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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Kultur-Kuriosa, Zweiter Band - -Author: Max Kemmerich - -Release Date: November 18, 2020 [EBook #63801] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KULTUR-KURIOSA, ZWEITER BAND *** - - - - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1910 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute - nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten - bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des - Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. - - Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden - Sonderzeichen gekennzeichnet: - - unterstrichener Text: _Unterstriche_ - gesperrt: +Pluszeichen+ - - Das Caret-Symbol (^) zeigt ein nachfolgends hochgestelltes Zeichen - an (4^o). - - #################################################################### - - - - - Kultur-Kuriosa - - Zweiter Band - - von - - Dr. Max Kemmerich - - - Erstes bis viertes Tausend - - [Illustration] - - Albert Langen, München - - - - - Von Dr. +Max Kemmerich+ erschienen bei +Albert Langen+: - - Kultur-Kuriosa Erster Band 7. Tausend - - Dinge, die man nicht sagt 5. Tausend - - - Copyright 1910 by Albert Langen, Munich - - - - -Vorwort - - -Der Erfolg des ersten Bandes der Kultur-Kuriosa hat mich veranlaßt, -diesen zweiten, der nach den gleichen Gesichtspunkten geschrieben wurde -und nach mancher Richtung hin Ergänzungen enthält, folgen zu lassen. -Für die Berichtigung eventueller Irrtümer bin ich dankbar. - -Leute, denen ein sittlicher Klerus, ein vorurteilsfreier Gelehrter -oder ein gerechter Richter kurios erscheinen, werden sich hoffentlich -über dieses Buch geradeso alterieren, wie über seinen Vorgänger. Ich -schreibe aber ausschließlich für Gebildete und kann daher auf sie -leider keine Rücksicht nehmen. - - +München+, den 5. August 1910 - - +Der Verfasser+ - - - - -Inhaltsverzeichnis - - - Seite - - 1. Abschnitt: Modernes und Merkwürdiges im Altertum 1 - - 2. Abschnitt: Wissenschaft 18 - - 3. Abschnitt: Autoritäten, gelehrte Zunft und Fortschritt 42 - - 4. Abschnitt: Die »Dilettanten« und Outsider 84 - - 5. Abschnitt: Von Universität und Schule 113 - - 6. Abschnitt: Zensur und Prüderie 140 - - 7. Abschnitt: Frömmigkeit 164 - - 8. Abschnitt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt 186 - - 9. Abschnitt: Klerus und Sittlichkeit 200 - - 10. Abschnitt: Ehe 230 - - 11. Abschnitt: Rechtspflege 246 - - 12. Abschnitt: Von allerlei Sitten und Zeremoniell 266 - - Anmerkungen 287 - - - - -Erster Abschnitt - -Modernes und Merkwürdiges im Altertum - - -Das Interesse, das gerade diesem Kapitel der Kultur-Kuriosa -entgegengebracht wurde, rechtfertigt eine Fortsetzung. So seien auch -hier zwanglos Tatsachen aneinandergereiht. - -Die italienische archäologische Kommission hat bei Ausgrabungen im -Königspalast zu Phaistos (Kreta) einen Fund gemacht, der Gutenbergs -geniale Erfindung in graueste Vorzeit -- etwa Mitte des zweiten -vorchristlichen Jahrtausends -- zurückverfolgen läßt. Man fand eine -große Terrakottascheibe, die auf beiden Seiten eine Inschrift in -Hieroglyphen enthält. Und zwar wurde diese zweihundertundvierzig Zeilen -lange Inschrift auf die noch ungebrannte Scheibe mit +beweglichen -Lettern+ gedruckt.[1] - -Die Römer waren der Erfindung der +Buchdruckerkunst+ außerordentlich -nahe. Nicht nur, daß wir aus Quintilian wissen (I, 1. 25), daß Kinder -mit beweglichen Lettern spielten, um so leicht buchstabieren zu lernen, -Cicero (de natura deorum II, 37) macht die Bemerkung, daß es gerade so -undenkbar sei, die Welt sei aus einer zufälligen Verbindung der Atome -entstanden, wie die Annahme, aus einem Haufen auf die Erde geschütteter -Metallbuchstaben könnten die Annalen des Ennius werden. Also kannte man -sogar +Metallbuchstaben+! Es ist daher viel verwunderlicher, daß die -Römer keinen Buchdruck hatten, als es das Gegenteil sein würde. - - * - -Die technischen und chemischen Kenntnisse der ältesten Griechen und -deren Vorgänger waren ebenfalls weit bedeutender, als man bisher geahnt -hat. Man fand bei den Ausgrabungen des deutschen archäologischen -Instituts in Pylos Gegenstände aus Pate vitreuse, schönes blaues -Kaliglas und Fayence. Also war die +Glasfabrikation+ den Trägern der -mykenischen Kultur bereits um die Mitte des zweiten vorchristlichen -Jahrtausends bekannt. Ferner besaß man bewundernswerte Kenntnisse in -der Farbenbereitung, konnte farbiges Kali- und Natronglas herstellen, -wußte Kupfer mit Zinn und Blei in ganz bestimmtem Verhältnis zu -legieren, wie man das Kupfer chemisch rein darzustellen vermochte. -Ferner konnte man +versilbern+. In einem Grabe um 2500 v. Chr. fand man -eine mit Silberfolie teilweise bedeckte Tonvase. - -Am erstaunlichsten sind aber die +theoretischen Anschauungen+: Man -hatte den +Begriff der Atome+, der +Einheit der Materie+, deren -+Unzerstörbarkeit+ und +Unerschaffbarkeit+ und +kannte die Identität -von Materie und Energie+. D. h. man hatte eine physikalische -Weltanschauung, wie wir sie erst seit relativ sehr kurzer Zeit -besitzen.[2] - - * - -Daß bereits um 400 v. Chr. +mit Gas geheizt+ wurde, dürfte nicht -vielen bekannt sein. Ktesias berichtet, daß in Karamanien das dort -entweichende Erdgas als Heizmaterial für den Hausgebrauch Verwendung -fand.[3] - -Vor achtzig Jahren erhielt der Ingenieur Neilson ein Patent auf ein -+Heißluftgebläse für Hochöfen+. Bei den Ausgrabungen in Tel el Hesey -in Südpalästina sind Funde gemacht worden, die es so gut wie sicher -erscheinen lassen, daß schon um 1400 v. Chr. die alten Orientalen -dieses Verfahren kannten. Man fand einen Hochofen für Eisenbereitung, -der eine Vorrichtung besaß, welche bezweckte, die Außenluft vor ihrer -Einführung in den Ofen zu erwärmen.[4] - - * - -Daß der Gedanke +des Seeweges nach Ostindien+ und der +Entdeckung -Amerikas+ der Antike keineswegs fremd war, ist eine gewiß erstaunliche -Tatsache. Krates verlegte -- im Gegensatz zu Aristarch -- die -Wanderfahrten des Odysseus in den Atlantischen Ozean (Gellius 14, -6. 3). Und zwar ließ er den Menelaos von Gadeira (Cadix) aus, -Afrika umschiffend, Indien erreichen und nach siebenjähriger Fahrt -zurückkehren (Strabo I, 31). Bekanntlich war Vasko de Gama der erste, -der im Jahre 1498 auf diesem Wege das Wunderland erreichte. Einen noch -kühneren Gedanken sprach fünfzig Jahre später der große Poseidonius -mit der Behauptung aus, daß Indien von Spanien aus bei günstigen -Ostwinden in kurzer Zeit zu erreichen sei (Strabo II, 6 und Seneca -nat. I, prol. 13). Strabo aber wurde bereits im Jahre 1470 von Guarino -ins Lateinische übersetzt und war nachweislich dem Kolumbus durch -Toscanelli bekannt geworden. Es ist also +höchst wahrscheinlich, daß -Kolumbus, als er auf dem angegebenen Wege 1492 Amerika entdeckte, -nur einen Gedanken zur Ausführung brachte, der ihm aus dem Altertum -übermittelt worden war+.[5] - - * - -Beim Wort »Amerika« denken wir gern an »unbegrenzte Möglichkeiten«, an -Wolkenkratzer und gigantische Projekte. Auch sie sind keineswegs neuen -Datums, selbst wenn wir nicht auf die Pyramiden oder die gewaltigen -altägyptischen Tempelanlagen blicken. Der berühmten Neu-Yorker -Freiheitsstatue ist wohl vergleichbar der +Koloß von Rhodos+. Dieser -war 70 Ellen oder 105 römische Fuß (32 m) hoch und stand in der Nähe -des Hafeneinganges. Nur wenige konnten den Daumen der Figur umfassen -und jeder seiner Finger war größer wie die meisten Statuen. Nachdem er -nur 66 Jahre gestanden hatte, zerbrach er infolge eines Erdbebens 227 -v. Chr. Fast 900 Jahre lag er auf der Erde, bis ein arabischer General -die Reste im Jahre 672 an einen Juden verkaufte, der 900 Kamele mit dem -Erz belud (Plinius 34, 41). - - * - -Noch amerikanischer als der Sonnenkoloß mutet uns der Plan des -Stasikrates, eines Schülers des Lysippos an. Er wollte -- wie Plinius, -Plutarch und Strabo übereinstimmend bezeugen -- den felsigen +Athosberg -in eine Kolossalbildsäule Alexanders des Großen verwandeln+. Diese -größte aller existierenden Statuen sollte in der linken Hand eine Stadt -halten, groß genug, 10000 Einwohner zu fassen, und in der Rechten eine -Urne, aus der sich ein Strom ins Meer ergösse. - - * - -+Streiks+ sind uns auch aus der Antike überliefert. Im Jahre 311 v. -Chr. fühlte sich die ehrenwerte Zunft der Musikanten (tibicines) -schwer beleidigt, weil der ihnen von alters her zustehende festliche -Freischmaus, den sie jährlich einmal auf dem Kapitol in aede Jovis auf -Staatskosten abhalten durften, gestrichen worden war. Sie verließen -alle Rom und begaben sich nach Tibur. Das war aber für die Behörden -höchst peinlich, denn ohne Musik konnten die Opfer nicht abgehalten -werden. Man holte sie durch eine List zurück, indem man sie einzeln -betrunken machte und voll des süßen Weines auf Leiterwagen nach -Rom schaffte. Übrigens gaben die Zensoren nach und billigten den -feuchtfröhlichen Musikern ihre alte Gerechtsame wieder zu (Livius IX, -30, Ovid. fast. VI, 665 ff.). - - * - -Nichts wäre irriger als die Anschauung, in prähistorischen Zeiten sei -man aller ärztlichen Kenntnisse bar gewesen. Im Gegenteil haben wir es -hier mit +hervorragenden Chirurgen+ zu tun. In dem altbajuwarischen -Reihengräberfeld bei Allach in Oberbayern fand man z. B. einen Schädel, -an dem einst ein taubeneigroßes Stück abgeschlagen, später aber -vorzüglich und fast genau an derselben Stelle zum Anwachsen gebracht -worden war. Dieser Schädel befindet sich in der prähistorischen -Sammlung zu München. Ferner verstand man es, Arm- und Beinbrüche -vortrefflich zu heilen. So lieferte das alemannische Reihengräberfeld -bei Memmingen ein Beispiel eines Flötenschnabelbruches. In diesem auch -für heutige Begriffe sehr schwierigen Falle kann nur ein ausgebildeter -Arzt tätig gewesen sein. Ebenso fand man im merowingischen -Reihengräberfeld von Wies-Oppenheim einen befriedigend verheilten -Schulterknochen. Die Trepanation der Schädeldecke war bereits in der -älteren Bronzezeit geübt, wie ein Fund aus Giebichenstein bei Halle -lehrt. Das Loch besaß die Größe eines Markstückes und ist in der -späteren Lebenszeit der Person durch reichliche Knochenneubildung -wieder ganz gefüllt worden.[6] - -Daß schon im Altertum eine +Ärztin+ ihre Kunst zu allgemeiner -Anerkennung ausübte, lehrt ein Fund, den die österreichische Expedition -des Jahres 1892 auf dem Trümmerfeld der alten lykischen Stadt Tlos -im südlichen Kleinasien machte. Man fand eine Statuenbasis mit der -griechischen Inschrift: »Antiochis, die Tochter des Diodotes aus -Tlos, deren ärztliche Empirie von Rat und Gemeinde der Stadt Tlos -beglaubigt ist, hat sich das ihr zuerkannte Standbild auf eigene Kosten -errichten lassen.« Also auch die weibliche Eitelkeit läßt sich so weit -zurückverfolgen! - -Mag der amerikanische Zahnarzt auch ein Produkt der Neuzeit sein, seine -Leistungen sind es nicht so sehr. So wurde ein antikes +künstliches -Gebiß+ in der uralten Etruskerstadt Tarquinii gefunden. Es wird jetzt -im Museo Municipale in Corneto, drittes Zimmer, gezeigt. - - * - -Auch +Nahrungsmittelfälscher+ gab es im Altertum, und zwar wurde Brot -mit Gips versetzt. Besonders häufig waren Weinpantschereien, wie nach -zahlreichen Klagen alter Autoren feststeht. Man setzte dem Gepansch -eine Art von Fuchsin zu. - -Wer meinen sollte, die berühmte +Worcestershire-Sauce+ sei ohne -Vorläufer, wird sich wundern, daß die Römer im Garum (Garon), einer -sehr kostbaren, aus Fischen bereiteten Sauce, etwas Ähnliches besaßen. -Sogar koschere (garum castimoniale), aus schuppenlosen Fischen -bereitete gab es. In Pompeji wurde ein irdenes Gefäß damit gefunden. -Plinius (nat. his. XXXI, 93-95) beschreibt die Verfertigung dieser -Würze.[7] Apicius (de re coquinaria I, 32) kennt eine Reihe von -Speisen, denen er Garum zugesetzt wissen will, z. B. ein Oenogarum, -eine Weinbrühe mit Trüffel. - -Auch +Bowlen+ kannten die Alten. Der berühmte Feinschmecker -Apicius beschreibt nicht nur Rosenbowle (I, 4), Honigwein, der mit -verschiedenen Gewürzen gekocht wird (I, 1) und anderes, sondern sogar -einen Rosenwein ohne Rosen (I, 4), wie wir ja auch Maibowlen haben, die -aus Surrogaten hergestellt sind. - -Übersetze ich das Rezept richtig -- ich interessierte mich einst sehr -für Apicius, den ich in Übersetzung herausgeben wollte, was inzwischen -von anderer Seite geschehen sein soll -- dann lautet es: »Rosenwein -ohne Rosen bereite folgendermaßen: Grüne Zitronenblätter in einem -Palmenkörbchen gib in ein Faß Most, bevor er gärt, und nimm sie nach -vierzig Tagen heraus. Falls es nötig sein sollte, setze Honig hinzu -und bediene dich (dieses Getränkes) statt des Rosenweins«. Genau im -Stile der modernen Kochbücher! Vielleicht probiert einmal eine geneigte -Leserin dieses oder jenes Rezept, doch empfiehlt es sich, dazu Johann -Heinrich Diernbachs »Flora Apiciana« (Heidelberg und Leipzig 1831) zu -konsultieren, da hier die Gewürze usw. genau bestimmt sind. - - * - -Die +künstliche Bebrütung+ von Eiern der Gänse, Enten und Hühner, die -noch 1829 dem Franzosen Copineau trotz vieler Versuche nicht glücken -wollte, war bereits den alten Ägyptern geläufig. Und zwar legten sie -die Eier in Kammern aus Lehm, die mittels großer, aus Ziegelsteinen -zusammengesetzter und in die Erde hineingebauter Öfen täglich drei -bis vier Stunden geheizt wurden. Die Eier lagen auf Stroh und wurden -alle sechs Stunden umgewendet, nach zehn Tagen untersucht und die gut -befundenen in eine höhere wärmere Abteilung desselben Gemachs gelegt. -Die Temperatur wurde natürlich nur nach dem Gefühl abgeschätzt und nach -Bedarf durch Öffnen von Luftzügen vermindert (Aristoteles hist. anim. -VI, 2, 3 und Diodor I, 74). - - * - -Auch +Schneckenzuchtgärten+ besaß man, wie heute in Frankreich und -bei uns besonders in Württemberg. Man war so raffiniert, daß man die -verschiedenen Rassen gesondert zog, und verwendete zur Verfeinerung -des Geschmacks bei der Fütterung Zucker und gekochten Wein (Plinius -nat. hist. IX, 173 und XXX, 45). - - * - -Daß diese Züchtungsmethoden nur auf Grund eingehender Kenntnis der -Lebensweise der Tiere möglich waren, ergibt sich von selbst. Die Alten -waren keineswegs die schlechten Beobachter, für die wir sie, uns an -manche Märchen und Irrtümer klammernd, gerne ausgeben. Daß der Löwe -am Ende seines Schwanzes einen in der Haarquaste verschwindenden -+Knochenstachel+ besitzt, behauptet Aelian (Peri zoon VI, 1). Niemand -wollte das glauben, bis Blumenbach zu Anfang des 19. Jahrhunderts die -Beobachtung bestätigte. - -Vom +Gorilla+ wissen wir erst seit etwa 60 Jahren. Vor mehr als 2000 -Jahren aber war er schon den Karthagern bekannt, als sie mit einer -Flotte von 60 Schiffen der Westküste Afrikas entlang fuhren. Hanno -hielt diesen Anthropoiden für einen Menschen (Periplus 17 = Geogr. -Graeci min. I, 13, Plinius nat. hist. VI, 200), die Wissenschaft -verwies aber seine Entdeckung ins Fabelreich, bis 1847 der erste nach -Europa kommende Gorillaschädel die Existenz dieses Menschenaffen bewies. - -Aristoteles wußte über die +Haifische+ mehr, als die neueren -Naturforscher vor Johannes Müller. - -Er kannte auch schon das Prinzip der +Korrelation der Organe+, die -+Schutzfärbung der Tiere+, sowie den +Farbwechsel des Chamäleons+ als -Anpassungserscheinung an die Umgebung. Ferner kannte er den Einfluß, -den +Klima+ und +Nahrung+ auf die Größe der Tiere ausüben, ja den -des Landschaftscharakters auf ihre Gemütsart. Weder die +Tier-+ noch -die +Pflanzengeographie+ war den alten Autoren unbekannt. Die des -Theophrast ist geradezu von imponierender Größe. - -Im letzten Jahre ging durch die Zeitungen eine Notiz, daß ein -Naturforscher die Entdeckung gemacht habe, die +Lungen seien -Kühlapparate+ mit dem Zweck, die Bluttemperatur herabzumindern. -Wer ahnte, daß Aristoteles bereits diese Tatsache vor dritthalb -Jahrtausenden konstatiert hatte?[8] - -Der Unterschied der +männlichen und weiblichen Pflanzen+ war schon zu -Herodots Zeit bekannt. - -Den +Spiritismus+, und zweifellos auch +Hypnotismus+ und verwandte -Phänomene gab es auch schon in der Antike. Auch das +Tischrücken+, bei -uns erst seit wenig mehr als einem halben Jahrhundert bekannt, war den -Griechen und Römern nicht neu. Man setze zur Erforschung der Zukunft -geweihte Dreifüße in Bewegung. Ein derartiges Verfahren gab unter -Valens († 378) Veranlassung zu einem ungeheuern Zaubereiprozeß. - -Der hl. Augustinus kannte auch schon das +Gedankenlesen+ (Contra Acad. -II, 17). - - * - -Die Frauenrechtlerinnen werden nicht ohne Neid hören, daß Kaiser -Heliogabal einen +Weiberrat+ eingerichtet hatte, wie Aelius Lampridius -im Leben dieses Monarchen erzählt. Die ihm unterstehenden Fälle waren -allerdings nicht welterschütternd. Der auf dem Quirinal tagende -Weibersenat hatte nämlich über Kleiderfragen zu entscheiden, ferner -darüber, wer auf Wagen, Pferd, Esel oder Tragstuhl befördert werden -solle usw., ob dieser Tragstuhl aus Fell oder Knochen gemacht sein -sollte, wer Gold oder Edelsteine an den Stiefeln tragen dürfe und -Ähnliches. - - * - -Daß im alten Rom +griechische Erzieher+ gehalten wurden und das -Griechische überhaupt die Stelle des Französischen bei uns einnahm --- besonders instruktiv ist hierfür Suetons Leben des Augustus -- -ist hinlänglich bekannt. Nicht allzuviele aber dürften wissen, daß -unsere halbbarbarischen Vorfahren schon im 12. Jahrhundert Franzosen -engagierten, damit die Kinder in der Jugend schon die damals bereits -hochgeschätzte Sprache erlernten. So kann z. B. Wolfram von Eschenbach -zwar weder lesen noch schreiben, wohl aber französisch reden.[9] - - * - -Bemerkenswert ist der Konservativismus der +Kinderspiele+. Das Altertum -hatte nicht nur +Puppen+, es kannte auch +Steckenpferde+, auf denen -die jungen Griechen und Römer ganz wie unsere Kinder ritten (Horaz -Sat. II, 3. 248, Plutarch, Agesilaos 25 etc.). Ferner spielten sie mit -+Kreiseln+, die wie heute durch Peitschenhiebe in Bewegung gesetzt -wurden (Persius, Sat. III, 51). Auch Brummkreisel waren bekannt. -Ferner +schaukelte+ sich damals das junge Volk wie heute, spielte auch -+Blindekuh+ (Poll. IX, 123), König und Soldaten (Herodot I, 114), -+Plumpsack+ oder +Der Fuchs geht ’rum+ (Poll. IX, 115), ferner mit -+Reifen+ und +Ball+. Auch das +Anschlagspiel+ war bekannt (Poll. IX, -117), das Raten auf Grad oder Ungrad und ein Spiel, bei dem einer sich -in Gegenwart mehrerer Mitspieler die Augen zuhalten mußte und sich -schlagen ließ. Erriet er den Richtigen, dann kam der, der geschlagen -hatte, an die Reihe, erriet er ihn nicht, dann mußte er sich solange -von den Anwesenden schlagen lassen, bis er den richtigen Namen nannte. -Alle diese Spiele haben natürlich im Griechischen und Lateinischen -ihre eigenen Namen. Das letztgenannte heißt in gewissen Gegenden -Schinkenklopfen. - -Wie unsere Kinder törichterweise mit dem Schwarzen Mann, dem -Daumenschneider und andern Schreckfiguren geängstigt werden, so -die der Alten mit Gespenstern namens Mormo, Lamia, Gello usw. -Bezeichnenderweise hieß es noch lange nach 212 v. Chr. bei unartigen -Kindern: »Warte, Hannibal kommt!« - - * - -Wer heute über die +Baupolizei+ schimpft -- und welcher Hausbesitzer -täte das nicht mit dem größten Recht! -- mag sich trösten. Auch in -Athen gab es diese Behörde schon. Sie hatte dafür zu sorgen, daß -altersschwache Bauten nicht einstürzten, daß Neubauten den erlassenen -Vorschriften gemäß errichtet wurden usw. (Plato, Legg. VI, p. 763; -Aristoteles Polit. VI, 5). - - * - -+Wettersäulen+, wie wir sie da und dort an Plätzen finden, gab es -auch schon vor mehr als 2000 Jahren. Schon der alte Astronom und -Hydrauliker Meton stellte kurz vor dem Peloponnesischen Kriege in -Athen eine astronomische Säule auf, an der eine von ihm erfundene Art -Sonnenuhr angebracht war nebst Registern für Sonnen- und Sternen-Auf- -und Niedergang. Diese Wettersäule, die auch die Windrichtung angab, und -zwar durch Windfahnen ähnlich wie heute, stand ursprünglich auf der -Pnyx, später am Kolonos Agoraios (Aelian, var. hist. X, 7; Diodor XII, -36 etc.). - - * - -Im alten Konstantinopel gab es auch bereits öffentliche -+Bedürfnisanstalten+. Der Häretiker Arius starb in einer solchen im -Jahre 336. (Athanasius, de morte Arii c. 2 sq. Sokrates h. e. I. -38.)[10] - - * - -Das Altertum kannte auch den im Deutschen +Lift+ genannten Personen- -und Güter-+Aufzug+. Professor Boni, Direktor der Ausgrabungen am -Forum Romanum, hat den Nachweis erbracht, daß man bereits im alten -Rom zur Zeit Julius Cäsars den Aufzug benutzte. Man fand am Forum -eine Reihe von Nischen, die zweifellos dazu dienten, richtige Lifts -unterzubringen, in denen schwere Lasten, wie Gladiatoren und wilde -Tiere, aus den unterirdischen Gängen zur Oberfläche befördert wurden. -An einen großen unterirdischen Gang sind vier kleinere Quergänge -angegliedert, ein jeder dieser Quergänge enthält drei Kammern für das -Hebewerk und drei Schächte für die Lifts. In den zwölf Kammern -- so -wird in La Casa berichtet -- sieht man heute noch die großen schweren -Würfelblöcke aus Tuffstein, die zum Hebewerk gehörten, und aus der -Abnutzung kann man genau erkennen, wie hoch die Lifts liefen und wie -stark sie benutzt wurden. Da jeder Aufzug imstande war, fünf bis sechs -Menschen zu heben, so konnten gleichzeitig mehr als sechzig Menschen -zur Oberfläche des Forums gehoben werden. Übrigens ging der Gebrauch -der Aufzüge, wie es scheint, bereits in der Kaiserzeit wieder verloren. -Mehr als anderthalb Jahrtausende mußten vergehen, bis der erste Aufzug --- und zwar in Jena -- wieder eingerichtet wurde. Aber erst seit -wenigen Dezennien hat er allgemeine Verbreitung gefunden. - - * - -+Zünfte+ sind ja gewiß nicht mehr modern, aber daß sie ins alte Rom -zurückreichen, hat doch erst Mommsen in seiner Schrift »De collegiis et -sodaliciis Romanorum« nachgewiesen. - -Wer aber hält nicht die Mitteilung, das +Altertum habe geraucht+, für -einen schlechten Witz? Und doch unterliegt es nicht dem allergeringsten -Zweifel. Bereits in vorgeschichtlichen Gallo-römischen Gräbern, in -Neufville-le-Pollet und in Seine-inférieure in Frankreich, ferner -in Schottland, Irland und anderwärts fand man Pfeifenköpfe aus -gebranntem Ton, Eisen und Bronce. Ferner in Massen am Hadrianswall, in -holländischen Grabhügeln, römische aber noch in der Schweiz, im Berner -Jura und natürlich in Rom selbst. Plinius berichtet uns darüber von -den Barbaren. Daß die Skythen Hanf rauchten, steht fest, während wir -das Material, das sonst verwandt wurde, nicht kennen.[11] - - * - -Daß die Römer in den »tironischen Noten« eine Art +Stenographie+ -hatten, ist hinlänglich bekannt. Cicero benutzte diese Kurzschrift -nicht nur zur Aufzeichnung seiner Reden, sondern auch für seine -Korrespondenz. Aber die Erfindung reicht weit höher in die -Vergangenheit hinauf. Ennius kannte bereits 1100 Zeichen, Seneca aber -vermehrte den überkommenen Schatz auf etwa 5000 Zeichen und Siegel, so -ein ungeheures Material liefernd, das sich zum Teil das Mittelalter -hindurch erhielt. Wie nun Louis Prosper und Eugène Guénin in einem -»Geschichte der Stenographie im Altertum und im Mittelalter« genannten -Werke (Paris 1909) feststellen konnten, ist die Stenographie sogar -vorrömischer Herkunft. Sie weist eine so große Ähnlichkeit mit der -altägyptischen Kursivschrift, dem sogenannten Demotischen, auf, daß -sie unzweifelhaft von diesen vereinfachten Hieroglyphen herstammt. Das -Prinzip ist auch das gleiche: ein beschränktes Alphabet, verbunden mit -einer Silbenschrift, die durch Ideogramme ergänzt wird. Das Demotische -kam auf dem Umweg über Griechenland nach Rom, um dort zur Stenographie -zu werden. - -Daß die Stenographie erst 1786 von Samuel Taylor wieder erfunden, -von Gabelsberger 1817 vervollkommnet, dürfte allgemein bekannt sein. -Jedenfalls genügten auch schon die alten Stenographen den an sie -gestellten Anforderungen, denn Martial singt (XIV, 208): - - »Mögen die Worte auch eilen, die Hand ist schneller als jene Ehe - die Zunge ihr Werk, hat es die Rechte vollbracht.« - - * - -Mancher wird geneigt sein, wenigstens +Börsenkrachs+ für eine neuere -Erscheinung zu halten. Das ist aber durchaus nicht richtig. Schon das -ptolemäische Ägypten hat einen regelrechten Kupferkrach aufzuweisen. -Während das Verhältnis des Silberwertes zu dem des Goldes von 1 : 15½ -vor vier Jahrtausenden und länger schon annähernd bestand und erst bei -der großen Silberentwertung der letzten Jahrzehnte wesentlich gestört -wurde, ist das beim Kupfer ganz anders. Im Anfang der Ptolemäerzeit war -das Wertverhältnis von Silber und Kupfer wie 120: 1. Wenige Jahrzehnte -später war der Wert des Kupfers auf ein Drittel bzw. ein Viertel des -früheren gesunken, nachdem schon vorher sich im Großverkehr ein Agio -für Silber gezeigt hatte.[12] - -Die Naturalwirtschaft hat in Deutschland erst zur Zeit der Kreuzzüge -der Geldwirtschaft weichen müssen, daß sie völlig verschwand, ist -aber erst wenige Jahrhunderte her. Da kann uns nun mit Bewunderung -vor der uralten Kultur des Zweistromlandes die Tatsache erfüllen, -daß bereits die dem vierten vorchristlichen Jahrtausend angehörigen -altbabylonischen Texte der Nippur-Sammlung im K. O. Museum in -Konstantinopel den Beweis liefern, daß man längst zur +Geldwirtschaft+ -übergegangen war. Allerdings war das Geld sehr teuer. Man zahlte -gewöhnlich 33⅓% Zins.[13] - -Eine Klage, die man zu Beginn unseres Jahrhunderts, als unsere jungen -Männer mit Weltschmerz und runden Rücken herumliefen und Dekadenz -tot-chik war, häufig hören konnte, findet sich schon beim Kirchenvater -Cyprian. Nachdem er darüber gejammert hat, daß die Welt immer -schlechter wird, fährt er fort: »Grauköpfe sehen wir unter den Knaben; -die Haare fallen aus, bevor sie wachsen und das Leben hört nicht auf -mit dem Greisenalter, sondern fängt mit ihm an.« (An Demetrianus c. -4.)[14] - - - - -Zweiter Abschnitt - -Wissenschaft - - -Die Wissenschaft ist bekanntlich um ihrer selbst willen da. Das -rechtfertigt es, wenn Dinge, deren Wert der Laie mit dem besten Willen -nicht verstehen kann, mit heiligem Eifer untersucht werden. Es macht es -geradezu zur Pflicht. Nicht nur heute, sondern seit je. Dem Gelehrten -aber, der sich am meisten plagt, als wolle er ein Thema zu einer -Dissertation oder Habilitationsschrift aufstöbern, dem gebührt die -Palme der Unsterblichkeit, die wir ihm hiermit überreichen. Daneben -mögen in diesem Kapitel einige Meinungen Platz finden, die wir nicht -für klug oder richtig halten. - -Doch beginnen wir mit einer Ehrenrettung! - -Wer wird es wagen, der Kirche noch fernerhin den Vorwurf zu machen, sie -sei eine Feindin der Wissenschaft, wenn man tief gerührt liest, was für -köstliche Blüten ihrem Schoße entsproßten? - -Was will das Forschen unserer Physiker und Chemiker bedeuten gegenüber -Fragen, wie sie der große Scholastiker +Petrus Lombardus+ († 1164) -aufwirft? Ob ein Vorhersehen und Vorherbestimmen Gottes möglich gewesen -wäre, wenn es keine Geschöpfe gegeben hätte? So lautet eine dieser -Fragen, aus seinen vier Libri sententiarum, dem Hauptlehrbuch, nach dem -die Theologie in den gelehrten Schulen vorgetragen wurde. - -Zweifellos ist das Interesse daran brennend. Aber was bedeutet sie -gegenüber der andern: Wo war Gott vor der Schöpfung? - -Daß Seelenheil und kultureller Fortschritt unlöslich von der -Beantwortung abhängig sind, fühlen wir, auch ohne daß es uns jemand -sagte. - -Doch der Wissensdrang, nicht etwa der nach nichtigen Dingen, -sondern nach solchen von ewiger Bedeutung, war bei Petrus Lombardus -unersättlich. So fragte er denn weiter: - -Ob Gott mehr wissen kann, als er weiß? - -Ob ein Prädestinierter verdammt oder ein Verworfener selig werden könne? - -Ob Gott etwas Besseres oder etwas auf bessere Weise machen könne, als -er es macht? - -Ob Gott allezeit alles könne, was er gekonnt hat? - -Doch nicht auf Gott beschränkt sich die Fragefreudigkeit des großen -Kirchenlehrers. Beschäftigt er sich auch natürlich am liebsten mit ihm, -so ist er doch viel zu leutselig, um sein Interesse nicht bisweilen -minder Vornehmen zuzuwenden. So wirft er die Frage auf: Wo die Engel -nach ihrer Schöpfung gewesen sind? - -Ob die guten Engel sündigen, die bösen rechtschaffen leben können? - -Ob alle Engel körperlich sind? (kleiner Schäker!) - -Ob die Rangordnung der Engel seit dem Anfang der Schöpfung bestimmt -worden sei? - -Sogar auf den Menschen dehnt sich der scholastische Frageeifer aus. -Probleme von größter Bedeutung beschäftigen die Denker und zeigen uns -aufs neue, wie unrecht wir der Kirche tun mit dem Vorwurf, sie habe -auf Kosten einer brauchbaren irdischen eine verschrobene überirdische -Afterwissenschaft kultiviert. - -Wen interessiert es nicht zu wissen, in welchem Alter der Mensch -geschaffen worden ist? Warum wurde Eva nun gerade aus der Rippe und -nicht aus einem andern Teil des Mannes geschaffen? Und warum schlief -Adam dabei? Die Wichtigkeit der Sache hätte schon gerechtfertigt, daß -er wach gewesen wäre. Das findet wenigstens Petrus Lombardus. - -Interessanter noch ist die Frage, ob der Mensch ewig hätte leben -können, wenn er auch nicht vom Baume der Erkenntnis genossen hätte? - -Etwas indiskreter lautet: Warum sich die Menschen im Paradies nicht -begattet hätten? Jetzt verstehen wir auch des Petrus Lombardus Neugier -nach dem Alter, in dem sie geschaffen wurden! - -Wie hätten die ersten Menschen sich fortgepflanzt, wenn sie nicht -gesündigt hätten? Eine Frage von hochaktuellem Interesse. Gibt es -doch heute noch genug Frömmler, die im Geschlechtsverkehr eine Sünde -erblicken und damit tatsächlich der Sünde das größte aller Wunder und -aller Güter zuschreiben: das Leben. - -Petrus muß auch so etwas ahnen, wenn er fragt, ob -- ohne den -Sündenfall -- die Kinder mit vollkommen ausgewachsenen Gliedern und mit -dem vollen Gebrauch der Sinne würden geboren worden sein? - -Von höchster Neugier zeugt die Frage, warum der Sohn und nicht der -Hl. Geist oder der Vater Mensch geworden seien? Mit großem Ernst -wurde natürlich alles behandelt, was mit der sogenannten Erlösung -zusammenhing. So die Frage, ob Gott das durch Christus dargebrachte -Opfer auch hätte annehmen können, wenn dieser ein Weib gewesen wäre. - -Mit Rücksicht auf die außerordentliche Wichtigkeit und Vordringlichkeit -gerade dieser Frage wurde in der Schule des Petrus Lombardus nicht -minder, wie in der seines Schülers Petrus von Poitiers das Thema emsig -diskutiert. Man war sich einig, daß nur ein ganz verruchtes Scheusal, -dem das schamlose Maul (os impudicum) in gehöriger Weise gestopft -werden muß, in dem Sinne hätte antworten können, daß Christus auch als -Weib den an einen Erlöser zu stellenden Anforderungen hätte genügen -können.[15] - -Occam hat in seinem Centilogium folgende Thesen: C. 8-11: »Zulässig -sind die Sätze: Gott der Vater ist der Sohn der hl. Jungfrau; der Hl. -Geist ist der Mensch, welcher der Sohn der hl. Jungfrau ist; der Vater, -der niemals starb, kann gestorben sein, der Sohn, der starb, kann auch -niemals gestorben sein.«... C. 29: »Der Leib Christi kann sich zu -gleicher Zeit in entgegengesetzter Richtung bewegen und wird faktisch -so bewegt, wenn z. B. ein Priester ihn emporhebt und der andere ihn in -demselben Moment niederlegt.«[16] - - * - -Unter dem Titel: »+Disputatio nova contra mulieres qua probatur eas -homines non esse+« erschien 1595 ein Büchlein ohne Verfassernamen und -Druckort. - -Der gelehrte Autor rühmt sich in diesem Elaborat durch 50 -unwiderlegliche Stellen der Heiligen Schrift den Beweis geführt zu -haben, daß +Weiber weder Menschen seien, noch von Christus erlöst -wurden+. - -Er beginnt mit der These, Christus habe nicht für die Frauen gelitten -und sie deshalb auch nicht erlöst. Sehr merkwürdig und bezeichnend für -den scholastischen Geist und die ganze Rabulistik des Mittelalters -ist seine Beweisführung. So heißt es im vierten Absatz: Da die Hl. -Schrift alle verflucht, die etwas Gottes Wort hinzufügen, so sind auch -alle jene verflucht, die hinzufügen, die Weiber seien Menschen und es -glauben. Denn weder im Alten noch im Neuen Testament werde ein Weib -Mensch genannt. Wären sie Menschen, dann hätte aber der Hl. Geist sie -auch zweifellos so genannt. Wer trotzdem behauptet, sie seien Menschen, -der maßt sich an, mehr zu wissen als Gott. - -Im achten Absatz heißt es: Eva war kein Mensch, denn sie wurde nicht -etwa geschaffen, damit Adam nicht allein sei, sondern damit Adam -durch sie Menschen zeugen sollte, deren Dasein ihn von der Einsamkeit -befreite. - -Im zwölften Absatz sagt der Autor: Da Gott allwissend ist, so wußte er -auch bei der Schöpfung Adams, daß er Eva erschaffen würde. Hätte er -gewollt, daß sie auch ein Mensch sei wie Adam, dann hätte er nicht im -Singularis gesprochen: »ich will +einen+ Menschen schaffen«, sondern er -hätte gesagt: »ich will Menschen schaffen«. Weil er aber so sprach, -besitzen wir den sichersten Beweis aus Gottes eigenem Munde, daß Gott -nicht gewollt habe, daß das Weib ein Mensch sei, und daß er nur +einen+ -Menschen geschaffen hat und nicht etwa zwei. - -Auch aus dem Sündenfall folgt im 14. Absatz die weibliche -Unebenbürtigkeit: Wäre das Weib dem Adam gleich gewesen, dann hätten -im Paradiese zwei Menschen gesündigt. Denn Eva beging denselben -Fehltritt wie Adam. Der Apostel sagt aber ausdrücklich: durch +einen+ -Menschen sei die Sünde in die Welt gekommen. In diesem Stile wird der -»Beweis« weiter geführt, um mit der gewiß vielen Damen schmerzlichen -Konstatierung zu schließen, daß das Alte Testament so gut wie das Neue -den Weibern nicht nur ihr Menschentum abspreche, sondern daß Christus -auch nicht für sie gestorben sei. - -Doch der Anonymus hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. -Diese Einmischung in ihre Domäne konnten sich die Erbpächter der -Unsterblichkeit nicht bieten lassen. Noch im gleichen Jahre 1595 -erschien die Schrift: »+Admonitio Theologicae Facultatis+ in -Academia VVittebergensi ad scholasticam Juventutem, de libello -famoso & blasphemo recens sparso, cuius titulus est: Disputatio Nova -contra mulieres, qua ostenditur, eas homines non esse«. Wiewohl die -theologische Fakultät in der Einleitung ausdrücklich sagt, daß es -möglich sei, daß impurus iste canis (»jener unreine Hund«), wie die -milden Streiter Gottes sich so geschmackvoll ausdrücken, nur im Spaß -seinen Angriff gemeint habe, sieht sie sich doch genötigt, nicht nur -durch Worte der heiligen Schrift zu beweisen, daß das Weib doch ein -Mensch sei, sondern sich hochoffiziell zu unterschreiben: »12. Januar -1595 Decanus, Senior et Professores Theologicae Facultatis in Academia -VVittebergensi.« Man hielt es also offenbar für sehr notwendig, mit -schwerem Geschütz den Angreifer der Weiber niederzukämpfen. Sei es, daß -man ein schlechtes Gewissen hatte, sei es, daß er begeisterten Beifall -gefunden hatte. - -Trotz dieser Kathedralentscheidung scheinen die Verächter der holden -Weiblichkeit noch lange nicht Ruhe gegeben zu haben. Wenigstens liegt -mir noch aus dem Jahre 1690, also nach einem vollen Jahrhundert, unter -dem Titel »Mulier homo« ohne Erscheinungsort und Verfassernamen ein -Neudruck vor. Hier ist auch der feierliche Schluß fortgelassen. Sollten -etwa trostbedürftige Ehemänner die Abnehmer gewesen sein? - -Noch im Jahre 1767 erschien unter dem Titel »Beantwortung der Frage, ob -das Frauenzimmer ein notwendiges Uebel sey« zu Frankfurt und Leipzig -ein Büchlein, das allerdings das Thema mehr humoristisch behandelt, -auch keinen Verfassernamen trägt. - -Ja, noch aus dem Jahre 1791 liegt mit eine Broschüre über das Thema -vor. Sie trägt den Titel »Apologie des schönen Geschlechts oder Beweis, -daß die Frauenzimmer Menschen sind«, wurde von Heinrich Nudow aus dem -Lateinischen übersetzt und erschien in Königsberg. - -Interessant ist die Bemerkung der Vorrede, »daß einige neuere -spekulative Naturforscher des schönen Geschlechts« zu der »sehr -wahrscheinlichen« Annahme gelangt seien, daß »der +Sitz der Seele+ bei -den Frauenzimmern nicht wie bei den Männern im Gehirn, sondern in -+der Gebärmutter seyn+ soll; -- daß da sich alles Leben und Seyn, -- -alles Dichten und Trachten beim andern Geschlecht von einem gewissen -inneren Triebe ableiten, und wieder darauf zurückführen läßt, dem die -Natur jenes Eingeweide zu einem Hauptwerkzeug bestimmte, auch wohl -das andere Geschlecht großenteils (und vielleicht gänzlich) nur durch -die Gebärmutter denken dürfe.« Der Verfasser konstatiert und beweist -übrigens die Menschheit des schönen Geschlechts. - -Lassen wir dahingestellt, was in diesen Schriften, die wir -keineswegs vollzählig aufführten, Ernst, was Witz ist, so viel steht -unwiderleglich fest, daß eine ganze theologische Fakultät es für -notwendig hielt, feierlich dagegen Stellung zu nehmen, daß das Weib -kein Mensch sei. Wäre es ihnen nicht möglich gewesen, durch Bibelworte -den Gegenbeweis zu führen, so hätte selbstverständlich die fromme Herde -noch etliche Jahrhunderte lang das Weib für ein Tier gehalten. - - * - -Ein gewisser Georgius Fridericus +Gublingius+ schrieb im Jahre 1725 -eine Dissertation in Wittenberg mit dem Titel: +De barba Deorum+ ex -priscarum Graeciae et Latii maxime Religionum monumentis. Behandelte er -in dieser gelehrten Schrift die Frage, ob die +Götter bärtig waren+, so -in einer andern im gleichen Jahre ebenfalls in Wittenberg erschienenen -unter dem Titel: »De causis barbae Deorum«, die ebenso wichtige nach -den +Gründen dieser Bärtigkeit+. - - * - -Eine außerordentliche gelehrte Arbeit erschien 1705 zu Leipzig mit -folgendem Titel: »Cogitationes admodum probabiles de vestimentis -Israelitarum in deserto an per miraculum duraverint aut creverint in -dissertatione academica indultu Philosophici Ordinis Lipsiae ad II. -Aprilis A. MDCCV habenda eruditorum examini exhibitae a Gottfrido -Zeibigio & Johann Andrea Beckero.« Die philosophische Fakultät -promovierte also zwei Doktoranden, die Herren +Zeibig+ und +Becker+, -weil sie Betrachtungen darüber anstellten, ob +die Kleider der Juden in -der Wüste durch ein Wunder alle Strapazen ausgehalten haben oder gar -nachwuchsen+! - - * - -Ein gewisser Paul Christian +Hilscher+ prüft in Dresden 1703 in einer -seinem Schwiegervater, dem Dr. der Theologie und Superintendenten zu -Freiberg, Christian Lehmann gewidmeten Gratulationsschrift zum 60. -Geburtstage die hochwichtige Frage nach der +Bibliothek Adams+. (De -bibliotheca Adami.) Das Heftchen ist mit wundervollen Schriftzeichen -geschmückt und natürlich grundgelehrt. So eine Art Seitenstück also zu -Beringers Würzburger Petrefaktenbuch, das wir bald kennen lernen werden. - - * - -Christian Tobias Ephraim +Reinhard+, ein sonst ganz ernster -Schriftsteller, der auch über die in der Bibel vorkommenden -Krankheiten geschrieben hat, veröffentlichte im Jahre 1752 zu Hamburg -eine Schrift: »Untersuchung der Frage, ob +unsere ersten Urältern Adam -und Eva einen Nabel gehabt+.« Er kommt im § 17 dieser Abhandlung, die -wohl ernst gemeint sein dürfte, zu folgendem Resultat: »Genug, Adam -und Eva sind nicht gebohren, sondern gemacht, nicht gezeuget, sondern -geschaffen worden, und wer hieran zweifelt, der ist kein würdiges Glied -der Kirche, sondern wird kraft meines Amts dem Teufel übergeben. Von -dieser Wahrheit gibt der heilige Geschichtschreiber Moses in seinem -Buche von der Erzeugung das allerbewährteste Zeugnis. Da es nun eine -unumstößliche Wahrheit bleibet: daß unsere ersten Stammväter nicht -gebohren worden sind, so muß es auch wahr sein, daß sie keinen Nabel -nöthig gehabt haben. Denn da dieselben niemals im Mutterleibe verborgen -gewesen sind, so hat ihnen fraglich keine Nabelschnur zu statten kommen -dürfen. Haben sie nun keine Nabelschnur nöthig gehabt, so haben sie -auch keinen Nabel, als dessen Überrest derselbe ist, besitzen können.« - -Reinhard war »Der Arzneygelahrtheit Doktor und Heilarzt zu Camenz«, wie -er auf dem Titelblatt des Schriftchen vermerkt. - - * - -Das erleichtert uns den Übergang zu den Naturwissenschaften. - - * - -Jahrhunderte nahm man an, die Meergänse sollten aus einer Muschel, der -Entenmuschel, hervorgehen. Diese Theorie ist weniger verwunderlich, -als die Tatsache, daß bedeutende Gelehrte sich +durch Augenschein davon -überzeugt haben wollten+. So schrieb der Leibarzt Rudolfs II., Michael -Mayer, er habe in den Muschelschalen den wie in seinem Ei liegenden -Fötus des Vogels +selbst gesehen+ und sich überzeugt, daß er Schnabel, -Augen, Füße, Flügel und selbst angehende Federn besaß. Der gleichfalls -im 17. Jahrhundert lebende Sir Robert Moray, dessen Bericht in den -Schriften der Londoner königlichen Gesellschaft 1677-78 veröffentlicht -ist, behauptete, in jeder Entenmuschel, die er öffnete, ein vollkommen -ausgebildetes Vögelchen gefunden zu haben.[17] - - * - -Daß auch die Universitäten ähnliche Fabeln verbreiteten, zumal dort, wo -die Jesuiten für das Fortbestehen des Autoritätsglaubens wirkten, kann -nicht verwundern. - -Unter dem Titel: »Positiones ex universa philosophia Aristotelis tum -contemplativa tum politica, quas in Alma ac Celeberrima Herbipolensium -Universitate pro suprema Doctoratus philosophici laurea praeside R. -P. Ignatio Zinck e Soc. Jesu AA. LL. & Philos. Magistro e jusdemque -in praedicta Universitate Professore publice defendendas suscepit D. -Joannes Bernardus Dill Herbipolensis etc. etc.« erschien im Jahre 1700 -eine philosophisch-naturwissenschaftliche Dissertation zu Würzburg. -Das hochgelahrte Werk, das den Joh. Bernh. +Dill+ zum Verteidiger, den -Jesuiten Prof. P. Ignaz +Zinck+ zum Verfasser hatte, läßt schon ahnen, -welch außerordentlichen Ruhm diese christ-katholische Universität noch -erringen sollte. - -Da wird erzählt, wie der Blick eines Vogels heile, verschiedene Steine -auf den Menschen wirkten, z. B. Jaspis die Lebensgeister wecke, der -Amethyst, auf den Nabel des Berauschten gelegt, die Dünste aus dem Kopf -zieht und die Trunkenheit verscheucht oder der im Magen des Haushahns -sich bildende lapis alectorius denjenigen, der ihn im Munde trägt, -mutig und tapfer macht. Als Belege für die Möglichkeit ewigen Feuers -wird erzählt, daß im Jahre 1041 im Grabe des von Turnus getöteten -Pallas eine Lampe gefunden wurde, die bereits 1611 Jahre brannte und -vielleicht noch brennen würde, wenn sie damals nicht zerbrochen und -das künstlich präparierte Öl verschüttet worden wäre. Ferner brannte -die unter Paul III. gefundene Grablampe von Ciceros Tochter Tulliola -ebenfalls noch. - -Mit dem gleichen Ernst gibt diese Dissertation den Bericht des -Jesuiten Schott wieder, daß in Schottland, auf den Hebriden und in -einigen Gegenden Indiens an den Bäumen Enten und andere Vogelarten -wachsen, die wie Blätter hervorsprossen, dann wie Obst sich runden, -endlich Vogelgestalt bekommen und an dem Schnabel gleich dem Stiele -herabhängen, bis sie ganz ausgereift abfallen und davonfliegen. - -Auf die Autorität des »Apostels« hin wird endlich gelehrt: im -künftigen Leben werden »wir Auserwählten alle« eine Größe von 4 Ellen -= 6 Fuß haben, nicht mehr und nicht weniger, denn dies sei, wie die -Geschichtschreiber und Väter allenthalben berichten, die Größe Christi -gewesen. Den Größeren werden -- so fügt der englische Lehrer bei -- -der Überschuß über die Normalgröße genommen und damit die Kleinen -aufgebessert werden.[18] - - * - -Im Jahre 1726 erschien zu Würzburg ein Buch, das für uns unschätzbaren -Wert besitzt. Es trug nach dem Gebrauche der Zeit folgenden etwas -langatmigen Titel: LITHOGRAPHIAE WIRCEBURGENSIS, DUCENTIS LAPIDUM -FIGURATORUM, A POTIORI INSECTIFORMIUM, PRODIGIOSIS IMAGINIBUS EXORNATAE -SPECIMEN PRIMUM, Quod IN DISSERTATIONE INAUGURALI PHYSICO-HISTORICA, -CUM ANNEXIS COROLLARIIS MEDICIS, AUTHORITATE ET CONSENSU INCLYTAE -FACULTATIS MEDICAE, IN ALMA EOO-FRANCICA WIRCEBURGENSIUM UNIVERSITATE, -PRAESIDE Praenobili, Clarissimo Expertissimo Viro ac Domino, D. -JOANNE BARTHOLOMAEO ADAMO BERINGER, Philosophiae & Medicinae Doctore, -Ejusdémque Professore Publ:Ordin:Facult:Medicae h. t. Decano & -Seniore, Reverendissimi & Celsissimi PINCIPIS (sic!) Wirceburgensis -Consiliario, & Archiatro, Aulae, nec non Principalis Seminarii DD. -Nobilium & Clericorum, ac Magni Hospitalis Julianaei Primo loco Medico, -Exantlatis de more rigidis Examinibus, PRO SUPREMA DOCTORATUS MEDICI -LAUREA, annexisque Privilegiis ritè consequendis, PUBLICAE LITTERATORUM -DISQUISITIONI SUBMITTIT GEORGIUS LUDOVICUS HUEBER Herbipolensis, AA. -LL. & Philosophiae Baccalaureus, Medicinae Candidatus. IN CONSUETO -AUDITORIO MEDICO. - -Dieser schöne Titel, auch typographisch bedeutend reicher, als es hier -zum Ausdruck kommt, dazu ein schöner Titelkupferstich stehen zu Beginn -eines Buches, das auf Erden nicht viele Rivalen haben dürfte. - -+Georg Ludwig Hueber+ heißt also der Verfasser, dessen medicinische -Habilitationsschrift vor uns liegt, sein Lehrer aber Johann -Bartholomäus Adam +Beringer+, ein Mann schwer an Weisheit, Würden und -Titeln, Professor, Leibarzt des Fürstbischofs und anderes mehr. Da es -damals Sitte war, daß die Promotionsschrift vom Professor abgefaßt -wurde, so war Beringer der eigentliche Autor.[19] - -Es handelt sich um eine großartige Entdeckung, die er gemacht -hatte oder doch gemacht haben wollte. In der Nähe von Würzburg -waren Petrefakte gefunden worden, die er auf schönen Kupfertafeln -gewissenhaft abbildete. Da gab es Blumen und Frösche, Fische und -anderes Getier. Auch eine Spinne mit Netz war versteinert (Taf. X), -ferner eine Spinne im Begriff eine Fliege zu fangen, zusammen mit -ihrem Opfer, ein reizendes Tierstückchen! Aber auch Stilleben fehlten -unter den Versteinerungen nicht, so ein Schmetterling, der an einer -Blume saugt (Taf. VI). Noch viel abenteuerlichere Dinge waren vom -hochgelahrten Herren zutage gefördert worden: ein versteinerter Stern, -ein Halbmond, ein Stern mit Halbmond, ja Figuren so ähnlich aussehend, -wie die primitive Kunst Kometen zeichnet (Taf. III). Das und noch -vieles andere war auf den schönen Kupfertafeln zu sehen. Besonderes -Interesse verdienten Versteinerungen, auf denen in hebräischen Lettern -Jehova und ähnliches stand (Taf. VII). - -Natürlich war auch für begleitenden Text gesorgt. War doch die -Entdeckung so verblüffend, so über alle Maßen großartig, daß ein -ausgiebiger Kommentar sich von selbst verstand. So bewies Beringer vor -allem, daß es sich hier nicht etwa um Überreste aus heidnischer Zeit -handle, auch nicht um Kunstgegenstände jüdischer Herkunft. O nein, +es -war alles Natur+. Es waren Versteinerungen von Tieren und Pflanzen, die -vor unvordenklichen Zeiten das Meer ausgespült hatte (vgl. Kap. 4 und -13). Daran ließen sich natürlich die weitgehendsten Schlüsse knüpfen -sowie Ausfälle auf Zweifler. Und das tat auch der gelehrte Verfasser. - -Aber leider blieb seine große wissenschaftliche Tat nicht vom Neide der -Götter verschont. Es stellte sich heraus, daß Schüler und Gegner des -Professors aus Ulk Pseudopetrefakte künstlich hergestellt hatten und in -dem Steinbruch finden ließen, den der Professor häufig besuchte. - -Es dürfte sich hier um eine der größten akademischen Dummheiten -handeln, von der die Geschichte der Wissenschaften weiß. Das fühlte -auch Beringer, denn er ließ alle erreichbaren Exemplare des Werkes -vernichten, so daß es zur großen Seltenheit wurde. Die kgl. Hof- und -Staatsbibliothek in München ist im Besitze eines tadellos erhaltenen -Exemplars.[20] - - * - -Auf moralischem Gebiete hat aber Beringer einen Konkurrenten in der -Person des nicht unbedeutenden Kulturhistorikers Friedrich von -+Hellwald+. Wenn er die Ursache unserer heutigen Milde und unseres -Entsetzens über die früheren Gräuel der Hexenprozesse nicht darin -findet, daß wir so viel bessere Menschen als unsere Vorfahren sind, -sondern einfach, weil wir wissen, daß es keine schädlichen Hexen gibt, -so hat er recht. Wahrscheinlich würden wir uns nicht viel anders als -das Mittelalter benehmen, wenn wir noch heute unter dem verdummenden -Einfluß der Kirche ständen. Grotesk aber ist die Art, wie Hellwald zu -beweisen versucht, daß die Inquisition gar nicht so schlimm war. Er -ähnelt darin einem gewissen Hoeniger, dessen Methode die Harmlosigkeit -des Dreißigjährigen Krieges zu beweisen, wir im I. Bande (S. 126) -kennen lernten. - -Hellwald schreibt (mit Kürzungen): »Nach Llorente, Histoire critique -de L’Inquisition d’Espagne, 1815-1817, sollen von 1481-1808 in Spanien -31912 Menschen verbrannt worden sein. Nach glaubwürdigen Quellen betrug -die Bevölkerung Spaniens um 1500 n. Chr. 9320691, welche Ziffer 2½ -Jahrhunderte, bis 1768 (Jahr der ersten verläßlicheren Volkszählung) -stationär blieb. - -Gesetzt nun, die Ketzerverbrennungen wären über diese Periode -gleichmäßig verteilt gewesen, so hätten dieselben alljährlich 97,6 -oder rund 100 Menschen, d. h. 1:90000, das Leben gekostet. Nun soll -aber Torquemada in den 15 Jahren von 1483-1498 allein 8300, d. h. -durchschnittlich 586 Menschen jährlich, nach den glaubwürdigen -Angaben Marianas, dem Maurenbrecher folgt, 1481-1498 nur 2000 Opfer -zum Scheiterhaufen gesandt haben; diese Ziffern wären also von den -obigen abzuziehen, d. h. auf 312 Jahre entfallen 23112 Opfer = 74 im -Jahre = 1: 121756. Diese Zahlen sind nicht so furchtbar groß, wie -nachstehendes, der Gegenwart entnommenes Beispiel illustriert. Nach dem -»American Railroad Journal« fanden im Jahre 1873 im ganzen 576 Menschen -den Tod durch Unglücksfälle auf Eisenbahnen im Gebiete der Vereinigten -Staaten, 1112 wurden verletzt. Diese Ziffern findet das genannte Blatt -ziemlich unbedeutend und in der Tat fällt es niemandem bei, über -dieselben ein Klagegeschrei zu erheben. Wenn nun diese Ziffern immer -so ›unbedeutend‹ blieben, so würden in dem gleichen Zeitraume von 327 -Jahren nicht weniger als 188352 Tote und 363624 Verwundete diesem -Fortschritte der Zivilisation zum Opfer fallen.« - -Daß der relative Menschenverlust nicht allzu groß war, wenn auch die -Opfer der Inquisition bedeutend unterschätzt sind und tatsächlich -einzelne Ortschaften und Landstriche entvölkert wurden, sei zugegeben. -Aber ist deshalb der Wahn weniger gräßlich? - -Köstlich ist auch folgende Meditation: »Endlich, so banal es klingt, -so wahr ist doch, daß alle die beklagenswerten Opfer menschlicher -Torheit eines anderen Todes einmal hätten sterben müssen. Ihr Leben -ist wohl verkürzt worden, doch käme es noch sehr darauf an zu wissen, -wie groß der durch diese Verkürzung verursachte Schaden war. Dazu -müßte man genau kennen: Lebensalter und Lebensverhältnisse, leibliche -Konstitution und geistige Gaben dieser vorzeitig Gestorbenen; wie viele -dem Greisenalter gehörten und schon zeugungsunfähig waren, wie vielen -eine kränkliche Organisation nur mehr eine kurze Lebensfrist gegönnt -hätte; man müßte veranschlagen, wie viele durch anderweitige Zufälle -oder in Ausübung ihres Berufes ohnedies ein vorzeitiges Ende gefunden -hätten, wie viele von akuten Krankheiten dahingerafft worden wären -u. dgl. Erst die Eliminierung aller dieser komplexen Faktoren würden -gestatten, den erlittenen Verlust auf ein annähernd richtiges Maß -zurückzuführen.«[21] - - * - -Bekanntlich behaupten die bayerischen Lyzeen, den Universitäten im -Range gleichstehende Hochschulen zu sein, und die schwarze Gesellschaft -wird zu betonen nicht müde, daß die wissenschaftlichen Leistungen -diesem Range auch völlig entsprechen. - -Wir können ohne Zaudern weiter gehen: sie übertreffen ihn! Sie lassen -alle weltlichen Bildungsstätten weit hinter sich. - -Ihr fordert Beweise? Nichts einfacher als das. Wo hätte uns je eine -Universität eine +Topographie der Hölle+ geschenkt, wenn nicht Münster, -das glorreiche Wirkungsfeld des großen Bautz? (Vgl. 1. Bd. S. 225 ff.) - -Wären wir etwa über Satan informiert, wenn nicht +David Leiste+, -Professor der Moraltheologie, Patrologie und Pädagogik am k. Lyzeum in -Dillingen unter dem Titel »+Die Besessenheit+« ein Programm im Jahre -1886/87 darüber veröffentlicht hätte. Ein grundgelehrtes Werk noch -dazu. Wir schlagen auf gut Glück S. 24 ff. auf. - -»Die Wirklichkeit dämonischer Erscheinungen in einem objektiv -wirklichen, materiellen Körper, nicht etwa in einem bloß eingebildeten -imaginären, bezeugt die Heil. Schrift. Nach ihrem Bericht hat Satan die -Eva in sichtbarer Schlangengestalt versucht; daß auch die Versuchung -Christi eine rein äußerliche war, ist zweifellos; es ist gewöhnliche, -wenn auch nicht ausdrücklich durch die Heil. Schrift verbürgte Annahme, -daß Satan hiebei sich mit einem materiellen Leibe umkleidet habe, der -ihn als Geist der Hölle verbergen solle. Wieder wird Satan in die -Erscheinung treten am Ende der Menschengeschichte in den großen Kämpfen -des Reiches Gottes mit dem Antichrist. - -Es bestätigen uns dann auch die hl. Väter und Theologen die Tatsache, -daß Satan zum Zwecke der Menschenverführung und Menschenplage auf -Erden sich zeige in der angenommenen Gestalt von Verstorbenen, von -wilden Tieren, von Vögeln. Unter den verschiedensten Tiergestalten -ist Satan schon erschienen, nur die der Taube und des Lammes, sagt -Majolus, glaubt man, sei ihm verboten. Die Form der Ziege und des -Bockes kommt gar häufig in den Versuchungen vor. »Weil im großen Drama -des Weltgerichts dem Bock als Symbol des Sklaven der Sünde seine Rolle -zugewiesen ist, so steht der Annahme, der Dämon habe je bisweilen unter -dieser oder einer entsprechenden Gestalt seine Besuche gemacht, nichts -im Wege.« (Rütjes, Der Teufel, Essen 1878, S. 60.) Majolus sagt, diese -Erscheinungsgestalt komme ihm zu, weil dies geile und hochmütige Tiere -seien. Satan ist ferner schon erschienen als Löwe, Wolf, Bär, Stier, -Schwein, Fuchs, als schwarzer Kater oder Hund. So z. B. erblickten -der hl. Stanislaus und der ehrwürdige Pfarrer von Ars den Teufel in -Hundegestalt, mit feurigen Augen, also in der Gestalt eines Tieres, das -als Sinnbild der Schamlosigkeit bekannt ist; letzterer sah ihn auch -in der Gestalt eines Kopfkissens, oder die bösen Geister belästigten -ihn auch in der Gestalt von Fledermäusen. Ferner zeigte sich Satan -als Hahn, Eule, Geier, Drache, Schlange, Kröte, Eidechse, Skorpion, -Spinne, Fliege, Mücke, Wespe. Auch die Menschengestalt gebraucht er als -Hülle und erscheint als Bauer, Schiffer, Geistlicher, als geputztes, -verführerisches Weib, als Mädchen. Der ehrwürdigen Maria Crescentia von -Kaufbeuren zeigte sich der Teufel in Gestalt einer Nonne, eines Negers, -eines Jägers oder auch in verschiedenen Tiergestalten« etc. - -Trotzdem brauchen wir keine allzu große Furcht zu haben. Denn -- und -daß er das zu unserer Beruhigung sagt, spricht für das gute Herz -des Herrn Verfassers -- »Seinem Erscheinungsleibe das Bild eines -+vollkommenen+ Leibes aufzudrücken, ist Satan nicht allweg gestattet; -er ist genötigt, ihm teilweise eine tierische Bildung oder eine andere -verzerrte und fratzenhafte Form zu geben. Und während der gute Engel -seinen Leib aus edlen, ätherischen Stoffen bildet, ist der Teufel für -diesen Zweck auf unreine, schmutzige Materien angewiesen.« (S. 28.) - -Die historische Tatsächlichkeit wenn auch nicht aller, so doch vieler -Teufelserscheinungen steht fest. »... sicherlich (ist) ein bedeutender -Teil der von der Geschichte aufbewahrten Vorgänge dieser Art als -historisch glaubwürdig anzunehmen und haben wir es nicht mit lauter -›Teufeleien der Mönchsphantasie‹ zu tun.« (S. 30.) - -Das ist ja entschieden unheimlich. Und doch braucht es uns nicht -ins Bockshorn zu jagen. Denn wie der gelehrte Autor auf S. 139 ff. -ausführt, hat der Satan gegenwärtig die Taktik geändert und die -offenkundige leibliche Besessenheit hat -- hurra! -- +abgenommen+. -Und doch ist die Sache nicht ganz geheuer. »Sollte es vielleicht eine -furchtbare Strafe der so weit verbreiteten Apostasie sein, daß Gott dem -Teufel die Taktik erlaubt hat, +inkognito+ sein Geschäft zu treiben und -so die blinden Seelen um so sicherer in den Abgrund zu jagen?« (S. 145 -f., zitiert nach dem Kirchenlexikon, 2. Aufl., II, S. 517 ff., Art. -Besessene.) Daß die spiritistischen, somnambulistischen und verwandten -Phänomene auf den Teufel zurückgehen, steht fest. - -Verlassen wir dies unheimliche Thema, um uns heiterern Gesichtern -zuzuwenden. - - * - -Papst Alexander VI. schenkte durch die Bulle Inter cetera vom 4. Mai -1493 den Spaniern alle entdeckten und noch zu entdeckenden Länder nicht -nur westlich, sondern auch +südlich+ eines bestimmten Längengrades! -Und zwar tat das der damals noch fehlbare Nachfolger Petri »ex certa -scientia«. Er wußte es also ganz genau![22] - - * - -Da lobe ich mir doch die deutsche Gründlichkeit. Bekanntlich entdeckte -ein Gelehrter bereits die Wichtigkeit von +Goethes Wäschezettel+ für -die deutsche Literatur. Er wird aber noch übertroffen vom »Altmeister -der chemischen Geschichtsforschung H. Kopp«, der die Worte Encheiresin -naturae aus der Schülerszene des Faust zum Gegenstand +jahrzehntelanger -Nachforschungen+ machte.[23] - -Zu diesem Kapitel gehört auch folgendes: In der Berliner Wochenschrift -»Die Standarte« schreibt ein Germanist, er habe in einem Goetheseminar -der Berliner Universität +tagelang+ an der Frage gearbeitet, +ob in -einem Heft Goethes die Ausstreichungen mit schwarzer oder roter Tinte -oder mit Bleistift gemacht worden sind+. Das tiefe Problem, ob der -vorgoethische Faust mit Vornamen Heinrich oder Johann geheißen habe, -läßt die Forscher nicht zur Ruhe kommen. Und von höchster Bedeutung -ist, ob Goethe +Lieschen+ oder +Liesgen+ geschrieben hat, wie der -+Wasserstempel+ im Konzept zu den »Wahlverwandtschaften« aussieht, ob -eine Notiz am 21. oder 22. oder gar -- wie Pniower behauptet -- am -24. Oktober eingetragen ist. +Das ist Goetheforschung!+ Wer aber etwa -gar denkt, es sei gleichgültig, ob das »Kophtische Lied« 1789 oder -1791 geschrieben sei, wird erbarmungslos aus diesem geweihten Kreise -verbannt.[24] - - * - -Auf diesen Ton ist auch die Gründlichkeit wissenschaftlicher Kritiken -und Kontroversen gestimmt. In der Historischen Vierteljahrsschrift, -einem angesehenen Fachorgane, finde ich -- um ein Beispiel für -unzählige zu nennen -- folgende schöne Stelle: »Eine ›mißverständliche‹ -Äußerung ist nach meinem Sprachgebrauch keine solche, die von -Mißverständnis zeugt, sondern die Mißverständnis erzeugen könnte. -›Mißverständlich› in diesem Sinne erschienen mir die Worte: ›B. -setzt die Urkunde nach 1162‹. Setzen ist ein örtlicher Ausdruck; man -kann also richtig sagen: ›B. setzt die Urkunde vor 1162‹, weil wir -die Präposition vor ebensowohl örtlich als zeitlich gebrauchen. Der -richtige Gegensatz zu dem örtlichen vor ist aber nicht nach, sondern -hinter (hinter 1162), während nach in örtlichem Gebrauche uns zunächst -die Richtung bedeutet, aber damit zugleich häufig die Vorstellung des -›hinein in‹ verbindet; man vergleiche: ›er ist nach Frankfurt gesetzt‹ -und ›das Regiment ist nach Krefeld verlegt‹. Ein Leser von korrektem -Sprachgefühl, der B.s eigene Darstellung noch nicht kennt, muß hier -also geradezu verstehen: ›B. setzt die Urkunde in das Jahr 1162‹, -wiewohl die S.sche Ausdrucksweise häufiger vorkommen mag. Müßig war -meine Bemerkung also nicht.«[25] - -Im engen Kreis verengert sich der Sinn. - -Mir selbst ist eine ähnliche Geschichte, die mich königlich -amüsierte, mit einem Geheimrat Harry Breßlau passiert. In meiner -»Frühmittelalterlichen Porträtplastik in Deutschland« hatte ich -auch die Siegelkunde gestreift und zum Belege dafür, daß mir der -Beweis, bereits die frühmittelalterliche Kunst habe eine gewisse -Porträtfähigkeit besessen -- was bisher unbekannt war und von einem -großen Teil der gelehrten Zunft heute noch bestritten wird -- u. a. auf -folgendes hingewiesen: Im Allgemeinen Reichsarchiv in München befindet -sich -- auch unter der Abgußsammlung echter Kaisersiegel -- ein Siegel, -das bisher den Namen Heinrichs II. trug. Ich sah sofort, daß hier ein -Irrtum vorliege und es eine Porträtdarstellung Heinrichs III. sei. -Daraufhin wurde dann der Irrtum richtiggestellt. - -Das muß nun den Herrn Geheimrat tief empört haben, denn er schreibt -im 35. Bde. des Neuen Archivs der Gesellschaft für ältere deutsche -Geschichtskunde S. 297: »Wenn die Kenntnisse und die Sorgfalt des Herrn -ebenso groß wären, wie sein Selbstbewußtsein, würde er vielleicht einen -Blick in den dritten Band unserer Diplomata-Ausgabe geworfen und sich -überzeugt haben, +daß die Tatsache bereits in der Note p. zu DH. H. 332 -b auf S. 421 festgestellt war+.« - -Tant de bruit!!! - - - - -Dritter Abschnitt - -Autoritäten, gelehrte Zunft und Fortschritt - - -Schon an anderer Stelle habe ich meine Ansichten über das Versagen -der sogenannten Autoritäten nicht minder als der ganzen gelehrten -Zunft dem Genialen und Neuen gegenüber ausgesprochen. Der letzte -Abschnitt des ersten Bandes dieses Buches enthält genügend Material -zum Beweise dafür, daß der Fortschritt sich nicht durch, sondern -trotz Autoritäten vollzieht und daß keineswegs nur im Mittelalter, -sondern auch heute noch vorgefaßte Meinungen, Theorien und Hypothesen -höher bewertet werden, als gut beglaubigte Beobachtungen, falls sie -ihnen widersprechen. Dazu kommt das Gesetz der Trägheit, das gerade -in Gelehrtenkreisen unverbrüchlich befolgt wird. Weiteres Material in -dieser Richtung zu sammeln, war mir eine besondere Freude. - -Beginnen wir mit den Naturwissenschaften. - -Bekanntlich war Aristoteles das ganze Mittelalter hindurch eine -unbestrittene Autorität in allen weltlichen Fragen. Wie wir noch später -bei Betrachtung der Universitäten sehen werden, durfte niemand von -seiner Lehre abweichen, es sei denn, sie widersprach einem Dogma. -Galens Autorität als Arzt war nicht geringer, die der Bibel in allen -Fragen ist hinlänglich bekannt. So werden wir denn sehen, daß es vor -allem die genannten Autoritäten sind, denen der Fortschritt im harten -Kampfe fußweise den Boden abgewinnen muß, um -- andere Autoritäten -dafür einzutauschen. - -+Galilei+, 25jährig im Jahre 1589 zum Professor an der Universität -Pisa ernannt, trat öffentlich gegen Aristoteles auf, indem er durch -Vernunftschlüsse bewies, daß alle Körper gleich schnell fallen. -Gleichzeitig trat er den experimentellen Beweis an, indem er vom -schiefen Turm der Stadt unter anderem eine 100pfündige Bombe und -eine halbpfündige Kanonenkugel fallen ließ, die bei der ungefähren -Fallhöhe von 70 m kaum eine Handbreit abwichen. Trotzdem vertrauten -die peripatetischen Kollegen ihrem Aristoteles mehr, als der direkten -Naturbeobachtung, ja, sie empfingen den unbequemen Gegner mit Pfeifen. -Dadurch wurde der große Forscher +gezwungen, die Universität zu -verlassen+, um einer Kündigung seines Kontraktes zuvorzukommen. Als er -die Jupitermonde entdeckt hatte, +scheuten sich die peripatetischen -Professoren, in ein Fernrohr zu sehen, aus Furcht, sie könnten diese -Beobachtung bestätigt finden+! Daß sie später die kirchliche Hilfe in -Anspruch nahmen, um den Mann zu vernichten, der es gewagt hatte, das -Aristotelische Himmelsgebäude zu stürzen, ist hinlänglich bekannt. -Aber auch die wissenschaftlichen »Autoritäten« traten gegen seine -Verteidigung des Kopernikus und der Drehung der Erde auf. Der Professor -der Philosophie in Pisa, +Scipione Chiaramonti+ (1565-1652), schrieb -heftig gegen seine epochemachende Vergleichung des Ptolemäischen und -Kopernikanischen Weltsystems und der Peripatetiker +Claude Berigard+ -(1578-1663) behauptete, Galilei habe dem Simplicius nicht die stärksten -Gründe gegen die Bewegung der Erde in den Mund gelegt.[26] - - * - -Da J. Baptista +Benedettis+ mechanische Entdeckungen wiederholt -Aristoteles widersprachen, fanden sie nicht die verdiente Beachtung. Im -16. Jahrhundert mußte die Physik nach Aristoteles oder zur Not, wenn -es sich um statische Verhältnisse handelte, nach Archimedes gelehrt -werden. Sonst konnte das Werk nicht den Beifall der zünftigen Gelehrten -finden und wurde, soweit irgend möglich, +totgeschwiegen+.[27] - - * - -+Tycho de Brahe+ lehnte das Kopernikanische System ab, unter -anderem, weil die +Bibel+ (Josua 10, 12) +direkt der Bewegung der -Erde widerspräche+. Allerdings stürzte er das bisher herrschende -Ptolemäische System.[28] - - * - -+Peter Ramus+ (Ramée geb. 1515), ein verdienstvoller französischer -Mathematiker, der auch als Lehrer der Beredsamkeit und Philosophie -tätig war, griff Aristoteles, dessen Logik er noch nicht einmal -gelten lassen wollte, kühn an. Dadurch entfesselte er einen förmlichen -Sturm der Entrüstung an allen Universitäten, der für ihn die schlimme -Folge hatte, daß er seiner +Lehrerstelle in Paris entsetzt wurde+ und -aus der Stadt fliehen mußte. Als er später zurückzukehren wagte und -seine Lehrtätigkeit wieder aufnahm, wurde er in der Bartholomäusnacht -1572 +ermordet+, wie man sagt auf Anstiften des Carpentarius, seines -scholastischen Gegners.[29] - - * - -+Newton+, der erst im 12. Lebensjahre auf die Schule kam und dort -anfänglich als schlechter Schüler galt, veröffentlichte 1687 in -seinem berühmten Werke Philosophia naturalis principia mathematica -das bereits früher von ihm entdeckte Gravitationsgesetz. Statt nun -anzuerkennen, was Newton unwiderleglich bewiesen hatte, daß alle -Himmelserscheinungen wenigstens so vor sich gehen, als strebten alle -Körper nach dem direkten Verhältnis ihrer Massen und dem indirekt -quadratischen Verhältnis ihrer Entfernungen zueinander, +negierten -seine Cartesianischen Gegner einfach Newtons große Entdeckung+.[30] - -Später erklärte er kategorisch, »Hypothesen bilde ich nicht«. Durch -die Autorität, die dieser Mann, dessen Schüler nach und nach mehr oder -weniger alle Physiker wurden, im Laufe der Zeit erlangt hatte, bekamen -die +Hypothesen+ lange Zeit einen verächtlichen Beigeschmack und -+verschwanden mehr als nötig und dienlich aus der Physik+. - -+Cotes+, der Schüler Newtons, erklärte, allerdings nicht ohne seines -Meisters Verschulden, die Schwere für eine einfachste, vom Schöpfer -der Materie direkt eingepflanzte Ursache. Er hält es für +irreligiös+, -nach weiteren Erklärungen derselben zu suchen und so den Schöpfer ganz -eliminieren, oder doch ganz begreifen zu wollen. In der von ihm zu -Newtons Lebzeiten veranstalteten 2. Auflage der »Principien« erklärte -er schon +das Suchen nach der Ursache der Schwere oder Vermittlung der -Fernwirkung als ein Zeichen des Atheismus+![31] - - * - -+Huygens+ veröffentlichte 1690 seine bereits 1678 vor der Pariser -Akademie verlesene Abhandlung über das Licht, in der er eine -vollständige Undulationstheorie des Lichtes entwickelte, die bis auf -einen Hauptpunkt ganz mit unserer jetzigen Lichttheorie übereinstimmt. -Huygens setzt nämlich einen höchst feinen und beweglichen, durch das -ganze Weltall verbreiteten Stoff, den Äther, voraus. Wird an einer -Stelle ein Ätherteilchen in Schwingung versetzt, so teilen sich die -Schwingungen allen benachbarten Teilchen mit und durch den Raum -pflanzt sich eine Ätherwelle fort, die jenes Teilchen zum Mittelpunkt -hat. Trifft eine solche Welle unser Auge, so haben wir die Empfindung -von Licht. Dank dieser Theorie gelang es für jede Richtung des in -einen Doppelspat einfallenden Lichtstrahles die Richtung auch des -außerordentlich gebrochenen Strahles durch Rechnung oder Konstruktion -ohne jede weitere Beobachtung zu finden. Dieser Traité de la lumière, -bzw. diese Undulationstheorie fand nicht die Anerkennung Newtons. Die -Abhandlung wurde von den Physikern einfach +totgeschwiegen+ und +blieb -in der Folgezeit ohne jede Wirkung+. Sie war für ein ganzes folgendes -Jahrhundert so gut wie nicht geschrieben. Noch die bedeutenden -Geschichtschreiber zu Ende des 18. Jahrhunderts erwähnen das Werk fast -nur als +Kuriosität+![32] - - * - -+Jean Richer+ († 1696) wurde von der Pariser Akademie im Jahre 1671 -nach Cayenne geschickt, und kehrte zwei Jahre später von dieser Reise -heim. Anfänglich wurde er wegen der Genauigkeit seiner Arbeiten sehr -belobt, doch brachte er auch eine Entdeckung mit, die den Akademikern -bald sehr unangenehm wurde. Er hatte von Paris nach Cayenne eine gute -Pendeluhr mitgenommen, fand aber, daß sie in Cayenne täglich um zwei -Minuten zu langsam ging und daß er das Pendel um 1,25 Linien verkürzen -mußte. Er glaubte zuerst an einen Irrtum seinerseits, als er aber bei -seiner Rückkehr nach Paris das Pendel wieder auf die frühere Länge -stellen mußte, behauptete er mit Sicherheit die +Veränderlichkeit -der Länge des Sekundenpendels mit der geographischen Breite+. Richer -erklärte diese daraus, daß durch die Umdrehung der Erde die Schwere -am Äquator verringert werde und daß auch vielleicht die Erde an den -Polen abgeplattet sei und darum die Schwere nach den Polen hin zunehme. -Die +Akademie aber wollte durchaus nicht an eine Abplattung der Erde -glauben+. Übrigens widersetzte sich die Pariser Akademie auch dieser -Tatsache, als Newton sie 1687 bewies. Man führte die Verlängerung des -Pendels auf das heiße Klima zurück, wiewohl Newton nachwies, daß die -Ausdehnung durch die Wärme viel zu gering sei. - -Für Richer war seine Entdeckung sehr verhängnisvoll. Die eine -unbequeme, weil in den Augen der Akademiker der geltenden Theorie -widersprechende Beobachtung verringerte den Wert aller übrigen, so -daß er schwer darunter leiden mußte und kränkelnd von der Reise -zurückgekehrt, hinfort nur mehr geringen Anteil an den Arbeiten der -Akademie nahm.[33] - - * - -+Thomas Youngs+ Arbeiten, durch die er zu einem Reformator der Theorie -der Optik wurde, hatten zu seinen Lebzeiten gar keinen Erfolg. +Henry -Brougham+ (1778-1868) schrieb in der angesehenen Edinburgh Review -vom Jahre 1803 sehr ungünstig über seine Arbeiten. Er vermochte in -denselben absolut nichts, was den Namen einer Entdeckung, ja nur eines -wissenschaftlichen Experiments verdiente, zu finden und konnte seinen -Bericht überhaupt nicht schließen, »ohne die Aufmerksamkeit der Royal -Society darauf zu lenken, daß sie in den letzten Zeiten so +viele -flüchtige und inhaltsleere Aufsätze in ihre Schriften aufgenommen -habe+«. Als +William Hyde Wollaston+ sich für Youngs Interferenztheorie -günstig ausgesprochen hatte, äußerte Brougham auch darüber seine -Unzufriedenheit, »daß ein so genauer und scharfsinniger Experimentator -die seltsame Undulationstheorie angenommen hat«. Die englischen -Gelehrten gingen über Youngs Arbeiten ohne weitere Diskussion zur -Tagesordnung über, die Deutschen übersetzen sie, ohne Gebrauch davon -zu machen und die Franzosen lernten sie gar nicht oder doch nur ganz -unvollkommen kennen. Schließlich wurde Young selbst wankend und bereit -sein System aufzugeben![34] - - * - -Als +Fresnel+ durch seine Arbeiten die feste Begründung der -Undulationstheorie des Lichtes gab, die Theorie der Interferenz und -Beugung des Lichtes durch seine meisterhaften Messungen bestätigte, -die Gesetze der Reflexion und Brechung des polarisierten Lichtes -entwickelte, desgleichen die der Doppelbrechung des Lichtes in -Kristallen u. a. m. konnte er doch den vollen Sieg seiner Ansichten -nicht mehr erleben. Der gefeierte Physiker +Biot+ vertrat nach wie vor -die Emanationstheorie. Ganz ungeheuerlich aber erschien den Physikern -die Annahme der Transversalschwingungen des Äthers. Weder +Arago+ noch -+Laplace+ noch +Poisson+ konnten sich zu ihr bekehren. Noch bis 1830 -blieb die Allgemeinheit der Physiker dabei, daß Emissionstheorie und -Undulationstheorie die optischen Erscheinungen ungefähr gleich gut -erklären. +Brewster+ lehnte die letztere sogar noch 1833 erbittert -ab.[35] - - * - -Als +Fraunhofer+ im Sonnenspektrum die bekannten Linien fand und -feststellte, daß sie immer unter denselben Umständen vorhanden waren -und unter allen Umständen in denselben Farbentönen liegen blieben, -was er im I. Band der Denkschriften für die Münchener Akademie der -Wissenschaften 1814/15 veröffentlichte, legten die Physiker den Linien -wenig theoretische Wichtigkeit bei. +Biot erwähnte sie+ selbst in der -3. Auflage seines Lehrbuches +noch nicht+ und die ersten Bände von -Gehlers physikalischem Lexikon machten auch nur wenig Aufhebens von -ihnen.[36] - - * - -Die Theorien der Elektrodynamik und des Elektromagnetismus, die -+Ampère+ aufstellte, wurden anfänglich von den Physikern +abgelehnt+. -+Biot+ war des Unterganges dieser Lehren ganz sicher und +erhoffte von -den Physikern, daß sie ihm seinerzeit die Ehre zollen würden, daß er -von Anfang an diese Hypothesen abgelehnt habe+.[37] - - * - -Als +Sadi Carnot+ 1824, 28jährig, sein Werk »Réflexions sur la -puissance motrice du feu et les machines propres à développer cette -puissance« veröffentlicht hatte, durch das er der +Vater der neueren -Wärmetheorie+ wurde und in dem er zum ersten Male klar und deutlich -die Erschaffung mechanischer nicht bloß, sondern auch physischer -Kräfte leugnete und das perpetuum mobile mechanicum so gut wie das -perpetuum mobile physicum, wenigstens soweit es thermodynamische -Maschinen betraf, für unmöglich erklärte, erfuhr sein Werk +völlige -Nichtbeachtung+. Weder +Berzelius+ noch +Gehlers+ Wörterbuch der Physik -erwähnen Carnot. Erst nach der Entdeckung des mechanischen Äquivalents -der Wärme fanden seine Arbeiten die verdiente Aufmerksamkeit.[38] - - * - -Die von +George Green+ 1828 gefundene Potentialfunktion wurde -+überhaupt nicht beachtet+, ebenso die Arbeiten +Hamiltons+ über -dasselbe Thema +nur wenig+. Erst als +Gauß+ 1840 die von ihm kurz -Potential genannte Funktion bearbeitete, fand sie allgemeine -Verbreitung und Anerkennung.[39] - - * - -+Faradays+ Bemerkungen über die Influenz fanden keine ungeteilt -günstige Aufnahme und die meisten Physiker, zumal die deutschen, waren -mit seiner Gegnerschaft gegen die actio in distans durchaus nicht -einverstanden. Man hielt seine Ideen von einer vermittelten Fernwirkung -für Gebilde +einer ausschweifenden Phantasie+ oder verkehrt geleiteter -Philosophie.[40] - - * - -+Euler+ führte 1762 Licht, Wärme und Elektrizität auf eine allgemeine -Ursache, den Äther, zurück. Damit kam er, trotz mancher Mängel der -Hypothese, dem Gesetz der Umwandlung der Kräfte sehr nahe und verdient -unsere höchste Bewunderung dafür, daß er vor mehr als einem Jahrhundert -nicht nur auf eine gemeinsame Wurzel aller Kräfte hinwies, sondern daß -es ihm auch gelang, wenigstens teilweise die Erscheinungen aus ihr -abzuleiten. Da er jedoch +mit Newtons Autorität kollidierte, wußten -seine Zeitgenossen sein Verdienst nicht zu schätzen+. Bezeichnend ist, -daß Priestley in seiner zu London 1772 erschienenen Geschichte der -Optik in bezug auf den großen Mathematiker es +ablehnt+, »+den Leser -mit bloßen Hypothesen aufzuhalten+«.[41] - -+Graf Rumford+ (1753-1814) hatte durch Beobachtungen beim Kanonenbohren -in den Werkstätten des Militärzeughauses zu München und daran -anschließende Versuche festgestellt, daß durch Reiben zweier Körper -aneinander unbestimmte, vielleicht unbegrenzte Mengen von Wärme erzeugt -werden könnten. Daraus folgerte er, daß man +unmöglich diese Wärme+ -selbst als einen +Stoff annehmen könne+ -- dies nach der gültigen -+Phlogistontheorie+ geschah --, sondern was durch Bewegung immer -unerschöpflich erzeugt werden könne, selbst nur Bewegung sei. Daher -müsse man alle Wärmeerscheinungen als Bewegungserscheinungen auffassen. - -+Humphry Davy+ (1778-1829) prüfte Rumfords Versuche nach und erzeugte -Wärme sogar durch Reibung von Eisstücken, wobei sich herausstellte, -daß das sich bildende Wasser eine höhere Temperatur erhielt, als die -Lufttemperatur gerade betrug. Das war eine glänzende Bestätigung von -Rumfords Versuchen. Er stellte eine Vibrationstheorie auf und erklärte -alle Erscheinungen der Wärme durch die Annahme, daß in einem festen -Körper die Teilchen in beständig schwingender Bewegung sind. Auch -+Thomas Young+, der Wiedererwecker der Undulationstheorie des Lichtes, -bekannte sich zur +Vibrationstheorie+ und gelangte zur Überzeugung, -daß Licht und Wärme aus ganz gleichartigen Schwingungen bestehen, die -sich nur dadurch unterscheiden, daß die Wärmeschwingungen langsamer -sind, als die des Lichtes. Trotzdem fühlten sich die +Physiker nicht -veranlaßt, diesen Behauptungen+ Youngs eine größere +Beachtung zu -schenken+, als seinen Bemühungen um die Reform der Optik. Die meisten -Physiker kehrten, wiewohl sie merkten, daß sich die genannten Versuche -mit der Annahme eines Wärmestoffes schwer vereinigen ließen, doch zu -ihm zurück. Man betrachtete die Erzeugung der Wärme durch Reibung nur -als einen nicht geklärten dunklen Punkt an dem sonst reinen Himmel der -herrschenden Theorie, und bemühte sich mit gutem Erfolg, diesen dunklen -Punkt ganz zu übersehen.[42] - - * - -Giovanni Battista +Guglielmini+ († 1817) stellte Berechnungen an -über die Abweichung fallender Körper von der Lotlinie und fand, daß -die östliche Abweichung eines von der St. Peterskirche in Rom 240 -Fuß hoch fallenden Körpers durch die Rotation der Erde ½ Zoll von -der Vertikalen betragen müsse. In den Jahren 1790 und 1791 machte er -diesbezügliche Versuche, die mit den Resultaten seiner Berechnung -ziemlich gut übereinstimmten. Wunderbarerweise fand er aber auch -gleichzeitig eine, allerdings geringe, südliche Abweichung. +Laplace -schloß aus dieser Abweichung+, die ihm theoretisch unmöglich erschien, -nur, daß die +ganzen Versuche gänzlich ungenau+ und +ihr Zeugnis für -die Achsendrehung der Erde ganz unkräftig sei+. - -Auch als +Benzenberg+ im Jahre 1802 vom Michelsturm in Hamburg und im -nächsten Jahre in einem Kohlenschacht zu Schlehbusch in der Mark die -Versuche mit gleichem Resultat wieder aufnahm, gelang es ihm nicht, die -meisten Physiker davon zu überzeugen, daß die südliche Abweichung in -Zusammenhang mit der Schwere und Rotation der Erde stünde.[43] - - * - -Als es +Davy+, der übrigens als Lehrling bei einem Chirurgen und -Apotheker seine glänzende Laufbahn begonnen hatte, gelungen war, noch -vor dem Jahre 1812 das +elektrische Bogenlicht+ zu erzeugen, mit dem er -Platina, Quarz, Kalk etc. schmolz, erregten diese Entdeckungen +nicht -das Aufsehen+, das man hätte erwarten dürfen. Ja, theoretisch erschien -die kolossale Wärme- und Lichtproduktion bei der geltenden materiellen -Theorie der Wärme sogar +beunruhigend+ und +unbequem+! Man beobachtete -hinfort unter den Physikern über dieses Thema +Schweigen+![44] - -+Dufay+ (1698-1733) war es ein Jahrhundert früher nicht besser -ergangen. Er hatte u. a. die Verschiedenheit der positiven von der -negativen Elektrizität entdeckt. »Das entscheidende Kennzeichen -besteht darin, daß sie sich selbst abstoßen und im Gegenteil eine die -andere anzieht.« Dieses äußerst wichtige Prinzip fand nicht gleich die -verdiente Anerkennung und ist später erst zur Geltung gebracht worden, -+ohne daß man dabei die Verdienste Dufays anerkannt hätte+.[45] - - * - -Der geniale Erfinder +Papin+, der bereits den Gedanken hatte, Wagen -durch Dampfkraft zu bewegen, der Versuche mit einem Taucherschiff -anstellte, eine Zentrifugalpumpe erfand, die ohne Ventile und Klappen -kontinuierlich das Wasser heben und auch als Blasebalg gut verwendbar -sein sollte, der ferner den nach ihm benannten Dampfkochtopf erfand, -der aber auch erst der Neuzeit die Dienste leistete, die Papin sich -von ihm versprach, hatte den +Plan, ein Schiff durch Dampfkraft zu -bewegen. Es gelang ihm jedoch nicht, die Royal Society, die überhaupt -die Entwicklung der Dampfmaschine wenig beachtete, für seine Idee zu -gewinnen.+ Er starb in Dürftigkeit.[46] - - * - -Im Jahre 1663 erschien aus der Feder des Edward +Somerset, Marquis of -Worcester+, in London ein Schriftchen unter dem Titel: A century of the -names and scantlings of such inventions as at present I can coll to -mind to have tried and perfected. Hier erwähnt unter No. 68 Worcester -eine Maschine, die, mit Dampf betrieben, Wasser in beliebiger Menge -auf beliebige Höhe fortdauernd zu heben vermag. Obwohl er auf diesen -+Vorläufer der Dampfmaschine+ im gleichen Jahre für sich und seine -Erben ein +Patent+ auf 90 Jahre erhielt, geriet die Erfindung mit -seinem 1667 erfolgten Tode bereits in +Vergessenheit+.[47] - - * - -Als Poggendorf im XLVIII. Bande seiner Annalen 1839 (S. 193) einen -Aufsatz über +Daguerres+ Erfindung der +Photographie+ brachte, -rechtfertigte er die Veröffentlichung folgendermaßen: »Bei dem -allgemeinen und, man kann wohl sagen, +übertriebenen Interesse+, -welches die Anzeige von Herrn Daguerres Entdeckung im Publikum gefunden -hat...« Das Publikum, d. h. die Nichtzünftler, hat allerdings häufig -genug mehr Verständnis für das Neue bewiesen, als die Hochgelahrten. - - * - -Das +Telephon+, die Erfindung des Autodidakten Philipp +Reis+, wurde -zwar in wissenschaftlichen Werken, ja sogar in populären Schriften -erwähnt. Das hinderte aber nicht, daß es allmählich +in Vergessenheit -geriet+. Und zwar so gründlich, daß die mit Unterstützung der -historischen Kommission der bayerischen Akademie der Wissenschaften -herausgegebene »Geschichte der Technologie« von Karl Kramarsch (München -1872) weder den Namen des Erfinders Reis, noch die von ihm geprägte -Bezeichnung Telephon aufführt. Erst als +Graham Bell+, der den Apparat -verbesserte, auch die Idee für sich in Anspruch nahm, erinnerte man -sich in Deutschland des ursprünglichen Erfinders, dessen Tage gezählt -waren.[48] - - * - -Die »Edinburgh Review« forderte das Publikum auf, +Thomas Gray+ in eine -+Zwangsjacke zu stecken, weil er den Plan von Eisenbahnen entwarf+. - - * - -Ein so großer Gelehrter wie +Sir Humphry Davy lachte+ über +die -Vorstellung, daß London einmal mit Gas beleuchtet werden solle+. - - * - -Die französische Akademie der Wissenschaften verspottete den großen -Astronomen +Arago+, als er nur das Verlangen stellte, über das Projekt -eines +elektrischen Telegraphen+ eine Diskussion zu eröffnen. - - * - -Als +Stephenson+ vorschlug, +Lokomotiven+ auf der Liverpool- und -Manchestereisenbahn zu benutzen, führten gelehrte Männer den +Beweis, -daß es unmöglich sei, zwölf englische Meilen in einer Stunde -zurückzulegen+. Eine andere hohe wissenschaftliche Autorität erklärte -es für gleich unmöglich, daß +Meeresdampfer+ jemals den Atlantischen -Ozean durchkreuzen könnten.[49] - - * - -Als die +Gasbeleuchtung+ der Straßen eingeführt werden sollte, -eiferte die +Kölnische Zeitung+ in der Nummer vom 23. April 1828 aus -theologischen Gründen dagegen. +Es sei unzulässig, die von Gott dunkel -geschaffene Nacht zu erhellen.+ - - * - -+Helmholtz+ erklärte im Jahre 1872 als Mitglied einer vom -preußischen Staate eingesetzte Kommission zur Prüfung äronautischer -Fragen für nicht wahrscheinlich, daß der Mensch, auch durch den -allergeschicktesten flügelähnlichen Mechanismus, den er durch seine -eigene Muskelkraft zu bewegen hätte, jemals sein eigenes Gewicht in die -Höhe heben und dort erhalten könne. Mag der große Gelehrte mit der -menschlichen Muskelkraft auch recht behalten haben, so +lähmte doch -anderseits seine Autorität die aviatischen Bestrebungen überhaupt+.[50] - - * - -Der Professor am Polytechnikum in Hannover und dessen nachmaliger -Rektor Wilhelm +Launhardt+ (geb. 1832), ein hochangesehener Ingenieur -und Fachschriftsteller, warnte seine Zuhörer davor, sich mit den -stets vergeblich gewesenen Versuchen zur Erfindung eines +Automobils+ -abzuplagen.[51] - - * - -Wenden wir uns nun der Medizin zu, in der es den großen Männern um kein -Haar besser erging als in den Naturwissenschaften oder der Technik. - -+Leopold Auenbrugger+ (1722-1809), Arzt in Wien, erfand die -+Perkussionsmethode+, über deren Unentbehrlichkeit zur physikalischen -Untersuchung des Körpers niemand im Zweifel ist. Und zwar fand er nicht -durch Zufall diese großartige Erleichterung der Diagnose, sondern durch -Nachdenken und Experiment, dabei ganz unvorbereitet und ohne jegliche -Andeutung früherer Beobachter. Er veröffentlichte seine hochbedeutende -Erfindung im Jahre 1761 in Wien nach siebenjähriger Vorarbeit unter dem -Titel Inventum novum ex percussione thoracis humani ut signo abstrusos -interni pectoris morbos detegendi. - -Es handelt sich hier um einen der ersten und glänzendsten Triumphe der -anatomischen Forschung, und der Gedanke liegt nahe, daß das auch die -Zeitgenossen erkannt hätten. Wer aber das Verhalten der Zunft und -Autoritäten dem Neuen gegenüber kennt, wird es weniger erstaunlich -finden, daß nur ein einziger Arzt namens +Stoll+ den Wert der -Untersuchungsmethode durch Perkussion, wenn auch nicht ihrem vollen -Umfange nach, erkannt und dieselbe geübt hat. +Van Swieten+ und +de -Haën+ schenkten Auenbruggers großer Leistung keine Aufmerksamkeit. Von -einigen Seiten wurde die Entdeckung lächerlich gemacht, von andern -mißverstanden. So schrieb unter andern +Vogel+ in einer Kritik der -Auenbruggerschen Schrift (Neue med. Bibliothek 1766, VI, S. 89), daß -dieses Inventum mit besserem Recht novum antiquum, als novum hätte -benannt werden können, +da es nichts anderes als die von Hippokrates -geübte Sukkussion sei+. - -Es ist ja eine beliebte Methode, das Neue zunächst als schlecht -abzulehnen. Dann den Nachweis zu erbringen, daß es überhaupt nicht -neu ist. Leute, deren Sitzorgane in umgekehrtem Verhältnis zu den -Denkorganen entwickelt sind, werden auch stets Anklänge in irgendeinem -alten Schmöker finden. Vogel war jedenfalls vorsichtig, als er das -hohe Alter einer Erfindung festzustellen versuchte, bevor deren Wert -anerkannt worden war. Bezeichnend ist das Urteil des berühmten +Haller+ -(Göttingische gelehrte Anzeigen 1762, S. 1013). »Alle dergleichen -Vorschläge verdienen zwar nicht auf der Stelle angenommen, aber mit -Achtung gehört zu werden.« Nur keine Eile! - -Da die wenigen günstigen Urteile keine Beachtung fanden, geriet -Auenbruggers Erfindung und Schrift in +völlige Vergessenheit+, bis der -große Pariser Arzt +Corvisart+ ihr den ihr gebührenden Platz in der -praktischen Heilkunde sicherte. Im Jahre 1808, also ein Jahr vor des -genialen Erfinders Tode, aber +47 Jahre nach ihrer Veröffentlichung+, -gab er unter dem Titel »Nouvelle methode pour reconnaître les maladies -internes de la poitrine par la percussion de cette cavité« eine -Übersetzung des Werkes heraus, deren Vorwort bewies, daß er als erster -die Bedeutung dieser Erfindung für das Heil der Kranken in ihrem ganzen -Umfange vollkommen gewürdigt hatte.[52] - - * - -Ganz ähnlich wie der Perkussion erging es der zur Diagnose nicht minder -wichtigen +Auskultation+. Der selbständige Erfinder der klinischen -Auskultation war der bekannte französische Arzt +Laënnec+ (1781 bis -1826). Zwar hatten bereits die alten griechischen Ärzte diese Methode -angewandt, sie war aber völlig in Vergessenheit geraten, so daß -Laënnecs Erfinderruhm nicht gemindert wird, um so weniger, als er auch -das Stethoskop anwandte und sich als Meister in der Determination -akustischer Zeichen erwies. Der von ihm in die Auskultation -eingeführten Nomenklatur bedienen sich noch die heutigen Ärzte. Sein -Werk ist ein vollständiges Handbuch der Diagnostik, zumal in seiner -zweiten 1826 erschienenen Auflage. Übrigens gedenkt Laënnec auch der -Perkussion, nur daß er die Leistungen dieser Methode für sich allein -für eng begrenzt und zweifelhaft hält. - -Zunächst fand Laënnec auch bei seinen Landsleuten +keine allgemeine -Anerkennung+. Man eiferte von mancher Seite gegen die »Cylindromanes«. -Besonders +Broussais+ (Examen des doctrines médicales ... T. II, -Paris 1821) hatte vielfache oft recht kleinliche Bemängelungen und -Ausstellungen. Am ersten wurde die neue Methode in England, zuletzt in -Deutschland angenommen.[53] - - * - -+Franz Anton Mesmer+ (1733-1815) suchte nachzuweisen, daß die -Himmelskörper durch ihre gegenseitigen Anziehungskräfte einen Einfluß -auf unser Nervensystem ausüben (de Planetarum influxu 1766). Ferner -beschäftigte er sich viel mit Magnetismus, den er für heilkräftig -hielt und mit dem er auch Heilungen vollführte. Als er bemerkte, daß -auch ohne Anwendung des Magnetes durch bloßes Streichen mit den Händen -eigentümliche Wirkungen hervorgebracht wurden, schloß er daraus auf -eine von ihm ausströmende, dem Magnetismus verwandte Kraft, die er -»+tierischen Magnetismus+« nannte und in sein Heilsystem aufnahm. -(Sendschreiben an einen auswärtigen Arzt über die Magnetkunde, Wien -1775.) Tatsächlich gelang es ihm, Schlaf zu erzeugen, er beobachtete -den Somnambulismus und das Hellsehen, ließ mit den Fingerspitzen -verschlossene Briefe lesen u. a. m. Andere identifizierten die -zugrundeliegende geheimnisvolle Kraft nicht mit dem Magnetismus, -sondern, wie Reichenbach mit dem von ihm angenommenen Od, oder wie -Kieser, Gmelin, Passavant mit Tellurismus, Siderismus oder Nervenäther. - -Doch die Erklärungsversuche der Phänomene haben für uns weniger -Interesse, als die Stellung der wissenschaftlichen Welt zu Mesmer. -In Wien hatte er wenig Glück. Eine Partei tat das, was dem unbequemen -Neuen gegenüber immer das Naheliegendste ist und was deshalb unsere -offizielle Wissenschaft auch heute noch den okkulten Phänomenen -gegenüber tut: +sie leugnete kurzweg alles+. Selbst Wiener Augenzeugen -(Störck, Barth, Ingenhouß) sprachen sich nicht für die Glaubwürdigkeit -seiner magnetischen Kuren aus. Nur wenige Ärzte, die die Vorgänge an -Magnetisierten beobachtet hatten, gaben ein, wenn auch nicht absolut -günstiges, so doch reserviertes Urteil über die Vorgänge ab. Zwar -begründete Mesmer in Wien ein Spital zur Ausübung seiner Heilmethode, -mußte die Kaiserstadt aber 1778 verlassen, um sich nach Paris zu -begeben. Hier wurde der Magnetismus zur Modesache. Das hinderte aber --- und mit Recht -- die Gelehrten natürlich nicht, nach wie vor ihm -kritisch gegenüberzustehen. Daß die Pariser Akademie der Wissenschaften -und die medizinische Fakultät, Instanzen, denen 1784 die Untersuchung -übertragen war, und in denen Männer wie Leroy, Bailly, Lavoisier -u. a. saßen, die Heilerfolge einfach auf die Macht der Einbildung -zurückführten und damit alle Mesmerschen Experimente leugneten, zeugt -allerdings nicht von übergroßem Scharfblick. Mesmer sah sich daraufhin -gezwungen, nach Deutschland zurückzukehren. - -Daß sich Mystik und Schwärmerei der wunderbaren Entdeckung -bemächtigten, liegt nahe, ebenso daß dadurch ernste Männer zu erhöhter -Skepsis veranlaßt wurden. Tatsächlich fiel bereits in den dreißiger -Jahren des 19. Jahrhunderts der tierische Magnetismus bei den Ärzten -in Mißachtung, nachdem er eine Zeitlang Anhänger gehabt hatte. Mesmer -aber galt hinfort als Schwindler. - -Wir wollen hier natürlich keine Lanze für den tierischen Magnetismus -brechen, noch für Reichenbachs Od oder andere Erklärungsversuche. -Wohl aber legen wir Gewicht auf die sich auch hier wiederholende -Erscheinung, daß +Tatsachen geleugnet werden, weil sie in das gerade -herrschende System nicht passen, oder weil Phantasten aus ihnen zu weit -gehende Schlüsse ziehen+. - -Doch Mesmer sollte eine, allerdings sehr späte, Rechtfertigung -erfahren. Im Jahre 1841 machte der Arzt +James Baid+ (1795-1860) in -Manchester die Entdeckung, daß bei einzelnen Individuen durch jedes -beliebige Verfahren, das die Aufmerksamkeit auf +einen+ Punkt lenkt, -ein eigentümlicher Schlaf hervorgerufen werden kann und daß dieses -Verfahren sich unter Umständen auch als Heilmittel empfehle. In seiner -1843 erschienenen Schrift nannte er diese Erscheinung Neurypnologie -(so der Titel des Buches) oder Hypnotismus. Er beobachtete dieselben -Erscheinungen wie beim Mesmerismus, verwahrte sich aber -- vielleicht -durch das Beispiel jenes gewarnt -- mit aller Entschiedenheit gegen die -Annahme einer besonderen, vom Arzt ausgeübten, Kraft und betonte, daß -sie lediglich auf einer eigentümlichen subjektiven Stimmung beruhe, -in der das Individuum durch nervöse Erregung, herbeigeführt durch -Konzentration des Geistes auf einen Gedanken, versetzt werde oder sich -selbst versetze. Erst im Todesjahre Braids 1860 wurde durch Broca und -Azam der Braidismus als ein wichtiger Fortschritt erkannt und der -Pariser Akademie der Wissenschaften davon Mitteilung gemacht. Trotzdem -blieben diese Erscheinungen bis zum Ende der siebziger Jahre ziemlich -unbekannt. Erst durch das Auftreten des gewerbsmäßigen Hypnotiseurs -+Hansen+ 1879 angeregt, haben seit 1880 die exakten Untersuchungen -von seiten kompetenter Naturforscher die +Realität der mit dem Namen -Hypnotismus bezeichneten Erscheinungen+ und die +Identität derselben -mit den von fremden Zutaten entkleideten Beobachtungen Mesmers außer -aller Frage gestellt+.[54] - -+Virchow+ blieb bekanntlich zeitlebens ein Leugner und Hauptgegner des -Hypnotismus. - -Bedenkt man nun, daß Suggestion, Hypnotismus, Somnambulismus, -Hellseherei und wie diese Erscheinungen alle heißen mögen, seit vielen -Jahrtausenden bekannt und geübt sind, daß Mesmer zuerst die Augen des -gebildeten Europa mit negativem Erfolg auf seine Experimente richtete -und daß nach seinem Tode 70, nach der ersten Veröffentlichung seiner -Beobachtungen mehr als 100 Jahre vergingen, dann wird man gegen -Negationen von Autoritäten und Akademien nicht minder mißtrauisch -werden, als man vorurteilslos an irgendwelche noch so phantastisch -erscheinende Behauptungen herantreten wird. Was aber Hypnotismus und -Suggestion ihrem Wesen nach sind, weiß man heute ebensowenig, wie in -Mesmers Tagen. Man begnügt sich mit Beschreibung der Beobachtungen -und Anwendung der gemachten Erfahrungen. Ob das aber prinzipiell den -Hypothesen eines Mesmer und Reichenbach gegenüber ein Fortschritt ist, -sei dahingestellt. Auch auf diesem Felde wird die Zukunft uns nicht -durch, sondern trotz der Autoritäten die Wahrheit entschleiern. - - * - -Die Dialectical Society in London hielt im Jahre 1869 eine große -Anzahl von Sitzungen zur Erforschung der sogenannten okkulten -Phänomene ab, an denen unter anderen bedeutenden Männern auch +Alfred -Russel Wallace+ teilnahm. Die Resultate über Tischrücken, Klopfen, -Bewegung von Gegenständen ohne Kontakt etc. waren so erstaunlich, -daß mehrere Mitglieder der Gesellschaft sich weigerten, die Schlüsse -anzuerkennen, es sei denn, der Chemiker +Crookes+ hätte sie -nachgeprüft. Der berühmte Gelehrte unterzog sich dieser Aufgabe mit -dem Erfolge, daß er die erstaunlichsten Beobachtungen der Dialectical -Society nicht nur bestätigen, sondern sogar ergänzen konnte. Z. B. -gelang es, eine Ziehharmonika ohne Berührung zum Spielen zu bringen, -Gewichtsveränderungen von Körpern zu erzielen, Tische und Stühle, ja -menschliche Körper ohne Berührung in die Höhe zu heben etc. Hatte -früher Crookes Bereiterklärung, sich der Nachprüfung zu unterziehen, -das Entzücken aller Kritiker geweckt, schlug die Stimmung ins konträre -Gegenteil um, als die Hoffnungen, der Gelehrte werde ein neues -Zeugnis zugunsten ihrer Ansichten bringen, sich nicht erfüllten. -+Die Königliche Gesellschaft in London aber+, deren Mitglied Crookes -ist, und die seine Beteiligung an den okkulten Forschungen gebilligt -hatte, solange sie annehmen konnte, es handle sich um Schwindel, -+nahm seine Schrift nicht an+, als er den Bekennermut bewies, das zu -bestätigen, was er gesehen hatte. Professor +Stokes+, der Sekretär -der Gesellschaft, weigerte sich, sich mit diesem Gegenstande zu -befassen und +auch nur den Titel unter den akademischen Publikationen -einzutragen+. Es war die genaue Wiederholung dessen, was an der -Akademie in Paris im Jahre 1853 den Versuchen des Grafen +Gasparin+ -gegenüber geschehen war und was die Londoner Gesellschaft einst -Franklins Blitzableiter gegenüber getan hatte.[55] - - * - -Als +Lombroso+ den Nachweis erbracht hatte, daß +das Pelagra+, eine -in Italien furchtbare Opfer fordernde Krankheit, durch Vergiftung mit -verdorbenem Mais entstehe, wurde diese Theorie jahrelang +mit wahrer -Wut bekämpft+, bis sie sich allgemein durchsetzte. Heute zweifelt -niemand mehr daran, daß Lombroso die Ursache des Pelagra richtig -erkannte. - -Ähnlich ging es ihm mit der Theorie des +geborenen Verbrechers+, -die auch heute noch von vielen abgelehnt wird. Immerhin ist sie ins -Strafrecht eingedrungen, z. B. in Ungarn, aber auch in Deutschland, wo -man versucht, der Person des Verbrechers Rechnung zu tragen. - -Diese einem Aufsatz von Lombrosos langjährigem Freunde A. +Pfungst+ -entnommenen Angaben sind auch deshalb interessant, weil der Autor das -Eintreten des italienischen Gelehrten für Okkultismus und Spiritismus -damit entschuldigt, »daß das Alter seine eminente Beobachtungsgabe, auf -die er sich bei den spiritistischen Experimenten blindlings verließ, -schon sehr geschwächt hatte« (S. 641). Also auch hier Theorie gegen -Beobachtung und Experiment.[56] - - * - -Karl +Schleich+, der Erfinder der subkutanen Einspritzung zur -Erreichung der Anästhesie wurde von den Kollegen heftig bekämpft. - - * - -+Lord Lister+ (geb. 1827), der Vater der modernen +Wundbehandlung+, -der zuerst Desinfektion der Wunde, dann aller mit der Wunde in -Berührung kommenden Gegenstände anwandte und empfahl, hatte zwar in -Deutschland größeren Erfolg als in seinem Vaterlande, aber auch bei uns -wurde seine großartige Entdeckung von +einigen bedeutenden Chirurgen -skeptisch aufgenommen+. Und doch wüteten damals Pyämie (Eiterfieber), -Septichämie (Blutvergiftung), Wundrose, Hospitalbrand, Lymphgefäß- -und Venenentzündung in entsetzlicher Weise. In Nußbaums Krankenhaus -verfielen diesen Infektionskrankheiten alle komplizierten Brüche, fast -alle Amputationen. 1872 kam dazu der Hospitalbrand, der sich bis 1874 -so vermehrte, daß 80% +aller Wunden+ und Geschwüre von ihm ergriffen, -vielfach Knochen abgestoßen, Gefäße angefressen wurden, und zwar in -Fällen, die vielleicht wegen eines entzündeten Fingers, einer Schrunde -am Kopf oder einer anderen Kleinigkeit ins Spital kamen. »+Eine -wirklich glatte Heilung hat man vor dem Jahre 1875 auf dieser Klinik -nie gesehen.+« Wie durch einen Zauber verschwand das alles durch -Listers große, von Nußbaum in ihrer Tragweite erkannte Erfindung.[57] - - * - -Der Pfarrer I. F. +Esper+ (1742-1810) hatte in den Gailenreuther Höhlen -der Fränkischen Schweiz zwischen den Resten vorweltlicher Tiere auch -Menschenknochen entdeckt, und die Fundgeschichte 1774 veröffentlicht. -In seinem Werke »Ausführliche Nachricht von neuentdeckten Zoolithen«, -das sich durch heute noch vollkommen brauchbare Abbildungen der von ihm -entdeckten diluvialen Höhlentiere auszeichnet, hatte er ganz im Sinne -der modernen Wissenschaft argumentiert: Der Mensch, dessen Reste mit -denen der diluvialen Säugetiere im Höhlenschlamme begraben wurden, muß -auch mit diesen Tieren gelebt haben, er war sonach Zeuge der »großen -Flut«. - -Daß sein Fund falsch gedeutet wurde, war des großen +Cuvier+ -(1769-1832) Schuld. Er erkannte zwar die wissenschaftliche Richtigkeit -des Esperschen Fundes an, aber für den diluvialen Menschen war in -seinem Weltsystem kein Raum. Seine bis vor wenigen Jahrzehnten in -der Wissenschaft herrschende Katastrophentheorie nahm gewaltige -Erdrevolutionen an, die die organischen Schöpfungen der vorausgehenden -geologischen Periode vollkommen vernichteten, so daß durch Neuschöpfung -sich nach jeder solchen Revolution die Erde neu bevölkern mußte. Da sei -es undenkbar, daß der Mensch, der Periode des Alluviums angehörig, die -Katastrophe, die vor 5-10000 Jahren das Diluvium mit Mammut, Elefant, -Nashorn etc. vernichtete, überdauert hätte. - -Cuviers Autorität wurde noch gestützt durch die der +Bibel+, deren -Sintflutsage er eine gewisse wissenschaftliche Stütze gewährte. -Deshalb wurde dieser Katastrophentheorie besonders in England, »wo -theologische Vorurteile von jeher die geologischen Anschauungen -beeinflußten«, gehuldigt. Sie erschwerte +Darwin+ und +Lyell+ den Sieg -der Evolutionstheorie, die uns heute beherrscht. - -Ohne Cuvier würde man ohne Zweifel den Homo diluvii testis, den -Diluvialmenschen, weiter gesucht haben, wie +Scheuchzer+ (1672-1733) -ihn ja bereits gefunden zu haben glaubte. Allerdings erkannte Cuvier -in der Versteinerung, die Scheuchzer in einem vortrefflichen Kupfer -publizierte und mit dem schönen Vers: - - »Betrübtes Bein-Gerüst von einem alten Sünder, - Erweiche Stein und Hertz der neuen Boßheits-Kinder« - -zierte, statt eines Kindes, einen 1 m langen +Wassermolch+.[58] - - * - -Im Jahre 1856 wurde im Devonkalk des Neandertales bei Düsseldorf -ein Skelett gefunden, das nach den geologischen Umständen des Ortes -zweifellos in außerordentlich hohe Vorzeit hinauf reicht. Heute -weiß man, zumal inzwischen in Spy, Krapina, Brünn, La Naulette und -anderwärts ähnliche Reste gefunden wurden, daß es sich hier um -Überbleibsel einer tiefstehenden fossilen Menschenrasse handelt. Das -hatte bereits Dr. +Fuhlrott+, dem die betreffenden Skelettteile zuerst -übermittelt wurden, festgestellt. Daß er damals mit seiner Ansicht -vom europäischen Urmenschen nicht durchdrang, lag an den Autoritäten. -+Professor Mayer+ in Bonn meinte, die Gebeine rührten von einem 1814 -gestorbenen Kosaken her, Professor +Rudolf Wagner+ in Göttingen -erkannte in ihnen einen alten Holländer wieder, Dr. +Pruner-Bey+ in -Paris aber einen Kelten. Maßgebend blieb die Ansicht +Virchows+, der -größten damaligen Autorität, der die Reste mit einem gichtbrüchigen -Greis identifizierte. +Ihm war es zuzuschreiben, daß lange Zeit die -Anthropologen von der richtigen Deutung abgehalten wurden.+[59] - - * - -Abraham Gottlob +Werner+ (1750-1817), hervorragender Mineraloge und -Vater der Geognosie, stellte die »neptunische Lehre« auf, d. h. die -Hypothese, daß der Ozean der Quell aller Bildungen der Erde sei und -jede neue Gestaltung im Mineralreich sich aus dem Wasser bilde. Sein -Schüler Voigt bestritt das, besonders mit Rücksicht auf den Basalt, -erlitt aber durch Werners Autorität eine Niederlage. +Erst nach seinem -Tode+ konnte +Buchs+ und +Humboldts+ Vulkantheorie Boden fassen.[60] - - * - -Über den großen 1751 bei Agram gefallenen Meteorstein schrieb der -gelehrte Wiener Professor +Stütz+ 1790: »daß das Eisen vom Himmel -gefallen sein soll, mögen wohl 1751 selbst Deutschlands aufgeklärte -Köpfe bei der damals unter uns herrschenden Ungewißheit in der -Naturgeschichte und Physik geglaubt haben, aber in unseren Zeiten wäre -es +unverzeihlich, solche Märchen auch nur wahrscheinlich zu finden+.« - -An mehreren Museen wurden solche Meteorsteine sogar +weggeworfen+, »+um -sich nicht durch das Behalten derselben lächerlich zu machen+«. - -Im gleichen Jahre 1790 fiel ein Stein bei Juillac in Frankreich nieder, -und der Maire dieser Stadt sandte einen mit der Unterschrift von 300 -Zeugen versehenen Bericht an die +Akademie der Wissenschaften+. Aber -die Herren Akademiker waren ihrer Sache zu sicher. - -Der Referent +Bertholon+ sagte, man müsse eine Gemeinde bemitleiden, -welche einen so törichten Maire habe, daß er solche +Märchen+ glaube. -Und er fügte hinzu: »Wie traurig ist es nicht, eine ganze Munizipalität -durch ein Protokoll in aller Form Volkssagen bescheinigen zu sehen, die -nur zu +bemitleiden+ sind. Was soll ich einem solchen Protokoll weiter -beifügen? Alle Bemerkungen ergeben sich einem philosophisch gebildeten -Leser von selbst, wenn er dieses authentische Zeugnis eines offenbar -falschen Faktums, eines +physisch unmöglichen Phänomens+ liest.« - -Alle, die den herrschenden Ansichten dieser Gelehrten nicht beistimmen -wollten, wurden +verlacht+. - -Der sonst sehr ruhig denkende Gelehrte A. +Deluc+ sagte sogar: Wenn -ihm ein solcher Stein vor die Füße fallen würde, müßte er zwar sagen, -er habe es gesehen, +könne es aber doch nicht glauben+. Auch +Vaudin+ -sagte, man müsse so unglaubliche Dinge +lieber wegleugnen, als sich -auf Erklärungen derselben einlassen+. - -Das war die Ansicht der französischen Akademie, die damals unter -dem Vorsitz des berühmten Laplace in der Wissenschaft unbedingt -dominierte.[61] - - * - -Als +Piazzi+ im Jahre 1801 die Entdeckung des ersten Planetoiden -Ceres machte, wies sie +Hegel+ (De orbitis planetarum, Jena 1801) aus -philosophischen Gründen zurück.[62] - - * - -Bekanntlich ist heute noch nicht der Kampf zwischen Lamarckismus und -Darwinismus völlig entschieden und wird es wohl auch nur im Sinne -einer Verschmelzung beider Lehren werden können. Da ist es nicht nur -erstaunlich, daß Lamarcks »Philosophie zoologique«, wiewohl sie in -einem naturphilosophischen Zeitalter erschien, fast unbeachtet blieb, -mehr noch ist es des großen Darwin Urteil über dieses hervorragende -Werk. Er nennt die Philosophie zoologique ein +wertloses Buch+, aus -dem er nicht +eine+ Tatsache und nicht +eine+ Idee entnommen habe. -Mit diesem widersinnigen Buche habe Lamarck der Abstammungslehre mehr -geschadet als genützt.[63] - - * - -+Herbert Spencer+ (1821-1903), der größte englische Philosoph des -ausgehenden 19. Jahrhunderts, wurde in solchem Maße als Autodidakt -behandelt, daß sein bedeutendes Buch »Social Statics«, das im ganzen -nur in erster Auflage in 157 Exemplaren erschien, +erst in 14 Jahren -abgesetzt wurde+. Als nach 24jähriger Tätigkeit sein Erfolg gesichert -war, lehnte er die dem unstudierten Manne von den Universitäten von -St. Andrews, Bologna, Cambridge, Edinburgh und Budapest zugedachte -Würde eines Ehrendoktors ab, wie er auch den Antrag der Akademien -von Rom, Turin, Neapel, Paris, Philadelphia, Kopenhagen, Brüssel, -Wien und Mailand, ihn zum korrespondierenden Mitglied zu ernennen, -zurückwies.[64] - - * - -Wie +Robert Mayers+ erste Arbeiten überall totgeschwiegen wurden, und -zwar so gründlich, daß weder in akademischen Zeitschriften darüber -referiert noch in anderen Werken von ihnen Notiz genommen wurde, so -erging es auch ähnlich +Helmholtz’+ Abhandlung »Über die Erhaltung -der Kraft«. Er sagt selbst darüber: »+Die Aufnahme meiner Arbeit in -Poggendorffs Annalen wurde mir verweigert+, und unter den Mitgliedern -der Berliner Akademie war es nur C. G. +Jacobi+, der Mathematiker, der -sich meiner annahm. Ruhm und äußere Förderung war in jenen Zeiten mit -der neuen Überzeugung noch nicht zu gewinnen, eher das Gegenteil!«[65] - - * - -Auch die prophetischen Worte E. H. +Webers+, die er im Jahre 1835 über -die zukünftigen Funktionen des elektromagnetischen Telegraphen sprach, -blieben vom Spott nicht verschont.[66] - -Übrigens hat der gleiche große Physiologe Ernst Heinrich Weber zu -wiederholten Malen +Zöllner+ gegenüber geäußert, daß von allen -wissenschaftlichen Theorien +Virchows auch nicht eine einzige das Ende -seines irdischen Daseins überdauern würde+. - - * - -Als +William Jones+ und +Henry Thomas Colebrooke+ (1765-1857) das -+Sanskrit+ erstmalig gründlich studiert, teilweise übersetzt und -gefunden hatten, daß es eine reiche Literatur und nicht geringe -Verwandtschaft mit den klassischen Sprachen aufwies, stießen sie -auf nicht geringen Widerstand. Da sich mit dieser innigen Beziehung -des Sanskrits zu den geographisch so weit entlegenen europäischen -Sprachen die alten Anschauungen, welche entweder alle Sprachen aus -dem Hebräischen ableiteten oder größtenteils von einander isolierten, -nicht in Einklang bringen lassen, so ergriff der +berühmte Philologe -Dugald Steward+ (1753-1828) den einfachsten Ausweg, indem er +die -ganze Geschichte mit der Sanskritsprache für eine Lüge erklärte+. -Er schrieb einen Essay, in dem er zu beweisen suchte, daß sie von -den spitzbübischen Brahmanen nach dem Muster des Griechischen und -Lateinischen zusammengeschmiedet sei und +die Sprache sowohl als auch -die Literatur eine Fälschung+ seien. Diese Ansicht entwickelte noch im -Jahre 1840 der Professor in Dublin, +Charles William Wall+, weitläufig -(Göttingische gelehrte Anzeigen 1842 S. 1888).[67] - - * - -Endlich wollen wir die Niederlage nicht vergessen, die sich Autoritäten -und Fachleute noch in allerletzter Zeit in der Frage der +Wünschelrute+ -holten. Bekanntlich versteht man darunter eine Rute oder auch einen -Draht, der in der Hand gewisser besonders dazu disponierter Leute durch -heftiges Ausschlagen das Vorhandensein von unterirdischen Wasserläufen -anzeigt. Auch Erzlager sollen auf diese Weise auffindbar sein. Das -Gerücht von der wunderbaren Kraft der Wünschelrute, die zumeist aus -Hasel oder Weide gemacht wird, geht seit Urzeiten im Volke. Statt nun -nachzuprüfen und dabei zu finden, daß die Beobachtungsgabe des Volkes, -wie sich schon oft zeigte, der der Gelehrten kaum nachsteht, wenn auch -die kritische Sichtung mangelhaft ist, wurde das Phänomen von den -Gelehrten +rundweg als Humbug abgelehnt+. - -Das geschah auch, nachdem Landrat von +Uslar+ unbestreitbare Erfolge -in Südwestafrika aufzuweisen hatte. Im »Prometheus« wurde in den -neunziger Jahren ein heftiger Kampf über die Möglichkeit des Phänomens -bzw. dessen Wirklichkeit zwischen Theoretikern, die negierten, und -Praktikern, die auf die unleugbaren Erfolge hinwiesen, geführt. -Besonders ein Ingenieur H. +Ehlert+ konnte sich in gehässigen Angriffen -nicht genug tun. - -Da griff in den Jahren 1908 und 1909 der Münchner Arzt Dr. +Aigner+, -also natürlich wieder ein Laie, die Frage auf und es gelang ihm durch -eine große Zahl praktischer Beweise, die er in Gegenwart von Vertretern -des Magistrates erbrachte, festzustellen, daß die Wünschelrute -tatsächlich in den Händen von gewissen Leuten die ihr zugeschriebene -Wirkung ausübt. - -Über die Erklärung des Phänomens mögen sich die Fachleute in die Haare -geraten. Das Wichtigste ist die Konstatierung der Tatsächlichkeit. -Der dem Mittelalter gemachte Vorwurf, statt die eigenen Augen zu -gebrauchen, nach »Beweisen« bei Aristoteles, Galen und anderen -Autoritäten zu fahnden, kann auch der gelehrten Zunft von heute nicht -erspart werden. Auch sie lehnt schlankweg alles ab, was nicht in ihre -Theorien und Hypothesen paßt, statt die Phänomene zu prüfen und von -der festen Basis des Experimentes aus die Richtigkeit der Theorien zu -untersuchen.