen nicht allzu
-sehr, weil sie in seiner Gegenwart beständig das Gefühl hatte, als
-langweile er sich sträflich. Daneben aber stand ihm in dieser Sache ihr
-Hang zur Gerechtigkeit bei.</p>
-
-<p>„Beschlafen Sie sich alles noch mal gründlich,“ versuchte sie zu
-besänftigen. Aber es mißlang ihr gründlich.</p>
-
-<p>Frau Eßling wurde erregter und daher auch in ihren Worten heftig. Sie
-erhob sich, trat nahe an den Schwiegersohn heran und sagte drohend:</p>
-
-<p>„Sie hören, ich wünsche und befehle es. Und nichts wird mich andern
-Sinnes machen können.“</p>
-
-<p>Nun war auch Paul Karlsen aufgestanden. Seine schlanke, elegante
-Gestalt überragte die rundliche der Kommerzienrätin um Haupteslänge.</p>
-
-<p>„Verehrte Schwiegermama, vorerst eine kleine bescheidene Berichtigung.
-Ihre kühn aufgestellten Behauptungen sind wirklich falsch. Der
-männliche Teil in der Ehe hat auch heute noch das Recht &ndash; genau wie zu
-jener Zeit Ihrer Jugend &ndash; den Aufenthalt seiner Gattin zu bestimmen,
-so<span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[S.&nbsp;125]</span>fern er sich dies Recht nicht durch grobe Pflichtverletzungen
-verwirkt hat. Davon weiß ich mich frei. &ndash; Ich würde Ihnen ja herzlich
-gern einen Gefallen tun. Mir selbst aber Opfer auferlegen &ndash; nee &ndash;
-wissen Sie, dazu fühle ich mich nicht stark genug.“</p>
-
-<p>Es klang so überaus ehrlich, daß sogar seine Frau einen Augenblick
-stutzte. An dem hilflosen Blick, den sie ihm zuwarf, merkte er, daß er
-nicht weitergehen, nicht in dieser Rolle übertreiben dürfe. Er schwieg
-also vorsichtig und wartete die nächste Erwiderung ab. Sie blieb lange
-aus. Dann aber klang die vordem herrische Frauenstimme plötzlich um
-vieles leiser. Fast bittend.</p>
-
-<p>„Es soll sich nur um eine kurze Zeit handeln, Karlsen. Sagen wir &ndash; um
-drei bis vier Tage! Wirklich nicht länger.“</p>
-
-<p>Er machte den Eindruck eines Menschen, der aufmerksam eine unliebsame
-Angelegenheit in Erwägung zieht. Daß er nicht sogleich antwortete,
-sondern &ndash; wie um Beherrschung ringend &ndash; mit gesenktem Blick auf seine
-wohlgepflegten, schöngeformten Hände herabsah, gefiel der Konsulin
-ausnehmend gut. Dann meinte er bitter:</p>
-
-<p>„Ich habe Ihre Neigung nicht, Schwiegermama. Das weiß ich natürlich und
-hätte mich gehütet auch nur ein Wort darüber zu verlieren, wenn diese
-Sache nicht gekommen wäre. Jetzt lassen Sie mich darüber sprechen.
-Glauben Sie, es wirkt erziehlich und macht edler, was Sie doch
-beabsichtigen, wenn Sie mich dauernd Ihre Abneigung fühlen lassen? O
-nein &ndash; aber Verbitterung und Trotz können sehr wohl daraus entstehen.
-Bedenken Sie die Folgen, die wiederum das haben kann. &ndash; Nicht so
-schnell. Nein,<span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[S.&nbsp;126]</span> meine Liebe zu Elfriede läßt mich eine ganze Menge
-geduldig ertragen. Aber &ndash; letzten Endes ist man doch nur ein schwacher
-Mensch. Und ich bin und bleibe noch dazu ein Komödiant. Einer, der gern
-Theater spielt, blendet, täuscht, nicht wahr &ndash; so schätzen Sie mich
-doch ein?“</p>
-
-<p>Die Kommerzienrätin sah ihn unsicher an.</p>
-
-<p>„Sie sind zu ehrlich, um mir zu widersprechen, Frau Schwiegermama
-und ich, nun ja, ich war bis heute zu unehrlich, um gerade heraus zu
-sagen, daß ich mich tausendmal wohler in einer kleinen, bescheidenen
-Mietswohnung mit einem Mädchen für Alles fühlen würde. Der von Ihnen
-errichtete Tempel, in dem nicht mal die Sonne gern weilt, ist mir viel
-zu unbehaglich. Der alte Leisetreter von Diener stört mich. Nicht, wie
-Sie triumphierend meinen mögen, weil ich seine Späheraugen fürchte,
-sondern nur, weil mir dies Gesicht in seiner Maskenhaftigkeit zuwider
-ist. Und wenn es nach mir ginge, machte ich Ihnen eine tiefe Verbeugung
-und schlüpfte mit meinem lieben Schatz irgendwo &ndash; meinetwegen im
-hohen Norden Berlins &ndash; unter. Aber sehen Sie, das durchzubiegen
-bringe ich nicht übers Herz. Nicht Elfchens wegen. Denn schließlich
-bin ich ihrer Gegenliebe sicher. Ich habe aber ebenfalls eine Mutter
-gehabt, Frau Kommerzienrat, und wenn die auch nur eine schlichte,
-bescheidene Frau gewesen ist &ndash; sie war ebenso stolz auf mich und hing
-mit genau derselben Liebe an mir, wie Sie jetzt an Ihrer Tochter. Und
-nur darum, das betone ich ausdrücklich &ndash; gebe ich meine Erlaubnis zu
-dem vorübergehenden Verweilen meiner Frau unter Ihrem Dach. Erinnern
-Sie sich gefälligst. Als wir beide uns neulich zufällig trafen, nahmen
-Sie nicht Elfriedes<span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[S.&nbsp;127]</span> bleiches Aussehen, an dem ich vielleicht schuldig
-sein könnte, zum Vorwand für diesen Besuch, sondern Sie versuchten mich
-durch ihre eigene Kränklichkeit zu rühren. &ndash; Der Komödiant &ndash; in mir
-sagt leise: „Sieh an, sie kanns fast noch besser wie du.“ Der Mann,
-je nun, dem war der krumme Weg just nicht angenehm. &ndash; Aber diesen
-Mann haben Sie sich ja bisher niemals die Mühe genommen, kennen zu
-lernen. Einen Augenblick &ndash; ich komme gleich zu Ende. &ndash; Elfriede mag
-getrost bei Ihnen bleiben, solange sie will. Mich aber müssen Sie jetzt
-entschuldigen. Wie Sie mich einschätzen, werde ich unverzüglich meine
-vorübergehende Freiheit gehörig ausnutzen wollen. Also &ndash; nicht wahr,
-Sie haben nichts gegen mein Verschwinden. Im übrigen hoffe ich, daß der
-edle Stratege Franz während Elfriedes Abwesenheit brav und zuverlässig
-seine Pflicht als Geheimpolizist erfüllt &ndash;“</p>
-
-<p>Die Kommerzienrätin rang um ein gutes oder wenigstens versöhnliches
-Wort, denn die Schlichtheit des Gesagten hatte mehr Eindruck auf sie
-gemacht, als sie sich eingestehen mochte. Ihre starre Natur suchte
-vergeblich danach. Und die Hand, die sie ihm entgegenhielt, übersah er.
-Nur seine Frau nahm er in die Arme und küßte sie herzhaft auf den Mund.</p>
-
-<p>„Wiedersehen, Kleines! Ich schicke dir am besten sogleich deine
-Zofe rüber. Erbarme dich und nimm sie, ja? Was soll ich mit all den
-Wachsfiguren.“</p>
-
-<p>Sie schmiegte sich zärtlich an ihn und flüsterte:</p>
-
-<p>„Paulchen &ndash; mir ist ganz wirr. &ndash; Lange halte ich die Trennung von dir
-doch wohl nicht aus.“ Und er gab ebenso zurück:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[S.&nbsp;128]</span></p>
-
-<p>„Mein kleiner, tapferer Kamerad, das ist auch gar nicht beabsichtigt.“</p>
-
-<p>Als er wenig später heimging, lachte er leichtsinnig auf. Er hatte
-sich wieder mal auf der ganzen Linie nach ungeteiltem Beifall einen
-glanzvollen Abgang verschafft. Wann wäre ihm auch jemals ein Kampf,
-den er ernsthaft zu gewinnen trachtete, nicht zum Siege ausgeschlagen?
-&ndash; Mit wachsender Ungeduld sehnte er die Stunde herbei, die ihm
-ein ungestörtes Beisammensein mit der zur Zeit von ihm am meisten
-bewunderten Frau schenken sollte.</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_128_ende">
- <img class="w100" src="images/i_029_ende.jpg" alt="Kapitel 5, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[S.&nbsp;129]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_129_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_129_kopf.jpg" alt="Kapitel 6, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_6">6.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">E</span>va von Ostried lief wie einst als Kind, wenn der große Hofhund ihr
-hart auf den Fersen war, und trotz der wärmenden Sonne fror sie. An der
-großen Brücke, über welche die Wagen mit dem dumpfen Geräusch einer
-riesenhaften Trommel dahinrollten, saß ein Bettler mit einer Drehorgel.
-Die Töne ließen sie auflauschen.</p>
-
-<p>Auf ihrem Wege stand eine alte Frau und rief ihre Zeitungen aus.
-Mechanisch kaufte sie. Vielleicht fand sich schnell eine Unterkunft.
-Irgendwo. Sie schüttelte sich. Aus der Tiefe ihrer Seele stieg ein
-Vorwurf empor.</p>
-
-<p>„Ich hätte diesen Karlsen gar nicht anhören dürfen, nach dem, was er
-mir angetan hatte.“</p>
-
-<p>Dann lächelte sie. Die Freude, ihm den sicher erwarteten Triumph zu
-zerstören, tat ihr wohl.</p>
-
-<p>Auf dem Flur daheim stand die alte Pauline und hielt eifrig Ausschau
-nach ihr.</p>
-
-<p>„Wo bleiben Sie bloß, Fräuleinchen? Waren Sie draußen bei unserer Frau
-Präsident?“ Die Alte hatte rotgeweinte Augen.</p>
-
-<p>„Bei unserer Frau Präsident? Nein, da war ich nicht.“ Es klang bitter.</p>
-
-<p>„Kommen Sie schnell. Sie müssen ja halb verhungert sein.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[S.&nbsp;130]</span></p>
-
-<p>„Daran muß ich mich jetzt gewöhnen, Pauline.“</p>
-
-<p>„Daß Sie damit spaßen können. Wenn Sie mich so reich bedacht hat, wie
-wird sie da erst für Sie gesorgt haben.“</p>
-
-<p>„Glauben Sie das wirklich immer noch? Ich habe kaum zur Hälfte
-verdient, was ich von ihr bezog. Müßte eigentlich noch brav
-herauszahlen.“</p>
-
-<p>Das treue Mädchen begriff nichts. Sie merkte nur, daß die junge Gestalt
-vor Erschöpfung schwankte und führte sie sanft in das helle Stübchen,
-das unordentlich und zerwühlt aussah.</p>
-
-<p>„Jetzt legen Sie sich still nieder. Ich hole Ihnen einen Teller voll
-kräftiger Suppe. Und nachher bereden wir alles. Ich habe mir was Feines
-ausgedacht. Sie werden nun doch wohl ganz und gar Musikant werden
-wollen. Denn unsere Frau Präsident hat immer gesagt, daß es jetzt bald
-damit losginge. &ndash; Ich könnte mich ja aufs Altenteil setzen. Aber das
-verstehe ich nicht recht. Ich zieh’ lieber zu Ihnen, Fräuleinchen. Das
-Haus hier, hat Herr Justizrat gesagt, wird verkauft. Solange dürfen wir
-beide noch darin bleiben.“</p>
-
-<p>„Ich nicht,“ sagte Eva mit zuckenden Lippen, „ich habe hier nichts mehr
-zu suchen.“</p>
-
-<p>„Sie sind doch wie ihr eigenes Kind gewesen. Ich weiß gar nicht,
-was Sie wollen. &ndash; Darum kann ich Sie auch nicht allein lassen. Sie
-sind mir eine Art Vermächtnis. Ich putze Ihnen die kleine Wohnung
-und koche und mache alles, wie Sie es nun längst gewöhnt sind. Genug
-Möbel &ndash; darunter den schönen feinen Flügel für Sie habe ich mir schon
-ausgesucht. Sie sollens genau wie bis jetzt kriegen.<span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[S.&nbsp;131]</span> Dann ist es, als
-wäre sie noch bei uns. Und ich schlafe weiter in meinem Eisernen.“</p>
-
-<p>„Gute Pauline &ndash; ich werde kaum eine eigene Wohnung brauchen. Ich nehme
-ebenfalls in Zukunft willig mit einem eisernen Bette fürlieb.“</p>
-
-<p>„Ich bin ein einfältiger, alter Mensch und will nicht aufdringlich
-sein. Aber wenn Sie mir das erklären möchten, Fräuleinchen.“</p>
-
-<p>„Erklären? Was denn? Es ist ja alles in bester Ordnung! Sie ist tot und
-ich muß sehen, wie ich möglichst schnell zu einer neuen Stelle komme.
-Sie meinen, daß ich plötzlich reich geworden wäre durch sie? Wie käme
-ich wohl dazu? Das wäre ja mehr als seltsam.“</p>
-
-<p>Sie schluchzte auf und war doch der Ueberzeugung, daß sie lache.</p>
-
-<p>„Versteh’ ich endlich recht? Sie wären nicht von unserer guten Frau
-Präsident bedacht, Fräuleinchen?“</p>
-
-<p>„Dazu war sie nicht verpflichtet, Pauline. Ich habe mehr von ihr
-erhalten, als ich jemals verdient habe.“</p>
-
-<p>„Fräuleinchen, sie hätte nicht sterben können, wenn Sie unversorgt
-zurückgeblieben wären. Mag einer reden, was er will. Sagen, daß der
-Tod sie überrumpelt hätte. Ich weiß es besser. Da muß sich noch was
-vorfinden, sage ich.“</p>
-
-<p>„Es ist nichts da, Pauline. Verlassen Sie sich drauf.“</p>
-
-<p>„Lieber guter Gott! Nun sollen Sie hier raus? Ganz nackt und blos? und
-ich und die andern haben so viel!“</p>
-
-<p>„Das ist nur gerecht. Sie haben sich’s verdient! &ndash;“</p>
-
-<p>„Das ist Unsinn! Wir beide ziehen zusammen, wie ich schon gesagt habe.
-Denken Sie doch, ich soll einhundertfünfzig Mark im Monat verleben.
-Wie mache ich das? Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[S.&nbsp;132]</span> spars doch bloß wieder zusammen und das hätte
-keinen Sinn und Verstand. Denn ich habe keinen auf der Welt und es
-würde wieder eine neue Stiftung draus. Nein, ich sorge für Sie. Und
-nachher, wenn Sie erst richtig ausgelernt haben und es drückt sie,
-geben Sie mir alles wieder. Ja? Wollen wir es so machen?“</p>
-
-<p>Wer hohnlachte da? Eva von Ostried fuhr erschrocken empor. Sie hatte
-deutlich ein heiseres Lachen gehört.</p>
-
-<p>„Ach &ndash; Pauline, ich habe nur gescherzt. Ich bin ja selbst reich. Mein
-früherer Vormund hat am Tage meiner Volljährigkeit der Frau Präsident
-in meiner Abwesenheit das Muttererbe gebracht. Gleich nachher will
-ich’s auf die Bank tragen. Denn es ist immer noch hier im Haus.“</p>
-
-<p>Das alte Mädchen schüttelte ungläubig den Kopf.</p>
-
-<p>„Das ist wahrhaftig ein verkehrter Stolz, Fräuleinchen. Damit tun Sie
-mir sehr weh. Sie haben nichts! Sie konnten ja früher mit mir drüber
-spaßen. Ehe ich’s also nicht mit meinen eigenen Augen gesehen habe,
-glaube ich Ihnen das nicht!“</p>
-
-<p>Eva von Ostried stand plötzlich vor der alten Pauline. Sie war
-verändert. Ihr noch soeben farbloses Gesicht glühte, als habe sie
-Fieber. Krampfhaft suchte sie nach ihrer kleinen, schwarzen Handtasche.</p>
-
-<p>„Um Gottes willen, wo ist sie geblieben? Ich habe sie doch noch soeben
-gehabt?“</p>
-
-<p>„Da liegt sie ja, Fräuleinchen. Ganz sicher!“</p>
-
-<p>Die schlanken Hände rissen den festen Bügel ungestüm auf, tasteten
-unter den Papieren herum und brachten einen dicken Umschlag ans Licht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[S.&nbsp;133]</span></p>
-
-<p>„Schauen Sie nur &ndash; wie viel Geld.“ Das alte Mädchen staunte.</p>
-
-<p>„Wirklich!“ machte sie unsicher.</p>
-
-<p>„Und nun seien Sie mir nicht böse, wenn ich nichts essen mag, Pauline.
-Nur schlafen muß ich. Nachher will ich gleich wieder fort. &ndash; Meine
-Sachen sollen doch bald abgeholt werden. Und fertig packen muß ich auch
-noch.“&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Dann war sie allein! &ndash; Und das Geld, das der alte Tabaksbauer kurz
-vor der Abreise der Präsidentin zurückgezahlt hatte, war immer noch in
-ihrem Besitz. Die Wucht der schweren Ereignisse, die seither über sie
-hereingebrochen, löschten die Erinnerung daran bis zu dieser Stunde
-aus. Jetzt aber wollte sie sogleich den Justizrat Weißgerber anklingeln
-und ihm davon Mitteilung machen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sein Büro war bereits geschlossen. Er selbst befand sich zur Zeit, wie
-ihr am Apparat mitgeteilt wurde, auf einer kleinen beruflichen Reise,
-von welcher er erst spät Abends zurückerwartet wurde. Nun mußte sie es
-bis zum nächsten Tage aufschieben.</p>
-
-<p>Mit keinem Gedanken hatte sie in der Zeit der jagenden Aufregungen
-des ihr anvertrauten Schatzes gedacht. Die Vorstellung, daß er in
-dem Wirrwarr sehr leicht abhanden hätte kommen können, erfüllte sie
-nachträglich mit eisigem Schrecken. Vielleicht hatte die Vorsehung
-es beabsichtigt. Es war jedenfalls gut gewesen, daß sie das Geld der
-alten Pauline vorzeigen konnte. Nun brauchte sie kein Bettelbrot zu
-essen. Denn sie hatte dumpf gefühlt, daß sie sonst dem heftigen Drängen
-nachgegeben haben würde.</p>
-
-<p>Das Gefühl der Mattigkeit war geschwunden. Sie suchte wieder ihre
-Habseligkeiten zusammen. Ihre Hände zitter<span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[S.&nbsp;134]</span>ten nicht mehr. Sie war
-ganz ruhig geworden. Einmal ging sie zum Nachttisch, auf dem die
-frischgefüllte Wasserflasche stand. Wie durstig sie war und wie gut der
-billige Trunk mundete.</p>
-
-<p>Dann schaffte sie weiter. Die Sonne warf eine Hand voll Strahlen durch
-das Fenster auf die kleine Handtasche und hob sie empor wie auf einem
-goldenen Brett. Eva von Ostried nickte herüber, als grüße sie etwas.
-Das viele &ndash; viele Geld! Wenn es ihr Eigen wäre, käme alle Not zu Ende.
-Was könnte es alles schenken?</p>
-
-<p>Ein Bett, in dem sie ausruhen konnte, solange es ihr gefiel. Einen
-Tisch mit einer Lampe darauf, die leuchten durfte &ndash; auch zu dem Flügel
-hin, den sie sich davon erstehen würde. Der Flügel, an dem sie sitzen
-und sich ihres Lebens Glück ersingen konnte.</p>
-
-<p>Sie schauerte zusammen. Wie war es möglich, daß sie überhaupt dieser
-Vorstellung Raum gab. Fremdes Geld? Anvertrautes Gut! Was ging es sie
-an? Mochten sich die verschiedenen überreich bedachten Stiftungen darin
-teilen. Mechanisch häufte sie, was ihr gehörte, weiter zusammen. Wohin
-nun aber mit all diesem Tand?</p>
-
-<p>Ihr Blick fiel auf die an der Brücke gekauften Tageszeitungen. Sie
-vertiefte sich in die Menge feingedruckter Anzeigen. An der einen
-blieben ihre Blicke haften und kehrten dorthin zurück:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Suche sofort aus bester Familie für meine Tochter gebildete
-Gesellschafterin. Ernste Lebensauffassung, fester Charakter neben
-guten Zeugnissen Bedingung. Vorstellung jederzeit. Auch abends bis
-10 Uhr bei Frau Eßling, Eisenacherstr. 10, Grunewald-Berlin.</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[S.&nbsp;135]</span></p>
-
-<p>Also ganz nahe. Mit einer spitzen Schere schnitt sie sorgfältig die
-Reihen aus. Sobald sie hier fertig war, wollte sie sich vorstellen.</p>
-
-<p>Sie legte das schmucklos schwarze Kleid an, in dem sie ihren Vater
-betrauert hatte. Den wertvollen Spitzenkragen, ein Geschenk der
-Präsidentin, zerrte sie so heftig herunter, das die spinnwebenfeinen
-Sternchen zerrissen. Zu diesem Gange durfte sie sich nicht schmücken.
-Als Gesellschafterin einer sicherlich jungen Tochter mußte sie häßlich,
-unscheinbar und wesenlos sein. Der Spiegel gab ihr Bild in seiner
-vollen Schönheit wieder. Die Kämpfe, die rückwärts lagen, quälten
-sie von neuem. Die unverdiente Eifersucht ihrer früheren Herrinnen
-&ndash; der Neid der Dienstboten wegen ihrer Sonderstellung im Hause, der
-eigene, lodernde Zorn, stumm die tiefe Einschätzung zu ertragen und
-nicht zuletzt die Angst, daß sie eines Tages aus Groll, Einsamkeit und
-Lebensdurst &ndash; verdient wäre.</p>
-
-<p>Und nie &ndash; nie mehr die geliebte Kunst? Daran hatte sie überhaupt nicht
-denken wollen. Das zerbrach ihre Kraft. Nun lag sie wieder matt und
-frierend da und konnte nichts denken. Dumpf fühlte sie, daß dies mehr
-als ein Grauen vor dem nahen Wege nach dem Golgatha zur Pflicht war.
-Ein Lebensabschied; der Tod aller Wünsche und Freuden!</p>
-
-<p>Diese zu erwartende Not jagte ihr eine fiebernde Gier durch das Blut.
-Ein paar tausend Mark nur. Denn jene kleine eroberte Summe würde kaum
-für die notdürftigsten Anschaffungen genügen. Freilich verwahrte
-Amtsrat Wullenweber noch einige Möbelstücke aus mütterlichem<span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[S.&nbsp;136]</span> Besitz
-für sie. Wo aber war der Raum, der sie bergen konnte? Das Leben war
-unerhört teuer. Wiederum nach wenigen Schritten stehen zu bleiben und
-rückwärts zu müssen. Nur das nicht abermals!</p>
-
-<p>Jenes vorübergehend von ihr vergessene Geld, dessen Vorhandensein
-niemand ahnte &ndash; denn die Präsidentin hatte ihr das Nähere erzählt &ndash;
-wäre übergenug, um sie glücklich zu machen.</p>
-
-<p>Aber ein Gefühl des Ekels über sich selbst stieg ihr in die Kehle. Wie
-tief sie gesunken war, daß solche Gedanken kommen konnten. Sie schloß
-die Tasche in den Schreibtisch ein und suchte eine andere hervor. Dabei
-sah sie einen Zettel, den die Präsidentin an eine der zahlreichen
-Geburtstagsgaben geheftet hatte.</p>
-
-<p>„Meinem Sorgen- und Glückskinde!“</p>
-
-<p>Sie sah auch das gütige, feine Gesicht deutlich vor sich und hörte
-die Worte, mit denen sie in Oeynhausen ihre Zukunft erleuchtet und
-festgelegt hatte. Kam nicht das Versprechen solcher Frau bereits der
-vollzogenen Handlung gleich. Hatte sich die unabänderliche Tat der
-Schenkung nicht schon damals vollzogen? &ndash; Wen träfe das Verschwinden
-dieses Geldes? &ndash; Es wäre ja gar kein Raub.</p>
-
-<p>Aber was wäre es denn? &ndash; Aber eine Mahnung ward ihr im Innern: Eine
-zerlumpte Zigeunerin hatte einst auf dem väterlichen Majorat der
-Mamsell aus deren Schlafkammer den unechten Sonntagsring entwendet. Die
-Knechte liefen ihr mit Wagenrungen und Heugabeln nach, weil es gleich
-zu Tage kam, griffen sie und spien nach ihr, denn zum Schlagen war sie
-ihnen zu schlecht gewesen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[S.&nbsp;137]</span></p>
-
-<p>Die kleine Eva hatte das alles mitangesehen und ebenfalls versucht
-das flinke, rote Zünglein zu recken, um nicht hinter den Erwachsenen
-zurückzustehen.</p>
-
-<p>Jener Ring! Ach &ndash; das war etwas ganz anderes. Er hatte eine Besitzerin
-gehabt, die ein armes Mädchen gewesen und sich nur mühsam so etwas
-leisten konnte.</p>
-
-<p>Dies Geld aber&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie lag plötzlich auf den Knien und rang die Hände. Ihr Hirn war leer.
-Im Herzen &ndash; am Halse &ndash; in den Fingerspitzen jagte eine entsetzliche
-Angst. Ein Name klang gellend &ndash; in Todesfurcht herausgeschrien &ndash;
-durch das Zimmer.</p>
-
-<p>„Mutter &ndash; Mutter &ndash; hilf mir doch!“</p>
-
-<p>Auf dem stillen, süßen, scheuen Frauenantlitz, das aus vergoldetem
-Rahmen auf die verlassene Tochter herabsah, lag der Schatten des
-scheidenden Tages und ließ es noch leidvoller erscheinen!</p>
-
-<p>Kein Rettungsanker hielt stand. Nirgends war eine Stätte der Zuflucht
-für sie bereitet.</p>
-
-<p>Die roten Türme des Waldesruher Heimatschlosses würden zwar noch
-erhaben über alles andere hinwegsehen und die Gräber der Eltern
-gehörten ihr nach wie vor. Ein verwitweter Vetter gleichen Namens saß
-jetzt als Erbberechtigter auf dem alten Majorat und mochte den Zufall
-segnen, der dem tollen Ostried einen Sohn versagte. Vielleicht bei ihm
-untertauchen &ndash; wenn auch nur für kurze Zeit? &ndash; Aufnahme würde sie
-finden. In der Familienchronik war der jeweilige Besitzer ausdrücklich
-angewiesen, jeden bedürftigen und würdigen weiblichen Nachkommen<span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[S.&nbsp;138]</span> eines
-Vorgängers für mindestens sechs Monate unentgeltlich im Schlosse zu
-beherbergen.</p>
-
-<p>Der bloße Gedanke daran peinigte sie aber schon!</p>
-
-<p>Stellte sie nicht in Wahrheit die Bettelprinzeß dar, wie ihr das einst
-ein Trunkener höhnend nachgerufen hatte? Keine andere Macht, meinte
-sie, käme der des Geldes gleich. Das Blut des Vaters kreiste in diesen
-Augenblicken wild durch ihre Adern, sie wollte gefeiert und verwöhnt
-werden. Es war undenkbar, daß sie untertauchte, um im Dunkel ewiger
-Entbehrungen zu verkommen.</p>
-
-<p>Ein harter Trotz kam über sie. Sie war sich der Macht, die sie auf Paul
-Karlsen ausübte, voll bewußt. Und er war doch reich geworden, wie aus
-jedem seiner Worte hervorging.</p>
-
-<p>Sie riß das schlichte Kleid herunter und suchte eins aus weicher,
-fließender Seide hervor. Wie eine Braut geschmückt wollte sie zu ihm
-gehen und wie eine Königin Gnaden spenden.</p>
-
-<p>Und dann lag sie doch wieder mit dem Gesicht auf der blanken Platte des
-Mahagonitisches und grub in Scham und Not die Zähne tief in das Gewebe
-der seidenen Zierdecke.</p>
-
-<p>„Nie &ndash; nie &ndash; nie kann ich das tun!“</p>
-
-<p>Wenn er sie aber zu seinem Weibe begehrte? Und was konnte er anders
-mit dem heimlichen Werben in jedem Blicke gemeint haben? Paul Karlsens
-Frau, die Genossin des Künstlers, die treue Kameradin eines gleich ihr
-Emporstrebenden?</p>
-
-<p>Warum schüttelte sie sich plötzlich? Das Blut der Mutter kam nun auch
-zu seinem Recht. &ndash; Ohne Liebe sich ver<span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[S.&nbsp;139]</span>kaufen &ndash; das war noch härter
-wie die Fron des Alltags.</p>
-
-<p>Auch nicht um der Kunst willen? Sie fühlte, daß es ihr ans Leben gehen
-wollte.</p>
-
-<p>Wenn sie vor jedem entscheidenden Schritt erst zu Ralf Kurtzig, dem
-alten Meister, gehen würde? Vielleicht wußte er ihr einen Gönner, der
-aus Freude an ihrem Talent freigebig war. Vielleicht riet er ihr aber
-auch, daß sie lieber hungern und verzichten solle, als ihre Kunst
-aufzugeben. Ja &ndash; es war sogar sicher, daß er diesen Rat erteilte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Befolgen hätte sie ihn nicht können. Nach dem Tode ihres ersten Gönners
-hatte sie damit einen kurzen Versuch gemacht.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die alte Pauline klopfte leise und trug ein vollbesetztes Tablett
-herein. „Jetzt müssen Sie etwas genießen, Fräuleinchen.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried wollte fest bleiben. Es gehörte ja alles der Frau, die
-wohl doch im letzten Augenblick ihr feierliches Versprechen bereut
-hatte. Aber das Hungergefühl schmerzte beim Anblick der guten Sachen.
-Sie überlegte nicht länger.</p>
-
-<p>Erst, als sie völlig gesättigt war, verachtete sie sich deswegen. Jäh
-packte sie die Angst, daß sie sich letzten Endes auch zu dem andern
-zwingen lassen könnte.</p>
-
-<p>Stumpf legte sie das kostbare Kleid wieder ab und schlüpfte in das
-schmucklose Trauerfähnchen. Dann ging sie langsam den Weg, der zur
-Eisenacherstraße führte.</p>
-
-<p>Irgendwo auf dem Wege dorthin zu ihrer Linken lag ein weinumwachsenes
-Haus. Der goldgelbe Kies war stumpf und bleich geworden, weil ihn die
-Sonne nicht mehr beschien. Es war eben acht Uhr. Sie wußte die Zeit
-nicht.<span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[S.&nbsp;140]</span> Mit schleppenden Schritten ging sie an dem Hause im Schatten
-vorüber. Ein paar volle Akkorde schlugen von dem tönenden Reichtum
-drinnen, an ihr Ohr. Sie wollte nichts hören. Eine Stimme erhob sich:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Geschmolzen ist der Winter Schnee</div>
- <div class="verse indent2">Ganz stumm und still verfalln dem Grabe..</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Ein Krampf schüttelte sie. Nur nicht stehen bleiben. Weiter.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aber sie ging doch nicht. An das kunstvoll gehämmerte Gitter gelehnt,
-lauschte sie gierig.</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Herr Tristan hob vom heißen Pfühle</div>
- <div class="verse indent2">Sein mattes Haupt und sprach &ndash; &ndash; &ndash;</div>
- <div class="verse indent2">Nicht länger trage ich die Scham,</div>
- <div class="verse indent2">So bloß zu stehn mit meinem Gram....</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Der Gesang schwieg. Ein Fenster schlug auf. Sie stand wie verzaubert.
-Ueber den blassen Kies knirschten die Schritte eines Mannes.</p>
-
-<p>„Kleine Mignon!“</p>
-
-<p>Sie fühlte sich an die Hand genommen und in das Haus gezogen.</p>
-
-<p>„Ich will nicht! Ich will nicht!“ stammelte sie. Leise lachte er auf.</p>
-
-<p>„Sie hat’s nicht erwarten können,“ dachte er und fand sie schöner und
-begehrenswerter als je in dem klösterlich strengen Gewande.</p>
-
-<p>&ndash; Paul Karlsens schneller Entschluß, sie in das Musikzimmer und nicht,
-wie er das ursprünglich beabsichtigt, in sein Herrenzimmer zu führen,
-erwies sich als sehr klug. Die Bildnisse der Meister edler Tonkunst,
-die von den Wän<span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[S.&nbsp;141]</span>den herab grüßten, wirkten beruhigend und anheimelnd
-auf Eva von Ostrieds Fassungslosigkeit. Sie empfand plötzlich ihre
-Anwesenheit hier nicht mit quälendem Vorwurf. Es blieb ungewöhnlich.
-Jedoch auch nichts weiter.</p>
-
-<p>Paul Karlsen neigte sich mit ritterlicher Besorgnis zu ihr herab. „Ist
-es Ihnen auch zu feierlich bei mir, Fräulein von Ostried?“ Sie hob den
-Blick frei zu dem seinen.</p>
-
-<p>„Hier weht Heimatsluft, Herr Karlsen. Uebrigens &ndash; war ich nicht auf
-dem Wege zu Ihnen.“</p>
-
-<p>„Ah,“ machte er.</p>
-
-<p>Sie errötete, weil sie fühlte, daß er ihr nicht glaubte. Sollte sie
-ihm von ihrem eigentlichen Vorhaben, dessen Ausführung sein Gesang nur
-verzögert haben würde, erzählen? Sie brachte es nicht über die Lippen.
-Einen Augenblick saßen sie sich schweigend gegenüber. Dann sagte sie,
-in ehrlicher Bewunderung umherschauend:</p>
-
-<p>„Wie wunderschön Sie es haben, Herr Karlsen! Die Goldader, von der Sie
-sagten, muß wirklich ergiebig sein.“ Er nickte zufrieden.</p>
-
-<p>„Unerschöpflich fließt sie sogar. Wir haben einen Diener, eine Köchin
-und noch mehrere beigeordnete Untertanen im Hades der Küche, die ich
-freilich noch nicht zu Gesicht bekommen habe.“</p>
-
-<p>Er zählte es mit der Wichtigkeit und dem Stolz eines fröhlichen Jungen
-her, der sich sehr wohl in den neuen, glanzvollen Verhältnissen fühlt.
-Eva von Ostried war nicht neugierig. Sie hätte aber dennoch gar zu
-gern gewußt, wie ein Schicksalsgenosse, von dessen Schulden man sich
-in Oeynhausen Wunderdinge erzählte, plötzlich zu diesen Märchendingen
-gekommen war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[S.&nbsp;142]</span></p>
-
-<p>Er hatte das vorausgesehen und sich bereits auf dem Heimgang von seiner
-Schwiegermutter eine durchaus glaubhafte Erklärung zurechtgelegt.</p>
-
-<p>„Es war ein Onkel von Thule,“ summte er Desdemonas zitterndes Lied
-vom König. „Und dieser alte Herr mit Druckknöpfen von Eisen und Feuer
-an der gewichtigen Geldkatze besaß einen Neffen. Einen Nichtnutz
-natürlich, der totsicher vor die Hunde gehen würde. Dieser Schlingel
-bildete sich felsenfest ein, eine Stimme zu haben, die anders wäre,
-wie die des Onkels von Thule. Frechheit, nicht wahr? &ndash; Er glaubte
-weiter, daß die Dummen in absehbarer Zeit mal ihr Geld ausgeben würden,
-um sie hören zu dürfen. Man bedenke &ndash; der Onkel aus Thule war in
-seinem Leben niemals in eine Oper gegangen. Und besagter Neffe hätte
-in seinem Tabak- und Kaffeeexportgeschäft wundervoll unterkommen
-können. &ndash; In Hamburg. Er bot es ihm sogar schriftlich an. Der Bengel
-antwortete überhaupt nicht darauf, trotzdem eine Freimarke beilag. Er
-pumpte ihn aber auch nicht an. Lieber ganz Fremde, die sich wirklich
-überraschend leicht finden ließen. &ndash; Und der Onkel von Thule kam &ndash;
-zwar nicht zum Sterben, wohl aber nach Oeynhausen, denn er war immer
-ein kleiner Schlemmer gewesen und nun lag sein Herz im Fett. Und er
-gab auch nicht seiner geehrten Buhle den bekannten güldenen Becher,
-sondern seinem Nichtsnutz von Neffen einen Wink, damit er sich mal zu
-ihm ins Hotel begeben möchte. &ndash; Daß er ihn zuvor ein paar mal aus
-sträflicher Langeweile, von einem leidenden, zufällig hochmusikalischen
-Geschäftsfreund verführt, in allen damals gegebenen Opern gehört hatte,
-nur nebenbei. Jeder, der einen stumpfsinnigen Badeaufenthalt<span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[S.&nbsp;143]</span> von
-mehreren Wochen durchgemacht hat, wird ihm diese Entgleisung vergeben.
-&ndash; Also &ndash; der Bengel erschien und nun machte sich das weitere
-ganz von selbst. &ndash; Wir sind nach Berlin übergesiedelt, denn die
-Exportgeschichte in Hamburg hatte genug für uns abgeworfen und &ndash; na ja
-&ndash; da wären wir nun.“</p>
-
-<p>Keinen Augenblick zweifelte sie an der Richtigkeit seiner Erzählung.</p>
-
-<p>„Wie schön ist es, daß sich Ihr Talent voll entfalten kann,“ sagte sie
-und kämpfte gegen allen Neid.</p>
-
-<p>„Das hätte es auch ohne den Onkel fertig gebracht. Wie können Sie
-das von einem &ndash; nun nennen wir es getrost Zufall, abhängig machen!
-Schwerer wäre es freilich gewesen und länger würde es mit dem Aufstieg
-vielleicht gedauert haben. Auf die Spitze wäre ich doch gekommen.“</p>
-
-<p>„Das ist Manneskraft.“ Es klang wie eine Klage.</p>
-
-<p>„Nein, das ist die gesunde Erkenntnis des eigenen Könnens,“ widersprach
-er, „die sollte Jedes haben, das sich seine Begabung nicht lediglich
-einbildet. Sie also auch, Fräulein von Ostried.“</p>
-
-<p>„Ich habe es mir anders überlegt. Ich will nicht weiter.“</p>
-
-<p>„Was wollen Sie nicht, bitte? &ndash; Nicht mehr singen? Einfach
-abschwenken? Gehen Sie doch! Jetzt wären wir endlich bei unserm
-eigentlichen Thema angelangt. &ndash; Nachdem Sie sich umgesehen und meine
-Geschichte vernommen haben, werden Sie auch glauben, daß mir die Gelder
-nicht mehr knapp sind.“</p>
-
-<p>„Was geht das mich an?“ fragte sie brüsk und machte Miene, sich zu
-erheben. „Ich will jetzt gehen. Ihr Herr Onkel wird Sie nicht länger
-entbehren mögen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[S.&nbsp;144]</span></p>
-
-<p>„Mein Herr Onkel ist bei seinen Whistbrüdern,“ lachte er leise. „Von
-denen macht er sich bestimmt nicht vor Mitternacht los. Denn &ndash; eine
-Frau haben wir nicht mehr. Die ist lange, lange tot. &ndash; Nur der alte
-Franz paßt derweilen auf, damit ich keine Dummheiten mache. Denn der
-Onkel von Thule macht sie lieber noch selber. Wundern Sie sich also
-nachher etwa in ein paar Stunden nicht, wenn er plötzlich stocksteif &ndash;
-stockdämlich irgendwo herumsteht. Sonst habe ich es aber wirklich in
-jeder Beziehung ausgezeichnet. Kann sozusagen tun und lassen, was ich
-will. Die Geldkatze steht unverschlossen zu meiner Verfügung. Dazu ist
-mein fester Monatswechsel blendend.“</p>
-
-<p>„Wozu sagt er mir das alles?“ dachte Eva von Ostried und ihr Herzschlag
-drohte in einer erstickenden Angst auszusetzen. „Er will doch nicht
-etwa selbst &ndash;?“ Das Gefühl des Widerwillens, stärker noch als
-dasjenige der Empörung und des Zornes über die unerhörte Kühnheit, mit
-der er sie damals beleidigt hatte, regte sich wieder.</p>
-
-<p>Sie begriff nicht mehr, daß sie ihm willenlos hierher folgen konnte,
-nach diesem Erlebnis. Ihr Gesicht war sehr bleich geworden. Ihre Augen
-irrten mit einem flackernden Blick umher, als sie sich jetzt erhob.</p>
-
-<p>„Wie mich das für Sie freut! Lassen Sie sich’s weiter wohl sein, Herr
-Karlsen.“ Jedes Wort mußte sie erkämpfen. „Und schnellen, sicheren
-Aufstieg.“ Es klang tonlos. Er war gleichfalls aufgestanden und sah auf
-sie herab &ndash; immer noch, als sie längst zu Ende gesprochen hatte. Das
-brachte ihr eine größere Unsicherheit. Sollte sie ihm jetzt die Hand
-reichen oder &ndash; grußlos entfliehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[S.&nbsp;145]</span></p>
-
-<p>„Nur noch einen Augenblick,“ forderte er und seine Brauen schoben
-sich eng zusammen. „Zwar weiß ich wirklich nicht, womit ich diesmal
-Ihre Unzufriedenheit erregt haben könnte &ndash; irgendwie werde ich mich
-ja aber doch wohl vergangen haben. Denn für solche Wirkungen besitze
-ich auch ein musikalisches Feingefühl. Sicherlich habe ich zu viel um
-den Brennpunkt herumgeredet. Verzeihen Sie mir. &ndash; Als ich Ihnen von
-dem mir gutbekannten Gönner sprach, der Ihnen auf mein Wort helfen
-würde &ndash; stand mein Plan bereits fest. Und das ist er geblieben. &ndash;
-Entschuldigen Sie mich für einen Augenblick. Ich hole nur eine wichtige
-Kleinigkeit nebenan aus meinem Studierzimmer.“</p>
-
-<p>Ehe sie eine Entgegnung fand, war er bereits verschwunden. Durch
-die zurückgeschobenen Vorhänge konnte sie den Raum übersehen. Ihre
-Blicke lösten sich von seinen Händen, die hastig in den aufgezogenen
-Schiebladen des Schreibtisches herumkramten und wanderten &ndash;
-gedankenlos &ndash; umher. Es trieb sie zur Flucht und sie blieb dennoch.
-Sie nahm nichts von alledem, was sie anstarrte, in sich auf. Die
-Bilder verschwammen zu farblosen Massen. Die wuchtigen Vasen auf hohen
-Sockeln, die sicher ein kleines Vermögen kosteten, wuchsen wie Steine
-auf, die in unsichtbarer Faust nach ihrem Herzen zielten. Mit fast
-übermenschlicher Gewalt zwang sie sich dazu, etwas zu denken &ndash; zu
-sehen &ndash; zu empfinden.</p>
-
-<p>Da lag, gerade über seinem Kopf, ein großer grüner Fleck mit
-leuchtenden Blutstropfen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nein, ein Bild war’s; als sie schärfer, sich dazu zwingend, hinsah,
-erkannte sie die überschlanke Gestalt eines weiblichen<span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[S.&nbsp;146]</span> Wesens darin,
-die unter rotem Mohn auf grüner Wiese stand. Auf dem Gesicht lag der
-volle Schein einer glutrot gemalten Sonne und hob es scharf heraus. In
-seiner rührenden Anspruchslosigkeit wirkte es fast mit diesem Leuchten,
-das von innen heraus zu strahlen schien, lieblich. Obwohl Nase und Mund
-viel zu groß darin standen. Sie prägte es sich ein, um nur nicht denken
-zu müssen, daß sie mit jeder Minute ihres längeren Verweilens von ihrem
-Mädchenstolz verschwende.</p>
-
-<p>Endlich kam er zurück. &ndash; Hochrot! Zornig!</p>
-
-<p>„Niemals kann ich das finden, was ich gerade suche. Das ist gräßlich!
-Jetzt endlich ist es gelungen. Sehen Sie, bitte! Nun &ndash; was ist das?“</p>
-
-<p>„Ein Scheckbuch,“ sagte sie tonlos, „aber ich begreife nicht.“</p>
-
-<p>„Ganz recht. Sie haben also viel mehr Geschäftssinn wie ich &ndash; etwa
-vor sechs Monaten. Genauere Anweisungen brauche ich Ihnen also wohl
-nicht mehr zu erteilen. &ndash; Sie nehmen dies an sich und füllen einfach
-mit einer bestimmten, von Ihnen beliebig festzusetzenden Summe jeden
-Monat die Geschichte aus. Das weitere macht dann schon die Bank!“ Sie
-streckte beide Hände von sich, als wehre sie eine furchtbare Versuchung
-ab.</p>
-
-<p>„Um Gottes willen, nur das nicht!“</p>
-
-<p>„So verhaßt bin ich Ihnen, Eva? Was Sie ohne Bedenken von dem alten
-Blutsauger, der Sie zur Bretteldiva machen wollte, angenommen hätten,
-ohne diese Bedingung, das wollen Sie mir nicht gestatten?“</p>
-
-<p>„Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen jemals zurückerstatten kann.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[S.&nbsp;147]</span></p>
-
-<p>„Darüber sorgen Sie sich nicht. Zinsen allerdings &ndash; verlange ich.“</p>
-
-<p>Daß er sachlich zu sprechen begann, machte sie ruhiger.</p>
-
-<p>„Wovon sollte ich die zahlen.“ Er sah sie fest an.</p>
-
-<p>„Wovon? Fühlen Sie das nicht, Eva?“</p>
-
-<p>Ihre Hände hingen matt hernieder. Er betrachtete sie lange. Aber er
-nahm sie nicht in die seinen. Nur nichts übereilen. Langsam begann er
-ihr in Worten ein lebendiges Bild zu malen.</p>
-
-<p>„Sie beziehen, am liebsten in meiner Gegend, eine kleine feine Wohnung.
-Nur kein Kellerloch oder Dachstübchen. Das drückt von vornherein das
-Können nieder. Auch die öffentliche Meinung. Dann schaffen Sie sich
-jemand, der Ihnen den Kleinkram des täglichen Lebens fernhält und
-nebenbei diskret ist. Dann erst sehen Sie sich nach geeigneten Lehrern
-um. Natürlich müssen sie erstklassig sein. Auf die Honorare darf es
-nicht ankommen. Und dann &ndash; ergibt sich das Schönste wie von selbst.
-Das Lernen. Das Vertiefen. Die Seligkeit, daß es bestimmt geschafft
-wird. Die Vorausempfindung all des brennenden Neides der liebwerten
-Kollegenschaft &ndash; aber auch der Macht, die täglich wachsen und genau
-wie die meine, zur Andacht niederreißen wird &ndash; mag die Menge willig
-sein oder nicht.“</p>
-
-<p>Mit weitvorgestrecktem Haupt hatte sie ihm gelauscht. Das war ein
-Klang aus jener Welt, in der allein sie glücklich zu werden wähnte.
-Ein echter Klang. Das fühlte sie. In diesem Augenblick empfand sie
-auch keinen Widerwillen gegen Paul Karlsen. Seine Güte zurückzuweisen,
-erschien ihr unnatürlich. Ja &ndash; unmöglich, je länger sie über seinen
-Vorschlag nachdachte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[S.&nbsp;148]</span></p>
-
-<p>„Die Zinsen &ndash; wie hoch?“ fragte sie nur noch.</p>
-
-<p>Da lag er ihr zu Füßen und zwang sie in einen tiefen, niederen Sessel
-hinein.</p>
-
-<p>„Deine Liebe und sonst nichts! Fühlst du immer noch nicht, wie ich mich
-nach dir verzehre. Siehst du nicht, daß ich dir alles zu Füßen legen
-möchte und nur verlange, daß du dich von mir anbeten und lieben läßt?“</p>
-
-<p>Sie stieß ihn nicht zurück, trotzdem sie unter seiner Berührung
-zusammenschauerte. Nur ein Gedanke hämmerte in ihrer Stirn:</p>
-
-<p>„Bin ich jetzt seine Braut? &ndash; Und muß ich nun auch sein Weib werden?“</p>
-
-<p>Ein Finger pochte leise an die hohe Tür. Paul Karlsen fuhr auf und
-setzte sich ihr gegenüber.</p>
-
-<p>„Haben Herr Karlsen gerufen?“ Der alte Diener streckte sein
-unbewegliches Gesicht bescheiden in das Zimmer hinein.</p>
-
-<p>&ndash; Der Zauber dieses Augenblickes war ihm unwiderbringlich verloren.
-Ihre Not für ein Weilchen überwunden.</p>
-
-<p>Sie schickte sich an zu gehen, und er hielt sie nicht zurück.</p>
-
-<p>„Ich werde Nachricht geben. Vielleicht morgen schon,“ flüsterte sie und
-glaubte zu wissen, daß sie sich ihm aus Liebe zur Kunst verkaufen könne.</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_148_ende">
- <img class="w100" src="images/i_029_ende.jpg" alt="Kapitel 6, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a>[S.&nbsp;149]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_149_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_005_kopf.jpg" alt="Kapitel 7, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_7">7.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">K</span>aum tausend Schritt von Karlsens Villa entfernt stand abseits von der
-Verkehrsstraße eine Bank. Auf diese strebte Eva von Ostried zu. Im
-Augenblicke war es ihr unmöglich, ihren Weg fortzusetzen. Alles Denken,
-bis zur äußersten Grenze erschöpft, setzte aus und sie gab sich willig
-dieser Müdigkeit hin.</p>
-
-<p>Sie fühlte, daß sie sich dem Manne, der ihr seine Liebe geboten,
-anverlobt habe. Daß sie überhaupt nach seinem Kuß zu ihm ging, ließ nur
-diese Deutung zu. Er mußte annehmen, daß sie sein Gefühl erwiderte!</p>
-
-<p>Und es war doch eine Lüge! Sie fühlte nichts für ihn.</p>
-
-<p>Die Blicke, die er auf ihr hatte ruhen lassen, peinigten sie noch
-nachträglich! Das Erinnern an seine heißen, zuckenden Hände, die sie
-umklammert hatten, als er vor ihr kniete, brachte ihr erneut die starke
-Empfindung des Widerwillens gegen seine Zärtlichkeiten.</p>
-
-<p>Das Verhältnis zwischen ihren Eltern fiel ihr ein. Der Vater hatte
-zuweilen, nach einer besonders guten Flasche Wein von der hingebenden
-Zärtlichkeit ihrer Mutter in der Verlobungszeit gesprochen. Und
-doch war später aus der Ehe das geworden, was Evas erste Jugend
-unaussprechlich ängstigte und sie noch jetzt mit Grauen erfüllte! An
-dem<span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[S.&nbsp;150]</span> unverbesserlichen Leichtsinn des schönen Ostried zerbrach die
-Kraft und das Leben ihrer Mutter, nachdem wohl schon längst ihre Liebe
-dem starren Pflichtbewußtsein weichen mußte.</p>
-
-<p>Und sie selbst wollte sich jetzt ohne einen Funken schlummernder
-Zärtlichkeit binden?</p>
-
-<p>Um den roten Mund grub sich eine Falte, die ihr Gesicht hart machte.
-Der Preis, den sie sich dadurch erringen würde, war hoch genug, um
-einem törichten, streng verschwiegenen Mädchentraume dies Opfer zu
-bringen.</p>
-
-<p>Sie war bereit! Aber nicht mehr völlig bedingungslos. Das Gesuch der
-Frau Eßling wegen der Gesellschafterin für die Tochter fiel ihr ein.
-Sie wollte versuchen, dort ein paar Wochen unterzuschlüpfen, um sich
-eine Bedenkzeit zu sichern.</p>
-
-<p>Frau Kommerzienrat Eßling befand sich in einer selten weichen
-Stimmung, als ihr gemeldet wurde, daß eine Bewerberin draußen warte.
-Der Sieg über den Willen des Schwiegersohns hatte sie vorübergehend
-versöhnlicher gestimmt. Ihr Gerechtigkeitsgefühl konnte sich zudem
-gegen die Wahrheit seiner Bitterkeiten nicht verschließen. In der
-Hauptsache füllte sie die Freude, die Tochter wieder &ndash; wenn auch nur
-für kurze Zeit &ndash; bei sich zu haben, gänzlich aus. Daneben verschwand
-jede Trauer und Auflehnung.</p>
-
-<p>Elfriede Karlsen lag, wie einst während langer Jahre, auf dem Ruhebette
-und ließ sich mit dem Lächeln eines dankbaren Kindes von ihrer Mutter
-verwöhnen. Noch ahnte sie die neueste Fürsorge der Kommerzienrätin
-nicht. Mit wenigen hastigen Worten wurde sie ihr jetzt als eine
-Notwendigkeit hingestellt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[S.&nbsp;151]</span></p>
-
-<p>„Aber, Mama,“ sagte sie flehend, „das ist grausam von dir &ndash;“</p>
-
-<p>„Du solltest froh sein, daß ich auf diesen erlösenden Gedanken gekommen
-bin, Elfriedchen. Die vielen einsamen Stunden taugen nicht für dich. Du
-grübelst zu viel.“</p>
-
-<p>„Ich warte auf meinen Mann und das ist wunderschön,“ sagte sie. Es lag
-alle Treue und Zärtlichkeit darin.</p>
-
-<p>„Diese Stunde ist nicht geeignet, um darüber zu streiten, Kind. Schnell
-nur eins: Ihr betont beide bei jeder Gelegenheit, daß ein Künstler frei
-sein muß und du willst ihn doch nicht von der Kette lassen?“</p>
-
-<p>Das blasse Gesicht rötete sich trotz der weißen Puderschicht, die Frau
-Eßling ihrer Tochter niemals zugetraut.</p>
-
-<p>„Soll das heißen, daß ich ihn ungebührlich in Anspruch nehme, ihn
-in seiner Entwicklung hemme? &ndash; Das aber kann unmöglich deine wahre
-Ansicht sein, Mama. Noch vor wenigen Tagen hast du mir den ernsthaften
-Vorwurf einer viel zu großen Anspruchslosigkeit gegen Paul gemacht!“</p>
-
-<p>„Darin liegt kein Widerspruch, mein Kind! Natürlich und verständlich,
-wenn eine junge, verliebte Frau die Minuten zählt, bis ihr der Gatte
-endlich wiedergeschenkt ist. Aber auch ebenso begreiflich, wenn bei
-einer Veranlagung wie dein Mann sie nun doch einmal hat, ihn jeder
-leiseste Zwang behindert und vielleicht sogar verstimmt und hemmt.“</p>
-
-<p>„Hat er sich etwa dir gegenüber beklagt, Mama?“</p>
-
-<p>Die Kommerzienrätin lachte bitter auf.</p>
-
-<p>„Wo denkst du hin, Elfriedchen. Ein so großer Künstler nimmt sich nicht
-die Mühe, eine gewöhnliche Sterbliche,<span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[S.&nbsp;152]</span> wie mich, in seine Empfindungen
-einzuweihen. Aber erinnere dich nur. Ist er nicht häufig genug
-ungehalten gewesen, wenn du etwa eine Stunde oder noch länger wie ein
-geduldiges Lämmchen mit dem Essen auf ihn gewartet hast?“</p>
-
-<p>„Mama, nimm den alten Franz wieder zu dir,“ bat die junge Frau gequält.
-Sie wußte sofort, aus welcher Quelle ihre Mutter die Kenntnis jedes
-auch des kleinsten und unwichtigsten Geschehnisses aus ihrem Leben
-schöpfte.</p>
-
-<p>„Du hast mich schon mehrmals darum gebeten, Elfriede. Und heute, wie
-früher sage ich dir, daß er bleiben wird und muß.“</p>
-
-<p>Elfriede Karlsen seufzte tief auf.</p>
-
-<p>„Was also soll diese Gesellschafterin mir helfen?“</p>
-
-<p>Frau Eßling fühlte, daß der anfängliche Widerstand zu wanken begann.
-Etwas wie Neugier klang aus der Frage.</p>
-
-<p>„Unendlich viel, Elfchen! Natürlich muß sie klug und gebildet, frisch
-und einwandfrei sein. Ihr werdet Euch schnell anfreunden. Du hast
-niemals eine Freundin besessen. Dann sind die Stunden des Wartens
-plötzlich ausgefüllt. Vielleicht erscheinen sie dir im Laufe der
-Zeit sogar, wenn Ihr zusammen ein nettes Buch lest &ndash; Spaziergänge
-macht, Einkäufe erledigt und Bilder anseht, zu kurz. Jedenfalls, ein
-vorwurfsvolles Gesicht oder gar, was mir bei weitem gefährlicher
-erscheint, ein abgespanntes, enttäuschtes und nicht gerade glänzend
-aussehendes Frauchen wird Karlsen nicht vorfinden, auch wenn er sich
-selbst erheblich verspäten sollte. Was meinst du, muß die Folge hiervon
-sein? So viel habe ich gelernt, um zu wissen, daß Karlsen launenhaft
-ist. Das Geringste kann ihn verstim<span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[S.&nbsp;153]</span>men; eine Kleinigkeit kann ihn aber
-zu einem hinreißenden Gesellschafter machen.“</p>
-
-<p>„Ich habe keine Ahnung gehabt, daß du ihn so genau kennst,“ sagte
-Elfriede.</p>
-
-<p>„Höre nur weiter, Friedchen! &ndash; Indem du nicht länger mit dieser
-deutlich zur Schau getragenen Sehnsucht nach ihm schmachtest &ndash; nicht
-mehr die Hände ringst, wenn eine seiner Leibspeisen ungenießbar
-geworden ist, dir die Augen auch nicht mehr rot und trübe weinst, wirst
-du dir deinen Mann zu einer Dankbarkeit verpflichten, die dich ihm
-wichtiger und damit unentbehrlicher machen muß, als dies leider bisher
-der Fall gewesen ist.“</p>
-
-<p>Die junge Frau hatte sich aufgerichtet und sah unsicher zu ihrer Mutter
-hinüber.</p>
-
-<p>„Wenn du wirklich Recht hättest, Mama! Aber ich kann nicht daran
-glauben. Beständig eine Dritte am Tische zu haben denke ich
-mir qualvoll. Vergißt du, daß sie mir von der kurzen Zeit des
-Beisammenseins das Beste wegnimmt?“</p>
-
-<p>„Kind, du bist die <em class="gesperrt">Frau</em> eines Künstlers. Du mußt sorgen, daß du
-sie auch <em class="gesperrt">bleibst</em>!“</p>
-
-<p>Elfriede Karlsen war sehr bleich geworden.</p>
-
-<p>„Du glaubst doch nicht, daß mich Paul nicht mehr liebt?“</p>
-
-<p>„Wenn ich das auch nur fürchtete, würde ich anders mit meinem Herrn
-Schwiegersohne umspringen. Nein, davon ist bis jetzt keine Rede. Aber
-ich will verhüten, daß es jemals zu einer merklichen Abkühlung käme.
-Glaube mir, Friedchen, mein Rat ist klug und wohlerwogen. Dies Mittel,
-das ich ihm ebenso wie dir verordne, wird dich voll glücklich machen.
-Nicht wahr, das wäre doch schön, mein<span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[S.&nbsp;154]</span> Kind? Jetzt geh einen Augenblick
-ins Nebenzimmer. Zuerst will ich alles Unwesentliche mit der Bewerberin
-besprechen. Scheint sie mir die Rechte für dich zu sein, so rufe ich
-dich.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried ließ die prüfenden Blicke und die gründlichen Fragen
-der Kommerzienrätin in vollendet guter Haltung über sich ergehen. Sie
-zeigte keine Empfindlichkeit, weil sie draußen ungewöhnlich lange zu
-warten gehabt hatte. Mit ruhiger Selbstverständlichkeit nahm sie in
-einem ihr von Frau Eßling gebotenen Sessel Platz und beantwortete kurz
-und klar deren Fragen.</p>
-
-<p>„Die Zeugnisse, die Sie vorweisen können, sind nicht eben glänzend,
-Fräulein von Ostried.“</p>
-
-<p>„Eher das Gegenteil, gnädige Frau! Kaum siebzehnjährig nahm ich die
-erste Stelle an und besaß doch keinerlei Vorkenntnisse, nur den guten
-Willen, meine Pflicht zu erfüllen.“</p>
-
-<p>„Wollen Sie mir nun etwas über Ihre Jugend &ndash; die Jahre vorher, meine
-ich und vor allem von der Notwendigkeit, die Sie auf den Erwerbsweg
-zwang, erzählen?“ fragte die Kommerzienrätin.</p>
-
-<p>„Gern! &ndash; Mein Vater war Besitzer des Majorats Waldesruh im Kreise
-Köslin, Provinz Hinterpommern. Meine Mutter, eine geborene Baroneß
-Strachwitz, starb, als ich vierzehn Jahre zählte. Unsere Verhältnisse
-waren stets die denkbar schlechtesten. Waldesruh war bereits unter
-meinem Großvater arg heruntergewirtschaftet. Bei dem Tode meines Vaters
-blieb mir nichts Nennenswertes. Mein Vormund, Amtsrat Wullenweber,
-wünschte zudem, daß ich mir sogleich einen Erwerb schaffe. Besondere
-Sachen hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[S.&nbsp;155]</span> ich nicht erlernt. So stand mir lediglich der Weg des
-Kinderfräuleins oder der Hausstütze offen.“</p>
-
-<p>„In der zweiten Stelle, in der Sie kaum vier Monate weilten, müssen
-doch ganz besonders wichtige Gründe die Veranlassung zu so schnellem
-Wechsel gegeben haben? Ich sehe, daß dies Zeugnis die Bemerkung „auf
-ausdrücklichen Wunsch entlassen“ enthält.“</p>
-
-<p>„Diese Gründe waren allerdings vorhanden, gnädige Frau,“ gab Eva ruhig
-zu. „Des Hausherrn Verhalten. Jedenfalls konnte ich nicht länger in
-seinem Hause bleiben.“</p>
-
-<p>„Ich verstehe! Es gefällt mir ausnehmend, daß Sie so empfinden. Sie
-sind ein sehr schönes Mädchen. Das werden Sie nicht nur von andern
-gehört haben, sondern selbst genau wissen.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried nahm diese Worte als das einfache Feststellen einer
-Tatsache hin. Es wäre ihr kindisch erschienen, abzuwehren oder gar zu
-widersprechen.</p>
-
-<p>„Darum fühlte ich mich auch im Hause der verwitweten Frau
-Landgerichtspräsident Hanna Melchers überaus glücklich. Drei Jahre war
-ich bei ihr und kann wohl sagen, daß eine Mutter nicht gütiger und
-liebevoller zu mir hätte sein können.“</p>
-
-<p>„Und dieses letzte und wichtigste Zeugnis, Fräulein von Ostried?
-Sollten Sie vergessen haben, es mir auszuhändigen?“</p>
-
-<p>„Leider besteht es nicht, gnädige Frau. Frau Präsidentin ist während
-einer allein unternommenen Reise unerwartet einem Herzschlage erlegen.
-Sie könnten sich aber über mich bei Justizrat Dr. Weißgerber, dem
-langjährigen Freund<span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[S.&nbsp;156]</span> und Testamentsvollstrecker der Frau Präsidentin,
-erkundigen.“</p>
-
-<p>„Wann ist er daheim? &ndash; Wissen Sie das? In sein Büro möchte ich diese
-Sache nicht gern tragen.“</p>
-
-<p>„Er hatte heute außerhalb zu tun. Immerhin wäre es möglich, daß er
-schon zurückgekehrt ist.“</p>
-
-<p>Sie sagte das leise und zögernd, weil ihr plötzlich einfiel, daß
-auch sie ja eigentlich noch wegen des Geldes den Versuch der späten
-Rücksprache hätte machen sollen. &ndash; Der Kommerzienrätin war das
-Schwanken in der jungen Stimme nicht entgangen. Auch wunderte sie sich
-über den plötzlich veränderten Ausdruck des schönen Gesichtes. &ndash;
-Erst in diesem Augenblick dachte Eva von Ostried daran, daß es leicht
-möglich sei, der Justizrat sage am Apparat etwas von ihren vernichteten
-musikalischen Aussichten. Darüber hatte sie aus guten Gründen
-geschwiegen.</p>
-
-<p>Frau Eßling aber glaubte bestimmt, daß Eva von Ostried jene Auskunft,
-trotzdem sie auf dieselbe ausdrücklich hingewiesen, zu fürchten hatte
-und war umso mehr entschlossen, den Justizrat zu befragen. &ndash; Der
-Justizrat war soeben angekommen und bestätigte am Fernsprecher kurz und
-klar, daß Eva von Ostried zur vollsten Zufriedenheit der Verstorbenen
-drei volle Jahre in deren Hause gewesen sei, und daß sie auch von
-ihm persönlich in jeder Beziehung als ausgezeichneter Charakter
-geschätzt werde. Er ließ sogar mit einfließen, daß die Präsidentin
-fest entschlossen gewesen, die junge geliebte Hausgenossin sicher zu
-stellen. Zweifellos habe sie an der Ausführung dieses Entschlusses der
-schnelle Tod gehindert.</p>
-
-<p>Frau Eßling kam befriedigt vom Fernsprecher zurück.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[S.&nbsp;157]</span></p>
-
-<p>„Ich möchte es gern mit Ihnen versuchen, wenn Sie denselben Wunsch
-haben,“ sagte sie freundlich. „Ich hoffe, wir werden sehr schnell mit
-einander einig werden. Nur wenige Anweisungen und Bedingungen müßte
-ich Ihnen zuvor nennen: Sie würden nicht in meinem Hause zu leben
-haben, sondern bei meiner jungverheirateten Tochter, die Sie gleich
-noch kennen lernen sollen. Denn sie weilt vorübergehend bei mir. Ihre
-Pflichten werden sich leicht gestalten. &ndash; Sind Sie musikalisch?“</p>
-
-<p>„Ja,“ sagte Eva. „Es dürfte sicher genügen. Ich singe.“</p>
-
-<p>„Das ist mir sehr angenehm. Meine Tochter hat entschieden ein feines
-Gehör, war aber stets zu leidend, um sich den Anstrengungen langen
-Uebens auszusetzen. Würden Sie ihr etwa auch Unterricht erteilen
-können?“</p>
-
-<p>Evas Hände wurden eiskalt. Wie ein Hohn des Schicksals erschien ihr das
-alles. Aber sie nickte bereitwillig.</p>
-
-<p>„Gut. Für häusliche Arbeiten ist im übrigen eine Kraft vorhanden. Es
-kommt mir, wie Sie gemerkt haben werden, lediglich darauf an, daß meine
-Tochter zerstreut und froh erhalten wird. Sie muß zu viel allein sein.
-Das taugt nicht für ein stilles, ja scheues Wesen, wie das ihre. Können
-Sie lustig sein, Fräulein von Ostried?“</p>
-
-<p>„Ich werde es vielleicht lernen, gnädige Frau.“</p>
-
-<p>„Und treu, Fräulein von Ostried? Absolut? In jeder Lage? Bei jeder
-Versuchung?“</p>
-
-<p>„Wie habe ich das zu verstehen, gnädige Frau?“</p>
-
-<p>„Wie ein Mädchen Ihrer Herkunft und Bildung dies verstehen muß. &ndash;
-Treu der Herrin. Was das heißt &ndash; hm &ndash; eine Erklärung ist nach Ihren
-Erfahrungen in Ihrer zweiten Stelle wohl kaum notwendig. &ndash; Mein
-Schwiegersohn<span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[S.&nbsp;158]</span> ist Künstler. Ich weiß nicht mal, ob ich das schon
-erwähnte. Künstler entzünden sich zumeist sehr schnell und heftig. Und
-Sie sind, wie ich das bereits feststellte, von der Natur besonders
-reich bedacht.“</p>
-
-<p>„Ich würde lieber sterben, als eine Ehe zu zerbrechen helfen.“</p>
-
-<p>„Den Eindruck habe ich auch von Ihnen. &ndash; Meine Erfahrung mag Ihnen
-wiederholen, was Sie längst selbst erfahren haben werden. Das
-Köstlichste und Wertvollste bleibt das gute Gewissen. „Der Uebel
-größestes aber ist die Schuld!“ schrieb mir mein seliger Vater unter
-den Einsegnungsspruch. Seither habe ich es als Wahrheit immer wieder
-bestätigt gefunden. &ndash; Treu der Herrin, sagte ich, die Sie sehr gütig
-&ndash; sehr schwesterlich behandeln wird. &ndash; Treu aber auch mir. &ndash; So
-selbstverständlich das Erfüllen der ersten Bedingung ist, so sonderbar
-wird Sie die zweite anmuten. Ich,“ ihre Stimme klang plötzlich
-gedämpft, „habe nicht dasjenige Vertrauen zu meinem Schwiegersohn,
-das nötig sein sollte, um ruhig und sorglos das Glück des einzigen
-Kindes in seinen Händen zu lassen. Diese Heirat ist nur ungern von mir
-zugegeben. Ich mißtraue ihrer Beständigkeit. &ndash; Wollen Sie, im Fall
-Sie die untrüglichen Beweise für die Berechtigung meines sehr regen
-Mißtrauens haben, mir dies unverzüglich mitteilen?“</p>
-
-<p>„Das muß ich entschieden ablehnen,“ erwiderte Eva von Ostried bestimmt.
-„Ich erwähnte bereits, daß ich mich verachten würde, wenn ich Unfrieden
-zwischen Eheleute streute.“</p>
-
-<p>„Wenn ich auf diese Erklärung hin auf ihre Dienste bei meiner Tochter
-verzichten müßte, Fräulein von Ostried?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[S.&nbsp;159]</span></p>
-
-<p>Eva zögerte mit der Antwort. Das Verlangen nach einem Platze, der
-sie vorläufig &ndash; vor der Not des Lebens schützte &ndash; an dem sie sich,
-fern von der leiblichen Not, ungehindert prüfen konnte, ehe sie sich
-fest an Paul Karlsen band, drängte sie zum Einlenken. &ndash; Die innere
-Wahrhaftigkeit aber verbot ihr ein Nachgeben.</p>
-
-<p>„Trotzdem könnte ich es nicht versprechen, gnädige Frau.“</p>
-
-<p>Die Kommerzienrätin betrachtete das junge Gesicht lange. Dann reichte
-sie Eva von Ostried die Rechte hin.</p>
-
-<p>„Also gut. &ndash; Die Treue für meine Tochter soll mir genügen. &ndash;
-Vergessen Sie das andere. &ndash; Noch ein Wort über Ihr Gehalt. Ich
-beabsichtigte Ihnen hundert Mark monatlich anweisen zu lassen. Sind Sie
-damit zufrieden?“</p>
-
-<p>„Fünfzig Mark weniger, wie das Gnadengeld der alten Pauline beträgt,“
-dachte Eva bitter, obschon ihr diese Summe genügte.</p>
-
-<p>„Es wird reichen, gnädige Frau,“ sagte sie eintönig.</p>
-
-<p>„So, damit wäre alles besprochen. Jetzt werde ich meine Tochter
-benachrichtigen. Einen Augenblick, bitte.“&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>„Ich fürchte nur, das Sie sich neben mir langweilen werden,“ sagte die
-junge Frau.</p>
-
-<p>Eva lächelte.</p>
-
-<p>„Wir wollen versuchen, uns jeden Tag mit einer besonderen Freude zu
-erheitern, gnädige Frau.“</p>
-
-<p>Die Kommerzienrätin fand den Ton, in dem ihre Tochter zu der neuen
-Gesellschafterin sprach, für den Anfang viel zu warm. Gewiß hatte auch
-sie vorhin ein schwesterliches Verhältnis als sehr wahrscheinlich
-erwähnt. Immerhin mußte dies doch erst verdient werden. Sie riß deshalb
-das Gespräch wieder an sich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160"></a>[S.&nbsp;160]</span></p>
-
-<p>„Ist Ihnen der Montag nächster Woche als Tag des Eintritts recht,
-Fräulein von Ostried? Sie sind doch durch nichts gebunden, nicht wahr?
-&ndash; Oder wollten Sie noch etwas im Hause der Verstorbenen ordnen?“</p>
-
-<p>„Ich könnte bereits morgen kommen, gnädige Frau! Das alte treue
-Mädchen, das der Präsidentin lange Jahre diente, besorgt alles Nötige
-allein. Aber Sie haben mir noch gar nicht Namen und Wohnung Ihrer Frau
-Tochter genannt.“</p>
-
-<p>Die junge Frau antwortete an Stelle ihrer Mutter. Es gewährte ihr immer
-aufs Neue eine stolze Freude, sich als Frau des jungen Künstlers zu
-bekennen.</p>
-
-<p>„Unser Häuschen liegt sehr nahe hier; Karlsbaderstraße 10. Wir haben
-es wundervoll. Nur ein wenig dunkel und kühl. Auf dem Schilde am
-Gittertore steht Paul Karlsen. &ndash; Das ist mein Mann.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried blinzelte, als werde sie aus dem Dunkel in einen
-grellerleuchteten Raum gestoßen.</p>
-
-<p>Sie sollte also zu Paul Karlsens Frau? In sein Haus? Und achtgeben, daß
-er die &ndash; eheliche Treue halte?</p>
-
-<p>Das Frauenbild auf grüner Wiese im roten Mohn hatte bereits den Mann
-zu ihren Füßen gesehen. Den Mann, als dessen Braut sie sich betrachtet
-hatte.</p>
-
-<p>„Was ist Ihnen,“ fragte die junge Frau ängstlich und sah hilflos zu
-ihrer Mutter hin. Hatte Eva von Ostried wirklich aufgestöhnt, als werde
-sie von heftigen Schmerzen gepeinigt?</p>
-
-<p>Es mußte ein Irrtum gewesen sein! Jetzt stand sie mit dem Ausdruck
-eines Lächelns da. Nur auffallend gerade und steif hielt sie sich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[S.&nbsp;161]</span></p>
-
-<p>„Verzeihen Sie &ndash; ich bekam soeben wieder einen jener kleinen Anfälle,
-mit denen ich, leider, häufiger zu kämpfen habe.“</p>
-
-<p>Frau Eßlings Stimme klang erregt.</p>
-
-<p>„Warum haben Sie bisher nicht davon gesprochen?“</p>
-
-<p>„Gott &ndash; man will doch „unter“, gnädige Frau. Nicht wahr?“</p>
-
-<p>„Du wirst sie darum nicht fortschicken,“ flüsterte die junge Frau
-bittend.</p>
-
-<p>Die Kommerzienrätin überhörte den Einwand ihrer Tochter völlig.</p>
-
-<p>„Durchaus begreiflich, liebes Fräulein. Sie finden auch ganz sicher
-ein Haus, in dem diese Kleinigkeit nicht stört. Nur für meine Tochter
-passen Sie, leider, nicht als ebenfalls Schonungsbedürftige. Das sehen
-Sie auch ein?“ Eva von Ostried nickte mechanisch.</p>
-
-<p>„Vollkommen, gnädige Frau.“</p>
-
-<p>Warum ging sie jetzt nicht. Ihr Lächeln wurde der Kommerzienrätin
-unerträglich, bis ihr ein Gedanke kam.</p>
-
-<p>„Kann ich Ihnen vielleicht in anderer Weise etwas helfen, Fräulein,“
-fragte sie, im Grunde herzlich froh darüber, daß sich ihre Handlung auf
-gütlichem Wege ungeschehen machen ließ. „Ich halte Sie doch für ein
-vernünftiges Mädchen.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried neigte ein wenig den Kopf, als danke sie für eine
-Huldigung. &ndash; Sie blieb aber weiter unbeweglich stehen und lächelte
-maskenhaft. Der jungen Frau kamen die Tränen.</p>
-
-<p>„Ich würde Sie trotzdem bitten, Fräulein von Ostried,“ sagte sie rasch
-und herzlich, „aber wenn Mama nicht will,<span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[S.&nbsp;162]</span> muß ich mich stets fügen.
-Seien Sie, bitte, nicht so sehr traurig. Ich werde Sie all meinen
-Bekannten warm empfehlen und bis Sie etwas gefunden haben, besuchen Sie
-mich fleißig alle Tage. Auch zu den Mahlzeiten. Wir speisen gegen 2 und
-7 Uhr. Ja, wollen Sie das tun?“</p>
-
-<p>Frau Eßling war ins Nebenzimmer gegangen und kam jetzt eilig zurück.
-Sie drückte einen verschlossenen Umschlag in Eva von Ostrieds Hand.</p>
-
-<p>„Alles Gute für Ihren Weg und fallen Sie beim Hinausgehen nicht über
-die dumme Stufe, die zur Diele hinabführt.“</p>
-
-<p>„Sie sind sehr gütig, gnädige Frau! Verlassen Sie sich darauf. Ich
-werde nicht fallen!“</p>
-
-<p>Hatte sie sich verneigt oder &ndash; war sie grußlos geschieden? Die
-ausgestreckte Rechte und den bittenden Blick der jungen Frau mußte sie
-wohl übersehen haben.</p>
-
-<p>„Sie hat etwas verloren,“ sagte Frau Elfriede verwirrt und zeigte auf
-das Weiße, das dort lag, wo noch soeben die schöne stolze Gestalt
-gestanden hatte.</p>
-
-<p>Es war der Umschlag, in den Frau Eßling großmütig einen
-Fünfzigmarkschein getan hatte.</p>
-
-<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_162_tb">
- <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" />
-</div>
-
-<p>Am nächsten Morgen gegen neun Uhr war Justizrat Weißgerber schon
-wieder in der Wohnung seiner alten, toten Freundin. Er ging durch
-die nur angelehnte Gartenpforte über die Diele sofort zur Küche.
-Denn er wollte ungestört mit der alten Pauline sprechen. Diese hatte
-eine mächtige Hornbrille auf der Nase und fertigte umständlich und
-sorgsam das Verzeichnis der mit Obst und Gemüse ge<span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[S.&nbsp;163]</span>füllten Gläser an.
-Offensichtlich war ihr eine Störung bei dieser Arbeit sehr unangenehm.</p>
-
-<p>„Es gibt soeben noch etwas Wichtigeres für Sie zu tun, Pauline,“ sagte
-der Justizrat eilig. „Sehen Sie mal her. Auf diesem Zettelchen, den
-ich in einem Notizbuch aus dem Jahre 1917 fand, spricht unsere Frau
-Präsident von allerhand wichtigen Aufzeichnungen, die sich in einer
-kleinen, schwarzen Kiste, um deren Verbleib die gute Pauline wisse,
-finden lassen sollen. Haben Sie eine Ahnung, wo sich besagte Kiste zur
-Zeit befindet?“</p>
-
-<p>„Eine kleine schwarze Kiste? &ndash; Jawohl! Die habe ich selbst auf der
-Bodenkammer in eine größere gestellt.“</p>
-
-<p>„Wir müssen sie eiligst herunterschaffen.“</p>
-
-<p>„Wozu denn, Herr Justizrat?“</p>
-
-<p>„Denken Sie ein wenig nach. Sie wissen nun ja auch darin Bescheid. Uns
-fehlt doch etwas, nicht wahr?“</p>
-
-<p>In das alte Gesicht kam ein Zug von Spannung.</p>
-
-<p>„Sie hoffen gerade so wie ich, daß sich was für das Fräulein finden
-lassen muß. Ach &ndash; Herr Justizrat, sie ist wie außer sich. Zum Erbarmen
-sieht sie aus. Die halbe Nacht habe ich gesucht. Da ist kein Eckchen,
-das verschont wär’. Ich hatte bestimmt im Gefühl, daß ich es finden
-müsse, glauben Sie mir. Sogar das Bett unserer Frau Präsident hab’
-ich aufgetrennt. Meine selige Großmutter hatte auch was Schriftliches
-in ihrem Kopfkissen versteckt. &ndash; Aber alles umsonst. Wie vor einem
-Rätsel steh’ ich. Alles, was unsere Frau Präsident anfaßte und sagte,
-war so klar wie Glas. Aus diesem Dunkel kann ich mich mein Lebtag nicht
-rausfinden.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164"></a>[S.&nbsp;164]</span></p>
-
-<p>„Wenn ich Sie recht verstehe, ist Fräulein von Ostried nun doch
-zusammengebrochen, so tapfer sie sich angestellt hat. Mir gegenüber
-würde sie sich zweifellos weiter zusammennehmen. Sie werden darüber
-mehr wissen. Oder doch nicht? &ndash; Ich glaube, daß sie wieder in Stellung
-zu gehen beabsichtigt? Eine Dame verlangte telephonisch ausführliche
-Auskunft über sie.“</p>
-
-<p>„Sie ist sehr stolz, Herr Justizrat. Das habe ich früher nie gefühlt.
-Ist’s ihre adlige Herkunft, oder was anderes. Sie will jedenfalls
-nichts von unsereinem annehmen. Und wie gern tät ich’s doch!“</p>
-
-<p>„Das kann ich ihr nicht verdenken, Pauline. Es tut ihr weh, daß sie
-leer ausgegangen sein soll. Am meisten quält sich darüber ihr Stolz,
-auf den Sie schlecht zu sprechen sind. Glauben Sie mir, es ist gut, daß
-sie den besitzt. Hat Sie sich heute zu Ihnen ausgesprochen?“</p>
-
-<p>„Sie hat nur gesagt, daß gegen Mittag jemand ihre Sachen abholen würde.“</p>
-
-<p>„Und über das „Wohin“ kein Wort?“</p>
-
-<p>„Nichts. Fragen habe ich nicht mögen. Es kam mir zu aufdringlich vor.
-Sie hat ja eigenes Geld, Herr Justizrat. Ich hab’s mit meinen Augen
-gesehen. Das wird sie nun wohl erst aufbrauchen.“</p>
-
-<p>Selbst seinem juristischen Scharfsinn fehlte im Augenblick die
-Verbindung zwischen Eva von Ostrieds ihm gegenüber getaner Aeußerung
-und ihrem scheinbar ganz neuen Entschluß, nun doch wieder in Stellung
-zu gehen.</p>
-
-<p>„Gleichviel, Pauline, tun wir unsere Pflicht, indem wir die Kiste
-durchstöbern. Wenn sie auch nichts von Wichtigkeit bringt, müssen wir
-uns bescheiden!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[S.&nbsp;165]</span></p>
-
-<p>Trotzdem er sich wiederholt sagte, daß eine erfahrene, klardenkende
-Frau wie es die Präsidentin gewesen, Beschlüsse von größester
-Wichtigkeit unmöglich zusammen mit wertlosen Zeilen, die lediglich
-einen Erinnerungswert für sie selbst haben mochten, zusammenschichten
-würde, durchsuchte er &ndash; eine Viertelstunde später &ndash; umständlich jedes
-noch so kleine Blättchen.</p>
-
-<p>Auch dies war vergeblich, genau, wie er es gefürchtet hatte, und
-seufzend klappte er endlich den Deckel herunter und legte das viel zu
-wuchtige Schloß eigenhändig in die Krampe.</p>
-
-<p>„Am liebsten ginge ich zu ihr und bäte sie vorläufig in mein Haus,“
-sagte er vor sich hin.</p>
-
-<p>„Ich fürchte, Herr Justizrat, das wird nichts helfen. Sie ist wie von
-Stein geworden. &ndash; Als ich ihr heute Morgen den Kaffee gebracht habe,
-war sie kalkweiß. „Haben Sie schlecht geschlafen, Fräuleinchen,“ hab’
-ich gefragt und wollte ihre Hand ein bißchen streicheln. Denn so ein
-Elternloses mag sich jetzt doppelt und dreifach einsam fühlen. Aber,
-was meinen Sie, Herr Justizrat; weggezogen hat sie ihre Hand und ganz
-vergnügt getan. Daß sie prachtvoll geschlafen hätt’ und sich wer weiß
-wie sehr auf die Arbeit freue. Ja, das hat sie gesagt. Angesehen hat
-sie mich dabei aber nicht. &ndash; Seitdem war ich nicht wieder bei ihr
-drin. Nur ein bißchen gehorcht hab’ ich mal, ob sie vielleicht geweint
-hat. Ich glaub’ aber wohl nicht. Laut geredet hat sie. Ich hab’ sogar
-verstanden, was es war. „Der Uebel größtes...“ Jawohl, immer nur diese
-drei Worte sind’s gewesen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[S.&nbsp;166]</span></p>
-
-<p>„Wäre sie nicht bereits volljährig, hätte ich mich ihretwegen längst
-mit dem Vormund in Verbindung gesetzt.“</p>
-
-<p>„Ich glaube, damit wär’ sie auch nicht zufrieden gewesen. Sie hat kein
-Vertrauen zu ihm fassen können und wird froh sein, daß er ihr nichts
-mehr zu sagen hat.“</p>
-
-<p>„Besitzt sie denn keine Freundin. &ndash; Niemand, der einigen Einfluß auf
-sie ausüben könnte, Pauline?“</p>
-
-<p>„Davon hab ich nie etwas gemerkt. Unsere Frau Präsident hat ihr in
-meiner Gegenwart mehr als einmal zugeredet, sie sollte doch mit diesem
-oder jenem jungen Mädchen, das in unser Haus kam, spazieren gehen. Das
-hat sie immer abgelehnt. Den Grund kann ich mir auch denken.“</p>
-
-<p>„Ich wüßte keinen. Ich habe vielmehr die Ueberzeugung von ihr, daß sie
-ein guter und zuverlässiger Kamerad sein müßte.“</p>
-
-<p>„Sie ist aber zehnmal hübscher wie die andern. Sie sollten nur mal die
-Blicke sehen, wenn sie auf der Straße geht. Mit ihr zusammen Einkäufe
-zu machen, war ein richtiger Spaß. War das ein Herumgedrehe und
-Nachgegucke. &ndash; Hinterhergelaufen sind sie auch wohl. &ndash; Fremdes junges
-Blut freut sich darüber aber nicht. Das wird leicht neidisch.“</p>
-
-<p>„Möchte ihr die Schönheit nur nicht zum Unsegen werden.“</p>
-
-<p>„Die Angst ist unnötig, Herr Justizrat. Sie konnte zu kalt und stolz
-aussehen, wenn’s einer von den jungen Herren gar zu auffällig mit
-seiner Bewunderung trieb.“</p>
-
-<p>Der Justizrat mußte lächeln.</p>
-
-<p>„Sie haben auch diesmal Recht, Pauline. Es will mir nur nicht in den
-Kopf, daß man sich jetzt einfach nicht mehr um sie bekümmern soll.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[S.&nbsp;167]</span></p>
-
-<p>„Das wär allerdings traurig. Aber ich werde, ob sie will oder nicht,
-aufpassen auf sie. &ndash; Geht es ihr schlecht, komm ich zu Ihnen, Herr
-Justizrat. Das andere besorgen Sie denn.“</p>
-
-<p>Eben ging Eva von Ostried, wie in tiefen Gedanken versunken, unten
-vorüber, ohne die beiden sorgenvollen Gesichter zu bemerken. Sie
-hatte einen eiligen Gang vor. Noch einmal wollte sie versuchen,
-unterzukommen. Die neueste Tageszeitung hatte ihr wiederum einen
-Fingerzeig gegeben. Die hastige Unruhe des Verkehrs war ihr etwas
-Ungewohntes. Ihr Kopf begann von neuem zu schmerzen. Trotzdem dachte
-sie nicht daran, umzukehren. Ein verbissener Trotz lag auf ihrem
-bleichen Gesicht, als sie endlich in die Friedensstraße einbog und die
-bezeichnete Nummer zu suchen begann. Das neue Gesuch verlangte eine
-gebildete Stütze im Osten Berlins.</p>
-
-<p>Das Haus, in das sie eintrat, war so dunkel, als sei es ohne Fenster
-erbaut worden. Im Flur roch es nach Mittagskohl, Kaninchen und Leim.
-Jeder einzelne Geruch für sich wäre erträglich gewesen. Die Vereinigung
-erregte ihr Uebelkeit. &ndash; Das im dritten Stock auf ihr Klingeln
-öffnende Mädchen, lächelte ihr vertraulich zu:</p>
-
-<p>„Na, denn man rin in die gute Stube. Drei sind all vor Ihnen.“</p>
-
-<p>Sie wurde in die Küche gewiesen. Eine der Wartenden rückte gefällig auf
-ihrem Schemel zur Seite.</p>
-
-<p>„Wir werden uns schon vertragen.“</p>
-
-<p>Eva kam der freundlichen Aufforderung nicht nach. Sie kämpfte mit dem
-Gefühl des Schwindels. „Ein Glas Wasser,“ bat sie matt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[S.&nbsp;168]</span></p>
-
-<p>Eins der Mädchen hielt einen Tassentopf ohne Henkel unter die
-aufgedrehte Leitung. An den schneeweißen Lippen der Neusten merkten
-sie, daß deren Einsilbigkeit nicht dem Hochmut entsprang. Eva von
-Ostried wollte trinken, aber sie vermochte das unsaubere, abgestoßene
-Gefäß nicht an den Mund zu führen. Stumm setzte sie es nieder und
-wandte sich zum Gehen.</p>
-
-<p>&ndash; &ndash; Am Spätnachmittag dieses Tages hielt eine Droschke vor dem
-Haus der verstorbenen Präsidentin. Eva von Ostried hatte bereits auf
-sie gewartet. Nun trat sie vom Fenster zurück. Koffer und Handtasche
-waren fertig zum Fortschaffen. Sie selbst zum Einsteigen bereit.
-Auf dem Mahagonitisch lag wieder die kleine schwarze Tasche mit den
-zwölftausend Mark anvertrauten Geldes. Ihre Hand streckte sich danach
-aus und zuckte doch wieder leer zurück. Dann aber preßte sie die Lippen
-zusammen und riß sie an sich.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nun war es entschieden!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die alte Pauline kam angelaufen: „Sie wollen doch nicht etwa schon weg,
-Fräuleinchen?“</p>
-
-<p>„Ist es nicht höchste Zeit damit,“ fragte sie ruhig. „Leben Sie wohl,
-Pauline.“</p>
-
-<p>„Wohin soll es denn nun gehen? Das ist doch gar nicht möglich.“</p>
-
-<p>„Wohin?“ Die schönen Augen schlossen sich leicht. Der Raub in ihrer
-Hand hatte ihr Herz erkältet. „Vielleicht schreibe ich Ihnen einmal,
-beste Pauline.“</p>
-
-<div class="figcenter illowe4 padtop1" id="i_168_ende">
- <img class="w100" src="images/i_168_ende.jpg" alt="Kapitel 7, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[S.&nbsp;169]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_169_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_169_kopf.jpg" alt="Kapitel 8, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_8">8.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">A</span>mtsrat Wullenweber auf Hohenklitzig erwartete Gäste. Sein einziger
-Bruder, der als Major a.&nbsp;D. in Berlin lebte, sollte, geleitet von dem
-Sohne, eintreffen.</p>
-
-<p>Dieser Bruder war ein schwererträglicher Egoist geworden, nachdem ihn
-ein hartes Geschick zweimal grausam strafte. Der erste Schlag raubte
-dem verschwenderischen und von jeher leichtsinnigen, daneben aber im
-Dienst tüchtigen und ehrgeizigen Offizier die bis dahin ausgezeichnete
-Gesundheit. Ein ungeschickter Schütze schoß ihn auf einer Treibjagd so
-unglücklich an, daß er sich seither nur an zwei Krücken fortbewegen
-konnte. Der zweite Hieb traf ihn schwer an seiner Ehre und machte ihn
-zum schroffen Verächter jeglichen Menschenwertes, weil er die helfenden
-Krücken verzeihender Einsicht nicht zu finden vermochte.</p>
-
-<p>Amtsrat Wullenweber hatte von einem persönlichen Empfange am Bahnhof
-abgesehen. Er stand auf der Steintreppe vor seinem unscheinbaren
-Gutshause und spähte nach der Staubwolke aus, die ihm das Nahen des
-Wagens verraten sollte.</p>
-
-<p>Und nun saßen sie zu Dreien an einem runden Tische und sprachen
-über völlig gleichgültige Dinge. Das Zimmer blitzte in Frische und
-Sauberkeit. Auf den kalt- und steif<span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[S.&nbsp;170]</span>wirkenden Möbeln aus hellster
-Birke zeigte sich kein Stäubchen. Es fehlte aber dennoch jede Spur
-einer liebreich schmückenden Frauenhand. Das Mahl war einfach, aber
-schmackhaft zubereitet, doch schien keiner den rechten Genuß daran zu
-finden.</p>
-
-<p>Amtsrat Wullenweber, der ein ebenso ausgezeichneter Ackerwirt wie
-schlechter Diplomat war, setzte das Grübeln über die ungefährlichste
-der persönlichen Fragen mit stummer Energie fort. Endlich meinte er sie
-gefunden zu haben und wandte sich an den Neffen, der schlankgewachsen,
-blond und merkwürdig ernsthaft für seine zweiunddreißig Jahre, zwischen
-ihnen saß.</p>
-
-<p>„Na, Walter, nächstens mußt du nun auch wohl schon drei Jahre Assessor
-sein, nicht wahr?“</p>
-
-<p>Doktor jur. Walter Wullenweber besaß die strahlend blauen Augen eines
-reich Begnadeten, der sich trotz aller Lebenshärten, seine kleine Welt
-voller innerer Schönheit unversehrt erhalten hat.</p>
-
-<p>„Etwas länger bereits, Onkel,“ erwiderte er und seine Stimme klang
-weniger klar, wie bisher.</p>
-
-<p>„Nun &ndash; und &ndash;“</p>
-
-<p>„Immer noch nicht Präsident,“ scherzte er. „Trotzdem fühle ich mich
-den Umständen nach recht wohl. Die Arbeit befriedigt mich, nachdem ich
-meinen auch dir ja zur Genüge bekanntgewordenen Jugendwunsch überwand.
-Ja, ich freue mich sogar darauf, als Richter zu wirken. Am liebsten in
-einer möglichst kleinen Stadt mit viel ländlicher Umgebung.“</p>
-
-<p>„Dann melde dich hierher an das Amtsgericht Köslin,“ riet der Amtsrat.
-„Da hast du alles. Alltäglich machst du<span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[S.&nbsp;171]</span> in Straf-, Zivil- und
-Grundbuchsachen. Sonntags flitzt du zu mir raus und speist von der
-Glanzdecke.“</p>
-
-<p>Der Major a.&nbsp;D., der mißmutig und schweigsam zugehört, mischte sich
-jetzt ins Gespräch.</p>
-
-<p>„Und ich schimmele indessen in unserer hochherrschaftlichen Hofwohnung
-am grünen Strand der Spree und warte auf irgend einen geduldigen
-Jemand, der mich die Hühnerstiege herunterschleift, damit ich nicht
-gänzlich verkomme.“</p>
-
-<p>In dem ernsten Gesicht des jungen Juristen zuckte es unwillig. Aber er
-blieb ruhig.</p>
-
-<p>„Wenn du dich nicht zum Mitkommen in besagtes Städtchen entschließen
-könntest, müßten wir uns allerdings zuerst nach einer kräftigen Stütze
-für dich umsehen,“ sagte er ohne Empfindlichkeit.</p>
-
-<p>„Soll ich jetzt vielleicht auch noch in eines jener mir schon als
-Fähnrich unausstehlichen Nester unterkriechen?“</p>
-
-<p>„Von einem Zwang kann natürlich keine Rede sein, Vater. Auch ich ließe
-mich nie mehr zu etwas zwingen.“</p>
-
-<p>Der alte Herr sah scharf zu dem Sohn hin.</p>
-
-<p>„Was soll das heißen, bitte?“</p>
-
-<p>„Daß ich den Weg gehen werde, den ich mir, nach manchem inneren Kampf,
-ausersehen habe.“</p>
-
-<p>„Darf ich wenigstens erfahren, wohin er dich führen soll.“</p>
-
-<p>„Ganz gewiß. Zur Anstellung als Richter, dem gewöhnlich Gegebenen, wenn
-man die nötigen juristischen Vorstufen überwunden hat.“</p>
-
-<p>„Mach dich gefälligst nicht lächerlich, Walter! Wenn man in unserer
-Lage sitzt, kommt es lediglich aufs Geldverdienen an.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[S.&nbsp;172]</span></p>
-
-<p>Assessor Wullenweber schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>„Ueber dieselbe Ansicht wäre es &ndash; vor ungefähr zwölf Jahren &ndash; beinahe
-zwischen uns zum Bruch gekommen. Damals ließ ich mich von dir zwingen.
-Mein bescheidenes Muttererbe hätte vielleicht wirklich nicht zu dem als
-sinnlos von dir bezeichneten von mir ersehnten Lebensberuf ausgereicht
-und du hattest recht, mir ein persönliches opfern deiner Mittel als
-ausgeschlossen hinzustellen. Heute jedoch,“ und seine Stimme wurde
-hell und scharf, „wäre jeder Versuch zu meiner Umstimmung für dich
-aussichtslos. Oder doch nur von Erfolg, wenn ein sehr trauriger Grund
-dazu käme.“</p>
-
-<p>Der Major hatte sich zurückgelehnt und spielte an den schwarzen Heften
-der Bestecks. „Was verstehst du darunter?“ Für eine harmlose Frage war
-der Ton zu scharf.</p>
-
-<p>„Ehrenschulden, die unbedingt abgetragen werden müssen. Und ich habe
-keine, Vater.“</p>
-
-<p>Das Mahl war beendet.</p>
-
-<p>„Wir setzen uns noch eine Pfeife lang auf die Veranda,“ schlug der
-Amtsrat, der seinen heftigen, verbitterten Bruder nicht sogleich am
-ersten Tage durch eine schroffe Einmischung reizen wollte, vor.</p>
-
-<p>Sie saßen alle Drei auf den sauber gescheuerten Steinfließen und
-stießen dicke Tabakswolken aus den kurzen Rohren. Zu einer gemütlichen
-Unterhaltung wollte es auch jetzt nicht kommen. Die Luft schien wie mit
-Zündstoff angefüllt.</p>
-
-<p>„Sage mal selbst,“ wandte sich der Major plötzlich an seinen Bruder,
-„hältst du es für möglich, daß einer mit seiner kleinen Pension
-auskommen kann?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[S.&nbsp;173]</span></p>
-
-<p>Der Assessor wechselte die Farbe.</p>
-
-<p>„Was soll das heißen, Vater?“</p>
-
-<p>„Bleib’ ruhig sitzen! Schlimm genug, daß dir das nicht längst allein
-klar geworden ist.“</p>
-
-<p>„Ich verstehe nicht, worauf du hinaus willst.“</p>
-
-<p>„Scheinst ja merkwürdig schwer von Begriffen in diesem Punkt zu sein.
-Kurz &ndash; ich mag nicht länger rumhocken und entbehren &ndash; stillhalten und
-abstreichen.“</p>
-
-<p>Der Amtsrat sah das bleichgewordene Gesicht seines Neffen und nickte
-ihm fast väterlich zu, obwohl sie sich bisher merkwürdig fremd
-gegenüber gestanden hatten. „Nimm’s nicht tragisch, Junge. Wir ändern
-ihn doch nicht mehr,“ sollte es heißen. Dann zog er die Stirnhaut
-empor, wodurch er sich schon als Sechsjähriger unter seinen Brüdern
-eine besondere Achtung verschaffte und kniff ein wenig die Lippen ein,
-als schlucke er eine bittere Arznei. Aber er wurde damit fertig!</p>
-
-<p>„Du hast’s wirklich verteufelt eng und dunkel in Berlin, Bruder.
-Davon habe ich mich ja vor ein paar Wochen selbst überzeugen müssen.
-Aber dein Junge solls und kanns diesmal nicht ändern. Das siehst du
-bei ruhiger Ueberlegung auch ein. Ich mache dir einen vernünftigen
-Vorschlag. Packe deinen Kram und zieh’ zu mir. Zwei Stuben kannst du
-ganz für dich haben und diese Veranda und den ganzen Garten, denn ich
-sehe auf dem Felde genug Grünes. Jawohl &ndash; meinetwegen auch noch das
-kleine Seezimmer dazu, obgleich ich mich daran gewöhnt habe. Nur den
-Jungen laß endlich von der Leine!“</p>
-
-<p>„Ich geh’ nicht raus aus Berlin,“ knurrte der Major eigensinnig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[S.&nbsp;174]</span></p>
-
-<p>„In deiner Lage ist das ein Wahnsinn, Richard.“</p>
-
-<p>„In meiner jetzigen &ndash; vielleicht! Darum soll sie eben auch geändert
-werden. Walter kann leicht und angenehm das dreifache verdienen, wenn
-er nur mal ruhig nachdenkt. Wir mieten uns nachher irgend eine kleine
-Villa. Ich kann mir einen Diener halten. Und das Leben wird wieder
-einigermaßen anständig.“</p>
-
-<p>„Du hast mir bereits neulich etwas derartiges angedeutet, Vater. Ich
-faßte es keinen Augenblick als Ernst auf.“</p>
-
-<p>„Darum habe ich mir die Wiederholung bis heute aufgespart. Onkel soll
-zuhören. Nicht wahr, Wilhelm,“ wandte er sich an den Amtsrat, „ein
-guter Rechenmeister warst du immer.“</p>
-
-<p>„Ich rechnete aber für mich und mit mir als Verdiener, mein Lieber.“</p>
-
-<p>„Soll das ein versteckter Vorwurf sein?“</p>
-
-<p>„Deute es dir, wie du willst! Daß Walter nicht Musik studieren durfte,
-darin mischte ich mich nicht ein. Das verstehe ich schließlich nicht.
-Wie er sich damals als grüner Bengel damit abgefunden hat, das gefiel
-mir, wenn schon er sich auffallend ablehnend zu mir benommen hat. Darum
-nehme ich heute und später seine Partei.“</p>
-
-<p>„Ihr tut gerade, als wollte ich ihn zu etwas Unerhörtem verleiten und
-ich will ihn doch lediglich in eine gute, ja famose Lage bringen.“</p>
-
-<p>„Ueber dies Kunststück würde ich gern näheres erfahren,“ lachte der
-Amtsrat gemütlich.</p>
-
-<p>„Er soll als Teilhaber bei einem äußerst geschätzten, erstklassigen
-Anwalt eintreten. Der Mann hat ohne Vermögen angefangen und eine aus
-sieben Köpfen bestehende Familie<span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[S.&nbsp;175]</span> durchgebracht. Neben der seinen,
-erhält er noch die Familien seiner beiden ältesten verwitweten Töchter.
-Das Geschäft muß also einträglich sein. Als anfänglichen Monatsgehalt
-ist er willens, einem tüchtigen Assessor, der dauernd eintritt,
-vorläufig neunhundert Mark zu gewähren. Nachher soll es steigen oder
-gar zur Hälfte gehen, denn er hat einen Knax weggekriegt und kanns
-allein nicht mehr schaffen. Später besteht natürlich die sichere
-Aussicht zur gänzlichen Uebernahme seiner juristischen Praxis. Ich habe
-die Empfindung, daß dieser Zeitpunkt nahe ist. Der Mann macht’s wohl
-kaum noch sehr lange.“</p>
-
-<p>Walter Wullenweber war anfangs mit einem ungläubigen Lächeln der
-Schilderung seines Vaters gefolgt. Jetzt begann er damit zu rechnen,
-daß tatsächlich etwas Wahres daran sein mußte.</p>
-
-<p>„Woher weißt du das alles,“ fragte er sachlich und noch vollkommen
-beherrscht.</p>
-
-<p>„Gott &ndash; ich habe mal was bei dem Mann zu tun gehabt. Wir sind ins
-Gespräch gekommen. Er hat mich sogar mal in deiner Abwesenheit
-freundschaftlichst besucht. Verzeih’ nur gütigst, wenn ich mich
-ein paar Straßen weiter ohne deine gnädige Mithilfe oder Erlaubnis
-davonmache.“</p>
-
-<p>Walter Wullenweber kannte seinen Vater genau. Darum wußte er auch
-jetzt, daß der nicht etwa unter seiner Bevormundung litt, sondern, daß
-sein Gewissen in irgend einer Beziehung nicht das reinste war. Diese
-bestimmte Annahme schärfte ihm in plötzlich erwachsender Angst den
-Blick.</p>
-
-<p>Zeigte der Sechzigjährige nicht die deutlichen Spuren einer nervösen
-Unsicherheit wie nach jeder begangenen Torheit? Und war sein
-ohnehin sprunghaft wechselndes Be<span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[S.&nbsp;176]</span>nehmen in letzter Zeit nicht noch
-unbeständiger geworden? Jetzt mußte sich Wullenweber mit aller Kraft
-zur Bewahrung seiner Ruhe zwingen.</p>
-
-<p>„Konnte ich dir nicht ebenso gut raten und helfen, wie es der
-Justizrat Weißgerber imstande war, Vater? Du siehst, so ganz blind
-und taub bin ich doch nicht neben dir dahingegangen. Ich sah Euch vor
-einiger Zeit aus einem Weinlokal herauskommen. Das nahm mich bei dem
-Vielbeschäftigten eigentlich Wunder &ndash; ich wollte dich auch fragen &ndash;
-vergaß es aber nachher über etwas wichtigerem. Nicht wahr, bei ihm
-gedachtest du mich auch unterzubringen? Aber, lassen wir das jetzt.
-Etwas anderes erscheint mir wichtiger. Wozu brauchtest du einen fremden
-Juristen? Wozu trugst du das Geld aus dem Hause?“</p>
-
-<p>Der schwache Versuch, die Angelegenheit ins Scherzhafte zu ziehen,
-mißlang.</p>
-
-<p>„So weit bin ich noch nicht heruntergekommen, mein Sohn, um mir dauernd
-und in jeder Kleinigkeit von dir Vorschriften machen zu lassen. Noch
-bestimme ich. Und wenn einer von uns beiden zu gehorchen hat, bist du
-es. Das merke dir.“ Der Amtsrat versuchte zu beschwichtigen.</p>
-
-<p>„Kinder, nur keinen Streit!“</p>
-
-<p>„Verzeih, Onkel, daß dies gleich die erste Stunde ausfüllen muß. Du
-hast ja aber selbst gehört, daß sich Vater die Auseinandersetzung
-ausdrücklich für diesen Tag aufgespart hat.“</p>
-
-<p>„Zänkereien vertrage ich nicht,“ begehrte der Major auf. „Meine Ruhe
-wollte ich endlich mal haben, frei sein. Du sollst nicht wieder aus
-einer Lappalie ein Erdbeben machen, Walter.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[S.&nbsp;177]</span></p>
-
-<p>Ein langer strenger Blick streifte ihn.</p>
-
-<p>„Du weißt, daß ich schon übermorgen abreisen muß, Vater. Dann ist also
-dein Wunsch erfüllt. Ich möchte aber nicht mit dieser seltsamen Unruhe
-an die Arbeit zurück. Wir wollen uns aussprechen. Ich erkläre dir
-nochmals, daß alles, was du über mich bestimmen solltest oder bereits,
-ohne mein Wissen, bestimmt hast, hinfällig ist. Niemals werde ich nur
-um des Geldes willen einen Weg, den mir mein Innerstes vorzeichnet,
-aufgeben.“</p>
-
-<p>„Ich hätte wissen müssen, daß du keiner Kindesliebe fähig bist.“</p>
-
-<p>„Sprich nicht weiter, Vater. Denke rückwärts.“</p>
-
-<p>„Habe ich nicht nötig! Was ich getan habe, auch das, woran du jetzt
-vielleicht auch noch rühren möchtest, ich täte es gleich wieder.“</p>
-
-<p>„Richard,“ mahnte der Amtsrat still. „Laß die Schatten ruhen.“</p>
-
-<p>„Ihr meint wohl, ich fürchte mich vor ihnen? Weit gefehlt, was sich an
-meinem eigenen Stamm nicht biegen lassen will, muß weggebrochen werden.“</p>
-
-<p>„Versündige dich nicht, Bruder.“</p>
-
-<p>„Sprecht doch endlich ihren Namen aus. Macht mir Vorwürfe. Schiebt mir
-alle Schuld in die Schuhe. Ich kann’s ertragen. Ich werde Euch Rede und
-Antwort stehen.“</p>
-
-<p>Er war der Ueberzeugung, daß seine Stimme im Zorn gellte, und sie
-war doch nur ein zitterndes, angstvolles Flüstern. Der Schatten, dem
-er anscheinend mutig begegnete, mußte ihn atemlos gehetzt haben.
-Das Gespräch verstummte. Der Atem des alten Offiziers bekam keine<span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[S.&nbsp;178]</span>
-Kraft mehr. Sein Gesicht erschien in der ungewissen Beleuchtung
-des schwefelgelben Abendsrots grau und verfallen. Ein junges,
-leidenschaftliches Geschöpf, dem die Mutter zu früh sterben mußte, saß
-plötzlich auf dem vierten Stuhl. Und doch lag in Wahrheit nichts als
-der unruhige Schein wilden Weinlaubs darauf. Die einzige Tochter des
-Majors und Walters Schwester!</p>
-
-<p>Der Amtsrat wischte sich über die Augen. Seitdem das mit ihr geschehen
-war, hatte der Bruder sein Haus gemieden. Erst jetzt war er, ohne
-besondere Einladung, wieder gekommen.</p>
-
-<p>„Die Reise hat mich etwas angestrengt,“ sagte der Major plötzlich. „Ich
-will schlafen gehen.“&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Eine Weile verharrte der Amtsrat noch in nachdenklichem Schweigen. Dann
-tippte er dem Neffen auf die Schulter.</p>
-
-<p>„Du mußt mir alles von damals erzählen, Walter. Aus den Briefen, die
-mir der Vater geschrieben hat, bin ich nicht klug geworden. Hast du
-irgend etwas über sie erfahren können?“</p>
-
-<p>„Nein, Onkel. Es ist alles vergeblich geblieben. &ndash; Du weißt, Vater war
-stets ein leidenschaftlicher Schachspieler. Auch unser Leben hat er
-berechnen wollen, weil es für sein eigenes nicht mehr anging. Mancher
-Zug mag richtig gewesen sein! Nur der Grundgedanke blieb falsch. Nach
-ihm waren wir, seine beiden Kinder, willenlose Figuren. Dir ist die
-Lieselotte auch lieb gewesen. Ihre Tollheiten erfrischten, ihr Liebreiz
-entzückte jeden. Der Vater war sehr stolz auf sie, solange sie sich ihm
-bedingungslos fügte. Sie hatten stets miteinander Geheimnisse vor mir.
-Ich durfte ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[S.&nbsp;179]</span> daher meine brüderliche Liebe nicht so voll zeigen, wie
-ich sie empfand. Mußte streng mit ihr sein, denn ich wollte doch nicht,
-daß sie verloren gehen sollte. &ndash; Sie fügte sich dem Vater also willig,
-bis die Liebe über sie kam. Den Anfang habe ich mit erlebt. Er sang auf
-der Abendgesellschaft einer reichen Frau, die sich einbildete, seine
-Stimme entdeckt zu haben. &ndash; In Berlin selbst lebte er nicht dauernd,
-und das machte mich ruhig. Er nannte sich Schauspieler und zog überall
-umher, wo man ihn bezahlte. Einen ersten Brief fing ich ab &ndash; las ihn
-und nahm sie mir vor. Sie versprach, ihn zu vergessen. Das Versprechen
-hat sie aber nicht gehalten. Die kleine Lieselotte war mit einem
-Schlage Komödiantin geworden.“</p>
-
-<p>„Und hat Euer Vater nichts davon gemerkt.“</p>
-
-<p>„Du weißt, er besitzt die Fähigkeit, Unbequemes solange zu übersehen,
-wie es nur irgend angeht. Eines Tages hatte er aber seinen größten
-Schachzug fertig überlegt. &ndash; Ein Millionär hatte die Lieselotte auf
-einem Winterball kennen gelernt und begehrte sie. Die Anbetung des
-älteren reichen Mannes hat ihr bis zu einem gewissen Grade sogar Spaß
-gemacht. Als sie merkte, daß er ernste Absichten hatte, wurde sie
-zuerst ängstlich, dann scheu, und schließlich energisch. Sie wollte
-ihn nicht. &ndash; Es war aber bereits alles zwischen dem Vater und jenem
-abgehandelt. Er hatte ihm auch eine Menge Schulden bezahlt, von
-denen wir Kinder nichts wußten. Es war also seiner Ansicht nach eine
-Unmöglichkeit, die Sache rückgängig zu machen. &ndash; Lieselotte hat nicht
-an den Ernst seiner Drohung, daß sie sich diesmal unweigerlich fügen
-müsse, geglaubt. So hinreißend lieblich sie war, ebenso unbändig,
-leidenschaftlich und le<span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[S.&nbsp;180]</span>benshungrig ist sie gewesen. Von dieser Seite
-kennst du sie nicht. Hier war sie lediglich das spielerische Kind.
-Allmählich wuchs sich ihr Durst nach Freiheit zu einer fast krankhaften
-Gier heraus. Vielleicht hätte sie doch schließlich eingewilligt, wäre
-der andere, an dessen ehrliche Absichten ich niemals glaubte &ndash; nicht
-immer wieder dazwischen getreten. &ndash; Ein Lump, Onkel, in der Maske
-eines bildhübschen Schlingels. &ndash; Sie blieb taub und blind. Ich habe
-in jenen Zeiten täglich versucht, auf sie einzuwirken, schließlich
-in jener Nacht nach den letzten, wilden Auseinandersetzungen mit dem
-Vater, auch fest geglaubt, daß sie zur Einsicht gekommen wäre. &ndash;
-Nach ein paar Monaten, hoffte ich, würde sich der Grimm des Vaters
-und ihre eigene blinde Leidenschaft verebbt haben. Ich hatte mich
-gründlich verrechnet. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. &ndash; Du
-kannst überzeugt sein, Onkel, das Menschenmögliche, um ihren Aufenthalt
-herauszubringen, habe ich versucht.“</p>
-
-<p>„Und der Millionär, Walter?“</p>
-
-<p>„Hat umgehend seine Forderungen eingeklagt.“</p>
-
-<p>„Pfui Teufel.“</p>
-
-<p>„Ich glaube, als ordentlicher Geschäftsmann mußte er das tun.“</p>
-
-<p>„Wie habt Ihr’s möglich machen können, Junge?“</p>
-
-<p>„Es ging schon!“</p>
-
-<p>„Viel Vertrauen hast du nicht zu mir gezeigt.“</p>
-
-<p>„Doch, Onkel! Ich wußte zum Beispiel ganz genau, daß du helfen würdest,
-wenn ich dich darum gebeten hätte.“</p>
-
-<p>„Ich versichere dir, daß mir niemals eine Bitte oder Anfrage von Euch
-zugegangen ist.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[S.&nbsp;181]</span></p>
-
-<p>„Das weiß ich! Weil ich unbedingtes Vertrauen in deine Bereitschaft
-setzte, durfte der Brief des Vaters, der deine Hilfe forderte, nicht
-abgehen.“</p>
-
-<p>„Das verstehe ich nicht, Junge.“</p>
-
-<p>„Du hättest dein Geld niemals von ihm zurückerhalten und wenn er es dir
-hundertmal zugesichert hätte.“</p>
-
-<p>„Darum also hast <em class="gesperrt">du</em> es nicht erlaubt? Ich habe dich bisher nicht
-richtig gekannt.“</p>
-
-<p>„Das hat mir oft genug leid getan, Onkel. Sehr gern hätte ich vieles
-mit dir besprochen, was ich nun allein mit mir ausfechten mußte. Wie
-sollte ich es aber ändern? Ehe ich nicht die alte Rechnung des Vaters
-beglichen hatte, mochte ich das nicht anstreben!“</p>
-
-<p>„Das wäre dir wirklich gelungen?“</p>
-
-<p>„Ja, seit einem Monat bin ich diese Last los.“</p>
-
-<p>„Aus eigener Kraft?“</p>
-
-<p>„Ich glaube, ein glattes Bejahen gäbe ein falsches Bild. Mein Studium
-wurde billiger, als ich es mir ausgerechnet hatte. Ein paar tausend
-Mark erübrigten sich davon. Und der Rest? Weißt du, es mag einer
-so viel auf Berlin schelten, wie er Lust hat. Ein Gutes bringt es
-zweifellos. Erwerbsmöglichkeiten, an welche man selbst in einer
-größeren Mittelstadt gar nicht denken würde. Einige, die ich benützte,
-mögen nicht gerade standesgemäß gewesen sein. Daß sie durchaus
-anständig waren, bedarf nicht der Zusicherung. In der Hauptsache
-verdiente ich durch Repetitorien. Mir saß alles noch frisch im
-Gedächtnis. Da habe ich ein halbes Dutzend Referendare zum Examen
-eingepaukt. Sie schafften es und das brachte mir weitere. So ist
-eigentlich nicht mal ein Wunder dabei gewesen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[S.&nbsp;182]</span></p>
-
-<p>„Und du meinst, daß dein Vater jetzt endlich gelernt hat, mit dem
-Seinen auszukommen?“</p>
-
-<p>„Bisher habe ich den Gedanken an neue Schulden nicht haben können.
-Er hat ja doch gesehen, wie ich schuften mußte. Vorhin wurde ich
-allerdings stutzig. Hattest du nicht auch das Gefühl, als schleppe er
-an einer Last, die er überängstlich zu verbergen versucht?“</p>
-
-<p>„Ich schob das auf die Erinnerung an Lieselotte.“</p>
-
-<p>„Die wirkt ganz anders! Danach kommen Stunden, in denen er sich
-einschließt und nachher trinkt.“</p>
-
-<p>„Und das ist nun deine Jugend!“</p>
-
-<p>„Meine eigentliche Jugend ist der unerschütterliche Glaube an eine gute
-Zukunft.“</p>
-
-<p>„Du hast eine von Herzen lieb, nicht wahr, mein Junge?“</p>
-
-<p>„Nein, Onkel, noch nicht! Mir blieb zu wenig Zeit dazu, glaube ich.</p>
-
-<p>Aber ich fühle, daß es eines Tages kommen wird. Und darum lebe ich
-trotz allem auch gern. Ein Ziel ist da und ein fester Wille zur
-Erfüllung aller Pflichten.“</p>
-
-<p>„Sonderbarer Heiliger.“</p>
-
-<p>„Bis heute habe ich zu keinem davon gesprochen, Onkel.“</p>
-
-<p>„Das glaube ich dir aufs Wort! Siehst du, da haben wir uns nun
-jahrzehntelang gekannt und ich habe doch nichts weiter von dir gewußt,
-als daß du einen Jugendwunsch, von dessen Ernsthaftigkeit ich mich
-allerdings überzeugt hatte, überwunden hast. Ich fand das riesig
-vernünftig und die Art, in der du es tatest, hat mir gefallen, wie ich
-ja schon erwähnte. &ndash; Diese eine Stunde hat gründlichere Arbeit als
-die ganzen Jahre getan. Nun kenne ich dich wirklich. Weiß Gott, viel
-Freude ist nie in meinem Leben ge<span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[S.&nbsp;183]</span>wesen. Nicht mal das Ziel, das du
-dir gesetzt hast, war darin vorgesehen. Nur immer der graue Alltag.
-Ich habe viel Staub schlucken müssen, denn zu den Sonn- und Feiertagen
-ließ ich mir nie recht Zeit. Jetzt freue ich mich und bitte meinem
-Leben manches ab. Sieh hinaus. Der Mond scheint gerade hell. Die Felder
-mit Stoppeln haben ihre Ernte hinter sich. Das Brachland muß ausruhen,
-damit es im nächsten Jahre wieder seine Schuldigkeit tut. Sogar die
-Fichtenkusseln wachsen langsam aber sicher ins Geld. &ndash; Ich hab’ bloß
-immer in meinem Dasein säend geschuftet. Ohne Sinn und Verstand. Denn
-für wen? Ein ekliges Geschäft, wenn man darauf keine Antwort weiß.
-Jetzt wird’s anders werden. Du mußt öfter zu mir kommen, Junge!“</p>
-
-<p>Einen Augenblick ruhten ihre Hände fest in einander! Das war wie ein
-Schwur, obgleich kein Wort dabei gesprochen wurde.</p>
-
-<p>„Und jetzt wollen wir in die Klappe gehen,“ sagte der Amtsrat wieder in
-seinem alten, fast befehlshaberischen Tone, den sich ein Herr leicht
-angewöhnt, der auf seinem Stück Eigenland streng nach Ordnung
-sieht.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Walter Wullenweber konnte nicht schlafen. Hinter der weißgetünchten
-Wand ruhte sein Vater und war ihm, nur durch eine dünne Verschalung
-getrennt, so nahe, daß er das unruhige Umherwerfen des schwerfälligen
-Körpers vernehmen mußte. Im Karpfenteich und in den sich
-daranschließenden Sumpfgräben quakten die Frösche. Aus den Viehställen
-sang zuweilen eine klirrende Kette.</p>
-
-<p>Hinter der weißen Wand ward ein Stöhnen hörbar. Er erhärtete sich
-dagegen. Mußte er nicht auch, schweigsam,<span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[S.&nbsp;184]</span> oft genug leiden? Tief
-wühlte sich sein Kopf in den verschwenderischen Reichtum der weichen
-Federkissen ein. Und doch lauschten die Sinne &ndash; wider Willen &ndash; und
-erlauschten, daß sich der Mann, der um keinen Preis alt und schwach
-sein wollte, in Schmerzen wand. Da sprang er auf und ging zu ihm.</p>
-
-<p>„Was hast du, Vater? Soll ich dir von deinen Tropfen geben?“</p>
-
-<p>Der Major winkte ab. „Laß nur. Dagegen helfen sie doch nicht! Ich halte
-das nicht länger aus.“</p>
-
-<p>„Luft und Stille hier werden dir gut tun. Nur Geduld.“</p>
-
-<p>„Dazu habe ich keine Zeit mehr.“</p>
-
-<p>„Was hast du, Vater?“</p>
-
-<p>„Du mußt mir helfen, Walter!“</p>
-
-<p>„Sobald es Tag geworden, wollen wir nach einem Arzt senden,“ sagte
-Walter Wullenweber und glaubte doch nicht, daß der hiergegen etwas
-vermöge.</p>
-
-<p>„Was soll mir der? Ich brauche nur dich!“</p>
-
-<p>„Ich bin ja bei dir!“</p>
-
-<p>„Du willst mich nicht verstehen. Da in der Tasche steckt der Wisch.“</p>
-
-<p>Und Walter Wullenweber las:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„Wenn Sie innerhalb von zwei Wochen nicht Ihr mir gegebenes
-Ehrenwort einlösen und das Geliehene zurückzahlen mit 7 Prozent
-Zinsen, mache ich die Sache anhängig. Halten Sie mich nicht für
-ganz dumm. Ich kenne Mittel und Wege, die Sie klein bekommen. Erst
-im vergangenen Jahre ist einem alten Offizier ein gebührender
-Denkzettel vom Ehrenrat aus ähnlichem Anlaß<span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a><span class="s4">[S.&nbsp;185]</span></span> erteilt. Denn wenn
-einer sein Ehrenwort bricht, so ist er nichts weiter als ein
-Schuft. &ndash; &ndash; &ndash;“</p>
-
-</div>
-
-<p>„Ist das wahr, was hier steht?“</p>
-
-<p>Hart und fast mitleidslos klang die Frage.</p>
-
-<p>„Ja, es ist wahr! Aber &ndash;“</p>
-
-<p>Walter Wullenweber ließ sich schwer auf den Schemel sinken, der
-irgendwo stand. Er empfand in diesem Augenblick nichts als Verachtung
-für den Mann, der ihm alles zerschlug, was er sich mühsam errang.</p>
-
-<p>„Es geht mich nichts an,“ sagte er sehr langsam.</p>
-
-<p>„Du willst mich nicht &ndash; retten?“</p>
-
-<p>„Nein.“</p>
-
-<p>„Ich soll also &ndash;?“</p>
-
-<p>„Ganz recht; du sollst endlich einmal selbst tragen, was du verschuldet
-hast. Ich bin nicht länger willig, mich zu opfern!“</p>
-
-<p>„Es ist auch dein Name.“</p>
-
-<p>„Leider! Ich werde meiner vorgesetzten Behörde unverzüglich von
-dem Beschluß der deinen, sowie ich davon Kenntnis erhalte, Bericht
-erstatten und tragen, was daraus für mich kommt!“</p>
-
-<p>„Und wenn ich dir schwöre, daß dies das letzte Mal sein soll.“</p>
-
-<p>„Ich würde keinen Glauben mehr an dich aufbringen können. Damals,
-ja, da bildete ich mir ein, daß ein Mensch so etwas nicht zum andern
-Mal fertig brächte. Kein Fremder einem Fremden gegenüber. Und dich
-betrachtete ich damals noch als meinen Vater.“</p>
-
-<p>„Soll das heißen, daß du heute &ndash; nicht mehr?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[S.&nbsp;186]</span></p>
-
-<p>„Ja! Das wollte ich damit sagen!“</p>
-
-<p>„Walter sei barmherzig.“</p>
-
-<p>„Bist du es jemals gewesen? Hast du uns nicht alles zerschlagen,
-Wunsch, Jugend, Zukunft?“</p>
-
-<p>„Aber die Ehre, die habe ich doch hochgehalten!“</p>
-
-<p>„Das bildest du dir nur ein.“</p>
-
-<p>„Du bist nicht Offizier!“</p>
-
-<p>„Auf meine Auffassung kommt es aber zur Zeit mehr an.“</p>
-
-<p>„Wenn ich dir mein Ehrenwort verpfände, daß ich nie wieder.“</p>
-
-<p>„Spare es dir! Ich lege keinen Wert darauf!“</p>
-
-<p>Ein Schrei gurgelte aus dem weitgeöffneten Munde. Das Gesicht nahm eine
-bläuliche Färbung an. Die Züge spannten sich. Das Kinn schob sich weit
-vor. Und dann kam jäh ein sichtbarer Verfall.</p>
-
-<p>„Ob das der Tod ist,“ fragte sich Walter Wullenweber und zog, wie bei
-dem juristischen Aufbau eines wohlgelungenen Gutachtens die einzig
-mögliche Folge aus der Bejahung: „Dann trage ich die Schuld!“</p>
-
-<p>Es war aber nur ein leichter Schlaganfall, wie der aus der nächsten
-Stadt zugezogene Arzt am Spätvormittag des neuen Tages feststellte.
-Lebensgefahr lag nicht vor. Alle merklichen Folgen würden sich
-voraussichtlich nach einiger Zeit verlieren.</p>
-
-<p>Walter Wullenweber wich dem fragenden Blicke seines Onkel aus. Am
-nächsten Tage rüstete er sich zur Abreise, ohne Nachurlaub erbeten zu
-haben. Er fühlte, daß seine Anwesenheit den Kranken nicht förderte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[S.&nbsp;187]</span></p>
-
-<p>„Du machst dem Futternapf meiner alten Klidderten wenig Ehre,“ sagte
-der Amtsrat in der letzten Stunde zu dem Neffen. „Was ist’s denn? Hast
-du mir nichts zu sagen, Junge?“</p>
-
-<p>„Herzlichst zu danken. Sonst wüßte ich nichts.“</p>
-
-<p>„So, ich dachte! Na schön. Warst du schon bei deinem Vater?“</p>
-
-<p>„Ich stehe eben im Begriff.“</p>
-
-<p>„Warte einen Augenblick. Ich begleite dich.“</p>
-
-<p>Walter Wullenweber wollte eigentlich die paar letzten Minuten mit dem
-Kranken allein sein. Er schwieg aber. „Vielleicht ist es besser so,“
-dachte er stumpf und trat scheinbar ruhig an das Bett des Majors.</p>
-
-<p>„Ich muß nun fort.“ Der Kranke wollte sich auf die Ellbogen stützen, um
-sich ein wenig emporzuringen. Es gelang aber nicht.</p>
-
-<p>„Ich gebe dir mein Wort, daß alles anders werden soll. Willst du mir
-nicht die Hand reichen, Walter.“</p>
-
-<p>Ein kurzes Zaudern. Dann reichte sie ihm der Assessor hin. „Werde
-gesund, Vater!“</p>
-
-<p>Da weinte Major a.&nbsp;D. von Wullenweber die ersten Tränen, seitdem ihm
-das von dem ungeschickten Schützen geschehen war.</p>
-
-<p>Eine Woche später erhielt er Nachricht von seinem Sohne.</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Lieber Vater! Heute nur kurz die Mitteilung, daß ich von meiner
-Behörde den Abschied aus dem Staatsdienst erbeten habe, um, sobald
-er mir erteilt sein wird, bei Justizrat Weißgerber, mit dem ich
-bereits einig bin, einzutreten.</p>
-
-<p>Teile es auch Onkel mit. In Eile</p>
-
-<p class="right mright2">Dein Walter.</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[S.&nbsp;188]</span></p>
-
-<p>Als auch der Amtsrat den Inhalt kannte, schlug er mit der Faust auf den
-Tisch.</p>
-
-<p>„Und das erfahre ich erst heute? Was hast du denn wieder angestellt?
-Konntest du wenigstens deinen Mund nicht rechtzeitig aufmachen, damit
-dies verhindert wurde?“</p>
-
-<p>Da erzählte der Major das Hauptsächlichste. Das Fehlende dachte sich
-der andere schon hinzu.</p>
-
-<p>„Wieviel wars denn zum Kuckuck?“</p>
-
-<p>„Viertausend Mark!“ gestand der Major zerknirscht.</p>
-
-<p>„Und wofür? Für Lumpereien natürlich!“</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_188_ende">
- <img class="w100" src="images/i_078_ende.jpg" alt="Kapitel 8, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[S.&nbsp;189]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_189_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_189_kopf.jpg" alt="Kapitel 9, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_9">9.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">D</span>as Nationaltheater hatte seinen großen Tag. Die Aufführung des ersten
-Aktes des „Parsifal“ war vorüber. Die Reihen lichteten sich. Es
-strömte die Stufen hinab, die in den Garten des Theaters führten. Auf
-den meisten Gesichtern lag noch die Andacht des Weihespiels. Einzig
-eine Frauengestalt hatte ihren Stuhlplatz inne behalten und saß mit
-zusammengelegten Händen. In ihr zitterten die heiligen Klänge nach:
-„Selig im Glauben.“</p>
-
-<p>Zwei Herren waren, abseits des flutenden Menschenstromes, stehen
-geblieben und sahen zu ihr hinüber.</p>
-
-<p>„Sie haben vor Beginn im Erfrischungsraum mit ihr gesprochen, Kurtzig,“
-sagte der Jüngere, „kommen Sie, wir gehen jetzt zu ihr.“</p>
-
-<p>„Das wage ich nicht, Baron Alvensleben. Sie wissen, wer einen
-Gottesdienst stört, muß eines Strafbefehls gewärtig sein.“</p>
-
-<p>Der alternde Meister schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>„Sie steht doch aber in der Oeffentlichkeit, mein Lieber!“</p>
-
-<p>„So &ndash; tut sie das? Ich dachte, wir wären uns gestern Nacht nach ihrem
-Konzert gerade darüber einig geworden, weshalb sie an der Laufbahn
-einer Bühnensängerin vorbei, in der musikalischen Welt Berlins in der
-Hauptsache als<span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[S.&nbsp;190]</span> erste Bildnerin verheißungsvoller Stimmen gilt und sich
-nur selten zu einer Konzertreise versteht.“</p>
-
-<p>„Gott ja, gestern Nacht! Inzwischen habe ich darüber nachgesonnen und
-muß gestehen, daß mir die Aufgabe, sie umzustimmen, sehr verlockend
-erscheint.“</p>
-
-<p>„Sie sind nicht der Erste, der das erkannt und auch versucht hat,
-Baron.“</p>
-
-<p>„Vielleicht aber der erste Leiter einer hocheingeschätzten Oper, der
-willig ist, sie sogleich in seinen Verband zu übernehmen.“</p>
-
-<p>„Auch diese Freude muß ich Ihnen leider zerstören. Vor einem halben
-Jahre, als sie noch lange nicht so weit wie heute gekommen war, machte
-bereits Ihr Kollege Spartenberg denselben recht energischen Versuch.“</p>
-
-<p>„Sie kennen sie länger, Kurtzig?“</p>
-
-<p>„Ungefähr fünf Jahre.“</p>
-
-<p>„Da werden Sie auch um die Gründe wissen? Sie kennen auch mich. Ich bin
-verschwiegen. Was käme da in Betracht?“</p>
-
-<p>„Da fragen Sie mich zu viel, Baron.“</p>
-
-<p>„Vielleicht erblich belastet?“</p>
-
-<p>„Möglich! Die Mutter, nach dem Bilde zu urteilen, war eine Schönheit!
-Der Vater soll ein flotter Herr gewesen sein, der ihr nichts als
-Schulden und den alten Namen hinterließ.“</p>
-
-<p>„Verdreht,“ sagte Baron Alvensleben, „aber hören Sie, versucht wird es
-dennoch. Wenn nicht jetzt, ganz bestimmt am Schlusse. Wenigstens ein
-Plauderstündchen im Parkhotel mit ihr.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[S.&nbsp;191]</span></p>
-
-<p>„Schön! Machen Sie sich das Vergnügen! Sie können sich meinetwegen als
-Zeuge ihrer gestrigen Triumphe einführen. Nur, sagen Sie ihr nichts von
-unserer Bekanntschaft.“</p>
-
-<p>„Na nu!“</p>
-
-<p>„Ja, Baron. Sie vertraut mir voll und ich möchte nicht, daß dies jemals
-anders würde. Kein Mißverstehen, Ihr Lächeln ist unangebracht. Die
-Kunst kann, wie wir soeben festgestellt haben, sehr rein sein. Der
-Künstler in mir freut sich an ihr, ringt um die Erhaltung ihrer Gunst,
-zollt ihr neidlos die verdiente Anerkennung.“</p>
-
-<p>„Das haben Sie mir gut gegeben, Kurtzig. Ich nehme es Ihnen nicht übel.
-Kommen Sie. Nein, nicht in den Prunksaal. Sehen Sie, da schreit der
-Unterschied zwischen Bayreuth und München. Die Aufführung verspricht
-auch diesmal ganz hervorragend zu bleiben. Nur das Drum und Dran
-ist’s, was hier nie erreicht wird. Die Weihe fehlt. An Kosimas
-Brandaugen vorbei schlich man sich dort während der Pausen, trunken
-vor Begeisterung in das sanfte Grün eines wirklichen Götterhains und
-entheiligte sich nicht, bis die feierlich rufenden Tubenklänge wiederum
-erbrausten.“</p>
-
-<p>Ganz einsam saß Eva von Ostried in dem weiten Raume. Sie war auf vier
-Tage nach München gekommen, um im Anschluß an die beiden Konzerte,
-in denen sie sang, den „Parsifal“ vor allem zu hören. Nun hatte die
-Musik alles Schlafende in ihr wachgerüttelt. In Berlin konnte sie
-es zurückschieben in das Dämmern eines dauernden Halbschlummers.
-Während sie bereits seit Jahresfrist lehrte, vernachlässigte sie das
-Selbstlernen nicht. Ihre Zeit war<span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[S.&nbsp;192]</span> dadurch mit jeder Stunde, ja, mit
-jeder Minute, im voraus berechnet. Hier ruhte sie aus.</p>
-
-<p>Aber überwand sie jetzt auch die Schatten, bezwang sie alle Gedanken,
-indem sie sich zu der Menge begab, zum Einschlafen brachte sie sie
-nicht wieder. Sie würden sich zwischen ihre Empfindung und die
-Gestaltung der nächsten Aufzüge drängen und ihr nichts hinterlassen
-als das bittere Gefühl, plötzlich vor der verschlossenen Pforte zum
-Allerheiligsten zu stehen. Darum ließ sie sich willig von ihren
-Gedanken zwingen.</p>
-
-<p>Wie war es doch damals gewesen, als sie die Villa der toten Präsidentin
-verließ? &ndash; Sie hatte sich eine kleine Wohnung genommen. Wirklich in
-guter Gegend. Und eine Bedienung, die in jeder Beziehung ausgezeichnet
-für sie sorgte, war auch schnell gefunden, weil sie mit dem Entgelt
-nicht kargte. Dann kamen die Lehrer an die Reihe. &ndash; Die allerersten.
-Ralf Kurtzig blieb ihr treu, wie sie ihm. Seine Gegenwart war ihr
-ständig mit einer Feier verbunden, die sie wunderbar für die nüchternen
-Arbeitsstunden des Unterrichts stärkte. Ohne das gesteckte Ziel jemals
-zu verlieren, schritt sie weiter. Das Ziel, auf Heller und Pfennig
-einst zurückzuerstatten, was&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Jede neubeginnende Woche bestimmte sie zum Beginn des Zurücklegens. Es
-wollte aber immer noch nichts damit werden.</p>
-
-<p>Sie wurde erschreckend mager, nervös und hilflos. Denn ihre Nächte
-hielten tausend Rächer für die durchhetzten, gedankenlosen Tage
-in Bereitschaft. Der Inhalt der kleinen schwarzen Handtasche nahm
-merkwürdig schnell ab. Es kostete alles noch viel mehr, als sie
-berechnet hatte. Von<span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[S.&nbsp;193]</span> den zwölftausend Mark hatte das erste Jahr mit
-seinen zahlreichen Anschaffungen die Hälfte verbraucht. Nach dieser
-Feststellung änderte sie auch ihren Lebensplan. Bis dahin sah sie
-Unterrichtsstunden lediglich als eine Hilfsquelle an. Jetzt stellte
-sie nach Rücksprache mit ihren Lehrern fest, daß bis zum ersten
-Geldverdienen als Opernsängerin noch eine geraume Zeit vergehen
-mußte. Denn als abgeschlossen konnten sie die Ausbildung ihrer Stimme
-vorläufig noch nicht bezeichnen.</p>
-
-<p>Und danach?</p>
-
-<p>Sie zweifelte nicht daran, daß ihr die breite Oeffentlichkeit mit
-Huldigungen und Beifall danken würde. &ndash; Ob sich aber auch in gleichem
-Maße die Gagen einstellen würden? &ndash; Toiletten würden nötig werden, die
-erschreckend viel kosteten, wenn nicht ein anderer sie bezahlte.</p>
-
-<p>Auch jener andere hatte sich zur Verfügung gestellt. Paul Karlsen,
-der sich aus den Berichten seiner ahnungslosen Frau die Zusammenhänge
-leicht aufbaute, fand sie schnell und flehte um ihre Vergebung. Als Eva
-von Ostried ihm für immer die Tür gewiesen, wußte sie, daß das Blut
-ihrer Mutter in ihr stärker geworden, als dasjenige ihres Vaters. Auf
-der einen Seite lockte ein Erfolg, wie sie ihn niemals auf der andern
-erwarten durfte.</p>
-
-<p>Knie beugten sich vor ihr! Hände haschten nach dem Saum ihres Gewandes.
-Geld und Schmuck leuchteten. Lorbeer duftete. Und sie hielt es für
-unmöglich, zu entsagen! Aber aus dem wirren Hetzen der Gespenster rang
-sich eine Aussicht zum Frieden durch: Gutmachen!</p>
-
-<p>Es war schwer, wenn nicht unmöglich! Und der heimliche Fluch würde
-weiter lasten. Vielleicht, daß ihn der<span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[S.&nbsp;194]</span> Beifall einer dankbaren Menge
-&ndash; die Leidenschaft eines Einzelnen für Stunden abnahm?</p>
-
-<p>Und wiederum danach? &ndash; Was sind Stunden im Vergleich zu Jahren &ndash;
-Jahrzehnten?</p>
-
-<p>In jener Zeit der härtesten Kämpfe klopfte eine blutjunge, blasse
-Verkäuferin an ihre Tür. Sie hatte Eva von Ostried singen hören und
-wußte seit diesem Augenblick mit dem feinen Gefühl der Ringenden, daß
-jene eine Gottbegnadete war. &ndash; Fast weinend vor Verlegenheit und
-Erschrecken über ihre Kühnheit hatte sie ihre Bitte vorgetragen.</p>
-
-<p>„Helfen zum Aufstieg!“ &ndash; Retten aus dem Schlamm, der schon ihre Füße
-netzte.</p>
-
-<p>Eva von Ostried war voller Mitleid gewesen, obwohl sie nicht an die
-Berufung dieses blassen Kindes zur Kunst glaubte. Warum sollte sie sich
-aber kein kleines Liedchen von ihr anhören? Summte ihre Köchin nicht
-auch beständig.</p>
-
-<p>Das kleine Lied aber war zur Offenbarung eines großen Talents
-geworden! Die schmale Verkäuferin schied mit dem Strahlen eines sie
-überwältigenden Glücksgefühls. So kam Eva von Ostried zu ihrer ersten
-allerdings nicht zahlungsfähigen Schülerin, und erlebte, wie diese
-wuchs und strebte, wie Schlacke um Schlacke abfiel und das Edelmetall
-alle Tage herrlicher hervorleuchtete. Sie würde es wohl auch noch
-erleben müssen, wie jene einst von sich reden machen, Bewunderer haben,
-die Menge hinreißen würde, während sie selbst nichts weiter war als
-deren Förderin und Schleiferin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[S.&nbsp;195]</span></p>
-
-<p>„Der Uebel größtes aber ist die Schuld!“ Davor gab es keine Rettung!</p>
-
-<p>Einzig, wenn sie der Schar ihrer beständig wachsenden Schüler dienend,
-sich selbst und die zuckenden Wünsche immer aufs neue überwand,
-fühlte sie Ruhe, die fast dem Frieden gleichkam. Und doch blieb es
-nur ein Scheinfrieden! An der Empörung ihrer Lehrer, als sie ihnen
-den Entschluß bekannt gab &ndash; an jedem Blicke offenkundiger Huldigung,
-der ihr gezollt wurde, empfand sie die unerhörte Härte ihres Opfers.
-Unzählige Mal war eine Umkehr von ihr beschlossen. Und dann mußte der
-leidenschaftlich gefaßte Vorsatz doch unter dem Vernichtungsfeuer der
-Gewissensangst verbrennen!</p>
-
-<p>Sie hatte nicht gewagt, jenes Geld aus dem Hause zu geben. Konnte die
-Bank nicht nach seiner Herkunft forschen und sie entlarven?</p>
-
-<p>Noch bevor die Tubenklänge die andächtige Gemeinde zurückgerufen
-hatten, begann sich der Zuschauerraum zu füllen. Eva von Ostrieds
-Blicke wurden plötzlich von etwas Flammenden gefesselt. In dem
-brandroten Haar einer üppigen Erscheinung glühte ein Halbmond
-köstlicher Edelsteine auf. Sie empfand den Anblick des auffallenden
-Schmuckes an dieser Stätte als etwas Ungewöhnliches. Ernst und
-feierlich, wie zum Tisch des Herrn waren die meisten erschienen. Es
-reizte sie, nun auch das Gesicht unter dem lohenden Haar zu sehen.
-Die leuchtend weiße Haut, der stark sinnliche Mund, die unnatürlich
-schwarzen dichten Brauen kamen ihr bekannt vor.</p>
-
-<p>Das war doch eine im Palasttheater beschäftigte Soubrette, die für
-kurze Zeit ihre Flurnachbarin gewesen! &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[S.&nbsp;196]</span> Und ihr Begleiter? Denn
-immer wieder neigte sie sich in eifrigem Tuscheln zu dem schlanken
-Nachbar hinüber. &ndash; Paul Karlsen!</p>
-
-<p>Ein Wort von ihm &ndash; nahe an ihrem Ohr geflüstert &ndash; ließ sie
-zusammenfahren. „Dummerchen!“ War das zu der andern gesagt
-oder belustigte er sich über ihre Zurückweisung, sie als etwas
-unbeschreiblich Albernes und Törichtes verhöhnend? Dann lachten beide.</p>
-
-<p>Lachten sie etwa gemeinsam über sie? Hatte er ihr von jener Stunde
-erzählt, die sie neben ihm in seinem Musikzimmer verbrachte oder die
-Komik jener andern geschildert, die sie zum Hüter seiner ehelichen
-Treue machen wollte?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ihr schossen die Tränen der Empörung in die Augen. Zum ersten Male
-spürte sie ein starkes Verlangen nach einer Hand, die sie an diesem
-allen vorüber, in die Stille und Klarheit führen und dort festhalten
-würde.</p>
-
-<p>&ndash; &ndash; Karfreitagsehnen! Unbeschreibliches Verlangen nach Glück und
-Frieden! Heiligste Verzückung! Lossprechung von aller Schuld! Sei
-heilig!</p>
-
-<p>Der Lichtschein aus der Höhe erfüllte den Gral mit hellstem Erglühen.
-Die Andacht war vollendet!</p>
-
-<p>Eva von Ostried ahnte nicht, daß sie tränenüberströmt, in zitternder
-Ergriffenheit fassungslos auf den sich langsam senkenden Vorhang
-starrte. Sie merkte erst, daß sie gehen müsse, als sich leise eine Hand
-nach der ihren tastete.</p>
-
-<p>„Kommen Sie, Kind. Sonst sperrt man die heiligen Tore zu.“</p>
-
-<p>„Sie sind’s, Meister?“ Zutraulich schob sie ihren Arm unter den seinen.
-„Jetzt gehen wir ein wenig an den Hildebrand-Brunnen, ja?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[S.&nbsp;197]</span></p>
-
-<p>Er wäre gern dorthin und überall weiter in dem weichen, fließenden Grau
-dieser Dämmerstunde mit ihr gewandert, aber ein Dritter war plötzlich
-neben ihnen und ließ sich nicht wegschieben.</p>
-
-<p>„Baron Alvensleben!“ bequemte sich Ralf Kurtzig endlich seinen Namen
-zu nennen. &ndash; Nun waren sie zu Dreien! Es war kein Zauber mehr dabei.
-Alles sah nüchtern und verwaschen aus, denn der Regen rieselte leise
-aus der Luft herab. Das gewahrte Eva von Ostried erst jetzt.</p>
-
-<p>„Wir wollen uns möglichst schnell ins Parkhotel begeben,“ schlug der
-Baron vor, als sei es ganz selbstverständlich, daß sie für den Rest
-dieses Tages zusammenblieben. „Ihnen ist es doch recht, gnädiges
-Fräulein? Ich habe einen kleinen Tisch am offenen Fenster bestellt. Die
-Anlagen des Maximilianplatzes sind in diesem Jahre besonders schön.“</p>
-
-<p>Sie sah bittend zu Ralf Kurtzig hinüber.</p>
-
-<p>„Nicht wahr, ich vertrage nach solcher Musik keine fremden Menschen?“</p>
-
-<p>Baron Alvensleben lachte leise. „Empfinden Sie mich etwa als fremd?
-Mir sind Sie eine liebe Bekannte &ndash; seit vorgestern und gestern her.
-Ich hörte Sie zweimal. Ihre Schubertlieder am ersten Abend waren
-eine wundervolle Leistung, hinter welcher die sonst recht saubere
-Kunstfertigkeit des Violinisten leider abgrundtief versank. Am
-künstlerisch wertvollsten freilich faßten Sie am zweiten Abend das
-Lied der Carmen auf, wie Sie ja auch mit dem hinreißenden Glanz und
-der einzigen Wärme Ihrer Stimme der Bühne und nicht dem Konzertsaal
-gehören.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[S.&nbsp;198]</span></p>
-
-<p>Er tat, als merke er ihr Zusammenzucken nicht. Heimlich aber freute er
-sich daran und pries die gründliche Kenntnis von der Beeinflussung auf
-die Künstlerseele.</p>
-
-<p>„Aha, der Köder lockt schon. Alter, guter Kurtzig, wir kennen doch den
-Rummel,“ dachte er dabei. Er glitt klug und geschickt, als sei dies
-nichts anderes, als eine bedeutungslos gemeinte Feststellung gewesen,
-zu ihren Liedern zurück. Sie war ein seltener Vogel. Scheu &ndash; trotzig
-und unsäglich empfindlich. Das fühlte er deutlich. Bestimmt eine, die
-einen Regisseur zur Verzweiflung bringen konnte, daneben aber auch das
-liebe Publikum vor Wonne rasen machend.</p>
-
-<p>„Von wem stammte übrigens das kleine Lied, das Sie als Zugabe sangen,“
-fragte er weiter. „Die Liederfolge verriet den Komponisten nicht. Die
-drei Sternchen an Stelle des Namens pflegen sonst zu einem gewissen
-Mißtrauen zu berechtigen. Diesmal nahm bei aller Schlichtheit die
-Originalität der führenden Melodie stark gefangen.“</p>
-
-<p>„Den Komponisten vermag ich nicht zu nennen,“ gestand Eva von Ostried,
-„das kleine Lied hat eine eigene Geschichte.“</p>
-
-<p>„Die Sie am offenen Fenster erzählen werden, ja,“ bat er mit einem
-knabenhaft fröhlichen Blick.</p>
-
-<p>„So lang, daß sie nicht zuvor beendet sein dürfte, ist sie nicht, Herr
-Baron. &ndash; Ich saß eines Tages in einem Berliner Café und fand auf dem
-Platze neben mir ein mit Noten bedecktes Blatt, augenscheinlich erst
-ein Entwurf, denn es war viel ausgestrichen und verbessert. Ich nahm’s
-mit nach Hause. Und seither singe ich es jedesmal als Zu<span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[S.&nbsp;199]</span>gabe. Die
-Wirkung, die es zuerst auf mich ausübte, ist die gleiche geblieben.“</p>
-
-<p>Sie waren sehr schnell vorwärts gegangen. Ohne, daß Eva von Ostried
-früher etwas davon gemerkt, standen sie vor dem Parkhotel. Mit einer
-abwehrenden Bewegung wandte sie sich zur Umkehr.</p>
-
-<p>„Jetzt wäre es geradezu eine Beleidigung, wollten Sie uns verlassen,“
-sagte Alvensleben entrüstet.</p>
-
-<p>„Ich begreife nicht, was Ihnen an meiner Gesellschaft liegen kann, Herr
-Baron? Mir wäre es jetzt eine Qual in einem besetzten Raume zu sitzen,“
-sagte Eva. „Das können Sie sicher am besten begreifen, Herr Baron. Der
-Regen hat aufgehört. Ich gehe zum Hildebrand-Brunnen. Wenn Sie beide
-mich dort später noch aufsuchen wollen, sollen Sie mich schon finden.
-Ein Stündlein bleibe ich bestimmt.“</p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1"><b>*</b></p>
-
-<p>„Warum sind Sie so schweigsam, Kurtzig,“ fragte der Baron, als sie
-sich endlich unter dem geöffneten Fenster gegenüber saßen. „Sie sehen
-doch, ich ärgere mich auch nicht, obgleich mir eine ähnliche Abfuhr
-noch nicht vorgekommen ist. Wer mag wohl der Glückliche sein, der sie
-irgendwohin an ein Tischlein-deck-dich führen darf?“</p>
-
-<p>„Es fällt ihr nicht ein, sich an den ersten besten zu hängen.“ Ralf
-Kurtzig erwiderte das in einer ihm sonst fremden Gereiztheit.</p>
-
-<p>„Aber bester Meister, wer traut ihr denn eine Geschmacklosigkeit zu?
-Sicher ist er ein Auserwählter. Ob Adonis oder Künstler &ndash; oder gar
-beides vereint &ndash; das wage ich nicht zu entscheiden. Sie werden ihren
-Geschmack besser kennen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[S.&nbsp;200]</span></p>
-
-<p>„Ihr Herz hat bestimmt noch nicht gesprochen.“ Das klang nicht mehr so
-sicher, wie das erste Mal. In der Stimme lag ein gequälter Ton, der den
-Baron aufhorchen ließ. Er kniff das linke Auge zu und hob spähend das
-gefüllte Glas empor.</p>
-
-<p>„Wenn Sie das genau wissen &ndash; und Sie waren ja stets ein sehr sicherer
-Beobachter &ndash; ja, warum zögern Sie dann noch, alter Freund?“</p>
-
-<p>Ralf Kurtzig fuhr jäh zurück.</p>
-
-<p>„Ich verstehe Sie nicht, Baron. In dieser Sache vertrage ich keinen
-Scherz.“</p>
-
-<p>„So tief sitzt es schon! Dann beeilen Sie sich gefälligst, ehe Sie zu
-spät kommen. Eine Stunde Bedenkzeit hat sie Ihnen gegeben und zu einer
-Verlängerung dürfte sie sich kaum verstehen.“</p>
-
-<p>„Ich verbitte mir alles weitere in dieser Sache.“ Der alternde Meister
-war so hastig aufgestanden, daß er dabei sein Glas vom Tische stieß.</p>
-
-<p>„Kurtzig, machen Sie keine Geschichten. Sie werden doch wohl von einem
-guten Freund eine harmlose Neckerei vertragen? Wozu hätte ich meine
-gesunden Augen? Sie hängt augenscheinlich sehr an Ihnen, kennt Sie
-durch verschiedene Jahre, lächelt Ihnen zu, strahlt Sie an. Herrgott,
-was ist denn dabei? Haben wir nicht schon ganz andere Sachen erlebt?
-Denken Sie an den alten Dresdner Amfortas aus den achtziger Jahren und
-seine jugendschöne kaum zwanzigjährige Gattin, die Heroine des W.’r
-Stadttheaters.“</p>
-
-<p>„Ich bin ihr Lehrer, vor dem sie &ndash; genau wie meine andern Leute &ndash;
-zittert und bebt.“ Es klang schon milder.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[S.&nbsp;201]</span></p>
-
-<p>„Wenn Sie das sagen, wird es ja wohl stimmen. Mir scheint, das Zittern
-und Beben liegt reichlich lange hinter Euch beiden, was?“</p>
-
-<p>„Ich habe Anteil an ihrer Entwicklung &ndash; Freude an ihrer Kunst und
-Schönheit. Es fällt mir nicht ein, das zu bestreiten.“</p>
-
-<p>„Na, sehen Sie wohl.“</p>
-
-<p>„Mehr aber nicht!“</p>
-
-<p>„Wozu das betonen. Lassen Sie. Wenn es uns noch hascht, will die Scham
-kommen und einen großen Zorn daraus brauen. Dabei, großer Gott! Was hat
-das Altwerden mit der Abkühlung der Gefühle zu schaffen? Die bleiben
-nicht nur. Nein, sie werden stärker und klarer, wie alter Wein, der
-doch auch den begehrtesten Rausch bringt. Danach gibt’s keinen Jammer.
-Fahren Sie nicht auf. Wer ihn kennt, wirklich kennt, der zieht ihn
-dem Most und dem feurigsten Heurigen allemal vor. &ndash; Und nun die Hand
-her, alter Sturmgeselle. Dafür darf keine Scham auf Lager sein. Das
-Einzige, was Sie bewegen kann, wäre ein großer und gerechter Stolz. Ich
-streite nicht mal ab, daß mir ein Neidgefühl hochsteigen wollte. Sehen
-Sie, so ehrlich bin ich Ihnen gegenüber. Und nun Schluß damit. Wenn
-wir mit dem Essen fertig sind, mache ich noch einen Spaziergang an der
-Isar entlang. Vielleicht allein. Vielleicht auch nicht. Aber auf Ihre
-Begleitung rechne ich nicht. Sie gehen ja wohl nachher noch ein bißchen
-an den Hildebrand-Brunnen?“ &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ralf Kurtzig spürte eine wohlige Wärme durch seine Adern glühen. Der
-Wein war gut. Und schließlich &ndash; der<span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[S.&nbsp;202]</span> Alvensleben ein anständiger Kerl,
-von dem man sich auch mal eine kleine Entgleisung gefallen lassen
-konnte.</p>
-
-<p>War’s denn überhaupt eine?</p>
-
-<p>Sie sprachen jetzt eifrig von dem Winterspielplan, den der Baron
-schon bestimmt hatte. Ralf Kurtzig hörte ihm nur scheinbar aufmerksam
-zu. Seine Blicke irrten durch das geöffnete Fenster und suchten den
-Brunnen. Er saß träumerisch da und nahm kaum etwas von den Speisen.</p>
-
-<p>„Dann trinken Sie wenigstens, Kurtzig.“ Und der Baron schänkte
-ihm fleißig ein. Dabei lag das wissende Lächeln eines, dem die
-Frauen keinerlei Ueberraschungen mehr bestreiten können, um seinen
-glattrasierten Mund. Mit dem verwöhnten Auge des Feinschmeckers kostete
-er die zunehmende Spannung in den geistvollen Zügen des ihm gegenüber
-Sitzenden behaglich aus. Er hatte doch stets das richtige Gefühl. Schon
-gestern kam ihm die Gewißheit, daß es nur eines Fünkchens bedürfe, um
-den Brand dieser späten Leidenschaft zu entzünden. Und dieser Funke
-war gefallen. Weiterer bedurfte es nach seiner Erfahrung nicht mehr.
-Ralf Kurtzig fühlte sich heiß, jung und sehnsüchtig. Und daran trug der
-schwere Oberungar den Löwenanteil.</p>
-
-<p>„Ich denke, wir sind jetzt voll befriedigt,“ sagte er und ließ die
-Augen schärfer in die Ferne spähen.</p>
-
-<p>Bereitwillig erhob sich der Baron.</p>
-
-<p>„Das ist auch meine Ansicht. Man soll dem kühlen, grauen Tone dieses
-Abends etwas Rot auflegen. Besorgen wir das also.“</p>
-
-<p>Vor dem Eingang des Hotels trennten sie sich. Ohne zu zaudern setzte
-Ralf Kurtzig seinen Weg in der Richtung auf den Hildebrand-Brunnen
-fort. Erst nach einigen Minuten<span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[S.&nbsp;203]</span> blieb er stehen, riß den Hut herunter
-und ließ sich die müde, schwere Spätsommerluft um die Stirn gehen.</p>
-
-<p>Was hatte er vor?</p>
-
-<p>Es zuckte in seinen Armen, als wolle er Lasten heben und in die Lüfte
-emporwerfen. Seine hohe, edel geformte Stirn wurde flammend rot.</p>
-
-<p>Er war ein Narr! Hundertmal war er zu diesem Mädchen gegangen &ndash; hatte
-auch wohl seine Hand gehalten &ndash; Rat erteilt &ndash; gescholten &ndash; und jetzt
-plötzlich? Der Wein war schuld!</p>
-
-<p>Er hatte es im Untergefühl, daß sie schließlich nur ihn auf der Welt
-besaß, wenn sie auch noch niemals mit einander darüber gesprochen
-hatten. Zuerst war es das Verhältnis zwischen Lehrer und Schülerin,
-später dasjenige eines Vaters zur Tochter, eines Freundes zur Freundin.</p>
-
-<p>Noch einmal, Ralf Kurtzig, du bist ein Narr!</p>
-
-<p>Aber wahr blieb’s trotzdem, daß der sechzigjährige Amfortas mit der
-Zwanzigjährigen über alle Maßen glücklich geworden war. Noch ein
-rosenrotes, dufterfülltes Spätglück.</p>
-
-<p>Warum sollte es also ihm unmöglich sein?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Was denn? Keinen Schritt weiter. Nicht zum Hildebrand-Brunnen. Nicht
-den Wahnsinn einer Stunde in das Leben einer tragen, deren einziger
-Freund und Schutz er werden durfte. Sich selbst nicht zum Bettler
-machen.</p>
-
-<p>Und doch ging er weiter.</p>
-
-<p>Da saß sie. Zusammengekauert. Verträumt. Er sah ihre Hände. Weiß und
-zart hoben sie sich von den Spitzen ihres Kleides ab. Und jetzt winkten
-sie ihn heran. Da war er neben ihr und nahm an ihrer Seite Platz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[S.&nbsp;204]</span></p>
-
-<p>Ihre Augen leuchteten voller Glanz. Der leichte Schleier war
-verschwunden. An ihren dichten langen Wimpern hing eine Träne.</p>
-
-<p>„Warum haben Sie geweint,“ fragte er und wußte nicht, daß in seiner
-Stimme die Leidenschaft zitterte. Sie hörte den Klang und wunderte
-sich. Er war ihr fremd.</p>
-
-<p>„Ich fühlte mich sehr einsam, aber dann habe ich mich auf Sie freuen
-müssen,“ sagte sie dankbar.</p>
-
-<p>„Auf mich?“ Wie ein Rausch stieg es von seinem wildpochenden Herzen zum
-Hirn empor. Der Wein trug die Schuld. Nein, die weiche, graue Luft.</p>
-
-<p>„Auf mich?“ fragte er noch einmal.</p>
-
-<p>Sie nickte ihm zu und legte ihre Hand auf die seine. &ndash; Da lag sie.
-Nicht zu berühren wagte er sie, obgleich alles in ihm danach schrie,
-sie mit glühenden Küssen zu bedecken.</p>
-
-<p>„Was wäre ich ohne Sie,“ fragte sie leise und weich.</p>
-
-<p>Ist er ein Narr? Starr und steif saß er neben ihr. Ihre Hand war bei
-einer hastigen Bewegung von der seinen herabgeglitten und hing nun &ndash;
-matt und verlassen &ndash; zwischen ihm und ihr.</p>
-
-<p>Der Brunnen plätscherte. Irgendwo durchschnitt das sanfte Dämmergrau
-ein kleines funkelndes Licht. War das schon das Rot, von dem
-Alvensleben gesagt hat? Seine Stirn wurde feucht. Mühsam erhob er sich.</p>
-
-<p>„Ich muß fort.“</p>
-
-<p>„Meister, was ist Ihnen? Habe ich Sie verletzt?“ In ihrem Ton lag tiefe
-Traurigkeit. Da blieb er neben ihr.</p>
-
-<p>Und plötzlich. &ndash; Er war nicht länger Herr über sich. Er hatte ihre
-beiden, weichen, weißen Hände an sich gerissen und an sein Herz
-gepreßt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[S.&nbsp;205]</span></p>
-
-<p>„Hörst du das schlagen? Für dich! &ndash; Für dich!“</p>
-
-<p>Sie wurde unruhig, obwohl sie den Wechsel in seinen Stimmungen kannte.</p>
-
-<p>„Was haben Sie, Meister? Sind Sie krank?“</p>
-
-<p>„Was mir ist? Fühlst du das nicht?“</p>
-
-<p>Er hat sie „Du“ genannt. Wie seltsam. Früher hatte sie sich das
-brennend gewünscht. Heute ängstigte es sie.</p>
-
-<p>„Fühlst du meine Liebe nicht? Ich kann sie nicht länger verbergen. Ein
-Jahr ist lang. Seitdem weiß ich es schon und habe dagegen gerungen. &ndash;
-Nun geht’s nicht mehr. &ndash; Werde mein Weib!“</p>
-
-<p>Sie starrte ihn fassungslos an. War er irre geworden? Er sprach weiter,
-ohne ihre Antwort abzuwarten.</p>
-
-<p>„Du gehörst mir ja schon längst mit jedem deiner Gedanken. Weißt du das
-nicht?“ Sie fühlte seinen heißen Atem &ndash; das Nähern seiner Lippen und
-wurde von einer wilden Angst, von einem Entsetzen emporgerissen.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>„Ich kann nicht! Ich kann nicht!“</p>
-
-<p>Er wollte sie küssen. Wild wehrte sie sich und stieß nach ihm, nach
-ihrem geliebten, verehrten Meister, dem einzigen Menschen, dem sie voll
-vertraut hatte. Er fühlte den Stoß und sah das aufsteigende Grauen in
-ihren Augen &ndash; taumelte zurück, sah sie irre an und stammelte etwas.</p>
-
-<p>Was? Sie verstand es nicht. Sie sah nur, daß er von ihr ging.</p>
-
-<p>Nun hatte sie Keinen mehr auf der Welt!</p>
-
-<div class="figcenter illowe4 padtop1" id="i_205_ende">
- <img class="w100" src="images/i_205_ende.jpg" alt="Kapitel 9, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[S.&nbsp;206]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_206_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_206_kopf.jpg" alt="Kapitel 10, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_10">10.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">E</span>in ganzes langes, reiches Leben umsonst gelebt! Den angestrebten
-Daseinszweck verfehlend &ndash; nichts anderes in ihren Augen als eine Beute
-wahnwitziger Lächerlichkeit!</p>
-
-<p>Er konnte ihr nach diesem nie wieder begegnen. Das stand in ihm fest.</p>
-
-<p>Eva von Ostried war in ihr Hotel zurückgekehrt. Hastig wollte sie die
-Treppe emporeilen, da winkte das Fräulein aus der Buchhalterei ihr
-durch das herabgelassene Schalterfenster zu.</p>
-
-<p>„Ein Herr hat schon zweimal nach Ihnen gefragt. Jetzt wollte er sich
-nicht wieder fortschicken lassen. Er wartet auf dem Gang vor Ihrem
-Zimmer. Es war nichts dagegen zu machen.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried war sehr müde. Jeder Schritt wurde ihr schwer. „Wer
-kann das sein,“ dachte sie ohne sonderliches Interesse.</p>
-
-<p>Es war ein ihr gänzlich Fremder, klein und beleibt, im Aeußeren
-elegant, der Anzug von modernstem Schnitt, Wäsche und Schlipsnadel
-leuchteten um die Wette. Nur seine Hände paßten nicht dazu, die sich,
-dicht behaart und mit kurzen, dicken Fingern und ungepflegten Nägeln
-ihr wie freundschaftlich entgegen streckten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[S.&nbsp;207]</span></p>
-
-<p>„Sakra, das hat lang gedauert, meine Gnädigste.“</p>
-
-<p>Sie wich einen Schritt zurück. Ihr fiel es nicht ein, ihre Hand zu
-heben. „Ich wüßte nicht, daß ich eine Verabredung mit Ihnen getroffen
-hätte,“ entgegnete sie kühl.</p>
-
-<p>Der Wohlbeleibte schien indes ihre Zurechtweisung nicht zu empfinden.