[68] - - * - -Nicht nur auf dem weiten Felde der Wissenschaft, nicht minder im Reiche -der Kunst deckt sich eine Geschichte der Kritik mit einer solchen der -Blamage der Autoritäten und Sachverständigen. Es sei zugegeben, daß -gerade in der Musik sehr viel auf den Geschmack ankommt, da es einen -objektiven Maßstab entsprechend der wissenschaftlichen Wahrheit nicht -gibt. Immerhin ist es amüsant und lehrreich zu sehen, wie auf allen -Gebieten der Fortschritt sich nur im harten Kampfe mit dem Bestehenden -durchsetzen konnte. - - * - -Im »Musikalischen Wochenblatt« sprach ein zeitgenössischer Leser seine -»freimütigen Gedanken« über +Mozart+ aus und zwar +nach+ dessen Don -Giovanni: - -»Niemand wird in Mozart den Mann von Talenten und den erfahrenen, -reichhaltigen und angenehmen Komponisten verkennen. Noch habe ich ihn -aber von keinem gründlichen Kenner der Kunst für einen +korrekten+, -viel weniger +vollendeten+ Künstler halten sehen, noch weniger wird ihn -der geschmackvolle Kritiker für einen in Beziehung auf Poesie richtigen -und +feinen+ Komponisten halten.«[69] - -Übrigens beschuldigte man Mozart auch des +Plagiats+ in der Ouvertüre -zu Don Giovanni.[70] - -Mozart war, wie Brendel in seiner Geschichte der Musik schreibt, den -Zeitgenossen ein Buch mit sieben Siegeln. »Man traut seinen Augen -nicht, wenn man die damaligen Zeitungen nachliest und kaum hie und da -eine dürftige Notiz über ihn findet. Erst die Zauberflöte machte ihn -populär.« - -Doch selbst das trifft nicht ganz zu. In Schauls Briefen über Geschmack -wird gefragt, ob sich der Anfang des zweiten Finales, dem er eine -schöne Melodie zugesteht, mit +der gesunden Vernunft+ vertrüge, da -drei kleine Knaben in so schweren Halbtönen singen müßten, daß es -einem geübten Sänger schwer werde, sie rein zu treffen. Man warf ihm -auch vor, für die Instrumente Unmögliches zu schreiben. Einer der drei -Posaunisten in der Friedhofsszene erklärte: »Das kann man so nicht -blasen und von Ihnen werde ich es auch nicht lernen!« - -+Beethoven+ erging es von seiten der Kritik nicht besser. Er hatte das -gemein mit allen genialen Menschen, die neue Wege einschlugen. Die -Allgemeine Musikalische Zeitung in Leipzig, damals das einzige deutsche -kritische Organ von allgemein anerkannter Autorität, schreibt in einer -Besprechung der drei Violinsonaten op. 12: »Herr van Beethoven geht -einen eigenen Gang; aber was ist das für ein bizarrer, mühseliger -Gang! Gelehrt, gelehrt und immerfort gelehrt und +keine Natur, kein -Gesang+!«[71] - - * - -Im gleichen Organ erschien 1805 über die Eroika folgende -verständnisvolle Kritik: »Diese lange, äußerst schwierige Komposition -ist eigentlich eine sehr weit ausgeführte +kühne und wilde Phantasie+. -Es fehlt ihr gar nicht an frappanten und schönen Stellen, in denen man -den energischen, talentvollen Geist ihres Schöpfers erkennen muß: sehr -oft scheint sie sich ins +Regellose+ zu verlieren.« - -C. M. +von Weber+, der Komponist des »Freischütz«, schrieb 23jährig -über Beethoven folgendes erstaunliche Urteil: »Die feurige, ja beinahe -unglaubliche Erfindungsgabe, die ihn beseelt, ist von einer solchen -+Verwirrung in Anordnung seiner Ideen+ begleitet, daß nur seine -früheren Kompositionen mich ansprechen, die letzteren hingegen mir nur -ein +verworrenes Chaos+, ein +unverständliches Ringen+ nach Neuem sind, -aus denen einzelne himmlische Genieblitze hervorleuchten, die zeigen, -wie groß er sein könnte, wenn er seine üppige Phantasie zügeln wollte.« - -Die Kreutzersonate (op. 47) wurde zu Beethovens Zeit als +unaufführbar+ -erklärt. (Nach Schindler.) - - * - -Als +Franz Schubert+ der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien seine -große C-dur-Symphonie aus Dankbarkeit für eine ihm dargebrachte -Huldigung übergab, wurde sie von den Künstlern der Gesellschaft als -+unaufführbar abgelehnt+.[72] - -+Tieck+ nennt den »Freischütz« das »+unmusikalischste Getöse+, das je -über die Bühne getobt ist«. +Ludwig Spohr+ urteilte über die Oper auch -ungünstig. - -Über die Euryanthe schreibt die »Zeitung für Literatur, Kunst, Theater -und Mode«, nachdem sie dem Komponisten Bizarrerie und Mangel an Einheit -und Klarheit vorgeworfen hat. »+Mangel an Melodie+ zeige sich da gerade -am meisten, wo sie am ehesten zu erwarten gewesen wäre....« - -Franz Schubert sagt vom gleichen Werk, daß es »+keine Musik, keine -legitime Form und Durchführung+ enthalte, sondern lediglich auf Effekt -berechnet sei und weit hinter dem Freischütz zurückstehe.« (Nach La -Mara.) - -Dem melodienreichen Oberon ging es nicht besser. - - * - -Daß +Wagners+ Tristan für unaufführbar gehalten wurde, ist allgemein -bekannt. Merkwürdig ist, daß Mozarts Biograph +Otto Jahn+ in seinen -Gesammelten Aufsätzen über Musik nicht nur Tannhäuser ablehnt, sondern -+Wagner schöpferisches Genie abspricht+!! - -Der bekannte Tadel gegen Wagner, er übertöne mit seinen Instrumenten -die Sänger, findet sich auch schon Mozart gegenüber. Kaiser Josef II. -äußerte es gegen Dr. Hersdorf. - - * - -Endlich noch einige Urteile über +Goethe+. - -Im Oktoberheft des Jahres 1832, ein halbes Jahr nach seinem Tode, -schreibt im »Sachsenfreund«, einer damals viel gelesenen Monatsschrift, -ein Anonymus aus +Weimar+: - -»Unser Goethe ist +vergessen, wie zu erwarten war+, zu erwarten nicht -der Unempfänglichkeit halber, welche die Weimaraner für achtbare -Erscheinungen hätten, sondern seiner eigenen Individualität wegen. Der -Mensch fühlt sich nur vom Menschlichen angezogen, solange er es hat, -und sieht ihm trauernd nach, wenn’s ihm entrissen wird. +Menschliches -aber hatte Goethe nicht+, wie alle wissen, die ihn näher kannten, und -nicht, wie eine Handvoll hiesiger Goethemanen, mit Blindheit über ihn -geschlagen sind. Er fühlte und litt mit keinem menschlichen Wesen -außer ihm, und +die großen Interessen der Menschheit waren ihm völlig -fremd+, insofern nicht etwa im Gefolge derselben die aristokratischen -Gesellschaftsverhältnisse bedroht waren, an denen sein Herz hing. -Er war eine in sich abgeschlossene Marmorstatue, in welcher nur das -große Talent wohnte, die Welterscheinungen, die sich an und in ihr -abspiegelten, mit der objektivischen Anschaulichkeit und Vollendung -wiederzugeben. Einen Eindruck brachten sie aber nicht auf ihn hervor. -Denn dazu gehört das Medium des +Gemütes, und das hatte Goethe nicht+. -Darum kamen seine Ansichten und Maximen, wenn sie ihm einmal über -die weniger bewachte Lippe fuhren, dem gemütvollen Menschen fast -schauerlich vor, und man hatte Mühe, sich von der ihm innewohnenden -Selbstsucht und Härte einen angemessenen Begriff zu machen. Nie tat er -einem wohl, der ihm nicht persönlich dienstfertig dafür wurde, und für -Wohltaten wußte er seinen größten Gönnern nicht Dank. Das Testament, -das er hinterließ, zeugt für jenes, und der Mann, der fast +ohne -alle unmittelbar geleisteten Dienste+ Weimar in mehr als 50 Jahren -Hunderttausende kostete, vermachte den Armen oder irgendeinem milden -Institut bei seinem Tode -- nicht einen Heller. Seine Werke, nun ja, -sie werden ihn überleben, nämlich die sechs bis acht Bände, in die eine -kritische Hand einmal die Weizenkörner sammelt, welche in vierzig und -mehr Bänden voll Spreu enthalten sind. Diese Spreu wird aber vergessen -werden. Die Nemesis wird auch hier ihr Amt verwalten, wie sie es in -Hinsicht seiner häuslichen Verhältnisse tat.«[73] - -Des Witzes halber seien diesem klassischen Urteile eines Anonymus noch -einige neuere von katholischen Autoritäten angereiht. - -Baumgarten S. J. schreibt in »Goethes Lehr- und Wanderjahre« (Freiburg -1882, S. 99) über die Sturm- und Drangperiode: - -»Da sitzen nun die Götterjünglinge, Goethe, Lenz, Klinger, Kaufmann, -gelegentlich auch Herder und Wieland; von ferne hört man ein -Waldhorn, und der Mond hat nichts zu tun, als das phantasiebedürftige -Conciliabulum anzuscheinen. Sehen Sie, meine Herren! Hier haben wir -die Anfänge unserer unsterblichen deutschen Nationalliteratur, welche -alle bisherigen Literaturen und Kulturen eminent in sich begreift, wie -der erwachsene Mann alle früheren Stadien des Lebens. Da die Poesie -der beiden Sturm- und Drangpoeten Lenz und Klinger sich hauptsächlich -in der Analyse der gemeinsten und wütendsten Leidenschaften, toller -Liebe, Eifersucht, Unzucht, Kindsmord und anderer schauerlicher Greuel -bewegte, und da sie in Sprache und Ausdruck keine Grenzen kannte, so -läßt sich denken, was sie in halben und ganzen Nächten in Goethes -Gartenhaus verhandelt haben mögen. Gevatter Wieland hatte an solchen -Kapiteln auch seinen Spaß.« - -Über »Hermann und Dorothea« urteilt Norrenberg in seiner Allgemeinen -Geschichte der Literatur (Münster 1884, III. Bd., S. 181): - -»Nirgendwo offenbart sich Goethes Gesinnung abstoßender als in ›Hermann -und Dorothea‹. Das glaubens- und inhaltsleere, trotz aller Noblesse -spießbürgerliche Gesellschaftsleben des ausgehenden achtzehnten -Jahrhunderts ist nie mit einer so abschreckend photographischen -Treue geschildert worden, als in diesem Epos. Man muß den blasierten -Quietismus des Weimarer Lebens kennen, das versumpft in dem deistischen -Humanismus, auch in der so nahen Perspektive der tragischen Ereignisse -der französischen Revolution nicht im mindesten religiösen oder -patriotischen Aufschwungs fähig war, um diese Dichtung zu verstehen. -Ich kann mir keine entnervendere Lektüre für die Jugend denken, als -›Hermann und Dorothea‹.« - -Der verstorbene Bischof Paul Haffner (Frankfurter zeitgemäße Broschüren -II, 9 [1880]) stellt fest: - -»Es ist bezeichnend für unsere heutige Bildung, daß von Goethes -Schriften diejenigen am meisten gelesen werden, welche an obszönen -Stellen am reichsten sind.«[74] - - * - -+Heinrich Heine+ hatte im Jahre 1910, außer dem in den Herzen des -Volkes errichteten, noch kein Denkmal in Deutschland. Oder wollen wir -das literarische, das der Heinetöter Adolf Bartels Heine und sich -errichtet, dafür gelten lassen?[75] Das einzige ihm von der Kaiserin -Elisabeth in Korfu geweihte wurde +entfernt+, nachdem das Achilleion in -den Besitz Kaiser Wilhelms II. übergegangen war. - - - - -Vierter Abschnitt - -Die „Dilettanten“ und Outsider - - -Die immer fortschreitende Spezialisierung der Wissenschaften, deren -Umfang in gleicher Proportion zunimmt, wie der Gesichtskreis ihrer -Vertreter sich verengert, hat nicht nur zu einer kaum je dagewesenen -Unterschätzung des gesunden Menschenverstandes, ja des Genialen -geführt, sie geht auch mit einer übermäßigen Hochschätzung der -technischen, handwerksmäßigen Routine einher. Nur was der Spezialist -leistet, vermag sich heute durchzusetzen. Unter diesen Umständen -scheint es nicht zwecklos, den Beweis zu erbringen, daß auf allen -Gebieten nicht dem Fachmann, sondern dem »Dilettanten«, dem Outsider -die größten Entdeckungen und Erfindungen zu danken sind. Daß eine Reihe -der Größten +Autodidakten+ waren, ist nicht ohne Interesse. - -Während sich um den Fachmann, der immer mehr zum Handwerker wird, die -hohen Mauern seiner Spezialdisziplin im immer enger werdenden Kreise -schließen, ist es das verächtlich »Dilettant« genannte Genie oder doch -Talent mit weitem Horizont, das allein die Flugkraft besitzt, sie zu -überwinden. Gleicht letzteres dem Entdecker neuer Länder, so ist es -der Zünftler, der dort Käfern und Läusen nachjagt, um sie in dicken -Folianten zu edieren. - -Diesem schon wiederholt von mir ausgesprochenen Gedanken mögen die -Beweise nun folgen. - - * - -+Otto von Guericke+ (1602-1686), der größte deutsche Physiker des -17. Jahrhunderts, war von Beruf Jurist, wenn er sich auch kurze Zeit -in Leyden neben neueren Sprachen mit Physik, angewandter Mathematik, -Mechanik und Fortifikationslehre beschäftigt hatte. Im Jahre 1626 trat -er in das Ratskollegium seiner Vaterstadt Magdeburg ein, wurde dann -Schutz- oder Kriegsherr der Stadt, in welcher Stellung er während der -Belagerung durch Tilly (1631) vollauf seine Pflicht tat, wurde später -Generalquartiermeister und Ingenieur Gustav Adolfs, beteiligte sich am -Wiederaufbau der Stadt Magdeburg, wo er eine Schiffbrücke über die Elbe -legte und trieb daneben Ackerwirtschaft und Bierbrauerei. Im Jahre 1646 -wurde er zum Bürgermeister erwählt und vorzugsweise zu diplomatischen -Geschäften verwandt. So nahm er auch an den Friedensverhandlungen in -Osnabrück teil. Erst seit 1660 konnte er nach vielen Missionen in Ruhe -zu Hause leben. Seine physikalischen Versuche konnte er also +nur neben -seinem Berufe+ ausführen! - -Guericke kam zu seiner Erfindung der +Luftpumpe+ im Bestreben, den -alten philosophischen Streit über die Existenz eines leeren Raumes zu -entscheiden, und zwar als erster auf experimentellem Wege. Er wies -durch seine Versuche sowohl die bedeutende Größe des +Luftdrucks+, -wie die +Elastizität der Luft+ nach, und zwar erbrachte er den -öffentlichen Beweis 1654 auf dem Magdeburger Reichstage, also mitten -in seiner anderweitigen Berufstätigkeit. Vielleicht machte er alle -seine Entdeckungen bereits in den Jahren 1632-1638, jedenfalls sind -alle vor 1663 abgeschlossen. Dieser Dilettant erfand ferner 1657 oder -58 ein +Wasserbarometer+, 1661 das +Manometer+, bestimmte die +Schwere -der Luft+, bewies, daß zum Brennen Luft gehöre und die Flamme die -Luft verzehre, konstruierte eine +primitive Elektrisiermaschine+, die -hinreichte, um die Tatsache des elektrischen Abstoßens und Leuchtens -zu finden und vervollständigte die magnetischen Kenntnisse seiner -Zeit. Ferner stellte er zuerst im Mittelalter die Meinung auf, daß die -Wiederkehr der Kometen sich bestimmen lassen müsse.[76] - -Wie Herr Professor A. Gudemann mir mitzuteilen die Liebenswürdigkeit -hatte, war auf letzteren Gedanken bereits Seneca (nat. Quaest. 7, 25, -7) gekommen. »Es wird einmal jemand kommen, der beweist, in welchen -Teilen die Kometen umlaufen, warum sie so getrennt von den anderen -umlaufen, wie viele und in welcher Beschaffenheit sie sind.« - - * - -+Simon Stevin+ (1548-1620) war ursprünglich Kaufmann, dann -Steueraufseher in seiner Vaterstadt Brügge, endlich Oberaufseher der -Land- und Wasserwerke in Holland, dann Generalquartiermeister. Er -erwarb sich große Verdienste um das Artillerie- und Befestigungswesen, -erfand den +Segelwagen+ und den +Segelschlitten+, stellte 1586 die -erste richtige Theorie über die +schiefe Ebene+ auf, deutete den -Satz vom +Parallelogramm der Kräfte+ an, erklärte das +Gleichgewicht -in kommunizierenden Röhren+, führte die +Dezimalbruchrechnung+ 1596 -ein und sprach schon aus, daß dadurch die Dezimalteilung von Maßen, -Gewichten und Münzen nötig würde. Endlich erwarb er sich als Geograph -und durch die unter dem Namen Hylokinese veröffentlichten Prinzipien -der tellurischen Morphologie Verdienste.[77] - - * - -+J. Baptista Benedetti+ (1530-1590) hatte nie eine Schule besucht -und nur unter Tartaglia die vier ersten Bücher des Euklid gelesen, -wonach er sich dann allein weiterbildete. Trotzdem ließ er schon mit -23 Jahren das bedeutende Werk »resolutio omnium Euclidis problematum« -erscheinen, in welchem er alle Probleme des großen Griechen mit +einer+ -Zirkelöffnung lösen lehrte. In einem späteren Werke bewies er Kenntnis -der Beharrung eines Körpers auch in der Bewegung, behauptete, daß alle -Körper ohne Rücksicht auf ihr Gewicht von gleicher Höhe in gleicher -Zeit zur Erde fallen und daß im Kreise geschwungene Körper, sich selbst -überlassen, in der Tangente des Kreises fortgehen. Endlich löste er die -Aufgabe vom schiefen Hebel.[78] - - * - -+Giambattista della Porta+ (1538-1615), ein reicher neapolitanischer -Edelmann, betrieb die Physik als Liebhaberei. Trotzdem haben wir in -ihm den Erfinder der +camera obskura+ und einer Art +laterna magica+ -zu erblicken. Er erkannte auch zuerst, daß man in einem Hohlspiegel -die Brennpunkte aller Strahlen, die in der Nähe der Achse einfallen, -ohne merklichen Fehler in den Mittelpunkt des Halbkreises setzen könne. -Porta wurde später von der Inquisition der Zauberei und übernatürlicher -Kräfte angeklagt.[79] - - * - -Der Begründer der Pflanzenphysiologie war +Stephan Hales+ -(1677-1761), ein sehr tüchtiger +Theologe+ und Pfarrer in -verschiedenen Grafschaften. Noch einmal zeigte sich in ihm der -originelle Erfindergeist und die gesunde, urwüchsige Logik der großen -Naturforscher aus Newtons Zeitalter. Sein »Statical essays« (1727) -war das erste umfangreiche, ganz der Ernährung und Selbstbewegung der -Pflanzen gewidmete Werk. Es berücksichtigte zwar die ältere Literatur, -teilte aber doch im wesentlichen neue Untersuchungen des Verfassers -mit. Eine Fülle neuer Experimente und Beobachtungen, Messungen und -Berechnungen vereinigen sich hier zu einem lebensvollen Bild.[80] - - * - -+Halley+ (1656-1742), übrigens der Sohn eines Seifensieders, hatte -bekanntlich die Wiederkehr des nach ihm benannten +Kometen+, der auch -in diesem Jahre erschien, im Jahre 1703 berechnet und auf den Anfang -des Jahres 1759 vorherbestimmt. Alle Astronomen Europas suchten daher, -als das Jahr 1758 seinem Ende sich näherte, den Himmel mit Fernrohren -ab, jedoch vergeblich. Anders der +Bauer+ Johann +Palitzsch+ -(1723-1788). Schon als Hüterjunge hatte er sich für die Sternenwelt -interessiert, dann sich durch Selbststudium ansehnliche astronomische -Kenntnisse erworben. Als nun der Siebenjährige Krieg sein Vaterland -Sachsen heimsuchte, versteckte er seine primitiven astronomischen -Instrumente, aus Furcht, sie könnten ihm gestohlen werden. Um die -Weihnachtszeit 1758 trat in der Kriegsführung eine Pause ein. Diese -benutzte er dazu, um sein Fernrohr auszugraben und die Stelle des -Himmels abzusuchen, wo er den Komet erwartete. Tatsächlich entdeckte -er ihn als erster als nebeligen Stern im Sternbild der Fische. Damit -hatte der +Bauernastronom einen Vorsprung vor der ganzen Welt gewonnen+ -und sein Name wurde überall genannt. In Paris sah man ihn erst vier -Wochen später. Palitzsch blieb hinfort mit der Londoner Akademie in -ständiger Korrespondenz. Übrigens war er nichts weniger als einseitig, -besaß vielmehr bedeutende botanische und physikalische Kenntnisse, die -ihn dazu befähigten, im Großen Garten zu Dresden einen Süßwasserpolypen -zu entdecken. Er errichtete auch als erster in Sachsen 1775 einen -+Blitzableiter+ und zwar auf dem Schloßturm in Dresden. Er blieb bis zu -seinem Tode, durch zahlreiche Ehrungen ausgezeichnet, ein schlichter -Landmann.[81] - - * - -+Thomas Young+ (1773-1829) studierte Medizin und betrieb nur nebenbei -mathematische, physikalische, botanische und philologische Studien. -Von 1801 bis 1804 war er Professor an der Royal Institution, von 1811 -bis zu seinem Tode war er Arzt am St. Georges-Hospital in London. -Seine wissenschaftlichen, +überall wertvollen Arbeiten+ betreffen -+Mechanik+, +Optik+, +Wärmetheorie+, +Akustik+, +theoretische Chemie+, -+die Bewegung des Blutes+, den +Schiffbau+, die +mittlere Lebensdauer -des Menschen+, die +Dichte der Erde+, das wahrscheinlich richtigste -Resultat aus mehreren Beobachtungen, die +Ursache der Schwere+, +Ebbe+ -und +Flut+, die +Figur der Erde+, die +Mondatmosphäre+. Er leistete -auch wichtige Dienste für die Entzifferung der +Hieroglyphen+. Außerdem -war er schriftstellerisch tätig, ein gründlicher Kenner der Musik, -ausgezeichneter Maler und geübter Reiter, der gegen Kunstreiter -Wetten gewann. Er war ein Vorkämpfer gegen die Emissionstheorie, -von der er sich bereits 1801 in einer der Royal Society vorgelegten -Abhandlung zugunsten der Undulationstheorie lossagte. Schon in seiner -1800 erschienenen akustischen Abhandlung hatte er eine epochemachende -Entdeckung gemacht, die ihn zum Reformator der Theorie der Optik werden -ließ: die +Interferenz von Wellenbewegungen+.[82] - - * - -+Humphrey Potter+ war, wie berichtet wird, an der Konstruktion der -ersten praktisch tätigen +Dampfmaschine+, die 1711 zu Wolverhamton für -einen Herrn Back zum Heben von Wasser aufgestellt wurde, beteiligt. -Und zwar sei er als +Knabe+ mit dem Auf- und Zudrehen der Hähne, -welche den Dampf oder das kalte Wasser vom Dampfzylinder abschlossen, -beauftragt gewesen. Weil ihm diese Manipulationen zu langweilig -wurden, habe er die Hähne durch Bindfäden so mit dem Balancierer der -Maschine verbunden, daß +dieser statt seiner das Umstellen derselben -zur richtigen Zeit besorgte+. Daß diese geniale Erfindung der -Vervollkommnung der Dampfmaschine vorausgehen mußte, ist hinlänglich -bekannt.[83] - - * - -Der geniale Erfinder Denys +Papin+ (1647-1710, vgl. S. 54) war -studierter +Mediziner+. - - * - -+Maupertuis+ (1698-1759) war ursprünglich Soldat und zwar von -1718-1723. Er entdeckte das Prinzip der kleinsten Wirkung, nach dem -alle mechanischen Probleme analytisch zu lösen waren.[84] - - * - -+Benjamin Franklin+ (1706-1790) war der Sohn eines unbemittelten -Seifensieders, besuchte, da er früh seinem Vater im Geschäft helfen -mußte, eine mittelmäßige Schule mit nur geringem Erfolg und erwarb -sich später seine Kenntnisse +ohne Lehrer. Ohne jegliche Gymnasial- -oder gar Universitätsbildung+, allein durch Selbststudium, brachte er -es nicht nur zu einem hervorragenden Staatsmann, sondern auch zu einem -epochemachenden Gelehrten. Seine Erfindung des Blitzableiters und -andere große Taten sind zu bekannt, um hier näher dargelegt zu werden. -Sicher ist, daß die Welt es nur dem Fehlen der gelehrten Zunft und des -Befähigungsnachweises in Amerika zu danken hat, wenn dieser seltene -Mann seinen Fähigkeiten gemäß Großes leisten durfte.[85] - - * - -Doch wie so oft zwei Personen gleichzeitig ein Problem lösen, so auch -beim Blitzableiter. Gleichzeitig und unabhängig von Franklin wurde er -auch in Europa erfunden, und zwar von +Prokop Divisch+ zu Prenditz bei -Znaim im Jahre 1750. Der Erfinder war wieder kein Fachmann, sondern ein -Pfarrer.[86] - - * - -+Luigi Galvani+ (1737-1798) war Professor der Medizin und beschäftigte -sich besonders mit vergleichender Anatomie und Physiologie. Ist die -Tatsache, daß hier wieder kein Fachmann, sondern ein Outsider eine der -großartigsten Entdeckungen machte, schon bemerkenswert genug, so sind -es die Nebenumstände nicht minder. Wie er in seiner 1791 erschienenen -Schrift »De viribus electricitatis in motu musculari commentarius« -erzählt, trug sich die Geschichte seiner Entdeckung folgendermaßen zu: -»Ich zerschnitt einen Frosch..., legte ihn, ohne etwas zu vermuten, -auf die Tafel, worauf die Elektrisiermaschine stand, die gänzlich -vom Konduktor getrennt und ziemlich weit davon entfernt war. Als -aber einer meiner Zuhörer die Spitze des Messers von ungefähr ein -wenig an die inneren Schenkelnerven brachte, wurden die Muskeln aller -Glieder sogleich zusammengezogen, als ob sie von heftigen Konvulsionen -ergriffen würden. +Ein anderer von den Anwesenden+ glaubte zu bemerken, -es geschähe nur zur Zeit, wenn der Konduktor einen Funken gäbe. Er -bewunderte die Neuheit der Sache und machte mich, der ich eben etwas -ganz anderes vorhatte, aufmerksam darauf.« - -Wer der »andere von den Anwesenden« war, ist niemals mit Sicherheit -festgestellt worden. In Bologna ging das Gerücht, es sei +die eigene -Gattin Galvanis gewesen+. Danach gebührte ihr ein nicht geringes -Verdienst an dieser unsterblichen Entdeckung.[87] - -Wie Wilhelm Ostwald in seiner »Entwicklung der Elektrochemie« erzählt, -verdankte Galvani gerade der +Lückenhaftigkeit seiner Kenntnisse+ diese -Entdeckung, da die damaligen Theorien, wenn er sie gekannt hätte, eine -Erklärung des Phänomens geboten hätten. - - * - -+Etienne Louis Malus+ (1775-1812) war auf der polytechnischen Schule -gebildet, wurde 1796 Kapitän im Geniekorps, erkrankte als Teilnehmer -an der ägyptischen Expedition an der Pest, wurde, nach Frankreich -zurückgekehrt, von 1806-1808 Unterdirektor der Fortifikationen in -Straßburg und im folgenden Jahre Examinator an der polytechnischen -Schule in Paris. Dieser Offizier entdeckte die +Polarisation des -Lichtes+, was er schon 1808 dem Institute von Frankreich mitteilte. -Er gab auch alle Methoden an, die zu einer richtigen Beschreibung und -Messung der Polarisationserscheinungen dienlich sind.[88] - - * - -+Augustin Jean Fresnel+ (1788-1827), der in höchst genialer Weise -die Anwendung der Undulationstheorie auf die Polarisation und -Doppelbrechung des Lichtes bewerkstelligte, war Ingenieur, also -ebenfalls kein Fachmann.[89] - - * - -+Johann Fraunhofer+ (1787-1826) war der Sohn eines armen Glasers, in -dessen Geschäft er so viel helfen mußte, daß er bis zum +14. Jahre -des Lesens und Schreibens unkundig+ blieb. Nachdem er schon vorher -bei einem Spiegelmacher und Glasschleifer in der Lehre gewesen war, -kam er 1806 in das mechanisch-optische Institut von Utzschneider in -Benediktbeuern, in das er 1809 als Teilhaber eintrat. Als die Anstalt -1819 nach München verlegt worden war, wurde er dort Professor. Die -genialen Arbeiten dieses Selfmademan über das +Spektrum+, sowie seine -+Fernrohre+ sind hinlänglich bekannt. Zu beachten aber ist, daß viele -dieser großen Entdecker nicht nur Dilettanten im Sinne der Zunft waren, -sondern auch im jugendlichsten Alter in bahnbrechender Weise die -Wissenschaft förderten.[90] - - * - -Besonders das mathematische Talent zeigt sich häufig sehr früh. So -bezog +William Thomson+, der von nahezu beispielloser Frühreife -war, im +Alter von 10 Jahren die Universität+. +Gauß+ schrieb seine -1804 erschienenen »Disquisitiones Arithmeticae«, die höchste seiner -Leistungen, als +Primaner+. +Evariste Galois+, dem manche die größte -mathematische Begabung aller Zeiten zuerkennen wollen, schrieb eine -Reihe von Arbeiten als 20jähriger Jüngling innerhalb von +drei Wochen+, -einer ihm bis zu einem Duell, in dem er fiel, verbleibenden Frist. -Die Pariser Akademie, die diese Arbeiten gegenwärtig herausgibt, ist -bereits bis zu ihrem +achten Bande+ gekommen! - -+Niels Henrik Abel+ schrieb seine ersten Abhandlungen mit 18 Jahren -und starb mit 27 Jahren, nachdem er seinen Namen gegen den des großen -Gauß gestellt hatte. +William Thomson+ aber löste noch als Knabe an der -Universität Glasgow eine Preisaufgabe über die Gestalt der Erde und -behandelte in Cambridge mit 18 Jahren in einer grundlegenden Abhandlung -die Analogie der Theorie der Wärmeleitung in festen Körpern mit der der -elektromagnetischen Anziehung streng mathematisch.[91] - - * - -Hier mag auch an die bekannte Tatsache erinnert werden, daß +Pierre -Fermat+ (1601-1665), ein so hervorragender Mathematiker, daß bis heute -noch trotz eines Preises von 100000 M. es nicht gelingen wollte, seine -berühmte Gleichung elementar zu lösen, +Jurist+ war. - -+André Marie Ampère+ (1775-1836) wuchs auf einer kleinen Besitzung -seiner Eltern bei Lyon auf. Hier war der Knabe viel auf sich selbst -angewiesen und versuchte seinen Wissensdurst durch das Studium des -großen Dictionnaire von D’Alembert und Diderot zu stillen, dessen 20 -Bände er gründlich und ohne Auslassung durcharbeitete. Später -- nach -der Hinrichtung seines Vaters war er ein Jahr in geistige Apathie -verfallen -- regte ihn die Botanik und das Studium der lateinischen -Dichter vor allem an. Um sich eine Lebensstellung zu schaffen, wurde -Ampère 1796 Privatlehrer der Mathematik in Lyon und studierte in den -+Mußestunden+ die Chemie von Lavoisier. Dieser geniale Autodidakt -wurde Lehrer der Physik an der Zentralschule zu Bourg im Jahre 1807, -später Professor an der polytechnischen Schule zu Paris. Von 1800-1820, -wo seine elektrischen Untersuchungen begannen, beschäftigte er sich -viel mit mathematischen Arbeiten. Über ihn urteilt Maxwell (Lehrbuch -der Elektrizität, Berlin 1883, II, S. 216): »Ampères Untersuchungen, -durch die er die Gesetze der mechanischen Wirkungen elektrischer -Ströme aufeinander begründete, gehören zu den +glänzendsten Taten, -die je in der Wissenschaft vollbracht worden sind+. Theorie und -Experiment scheinen in voller Macht und Ausbildung dem Hirn des -›Newton der Elektrizität‹ entsprungen zu sein. Seine Schrift (Théorie -des Phénomènes etc.) ist in der Form vollendet, in der Präzision des -Ausdrucks unerreichbar, und ihre Bilanze besteht in einer +Formel, aus -der man alle Phänomene, welche die Elektrizität bietet, abzuleiten -vermag+, und die in allen Zeiten als Kardinalformel der Elektrodynamik -bestehen bleiben wird.«[92] - - * - -Die Voltasche Säule wurde von +Cruikshank+ (1745-1800), Arzt und -Chemiker seines Zeichens, verbessert durch einen Trog, in den 60 -aufeinandergelötete Plattenpaare von Zink und Silber eingelassen -wurden. Die Zwischenräume zwischen den Plattenpaaren füllte er mit -salzsaurem Ammoniak. Eine bedeutende Verbesserung brachte +Wilkinson+, -ein Londoner Wundarzt, an, indem er diese Trogapparate in ihrer -äußeren Einrichtung den heutigen Tauchbatterien annäherte. Weiter auf -diese Details einzugehen ist zwecklos. Desto interessanter aber die -Feststellung, daß zwei so wichtige Fortschritte elektrotechnischer Art -von Nichtfachleuten herrühren.[93] - - * - -+Chladni+ (1756-1827), der Vater der Akustik, der unter anderem -die nach ihm genannten berühmten Klangfiguren entdeckte, studierte -auf den Wunsch seines Vaters +Jura+ und erst nach dessen Tode -Naturwissenschaften. Erst im Alter von 19 Jahren fing er an, Klavier -zu spielen und erfand 1790 im Euphon ein neues Toninstrument, mit -dem er als Virtuose Kunstreisen machte, von deren Ertrag er sich ein -beträchtliches Vermögen ersparen konnte.[94] - - * - -+Thomas Johann Seebeck+ (1770-1831), der Entdecker des heute -Thermoelektrizität genannten »Thermomagnetismus«, hatte +Medizin+ -studiert, lebte dann als +Privatmann+ in Jena, Bayreuth und Nürnberg -und wurde 1818 Mitglied der Berliner Akademie. Also auch er war kein -Fachmann; so wenig wie +Carnot+, der +Vater der neuen Wärmetheorie+, -insofern dieselbe mathematisch ist und man die Größenverhältnisse der -Wirkungen betrachtet. Er war nach Absolvierung der polytechnischen -Schule 1814 französischer Genieoffizier, trat 1819 als Leutnant in -den Generalstab ein und wandte sich, da er nicht befördert wurde, -dem Studium der Wärmeerscheinungen zu. Nachdem er 1828 seinen -Abschied genommen hatte, starb er 1832 im Alter von 36 Jahren. Aus -hinterlassenen Papieren geht hervor, daß er bereits den +Satz von der -Erhaltung der Kraft allgemein ausgesprochen hat+, in der Form, »daß -die bewegende Kraft in der Natur eine unveränderliche Größe ist, daß -sie im eigentlichen Sinne des Wortes weder geschaffen noch zerstört -wird«.[95] - - * - -+Michael Faraday+ wurde 1791 als Sohn eines Hufschmiedes geboren. Im -Alter von 13 Jahren trat er bei einem +Buchhändler und Buchbinder+ -ein, um dort acht Jahre zu bleiben. In seinen Mußestunden las er Mrs. -Marcets Gespräche über Chemie und aus der Encyklopädia Britannica -die Abhandlungen über Elektrizität und bemühte sich auch, die dort -angegebenen Versuche zu wiederholen. 1810 und 1811 erlaubte ihm sein -Meister, an einigen Abenden populäre Vorlesungen eines Herrn Tatum -über Physik zu besuchen. 1812 hörte er die vier letzten Vorlesungen -Humphrey Davys. Auf Grund seiner Ausarbeitung der gehörten Vorlesungen, -die er an Davy sandte, erhielt dieser Autodidakt 1813 die Stelle eines -Assistenten am Laboratorium der Royal Institution, trat dann mit Davy -eine größere Reise an und hielt 1816 seine erste Vorlesung. 1824 wurde -er, nicht ohne vorheriges Widerstreben Davys, zum Mitglied der Royal -Society gewählt, und nun folgten die Ehren schnell. - -Faraday war einer der bedeutendsten Naturforscher aller Zeiten, dessen -Entdeckungen zahllos sind. Er hatte auch schon die klare Einsicht in -die +Einheit aller Naturkräfte+, welche die moderne Physik erst nach -längerer Zeit und nach vielen Kämpfen sich erworben hat. Die Idee -der gegenseitigen Umwandlungsfähigkeit der Naturkräfte war bei seinen -bedeutendsten Entdeckungen der leitende Gedanke.[96] - - * - -+George Green+ (1793-1841), der 1828 die Potentialfunktion zur -Bestimmung physikalischer Kräfte zuerst einführte, war Sohn eines -Bäckers und Müllers und +setzte anfangs das Gewerbe seines Vaters -fort+, um später in Cambridge zu studieren.[97] - - * - -+Siméon Denis Poisson+ (1781-1840) wurde in der Jugend zu einem -verwandten +Chirurgen+ in die Lehre geschickt, +da der Familienrat -ihn der geistigen Anstrengungen eines Notariates nicht für gewachsen -hielt+. Hier war er +gänzlich unbrauchbar+. Als er 1798 in die -polytechnische Schule eintrat, behauptete er immer den ersten Platz, -wurde bereits 1800 Repetent und 1806 Professor. Er hat sich um die -mathematische Mechanik große Verdienste erworben.[98] - - * - -+Julius Robert Mayer+ (1814-1878), der Entdecker des Gesetzes von der -+Erhaltung der Energie+, aus dem er die Äquivalenz von Arbeit und Wärme -folgerte und das mechanische Äquivalent der Wärme berechnete, war -+Arzt+. Als Schiffsarzt machte ihn 1840 in Java die veränderte Farbe -des Venenblutes darauf aufmerksam, daß zwischen dem Stoffverbrauch -und der produzierten Wärme im menschlichen Körper ein direkter -Zusammenhang bestehen müsse. Seiner Arbeit »Bemerkungen über die -Kräfte der unbelebten Natur« +versagte Poggendorff die Aufnahme in -seine Annalen der Physik und Chemie+, wie +er auch keine der späteren -Arbeiten Mayers abdruckte+. - -Also auch der Entdecker eines der größten physikalischen Gesetze war -kein Fachmann, sondern ein junger Arzt.[99] - - * - -Das andere Genie, das sich mit diesem Thema befaßte, das uns in -ungeahnter Weise einen Einblick in die Ökonomie des Weltalls eröffnet, -und der auch das Glück hatte, Anerkennung zu finden, war ebenfalls kein -Physiker, sondern der Besitzer einer +Bierbrauerei+: +James Prescott -Joule+ (1818-1889). Er begründete die mechanische Wärmetheorie auf -experimentellem Wege und zwar in völliger Unabhängigkeit von Mayer. - -Die Hauptabhandlung des 32jährigen erschien 1850, nachdem er bereits -1843 Gedanken geäußert hatte, die an Kühnheit den Mayerschen von 1845 -fast gleichkamen. Übrigens war Joule auch der Begründer der Kinetischen -Theorie der Gase.[100] - - * - -Auch +H. Helmholtz+, der dritte Große auf diesem Felde, war, als -er im Jahre 1847 seine Abhandlung »Über die +Erhaltung der Kraft+« -veröffentlichte, in der er mathematisch das Gesetz bewies, nicht -Physiker oder Mathematiker, sondern ein +junger Arzt+. Helmholtz, 1821 -geboren, studierte Medizin, wurde 1843 Militärarzt in Potsdam, 1848 -Lehrer der Anatomie an der Kunstakademie in Berlin und erst 1871 -- -nach verschiedenen anderen Stellen als Professor der Physiologie -- -Professor der Physik in Berlin.[101] - - * - -+Leclerc de Buffon+ (1707-1788) studierte Mathematik und Physik und war -Intendant des Jardin royal des plantes in Paris. Wiewohl er also +nicht -Geologe+ von Fach war, ja auf geologischem Gebiete nur in beschränktem -Maße als Beobachter und Forscher tätig war, +bekämpfte+ er bereits die -Annahme einer universellen +Sintflut+ und erkannte u. a., daß ein Teil -+der in der Erde begrabenen Fossilien zu erloschenen Arten gehört+. -Auch lehrte er die Abplattung der Erde an den Polen und Erhöhung am -Äquator. Zittel sagte von Buffon: »Ein Vergleich der Epoques de la -nature (1778) mit den zum Teil kindischen Hypothesen seiner Vorgänger -und Zeitgenossen zeigt am deutlichsten die geistige Überlegenheit des -großen Naturforschers.« Die Grundgedanken dieses Outsiders haben sich -als richtig bis heute bewährt.[102] - - * - -+Leopold von Buch+ (1774-1852) galt mit vollem Recht für den größten -Geologen seiner Zeit. Weder er noch +Alexander von Humboldt+ -(1769-1859), dessen Auftreten durch die Anregung, die er auf weite -Kreise ausübte und der in Deutschland der jungen Wissenschaft viele -Freunde und Anhänger zuführte, wie das Buffon und Cuvier in Frankreich -getan hatten, nicht hoch genug zu veranschlagen ist, haben +je ein -öffentliches Lehramt bekleidet+. In völlig unabhängiger Lebensstellung -widmeten sie sich ganz der Wissenschaft, darin ihrem großen englischen -Kollegen +Lyell+ (1797-1875) gleichend. - -Die größten Geologen waren also entweder überhaupt nicht Fachleute im -strengen Sinne oder doch nicht zünftige Gelehrte.[103] - - * - -Der französische Ingenieur +Claude Chappe+ hatte einen +optischen -Telegraphen+ im Jahre 1792 konstruiert, der schon zwei Jahre später -zwischen Paris und Lille fertiggestellt wurde, um bald in der Länge -von etwa 5000 km sich durch ganz Frankreich zu ziehen. Die 300 km von -Paris nach Toulouse wurden in 20 Minuten durch die Zeichensprache -zurückgelegt. Da aber nur an hellen Tagen, wenn es weder regnete noch -schneite, telegraphiert werden konnte, war die Benutzung der Linien vom -Zufall abhängig. Darüber sprach im Jahre 1809 der bayerische Minister -Graf Montgelas in Gegenwart des +Professors der Anatomie Thomas -Sömmering+. Da dieser sich in seinen Mußestunden mit allen möglichen -Dingen beschäftigte, kam er auch auf den Gedanken, die Elektrizität zu -verwenden und konnte schon acht Wochen später der bayerischen Akademie -der Wissenschaften einen von ihm erfundenen +elektromagnetischen -Telegraphen+ vorführen, den ersten elektrischen Telegraphen, den -es je gegeben hat. Wenn auch das System unpraktisch oder doch sehr -kostspielig war, so hatte er zweifellos das Verdienst, gezeigt zu -haben, daß man die Elektrizität überhaupt zum Zwecke der Telegraphie -benutzen könne. - -Merkwürdig ist aber, daß ein so genialer und weitblickender Mann wie -+Napoleon+ sich allein abfällig über die Erfindung äußerte und sie -wegwerfend als »une idée germanique« bezeichnete. Oder sollte ihn die -Unvollkommenheit im praktischen Sinne dazu bewogen haben?[104] - - * - -+George Stephenson+ (1781-1848), der Hauptbegründer des -Eisenbahnwesens, der auch die erste Eisenbahn zur Beförderung von -Personen zwischen Stockton und Darlington baute, fing seine glänzende -Laufbahn als einfacher +Dampfmaschinenwärter+ an.[105] - - * - -+Samuel Morse+ (1791-1872) war +Maler+. Auf der Heimreise von Europa, -wo er die Mal- und Zeichenschulen studiert hatte, nach Amerika, -entwarf er 1832 einen +Drucktelegraphen+ und das nach ihm benannte, -aus Punkten und Linien bestehende +Zeichensystem+. 1837 erhielt er auf -seine Erfindung ein amerikanisches Patent und baute 1843 die erste -Versuchslinie zwischen Washington und Baltimore ein. Die Erfindung -dieses Autodidakten und Outsiders wurde bekanntlich allgemein -eingeführt.[106] - - * - -Der Erfinder des +Kehlkopfspiegels+ war nicht etwa ein Arzt, sondern -der berühmte +Gesanglehrer Manuel Garcia+ (1805-1906). Diese Erfindung -ermöglichte erst die Laryngoskopie.[107] - - * - -Wie die Erfinder des Luftballons, Joseph Michel +Mongolfier+ -(1740-1810) und Jacques Etienne +Mongolfier+ (1745-1799) -Papierfabrikanten waren, so die der drei +lenkbaren Luftschiffe+, des -starren, halbstarren und unstarren Systems, sämtlich nicht Fachmänner, -sondern, wie jedermann weiß, die Offiziere Graf +Zeppelin+, Major -+Groß+ und Major +von Parseval+. - - * - -Übrigens war der erste, der einen noch dazu erfolgreichen Versuch zur -Konstruktion eines lenkbaren Luftschiffes machte, ein armer römischer -+Schuster+, der im Palazzo Aldobrandini wohnte. Dort besuchte ihn Le -Bar, der Erzieher Napoleons III., mit seinem Zögling am 18. November -1823. Die Flugmaschine bestand aus zwei Teilen, von denen der eine -den Ballon in horizontaler Richtung halten, während der andere die -Sicherheit der Fahrt verbürgen sollte.[108] - - * - -+Daguerre+ (1783-1851), der im Jahre 1838 die Erfindung der -+Photographie+ machte, d. h. das Licht zur Bildererzeugung zwang, war -nicht nur kein Fachmann, sondern sogar »eigentlicher Fachkenntnisse -bar« und seines Zeichens +Maler+. Ursprünglich war er Steuerbeamter -gewesen. Übrigens hatten sich schon vorher Physiker (+Davy+ und -+Wedgewood+) erfolglos damit beschäftigt.[109] - - * - -+Foucault+ (1819-1868) veröffentlichte seine berühmten +Pendelversuche+ -»Démonstration physique du mouvement de rotation de la terre au moyen -du pendule« im Jahre 1850, also 31jährig. Er bekleidete damals die -Stellung eines +Redakteurs+ des wissenschaftlichen Teiles des Journal -des Débats. - - * - -Die ersten Versuche zur Umwandlung der Elektrizität in Töne machte -1837 +Page+ (1812-1868). Er war seines Zeichens Agent und Patentanwalt -in Washington. +Ph. Reis+ (1834-1874) trat 1850 als Lehrling in ein -Farbwarengeschäft zu Frankfurt a. M. ein und studierte privatim -seit 1853 Mathematik und Naturwissenschaften. Um das Jahr 1860 -konstruierte der erst 24jährige Autodidakt das erste +Telephon+, an -dem er seit 1857 gearbeitet hatte. Das erste praktisch verwendbare -Telephon aber konstruierte der +Taubstummenlehrer Graham Bell+, geb. -1847 in Boston, im Jahre 1876. Also kein einziger Physiker, sondern -ausschließlich »Dilettanten«, von denen noch dazu kein einziger das 30. -Lebensjahr erreicht hatte, waren die Erfinder dieses außerordentlichen -Verkehrsmittels.[110] - - * - -Die beiden Weltfirmen Siemens & Halske in Berlin und Karl Zeiß in -Jena sind aus bescheidenen mechanischen Werkstätten hervorgegangen -und verdanken ihre Blüte dem Eintritt von Männern, die außerhalb -der Zunft standen. Dort des +Artillerieoffiziers Werner Siemens+ -(1816-1892), dessen Erfindungen und Verbesserungen, besonders auf dem -Gebiet des Telegraphenwesens, außerordentlich zahlreich sind; hier -des Universitätsdozenten +Ernst Abbe+. +Karl Zeiß+ (1816-1888) selbst -besaß +keine Universitätsbildung+, sondern hatte vor der Prima das -Gymnasium verlassen, um dann in mechanischen und Maschinenwerkstätten -zu lernen.[111] - - * - -Der Erfinder des +Zweirades+, +Karl von Drais+ (1784-1851), war -von Beruf nicht etwa Mechaniker, sondern badischer Forstmeister. -Er war auch der erste, der eine +Schreibmaschine+, und zwar auf -stenographischer Grundlage, konstruierte.[112] - - * - -+Charles Darwin+ (1809-1892), über dessen Leistungen sich wohl jedes -Wort erübrigt, war in der Schule des Dr. Buttler in Shrewsbury ein -so +schlechter Schüler+, daß sein Vater ihn mit 16 Jahren herausnahm -und +Medizin+ studieren ließ. Da er auch da nichts leistete, widmete -er sich nach zwei Jahren in Cambridge der +Theologie+, in der er nach -drei Jahren das Baccalaureusexamen bestand. Nebenher interessierte -er sich für Mineralien, Pflanzen, Muscheln, Insekten, aber auch -für Münzen und Siegel, die er sammelte. Auch Geologie, Botanik und -besonders Zoologie zog er in den Bereich seines Interesses, ohne aber -den Vorsatz, Geistlicher zu werden, um dieser Liebhabereien willen, -zu denen noch leidenschaftliche Liebe zur Jagd kam, aufzugeben. Nach -seinem eigenen Geständnis »würde er sich damals für verrückt gehalten -haben, wenn er in den ersten Tagen nach Eröffnung der Rebhuhnjagd -zugunsten von Geologie oder einer anderen Wissenschaft auf die Jagd -hätte verzichten wollen«. Als für die fünfjährige Weltumseglung des -englischen Kriegsschiffes »Beagle« ein Naturforscher gesucht wurde, -empfahl Professor Henslow Darwin. Da aber dessen Vater kein rechtes -Vertrauen zur Ernsthaftigkeit des Jünglings hatte, schrieb er ab, -und nur dem Zufall ist es zu danken, daß aus der Reise doch etwas -wurde. Tatsächlich trat er sie (1831) an, +ohne in irgendeiner der -vier Wissenschaften, auf welche er während der Reise hauptsächlich -sein Augenmerk zu richten hatte: Zoologie, Botanik, Geologie und -Paläontologie, ein abgerundetes Schulwissen zu besitzen+. Dafür besaß -er allerdings den freien, durch keine Lehrmeinungen beeinträchtigten -Blick für die Erscheinungen der Umgebung, ein Gewinn, der fürstlichen -Lohn trug. So hat der in der ersten Hälfte der Zwanziger stehende -Forscher, der schon vor der Reise die Flimmerlarven der Moostierchen -und das Keimen der Pollenschläuche entdeckt hatte, auf ihr die Theorie -der Entstehung der Korallenriffe, ja, seine +Deszendenztheorie+ -aufgestellt. Der große Forscher und edle Mensch hat niemals ein -öffentliches Lehramt bekleidet.[113] - - * - -Darwin mag uns daran erinnern, daß außer den bereits oben genannten -noch eine Reihe von +schlechten Schülern+ mit ihren Erfolgen im -späteren Leben ganz zufrieden sein konnten. Bekanntlich war +J. -J. Rousseau+ ein solcher Ausreißer, der nach einer jämmerlichen -Schulbildung seinem Meister, einem Kupferstecher in Genf, 16jährig -durchging, später Bedienter wurde, sich auch eine Zeitlang einem -Hochstapler anschloß und sich als schon berühmter Mann vom -Notenabschreiben nährte. - - * - -+Liebig+ erzählt von sich selbst, daß er als Schüler keine Erfolge -hatte. +Bürger+ wurde als zwölfjähriges Bürschchen von der Stadtschule -zu Aschersleben geschwenkt, der große Dichter +Shelley+ erlebte -auf der Schule zu Eton ein gleiches Schicksal und nochmals auf der -Universität zu Oxford. Auch Edgar +Poe+ wurde relegiert. +Schiller+ -ging bekanntlich von der Karlsschule durch, der Turnvater +Jahn+ aber -entfloh dem Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin. - - * - -+Van Erpecum+, ein Schüler an der Höheren Schule in Batavia, machte die -Beobachtung -- es dürfte 1902 gewesen sein --, daß in einem bis zum -Rande mit Wasser und darin herumschwimmenden Eisstückchen gefülltem -Gefäß das Wasser nicht überfloß, als das Eis schmolz. Daraus folgerte -er das »+Gesetz der permanenten Oberfläche+«, das er mit Hilfe seines -Lehrers in den Sitzungsberichten der Kgl. Niederländischen Akademie der -Wissenschaften veröffentlichte.[114] - - * - -Wie die genialsten Gedanken und Beobachtungen in den -Naturwissenschaften und der Technik von Dilettanten bzw. Outsiders -stammen, also von Männern, die nicht der gelehrten Zunft angehörten -und häufig das Gebiet nur im Nebenfach bestellten, sahen wir -eben. Ja, wir trafen auch in späteren Jahrhunderten eine Reihe von -Männern, die auf vielen Gebieten geniale Bahnbrecher wurden, wie das -in der Renaissance so häufig war. Ebenso verhält es sich auch in -den Geisteswissenschaften. Auch hier ist der Beweis nicht schwer zu -erbringen. - - * - -+William Jones+ (1746-1794) war es, der sich zuerst eine eindringende -Kenntnis des Sanskrit erwarb und in wesentlich richtigen und -geschmackvollen Übersetzungen erprobte. Er führte Cakuntala so gut wie -die Gesetze des Manu und Teile der Rigveda in die europäische Literatur -ein. Natürlich war er nicht Philologe oder Orientalist von Fach, -sondern +Oberrichter+ in Fort William in Bengalen.[115] - - * - -Der erste, der +Sanskrit+ und seine Literatur in wahrhaft -philologischem Sinne behandelte -- schreibt Benfey -- und dadurch einen -sicheren Grund für eine Sanskritphilologie legte, war Henry Thomas -+Colebrooke+ (1765-1837). Auch er war +Jurist+, nämlich Richter in -Mirzapoor in Indien, dann politischer Resident am Hofe von Berar.[116] - - * - -Der erste Entzifferer der +Keilinschrift+ war der klassische Philologe -Georg Friedrich +Grotefend+ (1775-1853). Die größten Kenner der -Keilinschriften räumen ihm nicht nur die Priorität der Entzifferung, -sondern auch die Größe der Entdeckung an sich ein, wie sie auch die -Bedeutung seiner Methode für die weiteren Entzifferungsversuche -anerkennen. Schon im Jahre 1802, also 27jährig, legte Grotefend seine -ersten Entzifferungsresultate der Göttinger Akademie der Wissenschaften -vor. Das erstaunlichste war nun, daß dieser Mann, der die Genialität -besaß, die seit Jahrtausenden schweigenden Steine zum Reden zu bringen, -+gar nicht Sanskrit konnte+![117] - - * - -Der Ruhm, den rechten Weg zur Entzifferung der +Hieroglyphen+ gefunden -und weiter gegangen zu sein, gebührt dem englischen +Arzt+ Thomas -+Young+, von dessen Genialität im Reiche der Naturwissenschaften wir -schon früher Zeugen waren. Er veröffentlichte 1815 in dem Cambridger -»Museum criticum« eine mutmaßliche Übersetzung des ganzen demotischen -Teils der Inschrift von Rosette, die Entzifferung sämtlicher darin -vorkommender Eigennamen und außerdem die Erklärung von 80 andern -Wörtern und ein aus diesen Erklärungen sich ergebendes demotisches -Alphabet. Er entdeckte sogar, daß viele Wörter nicht alphabetisch, -sondern symbolisch geschrieben seien. Eine außerordentliche Förderung -ließ Jean François +Champollion+ le jeune (1790 bis 1832) der -Entzifferung der Hieroglyphen angedeihen, ja, er ist der eigentliche -Vater der neuen Wissenschaft geworden. Er war seit 1809 Professor der -+Geschichte+ in Grenoble. Ihm glückte die Entzifferung 1822, also in -seinem 32. Lebensjahre.[118] - - * - -Enden wir hier das Kapitel. Wohl niemand wird mehr bestreiten wollen, -daß uns der Beweis gelang. Und doch können wir mit einem Trostwort -schließen. - -Die Universitäten sind im allgemeinen nicht schlechter geworden. Sie -verbannen heute die Genialität nicht weiter von sich als in früheren -Jahrhunderten. Sie waren immer eine Organisation der Mittelmäßigkeit. - - * - -Das sei zum Schluß durch Beispiele und Worte eines berufenen Kenners -belegt. - -+Georg von Peurbach+, dem bereits Padua und Bologna einen Lehrstuhl -für Astronomie angeboten hatten, las in Wien als Magister der -Artistenfakultät 1434-1460 vorzugsweise über römische +Dichter+. -Nur 1458 hielt er eine mathematische Vorlesung. Sein großer Schüler -+Regiomontanus+ war an keiner Universität, sondern in Nürnberg tätig, -da er an den damaligen Universitäten +wenig Förderung seiner Studien -zu finden meinte+. Georg Kaufmann konstatiert, daß »die Wirksamkeit -der beiden großen Astronomen und Mathematiker, die den +Ruhm der -Wiener Universität zu bilden pflegen+, der Wiener Universität -nur lose verwandt waren, daß ihre Studien außerhalb des Rahmens -ihrer akademischen Tätigkeit lagen, und daß sie die Ordnung des -mathematischen Unterrichts in Wien nicht umgestaltet haben.«[119] - - * - -Es ist immer dieselbe Sache: Von der Universität und der gelehrten -Zunft gering geschätzt oder bekämpft, wird der »Dilettant« nach -seinem Tode mit Gewalt zum Professor und Kollegen gestempelt. Denn, -wollte die gelehrte Zunft auf die Outsider verzichten, dann wäre -das gleichbedeutend mit einem Verzicht auf die größten Förderer der -Wissenschaft. - - +Anm.+ Hierzu ist in meinem Buch: »Dinge, die man nicht sagt«, das - Kapitel: »Kunst und Dilettantismus« zu vergleichen, das noch eine - Reihe Ergänzungen liefert. - - - - -Fünfter Abschnitt - -Von Universität und Schule - - -Die mittelalterlichen Scholaren der Artistenfakultät, also die große -Masse, lebte in den Bursen in größtem Zwang. Sie standen den ganzen Tag -unter Aufsicht, ihr Aufstehen, Essen und Trinken, Studium, Ausgehen, -alles war vorgeschrieben, das Verbot der Wirtshäuser und Tanzräume, des -Kartenspiels bestand bei ihnen wie bei unsern Mittelschülern, kurz, sie -waren durchaus unfrei im Gegensatz zum modernen Studenten, hinter dem -sie an Lebensalter allerdings bedeutend zurückstanden. - -Nichts aber wäre falscher, als die Annahme, sie hätten deshalb einen -halbwegs anständigen Lebenswandel geführt. So muß ein Heidelberger -Statut von 1466 verbieten, daß die Scholaren den Magister +während der -Vorlesungen+ durch Geschrei und Schimpfreden +störten+, oder dadurch, -daß sie einen Fuchs zwängen, +das Salve anzustimmen+ oder +mit Dreck -würfen+. Schon früher mußte in Heidelberg verboten werden, +in den -Vorlesungen mit Steinen zu werfen+ oder ähnlichen Unfug zu verüben. Wer -während der Vorlesung mit Steinen wirft -- heißt es dort 1444 -- oder -andere Unverschämtheiten sich zuschulden kommen läßt, dem soll -- man -meint das Sitzorgan gegerbt werden. O nein -- dem soll +eine Vorlesung -als versäumt angerechnet werden+! - -Die groben Späße der Scholaren arteten bisweilen geradezu in Verbrechen -aus. Sie plünderten die Gärten der Bürger, drangen nachts in die -Häuser, beleidigten die Braut auf dem Zuge zur Kirche, drängten sich in -Hochzeitsgesellschaften und wollten hier die Herren spielen, erregten -nachts Waffenlärm, indem sie auf die Steine der Straßen schlugen, und -griffen die Wächter an und wer sonst über die Straße kam. An allen -Universitäten ereignete sich dergleichen Unfug. In Köln, Heidelberg und -anderwärts kam es wiederholt zu förmlichen Tumulten, bei denen +Sturm -geläutet+ und das Banner entfaltet wurde. - -Nur +einen+ Unfug kannte man damals noch nicht, den der späteren -Duelle. Von ihnen findet sich keine Spur. Beleidigungen wurden von -Magistern und Scholaren auf dem Rechtswege ausgetragen, ohne Schaden -an ihrer Ehre. Sonst setzte es tüchtige Prügel ab, was jedenfalls -weit verständiger ist, als die Säbelschlägerei und Pistolenschießerei -zwischen den dümmsten Grünlingen, die sich in ihrer funkelnagelneuen -Ehre jeden Augenblick beleidigt fühlen. Wer den haarsträubenden Unfug -und den frivolen Leichtsinn vieler studentischer »Ehrengerichte« kennt, -wird das nur bestätigen können.[120] - - * - -Einst frug der Kurfürst Christian von Sachsen Friedrich Taubmann -(1565-1613), »was die Studenten in Wittenberg machten? Taubmann stehet -von der Taffel auff, gehet mit dem Degen in den Hoff hinunter, hauet -in die Steine, grabet etliche auss und wirfft zu dem Churfürsten in -die Fenster und schreyet: ›Herunter, du Penal, du Spulwurm‹ etc. Der -Churfürst läßt ihm sagen: Er sol nur auffhören, er hätte Bescheids -genug.«[121] - - * - -Prinz Wilhelm von Nassau-Dillenburg erzählt in seiner 1694 abgefaßten -Reisebeschreibung über die Studenten in Padua: »Padua ist eine -weitläufige, aber menschenleere Stadt, in deren Straßen man auch im -größten Regen trocken einhergehen kann, unter den Gängen, die vor den -Häusern sind. Es ist aber wunderlich, daß dort +die Studenten Macht -haben, Arme und Beine nicht nur sich selbst, sondern auch Fremden zu -zerschießen+. - -Sobald es Nacht wird, gehen sie gewaffnet in Scharen aus, auf -verschiedenen Parteien, und verstecken sich hin und wieder hinter die -steinernen Pfeiler. Kömmt einer, so rufen sie ihn an: Qui va li? Da -trägt es sich bisweilen zu, daß man zwischen zwei Qui va li? kömmt, -und also in der größten Gefahr ist. -- Auch dieses läßt die Republik -(Venedig) aus Politik zu.«[122] - - * - -Das wilde Leben der Scholaren wurde durch das ihrer Lehrer höchstens -noch übertroffen. Da ist verboten, daß +ein Magister mit einem Stein, -einem Becher oder etwas ähnlichem werfe+. Wer nur den Arm zum Werfen -erhob, aber nicht warf, hatte zehn neue Groschen Strafe zu zahlen, -wer warf, aber nicht traf, hatte acht Gulden zu erlegen, wer aber -traf, wurde nach der Größe des Schadens bestraft. Auch +Faustschläge+ -und +Reißen an den Haaren+ hatten ihre +Tarife+! Man stelle sich -vor: Professoren! Niemand sollte auch durch das Fenster einsteigen. -Tief blicken läßt die Bestimmung, daß kein Lehrer ad commodum suum -meretricem (zu seinem Nutzen eine Prostituierte) ins Kollegium -mitbringen dürfe. Das war sehr teuer und kostete eine ganze Jahresrente -als Strafe, ebenso wie das andere Verbot, das man zu erlassen für nötig -befunden hatte: vel actum venereum inibi exercere (den Beischlaf dort -auszuüben). Bei den Disputationen aber war das Verbot von Schimpfworten -wie ketzerisch, der Ketzerei verdächtig, Eselei oder Dummheit -verboten.[123] Leider besitzen wir keine Instanz, die aus den Polemiken -unserer Gelehrten die Schimpfereien und Lackelhaftigkeiten entfernte, -die immer noch an den sozialen Tiefstand früherer Jahrhunderte -unliebsam erinnern. - - * - -Von der kläglichen Finanzlage, in der sich in der Regel die -mittelalterlichen Universitäten, Fakultäten und Professoren befanden, -gibt eine Vorstellung die Motivierung der Wiener Fakultät für das -Unterlassen einer Beschickung der Nürnberger Tagung, auf der der Kaiser -über die Berufung eines andern Konzils verhandeln wollte. Sie schreibt -am 30. Dezember 1442: »weil die Universitätskasse vollkommen leer sei -und die Universität selbst in großen Schulden stecke.« - -Mag auch der Wunsch, sich überhaupt zu drücken, bei der Schwarzfärbung -mitbestimmend gewesen sein, so beweisen doch die Schwierigkeiten, die -die gleiche Universität hatte, um ihren Gesandten 1433 in Basel mit -Geld auszustatten, daß Schmalhans Küchenmeister war. Jeder Professor -hätte im Durchschnitt jährlich drei Gulden beisteuern müssen. Das -ist allerdings sehr viel, wenn man bedenkt, daß der Mindestbesoldete -nur 30 Gulden im Jahre an Gehalt erhielt und daß nur die Professoren -der oberen Fakultäten -- in Wien etwa 30 Gelehrte -- Einnahmen von -80-100 Gulden buchen konnten. Ganz wenige unter ihnen zogen bedeutende -Revenuen aus Prüfungen, sowie ihrer Praxis als Anwälte oder Ärzte.[124] - -Jede Nebeneinnahme war natürlich hochwillkommen. Am meisten warfen -die Promotionen in den oberen Fakultäten ab. Der Doktorand war -verpflichtet, an die bei der Promotion anwesenden Magister und -Doktoren Geschenke zu verteilen, und zwar zumeist ein Paar Handschuhe, -wobei auch wohl unterschieden wurde, wer solche aus Hirschleder -bekommen solle oder aus einer geringeren Qualität. Auch ein Barett, -ein Geldstück oder einige Ellen Tuch waren übliche Geschenke. In -Frankfurt wurden zwischen den Doktoren der oberen Fakultäten förmliche -Verträge geschlossen, welche z. B. den Doktoren der Medizin das Recht -verbürgten, bei der Promotion von Juristen und Theologen mit solchen -Geschenken bedacht zu werden und umgekehrt. Dazu mußte der Doktorand -Wein und Konfekt den Examinatoren und dem Kanzler liefern und den -Doktorschmaus, dem sich bisweilen auch ein Ball anreihte, bezahlen. Da -ist es dann kein Wunder, wenn die Kosten einer Promotion enorm waren. -So mußte in Leipzig zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein Doktor der -Rechte bei seiner Promotion für Gelage, Umzüge, Musik und Geschenke die -Summe von 250 Dukaten aufwenden.[125] - - * - -Wie kläglich die finanzielle Lage der Professoren war, geht aus -einer Klageschrift der Universität Heidelberg von 1462 an den Papst -hervor. Sie seien großenteils alte Männer, die von ihrer akademischen -Tätigkeit leben müßten und gezwungen wären, zu +betteln+, wenn der -Papst ihnen die mit ihren Professuren verbundenen Pfründen entzöge. -Deshalb möchte der Papst ihre unentschiedene Stellung in den wegen der -Konzilien entstandenen Parteikämpfen nicht verübeln, da sie auch von -ihrem Landesherren abhängig seien. »Wenn wir ihm nur im geringsten -entgegentreten, dann verlieren wir unsere Einkünfte.«[126] - - * - -Nach einer Urkunde vom Jahre 1804 erhielt +Immanuel Kant+ folgendes -Gehalt: »I. Als Professor der Logik und Metaphysik 1) Salarium 166 -Thaler 60 Grsch. 2) Zulage 86 Thlr. 73 Grsch. 16⅕ Pf. 3) Accise -26 Thlr. 50 Grsch. (quartaliter zahlbar). 4) Mühlen-Gefälle (als -annuum fällig den 1. April) 4 Thlr. 5) Thalheimsche Gefälle (als -annuum fällig den 19. Juni) 17 Thlr. 53 Grsch. 3 Pf. 6) An Getreyde -44 Schffl. Roggen, quartaliter zu berechnen, aber gewöhnlich erst -im letzten Quartal zu empfangen. Diese sind im Etat à 40 Grsch. p. -Schffl. angeschlagen auf 19 Thlr. 50 Grsch. 7) Aus dem Stipendio -Gerhard Janseniano (als annuum fällig den 31. Dezbr.) 75 Grsch. 8) -An Zinsen aus der philosophischen Fakultät (halbjährig in Ostern und -Michael fällig) 10 Thlr. 88 Grsch. 1⅛ Pf. 9) Ex Signis Initiationis -(halbjährlich in Ostern und Michael fällig) nach der Fraktion 27 Thlr. -17 Grsch. 15 Pf. 10) An Censur-Gebühren nach der Fraktion 6 Grsch. -11) An Holz 5 Achtel, welche von der Königl. Holz-Cämmerey im ersten -Quartal des Etats-Jahres pränumerando geliefert werden. Diese sind im -Etat à 5 Thlr. p. Achtel angeschlagen auf 25 Thlr. Summa als Professor -385 Thlr. 43 Grsch. 17 (17-13/40) Pf.« Dazu kommt sein Gehalt II. -als Senator, der sich in ähnlicher Weise zusammensetzt, in Höhe von -43 Thlr. 59 Grsch. 17 Pf., ferner der als Senior der philosophischen -Fakultät in der Höhe von 100 Thalern und endlich eine außerordentliche -Zulage aus der kgl. Ober-Schul-Kasse im Betrage von 220 Thalern. Mithin -stand sich der größte Denker, den Deutschland, vielleicht die Erde am -Ende des 18. Jahrhunderts besaß, auf +749 Thaler, 23 Groschen und 10 -Pf. im Jahre+![127] - - * - -An der Leipziger Universität gab es im Mittelalter ein großes und ein -kleines Kolleg, in denen die Studenten, wie ja damals allgemein üblich, -auf Grund besonderer Statuten gemeinsam lebten. Diese Statuten nun -bestimmten nicht nur die Reihenfolge, in der bei Tisch die Speisen -anzubieten waren, sie enthielten auch die Vorschrift, daß +kein -Kollegiat in den Vorlesungen oder Disputationen Sätze aufstellen -dürfe, die der Mehrheit der Kollegiaten mißfielen+. Wer es doch tat und -auf die Mahnung nicht hörte, +verlor Tisch und Einkünfte+, bis er vom -Kollegium wieder zu Gnaden aufgenommen war. Es war also möglich, daß im -Kleinen -- acht Stellen aufweisenden -- Kolleg eine Meinung zulässig -war, die im Großen Kolleg mit 22 Stellen verboten war und man fand -nichts Entehrendes darin, eine wissenschaftliche Ansicht durch einen -Majoritätsbeschluß einer derartigen Genossenschaft zu unterdrücken und -offen durch solche Mittel auf die Gesinnung zu wirken. Mag es sich auch -entsprechend der ganzen mittelalterlichen Methode um die einfältigsten -Spitzfindigkeiten gehandelt haben, so war darum die Vergewaltigung der -Lehrmeinung nicht geringer.[128] - - * - -Das ist weniger verwunderlich, wenn man weiß, daß jedem -mittelalterlichen Universitätslehrer nicht nur die Kleidung, in der -er allein Vorlesungen halten durfte, sondern auch +Inhalt und Form -des Unterrichts genau vorgeschrieben+ waren. Und zwar nicht etwa bloß -das Buch, sondern auch der +Kommentar+, die +Glosse+ und damit der -+ganze Gang und Hauptinhalt der Erklärung+. Ferner ob und wieviel -er diktieren, ob er aus dem Heft vortragen oder wenigstens einen -Gedächtniszettel benutzen dürfe. Es war auch verboten, in einer -Stunde mehr oder weniger als die von der Fakultät vorgeschriebenen -Abschnitte durchzunehmen. War auch meist freier Vortrag gefordert, so -tadelt ein Ingolstädter Gutachten von 1507 es doch als verwerfliches -Virtuosentum, daß der Doktor Theoderich, ein Jurist, Text und Glossen -aus dem Gedächtnis anführe, statt sie aus dem Buch vorzulesen. Der -Lehrer war in solcher Weise +nach allen Seiten hin gebunden+ und wurde -so sehr nur als Werkzeug betrachtet, daß er nicht nur sich -- wie -unsere heutigen Volksschullehrer, sofern sie Religionsunterricht zu -erteilen haben -- den in den vorgeschriebenen Büchern und Kommentaren -vertretenen Ansichten anzuschließen hatte, sondern auch +Methode und -Meinung wechseln mußte, wenn die Fakultät die Bücher wechselte+. - -So konnte der Streit von zwei Schulen der Kommentatoren über die -logischen Lehrbücher zu einem Kampf an den Universitäten und unter den -Universitäten werden, wie der berühmte zwischen den +Realisten+, die -sich bei der Erklärung der Aristotelischen Logik und des allgemein -gebrauchten Kompendiums des Petrus Hispanus den älteren Kommentatoren, -Albertus Magnus, Duns Scotus, Thomas von Aquino u. a. anschlossen, -und den +Nominalisten+, die an Occam anknüpften. Letztere, die auf -Wortformen der Begriffe und Verhältnisse des Satzbaues das Hauptgewicht -legten, wurden die größten Meister spitzfindiger und sophistischer -Dialektik. Es handelte sich lediglich um einen literarischen, keinen -spekulativen Parteigegensatz. - -Nun ist nichts bezeichnender für das Wesen der mittelalterlichen -Universität und den Lehrzwang, den sie ausübte, als die Tatsache, daß -die eine Richtung die andere +nicht neben sich duldete, vielmehr an der -einen Universität nur nach der alten, an der andern nur nach der neuen -Methode gelehrt werden durfte+. - -Als sich Hieronymus von Prag, der sich am 7. April 1406 in Heidelberg -hatte immatrikulieren lassen, mit Leidenschaft in einer Disputation -zum Realismus bekannte, die Fakultät die Aufstellungen des Hieronymus -widerlegen ließ und Hieronymus hierauf wieder antworten wollte, +wurde -den Studierenden bei ihrem Eide untersagt, dem Akte anzuwohnen+! Weiter -beschloß die Fakultät, daß fortan kein auf einer andern Universität -ausgebildeter Bakkalar oder Magister in die Fakultät aufgenommen -werden solle, bevor er sich +eidlich verpflichtet+ habe, keine Frage -zu determinieren, ohne vorher dem Dekan seine Aufstellung vorzulegen -und zu +schwören, sie auf dem Katheder wörtlich und ohne jede Änderung -vorzutragen+. - -Noch im Jahre 1452 mußte sich +jeder Magister+ in Heidelberg bei -der Aufnahme in die Fakultät +eidlich verpflichten+, nur auf Grund -der neuen, vor allem durch Marsilius von Padua eingeführten, -nominalistischen Methode zu lehren. Einige Lehrer, die den alten Weg -für richtiger hielten, mußten ausscheiden. Erst ein Machtwort des -Kurfürsten Friedrich beseitigte dieses Monopol. - -In Tübingen, das schon 1477 beiden Richtungen gleiche Geltung -einräumte, konnte ein Scholar oder Bakkalar nicht, wie seit 1452 in -Heidelberg, beliebig bei Lehrern der einen oder andern Partei hören, -vielmehr hatte er sich für einen von beiden zu entscheiden und in dem -gewählten Wege die Grade zu erwerben. - - * - -+Die unbestrittene Autorität des Aristoteles+ in den weltlichen -Wissenschaften wurde +sowohl von den Nominalisten, als von den -Realisten anerkannt+. Beide Parteien stimmten darin überein, daß sich -+niemand von seiner Lehre entfernen dürfe+, es sei denn, einer seiner -Sätze widerstreite der Kirchenlehre. In diesem Falle solle man darauf -hinweisen, daß Aristoteles nach der bloßen Vernunft urteile, ohne durch -den Glauben erleuchtet zu sein. So zu den Scholaren zu sprechen war -in Heidelberg ausdrücklich vorgeschrieben. Zugleich wurde jeder +neue -Magister eidlich verpflichtet, die Worte des Aristoteles und seines -Kommentators als feste und gewissermaßen unzweifelhafte Wahrheit zu -verkünden+.[129] - - * - -Als +Petrus Ramus+ um die Erlaubnis gebeten hatte, in Genf lehren -zu dürfen, erhielt er von Beza (1519-1606), dem Nachfolger -Calvins, die für die nicht eben freie Stellung der neuen Kirche zu -Aristoteles charakteristische Antwort: »+Die Genfer haben ein für -allemal beschlossen, weder in der Logik, noch in irgendeinem andern -Wissenszweige von den Ansichten des Aristoteles abzuweichen.+«[130] - - * - -Georg Kaufmann, der hervorragende Kenner unseres mittelalterlichen -Universitätswesen, urteilt über die Bedeutung der Hochschulen für die -Entwicklung der Wissenschaften wie folgt: »Alle Fakultäten hielten bis -ans Ende der Periode (also bis zur Reformationszeit) die Lehrziele und -die Lehrmethode fest, die ihre Statuten aus dem 14. Jahrhundert zeigen, -und soweit sie neuen Ansprüchen und Regungen Raum ließen, geschah es -fast immer auf Drängen von Personen und Behörden, die +außerhalb+ der -Universitäten standen, oder ihnen doch nur lose und äußerlich verbunden -waren. - -Der Scholar, Bakkalaureus, Lizentiat oder Doktor der Medizin des Jahres -1490 war noch ganz mit denselben Büchern, Kenntnissen und selbst Sitten -ausgestattet, wie wir ihn im Jahre 1390 verlassen haben. - -Genau so verhielt es sich in der Artistenfakultät. Um 1500 verfolgte -man ungefähr die gleichen Ziele, wie um 1400 und hatte auch noch -dieselben Lehrbücher.«[131] - - * - -Im Jahre 1471 trug sich nach derselben Quelle ein Ereignis zu, das -selbst im Mittelalter, das an Sonderbarkeiten gewiß nicht Mangel -litt, selten war. +Sechs Schustergesellen sandten nämlich der -Universität Leipzig einen Fehdebrief!+ Sie sagten darin, daß ihnen -von vier Scholaren Gewalt geschehen sei, ohne daß ihnen dafür Recht -geworden wäre. So wollten sie sich denn erholen an allen denen, -»dye do Studenten synt, junck adir alt«. Die Landesherren erließen -allerdings einen Befehl auf Ergreifung der sechs Schustergesellen, aber -merkwürdigerweise +unter gleichzeitiger indirekter Anerkennung des -Fehderechtes+. Nur weil sie nicht zuerst vor den Gerichten über das -ihnen angetane Unrecht Klage geführt, sondern gleich Fehde angesagt -hätten, wurde gegen sie eingeschritten. Außerdem rief die Universität -die geistliche Gerichtsbarkeit gegen die Feinde auf. - - * - -Ernster lief eine Affäre ab, die hier mitgeteilt werden möge, wiewohl -es sich nicht um einen Studenten handelt. Sie ist aber überaus -bezeichnend für das, was in unserem Mittelalter möglich war. - -Ein +Müllerknecht+ namens Klee hatte Forderungen an die Stadt -Mühlhausen wegen rückständigen Lohnes. Eigentlich schuldeten zwar -Meister ihm das Geld, da er aber ein frecher Bursche war, mit dem -die Stadt nichts zu tun haben wollte, kam sie für die Schuld auf und -deponierte die fragliche Summe auf seine Klage hin. Er erhob das Geld -aber nicht, vielmehr steckte er am 11. April 1466 einen +Fehdebrief+ -an das Gatter des Baseler Tores zu Mühlhausen! Also ein einzelner -Müllerknecht, der einer ganzen Stadt die Fehde ansagt! - -Bald nahm sich seiner der Ritter Peter von Regisheim an, der einige -Bürger gefangen setzte und der Stadt seinen Fehdebrief übersandte. -Andere Ritter folgten nach, so daß schließlich der Adel des ganzen -Sundgaues gegen Mühlhausen in Fehde lag. Die Geschichte zog immer -weitere Kreise und wurde Anlaß zum wenige Jahre später erfolgten -Zusammenbruch des mächtigen Reiches Karls des Kühnen von Burgund. -Kleine Ursache, große Wirkung.[132] - - * - -Auch Differenzen zwischen Gelehrten konnten die unangenehmsten Folgen -haben. - -Der Professor Flacius in Jena geriet mit seinem Kollegen Victorinus -Striegel, einem Anhänger Melanchthons, in Jena über das liberum -arbitrium und die sogenannten guten Werke in einen erbitterten Streit, -in dem Striegel, der Jenaische Professor Schnepf und der dortige -Superintendent Andreas Hugel zum höchsten Zorne ihres Gegners und -seiner Partei das »Confutationsbuch« verfaßten. Flacius brachte -die Fürsten von Weimar auf seine Seite, und da Striegel nicht zur -Zurücknahme seiner Ansichten zu bewegen war, griffen die Fürsten zu -einem eigenartigen Mittel, über das uns der Bericht des bekannten -Wittenberger Professors Justus Jonas an den Herzog Albrecht von Preußen -belehrt. - -»Die jungen Fürsten zu Sachsen (Weimar) haben Victorinum bei der Nacht -in der Stadt Jena überfallen und samt dem Superintendenten des Orts, -Magister Andreas Hugel, einem frommen, gottesfürchtigen, gelehrten, -alten Mann, +gefänglich+, wie man Dieben und Mördern tut, +wegführen -lassen+.... Am heiligen Ostertag nämlich hat man an die hundert -Hakenschützen, desgleichen an fünfzig oder sechzig Pferde, unter -welchen jedoch keiner von Adel gewesen, in Weimar auf den Abend sich -rüsten lassen, ihnen aber nicht angezeigt, wem oder wohin es gelte; -denn man hat diese Dinge sehr heimlich gehalten, auch derenthalben -zwei Tage zuvor auf der Straße zwischen Weimar und Jena gestreift, den -Boten alle Briefe genommen und erbrochen, auch etliche Wandersleute, -unter welchen der junge Doktor Cornarius, untersucht und wieder zurück -in die Stadt Weimar geführt, auf daß Victorinus ja nicht etwa gewarnt -würde und sich (dessen er doch nie willens gewesen) davonmachte. -Folgends am Ostermontage, zwischen zwei und drei in der Nacht, sind -die Tore der Stadt Jena auf vorangehende fleißige Bestellung geöffnet -worden, Reiter und Hakenschützen hineingelassen, welche alsbald in -die zwei Gassen, darin Dr. Victorinus und der Superintendent ihre -Wohnung haben, gerückt, dem Victorinus mit großem Ungestüm die Türe -mit Äxten und Zimmerbeilen aufgehauen, und als der fromme, ehrliche -Mann aus Schrecken samt seiner tugendreichen, lieben Hausfrau im Hemde -herabgelaufen und gefragt: was da wäre? ob Feuer da wäre? haben die -Ölberger geantwortet: Was sollte da sein? Wir sind da und wollen dich -losen Bösewicht dahin führen, wohin du gehörst. - -Als sein frommes Weib diese Worte gehört, hat sie Zeter und Mordio -angefangen zu schreien, durch welches Geschrei sie die Judasrotte -also erzürnt, daß einer unter den Ölbergern, sonder Zweifel ein -ehrevergessener Schelm, dem armen, erschrockenen, ehrlichen, frommen -Weibe +eine Zündbüchse vor den Leib gehalten und gesagt: Schweig, du -Pfaffenhure, oder ich will eine Kugel durch dich schießen+! Welche -Schmähung Dr. Victorinus verantwortet; darauf sie ihn einen Schelm -gescholten, wodurch er denn nicht unbillig bewegt und wieder gesagt: -Ei! bist du ein Schelm, so bleib einer; ich bin kein Schelm! - -Dieser Lärm hat nicht lange gewährt, denn die Ölberger haben sich vor -den Studenten und der Bürgerschaft, wo sie des Spiels inne und wach -würden, sehr besorgt und derwegen so heftig geeilt, daß sie auch dem -frommen Manne Victorinus nicht haben Weile gelassen, daß er seine -Kleider hätte anziehen können, sondern man hat ihn +im Hemde auf den -Weg gestoßen+ und mit Not so lange gewartet, daß man ihm die Kleider -hintennach geworfen. - -Mit dem Superintendenten hat man etwas gelinder verfahren, und wie -der gemeine Laut gehet, so werden sie sehr hart gehalten und nicht so -traktiert, wie billig solche Leute, ob sie gleich ein Größeres verwirkt -hätten, gehalten und traktiert werden sollten. Gott tröste die frommen, -heiligen Leute, wehre und steuere den Teufelskindern, welche die jungen -Fürsten auf solche Umwege führen.« - -In einem späteren Briefe berichtet Justus Jonas dem Herzog, daß man -noch viel brutaler, als er zuerst mitgeteilt habe, gegen die Herren -verfuhr: »Man ist nicht allein bei Nebel und Nacht in sein Haus -gefallen, Tür und Angel in Stücke zerhauen, sondern die Judasrotte ist -dem frommen, ehrlichen Manne Victorinus in seine Schlafkammer gefallen, -haben ihn auf einer Seite des Bettes gefunden, ganz bloß und gleich in -dem, daß er sein Hemd über dem Haupt und an seinen Leib gezogen. Sein -frommes, ehrliches Weib, des seligen Mannes Doktor Schneppii Tochter, -haben sie auf der andern Seite des Bettes mutterleibesnackt gefunden, -da das fromm tugendreich Weib stumm und bestürzt gestanden wie ein -Stock, sich vor Schrecken nicht regen noch besinnen können... Des alles -ungeacht haben sie ihr Büchsen und Spieß vor das Herz gehalten und sie -mit Schmähworten greulich angegriffen...« - -Grund zu diesem Betragen, das selbst dem Redakteur eines -regierungsfeindlichen Blatte gegenüber vielleicht sogar in Preußen -befremden würde, war die treue Anhängerschaft Victorin Striegels an -Melanchthon und die kursächsischen Theologen zu Wittenberg, die Flacius -haßte, wiewohl ihn Melanchthon früher mit Wohltaten überschüttet -hatte.[133] - - * - -Das Bild, das Küchelbecker von der Wiener Universität noch um 1730 -entwirft, spricht Bände über die segensreiche Wirkung der Kirche in -wissenschaftlichen Fragen. Galt dort die alleinige Meinung der Kirche, -so ist das bei einem orthodoxen Hofe weniger verwunderlich. Aber das -war nicht alles. »Wir wollen nur anführen, daß die Auctorität des -Heil. +Aristotelis+ in Philosophicis hieselbst ebenfalls infalible -ist; Dahero die hiesigen Magistri artium, als unmündige Kinder ihre -Vernunfft unter dem »Autos epha« gefangen nehmen und dessen Dogmata -beschwehren müssen. Auch in der Jurisprudenz muß man nach der alten -einfältigen Leyer derer Canonisten und Civilisten forttantzen und -+beyleibe keine neuen Meinungen, auch nicht einmal exercitii gratia, -statuieren+, wo man sich nicht einen Schwarm Jesuiten auf den Halß -laden will... In der Medicin hat es fast gleiche Bewandniß, die Moral -und Jus Naturae werden allhier schlecht tractiret, und fast nichts -als Fabeln und absurde Principia, deren sich ein jeder vernünfftiger -Mensch schämen muß, tradiret. Das Jus publicum und die Historie, -so wohl die Profan- als Kirchen-Geschichte, können ebenfalls nicht -aufrichtig gelehret werden, weil sonst die römische Kirche ziemlich -würde censiret werden müssen. Dieses alles ist auch die Ursache, warum -so viele österreichische Cavaliers, wenn sie auf Reise gehen, zu Leyden -noch eine Zeit lang studieren, und diese Studia daselbst tractiren. -Und mit kurtzen: wie ist es möglich, hinter die Wahrheit zu kommen, wo -man nicht libertatem sentiendi, ratiocinandi hat. Denn Latein und die -Metaphysique alleine machen keinen Gelehrten.«[134] - - * - -Am 23. Juli 1798 erschien eine »Verordnung wegen Verhütung und -Bestrafung der die öffentliche Ruhe stöhrenden Excesse der Studirenden -auf sämmtlichen Akademien in den Königlichen Staaten«. Friedrich -Wilhelm III. von Preußen erteilt darin der Polizei das früher -versagte Recht, Studenten zu verhaften, wobei sie sich nötigenfalls -militärischen Beistandes bedienen durfte. In keinem Falle sollte gegen -Studenten, die sich »Ungezogenheiten und Ausschweifungen« erlauben und -»ihren Frevel so weit treiben, daß solcher der öffentlichen Sicherheit -gefährlich geworden« auf Geldstrafen oder Relegation erkannt werden, -sondern auf Gefängnis oder körperliche Züchtigung. Unter keinerlei -Vorwand wird jemand der Zugang zu dem Gefangenen gestattet, selbst der -Gefangenenwärter darf sich mit ihm in keine Unterredung einlassen, -auch nicht einmal in das Gefängnis kommen, sondern muß mittelst einer -Drehmaschine für die Nahrung und Reinlichkeit des Gefangenen sorgen. -Bücher und Schreibmaterialien waren nicht gestattet; die Nahrung ist -»unveränderlich« gleichförmig. »Die Züchtigung mit Peitschenhieben« -muß als »ein väterliches Besserungsmittel angesehen, sie muß im -Gefängnisse in Gegenwart des Vorgesetzten vollstreckt, und von diesem -mit den nötigen Ermahnungen begleitet werden.« - -Diese Strafe wäre unverständlich, wenn man nicht wüßte, wie die -Studenten in und außerhalb Preußens damals und früher, aber auch noch -später gehaust haben. Bonner Korpsstudenten haben uns noch im Jahre -1910 daran erinnert, daß der alte Geist des Vandalismus in unsern -Musensöhnen die Stürme der Jahrhunderte überdauert hat.[135] - - * - -An die großen Disputationen, eine der wichtigsten Institutionen der -mittelalterlichen Universität, die bisweilen vierzehn Tage dauerten -und in denen Berge leeren Strohs gedroschen wurden, schlossen sich -häufig Disputationen über mehr scherzhafte Probleme an. Entsprechend -der Liederlichkeit des Klerus und dem wüsten Treiben der Scholaren war -auch die Wahl des Themas. So wurde 1494 in Erfurt über das +Monopol -der Schweinezunft+, 1515 ebenda über +Säufer und Suff+ (de generibus -ebriosorum et ebrietate) disputiert. In Heidelberg aber verzapfte Joh. -Grieb unter Wimpflings Präsidium 1478 oder 1479 seine Weisheit über -die +Schelmenzunft+ (monopolium et societas des Lichtschiffs). Im -Jahre 1499 aber disputierte man über die +Treue der Kokotten+ (de fide -meretricum) und die +Treue der Beischläferinnen der Priester+ (de fide -concubinarum in sacerdotes). Daß bei diesen Festakten der Fakultät, -die vom Katheder herab gehaltenen Reden von Zoten und unanständigen -Schwänken strotzten, versteht sich von selbst.[136] - - * - -Wohin es führt, wenn die Kirche die Universitäten beherrscht, lernten -wir im Mittelalter zur Genüge kennen. Jeder Gelehrte brachte seine -Studien in irgend welche Beziehungen zu ihr. So glaubte Erasmus -Rheinhold in Wittenberg, einer der bedeutendsten Mathematiker der -Reformationszeit, die +Mathematik+ nicht höher loben zu können, als -wenn er sie als »eine +Zier der christlichen Lehre und Kirche+« -empfahl. Die +Astronomie+ ward zu einer Wissenschaft, deren letzter -Zweck die +Anbetung Gottes+ war, wie die +Geschichte+ das ganze -Mittelalter hindurch in keinem andern Sinne geschrieben wurde, als dem, -+Gott und sein Wirken zu verherrlichen+.[137] - - * - -A. Weishaupt erzählt, der religiöse Unterricht habe zum Teil darin -bestanden, daß die Schüler das Vaterunser rückwärts ohne Anstoß -hersagen sollten, oder angeben, wie oft et, in oder cum in dem ersten -Hauptstück des Canisius stehen usw.[138] - - * - -Der Exbenediktiner H. Braun, der Schulreformator Bayerns, verfaßte -einen Katechismus, der 1769 von der Universität Ingolstadt, 1771 von -fünf Ordinariaten und der Universität Salzburg begutachtet war. Ein -Kritiker rügte es, daß Braun die lateinische Wendung »ich glaube -+in+ Gott Vater« im Glaubensbekenntnis abänderte in »ich glaube +an+ -Gott Vater«. Das wird als »lutherisch-deutsch« gescholten. »Warum -sollen wir den Glauben der Lutheraner beten?« Der glaubensstarke Mann -schließt: »Wann in unser katholisches Land dererlei Katechismus sollen -eingeführet werden, wollen wir selbige zusammen sammeln und in das -Feuer werfen, damit die liebe Jugend hierdurch nicht verführet werde -und sohin fälschlich beten lerne«. Denn die genannte Übersetzung sei -eine Verfälschung der wahren Lehre, die »von niemand ohne schwäre Sünde -verteidiget und angenommen werden darf«. - - * - -Joh. Adam Freiherr v. Ickstatt, Professor der Rechte in Ingolstadt, -wurde als Förderer des Luthertums in öffentlicher Predigt ausgeschrien --- und der Pöbel gegen ihn gehetzt (1752), weil er -- seinen -+juristischen+ Vorlesungen Leitfäden von +protestantischen Autoren+ -zugrunde gelegt hatte. - - * - -Uns allen ist noch erinnerlich, wie +Ludwig Wahrmund+ wegen seines -Vortrages »Katholische Weltanschauung und freie Wissenschaft« im Jahre -1908, also anderthalb Jahrhunderte später, behandelt wurde. Wie die -tiroler Bauern mit Knütteln nach Innsbruck zogen, um, aufgehetzt von -ihren Seelenhirten, den Mann zu erschlagen, der es gewagt hatte, Dinge -zu sagen, die schließlich jedes Kind mit der Mutterbrust einsaugt, die -aber einem unter jahrhundertelang fortgesetzter Verdummung leidenden -Volke als Revolution und Anarchismus erscheinen. Wir erinnern uns auch, -wie große Parteien den Mann am liebsten totgeschlagen hätten, weil er -anders denkt als sie. Die anschließenden Fälle Schnitzer, Tremel, die -Modernistenhetze beweisen, daß die Sache blieb, nur die Form hat sich -geändert. - -Daß es aber sogar eine mächtige Partei gibt, die, wenn auch nicht diese -Form, so doch die Opferung des Intellekts der Autorität billigt, ja -bewundert, und zwar im 20. Jahrhundert, ist nicht ohne Interesse. - -Der +Jesuit Donat+ legt u. a. die Gefahren dar, die aus der -Berechtigung jedermanns, sich ein selbständiges Urteil zu bilden, -folgten. Die »krankhafte Zweifelsucht« unserer Zeit, sei eine giftige -Atmosphäre, die den empfänglichen Geist, der sich lange in ihr -aufhalte, anstecke, ohne daß er es merkt. - -Man könnte das ja auch so ausdrücken: die Summe der Erfahrungen, die -mit den kirchlichen Dogmen kollidieren, ist so groß, daß auch der -Blinde es langsam merkt und sich weigert, das Sacrificium intellectus -zu bringen. - -Köstlich ist die instinktive Angst vor der Wahrheit und dem -unaufhaltsamen Vordringen der weltlichen Freiheit im Gegensatz zur -kirchlichen Unfreiheit, wie sie sich in Aussprüchen großer Katholiken -oder gar Heiliger dokumentiert. »Kardinal Mai« war ein Mann der -Wissenschaft. Er sagte -- und dafür können wir einstehen --: »Ich habe -auch die Erlaubnis, verbotene Bücher zu lesen; ich benutze dieselbe -aber nie und habe auch nicht vor, sie zu gebrauchen.« - -Als der gelehrte Muratori eine Schrift zur Widerlegung eines -häretischen Buches schrieb, entschuldigte er sich in der Einleitung: -»Spät gelangte dieses Buch in meine Hände... und ich konnte es nicht -über mich bringen, es zu lesen. Denn zu welchem Zwecke anders, als um -selbst der Torheit zu verfallen sollte ich die Schriften der Neuerer -lesen? Ich suche und liebe solche, die mich in der Religion bestärken, -nicht solche, die mich von ihr abwendig machen.« - -Der Hl. Franz von Sales dankt in seinen Schriften mit rührender -Einfallt Gott dem Herrn, daß er ihn bei der Lesung derartiger Bücher -vor dem Verlust seines Glaubens bewahrt habe. - -Der gelehrte spanische Philosoph Balmes sagte einst seinen Freunden: -»Ihr wißt, daß der Glaube tief in meinem Herzen wurzelt. Und dennoch -kann ich kein verbotenes Buch lesen, ohne das Bedürfnis zu fühlen, mich -wieder durch das Lesen der Hl. Schrift, der Nachfolge Christi und des -gottseligen Ludwig von Granada in die rechte Stimmung zu versetzen.« - -Während es überall für verdienstvoll um nicht zu sagen anständig gilt, -sich durch Gründe überzeugen zu lassen, während der vorwärtsstrebende -Mensch begierig alles in sich aufnimmt, was ihm hilft, alte Irrtümer -gegen neue Wahrheiten einzutauschen, wird also heute noch in der Kirche -der am höchsten angesehen, der sich gewaltsam Scheuklappen vorbindet -und der Wahrheit aus dem Wege geht.[139] - - * - -Bekanntlich herrscht an unseren Universitäten nicht nur Lern-, -sondern auch Lehrfreiheit. Autoritäten, ein jurare in verba magistri -existiert de jure nicht mehr. Wohl aber de facto. Oder wie läßt sich -die Tatsache, daß weder Atheisten, noch Sozialdemokraten, noch an -protestantischen Universitäten, z. B. Halle, Katholiken -- und zwar -auch für Lehrfächer, die mit der Kirche weder direkt noch indirekt -etwas zu tun haben -- zugelassen werden? Es ist dieselbe Sache in -anderer Form: Aufrechterhaltung des Status quo um jeden Preis und -Bekämpfung des Geistes mit materiellen statt mit geistigen Waffen. - - * - -Werfen wir noch einen flüchtigen Blick auf den Unterricht des Volkes. - -In der Zirkularverordnung über die +Garnisonschulen+ vom 31. August -1799 entwickelt Friedrich Wilhelm von Preußen u. a. folgende Gedanken: -»... Ein mit diesen Eigenschaften ausgerüsteter Soldat wird auf -seinem Platze gewiß ein brauchbarer Diener des Staates, und zugleich -ein glücklicher Mensch sein, wenn niemand das Bestreben nach höheren -Dingen in ihm zu erwecken sucht. Der Keim zur Unzufriedenheit mit -seinem Stande wird sich aber in eben dem Grade entwickeln, in welchem -man seinen wissenschaftlichen Unterricht weiter ausdehnt. Nur -wenige Menschen der unteren Volksklasse sind von der Natur so sehr -verwahrloset, daß sie nicht die Fähigkeit haben sollten, etwas mehr -zu leisten, als ihr Stand von ihnen erfordert, und sich dadurch auf -irgendeinem Wege über denselben zu erheben. +Ein zu weit gedehnter -Unterricht wird das Gefühl solcher Fähigkeiten in ihnen rege machen, -durch deren Anwendungen sie sich leicht ein günstigeres Schicksal, als -das eines gemeinen Soldaten ist, würden verschaffen können+...«[140] -Die Antwort war -- Jena! - - * - -Im selben Geiste war der Volksschulunterricht gehalten. Der Hofprediger -Sack, der einer Verbesserung des Volksschulwesens das Wort redete, -erörterte noch die Frage, ob Lesen und Schreiben Lehrgegenstand sein -sollen, da doch der Nutzen dieser beiden Kenntnisse für den Landmann -sehr gering sei, +während hingegen die Anpreisung der Taten der -Landesfürsten unbedingt von der Schule besorgt werden müsse+.[140] -Das ist ja auch noch in unserm Geschichtsunterricht nicht gerade -nebensächlich. - - * - -Übrigens, war nach dem Lehrermaterial zu urteilen, die von Friedrich -Wilhelm gefürchtete Gefahr einer Überladung des Volkes mit gelehrter -Bildung nicht sehr groß. +Invalide Soldaten+ versahen vielfach den -Unterricht und ihre Vorbereitung bestand darin, daß man sie fürs -Einpauken von Gesangbuchversen eine Zeitlang abrichtete. Nebenbei -hatten die Landlehrer noch allerlei andere Erziehungspflichten, z. B. -die erst 1802 ihnen abgenommene, den +Hebammen einen Katechismus für -Geburtshilfe zu erklären+! - -Das Diensteinkommen der Landlehrer in der Mark Brandenburg betrug zu -Beginn des +19. Jahrhunderts+: in zwei Fällen zwischen 220 und 250 -Taler jährlich, dagegen in 155 Fällen unter 10 Talern; 182 bezogen -zwischen 10 und 20 Talern, 263 zwischen 20 und 40 Taler, 167 zwischen -40 und 60 Taler, 131 zwischen 60 und 80 Taler. 92 zwischen 80 und -100 Taler und 151 über 100 Taler. Das war allerdings ein gewaltiger -Fortschritt gegenüber den Zuständen von 1774, denn damals besass -die Kurmark nur 49 Landlehrer mit mehr als 100 Talern Jahresgehalt, -184 aber bezogen 10 Taler und weniger, 111 weniger als 5 Taler und -163 gar kein Gehalt. Deshalb betrachteten die Lehrer den Unterricht -als Nebensache und übten dabei ihren Beruf aus. In der Kurmark -besassen 1806 2026 Dörfer weder Schule noch Lehrer. Friedrich Wilhelms -Bestrebungen hatten somit durchschlagenden Erfolg. Übrigens war auch -in väterlicher Weise dafür gesorgt, daß die Kinder nicht durch Studium -des Lesens und Rechnens dem geistigen Hochmut überliefert würden. Die -Teilnahme an diesen Stunden war nämlich wahlfrei und kostete erhöhtes -Schulgeld, das viele Eltern zu zahlen nicht in der Lage waren.[141] - - * - -Auch auf den Gymnasien war zu Anfang des 19. Jahrhunderts der -Unterricht selbst für uns, so wenig wir darin verwöhnt sind, -hinlänglich befremdlich. Franz Neumann (1798-1895) erzählt z. B. -in seiner bekannten, von seiner Tochter Luise veröffentlichten -Lebensgeschichte (Tübingen 1904), daß er auf dem Berliner Gymnasium -+lateinische Pflanzennamen+ hätte lernen müssen, +ohne auch nur zu -wissen, daß er nun botanischen Unterricht habe+. - - * - -Zum Schluß noch eine Tatsache, die zu denken gibt. Bekanntlich besitzt -München in der Person des Schulrats Kerschensteiner eine Koryphä -allerersten Ranges. Wie sehr trotzdem der Geist des Hl. Bureaukratius -in unserem Schulwesen steckt, erhellt daraus, daß einige Schulen den -+Unterricht ruhig weiter erteilten+ und die Kinder im Klassenzimmer -beliessen, als +Graf Zeppelin am 1. und 2. April 1909 sein Luftschiff -über München lenkte+![142] - - - - -Sechster Abschnitt - -Zensur und Prüderie - - -Am 26. April 1794 erließ König Friedrich Wilhelm II. von Preußen -folgendes »Reskript an das Kammergericht wegen der Mißbräuche, die bei -der Zensur zu deren Verteilung überhand genommen«: »daß dem Unwesen, -welches seit einiger Zeit mit Schriften getrieben wird, die entweder -den Grund aller Religion überhaupt angreifen, und die wichtigsten -Wahrheiten derselben verdächtig, verächtlich oder lächerlich -machen wollen, oder aber die christliche Religion, die biblischen -Schriften, und die darin vorgetragenen Geschichts- und positiven -Glaubenswahrheiten, für das Volk zu Gegenständen des Zweifels oder -gar des Spottes zu machen, sich unterfangen, und dadurch zugleich die -praktische Religion, ohne welche keine bürgerliche Ruhe und Ordnung -bestehen kann, in ihren Grundfesten erschüttern; im gleichen solchen -Schriften, worin die Grundsätze der Staats- und bürgerlichen Verfassung -angetastet, Maßregeln der Regierung aus unrichtigen und gehässigen -Gesichtspunkten dargestellt, Ungehorsam und Widerspänstigkeit gegen -Gesetze und Obrigkeiten verteidigt, oder doch +die Gemüter zu unnützen -Grübeleien über Gegenstände+, welche die Fassung- und Beurteilungskraft -des großen Haufens der Leser übersteigen, aufgefordert, und zu -unrichtigen Anwendungen mißverstandener theoretischer Sätze verleitet -werden, mit dem größten Ernst und Nachdrucke entgegengearbeitet, gegen -diejenigen aber, welche den ergangenen Zensur-Gesetzen auf irgend -eine Art zuwiderhandeln, nach aller Strenge dieser Gesetze, ohne die -geringste Nachsicht oder Schonung verfahren werden soll.«[143] - -In dem »General-Privilegium und Gülde-Brief für die Schwarz- und -Weiß-Nagel-Schmiede zu Alt-Stettin, auch für sämtliche Schwarz- und -Weiß-Nagel-Schmiede in Vor- und Hinter-Pommern. De Dato Charlottenburg, -den 29. July 1802« heißt es im Artikel XXI: - -»+Alles Korrespondieren mit+ anderen ein- oder ausländischen Gewerken, -+soll sich das Gewerk bei schwerer Strafe enthalten+, wenn aber -besondere Umstände etwa dergleichen erforderten, soll es mit Zuziehung -des Beisitzers, auch wohl nach Befinden mit Vorwissen des Magistrats, -selbst geschehen, wie denn auch, wenn von den anderen ein- oder -ausländischen Gewerken Schreiben einliefen, solche unerbrochen an den -Beisitzer gebracht, in dessen Gegenwart eröffnet, und die Antwort mit -demselben verabredet werden soll.« - -Aber die preußische Regierung hatte nicht nur Angst vor eventuellen -Verschwörungen der Zünfte und hielt sie deshalb unter ständiger -polizeilicher Kontrolle, sie +fürchtet auch die Gesellen und verbietet -ihnen deshalb das Briefeschreiben+. - -Der Artikel XXXIV des genannten Privilegs lautet: - -»+Alles Briefwechselns mit andern Gesellschaften oder sogenannten -Brüderschaften haben sich die Gesellen bei empfindlicher Strafe zu -enthalten+, weshalb ihnen auch kein Siegel gestattet wird. Die etwa von -anderen ein- und ausländischen Brüderschaften eingehenden Schreiben -sollen aber nach der Verordnung vom 23. März 1799 sofort dem Magistrat -in Vorschlag genommen, und von demselben nach Befinden des Inhalts die -Aushändigung an die Gesellen oder deren Kassierung verfügt werden.«[144] - - * - -Im Jahre 1794 las in Zelle eine Gesellschaft mit Vergnügen den -Moniteur, den sie aus Bremen erhielt. Seit Mitte Mai des Jahres blieb -das Blatt aber aus. Die Zellische Gesellschaft wandte sich daher an -ihren Lieferanten und erhielt die Antwort, daß der Moniteur, sowie alle -französischen Zeitungen den kaiserlichen Postbeamten »bey nahmhafter -Strafe und nach Befinden der Kassation« zu debitieren verboten wären. -»Von dem Verbote sind blos Fürstlichkeiten, wirkliche Minister und -Gesandte an fremden Höfen ausgenommen, an deren offene Adressen die -Zeitungen gehen müssen.« Schon in anderen deutschen Provinzen war ein -ähnliches Verbot vorhergegangen. +Mit diesen Mittelchen hoffte man die -Wirkungen der grossen Revolution fern zu halten.+ Allerdings nimmt -Archenholz »eine Abwesenheit der Weisheit« bei Erlaß dieser Maßnahme -an.[145] - - * - -Zur Zeit des Vatikanischen Konzils kam der Verlagsbuchhändler -Josef Bachem zum hochbetagten Präses des Priesterseminars in Köln, -Dr. Westhoff, um ihm sein Bedenken gegen das Unfehlbarkeitsdogma -vorzutragen. Der Greis zeigte ihm darauf in der Bibliothek des Seminars -nicht weniger als sechzehn Katechismen, die im 18. Jahrhundert in der -Erzdiözese Köln in Gebrauch gewesen waren und die sämtlich und ohne -Ausnahme die Lehre von der päpstlichen Unfehlbarkeit in Sachen der -Glaubens- und der Sittenlehre klar und deutlich vortrugen. +Erst die -preußische Zensur, wie sie vor 1848 bestand, hat diese Lehre aus dem -kirchlichen Katechismus gestrichen!+[146] - -Die historisch-politischen Blätter begannen im Jahre 1840 (S. 586) -einen Artikel folgendermaßen: »+In Preußen sind nun fast alle -katholischen Journale und Zeitungen verboten+ und, um die Sache -ab ovo zu beginnen, hat man, willkommene Gelegenheit ergreifend, -buchhändlerische Interdikte gegen künftig erscheinende noch ungeborene -Werke in Maße geschleudert oder ihre Verbreitung in einer Weise -erschwert, daß es einem Verbote gleichzuachten ist.« - -Unter der Maske des Liberalismus hat bekanntlich Bismarck im -sogenannten Kulturkampf aufs rücksichtsloseste die katholische -Presse verfolgt, wie er ja unbeschadet seiner sonstigen kaum zu -überschätzenden Größe skrupellos und gewalttätig gegen alles vorging, -was sich ihm nicht beugte. Deshalb zieht Bismarck als endlosen -Kometenschweif, in dem wir heute noch leben, jene Atmosphäre des -Servilismus und der Duckmäuserei nach, die nicht weniger Sklavennaturen -züchtete, als der Absolutismus. Doch war die kleinstaatliche -Vergangenheit uns in einem voraus: wer wegen seiner Meinungen in Reuß -jüngere Linie verfolgt wurde, siedelte in die ältere Linie über und -konnte seiner Überzeugung treu bleiben. Im geeinten Deutschland reichte -Bismarcks Arm überall hin. - -Damals veranstaltete die Frankfurter Zeitung eine Zählung der -Verurteilungen wegen Preßvergehen. Wiewohl sie auf Vollständigkeit -nicht im entferntesten Anspruch macht, stellt sie im Januar 1875 21, -im Februar 35, im März 39, im April 42 verurteilte Zeitungsherausgeber -fest. Es wurden also in vier Monaten 137 Pressdelinquenten mit -Geldbußen oder Gefängnis bestraft. Außerdem fanden in derselben Zeit 30 -Konfiskationen von Zeitungen statt. Gegen vier Redakteure der Germania -waren einmal zu gleicher Zeit Prozesse und Bestrafungen im Gange. Aber -mehr als das: +In mindestens drei katholischen Blättern haben sich -nachweislich Bedienstete der Berliner Geheimpolizei in Stellungen von -Mitredakteuren eingeschmuggelt+, bisweilen sogar über Jahr und Tag -hinaus. Sie hatten nicht nur Spionendienste, sondern auch solche als -+agents provocateurs+, die die Leiter der katholischen Blätter zu -extremen Äußerungen anzutreiben versuchten, zu verrichten.[147] - -Im Jahre 1845 erschien folgender Katalog: »Index librorum prohibitorum. -Katalog über die in den Jahren 1844 und 1845 in Deutschland verbotenen -Bücher. Erste Hälfte.« Die zweite Hälfte erschien 1846. Wiewohl -der Index nicht vollständig ist, da die Verbote von Zeitungen und -Zeitschriften nicht aufgenommen wurden, enthält er 437 durch 570 -Verbote untersagte Schriften. Man sieht, die weltliche Regierung kann -es auch. - - * - -Nicht viel besser als gegen die katholische Kirche verfuhr man gegen -die Sozialisten. Nachdem gegen sie ein Ausnahmegesetz geschaffen -war, erschien 1886 ein förmlicher Index librorum prohibitorum. Er -lautet: »Sozialdemokratische Druckschriften und Vereine verboten auf -Grund des Reichsgesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen -der Sozialdemokratie vom 21. Oktober 1878« (1886). Zwei Jahre -später erschien ein Nachtrag. Nach den amtlichen Angaben kommen im -Durchschnitt 130 verbotene Schriften je auf ein Jahr, also wurden in -den zwölf Jahren des Bestehens des Gesetzes +rund 1500-1600 Drucksachen -verboten+.[148] - - * - -Doch nun zum römischen Index! - -Auf ihm stehen neben Rankes »Römischen Päpsten« Kants »Kritik der -reinen Vernunft« gegen die schon Friedrich Wilhelm II. von Preußen in -einer Kabinettsorder unter Minister Möller eingeschritten war, und -Baruch Spinoza. Für letzteren ist das nichts Außerordentliches, da -zwischen 1656 und 1680 über 500 scharfe Verbote gegen die Schriften -dieses großen und edlen Juden erlassen worden waren.[149] - -Man kann ohne Übertreibung sagen, daß in den letzten Jahrhunderten -nicht ein einziger großer Denker oder Dichter lebte, dessen Name nicht -auf einem der katholischen Indices zu finden war oder ist. Wer bei -Reusch das Namenverzeichnis durchblättert, glaubt sich in eine geistige -Ruhmeshalle versetzt. - - * - -Im Jahre 1890 sollte im Lessingtheater in Berlin Sudermanns »Sodoms -Ende« aufgeführt werden. Wiewohl nun Preßfreiheit auch in Preußen -besteht und der Artikel 27 der preußischen Verfassung jedem Preußen das -Recht der freien Meinungsäußerung verbürgt und ausdrücklich verfügt, -daß eine Zensur nicht eingeführt werden dürfe, existiert sie doch. Und -zwar nach einer Polizeiverordnung vom 10. Juli 1851 -- also anderthalb -Jahre nach der Verfassung erlassen -- in der festgesetzt wird, daß die -Erlaubnis zur Veranstaltung einer öffentlichen Theatervorstellung beim -kgl. Polizeipräsidium schriftlich nachgesucht werden müsse. - -Das hatte Oskar Blumenthal, der Direktor des Lessingtheaters, auch -mit »Sodoms Ende« getan. Als kein Bescheid von der Polizei einlief, -aber alles für die erste Aufführung, mit Kainz und in Gegenwart des -Dichters, vorbereitet war, wurde Blumenthal stutzig. Drei Tage vor dem -Aufführungstermin fuhr er nach dem Polizeipräsidium, wo ihm mitgeteilt -wurde, daß der Theaterzensor die Erlaubnis bereits unbedenklich -erteilt hatte, als der Präsident, Freiherr von Richthofen, sich das -Werk hatte kommen lassen und die öffentliche Aufführung verbot. -- -Blumenthal ging darauf zum Polizeigewaltigen persönlich, um die Gründe -für das Verbot zu erfahren. Es entwickelte sich folgendes Gespräch, das -er selbst veröffentlicht: - -»Ich höre soeben, Herr Präsident, daß mir drei Tage vor der ersten -Aufführung Hermann Sudermanns Drama »Sodoms Ende« verboten werden soll?« - -»Das stimmt!« - -»Und daß Sie persönlich das Verbot verfügt haben?« - -»Stimmt auch!« - -»Ja, aber bedenken Sie die Situation eines Bühnenleiters, Herr -Präsident! Vierzehn Tage angestrengter Bühnenproben... ein Gastspiel -mit Joseph Kainz für diese Novität abgeschlossen... der ganze -Spielplan der nächsten Wochen darauf aufgebaut... selbstverständlich -kein Ersatzstück vorbereitet... die Erfolge des früheren Repertoires -ausgeschöpft... das Haus für die ersten drei Vorstellungen schon -vollständig ausverkauft... und nun diese Ratlosigkeit auf der Höhe der -Saison, in der besten Zeit des Theaterjahres.« - -»Alles sehr traurig, aber die Behörde kann auf Privatinteressen keine -Rücksicht nehmen.« - -»Aber warum das Verbot, warum?« - -»Weil es uns so paßt.« - -»Ich verstehe vollkommen, Herr Präsident... Sie wollen mir durch diesen -Lakonismus ins Gedächtnis rufen, daß nach der polizeilichen Verordnung -vom 10. Juli 1851 die Behörde nicht verpflichtet ist, für das Verbot -eines Stückes Gründe anzugeben...« - -»Na, da wissen Sie ja also Bescheid!« - -»Ich meine aber nur, Herr Präsident, daß doch immerhin die Möglichkeit -vorliegt, durch behutsame Änderungen die Bedenken, die zu diesem Verbot -geführt haben, aus der Welt zu schaffen. Vielleicht sind es nur einige -gewagte Stellen, um die es sich handelt?« - -»O nein!« - -»Oder einzelne Szenen?« - -»Auch nicht!« - -»Ja, aber was sonst?« - -»+Die janze Richtung paßt uns nicht.+«[150] - -So geschehen in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts. Wie glücklich -eine Kunst, die unter polizeilicher Obhut stehen darf! - -Blumenthal war hierauf beim Minister des Innern, Herrfuth. Er las das -Stück, veranlaßte einige kleine Milderungen und riet Blumenthal, es -wieder dem Polizeipräsidenten zu unterbreiten. - -Die Antwort des Polizeipräsidenten vom 27. Oktober 1890 -- die -Unterredung hatte am 23. stattgefunden -- lautete: - - »Ew. Wohlgeboren! - - erwidere ich auf das gefällige Schreiben vom 24. d. M. bei Rückgabe - der Anlage desselben, ergebenst, daß ich auch nach nochmaliger - Erwägung mich nicht veranlaßt sehen kann, die Genehmigung zur - Aufführung des Dramas »Sodoms Ende« zu erteilen, da dasselbe in - seiner ganzen Anlage und Durchführung geeignet erscheint, das - sittliche Gefühl zu verletzen, dieses sittenpolizeiliche Bedenken - daher durch die von Ihnen angebotene Streichung einzelner besonders - anstößiger Stellen nicht behoben werden kann.« - -Am 31. Oktober hob der Minister des Innern diese Verfügung auf, nachdem -eine Generalprobe nur in Gegenwart dreier Ministerialräte über die -Existenzberechtigung der »neuen Richtung« entschieden hatte, ein -Eingreifen, das nicht ohne Tadel von allerhöchster Stelle geblieben -ist. »Sie hätten sich fragen sollen,« sagte der Kaiser dem Minister, -»+ob Sie auch in Begleitung Ihrer Tochter jede Szene anhören könnten+.« - - * - -In Blumenthals und Kadelburgs Schwank »Die Großstadtluft« wurde durch -Reskript vom 26. November 1891 angeordnet, die Verse zu streichen: -»Nun bin ich ledig aller Erdenplag’. Mich kann kein Glück, kein Hoffen -mehr betrügen. Und wenn einst naht der Auferstehungstag, ich bleibe -liegen.« Die Polizei fürchtete, sie könnten durch Verspottung des -Auferstehungsglaubens ärgerlich wirken![151] - - * - -Da wird es sich hinfort empfehlen, es so zu machen wie die -Venezianischen Autoren des 18. Jahrhunderts. - -Unter ihnen herrschte ein sonderbarer Brauch, von dem Keyßler -berichtet: »Bey den italienischen Opern ist noch zu bemerken, daß -die Verfertiger ihrer Texte gemeiniglich auf den ersten Blättern der -gedruckten Exemplare sich mit einer +ausdrücklichen Protestation -verwahren, wie sie im Herzen rein katholisch wären+, und man die im -Texte vorkommenden Worte von Idolo, Numi, Deità, Fato, Fortuna, Adorare -und dergleichen nicht anders als poetische Scherze anzusehen habe.«[152] - - * - -In dem Schauspiel »Falsche Heilige« verläßt eine junge Frau ihren -Gatten, weil sie erfahren hat, daß er vor seiner Verheiratung eine -Gouvernante verführt hat. Ihr Onkel, ein Pariser Lebemann, faßt seine -Meinung in folgende Worte zusammen: »Ich bitte Sie! Da will sich meine -Nichte von ihrem Mann scheiden lassen, weil er früher einmal, vor der -Ehe, eine Gouvernante... Ja, das ist doch einfach lächerlich! Wann soll -man denn mit einer Gouvernante eine Liebschaft haben? Vor der Ehe darf -man nicht. In der Ehe kann man nicht. Nach der Ehe will man nicht.... -Oder sollen die Gouvernanten vielleicht überhaupt abgeschafft werden?« - -Gottlob rettete der Stift des Zensors Deutschlands Sittlichkeit durch -Tilgung dieser furchtbaren Stelle. Von diesem Tage an wurden bisweilen -die Aufführungen des Lessingtheaters von dem Revierwachtmeister mit dem -Textbuch in der Hand überwacht, und jede Abweichung vom polizeilich -gestatteten Text zur Kenntnis des Zensors gebracht. Man hatte diese -schrecklichen Worte nämlich von der Bühne aus nochmals zur großen -Heiterkeit des Publikums gesprochen, was Blumenthal eine sehr scharfe -Vermahnung eingetragen hatte.[153] - - * - -Mit Recht wird unsere Jugend vor allem Unsittlichen behütet. Hier hat -der Zensor eine besonders dankbare Aufgabe, der er sich mit größter -Gewissenhaftigkeit unterzieht. - -In den »Liedern für die deutsche Volksschule«, herausgegeben vom -Bezirkslehrerverein München, Heft 1, 2, 3 (München 1894 ff.), besitzen -wir ein Werk, dessen segensreiche Wirkung auf die Seelen unserer Kinder -nicht hoch genug zu bewerten ist. Zwar heißt es auf S. 4 im II. Heft -ausdrücklich: »Stets wurde darauf gesehen, die Volkslieder nach Melodie -und Text in ihrer ursprünglichen Form wiederzugeben«, aber darum nur -keine Angst! Selbst die keusche Seele eines Lizentiatus Bohn kann das -Buch ohne Gefahr für ihren Frieden lesen. Das werden wir beweisen. - -Hölty, augenscheinlich ein recht frivoler Geselle, singt in seinem -»Mailied« (I, 27): - - »Haltet Tanz - Auf grünen Auen, - Ihr schönen Frauen!« - -So ein Skandal! Nun, Ballhorn -- pardon! der Bezirkslehrerverein war -sich der drohenden Gefahr für die Knaben der 1. und 2. Schulklasse -bewußt und griff mit anerkennenswerter Energie selbst zur Leier und die -Muse küßte ihn mit hörbarem Schmatzen. Er singt: - - »Pflückt einen Kranz - Und haltet Tanz - In grünen Hainen, - Ihr lieben Kleinen.« - -Für diesmal wären also die Kinder noch vor den Fallstricken der Erotik -bewahrt geblieben. - -Daß in Goethes »Frühzeitiger Frühling« (III, 79) die obszöne letzte -Strophe: - - »Saget, seit gestern, - Wie mir geschah, - Liebliche Schwestern, - Liebchen ist da!« - -gestrichen wurde, versteht sich von selbst. Nun hat aber derselbe -greuliche Heide auch ein »Sommerlied« gedichtet, in dem die gefühlsrohe -Strophe: - - »Ach, aber da, - Wo Liebchen ich sah, - Im Kämmerlein, - So nieder und klein --!« - -vorkommt. Das schreit ja geradezu nach Umdichtung. Gottlob verhallte -der Ruf nicht ungehört. Todesmutig bestieg der Herausgeber den Pegasus -und machte seinem gequälten Herzen in folgenden Perlen Luft: - - »Als ich im Hei- - Mattale dich sah, - O Hüttelein, - So nieder und klein.« - -Wie schön!! - -Eichendorff in seiner ganzen Leichtfertigkeit offenbart sich im »Frohen -Wandersmann« (II, 10). Er wagt da zu singen: - - »Die Trägen, die zu Hause liegen, - Erquicket nicht das Morgenrot, - Sie wissen nur von Kinderwiegen, - Von Sorgen, Last und Not ums Brot.« - -»Kinderwiegen«, man denke! Natürlich waltete der Zensor seines Amtes. -Wie hätte er auch die Phantasie der ihm anvertrauten Jugend durch solch -schlüpferige Bilder vergiften lassen dürfen? - -Starken Toback setzt Arndt in seiner »Frühlingslust« (III, 36) seinen -Lesern vor. Die 6. Strophe lautet: - - »Juchei! alle Welt! - Juchei in Liebe! - Liebeslust und Wonneschall, - Erd’ und Himmel halten Ball.« - -Liebeslust -- Wonneschall und dann noch einen Ball! Das ist entschieden -zu viel. In der richtigen Erwägung, die sträflichen Orgien dieser Welt -dürfen nicht in die Schule verpflanzt werden, strich der Herausgeber. -Schade, daß wir so um eine Bereicherung unserer Poesie gekommen sind. -Wie schön hätte er das umdichten können! Aber vielleicht war es doch -besser so, wenn auch nicht für unsere Literatur, so doch für die -Unverdorbenheit der Kinder.[154] - - * - -Der preußische Kultusminister hat das »Lesebuch für höhere -Mädchenschulen« von Karl Hessel, das bereits in 6. Auflage vorliegt, -für die paritätische höhere Mädchenschule in Kreuznach verboten wegen -konfessioneller und moralischer Bedenken. Ausdrücklich sind zwei -Bedenken ersterer Art angeführt: erstens heißt es in Peter Roseggers -humoristischer Erzählung »Der Gansräuber«, daß die Staudenbäuerin bei -der Nachricht von der Ermordung ihrer Martinsgans entrüstet ausgerufen -habe: »Das ist ja eine Todsünde gegen den heiligen Martinus!