-Er sah sie in strahlender Zufriedenheit an.</p>
-
-<p>„So unschlau würden’s doch auch net sein,“ sagte er mit gutgespielter
-Treuherzigkeit. „Wer zuerst kommt, tut halt auch zuerst mahlen, net
-wahr?“</p>
-
-<p>„Der heutige Tag war sehr anstrengend für mich. Bitte fassen Sie sich
-kurz.“</p>
-
-<p>„Sie werden schnellstens wieder aufg’lebt sein, Gnädigste. Ich hab
-nämlich grad kei Kartl zur Hand. Mei Name ist Alois Sendelhuber.
-Gnädigste wird schon meinen Namen g’hört haben.“</p>
-
-<p>„Nein,“ sagte Eva von Ostried und betrachtete die klauenartig gebogene
-Hornkrücke seines kräftigen Stockes, die wenig zu dem eleganten andern
-passen wollte.</p>
-
-<p>„Sollt’ man’s glauben? Mei kloans G’schäfterl hat sonst a guten Ruf.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried meinte endlich zu begreifen. Vielleicht war er gestern
-oder vorgestern in ihren Konzerten gewesen und sprach nun das, was der
-Kollege von der Geige ihr zart anzudeuten wagte, in schöner Offenheit
-aus.</p>
-
-<p>„Ich brauche gar nichts, Herr Sendelhuber. Danke vielmals für Ihre
-Bemühung. Berlin, wohin ich mich morgen zurückbegebe, versorgt mich
-schon ausreichend.“</p>
-
-<p>Sein Gesicht wurde plötzlich unendlich schlau und vergnügt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[S.&nbsp;208]</span></p>
-
-<p>„Auch kein neues Konzört-Angaschemang, meine Gnädigste?“</p>
-
-<p>„Wie sagten Sie,“ fragte Eva von Ostried auflauschend und blitzschnell
-überlegend, daß sie jetzt Geld verdienen müsse und dies am ehesten
-durch Konzerte vermöchte. Ja, das wäre schön. Da kämen neue Einnahmen
-zusammen und der Zeitpunkt der ersten ruhevollen Nacht würde näher
-gerückt. Die weiche Wölbung seines mächtigen Bauches begann sich mit zu
-freuen.</p>
-
-<p>„Gelt’s, da spitzens? Also, wollen wir nun ’n eingehen. Wenn’s g’fällig
-ist.“</p>
-
-<p>Sie saßen sich in dem geräumigen Zimmer mit der geschmacklosen
-Ausstattung der Dutzendräume gegenüber.</p>
-
-<p>„I hätt für den November Neigung,“ meinte er und blätterte in seinem
-nicht ganz saubern Notizbuch. „Den Ersten, Fünften und Neunten &ndash;“</p>
-
-<p>„Den Neunten bin ich bereits versagt, Herr Sendelhuber.“</p>
-
-<p>„Schad’t nix. Sagen Sie wo und bei wem, das andere mach i halt scho.
-Kleinigkeit.“ Sie sah kühl und sehr hochmütig aus.</p>
-
-<p>„Das gibt es bei mir nicht. Was ich versprochen habe, wird auch
-erfüllt.“</p>
-
-<p>„S’ sind halt noch a Anfangerin. Ach i über dö damische Konkurrenz weg,
-mach i scho das G’schäft für uns zwei beid’. Also den Ersten, Fünften
-und Neunten hab i g’sagt. Am Erst und Fünften hier, wo man Sie bereits
-kennen tut. Am Neunten in Nürnberg. Und die Einnahm’? Wir teilen’s
-halt!“</p>
-
-<p>„Nein, das genügt mir nicht.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_209"></a>[S.&nbsp;209]</span></p>
-
-<p>„Schauens &ndash; schauens!“ sagte er nachdenklich und begann zu rechnen.</p>
-
-<p>Sie saß ganz still und mußte denken, was ihr Ralf Kurtzig jetzt wohl
-raten würde.</p>
-
-<p>„Unter zwei Drittel für mich tu ich’s auf keinen Fall, Herr
-Sendelhuber.“ Dann zogen sich ihre Brauen zornig zusammen. Warum griff
-sie nicht sofort zu? &ndash; Ralf Kurtzig hätte seinen Vorschlag für den
-Anfang durchaus annehmbar gefunden? Ihm beugte sie sich schließlich
-und sagte unsicher, noch ehe Herr Sendelhuber mit dem Rechnen zu Ende
-gekommen war.</p>
-
-<p>„Schön, meinetwegen, für diesmal die Hälfte.“</p>
-
-<p>Sofort stellte sein Stift die emsige Arbeit des Zahlenmalens ein.</p>
-
-<p>„’s is auch klüger. Sie stehen sich, im Vertrauen, bei der Hälft’
-besser!“</p>
-
-<p>„Also ein kleiner Gauner,“ dachte sie und äußerte doch nichts
-dergleichen. Sie wollte plötzlich vor allen Dingen möglichst schnell
-einen guten Ruf als Konzertsängerin haben und dazu brauchte sie solche
-Leute. Denn unter den verschiedenen Abschriften alter Verträge, die er
-ihr als Beweis seiner Tüchtigkeit und Beliebtheit vorlegte, befanden
-sich lauter gute, bekannte Künstlernamen.</p>
-
-<p>Er schrieb bereits auf einem umfangreichen Bogen.</p>
-
-<p>„Also am Ersten, Fünften und Neunten. So war’s doch? Die damische Feder
-tut’s scho wieder net, is halt a Kreiz.“ Er stieß sie kräftig auf die
-Decke des Tisches, wischte mit dem breiten Zeigefinger den entstandenen
-Tintenfleck fort und schrieb weiter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210"></a>[S.&nbsp;210]</span></p>
-
-<p>„Den Neunten werde ich unter keinen Umständen singen, Herr Sendelhuber.
-Sie haben das wohl schon wieder vergessen.“</p>
-
-<p>„Wo werd i? Da is nix weiter drüber zu reden. Also den N&ndash;eu&ndash;n&ndash;ten &ndash;“</p>
-
-<p>Sie setzte ihren Namen darunter, ohne den Entwurf durchzulesen. Er
-faltete ihn umständlich zusammen und barg ihn bei den andern.</p>
-
-<p>„An Umsatz werden wir schon hab’n! Mähnetscht Sie wer?“</p>
-
-<p>„Wie meinen Sie das, Herr Sendelhuber?“</p>
-
-<p>Er machte eine kleine, vertrauliche Bewegung, führte sie aber nicht
-voll aus, sondern lachte tonlos.</p>
-
-<p>„I sah Sie halt mit dem Herrn Baron Alvensleben z’sammen. Und der
-Kurtzig war auch dabei. Schaun’s &ndash; München ist net Berlin. Koane
-G’schäftsstadt. Sei Ruh und sei Maß. Das wär den meisten Leut g’nug.
-Bequem sind s’ halt. Wollen gern wissen, ob eins scho G’schmack g’fund
-hat.“</p>
-
-<p>Sie begriff endlich.</p>
-
-<p>„Bei so einem Wuchs und G’schau und denn die Stimm.“</p>
-
-<p>„Nett, daß er auch die Stimme erwähnt,“ mußte sie denken und wollte
-auffahren. Damit hätte sie sich indes nur lächerlich gemacht. Und, was
-die Hauptsache blieb und wohl ewig bleiben würde, solange es Kunst und
-Künstlerinnen auf der Welt gab, sie mußte jetzt Geld verdienen.</p>
-
-<p>„I lass’ Ihnen den Vertrag fein ausfertigen und schick’n nach Berlin.“
-Das letzte Wort sprach er mit einer leichten Senkung in der fetten
-Stimme, die seine Verachtung für die von ihm gemiedene Stadt beweisen
-sollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_211"></a>[S.&nbsp;211]</span></p>
-
-<p>„Ich danke Ihnen, Herr Sendelhuber.“</p>
-
-<p>Sie wollte allein sein. Eine schwere Müdigkeit drückte ihr die Lider
-zu. Weil er nicht Miene machte, aufzustehen, überwand sie sich und
-reichte ihm, über den Tisch, die Hand hin. Er war zu sehr mit dem
-Einschrauben seines Füllfederhalters beschäftigt, als daß er sie etwa
-aus Nichtachtung übersehen haben könnte. Lächelnd ließ sie sie sinken.</p>
-
-<p>„Nun er mich sicher hat, ist das ja auch überflüssig.“</p>
-
-<p>Endlich war er fertig.</p>
-
-<p>„S&ndash;o, jetzt will i noch meine geröhste Kartoffeln eß’n und dann für
-heut genug. A Wort noch, Freilein! Pfi&ndash;it! I muß ja noch a Depesch’n
-geb’n! An die Gret Melchenhuber oder Margarete Kolwinirgers, wie sie
-sich zu nenne beliebt. A schlaues Luderchen. I bin aber scho allemal a
-Minut vor ihr aufg’wacht. &ndash; Also, Freilein, nix übelnehmen. Aber Sie
-sollten a bessere Zeugmach’rin nehmen. A Adress’n kann i gern geben.“
-Und er suchte wieder in seinem Notizbuch. „Bestell’n Sie a schönen Gruß
-von mir. Dann pumpt’s halt gern.“</p>
-
-<p>Sie lachte nun auch. Es machte sie noch reizvoller. Blitzschnell fuhr
-er mit der roten Zunge über die wulstigen Lippen.</p>
-
-<p>„Na also! Wir verstehe uns scheint’s doch ganz gut mitsamm’n. I hab’
-die Aehre, Freilein und mit dem Zuschicken bin i pünktlichst.“</p>
-
-<p>&ndash; &ndash; Eva von Ostried hatte sich noch ein kleines Abendessen nach
-oben bestellt. Es war inzwischen zehn Uhr geworden; viel Gutes
-stand also kaum mehr zu erwarten. Früher hätte sie nach einer
-ähnlichen Erschütterung gar nicht daran denken können. Jetzt wies
-sie das Pflichtgefühl,<span class="pagenum"><a id="Seite_212"></a>[S.&nbsp;212]</span> sich leistungsfähig zu erhalten, darauf hin
-und verlangte gebieterisch Gehorsam. Was sollte werden, wenn sie
-zusammenbrach, ohne zuvor ihre Schuld getilgt zu haben?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das Essen widerte sie an. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Aber die
-Mattigkeit, die ihre Hände beim Zufassen erzittern ließ, zwang sie zur
-Vernunft. Außer der ersten Frühmahlzeit hatte sie heute noch nichts
-weiter genossen, als das hastig gelöffelte Fruchteis im Speiseraume
-des Prinzregenttheaters. Und morgen mußte sie doch frisch sein für die
-Reise und die anstrengende Tätigkeit in Berlin.</p>
-
-<p>Mechanisch stocherte sie in dem „Karfiol“ herum und bemühte sich
-von den goldbraunen „Pflanzerln“ etwas in den Mund zu schieben. Es
-deuchte sie eine schwere Arbeit. Sie zwang alle Gedanken zu dem
-geschäftskundigen Herrn Alois Sendelhuber und konnte doch damit das
-Bild nicht verscheuchen, das überall auftauchte und ihr Empfinden
-peinigte. Die Erinnerung an den alternden Meister, der ihr einziger
-Freund gewesen war.</p>
-
-<p>Warum schob sie ihn in die Vergangenheit? Er stand trotzig und stark im
-Leben und würde es überwinden! War sie mit ihrer entsetzten Verneinung,
-von welcher der Verstand nichts wußte, voreilig gewesen? Mußte es nicht
-ein wundervolles Ausruhen neben seiner reifen Persönlichkeit sein? Ein
-einziges dankerfülltes Streben, um ihm zu vergelten, daß er so eine wie
-sie...</p>
-
-<p>Da war es wieder, was nun Stunden fest geschlafen hatte. Die heiße
-Gewissensnot, weil sie einmal gestrauchelt war.</p>
-
-<p>Davon ahnte er nichts. Sie hatte auch niemals in Betracht gezogen, es
-ihm zu beichten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213"></a>[S.&nbsp;213]</span></p>
-
-<p>Und doch mit dieser Lüge einen, der ihr seinen Namen geben wollte, zu
-belasten, war das nicht die zweite Sünde? Darüber hätte sie in diesem
-Fall hinwegkommen können, weil sie ihn nicht als den Erwählten ihres
-Herzens empfand. Nur, wo strömende, tiefe, gewaltige Liebe sich hingab,
-durfte kein Geheimnis walten.</p>
-
-<p>Wie friedlich es wohl dauernd mit ihm sein mußte. Geborgen von seiner
-Stärke, getragen von der Abgeklärtheit seiner Lebensauffassung,
-gestützt von den Erfahrungen seiner ruhmreichen Vergangenheit. Konnte
-es eine bessere Erfüllung aller Jugendträume geben? Sie empfand
-plötzlich heftige Sehnsucht nach der Festigkeit seiner Stimme. Daneben
-stieß die Furcht vor dem ersten Wiedersehen nach dieser Stunde ihr Herz.</p>
-
-<p>Drei Türen weiter wohnte er. Ob er endlich daheim sein mochte? Was
-würde sie tun, wenn er jetzt zu ihr treten und sagen würde, daß sie ihn
-nach diesem Scheiden nicht mehr wiedersehen werde, es sei denn, daß sie
-die drei Worte am Hildebrand-Brunnen zurücknähme.</p>
-
-<p>Ohne ihn würde es kalt und leer sein. Der Tag keine Freuden mehr. Sie
-selbst müßten ratlos und unsicher in allen Dingen stehen. Sie malte
-sich aus, wie er bei ihr gesessen hatte in Zeiten strengster Arbeit.
-Ein unerbittlicher Lehrer, der quälen konnte, bis die Tränen der
-Erschöpfung und des Zornes flossen.</p>
-
-<p>Ein Finger pochte an die Tür. Eine Bedienerin trat über die Schwelle.</p>
-
-<p>„Verzeihung, gnädiges Fräulein, ich soll nachschauen, ob der Herr von
-Nummer 41, Herr Kurtzig ist sein Name, bei Ihnen wäre?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214"></a>[S.&nbsp;214]</span></p>
-
-<p>„Wer fragt das?“ forschte Eva von Ostried erstaunt.</p>
-
-<p>„Die Herrn Künstler, die von der Klause herübergekommen sind und ihn
-schon überall gesucht haben.“</p>
-
-<p>„Ich bin allein, wie Sie sehen. Er wird in seinem Zimmer sein.“</p>
-
-<p>„Nein, der Schlüssel hängt unten in der Buchhalterei. Er hat befohlen,
-daß ihm zu elf Uhr eine Flasche Sekt aufs Eis gelegt werden möchte. Und
-zwei Gläser dazu bestellt. Und einen kleinen Tisch mit lauter roten
-Rosen. Die Blumen sind gerade vorhin gebracht worden vom Michelsberger
-Franzel, der beim englischen Garten die schönste Binderei hält.“</p>
-
-<p>„Wann hat er den Sekt bestellt? Erinnern Sie sich der Stunde?“</p>
-
-<p>„Gleich nach acht Uhr kann’s gewesen sein, per Telephon aus dem
-Parkhotel.“</p>
-
-<p>„Bei wem machte er die Bestellung?“</p>
-
-<p>„Bei mir, gnädiges Fräulein. Ich bediene ihn seit Jahren, wenn er
-herkommt. Er weiß, daß Verlaß auf mich ist.“</p>
-
-<p>„War er fröhlich, ich meine, klang seine Stimme so, als er mit Ihnen
-sprach.“</p>
-
-<p>Die frische kräftige Kellnerin nickte zutraulich.</p>
-
-<p>„So froh hat er’s geschmettert, wie nur einer sein kann, der nachher
-Sekt trinken will mit zwei Gläsern, gnädiges Fräulein! Und dazu die
-roten Rosen. Wir sind halt alle sündige Menschen. Und der Herr Ralf
-Kurtzig ist einer von denen, die mit achtzig Jahren noch nicht alt
-sind.“</p>
-
-<p>„Die roten Rosen werden welken,“ sagte Eva von Ostried träumerisch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_215"></a>[S.&nbsp;215]</span></p>
-
-<p>„Schon möglich. Die Hitze war heute groß. Man konnte ja kaum atmen.“</p>
-
-<p>„Und der Sekt und die beiden Gläser? Das Eis wird schließlich auch
-schmelzen &ndash;“</p>
-
-<p>„Wär alles recht schade, gnädiges Fräulein. Der Tropfen, der
-ungetrunken bleibt, kann nicht einheizen und die meisten Leut’ können
-doch nicht leben beim toten Ofen.“</p>
-
-<p>„Der tote Ofen &ndash; was meinen Sie damit?“</p>
-
-<p>„Was man meinen muß, wenn man ein Herz im Leibe hat. Wein und Lieb sind
-halt Zwillinge. Wenn einem das erste bitter schmeckt oder vor der Nase
-weggetrunken wird, ist gewöhnlich das andere versalzen.“</p>
-
-<p>„Und was, glauben Sie, wird dann aus ihm?“ Eva von Ostried hatte
-vergessen, mit wem sie sprach. Der Klang einer menschlichen Stimme tat
-ihr wohl.</p>
-
-<p>„Danach? Es kommt drauf an. Einer wirft sich in die Brust und versuchts
-mit einem feinen Pelz aus andern Sachen, Gott weiß, da gibt’s ja genug.
-Die einen spielen oder arbeiten gar wie wild und manch’ einer soll
-dabei auch schon den Verstand verloren haben. Die andern mögen nicht
-weiter. Die machen Schluß.“</p>
-
-<p>Schluß &ndash; Schluß schrie es in plötzlich erwachender Angst in Eva von
-Ostried. Die Kellnerin lauschte aufmerksam auf und deutete dann mit
-schalkhafter Miene und weit von sich gestreckten Armen geradeaus.</p>
-
-<p>„Hören Sie das Poltern, gnädiges Fräulein? Ich wette, daß das die
-ungeduldigen Herren Künstler aus der Klause sind. Sie werden sich
-einfach vor seine Tür hinhocken. Ja, das machen die! Passen Sie mal
-auf.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_216"></a>[S.&nbsp;216]</span></p>
-
-<p>Und mit einem Lachen in den Augen lief sie aus dem Zimmer, nachdem sie
-noch vielmals um Vergebung wegen der dummen Rederei gebeten hatte.</p>
-
-<p>&ndash; Eva von Ostried wollte sich endlich zur Ruhe begeben. Denn morgen.
-Da war sie schon wieder bei Ralf Kurtzig. Vor der Abreise nach Berlin
-hatten sie mit einander noch in die Pinakothek gehen wollen. Während
-sie das dachte, lauschte sie nach den Geräuschen vor ihrer Tür. Da
-trappten wohl wirklich Ralf Kurtzigs frühere Schüler, um noch ein
-Stündlein bei ihrem Meister zu sitzen. Sie fühlte, daß er sich darüber
-freuen würde, wenngleich sie seine polternden Worte bei der Erkenntnis
-ihrer Huldigung zu hören meinte. „Geht lieber schlafen &ndash; Ihr. Das ist
-Euern Stimmen zuträglicher.“</p>
-
-<p>Sie öffnete die Tür. Ihre Blicke irrten den matterleuchteten Flur
-entlang. Vier erwartungsvolle Gesichter wandten sich ihr entgegen.</p>
-
-<p>„Grüß Gott, werte Kollegin! Halt &ndash; dageblieben? Rede und Antwort
-gestanden: Wo haben Sie ihn gelassen?“</p>
-
-<p>„Ich warte auch auf ihn,“ sagte sie und erschrak nun selber, denn sie
-hatte sich das bisher nicht zugestanden.</p>
-
-<p>„Da ist es das Einfachste und Erfreulichste, wenn wir das fortan
-gemeinsam besorgen.“ Sie schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>„Das geht leider nicht.“</p>
-
-<p>„Und warum nicht,“ staunte der Sprecher. „Ich denke, Sie sind sein
-Liebling?“</p>
-
-<p>„Wer sagt Ihnen das?“</p>
-
-<p>„Einer, der es bestimmt wissen muß. Können Sie gut raten?“</p>
-
-<p>„Sie scherzen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_217"></a>[S.&nbsp;217]</span></p>
-
-<p>„Fällt mir nicht ein. Er hat, als ich ihm vorgestern durch ein Dutzend
-Straßen nachgejagt bin und zuletzt auch glücklich eingefangen habe,
-immer nur von Ihnen gesprochen. Denn ich war sein Lieblingsschüler!
-Sind wir also nicht zwei ganz alte, sehr gute Bekannte?“</p>
-
-<p>Sie wollte wissen, was er gesprochen hatte von ihr.</p>
-
-<p>„Gott, was einer, wie er, halt so sagt. Nicht besonders viel!
-Zusammengefaßt wohl kaum zehn Druckzeilen. Es kommt ja auch lediglich
-auf den Inhalt an. Ist’s Ihnen wirklich um den zu tun?“</p>
-
-<p>„Ja,“ nickte sie.</p>
-
-<p>„Auch wenn Sie rot werden müssen, vor Stolz?“</p>
-
-<p>„Auch dann!“</p>
-
-<p>„Vielleicht bringe ich alles zusammen. Also, daß er Sie gefunden
-hätte, daß er Ihnen zum Aufstieg helfen dürfte, das wäre doch das
-Allerschönste aus seinem Leben.“</p>
-
-<p>Sie blickte versonnen vor sich hin. Das Allerschönste.</p>
-
-<p>„Nun verlange ich auch die Belohnung. Kommen Sie, einen fünften Schemel
-besorgen wir. Uns hat gerade noch die Frauenstimme gefehlt. Sowie wir
-das erste Geräusch hören, soll’s losgehen.“</p>
-
-<p>„Was haben Sie vor?“</p>
-
-<p>„Einen Willkommensgruß natürlich zur Begrüßung. Alle vernünftigen Leute
-wären längst zur Ruhe, sagt die Kellnerin aus Berlin. Einen falschen
-werden wir also nicht ansingen.“</p>
-
-<p>„Nein, ich kann nicht bleiben, aber ich werde innen warten,“ sagte sie,
-nickte ihnen freundlich zu und ging. Aber sie blieb wirklich in den
-Kleidern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218"></a>[S.&nbsp;218]</span></p>
-
-<p>Lange, lange! Da hub draußen ein Singen und Klingen an:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Geschmolzen ist der Winterschnee,</div>
- <div class="verse indent2">Der Hornung wandelt sich zum See.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Nun kam er also!</p>
-
-<p>Aber mit einem schrillen Mißton brach der Gesang ab und ein Raunen und
-Reden und Laufen hörte sie herein.</p>
-
-<p>Da eilte sie mit bangem Herzen hinaus zur Treppe&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Auf einer Bahre hatten sie ihn gebracht. Einer der Träger erzählte mit
-umständlicher Wichtigkeit, ohne daß ihn jemand darum befragt hätte:
-„Wir gingen gerade vorüber, als sein Körper unten aufgeklatscht ist. Es
-war nicht leicht, ihn rauszufischen. Hier ist seine Brieftasche, in der
-wir eine Karte von diesem Hotel mit seinem Namen darauf gefunden haben.“</p>
-
-<p>&ndash; Sein langes, eisgraues Haar hing tief in die Stirn hinein. Mit
-großem hellen Blicke starrten die offenen Augen. Seine Lippen waren
-nicht ganz so fest wie sonst geschlossen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da warf sich Eva von Ostried neben der Bahre auf die Knie und preßte
-seine schlaffen Hände an ihr Herz, wie er es am Brunnen mit den ihren
-getan hatte. Und <em class="gesperrt">er</em> wehrte ihr nicht.</p>
-
-<p>Sie legte ihren Kopf dorthin, wo seine Liebe für sie gepocht. Es war
-still &ndash; für immer.</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_218_ende">
- <img class="w100" src="images/i_218_ende.jpg" alt="Kapitel 10, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219"></a>[S.&nbsp;219]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_219_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_005_kopf.jpg" alt="Kapitel 11, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_11">11.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">N</span>ach vier Tagen sandte Herr Alois Sendelhuber die Abschrift des
-Vertrages an Eva von Ostried. Sie war gerade im Begriff, zu einer
-Unterrichtsstunde nach dem Grunewalde hinaus zu fahren. Ihre neueste
-Lernbegierige war die Tochter eines mehrfachen Millionärs und hatte bei
-gutem musikalischen Gehör ein recht bildungsfähiges Zwitscherstimmchen.</p>
-
-<p>Vor ihr lag, soeben abgeschlossen, ein Heft, in dem sie alle Ausgaben
-und Einnahmen zu buchen pflegte. Sie hatte festgestellt, daß sie die
-letzten fünf Wochen mit ihrem Verdienst allein ausgekommen war, ohne
-den Rest des andern Geldes anzugreifen.</p>
-
-<p>Freilich, was war das für ein Leben gewesen.</p>
-
-<p>Der Spiegel warf ihre Gestalt in dem reichlich abgetragenen Kleid
-getreulich zurück. Herrn Sendelhubers Kleidermacherin wäre mindestens
-vier Wochen zu beschäftigen gewesen.</p>
-
-<p>Demnach fehlte ihr alles, was sie einst als begehrenswert erstrebte.
-Sie litt unter diesem gewaltsam durchgeführten Mangel wie an einer
-schleichenden Krankheit.</p>
-
-<p>Und <em class="gesperrt">schön</em>!</p>
-
-<p>Das alte jäh aufwallende Verlangen nach äußerem Tand packte sie
-ungestüm. Nach der Stunde im Grunewald würde<span class="pagenum"><a id="Seite_220"></a>[S.&nbsp;220]</span> sie endlich alles
-notwendig Gewordene in einem der ersten Geschäfte bestellen.</p>
-
-<p>War denn aber wirklich dazu das Geld vorhanden? Sie hatte sich gelobt,
-fortan &ndash; selbst wenn sich die Einnahmen vorläufig nicht steigern
-sollten &ndash; den kleinen Blechkasten mit des ehrbaren Tabaksbauern
-Zurückgezahlten nicht zu öffnen.</p>
-
-<p>Aber jetzt riß sie ihn aus dem Dunkel des Schreibtisches hervor,
-ließ die Feder aufspringen und entnahm dem dünngewordenen Päckchen
-<em class="gesperrt">einen</em> Schein! Er würde genügen.</p>
-
-<p>Nach kaum einer Minute legte sie ihn wieder zu den andern zurück. Ihr
-Gesicht war sehr blaß geworden.</p>
-
-<p>Was hatte sie vorgehabt? Einen Teil des Raubes dazu verwenden wollen,
-um der alten Eitelkeit zu dienen. Die mühselige Arbeit restloser
-Selbstbezwingung also einfach vernichtend, indem sie von neuem sündigte.</p>
-
-<p>Das konnte allein kommen, weil ihr Ralf Kurtzigs Beistand fehlte. Sie
-nahm die Kreidezeichnung, auf der ihn ein junger, talentvoller Maler
-mit klarem Blick für seine innere Größe darstellte, zur Hand und
-vertiefte sich darin.</p>
-
-<p>Ob sie ihn nicht doch geliebt hatte? Unbewußt?</p>
-
-<p>Der Alltag entriß sie endlich allem Grübeln. Herrn Alois Sendelhubers
-Vertrag sah sie vorwurfsvoll ob der Vernachlässigung an und verwandte
-sich in dessen kleine, schlau zwinkernde Augen. Sie nahm ihn an sich,
-um ihn später auf der Fahrt zu lesen. Jetzt galt es keine weitere
-Zeit zu verlieren. In diesem Augenblick steckte aber die unzufriedene
-Bedienerin den Kopf zur Tür hinein.</p>
-
-<p>„Sie brauchen nicht zu glauben, daß ich Ihr Frühstück vergessen hätte,
-Fräulein. Es war nur nichts mehr im<span class="pagenum"><a id="Seite_221"></a>[S.&nbsp;221]</span> Hause. Und wieder um Geld bitten
-und das Gefrage und Vorwürfemachen mit anhören, gerad’ als ob man ein
-kleiner Betrüger wär’, nee, lieber nich! Unterwegs wird ja auch wohl
-was zum präpeln zu kriegen sein, denke ich.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried war das Blut in die Wangen gestiegen.</p>
-
-<p>„Ich habe mich genau erkundigt,“ sagte sie kurz, „die Summe, die ich
-hingebe, genügt für uns beide völlig.“</p>
-
-<p>„Könnte ich mich denn nich auch mal bei derselben Quelle ein bißchen
-belehren,“ fragte das Mädchen höhnisch und stemmte lachend beide Hände
-in die Seite. „Oder hat’s vielleicht der Spatz gesagt, der hier alle
-Morgen rumpiept, weil ihm keine Krume mehr gegönnt wird?“</p>
-
-<p>„Sie werden unverschämt,“ sagte Eva von Ostried und bezwang ihre
-Empörung.</p>
-
-<p>„Nicht im geringsten, Fräulein. Bloß tückisch, weil ich immer an einem
-leeren Futternapf stehen muß. Und darum, sehen Sie, ich bin viel zu
-abgewachsen für Ihr Portemonnaie. Eine, die ’nen Kopf kleiner ist wie
-ich und noch ein bißchen was von der vorigen Stelle auf den Rippen hat,
-die müssen Sie sich nehmen. Ich geh’ nämlich in vierzehn Tagen.“</p>
-
-<p>„Es ist gut,“ sagte Eva von Ostried und mußte doch schaudernd an die
-neuen Unbequemlichkeiten denken, die daraus entstehen würden.</p>
-
-<p>„Ich hätt’ noch was zu sagen.“</p>
-
-<p>„Dann beeilen Sie sich. Ich muß fort.“</p>
-
-<p>„Es nimmt bloß ein paar Minuten weg. Bis vor kurzem, na, sagen wir
-mal, bis Sie nach München gondelten, habe ich doch im Ganzen recht
-ordentlich gewirtschaftet, nich?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_222"></a>[S.&nbsp;222]</span></p>
-
-<p>Eva von Ostried dachte nach und mußte zugeben, daß die Mahlzeiten
-zumeist reichlich und schmackhaft gewesen.</p>
-
-<p>„Daraus erkennen Sie selbst, wie gut Sie mit dem Wochengeld auskommen
-können,“ stellte sie fest.</p>
-
-<p>„Nee,“ triumphierte das Mädchen, „die Rechnung stimmt nich. Der Zuschuß
-hat aufgehört. So klappt’s.“</p>
-
-<p>„Welcher Zuschuß? Was meinen Sie damit?“</p>
-
-<p>„Meine Mutter hat uns Kindern gesagt, wenn einer tot ist, dem man was
-geschworen hat, könnt’ man getrost seinen Mund auftun. Darum will ich
-auch nicht länger schweigen. Herr Kurtzig hat mir doch regelmäßig Geld
-gegeben, damit das Fräulein seine kleine Freuden hätt’.“</p>
-
-<p>„Geld! Und das erfahre ich erst heute?“</p>
-
-<p>„Ich hab’s schon gesagt. Schwören mußte ich ihm, daß ich meinen Mund
-hielt.“</p>
-
-<p>„Wieviel?“ fragte Eva von Ostried und fühlte eine schwere Mattigkeit in
-allen Gliedern.</p>
-
-<p>„Wie kann ich das noch wissen. Viel hat er ja auch wohl nicht gerade
-gehabt. Das merkt unsereins schnell. Mal zwanzig Mark, mal auch ein
-bißchen weniger. Unter zehn Emmchen gab er aber nie. Dazu hat er das
-Fräulein viel zu sehr verehrt.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried hatte die Empfindung, als wolle ihr Herz verbrennen.
-Und in den Blicken des Mädchens stand die helle Schadenfreude über die
-Bestürzung der jungen Herrin.</p>
-
-<p>„Es gibt noch viele, die mehr spendieren würden, wenn sie Sonntag
-abends hier ab und zu ein bißchen singen und spielen könnten,
-Fräulein.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_223"></a>[S.&nbsp;223]</span></p>
-
-<p>„Gehen Sie auf der Stelle,“ befahl Eva von Ostried und wies mit der
-Hand nach der Tür.</p>
-
-<p>„Mach ich gern! Wollen Sie meine Sachen nachsehen, ob ich aus Versehen
-was Fremdes eingepackt hab’? Es ist nämlich schon alles parat.“</p>
-
-<p>„Nein! Nur beeilen Sie sich möglichst, damit Sie aus meiner Wohnung
-kommen.“</p>
-
-<p>&ndash; &ndash; In der Küche polterten dann die Schritte eines Mannes, der das
-bereit gehaltene Gepäck abholte. Kräftig wurde eine Tür zugeschlagen.
-Sie machte keine Miene nachzusehen, ob das Mädchen nun endlich fort
-sei. Sie fühlte sich wie zerschlagen.</p>
-
-<p>Aus einem matten Pflichtbewußtsein, das sich widerwillig regte, ging
-sie zum Fernsprecher und teilte der Schülerin im Grunewald mit, daß sie
-sich zu elend fühle, um heute herauszukommen. Dann saß sie stumpf und
-regungslos auf ihrem Platze.</p>
-
-<p>Ralf Kurtzig, du hast es gut gemeint! Auch darin! Und doch, wenn du das
-jetzt wüßtest, du warst ein so kluger, reifer Mensch, hast du nicht
-geahnt, daß du dem Klatsch mit dieser Herzensgüte reichlich Nahrung
-gabst?</p>
-
-<p>Nein, das hatte er nicht erwogen. Dazu stand sie ihm zu hoch.
-Konnte es wohl einen untrüglicheren Beweis als diesen für seinen
-unerschütterlichen Glauben an ihre unantastbare Reinheit geben? Ein
-edler Mensch kann ja gar nicht mit der Niedrigkeit eines andern rechnen.</p>
-
-<p>Seine Liebe erschien ihr in einem völlig neuen Lichte. Ein ungeheurer
-Stolz, daß er sie erwählen wollte, erfüllte sie. Eine dankbare Freude,
-daß sie ihn erlaben durfte, bis zu jener Stunde am Brunnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_224"></a>[S.&nbsp;224]</span></p>
-
-<p>Aber solche Liebe, mag sie auch unerwidert bleiben, verpflichtet
-zu einem vollgültigen Beweis von Würdigkeit. Sie nahm Herrn Alois
-Sendelhubers Vertrag aus der Tasche und überlas den kurzen Inhalt
-zweimal. Er hatte sie für den neunten November verpflichtet. Der neunte
-November war aber, wie sie Herrn Sendelhuber wiederholt mitgeteilt
-hatte, längst vergeben.</p>
-
-<p>Es paßte Herrn Alois Sendelhuber natürlich besser, wenn er ihren
-Einwand einfach vergaß. Sofort schrieb sie ihm und bat um Abänderung.</p>
-
-<p>Als eine Woche später immer noch keine Antwort eingetroffen war,
-drahtete sie. Und wartete nun erregt und ungeduldig auf seine Erklärung.</p>
-
-<p>Herrn Sendelhubers Geschäftstüchtigkeit hatte nicht unterlassen,
-im Falle sie sich ohne ärztliche Beglaubigung auch nur einer der
-drei eingegangenen Verpflichtungen entzöge, eine erhebliche Strafe
-festzusetzen. Die Summe würde voraussichtlich diejenige der gesamten
-Winterkonzerte übersteigen.</p>
-
-<p>Kurz entschlossen ging sie zu einem Anwalt.</p>
-
-<p>Er fragte nicht, wie sie erwartet, nach ihren Wünschen. Aber er hörte
-sie wenigstens an.</p>
-
-<p>„Kontrakte werden gemacht, daß sie vor der Unterschrift durchgelesen
-werden,“ sagte er großartig.</p>
-
-<p>Das gleiche hatte sich Eva von Ostried auch bereits gesagt. Trotzdem
-mußte dieser eine Punkt mit Leichtigkeit unwirksam zu erklären sein.
-Das lag ihr im Gefühl.</p>
-
-<p>„Ich habe Herrn Sendelhuber ausdrücklich und wiederholt erklärt, daß
-ich an diesem neunten November nicht mehr frei wäre,“ warf sie ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225"></a>[S.&nbsp;225]</span></p>
-
-<p>Darauf schien er kein Gewicht zu legen.</p>
-
-<p>„Sind Sie überhaupt geschäftsfähig?“</p>
-
-<p>„Ich bin volljährig.“ Er zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>„Meiner Ansicht nach nichts zu machen. Aber Sie können meinetwegen
-wiederkommen. Bei einer Stunde ist der Bürovorsteher vom Essen zurück.
-Und dann findet sich auch der Herr Justizrat ein.“</p>
-
-<p>Als Eva von Ostried endlich wieder in der frischen Luft stand, mußte
-sie herzlich lachen. Sie erschrak vor diesen fröhlichen Lauten. Wie
-lange hatte sie doch nicht mehr dies heimliche Behagen gespürt!</p>
-
-<p>Die Erscheinung des würdigen Vertreters von Bürovorsteher und Justizrat
-hatte etwas zu köstlich Erheiterndes gehabt. Ob auch wohl der Herr
-Justizrat&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Titel füllte sich plötzlich mit lebensvoller Erinnerung. Hatte
-ihr der treue Freund und Berater der Präsidentin nicht beim Abschied
-auf das Bereitwilligste seine Dienste angeboten? Ihre Gedanken waren
-seither nicht wieder zu ihm gelaufen. Sie hatte die Zeit, in welcher
-sie ihm beinahe täglich begegnen mußte, künstlich versenkt. Nun aber
-beschloß sie, nachdem sie die Wartefrist auf Herrn Sendelhubers
-Antwort noch einmal auf vierundzwanzig Stunden verlängert hatte, ihn
-aufzusuchen.</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_225_ende">
- <img class="w100" src="images/i_103_ende.jpg" alt="Kapitel 11, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_226"></a>[S.&nbsp;226]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_226_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_226_kopf.jpg" alt="Kapitel 12, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_12">12.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">A</span>ls Eva von Ostried in die Mohrenstraße einbog, um Justizrat Weißgerber
-an seiner Arbeitsstätte aufzusuchen, klopfte ihr Herz zum Zerspringen.
-Alles Vergangene wurde wieder lebendig!</p>
-
-<p>Der Vorraum wirkte immer noch wie ein mächtiges Abteil erster Klasse
-auf sie. Ueberall waren gradlinige, mit rotem Plüsch überzogene
-Sitzbänke aufgestellt. Nur der alte, würdige Bürovorsteher, der ihr
-einst die neuesten Tageszeitungen als Zeitvertreib freundlich gebracht,
-war einem jungen Kavalier mit aufstrebendem Haarwuchs gewichen, der
-zuweilen einem ältlichen, demütigen Fräulein eine Weisung zurief und
-jeder Kommende erhielt neuerdings eine Blechmarke zugeteilt, welche das
-Recht auf Gehör ausdrücklich verlieh.</p>
-
-<p>Geduldig wartend saß sie, bis ihre Nummer aufgerufen ward.</p>
-
-<p>Mit einer sorgsam zurechtgelegten Entschuldigung, daß ihre Zeit bisher
-keinen Besuch in seiner Privatwohnung gestattet habe, trat sie über die
-Schwelle, aber die Entschuldigung blieb ungesprochen. Der, welcher an
-alter Stelle vor dem wuchtigen Schreibtische saß, war nicht Justizrat
-Weißgerber.</p>
-
-<p>Die Tatsache wirkte eigentlich erleichternd auf sie.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_227"></a>[S.&nbsp;227]</span></p>
-
-<p>Das fremde kluge, ernsthaft männliche Gesicht flößte ihr sofort
-Vertrauen ein. Während sie auf eine einladende Handbewegung ihm
-gegenüber Platz nahm, fiel ihr die Farbe seiner Augen auf. Sie war
-tiefblau und so klar, wie der Himmel, wenn er vom Glanz der Sonne
-durchleuchtet ist. Seine Stimme freilich klang, im Gegensatz zu der des
-alten erfahrenen Juristen, unsicher.</p>
-
-<p>Als sie mit der Darlegung ihres Falles zu Ende gekommen war, suchte er
-wiederholt nach passenden Worten und machte kleine Pausen, als er sie
-endlich gefunden, in denen er sie fast erstaunt ansah. Sie fühlte, daß
-er &ndash; wider Willen &ndash; ihrer Schönheit huldigen mußte.</p>
-
-<p>Das geschah ihr oft. Aber noch nie zuvor empfand sie eine ähnliche
-warme Freude darüber.</p>
-
-<p>Nun hatte er sich wieder voll in der Gewalt. Sein Blick ruhte nicht
-mehr auf ihrem Gesicht. Er schien alles von der Spitze des Stiftes, den
-er unruhig zwischen Daumen und Zeigefinger wirbelte, herunterzulesen.</p>
-
-<p>„Sie können beweisen, gnädiges Fräulein, daß Sie tatsächlich über den
-strittigen neunten November verfügt hatten, während Sie in München mit
-diesem &ndash; so danke sehr, Herrn Alois Sendelhuber verhandelten?“</p>
-
-<p>„Einen vollgültigen Beweis nennen Sie dies wohl nicht,“ fragte sie und
-hielt ihm das Notizbuch mit ihren Aufzeichnungen entgegen. Er ließ die
-Blicke länger auf den aufgeschlagenen Seiten ruhen, als es die eine ihm
-bezeichnete Zeile erforderte.</p>
-
-<p>„Doch &ndash; doch,“ meinte er zerstreut und gab es ihr noch nicht zurück.
-„Wollen Sie mir aber besser noch eine Bestätigung der Schwestern
-Moldenhauer mit der Namhaft<span class="pagenum"><a id="Seite_228"></a>[S.&nbsp;228]</span>machung des Datums, an welchem die
-Abmachung geschah, besorgen.“</p>
-
-<p>„Das würde sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. So viel ich weiß,
-befinden sie sich auf einer großen Konzertreise und sind erst eine
-Woche vor dem neunten in Berlin zu erwarten.“</p>
-
-<p>„Sie könnten es aber eidlich erhärten, nicht wahr?“</p>
-
-<p>„Ja, das kann ich. Außerdem habe ich Herrn Sendelhuber mehrmals darauf
-aufmerksam gemacht, daß ich ihm diesen Tag nicht geben kann.“</p>
-
-<p>In das ernste Gesicht kam ein Lächeln, das es sehr jung machte.</p>
-
-<p>„Mit Herrn Sendelhubers weitem Gewissen müssen wir uns als leidige
-Tatsache abfinden. Ein Zeuge war bei Ihrer Unterredung nicht zugegen?“</p>
-
-<p>„Nein, wir waren allein. Ich kannte ihn bis dahin gar nicht. Er
-erwartete mich, als ich spät Abends heimkam.“</p>
-
-<p>Sie hatte die Farbe gewechselt. Das entging ihm nicht.</p>
-
-<p>„Es liegt kein Grund zur Beunruhigung vor,“ tröstete er. „Wir würden im
-gerichtlichen Verfahren zweifellos obsiegen. Aber, nicht wahr, es wäre
-friedlicher und erledigte sich vor allen Dingen ungleich schneller,
-wenn man den genannten Herrn durch einen einfachen Briefwechsel zur
-Einsicht brächte.“</p>
-
-<p>„Mir hat er auf solche Bestrebungen nicht geantwortet.“</p>
-
-<p>„Das glaube ich gern. Der Briefbogen mit der Firma zweier Anwälte ist
-bekanntlich wirksamer wie das schönste Schriftstück mit Röslein und
-Jasmin.“</p>
-
-<p>Sie sahen sich beide an und mußten lachen. Das kleine Buch lag noch
-immer in seiner Hand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_229"></a>[S.&nbsp;229]</span></p>
-
-<p>„So ein Kunstwerk soll heute noch an ihn abgehen, gnädiges Fräulein.“</p>
-
-<p>„Und dann,“ fragte sie schnell.</p>
-
-<p>„Dann schreibe ich Ihnen, sobald ich etwas von ihm höre.“</p>
-
-<p>Sie nickte und schielte nach dem Notizbüchlein. Er wurde rot wie ein
-Schuljunge.</p>
-
-<p>„Bitte, hier ist es wieder.“ Und dann nach einer kleinen Pause:
-„All diese Stunden, die darin verzeichnet sind, müssen Sie die etwa
-erteilen?“</p>
-
-<p>Da erzählte sie ihm ein wenig von ihrem Tag.</p>
-
-<p>„Wie halten Sie das aus, gnädiges Fräulein?“</p>
-
-<p>„Sie sehen ja, mir geht es recht gut dabei.“</p>
-
-<p>„Das wird das Verdienst Ihrer Angehörigen sein. Man wird Sie sehr
-verwöhnen?“ Das Gegenteil erschien ihm unmöglich.</p>
-
-<p>Sie blickte auf das spiegelblanke Holz der Tischplatte.</p>
-
-<p>„Ich stehe ganz allein.“</p>
-
-<p>Sie glaubte eine heimliche Angst aus seinen Blicken herauszulesen. Eine
-feine Spannung hing in der Luft. In seinem Gesicht zuckte es nervös.
-Warum saß sie noch hier?</p>
-
-<p>Aber sie blieb und fragte plötzlich nach Justizrat Weißgerber.</p>
-
-<p>„Seit ein paar Monaten geht es ihm gesundheitlich durchaus nicht nach
-Wunsch. Darum suchte er sich einen Helfer. Und der bin nun eben ich.“</p>
-
-<p>„Bleiben Sie dauernd hier?“ mußte sie fragen, denn die Vorstellung,
-daß sie ihn, wenn sie in derselben Sache etwa noch einmal kommen
-müßte, nicht mehr treffen könnte, begann ihr ein unbehagliches Gefühl
-auszulösen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_230"></a>[S.&nbsp;230]</span></p>
-
-<p>Daß er mit seiner Antwort zögerte, fiel ihr nicht auf.</p>
-
-<p>„Ja, ich werde bleiben,“ sagte er endlich.</p>
-
-<p>Klang das nicht, als sei er erst jetzt zu einem festen Entschluß
-gelangt?</p>
-
-<p>„Sie haben mir noch nicht Ihre volle Adresse gegeben, gnädiges
-Fräulein. Herrn Sendelhubers schwer zu entziffernde Handschrift ließ
-mich Ihren Namen zuverlässig nicht erkennen.“</p>
-
-<p>„Richtig, das hätte ich beinahe vergessen.“</p>
-
-<p>Er sah von der dargereichten Karte schnell wieder zu ihr.</p>
-
-<p>„Ihren Namen habe ich schon oft gehört. &ndash; Bestimmt! Es ist kein Irrtum
-möglich.“</p>
-
-<p>„Wer könnte ihn genannt haben?“</p>
-
-<p>„Sie müssen es erraten,“ forderte er fröhlich.</p>
-
-<p>„Wer weiß, ob ich ihn nach diesem jemals wiedersehe,“ sagte sie sich
-heimlich. „Warum soll ich mich also mit dem Gehen übereilen?“</p>
-
-<p>„Justizrat Weißgerber hat von mir gesprochen, nicht wahr? Oder
-mein Namen ist Ihnen in alten Schriftstücken, in denen ich als
-Bevollmächtigte der Frau Präsidentin Melchers, in deren Haus ich bis zu
-ihrem Tod gewesen, verzeichnet stehe, zu Gesicht gekommen.“</p>
-
-<p>„Fehlgeschossen. Bitte &ndash; weiter raten!“</p>
-
-<p>„Dann gebe ich den Kampf auf.“</p>
-
-<p>„Erinnern Sie sich noch der alten Pauline?“</p>
-
-<p>Alles Blut drängte ihr zum Herzen.</p>
-
-<p>Wie war das möglich? Wußte er?</p>
-
-<p>Nein, sie allein kannte das Geheimnis ihrer Schuld. &ndash; Er merkte auch
-nichts von ihrer Erregung. Er freute sich nur dieser Minuten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_231"></a>[S.&nbsp;231]</span></p>
-
-<p>„Ja, die alte Pauline! Ist sie nicht etwas ganz besonderes? Justizrat
-Weißgerber empfahl sie mir, als ich ihm hilflos und, wie ich ehrlich
-gestehen muß, eines Tages halb verhungert den üblichen kurzen
-Wochenbericht über den Stand unserer Arbeit gab. Sie fühlte sich in
-ihrem Feriendasein totunglücklich und hatte den Justizrat als alten
-Gönner gebeten, ihr wieder angemessene Beschäftigung zu besorgen. Als
-er meine Not sah, schickte er sie zu mir und siehe, wir schieden nicht
-mehr von einander. Seitdem verwöhnt sie mich auf eigentlich unerlaubte
-Art.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried wollte etwas erwidern &ndash; ebenfalls eine Freundlichkeit
-über sie anfügen &ndash; eine Frage nach ihrem Ergehen tun &ndash; Ihre Kehle
-blieb wie zugeschnürt. Vor ihr stand das Gespenst des Abschiedtages aus
-der Villa der Präsidentin und lähmte ihre Zunge. Sie hatte es schlafend
-gewähnt. Nun erhob es sich und zerstörte ihr Leben.</p>
-
-<p>„So mußte es wohl kommen, daß sie mir auch von Ihnen berichtete.“</p>
-
-<p>„Was hat sie gesagt,“ stieß Eva von Ostried hervor.</p>
-
-<p>„Ja, was wohl, gnädiges Fräulein? Wollen Sie das wirklich hören?“</p>
-
-<p>Nun wußte sie, daß die Treue, gleich den andern, ahnungslos geblieben
-war.</p>
-
-<p>„Sie sah immer nur das Allerbeste,“ lenkte sie ab und stand auf.</p>
-
-<p>„Soll ich sie nicht wenigstens grüßen?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Natürlich!“ nickte sie, „sie hat mir ja nur Liebes und Gutes
-erwiesen.“ Und dann nach einer Pause: „Sie geben mir wohl Nachricht,
-wenn Herr Sendelhuber geantwortet hat?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_232"></a>[S.&nbsp;232]</span></p>
-
-<p>Irrte er, oder war sie plötzlich verändert?</p>
-
-<p>Klang ihre Stimme kühl und fremd? Hatten ihre schönen sprechenden
-Augen den Ausdruck der Abwehr angenommen? Erregte es vielleicht ihr
-Mißfallen, daß er ihr seinen Namen noch nicht genannt hatte?</p>
-
-<p>„Sie müssen doch wissen, wem unsere alte, gemeinsame Freundin jetzt
-dient, gnädiges Fräulein. Es ist ein gewisser Walter Wullenweber, bis
-vor zwei Jahren Königlich Preußischer Gerichtsassessor beim Landgericht
-3.“</p>
-
-<p>Sein Name erweckte ihr sofort die Erinnerung an den einstigen
-Vormund. Aber sie unterließ es nach einem Zusammenhang zu forschen.
-Daraus hätten sich Fragen ergeben können, deren Beantwortung einen
-scharfsichtigen Juristen zu allerhand für sie gefährlichen Schlüssen
-zwangen. Er würde es durch die alte Pauline ohnehin früh genug
-erfahren, wenn sie es ihm nicht bereits erzählt haben sollte.</p>
-
-<p>Wenn er sich dann an den ehemaligen Vormund wandte, Fragen stellte,
-erfuhr, daß ihr gesamtes mütterliches Vermögen ein Nichts gewesen und
-die alte Pauline zu ihr schickte, damit die herausbringe, wie ihr das
-jetzige Dasein möglich geworden war?</p>
-
-<p>Ihr schwindelte. Da war die Schuld wieder, die sich quälend an ihr
-rächte! Sie konnte es nicht länger unter seinem klaren, warmen Blick
-ertragen.</p>
-
-<p>Hatte sie ihm die Hand hingereicht oder nahm er sie einfach? &ndash; Sie
-wußte es hinterher nicht. Sie spürte nur den kraftvollen Druck, der
-ihre Finger umschlossen gehalten, als wären sie ein frierendes Vöglein!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233"></a>[S.&nbsp;233]</span></p>
-
-<p>An einem Spätnachmittag, als sie aus dem theoretischen Unterricht, den
-ihr der bekannteste Musikpädagoge Berlins erteilte, zurückkehrte, lag
-ein Schreiben mit der Firma des Justizrats Weißgerbers und Rechtsanwalt
-Wullenwebers auf ihrem Arbeitstisch.</p>
-
-<p>Eva von Ostried riß ihn auf. Mit einem Schlage zog wieder die köstliche
-Ruhe, die sie zuletzt in dem Sprechzimmer empfunden, in ihr Herz.</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„Wir teilen hierdurch umgehend mit, daß wir soeben in den Besitz
-der Antwort auf unser Schreiben vom 6. d. M. gelangt sind. Herr
-Sendelhuber erklärt sich darin bereit, ohne sich unserer Ansicht
-von der Rechtsunwirksamkeit des mit Ihnen bezüglich des neunten
-Novembers geschlossenen Vertrages anzuschließen, gegen eine von
-Ihnen zu zahlende Entschädigung von 300 (dreihundert) Mark, seine
-Ansprüche bezüglich des genannten Tages, fallen zu lassen.</p>
-
-<p>Wir halten, wie wir Ihnen seiner Zeit bereits mündlich ausführten,
-die eventuelle richterliche Entscheidung für Sie günstig. Setzen
-daneben aber unser Bestreben fort, diese Angelegenheit auf
-gütlichem Wege zu regeln. Zur Vereinbarung dieses Zweckes wäre uns
-Ihr Besuch in unserm Büro sehr erwünscht. Die Sprechstunden ersehen
-Sie oben...“</p>
-
-</div>
-
-<p>Sie ließ das Schreiben sinken und sah starr zu der herbstlich bunten
-Pracht des Parkes hinüber. Eine schwere Enttäuschung lähmte ihre
-Denkkraft für Augenblicke.</p>
-
-<p>Es war nur gut, daß diese Zuschrift nicht den Schlußvermerk trug:
-„Privatgespräche werden in Zukunft höflichst verbeten oder entsprechend
-berechnet!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_234"></a>[S.&nbsp;234]</span></p>
-
-<p>Sie riß einen Bogen aus ihrer Mappe und schrieb hastig, daß sie keine
-Zeit zu diesem Besuch finden könne und es daher den Unterzeichneten
-überlasse, einen für sie möglichst günstigen Abschluß mit Herrn Alois
-Sendelhuber zu erzielen. Schlimmstenfalls sei sie zu der von ihm
-geforderten Buße bereit, denn zu einem Prozesse fehle ihr die Zeit,
-sowie das nötige Vertrauen zu ihrer Geduld.</p>
-
-<p>Als sie ihren Namen darunter gesetzt und das Geschriebene überlesen
-hatte, schämte sie sich ihrer damit offenbarten Bitterkeit.</p>
-
-<p>Und plötzlich wußte sie den wahren Grund ihres unruhevollen Wartens.
-Wie ein Schlag war dies, der sie betäubte. Wenn er mit lächelnder
-Duldsamkeit schon, als sie das erste Mal bei ihm gewesen, die richtige
-Deutung für ihr langes Verweilen gefunden und ihr nun keine Hoffnungen
-erwecken wollte?</p>
-
-<p>Ja, das würde es sein! Hätte er ihr sonst diesen Brief senden können?
-Darum mußte sie nun doch zu der vorgeschlagenen mündlichen Besprechung
-gehen.</p>
-
-<p>Sie zerpflückte ihre Antwort. Ihr Gesicht wurde hochmütig. Ihre
-schlanke Gestalt reckte sich auf. Er sollte seinen Irrtum sehr schnell
-einsehen!</p>
-
-<p>Als sie ihm gegenüberstand, fühlte sie ganz klar, daß alle Unruhe
-durch ihn gekommen war. Sie hätte vor Scham aufschreien können und
-lächelte doch wie eine leblose Puppe, die Hand, die er ihr zum Gruß
-entgegenstreckte, übersehend.</p>
-
-<p>„Darf ich bitten, daß wir uns möglichst kurz fassen. Ich bin heute sehr
-eilig, Herr Rechtsanwalt!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235"></a>[S.&nbsp;235]</span></p>
-
-<p>Er sah sie erschrocken an.</p>
-
-<p>„Gnädiges Fräulein, habe ich Sie neulich irgendwie verletzt?“</p>
-
-<p>Jetzt lachte sie hell auf.</p>
-
-<p>„Im Gegenteil, Herr Rechtsanwalt, Sie haben einer Klientin durch Ihre
-private Freundlichkeit mehr Zeit geopfert, als es klug war.“</p>
-
-<p>„Soll das ein nachträglicher Vorwurf sein, weil ich Sie zu lange in
-Anspruch genommen habe.“</p>
-
-<p>„Deuten Sie es ganz nach Belieben. Nur, bitte, jetzt zur Sache, wie
-Herr Justizrat Weißgerber früher zu sagen pflegte.“</p>
-
-<p>Er saß ihr mit zornig zusammengezogenen Brauen gegenüber. Was fiel ihr
-ein? Neckte sie ihn einfach oder waren das Künstlerlaunen.</p>
-
-<p>„Ich habe kurz entworfen, was am besten Herrn Sendelhuber zu antworten
-wäre. Darf ich es vorlesen oder belieben Sie selbst.“</p>
-
-<p>Sie nahm ihm das Blatt mit leichtem Neigen des Kopfes aus der Hand und
-vertiefte sich scheinbar in seinen Inhalt. Er beobachtete sie dabei
-scharf.</p>
-
-<p>Es währte sehr lange.</p>
-
-<p>Ein kleines Lächeln durchsonnte die Finsternis seiner Mienen.</p>
-
-<p>„Wenn ich es Ihnen näher erklären darf,“ erbot er sich.</p>
-
-<p>„Ich habe es begriffen,“ antwortete sie kurz.</p>
-
-<p>„Also?“ fragte er leise und sah sie mit dem Blicke an, der ihr das
-erste Mal die köstliche Ruhe in das Herz getragen.</p>
-
-<p>„Es ist gut, wie Sie es vorgeschlagen haben.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_236"></a>[S.&nbsp;236]</span></p>
-
-<p>„Ja, aber Verzeihung, daß ich darauf aufmerksam machen muß, wir
-verzeichneten zwei Vorschläge. Und einer darf es doch entschieden nur
-sein.“</p>
-
-<p>Sie wurde flammend rot, weil sie sich auf einer Unwahrheit ertappt sah.
-Sie hatte kein Wort begriffen.</p>
-
-<p>„Ich möchte keinen Prozeß,“ sagte sie wie ein törichtes Kind. „Das
-andere soll mir gleich sein.“</p>
-
-<p>Sie stand hastig auf.</p>
-
-<p>„Gnädiges Fräulein,“ sagte er weich und bittend, „was haben Sie? Gehen
-Sie nicht so fort. Ich bitte Sie herzlich.“</p>
-
-<p>Sie lächelte krampfhaft.</p>
-
-<p>„Was ich habe? &ndash; Nichts. Wie kommen Sie darauf, Herr Rechtsanwalt?“</p>
-
-<p>Mit einer Verneigung gab er ihr den Weg frei.</p>
-
-<p>„Wünschen Sie vielleicht, daß ich zuvor diese Angelegenheit noch einmal
-mit Herrn Justizrat, als Ihrem früheren Bekannten, durchspreche?“</p>
-
-<p>„Nein, ich danke. Ich möchte alles so schnell wie nur irgend möglich
-vergessen und bin darum auch zu der von ihm geforderten Buße bereit.“</p>
-
-<p>Er sah sie fest und lange an.</p>
-
-<p>„Sie haben es ja schon vergessen, wenn Sie es überhaupt gefühlt haben.“</p>
-
-<p>„Ich verstehe Sie nicht.“</p>
-
-<p>„Als Sie mich neulich verließen, hatte ich die dankbare Empfindung, daß
-wir beide uns voll verstanden hätten.“</p>
-
-<p>„Dann haben Sie sich eben geirrt. Das soll den besten Juristen
-bisweilen geschehen können.“</p>
-
-<p>Wieder war er an ihrer Seite.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_237"></a>[S.&nbsp;237]</span></p>
-
-<p>„Fräulein von Ostried, ich kann es nicht glauben. Es würde mich sehr
-unglücklich machen.“</p>
-
-<p>Sie zerrte an den feinen Handschuhen und zerriß sie, weil sie etwas
-Entsetzliches fühlte. Tränen, die aufsteigen wollten und die er doch um
-keinen Preis sehen durfte.</p>
-
-<p>Er sah sie aber doch. Und nahm ihre beiden Hände in die seinen.</p>
-
-<p>„Ich flehe um ein ehrliches Wort.“</p>
-
-<p>„Der Brief,“ sagte sie wider Willen, „ich dachte, Sie bereuten das
-Private.“</p>
-
-<p>Er begriff nicht sogleich.</p>
-
-<p>„Warum denn um Gottes willen.“ Und dann mit plötzlichem Verstehen:</p>
-
-<p>„Den Zeilen, auf denen ein Dutzend fremder Augen ruhten, durfte ich
-nicht anvertrauen, wie es in mir aussah, während ich sie aufgab.“</p>
-
-<p>Seine Stimme war plötzlich voller Jubel!</p>
-
-<p>„Ein Dutzend fremder Augen,“ machte sie ungläubig, noch rosenrot vor
-Scham.</p>
-
-<p>„Ja,“ nickte er eifrig. „Hören Sie einen Augenblick aufmerksam zu.
-&ndash; Durchschnittlich an jedem Tage gehen zwanzig bis fünfundzwanzig
-ähnlicher Mitteilungen heraus. Ich bediene mich dazu eines Apparats,
-nehme den Schalltrichter zur Hand und spreche hinein, was ich nach
-gründlichem Ueberlegen für richtig halte. Ein Referendar, der mir zur
-Ausbildung überwiesen ist, steht in vielen Fällen daneben und hört zu,
-nachdem ich die Sache zuvor mündlich mit ihm durchgesprochen habe.
-Oder, wie es bei dem Brief an Sie der Fall sein mußte, er selbst gab
-ihn auf, während ich als Obergutachter zuhörte. Danach kommt<span class="pagenum"><a id="Seite_238"></a>[S.&nbsp;238]</span> der
-Laufjunge und holt die Walzen ab. Das Fräulein in der Nische schreibt
-sie getreulich herunter. Mit Durchschlag natürlich, wie das in einem
-richtiggehenden Betrieb selbstverständlich ist. Die Kopie wird wiederum
-dem Laufjungen anvertraut, der in aller Heimlichkeit danach trachtet,
-sie zu lesen, weil er ebenso neu- wie lernbegierig ist. Der Schreiber,
-der sie in das betreffende Aktenstück einheftet &ndash; denn auch Sie haben
-bereits ein solches erhalten &ndash;“</p>
-
-<p>„Hören Sie auf,“ bat sie kläglich.</p>
-
-<p>„O nein, immer gründliches Verfahren. Ich erspare Ihnen nichts. Den
-Schreiber interessiert schon erstmal Ihr Name. Nicht wahr, er ist
-ungewöhnlich und klingt wie Musik. Und dann, daß Sie Künstlerin sind.
-Wir haben hier natürlich die verschiedensten Größen als getreue
-Klienten. Dies aber ist ein seltener Fall. Wie wird er ihn nicht
-lesen. Der Invalide, der das Amt hat, die abgehenden Schriftstücke in
-den Umschlag zu befördern &ndash; nun &ndash; warum soll er nicht das gleiche
-durchaus menschliche Verlangen haben? Durfte ich da auch nur ein Wort
-hineintragen, das mein Herz verraten hätte?“</p>
-
-<p>Sie stand, übergossen von neuer tiefer Röte vor ihm. Noch einmal wehrte
-sie sich verzweifelt.</p>
-
-<p>„Was hat Ihr Herz damit zu schaffen?“</p>
-
-<p>„Mein Herz?“ sagte er. „Das hat keine Ruhe finden können &ndash; seitdem!“</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_238_ende">
- <img class="w100" src="images/i_103_ende.jpg" alt="Kapitel 12, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_239"></a>[S.&nbsp;239]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_239_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_030_kopf.jpg" alt="Kapitel 13, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_13">13.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">E</span>va von Ostried hatte seit kurzem ein jüngeres Mädchen in ihrer
-Behausung, das sie in einem Zustande der Erschöpfung und Krankheit
-aufgefunden und zu sich genommen hatte, ein Mädchen, über dessen
-Vergangenheit ein undurchsichtiger Schleier gebreitet schien.</p>
-
-<p>Gretchen Müller nannte es sich und niemand hier wußte um seine
-Vergangenheit. Die Einzige, die das Recht gehabt, sie zu befragen,
-rührte nicht daran. So blieb die Spur verwehrt.</p>
-
-<p>Gretchen hatte Stunden, in denen ihr Herz ganz leicht war. Dann
-pflegte sie die Blumen, besorgte wie die guterzogene Haustochter einer
-sparsamen Bürgerfamilie, Zimmer und Küche und setzte sich darnach
-mit einer Handarbeit zu der wuchernden Kresse und den rotblühenden
-Feuerbohnen auf den kleinen Balkon.</p>
-
-<p>Eva von Ostried war zu solchen Stunden nicht daheim. Ueber den Flügel
-lag eine Decke gebreitet. Es war alles verschwiegen und leise!</p>
-
-<p>Und doch brauchte nur ein Klingelton zu rufen, dann war es anders!
-Zumeist öffnete Gretchen Müller nicht. Eva von Ostried schloß sich die
-Tür nach ihrer Heimkunft selbst auf.</p>
-
-<p>Und jetzt klingelte es dennoch, stark und fordernd. Da entschloß sie
-sich nachzusehen. Eva von Ostried hatte von<span class="pagenum"><a id="Seite_240"></a>[S.&nbsp;240]</span> einer wichtigen Nachricht
-gesprochen, die ihr möglicherweise zugehen würde.</p>
-
-<p>Als die Tür aufsprang, fuhr das Mädchen mit einem Schrei zurück. Ihre
-Arme streckten sich weit vor. Ihre Augen wurden starr vor Entsetzen.
-Ihr Peiniger, der Zerstörer ihres jungen Lebens stand vor ihr und trat
-fast lautlos herein.</p>
-
-<p>„Diesmal hast du mir das Finden nicht eben leicht gemacht,“ sagte er in
-einem freundlichen Unterhaltungston.</p>
-
-<p>„Geh’!“ stieß sie hervor, „oder &ndash;“</p>
-
-<p>„Du stockst sehr richtig, mein Herz. Jedes weiteres Wort wäre zum
-mindesten eine Unvorsichtigkeit von dir.“</p>
-
-<p>„Im nächsten Zimmer befindet sich meine Herrin. Sie muß sogleich
-herauskommen.“</p>
-
-<p>„Warum nennst du sie nicht mit ihrem Namen? Eva von Ostried klingt doch
-sehr schön. Auch ist es eine Ehre für dich bei dieser hochbegabten
-Zukunftsleuchte Unterschlupf gefunden zu haben.“</p>
-
-<p>„Woher weißt du auch dies?“</p>
-
-<p>„Ich erfahre alles, was ich wissen will. Das sollte dir eigentlich zur
-Genüge bekannt sein. Ich weiß selbstverständlich auch, daß du zur Zeit
-allein in der Wohnung bist. Fräulein von Ostried erteilt außerhalb
-Stunden und kommt bestimmt nicht vor Mittag zurück.“</p>
-
-<p>„Trotzdem wirst du dich sofort entfernen, oder ich rufe die Polizei.“</p>
-
-<p>„Du hast gute Gründe, sie nicht zu rufen, mein Kind.“</p>
-
-<p>„Du bringst mich dahin, daß ich auch diese Enthüllung nicht mehr
-fürchte.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_241"></a>[S.&nbsp;241]</span></p>
-
-<p>„Denke darüber, wie es dir beliebt. Ich meine doch, du solltest
-Rücksicht nehmen. Es ist außerordentlich gefällig, daß dich diese Dame
-aufgenommen hat. Der Lohn, den du zahlst, wenn sich die Polizei mit dir
-und also auch mit ihr beschäftigen müßte, wäre, meiner Ansicht nach,
-ein schlechter.“</p>
-
-<p>„Du bist ein Teufel!“</p>
-
-<p>„Ich besitze Briefe von dir, die mir andere Kosenamen geben. Freilich,
-hießest du damals noch nicht Gretchen Müller.“</p>
-
-<p>Sie hob die Hand, wie um sie auf seinen leichtsinnigen Mund zu pressen.
-Er wich geschickt aus und zischte leise:</p>
-
-<p>„Und darum solltest du die hohe Polizei mir gegenüber aus dem Spiel
-lassen. Ich habe in meinem bisherigen Leben noch nichts getan, was ihr
-Anlaß gäbe, mich scharf zu beobachten. Du aber &ndash;“</p>
-
-<p>„Was ich geworden bin, hast du aus mir gemacht.“</p>
-
-<p>„Das ist eine sehr bequeme Darstellung, mein Kind. Vergiß nicht, daß
-jedes einzig die Folgen seiner Veranlagung trägt. Gut! Zufällig bin ich
-derjenige, der die deine zum Ausbruch brachte. Das ist mein Pech. Denn,
-ob du es auch als das deine fühlst &ndash; je nun? Sei doch ehrlich. Denke
-daran, wie du mir freudig, um mit dem Jäger zu reden, „auf den ersten
-Pfiff“ gefolgt bist.“</p>
-
-<p>„Du hast deine Rolle zu gut gespielt, weil sie dir allzu geläufig war.
-Wie konnte ich das ahnen?“</p>
-
-<p>„Mag sein! Du wirst dir damals nicht eingebildet haben, daß ein Mann
-wie ich vor dir noch kein Mädel geküßt hätte.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_242"></a>[S.&nbsp;242]</span></p>
-
-<p>„Ja, das habe ich mir eingebildet! Bei Gott! Aber was willst du jetzt
-von mir?“</p>
-
-<p>„Nicht viel. Dir klarmachen, daß du in meiner Gewalt bist und bleibst!
-Es ist nur klug und weise, wenn du nicht weiter in diesem hochfahrenden
-Ton mit mir verhandelst.“</p>
-
-<p>„Es muß doch ein Zweck dabei sein,“ wimmerte sie, „ich kann ihn nur
-nicht erkennen.“</p>
-
-<p>„Nimm an, daß ich dich wirklich geliebt hätte.“</p>
-
-<p>„Du lügst jetzt wie stets,“ sagte sie.</p>
-
-<p>„Dann weißt du mehr wie ich. Wozu hätte ich nötig, mich überhaupt noch
-um dich zu kümmern, nachdem du mir diese unglaublichen Ungelegenheiten
-bereitet hast.“</p>
-
-<p>„Was hast du mit mir vor?“</p>
-
-<p>Er ließ sich auf die Truhe nieder. Nun war er ihr so nahe, daß er ihr
-mit der weißen, gepflegten Hand über das lose silberne Haar hätte
-streichen können. Ein Sonnenstrahl schwebte auf sie herab und verfing
-sich darin. Die fieberhafte Röte wachsender Angst gab dem schmalen
-Gesicht den trügerischen Schein der Gesundheit.</p>
-
-<p>„Du siehst immer noch sehr reizend aus,“ flüsterte er ihr ins Ohr.
-„Indessen, du hast das richtige Gefühl. Ja, ich habe etwas mit dir vor.
-Eine Kleinigkeit nur. Einen Gegendienst.“</p>
-
-<p>„Ich bin zu schwach geworden, um dich gleichfalls zu verderben. Das
-wäre der einzige Dienst, auf den du Anspruch hättest.“</p>
-
-<p>„Laß das jetzt. Erinnere dich gefälligst an die Zeiten, in denen du mir
-täglich deine Not geklagt hast. Angeblich<span class="pagenum"><a id="Seite_243"></a>[S.&nbsp;243]</span> littest du doch unerträglich
-unter der Tyrannei der lieben Deinen. Dein Vater wollte Kapital aus dir
-schlagen. Dein tugendsamer Bruder hätte dich am liebsten an die Kette
-gelegt. Und das Schätzchen, das sie dir ausgesucht hatten. Sei doch
-endlich mal ein bißchen fidel, mein Kind und lache mit &ndash; war er nicht
-fürchterlich mit seinem vogelähnlichem Kopf und den drohenden Wulsten
-unter den kleinen Augen? Na, ich will dir das schöne Bild nicht weiter
-ausmalen. Du besorgst das in deinen jetzigen sicher recht stillen
-Stunden besser allein. Also &ndash; Vorwürfe muß ich energisch zurückweisen.
-Du hast es mir nicht schwer gemacht damals.“</p>
-
-<p>„Ich habe dir vertraut.“</p>
-
-<p>„Habe ich dies Vertrauen vielleicht nicht gerechtfertigt? Hättest
-du nicht den Himmel auf Erden behalten können, wärest du nicht so
-wahnsinnig kleinlich und eigensinnig gewesen? Hatte ich nicht ein
-behagliches Nest für dich bereit? Fehlte auch nur das Geringste für
-deine Bequemlichkeit darin?“</p>
-
-<p>„In dem Augenblick, der mich lehrte, daß du längst anderweitig gebunden
-warst, habe ich nichts mehr von dir angenommen. Das wenigstens sollst
-du mir jetzt bestätigen.“</p>
-
-<p>„Wenn du so großes Gewicht darauf legst. Schön, mein Kind. Ich
-bestätige es hiermit feierlich. Warum aber? Ein Künstler braucht viel
-Geld, wenn er selbst keins besitzt. Mit dem Pumpen ist das stets eine
-mißliche Geschichte. Das Sicherste und Bequemste bleibt eine reiche
-Partie. Ja, mag er selbst Unsummen einnehmen, er wird als freier Mann
-stets doch eine Kleinigkeit über seinen Etat hinaus verbrauchen.
-Das verstehst du nicht. &ndash; Ich verdiente dazumal noch wenig. Die
-Kommerzienrätin, auf deren einer Abend<span class="pagenum"><a id="Seite_244"></a>[S.&nbsp;244]</span>gesellschaft ich dich nach der
-bestellten Singerei, kennen lernte, bezahlte anständig. Aber sonst &ndash;
-Lieber Gott. Da mußte ich mich eben auf diese Weise sichern.“</p>
-
-<p>„Daß du dich vor deiner Frau nicht schämst?“</p>
-
-<p>„Frage sie, ob sie nicht überaus glücklich mit mir geworden ist.“</p>
-
-<p>„Ich möchte ihr die Hände küssen, damit sie mir vergibt, was ich ihr
-unwissend geraubt habe.“</p>
-
-<p>„Wünsche dir das meinetwegen. Daß es sich dir niemals erfüllt,
-laß meine Sorge sein. Im übrigen &ndash; ich muß endlich deine Frage
-beantworten: Du wolltest wissen, was ich mit dir vorhabe? Ich will vor
-allen Dingen deine Lage aufbessern. Dich auf eigene Füße stellen. Du
-magst dir hinfort ein Leben nach deinem Geschmack einrichten. Nimmst
-du Vernunft an, werden wir uns sehr schnell verstehen. Höre zu. Ich
-verlange von dir, daß du niemals zu Eva von Ostried meinen Namen
-nennst. Spitzte sich auch selbst, im für mich ungünstigsten Falle,
-ihr Interesse für dich derartig zu, daß sie völlige Offenheit von dir
-verlangte. Denn sie ist schrecklich moralisch und würde dich nicht bei
-sich behalten, wüßte sie &ndash; &ndash; Sage ihr in diesem Fall, was du willst.
-Nur nicht die Wahrheit. Du hast ja damals, als du das Doppelspiel
-triebst, sehr nett lügen können. Also schweigen, ja?“</p>
-
-<p>Sie stieß seine Hand fort. „Eines solchen Versprechens bedarf es nicht!
-Ich würde mich eher unter hundert Qualen zu Tode martern lassen, ehe
-ich mein ganzes Geheimnis preisgäbe.“</p>
-
-<p>„Schön. Dann sind wir in der Hauptsache einig. Ich danke dir,
-Lieselotte.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245"></a>[S.&nbsp;245]</span></p>
-
-<p>„Nicht diesen Namen nennen, nicht den Namen!“</p>
-
-<p>„Du hast ganz Recht. Je gründlicher wir sind, desto wirksamer wird
-alles. Also, Gretchen Müller, höre mich noch ein paar Minuten an. Ich
-will mich nicht entschuldigen. Das lag mir niemals. Selbst, wenn ich in
-deinem Fall ausnahmsweise Gewissensbisse gehabt haben sollte.“</p>
-
-<p>„Du hast sie nie gekannt. Diese Rolle liegt dir schlecht.“</p>
-
-<p>„Dann nenne es meinetwegen anders. Immerhin &ndash; besteht der Wunsch bei
-deiner Empfindlichkeit, etwas übrigens zu tun. Als ich dich kennen
-lernte, war ich noch nicht mal ganz fest verlobt. In aller Heimlichkeit
-nur. Und ich wußte noch nicht mit Bestimmtheit, ob überhaupt eine Ehe
-daraus würde.“</p>
-
-<p>„Gibt es denn wirklich so viel reiche Mädchen, daß dir damals schon die
-zweite noch reichere in Aussicht stand? Lüge wenigstens jetzt nicht.
-Du warbst in aller Form um mich und gabst mir dein Wort. Oder habe ich
-mir dies alles nur eingebildet? Waren zuvor deine heißen Blicke und
-Huldigungen, dein Ehrenwort nur Lüge? Empfandest du nichts von jenen
-leidenschaftlichen Gefühlen, die du mir so oft geschildert hast?“</p>
-
-<p>„Das sind viel Fragen auf einmal. Deine Frische hatte mich bezaubert.
-Diese entzückende Lebendigkeit &ndash; nicht nur in der Auffassung, sondern
-auch und besonders in der Wiedergabe alles Erlebten, Gehörten und
-Erschauten, war mir neu. Dazu kam, daß du aus sogenanntem guten Hause
-kamst. Ein Reiz mehr. Auch hattest du, obschon du keine Note kanntest,
-das feinste musikalische Gehör, was mir bisher begegnet ist. Meine
-Macht über Dich wurde unbegrenzt.<span class="pagenum"><a id="Seite_246"></a>[S.&nbsp;246]</span> Ich hätte dich zur Verbrecherin
-machen können, wenn ich gewollt.“</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Das</em> hast du gefühlt?“</p>
-
-<p>„Vom ersten Augenblick unseres Kennenlernens an. Weißt du noch? Wir
-standen eng zusammengekeilt vor der Kasse des Opernhauses. Da sprach
-ich dich an, weil du mir ausnehmend gefielst. Merkst du jetzt, wie
-diskret ich bin? Das Märchen von der ersten Begegnung im Hause der
-Kommerzienrätin hatte ich mir um deinetwegen so fest eingeprägt, das
-ich dies reizende Stündlein dir gegenüber vorhin zu erwähnen unterließ.“</p>
-
-<p>„Mache meine Scham nicht noch größer,“ sagte sie mit zuckenden Lippen.</p>
-
-<p>„Es ist ja auch belanglos. Das weitere will ich trotzdem kurz
-zusammenfassen. Auch um meinetwillen. &ndash; Sieh mal, als ich dich dann
-einen Monat später bei der musikalischen Rätin wiedersah und dir
-bei der Vorstellung zuflüsterte, daß wir niemand von unserer süßen
-Bekanntschaft erzählen wollten, warst du dazu bereit. Deiner lieben
-Familie war ich sogleich angenehm. Dein Bruder mochte mich absolut
-nicht. Dein Vater war ein ganz scharmanter Herr. Wir hätten uns sogar
-ausgezeichnet verstanden, wäre er nicht zufällig dein Vater gewesen.
-So witterte er in mir den Feind. Daß wir beide uns fortan in dem Hause
-der alten Musiknärrin auch gesellschaftlich begegneten, erleichterte
-die Sache natürlich. Glaube mir, ich hatte nicht daran gedacht,
-dich ins Unglück zu bringen. Erst, wie du mich um Hilfe gegen den
-fürchterlichen Geldsack anflehtest, da erwachte, ich könnte kurz sagen:
-die Ritterlichkeit! Es klänge großartig, stimmte aber nicht. Ich wollte
-den schweren Kerl aus<span class="pagenum"><a id="Seite_247"></a>[S.&nbsp;247]</span>stechen. Daneben dich natürlich auch von einem
-Los, das dir Grauen einflößte, bewahren.“</p>
-
-<p>„Daneben &ndash; wirklich.“</p>
-
-<p>„Ja, so war’s! Dann kam alles ein bißchen anders. Du machtest
-Dummheiten. Liefst kopflos von Hause weg, kamst zu mir als zu deinem
-einzigen Freund und so weiter. Und zurück &ndash; verzeihe mir, daß ich dies
-ausdrücklich feststelle &ndash; wolltest du unter keinen Umständen.“</p>
-
-<p>„Ich dachte an eine Beschleunigung unserer Heirat. Denn für deine Braut
-hielt ich mich. Hatte ich etwa kein Recht dazu?“</p>
-
-<p>„Nach gut bürgerlichen Begriffen zweifellos! Künstleransichten sind
-aber gemeinhin andere. Sage selbst, was sollte ich tun, wo du nun mal
-da warst und mir erklärtest, lieber gingest du in den Tod, als zu
-deiner lieben Familie zurück.“</p>
-
-<p>„Höre auf, wenn du noch einen Funken Barmherzigkeit in der Seele hast.“</p>
-
-<p>„Ich bin sogleich zu Ende. Ich war also nicht brutal genug, um dich
-fortzuweisen. Schön, das war vielleicht mein Unrecht. Mehr Schlechtes
-kann ich im Augenblick nicht zusammen finden.“</p>
-
-<p>„Daß du weiter die verächtliche Komödie spieltest &ndash; mir den festen
-Glauben, ich sei deine verlobte Braut und sehr bald dein Weib, auch
-vor dem Gesetz, nicht nahmst, indem du mir endlich von deinen älteren
-Verpflichtungen sagtest.“</p>
-
-<p>„Wäre das nicht mehr als grausam gewesen? Was hättest du darauf getan?
-Bedenke, damals hießest du noch nicht Gretchen Müller. Du wärst ins
-Wasser gegangen oder<span class="pagenum"><a id="Seite_248"></a>[S.&nbsp;248]</span> hättest sonst einen Gewaltstreich mit denselben
-Folgen verübt.“</p>
-
-<p>„Das wäre Barmherzigkeit für mich gewesen.“</p>
-
-<p>„Ich empfinde es anders. Vielleicht wir Männer überhaupt.“</p>
-
-<p>„Du hast tausend neuer Ausflüchte erfunden, um mir zu beweisen, daß
-sich unserer ehelichen Verbindung immer neue Hindernisse in den Weg
-stellten.“</p>
-
-<p>„Die Gründe habe ich dir soeben klargelegt, mein Kind.“</p>
-
-<p>„Höre damit auf. Warum hast du nicht wenigstens später die Wahrheit
-gesagt?“</p>
-
-<p>„Wann? Jedes weitere Zusammensein wäre damit zerschlagen gewesen. Du
-wärst auch später wohl noch fortgelaufen und damals warst du körperlich
-fast noch mehr erschüttert wie jetzt. Du mußtest erst wieder in die
-Höhe kommen.“</p>
-
-<p>„Nein, das ist nicht der Grund. Rücksichtnahme kennst du nicht. Du
-hättest unumwunden ausgesprochen, wenn ich dich allmählich beschwert
-hätte.“</p>
-
-<p>„Man hat auch seine &ndash; Anständigkeit.“</p>
-
-<p>„Lasse sie mich endlich kennen lernen, damit meine Scham nicht so heiß
-brennt.“</p>
-
-<p>„Woher kennst du Eva von Ostried?“</p>
-
-<p>„Vielleicht aus der Oeffentlichkeit &ndash; vielleicht auch nicht. Laß dir
-genügen, daß ich sie kenne.“</p>
-
-<p>„Das Recht, sie beim Vornamen zu nennen, steht dir nicht zu. Sie ist zu
-rein, als daß du &ndash;“</p>
-
-<p>„Du bist ein Närrchen! Aber, rein ist sie wirklich. Darin hast du dich
-diesmal nicht getäuscht.“</p>
-
-<p>„Ich habe nur den Wunsch noch, daß du gehst.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_249"></a>[S.&nbsp;249]</span></p>
-
-<p>„Gleich &ndash; gleich! Du hast mir also versprochen, daß du Eva von
-Ostried niemals verrätst, was zwischen uns gewesen ist. Ich habe die
-bestimmte Ahnung, als hätte andernfalls dein scheinbar recht angenehmer
-Aufenthalt hier sein Ende erreicht. Und dann wieder bei Fretzburg u.
-Sohn in die Putzabteilung zurück? Nee, weißt du &ndash; übrigens würden sie
-dich da gar nicht wieder einstellen.“</p>
-
-<p>„Bleibst du jetzt noch eine Minute, so rufe ich um Hilfe!“</p>
-
-<p>„Wer würde dich hören? Du siehst nach dem Fenster? Es ist unmöglich.
-Aber ehe jemand erscheinen würde, wäre ich bestimmt verschwunden.
-Und dann? Man würde dich einfach für geisteskrank halten. Zudem habe
-ich nicht mehr vor, sehr lange zu bleiben. Nur eine Kleinigkeit will
-ich noch schnell ordnen. In deinem Interesse, wie du mir hinterher
-zugestehen wirst. Ich bitte dich, daß du jetzt zur Vernunft kommst.
-Nimm an, ich käme erst in diesem Augenblick zur Tür herein und wäre
-dir dankbar, weil du Eva von Ostried gegenüber den Mund zu halten
-versprochen hast. Dir geht es schlecht. In diesem Gewand machst du den
-Eindruck einer Nonne, die ihre Haube noch nicht aufgesetzt hat. Auch
-sonst siehst du &ndash; verzeih’ diesen Ausdruck &ndash; etwas abgewirtschaftet
-aus. Gefallen gegen Gefallen. Nimm diese Kleinigkeit. Mir macht es
-nichts aus.“</p>
-
-<p>Und er drückte ihr ein bißchen unter dem feinen Taschentuch geschickt
-verborgen gehaltenes Päckchen mit Scheinen in die Rechte.</p>
-
-<p>Als sie das Knistern hörte, wurde sie leichenblaß.</p>
-
-<p>Lässig setzte er den Hut auf und nickte ihr zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_250"></a>[S.&nbsp;250]</span></p>
-
-<p>„Denk noch mal über alles nach und sei verständig, Lieselotte.“</p>
-
-<p>Der Name brachte sie zur Besinnung. Matt hob sie die Hand mit dem Geld.
-Er legte die seine darüber und zwang ihren Arm in den Schoß. Unter
-seiner Berührung flammte eine purpurne Glut über ihr Gesicht bis zu dem
-altsilbernen Haare hinauf. Dann hob sich die Hand noch einmal.</p>
-
-<p>Mit einer Kraft, die sie sich selbst nicht zugetraut hatte, schlug sie
-in das leichtsinnige, schöne Männergesicht. Die Scheine umflatterten
-ihn, lagen auf seinen Schultern, zu seinen Füßen. Mechanisch bückte er
-sich und sammelte sie auf. Neben dem Spiegel, der zu beiden Seiten auf
-rotgetönter Esche blanke, starke Kleiderhaken trug, hing die vergessene
-Reitpeitsche eines Schülers, der einen eigenen Gaul besaß. Die riß die
-bebende Mädchenhand herunter.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>&ndash; &ndash; Dann war sie allein.</p>
-
-<p>Sie setzte sich wieder auf den Hocker neben die Truhe und rieb an ihrer
-Hand herum, als müsse sie einen Schmutzfleck entfernen. Sie weinte
-nicht. Sie nickte nur vor sich hin. Dann überkam sie jäh das Heimweh!
-Nach der engen dunklen väterlichen Wohnung, die sie oft genug hatte
-erdrücken wollen &ndash; nach dem Vater selbst &ndash; vor allem aber nach dem
-Bruder.</p>
-
-<p>Daneben fühlte sie, daß dies unmöglich geworden war und von allen
-Schmerzen, die auf ihr lasteten, erschien ihr diese Gewißheit als die
-unerträglichste. Sie vergegenwärtigte sich das letzte, zukünftige
-Leiden mit seiner verstärkten dem Wahnsinn nahebringenden Sehnsucht.
-Und wußte doch, daß über ihre Lippen kein Ruf zu denen, die ihr einst
-zugehört hatten, dringen würde. Sie mußte für immer<span class="pagenum"><a id="Seite_251"></a>[S.&nbsp;251]</span> einschlafen,
-ohne an dieser Scham zu ersticken. Eva von Ostried, die Gütige, würde
-liebreich ihre Hände halten &ndash; wohl gar ihren Kopf auf das im letzten
-Kampf wildschlagende Herz betten &ndash; sie vielleicht sogar in die Arme
-nehmen. Dann war alles aus und überwunden.</p>
-
-<p>Wenn sie Eva von Ostried alles vergelten könne, vorher!</p>
-
-<p>Ihr kam ein Lächeln, als sie diesen Wunsch empfand. Wie wäre das jemals
-möglich?&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>„Heute nachmittag werden wir beide ein richtiggehendes Fest feiern,“
-sagte Eva von Ostried, als sie, die sich sonst einer großen
-Pünktlichkeit befleißigte, viel später wie gewöhnlich heimkam.</p>
-
-<p>„Darauf freue ich mich,“ erwiderte Gretchen Müller und ließ nichts von
-den stechenden Schmerzen merken, mit denen sie zu kämpfen hatte. „Wir
-lassen die Vorhänge herunter und dann singen Sie, ja?“</p>
-
-<p>„Nein, meine Liebe, das werden wir nicht tun. Diesmal geht’s ins Grüne
-hinaus. Jawohl! Wehren Sie nur ab, zucken Sie zusammen, als erwarteten
-uns draußen eine Schar hungriger Wölfe. Ich bleibe steinhart. Wissen
-Sie, was der Arzt sagte, als ich ihn Ihretwegen befragte: „In erster
-Linie frische, gute Luft.““</p>
-
-<p>„Ich habe heute lange Zeit auf dem Balkon zugebracht.“</p>
-
-<p>„Ich will seine Vorzüge nicht verkleinern. Es ist angenehm, daß wir
-ihn haben. Einen vollwertigen Ersatz bietet er nicht. Das habe ich
-Ihnen übrigens schon mehrmals erklären wollen. Sie fanden aber stets
-neue Schönheiten und Annehmlichkeiten heraus und ich war nach der Tage
-Last zu müde, um Sie zu widerlegen. Aber heute! Wissen Sie, was wir
-anstellen werden? Die elektrischen<span class="pagenum"><a id="Seite_252"></a>[S.&nbsp;252]</span> Bahnen sind überfüllt. Zum Wandern
-ist es zu weit. Also nehmen wir stolz einen Wagen.“</p>
-
-<p>Um keinen Preis wollte sie die feinfühlige Kranke merken lassen, daß
-sie vor jeder Anstrengung ängstlich behütet werden mußte. Gretchen
-Müller empfand es aber doch.</p>
-
-<p>Es war diesmal nicht Bescheidenheit, die sich ängstlich weigerte,
-mitzutun, sondern die durch das heutige Erlebnis noch verstärkte Furcht
-von früheren Bekannten oder gar von ihren nächsten Angehörigen gesehen
-und erkannt zu werden.</p>
-
-<p>„Wenden Sie nicht ein, daß es eine arge Verschwendung wäre,“ begann Eva
-von Ostried von neuem, „ich für meinen Teil bedarf dieser Abwechslung
-wahrhaftig ebenso dringend. Natürlich wird die Fahrt zum Grunewald
-hinausgehen. Irgend ein Tischlein am Wasser muß sich finden lassen.
-Wir werden uns einbilden, daß wir im eigenen Park säßen und die
-Dienerschaft ein wenig beurlaubt hätten, um recht ungestört zu sein.“</p>
-
-<p>„Ich kann nicht mitkommen,“ sagte Gretchen Müller mit eintöniger, müder
-Stimme.</p>
-
-<p>Da begriff Eva von Ostried, daß sie die Angst, die sich aus dem
-Zucken der feinen Lippen offenbarte, beschwichtigen müsse. Jedes Wort
-hätte geschmerzt. Jede Aufmunterung zur Beherrschung nur noch eine
-vergrößerte Scheuheit hervorgerufen. Und sie wollte doch heilen. So
-begann sie leise ein uraltes Reiselied zu summen:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Wir ziehen vermummt durch Stadt und Land</div>
- <div class="verse indent2">Von Freund und Feinden unerkannt..</div>
- <div class="verse indent2">Juvivallera &ndash; Juvivallera &ndash; &ndash;</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Ich kann nicht,“ wiederholte der blasse Mund.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_253"></a>[S.&nbsp;253]</span></p>
-
-<p>Das waren die Worte, die bisher Eva von Ostried als genügende Erklärung
-angesehen hatte. Heute kämpfte sie dagegen an.</p>
-
-<p>„Ich meinte auch oft genug, daß sich etwas nicht zwingen ließe und es
-geht dann doch.“</p>
-
-<p>„Weil Sie nicht wissen, wie schwer eine Schuld lasten kann.“</p>
-
-<p>Einen Augenblick sah Eva von Ostried zögernd zu Boden. Dann sagte sie
-leise und schwermütig:</p>
-
-<p>„Doch, das weiß ich wohl.“</p>
-
-<p>„Aber die brennende Scham kennen Sie nicht.“</p>
-
-<p>„Für so wertlos halten Sie mich, Kind?“</p>
-
-<p>„Nein,“ wehrte die andere erschrocken ab, „nur für nicht so tief
-gesunken, als ich es bin.“</p>
-
-<p>Einen Augenblick fühlte Eva von Ostried das Verlangen, sich dieser
-Leidensgefährtin gegenüber auszusprechen. Es mußte unsäglich schön
-sein, mit einander zu weinen. Dann empfand sie es als Schwäche,
-überwand sie und sagte frisch und froh:</p>
-
-<p>„Die aufgezwungenen Liebesgaben, mit denen man, in bester Absicht zwar,
-seinen lieben Nächsten quält, sind die gefährlichsten, glaube ich. Also
-begrabe ich hiermit meinen Wunsch feierlich.“</p>
-
-<p>„Ich bringe Ihnen nichts wie Enttäuschungen, Fräulein von Ostried.“</p>
-
-<p>„Dies heute war wirklich eine. Aber jetzt ist sie überwunden. Sprechen
-wir schnell von etwas anderem. Sehen Sie nur, Sie haben da Ihr
-Taschentuch verloren, Kindchen.“ Und sie hob das feine Batistgewebe auf
-und betrachtete es aufmerksam. „Es gehört Ihnen doch oder<span class="pagenum"><a id="Seite_254"></a>[S.&nbsp;254]</span> sollte es
-einer aus der Schülerschar vergessen haben. Lassen Sie mich nach dem
-Namen sehen.“</p>
-
-<p>Gretchen Müller machte eine Bewegung, als wolle sie sich darauf
-stürzen, um es Eva von Ostried zu entreißen, aber als trügen sie die
-müden Füße nicht länger, ließ sie sich wieder auf den kleinen Hocker
-sinken.</p>
-
-<p>„„P. K.“ ist es gezeichnet, Fräulein Gretchen? Ich kenne jemand, der
-es verloren haben könnte, Fräulein Gretchen,“ sagte Eva von Ostried
-ahnungsvoll. „Soll ich seinen Namen nennen oder &ndash; wollen Sie es tun?“</p>
-
-<p>Scham und Angst schüttelten den elenden Körper.</p>
-
-<p>„Ich will sterben,“ flehte das Mädchen.</p>
-
-<p>„Wird es Ihnen so schwer,“ fragte Eva jetzt. „Dann muß ich es wohl tun.
-Nicht wahr, Paul Karlsen war hier &ndash; bei Ihnen?“</p>
-
-<p>Mit einem Aufschrei warf sich Gretchen Müller ihr zu Füßen und
-umklammerte ihre Knie.</p>
-
-<p>„Muß ich jetzt fort?“</p>
-
-<p>Hinter Evas Stirn fieberten die Gedanken, wie einst&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>„Wer hat das Recht zu verdammen? Niemand auf der ganzen Welt! Auch
-die, welche sich schuldlos wähnen, nicht.“ Sie neigte sich und zog die
-Kniende sanft zu sich empor. „Du armes, armes Kind.“</p>
-
-<p>In ihren Augen glühte keine Verachtung. Ihr Gesicht verzog sich nicht
-zu unnahbarem Stolz.</p>
-
-<p>Es war eine alles begreifende und verzeihende Liebe darin!</p>
-
-<p>Das müde, gepeinigte Mädchen erkannte, daß Eva von Ostried jenen Mann
-niemals geliebt hatte und dennoch voll die Macht begriff, die er besaß!</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255"></a>[S.&nbsp;255]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_255_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_129_kopf.jpg" alt="Kapitel 14, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_14">14.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">V</span>or das Hohen-Klitziger Herrenhaus rollte ein Landauer! Die rassigen
-Köpfe zweier Blauschimmel verdunkelten plötzlich das Küchenfenster,
-hinter dem die Mamsell das Futter für die jungen Puten zurechtknetete.
-Sie wandte sich nach der einzigen ihr zur Verfügung stehenden Hilfe um,
-die damit beschäftigt war, von einem Paar langschäftiger Stiefel die
-Kotspritzer mit einem Holzspahn herunter zu kratzen.</p>
-
-<p>„Nee,“ dachte sie dabei, „die sieht kein bißchen proper aus,“ und
-machte sich selbst zum Gehen bereit.</p>
-
-<p>Sie pochte an die zweite Tür neben der Küche, hinter welcher der
-Klitziger Herr zur Sicherheit noch einmal die Seiten zusammenrechnete,
-deren Ergebnis sein Bruder bereits festgestellt hatte.</p>
-
-<p>„Herr Amtsrat, die Waldesruher Schimmel halten vor der Treppe.“</p>
-
-<p>Er sah flüchtig auf, ohne die Feder von den Zahlenreihen zu nehmen.</p>
-
-<p>„Ist wohl ein neuer Kutscher, der noch nicht weiß, wo der Dorfschmied
-wohnt.“</p>
-
-<p>„Ich glaube nicht, daß es neuer Hufbeschlag sein soll, Herr Amtsrat.
-Der Schloßherr sitzt im Wagen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256"></a>[S.&nbsp;256]</span></p>
-
-<p>„So,“ sagte der alte Wullenweber nicht sonderlich interessiert,
-„dann fragen Sie ihn nur nach seinen Wünschen. Ich wäre hier und für
-dringende Sachen auch zu sprechen.“</p>
-
-<p>Er blieb ruhig sitzen; aber er verrechnete sich. Sein verwittertes
-Gesicht nahm einen unwilligen Ausdruck an. Bisher hatte es der Nachbar
-nicht der Mühe wert gehalten, sich ihm in seinem Hause vorzustellen. An
-der Grenze freilich wollte er es verschiedentlich tun. Dazu zeigte der
-Amtsrat keine Neigung.</p>
-
-<p>Der Waldesruher Herr stand in dem Rufe, ein adelsstolzer, hochfahrender
-Mann zu sein, der sich einsam hielt. Daneben war er aber auch
-zweifelsfrei ein tüchtiger Landwirt und das nötigte dem Amtsrat einigen
-Respekt ab. Es war keine Kleinigkeit gewesen, den zurückgekommenen
-Acker und die verfallenen Katenhäuser in Ordnung zu bringen.</p>
-
-<p>Horst Waldemar von Ostried maß sieben Fuß. Also nicht in allen Fällen
-konnte er dafür, wenn er über die meisten Menschen und Dinge fortsah.
-In erster Ehe war er mit einer Gräfin Aschaffenburg vermählt gewesen,
-die ihm keinen Erben geschenkt hatte. Seit ihrem Tode, der ein Jahr vor
-der Uebernahme des Majorats Waldesruh erfolgte, befürchteten die Eltern
-des nächsten Anwärters die Mitteilung seiner zweiten Heirat.</p>
-
-<p>Wie er sich jetzt vor dem Aelteren verneigte, bemühte er sich
-augenscheinlich freundlich und herablassend zu sein.</p>
-
-<p>„Ich hatte es mir schon lange vorgenommen, Herr Nachbar.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257"></a>[S.&nbsp;257]</span></p>
-
-<p>„Ja, so’n Weg von einem Kilometer will überwunden und vorher überlegt
-sein, Herr Nachbar,“ nickte der Amtsrat mit belustigtem Lächeln.</p>
-
-<p>Der andere räusperte sich.</p>
-
-<p>„Ich komme mit einer Bitte, Herr Amtsrat.“</p>
-
-<p>„Das habe ich mir denken können, Herr von Ostried.“</p>
-
-<p>„Es handelt sich nämlich um die Adresse von der Tochter meines
-Vorgängers.“</p>
-
-<p>„So, Sie möchten wissen, wo sich Ihre Base Eva zur Zeit aufhält?“</p>
-
-<p>„Ganz recht; daran wäre mir viel gelegen.“</p>
-
-<p>Ein prüfender Blick strich über die mächtige Gestalt des Schloßherrn
-hin. Sollte diese Frage etwa die Vorbereitung zu einer zweiten Ehe
-sein? Es war, als ahne der Riese ähnliche Gedanken. Fast hastig gab er
-eine Erklärung ab.</p>
-
-<p>„Wir müssen einen Familientag einberufen, zu dem &ndash; unserm Hausgesetze
-gemäß &ndash; sämtliche Ostrieds gerader Linie eingeladen werden müssen.“</p>
-
-<p>„Ich glaube, auf diesen Anspruch wird Eva von Ostried keinen besonderen
-Wert legen.“</p>
-
-<p>„Darauf kommt es nicht an. Es ist eine reine Formsache. Ich kann Ihnen
-übrigens gern den Grund nennen, wenn es Sie interessieren sollte.“</p>
-
-<p>„Bemühen Sie sich nicht. Ich mache mir nicht viel aus solchen
-Geschichten.“</p>
-
-<p>„Erlauben Sie mir, daß ich es trotzdem tue, um nicht für meine Person
-in irgend einen unbegründeten Verdacht zu kommen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_258"></a>[S.&nbsp;258]</span></p>
-
-<p>Der Amtsrat mußte wieder lächeln. Schlau war der Kerl entschieden.</p>
-
-<p>„Daß Sie sich daraus etwas machen, Herr von Ostried.“</p>
-
-<p>„Die Tochter meines Vorgängers steht bei unserer ganzen Familie in
-nicht sonderlicher Hochachtung.“</p>
-
-<p>„Solange ich ihr Vormund gewesen bin, war nichts, auch nicht das
-Geringste an ihrer Aufführung zu mäkeln.“</p>
-
-<p>„Sie wollte doch &ndash; äh &ndash; zur Bühne.“</p>
-
-<p>„Das meinen Sie damit? Ach so! Na ja, das beabsichtigte sie freilich
-stark. Im Prinzip war ich auch dagegen, wie das ja die Verweigerung
-meiner Erlaubnis bis zu ihrer Volljährigkeit bewiesen hat.“</p>
-
-<p>„Darf ich also kurz referieren, Herr Amtsrat.“</p>
-
-<p>„Wenn Sie es durchaus nicht anders tun. Bitte schön.“</p>
-
-<p>„Ein Ostried-Javelingen hat kürzlich eine Eingabe um Verleihung
-des seit fünfzehn Jahren nicht mehr zur Verteilung gelangten
-Stiftungsgeldes für bedürftige Familienmitglieder gestellt. Zum
-rechtswirksamen Gewähren ist nicht nur die schriftliche Zustimmung
-sämtlicher stimmfähiger Ostrieds &ndash; auch der weiblichen &ndash;
-erforderlich, sondern ihr Zusammenkommen an gemeinsamer Stelle zwecks
-vertraulicher mündlicher Aussprache.“</p>
-
-<p>„Jetzt fange ich an, die Notwendigkeit zu begreifen, Herr von Ostried.
-Das muß sein, weil zu erwarten ist, daß dieser oder jener ein bißchen
-Dampf vor einer Beleidigung oder Ablehnung mit Tinte hat.“</p>
-
-<p>„Es gibt doch Sachen, die zu empfindlich sind, um sie
-niederzuschreiben.“</p>
-
-<p>„Gerade das habe ich gemeint. Da fliegt ein Wort in der Luft rum, die
-Frauen flüstern es vielleicht bloß. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_259"></a>[S.&nbsp;259]</span> gehört und bewertet wird’s
-jedenfalls. Und das mag schon genügen.“</p>
-
-<p>„War Ihre Frau Mutter vielleicht &ndash;“</p>
-
-<p>Der Amtsrat unterbrach ihn kurz. „Nein, durchaus nicht! Sie war
-eine geborene Hafermatz aus Kölpin, Tochter des derzeitigen
-Wirtschaftsbeamten. Meine Weisheit hat einen andern Ursprung. Ich
-weiß das von einer, die auch mal um dieses Geld eingekommen ist,
-weil damit ihr schwacher Körper wohl noch auszuheilen gewesen wäre.
-Eva von Ostrieds Mutter hatte sich nämlich nach vielen und harten
-Gewissensnöten zu diesem Ersuchen entschlossen. Sie tat’s ihrem Kinde
-zu Liebe. Die Antwort war eine Woche später eine bestimmt verneinende.“</p>
-
-<p>„Dann haben also bereits bei der Vorberatung, die schriftlich erledigt
-werden kann, die Mehrzahl der Familienmitglieder den Antrag abgelehnt.“</p>
-
-<p>„Jedenfalls wird es so gewesen sein.“</p>
-
-<p>„Wir brauchen nicht Verstecken mit einander zu spielen, Herr Amtsrat.
-Mein Vorgänger war kein Mann, dem man solche Zuwendungen machen durfte.
-Unser Hausgesetz verlangt ausdrücklich einen tadellosen Charakter
-oder um mit seinen Worten aus dem Jahre 1800 zu sprechen: Es muß eine
-feine und ritterliche Familie sein, der früher und auch jetzo nichts
-anzuhängen gewesen ist.“</p>
-
-<p>„Sie sprechen da plötzlich von dem Manne. Ich habe nie gehört, daß dem
-damaligen schönen Ostried irgend ein Organ schwach geworden wäre. Hier
-handelte es sich um die Frau, die über jedem Zweifel erhaben stand.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260"></a>[S.&nbsp;260]</span></p>
-
-<p>„Was der Mann tut, darstellt oder unterläßt, fällt in der Ehe allemal
-auf die Frau zurück. Auch darüber gibt es natürlich Bestimmungen.“</p>
-
-<p>„Ein schönes Familiengesetz, das so was vorschreibt.“</p>
-
-<p>„Darüber wollen wir nicht streiten, Herr Amtsrat.“</p>
-
-<p>„Sie haben Recht. Einem Gaul, der ein Kleber ist, bringt ja auch kein
-Schenkeldruck von der Stelle, wenn er nicht schließlich selbst will.“</p>
-
-<p>Das hochmütige Gesicht verlor nichts von seiner kühlen Freundlichkeit.</p>
-
-<p>„Für so eigensinnig hätte ich Sie nicht gehalten, Herr Amtsrat.“</p>
-
-<p>„Das soll wohl eine Beleidigung sein,“ dachte der alte Wullenweber und
-lachte vergnügt in sich hinein. „Mein Jungeken, damit hast du bei mir
-kein Glück.“</p>
-
-<p>Laut sagte er:</p>
-
-<p>„Ich bin sogar so eigensinnig, daß ich Eva von Ostrieds Vater nicht
-mehr in mein Haus reingelassen habe, seitdem es mir keine Ehre mehr
-sein konnte, mit ihm umzugehen.“</p>
-
-<p>Der Hieb saß.</p>
-
-<p>„Aber seiner Tochter scheinen Sie erfreulicherweise die alte Zuneigung
-erhalten zu haben,“ meinte der Schloßherr mit glatter Höflichkeit.</p>
-
-<p>„Zu der Tochter stand und stehe ich weiter in gar keinem Verhältnis.
-Sie ist mir fremd geblieben. Was ich übernahm, tat ich lediglich für
-ihre Mutter. Uebrigens weiß ich seit ihrer Volljährigkeit nur das eine,
-daß sie seit dem Tode ihrer mütterlichen Freundin, irgendwo in Berlin
-untergetaucht ist.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_261"></a>[S.&nbsp;261]</span></p>
-
-<p>„Auch die Adresse ist Ihnen unbekannt geblieben, Herr Amtsrat?“</p>
-
-<p>„Noch gestern hätte ich das glatt verneinen müssen. Heute allerdings.“</p>
-
-<p>Es klang zögernd. Aber der Schloßherr hat bereits das Notizbuch
-hervorgesucht und netzte den Stift behutsam an den Lippen.</p>
-
-<p>„Ich war vorher noch nicht zu Ende gekommen, Herr Amtsrat. Ich lege
-aus zweierlei Gründen großes Gewicht gerade auf diese Adresse. Erstens
-ist anzunehmen, daß Fräulein von Ostried, wenn auch nur, um sich für
-die Teilnahmslosigkeit unserer Familie zu rächen, widersprechen würde,
-sobald sie etwas von dem ohne sie gefaßten Beschluß erführe.“</p>
-
-<p>„Mein Gott, wie sollte sie davon hören.“</p>
-
-<p>„Es könnte immerhin möglich sein. &ndash; Der zweite Grund betrifft
-sie selbst. Ich halte mich noch nicht befugt darüber zu sprechen.
-Jedenfalls &ndash; &ndash; Also, wenn ich Sie jetzt bemühen darf, Herr Amtsrat.“</p>
-
-<p>„So schnell geht das nicht. Sie denken wohl, ich brauchte sie ihnen so
-ganz einfach bloß zudiktieren.“</p>
-
-<p>„Etwas anderes zog ich allerdings nicht in Betracht.“</p>
-
-<p>„Bedaure! Sie müssen sich noch selbst darum bemühen. Ich besitze
-seit gestern nämlich lediglich die Möglichkeit, näheres über sie zu
-erfahren. Mein Neffe, Rechtsanwalt Wullenweber, berichtet mir, daß sie
-in einer geschäftlichen Angelegenheit seinen juristischen Beistand in
-Anspruch genommen hätte. Seine Adresse ist zu Ihrer Verfügung.“ &ndash; Der
-Amtsrat nannte sie.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_262"></a>[S.&nbsp;262]</span></p>
-
-<p>„Haben Sie eine Ahnung, verehrter Herr Amtsrat, ob Ihr Herr Neffe ein
-tüchtiger Anwalt ist?“</p>
-
-<p>„Ich bin ebenso wenig Jurist, wie Sie, Herr von Ostried und unser
-zuständiges Amtsgericht kenne ich, Gottlob, bisher nur von außen. So
-viel weiß ich aber, daß der Justizrat, dessen Teilhaber er ist, einen
-guten Namen und ungeheuren Zuspruch hat.“</p>
-
-<p>„Das genügt mir völlig. Anläßlich des Familientages muß ich nämlich
-einen Anwalt für bestimmte Zusätze und kleine Abänderungen in unseren
-Statuten gewinnen.“</p>
-
-<p>Er empfand es als angenehm, dies bei seiner Bitte um Eva von Ostrieds
-Adresse nunmehr in den Vordergrund stellen zu können.</p>
-
-<p>„Wenn ich recht unterrichtet bin, haben Sie, Herr Amtsrat, als
-einstiger Vormund und Bevollmächtigter von Eva von Ostrieds Vermögen
-auch sehr wertvolle alte Möbelstücke aus dem Waldesruher Schloß zur
-Aufbewahrung übernommen?“</p>
-
-<p>Der Amtsrat lächelte grimmig.</p>
-
-<p>„Vermögen! Das klingt außerordentlich stolz. Wissen Sie zufällig, wie
-hoch sich die Summe bezifferte?“</p>
-
-<p>„Wie käme ich zu einer genauen Kenntnis. Wir mit dem gleichen Namen
-hofften damals, daß sie jedenfalls zu einem standesgemäßen Unterhalt
-ausreichen würde.“</p>
-
-<p>„Nett von Ihnen! Sie hofften, leider, vorbei. Eintausend Mark waren’s!“</p>
-
-<p>„Wie könnte sie sich damit durchgefunden haben?“</p>
-
-<p>„Die Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Ich hatte die Ehre, eine
-vortreffliche Frau, die ihr eine zweite Mutter geworden war, kurz vor
-ihrem unerwartet eingetrete<span class="pagenum"><a id="Seite_263"></a>[S.&nbsp;263]</span>nen Tode kennen zu lernen, und ging mit dem
-berechtigten Gefühl von ihr, daß sie fraglos einen Teil ihres soliden
-Reichtums meinem verflossenen Mündel überschriebe. Erst gestern teilte
-mir mein Neffe mit, der übrigens diese Wissenschaft wiederum von dem
-Notar und Freund der Toten, dem schon erwähnten tüchtigen Justizrat,
-schöpfte, daß der plötzliche Tod sie daran gehindert haben müsse.
-Jedenfalls ging Eva von Ostried leer aus. Aber Sie fragten auch nach
-den alten Möbeln. Einen Augenblick! Bitte, hier ist das Verzeichnis.
-Es sind Stücke von großer Schönheit darunter. Das Sterbezimmer ihrer
-Mutter besitzt Eva bereits. Deren kleines Wohnzimmer &ndash; übrigens
-eingebrachtes und daher nicht zur Masse gehöriges Gut, wie auch jene
-Sachen, die sich schon in Eva von Ostrieds Besitz befinden &ndash; stellt
-dies dar.“</p>
-
-<p>„Ein offenes Wort, Herr Amtsrat! Sind diese kostbaren alten Stücke
-verkäuflich? Ich weiß nicht, ob Sie ahnen, daß ich leidenschaftlicher
-Sammler von altertümlichen Möbeln bin. Einen ebenso hohen Preis wie
-jeder andere fremde Liebhaber würde ich natürlich auch anlegen.“</p>
-
-<p>„Ich bin so ungebildet in diesen Sachen, daß ich nicht mal sagen kann,
-ob das wirklich Altertümer in Ihrem Sinne sind. Nur das eine weiß
-ich aus dem Mund von Evas Mutter, daß sie schon im Heim von deren
-Großeltern gewesen sind.“</p>
-
-<p>„Darf ich wissen, wie Sie über einen Verkauf denken, Herr Amtsrat?“</p>
-
-<p>„Darüber habe ich nichts mehr zu bestimmen, Herr von Ostried. Als ihr
-Vormund hätte ich einen besonders günstigen Verkauf, mit Rücksicht auf
-die bestehende Vermögens<span class="pagenum"><a id="Seite_264"></a>[S.&nbsp;264]</span>losigkeit, zweifelsfrei verantworten können.
-Jetzt stehe ich kaum anders wie jeder Fremde zu der Besitzerin.“</p>
-
-<p>„Könnten Sie mir wenigstens die Möbel zeigen, Herr Amtsrat?“</p>
-
-<p>„Dazu wäre meine alte Klidderten nötiger als ich. Ich habe mich nur
-bis zu dem Augenblick ihrer sicheren Unterstellung darum gekümmert.
-Das Zudecken und Abstauben ist der Klidderten ihre Sache. Die wird
-aber gerade mit dem Kochen zu tun haben. Eine Sache könnten Sie indes
-ansehen. Evas Mutter machte sie mir zum Geschenk. Stil und Holzart
-sind hier wie dort gleich. Sehen Sie dort, der Schreibtisch aus
-italienischem Nußbaum.“</p>
-
-<p>Es war ein wundervolles Stück mit reicher künstlerischer
-Tiefschnitzerei. In Form und Art an die alten Zylinderbüros erinnernd,
-die in keiner Großvaterstube zu fehlen pflegten. Nur, daß die Einlagen
-über den reich geschnitzten Holzrändern aus Mosaikstückchen bestanden,
-die sich zu kleinen, wirkungsvollen Bildern einten. Das runde große
-Medaillon des Aufsatzes, das ein halbes Jahrhundert später, als Ersatz
-des zerschlagenen Mosaikbildes eingefügt war, zeigte ein Pastellbild.
-Ein namhafter Maler aus jener verzweifelten Zeit, in der Eva von
-Ostrieds Mutter auf den Gedanken gekommen war, einen Teil des Schlosses
-und des wundervollen Parkes erholungsbedürftigen Künstlern gegen
-Entgelt zur Verfügung zu stellen, hatte es geschaffen.</p>
-
-<p>Der Schloßherr warf mit einer geschickten Bewegung das Monokle
-in das kurzsichtige rechte Auge. Sein müder Blick belebte sich
-auffallend. Der tiefe Durchzieher, mit der einst auf dem Heidelburger
-Fechtboden erhaltenen blutroten Belehrung, daß auch nicht sonderlich
-hochgewachsene Leute<span class="pagenum"><a id="Seite_265"></a>[S.&nbsp;265]</span> eine gute Klinge führen können, begann zu glühen.
-Das Hochmütige in seinen Zügen verschwand.</p>
-
-<p>Als er nach langem aufmerksamen Betrachten den Kopf hob und die Hände
-von der Schnitzerei nahm, war er ein ganz anderer wie zuvor. Es
-bedurfte also nur des Aufflammens einer leidenschaftlichen Neigung, um
-die oft genug abstoßend wirkende Tünche herunter zu bröckeln.</p>
-
-<p>„Ich würde Ihnen zehntausend Mark geben, wenn Sie mir dies Stück
-überlassen könnten, Herr Amtsrat.“</p>
-
-<p>„Es wäre mir auch nicht um das Doppelte feil, Herr von Ostried.“</p>
-
-<p>„Soviel allerdings. &ndash; Immerhin fordern Sie getrost. Wir werden uns
-bestimmt verständigen.“</p>
-
-<p>„Es ist unverkäuflich,“ entschied der alte Wullenweber kurz und zornig.</p>
-
-<p>„Sie sind doch aber gar nicht Sammler solcher Dinge! Was kann dies für
-Sie für einen Wert haben?“</p>
-
-<p>„Den da,“ sagte der Amtsrat einsilbig und legte den Zeigefinger
-behutsam auf das Pastellbild.</p>
-
-<p>„Sehen Sie,“ frohlockte der andere, „damit wären wir uns schon
-bedeutend näher gekommen. Dieses Bildnis würde ich sofort für Sie
-entfernen lassen. Für meine Zwecke entstellt es das Ganze und
-verringert seinen Wert erheblich.“</p>
-
-<p>„S&ndash;o, das wäre also Ihre Ansicht?“</p>
-
-<p>Der Schloßherr neigte sich zu dem Bild herab und schenkte ihm zum
-ersten mal einige Aufmerksamkeit.</p>
-
-<p>„Wen stellt es dar, wenn ich fragen darf?“</p>
-
-<p>„Frau von Ostried und ihre Tochter Eva.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266"></a>[S.&nbsp;266]</span></p>
-
-<p>Noch einmal glitt sein Blick prüfend darüber hin. „Ich kannte die Frau
-meines Vorgängers nicht persönlich,“ meinte er endlich und es klang wie
-eine Entschuldigung. „Sie muß sehr schön gewesen sein.“</p>
-
-<p>„Vielleicht befragen Sie deswegen die paar alten Leute, die sich ihrer
-gewiß noch erinnern.“</p>
-
-<p>Das klang eiskalt und schnitt eigentlich jede weitere Frage ab. Der
-Schloßherr wollte es nicht empfinden. Er blickte immer noch, von
-dem unvergleichlichen Reiz der beiden aneinandergeschmiegten Köpfe
-gefesselt, auf das Bild von Mutter und Tochter.</p>
-
-<p>„Sie sind scheinbar ein Frauenverächter, Herr Amtsrat.“</p>
-
-<p>„Wieso? Weil ich mich im ersten Augenblick von Ihrer Frage abgestoßen
-fühlte? Sie sollen sich nichts falsches vorstellen. Für mich ist Frau
-von Ostried die Schönste auf der ganzen Welt gewesen und geblieben.“</p>
-
-<p>Er mußte dies sagen, weil er kein anderes Mittel kannte, um die ihm
-zudringlich und lästig werdenden Fragen abzuwehren. Der Schloßherr
-begriff. Es war alles durchaus verständlich. Der leichtsinnige
-Schloßherr, der sich nicht um die Seinen bekümmert hatte, auf der einen
-Seite. Dieser biedere, brave Mann, der gewiß nur seine Augen und Ohren
-für die kränkelnde, vom eigenen Gatten vernachlässigte Frau bereit
-gehalten, auf der andern! Dazu diese strenge Abgeschlossenheit von Welt
-und Leben.</p>
-
-<p>Unangenehm blieb einzig, daß die Schönheit auf dem Pastellbild
-den alten Namen trug wie er und der Kummersbacher, das Mitglied
-des Herrenhauses auf Lebenszeit, und die Vettern Exzellenz, der
-Generalleutnant und der Wirkliche Geheime Rat, sowie die andern
-der Familie. Schließ<span class="pagenum"><a id="Seite_267"></a>[S.&nbsp;267]</span>lich hätte man sich auch damit im Lauf der
-Jahre abgefunden, wenn dies verblüffend reizende Gesicht neben der
-großäugigen Frau, das irgendwo in Berlin herumlief, nicht immer noch
-weiter zur Familie gehörte. Die Tatsache, daß Eva bei dem Einladen zum
-Familientag unmöglich übergangen werden durfte, bewies es deutlich. Ein
-Gesicht wie dieses, selbst wenn es den kindlichen Zauber eingebüßt,
-machte es der Trägerin doppelt und dreifach schwer, ohne Aufsehen durch
-die Welt zu kommen.</p>
-
-<p>„Wann haben Sie Eva von Ostried zum letzten mal gesehen, Herr Amtsrat,“
-forschte er aus diesen Gedanken heraus.</p>
-
-<p>Der alte Wullenweber fuhr erschrocken zusammen. So tief hatte er sich
-mit der heraufbeschworenen Vergangenheit beschäftigt.</p>
-
-<p>„Bei ihres Vaters Begräbnis ist es gewesen. Hätte ich gefehlt, wäre sie
-ganz allein neben dem Seelsorger hinter dem Sarg, hergeschritten. Denn
-die Tagelöhner blieben aus Bescheidenheit eine halbe Meile zurück. Und
-von den Nachbarn oder seiner Familie war niemand dabei.“</p>
-
-<p>„Die Anzeigen von seinem Tod müssen sich verspätet haben. Vielleicht
-sind überhaupt keine verschickt. Ich jedenfalls erhielt die Nachricht
-erst durch meine Berufung zu seinem Nachfolger.“</p>
-
-<p>„Also doch rechtzeitig,“ meinte der Amtsrat bitter und sah nach der
-Uhr, die mit behaglichem Pendelschlag die kleine Pause belebte.</p>
-
-<p>„Ich habe nur einer Leidenschaft im Leben bisher nachgegeben,“ begann
-er von neuem und diesmal leiser und weicher wie zuvor. „Ich verriet sie
-Ihnen bereits. Schon<span class="pagenum"><a id="Seite_268"></a>[S.&nbsp;268]</span> in frühster Jugend war die Vorliebe für alte,
-wirklich schöne Sachen so groß, daß ich mir jedes Vergnügen versagte,
-um mich endlich in den Besitz eines ersehnten Gegenstandes zu bringen.“</p>
-
-<p>„Verrückt,“ mußte der alte Wullenweber denken, aber es söhnte ihn etwas
-mit diesem scheinbar kalten, wesenlosen Menschen aus.</p>
-
-<p>„Vielleicht sprechen Sie persönlich mit Ihrer Base, wenn Sie zu dem
-hochwichtigen Familientage in Berlin sind,“ schlug er vor.</p>
-
-<p>„Vorläufig geht es mir um dies Stück.“ Und er fuhr, wie liebkosend,
-über das edle, alte Holz.</p>
-
-<p>Ehe noch der Amtsrat die scharfe Erwiderung, die ihm dies taktlose
-Festhalten auf die Lippen zwang, aussprechen konnte, fuhr er fort:</p>
-
-<p>„Ich würde Ihnen sehr gern durch einen Berliner Sachverständigen das
-Pastellbild entfernen und in einen durchaus würdigen Rahmen bringen
-lassen. Derselbe könnte mir auch den Ersatz für das Mosaikrund
-besorgen. Ihnen ginge nach Ihren eigenen Worten durch die Hingabe des
-alten Stückes selbst nicht allzu viel verloren. Mir aber täten Sie
-einen großen Gefallen. Wollen Sie nicht wenigstens die Güte haben, sich
-meinen Vorschlag zu überlegen?“</p>
-
-<p>„Eine Gegenfrage,“ sagte der Amtsrat und seine Stimme klang stahlhart.
-„Was würden Sie sagen, läge die Geschichte umgekehrt? Sie wollten aus
-einem für Sie wichtigen Grunde nicht und der andere &ndash; nun &ndash; der hörte
-eben nicht auf zu drängen. Sie würden mich aufrichtig verbinden, wenn
-ich das wissen dürfte, Herr von Ostried!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269"></a>[S.&nbsp;269]</span></p>
-
-<p>Mit einem Schlage verwandelte sich das Gesicht des Majoratsherrn
-wiederum in das unbeweglich hochmütige. Das Monokle hüpfte mit feinem
-Klingen gegen einen Kopf des tadellos sitzenden Besuchsrockes. Die
-blassen, kühlen Augen schauten von neuem wie aus einer Maske. Er nahm
-die Hacken zusammen und verneigte sich leicht.</p>
-
-<p>„Verzeihung, wenn ich aufdringlich erschienen bin. Sie haben natürlich
-recht. Ich würde mir das ebenfalls verbeten haben. Nun, mein Agent in
-Berlin wird ja wohl ein ähnliches Stück auftreiben können.“</p>
-
-<p>Er reichte dem Amtsrat die Hand hin.</p>
-
-<p>„Ich habe Sie ungebührlich lange aufgehalten, Herr Amtsrat!“</p>
-
-<p>Seine Bewegungen waren wieder gemessen und herablassend. Eine jede
-schien das aufrichtige Bedauern auszudrücken, daß er sich mit dem
-ungefälligen Nachbar überhaupt eingelassen hatte.</p>
-
-<p>&ndash; Der Abschied war schließlich fast hastig.</p>
-
-<p>Wenn es einmal und zwar schüchtern gegen die Küchentür stieß, dann war
-es Filax, der alte Stubenhund, den ein beständiger Hunger plagte. Wenn
-es zweimal und zwar mit einem donnerähnlichen Geräusch dagegen krachte,
-war es der Major a.&nbsp;D. Wullenweber, der die alte Klidderten anschnauzen
-wollte.</p>
-
-<p>Auguste, die fahrige blutjunge Deern, duckte sich jedesmal bei
-Beginn des Polterns ängstlich zusammen. Die Mamsell jedoch öffnete
-unerschrocken, wenn auch voller Behutsamkeit, damit der Draußenstehende
-nicht etwa von einem heftigen Anprall umgeworfen würde und sagte
-freundlich:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270"></a>[S.&nbsp;270]</span></p>
-
-<p>„Ja, Herr Major, heute wird’s zehn Minuten später mit den frischen
-Kartoffeln. Der Waldesruher Herr war bei uns.“</p>
-
-<p>„Wenn Sie „frische Kartoffeln“ sagen, klingt das noch großartiger als
-wenn seiner Zeit der Oberkellner in Esplanade meinetwegen „frische
-Austern“ lispelte,“ höhnte er poltrig und unzufrieden.</p>
-
-<p>„Ich kenne bloß Dabersche und denn magnum bonum und die kleine blaue
-frühe, denn von der weißen halt’ ich nichts. Austern bauen wir hier gar
-nich.“</p>
-
-<p>„Sie sind ein Kamel, Klidderten.“</p>
-
-<p>„Denn müßt ich ja wohl in die Wüste, Herr Major. So ist mir das von
-meiner Jugend her erinnerlich. Und denn kriegten Sie alle überhaupt
-nichts warmes auf den Tisch.“</p>
-
-<p>„Nun schweigen Sie endlich still. Wenn man schon nichts zu essen
-bekommt, muß man wenigstens einen ordentlichen Tropfen trinken.
-Nehmen Sie mal Vernunft an, Fräulein Kliddert. Eine einzige Flasche,
-Mamsellchen. Na los.“ Sie kam ein wenig näher. Aber doch nicht
-mehr, wie auf fünf Schritt Distanz. Dann ließ sie die angeborene
-Bescheidenheit halt machen.</p>
-
-<p>„Begucken Sie sich bloß mal im Spiegel, Herr Major. Ist das nicht eine
-wahre Freude mit Ihnen? Sehen Sie vielleicht aus wie einer, der in
-die Sechzig will? Wirklich nicht. Von der dummen Krankheit, als Sie
-gerade angekommen waren, ist keine Spur mehr zu merken. „Klidderten,“
-hat neulich der Waldesruher Gärtner zu mir gesagt, denn er kommt jeden
-Donnerstag aus alter Gewohnheit auf einen Schwatz in die Küche. „Was
-ist das für ein Kavalier mit dem feinen Spitzbart &ndash;“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_271"></a>[S.&nbsp;271]</span></p>
-
-<p>„Hören Sie schon damit auf,“ murrte der Major, aber in seiner Eitelkeit
-freute er sich kindisch darüber.</p>
-
-<p>Die alte Klidderten schielte nach der andern Seite des Hauses hin, von
-welcher ihr der Amtsrat zu Hilfe kommen sollte, denn die Blauschimmel
-waren schon angetrabt. Dann war für diesmal wieder alles ausgestanden.
-Vor dem Bruder schwieg der Herr Major davon!</p>
-
-<p>Aber der Hohenklitziger Herr stand versonnen und sah dem davonrollenden
-Gefährt mit gefurchter Stirn nach.</p>
-
-<p>Die Gedanken schossen ihm wild durch den Kopf.</p>
-
-<p>„Wenn der das Mädel in Berlin kennen lernen sollte und sie gefällt
-ihm und er kriegt doch vielleicht nicht von seinem Agenten den
-ähnlichen alten Schreibtisch und er denkt dann so nebenbei dran, daß es
-vielleicht hübscher und angenehmer wäre, der jetzige Anwärter erbte das
-Majorat nicht, sondern sein eigenes Fleisch und Blut und sie sagt „ja“,
-denn wie sollte ein armes Ding wohl den Mut zu einem „nein“ finden.“</p>
-
-<p>Aergerlich wandte er sich herum. Was ging ihn dies alles an? Hatte er
-sich die letzten Jahre überhaupt um das Mädel &ndash; die Eva &ndash; gekümmert?
-Trotzdem sie die Tochter der geliebten Frau war. Dumme Ausrede, daß
-er an die Erbschaft durch die Präsidentin und ihr gutes Auskommen
-felsenfest geglaubt hatte.</p>
-
-<p>Ein Mann in seinen Jahren glaubt nur das, wovon er sich auch überzeugt
-halten darf. Erst der Junge, der Walter, mußte sie ausfindig machen,
-ehe er an sie dachte.</p>
-
-<p>Gedankenlos war er weiter gegangen und stand nun vor der alten
-Klidderten, die ihm heftig zublinkte. Diese Sprache begriff er
-ausgezeichnet. Seitdem sich sein Bruder damals<span class="pagenum"><a id="Seite_272"></a>[S.&nbsp;272]</span> nach dem glücklich
-überstandenen Schlaganfall zum Hierbleiben entschlossen hatte, stand
-sie ihm auch hierin getreulich zur Seite. Es kamen immer wieder Tage,
-in denen der Major ein unbändiges Verlangen nach den Dingen trug,
-durch die er sich bis jetzt seine Vergnügungen verschaffte. In dieser
-Abgeschlossenheit wäre ihm höchstens ein guter, alter Tropfen aus dem
-Keller mit der lebensgefährlichen Treppe erreichbar gewesen. Er selbst
-war aber nicht imstande, die schwindelnde Stiege hinabzuklimmen und die
-alte blödsinnige Gans, wie er sie soeben bei sich nannte, tat ihm nicht
-den heimlichen Gefallen.</p>
-
-<p>Da sprach ihn der Amtsrat an: „Du hattest heute früh einen Brief von
-Walter, nicht wahr?“</p>
-
-<p>Der Major brummte eine Erwiderung die unverständlich blieb.</p>
-
-<p>„Sonderbar,“ wunderte sich der Amtsrat, „weil er doch gerade erst
-gestern an mich geschrieben hatte.“</p>
-
-<p>„Wieso sonderbar? Kann er nicht auch mal ausnahmsweise was mit seinem
-Vater zu bereden haben?“</p>
-
-<p>„Natürlich. Er betonte aber gerade zu mir, wie knapp seine Zeit
-geworden sei.“</p>
-
-<p>„Wenn dich die Neugier sticht, kannst du den Brief nachher lesen.“</p>
-
-<p>„Du weißt genau, daß es etwas anderes ist!“</p>
-
-<p>„Meinetwegen. Du hör’ mal,“ und er zog den Amtsrat bei Seite wie ein
-Kind, das etwas Heimliches zu sagen hat, vor dem es sich im Grunde
-genommen, ein wenig schämt, „befiehl doch mal deiner verehrten
-Scharteke da, daß sie uns eine von dem herben Ungar raufholt. Frage
-nichts. Gib<span class="pagenum"><a id="Seite_273"></a>[S.&nbsp;273]</span> auch keine Lehren. Tu mir mal ausnahmsweise den kleinen
-Gefallen.“</p>
-
-<p>Der Amtsrat hatte eine heftige Ablehnung bereit. Als er aber das alte,
-bittende Gesicht sah, überkam ihn eine eigentümliche Weichheit.</p>
-
-<p>Schließlich war es keine Kleinigkeit, daß der Bruder Leichtfuß seinen
-tiefgewurzelten Widerwillen gegen die ländliche Stille überwunden und
-&ndash; seinem Ehrenwort getreu &ndash; ohne neue Schulden zu machen, bei ihm
-ausharrte. Er tuschelte mit der Klidderten.</p>
-
-<p>„Schön, holen Sie eine rauf. Wir haben ja ohnehin noch fünfzig von der
-Sorte.“</p>
-
-<p>„Aber, ihn bloß nichts davon merken lassen, Herr Amtsrat.“</p>
-
-<p>„Wenn Sie sich nicht verplappern, Klidderten.“</p>
-
-<p>„Wo werd’ ich denn. Ich bleibe dabei, daß es im Ganzen überhaupt bloß
-noch zwei waren. Eine wurde ausgetrunken, als Herr Walter das letzte
-mal bei uns war. Nu is denn keine einzige mehr da. Bloß noch der
-Säuerling, den ich für’s Wildragut gebrauche.“</p>
-
-<p>Mit verständnisvollem Lächeln verschwand sie hinter der schweren
-Küchentür. &ndash; Der Amtsrat trank kaum ein halbes Glas von dem
-goldklaren, alten, schweren Sorgenbrecher. Daß er ihm Bescheid
-tun sollte, verlangte der Major auch gar nicht. Er selbst sog mit
-geschlossenen Augen in kleinen, schmatzenden Zügen.</p>
-
-<p>In der Mitte des Tisches dampften die frischen Kartoffeln mit einer
-reichlichen Beigabe grüner Petersilie. Neben jedem der beiden Gedecke
-duftete eine kräftige Scheibe Bratspeck. Dazu stand &ndash; wie gewöhnlich
-&ndash; ein Topf mit köst<span class="pagenum"><a id="Seite_274"></a>[S.&nbsp;274]</span>licher Buttermilch bereit. Der alte Offizier wurde
-wieder jung, leichtsinnig und prahlerisch.</p>
-
-<p>„Als ich bei den Kürassieren in Dernburg stand, kriegte ich von zarter
-Hand ganze Körbe voll Champus. Bedankt habe ich mich nie. Bei wem denn?
-Man ahnte natürlich. Das Nest war ja klein. Aber die Eifersucht unter
-der edlen Weiblichkeit war zu groß geworden. So war’s schlauer, ich
-stellte mich unwissend.“</p>
-
-<p>Der junge Kürassierleutnant hatte sich dann in die Infanterie stecken
-lassen müssen. Wegen Schulden natürlich.</p>
-
-<p>„Zuerst dachte ich mir das gräßlich. Hatte Selbstmordgedanken.
-Schließlich machte sich’s ganz nett. Mädelchen waren da noch viel
-aufmerksamer und verliebter.“</p>
-
-<p>Als Hauptmann der Infanterie kam er auf der Treibjagd zu dem, was er
-sein Unglück nannte.</p>
-
-<p>„Alles vorbei. Es war zum Rasendwerden. Man war niemand mehr.“ Seine
-Ehe hatte er vergessen. Sie war ja auch nur kurz gewesen. &ndash; In der
-Flasche schimmerte der Boden mit dem Rest des Goldenen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>„Doch &ndash; die Kinder! Vater spielen will gelernt sein. Mir lag’s nicht.
-Der Junge war mir zuweilen direkt peinlich mit seiner unbequemen Art zu
-gucken und Fragen zu stellen. Aber &ndash; das Mädchen.“</p>
-
-<p>Der letzte Tropfen hing schwer an seinem grauen Bart, den der
-Haarkünstler nun nicht mehr ausbesserte. Ihn stieß das Elend.</p>
-
-<p>„Daß du’s weißt, ich bleibe nicht länger hier. Morgen früh geht’s
-weg. Kannst du mir das verdenken? Zwei reichliche Jahre immer bloß
-Buttermilch und die Faltenschnute von deiner Klidderten. Daß man das
-überhaupt<span class="pagenum"><a id="Seite_275"></a>[S.&nbsp;275]</span> geschafft hat. Nie raus aus der Bude. Immer hinter den
-Rechenbüchern und dabei noch das Gefühl, als mache der erste beste
-Quartaner die Geschichte besser. &ndash; Jetzt geht in Berlin nach dem
-toten Sommer das Leben wieder los. Auf der Tauentzienstraße, weißt du!
-Mädelchen gibt’s da. Einfach süß. Wenn ich im Wagen oder wo am Fenster
-sitze, mache ich immer noch eine gute Figur. Und die kleine Weinstube
-beim Anstermeier. Piekfein. Und anständig. Niemals mahnen die. Bloß
-einmal im Jahre, wenn’s einem natürlich am wenigsten paßt, erinnern sie
-bescheiden. &ndash; Uebermorgen kann ich schon drin sitzen. Gleich nachher
-will ich dem Jungen telegraphieren. Du läßt’s zur Post besorgen. Das
-werd’ ich ja wohl noch verlangen können.“</p>
-
-<p>Der Amtsrat hatte zugehört, ohne einmal den Schwall der Worte zu hemmen.</p>
-
-<p>„Du wolltest mir Walter’s Brief geben,“ sagte er nur, als der Major
-endlich verstummt war.</p>
-
-<p>„Den Brief? Richtig. Hier ist er!“</p>
-
-<p>„Ich werde ihn dir noch einmal vorlesen.“</p>
-
-<p>„Nicht nötig. Habe mich bereits selbst genügend von seinem Inhalt
-unterrichtet.“</p>
-
-<p>Der Amtsrat bedachte den Einwand nicht. Er wußte, daß die Erinnerung an
-das gegebene Wort auftauchen und zurückreißen würde. Halblaut begann er:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„Lieber Vater! Soeben habe ich die letzte Rate deiner Schulden
-getilgt. Es ließ sich also, wider Erwarten, schnell erledigen.
-Justizrat Weißgerber zahlte mir, als auch in letzter Instanz der
-Millionenprozeß, von dem ich das letzte mal erzählte, zu unsern
-Gunsten entschieden<span class="pagenum"><a id="Seite_276"></a><span class="s4">[S.&nbsp;276]</span></span> wurde, zwei Drittel des in diesem Falle von
-unserem Klienten versprochenen Extrahonorars aus, weil ich die
-ganze Mühe damit gehabt.</p>
-
-<p>Freilich bin ich zur Zeit selbst völlig blank. Ich habe mein halbes
-Vierteljahrsgehalt noch dazu gelegt, um endlich frei zu sein. Nun
-mache ich dir einen Vorschlag. Willst Du durchaus wieder nach
-Berlin, sollst Du wissen, das Du mir willkommen bist. Es kann jetzt
-in jeder Beziehung besser, wie früher, für Dich gesorgt werden. Nur
-mußt Du mit Deiner Reise bis zum nächsten Quartal warten, damit ich
-Dir genügend Geld schicken kann. Hast Du noch selbst von Deiner
-Pension zur Verfügung, teile mir das mit. In diesem Falle stände
-Deiner früheren Rückkehr, wenn sie Dir wünschenswert erscheinen
-sollte, nichts mehr im Wege.</p>
-
-<p class="right mright2">Dein Sohn Walter.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Ohne eine Bemerkung reichte der alte Wullenweber das Schreiben zurück.
-Seine Augen brannten wie nach einem Erntetag mit heftigem Ostwind bei
-reichlicher Sonne. Schweigend steckte auch der Major den Brief in die
-Tasche. Geflissentlich sahen sie aneinander vorbei.</p>
-
-<p>„Ich will mich noch eine Viertelstunde auf’s Ohr legen,“ meinte endlich
-der Amtsrat und erhob sich.</p>
-
-<p>Da langte auch der Major nach seinen Stöcken.</p>
-
-<p>&ndash; &ndash; Der alte, schwere Goldene hatte ausgewirkt. Aber der feste Wille
-zur schleunigen Rückkehr nach Berlin lebte weiter. Das Kursbuch mußte
-herhalten.</p>
-
-<p>„Hier war man ja doch schon mit den gefräßigen Spatzen munter. Also &ndash;
-los. Morgen früh um sieben Uhr! Und keine Stunde zugegeben!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277"></a>[S.&nbsp;277]</span></p>
-
-<p>So stand’s auch in dem Telegramm an Walter Wullenweber zu lesen. Der
-Major kniffte es sorgfältig zusammen. Jetzt würde man endlich bald
-wieder ein Mensch werden!</p>
-
-<p>Er stelzte in die weißgetünchte Schlafkammer von damals, die er immer
-noch inne hatte. An der dünnen Bretterwand hing jetzt das Bild seines
-Kaisers zwischen den beiden toten Majestäten, denen er ebenfalls seinen
-Treueid geschworen hatte.</p>
-
-<p>Als sein Sohn mit ihm redete &ndash; jawohl, so stimmte es. Der mit ihm,
-denn er spielte nur den stummen, gequälten Zuhörer &ndash; war die Wand noch
-leer gewesen.</p>
-
-<p>Damals wurde auch ein Treueid geschworen.</p>
-
-<p>Dachte er denn daran, ihn zu brechen? War es diese Einsamkeit, die ihn
-nach innen sehen ließ. Das Alter oder das andere?</p>
-
-<p>Die verlorene Tochter &ndash; seines Lebens Lust und Stolz.</p>
-
-<p>Er las plötzlich aus einem Buch mit erhabenen Lettern.</p>
-
-<p>„Eines Tages werde ich meinen letzten Treueid brechen, wenn ich nach
-Berlin zurückkehren sollte!“</p>
-
-<p>Die Erkenntnis erfüllte ihn mit Abscheu gegen sich selbst.</p>
-
-<p>&ndash; An diesem Nachmittag saß er nicht hinter den Rechenbüchern. Er
-stolperte im Garten herum, entdeckte noch etliche Aepfel in verwegener
-Höhe und schimpfte mit Karl Pergande, dem Fünfzigjährigen, der das
-Jungvieh unter sich hatte.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Bei der Abendpfeife auf der Veranda tippte er dem Bruder auf die
-Schulter.</p>
-
-<p>„Berlin paßt mir doch nicht mehr. Es ist zu laut, zu eng und zu teuer
-für unsereins. Wenn du nichts dagegen hast, bleibe ich hier.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_278"></a>[S.&nbsp;278]</span></p>
-
-<p>Der alte Amtsrat paffte sich in eine undurchsichtige Wolke hinein.</p>
-
-<p>„Ist mir auch viel angenehmer,“ sagte er kurz. „Am Sonntag kommt
-ohnehin der Pferdehändler aus der Stadt mit zwei angeblich fünfjährigen
-Braunen. Die mußt du dir eingehend ansehen. Ich allein trau mir das
-Geschäft nicht zu, denn der Hallunke tattert sehr geschickt.“</p>
-
-<p>&ndash; Sie waren an diesem Abend durchaus nicht herzlicher wie sonst
-zusammen.</p>
-
-<p>Und dennoch fühlten sie sich beide zufrieden und ruhig, daß es nun
-entschieden war.</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_278_ende">
- <img class="w100" src="images/i_029_ende.jpg" alt="Kapitel 14, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_279"></a>[S.&nbsp;279]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_279_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_054_kopf.jpg" alt="Kapitel 15, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_15">15.</h2>
-
-</div>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="p0"><span class="dc"><span class="s7">„</span>D</span>u
-bittest mich um eine vertrauliche Auskunft über das Vermögen
-meines einstigen Mündels Eva von Ostried?“ schrieb Amtsrat
-Wullenweber an seinen Neffen. „Das verstehe ich nicht. Neugier sähe
-Dir unähnlich. Beabsichtigt ihr etwa Dein Justizrat Zuwendungen
-zu machen? Notwendig hätte sie das sicher. Denn ihr gesamtes
-mütterliches Erbe, das ich am Tage ihrer Volljährigkeit Frau
-Präsident Melchers für sie übergab, betrug nur eintausend Mark.
-Hätte ich geahnt, daß die wackere Frau unerwartet schnell, und
-zwar mit dem von Dir erwähnten, für Eva von Ostried sehr traurigen
-Ergebnis sterben mußte, hätte ich doch die Tochter ihrer Mutter
-in ihr gesehen und mich auch nach der erfüllten Pflicht um sie
-gekümmert. Ihr jetzt noch, nachdem sie sicher das Schwerste hinter
-sich hat, zu schreiben, widerstrebt mir. Wohl aber möchte ich sehr
-gern wissen, ob ihr Hilfe erwünscht wäre. Ich weiß nichts über
-ihr Leben und Wirken. Wäre es nicht das Einfachste, Du zögest
-Erkundigungen über ihre Lage ein? Geben sie irgendwie zu meiner
-Unterstützung Anlaß, werde ich mich mit ihr stets in Verbindung
-setzen. Laß es Dir durch den Kopf gehen und gib mir Bescheid,
-sobald Du etwa erfährst, daß es ihr kümmerlich ergeht. Im anderen
-Falle ist die Sache ja ohnehin auf das Beste erledigt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_280"></a><span class="s4"><span class="s4">[S.&nbsp;280]</span></span></span></p>
-
-<p>Dein Vater wird Dir inzwischen selbst seine Absicht, Hohen-Klitzig
-nicht mehr zu verlassen, mitgeteilt haben. Daher mußte sich
-mein Verhältnis zu ihm, von innen heraus, bessern. Erlauben Dir
-die Geschäfte und die Gesundheit Deines Justizrats eine kurze
-Ausspannung, so weißt Du, daß Du mit Deinem Besuch stets erfreust
-Deinen</p>
-
-<p class="right mright2"><span class="mright8">getreuen alten</span><br />
-Wilhelm Wullenweber.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Der junge Anwalt las diesen Brief mit einer Empfindung, die ihm im
-Augenblick noch unklar war. Er spürte nur, daß ihn der Inhalt unruhig
-machte.</p>
-
-<p>Seitdem Justizrat Weißgerber ihm von Eva von Ostrieds schwerer
-Enttäuschung bei dem Tode der Präsidentin gesagt, ihre Verzweiflung
-und Kämpfe geschildert, brachte er die Frage nicht mehr zum Schweigen,
-woher sie nun doch gleich darauf das Geld zu weiteren Studien genommen
-haben könnte... Ihre Schönheit wirkte, auch in der Erinnerung, in alter
-Stärke auf ihn. Er empfand sie als das Vollendetste, das er jemals
-gesehen hatte. Wie er, würden auch andere fühlen. Und ihr Bild trat
-ganz scharf vor ihn hin. Er sah wieder ihr Erröten &ndash; den Glanz ihrer
-großen, sprechenden Augen und fühlte das leise Beben ihrer Hand in der
-seinen, und seine Unruhe wurde zur heißen Sehnsucht nach ihr! Aber nach
-üblichen Begriffen kannten sie einander ja kaum!</p>
-
-<p>Gestern war ihr Herr Alois Sendelhubers erneuter Bescheid
-zugestellt. Walter Wullenweber hatte schließlich doch kurzweg einen
-Entschädigungsanspruch in jeder Höhe ab<span class="pagenum"><a id="Seite_281"></a>[S.&nbsp;281]</span>gelehnt und ihr, bei einem
-Beharren seiner Forderung, auf den Weg der Klage verwiesen. Darauf
-hatte sich der schlaue Agent, der sich Eva von Ostrieds ihm besonders
-wertvoll dünkende Kundschaft auf keinen Fall verscherzen wollte, zur
-postwendenden „ausnahmsweisen“ Lösung des Vertrages &ndash; bezüglich
-des strittigen neunten Novembers &ndash; verstanden. Somit war diese
-Angelegenheit erledigt und nichts stand mehr aus, als die Entrichtung
-der entstandenen Unkosten von Seiten der Anwälte, die der Justizrat
-Weißgerber, nach Kenntnis der Angelegenheit, jedoch unberechnet zu
-lassen wünschte. Das schwache Fädchen, an dem er sie gehalten, war
-damit zerrissen.</p>
-
-<p>Sie aber nie wiederzusehen, erschien Walter unmöglich. Er setzte sich
-an den Flügel und versuchte die kleinen Lieder zu spielen, die ihm sehr
-einsame und verzagte Stunden einst als Tröster geschenkt hatten. Seine
-Sinne blieben nicht bei den Tönen. Sie irrten ab und verlangten nach
-dem Leben.</p>
-
-<p>Die alte Pauline brachte einen Brief herein. Sie verweilte noch wenig
-im Zimmer, wie sie das auch bei der Präsidentin getan hatte.</p>
-
-<p>„Herr Rechtsanwalt, ich hab’ neulich nun doch unserm Fräulein
-geschrieben.“ Für sie stand Eva von Ostried längst wieder in der
-Gegenwart genau wie einst. Er hielt die Blicke beharrlich gesenkt, als
-könne sie sonst seine Gedanken lesen.</p>
-
-<p>„Was hatten Sie ihr denn Wichtiges mitzuteilen, Pauline?“</p>
-
-<p>„Nun, wie es mir indessen gegangen is und wie gut ich es auch wieder
-bei Ihnen habe.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_282"></a>[S.&nbsp;282]</span></p>
-
-<p>„Das wird nicht alles gewesen sein, obschon es, was meine Person
-anlangt, bereits zu viel ist,“ sagte er mechanisch und sah interesselos
-auf den Brief.</p>
-
-<p>„Sie haben Recht. Die Hauptsache hab’ ich verschwiegen. Ich möchte doch
-so gern wissen, wie sie wohnt und wie sie alles angefangen hat. Ach,
-Herr Rechtsanwalt, warum kommt’s meist ganz anders, wie man denkt?
-Ich hänge ja so sehr an ihr und hab’ mir damals beim Abschied fest
-eingebildet, wüßt’ ich mal erst, wo sie wohnte, liefe ich auch gleich
-hin. Denken Sie an, ich war auch wirklich schon mal da. Gleich, nachdem
-ich von Ihnen die Adresse gehört hab’.“</p>
-
-<p>Sie stockte und sah von ihm weg.</p>
-
-<p>„Wann war das ungefähr, Pauline?“</p>
-
-<p>„Heute vor zwei Wochen, Herr Rechtsanwalt!“</p>
-
-<p>„Warum verschwiegen Sie mir das?“</p>
-
-<p>„Ich war so von Herzen betrübt, Herr Rechtsanwalt.“</p>
-
-<p>„War sie unfreundlich zu Ihnen?“</p>
-
-<p>„Ach, ich hab’ sie gar nicht gesehen!“</p>
-
-<p>„Das verstehe ich nicht!“</p>
-
-<p>„Mir war’s selbst, als könnte das nicht mit rechten Dingen zugehen.
-Bloß bis an ihre Tür bin ich gekommen.“</p>
-
-<p>„Sie können mir alles sagen, Pauline. Ja, ich bitte Sie sogar herzlich
-darum.“</p>
-
-<p>„Ich hab’s gleich gefühlt, daß Sie einen guten Begriff von ihr haben,
-Herr Rechtsanwalt. Und so sehr hab’ ich mich darüber gefreut.“</p>
-
-<p>„Nun, dann erzählen Sie einmal!“</p>
-
-<p>„Es ist schnell erzählt. Ich wußte doch nicht Bescheid und befragte
-mich erst unten beim Hauswart. Da war<span class="pagenum"><a id="Seite_283"></a>[S.&nbsp;283]</span> eine drin, die mir gleich
-erzählte, daß sie mal bei unserm Fräulein in Stellung gewesen. Sie
-gefiel mir auf den ersten Blick nicht. Ach, Herr Rechtsanwalt, wenn Sie
-wüßten, was ich von der zu hören gekriegt hab’.“</p>
-
-<p>„Es wird nicht schlimm sein,“ meinte er. Aber in seiner Stimme zitterte
-die Angst vor den nächsten Minuten.</p>
-
-<p>„Doch! Ein Freund von unserm Fräulein soll der Person regelmäßig Geld
-gegeben haben, damit sie nicht zu hungern brauchte. Aber nun ist er
-plötzlich gestorben, in München, wo sie gerade ein Konzert gegeben
-hat. Und nun sollte überall geknapst werden und das Fräulein sei
-ihr noch obendrein dumm gekommen, als ob sie was dafür könnte, daß
-sich noch kein neuer Freund gefunden hätt’. Solche Gemeinheiten bloß
-auszusprechen, nicht wahr? Ich kenn’ doch unser Fräulein! Freude hat
-sie wohl dran gehabt, wenn ihr einer nachgesehen hat. Wozu hätt’ ihr
-der liebe Gott denn auch sonst all die Schönheit gegeben? Aber stolz
-und rein ist sie immer gewesen. Das kann sich bei ihr einfach nicht
-ändern. Und man hört ja schön die Lügerei heraus. In München soll sie
-gesungen haben, gerade als der Freund sterben mußte. Und unser Fräulein
-hätt’ schrecklich nachher geweint. Erzählt hätte sie nichts näheres
-davon; bloß, daß er nicht mehr Sonntags und auch so kommen könnt’,
-weil er eben tot wäre. &ndash; Aber irgend eine andere Person aus ihrem
-Hause hat eine Zeitung angebracht. Da hat alles drin gestanden. Sogar
-sein Namen. Und unser Fräulein soll ausdrücklich auch erwähnt sein als
-eine, die ganz untröstlich gewesen ist, als sie seine Leiche gebracht
-hätten. Und jetzt wäre ein Mädchen bei ihr. &ndash; Bestimmtes wisse man ja
-wohl nicht. Aber, wenn sich eine<span class="pagenum"><a id="Seite_284"></a>[S.&nbsp;284]</span> niemals an die Sonne traute, keinen
-Menschen ohne Verabredung zur Tür reinließ und immer so scheu wie ein
-Hund rumkröche &ndash; denn könnte man sich schon allerlei denken. Der
-Doktor, der die Hausmeisterkinder bei der Grippe behandelt hat, soll
-zu irgendwem geäußert haben, daß sie den nächsten Kuckuck wohl nicht
-mehr hören würde. Und wenn so eine dennoch gehalten würde und verwöhnt
-und verhätschelt dazu, wie die Hausmeistertochter, die oben aufwartet,
-erzählt, denn wüßte man schon genug.“</p>
-
-<p>„Und Sie haben das alles doch geglaubt, Pauline! Sonst hätten Sie nun
-gerade zu ihr hinauf müssen und sie befragen. Ja, das durften Sie nach
-der langen zusammenverlebten Zeit ganz gewiß.“</p>
-
-<p>„Ich mußte weinen,“ sagte sie still. „Ich war zu unglücklich von dem
-Getratsch, Herr Rechtsanwalt, wie ich schon gesagt hab’.“</p>
-
-<p>„Sie werden noch einen anderen Grund gehabt haben,“ meinte er. „Auch
-Ihre Ehrbarkeit hat sich gegen diesen Besuch gesträubt?“</p>
-
-<p>Ihr Gesicht war ganz blaß geworden.</p>
-
-<p>„Das versteh’ ich wohl nicht richtig!“</p>
-
-<p>„Nun, Sie hielten sich, nach dem Gehörten, wohl für zu gut, um Fräulein
-von Ostried noch zu besuchen.“</p>
-
-<p>Sie stieß einen leisen Schrei aus.</p>
-
-<p>„Bei Gott, das war’s nicht!“</p>
-
-<p>„Was könnte es anders gewesen sein?“</p>
-
-<p>Sie suchte nach den rechten Worten.</p>
-
-<p>„In meiner Jugend war ich sehr hitzig und auch jetzt noch geht nicht
-alles so still zu, wie sich das wohl eigentlich für mein Alter ziemen
-tät’. Dafür kann einer nichts, glaube<span class="pagenum"><a id="Seite_285"></a>[S.&nbsp;285]</span> ich. Ich war so voller Gift und
-Galle, daß ich meine Hände kaum stillhalten konnt’. Die wollten der
-lügnerischen Person an den Hals. &ndash; Und so hätt’ ich zu ihr reinkommen
-sollen? Das wurde mir klar, als ich vor ihrer Tür stand. Verstellen
-kann ich mich nicht; sie überhaupt würde gleich gewußt haben, daß
-etwas vorgekommen wär’. Und wenn sie mich angesehen und auf’s Gewissen
-gefragt hätt’, ja, Herr Rechtsanwalt, dann wär’ bestimmt alles &ndash;
-aber auch alles &ndash; rausgesprudelt. Hinterher hätt’ ich mich prügeln
-können, soviel es mir paßte. Was gesagt war, blieb! Und wenn ich’s
-hundertmal widerrufen und bedauert hätt’. Den Schmerz wollte ich unserm
-Fräulein nicht antun. Darum bin ich eins &ndash; zwei &ndash; drei wieder die
-Treppe hinunter und habe mich unten auf der Straße erst mal richtig
-ausgeweint. Am nächsten Tage wußte ich, daß alles Lüge war von Anfang
-bis zu Ende. Aber wie das alles zusammenhängt, kann ich nicht wissen.“</p>
-
-<p>Er sah starr geradeaus. Den Zusammenhang, den Pauline nicht zu finden
-vermochte, den fand er leicht. Er sah ein armes, schönes, schwer
-enttäuschtes Mädchen ohne Schutz und Rat. Die Folgen waren unschwer zu
-erraten und wer dürfte darum verurteilen?</p>
-
-<p>„Hatten Sie sich denn in aller Form bei ihr angesagt, Pauline?“</p>
-
-<p>„Ich habe sie gefragt, wann ich ihr passend käm’.“</p>
-
-<p>„Und die Antwort?“</p>
-
-<p>Das alte Mädchen zögerte einen Augenblick verlegen!</p>
-
-<p>„Geschrieben hat sie mir noch nicht, Herr Rechtsanwalt.“</p>
-
-<p>„Hm?!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_286"></a>[S.&nbsp;286]</span></p>
-
-<p>„Der Brief kann ja verloren gegangen sein, Herr Rechtsanwalt.“</p>
-
-<p>„Sie werden wohl gar noch einmal bei ihr anfragen?“ sagte er nach einer
-langen Pause.</p>
-
-<p>„Nein, Herr Rechtsanwalt. Ich werd’ heute nachmittag direkt zu ihr
-gehen. Herr Rechtsanwalt erlaubt’s mir doch?“</p>
-
-<p>„Daß Sie ausgehen? Aber gewiß, liebe Pauline. Sie sollen mich überhaupt
-nicht wegen dieser selbstverständlichen Dinge befragen.“</p>
-
-<p>Jetzt lachte sie ein wenig. Dann hörte er die Tür gehen und war mit dem
-immer noch uneröffneten Briefe allein. Das lenkte ihn zunächst ab. Die
-fremde steife Schrift auf dem Umschlag war ihm unbekannt.</p>
-
-<p>Der geöffnete Brief zeigte eine siebenzackige Krone über einem Adler,
-der ein Lamm in seinen Horst schleppte. Der Waldsruher Majoratsherr
-brachte darunter seine Wünsche zum Ausdruck.</p>
-
-<p>Die Zeilen waren liebenswürdig abgefaßt. Hinter dem Auftrage, der die
-Abänderung und teilweise Erweiterung der Familienstatuten erbat, zeigte
-sich die Verheißung zur Rechtvertretung bei einem Zivilprozeß über ein
-erhebliches Objekt. Daß der darin Beklagte dem jungen Anwalt als ein
-minderwertiger Aufkäufer alter Waldbestände bekannt war, hätte ihm
-das in Aussicht Gestellte nur angenehm machen müssen. Trotzdem regte
-sich ein Gefühl des Widerwillens gegen den ihm bis heute unbekannt
-gebliebenen Auftraggeber.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick war er unfähig zu jeder klaren, nüchternen
-Erwägung. Erst ein wenig später glaubte er<span class="pagenum"><a id="Seite_287"></a>[S.&nbsp;287]</span> zu wissen, daß ein Mädchen
-mit der Vergangenheit Eva von Ostrieds unmöglich dem in jeder Beziehung
-verwöhnten Geschmack dieses adelsstolzen, schwerreichen Witwers genügen
-könne.</p>
-
-<p>Vergangenheit! &ndash; Wie kam er dazu, dies zweideutige Wort mit ihr in
-Verbindung zu bringen? Dem elenden Klatsch eines natürlich sehr gegen
-seinen Willen entlassenen Mädchens auch nur den geringsten Glauben zu
-schenken?</p>
-
-<p>Ihn verlangte nach einer Aussprache mit ihr. Es konnte sie unmöglich
-vorbereitungslos treffen! Seine Blicke würden ihr längst alles verraten
-haben.</p>
-
-<p>Er legte Feder und Papier zurecht und schrieb.</p>
-
-<p>Zuerst malte er ihr das Bild seiner Eltern. Dann ging er zu dem über,
-was ihm leicht von der Feder ging.</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„Als ich Sie sah, wußte ich sofort, daß die Stunde meines Glückes
-da war. Ich zweifelte nicht. Das kam erst später. Sie fühlten
-alles. Ich merkte es und war sehr froh darüber. Schon als Sie mich
-das erste Mal verließen, lag mir jeder Zweifel fern. Ich war ruhig
-und dankbar, daß das Glück nicht an mir vorüberging. Unsere zweite
-Zwiesprache sprengte fast mein Herz vor Seligkeit. Sie hatten
-unter der Schar der harmlosen Worte jenes Briefes nach einem Laut
-gesucht, der Ihnen mehr verriet.</p>
-
-<p>Darum durfte ich Ihnen auch schon jetzt meine Liebe zeigen. Sie
-widerstrebten nicht. Mein Herz lag in ihrer Hand.</p>
-
-<p>Nun folgten wunderliche Tage. Zuerst Stunden, die ich um jeden
-Preis auskosten wollte, so schön und unver<span class="pagenum"><a id="Seite_288"></a><span class="s4">[S.&nbsp;288]</span></span>gleichlich waren sie.
-Bis eines Tages mein wildes Verlangen sie unerträglich schalt.</p>
-
-<p>Damals habe ich Sie aus der Ferne mit einem Andern gesehen. Ich bin
-auf ihn &ndash; sicherlich einen völlig harmlosen Bekannten &ndash; sinnlos
-eifersüchtig gewesen. Nicht wahr, er ist doch nichts anderes für
-Sie? Zuweilen sprach ich mit der alten Pauline über Sie. Oft nur
-Ihren Namen, das war mir genug. Ich vertraute mir nicht mehr.
-Und das ist sehr hart. Sie sollen alles wissen. Das habe ich mir
-gelobt. Wir dürfen hinfort kein Geheimnis zwischen uns dulden.