« Es ist -ohne weiteres klar, daß eine solche mangelhafte Beschlagenheit der -Staudenbäuerin in der Dogmatik mit Rücksicht auf die verhängnisvollen -Wirkungen auf die Seelen der höheren Töchter nicht geduldet werden kann. - -Dann hat auch Freiligrath in seinem berühmten Gedicht »Am Baum der -Menschheit drängt sich Blüt’ an Blüte«, in dem er die Völker und -Länder mit Blüten vergleicht, in höchst sträflicher Weise auf den -paritätischen Charakter der Schule nicht Rücksicht genommen. - -Er spricht nämlich den Gedanken, mit Luthers Auftreten sei eine -Blütezeit angebrochen, als Zukunftsaussicht des Reformators aus. Vor -katholischen Ohren! Man denke! Wie könnten da die Seelen der armen -Schäflein in Anfechtungen fallen! - -Die schrecklichen Verse lauten: - - »Der Knospe Deutschland auch, Gott sei gepriesen! - Regt sich’s im Schoß! Dem Bersten scheint sie nah, - Frisch, wie sie Hermann auf den Weserwiesen, - Frisch, wie sie Luther vor der Wartburg sah!« - -Nicht minder gefahrdrohend wie für das Glaubensleben der Kinder ist das -genannte Buch für ihre Moral. In dem Märchen vom Schlaraffenland heißt -es nach Bechsteins Erzählung, dort flögen gebratene Tauben den Leuten -ins Maul, auch müsse man sich durch einen Reisbrei +durchfressen+, um -ins Land zu kommen. Solche Ausdrücke, sagt der Minister -- übrigens mit -Recht --, dürften Mädchen nicht in den Mund nehmen. Aber einen solch -gesegneten Appetit, daß man sich durch einen Reisberg durch»essen« -kann, hat doch nicht jeder! - -In Hebels Gedicht »Der Schneider in Pensa« wird erzählt, wie ein -wohlhabender deutscher Schneider 1812 badische Soldaten zu Pensa in -Rußland bewirtet habe. Es heißt da, der Schneider habe sich schon -vorher auf solche Einquartierung gefreut; er liebte sie, sagt Hebel, -schon zum voraus ungesehenerweise, wie eine Frau ihr Kindlein schon -liebt und ihm Brei geben kann, ehe sie es hat. - -Diesen Satz bezeichnet der Minister als anstößig![155] - - * - -Die Tugendhaftigkeit unserer Zeit macht keineswegs vor der Kastration -von Gedichten und Volksliedern halt. Sie hat auch rückwirkende Kraft. -Jeder wahre Tugendheld muß sein Herz höher schlagen hören, wenn er -wahrnimmt, daß nichts so klein oder kleinlich ist, daß die Sittlichkeit -sich nicht seiner bemächtigt. - -Ein Beispiel für viele: Ungezählte Jahre stand in den -Schülerverzeichnissen, die den Jahresberichten der bayerischen -Gymnasien angehängt sind, unter der Rubrik »Stand des Vaters« Privatier -etc. Das ist nunmehr insofern geändert, als bei unehelichen Kindern in -diesem Falle Privatiere stehen würde, also der Stand der Mutter! Die -Folge dieser sittenstrengen Maßnahme ist klar. Die Kinder werden mit -der ihnen eigenen Grausamkeit sich die Schande der Eltern, oder das, -was die Spießbürger so zu nennen pflegen, vorwerfen und damit einen -Wermuttropfen in die Seele des schuldlosen Opfers träufeln. Aber was -schadet das weiter? Wenn nur die Moral gerettet wurde![156] - - * - -Mit der Prüderie der Behörden und Geistlichkeit kontrastiert -ganz merkwürdig das Verhalten in der Beichte. Der Redakteur der -Aschaffenburger Zeitung Pepi Matthes hat vor einigen Jahren unter -dem Titel »Wenn Kinder beichten. Eine Anklage« ein Schriftchen -herausgegeben, das inzwischen recht selten geworden ist und in dem er -seine Erfahrungen mit dem Beichtstuhl voller Entrüstung veröffentlicht. -Seine Zentrumsgegner denunzierten ihn darauf, er wurde in eine sehr -unangenehme Untersuchung verwickelt und die Schrift konfisziert. Aber -da es ihm gelang, den Wahrheitsbeweis zu erbringen, mußte das Verfahren -nach § 184 Abs. 1 RStrGB. eingestellt und die Broschüre frei gegeben -werden. - -Statt nun, daß die Frommen voller Entrüstung sich vom System der -Beichte oder mindestens dessen Handhabung abgewandt hätten, verfolgen -sie Matthes heute noch mit Feuereifer nach dem altbewährten deutschen -Prinzip, nicht den Brandleger zu bekämpfen, sondern den Passanten, der -»Es brennt« ruft. - -Bezeichnend für die Kampfesweise ist u. a. der in Nr. 410 der -Münchener Neuesten Nachrichten vom Jahre 1909 abgedruckte Brief des -Gymnasialrektors Dr. J. Straub. Darin heißt es: »... Wohl aber begab -ich mich vor einiger Zeit... zu sämtlichen hiesigen Buchhandlungen -und erklärte dort, ich müßte den Schülern das Betreten ihrer -Geschäftsräume unter Androhung der schwersten Strafen verbieten, wenn -sie das angedeutete Preßerzeugnis auf Lager hielten. Damit tat ich -lediglich meine Pflicht und erfüllte einen ausdrücklichen Auftrag des -k. Staatsministeriums. Auch an Herrn Bürgermeister Dr. Matt wandte -ich mich mit der Anfrage, ob von Polizei wegen gegen die Verbreitung -solcher Produkte nicht vorgegangen werden könnte.« - -In diesem Schriftchen, dessen Wahrheit also gerichtlich festgestellt -wurde, finden sich folgende Proben aus der Beichte: - -Ich war 14 Jahre alt und legte meine Osterbeichte ab. - -»Hast du Unzüchtiges getan?« - -»Nein.« - -»Hast du dich niemals angerührt?« - -»Nein, nur wenn ich’s mußte.« - -»Hast du niemals mit der Hand dich an schamhafter Stelle angefaßt, -jenen Teil in die Hand genommen und hast so gesündigt?« - -»Aber nein.« - -»Hast du nie etwas Besonderes aus deinem schamhaftesten Teil kommen -sehen oder das gefühlt, wenn du im Bett lagst?« - -»Nein, Hochwürden.« -- -- -- - -Schon oft hatte ich so etwas von Kameraden gehört, die der Beichtvater -auch so ausgefragt hatte. Aber ich verstand all das nicht. Am Abend -nach jener Beichte lag ich unruhig im Bett. Es war mir so heiß, so -schwül. - -Meine Beichte fiel mir ein. - -Ich warf Bett und Decke zurück, damit ich nicht so heiß bliebe. - -Ich mußte am nächsten Morgen kommunizieren. Ach, wie ist das, wenn man -so ist, wie der Beichtvater heute gesagt hat? Ich preßte die Schenkel -aufeinander. Es half nichts. So war ich noch niemals. - -»Hast du...?« »Hast du...?« »Tatest du...?« - -Die Fragen gingen mir immer schneller durch den Kopf. »Vater unser...« -Meine Sinne waren nicht beim Beten, sondern bei der Beichte. - -Die Hand... »Hast du noch nie...?« »Hast du niemals...?« - -Gott, Gott, wie +reizten+ mich diese Fragen, so oft ich daran dachte. --- -- -- - -Am nächsten Morgen konnte ich +nicht+ kommunizieren. »Ich habe aus -Versehen nach 12 Uhr noch ein bißchen Brot gegessen,« belog ich meinen -Religionslehrer. - -Bei der nächsten Beichte aber mußte ich antworten: »Ich habe es getan.« - - * - -Wie Matthes bei einem Augustiner einige Zeit später beichtet, der ihn -gleich fragt, wo er wohnt und sich nach den Töchtern der Wirtsleute -erkundigt, erzählt er folgendermaßen: - -»Die eine heißt Emmy und die andere Anna?« - -»Ja.« - -»Hast du mit diesen noch nicht unschamhaft verkehrt?« - -»Nein.« - -»Hast du sie nicht mit lüsternen Blicken angesehen? Auch das ist eine -Sünde.« - -»Nein.« - -»Hast du sie nicht, auch nicht wie zum Scherz, an der Brust gefaßt? -Oder am Schenkel, oder gar dazwischen, über oder unter dem Kleid, oder -dorthin lüstern gesehen?« - -»Nein.« - -Matthes bekam drei »Vaterunser« und »Gegrüßet seist du, Maria«, nebst -einem Rosenkranz als Buße auf. - -Hinfort konnte er die Töchter seiner Wirtsleute nicht mehr so ruhig -ansehen. - - * - -Wir wollen den Fall des Pater Sanktes, eines Religionslehrers an -unteren Klassen, der sich an seinen Schülern sittlich verfehlt, -übergehen, da einzelne Entgleisungen überall vorkommen können. Ob -Sanktes wirklich, wie er klagte, in der Beichte von der Versuchung -besiegt wurde, bleibe dahingestellt. Wichtiger ist die Feststellung des -Matthes, daß er von +sämtlichen+ Beichtvätern mit alleiniger Ausnahme -von zweien, mit ähnlichen Fragen gequält wurde. Sogar ob sie mit ihrer -Schwester zusammen geschlafen hätten, wurden die Buben gefragt.!! - -Ein Schüler erhängte sich aus Furcht vor den Folgen des Lasters, das er -in der Beichte gelernt hatte. - -Ein Beichtvater fragt: »Hast du dich nie, vielleicht unter einem -harmlosen Vorwand, an den Beinen gefaßt?« - -»Nein, nein.« - -»Hast du niemals ein Mädchen geküßt?« - -»Ja.« - -»Hast du dabei sinnliche Gefühle erweckt, indem du vielleicht deine -Knie oder deinen Körper an sie gepreßt hast, oder deine Brust? Oder -hast du mit deiner Zunge zwischen ihren Lippen geleckt?« - -»Aber nein.« - -»Hast du auf einem Schoße einer weiblichen Person gesessen und dabei -Böses gedacht?« - -»Nein.« - -»+Auch bei deiner Mutter nicht?+« - - * - -Von der Art eines Ordensgeistlichen, die Beichte bei Mädchen anzuhören, -berichtet Matthes: - -Die kleine Bertha war Erstkommunikantin und wird, nachdem der Pater -jedes Gebot einzeln durchgegangen ist, auch nach dem sechsten gefragt. - -»Hast du niemals mit Buben gespielt?« - -»Ja, oft.« - -»Hast du sie auch berührt?« - -»Ja.« - -»Sie dich auch?« - -»Ja.« - -»Natürlich, um Schlechtes zu tun!« - -»Aber nein, nein, so nicht! Gespielt, so gespielt halt, Nachlaufen, -Verstecken, Fangen und so, und so anderes.« - -»Lüge nicht! +Ich habe es gesehen+, wie dich Buben angegriffen haben.« - -»Aber nein, nein!« - -»Hast du dich selbst angegriffen?« - -»Ja; nein, so nicht, wie Sie wieder denken!« - -»Gewiß, du hast es getan! +Ich weiß es.+ Du hast dich angerührt.« - -»Aber nein doch, nein!« - -»Sagst du gleich ja? Willst du gleich ja sagen? Nun, wird es bald, -willst du ja sagen?« - -Dabei polterte der Beichtvater wider das Gitter, das ihn von seinem -Beichtkind trennte. Und bebend kam es da von den Lippen: - -»Ja.« - -»Nun, mit der Hand oder mit dem Stöcken.« - -Keine Antwort. - -»Mit der Hand oder mit dem Stöcken?« - -Wieder schwieg die Kleine. - -Da polterte Hochwürden wieder und leise sagte das Kind: - -»Mit der Hand.« Nur, damit Hochwürden zufrieden war. - -»Sag, hast du auch mit einem Hund dich abgegeben?« usw. usw. - - * - -Man kann sehr freie Ansichten haben und wird doch voller Empörung sich -von dieser systematischen Jugendverderbnis abwenden. Gesellt sich dazu -aber die Scheinheiligkeit und Prüderie der schwarzen Rotte, dann kann -der ehrliche Mann nur bedauern, sich voll Ekel abwenden zu müssen, -statt mit einem kräftigen Fußtritt die ganze Gesellschaft an die Luft -zu setzen. - -Aber was nützt die Keuschheit in Worten, wenn +die in Werken fehlt+! -Wenn es auch sehr zu beklagen ist, daß in dieser Hinsicht nicht so -viel geschieht, wie zur Reinhaltung der Literatur, so ist doch schon -der Anfang zu begrüßen. Die +Keuschheitsgürtel werden nämlich wieder -modern+! Das beweist nachstehende Geschichte. Heil allen Tugendhaften! -Halleluja! - -Der Apotheker Parat wurde im Februar 1910 in Paris zum Gegenstand -des Interesses der ganzen Welt, weil sich herausstellte, daß er aus -Eifersucht seine Frau in Ketten legte und durch Keuschheitsgürtel ihre -Treue sich sicherte. Würde es sich hier um die wahnsinnige Handlung -eines einzelnen handeln, dann könnten wir sie so wenig unter die -Kultur-Kuriosa aufnehmen, wie die Prozesse in Madrid im Jahre 1892 und -in Paris 1899 aus dem gleichen Grunde. In beiden wurden die Männer -bestraft, weil ein gewaltsamer Zwang vorlag. Es handelt sich hier aber -keineswegs um Unica, vielmehr sind noch heute Keuschheitsgürtel bei uns -in Gebrauch. Es existiert sogar eine +Industrie+, die solche »Edozone« -erzeugt. Dem Pariser Korrespondenten des Berliner Tageblattes fielen -zwei solcher Geschäftsanzeigen in die Hände, aus den Jahren 1879 und -1885, die eine aus Paris, die andere aus einem Orte im Departement -Aveyron. In ihnen werden Keuschheitsgürtel je nach der Ausführung im -Preise von 120-380 Frs. angeboten. Die Verfasser der Prospekte waren -zweifellos geschichtlich unterrichtete Persönlichkeiten. Der eine -rechtfertigt sein Angebot wie folgt: »Man wird sagen, ein verrücktes -Unternehmen: aber wer ist verrückter, der Mann, der die Zwangsjacke -erfunden hat, oder der Wahnsinnige, dem sie angelegt werden muß?« - -Dr. Cabanès, der bekannte Sammler von geschichtlichen Kuriositäten, -erzählt, daß es in Paris Fabrikanten gibt, die diese merkwürdigen -Instrumente auf Bestellung anfertigen und Ehemänner und Liebhaber, die -sie für teures Geld kaufen und natürlich ihren Freundinnen anlegen. -Das schönste Exemplar, das Cabanès gesehen hat, war ein Gürtel mit -kostbarem Goldbeschlag und ziseliertem Schloß und wurde zum Preise von -500 Frs. von einer Demimondaine der Rue de Penthicore einem Sammler zum -Kaufe angeboten.[157] - - - - -Siebenter Abschnitt - -Frömmigkeit - - -Alle frühmittelalterlichen Heiligen zeichneten sich schon in früher -Jugend durch hohe Begabung aus, so daß sie an Sitten und Erfahrung -Greisen glichen. Juvenis senex, greisenhafter Jüngling, war, anders wie -heute, höchstes Lob und daher stehende Redensart. Dieser Abgeklärtheit -entsprach auch der Tatendrang, der dem hl. Bernward von Hildesheim -wiederholt den Ehrentitel einer »mater ecclesiae«, dem Sankt Johann -sogar den einer »virgo egregius«, einer ausgezeichneten +Jungfrau+ -einträgt. Auf +einem+ Gebiet aber kannten Erfindungsreichtum und -Energie der frommen Männer keine Grenzen: auf dem der Sonderbarkeiten. -Quaeque extrema semper appetiit (Was es nun Sonderbares gab, erstrebte -er immer), heißt es von Angilram[158], und das trifft den Nagel auf den -Kopf. Es waren wirklich auch für ihre Zeitgenossen sonderbare Heilige, -und doch ist die Art ihres Wirkens, da es in fast gleicher Weise stets -wiederkehrt, so charakteristisch, ja sogar typisch, daß es wohl mit -in erster Linie dazu führte, ihnen Heiligenqualitäten zu verleihen, -lag ihm doch das tiefernste Bestreben zugrunde, durch Überwindung der -Welt den Himmel zu erobern. Diese Eroberung, im strategischen Plane bei -allen gleich, wird taktisch verschieden in Angriff genommen. - -Am harmlosesten erscheint uns das Streben, ein »Bild« der Demut und -Milde abzugeben. Kein Abschied ohne Tränenfluten, keine Verzeihung, -ohne daß die Umstehenden mit dem am Boden sich Windenden nicht -mitgeweint hätten. Die Kunst, nach Belieben zu weinen -- wir reden -despektierlich in solchen Fällen von Krokodilstränen --, die gratia -lacrimarum galt als eine jener Himmelsgaben, die nur dem Erwählten -zuteil werden. Kaiser Otto III. und der hl. Bernward weinten beim -Abschied so heftig, daß sie sich schämten, unter die Leute zu gehen, -Alfkerus weinte, wenn er die hl. Messe las, so ausgiebig, daß der -größte Teil seines Körpers naß wurde; Eid von Meißen hatte vom -vielen Weinen immer entzündete Augen. Eine Gelegenheit, in Tränen -zu zerfließen, durfte, wer nur einigermaßen auf Heiligkeit oder -Heiligmäßigkeit Anspruch erheben wollte, niemals ungenutzt vorübergehen -lassen. Ob es sich um Reue, Erbitten einer Gnade, Beichte, Messe oder -Gebet handelte, wer nur irgend konnte, weinte. Die Tränenfröhlichkeit -besonders des 10. Jahrhunderts kann kühn mit der der Wertherzeit in -Konkurrenz treten. So +tadelt+ Adam von Bremen an den Dänen, daß sie -Tränen und Wehklagen aus Reue oder sogar für Tote verabscheuten. (Mon. -germ. SS. VII, p. 336.) - -Ernster schon waren die Kasteiungen durch Geißelung, Entzug des -Schlafes, Hunger und Durst, besonders wirksam aber die Handlungen, -die dem Bestreben, der Niedrigste von allen zu sein, ihr Dasein -verdankten. Adalbert von Bremen bittet seinen Feind, der ihn -mißhandelt, um Verzeihung.[159] Johann von Gorze hat über jeden -heiteren Augenblick nachträglich die schwersten Gewissensbisse. Er -putzt (wie auch der hl. Adalbert) seinen Mitbrüdern oder gar dem -Gesinde die Stiefel, sogar gegen deren Willen, buttert, bis ihm der -Schweiß kommt und flickt in den nächtlichen Mußestunden Netze, ja, -er reinigt oft die Latrinen! Ganz ähnlich handelt Angilram.[160] Die -Königin Mathilde begibt sich nur scheinbar zur Ruhe, verläßt vielmehr -ihr Lager, sobald alles schläft und tut die Nacht durch Gutes, um dann -morgens, von niemand bemerkt, wieder ihr Lager aufzusuchen. Sie dringt -auch heimlich in die Zellen, um beim Baden der Armen behilflich zu -sein, während sie sich selbst Bäder versagt.[161] Der stolze Adalbert -von Bremen wusch vor dem Schlafengehen 30 und mehr Bettlern die Füße. -Ähnliches hatte schon die Tochter König Chilperichs von Burgund, -Chrotechilde, getan, wie Fredegar erzählt. Brun von Köln, der Bruder -Ottos des Großen, sitzt im Schafpelz unter Königen.[162] Fast keiner -aber gönnt sich den damals so beliebten Genuß eines Bades, und doch -berichten die Biographen von der Schönheit ihrer Helden! - -Diese Kasteiungen müssen für sehr harmlos gelten im Vergleich zur Sitte -der ersten Christen, +sich zu entmannen+. Justinus erzählt von dem -Gesuche eines Christen in Alexandrien an den Präfekten Felix: er möchte -einem Arzt gestatten, ihn zu entmannen. Denn ohne diese Genehmigung -durften die Ärzte die Operation nicht vornehmen. +Origenes entmannte -sich selbst+ und das Konzil zu Nicäa von 325 sah sich genötigt, -Stellung zu nehmen zu der Frage dieser Verstümmelung.[163] - -Rühmend erzählt der Biograph vom hl. Ulrich, daß er sich zwar das -Gesicht wusch, aber nicht badete, außer an drei Festtagen im Jahre. -Dafür wusch er aber eigenhändig 12 Armen die Füße. Der Königssohn -Brun war nicht weniger wasserscheu wie Johann von Gorze, der auch -Medikamente verschmähte. Angilram badete auch nicht.[164] Waren die -frommen Männer so auch zu Lebzeiten keine Nasenweide der frommen -Gemeinde, so holten sie das doch im Tode nach. Denn dann entströmten -- -das müssen wir wohl oder übel den Chronisten glauben -- den Särgen der -frommen Männer liebliche Düfte. Von Eid, Ansfrid, Evergerius von Köln -und Udalrich wird es wenigstens ausdrücklich erzählt.[165] - - * - -Das Weinen gehörte auch noch zur Zeit der Kreuzzüge selbst beim Militär -zur Frömmigkeit. Der Chronist erzählt: »Es war Sitte im Heere, daß -in jeder Nacht, ehe sie sich zum Schlafen niederlegten, ein dazu -bestimmter Mann mit lauter Stimme inmitten des Heeres den gewöhnlichen -Spruch rief: ›Hilf, heiliges Grab!‹ In diesen Ruf stimmten alle ein, -wiederholten ihn, streckten mit reichlichen Tränen die Hände zum Himmel -empor und erflehten Gottes Barmherzigkeit und Hilfe. Dann hub der -Herold selbst wieder an, indem er wie vorher ausrief: ›Hilf, heiliges -Grab!‹ Und alle wiederholten es; und als er gleichfalls zum dritten -Male rief, so taten es ihm alle nach mit großer Herzenszerknirschung -und unter Tränen. Wer würde dies in solcher Lage nicht tun? da doch -schon diese Tatsache zu berichten Tränen den Hörern entlocken kann. -Durch diese Anrufung schien das Heer sich gar sehr gestärkt zu -fühlen.[166]« - - * - -Die durch Schönheit, Klugheit, Sittenstrenge und Frömmigkeit -ausgezeichnete Athenerin +Irene+ wurde durch den Tod ihres Gemahles, -des Kaisers Leo IV., im Jahre 780 für ihren zehnjährigen Sohn Regentin -des byzantinischen Reiches. Als der Sohn regierungsfähig geworden -war, ließ sie die Truppen auf die noch nie dagewesene Formel »Solange -du lebst, werden wir uns deinen Sohn als Kaiser nicht gefallen -lassen« schwören. Doch der Staatsstreich mißlang, Irene wurde von der -Regierung entfernt, und Konstantin VI., der zuerst sieben Jahre mit -Karls des Großen Tochter Rothrude verlobt gewesen war, kam endlich -zur Herrschaft. Aus Gutmütigkeit verzieh er schon nach einem Jahre -seiner Mutter und setzte sie wieder in ihre bevorzugte Stellung ein. -Nach fünfjähriger Wühlarbeit gegen den tapferen Sohn machte sie ihn -unpopulär. Dann riet sie ihm, seine Gemahlin zu verstoßen und die -schöne Hofdame Theodote zu heiraten (795). Jetzt war der Kaiser -verloren. Die Kirche trat wegen des ungesetzlichen Schrittes gegen ihn -auf, Irene nahm ihn gefangen und ließ ihm in demselben Purpurgemache -des Kaiserpalastes, in dem sie ihm das Leben gegeben hatte, +durch den -Henker die Augen ausstechen+! Wiewohl die Verstümmelung mit besonderer -Grausamkeit ausgeführt war und in der Absicht, seinen Tod zu -veranlassen, ohne der Mutter das Odium der Mörderin aufzuladen, lebte -der Kaiser noch einige Jahre. Irene aber nahm mit Ignorierung ihres -Geschlechtscharakters den Titel »Kaiser« an. Doch schon 802 fiel sie, -deren Ehrgeiz eine Ehe mit Karl dem Großen im Bereiche der Möglichkeit -gehalten hatte, als Opfer einer Revolution. Sie starb einsam und -verlassen 803 auf Lesbos. - -Die byzantinischen Schriftsteller finden für diese Kaiserin -kaum ein Wort des Tadels. War sie doch die Wiederherstellerin -der Bilderverehrung. Als +Heilige+ gehört sie dem Himmel der -griechisch-katholischen Kirche an.[167] - - * - -Robert von Arbrissel (Albresec in der Bretagne), der Stifter des -Ordens von Fontaevraud hatte eine sonderbare Probe seiner Keuschheit -ersonnen. Er ging nicht nur in +Bordelle+ und bewog durch seine Predigt -die Prostituierten, +fromm+ zu werden -- und zwar so viele, daß er für -sie drei Klöster errichten mußte, von denen deshalb das eine de la -Magdelaine benannt wurde, +er schlief auch öfter zwischen zwei Nonnen --- nackt natürlich, gemäß der damaligen Sitte --, bloß um die Kraft des -Willens über das Fleisch zu erproben+. - -Der Abt Gottfried von Vendome tadelte ihn wegen der unklugen Erfindung -dieses neuen Martyriums; Marbod, Bischof von Rennes, aber ermahnte -ihn, sich solchen Verführungen nicht auszusetzen, die den guten Ruf, -wenn auch nicht die Seele verwundeten. Er tadelte ihn auch, daß er in -haarigem Fell und zerrissenen Kleidern, mit halbnackten Hüften, langem -Bart, abgeschnittenem Haupthaar und bloßen Füßen gehe.[168] - - * - -Das Mittelalter in seinem Kinderglauben suchte Befreiung von Sünden, -weniger durch innere Einkehr, als dadurch, daß es durch weite Reisen, -nach Rom, Jerusalem oder an andere geheiligte Orte, räumlich der -Gnadenquelle nahte. Jeglicher Schmerz, jede Form irdischer Qual, selbst -jedes Verbrechen konnte sich hoffend nach Rom wenden, um zu den Füßen -des Papstes Erlösung zu empfangen. Aber neben wahrhaft Reuigen, die -in hellen Haufen jahrhundertelang den Weg über die Alpen einschlugen, -befand sich auch manch räudiges Schaf. Ja, die damaligen Anschauungen -trieben entsittlichte Menschen, fluchwürdige Verbrecher, die heute -in Gefängnissen sorgfältig vom Kontakt mit der Mitwelt ferngehalten -werden, zu solchen Pilgerfahrten, trugen sie ihnen doch neben der -Hochachtung vor freiwilliger Buße auch noch +sicheren Unterhalt+ ein. - -Der Schuldige ward in die Welt geschickt, versehen mit einem Schein -seines Bischofs, welcher ihn als Mörder oder Blutschänder offen -bezeichnete, ihm seine Reise, ihre Art und Dauer vorschrieb, und -ihn zugleich mit einer +Legitimation+, entsprechend unseren Pässen, -versah. Er zeigte seine Legitimation allen Äbten und Bischöfen der -Orte vor, durch welche er kam. Diesem Verdammungs- und gleichzeitigen -Empfehlungsbrief verdankte er +überall gastliche Aufnahme+. Deshalb -hüllten sich nicht selten Gauner, die gar kein schweres Verbrechen -begangen hatten, in die Maske der scheußlichsten Untat. So hatten sie -Gelegenheit zu sorgenfreier Reise und Aussicht auf betrügerischen -Gewinn. In Ketten, mit schweren Eisenringen um Hals und Arme, halbnackt -zogen sie mit ihren falschen Pässen durch die Länder, stellten sich -auch vielfach besessen, warfen sich vor den Heiligenbildern der -Kirchen und Klöster nieder und erlangten, indem sie durch deren -Anblick plötzlich zur Besinnung gekommen zu sein vortäuschten, von den -beglückten Mönchen Geschenke. - -Bezeichnend für die Sitten, die in solchen Pilgergesellschaften -herrschten, ist, daß schon 744 der Erzbischof Bonifazius von Mailand -an Cutbert von Canterbury schrieb, die Synode möge den Frauen und -Nonnen solche Reisen untersagen, »weil +viele von ihnen zugrunde gehen, -wenige aber unberührt heimkehren. Denn es gibt in der Lombardei nur -sehr wenige Städte, desgleichen in Franzien oder Gallien, in denen -sich nicht eine Ehebrecherin oder Prostituierte aus englischem Stamme -befindet.+« - -Viele erlagen also den Versuchungen der Pilgerfahrten. Deshalb +verbot -auch die Synode von Friaul 791 bereits den Nonnen, nach Rom zu -pilgern+.[169] - - * - -Wahre Frömmigkeit römischer Observanz, überall zu finden, wo die -kasuistische Pseudomoral der Kirche herrscht, lehrt uns ein niedliches -Geschichtchen kennen, das ebensogut heute passiert sein könnte, wie -im Jahre 1580 und überaus bezeichnend ist für die Denkweise weitester -Kreise unter dem segenspendenden Krummstab. - -Montaigne erzählt: »Un quidam etant avecques une courtisane, et couché -sur un lit et parmi la liberté de cete pratique-là, voila sur les -24 heures l’Ave Maria soner: +elle se jeta tout soudein, du lit à -terre, et se mit à genous pour faire sa priere+. Etant avecques un -autre, voila la bone mere (car notammant les jeunes ont des vielles -gouvernantes, de quoi elles font des meres ou des tantes), qui vient -hurter à la porte, et avecques cholere et furie arrache du col de cette -jeune un lasset qu’elle avoit, où il pandoit une +petite Notre-Dame, -pour ne la contaminer de l’ordure de son peché+; la jeune santit -un’extreme contrition d’avoir oblié à se l’oster du col, come ell’avoit -acostumé.«[170] - - * - -Als Montaigne in der Karwoche 1581 in Rom weilte, sah er eine ungeheure -Prozession mit Fackeln -- er schätzt deren Anzahl auf 12000 --, die -sich, in Büßerkompanien geteilt, gegen St. Peter bewegte. Musikkapellen -waren im Zuge verteilt und Lieder wurden unausgesetzt während des -Marsches gesungen. Inmitten jeder Gruppe, deren es wenigstens 500 gab, -schritt eine Reihe von +Büßern+, die sich mit einem Tau (corde) den -+Rücken in bemitleidenswerter Weise blutig schlugen+. - -»Das ist ein Rätsel, das ich noch nicht recht verstehe, aber alle -sind braun und blau geschlagen (meurtris) und grausam verwundet und -martern und schlagen sich unaufhörlich. Sehenswert ist ihre Fassung, -die Sicherheit ihrer Schritte, die Festigkeit ihrer Worte (denn ich -hörte mehrere sprechen) und ihr Gesicht (denn mehrere waren in der -Straße barhäuptig). Es erweckte keineswegs den Anschein, als seien sie -in einer schmerzvollen Tätigkeit, noch in einer ernsten begriffen, und -junge Leute von zwölf oder dreizehn Jahren waren darunter. Dicht bei -mir war ein sehr Junger mit angenehmem Gesicht; eine junge Frau sprach -ihr Bedauern aus, ihn sich so verwunden zu sehen. Er wandte sich zu -uns und sagte ihr lachend: ›Genug, sage dir, daß ich das für deine -Sünden tue und nicht für meine eignen.‹ Sie zeigen bei dieser Tätigkeit -nicht nur keine Angst oder Zwang, sondern sie tun es mit Freude oder -mindestens mit solcher Gleichgültigkeit, daß du sie sehen kannst, wie -sie sich mit anderen Dingen beschäftigen, lachen, sich auf der Straße -zanken, laufen, springen, wie es in einem so großen Gedränge, wo die -Reihen in Unordnung geraten, passiert. Unter ihnen gibt es Leute, die -Wein tragen, um ihnen zum Trinken anzubieten: niemand nimmt einen -Schluck. Man gibt ihnen auch Zuckerwerk, und die, welche Wein tragen, -nehmen häufig davon in den Mund und dann spucken sie ihn wieder aus und -benetzen damit das Ende ihrer Geißel, das aus einem Strick besteht und -sie sind derart mit Blut beklebt, daß man sie begießen muß, um sie -auseinander zu bringen; einige blasen den Wein auf ihre Wunden. Nach -ihrem Schuhwerk und Strümpfen zu urteilen sind es Leute sehr niederen -Standes, die sich für diesen Dienst vermieten, wenigstens die Mehrzahl. -Man sagte mir wohl, daß man ihre Schultern mit etwas polstert, aber -ich habe die Wundmale zu frisch gesehen und die Attacken so lange -fortgesetzt, daß es kein Heilmittel zur Beseitigung der Empfindung -gibt. Und wozu würde man sie mindern, wenn alles Spiegelfechterei -wäre?«[171] - - * - -Keyßler, der 1730 in Rom war, erzählt: »Am grünen Donnerstag kamen -etliche geistliche Brüderschaften und eine volkreiche Prozession von -andern Leuten nach der St. Peterskirche. Unter dieser Gesellschaft -fanden sich zehn bis zwölf maskierte Personen, welche ihre entblößten -Rücken mit vielen Riemen, an deren Enden eiserne Stifte waren, also -zerschlugen, daß man es nicht ohne Ekel ansehen konnte, und die -Stellen, wo sie sich etwas aufgehalten hatten, an dem Blute auf dem -Fußboden der Kirche zu erkennen war. Hinter einem jeden solchen -eigenmächtigen Märtyrer oder im Beichtstuhle dazu verurteilten -Missetäter, wurde eine brennende Fackel getragen und oftmals an den -zerfleischten Rücken gehalten, damit das Blut nicht gerinnen sollte.« - -In einer unterirdischen Kapelle der Jesuiten bekam jeder Eintretende, -hinter dem die Türe gleich verschlossen wurde, tüchtige Geißeln, »die -sich in sieben bis acht Ende oft geknüpfter Reifschnüre verteilten«. -Ein Jesuit erinnerte -- es war Karfreitag -- an die Leiden Christi -und forderte zur Nachahmung auf. Die Lichter wurden ausgelöscht, die -Litanei gesungen und jedermann geißelte sich. Und zwar geschahen die -Ermahnungen und die darauf folgenden Geißelungen dreimal.[172] - -Welche Ähnlichkeit mit dem alljährlich im Orient stattfindenden Umzug -der Perser zur Erinnerung an Alis Tod! - - * - -Übrigens ließen sich auch Herrscher geißeln. Kaiser Heinrich III. -legte nie seinen königlichen Ornat an, bevor er sich dieser Züchtigung -unterworfen hatte. König Otto IV. ließ sich auf dem Totenbette bis aufs -Blut schlagen und noch der große Kurfürst Maximilian I. von Bayern -(1598-1650) ließ mit eigener Hand Schläge auf seinen entblößten Rücken -fallen.[173] - - * - -Keyßler erzählt von einer sonderbaren Sitte, die in Loretto herrschte. -»Die +Kastraten+, so in der Musik der Santa Capella gebraucht werden, -lesen hier gleichfalls +Messe+, und tragen +währen der selbigen ihre -abgeschnittenen Testiculos und andere dergleichen Pertinentien in -einer Schachtel in der Tasche bey+ sich, vermuthlich weil sie nach der -Mathematik werden behaupten wollen, daß 99/100 und 1/100 allezeit ein -Ganzes ausmachen. In Rom höret man von dergleichen Gewohnheit nicht, in -dem oberen Theile von Italien aber ist die Sache nicht ungewöhnlich.« - - * - -Die Maranen, d. h. zwangsweise getaufte Juden der Pyrennäenhalbinsel, -die im geheimen noch dem Glauben ihrer Väter anhingen, heirateten auch -in der Regel untereinander und mußten deshalb häufig die päpstliche -Ehedispens einholen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts erlebten diese -Maranen eine religiöse Renaissance. Sie ließen sich einen gewissen -Rabbi Falcon aus Jerusalem kommen, um die vollkommene Wahrung der -orthodoxen Riten und Gebräuche zu gewährleisten. Damals traten viele -noch im Alter zum Judentum öffentlich über und ließen sich beschneiden. -Sehr sonderbar aber ist der Brauch, daß manche, die wegen vorgerückten -Alters vor den Schmerzen einer Beschneidung zurückscheuten, wenn sie -sich auch offen zum Judentum bekannten, +diese Operation nach dem Tode -an sich vornehmen ließen+. Jakob de Mezas hat in seinem »Mohelbuche« -seit dem Jahre 1706 zahlreiche solche Fälle registriert.[173] - - * - -Der Professor der Dogmatik P. Lépicier, angestellt an der Propaganda -fidei in Rom, schrieb 1909 unter dem Titel »De stabilitate et progressu -dogmatis« ein Buch. Er vertritt darin die Ansicht, daß +ein Ketzer -nicht nur exkommuniziert, sondern von Rechts wegen auch getötet werden -dürfe+. Denn er sei, wie Aristoteles sagt, schlimmer als ein wildes -Tier, das zu töten ja auch keine Sünde sei. Daß die Kirche das Recht -habe, einen Ketzer zum Tode zu verurteilen, unterliegt dem milden -Apostel der christlichen Liebe nicht dem geringsten Zweifel (S. 174 -f.). »Diejenigen katholischen Apologeten irren von der Wahrheit ab, -die da sagen, die Schuld an solchen Sentenzen (Hinrichtung von Ketzern) -sei der weltlichen Inquisition zuzuschreiben, oder die feigerweise -zugestehen, die Kirche habe, dem Zeitgeist folgend, in dieser Sache -in etwas ihr Recht überschritten« (S. 183 f.). Auch vertritt er die -Ansicht, man solle Ketzer und Abtrünnige mit Gewalt in den Schoß der -alleinseligmachenden Kirche zurückführen (S. 190 f.). - -Die Propaganda hat die Aufgabe, Missionare auszubilden und ihre -Zöglinge genießen besondere Auszeichnungen. Die von Kardinal -Hergenröther herausgegebene Enzyklopädie der katholischen Theologie -sagt zum Ruhme der Propaganda: »Noch mehr muß das Institut eine Zierde -in den Augen derjenigen sein, welche zu ermessen wissen, was seine -Zöglinge seit der Gründung des Hauses Großartiges geleistet haben zur -Erfüllung des Wortes: Eunte docete omnes gentes -- Gehet und lehret -alle Völker --, nicht bloß unter schweißvoller apostolischer Arbeit, -sondern auch mit dem Opfer des Blutes.« - -Daß letzteres gebracht wird, wenn auch wohl weniger von den Bekehrern, -als von den Bekehrten, darüber können wir uns nach Lépiciers -Ausführungen beruhigen. - - * - -Doch wir wollen unsere Blicke abwenden von mittelalterlicher -Beschränktheit, wie sie in diesen Anschauungen sich äußert und wie -sie auch die klugen Jesuiten[174] heute nicht mehr vertreten. Erbauen -wir uns lieber am Beispiel eines ebenso frommen, wie aufgeklärten -Mannes, dessen Name in Deutschland genannt wird, wenn es gilt, einen -Zeugen für die Wohlvereinbarkeit strenger Kirchlichkeit mit wahrhaft -modernem Empfinden aufzurufen. Wir meinen natürlich den +Kardinal -Fischer+ in Köln. Durchdrungen von wahrhaft sittlichem Geiste, Catos -Vorbild nachahmend, doch, was sage ich, überflügelnd, verbot er den -Klosterschwestern zu -- +baden+! Diese hochmoralische Bestimmung ist -heute noch in Kraft. Richten wir unsere Herzen auf an diesem Beispiel -wahrer Frömmigkeit und Keuschheit![175] - - * - -Ja, wir sind wahrhaft fromm. In der Schule beginnt der innere Drang, -später sorgen Staat und Kirche dafür, daß das Feuer weiterglimmt, -ja lodert. Oder geht das nicht zwingend daraus hervor, daß es uns -nicht genügt, wenn ein +Mathematiklehrer+ Mathematik versteht, -sondern daß er auch +in der Religion beschlagen sein muß+? Kann man -sich überhaupt etwas Gräßlicheres denken als ketzerische Mathematik -oder -- fast gerade so schlimm -- Mathematik, vorgetragen von einem -Ketzer? So denken auch manche deutsche Staaten, vor allem Preußen, -und fordern deshalb vom +Lehramtskandidaten der Mathematik und der -Naturwissenschaften+ ein +Examen in der Religionslehre+ zum Beweise -dafür, daß er auch +gut -- heucheln kann+. - - * - -Doch nix genaues weiß man nicht -- auch nicht darüber, ob die Kinder -zeitlebens der Mutter Kirche mit der von einem herrschsüchtigen Klerus -so sehr erwünschten Treue anhängen werden. Deshalb ist es gut, sich -rechtzeitig vorzusehen. So dachte auch +Bischof Benzler+ von Metz -und erließ im Frühjahr 1909 einen Hirtenbrief gegen die Mischehen. -Priester sind nun einmal -- das bringt das Amt so mit sich -- -friedfertige Leute, und besonders die Männer, die Christi Namen täglich -hundertmal im Munde führen, zeichnen sich durch Sanftmut vor andern -Sterblichen aus. Sie suchen Trennendes zu überbrücken, Gegensätze zu -mildern. Gesellt sich nun zur christlichen Liebe auch noch die fürs -Vaterland, die Einsicht, daß die Blutbäder und brennenden Städte in -Deutschlands Vergangenheit uns für alle Zeiten ein Memento zurufen, -wohin konfessioneller Hader führt, dann werden wir des glaubensstarken -Bischofs Hirtenbrief doppelt zu schätzen wissen. - -Er empfiehlt darin wärmstens eine »Eine verbotene Frucht« betitelte -Schrift. Hier wird den Pfarrern geraten, sie möchten am Kommunionstage -den Kindern die +schriftliche Erklärung abfordern+: »+Ich verspreche an -diesem schönsten Tage meines Lebens, daß ich niemals eine gemischte Ehe -eingehen werde+«!!! - -Die so vergewaltigten Kinder sind elf bis dreizehn Jahre alt! - -Um aber auch im späteren Alter den Gefahren der Verseuchung oder -Ansteckung durch Andersgläubige -- hu! -- möglichst wenig ausgesetzt -zu sein, gründet man konfessionelle Klubs. So etablierte sich vor -etlichen Jahren in Kissingen ein +Kränzchen katholischer Kurgäste+, -und neuerdings tat sich auch in +Juist+ eine +Vereinigung katholischer -Kurgäste+, ein +katholischer Strandklub auf+.[176] - - * - -An den bayerischen Gymnasien herrscht Kirchenzwang. Er gründet sich auf -den letzten Passus des § 1 der »Disziplinarsatzungen für die Schüler -der Studienanstalten im Königreich Bayern«, mit dem harmlosen Wortlaut: -»Religiosität betätige der Schüler in seinem ganzen Lebenswandel, -insbesondere auch in der Ausübung der religiösen Pflichten seines -Bekenntnisses. - -Alle Sonn- und Feiertage haben die Schüler dem Gottesdienst ihrer -Konfession mit Andacht beizuwohnen.« - -Die Forderung der erzwungenen »Andacht« bringt wenigstens eine -humoristische Note in die Tragik der Anwendung des Paragraphen unter -ultramontaner Herrschaft. Denn sie ist barbarisch. +Tagesausflüge+ -ohne +vorhergehende+ Genehmigung des Religionslehrers oder Konrektors -+sind unzulässig+! Eine nachherige Erlaubnis wird nicht erteilt. Also -ist der Familienvater, der wegen des schlechten Wetters am Samstag den -projektierten Sonntagsausflug fallen ließ, nicht in der Lage, seinen -Kindern doch die Erholung zu gönnen, wenn das Wetter sich aufheitert! - -Ein Schüler wurde sogar +bestraft+, weil er einen +anderen+ als den -vorgeschriebenen Gottesdienst mitgemacht hatte! - -Einem anderen wurde +verboten, am Samstag zu seinem in der Nähe -Münchens wohnenden Vater zu reisen+, um wenigstens einen Tag -wöchentlich im Elternhause zuzubringen. Und das, wiewohl sich der Vater -für den Besuch der dortigen Messe verbürgte! So blieb dem armen Jungen -nichts anderes übrig, als erst nach dem sonntäglichen Gottesdienst zu -fahren. - -Im Jahre 1906 mußten die Schüler eines Realgymnasiums +auf den -zweitägigen Besuch der Landesausstellung in Nürnberg verzichten+, weil -der Professor keine Bürgschaft dafür übernehmen konnte, daß seine -Zöglinge an beiden Feiertagen die +Messe+ besuchen würden! - -Wie in der bayerischen Abgeordnetenkammer festgestellt wurde, gibt -es in der Pfalz ein Gymnasium, das eine höchst sinnreiche Kontrolle -der Schüler eingeführt hat. Jeder erhält eine +Karte+, ähnlich den -Abonnements bei den Friseuren. Verläßt der Schüler die Kirche nach -absolviertem Gottesdienst, dann wird die Karte +geknipst+! - -Und doch bestreitet der bekannte Staatsrechtslehrer Max von Seydel, -daß hier ein Verstoß gegen die verfassungsmäßig garantierte -Gewissensfreiheit vorliege. Das alles sei kein Zwang, denn niemand sei -verpflichtet, sich der Staatsanstalten zu bedienen! - -Der Gelehrte vergaß, daß nicht jeder als Vanderbild geboren ist. - -Und doch ist das alles herzlichst zu begrüßen. Wird doch so eine -Generation erzogen, die voller Begeisterung für die Trennung von Staat -und Kirche eintreten wird.[177] - - * - -Doch nicht nur die Seelen müssen vor ketzerischem Gift bewahrt werden. -Wem es ernst mit seiner Religion ist, wer weiß, was er ihr schuldet, -der macht hier nicht halt. Er breitet die liebenden Arme der Mutter -Kirche auch über -- +Würste+ aus. So lesen wir in einer im März des -Jahres 1910 im Tauber- und Frankenboten, einem in Tauberbischofsheim -in Baden erscheinenden ultramontanen Intelligenzblatt: »... +auch das -kaufende Publikum soll darauf sehen, daß es seine Ware bei Bäckern, -Metzgern und Kaufleuten in Zentrumsblättern eingepackt bekommt+.« - -Zum Verpacken der Würste mögen sich diese Geistesprodukte allenfalls -noch eignen. - - * - -Im Jahre 1908 (das Jahrhundert ist zu beachten!) erschien im Verlage -von Ludwig Auer in Donauwörth unter dem Titel »Die Ehe; eine -Unterweisung über die sittlichen, religiösen und hygienischen Pflichten -für Erwachsene, besonders für Braut- und Eheleute« ein Buch, das mit -dem bischöflichen Imprimatur der Augusta Vindelicorum vom 13. Februar -1908 (Generalvikar Dr. Göbl) versehen ist, in elfter Auflage. - -In diesem frommen Werke wird natürlich auch auf die Wichtigkeit der -Nottaufe hingewiesen (S. 218 ff.), sowie auf die Maßregeln, die zu -ergreifen sind, wenn ein Kind bei der Geburt zu sterben droht. Seine -Seele muß doch davor bewahrt werden, ins Fegefeuer zu kommen! - -Jeder sogenannte Abgang, mag er noch so unförmlich sein und vielleicht -auch gar keine Gestalt haben, ist nur ein verbildetes Menschenwesen und -seine Seele ist für den Himmel bestimmt. Ist der Abgang der Fehlgeburt -auch klein und weiß man auch nicht, ob das Wesen noch lebt, +so öffne -man die dasselbe umgebende Hauthülle und tauche es in das Wasser+, -wobei man die Taufworte spricht und die Bedingung beifügt: »Wenn du -lebst.« Diese Nottaufe bewirkt +geistliche Verwandtschaft, die ein -Ehehindernis bildet+! - -Wegen der Wichtigkeit des Gegenstandes wird die Schrift von J. Neth -»Die Verwaltung des Priesteramtes« wörtlich zitiert. Sie lautet: - -»Wenn bei schweren Geburten zu besorgen steht, es möchte das Kind -sterben, ehe es vollkommen geboren wird, und wenn es möglich wird, -demselben mit Wasser beizukommen, so taufet es im Mutterleibe mittels -einer Röhre oder Spritze, wie sie jede Hebamme haben soll, oder durch -einen Schwamm, den ihr über das Kind im Mutterleibe auspreßt, und -sprechet dabei die Worte: ›Wenn du der Taufe fähig bist, usw....‹ -Sollte es sich ereignen, daß nach gespendeter Taufe im Mutterleibe zwei -oder mehrere Kinder zur Welt kommen, so daß man nicht weiß, welches -von ihnen die Taufe im Mutterleibe empfangen habe, so müßt ihr jedes -derselben bedingungsweise »Wenn du nicht schon getauft bist«... -wiedertaufen«. - -Diese Anweisungen sind dem gewissenhaften Verfasser des Ehebüchleins -anscheinend nicht ausführlich genug. Sein Geist (sit venia verbo!) -treibt ihn daher, zu der bezeichneten Stelle des Textes folgende -Anmerkung zu setzen, deren Wert nur der nicht zu würdigen versteht, der -allen Christentumes bar ist. - -Sie lautet: »Das ist übrigens von Unkundigen kaum durchführbar. +Es -müssen ja die das Kind umgebenden Eihäute zuerst zerrissen sein, damit -das Taufwasser das Kind treffe und nicht die Eihäute.+ Da könnte man -leicht eine Verletzung hervorrufen. Die Taufe im Mutterleibe, von nicht -genau unterrichteten Personen vorgenommen, hat einen sehr zweifelhaften -Wert, und ist +wohl nie Gewißheit gegeben, ob das Kind wirklich getauft -ist+. Erst wenn der Kopf teilweise geboren ist, resp. sichtbar ist, -kann er vom Schleim gesäubert werden und weiß man, daß das Taufwasser -auch wirklich das +Kind+ trifft.« - - * - -Aber nicht nur fürs Seelenheil des präsumptiven Täuflings, auch für das -Wohl der Mutter ist der gewissenhafte Autor besorgt, denn er gibt die -hygienische Vorschrift: »Um die Gefahr einer Infektion zu vermeiden, -muß das Wasser abgekocht und ganz rein sein; desgleichen das zur -Verwendung kommende Instrument.« - -Welche Fülle von Frömmigkeit, gepaart mit weltlicher Weisheit, lebt -doch unter uns! Aber in dieser gottlosen Zeit muß der wahre Christ -das Tageslicht scheuen, damit dort glaubensloses Gesindel (†††) -Unfug treibt und der christkatholischen Menschheit ein Dorn im Auge -ist. Darum wählte der Verfasser die Anonymität. Schade, wir hätten -ihn so gerne mit dem Höllentopographen Professor Bautz künftiger -Heiligsprechung empfohlen. - - - - -Achter Abschnitt - -Mein Reich ist nicht von dieser Welt - - -So sagte Christus. Das Papsttum sagte es auch, war aber klug genug, -anders zu handeln. Mochte es auch die sicherste Anwartschaft auf das -Himmelreich in der Tasche haben, darum auf Erden leer auszugehen, fiel -ihm nicht ein. Und man muß es vor allen den Päpsten in Avignon lassen: -das Scheren der Lämmer hatten sie los. - -Da gab es zunächst das +Servitium commune+. Jeder Bischof oder Abt war -zu dessen Zahlung bei Androhung schwerster Kirchenstrafen verpflichtet, -ehe seine Bestätigungsurkunde ausgehändigt wurde. Diese Abgabe betrug -den dritten Teil des Jahreseinkommens der Pfründe. Während die eine -Hälfte in die päpstliche Kasse floß, gehörte die andere denjenigen -Kardinälen, welche an dem Promotionskonsistorium teilgenommen hatten. - -Außerdem hatte jeder promovierte Bischof oder Abt +noch fünf servitia -communia+ zu zahlen, von denen jedes von derselben Höhe war, wie der -Betrag, welcher den einzelnen Kardinälen von der zweiten Hälfte des -Servitium commune gebührte. Dieses belief sich im 14. Jahrhundert für -Köln auf 10000, für Trier auf 7000 Kammergoldgulden. Die Gesamtsumme -der für Köln zu zahlenden Servitia betrug etwa 11000, für Trier 7700 -Kammergoldgulden. - -Diese Servitia betrugen aber noch nicht einmal den größten Teil der -für die Einholung der päpstlichen Bestätigung aufzuwendenden Gelder. -Dazu kam das Geld für das +Pallium+ in der Höhe von mehreren hundert -Dukaten, ferner für die Hin- und Rückreise des zu Bestätigenden -oder seines Bevollmächtigten, für den Aufenthalt an der Kurie bis -zur Bestätigung, für die Ausfertigung der Ernennungsbullen in den -verschiedenen Ämtern der Kurie und für die Schenkung von Geldsummen -oder Wertsachen an niedere und höhere Kurialbeamte bis hinauf zu den -Kardinälen. So konnte die Erwirkung der päpstlichen Ernennung des -jungen Walram zum Erzbischof von Köln 40000 Goldgulden, +über eine -Million Mark+, kosten. Die Folge dieses Ausbeutungssystems der Kurie -war natürlich, daß die deutschen Bischöfe des 13. und 14. Jahrhunderts -mit seltenen Ausnahmen in ständiger Geldnot sich befanden. Denn meist -starb der Bischof, bevor die Schulden für seine Bestätigung abgetragen -waren, so daß die Diözese neben der Tilgung der alten Schulden neue für -den neuen Herrn aufnehmen mußte. - - * - -Was für Bischöfe und reguläre Äbte die Servizien waren, das waren -für den übrigen Klerus die +Annaten+. Sie bestanden darin, daß die -+Hälfte des Einkommens des ersten Jahres+ der Kurie abgeführt wurde. -Am 8. Dezember 1316 wurde diese Steuer zum ersten Male auf drei Jahre -der Trierer und Kölner Diözese auferlegt, ohne dort viel Gegenliebe -zu finden. Man drückte sich um sie wo man nur konnte und so war der -Ertrag recht minimal. Deshalb wurden am 13. August 1327 noch durch neue -Verfügung die sogenannten Interkalalfrüchte von der Kurie beansprucht. -D. h. die während einer Vakanz fälligen Einkünfte aller an der Kurie -vakant werdenden kirchlichen Benefizien werden der päpstlichen Kammer -vorbehalten. - -Das genügte aber alles noch nicht der Geldgier des angeblichen -Nachfolgers des armen Fischers Petri. So erklärte Klemens VI. auch die -+Spolien+, d. h. den +beweglichen Nachlaß der Bischöfe und Äbte+ in -einzelnen Fällen, wenn er nämlich vermutlich sehr groß war, für eine -gute Beute der päpstlichen Kammer. - -Dazu kam noch der +Zehnte+, stellenweise durch den Zwanzigsten ersetzt -oder das sogenannte Subsidium, d. i. eine bestimmte abgerundete -Geldsumme, die der Bischof auf den Klerus innerhalb seiner Diözese zu -verteilen, zu erheben und dann an die päpstliche Kammer oder an den -betreffenden Kollektor der päpstlichen Kammer abzuführen hatte. - -Am 1. Dezember 1343 schrieb Klemens VI. einen dreijährigen und dann -nochmals einen zweijährigen Zehnten aus, um das Geld angeblich zu -einem Kriege gegen die Türken zu verwenden. Zur Ausführung kam dieser -zwar nicht, aber das von Klemens aus dem Klerus erpreßte Geld setzte -ihn in die angenehme Lage, dem französischen König über 700000 und -seinen Verwandten über 100000 Kammergoldgulden, also zusammen +über -zwanzig Millionen Mark+, leihen zu können. Allerdings kam es auch -vor, daß der Klerus sich weigerte, sich diesem Ausbeutungssystem zu -fügen. Schon 1265 hatte Klemens IV. die Verleihung aller am Sitze -der Kurie erledigten kirchlichen Benefizien dem päpstlichen Stuhle -vorbehalten. Diese Zahl schwillt während des zehnjährigen Pontifikats -Klemens VI. zu tausenden an. Außerdem gab es noch +Exspektanzen+, -entstanden aus Bitten und Empfehlungen von Päpsten des 12. Jahrhunderts -für einzelne Personen zum Zwecke ihrer Versorgung mit einer Pfründe -an die ordentlichen Kirchenoberen als deren Verleiher. Schließlich -wurden aus den Bitten Befehle mit Strafandrohungen. Häufig ernannte -der Papst einen Nachfolger zugleich mit den betreffenden Kollegien, so -daß die Gegenkandidaten jahrelang prozessieren mußten. Die Sporteln -beider vereinnahmte natürlich die Kurie, ohne sich weiter viel darum zu -kümmern, wer in den Besitz der Pfründe kam.[178] - - * - -In welcher Weise das Avignonische Papsttum, der »strenge« und -»ausgezeichnete« Innozenz VI., der »heiligmäßige« Urban V. und der -»durch Klugheit ausgezeichnete« Gregor IX., Nachfolger des Mannes, -der morgens nicht wußte, wo er abends sein müdes Haupt niederlegen -sollte, mit dem Gelde schalteten, werden wir gleich sehen. Die Dummheit -der Völker, die sich von einer prasserischen Geistlichkeit aussaugen -ließen, war aber gewiß nicht geringer, als die Habsucht der Kurie. - -Am 3. Mai 1372 verlieh Gregor XI. dem von ihm ein Jahr vorher zum -Kardinal ernannten Jakob Orsini eine Massenexspektanz für künftig -erledigte Pfründen in den Patriarchaten Aquileja und Grado und in der -Mainzer Kirchenprovinz bis zu einem taxmäßigen Jahresertrage von 4000 -Kammergoldgulden, deren Kaufkraft nach heutigem Gelde +über 100000 M.+ -entsprechen. - -Welche Pfründenmassen vier Kardinäle beim Ausbruch des Schismas 1378 -lediglich in England besessen haben, erfahren wir von einem von -ihnen, Wilhelm d’Aigrefeuille. Sie bezogen jährlich nämlich 12000 -Kammergoldgulden, denen eine heutige Summe von +rund 350000 M. an -Kaufkraft gleichkommt+. Allerdings war England ein besonders beliebtes -Ausbeutungsobjekt, da hier, wie in Frankreich, die Geldwirtschaft -völlig die Naturalwirtschaft verdrängt hatte, während in Deutschland -im 14. Jahrhundert noch vorwiegend die Steuern etc. in Natura gezahlt -wurden.[179] - -Außer dem Ertrage ihrer in verschiedenen Ländern der abendländischen -Christenheit gelegenen Pfründen hatten die Kardinäle noch die Einkünfte -ihrer römischen Titelkirchen, ferner die Hälfte der aus verschiedenen -Ländern an den päpstlichen Stuhl zu zahlenden Zensusabgaben, die Hälfte -der servitia communia und Einnahmen aus dem Ertrage der visitationes -reales mancher Prälaten, sowie Anteile an mehreren anderen Einkünften -des päpstlichen Stuhles. - -Diese Zensusabgaben, die allerdings gerade zur Avignonischen Zeit -oftmals nicht eingeliefert wurden, waren sehr bedeutend. Die -Beherrscher Neapels schuldeten einen Jahreszensus von 8000 Unzen Gold -= 40000 Kammergoldgulden (ca. 1200000 M.) jährlich dem päpstlichen -Stuhle, die Beherrscher der Insel Sizilien jährlich 3000 Unzen Gold. - -Was die servitia communia betrifft, zu deren Zahlung die neuernannten -oder neu bestätigten Bischöfe und Äbte verpflichtet waren, so betrug -1336 die von der päpstlichen Kammer vereinnahmte Hälfte -- die andere -fiel ja an die Kardinäle -- über 30792 Kammergoldgulden. Im zweiten -Pontifikatsjahre Klemens VI. waren es gar 59904 Kammergoldgulden, also -ca. 1700000 M.! Das Durchschnittseinkommen der päpstlichen Kammer in -den neun Jahren von 1336-1345 belief sich auf 48000 Kammergoldgulden -jährlich und das war, wie gesagt, nur die Hälfte der servitia communia. - -Diese Summe verringert sich unter Innocenz VI. im Durchschnitt seines -neunjährigen Pontifikates auf rund 33450 Kammergoldgulden jährlich. Da -nun das Kardinalkollegium, wie gesagt, auf die gleiche Summe Anspruch -hatte, die Zahl der am Sitze der Kurie weilenden Kardinäle unter diesem -Papste aber im Durchschnitt 22 betrug, so kam im Jahresdurchschnitt -auf jeden Kardinal allein an Servitiengeldern die Summe von etwa 1500 -Kammergoldgulden oder 45000 M. nach heutigem Gelde. - - * - -Das +Gesamteinkommen eines Kardinals+ betrug während der Regierung -Klemens VI. und Innozenz VI. nach der aktenmäßig fundierten Berechnung -Sauerlands +mindestens+ 4000-5000 Kammergoldgulden jährlich. Das -Hirtenamt war also recht einträglich, denn nach unserem Gelde -entspricht diese Summe einer Kaufkraft von 120000-150000 M. Mancher -von ihnen wird aber jährlich eine +doppelt oder dreifach so große -Summe vereinnahmt haben+. Das läßt sich beispielsweise aus dem -Nachlaßinventar Hugo Rogers, des Bruders Klemens VI. erweisen. Am 20. -September 1342 zum Kardinal ernannt, starb er am 21. Oktober 1363. -Er war also 21 Jahre Kardinal. In seinem Nachlaß fand man 179186 -Goldmünzen und über 8000 Silbermünzen, also eine Geldmasse, deren -damalige Kaufkraft einer heutigen Summe von etwa 6000000 M. gleichkommt. - -Diesem Oheim Hugo hatte dessen Neffe Peter, der mit 17 Jahren Kardinal -und mit 39 Jahren Papst war (Gregor XI.) erfolgreich nachgeeifert. Sein -Nachlaß enthielt außer dem Gold- und Silbergerät in barem Gelde 140503 -Goldgulden, die aber natürlich nicht der Christenheit oder den Armen, -sondern seinem nahen Verwandten Reymond von Turenne als Haupterben -zufielen.[180] - - * - -Sauerland hat festgestellt, daß im 14. Jahrhundert im Rheinland nicht -weniger als 94 +Nichtpriester+ im Besitz von Pfarreien waren. Das -schlug natürlich auch damals dem Kirchenrecht ins Gesicht. Während -es häufig in den Urkunden heißt, daß dieser Zustand »viele Jahre« -gedauert hat, gelang es dem Gelehrten, 38 Fälle genau festzustellen. -Unter diesen findet sich in fünf Fällen die Dauer von 10 Jahren, in -einem Fall 11 Jahre, in zwei Fällen 12 Jahre, in drei Fällen 13 Jahre, -in einem Fall 14 Jahre, in zwei Fällen 16 Jahre, in einem Fall 19 -Jahre, in einem Falle aber sogar +26 Jahre+!! Es kam vor, daß +ein -Nichtpriester einem ebensolchen folgte+! - -Unter den 38 Pfarrinhabern finden sich +ein Knabe von 6 Jahren+, einer -von 10 Jahren, vier von 11 Jahren und ein Knabe von 14 Jahren.[181] - - * - -Nicht nur die +Söhne von Geistlichen+ erhielten durch päpstlichen -Dispens mit der Priesterwürde die Pfründe, sondern auch ein -+Nonnensohn+ wird genannt. An sich ist Vorurteilslosigkeit gegenüber -der Herkunft gewiß kein Kulturkuriosum, aber merkwürdig ist, daß die -angeblich so sittenstrenge Kirche daran keinen Anstoß nimmt.[182] - - * - -Ein schönes Beispiel für die Dimensionen, die zur Zeit des -Avignonischen Papsttumes die Pfründenjagd einnehmen konnte, bietet der -Dr. Regum Heinrich +Sudermann+, Angehöriger einer adeligen Dortmunder -Patrizierfamilie. Er war Sekretär des in ständiger Geldnot befindlichen -Kölner Erzbischofs Walram und erhielt von ihm für eine Anleihe von 500 -Goldgulden die bedeutenden Höfe der Kölnischen Kirche zu Hagen und -Schwelm samt der dortigen erzbischöflichen Gerichtsgewalt verpfändet. - -Während der Regierung Benedikts XII., zwischen 1337 und 1340, erschien -Sudermann viermal als erzbischöflicher Gesandter an der Kurie. Dafür -erhielt er nur die Exspektanz für eine Kanonikatspfründe der Kölner -Severinskirche, die im nächsten Jahre zu einer Exspektanz für eine -höhere Pfründe derselben Kirche erweitert wurde. Das war gewiß nicht zu -viel. Aber es sollte nicht alles bleiben. - -Unter der sechsjährigen Regierung Klemens VI. erhielt er eine -Kanonikatswohnung, eine Kanonikatspfründe und die Scholastrie der -Kölner Andreaskirche. Außerdem erwirkte er seinem Bruder Bertram -Exspektanzen auf zwei Pfründen und ferner eine priesterliche -Kanonikatspfründe der Kölner Domkirche. Für einen außerehelich -geborenen Neffen Hermann erwirkte er päpstliche Dispens zum Empfang -der Weihen und eine Pfründe oder eine Exspektanz, einem andern Neffen -eine Exspektanz für eine Kanonikatspfründe der Soester Patroklikirche. -Ferner erwirkte er zwei Angestellten bzw. Bekannten Pfründen. - -Später trat Suderman als Notar in päpstliche Dienste und wurde in -wichtigen Geschäften viermal nach Deutschland geschickt. Dafür erhielt -er für seine eigene Person noch drei Pfründen vom Papste, so daß er am -Ende des Pontifikats Innozenz VI. im Besitze der Pfründen von Lüttich, -Haslach, Maastricht, Xanten und St. Andreas in Köln sich befand. Sie -warfen etwa 120 Mark Silber jährlich ab, die Mark Silber galt etwa -fünf Kammergoldgulden, dessen Wert etwa zehn Mark, deren Kaufkraft -damals aber zwei bis dreimal so hoch war wie heute, so ergibt sich eine -Jahresrente von 12-18000 Mark. Das ist durchaus nicht übertrieben. Aber -Suderman wirkte weniger für sich, als +für seine Verwandten, Freunde -und Diener+. - -Das eine Mal erbittet er Pfründen bzw. Pfründenexspektanzen für +sechs -Neffen und zwei Diener+, das andere Mal für +drei unehelich geborene -Neffen+ je eine Exspektanz für eine höhere Pfründe, ein drittes Mal -Pfründen und Exspektanzen für fünf Verwandte, ein viertes Mal fünf -Pfründen und zwei Pfründenexspektanzen für sieben Neffen, ein fünftes -Mal Pfründen und Pfründenexspektanzen für sechs Verwandte, Gehilfen -und Diener und ein sechstes und letztes Mal elf Pfründenexspektanzen -für elf Neffen. Onkels von heute, nehmt euch ein Beispiel an diesem -edlen Manne, der während der Regierung Innozenz’ VI. nicht weniger als -+56 päpstliche Verleihungen von Pfründen und Exspektanzen für andere -erwirkte+! - -Hier lernten wir ein Musterbild eines vornehmen Kurialen der Avignoner -Papstzeit kennen, der für sich wenige, aber fette Pfründen erwirbt, -aber möglichst viel für seine Verwandten und Diener zu erwerben -trachtet und versteht. Was Nepotismus ist, dürfte nunmehr jeder -wissen.[183] - - * - -Doch was will der Nepotismus eines Kurialbeamten des 14. Jahrhunderts -bedeuten gegenüber dem des Papstes Sixtus IV. und seiner Nachfolger! Er -wurde nie, weder vorher noch nachher, so rücksichtslos betrieben. Er -war das Prinzip aller Handlungen dieses Statthalters Christi. - -Im Jahre seiner Papstwahl noch, 1471, machte er zwei Neffen, +Pietro -Riario+, den man für seinen Sohn hielt, und Julian Rovere, nachmals -Julius II., junge Menschen niederer Abkunft, weder durch Verdienst -noch Talent ausgezeichnet, zu Kardinälen. Dessen ungeachtet erhielt -Pietro die Würden eines Patriarchen von Konstantinopel, eines -Erzbischofs von Sevilla, Florenz und Mende und so viele Benefizien, daß -sich sein Einkommen auf 60000 Goldgulden belief. In den zwei Jahren, -die dieser Parasit noch zu leben hatte, bis Reichtümer und Leben -vergeudet waren, stürzte sich Riario in die sinnloseste Schwelgerei. -Seine Feste übertrafen an Verschwendung alles je Dagewesene. +Seine -Nachttöpfe waren aus vergoldetem Silber!+ Der erbärmliche Mensch starb, -erst 28 Jahre alt, nachdem er 200000 Goldgulden (ca. acht Millionen -Mark!) verpraßt hatte, mit Hinterlassung großer Schulden. Er war -mächtiger gewesen als der Papst![184] - - * - -Die kirchlichen Zustände im 14. Jahrhundert werden am Beispiel -des Erzbischofs Walram von Köln deutlich. Um das Jahr 1315, -+als zwölfjähriger Knabe+, hatte er bereits eine Kölner -+Domkanonikatspfründe+ erhalten, noch bevor ihm die Tonsur erteilt -worden war. In seinem 23. Lebensjahre erhielt er dazu die Propstei -der Maastrichter Stiftskirche S. Servatii, eine Sinekure, sowie die -Thesaurarie der Kölner Domkirche, obschon er damals für beide Würden -noch nicht das kanonische Alter hatte. Nachdem er dieses erreicht, -verlieh der Papst ihm noch die Propstei der Lütticher Domkirche, eine -Kuratdignität, samt einer dortigen Domkanonikatspfründe und gestattete -ihm den Fortbesitz der Maastrichter Propstei. Weil er aber unterlassen -hatte, wegen der beiden erstgenannten Dignitäten den vorgeschriebenen -kanonischen Dispens wegen mangelnden Alters einzuholen, war er der -kirchlichen Strafe der Infamie und der Unfähigkeit zum Erwerb und -Besitz kirchlicher Pfründen verfallen. Doch die päpstliche Lossprechung -von diesen Kirchenstrafen und kanonische Wiedereinsetzung in die -Kirchenpfründen wurde ihm unterm 30. September 1330 zuteil. - -Zugleich schrieb ihm der Papst vor, bis zum nächsten Osterfest -(1331) die für die Lütticher Dompropstei kanonisch erforderliche -Subdiakonatsweihe und dann binnen dreier Jahre die dafür ebenfalls -erforderliche Diakonats- und Priesterweihen sich erteilen zu -lassen. Walram versäumte die erste Pflicht und erfüllte auch die -Residenzpflicht nicht. Deshalb verfiel er neuerdings den vorgenannten -Kirchenstrafen. Doch erhielt er am Ostermontag 1331 die päpstliche -Lossprechung und zugleich die Erlaubnis, den Empfang der Diakonats- und -Priesterweihe noch drei Jahre lang aufzuschieben. In der Zwischenzeit -hatte Walram am 21. Oktober 1328 Titel und Vorrechte eines päpstlichen -Kaplans erhalten. - -Diese, wenigstens nach heutigen Begriffen, nicht ganz normale -Lebensgeschichte war aber noch lange nicht zu Ende. Am 27. Januar -1332 wurde nämlich Walram zum Erzbischof von Köln ernannt. Da er aber -das vom kanonischen Recht für einen Bischof erforderliche Alter noch -nicht erreicht hatte, was dem Papste verschwiegen worden war, so war -die Ernennungsurkunde ungültig und mußte durch eine neue gültige -Ausfertigung, die das Datum des folgenden Tages trägt, ersetzt werden. - -Der noch nicht dreißigjährige Erzbischof hatte erst die sogenannten -niederen Weihen erhalten. Deshalb bekam er vom Papste die Erlaubnis, -binnen dreier Jahre sich die drei höheren Weihen von einem beliebigen -Bischof erteilen zu lassen. - -Diese ganze abenteuerlich klingende, aber durchaus nicht vereinzelte -Geschichte findet ihre Erklärung darin, daß Walram von seinem Bruder, -dem Grafen Wilhelm von Jülich, dem Neffen des französischen Königs, -protegiert worden war. Dieser hatte dem Papst als Entgeld für -seine Bereitwilligkeit in der Ernennungsangelegenheit das eidliche -Versprechen gegeben, dem päpstlichen Stuhle zeitlebens treu und ergeben -zu bleiben und ein Widersacher Ludwigs des Bayern und anderer Gegner -des Papsttums zu sein. - -Außerdem war die Sache für Wilhelm auch nicht billig. Sie hatte nämlich -40000 Goldgulden gekostet, also etwa 1200000 Mark nach heutigem -Geldwert! - -Daß das Erzbistum diese Summe wieder aufbringen mußte, ist -selbstverständlich. Aber das ging nicht glatt. Vielmehr sah sich -Walram gezwungen, aus Gründen der Sparsamkeit das hochverschuldete -Erzstift, dessen wichtigste Besitzungen verpfändet waren, zu verlassen -und seine Verwaltung fremden Personen anzuvertrauen. Er wanderte mit -wenigen Begleitern nach Frankreich, wo er nach 17jähriger nicht eben -glorreicher Verwaltung der hohen Würde am 14. August 1349 in Paris -starb.[185] - - * - -Wie wenig Rücksicht die Avignonischen Päpste auf die materielle -Wohlfahrt der Kirchenprovinzen legten, geht schon aus der einzigen -Tatsache schlagend hervor, daß der Nachfolger Walrams, Wilhelm von -Genepe, sich verpflichten mußte, Klemens VI. 30000 Goldgulden zu -zahlen.[186] - - * - -Auch heute noch scheint der geistliche Beruf recht einträglich zu -sein, wie aus der in »Reynolds Newspaper« (6. Januar 1907) enthaltenen -Zusammenstellung von Hinterlassenschaften von Klerikern im Jahre 1906 -aus England hervorgeht. - -233 testamentarische Hinterlassenschaften mit in Summa 5638073 £, im -Durchschnitt pro Person 23933 £ werden hier notiert. - -+10 überstiegen 2 Millionen Mark+: Rev. Sir Richard Fitzherbert, Rektor -von Warshop = 530548 £. Rev. J. H. Godber, Kanonikus von Southwell = -218506 £. Jeder dieser 10 hinterließ im Durchschnitt 179121 £. - -Die 9 Bischöfe, deren Testament im Jahre 1901 veröffentlicht wurde, -hinterließen im Durchschnitt je 24332 £, also etwa eine halbe Million -Mark. - - - - -Neunter Abschnitt - -Klerus und Sittlichkeit - - -Gegen den ersten Band dieses Buches ist von ultramontanen Blättern der -Vorwurf erhoben worden -- natürlich ohne auch nur den Gegenbeweis, -der völlig aussichtslos gewesen wäre, zu versuchen --, daß ich die im -mittelalterlichen Klerus herrschende Unsittlichkeit stark übertrieben -hätte. Nun liegt mir nichts ferner, als zu bestreiten, daß es zu allen -Zeiten und überall sittenstrenge und edle Menschen gegeben habe und daß -auch die katholische Geistlichkeit solche stets in ihren Reihen zählte. -Wohl aber ist es grundfalsch, ihnen eine höhere Moral zu imputieren. Im -Gegenteil waren im Mittelalter und besonders vor der Reformation dort -häufig Zustände zu finden, die man kaum irgendwo in einer Gesellschaft, -die nur einigermaßen auf gute Sitten Anspruch erheben möchte, antreffen -dürfte. - - * - -Der ultramontane Historiker Janssen hielt die Unsittlichkeit des -Klerus vor der Reformation für kaum der Erwähnung wert und führt die -Verwilderung in tendenziöser und die Tatsachen auf den Kopf stellender -Weise auf die Reformation zurück. Mag diese große Geistesbewegung auch -viele Schattenseiten im Gefolge gehabt haben, so wird die Gerechtigkeit -ihr doch zum mindesten eine Besserung der öffentlichen Sittlichkeit -zubilligen müssen. - - * - -Ein anderer Gesinnungsgenosse Janssens, H. Finke, im übrigen ein -vortrefflicher Historiker, hat zum mindesten Schleswig-Holstein und -Westfalen für die Länder erklärt, die von der sittlichen Verwilderung -der Zeit verschont geblieben seien[187], eine Behauptung, die Pastor -nicht nur übernimmt, sondern in seiner Bearbeitung des Janssenschen -Werkes noch erweitert.[188] Unter diesen Umständen ist es besonders -amüsant, die Zustände +Westfalens+, also des vorgeblichen +sittlichen -Musterlandes+, kennen zu lernen. - -Es handelt sich um einen offiziellen Bericht des Fiskalprokurators -Friedrich Turken, also eines Geistlichen, am Kölnischen Offizialgericht -in Werl an den Siegler des Offizialgerichts in Köln vom Jahre 1458.[189] - -Das Dokument ist mithin völlig einwandfrei und nicht, wie man glauben -möchte, die gehässige Streitschrift eines Satirikers. - -Zunächst werden Verstöße gegen die äußere kirchliche Ordnung -festgestellt, widerrechtliche Abhaltung des Gottesdienstes, Ausfall -der Messe bis zu 14 Tagen, Simonie, gehässige Verweigerung des -Beichtstuhls, Spendung des Abendmahls an Exkommunizierte, und zwar -bewußt und aus Dreistigkeit. In Rüthen werden zwei Vikariate gegründet, -nur damit der Pfarrer als +Vagabund+ leben kann. - -Ferner wird konstatiert, daß die Geistlichkeit sich nicht nur an -Wein- und Getreidehandel beteiligt -- und zwar trotz Wohlstandes -aus purer Gewinnsucht --, sondern daß der Klerus allgemein Zins- -und Wuchergeschäfte macht. Der Pfarrer in Rüthen erhält von einem -Sterbenden um der Absolution und der Exsequien willen +alle Güter -vermacht+, hat ihn dann aber +weder absolviert, noch kirchlich -bestattet+. Die fünfjährige Tochter des Verstorbenen ist dadurch -gezwungen, sich von Almosen zu nähren. - -Der Gewinnsucht ebenbürtig ist die +Schimpfwut+ und +Gewalttätigkeit+. -Das Dokument führt die Schimpfworte genau an. Uns interessiert mehr die -Tatsache, daß ein Pfarrer den +Schulmeister vor dem Altar »im Angesicht -des ewigen Gottes« verprügelt+, oder daß der von Flierich +seine eigene -Mutter mißhandelt+, oder daß ein anderer in Schwerte mit Bürgern ein -+Messerstechen+ veranstaltet. Bei demselben wird für die Fastnacht die -Teilnahme an einem Turnier getadelt. - -Harmloser ist das wilde Jagen der Geistlichkeit bis zu reinem -Vagabundenleben, nicht schön der Wirtshausbesuch mit Betrunkenheit, -Erbrechen und Übernachten auf der Straße. Am wenigsten erfreulich die -geschlechtliche Unsittlichkeit. Das Protokoll enthält +fünf Fälle -von Konkubinaten der Pfarrer mit verheirateten Frauen, deren Männer -noch leben+. Einmal wird die Frau gegen die ausdrückliche Reklamation -des Mannes vom Pfarrer +zurückbehalten+, ein Mandat des Erzbischofs -bleibt gänzlich wirkungslos. Daneben erscheinen +Prostituierte im -Umgang mit Pfarrern+, so scheint das Leben des Kaplans Heinrich Jummen -in Werl sich -- und zwar +ganz öffentlich+ -- überhaupt vornehmlich -in diesen Kreisen zu bewegen. Das Benehmen dieses Seelenhirten wird -im Dokument bis herab zu den Wechselreden im Frauenhause mit einer -Laszivität geschildert, die nur mit der Faszetienliteratur verglichen -werden kann. Der Pfarrer in Altenrüthen hat +eine Ehefrau und zwei -Ledige mißbraucht+, im Nachbardorfe Rüthen aber +gar drei Ehefrauen und -eine Ledige, in Elsey zwei Ledige+. Förmliche Schlägereien zwischen -Konkubinen um einen Pfarrer kommen vor. Der Aplerbecker veranstaltet -eine große Gasterei zur +Hochzeit seiner Tochter+. +Dieselbe Konkubine -dient gleichzeitig und auch nacheinander verschiedenen Geistlichen.+ -Übrigens muß sich auch die Breslauer Diözesansynode von 1440 gegen das -Konkubinat mit Ehefrauen wenden. Die Eichstädter Diözesansynode von -1453 aber sieht sich ausdrücklich zur Festsetzung veranlaßt, daß +auch -simplex fornicatio eine Sünde sei+. Man war also bisher zumeist anderer -Ansicht. - - * - -Papst Gregor XII. erließ im Jahre 1308 eine Bulle, in welcher die -Zustände in einer großen Anzahl von Benediktinerinnenklöstern der -nordwestdeutschen Diözesen Bremen, Münster und Utrecht dargestellt -werden. - -Nachdem der Papst festgestellt hat, daß fast jegliche Religion -und Beachtung der Ordensregel abhanden gekommen sind, dafür aber -Fleischeslust und Laster regierten, fährt er fort: - -»Sie selbst, aus weltlichem Stande und Leben hervorgegangen, -nehmen bisweilen ihre Konkubinen oder Kebsweiber, die sie, wie -vorausgeschickt, im weltlichen Stande gehalten hatten, sogar mitsamt -den Kindern, die sie mit den Kebsweibern gezeugt hatten, mit sich in -die vorgenannten Klöster, in die sie aufgenommen wurden, und halten -und begünstigen sie in ihnen ganz öffentlich, wie sie es früher getan -hatten, als sie noch selbst in weltlichem Stande gelebt hatten, und -scheuen sich nicht, die Messe und andere heilige Ämter zu feiern, -ohne von solchen Verbrechen absolviert zu sein. Es huren auch viele -Nonnen mit ihren Prälaten, Mönchen und Geistlichen herum und gebären in -denselben Klöstern viele Söhne und Töchter, die sie von den gleichen -Prälaten, Mönchen und Geistlichen durch Hurerei oder blutschänderischen -Beischlaf empfangen haben. - -Die Söhne aber machen sie zu Mönchen, die auf dieselbe Weise -empfangenen Töchter aber häufig zu Nonnen in den genannten Klöstern. -Und was bemitleidenswert ist: viele dieser Nonnen vergessen -ihre mütterliche Liebe und treiben, indem sie Böses durch Böses -noch vermehren, ihre Frucht ab und töten die zutage geförderten -Kinder....«[190] - - * - -Im Jahre 1423 berief Erzbischof Otto von Ziegenhain eine -Provinzialsynode, auf der die Sittenzustände im Klerus der Trierer -Kirchenprovinz folgendermaßen geschildert werden: - -»Wiewohl aber gegen jene bereits geweihten Kleriker, die notorisch -Konkubinen bei sich halten oder andere verdächtige Weiber viele neue -und alte Gesetze erlassen sind und mehrere bestraft wurden, haben doch -viele heutige Kleriker keine Achtung vor den genannten Strafen, sondern -sie entehren sich, indem sie diese verruchte Sünde begehen. Daraus -entsteht viel Ärgernis, und aller Wahrscheinlichkeit nach würde es noch -mehr sein, wenn nicht Vorkehrungen getroffen würden.« - -Daraufhin erließ die Provinzialsynode den Befehl, daß kein Presbyter -oder Kleriker eine Konkubine oder eine verdächtige Weibsperson in -seinem Hause habe. Habe er aber eine solche bei sich, so müsse er -sie binnen zwölf Tagen »+tatsächlich und mit Erfolg entfernen und -entlassen+«. - - * - -An solchen Schilderungen von authentischer Seite ist kein Mangel. -Bemerkenswert ist noch das 17. Kapitel der Kölner Diözesansynode vom -Jahre 1307, das über Vorfälle in Nonnenklöstern berichtet: - -»... viele Nonnen unserer Stadt und geheiligten Diözese werden -geschändet, und wenn sie so geschändet sind, von diesen (Verführern) -aus ihren Klöstern entführt und zur großen Gefahr ihrer Seelen und -vielem Ärgernis öffentlich abspenstig gemacht. Die so Ferngehaltenen -werden durch die nämlichen bisweilen durch Listen, häufig durch -Drohungen und Gewalt, ihren Klöstern wieder zurückerstattet. - -Die Nonnen selbst aber, die so gehalten sind, werden, um nicht durch -ihre Straflosigkeit zu Ähnlichem zu verführen, durch die Äbtissinnen, -Lehrerinnen oder Priorinnen und die Konvente ihrer Klöster nicht anders -wieder aufgenommen, als auf Grund einer Karzerstrafe,... bis sie durch -uns... der Wiederaufnahme.. würdig erachtet werden.« - -Im Jahre 1371 mußte in Köln ein gleicher Befehl erlassen werden.[191] - - * - -Die gleiche Kölner Synode sah sich auch veranlaßt, in ihrem 15. Kapitel -ausdrücklich den Klerikern zu verbieten, in ihren Testamenten über die -+Einkünfte des sogenannten Gnadenjahres+, das ist des ersten Jahres -nach ihrem Tode, dessen Einkünfte ihnen noch zukamen, +zugunsten ihrer -Konkubinen und ihrer unehelichen Kinder zu verfügen+. - -Zu Beginn des 14. Jahrhunderts kam es soundso oft vor, daß Mönche -und Nonnen aus ihren Klöstern aussprangen und dann nach Aufgabe der -Ordenskleidung und Ordenszucht als Weltleute lebten. Daß relativ nicht -viel urkundliches Material uns erhalten ist, hat seinen Grund darin, -daß nur solche Fälle zu unserer Kenntnis gelangen, in denen diese -Ordenspersonen später ihre Flucht aus dem Kloster +bereuten+ und die -+Wiederaufnahme+ begehrten. Nur wenn sie die Hilfe des Papstes dazu -in Anspruch nahmen, besitzen wir die einschlägigen Dokumente. Wie -häufig jedoch tatsächlich diese Fahnenflucht war, erhellte daraus, daß -Papst Benedikt XII. sich veranlaßt sah, eine besondere Konstitution zu -erlassen.[192] - - * - -Die sogenannten Strafakten des Marienburger Ordenshauses enthalten -mehrere Fälle, wo die Deutschen Herren unter dem Deckmantel der Beichte -und Buße systematisch Verführung von Frauen und Jungfrauen, ja sogar -gewaltsame Schändung von neun- und zwölfjährigen Mädchen verübt hatten. -Der Ordensmeister Jungingen sah sich veranlaßt, Verbote zu erlassen, -daß +kein weibliches Tier, weder Stute, noch Eselin, noch Hündin, im -Ordenshause gehalten werden dürfe+. Ähnliche Verbote bestanden auch -für die Klöster auf dem Berge Athos. In Rom mußten sie gar noch in den -dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts erneuert werden!!! - -Wiewohl nun die Ordensritter in Marienburg ein wohleingerichtetes -Frauenhaus unterhielten, liefen doch häufig Beschwerden von Bürgern -ein, daß ihre Frauen und Töchter mit Gewalt aufs Schloß geschleppt und -dort bis zur Mißhandlung gemißbraucht wurden.[193] - - * - -Klemens VI. hat im ersten Jahre seines Pontifikats 1342 sieben Trierer -und dreizehn Kölner, die unehelich von Priestern erzeugt worden -waren, dispensiert, so daß sie Priester werden konnten. In den Jahren -1335-1342 war dieser Dispens 9 Priestersöhnen der Diözese Metz, 17 -ebensolchen der Diözese Trier, 20 der Diözese Köln und 36 der Diözese -Lüttich erteilt worden. Im ganzen absolvierte Klemens im gleichen Jahre -484 +Priestersöhne+ nach Ablegung eines Examens. Bedenkt man nun, daß -selbstverständlich nicht jede Bitte um Dispens erfüllt wurde, daß doch -nicht jedes Kind eines Priesters ein Sohn ist, nur ein Bruchteil das -entsprechende Alter erreicht und doch gewiß nicht die Mehrheit gerade -den Priesterberuf wählte, der eines besonderen päpstlichen Dispenses -bedarf, also der einzige ist, den zu ergreifen diese Herkunft de jure -ausschließt, so wirft das alles auf die Art, in welcher das Zölibat -gehalten wurde, ein grelleres Licht, als die noch so drastischen -Exklamationen der Sittenprediger und Chronisten. - - * - -Von unbedingt kompetenten Beurteilern liegt für die nordischen Länder -ein Bericht des päpstlichen Notars und Abbreviators Dietrich von -Nieheim (»Nemus Unionis«) vom Jahre 1408 (abgedruckt bei Sauerland S. -298 f.) und für Spanien und Süditalien des päpstlichen Pönitentiars -Alvar Pelajo vom Jahre 1332 in seiner Schrift »De planctu ecclesiae« -(abgedruckt eb. S. 297 f.) vor. Das von beiden unverdächtigen Zeugen -gefällte Urteil entspricht völlig den aus der Statistik gezogenen -Schlüssen. Nieheim stellt z. B. ausdrücklich fest, daß es den -norwegischen Presbytern und Bischöfen +nach heimischer Sitte freistand, -öffentliche Konkubinen zu halten+. Dabei waren diese weiblichen -Personen +ganz und gar nicht gering geschätzt+, sondern nahmen geradezu -am Range ihres Freundes teil. Daß Priester niederen Ranges, die das -Zölibat hielten, ja, die ohne Konkubine lebten, nicht die Regel, -sondern die Ausnahme bildeten, verstände sich von selbst, auch wenn es -nicht ausdrücklich berichtet würde.[194] - - * - -Als der päpstliche Vikar unter Sixtus IV. den Geistlichen und Kurialen -verbot, sich Konkubinen zu halten, +tadelte der Papst ihn deshalb -heftig und hob das Verbot wieder auf+. Er motivierte es damit, daß man -kaum einen Priester ohne Konkubine fände. »Und aus diesem Grunde wurden -die Prostituierten gezählt, die damals in Rom öffentlich waren, um ein -wahrheitsgetreues Bild zu gewinnen und die Zahl der Prostituierten auf -6800 festgestellt, abgesehen von jenen, die im Konkubinat leben und die -nicht öffentlich, sondern im geheimen zu fünft oder sechst ihre Künste -ausüben, desgleichen jener, die einen einzigen oder mehrere Kuppler -haben. Daran kann man erkennen -- schreibt Infessura --, wie in Rom -gelebt wird, wo das Haupt des Glaubens wohnt, und wie der heilige Staat -regiert wird.«[195] - -Berücksichtigt man, daß Rom damals kaum 70000 Einwohner hatte, so läßt -sich der Prozentsatz der Prostituierten etwa folgendermaßen berechnen: -Ziehen wir ein Drittel der Einwohner -- sehr mäßig gerechnet -- als -Kinder und Greise ab, so bleiben etwa 45000, nehmen wir an, die Hälfte -davon sei weiblich gewesen, dann war +jede vierte weibliche Person eine -Prostituierte, ohne Rücksicht auf die im Konkubinat lebenden+![196] - - * - -Wir besitzen aus den Jahren 1519-1521 für ein kleines Gebiet der -Mainzer Erzdiözese Taxlisten, in denen die Höhe der Strafe für die -einzelnen Delikte von Priestern festgesetzt ist. - -Der Bordellbesuch von Priestern wird von allen Vergehen am niedrigsten -eingeschätzt, nämlich im Durchschnitt auf 16 sol. Ehebruch kostet -schon 30, Inzest 88 sol. Gegenüber dieser niedrigen Bestrafung von -Fleischessünden, die ein vernichtendes Urteil über die kirchliche -Moral nicht nur gestattet, sondern fordert, werden Verstöße gegen die -kirchliche Ordnung überaus hoch bestraft. - -Unkanonische Amtsführung kostet 29 sol., Nichtbeachtung der -Residenzpflicht 44, Begräbnis eines Exkommunizierten aber 240 sol. -Also war in den Augen der mittelalterlichen Kirche +die Sünde, einen -Exkommunizierten ehrlich zu bestatten und damit praktisches Christentum -zu üben, fast dreimal so schwer wie die der Blutschande, während man um -dasselbe Geld sich als Priester acht Ehebrüche leisten konnte+. - - * - -Diese kulturhistorisch außerordentlich wertvolle Strafliste erstreckt -sich auch auf Laien. So kostet eine +Übertretung des Fastenverbotes -gerade doppelt so viel als ein Ehebruch+. - -Die Jahresrechnungen des Kölner Offizialatgerichtes in Werl aus den -Jahren 1495-1515 ergeben ein ähnliches Bild. Denn die höchste der -hier vorkommenden Strafen, nämlich 31 fl. 2 ß ist auf Celebratio -in suspensio gelegt, während zwei schwere Inzestfälle nur mit 19 -fl. 5 ß oder 20 fl. 8 ß geahndet werden, ein anderer gar nur mit 14 -fl. Ein doppelter Unzuchtfall erhält die Strafe von 3 fl. 5 ß. Sehr -billige, geradezu Tietzpreise, erzielten einfache Unzuchtfälle. Sie -bleiben massenhaft überhaupt unter dem Satze von 1 fl. Ehebruch war -kostspieliger, denn die Strafe von 3 fl. 9 ß wird mit der Armut des -Inkulpaten motiviert. - - * - -Teuer waren dagegen Verstöße gegen die Kirchenordnung: der Laie, -der seinen Priester hintergeht und trotz seiner Exkommunikation das -Abendmahl nimmt, erhält eine Strafe von 2 fl. 6 ß, der Priester aber, -der ihm ahnungslos das Abendmahl reicht, 6 fl. 5 ß. - -Während ein Laie, der, ohne es zu wissen, eine Verwandte vierten Grades -geheiratet hat, einer Buße von 3 fl. 9 ß unterworfen wird, kommt ein -+Priester, der mit einem Schulmädchen in seinem Hause Unzucht treibt, -schon mit 1 fl. durch+. - -Auch in dem 1517 in Rom gedruckten Taxenbuch wird Zulassung eines -Exkommunizierten zum Gottesdienst schwerer bestraft, wie Inzest. Ganz -ähnlich übrigens schon die berühmten Dekretalien des Bischofs Burchhard -von Worms († 1025). Man vergleiche das 19. Buch dieses Werkes (Pariser -Ausgabe von 1549, S. 262 ff.). - -Zweifelt noch jemand, daß es der Kirche vor der mit so viel Fanatismus -und Borniertheit bekämpften Reformation keineswegs so sehr um Hebung -der Sittlichkeit, als um Erzwingung äußerlicher disziplinärer -Unterordnung zu tun war? Denn diese Taxen, die jeder Moral ins Gesicht -schlagen, sind nicht etwa von irgendwelchen lokalen Gewalten, sondern -von der offiziellen Kirche festgesetzt worden. - -Dazu gibt es noch eine ganze Reihe von Beispielen, daß diese milden -Strafen gegen Geistliche nicht verhängt wurden. Daher existierte ein -Sprichwort: Wer ohne Strafe leben will, der werde Kleriker. - - * - -Als die Camminer Synode von 1454 die Vertreibung der Konkubinen binnen -zwölf Tagen bei einer Strafe von 10 Mark Silbers gebietet, vergißt -sie nicht den Zusatz: »+es sei denn, sie würden aus gerechten und -vernünftigen Gründen von uns geduldet+«!!! - - * - -Nach Aussagen Kölner Pfarrer von 1484 über die Behandlung homosexueller -Vergehen ergibt sich, daß die Geistlichen es bisweilen überhaupt -unterließen, kirchliche Strafmittel anzuwenden. Die kirchlichen -Behörden hatten es eben vielfach aufgegeben, sich dem Sittenverfall -entgegenzustemmen. Das war eine natürliche Folge der aszetischen -Grundtendenz der Kirche, die im unüberbrückbaren Widerspruch zum -Leben stand. Die Kirche war einfach ratlos gegenüber der allgemeinen -sittlichen Auflösung, die eintreten muß, wenn Unmögliches gefordert -wird. - - * - -Da die Kirche trotz zahlloser, im 15. Jahrhundert zur Schärfung -des Gewissens der Geistlichkeit abgehaltener Provinzial- und -Diözesansynoden, trotz Klostervisitationen und glühenden -Volkspredigern kein nennenswertes Resultat erzielte, sahen sich -vielfach die weltlichen Fürsten genötigt, die Reinigung des geistlichen -Standes vorzunehmen. So ordnet Herzog Wilhelm von Jülich am 2. August -1478 die Vertreibung der »pfaffenmede« an.[197] - - * - -Die Freunde Zwinglis verfaßten 1522 einen »Kommentar«, in dem sie gegen -den Bischof Hugo von Hohenladenberg, der von 1496-1529 den Krummstab -über Konstanz führte, die schwersten Vorwürfe erhoben. So, daß er -früher 4, jetzt 5 Gulden Strafe für jedes illegitime Priesterkind -erhebe. Das war auch der Grund, weshalb er gegen die Eheforderung der -Priester war, denn er wollte auf eine so reiche Einnahmequelle nicht -verzichten. Sollen doch in einem einzigen Jahre in seiner Diözese nicht -weniger als 1500 Priesterkinder geboren worden sein, von denen er also -nach dem alten Satz 6000, nach dem erhöhten aber 7500 Gulden Strafgeld -bezog! Habe einer eine Konkubine oder nicht, so sage man ihm: »Was geht -dies meinem gnädigen Herren an, daß du keine hast? Warum nimmst du -nicht eine?« +Das Geld mußte auf alle Fälle erlegt werden.+ - -Selbst wenn in dieser Schrift eine Übertreibung untergelaufen sein -sollte, so ist es doch bezeichnend, daß die Zeitgenossen das von ihrem -Seelenhirten für glaubhaft hielten, und der Rat der Stadt Zürich -amtlich in einem Aktenstück festgestellt, »daß die Bischöfe Geld nehmen -und den Pfarrkindern ihre Metzen lassen«.[198] - - * - -Der Erfolg der landesherrlichen Eingriffe, die besonders seit dem -Trientiner Konzil sich mehrten, war aber sogar noch im 17. Jahrhundert -keineswegs groß, selbst nicht in Bayern, das sich heute mit gerechtem -Stolz rühmen darf, Deutschlands größte Dunkelkammer zu besitzen. -Das Konkubinat der Priester war noch keineswegs ausgerottet und die -Zahl der Priesterkinder groß. Der durchaus klerikale Schriftsteller -Albertinus schreibt sehr vielsagend über die Sittlichkeit unter -Maximilian I. von Bayern (gest. 1650), daß durch die +Menge+ der Sünder -die Sünde nicht geringer werde. Damals wurde im Rendamt Landshut, -das aber sittlich höher stand als Burghausen, eine ganze Reihe von -Geistlichen aufgeführt, denen Verführung von Dienstboten, Mißbrauch -des Beichtstuhls, Notzuchtsversuche, Körperverletzungen etc. zur -Last fielen. Von den Konventualen zu Osterhofen heißt es, daß sie -nächtlicherweile viel auslaufen und sich an leichtfertige Weibspersonen -hängen.[199] - - * - -Die »Newe Zeitunge von der Römischen Kayserlichen Mayestet Legation gen -Rom zum new erwehlten Papst, im jetzigen Jar, nach weihnachten 1560. in -4^o« bringt folgenden erbaulichen Stimmungsbericht aus der Hauptstadt -der Christenheit. - -»Ich glaube nicht, daß unter der Sonne ein ärger Leben verbracht werde, -als in Rom. Das geht umher den ganzen Tag auf Gassen und Straßen, -alles durcheinander, und der feilen Mädchen und Weiber gar viele, so -daß deren daselbst leben 30000, wie ein Register sagt, deren die -geringste jede dem Papste jährlich 2 Kronen zahlt, die stattlichste -aber 20 Kronen. +Sie sind fast hoch privilegiert, daß man keine darf -krumm ansehen; denn wenn sie einen verklagen, der wird ohne alle Gnade -gestraft.+ - -Und da haben sich Männer und Weiber verlarvt, wie die Narren in -Teutschland, in der Fastnacht. Unter solchen Mummereien reiten auch die -Pfaffen einher. Und haben wir gesehen, daß der +Kardinal Farnese+ alle -Gassen durchrannte, +mit und um ihn dreizehn Curtisaninnen+. - -So findet man auch viele Weiber ins Mannskleidern einher gehen, mit -zerhackten und zerschnittenen Hosen, und haben ihre Rapiere an den -Seiten, als wären sie Landsknechte. Dieselbe müssen Briefe (d. h. -Erlaubnisscheine) haben, welche sie aber theuer kaufen von päpstlicher -Heiligkeit. Also nimmt man hier Geld von Rom und läßt alles gottlose -Wesen zu. Es schadet alles garnichts. Hilf, lieber Gott! wie ist das -Volk so verkehrt. - -Ich habe mit des Papstes Kämmerlingen einem oft und vielmals geredet, -und des bösen Lebens gedacht, das in Rom geführt wird. Darauf er mir -geantwortet: Auf das Leben dürfe ich nicht sehen, darauf käme nichts -an, sondern ich sollte tun, als sähe ich nicht, was ich nicht sehen -möchte. Aber ich danke Gott, daß meine Zeit kömmt, hinweg zu ziehen aus -Rom, und gedenke, so Gott will, nimmermehr wieder dahin zu kommen.«[200] - -Dieser Bericht eines augenscheinlich ehrlichen Mannes aus dem Jahre -1560 lehrt im Verein mit zahllosen andern, daß der Klerus es immer -vortrefflich verstanden hat, Wasser zu predigen und Wein zu trinken -und daß, wie in jeder anderen, so auch in sittlicher Beziehung -Priesterherrschaft von allen möglichen die schlechteste ist. - - * - -Begreiflicherweise war es sogar noch in späterer Zeit jenseits der -Alpen nicht besser. - -Die Sittlichkeit im schwarzen, urreaktionären Neapel stand um 1730 -nach Keyßlers Beschreibung nicht sehr leuchtend da: »Was die itzigen -Zeiten anlangt, so muß man gestehen, daß die Freyheit und freche -Lebensart der lüderlichen Weibspersonen in dieser Hauptstadt auf den -höchsten Grad gestiegen, und die Stadt hierinn alle andere übertreffe. -Es wohnen in einer einzigen Gegend +über zweytausend Curtisanen+ -beysammen, und schämen sich geistliche Personen nicht, in diesen Gassen -sich gleichfalls einzuquartieren. In allen rechnet man hier über -achtzehntausend solcher Donne libere. Die Jugend wird dadurch gänzlich -verdorben, und die Geistlichkeit selbst kann wenig im Zaume gehalten -werden, weil die weltliche Obrigkeit nichts über sie zu befehlen hat, -und die Clerisey, aus Respect vor das Amt und den heiligen Stand, -einander durch die Finger sieht, ja es wohl übel nimmt, wenn man ihnen -ihren freyen Willen nicht lassen will.« - -Wie der gelehrte Reisende weiter berichtet, wurde der Auditor des -päpstlichen Nuntius in flagranti erwischt, aber nicht bestraft, da -sich selbst der Vizekönig nicht getraute. Der Geistliche aber hatte -die Dreistigkeit, die +Bestrafung der Anzeiger zu fordern, womit er -durchdrang+. »Um aber doch einigermaßen allen diesen Herren wiederum -einen Possen zu spielen, so ließ er zwar die Häscher mit einer -Beschimpfung durch die Stadt führen, es war aber auf der Tafel, welche -sie gewöhnlicher Weise auf der Brust tragen mußten, um die Verbrechen -der Missethäter anzudeuten, geschrieben, daß solche Strafe ihnen -angetan würde, weil sie sich unterstanden, den Auditor des päpstlichen -Nuntius in seinen Plaisirs zu verunruhigen.«[201] - - * - -Was sich selbst noch am Ende des 18. Jahrhunderts, und zwar in Bayern -ein anmaßender und sittenloser Klerus herausnehmen durfte, möge aus -folgender mehr tragischen als komischen Geschichte erhellen, die sich -im Jahre 1786 zu Neuberg im Gericht Pfädter zutrug. - -Ein junger Bauer heiratete und wohnte weiter mit der bald -neunzigjährigen Großmutter zusammen. Nach einiger Zeit gab die Kuh -des jungen Paares keine Milch mehr, während der Quell bei der der -Alten weiter sprudelte. Eine Magd, die wegen einer Untreue getadelt -worden war, haßte die Greisin und sprengte deshalb das Gerücht aus, -sie sei eine Hexe und habe die Kuh verzaubert. Zugleich wußte sie die -junge Bäuerin gegen sie mißtrauisch zu machen, so daß ihr schließlich -verboten wurde, die eigene Kuh zu melken. Die Folge waren auch -Streitigkeiten in der jungen Ehe. - -Daß das Vieh krank sein könne -- es gab Blut -- und die ungeeignete -Fütterung das Ausbleiben der Milch, das sich auch sofort bei der -Kuh der Greisin einstellte, als sie mit der andern von der Magd auf -die Weide getrieben wurde, verursacht habe, kam niemand in den Sinn. -Zauberei stand fest, und die Franziskaner mußten helfen. - -Nach vergeblichen Experimenten ging die junge Frau wieder ins Kloster, -wo sie nach dem »Hexenpater«, den es damals noch in jedem Kloster -gab, verlangte. In ein Separatzimmer geführt und mit Bier bewirtet, -schüttete die junge Frau ihr Herz aus und es entspann sich folgendes -Gespräch: - -»Pater: Bäuerin! Bäuerin! Da muß was anders als die Alte schuld sein -- -wie meint Ihr? - -Bäuerin: Ich? Ja mein Gott! wo soll’s dann fehlen? - -P.: Habt Ihr Euern Mann treulieb? - -B.: O ja, von Herzen gern. - -P.: Seid Ihr mit ihm zufrieden? - -B.: Ja. - -P.: Versteht mich wohl! Ich mein’s so, ob er bei der Nacht im Bette -tut, wie Ihr es verlanget, so lang und so viel? - -B.: Aber ei! -- (voll Scham) Ihr Hochw-- - -P.: Nur heraus mit der Sprache, denn da kommt viel darauf an -- also? - -B.: Ja! Ihr Hochwürden. - -P.: Hm. Hm. (Ergreift ihre Hand.) Weib! Weib! Beinahe komme ich auf -andere Gedanken! - -B.: Aber, Ihr Hochwürden, ich bitt’ enk um Gottes willen -- werds ja -mich für kai Hex halten? - -P.: Das nicht, Weible, aber -- wie! Macht ’nmal Euer Mieder auf! - -B.: Ihr Hochwürden! Was denken S’? Ist ja ä Schand’! - -P.: Ich kann Euch nicht helfen. -- Ich komm’ sonst nicht auf die Spur. --- Nun. - -B.: In Gottes Namen! Aber Herr! - -P.: So! -- Schon wieder nähere Spuren (indem er die volle Brust -streicht -- drückt -- und zuletzt saugt). - -B.: Aber, Ihr Hochwürden! Was ist denn das? O jeges! wenn’ ai Mensch -sehe -- - -P.: Halt’ dich, Närrin! (Saugt immer fort.) - -B.: Nun, was zeigt sich denn? - -P. (voll Feuer): Ja, Mütterchen! ich spüre zwar, daß eine Hexerei in -Eurem Leibe ist -- aber noch weiß ich nit, kömmt’s von Eurer Alten oder -gar von Eurem Manne her -- und um das zu finden, müßt Ihr Euch schon da -niederlegen. - -B.: Ja, was woll’es dän thai mit mir? - -P.: Das werdet Ihr schon sehen. -- Gelt, Ihr seid schwanger? - -B.: Ja, Ihr Hochwürden! - -P.: Nun schaut! Das Kind ist verhext, und da wird Euch ein schöner -Bankert Freud’ machen und einmal auf dem Scheiterhaufen brinnen -(brennen), wenn ich Euch nicht helfe -- und es geben Euch die Kühe -keine Milch, bis da geholfen ist -- gebt Euch also willig und legt Euch -nieder. - -B.: Nu, wann’s Ihr Hochwürden befehlen.« etc. - -Der Schluß war nicht nur, daß der Pater sich viehisch an der Frau -verging, er gab ihr auch noch den Rat, mit einem +Prügel versehen in -den Stall zu gehen+, wo sie die Hexe treffen werde. +So lange bis Blut -fließe, solle sie auf sie einschlagen+ und mit dem Blut die Euter der -Kühe bestreichen. - -Die Bäuerin handelte nach Befehl, ging in den Stall, traf dort die -+Großmutter+ und +schlug sie tot+. Nur durch die Gerichtsverhandlung -kam auch der schändliche Streich des Geistlichen auf. - -Aber niemand dachte daran, den schurkischen Pater Benno zu verfolgen. -Endlich gelang es dem energischen Eingreifen eines einzigen Richters, -gegen den Geistlichen Strafverfolgung zu erwirken. Er wurde auf zehn -Jahre vom Messelesen suspendiert und ebensolange in klösterlichem -Arrest auf Wasser und Brot gesetzt, d. h. begnadigt, denn daß die -Mönche ihrem Kollegen nichts Böses taten, ist klar. Die Regierung -fürchtete aber ein energisches Eingreifen. Statt mit dem Schwert -hingerichtet zu werden -- was das Los der Bäuerin gewesen wäre, wenn -der Schurkenstreich nicht aufgekommen wäre -- wurde sie auf freien Fuß -gesetzt. - - * - -Solche Zustände scheinen heute unmöglich zu sein. Scheinen! Das Zölibat -ist eine der Natur zu sehr ins Gesicht schlagende Vergewaltigung, -als daß auch beim besten Willen seine Durchführung streng gehandhabt -werden könnte. Man mag vorsichtiger sein, Delikte mögen auch seltener -werden, aufhören werden sie nie. Aber ein Unterschied ist zwischen -der zwar kirchlich verdammten, aber moralisch einwandfreien normalen -Befriedigung der Sinnlichkeit und viehischen Vergewaltigung und -Versuchung anvertrauter Seelen. - -Am 8. April 1910 wurde vor der Strafkammer I des kgl. Landgerichts -in Stuttgart gegen den Simplizissimus bzw. dessen verantwortlichen -Redakteur Gulbransson in einer Beleidigungsklage des Bischofs Keppler -von Rottenburg verhandelt und Gulbransson zu zwei Monaten Gefängnis -verurteilt. Dieser Vorgang wäre für uns ohne jedes Interesse, wenn -nicht während der Verhandlung Dinge zur Sprache gekommen wären, die -eigentümliche Blitzlichter auf die sittliche Führung der katholischen -Geistlichkeit wenigstens der Diözese Rottenburg geworfen hätten. - -Der Stadtpfarrer Bauer von Schramberg war wegen Sittlichkeitsverbrechen -zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurteilt worden. Da Bischof Keppler -am Vorabend des Schuldspruches eine zu Mißverständnissen Anlaß gebende -Rede über die Möglichkeit eines gerichtlichen Falschspruches gehalten -hatte, glaubte der Simplizissimus -- und mit ihm noch viele andere -Organe -- daß Bischof Keppler gegen sittliche Verfehlungen seiner -Geistlichen, wofern sie nur politisch brauchbar wären, zu milde -vorgehe. Deshalb erschien in dem satirischen Blatt eine Zeichnung, den -Bischof als Hirten einer Schweineherde darstellend. Die Schweine aber -trugen priesterliche Gewandung. Die Überschrift des Bildes lautete: -»Alles fürs Zentrum«, die Unterschrift aber: »Durch sein Eintreten für -den Pfarrer Bauer hat der Bischof Keppler von Rottenburg gezeigt, daß -er nicht nur über Schafe, sondern auch über Schweine ein guter Hirte -ist.« - -In der Gerichtsverhandlung, in der festgestellt wurde, daß Pfarrer -Bauer sich in schamlosester Weise an Kindern usw. vergangen hatte, -stellte der Verteidiger Rechtsanwalt Heusel den +Antrag, den -Wahrheitsbeweis für folgende in der Diözese vorgekommene Fälle+ zu -erbringen. Wir zitieren seine Ausführungen wörtlich: - - - »1. +Der Fall des Pfarrers Gehr von Zuffenhausen.+ - - Ich beantrage hier die Akten der Kgl. Staatsanwaltschaft Stuttgart - betreffend die Anzeige gegen den katholischen Pfarrer Gehr von - Zuffenhausen vom Jahre 1908 beizuziehen. Pfarrer Gehr hat von - zahlreichen Schulmädchen, welche in die 6. und 7. Klasse der - Volksschule gingen, also vermutlich im 13. oder 14. Lebensjahr - und +vor+ der Kommunion stehenden Mädchen verlangt, +sie sollen - ihre Röcke in die Höhe heben; er hat einzelnen dieser Mädchen - selbst den Rock in die Höhe gehoben+, hat Mädchen auch rücklings - auf seine Knie gesetzt, sie wie etwa kleine Kinder auf seinen - Knien reiten lassen und sie dann rücklings mit dem Kopf zum Boden - hinunterschnappen lassen, daß die Mädchen selbst auf den Gedanken - kamen, er wolle ihnen +unter die Röcke sehen+. - - Pfarrer Gehr hat weiter, was das Schwerwiegendere ist, um die - Entdeckung seiner Verfehlungen zu verhindern, die Mädchen so - bearbeitet, daß es schwer, wenn nicht unmöglich war, von ihnen - den wahren Sachverhalt erfahren zu können. Es ist durch mehrfache - Landjägermeldungen bestätigt, daß +Pfarrer Gehr sich direkt bemüht - hat, die Mädchen zu falschen Aussagen zu verleiten+, und +daß den - mißbrauchten Kindern mit der Hölle und mit Gotteszell gedroht - worden ist, falls sie etwas gegen den Pfarrer aussagen+. - - Es ist nicht meine Aufgabe als Verteidiger, ein derartiges - Verhalten entsprechend zu charakterisieren. Tatsache ist, daß - hochstehende Richter ihrem Erstaunen darüber Ausdruck verliehen - haben, daß +gegen Pfarrer Gehr gerichtlich nicht vorgegangen worden - ist+. Tatsache ist weiter, daß die einzige Maßregel, welche seitens - des bischöflichen Ordinariats gegen ihn verfügt worden ist, die - war, daß er auf die +beliebte+, in schönster Lage am Bodensee - gelegene Pfarrei Eriskirch versetzt worden ist. - - - 2. +Der Fall des Pfarrers und Schulinspektors Adis von - Dotternhausen, O.-A. Rottweil.+ - - Hier wird die beantragte Beiziehung der Akten des bischöflichen - Ordinariats das Nähere ergeben. Für den Fall, daß die Vorlage - dieser Akten verweigert werden sollte, werde ich eingehenden Beweis - erbringen. Pfarrer Adis hat +Verbrechen+ im Sinne des § 176 Z. 3 - StGB. begangen und in der Gemeinde Dotternhausen hiedurch und durch - sonstige sittliche Verfehlungen das größte Ärgernis erregt. Die - einzige Strafe, die gegen ihn verfügt worden ist, bestand in einer - nur auf die Dauer eines +halben Jahres verfügten Suspension vom - Amt+, welche Zeit Pfarrer Adis nicht im Disziplinarhaus der Diözese - Rottenburg für katholische Geistliche, sondern vermutlich in einem - Kloster verbrachte. - - - 3. +Der Fall des katholischen Pfarrers Kolb von Ennabeuren, O.-A. - Münsingen.+ - - Pfarrer Kolb hat durch fortgesetzten Verkehr mit übel - beleumundeten Frauenzimmern in der Gemeinde Ennabeuren - derartiges sittliches Ärgernis erregt, daß sich ein Bürger von - Ennabeuren, namens Johannes Reyhinger, Frohnmeister daselbst, - den ich für sämtliches hier Vorgetragene als Zeugen benenne und - zur Hauptverhandlung vorzuladen beantrage, +persönlich+ nach - Rottenburg an das bischöfliche Ordinariat wandte. Fronmeister - Johannes Reyhinger schilderte dort einem Domkapitular das sittlich - verwerfliche Verhalten Kolbs, insbesondere auch die Tatsache, daß, - wie ortsbekannt geworden war, ein Frauenzimmer von Ennabeuren - häufig bei Kolb in seiner Wohnung genächtigt und dort im +Pfarrhof - eine besondere Bettstelle zur Verfügung gehabt habe, ohne daß - seitens des Ordinariats gegen Kolb eingeschritten worden wäre+. - - - 4. +Der Fall betreffend Kaplan Hag in Scheer, O.-A. Saulgau.+ - - Kaplan Hag hatte zwei Knaben, welche bei kirchlichen Anlässen als - Ministranten fungierten und von denen einer jetzt Schutzmann ist, - +in der Kirche zur Päderastie angeleitet und mißbraucht. Er ist - jetzt in Argentinien Pfarrer.+ - - - 5. +Der Fall des Pfarrers und Kammerers Höflinger von Altheim, - O.-A. Riedlingen.+ - - Der genannte Pfarrer war außerehelicher Vater von +fünf+ Kindern, - deren Mütter +zwei+ ledige Frauenspersonen seiner Gemeinde waren. - Diese Tatsache ist in der Gemeinde bekannt geworden und hat dort - berechtigtes Aufsehen erregt. Er verpflichtete sich, den jüngsten - zwei seiner +Kinder+ das Geld zur +Übersiedelung nach Amerika+ zu - geben, worüber ein Vertrag gefertigt worden ist. +Kirchlich wurde - nicht weiter gegen ihn eingeschritten+; er hat jedenfalls auch in - Zukunft seines Amtes als Pfarrer gewaltet. - - 6. +Der Fall betreffend den Kaplan Azger in Heufelden, O.-A. - Ehningen.+ - - Dieser Kaplan hatte in den Jahren 1906 und 1907 ein im ganzen Dorfe - bekanntes Verhältnis mit einer Industrielehrerin, +ohne daß gegen - ihn seitens des Ordinariats eingeschritten worden wäre+. - - 7. +Ich beantrage+ weiter die Beiziehung der Akten der Kgl. - Staatsanwaltschaft und des Kgl. Landgerichts Rottweil, betreffend - den +Fall des Pfarrers Knittel von Wachendorf, O.-A. Horb+. - - Dieser Fall hat seinerzeit auch im Württembergischen Landtag eine - eingehende Besprechung gefunden. - - - 8. +Ebenso+ beantrage ich die Beiziehung der Gerichtsakten, - betreffend den +Pfarrer Nuber in Buchau am Federsee, O.-A. - Riedlingen+, welcher seinerzeit wegen +Schändung von Knaben - in der Kirche+ angeklagt war und der sich in der Folge im - Amtsgerichtsgefängnisse zu Riedlingen erhängte.« - -Ob der sittliche Tiefstand in der Rottenburger Diözese besonders groß -ist, wagen wir nicht anzunehmen, noch viel weniger können wir es -feststellen. Ist das aber nicht der Fall, dann bleibt nur ein eben -nicht rühmlicher Schluß auf die übrigen Diözesen zu ziehen übrig. - - * - -Wie der Corriere de la sera mitteilte, hatte das Erdbeben vom 28. -Dezember 1908, das Messina und mehrere Küstenorte zerstörte, wobei nach -der offiziellen Verlustliste über 98000 Menschen ums Leben kamen, eine -ungeahnte Nebenwirkung. Die +Mönche+ von San Procopio (Kalabrien) -verlangten nämlich in Messina +Unterstützung für sich und ihre -Familien+. In Palmi lebten mehrere Mönche in wilder Ehe. Einer davon -hatte sechs Kinder, für die er um Brot bat. - - * - -Mag sich also auch das sittliche Niveau der Geistlichkeit seit dem -Mittelalter nicht wesentlich gehoben haben, wenn auch keineswegs -geleugnet werden soll, daß die Konkurrenz der Kirchen und das gute -Beispiel der bürgerlichen Welt veredelnd wirkte, so ist dafür die -Nuditätenschnüffelei desto mehr gewachsen. Unter diesen Umständen -bietet es erhöhtes Interesse, zu sehen, was die Kirche zuließ, als -sie unumschränkt herrschte. Der Schluß, daß auch die äußerliche -Versittlichung nicht ihr, sondern andern Mächten ihren Ursprung dankt, -sie aber, wie überall, so auch hier ein kultur- und kunsthemmendes -Extrem aufstellte, liegt nicht fern. - - * - -An den Gesimsen des Straßburger Münsters im Innern der Kirche waren -satirische Bildwerke auf die Mönche angebracht, so Affen, Esel, -Schweine im Mönchshabit Messe lesend. Und zwar, wie feststeht, nicht -etwa unter protestantischem Einfluß, da schon im Jahre 1449 der Bau -vollendet war. Die pièce de résistance bildete an der Treppe, die -auf die große Kanzel führte, +ein am Boden liegender Mönch, der »sich -bei einer liegenden Nonne gar ungeziemender Freyheiten gebrauchet«+. -Wenige Jahre vor 1729 erst wurden diese nicht gerade für prüde Augen -bestimmten Plastiken entfernt, nach Fiorillo erst nach 1764. Geiler von -Kaysersberg hatte augenscheinlich an dieser Darstellung keinen Anstoß -genommen. Nach Fiorillo wurde sie sogar erst unter seinen Augen 1486 -angebracht.[202] - - * - -Nach demselben Gewährsmann befand sich noch damals im Erfurter Dom -»an der Ecke rechter Hand ... unter den Zierathen eines Gesimses ein -+Concubitus Monachi cum Monacha+ gar deutlich in Stein gehauen, daß -man also nicht nur aus dem straßburgischen, sondern auch hiesigen -Domgebäude zeigen kann, wie die Clerisey vor der Reformation es so -grob und plump in ihrem Leben und Wandel getrieben, daß auch die -Handwerksleute nicht unterlassen können, in öffentlichen Gebäuden -ihren Spott darüber zu treiben, wo nicht gar die jalousie zwischen den -Mönchen und der übrigen Clerisey zu solchen ärgerlichen Vorstellungen -Anlaß gegeben und den Layen dergleichen Arbeit anbefohlen hat«.[203] - - * - -An einem Kapitell der Kirche des Egerer Schlosses in Böhmen ist -Adam und Eva dargestellt, beide natürlich völlig nackt. Adam -manipuliert dabei in höchst merkwürdiger Weise an seinem intimsten -Körperteile.[204] - - * - -In der Hauptkirche von Nördlingen befindet sich ein angeblich von Jesse -Herlin 1503 gemaltes, 1601 restauriertes jüngstes Gericht, das einen -Papst mit Kardinälen und Mönchen in der Hölle zeigt und +ein Weib, das -von einem Teufel vergewaltigt wird+. - - * - -Die Kirche zu Weilheim in Württemberg besitzt ein ähnliches Fresko-Bild -aus dem 15. Jahrhundert. Es stellt ein Jüngstes Gericht dar und scheint -allerdings mehr satirisch als unsittlich zu sein.[205] - - * - -Am Dom zu Freiburg i. Br. befindet sich ein Wasserspeier in -menschlicher Gestalt, der die Abflußröhre aus dem Gesäß herausragen -hat. Die Person macht das vergnügteste Gesicht von der Welt. Nicht -ohne Grund, denn nicht jedem ist es vergönnt, seinen Gefühlen der -Hochschätzung für die lieben Zeitgenossen in so deutlicher Weise -Ausdruck zu verleihen.[206] - - * - -Die Unsittlichkeit der genannten Darstellungen war nicht etwa, wie man -annehmen könnte, ein deutsches Privilegium, sondern +in der ganzen -Christenheit+ nahm man daran keinen Anstoß. Fiorillo schreibt z. B.: -»Unter dem Chorgestühl in der Capelle Heinrichs VII. in der Westminster -Abtei wird man einiger Basreliefs gewahr, die äußerst schlüpfrige und -unzüchtige Bilder enthalten, so daß es unbegreiflich ist, wie die -frommen Benediktinermönche dieselben haben dulden können. Jedoch findet -man auch ähnliche obscöne Dinge zu Canterbury, an Chalk Church in -Kent...« Da Fiorillo zu Beginn des 19. Jahrhunderts schrieb, hatte bis -dahin die Kirche keinen Anstoß genommen. Auch hier also, auf so kleinem -Gebiet selbst, zeigt es sich, daß Besserungen nicht durch, sondern -ohne, oft trotz und gegen die Kirche sich durchsetzen.[207] - - - - -Zehnter Abschnitt - -Ehe - - -Noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts herrschte bei den Bauern in fast -allen Teilen Deutschlands die Sitte, dem Bräutigam alle ehelichen -Rechte gradatim zu gestatten. - -»Sehr oft verweigern die Mädchen ihrem Liebhaber die Gewährung -seiner letzten Wünsche solang, bis er +Gewalt+ braucht. Das geschiht -allezeit, wenn +ihnen wegen seiner Leibesstärke einige Zweifel zurück -sind+, welche sie sich freilich auf keine so heikle Weise, als die -Witwe Wadmann, aufzulösen wissen. Es kömmt daher ein solcher Kampf -dem Kerl oft sehr teuer zu stehen, weil es nicht wenig Mühe kostet, -ein Baurenmensch zu bezwingen, das jene wollüstige Reizbarkeit nicht -besitzt, die Frauenzimmer von Stande so plötzlich entwafnet.«[208] - - * - -Während man die Nächte, in denen alles gewährt wurde, Probenächte -nannte, hießen die andern, bei denen der Bauernbursch auf möglichst -halsbrecherischem Wege ins Schlafzimmer des Bauernmädchens eindrang, -um zu plaudern, wobei natürlich auch Intimitäten nicht unterblieben, -Kommnächte. »Die Landleute finden ihre Gewohnheit so unschuldig, daß -es nicht selten geschiht, wenn der Geistliche im Orte einen Bauren -nach dem Wohlsein seiner Töchter frägt, diser ihm zum Beweise, daß sie -gut heranwüchsen, mit aller Offenherzigkeit und mit einem väterlichen -Wohlgefallen erzehlt, wie sie schon anfiengen, ihre Kommnächte zu -halten.«[209] - - * - -Keyßler erzählt im Jahre 1729 folgendes: »In den Dörfern des -benachbarten Bregenzerwaldes hat bisher die wunderliche Gewohnheit -regieret, daß die unverheiratheten Baurensöhne und Knechte ohne -Scheu so lange bei einem ledigen Mädchen haben schlafen können, +bis -dieselbe ein Kind von ihnen bekommen+, da dann jene erst, und zwar -bei den höchsten Strafen, verbunden waren, sie zu heirathen. Diese -Art von Galanterie heißen sie fuegen, und finden sie daran so wenig -auszusetzen, daß, da man seit etlichen Jahren, kraft obrigkeitlichen -Amtes, diese schändliche Weise abschaffen wollen, es zu einer +Art -von Aufruhr+ gediehen, und die Sache noch in einem Proceß, zu dessen -Führung sie einen Advocaten aus Lindau angenommen haben, verwickelt -ist.«[210] - - * - -Nicht viel früher herrschte auch in den +Bürgerhäusern+ noch die -schöne Sitte des »Beischlafens auf Glauben«, die wir im vorigen -Bande kennen gelernt haben. Der Prädikant Wilhelm Ambach (Quellen -zur Frankfurter Gesch. II, 34) erzählt von Frankfurt a. M. darüber -(zitiert nach Schultz): »Das weibliche geschlecht ist ja fast blöd und -schwach, aber man sahe hie bei vielen, daß in hurei, ehebruch und aller -leichtfertigkeit stark und frech waren, dann auch 50jährige witfrauen, -die jetzt Kindeskinder haben, aller ehren und freundschaft vergessen; -jungfrauen sind ihren herrn und eltern entlaufen, sich in schändliche -hurei begeben; jedoch haben etliche aus ihnen öffentlich geehlichet, -viel blieben ungeehlichet, schlufen bei uf Gelderischen glauben, -gewöhnlich aber lebten sie frech und gut kriegerisch...« - -Daß der biedere Prädikant, wie bei einem Geistlichen -selbstverständlich, furchtbar übertreibt und nach den zu hoch -hängenden Trauben schielt, ist eine Sache für sich. An der Sitte des -»Gelderischen Glaubens« auch in Bürgerkreisen wird sich kaum zweifeln -lassen.[211] - - * - -Ja, die +gastliche Prostitution+, bei barbarischen und halbbarbarischen -Völkern sehr häufig und darin bestehend, daß der Wirt seinem Gast das -Eheweib oder die Tochter für die Nacht leiht, läßt sich in Deutschland -noch sehr spät nachweisen. Ältere Zeugnisse, an denen in Skandinavien -und für Island kein Mangel herrscht, fehlen bei uns, dafür berichtet -aber Thomas Murner in der Gäuchmatt (Geschwor. Art. 9): »+es ist in -dem Niderlande auch der Brauch, so der Wirt ein lieben gast hat, daß -er im sin frouw zulegt auf guten glouben+.« Ja, in einem Briefe an J. -G. Forster vom 20. Juni 1788 erzählt der in Bern wohnende, aus Biel -gebürtige Höpfner, daß es +im Berner Oberlande verbürgter Brauch sei, -daß ein Vater seine Tochter, ein Bruder seine Schwester, ein Mann seine -Frau dem fremden Gast in aller Höflichkeit zur Nacht anbiete+ und +sich -eine große Ehre daraus mache, wenn man es annehme+.