-Fühlen Sie das auch? Ich habe Sie vor mir verdächtigt und niedrig
-gestellt. Es war alles nur die sinnlos tobende Eifersucht. Ich habe
-Sie über alles lieb! Das Ganze bringe ich Ihnen! Nicht nur den Rest.</p>
-
-<p>Vor Ihnen habe ich keine geliebt. Ich bin überzeugt, daß ich auf
-Sie warten mußte. Darum fordere ich auch Ihre ganze Seele!</p>
-
-<p>Sie sollen mich als Bruder, Freund und Vater empfinden, dem Sie
-alles sagen dürfen und auch sagen müssen, ehe ich Ihr Lebenskamerad
-und Geliebter werden darf.</p>
-
-<p>Sie sind rein. Ich weiß es! Kein Fleck ist vorhanden. Keine Stelle,
-die sich verbergen müsse vor meiner Liebe. Wäre es anders, könnte
-ich nicht über alle Begriffe selig sein, wie ich es jetzt bin!</p>
-
-<p class="right mright2">Ihr&emsp;Walter Wullenweber.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Ohne abzusetzen hatte er zu Ende geschrieben! Unter einem wundervollen
-Zwange, und wie das Gefühl eines starken, lebensspendenden Rausches
-blieb es ihm in der Seele zurück.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_289"></a>[S.&nbsp;289]</span></p>
-
-<p>&ndash; Er lief in den Abend hinaus und sah nichts als unruhig segelnde
-Wolken.</p>
-
-<p>Als er heimkam, war es schon dunkel. In der engen Wohnung erwarteten
-ihn Helle und Wärme. Die alte Pauline war zurück und hatte die
-Abendmahlzeit gerichtet.</p>
-
-<p>Er nahm an, daß sie ihm, ohne seine Frage, berichten werde. Aber gegen
-ihre Gewohnheit verließ sie sogleich das Zimmer, in dem er zu speisen
-pflegte. Langsam schob er Bissen um Bissen in den Mund, und lauschte
-dabei nach der Küche hinüber.</p>
-
-<p>Von der behaglichen Hängelampe herab schwang sich die dicke Schnur
-mit der elektrischen Klingel für die Bedienung. Bisher hatte Walter
-Wullenweber sie noch nicht benutzt. Er betrachtete die alte Pauline
-nicht als seine Untergebene, sondern als einen freundlichen Hausgeist,
-der aus eitel Lust an der Arbeit das Händestillhalten nicht erlernen
-konnte. Jetzt preßte er den kleinen weißen Knopf in die Birne aus
-rotgetöntem Holz.</p>
-
-<p>Sie erschien sofort ohne sich verwundert zu zeigen.</p>
-
-<p>„Wollen Sie mir gar nichts von Ihrem Ausflug erzählen?“ fragte er
-obenhin.</p>
-
-<p>Sie versuchte ihre Verlegenheit unter einem Kichern zu verstecken, das
-ihm weitab von aller echten Fröhlichkeit erschien. Denn ihr Gesicht,
-in dem bei einer wirklichen Freude alle Falten mitlachen mußten, blieb
-sorgenvoll.</p>
-
-<p>„Ach,“ machte sie, „das ist doch kein Ausflug gewesen, Herr
-Rechtsanwalt!“</p>
-
-<p>„Wie haben Sie Fräulein von Ostried gefunden, Pauline?“</p>
-
-<p>„Ich hab’ halt wieder Pech gehabt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_290"></a>[S.&nbsp;290]</span></p>
-
-<p>„S&ndash;o, nahm Ihnen die Person von neulich zum zweiten Mal den Mut?“</p>
-
-<p>Sie wurde ärgerlich.</p>
-
-<p>„Sie sollen das doch nicht sagen, Herr Rechtsanwalt! Natürlich war ich
-oben. Und geklingelt hab’ ich auch. Mir hat aber Keiner aufgemacht.“</p>
-
-<p>„Die Herrschaft wird ausgeflogen gewesen sein. Der Tag war ganz dazu
-gemacht.“</p>
-
-<p>„Nein, zu Haus waren sie ganz gewiß.“</p>
-
-<p>„Ihr Fräulein würde doch die alte Pauline, deren Liebling sie immer
-noch ist, nicht so schlecht behandeln! Sie werden sich geirrt haben,“
-widersprach er.</p>
-
-<p>„Ich konnte es auch lange nicht fassen. Aber es war doch wohl so. Ehe
-ich ihr ins Haus ging, habe ich mir nebenan die kleinen, netten Gärten
-auf dem Bauland besehen. Vor dem Fenster an der Ecke stand Eine und
-guckte gerade auf mich runter. Ich kann beschwören, daß das unser
-Fräulein gewesen ist.“</p>
-
-<p>„Sie haben sich eben versehen, beste Pauline. Ihre Augen haben sechzig
-Jahre gedient. Da müssen Sie nicht mehr zu viel von ihnen verlangen.“</p>
-
-<p>„Sie war’s bestimmt, Herr Rechtsanwalt. Ich hab’ raufgewinkt und sie
-hat in der ersten Ueberraschung auch die Hand gehoben. Aber bloß ganz
-matt. Nachher war sie gleich weg. Dann bin ich nach oben. Wohl zehnmal
-hab’ ich geklingelt. Gerade wollte ich wieder gehen, da schob eins so
-recht heimlich von innen die Platte vom Guckloch weg. Das Fräulein
-war’s aber nicht. Vielleicht die Andere.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_291"></a>[S.&nbsp;291]</span></p>
-
-<p>„Deren Aufenthalt bei Fräulein von Ostried die Person damals
-mißbilligte?“</p>
-
-<p>„So denke ich’s mir!“</p>
-
-<p>„Konnten Sie das Gesicht wahrnehmen?“</p>
-
-<p>„Freilich! Ich hab’ doch scharf aufgepaßt. Ganz elend und durchsichtig
-war’s. Aber schlecht und verworfen &ndash; &ndash; Nee, Herr Rechtsanwalt. Solche
-sehen anders aus.“</p>
-
-<p>„Und dann haben Sie sich also davon gemacht?“</p>
-
-<p>„Was sollte ich sonst tun? Zufällig fand ich einen Bleistift in meiner
-Tasche und den Fahrschein verwahre ich mir auch allemal, weil die
-Kinder darauf wild sind. Auf den hab’ ich geschrieben „die alte Pauline
-war hier!“ und das in den Briefkasten geschoben.“</p>
-
-<p>„Warum setzen Sie sich nicht,“ fragte er plötzlich. „Ich muß noch
-mancherlei mit Ihnen besprechen. Wenn ich mich recht erinnere,
-erzählten Sie mir von Fräulein von Ostrieds reichem Muttererbe. Oder,
-sollte ich mich verhört haben?“</p>
-
-<p>Sie erzählte es noch einmal kurz.</p>
-
-<p>„Sie zeigte Ihnen also, um Sie über ihre Zukunft zu beruhigen, ihren
-ganzen Reichtum?“</p>
-
-<p>„Ja, so war’s!“</p>
-
-<p>„Und die alte sparsame Pauline ist seitdem der Ueberzeugung, daß es
-sich um Fünfzigtausend oder gar noch mehr handelte?“</p>
-
-<p>„Ganz so dumm bin ich doch nicht. Mit Geld weiß ich gut Bescheid. Ehe
-das Fräulein zu uns gekommen ist, hab’ ich alles auf die Bank tragen
-und wieder runterholen müssen, so oft unsere Frau Präsident nicht mit
-ihrem Herzen in Ordnung war.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_292"></a>[S.&nbsp;292]</span></p>
-
-<p>„Ich will Ihnen genau sagen, wie viel es gewesen ist. Eintausend Mark
-und kein Pfennig mehr!“</p>
-
-<p>„Nein, nein. Es ist ein ganzes Pack Tausender gewesen.“</p>
-
-<p>„Wenn Sie das eidlich erhärten sollten, gute Pauline.“</p>
-
-<p>„Schwören, meinen Sie doch damit, Herr Rechtsanwalt? Da würd’ ich mich
-keinen Augenblick besinnen. Wieviel Stück es gewesen sind, das kann ich
-auf’s Haar nicht wissen. Zehn oder noch ein paar mehr waren es aber auf
-Ehre und Gewissen. Zehn zum mindesten!“</p>
-
-<p>„Ich will noch etwas arbeiten, Pauline,“ sagte er da ohne weiteren
-Widerspruch.</p>
-
-<p>Mit ein paar eiligen Schritten war sie neben ihm: „Was Schlechtes
-dürfen Sie aber nicht von ihr denken, Herr Rechtsanwalt. Sie ist rein
-wie ein Engel.“</p>
-
-<p>Schwerfällig nahm er in einem entlegenen Winkel seines Arbeitszimmers
-Platz. Möglichst von der Lampe entfernt, deren greller Schein ihm weh
-tat. Zum zweiten Male an diesem Tage bereitete er sich zum Schreiben an
-sie vor. Ach ja, wo war denn der erste Brief geblieben? Genau an dieser
-Stelle hatte er sich befunden, als er fortgegangen war. Er sprang zu
-der alten Pauline hinaus.</p>
-
-<p>„Wo haben Sie den Brief von meinem Schreibtische, Pauline?“</p>
-
-<p>„Sie meinen doch den an unser Fräulein?“</p>
-
-<p>„Ja, wo ist er?“</p>
-
-<p>„Im Briefkasten, Herr Rechtsanwalt. Das war meine erste Arbeit, als ich
-wieder zu Haus war!“</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_292_ende">
- <img class="w100" src="images/i_053_ende.jpg" alt="Kapitel 15, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_293"></a>[S.&nbsp;293]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_293_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_189_kopf.jpg" alt="Kapitel 16, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_16">16.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">H</span>inter Eva von Ostried lag ein Tag und eine Nacht voller Kampf und
-Entsagen! Die scharfen Augen der alten Pauline hatten sich nicht
-getäuscht. Es war wirklich ihre Hand gewesen, die sich, wiederwinkend,
-hinter dem Fenster erhob. In jenem Augenblick war ihr das Leben wie
-ein mächtiger Strom, der sie reißend schnell zum Glück führen wollte,
-erschienen. Sie empfand nicht länger in der Nahenden die unerträgliche
-Mahnerin an einen begangenen Treubruch...</p>
-
-<p>Ihre Hand, die nur matt den Gruß erwiderte, war auch nicht schwach
-geworden, weil sie sich fürchtete. Das kam erst später. Sie war selbst
-zur Tür geflogen, um der Kommenden zu öffnen. Sehnsüchtig wartete sie
-ihres ersten, auf der Treppe hörbaren Schrittes. Als er dann endlich
-vernehmbar wurde, vollzog sich mit einem Schlag der Wechsel von
-höchster Seligkeit zum tiefsten Entsetzen.</p>
-
-<p>Erst jetzt kam die eigentliche Strafe für ihre Schuld. Alles
-bisher Durchlittene war nichts gegen dieses. Erinnern und Reue und
-Bußbereitschaft.</p>
-
-<p>Ihr Kampf währte so lange, bis die Schritte Rast machten. Da war er
-wider sie entschieden. Sie schleppte sich ins Zimmer zurück. Nur so
-viel Kraft hatte sie noch gefunden, um der Hausgenossin, die sich schon
-beim ersten<span class="pagenum"><a id="Seite_294"></a>[S.&nbsp;294]</span> Klingelzeichen zur Tür begeben hatte, das Oeffnen zu
-verwehren.</p>
-
-<p>Stundenlang lag sie danach blaß und starr auf dem Ruhebett.</p>
-
-<p>Dann kam Walter Wullenwebers Brief.</p>
-
-<p>Sie preßte den Brief an die schmerzende Brust, als sei sie gewiß, damit
-lasse sich das Stechen und Bohren lindern. Und plötzlich preßten sich
-ihre Lippen auf die Buchstaben.</p>
-
-<p>Das Heimweh war wieder da. Das brennende, wilde Heimweh! Was sollte
-nun werden? Eva von Ostried wußte, als sie den Brief gelesen, daß
-sie täglich und stündlich auf ihn gewartet hatte! Ungezählte Mal
-wiederholte sie sich die Worte seiner Liebe. Und dennoch haftete keines
-in ihr, außer den wenigen: „.. Sie sind rein. Ich weiß es!“</p>
-
-<p>Was sie in München nach Ralf Kurtzigs unerwarteter Werbung zum ersten
-Mal empfunden hatte, daß sie dem Mann ihrer Liebe jenes furchtbare
-Geheimnis enthüllen müsse, ehe sie die Seine werden könne, wurzelte
-bereits fest in ihr. Walter Wullenweber sollte wissen und richten! In
-seine Hände wollte sie die Entscheidung über ihr Schicksal legen.</p>
-
-<p>Und dann erschien es ihr doch unerhört grausam. Sie suchte unentwegt
-nach einem barmherzigen Ausweg.</p>
-
-<p>Er würde sie verachten! &ndash; Vielleicht war seine Liebe aber so heiß, daß
-er sie dennoch zu seinem Weibe machte?</p>
-
-<p>Ja, und deshalb sollte er dies wissen!</p>
-
-<p>Aber als sie die Feder eintauchte, beschloß sie, es ihm zu
-verschweigen. Denn nun war ihr unbändig heißer Stolz erwacht. Eine
-glaubhafte Erklärung, woher die Mittel<span class="pagenum"><a id="Seite_295"></a>[S.&nbsp;295]</span> zu ihrem Studium stammten,
-würde sich finden lassen. Was wußte ein lediger Mann von den Kosten
-einer Haushaltungsführung aus dem Nichts &ndash; von der Notwendigkeit
-aller sonstigen Anschaffungen. Schlimmstenfalls konnte sie ihm von
-jetzigen großen Einnahmen durch Schüler und Konzerte sprechen und das
-Ueberwinden des ersten Jahres nach dem Tode der Präsidentin durch die
-vorhandene kleine Erbschaft und reiche Selbstersparnisse erklären. Sein
-Vertrauen war groß genug, um ihr alles zu glauben. Es erschien ihr
-unerschöpflich wie ein Brunnen über der springenden Erdquelle.</p>
-
-<p>Das ging aus seinem Briefe hervor.</p>
-
-<p>Es handelte es sich ja auch um sein Glück! Nicht lediglich um das ihre!
-Wem schadete sie, wenn das Geheimnis ihrer Schuld gewahrt bliebe?</p>
-
-<p>Wieder las sie seine Zeilen.</p>
-
-<p>Dann verriegelte sie ihre Tür.</p>
-
-<p>Gegen Abend tastete sie sich endlich empor und antwortete ihm. Sie
-hätte nicht zu sagen vermocht, woher ihr die Kraft dazu gekommen war:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„Vom ersten Augenblick unseres Kennenlernens an habe ich Sie als
-einen grundguten Menschen empfunden. Viele solcher waren mir bis
-dahin nicht begegnet. Darum zeigte ich mich auch anders, wie sonst.</p>
-
-<p>Ich danke Ihnen für alles, was Sie mir in Ihrem Brief gesagt haben.
-Es soll mir ein Ansporn zum Reifer- und Besserwerden sein. Erwidern
-kann ich Ihre Liebe nicht. Ich habe mir die Kunst erwählt. Ihr muß
-ich treu bleiben. Das begreifen Sie wohl. In dieser Stunde nehme
-ich Abschied für immer von Ihnen und fühle für<span class="pagenum"><a id="Seite_296"></a><span class="s4">[S.&nbsp;296]</span></span> Sie wie für einen
-lieben, großen, treuen Bruder, den ich innig bitte, uns Beiden
-jedes Wiedersehen zu ersparen.</p>
-
-<p>Es brächte mir nur Qualen und keine Sinnesänderung.</p>
-
-<p>Aber wissen sollen Sie, daß mein Herz keinem andern gehört noch
-jemals gehören wird....“</p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_296_tb">
- <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" />
-</div>
-
-<p>In der Karlsenschen Villa waren die Rolläden herabgelassen.</p>
-
-<p>Die junge Herrin des Hauses verließ seit Wochen das Zimmer nicht mehr.
-Zuerst war es eine harmlose Erkältung gewesen, hervorgerufen durch eine
-Fahrt im offenen Wagen bei empfindlichem Ostwind. Paul Karlsen hatte
-damals im „Deutschen Opernhaus“ als Stolzing auf Engagement gesungen
-und, fiebernd vor Stolz und Rausch, erklärt, daß er im geschlossenen
-Gefährt ersticken müsse. Da waren sie selbstverständlich ohne das
-schützende Verdeck mit dem feurigen Braunen der Kommerzienrätin durch
-die Nacht gejagt, um irgendwo mit ein paar auserwählten Kollegen den
-ungeheuren Erfolg des Abends bei eiskaltem Sekt zu feiern.</p>
-
-<p>Frau Elfriede war selig gewesen, weil er sie dazu mitnahm. Unter dem
-Vorwande, dadurch schneller nach der Vorstellung heimzukommen, hatte
-sie das Gefährt von ihrer Mutter, die es sonst dem Schwiegersohn nicht
-gewährte, erbeten, nachdem diese umsonst die zarte Tochter von einem
-Theaterbesuche bei dem rauhen Wetter abzuhalten versucht hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_297"></a>[S.&nbsp;297]</span></p>
-
-<p>In ihrem lichtblauen Seidenkleide mit den wundervollen echten Spitzen
-&ndash; das Rot des Fiebers und der Erregung auf dem schmalen Gesicht &ndash;
-hatte die junge Frau fast hübsch ausgesehen. Dankbar umfaßte sie ihres
-Mannes Rechte, weil er sie nicht zuvor heimgeschickt, um dann allein
-zur Nachfeier fortzustürmen.</p>
-
-<p>Freilich glaubte sie genau zu wissen, daß er das bisher einzig aus
-Sorge für ihre Gesundheit so getan. Aber eben deswegen jauchzte sie
-inwendig, daß sie <em class="gesperrt">einmal</em> von ihm als Gesunde betrachtet wurde.</p>
-
-<p>Wie hätte sie darum auch nur das leiseste Wort einwenden dürfen, als
-er den Kutscher zu immer größerer Eile anfeuerte? Der Wind schnitt wie
-mit scharfen Messern in ihre empfindliche Haut. Ihre Brust begann zu
-schmerzen, weil sie krampfhaft den Atem einhielt. Sie brauchte aber nur
-ihres jungen, sieghaften Stolzings zu gedenken, dessen Stimme besonders
-im Preislied von berückendem Glanz gewesen. So war sie zugleich Weib
-und Kind! Wunschlos glücklich und daneben neugierig auf den Blick in
-das bunte Leben.</p>
-
-<p>Nun war es ihr nicht viel anders wie den kleinen Spätmalven ergangen!
-Sie büßte schwer. Aus der Erkältung war ein Husten geworden, der sich
-sehr böse und hartnäckig gestaltete, weil ihn die Leidende zu lange
-verheimlichte. Die schmerzhafte Brust- und Rippenfellentzündung, die
-sich hinzugesellte, war zwar auch wieder überwunden. Eine kleine
-Schwäche blieb indes zurück. Das Herz war angegriffen! Nur das Herz.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Frau Eßling besuchte die Tochter täglich. Aber sie vermied es, mit
-dem Schwiegersohn zusammenzutreffen. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_298"></a>[S.&nbsp;298]</span> ließ sich, ohne damit zu
-verletzen, sehr gut einrichten. Seitdem Paul Karlsen den fünfjährigen
-Vertrag, der ihn an das „Deutsche Opernhaus“ band, unterzeichnet hatte,
-war er noch weniger wie früher in seinem Heim anzutreffen.</p>
-
-<p>Heimlich vor der Tochter hatte sich die Kommerzienrätin erkundigt,
-ob ihn die Proben zur Zeit so voll, wie er behauptete, in Anspruch
-nahmen. Und die gewonnene Auskunft mußte es bestätigt haben, denn sie
-widersprach Frau Elfriede nicht mehr, wenn die über die Grausamkeit der
-Spielleitung zu klagen begann.&nbsp;mdash;</p>
-
-<p>Im übrigen betrachtete sie diese Erkrankung, die ja, Gottlob, bald zur
-Genesung werden sollte, als ihr Geschenk, das sie dankbar genoß. Ihre
-Befürchtungen waren auch geringer geworden, seitdem sich die Tochter
-endlich bereit gefunden, während einiger Wintermonate mit ihr nach St.
-Blasien zu gehen. Der wöchentlich einmal zu dem Hausarzt hinzugezogene
-Professor erklärte sich mit dem Verlauf durchaus zufrieden und die
-junge Frau selbst fühlte, außer der Mattigkeit, keinerlei Beschwerden.</p>
-
-<p>Heute hatte sie sogar heimlich das Bett verlassen, um mit dem Gatten
-das Mittagsmahl in dem feierlichen Speisezimmer einzunehmen. Sie
-brach aber unter den geschickten Händen der Jungfer, die sie für die
-Ausführung ihres Planes gewonnen, zusammen.</p>
-
-<p>Nun ruhte sie längst wieder in den kostbaren Kissen und lauschte auf
-den Tritt ihres Mannes, der sogleich hörbar werden mußte. Denn Paul
-Karlsen wollte ihr den Rest dieses Tages zum Geschenk darbringen. Die
-Proben fielen aus, ein paar von der Kollegenschaft sehnlichst begehrte
-Aussprachen hatte er, nach seinem Bericht, abgesagt. Des<span class="pagenum"><a id="Seite_299"></a>[S.&nbsp;299]</span>halb blieb
-auch die Kommerzienrätin heute fern. Nur der übliche Morgengruß, ein
-Strauß frischgeschnittener Herbstblumen aus dem Heimatsgarten standen
-auf der Glaseinlage des Nachttisches.</p>
-
-<p>Vor dem Ruhelager stand ein zierlicher, mit bunten Weinranken und
-flammendem Mohn geschmückter Tisch mit zwei Gedecken. Die drei von
-schweren weißen Perlen gehaltenen rosa Schalen brannten und erfüllten
-alle Gegenstände mit warmem, erwartungsvollem Leuchten.</p>
-
-<p>Sie wußte, wie sehr ihres Mannes Stimmung von äußeren Dingen
-abhängig war. Hatte unzählige Mal erlebt, daß ihn ein trüber Tag &ndash;
-ein klagendes Wort, &ndash; ja, selbst eine unfrisch gewordene Blume in
-den Vasen reizen und niederdrücken konnte. Darum sollte ihm alles
-entgegenstrahlen wie zu einem Feste.</p>
-
-<p>Selbst der graue Tag hatte sich gegen Mittag aufgehellt. Ein frischer
-Wind fegte die letzten Wolken zusammen und warf sie in das Nichts. Die
-Rolläden wurden jetzt emporgezogen. Der buntfarbige Schein des wilden
-Weins vermählte sich mit den rosa Schleiern zu einer verschwimmenden
-Farbe von unbeschreiblichem Reiz.</p>
-
-<p>Die junge Frau dachte daran, daß sie in diesem Herbst eigentlich mit
-dem Gatten in das kleine Landhaus am Scharmützelsee hatte flüchten
-wollen, um wie eine richtige Hausfrau selbst die Mahlzeiten zu
-bereiten, während er auf der dazu gekauften ergiebigen Jagd das
-Wildpret für den nächsten Tag erlegte! Dies kleine Märchen, mit dem
-sie ihm, sehr gegen den Willen der Mutter, einen langgehegten Wunsch
-erfüllte, war für sie zu einer Quelle beständiger Sehnsucht geworden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_300"></a>[S.&nbsp;300]</span></p>
-
-<p>Denn Paul Karlsen verbrachte seither die wenigen Mondscheinnächte, die
-ihm keine Berufspflichten auferlegten, im Anstand auf der Wildkanzel,
-und sie durfte ihm lediglich mit jedem ihrer Gedanken auf diesen
-Streifzügen begleiten.</p>
-
-<p>Gerade wollte sich ein tiefer, schmerzlicher Seufzer gegen die Härte
-des Geschicks auflehnen, als ein leichter, federnder Schritt vor ihrer
-Tür erklang.</p>
-
-<p>Im Augenblick veränderte sich ihr Gesicht. Von innen heraus kam das
-Strahlen, übergoß nun auch sie mit dem Schimmer rosigen Lebens &ndash;
-tuschte ein liebliches Rot auf ihre Wangen und setzte glänzende Lichter
-in ihre Augen, die ihm entgegen lachten.</p>
-
-<p>„Wie schön, daß du endlich da bist, Paulchen.“</p>
-
-<p>Er küßte ritterlich ihre Hand und warf sich, ehe er ihr gegenüber Platz
-nahm, mit einem kleinen fröhlichen Jauchzer, der sie unbeschreiblich
-glücklich machte, auf das kostbare Fell des Eisbären, welches ein
-zweites breites Ruhebett deckte.</p>
-
-<p>„Du bist eine ganz raffinierte Person, Elfchen! Direkt gefährlich hast
-du’s gemacht!“</p>
-
-<p>„Gefällt es dir wirklich, Paulchen?“</p>
-
-<p>„Es ist &ndash; nee &ndash; stimmungsvoll wäre nicht das richtige Wort! Warte
-mal &ndash;“ und er dachte scheinbar darüber nach, während er in Wahrheit
-überlegte, wie er ihr nachher glaubhaft machen könne, daß er nun doch
-nicht den ganzen Nachmittag und Abend an ihrem Lager verbringen werde.</p>
-
-<p>Die feine, gepflegte Hand sank herab.</p>
-
-<p>„So &ndash; jetzt hab ich’s! Raffiniert drückt es auch nicht voll aus. Sagen
-wir mal &ndash; verliebt &ndash;“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_301"></a>[S.&nbsp;301]</span></p>
-
-<p>„Das bin ich aber gar nicht in dich.“</p>
-
-<p>„Erlaube mal! Mein gutes Recht habe ich mir noch nie kürzen lassen.“</p>
-
-<p>„Ich habe dich lieb,“ sagte sie mit rührender Schlichtheit.</p>
-
-<p>Er hatte genau gewußt, daß sie dies erwidern würde, wie sie ihm
-überhaupt keinerlei Ueberraschungen zu bereiten vermochte. Auch diesen
-wirklich netten Ausputz hatte er ganz bestimmt erwartet. Es rührte ihn
-gewiß, aber langweilig blieb die ewig gleiche, dienende Unterwürfigkeit
-und Anbetung dabei doch.</p>
-
-<p>„Du bist ein gutes, liebes Tierchen,“ lobte er freundlich, „erwähle dir
-eine Extrabelohnung.“</p>
-
-<p>„Darf ich sehr unbescheiden sein, Paulchen?“</p>
-
-<p>„Wollen mal sehen,“ machte er lässig.</p>
-
-<p>„Dann lies mir, nachdem wir gegessen und du dich gründlich geruht
-hast, etwas vor. Besondere Wünsche wage ich nicht. Deine Stimme
-erfüllt ja alles, auch das, was mich früher nicht fesseln konnte, mit
-unvergleichlichem Glanz.“</p>
-
-<p>Es schmeichelte seiner Eitelkeit. Aber &ndash; ihr vorlesen &ndash; gräßlich
-langweilig! Neue Hinweise fand die gute, kleine Frau doch nicht
-heraus. Lernen konnte er also dabei nichts. Im voraus fühlte er ihre
-grenzenlose Bewunderung &ndash; sah förmlich, wie sie, überwältigt von
-seiner Begabung, in Tränen ausbrach und schließlich ihre Arme um seinen
-Hals schmiegen wollte.</p>
-
-<p>Da war die kleine Teufelin, das Evachen, eine andere Zuhörerin. Die
-junge Dresdener Künstlerin hatte neben ihm in den Meistersingern
-gewirkt. Nun weilte sie zwar längst wieder an ihrem Hoftheaterchen und
-zeigte vorläufig nicht die geringste Lust, dies gegen ein anderes, und
-sei<span class="pagenum"><a id="Seite_302"></a>[S.&nbsp;302]</span> es selbst dasjenige, an dem er glänzte, einzutauschen. Heute war
-sie auf der Durchreise in Berlin und, wie ihm ihr Telegramm mitteilte,
-gern bereit, ihm im Esplanade ein langbemessenes Plauderweilchen zu
-gewähren.</p>
-
-<p>„Schön,“ sagte er endlich gönnerhaft, als sei er nun mit dem Nachdenken
-fertig, „was nehmen wir also? Goethe, ja? Ein bißchen sollst du noch
-vor Tisch naschen!“</p>
-
-<p>Sie nickte mit leuchtenden Augen &ndash; und wartete.</p>
-
-<p>Er dachte einen Augenblick daran, ihr einfach von einer dringenden
-beruflichen Zusammenkunft zu erzählen, die ihm morgen sehr viel Zeit
-fortnehmen würde. Dann aber schob er diesen Gedanken vorläufig zurück.
-Vorsichtig begann er das herbeigeholte Buch aufzuschlagen und fuhr mit
-den Fingern über die einzelnen Gedichte, als liebkose er sie.</p>
-
-<p>„Hören wir mal die Epigramme, die der Meister in Venedig schuf.“ Und er
-begann träumerisch und weich das Dritte:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Immer hat mich die Liebste begierig im Arme geschlossen,</div>
- <div class="verse indent2">Immer drängt sich mein Herz fest an den Busen ihr an.</div>
- <div class="verse indent2">Immer lehnt ihr Haupt an meinen Knien. Ich blicke</div>
- <div class="verse indent2">nach dem lieblichen Mund, ihr nach den Augen hinauf.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Sie war wie berauscht. Die Freude, weil dieser Begnadete ihr gehörte,
-beschleunigten ihren flatternden Herzschlag noch mehr. Dies zarte
-Geständnis &ndash; auch seiner Liebe &ndash; entschädigte sie für vieles, um das
-sie zuweilen andere junge Frauen glühend beneidete. War ihr Glück dafür
-nicht auch tausendmal vielfältiger und reicher?</p>
-
-<p>Als er jetzt verstummte, wollte sie so fröhlich lachen, wie er es gern
-hatte, einen Scherz versuchen, damit die von ihm bespöttelte Weichheit
-fernblieb.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_303"></a>[S.&nbsp;303]</span></p>
-
-<p>Und sie konnte doch nur haltlos und überglücklich weinen! Es half
-nichts, daß sie sich sofort seine lebhafte Abneigung gegen alle Tränen,
-die nicht auf der Bühne vergossen wurden, klarmachte. Unaufhaltsam
-strömten die Tropfen über ihr Gesicht und löschten alle trügerische
-Frische fort.</p>
-
-<p>Wie durch einen Schleier gewahrte sie, daß er seinen Mund mißbilligend
-verzog. Todesangst ergriff sie, der schöne sehnsüchtig erwartete Tag
-möchte ihm zu einer großen Enttäuschung werden!</p>
-
-<p>„Ich bin zu glücklich,“ entschuldigte sie sich leise.</p>
-
-<p>Er war aufgestanden und zu ihr getreten.</p>
-
-<p>„Matt bist du, mein Kleines und ich, alter Tölpel, gebe mich zu dieser
-unprogrammäßigen Aufregung auch noch her.“</p>
-
-<p>„Du willst doch nicht sagen &ndash;“ Ihre Stimme zitterte ängstlich.</p>
-
-<p>„Daß ich unmöglich den langen geschlagenen Nachmittag oder gar noch
-den Abend deine angegriffenen Nerven quälen darf, so schwer mir ein
-freiwilliger Verzicht auf diese famosen Stunden auch wird.“</p>
-
-<p>„Paulchen, ich flehe dich an! Glaube mir doch, es ist nichts, als die
-große, große Freude, dich heute bei mir haben zu dürfen.“</p>
-
-<p>„Der Meergreis von Hausarzt, der dich kennt, solange du überhaupt da
-bist, hat mir strengste Ruhe und Schonung für dich zur heiligsten
-Pflicht gemacht.“</p>
-
-<p>„Aber ich ruhe mich ja gerade bei der Musik deiner Stimme aus! Höre
-nur, wie wundervoll artig mein Herz geht.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_304"></a>[S.&nbsp;304]</span></p>
-
-<p>Lachend schüttelte er den Kopf. „Davon verstehe ich nichts, Elfchen!
-Ich weiß jetzt lediglich, daß es dein Wohl gilt. Höchstens zwei Stunden
-insgesamt bleibe ich bei dir. Dann entschwinde ich. Du schläfst fein
-ein und träumst von mir, wenn nicht besser von unserm Altmeister
-Goethe.“</p>
-
-<p>„Das besorge ich an sämtlichen andern Tagen schon, Paulchen,“ beharrte
-sie in fieberhafter Unruhe. „Dies heute ist mein Festtag, den ich nicht
-hergebe.“</p>
-
-<p>„Sei nicht kindisch, dumme, kleine Frau.“</p>
-
-<p>Sie richtete sich auf und blickte ihn fast streng an.</p>
-
-<p>„Ich werde sofort aufstehen und mich ankleiden lassen. Jawohl, das
-mache ich! Ganz bestimmt, wenn du grausam bleibst.“ Er lenkte ein.</p>
-
-<p>„Gut, dann will ich auch noch den Nachmittagstee bei dir nehmen. Aber
-&ndash; Hand her. Kein Wort hinterher zu deiner Mama oder zu dem Meergreise!
-Auch der häusliche Detektiv muß ahnungslos bleiben. Für ihn verschwinde
-ich gleich nach dem Mittag, das hoffentlich nicht mehr allzu lange
-auf sich warten läßt. Denn, verzeih, Kleines, aber ich habe einen
-Bärenhunger.“</p>
-
-<p>Er sprach den Speisen mit dem Appetit eines beneidenswerten Gesunden
-zu, der eine beträchtliche Menge braucht, um sich den Ueberschuß seiner
-Kraft zu erhalten. Seiner Stimme zu liebe war er ein sehr mäßiger
-Trinker. Und dies blieb das einzige Opfer, das er brachte. Denn er
-liebte einen guten Tropfen bei lustiger Gesellschaft und brauchte ihn
-eigentlich zur Anreizung noch mehr, wenn sie fehlte. Darum hatte er
-bei jeder der Hauptmahlzeiten einen Kampf mit sich zu bestehen, der
-schließlich eine erhöhte Reizbarkeit auslöste.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_305"></a>[S.&nbsp;305]</span></p>
-
-<p>Heute beschloß er eine Ausnahme zu machen.</p>
-
-<p>Er hob den Sekt aus dem Kühler und war im Begriff den Kelch seiner
-Frau zu füllen, als er, noch ehe er begonnen, die Flasche wieder steil
-emporhielt.</p>
-
-<p>„Die Zufuhr von jeglicher Flüssigkeit muß bei dir &ndash; nach den Herrn
-Aerzten &ndash; möglichst beschränkt werden. Das Herzchen darf sich nicht
-überarbeiten.“</p>
-
-<p>Sie zog ein Schmollmäulchen.</p>
-
-<p>„Nur ein einziges Glas, Paulchen. Wir haben uns ja ohnehin schon gegen
-Mama, den Arzt und den Alten verschworen.“</p>
-
-<p>„Nun, dann will ich ausnahmsweise großmütig sein. Schaden kann es
-eigentlich kaum. Trinke einen tüchtigen Schluck und dann berichte
-wahrheitsgemäß von seiner Wirkung.“</p>
-
-<p>Weil sie fühlte, wie sehr sie einer Stärkung bedurfte, leerte sie den
-Kelch hastig. Er drohte ihr scherzhaft.</p>
-
-<p>„Leichtsinn du! So war’s nicht gemeint.“</p>
-
-<p>Bittend schob sie ihm das schlanke Glas herüber. „Noch einmal, ja?“</p>
-
-<p>„Auf gar keinen Fall, Frau Elfriede.“</p>
-
-<p>„Ich sollte doch Bericht geben. Wie aber vermag ich das. Kaum ein
-Fingerhut voll war es.“</p>
-
-<p>Er tat ihr mit einem nachsichtigen Lächeln den Willen.</p>
-
-<p>Sie stießen miteinander an. Ihre Lippen röteten sich.</p>
-
-<p>„Jetzt mußt du auch tüchtig essen,“ forderte er und häufte ihr den
-Teller. Das hatte er noch nie getan. Es erfüllte sie mit heißer
-Dankbarkeit. Gehorsam begann sie. Aber es ging nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_306"></a>[S.&nbsp;306]</span></p>
-
-<p>„Ich bin immer noch zu durstig,“ gestand sie mit einem verlegnen
-Seufzen. „Gib mir noch etwas. Merkst du nicht, wie es mich erfrischt?“</p>
-
-<p>„Habe ich mich denn verhört, daß dir die vereinigte Macht der Aerzte
-alle Flüssigkeitsaufnahme streng beschränkte,“ fragte er gedankenlos
-und vergaß, daß er es bereits vorher, als feststehend, erwähnt hatte.
-„Gewiß, ich irre mich. Denn du bist doch sonst verständig und folgsam
-wie eine kleine Musterschülerin.“</p>
-
-<p>„Das hast du entschieden geträumt, Paulchen. Vor ein paar Wochen, ja,
-da hat die ärztliche Obrigkeit etwas Aehnliches gesagt. Das Verbot
-hat längst ausgewirkt. Heute ist es also mein gutes Recht.“ Warm
-und wohlig durchrieselte sie das edle, berauschende Getränk. Auch
-er begann sich behaglich zu fühlen. Im Allgemeinen war’s doch recht
-hübsch, daß er es so weit gebracht hatte. Einige Unbequemlichkeiten
-gab es freilich zu überwinden. Die scharf äugende Schwiegermama &ndash; der
-Detektiv von Diener und zuweilen sogar die kleine, verliebte Frau. Denn
-sie war rechtschaffen wie ein Backfisch in ihn verliebt, trotz ihres
-großartigen Protestes. Zu einem richtig flammenden machtvollen Gefühl
-reichte ihr bißchen Kraft nicht aus.</p>
-
-<p>Sie merkte, daß er fröhlich wurde. Das spannte ihre Kräfte an und ließ
-sie nichts denken, als daß er voll glücklich sein möge. Die leise,
-geschickte Jungfer bediente heute bei Tisch. Daß der Alte bei den
-sterbenden Malven stand und scharf ins Zimmer hereinspähte, konnten sie
-nicht ahnen, denn sie waren beide mit sich und den prickelnden Tropfen
-zu sehr beschäftigt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_307"></a>[S.&nbsp;307]</span></p>
-
-<p>Paul Karlsen blieb auch bei ihr, als das kleine Mahl beendet war.</p>
-
-<p>„Jetzt mußt du deine Havanna rauchen,“ drängte sie liebevoll.</p>
-
-<p>„In deinem Krankenzimmer? Nee, mein Schatz so ungeniert betrage ich
-mich denn doch nicht &ndash;“</p>
-
-<p>Sie hatte aber schon ein verborgen gehaltenes Schächtelchen mit
-Zigarren hervorgeholt.</p>
-
-<p>„Heute kommandiere ich, mein Lieb.“ Lachend ließ er sich die schwere
-Havanna von ihr entzünden.</p>
-
-<p>„Wenn uns jetzt deine Vorgesetzten sehen, Kleines.“</p>
-
-<p>„Ich erkenne nur dich an und sonst niemand.“</p>
-
-<p>„Na, na,“ machte er mit erhobenem Finger.</p>
-
-<p>„Soll ich dir eine Probe von meiner Unfolgsamkeit gegen sie alle
-ablegen?“</p>
-
-<p>„Das wirst du gefälligst unterlassen. Es wäre wahnsinnig, wenn du in
-deiner Lage eine Unvorsichtigkeit begingest.“</p>
-
-<p>Ein schmerzhafter Stich durchzuckte ihr Herz. In deiner Lage? O, wie
-sie die beständigen Hinweise auf ihre Schonungsbedürftigkeit haßte.</p>
-
-<p>Freilich hatten sie nicht immer den gleichen Klang! Die Mutter wählte
-zarte Umschreibungen dafür. Der alte Hausarzt bezeichnete es einfach
-mit den verschiedenen sanften, warnenden oder empörten O&ndash;o! Der alte
-treue Diener wagte zuweilen ein leises, flehendes aber. Sie meinten in
-allen Fällen das Gleiche.</p>
-
-<p>„Nämlich, nimm dich in Acht. Sonst &ndash;“</p>
-
-<p>Sie dachte plötzlich mit der Empfindung aufrichtigen Mitleids an alle,
-die einen frühen Tod erleiden mußten. Auch<span class="pagenum"><a id="Seite_308"></a>[S.&nbsp;308]</span> an die Schwestern, die sie
-noch lebhaft in der Erinnerung als stille, bleiche, ungeliebte Wesen
-hatte.</p>
-
-<p>Sie aber wurde geliebt wie kaum eine zweite Frau, war glücklich und
-dachte noch lange nicht an das Sterben! Dies bißchen Unpäßlichkeit.
-Nun, was hatte dies zu sagen? War nicht diese oder jene aus ihrer
-Bekanntschaft ebenfalls eine Zeitlang bleichsüchtig und matt gewesen?</p>
-
-<p>Sie wollte gesund und stark werden. Für sich und den Liebsten und all
-das, was vielleicht die Zukunft noch für sie bereit halten würde. Und
-beweisen wollte sie ihm ebenfalls, wie unnötig und übertrieben die
-ewige Bevormundung sei!</p>
-
-<p>Sie rang sich auf und lief zu ihm! Er lag auf dem kostbaren
-Eisbärenfell und paffte runde, kunstgerechte Ringel in das Rosa der
-Luft.</p>
-
-<p>Es stieg ihr wie Lachen auf, aber sie mußte husten, als solle sie
-ersticken.</p>
-
-<p>„Leichtsinn,“ schalt er. Aber auch er lachte dabei.</p>
-
-<p>Sie begann, durch den ungewohnten Genuß des Sektes angeregt, durch den
-eigenen Willen hochgehalten, zu tollen und wieder zu lachen, zerrte
-eins der seidenen Kissen unter seinem Kopf hervor, warf es gegen sein
-Gesicht und stand einen Augenblick mit wogender Brust &ndash; atemlos von
-der ungewohnten Anstrengung mit einem Gefühl heftigen Schwindels.</p>
-
-<p>Als es überwunden war, ohne daß er etwas davon gemerkt hatte, erhöhte
-sich ihre Ausgelassenheit noch. Ein Rausch glühte in ihr. Dann wurde
-sie mit einem Schlage ganz matt. Er fühlte ihren leichten Körper schwer
-und immer schwerer in seinen Armen und trug sie auf ihr Lager<span class="pagenum"><a id="Seite_309"></a>[S.&nbsp;309]</span> zurück.
-Dort lag sie regungslos unter dem Geriesel der feinen Spitzen.</p>
-
-<p>„Jetzt sagst du lange Zeit kein einziges Wort,“ befahl er. „Ich werde
-nicht weiter ruhen, sondern wieder lesen. Also, weiter im Text mit
-unserm Goethe.“</p>
-
-<p>Sie strengte sich umsonst an, ihm zu folgen. In bleischwerer Müdigkeit
-sanken ihre Lider zu. Es war sehr still. Denn auch Karlsens weiche,
-schmeichelnde Stimme klang wie ein Streicheln, das alles noch sanfter
-machte. Er sah nach einer Weile zu ihr hin und entdeckte, daß sie
-eingeschlafen war.</p>
-
-<p>Sobald er verstummte, öffnete sie die Augen und starrte ihn mit
-seltsam leeren Blicken an. Es war ihm auch, als röchele sie leise. Er
-ging nicht zu ihr, um sie zu befragen, ob sie Schmerzen habe, aber
-er begann wieder zu lesen, bis er endlich, heftig und mißmutig, das
-Buch zuklappte und sich erhob. Da öffneten sich ihre Lider von neuem.
-Diesmal streckten sich in zitternder Bewegung die Arme nach ihm aus.</p>
-
-<p>„Paulchen.“ In traumverlorener Bitte klang sein Name. Da ging er
-großmütig an ihr Lager und küßte sie.</p>
-
-<p>„Schlaf weiter, kleine, müde Frau!“</p>
-
-<p>Ihre Lippen waren so kühl, daß er zusammenfuhr. Ihr Gesicht ähnelte,
-nun die Röte der Erregung daraus geschwunden, einer geblichenen Maske.
-Wie sein Mund den ihren berührte, lächelte sie dankbar.</p>
-
-<p>Unter dem feinen Batist der losen Jacke sah er das stoßweiße Zucken des
-matten Herzens &ndash; merkte, wie ihre blassen Lippen nach einem tiefen,
-erlösenden Atemzug dursteten. Mit kaltem Schrecken durchrieselte ihn
-der Ge<span class="pagenum"><a id="Seite_310"></a>[S.&nbsp;310]</span>danke, daß plötzlich eine Verschlechterung eingetreten sein
-könne, die ihn ans Haus fesseln mußte. Ihn zog es unwiderstehlich fort
-&ndash; ins Esplanade.</p>
-
-<p>Er wollte der Jungfer von seiner Befürchtung Mitteilung machen, ehe
-er verschwand. Sah dann aber ein, daß er ihr lediglich von seinem
-Ausgange sagen könne, damit sie sich zu der Kranken begebe. Sein
-mehrmaliges Läuten nach ihr blieb indessen wirkungslos. Nur der alte
-Diener erschien. Ohne stehen zu bleiben, rief er ihm, nur den Kopf
-zurückwendend, zu:</p>
-
-<p>„Die gnädige Frau hat mit bestem Appetit gegessen und jetzt schläft sie
-herrlich. Ich fahre nach dem Scharmützelsee hinaus, um auf den Rehbock
-zu gehen. Melden Sie das der Frau Kommerzienrat.“</p>
-
-<p>Eine Antwort erhielt er nicht. Ungeduldig stürmte er durch den
-Vorgarten, ohne zu sehen, daß sich über das alte Gesicht im Vestibül
-eine heimliche Träne stahl!</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_310_ende">
- <img class="w100" src="images/i_029_ende.jpg" alt="Kapitel 16, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_311"></a>[S.&nbsp;311]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_311_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_206_kopf.jpg" alt="Kapitel 17, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_17">17.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">A</span>uf dem gärtnerischen Hätschelkinde des neueren Charlottenburgs,
-dem Savigniplatze, rief ein alter Invalide eine Neuigkeit aus dem
-Morgenblatte aus. Eva von Ostried wartete hier seit geraumer Weile
-auf ihre Bahn; als die heisere Stimme an ihr Ohr schlug, streckte sie
-mechanisch die Hand aus und kaufte ein Blatt.</p>
-
-<p>Zuerst überflog sie die fettgedruckte Ueberschrift ohne sonderliches
-Interesse. Dann aber las sie mit scharfer Spannung und konnte nicht
-gleich voll begreifen:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„Kurz vor Redaktionsschluß ging uns die folgende Nachricht zu, die
-eine angesehene und sehr wohltätige Dame der Berliner Gesellschaft
-in tiefe Trauer versetzt. Als sich gegen acht Uhr abends in einem
-zuvor für diesen Zweck bestellten Zimmer im Hotel Esplanade die uns
-von der letzten Aufführung der „Meistersinger“ her als vollendetes
-„Evachen“ bekannte Dresdener Kammersängerin J. P. mit dem neuen
-Heldentenor des Charlottenburger Deutschen Opernhauses, Herrn
-P. K., zu einem Imbiß niedergelassen hatten, erzwang sich eine
-auffallend gekleidete Person den Eingang in diesen Raum und schoß
-den vielversprechenden Künstler nieder. An einem zweiten Schusse,
-den sie im Begriff stand, auf seine Begleiterin abzugeben, konnte
-sie glücklicherweise gehindert werden. Der sofort herbeigerufene
-Arzt vermochte leider nur noch den Tod des hochbegabten Sän<span class="pagenum"><a id="Seite_312"></a><span class="s4">[S.&nbsp;312]</span></span>gers
-festzustellen. Aus eigner Ueberzeugung wissen wir, daß dem
-heimgegangenen Künstler eine glänzende Laufbahn sicher war, die
-das grauenhafte Verbrechen jäh zerstörte. Die Personalien der
-Mörderin waren bis zu dieser Stunde noch nicht festzustellen,
-weil sie hartnäckig jede Auskunft über ihre Person verweigerte.
-Der Direktor des Hotels glaubt in ihr eine frühere Chansonette zu
-erkennen. Ob dies richtig ist, bleibt abzuwarten. Dagegen erfahren
-wir zuverlässig, daß am Nachmittag desselben Tages, also noch
-bevor das Schreckliche geschah, die junge, seit langer Zeit schwer
-leidende Gattin des Künstlers in ihrem schönem Heim im Grunewald
-einem Herzschlag erlag. Ihr plötzlicher Tod steht in keinerlei
-Zusammenhang mit dem Vorfall. Sie war die einzige noch lebende
-Tochter der eingangs erwähnten Frau Kommerzienrätin E., die mit ihr
-nun auch das letzte Kind verliert, nachdem vor Jahren ihre beiden
-älteren Töchter von einer heimtückischen Krankheit dahingerafft
-wurden....“</p>
-
-</div>
-
-<p>Eva von Ostried setzte sich auf eine der Bänke, vor denen eine Schar
-Kinder spielten. Sie war bestürzt, denn Karlchen war das Opfer seiner
-Schuld, und wieder flammte es in riesenhafter Schrift vor ihr auf:
-„Der Uebel größtes...“ Und diesmal vervollständigte sie ruhig und fest
-„aber ist die Schuld“. Seitdem sie ihr Lebensglück opfern mußte, fand
-sie keine Strafe dafür zu groß. Es verging kein Tag, an dem nicht der
-heiße, zwingende Wunsch zur Sühne in ihrer Seele flammte.</p>
-
-<p>Als Eva von Ostried nach Hause kam, fand sie die Hausgenossin scheinbar
-unverändert am Herde walten. Das gewährte ihr eine vorübergehende
-Erleichterung. So legte sie die Arme um die schmalen Schultern und
-führte Gretchen Müller sanft in das kleine Zimmer, in das die liebe<span class="pagenum"><a id="Seite_313"></a>[S.&nbsp;313]</span>
-Sonne und das bunte Herbstlaub der alten Parkbäume hineinschienen.</p>
-
-<p>„Ich habe Ihnen das Versprechen gegeben, Sie niemals, wie die Andern,
-durch eine Frage zu quälen, Fräulein Gretchen“, begann sie unsicher.
-„Denn es muß alles seine Zeit haben, um heilen zu können, Gretchen. Und
-wir haben es deshalb noch nie in Worte gefaßt &ndash; &ndash; ich weiß aber, wie
-nahe Ihnen Paul Karlsen einst gestanden hat...“</p>
-
-<p>„Ich habe ihn sehr lieb gehabt. &ndash; &ndash; Das ist lange, lange her...“</p>
-
-<p>„Und jetzt...“</p>
-
-<p>„Sie wollen mir sagen, daß er tot ist, nicht wahr?“</p>
-
-<p>„Sie wissen bereits?“</p>
-
-<p>„Ich habe alles gelesen,“ antwortete das Mädchen.</p>
-
-<p>Sie schauerte zusammen. „Ich habe ihn verachtet &ndash; ihm geflucht &ndash;
-und doch &ndash; im innersten Herzen liebte ich ihn weiter. Warum das sein
-muß, weiß ich nicht. Ich schämte mich, daß ich mich heimlich von ihm
-küssen ließ, daß ich den Meinen Kummer und Schande machen mußte. Ich
-löste mich eines Tages von ihm, schlug und spie nach ihm, und habe doch
-immer nach seinem Anblick Sehnsucht gehabt. Keinem könnte ich das sonst
-sagen, wie Ihnen. Als ich ihm folgte, wollte ich nichts anderes, als
-daß er mich bald zu seiner Frau machen würde. Daß er nicht mehr frei
-war, erfuhr ich viel später. Seitdem hat er mich nicht mehr berühren
-dürfen. Tagelang habe ich gehungert, weil ich sein Geld verachtete;
-denken Sie doch, das Geld seiner Frau! Kannten Sie sie? Ja? Wie sah sie
-aus? Ich denke sie mir wie ein Kind, das weder einen eigenen Willen
-noch ein eigenes Leben hatte.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_314"></a>[S.&nbsp;314]</span></p>
-
-<p>„So ist sie wohl gewesen?“</p>
-
-<p>„Ihr Vertrauen zu ihm muß grenzenlos gewesen sein. Darüber wurde eines
-Tages in dem Kreis, in den er mich einführte, hinter seinem Rücken viel
-gespöttelt. Dadurch habe ich davon erfahren....“</p>
-
-<p>„Nur darum ist sie schrankenlos glücklich gewesen und auch geblieben,
-Gretchen.“</p>
-
-<p>„Glauben Sie an ihr Glück?“</p>
-
-<p>„Ich habe es gefühlt,“ sagte Eva von Ostried und erzählte ihr, wie sie
-die junge zarte Frau kennen gelernt.</p>
-
-<p>„So glauben Sie nicht, daß sie etwas von mir geahnt hat?“</p>
-
-<p>„Auf keinen Fall. Er war zu gewandt und zu klug, um ihr nicht die
-vollendete Komödie des treuen Ehemannes vorzuspielen.“</p>
-
-<p>„Dann wird sie mir auch niemals geflucht haben.“</p>
-
-<p>„Nein, mein Kleines, das konnte sie bestimmt nicht tun, weil sie
-ahnungslos war. Wäre sie es aber selbst nicht geblieben &ndash; hätte sie
-im Laufe der Zeit einsehen müssen, daß seine Treue weniger wie ein
-fadenscheiniges Tuch darstellte, dazu hätte weder ihre Kraft noch ihre
-Veranlagung ausgereicht. Was sie an Gefühlsstärken besaß, gehörte ihm.“</p>
-
-<p>„Können Sie sich vorstellen, daß ich am meisten um diese arme, stille,
-vertrauensselige Frau gelitten habe?“</p>
-
-<p>„Ja, das kann ich! Es war aber unnötig.“</p>
-
-<p>„Nun ist sie gestorben, ohne dies erleben zu müssen...“</p>
-
-<p>„Das erscheint mir als ihr größtes Glück. &ndash; Ich muß heute noch meine
-Rechnungsbücher abschließen, Kind,“ meinte Eva dann in verändertem,
-ruhigen Tone. „Es ist sehr viel nachzutragen. Und Briefe muß ich
-ebenfalls schrei<span class="pagenum"><a id="Seite_315"></a>[S.&nbsp;315]</span>ben. Denn bald geht es zu den beiden Konzerten nach
-München. Ich möchte Sie gern mitnehmen. Könnten Sie sich jetzt nicht
-leichter entschließen?“</p>
-
-<p>„Meine Angst vor der lauten Welt ist trotzdem größer geworden,“ gestand
-Gretchen Müller beschämt. „Aber auch, wenn ich meine Bangigkeit
-bekämpfen könnte, wäre die Qual zu groß für mich.“</p>
-
-<p>„So elend fühlen Sie sich wieder?“</p>
-
-<p>„Das wäre übertrieben. Ich bin nur dauernd sehr müde. Sehen Sie, jetzt
-könnte ich zum Beispiel auf der Stelle einschlafen. Und nachts in der
-gegebenen Zeit vermag ich kein Auge zu schließen.“</p>
-
-<p>„Ich mache mir bittere Vorwürfe, daß ich Ihnen nachgab und den Arzt
-lange Zeit nicht befragte.“</p>
-
-<p>„Glauben Sie wirklich, daß er mir noch helfen kann?!“ Sie lächelte.
-Das gab ihrem durchsichtigen Gesicht den gleichen, unendlich rührenden
-Ausdruck, wie ihn die Heiligen auf den alten, steifen Bildern in
-Kirchen besitzen.</p>
-
-<p>„Sie sind zu viel allein, Gretchen.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried rechnete wirklich. Es war dasjenige, was ihr zu
-erlernen am schwersten geworden war. Wenn sie rückwärts dachte, hatte
-sie von jener Summe keinen Pfennig zu irgend einem unnützlichen
-Vergnügen verbraucht. Und doch schmolz das Geld erschreckend zusammen.</p>
-
-<p>Der Sommer hatte ihr im Verhältnis wenig Einnahmen gebracht. Die
-schwerreiche Schülerin im Grunewald verlobte sich und verlor die Lust
-zu weiterem Lernen. Ihre Lehrer forderten mit dem Steigen aller Werte
-bedeutend höhere Honorare....</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_316"></a>[S.&nbsp;316]</span></p>
-
-<p>Es wäre aber dennoch nur ein Teilchen über die Hälfte entnommen
-gewesen, hätte sie Gretchen Müller nicht Obdach und Pflege gewährt.
-Zuerst entnahm sie für diesen Zweck der kleinen Tasche skrupellos
-Schein um Schein. Bis sie plötzlich mit jähem Entsetzen merkte, daß sie
-nur noch zwei enthielt. Die Leidende mußte nach der strengen Forderung
-des Arztes, ohne daß sie einen klaren Begriff davon bekam, auf das
-Sorgfältigste gepflegt werden. Der Leidenden einfach zu eröffnen, daß
-es ihr &ndash; leider &ndash; nicht länger möglich sei, sie zu behalten, erschien
-ihr mehr als grausam. Ja, ihr Herz wollte es auch nicht zugeben! Sie
-hing an dem stillen scheuen Wesen.</p>
-
-<p>München mit der Einnahme der beiden Konzerte stand zwar in naher
-Aussicht. Wer aber vermochte den Ertrag im Voraus zu berechnen?! Es
-brauchten nur ungewöhnlich zahlreiche Darbietungen der ähnlichen Art
-zusammenzutreffen, dann war das Ergebnis bei weitem nicht das erhoffte.
-Das Honorar für den neunten November, in dem sie im Blüthnersaal singen
-würde, war zwar festgelegt, aber nicht sonderlich hoch bemessen. Ihr
-war es mehr auf das Zusammenwirken mit dem bekannten Künstlertrio wie
-auf die Einnahmen angekommen.</p>
-
-<p>Wie sollte sie also jemals imstande sein, mit Zins und Zinseszins,
-wie sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht, alles zurückzugeben? Die
-heimliche Not wuchs zuweilen so mächtig, daß sie sie in alle Welt hätte
-hinausschreien mögen.</p>
-
-<p>Und doch wachte sie mit ängstlicher Sorgsamkeit über jedem ihrer Worte,
-meinte oft genug aus einer unschuldigen Frage oder einem bedeutsamen
-Blick ein Ahnen ihres Frevels herauszulesen.. Sie arbeitete und lernte
-nur noch wie<span class="pagenum"><a id="Seite_317"></a>[S.&nbsp;317]</span> ein Automat! Einmal mußte ja doch alles anders werden!</p>
-
-<p>Sollte sie sich jetzt noch der Bühne zuwenden?</p>
-
-<p>Das sonderbare Erschauern durchkältete sie von neuem. Ihre Keuschheit
-kämpfte dagegen an. Aber war sie nicht schön? Liefen ihr die Männer
-nicht in voller Bewunderung nach? Nur ihres ermunternden Lächelns hätte
-es bedurft, um die Fäden zu knüpfen. Sie mußte ihr Leben von Grund auf
-ändern. Die Gleichgültigkeit gegen die kleinen Geschehnisse des Daseins
-fortan bekämpfen. Da lag zum Beispiel noch uneröffnet die schon vor
-Stunden angekommene Post.</p>
-
-<p>Weltbewegendes war nicht darunter. Ein Schüler sagte für diesen
-Nachmittag seine Stunde ab und erbat sich eine andere Stunde dafür. Das
-brachte wieder Mühen und Aenderungen in Menge. Ihr theoretischer Lehrer
-fragte an, ob sie eine in der Berliner Gesellschaft durch Schönheit und
-Geld wohlbekannte Gräfin regelmäßig zum Gesang begleiten wolle. Sie
-zahle ausgezeichnet. Dazu verspürte Eva von Ostried nicht die geringste
-Lust, so gern sie auch ihre Einnahmen vergrößert hätte. Ihr Stolz
-bäumte sich auf. In dem Bewußtsein ihrer Künstlerschaft empfand sie das
-Anerbieten als eine Beleidigung. Freilich war es gut gemeint, denn sie
-hatte neulich in seiner Gegenwart einen vernehmlichen Seufzer über die
-wachsenden Ausgaben getan.</p>
-
-<p>Eine Handschrift auf dem graugetönten steifen Leinenumschlag war ihr
-fremd und nicht angenehm. Sie zeigte so viel Schnörkel und Haken, als
-wisse der Schreiber nicht voll mit sich Bescheid. Es war der Brief des
-Waldesruher Majoratsherrn, der sie für Mittwoch nächster Woche zur
-Teilnahme an der Familiensitzung der Ostrieds in das Haus Adlon einlud.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_318"></a>[S.&nbsp;318]</span></p>
-
-<p>Früher hätte sie ihn achtlos bei Seite geschoben. Ihre einzige
-Empfindung wäre möglicherweise eine berechtigte Bitterkeit gewesen,
-daß sich das gesamte edle Geschlecht niemals um ihr Wohl bekümmert
-habe. Eine Erinnerung aus ihrer Kinderzeit an zwei Erscheinungen, die
-ihr damals wie aus Holz geschnitzt erschienen, tauchte auf. Die beiden
-steifen, stummen Gestalten thronten eines Tages an der Spitze der
-elterlichen Mittagstafel. Zwischen ihm hatte ein rothaariges, kleines
-Mädchen von ihrem Alter Platz genommen, das sie lebhaft an ihren toten
-Goldfisch erinnerte. Dessen Augen hatten aus dem gläsernen See ebenso
-blaß, rund und erstaunt geblickt, wie diejenigen der schweigsamen Puppe.</p>
-
-<p>Sie hatte die beiden Steifen mit Großtanten anreden und ihnen die Hand
-küssen sollen. Das war ihr aber nicht möglich gewesen, weil sie ein
-heftiger Widerwille geschüttelt hatte.</p>
-
-<p>Ihr zarte, scheue Mutter hörte mit ängstlichen Augen den späteren
-Erklärungen der ungebetenen Gäste zu, die wiederholt betonten, daß
-sie lediglich des gebrochenen Wagenrades halber hier Einkehr gehalten
-hätten.</p>
-
-<p>Der Vater hatte zuvor in den Ställen seine Wut über den unerwünschten
-Besuch ausgetobt. Aber nachher küßte er selbst die häßlichen Hände aus
-Holz. Und dann waren sie plötzlich wieder fort gewesen! Näheres erfuhr
-die kleine Eva über den kurzbemessenen Besuch von keiner Seite. Nur
-wenn sie ungehorsam war, schreckte sie die Kinderfrau mit der Drohung.
-„Warte, die gnädigen Großtanten sollen schon wiederkommen....“</p>
-
-<p>Es traf aber nicht ein. Es kam seitdem überhaupt Niemand mehr von der
-Verwandtschaft! Noch einmal überlas<span class="pagenum"><a id="Seite_319"></a>[S.&nbsp;319]</span> sie das Schreiben. Ihm fehlte jede
-persönliche Bemerkung. Auch wurde eine Antwort auf diese Einladung
-nicht erwartet. Wer nicht erschien und auch keinen Einspruch gegen den
-bekannt gegebenen Tag erhob, unterwarf sich dem von der Mehrheit der
-Anwesenden gefaßten Beschluß.</p>
-
-<p>Heute überlegte Eva von Ostried mit einem Gefühl der Genugtuung, daß es
-ihr gutes Recht sei, unter diesen Andern zu sitzen und mitzustimmen.
-Ihr Einspruch würde genügen, um einen neuen Tag in Vorschlag zu
-bringen. Diese Feststellung befriedigte sie. Seitdem sie jene Schuld
-auf sich geladen, verlangte sie heißhungrig nach äußerer Anerkennung
-ihrer Standesrechte. Wenn es sich also mit ihren Pflichten vereinen
-ließe, würde sie vielleicht dieser Einladung nachkommen.</p>
-
-<div class="figcenter illowe8 padtop1" id="i_319_ende">
- <img class="w100" src="images/i_319_ende.jpg" alt="Kapitel 17, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_320"></a>[S.&nbsp;320]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_320_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_054_kopf.jpg" alt="Kapitel 18, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_18">18.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">D</span>er Generalleutnant a.&nbsp;D. Jeschko von Ostried, Exzellenz, zog zum
-dritten Male die Uhr aus der Tasche, warf einen scharfen Blick über die
-mit ihm an der gleichen Tafel Sitzenden und stellte fest: „Vier Uhr
-genau!“ Dann wartete er noch eine Minute und erhob sich.</p>
-
-<p>„Als Aeltester der hier anwesenden männlichen Ostrieds eröffne ich
-hiermit den Familientag unseres Geschlechts und begrüße Alle an
-dieser Stelle.“.... Hier unterbrach er sich und sah aus strengen, eng
-zusammengeschobenen Augen auf den plötzlich erscheinenden alten Diener
-des Kummersbacher Vetters, der die verschiedenen Ostrieds im Vestibül
-zu empfangen und hierher zu weisen hatte. „Der Kummersbacher kann seine
-Untergebenen keine Subordination lehren“, dachte er grimmig, während er
-nervös mit der Rechten auf der Tafel herumtrommelte.</p>
-
-<p>„Es ist noch eine Dame angekommen, die sich Fräulein Eva von Ostried
-nennt“, meldete der Alte gemütlich. „Soll ich sie hereinführen, Euer
-Exzellenz?“</p>
-
-<p>„Nein,“ schrie der Generalleutnant, „denn nach der vollzogenen
-Eröffnung brauche ich das nicht mehr zu gestatten.“</p>
-
-<p>„Mach’ dich nicht lächerlich, Vetter,“ warf der Besitzer der Herrschaft
-Kummersbach, Mitglied des Herrenhauses, launig dazwischen und blinkte
-seinem getreuen Hermann verständnisinnig zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_321"></a>[S.&nbsp;321]</span></p>
-
-<p>„Los... hopp!“</p>
-
-<p>Die Falkenaugen des alten Soldaten blitzten und die Adlernase stach
-gefährlich in die Luft. Das zurechtweisende Wort erstarb ihm aber auf
-den Lippen. In diesem Augenblick öffnete sich nämlich zum zweiten Mal
-die Tür und ließ eine junge, auffallend schöne Erscheinung sehen.</p>
-
-<p>„Um vier Uhr genau ist der Beginn der Verhandlung in jeder Einladung
-festgesetzt. Wer sind Sie überhaupt, wenn ich fragen darf,“ rief ihr
-die Exzellenz entgegen.</p>
-
-<p>„Es schlägt soeben vier Uhr,“ sagte die Nahende ruhig und trat dicht
-an den Ehrenplatz und damit zur Seite des Generalleutnants. Ihr Kopf
-wandte sich dabei ein wenig nach rückwärts, als lausche sie.</p>
-
-<p>„Hören Sie, bitte.“</p>
-
-<p>Sie hörten es natürlich Alle, aber die meisten glaubten es trotzdem
-nicht.</p>
-
-<p>„Ich kenne Sie nicht,“ sagte der Generalleutnant wieder, weil er mit
-einer zwischen Aerger und Bewunderung geteilten Empfindung zu kämpfen
-hatte.</p>
-
-<p>„Ich bin Eva von Ostried, die Tochter des im Jahre 1913 auf Waldesruh
-verstorbenen Majoratsherrn Weddo. Hier ist meine Einladung!“</p>
-
-<p>Er warf einen flüchtigen Blick darauf.</p>
-
-<p>„Danach steht Ihnen natürlich die Teilnahme an dieser Sitzung frei. Ich
-darf Sie vorstellen.“</p>
-
-<p>Und er nannte ihren Namen, ohne ihr die der Anwesenden bekannt zu
-geben. Eva von Ostried fühlte, wie ihr das Blut heiß ins Gesicht schoß.</p>
-
-<p>Sie hatte keinen freundlichen Empfang erwartet. Diese Strenge und
-Formlosigkeit empfand sie aber als Be<span class="pagenum"><a id="Seite_322"></a>[S.&nbsp;322]</span>leidigung. Vielleicht hätte sie
-stolz genug sein müssen, um jetzt zu gehen, aber sie lächelte nur &ndash;
-und blieb!</p>
-
-<p>„Wohin darf ich mich setzen?“ fragte sie ruhig und hell.</p>
-
-<p>Da stand Jemand auf und näherte sich ihr. Er war breitschultrig und
-sonnverbrannt und seine Augen blickten unter den eisgrauen Brauen noch
-jünglingsklar.</p>
-
-<p>„Zu mir,“ sagte er kurz und herzlich. „Ich bin der Kummersbacher. Ob
-dir das irgend etwas besagt, ahne ich nicht. Ich nenne dich du. Du
-erlaubst doch?“ Und er bot ihr ritterlich den Arm und führte sie an
-seinen Platz. „So, hier setz’ dich einstweilen. Bitte, Vetter Horst
-Waldemar, etwas nach links, damit mein Hermann noch einen Schemel
-reinklemmen kann“.</p>
-
-<p>So saß Eva von Ostried denn neben dem, der auf Lebenszeit im Herrenhaus
-Nachfolger ihres Vaters war. Eine peinliche Pause entstand. Wieder
-durchbrach die Stimme des Kummersbachers die Schwüle.</p>
-
-<p>„Ich will dir besser alle Anwesenden nennen, liebe Base.“</p>
-
-<p>Und ohne sich durch den abweisenden Ausdruck der meisten Gesichter
-beirren zu lassen, stellte er sie einzeln vor.</p>
-
-<p>Schlank und stolz stand Eva von Ostried neben der breitschultrigen
-Gestalt und neigte ihr Haupt nicht tiefer, wie sie das in allen andern
-Fällen getan hätte, denn es streckte sich ihr keine Hand entgegen. Die
-weiblichen Mitglieder beachteten sie anscheinend überhaupt nicht. Nur
-die Männer spähten verstohlen nach ihr hinüber. Ihre Schönheit wirkte
-verblüffend auf sie. Die gesuchte Einfachheit ihrer Kleidung hob die
-knospenden Formen auf das Vorteilhafteste. Die ausdrucksvollen Augen
-leuchteten aus dem sanf<span class="pagenum"><a id="Seite_323"></a>[S.&nbsp;323]</span>ten Elfenbeinton der weichen Haut und in dem
-Nußbraun ihrer Flechten spielten goldene Lichter.</p>
-
-<p>Horst Waldemar, der Majoratsherr, sah von seiner Höhe herab prüfend
-auf die neue Nachbarin. Er mußte zugeben, daß er sie sich anders
-vorgestellt hatte. Zwar mußte er nach dem Bilde, das sie im Kindesalter
-neben ihrer Mutter zeigte, auf ein hübsches Gesicht gefaßt sein....
-diesen außerordentlichen Reiz mit einer sichern und nicht nur
-gespielten feinen Vornehmheit gepaart, hatte er nicht erwartet. Seine
-Ansicht über die Tochter seines Vorgängers wurde dadurch natürlich
-keineswegs geändert. Nach wie vor empfand er ihre Zugehörigkeit zur
-Familie, die, mochte sie auch jahrelang nicht hervorgetreten sein, eine
-Stunde wie die jetzige, zweifelsfrei feststellte, als peinlich. Bisher
-hatte er noch nicht mit dem Mitglied einer Bühne unter den Augen seiner
-weiblichen Verwandten an dem nämlichen Tisch gesessen. Trotzdem sprach
-er sie jetzt an.</p>
-
-<p>„Ich werde mir nächstens gestatten, in einer geschäftlichen Sache an
-Sie heranzutreten, gnädiges Fräulein.“</p>
-
-<p>Sie betrachtete ihn erstaunt. Er hatte das kühle wesenlose Gesicht
-eines Menschen, der sich im Widerspruch mit den Schnörkeln und Haken
-seiner Handschrift befand. Sie war überzeugt, daß er sehr genau mit
-sich und seinen Wünschen Bescheid wußte. Kühl und knapp antwortete sie
-ihm, während doch ein eisiges Erschrecken sie anpackte. Es war sehr
-möglich, er kam ihr noch mit unbeglichenen Forderungen aus ihres Vaters
-Schuldkonto.</p>
-
-<p>„Sie können es einfacher haben. Ich bin schon heute bereit, Sie
-anzuhören.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_324"></a>[S.&nbsp;324]</span></p>
-
-<p>Er verneigte sich verbindlich. „Hoffentlich finde ich nachher
-Gelegenheit dazu. Jetzt ergreift aber Vetter Exzellenz endlich das
-Wort!“</p>
-
-<p>Der Generalleutnant holte tief Atem, sah jeden Anwesenden, außer
-Eva von Ostried, fest an, um sich das Nennen der einzelnen Namen
-zu ersparen und begann: „Uns Andern ist die Vorgeschichte unseres
-Verwandten Edgar von Ostried-Javelingen zur Genüge bekannt. Denn wir
-gewährten ihm die Mittel zum Studium. Ich spreche dies also für das
-fremde Mitglied. Die Studien hat er mit Abschluß des nötigen Examens
-ordnungsgemäß und rechtzeitig erledigt. Leider mußten wir danach noch
-einmal eingreifen, und diesmal ungebeten. Er wollte nämlich eine
-Stellung als Regisseur annehmen. Bei einem Theater.“ Hier räusperten
-sich die gnädigen Großtanten vernehmlich und die Zwillinge kicherten
-verschämt auf. „Das war natürlich, so lange er sich offiziell zu
-uns bekannte, nicht tunlich. Wir wiesen ihn auf die Tätigkeit des
-privaten Schriftstellers hin, die auch seiner angegriffenen Gesundheit
-zuträglicher war.“</p>
-
-<p>„Darum pfeift er nun wohl auch auf dem sogenannten letzten Loch,“ warf
-der Kummersbacher trocken ein. Der Einwand blieb aber unbeachtet und
-die Exzellenz fuhr fort:</p>
-
-<p>„Er hat in unserm Auftrage die Familiengeschichte unseres Geschlechts
-neu bearbeitet. Selbstverständlich unter Zugrundelegung alter,
-zuverlässiger Quellen. Sie ist gedruckt und bei dem Verlage Müller
-und Schulze in Berlin für 22 Mark jederzeit zu beziehen. Was er sonst
-noch geschrieben hat, weiß ich nicht. Mir hat er einmal ein Drama
-zugeschickt, das mir Anlaß zu einem sehr ernsten Brief gab.<span class="pagenum"><a id="Seite_325"></a>[S.&nbsp;325]</span> Jedenfalls
-befindet er sich zur Zeit in schlechter Vermögenslage. Darum hat er den
-Antrag gestellt, die für bedürftige und würdige Mitglieder auf 5234
-Mark angewachsene Summe verliehen zu erhalten. Ich für meine Person
-hege keine Bedenken, sie ihm zuzuwenden. Der Tatbestand wäre hiermit
-erschöpft. Ich bitte zur Abstimmung zu schreiten. Etwaige Gegengründe
-sind möglichst kurz vorzutragen.“</p>
-
-<p>Hermine von Ostried, die älteste der Großtanten stand wuchtig und
-herausfordernd auf.</p>
-
-<p>„Er selbst bezeichnete sich mir gegenüber als einen freien Künstler.
-Das schickt sich meiner Ansicht nach nicht für ein Mitglied unseres
-Hauses. Was ist das überhaupt? Die Zigeuner, die einst von meinem
-seligen Herrn Vater die Erlaubnis zum Aufschlagen ihrer Buden, in denen
-sie dressierte Affen und Seiltänzer zeigten, nachsuchten, nannten sich
-ebenso. Ich muß darauf bestehen, daß er zuvor ausdrücklich verspricht,
-einem heute ebenfalls noch festzusetzenden Konsortium jede seiner
-Arbeiten vor Drucklegung zu unterbreiten. Denn vor der Welt decken wir
-ihn doch sozusagen.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried, für welche die Rede mehr wie für den siechen Dichter
-bestimmt war, der irgendwo im Nebenzimmer auf die Entscheidung
-wartete, um nachher sein gerührtes „Danke schön“ zu stammeln, lächelte
-freundlich.</p>
-
-<p>„Darf ich um das Wort bitten, Exzellenz,“ fragte sie plötzlich sehr
-höflich, als eine kurze Pause entstand.</p>
-
-<p>„Ich war noch nicht fertig,“ sagte die Stiftsdame hochmütig und empört
-über die offensichtliche Belustigung auf dem schönen Gesicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_326"></a>[S.&nbsp;326]</span></p>
-
-<p>„Du bist also nicht für eine bedingungslose Hingabe, beste Hermine,“
-warf der Generalleutnant ungeduldig hin.</p>
-
-<p>„Das habe ich nicht ausdrücken wollen, Jeschko. Ich wollte lediglich
-meinen Standpunkt darlegen.“ Und dann fuhr sie lang und breit in ihrer
-Rede fort, ohne daß ihr jemand aufmerksam zuhörte.</p>
-
-<p>„Diese Summe hätte zwar ebenso gut dem Familiengesetz nach einer
-der ledigen Töchter unserer Familie zugeführt werden können, aber
-meinetwegen mag er sie nehmen,“ äußerte sich ein „Vortragender Rat“
-etwas mißgünstig. Seine Gattin stieß ihn kräftig unter dem Tisch an
-dasjenige Knie, in dem sich zur Zeit grade der Ischiasnerv unerträglich
-regte.</p>
-
-<p>„Ich bitte dich, diese Taktlosigkeit in Gegenwart des Waldesruher.
-Es ist furchtbar mit dir...“ Die hochblonde Ingeborg saß hilflos und
-errötend da, denn sie hatte begriffen, daß diese Bemerkung auch sie
-anging. Ihr Gesicht wirkte sehr weiß und rot. Die Augen hatten den
-starren ausdruckslosen Blick hübscher Wachspuppen. Die kräftige,
-ebenfalls sehr weiße Zahnreihe leuchtete hinter den rosa Lippen auf,
-auch wenn sie, wie jetzt, schwieg.</p>
-
-<p>Ein „Regierungsassessor“ murmelte etwas von „unsereinem hätte es auch
-schon hundertmal bitter not getan,“ aber es wurde dann ohne weiteres
-Einreden zur Abstimmung geschritten und der Diener des Kummersbachers
-erhielt den Auftrag, Herrn Doktor von Ostried Javelingen herein zu
-bitten.</p>
-
-<p>Eva von Ostrieds Blicke richteten sich voll warmen Mitleids auf den
-Eintretenden. Er sah hager und verfallen aus. Seine Kleider saßen
-schlotternd. Seine Hände waren<span class="pagenum"><a id="Seite_327"></a>[S.&nbsp;327]</span> wie vertrocknet. Aber in seinen
-dunkelblauen Augen brannte ein helles Feuer. Er stand neben dem
-Generalleutnant, Exzellenz, doch sah er eigentlich nur die Fremde in
-diesem ihm sonst wohlbekannten Kreise. Sein Dank war verworren und
-längst nicht so überströmend, wie das zu erwarten gestanden hätte. Er
-schämte sich vor dem fremden, ihm über alle Begriffe schön dünkenden
-Mädchen.</p>
-
-<p>Nun war die Hauptsache erledigt!</p>
-
-<p>„Du wolltest vorher etwas sagen, Base Eva, wenn ich nicht irre“.....
-Die jünglingsklaren Augen des Kummersbacher winkten ihr aufmunternd
-zu, als verhießen sie: „Nimm kein Blatt vor den Mund. Ich halte deine
-Kante!“</p>
-
-<p>In Eva von Ostried war allerdings bei den Worten des Stiftsfräuleins
-Hermine heller Zorn emporgelodert. Die versteckte Art, mit der hier
-mehr über sie wie über den armen, krankaussehenden Dichter der Stab
-gebrochen wurde, erschien ihr verächtlich. Nun aber das erste Feuer
-niederglimmen mußte, ohne zu strafen, fühlte sie die alte matte
-Gleichgültigkeit.</p>
-
-<p>Der Regierungsassessor erwachte aus seiner Schläfrigkeit und späte
-erwartungsvoll nach ihr hin. Irrte sie oder zuckte in seinen
-Mundwinkeln ein feiner, überlegenener Spott, der ihrem Schweigen
-galt? Raffte sie sich jetzt nicht zum Sprechen auf, durfte sie
-keinen Augenblick länger verweilen. Denn sie konnte sonst eine nicht
-mißzuverstehende Aufforderung zum Verlassen dieses Zimmers durch die
-Stiftstanten oder durch die soldatische Exzellenz erwarten.</p>
-
-<p>Deshalb erhob sie sich jetzt doch.</p>
-
-<p>„Ich wollte mich, als einzig dazu Berechtigte, in Abwesenheit des
-Angegriffenen gegen die Mißachtung des<span class="pagenum"><a id="Seite_328"></a>[S.&nbsp;328]</span> freien Künstlers wehren,“
-sagte sie ohne Erregung. „Nun aber ist ja der davon Betroffene selbst
-dazu imstande. Wenn mir erlaubt wird, ihm kurz zu sagen, was von der
-Stiftsdame Hermine behauptet wurde...“</p>
-
-<p>„Dagegen protestiere ich,“ schrie die Angegriffene in maßloser Erregung.</p>
-
-<p>„Es ist nicht Sitte, daß aus der geheimen Familiensitzung nachträglich
-dem dabei nicht zugezogenen Hauptbeteiligten Eröffnungen gemacht
-werden,“ entschied der Generalleutnant.</p>
-
-<p>„Ich weise darauf hin, daß ich dies während der Beratung abmachen
-wollte.“ Eva von Ostrieds Zurückweisung des ihr gemachten Vorwurfs
-klang durchaus sachlich. „Nachdem ich von dem Tadel des Herrn
-Generalleutnants Kenntnis habe, verzichte ich auf jedes weitere Wort.“</p>
-
-<p>„Ich verlange, daß du sprichst,“ sagte der Kummersbacher streng und
-scharf. Die andern kannten diesen Ton. Wenn er sich dazu verstieg,
-pflegte er nicht früher Ruhe zu geben, als bis er seinen Willen bekam.
-Eine kleine Pause entstand.</p>
-
-<p>„Vetter Javelingen könnte ja noch mal abtreten,“ schlug der
-Regierungsassessor lässig vor.</p>
-
-<p>„So sprechen Sie denn, wenn es durchaus sein muß,“ erlaubte der
-Generalleutnant kurz. Und Eva von Ostried fuhr fort:</p>
-
-<p>„Es wurde vorher also der umherziehende Zigeuner dem freien Künstler
-gleich erachtet. Das empfand ich an sich als keinen Schimpf. Auch
-der heimatlose Ungar kann sehr wohl etwas von dem Gottesgeschenk in
-sich haben. Ich richte mich gegen den Ton, in welchem der Vergleich
-vorgebracht wurde. Er strebte die Herabsetzung und Verächt<span class="pagenum"><a id="Seite_329"></a>[S.&nbsp;329]</span>lichmachung
-des Künstlerstandes an. Empfindlichkeit liegt mir ebenso fern wie der
-Wunsch, nach diesem Tage vielleicht einen engeren Zusammenschluß an die
-Familie, welcher ich entstamme, zu erstreben. Wenn aber die Rednerin
-auch den abwesenden Dichter vorschob, so richtete sie in Wahrheit
-ihre Angriffe gegen mich. Dabei war sie klug genug, meinen Namen
-nicht klar zu nennen. Besäße ich einen brüderlichen oder väterlichen
-Freund, würde ich diesen zur Erwiderung auf schriftlichem Wege
-veranlassen. Aber ich stehe ganz allein. Nun ist es mir darum zu tun,
-an derselben Stelle, die mich beleidigen wollte, zu antworten. Kurz
-meinen Lebenslauf, seitdem ich Waldesruh verließ: Der Freund meines
-Vaters übernahm meine Ausbildung zur Bühnenkünstlerin. Sein bedeutender
-Ruf verbürgte die Richtigkeit seines Urteils. Nachdem er unerwartet
-starb und mein Vormund, Amtsrat Wullenweber auf Hohen-Klitzig, seine
-Erlaubnis zum Weiterstudium versagte, nahm ich verschiedene Stellungen
-als Kinderfräulein und Gesellschafterin an. Zeugnisse darüber sind
-vorhanden. Zuletzt weilte ich drei Jahre bei Frau Präsident Melchers.
-Ueber diese Zeit erteilt Justizrat Weißgerber Auskunft.“</p>
-
-<p>Der Waldesruher Majoratsherr, der bis jetzt mit leicht gesenktem
-Kopf vor sich niedergesehen hatte, streifte sie mit einem raschen
-Seitenblick. Famos sah sie aus und ganz famos sprach sie auch. Trotzdem
-würde sie von der Familie nach diesem wohl ebenso wenig beachtet werden
-wie bis dahin. Und er schien das Interesse für ihre Ausführungen zu
-verlieren.</p>
-
-<p>„Frau Melchers starb auf einer Reise nach Pommern am Herzschlag und
-ich, die inzwischen mündig Gewordene, be<span class="pagenum"><a id="Seite_330"></a>[S.&nbsp;330]</span>schloß, endlich meinen
-sehnlichsten Wunsch, die Ausbildung zur Bühne, fortzusetzen.“</p>
-
-<p>„Woher hat sie das Geld dazu genommen,“ tuschelte das jüngere
-Stiftsfräulein ihrer Schwester neugierig zu.</p>
-
-<p>Eva von Ostried fühlte, daß sie schwach werden wollte. Nun kam der
-dunkle Punkt! Und es hieb alles wieder auf sie ein... Die Not des
-Gewissens glühte &ndash; die Angst bis an’s Lebensende unter dieser
-heimlichen Schmach zu leiden ... Einen Augenblick gab sie ihre Sache
-verloren. Dann erwachte ihr Stolz. „Meinem Gott und mir... und ihm,
-den ich liebe, bin ich Rechenschaft schuldig. Diesen nicht...“ Und sie
-sprach weiter:</p>
-
-<p>„Das Geld &ndash; ganz recht. &ndash; Das war eine böse Geschichte. Denn mein
-mütterliches Erbteil betrug nur tausend Mark. Ich hätte aber sehr bald
-vielleicht das Zwanzigfache verdienen können, wenn nicht das Blut
-meiner Mutter in mir wach geworden wäre. Ich konnte mich nun doch
-nicht für die Bühne zur Laufbahn entschließen. Die Gründe dafür nenne
-ich hier nicht. Sie würden doch kein Verständnis oder keinen Glauben
-finden. Der Tropfen Ostriedsches Blut &ndash; das Erbe meines Vaters also
-&ndash; war nicht dagegen. Zur Zeit verdiene ich meinen Lebensunterhalt
-durch Unterricht und Konzerte. So werde ich im nächsten Monat zweimal
-in München, am neunten November einmal im Blüthnersaal, hier, singen.
-In der Hauptsache ernähren mich die Stunden, die ich begabten Schülern
-erteile. Meine Wohnung befindet sich in Charlottenburg, Königsweg 24.
-Ich hatte nicht nötig, dies alles zu sagen. Wie schon erwähnt, stehe
-ich aber ganz allein für mich ein und bin daher dem niederen Klatsch
-schutzlos ausgesetzt. Das Andenken<span class="pagenum"><a id="Seite_331"></a>[S.&nbsp;331]</span> an meine Mutter verbietet mir, mich
-verdächtigen zu lassen.“ Sie neigte sich leicht und machte Miene zu
-gehen.</p>
-
-<p>Da stand der Generalleutnant, Exzellenz, langsam auf, kam um den Tisch
-herum auf sie zu und hielt die Hand hin.</p>
-
-<p>„Wir Männer haben zu wenig Zeit und auch zu wenig Begabung, um
-die Richtigkeit gehässiger Berichte nachzuprüfen,“ sagte er nicht
-unfreundlich. „Darum tut es mir persönlich leid, wenn Sie sich durch
-unsere bisherige Zurückhaltung verletzt gefühlt haben sollten.“</p>
-
-<p>Einen Augenblick legte sie ihre Rechte in die seine.</p>
-
-<p>„Glauben Sie jetzt aber ja nicht, Exzellenz, daß ich mich in Ihren
-Kreis drängen möchte.“</p>
-
-<p>Er sah erstaunt auf. Gradwegs in ihre wundervollen, klaren Augen. Einen
-Augenblick drohte ihn die weltmännische Sicherheit zu verlassen.</p>
-
-<p>„Und warum nicht,“ fragte er erstaunt.</p>
-
-<p>„Weil ich keine Zeit dazu fände und auch nicht ehrgeizig bin,
-Exzellenz. Sonst stände ich ja wohl heute als Mitglied einer Bühne vor
-Ihnen.“</p>
-
-<p>Die andern Herren hatten sich gleichfalls erhoben und sahen etwas
-verlegen auf den Generalleutnant. Sie tat, als merke sie nichts von dem
-Erwägen, das aus allen Gesichtern sprach.</p>
-
-<p>„Ich muß nun fort, Exzellenz.“</p>
-
-<p>Neben ihr lachte der Kummersbacher behaglich auf. „Nee, meine Tochter,
-du bleibst noch gefälligst eine Weile! Wir machen nachher unten eine
-gemütliche Ecke. Du, meine Wenigkeit, unser Dichter und wer sonst noch
-Lust hat, kann sich anschließen. Sage nicht „nein“... Bitte...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_332"></a>[S.&nbsp;332]</span></p>
-
-<p>„Ich wollte mit der gnädigen Base noch wegen geschäftlicher Dinge
-verhandeln. Darf ich also mitkommen?“ fragte der Waldesruher höflich.</p>
-
-<p>„Schön. Kannst du machen! Wann kommt denn übrigens der Anwalt?
-Warum Ihr durchaus die Familienbestimmungen abändern wollt, ist mir
-zwar nicht klar. Es sind ohnehin zu viel. Aber wenn es sonst ein
-vernünftiger Mann ist, kann auch das ganz nett werden. So’n Jurist
-steckt einem manchmal gehörige Lichter über das, was man Logik des
-Denkens nennt, auf.“</p>
-
-<p>Der Waldesruher klemmte das Monokel ins Auge und prüfte die Uhr. „In
-zwei Stunden wird er da sein. Solange hätte ich also Zeit.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried stand unschlüssig zwischen den Beiden. „Es hat doch
-keinen rechten Zweck,“ meinte sie leise zu dem Kummersbacher.</p>
-
-<p>„Zweck,“ lachte der vergnügt. „Na wer weiß! Sieh mal rüber. Die
-gnädigen Stiftstanten giften recht erheblich, weil ihr Liebling, die
-brave Ingeborg, fortwährend sehnsüchtige Blicke zu uns rüber wirft.
-Allein darum lohnt es sich schon.“</p>
-
-<p>„Willst du mit von der Partie sein, Inge,“ fragte er laut. „Ich stehe
-dafür ein, daß du ungestohlen wieder abgeliefert wirst.“</p>
-
-<p>„Wir wollten den Waldesruher Vetter grade herzlich bitten, daß er mit
-uns den Tee nimmt,“ lehnte das ältere Stiftsfräulein in süßlichem Ton
-für sie ab.</p>
-
-<p>Horst Waldemar von Ostried ging hinüber und küßte der Sprecherin
-flüchtig die Hand, die immer noch wie dürres Holz erschien.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_333"></a>[S.&nbsp;333]</span></p>
-
-<p>„Leider kann ich heute der gütigen Einladung nicht folgen, verehrte
-Großtante. Ich bemerkte schon soeben, etwas Geschäftliches hindert mich
-an diesem Vergnügen.“</p>
-
-<p>Dem Dichter war es endlich gelungen, sich an Eva von Ostrieds Seite zu
-drängen. „Wie innig habe ich Ihnen zu danken,“ flüsterte er.</p>
-
-<p>„In der Hauptsache sprach ich für mich,“ meinte sie lächelnd.</p>
-
-<p>„Daß Sie es überhaupt sagten, war schön.“</p>
-
-<p>„Traurig genug, dass es gesagt werden mußte, nicht wahr?“</p>
-
-<p>Er nickte. „Sie ahnen ja gar nicht, wie unbeschreiblich glücklich Sie
-sind.“</p>
-
-<p>„Ich!“ machte sie erschrocken. „Warum denn nur? Sie haben gehört &ndash; ich
-bin von meinem gesteckten Ziele abgeirrt ...“</p>
-
-<p>„Aus freien Stücken, ja! Diesen Zwang kann man sich wohl gefallen
-lassen.“</p>
-
-<p>„Er zerbricht auch mancherlei. Glauben Sie nur!“</p>
-
-<p>„Was wissen Sie davon? Ihre Augen sind licht und rein.“ In diesem
-Augenblick trat der Kummersbacher wieder heran und verdrängte ihn durch
-das Vorhandensein seiner mächtigen Gestalt.</p>
-
-<p>&ndash; Zu Vieren saßen sie um einen Rundtisch.</p>
-
-<p>„Ich bringe dich nachher nach Hause,“ sagte der Kummersbacher. „Das
-erlaubst du mir wohl? Auf der Fahrt können wir uns beide noch ein
-bißchen aussprechen.“</p>
-
-<p>Sie richtete sich auf und lächelte krampfhaft.</p>
-
-<p>„Ich glaube, du bist sehr gut, Onkel Friedrich Wilhelm. Aber, nun ist
-es für alles zu spät.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_334"></a>[S.&nbsp;334]</span></p>
-
-<p>Sie sprach es nur für ihn. Ihre Stimme war ein Flüstern. Der
-Waldesruher unterhielt sich weiter mit dem Dichter, obgleich er ihn im
-übrigen nicht als vollwertigen Menschen ansah.</p>
-
-<p>„Mir kannst du vertrauen, Kind. Ich begreife dich schon!“</p>
-
-<p>„So war’s nicht gemeint. Ich dachte lediglich an das mancherlei
-Schwere, das ich als junges, unreifes Ding, damals ganz allein mit mir,
-abmachen mußte. Das machte mich vorübergehend bitter. Jetzt bin ich
-damit fertig. Wirklich. Eine gemeinsame Fahrt denke ich mir für dich
-sehr unangenehm nach diesem Sekt. Ich benutze nämlich die elektrische
-Bahn.“</p>
-
-<p>„Und dir von mir einen Wagenplatz bezahlen zu lassen, das widerstrebt
-dir, mit andern Worten.“</p>
-
-<p>„Ja, das tut es!“</p>
-
-<p>„Du bist eine seltsame Heilige, scheint mir.“</p>
-
-<p>„Aber nicht darum.“</p>
-
-<p>„Also außerdem auch noch. Das kann ich leider nicht beurteilen.“</p>
-
-<p>Der leichtergraute Kopf des Waldesruher wandte sich in diesem
-Augenblick zu ihr hin.</p>
-
-<p>„Darf ich jetzt endlich meine Frage an Sie richten, gnädige Base?“</p>
-
-<p>„Ich bitte darum, Herr von Ostried.“</p>
-
-<p>Er zuckte unter ihrer förmlichen Anrede ein wenig zusammen und saß
-danach noch steifer und hochmütiger auf seinem Platz. Sonst war er
-derjenige, der unerwünschte Vertraulichkeiten zurückwies.</p>
-
-<p>„Sie besitzen von Ihrer Frau Mutter einen Schatz wertvoller, alter
-Möbel.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_335"></a>[S.&nbsp;335]</span></p>
-
-<p>„Das ist Ihnen bekannt?“ wunderte sie sich. „Wie seltsam.“</p>
-
-<p>„Nicht so sehr, wie es den Anschein hat. Waldesruh und Hohen-Klitzig
-grenzen noch immer.“</p>
-
-<p>„Das hatte ich beinahe vergessen.“</p>
-
-<p>„Und einen Teil der alten Leute behielt ich in meinen Diensten.“</p>
-
-<p>„Wirklich?“ fragte sie mit leisem Spott.</p>
-
-<p>Er überlegte, ob er ihr eine scharfe Zurechtweisung erteilen solle,
-unterließ es aber, um sie nicht, ohne jedes Nachdenken, zu einer
-abweisenden Antwort zu veranlassen.</p>
-
-<p>„Die haben mir also davon berichtet,“ fuhr er fort, „als gerade eine
-Sendung aus Berlin ankam, die von Kluserichter, dem Gutstischler,
-ausgepackt wurde. Ich bin dann bald zu dem Amtsrat herübergefahren, um
-sie zu besichtigen. Er verwies mich indes an Sie.“</p>
-
-<p>Sie hatte wiederholt daran gedacht, sich auch diese Sachen in ihr Heim
-kommen zu lassen, unterließ es aber, weil die jetzige Wohnung keinen
-genügenden Raum dafür bot. Ihr Herz hing zudem nicht an den Stücken.
-Für einen guten Preis würde sie sich jetzt ohne weiteres davon getrennt
-haben, weil sie diejenigen Möbel, die einen wirklichen Erinnerungswert
-für sie besaßen, bereits umgaben. Sie diesem zu überlassen, verbot
-ihr Stolz. Wieder spürte sie die unsägliche Nichtachtung, die darin
-lag, daß er ihrem toten Vater nicht die letzte Ehre erwies, die
-Kaltherzigkeit, mit welcher er ihr, der Heimatlosen damals schriftlich
-begegnete.</p>
-
-<p>„Diese Sachen sind unverkäuflich,“ gab sie kurz zur Antwort.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_336"></a>[S.&nbsp;336]</span></p>
-
-<p>„Sie wollen also gar nicht mein Gebot hören?“</p>
-
-<p>„Es würde mich nicht umstimmen.“</p>
-
-<p>Sein Hochmut fand die schroffe Ablehnung einfach lächerlich. Eine
-kindische Ueberhebung von dieser gänzlich Mittellosen, die mit eisigem
-Schweigen abgetan zu werden verdiente. Die Leidenschaft des Sammlers
-versuchte dennoch ein Letztes:</p>
-
-<p>„Vielleicht darf ich später noch einmal nachfragen, ob Sie Ihre Ansicht
-geändert haben?“</p>
-
-<p>Sie zuckte die Achseln. &ndash; In demselben Augenblick hatte er
-blitzschnell die ihn eiskalt überrieselnde Empfindung, daß neben dieser
-unpersönlichen Stimme, die nach einem Wiedersehen verlangt hatte, auch
-noch der Mann in ihm danach strebte. Brüsk erhob er sich.</p>
-
-<p>„Verzeihung, ich will Befehl geben, daß mir sofort die Ankunft des
-Rechtsanwalts gemeldet wird.“</p>
-
-<p>„Das brauchst du doch nur an meinen Hermann nach oben zu
-telephonieren,“ riet der Kummersbacher und unter seinem eisgrauen Bart
-zuckte die Schadenfreude über die schneidige Abfuhr auf.</p>
-
-<p>Trotz des Rates nahm der andere nicht wieder Platz. Es trieb ihn fort.
-Das Gefühl lebhaften Aergers über die schroffe Ablehnung, nach welcher
-er beschlossen hatte, den schlauen Agenten auf Eva von Ostrieds Schätze
-zu hetzen, war verflogen. Jetzt wehrte er sich lediglich gegen das
-wachsende Wohlbehagen, das ihm ihr Anblick bringen wollte.</p>
-
-<p>„Weshalb hast du eigentlich den Anwalt so heimlich bestellt,“ fragte
-der Kummersbacher vergnügt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_337"></a>[S.&nbsp;337]</span></p>
-
-<p>„Heimlich? Das dürfte nicht zutreffen. Es war vorher mit Jeschko
-ausgemacht, daß wir abändern wollten. Ihr habt Euch ja in Pausch und
-Bogen schon längst vorher damit einverstanden erklärt. Mir fiel neben
-dem Abfassen von der Bekanntgabe des Familientages natürlich auch die
-Wahl des Anwalts zu.“</p>
-
-<p>Er merkte nicht, daß ihn der Frager nur noch ein wenig fesseln wollte,
-um mit inniger Schadenfreude zu prüfen, ob seine längst gemachte
-Feststellung von dem starken Eindruck der schönen Base auf den Egoisten
-wirklich zutreffe.</p>
-
-<p>„Ich kenne hier nämlich verschiedene sehr tüchtige Anwälte,“ beharrte
-er eigensinnig, „und denen würde ich gern eine Kleinigkeit zu verdienen
-gegeben haben.“</p>
-
-<p>„Dieser ist mir ebenfalls warm empfohlen. Ein gewisser Doktor
-Wullenweber, vereinigt mit dem als sehr tüchtig anerkannten Justizrat
-Weißgerber. Zudem Neffe meines Klitziger Nachbarn.“ Dann verneigte
-er sich stumm gegen Eva, ohne ihr die Hand zu reichen und nickte den
-beiden andern zu.</p>
-
-<p>Sie sah plötzlich starr und bleich aus. Oder veränderte nur der erste
-fahle Schein der Dämmerung, der gespenstisch durch die steingrünen
-Vorhänge kroch, ihr Aussehen?</p>
-
-<p>„Die Luft ist hier nicht besonders gut, nicht wahr?“ erkundigte sich
-der Kummersbacher teilnehmend, als sie jetzt zu Dreien waren.</p>
-
-<p>„Ich muß nach Hause,“ sagte sie tonlos, ohne auf seine Frage zu
-antworten.</p>
-
-<p>Es erschien ihr alles nebensächlich und phrasenhaft neben dem einen,
-was sie soeben gehört.</p>
-
-<p>„Dieser Entschluß kommt ein bißchen plötzlich, Kind..“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_338"></a>[S.&nbsp;338]</span></p>
-
-<p>Schweigend knöpfte sie an ihren Handschuhen.</p>
-
-<p>„Ich blieb schon viel zu lange.“</p>
-
-<p>„Warum ärgerst du dich eigentlich,“ forschte er beinahe sanft. „Ich
-sehe keinen Anlaß.“</p>
-
-<p>Sie lachte. Aber es klang wie ein Schrei.</p>
-
-<p>„Aergern, nein, wirklich nicht!“</p>
-
-<p>„Schön, dann also nicht! Meine Begleitung war dir nicht angenehm und
-anders hast du es dir inzwischen wohl nicht überlegt?“</p>
-
-<p>„Es war unrecht, daß ich gekommen bin,“ klagte sie leise.</p>
-
-<p>„Ich freue mich aufrichtig darüber. Das kannst du mir glauben.“</p>
-
-<p>Sie reichte ihm beide Hände zum Abschied. „Vielen, vielen Dank, Onkel
-Friedrich Wilhelm.“</p>
-
-<p>„Möchte wohl wissen, wofür?“ brummte er. „Ich sage trotz deines
-deutlichen Abwinkens, „auf baldiges Wiedersehen.“ Höre mal zu. Im
-Oktober bin ich wieder auf vier bis fünf Wochen daheim. Dann kommst du
-zu mir. Ich bitte dich herzlich darum.“</p>
-
-<p>Sie stand mit schlaff herabhängenden Armen vor ihm.</p>
-
-<p>„Versprich mir das,“ drängte er, „Unser Dichter wird auch kommen.“</p>
-
-<p>Der blasse Mensch freute sich wie ein glückliches Kind.</p>
-
-<p>„Ja &ndash; ich komme bestimmt. Das wird sehr schön werden.“</p>
-
-<p>„So schnell kann ich nicht Vertrauen fassen,“ entschuldigte sie sich.</p>
-
-<p>„Siehst du, das begreife ich. Daß du wenigstens versuchen willst, es zu
-bekommen, das kannst du mir auch versprechen?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_339"></a>[S.&nbsp;339]</span></p>
-
-<p>„Ich glaube nicht, daß ich diesen Versuch machen werde.“</p>
-
-<p>Er hatte ihr die breiten wuchtigen Hände auf die Schultern gelegt und
-zog sie sanft zu sich heran. „Man hat es nicht anders verdient. Stimmt!
-&ndash; Trotzdem &ndash;“ Und er neigte sich zu ihr und küßte sie auf den Mund.
-„Denn ich könnte bequem dein Großvater sein, Mädel,“ sagte er nachher
-wie erklärend, „aber auch schon mit der Vaterwürde wäre ich sehr
-zufrieden!“</p>
-
-<p>&ndash; &ndash; Wie eine Träumende ging sie die breiten, schönen Straßen
-herunter. Sein Name hatte alles wieder aufgewühlt. Sie kam nicht los
-von ihm. Und es mußte doch geschehen.</p>
-
-<p>„Verehrte Base, gestatten Sie, daß ich Sie begleite &ndash;“ Ihr Kopf fuhr
-herum. Das gelangweilte Gesicht des Regierungsassessors sah in diesem
-Augenblick äußerst angeregt und verschmitzt aus. Eine Blutwelle der
-Empörung stieg ihr bis in die Stirn hinauf.</p>
-
-<p>„Ich gestatte lediglich, daß Sie sofort von meiner Seite verschwinden,“
-sagte sie kalt und würdigte den Verblüfften keines Blickes weiter.</p>
-
-<div class="figcenter illowe4 padtop1" id="i_339_ende">
- <img class="w100" src="images/i_339_ende.jpg" alt="Kapitel 18, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_340"></a>[S.&nbsp;340]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_340_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_005_kopf.jpg" alt="Kapitel 19, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_19">19.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc"><span class="s7">„</span>S</span>ie, Herr Rechtsanwalt Wullenweber, haben sich, wie mir mein
-Waldesruher Vetter mitteilt, bereits über den Inhalt der vorhandenen
-Familiengesetze unterrichten können,“ sagte Generalleutnant von
-Ostried, der zur Vorbesprechung über die neu aufzunehmenden Paragraphen
-mit dem soeben Angekommenen und dem Majoratsherrn, fernab von der
-langen, feierlichen Tafel, in seinem nicht übermäßig geräumigen
-Logierzimmer Platz genommen hatte.</p>
-
-<p>Walter Wullenweber verneigte sich bejahend.</p>
-
-<p>„Diejenigen Bestimmungen, welche seit Einführung des Bürgerlichen
-Gesetzbuches &ndash; selbst in dieser Form als Familiengesetz &ndash; anfechtbar
-geworden sind, habe ich mir erlaubt durchzuarbeiten und anders zu
-formulieren.“</p>
-
-<p>„Sehr schön,“ lobte die Exzellenz zerstreut, „aber das hat Zeit bis
-nachher. Das Neue ist entschieden wichtiger. &ndash; Willst du mir mal
-gütigst das kleine Heft herüber geben, Vetter?“</p>
-
-<p>Der Waldesruher reckte nur den Arm weit aus und reichte es ihm hin.</p>
-
-<p>„Famos. Immer wieder unterschätze ich deine Körperlänge. &ndash; So bitte,
-Herr Rechtsanwalt, wollen Sie gefälligst Einsicht nehmen, was gewünscht
-und erstrebt wird. Vor<span class="pagenum"><a id="Seite_341"></a>[S.&nbsp;341]</span> allen Dingen muß das lächerliche Befragen des
-gesamten Familienrats, wenn zum Beispiel in der Familiengruft eine
-neue Trauerweide vom Obergärtner gesetzt oder ein Grabmal aufgefärbt
-wird, eingestellt werden. Künftig soll ein aus zwei oder drei Leuten
-bestehender Ausschuß darin maßgebend sein. Andere Punkte freilich
-sind bedeutender. Unsere, das heißt, meines Vetters und meine Ansicht
-erfahren Sie nebenstehend.“</p>
-
-<p>Walter Wullenweber las aufmerksam.</p>
-
-<p>„Die vorgeschlagenen Abänderungen sind bei weitem einfacher und
-zweckdienlicher,“ unterbrach er einmal das Schweigen; „nur fehlt
-die rechtswirksame Form, wie z.&nbsp;B. hier bei einer hypothekarischen
-Sicherheit für einen der Ostrieds gerader Linie. Das ist aber eine
-Kleinigkeit.“</p>
-
-<p>Dann vertiefte er sich wiederum, bis ihm das Rot einer heimlichen
-Erregung über das stubenblasse Gesicht lief. Er sah den Waldesruher
-Majoratsherrn prüfend an und in diesem Blick lag entschieden etwas
-Feindliches.</p>
-
-<p>„Sind Sie damit einverstanden, Herr von Ostried, daß der eventuelle
-älteste Enkel Ihres verstorbenen Herrn Vorgängers nach Ihnen &ndash;
-also vor dem bisherigen Anwärter &ndash; als Waldesruher Majoratsherr
-in Frage käme? Absatz 3 der mir zugänglich gemachten Bestimmungen
-verlangt ausdrücklich bei einer Abänderung in erster Linie die
-Bereitwilligkeitserklärung des derzeitigen Majoratsinhabers. Darum
-meine Frage. Auch darf ich nicht verhehlen, daß die Vorlage dieser
-neuen Erbfolge bei auch nur einer widerstrebenden Stimme glatt erledigt
-ist.“</p>
-
-<p>Horst Waldemar von Ostried blickte eine Kleinigkeit gelangweilt drein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_342"></a>[S.&nbsp;342]</span></p>
-
-<p>„Ihre erste Frage ist schnell beantwortet, Herr Rechtsanwalt. Warum
-sollte ich dagegen sein? Bis jetzt lebe ich als kinderloser Witwer.
-Sollte ich eine neue Heirat schließen.“</p>
-
-<p>Die Exzellenz sah überrascht auf und knurrte etwas. „Na nu &ndash; das ist
-mir ganz neu.“</p>
-
-<p>„Wie meinst du,“ fragte der andere ruhig.</p>
-
-<p>„Bitte weiter. Es war nichts von Wichtigkeit.“</p>
-
-<p>„Ich wollte sagen, daß in jedem Fall mein Sohn, würde mir noch ein
-solcher beschert sein, als mein Nachfolger auf Waldesruh in Betracht
-käme. Diese ganze Neuregelung liegt reichlich weit im Felde. Immerhin
-besteht ein Zwang für sie.“</p>
-
-<p>„Den zu erkennen ist mir bisher nicht möglich gewesen. Darf ich alles
-Notwendige wissen, um nachher sämtliche Einwendungen widerlegen zu
-können.“</p>
-
-<p>„An denen wird es selbstverständlich nicht fehlen,“ meinte die
-Exzellenz ahnungsvoll. „Wappnen Sie sich also mit sehr viel Geduld,
-sonst werden Sie bestimmt nervös!“</p>
-
-<p>„Ehe ich zu dem Hauptsächlichsten komme, will ich Ihnen kurz
-wiederholen, was Sie ja, von der Vertretung ihrer Interessen her,
-bereits vor mir wußten,“ begann Horst Waldemar wieder. „Vorläufig ist
-die Tochter meines Vorgängers noch ledig. Ich ahne auch nicht, ob eine
-Aussicht zur Abänderung dieses Zustandes bereits vorhanden ist. Und
-wenn selbst die junge Dame, die übrigens vorher bei dem ersten Teil der
-Familiensitzung zugegen war &ndash; ist Künstlerin und es wird ein unserer
-Familie voll ebenbürtiger Gatte als Vater eines neuen Majoratsherrn zur
-Bedingung gemacht &ndash;“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_343"></a>[S.&nbsp;343]</span></p>
-
-<p>„Schön genug wäre sie allerdings für einen Prinzen, wenn sonst das
-andere stimmte,“ warf die Exzellenz nachdenklich ein.</p>
-
-<p>Der Waldesruher sah ihn bedeutsam an und zog rasch, wie, um dies
-zu verdecken, seine Uhr. „Die Zeit eilt. Wir dürfen uns nicht bei
-Nebensachen aufhalten.“</p>
-
-<p>„Ich war noch nicht zu Ende,“ sagte Horst Waldemar kurz und fuhr
-fort: „Ein Widerstreben würde, auch menschlich beleuchtet, völlig
-unerklärlich sein. Trotzdem werden Sie nachher einen heißen Kampf
-entbrennen sehen. Die übrige Familie weiß nämlich bis zu dieser Stunde
-lediglich, daß die alten Gesetze durchgesehen und verbessert werden
-sollen. Damit haben sie sich ohne weiteres einverstanden erklärt. Ihnen
-mehr zu sagen, schien meinen Vetter und mir verfrüht. Es hätte Anlaß
-zu unerfreulichen schriftlichen Erklärungen gegeben. Denn wir wissen,
-daß jeder Einwand gegen die neue Erbvorlage vergeblich bleiben muß.
-Das durch einen Zufall aufgefundene Zusatzschriftstück verlangt die
-erwähnte Erbfolge ausdrücklich.“</p>
-
-<p>„Dies Schriftstück war mir bisher nicht zugänglich. Sehr gern würde ich
-mich jetzt mit seinem Inhalt bekannt machen.“</p>
-
-<p>„Darum bitten wir Sie natürlich. Hier ist es. Sie sehen, eine Abschrift
-hätte unüberwindliche Schwierigkeiten gebracht. Das Pergament ist
-brüchig geworden und muß sehr vorsichtig behandelt werden. Zudem
-hätte ein halbgebildeter Abschreiber kaum die Menge lateinischer
-Redewendungen richtig wiedergegeben. Ich zog daher die Aushändigung
-an Ort und Stelle vor und bin gern bereit, Ihnen bei scheinbar
-unleserlichen Stellen zu helfen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_344"></a>[S.&nbsp;344]</span></p>
-
-<p>Walter Wullenweber prüfte eingehend den Inhalt des Dargereichten.
-Er hatte sich jetzt wieder voll in der Gewalt. Seine scharfen Augen
-bemühten sich unter den zahlreichen dunklen Stockflecken die kleine
-spitze Schrift zu enträtseln.</p>
-
-<p>Die Exzellenz reichte ihm eine Lupe über den Tisch hin. „Wenn Sie an
-gewisse Stellen kommen, wird sie Ihnen gute Dienste tun.“</p>
-
-<p>Nach einiger Zeit legte Walter Wullenweber die Rechte auf das Pergament
-und sah auf:</p>
-
-<p>„Nun dies aufgefunden ist, könnte selbst die heftigste Ablehnung nicht
-mehr an der veränderten Erbfolge rütteln. Ich unterstelle natürlich
-die Echtheit. Wenn sie von einem Mitglied in Zweifel gezogen würde,
-kämen langwierige und kaum erfolgreiche Erhebungen heraus. Vollgültige
-Beweise von der einen oder andern Seite erscheinen mir unmöglich.“</p>
-
-<p>„Ausgeschlossen,“ sagte der Waldesruher mit großer Bestimmtheit. „Daran
-wagt Keiner zu tippen. Zudem habe ich bereits die Uebereinstimmung
-dieser Handschrift mit den Aufzeichnungen eines Ahnen einwandfrei
-feststellen und von einem gerichtlichen Sachverständigen beglaubigen
-lassen. Hier ist das Dokument darüber. Vielleicht vermag es Ihnen in
-dem Kampfe zu dienen.“</p>
-
-<p>„Dann dürfte jeder Einspruch wirkungslos bleiben.“</p>
-
-<p>Der Generalleutnant schlug sich in bester Laune, auf die Knie. „Wie
-ich mich freue,“ sagte er aus tiefstem Herzen, „wenn es auch nur ein
-Schreckschuß ist und voraussichtlich bleiben wird. Diesen ewig müden,
-gelangweilten Bengel, deinen bisherigen Nachfolger, muß das mal endlich
-wach machen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_345"></a>[S.&nbsp;345]</span></p>
-
-<p>„Hier ist auch noch der Umschlag, in dem das Gefundene steckte, Herr
-Rechtsanwalt.“</p>
-
-<p>„Wie, Sie selbst haben es gefunden, Herr von Ostried?“</p>
-
-<p>„Ohne meinen Vorsatz allerdings! Ich ließ das Kellergewölbe im
-Waldesruher Schloß aufreißen, damit das schadhafte Mauerwerk
-ausgebessert werde. Die merkwürdig geformten Nischen und die
-zahlreichen Verstecke mit den unsichtbar eingelegten Steintüren
-interessierten mich umso mehr, als bereits mein Großvater, der wie
-ich Sammler von Altertümern war, uns Kindern von kostbaren seit den
-Kreuzzügen dort lagernden Schätzen erzählt hatte. In Wahrheit fand sich
-nur ein verrosteter Eisenkasten vor, der dies Schriftstück barg. Ob mir
-oder den andern der Fund angenehm sein konnte oder das Gegenteil, habe
-ich wirklich nicht erwogen. Es war einfach meine Pflicht, daß ich ihn
-nach Kenntnis des Inhalts ungesäumt dem Senior unserer Familie, meinem
-Vetter, Generalleutnant von Ostried, unterbreitete. Dies ist geschehen.“</p>
-
-<p>Das klang ohne jede Beimischung von Gefühlswärme, wie Walter
-Wullenweber feststellte. Es beruhigte ihn. Mit einigem Eifer begann
-er den Entwurf der neuen Bestimmung zu formen. Jetzt war er fertig,
-überlas alles und übergab es dann der Exzellenz, die es laut zum Gehör
-brachte.</p>
-
-<p>„Ausgezeichnet,“ stellten sie beide fest. „Wir können die Herrschaften
-wieder zusammentrommeln lassen.“</p>
-
-<p>„Einen Augenblick,“ sagte Horst Waldemar plötzlich, als sich die
-Exzellenz erhob, um seinen Hermann zu beauftragen. „Den letzten
-Punkt haben Sie zu erwähnen vergessen. Sie erinnern sich doch, Herr
-Rechtsanwalt?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_346"></a>[S.&nbsp;346]</span></p>
-
-<p>&ndash; Eine halbe Stunde später einten sie sich wieder um die lange
-feierliche Tafel. Nur die Reihenfolge war ein wenig verändert. Eva von
-Ostrieds Platz hatte jetzt der Regierungsassessor eingenommen, während
-Walter Wullenweber zwischen dem Generalleutnant und dem Waldesruher saß.</p>
-
-<p>Das Stiftsfräulein Hermine fuhr, nachdem der Generalleutnant nach den
-unwichtigen Abänderungen den Punkt der neuen Erbfolge zur Kenntnis
-gebracht, von ihrem Stuhl empor. Auch die andern starrten mehr oder
-minder überrascht, nach dem Sprecher hin, der das Auffinden des
-alten Schriftstückes noch mit keinem Worte erwähnt hatte. Er hatte
-absichtlich davon geschwiegen.</p>
-
-<p>Der Kummersbacher freute sich aufrichtig für Eva von Ostried. Nicht,
-daß er schon ihren ältesten Sohn unter den Waldesruher Buchen hätte
-herumgaloppieren sehen, nein, daran glaubte er nicht! Er gönnte ihr nur
-von Herzen jene Ehrenerklärung, die in der Annahme der neuen Bestimmung
-lag. Scharf spähte sein Blick zu Horst Waldemar hin. Sollte es bei
-diesem angegrauten Eiszapfen etwa denkbar sein, daß er sich in die
-jene, lockende Schönheit vergafft habe?</p>
-
-<p>Der Vortragende Rat, Exzellenz, und seine Zwillingstöchter waren
-mehr verwundert wie empört. Was ging es sie schließlich an, wer die
-Waldesruher Herrlichkeiten genoß? Ihnen blieben sie jedenfalls fern.</p>
-
-<p>Fassungslos machte die Mitteilung lediglich die Eltern des
-Regierungsassessors, die bleich und stumm nach Atem rangen.</p>
-
-<p>Der Anwärter selbst hatte nur eine Sekunde die Farbe verloren. Dann
-war sein Plan gefaßt. Noch ehe Eva von<span class="pagenum"><a id="Seite_347"></a>[S.&nbsp;347]</span> Ostried das Geringste von
-all diesem erfuhr, also sogleich nach Schluß der Komödie, würde
-er ihr schreiben. Das verstand er ausgezeichnet. Sie sollte seine
-Rechtfertigung schon annehmen und ihm, wenn er sich mündlich ihre
-Verzeihung holte, eine andere Behandlung gewähren, als vorher zwischen
-den sommermüden alten Linden!</p>
-
-<p>Lodernden Zorn, der ihr häßliches Gesicht noch abstoßender erscheinen
-ließ, empfand einzig das ältere Stiftsfräulein, während ihre um zehn
-Jahr jüngere, als unbegabt geltende Schwester Klausine leise zu
-weinen begann. Sie hatte sich schon zu lange auf die Sommerfrische in
-Waldesruh unter Ingeborgs Fürsorge gefreut. Dieser Traum von Stille,
-endlichem Frieden und unbeschnitten reichlichen Gerichten würde durch
-den Sohn jener Unausstehlichen natürlich zu Schanden werden!</p>
-
-<p>Hermine von Ostried wartete auf das letzte Wort des Generalleutnants.
-Kaum war es gesprochen, schrillte ihre hohe, jetzt von Verachtung und
-Zorn gellende Stimme.</p>
-
-<p>„Es ist ein Scherz und nichts weiter, den du dir soeben mit uns erlaubt
-hast, lieber Jeschko. Ich für meine Person lasse mir solche Sachen
-nicht gefallen, mögen auch die andern töricht genug sein, sich dadurch
-verblüffen zu lassen. Ich frage dich, was du damit bezweckst?“</p>
-
-<p>Aber sie ließ ihm nicht etwa Zeit die Frage zu beantworten. Sein
-lächelndes Gesicht, das sich nunmehr zu verklären begann, reizte sie
-unaussprechlich. „Schamlos genug, daß Euch Männern diese Bettelprinzeß
-die Köpfe verdreht hat.“</p>
-
-<p>Da fuhr mit gewaltigem Schlag eine Faust auf die Tafel nieder. Das war
-die Sprache des Kummersbacher.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_348"></a>[S.&nbsp;348]</span></p>
-
-<p>Der schmale Dichter, der auf seiner andern Seite saß, während zu seiner
-Linken die schweigsame Gemahlin des Vortragenden Rates thronte, fuhr
-zwar zusammen, denn er hatte mit seligen Augen von einer lichten,
-schönen Frau geträumt, die bei ihrem Sohn in Waldesruh dereinst die
-alte Heimat wiedergefunden. Als ihn aber die wortlose, donnernde Rede
-vollends aus allen Träumen gerissen, als er begriff, wem dies galt,
-leuchteten seine Augen strahlender und seine Seele band sich fest an
-den alten, aufrechten, knorrigen Mann, der seinem Zorn jetzt auch Worte
-verlieh.</p>
-
-<p>„Keinen Mucks weiter! Hörst du?! Ich verbiete es dir! Du hast es dein
-Leben lang gut verstanden, aus dem Hinterhalt zu geifern. Die dir
-gehörig Bescheid tun könnte, ist nicht mehr da. Warum sie sehr bald
-schon gegangen ist? Klar genug für einen, der ein bißchen nachdenken
-kann. Ihr Frauen habt sie gemieden, als ob sie eine Pestkranke wäre.
-Was hat sie Euch getan? &ndash; Antwort! Sie hat nichts von Euch erbettelt
-und Euch damit das Recht vor der Nase weggeschnappt, sich um sie zu
-bekümmern... ihr das Leben zu vergällen, wie Ihr das über alles gern
-besorgt hättet. Warum sage ich eigentlich „Ihr“? Ich meine ja nur dich,
-Hermine. Denn deiner armen Schwester Seele hast du, falls eine in ihr
-gesteckt haben sollte, allmählich schon bei Lebzeiten aus ihrem mageren
-Körper vertrieben. Es ist auch entschieden bequemer für dich.“</p>
-
-<p>„Es ist ein Fremder mit uns am Tisch,“ flüsterte der Vortragende Rat
-ihm beschwörend zu, „nimm Rücksicht darauf, Kummersbacher.“</p>
-
-<p>„Das hätten die gefälligst bedenken sollen, die ihn angeschleppt
-brachten. Im übrigen ist er Jurist und hält Ver<span class="pagenum"><a id="Seite_349"></a>[S.&nbsp;349]</span>schwiegenheit. Herunter
-muß auch noch das andere. Sie hat sich allein durchgerungen, sage
-ich dir. Schwer genug mag das manchmal gewesen sein. Und wenn selbst
-nicht... wenn das Geld aus einer uns unbekannten Quelle geflossen
-wäre...“</p>
-
-<p>„Das ist unstreitig,“ rief die Angegriffene... „und zwar aus einer
-unsauberen.“</p>
-
-<p>„Wage das nicht ein zweites Mal auszusprechen! Ich bringe dich sonst
-wegen Verleumdung vor das Gericht. So wahr ich hier stehe...“</p>
-
-<p>„Du hast es ja soeben selbst angedeutet...“</p>
-
-<p>„Weil es dir besser paßte, hast du mich nicht zu Ende kommen lassen.
-Ich verbürge mich dafür, daß die Quelle rein gewesen ist. Jawohl! Und
-wenn du sie noch durch ein einziges Wort &ndash; gleichviel ob offen oder
-versteckt &ndash; herunterreißt ... bei Gott... ich räche sie! Zudem braucht
-sie wenigstens in Zukunft kein Geld mehr aus irgendwelchen Quellchen.
-Meines ist da und jederzeit für sie bereit. Es hat mich schon längst
-bedrückt. Wenn sie auch vorläufig noch nicht will, sie muß und sie wird
-schon, sage ich dir. Und Euch Allen hiermit!“</p>
-
-<p>Der Vortragende Rat, Exzellenz, der den Kummersbacher seiner Zeit aus
-guten Gründen um die Uebernahme der Patenschaft bei seinen Töchtern
-erfolgreich gebeten, lenkte ein: „Du bist immer noch wie ein ganz
-Junger, Kummersbacher. Wer greift sie denn schon an? Meine Frau und
-ich durchaus nicht. Ist nichts an diesem Gerede, werden wir die ersten
-sein, die ihr unser Haus öffnen.“</p>
-
-<p>Noch einmal lohte der Zorn hell auf. „Was ist geredet worden? Was habt
-Ihr über sie gehört?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_350"></a>[S.&nbsp;350]</span></p>
-
-<p>Der Vorsichtige schwieg betreten und schickte einen kurzen Blick zu
-seiner Gattin, der heißen sollte: „Jetzt zeige, daß du wenigstens ein
-echt weibliches Geschick im Glätten dieser Wogen hast.“</p>
-
-<p>Aber die Frau Vortragende Rätin blieb sich nur bewußt, daß ihr das
-Stiftsfräulein Hermine dreihundert Mark für die neuen Wintermäntel der
-Zwillinge (mit 5 Prozent Zinsen) zugesagt hatte. Sie stammelte daher
-Unverständliches.</p>
-
-<p>„Es ist zu widerlich,“ sagte der Kummersbacher kurz und verstummte.</p>
-
-<p>Sie sahen alle nach dem älteren Stiftsfräulein hinüber. Die lächelte
-jetzt. Das war noch viel abstoßender wie zuvor die Wut, die ihre Züge
-verzerrt hatte.</p>
-
-<p>„Ein einziger Einspruch genügt, um den neuen Beschluß abzulehnen,“
-sagte sie lauernd. „Nun wohl, ich verweigere meine Zustimmung.
-Alles andere ist mir gleichgültig. Und ich sage noch einmal.... die
-Bettelprinzeß ist nicht schlau genug.“</p>
-
-<p>Diesmal blieb der Kummersbacher ruhig. „Dies Wort hast du vor rund
-dreißig Jahren schon auf ihre Mutter angewandt. Damit verdarbst du
-der armen, scheuen Frau, als die sie mir von zuverlässiger Seite
-später geschildert wurde, die als vertrauendes, unschuldiges Kind nach
-Waldesruh kam, von vornherein ihre Stellung in der Familie. Damals
-hattest du, leider, noch einen gewissen Einfluß. Auch ich habe mich
-dadurch zurückschrecken lassen. Nein, das stimmt doch nicht. Dich
-kannte ich von jeher. Daß sie den tollen Weddo heiraten konnte, nahm
-mich gegen sie ein. Ein zweites Mal gelingt dir Aehnliches nicht,
-selbst wenn dein teuflischer Einspruch die neue Satzung untergraben
-würde.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_351"></a>[S.&nbsp;351]</span></p>
-
-<p>Sie hörte nur dies und lachte voller Hohn. „Ein Wahnsinn, daß man uns
-überhaupt damit kommt.“</p>
-
-<p>„Bitte, Herr Rechtsanwalt, lesen Sie gefälligst das aufgefundene
-Schriftstück vor,“ rief der Generalleutnant plötzlich dazwischen. Sein
-Ton war wie eine Fanfare.</p>
-
-<p>Sie stutzten und lauschten aufmerksam, was Walter Wullenwebers tiefe,
-ruhige Stimme ihnen enthüllte. Der Major a.&nbsp;D. und seine Gattin sanken
-mehr und mehr in sich zusammen. Das ältere Stiftsfräulein wurde
-aschgrau.</p>
-
-<p>„Fälschung,“ keuchte sie..., „elendes Machwerk. Aber wartet! Ich
-entlarve Euch schon...“</p>
-
-<p>Dem Vortragenden Rat, Exzellenz und dem Kummersbacher wurde das die
-Echtheit feststellende Gutachten eines namhaften, auch vom Gericht
-in den verworrensten Fällen als letzte Instanz angerufenen Gelehrten
-auf diesem Gebiete zur Prüfung vorgelegt. Sie gaben es an die andern
-Herren weiter. Als sich die Hand des Stiftsfräuleins Hermine danach
-ausstreckte, wehrte der Generalleutnant kurz ab.</p>
-
-<p>„Nach dem Vorangegangenen kann ich meine Erlaubnis dazu nicht geben.
-Du, Hermine, kannst es jederzeit nach Ausweis über deine Person, im
-Bureau unseres Anwalts, des Herrn Wullenweber, einsehen. Seine Adresse
-wird dir zugehen. Und nun genug davon! Weiteres wird in dieser Sache
-von dir nicht angehört werden. Damit wärst du auf den gerichtlichen Weg
-zu verweisen.“</p>
-
-<p>Eine drückende Stille entstand. Sie lehnte mit leicht geschlossenen
-Augen auf ihrem Stuhl. Niemand bemühte sich um sie. Jeder am Tisch tat,
-als beschäftige ihn zur Zeit grade etwas anderes. Als sie sich wieder
-aufgerafft hatte, sagte sie merkwürdig ruhig:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_352"></a>[S.&nbsp;352]</span></p>
-
-<p>„Ich danke für diesen Hinweis. Er wird aber, denke ich, überflüssig
-werden. Oder sollte der Vetter Generalleutnant sowie die andern
-wirklich nichts von jener hauptsächlichsten Bedingung ahnen, die auch
-dies alte seltsamerweise zur rechten Zeit aufgefundene Schriftstück
-nicht außer Kraft setzen kann? Mit der schaffe ich es leicht.“</p>
-
-<p>Der Generalleutnant wechselte mit dem Anwalt einen raschen Blick. „Es
-ist klüger, wir zeigen uns ebenfalls davon unterrichtet,“ flüsterte
-Walter Wullenweber.</p>
-
-<p>„Ich bitte, daß Sie uns gefälligst jene Bestimmung zu Gehör bringen,
-Herr Rechtsanwalt.“</p>
-
-<p>Walter Wullenweber sprach fast ein wenig zu kalt und sachlich für
-den Geschmack des Kummersbacher. Sein Inneres forderte jetzt eine
-hinreißende Rede für Eva von Ostried. Es war aber vielleicht richtiger,
-wie der junge Jurist es anfaßte.</p>
-
-<p>„Die Bedingung, welche die,“ hier stockte er und fuhr erst fort, als
-der Generalleutnant keinen Namen einschob, „jene Dame soeben erwähnte,
-ist natürlich Seiner Exzellenz und dem Majoratsherrn ebensogut, wie
-auch mir, dem Wortlaut nach bekannt und im Gedächtnis. Ich werde
-sie zur Vermeidung jeden Mißverständnisses wörtlich verlesen. Sie
-findet sich am Schluß der in Kraft stehenden Familiensatzungen und
-erstreckt sich &ndash; ihrem Wortlaut und Sinn nach &ndash; auf sämtliche im
-Vorangegangenen ausgeführte Bestimmungen. Dieser ausdrückliche Hinweis
-geschieht für diejenigen unter den Anwesenden, welche sie bisher nicht
-genau kannten und sich vielleicht nach Beendigung der Besprechung noch
-einmal selbst davon zu überzeugen wünschen. Ich lese also vor:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_353"></a>[S.&nbsp;353]</span></p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„Alles, was an Rechten, Wünschen und Anträgen erfüllt werden
-sollte, geschieht in der schweigenden Voraussetzung, daß sich
-Anwärter oder Antragsteller des zu Verlangenden oder des Erbetenen
-bis zu dem Tage der Gewährung als durchaus wert und würdig erzeigt
-haben. Sollten sich nach stattgefundener Verleihung untrügliche
-Beweise von dem Unwert des Empfängers beibringen lassen, so ist
-nicht nur das in Besitz genommene unverzüglich herauszugeben,
-sondern auch die bereits empfangene Bereicherung mit Heller und
-Pfennig durch den Seniorenkonvent &ndash; das sind die drei ältesten
-männlichen Ostrieds grader Linie &ndash; abzuschätzen und zu ihren
-Händen zurück zu erstatten. Unter Wert und Würdigkeit eines
-männlichen Empfängers ist Ehrenhaftigkeit, solider Lebenswandel,
-der sich von Aergernis erregender Völlerei, Glücksspiel und
-ehelicher Untreue freihält, in der Hauptsache zu verstehen. Wert
-und Würdigkeit eines weiblichen Empfängers muß noch strenger
-beurteilt werden. Sittliche Reinheit hat hier für Ehrenhaftigkeit
-zu stehen. Die Erzählungen von Schandmäulern, die dies anzweifeln,
-soll zwar gehört, indes niemals ohne ernsthafte Prüfung vonseiten
-des Seniorenkonvents geglaubt werden. Als Beweis des Unwerts ist
-anzusehen: Wer einen Ehegatten, einen verlobten Bräutigam, auch
-schon einen heimlichen Versprochenen, einer andern abwendig macht.
-Wer durch unentwegtes Scharmutzieren, Kokettieren, ja selbst durch
-herausfordernde Kleidung, den Ehrbaren Anlaß zu öffentlichem
-Aergernis gibt. Ausgeschlossen von Gunsterweisungen aller Art
-sollen ferner sein, die durch öffentliche Schaustellungen in Buden
-und<span class="pagenum"><a id="Seite_354"></a>[S.&nbsp;354]</span> Zirkussen, sowie andern nicht einwandfreien Schauplätzen
-laufend Gelder verdienen.“</p>
-
-<p>Dieser letzte Passus ist wegen einer Gewissen angefügt, die sich
-im Jahre 1570 des alten ehrenwerten Namen von Ostried durch solche
-Künste unwert zeigte, ihn abgesprochen bekam und später in Elend
-und Not endete. Dies als abschreckendes Beispiel unseren lieben
-Frauen. Ihr Rufname ist ebenfalls ausgelöscht. Ihr Bildnis findet
-sich in keiner Ahnengalerie vor.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Walter Wullenweber hatte in den Blicken des älteren Stiftsfräuleins
-das Aufleuchten des Triumphs deutlich wahrgenommen. Obwohl es ihm
-lächerlich erschien, empfand er plötzlich eine unerklärliche Angst um
-eine, die seine Liebe zurückgewiesen hatte; er befürchtete, daß jetzt
-jemand der hier Versammelten die Erbringung solchen Beweises laut
-verlangen könne. Und wiederum wünschte er einen Herzschlag lang, daß
-der Seniorenkonvent die ihm später zweifelsfrei von diesem gehässigen
-Stiftsfräulein unterbreiteten Ermittlungen bösester Art als zutreffend
-bestätigen möge. Dann war sie frei und schutzloser, wie je &ndash; &ndash; und er
-hätte sie schützen dürfen....</p>
-
-<p>Als diese zweite stürmische Beratung zu Ende war, trat der
-Kummersbacher auf ihn zu:</p>
-
-<p>„Haben Sie zehn Minuten Zeit für mich, Herr Rechtsanwalt? Nichts
-Geschäftliches. Und doch etwas, das von dem soeben Erlebten nicht zu
-trennen ist.“</p>
-
-<p>So saßen sie denn ein wenig später beisammen, und der Kummersbacher
-begann: „Was ich eigentlich will, ist so ’ne Sache. Kann verschieden
-aufgefaßt werden. Ich will nämlich auch eine Kleinigkeit von Fräulein
-Eva von Ostried. Da<span class="pagenum"><a id="Seite_355"></a>[S.&nbsp;355]</span> sind welche, die stehen ihr nicht grade feindlich
-gegenüber. Der Generalleutnant zum Beispiel; auch den Waldesruher
-rechne ich dazu. Die andern, mit Ausnahme des kränklichen Herrn, der
-sich schweigsam verhielt und, wie Dichter das leicht tun, für sie
-flammt, hassen sie. Einer mehr, einer weniger. Fast hinter jedem Mann
-steht ein Weib und hetzt ein bißchen. Hinter dem Stiftsfräulein der
-auf Lebensdauer eingemietete Teufel, der sie völlig regiert. Hinter
-dem Major außerdem die glühende Angst um das Wohl seines einzigen
-Sprößlings. Da hat also schon seine Richtigkeit! &ndash; Ich habe Eva von
-Ostried ebenfalls bis zum heutigen Tage nicht persönlich gekannt.
-Habe mich leider, wie schon zugestanden, auch nicht um sie gekümmert.
-Ein anständiger Kerl soll die gemachten Fehler, sobald er sie merkt,
-abzuändern wenigstens versuchen. Und darum habe ich Sie hergebeten.
-Sie hat es nicht leicht, sich durchzuschlagen. Das fühle ich. Wenn man
-offene Augen haben will, bringt man das schnell heraus. Direkt von mir
-nimmt sie aber vorläufig nichts an. Bestimmt hat sie mit Entbehrungen
-zu kämpfen. Das soll aufhören. Zuerst habe ich daran gedacht, ihr
-eine regelmäßige Monatsrente durch Ihre freundliche Vermittlung, ohne
-Nennung meines Namens natürlich, auszusetzen. Sie würde das schnell
-herausbringen und mit einem dankenden Wort an Sie zurückschicken. Nun
-ist mir endlich was Besseres eingefallen. Sie leben in Berlin und
-irgend welche musikalisch befähigte Jugend mag Ihnen auch bekannt
-sein?!“</p>
-
-<p>„Zufällig bin ich täglich mit einem jungen Menschen zusammen, dessen
-ganzes Sehnen danach geht, sein musikalisches Talent in den Freistunden
-vervollkommnen zu lassen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_356"></a>[S.&nbsp;356]</span></p>
-
-<p>„Das paßt großartig. Wer ist’s denn?“</p>
-
-<p>„Einer unserer Schreiber.“</p>
-
-<p>„Das dämpft meine Freude allerdings. Dem Kerlchen wird sie kein
-fürstliches Honorar zutrauen, nicht wahr?“</p>
-
-<p>Endlich begriff Walter Wullenweber. „So war das gemeint?“</p>
-
-<p>„Natürlich! Ich beabsichtige für jede Stunde &ndash; na, sagen wir mal &ndash;
-zehn Mark zu zahlen und ihn ungefähr vier bis fünf pro Woche nehmen zu
-lassen.“</p>
-
-<p>Der junge Anwalt mußte lachen. „Da er zu jeder Unterrichtsstunde
-tüchtig üben muß, dürfte ihm daneben für seine bisherige Tätigkeit kaum
-noch Zeit übrig bleiben.“</p>
-
-<p>„Vielleicht hat er eine Schwester, die auch ideale Bestrebungen in sich
-fühlt.“</p>
-
-<p>„Sogar ihrer mehrere. Bescheidene, wohlerzogene Mädchen. Näheres
-weiß ich allerdings nicht. Ich werde mich jetzt für die Familie
-interessieren.“</p>
-
-<p>„Ja, tun Sie das! Und wenn es möglich ist, könnten ja besser gleich
-alle bei ihr antreten. Ihre Adresse kann ich Ihnen sofort geben...“</p>
-
-<p>Eine Sekunde überlegte Walter Wullenweber. „Lassen Sie, Herr von
-Ostried,“ sagte er dann und sein Ton klang anders wie bisher, „es ist
-unnötig. Ich kenne sie.“</p>
-
-<p>„So darf ich wissen, woher?“</p>
-
-<p>„Fräulein von Ostried hat mich als ihren Beistand gegen einen ihrer
-Agenten benötigt. Es galt, einen kleinen Irrtum richtig zu stellen...“</p>
-
-<p>„Da war sie wohl persönlich bei Ihnen?“</p>
-
-<p>„Ganz recht! Zweimal. Dann hatte sich die Sache zu ihren Gunsten
-erledigt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_357"></a>[S.&nbsp;357]</span></p>
-
-<p>Dem Kummersbacher war diese Neuigkeit offensichtlich angenehm. Er
-rückte näher heran und fragte den jungen Anwalt in vertraulichem Ton:</p>
-
-<p>„Und glauben Sie auch nur ein Wort von dem, was das enge Hirn einer,
-die nicht anders als böse denken und sein kann, über sie ausstreut?“</p>
-
-<p>Bisher hatte sich Walter Wullenweber fest im Zügel gehabt. Jetzt ließ
-seine Kraft nach.</p>
-
-<p>Der Kummersbacher bemerkte die Veränderung seines Mienenspiels.</p>
-
-<p>„Was haben Sie, Herr Rechtsanwalt? Die verdammte Stickluft hier.“</p>
-
-<p>„Das ist es nicht,“ sagte Walter Wullenweber tonlos.</p>
-
-<p>Der Kummersbacher sah ihn fest an, begriff langsam und nickte ein paar
-mal.</p>
-
-<p>„So stehts also. Und sie? Verzeihen Sie die Frage. Neugier liegt nicht
-drin. Ich habe das Mädel so lieb wie eine Tochter gewonnen.“</p>
-
-<p>Das Bekenntnis des alten Herrn, daß er sich um sie sorge, ließ keine
-Ausrede zu.</p>
-
-<p>„Ich &ndash; wollte sie zum Weibe. Aber &ndash; sie kam nicht...!“</p>
-
-<p>Es wirkte wie das erschütternde Geständnis eines, der für einen
-Augenblick die Maske abwirft, und der Kummersbacher fragte kein Wort
-mehr. Er hatte auch keinen Trost bei der Hand. Kurz und herzlich sagte
-er:</p>
-
-<p>„Wir beide haben heute nicht das letztemal zusammen geredet! Nicht
-wahr, das Gefühl haben Sie auch?“</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_357_ende">
- <img class="w100" src="images/i_357_ende.jpg" alt="Kapitel 19, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_358"></a>[S.&nbsp;358]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_358_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_030_kopf.jpg" alt="Kapitel 20, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_20">20.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">Z</span>eit und Arbeit trabten weiter, obwohl Walter Wullenweber in den
-kommenden Tagen unter der starken Empfindung litt, daß sein Leben still
-stehe! Niemals war in dem Weißgerberschen Bureau so heftig zu tun
-gewesen, wie in diesen vergangenen Oktoberwochen. Dazu kam, daß der
-Justizrat weiter an einer zunehmenden Körperschwäche litt, bei welcher
-der Arzt strengste Schonung forderte, und Walter Wullenweber nahm sich,
-um die Arbeit zu schaffen, jetzt dicke Stöße von Akten mit nach Hause.</p>
-
-<p>Wenn er endlich gegen Mitternacht zur Ruhe ging, den Kopf noch voll
-schwirrender Berufsgedanken, war er todmüde, verfiel auch schnell in
-einen tiefen Schlaf, um plötzlich mit dem Gedanken emporzuschrecken:
-„... nun habe ich gründlich verschlafen.“ Und doch war es kaum später
-als zwei Uhr morgens.</p>
-
-<p>Aber sein Bedürfnis nach Ruhe war gänzlich geschwunden. Er brauchte
-alle Kraft, um nicht aufzuspringen und von neuem zu arbeiten.</p>
-
-<p>Der dauernde Kampf, sich von den schweren, persönlichen Gedanken
-freizuhalten, drohte ihn aufzureiben...</p>
-
-<p>Ihre klaren, sprechenden Augen &ndash; die ganze Schönheit der jungen
-stolzen Gestalt &ndash; vor allem ihre weiche Stimme, deren Klang ihm
-verheißungsvoll zärtlich erschienen war.</p>
-
-<p>Kurz! Er kam nicht von ihr frei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_359"></a>[S.&nbsp;359]</span></p>
-
-<p>Lange begriff er nicht, wie das möglich sein konnte. Er wollte der
-immer stärker werdenden Ahnung nicht Gehör schenken. Aber sie wurde ihm
-zur Gewißheit. „Der Grund ihrer Ablehnung ist ein anderer! Sie liebt
-dich, wie du sie liebst...“</p>
-
-<p>Schließlich war er sicher, daß sie sich ihm <em class="gesperrt">um eines Geheimnisses
-halber</em> versagte! Die Saat des eigenen Mißtrauens, gestreut durch
-den Bericht der alten, ahnungslosen Pauline von dem stattlichen
-Päckchen brauner Scheine in der Handtasche &ndash; die einwandfreie
-Feststellung ihrer eigenen Vermögenslosigkeit &ndash; dazu das Lockmittel
-ihrer bezaubernden Schönheit, das augenscheinlich sogar die alten
-harten Vertreter ihrer Familie auf ihre Seite gebracht, wuchs, seit dem
-das Stiftsfräulein Hermine den Stab über sie brach. Er wollte nicht
-daran glauben. Seine Liebe zu ihr war stärker als alles. Und doch,
-täglich zertrümmerte er seinen Glauben an ihre Reinheit.</p>
-
-<p>Die alte Pauline hatte ihren Namen nicht mehr erwähnt, seitdem er es
-ihr verboten. Das war damals nach Eva’s Brief gewesen, als er noch
-geglaubt hatte, daß sie nun für ihn abgetan sei. Jetzt war er oft
-auf dem Wege zur Küche, um ihr zu gestehen, daß er ihr Schweigen
-nicht länger ertragen könne. Hinein ging er niemals. Er blieb vor der
-geschlossenen Tür und schüttelte den Kopf über seine Schwachheit.</p>
-
-<p>Als er eines Morgens gegen neun Uhr an dem Schreibtisch seiner
-Arbeitsstätte schaffte, brannte noch die elektrische Lampe. Um
-diese Stunde durfte, ohne Vereinbarung, kein Klient vorsprechen.
-Heute meldete der kleine musikalische Schreiber, dem dies Amt bis
-zur Tischzeit oblag, eine Dame,<span class="pagenum"><a id="Seite_360"></a>[S.&nbsp;360]</span> die ihn ungesäumt in dringendster
-Angelegenheit zu sprechen wünsche. Mit einem Schlage durchfuhr ihn
-die Hoffnung, daß es Eva von Ostried sein könne. Er überlegte nichts,
-sondern starrte der sich öffnenden Tür entgegen. &ndash; Es war aber das
-Stiftsfräulein Hermine, die grau wie der herbe Tag, vor ihm stand.</p>
-
-<p>Er wollte ihr kurz und unfreundlich eröffnen, daß sie sich bis zur
-angezeigten Sprechstunde zu gedulden habe... aber seine Kehle war wie
-zugeschnürt. Ungehindert ließ er sie sprechen.</p>
-
-<p>„Ich möchte Sie um meine Unterschriftsbeglaubigung bitten, Herr
-Rechtsanwalt.“ Dabei hatte sie schon mehrere Schriftstücke vor ihn
-ausgebreitet und wies mit der harten, knöchernen Hand darauf hin. „Es
-ist nämlich eine außerordentlich dringende Sache. Ich habe mein Geld
-mit sechs Prozent anlegen können, während ich bisher dumm genug war, es
-für nur vier einem kleinen Gutsbesitzer zu überlassen.“</p>
-
-<p>Aus ihren Augen leuchtete die Habgier. Er merkte es deutlich, aber
-es stieß ihn, den sonst Feinfühligen, nicht ab. Sein persönliches
-Empfinden regte sich nicht.</p>
-
-<p>Die Beglaubigung war schnell getan. Trotzdem blieb das Stiftsfräulein
-noch. Sie hatte denselben Stuhl inne, wie damals Eva von Ostried. Daran
-mußte Walter Wullenweber plötzlich denken. Die zusammengefalteten
-Schriftstücke lagen immer noch in seiner Hand, ohne daß die
-Eigentümerin Miene machte, sie an sich zu nehmen.</p>
-
-<p>„Ich bitte sehr, das gehört Ihnen.“</p>
-
-<p>Sie nickte. Aber sie nahm sie ihm trotzdem nicht ab. Um seinem Blicke
-einen Ruhepunkt zu geben, senkte er ihn darauf<span class="pagenum"><a id="Seite_361"></a>[S.&nbsp;361]</span> nieder und las
-mechanisch den Namen eines waghalsigen Unternehmers, der seit Jahren
-ungeheure Werte an Grund und Boden an sich brachte. Sein Name war ihm
-vielfach begegnet. Ohne, daß ihm bisher die Gerichte sein Handwerk zu
-legen vermochten, hatte doch jeder, der sich mit seinen Angelegenheiten
-beschäftigen mußte, das deutlichste Gefühl, daß dies Werk vieler
-Millionen eines Tages zusammenbrechen und unzählige Vertrauensselige
-unter sich begraben und zermalmen werde.</p>
-
-<p>Die Verantwortung des Beraters von Rechtswegen regte sich in ihm. Auch
-dieser Unangenehmen gegenüber!</p>
-
-<p>„Sie haben das Geld doch noch nicht hingegeben?“</p>
-
-<p>„Doch,“ nickte sie stolz. „Die Leute drängen ihm ja ihre Mittel
-förmlich auf und er suchte nur eine bestimmte Summe.“</p>
-
-<p>Walter Wullenweber war auch diese Gepflogenheit bekannt. Um bei
-kleinen Sparern kein Mißtrauen zu erwecken, bezifferte er in seinen
-Gutachten das Geforderte in der letzten Zeit kaum jemals höher als mit
-hunderttausend Mark.</p>
-
-<p>„Es machte grade unser gesamtes Vermögen aus,“ fügte sie noch hinzu.</p>
-
-<p>„Und Sie haben sich zuvor bei niemand einen Rat geholt? Keinerlei
-Auskunft über ihn eingezogen?“</p>
-
-<p>„Das war unnötig. Jede der zweiundzwanzig Damen unseres Stiftes
-war bereit, ihm das ihre, bis auf den letzten Pfennig, ebenfalls
-anzuvertrauen. Ich war nur schneller wie sie und darum glücklicher.“</p>
-
-<p>So widerwärtig sie ihm auch heute war, eine letzte Frage mußte er
-dennoch an sie richten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_362"></a>[S.&nbsp;362]</span></p>
-
-<p>„Wäre es möglich, daß Sie Ihr Geld, vielleicht mit einem kleinen
-Verlust &ndash; noch zurückziehen könnten? Mir ist bekannt, daß solche
-Leute, wenn sie dabei etwas verdienen können, sich ausnahmsweise dazu
-bereit erklären.“</p>
-
-<p>„Glücklicherweise ist das ausgeschlossen,“ kicherte sie. „Das Terrain
-ist bereits damit erworben. Ich werde außer den sechs Prozent Zinsen
-noch zwei weitere Prozent nach der Bebauung vom Reingewinn abbekommen.
-Denken Sie &ndash; also das Doppelte der bisherigen Einkünfte...“</p>
-
-<p>Er sagte nichts weiter dagegen. Wozu auch? Zu ändern gab es nichts mehr
-und sie würde es noch früh genug erfahren. Sie deutete sein Verstummen
-nach ihrer eigenen Veranlagung.</p>
-
-<p>„Die andern Stiftsdamen würden mich steinigen, wenn sie wüßten, daß mir
-dies rechtzeitig gelungen ist.“ Sie sah ihn lauernd an. Der abweisende
-Ausdruck in seinen Zügen bestärkte sie in der Annahme, daß auch er ihr
-dies glänzende Geschäft mißgönne. Darüber freute sie sich, wollte grade
-eine hämische Bemerkung machen, unterdrückte sie aber rechtzeitig, weil
-sie an das andere dachte, um dessentwillen sie in der Hauptsache zu ihm
-gekommen war.</p>
-
-<p>„Ich habe noch eine Bitte an Sie, Herr Rechtsanwalt.“</p>
-
-<p>„Dafür bin ich zur Sprechstunde von 12 bis 2 Uhr nachmittags zur
-Verfügung,“ meinte er abweisend. „Dies hier geschah nur ganz
-ausnahmsweise! Der ungeschulte Schreiber soll keine unangemeldeten
-Besucher vorlassen.“</p>
-
-<p>„Wenn Sie mich jetzt noch einen Augenblick anhören, wird es nicht Ihr
-Schade sein,“ tuschelte sie vertraulich.</p>
-
-<p>„Ich bitte höflichst, einstweilen zu gehen,“ entschied er kurz, von
-ihrer Vertraulichkeit abgestoßen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_363"></a>[S.&nbsp;363]</span></p>
-
-<p>„Es handelt sich nämlich um Eva von Ostried,“ fuhr sie fort, als habe
-sie seine Worte nicht vernommen.</p>
-
-<p>Das entwaffnete ihn!</p>
-
-<p>„Sie waren ja Zeuge meiner Ansichten über sie, Herr Rechtsanwalt.
-Natürlich habe ich sofort versucht, die nötigen Beweise, von deren
-Vorhandensein ich mich nach wie vor überzeugt halte, zu erbringen. Es
-ist mir nicht gelungen. Ich habe keine Berührungspunkte zu den Kreisen,
-in denen sie lebt. Wie soll ich also das bestimmt vorhandene Material
-zusammentragen? Sie sind ein Mann und haben als solcher überall
-Zutritt. Sie sind außerdem noch Jurist und wissen genau, worauf es hier
-ankommt. Tun Sie mir den Gefallen und bemühen Sie sich in dieser Sache
-an meiner Statt. An dem Tage, an dem Sie mir Vollgültiges bringen,
-erhalten Sie von mir dreihundert Mark. Das gesetzliche Honorar, das Sie
-als Anwalt für Ihre Bemühungen fordern können, bleibt davon unberührt.“</p>
-
-<p>„Wenn Sie nicht wollen, daß ich ungesäumt dem Generalleutnant von Ihrem
-Verlangen Bericht erstatte, entfernen Sie sich auf der Stelle.“</p>
-
-<p>Sie ging mit wutverzerrtem Gesicht. „Gestehen Sie es nur, Sie sind auch
-einer von denen, der in ihren Netzen zappelt,“ zischelte sie, schon auf
-der Schwelle stehend.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er war wieder allein und riß die Fenster weit auf, als schwebe in
-diesem Raum ein Pestgeruch wahnwitziger Verdächtigung, der ihm
-Uebelkeit erregte. Dann hieb es wie mit Hammerschlägen auf ihn ein. „Er
-war auch einer...“</p>
-
-<p>Stimmte das nicht? Kam er von ihr los? Er fühlte, daß er an dieser
-Sehnsucht und Ungewißheit langsam zu Grunde gehen müsse!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_364"></a>[S.&nbsp;364]</span></p>
-
-<p>An diesem Abend kam er erst gegen neun Uhr nach Hause. Die alte Pauline
-war seinetwegen in Sorge. Sie wußte sich sein schon seit Wochen
-verändertes Wesen nicht anders zu deuten, als daß er sich krank fühle.
-Während er sonst beim Auftragen der Speisen gern einen Scherz machte,
-saß er jetzt gedankenlos am Tisch und genoß hastig und unfreudig, was
-sie ihm vorsetzte. Heute wartete der sorgfältig zubereitete Imbiß
-längst auf ihn.</p>
-
-<p>„Es gibt ein Gläschen Glühwein, Herr Rechtsanwalt,“ sagte sie
-verheißungsvoll, „haben Sie das nicht gerochen? Die Luft geht scharf
-und Sie sehen immer aus, als ob Sie nie richtig warm werden könnten.“</p>
-
-<p>Er nickte ihr zu, während er die Aktentasche abwarf.</p>
-
-<p>„Sie hätten Mediziner werden sollen, gute Pauline. Ihre Diagnose stimmt
-aufs Haar.“</p>
-
-<p>„Sie haben also wirklich gefroren und sagen mir keine Silbe davon,“
-meinte sie vorwurfsvoll. „Wie gern hätte ich ein paar Kohlen in den
-Ofen gelegt.“</p>
-
-<p>„Der Glühwein wird auch helfen. Bringen Sie ihn nur möglichst schnell.“</p>
-
-<p>Sie blieb nachher noch wie in früheren guten Tagen ein wenig am Tisch
-stehen und sah ihm zu, in der Hoffnung, daß er sich aussprechen werde.
-Hastig goß er den dampfenden Trank herunter.</p>
-
-<p>„Kann ich noch eins bekommen, Pauline?“</p>
-
-<p>„Aber gewiß! Nur wär’s vielleicht besser, ich brächt’ es Ihnen kurz
-vor dem Schlafengehen. Das nimmt man, soll’s helfen, in ganz kleinen
-Schlückchen &ndash; macht die Augen zu und schläft geschwind ein, wenn’s
-sonst auch noch so lange dauern muß.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_365"></a>[S.&nbsp;365]</span></p>
-
-<p>„Ich werde ausnahmsweise gehorsam sein. Also &ndash; nachher noch eins!
-Vorher aber und zwar jetzt gleich, bitte, das andere...“</p>
-
-<p>Sie hantierte kopfschüttelnd in der Küche, um seinen Wunsch zu
-erfüllen. Er würde sich doch nichts angewöhnen? Neulich war er einmal
-seltsam wankend nach Hause gekommen.</p>
-
-<p>Auch dies zweite leerte er sehr schnell.</p>
-
-<p>„Ich muß übrigens nachher noch einmal fort, Pauline.“</p>
-
-<p>„Bei diesem Wetter? Hören Sie doch, wie der Regen an die Scheiben
-klatscht.“</p>
-
-<p>„Es hilft nichts. Ich muß eben. Suchen Sie, bitte, den alten
-Lodenmantel heraus. Die elektrischen Bahnen werden noch überfüllter wie
-sonst schon sein.“ Sie schlug jammernd die Hände zusammen.</p>
-
-<p>„Jetzt womöglich auch noch eine Stunde oder länger zu Fuß laufen.
-Lieber Gott, und ich hab’s so gut und trocken und warm. Kann ich das
-nicht für Sie abmachen, Herr Rechtsanwalt? Lachen Sie mich nicht
-aus. Ich weiß wohl, daß ich viel zu dumm für Ihre Sachen bin. Aber
-vielleicht ist’s nur ein Auftrag oder so was. Es war doch schon mal so.
-Da durfte ich auch an Ihrer Stelle gehen.“</p>
-
-<p>Er legte gerührt seine Hand auf die ihre.</p>
-
-<p>„Vielleicht machten Sie es diesmal sogar besser, als ich, Pauline. Aber
-&ndash; nein &ndash; es darf nicht sein. Ich werde nicht früher ruhig.“</p>
-
-<p>Das war wieder geheimnisvoll und unverständlich, wie jetzt so vieles.
-Seufzend brachte sie den Mantel, der von den Kletterpartien aus der
-Studentenzeit herstammte und hing ihn sorglich um seine Schultern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_366"></a>[S.&nbsp;366]</span></p>
-
-<p>„Wann werden Sie wohl ungefähr zurück sein, Herr Rechtsanwalt?“</p>
-
-<p>„Sie beabsichtigen doch nicht etwa aufzubleiben...“</p>
-
-<p>&ndash; &ndash; &ndash; &ndash; Das Vorwärtskämpfen durch den dunklen, nassen Abend tat
-ihm wohl. Der Regen, der jetzt fein und emsig herunterrieselte, netzte
-seine pochenden Schläfen und beruhigte die wirren Gedanken. Trotzdem
-fiel es ihm nicht ein, umzukehren &ndash; oder das, was er vor hatte, als
-etwas Sinnloses zu empfinden. Es gestaltete sich im Gegenteil immer
-klarer in ihm, daß er diesen Weg machen müsse!</p>
-
-<p>Einmal versuchte er einen Platz auf der Plattform des elektrischen
-Wagens zu bekommen. Es gelang ihm wirklich. Aber nun stand er &ndash;
-eingekeilt von der Masse mürrischer, hastiger Menschen und atmete den
-Dunst durchnäßter Mäntel und Kleider ein. Das dünkte ihn unerträglich.</p>
-
-<p>In den kleinen verlaufenen Pfützen der Straße spiegelten sich die
-trüben brennenden Laternen, sodaß es wirkte, als winke eine Schar
-abgestürzter Lichtlein, die sich vor dem Ertrinken wehrten, zu ihm
-herauf. Eine halbe Stunde ertrug er es. Dann sprang er ab und ging
-das letzte Stück durch Wind, Regen und Kühle. Ohne zu zögern setzte
-er seinen Weg fort. Als er die neue Kantstraße hinunterschritt und
-zu beiden Seiten des kunstvollen Brückengeländers den Spiegel des
-Lietzensees mit der neuen Fülle ertrinkender Lichter sah, beschleunigte
-er seine Schritte. Ungezählte mal war er denselben Weg in Gedanken
-gewandert, hatte ihn sich nach der Karte so genau eingeprägt, daß ihm
-die Gegend vertraut erschien. Nun bog er rechts ab und hielt sich
-an dem Drahtzaun entlang, der die alten schönen Bäume des Parkes am
-Königsweg begrenzte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_367"></a>[S.&nbsp;367]</span></p>
-
-<p>Das Haus, in dem Eva von Ostried wohnte, war schnell gefunden. Die
-alte Pauline hatte es ihm, als sie noch darüber berichten durfte,
-ausführlich und häufig genug beschrieben.</p>
-
-<p>Gänzlich in das Dunkel gedrückt, stand er und starrte nach den Fenstern
-hinüber, die er als die ihren zu erkennen glaubte. Hinter der Glastür,
-die auf einen kleinen Balkon hinausführte, sah er den Schein einer
-rotumhangenen Lampe &ndash;, er unterschied die Köpfe zweier Menschen dicht
-nebeneinander. Der mit dem langgehaltenen fast bis zu den Schultern
-herunterfallenden Haar war derjenige eines Mannes.</p>
-
-<p>Diese Entdeckung durchzuckte ihn wie ein Stich. Er wollte auch
-sein Gesicht sehen. Dies gelang ihm nicht. Es mußte, in tiefer
-Versunkenheit, über etwas geneigt sein, das es völlig verbarg.</p>
-
-<p>Auch von der weiblichen Gestalt vermochte er lediglich ein Stückchen
-des freigetragenen Halses und eine Hand, die sich zuweilen nach einem
-Gegenstand ausstreckte, mit Sicherheit festzustellen.</p>
-
-<p>Es genügte ihm. Das Blut brauste vor seinen Ohren. Sein ohnmächtiger
-Zorn löste sich langsam in eifersüchtige Qualen auf.</p>
-
-<p>Nun stand er hier und sah zu, wie sich dort oben unter dem Schein
-des verführerischen Purpurs, der das junge Blut doppelt erhitzen
-mochte, eines der vielen Schäferstündchen abspielte. Er versuchte sich
-einzureden, daß diese Gewißheit das beste Heilmittel für seine Liebe
-sei, sah nach dem Schienenstrange der Elektrischen hin, der durch
-Nebel und Nässe in der Ferne aufblitzte, und beschloß, heimwärts zu<span class="pagenum"><a id="Seite_368"></a>[S.&nbsp;368]</span>
-eilen und traumlos auszuschlafen. Denn er war sehr, sehr müde. Aber er
-machte keinen Versuch, sich zu entfernen. Er starrte weiter auf das
-verschwimmende Bild der beiden dicht zusammengeneigten Köpfe.</p>
-
-<p>Die breite Promenade war menschenleer. Nur einmal klappte die niedere
-Tür der gegenüberliegenden Polizeiwache und ließ zwei stämmige
-Schutzleute heraus. Ein paarmal drehten sie sich nach ihm herum, dann
-gingen sie beruhigt weiter. Er fühlte nichts mehr wie das Bild, dessen
-Gestalten er klar erkennen mußte, ehe er von hier schied. Seine Augen
-brannten. Seine Zunge lag hart und trocken im Munde. Vielleicht war es
-wirklich schon Mitternacht, denn irgendwo schlug eine Uhr zwölfmal.
-Seine Taschenuhr war plötzlich stehen geblieben. Er entsann sich dumpf
-eines Märchens, nach dem dies stets geschah, wenn eines Menschen
-Liebstes die Augen für immer schloß. Erst später fiel ihm ein, daß es
-ganz natürlich zuging, weil er vergessen hatte, sie aufzuziehen.</p>
-
-<p>Er mußte nun heim!</p>
-
-<p>Da schob sich ächzend die schwere Haustür, von innen geöffnet, auf, und
-eine Männergestalt trat auf den Bürgersteig hinaus. In dem gleichen
-Augenblick erlosch oben der rote Lampenschein.</p>
-
-<p>Mit ein paar Sätzen war Walter Wullenweber bei dem Andern &ndash; &ndash; ging
-neben ihm dahin, starrte ihn an wie ein Irrer....</p>
-
-<p>Das war doch &ndash; &ndash;. Das Gefühl der Atemlosigkeit wich der Befreiung,
-die zu schön erschien, um bedingungslos an sie zu glauben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_369"></a>[S.&nbsp;369]</span></p>
-
-<p>„Herr Rechtsanwalt Wullenweber, nicht wahr?“ fragte eine Stimme, die
-selbst in dem Augenblick gerechtfertigten Erstaunens noch sanft blieb.</p>
-
-<p>Der schweigsame Dichter von der Familientafel der Ostrieds sah erstaunt
-zu dem Anwalt auf. Walter Wullenweber suchte nach einer glaubhaft
-klingenden Erklärung.</p>
-
-<p>„Ich hatte in der Gegend zu tun und hoffte nun auf eine zufällig des
-Weges daherkommende Droschke.“</p>
-
-<p>Die Notlüge war zögernd und ungeschickt hervorgebracht. Aber Edgar von
-Ostried-Javelingen kannte kein Mißtrauen. Langsam tastete er sich, nach
-den traumhaften Stunden, in die Wirklichkeit zurück und lachte leise
-auf:</p>
-
-<p>„Dann ist es gut, daß mich der Zufall Ihnen in den Weg geführt hat.
-Das gibt es hier kaum. Wir erhaschen aber bestimmt noch die letzte
-Elektrische, wenn wir eilen. Nicht wahr, wir bleiben jetzt zusammen, um
-später, wenn die Bahn uns heraussetzt, ein Stückchen durch die Nacht zu
-gehen. Ist Ihnen das recht?“</p>
-
-<p>Walter Wullenweber bejahte fast ungestüm. Ein wenig später saßen sie
-nebeneinander wie zwei alte Freunde.</p>
-
-<p>Walter Wullenweber wartete, daß ihr Name fallen würde.</p>
-
-<p>„Ich war in Fräulein von Ostrieds kleinem, entzückenden Heim,“ begann
-der Dichter endlich. „Ich weiß nicht, ob Sie ihre Adresse kennen.“</p>
-
-<p>„Doch,“ meinte Walter Wullenweber mit mühsamer Beherrschung, „als der
-Anwalt der Ostrieds...“</p>
-
-<p>„Richtig. Wir hatten es an jenem großen Familientage ausgemacht, daß
-ich sie zuweilen an Sonn- oder Feiertagen besuchen dürfe.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_370"></a>[S.&nbsp;370]</span></p>
-
-<p>„Aber heute ist doch kein Feiertag,“ warf Walter Wullenweber mechanisch
-ein.</p>
-
-<p>„Nicht im gewöhnlichen Sinne! Für mich bestand er, obwohl sie selbst
-leider nicht zu Hause war.“</p>
-
-<p>„Fräulein von Ostried ist... abwesend?“</p>
-
-<p>„Seit vier Tagen weilt sie in München, um dort in zwei Konzerten zu
-singen.“</p>
-
-<p>Walter Wullenweber seufzte tief auf. Wie hatte er das nur vergessen
-können?! Durch seine Verhandlungen mit Herrn Alois Sendelhuber kannte
-er die Daten genau.</p>
-
-<p>„Hier habe ich übrigens eine glänzende Rezension aus den Münchener
-Neuesten Nachrichten über das erste Konzert,“ plauderte der Dichter
-und suchte einen Ausschnitt aus der Brieftasche. „Leider ist es zum
-Lesen zu dunkel. Der Inhalt bringt eine schrankenlose Anerkennung ihres
-herrlichen Stimmaterials bei vornehmster und edelster Vortragsweise.