[212] - - * - -Im alten Skandinavien scheint es Sitte gewesen zu sein, daß der -Beischlaf vor der Hochzeit ausgeübt wurde. Sehr sonderbar ist, daß -Fritjof die Prinzessin Ingeborg gleich nach der Verlobung im Tempel zu -Baldershagen genießt, und nicht minder erstaunlich, daß König Harald -in Norwegen, der die schöne Asa mit Gewalt gewinnen will, dem für ihn -eintretenden Ritter gestatten muß, +mit ihr+ die Probenacht zu halten, -bevor er zu den Waffen greift![213] - - * - -Ein sonderbarer Brauch, der sich sonst nur bei barbarischen oder -halbbarbarischen Völkern findet, herrschte noch vor zwei Jahrhunderten -in Island. In der Relation d’Islande dans le Recueil des Voyages au -Nord. Amsterdam 1715. T. I, p. 35 heißt es: »Les filles, qui sont fort -belles dans cette Isle, mais fort mal vetues vont voir ces Allemans et -ofrent à ceux, qui n’ont pas des femmes de coucher avec eux +pour du -pain, pour du biscuit et pour quelqu’autre chose de peu de valeur+. -Les pères mêmes, dit-on, présentent leurs +filles+ aux Etrangers. +Et -si leurs filles déviennent grosses, ce leur est un grand honneur. Car -elles sont plus considerées et plus recherchées par les Islandois, que -les autres.+ Il y a même de la presse de les avoir.« - -Übrigens sollen, wie ich von glaubwürdiger Seite erfahre, noch heute -im Schwarzwald und auch in Mecklenburg, vielleicht auch anderwärts, -ähnliche Sitten herrschen. Und zwar nicht nur »Probenächte«, sondern -auch die Anschauung, daß das schwangere Bauernmädchen höher geschätzt -wird, als eines, das seine Fruchtbarkeit erst noch beweisen muß. -Allerdings heiratet fast ausnahmslos der Bauernbursch das von ihm -geschwängerte Mädchen. - - * - -Noch im späteren Mittelalter war unter dem hohen Adel, also nicht -etwa nur im Volke, der Brauch verbreitet, daß die Braut vor der -Hochzeit sich ihrem Bräutigam ganz hingab. So hielt im Jahre 1378 -nach einer Urkunde Graf Johann IV. von Habsburg ein +ganzes halbes -Jahr lang mit der Herzland von Rappoltstein Probenächte+ ab, um dann -wegen seiner Untüchtigkeit einen Korb zu erhalten. Allerdings hatte -die Dame nicht so ganz unrecht. Köstlich aber ist die Kur, die ein -Straßburger »Meister Heinrich von Sachsen, der der beste Meister ist, -den man finden kan« anwandte: »undt +hiengent ime an in eine Bad an -sin Ding ettwie viel Bliges (Blei) wol fünfzig Pfunf schwer+ undt -pflasterten ine, als menlich seitt, undt verfieng alles nüt, daß sü -imme ut gemachen konnten, daß er verfengklich were zu Frowen.« Wiewohl -diese Kur lange fortgesetzt wurde, hatte sie so wenig Erfolg, wie die -entschieden angenehmere, ihm hundert Frauen vorzustellen, um diejenige -auszusuchen, die voraussichtlich die gewünschte Wirkung erzielen -würde.[214] - - * - -Höchst bezeichnend für Sitte und Schamgefühl unserer Ahnen ist folgende -Geschichte, die Vitus Arnpek erzählt: Herzog Ludwig I. von Bayern hielt -eine Probenacht mit der schönen verwitweten Gräfin Ludmilla von Bogen, -einer geborenen böhmischen Prinzessin. Da die Gräfin wohl nicht ohne -Grund fürchtete, der Herzog wolle zwar die Freuden der Liebe bei ihr -genießen, sie dann aber sitzen lassen, ersann sie eine List. Als der -Herzog wieder einmal sie besuchte, fand er auf dem vor ihrem Bette -hängenden Vorhang vor ihr drei schön gemalte Ritter. Sie legten sich zu -Bett und huldigten der Liebe Freuden. Die Gräfin aber bewog den Herzog, -ihr zu schwören, daß er sie zu seiner Gemahlin machen wolle, was er -auch angesichts der gemalten Ritter tat. Kaum war es geschehen, als -die Gräfin den Vorhang zurückzog, +so daß drei Ritter, die sie vorher -dahinter versteckt hatte, und die also Zeugen des nicht alltäglichen -Schauspiels gewesen waren+, sichtbar wurden. Sie bestätigten sofort, -daß sie des Herzogs Schwur gehört hatten. Ludwig aber war sehr -überrascht, da er wohl gehofft hatte, ohne Zeugen den Schwur ableugnen -zu können. Er führte nach einem Jahr mit großen Festlichkeiten die -Gräfin heim. Übrigens hat diese Geschichte im Volksliede ihre -Verewigung gefunden.[215] - - * - -Noch im 16. Jahrhundert war es Sitte, daß die Jungvermählte sich in -der Brautnacht nackt zu Bett begab, woher das französische Sprichwort -stammt: »Ses promesses ressemblent à celle d’une mariée qui antreroit -au lit en chemise.« Im weiteren Verlaufe des Jahrhunderts erst bürgerte -sich der heutige Brauch, im Hemd zu schlafen, wenigstens im Winter, -allgemein ein. Aber das 1618 erschienene Buch »La Bienséance de la -conversation entre les hommes« hielt es noch für nötig, vom Schlafen -ohne Hemd abzuraten. Ja in »La civilté nouvelle« vom Jahre 1667 -erscheint noch die gleiche Mahnung. Allerdings handelt es sich jetzt -nicht mehr um die erste Gesellschaft.[216] - - * - -Das kanonische Recht scheidet die Ehe bekanntlich nur dann, wenn -durch männliches oder weibliches Unvermögen der Zweck, Kinder zu -erzeugen, nicht erfüllt werden kann. Der berühmte französische Jurist -François Hotman (1524-1590) prüft nun sehr eingehend die Frage, wie -die männliche Impotenz festgestellt werden könne und liefert in -seiner langen und grundgelehrten Abhandlung auch folgenden Passus: -»An Stelle der beiden Feststellungsmethoden hat man, ich weiß nicht -durch welches Unglück unseres Jahrhunderts, eine weitere eingeführt, -die die brutalste ist, die man sich ausdenken kann und von der wir -hoffen, daß sie von ebenso kurzer Dauer ist, wie sie wenig Vernunft und -juristisches Aussehen (apparence) besitzt: Es ist dies der sogenannte -+Kongreß+. Abgesehen davon, daß er gegen die öffentliche Ehrbarkeit -verstößt, ist er überdies unzweifelhaft auch unnütz.... Erst seit -kurzer Zeit ist dieses Verfahren in Übung: sein Ursprung mag darin zu -suchen sein, daß ein scham- und ehrloser Mann, der von seiner Frau der -Impotenz geziehen war, +sich rühmte, den Beweis seiner Tüchtigkeit -zu erbringen in Gegenwart von Leuten, die sich darauf verstünden+. -Und wenn die Richter diesen Beweis zuließen, so geschah es sowohl aus -Überraschung und weil sie darüber nicht reiflich nachgedacht hatten, -als auch weil einige Weise im Anfange dieses Verfahren nicht für -schlecht hielten, in der Erwägung, die Frauen durch diese Schande -und Schamlosigkeit von der allzu großen und häufigen Klage, die sie -gegen ihre Ehemänner erhoben, abzuschrecken. Denn das Gesetz gestattet -bisweilen ein Übel, um ein größeres zu heilen. Ein Beispiel dafür -bietet die Geschichte, die Aulus Gelius lib. 15, kap. 10 von einigen -jungen Mädchen aus Milet erzählt, die aus Verrücktheit freiwillig -aus dem Leben schieden. Und man konnte dieser Krankheit, die sich -stark vermehrte, keinen Einhalt tun, außer durch eine entehrende -Strafe, die man über sie verhängte: die Männer bestimmten, daß alle -diejenigen, die sich auf diese Weise umgebracht hatten, splitternackt -überall herumgetragen und dem Volk gezeigt würden. Die übrigen -jungen Mädchen wurden durch die Schande eines so wenig ehrenvollen -Leichenbegängnisses derart ins Herz getroffen, daß sie ihren Verstand -wiedergewannen und nicht mehr in diese Krankheit verfielen. - -So dachte man wohl auch, daß ein so unehrenvoller Kongreß die Klagen -der Frauen mäßigen würde. Aber im +Gegenteil+ (wie das Jahrhundert ja -unglücklich ist), +sie fühlten sich durch dieses Mittel gestärkt+, -und von Beginn ihres Scheidungsprozesses an +fordern sie selbst den -Kongreß+, da sie alle wissen, daß sie damit ein unzweifelhaftes Mittel -besitzen, den Prozeß zu gewinnen. Denn welche Sicherheit jeder Mann -sich auch zutrauen mag (wenn er nicht ebenso brutal und schamlos -ist wie ein Hund), er wird einräumen, wenn er für sich und ohne -Leidenschaft es gut betrachtet, daß es nicht in seiner Gewalt liegt, -den Beweis für seine Fähigkeit, die Ehe zu vollziehen, zu erbringen -+in Gegenwart des Gerichtshofes+, den man verehrt, angesichts der -+Ärzte, Chirurgen und Matronen+, die man fürchtet und mit einer Frau, -die man für seine Feindin hält, da eingestandenermaßen solche Akte -Selbstsicherheit, Heimlichkeit und Freundschaft erfordern.«[217] - - * - -Nach einem handschriftlichen Amtsbericht vom 8. März 1666 ging es -den +Pantoffelhelden+ in der Gegend von Mainz recht schlecht. »Es -ist ein alter Gebrauch hierumb in der Nachbarschaft, falß etwan ein -Frauw ihren Mann schlagen sollte, daß alle des Fleckens oder Dorffs, -worin das Factum geschehen, angrenzende Gemärker sichs annehmen; doch -würdt die sach vff den letzten Faßnachttag oder Eschermittwoch als -ein recht Faßnachtspiehl versparet, da denn alle Gemärker, nachdem -sie sich 8 oder 14 Tag zuvor angemeldet, Jung und Alt, so Lust dazu -haben, sich versammeln, mit Trommen, Pfeiff und fliegenten Fahnen zu -Pferd und zu Fuß dem Orth zuziehen, wo das Factum geschehen, vor dem -Flecken sich anmelden, und etliche aus ihren mittlen zu dem schulthesen -schicken, welche ihre Anklag wieder den geschlagenen Mann thun, auch -zugleich ihre Zeugen, so sie deswegen haben, vorstellen, nachdem nuhn -selbige abgehöret, und ausfündig gemacht worden, daß die Frau den -Mann geschlagen, würdt ihnen der Einzug in den Flecken gegönnt, da -sie dann also baldt sich alle sambdt vor des geschlagenen mans Hauß -versammeln, das Hauß umbringen, undt fallß der Mann sich mit ihnen -nicht vergleichet undt abfindet, schlagen sie Leitern ahn, +steigen auf -das Dach, hauwen ihme die Fürst ein undt reißen das Dach bis vff die -vierte Latt von oben ahn ab+, vergleicht er sich aber, so ziehen sie -wieder ohne Verletzung des Hauses ab, falß aber der Beweiß nicht kann -geführt werden, müssen sie unverrichteter sach wieder abziehen.« - -Im ehemaligen Fürstentum Fulda war es ebenso. Wenn ein Mann überwiesen -wird, von seiner Frau Schläge bekommen zu haben, so hat das -Hofmarschallamt das Recht, die Sache zu untersuchen. Ist die Anklage -begründet, dann wird dem Geschlagenen durch Diener in fürstlicher -Livree +das Dach seines Wohnhauses abgedeckt+. Noch im Jahre 1768 oder -1769 ist eine solche Exekution vollzogen worden (Journal von und für -Teutschland. 1784. 1. Th., S. 136), ja, noch 1795 soll dieser Brauch -geübt worden sein.[218] - - * - -Höchst sonderbar war die Gerechtsame der Familie von Frankenstein bei -Darmstadt, die von dieser Stadt jährlich 12 Malter Korn erhielt, um -dafür, wenn die Darmstädter es verlangten, durch einen besonderen Boten -einen Esel zu schicken, auf dem die schlagfertige Frau durch die Stadt -reiten mußte. Der letzte derartige Fall wird vom Jahre 1536 erwähnt. - -Eine ähnliche Sitte bestand in Frankreich. Dort mußte der Mann, der -sich von seiner besseren Hälfte schlagen ließ, zur Schande auf einem -Esel reiten, und zwar rittlings, den Schwanz in den Händen haltend. -Wenn der Pantoffelheld sich durch die Flucht dieser Strafe entzog, dann -mußte der nächste Nachbar für ihn herhalten. - - * - -In den Statuten des schwarzburgischen Städtchens Blankenburg vom Jahre -1594 heißt es § 14: »Welch Weib ihren Ehemann rauft oder schlägt, die -soll nach Befinden und Umständen der Sachen mit Geld oder Gefängnis -bestraft werden, oder da sie des Vermögens, soll sie der Rathsdiener -zum Kleide wüllen Gewandt geben.« § 15 lautet: »Da aber ein Exempel -vorgefunden werden sollte, daß ein Mann so weibisch, daß er sich -von seinem Weibe raufen, schlagen und schelten ließe, und solches -gebührlicher Weise nicht eifert oder klagt, der soll des Raths beide -Stadtknechte mit Wüllengewandt kleiden, oder da ers nicht vermag, mit -Gefängnis oder sonst willkürlich gestraft, und ihme hierüber +das Dach -auf seinem Hauße aufgehoben werden+.« - -Eine ähnliche, später außer Kraft gesetzte Verordnung stand auch in den -rudolstädtischen Statuten. - - * - -Eine sehr verständige, nur etwas gewalttätige Sitte herrschte im -Fürstentum Hechingen, um die eheliche Harmonie zu sichern. Die -gesetztesten Bauern einiger zu Balingen gehöriger Ortschaften wählten -einen ehrlichen, untadelhaften Mann in aller Stille. Dieser wurde Datte -genannt, im Schwäbischen soviel wie Vater. Der Datte wählte sich zwei -Assistenten. Erfuhr er nun, daß ein Ehepaar im Zwist lebe und sich -gegeneinander unanständig betrage, dann erkundigte er sich genau, ob -das Gerücht auch begründet sei. War es der Fall, dann ging er nachts -mit seinen beiden Assistenten vor das Haus des Ehepaares, klopfte an -und antwortete auf die Frage: Wer da? weiter nichts als: »Der Datte -kommt.« - -Hat diese wohlmeinende Mahnung zum Frieden keinen Erfolg, dann kommt -er ein zweites Mal in finsterer Nacht, klopft stärker an und sagt -nochmals: »Der Datte kommt.« Blieb auch diese Warnung fruchtlos, -dann kam er ein drittes Mal nachts, jetzt aber mit seinen vermummten -Assistenten. Mit Knütteln machen sie sich über den schuldigen Teil, -der gewissenhaft ermittelt ist, her und verprügeln ihn exemplarisch. -Die Wirkung dieser Sitte war glänzend, denn lange Zeit kamen -keine Ehehändel in den betreffenden Orten vor. Als aber der Datte -seines Amtes einmal zu energisch gewaltet hatte, untersagte die -Landesregierung den Brauch. - - * - -Eine befremdende, aber der da und dort in unserem Recht auftretenden -Romantik ein ehrendes Zeugnis ausstellende Sitte bestand darin, -+Verbrecher dann frei zu lassen, wenn Jungfrauen sie zur Ehe begehrten+. - -Im Jahre 1505 erschien zu Lyon ein Buch mit dem Titel: »Le Masuer -en françois selon la coutume du hault et du bas pays d’Auvergne«. -Hier heißt es Blatt 119: »In mehreren Orten und Ländern herrscht die -Gewohnheit, wenn eine heiratsfähige Frau, namentlich, sofern sie noch -Jungfrau ist, einen zum Tode verurteilten und zum Galgen abgeführten -Mann zum Gatten verlangt, man ihn der genannten Frau überliefert; sie -wird ihm das Leben retten. Aber, setzt der Autor hinzu, es geschieht -dies entgegen dem gemeinen Recht.« - - * - -Im Kirchenstaat scheint dieser Brauch noch zu Beginn des 19. -Jahrhunderts bestanden zu haben. Der 1812 hingerichtete Räuber Stefano -Spadolino wurde nämlich von der Galeerenstrafe befreit durch eine -Türkin, die das Christentum annahm und ihn zur Ehe begehrte. - - * - -Uns braucht es nicht zu kümmern, ob es kodifiziertes oder -Gewohnheitsrecht war, ob der König um seine Einwilligung zur -Begnadigung angegangen werden mußte und er sie dann verweigern durfte -oder nicht. Uns genügt die Tatsache, daß so und so oft der gewiß -schöne Brauch gehandhabt wurde. Im Jahre 1579 wurde Martin Hugert -vom Kurfürsten August von Sachsen begnadigt, weil »auff demütiges -Suppliciren Ursulen, Mich. Langen Tochter, gnädigst bewilligt, dem -heiligen Ehestand zu ehren, ime Gnade wiederfahren lassen..., doch daß -ime gemeldete Supplicantin ehelich getrauet werde, ehe sie das Land -verlassen.« In einem andern Falle unter Kurfürst Johann Georg I. (1606) -gaben die Richter, nicht der Landesfürst, das Urteil ab, daß der zum -Tode verurteilte Peter Mebuß des Gefängnisses ledig sei, da sich eine -Magd erbot, ihn zu heiraten. - -Noch im Jahre 1725 ereignete sich ein solcher Fall, und zwar umgekehrt, -indem der Mann die Frau durch Ehe befreite. Ein Gerbergeselle Weber von -Mölig in Schwaben trat vor das Gericht mit der Erklärung, wenn der zum -Tode verurteilten Anna Maria Inderbitzi (Schwyz) das Leben geschenkt -und sie von Henkershand verschont werde, wolle er sie ehelichen. Er -habe sie zwar weder gesehen noch gesprochen, sein Entschluß rühre -lediglich aus christlichem Mitleid her, auch habe sein Großvater eine -solche Weibsperson durch Heirat am Leben erhalten und Glück und Segen -gehabt. Das Gericht erkannte nach reiflicher Überlegung: »Es sollen -beide Personen vorgeführt werden und für den Fall der Einwilligung soll -der Anna Maria die Strafe erlassen werden.« Die Verlobung fand statt -in Gegenwart des Pfarrers und zweier Kapuziner, nach vierzehn Tagen -die Hochzeit. (E. Osenbrüggen, »Neue kulturhistorische Bilder aus der -Schweiz«, 1864, S. 51.) - - * - -Der leitende Gedanke war natürlich der, daß ein Mensch nicht völlig -verdorben sein könne, wenn er noch jemanden findet, der mit ihm die Ehe -wagt. Und schließlich war das Risiko des Heiratenden ja viel größer als -das des begnadigenden Staates. - -Das Andenken an dieses Jungfrauenrecht ist heute noch im Volke nicht -ganz erloschen. Als im Jahre 1834 zu Schönfeld bei Dresden zwei -Raubmörder hingerichtet werden sollten, fragte eine Frauensperson -beim Pfarrer an, ob wohl ein Unverheirateter unter diesen Verbrechern -dadurch zu befreien sei, daß sie ihn zur Ehe begehre.[219] - - * - -Eine sehr merkwürdige Sitte wird uns aus dem 18. Jahrhundert aus -Litauen berichtet: »Die Litthauer sind überaus ängstlich und -vorsichtig, daß ihr Ehestand nicht unfruchtbar und ohne Segen seyn -möge; daher sie lieber eine Hure mit zwei und mehr unehrlichen Kindern -heyraten, als eine Jungfer.« Das ist ja nicht so sonderbar, da ja -unsere Bauern, für die Kinder Lebensbedingung sind und die unfehlbar -auf die Gant kommen, wenn sie statt der Söhne bezahlte Arbeiter haben -müssen, genau so verfahren. Allerdings meist so, daß sie diejenige -Dirn heiraten, mit der sie selbst Kinder haben. Um so befremdender ist -die Fortsetzung des Berichtes: »+Die Weiber sollen mit gutem Willen -der Männer Coadjutores Connubii oder Neben-Beyschläffer halten+; denen -Männern aber wird es für eine Unehre gehalten, wenn sie Concubinen -haben.« Vielleicht trat nur dann die Freiheit, einen Liebhaber zu -nehmen, in Kraft, wenn Verdacht bestand, daß die Kinderlosigkeit auf -Verschulden des Mannes zurückzuführen sei.[220] - - - - -Elfter Abschnitt - -Rechtspflege - - -Nicht nur daß Tiere von weltlichen und kirchlichen Behörden bestraft -wurden, kam im Mittelalter vor -- die beiden letzten derartigen -französischen Fälle ereigneten sich noch 1793, ja 1845! -- +man -verhandelte auch mit ihnen+. Um 1500 wurde in der Diözese Lausanne -ein außerordentlicher Tierprozeß in Gestalt eines bedingten -Mandatsprozesses eingeführt. Der bischöfliche Official erläßt auf die -Supplik der geschädigten Grundbesitzer den +Ausweisungsbefehl an die -verklagten Tiere+ unter Exorcismen und Androhung der Malediktion sowie -unter dem Angebot, den Verklagten einen Kurator oder Defensor stellen -zu wollen, falls jemand den Befehl anzufechten gedenke. Damit verbindet -er unter Androhung der Exkommunikation den Befehl, daß +die Tiere -während der späteren Verhandlungen sich jeder weiteren Ausbreitung zu -enthalten haben+. - -Das erste Verfahren schließt mit einem Urteil ab, das die verklagten -Tiere ausweist. Es handelt sich hier ausschließlich um sogenanntes -Ungeziefer, wenigstens niemals um Haustiere oder bestimmte einzelne -Tiere. Also um Mäuse, Ratten, Maulwürfe, Insekten, Raupen, Engerlinge, -Schnecken, Blutegel, Schlangen, Kröten. Allerdings wurde es in Canada -auch gegen wilde Tauben, in Südfrankreich schon viel früher gegen -Störche, in Deutschland gegen Sperlinge, am Genfer See gegen Aale -angewandt, wenn sie in ungezählten Mengen auftraten und gemeinschädlich -geworden waren. Im Ausweisungsbefehl wurde in der Regel eine Frist -bestimmt, innerhalb der die Tiere ihren Abzug bewerkstelligen -sollen. Gelegentlich hat man dies so ins einzelne durchgebildet, -daß man den ausgewiesenen Tieren bis zum Ablauf der Frist +freies -Geleit zusicherte+. Ziemlich weitverbreitet war auch -- wenigstens -seit dem Spätmittelalter -- der Brauch, mit der Ausweisung eine -Verweisung zu verbinden, sei es, daß man den Tieren aufgab, sich an -einen nicht näher bezeichneten Ort zurückzuziehen, wo sie niemandem -mehr würden schaden können, sei es, daß man zu diesem Behuf einen -Ort benannte. Bald verurteilte man sie »ins Meer«, bald verbannte -man sie auf eine entlegene Insel, oder man räumte ihnen gar einen -freien Bezirk in der Gemeinde ein mit der Auflage, die außerhalb -desselben gelegenen Grundstücke zu verschonen. So noch 1713 im Urteil -von Piedade-no-Maranhao. Dies hat mitunter zu einem +förmlichen -Vergleichsangebot+ der Klagspartei an den Offizialvertreter der -verklagten Tiere geführt, wonach diesen +vertragsmäßig ein solches -Grundstück überlassen werden sollte+. +Die mancherlei Vorbehalte und -Klauseln+, womit man einen solchen Vergleich ausstattete, zeigen, wie -ernsthaft der Vertrag der Menschen mit den Tieren gemeint war.[221] - - * - -Prozesse gegen Tiere sind erst seit dem 15. Jahrhundert deutlich -nachweisbar, während Malediktionen und Exkommunikationen viel älter -sind. Der letzte Tierprozeß in der vollen Form hat sich vor einem -weltlichen Gericht abgespielt, und zwar 1733 vor dem von Bouranton. -Aber noch ein Jahrhundert lang haben im Norden die Erinnerungen an die -Tierprozesse fortgedauert. Noch um 1805 oder 1806 haben die Bauern -auf Lyö in der Herrschaft Holstenshus einen solchen Prozeß wenigstens -angefangen. - - * - -Lautete in einem Tierprozeß (gegen Haustiere) das Urteil auf Tötung, -dann war auch die Todesart bestimmt. Das Tier wurde demnach als -Verbrecher angesehen, dem ein verbrecherischer Wille zugeschrieben -wurde. Pour la cruauté et férocité commise (1567) verurteilt das -Gericht, d. h. graduierte oder doch geschulte Juristen, den Übeltäter. -Am meisten üblich war es, das Tier durch Hängen zu töten oder es zu -erdrosseln, und nachher aufzuhängen oder doch zu schleifen. In gewissen -Gegenden scheint man aber das Lebendigbegraben oder das Steinigen, -das Verbrennen oder das Enthaupten vorgezogen zu haben. Erst seit dem -17. Jahrhundert kommt es ab, die Todesart im Urteil zu bestimmen. Das -Gericht überläßt ihre Auswahl hinfort dem Gerichtsherrn oder dessen -Vollzugsbeamten. - -+Der Vollzug des Urteils geschah öffentlich unter dem Geläute der -Glocken.+ Stets obliegt dem Diener der öffentlichen Gewalt, dem Nach- -oder Scharfrichter, der Vollzug. Die Richtstatt ist der gesetzliche -Hinrichtungsort. Hatte das Urteil auf Hängen gelautet, so geschah das -am Baum oder am Galgen. Ein Wandbild in der Kirche Sainte-Trinité -zu Falaise zeigt das Tier sogar in Menschenkleidern. Man hatte auch -sorgsam darauf zu achten, +daß durch den Strafvollzug der Inhaber der -hohen Gerichtsbarkeit nicht in seinen Rechten gekränkt wird+. In dieser -Hinsicht hat das Verfahren mehrmals zu +Beschwerden und Streitigkeiten+ -Anlaß gegeben. Noch 1572 liefern, um dergleichen zu vermeiden, die -von Moyen-Moutier ein dort +zum Strang verurteiltes Schwein+ an den -Probst von Saint-Dizenz als den vollzugsberechtigten Herrn unter -altherkömmlichen Formen aus, indem sie das Tier bis zum Steinkreuz le -Tembroix führen, wo der Probst, dreimal angerufen, alle »Verbrecher« -(criminaly) in Empfang zu nehmen hat. - - * - -Die Glocke von S. Marco in Florenz, La Piagnola genannt, läutete am 8. -April 1498 Sturm, als die Gegner Savonarolas das Kloster in der Nacht -belagerten und erstürmten und den Propheten ins Gefängnis führten. -+Dieses Rufen verzieh man der Glocke nicht.+ Am 29. Juni 1498 beschloß -der Große Rat von Florenz, daß die Glocke von S. Marco zu +bestrafen+ -sei. Am folgenden Tage riß das Volk sie vom Turm herunter, ließ sie -von Eseln durch die Straßen der Stadt schleifen, und +der Henker -folgte ihr und peitschte sie+. Dann wurde sie +aus der Stadt verbannt+. -Auf dem Campanile von S. Salvatore al Monte blieb sie elf Jahre im -Exil, bis sie am 9. Juni 1509 wieder auf den Glockenturm von S. Marco -heraufgezogen wurde. - -Die Glocke, ein Werk Donatellos und Michelozzos, befindet sich seit -1908 im Museo di S. Marco, wo man sich von den damals erlittenen -Mißhandlungen überzeugen kann.[222] - - * - -Dafür, daß die Frauenemanzipation nicht zu Übergriffen führte, war im -Gesetz in weniger ritterlicher als wirksamer Weise gesorgt: »Wenn ein -böses schnödes Weib auf freier Straße einen Bürger oder Bürgerkinder -mit ehrenrührigen Worten anfährt, so darf er das Weib dreimal -vermahnen, solche Worte heel zu halten, und wenn es auch das drittemal -fruchtlos, seine Faust nehmen, dem Weibe an den Hals schlagen, sie in -die Gosse werfen, mit Füßen vor den Hintern stoßen und dann gehen ohne -Strafe.«[223] - - * - -Daneben findet sich eine Ritterlichkeit, die unsere Gesetzgebung -vermissen läßt: Die Schwangere genießt das Vorrecht, ihre Gelüste zu -befriedigen, ebenso darf ohne weiteres für eine Kindbetterin Wein und -Brot entwendet werden. Ja, mehr als das. Im Weistum von Galgenscheid -(Untermosel) von 1460 heißt es, nachdem das Jagen verboten: »is -enwere dan, das eyne frawe swanger ginge mit eyme kinde und des -wiltz gelustet, die mag eynen man oder knechte usschicken, des wiltz -so viel griffen und sahen, das sie iren gelosten gebussen moge -ungeverlichen.«[224] - - * - -Bekannt ist das Verbrennen und Hängen in Effigie. Aber daß man auch in -+Effigie gerädert+ werden konnte -- für den Delinquenten entschieden -wesentlich dem Verfahren in natura vorzuziehen --, berichtet Felix -Platter im Jahre 1554.[225] - - * - -Die Gespenster mischten sich früher in so mancherlei Angelegenheiten -des Lebens, daß die Juristen nicht umhin zu können glaubten, ihre -Rechte zu bestimmen. Der berühmte Rechtslehrer Johann Samuel +Stryck+ -verfaßte darüber eine 1700 zu Halle erschienene umfangreiche -Dissertation (De jure spectrorum. Halle 1700. recusa ib. 1738), in der -er sich so eingehend mit der Materie befaßte, daß das +Gespensterrecht+ -es sicher zum Range einer selbständigen Wissenschaft, wie Handels- oder -Wechselrecht, gebracht hätte, wenn die Aufklärung nicht schnöderweise -das schöne System über den Haufen geworfen hätte. - -Nach einer Einleitung, in der die verschiedenen Sorten von Gespenstern, -als da sind Kobolde, Nixen, Feldgeister, Bergmännchen etc. dem Leser -vorgestellt werden, kommen in schönster systematischer Ordnung die -durch dieselben entstehenden Rechtsfälle an die Reihe. Der Hexenhammer -hatte ja auch mehr als zwei Jahrhunderte früher diese Materie -behandelt. Man sieht daraus wieder einmal, wie sehr die weltlichen -Wissenschaften den geistlichen nachhinken. - - * - -Doch ad rem! Es gibt bekanntlich Personen, die von Gespenstern sehr -geplagt werden. Was ist nun zu tun, wenn ein Ehegatte die Beobachtung -macht, daß sein Gespons zu dieser Sorte gehört? Stryck gestattet aus -diesem Grunde zwar die Auflösung eines Verlöbnisses, nicht aber die -Ehescheidung. Der Mann muß dann eben den Spuk als Hauskreuz ansehen und -es zusammen mit seinem angetrauten mit Würde tragen. - -Da ein Haus, in dem die Geister spukten, nahezu wertlos war, findet -es Stryck nur gerecht, wenn gegen den Verkäufer, der damit den -Käufer betrog, Klage erhoben wird. Natürlich wird dadurch auch ein -Mietkontrakt hinfällig. Wenn der Spuk aber so harmlos ist, daß die -Geister nur in den abgelegensten Teilen des Hauses an die Türen -klopfen oder ein wenig heulen, dann darf man deshalb nicht gleich die -Flinte ins Korn werfen und ausziehen. Auch ist der Vermieter nicht -zum Nachgeben verpflichtet, wenn er beweisen kann, daß bisher sein -Haus von Geistern rein war und erst seit der Vermietung, weil die neue -Partei mit Hexen und Zauberern in Feindschaft lebe, von ihnen zum -Tummelplatz auserkoren wurde. Natürlich hat der Hausherr das Recht -auf Injurienklage, wenn ein Verleumder sein Haus für nicht geheuer -bezeichnet. - -Wenn der Teufel jemand zu Verbrechen bewegt, so ist der Delinquent -darum nicht jeder Strafe ledig, aber unter gewissen Umständen ist es -doch billig, sie zu mildern, z. B. wenn der Delinquent anführen kann, -der Teufel habe gedroht, ihn zu ersticken oder den Hals umzudrehen. - -Augenscheinlich hatte Stryck die Materie nicht gründlich genug -behandelt, denn der Rechtsgelehrte +Karl Friedrich Romanus+ in -Leipzig sah sich 1703 gezwungen, die Frage, ob wegen Gespenstern -der Mietkontrakt aufgehoben werden könne, mit großem Aufwand von -Gelehrsamkeit und Spitzfindigkeit nochmals zu behandeln. (Schediasma -polemicum expendens quaestionem an dentur spectra, magi et sagae. Lips. -1703.) Da er die Gespensterfurcht durch hundert Zitate beweist, so -steht für ihn fest, daß selbst die manierlichsten Geister den Mieter -zur Auflösung des Kontraktes berechtigen. +Thomasius+ war allerdings -anderer Ansicht (De non rescindendo contractu conductionis ob metum -spectrorum. Halle 1711 recusa ib. 1721. Deutsche Halle 1711), doch der -bedeutende Mann stand dem Geisterglauben überhaupt recht skeptisch -gegenüber. Dieser Stryck nun ging den Theologen in der »Gläubigkeit« -nicht weit genug und mußte sich deshalb mit einer Menge Gegner -herumschlagen.[226] - - * - -Friedrich der Große hob bekanntlich durch die Kabinettsorder -vom 3. Juni 1740 die Tortur in seinen Ländern auf, außer bei -Majestätsverbrechen, Landesverrat und Massenmord. Natürlich gegen den -Willen der Juristen. Ein teilweises, allerdings sehr verklausuliertes -Zurückgreifen auf sie enthält das Zirkular Friedrich Wilhelms -III. von Preußen vom 21. Juli 1802. Es ordnet zwar an, daß »bei -Criminal-Untersuchungen die Angeschuldigten durch thätliche Behandlung -nicht zum Bekenntniß der Wahrheit zu nöthigen« sind, führt aus, »wie -unzulässig der Gebrauch der Schärfe in einer Criminal-Untersuchung -sei, und wie leicht die Inquirenten von der ihnen eingeräumten -Befugniß, einen verstockten Verbrecher für offenbare Lügen zu -züchtigen, Mißbrauch machen können«. Deshalb sei »die Anwendung -körperlicher Züchtigungen als Mittel zur Erforschung der Wahrheit bei -Criminal-Untersuchungen gänzlich zu untersagen.« Das klingt sehr schön. -Dann aber heißt es weiter: - -»Damit aber der halsstarrige und verschlagene Verbrecher durch freche -Lügen und Erdichtungen, oder durch verstocktes Leugnen, oder gänzliches -Schweigen sich nicht der verdienten Strafe entziehen möge, soll... -das Collegium befugt sein..., +eine Züchtigung gegen einen solchen -Angeschuldigten zu verfügen+. Vorzüglich findet eine solche Züchtigung -alsdann statt, wenn der Verbrecher bei einem gegen ihn ausgemittelten -Verbrechen, welches er nicht allein ausgeübt haben kann, die Angabe -der Mitschuldigen verweigert, oder wenn der Dieb nicht anzeigen will, -wo sich die gestohlenen Sachen befinden, oder wenn dieser hierin -durch falsche Angaben den Richter täuscht. Die Züchtigung muß nach -Beschaffenheit des körperlichen Zustandes in einer bestimmten Anzahl -von +Peitschen- oder Rutenhieben+ bestehen, auch kann an deren Stelle -Entziehung der besseren Kost, einsames Gefängnis oder eine ähnliche, -der Gesundheit des Angeschuldigten unschädliche Maßregel gewählt -werden.«[227] - -Das heißt auf deutsch, +daß es in Preußen noch zu Beginn des 19. -Jahrhunderts rechtens war, Geständnisse in gewissen Fällen durch -Peitschenhiebe zu erzwingen+. - -Das scheint uns haarsträubend und doch haben wir heute noch eine viel -schlimmere Tortur, als sie früher bestand. Wirft Müller dem Meyer -ein Schimpfwort an den Kopf, dann hat er obendrein noch das Recht, -durch Zeugen alles an schmutziger Wäsche in die Öffentlichkeit zu -zerren, was sich nur über seinen Gegner auftreiben läßt. Die Zeugen -selbst aber sind verpflichtet, bis in die intimsten Intimitäten ihres -eigenen Lebens hinein alles nur irgend einer sensationslüsternen Menge -interessant erscheinende vor aller Welt aufzudecken. Eine Reihe von -Prozessen aus letzter Zeit beweisen, daß ungezählte Existenzen durch -diese moderne Tortur vernichtet werden können. Es ist nur Glückssache, -ob nicht jeder von uns einmal gezwungen wird, seinen eigenen -moralischen Henker vielleicht um einer Bagatelle willen zu machen. -Manchem dürften da die Stockschläge von ehedem humaner erscheinen. - - * - -Friedrich Wilhelm III. erließ am 7. Juli 1802 das »Publicandum wegen -Deportation incorrigibler Verbrecher in die +Sibirischen Bergwerke+«. -Unter der Motivierung, daß der beabsichtigte Zweck, die getreuen -Untertanen vor Verbrechern zu schützen, nicht erreicht wurde, da -von Zeit zu Zeit solche Verbrecher aus den Strafanstalten entwichen -und andrerseits die Hoffnung auf Flucht selbst lebenslängliche -Verurteilung diesen Bösewichtern nicht hinlänglich schrecklich -erscheinen läßt, heißt es: - -»Aus diesen Gründen haben Allerhöchst dieselben beschlossen, die in den -Strafanstalten befindlichen incorrigible Diebe, Räuber, Brandstifter -und ähnliche grobe Verbrecher, in einen entfernten Weltteil -transportieren zu lassen, um dort zu den härtesten Arbeiten gebraucht -zu werden, ohne daß ihnen einige Hoffnung übrig bliebe, jemals wieder -in Freiheit zu kommen. Diesem gemäß ist mit dem +Russisch-Kaiserlichen -Hof die Vereinbarung getroffen, daß dergleichen Bösewichter in dem -im äußersten Sibirien+, über tausend Meilen von der Grenze der -Königlichen Staaten +belegenen Bergwerken zum Bergbau gebraucht werden -sollen, und es sind hierauf vorerst Acht und Funfzig der verdorbensten -solcher Verbrecher am 17. Junius d. J. an den Kaiserlich Russischen -Kommandanten zu Narva würklich abgeliefert, um von dort in diese -Sibirischen Bergwerke transportiert zu werden+. - -Seine Königliche Majestät werden durch fernere, von Zeit zu Zeit zu -bewürkende Absendungen solcher Verbrecher die Eigenthumsrechte der -sämmtlichen Bewohner Ihrer Staaten gegen die Unternehmungen solcher -Bösewichter schüzzen, und lasse daher dieses zur Beruhigung Ihrer -gutgesinnten Unterthanen und zur Warnung für jedermann hierdurch -öffentlich bekannt machen.« - -Daß der Staat zur Sicherung seiner Untertanen zur Deportation oder -zu sonstigen Gewaltmitteln greift, ist gewiß kein Kultur-Kuriosum, -wohl aber, daß eine Großmacht sich der Hilfe einer anderen bedient, um -seiner verbrecherischen Untertanen, noch dazu in friedlichen Zeiten, -Herr zu werden. - - * - -Übrigens waren die herrschenden preußischen Gesetze nicht durch -Milde ausgezeichnet. +Das Vermögen der politischen Verbrecher wurde -eingezogen, auch ihre Kinder durften »zur Abwendung künftiger -Gefahren« in beständiger Gefangenschaft gehalten oder verbannt -werden.+ Selbst Eltern, Kinder und Ehegatten waren bei zehnjähriger -bis lebenslänglicher Festungsstrafe zur Denunziation und Verhütung -dieses Verbrechens verpflichtet. Landesverräter sollten »zum -Richtplatz geschleift, mit dem Rade von unten herauf getötet, und -der Körper auf das Rad geflochten werden«. +Zum Landesverrat gehörte -auch die Verleitung zur Auswanderung+ und Verrat von Fabrik- und -Handlungsgeheimnissen, doch hatte es in diesem Falle mit vier- bis -achtjähriger Festungs- oder Zuchthausstrafe sein Bewenden.[228] - - * - -Im Palais, das Friedrich Wilhelm III. bewohnte, wurden Gegenstände -im Werte von 50 Talern gestohlen. Bei einem Mädchen, das für die -Königin strickte, fand man einige Sachen. Sie wurde verhaftet, der -Fall dem König angezeigt und er befahl: »daß man die eingezogene und -arretirte Inquisitin Louise M. +so lange peitschen sollte, bis sie ihre -Mitschuldigen bekenne+, und anzeigen würde, und +wenn sie unter den -Streichen tot bleiben sollte+.« - -Darauf zählte man dem Mädchen den ersten Tag 79, den andern Tag 86 -und nachmittags 50 Peitschenhiebe »theils auf den bloßen Hintern, und -theils auf den Rücken ohne Barmherzigkeit auf, überließ die Direktion -des Verfahrens den niedrigsten Beamten, das heißt Schreibern und Boten. --- Das Urtheil erfolgte und sie wurde zu Zuchthausstrafe auf des Königs -Gnade (d. h. so lange der König wollte!!) condemnirt. Durch diese -von dem jetzt regierenden König eingeführten Peitschenhiebe bei den -Inquisitionen +ist die Tortur der Alten optima forma eingeführt+.« - - * - -Das noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts gültige Preußische Kriegsrecht -hatte folgende Todesstrafen: »1. Arquebusieren (erschießen), 2. -Hinrichtung durch das Schwert, 3. durch den Strang, 4. durch das -Feuer, 5. durch das Rad von oben hinab oder von unten herauf, 6. durch -Viertheilung. - -Bei der Hinrichtung durch das Schwert ist die Verscharrung des -Leichnams auf der Exekutionsstätte, oder das Flechten des enthaupteten -Körpers auf das Rad eine gesetzliche Folge der mindern oder größern -Wichtigkeit des Verbrechens. - -Die Hinrichtung durch den Strang kann theils in der Garnison... theils -außerhalb der Garnison an dem gewöhnlichen Galgen geschehen... Im -zweiten Fall bleibt der Körper bis zur Verwesung am Galgen hängen. - -Die Exekution durch Feuer, durch das Rad oder durch Viertheilen wird -jedesmal außerhalb der Garnison auf der gewöhnlichen Gerichtsstätte -vollzogen, und erfolgt sodann die Verscharrung des Leichnams oder -dessen Heftung auf das Rad, oder Anschlagen der Theile an den Galgen -oder an besonders dazu errichtete Pfähle nach der Größe und Wichtigkeit -des Verbrechens. - -In wie weit bei Militär-Personen die Todesstrafe verschärft werden -kann, wobei... die... bestimmte Gattung der Strafe... für den -Verbrecher empfindlicher und für den Zuschauer abschreckender zu machen -ist, wohin das Schleifen zur Richtstätte, das Abhauen einer oder beider -Hände und so weiter gehören mag, muß in jedem einzelnen Falle entweder -nach den besonderen Militärgesetzen, oder bei gemeinen Verbrechen -der Militär-Personen, nach dem allgemeinen Landrechte beurtheilt und -festgesetzt werden.« - -Wer sich selbst entleibte, wurde unter dem Galgen durch den Schinder -verscharrt. - -Die Ehefrau eines Deserteurs, welche mit ihrem Ehemann zugleich -entwichen oder zwar zurückgeblieben, aber der Durchhelfung desselben -schuldig befunden, wurde mit dem Verlust ihres eingebrachten oder sonst -eigentümlichen Vermögens, welches der Generalinvalidenkasse zufiel, -bestraft.[229] - - * - -Die letzte Tortur in Deutschland fand im Jahre 1826 im Amte Meinersen -in Hannover statt. Ein Häusler Wiegmann war im Anfang des Jahres -verhaftet worden, weil er zwei Pferde gestohlen haben sollte, die -auf 80 Taler gewertet wurden. Da er leugnete, ging man nach den -Regeln des Inquisitionsprozesses mit »Verbal- und Realterrition« -gegen ihn vor. Man bedrohte ihn erst mit der Folter, zeigte ihm dann -die Instrumente und erklärte sie und folterte ihn endlich wirklich. -Die Justizkanzlei in Celle erließ am 4. März eine ausführliche -Instruktion über das hierbei zu beobachtende Verfahren. So sollte der -Nachrichter bei Vorzeigung der Folterwerkzeuge den Inquirierten zu -einem »ungezwungenen« (sic!) Bekenntnisse ermahnen, ihn aber, wenn er -kein Geständnis ablegte, auf die Folterbank setzen, ihm Daumenschrauben -anlegen und mit deren Zuschraubung einen »gelinden« Anfang machen. - -In der Nacht vom 12. zum 13. März führte man Wiegmann in den Keller -unter dem Amtshause, wo der Scharfrichter mit zehn Henkersknechten -schon versammelt war. Zehn Minuten vor ein Uhr wurde der Inquirent -seiner Ketten entledigt, noch einmal befragt, beteuerte aber seine -Unschuld. - -Der Scharfrichter erklärte ihm nun die furchtbaren Werkzeuge, die -in der absichtlich matten Beleuchtung immer noch entsetzlich genug -aussahen, und man drängte ihn wieder um ein Geständnis. Da er standhaft -blieb -- er war aller Wahrscheinlichkeit nach unschuldig --, trat nun -der Scharfrichter mit seinen Gesellen in ernstere Funktion. - -Lärmend fielen die rohen Burschen über Wiegmann her, rissen ihm die -Kleider vom Leibe und setzten ihn auf den mit Stacheln gespickten -Marterstuhl. Die Augen hatte man ihm verbunden, die Hände an die -Stuhllehne gefesselt und den Stuhl selbst zurückgelehnt, damit er die -Stacheln mehr fühle. Trotzdem beteuerte er seine Unschuld. - -Nun nahm man den Unglücklichen auf eine Minute herunter und ermahnte -ihn abermals zur Wahrheit. Da er nicht gestand, legte man ihn -sofort wieder zurück und setzte ihm obendrein die schrecklichen -Daumenschrauben an. Er hielt geduldig die Hände hin und zuckte nur -einige Male zusammen, als man ihm noch unvermutet Peitschenhiebe -versetzte. Er jammerte: »Wie kann ich etwas bekennen was ich nicht -getan.« - -Nun wurden ihm, während man seine Wunden mit Salben bestrich, wieder -neue Folterinstrumente gezeigt und angedroht, aber seine Kraft war -erschöpft. Er sagte: »Ich friere und kann nichts mehr sehen.« Man -führte ihn nun ins Gefängnis zurück. - -Seine Angst vor neuer Folterung, die gesetzlich nicht zulässig -gewesen wäre, beutete man in diabolischer Weise aus. Man erweckte -durch raffinierte Vorkehrungen aller Art in ihm den Glauben, daß er -abends wieder gefoltert werden würde und erzählte ihm allerlei von den -furchtbaren Vorbereitungen, die getroffen würden. - -Nun gestand er in seiner Zelle aus Todesangst. Der Richter hatte sich -eilig zu ihm begeben, und um einem Wiederruf vorzubeugen, ließ man in -der Amtsstube Licht machen, trieb Leute, die Geräusch machen mußten, -auf dem Amtshofe zusammen und ließ Männer mit brennenden Kerzen -zwischen Amtsstube und Folterkeller hin- und herlaufen. So erweckte man -in ihm den Glauben, daß noch mehr Henkersknechte angekommen seien, ihre -Zurüstungen träfen, und daß Neugierige etwas davon zu erhaschen suchten. - -Die Justizkanzlei tadelte allerdings scharf die unnötige Strenge der -»Realterrition«, dann die einen Tag dauernde Verbalterrition. »Für -künftige Fälle« hatte die Kanzlei dem Amt ein solches Vorgehen, wie -dieses, verboten. Gottlob sollten sie sich aber nicht mehr ereignen. -Am 17. April 1822 (nach Krieg erst 1840) wurde die Folter in Hannover -abgeschafft. - -Wiegmann hatte vier Jahr Zuchthaus auf sein »freies Geständnis« hin -erhalten, und im Zuchthaus starb er auch.[230] - - * - -Bis zum Jahre 1648 erhielt sich zu Oudewater in Holland der Brauch, -daß sich Leute, die der Hexerei beschuldigt wurden, auf der großen -Stadtwage wiegen ließen. Bis aufs Hemd entkleidet geschah dies in -Gegenwart des Stadtschreibers und der Gerichtsschöppen. Bei Weibern war -auch die Wehmutter gegenwärtig. Dafür zahlte man 6 Gulden und 10 Sols, -erhielt aber ein gerichtliches Zertifikat, worin bestätigt wurde, »daß -ihr Gewicht ihrem Wuchse gemäß und nichts Teuflisches an ihrem Körper -befindlich sey«. Durch dieses Attest entging man der Inquisition. -Deshalb zog man es natürlich vor, das Geld zu erlegen, statt den -Scheiterhaufen zu riskieren.[231] - - * - -Aus dem Jahre 1752 hat sich ein Kabinettsbefehl des Markgrafen Karl -Friedrich von Baden-Durlach erhalten, der an die Einwohner des am Fuße -der Hardt nördlich von Landau gelegenen Fleckens Rodt gerichtet ist -und Verfälschung des Weines mit Spießglas, Silberglött und anderen -Mineralien mit dem +Tode durch den Strang+ bedroht, in milderen -Fällen, d. h. bei Anwendung von Zucker, Rosinen etc. mit dreijähriger -Zuchthausstrafe.[232] - - * - -Der letzte Fall von krimineller Behandlung der Häresie liegt auch noch -keineswegs so weit zurück, als man annehmen sollte. Er ereignete sich -nämlich im Jahre 1751 und betraf einen Advokaten und Notar in Tirol. -Lief die Sache auch nicht allzu grausam ab, so wurde der Angeklagte -doch recht wenig glimpflich behandelt.[233] - - * - -Das erinnert einigermaßen an die -- allerdings in Abrede gestellte --- Äußerung eines bayerischen Ministerialbeamten dem Professor -Sickenberger gegenüber, daß Personen, die mit ihrer Kirche -zerfallen wären, suspekt seien und daher wenig Aussicht haben, eine -Staatsanstellung zu erhalten!!! Wurde die Äußerung auch bestritten, die -Tatsache, daß bis heute keine Anstellung erfolgte, bleibt bestehen. - - * - -In einem Pommerschen Städtchen ist die Benutzung von Leitern ohne -Spitzen untersagt. Eines Nachts im Jahre 1909 besuchte ein Dieb ein -Gehöft und benutzte eine auf dem Hofe stehende Leiter, um in das Haus -einzusteigen. Er wird gestört, die Leiter fällt um und er bricht den -Oberschenkel. Nun haben wir aber die sogenannte Haftpflicht, und das -war für den Dieb ein großes Glück. +Der Besitzer des Gehöftes muß dem -Herrn Einbrecher die durch den Schenkelbruch entstandenen Kurkosten und -eine Entschädigungssumme zahlen, weil die spitzenlose Leiter gegen das -Gesetz verstieß!!+[234] - - * - -Zu dieser erbaulichen Geschichte bietet die folgende ein allerliebstes -Gegenstück. In einem Dorfe in der Provinz Schleswig-Holstein bricht -Feuer aus. Fünf Menschenleben sind in Gefahr. Ein Arbeiter wagt sein -eigenes und rettet die fünf, wird dabei aber so schwer verletzt, daß er -längere Zeit keine Arbeit verrichten kann. Sein Antrag bei der Gemeinde -um Unterstützung wird rundweg +abgelehnt, weil er -- die Rettung »ohne -Order« vorgenommen hatte+. Difficile est satyram non scribere.[235] - - * - -Der Ruhm des schleswig-holsteinschen Abdera ließ die edlen Bewohner -Altonas anscheinend nicht schlafen. Sie bemühten sich also auch -ihrerseits, eine denkwürdige Tat zu begehen, und das gelang ihnen über -Erwarten glänzend. Der früher in Altona angestellte Schutzmann Riese -hatte vor einiger Zeit ein Kind aus dem Treibeis der Elbe vor dem Tode -des Ertrinkens gerettet. Durch das kalte Bad, das der Beamte dabei -unfreiwillig nahm, stellte sich bei ihm ein rheumatisches Leiden ein, -das Dienstunfähigkeit im Gefolge hatte. Darauf kündigte die Stadt -Altona dem wackeren Beamten den Dienst und entließ ihn +ohne Pension+, -weil er -- der heilige Bureaukratius fordert es so -- noch nicht zehn -Jahre sein Amt verwaltet hatte. Riese verklagte nun die Stadt auf -Zahlung einer Pension, die Stadt aber, jedenfalls aus Furcht, ihre -Munifizens könnte nicht weit genug bekannt werden, führte den Prozeß -sowohl vor dem Landesgericht, als auch vor dem Oberlandesgericht. -Sie verlor aber schändlicherweise und wurde zur Zahlung der Pension -verurteilt.[236] - -Es gibt eben keine Gerechtigkeit mehr auf der Welt. - - - - -Zwölfter Abschnitt - -Von allerlei Sitten und Zeremoniell - - -In den Göttinger Statuten des Jahres 1342 mußte besonders verboten -werden, nicht im +Ratskeller+, wo man beisammen aß und trank, +seine -gröbste Notdurft zu verrichten+. - -Übrigens erzählt Schweinichen, daß sich 1571 unter den schlesischen -Adeligen ein +Verein der Unflätigen+ gebildet hatte, mit dem Statut, -sich +nicht zu waschen, nicht zu beten und unflätig zu sein+, wohin sie -kämen.[237] - - * - -Was man dem Adel alles zutraute, geht u. a. aus der preußischen -Hofordnung aus der Zeit Herzog Albrechts hervor. Es handelt sich -um Vorschriften für den Besuch der Junker im Gemach der Hofdamen: -»desgleichen sollen die vom Adell auch zuchtig neben ihnen (den -Hofdamen) nidersitzen und alldo alle unzuchtige geberden und wort -vermeiden, wie dann solchs die Adeliche zucht und gebrauch ehrlicher -furstlicher frauenzimmer erfordert. Und das dem also, und nicht -anderst, gemes gelept, soll der Hoffmeister und Hoffmeisterin darauff -fleißig sehen und daruber halten und in Summa keynem Edelman den -eingang gestatten, dan der sich zuchtig, ehrlich, erbarlich und, wie -sich geburt, beweysen thue.«[238] - -Zu denken gibt auch folgender Passus in der Hofordnung des Markgrafen -Philipp II. von Baden-Baden (1571-1588): »Khein Unzucht, so die Natur -in Niechterkeit nothalber erfordert, solle anderer Enden dann an -denen orthen, da es sich gebürt und die darzu verordnet, verricht und -dargegen die schandtliche und ergerliche unhöflichkeiten und schanden, -so anderwerts biß anhero bößlich und schädlich in vil weg fürgangen, -gewißlich vermiden bleiben, bey gefengkhnus und unserer ungnad -unnachläßlicher gefahr.« - -Die württembergische Hofordnung Herzog Johann Friedrichs enthält sogar -noch 1614 einen ganz ähnlichen Passus.[239] - - * - -In der Hofordnung Karls II. von Baden-Durlach heißt es: »Und nachdem -von dem hofgesindt bißher mermaln clag furkhomen, das sie nachts -uff der gassen allerhandt unzucht treiben und etwa den Burgern mit -einschlagung und einwerffung der fenster und in ander weg schaden -beschicht, so wollen Ire f. Gn. -- edel und unedel hiemit, sich eins -solchen gentzlich zu enthalten, gebotten haben und, da solches nit -helffen (wurde), mit der straaff niemandts schonen.« - - * - -Eine Bestimmung, die sich häufig findet und tief blicken läßt, ist die -Karls II. von Baden-Durlach: »Disgleichen soll niemandts kein büchsen -in der Statt abschießen, sonder solchs vor der Statt an unschadlichen -ortten tun.« Es war damals augenscheinlich gang und gebe, daß die -Hofleute in der Stadt herumschossen.[240] - - * - -Jede Hofordnung fast ohne Ausnahme enthält Bestimmungen über den -Burgfrieden, der unter dieser rauhbeinigen Gesellschaft gar nicht -energisch genug aufrecht erhalten werden konnte. So bestimmen die -württembergischen Hofordnungen noch das ganze 17. Jahrhundert hindurch, -daß, wer vom Gesinde sich an seinem Vorgesetzten vergreift, die rechte -Hand verlieren soll. Ebenda wird als Burgfriedensverletzung auch -bezeichnet, wenn jemand sich weigert, mit einem andern am selben Tisch -zu sitzen.[241] - - * - -Zur Illustrierung des höfischen Tones dient auch folgender Passus -in der Hof- und Feldordnung der Herzöge Adolf Friedrich und Johann -Albrecht II. von Mecklenburg vom Jahre 1609: »Es sol auch bei und uber -den Malzeiten ohne uberlauts schreyen, auch zerprech- und werfung der -Trinckgeschier sich ein jeder zuchtig und eingezogen verhalten...«[242] - -Dazu passen aus der Hofordnung des Markgrafen Johann von Küstrin -die Bestimmungen: »§ 2. Eß soll auch der Hoffmeister bei seinen Unß -gethanen pflichten kein unordnunge in unsern furstlichen frauenzimmer -gestadten und darauf mit gut achtung geben, das keine Unfleterei weder -im Frauenzimmer noch davor getrieben werde, und do es von jungen oder -alten geschehe... - -§ 3. Do auch der Hoffmeister einig Winkellsitzen, es were von Magden -oder Andern vormerckte, oder daß sonsten unrichtigkeitt befunden, soll -ehr uns und unsere(m) Gemahll solches jederzeitt zu vermelden schuldigk -sein, auch kein unordentlich gereiß oder dergleichen scherz, so mit -Jungfern oder Megden vorgenommen wurden, nicht gestatten, sondern -straffen. - -§ 4. Es soll auch keine Saufferey in dem frauenzimmer verstattet noch -nachgeben werden. - -Es folgen dann noch ähnliche Bestimmungen, so daß die Edelleute nur bis -8 Uhr abends sich mit den Jungfrauen, unter denen selbstverständlich -Hofdamen gemeint sind, unterhalten dürfen etc. Man denke sich eine -moderne Hofordnung! Und dazu muß ausdrücklich bemerkt werden, daß sehr -viele es für nötig hielten, in dieser Weise für den Anstand zu sorgen. -So z. B. Herzog Bogislaw XIV. von Pommern-Stettin, der den Hofmeister -dafür sorgen läßt, daß ›auch darin (im Gemach der Hofdamen) keine -unzulessige vollsaufferey oder sonsten wüstes, wildes wesen getrieben, -besonders (sondern) ein jeder zu rechter Zeit wiederumb wegk an seinen -ort gehen und das Frauenzimmer zu rechter Zeit geschlossen werden -möge.‹«[243] - - * - -Der Ton bei Hofe wird deutlich aus der Hofordnung Herzog Johann -Albrechts von Mecklenburg vom Jahre 1574. »Und weill S. f. G. in -erfahrung kommen, das die Diener, wan S. f. G. auf der Jagd oder -sonsten auff den höfen seindt, den Leutten die huener todtschlagen, -daß Obst auß den Gertten nehmen und sich sonsten dergleichen Dingen -erzeigen, alß wan eß in offenem feldtzug wehre, auch dißfalls S. f. G. -eigen Höfe und Gartten nicht verschonen. Also wollen S. f. G. solches -hiemitt ernstlich verbotten ...« - - * - -Montaigne, der im Jahre 1580 seine Reise antrat, ist von der -Sauberkeit, die er überall in Deutschland findet, entzückt. Besonders -lobt er die Reinlichkeit in den Augsburger Häusern, wo er sogar -nirgends Spinnweben antrifft. Köstlich ist, wie er die Einrichtung der -Schlafzimmer beschreibt: »+ils metent souvent contre la paroy a coté -des licts, du linge et des rideaus, pour qu’on ne salisse leur muraille -ein crachant+«.[244] - -Nun muß man ja berücksichtigen, daß Montaigne gemäß seiner sozialen -Stellung und Vermögen nur mit wohlhabenden Kreisen in Berührung kam und -wohl auch von Frankreich her durch Reinlichkeit nicht allzu verwöhnt -war. Denn beim niedern Volk sah es anders aus. Ein Jahrhundert früher -schreibt Platter über die Läuseplage im Spital: »Ich hette schier offt -man gwelt hette, +dry leuß mit einandren uß dem busen zogen+.« Das -heißt: so oft er gewollte hätte, würde er drei Läuse mit einem Griff -aus dem Busen gezogen haben![245] - - * - -Der Furcht vor Insekten, die ja nicht unbegründet gewesen zu sein -scheint, dienten auch die Baldachine oder Betthimmel. Man war besonders -besorgt, den Kopf der Schlafenden vor Ungeziefer zu schützen, das von -der Decke herabfallen konnte. Deshalb waren -- was nicht für unsere -Sauberkeit sprechen will -- im 15. und 16. Jahrhundert die Betten zum -Teil der ganzen Länge nach, zum Teil auch nur am Kopfende mit einem -Holzhimmel überdeckt. In den Niederlanden genügte Stoff, wohl leichte -Seide, diesem Zweck. Aber man machte die bittere Erfahrung, daß das -gerade geschah, was man vermeiden wollte: die ungebetenen Gäste ließen -sich in den Baldachinen häuslich nieder. Deshalb verschwand im Laufe -des 17. Jahrhunderts das Himmelbett langsam, wenigstens das schwere mit -Holzdach.[246] - -Wie es im 16. Jahrhunderte etc. von Flöhen und Läusen wimmelte, geht -aus der Rolle hervor, die diese Tierchen im öffentlichen Interesse -einnahmen. So prophezeit Fischart in seiner Praktik (S. 27), daß -diese Wandleuß in Frankreich gedeihen werden -- ähnlich auch Rabelais -wiederholt in Gargantua und Pantagruel -- und in der Flohatz 2082, daß -»kein Wandlauß nach kein Floh nicht bleibt.« - -Ho. Coler (Oeconomia Bd. XVIII, c. 19) setzt im Ernste auseinander: »Es -sind aber von diesen edlen Creaturen dreyerley: Kopfleuse, Kleiderleuse -und Filtzleuse. Die erste befehle ich den Kindern und Weibern, die -andere den Landsknechten, Botten und Bettlern, die dritten den Bulern -und Hurenhengsten.« - -Montaigne war also nicht nur naiv, sondern auch recht anspruchslos! - - * - -Im 14. Jahrhundert und früher hatten die Betten eine riesige Größe. -Solche von vier Meter Breite waren die Regel. Allerdings schlief nicht -nur das Ehepaar im gleichen Bett, wie ja mancherorts heute noch üblich, -sondern die Adeligen luden auch regelmäßig ihre Waffengefährten ein, in -ihrem Bett zu schlafen, zum Zeichen der Waffenbrüderschaft. Und zwar -+lud man den Freund auch ins Ehebett ein, so daß häufig die Gattin -neben dem Gast lag+. Aber auch Hunde genossen die Gastfreundschaft.[247] - - * - -Noch im 17. Jahrhundert besaßen die Damen keinen Salon, vielmehr -empfingen sie Besuche im Schlafzimmer, und zwar +auf dem Bett liegend+. -Das Bett spielte überhaupt eine große Rolle im Leben der Damen. Als -am 2. Oktober 1686 die Gesandtschaft von Siam dem Sonnenkönig ihre -Aufwartung machte, empfing die Gemahlin des Dauphin sie +im Bett+, -desgleichen lagen alle Prinzessinnen von Geblüt auf dem Bett, als sie -den exotischen Gästen Audienz erteilten. - -Der Dichter Gombault hatte freien Zutritt bei der Königin Maria von -Medici. Eines Tages traf er sie auf ihrem Bett liegend, die Kleider in -Unordnung. In Verse goß er seine Erlebnisse: - - Souvent je doute encore, et de sens dépourveû, - Dans la difficulté de me croire moy mesme, - Je pense avoir songé ce que mes yeux ont veû. - - (Poésies p. 68.) - -Die Sitte gab um so mehr zu pikanten Situationen und entsprechenden -Erlebnissen Gelegenheit, als die Intimen des Hauses und Ehrengäste -+sich auf das Bett setzen oder gar legen durften+. - -Ein Handbuch des guten Tones vom Jahre 1675 muß deshalb ausdrücklich -feststellen, daß es unschicklich ist, sich auf das Bett einer Dame zu -setzen, und daß es sehr ungehörig sei, sich zur Konversation auf ein -Bett zu werfen. - - * - -Noch merkwürdiger war die Sitte, daß die +Neuvermählte sich vom Tage -nach der Hochzeit an drei Tage lang auf ihrem Bett liegend allen -Bekannten zeigen mußte+. Und zwar hatten auch ganz Fernstehende zu -diesem Schauspiel Zutritt. Man unterzog dabei die junge Frau einem -Kreuzverhör, um ihre Haltung zu prüfen. Selbst die höchsten Damen -konnten sich dem Brauch nicht entziehen. Der Herzog von Lauzun -renommierte bei dieser Gelegenheit mit seinen Heldentaten...! - -Im Jahre 1698 heiratete der Graf d’Ayen ein Fräulein d’Aubigné, Nichte -der Mme. de Maintenon. Nach dem Souper legte man das Paar zu Bett. -»Der König reichte, wie Saint-Simon (II, p. 59) erzählt, das Hemd dem -Grafen, die Herzogin von Bourgogne der Braut das ihre. Der König sah -beide im Bett mit der ganzen Hochzeitsgesellschaft; er selbst zog ihnen -den Bettvorhang zu...« Am andern Morgen empfingen Mme. de Maintenon und -in einem anstoßenden Zimmer die Gräfin d’Ayen auf ihren Betten liegend -den ganzen Hof. - -Aber noch in der Mitte des folgenden Jahrhunderts gehörte das Bett zum -höfischen Zeremoniell. Im Februar 1747 heiratete der Dauphin, Sohn -Ludwigs XV., in zweiter Ehe Maria Josepha von Sachsen, nachmals Mutter -dreier Könige. Der Herzog von Croy erzählt darüber in seinen Memoiren -(Ed. Grouchy, p. 49): - -»Wir waren bei der Toilette der Dauphine anwesend, die sich -+öffentlich+ abspielte, bis zu dem Augenblick, wo die Königin ihr das -Hemd gab. In diesem Augenblick ließ der König alle Männer zur Toilette -des Dauphin gehen, dem Seine Majestät das Hemd reichte. Als beide -Zeremonien beendet waren, kehrte jedermann wieder ins Schlafzimmer der -Frau Kronprinzessin zurück. Sie war in der Nachthaube und in ziemlicher -Verlegenheit, aber weniger wie der Dauphin. Als sie im Bett lagen, zog -man die Vorhänge zurück und +jedermann betrachtete die beiden einige -Zeit lang+.« - - * - -Im 17. Jahrhundert stand das Bett ziemlich in der Mitte des Zimmers und -hatte infolgedessen rechts und links je einen freien Raum, eine Gasse, -von ungefähr gleicher Breite. Aber während die eine, etwas schmälere, -für intim galt, war die etwas breitere die +offizielle+. Einst spielte -König Heinrich IV., durch Gicht ans Bett gefesselt, mit Bassompierre, -der uns die Geschichte erzählt (Mémoires ed. Chantérac T. I, p. 218), -Würfel, und zwar saß er in der kleinen Gasse, während die große für -eventuelle Besuche frei blieb. Da kam Mme. d’Angoulême. Der König -drehte sich sofort herum und empfing die Herzogin »+auf der andern -Seite des Bettes+«. - -Selbst die königlichen Prinzessinnen mußten, wenn sie am Bett Ludwigs -XIV. vorbeigingen, es durch eine +tiefe Verbeugung+ grüßen. Auch bei -der Königin grüßten die Damen das Bett.[248] - - * - -Im ausgehenden 15. Jahrhundert war der Gebrauch des +Taschentuches+ -nicht allgemein verbreitet. Man konnte sich mit der Hand schneuzen -- -das erlaubten sogar die Sittenlehrer -- nur mußte es die +linke Hand+ -sein, da man mit der rechten bei Tisch das Fleisch aß! Bediente man -sich aber der Linken, dann konnte man ruhig seine Finger zur Reinigung -benutzen. - -Daher mußte es als geradezu verwegene Neuerung gelten, wenn Jean -Sulpice in seinem Libellus de moribus in mensa servandis vom Jahre 1545 -das Taschentuch empfiehlt und schreibt: »Wenn du dich schneuzen mußt, -dann darfst du eine solche Ausscheidung nicht mit den Fingern nehmen, -vielmehr in einem Taschentuch bergen.« - -Erhebend ist auch die Vorschrift, die Erasmus von Rotterdam in -seiner unter dem Titel: Civilité moral des enfants im Jahre 1613 im -Französischen erschienenen, aus dem Lateinischen übersetzten Schrift -gibt. Daß der Nasenschleim entfernt werden müsse, steht bei ihm -fest: »Aber sich in seine Mütze oder an seinem Ärmel zu schneuzen -ist bäuerisch; sich am Arm oder am Ellenbogen zu schneuzen, mag den -Zuckerbäckern anstehen; sich mit der Hand zu schneuzen, wenn du sie -zufällig im gleichen Augenblick an deinen Anzug hinbringst, ist nicht -viel gesitteter. Aber die Ausscheidungen der Nase mit einem Taschentuch -aufzunehmen, indem man sich etwas von Standespersonen abwendet, ist -eine hochanständige Sache. +Und wenn durch Zufall etwas davon zu Boden -fallen sollte, wenn man sich nämlich mit zwei Fingern schneuzt, dann -muß man sofort darauf treten.+«[249] - - * - -Montaigne erzählt im 22. Kapitel des 1. Buches seiner Essais von einem -Edelmann, der sich noch mit seiner Hand schneuzte. Und zwar tat er das, -weil er dem Nasenschleim nicht das Privileg einräumen wollte, in feiner -Wäsche aufgenommen und sorgfältig eingesteckt zu werden. Er hielt es -für viel verständiger, sich dieser Unreinlichkeit zu entledigen, wo es -gerade sei. Und Montaigne pflichtete ihm bei! - - * - -Noch im 17. Jahrhundert war der Gebrauch des Taschentuches so wenig -absolutes Erfordernis des wohlerzogenen Mannes, daß selbst ein großer -Herr sich der Finger bedienen durfte. Eines Tages sah Hauterive de -l’Aubespine, ein Edelmann von hohem Range, die Blüte Frankreichs bei -sich, darunter den berühmten Turenne. Als während des Mahles Hauterive -sich schneuzen mußte, +drückte er mit dem Finger ein Nasenloch zu und -schleuderte den Inhalt des andern wie einen Pfeil gegen den Kamin+. -Dabei machte er ein Geräusch wie ein Pistolenschuß. Ruvigny rief bei -dieser Detonation zum großen Gaudium der andern aus: »Mein Herr, Sie -sind doch hoffentlich nicht verwundet?« - -De la Mésangère schrieb im Jahre 1797 über dieses nicht sehr -appetitliche Thema: »Vor einigen Jahren machte man eine Kunst daraus, -sich zu schneuzen. Der eine ahmte den Trompetenton nach, der andere das -Schnurren der Katze. Der Gipfel der Vollendung bestand darin, weder zu -viel noch zu wenig Geräusch zu verursachen.«[250] - - * - -Einen Einblick in das höfische Zeremoniell gewährt uns die -Kammerordnung Herzog Wilhelms V. (dankt 1595 ab, † 1626) von Bayern -vom Jahre 1589. Dieser fromme, ja asketische Monarch bestimmt: »Alß -wir unß dann anzuclaiden wellen anfangen und die Camerpersohnen -darzue verordent werden, sollen die Camerer die Rekh und Mentl in der -Vorcamer von sich legen und also eingenestlet in den Goldern (Kollern) -oder Rekhlen mit anhangenden Iren Rapieren und seittenwähren zu uns -hineingehen und nach vorgehender reverentz on alle Dif(f)erenz und -forgang, wie bißhero geschehen, sondern vertraulich under einander -zu dienen anfachen. Wir verordnen es dann in dieser Instruction oder -ordnung in nachvolgendem anderst, hat es seinen Weg; Nemblich es soll -unser Oberst Camerer oder in seinem abwesen der von uns verordnet -verwalter und, so der kheiner vorhanden, allzeit dem Dienst nach der -öltist oder auch ain anderer Camerer das Schlafhemet von uns empfahen -und alßbaldt unser Leibbarbierer oder in seinem abwesen ainer aus den -Camerdienern unsern Leib mit Tüechern reiben und abstreichen, dieweil -uns der Oberst Camerer den Camb raichen, damit wir uns selbs daß Haar -und Parth khemen, alß dann unser Obrist Camerer das hemet von dem -Camerdiener nemmen und unß solchcs sowol als hernach den Prustfleckh -und gestrickht hemetgeben. Volgents solle uns ainer aus den Camerern -die Leinen sockhen und dariber die Hosen, schuech und Pantofel, deren -Ime die Camerdiener indifferenter ains nach dem andern raichen sollen, -anlegen. Auf dasselb soll uns das Tuech, so wir zu dem hendwaschen fir -unß zu braitten pflegen, gegeben werden und daruf aus unsern Camerern -ainer daß Peckhen und khandlen und der ander daß Mundtwasser nemmen und -mit vorgehender Credentz daß Wasser, der Obrist oder anderer Camerer -aber das Tuech zum Trinckhen raichen, welche alßdan nach verrichtem -handwaschen daß handt- und Mundtwasser auszeschitten und das Peckhe(n) -wiederumben zu seubern wie auch bemelte Tüecher dem Camerdiener -zuestellen sollen. Also solle uns hernach unser oberster Camerer daß -Wames raichen, uns anlegen und aus den Camerern ainer den Nachtrockh -von uns nemmen, aus unsern Camerdienern ainem zuestellen und je zween -von den Camerern uns einnesteln und alsoforth ganz und gar ankhlaiden -und, so offt es auch von nothen, die seitenwehr, Pareth oder Gurt und -gulden flüß (Goldenes Vließ) geben. - -Der Leibbarbierer sollr, da wir es begern, dem obristen Camerer, mit -ainem Haubttuech verdeckht, daß Zanpulfer und Handsaiffen langen, -derselb uns solches auf vorgehende Credenzung zu gebrauchen raichen und -Ime, Barbierer, hernach wider zuestellen. - -Wenn wir dann auß unser Camer in die Vorcamer gleich alßbalden gehen, -so sollen uns unsere Camerer alle vor(--), die Oberst Camerer aber -strackhs volgen und nachgehen, uns zue und von der khurchen biß zu der -Tafel belaitten. Da wir auch die Wöhr im Zimer nit wurden anhengen, -solle sy der Obrist Camerer uns und sonst niemandts nachtragen.«[251] - - * - -In dieser umständlichen Art sind auch die andern Dienste, der bei der -Tafel, beim Auskleiden etc. festgesetzt. Interessant ist aber diese -Stelle nicht nur wegen ihrer zeremoniösen Umständlichkeit, die den -spanischen Einfluß deutlich verrät und sich wesentlich vom Brauch der -andern damaligen deutschen Höfe unterscheidet, auch nicht allein, -weil sie uns Gelegenheit bietet, die Toilette des Fürsten genau zu -verfolgen, sondern besonders deshalb, weil sie lehrt, +daß man sich -damals nicht wusch+! Nur Hände und Zähne kommen mit dem Wasser in -Berührung. Das andere wird schlecht und recht durch Abreiben mit -Tüchern ersetzt. - - * - -Madame Campan erzählt in ihren berühmten Memoiren folgende Geschichte, -die die unglückliche Marie Antoinette zum Gegenstand hat: - -Das Ankleiden der Prinzessin war ein Meisterwerk der Etikette. Hier -war alles vorgeschrieben... Wenn eine Prinzessin der königlichen -Familie beim Ankleiden der Königin zugegen war, mußte die Ehrendame -ihr ihre Funktionen abtreten. Aber sie zedierte sie nicht direkt -den Prinzessinnen von Geblüt; in diesem Falle gab die Ehrendame das -Hemd der ersten Kammerfrau zurück, die es der Prinzessin von Geblüt -überreichte. Jede dieser Damen beobachtete skrupulös diese Gebräuche -als Bestandteile ihrer Rechte bildend. - -An einem Wintertage ereignete es sich, daß die Königin, bereits ganz -entkleidet, im Begriffe war, ihr Hemd anzuziehen. Ich hielt es ganz -entfaltet. Die Ehrendame tritt ein, beeilt sich, ihre Handschuhe -auszuziehen und nimmt das Hemd. Es klopft leise an die Tür, man öffnet: -es ist die Frau Herzogin von Orléans; ihre Handschuhe sind ausgezogen, -sie tritt vor, um das Hemd zu nehmen, aber die Ehrendame darf es ihr -nicht reichen; sie gibt es mir zurück, ich gebe es der Prinzessin. Es -klopft neuerdings: es ist Madame, Gräfin von der Provence; die Herzogin -von Orléans überreicht ihr das Hemd. Die Königin hielt ihre Arme über -der Brust gekreuzt und schien zu frieren. Madame sieht ihre peinliche -Haltung, wirft nur ihr Taschentuch fort, behält die Handschuhe an und -bringt, indem sie ihr das Hemd überstreift, die Haare der Königin in -Unordnung. Diese lächelt, um ihre Ungeduld zu bemänteln, aber erst, -nachdem sie mehrmals zwischen den Zähnen gemurmelt hatte: »Das ist -scheußlich. Welche Belästigung.«[252] - - * - -+In der Vergangenheit trauerte das ganze Land um den Tod des -Landesfürsten+, und zwar in Frankreich +ein volles Jahr lang+. Die -ganze Nation ging schwarz. Kein Bürger, mag er in noch so beschränkten -Verhältnissen gelebt haben, der nicht Trauerkleidung getragen, auf -Schmuck verzichtet und seine Familie und Dienstboten zum mindesten in -dunkle Gewandung gesteckt hätte. Allerdings erhielten die Angestellten -des Hofes -- ein Begriff, der außerordentlich weit gefaßt wurde -- von -diesem die Trauerkleidung geliefert. Es genügte aber nicht, für die -eigenen Fürsten Trauer anzulegen, +man trug in Paris Trauer um jeden -europäischen Fürsten+. - -Da die lange Hoftrauer so drückend, besonders von der Luxusindustrie, -empfunden wurde, reduzierte eine königliche Ordonnanze vom 23. Juni -1716 ihre Dauer auf ein halbes Jahr. Natürlich gab es über die Art -ihrer Ausführung die genauesten Vorschriften. - -Übrigens war auch die Privattrauer -- die ersten Zeugnisse, daß -die Trauer überhaupt äußerlich kenntlich gemacht wurde, gehen in -Frankreich nicht weiter, als zum Beginn des 14. Jahrhunderts zurück --- außerordentlich riguros. Aliénor de Poitiers, eine große Dame, die -zwischen 1484 und 1491 »Les honneurs de la Cour« schrieb, ein Buch, -in dem die genauesten Details über Fragen der Etikette sich finden, -erzählt, daß ihre Standesgenossinnen beim Tode der Eltern neun Tage -lang auf ihrem Bett sitzen mußten, zugedeckt mit blauem Tuche. Das -Zimmer aber mußten sie sechs Wochen hüten. Bei dieser großen Trauer um -Gatten oder Eltern durfte man auch weder Ringe noch Handschuhe tragen. - - * - -Nach dem Tode des Herzogs von Bourbon im Jahre 1456 blieb seine -Tochter, Frau von Charolais, nicht weniger als sechs Wochen in ihrem -Zimmer, und zwar auf einem mit weißem Tuche überzogenen Bett liegend. -Das Zimmer aber war ganz mit schwarzem Tuch ausgeschlagen, und schwarze -Tücher vertraten auch die Stelle von Teppichen. Davor aber war ein -großes Gemach ebenso hergerichtet. Übrigens lag sie, wenn sie allein -war, weder immer, noch blieb sie stets im gleichen Zimmer. 40 Tage -Stubenarrest nach dem Tode des Gatten war so gebräuchlich, daß ein -Jahrhundert später Katharina von Medici fast getadelt wird, als sie -sich nicht fügte. - -Die Witwe mußte ihre Trauerkleidung immer tragen, es sei denn, sie -verheiratete sich wieder, was selten genug vorkam, schon weil die -Kirche es nicht gern sah. Übrigens war diese Witwentracht schwarz oder -grau, zu Beginn des 16. Jahrhunderts und im 17. weiß, ebenso weiß bei -Königinnen noch im 18. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert mußten die -Witwen ihre Haare zwei Jahre lang verbergen und nur mit einem bis zu -den Füßen reichenden Schleier ausgehen. - -Heinrich III. von Frankreich trug nach dem Tode der Marie von Kleve an -seiner ausnahmsweise schwarzen Kleidung silberne Tränen, Totenköpfe -und ähnliche Embleme. Nach dem frühen Tode Karls VIII. 1498 trug Anna -von Bretagne um ihn, abweichend vom königlichen Brauch, schwarze -Trauer. Neun Monate nach seinem Tode hatte sie sich aber durch die Ehe -mit Ludwig XII. getröstet. Als sie starb, trauerte ihr zweiter Gatte -auch schwarz um sie und ließ keinen Gesandten vor, der nicht schwarz -gekleidet war. Auch er heiratete neun Monate später wieder. Regel war, -daß die Könige in Violett trauerten, sogar noch im 18. Jahrhundert, -noch Napoleon hielt den Brauch aufrecht. Brantôme sagte ausdrücklich, -daß Maria Stuart weiß trauerte, also sich dem Brauch fügte. Noch heute -heißt ein Zimmer im Hotel Cluny »Zimmer der weißen Königin«, weil Marie -von England, die junge Witwe Ludwigs XII., sich dorthin zurückgezogen -hatte.[253] - - * - -Über die Volkssitten, die im Jahre der Entdeckung Amerikas im -bischöflichen Brixen herrschten, unterrichtet uns ein gleichzeitiger -venetianischer Reisebericht. »Hier verbrachten wir den Rest des -Feiertages (Fronleichnam) und nahmen wahr, daß die Einwohner sich in -ihren Häusern sehr vergnügten, indem sie, das Haupt mit Eichen- oder -Efeuguirlanden geschmückt, mit den Frauen zum Klange der Querpfeife -tanzten. Danach führte jeder seine Dame zu einem Sitz, wobei er sie -+mit sehr großer Ausgelassenheit umarmte und herzte+. Auch einige junge -Venezianer Edelleute aus der Begleitung der Gesandten versuchten mit -den hübschesten Damen zum Zeichen ihres Wohlgefallens auf dem Balle zu -tanzen. In Brixen herrscht überhaupt ein ausgelassener Ton, denn +auf -den Straßen ist es+ -- und zwar nicht bloß den Einheimischen, sondern -auch den Fremden -- +erlaubt, junge Damen anzufassen und zu berühren -und ihnen Liebenswürdigkeiten zu sagen+.«[254] - -Also ein Seitenstück zu dem aus dem 1. Bande bekannten Bericht des -Bracciolini aus den Bädern in der Schweiz! Nur daß es hier wenigstens -äußerlich trockener war. - - * - -Von den Sitten in Venedig, das Keyßler 1730 besuchte, erzählt er: - -»Eine Maitresse zu halten, wird einigermaßen für ein unabsonderliches -Recht eines Edelmannes gehalten: und wenn einer durch seine Armuth -verhindert ist, für sich allein eine Beyschläferin zu unterhalten; -+so tritt er mit drey oder vier Mannspersonen in eine Gesellschaft, -um einander die gemeinschaftlichen Unkosten ertragen zu helfen+. -Jeder begnüget sich alsdann mit denen vierundzwanzig Stunden, welche -der Reihe nach an ihn kommen: und wenn des Morgens der eine seinen -Schlafrock, Schlafmütze und Pantoffeln aus dem Hause der Curtisane -abholen läßt, so nimmt um eben solche Zeit das in der Ordnung folgende -Mitglied der loblichen Gesellschaft, durch Uebersendung von dergleichen -Equipage Besitz von seiner Statthalterschaft. Die Wollüste gehen in -Venedig so weit, und die daraus entstehende garstigen Krankheiten sind -so gemein, daß man kaum der Mühe werth achtet, sich von etlichen Arten -curiren zu lassen.«[255] - - * - -Am Cirknizer See hatten im 18. Jahrhundert die Bauern das Recht zu -fischen. »es läuft aber alsdann bey der Fischerey alles ohne Scham -unter einander, Manns- und Weibspersonen, wie sie auf die Welt -kommen. Die Obrigkeit und Clerisey hat etliche mal gesucht, solche -Gewohnheit abzubringen, +vornehmlich wegen der jungen Mönche in den -zur Fischerey berechtigten Klöstern, welche sich allsdann nicht gern -in ihren vier Mauern eingeschlossen wollen halten lassen+, sondern -desto mehr begierig sind, einer Augenweide zu genießen, je seltener -und verbothener ihnen solche ist; allein man hat es noch nicht dazu -bringen können, daß beydes Geschlecht auch nur in leichter Kleidung -dabei erschienen wäre. Wahr ist es, daß dieses gemeine Volk kein -Arges daraus machet, und keine Versuchung von einer Sache empfindet, -die ihnen ganz gewöhnlich ist; man höret auch nicht, daß bei solcher -Gelegenheit mehr Böses vorgehe, als bey andern, wo man noch so wohl -mit Kleydungen bedeckt ist; allein die fremden Anwesende bekommen -Gelegenheit zu manchem üppigen Gelächter und vielerlei Anmerkungen; den -Mönchen gereichet in solcher Materie ein geringer Anblick zur starken -Versuchung, und obgleich das hiesige weibliche Geschlecht von gemeinem -Stande ihrer Schönheit nach nicht so beschaffen ist, daß es in manchen -andern Ländern große Liebesgluten entzünden könnte, so ist doch -bisweilen das häßliche nicht unangenehm, wo man von nichts schönerem -weis.«[256] - -Bezeichnend ist hierbei, daß die biederen Landbewohner so wenig wie die -Eingeborenen der Tropen erotischen Wallungen ausgesetzt sind, wohl aber -die Erbpächter der Sittlichkeit, der Klerus. - - * - -In den Bädern in Ofen war man damals auch nicht prüde: »In dem -mittelsten großen Raume dieser Bäder befindet sich beyderley Geschlecht -untereinander, und ist das Mannsvolk nur mit einer Schürze, und -die Weibspersonen mit einem Vorhemde einigermaßen bedeckt. In dem -Raizenbade hält das gemeine Volk sogar dieses wenige für überflüssige -Ceremonien.« - - - - -Anmerkungen - - -+Erster Abschnitt.+ (S. 1 ff.) - -[1] Abb. im Jahrbuch des kais. Archäologischen Instituts Bd. XXIV -(1909), 2. Heft, S. 93. - -[2] Vgl. Rhousopoulos im Archiv f. d. Gesch. der Naturwissenschaften -u. d. Technik I, S. 288-291. - -[3] Darmstädter, Handbuch f. d. Gesch. der Naturwissenschaften u. d. -Technik, S. 14. - -[4] Beil. d. Münchner Allgem. Ztg. 1902, Nr. 213. Die wertvollen -Aufsätze von Wagler in Nr. 219 und 220 des gleichen Jahrgangs, sowie -in Nr. 162 f. und 171 f. des Jahres 1904 sind in diesem Abschnitt -verwertet worden. - -[5] Alfred Gudeman, Grundriß der Gesch. d. klassischen Philologie, 2. -Aufl., S. 60, Anm. 2. - -[6] R. Lehmann-Nitsche, Beiträge zur prähistorischen Chirurgie nach -Funden aus deutscher Vorzeit. Diss. Buenos Aires 1898. - -[7] Vgl. Friedländer, Sittengeschichte Roms III, 6. Aufl., S. 620, Anm. -6. - -[8] Außer Wagler vgl. H. Stadler, Neue Jahrbücher f. d. klassische -Altertum XXVI. Bd. (1910), S. 146 ff., sowie Friedländer a. a. O., I. -Bd., S. 360 ff. und 510 f. - -[9] A. Schulz, Höfisches Leben, I, S. 157. - -[10] Nach A. Harnack, Block aus der ältesten Kirchengeschichte, in -Gebhardt &. Harnack, Texte zur Gesch. d. altchristlichen Literatur, 8. -Bd., 1892. - -[11] Meyers Konversationslexikon, 6. Aufl., 16. Bd., S. 629. - -[12] Vgl. Beil. z. Münchner Allgem. Ztg. 1903, Nr. 267. - -[13] E. Huber, Altbabylonische Darlehenstexte in Hilprechts Anniversary -Volume 1909, S. 189 ff. - -[14] Harnack a. a. O. S. 104. - - -+Zweiter Abschnitt.+ (S. 18 ff.) - -[15] Vorstehendes zitiert nach W. G. Tennemann, Geschichte der -Philosophie, VIII. Bd., 1. Hälfte (1810), S. 236 f. - -[16] Zitiert nach G. Kaufmann, Geschichte d. deutschen Universitäten im -Mittelalter, 2. Bd., S. 485, Anm. - -[17] L. Löwenfeld, »Über die Dummheit«, S. 198. - -[18] S. Merkle, Die katholische Beurteilung des Aufklärungszeitalters, -1909, S. 13 f. und Anm. 19 S. 81 f. Es sei ausdrücklich bemerkt, -daß mir die Gegenschrift von Ad. Rösch, Ein neuer Historiker der -Aufklärung, 1910 (S. 114 ff., II. Abschnitt, Anm. 3) bekannt ist. -Interessenten für die rabies theologorum und Froschmäusekriege sei -dieses Pamphlet wärmstens empfohlen. - -[19] Vgl. A. Roquette, Zur Frage der Autorschaft älterer Dissertationen -im Zentralblatt für Bibliothekwesen IV (1887), S. 335 ff. - -[20] Vgl. Allgemeine deutsche Biographie, 2. Bd., S. 399. Carl Hepp hat -in seiner Dichtung »Renate«, Stuttgart 1890, die Geschichte besungen. - -[21] Fr. Hellwald, Culturgeschichte in ihrer natürlichen Entwicklung, -1. Aufl., S. 618 f. und Anm. 620. - -[22] H. Chamberlain, Grundlagen des 19. Jahrhunderts, II. Bd., 4. -Aufl., S. 675, Anmerkung 1. - -[23] Beilage zur Münchner Allgem. Ztg. 1907, Nr. 119, S. 360. - -[24] Türmer, 11. Jahrg., 1. Bd., S. 191 f. - -[25] Historische Vierteljahrsschrift 1909, 1. Heft, S. 160. - - -+Dritter Abschnitt.+ (S. 37 ff.) - -[26] Ferdinand Rosenberger, Geschichte der Physik, wo auch stets die -Quellen angegeben sind; einige Daten wurden aus den bekanntesten -Nachschlagewerken ergänzt. II. Bd., S. 18 f., 61 u. 87. - -[27] Eb. I, S. 134. - -[28] Eb. I, S. 135. - -[29] Eb. I, S. 124. - -[30] Eb. II, S. 238 und II, S. 217. - -[31] Eb. II., S. 239 und 242. - -[32] Eb. II, S. 245 ff. - -[33] Eb. II, S. 185 und 235. - -[34] Eb. III. Bd., S. 145 ff. - -[35] Eb. III. Bd., S. 187 f. - -[36] Eb. III. Bd., S. 191. - -[37] Eb. III. Bd., S. 206 f. - -[38] Eb. III. Bd., S. 228 f. - -[39] Eb. III. Bd., S. 243. - -[40] Eb. III. Bd., S. 295 u. 298. - -[41] Eb. II. Bd., S. 342 f. - -[42] Eb. III. Bd., S. 60 ff. - -[43] Eb. III. Bd., S. 98 f. - -[44] Eb. III. Bd., S. 61 Anm., und S. 124 f. - -[45] Eb. II. Bd., S. 287. - -[46] Eb. II. Bd., S. 268 f. - -[47] Eb. II. Bd., S. 265. - -[48] Vgl. Allgem. deutsche Biographie, XXVIII. Bd., S. 114, und -Kramartsch, Geschichte der Technologie. - -[49] Die vier letzten Daten nach W. Schneider, Der neue Geisterglaube, -1882, S. 261 f. - -[50] Otto Rabe, in der Beil. d. Münch. Neuesten Nachr. 1908, I, S. 121 -f. - -[51] Nach gütiger Mitteilung des Herrn Baurat C. Guillery in Pasing, -eines alten Schülers. - -[52] August Hirsch, Geschichte der medizinischen Wissenschaften (1893), -S. 308 ff. und 561. - -[53] Hirsch, S. 561, und Neuburger und Pargel, Handbuch der Geschichte -der Medizin, II. Bd. (1903). S. 607 f. - -[54] Neuburger und Pargel, II. Bd., S. 109 ff. u. 723 ff., und Hirsch, -Gesch. d. Medizin, S. 469 ff. u. 476 f. - -[55] Camille Flammarion, Unbekannte Naturkräfte, S. 250-279. - -[56] Freies Wort, 1909, IX, S. 639 f. - -[57] Beil. der Münch. Allgem. Ztg. 1907, Nr. 77. - -[58] Johannes Ranke, Der Mensch, II. Bd., S. 361 f., und K. v. Zittel, -Geschichte der Geologie und Paläontologie, S. 195 ff. u. 200 f. - -[59] L. Löwenfeld, Über die Dummheit, S. 210 f. - -[60] Zittel a. a. O. S. 175. - -[61] Carl Braun S. J., Über Kosmogenie, 3. Aufl., S. 378 f. - -[62] W. Schneider, Der neue Geisterglaube, 1882, S. 262. - -[63] Richard Hertwig, Beil. d. Münchner Neuesten Nachr., 1909, Nr. 39. - -[64] Beil. d. Münchner Allgem. Ztg. 1903, Nr. 291. - -[65] Wissenschaftliche Abhandlungen, Leipzig 1882, I, S. 74. - -[66] W. Schneider, Geisterglaube, S. 262. - -[67] Th. Benfey, Geschichte der Sprachwissenschaft, S. 729. - -[68] Zur Wünschelrute vgl. Wolff Hemhard v. Hoberg »Georgica curiosa -aucta, d. i. umständlicher und klarer Unterricht von dem adelichen -Land- und Feld-Leben«, Nürnberg 1687, 112. Kapitel des 1. Buches »Von -Bergwerken und von der Wünsch-Ruth«. Ferner: »Kosmos« III (1906), -S. 203. H. Ehlert im Technischen Gemeindeblatt VIII (1906), S. 296 -ff., ferner im »Journal für Gasbeleuchtung« 1905, S. 1090 ff., ferner -eb. 1906, 49. Bd., S. 71 ff., 198, 229 ff., 403 ff. u. 727 ff. Die -Versuche Aigners sind wiederholt in den Münchner Neuesten Nachrichten -beschrieben, z. B. in Nr. 414 1909 und 1910 in Nr. 103. - -[69] Otto Jahn, W. A. Mozart, IV, S. 320. - -[70] Eb. IV, S. 367. Dies und das folgende zitiert auch Heinrich -Schwartz. »Das Ende der Tonkunst«, Münchner Neueste Nachr. 1909, Nr. -254 u. 256. - -[71] Schindler, Biographie von Ludwig van Beethoven. - -[72] Kreißle von Hellborn, Franz Schubert. - -[73] Nach dem Leipziger Kalender 1904. - -[74] Zusammengestellt von Carl Frey, »Wartburg« I, 1902, S. 186 ff. - -[75] Heinrich Heine 1906. - - -+Vierter Abschnitt.+ (S. 84 ff.) - -[76] Ferdinand Rosenberger, Geschichte der Physik, 2. Bd., S. 142 ff. - -[77] Eb. 1. Bd., S. 130 ff., und M. Cantor, Vorlesungen über Geschichte -der Mathematik, 2. Bd. - -[78] Rosenberger I, S. 133. - -[79] Eb. I, S. 139 ff. - -[80] Julius Sachs, Geschichte der Botanik, S. 514 ff. - -[71] Umschau XIV (1910), S. 76 f. - -[82] Rosenberger II, S. 139 ff. - -[83] Eb. II. S. 267. - -[84] Eb. II. S. 293. - -[85] Eb. II, S. 312 ff. - -[86] R. Hennig, Die angebliche Kenntnis der Blitzableiters vor Franklin -im Archiv für die Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik, -II. Bd., S. 131. - -[87] Rosenberger III, S. 75 f. - -[88] Eb. III, S. 147 ff. - -[89] Eb. III, S. 178. - -[90] Eb. III, S. 189. - -[91] Henry G. Parker in der Chemiker-Zeitung. Zitiert nach der Beil. d. -M. Allgem. Ztg. 1908, I, S. 168. - -[92] Rosenberger III. S. 201 und 204 f. - -[93] Eb. III, S. 122 f. - -[94] Eb. III. S. 125 f. - -[95] Eb. III, S. 208 und 228 ff. - -[96] Eb. III, S. 273. - -[97] Eb. III, S. 243. - -[98] Eb. III. S. 247. - -[99] Eb. III, S. 332 und 352. - -[100] Eb. III, S. 356, 561 und 407. - -[101] Eb. III, S. 362. - -[102] Zittel, Geschichte der Geologie und Paläontologie, S. 65. - -[103] Eb. S. 95, 99 und 289. - -[104] E. Schutze i. d. wissenschaftl. Rundschau der Münchner Neuesten -Nachr. 1909. Nr. 579. - -[105] Karmarsch, Geschichte der Technologie, S. 104. - -[106] Vgl. Morses Biographie von Trownbridge, Boston 1901. - -[107] Beil. der Münchner Allgem. Ztg. 1905, Nr. 64. - -[108] Beil. d. Münchner Neuesten Nachr. 1908, I. S. 480. - -[109] Archiv für die Gesch. der Naturwissenschaften u. d. Technik I -(1909), S. 146. - -[110] Rosenberger III, S. 792 f. und Allgemeine deutsche Biographie, -28. Bd., Artikel Reis. - -[111] Felix Auerbach, Das Zeißwerk, Jena 1903, S. 4-9. - -[112] Vgl. Süddeutsche Monatshefte 1908, Märzheft, u. Allgem. deutsche -Biographie, 5. Bd., Artikel Drais. - -[113] Rich. Hertwig in der Beil. d. Münch. Neuesten Nachr. 1909. Nr. 38. - -[114] Beil. d. Münch. Allgem. Ztg. 1905, Nr. 44. - -[115] Th. Benfey, Gesch. der Sprachwissenschaft S. 346. - -[116] Eb. S. 348. - -[117] Allgem. deutsche Biographie, 9. Bd., S. 763 f. - -[118] Th. Benfey, S. 729 (ergänzt). Es handelt sich hier nur um eine -Ergänzung der in meinen »Dingen, die man nicht sagt«, S. 68 ff. -genannten Namen. - -[119] Georg Kaufmann, Geschichte der deutschen Universität im -Mittelalter, 2. Bd., S. 481 f. - - -+Fünfter Abschnitt.+ (S. 113 ff.) - -[120] Georg Kaufmann, Geschichte der deutschen Universitäten, 2. Bd., -S. 180 ff. und 415. - -[121] Zeitvertreiber, S. 87, zitiert nach A. Schultz, Das häusliche -Leben im Mittelalter, S. 214. »Curiositäten«, 2. Bd. (1810), S. 253. - -[122] Danach berichtet Misson in seiner Reise durch Italien, S. 169 und -178 dasselbe. - -[123] Kaufmann, 2. Bd., S. 220 und 377. - -[124] Eb. II, S. 451 ff. - -[125] Eb. II, S. 317 f. - -[126] Eb. II, S. 446. - -[127] Beil. d. Münchn. Allgem. Ztg. 1905, Nr. 173. - -[128] Kaufmann II, S. 219. - -[129] Eb. 2. Bd., S. 354-363. - -[130] Ferd. Rosenberger, Geschichte der Physik, 1. Bd., S. 124. - -[131] Kaufmann 2. Bd., S. 477 ff. - -[132] H. Witte im Jahrbuch für Schweizerische Geschichte, IX. Bd. -(1886), S. 264 ff. - -[133] Abgedruckt von Joh. Voigt, »Herzog Albrecht von Preußen« in -Raumers »Historischem Taschenbuch«, 2. Jhg., 1831, S. 284 ff. - -[134] Allerneueste Nachricht S. 655 ff. - -[135] Nach Friedr. Eisner, Das Ende des Reiches, S. 180. Zu S. 131, Z. -5 v. o. - -[136] Kaufmann II, S. 389 ff. Die Reden, gedruckt bei Zarncke, Die -deutschen Universitäten im Mittelalter, Leipzig 1857, S. 49-154. - -[137] Voigt, bei Raumer, II, S. 257. - -[138] Donat, S. J., Die Freiheit der Wissenschaft, 1910, S. 383. - -[139] Eisner, S. 177 f. - -[140] F. S. Sack, »Über die Verbesserung des Landschulwesens in der -Kurmark Brandenburg«, Berlin 1799. Nach Eisner. - -[141] Bassewitz, Kurmark, S. 343 ff. und Tabelle XI (nach Eisner). - -[142] Generalanzeiger der Münchner Neuesten Nachr. 1909, 5. April. - - -+Sechster Abschnitt.+ (S. 140 ff.) - -[143] Kurt Eisner, Das Ende des Reichs, S. 44 f. - -[144] Eb. S. 148 f. - -[145] Archenholtz, Minerva, July 1794, S. 161 f. - -[146] Kölnische Volkszeitung 7. Sept. 1893. Zitiert -- wie das folgende --- nach Donat, Freiheit der Wissenschaft. - -[147] Staatslexikon IV, S. 550, und P. Majunke, Geschichte des -Kulturkampfes, 2. Aufl., S. 99 f. - -[148] Donat S. 210 ff. - -[149] Eb. S. 213 f. - -[150] Deutsche Revue, 25. Bd. (1900), S. 97 ff. - -[151] Eb. S. 217. - -[152] Keyßlers »Reisen«, Hannover 1776, 73. Brief, S. 1097. - -[153] Deutsche Revue 25. Bd. S. 218. - -[154] Zusammenstellung nach E. Stemplinger in den »Süddeutschen -Monatsheften« V, 2 (1908), S. 478 f. - -[155] Nach der Kölnischen Zeitung. - -[156] »März«, 3. Jhg. 4 (1909), S. 398. - -[157] Berliner Tageblatt 1910, Nr. 96. - - -+Siebenter Abschnitt.+ (S. 164 ff.) - -[158] In der Vita des Johannes von Gorze, Monumenta Germaniae -Scriptores IV, p. 354, Kap. 61. Vgl. dazu und zum folgenden Joh. -Kleinpaul, Das Typische in der Personenschilderung der deutschen -Historiker des 10. Jahrhunderts. Diss. Leipzig 1897. Mon. Germ. SS. - -[159] IV, p. 588, Kap. 17. - -[160] Mon. Germ. SS. IV, p 358, Kap. 76, IV, p. 592, Kap. 23, IV, p. -354, Kap. 64. - -[161] IV, p. 290, Kap. 10 und IV, p. 295, Kap. 17. VII, p. 336 und SS. -rer. Merov., II, p. 99. - -[162] SS. IV, p. 266, Kap. 30. - -[163] Harnack, Medizinisches aus der älteren Kirchengeschichte, bei -Gebhardt und Harnack, Texte zur Gesch. der altchristlichen Literatur, -8, 1892, S. 63 ff. - -[164] Mon. Germ. SS. IV, p. 391, Kap. 18 und p. 392, Kap. 22. Eb. IV, -p. 266, Kap. 30. IV, p. 359, Kap. 78 und IV, p. 354, Kap. 63. - -[165] III, p. 778, Kap. 24. III, p. 843, Kap. 18. IV, p. 417, Kap. 75 -und IV, p. 414, Kap. 27. - -[166] Alw. Schultz. Höfisches Leben, 2. Bd., S. 265, Itin. reg. Ric. -IV, 12. - -[167] Krumbacher, Beilage der Münchn. Neuesten Nachr. 1908, Nr. 23, S. -219. - -[168] Mabillon, Annales Ordin. S. Benedicti V, p. 424 f. (nach J. -Scheible, Das Kloster, 12. Bd., S. 888 f.) - -[169] Ferd. Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, 3. -Bd., 2. Aufl., S. 81 ff. - -[170] Montaigne, Journal de voyage Ed. Lautray 1906, p. 234 f. - -[171] Eb. p. 259 ff. - -[172] »Reisen«. Hannover 1776. 47. Brief, S. 448 f. Das Nächste, 62. -Brief, S. 901. - -[173] Vgl. Steinhausen, Gesch. d. deutschen Kultur, S. 191, Ed. -Winkelmann in d. Jahrbüchern d. deutschen Geschichte, Philipp von -Schwaben und Otto IV. von Braunschweig, II, S. 465, und S. Riezler, -Gesch. Bayerns, V. Bd., S. 7, zu den Maranen vgl. Beil. d. Münchn. -Neuesten Nachr. 1908, I, S. 638. - -[174] Vgl. die Besprechung in den »Stimmen aus Maria Laach« 1909. - -[175] Türmer, 10. Bd., I, S. 426. - -[176] Münchner Neueste Nachr. 1909, Nr. 390. - -[177] E. Petzet, Süddeutsche Monatshefte V, 1 (1908), S. 563 ff. S. -Günther in der bayerischen Abgeordnetenkammer 25. Mai 1910. - - -+Achter Abschnitt.+ (S. 186 ff.) - -[178] Obiges nach H. V. Sauerland, Urkunden und Regesten zur Geschichte -der Rheinlande 3. Bd., S. XLII ff. und XLVIII ff. - -[179] Eb. 4. Bd., S. XLVII f. - -[180] Eb. 4. Bd., S. LIX f. - -[181] Sauerland, Westdeutsche Zeitschrift, 27. Bd., 1908, S. 313 ff. - -[182] Sauerland, Urkunden und Regesten, I. Index, 1326, Nr. 917. - -[183] Sauerland, 4. Bd., S. XXV ff. Pfründenjäger im großen waren auch -die Mitglieder der gräflichen Familie von der Mark. Vgl. eb. S. XXXI ff. - -[184] Vgl. Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, 7. -Bd., 2. Aufl., S. 237 ff., und L. Pastor, Geschichte der Päpste, 2. -Bd., 2. Aufl., S. 456 ff. - -[185] Sauerland, 4. Bd., S. LXVIII cis LXXI. - -[186] Eb. IV, S. LXXII. - - -+Neunter Abschnitt.+ (S. 200 ff.) - -[187] Zeitschrift d. Ges. f. Schleswig-Holstein-Lauenburgische -Geschichte, 13. Bd. (1883), S. 158, 173 f., 185 u. 231, und Römische -Quartalsschrift, 4. Supplementband, 1896, S. 11. - -[188] Geschichte des deutschen Volkes, I. Bd. (17. und 18. Aufl.), -1897, S. 453, 709, Anm. 6, 722, Anm. 6. - -[189] Bericht im Codex 2727 der Alfterschen Sammlung in der Darmstädter -Hofbibl. Abgedruckt von J. Hashagen, »Zur Sittengeschichte des -westfälischen Klerus im späteren Mittelalter«, Westdeutsche Ztschrft., -23. Bd., 1904, S. 139 ff. Diese vortreffliche Arbeit liegt obiger -Darstellung zugrunde. - -[190] Sauerland, Westdeutsche Zeitschrift. 27. Bd., 1908, S. 300 f. - -[191] Eb. S. 306. Hartzheim, Concilia Germaniae III, 113. Das Folgende, -Eb. III, 112. - -[192] Sauerland, Urkunden und Regesten, 4. Bd., S. XCVI. - -[193] J. Frh. v. Hormayr, Taschenbuch für vaterländische Geschichte, -XXX. Jhrg., 1841, S. 158 ff. - -[194] Sauerland, Westdeutsche Zeitschrift, 27. Bd., 1908, S. 279 f. und -296. Die folgenden Berichte eb. abgedruckt, S. 297 u. 298 f. - -[195] St. Infessura, ed. J. G. Eccard, Leipzig 1723, II, p. 1937. - -[196] Gregorovius, VII. Bd., S. 686. - -[197] Vgl. J. Hashagen, Westdeutsche Zeitschrift, 23. Bd., 1907, S. 125 -ff. - -[198] Vgl. Kluckholm, Zschft. für Kirchengeschichte, 16. Bd., 1896, S. -596 f. Hier auch interessante Visitationsberichte. - -[199] Vgl. S. Riezler, Geschichte Bayerns, 6. Bd., S. 240 ff. - -[200] Zitiert nach »Curiositäten«, I. Bd., Weimar 1811, S. 278 ff. - -[201] »Reisen«, Hannover 1776, 57. Brief, S. 763. Zum folgenden vgl. -»Neuester Hexenprozess aus dem aufgeklärten heutigen Jahrhundert von A. -v. M. 1786.« - -[202] Keyssler, Reisen, 17. Brief, S. 112. Ferner Fiorillo, Gesch. d. -zeichnenden Künste in Deutschland I, S. 370. Zu den Spottfiguren vgl. -die sehr unzüchtige Erklärung Fischarts und die abweichende von J. -Nass, Ingolstadt 1588. Abgedruckt bei J. Scheible, Das Kloster, 10. -Bd., S. 1023 ff. und S. 1178 ff. - -[203] Keyssler, Reisen, 89. Brief, S. 1349. - -[204] Mangelhafte Abb. bei Bernh. Grueber, Die Kunst des Mittelalters -in Böhmen, besser bei Ed. Fuchs, Das erotische Element in der -Karikatur. S. 52. - -[205] Fiorillo, l. c. I, S. 305 ff. u. 309 f. - -[206] Abb. bei E. W. Bredt, »Sittliche oder unsittliche Kunst«, S. 7. - -[207] Fiorillo, Gesch. d. Malerei in England (1808), 5. Bd., S. 185. - - -+Zehnter Abschnitt.+ (S. 230 ff.) - -[208] Friedrich Chr. Jo. Fischer, »Über die Probenächte der teutschen -Bauernmädchen«, 1780, S. 8 f. - -[209] Eb. S. 10. - -[210] Joh. Georg Keysslers »Reisen«, Hannover 1776, 4. Brief, S. 15. - -[211] Zitiert nach A. Schultz, Häusliches Leben, S. 156 f. - -[212] Fünf Briefe der Gebrüder von Humboldt an J. R. Forster, Hergb. -v. Fr. Jonas, Berlin 1889, S. 33. Zitiert nach Karl Weinhold, Die -deutschen Frauen im Mittelalter, 2. Bd., 3. Aufl., S. 189 f. - -[213] Beides abgedruckt bei Fischer, Probenächte, S. 33 ff. Das -Folgende, Eb. S. 93 Anm. e. - -[214] Nach dem Juristischen Wochenblatt, Leipzig 1773, 2. Jhg., S. 683 -ff. Zitiert nach Fischer, eb. S. 20 Anm. - -[215] Chron. Bajoar. L. V. c. 17. Bernh. Pez, Thesaurus Anecdot. III, -col. 257. Nach Fischer, S. 25 ff. - -[216] Alfred Franklin, La vie privée d’autrefois. Magasins de -nouvautés. Lingerie, p. 19 u. 23. - -[217] François des Hotmans, Opuscules, Paris 1616. Traité de la -Dissolution de mariage par l’impuissance et froideur de l’homme ou de -la femme. 3eme ed., 1595, p. 223 ff. - -[218] »Curiositäten«, 2. Bd., Weimar 1812, S. 85 f. Das Folgende eb. S. -276 ff. Mit Belegstellen. - -[219] Vgl. Franz Falk. Die Ehe am Ausgang des Mittelalters in -»Erläuterungen zu Janssens Gesch. d. deutschen Volkes«, 6. Bd., 3. -Heft, 1908, S. 18 ff. Zu Spadolino vgl. »Curiositäten« 2. Bd., S. 134. - -[220] »Neuvermehrter Curieuser Antiquarius«, 8. Aufl. von P. L. -Berckenmeyer, Hamburg 1746, S. 886 f. - - -+Elfter Abschnitt.+ (S. 246 ff.) - -[221] K. v. Amira, Tierstrafen und Tierprozesse in den »Mitteilungen -des Instituts für österreichische Geschichtsforschung«, XII. Bd., 1891, -S. 561 und 566 f. Das Folgende, eb. S. 553 ff. - -[222] (Zu S. 250, Z. 10 v. o.) Guido Carroci im Bolletino d’Arte. Vgl. -Beil. d. Münchner Neuesten Nachr. 1908, Nr. 224. - -[223] Jakob Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, 4. Aufl., II, S. 350. Das -Folgende, eb. II, S. 346. - -[224] A. Schultz, Deutsches Leben, S. 160. - -[225] Felix Platter, Selbstbiographie, S. 228. - -[226] »Curiositäten«, Weimar 1812, 2. Bd., S. 393-402. - -[227] K. Eisner, Das Ende des Reichs, S. 160. Das Folgende, eb. S. 368. - -[228] Eb. S. 161 f. Das Folgende, eb. S. 128. Vgl. »Das gepriesene -Preußen oder Beleuchtung der gegenwärtigen Regierung.« - -[229] Eisner, S. 195. - -[230] Leider war es mir nicht möglich, die Quelle dieser der »Zeit am -Montag« 1908 entnommenen Darstellung aufzufinden. Für Mitteilung wäre -ich dankbar. - -[231] »Curiositäten«, 1. Bd., Weimar 1811. S. 391. - -[232] Beilage d. Münchner Allgem. Ztg. 1902, Nr. 213, S. 532, Anm. - -[233] Forschungen und Mitteilungen zur Geschichte von Tirol und -Vorarlberg, VI. Jhg., 1909, S. 276 f. - -[234] Münchner Neueste Nachr. 28. Mai 1909. - -[235] Münchner Allgem. Ztg. 1909, S. 1014. - -[236] Nach Zeitungsmeldungen im März 1910. - - -Zwölfter Abschnitt. (S. 266.) - -[237] W. Roscher, Ansichten der Volkswirtschaft, 3. Aufl., I, S. 142. - -[238] Artur Kern, Deutsche Hofordnungen des 16. und 17. Jahrhunderts, -I. Bd., S. 91 f. - -[239] Eb. II. Bd., S. 121 und 154. - -[240] Eb. S. 131 f. - -[241] Eb. II, S. VIII. - -[242] Eb. I, S. 259. - -[243] Eb. I, S. 79 u. 163. Das Folgende, eb. I, S. 213. - -[244] Montaigne, Journal de voyage. Ausg. von Lautray, Paris 1906, S. -119. - -[245] Thomas Platter, Selbstbiographie, S. 22. - -[246] A. Schultz, Das häusliche Leben im Mittelalter, S. 139 f. - -[247] Obiges nach A. Franklin, La vie privée d’autrefois. Les Magasins -de nouvautés. La lingerie, p. 27 f. - -[248] Eb. p. 89-103. - -[249] Eb. S. 69 f. - -[250] Franklin, l. c. p. 115 ff. Tallemant des Réaux, T. I, p. 493. Das -Folgende in Le voyageur à Paris. Tableau pitoresque etc. T. II, p. 95. - -[251] Artur Kern, Deutsche Hofordnungen, 2. Bd., S. 212 f. - -[252] Mémoires, T. I, p. 97. - -[253] Franklin, Vie privée, Magasins de Nouvautés, Tinturerie et Deuil, -p. 30 f., 44 f., 67-72. 106 u. 128-133. - -[254] Vgl. den Reisebericht des Andrea de Franceschi von 1492. -Simonsfeldt, Zeitschrift für Kulturgeschichte, 2. Bd., 1895, S. 246. - -[255] »Reisen«, 74. Brief, Hannover 1776, S. 1106. - -[256] Eb. S. 1192, das Folgende, eb. S. 1282. - - - - -Dr. Max Kemmerich - -Kultur-Kuriosa - - _Erster Band_ _7. Tausend_ - -Schrifttitel von +Walter Tiemann+ - -Geheftet 3 Mark 50 Pf., gebunden 5 Mark - -+Münchner Neueste Nachrichten+: Wenn ich den Verfasser recht verstanden -habe, so hat er mit dieser Veröffentlichung von Kulturdokumenten -aller Zeiten und Völker das ethische Ziel verfolgt, im Spiegel der -Vergangenheit das Bild der Gegenwart zu zeigen und dadurch auch -seinerseits dazu beizutragen, daß Leben, Ehre, Freiheit und fremde -Überzeugung jene Achtung genieße, die er mit vollem Recht als das -wichtigste Kulturkriterium betrachtet, wichtiger als alle technischen -und wissenschaftlichen Fortschritte und alle künstlerischen Großtaten. - -+Der Tag, Berlin+: Ein ganz verflixtes Buch. Vom Standpunkt der -Orthodoxie aus -- hüben wie drüben -- höchst verwerflich nach Tendenz -und Inhalt. Und nun gar: wenn man sich »Töchterschülerinnen« als seine -ungebetenen Leserinnen vorstellen wollte -- einfach Pfui Deibel! Und -dennoch: recht zum Nachdenken bewegend, zur Einkehr stimmend, zur -Umschau anregend. Notabene: Für solche, die ihr bißchen Spiritus -gewöhnt sind nicht nach einem irgendwie vorgeschriebenen Schema F -einzustellen. Bei allem Pessimismus, der daraus spricht, eine sinnige -Gabe für geborene Optimisten.... Der wahre Satiriker will nicht nur -bloßstellen, sondern auch bessern; so will auch dies Buch bei aller -Boshaftigkeit oder doch Ungeschminktheit den unserer »Bildung« durchaus -nicht überall adäquaten Stand unserer sogenannten Kultur heben. -Möchte es vor allen Dingen unter die Augen der Männer geraten, die es -namentlich angeht! - -+Generalanzeiger Mannheim+: Solche Bücher sind selten. Denn zu gern -verschließt sich der Mensch solch grassem Bekenntnis der Wahrheit. Aber -sie haben eben dadurch doppelten Wert. Kemmerichs »Kultur-Kuriosa« -sollte jeder besitzen, der Anteil nimmt an menschlicher Kultur, und es -ist jedem von uns heilsam, mitunter in dem Buche zu blättern. - -+Neue Züricher Zeitung+: Eine Sammlung drastischer Anekdoten aus dem -weiten Reiche der Kulturgeschichte, mit viel Geschick ausgewählt zum -Behufe des Nachweises, »daß unsere Kultur, soweit sie auf Befreiung -von Grausamkeit, Intoleranz und Borniertheit beruht, noch sehr jungen -Datums ist.« In der Tat ist es unglaublich, von welcher Barberei wir -herkommen, und in welcher Barberei wir vielfach heute noch stecken, auf -dem Gebiete des Rechts, der Ehe, der Sittlichkeit, des Glaubenslebens -usw. Manchmal traut man seinen Augen nicht; aber der Verfasser beruft -sich in einem überaus reichen Literaturnachweis durchgängig auf die -besten Quellen. - - -Verlag von Albert Langen in München - - - - -Dr. Max Kemmerich - -Dinge, die man nicht sagt - -_5. Tausend_ - -Preis geheftet 5 Mark 50 Pf., gebunden 5 Mark - -+Der Tag+: Dies neue Buch stellt eine gediegene, gut durchdachte, -durchaus zusammenhängende, fein gegliederte Beweisführung dar. -Freilich ganz ohne Anmerkungen, Belege, Kommentare, sogar ohne -Register: es ist erlebt. Ein heißes Streben und Sehnen nach Besserung, -Veredelung, Modernisierung durchzieht das Ganze. Und wo die Satire -scharf zu schneiden gezwungen ist, weil der baumelnde Zopf gar zu fest -sitzt, da wird ihr versöhnlich geholfen durch einen den schlimmsten -Griesgram entwaffnenden Humor. Zur Habilitation würde Kemmerich wohl -nirgends zugelassen werden -- schad’t nix: der Stand der wahrhaft -freien Schriftsteller, der streitbaren Ritter vom Geiste, hat auch -Daseinsberechtigung, Verdienste und Adel. - -+Gerichtszeitung, Wien+: Es ist ein Vorzug des Kemmerichschen Buches, -durch drastische Beispiele größere Wirkungen zu erzielen, als durch -tiefsinnige, wissenschaftliche Betrachtungen. - -+Neue Weltanschauung+: Der Verfasser sieht den Dingen überall mutig -ins Auge und hat die lobenswerte, wenn auch an vielen Stellen ungern -gesehene Gewohnheit, sie beim richtigen Namen zu nennen. Kurzum wir -haben ein tapferes Buch vor uns, an dem jeder Freund der Wahrheit und -des Fortschrittes seine helle Freude haben muß. - -+Öst.-Ungar. Buchhändler-Zeitung+: Das ist eine kleine, harmlose -Blumenlese der »Dinge, die man nicht sagt«, die aber Dr. Kemmerich, -der Verfasser der »Kultur-Kuriosa«, ausführlich niederschreibt. Vieles -in dem vorbildlich vornehm ausgestatteten Buche ist wahr, manches -übertrieben, alles interessant. - - -Verlag von Albert Langen in München - - - - - Druck von Hesse & Becker in Leipzig - Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik, Niefern bei Pforzheim - Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig - - - - - -End of Project Gutenberg's Kultur-Kuriosa, Zweiter Band, by Max Kemmerich - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KULTUR-KURIOSA, ZWEITER BAND *** - -***** This file should be named 63801-0.txt or 63801-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/8/0/63801/ - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Kultur-Kuriosa, Zweiter Band - -Author: Max Kemmerich - -Release Date: November 18, 2020 [EBook #63801] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KULTUR-KURIOSA, ZWEITER BAND *** - - - - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1910 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche -und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten -bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts -dadurch nicht beeinträchtigt wird.</p> - -<p class="p0 nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten -Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> -gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl -serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p> - -</div> - -<div class="titelei"> - -<h1>Kultur-Kuriosa</h1> - -<p class="s4 center">Zweiter Band</p> - -<p class="center mtop2">von</p> - -<p class="s3 center mtop2">Dr. Max Kemmerich</p> - -<p class="center mtop3">Erstes bis viertes Tausend</p> - -<div class="figcenter illowe8" id="signet"> - <img class="w100 padtop3" src="images/signet.jpg" alt="Verlagssignet" /> -</div> - -<p class="center mtop3">Albert Langen, München</p> - -<p class="p0 padtop3 break-before"><em class="gesperrt">Von</em> Dr. -<em class="gesperrt">Max Kemmerich</em> erschienen bei <em class="gesperrt">Albert -Langen</em>:</p> - -<p class="hang1_5"><span class="s3">Kultur-Kuriosa</span> Erster Band 7. -Tausend</p> - -<p class="hang1_5"><span class="s3">Dinge, die man nicht sagt</span> 5. Tausend</p> - -<p class="s5 center padtop5">Copyright 1910 by Albert Langen, Munich</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_iii"></a>[S. iii]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort</h2> - -</div> - -<p>Der Erfolg des ersten Bandes der Kultur-Kuriosa hat mich veranlaßt, -diesen zweiten, der nach den gleichen Gesichtspunkten geschrieben wurde -und nach mancher Richtung hin Ergänzungen enthält, folgen zu lassen. -Für die Berichtigung eventueller Irrtümer bin ich dankbar.</p> - -<p>Leute, denen ein sittlicher Klerus, ein vorurteilsfreier Gelehrter -oder ein gerechter Richter kurios erscheinen, werden sich hoffentlich -über dieses Buch geradeso alterieren, wie über seinen Vorgänger. Ich -schreibe aber ausschließlich für Gebildete und kann daher auf sie -leider keine Rücksicht nehmen.</p> - -<p class="mtop2"><em class="gesperrt">München</em>, den 5. August 1910</p> - -<p class="right mright2 mtop2"><em class="gesperrt">Der Verfasser</em></p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_iv"></a>[S. iv]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2> - -</div> - -<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="s5"> - - </td> - <td class="s5"> - - </td> - <td class="s5"> - <div class="right">Seite</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">1.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Modernes und Merkwürdiges im Altertum</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Erster_Abschnitt">1</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">2.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Wissenschaft</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Zweiter_Abschnitt">18</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">3.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Autoritäten, gelehrte Zunft und Fortschritt</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Dritter_Abschnitt">42</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">4.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Die »Dilettanten« und Outsider</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Vierter_Abschnitt">84</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">5.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Von Universität und Schule</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Fuenfter_Abschnitt">113</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">6.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Zensur und Prüderie</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Sechster_Abschnitt">140</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">7.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Frömmigkeit</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Siebenter_Abschnitt">164</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">8.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Achter_Abschnitt">186</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">9.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Klerus und Sittlichkeit</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Neunter_Abschnitt">200</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">10.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Ehe</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Zehnter_Abschnitt">230</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">11.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Rechtspflege</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Elfter_Abschnitt">246</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">12.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Von allerlei Sitten und Zeremoniell</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Zwoelfter_Abschnitt">266</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat" colspan="2"> - Anmerkungen - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Anmerkungen">287</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1"></a>[S. 1]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Erster_Abschnitt"><span class="s5">Erster Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Modernes und Merkwürdiges im Altertum</span></h2> - -</div> - -<p>Das Interesse, das gerade diesem Kapitel der Kultur-Kuriosa -entgegengebracht wurde, rechtfertigt eine Fortsetzung. So seien auch -hier zwanglos Tatsachen aneinandergereiht.</p> - -<p>Die italienische archäologische Kommission hat bei Ausgrabungen im -Königspalast zu Phaistos (Kreta) einen Fund gemacht, der Gutenbergs -geniale Erfindung in graueste Vorzeit – etwa Mitte des zweiten -vorchristlichen Jahrtausends – zurückverfolgen läßt. Man fand eine -große Terrakottascheibe, die auf beiden Seiten eine Inschrift in -Hieroglyphen enthält. Und zwar wurde diese zweihundertundvierzig Zeilen -lange Inschrift auf die noch ungebrannte Scheibe mit <em class="gesperrt">beweglichen -Lettern</em> gedruckt.<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a></p> - -<p>Die Römer waren der Erfindung der <em class="gesperrt">Buchdruckerkunst</em> -außerordentlich nahe. Nicht nur, daß wir aus Quintilian wissen (I, -1. 25), daß Kinder mit beweglichen Lettern spielten, um so leicht -buchstabieren zu lernen, Cicero (de natura deorum II, 37) macht die -Bemerkung, daß es gerade so undenkbar sei,<span class="pagenum"><a id="Seite_2"></a>[S. 2]</span> die Welt sei aus einer -zufälligen Verbindung der Atome entstanden, wie die Annahme, aus einem -Haufen auf die Erde geschütteter Metallbuchstaben könnten die Annalen -des Ennius werden. Also kannte man sogar <em class="gesperrt">Metallbuchstaben</em>! Es -ist daher viel verwunderlicher, daß die Römer keinen Buchdruck hatten, -als es das Gegenteil sein würde.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die technischen und chemischen Kenntnisse der ältesten Griechen und -deren Vorgänger waren ebenfalls weit bedeutender, als man bisher geahnt -hat. Man fand bei den Ausgrabungen des deutschen archäologischen -Instituts in Pylos Gegenstände aus Pate vitreuse, schönes blaues -Kaliglas und Fayence. Also war die <em class="gesperrt">Glasfabrikation</em> den Trägern -der mykenischen Kultur bereits um die Mitte des zweiten vorchristlichen -Jahrtausends bekannt. Ferner besaß man bewundernswerte Kenntnisse in -der Farbenbereitung, konnte farbiges Kali- und Natronglas herstellen, -wußte Kupfer mit Zinn und Blei in ganz bestimmtem Verhältnis zu -legieren, wie man das Kupfer chemisch rein darzustellen vermochte. -Ferner konnte man <em class="gesperrt">versilbern</em>. In einem Grabe um 2500 v. Chr. -fand man eine mit Silberfolie teilweise bedeckte Tonvase.</p> - -<p>Am erstaunlichsten sind aber die <em class="gesperrt">theoretischen Anschauungen</em>: Man -hatte den <em class="gesperrt">Begriff der Atome</em>, der <em class="gesperrt">Einheit der Materie</em>, -deren <em class="gesperrt">Unzerstörbarkeit</em> und <em class="gesperrt">Unerschaffbarkeit</em> und -<em class="gesperrt">kannte die Identität von Materie und Energie</em>. D. h. man hatte -eine physikalische Weltanschauung, wie wir sie erst seit relativ sehr -kurzer Zeit besitzen.<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3"></a>[S. 3]</span></p> - -<p>Daß bereits um 400 v. Chr. <em class="gesperrt">mit Gas geheizt</em> wurde, dürfte nicht -vielen bekannt sein. Ktesias berichtet, daß in Karamanien das dort -entweichende Erdgas als Heizmaterial für den Hausgebrauch Verwendung -fand.<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a></p> - -<p>Vor achtzig Jahren erhielt der Ingenieur Neilson ein Patent auf ein -<em class="gesperrt">Heißluftgebläse für Hochöfen</em>. Bei den Ausgrabungen in Tel -el Hesey in Südpalästina sind Funde gemacht worden, die es so gut -wie sicher erscheinen lassen, daß schon um 1400 v. Chr. die alten -Orientalen dieses Verfahren kannten. Man fand einen Hochofen für -Eisenbereitung, der eine Vorrichtung besaß, welche bezweckte, die -Außenluft vor ihrer Einführung in den Ofen zu erwärmen.<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Daß der Gedanke <em class="gesperrt">des Seeweges nach Ostindien</em> und der -<em class="gesperrt">Entdeckung Amerikas</em> der Antike keineswegs fremd war, ist eine -gewiß erstaunliche Tatsache. Krates verlegte – im Gegensatz zu -Aristarch – die Wanderfahrten des Odysseus in den Atlantischen Ozean -(Gellius 14, 6. 3). Und zwar ließ er den Menelaos von Gadeira (Cadix) -aus, Afrika umschiffend, Indien erreichen und nach siebenjähriger Fahrt -zurückkehren (Strabo I, 31). Bekanntlich war Vasko de Gama der erste, -der im Jahre 1498 auf diesem Wege das Wunderland erreichte. Einen noch -kühneren Gedanken sprach fünfzig Jahre später der große Poseidonius -mit der Behauptung aus, daß Indien von Spanien aus bei günstigen -Ostwinden in kurzer Zeit zu erreichen sei (Strabo II, 6 und Seneca -nat. I, prol. 13). Strabo aber wurde bereits im Jahre 1470 von Guarino -ins<span class="pagenum"><a id="Seite_4"></a>[S. 4]</span> Lateinische übersetzt und war nachweislich dem Kolumbus durch -Toscanelli bekannt geworden. Es ist also <em class="gesperrt">höchst wahrscheinlich, -daß Kolumbus, als er auf dem angegebenen Wege 1492 Amerika entdeckte, -nur einen Gedanken zur Ausführung brachte, der ihm aus dem Altertum -übermittelt worden war</em>.<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Beim Wort »Amerika« denken wir gern an »unbegrenzte Möglichkeiten«, an -Wolkenkratzer und gigantische Projekte. Auch sie sind keineswegs neuen -Datums, selbst wenn wir nicht auf die Pyramiden oder die gewaltigen -altägyptischen Tempelanlagen blicken. Der berühmten Neu-Yorker -Freiheitsstatue ist wohl vergleichbar der <em class="gesperrt">Koloß von Rhodos</em>. -Dieser war 70 Ellen oder 105 römische Fuß (32 m) hoch und stand in -der Nähe des Hafeneinganges. Nur wenige konnten den Daumen der Figur -umfassen und jeder seiner Finger war größer wie die meisten Statuen. -Nachdem er nur 66 Jahre gestanden hatte, zerbrach er infolge eines -Erdbebens 227 v. Chr. Fast 900 Jahre lag er auf der Erde, bis ein -arabischer General die Reste im Jahre 672 an einen Juden verkaufte, der -900 Kamele mit dem Erz belud (Plinius 34, 41).</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Noch amerikanischer als der Sonnenkoloß mutet uns der Plan des -Stasikrates, eines Schülers des Lysippos an. Er wollte – wie -Plinius, Plutarch und Strabo übereinstimmend bezeugen – den felsigen -<em class="gesperrt">Athosberg in eine Kolossalbildsäule Alexan<span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[S. 5]</span>ders des Großen -verwandeln</em>. Diese größte aller existierenden Statuen sollte in der -linken Hand eine Stadt halten, groß genug, 10000 Einwohner zu fassen, -und in der Rechten eine Urne, aus der sich ein Strom ins Meer ergösse.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Streiks</em> sind uns auch aus der Antike überliefert. Im Jahre 311 -v. Chr. fühlte sich die ehrenwerte Zunft der Musikanten (tibicines) -schwer beleidigt, weil der ihnen von alters her zustehende festliche -Freischmaus, den sie jährlich einmal auf dem Kapitol in aede Jovis auf -Staatskosten abhalten durften, gestrichen worden war. Sie verließen -alle Rom und begaben sich nach Tibur. Das war aber für die Behörden -höchst peinlich, denn ohne Musik konnten die Opfer nicht abgehalten -werden. Man holte sie durch eine List zurück, indem man sie einzeln -betrunken machte und voll des süßen Weines auf Leiterwagen nach -Rom schaffte. Übrigens gaben die Zensoren nach und billigten den -feuchtfröhlichen Musikern ihre alte Gerechtsame wieder zu (Livius IX, -30, Ovid. fast. VI, 665 ff.).</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Nichts wäre irriger als die Anschauung, in prähistorischen Zeiten -sei man aller ärztlichen Kenntnisse bar gewesen. Im Gegenteil haben -wir es hier mit <em class="gesperrt">hervorragenden Chirurgen</em> zu tun. In dem -altbajuwarischen Reihengräberfeld bei Allach in Oberbayern fand -man z. B. einen Schädel, an dem einst ein taubeneigroßes Stück -abgeschlagen, später aber<span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[S. 6]</span> vorzüglich und fast genau an derselben -Stelle zum Anwachsen gebracht worden war. Dieser Schädel befindet -sich in der prähistorischen Sammlung zu München. Ferner verstand -man es, Arm- und Beinbrüche vortrefflich zu heilen. So lieferte -das alemannische Reihengräberfeld bei Memmingen ein Beispiel eines -Flötenschnabelbruches. In diesem auch für heutige Begriffe sehr -schwierigen Falle kann nur ein ausgebildeter Arzt tätig gewesen sein. -Ebenso fand man im merowingischen Reihengräberfeld von Wies-Oppenheim -einen befriedigend verheilten Schulterknochen. Die Trepanation der -Schädeldecke war bereits in der älteren Bronzezeit geübt, wie ein -Fund aus Giebichenstein bei Halle lehrt. Das Loch besaß die Größe -eines Markstückes und ist in der späteren Lebenszeit der Person durch -reichliche Knochenneubildung wieder ganz gefüllt worden.<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a></p> - -<p>Daß schon im Altertum eine <em class="gesperrt">Ärztin</em> ihre Kunst zu allgemeiner -Anerkennung ausübte, lehrt ein Fund, den die österreichische Expedition -des Jahres 1892 auf dem Trümmerfeld der alten lykischen Stadt Tlos -im südlichen Kleinasien machte. Man fand eine Statuenbasis mit der -griechischen Inschrift: »Antiochis, die Tochter des Diodotes aus -Tlos, deren ärztliche Empirie von Rat und Gemeinde der Stadt Tlos -beglaubigt ist, hat sich das ihr zuerkannte Standbild auf eigene Kosten -errichten lassen.« Also auch die weibliche Eitelkeit läßt sich so weit -zurückverfolgen!</p> - -<p>Mag der amerikanische Zahnarzt auch ein Produkt der Neuzeit sein, seine -Leistungen sind es nicht so sehr. So wurde ein antikes <em class="gesperrt">künstliches -Gebiß</em> in der uralten Etruskerstadt Tarquinii gefunden. Es wird<span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[S. 7]</span> -jetzt im Museo Municipale in Corneto, drittes Zimmer, gezeigt.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Auch <em class="gesperrt">Nahrungsmittelfälscher</em> gab es im Altertum, und zwar wurde -Brot mit Gips versetzt. Besonders häufig waren Weinpantschereien, -wie nach zahlreichen Klagen alter Autoren feststeht. Man setzte dem -Gepansch eine Art von Fuchsin zu.</p> - -<p>Wer meinen sollte, die berühmte <em class="gesperrt">Worcestershire-Sauce</em> sei -ohne Vorläufer, wird sich wundern, daß die Römer im Garum (Garon), -einer sehr kostbaren, aus Fischen bereiteten Sauce, etwas Ähnliches -besaßen. Sogar koschere (garum castimoniale), aus schuppenlosen -Fischen bereitete gab es. In Pompeji wurde ein irdenes Gefäß damit -gefunden. Plinius (nat. his. XXXI, 93–95) beschreibt die Verfertigung -dieser Würze.<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> Apicius (de re coquinaria I, 32) kennt eine Reihe von -Speisen, denen er Garum zugesetzt wissen will, z. B. ein Oenogarum, -eine Weinbrühe mit Trüffel.</p> - -<p>Auch <em class="gesperrt">Bowlen</em> kannten die Alten. Der berühmte Feinschmecker -Apicius beschreibt nicht nur Rosenbowle (I, 4), Honigwein, der mit -verschiedenen Gewürzen gekocht wird (I, 1) und anderes, sondern sogar -einen Rosenwein ohne Rosen (I, 4), wie wir ja auch Maibowlen haben, die -aus Surrogaten hergestellt sind.</p> - -<p>Übersetze ich das Rezept richtig – ich interessierte mich einst sehr -für Apicius, den ich in Übersetzung herausgeben wollte, was inzwischen -von anderer Seite geschehen sein soll – dann lautet es: »Rosenwein -ohne Rosen bereite folgendermaßen: Grüne Zitronen<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[S. 8]</span>blätter in einem -Palmenkörbchen gib in ein Faß Most, bevor er gärt, und nimm sie nach -vierzig Tagen heraus. Falls es nötig sein sollte, setze Honig hinzu -und bediene dich (dieses Getränkes) statt des Rosenweins«. Genau im -Stile der modernen Kochbücher! Vielleicht probiert einmal eine geneigte -Leserin dieses oder jenes Rezept, doch empfiehlt es sich, dazu Johann -Heinrich Diernbachs »Flora Apiciana« (Heidelberg und Leipzig 1831) zu -konsultieren, da hier die Gewürze usw. genau bestimmt sind.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">künstliche Bebrütung</em> von Eiern der Gänse, Enten und Hühner, -die noch 1829 dem Franzosen Copineau trotz vieler Versuche nicht -glücken wollte, war bereits den alten Ägyptern geläufig. Und zwar -legten sie die Eier in Kammern aus Lehm, die mittels großer, aus -Ziegelsteinen zusammengesetzter und in die Erde hineingebauter Öfen -täglich drei bis vier Stunden geheizt wurden. Die Eier lagen auf Stroh -und wurden alle sechs Stunden umgewendet, nach zehn Tagen untersucht -und die gut befundenen in eine höhere wärmere Abteilung desselben -Gemachs gelegt. Die Temperatur wurde natürlich nur nach dem Gefühl -abgeschätzt und nach Bedarf durch Öffnen von Luftzügen vermindert -(Aristoteles hist. anim. VI, 2, 3 und Diodor I, 74).</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Auch <em class="gesperrt">Schneckenzuchtgärten</em> besaß man, wie heute in Frankreich und -bei uns besonders in Württemberg. Man war so raffiniert, daß man die -verschiedenen Rassen gesondert zog, und verwendete zur Ver<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[S. 9]</span>feinerung -des Geschmacks bei der Fütterung Zucker und gekochten Wein (Plinius -nat. hist. IX, 173 und XXX, 45).</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Daß diese Züchtungsmethoden nur auf Grund eingehender Kenntnis der -Lebensweise der Tiere möglich waren, ergibt sich von selbst. Die Alten -waren keineswegs die schlechten Beobachter, für die wir sie, uns an -manche Märchen und Irrtümer klammernd, gerne ausgeben. Daß der Löwe -am Ende seines Schwanzes einen in der Haarquaste verschwindenden -<em class="gesperrt">Knochenstachel</em> besitzt, behauptet Aelian (Peri zoon VI, -1). Niemand wollte das glauben, bis Blumenbach zu Anfang des 19. -Jahrhunderts die Beobachtung bestätigte.</p> - -<p>Vom <em class="gesperrt">Gorilla</em> wissen wir erst seit etwa 60 Jahren. Vor mehr als -2000 Jahren aber war er schon den Karthagern bekannt, als sie mit -einer Flotte von 60 Schiffen der Westküste Afrikas entlang fuhren. -Hanno hielt diesen Anthropoiden für einen Menschen (Periplus 17 = -Geogr. Graeci min. I, 13, Plinius nat. hist. VI, 200), die Wissenschaft -verwies aber seine Entdeckung ins Fabelreich, bis 1847 der erste nach -Europa kommende Gorillaschädel die Existenz dieses Menschenaffen bewies.</p> - -<p>Aristoteles wußte über die <em class="gesperrt">Haifische</em> mehr, als die neueren -Naturforscher vor Johannes Müller.</p> - -<p>Er kannte auch schon das Prinzip der <em class="gesperrt">Korrelation der Organe</em>, -die <em class="gesperrt">Schutzfärbung der Tiere</em>, sowie den <em class="gesperrt">Farbwechsel des -Chamäleons</em> als Anpassungserscheinung an die Umgebung. Ferner<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[S. 10]</span> -kannte er den Einfluß, den <em class="gesperrt">Klima</em> und <em class="gesperrt">Nahrung</em> auf die -Größe der Tiere ausüben, ja den des Landschaftscharakters auf ihre -Gemütsart. Weder die <em class="gesperrt">Tier-</em> noch die <em class="gesperrt">Pflanzengeographie</em> -war den alten Autoren unbekannt. Die des Theophrast ist geradezu von -imponierender Größe.</p> - -<p>Im letzten Jahre ging durch die Zeitungen eine Notiz, daß ein -Naturforscher die Entdeckung gemacht habe, die <em class="gesperrt">Lungen seien -Kühlapparate</em> mit dem Zweck, die Bluttemperatur herabzumindern. -Wer ahnte, daß Aristoteles bereits diese Tatsache vor dritthalb -Jahrtausenden konstatiert hatte?<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a></p> - -<p>Der Unterschied der <em class="gesperrt">männlichen und weiblichen Pflanzen</em> war schon -zu Herodots Zeit bekannt.</p> - -<p>Den <em class="gesperrt">Spiritismus</em>, und zweifellos auch <em class="gesperrt">Hypnotismus</em> -und verwandte Phänomene gab es auch schon in der Antike. Auch das -<em class="gesperrt">Tischrücken</em>, bei uns erst seit wenig mehr als einem halben -Jahrhundert bekannt, war den Griechen und Römern nicht neu. Man -setze zur Erforschung der Zukunft geweihte Dreifüße in Bewegung. Ein -derartiges Verfahren gab unter Valens († 378) Veranlassung zu einem -ungeheuern Zaubereiprozeß.</p> - -<p>Der hl. Augustinus kannte auch schon das <em class="gesperrt">Gedankenlesen</em> (Contra -Acad. II, 17).</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Frauenrechtlerinnen werden nicht ohne Neid hören, daß Kaiser -Heliogabal einen <em class="gesperrt">Weiberrat</em> eingerichtet hatte, wie Aelius -Lampridius im Leben dieses Monarchen erzählt. Die ihm unterstehenden -Fälle waren allerdings nicht welterschütternd. Der auf dem<span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[S. 11]</span> Quirinal -tagende Weibersenat hatte nämlich über Kleiderfragen zu entscheiden, -ferner darüber, wer auf Wagen, Pferd, Esel oder Tragstuhl befördert -werden solle usw., ob dieser Tragstuhl aus Fell oder Knochen gemacht -sein sollte, wer Gold oder Edelsteine an den Stiefeln tragen dürfe und -Ähnliches.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Daß im alten Rom <em class="gesperrt">griechische Erzieher</em> gehalten wurden und das -Griechische überhaupt die Stelle des Französischen bei uns einnahm -– besonders instruktiv ist hierfür Suetons Leben des Augustus – -ist hinlänglich bekannt. Nicht allzuviele aber dürften wissen, daß -unsere halbbarbarischen Vorfahren schon im 12. Jahrhundert Franzosen -engagierten, damit die Kinder in der Jugend schon die damals bereits -hochgeschätzte Sprache erlernten. So kann z. B. Wolfram von Eschenbach -zwar weder lesen noch schreiben, wohl aber französisch reden.<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Bemerkenswert ist der Konservativismus der <em class="gesperrt">Kinderspiele</em>. -Das Altertum hatte nicht nur <em class="gesperrt">Puppen</em>, es kannte auch -<em class="gesperrt">Steckenpferde</em>, auf denen die jungen Griechen und Römer ganz wie -unsere Kinder ritten (Horaz Sat. II, 3. 248, Plutarch, Agesilaos 25 -etc.). Ferner spielten sie mit <em class="gesperrt">Kreiseln</em>, die wie heute durch -Peitschenhiebe in Bewegung gesetzt wurden (Persius, Sat. III, 51). -Auch Brummkreisel waren bekannt. Ferner <em class="gesperrt">schaukelte</em> sich damals -das junge Volk wie heute, spielte auch <em class="gesperrt">Blindekuh</em> (Poll. IX, -123), König und Soldaten (Herodot I, 114), <em class="gesperrt">Plumpsack</em> oder<span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[S. 12]</span> -<em class="gesperrt">Der Fuchs geht ’rum</em> (Poll. IX, 115), ferner mit <em class="gesperrt">Reifen</em> -und <em class="gesperrt">Ball</em>. Auch das <em class="gesperrt">Anschlagspiel</em> war bekannt (Poll. IX, -117), das Raten auf Grad oder Ungrad und ein Spiel, bei dem einer sich -in Gegenwart mehrerer Mitspieler die Augen zuhalten mußte und sich -schlagen ließ. Erriet er den Richtigen, dann kam der, der geschlagen -hatte, an die Reihe, erriet er ihn nicht, dann mußte er sich solange -von den Anwesenden schlagen lassen, bis er den richtigen Namen nannte. -Alle diese Spiele haben natürlich im Griechischen und Lateinischen -ihre eigenen Namen. Das letztgenannte heißt in gewissen Gegenden -Schinkenklopfen.</p> - -<p>Wie unsere Kinder törichterweise mit dem Schwarzen Mann, dem -Daumenschneider und andern Schreckfiguren geängstigt werden, so -die der Alten mit Gespenstern namens Mormo, Lamia, Gello usw. -Bezeichnenderweise hieß es noch lange nach 212 v. Chr. bei unartigen -Kindern: »Warte, Hannibal kommt!«</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wer heute über die <em class="gesperrt">Baupolizei</em> schimpft – und welcher -Hausbesitzer täte das nicht mit dem größten Recht! – mag sich -trösten. Auch in Athen gab es diese Behörde schon. Sie hatte dafür zu -sorgen, daß altersschwache Bauten nicht einstürzten, daß Neubauten den -erlassenen Vorschriften gemäß errichtet wurden usw. (Plato, Legg. VI, -p. 763; Aristoteles Polit. VI, 5).</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[S. 13]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Wettersäulen</em>, wie wir sie da und dort an Plätzen finden, gab -es auch schon vor mehr als 2000 Jahren. Schon der alte Astronom und -Hydrauliker Meton stellte kurz vor dem Peloponnesischen Kriege in -Athen eine astronomische Säule auf, an der eine von ihm erfundene Art -Sonnenuhr angebracht war nebst Registern für Sonnen- und Sternen-Auf- -und Niedergang. Diese Wettersäule, die auch die Windrichtung angab, und -zwar durch Windfahnen ähnlich wie heute, stand ursprünglich auf der -Pnyx, später am Kolonos Agoraios (Aelian, var. hist. X, 7; Diodor XII, -36 etc.).</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im alten Konstantinopel gab es auch bereits öffentliche -<em class="gesperrt">Bedürfnisanstalten</em>. Der Häretiker Arius starb in einer solchen -im Jahre 336. (Athanasius, de morte Arii c. 2 sq. Sokrates h. e. I. -38.)<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das Altertum kannte auch den im Deutschen <em class="gesperrt">Lift</em> genannten -Personen- und Güter-<em class="gesperrt">Aufzug</em>. Professor Boni, Direktor der -Ausgrabungen am Forum Romanum, hat den Nachweis erbracht, daß man -bereits im alten Rom zur Zeit Julius Cäsars den Aufzug benutzte. Man -fand am Forum eine Reihe von Nischen, die zweifellos dazu dienten, -richtige Lifts unterzubringen, in denen schwere Lasten, wie Gladiatoren -und wilde Tiere, aus den unterirdischen Gängen zur Oberfläche -befördert wurden. An einen großen unterirdischen Gang sind vier -kleinere Quergänge angegliedert, ein jeder dieser<span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[S. 14]</span> Quergänge enthält -drei Kammern für das Hebewerk und drei Schächte für die Lifts. In -den zwölf Kammern – so wird in La Casa berichtet – sieht man heute -noch die großen schweren Würfelblöcke aus Tuffstein, die zum Hebewerk -gehörten, und aus der Abnutzung kann man genau erkennen, wie hoch -die Lifts liefen und wie stark sie benutzt wurden. Da jeder Aufzug -imstande war, fünf bis sechs Menschen zu heben, so konnten gleichzeitig -mehr als sechzig Menschen zur Oberfläche des Forums gehoben werden. -Übrigens ging der Gebrauch der Aufzüge, wie es scheint, bereits in -der Kaiserzeit wieder verloren. Mehr als anderthalb Jahrtausende -mußten vergehen, bis der erste Aufzug – und zwar in Jena – wieder -eingerichtet wurde. Aber erst seit wenigen Dezennien hat er allgemeine -Verbreitung gefunden.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Zünfte</em> sind ja gewiß nicht mehr modern, aber daß sie ins -alte Rom zurückreichen, hat doch erst Mommsen in seiner Schrift »De -collegiis et sodaliciis Romanorum« nachgewiesen.</p> - -<p>Wer aber hält nicht die Mitteilung, das <em class="gesperrt">Altertum habe geraucht</em>, -für einen schlechten Witz? Und doch unterliegt es nicht dem -allergeringsten Zweifel. Bereits in vorgeschichtlichen Gallo-römischen -Gräbern, in Neufville-le-Pollet und in Seine-inférieure in Frankreich, -ferner in Schottland, Irland und anderwärts fand man Pfeifenköpfe aus -gebranntem Ton, Eisen und Bronce. Ferner in Massen am Hadrianswall, in -holländischen Grabhügeln, römische aber noch in der Schweiz, im Berner -Jura und natürlich<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[S. 15]</span> in Rom selbst. Plinius berichtet uns darüber von -den Barbaren. Daß die Skythen Hanf rauchten, steht fest, während wir -das Material, das sonst verwandt wurde, nicht kennen.<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Daß die Römer in den »tironischen Noten« eine Art <em class="gesperrt">Stenographie</em> -hatten, ist hinlänglich bekannt. Cicero benutzte diese Kurzschrift -nicht nur zur Aufzeichnung seiner Reden, sondern auch für seine -Korrespondenz. Aber die Erfindung reicht weit höher in die -Vergangenheit hinauf. Ennius kannte bereits 1100 Zeichen, Seneca aber -vermehrte den überkommenen Schatz auf etwa 5000 Zeichen und Siegel, so -ein ungeheures Material liefernd, das sich zum Teil das Mittelalter -hindurch erhielt. Wie nun Louis Prosper und Eugène Guénin in einem -»Geschichte der Stenographie im Altertum und im Mittelalter« genannten -Werke (Paris 1909) feststellen konnten, ist die Stenographie sogar -vorrömischer Herkunft. Sie weist eine so große Ähnlichkeit mit der -altägyptischen Kursivschrift, dem sogenannten Demotischen, auf, daß -sie unzweifelhaft von diesen vereinfachten Hieroglyphen herstammt. Das -Prinzip ist auch das gleiche: ein beschränktes Alphabet, verbunden mit -einer Silbenschrift, die durch Ideogramme ergänzt wird. Das Demotische -kam auf dem Umweg über Griechenland nach Rom, um dort zur Stenographie -zu werden.</p> - -<p>Daß die Stenographie erst 1786 von Samuel Taylor wieder erfunden, -von Gabelsberger 1817 vervollkommnet, dürfte allgemein bekannt sein. -Jedenfalls genügten auch schon die alten Stenographen den<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[S. 16]</span> an sie -gestellten Anforderungen, denn Martial singt (XIV, 208):</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Mögen die Worte auch eilen, die Hand ist schneller als jene Ehe -die Zunge ihr Werk, hat es die Rechte vollbracht.«</p></div> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Mancher wird geneigt sein, wenigstens <em class="gesperrt">Börsenkrachs</em> für eine -neuere Erscheinung zu halten. Das ist aber durchaus nicht richtig. -Schon das ptolemäische Ägypten hat einen regelrechten Kupferkrach -aufzuweisen. Während das Verhältnis des Silberwertes zu dem des Goldes -von 1: 15½ vor vier Jahrtausenden und länger schon annähernd bestand -und erst bei der großen Silberentwertung der letzten Jahrzehnte -wesentlich gestört wurde, ist das beim Kupfer ganz anders. Im Anfang -der Ptolemäerzeit war das Wertverhältnis von Silber und Kupfer wie 120: -1. Wenige Jahrzehnte später war der Wert des Kupfers auf ein Drittel -bzw. ein Viertel des früheren gesunken, nachdem schon vorher sich im -Großverkehr ein Agio für Silber gezeigt hatte.<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a></p> - -<p>Die Naturalwirtschaft hat in Deutschland erst zur Zeit der Kreuzzüge -der Geldwirtschaft weichen müssen, daß sie völlig verschwand, -ist aber erst wenige Jahrhunderte her. Da kann uns nun mit -Bewunderung vor der uralten Kultur des Zweistromlandes die Tatsache -erfüllen, daß bereits die dem vierten vorchristlichen Jahrtausend -angehörigen altbabylonischen Texte der Nippur-Sammlung im K. O. -Museum in Konstantinopel den Beweis liefern, daß man längst zur -<em class="gesperrt">Geldwirtschaft</em> übergegangen war.<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[S. 17]</span> Allerdings war das Geld sehr -teuer. Man zahlte gewöhnlich 33⅓% Zins.<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a></p> - -<p>Eine Klage, die man zu Beginn unseres Jahrhunderts, als unsere jungen -Männer mit Weltschmerz und runden Rücken herumliefen und Dekadenz -tot-chik war, häufig hören konnte, findet sich schon beim Kirchenvater -Cyprian. Nachdem er darüber gejammert hat, daß die Welt immer -schlechter wird, fährt er fort: »Grauköpfe sehen wir unter den Knaben; -die Haare fallen aus, bevor sie wachsen und das Leben hört nicht auf -mit dem Greisenalter, sondern fängt mit ihm an.« (An Demetrianus c. -4.)<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a></p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[S. 18]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zweiter_Abschnitt"><span class="s5">Zweiter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Wissenschaft</span></h2> - -</div> - -<p>Die Wissenschaft ist bekanntlich um ihrer selbst willen da. Das -rechtfertigt es, wenn Dinge, deren Wert der Laie mit dem besten Willen -nicht verstehen kann, mit heiligem Eifer untersucht werden. Es macht es -geradezu zur Pflicht. Nicht nur heute, sondern seit je. Dem Gelehrten -aber, der sich am meisten plagt, als wolle er ein Thema zu einer -Dissertation oder Habilitationsschrift aufstöbern, dem gebührt die -Palme der Unsterblichkeit, die wir ihm hiermit überreichen. Daneben -mögen in diesem Kapitel einige Meinungen Platz finden, die wir nicht -für klug oder richtig halten.</p> - -<p>Doch beginnen wir mit einer Ehrenrettung!</p> - -<p>Wer wird es wagen, der Kirche noch fernerhin den Vorwurf zu machen, sie -sei eine Feindin der Wissenschaft, wenn man tief gerührt liest, was für -köstliche Blüten ihrem Schoße entsproßten?</p> - -<p>Was will das Forschen unserer Physiker und Chemiker bedeuten gegenüber -Fragen, wie sie der große Scholastiker <em class="gesperrt">Petrus Lombardus</em> († 1164) -aufwirft? Ob ein Vorhersehen und Vorherbestimmen Gottes möglich gewesen -wäre, wenn es keine Ge<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[S. 19]</span>schöpfe gegeben hätte? So lautet eine dieser -Fragen, aus seinen vier Libri sententiarum, dem Hauptlehrbuch, nach dem -die Theologie in den gelehrten Schulen vorgetragen wurde.</p> - -<p>Zweifellos ist das Interesse daran brennend. Aber was bedeutet sie -gegenüber der andern: Wo war Gott vor der Schöpfung?</p> - -<p>Daß Seelenheil und kultureller Fortschritt unlöslich von der -Beantwortung abhängig sind, fühlen wir, auch ohne daß es uns jemand -sagte.</p> - -<p>Doch der Wissensdrang, nicht etwa der nach nichtigen Dingen, -sondern nach solchen von ewiger Bedeutung, war bei Petrus Lombardus -unersättlich. So fragte er denn weiter:</p> - -<p>Ob Gott mehr wissen kann, als er weiß?</p> - -<p>Ob ein Prädestinierter verdammt oder ein Verworfener selig werden könne?</p> - -<p>Ob Gott etwas Besseres oder etwas auf bessere Weise machen könne, als -er es macht?</p> - -<p>Ob Gott allezeit alles könne, was er gekonnt hat?</p> - -<p>Doch nicht auf Gott beschränkt sich die Fragefreudigkeit des großen -Kirchenlehrers. Beschäftigt er sich auch natürlich am liebsten mit ihm, -so ist er doch viel zu leutselig, um sein Interesse nicht bisweilen -minder Vornehmen zuzuwenden. So wirft er die Frage auf: Wo die Engel -nach ihrer Schöpfung gewesen sind?</p> - -<p>Ob die guten Engel sündigen, die bösen rechtschaffen leben können?</p> - -<p>Ob alle Engel körperlich sind? (kleiner Schäker!)</p> - -<p>Ob die Rangordnung der Engel seit dem Anfang der Schöpfung bestimmt -worden sei?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[S. 20]</span></p> - -<p>Sogar auf den Menschen dehnt sich der scholastische Frageeifer aus. -Probleme von größter Bedeutung beschäftigen die Denker und zeigen uns -aufs neue, wie unrecht wir der Kirche tun mit dem Vorwurf, sie habe -auf Kosten einer brauchbaren irdischen eine verschrobene überirdische -Afterwissenschaft kultiviert.</p> - -<p>Wen interessiert es nicht zu wissen, in welchem Alter der Mensch -geschaffen worden ist? Warum wurde Eva nun gerade aus der Rippe und -nicht aus einem andern Teil des Mannes geschaffen? Und warum schlief -Adam dabei? Die Wichtigkeit der Sache hätte schon gerechtfertigt, daß -er wach gewesen wäre. Das findet wenigstens Petrus Lombardus.</p> - -<p>Interessanter noch ist die Frage, ob der Mensch ewig hätte leben -können, wenn er auch nicht vom Baume der Erkenntnis genossen hätte?</p> - -<p>Etwas indiskreter lautet: Warum sich die Menschen im Paradies nicht -begattet hätten? Jetzt verstehen wir auch des Petrus Lombardus Neugier -nach dem Alter, in dem sie geschaffen wurden!</p> - -<p>Wie hätten die ersten Menschen sich fortgepflanzt, wenn sie nicht -gesündigt hätten? Eine Frage von hochaktuellem Interesse. Gibt es -doch heute noch genug Frömmler, die im Geschlechtsverkehr eine Sünde -erblicken und damit tatsächlich der Sünde das größte aller Wunder und -aller Güter zuschreiben: das Leben.</p> - -<p>Petrus muß auch so etwas ahnen, wenn er fragt, ob – ohne den -Sündenfall – die Kinder mit vollkommen ausgewachsenen Gliedern und mit -dem vollen Gebrauch der Sinne würden geboren worden sein?</p> - -<p>Von höchster Neugier zeugt die Frage, warum<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[S. 21]</span> der Sohn und nicht der -Hl. Geist oder der Vater Mensch geworden seien? Mit großem Ernst -wurde natürlich alles behandelt, was mit der sogenannten Erlösung -zusammenhing. So die Frage, ob Gott das durch Christus dargebrachte -Opfer auch hätte annehmen können, wenn dieser ein Weib gewesen wäre.</p> - -<p>Mit Rücksicht auf die außerordentliche Wichtigkeit und Vordringlichkeit -gerade dieser Frage wurde in der Schule des Petrus Lombardus nicht -minder, wie in der seines Schülers Petrus von Poitiers das Thema emsig -diskutiert. Man war sich einig, daß nur ein ganz verruchtes Scheusal, -dem das schamlose Maul (os impudicum) in gehöriger Weise gestopft -werden muß, in dem Sinne hätte antworten können, daß Christus auch als -Weib den an einen Erlöser zu stellenden Anforderungen hätte genügen -können.<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a></p> - -<p>Occam hat in seinem Centilogium folgende Thesen: C. 8–11: »Zulässig -sind die Sätze: Gott der Vater ist der Sohn der hl. Jungfrau; der Hl. -Geist ist der Mensch, welcher der Sohn der hl. Jungfrau ist; der Vater, -der niemals starb, kann gestorben sein, der Sohn, der starb, kann auch -niemals gestorben sein.«... C. 29: »Der Leib Christi kann sich zu -gleicher Zeit in entgegengesetzter Richtung bewegen und wird faktisch -so bewegt, wenn z. B. ein Priester ihn emporhebt und der andere ihn in -demselben Moment niederlegt.«<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Unter dem Titel: »<em class="gesperrt">Disputatio nova contra mulieres qua probatur eas -homines non esse</em>«<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[S. 22]</span> erschien 1595 ein Büchlein ohne Verfassernamen -und Druckort.</p> - -<p>Der gelehrte Autor rühmt sich in diesem Elaborat durch 50 -unwiderlegliche Stellen der Heiligen Schrift den Beweis geführt zu -haben, daß <em class="gesperrt">Weiber weder Menschen seien, noch von Christus erlöst -wurden</em>.</p> - -<p>Er beginnt mit der These, Christus habe nicht für die Frauen gelitten -und sie deshalb auch nicht erlöst. Sehr merkwürdig und bezeichnend für -den scholastischen Geist und die ganze Rabulistik des Mittelalters -ist seine Beweisführung. So heißt es im vierten Absatz: Da die Hl. -Schrift alle verflucht, die etwas Gottes Wort hinzufügen, so sind auch -alle jene verflucht, die hinzufügen, die Weiber seien Menschen und es -glauben. Denn weder im Alten noch im Neuen Testament werde ein Weib -Mensch genannt. Wären sie Menschen, dann hätte aber der Hl. Geist sie -auch zweifellos so genannt. Wer trotzdem behauptet, sie seien Menschen, -der maßt sich an, mehr zu wissen als Gott.</p> - -<p>Im achten Absatz heißt es: Eva war kein Mensch, denn sie wurde nicht -etwa geschaffen, damit Adam nicht allein sei, sondern damit Adam -durch sie Menschen zeugen sollte, deren Dasein ihn von der Einsamkeit -befreite.</p> - -<p>Im zwölften Absatz sagt der Autor: Da Gott allwissend ist, so wußte -er auch bei der Schöpfung Adams, daß er Eva erschaffen würde. Hätte -er gewollt, daß sie auch ein Mensch sei wie Adam, dann hätte er nicht -im Singularis gesprochen: »ich will <em class="gesperrt">einen</em> Menschen schaffen«, -sondern er hätte gesagt:<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[S. 23]</span> »ich will Menschen schaffen«. Weil er aber so -sprach, besitzen wir den sichersten Beweis aus Gottes eigenem Munde, -daß Gott nicht gewollt habe, daß das Weib ein Mensch sei, und daß er -nur <em class="gesperrt">einen</em> Menschen geschaffen hat und nicht etwa zwei.</p> - -<p>Auch aus dem Sündenfall folgt im 14. Absatz die weibliche -Unebenbürtigkeit: Wäre das Weib dem Adam gleich gewesen, dann hätten im -Paradiese zwei Menschen gesündigt. Denn Eva beging denselben Fehltritt -wie Adam. Der Apostel sagt aber ausdrücklich: durch <em class="gesperrt">einen</em> -Menschen sei die Sünde in die Welt gekommen. In diesem Stile wird der -»Beweis« weiter geführt, um mit der gewiß vielen Damen schmerzlichen -Konstatierung zu schließen, daß das Alte Testament so gut wie das Neue -den Weibern nicht nur ihr Menschentum abspreche, sondern daß Christus -auch nicht für sie gestorben sei.</p> - -<p>Doch der Anonymus hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. -Diese Einmischung in ihre Domäne konnten sich die Erbpächter der -Unsterblichkeit nicht bieten lassen. Noch im gleichen Jahre 1595 -erschien die Schrift: »<em class="gesperrt">Admonitio Theologicae Facultatis</em> in -Academia VVittebergensi ad scholasticam Juventutem, de libello -famoso & blasphemo recens sparso, cuius titulus est: Disputatio Nova -contra mulieres, qua ostenditur, eas homines non esse«. Wiewohl die -theologische Fakultät in der Einleitung ausdrücklich sagt, daß es -möglich sei, daß impurus iste canis (»jener unreine Hund«), wie die -milden Streiter Gottes sich so geschmackvoll ausdrücken, nur im Spaß -seinen Angriff gemeint habe, sieht sie sich doch genötigt, nicht nur -durch Worte der heiligen<span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[S. 24]</span> Schrift zu beweisen, daß das Weib doch ein -Mensch sei, sondern sich hochoffiziell zu unterschreiben: »12. Januar -1595 Decanus, Senior et Professores Theologicae Facultatis in Academia -VVittebergensi.« Man hielt es also offenbar für sehr notwendig, mit -schwerem Geschütz den Angreifer der Weiber niederzukämpfen. Sei es, daß -man ein schlechtes Gewissen hatte, sei es, daß er begeisterten Beifall -gefunden hatte.</p> - -<p>Trotz dieser Kathedralentscheidung scheinen die Verächter der holden -Weiblichkeit noch lange nicht Ruhe gegeben zu haben. Wenigstens liegt -mir noch aus dem Jahre 1690, also nach einem vollen Jahrhundert, unter -dem Titel »Mulier homo« ohne Erscheinungsort und Verfassernamen ein -Neudruck vor. Hier ist auch der feierliche Schluß fortgelassen. Sollten -etwa trostbedürftige Ehemänner die Abnehmer gewesen sein?</p> - -<p>Noch im Jahre 1767 erschien unter dem Titel »Beantwortung der Frage, ob -das Frauenzimmer ein notwendiges Uebel sey« zu Frankfurt und Leipzig -ein Büchlein, das allerdings das Thema mehr humoristisch behandelt, -auch keinen Verfassernamen trägt.</p> - -<p>Ja, noch aus dem Jahre 1791 liegt mit eine Broschüre über das Thema -vor. Sie trägt den Titel »Apologie des schönen Geschlechts oder Beweis, -daß die Frauenzimmer Menschen sind«, wurde von Heinrich Nudow aus dem -Lateinischen übersetzt und erschien in Königsberg.</p> - -<p>Interessant ist die Bemerkung der Vorrede, »daß einige neuere -spekulative Naturforscher des schönen Geschlechts« zu der »sehr -wahrscheinlichen« Annahme gelangt seien, daß »der <em class="gesperrt">Sitz der Seele</em> -bei den<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[S. 25]</span> Frauenzimmern nicht wie bei den Männern im Gehirn, sondern in -<em class="gesperrt">der Gebärmutter seyn</em> soll; – daß da sich alles Leben und Seyn, -– alles Dichten und Trachten beim andern Geschlecht von einem gewissen -inneren Triebe ableiten, und wieder darauf zurückführen läßt, dem die -Natur jenes Eingeweide zu einem Hauptwerkzeug bestimmte, auch wohl -das andere Geschlecht großenteils (und vielleicht gänzlich) nur durch -die Gebärmutter denken dürfe.« Der Verfasser konstatiert und beweist -übrigens die Menschheit des schönen Geschlechts.</p> - -<p>Lassen wir dahingestellt, was in diesen Schriften, die wir -keineswegs vollzählig aufführten, Ernst, was Witz ist, so viel steht -unwiderleglich fest, daß eine ganze theologische Fakultät es für -notwendig hielt, feierlich dagegen Stellung zu nehmen, daß das Weib -kein Mensch sei. Wäre es ihnen nicht möglich gewesen, durch Bibelworte -den Gegenbeweis zu führen, so hätte selbstverständlich die fromme Herde -noch etliche Jahrhunderte lang das Weib für ein Tier gehalten.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ein gewisser Georgius Fridericus <em class="gesperrt">Gublingius</em> schrieb im Jahre -1725 eine Dissertation in Wittenberg mit dem Titel: <em class="gesperrt">De barba -Deorum</em> ex priscarum Graeciae et Latii maxime Religionum monumentis. -Behandelte er in dieser gelehrten Schrift die Frage, ob die <em class="gesperrt">Götter -bärtig waren</em>, so in einer andern im gleichen Jahre ebenfalls in -Wittenberg erschienenen unter dem Titel: »De causis barbae Deorum«, -die<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[S. 26]</span> ebenso wichtige nach den <em class="gesperrt">Gründen dieser Bärtigkeit</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Eine außerordentliche gelehrte Arbeit erschien 1705 zu Leipzig mit -folgendem Titel: »Cogitationes admodum probabiles de vestimentis -Israelitarum in deserto an per miraculum duraverint aut creverint in -dissertatione academica indultu Philosophici Ordinis Lipsiae ad II. -Aprilis A. MDCCV habenda eruditorum examini exhibitae a Gottfrido -Zeibigio & Johann Andrea Beckero.« Die philosophische Fakultät -promovierte also zwei Doktoranden, die Herren <em class="gesperrt">Zeibig</em> und -<em class="gesperrt">Becker</em>, weil sie Betrachtungen darüber anstellten, ob <em class="gesperrt">die -Kleider der Juden in der Wüste durch ein Wunder alle Strapazen -ausgehalten haben oder gar nachwuchsen</em>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ein gewisser Paul Christian <em class="gesperrt">Hilscher</em> prüft in Dresden 1703 in -einer seinem Schwiegervater, dem Dr. der Theologie und Superintendenten -zu Freiberg, Christian Lehmann gewidmeten Gratulationsschrift zum -60. Geburtstage die hochwichtige Frage nach der <em class="gesperrt">Bibliothek -Adams</em>. (De bibliotheca Adami.) Das Heftchen ist mit wundervollen -Schriftzeichen geschmückt und natürlich grundgelehrt. So eine Art -Seitenstück also zu Beringers Würzburger Petrefaktenbuch, das wir bald -kennen lernen werden.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Christian Tobias Ephraim <em class="gesperrt">Reinhard</em>, ein sonst ganz ernster -Schriftsteller, der auch über die in der<span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[S. 27]</span> Bibel vorkommenden -Krankheiten geschrieben hat, veröffentlichte im Jahre 1752 zu -Hamburg eine Schrift: »Untersuchung der Frage, ob <em class="gesperrt">unsere ersten -Urältern Adam und Eva einen Nabel gehabt</em>.« Er kommt im § 17 -dieser Abhandlung, die wohl ernst gemeint sein dürfte, zu folgendem -Resultat: »Genug, Adam und Eva sind nicht gebohren, sondern gemacht, -nicht gezeuget, sondern geschaffen worden, und wer hieran zweifelt, -der ist kein würdiges Glied der Kirche, sondern wird kraft meines -Amts dem Teufel übergeben. Von dieser Wahrheit gibt der heilige -Geschichtschreiber Moses in seinem Buche von der Erzeugung das -allerbewährteste Zeugnis. Da es nun eine unumstößliche Wahrheit -bleibet: daß unsere ersten Stammväter nicht gebohren worden sind, so -muß es auch wahr sein, daß sie keinen Nabel nöthig gehabt haben. Denn -da dieselben niemals im Mutterleibe verborgen gewesen sind, so hat -ihnen fraglich keine Nabelschnur zu statten kommen dürfen. Haben sie -nun keine Nabelschnur nöthig gehabt, so haben sie auch keinen Nabel, -als dessen Überrest derselbe ist, besitzen können.«</p> - -<p>Reinhard war »Der Arzneygelahrtheit Doktor und Heilarzt zu Camenz«, wie -er auf dem Titelblatt des Schriftchen vermerkt.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das erleichtert uns den Übergang zu den Naturwissenschaften.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Jahrhunderte nahm man an, die Meergänse sollten aus einer Muschel, der -Entenmuschel, hervorgehen.<span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[S. 28]</span> Diese Theorie ist weniger verwunderlich, -als die Tatsache, daß bedeutende Gelehrte sich <em class="gesperrt">durch Augenschein -davon überzeugt haben wollten</em>. So schrieb der Leibarzt Rudolfs -II., Michael Mayer, er habe in den Muschelschalen den wie in seinem Ei -liegenden Fötus des Vogels <em class="gesperrt">selbst gesehen</em> und sich überzeugt, -daß er Schnabel, Augen, Füße, Flügel und selbst angehende Federn besaß. -Der gleichfalls im 17. Jahrhundert lebende Sir Robert Moray, dessen -Bericht in den Schriften der Londoner königlichen Gesellschaft 1677–78 -veröffentlicht ist, behauptete, in jeder Entenmuschel, die er öffnete, -ein vollkommen ausgebildetes Vögelchen gefunden zu haben.<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Daß auch die Universitäten ähnliche Fabeln verbreiteten, zumal dort, wo -die Jesuiten für das Fortbestehen des Autoritätsglaubens wirkten, kann -nicht verwundern.</p> - -<p>Unter dem Titel: »Positiones ex universa philosophia Aristotelis tum -contemplativa tum politica, quas in Alma ac Celeberrima Herbipolensium -Universitate pro suprema Doctoratus philosophici laurea praeside R. -P. Ignatio Zinck e Soc. Jesu AA. LL. & Philos. Magistro e jusdemque -in praedicta Universitate Professore publice defendendas suscepit D. -Joannes Bernardus Dill Herbipolensis etc. etc.« erschien im Jahre 1700 -eine philosophisch-naturwissenschaftliche Dissertation zu Würzburg. Das -hochgelahrte Werk, das den Joh. Bernh. <em class="gesperrt">Dill</em> zum Verteidiger, -den Jesuiten Prof. P. Ignaz <em class="gesperrt">Zinck</em> zum Verfasser hatte, läßt -schon<span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[S. 29]</span> ahnen, welch außerordentlichen Ruhm diese christ-katholische -Universität noch erringen sollte.</p> - -<p>Da wird erzählt, wie der Blick eines Vogels heile, verschiedene Steine -auf den Menschen wirkten, z. B. Jaspis die Lebensgeister wecke, der -Amethyst, auf den Nabel des Berauschten gelegt, die Dünste aus dem Kopf -zieht und die Trunkenheit verscheucht oder der im Magen des Haushahns -sich bildende lapis alectorius denjenigen, der ihn im Munde trägt, -mutig und tapfer macht. Als Belege für die Möglichkeit ewigen Feuers -wird erzählt, daß im Jahre 1041 im Grabe des von Turnus getöteten -Pallas eine Lampe gefunden wurde, die bereits 1611 Jahre brannte und -vielleicht noch brennen würde, wenn sie damals nicht zerbrochen und -das künstlich präparierte Öl verschüttet worden wäre. Ferner brannte -die unter Paul III. gefundene Grablampe von Ciceros Tochter Tulliola -ebenfalls noch.</p> - -<p>Mit dem gleichen Ernst gibt diese Dissertation den Bericht des -Jesuiten Schott wieder, daß in Schottland, auf den Hebriden und in -einigen Gegenden Indiens an den Bäumen Enten und andere Vogelarten -wachsen, die wie Blätter hervorsprossen, dann wie Obst sich runden, -endlich Vogelgestalt bekommen und an dem Schnabel gleich dem Stiele -herabhängen, bis sie ganz ausgereift abfallen und davonfliegen.</p> - -<p>Auf die Autorität des »Apostels« hin wird endlich gelehrt: im -künftigen Leben werden »wir Auserwählten alle« eine Größe von 4 Ellen -= 6 Fuß haben, nicht mehr und nicht weniger, denn dies sei, wie die -Geschichtschreiber und Väter allenthalben berichten, die Größe Christi -gewesen. Den<span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[S. 30]</span> Größeren werden – so fügt der englische Lehrer bei – -der Überschuß über die Normalgröße genommen und damit die Kleinen -aufgebessert werden.<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1726 erschien zu Würzburg ein Buch, das für uns unschätzbaren -Wert besitzt. Es trug nach dem Gebrauche der Zeit folgenden etwas -langatmigen Titel: LITHOGRAPHIAE WIRCEBURGENSIS, DUCENTIS LAPIDUM -FIGURATORUM, A POTIORI INSECTIFORMIUM, PRODIGIOSIS IMAGINIBUS EXORNATAE -SPECIMEN PRIMUM, Quod IN DISSERTATIONE INAUGURALI PHYSICO-HISTORICA, -CUM ANNEXIS COROLLARIIS MEDICIS, AUTHORITATE ET CONSENSU INCLYTAE -FACULTATIS MEDICAE, IN ALMA EOO-FRANCICA WIRCEBURGENSIUM UNIVERSITATE, -PRAESIDE Praenobili, Clarissimo Expertissimo Viro ac Domino, D. -JOANNE BARTHOLOMAEO ADAMO BERINGER, Philosophiae & Medicinae Doctore, -Ejusdémque Professore Publ:Ordin:Facult:Medicae h. t. Decano & -Seniore, Reverendissimi & Celsissimi PINCIPIS (sic!) Wirceburgensis -Consiliario, & Archiatro, Aulae, nec non Principalis Seminarii DD. -Nobilium & Clericorum, ac Magni Hospitalis Julianaei Primo loco Medico, -Exantlatis de more rigidis Examinibus, PRO SUPREMA DOCTORATUS MEDICI -LAUREA, annexisque Privilegiis ritè consequendis, PUBLICAE LITTERATORUM -DISQUISITIONI SUBMITTIT GEORGIUS LUDOVICUS HUEBER Herbipolensis, AA. -LL. &<span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[S. 31]</span> Philosophiae Baccalaureus, Medicinae Candidatus. IN CONSUETO -AUDITORIO MEDICO.</p> - -<p>Dieser schöne Titel, auch typographisch bedeutend reicher, als es hier -zum Ausdruck kommt, dazu ein schöner Titelkupferstich stehen zu Beginn -eines Buches, das auf Erden nicht viele Rivalen haben dürfte.</p> - -<p><em class="gesperrt">Georg Ludwig Hueber</em> heißt also der Verfasser, dessen -medicinische Habilitationsschrift vor uns liegt, sein Lehrer aber -Johann Bartholomäus Adam <em class="gesperrt">Beringer</em>, ein Mann schwer an Weisheit, -Würden und Titeln, Professor, Leibarzt des Fürstbischofs und anderes -mehr. Da es damals Sitte war, daß die Promotionsschrift vom Professor -abgefaßt wurde, so war Beringer der eigentliche Autor.<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a></p> - -<p>Es handelt sich um eine großartige Entdeckung, die er gemacht -hatte oder doch gemacht haben wollte. In der Nähe von Würzburg -waren Petrefakte gefunden worden, die er auf schönen Kupfertafeln -gewissenhaft abbildete. Da gab es Blumen und Frösche, Fische und -anderes Getier. Auch eine Spinne mit Netz war versteinert (Taf. X), -ferner eine Spinne im Begriff eine Fliege zu fangen, zusammen mit -ihrem Opfer, ein reizendes Tierstückchen! Aber auch Stilleben fehlten -unter den Versteinerungen nicht, so ein Schmetterling, der an einer -Blume saugt (Taf. VI). Noch viel abenteuerlichere Dinge waren vom -hochgelahrten Herren zutage gefördert worden: ein versteinerter Stern, -ein Halbmond, ein Stern mit Halbmond, ja Figuren so ähnlich aussehend, -wie die primitive Kunst Kometen zeichnet (Taf. III). Das und noch -vieles andere war auf den schönen Kupfertafeln zu sehen. Besonderes -Interesse verdienten Versteine<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[S. 32]</span>rungen, auf denen in hebräischen Lettern -Jehova und ähnliches stand (Taf. VII).</p> - -<p>Natürlich war auch für begleitenden Text gesorgt. War doch die -Entdeckung so verblüffend, so über alle Maßen großartig, daß ein -ausgiebiger Kommentar sich von selbst verstand. So bewies Beringer vor -allem, daß es sich hier nicht etwa um Überreste aus heidnischer Zeit -handle, auch nicht um Kunstgegenstände jüdischer Herkunft. O nein, -<em class="gesperrt">es war alles Natur</em>. Es waren Versteinerungen von Tieren und -Pflanzen, die vor unvordenklichen Zeiten das Meer ausgespült hatte -(vgl. Kap. 4 und 13). Daran ließen sich natürlich die weitgehendsten -Schlüsse knüpfen sowie Ausfälle auf Zweifler. Und das tat auch der -gelehrte Verfasser.</p> - -<p>Aber leider blieb seine große wissenschaftliche Tat nicht vom Neide der -Götter verschont. Es stellte sich heraus, daß Schüler und Gegner des -Professors aus Ulk Pseudopetrefakte künstlich hergestellt hatten und in -dem Steinbruch finden ließen, den der Professor häufig besuchte.</p> - -<p>Es dürfte sich hier um eine der größten akademischen Dummheiten -handeln, von der die Geschichte der Wissenschaften weiß. Das fühlte -auch Beringer, denn er ließ alle erreichbaren Exemplare des Werkes -vernichten, so daß es zur großen Seltenheit wurde. Die kgl. Hof- und -Staatsbibliothek in München ist im Besitze eines tadellos erhaltenen -Exemplars.<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Auf moralischem Gebiete hat aber Beringer einen Konkurrenten in der -Person des nicht unbedeutenden<span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[S. 33]</span> Kulturhistorikers Friedrich von -<em class="gesperrt">Hellwald</em>. Wenn er die Ursache unserer heutigen Milde und unseres -Entsetzens über die früheren Gräuel der Hexenprozesse nicht darin -findet, daß wir so viel bessere Menschen als unsere Vorfahren sind, -sondern einfach, weil wir wissen, daß es keine schädlichen Hexen gibt, -so hat er recht. Wahrscheinlich würden wir uns nicht viel anders als -das Mittelalter benehmen, wenn wir noch heute unter dem verdummenden -Einfluß der Kirche ständen. Grotesk aber ist die Art, wie Hellwald zu -beweisen versucht, daß die Inquisition gar nicht so schlimm war. Er -ähnelt darin einem gewissen Hoeniger, dessen Methode die Harmlosigkeit -des Dreißigjährigen Krieges zu beweisen, wir im I. Bande (S. 126) -kennen lernten.</p> - -<p>Hellwald schreibt (mit Kürzungen): »Nach Llorente, Histoire critique -de L’Inquisition d’Espagne, 1815–1817, sollen von 1481–1808 in Spanien -31912 Menschen verbrannt worden sein. Nach glaubwürdigen Quellen betrug -die Bevölkerung Spaniens um 1500 n. Chr. 9320691, welche Ziffer 2½ -Jahrhunderte, bis 1768 (Jahr der ersten verläßlicheren Volkszählung) -stationär blieb.</p> - -<p>Gesetzt nun, die Ketzerverbrennungen wären über diese Periode -gleichmäßig verteilt gewesen, so hätten dieselben alljährlich 97,6 -oder rund 100 Menschen, d. h. 1 : 90000, das Leben gekostet. Nun soll -aber Torquemada in den 15 Jahren von 1483–1498 allein 8300, d. h. -durchschnittlich 586 Menschen jährlich, nach den glaubwürdigen -Angaben Marianas, dem Maurenbrecher folgt, 1481–1498 nur 2000 Opfer -zum Scheiterhaufen gesandt haben; diese Ziffern wären also von den<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[S. 34]</span> -obigen abzuziehen, d. h. auf 312 Jahre entfallen 23112 Opfer = 74 im -Jahre = 1 : 121756. Diese Zahlen sind nicht so furchtbar groß, wie -nachstehendes, der Gegenwart entnommenes Beispiel illustriert. Nach dem -»American Railroad Journal« fanden im Jahre 1873 im ganzen 576 Menschen -den Tod durch Unglücksfälle auf Eisenbahnen im Gebiete der Vereinigten -Staaten, 1112 wurden verletzt. Diese Ziffern findet das genannte Blatt -ziemlich unbedeutend und in der Tat fällt es niemandem bei, über -dieselben ein Klagegeschrei zu erheben. Wenn nun diese Ziffern immer -so ›unbedeutend‹ blieben, so würden in dem gleichen Zeitraume von 327 -Jahren nicht weniger als 188352 Tote und 363624 Verwundete diesem -Fortschritte der Zivilisation zum Opfer fallen.«</p> - -<p>Daß der relative Menschenverlust nicht allzu groß war, wenn auch die -Opfer der Inquisition bedeutend unterschätzt sind und tatsächlich -einzelne Ortschaften und Landstriche entvölkert wurden, sei zugegeben. -Aber ist deshalb der Wahn weniger gräßlich?</p> - -<p>Köstlich ist auch folgende Meditation: »Endlich, so banal es klingt, -so wahr ist doch, daß alle die beklagenswerten Opfer menschlicher -Torheit eines anderen Todes einmal hätten sterben müssen. Ihr Leben -ist wohl verkürzt worden, doch käme es noch sehr darauf an zu wissen, -wie groß der durch diese Verkürzung verursachte Schaden war. Dazu -müßte man genau kennen: Lebensalter und Lebensverhältnisse, leibliche -Konstitution und geistige Gaben dieser vorzeitig Gestorbenen; wie viele -dem Greisenalter gehörten und schon zeugungsunfähig waren, wie vielen -eine kränkliche Organisation nur mehr eine kurze<span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[S. 35]</span> Lebensfrist gegönnt -hätte; man müßte veranschlagen, wie viele durch anderweitige Zufälle -oder in Ausübung ihres Berufes ohnedies ein vorzeitiges Ende gefunden -hätten, wie viele von akuten Krankheiten dahingerafft worden wären -u. dgl. Erst die Eliminierung aller dieser komplexen Faktoren würden -gestatten, den erlittenen Verlust auf ein annähernd richtiges Maß -zurückzuführen.«<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Bekanntlich behaupten die bayerischen Lyzeen, den Universitäten im -Range gleichstehende Hochschulen zu sein, und die schwarze Gesellschaft -wird zu betonen nicht müde, daß die wissenschaftlichen Leistungen -diesem Range auch völlig entsprechen.</p> - -<p>Wir können ohne Zaudern weiter gehen: sie übertreffen ihn! Sie lassen -alle weltlichen Bildungsstätten weit hinter sich.</p> - -<p>Ihr fordert Beweise? Nichts einfacher als das. Wo hätte uns je eine -Universität eine <em class="gesperrt">Topographie der Hölle</em> geschenkt, wenn nicht -Münster, das glorreiche Wirkungsfeld des großen Bautz? (Vgl. 1. Bd. S. -225 ff.)</p> - -<p>Wären wir etwa über Satan informiert, wenn nicht <em class="gesperrt">David Leiste</em>, -Professor der Moraltheologie, Patrologie und Pädagogik am k. Lyzeum in -Dillingen unter dem Titel »<em class="gesperrt">Die Besessenheit</em>« ein Programm im -Jahre 1886/87 darüber veröffentlicht hätte. Ein grundgelehrtes Werk -noch dazu. Wir schlagen auf gut Glück S. 24 ff. auf.</p> - -<p>»Die Wirklichkeit dämonischer Erscheinungen in einem objektiv -wirklichen, materiellen Körper, nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[S. 36]</span> etwa in einem bloß eingebildeten -imaginären, bezeugt die Heil. Schrift. Nach ihrem Bericht hat Satan die -Eva in sichtbarer Schlangengestalt versucht; daß auch die Versuchung -Christi eine rein äußerliche war, ist zweifellos; es ist gewöhnliche, -wenn auch nicht ausdrücklich durch die Heil. Schrift verbürgte Annahme, -daß Satan hiebei sich mit einem materiellen Leibe umkleidet habe, der -ihn als Geist der Hölle verbergen solle. Wieder wird Satan in die -Erscheinung treten am Ende der Menschengeschichte in den großen Kämpfen -des Reiches Gottes mit dem Antichrist.</p> - -<p>Es bestätigen uns dann auch die hl. Väter und Theologen die Tatsache, -daß Satan zum Zwecke der Menschenverführung und Menschenplage auf -Erden sich zeige in der angenommenen Gestalt von Verstorbenen, von -wilden Tieren, von Vögeln. Unter den verschiedensten Tiergestalten -ist Satan schon erschienen, nur die der Taube und des Lammes, sagt -Majolus, glaubt man, sei ihm verboten. Die Form der Ziege und des -Bockes kommt gar häufig in den Versuchungen vor. »Weil im großen Drama -des Weltgerichts dem Bock als Symbol des Sklaven der Sünde seine Rolle -zugewiesen ist, so steht der Annahme, der Dämon habe je bisweilen unter -dieser oder einer entsprechenden Gestalt seine Besuche gemacht, nichts -im Wege.« (Rütjes, Der Teufel, Essen 1878, S. 60.) Majolus sagt, diese -Erscheinungsgestalt komme ihm zu, weil dies geile und hochmütige Tiere -seien. Satan ist ferner schon erschienen als Löwe, Wolf, Bär, Stier, -Schwein, Fuchs, als schwarzer Kater oder Hund. So z. B. erblickten -der hl. Stanislaus und der ehrwürdige Pfarrer von Ars den Teufel in<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[S. 37]</span> -Hundegestalt, mit feurigen Augen, also in der Gestalt eines Tieres, das -als Sinnbild der Schamlosigkeit bekannt ist; letzterer sah ihn auch -in der Gestalt eines Kopfkissens, oder die bösen Geister belästigten -ihn auch in der Gestalt von Fledermäusen. Ferner zeigte sich Satan -als Hahn, Eule, Geier, Drache, Schlange, Kröte, Eidechse, Skorpion, -Spinne, Fliege, Mücke, Wespe. Auch die Menschengestalt gebraucht er als -Hülle und erscheint als Bauer, Schiffer, Geistlicher, als geputztes, -verführerisches Weib, als Mädchen. Der ehrwürdigen Maria Crescentia von -Kaufbeuren zeigte sich der Teufel in Gestalt einer Nonne, eines Negers, -eines Jägers oder auch in verschiedenen Tiergestalten« etc.</p> - -<p>Trotzdem brauchen wir keine allzu große Furcht zu haben. Denn – und -daß er das zu unserer Beruhigung sagt, spricht für das gute Herz -des Herrn Verfassers – »Seinem Erscheinungsleibe das Bild eines -<em class="gesperrt">vollkommenen</em> Leibes aufzudrücken, ist Satan nicht allweg -gestattet; er ist genötigt, ihm teilweise eine tierische Bildung oder -eine andere verzerrte und fratzenhafte Form zu geben. Und während der -gute Engel seinen Leib aus edlen, ätherischen Stoffen bildet, ist der -Teufel für diesen Zweck auf unreine, schmutzige Materien angewiesen.« -(S. 28.)</p> - -<p>Die historische Tatsächlichkeit wenn auch nicht aller, so doch vieler -Teufelserscheinungen steht fest. »... sicherlich (ist) ein bedeutender -Teil der von der Geschichte aufbewahrten Vorgänge dieser Art als -historisch glaubwürdig anzunehmen und haben wir es nicht mit lauter -›Teufeleien der Mönchsphantasie‹ zu tun.« (S. 30.)</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[S. 38]</span></p> - -<p>Das ist ja entschieden unheimlich. Und doch braucht es uns nicht -ins Bockshorn zu jagen. Denn wie der gelehrte Autor auf S. 139 ff. -ausführt, hat der Satan gegenwärtig die Taktik geändert und die -offenkundige leibliche Besessenheit hat – hurra! – <em class="gesperrt">abgenommen</em>. -Und doch ist die Sache nicht ganz geheuer. »Sollte es vielleicht eine -furchtbare Strafe der so weit verbreiteten Apostasie sein, daß Gott -dem Teufel die Taktik erlaubt hat, <em class="gesperrt">inkognito</em> sein Geschäft zu -treiben und so die blinden Seelen um so sicherer in den Abgrund zu -jagen?« (S. 145 f., zitiert nach dem Kirchenlexikon, 2. Aufl., II, S. -517 ff., Art. Besessene.) Daß die spiritistischen, somnambulistischen -und verwandten Phänomene auf den Teufel zurückgehen, steht fest.</p> - -<p>Verlassen wir dies unheimliche Thema, um uns heiterern Gesichtern -zuzuwenden.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Papst Alexander VI. schenkte durch die Bulle Inter cetera vom 4. Mai -1493 den Spaniern alle entdeckten und noch zu entdeckenden Länder -nicht nur westlich, sondern auch <em class="gesperrt">südlich</em> eines bestimmten -Längengrades! Und zwar tat das der damals noch fehlbare Nachfolger -Petri »ex certa scientia«. Er wußte es also ganz genau!<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Da lobe ich mir doch die deutsche Gründlichkeit. Bekanntlich entdeckte -ein Gelehrter bereits die Wichtigkeit von <em class="gesperrt">Goethes Wäschezettel</em> -für die deutsche Literatur. Er wird aber noch übertroffen vom -»Altmeister der chemischen Geschichtsforschung H. Kopp«,<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[S. 39]</span> der die Worte -Encheiresin naturae aus der Schülerszene des Faust zum Gegenstand -<em class="gesperrt">jahrzehntelanger Nachforschungen</em> machte.<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a></p> - -<p>Zu diesem Kapitel gehört auch folgendes: In der Berliner Wochenschrift -»Die Standarte« schreibt ein Germanist, er habe in einem Goetheseminar -der Berliner Universität <em class="gesperrt">tagelang</em> an der Frage gearbeitet, -<em class="gesperrt">ob in einem Heft Goethes die Ausstreichungen mit schwarzer oder -roter Tinte oder mit Bleistift gemacht worden sind</em>. Das tiefe -Problem, ob der vorgoethische Faust mit Vornamen Heinrich oder Johann -geheißen habe, läßt die Forscher nicht zur Ruhe kommen. Und von -höchster Bedeutung ist, ob Goethe <em class="gesperrt">Lieschen</em> oder <em class="gesperrt">Liesgen</em> -geschrieben hat, wie der <em class="gesperrt">Wasserstempel</em> im Konzept zu den -»Wahlverwandtschaften« aussieht, ob eine Notiz am 21. oder 22. oder -gar – wie Pniower behauptet – am 24. Oktober eingetragen ist. <em class="gesperrt">Das -ist Goetheforschung!</em> Wer aber etwa gar denkt, es sei gleichgültig, -ob das »Kophtische Lied« 1789 oder 1791 geschrieben sei, wird -erbarmungslos aus diesem geweihten Kreise verbannt.<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Auf diesen Ton ist auch die Gründlichkeit wissenschaftlicher Kritiken -und Kontroversen gestimmt. In der Historischen Vierteljahrsschrift, -einem angesehenen Fachorgane, finde ich – um ein Beispiel für -unzählige zu nennen – folgende schöne Stelle: »Eine ›mißverständliche‹ -Äußerung ist nach meinem Sprachgebrauch keine solche, die von -Mißverständnis zeugt, sondern die Mißverständnis erzeugen könnte. -›Miß<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[S. 40]</span>verständlich› in diesem Sinne erschienen mir die Worte: ›B. -setzt die Urkunde nach 1162‹. Setzen ist ein örtlicher Ausdruck; man -kann also richtig sagen: ›B. setzt die Urkunde vor 1162‹, weil wir -die Präposition vor ebensowohl örtlich als zeitlich gebrauchen. Der -richtige Gegensatz zu dem örtlichen vor ist aber nicht nach, sondern -hinter (hinter 1162), während nach in örtlichem Gebrauche uns zunächst -die Richtung bedeutet, aber damit zugleich häufig die Vorstellung des -›hinein in‹ verbindet; man vergleiche: ›er ist nach Frankfurt gesetzt‹ -und ›das Regiment ist nach Krefeld verlegt‹. Ein Leser von korrektem -Sprachgefühl, der B.s eigene Darstellung noch nicht kennt, muß hier -also geradezu verstehen: ›B. setzt die Urkunde in das Jahr 1162‹, -wiewohl die S.sche Ausdrucksweise häufiger vorkommen mag. Müßig war -meine Bemerkung also nicht.«<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a></p> - -<p>Im engen Kreis verengert sich der Sinn.</p> - -<p>Mir selbst ist eine ähnliche Geschichte, die mich königlich -amüsierte, mit einem Geheimrat Harry Breßlau passiert. In meiner -»Frühmittelalterlichen Porträtplastik in Deutschland« hatte ich -auch die Siegelkunde gestreift und zum Belege dafür, daß mir der -Beweis, bereits die frühmittelalterliche Kunst habe eine gewisse -Porträtfähigkeit besessen – was bisher unbekannt war und von einem -großen Teil der gelehrten Zunft heute noch bestritten wird – u. a. auf -folgendes hingewiesen: Im Allgemeinen Reichsarchiv in München befindet -sich – auch unter der Abgußsammlung echter Kaisersiegel – ein Siegel, -das bisher den Namen Heinrichs II. trug. Ich sah sofort, daß hier ein -Irrtum vorliege und es eine<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[S. 41]</span> Porträtdarstellung Heinrichs III. sei. -Daraufhin wurde dann der Irrtum richtiggestellt.</p> - -<p>Das muß nun den Herrn Geheimrat tief empört haben, denn er schreibt -im 35. Bde. des Neuen Archivs der Gesellschaft für ältere deutsche -Geschichtskunde S. 297: »Wenn die Kenntnisse und die Sorgfalt des Herrn -ebenso groß wären, wie sein Selbstbewußtsein, würde er vielleicht einen -Blick in den dritten Band unserer Diplomata-Ausgabe geworfen und sich -überzeugt haben, <em class="gesperrt">daß die Tatsache bereits in der Note p. zu DH. H. -332 b auf S. 421 festgestellt war</em>.«</p> - -<p>Tant de bruit!!!</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[S. 42]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Dritter_Abschnitt"><span class="s5">Dritter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Autoritäten, gelehrte Zunft und Fortschritt</span></h2> - -</div> - -<p>Schon an anderer Stelle habe ich meine Ansichten über das Versagen -der sogenannten Autoritäten nicht minder als der ganzen gelehrten -Zunft dem Genialen und Neuen gegenüber ausgesprochen. Der letzte -Abschnitt des ersten Bandes dieses Buches enthält genügend Material -zum Beweise dafür, daß der Fortschritt sich nicht durch, sondern -trotz Autoritäten vollzieht und daß keineswegs nur im Mittelalter, -sondern auch heute noch vorgefaßte Meinungen, Theorien und Hypothesen -höher bewertet werden, als gut beglaubigte Beobachtungen, falls sie -ihnen widersprechen. Dazu kommt das Gesetz der Trägheit, das gerade -in Gelehrtenkreisen unverbrüchlich befolgt wird. Weiteres Material in -dieser Richtung zu sammeln, war mir eine besondere Freude.</p> - -<p>Beginnen wir mit den Naturwissenschaften.</p> - -<p>Bekanntlich war Aristoteles das ganze Mittelalter hindurch eine -unbestrittene Autorität in allen weltlichen Fragen. Wie wir noch später -bei Betrachtung<span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[S. 43]</span> der Universitäten sehen werden, durfte niemand von -seiner Lehre abweichen, es sei denn, sie widersprach einem Dogma. -Galens Autorität als Arzt war nicht geringer, die der Bibel in allen -Fragen ist hinlänglich bekannt. So werden wir denn sehen, daß es vor -allem die genannten Autoritäten sind, denen der Fortschritt im harten -Kampfe fußweise den Boden abgewinnen muß, um – andere Autoritäten -dafür einzutauschen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Galilei</em>, 25jährig im Jahre 1589 zum Professor an der Universität -Pisa ernannt, trat öffentlich gegen Aristoteles auf, indem er durch -Vernunftschlüsse bewies, daß alle Körper gleich schnell fallen. -Gleichzeitig trat er den experimentellen Beweis an, indem er vom -schiefen Turm der Stadt unter anderem eine 100pfündige Bombe und -eine halbpfündige Kanonenkugel fallen ließ, die bei der ungefähren -Fallhöhe von 70 m kaum eine Handbreit abwichen. Trotzdem vertrauten -die peripatetischen Kollegen ihrem Aristoteles mehr, als der direkten -Naturbeobachtung, ja, sie empfingen den unbequemen Gegner mit Pfeifen. -Dadurch wurde der große Forscher <em class="gesperrt">gezwungen, die Universität zu -verlassen</em>, um einer Kündigung seines Kontraktes zuvorzukommen. -Als er die Jupitermonde entdeckt hatte, <em class="gesperrt">scheuten sich die -peripatetischen Professoren, in ein Fernrohr zu sehen, aus Furcht, sie -könnten diese Beobachtung bestätigt finden</em>! Daß sie später die -kirchliche Hilfe in Anspruch nahmen, um den Mann zu vernichten, der -es gewagt hatte, das Aristotelische Himmelsgebäude zu stürzen, ist -hinlänglich bekannt. Aber auch die wissenschaftlichen »Autoritäten« -traten<span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[S. 44]</span> gegen seine Verteidigung des Kopernikus und der Drehung -der Erde auf. Der Professor der Philosophie in Pisa, <em class="gesperrt">Scipione -Chiaramonti</em> (1565–1652), schrieb heftig gegen seine epochemachende -Vergleichung des Ptolemäischen und Kopernikanischen Weltsystems und der -Peripatetiker <em class="gesperrt">Claude Berigard</em> (1578–1663) behauptete, Galilei -habe dem Simplicius nicht die stärksten Gründe gegen die Bewegung der -Erde in den Mund gelegt.<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Da J. Baptista <em class="gesperrt">Benedettis</em> mechanische Entdeckungen wiederholt -Aristoteles widersprachen, fanden sie nicht die verdiente Beachtung. Im -16. Jahrhundert mußte die Physik nach Aristoteles oder zur Not, wenn -es sich um statische Verhältnisse handelte, nach Archimedes gelehrt -werden. Sonst konnte das Werk nicht den Beifall der zünftigen Gelehrten -finden und wurde, soweit irgend möglich, <em class="gesperrt">totgeschwiegen</em>.<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Tycho de Brahe</em> lehnte das Kopernikanische System ab, unter -anderem, weil die <em class="gesperrt">Bibel</em> (Josua 10, 12) <em class="gesperrt">direkt der Bewegung -der Erde widerspräche</em>. Allerdings stürzte er das bisher herrschende -Ptolemäische System.<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Peter Ramus</em> (Ramée geb. 1515), ein verdienstvoller französischer -Mathematiker, der auch als Lehrer der Beredsamkeit und Philosophie -tätig war, griff Aris<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[S. 45]</span>toteles, dessen Logik er noch nicht einmal gelten -lassen wollte, kühn an. Dadurch entfesselte er einen förmlichen Sturm -der Entrüstung an allen Universitäten, der für ihn die schlimme Folge -hatte, daß er seiner <em class="gesperrt">Lehrerstelle in Paris entsetzt wurde</em> und -aus der Stadt fliehen mußte. Als er später zurückzukehren wagte und -seine Lehrtätigkeit wieder aufnahm, wurde er in der Bartholomäusnacht -1572 <em class="gesperrt">ermordet</em>, wie man sagt auf Anstiften des Carpentarius, -seines scholastischen Gegners.<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Newton</em>, der erst im 12. Lebensjahre auf die Schule kam und -dort anfänglich als schlechter Schüler galt, veröffentlichte 1687 in -seinem berühmten Werke Philosophia naturalis principia mathematica -das bereits früher von ihm entdeckte Gravitationsgesetz. Statt nun -anzuerkennen, was Newton unwiderleglich bewiesen hatte, daß alle -Himmelserscheinungen wenigstens so vor sich gehen, als strebten alle -Körper nach dem direkten Verhältnis ihrer Massen und dem indirekt -quadratischen Verhältnis ihrer Entfernungen zueinander, <em class="gesperrt">negierten -seine Cartesianischen Gegner einfach Newtons große Entdeckung</em>.<a id="FNAnker_30" href="#Fussnote_30" class="fnanchor">[30]</a></p> - -<p>Später erklärte er kategorisch, »Hypothesen bilde ich nicht«. Durch -die Autorität, die dieser Mann, dessen Schüler nach und nach mehr oder -weniger alle Physiker wurden, im Laufe der Zeit erlangt hatte, bekamen -die <em class="gesperrt">Hypothesen</em> lange Zeit einen verächtlichen Beigeschmack und -<em class="gesperrt">verschwanden mehr als nötig und dienlich aus der Physik</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[S. 46]</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Cotes</em>, der Schüler Newtons, erklärte, allerdings nicht ohne -seines Meisters Verschulden, die Schwere für eine einfachste, vom -Schöpfer der Materie direkt eingepflanzte Ursache. Er hält es für -<em class="gesperrt">irreligiös</em>, nach weiteren Erklärungen derselben zu suchen -und so den Schöpfer ganz eliminieren, oder doch ganz begreifen zu -wollen. In der von ihm zu Newtons Lebzeiten veranstalteten 2. Auflage -der »Principien« erklärte er schon <em class="gesperrt">das Suchen nach der Ursache -der Schwere oder Vermittlung der Fernwirkung als ein Zeichen des -Atheismus</em>!<a id="FNAnker_31" href="#Fussnote_31" class="fnanchor">[31]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Huygens</em> veröffentlichte 1690 seine bereits 1678 vor der -Pariser Akademie verlesene Abhandlung über das Licht, in der er eine -vollständige Undulationstheorie des Lichtes entwickelte, die bis auf -einen Hauptpunkt ganz mit unserer jetzigen Lichttheorie übereinstimmt. -Huygens setzt nämlich einen höchst feinen und beweglichen, durch das -ganze Weltall verbreiteten Stoff, den Äther, voraus. Wird an einer -Stelle ein Ätherteilchen in Schwingung versetzt, so teilen sich die -Schwingungen allen benachbarten Teilchen mit und durch den Raum -pflanzt sich eine Ätherwelle fort, die jenes Teilchen zum Mittelpunkt -hat. Trifft eine solche Welle unser Auge, so haben wir die Empfindung -von Licht. Dank dieser Theorie gelang es für jede Richtung des in -einen Doppelspat einfallenden Lichtstrahles die Richtung auch des -außerordentlich gebrochenen Strahles durch Rechnung oder Konstruktion -ohne jede weitere Beobachtung zu finden. Dieser Traité de la lumière, -bzw. diese Undulations<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[S. 47]</span>theorie fand nicht die Anerkennung Newtons. -Die Abhandlung wurde von den Physikern einfach <em class="gesperrt">totgeschwiegen</em> -und <em class="gesperrt">blieb in der Folgezeit ohne jede Wirkung</em>. Sie war für ein -ganzes folgendes Jahrhundert so gut wie nicht geschrieben. Noch die -bedeutenden Geschichtschreiber zu Ende des 18. Jahrhunderts erwähnen -das Werk fast nur als <em class="gesperrt">Kuriosität</em>!<a id="FNAnker_32" href="#Fussnote_32" class="fnanchor">[32]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Jean Richer</em> († 1696) wurde von der Pariser Akademie im Jahre -1671 nach Cayenne geschickt, und kehrte zwei Jahre später von -dieser Reise heim. Anfänglich wurde er wegen der Genauigkeit seiner -Arbeiten sehr belobt, doch brachte er auch eine Entdeckung mit, die -den Akademikern bald sehr unangenehm wurde. Er hatte von Paris nach -Cayenne eine gute Pendeluhr mitgenommen, fand aber, daß sie in Cayenne -täglich um zwei Minuten zu langsam ging und daß er das Pendel um 1,25 -Linien verkürzen mußte. Er glaubte zuerst an einen Irrtum seinerseits, -als er aber bei seiner Rückkehr nach Paris das Pendel wieder auf -die frühere Länge stellen mußte, behauptete er mit Sicherheit -die <em class="gesperrt">Veränderlichkeit der Länge des Sekundenpendels mit der -geographischen Breite</em>. Richer erklärte diese daraus, daß durch die -Umdrehung der Erde die Schwere am Äquator verringert werde und daß auch -vielleicht die Erde an den Polen abgeplattet sei und darum die Schwere -nach den Polen hin zunehme. Die <em class="gesperrt">Akademie aber wollte durchaus nicht -an eine Abplattung der Erde glauben</em>. Übrigens widersetzte sich die -Pariser Akademie auch dieser Tatsache, als Newton sie<span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[S. 48]</span> 1687 bewies. Man -führte die Verlängerung des Pendels auf das heiße Klima zurück, wiewohl -Newton nachwies, daß die Ausdehnung durch die Wärme viel zu gering sei.</p> - -<p>Für Richer war seine Entdeckung sehr verhängnisvoll. Die eine -unbequeme, weil in den Augen der Akademiker der geltenden Theorie -widersprechende Beobachtung verringerte den Wert aller übrigen, so -daß er schwer darunter leiden mußte und kränkelnd von der Reise -zurückgekehrt, hinfort nur mehr geringen Anteil an den Arbeiten der -Akademie nahm.<a id="FNAnker_33" href="#Fussnote_33" class="fnanchor">[33]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Thomas Youngs</em> Arbeiten, durch die er zu einem Reformator der -Theorie der Optik wurde, hatten zu seinen Lebzeiten gar keinen Erfolg. -<em class="gesperrt">Henry Brougham</em> (1778–1868) schrieb in der angesehenen Edinburgh -Review vom Jahre 1803 sehr ungünstig über seine Arbeiten. Er vermochte -in denselben absolut nichts, was den Namen einer Entdeckung, ja nur -eines wissenschaftlichen Experiments verdiente, zu finden und konnte -seinen Bericht überhaupt nicht schließen, »ohne die Aufmerksamkeit -der Royal Society darauf zu lenken, daß sie in den letzten Zeiten -so <em class="gesperrt">viele flüchtige und inhaltsleere Aufsätze in ihre Schriften -aufgenommen habe</em>«. Als <em class="gesperrt">William Hyde Wollaston</em> sich für -Youngs Interferenztheorie günstig ausgesprochen hatte, äußerte -Brougham auch darüber seine Unzufriedenheit, »daß ein so genauer -und scharfsinniger Experimentator die seltsame Undulationstheorie -angenommen hat«. Die englischen Gelehrten gingen über Youngs Arbeiten -ohne weitere<span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[S. 49]</span> Diskussion zur Tagesordnung über, die Deutschen -übersetzen sie, ohne Gebrauch davon zu machen und die Franzosen lernten -sie gar nicht oder doch nur ganz unvollkommen kennen. Schließlich wurde -Young selbst wankend und bereit sein System aufzugeben!<a id="FNAnker_34" href="#Fussnote_34" class="fnanchor">[34]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als <em class="gesperrt">Fresnel</em> durch seine Arbeiten die feste Begründung der -Undulationstheorie des Lichtes gab, die Theorie der Interferenz und -Beugung des Lichtes durch seine meisterhaften Messungen bestätigte, -die Gesetze der Reflexion und Brechung des polarisierten Lichtes -entwickelte, desgleichen die der Doppelbrechung des Lichtes in -Kristallen u. a. m. konnte er doch den vollen Sieg seiner Ansichten -nicht mehr erleben. Der gefeierte Physiker <em class="gesperrt">Biot</em> vertrat nach -wie vor die Emanationstheorie. Ganz ungeheuerlich aber erschien den -Physikern die Annahme der Transversalschwingungen des Äthers. Weder -<em class="gesperrt">Arago</em> noch <em class="gesperrt">Laplace</em> noch <em class="gesperrt">Poisson</em> konnten sich zu -ihr bekehren. Noch bis 1830 blieb die Allgemeinheit der Physiker dabei, -daß Emissionstheorie und Undulationstheorie die optischen Erscheinungen -ungefähr gleich gut erklären. <em class="gesperrt">Brewster</em> lehnte die letztere sogar -noch 1833 erbittert ab.<a id="FNAnker_35" href="#Fussnote_35" class="fnanchor">[35]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als <em class="gesperrt">Fraunhofer</em> im Sonnenspektrum die bekannten Linien fand und -feststellte, daß sie immer unter denselben Umständen vorhanden waren -und unter allen Umständen in denselben Farbentönen liegen blieben, -was er im I. Band der Denkschriften für die Münchener Akademie der -Wissenschaften<span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[S. 50]</span> 1814/15 veröffentlichte, legten die Physiker den Linien -wenig theoretische Wichtigkeit bei. <em class="gesperrt">Biot erwähnte sie</em> selbst in -der 3. Auflage seines Lehrbuches <em class="gesperrt">noch nicht</em> und die ersten Bände -von Gehlers physikalischem Lexikon machten auch nur wenig Aufhebens von -ihnen.<a id="FNAnker_36" href="#Fussnote_36" class="fnanchor">[36]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Theorien der Elektrodynamik und des Elektromagnetismus, die -<em class="gesperrt">Ampère</em> aufstellte, wurden anfänglich von den Physikern -<em class="gesperrt">abgelehnt</em>. <em class="gesperrt">Biot</em> war des Unterganges dieser Lehren ganz -sicher und <em class="gesperrt">erhoffte von den Physikern, daß sie ihm seinerzeit die -Ehre zollen würden, daß er von Anfang an diese Hypothesen abgelehnt -habe</em>.<a id="FNAnker_37" href="#Fussnote_37" class="fnanchor">[37]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als <em class="gesperrt">Sadi Carnot</em> 1824, 28jährig, sein Werk »Réflexions sur la -puissance motrice du feu et les machines propres à développer cette -puissance« veröffentlicht hatte, durch das er der <em class="gesperrt">Vater der neueren -Wärmetheorie</em> wurde und in dem er zum ersten Male klar und deutlich -die Erschaffung mechanischer nicht bloß, sondern auch physischer -Kräfte leugnete und das perpetuum mobile mechanicum so gut wie das -perpetuum mobile physicum, wenigstens soweit es thermodynamische -Maschinen betraf, für unmöglich erklärte, erfuhr sein Werk <em class="gesperrt">völlige -Nichtbeachtung</em>. Weder <em class="gesperrt">Berzelius</em> noch <em class="gesperrt">Gehlers</em> -Wörterbuch der Physik erwähnen Carnot. Erst nach der Entdeckung des -mechanischen Äquivalents der Wärme fanden seine Arbeiten die verdiente -Aufmerksamkeit.<a id="FNAnker_38" href="#Fussnote_38" class="fnanchor">[38]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[S. 51]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die von <em class="gesperrt">George Green</em> 1828 gefundene Potentialfunktion wurde -<em class="gesperrt">überhaupt nicht beachtet</em>, ebenso die Arbeiten <em class="gesperrt">Hamiltons</em> -über dasselbe Thema <em class="gesperrt">nur wenig</em>. Erst als <em class="gesperrt">Gauß</em> 1840 die von -ihm kurz Potential genannte Funktion bearbeitete, fand sie allgemeine -Verbreitung und Anerkennung.<a id="FNAnker_39" href="#Fussnote_39" class="fnanchor">[39]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Faradays</em> Bemerkungen über die Influenz fanden keine ungeteilt -günstige Aufnahme und die meisten Physiker, zumal die deutschen, waren -mit seiner Gegnerschaft gegen die actio in distans durchaus nicht -einverstanden. Man hielt seine Ideen von einer vermittelten Fernwirkung -für Gebilde <em class="gesperrt">einer ausschweifenden Phantasie</em> oder verkehrt -geleiteter Philosophie.<a id="FNAnker_40" href="#Fussnote_40" class="fnanchor">[40]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Euler</em> führte 1762 Licht, Wärme und Elektrizität auf eine -allgemeine Ursache, den Äther, zurück. Damit kam er, trotz mancher -Mängel der Hypothese, dem Gesetz der Umwandlung der Kräfte sehr -nahe und verdient unsere höchste Bewunderung dafür, daß er vor mehr -als einem Jahrhundert nicht nur auf eine gemeinsame Wurzel aller -Kräfte hinwies, sondern daß es ihm auch gelang, wenigstens teilweise -die Erscheinungen aus ihr abzuleiten. Da er jedoch <em class="gesperrt">mit Newtons -Autorität kollidierte, wußten seine Zeitgenossen sein Verdienst -nicht zu schätzen</em>. Bezeichnend ist, daß Priestley in seiner zu -London 1772 erschienenen Geschichte der Optik in bezug auf den großen -Mathematiker es <em class="gesperrt">ablehnt</em>, »<em class="gesperrt">den Leser mit bloßen Hypothesen -aufzuhalten</em>«.<a id="FNAnker_41" href="#Fussnote_41" class="fnanchor">[41]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[S. 52]</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Graf Rumford</em> (1753–1814) hatte durch Beobachtungen beim -Kanonenbohren in den Werkstätten des Militärzeughauses zu München und -daran anschließende Versuche festgestellt, daß durch Reiben zweier -Körper aneinander unbestimmte, vielleicht unbegrenzte Mengen von Wärme -erzeugt werden könnten. Daraus folgerte er, daß man <em class="gesperrt">unmöglich diese -Wärme</em> selbst als einen <em class="gesperrt">Stoff annehmen könne</em> – dies nach -der gültigen <em class="gesperrt">Phlogistontheorie</em> geschah –, sondern was durch -Bewegung immer unerschöpflich erzeugt werden könne, selbst nur Bewegung -sei. Daher müsse man alle Wärmeerscheinungen als Bewegungserscheinungen -auffassen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Humphry Davy</em> (1778–1829) prüfte Rumfords Versuche nach -und erzeugte Wärme sogar durch Reibung von Eisstücken, wobei -sich herausstellte, daß das sich bildende Wasser eine höhere -Temperatur erhielt, als die Lufttemperatur gerade betrug. Das war -eine glänzende Bestätigung von Rumfords Versuchen. Er stellte eine -Vibrationstheorie auf und erklärte alle Erscheinungen der Wärme -durch die Annahme, daß in einem festen Körper die Teilchen in -beständig schwingender Bewegung sind. Auch <em class="gesperrt">Thomas Young</em>, der -Wiedererwecker der Undulationstheorie des Lichtes, bekannte sich zur -<em class="gesperrt">Vibrationstheorie</em> und gelangte zur Überzeugung, daß Licht und -Wärme aus ganz gleichartigen Schwingungen bestehen, die sich nur -dadurch unterscheiden, daß die Wärmeschwingungen langsamer sind, -als die des Lichtes. Trotzdem fühlten sich die <em class="gesperrt">Physiker nicht -veranlaßt, diesen Behauptungen</em> Youngs eine größere <em class="gesperrt">Beachtung -zu schenken</em>, als seinen Bemühungen um die Reform<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[S. 53]</span> der Optik. Die -meisten Physiker kehrten, wiewohl sie merkten, daß sich die genannten -Versuche mit der Annahme eines Wärmestoffes schwer vereinigen ließen, -doch zu ihm zurück. Man betrachtete die Erzeugung der Wärme durch -Reibung nur als einen nicht geklärten dunklen Punkt an dem sonst reinen -Himmel der herrschenden Theorie, und bemühte sich mit gutem Erfolg, -diesen dunklen Punkt ganz zu übersehen.<a id="FNAnker_42" href="#Fussnote_42" class="fnanchor">[42]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Giovanni Battista <em class="gesperrt">Guglielmini</em> († 1817) stellte Berechnungen -an über die Abweichung fallender Körper von der Lotlinie und fand, -daß die östliche Abweichung eines von der St. Peterskirche in Rom 240 -Fuß hoch fallenden Körpers durch die Rotation der Erde ½ Zoll von -der Vertikalen betragen müsse. In den Jahren 1790 und 1791 machte er -diesbezügliche Versuche, die mit den Resultaten seiner Berechnung -ziemlich gut übereinstimmten. Wunderbarerweise fand er aber auch -gleichzeitig eine, allerdings geringe, südliche Abweichung. <em class="gesperrt">Laplace -schloß aus dieser Abweichung</em>, die ihm theoretisch unmöglich -erschien, nur, daß die <em class="gesperrt">ganzen Versuche gänzlich ungenau</em> und -<em class="gesperrt">ihr Zeugnis für die Achsendrehung der Erde ganz unkräftig sei</em>.</p> - -<p>Auch als <em class="gesperrt">Benzenberg</em> im Jahre 1802 vom Michelsturm in Hamburg und -im nächsten Jahre in einem Kohlenschacht zu Schlehbusch in der Mark die -Versuche mit gleichem Resultat wieder aufnahm, gelang es ihm nicht, die -meisten Physiker davon zu<span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[S. 54]</span> überzeugen, daß die südliche Abweichung in -Zusammenhang mit der Schwere und Rotation der Erde stünde.<a id="FNAnker_43" href="#Fussnote_43" class="fnanchor">[43]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als es <em class="gesperrt">Davy</em>, der übrigens als Lehrling bei einem Chirurgen -und Apotheker seine glänzende Laufbahn begonnen hatte, gelungen -war, noch vor dem Jahre 1812 das <em class="gesperrt">elektrische Bogenlicht</em> zu -erzeugen, mit dem er Platina, Quarz, Kalk etc. schmolz, erregten diese -Entdeckungen <em class="gesperrt">nicht das Aufsehen</em>, das man hätte erwarten dürfen. -Ja, theoretisch erschien die kolossale Wärme- und Lichtproduktion bei -der geltenden materiellen Theorie der Wärme sogar <em class="gesperrt">beunruhigend</em> -und <em class="gesperrt">unbequem</em>! Man beobachtete hinfort unter den Physikern über -dieses Thema <em class="gesperrt">Schweigen</em>!<a id="FNAnker_44" href="#Fussnote_44" class="fnanchor">[44]</a></p> - -<p><em class="gesperrt">Dufay</em> (1698–1733) war es ein Jahrhundert früher nicht besser -ergangen. Er hatte u. a. die Verschiedenheit der positiven von der -negativen Elektrizität entdeckt. »Das entscheidende Kennzeichen -besteht darin, daß sie sich selbst abstoßen und im Gegenteil eine die -andere anzieht.« Dieses äußerst wichtige Prinzip fand nicht gleich die -verdiente Anerkennung und ist später erst zur Geltung gebracht worden, -<em class="gesperrt">ohne daß man dabei die Verdienste Dufays anerkannt hätte</em>.<a id="FNAnker_45" href="#Fussnote_45" class="fnanchor">[45]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p id="Papin">Der geniale Erfinder <em class="gesperrt">Papin</em>, der bereits den Gedanken hatte, -Wagen durch Dampfkraft zu bewegen, der Versuche mit einem Taucherschiff -anstellte, eine Zentrifugalpumpe erfand, die ohne Ventile und Klappen<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[S. 55]</span> -kontinuierlich das Wasser heben und auch als Blasebalg gut verwendbar -sein sollte, der ferner den nach ihm benannten Dampfkochtopf erfand, -der aber auch erst der Neuzeit die Dienste leistete, die Papin sich -von ihm versprach, hatte den <em class="gesperrt">Plan, ein Schiff durch Dampfkraft zu -bewegen. Es gelang ihm jedoch nicht, die Royal Society, die überhaupt -die Entwicklung der Dampfmaschine wenig beachtete, für seine Idee zu -gewinnen.</em> Er starb in Dürftigkeit.<a id="FNAnker_46" href="#Fussnote_46" class="fnanchor">[46]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1663 erschien aus der Feder des Edward <em class="gesperrt">Somerset, Marquis of -Worcester</em>, in London ein Schriftchen unter dem Titel: A century of -the names and scantlings of such inventions as at present I can coll to -mind to have tried and perfected. Hier erwähnt unter No. 68 Worcester -eine Maschine, die, mit Dampf betrieben, Wasser in beliebiger Menge -auf beliebige Höhe fortdauernd zu heben vermag. Obwohl er auf diesen -<em class="gesperrt">Vorläufer der Dampfmaschine</em> im gleichen Jahre für sich und seine -Erben ein <em class="gesperrt">Patent</em> auf 90 Jahre erhielt, geriet die Erfindung mit -seinem 1667 erfolgten Tode bereits in <em class="gesperrt">Vergessenheit</em>.<a id="FNAnker_47" href="#Fussnote_47" class="fnanchor">[47]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als Poggendorf im XLVIII. Bande seiner Annalen 1839 (S. 193) einen -Aufsatz über <em class="gesperrt">Daguerres</em> Erfindung der <em class="gesperrt">Photographie</em> -brachte, rechtfertigte er die Veröffentlichung folgendermaßen: »Bei dem -allgemeinen und, man kann wohl sagen, <em class="gesperrt">über<span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[S. 56]</span>triebenen Interesse</em>, -welches die Anzeige von Herrn Daguerres Entdeckung im Publikum gefunden -hat...« Das Publikum, d. h. die Nichtzünftler, hat allerdings häufig -genug mehr Verständnis für das Neue bewiesen, als die Hochgelahrten.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Telephon</em>, die Erfindung des Autodidakten Philipp -<em class="gesperrt">Reis</em>, wurde zwar in wissenschaftlichen Werken, ja sogar in -populären Schriften erwähnt. Das hinderte aber nicht, daß es allmählich -<em class="gesperrt">in Vergessenheit geriet</em>. Und zwar so gründlich, daß die mit -Unterstützung der historischen Kommission der bayerischen Akademie der -Wissenschaften herausgegebene »Geschichte der Technologie« von Karl -Kramarsch (München 1872) weder den Namen des Erfinders Reis, noch die -von ihm geprägte Bezeichnung Telephon aufführt. Erst als <em class="gesperrt">Graham -Bell</em>, der den Apparat verbesserte, auch die Idee für sich in -Anspruch nahm, erinnerte man sich in Deutschland des ursprünglichen -Erfinders, dessen Tage gezählt waren.<a id="FNAnker_48" href="#Fussnote_48" class="fnanchor">[48]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die »Edinburgh Review« forderte das Publikum auf, <em class="gesperrt">Thomas Gray</em> -in eine <em class="gesperrt">Zwangsjacke zu stecken, weil er den Plan von Eisenbahnen -entwarf</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ein so großer Gelehrter wie <em class="gesperrt">Sir Humphry Davy lachte</em> über <em class="gesperrt">die -Vorstellung, daß London einmal mit Gas beleuchtet werden solle</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[S. 57]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die französische Akademie der Wissenschaften verspottete den großen -Astronomen <em class="gesperrt">Arago</em>, als er nur das Verlangen stellte, über das -Projekt eines <em class="gesperrt">elektrischen Telegraphen</em> eine Diskussion zu -eröffnen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als <em class="gesperrt">Stephenson</em> vorschlug, <em class="gesperrt">Lokomotiven</em> auf der Liverpool- -und Manchestereisenbahn zu benutzen, führten gelehrte Männer den -<em class="gesperrt">Beweis, daß es unmöglich sei, zwölf englische Meilen in einer -Stunde zurückzulegen</em>. Eine andere hohe wissenschaftliche Autorität -erklärte es für gleich unmöglich, daß <em class="gesperrt">Meeresdampfer</em> jemals den -Atlantischen Ozean durchkreuzen könnten.<a id="FNAnker_49" href="#Fussnote_49" class="fnanchor">[49]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als die <em class="gesperrt">Gasbeleuchtung</em> der Straßen eingeführt werden sollte, -eiferte die <em class="gesperrt">Kölnische Zeitung</em> in der Nummer vom 23. April 1828 -aus theologischen Gründen dagegen. <em class="gesperrt">Es sei unzulässig, die von Gott -dunkel geschaffene Nacht zu erhellen.</em></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Helmholtz</em> erklärte im Jahre 1872 als Mitglied einer vom -preußischen Staate eingesetzte Kommission zur Prüfung äronautischer -Fragen für nicht wahrscheinlich, daß der Mensch, auch durch den -allergeschicktesten flügelähnlichen Mechanismus, den er durch seine -eigene Muskelkraft zu bewegen hätte, jemals sein eigenes Gewicht -in die Höhe heben und dort erhalten könne. Mag der große Gelehrte -mit<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[S. 58]</span> der menschlichen Muskelkraft auch recht behalten haben, so -<em class="gesperrt">lähmte doch anderseits seine Autorität die aviatischen Bestrebungen -überhaupt</em>.<a id="FNAnker_50" href="#Fussnote_50" class="fnanchor">[50]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Professor am Polytechnikum in Hannover und dessen nachmaliger -Rektor Wilhelm <em class="gesperrt">Launhardt</em> (geb. 1832), ein hochangesehener -Ingenieur und Fachschriftsteller, warnte seine Zuhörer davor, sich -mit den stets vergeblich gewesenen Versuchen zur Erfindung eines -<em class="gesperrt">Automobils</em> abzuplagen.<a id="FNAnker_51" href="#Fussnote_51" class="fnanchor">[51]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wenden wir uns nun der Medizin zu, in der es den großen Männern um kein -Haar besser erging als in den Naturwissenschaften oder der Technik.</p> - -<p><em class="gesperrt">Leopold Auenbrugger</em> (1722–1809), Arzt in Wien, erfand -die <em class="gesperrt">Perkussionsmethode</em>, über deren Unentbehrlichkeit zur -physikalischen Untersuchung des Körpers niemand im Zweifel ist. -Und zwar fand er nicht durch Zufall diese großartige Erleichterung -der Diagnose, sondern durch Nachdenken und Experiment, dabei ganz -unvorbereitet und ohne jegliche Andeutung früherer Beobachter. Er -veröffentlichte seine hochbedeutende Erfindung im Jahre 1761 in Wien -nach siebenjähriger Vorarbeit unter dem Titel Inventum novum ex -percussione thoracis humani ut signo abstrusos interni pectoris morbos -detegendi.</p> - -<p>Es handelt sich hier um einen der ersten und glänzendsten Triumphe der -anatomischen Forschung, und der Gedanke liegt nahe, daß das auch die -Zeit<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[S. 59]</span>genossen erkannt hätten. Wer aber das Verhalten der Zunft und -Autoritäten dem Neuen gegenüber kennt, wird es weniger erstaunlich -finden, daß nur ein einziger Arzt namens <em class="gesperrt">Stoll</em> den Wert der -Untersuchungsmethode durch Perkussion, wenn auch nicht ihrem vollen -Umfange nach, erkannt und dieselbe geübt hat. <em class="gesperrt">Van Swieten</em> -und <em class="gesperrt">de Haën</em> schenkten Auenbruggers großer Leistung keine -Aufmerksamkeit. Von einigen Seiten wurde die Entdeckung lächerlich -gemacht, von andern mißverstanden. So schrieb unter andern <em class="gesperrt">Vogel</em> -in einer Kritik der Auenbruggerschen Schrift (Neue med. Bibliothek -1766, VI, S. 89), daß dieses Inventum mit besserem Recht novum -antiquum, als novum hätte benannt werden können, <em class="gesperrt">da es nichts -anderes als die von Hippokrates geübte Sukkussion sei</em>.</p> - -<p>Es ist ja eine beliebte Methode, das Neue zunächst als schlecht -abzulehnen. Dann den Nachweis zu erbringen, daß es überhaupt nicht -neu ist. Leute, deren Sitzorgane in umgekehrtem Verhältnis zu den -Denkorganen entwickelt sind, werden auch stets Anklänge in irgendeinem -alten Schmöker finden. Vogel war jedenfalls vorsichtig, als er das -hohe Alter einer Erfindung festzustellen versuchte, bevor deren -Wert anerkannt worden war. Bezeichnend ist das Urteil des berühmten -<em class="gesperrt">Haller</em> (Göttingische gelehrte Anzeigen 1762, S. 1013). »Alle -dergleichen Vorschläge verdienen zwar nicht auf der Stelle angenommen, -aber mit Achtung gehört zu werden.« Nur keine Eile!</p> - -<p>Da die wenigen günstigen Urteile keine Beachtung fanden, geriet -Auenbruggers Erfindung und Schrift in <em class="gesperrt">völlige Vergessenheit</em>, -bis der große<span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[S. 60]</span> Pariser Arzt <em class="gesperrt">Corvisart</em> ihr den ihr gebührenden -Platz in der praktischen Heilkunde sicherte. Im Jahre 1808, also ein -Jahr vor des genialen Erfinders Tode, aber <em class="gesperrt">47 Jahre nach ihrer -Veröffentlichung</em>, gab er unter dem Titel »Nouvelle methode pour -reconnaître les maladies internes de la poitrine par la percussion de -cette cavité« eine Übersetzung des Werkes heraus, deren Vorwort bewies, -daß er als erster die Bedeutung dieser Erfindung für das Heil der -Kranken in ihrem ganzen Umfange vollkommen gewürdigt hatte.<a id="FNAnker_52" href="#Fussnote_52" class="fnanchor">[52]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ganz ähnlich wie der Perkussion erging es der zur Diagnose nicht minder -wichtigen <em class="gesperrt">Auskultation</em>. Der selbständige Erfinder der klinischen -Auskultation war der bekannte französische Arzt <em class="gesperrt">Laënnec</em> (1781 -bis 1826). Zwar hatten bereits die alten griechischen Ärzte diese -Methode angewandt, sie war aber völlig in Vergessenheit geraten, so -daß Laënnecs Erfinderruhm nicht gemindert wird, um so weniger, als er -auch das Stethoskop anwandte und sich als Meister in der Determination -akustischer Zeichen erwies. Der von ihm in die Auskultation -eingeführten Nomenklatur bedienen sich noch die heutigen Ärzte. Sein -Werk ist ein vollständiges Handbuch der Diagnostik, zumal in seiner -zweiten 1826 erschienenen Auflage. Übrigens gedenkt Laënnec auch der -Perkussion, nur daß er die Leistungen dieser Methode für sich allein -für eng begrenzt und zweifelhaft hält.</p> - -<p>Zunächst fand Laënnec auch bei seinen Landsleuten <em class="gesperrt">keine -allgemeine Anerkennung</em>. Man<span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[S. 61]</span> eiferte von mancher Seite gegen die -»Cylindromanes«. Besonders <em class="gesperrt">Broussais</em> (Examen des doctrines -médicales ... T. II, Paris 1821) hatte vielfache oft recht kleinliche -Bemängelungen und Ausstellungen. Am ersten wurde die neue Methode in -England, zuletzt in Deutschland angenommen.<a id="FNAnker_53" href="#Fussnote_53" class="fnanchor">[53]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Franz Anton Mesmer</em> (1733–1815) suchte nachzuweisen, daß die -Himmelskörper durch ihre gegenseitigen Anziehungskräfte einen Einfluß -auf unser Nervensystem ausüben (de Planetarum influxu 1766). Ferner -beschäftigte er sich viel mit Magnetismus, den er für heilkräftig -hielt und mit dem er auch Heilungen vollführte. Als er bemerkte, daß -auch ohne Anwendung des Magnetes durch bloßes Streichen mit den Händen -eigentümliche Wirkungen hervorgebracht wurden, schloß er daraus auf -eine von ihm ausströmende, dem Magnetismus verwandte Kraft, die er -»<em class="gesperrt">tierischen Magnetismus</em>« nannte und in sein Heilsystem aufnahm. -(Sendschreiben an einen auswärtigen Arzt über die Magnetkunde, Wien -1775.) Tatsächlich gelang es ihm, Schlaf zu erzeugen, er beobachtete -den Somnambulismus und das Hellsehen, ließ mit den Fingerspitzen -verschlossene Briefe lesen u. a. m. Andere identifizierten die -zugrundeliegende geheimnisvolle Kraft nicht mit dem Magnetismus, -sondern, wie Reichenbach mit dem von ihm angenommenen Od, oder wie -Kieser, Gmelin, Passavant mit Tellurismus, Siderismus oder Nervenäther.</p> - -<p>Doch die Erklärungsversuche der Phänomene haben für uns weniger -Interesse, als die Stellung der<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[S. 62]</span> wissenschaftlichen Welt zu Mesmer. -In Wien hatte er wenig Glück. Eine Partei tat das, was dem unbequemen -Neuen gegenüber immer das Naheliegendste ist und was deshalb unsere -offizielle Wissenschaft auch heute noch den okkulten Phänomenen -gegenüber tut: <em class="gesperrt">sie leugnete kurzweg alles</em>. Selbst Wiener -Augenzeugen (Störck, Barth, Ingenhouß) sprachen sich nicht für die -Glaubwürdigkeit seiner magnetischen Kuren aus. Nur wenige Ärzte, die -die Vorgänge an Magnetisierten beobachtet hatten, gaben ein, wenn -auch nicht absolut günstiges, so doch reserviertes Urteil über die -Vorgänge ab. Zwar begründete Mesmer in Wien ein Spital zur Ausübung -seiner Heilmethode, mußte die Kaiserstadt aber 1778 verlassen, um -sich nach Paris zu begeben. Hier wurde der Magnetismus zur Modesache. -Das hinderte aber – und mit Recht – die Gelehrten natürlich nicht, -nach wie vor ihm kritisch gegenüberzustehen. Daß die Pariser Akademie -der Wissenschaften und die medizinische Fakultät, Instanzen, denen -1784 die Untersuchung übertragen war, und in denen Männer wie Leroy, -Bailly, Lavoisier u. a. saßen, die Heilerfolge einfach auf die Macht -der Einbildung zurückführten und damit alle Mesmerschen Experimente -leugneten, zeugt allerdings nicht von übergroßem Scharfblick. Mesmer -sah sich daraufhin gezwungen, nach Deutschland zurückzukehren.</p> - -<p>Daß sich Mystik und Schwärmerei der wunderbaren Entdeckung -bemächtigten, liegt nahe, ebenso daß dadurch ernste Männer zu erhöhter -Skepsis veranlaßt wurden. Tatsächlich fiel bereits in den dreißiger -Jahren des 19. Jahrhunderts der tierische Magnetismus bei den Ärzten -in Mißachtung, nachdem er eine<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[S. 63]</span> Zeitlang Anhänger gehabt hatte. Mesmer -aber galt hinfort als Schwindler.</p> - -<p>Wir wollen hier natürlich keine Lanze für den tierischen Magnetismus -brechen, noch für Reichenbachs Od oder andere Erklärungsversuche. -Wohl aber legen wir Gewicht auf die sich auch hier wiederholende -Erscheinung, daß <em class="gesperrt">Tatsachen geleugnet werden, weil sie in das gerade -herrschende System nicht passen, oder weil Phantasten aus ihnen zu weit -gehende Schlüsse ziehen</em>.</p> - -<p>Doch Mesmer sollte eine, allerdings sehr späte, Rechtfertigung -erfahren. Im Jahre 1841 machte der Arzt <em class="gesperrt">James Baid</em> (1795–1860) -in Manchester die Entdeckung, daß bei einzelnen Individuen durch -jedes beliebige Verfahren, das die Aufmerksamkeit auf <em class="gesperrt">einen</em> -Punkt lenkt, ein eigentümlicher Schlaf hervorgerufen werden kann -und daß dieses Verfahren sich unter Umständen auch als Heilmittel -empfehle. In seiner 1843 erschienenen Schrift nannte er diese -Erscheinung Neurypnologie (so der Titel des Buches) oder Hypnotismus. -Er beobachtete dieselben Erscheinungen wie beim Mesmerismus, -verwahrte sich aber – vielleicht durch das Beispiel jenes gewarnt -– mit aller Entschiedenheit gegen die Annahme einer besonderen, -vom Arzt ausgeübten, Kraft und betonte, daß sie lediglich auf einer -eigentümlichen subjektiven Stimmung beruhe, in der das Individuum -durch nervöse Erregung, herbeigeführt durch Konzentration des Geistes -auf einen Gedanken, versetzt werde oder sich selbst versetze. Erst -im Todesjahre Braids 1860 wurde durch Broca und Azam der Braidismus -als ein wichtiger Fortschritt erkannt und der Pariser<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[S. 64]</span> Akademie der -Wissenschaften davon Mitteilung gemacht. Trotzdem blieben diese -Erscheinungen bis zum Ende der siebziger Jahre ziemlich unbekannt. -Erst durch das Auftreten des gewerbsmäßigen Hypnotiseurs <em class="gesperrt">Hansen</em> -1879 angeregt, haben seit 1880 die exakten Untersuchungen von seiten -kompetenter Naturforscher die <em class="gesperrt">Realität der mit dem Namen Hypnotismus -bezeichneten Erscheinungen</em> und die <em class="gesperrt">Identität derselben mit den -von fremden Zutaten entkleideten Beobachtungen Mesmers außer aller -Frage gestellt</em>.<a id="FNAnker_54" href="#Fussnote_54" class="fnanchor">[54]</a></p> - -<p><em class="gesperrt">Virchow</em> blieb bekanntlich zeitlebens ein Leugner und Hauptgegner -des Hypnotismus.</p> - -<p>Bedenkt man nun, daß Suggestion, Hypnotismus, Somnambulismus, -Hellseherei und wie diese Erscheinungen alle heißen mögen, seit vielen -Jahrtausenden bekannt und geübt sind, daß Mesmer zuerst die Augen des -gebildeten Europa mit negativem Erfolg auf seine Experimente richtete -und daß nach seinem Tode 70, nach der ersten Veröffentlichung seiner -Beobachtungen mehr als 100 Jahre vergingen, dann wird man gegen -Negationen von Autoritäten und Akademien nicht minder mißtrauisch -werden, als man vorurteilslos an irgendwelche noch so phantastisch -erscheinende Behauptungen herantreten wird. Was aber Hypnotismus und -Suggestion ihrem Wesen nach sind, weiß man heute ebensowenig, wie in -Mesmers Tagen. Man begnügt sich mit Beschreibung der Beobachtungen -und Anwendung der gemachten Erfahrungen. Ob das aber prinzipiell den -Hypothesen eines Mesmer und Reichenbach gegenüber ein Fortschritt ist, -sei dahingestellt. Auch auf diesem Felde wird die Zukunft<span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[S. 65]</span> uns nicht -durch, sondern trotz der Autoritäten die Wahrheit entschleiern.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Dialectical Society in London hielt im Jahre 1869 eine große Anzahl -von Sitzungen zur Erforschung der sogenannten okkulten Phänomene ab, -an denen unter anderen bedeutenden Männern auch <em class="gesperrt">Alfred Russel -Wallace</em> teilnahm. Die Resultate über Tischrücken, Klopfen, -Bewegung von Gegenständen ohne Kontakt etc. waren so erstaunlich, -daß mehrere Mitglieder der Gesellschaft sich weigerten, die Schlüsse -anzuerkennen, es sei denn, der Chemiker <em class="gesperrt">Crookes</em> hätte sie -nachgeprüft. Der berühmte Gelehrte unterzog sich dieser Aufgabe mit -dem Erfolge, daß er die erstaunlichsten Beobachtungen der Dialectical -Society nicht nur bestätigen, sondern sogar ergänzen konnte. Z. B. -gelang es, eine Ziehharmonika ohne Berührung zum Spielen zu bringen, -Gewichtsveränderungen von Körpern zu erzielen, Tische und Stühle, ja -menschliche Körper ohne Berührung in die Höhe zu heben etc. Hatte -früher Crookes Bereiterklärung, sich der Nachprüfung zu unterziehen, -das Entzücken aller Kritiker geweckt, schlug die Stimmung ins konträre -Gegenteil um, als die Hoffnungen, der Gelehrte werde ein neues Zeugnis -zugunsten ihrer Ansichten bringen, sich nicht erfüllten. <em class="gesperrt">Die -Königliche Gesellschaft in London aber</em>, deren Mitglied Crookes -ist, und die seine Beteiligung an den okkulten Forschungen gebilligt -hatte, solange sie annehmen konnte, es handle sich um Schwindel, -<em class="gesperrt">nahm seine Schrift nicht an</em>, als er den Bekennermut bewies, das -zu bestätigen,<span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[S. 66]</span> was er gesehen hatte. Professor <em class="gesperrt">Stokes</em>, der -Sekretär der Gesellschaft, weigerte sich, sich mit diesem Gegenstande -zu befassen und <em class="gesperrt">auch nur den Titel unter den akademischen -Publikationen einzutragen</em>. Es war die genaue Wiederholung -dessen, was an der Akademie in Paris im Jahre 1853 den Versuchen des -Grafen <em class="gesperrt">Gasparin</em> gegenüber geschehen war und was die Londoner -Gesellschaft einst Franklins Blitzableiter gegenüber getan hatte.<a id="FNAnker_55" href="#Fussnote_55" class="fnanchor">[55]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als <em class="gesperrt">Lombroso</em> den Nachweis erbracht hatte, daß <em class="gesperrt">das -Pelagra</em>, eine in Italien furchtbare Opfer fordernde Krankheit, -durch Vergiftung mit verdorbenem Mais entstehe, wurde diese Theorie -jahrelang <em class="gesperrt">mit wahrer Wut bekämpft</em>, bis sie sich allgemein -durchsetzte. Heute zweifelt niemand mehr daran, daß Lombroso die -Ursache des Pelagra richtig erkannte.</p> - -<p>Ähnlich ging es ihm mit der Theorie des <em class="gesperrt">geborenen Verbrechers</em>, -die auch heute noch von vielen abgelehnt wird. Immerhin ist sie ins -Strafrecht eingedrungen, z. B. in Ungarn, aber auch in Deutschland, wo -man versucht, der Person des Verbrechers Rechnung zu tragen.</p> - -<p>Diese einem Aufsatz von Lombrosos langjährigem Freunde A. -<em class="gesperrt">Pfungst</em> entnommenen Angaben sind auch deshalb interessant, weil -der Autor das Eintreten des italienischen Gelehrten für Okkultismus -und Spiritismus damit entschuldigt, »daß das Alter seine eminente -Beobachtungsgabe, auf die er sich bei den spiritistischen Experimenten -blindlings verließ, schon<span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[S. 67]</span> sehr geschwächt hatte« (S. 641). Also auch -hier Theorie gegen Beobachtung und Experiment.<a id="FNAnker_56" href="#Fussnote_56" class="fnanchor">[56]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Karl <em class="gesperrt">Schleich</em>, der Erfinder der subkutanen Einspritzung zur -Erreichung der Anästhesie wurde von den Kollegen heftig bekämpft.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Lord Lister</em> (geb. 1827), der Vater der modernen -<em class="gesperrt">Wundbehandlung</em>, der zuerst Desinfektion der Wunde, dann aller -mit der Wunde in Berührung kommenden Gegenstände anwandte und empfahl, -hatte zwar in Deutschland größeren Erfolg als in seinem Vaterlande, -aber auch bei uns wurde seine großartige Entdeckung von <em class="gesperrt">einigen -bedeutenden Chirurgen skeptisch aufgenommen</em>. Und doch wüteten -damals Pyämie (Eiterfieber), Septichämie (Blutvergiftung), Wundrose, -Hospitalbrand, Lymphgefäß- und Venenentzündung in entsetzlicher -Weise. In Nußbaums Krankenhaus verfielen diesen Infektionskrankheiten -alle komplizierten Brüche, fast alle Amputationen. 1872 kam dazu -der Hospitalbrand, der sich bis 1874 so vermehrte, daß 80% <em class="gesperrt">aller -Wunden</em> und Geschwüre von ihm ergriffen, vielfach Knochen -abgestoßen, Gefäße angefressen wurden, und zwar in Fällen, die -vielleicht wegen eines entzündeten Fingers, einer Schrunde am Kopf oder -einer anderen Kleinigkeit ins Spital kamen. »<em class="gesperrt">Eine wirklich glatte -Heilung hat man vor dem Jahre 1875 auf dieser Klinik nie gesehen.</em>« -Wie durch einen Zauber<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[S. 68]</span> verschwand das alles durch Listers große, von -Nußbaum in ihrer Tragweite erkannte Erfindung.<a id="FNAnker_57" href="#Fussnote_57" class="fnanchor">[57]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Pfarrer I. F. <em class="gesperrt">Esper</em> (1742–1810) hatte in den Gailenreuther -Höhlen der Fränkischen Schweiz zwischen den Resten vorweltlicher -Tiere auch Menschenknochen entdeckt, und die Fundgeschichte 1774 -veröffentlicht. In seinem Werke »Ausführliche Nachricht von -neuentdeckten Zoolithen«, das sich durch heute noch vollkommen -brauchbare Abbildungen der von ihm entdeckten diluvialen Höhlentiere -auszeichnet, hatte er ganz im Sinne der modernen Wissenschaft -argumentiert: Der Mensch, dessen Reste mit denen der diluvialen -Säugetiere im Höhlenschlamme begraben wurden, muß auch mit diesen -Tieren gelebt haben, er war sonach Zeuge der »großen Flut«.