-Sie wird sicher dies alles ebenso interessieren wie mich, denn, nicht
-wahr, auch Sie glauben bedingungslos an ihre Reinheit?“</p>
-
-<p>Ueber Walter Wullenwebers Gesicht lief ein heftiges Zucken. Anfangs
-wollte er die Frage überhören. Dann vermochte er es doch nicht.
-Vielleicht blieb dies die einzige Gelegenheit, um sich aus dem
-offenherzigen Bericht eines großen, guten Kindes, ein klares Bild zu
-formen.</p>
-
-<p>„Tun Sie es denn?“ fragte er dagegen. Ein erstaunter Blick traf ihn.</p>
-
-<p>„Ich? Allerdings! Ich verehre sie auch um ihrer selbstlosen Güte und
-Entsagungsfreudigkeit willen, von allen Menschen am meisten. Und ihre
-Künstlerschaft ist begnadet. Dazu bedurfte ich keine Kritik. Das habe
-ich sofort in der<span class="pagenum"><a id="Seite_371"></a>[S.&nbsp;371]</span> ersten Viertelstunde gefühlt, die ich ihrem Gesang
-lauschen durfte. Sie machen ja plötzlich so ein merkwürdiges Gesicht,
-Herr Rechtsanwalt? Trauen Sie mir keine Urteilskraft zu?“</p>
-
-<p>„Sicher halten Sie sich von Fräulein von Ostrieds Vortrefflichkeiten
-voll überzeugt!“</p>
-
-<p>„Soll das vielleicht heißen, daß Sie an ihnen zweifeln?“</p>
-
-<p>„Zweifeln? Ich glaube nicht, daß der Ausdruck paßt.“</p>
-
-<p>„Auch jetzt bleiben Sie noch Jurist. Wie leid mir das tut. Als ich Sie
-neulich längere Zeit beobachtet hatte, war ich sicher, daß Sie ein
-starkes Gefühl für die Angegriffene hatten, obwohl Sie dies nicht zum
-Ausdruck bringen konnten.“</p>
-
-<p>„Nehmen wir an, daß Sie sich nicht darin getäuscht haben.“</p>
-
-<p>„Dann dürfen Sie nicht an ihr zweifeln!“</p>
-
-<p>„Alles Zweifeln entspringt dem Verstand! Dagegen kann das Gefühl nicht
-an.“</p>
-
-<p>„Wie sonderbar und hart! &ndash; Sie waren wohl nie in ihrem Heim? Hatten
-keine Gelegenheit sie zu studieren, wie es mir vergönnt war.“</p>
-
-<p>„Nein. Wie wäre das auch möglich gewesen. Sie suchte mich als Anwalt
-auf, wir lernten uns dabei kennen &ndash; verhandelten &ndash;“</p>
-
-<p>„Dann sind Sie entschuldbar, obgleich ich sofort einen nachhaltigen
-Eindruck von ihr empfing. Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie ist sehr
-schön. Vielleicht überhaupt die Allerschönste. Es liegt nahe, daß ich
-mich blind in sie verliebt haben könnte. Mein schwacher Körper &ndash; meine
-armselige Stellung als Mensch und leider vor der großen Volksmenge auch
-noch als Dichter wären kein Hindernis. Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_372"></a>[S.&nbsp;372]</span> bin aber gar nicht verliebt
-in sie. Ich liebe sie! Auch das nicht im üblichen Sinne. Wie man das
-Gute und Schöne lieben und anbeten muß, so fühle ich für sie. Es kommt
-mir gar nicht in den Sinn, daß dies etwa in den Augen solcher, denen
-nichts heilig ist, lächerlich erscheinen könnte.“</p>
-
-<p>„Schwärmer,“ sagte Walter Wullenweber leise. „Was erscheint Ihnen denn
-so göttlich an ihr?“</p>
-
-<p>„Vor einer Stunde war ich noch fest überzeugt, daß niemals ein Wort
-davon über meine Lippen gehen würde. Jetzt fühle ich, daß ich, um ihr
-einen Dienst zu erweisen, daran rühren muß. Sie sollen ein klares,
-unverzeichnetes Bild von ihr erhalten. &ndash; Sie hat ein junges, sicher
-dem Tode verfallenes Mädchen bei sich. Bei der habe ich heute gesessen
-und ihr aus meinen neusten Schöpfungen vorgelesen. Sie ist sehr einsam
-und muß sehr unglücklich sein und Eva von Ostried hat mich gebeten,
-während ihres Fernseins nach ihr zu sehen. Völlig hat sie sich nicht
-zu mir ausgesprochen. Es gibt aber Minuten, in denen eine schreckliche
-Vergangenheit aus ihren entsetzten Augen redet.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Was ich über Eva von Ostried an Tatsächlichen weiß, hörte ich von ihr.
-Eines Tages hat sie das ihr bis dahin fremde Mädchen aufgenommen, die
-Schwerkranke mit allen Opfern gepflegt und wie eine Schwester gehalten.
-Der Grund ist mir klar. Sie weiß bestimmt, daß deren Wochen oder
-Monate gezählt sind &ndash; daß niemand das sieche, heimatlose Geschöpfchen
-aufnehmen würde. Darum machte sie ihr mit dem Sonnenschein ihrer Güte
-die letzte Stunde leicht...“</p>
-
-<p>„Dies todkranke, verlassene Mädchen ist eine Gefallene, nicht wahr?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_373"></a>[S.&nbsp;373]</span></p>
-
-<p>Der Dichter zuckte zusammen. Ueber sein Gesicht flammte das helle Rot
-der Scham oder Empörung.</p>
-
-<p>„Ich weiß nicht, ob sie jemals gestrauchelt oder gar gefallen ist. Und
-will es auch nicht wissen. Haben Sie allzeit aufrecht dagestanden?
-Ja? Ich nicht! Ich habe Zeiten hinter mir, in denen ich zu dem
-Schlechtesten fähig gewesen wäre. Warum ich es nicht ausführte? Ich
-hatte eine Mutter, die ein Engel war und einen Vater, der ein Held im
-Ertragen und Entsagen, auch in den opfervollsten Zeiten, blieb. Beide
-Eltern starben, als ich zwanzig Jahre zählte. Viel zu früh natürlich.
-Und dennoch spät genug, um mich stark und reif gemacht zu haben. Bei
-jeder Anfechtung waren sie mein Schutz und Schirm. Wissen Sie denn,
-ob das kleine, arme Gretchen Müller jemals einen Schutzgeist besitzen
-durfte? Nun ist auch sie rein und still und sehnsüchtig nach allem
-Guten. Was ist denn die Hauptsache? Was jemand getan oder versehen hat
-oder wie er es zuletzt gutmacht? Ich glaube, dies letztere. Ich sage
-Ihnen, das kranke Mädchen hat sich entsühnt. Und weil Eva von Ostried
-das genau fühlt, wird ihre Güte und Liebe immer größer!“</p>
-
-<p>„So ist Fräulein von Ostried von ihrem jetzigen Leben also voll
-befriedigt?“</p>
-
-<p>„Das glaube ich nicht. Sie ist ein verschlossener, starker Mensch,
-der alles allein trägt. Meinen Sie vielleicht, daß sie sich etwa zu
-Fräulein Gretchen ausspräche, denn ich darf das für mich noch nicht in
-Anspruch nehmen. Unsere Bekanntschaft ist zu neu. Sie hat mir gegenüber
-den Ton einer besorgten älteren Schwester, der neben all meiner
-Anbetung den unbedingten Respekt keinen Augenblick vergessen macht.<span class="pagenum"><a id="Seite_374"></a>[S.&nbsp;374]</span>
-Aber die Hausgenossin ahnt ein schweres Geheimnis in diesem Leben und
-leidet schwer darunter, weil sie nicht zu helfen vermag.“</p>
-
-<p>„Sie ahnt auch nicht, was es sein könnte?“</p>
-
-<p>„Nein! Eva von Ostried vermeidet über sich zu sprechen.“ Noch einmal
-äußerte sich der alte Argwohn in Walter Wullenweber: „Sie wird ihre
-guten Gründe dafür haben.“</p>
-
-<p>„Wahrscheinlich. Gut sind sie sicher. Ob richtig? Das wäre die Frage.
-Ich jedenfalls verstehe, daß sie die Todkranke, die von viel Schmerzen
-gepeinigt wird, nicht noch mehr belasten will.“</p>
-
-<p>„Wie Sie für alles, was sie angeht, irgend eine Entschuldigung oder
-Erklärung bereit halten.“</p>
-
-<p>„Könnte ich sie sonst wirklich anbeten? Sie lächeln und denken, ein
-Dichter kann das sehr wohl. O nein, Herr Rechtsanwalt. Wenn ich auch
-arm und abhängig bleiben muß, meine Begriffe von Frauenehre und
-Menschenwürde stehen fest. Die lasse ich mir von niemand antasten,
-geschweige denn rauben. Wenn sich heute ein Dutzend weiser und
-berühmter Denker die Mühe machen wollten, mich mit anscheinend logisch
-aufgebauten Beweisen andern Sinnes zu machen, es hilfe ihnen nichts.
-Wenn meine Seele klingt, wie sie das in Eva von Ostrieds Gegenwart tut,
-dann irrt mein Gefühl nicht.“</p>
-
-<p>„Sie sind ein beneidenswert glücklicher Mensch.“</p>
-
-<p>Der elektrische Wagen lief nicht mehr. Die wenigen Fahrgäste waren
-ausgestiegen. Nun kletterten auch die beiden letzten in ihre Gedanken
-Versunkenen heraus.</p>
-
-<p>„Bleiben wir noch ein wenig zusammen?“ fragte der Dichter wieder sehr
-schüchtern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_375"></a>[S.&nbsp;375]</span></p>
-
-<p>„Es kommt darauf an, wo Sie wohnen.“</p>
-
-<p>Er nannte eine Straße im hohen Osten.</p>
-
-<p>„Dann haben wir noch eine Viertelstunde den gleichen Weg.“</p>
-
-<p>Schweigsam gingen sie durch die Nacht. Der Regen hatte aufgehört.
-Sterne waren da und ein schmaler, blasser Mond.</p>
-
-<p>„Herr Rechtsanwalt,“ sagte der Dichter plötzlich leise.</p>
-
-<p>Walter Wullenweber fuhr zusammen. Er hatte die Gegenwart des andern
-vergessen.</p>
-
-<p>„Verzeihen Sie mir meine Schweigsamkeit. Mir ging so manches durch den
-Kopf.“</p>
-
-<p>„Das fühlte ich und würde Sie auch nicht gestört haben, wenn die
-Viertelstunde nicht bald herum wäre. Eine Bitte hätte ich: Werden Sie
-Eva von Ostried ein wahrer Freund und Berater, wenn Sie es können.
-Ja? Sie ist sehr einsam und ich bin doch nicht die Persönlichkeit zum
-schützen. Wollen Sie?“</p>
-
-<p>Walter Wullenweber hielt die feingliedrige Hand des Dichters und preßte
-sie voller Kraft.</p>
-
-<p>„Ich will es versuchen!“</p>
-
-<p>Nun ging er allein weiter. Die Sterne waren schon wieder verschwunden
-und der schmale Mond blinkte nur noch wie ein gelber Faden, der zwei
-dicke, graue, unruhige Wolken zusammen zu nähen versuchte. Ihm war
-heiß, jung und sehnsüchtig zu Mute!</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_375_ende">
- <img class="w100" src="images/i_357_ende.jpg" alt="Kapitel 19, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_376"></a>[S.&nbsp;376]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_376_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_005_kopf.jpg" alt="Kapitel 21, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_21">21.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">D</span>er geräumige, vornehm ausgestattete Blüthnersaal schien bereits eine
-halbe Stunde vor Beginn des heutigen Konzerts gefüllt. Aber mit dem
-Glockenschlage strömte nochmals ein neuer Menschenstrom herein, staute
-sich einen Augenblick und verteilte sich dann nach allen Seiten hin.
-Wie das Rauschen einer Unruhe lief’s durch den Saal, dann schlossen
-sich die Türen und es wurde ganz still.</p>
-
-<p>Das Künstlertrio begann mit dem tatrischen Tondrama von Tschaikowski.
-Vielleicht beherrschte der wundervoll reine Klang des Cello ein
-wenig zu sehr die Melodie, die von der Geige hätte geführt werden
-müssen. Aber das war nur für die ersten Minuten der Fall. Dann bot
-das Zusammenspiel einen künstlerischen Genuß von höchster Vollendung
-und die gewaltige Dramatik des ersten Satzes löste eine beifallslose
-Ergriffenheit aus.</p>
-
-<p>Nach der ersten Pause kam von einer der Türen Horst Waldemar von
-Ostried und ging suchend &ndash; die Platzkarte in der Hand &ndash; die
-vollbesetzten Reihen auf und ab. Er wußte genau, daß er irgendwo unter
-einem Pfeiler einen Eckplatz hatte.</p>
-
-<p>Als er endlich die kleine Dame im Schwabinger Künstlerkleidchen und die
-dazu gehörenden braunen Haarschnecken<span class="pagenum"><a id="Seite_377"></a>[S.&nbsp;377]</span> vertrieben hatte, war es gerade
-der Augenblick, daß Evas stolze, schlanke Erscheinung in dem sehr
-schlicht gehaltenen Gewand aus weißer, fließender Seide auf dem Podium
-erschien.</p>
-
-<p>„Hast du jemals etwas so Märchenhaftes gesehen?“ flüsterte hinter
-seinem Rücken ein begeistertes junges Wesen ihrem älteren, würdigen
-Nachbar, der offenbar ihr Vater war, zu.</p>
-
-<p>Horst Waldemar lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit ihrer Antwort.</p>
-
-<p>„Ausnahmsweise spielst du dich als echter Kindskopf auf,“ tadelte die
-tiefe Stimme. „Befreie dich gefälligst von ihren äußeren Reizen, sonst
-kannst du unmöglich das genügende Verständnis für sie als Sängerin
-aufbringen. Und du weißt, daß sie das verdient.“</p>
-
-<p>„Ich empfinde dich als einen merkwürdig gnädigen Kritiker, so bald es
-sich um sie handelt, Papa.“</p>
-
-<p>„Merkst du nicht, daß sie uns alle durch ihr Talent dazu zwingt,
-Kind? Dies alles ist nur der Anfang. Eines Tages wird man in der
-musikalischen Welt nur von ihr sprechen. Dann wird sie ungeheure
-Honorare bestimmen und erhalten. Man wird sich einfach zerreißen,
-um sie festzumachen. Das habe ich bereits vor einem Jahre gewußt.
-Und niemals begriffen, daß sie sich mit dem bescheidenen Lose einer
-Konzertsängerin begnügt.“</p>
-
-<p>„Sie wird sehr bald einen Prinzen oder einen Doppelmillionär heiraten,
-Papa, und dann darf sie nur für den Einen singen.“</p>
-
-<p>Er lachte leise.</p>
-
-<p>„Beide mögen sich finden lassen! Ob sie aber mag?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_378"></a>[S.&nbsp;378]</span></p>
-
-<p>„Ich glaube, ich könnte nicht widerstehen.“</p>
-
-<p>„Diesen Glauben teile ich. Du bist leider im Alltag das nüchternste
-Geschöpf unter der Sonne, wenn es irgendwie Stellung, Vorteil oder
-Glanz zu erkaufen gibt.“</p>
-
-<p>Es klang bitter.</p>
-
-<p>„Ich muß doch, seitdem Mama tot ist, sparen. Für uns Beide,“ sagte
-sie, als schäme sie sich ein wenig für ihren alten Vater, der das
-wirtschaftliche Einmaleins so schlecht beherrschte.</p>
-
-<p>Er seufzte verzweifelt auf. „Ach, diese ewigen Geldnöte, Trude.“</p>
-
-<p>Da jauchzte der erste Ton durch die andächtige Stille und löschte die
-Nöte des Lebens aus. Schuberts tiefergreifende ewig schöne Weihelieder
-erbrausten. Das Lied vom „Abendrot“ umspann die Hörer mit seinem
-weichen, sehnsüchtigen Ewigkeitszauber.</p>
-
-<p>Den fünf Handschriftliedern war ihre Stimme und die Begleitung voll
-angepaßt und jubelnde Stürme echter Begeisterung lösten sie aus. Eva
-von Ostried stand, als ginge sie die Raserei der Menge nichts an,
-und trat schließlich, mit einer Handbewegung auf den Komponisten
-deutend, bescheiden zurück. Er mußte an ihre Seite kommen. Die beiden
-hochgewachsenen Menschen reichten sich einen Augenblick fest die Hände.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick erhob sich Horst Waldemar von Ostried so leise,
-wie es seine mächtige Figur zuließ und tastete sich nach der Tür. Ihre
-Mitwirkung war nach der gedruckten musikalischen Beitragsfolge hiermit
-zu Ende. Noch einmal sah er zu ihr hinüber. Sie hatte die Hände wieder
-frei und leicht zusammengelegt. Sein Blick war<span class="pagenum"><a id="Seite_379"></a>[S.&nbsp;379]</span> gefesselt. Gewaltsam
-riß er ihn los. Noch ehe ihm das voll gelungen, hatte sie ihn bemerkt.
-Eine Sekunde begegneten sich ihre Blicke. In der nächsten wandte sie
-den Kopf zur Seite.</p>
-
-<p>Ihm flog etwas durch den Sinn. Zusammenhanglos, wie er meinte und
-töricht genug. Die Worte, die vorher der alte Kritiker über den
-Prinzen gesagt hatte &ndash; „Ob sie aber mag?“ Dann reckte er sich noch
-höher auf und verließ in dem Augenblick den Saal, als die unaufhörlich
-Klatschenden sich glücklich eine Zugabe erbettelt hatten. Es war das
-kleine Lied des unbekannten Komponisten, daß sie damals in München
-gesungen:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Ich hatt’ eine weiße Rose</div>
- <div class="verse indent2">Auf meinem Blumenbrett...</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Eva hatte sich dem nicht endenden Beifall entzogen und war auf der
-Hintertreppe ins Freie gelangt, denn der Anblick des Einen, der sich
-plötzlich weit vorgebeugt und unverwandt zu ihr herab gestarrt, hatte
-ihr die Fassung und alle Freude an dem schönen, großen Erfolg geraubt.</p>
-
-<p>Nun sah sie nur ihn, fürchtete ihm irgendwo zu begegnen und stellte
-doch in dem nächsten Augenblick mit bitterer Angst fest, daß er
-zu stark und zu stolz sei, um nach dem Geschehenen auch nur einen
-solchen Versuch zu machen. Die herzliche Einladung des Trios zu einem
-gemütlichen Beisammensein nach dem Konzert hatte sie, unter irgend
-einem törichten Vorwand, abgelehnt. Wie eine Diebin schlich sie sich
-fort. Der Schwarm der Hörer hatte sich verlaufen. In der Beförderung
-der elektrischen Bahnen mußte vorübergehend eine Stockung eingetreten
-sein. Es war alles still und tot um sie her.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_380"></a>[S.&nbsp;380]</span></p>
-
-<p>Plötzlich stand er neben ihr und ging an ihrer Seite weiter. Walter
-Wullenweber hätte dies noch vor Stunden für unmöglich gehalten. Er
-wollte nichts, als sie wiedersehen, und danach alles überlegen! Nun
-zwang ihn etwas zu ihr.</p>
-
-<p>„Woher kennen Sie das kleine Lied?“</p>
-
-<p>„Das Lied? Welches Lied?“ fragte sie.</p>
-
-<p>„Mein Lied.“</p>
-
-<p>„Das von der weißen Rose? &ndash; Es ist das Ihre?“</p>
-
-<p>„Ja, ich habe es vertont. Der Text ist von meiner armen, kleinen
-Schwester.“</p>
-
-<p>„Ich fand es vergessen in einer kleinen Konditorei und nahm es mit mir.
-Seitdem habe ich es oft gesungen.“</p>
-
-<p>„Eva,“ sagte er dicht an ihrem Ohr und alles, was er an Liebe, Leid,
-Sehnsucht und Angst um sie getragen hatte, lag in diesem einen Worte.</p>
-
-<p>Es riß sie von ihm fort, denn die alte Schuld schlug mit harten Fäusten
-auf sie ein, aber sie hörte nichts als das eine leise, zärtliche Wort.
-Und seine Hand riß die ihre an sich: „Ich liebe dich &ndash; weiter über
-alles.“</p>
-
-<p>Da gab sie den Kampf auf.</p>
-
-<p>„Wo warst du so lange?“ fragte sie voll seliger Scheu.</p>
-
-<p>Nun nahm er auch ihre schlanke stolze Gestalt. Einen Augenblick ruhte
-sie an seinem Herzen.</p>
-
-<p>„Ich war immer bei dir, Eva.“</p>
-
-<p>„Und ließest mich doch ganz allein.“</p>
-
-<p>„Durfte ich denn kommen? Hast du deinen Brief vergessen, den
-schrecklichen kalten Brief?“</p>
-
-<p>„Es war alles nicht wahr,“ stammelte sie.</p>
-
-<p>„Warum dann aber? Wozu diese unsägliche Qual für uns Beide?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_381"></a>[S.&nbsp;381]</span></p>
-
-<p>„Frage nichts! Ich weiß es nicht. Ich weiß nur das Eine.“</p>
-
-<p>„Was ist das? Sprich es aus!“</p>
-
-<p>„Daß ich dich ebenso liebe, wie du mich!“</p>
-
-<p>Seine Arme umfaßten sie &ndash; trugen sie beinahe, und mit geschlossenen
-Augen ließ sie es geschehen. „Du, du,“ sagte er nur, „nun hat alle Not
-eine Ende!“</p>
-
-<p>Da schlug es wieder in ihr wundes Gewissen. „Ich muß noch mit dir
-sprechen. Morgen, ja?“</p>
-
-<p>Das unheimliche Gespenst des dunklen Geheimnisses, unter dem er bis zur
-Grenze des Ertragenkönnens gelitten &ndash; da war es wieder. Und dennoch
-nichts mehr von alledem.</p>
-
-<p>„Es ist doch Keiner da, der jemals ein Recht an dir gehabt hätte, Eva?“</p>
-
-<p>Stolz und frei blickten ihre Augen in die seinen.</p>
-
-<p>„Niemand! Das schwöre ich dir!“</p>
-
-<p>Nun war alles &ndash; alles gut! Keine Frage sollte jemals an seinen Qualen
-rühren. Er würde ihr bedingungslos vertrauen. Er hob ihre Hände und
-preßte seine Lippen darauf.</p>
-
-<p>Der nächste Tag war ein Sonntag. Mit holdseliger Befangenheit, die
-ihn rührte und beglückte zugleich, hatte sie seinen Besuch in ihrem
-Heim abgewehrt. So war es festgelegt, daß sie sich um die Mittagszeit
-draußen in Wannsee treffen und alles nötige miteinander vereinbaren
-würden. Denn sie waren im Innern gleich entschlossen, daß sie schon
-diesen Winter als Mann und Frau durchleben mußten!</p>
-
-<p>Auf dem schmalen Sitzbrett eines Bootes saßen sie und sprachen von sich
-und ihrer Zukunft.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_382"></a>[S.&nbsp;382]</span></p>
-
-<p>„Ein glänzendes Los erwartet dich nicht, Liebste,“ meinte er. „Siehst
-du, mein festes Einkommen genügt eigentlich. Aber da ist noch mein
-Vater. Ich schrieb dir damals alles von ihm. Und dann meine kleine
-Schwester. Wenn ich sie doch eines Tages wiederfände.“</p>
-
-<p>Fest schmiegte sie sich an ihn.</p>
-
-<p>„Mit mir, die ich leider mit ganz leeren Händen zu dir kommen muß,
-rechnest du also lediglich als Verbraucherin?“</p>
-
-<p>Er sah sie erschrocken an.</p>
-
-<p>„Anders darf es nicht sein, Eva!“</p>
-
-<p>„O doch! Verstehe mich nicht falsch. Ich werde an dir und deiner Liebe
-volles Genüge finden. Das weiß ich. Frei von allem Ehrgeiz will ich dir
-schaffen helfen, indem ich weitere Stunden gebe.“</p>
-
-<p>„Nicht früher, bis es dringend notwendig geworden ist. Versprich mir
-das schon jetzt.“</p>
-
-<p>„Gut,“ sagte sie nach einer Weile. &ndash; An ihrem Zaudern merkte er, wie
-schwer ihr die Zusage wurde.</p>
-
-<p>„Ich glaube, das war von mir allzu egoistisch, Liebling. Aendern wir
-es darum ungesäumt ab. Wenn deine Sehnsucht dich früher dazu treiben
-sollte, dann sagst du es mir!“</p>
-
-<p>Sie nickte.</p>
-
-<p>„Wie du mir überhaupt alles &ndash; alles anvertrauen mußt. Nicht wahr? Aber
-das ist ja selbstverständlich!“</p>
-
-<p>„Wenn ich dir nun doch eine Kleinigkeit verschweigen würde,“ fragte sie
-mit schmerzhaft zusammengezogenen Brauen.</p>
-
-<p>„Es käme darauf an, was es wäre. Halte mich nicht für kleinlich. Ich
-will dir immer grenzenlos vertrauen. Aber ein Geheimnis, daß schon
-bestanden hat, ehe du mein Weib<span class="pagenum"><a id="Seite_383"></a>[S.&nbsp;383]</span> wärst. Siehst du, das müßte ich
-kennen. Oder?“ Er stockte.</p>
-
-<p>„Warum sprichst du nicht zu Ende, Walter?“</p>
-
-<p>„Es war nichts, Liebste,“ lenkte er ab.</p>
-
-<p>„Du willst kein Geheimnis dulden und schaffst in demselben Atemzug
-eins,“ klagte sie.</p>
-
-<p>Ihre Augen standen voller Tränen. Der Jammer über ihr Schicksal
-erpreßte sie. Er aber glaubte, sie verletzt zu haben, befreite sich von
-dem sich selbst gegebenen Versprechen und sagte rasch und klar:</p>
-
-<p>„Du hast einen Anspruch, den Satz zu Ende zu hören. Ich wollte sagen,
-wenn es das Geheimnis eines Geschehnisses wäre, von dem du wüßtest, daß
-es nichts in mir änderte &ndash; das ich voll begreifen, ja vielleicht sogar
-nachmachen könnte, dann gestände ich dir ohne weiteres das Recht zum
-Verschweigen ein.“</p>
-
-<p>„Also in keinem andern Fall?“</p>
-
-<p>„Nein! Vielleicht könnte ich etwas, das ich nie begreifen lernte,
-dennoch verzeihen.“</p>
-
-<p>„Du mußt mir noch mehr darüber sagen, Walter. Ich verstehe dich noch
-nicht völlig.“</p>
-
-<p>„Und es ist doch so klar, Liebste! Ein hartes Geheimnis, lediglich
-durch einen Zufall enthüllt, würde für immer Glauben und Vertrauen in
-mir vernichten.“</p>
-
-<p>„Auch die Liebe?“ fragte sie mit Aufbietung aller Kraft.</p>
-
-<p>„Meinst, daß die ohne Glauben und Vertrauen möglich ist?“</p>
-
-<p>Einen Augenblick rang sie um Atem. Jetzt mußte sie es ihm sagen. Keine
-Minute durfte es länger nach diesem verschwiegen werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_384"></a>[S.&nbsp;384]</span></p>
-
-<p>Da legte er den Arm um sie und zog ihren Kopf an seine Brust. So ruhte
-sie aus, während der leichte Kahn fast stillstand, und dachte dumpf und
-verzweifelt und dennoch über alle Maßen selig: Noch einen Herzschlag
-lang, und dann&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er küßte sie auf Mund und Augen. Ein leiser Wind begann sie ein wenig
-vorwärts zu treiben. Die Sonne sah ihr warm und strahlend ins Gesicht.</p>
-
-<p>Plötzlich ward sie fest entschlossen, ihr Glück nicht aufs Spiel zu
-setzen. Denn der Zufall? Er konnte ihr nichts anhaben. Niemand außer
-ihr wußte darum!</p>
-
-<p>„Wir törichten, dummen Menschen,“ flüsterte sie an seinem Herzen und
-lachte dabei. Wie von einem Alp befreit atmete er auf.</p>
-
-<p>Daß sie jetzt schweigen konnte und lachen war der beste Beweis, daß er
-sich alle Schatten nur eingebildet hatte!</p>
-
-<p>Sie wurde sprühend ausgelassen.</p>
-
-<p>„Daß hätte ich niemals für möglich gehalten,“ wunderte er sich beglückt.</p>
-
-<p>„Du wirst noch viel Seltsames an mir erleben.“</p>
-
-<p>„Sicher aber lauter Schönes und Beseligendes.“</p>
-
-<p>„Möglich! Als deine Frau findet auch das immer noch ausstehende Wunder,
-das eine Ahne verheißen hat, eine Erfüllung.“</p>
-
-<p>„Worin könnte das wohl noch bestehen?“</p>
-
-<p>„Daß einer Ostried, die gleich einer Nachtigall flötet &ndash; verzeih’
-mir diese Anmaßung, aber so steht es geschrieben &ndash; eines Tages ein
-Märchenschloß vom Himmel herabfällt, worin wir Beide dann unsere
-allerreinste, allertiefste Liebe vor den neidischen Menschen verstecken
-können.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_385"></a>[S.&nbsp;385]</span></p>
-
-<p>„Das Schloß mag nahe genug sein. Aber, ich bin das Hindernis. Paß nur
-auf, du kennst meine Schattenseiten nicht.“</p>
-
-<p>„Ich weiß nur, daß ich glücklich durch dich bin. Was wird nur die alte
-Pauline sagen, wenn sie alles erfährt.“</p>
-
-<p>„Ich bilde mir ein, sie hat es vorausgewußt, Liebste.“</p>
-
-<p>„Hat sie etwas derartiges verraten oder gar dir zugeredet.“</p>
-
-<p>Es klang schelmisch und übermütig.</p>
-
-<p>„Gelobt hat sie dich nur immer, bis ich ihr das im vollen Ernst
-verbieten mußte.“</p>
-
-<p>„Und darin ist sie gehorsam gewesen?“</p>
-
-<p>„Aufs Wort.“</p>
-
-<p>„Dann wirst du auch mich völlig beherrschen, Liebster.“</p>
-
-<p>„Und du wirst dich zu deiner Kunst zurücksehnen?“</p>
-
-<p>„Soll ich es dir wirklich wiederholen, du Unersättlicher? Mein Sehnen
-bist du! Ohne dich wäre mir jenes sagenhafte Märchenschloß nie und
-nimmer beschert worden.“</p>
-
-<p>„So süß es in meinen Ohren klingt, Liebling. Der Jurist weiß es
-anders.“ Und er erzählte ihr von jener durch Horst Waldemar von Ostried
-aufgefundenen grundlegenden Erbfolgebestimmung. Sie hörte aufmerksam
-zu und brach schließlich in ein helles Lachen aus. Diesmal kam es aus
-einem schattenlos fröhlichen Herzen.</p>
-
-<p>„Nun verstehe ich endlich den Brief des Regierungsassessors und nunmehr
-entthronten Anwärters. Das heißt,“ fügte sie verbessernd ein, „jetzt
-kann er wieder seine alte langweilige Maske vorstecken. Zwei Tage
-nach dem Familientag erhielt ich ein Schreiben von ihm. Ach so &ndash;
-ich muß noch etwas voranschicken. Er wollte mich nach jener Sitzung<span class="pagenum"><a id="Seite_386"></a>[S.&nbsp;386]</span>
-heimbegleiten &ndash; aber ich hatte kein Verständnis dafür und schickte ihn
-fort. Darauf nahm er Bezug. Es war ein schöner Brief. Du mußt ihn auch
-lesen. Inhalt: Ich hätte es ihm angetan und er flehte um meine Huld!“</p>
-
-<p>„Richtig Huld hat er geschrieben?“</p>
-
-<p>„Jawohl! Du, das war sehr diplomatisch. Darunter konnte ich mir
-allerhand vorstellen. Warte, es geht noch weiter. Wann er kommen dürfe,
-um sich von meiner Vergebung zu überzeugen und wann vor allen Dingen
-er mich seinen lieben Eltern bringen könne, die sich herzlich auf mich
-freuten. Dabei schenkten mir damals besagte liebe Eltern auch nicht die
-geringste Beachtung.“</p>
-
-<p>„Was hast du ihm geantwortet?“</p>
-
-<p>„Geantwortet? Aber, Liebster?“</p>
-
-<p>„Nun ja &ndash;“</p>
-
-<p>„Kein Wort natürlich! Er ist doch auch Jurist und wenn ich ihm ganz
-klar meine Ansicht über diesen Fall mitgeteilt hätte, würde er mich
-sicher vor das hohe Gericht geschleppt haben. Denn, du mußt bedenken,
-daß ich bei Abfassung seines Briefes die für ihn ausschlaggebenden
-Beweggründe noch nicht ahnte. Ich habe ihn einfach für wahnsinnig
-gehalten. Später änderte ich diese betrübliche Ansicht in eine nicht
-minder unschöne ab. Er wurde mir langsam zu einem gewissenlosen
-Betörer, dem jedes Mittel zur Erlangung eines unsaubern Wunsches recht
-ist.“</p>
-
-<p>„Du hättest also Frau Regierungsassessor und noch viel mehr werden
-können. Bestimmt aber die Schloßherrin von Waldesruh, wenn auch im
-reifsten Alter. Der jetzige Majoratsherr scheint keine Lust zur
-Wiedervermählung zu haben.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_387"></a>[S.&nbsp;387]</span></p>
-
-<p>Sie zuckte zusammen, als fröstele sie. „Niemals sah ich ein
-seelenloseres Gesicht als das seine! Findest du das nicht auch?“</p>
-
-<p>„Sonderlich zu erwärmen vermag auch ich mich nicht für ihn. Aber er ist
-ein Mann von hochanständiger Gesinnung. Nicht wahr, wie leicht hätte
-er es gehabt, diese unbequeme Bestimmung aus dem verrosteten Kasten
-einfach verschwinden zu lassen. Wenn er auch nachträglich ausgeführt
-hat, daß sie ihn und einen eventuellen Sohn aus einer zweiten Ehe nicht
-anficht. Immerhin, es brachte ihm Arbeit und Reibereien ein.“</p>
-
-<p>„Natürlich. Ich vergesse immer wieder, daß ich in den Augen der ganzen
-Familie verfehmt bin. Nein,“ verbesserte sie sich, „das wäre undankbar.
-Der Kummersbacher war herzlich gut mit mir und der kleine Dichter, der
-mich übrigens treu besucht, hat mir längst zwei Flügel verliehen.“</p>
-
-<p>„Mache dich jedenfalls in allernächster Zeit auf die wichtige Eröffnung
-gefaßt, Evalein, daß deiner späteren Linie bei einer standesgemäßen
-Heirat die Aussicht zur Wiedererlangung der alten Heimat beschert sein
-soll!“ Sie errötete tief und nestelte sich von neuem an ihn.</p>
-
-<p>„Ich gehöre dir. Nur dir! Alles andere ist wertlos geworden! Du wirst
-mir auch diese Mitteilung, die hinfällig geworden ist, ersparen &ndash;
-nicht wahr?“</p>
-
-<p>„Das darf ich als pflichtgetreuer Anwalt, der gar nichts mit deinem
-Liebsten zu schaffen hat, nicht!“</p>
-
-<p>„Aber, wenn ich nun doch sehr, sehr bald auch vor der Oeffentlichkeit
-deine Braut heiße.“</p>
-
-<p>„Damit bist du leider noch nicht meine Frau!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_388"></a>[S.&nbsp;388]</span></p>
-
-<p>„Auch das wird gar nicht mehr so lange auf sich warten lassen?“</p>
-
-<p>„Wären dir endlos lange zwei Monate als Verlobungszeit zu kurz,
-Liebste?“</p>
-
-<p>„Nein, nein! Das sind ja mehr als sechzig Tage!“</p>
-
-<p>Schweigsam aneinander gelehnt saßen sie, sahen träumerisch nach den
-silbergrauen Perlen und beschlossen, Hand in Hand, daß in den nächsten
-Tagen ein ausführlicher Brief über dies Ereignis nach Hohen-Klitzig
-berichten solle.</p>
-
-<p>Noch einmal jammerte Eva von Ostrieds Gewissen auf. Dann hatte sie auch
-diese Regung überwunden.</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_388_ende">
- <img class="w100" src="images/i_388_ende.jpg" alt="Kapitel 21, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_389"></a>[S.&nbsp;389]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_389_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_169_kopf.jpg" alt="Kapitel 22, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_22">22.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">S</span>ie hatte ein Herz aus Glas und der Geliebte sah alles, was darin
-vorging! Selbst bis dahin ahnungslos, daß es so war, offenbarte ihr
-erst sein entsetztes Stammeln, daß sich ihm nun doch ihr Geheimnis
-enthüllt habe. Sie gewann es über sich, um seine Vergebung zu betteln,
-sie zu gewähren war ihm unmöglich!</p>
-
-<p>Er schüttelte sie ab und floh mit einem Ruf des Abscheus für immer&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als Eva von Ostried mit einem wilden Schrei aus diesem Traume
-emporfuhr, versuchte sie sich zu verhöhnen. Nachmittags, wenn sie sich
-zum Aussuchen der Verlobungsringe treffen würden, wollte sie ihm davon
-erzählen. Zugleich erschrak sie über diese Kühnheit, denn lediglich das
-gläserne Herz war ein Gebilde ihrer aufgepeitschten Nerven. Das weitere
-entsprach ja der Wahrheit!</p>
-
-<p>Die Morgensonne leuchtete durch die herbstlichen Bäume des Parkes
-und trug zu ihrem goldenen Strahlen den Widerschein der gelb und
-rotgefärbten Blätter ins Zimmer hinein; dabei wurde Evas Herz wieder
-ruhig.</p>
-
-<p>Gegen zehn Uhr vormittags brachte Gretchen Müller einen Rohrpostbrief.</p>
-
-<p>Eva von Ostried streckte mit glücklichem Lächeln die Hand danach aus.
-Walter Wullenweber schrieb in großer Eile:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_390"></a>[S.&nbsp;390]</span></p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Mein Liebling, werde soeben telegraphisch zur Entgegennahme eines
-Testaments in die Nähe Berlins aufs Land gerufen. Komme wegen
-ungünstiger Bahnverbindung jedenfalls erst spät abends zurück. Auf
-morgen also...</p>
-
-</div>
-
-<p>Ein neuer Tag ohne ihn! Es erschien ihr schmerzlich und doch süß
-zugleich! Die Tränen kamen ihr vor Glück.</p>
-
-<p>Der Montag vormittag war ihr sonst wegen der fünf aufeinanderfolgenden
-Stunden dahingeflogen. Heute dehnte er sich endlos.</p>
-
-<p>Nachdem ihr Tagewerk vollendet, schloß sie sich in das kleine
-einfenstrige Zimmer ein, wie damals, als sie ihm den Abschiedsbrief
-geschickt hatte. Ein Berliner Konzertagent kam, verhandelte mit
-Gretchen Müller und begehrte Eva von Ostried danach ungesäumt zu
-sprechen. „Er mag wiederkommen,“ sagte sie drinnen, ohne zu öffnen.
-Was ging sie noch die Kunst an? Ihr Glück lag einzig in <em class="gesperrt">ihm</em>.
-Mechanisch nahm sie das dünne Päckchen aus dem Schreibtisch und legte
-es vor sich hin. Ihr graute vor der erneuten Berührung. Mit spitzen
-Fingern zog sie endlich seinen Inhalt ans Licht. Es enthielt nur noch
-zwei Scheine. Die letzten! Das andere des Raubes war aufgebraucht.
-Wenn sie die laufenden hauswirtschaftlichen Ausgaben beglichen
-haben würde, mußte sie von neuem einen dieser Scheine wechseln. Die
-letzte unbezahlte Arztrechnung für Gretchen Müller fiel ihr ein. Es
-waren wiederum dreihundert Mark, trotzdem sie selten genug nach dem
-Sanitätsrat gesandt hatte.</p>
-
-<p>Es schadete ja auch nichts. Gewechselt mußte doch werden. Sie brauchte
-ein Hochzeitskleid &ndash; einen Schleier und<span class="pagenum"><a id="Seite_391"></a>[S.&nbsp;391]</span> den grünen Myrthenkranz.
-Wovon sollte sie dies und noch viel mehr bezahlen, wenn nicht von
-diesem Gelde?</p>
-
-<p>Seine Braut, die ihre äußere Schönheit gestohlen haben würde &ndash; im
-wahrsten Sinne des Wortes. Den Treuschwur verachtend und selbst &ndash;
-Verbrecherin!</p>
-
-<p>Aber heimliche Stimmen flüsterten Trost und Hoffnung: „Er läßt dich
-niemals! Ohne dich ist seine Zukunft schal. Sei ganz ruhig &ndash;“</p>
-
-<p>Sie nickte und glaubte es zuletzt! Und spann nun aus, wie es sein
-würde, wenn Sie ihm alles gesagt hätte. Eine unbeschreibliche Seligkeit
-mußte das werden! Von dieser Vorstellung kam sie nicht mehr los.</p>
-
-<p>Gegen Abend schrieb sie ihm alles, wie es sie dünkte, zu nüchtern. Da
-sie es überlas, erschien es ihr grausam. Aber es war ihr unmöglich
-gewesen von ihren Gefühlen dabei zu sprechen; die würde er klar
-empfinden, ohne daß sie ein Wort verlöre, meinte sie. Unmöglich schien
-es ihr auch, der Opfer Erwähnung zu tun, die sie gebracht und noch eine
-Zeitlang weiter bringen mußte, weil sie der heimatlosen Schwerkranken
-eine Zufluchtsstätte bot. Das alles würde Sache der mündlichen
-Aussprache sein.</p>
-
-<p>Als der Brief fertig war, begriff sie nicht, wie sie jemals zaudern
-konnte. Sie trug ihn selbst fort, wie damals. &ndash; Dann ging sie ihren
-Tag weiter!&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Jedesmal, wenn vierundzwanzig Stunden später die Klingel gellte,
-glaubte sie zu fühlen, daß er jetzt da sei.</p>
-
-<p>Glaubte es immer wieder, bis dieser Tag sank und ein neuer kam, der
-ebenso ereignislos verlief wie sein Vorgänger. Erst am dritten Tage
-packte sie eine fürchterliche Angst. Wenn er nicht darüber fortkäme?
-&ndash; Das währte<span class="pagenum"><a id="Seite_392"></a>[S.&nbsp;392]</span> aber nicht lange. Seine tiefe große Liebe würde niemals
-sterben können.</p>
-
-<p>Am vierten Tage hatte sie keine Hoffnung mehr! Und am fünften Tage
-ertrug sie die Qual nicht länger. Ohne ihren Namen zu nennen, fragte
-sie im Büro an, ob er zu sprechen sei. Darauf erwartete sie ein „Nein“
-und erhielt statt dessen den Bescheid, daß er, wie alle Tage, seine
-juristischen Sprechstunden abhalte.</p>
-
-<p>Da warf sie sich auf einen Stuhl und mußte lachen. Es klang schaurig.
-Sonst hätte sie aber schreien müssen &ndash; immer nur schreien &ndash; das ganze
-Haus zusammen und noch weiter zu der Straße hinaus, denn die Fenster
-waren weit geöffnet.</p>
-
-<p>Er lebte und gab ihr keine Antwort! Was war das?</p>
-
-<p>Ein paar Stunden später wußte sie es. Sie riß seinen Brief gleich vor
-der Tür auf, als sie ihn empfing. Da sank sie bewußtlos zusammen, und
-Gretchen Müller fand sie, den Brief in der Hand.</p>
-
-<p>Gretchen Müller hatte noch niemals einen Blick in fremde Post getan.
-Jetzt las sie, nach kurzem Zaudern, bewußt Wort um Wort, begriff nicht
-alles, aber wußte doch, daß der Strenge nun auch bereit war, sein
-eigenes Herz zu Tode zu foltern.</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„Du wirst viel gelitten haben, ehe Dir dieser Brief möglich
-war,“ schrieb er. „Das fühle ich deutlich. Was Du tatest, mag
-Dir damals einen Augenblick als der einzige Ausweg erschienen
-sein. Leichtsinnig hast Du es nicht tun können. Es wird sich auch
-hundertfach gerächt haben. Alles das wiederhole ich mir seit Tagen.
-Dein erster Brief war eine Folge davon und wie vieles andere wohl<span class="pagenum"><a id="Seite_393"></a><span class="s4">[S.&nbsp;393]</span></span>
-noch, das Du unerwähnt ließest. Ich glaube sogar, daß ich eine
-andere verteidigen könnte. Eine, die ich nicht liebe als meines
-Wesens Heiligstes. Um Deine Freisprechung habe ich vor meinem Gott
-gerungen und sie doch nicht finden können. Es ist unaussprechlich
-grausam, auch für Dich. Aber daran läßt sich vorläufig nichts
-ändern.</p>
-
-<p>Ich ringe weiter. Habe Geduld mit mir und mit dem dumpfen
-Schrecken, der mich nicht loslassen will.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Nach überraschend kurzer Zeit konnte Eva von Ostried sich allein auf
-das Ruhebett begeben. Suchend irrte ihr Blick umher.</p>
-
-<p>„Ich habe den Brief auf Ihren Schreibtisch gelegt,“ sagte Gretchen
-Müller.</p>
-
-<p>Am nächsten Tage raffte sich Eva von Ostried auf und stand plötzlich
-vor der Hausgenossin. „Wenn Sie mir schnell etwas Warmes bereiten
-könnten, Gretchen. Ich muß nämlich zu dem Agenten, den ich neulich
-durch Sie abweisen ließ. Wie gut, daß Sie sich seine neue Adresse geben
-ließen.“</p>
-
-<p>Es klang ruhig. Auch das Gesicht war, obgleich immer noch sehr blaß,
-wieder ebenmäßig schön, wie zuvor. Entsetzt wehrte Gretchen Müller ab:</p>
-
-<p>„Sie dürfen auf keinen Fall heraus. Hören Sie nur, wie scharf der Wind
-pfeift.“</p>
-
-<p>„Es war leichtsinnig, daß ich den Agenten nicht anhörte,“ sagte Eva.
-„Erinnern Sie sich noch, was er sagte?“</p>
-
-<p>„Ganz genau. Er käme, um eine Reihe Winterkonzerte mit Ihnen zu
-vereinbaren und wenn es möglich sein könnte, auch über das andere zu
-reden.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_394"></a>[S.&nbsp;394]</span></p>
-
-<p>„Welches andere? Mir ist nichts bekannt!“</p>
-
-<p>„Ich wagte nicht danach zu fragen. Er war eilig und beleidigt, weil Sie
-ihn nicht vorließen.“</p>
-
-<p>„Nun also, wie stehts jetzt mit der Wegzehrung, Gretchen?“</p>
-
-<p>„Sie ist längst bereit. Aus dem Hause lasse ich Sie aber nicht.“</p>
-
-<p>„Seien Sie nicht kindisch.“</p>
-
-<p>„Ich flehe Sie an. Hören Sie nur dies eine Mal auf mich.“</p>
-
-<p>Eva von Ostried fühlte ein inneres Erschrecken.</p>
-
-<p>Es mußte einen Grund haben, daß Gretchen Müller sie zurückhalten
-wollte. Sollte sie etwas ahnen?</p>
-
-<p>Aber was war denn überhaupt geschehen? Zwei Menschen, die sich auf
-seltsame Art gefunden, hatten sich ebenso wieder getrennt. Ein Teil
-war schuldig, der andere schneeweiß. Noch besser. Eins rang mit der
-Nacht des Wahnsinns; das andere hielt unentwegt seine juristischen
-Sprechstunden ab.</p>
-
-<p>Bedurfte es eines klareren Beweises, wer mehr litt?</p>
-
-<p>Sie biß die Zähne zusammen. Und wenn sie auf dem Wege niederfallen
-sollte, sie würde jetzt doch den Agenten aufsuchen und sich von ihm
-anwerben lassen, wohin er sie haben wollte.</p>
-
-<p>Und Toiletten würde sie anschaffen. Nicht mehr weiße, unschuldsvolle
-Nonnenkleider, sondern prunkvoll schimmernde, wie es sich für eine
-große Sünderin ziemte.</p>
-
-<p>Und kostbare Steine mußten Arme und Hals in Zukunft ebenfalls
-schmücken. Man bekam sie schon, wenn man es nur erlaubte!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_395"></a>[S.&nbsp;395]</span></p>
-
-<p>Ihre Augen brannten dunkel aus dem wieder erblaßten Gesicht. Heiß und
-rot lockten die Lippen.</p>
-
-<p>Sie suchte nach ihrem Mantel und vermochte ihn doch nicht zu fassen,
-trotzdem er vor ihr am Ständer hing. Es schwebte und wogte plötzlich
-alles um sie herum.</p>
-
-<p>„Ich gehe doch,“ stieß sie hervor, als stände der mächtige Feind neben
-ihr, der ihren Willen band.</p>
-
-<p>Sie fühlte ein Knäul aufsteigen, an dem sie zu ersticken drohte.
-„Wasser &ndash; einen Schluck Wasser,“ keuchte sie atemlos.</p>
-
-<p>Sie netzte die Lippen, aber das Würgen blieb. Eine erbarmungslose Faust
-stieß sie auf den nächsten Stuhl. Ihre Hand fuhr an die Stirn. Wie leer
-das da war. Wie tot. Der Fahrt auf dem Wannsee erinnerte sie sich, als
-sein Mund sich auf den ihren preßte. „Ohne Glauben und Vertrauen keine
-Liebe möglich,“ sagte er&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Irgend etwas löste sich in ihr; ein Schrei, ein Schluchzen; Tränen
-stürzten aus ihren Augen.</p>
-
-<p>Gretchen Müller sah starr geradeaus, als merke sie von alledem nichts.
-Jedes Trostwort war sinnlos. Nur eins konnte helfen. Und dies eine
-blieb zu schwer für sie! Sie dachte an alle Güte, welche sie durch
-die jetzt namenlos Leidende erfahren hatte. Noch einmal durchlitt
-sie die Qualen der Armut und des erschütternden Erkennens eigenen
-Unwerts. Nichts blieb ihr erspart. Die Demütigungen, die sie als
-Stellungssuchende erfahren, die Ansinnen, die ihr noch jetzt das Blut
-vor Scham in die Wangen trieben &ndash; die Liebe zu dem Unwürdigen, die
-nicht sterben wollte, obwohl sie ihn verachten mußte. Und zuletzt der
-nagende, jammervolle Hunger. Wie hatte das alles monatelang in<span class="pagenum"><a id="Seite_396"></a>[S.&nbsp;396]</span> ihrem
-Körper gewühlt, bis sie endlich entschlossen gewesen, das elende Leben
-von sich zu werfen.</p>
-
-<p>Erst jetzt war sie imstande eine Kleinigkeit für ihre Retterin zu tun.</p>
-
-<p>Sie hatte lediglich nötig ihm zu sagen: „So ist es und nicht anders.
-Mag sie selbst in den Augen der Welt das Schlimmste getan haben. Ich
-weiß nichts und will nichts davon wissen. Es ist alles aufgewogen durch
-ihre Güte und Größe. Ich habe doch Augen zu sehen. Wie viel Männer
-hätten ihren Reichtum willig hingegeben für ihr Lächeln, für das Dulden
-reicher Gaben. Sie hat nie etwas angenommen. Ich weiß, daß sie alle
-Schätze für Einen aufgespart hat. Und nun richtet er sie. Wer darf das
-tun?“</p>
-
-<p>Mehr brauchte sie kaum zu sagen.</p>
-
-<p>Fast gierig prüfte Gretchen Müller das Gesicht, das ihr doch längst mit
-jedem Zug vertraut geworden. Seine Schönheit erfüllte sie in diesem
-Augenblick mit unsagbarer Freude. Es war unmöglich, daß einer, der sie
-liebte, hier freiwillig entsagte.</p>
-
-<p>„Vielleicht entschließe ich mich sehr bald zur Bühne. Vielleicht auch
-nicht! Es hat ja noch Zeit,“ sagte Eva nach längerer Zeit des Besinnens.</p>
-
-<p>&ndash; &ndash; Eine Woche später ging ihr, aus dem Büro in der Markgrafenstraße,
-von einer fremden kritzlichen Handschrift, deren Name unleserlich
-blieb, unterzeichnet, nachstehende Eröffnung zu:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Gemäß einer durch Herrn Horst Woldemar von Ostried, derzeitigen
-Majoratsherrn auf Waldesruh, aufgefundenen grundlegenden
-Familienbestimmung aus dem Jahre 1701 wäre auch das weibliche
-eheliche Kind eines<span class="pagenum"><a id="Seite_397"></a><span class="s4">[S.&nbsp;397]</span></span> ohne männliche Nachkommenschaft verstorbenen
-Majoratsherrn von Waldesruh insoweit am Majorat erbberechtigt,
-als ein aus ihrer ebenbürtigen Ehe hervorgegangener Sohn mit
-dem vollendeten achtzehnten Lebensjahr, besagtes Majorat mit
-allen darauf ruhenden Rechten und Verbindlichkeiten übernehmen
-soll. Bedingung wäre, daß diese Tochter in jeder Beziehung
-einen einwandsfreien Lebenswandel geführt hat. Sie haben nach
-Ansicht des Seniorenkonvents bisher dies Recht nicht verwirkt
-und werden deshalb hiermit vorgemerkt. Aus der abschriftlich
-beigefügten, später aufgenommenen Bestimmung, die sich auf Seite
-56 des Familienstatuts aus dem Jahre 1830 vorfindet, ersehen
-Sie die genausten Bedingungen für diese Vormerkung ebenso, wie
-auch dasjenige, was unter einer ebenbürtigen Ehe im Sinne der
-grundlegenden Bestimmung zu verstehen ist.</p>
-
-<p>Die Mitteilung, daß Sie von dieser Nachricht Kenntnis genommen und
-mit Ihrer Vormerkung resp. Eintragung vor dem Regierungsassessor
-von Ostried sich einverstanden erklären, erbitten wir gefälligst
-umgehend.</p>
-
-</div>
-
-<p>Ohne auch nur einen Augenblick zu überlegen, antwortete Eva von Ostried:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Ich verzichte ausdrücklich auf dieses Recht und bitte, mich mit
-ähnlichen sich etwa in Zukunft noch neu ergebenden Mitteilungen zu
-verschonen.</p>
-
-</div>
-
-<p>Dann mußte sie lachen. Es entsprang der Bitterkeit und Verachtung über
-alle Satzungen, die Menschen gemacht hatten. Langsam begriff sie das
-eine:</p>
-
-<p>Walter Wullenweber hatte die vorliegende Mitteilung nicht mit seinem
-Namen decken können, weil sie in seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_398"></a>[S.&nbsp;398]</span> Augen nicht dasjenige
-„untadlige Weibsbildn“ war, das sie zu sein hatte, um als Stammutter
-eines zukünftigen Majoratsherrn in Betracht zu kommen. Es regte sie
-nicht mehr auf!</p>
-
-<p>Ihr Gesicht wurde hart wie ihre Seele. Ihre Hand zitterte nicht, als
-sie jetzt zum zweiten mal die Feder eintauchte, um einen unwiderruflich
-letzten Brief an Walter Wullenweber zu schreiben. Sie tat es wie eine
-Fremde:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„Ich will dein Ringen, wenn es inzwischen nicht aufgegeben sein
-sollte, kurz beenden. Quäle dich nicht mehr damit, für mein
-Verbrechen Entschuldigung oder gar Vergebung zu finden. Dazu ist
-es zu spät geworden. Ich wüßte mir nichts mehr damit anzufangen.
-Der Rausch, dem ich mich hingab, wirkt nicht mehr. Daß ich Dir für
-Deine spätere würdigere Ehe das Beste wünsche, sei Dir ein Beweis,
-wie ruhig und empfindungslos mein Herz für Dich geworden ist.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Sie überlas das Geschriebene nicht. Eilig verschloß sie den Umschlag
-und fühlte nichts dabei, außer der staunenden Verwunderung, daß sie ihm
-erst heute geschrieben hatte.</p>
-
-<p>Erst als er mit dem andern zusammen besorgt war, erschrak sie plötzlich
-so sehr, daß sie sich setzen mußte, weil ihre Knie zitterten. Wie war
-es möglich geworden, daß sie ihm darin noch das „Du“ gegeben hatte?</p>
-
-<p>Pah, sie wollte nicht mehr darüber nachdenken. Ihre Seele sollte
-endlich frei werden. Und als müsse sie diesen Entschluß ungesäumt
-bekräftigen, drückte sie auf den Knopf der elektrischen Klingel, die
-zur Küche hinausführte. Ihre Stimme klang aber fest, beinahe kalt, als
-sie zu der Eintretenden sagte:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_399"></a>[S.&nbsp;399]</span></p>
-
-<p>„Meine Verlobung, liebes Gretchen, war nicht von Bestand. Sie ist
-wieder gelöst. Und zwar endgültig!“</p>
-
-<p>Dann sprach sie hastig, ohne eine Antwort zu ermöglichen, von
-gleichgültigen Dingen.</p>
-
-<p>&ndash; &ndash; Die nächste Zeit brachte viel Hast und Abwechslung. Der emsige
-Agent hatte von Eva von Ostrieds augenscheinlich eingetretenen
-Bekehrung zur Vernunft einem ihm bekannten Direktor Mitteilung gemacht.
-Das wiederum ergab vertrauliche Anfragen, die eine ausführliche Antwort
-erheischten. In irgendwelcher Weise band sich Eva von Ostried vorläufig
-nicht.</p>
-
-<p>Mitten in diese Unruhe hinein kam eines Tages der Brief des Waldesruher
-Majoratsherrn, der zwecks mündlicher Rücksprache in der bekannten
-Neuregelung und ihrer Ablehnung im Auftrage des Seniorenkonvents um die
-Gewährung einer mündlichen Aussprache an einem von ihr zwischen dem
-Zwanzigsten und Fünfundzwanzigsten zu bestimmenden Tage höflichst bat.</p>
-
-<p>Der Vorwand wäre für jede Andere, wie Eva von Ostried, durchsichtig
-gewesen. Seine Anwesenheit neulich im Blüthnersaal &ndash; eine vor Tagen
-stattgefundene zufällige Begegnung mit ihm, bei welcher er deutlich die
-von ihr vereitelte Absicht einer Annäherung zu erkennen gab, hätten sie
-zum Nachdenken bringen müssen.</p>
-
-<p>Ihr lag dies alles viel zu weit ab. Sie mochte ihn nicht wiedersehen.
-Die Vorstellung seines kalten, ausdruckslosen Gesichts brachte ihr
-ein unbehagliches Gefühl. Kurz, wenn auch nicht unfreundlich, lehnte
-sie sein Ersuchen mit dem Hinweis ab, daß eine Aussprache ihren
-unabänderlich feststehenden Entschluß nicht umzustoßen vermöge.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_400"></a>[S.&nbsp;400]</span></p>
-
-<p>An einem der nächsten Tage kam, nach längerer Pause diesmal, der Vetter
-Javelingen wieder.</p>
-
-<p>Eva von Ostried sah ihm erstaunt entgegen. „So feierlich? Ja, was gibt
-es denn? Hat der neue Operntext seinen Komponisten gefunden und bringen
-Sie mir schon die weibliche Hauptrolle zum Studium?“</p>
-
-<p>Er schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>„Das ist es nicht! Ich komme als Abgesandter des Kummersbacher.“ Er
-sah, daß sie die Lippen verzog, als schmecke sie einen unangenehm
-bitteren Trank.</p>
-
-<p>„Augenscheinlich mochten Sie ihn damals sehr gern,“ wunderte er sich.
-„Und jetzt plötzlich? Wirklich, ich merkte längst die Umwandlung.“ Es
-klang hilflos.</p>
-
-<p>„Von solchen Kleinigkeiten sollten Sie sich nicht quälen lassen,“
-mahnte sie sanft.</p>
-
-<p>„Es schmerzt mich, daß Sie sich so fest verschließen, Eva.“</p>
-
-<p>„Tue ich das? Dann ist es jedenfalls nichts neues. Sie kennen mich
-nur noch nicht von dieser meiner eigentlichen Seite. Gewiß, der
-Kummersbacher war sehr gut zu mir und ich habe auch nicht das Geringste
-gegen ihn. Ich bin aber wider alles Gewaltsame. Warum soll ich jetzt
-plötzlich einer Verwandtschaft wegen, die mir bisher nichts war, in
-einen neuen Kreis hineinlaufen? Denn, nicht wahr, mit dem Kummersbacher
-allein hätte es in Zukunft nicht sein Bewenden.“</p>
-
-<p>„Ich belästige Sie ja ohnehin schon,“ meinte er.</p>
-
-<p>„Halten Sie mich für so unehrlich, daß ich mir eine Belästigung
-gefallen ließe? Wenn Sie kommen, bringen Sie mir Freude mit. Wenn auch
-nicht in allen Fällen für mich, die Vielbeschäftigte, so doch für
-das liebe, kranke Mädchen,<span class="pagenum"><a id="Seite_401"></a>[S.&nbsp;401]</span> das ihrer dringender bedarf als ich, die
-körperlich Gesunde. Schon darum sind Sie mir stets willkommen. Sie
-wissen, meine Zeit gehört der Arbeit. Wenn es mir aber möglich wird,
-lausche ich Ihnen herzlich gern.“</p>
-
-<p>Er zog ihre Hand ehrerbietig an die Lippen. Sie mußte denken, ob er das
-wohl auch tun würde, wenn er wüßte.</p>
-
-<p>„Ich komme also heute mit einem Auftrage,“ gestand er fast schüchtern.</p>
-
-<p>Ihr Gesicht nahm einen hochmütigen Ausdruck an. „In Wahrheit schickt
-Sie gar nicht der Kummersbacher, sondern der Waldesruher, nicht wahr?“</p>
-
-<p>„Nein... wirklich nicht! Aber &ndash; wissen Sie schon davon?“</p>
-
-<p>„Daß er mich im Auftrage des hohen Seniorenkonvents zur Einwilligung
-jener mich lächerlich anmutenden Eintragung bewegen will? Nun, das hat
-er mir geschrieben!“</p>
-
-<p>„Ich dachte an das... andere.“ Ein unbewußter Neid ließ seine sanfte
-Stimme schärfer als sonst werden.</p>
-
-<p>„Davon weiß ich nichts. Mag auch nichts hören. Verzeihen Sie diese
-Offenheit.“</p>
-
-<p>„Ich fürchte aber, Sie werden ihm nicht mehr entgehen.“</p>
-
-<p>„Dann ist es immer noch Zeit, daß ich mich darüber ärgere oder freue.“</p>
-
-<p>„Sie dürfen sich nicht freuen,“ sagte er leidenschaftlich.</p>
-
-<p>„Ich glaube selbst, daß dies mein Schicksal ist.“</p>
-
-<p>„Nicht so! Freude sollen Sie haben, so viel es nur irgend gibt....
-Aber... Warum sind Sie so bitter geworden?“</p>
-
-<p>„Sie irren, mein lieber Dichter. Nur abgearbeitet bin ich. Und... werde
-es in Zukunft noch viel mehr sein. Sehen Sie hier &ndash; mein Büchlein ist
-voller Pflichten. In<span class="pagenum"><a id="Seite_402"></a>[S.&nbsp;402]</span> nächster Woche singe ich zweimal in Dresden.
-Danach in Weimar. Verhandlungen mit Dessau schweben gleichfalls. Berlin
-will mich auch. Die Vorbesprechungen, dies ängstliche Aufpassen, daß
-der Agent nicht den Löwenanteil in die eigene Tasche senkt, ist sehr
-anstrengend.“</p>
-
-<p>„Ich könnte es nicht.“</p>
-
-<p>„Wenn man ein bestimmtes Ziel vor Augen hat, geht auch dies!“</p>
-
-<p>„Sehnen Sie sich denn nach Reichtum, Eva?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Ja, das tue ich!“</p>
-
-<p>Er erblaßte und sah auf seine schmalen, nervösen Hände nieder. „Reich
-ist er. Sehr reich sogar! Der Kummersbacher sprach von mehreren
-Millionen...“</p>
-
-<p>„Nun also... hübsch für ihn! Wer der Glückliche ist, will ich nicht
-wissen. Ich gönne jedem sein Schäfchen. Nur Sie sollen jetzt endlich
-zum Ziel kommen. Was ist es für ein geheimnisvoller Auftrag, den Sie da
-übernommen haben.“</p>
-
-<p>„Der Kummersbacher läßt Sie innig um Ihren Besuch bitten, so bald es
-sich einrichten läßt.“</p>
-
-<p>„Hat er vielleicht gehört, daß ich gerade für die nächsten Monate
-täglich voll besetzt bin?“</p>
-
-<p>„Wie mißtrauisch Sie geworden sind.“</p>
-
-<p>„Das gehört zu meinem Geschäft! Denn, wenn ich nach dem Beschlusse des
-hohen Familienrats auch keine Bänkelsängerin bin, aber eine, die sich
-von zwei Mark an von Jedem anstarren lassen muß, die bin ich nun doch
-mal.“</p>
-
-<p>„Ihnen muß etwas Hartes geschehen sein,“ forschte er.</p>
-
-<p>„Vielleicht! &ndash; Machen Sie ein Sonett darüber. Aber am Schluß muß man
-lachen können. Hören Sie?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_403"></a>[S.&nbsp;403]</span></p>
-
-<p>Sie wurde ihm unheimlich.</p>
-
-<p>„Also, der gute Kummersbacher erinnert sich seiner freundlichen
-Einladung von dazumal?“ fuhr sie fort. „Sagen Sie ihm mit einem schönen
-Gruß meine Dankbarkeit und ich käme bestimmt in der Zeit von Januar bis
-April...“</p>
-
-<p>„Dann beanspruchen ihn die Sitzungen im Herrenhaus und die
-Nachberatungen in Berlin.“</p>
-
-<p>„Eben darum,“ meinte sie ruhig. „Und nun kein Wort mehr davon. Ich
-bitte Sie herzlich darum. Kleiden Sie meinetwegen die Ablehnung auf
-Ihre zarte Weise ein. Ich will nicht die Gastfreundschaft der Familie,
-von keinem Einzigen ...“</p>
-
-<p>„Ohne Ausnahme?“ fragte er mit eigenem Nachdruck.</p>
-
-<p>„Ausnahmslos,“ bestätigte sie. „Und jetzt kommen Sie. Ich werde Sie
-begleiten. Gretchen Müller wird sehnsüchtig warten... Eine Stunde kann
-ich mich ebenfalls von Ihnen fortreißen lassen. Dann muß ich wieder
-arbeiten und Briefe schreiben. Ach, diese ewigen Geschäftsbriefe..“</p>
-
-<p>&ndash; &ndash; &ndash; Er las leise und bescheiden, wie auch sonst am Anfang!</p>
-
-<p>Die Eröffnung des Kummersbacher klang ihm in den Ohren. „Paß auf,
-es kommt. Für so was habe ich einen feinen Riecher... Darum beeile
-dich gefälligst, daß wir sie möglichst bald in meine ländliche Stille
-kriegen. Ihre Nerven, die deiner Ansicht nach reichlich runter sind,
-müssen erst in die Höhe, ehe er seinen Mund zu der entscheidenden Frage
-auftut...“</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_403_ende">
- <img class="w100" src="images/i_357_ende.jpg" alt="Kapitel 2, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_404"></a>[S.&nbsp;404]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_404_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_129_kopf.jpg" alt="Kapitel 23, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_23">23.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">E</span>s kam wirklich... und zwar erheblich schneller, wie es der
-Kummersbacher nach der mit heimlicher Schadenfreude von ihm
-festgestellten Umwandlung des bis dahin scheinbar temperamentlosen
-Vetters erwartet hatte. Eva von Ostried stand noch im Schmuck eines
-weinroten Sammetkleides, das die Schneiderin erst soeben abgeliefert
-und zum letzten mal angeprobt hatte, als die Klingel tönte.</p>
-
-<p>Es war der Waldesruher Majoratsherr, der um die Ehre bat, die gnädige
-Base sprechen zu dürfen.</p>
-
-<p>Sie dachte lange nach, während er zuerst ungeduldig, danach empört über
-das rücksichtslose Wartenlassen auf dem schmalen Korridor hin- und
-herging. Warum erweckte dieser Besuch ihren Unmut? Er brachte ihr doch
-eine ehrenvolle Genugtuung. Denn, wenn es sich nicht um eine solche
-handelte, würde sich ein eiskalter, untadliger Ehrenmann wie dieser
-solcher Mühe nicht unterziehen. Eine feine Falte stand zwischen ihren
-Brauen, als sie sich endlich entschlossen hatte.</p>
-
-<p>„Führen Sie ihn in das Musikzimmer, Gretchen.“</p>
-
-<p>„Aber das Kleid,“ gab die andere zu bedenken.</p>
-
-<p>„Es wird bei der kurzen Unterredung nicht stören.“</p>
-
-<p>Horst Waldemar von Ostried sah eine Sekunde verblüfft auf. Sie reichte
-ihm nicht die Hand entgegen. Nur den<span class="pagenum"><a id="Seite_405"></a>[S.&nbsp;405]</span> feinen Kopf neigte sie und
-deutete höflich auf einen Polsterstuhl.</p>
-
-<p>„Warum kommen Sie, Herr von Ostried?“</p>
-
-<p>„Sie werden sich erinnern... mein Brief...“</p>
-
-<p>„Also darum,“ machte sie gedehnt, „ich dachte, das sei längst abgetan.
-Sie haben gehört, daß ich nicht will...“</p>
-
-<p>„Darauf kommt es nicht an, gnädigste Base.“</p>
-
-<p>„Soll das ein Scherz sein? Aber der läge Ihnen nicht..“</p>
-
-<p>„Sie haben etwas bei der ganzen Sache übersehen,“ meinte er belehrend,
-„oder vielleicht unser Anwalt?! Die von mir aufgefundene Bestimmung
-hat ausdrücklich das Wort „soll“ bei der jetzt neu durchzuführenden
-Erbfolge vorgesehen.“</p>
-
-<p>„Niemand kann über den Willen eines Menschen bestimmen, als er allein,“
-wandte sie kühl ein.</p>
-
-<p>„Das ist ein großer Irrtum. Es gibt Höheres und Stärkeres, dem wir alle
-uns beugen müssen.“</p>
-
-<p>„Was könnte das sein,“ fragte sie ungläubig.</p>
-
-<p>„In der Hauptsache... das Gesetz...“</p>
-
-<p>„Jetzt wird er mir bestimmt alle Paragraphen aufzählen, die wir
-beachten müssen,“ fürchtete sie dumpf und ergeben.</p>
-
-<p>„Zuerst dasjenige, was in uns selber ist,“ begann er wieder.</p>
-
-<p>„Das meine will, daß ich mit gleicher Münze heimzahle. Verachtung gegen
-Verachtung.“</p>
-
-<p>„Sie dürfen nicht abschweifen. Sonst werden wir uns nie verstehen.“</p>
-
-<p>„Ich lege auch keinen Wert darauf.“</p>
-
-<p>„Aber ich tue es. Sehen Sie, das Gesetz, welches ich meine, ist etwas
-Ehrfurchtgebietendes, denn es kommt aus<span class="pagenum"><a id="Seite_406"></a>[S.&nbsp;406]</span> der Schmiede der Ehre! Wie
-es sichtbare Orden und Ehrenzeichen für Heldentaten gibt, so sind
-unsichtbare da, deren Fehlen mehr wie Strafen reden. Daß Sie laut der
-jetzt zu Kraft erklärten Bestimmung vorgemerkt sind, ist ein solches
-unsichtbares Ehrenzeichen.“</p>
-
-<p>„Wenn Sie es so auffassen und gekommen sind, um mich zu Ihrer Ansicht
-zu bekehren, danke ich Ihnen,“ sagte sie um vieles wärmer.</p>
-
-<p>„Wie stellen Sie sich also jetzt zu unserer Frage?“</p>
-
-<p>„Nicht anders wie zuvor.“</p>
-
-<p>„Das heißt, Sie sehen auch jetzt noch ab?“</p>
-
-<p>„Natürlich. Es liegt mir nichts daran.. Ich will frei sein. Ich
-will...“ Sie wollte hinzufügen, daß sie keinen persönlichen Verkehr
-wünsche, empfand dies aber einen Augenblick später als taktlos und
-verstummte.</p>
-
-<p>Er schien die Streifen des Teppichs, der weich und dunkel am Boden
-hinkroch, zu zählen.</p>
-
-<p>„Ich bitte Sie um Ihre Einwilligung,“ sagte er plötzlich.</p>
-
-<p>Sie mußte ein Lächeln unterdrücken. „Was hätten Sie davon, Herr von
-Ostried?“</p>
-
-<p>Er zuckte nervös zusammen. „Warum nennen Sie mich hartnäckig mit
-diesem... steifen Namen?“</p>
-
-<p>„Erlassen Sie mir die Antwort. Sie sind zur Zeit unter meinem Dach und,
-wenn ich auch kein Edelfräulein in Ihrem Sinne sein mag, das ist mir
-stets heilig gewesen.“</p>
-
-<p>„Ich möchte den sehen, der sich niemals irrt...“</p>
-
-<p>„Gut! Wir wollen es nicht in Worte kleiden... Ich fühle es und danke
-Ihnen nochmals. Sagen Sie den andern auch davon, denn, nicht wahr, der
-&ndash; wie nennen Sie ihn doch? &ndash; Seniorenkonvent weiß um Ihr Kommen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_407"></a>[S.&nbsp;407]</span></p>
-
-<p>„Nein,“ sagte er kurz und sehr laut.</p>
-
-<p>Das begriff sie nicht. „Ich habe mich niemals mit all diesen
-Bestimmungen beschäftigt,“ entschuldigte sie sich.</p>
-
-<p>„Ich will haben, daß Sie in den Augen der gesamten Familie rein und
-makellos dastehen. Daß wir Sie dafür befunden haben, bewirkt das
-noch nicht. Die Hämischen könnten behaupten, es habe sich inzwischen
-etwas ihnen Verborgenes herausfinden lassen, das Ihre Unwürdigkeit
-dennoch dartäte. Der Vetter Regierungsassessor hat Sie neulich auf dem
-Familientag bereits auffallend genug übersehen.“</p>
-
-<p>Jetzt mußte sie lachen.</p>
-
-<p>„Stimmt das etwa nicht,“ fragte er gereizt. „Hat er Sie begrüßt oder
-Ihnen auch nur ein verbindliches Wort gesagt?“</p>
-
-<p>„Aber... nachgelaufen ist er mir und hat mir seine Begleitung
-angeboten.“</p>
-
-<p>„Und Sie?“</p>
-
-<p>„Ich habe ihn fortgeschickt, wie man das auch ohne Ihre Familiengesetze
-zu kennen, eben tut...“</p>
-
-<p>„Darum wird er Sie jetzt um so mehr mit seiner Abneigung verfolgen.“</p>
-
-<p>„Daran liegt mir auch nicht das Geringste.“</p>
-
-<p>„Aber mir liegt daran!“</p>
-
-<p>Sie sah ihn erschrocken an und stellte fest, daß er sehr rot und erregt
-geworden war.</p>
-
-<p>„Ihnen? Sie hören ja, daß ich mich auch weiter allein zu schützen
-gedenke. Ja... und hören Sie weiter. Ich muß Ihnen einen Vorschlag
-machen. Vielleicht ist es Ihnen allen unangenehm, daß ich den alten
-Namen Ostried führe.<span class="pagenum"><a id="Seite_408"></a>[S.&nbsp;408]</span> Bitte, seien Sie ganz ehrlich mit mir. Ich bin
-Künstlerin und kann ihn, ohne, daß es besonders auffällt, jederzeit
-ablegen. Einmal war ich bereits dazu entschlossen...“</p>
-
-<p>„Sie sollen ihn behalten! Aber der Vetter Regierungsassessor darf Sie
-nicht verächtlich machen.“</p>
-
-<p>Sie legte den Kopf ein wenig auf die Seite und blinzelte in die
-Schatten, die jetzt dunkelblau und lila getönt den Raum erfüllten.
-„Leider verachtet er mich durchaus nicht. Fast wäre mir das lieber
-gewesen, als das andere...“</p>
-
-<p>„Was ist das?“ fragte er.</p>
-
-<p>„Wenn ich ihn nicht... sehr tief einschätzte, würde ich darüber
-schweigen. Ich mißachte ihn aber. Darum...“ und sie erhob sich, ging in
-das Nebenzimmer und nahm aus dem Mittelfach ihres Schreibtisches seinen
-Brief.</p>
-
-<p>„Lesen Sie ihn. Dies Schreiben ging mir zu, nachdem die Anschlußsitzung
-über meine oder besser meines künftigen Sohnes Erbfolge stattgefunden
-hatte.“</p>
-
-<p>Horst Waldemar von Ostried las erstaunlich lange an den kurzen Zeilen.</p>
-
-<p>„Es ist eine Gemeinheit,“ sagte er dann kurz und scharf. Sie nickte.</p>
-
-<p>„Man könnte es wohl als solche bezeichnen! Daß Sie so ehrlich sind,
-freut mich doppelt...“</p>
-
-<p>„Könnten Sie mir den ungefähren Wortlaut Ihrer Antwort an ihn
-mitteilen?“</p>
-
-<p>„Nein... das möchte ich nicht.“</p>
-
-<p>„Hätte ich mich in Ihnen getäuscht?!“</p>
-
-<p>„Möglich! Vielleicht mißverstehen wir uns aber. Weil ich nämlich keine
-Antwort gab, kann ich auch keinen Wortlaut wiederholen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_409"></a>[S.&nbsp;409]</span></p>
-
-<p>Er atmete auf. „Das war gut!“ Dann saß er stumm und schweigsam da.</p>
-
-<p>„Warum geht er jetzt nicht,“ dachte sie erstaunt und sagte laut:
-„Verzeihen Sie diese Dunkelheit. Ich will jetzt Licht machen... Ich
-liebe die weichen, unbestimmbaren Farben der Dämmerung sehr.“</p>
-
-<p>„Lassen Sie es!“ bat er.</p>
-
-<p>Gehorsam nahm sie wieder ihren Platz ein. Die drückende Stille begann
-sie unruhig zu machen.</p>
-
-<p>„Fühlen Sie den Zweck meines Besuches nicht endlich heraus?“ fragte er.</p>
-
-<p>Sie dachte nach und schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>„Und dennoch ist es gut, daß er ihn geschrieben hat,“ meinte er aus
-tiefem Sinnen heraus. Ihre Anschauungen mußten erdenweit auseinander
-gehen... sonst hätte sie ihn doch wenigstens einmal ohne Erklärung
-verstehen müssen.</p>
-
-<p>„Mir gilt er nicht mehr, als der Beweis, daß der Name allein noch lange
-nicht adelt...“</p>
-
-<p>Er ließ diesen Einwurf unbeachtet. „Können Sie mir dies Schreiben
-anvertrauen,“ fragte er.</p>
-
-<p>„Wozu? Ich will nicht haben, daß er etwa zur Rechenschaft gezogen wird.“</p>
-
-<p>„Eine Beleidigung in diesem Sinne enthält er nicht! Daß er den Wunsch
-ausspricht, Sie seinen Eltern zuzuführen, beweist ja gerade, daß er Sie
-respektiert. Er hätte noch etwas damit warten müssen. Aber er mag wohl
-gefürchtet haben, ein anderer käme ihm zuvor...“</p>
-
-<p>„Sie baten um den Brief,“ lenkte Eva von Ostried hastig ab, „darf ich
-wenigstens wissen, zu welchem Zweck das geschah?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_410"></a>[S.&nbsp;410]</span></p>
-
-<p>„Um eine Handhabe zu besitzen.“</p>
-
-<p>„Verstehe ich Sie recht? Glauben Sie, daß er unklug genug ist, um diese
-Sache vielleicht falsch wieder zu geben?“</p>
-
-<p>„Das nicht. Seines Schweigens hierüber sind wir sicher. Nur etwas
-anderes steht zu befürchten. Vor jedem lauten Wort wird er sich hüten.
-Er ist in jeder Beziehung ein leiser, vorsichtiger Herr. Es könnte sich
-aber ereignen, daß er Sie aus dem Hinterhalt angriffe. Sagen wir mal,
-der Kummersbacher, der seine Augen und Ohren überall hat, würde etwas
-erfahren und mir wieder erzählen?“</p>
-
-<p>„Warum grade Ihnen?“</p>
-
-<p>„Untersuchen wir das jetzt nicht. Unterstellen wir es als sicher.