</p> - -<p>Daß sein Fund falsch gedeutet wurde, war des großen <em class="gesperrt">Cuvier</em> -(1769–1832) Schuld. Er erkannte zwar die wissenschaftliche Richtigkeit -des Esperschen Fundes an, aber für den diluvialen Menschen war in -seinem Weltsystem kein Raum. Seine bis vor wenigen Jahrzehnten in -der Wissenschaft herrschende Katastrophentheorie nahm gewaltige -Erdrevolutionen an, die die organischen Schöpfungen der vorausgehenden -geologischen Periode vollkommen vernichteten, so daß durch Neuschöpfung -sich nach jeder solchen Revolution die Erde neu bevölkern mußte. Da sei -es undenkbar, daß der Mensch, der Periode des Alluviums angehörig, die -Katastrophe, die vor 5–10000 Jahren das Diluvium mit Mammut, Elefant, -Nashorn etc. vernichtete, überdauert hätte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[S. 69]</span></p> - -<p>Cuviers Autorität wurde noch gestützt durch die der <em class="gesperrt">Bibel</em>, deren -Sintflutsage er eine gewisse wissenschaftliche Stütze gewährte. Deshalb -wurde dieser Katastrophentheorie besonders in England, »wo theologische -Vorurteile von jeher die geologischen Anschauungen beeinflußten«, -gehuldigt. Sie erschwerte <em class="gesperrt">Darwin</em> und <em class="gesperrt">Lyell</em> den Sieg der -Evolutionstheorie, die uns heute beherrscht.</p> - -<p>Ohne Cuvier würde man ohne Zweifel den Homo diluvii testis, den -Diluvialmenschen, weiter gesucht haben, wie <em class="gesperrt">Scheuchzer</em> -(1672–1733) ihn ja bereits gefunden zu haben glaubte. Allerdings -erkannte Cuvier in der Versteinerung, die Scheuchzer in einem -vortrefflichen Kupfer publizierte und mit dem schönen Vers:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">»Betrübtes Bein-Gerüst von einem alten Sünder,</div> - <div class="verse indent2">Erweiche Stein und Hertz der neuen Boßheits-Kinder«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="p0">zierte, statt eines Kindes, einen 1 m langen <em class="gesperrt">Wassermolch</em>.<a id="FNAnker_58" href="#Fussnote_58" class="fnanchor">[58]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1856 wurde im Devonkalk des Neandertales bei Düsseldorf -ein Skelett gefunden, das nach den geologischen Umständen des Ortes -zweifellos in außerordentlich hohe Vorzeit hinauf reicht. Heute -weiß man, zumal inzwischen in Spy, Krapina, Brünn, La Naulette und -anderwärts ähnliche Reste gefunden wurden, daß es sich hier um -Überbleibsel einer tiefstehenden fossilen Menschenrasse handelt. Das -hatte bereits Dr. <em class="gesperrt">Fuhlrott</em>, dem die betreffenden Skelettteile -zuerst übermittelt wurden, festgestellt. Daß er<span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[S. 70]</span> damals mit seiner -Ansicht vom europäischen Urmenschen nicht durchdrang, lag an den -Autoritäten. <em class="gesperrt">Professor Mayer</em> in Bonn meinte, die Gebeine -rührten von einem 1814 gestorbenen Kosaken her, Professor <em class="gesperrt">Rudolf -Wagner</em> in Göttingen erkannte in ihnen einen alten Holländer wieder, -Dr. <em class="gesperrt">Pruner-Bey</em> in Paris aber einen Kelten. Maßgebend blieb -die Ansicht <em class="gesperrt">Virchows</em>, der größten damaligen Autorität, der -die Reste mit einem gichtbrüchigen Greis identifizierte. <em class="gesperrt">Ihm war -es zuzuschreiben, daß lange Zeit die Anthropologen von der richtigen -Deutung abgehalten wurden.</em><a id="FNAnker_59" href="#Fussnote_59" class="fnanchor">[59]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Abraham Gottlob <em class="gesperrt">Werner</em> (1750–1817), hervorragender Mineraloge -und Vater der Geognosie, stellte die »neptunische Lehre« auf, d. h. die -Hypothese, daß der Ozean der Quell aller Bildungen der Erde sei und -jede neue Gestaltung im Mineralreich sich aus dem Wasser bilde. Sein -Schüler Voigt bestritt das, besonders mit Rücksicht auf den Basalt, -erlitt aber durch Werners Autorität eine Niederlage. <em class="gesperrt">Erst nach -seinem Tode</em> konnte <em class="gesperrt">Buchs</em> und <em class="gesperrt">Humboldts</em> Vulkantheorie -Boden fassen.<a id="FNAnker_60" href="#Fussnote_60" class="fnanchor">[60]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Über den großen 1751 bei Agram gefallenen Meteorstein schrieb der -gelehrte Wiener Professor <em class="gesperrt">Stütz</em> 1790: »daß das Eisen vom Himmel -gefallen sein soll, mögen wohl 1751 selbst Deutschlands aufgeklärte -Köpfe bei der damals unter uns herrschenden<span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[S. 71]</span> Ungewißheit in der -Naturgeschichte und Physik geglaubt haben, aber in unseren Zeiten -wäre es <em class="gesperrt">unverzeihlich, solche Märchen auch nur wahrscheinlich zu -finden</em>.«</p> - -<p>An mehreren Museen wurden solche Meteorsteine sogar <em class="gesperrt">weggeworfen</em>, -»<em class="gesperrt">um sich nicht durch das Behalten derselben lächerlich zu -machen</em>«.</p> - -<p>Im gleichen Jahre 1790 fiel ein Stein bei Juillac in Frankreich nieder, -und der Maire dieser Stadt sandte einen mit der Unterschrift von 300 -Zeugen versehenen Bericht an die <em class="gesperrt">Akademie der Wissenschaften</em>. -Aber die Herren Akademiker waren ihrer Sache zu sicher.</p> - -<p>Der Referent <em class="gesperrt">Bertholon</em> sagte, man müsse eine Gemeinde -bemitleiden, welche einen so törichten Maire habe, daß er solche -<em class="gesperrt">Märchen</em> glaube. Und er fügte hinzu: »Wie traurig ist es nicht, -eine ganze Munizipalität durch ein Protokoll in aller Form Volkssagen -bescheinigen zu sehen, die nur zu <em class="gesperrt">bemitleiden</em> sind. Was soll -ich einem solchen Protokoll weiter beifügen? Alle Bemerkungen ergeben -sich einem philosophisch gebildeten Leser von selbst, wenn er dieses -authentische Zeugnis eines offenbar falschen Faktums, eines <em class="gesperrt">physisch -unmöglichen Phänomens</em> liest.«</p> - -<p>Alle, die den herrschenden Ansichten dieser Gelehrten nicht beistimmen -wollten, wurden <em class="gesperrt">verlacht</em>.</p> - -<p>Der sonst sehr ruhig denkende Gelehrte A. <em class="gesperrt">Deluc</em> sagte sogar: -Wenn ihm ein solcher Stein vor die Füße fallen würde, müßte er zwar -sagen, er habe es gesehen, <em class="gesperrt">könne es aber doch nicht glauben</em>. -Auch <em class="gesperrt">Vaudin</em> sagte, man müsse so unglaubliche<span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[S. 72]</span> Dinge <em class="gesperrt">lieber -wegleugnen, als sich auf Erklärungen derselben einlassen</em>.</p> - -<p>Das war die Ansicht der französischen Akademie, die damals unter -dem Vorsitz des berühmten Laplace in der Wissenschaft unbedingt -dominierte.<a id="FNAnker_61" href="#Fussnote_61" class="fnanchor">[61]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als <em class="gesperrt">Piazzi</em> im Jahre 1801 die Entdeckung des ersten Planetoiden -Ceres machte, wies sie <em class="gesperrt">Hegel</em> (De orbitis planetarum, Jena 1801) -aus philosophischen Gründen zurück.<a id="FNAnker_62" href="#Fussnote_62" class="fnanchor">[62]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Bekanntlich ist heute noch nicht der Kampf zwischen Lamarckismus und -Darwinismus völlig entschieden und wird es wohl auch nur im Sinne -einer Verschmelzung beider Lehren werden können. Da ist es nicht nur -erstaunlich, daß Lamarcks »Philosophie zoologique«, wiewohl sie in -einem naturphilosophischen Zeitalter erschien, fast unbeachtet blieb, -mehr noch ist es des großen Darwin Urteil über dieses hervorragende -Werk. Er nennt die Philosophie zoologique ein <em class="gesperrt">wertloses Buch</em>, -aus dem er nicht <em class="gesperrt">eine</em> Tatsache und nicht <em class="gesperrt">eine</em> Idee -entnommen habe. Mit diesem widersinnigen Buche habe Lamarck der -Abstammungslehre mehr geschadet als genützt.<a id="FNAnker_63" href="#Fussnote_63" class="fnanchor">[63]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Herbert Spencer</em> (1821–1903), der größte englische Philosoph des -ausgehenden 19. Jahrhunderts, wurde in solchem Maße als Autodidakt -behandelt,<span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[S. 73]</span> daß sein bedeutendes Buch »Social Statics«, das im -ganzen nur in erster Auflage in 157 Exemplaren erschien, <em class="gesperrt">erst in -14 Jahren abgesetzt wurde</em>. Als nach 24jähriger Tätigkeit sein -Erfolg gesichert war, lehnte er die dem unstudierten Manne von den -Universitäten von St. Andrews, Bologna, Cambridge, Edinburgh und -Budapest zugedachte Würde eines Ehrendoktors ab, wie er auch den Antrag -der Akademien von Rom, Turin, Neapel, Paris, Philadelphia, Kopenhagen, -Brüssel, Wien und Mailand, ihn zum korrespondierenden Mitglied zu -ernennen, zurückwies.<a id="FNAnker_64" href="#Fussnote_64" class="fnanchor">[64]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wie <em class="gesperrt">Robert Mayers</em> erste Arbeiten überall totgeschwiegen wurden, -und zwar so gründlich, daß weder in akademischen Zeitschriften darüber -referiert noch in anderen Werken von ihnen Notiz genommen wurde, -so erging es auch ähnlich <em class="gesperrt">Helmholtz’</em> Abhandlung »Über die -Erhaltung der Kraft«. Er sagt selbst darüber: »<em class="gesperrt">Die Aufnahme meiner -Arbeit in Poggendorffs Annalen wurde mir verweigert</em>, und unter den -Mitgliedern der Berliner Akademie war es nur C. G. <em class="gesperrt">Jacobi</em>, der -Mathematiker, der sich meiner annahm. Ruhm und äußere Förderung war in -jenen Zeiten mit der neuen Überzeugung noch nicht zu gewinnen, eher das -Gegenteil!«<a id="FNAnker_65" href="#Fussnote_65" class="fnanchor">[65]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Auch die prophetischen Worte E. H. <em class="gesperrt">Webers</em>, die er im Jahre 1835 -über die zukünftigen Funktionen des elektromagnetischen Telegraphen -sprach, blieben vom Spott nicht verschont.<a id="FNAnker_66" href="#Fussnote_66" class="fnanchor">[66]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[S. 74]</span></p> - -<p>Übrigens hat der gleiche große Physiologe Ernst Heinrich Weber zu -wiederholten Malen <em class="gesperrt">Zöllner</em> gegenüber geäußert, daß von allen -wissenschaftlichen Theorien <em class="gesperrt">Virchows auch nicht eine einzige das -Ende seines irdischen Daseins überdauern würde</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als <em class="gesperrt">William Jones</em> und <em class="gesperrt">Henry Thomas Colebrooke</em> (1765–1857) -das <em class="gesperrt">Sanskrit</em> erstmalig gründlich studiert, teilweise übersetzt -und gefunden hatten, daß es eine reiche Literatur und nicht geringe -Verwandtschaft mit den klassischen Sprachen aufwies, stießen sie -auf nicht geringen Widerstand. Da sich mit dieser innigen Beziehung -des Sanskrits zu den geographisch so weit entlegenen europäischen -Sprachen die alten Anschauungen, welche entweder alle Sprachen aus -dem Hebräischen ableiteten oder größtenteils von einander isolierten, -nicht in Einklang bringen lassen, so ergriff der <em class="gesperrt">berühmte Philologe -Dugald Steward</em> (1753–1828) den einfachsten Ausweg, indem er <em class="gesperrt">die -ganze Geschichte mit der Sanskritsprache für eine Lüge erklärte</em>. -Er schrieb einen Essay, in dem er zu beweisen suchte, daß sie von -den spitzbübischen Brahmanen nach dem Muster des Griechischen und -Lateinischen zusammengeschmiedet sei und <em class="gesperrt">die Sprache sowohl als auch -die Literatur eine Fälschung</em> seien. Diese Ansicht entwickelte noch -im Jahre 1840 der Professor in Dublin, <em class="gesperrt">Charles William Wall</em>, -weitläufig (Göttingische gelehrte Anzeigen 1842 S. 1888).<a id="FNAnker_67" href="#Fussnote_67" class="fnanchor">[67]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[S. 75]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Endlich wollen wir die Niederlage nicht vergessen, die sich -Autoritäten und Fachleute noch in allerletzter Zeit in der Frage der -<em class="gesperrt">Wünschelrute</em> holten. Bekanntlich versteht man darunter eine -Rute oder auch einen Draht, der in der Hand gewisser besonders dazu -disponierter Leute durch heftiges Ausschlagen das Vorhandensein von -unterirdischen Wasserläufen anzeigt. Auch Erzlager sollen auf diese -Weise auffindbar sein. Das Gerücht von der wunderbaren Kraft der -Wünschelrute, die zumeist aus Hasel oder Weide gemacht wird, geht seit -Urzeiten im Volke. Statt nun nachzuprüfen und dabei zu finden, daß -die Beobachtungsgabe des Volkes, wie sich schon oft zeigte, der der -Gelehrten kaum nachsteht, wenn auch die kritische Sichtung mangelhaft -ist, wurde das Phänomen von den Gelehrten <em class="gesperrt">rundweg als Humbug -abgelehnt</em>.</p> - -<p>Das geschah auch, nachdem Landrat von <em class="gesperrt">Uslar</em> unbestreitbare -Erfolge in Südwestafrika aufzuweisen hatte. Im »Prometheus« wurde -in den neunziger Jahren ein heftiger Kampf über die Möglichkeit -des Phänomens bzw. dessen Wirklichkeit zwischen Theoretikern, die -negierten, und Praktikern, die auf die unleugbaren Erfolge hinwiesen, -geführt. Besonders ein Ingenieur H. <em class="gesperrt">Ehlert</em> konnte sich in -gehässigen Angriffen nicht genug tun.</p> - -<p>Da griff in den Jahren 1908 und 1909 der Münchner Arzt Dr. -<em class="gesperrt">Aigner</em>, also natürlich wieder ein Laie, die Frage auf und -es gelang ihm durch eine große Zahl praktischer Beweise, die er in -Gegenwart von Vertretern des Magistrates erbrachte, festzustellen, daß -die Wünschelrute tatsächlich in den Händen<span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[S. 76]</span> von gewissen Leuten die ihr -zugeschriebene Wirkung ausübt.</p> - -<p>Über die Erklärung des Phänomens mögen sich die Fachleute in die Haare -geraten. Das Wichtigste ist die Konstatierung der Tatsächlichkeit. -Der dem Mittelalter gemachte Vorwurf, statt die eigenen Augen zu -gebrauchen, nach »Beweisen« bei Aristoteles, Galen und anderen -Autoritäten zu fahnden, kann auch der gelehrten Zunft von heute nicht -erspart werden. Auch sie lehnt schlankweg alles ab, was nicht in ihre -Theorien und Hypothesen paßt, statt die Phänomene zu prüfen und von -der festen Basis des Experimentes aus die Richtigkeit der Theorien zu -untersuchen.<a id="FNAnker_68" href="#Fussnote_68" class="fnanchor">[68]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Nicht nur auf dem weiten Felde der Wissenschaft, nicht minder im Reiche -der Kunst deckt sich eine Geschichte der Kritik mit einer solchen der -Blamage der Autoritäten und Sachverständigen. Es sei zugegeben, daß -gerade in der Musik sehr viel auf den Geschmack ankommt, da es einen -objektiven Maßstab entsprechend der wissenschaftlichen Wahrheit nicht -gibt. Immerhin ist es amüsant und lehrreich zu sehen, wie auf allen -Gebieten der Fortschritt sich nur im harten Kampfe mit dem Bestehenden -durchsetzen konnte.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im »Musikalischen Wochenblatt« sprach ein zeitgenössischer Leser seine -»freimütigen Gedanken« über <em class="gesperrt">Mozart</em> aus und zwar <em class="gesperrt">nach</em> -dessen Don Giovanni:</p> - -<p>»Niemand wird in Mozart den Mann von Talenten und den erfahrenen, -reichhaltigen und angenehmen<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[S. 77]</span> Komponisten verkennen. Noch habe -ich ihn aber von keinem gründlichen Kenner der Kunst für einen -<em class="gesperrt">korrekten</em>, viel weniger <em class="gesperrt">vollendeten</em> Künstler halten -sehen, noch weniger wird ihn der geschmackvolle Kritiker für einen -in Beziehung auf Poesie richtigen und <em class="gesperrt">feinen</em> Komponisten -halten.«<a id="FNAnker_69" href="#Fussnote_69" class="fnanchor">[69]</a></p> - -<p>Übrigens beschuldigte man Mozart auch des <em class="gesperrt">Plagiats</em> in der -Ouvertüre zu Don Giovanni.<a id="FNAnker_70" href="#Fussnote_70" class="fnanchor">[70]</a></p> - -<p>Mozart war, wie Brendel in seiner Geschichte der Musik schreibt, den -Zeitgenossen ein Buch mit sieben Siegeln. »Man traut seinen Augen -nicht, wenn man die damaligen Zeitungen nachliest und kaum hie und da -eine dürftige Notiz über ihn findet. Erst die Zauberflöte machte ihn -populär.«</p> - -<p>Doch selbst das trifft nicht ganz zu. In Schauls Briefen über Geschmack -wird gefragt, ob sich der Anfang des zweiten Finales, dem er eine -schöne Melodie zugesteht, mit <em class="gesperrt">der gesunden Vernunft</em> vertrüge, -da drei kleine Knaben in so schweren Halbtönen singen müßten, daß es -einem geübten Sänger schwer werde, sie rein zu treffen. Man warf ihm -auch vor, für die Instrumente Unmögliches zu schreiben. Einer der drei -Posaunisten in der Friedhofsszene erklärte: »Das kann man so nicht -blasen und von Ihnen werde ich es auch nicht lernen!«</p> - -<p><em class="gesperrt">Beethoven</em> erging es von seiten der Kritik nicht besser. Er hatte -das gemein mit allen genialen Menschen, die neue Wege einschlugen. Die -Allgemeine Musikalische Zeitung in Leipzig, damals das einzige deutsche -kritische Organ von allgemein anerkannter Autorität, schreibt in einer -Besprechung der drei Violinsonaten op. 12: »Herr van Beethoven geht<span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[S. 78]</span> -einen eigenen Gang; aber was ist das für ein bizarrer, mühseliger -Gang! Gelehrt, gelehrt und immerfort gelehrt und <em class="gesperrt">keine Natur, kein -Gesang</em>!«<a id="FNAnker_71" href="#Fussnote_71" class="fnanchor"></a><a id="FNAnker_81" href="#Fussnote_81" class="fnanchor">[71]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im gleichen Organ erschien 1805 über die Eroika folgende -verständnisvolle Kritik: »Diese lange, äußerst schwierige Komposition -ist eigentlich eine sehr weit ausgeführte <em class="gesperrt">kühne und wilde -Phantasie</em>. Es fehlt ihr gar nicht an frappanten und schönen -Stellen, in denen man den energischen, talentvollen Geist ihres -Schöpfers erkennen muß: sehr oft scheint sie sich ins <em class="gesperrt">Regellose</em> -zu verlieren.«</p> - -<p>C. M. <em class="gesperrt">von Weber</em>, der Komponist des »Freischütz«, schrieb -23jährig über Beethoven folgendes erstaunliche Urteil: »Die feurige, -ja beinahe unglaubliche Erfindungsgabe, die ihn beseelt, ist von -einer solchen <em class="gesperrt">Verwirrung in Anordnung seiner Ideen</em> begleitet, -daß nur seine früheren Kompositionen mich ansprechen, die letzteren -hingegen mir nur ein <em class="gesperrt">verworrenes Chaos</em>, ein <em class="gesperrt">unverständliches -Ringen</em> nach Neuem sind, aus denen einzelne himmlische Genieblitze -hervorleuchten, die zeigen, wie groß er sein könnte, wenn er seine -üppige Phantasie zügeln wollte.«</p> - -<p>Die Kreutzersonate (op. 47) wurde zu Beethovens Zeit als -<em class="gesperrt">unaufführbar</em> erklärt. (Nach Schindler.)</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als <em class="gesperrt">Franz Schubert</em> der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien -seine große C-dur-Symphonie aus Dankbarkeit für eine ihm dargebrachte -Huldigung übergab, wurde sie von den Künstlern der Gesellschaft als -<em class="gesperrt">unaufführbar abgelehnt</em>.<a id="FNAnker_72" href="#Fussnote_72" class="fnanchor">[72]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[S. 79]</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Tieck</em> nennt den »Freischütz« das »<em class="gesperrt">unmusikalischste -Getöse</em>, das je über die Bühne getobt ist«. <em class="gesperrt">Ludwig Spohr</em> -urteilte über die Oper auch ungünstig.</p> - -<p>Über die Euryanthe schreibt die »Zeitung für Literatur, Kunst, Theater -und Mode«, nachdem sie dem Komponisten Bizarrerie und Mangel an Einheit -und Klarheit vorgeworfen hat. »<em class="gesperrt">Mangel an Melodie</em> zeige sich da -gerade am meisten, wo sie am ehesten zu erwarten gewesen wäre....«</p> - -<p>Franz Schubert sagt vom gleichen Werk, daß es »<em class="gesperrt">keine Musik, keine -legitime Form und Durchführung</em> enthalte, sondern lediglich auf -Effekt berechnet sei und weit hinter dem Freischütz zurückstehe.« (Nach -La Mara.)</p> - -<p>Dem melodienreichen Oberon ging es nicht besser.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Daß <em class="gesperrt">Wagners</em> Tristan für unaufführbar gehalten wurde, ist -allgemein bekannt. Merkwürdig ist, daß Mozarts Biograph <em class="gesperrt">Otto -Jahn</em> in seinen Gesammelten Aufsätzen über Musik nicht nur -Tannhäuser ablehnt, sondern <em class="gesperrt">Wagner schöpferisches Genie -abspricht</em>!!</p> - -<p>Der bekannte Tadel gegen Wagner, er übertöne mit seinen Instrumenten -die Sänger, findet sich auch schon Mozart gegenüber. Kaiser Josef II. -äußerte es gegen Dr. Hersdorf.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Endlich noch einige Urteile über <em class="gesperrt">Goethe</em>.</p> - -<p>Im Oktoberheft des Jahres 1832, ein halbes Jahr nach seinem Tode, -schreibt im »Sachsenfreund«, einer damals viel gelesenen Monatsschrift, -ein Anonymus aus <em class="gesperrt">Weimar</em>:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[S. 80]</span></p> - -<p>»Unser Goethe ist <em class="gesperrt">vergessen, wie zu erwarten war</em>, zu erwarten -nicht der Unempfänglichkeit halber, welche die Weimaraner für achtbare -Erscheinungen hätten, sondern seiner eigenen Individualität wegen. Der -Mensch fühlt sich nur vom Menschlichen angezogen, solange er es hat, -und sieht ihm trauernd nach, wenn’s ihm entrissen wird. <em class="gesperrt">Menschliches -aber hatte Goethe nicht</em>, wie alle wissen, die ihn näher kannten, -und nicht, wie eine Handvoll hiesiger Goethemanen, mit Blindheit -über ihn geschlagen sind. Er fühlte und litt mit keinem menschlichen -Wesen außer ihm, und <em class="gesperrt">die großen Interessen der Menschheit waren -ihm völlig fremd</em>, insofern nicht etwa im Gefolge derselben die -aristokratischen Gesellschaftsverhältnisse bedroht waren, an denen sein -Herz hing. Er war eine in sich abgeschlossene Marmorstatue, in welcher -nur das große Talent wohnte, die Welterscheinungen, die sich an und in -ihr abspiegelten, mit der objektivischen Anschaulichkeit und Vollendung -wiederzugeben. Einen Eindruck brachten sie aber nicht auf ihn hervor. -Denn dazu gehört das Medium des <em class="gesperrt">Gemütes, und das hatte Goethe -nicht</em>. Darum kamen seine Ansichten und Maximen, wenn sie ihm einmal -über die weniger bewachte Lippe fuhren, dem gemütvollen Menschen fast -schauerlich vor, und man hatte Mühe, sich von der ihm innewohnenden -Selbstsucht und Härte einen angemessenen Begriff zu machen. Nie tat er -einem wohl, der ihm nicht persönlich dienstfertig dafür wurde, und für -Wohltaten wußte er seinen größten Gönnern nicht Dank. Das Testament, -das er hinterließ, zeugt für jenes, und der Mann, der fast <em class="gesperrt">ohne -alle unmittelbar</em><span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[S. 81]</span><em class="gesperrt"> geleisteten Dienste</em> Weimar in mehr als 50 Jahren -Hunderttausende kostete, vermachte den Armen oder irgendeinem milden -Institut bei seinem Tode – nicht einen Heller. Seine Werke, nun ja, -sie werden ihn überleben, nämlich die sechs bis acht Bände, in die eine -kritische Hand einmal die Weizenkörner sammelt, welche in vierzig und -mehr Bänden voll Spreu enthalten sind. Diese Spreu wird aber vergessen -werden. Die Nemesis wird auch hier ihr Amt verwalten, wie sie es in -Hinsicht seiner häuslichen Verhältnisse tat.«<a id="FNAnker_73" href="#Fussnote_73" class="fnanchor">[73]</a></p> - -<p>Des Witzes halber seien diesem klassischen Urteile eines Anonymus noch -einige neuere von katholischen Autoritäten angereiht.</p> - -<p>Baumgarten S. J. schreibt in »Goethes Lehr- und Wanderjahre« (Freiburg -1882, S. 99) über die Sturm- und Drangperiode:</p> - -<p>»Da sitzen nun die Götterjünglinge, Goethe, Lenz, Klinger, Kaufmann, -gelegentlich auch Herder und Wieland; von ferne hört man ein -Waldhorn, und der Mond hat nichts zu tun, als das phantasiebedürftige -Conciliabulum anzuscheinen. Sehen Sie, meine Herren! Hier haben wir -die Anfänge unserer unsterblichen deutschen Nationalliteratur, welche -alle bisherigen Literaturen und Kulturen eminent in sich begreift, wie -der erwachsene Mann alle früheren Stadien des Lebens. Da die Poesie -der beiden Sturm- und Drangpoeten Lenz und Klinger sich hauptsächlich -in der Analyse der gemeinsten und wütendsten Leidenschaften, toller -Liebe, Eifersucht, Unzucht, Kindsmord und anderer schauerlicher Greuel -bewegte, und da sie in Sprache und Ausdruck keine Grenzen kannte, so -läßt sich denken, was sie in halben und<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[S. 82]</span> ganzen Nächten in Goethes -Gartenhaus verhandelt haben mögen. Gevatter Wieland hatte an solchen -Kapiteln auch seinen Spaß.«</p> - -<p>Über »Hermann und Dorothea« urteilt Norrenberg in seiner Allgemeinen -Geschichte der Literatur (Münster 1884, III. Bd., S. 181):</p> - -<p>»Nirgendwo offenbart sich Goethes Gesinnung abstoßender als in ›Hermann -und Dorothea‹. Das glaubens- und inhaltsleere, trotz aller Noblesse -spießbürgerliche Gesellschaftsleben des ausgehenden achtzehnten -Jahrhunderts ist nie mit einer so abschreckend photographischen -Treue geschildert worden, als in diesem Epos. Man muß den blasierten -Quietismus des Weimarer Lebens kennen, das versumpft in dem deistischen -Humanismus, auch in der so nahen Perspektive der tragischen Ereignisse -der französischen Revolution nicht im mindesten religiösen oder -patriotischen Aufschwungs fähig war, um diese Dichtung zu verstehen. -Ich kann mir keine entnervendere Lektüre für die Jugend denken, als -›Hermann und Dorothea‹.«</p> - -<p>Der verstorbene Bischof Paul Haffner (Frankfurter zeitgemäße Broschüren -II, 9 [1880]) stellt fest:</p> - -<p>»Es ist bezeichnend für unsere heutige Bildung, daß von Goethes -Schriften diejenigen am meisten gelesen werden, welche an obszönen -Stellen am reichsten sind.«<a id="FNAnker_74" href="#Fussnote_74" class="fnanchor">[74]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Heinrich Heine</em> hatte im Jahre 1910, außer dem in den Herzen -des Volkes errichteten, noch kein Denkmal in Deutschland. Oder wollen -wir das lite<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[S. 83]</span>rarische, das der Heinetöter Adolf Bartels Heine und -sich errichtet, dafür gelten lassen?<a id="FNAnker_75" href="#Fussnote_75" class="fnanchor">[75]</a> Das einzige ihm von der -Kaiserin Elisabeth in Korfu geweihte wurde <em class="gesperrt">entfernt</em>, nachdem das -Achilleion in den Besitz Kaiser Wilhelms II. übergegangen war.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[S. 84]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vierter_Abschnitt"><span class="s5">Vierter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Die „Dilettanten“ und Outsider</span></h2> - -</div> - -<p>Die immer fortschreitende Spezialisierung der Wissenschaften, deren -Umfang in gleicher Proportion zunimmt, wie der Gesichtskreis ihrer -Vertreter sich verengert, hat nicht nur zu einer kaum je dagewesenen -Unterschätzung des gesunden Menschenverstandes, ja des Genialen -geführt, sie geht auch mit einer übermäßigen Hochschätzung der -technischen, handwerksmäßigen Routine einher. Nur was der Spezialist -leistet, vermag sich heute durchzusetzen. Unter diesen Umständen -scheint es nicht zwecklos, den Beweis zu erbringen, daß auf allen -Gebieten nicht dem Fachmann, sondern dem »Dilettanten«, dem Outsider -die größten Entdeckungen und Erfindungen zu danken sind. Daß eine Reihe -der Größten <em class="gesperrt">Autodidakten</em> waren, ist nicht ohne Interesse.</p> - -<p>Während sich um den Fachmann, der immer mehr zum Handwerker wird, die -hohen Mauern seiner Spezialdisziplin im immer enger werdenden Kreise -schließen, ist es das verächtlich »Dilettant« genannte Genie oder doch -Talent mit weitem Horizont, das allein die Flugkraft besitzt, sie zu -überwinden. Gleicht letzteres dem Entdecker neuer Länder, so ist es der</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[S. 85]</span></p> - -<p>Zünftler, der dort Käfern und Läusen nachjagt, um sie in dicken -Folianten zu edieren.</p> - -<p>Diesem schon wiederholt von mir ausgesprochenen Gedanken mögen die -Beweise nun folgen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Otto von Guericke</em> (1602–1686), der größte deutsche Physiker des -17. Jahrhunderts, war von Beruf Jurist, wenn er sich auch kurze Zeit -in Leyden neben neueren Sprachen mit Physik, angewandter Mathematik, -Mechanik und Fortifikationslehre beschäftigt hatte. Im Jahre 1626 trat -er in das Ratskollegium seiner Vaterstadt Magdeburg ein, wurde dann -Schutz- oder Kriegsherr der Stadt, in welcher Stellung er während der -Belagerung durch Tilly (1631) vollauf seine Pflicht tat, wurde später -Generalquartiermeister und Ingenieur Gustav Adolfs, beteiligte sich am -Wiederaufbau der Stadt Magdeburg, wo er eine Schiffbrücke über die Elbe -legte und trieb daneben Ackerwirtschaft und Bierbrauerei. Im Jahre 1646 -wurde er zum Bürgermeister erwählt und vorzugsweise zu diplomatischen -Geschäften verwandt. So nahm er auch an den Friedensverhandlungen in -Osnabrück teil. Erst seit 1660 konnte er nach vielen Missionen in Ruhe -zu Hause leben. Seine physikalischen Versuche konnte er also <em class="gesperrt">nur -neben seinem Berufe</em> ausführen!</p> - -<p>Guericke kam zu seiner Erfindung der <em class="gesperrt">Luftpumpe</em> im Bestreben, -den alten philosophischen Streit über die Existenz eines leeren Raumes -zu entscheiden, und zwar als erster auf experimentellem Wege. Er wies -durch seine Versuche sowohl die bedeutende Größe des <em class="gesperrt">Luftdrucks</em>, -wie die <span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[S. 86]</span><em class="gesperrt">Elastizität der Luft</em> nach, und zwar erbrachte er den -öffentlichen Beweis 1654 auf dem Magdeburger Reichstage, also mitten -in seiner anderweitigen Berufstätigkeit. Vielleicht machte er alle -seine Entdeckungen bereits in den Jahren 1632–1638, jedenfalls sind -alle vor 1663 abgeschlossen. Dieser Dilettant erfand ferner 1657 oder -58 ein <em class="gesperrt">Wasserbarometer</em>, 1661 das <em class="gesperrt">Manometer</em>, bestimmte -die <em class="gesperrt">Schwere der Luft</em>, bewies, daß zum Brennen Luft gehöre -und die Flamme die Luft verzehre, konstruierte eine <em class="gesperrt">primitive -Elektrisiermaschine</em>, die hinreichte, um die Tatsache des -elektrischen Abstoßens und Leuchtens zu finden und vervollständigte -die magnetischen Kenntnisse seiner Zeit. Ferner stellte er zuerst -im Mittelalter die Meinung auf, daß die Wiederkehr der Kometen sich -bestimmen lassen müsse.<a id="FNAnker_76" href="#Fussnote_76" class="fnanchor">[76]</a></p> - -<p>Wie Herr Professor A. Gudemann mir mitzuteilen die Liebenswürdigkeit -hatte, war auf letzteren Gedanken bereits Seneca (nat. Quaest. 7, 25, -7) gekommen. »Es wird einmal jemand kommen, der beweist, in welchen -Teilen die Kometen umlaufen, warum sie so getrennt von den anderen -umlaufen, wie viele und in welcher Beschaffenheit sie sind.«</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Simon Stevin</em> (1548–1620) war ursprünglich Kaufmann, dann -Steueraufseher in seiner Vaterstadt Brügge, endlich Oberaufseher der -Land- und Wasserwerke in Holland, dann Generalquartiermeister. Er -erwarb sich große Verdienste um das Artillerie- und Befestigungswesen, -erfand den <em class="gesperrt">Segelwagen</em> und den <em class="gesperrt">Segelschlitten</em>, stellte -1586 die erste richtige Theorie<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[S. 87]</span> über die <em class="gesperrt">schiefe Ebene</em> auf, -deutete den Satz vom <em class="gesperrt">Parallelogramm der Kräfte</em> an, erklärte -das <em class="gesperrt">Gleichgewicht in kommunizierenden Röhren</em>, führte die -<em class="gesperrt">Dezimalbruchrechnung</em> 1596 ein und sprach schon aus, daß dadurch -die Dezimalteilung von Maßen, Gewichten und Münzen nötig würde. Endlich -erwarb er sich als Geograph und durch die unter dem Namen Hylokinese -veröffentlichten Prinzipien der tellurischen Morphologie Verdienste.<a id="FNAnker_77" href="#Fussnote_77" class="fnanchor">[77]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">J. Baptista Benedetti</em> (1530–1590) hatte nie eine Schule besucht -und nur unter Tartaglia die vier ersten Bücher des Euklid gelesen, -wonach er sich dann allein weiterbildete. Trotzdem ließ er schon mit -23 Jahren das bedeutende Werk »resolutio omnium Euclidis problematum« -erscheinen, in welchem er alle Probleme des großen Griechen mit -<em class="gesperrt">einer</em> Zirkelöffnung lösen lehrte. In einem späteren Werke -bewies er Kenntnis der Beharrung eines Körpers auch in der Bewegung, -behauptete, daß alle Körper ohne Rücksicht auf ihr Gewicht von gleicher -Höhe in gleicher Zeit zur Erde fallen und daß im Kreise geschwungene -Körper, sich selbst überlassen, in der Tangente des Kreises fortgehen. -Endlich löste er die Aufgabe vom schiefen Hebel.<a id="FNAnker_78" href="#Fussnote_78" class="fnanchor">[78]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Giambattista della Porta</em> (1538–1615), ein reicher -neapolitanischer Edelmann, betrieb die Physik als Liebhaberei. Trotzdem -haben wir in ihm den Erfinder der <em class="gesperrt">camera obskura</em> und einer Art -<em class="gesperrt">laterna magica</em> zu erblicken. Er erkannte auch zuerst, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[S. 88]</span> man -in einem Hohlspiegel die Brennpunkte aller Strahlen, die in der Nähe -der Achse einfallen, ohne merklichen Fehler in den Mittelpunkt des -Halbkreises setzen könne. Porta wurde später von der Inquisition der -Zauberei und übernatürlicher Kräfte angeklagt.<a id="FNAnker_79" href="#Fussnote_79" class="fnanchor">[79]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Begründer der Pflanzenphysiologie war <em class="gesperrt">Stephan Hales</em> -(1677–1761), ein sehr tüchtiger <em class="gesperrt">Theologe</em> und Pfarrer in -verschiedenen Grafschaften. Noch einmal zeigte sich in ihm der -originelle Erfindergeist und die gesunde, urwüchsige Logik der großen -Naturforscher aus Newtons Zeitalter. Sein »Statical essays« (1727) -war das erste umfangreiche, ganz der Ernährung und Selbstbewegung der -Pflanzen gewidmete Werk. Es berücksichtigte zwar die ältere Literatur, -teilte aber doch im wesentlichen neue Untersuchungen des Verfassers -mit. Eine Fülle neuer Experimente und Beobachtungen, Messungen und -Berechnungen vereinigen sich hier zu einem lebensvollen Bild.<a id="FNAnker_80" href="#Fussnote_80" class="fnanchor">[80]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Halley</em> (1656–1742), übrigens der Sohn eines Seifensieders, hatte -bekanntlich die Wiederkehr des nach ihm benannten <em class="gesperrt">Kometen</em>, -der auch in diesem Jahre erschien, im Jahre 1703 berechnet und auf -den Anfang des Jahres 1759 vorherbestimmt. Alle Astronomen Europas -suchten daher, als das Jahr 1758 seinem Ende sich näherte, den Himmel -mit Fernrohren ab, jedoch vergeblich. Anders der <em class="gesperrt">Bauer</em><span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[S. 89]</span> Johann -<em class="gesperrt">Palitzsch</em> (1723–1788). Schon als Hüterjunge hatte er sich für -die Sternenwelt interessiert, dann sich durch Selbststudium ansehnliche -astronomische Kenntnisse erworben. Als nun der Siebenjährige Krieg -sein Vaterland Sachsen heimsuchte, versteckte er seine primitiven -astronomischen Instrumente, aus Furcht, sie könnten ihm gestohlen -werden. Um die Weihnachtszeit 1758 trat in der Kriegsführung eine Pause -ein. Diese benutzte er dazu, um sein Fernrohr auszugraben und die -Stelle des Himmels abzusuchen, wo er den Komet erwartete. Tatsächlich -entdeckte er ihn als erster als nebeligen Stern im Sternbild der -Fische. Damit hatte der <em class="gesperrt">Bauernastronom einen Vorsprung vor der -ganzen Welt gewonnen</em> und sein Name wurde überall genannt. In -Paris sah man ihn erst vier Wochen später. Palitzsch blieb hinfort -mit der Londoner Akademie in ständiger Korrespondenz. Übrigens war er -nichts weniger als einseitig, besaß vielmehr bedeutende botanische und -physikalische Kenntnisse, die ihn dazu befähigten, im Großen Garten zu -Dresden einen Süßwasserpolypen zu entdecken. Er errichtete auch als -erster in Sachsen 1775 einen <em class="gesperrt">Blitzableiter</em> und zwar auf dem -Schloßturm in Dresden. Er blieb bis zu seinem Tode, durch zahlreiche -Ehrungen ausgezeichnet, ein schlichter Landmann.[81]</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Thomas Young</em> (1773–1829) studierte Medizin und betrieb nur -nebenbei mathematische, physikalische, botanische und philologische -Studien. Von 1801 bis 1804 war er Professor an der Royal Institution, -von<span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[S. 90]</span> 1811 bis zu seinem Tode war er Arzt am St. Georges-Hospital in -London. Seine wissenschaftlichen, <em class="gesperrt">überall wertvollen Arbeiten</em> -betreffen <em class="gesperrt">Mechanik</em>, <em class="gesperrt">Optik</em>, <em class="gesperrt">Wärmetheorie</em>, -<em class="gesperrt">Akustik</em>, <em class="gesperrt">theoretische Chemie</em>, <em class="gesperrt">die Bewegung des -Blutes</em>, den <em class="gesperrt">Schiffbau</em>, die <em class="gesperrt">mittlere Lebensdauer -des Menschen</em>, die <em class="gesperrt">Dichte der Erde</em>, das wahrscheinlich -richtigste Resultat aus mehreren Beobachtungen, die <em class="gesperrt">Ursache -der Schwere</em>, <em class="gesperrt">Ebbe</em> und <em class="gesperrt">Flut</em>, die <em class="gesperrt">Figur der -Erde</em>, die <em class="gesperrt">Mondatmosphäre</em>. Er leistete auch wichtige -Dienste für die Entzifferung der <em class="gesperrt">Hieroglyphen</em>. Außerdem war -er schriftstellerisch tätig, ein gründlicher Kenner der Musik, -ausgezeichneter Maler und geübter Reiter, der gegen Kunstreiter -Wetten gewann. Er war ein Vorkämpfer gegen die Emissionstheorie, -von der er sich bereits 1801 in einer der Royal Society vorgelegten -Abhandlung zugunsten der Undulationstheorie lossagte. Schon in seiner -1800 erschienenen akustischen Abhandlung hatte er eine epochemachende -Entdeckung gemacht, die ihn zum Reformator der Theorie der Optik werden -ließ: die <em class="gesperrt">Interferenz von Wellenbewegungen</em>.<a id="FNAnker_82" href="#Fussnote_82" class="fnanchor">[82]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Humphrey Potter</em> war, wie berichtet wird, an der Konstruktion der -ersten praktisch tätigen <em class="gesperrt">Dampfmaschine</em>, die 1711 zu Wolverhamton -für einen Herrn Back zum Heben von Wasser aufgestellt wurde, beteiligt. -Und zwar sei er als <em class="gesperrt">Knabe</em> mit dem Auf- und Zudrehen der Hähne, -welche den Dampf oder das kalte Wasser vom Dampfzylinder abschlossen, -beauftragt gewesen. Weil ihm diese Manipulationen<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[S. 91]</span> zu langweilig -wurden, habe er die Hähne durch Bindfäden so mit dem Balancierer der -Maschine verbunden, daß <em class="gesperrt">dieser statt seiner das Umstellen derselben -zur richtigen Zeit besorgte</em>. Daß diese geniale Erfindung der -Vervollkommnung der Dampfmaschine vorausgehen mußte, ist hinlänglich -bekannt.<a id="FNAnker_83" href="#Fussnote_83" class="fnanchor">[83]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der geniale Erfinder Denys <em class="gesperrt">Papin</em> (1647–1710, vgl. -<a href="#Papin">S. 54</a>) war -studierter <em class="gesperrt">Mediziner</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Maupertuis</em> (1698–1759) war ursprünglich Soldat und zwar von -1718–1723. Er entdeckte das Prinzip der kleinsten Wirkung, nach dem -alle mechanischen Probleme analytisch zu lösen waren.<a id="FNAnker_84" href="#Fussnote_84" class="fnanchor">[84]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Benjamin Franklin</em> (1706–1790) war der Sohn eines unbemittelten -Seifensieders, besuchte, da er früh seinem Vater im Geschäft helfen -mußte, eine mittelmäßige Schule mit nur geringem Erfolg und erwarb -sich später seine Kenntnisse <em class="gesperrt">ohne Lehrer. Ohne jegliche Gymnasial- -oder gar Universitätsbildung</em>, allein durch Selbststudium, brachte -er es nicht nur zu einem hervorragenden Staatsmann, sondern auch zu -einem epochemachenden Gelehrten. Seine Erfindung des Blitzableiters und -andere große Taten sind zu bekannt, um hier näher dargelegt zu werden. -Sicher ist, daß die Welt es nur dem Fehlen der ge<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[S. 92]</span>lehrten Zunft und des -Befähigungsnachweises in Amerika zu danken hat, wenn dieser seltene -Mann seinen Fähigkeiten gemäß Großes leisten durfte.<a id="FNAnker_85" href="#Fussnote_85" class="fnanchor">[85]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Doch wie so oft zwei Personen gleichzeitig ein Problem lösen, so auch -beim Blitzableiter. Gleichzeitig und unabhängig von Franklin wurde er -auch in Europa erfunden, und zwar von <em class="gesperrt">Prokop Divisch</em> zu Prenditz -bei Znaim im Jahre 1750. Der Erfinder war wieder kein Fachmann, sondern -ein Pfarrer.<a id="FNAnker_86" href="#Fussnote_86" class="fnanchor">[86]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Luigi Galvani</em> (1737–1798) war Professor der Medizin und -beschäftigte sich besonders mit vergleichender Anatomie und -Physiologie. Ist die Tatsache, daß hier wieder kein Fachmann, sondern -ein Outsider eine der großartigsten Entdeckungen machte, schon -bemerkenswert genug, so sind es die Nebenumstände nicht minder. Wie -er in seiner 1791 erschienenen Schrift »De viribus electricitatis -in motu musculari commentarius« erzählt, trug sich die Geschichte -seiner Entdeckung folgendermaßen zu: »Ich zerschnitt einen Frosch..., -legte ihn, ohne etwas zu vermuten, auf die Tafel, worauf die -Elektrisiermaschine stand, die gänzlich vom Konduktor getrennt und -ziemlich weit davon entfernt war. Als aber einer meiner Zuhörer die -Spitze des Messers von ungefähr ein wenig an die inneren Schenkelnerven -brachte, wurden die Muskeln aller Glieder sogleich zusammengezogen, als -ob sie von heftigen Konvulsionen ergriffen würden. <em class="gesperrt">Ein anderer von -den Anwesenden</em> glaubte zu bemerken, es geschähe nur zur Zeit, wenn -der<span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[S. 93]</span> Konduktor einen Funken gäbe. Er bewunderte die Neuheit der Sache -und machte mich, der ich eben etwas ganz anderes vorhatte, aufmerksam -darauf.«</p> - -<p>Wer der »andere von den Anwesenden« war, ist niemals mit Sicherheit -festgestellt worden. In Bologna ging das Gerücht, es sei <em class="gesperrt">die eigene -Gattin Galvanis gewesen</em>. Danach gebührte ihr ein nicht geringes -Verdienst an dieser unsterblichen Entdeckung.<a id="FNAnker_87" href="#Fussnote_87" class="fnanchor">[87]</a></p> - -<p>Wie Wilhelm Ostwald in seiner »Entwicklung der Elektrochemie« erzählt, -verdankte Galvani gerade der <em class="gesperrt">Lückenhaftigkeit seiner Kenntnisse</em> -diese Entdeckung, da die damaligen Theorien, wenn er sie gekannt hätte, -eine Erklärung des Phänomens geboten hätten.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Etienne Louis Malus</em> (1775–1812) war auf der polytechnischen -Schule gebildet, wurde 1796 Kapitän im Geniekorps, erkrankte als -Teilnehmer an der ägyptischen Expedition an der Pest, wurde, -nach Frankreich zurückgekehrt, von 1806–1808 Unterdirektor der -Fortifikationen in Straßburg und im folgenden Jahre Examinator an -der polytechnischen Schule in Paris. Dieser Offizier entdeckte die -<em class="gesperrt">Polarisation des Lichtes</em>, was er schon 1808 dem Institute von -Frankreich mitteilte. Er gab auch alle Methoden an, die zu einer -richtigen Beschreibung und Messung der Polarisationserscheinungen -dienlich sind.<a id="FNAnker_88" href="#Fussnote_88" class="fnanchor">[88]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Augustin Jean Fresnel</em> (1788–1827), der in höchst genialer -Weise die Anwendung der Undulationstheorie auf die Polarisation und -Doppelbrechung<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[S. 94]</span> des Lichtes bewerkstelligte, war Ingenieur, also -ebenfalls kein Fachmann.<a id="FNAnker_89" href="#Fussnote_89" class="fnanchor">[89]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Johann Fraunhofer</em> (1787–1826) war der Sohn eines armen Glasers, -in dessen Geschäft er so viel helfen mußte, daß er bis zum <em class="gesperrt">14. Jahre -des Lesens und Schreibens unkundig</em> blieb. Nachdem er schon vorher -bei einem Spiegelmacher und Glasschleifer in der Lehre gewesen war, -kam er 1806 in das mechanisch-optische Institut von Utzschneider in -Benediktbeuern, in das er 1809 als Teilhaber eintrat. Als die Anstalt -1819 nach München verlegt worden war, wurde er dort Professor. Die -genialen Arbeiten dieses Selfmademan über das <em class="gesperrt">Spektrum</em>, sowie -seine <em class="gesperrt">Fernrohre</em> sind hinlänglich bekannt. Zu beachten aber ist, -daß viele dieser großen Entdecker nicht nur Dilettanten im Sinne der -Zunft waren, sondern auch im jugendlichsten Alter in bahnbrechender -Weise die Wissenschaft förderten.<a id="FNAnker_90" href="#Fussnote_90" class="fnanchor">[90]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Besonders das mathematische Talent zeigt sich häufig sehr früh. So -bezog <em class="gesperrt">William Thomson</em>, der von nahezu beispielloser Frühreife -war, im <em class="gesperrt">Alter von 10 Jahren die Universität</em>. <em class="gesperrt">Gauß</em> schrieb -seine 1804 erschienenen »Disquisitiones Arithmeticae«, die höchste -seiner Leistungen, als <em class="gesperrt">Primaner</em>. <em class="gesperrt">Evariste Galois</em>, dem -manche die größte mathematische Begabung aller Zeiten zuerkennen -wollen, schrieb eine Reihe von Arbeiten als 20jähriger Jüngling -innerhalb von <em class="gesperrt">drei Wochen</em>, einer ihm bis zu einem Duell, in dem -er fiel, verbleibenden Frist. Die Pariser Akademie, die diese Arbeiten -gegenwärtig herausgibt, ist bereits bis zu ihrem <em class="gesperrt">achten Bande</em> -gekommen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[S. 95]</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Niels Henrik Abel</em> schrieb seine ersten Abhandlungen mit 18 -Jahren und starb mit 27 Jahren, nachdem er seinen Namen gegen den des -großen Gauß gestellt hatte. <em class="gesperrt">William Thomson</em> aber löste noch als -Knabe an der Universität Glasgow eine Preisaufgabe über die Gestalt der -Erde und behandelte in Cambridge mit 18 Jahren in einer grundlegenden -Abhandlung die Analogie der Theorie der Wärmeleitung in festen Körpern -mit der der elektromagnetischen Anziehung streng mathematisch.<a id="FNAnker_91" href="#Fussnote_91" class="fnanchor">[91]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Hier mag auch an die bekannte Tatsache erinnert werden, daß <em class="gesperrt">Pierre -Fermat</em> (1601–1665), ein so hervorragender Mathematiker, daß bis -heute noch trotz eines Preises von 100000 M. es nicht gelingen wollte, -seine berühmte Gleichung elementar zu lösen, <em class="gesperrt">Jurist</em> war.</p> - -<p><em class="gesperrt">André Marie Ampère</em> (1775–1836) wuchs auf einer kleinen Besitzung -seiner Eltern bei Lyon auf. Hier war der Knabe viel auf sich selbst -angewiesen und versuchte seinen Wissensdurst durch das Studium des -großen Dictionnaire von D’Alembert und Diderot zu stillen, dessen 20 -Bände er gründlich und ohne Auslassung durcharbeitete. Später – nach -der Hinrichtung seines Vaters war er ein Jahr in geistige Apathie -verfallen – regte ihn die Botanik und das Studium der lateinischen -Dichter vor allem an. Um sich eine Lebensstellung zu schaffen, wurde -Ampère 1796 Privatlehrer der Mathematik in Lyon und studierte in den -<em class="gesperrt">Mußestunden</em> die Chemie von Lavoisier.<span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[S. 96]</span> Dieser geniale Autodidakt -wurde Lehrer der Physik an der Zentralschule zu Bourg im Jahre 1807, -später Professor an der polytechnischen Schule zu Paris. Von 1800–1820, -wo seine elektrischen Untersuchungen begannen, beschäftigte er sich -viel mit mathematischen Arbeiten. Über ihn urteilt Maxwell (Lehrbuch -der Elektrizität, Berlin 1883, II, S. 216): »Ampères Untersuchungen, -durch die er die Gesetze der mechanischen Wirkungen elektrischer -Ströme aufeinander begründete, gehören zu den <em class="gesperrt">glänzendsten Taten, -die je in der Wissenschaft vollbracht worden sind</em>. Theorie und -Experiment scheinen in voller Macht und Ausbildung dem Hirn des -›Newton der Elektrizität‹ entsprungen zu sein. Seine Schrift (Théorie -des Phénomènes etc.) ist in der Form vollendet, in der Präzision -des Ausdrucks unerreichbar, und ihre Bilanze besteht in einer -<em class="gesperrt">Formel, aus der man alle Phänomene, welche die Elektrizität bietet, -abzuleiten vermag</em>, und die in allen Zeiten als Kardinalformel der -Elektrodynamik bestehen bleiben wird.«<a id="FNAnker_92" href="#Fussnote_92" class="fnanchor">[92]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Voltasche Säule wurde von <em class="gesperrt">Cruikshank</em> (1745–1800), -Arzt und Chemiker seines Zeichens, verbessert durch einen Trog, -in den 60 aufeinandergelötete Plattenpaare von Zink und Silber -eingelassen wurden. Die Zwischenräume zwischen den Plattenpaaren -füllte er mit salzsaurem Ammoniak. Eine bedeutende Verbesserung -brachte <em class="gesperrt">Wilkinson</em>, ein Londoner Wundarzt, an, indem er diese -Trogapparate in ihrer äußeren Einrichtung den heutigen Tauchbatterien -annäherte. Weiter auf diese Details einzugehen ist<span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[S. 97]</span> zwecklos. Desto -interessanter aber die Feststellung, daß zwei so wichtige Fortschritte -elektrotechnischer Art von Nichtfachleuten herrühren.<a id="FNAnker_93" href="#Fussnote_93" class="fnanchor">[93]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Chladni</em> (1756–1827), der Vater der Akustik, der unter anderem -die nach ihm genannten berühmten Klangfiguren entdeckte, studierte -auf den Wunsch seines Vaters <em class="gesperrt">Jura</em> und erst nach dessen Tode -Naturwissenschaften. Erst im Alter von 19 Jahren fing er an, Klavier -zu spielen und erfand 1790 im Euphon ein neues Toninstrument, mit -dem er als Virtuose Kunstreisen machte, von deren Ertrag er sich ein -beträchtliches Vermögen ersparen konnte.<a id="FNAnker_94" href="#Fussnote_94" class="fnanchor">[94]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Thomas Johann Seebeck</em> (1770–1831), der Entdecker des heute -Thermoelektrizität genannten »Thermomagnetismus«, hatte <em class="gesperrt">Medizin</em> -studiert, lebte dann als <em class="gesperrt">Privatmann</em> in Jena, Bayreuth und -Nürnberg und wurde 1818 Mitglied der Berliner Akademie. Also auch er -war kein Fachmann; so wenig wie <em class="gesperrt">Carnot</em>, der <em class="gesperrt">Vater der neuen -Wärmetheorie</em>, insofern dieselbe mathematisch ist und man die -Größenverhältnisse der Wirkungen betrachtet. Er war nach Absolvierung -der polytechnischen Schule 1814 französischer Genieoffizier, trat -1819 als Leutnant in den Generalstab ein und wandte sich, da er nicht -befördert wurde, dem Studium der Wärmeerscheinungen zu. Nachdem er 1828 -seinen Abschied genommen hatte, starb er 1832 im Alter von 36 Jahren. -Aus hinterlassenen Papieren geht hervor, daß er bereits den <em class="gesperrt">Satz von -der Erhaltung der Kraft allgemein<span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[S. 98]</span> ausgesprochen hat</em>, in der Form, -»daß die bewegende Kraft in der Natur eine unveränderliche Größe ist, -daß sie im eigentlichen Sinne des Wortes weder geschaffen noch zerstört -wird«.<a id="FNAnker_95" href="#Fussnote_95" class="fnanchor">[95]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Michael Faraday</em> wurde 1791 als Sohn eines Hufschmiedes -geboren. Im Alter von 13 Jahren trat er bei einem <em class="gesperrt">Buchhändler -und Buchbinder</em> ein, um dort acht Jahre zu bleiben. In seinen -Mußestunden las er Mrs. Marcets Gespräche über Chemie und aus der -Encyklopädia Britannica die Abhandlungen über Elektrizität und -bemühte sich auch, die dort angegebenen Versuche zu wiederholen. -1810 und 1811 erlaubte ihm sein Meister, an einigen Abenden populäre -Vorlesungen eines Herrn Tatum über Physik zu besuchen. 1812 hörte -er die vier letzten Vorlesungen Humphrey Davys. Auf Grund seiner -Ausarbeitung der gehörten Vorlesungen, die er an Davy sandte, erhielt -dieser Autodidakt 1813 die Stelle eines Assistenten am Laboratorium -der Royal Institution, trat dann mit Davy eine größere Reise an und -hielt 1816 seine erste Vorlesung. 1824 wurde er, nicht ohne vorheriges -Widerstreben Davys, zum Mitglied der Royal Society gewählt, und nun -folgten die Ehren schnell.</p> - -<p>Faraday war einer der bedeutendsten Naturforscher aller Zeiten, dessen -Entdeckungen zahllos sind. Er hatte auch schon die klare Einsicht in -die <em class="gesperrt">Einheit aller Naturkräfte</em>, welche die moderne Physik erst -nach längerer Zeit und nach vielen<span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[S. 99]</span> Kämpfen sich erworben hat. Die Idee -der gegenseitigen Umwandlungsfähigkeit der Naturkräfte war bei seinen -bedeutendsten Entdeckungen der leitende Gedanke.<a id="FNAnker_96" href="#Fussnote_96" class="fnanchor">[96]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">George Green</em> (1793–1841), der 1828 die Potentialfunktion zur -Bestimmung physikalischer Kräfte zuerst einführte, war Sohn eines -Bäckers und Müllers und <em class="gesperrt">setzte anfangs das Gewerbe seines Vaters -fort</em>, um später in Cambridge zu studieren.<a id="FNAnker_97" href="#Fussnote_97" class="fnanchor">[97]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Siméon Denis Poisson</em> (1781–1840) wurde in der Jugend zu -einem verwandten <em class="gesperrt">Chirurgen</em> in die Lehre geschickt, <em class="gesperrt">da der -Familienrat ihn der geistigen Anstrengungen eines Notariates nicht -für gewachsen hielt</em>. Hier war er <em class="gesperrt">gänzlich unbrauchbar</em>. Als -er 1798 in die polytechnische Schule eintrat, behauptete er immer den -ersten Platz, wurde bereits 1800 Repetent und 1806 Professor. Er hat -sich um die mathematische Mechanik große Verdienste erworben.<a id="FNAnker_98" href="#Fussnote_98" class="fnanchor">[98]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Julius Robert Mayer</em> (1814–1878), der Entdecker des Gesetzes -von der <em class="gesperrt">Erhaltung der Energie</em>, aus dem er die Äquivalenz von -Arbeit und Wärme folgerte und das mechanische Äquivalent der Wärme -berechnete, war <em class="gesperrt">Arzt</em>. Als Schiffsarzt machte ihn 1840 in Java -die veränderte Farbe des Venenblutes darauf aufmerksam, daß zwischen -dem Stoffverbrauch und der produzierten Wärme im menschlichen Körper<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[S. 100]</span> -ein direkter Zusammenhang bestehen müsse. Seiner Arbeit »Bemerkungen -über die Kräfte der unbelebten Natur« <em class="gesperrt">versagte Poggendorff die -Aufnahme in seine Annalen der Physik und Chemie</em>, wie <em class="gesperrt">er auch -keine der späteren Arbeiten Mayers abdruckte</em>.</p> - -<p>Also auch der Entdecker eines der größten physikalischen Gesetze war -kein Fachmann, sondern ein junger Arzt.<a id="FNAnker_99" href="#Fussnote_99" class="fnanchor">[99]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das andere Genie, das sich mit diesem Thema befaßte, das uns in -ungeahnter Weise einen Einblick in die Ökonomie des Weltalls eröffnet, -und der auch das Glück hatte, Anerkennung zu finden, war ebenfalls -kein Physiker, sondern der Besitzer einer <em class="gesperrt">Bierbrauerei</em>: -<em class="gesperrt">James Prescott Joule</em> (1818–1889). Er begründete die mechanische -Wärmetheorie auf experimentellem Wege und zwar in völliger -Unabhängigkeit von Mayer.</p> - -<p>Die Hauptabhandlung des 32jährigen erschien 1850, nachdem er bereits -1843 Gedanken geäußert hatte, die an Kühnheit den Mayerschen von 1845 -fast gleichkamen. Übrigens war Joule auch der Begründer der Kinetischen -Theorie der Gase.<a id="FNAnker_100" href="#Fussnote_100" class="fnanchor">[100]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Auch <em class="gesperrt">H. Helmholtz</em>, der dritte Große auf diesem Felde, war, als -er im Jahre 1847 seine Abhandlung »Über die <em class="gesperrt">Erhaltung der Kraft</em>« -veröffentlichte, in der er mathematisch das Gesetz bewies, nicht -Physiker oder Mathematiker, sondern ein <em class="gesperrt">junger Arzt</em>. Helmholtz, -1821 geboren, studierte Medizin, wurde 1843 Militärarzt in Potsdam, -1848 Lehrer der Anatomie an<span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[S. 101]</span> der Kunstakademie in Berlin und erst 1871 -– nach verschiedenen anderen Stellen als Professor der Physiologie – -Professor der Physik in Berlin.<a id="FNAnker_101" href="#Fussnote_101" class="fnanchor">[101]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Leclerc de Buffon</em> (1707–1788) studierte Mathematik und Physik -und war Intendant des Jardin royal des plantes in Paris. Wiewohl -er also <em class="gesperrt">nicht Geologe</em> von Fach war, ja auf geologischem -Gebiete nur in beschränktem Maße als Beobachter und Forscher tätig -war, <em class="gesperrt">bekämpfte</em> er bereits die Annahme einer universellen -<em class="gesperrt">Sintflut</em> und erkannte u. a., daß ein Teil <em class="gesperrt">der in der Erde -begrabenen Fossilien zu erloschenen Arten gehört</em>. Auch lehrte -er die Abplattung der Erde an den Polen und Erhöhung am Äquator. -Zittel sagte von Buffon: »Ein Vergleich der Epoques de la nature -(1778) mit den zum Teil kindischen Hypothesen seiner Vorgänger und -Zeitgenossen zeigt am deutlichsten die geistige Überlegenheit des -großen Naturforschers.« Die Grundgedanken dieses Outsiders haben sich -als richtig bis heute bewährt.<a id="FNAnker_102" href="#Fussnote_102" class="fnanchor">[102]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Leopold von Buch</em> (1774–1852) galt mit vollem Recht für -den größten Geologen seiner Zeit. Weder er noch <em class="gesperrt">Alexander von -Humboldt</em> (1769–1859), dessen Auftreten durch die Anregung, die er -auf weite Kreise ausübte und der in Deutschland der jungen Wissenschaft -viele Freunde und Anhänger zuführte, wie das Buffon und Cuvier in -Frankreich getan hatten, nicht hoch genug zu veranschlagen ist, haben -<em class="gesperrt">je ein öffentliches Lehramt bekleidet</em>. In völlig unab<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[S. 102]</span>hängiger -Lebensstellung widmeten sie sich ganz der Wissenschaft, darin ihrem -großen englischen Kollegen <em class="gesperrt">Lyell</em> (1797–1875) gleichend.</p> - -<p>Die größten Geologen waren also entweder überhaupt nicht Fachleute im -strengen Sinne oder doch nicht zünftige Gelehrte.<a id="FNAnker_103" href="#Fussnote_103" class="fnanchor">[103]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der französische Ingenieur <em class="gesperrt">Claude Chappe</em> hatte einen -<em class="gesperrt">optischen Telegraphen</em> im Jahre 1792 konstruiert, der schon -zwei Jahre später zwischen Paris und Lille fertiggestellt wurde, -um bald in der Länge von etwa 5000 km sich durch ganz Frankreich -zu ziehen. Die 300 km von Paris nach Toulouse wurden in 20 Minuten -durch die Zeichensprache zurückgelegt. Da aber nur an hellen Tagen, -wenn es weder regnete noch schneite, telegraphiert werden konnte, -war die Benutzung der Linien vom Zufall abhängig. Darüber sprach im -Jahre 1809 der bayerische Minister Graf Montgelas in Gegenwart des -<em class="gesperrt">Professors der Anatomie Thomas Sömmering</em>. Da dieser sich in -seinen Mußestunden mit allen möglichen Dingen beschäftigte, kam er auch -auf den Gedanken, die Elektrizität zu verwenden und konnte schon acht -Wochen später der bayerischen Akademie der Wissenschaften einen von ihm -erfundenen <em class="gesperrt">elektromagnetischen Telegraphen</em> vorführen, den ersten -elektrischen Telegraphen, den es je gegeben hat. Wenn auch das System -unpraktisch oder doch sehr kostspielig war, so hatte er zweifellos das -Verdienst, gezeigt zu haben, daß man die Elektrizität überhaupt zum -Zwecke der Telegraphie benutzen könne.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[S. 103]</span></p> - -<p>Merkwürdig ist aber, daß ein so genialer und weitblickender Mann wie -<em class="gesperrt">Napoleon</em> sich allein abfällig über die Erfindung äußerte und sie -wegwerfend als »une idée germanique« bezeichnete. Oder sollte ihn die -Unvollkommenheit im praktischen Sinne dazu bewogen haben?<a id="FNAnker_104" href="#Fussnote_104" class="fnanchor">[104]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">George Stephenson</em> (1781–1848), der Hauptbegründer des -Eisenbahnwesens, der auch die erste Eisenbahn zur Beförderung von -Personen zwischen Stockton und Darlington baute, fing seine glänzende -Laufbahn als einfacher <em class="gesperrt">Dampfmaschinenwärter</em> an.<a id="FNAnker_105" href="#Fussnote_105" class="fnanchor">[105]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Samuel Morse</em> (1791–1872) war <em class="gesperrt">Maler</em>. Auf der Heimreise -von Europa, wo er die Mal- und Zeichenschulen studiert hatte, nach -Amerika, entwarf er 1832 einen <em class="gesperrt">Drucktelegraphen</em> und das nach -ihm benannte, aus Punkten und Linien bestehende <em class="gesperrt">Zeichensystem</em>. -1837 erhielt er auf seine Erfindung ein amerikanisches Patent und baute -1843 die erste Versuchslinie zwischen Washington und Baltimore ein. Die -Erfindung dieses Autodidakten und Outsiders wurde bekanntlich allgemein -eingeführt.<a id="FNAnker_106" href="#Fussnote_106" class="fnanchor">[106]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Erfinder des <em class="gesperrt">Kehlkopfspiegels</em> war nicht etwa ein Arzt, -sondern der berühmte <em class="gesperrt">Gesanglehrer Manuel Garcia</em> (1805–1906). -Diese Erfindung ermöglichte erst die Laryngoskopie.<a id="FNAnker_107" href="#Fussnote_107" class="fnanchor">[107]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[S. 104]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wie die Erfinder des Luftballons, Joseph Michel <em class="gesperrt">Mongolfier</em> -(1740–1810) und Jacques Etienne <em class="gesperrt">Mongolfier</em> (1745–1799) -Papierfabrikanten waren, so die der drei <em class="gesperrt">lenkbaren Luftschiffe</em>, -des starren, halbstarren und unstarren Systems, sämtlich nicht -Fachmänner, sondern, wie jedermann weiß, die Offiziere Graf -<em class="gesperrt">Zeppelin</em>, Major <em class="gesperrt">Groß</em> und Major <em class="gesperrt">von Parseval</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Übrigens war der erste, der einen noch dazu erfolgreichen Versuch zur -Konstruktion eines lenkbaren Luftschiffes machte, ein armer römischer -<em class="gesperrt">Schuster</em>, der im Palazzo Aldobrandini wohnte. Dort besuchte ihn -Le Bar, der Erzieher Napoleons III., mit seinem Zögling am 18. November -1823. Die Flugmaschine bestand aus zwei Teilen, von denen der eine -den Ballon in horizontaler Richtung halten, während der andere die -Sicherheit der Fahrt verbürgen sollte.<a id="FNAnker_108" href="#Fussnote_108" class="fnanchor">[108]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Daguerre</em> (1783–1851), der im Jahre 1838 die Erfindung der -<em class="gesperrt">Photographie</em> machte, d. h. das Licht zur Bildererzeugung -zwang, war nicht nur kein Fachmann, sondern sogar »eigentlicher -Fachkenntnisse bar« und seines Zeichens <em class="gesperrt">Maler</em>. Ursprünglich war -er Steuerbeamter gewesen. Übrigens hatten sich schon vorher Physiker -(<em class="gesperrt">Davy</em> und <em class="gesperrt">Wedgewood</em>) erfolglos damit beschäftigt.<a id="FNAnker_109" href="#Fussnote_109" class="fnanchor">[109]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Foucault</em> (1819–1868) veröffentlichte seine berühmten -<em class="gesperrt">Pendelversuche</em> »Démonstration physique<span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[S. 105]</span> du mouvement de rotation -de la terre au moyen du pendule« im Jahre 1850, also 31jährig. -Er bekleidete damals die Stellung eines <em class="gesperrt">Redakteurs</em> des -wissenschaftlichen Teiles des Journal des Débats.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die ersten Versuche zur Umwandlung der Elektrizität in Töne machte 1837 -<em class="gesperrt">Page</em> (1812–1868). Er war seines Zeichens Agent und Patentanwalt -in Washington. <em class="gesperrt">Ph. Reis</em> (1834–1874) trat 1850 als Lehrling in -ein Farbwarengeschäft zu Frankfurt a. M. ein und studierte privatim -seit 1853 Mathematik und Naturwissenschaften. Um das Jahr 1860 -konstruierte der erst 24jährige Autodidakt das erste <em class="gesperrt">Telephon</em>, -an dem er seit 1857 gearbeitet hatte. Das erste praktisch verwendbare -Telephon aber konstruierte der <em class="gesperrt">Taubstummenlehrer Graham Bell</em>, -geb. 1847 in Boston, im Jahre 1876. Also kein einziger Physiker, -sondern ausschließlich »Dilettanten«, von denen noch dazu kein -einziger das 30. Lebensjahr erreicht hatte, waren die Erfinder dieses -außerordentlichen Verkehrsmittels.<a id="FNAnker_110" href="#Fussnote_110" class="fnanchor">[110]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die beiden Weltfirmen Siemens & Halske in Berlin und Karl Zeiß in -Jena sind aus bescheidenen mechanischen Werkstätten hervorgegangen -und verdanken ihre Blüte dem Eintritt von Männern, die außerhalb der -Zunft standen. Dort des <em class="gesperrt">Artillerieoffiziers Werner Siemens</em> -(1816–1892), dessen Erfindungen und Verbesserungen, besonders auf -dem Gebiet des Telegraphenwesens, außerordentlich zahl<span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[S. 106]</span>reich sind; -hier des Universitätsdozenten <em class="gesperrt">Ernst Abbe</em>. <em class="gesperrt">Karl Zeiß</em> -(1816–1888) selbst besaß <em class="gesperrt">keine Universitätsbildung</em>, sondern -hatte vor der Prima das Gymnasium verlassen, um dann in mechanischen -und Maschinenwerkstätten zu lernen.<a id="FNAnker_111" href="#Fussnote_111" class="fnanchor">[111]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Erfinder des <em class="gesperrt">Zweirades</em>, <em class="gesperrt">Karl von Drais</em> (1784–1851), -war von Beruf nicht etwa Mechaniker, sondern badischer Forstmeister. -Er war auch der erste, der eine <em class="gesperrt">Schreibmaschine</em>, und zwar auf -stenographischer Grundlage, konstruierte.<a id="FNAnker_112" href="#Fussnote_112" class="fnanchor">[112]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Charles Darwin</em> (1809–1892), über dessen Leistungen sich -wohl jedes Wort erübrigt, war in der Schule des Dr. Buttler in -Shrewsbury ein so <em class="gesperrt">schlechter Schüler</em>, daß sein Vater ihn mit -16 Jahren herausnahm und <em class="gesperrt">Medizin</em> studieren ließ. Da er auch da -nichts leistete, widmete er sich nach zwei Jahren in Cambridge der -<em class="gesperrt">Theologie</em>, in der er nach drei Jahren das Baccalaureusexamen -bestand. Nebenher interessierte er sich für Mineralien, Pflanzen, -Muscheln, Insekten, aber auch für Münzen und Siegel, die er sammelte. -Auch Geologie, Botanik und besonders Zoologie zog er in den Bereich -seines Interesses, ohne aber den Vorsatz, Geistlicher zu werden, um -dieser Liebhabereien willen, zu denen noch leidenschaftliche Liebe -zur Jagd kam, aufzugeben. Nach seinem eigenen Geständnis »würde er -sich damals für verrückt gehalten haben, wenn er in den ersten Tagen<span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[S. 107]</span> -nach Eröffnung der Rebhuhnjagd zugunsten von Geologie oder einer -anderen Wissenschaft auf die Jagd hätte verzichten wollen«. Als für -die fünfjährige Weltumseglung des englischen Kriegsschiffes »Beagle« -ein Naturforscher gesucht wurde, empfahl Professor Henslow Darwin. -Da aber dessen Vater kein rechtes Vertrauen zur Ernsthaftigkeit des -Jünglings hatte, schrieb er ab, und nur dem Zufall ist es zu danken, -daß aus der Reise doch etwas wurde. Tatsächlich trat er sie (1831) an, -<em class="gesperrt">ohne in irgendeiner der vier Wissenschaften, auf welche er während -der Reise hauptsächlich sein Augenmerk zu richten hatte: Zoologie, -Botanik, Geologie und Paläontologie, ein abgerundetes Schulwissen -zu besitzen</em>. Dafür besaß er allerdings den freien, durch keine -Lehrmeinungen beeinträchtigten Blick für die Erscheinungen der -Umgebung, ein Gewinn, der fürstlichen Lohn trug. So hat der in der -ersten Hälfte der Zwanziger stehende Forscher, der schon vor der Reise -die Flimmerlarven der Moostierchen und das Keimen der Pollenschläuche -entdeckt hatte, auf ihr die Theorie der Entstehung der Korallenriffe, -ja, seine <em class="gesperrt">Deszendenztheorie</em> aufgestellt. Der große Forscher und -edle Mensch hat niemals ein öffentliches Lehramt bekleidet.<a id="FNAnker_113" href="#Fussnote_113" class="fnanchor">[113]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Darwin mag uns daran erinnern, daß außer den bereits oben genannten -noch eine Reihe von <em class="gesperrt">schlechten Schülern</em> mit ihren Erfolgen im -späteren Leben ganz zufrieden sein konnten. Bekanntlich war <em class="gesperrt">J. -J. Rousseau</em> ein solcher Ausreißer, der nach einer<span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[S. 108]</span> jämmerlichen -Schulbildung seinem Meister, einem Kupferstecher in Genf, 16jährig -durchging, später Bedienter wurde, sich auch eine Zeitlang einem -Hochstapler anschloß und sich als schon berühmter Mann vom -Notenabschreiben nährte.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Liebig</em> erzählt von sich selbst, daß er als Schüler keine -Erfolge hatte. <em class="gesperrt">Bürger</em> wurde als zwölfjähriges Bürschchen -von der Stadtschule zu Aschersleben geschwenkt, der große Dichter -<em class="gesperrt">Shelley</em> erlebte auf der Schule zu Eton ein gleiches Schicksal -und nochmals auf der Universität zu Oxford. Auch Edgar <em class="gesperrt">Poe</em> wurde -relegiert. <em class="gesperrt">Schiller</em> ging bekanntlich von der Karlsschule durch, -der Turnvater <em class="gesperrt">Jahn</em> aber entfloh dem Gymnasium zum Grauen Kloster -in Berlin.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Van Erpecum</em>, ein Schüler an der Höheren Schule in Batavia, -machte die Beobachtung – es dürfte 1902 gewesen sein –, daß in einem -bis zum Rande mit Wasser und darin herumschwimmenden Eisstückchen -gefülltem Gefäß das Wasser nicht überfloß, als das Eis schmolz. Daraus -folgerte er das »<em class="gesperrt">Gesetz der permanenten Oberfläche</em>«, das er mit -Hilfe seines Lehrers in den Sitzungsberichten der Kgl. Niederländischen -Akademie der Wissenschaften veröffentlichte.<a id="FNAnker_114" href="#Fussnote_114" class="fnanchor">[114]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wie die genialsten Gedanken und Beobachtungen in den -Naturwissenschaften und der Technik von Dilettanten bzw. Outsiders -stammen, also von Männern, die nicht der gelehrten Zunft angehörten -und häufig<span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[S. 109]</span> das Gebiet nur im Nebenfach bestellten, sahen wir -eben. Ja, wir trafen auch in späteren Jahrhunderten eine Reihe von -Männern, die auf vielen Gebieten geniale Bahnbrecher wurden, wie das -in der Renaissance so häufig war. Ebenso verhält es sich auch in -den Geisteswissenschaften. Auch hier ist der Beweis nicht schwer zu -erbringen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">William Jones</em> (1746–1794) war es, der sich zuerst eine -eindringende Kenntnis des Sanskrit erwarb und in wesentlich richtigen -und geschmackvollen Übersetzungen erprobte. Er führte Cakuntala so -gut wie die Gesetze des Manu und Teile der Rigveda in die europäische -Literatur ein. Natürlich war er nicht Philologe oder Orientalist von -Fach, sondern <em class="gesperrt">Oberrichter</em> in Fort William in Bengalen.<a id="FNAnker_115" href="#Fussnote_115" class="fnanchor">[115]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der erste, der <em class="gesperrt">Sanskrit</em> und seine Literatur in wahrhaft -philologischem Sinne behandelte – schreibt Benfey – und dadurch einen -sicheren Grund für eine Sanskritphilologie legte, war Henry Thomas -<em class="gesperrt">Colebrooke</em> (1765–1837). Auch er war <em class="gesperrt">Jurist</em>, nämlich -Richter in Mirzapoor in Indien, dann politischer Resident am Hofe von -Berar.<a id="FNAnker_116" href="#Fussnote_116" class="fnanchor">[116]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der erste Entzifferer der <em class="gesperrt">Keilinschrift</em> war der klassische -Philologe Georg Friedrich <em class="gesperrt">Grotefend</em> (1775–1853). Die größten -Kenner der Keilinschriften räumen ihm nicht nur die Priorität -der Entzifferung, sondern auch die Größe der Entdeckung an sich -ein, wie sie auch die Bedeutung seiner Methode für die weiteren -Entzifferungsversuche anerkennen. Schon im<span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[S. 110]</span> Jahre 1802, also 27jährig, -legte Grotefend seine ersten Entzifferungsresultate der Göttinger -Akademie der Wissenschaften vor. Das erstaunlichste war nun, daß dieser -Mann, der die Genialität besaß, die seit Jahrtausenden schweigenden -Steine zum Reden zu bringen, <em class="gesperrt">gar nicht Sanskrit konnte</em>!<a id="FNAnker_117" href="#Fussnote_117" class="fnanchor">[117]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Ruhm, den rechten Weg zur Entzifferung der <em class="gesperrt">Hieroglyphen</em> -gefunden und weiter gegangen zu sein, gebührt dem englischen -<em class="gesperrt">Arzt</em> Thomas <em class="gesperrt">Young</em>, von dessen Genialität im Reiche der -Naturwissenschaften wir schon früher Zeugen waren. Er veröffentlichte -1815 in dem Cambridger »Museum criticum« eine mutmaßliche Übersetzung -des ganzen demotischen Teils der Inschrift von Rosette, die -Entzifferung sämtlicher darin vorkommender Eigennamen und außerdem -die Erklärung von 80 andern Wörtern und ein aus diesen Erklärungen -sich ergebendes demotisches Alphabet. Er entdeckte sogar, daß viele -Wörter nicht alphabetisch, sondern symbolisch geschrieben seien. Eine -außerordentliche Förderung ließ Jean François <em class="gesperrt">Champollion</em> le -jeune (1790 bis 1832) der Entzifferung der Hieroglyphen angedeihen, ja, -er ist der eigentliche Vater der neuen Wissenschaft geworden. Er war -seit 1809 Professor der <em class="gesperrt">Geschichte</em> in Grenoble. Ihm glückte die -Entzifferung 1822, also in seinem 32. Lebensjahre.<a id="FNAnker_118" href="#Fussnote_118" class="fnanchor">[118]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Enden wir hier das Kapitel. Wohl niemand wird mehr bestreiten wollen, -daß uns der Beweis ge<span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[S. 111]</span>lang. Und doch können wir mit einem Trostwort -schließen.</p> - -<p>Die Universitäten sind im allgemeinen nicht schlechter geworden. Sie -verbannen heute die Genialität nicht weiter von sich als in früheren -Jahrhunderten. Sie waren immer eine Organisation der Mittelmäßigkeit.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das sei zum Schluß durch Beispiele und Worte eines berufenen Kenners -belegt.</p> - -<p><em class="gesperrt">Georg von Peurbach</em>, dem bereits Padua und Bologna einen -Lehrstuhl für Astronomie angeboten hatten, las in Wien als Magister der -Artistenfakultät 1434–1460 vorzugsweise über römische <em class="gesperrt">Dichter</em>. -Nur 1458 hielt er eine mathematische Vorlesung. Sein großer Schüler -<em class="gesperrt">Regiomontanus</em> war an keiner Universität, sondern in Nürnberg -tätig, da er an den damaligen Universitäten <em class="gesperrt">wenig Förderung seiner -Studien zu finden meinte</em>. Georg Kaufmann konstatiert, daß »die -Wirksamkeit der beiden großen Astronomen und Mathematiker, die den -<em class="gesperrt">Ruhm der Wiener Universität zu bilden pflegen</em>, der Wiener -Universität nur lose verwandt waren, daß ihre Studien außerhalb des -Rahmens ihrer akademischen Tätigkeit lagen, und daß sie die Ordnung des -mathematischen Unterrichts in Wien nicht umgestaltet haben.«<a id="FNAnker_119" href="#Fussnote_119" class="fnanchor">[119]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Es ist immer dieselbe Sache: Von der Universität und der gelehrten -Zunft gering geschätzt oder bekämpft, wird der »Dilettant« nach -seinem Tode mit Gewalt zum Professor und Kollegen gestempelt. Denn,<span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[S. 112]</span> -wollte die gelehrte Zunft auf die Outsider verzichten, dann wäre -das gleichbedeutend mit einem Verzicht auf die größten Förderer der -Wissenschaft.</p> - -<div class="blockquot"> - -<p><em class="gesperrt">Anm.</em> Hierzu ist in meinem Buch: »Dinge, die man nicht sagt«, -das Kapitel: »Kunst und Dilettantismus« zu vergleichen, das noch -eine Reihe Ergänzungen liefert.</p></div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[S. 113]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Fuenfter_Abschnitt"><span class="s5">Fünfter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Von Universität und Schule</span></h2> - -</div> - -<p>Die mittelalterlichen Scholaren der Artistenfakultät, also die große -Masse, lebte in den Bursen in größtem Zwang. Sie standen den ganzen Tag -unter Aufsicht, ihr Aufstehen, Essen und Trinken, Studium, Ausgehen, -alles war vorgeschrieben, das Verbot der Wirtshäuser und Tanzräume, des -Kartenspiels bestand bei ihnen wie bei unsern Mittelschülern, kurz, sie -waren durchaus unfrei im Gegensatz zum modernen Studenten, hinter dem -sie an Lebensalter allerdings bedeutend zurückstanden.</p> - -<p>Nichts aber wäre falscher, als die Annahme, sie hätten deshalb einen -halbwegs anständigen Lebenswandel geführt. So muß ein Heidelberger -Statut von 1466 verbieten, daß die Scholaren den Magister <em class="gesperrt">während -der Vorlesungen</em> durch Geschrei und Schimpfreden <em class="gesperrt">störten</em>, -oder dadurch, daß sie einen Fuchs zwängen, <em class="gesperrt">das Salve anzustimmen</em> -oder <em class="gesperrt">mit Dreck würfen</em>. Schon früher mußte in Heidelberg verboten -werden, <em class="gesperrt">in den Vorlesungen mit Steinen zu werfen</em> oder ähnlichen -Unfug zu verüben. Wer während der Vorlesung mit Steinen wirft – heißt -es<span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[S. 114]</span> dort 1444 – oder andere Unverschämtheiten sich zuschulden kommen -läßt, dem soll – man meint das Sitzorgan gegerbt werden. O nein – dem -soll <em class="gesperrt">eine Vorlesung als versäumt angerechnet werden</em>!</p> - -<p>Die groben Späße der Scholaren arteten bisweilen geradezu in Verbrechen -aus. Sie plünderten die Gärten der Bürger, drangen nachts in die -Häuser, beleidigten die Braut auf dem Zuge zur Kirche, drängten sich in -Hochzeitsgesellschaften und wollten hier die Herren spielen, erregten -nachts Waffenlärm, indem sie auf die Steine der Straßen schlugen, und -griffen die Wächter an und wer sonst über die Straße kam. An allen -Universitäten ereignete sich dergleichen Unfug. In Köln, Heidelberg und -anderwärts kam es wiederholt zu förmlichen Tumulten, bei denen <em class="gesperrt">Sturm -geläutet</em> und das Banner entfaltet wurde.</p> - -<p>Nur <em class="gesperrt">einen</em> Unfug kannte man damals noch nicht, den der späteren -Duelle. Von ihnen findet sich keine Spur. Beleidigungen wurden von -Magistern und Scholaren auf dem Rechtswege ausgetragen, ohne Schaden -an ihrer Ehre. Sonst setzte es tüchtige Prügel ab, was jedenfalls -weit verständiger ist, als die Säbelschlägerei und Pistolenschießerei -zwischen den dümmsten Grünlingen, die sich in ihrer funkelnagelneuen -Ehre jeden Augenblick beleidigt fühlen. Wer den haarsträubenden Unfug -und den frivolen Leichtsinn vieler studentischer »Ehrengerichte« kennt, -wird das nur bestätigen können.<a id="FNAnker_120" href="#Fussnote_120" class="fnanchor">[120]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Einst frug der Kurfürst Christian von Sachsen Friedrich Taubmann -(1565–1613), »was die Studenten<span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[S. 115]</span> in Wittenberg machten? Taubmann stehet -von der Taffel auff, gehet mit dem Degen in den Hoff hinunter, hauet -in die Steine, grabet etliche auss und wirfft zu dem Churfürsten in -die Fenster und schreyet: ›Herunter, du Penal, du Spulwurm‹ etc. Der -Churfürst läßt ihm sagen: Er sol nur auffhören, er hätte Bescheids -genug.«<a id="FNAnker_121" href="#Fussnote_121" class="fnanchor">[121]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Prinz Wilhelm von Nassau-Dillenburg erzählt in seiner 1694 abgefaßten -Reisebeschreibung über die Studenten in Padua: »Padua ist eine -weitläufige, aber menschenleere Stadt, in deren Straßen man auch im -größten Regen trocken einhergehen kann, unter den Gängen, die vor den -Häusern sind. Es ist aber wunderlich, daß dort <em class="gesperrt">die Studenten Macht -haben, Arme und Beine nicht nur sich selbst, sondern auch Fremden zu -zerschießen</em>.</p> - -<p>Sobald es Nacht wird, gehen sie gewaffnet in Scharen aus, auf -verschiedenen Parteien, und verstecken sich hin und wieder hinter die -steinernen Pfeiler. Kömmt einer, so rufen sie ihn an: Qui va li? Da -trägt es sich bisweilen zu, daß man zwischen zwei Qui va li? kömmt, -und also in der größten Gefahr ist. – Auch dieses läßt die Republik -(Venedig) aus Politik zu.«<a id="FNAnker_122" href="#Fussnote_122" class="fnanchor">[122]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das wilde Leben der Scholaren wurde durch das ihrer Lehrer höchstens -noch übertroffen. Da ist verboten, daß <em class="gesperrt">ein Magister mit einem -Stein, einem Becher oder etwas ähnlichem werfe</em>. Wer nur<span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[S. 116]</span> den -Arm zum Werfen erhob, aber nicht warf, hatte zehn neue Groschen -Strafe zu zahlen, wer warf, aber nicht traf, hatte acht Gulden zu -erlegen, wer aber traf, wurde nach der Größe des Schadens bestraft. -Auch <em class="gesperrt">Faustschläge</em> und <em class="gesperrt">Reißen an den Haaren</em> hatten ihre -<em class="gesperrt">Tarife</em>! Man stelle sich vor: Professoren! Niemand sollte auch -durch das Fenster einsteigen. Tief blicken läßt die Bestimmung, -daß kein Lehrer ad commodum suum meretricem (zu seinem Nutzen eine -Prostituierte) ins Kollegium mitbringen dürfe. Das war sehr teuer -und kostete eine ganze Jahresrente als Strafe, ebenso wie das andere -Verbot, das man zu erlassen für nötig befunden hatte: vel actum -venereum inibi exercere (den Beischlaf dort auszuüben). Bei den -Disputationen aber war das Verbot von Schimpfworten wie ketzerisch, -der Ketzerei verdächtig, Eselei oder Dummheit verboten.<a id="FNAnker_123" href="#Fussnote_123" class="fnanchor">[123]</a> Leider -besitzen wir keine Instanz, die aus den Polemiken unserer Gelehrten die -Schimpfereien und Lackelhaftigkeiten entfernte, die immer noch an den -sozialen Tiefstand früherer Jahrhunderte unliebsam erinnern.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Von der kläglichen Finanzlage, in der sich in der Regel die -mittelalterlichen Universitäten, Fakultäten und Professoren befanden, -gibt eine Vorstellung die Motivierung der Wiener Fakultät für das -Unterlassen einer Beschickung der Nürnberger Tagung, auf der der Kaiser -über die Berufung eines andern Konzils verhandeln wollte. Sie schreibt -am 30. Dezember 1442: »weil die Universitätskasse vollkommen leer sei -und die Universität selbst in großen Schulden stecke.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[S. 117]</span></p> - -<p>Mag auch der Wunsch, sich überhaupt zu drücken, bei der Schwarzfärbung -mitbestimmend gewesen sein, so beweisen doch die Schwierigkeiten, die -die gleiche Universität hatte, um ihren Gesandten 1433 in Basel mit -Geld auszustatten, daß Schmalhans Küchenmeister war. Jeder Professor -hätte im Durchschnitt jährlich drei Gulden beisteuern müssen. Das -ist allerdings sehr viel, wenn man bedenkt, daß der Mindestbesoldete -nur 30 Gulden im Jahre an Gehalt erhielt und daß nur die Professoren -der oberen Fakultäten – in Wien etwa 30 Gelehrte – Einnahmen von -80–100 Gulden buchen konnten. Ganz wenige unter ihnen zogen bedeutende -Revenuen aus Prüfungen, sowie ihrer Praxis als Anwälte oder Ärzte.<a id="FNAnker_124" href="#Fussnote_124" class="fnanchor">[124]</a></p> - -<p>Jede Nebeneinnahme war natürlich hochwillkommen. Am meisten warfen -die Promotionen in den oberen Fakultäten ab. Der Doktorand war -verpflichtet, an die bei der Promotion anwesenden Magister und -Doktoren Geschenke zu verteilen, und zwar zumeist ein Paar Handschuhe, -wobei auch wohl unterschieden wurde, wer solche aus Hirschleder -bekommen solle oder aus einer geringeren Qualität. Auch ein Barett, -ein Geldstück oder einige Ellen Tuch waren übliche Geschenke. In -Frankfurt wurden zwischen den Doktoren der oberen Fakultäten förmliche -Verträge geschlossen, welche z. B. den Doktoren der Medizin das Recht -verbürgten, bei der Promotion von Juristen und Theologen mit solchen -Geschenken bedacht zu werden und umgekehrt. Dazu mußte der Doktorand -Wein und Konfekt den Examinatoren und dem Kanzler liefern und den -Doktorschmaus, dem sich bisweilen auch ein Ball anreihte, bezahlen. Da -ist es<span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[S. 118]</span> dann kein Wunder, wenn die Kosten einer Promotion enorm waren. -So mußte in Leipzig zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein Doktor der -Rechte bei seiner Promotion für Gelage, Umzüge, Musik und Geschenke die -Summe von 250 Dukaten aufwenden.<a id="FNAnker_125" href="#Fussnote_125" class="fnanchor">[125]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wie kläglich die finanzielle Lage der Professoren war, geht aus -einer Klageschrift der Universität Heidelberg von 1462 an den Papst -hervor. Sie seien großenteils alte Männer, die von ihrer akademischen -Tätigkeit leben müßten und gezwungen wären, zu <em class="gesperrt">betteln</em>, wenn der -Papst ihnen die mit ihren Professuren verbundenen Pfründen entzöge. -Deshalb möchte der Papst ihre unentschiedene Stellung in den wegen der -Konzilien entstandenen Parteikämpfen nicht verübeln, da sie auch von -ihrem Landesherren abhängig seien. »Wenn wir ihm nur im geringsten -entgegentreten, dann verlieren wir unsere Einkünfte.«<a id="FNAnker_126" href="#Fussnote_126" class="fnanchor">[126]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Nach einer Urkunde vom Jahre 1804 erhielt <em class="gesperrt">Immanuel Kant</em> -folgendes Gehalt: »I. Als Professor der Logik und Metaphysik 1) -Salarium 166 Thaler 60 Grsch. 2) Zulage 86 Thlr. 73 Grsch. 16⅕ Pf. -3) Accise 26 Thlr. 50 Grsch. (quartaliter zahlbar). 4) Mühlen-Gefälle -(als annuum fällig den 1. April) 4 Thlr. 5) Thalheimsche Gefälle (als -annuum fällig den 19. Juni) 17 Thlr. 53 Grsch. 3 Pf. 6) An Getreyde -44 Schffl. Roggen, quartaliter zu berechnen, aber gewöhnlich erst -im letzten Quartal zu empfangen. Diese sind im Etat à 40 Grsch. p. -Schffl. angeschlagen<span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[S. 119]</span> auf 19 Thlr. 50 Grsch. 7) Aus dem Stipendio -Gerhard Janseniano (als annuum fällig den 31. Dezbr.) 75 Grsch. 8) -An Zinsen aus der philosophischen Fakultät (halbjährig in Ostern und -Michael fällig) 10 Thlr. 88 Grsch. 1⅛ Pf. 9) Ex Signis Initiationis -(halbjährlich in Ostern und Michael fällig) nach der Fraktion 27 Thlr. -17 Grsch. 15 Pf. 10) An Censur-Gebühren nach der Fraktion 6 Grsch. -11) An Holz 5 Achtel, welche von der Königl. Holz-Cämmerey im ersten -Quartal des Etats-Jahres pränumerando geliefert werden. Diese sind im -Etat à 5 Thlr. p. Achtel angeschlagen auf 25 Thlr. Summa als Professor -385 Thlr. 43 Grsch. 17 (17<span class="zaehler">13</span>⁄<span class="nenner">40</span>) Pf.« Dazu kommt sein Gehalt II. -als Senator, der sich in ähnlicher Weise zusammensetzt, in Höhe von -43 Thlr. 59 Grsch. 17 Pf., ferner der als Senior der philosophischen -Fakultät in der Höhe von 100 Thalern und endlich eine außerordentliche -Zulage aus der kgl. Ober-Schul-Kasse im Betrage von 220 Thalern. Mithin -stand sich der größte Denker, den Deutschland, vielleicht die Erde am -Ende des 18. Jahrhunderts besaß, auf <em class="gesperrt">749 Thaler, 23 Groschen und 10 -Pf. im Jahre</em>!<a id="FNAnker_127" href="#Fussnote_127" class="fnanchor">[127]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>An der Leipziger Universität gab es im Mittelalter ein großes und ein -kleines Kolleg, in denen die Studenten, wie ja damals allgemein üblich, -auf Grund besonderer Statuten gemeinsam lebten. Diese Statuten nun -bestimmten nicht nur die Reihenfolge, in der bei Tisch die Speisen -anzubieten waren, sie enthielten auch die Vorschrift, daß <em class="gesperrt">kein -Kollegiat in den Vorlesungen oder Disputationen Sätze auf<span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[S. 120]</span>stellen -dürfe, die der Mehrheit der Kollegiaten mißfielen</em>. Wer es doch tat -und auf die Mahnung nicht hörte, <em class="gesperrt">verlor Tisch und Einkünfte</em>, -bis er vom Kollegium wieder zu Gnaden aufgenommen war. Es war also -möglich, daß im Kleinen – acht Stellen aufweisenden – Kolleg eine -Meinung zulässig war, die im Großen Kolleg mit 22 Stellen verboten war -und man fand nichts Entehrendes darin, eine wissenschaftliche Ansicht -durch einen Majoritätsbeschluß einer derartigen Genossenschaft zu -unterdrücken und offen durch solche Mittel auf die Gesinnung zu wirken. -Mag es sich auch entsprechend der ganzen mittelalterlichen Methode um -die einfältigsten Spitzfindigkeiten gehandelt haben, so war darum die -Vergewaltigung der Lehrmeinung nicht geringer.<a id="FNAnker_128" href="#Fussnote_128" class="fnanchor">[128]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das ist weniger verwunderlich, wenn man weiß, daß jedem -mittelalterlichen Universitätslehrer nicht nur die Kleidung, in der er -allein Vorlesungen halten durfte, sondern auch <em class="gesperrt">Inhalt und Form des -Unterrichts genau vorgeschrieben</em> waren. Und zwar nicht etwa bloß -das Buch, sondern auch der <em class="gesperrt">Kommentar</em>, die <em class="gesperrt">Glosse</em> und -damit der <em class="gesperrt">ganze Gang und Hauptinhalt der Erklärung</em>. Ferner ob -und wieviel er diktieren, ob er aus dem Heft vortragen oder wenigstens -einen Gedächtniszettel benutzen dürfe. Es war auch verboten, in einer -Stunde mehr oder weniger als die von der Fakultät vorgeschriebenen -Abschnitte durchzunehmen. War auch meist freier Vortrag gefordert, so -tadelt ein Ingolstädter Gut<span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[S. 121]</span>achten von 1507 es doch als verwerfliches -Virtuosentum, daß der Doktor Theoderich, ein Jurist, Text und Glossen -aus dem Gedächtnis anführe, statt sie aus dem Buch vorzulesen. Der -Lehrer war in solcher Weise <em class="gesperrt">nach allen Seiten hin gebunden</em> und -wurde so sehr nur als Werkzeug betrachtet, daß er nicht nur sich – wie -unsere heutigen Volksschullehrer, sofern sie Religionsunterricht zu -erteilen haben – den in den vorgeschriebenen Büchern und Kommentaren -vertretenen Ansichten anzuschließen hatte, sondern auch <em class="gesperrt">Methode und -Meinung wechseln mußte, wenn die Fakultät die Bücher wechselte</em>.</p> - -<p>So konnte der Streit von zwei Schulen der Kommentatoren über die -logischen Lehrbücher zu einem Kampf an den Universitäten und unter den -Universitäten werden, wie der berühmte zwischen den <em class="gesperrt">Realisten</em>, -die sich bei der Erklärung der Aristotelischen Logik und des allgemein -gebrauchten Kompendiums des Petrus Hispanus den älteren Kommentatoren, -Albertus Magnus, Duns Scotus, Thomas von Aquino u. a. anschlossen, und -den <em class="gesperrt">Nominalisten</em>, die an Occam anknüpften. Letztere, die auf -Wortformen der Begriffe und Verhältnisse des Satzbaues das Hauptgewicht -legten, wurden die größten Meister spitzfindiger und sophistischer -Dialektik. Es handelte sich lediglich um einen literarischen, keinen -spekulativen Parteigegensatz.</p> - -<p>Nun ist nichts bezeichnender für das Wesen der mittelalterlichen -Universität und den Lehrzwang, den sie ausübte, als die Tatsache, daß -die eine Richtung die andere <em class="gesperrt">nicht neben sich duldete, vielmehr an -der einen Universität nur nach der alten,<span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[S. 122]</span> an der andern nur nach der -neuen Methode gelehrt werden durfte</em>.</p> - -<p>Als sich Hieronymus von Prag, der sich am 7. April 1406 in Heidelberg -hatte immatrikulieren lassen, mit Leidenschaft in einer Disputation -zum Realismus bekannte, die Fakultät die Aufstellungen des Hieronymus -widerlegen ließ und Hieronymus hierauf wieder antworten wollte, -<em class="gesperrt">wurde den Studierenden bei ihrem Eide untersagt, dem Akte -anzuwohnen</em>! Weiter beschloß die Fakultät, daß fortan kein auf einer -andern Universität ausgebildeter Bakkalar oder Magister in die Fakultät -aufgenommen werden solle, bevor er sich <em class="gesperrt">eidlich verpflichtet</em> -habe, keine Frage zu determinieren, ohne vorher dem Dekan seine -Aufstellung vorzulegen und zu <em class="gesperrt">schwören, sie auf dem Katheder -wörtlich und ohne jede Änderung vorzutragen</em>.</p> - -<p>Noch im Jahre 1452 mußte sich <em class="gesperrt">jeder Magister</em> in Heidelberg bei -der Aufnahme in die Fakultät <em class="gesperrt">eidlich verpflichten</em>, nur auf -Grund der neuen, vor allem durch Marsilius von Padua eingeführten, -nominalistischen Methode zu lehren. Einige Lehrer, die den alten Weg -für richtiger hielten, mußten ausscheiden. Erst ein Machtwort des -Kurfürsten Friedrich beseitigte dieses Monopol.</p> - -<p>In Tübingen, das schon 1477 beiden Richtungen gleiche Geltung -einräumte, konnte ein Scholar oder Bakkalar nicht, wie seit 1452 in -Heidelberg, beliebig bei Lehrern der einen oder andern Partei hören, -vielmehr hatte er sich für einen von beiden zu entscheiden und in dem -gewählten Wege die Grade zu erwerben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[S. 123]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Die unbestrittene Autorität des Aristoteles</em> in den weltlichen -Wissenschaften wurde <em class="gesperrt">sowohl von den Nominalisten, als von den -Realisten anerkannt</em>. Beide Parteien stimmten darin überein, daß -sich <em class="gesperrt">niemand von seiner Lehre entfernen dürfe</em>, es sei denn, -einer seiner Sätze widerstreite der Kirchenlehre. In diesem Falle solle -man darauf hinweisen, daß Aristoteles nach der bloßen Vernunft urteile, -ohne durch den Glauben erleuchtet zu sein. So zu den Scholaren zu -sprechen war in Heidelberg ausdrücklich vorgeschrieben. Zugleich wurde -jeder <em class="gesperrt">neue Magister eidlich verpflichtet, die Worte des Aristoteles -und seines Kommentators als feste und gewissermaßen unzweifelhafte -Wahrheit zu verkünden</em>.<a id="FNAnker_129" href="#Fussnote_129" class="fnanchor">[129]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als <em class="gesperrt">Petrus Ramus</em> um die Erlaubnis gebeten hatte, in Genf -lehren zu dürfen, erhielt er von Beza (1519–1606), dem Nachfolger -Calvins, die für die nicht eben freie Stellung der neuen Kirche zu -Aristoteles charakteristische Antwort: »<em class="gesperrt">Die Genfer haben ein für -allemal beschlossen, weder in der Logik, noch in irgendeinem andern -Wissenszweige von den Ansichten des Aristoteles abzuweichen.</em>«<a id="FNAnker_130" href="#Fussnote_130" class="fnanchor">[130]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Georg Kaufmann, der hervorragende Kenner unseres mittelalterlichen -Universitätswesen, urteilt über die Bedeutung der Hochschulen für die -Entwicklung der Wissenschaften wie folgt: »Alle Fakultäten hielten<span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[S. 124]</span> bis -ans Ende der Periode (also bis zur Reformationszeit) die Lehrziele und -die Lehrmethode fest, die ihre Statuten aus dem 14. Jahrhundert zeigen, -und soweit sie neuen Ansprüchen und Regungen Raum ließen, geschah es -fast immer auf Drängen von Personen und Behörden, die <em class="gesperrt">außerhalb</em> -der Universitäten standen, oder ihnen doch nur lose und äußerlich -verbunden waren.</p> - -<p>Der Scholar, Bakkalaureus, Lizentiat oder Doktor der Medizin des Jahres -1490 war noch ganz mit denselben Büchern, Kenntnissen und selbst Sitten -ausgestattet, wie wir ihn im Jahre 1390 verlassen haben.</p> - -<p>Genau so verhielt es sich in der Artistenfakultät. Um 1500 verfolgte -man ungefähr die gleichen Ziele, wie um 1400 und hatte auch noch -dieselben Lehrbücher.«<a id="FNAnker_131" href="#Fussnote_131" class="fnanchor">[131]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1471 trug sich nach derselben Quelle ein Ereignis zu, das -selbst im Mittelalter, das an Sonderbarkeiten gewiß nicht Mangel -litt, selten war. <em class="gesperrt">Sechs Schustergesellen sandten nämlich der -Universität Leipzig einen Fehdebrief!</em> Sie sagten darin, daß ihnen -von vier Scholaren Gewalt geschehen sei, ohne daß ihnen dafür Recht -geworden wäre. So wollten sie sich denn erholen an allen denen, -»dye do Studenten synt, junck adir alt«. Die Landesherren erließen -allerdings einen Befehl auf Ergreifung der sechs Schustergesellen, aber -merkwürdigerweise <em class="gesperrt">unter gleichzeitiger indirekter Anerkennung des -Fehderechtes</em>. Nur weil sie nicht zuerst vor den Gerichten über das -ihnen angetane Unrecht Klage<span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[S. 125]</span> geführt, sondern gleich Fehde angesagt -hätten, wurde gegen sie eingeschritten. Außerdem rief die Universität -die geistliche Gerichtsbarkeit gegen die Feinde auf.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ernster lief eine Affäre ab, die hier mitgeteilt werden möge, wiewohl -es sich nicht um einen Studenten handelt. Sie ist aber überaus -bezeichnend für das, was in unserem Mittelalter möglich war.</p> - -<p>Ein <em class="gesperrt">Müllerknecht</em> namens Klee hatte Forderungen an die Stadt -Mühlhausen wegen rückständigen Lohnes. Eigentlich schuldeten zwar -Meister ihm das Geld, da er aber ein frecher Bursche war, mit dem -die Stadt nichts zu tun haben wollte, kam sie für die Schuld auf -und deponierte die fragliche Summe auf seine Klage hin. Er erhob -das Geld aber nicht, vielmehr steckte er am 11. April 1466 einen -<em class="gesperrt">Fehdebrief</em> an das Gatter des Baseler Tores zu Mühlhausen! Also -ein einzelner Müllerknecht, der einer ganzen Stadt die Fehde ansagt!</p> - -<p>Bald nahm sich seiner der Ritter Peter von Regisheim an, der einige -Bürger gefangen setzte und der Stadt seinen Fehdebrief übersandte. -Andere Ritter folgten nach, so daß schließlich der Adel des ganzen -Sundgaues gegen Mühlhausen in Fehde lag. Die Geschichte zog immer -weitere Kreise und wurde Anlaß zum wenige Jahre später erfolgten -Zusammenbruch des mächtigen Reiches Karls des Kühnen von Burgund. -Kleine Ursache, große Wirkung.<a id="FNAnker_132" href="#Fussnote_132" class="fnanchor">[132]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[S. 126]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Auch Differenzen zwischen Gelehrten konnten die unangenehmsten Folgen -haben.</p> - -<p>Der Professor Flacius in Jena geriet mit seinem Kollegen Victorinus -Striegel, einem Anhänger Melanchthons, in Jena über das liberum -arbitrium und die sogenannten guten Werke in einen erbitterten Streit, -in dem Striegel, der Jenaische Professor Schnepf und der dortige -Superintendent Andreas Hugel zum höchsten Zorne ihres Gegners und -seiner Partei das »Confutationsbuch« verfaßten. Flacius brachte -die Fürsten von Weimar auf seine Seite, und da Striegel nicht zur -Zurücknahme seiner Ansichten zu bewegen war, griffen die Fürsten zu -einem eigenartigen Mittel, über das uns der Bericht des bekannten -Wittenberger Professors Justus Jonas an den Herzog Albrecht von Preußen -belehrt.</p> - -<p>»Die jungen Fürsten zu Sachsen (Weimar) haben Victorinum bei der -Nacht in der Stadt Jena überfallen und samt dem Superintendenten -des Orts, Magister Andreas Hugel, einem frommen, gottesfürchtigen, -gelehrten, alten Mann, <em class="gesperrt">gefänglich</em>, wie man Dieben und Mördern -tut, <em class="gesperrt">wegführen lassen</em>.... Am heiligen Ostertag nämlich hat man -an die hundert Hakenschützen, desgleichen an fünfzig oder sechzig -Pferde, unter welchen jedoch keiner von Adel gewesen, in Weimar auf -den Abend sich rüsten lassen, ihnen aber nicht angezeigt, wem oder -wohin es gelte; denn man hat diese Dinge sehr heimlich gehalten, auch -derenthalben zwei Tage zuvor auf der Straße zwischen Weimar und Jena -gestreift, den Boten alle Briefe genommen und erbrochen, auch etliche -Wandersleute, unter welchen der junge Doktor Cornarius,<span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[S. 127]</span> untersucht -und wieder zurück in die Stadt Weimar geführt, auf daß Victorinus ja -nicht etwa gewarnt würde und sich (dessen er doch nie willens gewesen) -davonmachte. Folgends am Ostermontage, zwischen zwei und drei in -der Nacht, sind die Tore der Stadt Jena auf vorangehende fleißige -Bestellung geöffnet worden, Reiter und Hakenschützen hineingelassen, -welche alsbald in die zwei Gassen, darin Dr. Victorinus und der -Superintendent ihre Wohnung haben, gerückt, dem Victorinus mit großem -Ungestüm die Türe mit Äxten und Zimmerbeilen aufgehauen, und als der -fromme, ehrliche Mann aus Schrecken samt seiner tugendreichen, lieben -Hausfrau im Hemde herabgelaufen und gefragt: was da wäre? ob Feuer da -wäre? haben die Ölberger geantwortet: Was sollte da sein? Wir sind da -und wollen dich losen Bösewicht dahin führen, wohin du gehörst.</p> - -<p>Als sein frommes Weib diese Worte gehört, hat sie Zeter und Mordio -angefangen zu schreien, durch welches Geschrei sie die Judasrotte -also erzürnt, daß einer unter den Ölbergern, sonder Zweifel ein -ehrevergessener Schelm, dem armen, erschrockenen, ehrlichen, frommen -Weibe <em class="gesperrt">eine Zündbüchse vor den Leib gehalten und gesagt: Schweig, du -Pfaffenhure, oder ich will eine Kugel durch dich schießen</em>! Welche -Schmähung Dr. Victorinus verantwortet; darauf sie ihn einen Schelm -gescholten, wodurch er denn nicht unbillig bewegt und wieder gesagt: -Ei! bist du ein Schelm, so bleib einer; ich bin kein Schelm!</p> - -<p>Dieser Lärm hat nicht lange gewährt, denn die Ölberger haben sich vor -den Studenten und der<span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[S. 128]</span> Bürgerschaft, wo sie des Spiels inne und wach -würden, sehr besorgt und derwegen so heftig geeilt, daß sie auch dem -frommen Manne Victorinus nicht haben Weile gelassen, daß er seine -Kleider hätte anziehen können, sondern man hat ihn <em class="gesperrt">im Hemde auf den -Weg gestoßen</em> und mit Not so lange gewartet, daß man ihm die Kleider -hintennach geworfen.</p> - -<p>Mit dem Superintendenten hat man etwas gelinder verfahren, und wie -der gemeine Laut gehet, so werden sie sehr hart gehalten und nicht so -traktiert, wie billig solche Leute, ob sie gleich ein Größeres verwirkt -hätten, gehalten und traktiert werden sollten. Gott tröste die frommen, -heiligen Leute, wehre und steuere den Teufelskindern, welche die jungen -Fürsten auf solche Umwege führen.«</p> - -<p>In einem späteren Briefe berichtet Justus Jonas dem Herzog, daß man -noch viel brutaler, als er zuerst mitgeteilt habe, gegen die Herren -verfuhr: »Man ist nicht allein bei Nebel und Nacht in sein Haus -gefallen, Tür und Angel in Stücke zerhauen, sondern die Judasrotte ist -dem frommen, ehrlichen Manne Victorinus in seine Schlafkammer gefallen, -haben ihn auf einer Seite des Bettes gefunden, ganz bloß und gleich in -dem, daß er sein Hemd über dem Haupt und an seinen Leib gezogen. Sein -frommes, ehrliches Weib, des seligen Mannes Doktor Schneppii Tochter, -haben sie auf der andern Seite des Bettes mutterleibesnackt gefunden, -da das fromm tugendreich Weib stumm und bestürzt gestanden wie ein -Stock, sich vor Schrecken nicht regen noch besinnen können... Des alles -ungeacht haben sie ihr Büchsen und Spieß vor das Herz gehalten und sie -mit Schmähworten greulich angegriffen...«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[S. 129]</span></p> - -<p>Grund zu diesem Betragen, das selbst dem Redakteur eines -regierungsfeindlichen Blatte gegenüber vielleicht sogar in Preußen -befremden würde, war die treue Anhängerschaft Victorin Striegels an -Melanchthon und die kursächsischen Theologen zu Wittenberg, die Flacius -haßte, wiewohl ihn Melanchthon früher mit Wohltaten überschüttet -hatte.<a id="FNAnker_133" href="#Fussnote_133" class="fnanchor">[133]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das Bild, das Küchelbecker von der Wiener Universität noch um 1730 -entwirft, spricht Bände über die segensreiche Wirkung der Kirche in -wissenschaftlichen Fragen. Galt dort die alleinige Meinung der Kirche, -so ist das bei einem orthodoxen Hofe weniger verwunderlich. Aber das -war nicht alles. »Wir wollen nur anführen, daß die Auctorität des Heil. -<em class="gesperrt">Aristotelis</em> in Philosophicis hieselbst ebenfalls infalible -ist; Dahero die hiesigen Magistri artium, als unmündige Kinder ihre -Vernunfft unter dem »Autos epha« gefangen nehmen und dessen Dogmata -beschwehren müssen. Auch in der Jurisprudenz muß man nach der alten -einfältigen Leyer derer Canonisten und Civilisten forttantzen und -<em class="gesperrt">beyleibe keine neuen Meinungen, auch nicht einmal exercitii gratia, -statuieren</em>, wo man sich nicht einen Schwarm Jesuiten auf den Halß -laden will... In der Medicin hat es fast gleiche Bewandniß, die Moral -und Jus Naturae werden allhier schlecht tractiret, und fast nichts -als Fabeln und absurde Principia, deren sich ein jeder vernünfftiger -Mensch schämen muß, tradiret. Das Jus publicum und die Historie, -so wohl die Profan- als Kirchen-Geschichte, können ebenfalls nicht -aufrichtig gelehret<span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[S. 130]</span> werden, weil sonst die römische Kirche ziemlich -würde censiret werden müssen. Dieses alles ist auch die Ursache, warum -so viele österreichische Cavaliers, wenn sie auf Reise gehen, zu Leyden -noch eine Zeit lang studieren, und diese Studia daselbst tractiren. -Und mit kurtzen: wie ist es möglich, hinter die Wahrheit zu kommen, wo -man nicht libertatem sentiendi, ratiocinandi hat. Denn Latein und die -Metaphysique alleine machen keinen Gelehrten.«<a id="FNAnker_134" href="#Fussnote_134" class="fnanchor">[134]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Am 23. Juli 1798 erschien eine »Verordnung wegen Verhütung und -Bestrafung der die öffentliche Ruhe stöhrenden Excesse der Studirenden -auf sämmtlichen Akademien in den Königlichen Staaten«. Friedrich -Wilhelm III. von Preußen erteilt darin der Polizei das früher -versagte Recht, Studenten zu verhaften, wobei sie sich nötigenfalls -militärischen Beistandes bedienen durfte. In keinem Falle sollte gegen -Studenten, die sich »Ungezogenheiten und Ausschweifungen« erlauben und -»ihren Frevel so weit treiben, daß solcher der öffentlichen Sicherheit -gefährlich geworden« auf Geldstrafen oder Relegation erkannt werden, -sondern auf Gefängnis oder körperliche Züchtigung. Unter keinerlei -Vorwand wird jemand der Zugang zu dem Gefangenen gestattet, selbst der -Gefangenenwärter darf sich mit ihm in keine Unterredung einlassen, -auch nicht einmal in das Gefängnis kommen, sondern muß mittelst einer -Drehmaschine für die Nahrung und Reinlichkeit des Gefangenen sorgen. -Bücher und Schreibmaterialien waren nicht gestattet; die Nahrung ist -»unveränderlich« gleichförmig. »Die<span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[S. 131]</span> Züchtigung mit Peitschenhieben« -muß als »ein väterliches Besserungsmittel angesehen, sie muß im -Gefängnisse in Gegenwart des Vorgesetzten vollstreckt, und von diesem -mit den nötigen Ermahnungen begleitet werden.«</p> - -<p>Diese Strafe wäre unverständlich, wenn man nicht wüßte, wie die -Studenten in und außerhalb Preußens damals und früher, aber auch noch -später gehaust haben. Bonner Korpsstudenten haben uns noch im Jahre -1910 daran erinnert, daß der alte Geist des Vandalismus in unsern -Musensöhnen die Stürme der Jahrhunderte überdauert hat.<a id="FNAnker_135" href="#Fussnote_135" class="fnanchor">[135]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>An die großen Disputationen, eine der wichtigsten Institutionen der -mittelalterlichen Universität, die bisweilen vierzehn Tage dauerten -und in denen Berge leeren Strohs gedroschen wurden, schlossen sich -häufig Disputationen über mehr scherzhafte Probleme an. Entsprechend -der Liederlichkeit des Klerus und dem wüsten Treiben der Scholaren war -auch die Wahl des Themas. So wurde 1494 in Erfurt über das <em class="gesperrt">Monopol -der Schweinezunft</em>, 1515 ebenda über <em class="gesperrt">Säufer und Suff</em> (de -generibus ebriosorum et ebrietate) disputiert. In Heidelberg aber -verzapfte Joh. Grieb unter Wimpflings Präsidium 1478 oder 1479 seine -Weisheit über die <em class="gesperrt">Schelmenzunft</em> (monopolium et societas des -Lichtschiffs). Im Jahre 1499 aber disputierte man über die <em class="gesperrt">Treue der -Kokotten</em> (de fide meretricum) und die <em class="gesperrt">Treue der Beischläferinnen -der Priester</em> (de fide concubinarum in sacerdotes). Daß bei diesen -Festakten der Fakultät,<span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[S. 132]</span> die vom Katheder herab gehaltenen Reden -von Zoten und unanständigen Schwänken strotzten, versteht sich von -selbst.<a id="FNAnker_136" href="#Fussnote_136" class="fnanchor">[136]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wohin es führt, wenn die Kirche die Universitäten beherrscht, lernten -wir im Mittelalter zur Genüge kennen. Jeder Gelehrte brachte seine -Studien in irgend welche Beziehungen zu ihr. So glaubte Erasmus -Rheinhold in Wittenberg, einer der bedeutendsten Mathematiker -der Reformationszeit, die <em class="gesperrt">Mathematik</em> nicht höher loben zu -können, als wenn er sie als »eine <em class="gesperrt">Zier der christlichen Lehre -und Kirche</em>« empfahl. Die <em class="gesperrt">Astronomie</em> ward zu einer -Wissenschaft, deren letzter Zweck die <em class="gesperrt">Anbetung Gottes</em> war, -wie die <em class="gesperrt">Geschichte</em> das ganze Mittelalter hindurch in keinem -andern Sinne geschrieben wurde, als dem, <em class="gesperrt">Gott und sein Wirken zu -verherrlichen</em>.<a id="FNAnker_137" href="#Fussnote_137" class="fnanchor">[137]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>A. Weishaupt erzählt, der religiöse Unterricht habe zum Teil darin -bestanden, daß die Schüler das Vaterunser rückwärts ohne Anstoß -hersagen sollten, oder angeben, wie oft et, in oder cum in dem ersten -Hauptstück des Canisius stehen usw.<a id="FNAnker_138" href="#Fussnote_138" class="fnanchor">[138]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Exbenediktiner H. Braun, der Schulreformator Bayerns, verfaßte -einen Katechismus, der 1769 von der Universität Ingolstadt, 1771 von -fünf Ordinariaten und der Universität Salzburg begutachtet war. Ein -Kritiker rügte es, daß Braun die lateinische Wendung<span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[S. 133]</span> »ich glaube -<em class="gesperrt">in</em> Gott Vater« im Glaubensbekenntnis abänderte in »ich glaube -<em class="gesperrt">an</em> Gott Vater«. Das wird als »lutherisch-deutsch« gescholten. -»Warum sollen wir den Glauben der Lutheraner beten?« Der glaubensstarke -Mann schließt: »Wann in unser katholisches Land dererlei Katechismus -sollen eingeführet werden, wollen wir selbige zusammen sammeln und in -das Feuer werfen, damit die liebe Jugend hierdurch nicht verführet -werde und sohin fälschlich beten lerne«. Denn die genannte Übersetzung -sei eine Verfälschung der wahren Lehre, die »von niemand ohne schwäre -Sünde verteidiget und angenommen werden darf«.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Joh. Adam Freiherr v. Ickstatt, Professor der Rechte in Ingolstadt, -wurde als Förderer des Luthertums in öffentlicher Predigt ausgeschrien -– und der Pöbel gegen ihn gehetzt (1752), weil er – seinen -<em class="gesperrt">juristischen</em> Vorlesungen Leitfäden von <em class="gesperrt">protestantischen -Autoren</em> zugrunde gelegt hatte.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Uns allen ist noch erinnerlich, wie <em class="gesperrt">Ludwig Wahrmund</em> wegen seines -Vortrages »Katholische Weltanschauung und freie Wissenschaft« im Jahre -1908, also anderthalb Jahrhunderte später, behandelt wurde. Wie die -tiroler Bauern mit Knütteln nach Innsbruck zogen, um, aufgehetzt von -ihren Seelenhirten, den Mann zu erschlagen, der es gewagt hatte, Dinge -zu sagen, die schließlich jedes Kind mit der Mutterbrust einsaugt, die -aber einem unter jahrhundertelang fortgesetzter Verdummung leidenden -Volke als Revolution und Anarchismus erscheinen. Wir erinnern uns auch, -wie große Parteien den Mann am<span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[S. 134]</span> liebsten totgeschlagen hätten, weil er -anders denkt als sie. Die anschließenden Fälle Schnitzer, Tremel, die -Modernistenhetze beweisen, daß die Sache blieb, nur die Form hat sich -geändert.</p> - -<p>Daß es aber sogar eine mächtige Partei gibt, die, wenn auch nicht diese -Form, so doch die Opferung des Intellekts der Autorität billigt, ja -bewundert, und zwar im 20. Jahrhundert, ist nicht ohne Interesse.</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Jesuit Donat</em> legt u. a. die Gefahren dar, die aus der -Berechtigung jedermanns, sich ein selbständiges Urteil zu bilden, -folgten. Die »krankhafte Zweifelsucht« unserer Zeit, sei eine giftige -Atmosphäre, die den empfänglichen Geist, der sich lange in ihr -aufhalte, anstecke, ohne daß er es merkt.</p> - -<p>Man könnte das ja auch so ausdrücken: die Summe der Erfahrungen, die -mit den kirchlichen Dogmen kollidieren, ist so groß, daß auch der -Blinde es langsam merkt und sich weigert, das Sacrificium intellectus -zu bringen.</p> - -<p>Köstlich ist die instinktive Angst vor der Wahrheit und dem -unaufhaltsamen Vordringen der weltlichen Freiheit im Gegensatz zur -kirchlichen Unfreiheit, wie sie sich in Aussprüchen großer Katholiken -oder gar Heiliger dokumentiert. »Kardinal Mai« war ein Mann der -Wissenschaft. Er sagte – und dafür können wir einstehen –: »Ich habe -auch die Erlaubnis, verbotene Bücher zu lesen; ich benutze dieselbe -aber nie und habe auch nicht vor, sie zu gebrauchen.«</p> - -<p>Als der gelehrte Muratori eine Schrift zur Widerlegung eines -häretischen Buches schrieb, entschuldigte er sich in der Einleitung: -»Spät gelangte dieses Buch in meine Hände... und ich konnte es nicht -über<span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[S. 135]</span> mich bringen, es zu lesen. Denn zu welchem Zwecke anders, als um -selbst der Torheit zu verfallen sollte ich die Schriften der Neuerer -lesen? Ich suche und liebe solche, die mich in der Religion bestärken, -nicht solche, die mich von ihr abwendig machen.«</p> - -<p>Der Hl. Franz von Sales dankt in seinen Schriften mit rührender -Einfallt Gott dem Herrn, daß er ihn bei der Lesung derartiger Bücher -vor dem Verlust seines Glaubens bewahrt habe.</p> - -<p>Der gelehrte spanische Philosoph Balmes sagte einst seinen Freunden: -»Ihr wißt, daß der Glaube tief in meinem Herzen wurzelt. Und dennoch -kann ich kein verbotenes Buch lesen, ohne das Bedürfnis zu fühlen, mich -wieder durch das Lesen der Hl. Schrift, der Nachfolge Christi und des -gottseligen Ludwig von Granada in die rechte Stimmung zu versetzen.«</p> - -<p>Während es überall für verdienstvoll um nicht zu sagen anständig gilt, -sich durch Gründe überzeugen zu lassen, während der vorwärtsstrebende -Mensch begierig alles in sich aufnimmt, was ihm hilft, alte Irrtümer -gegen neue Wahrheiten einzutauschen, wird also heute noch in der Kirche -der am höchsten angesehen, der sich gewaltsam Scheuklappen vorbindet -und der Wahrheit aus dem Wege geht.<a id="FNAnker_139" href="#Fussnote_139" class="fnanchor">[139]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Bekanntlich herrscht an unseren Universitäten nicht nur Lern-, -sondern auch Lehrfreiheit. Autoritäten, ein jurare in verba magistri -existiert de jure nicht mehr. Wohl aber de facto. Oder wie läßt sich -die Tatsache, daß weder Atheisten, noch Sozialdemokraten, noch an -protestantischen Universitäten, z. B. Halle,<span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[S. 136]</span> Katholiken – und zwar -auch für Lehrfächer, die mit der Kirche weder direkt noch indirekt -etwas zu tun haben – zugelassen werden? Es ist dieselbe Sache in -anderer Form: Aufrechterhaltung des Status quo um jeden Preis und -Bekämpfung des Geistes mit materiellen statt mit geistigen Waffen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Werfen wir noch einen flüchtigen Blick auf den Unterricht des Volkes.</p> - -<p>In der Zirkularverordnung über die <em class="gesperrt">Garnisonschulen</em> vom 31. -August 1799 entwickelt Friedrich Wilhelm von Preußen u. a. folgende -Gedanken: »... Ein mit diesen Eigenschaften ausgerüsteter Soldat -wird auf seinem Platze gewiß ein brauchbarer Diener des Staates, und -zugleich ein glücklicher Mensch sein, wenn niemand das Bestreben nach -höheren Dingen in ihm zu erwecken sucht. Der Keim zur Unzufriedenheit -mit seinem Stande wird sich aber in eben dem Grade entwickeln, in -welchem man seinen wissenschaftlichen Unterricht weiter ausdehnt. Nur -wenige Menschen der unteren Volksklasse sind von der Natur so sehr -verwahrloset, daß sie nicht die Fähigkeit haben sollten, etwas mehr -zu leisten, als ihr Stand von ihnen erfordert, und sich dadurch auf -irgendeinem Wege über denselben zu erheben. <em class="gesperrt">Ein zu weit gedehnter -Unterricht wird das Gefühl solcher Fähigkeiten in ihnen rege machen, -durch deren Anwendungen sie sich leicht ein günstigeres Schicksal, als -das eines gemeinen Soldaten ist, würden verschaffen können</em>...«<a id="FNAnker_140" href="#Fussnote_140" class="fnanchor">[140]</a> -Die Antwort war – Jena!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[S. 137]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im selben Geiste war der Volksschulunterricht gehalten. Der Hofprediger -Sack, der einer Verbesserung des Volksschulwesens das Wort redete, -erörterte noch die Frage, ob Lesen und Schreiben Lehrgegenstand sein -sollen, da doch der Nutzen dieser beiden Kenntnisse für den Landmann -sehr gering sei, <em class="gesperrt">während hingegen die Anpreisung der Taten der -Landesfürsten unbedingt von der Schule besorgt werden müsse</em>.<a id="FNAnker_140a" href="#Fussnote_140" class="fnanchor">[140]</a> -Das ist ja auch noch in unserm Geschichtsunterricht nicht gerade -nebensächlich.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Übrigens, war nach dem Lehrermaterial zu urteilen, die von Friedrich -Wilhelm gefürchtete Gefahr einer Überladung des Volkes mit gelehrter -Bildung nicht sehr groß. <em class="gesperrt">Invalide Soldaten</em> versahen vielfach -den Unterricht und ihre Vorbereitung bestand darin, daß man sie fürs -Einpauken von Gesangbuchversen eine Zeitlang abrichtete. Nebenbei -hatten die Landlehrer noch allerlei andere Erziehungspflichten, z. B. -die erst 1802 ihnen abgenommene, den <em class="gesperrt">Hebammen einen Katechismus für -Geburtshilfe zu erklären</em>!</p> - -<p>Das Diensteinkommen der Landlehrer in der Mark Brandenburg betrug zu -Beginn des <em class="gesperrt">19. Jahrhunderts</em>: in zwei Fällen zwischen 220 und -250 Taler jährlich, dagegen in 155 Fällen unter 10 Talern; 182 bezogen -zwischen 10 und 20 Talern, 263 zwischen 20 und 40 Taler, 167 zwischen -40 und 60 Taler, 131 zwischen 60 und 80 Taler. 92 zwischen 80 und -100 Taler und 151 über 100 Taler. Das war allerdings ein gewaltiger -Fortschritt gegenüber den Zuständen von 1774, denn<span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[S. 138]</span> damals besass -die Kurmark nur 49 Landlehrer mit mehr als 100 Talern Jahresgehalt, -184 aber bezogen 10 Taler und weniger, 111 weniger als 5 Taler und -163 gar kein Gehalt. Deshalb betrachteten die Lehrer den Unterricht -als Nebensache und übten dabei ihren Beruf aus. In der Kurmark -besassen 1806 2026 Dörfer weder Schule noch Lehrer. Friedrich Wilhelms -Bestrebungen hatten somit durchschlagenden Erfolg. Übrigens war auch -in väterlicher Weise dafür gesorgt, daß die Kinder nicht durch Studium -des Lesens und Rechnens dem geistigen Hochmut überliefert würden. Die -Teilnahme an diesen Stunden war nämlich wahlfrei und kostete erhöhtes -Schulgeld, das viele Eltern zu zahlen nicht in der Lage waren.<a id="FNAnker_141" href="#Fussnote_141" class="fnanchor">[141]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Auch auf den Gymnasien war zu Anfang des 19. Jahrhunderts der -Unterricht selbst für uns, so wenig wir darin verwöhnt sind, -hinlänglich befremdlich. Franz Neumann (1798–1895) erzählt z. B. -in seiner bekannten, von seiner Tochter Luise veröffentlichten -Lebensgeschichte (Tübingen 1904), daß er auf dem Berliner Gymnasium -<em class="gesperrt">lateinische Pflanzennamen</em> hätte lernen müssen, <em class="gesperrt">ohne auch nur -zu wissen, daß er nun botanischen Unterricht habe</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Zum Schluß noch eine Tatsache, die zu denken gibt. Bekanntlich besitzt -München in der Person des Schulrats Kerschensteiner eine Koryphä -allerersten<span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[S. 139]</span> Ranges. Wie sehr trotzdem der Geist des Hl. Bureaukratius -in unserem Schulwesen steckt, erhellt daraus, daß einige Schulen -den <em class="gesperrt">Unterricht ruhig weiter erteilten</em> und die Kinder im -Klassenzimmer beliessen, als <em class="gesperrt">Graf Zeppelin am 1. und 2. April 1909 -sein Luftschiff über München lenkte</em>!<a id="FNAnker_142" href="#Fussnote_142" class="fnanchor">[142]</a></p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[S. 140]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Sechster_Abschnitt"><span class="s5">Sechster Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Zensur und Prüderie</span></h2> - -</div> - -<p>Am 26. April 1794 erließ König Friedrich Wilhelm II. von Preußen -folgendes »Reskript an das Kammergericht wegen der Mißbräuche, die -bei der Zensur zu deren Verteilung überhand genommen«: »daß dem -Unwesen, welches seit einiger Zeit mit Schriften getrieben wird, -die entweder den Grund aller Religion überhaupt angreifen, und -die wichtigsten Wahrheiten derselben verdächtig, verächtlich oder -lächerlich machen wollen, oder aber die christliche Religion, die -biblischen Schriften, und die darin vorgetragenen Geschichts- und -positiven Glaubenswahrheiten, für das Volk zu Gegenständen des -Zweifels oder gar des Spottes zu machen, sich unterfangen, und dadurch -zugleich die praktische Religion, ohne welche keine bürgerliche -Ruhe und Ordnung bestehen kann, in ihren Grundfesten erschüttern; -im gleichen solchen Schriften, worin die Grundsätze der Staats- und -bürgerlichen Verfassung angetastet, Maßregeln der Regierung aus -unrichtigen und gehässigen Gesichtspunkten dargestellt, Ungehorsam -und Wider<span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[S. 141]</span>spänstigkeit gegen Gesetze und Obrigkeiten verteidigt, oder -doch <em class="gesperrt">die Gemüter zu unnützen Grübeleien über Gegenstände</em>, -welche die Fassung- und Beurteilungskraft des großen Haufens der -Leser übersteigen, aufgefordert, und zu unrichtigen Anwendungen -mißverstandener theoretischer Sätze verleitet werden, mit dem größten -Ernst und Nachdrucke entgegengearbeitet, gegen diejenigen aber, welche -den ergangenen Zensur-Gesetzen auf irgend eine Art zuwiderhandeln, -nach aller Strenge dieser Gesetze, ohne die geringste Nachsicht oder -Schonung verfahren werden soll.«<a id="FNAnker_143" href="#Fussnote_143" class="fnanchor">[143]</a></p> - -<p>In dem »General-Privilegium und Gülde-Brief für die Schwarz- und -Weiß-Nagel-Schmiede zu Alt-Stettin, auch für sämtliche Schwarz- und -Weiß-Nagel-Schmiede in Vor- und Hinter-Pommern. De Dato Charlottenburg, -den 29. July 1802« heißt es im Artikel XXI:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Alles Korrespondieren mit</em> anderen ein- oder ausländischen -Gewerken, <em class="gesperrt">soll sich das Gewerk bei schwerer Strafe enthalten</em>, -wenn aber besondere Umstände etwa dergleichen erforderten, soll es mit -Zuziehung des Beisitzers, auch wohl nach Befinden mit Vorwissen des -Magistrats, selbst geschehen, wie denn auch, wenn von den anderen ein- -oder ausländischen Gewerken Schreiben einliefen, solche unerbrochen an -den Beisitzer gebracht, in dessen Gegenwart eröffnet, und die Antwort -mit demselben verabredet werden soll.«</p> - -<p>Aber die preußische Regierung hatte nicht nur Angst vor eventuellen -Verschwörungen der Zünfte und hielt sie deshalb unter ständiger -polizeilicher<span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[S. 142]</span> Kontrolle, sie <em class="gesperrt">fürchtet auch die Gesellen und -verbietet ihnen deshalb das Briefeschreiben</em>.</p> - -<p>Der Artikel XXXIV des genannten Privilegs lautet:</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Alles Briefwechselns mit andern Gesellschaften oder sogenannten -Brüderschaften haben sich die Gesellen bei empfindlicher Strafe zu -enthalten</em>, weshalb ihnen auch kein Siegel gestattet wird. Die etwa -von anderen ein- und ausländischen Brüderschaften eingehenden Schreiben -sollen aber nach der Verordnung vom 23. März 1799 sofort dem Magistrat -in Vorschlag genommen, und von demselben nach Befinden des Inhalts die -Aushändigung an die Gesellen oder deren Kassierung verfügt werden.«<a id="FNAnker_144" href="#Fussnote_144" class="fnanchor">[144]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1794 las in Zelle eine Gesellschaft mit Vergnügen den -Moniteur, den sie aus Bremen erhielt. Seit Mitte Mai des Jahres blieb -das Blatt aber aus. Die Zellische Gesellschaft wandte sich daher an -ihren Lieferanten und erhielt die Antwort, daß der Moniteur, sowie alle -französischen Zeitungen den kaiserlichen Postbeamten »bey nahmhafter -Strafe und nach Befinden der Kassation« zu debitieren verboten wären. -»Von dem Verbote sind blos Fürstlichkeiten, wirkliche Minister und -Gesandte an fremden Höfen ausgenommen, an deren offene Adressen die -Zeitungen gehen müssen.« Schon in anderen deutschen Provinzen war ein -ähnliches Verbot vorhergegangen. <em class="gesperrt">Mit diesen Mittelchen hoffte man -die Wirkungen der grossen Revolution fern zu halten.</em> Allerdings<span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[S. 143]</span> -nimmt Archenholz »eine Abwesenheit der Weisheit« bei Erlaß dieser -Maßnahme an.<a id="FNAnker_145" href="#Fussnote_145" class="fnanchor">[145]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Zur Zeit des Vatikanischen Konzils kam der Verlagsbuchhändler -Josef Bachem zum hochbetagten Präses des Priesterseminars in Köln, -Dr. Westhoff, um ihm sein Bedenken gegen das Unfehlbarkeitsdogma -vorzutragen. Der Greis zeigte ihm darauf in der Bibliothek des Seminars -nicht weniger als sechzehn Katechismen, die im 18. Jahrhundert in der -Erzdiözese Köln in Gebrauch gewesen waren und die sämtlich und ohne -Ausnahme die Lehre von der päpstlichen Unfehlbarkeit in Sachen der -Glaubens- und der Sittenlehre klar und deutlich vortrugen. <em class="gesperrt">Erst die -preußische Zensur, wie sie vor 1848 bestand, hat diese Lehre aus dem -kirchlichen Katechismus gestrichen!</em><a id="FNAnker_146" href="#Fussnote_146" class="fnanchor">[146]</a></p> - -<p>Die historisch-politischen Blätter begannen im Jahre 1840 (S. 586) -einen Artikel folgendermaßen: »<em class="gesperrt">In Preußen sind nun fast alle -katholischen Journale und Zeitungen verboten</em> und, um die Sache -ab ovo zu beginnen, hat man, willkommene Gelegenheit ergreifend, -buchhändlerische Interdikte gegen künftig erscheinende noch ungeborene -Werke in Maße geschleudert oder ihre Verbreitung in einer Weise -erschwert, daß es einem Verbote gleichzuachten ist.«</p> - -<p>Unter der Maske des Liberalismus hat bekanntlich Bismarck im -sogenannten Kulturkampf aufs rücksichtsloseste die katholische -Presse verfolgt, wie er ja un<span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[S. 144]</span>beschadet seiner sonstigen kaum zu -überschätzenden Größe skrupellos und gewalttätig gegen alles vorging, -was sich ihm nicht beugte. Deshalb zieht Bismarck als endlosen -Kometenschweif, in dem wir heute noch leben, jene Atmosphäre des -Servilismus und der Duckmäuserei nach, die nicht weniger Sklavennaturen -züchtete, als der Absolutismus. Doch war die kleinstaatliche -Vergangenheit uns in einem voraus: wer wegen seiner Meinungen in Reuß -jüngere Linie verfolgt wurde, siedelte in die ältere Linie über und -konnte seiner Überzeugung treu bleiben. Im geeinten Deutschland reichte -Bismarcks Arm überall hin.</p> - -<p>Damals veranstaltete die Frankfurter Zeitung eine Zählung der -Verurteilungen wegen Preßvergehen. Wiewohl sie auf Vollständigkeit -nicht im entferntesten Anspruch macht, stellt sie im Januar 1875 21, -im Februar 35, im März 39, im April 42 verurteilte Zeitungsherausgeber -fest. Es wurden also in vier Monaten 137 Pressdelinquenten mit -Geldbußen oder Gefängnis bestraft. Außerdem fanden in derselben Zeit 30 -Konfiskationen von Zeitungen statt. Gegen vier Redakteure der Germania -waren einmal zu gleicher Zeit Prozesse und Bestrafungen im Gange. Aber -mehr als das: <em class="gesperrt">In mindestens drei katholischen Blättern haben sich -nachweislich Bedienstete der Berliner Geheimpolizei in Stellungen von -Mitredakteuren eingeschmuggelt</em>, bisweilen sogar über Jahr und Tag -hinaus. Sie hatten nicht nur Spionendienste, sondern auch solche als -<em class="gesperrt">agents provocateurs</em>, die die Leiter der katholischen Blätter zu -extremen Äußerungen anzutreiben versuchten, zu verrichten.<a id="FNAnker_147" href="#Fussnote_147" class="fnanchor">[147]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[S. 145]</span></p> - -<p>Im Jahre 1845 erschien folgender Katalog: »Index librorum prohibitorum. -Katalog über die in den Jahren 1844 und 1845 in Deutschland verbotenen -Bücher. Erste Hälfte.« Die zweite Hälfte erschien 1846. Wiewohl -der Index nicht vollständig ist, da die Verbote von Zeitungen und -Zeitschriften nicht aufgenommen wurden, enthält er 437 durch 570 -Verbote untersagte Schriften. Man sieht, die weltliche Regierung kann -es auch.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Nicht viel besser als gegen die katholische Kirche verfuhr man gegen -die Sozialisten. Nachdem gegen sie ein Ausnahmegesetz geschaffen -war, erschien 1886 ein förmlicher Index librorum prohibitorum. Er -lautet: »Sozialdemokratische Druckschriften und Vereine verboten auf -Grund des Reichsgesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen -der Sozialdemokratie vom 21. Oktober 1878« (1886). Zwei Jahre -später erschien ein Nachtrag. Nach den amtlichen Angaben kommen im -Durchschnitt 130 verbotene Schriften je auf ein Jahr, also wurden -in den zwölf Jahren des Bestehens des Gesetzes <em class="gesperrt">rund 1500–1600 -Drucksachen verboten</em>.<a id="FNAnker_148" href="#Fussnote_148" class="fnanchor">[148]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Doch nun zum römischen Index!</p> - -<p>Auf ihm stehen neben Rankes »Römischen Päpsten« Kants »Kritik der -reinen Vernunft« gegen die schon Friedrich Wilhelm II. von Preußen in -einer Kabinettsorder unter Minister Möller eingeschritten war, und<span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[S. 146]</span> -Baruch Spinoza. Für letzteren ist das nichts Außerordentliches, da -zwischen 1656 und 1680 über 500 scharfe Verbote gegen die Schriften -dieses großen und edlen Juden erlassen worden waren.<a id="FNAnker_149" href="#Fussnote_149" class="fnanchor">[149]</a></p> - -<p>Man kann ohne Übertreibung sagen, daß in den letzten Jahrhunderten -nicht ein einziger großer Denker oder Dichter lebte, dessen Name nicht -auf einem der katholischen Indices zu finden war oder ist. Wer bei -Reusch das Namenverzeichnis durchblättert, glaubt sich in eine geistige -Ruhmeshalle versetzt.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1890 sollte im Lessingtheater in Berlin Sudermanns »Sodoms -Ende« aufgeführt werden. Wiewohl nun Preßfreiheit auch in Preußen -besteht und der Artikel 27 der preußischen Verfassung jedem Preußen das -Recht der freien Meinungsäußerung verbürgt und ausdrücklich verfügt, -daß eine Zensur nicht eingeführt werden dürfe, existiert sie doch. Und -zwar nach einer Polizeiverordnung vom 10. Juli 1851 – also anderthalb -Jahre nach der Verfassung erlassen – in der festgesetzt wird, daß die -Erlaubnis zur Veranstaltung einer öffentlichen Theatervorstellung beim -kgl. Polizeipräsidium schriftlich nachgesucht werden müsse.</p> - -<p>Das hatte Oskar Blumenthal, der Direktor des Lessingtheaters, auch -mit »Sodoms Ende« getan. Als kein Bescheid von der Polizei einlief, -aber alles für die erste Aufführung, mit Kainz und in Gegenwart des -Dichters, vorbereitet war, wurde Blumenthal stutzig. Drei Tage vor dem -Aufführungstermin fuhr er nach dem Polizeipräsidium, wo ihm mitgeteilt -wurde, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[S. 147]</span> der Theaterzensor die Erlaubnis bereits unbedenklich -erteilt hatte, als der Präsident, Freiherr von Richthofen, sich das -Werk hatte kommen lassen und die öffentliche Aufführung verbot. – -Blumenthal ging darauf zum Polizeigewaltigen persönlich, um die Gründe -für das Verbot zu erfahren. Es entwickelte sich folgendes Gespräch, das -er selbst veröffentlicht:</p> - -<p>»Ich höre soeben, Herr Präsident, daß mir drei Tage vor der ersten -Aufführung Hermann Sudermanns Drama »Sodoms Ende« verboten werden soll?«</p> - -<p>»Das stimmt!«</p> - -<p>»Und daß Sie persönlich das Verbot verfügt haben?«</p> - -<p>»Stimmt auch!«</p> - -<p>»Ja, aber bedenken Sie die Situation eines Bühnenleiters, Herr -Präsident! Vierzehn Tage angestrengter Bühnenproben... ein Gastspiel -mit Joseph Kainz für diese Novität abgeschlossen... der ganze -Spielplan der nächsten Wochen darauf aufgebaut... selbstverständlich -kein Ersatzstück vorbereitet... die Erfolge des früheren Repertoires -ausgeschöpft... das Haus für die ersten drei Vorstellungen schon -vollständig ausverkauft... und nun diese Ratlosigkeit auf der Höhe der -Saison, in der besten Zeit des Theaterjahres.«</p> - -<p>»Alles sehr traurig, aber die Behörde kann auf Privatinteressen keine -Rücksicht nehmen.«</p> - -<p>»Aber warum das Verbot, warum?«</p> - -<p>»Weil es uns so paßt.«</p> - -<p>»Ich verstehe vollkommen, Herr Präsident... Sie wollen mir durch diesen -Lakonismus ins Gedächtnis rufen, daß nach der polizeilichen Verordnung<span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[S. 148]</span> -vom 10. Juli 1851 die Behörde nicht verpflichtet ist, für das Verbot -eines Stückes Gründe anzugeben...«</p> - -<p>»Na, da wissen Sie ja also Bescheid!«</p> - -<p>»Ich meine aber nur, Herr Präsident, daß doch immerhin die Möglichkeit -vorliegt, durch behutsame Änderungen die Bedenken, die zu diesem Verbot -geführt haben, aus der Welt zu schaffen. Vielleicht sind es nur einige -gewagte Stellen, um die es sich handelt?«</p> - -<p>»O nein!«</p> - -<p>»Oder einzelne Szenen?«</p> - -<p>»Auch nicht!«</p> - -<p>»Ja, aber was sonst?«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Die janze Richtung paßt uns nicht.</em>«<a id="FNAnker_150" href="#Fussnote_150" class="fnanchor">[150]</a></p> - -<p>So geschehen in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts. Wie glücklich -eine Kunst, die unter polizeilicher Obhut stehen darf!</p> - -<p>Blumenthal war hierauf beim Minister des Innern, Herrfuth. Er las das -Stück, veranlaßte einige kleine Milderungen und riet Blumenthal, es -wieder dem Polizeipräsidenten zu unterbreiten.</p> - -<p>Die Antwort des Polizeipräsidenten vom 27. Oktober 1890 – die -Unterredung hatte am 23. stattgefunden – lautete:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p> - -»Ew. Wohlgeboren!<br /> -</p> - -<p>erwidere ich auf das gefällige Schreiben vom 24. d. M. bei Rückgabe -der Anlage desselben, ergebenst, daß ich auch nach nochmaliger -Erwägung mich nicht veranlaßt sehen kann, die Genehmigung zur -Aufführung des Dramas »Sodoms Ende« zu erteilen, da dasselbe in -seiner ganzen Anlage und Durchführung geeignet erscheint, das -sittliche Gefühl zu verletzen, dieses<span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a><span class="s4">[S. 149]</span></span> sittenpolizeiliche Bedenken -daher durch die von Ihnen angebotene Streichung einzelner besonders -anstößiger Stellen nicht behoben werden kann.«</p></div> - -<p>Am 31. Oktober hob der Minister des Innern diese Verfügung auf, nachdem -eine Generalprobe nur in Gegenwart dreier Ministerialräte über die -Existenzberechtigung der »neuen Richtung« entschieden hatte, ein -Eingreifen, das nicht ohne Tadel von allerhöchster Stelle geblieben -ist. »Sie hätten sich fragen sollen,« sagte der Kaiser dem Minister, -»<em class="gesperrt">ob Sie auch in Begleitung Ihrer Tochter jede Szene anhören -könnten</em>.«</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In Blumenthals und Kadelburgs Schwank »Die Großstadtluft« wurde durch -Reskript vom 26. November 1891 angeordnet, die Verse zu streichen: -»Nun bin ich ledig aller Erdenplag’. Mich kann kein Glück, kein Hoffen -mehr betrügen. Und wenn einst naht der Auferstehungstag, ich bleibe -liegen.« Die Polizei fürchtete, sie könnten durch Verspottung des -Auferstehungsglaubens ärgerlich wirken!<a id="FNAnker_151" href="#Fussnote_151" class="fnanchor">[151]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Da wird es sich hinfort empfehlen, es so zu machen wie die -Venezianischen Autoren des 18. Jahrhunderts.</p> - -<p>Unter ihnen herrschte ein sonderbarer Brauch, von dem Keyßler -berichtet: »Bey den italienischen Opern ist noch zu bemerken, daß -die Verfertiger ihrer Texte gemeiniglich auf den ersten Blättern der -gedruckten Exemplare sich mit einer <em class="gesperrt">ausdrücklichen Protestation -verwahren, wie sie im Herzen rein<span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[S. 150]</span> katholisch wären</em>, und man die im -Texte vorkommenden Worte von Idolo, Numi, Deità, Fato, Fortuna, Adorare -und dergleichen nicht anders als poetische Scherze anzusehen habe.«<a id="FNAnker_152" href="#Fussnote_152" class="fnanchor">[152]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In dem Schauspiel »Falsche Heilige« verläßt eine junge Frau ihren -Gatten, weil sie erfahren hat, daß er vor seiner Verheiratung eine -Gouvernante verführt hat. Ihr Onkel, ein Pariser Lebemann, faßt seine -Meinung in folgende Worte zusammen: »Ich bitte Sie! Da will sich meine -Nichte von ihrem Mann scheiden lassen, weil er früher einmal, vor der -Ehe, eine Gouvernante... Ja, das ist doch einfach lächerlich! Wann soll -man denn mit einer Gouvernante eine Liebschaft haben? Vor der Ehe darf -man nicht. In der Ehe kann man nicht. Nach der Ehe will man nicht.... -Oder sollen die Gouvernanten vielleicht überhaupt abgeschafft werden?«</p> - -<p>Gottlob rettete der Stift des Zensors Deutschlands Sittlichkeit durch -Tilgung dieser furchtbaren Stelle. Von diesem Tage an wurden bisweilen -die Aufführungen des Lessingtheaters von dem Revierwachtmeister mit dem -Textbuch in der Hand überwacht, und jede Abweichung vom polizeilich -gestatteten Text zur Kenntnis des Zensors gebracht. Man hatte diese -schrecklichen Worte nämlich von der Bühne aus nochmals zur großen -Heiterkeit des Publikums gesprochen, was Blumenthal eine sehr scharfe -Vermahnung eingetragen hatte.<a id="FNAnker_153" href="#Fussnote_153" class="fnanchor">[153]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[S. 151]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Mit Recht wird unsere Jugend vor allem Unsittlichen behütet. Hier hat -der Zensor eine besonders dankbare Aufgabe, der er sich mit größter -Gewissenhaftigkeit unterzieht.</p> - -<p>In den »Liedern für die deutsche Volksschule«, herausgegeben vom -Bezirkslehrerverein München, Heft 1, 2, 3 (München 1894 ff.), besitzen -wir ein Werk, dessen segensreiche Wirkung auf die Seelen unserer Kinder -nicht hoch genug zu bewerten ist. Zwar heißt es auf S. 4 im II. Heft -ausdrücklich: »Stets wurde darauf gesehen, die Volkslieder nach Melodie -und Text in ihrer ursprünglichen Form wiederzugeben«, aber darum nur -keine Angst! Selbst die keusche Seele eines Lizentiatus Bohn kann das -Buch ohne Gefahr für ihren Frieden lesen. Das werden wir beweisen.</p> - -<p>Hölty, augenscheinlich ein recht frivoler Geselle, singt in seinem -»Mailied« (I, 27):</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">»Haltet Tanz</div> - <div class="verse indent2">Auf grünen Auen,</div> - <div class="verse indent2">Ihr schönen Frauen!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>So ein Skandal! Nun, Ballhorn – pardon! der Bezirkslehrerverein war -sich der drohenden Gefahr für die Knaben der 1. und 2. Schulklasse -bewußt und griff mit anerkennenswerter Energie selbst zur Leier und die -Muse küßte ihn mit hörbarem Schmatzen. Er singt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">»Pflückt einen Kranz</div> - <div class="verse indent2">Und haltet Tanz</div> - <div class="verse indent2">In grünen Hainen,</div> - <div class="verse indent2">Ihr lieben Kleinen.«</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[S. 152]</span></p> -<p>Für diesmal wären also die Kinder noch vor den Fallstricken der Erotik -bewahrt geblieben.</p> - -<p>Daß in Goethes »Frühzeitiger Frühling« (III, 79) die obszöne letzte -Strophe:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">»Saget, seit gestern,</div> - <div class="verse indent2">Wie mir geschah,</div> - <div class="verse indent2">Liebliche Schwestern,</div> - <div class="verse indent2">Liebchen ist da!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="p0">gestrichen wurde, versteht sich von selbst. Nun hat aber derselbe -greuliche Heide auch ein »Sommerlied« gedichtet, in dem die gefühlsrohe -Strophe:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">»Ach, aber da,</div> - <div class="verse indent2">Wo Liebchen ich sah,</div> - <div class="verse indent2">Im Kämmerlein,</div> - <div class="verse indent2">So nieder und klein –!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="p0">vorkommt. Das schreit ja geradezu nach Umdichtung. Gottlob verhallte -der Ruf nicht ungehört. Todesmutig bestieg der Herausgeber den Pegasus -und machte seinem gequälten Herzen in folgenden Perlen Luft:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">»Als ich im Hei-</div> - <div class="verse indent2">Mattale dich sah,</div> - <div class="verse indent2">O Hüttelein,</div> - <div class="verse indent2">So nieder und klein.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Wie schön!!</p> - -<p>Eichendorff in seiner ganzen Leichtfertigkeit offenbart sich im »Frohen -Wandersmann« (II, 10). Er wagt da zu singen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">»Die Trägen, die zu Hause liegen,</div> - <div class="verse indent2">Erquicket nicht das Morgenrot,</div> - <div class="verse indent2">Sie wissen nur von Kinderwiegen,</div> - <div class="verse indent2">Von Sorgen, Last und Not ums Brot.«</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[S. 153]</span></p> -<p>»Kinderwiegen«, man denke! Natürlich waltete der Zensor seines Amtes. -Wie hätte er auch die Phantasie der ihm anvertrauten Jugend durch solch -schlüpferige Bilder vergiften lassen dürfen?</p> - -<p>Starken Toback setzt Arndt in seiner »Frühlingslust« (III, 36) seinen -Lesern vor. Die 6. Strophe lautet:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">»Juchei! alle Welt!</div> - <div class="verse indent2">Juchei in Liebe!</div> - <div class="verse indent2">Liebeslust und Wonneschall,</div> - <div class="verse indent2">Erd’ und Himmel halten Ball.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Liebeslust – Wonneschall und dann noch einen Ball! Das ist entschieden -zu viel. In der richtigen Erwägung, die sträflichen Orgien dieser Welt -dürfen nicht in die Schule verpflanzt werden, strich der Herausgeber. -Schade, daß wir so um eine Bereicherung unserer Poesie gekommen sind. -Wie schön hätte er das umdichten können! Aber vielleicht war es doch -besser so, wenn auch nicht für unsere Literatur, so doch für die -Unverdorbenheit der Kinder.<a id="FNAnker_154" href="#Fussnote_154" class="fnanchor">[154]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der preußische Kultusminister hat das »Lesebuch für höhere -Mädchenschulen« von Karl Hessel, das bereits in 6. Auflage vorliegt, -für die paritätische höhere Mädchenschule in Kreuznach verboten wegen -konfessioneller und moralischer Bedenken. Ausdrücklich sind zwei -Bedenken ersterer Art angeführt: erstens heißt es in Peter Roseggers -humoristischer Erzählung »Der Gansräuber«, daß die Staudenbäuerin bei -der Nachricht von der Ermordung ihrer Martins<span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[S. 154]</span>gans entrüstet ausgerufen -habe: »Das ist ja eine Todsünde gegen den heiligen Martinus!« Es ist -ohne weiteres klar, daß eine solche mangelhafte Beschlagenheit der -Staudenbäuerin in der Dogmatik mit Rücksicht auf die verhängnisvollen -Wirkungen auf die Seelen der höheren Töchter nicht geduldet werden kann.</p> - -<p>Dann hat auch Freiligrath in seinem berühmten Gedicht »Am Baum der -Menschheit drängt sich Blüt’ an Blüte«, in dem er die Völker und -Länder mit Blüten vergleicht, in höchst sträflicher Weise auf den -paritätischen Charakter der Schule nicht Rücksicht genommen.</p> - -<p>Er spricht nämlich den Gedanken, mit Luthers Auftreten sei eine -Blütezeit angebrochen, als Zukunftsaussicht des Reformators aus. Vor -katholischen Ohren! Man denke! Wie könnten da die Seelen der armen -Schäflein in Anfechtungen fallen!</p> - -<p>Die schrecklichen Verse lauten:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">»Der Knospe Deutschland auch, Gott sei gepriesen!</div> - <div class="verse indent2">Regt sich’s im Schoß! Dem Bersten scheint sie nah,</div> - <div class="verse indent2">Frisch, wie sie Hermann auf den Weserwiesen,</div> - <div class="verse indent2">Frisch, wie sie Luther vor der Wartburg sah!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Nicht minder gefahrdrohend wie für das Glaubensleben der Kinder ist das -genannte Buch für ihre Moral. In dem Märchen vom Schlaraffenland heißt -es nach Bechsteins Erzählung, dort flögen gebratene Tauben den Leuten -ins Maul, auch müsse man sich durch einen Reisbrei <em class="gesperrt">durchfressen</em>, -um ins Land zu kommen. Solche Ausdrücke, sagt der Minister – -übrigens mit Recht –, dürften Mädchen nicht in den Mund nehmen. Aber -einen solch gesegneten Appetit,<span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[S. 155]</span> daß man sich durch einen Reisberg -durch»essen« kann, hat doch nicht jeder!</p> - -<p>In Hebels Gedicht »Der Schneider in Pensa« wird erzählt, wie ein -wohlhabender deutscher Schneider 1812 badische Soldaten zu Pensa in -Rußland bewirtet habe. Es heißt da, der Schneider habe sich schon -vorher auf solche Einquartierung gefreut; er liebte sie, sagt Hebel, -schon zum voraus ungesehenerweise, wie eine Frau ihr Kindlein schon -liebt und ihm Brei geben kann, ehe sie es hat.</p> - -<p>Diesen Satz bezeichnet der Minister als anstößig!<a id="FNAnker_155" href="#Fussnote_155" class="fnanchor">[155]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Tugendhaftigkeit unserer Zeit macht keineswegs vor der Kastration -von Gedichten und Volksliedern halt. Sie hat auch rückwirkende Kraft. -Jeder wahre Tugendheld muß sein Herz höher schlagen hören, wenn er -wahrnimmt, daß nichts so klein oder kleinlich ist, daß die Sittlichkeit -sich nicht seiner bemächtigt.</p> - -<p>Ein Beispiel für viele: Ungezählte Jahre stand in den -Schülerverzeichnissen, die den Jahresberichten der bayerischen -Gymnasien angehängt sind, unter der Rubrik »Stand des Vaters« Privatier -etc. Das ist nunmehr insofern geändert, als bei unehelichen Kindern in -diesem Falle Privatiere stehen würde, also der Stand der Mutter! Die -Folge dieser sittenstrengen Maßnahme ist klar. Die Kinder werden mit -der ihnen eigenen Grausamkeit sich die Schande der Eltern, oder das, -was die Spießbürger so zu nennen pflegen, vorwerfen und damit einen -Wermuttropfen in die Seele des schuldlosen Opfers träufeln. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[S. 156]</span> was -schadet das weiter? Wenn nur die Moral gerettet wurde!<a id="FNAnker_156" href="#Fussnote_156" class="fnanchor">[156]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Mit der Prüderie der Behörden und Geistlichkeit kontrastiert -ganz merkwürdig das Verhalten in der Beichte. Der Redakteur der -Aschaffenburger Zeitung Pepi Matthes hat vor einigen Jahren unter -dem Titel »Wenn Kinder beichten. Eine Anklage« ein Schriftchen -herausgegeben, das inzwischen recht selten geworden ist und in dem er -seine Erfahrungen mit dem Beichtstuhl voller Entrüstung veröffentlicht. -Seine Zentrumsgegner denunzierten ihn darauf, er wurde in eine sehr -unangenehme Untersuchung verwickelt und die Schrift konfisziert. Aber -da es ihm gelang, den Wahrheitsbeweis zu erbringen, mußte das Verfahren -nach § 184 Abs. 1 RStrGB. eingestellt und die Broschüre frei gegeben -werden.</p> - -<p>Statt nun, daß die Frommen voller Entrüstung sich vom System der -Beichte oder mindestens dessen Handhabung abgewandt hätten, verfolgen -sie Matthes heute noch mit Feuereifer nach dem altbewährten deutschen -Prinzip, nicht den Brandleger zu bekämpfen, sondern den Passanten, der -»Es brennt« ruft.</p> - -<p>Bezeichnend für die Kampfesweise ist u. a. der in Nr. 410 der -Münchener Neuesten Nachrichten vom Jahre 1909 abgedruckte Brief des -Gymnasialrektors Dr. J. Straub. Darin heißt es: »... Wohl aber begab -ich mich vor einiger Zeit... zu sämtlichen hiesigen Buchhandlungen -und erklärte dort, ich müßte den Schülern das Betreten ihrer -Geschäftsräume unter Androhung der schwersten Strafen verbieten, wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[S. 157]</span> -sie das angedeutete Preßerzeugnis auf Lager hielten. Damit tat ich -lediglich meine Pflicht und erfüllte einen ausdrücklichen Auftrag des -k. Staatsministeriums. Auch an Herrn Bürgermeister Dr. Matt wandte -ich mich mit der Anfrage, ob von Polizei wegen gegen die Verbreitung -solcher Produkte nicht vorgegangen werden könnte.«</p> - -<p>In diesem Schriftchen, dessen Wahrheit also gerichtlich festgestellt -wurde, finden sich folgende Proben aus der Beichte:</p> - -<p>Ich war 14 Jahre alt und legte meine Osterbeichte ab.</p> - -<p>»Hast du Unzüchtiges getan?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Hast du dich niemals angerührt?«</p> - -<p>»Nein, nur wenn ich’s mußte.«</p> - -<p>»Hast du niemals mit der Hand dich an schamhafter Stelle angefaßt, -jenen Teil in die Hand genommen und hast so gesündigt?«</p> - -<p>»Aber nein.«</p> - -<p>»Hast du nie etwas Besonderes aus deinem schamhaftesten Teil kommen -sehen oder das gefühlt, wenn du im Bett lagst?«</p> - -<p>»Nein, Hochwürden.« – – –</p> - -<p>Schon oft hatte ich so etwas von Kameraden gehört, die der Beichtvater -auch so ausgefragt hatte. Aber ich verstand all das nicht. Am Abend -nach jener Beichte lag ich unruhig im Bett. Es war mir so heiß, so -schwül.</p> - -<p>Meine Beichte fiel mir ein.</p> - -<p>Ich warf Bett und Decke zurück, damit ich nicht so heiß bliebe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[S. 158]</span></p> - -<p>Ich mußte am nächsten Morgen kommunizieren. Ach, wie ist das, wenn man -so ist, wie der Beichtvater heute gesagt hat? Ich preßte die Schenkel -aufeinander. Es half nichts. So war ich noch niemals.</p> - -<p>»Hast du...?« »Hast du...?« »Tatest du...?«</p> - -<p>Die Fragen gingen mir immer schneller durch den Kopf. »Vater unser...« -Meine Sinne waren nicht beim Beten, sondern bei der Beichte.</p> - -<p>Die Hand... »Hast du noch nie...?« »Hast du niemals...?«</p> - -<p>Gott, Gott, wie <em class="gesperrt">reizten</em> mich diese Fragen, so oft ich daran -dachte. – – –</p> - -<p>Am nächsten Morgen konnte ich <em class="gesperrt">nicht</em> kommunizieren. »Ich habe aus -Versehen nach 12 Uhr noch ein bißchen Brot gegessen,« belog ich meinen -Religionslehrer.</p> - -<p>Bei der nächsten Beichte aber mußte ich antworten: »Ich habe es getan.«</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wie Matthes bei einem Augustiner einige Zeit später beichtet, der ihn -gleich fragt, wo er wohnt und sich nach den Töchtern der Wirtsleute -erkundigt, erzählt er folgendermaßen:</p> - -<p>»Die eine heißt Emmy und die andere Anna?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Hast du mit diesen noch nicht unschamhaft verkehrt?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Hast du sie nicht mit lüsternen Blicken angesehen? Auch das ist eine -Sünde.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[S. 159]</span></p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Hast du sie nicht, auch nicht wie zum Scherz, an der Brust gefaßt? -Oder am Schenkel, oder gar dazwischen, über oder unter dem Kleid, oder -dorthin lüstern gesehen?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>Matthes bekam drei »Vaterunser« und »Gegrüßet seist du, Maria«, nebst -einem Rosenkranz als Buße auf.</p> - -<p>Hinfort konnte er die Töchter seiner Wirtsleute nicht mehr so ruhig -ansehen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wir wollen den Fall des Pater Sanktes, eines Religionslehrers an -unteren Klassen, der sich an seinen Schülern sittlich verfehlt, -übergehen, da einzelne Entgleisungen überall vorkommen können. Ob -Sanktes wirklich, wie er klagte, in der Beichte von der Versuchung -besiegt wurde, bleibe dahingestellt. Wichtiger ist die Feststellung -des Matthes, daß er von <em class="gesperrt">sämtlichen</em> Beichtvätern mit alleiniger -Ausnahme von zweien, mit ähnlichen Fragen gequält wurde. Sogar ob -sie mit ihrer Schwester zusammen geschlafen hätten, wurden die Buben -gefragt.!!</p> - -<p>Ein Schüler erhängte sich aus Furcht vor den Folgen des Lasters, das er -in der Beichte gelernt hatte.</p> - -<p>Ein Beichtvater fragt: »Hast du dich nie, vielleicht unter einem -harmlosen Vorwand, an den Beinen gefaßt?«</p> - -<p>»Nein, nein.«</p> - -<p>»Hast du niemals ein Mädchen geküßt?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Hast du dabei sinnliche Gefühle erweckt, indem<span class="pagenum"><a id="Seite_160"></a>[S. 160]</span> du vielleicht deine -Knie oder deinen Körper an sie gepreßt hast, oder deine Brust? Oder -hast du mit deiner Zunge zwischen ihren Lippen geleckt?«</p> - -<p>»Aber nein.«</p> - -<p>»Hast du auf einem Schoße einer weiblichen Person gesessen und dabei -Böses gedacht?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Auch bei deiner Mutter nicht?</em>«</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Von der Art eines Ordensgeistlichen, die Beichte bei Mädchen anzuhören, -berichtet Matthes:</p> - -<p>Die kleine Bertha war Erstkommunikantin und wird, nachdem der Pater -jedes Gebot einzeln durchgegangen ist, auch nach dem sechsten gefragt.</p> - -<p>»Hast du niemals mit Buben gespielt?«</p> - -<p>»Ja, oft.«</p> - -<p>»Hast du sie auch berührt?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Sie dich auch?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Natürlich, um Schlechtes zu tun!«</p> - -<p>»Aber nein, nein, so nicht! Gespielt, so gespielt halt, Nachlaufen, -Verstecken, Fangen und so, und so anderes.«</p> - -<p>»Lüge nicht! <em class="gesperrt">Ich habe es gesehen</em>, wie dich Buben angegriffen -haben.«</p> - -<p>»Aber nein, nein!«</p> - -<p>»Hast du dich selbst angegriffen?«</p> - -<p>»Ja; nein, so nicht, wie Sie wieder denken!«</p> - -<p>»Gewiß, du hast es getan! <em class="gesperrt">Ich weiß es.</em> Du hast dich angerührt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[S. 161]</span></p> - -<p>»Aber nein doch, nein!«</p> - -<p>»Sagst du gleich ja? Willst du gleich ja sagen? Nun, wird es bald, -willst du ja sagen?«</p> - -<p>Dabei polterte der Beichtvater wider das Gitter, das ihn von seinem -Beichtkind trennte. Und bebend kam es da von den Lippen:</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Nun, mit der Hand oder mit dem Stöcken.«</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>»Mit der Hand oder mit dem Stöcken?«</p> - -<p>Wieder schwieg die Kleine.</p> - -<p>Da polterte Hochwürden wieder und leise sagte das Kind:</p> - -<p>»Mit der Hand.« Nur, damit Hochwürden zufrieden war.</p> - -<p>»Sag, hast du auch mit einem Hund dich abgegeben?« usw. usw.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Man kann sehr freie Ansichten haben und wird doch voller Empörung sich -von dieser systematischen Jugendverderbnis abwenden. Gesellt sich dazu -aber die Scheinheiligkeit und Prüderie der schwarzen Rotte, dann kann -der ehrliche Mann nur bedauern, sich voll Ekel abwenden zu müssen, -statt mit einem kräftigen Fußtritt die ganze Gesellschaft an die Luft -zu setzen.</p> - -<p>Aber was nützt die Keuschheit in Worten, wenn <em class="gesperrt">die in Werken -fehlt</em>! Wenn es auch sehr zu beklagen ist, daß in dieser Hinsicht -nicht so viel geschieht, wie zur Reinhaltung der Literatur, so ist doch -schon der Anfang zu begrüßen. Die <em class="gesperrt">Keuschheits<span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[S. 162]</span>gürtel werden nämlich -wieder modern</em>! Das beweist nachstehende Geschichte. Heil allen -Tugendhaften! Halleluja!</p> - -<p>Der Apotheker Parat wurde im Februar 1910 in Paris zum Gegenstand -des Interesses der ganzen Welt, weil sich herausstellte, daß er aus -Eifersucht seine Frau in Ketten legte und durch Keuschheitsgürtel ihre -Treue sich sicherte. Würde es sich hier um die wahnsinnige Handlung -eines einzelnen handeln, dann könnten wir sie so wenig unter die -Kultur-Kuriosa aufnehmen, wie die Prozesse in Madrid im Jahre 1892 und -in Paris 1899 aus dem gleichen Grunde. In beiden wurden die Männer -bestraft, weil ein gewaltsamer Zwang vorlag. Es handelt sich hier aber -keineswegs um Unica, vielmehr sind noch heute Keuschheitsgürtel bei -uns in Gebrauch. Es existiert sogar eine <em class="gesperrt">Industrie</em>, die solche -»Edozone« erzeugt. Dem Pariser Korrespondenten des Berliner Tageblattes -fielen zwei solcher Geschäftsanzeigen in die Hände, aus den Jahren 1879 -und 1885, die eine aus Paris, die andere aus einem Orte im Departement -Aveyron. In ihnen werden Keuschheitsgürtel je nach der Ausführung im -Preise von 120–380 Frs. angeboten. Die Verfasser der Prospekte waren -zweifellos geschichtlich unterrichtete Persönlichkeiten. Der eine -rechtfertigt sein Angebot wie folgt: »Man wird sagen, ein verrücktes -Unternehmen: aber wer ist verrückter, der Mann, der die Zwangsjacke -erfunden hat, oder der Wahnsinnige, dem sie angelegt werden muß?«</p> - -<p>Dr. Cabanès, der bekannte Sammler von geschichtlichen Kuriositäten, -erzählt, daß es in Paris Fabrikanten gibt, die diese merkwürdigen -Instrumente auf Be<span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[S. 163]</span>stellung anfertigen und Ehemänner und Liebhaber, die -sie für teures Geld kaufen und natürlich ihren Freundinnen anlegen. -Das schönste Exemplar, das Cabanès gesehen hat, war ein Gürtel mit -kostbarem Goldbeschlag und ziseliertem Schloß und wurde zum Preise von -500 Frs. von einer Demimondaine der Rue de Penthicore einem Sammler zum -Kaufe angeboten.<a id="FNAnker_157" href="#Fussnote_157" class="fnanchor">[157]</a></p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164"></a>[S. 164]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Siebenter_Abschnitt"><span class="s5">Siebenter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Frömmigkeit</span></h2> - -</div> - -<p>Alle frühmittelalterlichen Heiligen zeichneten sich schon in früher -Jugend durch hohe Begabung aus, so daß sie an Sitten und Erfahrung -Greisen glichen. Juvenis senex, greisenhafter Jüngling, war, anders wie -heute, höchstes Lob und daher stehende Redensart. Dieser Abgeklärtheit -entsprach auch der Tatendrang, der dem hl. Bernward von Hildesheim -wiederholt den Ehrentitel einer »mater ecclesiae«, dem Sankt Johann -sogar den einer »virgo egregius«, einer ausgezeichneten <em class="gesperrt">Jungfrau</em> -einträgt. Auf <em class="gesperrt">einem</em> Gebiet aber kannten Erfindungsreichtum und -Energie der frommen Männer keine Grenzen: auf dem der Sonderbarkeiten. -Quaeque extrema semper appetiit (Was es nun Sonderbares gab, erstrebte -er immer), heißt es von Angilram<a id="FNAnker_158" href="#Fussnote_158" class="fnanchor">[158]</a>, und das trifft den Nagel auf den -Kopf. Es waren wirklich auch für ihre Zeitgenossen sonderbare Heilige, -und doch ist die Art ihres Wirkens, da es in fast gleicher Weise stets -wiederkehrt, so charakteristisch, ja sogar typisch, daß es wohl mit -in erster Linie dazu führte, ihnen Heiligenqualitäten zu verleihen, -lag ihm doch das tiefernste Bestreben<span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[S. 165]</span> zugrunde, durch Überwindung der -Welt den Himmel zu erobern. Diese Eroberung, im strategischen Plane bei -allen gleich, wird taktisch verschieden in Angriff genommen.</p> - -<p>Am harmlosesten erscheint uns das Streben, ein »Bild« der Demut und -Milde abzugeben. Kein Abschied ohne Tränenfluten, keine Verzeihung, -ohne daß die Umstehenden mit dem am Boden sich Windenden nicht -mitgeweint hätten. Die Kunst, nach Belieben zu weinen – wir reden -despektierlich in solchen Fällen von Krokodilstränen –, die gratia -lacrimarum galt als eine jener Himmelsgaben, die nur dem Erwählten -zuteil werden. Kaiser Otto III. und der hl. Bernward weinten beim -Abschied so heftig, daß sie sich schämten, unter die Leute zu gehen, -Alfkerus weinte, wenn er die hl. Messe las, so ausgiebig, daß der -größte Teil seines Körpers naß wurde; Eid von Meißen hatte vom -vielen Weinen immer entzündete Augen. Eine Gelegenheit, in Tränen -zu zerfließen, durfte, wer nur einigermaßen auf Heiligkeit oder -Heiligmäßigkeit Anspruch erheben wollte, niemals ungenutzt vorübergehen -lassen. Ob es sich um Reue, Erbitten einer Gnade, Beichte, Messe oder -Gebet handelte, wer nur irgend konnte, weinte. Die Tränenfröhlichkeit -besonders des 10. Jahrhunderts kann kühn mit der der Wertherzeit in -Konkurrenz treten. So <em class="gesperrt">tadelt</em> Adam von Bremen an den Dänen, daß -sie Tränen und Wehklagen aus Reue oder sogar für Tote verabscheuten. -(Mon. germ. SS. VII, p. 336.)</p> - -<p>Ernster schon waren die Kasteiungen durch Geißelung, Entzug des -Schlafes, Hunger und Durst, besonders wirksam aber die Handlungen, -die dem<span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[S. 166]</span> Bestreben, der Niedrigste von allen zu sein, ihr Dasein -verdankten. Adalbert von Bremen bittet seinen Feind, der ihn -mißhandelt, um Verzeihung.<a id="FNAnker_159" href="#Fussnote_159" class="fnanchor">[159]</a> Johann von Gorze hat über jeden -heiteren Augenblick nachträglich die schwersten Gewissensbisse. Er -putzt (wie auch der hl. Adalbert) seinen Mitbrüdern oder gar dem -Gesinde die Stiefel, sogar gegen deren Willen, buttert, bis ihm der -Schweiß kommt und flickt in den nächtlichen Mußestunden Netze, ja, -er reinigt oft die Latrinen! Ganz ähnlich handelt Angilram.<a id="FNAnker_160" href="#Fussnote_160" class="fnanchor">[160]</a> Die -Königin Mathilde begibt sich nur scheinbar zur Ruhe, verläßt vielmehr -ihr Lager, sobald alles schläft und tut die Nacht durch Gutes, um dann -morgens, von niemand bemerkt, wieder ihr Lager aufzusuchen. Sie dringt -auch heimlich in die Zellen, um beim Baden der Armen behilflich zu -sein, während sie sich selbst Bäder versagt.<a id="FNAnker_161" href="#Fussnote_161" class="fnanchor">[161]</a> Der stolze Adalbert -von Bremen wusch vor dem Schlafengehen 30 und mehr Bettlern die Füße. -Ähnliches hatte schon die Tochter König Chilperichs von Burgund, -Chrotechilde, getan, wie Fredegar erzählt. Brun von Köln, der Bruder -Ottos des Großen, sitzt im Schafpelz unter Königen.<a id="FNAnker_162" href="#Fussnote_162" class="fnanchor">[162]</a> Fast keiner -aber gönnt sich den damals so beliebten Genuß eines Bades, und doch -berichten die Biographen von der Schönheit ihrer Helden!</p> - -<p>Diese Kasteiungen müssen für sehr harmlos gelten im Vergleich zur Sitte -der ersten Christen, <em class="gesperrt">sich zu entmannen</em>. Justinus erzählt von dem -Gesuche eines Christen in Alexandrien an den Präfekten Felix: er möchte -einem Arzt gestatten, ihn zu entmannen. Denn ohne diese Genehmigung -durften die Ärzte die Operation nicht vornehmen. <em class="gesperrt">Origenes entmannte<span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[S. 167]</span> -sich selbst</em> und das Konzil zu Nicäa von 325 sah sich genötigt, -Stellung zu nehmen zu der Frage dieser Verstümmelung.<a id="FNAnker_163" href="#Fussnote_163" class="fnanchor">[163]</a></p> - -<p>Rühmend erzählt der Biograph vom hl. Ulrich, daß er sich zwar das -Gesicht wusch, aber nicht badete, außer an drei Festtagen im Jahre. -Dafür wusch er aber eigenhändig 12 Armen die Füße. Der Königssohn -Brun war nicht weniger wasserscheu wie Johann von Gorze, der auch -Medikamente verschmähte. Angilram badete auch nicht.<a id="FNAnker_164" href="#Fussnote_164" class="fnanchor">[164]</a> Waren die -frommen Männer so auch zu Lebzeiten keine Nasenweide der frommen -Gemeinde, so holten sie das doch im Tode nach. Denn dann entströmten – -das müssen wir wohl oder übel den Chronisten glauben – den Särgen der -frommen Männer liebliche Düfte. Von Eid, Ansfrid, Evergerius von Köln -und Udalrich wird es wenigstens ausdrücklich erzählt.<a id="FNAnker_165" href="#Fussnote_165" class="fnanchor">[165]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das Weinen gehörte auch noch zur Zeit der Kreuzzüge selbst beim Militär -zur Frömmigkeit. Der Chronist erzählt: »Es war Sitte im Heere, daß -in jeder Nacht, ehe sie sich zum Schlafen niederlegten, ein dazu -bestimmter Mann mit lauter Stimme inmitten des Heeres den gewöhnlichen -Spruch rief: ›Hilf, heiliges Grab!‹ In diesen Ruf stimmten alle ein, -wiederholten ihn, streckten mit reichlichen Tränen die Hände zum Himmel -empor und erflehten Gottes Barmherzigkeit und Hilfe. Dann hub der -Herold selbst wieder an, indem er wie vorher ausrief: ›Hilf, heiliges -Grab!‹ Und alle wiederholten es; und als er gleichfalls zum dritten -Male rief, so taten es ihm alle<span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[S. 168]</span> nach mit großer Herzenszerknirschung -und unter Tränen. Wer würde dies in solcher Lage nicht tun? da doch -schon diese Tatsache zu berichten Tränen den Hörern entlocken kann. -Durch diese Anrufung schien das Heer sich gar sehr gestärkt zu -fühlen.<a id="FNAnker_166" href="#Fussnote_166" class="fnanchor">[166]</a>«</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die durch Schönheit, Klugheit, Sittenstrenge und Frömmigkeit -ausgezeichnete Athenerin <em class="gesperrt">Irene</em> wurde durch den Tod ihres -Gemahles, des Kaisers Leo IV., im Jahre 780 für ihren zehnjährigen -Sohn Regentin des byzantinischen Reiches. Als der Sohn regierungsfähig -geworden war, ließ sie die Truppen auf die noch nie dagewesene Formel -»Solange du lebst, werden wir uns deinen Sohn als Kaiser nicht gefallen -lassen« schwören. Doch der Staatsstreich mißlang, Irene wurde von der -Regierung entfernt, und Konstantin VI., der zuerst sieben Jahre mit -Karls des Großen Tochter Rothrude verlobt gewesen war, kam endlich -zur Herrschaft. Aus Gutmütigkeit verzieh er schon nach einem Jahre -seiner Mutter und setzte sie wieder in ihre bevorzugte Stellung ein. -Nach fünfjähriger Wühlarbeit gegen den tapferen Sohn machte sie ihn -unpopulär. Dann riet sie ihm, seine Gemahlin zu verstoßen und die -schöne Hofdame Theodote zu heiraten (795). Jetzt war der Kaiser -verloren. Die Kirche trat wegen des ungesetzlichen Schrittes gegen ihn -auf, Irene nahm ihn gefangen und ließ ihm in demselben Purpurgemache -des Kaiserpalastes, in dem sie ihm das Leben gegeben hatte, <em class="gesperrt">durch -den Henker die Augen ausstechen</em>! Wiewohl die Verstümmelung mit -besonderer Grausamkeit aus<span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[S. 169]</span>geführt war und in der Absicht, seinen Tod -zu veranlassen, ohne der Mutter das Odium der Mörderin aufzuladen, -lebte der Kaiser noch einige Jahre. Irene aber nahm mit Ignorierung -ihres Geschlechtscharakters den Titel »Kaiser« an. Doch schon 802 -fiel sie, deren Ehrgeiz eine Ehe mit Karl dem Großen im Bereiche der -Möglichkeit gehalten hatte, als Opfer einer Revolution. Sie starb -einsam und verlassen 803 auf Lesbos.</p> - -<p>Die byzantinischen Schriftsteller finden für diese Kaiserin kaum -ein Wort des Tadels. War sie doch die Wiederherstellerin der -Bilderverehrung. Als <em class="gesperrt">Heilige</em> gehört sie dem Himmel der -griechisch-katholischen Kirche an.<a id="FNAnker_167" href="#Fussnote_167" class="fnanchor">[167]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Robert von Arbrissel (Albresec in der Bretagne), der Stifter des Ordens -von Fontaevraud hatte eine sonderbare Probe seiner Keuschheit ersonnen. -Er ging nicht nur in <em class="gesperrt">Bordelle</em> und bewog durch seine Predigt die -Prostituierten, <em class="gesperrt">fromm</em> zu werden – und zwar so viele, daß er -für sie drei Klöster errichten mußte, von denen deshalb das eine de la -Magdelaine benannt wurde, <em class="gesperrt">er schlief auch öfter zwischen zwei Nonnen -– nackt natürlich, gemäß der damaligen Sitte –, bloß um die Kraft des -Willens über das Fleisch zu erproben</em>.</p> - -<p>Der Abt Gottfried von Vendome tadelte ihn wegen der unklugen Erfindung -dieses neuen Martyriums; Marbod, Bischof von Rennes, aber ermahnte -ihn, sich solchen Verführungen nicht auszusetzen, die<span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[S. 170]</span> den guten Ruf, -wenn auch nicht die Seele verwundeten. Er tadelte ihn auch, daß er in -haarigem Fell und zerrissenen Kleidern, mit halbnackten Hüften, langem -Bart, abgeschnittenem Haupthaar und bloßen Füßen gehe.<a id="FNAnker_168" href="#Fussnote_168" class="fnanchor">[168]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das Mittelalter in seinem Kinderglauben suchte Befreiung von Sünden, -weniger durch innere Einkehr, als dadurch, daß es durch weite Reisen, -nach Rom, Jerusalem oder an andere geheiligte Orte, räumlich der -Gnadenquelle nahte. Jeglicher Schmerz, jede Form irdischer Qual, selbst -jedes Verbrechen konnte sich hoffend nach Rom wenden, um zu den Füßen -des Papstes Erlösung zu empfangen. Aber neben wahrhaft Reuigen, die -in hellen Haufen jahrhundertelang den Weg über die Alpen einschlugen, -befand sich auch manch räudiges Schaf. Ja, die damaligen Anschauungen -trieben entsittlichte Menschen, fluchwürdige Verbrecher, die heute -in Gefängnissen sorgfältig vom Kontakt mit der Mitwelt ferngehalten -werden, zu solchen Pilgerfahrten, trugen sie ihnen doch neben der -Hochachtung vor freiwilliger Buße auch noch <em class="gesperrt">sicheren Unterhalt</em> -ein.</p> - -<p>Der Schuldige ward in die Welt geschickt, versehen mit einem Schein -seines Bischofs, welcher ihn als Mörder oder Blutschänder offen -bezeichnete, ihm seine Reise, ihre Art und Dauer vorschrieb, und ihn -zugleich mit einer <em class="gesperrt">Legitimation</em>, entsprechend unseren Pässen, -versah. Er zeigte seine Legitimation allen Äbten und Bischöfen der -Orte vor, durch welche er<span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[S. 171]</span> kam. Diesem Verdammungs- und gleichzeitigen -Empfehlungsbrief verdankte er <em class="gesperrt">überall gastliche Aufnahme</em>. -Deshalb hüllten sich nicht selten Gauner, die gar kein schweres -Verbrechen begangen hatten, in die Maske der scheußlichsten Untat. -So hatten sie Gelegenheit zu sorgenfreier Reise und Aussicht auf -betrügerischen Gewinn. In Ketten, mit schweren Eisenringen um Hals -und Arme, halbnackt zogen sie mit ihren falschen Pässen durch die -Länder, stellten sich auch vielfach besessen, warfen sich vor den -Heiligenbildern der Kirchen und Klöster nieder und erlangten, indem -sie durch deren Anblick plötzlich zur Besinnung gekommen zu sein -vortäuschten, von den beglückten Mönchen Geschenke.</p> - -<p>Bezeichnend für die Sitten, die in solchen Pilgergesellschaften -herrschten, ist, daß schon 744 der Erzbischof Bonifazius von Mailand an -Cutbert von Canterbury schrieb, die Synode möge den Frauen und Nonnen -solche Reisen untersagen, »weil <em class="gesperrt">viele von ihnen zugrunde gehen, -wenige aber unberührt heimkehren. Denn es gibt in der Lombardei nur -sehr wenige Städte, desgleichen in Franzien oder Gallien, in denen -sich nicht eine Ehebrecherin oder Prostituierte aus englischem Stamme -befindet.</em>«</p> - -<p>Viele erlagen also den Versuchungen der Pilgerfahrten. Deshalb -<em class="gesperrt">verbot auch die Synode von Friaul 791 bereits den Nonnen, nach Rom -zu pilgern</em>.<a id="FNAnker_169" href="#Fussnote_169" class="fnanchor">[169]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[S. 172]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wahre Frömmigkeit römischer Observanz, überall zu finden, wo die -kasuistische Pseudomoral der Kirche herrscht, lehrt uns ein niedliches -Geschichtchen kennen, das ebensogut heute passiert sein könnte, wie -im Jahre 1580 und überaus bezeichnend ist für die Denkweise weitester -Kreise unter dem segenspendenden Krummstab.</p> - -<p>Montaigne erzählt: »Un quidam etant avecques une courtisane, et couché -sur un lit et parmi la liberté de cete pratique-là, voila sur les -24 heures l’Ave Maria soner: <em class="gesperrt">elle se jeta tout soudein, du lit à -terre, et se mit à genous pour faire sa priere</em>. Etant avecques un -autre, voila la bone mere (car notammant les jeunes ont des vielles -gouvernantes, de quoi elles font des meres ou des tantes), qui vient -hurter à la porte, et avecques cholere et furie arrache du col de cette -jeune un lasset qu’elle avoit, où il pandoit une <em class="gesperrt">petite Notre-Dame, -pour ne la contaminer de l’ordure de son peché</em>; la jeune santit -un’extreme contrition d’avoir oblié à se l’oster du col, come ell’avoit -acostumé.«<a id="FNAnker_170" href="#Fussnote_170" class="fnanchor">[170]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als Montaigne in der Karwoche 1581 in Rom weilte, sah er eine ungeheure -Prozession mit Fackeln – er schätzt deren Anzahl auf 12000 –, die -sich, in Büßerkompanien geteilt, gegen St. Peter bewegte. Musikkapellen -waren im Zuge verteilt und Lieder wurden unausgesetzt während des -Marsches gesungen. Inmitten jeder Gruppe, deren es wenigstens 500 gab, -schritt eine Reihe von <em class="gesperrt">Büßern</em>, die sich mit einem<span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[S. 173]</span> Tau (corde) -den <em class="gesperrt">Rücken in bemitleidenswerter Weise blutig schlugen</em>.</p> - -<p>»Das ist ein Rätsel, das ich noch nicht recht verstehe, aber alle -sind braun und blau geschlagen (meurtris) und grausam verwundet und -martern und schlagen sich unaufhörlich. Sehenswert ist ihre Fassung, -die Sicherheit ihrer Schritte, die Festigkeit ihrer Worte (denn ich -hörte mehrere sprechen) und ihr Gesicht (denn mehrere waren in der -Straße barhäuptig). Es erweckte keineswegs den Anschein, als seien sie -in einer schmerzvollen Tätigkeit, noch in einer ernsten begriffen, und -junge Leute von zwölf oder dreizehn Jahren waren darunter. Dicht bei -mir war ein sehr Junger mit angenehmem Gesicht; eine junge Frau sprach -ihr Bedauern aus, ihn sich so verwunden zu sehen. Er wandte sich zu -uns und sagte ihr lachend: ›Genug, sage dir, daß ich das für deine -Sünden tue und nicht für meine eignen.‹ Sie zeigen bei dieser Tätigkeit -nicht nur keine Angst oder Zwang, sondern sie tun es mit Freude oder -mindestens mit solcher Gleichgültigkeit, daß du sie sehen kannst, wie -sie sich mit anderen Dingen beschäftigen, lachen, sich auf der Straße -zanken, laufen, springen, wie es in einem so großen Gedränge, wo die -Reihen in Unordnung geraten, passiert. Unter ihnen gibt es Leute, die -Wein tragen, um ihnen zum Trinken anzubieten: niemand nimmt einen -Schluck. Man gibt ihnen auch Zuckerwerk, und die, welche Wein tragen, -nehmen häufig davon in den Mund und dann spucken sie ihn wieder aus und -benetzen damit das Ende ihrer Geißel, das aus einem Strick besteht und -sie sind derart mit Blut beklebt, daß man sie begießen muß,<span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[S. 174]</span> um sie -auseinander zu bringen; einige blasen den Wein auf ihre Wunden. Nach -ihrem Schuhwerk und Strümpfen zu urteilen sind es Leute sehr niederen -Standes, die sich für diesen Dienst vermieten, wenigstens die Mehrzahl. -Man sagte mir wohl, daß man ihre Schultern mit etwas polstert, aber -ich habe die Wundmale zu frisch gesehen und die Attacken so lange -fortgesetzt, daß es kein Heilmittel zur Beseitigung der Empfindung -gibt. Und wozu würde man sie mindern, wenn alles Spiegelfechterei -wäre?«<a id="FNAnker_171" href="#Fussnote_171" class="fnanchor">[171]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Keyßler, der 1730 in Rom war, erzählt: »Am grünen Donnerstag kamen -etliche geistliche Brüderschaften und eine volkreiche Prozession von -andern Leuten nach der St. Peterskirche. Unter dieser Gesellschaft -fanden sich zehn bis zwölf maskierte Personen, welche ihre entblößten -Rücken mit vielen Riemen, an deren Enden eiserne Stifte waren, also -zerschlugen, daß man es nicht ohne Ekel ansehen konnte, und die -Stellen, wo sie sich etwas aufgehalten hatten, an dem Blute auf dem -Fußboden der Kirche zu erkennen war. Hinter einem jeden solchen -eigenmächtigen Märtyrer oder im Beichtstuhle dazu verurteilten -Missetäter, wurde eine brennende Fackel getragen und oftmals an den -zerfleischten Rücken gehalten, damit das Blut nicht gerinnen sollte.«</p> - -<p>In einer unterirdischen Kapelle der Jesuiten bekam jeder Eintretende, -hinter dem die Türe gleich verschlossen wurde, tüchtige Geißeln, »die -sich in sieben bis acht Ende oft geknüpfter Reifschnüre verteilten«. -Ein Jesuit erinnerte – es war Karfreitag –<span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[S. 175]</span> an die Leiden Christi -und forderte zur Nachahmung auf. Die Lichter wurden ausgelöscht, die -Litanei gesungen und jedermann geißelte sich. Und zwar geschahen die -Ermahnungen und die darauf folgenden Geißelungen dreimal.<a id="FNAnker_172" href="#Fussnote_172" class="fnanchor">[172]</a></p> - -<p>Welche Ähnlichkeit mit dem alljährlich im Orient stattfindenden Umzug -der Perser zur Erinnerung an Alis Tod!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Übrigens ließen sich auch Herrscher geißeln. Kaiser Heinrich III. -legte nie seinen königlichen Ornat an, bevor er sich dieser Züchtigung -unterworfen hatte. König Otto IV. ließ sich auf dem Totenbette bis aufs -Blut schlagen und noch der große Kurfürst Maximilian I. von Bayern -(1598–1650) ließ mit eigener Hand Schläge auf seinen entblößten Rücken -fallen.<a id="FNAnker_173" href="#Fussnote_173" class="fnanchor">[173]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Keyßler erzählt von einer sonderbaren Sitte, die in Loretto herrschte. -»Die <em class="gesperrt">Kastraten</em>, so in der Musik der Santa Capella gebraucht -werden, lesen hier gleichfalls <em class="gesperrt">Messe</em>, und tragen <em class="gesperrt">währen -der selbigen ihre abgeschnittenen Testiculos und andere dergleichen -Pertinentien in einer Schachtel in der Tasche bey</em> sich, vermuthlich -weil sie nach der Mathematik werden behaupten wollen, daß <span class="zaehler">99</span>⁄<span class="nenner">100</span> und -<span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">100</span> allezeit ein Ganzes ausmachen. In Rom höret man von dergleichen -Gewohnheit nicht, in dem oberen Theile von Italien aber ist die Sache -nicht ungewöhnlich.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[S. 176]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Maranen, d. h. zwangsweise getaufte Juden der Pyrennäenhalbinsel, -die im geheimen noch dem Glauben ihrer Väter anhingen, heirateten auch -in der Regel untereinander und mußten deshalb häufig die päpstliche -Ehedispens einholen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts erlebten diese -Maranen eine religiöse Renaissance. Sie ließen sich einen gewissen -Rabbi Falcon aus Jerusalem kommen, um die vollkommene Wahrung der -orthodoxen Riten und Gebräuche zu gewährleisten. Damals traten viele -noch im Alter zum Judentum öffentlich über und ließen sich beschneiden. -Sehr sonderbar aber ist der Brauch, daß manche, die wegen vorgerückten -Alters vor den Schmerzen einer Beschneidung zurückscheuten, wenn -sie sich auch offen zum Judentum bekannten, <em class="gesperrt">diese Operation -nach dem Tode an sich vornehmen ließen</em>. Jakob de Mezas hat in -seinem »Mohelbuche« seit dem Jahre 1706 zahlreiche solche Fälle -registriert.<a id="FNAnker_173a" href="#Fussnote_173" class="fnanchor">[173]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Professor der Dogmatik P. Lépicier, angestellt an der Propaganda -fidei in Rom, schrieb 1909 unter dem Titel »De stabilitate et progressu -dogmatis« ein Buch. Er vertritt darin die Ansicht, daß <em class="gesperrt">ein Ketzer -nicht nur exkommuniziert, sondern von Rechts wegen auch getötet werden -dürfe</em>. Denn er sei, wie Aristoteles sagt, schlimmer als ein wildes -Tier, das zu töten ja auch keine Sünde sei. Daß die Kirche das Recht -habe, einen Ketzer zum Tode zu verurteilen, unterliegt dem milden -Apostel der christlichen Liebe nicht dem geringsten Zweifel (S. 174 -f.). »Diejenigen katholischen Apologeten irren von der<span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[S. 177]</span> Wahrheit ab, -die da sagen, die Schuld an solchen Sentenzen (Hinrichtung von Ketzern) -sei der weltlichen Inquisition zuzuschreiben, oder die feigerweise -zugestehen, die Kirche habe, dem Zeitgeist folgend, in dieser Sache -in etwas ihr Recht überschritten« (S. 183 f.). Auch vertritt er die -Ansicht, man solle Ketzer und Abtrünnige mit Gewalt in den Schoß der -alleinseligmachenden Kirche zurückführen (S. 190 f.).</p> - -<p>Die Propaganda hat die Aufgabe, Missionare auszubilden und ihre -Zöglinge genießen besondere Auszeichnungen. Die von Kardinal -Hergenröther herausgegebene Enzyklopädie der katholischen Theologie -sagt zum Ruhme der Propaganda: »Noch mehr muß das Institut eine Zierde -in den Augen derjenigen sein, welche zu ermessen wissen, was seine -Zöglinge seit der Gründung des Hauses Großartiges geleistet haben zur -Erfüllung des Wortes: Eunte docete omnes gentes – Gehet und lehret -alle Völker –, nicht bloß unter schweißvoller apostolischer Arbeit, -sondern auch mit dem Opfer des Blutes.«</p> - -<p>Daß letzteres gebracht wird, wenn auch wohl weniger von den Bekehrern, -als von den Bekehrten, darüber können wir uns nach Lépiciers -Ausführungen beruhigen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Doch wir wollen unsere Blicke abwenden von mittelalterlicher -Beschränktheit, wie sie in diesen Anschauungen sich äußert und wie -sie auch die klugen Jesuiten<a id="FNAnker_174" href="#Fussnote_174" class="fnanchor">[174]</a> heute nicht mehr vertreten. Erbauen -wir uns lieber am Beispiel eines ebenso frommen, wie<span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[S. 178]</span> aufgeklärten -Mannes, dessen Name in Deutschland genannt wird, wenn es gilt, einen -Zeugen für die Wohlvereinbarkeit strenger Kirchlichkeit mit wahrhaft -modernem Empfinden aufzurufen. Wir meinen natürlich den <em class="gesperrt">Kardinal -Fischer</em> in Köln. Durchdrungen von wahrhaft sittlichem Geiste, Catos -Vorbild nachahmend, doch, was sage ich, überflügelnd, verbot er den -Klosterschwestern zu – <em class="gesperrt">baden</em>! Diese hochmoralische Bestimmung -ist heute noch in Kraft. Richten wir unsere Herzen auf an diesem -Beispiel wahrer Frömmigkeit und Keuschheit!<a id="FNAnker_175" href="#Fussnote_175" class="fnanchor">[175]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ja, wir sind wahrhaft fromm. In der Schule beginnt der innere Drang, -später sorgen Staat und Kirche dafür, daß das Feuer weiterglimmt, ja -lodert. Oder geht das nicht zwingend daraus hervor, daß es uns nicht -genügt, wenn ein <em class="gesperrt">Mathematiklehrer</em> Mathematik versteht, sondern -daß er auch <em class="gesperrt">in der Religion beschlagen sein muß</em>? Kann man -sich überhaupt etwas Gräßlicheres denken als ketzerische Mathematik -oder – fast gerade so schlimm – Mathematik, vorgetragen von einem -Ketzer? So denken auch manche deutsche Staaten, vor allem Preußen, -und fordern deshalb vom <em class="gesperrt">Lehramtskandidaten der Mathematik und der -Naturwissenschaften</em> ein <em class="gesperrt">Examen in der Religionslehre</em> zum -Beweise dafür, daß er auch <em class="gesperrt">gut – heucheln kann</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[S. 179]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Doch nix genaues weiß man nicht – auch nicht darüber, ob die Kinder -zeitlebens der Mutter Kirche mit der von einem herrschsüchtigen Klerus -so sehr erwünschten Treue anhängen werden. Deshalb ist es gut, sich -rechtzeitig vorzusehen. So dachte auch <em class="gesperrt">Bischof Benzler</em> von Metz -und erließ im Frühjahr 1909 einen Hirtenbrief gegen die Mischehen. -Priester sind nun einmal – das bringt das Amt so mit sich – -friedfertige Leute, und besonders die Männer, die Christi Namen täglich -hundertmal im Munde führen, zeichnen sich durch Sanftmut vor andern -Sterblichen aus. Sie suchen Trennendes zu überbrücken, Gegensätze zu -mildern. Gesellt sich nun zur christlichen Liebe auch noch die fürs -Vaterland, die Einsicht, daß die Blutbäder und brennenden Städte in -Deutschlands Vergangenheit uns für alle Zeiten ein Memento zurufen, -wohin konfessioneller Hader führt, dann werden wir des glaubensstarken -Bischofs Hirtenbrief doppelt zu schätzen wissen.</p> - -<p>Er empfiehlt darin wärmstens eine »Eine verbotene Frucht« betitelte -Schrift. Hier wird den Pfarrern geraten, sie möchten am Kommunionstage -den Kindern die <em class="gesperrt">schriftliche Erklärung abfordern</em>: »<em class="gesperrt">Ich -verspreche an diesem schönsten Tage meines Lebens, daß ich niemals eine -gemischte Ehe eingehen werde</em>«!!!</p> - -<p>Die so vergewaltigten Kinder sind elf bis dreizehn Jahre alt!</p> - -<p>Um aber auch im späteren Alter den Gefahren der Verseuchung oder -Ansteckung durch Andersgläubige – hu! – möglichst wenig ausgesetzt -zu sein,<span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[S. 180]</span> gründet man konfessionelle Klubs. So etablierte sich -vor etlichen Jahren in Kissingen ein <em class="gesperrt">Kränzchen katholischer -Kurgäste</em>, und neuerdings tat sich auch in <em class="gesperrt">Juist</em> eine -<em class="gesperrt">Vereinigung katholischer Kurgäste</em>, ein <em class="gesperrt">katholischer -Strandklub auf</em>.<a id="FNAnker_176" href="#Fussnote_176" class="fnanchor">[176]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>An den bayerischen Gymnasien herrscht Kirchenzwang. Er gründet sich auf -den letzten Passus des § 1 der »Disziplinarsatzungen für die Schüler -der Studienanstalten im Königreich Bayern«, mit dem harmlosen Wortlaut: -»Religiosität betätige der Schüler in seinem ganzen Lebenswandel, -insbesondere auch in der Ausübung der religiösen Pflichten seines -Bekenntnisses.</p> - -<p>Alle Sonn- und Feiertage haben die Schüler dem Gottesdienst ihrer -Konfession mit Andacht beizuwohnen.«</p> - -<p>Die Forderung der erzwungenen »Andacht« bringt wenigstens eine -humoristische Note in die Tragik der Anwendung des Paragraphen unter -ultramontaner Herrschaft. Denn sie ist barbarisch. <em class="gesperrt">Tagesausflüge</em> -ohne <em class="gesperrt">vorhergehende</em> Genehmigung des Religionslehrers oder -Konrektors <em class="gesperrt">sind unzulässig</em>! Eine nachherige Erlaubnis wird nicht -erteilt. Also ist der Familienvater, der wegen des schlechten Wetters -am Samstag den projektierten Sonntagsausflug fallen ließ, nicht in der -Lage, seinen Kindern doch die Erholung zu gönnen, wenn das Wetter sich -aufheitert!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[S. 181]</span></p> - -<p>Ein Schüler wurde sogar <em class="gesperrt">bestraft</em>, weil er einen <em class="gesperrt">anderen</em> -als den vorgeschriebenen Gottesdienst mitgemacht hatte!</p> - -<p>Einem anderen wurde <em class="gesperrt">verboten, am Samstag zu seinem in der Nähe -Münchens wohnenden Vater zu reisen</em>, um wenigstens einen Tag -wöchentlich im Elternhause zuzubringen. Und das, wiewohl sich der Vater -für den Besuch der dortigen Messe verbürgte! So blieb dem armen Jungen -nichts anderes übrig, als erst nach dem sonntäglichen Gottesdienst zu -fahren.</p> - -<p>Im Jahre 1906 mußten die Schüler eines Realgymnasiums <em class="gesperrt">auf den -zweitägigen Besuch der Landesausstellung in Nürnberg verzichten</em>, -weil der Professor keine Bürgschaft dafür übernehmen konnte, daß seine -Zöglinge an beiden Feiertagen die <em class="gesperrt">Messe</em> besuchen würden!</p> - -<p>Wie in der bayerischen Abgeordnetenkammer festgestellt wurde, gibt es -in der Pfalz ein Gymnasium, das eine höchst sinnreiche Kontrolle der -Schüler eingeführt hat. Jeder erhält eine <em class="gesperrt">Karte</em>, ähnlich den -Abonnements bei den Friseuren. Verläßt der Schüler die Kirche nach -absolviertem Gottesdienst, dann wird die Karte <em class="gesperrt">geknipst</em>!</p> - -<p>Und doch bestreitet der bekannte Staatsrechtslehrer Max von Seydel, -daß hier ein Verstoß gegen die verfassungsmäßig garantierte -Gewissensfreiheit vorliege. Das alles sei kein Zwang, denn niemand sei -verpflichtet, sich der Staatsanstalten zu bedienen!</p> - -<p>Der Gelehrte vergaß, daß nicht jeder als Vanderbild geboren ist.</p> - -<p>Und doch ist das alles herzlichst zu begrüßen.<span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[S. 182]</span> Wird doch so eine -Generation erzogen, die voller Begeisterung für die Trennung von Staat -und Kirche eintreten wird.<a id="FNAnker_177" href="#Fussnote_177" class="fnanchor">[177]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Doch nicht nur die Seelen müssen vor ketzerischem Gift bewahrt -werden. Wem es ernst mit seiner Religion ist, wer weiß, was er -ihr schuldet, der macht hier nicht halt. Er breitet die liebenden -Arme der Mutter Kirche auch über – <em class="gesperrt">Würste</em> aus. So lesen -wir in einer im März des Jahres 1910 im Tauber- und Frankenboten, -einem in Tauberbischofsheim in Baden erscheinenden ultramontanen -Intelligenzblatt: »... <em class="gesperrt">auch das kaufende Publikum soll darauf -sehen, daß es seine Ware bei Bäckern, Metzgern und Kaufleuten in -Zentrumsblättern eingepackt bekommt</em>.«</p> - -<p>Zum Verpacken der Würste mögen sich diese Geistesprodukte allenfalls -noch eignen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1908 (das Jahrhundert ist zu beachten!) erschien im Verlage -von Ludwig Auer in Donauwörth unter dem Titel »Die Ehe; eine -Unterweisung über die sittlichen, religiösen und hygienischen Pflichten -für Erwachsene, besonders für Braut- und Eheleute« ein Buch, das mit -dem bischöflichen Imprimatur der Augusta Vindelicorum vom 13. Februar -1908 (Generalvikar Dr. Göbl) versehen ist, in elfter Auflage.</p> - -<p>In diesem frommen Werke wird natürlich auch<span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[S. 183]</span> auf die Wichtigkeit der -Nottaufe hingewiesen (S. 218 ff.), sowie auf die Maßregeln, die zu -ergreifen sind, wenn ein Kind bei der Geburt zu sterben droht. Seine -Seele muß doch davor bewahrt werden, ins Fegefeuer zu kommen!</p> - -<p>Jeder sogenannte Abgang, mag er noch so unförmlich sein und vielleicht -auch gar keine Gestalt haben, ist nur ein verbildetes Menschenwesen und -seine Seele ist für den Himmel bestimmt. Ist der Abgang der Fehlgeburt -auch klein und weiß man auch nicht, ob das Wesen noch lebt, <em class="gesperrt">so öffne -man die dasselbe umgebende Hauthülle und tauche es in das Wasser</em>, -wobei man die Taufworte spricht und die Bedingung beifügt: »Wenn du -lebst.« Diese Nottaufe bewirkt <em class="gesperrt">geistliche Verwandtschaft, die ein -Ehehindernis bildet</em>!</p> - -<p>Wegen der Wichtigkeit des Gegenstandes wird die Schrift von J. Neth -»Die Verwaltung des Priesteramtes« wörtlich zitiert. Sie lautet:</p> - -<p>»Wenn bei schweren Geburten zu besorgen steht, es möchte das Kind -sterben, ehe es vollkommen geboren wird, und wenn es möglich wird, -demselben mit Wasser beizukommen, so taufet es im Mutterleibe mittels -einer Röhre oder Spritze, wie sie jede Hebamme haben soll, oder durch -einen Schwamm, den ihr über das Kind im Mutterleibe auspreßt, und -sprechet dabei die Worte: ›Wenn du der Taufe fähig bist, usw....‹ -Sollte es sich ereignen, daß nach gespendeter Taufe im Mutterleibe zwei -oder mehrere Kinder zur Welt kommen, so daß man nicht weiß, welches -von ihnen die Taufe im Mutterleibe empfangen habe, so müßt ihr jedes -derselben bedingungs<span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[S. 184]</span>weise »Wenn du nicht schon getauft bist«... -wiedertaufen«.</p> - -<p>Diese Anweisungen sind dem gewissenhaften Verfasser des Ehebüchleins -anscheinend nicht ausführlich genug. Sein Geist (sit venia verbo!) -treibt ihn daher, zu der bezeichneten Stelle des Textes folgende -Anmerkung zu setzen, deren Wert nur der nicht zu würdigen versteht, der -allen Christentumes bar ist.</p> - -<p>Sie lautet: »Das ist übrigens von Unkundigen kaum durchführbar. <em class="gesperrt">Es -müssen ja die das Kind umgebenden Eihäute zuerst zerrissen sein, damit -das Taufwasser das Kind treffe und nicht die Eihäute.</em> Da könnte -man leicht eine Verletzung hervorrufen. Die Taufe im Mutterleibe, -von nicht genau unterrichteten Personen vorgenommen, hat einen sehr -zweifelhaften Wert, und ist <em class="gesperrt">wohl nie Gewißheit gegeben, ob das Kind -wirklich getauft ist</em>. Erst wenn der Kopf teilweise geboren ist, -resp. sichtbar ist, kann er vom Schleim gesäubert werden und weiß man, -daß das Taufwasser auch wirklich das <em class="gesperrt">Kind</em> trifft.«</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Aber nicht nur fürs Seelenheil des präsumptiven Täuflings, auch für das -Wohl der Mutter ist der gewissenhafte Autor besorgt, denn er gibt die -hygienische Vorschrift: »Um die Gefahr einer Infektion zu vermeiden, -muß das Wasser abgekocht und ganz rein sein; desgleichen das zur -Verwendung kommende Instrument.«</p> - -<p>Welche Fülle von Frömmigkeit, gepaart mit weltlicher Weisheit, lebt -doch unter uns! Aber in dieser<span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a>[S. 185]</span> gottlosen Zeit muß der wahre Christ -das Tageslicht scheuen, damit dort glaubensloses Gesindel (†††) -Unfug treibt und der christkatholischen Menschheit ein Dorn im Auge -ist. Darum wählte der Verfasser die Anonymität. Schade, wir hätten -ihn so gerne mit dem Höllentopographen Professor Bautz künftiger -Heiligsprechung empfohlen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[S. 186]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Achter_Abschnitt"><span class="s5">Achter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Mein Reich ist nicht von dieser Welt</span></h2> - -</div> - -<p>So sagte Christus. Das Papsttum sagte es auch, war aber klug genug, -anders zu handeln. Mochte es auch die sicherste Anwartschaft auf das -Himmelreich in der Tasche haben, darum auf Erden leer auszugehen, fiel -ihm nicht ein. Und man muß es vor allen den Päpsten in Avignon lassen: -das Scheren der Lämmer hatten sie los.</p> - -<p>Da gab es zunächst das <em class="gesperrt">Servitium commune</em>. Jeder Bischof oder -Abt war zu dessen Zahlung bei Androhung schwerster Kirchenstrafen -verpflichtet, ehe seine Bestätigungsurkunde ausgehändigt wurde. Diese -Abgabe betrug den dritten Teil des Jahreseinkommens der Pfründe. -Während die eine Hälfte in die päpstliche Kasse floß, gehörte die -andere denjenigen Kardinälen, welche an dem Promotionskonsistorium -teilgenommen hatten.</p> - -<p>Außerdem hatte jeder promovierte Bischof oder Abt <em class="gesperrt">noch fünf servitia -communia</em> zu zahlen, von denen jedes von derselben Höhe war, wie der -Betrag, welcher den einzelnen Kardinälen von der zweiten Hälfte des -Servitium commune gebührte. Dieses belief sich im 14. Jahrhundert für -Köln auf 10000, für Trier<span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[S. 187]</span> auf 7000 Kammergoldgulden. Die Gesamtsumme -der für Köln zu zahlenden Servitia betrug etwa 11000, für Trier 7700 -Kammergoldgulden.</p> - -<p>Diese Servitia betrugen aber noch nicht einmal den größten Teil der -für die Einholung der päpstlichen Bestätigung aufzuwendenden Gelder. -Dazu kam das Geld für das <em class="gesperrt">Pallium</em> in der Höhe von mehreren -hundert Dukaten, ferner für die Hin- und Rückreise des zu Bestätigenden -oder seines Bevollmächtigten, für den Aufenthalt an der Kurie bis -zur Bestätigung, für die Ausfertigung der Ernennungsbullen in den -verschiedenen Ämtern der Kurie und für die Schenkung von Geldsummen -oder Wertsachen an niedere und höhere Kurialbeamte bis hinauf zu den -Kardinälen. So konnte die Erwirkung der päpstlichen Ernennung des -jungen Walram zum Erzbischof von Köln 40000 Goldgulden, <em class="gesperrt">über eine -Million Mark</em>, kosten. Die Folge dieses Ausbeutungssystems der Kurie -war natürlich, daß die deutschen Bischöfe des 13. und 14. Jahrhunderts -mit seltenen Ausnahmen in ständiger Geldnot sich befanden. Denn meist -starb der Bischof, bevor die Schulden für seine Bestätigung abgetragen -waren, so daß die Diözese neben der Tilgung der alten Schulden neue für -den neuen Herrn aufnehmen mußte.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Was für Bischöfe und reguläre Äbte die Servizien waren, das waren für -den übrigen Klerus die <em class="gesperrt">Annaten</em>. Sie bestanden darin, daß die -<em class="gesperrt">Hälfte des Einkommens des ersten Jahres</em> der Kurie abgeführt -wurde. Am 8. Dezember 1316 wurde diese Steuer zum ersten Male auf -drei Jahre der Trierer und Kölner<span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[S. 188]</span> Diözese auferlegt, ohne dort viel -Gegenliebe zu finden. Man drückte sich um sie wo man nur konnte und -so war der Ertrag recht minimal. Deshalb wurden am 13. August 1327 -noch durch neue Verfügung die sogenannten Interkalalfrüchte von der -Kurie beansprucht. D. h. die während einer Vakanz fälligen Einkünfte -aller an der Kurie vakant werdenden kirchlichen Benefizien werden der -päpstlichen Kammer vorbehalten.</p> - -<p>Das genügte aber alles noch nicht der Geldgier des angeblichen -Nachfolgers des armen Fischers Petri. So erklärte Klemens VI. auch -die <em class="gesperrt">Spolien</em>, d. h. den <em class="gesperrt">beweglichen Nachlaß der Bischöfe und -Äbte</em> in einzelnen Fällen, wenn er nämlich vermutlich sehr groß war, -für eine gute Beute der päpstlichen Kammer.</p> - -<p>Dazu kam noch der <em class="gesperrt">Zehnte</em>, stellenweise durch den Zwanzigsten -ersetzt oder das sogenannte Subsidium, d. i. eine bestimmte abgerundete -Geldsumme, die der Bischof auf den Klerus innerhalb seiner Diözese zu -verteilen, zu erheben und dann an die päpstliche Kammer oder an den -betreffenden Kollektor der päpstlichen Kammer abzuführen hatte.</p> - -<p>Am 1. Dezember 1343 schrieb Klemens VI. einen dreijährigen und dann -nochmals einen zweijährigen Zehnten aus, um das Geld angeblich zu -einem Kriege gegen die Türken zu verwenden. Zur Ausführung kam dieser -zwar nicht, aber das von Klemens aus dem Klerus erpreßte Geld setzte -ihn in die angenehme Lage, dem französischen König über 700000 und -seinen Verwandten über 100000 Kammergoldgulden, also zusammen <em class="gesperrt">über -zwanzig Millionen Mark</em>, leihen<span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[S. 189]</span> zu können. Allerdings kam es auch -vor, daß der Klerus sich weigerte, sich diesem Ausbeutungssystem zu -fügen. Schon 1265 hatte Klemens IV. die Verleihung aller am Sitze -der Kurie erledigten kirchlichen Benefizien dem päpstlichen Stuhle -vorbehalten. Diese Zahl schwillt während des zehnjährigen Pontifikats -Klemens VI. zu tausenden an. Außerdem gab es noch <em class="gesperrt">Exspektanzen</em>, -entstanden aus Bitten und Empfehlungen von Päpsten des 12. Jahrhunderts -für einzelne Personen zum Zwecke ihrer Versorgung mit einer Pfründe -an die ordentlichen Kirchenoberen als deren Verleiher. Schließlich -wurden aus den Bitten Befehle mit Strafandrohungen. Häufig ernannte -der Papst einen Nachfolger zugleich mit den betreffenden Kollegien, so -daß die Gegenkandidaten jahrelang prozessieren mußten. Die Sporteln -beider vereinnahmte natürlich die Kurie, ohne sich weiter viel darum zu -kümmern, wer in den Besitz der Pfründe kam.<a id="FNAnker_178" href="#Fussnote_178" class="fnanchor">[178]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In welcher Weise das Avignonische Papsttum, der »strenge« und -»ausgezeichnete« Innozenz VI., der »heiligmäßige« Urban V. und der -»durch Klugheit ausgezeichnete« Gregor IX., Nachfolger des Mannes, -der morgens nicht wußte, wo er abends sein müdes Haupt niederlegen -sollte, mit dem Gelde schalteten, werden wir gleich sehen. Die Dummheit -der Völker, die sich von einer prasserischen Geistlichkeit aussaugen -ließen, war aber gewiß nicht geringer, als die Habsucht der Kurie.</p> - -<p>Am 3. Mai 1372 verlieh Gregor XI. dem von<span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[S. 190]</span> ihm ein Jahr vorher zum -Kardinal ernannten Jakob Orsini eine Massenexspektanz für künftig -erledigte Pfründen in den Patriarchaten Aquileja und Grado und in der -Mainzer Kirchenprovinz bis zu einem taxmäßigen Jahresertrage von 4000 -Kammergoldgulden, deren Kaufkraft nach heutigem Gelde <em class="gesperrt">über 100000 -M.</em> entsprechen.</p> - -<p>Welche Pfründenmassen vier Kardinäle beim Ausbruch des Schismas 1378 -lediglich in England besessen haben, erfahren wir von einem von -ihnen, Wilhelm d’Aigrefeuille. Sie bezogen jährlich nämlich 12000 -Kammergoldgulden, denen eine heutige Summe von <em class="gesperrt">rund 350000 M. -an Kaufkraft gleichkommt</em>. Allerdings war England ein besonders -beliebtes Ausbeutungsobjekt, da hier, wie in Frankreich, die -Geldwirtschaft völlig die Naturalwirtschaft verdrängt hatte, während -in Deutschland im 14. Jahrhundert noch vorwiegend die Steuern etc. in -Natura gezahlt wurden.<a id="FNAnker_179" href="#Fussnote_179" class="fnanchor">[179]</a></p> - -<p>Außer dem Ertrage ihrer in verschiedenen Ländern der abendländischen -Christenheit gelegenen Pfründen hatten die Kardinäle noch die Einkünfte -ihrer römischen Titelkirchen, ferner die Hälfte der aus verschiedenen -Ländern an den päpstlichen Stuhl zu zahlenden Zensusabgaben, die Hälfte -der servitia communia und Einnahmen aus dem Ertrage der visitationes -reales mancher Prälaten, sowie Anteile an mehreren anderen Einkünften -des päpstlichen Stuhles.</p> - -<p>Diese Zensusabgaben, die allerdings gerade zur Avignonischen Zeit -oftmals nicht eingeliefert wurden, waren sehr bedeutend. Die -Beherrscher Neapels schuldeten einen Jahreszensus von 8000 Unzen Gold -= 40000 Kammergoldgulden (ca. 1200000 M.) jähr<span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[S. 191]</span>lich dem päpstlichen -Stuhle, die Beherrscher der Insel Sizilien jährlich 3000 Unzen Gold.</p> - -<p>Was die servitia communia betrifft, zu deren Zahlung die neuernannten -oder neu bestätigten Bischöfe und Äbte verpflichtet waren, so betrug -1336 die von der päpstlichen Kammer vereinnahmte Hälfte – die andere -fiel ja an die Kardinäle – über 30792 Kammergoldgulden. Im zweiten -Pontifikatsjahre Klemens VI. waren es gar 59904 Kammergoldgulden, also -ca. 1700000 M.! Das Durchschnittseinkommen der päpstlichen Kammer in -den neun Jahren von 1336–1345 belief sich auf 48000 Kammergoldgulden -jährlich und das war, wie gesagt, nur die Hälfte der servitia communia.</p> - -<p>Diese Summe verringert sich unter Innocenz VI. im Durchschnitt seines -neunjährigen Pontifikates auf rund 33450 Kammergoldgulden jährlich. Da -nun das Kardinalkollegium, wie gesagt, auf die gleiche Summe Anspruch -hatte, die Zahl der am Sitze der Kurie weilenden Kardinäle unter diesem -Papste aber im Durchschnitt 22 betrug, so kam im Jahresdurchschnitt -auf jeden Kardinal allein an Servitiengeldern die Summe von etwa 1500 -Kammergoldgulden oder 45000 M. nach heutigem Gelde.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Gesamteinkommen eines Kardinals</em> betrug während der Regierung -Klemens VI. und Innozenz VI. nach der aktenmäßig fundierten Berechnung -Sauerlands <em class="gesperrt">mindestens</em> 4000–5000 Kammergoldgulden jährlich. -Das Hirtenamt war also recht einträglich, denn nach unserem Gelde -entspricht diese<span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[S. 192]</span> Summe einer Kaufkraft von 120000–150000 M. Mancher -von ihnen wird aber jährlich eine <em class="gesperrt">doppelt oder dreifach so große -Summe vereinnahmt haben</em>. Das läßt sich beispielsweise aus dem -Nachlaßinventar Hugo Rogers, des Bruders Klemens VI. erweisen. Am 20. -September 1342 zum Kardinal ernannt, starb er am 21. Oktober 1363. -Er war also 21 Jahre Kardinal. In seinem Nachlaß fand man 179186 -Goldmünzen und über 8000 Silbermünzen, also eine Geldmasse, deren -damalige Kaufkraft einer heutigen Summe von etwa 6000000 M. gleichkommt.</p> - -<p>Diesem Oheim Hugo hatte dessen Neffe Peter, der mit 17 Jahren Kardinal -und mit 39 Jahren Papst war (Gregor XI.) erfolgreich nachgeeifert. Sein -Nachlaß enthielt außer dem Gold- und Silbergerät in barem Gelde 140503 -Goldgulden, die aber natürlich nicht der Christenheit oder den Armen, -sondern seinem nahen Verwandten Reymond von Turenne als Haupterben -zufielen.<a id="FNAnker_180" href="#Fussnote_180" class="fnanchor">[180]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Sauerland hat festgestellt, daß im 14. Jahrhundert im Rheinland nicht -weniger als 94 <em class="gesperrt">Nichtpriester</em> im Besitz von Pfarreien waren. Das -schlug natürlich auch damals dem Kirchenrecht ins Gesicht. Während es -häufig in den Urkunden heißt, daß dieser Zustand »viele Jahre« gedauert -hat, gelang es dem Gelehrten, 38 Fälle genau festzustellen. Unter -diesen findet sich in fünf Fällen die Dauer von 10 Jahren, in einem -Fall 11 Jahre, in zwei Fällen 12 Jahre, in drei Fällen 13 Jahre, in -einem Fall 14 Jahre, in zwei Fällen 16 Jahre, in einem Fall 19 Jahre, -in einem Falle aber<span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[S. 193]</span> sogar <em class="gesperrt">26 Jahre</em>!! Es kam vor, daß <em class="gesperrt">ein -Nichtpriester einem ebensolchen folgte</em>!</p> - -<p>Unter den 38 Pfarrinhabern finden sich <em class="gesperrt">ein Knabe von 6 Jahren</em>, -einer von 10 Jahren, vier von 11 Jahren und ein Knabe von 14 -Jahren.<a id="FNAnker_181" href="#Fussnote_181" class="fnanchor">[181]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Nicht nur die <em class="gesperrt">Söhne von Geistlichen</em> erhielten durch -päpstlichen Dispens mit der Priesterwürde die Pfründe, sondern auch -ein <em class="gesperrt">Nonnensohn</em> wird genannt. An sich ist Vorurteilslosigkeit -gegenüber der Herkunft gewiß kein Kulturkuriosum, aber merkwürdig -ist, daß die angeblich so sittenstrenge Kirche daran keinen Anstoß -nimmt.<a id="FNAnker_182" href="#Fussnote_182" class="fnanchor">[182]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ein schönes Beispiel für die Dimensionen, die zur Zeit des -Avignonischen Papsttumes die Pfründenjagd einnehmen konnte, bietet -der Dr. Regum Heinrich <em class="gesperrt">Sudermann</em>, Angehöriger einer adeligen -Dortmunder Patrizierfamilie. Er war Sekretär des in ständiger Geldnot -befindlichen Kölner Erzbischofs Walram und erhielt von ihm für eine -Anleihe von 500 Goldgulden die bedeutenden Höfe der Kölnischen Kirche -zu Hagen und Schwelm samt der dortigen erzbischöflichen Gerichtsgewalt -verpfändet.</p> - -<p>Während der Regierung Benedikts XII., zwischen 1337 und 1340, erschien -Sudermann viermal als erzbischöflicher Gesandter an der Kurie. Dafür -erhielt er nur die Exspektanz für eine Kanonikatspfründe der Kölner -Severinskirche, die im nächsten Jahre zu<span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[S. 194]</span> einer Exspektanz für eine -höhere Pfründe derselben Kirche erweitert wurde. Das war gewiß nicht zu -viel. Aber es sollte nicht alles bleiben.</p> - -<p>Unter der sechsjährigen Regierung Klemens VI. erhielt er eine -Kanonikatswohnung, eine Kanonikatspfründe und die Scholastrie der -Kölner Andreaskirche. Außerdem erwirkte er seinem Bruder Bertram -Exspektanzen auf zwei Pfründen und ferner eine priesterliche -Kanonikatspfründe der Kölner Domkirche. Für einen außerehelich -geborenen Neffen Hermann erwirkte er päpstliche Dispens zum Empfang -der Weihen und eine Pfründe oder eine Exspektanz, einem andern Neffen -eine Exspektanz für eine Kanonikatspfründe der Soester Patroklikirche. -Ferner erwirkte er zwei Angestellten bzw. Bekannten Pfründen.</p> - -<p>Später trat Suderman als Notar in päpstliche Dienste und wurde in -wichtigen Geschäften viermal nach Deutschland geschickt. Dafür erhielt -er für seine eigene Person noch drei Pfründen vom Papste, so daß er am -Ende des Pontifikats Innozenz VI. im Besitze der Pfründen von Lüttich, -Haslach, Maastricht, Xanten und St. Andreas in Köln sich befand. Sie -warfen etwa 120 Mark Silber jährlich ab, die Mark Silber galt etwa -fünf Kammergoldgulden, dessen Wert etwa zehn Mark, deren Kaufkraft -damals aber zwei bis dreimal so hoch war wie heute, so ergibt sich eine -Jahresrente von 12–18000 Mark. Das ist durchaus nicht übertrieben. Aber -Suderman wirkte weniger für sich, als <em class="gesperrt">für seine Verwandten, Freunde -und Diener</em>.</p> - -<p>Das eine Mal erbittet er Pfründen bzw. Pfründenexspektanzen für -<em class="gesperrt">sechs Neffen und zwei Diener</em>,<span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[S. 195]</span> das andere Mal für <em class="gesperrt">drei -unehelich geborene Neffen</em> je eine Exspektanz für eine höhere -Pfründe, ein drittes Mal Pfründen und Exspektanzen für fünf Verwandte, -ein viertes Mal fünf Pfründen und zwei Pfründenexspektanzen für sieben -Neffen, ein fünftes Mal Pfründen und Pfründenexspektanzen für sechs -Verwandte, Gehilfen und Diener und ein sechstes und letztes Mal elf -Pfründenexspektanzen für elf Neffen. Onkels von heute, nehmt euch ein -Beispiel an diesem edlen Manne, der während der Regierung Innozenz’ -VI. nicht weniger als <em class="gesperrt">56 päpstliche Verleihungen von Pfründen und -Exspektanzen für andere erwirkte</em>!</p> - -<p>Hier lernten wir ein Musterbild eines vornehmen Kurialen der Avignoner -Papstzeit kennen, der für sich wenige, aber fette Pfründen erwirbt, -aber möglichst viel für seine Verwandten und Diener zu erwerben -trachtet und versteht. Was Nepotismus ist, dürfte nunmehr jeder -wissen.<a id="FNAnker_183" href="#Fussnote_183" class="fnanchor">[183]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Doch was will der Nepotismus eines Kurialbeamten des 14. Jahrhunderts -bedeuten gegenüber dem des Papstes Sixtus IV. und seiner Nachfolger! Er -wurde nie, weder vorher noch nachher, so rücksichtslos betrieben. Er -war das Prinzip aller Handlungen dieses Statthalters Christi.</p> - -<p>Im Jahre seiner Papstwahl noch, 1471, machte er zwei Neffen, <em class="gesperrt">Pietro -Riario</em>, den man für seinen Sohn hielt, und Julian Rovere, nachmals -Julius II., junge Menschen niederer Abkunft, weder durch Ver<span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[S. 196]</span>dienst -noch Talent ausgezeichnet, zu Kardinälen. Dessen ungeachtet erhielt -Pietro die Würden eines Patriarchen von Konstantinopel, eines -Erzbischofs von Sevilla, Florenz und Mende und so viele Benefizien, daß -sich sein Einkommen auf 60000 Goldgulden belief. In den zwei Jahren, -die dieser Parasit noch zu leben hatte, bis Reichtümer und Leben -vergeudet waren, stürzte sich Riario in die sinnloseste Schwelgerei. -Seine Feste übertrafen an Verschwendung alles je Dagewesene. <em class="gesperrt">Seine -Nachttöpfe waren aus vergoldetem Silber!</em> Der erbärmliche Mensch -starb, erst 28 Jahre alt, nachdem er 200000 Goldgulden (ca. acht -Millionen Mark!) verpraßt hatte, mit Hinterlassung großer Schulden. Er -war mächtiger gewesen als der Papst!<a id="FNAnker_184" href="#Fussnote_184" class="fnanchor">[184]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die kirchlichen Zustände im 14. Jahrhundert werden am Beispiel -des Erzbischofs Walram von Köln deutlich. Um das Jahr 1315, -<em class="gesperrt">als zwölfjähriger Knabe</em>, hatte er bereits eine Kölner -<em class="gesperrt">Domkanonikatspfründe</em> erhalten, noch bevor ihm die Tonsur erteilt -worden war. In seinem 23. Lebensjahre erhielt er dazu die Propstei -der Maastrichter Stiftskirche S. Servatii, eine Sinekure, sowie die -Thesaurarie der Kölner Domkirche, obschon er damals für beide Würden -noch nicht das kanonische Alter hatte. Nachdem er dieses erreicht, -verlieh der Papst ihm noch die Propstei der Lütticher Domkirche, eine -Kuratdignität, samt einer dortigen Domkanonikatspfründe und gestattete -ihm den Fortbesitz der Maastrichter Propstei. Weil er aber unterlassen -hatte, wegen der beiden erst<span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[S. 197]</span>genannten Dignitäten den vorgeschriebenen -kanonischen Dispens wegen mangelnden Alters einzuholen, war er der -kirchlichen Strafe der Infamie und der Unfähigkeit zum Erwerb und -Besitz kirchlicher Pfründen verfallen. Doch die päpstliche Lossprechung -von diesen Kirchenstrafen und kanonische Wiedereinsetzung in die -Kirchenpfründen wurde ihm unterm 30. September 1330 zuteil.</p> - -<p>Zugleich schrieb ihm der Papst vor, bis zum nächsten Osterfest -(1331) die für die Lütticher Dompropstei kanonisch erforderliche -Subdiakonatsweihe und dann binnen dreier Jahre die dafür ebenfalls -erforderliche Diakonats- und Priesterweihen sich erteilen zu -lassen. Walram versäumte die erste Pflicht und erfüllte auch die -Residenzpflicht nicht. Deshalb verfiel er neuerdings den vorgenannten -Kirchenstrafen. Doch erhielt er am Ostermontag 1331 die päpstliche -Lossprechung und zugleich die Erlaubnis, den Empfang der Diakonats- und -Priesterweihe noch drei Jahre lang aufzuschieben. In der Zwischenzeit -hatte Walram am 21. Oktober 1328 Titel und Vorrechte eines päpstlichen -Kaplans erhalten.</p> - -<p>Diese, wenigstens nach heutigen Begriffen, nicht ganz normale -Lebensgeschichte war aber noch lange nicht zu Ende. Am 27. Januar -1332 wurde nämlich Walram zum Erzbischof von Köln ernannt. Da er aber -das vom kanonischen Recht für einen Bischof erforderliche Alter noch -nicht erreicht hatte, was dem Papste verschwiegen worden war, so war -die Ernennungsurkunde ungültig und mußte durch eine neue gültige -Ausfertigung, die das Datum des folgenden Tages trägt, ersetzt werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[S. 198]</span></p> - -<p>Der noch nicht dreißigjährige Erzbischof hatte erst die sogenannten -niederen Weihen erhalten. Deshalb bekam er vom Papste die Erlaubnis, -binnen dreier Jahre sich die drei höheren Weihen von einem beliebigen -Bischof erteilen zu lassen.</p> - -<p>Diese ganze abenteuerlich klingende, aber durchaus nicht vereinzelte -Geschichte findet ihre Erklärung darin, daß Walram von seinem Bruder, -dem Grafen Wilhelm von Jülich, dem Neffen des französischen Königs, -protegiert worden war. Dieser hatte dem Papst als Entgeld für -seine Bereitwilligkeit in der Ernennungsangelegenheit das eidliche -Versprechen gegeben, dem päpstlichen Stuhle zeitlebens treu und ergeben -zu bleiben und ein Widersacher Ludwigs des Bayern und anderer Gegner -des Papsttums zu sein.</p> - -<p>Außerdem war die Sache für Wilhelm auch nicht billig. Sie hatte nämlich -40000 Goldgulden gekostet, also etwa 1200000 Mark nach heutigem -Geldwert!