-Dann könnte ich diesen Brief vorzeigen und ihn bloßstellen, wie er es
-verdient hat....“</p>
-
-<p>„Eigentlich sind wir beide uns doch sehr fremd,“ meinte sie zögernd.</p>
-
-<p>„Soll das heißen, daß Sie kein Vertrauen zu mir haben?“</p>
-
-<p>„Vertrauen...“ sie dehnte das Wort aus, überlegte ein wenig und sah
-dann wieder und diesmal &ndash; bewußt &ndash; zu ihm hinüber. Seine kalten
-farblosen Augen hatten sich auffallend belebt. „Wir wollen den Begriff
-nicht zerlegen. Behalten Sie den Brief. Ich danke Ihnen für Ihre gute
-Absicht. Nicht wahr, wenn er etwa ein Jahr geschwiegen haben sollte,
-dann vernichten Sie ihn. Ein Zurückschicken ist unnötig.“</p>
-
-<p>Als er ihn in die feine helle Ledertasche versenkt hatte, tat er die
-Frage, die er seit Wochen immer wieder überlegt und nach allen Seiten
-erwogen und nun endgültig beschlossen hatte:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_411"></a>[S.&nbsp;411]</span></p>
-
-<p>„Weil Sie es nicht fühlen, muß ich es klar aussprechen. Könnten Sie
-sich entschließen, meine Frau zu werden, Eva?“ Er sah, daß es sie
-gänzlich überraschend traf und fuhr fort: „Ich werde im nächsten Monat
-vierundfünfzig Jahr und gelte als ziemlich gefühllos. Vielleicht bin
-ich es auch. Meine erste Ehe war durchaus korrekt. Wie sich die zweite
-gestalten wird, liegt in Ihrer Hand. Sie werden enttäuscht sein, daß
-ich Ihnen kein Wort von Liebe spreche. Ich kann das nicht. Schon als
-kleiner Junge wäre ich lieber gestorben, ehe ich ein Gefühl verraten
-hätte. Es ist Vererbung. Meine Mutter war ebenso.“</p>
-
-<p>Sie saß wie erstarrt und konnte nur denken... „Möchte er doch weiter
-sprechen. Wenn er aufhört, muß ich ihm antworten.“ Daß er ihr noch vor
-kurzem unangenehm, ja widerlich gewesen, begriff sie nicht mehr. Zur
-Zeit war er ihr nicht unleidlicher wie jeder andere!</p>
-
-<p>Und was sang und klang plötzlich vor ihren Ohren? Sanfte,
-verführerische Stimmen tönten! Und jede verhieß das nämliche! Erlösung
-&ndash; Sühne &ndash; Ruhe! Ihm würde sie kein Wort davon sagen. Kein inneres
-Drängen erzwang dies. Ihr ferneres Leben würde auf das Eine, Große,
-Letzte eingestellt sein. Untadlig zu werden und weiter Gutes zu tun, wo
-irgend sich nur die Gelegenheit bieten wollte.</p>
-
-<p>Und vor allem &ndash; den Raub könnte sie zurückzahlen.</p>
-
-<p>Er war ja schwerreich. Der Dichter hatte von mehreren Millionen
-gesprochen. Denn jetzt war es ihr klar, daß er diesen und keinen
-anderen gemeint hatte. Sie wollte von ihrem Nadelgelde und seinen gewiß
-sehr reichlich fließenden Geschenken Pfennig um Pfennig zusammenraffen,
-bis<span class="pagenum"><a id="Seite_412"></a>[S.&nbsp;412]</span> sie endlich alles an den Justizrat Weißgerber, als eine sich an
-die Stiftung der Präsidentin anschließende Schenkung, zurückzuzahlen
-vermochte...</p>
-
-<p>Jetzt schwieg er und sah sie erwartungsvoll an. Eine furchtbare Angst
-begann sie zu foltern, daß er aufstehen und gehen könne... beleidigt,
-weil sie ihn keiner schnellen Antwort würdigte.</p>
-
-<p>„Haben Sie sich bereits gebunden &ndash; dann allerdings,“ sagte er
-undeutlich, wie ihr schien.</p>
-
-<p>„Nein, ich bin frei.“ Das war keine Lüge.</p>
-
-<p>„Wie lange soll ich warten,“ fragte er. Es klang fast demütig.</p>
-
-<p>„Zwei Wochen,“ bat sie. „Ich habe ein paar Verpflichtungen in Dresden
-und Weimar übernommen. Dann werde ich auch mit mir fertig sein.“</p>
-
-<p>In seinen Zügen arbeitete es. Aber er verriet nicht seine Gedanken.
-Er sah sie noch einmal an, als müsse er die Erinnerung an ihre stolze
-Schönheit mit fortnehmen für diese beiden Wochen. Später würde er sie
-nicht mehr nötig haben. Er wünschte keine lange Verlobungszeit.</p>
-
-<p>Langsam stand er auf, küßte ihre Hand und schied ohne ein weiteres Wort.</p>
-
-<p>Eva von Ostried zeigte sich die nächsten Tage gelassen, fast heiter.
-Sie erschien wohl und frisch, als habe sie nicht über schlaflose Nächte
-zu klagen. Daß ein wenig künstliches Rot über die tiefe Blässe und
-den scharfen Leidenszug hinwegtäuschte, ahnte Gretchen Müller nicht.
-Sie trat nie mehr, ohne zuvor feierlich anzuklopfen, in das kleine
-einfenstrige Zimmer ein. Die unbestimmte Angst, eine Zusammengebrochene
-oder doch Verzweifelte zu sehen, hielt sie<span class="pagenum"><a id="Seite_413"></a>[S.&nbsp;413]</span> zu dieser Vorsicht an.
-Einmal, als sie Eva von Ostried ausgegangen wähnte, sah sie sie mit
-eingewühltem Kopf auf dem Ruhebett liegen und hörte ein ersticktes,
-jammervolles Schluchzen.</p>
-
-<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_413_tb">
- <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" />
-</div>
-
-<p>Der Kummersbacher saß vor seinem alten Zylinderbureau, sah abwechselnd
-in das Wirtschaftsbuch seines Beamten und auf die kotbespritzten, von
-aufgeweichten Lehmwegen zeugenden Stiefeln herab, dachte aber weder an
-das eine noch das andere, sondern ärgerte sich mit verbissenem Ingrimm,
-weil der Doktor, der seines Rheumas wegen die Ritte im Regen streng
-untersagt hatte, wieder mal Recht behielt. Denn es zwickte und quälte
-ganz abscheulich.</p>
-
-<p>Draußen lief seit Tagen durch das graue Himmelssieb ein gleichmäßiger
-Regen nieder und verwandelte Straßen, Aecker und Gärten in einen
-zähen Brei von unappetitlicher Farbe. In solchen Zeiten merkte der
-Kummersbacher, daß er ein lediger Mann war.</p>
-
-<p>Er schielte nach den derben Jungen seines Hofmeisters, die unter dem
-Fenster des Arbeitszimmers mit krampfhaft hochgezogenen Hosenleder über
-die Pfützen sprangen.</p>
-
-<p>Dieser Anblick verbesserte seine schlechte Laune nicht. Als Hermann,
-der Getreue, seinen grauen Kopf zur Tür hineinsteckte, polterte er los:</p>
-
-<p>„Was störst du mich fortwährend. Ich habe zu tun. Verstanden?“</p>
-
-<p>„Eine Dame ist draußen,“ meldete er unerschrocken und setzte
-vertraulich hinzu: „Sie war neulich auch in Berlin beim Familientag.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_414"></a>[S.&nbsp;414]</span></p>
-
-<p>Im Nu war der Kummersbacher auf den Beinen.</p>
-
-<p>„Wenn es die Eva wäre...“ Natürlich war sie es! Des kleinen Javelingens
-Antwort stand immer noch aus. Vielleicht hatte sie dies gewünscht und
-kam nun selbst, um sie zu bringen und... bei ihm zu bleiben.</p>
-
-<p>„Hol’ andere Stiefel,“ kommandierte er. „Aber ein bißchen pausenlos &ndash;
-und... das gnädige Fräulein führe solange in das Eßzimmer.“</p>
-
-<p>Dann dachte er gerührt und ärgerlich, daß dies Gerenne vom Bahnhof
-durch Wind, Regen und Brei eigentlich ein unverantwortlicher Leichtsinn
-von ihr gewesen sei... Hermann stand immer noch vor seinem Gebieter.</p>
-
-<p>„Was fällt dir ein. So lauf’ doch...“</p>
-
-<p>„Gnädiger Herr,“ sagte er plötzlich und ein Lachen flog um seinen
-faltigen glattrasierten Mund, „die Stiebel vom gnädigen Fräulein sind
-noch viel dreckiger...“</p>
-
-<p>Der Kummersbacher brummte etwas. Dann schob er sich an seinem Diener
-vorbei und lief humpelnd auf die Diele heraus.</p>
-
-<p>Hier stand etwas unendlich Gebücktes, Demütiges.</p>
-
-<p>Bei diesem Anblick erlosch seine Freude. Er stutzte und schüttelte
-den Kopf... Wo hatte der Hermann seine Augen gehabt? Das war doch
-gar keine Dame. Ein bis auf die Haut durchnäßtes armes, heimatloses
-Geschöpf war’s, das sich vor Hunger und Uebermüdung wohl nicht weiter
-zu schleppen vermocht hatte.</p>
-
-<p>„Gehen Sie in die Küche und lassen Sie sich allerlei Gutes von dem Koch
-verabreichen,“ sagte er mit der unbewußten Weichheit und Milde, die ihn
-stets beherrschte, sobald jemand seine Hilfe brauchte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_415"></a>[S.&nbsp;415]</span></p>
-
-<p>Aber die Demütige blieb, richtete sich nur ein wenig empor und sagte
-leise:</p>
-
-<p>„Ich bin doch Klausine von Ostried...“</p>
-
-<p>Es fuhr ihm in die Knochen. Er begriff nicht, wie sie sich zu ihm
-durchgefunden hatte.</p>
-
-<p>„Tritt, bitte, hier ein,“ sagte er endlich. „Du kannst auch im Zimmer
-ablegen... und nachher mußt du dir wohl trockene Sachen anziehen.“</p>
-
-<p>Sie trug nichts in der Hand wie eine kleine, abgegriffene Tasche mit
-einstmals kunstvoller Perlenstickerei. Der Kummersbacher überlegte
-kurz, daß sich darin kaum alles, was eine Frau für ihren äußeren
-Menschen gebraucht, vorfinden könnte, wurde einen Augenblick verlegen
-und sagte zu dem Diener gewandt:</p>
-
-<p>„Was machen wir jetzt? Weiß der Himmel, nun haben wir nicht mal was zum
-Anziehen für sie bei der Hand. Sie muß also vorläufig sehr bald in die
-Federn. Na, nun geh, du kannst einen Grog für sie bringen und für mich
-zur Gesellschaft auch einen. Dann richte das wärmste Fremdenzimmer ...
-Hoppla!“</p>
-
-<p>Klausine von Ostried, das Stiftsfräulein, hatte indessen ihre
-triefenden Hüllen über den Kaminofen ausgebreitet, in dem ein lustiges
-Feuer prasselte.</p>
-
-<p>„Setz’ dich einstweilen nahe an die Glut,“ kommandierte der
-Kummersbacher mitleidig. „So, aber verbrenne dir nicht die Hüfe...“</p>
-
-<p>„Es ist himmlisch warm,“ flüsterte sie dankbar und hielt nun auch die
-mageren Hände an die durchhitzten Stäbe.</p>
-
-<p>Eine Weile gönnte er ihr diese Behaglichkeit. Dann tippte er ihr auf
-die Schulter und fragte langsam:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_416"></a>[S.&nbsp;416]</span></p>
-
-<p>„Jetzt möchte ich endlich wissen, weshalb du das gemacht hast,
-Klausine?“</p>
-
-<p>Der freudige Ausdruck ihres verkümmerten, spitzen Gesichts erlosch.
-Sie begann zu weinen. Wie bei einem Kinde liefen auch ihr schließlich
-die Tränen stromweise über die eingefallenen Wangen. Er erinnerte
-sich, daß sie in beständiger Furcht vor der Schwester leben sollte und
-meinte endlich selbst die Erklärung für ihren Besuch gefunden zu haben.
-Hatte er ihr nicht, in einer Aufwallung von Mitleid, bei dem letzten
-Beisammensein in Berlin gesagt, daß sie jederzeit ein ruhiges Fleckchen
-bei ihm finden werde, wenn sie es im Stift etwa nicht mehr ertragen
-könne?</p>
-
-<p>„Du willst jetzt lieber hier bleiben?“ fragte er weich.</p>
-
-<p>Sie nickte nur und saß dann weiter &ndash; hilflos und ängstlich &ndash; neben
-der Glut.</p>
-
-<p>„Sage frei heraus, was passiert ist,“ forderte er nach neuem,
-geduldigen Warten. Sie begann stärker zu zittern.</p>
-
-<p>„Hunger,“ stotterte sie, als schäme sie sich dieses Geständnisses.</p>
-
-<p>Da ging der Kummersbacher selbst &ndash; an dem verdutzten alten Melchers
-vorüber &ndash; in die Speisekammer, schnitt von der freihängenden Seite
-eine Handbreit Speck herunter, riß das Schwarzbrot in den einen, die
-angebrochene Kümmelflasche in den andern Arm und ging wieder in das
-Speisezimmer zurück. Die Geschichte mit dem Tablett und den übrigen
-Zubehörteilen für ein richtiges Mahl dauerte ihm hierfür zu lange.</p>
-
-<p>„Iß tüchtig,“ nötigte er und schnitt ihr mit seinem derben Jagdmesser,
-das er niemals aus der Tasche ließ, selbst die Bissen zurecht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_417"></a>[S.&nbsp;417]</span></p>
-
-<p>Gierig schlang sie alles herunter, bekam feuerrote Fleckchen und
-trank auch einen tüchtigen Schluck von dem alten, scharfen Kümmel,
-obwohl ihre Augen danach noch mehr tränten. Dann saß sie mit andächtig
-zusammengelegten Händen und blinzelte in die knackenden Holzscheite.</p>
-
-<p>„Jetzt wirst du reden, Klausine,“ befahl er nach geraumer Weile. „Was
-also ist geschehen?“ fragte er ungläubig und rüttelte sie ein wenig am
-Arm.</p>
-
-<p>„Sie hat unser ganzes Geld verloren und das konnte sie nicht
-überwinden.“</p>
-
-<p>„Ja, wie hat sie das denn, in drei Deibels Namen, angefangen? Weißt du
-Genaueres darüber?“</p>
-
-<p>„Gesagt hat sie mir kein Wort. Aber ich habe es aus den Briefen
-zusammengelesen. Du kannst dich selbst überzeugen. Ich habe sie dir
-mitgebracht.“</p>
-
-<p>Er überflog die zerknitterten Schriftstücke, ballte sie zusammen und
-schleuderte sie endlich zornig in die äußerste Ecke des Zimmers.</p>
-
-<p>„Auf diesen plumpen Schwindel ist sie so einfach glatt reingefallen?“</p>
-
-<p>„Das weiß ich nicht. Sieh, hier ist noch ein Brief. Er kam vor vier
-Tagen. Danach hat sie es getan...“</p>
-
-<p>Er las auch diesen.</p>
-
-<p>„Richtig! Da teilt ihr ein anderer sauberer Vogel höflichst mit,
-daß ihr auf Grundstück soundso &ndash; im Grundbuch Blatt soundso &ndash;
-eingetragenes Geld in Summe 104000 Mark bei der Zwangsversteigerung
-ausgefallen sei. Also mit andern Worten, alles hops.“</p>
-
-<p>„So habe ich es auch aufgefaßt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_418"></a>[S.&nbsp;418]</span></p>
-
-<p>Das wunderte ihn, weil er sie für einfältiger gehalten hatte. „Was also
-hat sie getan, nachdem sie diesen Wisch gelesen?“</p>
-
-<p>„Mich mit zwei Telegrammen zur Post weggeschickt. Ganz heimlich mußte
-ich mich fortschleichen. Die andern im Stift durften nichts davon
-ahnen.“</p>
-
-<p>„Nun, und die Antwort? Sagtest du nicht, daß du sie gleich auf dem Amt
-erwarten mußtest?“ Sie nickte wieder.</p>
-
-<p>„Die hat sie in der Küche verbrannt. Wir haben nämlich jede unsere
-besondere,“ erzählte sie wichtig.</p>
-
-<p>„Laß jetzt die Nebensachen,“ verwies er streng. Sie hörte nicht darauf.</p>
-
-<p>„In der Küche ist es doch geschehen,“ fuhr sie eintöniger fort und
-begann schon wieder zu zittern.</p>
-
-<p>„Was ist geschehen? &ndash; Nimm dich zusammen, Klausine. So weit warst du
-schon vorhin...“</p>
-
-<p>„Genaues weiß ich nicht. Als ich dazu kam, waren schon alle Stiftsdamen
-bei ihr und schrieen und jammerten. Sie lag mitten auf den Fließ.
-Der Gasschlauch hing herunter und die Luft war schrecklich, trotzdem
-überall die Fenster offen standen...“</p>
-
-<p>Nun begriff er! &ndash; Sie hatte den Verlust des Geldes nicht verwinden
-können und wollte sich einfach aus dem für sie wertlos gewordenen Leben
-stehlen.</p>
-
-<p>„Sie ist tot?“ fragte er mit gedämpfter Stimme.</p>
-
-<p>„Sie haben gleich nach dem Arzt geschickt... Noch eine kleine
-Viertelstunde, hat der zu mir gesagt, dann wäre er zu spät gekommen.“</p>
-
-<p>„Sie lebt also...“</p>
-
-<p>„Sie hat mich doch zu dir geschickt...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_419"></a>[S.&nbsp;419]</span></p>
-
-<p>„Und der Auftrag?“</p>
-
-<p>Da lag ihm plötzlich die schmale, verängstigte, durchnäßte Heimatlose
-zu Füßen. „Du sollst uns einen Winkel geben, wo uns kein Mensch sehen
-und finden kann,“ bettelte sie...</p>
-
-<p>„Ihr habt doch Euern Platz im Stift nach wie vor.“</p>
-
-<p>„Sie kann nicht mehr dableiben. Sie müsse vor Scham sterben, hat sie
-gesagt. Und sie schickt dir auch was, damit du es tust... Es wäre ihr
-Letztes, läßt sie sagen...“</p>
-
-<p>Es waren, mehrfach in einen kleinen schmutzig gewordenen Leinenbeutel
-eingenäht, zweiundachtzig Mark.</p>
-
-<p>Ein Würgen stieg in die Kehle des Kummersbachers hoch. Unsicher langte
-er nach der Kümmelflasche und füllte einen kleinen Becher, der irgendwo
-umherstand.</p>
-
-<p>Verdient hatte sie durch ihre Härte, Geldgier und Verleumdungssucht
-mancherlei. Aber dies war eine zu harte Strafe.</p>
-
-<p>„Du wirst vorläufig hier bleiben,“ entschied er nach kurzem Ueberlegen.
-„Ihr werde ich ausführlich schreiben.“ Ihr kleines Gesicht leuchtete
-in seliger Freude auf. „Und jetzt klingle ich nach Hermann. Er wird
-dir dein Zimmer anweisen. Lege dich aufs Ohr und versuche zu schlafen.
-Nötig hast du’s. Deine Sachen lege auf einen Stuhl draußen vor die
-Tür, damit sie richtig getrocknet werden können. Deine übrigen sollen
-nachkommen. Ich veranlasse das schon.“</p>
-
-<p>Als er allein war und wieder an seinem Schreibtisch saß, stand er auf
-und schritt lange ruhelos auf und ab.</p>
-
-<p>Als er mit sich einig war, schrieb er an Hermine:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Deine Schwester wird solange bei mir bleiben, bis sie frisch und
-gesund ist. Du aber wirst Dich innerhalb<span class="pagenum"><a id="Seite_420"></a><span class="s4">[S.&nbsp;420]</span></span> zweier Wochen bereit
-halten, meinem zu Dir entsandten Diener Hermann dorthin zu folgen,
-wohin er Dich bringen wird. Er ist treu wie Gold und zuverlässig &ndash;
-auch im Schweigen. Verlaß Dich also ganz auf ihn. In mein Haus kann
-ich Dich leider nicht bitten. Vielleicht setze ich Dir die Gründe
-auseinander, wenn Du erst wieder Deine Nerven in der Hand hast.
-Jetzt nur das eine: Des Daseins Not wird nicht, solange Ihr lebt,
-an Euch herankommen, weil Ihr denselben Namen tragt wie auch ich.
-Nur dieser Grund und das grenzenlose Mitleid mit Deiner Schwester
-treibt mich hierzu. Zwanzig Kilometer von Schloß Kummersbach
-kaufte ich vor Jahresfrist für zwei inzwischen auch alt und grau
-gewordene, treue, brave Menschen, die in meinen Diensten durch
-einen Unfall das Gehör verloren, einen kleinen schmucken Bauernhof.
-Das geräumige Wohnhaus hat drei unbenutzte hübsche, helle Stuben,
-die ich sogleich für Euch herrichten lasse. An barem Gelde sollen
-Dir, außer allem, was Ihr dort kostenfrei bezieht, monatlich 50
-Mark überwiesen werden. Kommst Du mit dieser Summe nicht aus, bin
-ich, nach Prüfung zu weiterem bereit.</p>
-
-</div>
-
-<p>Es war ihm unmöglich, ein Trostwort oder auch nur einen warmen Gruß
-anzufügen.</p>
-
-<p>Nach alter Gewohnheit siegelte er den Brief und übergab ihn seinem
-Diener. Dann holte er noch einen Kümmel, obwohl er sich sonst nur
-einmal in der Woche etwas derartiges zu leisten pflegte.</p>
-
-<div class="figcenter illowe4 padtop1" id="i_420_ende">
- <img class="w100" src="images/i_168_ende.jpg" alt="Kapitel 23, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_421"></a>[S.&nbsp;421]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_421_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_030_kopf.jpg" alt="Kapitel 24, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Kapitel_24">24.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">G</span>retchen Müller saß allein im Zimmer und hielt Rückerinnerungen. Ihre
-seltsam aufregende Kindheit baute sich leuchtend klar vor ihr auf: Der
-Vater, der sie, wenn er bei guter Laune war, mit Schmeichelnamen und
-Süßigkeiten überschüttete &ndash; dem sie zuweilen noch am späten Abend
-einen Brief ganz heimlich forttragen oder aus dem feinen Geschäft
-an der nächsten Ecke eine Flasche Wein besorgen mußte, streichelte
-ihr anerkennend das weiche Gesichtchen. Der Bruder, der dauernd über
-ihr und allen Ausgängen wachte, erschien ihr trotz des unaufhörlich
-zwischen ihnen bestehenden Kampfes als der Stab, der sie stützte und
-leitete. Wenn sie abends in ihrem Bettchen lag und die Hände zu dem von
-ihm gelehrten Gebet faltete, dachte sie seiner als letzten Gedanken.</p>
-
-<p>Er half bereits von der Tertia an für den Haushalt mit zu verdienen.
-Eine Anzahl Jungen, kaum älter als sie selbst, waren ins Haus gekommen.
-Ihnen allen hatte er mit nie versagendem Eifer in schwachen Fächern
-nachgeholfen. Zuweilen fiel von diesen Einnahmen eine Kleinigkeit für
-sie ab. Ein gutes Buch oder ein Blumenzwiebelchen, dessen Entwicklung
-sie eifrig zu überwachen hatte. Immer wieder hatte sie seiner gedenken
-müssen.</p>
-
-<p>Ihres Vaters, der sie bis auf das letzte unerhörte Quälen, das sie
-schließlich dem Verführer in die Arme getrieben,<span class="pagenum"><a id="Seite_422"></a>[S.&nbsp;422]</span> nur immer verwöhnte
-und bewunderte, gedachte sie längst als eines armen Verirrten, der auch
-seinen eigenen, richtigen Weg niemals erkannte.</p>
-
-<p>Und jetzt sollte sie &ndash; vielleicht sehr bald &ndash; sterben, ohne dem
-Bruder gedankt, seine Vergebung erfleht und ohne ihn vor allem auf
-die Straße zu seinem Glücke geführt zu haben! Bisher war sie sicher
-gewesen, daß der Tod, wenn er endlich käme, von ihr als heißersehnter
-Erlöser empfunden werde.</p>
-
-<p>Seit Tagen grübelte sie unaufhörlich! Sie suchte allein zu sein, denn
-sie wollte ungestört bleiben, um nur zu einem vernünftigen Entschluß zu
-kommen.</p>
-
-<p>Da klopfte es. &ndash; Zuerst wollte sie nicht öffnen. Schließlich tat
-sie es, vor der Tür stand nur die schwächliche Sechszehnjährige des
-Hausmeisters.</p>
-
-<p>„Ich brauche Sie heute nicht,“ sagte Gretchen Müller leise und
-enttäuscht.</p>
-
-<p>„Fräulein von Ostried hat mir heute eine feine Ansichtskarte von
-Dresden geschrieben,“ erzählte Jene wichtig. „Ich soll alle Tage
-raufgehen und mich ja nicht von Ihnen wegschicken lassen. Sie hätte so
-viel Angst um Sie und darum gar keine rechte Ruhe.“</p>
-
-<p>Gretchen Müller hatte sich nachdenklich an das Fenster neben Eva von
-Ostrieds Schreibtisch gesetzt. Es gab wirklich jemand, der sich um
-sie sorgte? Wie schön das war! Sie hätte es eigentlich nach aller
-empfangenen Güte wissen und daher keinen Augenblick vergessen dürfen.</p>
-
-<p>„Sie sollen auch ordentlich essen und trinken,“ tuschelte die
-Sechszehnjährige geheimnisvoll, indem sie auf einen freien Winkel neben
-dem Schreibtisch zeigte. „Da in der<span class="pagenum"><a id="Seite_423"></a>[S.&nbsp;423]</span> Ecke stände was ganz Feines für
-Sie, wenn Sie es noch nicht gefunden haben sollten.“</p>
-
-<p>Eine Flasche stärkenden Weines, ein gebratenes Hühnchen und ein paar
-andere Leckerbissen. Am Halse der Flasche war ein Zettelchen befestigt,
-das Eva von Ostrieds klare Handschrift trug: Meinem lieben Gretchen,
-damit ich sie frisch und wohl wiederfinde.</p>
-
-<p>Daran hatte Eva von Ostried in ihrem Schmerz und in dem Kampf um die
-Antwort der schwersten Zukunftsfrage denken können!</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke kam Gretchen Müller zum ersten Male die Frage an,
-wieviel sie ihrer Wohltäterin wohl gekostet haben mochte. Eine genaue
-Vorstellung besaß sie nicht davon. Sie hatte aber die bestimmte Ahnung,
-daß es eine große Summe sein müsse.</p>
-
-<p>Da lag die Mappe, in welche Eva von Ostried gewissenhaft alle
-Rechnungen einzuheften pflegte. Sie hatte die sonst, nach jedem
-Gebrauch ängstlich verschlossen, sicherlich über dem Schweren der
-letzten Zeit vergessen. Mechanisch klappte Gretchen Müller sie auf und
-überflog die einzelnen Posten. Immer wieder begegnete sie ihrem Namen
-als Veranlasserin der Ausgaben. Entsetzt zuckte sie zusammen, rieb die
-Augen, als wollte sie um jeden Preis aus diesem Traum erwachen und
-vertiefte sich von neuem.</p>
-
-<p>Dies alles waren Dinge, die sie benötigt hatte. Hier die langen
-Rechnungen des Apothekers und das erste beglichene Arzthonorar, die
-Kosten für die Pflegerin und Stärkungsmittel. Dort die Neuanschaffungen
-für Wäsche und Kleider. Mit bebenden Fingern tupfte sie auf die
-einzelnen Reihen und zählte sie umständlich zusammen:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_424"></a>[S.&nbsp;424]</span></p>
-
-<p>Dreitausend und fünfhundert Mark für sie. Und wovon?</p>
-
-<p>Um Gottes willen! Wenn Eva von Ostried darum jene Schuld, die der Mann
-ihrer Liebe nicht vergeben konnte, auf sich geladen hätte? Täglich
-hatte sie doch an dem ängstlichen Erwägen jeder Ausgabe gemerkt, daß
-Eva von Ostried nicht mit irdischen Schätzen gesegnet sein konnte!</p>
-
-<p>Ihre abgezehrten Hände hatten sich zusammengekrampft, als flehten sie
-um die Kraft zu dem schwersten, entsühnenden, letzten Schritt!</p>
-
-<p>Wenn sie aber noch einmal gesundete? Wozu dann die neue, jammervolle
-Qual? Dann würde sie gewiß nicht früher ruhen, bis sie alles
-zurückgezahlt hatte.</p>
-
-<p>Müde dämmerte sie ein. Wundervoll ruhig, wie seit Monaten nicht mehr,
-gestaltete sich ihr Schlummer. Als sie nach Stunden daraus erwachte,
-war sie frei von Schmerzen. Die Nacht durchschlief sie gleichfalls
-traumlos tief bis zum Morgen, an dem sie die gellende Pfeife des
-Novembersturms wachheulen mußte.</p>
-
-<p>Ihr war so wohl und leicht, wie seit langem nicht.</p>
-
-<p>„Ich werde bestimmt noch einmal gesund,“ dachte sie und tastete sich
-auf, um etwas zu genießen.</p>
-
-<p>Aber plötzlich &ndash; sickerte es warm und purpurn, wie ein eiliges
-Bächlein, über ihre Lippen. Das war der fliehende Strom des Lebens;
-dagegen gab es nun nichts mehr. Morgen war sie vielleicht schon tot!</p>
-
-<p>Sie versuchte sich emporzurichten. Es schlug fehl. So rief sie
-mit lauter Stimme, wie sie fest überzeugt war, den Namen der
-Hausmeisterstochter. Es war aber nur ein heiseres Stammeln, das
-ungehört verklang.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_425"></a>[S.&nbsp;425]</span></p>
-
-<p>In höchster Angst begann sie zu beten.</p>
-
-<p>Als sie eine Stunde später noch einmal versuchte, sich zu erheben,
-schien ihre Kraft gewachsen zu sein. Sie brachte es fertig, zum
-Schreibtisch zu taumeln. Mit kaum leserlicher Hand malte sie wenige
-Zeilen:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Lieber, guter Bruder! Komme sogleich zu mir. Ich soll sterben und
-muß Dich zuvor noch gesprochen haben. Frage die Botin nichts. Du
-wirst alles aus meinem Munde erfahren, auch warum ich bei Eva von
-Ostried bin. Fürchte keine Begegnung mit ihr. Sie weilt in Dresden.
-Die Schlüssel zur Wohnung schicke ich Dir mit. Es könnte sein, daß
-ich nicht mehr zu öffnen imstande wäre.</p>
-
-</div>
-
-<p>Dann versuchte sie die Treppe herunter zu schleichen. Als sie endlich
-vor der gutmütigen Hauswartfrau stand, schrie diese laut auf.</p>
-
-<p>„Mein Je... wat ist denn mit Ihnen? Sie sehen ja wie ein Geist aus.“</p>
-
-<p>„Ich bin sehr krank,“ sagte Gretchen Müller kaum verständlich. „Dieser
-Brief muß sofort an die Adresse hier. Bitte, rufen Sie Ihre Tochter...“</p>
-
-<p>„Amanda? Die ist leider nicht da! Kann ich nicht meinen Max schicken?“</p>
-
-<p>„Wie alt ist er?“</p>
-
-<p>„Ostern wird er acht.“</p>
-
-<p>„Nein. Bitte, gehen Sie selbst! Hier, nehmen Sie &ndash; für Ihre Tochter.“</p>
-
-<p>Es war ein Halskettchen aus feinstem Silberfiligran.</p>
-
-<p>&ndash; &ndash; &ndash; Mit einem Aechzen sank sie dann auf das Ruhebett ihres
-einfenstrigen Zimmers, und ihre fieberglänzen<span class="pagenum"><a id="Seite_426"></a>[S.&nbsp;426]</span>den Augen verfolgten
-gespannt den gleichmäßig vorwärtsrückenden Zeiger der Uhr. Schließlich
-schlief sie vor Schwäche ein.</p>
-
-<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_426_tb">
- <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" />
-</div>
-
-<p>Die alte Pauline stand, noch schneeweiß bis in die Lippen, vor Walter
-Wullenweber und berichtete von dem Unglück, das sie am Vormittag
-betroffen hatte.</p>
-
-<p>„Wie es gekommen ist? Ich hatte mir einen heißen Stein ins Bett
-geschoben. Wenn man alt ist, kann man nicht mehr so recht warm werden.
-Hundertmal hab’ ich das schon gemacht und nie ist was passiert. Nun
-heute grade. Die Betten sind verkohlt und das schöne Kleiderspind ist
-ganz hin. Alle Sachen drin sind zu Fetzen verbrannt. Nur ein Kleid ist
-wie durch ein Wunder verschont, das gute Schwarzseidene, in dem unsere
-Frau Präsident gestorben ist...“</p>
-
-<p>„Grämen Sie sich nicht darüber, Pauline,“ tröstete Walter Wullenweber.</p>
-
-<p>„Wäre die Flurnachbarin nicht so beherzt gewesen, hätt’ ich Ihnen die
-ganze Wohnung ausgeräuchert...“</p>
-
-<p>„Freuen wir uns also des günstigen Ausgangs &ndash;“</p>
-
-<p>„Nun hab’ ich richtig nichts anzuziehen. Und ich muß doch an ihr Grab.
-Ihr Geburtstag is...“</p>
-
-<p>„Ich denke, das gute Schwarzseidene ist verschont geblieben? Sagten Sie
-das nicht soeben?“</p>
-
-<p>Erschrocken wehrte sie ab. „Wo denken Sie hin, Herr Rechtsanwalt?! Das
-ist mir heilig. Nein, nein....“</p>
-
-<p>„Ihre Frau Präsidentin würde Sie auslachen, wenn sie das gehört
-hätte..“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_427"></a>[S.&nbsp;427]</span></p>
-
-<p>„Meinen Sie wirklich?“ Es klang, als leuchte eine scheue Hoffnung durch
-alle Trostlosigkeit.</p>
-
-<p>„Auch nach meinem Empfinden wäre es kindisch, wenn Sie aus diesem
-Grunde fernblieben. Nach allem, was Sie mir von ihr erzählt haben, kann
-ich mir unmöglich denken, daß sie dies billigen würde.“</p>
-
-<p>„Ich glaube beinahe auch nicht recht dran...“</p>
-
-<p>„Wie können Sie noch überlegen? Der Schaden ist gewiß schmerzlich für
-Sie, aber viel schmerzlicher würde es sein, wenn auch dies letzte Kleid
-&ndash; dies Heiligtum in Ihren Augen &ndash; mitverbrannt wäre.“</p>
-
-<p>„Darüber könnt’ ich bestimmt nicht wegkommen...“</p>
-
-<p>„Sehen Sie wohl? Also Kopf hoch! und Hand her. &ndash; Vielleicht hat Ihre
-Frau Präsidentin aus der Höhe den ganzen Brand überhaupt bestellt,
-damit ihre alte, überbescheidene Pauline wenigstens einmal im Leben in
-Seide rauscht.“</p>
-
-<p>„Zuzutrauen wär’ ihr das schon...“</p>
-
-<p>„Na also. Nachher werden Sie mir jedes verbrannte Stück genau aufzählen
-und möglichst beschreiben, damit ich ordnungsgemäß Anzeige von dem
-Brand machen kann. Einstweilen sehen Sie, bitte, nach, wer draußen
-Sturm läutet.“</p>
-
-<p>Es war die Hausmeistersfrau, die Gretchen Müllers Brief brachte.</p>
-
-<p>„Lieber, guter Bruder...“ Walter Wullenweber wischte mechanisch über
-die schrägliegenden Buchstaben, die ihm in zitternden Wellenlinien
-entgegensahen. Er rief nach der alten Pauline. Seine Füße waren
-plötzlich zu schwer zum Aufstehen, seine Hand zu unsicher zum Klingeln.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_428"></a>[S.&nbsp;428]</span></p>
-
-<p>„Ich möchte die Botin sprechen, die dies soeben gebracht hat. Schicken
-Sie sie herein,“ sagte er mit schwerer Zunge.</p>
-
-<p>„Ach Gott, Herr Rechtsanwalt.“ Er wehrte ab.</p>
-
-<p>„Die Frau ist sehr eilig gewesen; gleich ist sie wieder weg.“</p>
-
-<p>„Hm &ndash;“. „Da liegt noch was Eingewickeltes, Herr Rechtsanwalt,“
-erinnerte Pauline. „Es sind Schlüssel, hat die Frau gesagt. Sie möchten
-sich selbst die Wohnung aufschließen. Das Fräulein wäre nämlich ein
-bißchen kränklich ...“</p>
-
-<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_428_tb">
- <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" />
-</div>
-
-<p>Der Name auf dem Schild und der Schlüssel in seiner Hand... Nein, nein,
-es war kein Traum! Schon stand er mit einem unsäglichen Gefühl von
-Verwirrtheit auf dem schmalen Korridor.</p>
-
-<p>„Lieselott!“ rief er laut und erschrak über den Klang der eigenen
-Stimme.</p>
-
-<p>Dann tappte er weiter. Das Musikzimmer kannte er aus Eva von Ostrieds
-Schilderungen. Er sah auch im Geist die hohe, stolze Gestalt der
-Besitzerin und fühlte, daß seine heiße Liebe zu ihr niemals sterben
-konnte. Jeder weitere Schritt war eine Qual für ihn. Wie ein Einbrecher
-kam er sich vor und ging doch weiter... bis er in dem kleinen,
-einfenstrigen Raume stand, dessen Fenster einen Ausschnitt der
-sommermüden Bäume zeigte...</p>
-
-<p>Auf dem Ruhebette lag eine schmale, zusammengekrümmte Mädchengestalt.
-Das Gesicht war wachsbleich. Die Lippen farblos. Der Goldton ihres
-Haares das einzig Lebendige an diesem starren Bilde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_429"></a>[S.&nbsp;429]</span></p>
-
-<p>Mit einem dumpfen Aufschluchzen warf er sich über sie. „Kleine
-Lieselotte!“</p>
-
-<p>Seine Arme hoben sie ein wenig empor. „Lieselott, ich bin bei dir.“</p>
-
-<p>Da zuckten die Lider endlich und ihre Augen wachten auf: „Walter...
-Bruder...“ Nichts weiter vermochte sie zu sagen.</p>
-
-<p>Er fragte nichts. Er lag auf den Knieen und hatte seinen Kopf in ihre
-Hände gebettet. Sanft lehnte sie ihre Wange an sein dichtes, blondes
-Haar.</p>
-
-<p>„Wie schön ist das, Walterle...“ Und dann wie ein Hauch: „Der Vater...
-unser Vater... weiß er schon?“</p>
-
-<p>Er machte eine verneinende Bewegung.</p>
-
-<p>„Walterle,“ sagte sie dicht an seinem Ohr, „ich habe mich halbtot vor
-dir geschämt. Jetzt ist alles, alles gut! Aber, es dauert nicht mehr
-lange. Und ich muß dir doch so viel erzählen.“</p>
-
-<p>Zuerst sprach sie von sich, während er einen Stuhl neben ihr Lager
-geschoben hatte und ihre Hände festhielt. Sie mußte häufig Pausen
-machen. Sonst reichte ihr Atem nicht aus. Und er mußte doch so
-unendlich viel wissen.</p>
-
-<p>„Du wirst geahnt haben, wohin ich ging, als ich Euch verließ?“ begann
-sie in bebender Scham.</p>
-
-<p>„Ja,“ nickte er und verhüllte seine Augen mit der Rechten, „zu dem
-Mann, vor dem ich dich schützen wollte.“</p>
-
-<p>„Laß mir deine Hände, Walter.“</p>
-
-<p>Er fühlte die Eiseskälte ihrer Finger und schauerte zusammen, weil er
-daraus die Nähe des Todes zu spüren meinte. Ihre Stimme war so leise,
-daß er sich zu ihren Lippen herabneigen mußte, um sie überhaupt zu
-verstehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_430"></a>[S.&nbsp;430]</span></p>
-
-<p>„Er hatte geschworen, mich zu seiner Frau zu machen.“</p>
-
-<p>„Das hast du geglaubt?“</p>
-
-<p>„Wäre ich sonst zu ihm gegangen? Konntest du das auch nur einen
-Augenblick von mir glauben, Bruder?“</p>
-
-<p>Er schwieg. Das war das Härteste gewesen, daß er davon überzeugt war.</p>
-
-<p>„Ich schwöre es dir! Als ich die untrüglichen Beweise seiner
-Treulosigkeit hatte, als ich wußte, daß bereits eine andere seinen
-Namen trug, ohne daß mir eine Ahnung davon gekommen war, verließ ich
-ihn.“</p>
-
-<p>„Wie habe ich dich gesucht, Lieselott...“</p>
-
-<p>„Finden lassen durfte ich mich nicht von dir. Nicht wahr, das verstehst
-du auch. Gelernt hatte ich nichts wie das bißchen Harfenspiel. Und in
-ein Nachtkaffee wollte ich nicht! &ndash; Dein Name, Walter, hat mich vor
-vielem zurückgehalten. Mit diesem Namen durfte ich auch nicht in der
-Oeffentlichkeit arbeiten. Du hättest mich gefunden. Ein Zufall half
-mir. Als ich wieder einmal umsonst nach Beschäftigung gegangen war,
-fand ich, neben mir, in einem Abteil der Stadtbahn eine Tasche mit
-Ausweispapieren... Ich nahm sie an mich. Es ging doch nicht anders.
-Seitdem bin ich „Gretchen Müller.“ Aber er fand mich auch als solches
-und ließ mir keine Ruhe. In dem Geschäft, das mich angenommen, machte
-er mich unmöglich. Ich wollte sterben... Da war aber eine, die es
-verhindert hat. Eine Schülerin von Eva von Ostried. Sie hat mich zu ihr
-gebracht ...“</p>
-
-<p>„Wie lange schon,“ fragte er heiser.</p>
-
-<p>„Länger als zwei Jahre. Ohne Eva von Ostried wäre ich verhungert. Ihr
-verdanke ich alles. Nicht nur, daß ich<span class="pagenum"><a id="Seite_431"></a>[S.&nbsp;431]</span> wieder anständige Kleider und
-eine Heimat erhielt, das sie mich pflegte und umsorgte. Ach, das war
-wohl schön... Aber das andere war das Wunder, das meine Seele gereinigt
-hat. Wie eine Schwester ist sie allzeit zu mir gewesen. Sieh her, diese
-Sachen hat sie für mich gekauft, damit ich auch in ihrer Abwesenheit
-nicht darbe. Und hier in dieser Mappe stehts, wieviel Geld sie für mich
-geopfert hat. Woher sie das konnte? &ndash; Walterle, ich weiß es nicht,
-wie so vieles. Aber ich las deinen harten, letzten Brief an sie. Er
-bestätigte meine Ahnung, die mich nicht verlassen, seitdem ich das
-erste Mal einen Umschlag mit deiner Handschrift bei ihr sah. Sie ahnt
-nicht, daß ich deine Schwester bin, wie sie mir auch deinen Namen nicht
-verraten hat. Nur, daß sie Braut geworden und nachher &ndash; &ndash; das andere
-&ndash; &ndash; daß alles aus sei &ndash; &ndash; hat sie mir gesagt. Walterle, hör’ zu &ndash;
-&ndash; sie hat mich in die Arme genommen, auch damals, als der Verführer
-bei ihr eindrang und sie wissen mußte... Laß &ndash; frage nichts &ndash; &ndash;
-fluche ihm auch nicht. Er ist tot &ndash; &ndash; Vielleicht tat sie es, weil sie
-auch um sich litt &ndash; &ndash; Und um dich. Am allermeisten. Nun hast du ihre
-heiße Liebe, die nur für dich fühlt und bangt, zurückgestoßen...“</p>
-
-<p>Er stöhnte auf. „Was mich das gekostet hat &ndash; &ndash; &ndash;“</p>
-
-<p>„Ich weiß es, denn ich kenne dich, Bruder! Du hättest mich nie
-wiedergefunden, wäre sie nicht in mein Leben getreten. &ndash; Nicht um mich
-&ndash; &ndash; nein um ihretwillen fand ich die Kraft, dich zu rufen...“</p>
-
-<p>„Sie liebt mich nicht mehr,“ wendete er ein.</p>
-
-<p>„Ach du! Ihre Liebe ist so stark, daß sie sich vor ihr fürchtet. Darum
-wird sie es auch vielleicht tun.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_432"></a>[S.&nbsp;432]</span></p>
-
-<p>„Wovon sprichst du?“</p>
-
-<p>„Ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie ein Verwandter von ihr &ndash; ein
-Majoratsherr &ndash; der denselben Namen wie sie führt, um sie geworben hat.“</p>
-
-<p>„Und sie...? Ist sie schon seine Braut?“</p>
-
-<p>„Noch nicht. Aber die beiden Wochen Bedenkzeit, die sie sich erbeten
-hat, sind bald verstrichen...“</p>
-
-<p>„Wann sind sie vorüber?“</p>
-
-<p>„Es war vor neun Tagen...“ Er stand auf.</p>
-
-<p>„Glaubst du, Lieselotte, daß sie nach allem mir noch einmal vertrauen
-kann?“</p>
-
-<p>„Ich weiß nicht, was Euch getrennt hat und will es nicht wissen. Nur,
-daß sie dich weiter über alles liebt, weiß ich als einzig Gewisses.“</p>
-
-<p>„Und ich sie ebenfalls &ndash;!“</p>
-
-<p>„Also wirst du sie aufsuchen?“</p>
-
-<p>„Es wird mich zwingen...“</p>
-
-<p>„Dabei sollst du ihr diesen Brief geben. Ja, Bruder? Ehe du kamst, habe
-ich ihn geschrieben. Es steht nur eine Zeile darin.“</p>
-
-<p>„Und warum willst du nicht selbst &ndash; &ndash;?“</p>
-
-<p>Sie lächelte ihn an. „Ich werde sterben. Es ist nur der Wein, der mir
-diese letzte Kraft gab, auszuhalten. Jetzt darfst du mich nicht allein
-lassen. Hörst du? Erst, wenn es ganz dunkel geworden ist, sollst du
-heimgehen...“</p>
-
-<p>Ein langes Schweigen kam. Er hatte sie aufgerichtet.</p>
-
-<p>„Wo wohnt dein Arzt, Lieselotte,“ forschte er.</p>
-
-<p>„Laß ihn, Walter. Was soll er mir noch? Sieh mich an. Du bist mein Arzt
-und Erlöser... Und nun erzähle vom Vater &ndash; &ndash;“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_433"></a>[S.&nbsp;433]</span></p>
-
-<p>Er tat es, und sie nickte zuweilen.</p>
-
-<p>„Jetzt wird er sich über meinen Gruß freuen, Bruder...“</p>
-
-<p>„Ich werde ihm telegraphieren, Lieselott!“</p>
-
-<p>„Morgen, ja! Nicht heute! Es tut so bitterlich weh &ndash; hier &ndash; hier &ndash;
-&ndash;“ und sie zeigte auf die Brust.</p>
-
-<p>Fest bettete er sie in seinen Armen.</p>
-
-<p>„Glaubst du, Walter, daß mich eine andere, wie sie, damals aufgenommen
-hätte &ndash; mit dem Schimpf der Verlassenen und Geächteten. Todkrank. Kaum
-ein anständiges Stück Zeug auf dem Leibe &ndash; &ndash;“</p>
-
-<p>„Hör’ auf!“ flehte er gequält.</p>
-
-<p>„Du mußt genau wissen, wie es damals um mich stand. Sonst begreifst du
-ihr großes, warmes Opfer nicht voll.“</p>
-
-<p>„Doch, ich fühle es in seiner ganzen Tragweite, Lieselott.“</p>
-
-<p>„Du hast sie vorher eine Heilige genannt. Das ist sie wirklich... Sieh,
-ich weiß am besten, wie rein sich ihre Seele hält. Darin ist lauter
-Licht und Keuschheit. Alles nur für dich!“</p>
-
-<p>„Und ich konnte sie richten,“ dachte er dumpf.</p>
-
-<p>Ihr leichter Körper wurde schwer in seinen Armen. Das Gesicht
-veränderte sich auffallend. Es nahm spitze, fremde Züge an. Der Atem
-setzte aus. &ndash; Es ging aber wieder vorüber.</p>
-
-<p>„Tag und Nacht hat sie um dich geweint, Walter!“</p>
-
-<p>Dann sprach sie lange nichts mehr. Nur der Atem kämpfte verzweifelter,
-bis wieder ein rosenrotes Bächlein über ihre Lippen quoll. Danach wurde
-ihr leichter wie zuvor. Nur die Stimme gehorchte nicht mehr, und die
-Gedanken waren weit &ndash; weit weg.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_434"></a>[S.&nbsp;434]</span></p>
-
-<p>„Meine Harfe,“ verlangte sie mit einem röchelnden Lachen, „laßt sie mir
-doch!“</p>
-
-<p>Er dachte daran, daß er sie ihr zuweilen verschlossen gehalten, weil
-sie ihre Aufgaben für die Schule und später für die Häuslichkeit
-darüber vernachlässigte. Ueberall empfand er seine Mißgriffe.</p>
-
-<p>„Herr Tebecke konnte keine Musik vertragen,“ träumte sie erschauernd.</p>
-
-<p>Das war der Name des Mannes, dessen Reichtum den Vater geblendet und
-sie aus dem Hause dem Andern entgegen gehetzt hatte.</p>
-
-<p>Auf ihren eingefallenen Wangen erblühte ein Röslein. Die Augen
-glänzten. Sie wußte nichts mehr von der Gegenwart...</p>
-
-<p>Sie lag, die Hände fromm gefaltet und lächelte.</p>
-
-<p>Mit einem Wehlaut warf er sich über ihre Hülle...</p>
-
-<p>Die kleine weiße Rose, aus dem Heimatsboden gerissen, durch den Strom
-sündiger Leidenschaft blutrot gefärbt, im Staub der Straße zertreten,
-&ndash; nun war sie wieder schneeweiß und würdig für den himmlischen Garten
-des allmächtigen Vaters!</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="i_434_ende">
- <img class="w100" src="images/i_029_ende.jpg" alt="Kapitel 24, Ende" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_435"></a>[S.&nbsp;435]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe50 padtop3" id="i_435_kopf">
- <img class="w100" src="images/i_435_kopf.jpg" alt="Schlusskapitel, Kopfstück" />
-</div>
-
-<h2 class="nopad" id="Schluss">Schluß.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="dc">E</span>va von Ostried war einen halben Tag eher, wie sie zuerst gedacht, aus
-Dresden zurückgekehrt, hatte von jeder telegraphischen Benachrichtigung
-abgesehen, weil sie der kleinen, aufmerksamen Hausgenossin keine Mühe
-machen wollte und sich durch den mitgenommenen Schlüssel mühelos
-Zutritt verschafft. Die verworrene Erzählung der Hausmeistersfrau unten
-im Hausgange war ihr unverständlich geblieben. Nun stand sie, Sorge und
-Zärtlichkeit auf dem Gesicht, vor &ndash; &ndash; Walter Wullenweber&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als sie ihn erkannte, streckten sich ihre Arme in stummer entsetzter
-Abwehr aus. &ndash; Nichts begriff sie, als daß er da war. Alles andere
-wurde ihr unfaßbar. Erst nach geraumer Weile merkte sie, was geschehen,
-und schrie in grauenhafter Furcht auf, daß die Todkranke, als sie ihrer
-letzten Stunde gewiß wurde, ihn gerufen haben mußte.</p>
-
-<p>Aber warum? Hatte sie alles gewußt und wollte für sie bitten? Ja &ndash; so
-war es! Durch diese Erkenntnis kam sie zur Kraft!</p>
-
-<p>„Sie hat es gut gemeint,“ sagte sie endlich leise und weich, „und
-es war auch gütig, daß du gekommen bist. Aber, nicht wahr, nun
-wollen wir uns nicht länger quälen. Ich werde mein nächstes Konzert
-abtelegraphieren und sie zur Ruhe betten lassen. Lebe wohl...“</p>
-
-<p>Er war dicht neben ihr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_436"></a>[S.&nbsp;436]</span></p>
-
-<p>„Eva!“</p>
-
-<p>Sie hob nur die Hand.</p>
-
-<p>„Laß alles schlafen. Das ist meine letzte Bitte.“</p>
-
-<p>Da stieß er heraus, was sie erst allmählich erfahren sollte. „Sie ist
-meine Schwester, Eva! Die arme kleine Lieselotte, von der ich dir
-schrieb... damals &ndash; &ndash;“</p>
-
-<p>„Deine &ndash; Schwester &ndash; die du so lange vergeblich gesucht hast?“</p>
-
-<p>„Ja. Hier ist der Brief, mit dem sie mich rief.“</p>
-
-<p>Sie starrte darauf hin, als begriffe sie seinen Sinn nicht. „Deine
-Schwester?“ wiederholte sie nur immer wieder.</p>
-
-<p>„Nicht wahr, das ändert alles!“</p>
-
-<p>Sie sah mit wirrem Blick umher, an ihm vorbei und endlich auf das
-bleiche, lächelnde Gesicht der Toten.</p>
-
-<p>„Was könnte es wohl ändern? Doch, die Bitterkeit! Ich will dir
-wenigstens die Hand reichen.“ Wie einst riß er ihre Rechte an sein
-Herz. „Nicht so! Es ist nur um ihretwillen. Sie hat mir ja auch dies
-Opfer gebracht.“</p>
-
-<p>„Fühlst du es als Opfer, Eva? Vergiß doch! Ich liebe dich noch immer
-über alles.“</p>
-
-<p>Sie schüttelte den Kopf. „Nichts mehr davon. Es ist alles längst vorbei
-und überwunden.“</p>
-
-<p>„Bei ihrem Andenken schwöre ich dir, daß ich nie aufgehört habe, dich
-zu lieben. Nur das andere...“ Er stockte.</p>
-
-<p>„Es war sehr hart, aber ich habe es begreifen gelernt.“</p>
-
-<p>„Jetzt mußt du begreifen, daß ich nicht ohne dich leben kann, Eva.“</p>
-
-<p>„Du bildest dir nur ein, daß es so sein müsse. Begreiflich. Glaubst,
-mir um deiner Schwester willen Dankbarkeit zu schulden. Der Schmerz
-um sie &ndash; &ndash; ein wenig wohl<span class="pagenum"><a id="Seite_437"></a>[S.&nbsp;437]</span> auch die Reue &ndash; haben dich, den sonst
-unbestechlich Ehrlichen so weit getrieben. Ich verstehe auch das. Und
-will &ndash; vergessen &ndash; &ndash;“</p>
-
-<p>„Du sollst nicht, Eva!“</p>
-
-<p>„Wenn ich schon &ndash; &ndash; vorher vergessen hätte &ndash; &ndash;?“</p>
-
-<p>Er sah sie fassungslos an. „Lieselott hat mir auch von der Werbung des
-Waldesruher gesprochen. Solltest du dich bereits vor Ablauf der beiden
-Wochen für ihn entschieden haben?“</p>
-
-<p>„Ich wollte es tun,“ erwiderte sie sanft. „Aber &ndash; &ndash; nun wird es wohl
-doch nicht gehen.“</p>
-
-<p>„Warum nicht?“ drängte er mit neu erwachender Hoffnung.</p>
-
-<p>„Warum? Ach &ndash; &ndash; das läßt sich schwer ausdrücken. Vielleicht, weil ich
-mich auch seiner nicht wert fühle.“</p>
-
-<p>Er umklammerte ihre Handgelenke. „Du sprichst nicht die Wahrheit &ndash; &ndash;“</p>
-
-<p>„Ich könnte nichts anderes sagen &ndash; &ndash; im Augenblicke.“</p>
-
-<p>„Soll das heißen, daß ich später &ndash; &ndash; morgen, übermorgen &ndash; &ndash;“</p>
-
-<p>„Nein,“ wehrte sie erschrocken ab. „Es soll heißen, daß ich niemals
-wieder &ndash; &ndash;“</p>
-
-<p>„Wen? Den Andern?“</p>
-
-<p>„Nein, dich,“ sagte sie, immer noch wie im Traum.</p>
-
-<p>„Eva, ich flehe dich an. Denke daran, daß es das letzte Mal sein kann.“</p>
-
-<p>„Das wäre gut! Ich will ruhig werden und sühnen. Gönne mir diese Ruhe.“</p>
-
-<p>„Du hast hundertmal gut gemacht. Ich danke dir &ndash; &ndash;“</p>
-
-<p>Sie ließ ihn nicht zu Ende kommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_438"></a>[S.&nbsp;438]</span></p>
-
-<p>„Nur an mein Glück hat sie gedacht, deine kleine Schwester. Das sieht
-ihr ähnlich. Ich habe sie sehr lieb gehabt. Vielleicht &ndash; &ndash;“</p>
-
-<p>„Sei barmherzig. Vergib mir meine Härte und Ungerechtigkeit.“</p>
-
-<p>„Steh auf &ndash; &ndash; ich allein bleibe die Schuldige. Es hilft nichts,
-ich &ndash; &ndash; habe gestohlen. Siehst du, jetzt zum ersten Mal geht das
-fürchterliche Wort aus meinem Munde. Das Gespenst läßt sich nicht
-vertreiben. Die Präsidentin hatte mir nichts zugedacht und ich habe es
-nicht glauben wollen. Ich habe dir nie von meinem Verhältnis zu ihr
-gesprochen. Jede ihrer Handlungen bewies mir, daß sie mich lieb hatte.
-Selbst, wenn sie unzufrieden mit mir war, wurde sie nicht hart. Ich
-merkte vielmehr, daß sie darunter litt. Und sie &ndash; &ndash; hat es mir auch
-versprochen. Klipp und klar. Da ist es mir unfaßbar gewesen, daß sie,
-die nie ein gegebenes Versprechen brach, nicht an mich gedacht haben
-sollte. Bei Gott! Mein Gefühl hat unablässig dagegen geeifert, immer
-noch, bis vor ganz kurzem. Nicht wahr, wenn sich schließlich doch ein
-Nachsatz, der mich bedacht hätte, vorfand, dann &ndash; ja dann &ndash; &ndash;. Das
-wirst du gewiß auch nicht verstehen. Wirst meinen, an meiner Schuld
-ändere das nichts. Mich hätte es losgesprochen. Ich hätte mir einbilden
-können, ich wäre nun nicht länger schuldig! So aber, wenn ich vergessen
-wollte &ndash; wie damals &ndash; in deinen Armen &ndash; nachher kam es doch wieder.
-Ein Satz nur, aber ein fürchterlicher, strenger noch wie du &ndash; &ndash; „Der
-Uebel größtes... aber ist die Schuld...““</p>
-
-<p>„Wir werden gemeinsam arbeiten und sparen, damit wir alles
-zurückerstatten,“ flehte er erschüttert. „Denn so grau<span class="pagenum"><a id="Seite_439"></a>[S.&nbsp;439]</span>sam, daß du mich
-nun zu deinem Schuldner auf Lebenszeit machst, der nicht abtragen darf,
-was du seiner Schwester gegeben, kannst du nicht sein.“</p>
-
-<p>„Das Geld &ndash; &ndash; das schreckliche Geld &ndash; &ndash;“ klagte sie. „Wie es dich
-schon drückt, daß du es schuldest &ndash; &ndash;“</p>
-
-<p>„Nein, das andere ist mir die Hauptsache. Deine Liebe, die
-selbstverständliche Güte, dein Verstehen und Vergeben, mit dem du meine
-Schwester überschüttet hast &ndash; &ndash;“</p>
-
-<p>„Sollte ich, die schuldig Gewordene, sie verurteilen?“</p>
-
-<p>„Ich war auch schuldig an ihr und habe dich doch gepeinigt.“</p>
-
-<p>„Das tust du erst jetzt und ich kann es nicht länger ertragen. Laß uns
-das Nötige ruhig mit einander besprechen. Ich überlasse dir natürlich
-die Bestimmung über alles, was sie angeht. Willst du es lieber allein
-besorgen, weil doch auch wohl dein Vater kommen wird... so begebe
-ich mich für diese kurze Zeit in eine Pension. Wirklich, es macht
-mir nichts. Du denkst, daß dies hier die Heimstätte deiner kleinen
-Schwester sei, aus der, hinweggetragen zu werden, ihr gutes Recht ist.
-Wenn alles vorüber ist, kehre ich schon zurück. Wohl kaum mehr für
-lange... Ich weiß das alles noch nicht.“</p>
-
-<p>Er stand hoch und stark neben ihr, als habe er die Last, die ihn zu
-ihren Füßen niederzwang, endlich abgeworfen.</p>
-
-<p>„Noch einmal. Ich liebe dich! Sei barmherzig. Stoße mich nicht zurück.“</p>
-
-<p>„Weil ich es sein muß, sage ich: mache ein Ende! Glaubst du, daß du mir
-dankbar zu sein hast, dann habe ich ja auch die Erfüllung einer Bitte
-gut.“</p>
-
-<p>„Sprich sie aus. Was du willst, soll geschehen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_440"></a>[S.&nbsp;440]</span></p>
-
-<p>„Ich danke dir. Vergiß mich, Walter!“</p>
-
-<p>„Kannst du dir das wirklich erbitten?“</p>
-
-<p>„Ja, das kann ich!“</p>
-
-<p>Er griff an die Stirn. Sein Gesicht wurde von einer schmerzhaften Angst
-verzerrt.</p>
-
-<p>„Eine Erklärung verlange ich wenigstens...“</p>
-
-<p>Sie sann ein wenig. „Wie soll ich das erklären? Fühlst du es nicht?“</p>
-
-<p>Er schüttelte wild den Kopf.</p>
-
-<p>„Nein? Du hast doch empfunden, daß ich dein Leben verdorben hätte...
-wenn...“</p>
-
-<p>„Empfunden? Doch nicht! Nur einen Augenblick lang gefürchtet. Das, was
-dir gehört, hatte gar nichts damit zu schaffen. Das andere in mir,
-das für das Recht steht und fällt, schrieb dir den Brief. Mein Herz
-hat dich auch in diesem Augenblick keinen Deut weniger geliebt als zu
-Anfang und jetzt!“</p>
-
-<p>Mit leicht geschlossenen Augen lauschte sie ihm. „Es klingt schön. &ndash;
-Ich glaube es aber nicht!“</p>
-
-<p>„Dann muß ich vollenden. Ich verstehe, daß du mich niemals geliebt hast
-wie ich dich...“</p>
-
-<p>In ihrem Gesicht begann es zu zucken. Sie war am Ende ihrer Kraft.</p>
-
-<p>Noch ein Wort &ndash; eine Wiederholung der alten Bitte &ndash; ein
-Entgegenrecken seiner Arme und... Sah er denn ihre große, heiße Liebe,
-daß er nicht müde wurde, sie zu verlangen? Er durfte sie nicht gewahr
-werden. Nie mehr... Sein Leben mußte hell und rein bleiben. Würde sie
-sein Weib, machte sie ihn zum Mitschuldigen und vernichtete ihn langsam
-damit. Was lag an ihr? Mochte sie nachher zu<span class="pagenum"><a id="Seite_441"></a>[S.&nbsp;441]</span>sammenbrechen. Bis sie es
-ausgesprochen hatte, würde sie sich aufrecht erhalten.</p>
-
-<p>„Ich gehe also. Du und die alte Pauline, Ihr werdet alles nach deinem
-Willen einrichten. Den Schlüssel kannst du danach unten bei der
-Hausmeistersfrau abgeben. Ich hole ihn mir später schon...“</p>
-
-<p>„Soll das deine Antwort auf meine Anschuldigung sein?“</p>
-
-<p>„Verlangst du wirklich eine?“</p>
-
-<p>„Eva,“ stöhnte er, „laß es genug der Folter sein. Ich bitte dich nach
-diesem nicht mehr!“</p>
-
-<p>Sanft streichelte sie die gefalteten Hände der Toten. Und es war, als
-bringe ihr die eisige Kühle die Besinnung zurück &ndash; &ndash; als sei sie nun
-gegen alle Sehnsucht gefeit.</p>
-
-<p>„Ich kann nicht,“ gestand sie leise, „und wenn ich mich halbtot quälen
-würde.“</p>
-
-<p>„Quälen sollst du dich nicht. Nein &ndash; das hast du nicht um uns
-verdient.“ Es klang hart und fest. „Du hast uns genug geopfert. &ndash; Noch
-heute Abend werde ich meine kleine Schwester zu mir holen. Verzeih dies
-Letzte. Ich muß dich solange aus deiner eigenen Wohnung vertreiben.
-Danach aber &ndash; ich hoffe gegen zehn Uhr &ndash; ist jede Spur von uns
-verwischt.“</p>
-
-<p>Sie fühlte mit kaltem Schrecken, wie sie zu taumeln begann. Wenn er sie
-jetzt noch einmal ansehen würde &ndash; &ndash; Seine Augen mieden ihr Gesicht,
-während er, nach kurzer Pause, wieder zu sprechen begann.</p>
-
-<p>„Du hast mir am Schluß deines letzten Briefes etwas schreiben können,
-was ich lange nicht begriffen habe. Vielleicht hast du es wirklich so
-gemeint. Daß ich glücklich wer<span class="pagenum"><a id="Seite_442"></a>[S.&nbsp;442]</span>den soll ohne dich. Jetzt beginne ich
-deinen Wunsch zu begreifen. Du wirst und willst ohne mich glücklich
-werden. Das weiß ich nun &ndash; &ndash;“</p>
-
-<p>Sie widersprach ihm nicht. Einen Herzschlag lang wartete er darauf. &ndash;
-„Lebe wohl, Eva.“</p>
-
-<p>Hatte sie den gleichen Abschiedsgruß für ihn gehabt? Mit vorgeneigtem
-Oberkörper stand sie und lauschte, wie sein Schritt auf dem
-teppichlosen Stückchen Parkett zwischen Sterbezimmer und Musikraum
-hörbar wurde &ndash; &ndash; wie er über den langen Korridor tappte &ndash; die Hand
-auf den Drücker schlug, der stets ein wenig schwer gehorchte und die
-Tür hinter sich zuklappte.</p>
-
-<p>Dann erst brach sie mit einem wilden verzweifelten Aufschrei, der
-nichts als unsterbliche, ewige Liebe nach ihm war, in die Kniee.</p>
-
-<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_442_tb">
- <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" />
-</div>
-
-<p>Major a.&nbsp;D. Wullenweber hatte nicht zur Bestattung seiner Tochter
-kommen können. Noch bevor der Eilbrief seines Sohnes in Hohen-Klitzig
-angekommen war, packte ihn ein neuer Schlaganfall. Lebensgefahr bestand
-auch diesmal nach dem Urteil des Arztes nicht. Immerhin war die größte
-Schonung und Ruhe erforderlich. Der Amtsrat verschwieg ihm daher den
-Inhalt des zur Vorbereitung des Vaters an seine Adresse gerichteten
-Briefes. So lag der Kranke &ndash; ahnungslos &ndash; mit leise röchelndem Atem,
-ohne zu ahnen, daß in derselben Stunde, in welcher er nach drei Tagen
-wieder mit Genuß einer schmackhaften Suppe zusprach, seine kleine
-Lieselott an der Seite ihrer Mutter zur letzten Ruhe gebettet wurde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_443"></a>[S.&nbsp;443]</span></p>
-
-<p>Die alte Pauline war von Walter Wullenweber so weit ins Vertrauen
-gezogen, wie es sich um das traurige Geheimnis seiner kleinen Schwester
-handelte. Mehr hatte er ihr auch nicht sagen wollen! Und sprach ihr
-dann, als alles vorüber war, doch davon, daß er Eva von Ostried liebte
-und sie, nach kurzem unaussprechlichen Glück, verlieren mußte.</p>
-
-<p>„Sie dürfen morgen nun doch nicht zum Geburtstag Ihrer Frau Präsidentin
-heraus,“ sagte er am dritten Abend nach der Beisetzung.</p>
-
-<p>„Warum denn nicht, Herr Rechtsanwalt?“</p>
-
-<p>„Weil Sie von rechtswegen längst ins Bett gehören...“</p>
-
-<p>„Da halte ich es gar nicht aus. Mir ist, als müßte ich laufen und immer
-blos laufen, um einzuholen, was mir sonst wegflitzt.“</p>
-
-<p>„Ich habe einen schönen großen Kranz bestellt, Pauline. Lauter tiefrote
-Astern, von denen Sie mir mal sagten, daß sie Frau Präsidentin von
-allen Blumen am liebsten hatte,“ versuchte er sie zu beruhigen.</p>
-
-<p>„Wie gut Sie sind,“ dankte sie gerührt.</p>
-
-<p>„Gut?!“ lachte er gerührt auf. „Sie dürften eigentlich sowas nicht
-sagen. Versprechen Sie mir jetzt feierlich, daß Sie sich mit meinem
-Vorschlag einverstanden erklären.“</p>
-
-<p>„Was soll ich denn, Herr Rechtsanwalt?“</p>
-
-<p>„Morgen brav daheimbleiben und hier den Tag im Gedächtnis an Ihre Frau
-Präsidentin verbringen. Den schönen Kranz trage ich ihr selbst ans
-Grab. Es macht mir nichts aus...“</p>
-
-<p>Sie wurde rot wie ein junges Mädchen, das eine Not nicht länger
-verbergen kann. „Und wenn Sie mich fest<span class="pagenum"><a id="Seite_444"></a>[S.&nbsp;444]</span>bänden, bliebe ich nicht zu
-Hause. So gut Sie es wieder mal meinen. Das geht nicht. Wie eine
-Meineidige käme ich mir vor. Ich hab’ ihr in die Hand versprochen,
-daß ich jedes Jahr, solange ich am Leben bin, ihr Grab an dem Tage
-schmücken wollt’, denn sie konnte keine Unordnung leiden. Und wenn ich
-mir gleich den Tod holen müßt’ &ndash; jawohl... hin würde ich doch machen.“</p>
-
-<p>Da sagte er kein weiteres Wort dagegen, sondern ließ sie gewähren,
-als sie am nächsten Tage in dem feierlichen Schwarzseidenen, mit dem
-Kranz auf dem Arm vor ihm stand und leise und beschämt wegen ihres
-Ungehorsams um Entschuldigung bat.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Walter Wullenweber hielt sich mit eisernem Willen aufrecht. Seine stark
-entwickelte Pflichttreue, die unermüdlich die angehäufte Arbeit abtrug,
-unterstützte ihn. Nur in den kurz bemessenen Freistunden gab er sich
-seinen trostlosen Gedanken hin.</p>
-
-<p>Ob sie ihn wirklich nicht mehr liebte? Tagelang hatte er es als
-sicher angenommen. Wie durch ein aufregendes Ereignis Gesicht und
-Gehör verloren gehen konnten, mochte auch wohl ihre Liebe dieser
-Erschütterung nicht standgehalten haben. Jetzt begann er ihre Scham und
-ihren Stolz richtig einzuschätzen. Begriff, so sehr es auch gegen das
-starre Gesetz ging, daß eine nachträglich aufgefundene Bestimmung der
-Präsidentin zu ihren Gunsten die Last der Tat von ihr abgewälzt hätte.</p>
-
-<p>Damit ward ihm auch das Andere klar. Daß sie mit diesem Augenblick
-wieder sein und diesmal auf ewig gewesen wäre. Nun dies unmöglich
-geworden war, hatte er keinen Anteil mehr an ihr! Er hatte den Kopf auf
-die Platte des<span class="pagenum"><a id="Seite_445"></a>[S.&nbsp;445]</span> Schreibtisches gelegt und litt weit über alle Kraft
-unter der Unmöglichkeit, dies jemals zu ändern &ndash;&nbsp;mdash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das ungestüme Aufreißen der Korridortür, ihr heftiges Zuschlagen,
-das Hereinstürzen der feierlich angetanen, alten Pauline, ließ ihn
-erschrocken emporfahren. Selbst nach dem Brande war sie nicht so
-fassungslos erschienen. Sie stand vor ihm, wie er sie noch nie gesehen
-hatte. Ihre welken Lippen zittern.</p>
-
-<p>Augenscheinlich wollte sie etwas berichten und brachte doch nichts
-heraus, als ein Aufschluchzen der Freude!</p>
-
-<p>„Das habe ich in der Tasche von unserer Frau Präsidentin
-Schwarzseidenem gefunden,“ konnte sie endlich herausbringen.</p>
-
-<p>Er las den Inhalt des gelblich gewordenen Zettels. Ihn voll zu
-begreifen, war ihm noch versagt. Es war zu neu, zu gewaltig und
-zu schön. Als er sich endlich dazu zwingen konnte und sich auch
-überzeugte, daß Unterschrift und Datum diesen Zeilen volle Gültigkeit
-verliehen, steckte er ihn zu sich und sprang auf.</p>
-
-<p>Bescheiden, auch jetzt noch, wartete die alte Pauline auf das erste
-seiner Worte.</p>
-
-<p>Er preßte nur stumm ihre Hände zwischen den seinen, sodaß sie Mühe
-hatte, einen Aufschrei zu unterdrücken und stürzte fort &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mit stillem Lächeln sah sie ihm nach. Ihr war nicht verborgen, wohin
-ihn jetzt sein Weg führen mußte.</p>
-
-<div class="figcenter illowe4 ftb" id="i_445_tb">
- <img class="w100" src="images/tb.jpg" alt="Gedankensprung" />
-</div>
-
-<p>Seit zwei Tagen weilte Eva von Ostried wieder in ihrem Heim. Es kam
-ihr grenzenlos öde vor. Der jubelnde Bei<span class="pagenum"><a id="Seite_446"></a>[S.&nbsp;446]</span>fall, der ihr ebenso in
-Dresden wie in Weimar geworden, lag weit hinter ihr. Ihr Blick galt der
-Zukunft. Morgen in der Frühe würde sie den Vertrag unterzeichnen, der
-sie auf die Dauer von drei Monaten in die verschiedensten Großstädte
-führen sollte. Und dann&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ja &ndash; dann kam endlich doch wohl noch alles, wie sie es einst so heiß
-gewünscht und nun längst nicht mehr erstrebt hatte &ndash; &ndash; &ndash;.</p>
-
-<p>Wahrscheinlich zum kommenden Herbst würde sie einer schon jetzt
-ergangenen dringenden Einladung des Dresdner Intendanten folgend, dort
-auf Engagement singen.</p>
-
-<p>Sie kämpfte nicht mehr. Alles schien überwunden zu sein. Das einzige
-Gefühl, dessen sie sich für fähig hielt, bestand in einem brennenden
-Neid auf die Tote.</p>
-
-<p>Das kleine einfenstrige Zimmer, aus dem sie hinausgetragen war, blieb
-seither unbenutzt. Furchtsam wurde es von Eva von Ostried gemieden.
-Nicht die Tote allein wehrte ihr den Eintritt, sondern vor allem der
-Lebende, der erst langsam für sie sterben mußte.</p>
-
-<p>Sie saß vor dem Flügel, aber sie dachte nicht an das, was einst ihr
-höchstes Sehnen gewesen. Wie längst durchlesene Bücher, die kein
-Interesse mehr erwecken konnten, betrachtete sie die Stöße von Noten.
-Es gab nur noch ein Lied für sie, das sie niemals vergessen würde, das
-kleine Lied von der weißen Rose....</p>
-
-<p>Sein Lied! Vorläufig hatte sie sich am Fenster einen Tisch mit allem
-Nötigen zum Schreiben zurechtgestellt. Sinnend ruhte ihr Blick auf dem
-großen weißen Bogen, der gespenstisch zu ihr hinwinkte. Ehe es Abend
-geworden war, wollte sie einen Brief schreiben...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_447"></a>[S.&nbsp;447]</span></p>
-
-<p>Sie ging hinüber und tauchte die Feder ein. Wenn er fort sein würde,
-hatte sie keine Anwartschaft mehr auf das alte stille Schloß in
-Waldesruh! Trotzdem schrieb sie ihn hastig! Er wurde kurz.</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Ich kann nicht Ihre Gattin werden. Aber ich danke Ihnen warm für
-die mir zugedachte Ehre...</p>
-
-</div>
-
-<p>Warum konnte sie es nun doch nicht? &ndash; Auf dem Tischchen lag ein Stoß
-geöffneter Briefe, die sie in Dresden und Weimar erhalten hatte.
-Schwärmerische Ergüsse&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nun brach sie wieder hervor, die alte heiße, wilde Sehnsucht nach dem
-Geliebten. Das mühsame Versteckspiel mit den eigenen Gefühlen war
-nutzlose Marter. Ihre Seele gehörte ihm auf ewig.</p>
-
-<p>Wie erlöst atmete sie auf, als draußen die Klingel ging. „Wirklich
-kommt er,“ dachte sie befriedigt, während sie hinausging.</p>
-
-<p>Sie konnte den Eintretenden in dem Zwielicht nicht sogleich erkennen
-und ahnte doch sofort, wer er sei! Ihr Herz begann wie rasend zu pochen.</p>
-
-<p>&ndash; &ndash; &ndash; Gehorsam blickte sie auf ein beschriebenes Blatt nieder,
-das er vor sie hingelegt hatte, als sie sich im Musikzimmer
-gegenüberstanden.</p>
-
-<p>„Ich kann nicht,“ flüsterte sie, als sie die Handschrift sah. Da las
-ihr Walter Wullenweber vor:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Nach einem Anfall großer Herzschwäche, den ich zwar überwunden
-habe, dessen Wiederkehr ich aber fühle, bestimme ich hiermit
-als Nachtrag zu meinem bereits gemachten Testament, daß meine
-geliebte Pflegetochter Eva von Ostried bei meinem Ableben
-Einhundertundfünfzigtausend Mark durch Herrn Justizrat Weißgerber<span class="pagenum"><a id="Seite_448"></a><span class="s4">[S.&nbsp;448]</span></span>
-ausgezahlt erhalten soll. Und zwar ist diese Summe von derjenigen
-für die Stiftungen festgelegten abzuziehen. An den ausgesetzten
-Legaten soll nichts geändert werden. Meine treuesten Grüße gehören
-meiner lieben Eva.</p>
-
-<p>Zur Zeit Belgard a. d. Persante, Hinterpommern, im Wartesaal der 2.
-Klasse, den 24. August 1918.</p>
-
-<p class="right mright2">Frau Präsident Hanna Melchers.</p>
-
-</div>
-
-<p>Als Walter Wullenweber zu Ende gelesen hatte, sah er sie an. Und sah,
-daß sie ihre Hände, wie bittend, zu ihm erhoben hatte. Nun lag sie an
-seinem Herzen.</p>
-
-<p>„Eva &ndash; jetzt &ndash; bleibst du mein?“</p>
-
-<p>„Ja,“ flüsterte sie, „dein, nur dein!“</p>
-
-<p>Er ließ den Brief der kleinen toten Schwester in ihren Schoß gleiten,
-während er sie küßte.</p>
-
-<p>„Den mußt du selbst lesen.“</p>
-
-<p>Wie kurz er war! Die Zeichen fast unleserlich. Und doch der einzige
-Satz wundervoll freisprechend &ndash; an dem endlich errungenen Glück
-vollendend, was ihm im Augenblick &ndash; vielleicht noch unbewußt &ndash; fehlte.</p>
-
-<p>„Der Uebel größtes ist die <em class="gesperrt">ungesühnte</em> Schuld!“</p>
-
-<p>In dieser heiligen Stunde streifte Eva von Ostried alle Bitterkeit ab.
-Die Zeit des Leidens erschien ihr als eine Gnade, durch welche sie
-pilgern mußte, um des Geliebten würdig zu sein. Während sie ihre Wange
-an die seine schmiegte, sagte sie dankbar und demütig:</p>
-
-<p>„Unsere kleine Schwester hat recht! Aber ich will noch weiter in ihrem
-Sinne sühnen, um meines großen Glückes auch würdig zu bleiben!“</p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop1" id="Ende">
- <img class="w100" src="images/i_357_ende.jpg" alt="Ende" />
-</div>
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-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
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-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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diff --git a/old/64416-h/images/cover.jpg b/old/64416-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index 8eeba27..0000000
--- a/old/64416-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_002_signet.jpg b/old/64416-h/images/i_002_signet.jpg
deleted file mode 100644
index 9d4210c..0000000
--- a/old/64416-h/images/i_002_signet.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_005_kopf.jpg b/old/64416-h/images/i_005_kopf.jpg
deleted file mode 100644
index 08dcb17..0000000
--- a/old/64416-h/images/i_005_kopf.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_029_ende.jpg b/old/64416-h/images/i_029_ende.jpg
deleted file mode 100644
index 8de4eb0..0000000
--- a/old/64416-h/images/i_029_ende.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_030_kopf.jpg b/old/64416-h/images/i_030_kopf.jpg
deleted file mode 100644
index 1647c90..0000000
--- a/old/64416-h/images/i_030_kopf.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_053_ende.jpg b/old/64416-h/images/i_053_ende.jpg
deleted file mode 100644
index e3b870a..0000000
--- a/old/64416-h/images/i_053_ende.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_054_kopf.jpg b/old/64416-h/images/i_054_kopf.jpg
deleted file mode 100644
index b0829f3..0000000
--- a/old/64416-h/images/i_054_kopf.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_078_ende.jpg b/old/64416-h/images/i_078_ende.jpg
deleted file mode 100644
index 86240ed..0000000
--- a/old/64416-h/images/i_078_ende.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_103_ende.jpg b/old/64416-h/images/i_103_ende.jpg
deleted file mode 100644
index 745fbd1..0000000
--- a/old/64416-h/images/i_103_ende.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_129_kopf.jpg b/old/64416-h/images/i_129_kopf.jpg
deleted file mode 100644
index 9240b47..0000000
--- a/old/64416-h/images/i_129_kopf.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_168_ende.jpg b/old/64416-h/images/i_168_ende.jpg
deleted file mode 100644
index 92f7d97..0000000
--- a/old/64416-h/images/i_168_ende.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_169_kopf.jpg b/old/64416-h/images/i_169_kopf.jpg
deleted file mode 100644
index b0ca6f4..0000000
--- a/old/64416-h/images/i_169_kopf.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_189_kopf.jpg b/old/64416-h/images/i_189_kopf.jpg
deleted file mode 100644
index 01e6aed..0000000
--- a/old/64416-h/images/i_189_kopf.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_205_ende.jpg b/old/64416-h/images/i_205_ende.jpg
deleted file mode 100644
index 45aefd2..0000000
--- a/old/64416-h/images/i_205_ende.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_206_kopf.jpg b/old/64416-h/images/i_206_kopf.jpg
deleted file mode 100644
index 1b78ba3..0000000
--- a/old/64416-h/images/i_206_kopf.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_218_ende.jpg b/old/64416-h/images/i_218_ende.jpg
deleted file mode 100644
index 8f1a03f..0000000
--- a/old/64416-h/images/i_218_ende.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_226_kopf.jpg b/old/64416-h/images/i_226_kopf.jpg
deleted file mode 100644
index 0e9ce15..0000000
--- a/old/64416-h/images/i_226_kopf.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_319_ende.jpg b/old/64416-h/images/i_319_ende.jpg
deleted file mode 100644
index a1c985a..0000000
--- a/old/64416-h/images/i_319_ende.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_339_ende.jpg b/old/64416-h/images/i_339_ende.jpg
deleted file mode 100644
index dfd37af..0000000
--- a/old/64416-h/images/i_339_ende.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_357_ende.jpg b/old/64416-h/images/i_357_ende.jpg
deleted file mode 100644
index 24707ba..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_388_ende.jpg b/old/64416-h/images/i_388_ende.jpg
deleted file mode 100644
index f3fb947..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/i_435_kopf.jpg b/old/64416-h/images/i_435_kopf.jpg
deleted file mode 100644
index 5bce36c..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/64416-h/images/tb.jpg b/old/64416-h/images/tb.jpg
deleted file mode 100644
index c9fb37b..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