</p> - -<p>Daß das Erzbistum diese Summe wieder aufbringen mußte, ist -selbstverständlich. Aber das ging nicht glatt. Vielmehr sah sich -Walram gezwungen, aus Gründen der Sparsamkeit das hochverschuldete -Erzstift, dessen wichtigste Besitzungen verpfändet waren, zu verlassen -und seine Verwaltung fremden Personen anzuvertrauen. Er wanderte mit -wenigen Begleitern nach Frankreich, wo er nach 17jähriger nicht eben -glorreicher Verwaltung der hohen Würde am 14. August 1349 in Paris -starb.<a id="FNAnker_185" href="#Fussnote_185" class="fnanchor">[185]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wie wenig Rücksicht die Avignonischen Päpste auf die materielle -Wohlfahrt der Kirchenprovinzen<span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[S. 199]</span> legten, geht schon aus der einzigen -Tatsache schlagend hervor, daß der Nachfolger Walrams, Wilhelm von -Genepe, sich verpflichten mußte, Klemens VI. 30000 Goldgulden zu -zahlen.<a id="FNAnker_186" href="#Fussnote_186" class="fnanchor">[186]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Auch heute noch scheint der geistliche Beruf recht einträglich zu -sein, wie aus der in »Reynolds Newspaper« (6. Januar 1907) enthaltenen -Zusammenstellung von Hinterlassenschaften von Klerikern im Jahre 1906 -aus England hervorgeht.</p> - -<p>233 testamentarische Hinterlassenschaften mit in Summa 5638073 £, im -Durchschnitt pro Person 23933 £ werden hier notiert.</p> - -<p><em class="gesperrt">10 überstiegen 2 Millionen Mark</em>: Rev. Sir Richard Fitzherbert, -Rektor von Warshop = 530548 £. Rev. J. H. Godber, Kanonikus von -Southwell = 218506 £. Jeder dieser 10 hinterließ im Durchschnitt 179121 -£.</p> - -<p>Die 9 Bischöfe, deren Testament im Jahre 1901 veröffentlicht wurde, -hinterließen im Durchschnitt je 24332 £, also etwa eine halbe Million -Mark.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[S. 200]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Neunter_Abschnitt"><span class="s5">Neunter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Klerus und Sittlichkeit</span></h2> - -</div> - -<p>Gegen den ersten Band dieses Buches ist von ultramontanen Blättern der -Vorwurf erhoben worden – natürlich ohne auch nur den Gegenbeweis, -der völlig aussichtslos gewesen wäre, zu versuchen –, daß ich die im -mittelalterlichen Klerus herrschende Unsittlichkeit stark übertrieben -hätte. Nun liegt mir nichts ferner, als zu bestreiten, daß es zu allen -Zeiten und überall sittenstrenge und edle Menschen gegeben habe und daß -auch die katholische Geistlichkeit solche stets in ihren Reihen zählte. -Wohl aber ist es grundfalsch, ihnen eine höhere Moral zu imputieren. Im -Gegenteil waren im Mittelalter und besonders vor der Reformation dort -häufig Zustände zu finden, die man kaum irgendwo in einer Gesellschaft, -die nur einigermaßen auf gute Sitten Anspruch erheben möchte, antreffen -dürfte.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der ultramontane Historiker Janssen hielt die Unsittlichkeit des -Klerus vor der Reformation für kaum der Erwähnung wert und führt die -Verwilderung in tendenziöser und die Tatsachen auf den Kopf<span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[S. 201]</span> stellender -Weise auf die Reformation zurück. Mag diese große Geistesbewegung auch -viele Schattenseiten im Gefolge gehabt haben, so wird die Gerechtigkeit -ihr doch zum mindesten eine Besserung der öffentlichen Sittlichkeit -zubilligen müssen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ein anderer Gesinnungsgenosse Janssens, H. Finke, im übrigen ein -vortrefflicher Historiker, hat zum mindesten Schleswig-Holstein und -Westfalen für die Länder erklärt, die von der sittlichen Verwilderung -der Zeit verschont geblieben seien<a id="FNAnker_187" href="#Fussnote_187" class="fnanchor">[187]</a>, eine Behauptung, die Pastor -nicht nur übernimmt, sondern in seiner Bearbeitung des Janssenschen -Werkes noch erweitert.<a id="FNAnker_188" href="#Fussnote_188" class="fnanchor">[188]</a> Unter diesen Umständen ist es besonders -amüsant, die Zustände <em class="gesperrt">Westfalens</em>, also des vorgeblichen -<em class="gesperrt">sittlichen Musterlandes</em>, kennen zu lernen.</p> - -<p>Es handelt sich um einen offiziellen Bericht des Fiskalprokurators -Friedrich Turken, also eines Geistlichen, am Kölnischen Offizialgericht -in Werl an den Siegler des Offizialgerichts in Köln vom Jahre 1458.<a id="FNAnker_189" href="#Fussnote_189" class="fnanchor">[189]</a></p> - -<p>Das Dokument ist mithin völlig einwandfrei und nicht, wie man glauben -möchte, die gehässige Streitschrift eines Satirikers.</p> - -<p>Zunächst werden Verstöße gegen die äußere kirchliche Ordnung -festgestellt, widerrechtliche Abhaltung des Gottesdienstes, Ausfall -der Messe bis zu 14 Tagen, Simonie, gehässige Verweigerung des -Beichtstuhls, Spendung des Abendmahls an Exkommunizierte, und zwar -bewußt und aus Dreistigkeit. In Rüthen werden zwei Vikariate gegründet, -nur damit der Pfarrer als <em class="gesperrt">Vagabund</em> leben kann.</p> - -<p>Ferner wird konstatiert, daß die Geistlichkeit sich<span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[S. 202]</span> nicht nur an -Wein- und Getreidehandel beteiligt – und zwar trotz Wohlstandes -aus purer Gewinnsucht –, sondern daß der Klerus allgemein Zins- -und Wuchergeschäfte macht. Der Pfarrer in Rüthen erhält von einem -Sterbenden um der Absolution und der Exsequien willen <em class="gesperrt">alle Güter -vermacht</em>, hat ihn dann aber <em class="gesperrt">weder absolviert, noch kirchlich -bestattet</em>. Die fünfjährige Tochter des Verstorbenen ist dadurch -gezwungen, sich von Almosen zu nähren.</p> - -<p>Der Gewinnsucht ebenbürtig ist die <em class="gesperrt">Schimpfwut</em> und -<em class="gesperrt">Gewalttätigkeit</em>. Das Dokument führt die Schimpfworte genau an. -Uns interessiert mehr die Tatsache, daß ein Pfarrer den <em class="gesperrt">Schulmeister -vor dem Altar »im Angesicht des ewigen Gottes« verprügelt</em>, oder daß -der von Flierich <em class="gesperrt">seine eigene Mutter mißhandelt</em>, oder daß ein -anderer in Schwerte mit Bürgern ein <em class="gesperrt">Messerstechen</em> veranstaltet. -Bei demselben wird für die Fastnacht die Teilnahme an einem Turnier -getadelt.</p> - -<p>Harmloser ist das wilde Jagen der Geistlichkeit bis zu reinem -Vagabundenleben, nicht schön der Wirtshausbesuch mit Betrunkenheit, -Erbrechen und Übernachten auf der Straße. Am wenigsten erfreulich -die geschlechtliche Unsittlichkeit. Das Protokoll enthält <em class="gesperrt">fünf -Fälle von Konkubinaten der Pfarrer mit verheirateten Frauen, deren -Männer noch leben</em>. Einmal wird die Frau gegen die ausdrückliche -Reklamation des Mannes vom Pfarrer <em class="gesperrt">zurückbehalten</em>, ein Mandat -des Erzbischofs bleibt gänzlich wirkungslos. Daneben erscheinen -<em class="gesperrt">Prostituierte im Umgang mit Pfarrern</em>, so scheint das Leben -des Kaplans Heinrich Jummen in Werl sich – und<span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[S. 203]</span> zwar <em class="gesperrt">ganz -öffentlich</em> – überhaupt vornehmlich in diesen Kreisen zu bewegen. -Das Benehmen dieses Seelenhirten wird im Dokument bis herab zu den -Wechselreden im Frauenhause mit einer Laszivität geschildert, die -nur mit der Faszetienliteratur verglichen werden kann. Der Pfarrer -in Altenrüthen hat <em class="gesperrt">eine Ehefrau und zwei Ledige mißbraucht</em>, -im Nachbardorfe Rüthen aber <em class="gesperrt">gar drei Ehefrauen und eine Ledige, -in Elsey zwei Ledige</em>. Förmliche Schlägereien zwischen Konkubinen -um einen Pfarrer kommen vor. Der Aplerbecker veranstaltet eine große -Gasterei zur <em class="gesperrt">Hochzeit seiner Tochter</em>. <em class="gesperrt">Dieselbe Konkubine -dient gleichzeitig und auch nacheinander verschiedenen Geistlichen.</em> -Übrigens muß sich auch die Breslauer Diözesansynode von 1440 gegen -das Konkubinat mit Ehefrauen wenden. Die Eichstädter Diözesansynode -von 1453 aber sieht sich ausdrücklich zur Festsetzung veranlaßt, daß -<em class="gesperrt">auch simplex fornicatio eine Sünde sei</em>. Man war also bisher -zumeist anderer Ansicht.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Papst Gregor XII. erließ im Jahre 1308 eine Bulle, in welcher die -Zustände in einer großen Anzahl von Benediktinerinnenklöstern der -nordwestdeutschen Diözesen Bremen, Münster und Utrecht dargestellt -werden.</p> - -<p>Nachdem der Papst festgestellt hat, daß fast jegliche Religion -und Beachtung der Ordensregel abhanden gekommen sind, dafür aber -Fleischeslust und Laster regierten, fährt er fort:</p> - -<p>»Sie selbst, aus weltlichem Stande und Leben<span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[S. 204]</span> hervorgegangen, -nehmen bisweilen ihre Konkubinen oder Kebsweiber, die sie, wie -vorausgeschickt, im weltlichen Stande gehalten hatten, sogar mitsamt -den Kindern, die sie mit den Kebsweibern gezeugt hatten, mit sich in -die vorgenannten Klöster, in die sie aufgenommen wurden, und halten -und begünstigen sie in ihnen ganz öffentlich, wie sie es früher getan -hatten, als sie noch selbst in weltlichem Stande gelebt hatten, und -scheuen sich nicht, die Messe und andere heilige Ämter zu feiern, -ohne von solchen Verbrechen absolviert zu sein. Es huren auch viele -Nonnen mit ihren Prälaten, Mönchen und Geistlichen herum und gebären in -denselben Klöstern viele Söhne und Töchter, die sie von den gleichen -Prälaten, Mönchen und Geistlichen durch Hurerei oder blutschänderischen -Beischlaf empfangen haben.</p> - -<p>Die Söhne aber machen sie zu Mönchen, die auf dieselbe Weise -empfangenen Töchter aber häufig zu Nonnen in den genannten Klöstern. -Und was bemitleidenswert ist: viele dieser Nonnen vergessen -ihre mütterliche Liebe und treiben, indem sie Böses durch Böses -noch vermehren, ihre Frucht ab und töten die zutage geförderten -Kinder....«<a id="FNAnker_190" href="#Fussnote_190" class="fnanchor">[190]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1423 berief Erzbischof Otto von Ziegenhain eine -Provinzialsynode, auf der die Sittenzustände im Klerus der Trierer -Kirchenprovinz folgendermaßen geschildert werden:</p> - -<p>»Wiewohl aber gegen jene bereits geweihten Kleriker, die notorisch -Konkubinen bei sich halten oder andere verdächtige Weiber viele neue -und alte<span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[S. 205]</span> Gesetze erlassen sind und mehrere bestraft wurden, haben doch -viele heutige Kleriker keine Achtung vor den genannten Strafen, sondern -sie entehren sich, indem sie diese verruchte Sünde begehen. Daraus -entsteht viel Ärgernis, und aller Wahrscheinlichkeit nach würde es noch -mehr sein, wenn nicht Vorkehrungen getroffen würden.«</p> - -<p>Daraufhin erließ die Provinzialsynode den Befehl, daß kein Presbyter -oder Kleriker eine Konkubine oder eine verdächtige Weibsperson in -seinem Hause habe. Habe er aber eine solche bei sich, so müsse er -sie binnen zwölf Tagen »<em class="gesperrt">tatsächlich und mit Erfolg entfernen und -entlassen</em>«.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>An solchen Schilderungen von authentischer Seite ist kein Mangel. -Bemerkenswert ist noch das 17. Kapitel der Kölner Diözesansynode vom -Jahre 1307, das über Vorfälle in Nonnenklöstern berichtet:</p> - -<p>»... viele Nonnen unserer Stadt und geheiligten Diözese werden -geschändet, und wenn sie so geschändet sind, von diesen (Verführern) -aus ihren Klöstern entführt und zur großen Gefahr ihrer Seelen und -vielem Ärgernis öffentlich abspenstig gemacht. Die so Ferngehaltenen -werden durch die nämlichen bisweilen durch Listen, häufig durch -Drohungen und Gewalt, ihren Klöstern wieder zurückerstattet.</p> - -<p>Die Nonnen selbst aber, die so gehalten sind, werden, um nicht durch -ihre Straflosigkeit zu Ähnlichem zu verführen, durch die Äbtissinnen, -Lehrerinnen oder Priorinnen und die Konvente ihrer Klöster nicht anders -wieder aufgenommen, als auf Grund<span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[S. 206]</span> einer Karzerstrafe,... bis sie durch -uns... der Wiederaufnahme.. würdig erachtet werden.«</p> - -<p>Im Jahre 1371 mußte in Köln ein gleicher Befehl erlassen werden.<a id="FNAnker_191" href="#Fussnote_191" class="fnanchor">[191]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die gleiche Kölner Synode sah sich auch veranlaßt, in ihrem 15. -Kapitel ausdrücklich den Klerikern zu verbieten, in ihren Testamenten -über die <em class="gesperrt">Einkünfte des sogenannten Gnadenjahres</em>, das ist des -ersten Jahres nach ihrem Tode, dessen Einkünfte ihnen noch zukamen, -<em class="gesperrt">zugunsten ihrer Konkubinen und ihrer unehelichen Kinder zu -verfügen</em>.</p> - -<p>Zu Beginn des 14. Jahrhunderts kam es soundso oft vor, daß Mönche -und Nonnen aus ihren Klöstern aussprangen und dann nach Aufgabe der -Ordenskleidung und Ordenszucht als Weltleute lebten. Daß relativ nicht -viel urkundliches Material uns erhalten ist, hat seinen Grund darin, -daß nur solche Fälle zu unserer Kenntnis gelangen, in denen diese -Ordenspersonen später ihre Flucht aus dem Kloster <em class="gesperrt">bereuten</em> und -die <em class="gesperrt">Wiederaufnahme</em> begehrten. Nur wenn sie die Hilfe des Papstes -dazu in Anspruch nahmen, besitzen wir die einschlägigen Dokumente. Wie -häufig jedoch tatsächlich diese Fahnenflucht war, erhellte daraus, daß -Papst Benedikt XII. sich veranlaßt sah, eine besondere Konstitution zu -erlassen.<a id="FNAnker_192" href="#Fussnote_192" class="fnanchor">[192]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die sogenannten Strafakten des Marienburger Ordenshauses enthalten -mehrere Fälle, wo die Deutschen Herren unter dem Deckmantel der Beichte -und<span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[S. 207]</span> Buße systematisch Verführung von Frauen und Jungfrauen, ja sogar -gewaltsame Schändung von neun- und zwölfjährigen Mädchen verübt hatten. -Der Ordensmeister Jungingen sah sich veranlaßt, Verbote zu erlassen, -daß <em class="gesperrt">kein weibliches Tier, weder Stute, noch Eselin, noch Hündin, im -Ordenshause gehalten werden dürfe</em>. Ähnliche Verbote bestanden auch -für die Klöster auf dem Berge Athos. In Rom mußten sie gar noch in den -dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts erneuert werden!!!</p> - -<p>Wiewohl nun die Ordensritter in Marienburg ein wohleingerichtetes -Frauenhaus unterhielten, liefen doch häufig Beschwerden von Bürgern -ein, daß ihre Frauen und Töchter mit Gewalt aufs Schloß geschleppt und -dort bis zur Mißhandlung gemißbraucht wurden.<a id="FNAnker_193" href="#Fussnote_193" class="fnanchor">[193]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Klemens VI. hat im ersten Jahre seines Pontifikats 1342 sieben Trierer -und dreizehn Kölner, die unehelich von Priestern erzeugt worden -waren, dispensiert, so daß sie Priester werden konnten. In den Jahren -1335–1342 war dieser Dispens 9 Priestersöhnen der Diözese Metz, 17 -ebensolchen der Diözese Trier, 20 der Diözese Köln und 36 der Diözese -Lüttich erteilt worden. Im ganzen absolvierte Klemens im gleichen -Jahre 484 <em class="gesperrt">Priestersöhne</em> nach Ablegung eines Examens. Bedenkt -man nun, daß selbstverständlich nicht jede Bitte um Dispens erfüllt -wurde, daß doch nicht jedes Kind eines Priesters ein Sohn ist, nur -ein Bruchteil das entsprechende Alter erreicht und doch gewiß nicht -die Mehrheit gerade den Priester<span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[S. 208]</span>beruf wählte, der eines besonderen -päpstlichen Dispenses bedarf, also der einzige ist, den zu ergreifen -diese Herkunft de jure ausschließt, so wirft das alles auf die Art, in -welcher das Zölibat gehalten wurde, ein grelleres Licht, als die noch -so drastischen Exklamationen der Sittenprediger und Chronisten.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Von unbedingt kompetenten Beurteilern liegt für die nordischen Länder -ein Bericht des päpstlichen Notars und Abbreviators Dietrich von -Nieheim (»Nemus Unionis«) vom Jahre 1408 (abgedruckt bei Sauerland S. -298 f.) und für Spanien und Süditalien des päpstlichen Pönitentiars -Alvar Pelajo vom Jahre 1332 in seiner Schrift »De planctu ecclesiae« -(abgedruckt eb. S. 297 f.) vor. Das von beiden unverdächtigen -Zeugen gefällte Urteil entspricht völlig den aus der Statistik -gezogenen Schlüssen. Nieheim stellt z. B. ausdrücklich fest, daß es -den norwegischen Presbytern und Bischöfen <em class="gesperrt">nach heimischer Sitte -freistand, öffentliche Konkubinen zu halten</em>. Dabei waren diese -weiblichen Personen <em class="gesperrt">ganz und gar nicht gering geschätzt</em>, sondern -nahmen geradezu am Range ihres Freundes teil. Daß Priester niederen -Ranges, die das Zölibat hielten, ja, die ohne Konkubine lebten, nicht -die Regel, sondern die Ausnahme bildeten, verstände sich von selbst, -auch wenn es nicht ausdrücklich berichtet würde.<a id="FNAnker_194" href="#Fussnote_194" class="fnanchor">[194]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_209"></a>[S. 209]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als der päpstliche Vikar unter Sixtus IV. den Geistlichen und Kurialen -verbot, sich Konkubinen zu halten, <em class="gesperrt">tadelte der Papst ihn deshalb -heftig und hob das Verbot wieder auf</em>. Er motivierte es damit, -daß man kaum einen Priester ohne Konkubine fände. »Und aus diesem -Grunde wurden die Prostituierten gezählt, die damals in Rom öffentlich -waren, um ein wahrheitsgetreues Bild zu gewinnen und die Zahl der -Prostituierten auf 6800 festgestellt, abgesehen von jenen, die im -Konkubinat leben und die nicht öffentlich, sondern im geheimen zu fünft -oder sechst ihre Künste ausüben, desgleichen jener, die einen einzigen -oder mehrere Kuppler haben. Daran kann man erkennen – schreibt -Infessura –, wie in Rom gelebt wird, wo das Haupt des Glaubens wohnt, -und wie der heilige Staat regiert wird.«<a id="FNAnker_195" href="#Fussnote_195" class="fnanchor">[195]</a></p> - -<p>Berücksichtigt man, daß Rom damals kaum 70000 Einwohner hatte, so läßt -sich der Prozentsatz der Prostituierten etwa folgendermaßen berechnen: -Ziehen wir ein Drittel der Einwohner – sehr mäßig gerechnet – als -Kinder und Greise ab, so bleiben etwa 45000, nehmen wir an, die -Hälfte davon sei weiblich gewesen, dann war <em class="gesperrt">jede vierte weibliche -Person eine Prostituierte, ohne Rücksicht auf die im Konkubinat -lebenden</em>!<a id="FNAnker_196" href="#Fussnote_196" class="fnanchor">[196]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wir besitzen aus den Jahren 1519–1521 für ein kleines Gebiet der -Mainzer Erzdiözese Taxlisten, in denen die Höhe der Strafe für die -einzelnen Delikte von Priestern festgesetzt ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210"></a>[S. 210]</span></p> - -<p>Der Bordellbesuch von Priestern wird von allen Vergehen am niedrigsten -eingeschätzt, nämlich im Durchschnitt auf 16 sol. Ehebruch kostet -schon 30, Inzest 88 sol. Gegenüber dieser niedrigen Bestrafung von -Fleischessünden, die ein vernichtendes Urteil über die kirchliche -Moral nicht nur gestattet, sondern fordert, werden Verstöße gegen die -kirchliche Ordnung überaus hoch bestraft.</p> - -<p>Unkanonische Amtsführung kostet 29 sol., Nichtbeachtung der -Residenzpflicht 44, Begräbnis eines Exkommunizierten aber 240 sol. -Also war in den Augen der mittelalterlichen Kirche <em class="gesperrt">die Sünde, einen -Exkommunizierten ehrlich zu bestatten und damit praktisches Christentum -zu üben, fast dreimal so schwer wie die der Blutschande, während man um -dasselbe Geld sich als Priester acht Ehebrüche leisten konnte</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Diese kulturhistorisch außerordentlich wertvolle Strafliste erstreckt -sich auch auf Laien. So kostet eine <em class="gesperrt">Übertretung des Fastenverbotes -gerade doppelt so viel als ein Ehebruch</em>.</p> - -<p>Die Jahresrechnungen des Kölner Offizialatgerichtes in Werl aus den -Jahren 1495–1515 ergeben ein ähnliches Bild. Denn die höchste der -hier vorkommenden Strafen, nämlich 31 fl. 2 ß ist auf Celebratio -in suspensio gelegt, während zwei schwere Inzestfälle nur mit 19 -fl. 5 ß oder 20 fl. 8 ß geahndet werden, ein anderer gar nur mit 14 -fl. Ein doppelter Unzuchtfall erhält die Strafe von 3 fl. 5 ß. Sehr -billige,<span class="pagenum"><a id="Seite_211"></a>[S. 211]</span> geradezu Tietzpreise, erzielten einfache Unzuchtfälle. Sie -bleiben massenhaft überhaupt unter dem Satze von 1 fl. Ehebruch war -kostspieliger, denn die Strafe von 3 fl. 9 ß wird mit der Armut des -Inkulpaten motiviert.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Teuer waren dagegen Verstöße gegen die Kirchenordnung: der Laie, -der seinen Priester hintergeht und trotz seiner Exkommunikation das -Abendmahl nimmt, erhält eine Strafe von 2 fl. 6 ß, der Priester aber, -der ihm ahnungslos das Abendmahl reicht, 6 fl. 5 ß.</p> - -<p>Während ein Laie, der, ohne es zu wissen, eine Verwandte vierten Grades -geheiratet hat, einer Buße von 3 fl. 9 ß unterworfen wird, kommt ein -<em class="gesperrt">Priester, der mit einem Schulmädchen in seinem Hause Unzucht treibt, -schon mit 1 fl. durch</em>.</p> - -<p>Auch in dem 1517 in Rom gedruckten Taxenbuch wird Zulassung eines -Exkommunizierten zum Gottesdienst schwerer bestraft, wie Inzest. Ganz -ähnlich übrigens schon die berühmten Dekretalien des Bischofs Burchhard -von Worms († 1025). Man vergleiche das 19. Buch dieses Werkes (Pariser -Ausgabe von 1549, S. 262 ff.).</p> - -<p>Zweifelt noch jemand, daß es der Kirche vor der mit so viel Fanatismus -und Borniertheit bekämpften Reformation keineswegs so sehr um Hebung -der Sittlichkeit, als um Erzwingung äußerlicher disziplinärer -Unterordnung zu tun war? Denn diese Taxen, die jeder Moral ins Gesicht -schlagen, sind nicht etwa<span class="pagenum"><a id="Seite_212"></a>[S. 212]</span> von irgendwelchen lokalen Gewalten, sondern -von der offiziellen Kirche festgesetzt worden.</p> - -<p>Dazu gibt es noch eine ganze Reihe von Beispielen, daß diese milden -Strafen gegen Geistliche nicht verhängt wurden. Daher existierte ein -Sprichwort: Wer ohne Strafe leben will, der werde Kleriker.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als die Camminer Synode von 1454 die Vertreibung der Konkubinen binnen -zwölf Tagen bei einer Strafe von 10 Mark Silbers gebietet, vergißt -sie nicht den Zusatz: »<em class="gesperrt">es sei denn, sie würden aus gerechten und -vernünftigen Gründen von uns geduldet</em>«!!!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Nach Aussagen Kölner Pfarrer von 1484 über die Behandlung homosexueller -Vergehen ergibt sich, daß die Geistlichen es bisweilen überhaupt -unterließen, kirchliche Strafmittel anzuwenden. Die kirchlichen -Behörden hatten es eben vielfach aufgegeben, sich dem Sittenverfall -entgegenzustemmen. Das war eine natürliche Folge der aszetischen -Grundtendenz der Kirche, die im unüberbrückbaren Widerspruch zum -Leben stand. Die Kirche war einfach ratlos gegenüber der allgemeinen -sittlichen Auflösung, die eintreten muß, wenn Unmögliches gefordert -wird.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Da die Kirche trotz zahlloser, im 15. Jahrhundert zur Schärfung -des Gewissens der Geistlichkeit abgehaltener Provinzial- und -Diözesansynoden, trotz<span class="pagenum"><a id="Seite_213"></a>[S. 213]</span> Klostervisitationen und glühenden -Volkspredigern kein nennenswertes Resultat erzielte, sahen sich -vielfach die weltlichen Fürsten genötigt, die Reinigung des geistlichen -Standes vorzunehmen. So ordnet Herzog Wilhelm von Jülich am 2. August -1478 die Vertreibung der »pfaffenmede« an.<a id="FNAnker_197" href="#Fussnote_197" class="fnanchor">[197]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Freunde Zwinglis verfaßten 1522 einen »Kommentar«, in dem sie gegen -den Bischof Hugo von Hohenladenberg, der von 1496–1529 den Krummstab -über Konstanz führte, die schwersten Vorwürfe erhoben. So, daß er -früher 4, jetzt 5 Gulden Strafe für jedes illegitime Priesterkind -erhebe. Das war auch der Grund, weshalb er gegen die Eheforderung der -Priester war, denn er wollte auf eine so reiche Einnahmequelle nicht -verzichten. Sollen doch in einem einzigen Jahre in seiner Diözese nicht -weniger als 1500 Priesterkinder geboren worden sein, von denen er also -nach dem alten Satz 6000, nach dem erhöhten aber 7500 Gulden Strafgeld -bezog! Habe einer eine Konkubine oder nicht, so sage man ihm: »Was geht -dies meinem gnädigen Herren an, daß du keine hast? Warum nimmst du -nicht eine?« <em class="gesperrt">Das Geld mußte auf alle Fälle erlegt werden.</em></p> - -<p>Selbst wenn in dieser Schrift eine Übertreibung untergelaufen sein -sollte, so ist es doch bezeichnend, daß die Zeitgenossen das von ihrem -Seelenhirten für glaubhaft hielten, und der Rat der Stadt Zürich -amtlich in einem Aktenstück festgestellt, »daß die Bischöfe Geld nehmen -und den Pfarrkindern ihre Metzen lassen«.<a id="FNAnker_198" href="#Fussnote_198" class="fnanchor">[198]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214"></a>[S. 214]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Erfolg der landesherrlichen Eingriffe, die besonders seit dem -Trientiner Konzil sich mehrten, war aber sogar noch im 17. Jahrhundert -keineswegs groß, selbst nicht in Bayern, das sich heute mit gerechtem -Stolz rühmen darf, Deutschlands größte Dunkelkammer zu besitzen. -Das Konkubinat der Priester war noch keineswegs ausgerottet und die -Zahl der Priesterkinder groß. Der durchaus klerikale Schriftsteller -Albertinus schreibt sehr vielsagend über die Sittlichkeit unter -Maximilian I. von Bayern (gest. 1650), daß durch die <em class="gesperrt">Menge</em> -der Sünder die Sünde nicht geringer werde. Damals wurde im Rendamt -Landshut, das aber sittlich höher stand als Burghausen, eine ganze -Reihe von Geistlichen aufgeführt, denen Verführung von Dienstboten, -Mißbrauch des Beichtstuhls, Notzuchtsversuche, Körperverletzungen etc. -zur Last fielen. Von den Konventualen zu Osterhofen heißt es, daß sie -nächtlicherweile viel auslaufen und sich an leichtfertige Weibspersonen -hängen.<a id="FNAnker_199" href="#Fussnote_199" class="fnanchor">[199]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die »Newe Zeitunge von der Römischen Kayserlichen Mayestet Legation gen -Rom zum new erwehlten Papst, im jetzigen Jar, nach weihnachten 1560. in -4<sup>o</sup>« bringt folgenden erbaulichen Stimmungsbericht aus der Hauptstadt -der Christenheit.</p> - -<p>»Ich glaube nicht, daß unter der Sonne ein ärger Leben verbracht werde, -als in Rom. Das geht umher den ganzen Tag auf Gassen und Straßen, -alles durcheinander, und der feilen Mädchen und Weiber gar viele, so -daß deren daselbst leben 30000, wie ein<span class="pagenum"><a id="Seite_215"></a>[S. 215]</span> Register sagt, deren die -geringste jede dem Papste jährlich 2 Kronen zahlt, die stattlichste -aber 20 Kronen. <em class="gesperrt">Sie sind fast hoch privilegiert, daß man keine darf -krumm ansehen; denn wenn sie einen verklagen, der wird ohne alle Gnade -gestraft.</em></p> - -<p>Und da haben sich Männer und Weiber verlarvt, wie die Narren in -Teutschland, in der Fastnacht. Unter solchen Mummereien reiten auch die -Pfaffen einher. Und haben wir gesehen, daß der <em class="gesperrt">Kardinal Farnese</em> -alle Gassen durchrannte, <em class="gesperrt">mit und um ihn dreizehn Curtisaninnen</em>.</p> - -<p>So findet man auch viele Weiber ins Mannskleidern einher gehen, mit -zerhackten und zerschnittenen Hosen, und haben ihre Rapiere an den -Seiten, als wären sie Landsknechte. Dieselbe müssen Briefe (d. h. -Erlaubnisscheine) haben, welche sie aber theuer kaufen von päpstlicher -Heiligkeit. Also nimmt man hier Geld von Rom und läßt alles gottlose -Wesen zu. Es schadet alles garnichts. Hilf, lieber Gott! wie ist das -Volk so verkehrt.</p> - -<p>Ich habe mit des Papstes Kämmerlingen einem oft und vielmals geredet, -und des bösen Lebens gedacht, das in Rom geführt wird. Darauf er mir -geantwortet: Auf das Leben dürfe ich nicht sehen, darauf käme nichts -an, sondern ich sollte tun, als sähe ich nicht, was ich nicht sehen -möchte. Aber ich danke Gott, daß meine Zeit kömmt, hinweg zu ziehen aus -Rom, und gedenke, so Gott will, nimmermehr wieder dahin zu kommen.«<a id="FNAnker_200" href="#Fussnote_200" class="fnanchor">[200]</a></p> - -<p>Dieser Bericht eines augenscheinlich ehrlichen Mannes aus dem Jahre -1560 lehrt im Verein mit zahllosen andern, daß der Klerus es immer -vortrefflich<span class="pagenum"><a id="Seite_216"></a>[S. 216]</span> verstanden hat, Wasser zu predigen und Wein zu trinken -und daß, wie in jeder anderen, so auch in sittlicher Beziehung -Priesterherrschaft von allen möglichen die schlechteste ist.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Begreiflicherweise war es sogar noch in späterer Zeit jenseits der -Alpen nicht besser.</p> - -<p>Die Sittlichkeit im schwarzen, urreaktionären Neapel stand um 1730 -nach Keyßlers Beschreibung nicht sehr leuchtend da: »Was die itzigen -Zeiten anlangt, so muß man gestehen, daß die Freyheit und freche -Lebensart der lüderlichen Weibspersonen in dieser Hauptstadt auf den -höchsten Grad gestiegen, und die Stadt hierinn alle andere übertreffe. -Es wohnen in einer einzigen Gegend <em class="gesperrt">über zweytausend Curtisanen</em> -beysammen, und schämen sich geistliche Personen nicht, in diesen Gassen -sich gleichfalls einzuquartieren. In allen rechnet man hier über -achtzehntausend solcher Donne libere. Die Jugend wird dadurch gänzlich -verdorben, und die Geistlichkeit selbst kann wenig im Zaume gehalten -werden, weil die weltliche Obrigkeit nichts über sie zu befehlen hat, -und die Clerisey, aus Respect vor das Amt und den heiligen Stand, -einander durch die Finger sieht, ja es wohl übel nimmt, wenn man ihnen -ihren freyen Willen nicht lassen will.«</p> - -<p>Wie der gelehrte Reisende weiter berichtet, wurde der Auditor des -päpstlichen Nuntius in flagranti erwischt, aber nicht bestraft, da -sich selbst der Vizekönig nicht getraute. Der Geistliche aber hatte -die Dreistigkeit, die <em class="gesperrt">Bestrafung der Anzeiger zu<span class="pagenum"><a id="Seite_217"></a>[S. 217]</span> fordern, womit -er durchdrang</em>. »Um aber doch einigermaßen allen diesen Herren -wiederum einen Possen zu spielen, so ließ er zwar die Häscher mit einer -Beschimpfung durch die Stadt führen, es war aber auf der Tafel, welche -sie gewöhnlicher Weise auf der Brust tragen mußten, um die Verbrechen -der Missethäter anzudeuten, geschrieben, daß solche Strafe ihnen -angetan würde, weil sie sich unterstanden, den Auditor des päpstlichen -Nuntius in seinen Plaisirs zu verunruhigen.«<a id="FNAnker_201" href="#Fussnote_201" class="fnanchor">[201]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Was sich selbst noch am Ende des 18. Jahrhunderts, und zwar in Bayern -ein anmaßender und sittenloser Klerus herausnehmen durfte, möge aus -folgender mehr tragischen als komischen Geschichte erhellen, die sich -im Jahre 1786 zu Neuberg im Gericht Pfädter zutrug.</p> - -<p>Ein junger Bauer heiratete und wohnte weiter mit der bald -neunzigjährigen Großmutter zusammen. Nach einiger Zeit gab die Kuh -des jungen Paares keine Milch mehr, während der Quell bei der der -Alten weiter sprudelte. Eine Magd, die wegen einer Untreue getadelt -worden war, haßte die Greisin und sprengte deshalb das Gerücht aus, -sie sei eine Hexe und habe die Kuh verzaubert. Zugleich wußte sie die -junge Bäuerin gegen sie mißtrauisch zu machen, so daß ihr schließlich -verboten wurde, die eigene Kuh zu melken. Die Folge waren auch -Streitigkeiten in der jungen Ehe.</p> - -<p>Daß das Vieh krank sein könne – es gab Blut – und die ungeeignete -Fütterung das Ausbleiben der<span class="pagenum"><a id="Seite_218"></a>[S. 218]</span> Milch, das sich auch sofort bei der -Kuh der Greisin einstellte, als sie mit der andern von der Magd auf -die Weide getrieben wurde, verursacht habe, kam niemand in den Sinn. -Zauberei stand fest, und die Franziskaner mußten helfen.</p> - -<p>Nach vergeblichen Experimenten ging die junge Frau wieder ins Kloster, -wo sie nach dem »Hexenpater«, den es damals noch in jedem Kloster -gab, verlangte. In ein Separatzimmer geführt und mit Bier bewirtet, -schüttete die junge Frau ihr Herz aus und es entspann sich folgendes -Gespräch:</p> - -<p>»Pater: Bäuerin! Bäuerin! Da muß was anders als die Alte schuld sein – -wie meint Ihr?</p> - -<p>Bäuerin: Ich? Ja mein Gott! wo soll’s dann fehlen?</p> - -<p>P.: Habt Ihr Euern Mann treulieb?</p> - -<p>B.: O ja, von Herzen gern.</p> - -<p>P.: Seid Ihr mit ihm zufrieden?</p> - -<p>B.: Ja.</p> - -<p>P.: Versteht mich wohl! Ich mein’s so, ob er bei der Nacht im Bette -tut, wie Ihr es verlanget, so lang und so viel?</p> - -<p>B.: Aber ei! – (voll Scham) Ihr Hochw–</p> - -<p>P.: Nur heraus mit der Sprache, denn da kommt viel darauf an – also?</p> - -<p>B.: Ja! Ihr Hochwürden.</p> - -<p>P.: Hm. Hm. (Ergreift ihre Hand.) Weib! Weib! Beinahe komme ich auf -andere Gedanken!</p> - -<p>B.: Aber, Ihr Hochwürden, ich bitt’ enk um Gottes willen – werds ja -mich für kai Hex halten?</p> - -<p>P.: Das nicht, Weible, aber – wie! Macht ’nmal Euer Mieder auf!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219"></a>[S. 219]</span></p> - -<p>B.: Ihr Hochwürden! Was denken S’? Ist ja ä Schand’!</p> - -<p>P.: Ich kann Euch nicht helfen. – Ich komm’ sonst nicht auf die Spur. -– Nun.</p> - -<p>B.: In Gottes Namen! Aber Herr!</p> - -<p>P.: So! – Schon wieder nähere Spuren (indem er die volle Brust -streicht – drückt – und zuletzt saugt).</p> - -<p>B.: Aber, Ihr Hochwürden! Was ist denn das? O jeges! wenn’ ai Mensch -sehe –</p> - -<p>P.: Halt’ dich, Närrin! (Saugt immer fort.)</p> - -<p>B.: Nun, was zeigt sich denn?</p> - -<p>P. (voll Feuer): Ja, Mütterchen! ich spüre zwar, daß eine Hexerei in -Eurem Leibe ist – aber noch weiß ich nit, kömmt’s von Eurer Alten oder -gar von Eurem Manne her – und um das zu finden, müßt Ihr Euch schon da -niederlegen.</p> - -<p>B.: Ja, was woll’es dän thai mit mir?</p> - -<p>P.: Das werdet Ihr schon sehen. – Gelt, Ihr seid schwanger?</p> - -<p>B.: Ja, Ihr Hochwürden!</p> - -<p>P.: Nun schaut! Das Kind ist verhext, und da wird Euch ein schöner -Bankert Freud’ machen und einmal auf dem Scheiterhaufen brinnen -(brennen), wenn ich Euch nicht helfe – und es geben Euch die Kühe -keine Milch, bis da geholfen ist – gebt Euch also willig und legt Euch -nieder.</p> - -<p>B.: Nu, wann’s Ihr Hochwürden befehlen.« etc.</p> - -<p>Der Schluß war nicht nur, daß der Pater sich viehisch an der Frau -verging, er gab ihr auch noch den Rat, mit einem <em class="gesperrt">Prügel versehen in -den Stall zu gehen</em>, wo sie die Hexe treffen werde. <em class="gesperrt">So lange<span class="pagenum"><a id="Seite_220"></a>[S. 220]</span> bis -Blut fließe, solle sie auf sie einschlagen</em> und mit dem Blut die -Euter der Kühe bestreichen.</p> - -<p>Die Bäuerin handelte nach Befehl, ging in den Stall, traf dort -die <em class="gesperrt">Großmutter</em> und <em class="gesperrt">schlug sie tot</em>. Nur durch die -Gerichtsverhandlung kam auch der schändliche Streich des Geistlichen -auf.</p> - -<p>Aber niemand dachte daran, den schurkischen Pater Benno zu verfolgen. -Endlich gelang es dem energischen Eingreifen eines einzigen Richters, -gegen den Geistlichen Strafverfolgung zu erwirken. Er wurde auf zehn -Jahre vom Messelesen suspendiert und ebensolange in klösterlichem -Arrest auf Wasser und Brot gesetzt, d. h. begnadigt, denn daß die -Mönche ihrem Kollegen nichts Böses taten, ist klar. Die Regierung -fürchtete aber ein energisches Eingreifen. Statt mit dem Schwert -hingerichtet zu werden – was das Los der Bäuerin gewesen wäre, wenn -der Schurkenstreich nicht aufgekommen wäre – wurde sie auf freien Fuß -gesetzt.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Solche Zustände scheinen heute unmöglich zu sein. Scheinen! Das Zölibat -ist eine der Natur zu sehr ins Gesicht schlagende Vergewaltigung, -als daß auch beim besten Willen seine Durchführung streng gehandhabt -werden könnte. Man mag vorsichtiger sein, Delikte mögen auch seltener -werden, aufhören werden sie nie. Aber ein Unterschied ist zwischen -der zwar kirchlich verdammten, aber moralisch einwandfreien normalen -Befriedigung der Sinnlichkeit und viehischen Vergewaltigung und -Versuchung anvertrauter Seelen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_221"></a>[S. 221]</span></p> - -<p>Am 8. April 1910 wurde vor der Strafkammer I des kgl. Landgerichts -in Stuttgart gegen den Simplizissimus bzw. dessen verantwortlichen -Redakteur Gulbransson in einer Beleidigungsklage des Bischofs Keppler -von Rottenburg verhandelt und Gulbransson zu zwei Monaten Gefängnis -verurteilt. Dieser Vorgang wäre für uns ohne jedes Interesse, wenn -nicht während der Verhandlung Dinge zur Sprache gekommen wären, die -eigentümliche Blitzlichter auf die sittliche Führung der katholischen -Geistlichkeit wenigstens der Diözese Rottenburg geworfen hätten.</p> - -<p>Der Stadtpfarrer Bauer von Schramberg war wegen Sittlichkeitsverbrechen -zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurteilt worden. Da Bischof Keppler -am Vorabend des Schuldspruches eine zu Mißverständnissen Anlaß gebende -Rede über die Möglichkeit eines gerichtlichen Falschspruches gehalten -hatte, glaubte der Simplizissimus – und mit ihm noch viele andere -Organe – daß Bischof Keppler gegen sittliche Verfehlungen seiner -Geistlichen, wofern sie nur politisch brauchbar wären, zu milde -vorgehe. Deshalb erschien in dem satirischen Blatt eine Zeichnung, den -Bischof als Hirten einer Schweineherde darstellend. Die Schweine aber -trugen priesterliche Gewandung. Die Überschrift des Bildes lautete: -»Alles fürs Zentrum«, die Unterschrift aber: »Durch sein Eintreten für -den Pfarrer Bauer hat der Bischof Keppler von Rottenburg gezeigt, daß -er nicht nur über Schafe, sondern auch über Schweine ein guter Hirte -ist.«</p> - -<p>In der Gerichtsverhandlung, in der festgestellt wurde, daß Pfarrer -Bauer sich in schamlosester Weise an Kindern usw. vergangen hatte, -stellte der Verteidiger<span class="pagenum"><a id="Seite_222"></a>[S. 222]</span> Rechtsanwalt Heusel den <em class="gesperrt">Antrag, den -Wahrheitsbeweis für folgende in der Diözese vorgekommene Fälle</em> zu -erbringen. Wir zitieren seine Ausführungen wörtlich:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»1. <em class="gesperrt">Der Fall des Pfarrers Gehr von Zuffenhausen.</em></p> - -<p>Ich beantrage hier die Akten der Kgl. Staatsanwaltschaft Stuttgart -betreffend die Anzeige gegen den katholischen Pfarrer Gehr von -Zuffenhausen vom Jahre 1908 beizuziehen. Pfarrer Gehr hat von -zahlreichen Schulmädchen, welche in die 6. und 7. Klasse der -Volksschule gingen, also vermutlich im 13. oder 14. Lebensjahr und -<em class="gesperrt">vor</em> der Kommunion stehenden Mädchen verlangt, <em class="gesperrt">sie sollen -ihre Röcke in die Höhe heben; er hat einzelnen dieser Mädchen -selbst den Rock in die Höhe gehoben</em>, hat Mädchen auch rücklings -auf seine Knie gesetzt, sie wie etwa kleine Kinder auf seinen -Knien reiten lassen und sie dann rücklings mit dem Kopf zum Boden -hinunterschnappen lassen, daß die Mädchen selbst auf den Gedanken -kamen, er wolle ihnen <em class="gesperrt">unter die Röcke sehen</em>.</p> - -<p>Pfarrer Gehr hat weiter, was das Schwerwiegendere ist, um die -Entdeckung seiner Verfehlungen zu verhindern, die Mädchen so -bearbeitet, daß es schwer, wenn nicht unmöglich war, von ihnen -den wahren Sachverhalt erfahren zu können. Es ist durch mehrfache -Landjägermeldungen bestätigt, daß <em class="gesperrt">Pfarrer Gehr sich direkt -bemüht hat, die Mädchen zu falschen Aussagen zu verleiten</em>, und -<em class="gesperrt">daß den mißbrauchten Kindern mit der Hölle und mit<span class="pagenum"><a id="Seite_223"></a>[S. 223]</span> Gotteszell -gedroht worden ist, falls sie etwas gegen den Pfarrer aussagen</em>.</p> - -<p>Es ist nicht meine Aufgabe als Verteidiger, ein derartiges -Verhalten entsprechend zu charakterisieren. Tatsache ist, daß -hochstehende Richter ihrem Erstaunen darüber Ausdruck verliehen -haben, daß <em class="gesperrt">gegen Pfarrer Gehr gerichtlich nicht vorgegangen -worden ist</em>. Tatsache ist weiter, daß die einzige Maßregel, -welche seitens des bischöflichen Ordinariats gegen ihn verfügt -worden ist, die war, daß er auf die <em class="gesperrt">beliebte</em>, in schönster -Lage am Bodensee gelegene Pfarrei Eriskirch versetzt worden ist.</p> - -<p>2. <em class="gesperrt">Der Fall des Pfarrers und Schulinspektors Adis von -Dotternhausen, O.-A. Rottweil.</em></p> - -<p>Hier wird die beantragte Beiziehung der Akten des bischöflichen -Ordinariats das Nähere ergeben. Für den Fall, daß die Vorlage -dieser Akten verweigert werden sollte, werde ich eingehenden Beweis -erbringen. Pfarrer Adis hat <em class="gesperrt">Verbrechen</em> im Sinne des § 176 -Z. 3 StGB. begangen und in der Gemeinde Dotternhausen hiedurch und -durch sonstige sittliche Verfehlungen das größte Ärgernis erregt. -Die einzige Strafe, die gegen ihn verfügt worden ist, bestand in -einer nur auf die Dauer eines <em class="gesperrt">halben Jahres verfügten Suspension -vom Amt</em>, welche Zeit Pfarrer Adis nicht im Disziplinarhaus der -Diözese Rottenburg für katholische Geistliche, sondern vermutlich -in einem Kloster verbrachte.</p> - -<p>3. <em class="gesperrt">Der Fall des katholischen Pfarrers Kolb von Ennabeuren, O.-A. -Münsingen.</em></p> - -<p>Pfarrer Kolb hat durch fortgesetzten Verkehr mit<span class="pagenum"><a id="Seite_224"></a>[S. 224]</span> übel -beleumundeten Frauenzimmern in der Gemeinde Ennabeuren derartiges -sittliches Ärgernis erregt, daß sich ein Bürger von Ennabeuren, -namens Johannes Reyhinger, Frohnmeister daselbst, den ich -für sämtliches hier Vorgetragene als Zeugen benenne und zur -Hauptverhandlung vorzuladen beantrage, <em class="gesperrt">persönlich</em> nach -Rottenburg an das bischöfliche Ordinariat wandte. Fronmeister -Johannes Reyhinger schilderte dort einem Domkapitular das -sittlich verwerfliche Verhalten Kolbs, insbesondere auch die -Tatsache, daß, wie ortsbekannt geworden war, ein Frauenzimmer von -Ennabeuren häufig bei Kolb in seiner Wohnung genächtigt und dort im -<em class="gesperrt">Pfarrhof eine besondere Bettstelle zur Verfügung gehabt habe, -ohne daß seitens des Ordinariats gegen Kolb eingeschritten worden -wäre</em>.</p> - -<p>4. <em class="gesperrt">Der Fall betreffend Kaplan Hag in Scheer, O.-A. Saulgau.</em></p> - -<p>Kaplan Hag hatte zwei Knaben, welche bei kirchlichen Anlässen als -Ministranten fungierten und von denen einer jetzt Schutzmann ist, -<em class="gesperrt">in der Kirche zur Päderastie angeleitet und mißbraucht. Er ist -jetzt in Argentinien Pfarrer.</em></p> - -<p>5. <em class="gesperrt">Der Fall des Pfarrers und Kammerers Höflinger von Altheim, -O.-A. Riedlingen.</em></p> - -<p>Der genannte Pfarrer war außerehelicher Vater von <em class="gesperrt">fünf</em> -Kindern, deren Mütter <em class="gesperrt">zwei</em> ledige Frauenspersonen seiner -Gemeinde waren. Diese Tatsache ist in der Gemeinde bekannt geworden -und hat dort berechtigtes Aufsehen erregt. Er verpflichtete -sich, den jüngsten zwei seiner <em class="gesperrt">Kinder</em> das Geld zur -<em class="gesperrt">Übersiedelung nach Amerika</em> zu geben, worüber<span class="pagenum"><a id="Seite_225"></a>[S. 225]</span> ein Vertrag -gefertigt worden ist. <em class="gesperrt">Kirchlich wurde nicht weiter gegen ihn -eingeschritten</em>; er hat jedenfalls auch in Zukunft seines Amtes -als Pfarrer gewaltet.</p> - -<p>6. <em class="gesperrt">Der Fall betreffend den Kaplan Azger in Heufelden, O.-A. -Ehningen.</em></p> - -<p>Dieser Kaplan hatte in den Jahren 1906 und 1907 ein im ganzen Dorfe -bekanntes Verhältnis mit einer Industrielehrerin, <em class="gesperrt">ohne daß gegen -ihn seitens des Ordinariats eingeschritten worden wäre</em>.</p> - -<p>7. <em class="gesperrt">Ich beantrage</em> weiter die Beiziehung der Akten der Kgl. -Staatsanwaltschaft und des Kgl. Landgerichts Rottweil, betreffend -den <em class="gesperrt">Fall des Pfarrers Knittel von Wachendorf, O.-A. Horb</em>.</p> - -<p>Dieser Fall hat seinerzeit auch im Württembergischen Landtag eine -eingehende Besprechung gefunden.</p> - -<p>8. <em class="gesperrt">Ebenso</em> beantrage ich die Beiziehung der Gerichtsakten, -betreffend den <em class="gesperrt">Pfarrer Nuber in Buchau am Federsee, O.-A. -Riedlingen</em>, welcher seinerzeit wegen <em class="gesperrt">Schändung von Knaben -in der Kirche</em> angeklagt war und der sich in der Folge im -Amtsgerichtsgefängnisse zu Riedlingen erhängte.«</p></div> - -<p>Ob der sittliche Tiefstand in der Rottenburger Diözese besonders groß -ist, wagen wir nicht anzunehmen, noch viel weniger können wir es -feststellen. Ist das aber nicht der Fall, dann bleibt nur ein eben -nicht rühmlicher Schluß auf die übrigen Diözesen zu ziehen übrig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_226"></a>[S. 226]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wie der Corriere de la sera mitteilte, hatte das Erdbeben vom 28. -Dezember 1908, das Messina und mehrere Küstenorte zerstörte, wobei nach -der offiziellen Verlustliste über 98000 Menschen ums Leben kamen, eine -ungeahnte Nebenwirkung. Die <em class="gesperrt">Mönche</em> von San Procopio (Kalabrien) -verlangten nämlich in Messina <em class="gesperrt">Unterstützung für sich und ihre -Familien</em>. In Palmi lebten mehrere Mönche in wilder Ehe. Einer davon -hatte sechs Kinder, für die er um Brot bat.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Mag sich also auch das sittliche Niveau der Geistlichkeit seit dem -Mittelalter nicht wesentlich gehoben haben, wenn auch keineswegs -geleugnet werden soll, daß die Konkurrenz der Kirchen und das gute -Beispiel der bürgerlichen Welt veredelnd wirkte, so ist dafür die -Nuditätenschnüffelei desto mehr gewachsen. Unter diesen Umständen -bietet es erhöhtes Interesse, zu sehen, was die Kirche zuließ, als -sie unumschränkt herrschte. Der Schluß, daß auch die äußerliche -Versittlichung nicht ihr, sondern andern Mächten ihren Ursprung dankt, -sie aber, wie überall, so auch hier ein kultur- und kunsthemmendes -Extrem aufstellte, liegt nicht fern.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>An den Gesimsen des Straßburger Münsters im Innern der Kirche waren -satirische Bildwerke auf die Mönche angebracht, so Affen, Esel, -Schweine im Mönchshabit Messe lesend. Und zwar, wie feststeht, nicht -etwa unter protestantischem Einfluß, da schon im Jahre 1449 der Bau -vollendet war. Die pièce de<span class="pagenum"><a id="Seite_227"></a>[S. 227]</span> résistance bildete an der Treppe, die auf -die große Kanzel führte, <em class="gesperrt">ein am Boden liegender Mönch, der »sich bei -einer liegenden Nonne gar ungeziemender Freyheiten gebrauchet«</em>. -Wenige Jahre vor 1729 erst wurden diese nicht gerade für prüde Augen -bestimmten Plastiken entfernt, nach Fiorillo erst nach 1764. Geiler von -Kaysersberg hatte augenscheinlich an dieser Darstellung keinen Anstoß -genommen. Nach Fiorillo wurde sie sogar erst unter seinen Augen 1486 -angebracht.<a id="FNAnker_202" href="#Fussnote_202" class="fnanchor">[202]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Nach demselben Gewährsmann befand sich noch damals im Erfurter Dom -»an der Ecke rechter Hand ... unter den Zierathen eines Gesimses ein -<em class="gesperrt">Concubitus Monachi cum Monacha</em> gar deutlich in Stein gehauen, -daß man also nicht nur aus dem straßburgischen, sondern auch hiesigen -Domgebäude zeigen kann, wie die Clerisey vor der Reformation es so -grob und plump in ihrem Leben und Wandel getrieben, daß auch die -Handwerksleute nicht unterlassen können, in öffentlichen Gebäuden -ihren Spott darüber zu treiben, wo nicht gar die jalousie zwischen den -Mönchen und der übrigen Clerisey zu solchen ärgerlichen Vorstellungen -Anlaß gegeben und den Layen dergleichen Arbeit anbefohlen hat«.<a id="FNAnker_203" href="#Fussnote_203" class="fnanchor">[203]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>An einem Kapitell der Kirche des Egerer Schlosses in Böhmen ist -Adam und Eva dargestellt, beide natürlich völlig nackt. Adam -manipuliert dabei in höchst<span class="pagenum"><a id="Seite_228"></a>[S. 228]</span> merkwürdiger Weise an seinem intimsten -Körperteile.<a id="FNAnker_204" href="#Fussnote_204" class="fnanchor">[204]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In der Hauptkirche von Nördlingen befindet sich ein angeblich von Jesse -Herlin 1503 gemaltes, 1601 restauriertes jüngstes Gericht, das einen -Papst mit Kardinälen und Mönchen in der Hölle zeigt und <em class="gesperrt">ein Weib, -das von einem Teufel vergewaltigt wird</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Kirche zu Weilheim in Württemberg besitzt ein ähnliches Fresko-Bild -aus dem 15. Jahrhundert. Es stellt ein Jüngstes Gericht dar und scheint -allerdings mehr satirisch als unsittlich zu sein.<a id="FNAnker_205" href="#Fussnote_205" class="fnanchor">[205]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Am Dom zu Freiburg i. Br. befindet sich ein Wasserspeier in -menschlicher Gestalt, der die Abflußröhre aus dem Gesäß herausragen -hat. Die Person macht das vergnügteste Gesicht von der Welt. Nicht -ohne Grund, denn nicht jedem ist es vergönnt, seinen Gefühlen der -Hochschätzung für die lieben Zeitgenossen in so deutlicher Weise -Ausdruck zu verleihen.<a id="FNAnker_206" href="#Fussnote_206" class="fnanchor">[206]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Unsittlichkeit der genannten Darstellungen war nicht etwa, wie man -annehmen könnte, ein deutsches Privilegium, sondern <em class="gesperrt">in der ganzen -Christenheit</em> nahm man daran keinen Anstoß.<span class="pagenum"><a id="Seite_229"></a>[S. 229]</span> Fiorillo schreibt -z. B.: »Unter dem Chorgestühl in der Capelle Heinrichs VII. in der -Westminster Abtei wird man einiger Basreliefs gewahr, die äußerst -schlüpfrige und unzüchtige Bilder enthalten, so daß es unbegreiflich -ist, wie die frommen Benediktinermönche dieselben haben dulden können. -Jedoch findet man auch ähnliche obscöne Dinge zu Canterbury, an Chalk -Church in Kent...« Da Fiorillo zu Beginn des 19. Jahrhunderts schrieb, -hatte bis dahin die Kirche keinen Anstoß genommen. Auch hier also, auf -so kleinem Gebiet selbst, zeigt es sich, daß Besserungen nicht durch, -sondern ohne, oft trotz und gegen die Kirche sich durchsetzen.<a id="FNAnker_207" href="#Fussnote_207" class="fnanchor">[207]</a></p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_230"></a>[S. 230]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zehnter_Abschnitt"><span class="s5">Zehnter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Ehe</span></h2> - -</div> - -<p>Noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts herrschte bei den Bauern in fast -allen Teilen Deutschlands die Sitte, dem Bräutigam alle ehelichen -Rechte gradatim zu gestatten.</p> - -<p>»Sehr oft verweigern die Mädchen ihrem Liebhaber die Gewährung seiner -letzten Wünsche solang, bis er <em class="gesperrt">Gewalt</em> braucht. Das geschiht -allezeit, wenn <em class="gesperrt">ihnen wegen seiner Leibesstärke einige Zweifel zurück -sind</em>, welche sie sich freilich auf keine so heikle Weise, als die -Witwe Wadmann, aufzulösen wissen. Es kömmt daher ein solcher Kampf -dem Kerl oft sehr teuer zu stehen, weil es nicht wenig Mühe kostet, -ein Baurenmensch zu bezwingen, das jene wollüstige Reizbarkeit nicht -besitzt, die Frauenzimmer von Stande so plötzlich entwafnet.«<a id="FNAnker_208" href="#Fussnote_208" class="fnanchor">[208]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Während man die Nächte, in denen alles gewährt wurde, Probenächte -nannte, hießen die andern, bei denen der Bauernbursch auf möglichst -halsbrecherischem Wege ins Schlafzimmer des Bauernmädchens eindrang, -um zu plaudern, wobei natürlich auch In<span class="pagenum"><a id="Seite_231"></a>[S. 231]</span>timitäten nicht unterblieben, -Kommnächte. »Die Landleute finden ihre Gewohnheit so unschuldig, daß -es nicht selten geschiht, wenn der Geistliche im Orte einen Bauren -nach dem Wohlsein seiner Töchter frägt, diser ihm zum Beweise, daß sie -gut heranwüchsen, mit aller Offenherzigkeit und mit einem väterlichen -Wohlgefallen erzehlt, wie sie schon anfiengen, ihre Kommnächte zu -halten.«<a id="FNAnker_209" href="#Fussnote_209" class="fnanchor">[209]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Keyßler erzählt im Jahre 1729 folgendes: »In den Dörfern des -benachbarten Bregenzerwaldes hat bisher die wunderliche Gewohnheit -regieret, daß die unverheiratheten Baurensöhne und Knechte ohne Scheu -so lange bei einem ledigen Mädchen haben schlafen können, <em class="gesperrt">bis -dieselbe ein Kind von ihnen bekommen</em>, da dann jene erst, und zwar -bei den höchsten Strafen, verbunden waren, sie zu heirathen. Diese -Art von Galanterie heißen sie fuegen, und finden sie daran so wenig -auszusetzen, daß, da man seit etlichen Jahren, kraft obrigkeitlichen -Amtes, diese schändliche Weise abschaffen wollen, es zu einer <em class="gesperrt">Art -von Aufruhr</em> gediehen, und die Sache noch in einem Proceß, zu dessen -Führung sie einen Advocaten aus Lindau angenommen haben, verwickelt -ist.«<a id="FNAnker_210" href="#Fussnote_210" class="fnanchor">[210]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Nicht viel früher herrschte auch in den <em class="gesperrt">Bürgerhäusern</em> noch -die schöne Sitte des »Beischlafens auf Glauben«, die wir im vorigen -Bande kennen gelernt haben. Der Prädikant Wilhelm Ambach (Quellen -zur<span class="pagenum"><a id="Seite_232"></a>[S. 232]</span> Frankfurter Gesch. II, 34) erzählt von Frankfurt a. M. darüber -(zitiert nach Schultz): »Das weibliche geschlecht ist ja fast blöd und -schwach, aber man sahe hie bei vielen, daß in hurei, ehebruch und aller -leichtfertigkeit stark und frech waren, dann auch 50jährige witfrauen, -die jetzt Kindeskinder haben, aller ehren und freundschaft vergessen; -jungfrauen sind ihren herrn und eltern entlaufen, sich in schändliche -hurei begeben; jedoch haben etliche aus ihnen öffentlich geehlichet, -viel blieben ungeehlichet, schlufen bei uf Gelderischen glauben, -gewöhnlich aber lebten sie frech und gut kriegerisch...«</p> - -<p>Daß der biedere Prädikant, wie bei einem Geistlichen -selbstverständlich, furchtbar übertreibt und nach den zu hoch -hängenden Trauben schielt, ist eine Sache für sich. An der Sitte des -»Gelderischen Glaubens« auch in Bürgerkreisen wird sich kaum zweifeln -lassen.<a id="FNAnker_211" href="#Fussnote_211" class="fnanchor">[211]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ja, die <em class="gesperrt">gastliche Prostitution</em>, bei barbarischen und -halbbarbarischen Völkern sehr häufig und darin bestehend, daß der Wirt -seinem Gast das Eheweib oder die Tochter für die Nacht leiht, läßt sich -in Deutschland noch sehr spät nachweisen. Ältere Zeugnisse, an denen -in Skandinavien und für Island kein Mangel herrscht, fehlen bei uns, -dafür berichtet aber Thomas Murner in der Gäuchmatt (Geschwor. Art. 9): -»<em class="gesperrt">es ist in dem Niderlande auch der Brauch, so der Wirt ein lieben -gast hat, daß er im sin frouw zulegt auf guten glouben</em>.« Ja, in -einem Briefe an J. G. Forster vom 20. Juni 1788<span class="pagenum"><a id="Seite_233"></a>[S. 233]</span> erzählt der in Bern -wohnende, aus Biel gebürtige Höpfner, daß es <em class="gesperrt">im Berner Oberlande -verbürgter Brauch sei, daß ein Vater seine Tochter, ein Bruder seine -Schwester, ein Mann seine Frau dem fremden Gast in aller Höflichkeit -zur Nacht anbiete</em> und <em class="gesperrt">sich eine große Ehre daraus mache, wenn -man es annehme</em>.<a id="FNAnker_212" href="#Fussnote_212" class="fnanchor">[212]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im alten Skandinavien scheint es Sitte gewesen zu sein, daß der -Beischlaf vor der Hochzeit ausgeübt wurde. Sehr sonderbar ist, daß -Fritjof die Prinzessin Ingeborg gleich nach der Verlobung im Tempel zu -Baldershagen genießt, und nicht minder erstaunlich, daß König Harald -in Norwegen, der die schöne Asa mit Gewalt gewinnen will, dem für ihn -eintretenden Ritter gestatten muß, <em class="gesperrt">mit ihr</em> die Probenacht zu -halten, bevor er zu den Waffen greift!<a id="FNAnker_213" href="#Fussnote_213" class="fnanchor">[213]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ein sonderbarer Brauch, der sich sonst nur bei barbarischen oder -halbbarbarischen Völkern findet, herrschte noch vor zwei Jahrhunderten -in Island. In der Relation d’Islande dans le Recueil des Voyages au -Nord. Amsterdam 1715. T. I, p. 35 heißt es: »Les filles, qui sont fort -belles dans cette Isle, mais fort mal vetues vont voir ces Allemans et -ofrent à ceux, qui n’ont pas des femmes de coucher avec eux <em class="gesperrt">pour du -pain, pour du biscuit et pour quelqu’autre chose de peu de valeur</em>. -Les pères mêmes, dit-on, présentent leurs <em class="gesperrt">filles</em> aux Etrangers. -<em class="gesperrt">Et si<span class="pagenum"><a id="Seite_234"></a>[S. 234]</span> leurs filles déviennent grosses, ce leur est un grand -honneur. Car elles sont plus considerées et plus recherchées par les -Islandois, que les autres.</em> Il y a même de la presse de les avoir.«</p> - -<p>Übrigens sollen, wie ich von glaubwürdiger Seite erfahre, noch heute -im Schwarzwald und auch in Mecklenburg, vielleicht auch anderwärts, -ähnliche Sitten herrschen. Und zwar nicht nur »Probenächte«, sondern -auch die Anschauung, daß das schwangere Bauernmädchen höher geschätzt -wird, als eines, das seine Fruchtbarkeit erst noch beweisen muß. -Allerdings heiratet fast ausnahmslos der Bauernbursch das von ihm -geschwängerte Mädchen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Noch im späteren Mittelalter war unter dem hohen Adel, also nicht etwa -nur im Volke, der Brauch verbreitet, daß die Braut vor der Hochzeit -sich ihrem Bräutigam ganz hingab. So hielt im Jahre 1378 nach einer -Urkunde Graf Johann IV. von Habsburg ein <em class="gesperrt">ganzes halbes Jahr lang -mit der Herzland von Rappoltstein Probenächte</em> ab, um dann wegen -seiner Untüchtigkeit einen Korb zu erhalten. Allerdings hatte die Dame -nicht so ganz unrecht. Köstlich aber ist die Kur, die ein Straßburger -»Meister Heinrich von Sachsen, der der beste Meister ist, den man -finden kan« anwandte: »undt <em class="gesperrt">hiengent ime an in eine Bad an sin -Ding ettwie viel Bliges (Blei) wol fünfzig Pfunf schwer</em> undt -pflasterten ine, als menlich seitt, undt verfieng alles nüt, daß sü -imme ut gemachen konnten, daß er verfengklich were<span class="pagenum"><a id="Seite_235"></a>[S. 235]</span> zu Frowen.« Wiewohl -diese Kur lange fortgesetzt wurde, hatte sie so wenig Erfolg, wie die -entschieden angenehmere, ihm hundert Frauen vorzustellen, um diejenige -auszusuchen, die voraussichtlich die gewünschte Wirkung erzielen -würde.<a id="FNAnker_214" href="#Fussnote_214" class="fnanchor">[214]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Höchst bezeichnend für Sitte und Schamgefühl unserer Ahnen ist folgende -Geschichte, die Vitus Arnpek erzählt: Herzog Ludwig I. von Bayern hielt -eine Probenacht mit der schönen verwitweten Gräfin Ludmilla von Bogen, -einer geborenen böhmischen Prinzessin. Da die Gräfin wohl nicht ohne -Grund fürchtete, der Herzog wolle zwar die Freuden der Liebe bei ihr -genießen, sie dann aber sitzen lassen, ersann sie eine List. Als der -Herzog wieder einmal sie besuchte, fand er auf dem vor ihrem Bette -hängenden Vorhang vor ihr drei schön gemalte Ritter. Sie legten sich zu -Bett und huldigten der Liebe Freuden. Die Gräfin aber bewog den Herzog, -ihr zu schwören, daß er sie zu seiner Gemahlin machen wolle, was er -auch angesichts der gemalten Ritter tat. Kaum war es geschehen, als die -Gräfin den Vorhang zurückzog, <em class="gesperrt">so daß drei Ritter, die sie vorher -dahinter versteckt hatte, und die also Zeugen des nicht alltäglichen -Schauspiels gewesen waren</em>, sichtbar wurden. Sie bestätigten -sofort, daß sie des Herzogs Schwur gehört hatten. Ludwig aber war sehr -überrascht, da er wohl gehofft hatte, ohne Zeugen den Schwur ableugnen -zu können. Er führte nach einem Jahr mit großen Festlichkeiten die -Gräfin<span class="pagenum"><a id="Seite_236"></a>[S. 236]</span> heim. Übrigens hat diese Geschichte im Volksliede ihre -Verewigung gefunden.<a id="FNAnker_215" href="#Fussnote_215" class="fnanchor">[215]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Noch im 16. Jahrhundert war es Sitte, daß die Jungvermählte sich in -der Brautnacht nackt zu Bett begab, woher das französische Sprichwort -stammt: »Ses promesses ressemblent à celle d’une mariée qui antreroit -au lit en chemise.« Im weiteren Verlaufe des Jahrhunderts erst bürgerte -sich der heutige Brauch, im Hemd zu schlafen, wenigstens im Winter, -allgemein ein. Aber das 1618 erschienene Buch »La Bienséance de la -conversation entre les hommes« hielt es noch für nötig, vom Schlafen -ohne Hemd abzuraten. Ja in »La civilté nouvelle« vom Jahre 1667 -erscheint noch die gleiche Mahnung. Allerdings handelt es sich jetzt -nicht mehr um die erste Gesellschaft.<a id="FNAnker_216" href="#Fussnote_216" class="fnanchor">[216]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das kanonische Recht scheidet die Ehe bekanntlich nur dann, wenn -durch männliches oder weibliches Unvermögen der Zweck, Kinder zu -erzeugen, nicht erfüllt werden kann. Der berühmte französische Jurist -François Hotman (1524–1590) prüft nun sehr eingehend die Frage, wie -die männliche Impotenz festgestellt werden könne und liefert in -seiner langen und grundgelehrten Abhandlung auch folgenden Passus: -»An Stelle der beiden Feststellungsmethoden hat man, ich weiß nicht -durch welches Unglück unseres Jahrhunderts, eine weitere eingeführt, -die die brutalste ist,<span class="pagenum"><a id="Seite_237"></a>[S. 237]</span> die man sich ausdenken kann und von der wir -hoffen, daß sie von ebenso kurzer Dauer ist, wie sie wenig Vernunft und -juristisches Aussehen (apparence) besitzt: Es ist dies der sogenannte -<em class="gesperrt">Kongreß</em>. Abgesehen davon, daß er gegen die öffentliche -Ehrbarkeit verstößt, ist er überdies unzweifelhaft auch unnütz.... -Erst seit kurzer Zeit ist dieses Verfahren in Übung: sein Ursprung -mag darin zu suchen sein, daß ein scham- und ehrloser Mann, der von -seiner Frau der Impotenz geziehen war, <em class="gesperrt">sich rühmte, den Beweis -seiner Tüchtigkeit zu erbringen in Gegenwart von Leuten, die sich -darauf verstünden</em>. Und wenn die Richter diesen Beweis zuließen, so -geschah es sowohl aus Überraschung und weil sie darüber nicht reiflich -nachgedacht hatten, als auch weil einige Weise im Anfange dieses -Verfahren nicht für schlecht hielten, in der Erwägung, die Frauen durch -diese Schande und Schamlosigkeit von der allzu großen und häufigen -Klage, die sie gegen ihre Ehemänner erhoben, abzuschrecken. Denn das -Gesetz gestattet bisweilen ein Übel, um ein größeres zu heilen. Ein -Beispiel dafür bietet die Geschichte, die Aulus Gelius lib. 15, kap. -10 von einigen jungen Mädchen aus Milet erzählt, die aus Verrücktheit -freiwillig aus dem Leben schieden. Und man konnte dieser Krankheit, die -sich stark vermehrte, keinen Einhalt tun, außer durch eine entehrende -Strafe, die man über sie verhängte: die Männer bestimmten, daß alle -diejenigen, die sich auf diese Weise umgebracht hatten, splitternackt -überall herumgetragen und dem Volk gezeigt würden. Die übrigen -jungen Mädchen wurden durch die Schande eines so wenig ehrenvollen<span class="pagenum"><a id="Seite_238"></a>[S. 238]</span> -Leichenbegängnisses derart ins Herz getroffen, daß sie ihren Verstand -wiedergewannen und nicht mehr in diese Krankheit verfielen.</p> - -<p>So dachte man wohl auch, daß ein so unehrenvoller Kongreß die -Klagen der Frauen mäßigen würde. Aber im <em class="gesperrt">Gegenteil</em> (wie das -Jahrhundert ja unglücklich ist), <em class="gesperrt">sie fühlten sich durch dieses -Mittel gestärkt</em>, und von Beginn ihres Scheidungsprozesses an -<em class="gesperrt">fordern sie selbst den Kongreß</em>, da sie alle wissen, daß sie -damit ein unzweifelhaftes Mittel besitzen, den Prozeß zu gewinnen. -Denn welche Sicherheit jeder Mann sich auch zutrauen mag (wenn er -nicht ebenso brutal und schamlos ist wie ein Hund), er wird einräumen, -wenn er für sich und ohne Leidenschaft es gut betrachtet, daß es nicht -in seiner Gewalt liegt, den Beweis für seine Fähigkeit, die Ehe zu -vollziehen, zu erbringen <em class="gesperrt">in Gegenwart des Gerichtshofes</em>, den -man verehrt, angesichts der <em class="gesperrt">Ärzte, Chirurgen und Matronen</em>, die -man fürchtet und mit einer Frau, die man für seine Feindin hält, da -eingestandenermaßen solche Akte Selbstsicherheit, Heimlichkeit und -Freundschaft erfordern.«<a id="FNAnker_217" href="#Fussnote_217" class="fnanchor">[217]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Nach einem handschriftlichen Amtsbericht vom 8. März 1666 ging es den -<em class="gesperrt">Pantoffelhelden</em> in der Gegend von Mainz recht schlecht. »Es -ist ein alter Gebrauch hierumb in der Nachbarschaft, falß etwan ein -Frauw ihren Mann schlagen sollte, daß alle des Fleckens oder Dorffs, -worin das Factum geschehen, angrenzende Gemärker sichs annehmen; doch -würdt die sach vff den letzten Faßnachttag oder Eschermitt<span class="pagenum"><a id="Seite_239"></a>[S. 239]</span>woch als -ein recht Faßnachtspiehl versparet, da denn alle Gemärker, nachdem -sie sich 8 oder 14 Tag zuvor angemeldet, Jung und Alt, so Lust dazu -haben, sich versammeln, mit Trommen, Pfeiff und fliegenten Fahnen zu -Pferd und zu Fuß dem Orth zuziehen, wo das Factum geschehen, vor dem -Flecken sich anmelden, und etliche aus ihren mittlen zu dem schulthesen -schicken, welche ihre Anklag wieder den geschlagenen Mann thun, auch -zugleich ihre Zeugen, so sie deswegen haben, vorstellen, nachdem nuhn -selbige abgehöret, und ausfündig gemacht worden, daß die Frau den -Mann geschlagen, würdt ihnen der Einzug in den Flecken gegönnt, da -sie dann also baldt sich alle sambdt vor des geschlagenen mans Hauß -versammeln, das Hauß umbringen, undt fallß der Mann sich mit ihnen -nicht vergleichet undt abfindet, schlagen sie Leitern ahn, <em class="gesperrt">steigen -auf das Dach, hauwen ihme die Fürst ein undt reißen das Dach bis vff -die vierte Latt von oben ahn ab</em>, vergleicht er sich aber, so ziehen -sie wieder ohne Verletzung des Hauses ab, falß aber der Beweiß nicht -kann geführt werden, müssen sie unverrichteter sach wieder abziehen.«</p> - -<p>Im ehemaligen Fürstentum Fulda war es ebenso. Wenn ein Mann überwiesen -wird, von seiner Frau Schläge bekommen zu haben, so hat das -Hofmarschallamt das Recht, die Sache zu untersuchen. Ist die Anklage -begründet, dann wird dem Geschlagenen durch Diener in fürstlicher -Livree <em class="gesperrt">das Dach seines Wohnhauses abgedeckt</em>. Noch im Jahre 1768 -oder 1769 ist eine solche Exekution vollzogen worden (Journal von und -für Teutschland. 1784. 1. Th.,<span class="pagenum"><a id="Seite_240"></a>[S. 240]</span> S. 136), ja, noch 1795 soll dieser -Brauch geübt worden sein.<a id="FNAnker_218" href="#Fussnote_218" class="fnanchor">[218]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Höchst sonderbar war die Gerechtsame der Familie von Frankenstein bei -Darmstadt, die von dieser Stadt jährlich 12 Malter Korn erhielt, um -dafür, wenn die Darmstädter es verlangten, durch einen besonderen Boten -einen Esel zu schicken, auf dem die schlagfertige Frau durch die Stadt -reiten mußte. Der letzte derartige Fall wird vom Jahre 1536 erwähnt.</p> - -<p>Eine ähnliche Sitte bestand in Frankreich. Dort mußte der Mann, der -sich von seiner besseren Hälfte schlagen ließ, zur Schande auf einem -Esel reiten, und zwar rittlings, den Schwanz in den Händen haltend. -Wenn der Pantoffelheld sich durch die Flucht dieser Strafe entzog, dann -mußte der nächste Nachbar für ihn herhalten.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In den Statuten des schwarzburgischen Städtchens Blankenburg vom Jahre -1594 heißt es § 14: »Welch Weib ihren Ehemann rauft oder schlägt, die -soll nach Befinden und Umständen der Sachen mit Geld oder Gefängnis -bestraft werden, oder da sie des Vermögens, soll sie der Rathsdiener -zum Kleide wüllen Gewandt geben.« § 15 lautet: »Da aber ein Exempel -vorgefunden werden sollte, daß ein Mann so weibisch, daß er sich -von seinem Weibe raufen, schlagen und schelten ließe, und solches -gebührlicher Weise nicht eifert oder klagt, der soll des Raths beide -Stadtknechte<span class="pagenum"><a id="Seite_241"></a>[S. 241]</span> mit Wüllengewandt kleiden, oder da ers nicht vermag, mit -Gefängnis oder sonst willkürlich gestraft, und ihme hierüber <em class="gesperrt">das -Dach auf seinem Hauße aufgehoben werden</em>.«</p> - -<p>Eine ähnliche, später außer Kraft gesetzte Verordnung stand auch in den -rudolstädtischen Statuten.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Eine sehr verständige, nur etwas gewalttätige Sitte herrschte im -Fürstentum Hechingen, um die eheliche Harmonie zu sichern. Die -gesetztesten Bauern einiger zu Balingen gehöriger Ortschaften wählten -einen ehrlichen, untadelhaften Mann in aller Stille. Dieser wurde Datte -genannt, im Schwäbischen soviel wie Vater. Der Datte wählte sich zwei -Assistenten. Erfuhr er nun, daß ein Ehepaar im Zwist lebe und sich -gegeneinander unanständig betrage, dann erkundigte er sich genau, ob -das Gerücht auch begründet sei. War es der Fall, dann ging er nachts -mit seinen beiden Assistenten vor das Haus des Ehepaares, klopfte an -und antwortete auf die Frage: Wer da? weiter nichts als: »Der Datte -kommt.«</p> - -<p>Hat diese wohlmeinende Mahnung zum Frieden keinen Erfolg, dann kommt -er ein zweites Mal in finsterer Nacht, klopft stärker an und sagt -nochmals: »Der Datte kommt.« Blieb auch diese Warnung fruchtlos, -dann kam er ein drittes Mal nachts, jetzt aber mit seinen vermummten -Assistenten. Mit Knütteln machen sie sich über den schuldigen Teil, -der gewissenhaft ermittelt ist, her und verprügeln ihn exemplarisch. -Die Wirkung dieser Sitte war glänzend,<span class="pagenum"><a id="Seite_242"></a>[S. 242]</span> denn lange Zeit kamen -keine Ehehändel in den betreffenden Orten vor. Als aber der Datte -seines Amtes einmal zu energisch gewaltet hatte, untersagte die -Landesregierung den Brauch.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Eine befremdende, aber der da und dort in unserem Recht auftretenden -Romantik ein ehrendes Zeugnis ausstellende Sitte bestand darin, -<em class="gesperrt">Verbrecher dann frei zu lassen, wenn Jungfrauen sie zur Ehe -begehrten</em>.</p> - -<p>Im Jahre 1505 erschien zu Lyon ein Buch mit dem Titel: »Le Masuer -en françois selon la coutume du hault et du bas pays d’Auvergne«. -Hier heißt es Blatt 119: »In mehreren Orten und Ländern herrscht die -Gewohnheit, wenn eine heiratsfähige Frau, namentlich, sofern sie noch -Jungfrau ist, einen zum Tode verurteilten und zum Galgen abgeführten -Mann zum Gatten verlangt, man ihn der genannten Frau überliefert; sie -wird ihm das Leben retten. Aber, setzt der Autor hinzu, es geschieht -dies entgegen dem gemeinen Recht.«</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Kirchenstaat scheint dieser Brauch noch zu Beginn des 19. -Jahrhunderts bestanden zu haben. Der 1812 hingerichtete Räuber Stefano -Spadolino wurde nämlich von der Galeerenstrafe befreit durch eine -Türkin, die das Christentum annahm und ihn zur Ehe begehrte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243"></a>[S. 243]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Uns braucht es nicht zu kümmern, ob es kodifiziertes oder -Gewohnheitsrecht war, ob der König um seine Einwilligung zur -Begnadigung angegangen werden mußte und er sie dann verweigern durfte -oder nicht. Uns genügt die Tatsache, daß so und so oft der gewiß -schöne Brauch gehandhabt wurde. Im Jahre 1579 wurde Martin Hugert -vom Kurfürsten August von Sachsen begnadigt, weil »auff demütiges -Suppliciren Ursulen, Mich. Langen Tochter, gnädigst bewilligt, dem -heiligen Ehestand zu ehren, ime Gnade wiederfahren lassen..., doch daß -ime gemeldete Supplicantin ehelich getrauet werde, ehe sie das Land -verlassen.« In einem andern Falle unter Kurfürst Johann Georg I. (1606) -gaben die Richter, nicht der Landesfürst, das Urteil ab, daß der zum -Tode verurteilte Peter Mebuß des Gefängnisses ledig sei, da sich eine -Magd erbot, ihn zu heiraten.</p> - -<p>Noch im Jahre 1725 ereignete sich ein solcher Fall, und zwar umgekehrt, -indem der Mann die Frau durch Ehe befreite. Ein Gerbergeselle Weber von -Mölig in Schwaben trat vor das Gericht mit der Erklärung, wenn der zum -Tode verurteilten Anna Maria Inderbitzi (Schwyz) das Leben geschenkt -und sie von Henkershand verschont werde, wolle er sie ehelichen. Er -habe sie zwar weder gesehen noch gesprochen, sein Entschluß rühre -lediglich aus christlichem Mitleid her, auch habe sein Großvater eine -solche Weibsperson durch Heirat am Leben erhalten und Glück und Segen -gehabt. Das Gericht erkannte nach reiflicher Überlegung: »Es sollen -beide Personen vorgeführt werden und für den Fall der Einwilligung soll -der Anna Maria die Strafe erlassen werden.« Die<span class="pagenum"><a id="Seite_244"></a>[S. 244]</span> Verlobung fand statt -in Gegenwart des Pfarrers und zweier Kapuziner, nach vierzehn Tagen -die Hochzeit. (E. Osenbrüggen, »Neue kulturhistorische Bilder aus der -Schweiz«, 1864, S. 51.)</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der leitende Gedanke war natürlich der, daß ein Mensch nicht völlig -verdorben sein könne, wenn er noch jemanden findet, der mit ihm die Ehe -wagt. Und schließlich war das Risiko des Heiratenden ja viel größer als -das des begnadigenden Staates.</p> - -<p>Das Andenken an dieses Jungfrauenrecht ist heute noch im Volke nicht -ganz erloschen. Als im Jahre 1834 zu Schönfeld bei Dresden zwei -Raubmörder hingerichtet werden sollten, fragte eine Frauensperson -beim Pfarrer an, ob wohl ein Unverheirateter unter diesen Verbrechern -dadurch zu befreien sei, daß sie ihn zur Ehe begehre.<a id="FNAnker_219" href="#Fussnote_219" class="fnanchor">[219]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Eine sehr merkwürdige Sitte wird uns aus dem 18. Jahrhundert aus -Litauen berichtet: »Die Litthauer sind überaus ängstlich und -vorsichtig, daß ihr Ehestand nicht unfruchtbar und ohne Segen seyn -möge; daher sie lieber eine Hure mit zwei und mehr unehrlichen Kindern -heyraten, als eine Jungfer.« Das ist ja nicht so sonderbar, da ja -unsere Bauern, für die Kinder Lebensbedingung sind und die unfehlbar -auf die Gant kommen, wenn sie statt der Söhne bezahlte Arbeiter haben -müssen, genau so verfahren. Allerdings meist so, daß sie diejenige Dirn -heiraten, mit der sie selbst Kinder haben. Um so befremdender ist die -Fortsetzung des Berichtes: »<em class="gesperrt">Die Weiber<span class="pagenum"><a id="Seite_245"></a>[S. 245]</span> sollen mit gutem Willen der -Männer Coadjutores Connubii oder Neben-Beyschläffer halten</em>; denen -Männern aber wird es für eine Unehre gehalten, wenn sie Concubinen -haben.« Vielleicht trat nur dann die Freiheit, einen Liebhaber zu -nehmen, in Kraft, wenn Verdacht bestand, daß die Kinderlosigkeit auf -Verschulden des Mannes zurückzuführen sei.<a id="FNAnker_220" href="#Fussnote_220" class="fnanchor">[220]</a></p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_246"></a>[S. 246]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Elfter_Abschnitt"><span class="s5">Elfter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Rechtspflege</span></h2> - -</div> - -<p>Nicht nur daß Tiere von weltlichen und kirchlichen Behörden bestraft -wurden, kam im Mittelalter vor – die beiden letzten derartigen -französischen Fälle ereigneten sich noch 1793, ja 1845! – <em class="gesperrt">man -verhandelte auch mit ihnen</em>. Um 1500 wurde in der Diözese -Lausanne ein außerordentlicher Tierprozeß in Gestalt eines bedingten -Mandatsprozesses eingeführt. Der bischöfliche Official erläßt auf die -Supplik der geschädigten Grundbesitzer den <em class="gesperrt">Ausweisungsbefehl an die -verklagten Tiere</em> unter Exorcismen und Androhung der Malediktion -sowie unter dem Angebot, den Verklagten einen Kurator oder Defensor -stellen zu wollen, falls jemand den Befehl anzufechten gedenke. Damit -verbindet er unter Androhung der Exkommunikation den Befehl, daß -<em class="gesperrt">die Tiere während der späteren Verhandlungen sich jeder weiteren -Ausbreitung zu enthalten haben</em>.</p> - -<p>Das erste Verfahren schließt mit einem Urteil ab, das die verklagten -Tiere ausweist. Es handelt sich hier ausschließlich um sogenanntes -Ungeziefer,<span class="pagenum"><a id="Seite_247"></a>[S. 247]</span> wenigstens niemals um Haustiere oder bestimmte einzelne -Tiere. Also um Mäuse, Ratten, Maulwürfe, Insekten, Raupen, Engerlinge, -Schnecken, Blutegel, Schlangen, Kröten. Allerdings wurde es in Canada -auch gegen wilde Tauben, in Südfrankreich schon viel früher gegen -Störche, in Deutschland gegen Sperlinge, am Genfer See gegen Aale -angewandt, wenn sie in ungezählten Mengen auftraten und gemeinschädlich -geworden waren. Im Ausweisungsbefehl wurde in der Regel eine Frist -bestimmt, innerhalb der die Tiere ihren Abzug bewerkstelligen sollen. -Gelegentlich hat man dies so ins einzelne durchgebildet, daß man -den ausgewiesenen Tieren bis zum Ablauf der Frist <em class="gesperrt">freies Geleit -zusicherte</em>. Ziemlich weitverbreitet war auch – wenigstens -seit dem Spätmittelalter – der Brauch, mit der Ausweisung eine -Verweisung zu verbinden, sei es, daß man den Tieren aufgab, sich an -einen nicht näher bezeichneten Ort zurückzuziehen, wo sie niemandem -mehr würden schaden können, sei es, daß man zu diesem Behuf einen -Ort benannte. Bald verurteilte man sie »ins Meer«, bald verbannte -man sie auf eine entlegene Insel, oder man räumte ihnen gar einen -freien Bezirk in der Gemeinde ein mit der Auflage, die außerhalb -desselben gelegenen Grundstücke zu verschonen. So noch 1713 im Urteil -von Piedade-no-Maranhao. Dies hat mitunter zu einem <em class="gesperrt">förmlichen -Vergleichsangebot</em> der Klagspartei an den Offizialvertreter der -verklagten Tiere geführt, wonach diesen <em class="gesperrt">vertragsmäßig ein solches -Grundstück überlassen werden sollte</em>. <em class="gesperrt">Die mancherlei Vorbehalte -und Klauseln</em>, womit man einen solchen Vergleich<span class="pagenum"><a id="Seite_248"></a>[S. 248]</span> ausstattete, -zeigen, wie ernsthaft der Vertrag der Menschen mit den Tieren gemeint -war.<a id="FNAnker_221" href="#Fussnote_221" class="fnanchor">[221]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Prozesse gegen Tiere sind erst seit dem 15. Jahrhundert deutlich -nachweisbar, während Malediktionen und Exkommunikationen viel älter -sind. Der letzte Tierprozeß in der vollen Form hat sich vor einem -weltlichen Gericht abgespielt, und zwar 1733 vor dem von Bouranton. -Aber noch ein Jahrhundert lang haben im Norden die Erinnerungen an die -Tierprozesse fortgedauert. Noch um 1805 oder 1806 haben die Bauern -auf Lyö in der Herrschaft Holstenshus einen solchen Prozeß wenigstens -angefangen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Lautete in einem Tierprozeß (gegen Haustiere) das Urteil auf Tötung, -dann war auch die Todesart bestimmt. Das Tier wurde demnach als -Verbrecher angesehen, dem ein verbrecherischer Wille zugeschrieben -wurde. Pour la cruauté et férocité commise (1567) verurteilt das -Gericht, d. h. graduierte oder doch geschulte Juristen, den Übeltäter. -Am meisten üblich war es, das Tier durch Hängen zu töten oder es zu -erdrosseln, und nachher aufzuhängen oder doch zu schleifen. In gewissen -Gegenden scheint man aber das Lebendigbegraben oder das Steinigen, -das Verbrennen oder das Enthaupten vorgezogen zu haben. Erst seit dem -17. Jahrhundert kommt es ab, die Todesart im Urteil zu bestimmen. Das -Gericht überläßt ihre Auswahl hinfort dem Gerichtsherrn oder dessen -Vollzugsbeamten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_249"></a>[S. 249]</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Der Vollzug des Urteils geschah öffentlich unter dem Geläute -der Glocken.</em> Stets obliegt dem Diener der öffentlichen Gewalt, -dem Nach- oder Scharfrichter, der Vollzug. Die Richtstatt ist der -gesetzliche Hinrichtungsort. Hatte das Urteil auf Hängen gelautet, -so geschah das am Baum oder am Galgen. Ein Wandbild in der Kirche -Sainte-Trinité zu Falaise zeigt das Tier sogar in Menschenkleidern. -Man hatte auch sorgsam darauf zu achten, <em class="gesperrt">daß durch den Strafvollzug -der Inhaber der hohen Gerichtsbarkeit nicht in seinen Rechten -gekränkt wird</em>. In dieser Hinsicht hat das Verfahren mehrmals zu -<em class="gesperrt">Beschwerden und Streitigkeiten</em> Anlaß gegeben. Noch 1572 liefern, -um dergleichen zu vermeiden, die von Moyen-Moutier ein dort <em class="gesperrt">zum -Strang verurteiltes Schwein</em> an den Probst von Saint-Dizenz als den -vollzugsberechtigten Herrn unter altherkömmlichen Formen aus, indem sie -das Tier bis zum Steinkreuz le Tembroix führen, wo der Probst, dreimal -angerufen, alle »Verbrecher« (criminaly) in Empfang zu nehmen hat.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Glocke von S. Marco in Florenz, La Piagnola genannt, läutete am 8. -April 1498 Sturm, als die Gegner Savonarolas das Kloster in der Nacht -belagerten und erstürmten und den Propheten ins Gefängnis führten. -<em class="gesperrt">Dieses Rufen verzieh man der Glocke nicht.</em> Am 29. Juni 1498 -beschloß der Große Rat von Florenz, daß die Glocke von S. Marco zu -<em class="gesperrt">bestrafen</em> sei. Am folgenden Tage riß das Volk sie vom Turm -herunter, ließ sie von Eseln durch die Straßen der<span class="pagenum"><a id="Seite_250"></a>[S. 250]</span> Stadt schleifen, -und <em class="gesperrt">der Henker folgte ihr und peitschte sie</em>. Dann wurde sie -<em class="gesperrt">aus der Stadt verbannt</em>. Auf dem Campanile von S. Salvatore al -Monte blieb sie elf Jahre im Exil, bis sie am 9. Juni 1509 wieder auf -den Glockenturm von S. Marco heraufgezogen wurde.</p> - -<p>Die Glocke, ein Werk Donatellos und Michelozzos, befindet sich seit -1908 im Museo di S. Marco, wo man sich von den damals erlittenen -Mißhandlungen überzeugen kann.<a id="FNAnker_222" href="#Fussnote_222" class="fnanchor">[222]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Dafür, daß die Frauenemanzipation nicht zu Übergriffen führte, war im -Gesetz in weniger ritterlicher als wirksamer Weise gesorgt: »Wenn ein -böses schnödes Weib auf freier Straße einen Bürger oder Bürgerkinder -mit ehrenrührigen Worten anfährt, so darf er das Weib dreimal -vermahnen, solche Worte heel zu halten, und wenn es auch das drittemal -fruchtlos, seine Faust nehmen, dem Weibe an den Hals schlagen, sie in -die Gosse werfen, mit Füßen vor den Hintern stoßen und dann gehen ohne -Strafe.«<a id="FNAnker_223" href="#Fussnote_223" class="fnanchor">[223]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Daneben findet sich eine Ritterlichkeit, die unsere Gesetzgebung -vermissen läßt: Die Schwangere genießt das Vorrecht, ihre Gelüste zu -befriedigen, ebenso darf ohne weiteres für eine Kindbetterin Wein und -Brot entwendet werden. Ja, mehr als das. Im Weistum von Galgenscheid -(Untermosel) von 1460 heißt es, nachdem das Jagen verboten: »is -enwere dan, das eyne frawe swanger ginge mit eyme kinde und des<span class="pagenum"><a id="Seite_251"></a>[S. 251]</span> -wiltz gelustet, die mag eynen man oder knechte usschicken, des wiltz -so viel griffen und sahen, das sie iren gelosten gebussen moge -ungeverlichen.«<a id="FNAnker_224" href="#Fussnote_224" class="fnanchor">[224]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Bekannt ist das Verbrennen und Hängen in Effigie. Aber daß man auch -in <em class="gesperrt">Effigie gerädert</em> werden konnte – für den Delinquenten -entschieden wesentlich dem Verfahren in natura vorzuziehen –, -berichtet Felix Platter im Jahre 1554.<a id="FNAnker_225" href="#Fussnote_225" class="fnanchor">[225]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Gespenster mischten sich früher in so mancherlei Angelegenheiten -des Lebens, daß die Juristen nicht umhin zu können glaubten, ihre -Rechte zu bestimmen. Der berühmte Rechtslehrer Johann Samuel -<em class="gesperrt">Stryck</em> verfaßte darüber eine 1700 zu Halle erschienene -umfangreiche Dissertation (De jure spectrorum. Halle 1700. recusa -ib. 1738), in der er sich so eingehend mit der Materie befaßte, daß -das <em class="gesperrt">Gespensterrecht</em> es sicher zum Range einer selbständigen -Wissenschaft, wie Handels- oder Wechselrecht, gebracht hätte, wenn -die Aufklärung nicht schnöderweise das schöne System über den Haufen -geworfen hätte.</p> - -<p>Nach einer Einleitung, in der die verschiedenen Sorten von Gespenstern, -als da sind Kobolde, Nixen, Feldgeister, Bergmännchen etc. dem Leser -vorgestellt werden, kommen in schönster systematischer Ordnung die -durch dieselben entstehenden Rechtsfälle an die Reihe. Der Hexenhammer -hatte ja auch mehr als zwei Jahrhunderte früher diese Materie -behandelt. Man<span class="pagenum"><a id="Seite_252"></a>[S. 252]</span> sieht daraus wieder einmal, wie sehr die weltlichen -Wissenschaften den geistlichen nachhinken.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Doch ad rem! Es gibt bekanntlich Personen, die von Gespenstern sehr -geplagt werden. Was ist nun zu tun, wenn ein Ehegatte die Beobachtung -macht, daß sein Gespons zu dieser Sorte gehört? Stryck gestattet aus -diesem Grunde zwar die Auflösung eines Verlöbnisses, nicht aber die -Ehescheidung. Der Mann muß dann eben den Spuk als Hauskreuz ansehen und -es zusammen mit seinem angetrauten mit Würde tragen.</p> - -<p>Da ein Haus, in dem die Geister spukten, nahezu wertlos war, findet -es Stryck nur gerecht, wenn gegen den Verkäufer, der damit den -Käufer betrog, Klage erhoben wird. Natürlich wird dadurch auch ein -Mietkontrakt hinfällig. Wenn der Spuk aber so harmlos ist, daß die -Geister nur in den abgelegensten Teilen des Hauses an die Türen -klopfen oder ein wenig heulen, dann darf man deshalb nicht gleich die -Flinte ins Korn werfen und ausziehen. Auch ist der Vermieter nicht -zum Nachgeben verpflichtet, wenn er beweisen kann, daß bisher sein -Haus von Geistern rein war und erst seit der Vermietung, weil die neue -Partei mit Hexen und Zauberern in Feindschaft lebe, von ihnen zum -Tummelplatz auserkoren wurde. Natürlich hat der Hausherr das Recht -auf Injurienklage, wenn ein Verleumder sein Haus für nicht geheuer -bezeichnet.</p> - -<p>Wenn der Teufel jemand zu Verbrechen bewegt, so ist der Delinquent -darum nicht jeder Strafe ledig, aber unter gewissen Umständen ist es -doch billig, sie<span class="pagenum"><a id="Seite_253"></a>[S. 253]</span> zu mildern, z. B. wenn der Delinquent anführen kann, -der Teufel habe gedroht, ihn zu ersticken oder den Hals umzudrehen.</p> - -<p>Augenscheinlich hatte Stryck die Materie nicht gründlich genug -behandelt, denn der Rechtsgelehrte <em class="gesperrt">Karl Friedrich Romanus</em> in -Leipzig sah sich 1703 gezwungen, die Frage, ob wegen Gespenstern -der Mietkontrakt aufgehoben werden könne, mit großem Aufwand von -Gelehrsamkeit und Spitzfindigkeit nochmals zu behandeln. (Schediasma -polemicum expendens quaestionem an dentur spectra, magi et sagae. -Lips. 1703.) Da er die Gespensterfurcht durch hundert Zitate beweist, -so steht für ihn fest, daß selbst die manierlichsten Geister den -Mieter zur Auflösung des Kontraktes berechtigen. <em class="gesperrt">Thomasius</em> war -allerdings anderer Ansicht (De non rescindendo contractu conductionis -ob metum spectrorum. Halle 1711 recusa ib. 1721. Deutsche Halle 1711), -doch der bedeutende Mann stand dem Geisterglauben überhaupt recht -skeptisch gegenüber. Dieser Stryck nun ging den Theologen in der -»Gläubigkeit« nicht weit genug und mußte sich deshalb mit einer Menge -Gegner herumschlagen.<a id="FNAnker_226" href="#Fussnote_226" class="fnanchor">[226]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Friedrich der Große hob bekanntlich durch die Kabinettsorder -vom 3. Juni 1740 die Tortur in seinen Ländern auf, außer bei -Majestätsverbrechen, Landesverrat und Massenmord. Natürlich gegen den -Willen der Juristen. Ein teilweises, allerdings sehr verklausuliertes -Zurückgreifen auf sie enthält das Zirkular Friedrich Wilhelms -III. von Preußen vom 21. Juli<span class="pagenum"><a id="Seite_254"></a>[S. 254]</span> 1802. Es ordnet zwar an, daß »bei -Criminal-Untersuchungen die Angeschuldigten durch thätliche Behandlung -nicht zum Bekenntniß der Wahrheit zu nöthigen« sind, führt aus, »wie -unzulässig der Gebrauch der Schärfe in einer Criminal-Untersuchung -sei, und wie leicht die Inquirenten von der ihnen eingeräumten -Befugniß, einen verstockten Verbrecher für offenbare Lügen zu -züchtigen, Mißbrauch machen können«. Deshalb sei »die Anwendung -körperlicher Züchtigungen als Mittel zur Erforschung der Wahrheit bei -Criminal-Untersuchungen gänzlich zu untersagen.« Das klingt sehr schön. -Dann aber heißt es weiter:</p> - -<p>»Damit aber der halsstarrige und verschlagene Verbrecher durch -freche Lügen und Erdichtungen, oder durch verstocktes Leugnen, oder -gänzliches Schweigen sich nicht der verdienten Strafe entziehen möge, -soll... das Collegium befugt sein..., <em class="gesperrt">eine Züchtigung gegen einen -solchen Angeschuldigten zu verfügen</em>. Vorzüglich findet eine solche -Züchtigung alsdann statt, wenn der Verbrecher bei einem gegen ihn -ausgemittelten Verbrechen, welches er nicht allein ausgeübt haben kann, -die Angabe der Mitschuldigen verweigert, oder wenn der Dieb nicht -anzeigen will, wo sich die gestohlenen Sachen befinden, oder wenn -dieser hierin durch falsche Angaben den Richter täuscht. Die Züchtigung -muß nach Beschaffenheit des körperlichen Zustandes in einer bestimmten -Anzahl von <em class="gesperrt">Peitschen- oder Rutenhieben</em> bestehen, auch kann an -deren Stelle Entziehung der besseren Kost, einsames Gefängnis oder eine -ähnliche, der Gesundheit des Angeschuldigten unschädliche Maßregel -gewählt werden.«<a id="FNAnker_227" href="#Fussnote_227" class="fnanchor">[227]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255"></a>[S. 255]</span></p> - -<p>Das heißt auf deutsch, <em class="gesperrt">daß es in Preußen noch zu Beginn des 19. -Jahrhunderts rechtens war, Geständnisse in gewissen Fällen durch -Peitschenhiebe zu erzwingen</em>.</p> - -<p>Das scheint uns haarsträubend und doch haben wir heute noch eine viel -schlimmere Tortur, als sie früher bestand. Wirft Müller dem Meyer -ein Schimpfwort an den Kopf, dann hat er obendrein noch das Recht, -durch Zeugen alles an schmutziger Wäsche in die Öffentlichkeit zu -zerren, was sich nur über seinen Gegner auftreiben läßt. Die Zeugen -selbst aber sind verpflichtet, bis in die intimsten Intimitäten ihres -eigenen Lebens hinein alles nur irgend einer sensationslüsternen Menge -interessant erscheinende vor aller Welt aufzudecken. Eine Reihe von -Prozessen aus letzter Zeit beweisen, daß ungezählte Existenzen durch -diese moderne Tortur vernichtet werden können. Es ist nur Glückssache, -ob nicht jeder von uns einmal gezwungen wird, seinen eigenen -moralischen Henker vielleicht um einer Bagatelle willen zu machen. -Manchem dürften da die Stockschläge von ehedem humaner erscheinen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Friedrich Wilhelm III. erließ am 7. Juli 1802 das »Publicandum -wegen Deportation incorrigibler Verbrecher in die <em class="gesperrt">Sibirischen -Bergwerke</em>«. Unter der Motivierung, daß der beabsichtigte Zweck, die -getreuen Untertanen vor Verbrechern zu schützen, nicht erreicht wurde, -da von Zeit zu Zeit solche Verbrecher aus den Strafanstalten entwichen -und andrer<span class="pagenum"><a id="Seite_256"></a>[S. 256]</span>seits die Hoffnung auf Flucht selbst lebenslängliche -Verurteilung diesen Bösewichtern nicht hinlänglich schrecklich -erscheinen läßt, heißt es:</p> - -<p>»Aus diesen Gründen haben Allerhöchst dieselben beschlossen, die -in den Strafanstalten befindlichen incorrigible Diebe, Räuber, -Brandstifter und ähnliche grobe Verbrecher, in einen entfernten -Weltteil transportieren zu lassen, um dort zu den härtesten -Arbeiten gebraucht zu werden, ohne daß ihnen einige Hoffnung übrig -bliebe, jemals wieder in Freiheit zu kommen. Diesem gemäß ist mit -dem <em class="gesperrt">Russisch-Kaiserlichen Hof die Vereinbarung getroffen, daß -dergleichen Bösewichter in dem im äußersten Sibirien</em>, über tausend -Meilen von der Grenze der Königlichen Staaten <em class="gesperrt">belegenen Bergwerken -zum Bergbau gebraucht werden sollen, und es sind hierauf vorerst Acht -und Funfzig der verdorbensten solcher Verbrecher am 17. Junius d. J. an -den Kaiserlich Russischen Kommandanten zu Narva würklich abgeliefert, -um von dort in diese Sibirischen Bergwerke transportiert zu werden</em>.</p> - -<p>Seine Königliche Majestät werden durch fernere, von Zeit zu Zeit zu -bewürkende Absendungen solcher Verbrecher die Eigenthumsrechte der -sämmtlichen Bewohner Ihrer Staaten gegen die Unternehmungen solcher -Bösewichter schüzzen, und lasse daher dieses zur Beruhigung Ihrer -gutgesinnten Unterthanen und zur Warnung für jedermann hierdurch -öffentlich bekannt machen.«</p> - -<p>Daß der Staat zur Sicherung seiner Untertanen zur Deportation oder -zu sonstigen Gewaltmitteln greift,<span class="pagenum"><a id="Seite_257"></a>[S. 257]</span> ist gewiß kein Kultur-Kuriosum, -wohl aber, daß eine Großmacht sich der Hilfe einer anderen bedient, um -seiner verbrecherischen Untertanen, noch dazu in friedlichen Zeiten, -Herr zu werden.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Übrigens waren die herrschenden preußischen Gesetze nicht durch Milde -ausgezeichnet. <em class="gesperrt">Das Vermögen der politischen Verbrecher wurde -eingezogen, auch ihre Kinder durften »zur Abwendung künftiger Gefahren« -in beständiger Gefangenschaft gehalten oder verbannt werden.</em> -Selbst Eltern, Kinder und Ehegatten waren bei zehnjähriger bis -lebenslänglicher Festungsstrafe zur Denunziation und Verhütung dieses -Verbrechens verpflichtet. Landesverräter sollten »zum Richtplatz -geschleift, mit dem Rade von unten herauf getötet, und der Körper -auf das Rad geflochten werden«. <em class="gesperrt">Zum Landesverrat gehörte auch -die Verleitung zur Auswanderung</em> und Verrat von Fabrik- und -Handlungsgeheimnissen, doch hatte es in diesem Falle mit vier- bis -achtjähriger Festungs- oder Zuchthausstrafe sein Bewenden.<a id="FNAnker_228" href="#Fussnote_228" class="fnanchor">[228]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Palais, das Friedrich Wilhelm III. bewohnte, wurden Gegenstände im -Werte von 50 Talern gestohlen. Bei einem Mädchen, das für die Königin -strickte, fand man einige Sachen. Sie wurde verhaftet, der Fall dem -König angezeigt und er befahl: »daß man<span class="pagenum"><a id="Seite_258"></a>[S. 258]</span> die eingezogene und arretirte -Inquisitin Louise M. <em class="gesperrt">so lange peitschen sollte, bis sie ihre -Mitschuldigen bekenne</em>, und anzeigen würde, und <em class="gesperrt">wenn sie unter -den Streichen tot bleiben sollte</em>.«</p> - -<p>Darauf zählte man dem Mädchen den ersten Tag 79, den andern Tag 86 -und nachmittags 50 Peitschenhiebe »theils auf den bloßen Hintern, und -theils auf den Rücken ohne Barmherzigkeit auf, überließ die Direktion -des Verfahrens den niedrigsten Beamten, das heißt Schreibern und Boten. -– Das Urtheil erfolgte und sie wurde zu Zuchthausstrafe auf des Königs -Gnade (d. h. so lange der König wollte!!) condemnirt. Durch diese -von dem jetzt regierenden König eingeführten Peitschenhiebe bei den -Inquisitionen <em class="gesperrt">ist die Tortur der Alten optima forma eingeführt</em>.«</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts gültige Preußische Kriegsrecht -hatte folgende Todesstrafen: »1. Arquebusieren (erschießen), 2. -Hinrichtung durch das Schwert, 3. durch den Strang, 4. durch das -Feuer, 5. durch das Rad von oben hinab oder von unten herauf, 6. durch -Viertheilung.</p> - -<p>Bei der Hinrichtung durch das Schwert ist die Verscharrung des -Leichnams auf der Exekutionsstätte, oder das Flechten des enthaupteten -Körpers auf das Rad eine gesetzliche Folge der mindern oder größern -Wichtigkeit des Verbrechens.</p> - -<p>Die Hinrichtung durch den Strang kann theils in der Garnison... theils -außerhalb der Garnison an dem gewöhnlichen Galgen geschehen... Im<span class="pagenum"><a id="Seite_259"></a>[S. 259]</span> -zweiten Fall bleibt der Körper bis zur Verwesung am Galgen hängen.</p> - -<p>Die Exekution durch Feuer, durch das Rad oder durch Viertheilen wird -jedesmal außerhalb der Garnison auf der gewöhnlichen Gerichtsstätte -vollzogen, und erfolgt sodann die Verscharrung des Leichnams oder -dessen Heftung auf das Rad, oder Anschlagen der Theile an den Galgen -oder an besonders dazu errichtete Pfähle nach der Größe und Wichtigkeit -des Verbrechens.</p> - -<p>In wie weit bei Militär-Personen die Todesstrafe verschärft werden -kann, wobei... die... bestimmte Gattung der Strafe... für den -Verbrecher empfindlicher und für den Zuschauer abschreckender zu machen -ist, wohin das Schleifen zur Richtstätte, das Abhauen einer oder beider -Hände und so weiter gehören mag, muß in jedem einzelnen Falle entweder -nach den besonderen Militärgesetzen, oder bei gemeinen Verbrechen -der Militär-Personen, nach dem allgemeinen Landrechte beurtheilt und -festgesetzt werden.«</p> - -<p>Wer sich selbst entleibte, wurde unter dem Galgen durch den Schinder -verscharrt.</p> - -<p>Die Ehefrau eines Deserteurs, welche mit ihrem Ehemann zugleich -entwichen oder zwar zurückgeblieben, aber der Durchhelfung desselben -schuldig befunden, wurde mit dem Verlust ihres eingebrachten oder sonst -eigentümlichen Vermögens, welches der Generalinvalidenkasse zufiel, -bestraft.<a id="FNAnker_229" href="#Fussnote_229" class="fnanchor">[229]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260"></a>[S. 260]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die letzte Tortur in Deutschland fand im Jahre 1826 im Amte Meinersen -in Hannover statt. Ein Häusler Wiegmann war im Anfang des Jahres -verhaftet worden, weil er zwei Pferde gestohlen haben sollte, die -auf 80 Taler gewertet wurden. Da er leugnete, ging man nach den -Regeln des Inquisitionsprozesses mit »Verbal- und Realterrition« -gegen ihn vor. Man bedrohte ihn erst mit der Folter, zeigte ihm dann -die Instrumente und erklärte sie und folterte ihn endlich wirklich. -Die Justizkanzlei in Celle erließ am 4. März eine ausführliche -Instruktion über das hierbei zu beobachtende Verfahren. So sollte der -Nachrichter bei Vorzeigung der Folterwerkzeuge den Inquirierten zu -einem »ungezwungenen« (sic!) Bekenntnisse ermahnen, ihn aber, wenn er -kein Geständnis ablegte, auf die Folterbank setzen, ihm Daumenschrauben -anlegen und mit deren Zuschraubung einen »gelinden« Anfang machen.</p> - -<p>In der Nacht vom 12. zum 13. März führte man Wiegmann in den Keller -unter dem Amtshause, wo der Scharfrichter mit zehn Henkersknechten -schon versammelt war. Zehn Minuten vor ein Uhr wurde der Inquirent -seiner Ketten entledigt, noch einmal befragt, beteuerte aber seine -Unschuld.</p> - -<p>Der Scharfrichter erklärte ihm nun die furchtbaren Werkzeuge, die -in der absichtlich matten Beleuchtung immer noch entsetzlich genug -aussahen, und man drängte ihn wieder um ein Geständnis. Da er standhaft -blieb – er war aller Wahrscheinlichkeit nach unschuldig –, trat nun -der Scharfrichter mit seinen Gesellen in ernstere Funktion.</p> - -<p>Lärmend fielen die rohen Burschen über Wieg<span class="pagenum"><a id="Seite_261"></a>[S. 261]</span>mann her, rissen ihm die -Kleider vom Leibe und setzten ihn auf den mit Stacheln gespickten -Marterstuhl. Die Augen hatte man ihm verbunden, die Hände an die -Stuhllehne gefesselt und den Stuhl selbst zurückgelehnt, damit er die -Stacheln mehr fühle. Trotzdem beteuerte er seine Unschuld.</p> - -<p>Nun nahm man den Unglücklichen auf eine Minute herunter und ermahnte -ihn abermals zur Wahrheit. Da er nicht gestand, legte man ihn -sofort wieder zurück und setzte ihm obendrein die schrecklichen -Daumenschrauben an. Er hielt geduldig die Hände hin und zuckte nur -einige Male zusammen, als man ihm noch unvermutet Peitschenhiebe -versetzte. Er jammerte: »Wie kann ich etwas bekennen was ich nicht -getan.«</p> - -<p>Nun wurden ihm, während man seine Wunden mit Salben bestrich, wieder -neue Folterinstrumente gezeigt und angedroht, aber seine Kraft war -erschöpft. Er sagte: »Ich friere und kann nichts mehr sehen.« Man -führte ihn nun ins Gefängnis zurück.</p> - -<p>Seine Angst vor neuer Folterung, die gesetzlich nicht zulässig -gewesen wäre, beutete man in diabolischer Weise aus. Man erweckte -durch raffinierte Vorkehrungen aller Art in ihm den Glauben, daß er -abends wieder gefoltert werden würde und erzählte ihm allerlei von den -furchtbaren Vorbereitungen, die getroffen würden.</p> - -<p>Nun gestand er in seiner Zelle aus Todesangst. Der Richter hatte sich -eilig zu ihm begeben, und um einem Wiederruf vorzubeugen, ließ man in -der Amtsstube Licht machen, trieb Leute, die Geräusch machen mußten, -auf dem Amtshofe zusammen und ließ<span class="pagenum"><a id="Seite_262"></a>[S. 262]</span> Männer mit brennenden Kerzen -zwischen Amtsstube und Folterkeller hin- und herlaufen. So erweckte man -in ihm den Glauben, daß noch mehr Henkersknechte angekommen seien, ihre -Zurüstungen träfen, und daß Neugierige etwas davon zu erhaschen suchten.</p> - -<p>Die Justizkanzlei tadelte allerdings scharf die unnötige Strenge der -»Realterrition«, dann die einen Tag dauernde Verbalterrition. »Für -künftige Fälle« hatte die Kanzlei dem Amt ein solches Vorgehen, wie -dieses, verboten. Gottlob sollten sie sich aber nicht mehr ereignen. -Am 17. April 1822 (nach Krieg erst 1840) wurde die Folter in Hannover -abgeschafft.</p> - -<p>Wiegmann hatte vier Jahr Zuchthaus auf sein »freies Geständnis« hin -erhalten, und im Zuchthaus starb er auch.<a id="FNAnker_230" href="#Fussnote_230" class="fnanchor">[230]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Bis zum Jahre 1648 erhielt sich zu Oudewater in Holland der Brauch, -daß sich Leute, die der Hexerei beschuldigt wurden, auf der großen -Stadtwage wiegen ließen. Bis aufs Hemd entkleidet geschah dies in -Gegenwart des Stadtschreibers und der Gerichtsschöppen. Bei Weibern war -auch die Wehmutter gegenwärtig. Dafür zahlte man 6 Gulden und 10 Sols, -erhielt aber ein gerichtliches Zertifikat, worin bestätigt wurde, »daß -ihr Gewicht ihrem Wuchse gemäß und nichts Teuflisches an ihrem Körper -befindlich sey«. Durch dieses Attest entging man der Inquisition. -Deshalb zog man es natürlich vor, das Geld zu erlegen, statt den -Scheiterhaufen zu riskieren.<a id="FNAnker_231" href="#Fussnote_231" class="fnanchor">[231]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_263"></a>[S. 263]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Aus dem Jahre 1752 hat sich ein Kabinettsbefehl des Markgrafen Karl -Friedrich von Baden-Durlach erhalten, der an die Einwohner des am Fuße -der Hardt nördlich von Landau gelegenen Fleckens Rodt gerichtet ist -und Verfälschung des Weines mit Spießglas, Silberglött und anderen -Mineralien mit dem <em class="gesperrt">Tode durch den Strang</em> bedroht, in milderen -Fällen, d. h. bei Anwendung von Zucker, Rosinen etc. mit dreijähriger -Zuchthausstrafe.<a id="FNAnker_232" href="#Fussnote_232" class="fnanchor">[232]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der letzte Fall von krimineller Behandlung der Häresie liegt auch noch -keineswegs so weit zurück, als man annehmen sollte. Er ereignete sich -nämlich im Jahre 1751 und betraf einen Advokaten und Notar in Tirol. -Lief die Sache auch nicht allzu grausam ab, so wurde der Angeklagte -doch recht wenig glimpflich behandelt.<a id="FNAnker_233" href="#Fussnote_233" class="fnanchor">[233]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das erinnert einigermaßen an die – allerdings in Abrede gestellte -– Äußerung eines bayerischen Ministerialbeamten dem Professor -Sickenberger gegenüber, daß Personen, die mit ihrer Kirche -zerfallen wären, suspekt seien und daher wenig Aussicht haben, eine -Staatsanstellung zu erhalten!!! Wurde die Äußerung auch bestritten, die -Tatsache, daß bis heute keine Anstellung erfolgte, bleibt bestehen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In einem Pommerschen Städtchen ist die Benutzung von Leitern ohne -Spitzen untersagt. Eines Nachts<span class="pagenum"><a id="Seite_264"></a>[S. 264]</span> im Jahre 1909 besuchte ein Dieb ein -Gehöft und benutzte eine auf dem Hofe stehende Leiter, um in das Haus -einzusteigen. Er wird gestört, die Leiter fällt um und er bricht den -Oberschenkel. Nun haben wir aber die sogenannte Haftpflicht, und das -war für den Dieb ein großes Glück. <em class="gesperrt">Der Besitzer des Gehöftes muß dem -Herrn Einbrecher die durch den Schenkelbruch entstandenen Kurkosten und -eine Entschädigungssumme zahlen, weil die spitzenlose Leiter gegen das -Gesetz verstieß!!</em><a id="FNAnker_234" href="#Fussnote_234" class="fnanchor">[234]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Zu dieser erbaulichen Geschichte bietet die folgende ein allerliebstes -Gegenstück. In einem Dorfe in der Provinz Schleswig-Holstein bricht -Feuer aus. Fünf Menschenleben sind in Gefahr. Ein Arbeiter wagt sein -eigenes und rettet die fünf, wird dabei aber so schwer verletzt, daß -er längere Zeit keine Arbeit verrichten kann. Sein Antrag bei der -Gemeinde um Unterstützung wird rundweg <em class="gesperrt">abgelehnt, weil er – die -Rettung »ohne Order« vorgenommen hatte</em>. Difficile est satyram non -scribere.<a id="FNAnker_235" href="#Fussnote_235" class="fnanchor">[235]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Ruhm des schleswig-holsteinschen Abdera ließ die edlen Bewohner -Altonas anscheinend nicht schlafen. Sie bemühten sich also auch -ihrerseits, eine denkwürdige Tat zu begehen, und das gelang ihnen -über Erwarten glänzend. Der früher in Altona angestellte Schutzmann -Riese hatte vor einiger Zeit ein Kind aus dem Treibeis der Elbe vor -dem Tode des<span class="pagenum"><a id="Seite_265"></a>[S. 265]</span> Ertrinkens gerettet. Durch das kalte Bad, das der Beamte -dabei unfreiwillig nahm, stellte sich bei ihm ein rheumatisches -Leiden ein, das Dienstunfähigkeit im Gefolge hatte. Darauf kündigte -die Stadt Altona dem wackeren Beamten den Dienst und entließ ihn -<em class="gesperrt">ohne Pension</em>, weil er – der heilige Bureaukratius fordert es -so – noch nicht zehn Jahre sein Amt verwaltet hatte. Riese verklagte -nun die Stadt auf Zahlung einer Pension, die Stadt aber, jedenfalls -aus Furcht, ihre Munifizens könnte nicht weit genug bekannt werden, -führte den Prozeß sowohl vor dem Landesgericht, als auch vor dem -Oberlandesgericht. Sie verlor aber schändlicherweise und wurde zur -Zahlung der Pension verurteilt.<a id="FNAnker_236" href="#Fussnote_236" class="fnanchor">[236]</a></p> - -<p>Es gibt eben keine Gerechtigkeit mehr auf der Welt.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266"></a>[S. 266]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zwoelfter_Abschnitt"><span class="s5">Zwölfter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Von allerlei Sitten und Zeremoniell</span></h2> - -</div> - -<p>In den Göttinger Statuten des Jahres 1342 mußte besonders verboten -werden, nicht im <em class="gesperrt">Ratskeller</em>, wo man beisammen aß und trank, -<em class="gesperrt">seine gröbste Notdurft zu verrichten</em>.</p> - -<p>Übrigens erzählt Schweinichen, daß sich 1571 unter den schlesischen -Adeligen ein <em class="gesperrt">Verein der Unflätigen</em> gebildet hatte, mit dem -Statut, sich <em class="gesperrt">nicht zu waschen, nicht zu beten und unflätig zu -sein</em>, wohin sie kämen.<a id="FNAnker_237" href="#Fussnote_237" class="fnanchor">[237]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Was man dem Adel alles zutraute, geht u. a. aus der preußischen -Hofordnung aus der Zeit Herzog Albrechts hervor. Es handelt sich -um Vorschriften für den Besuch der Junker im Gemach der Hofdamen: -»desgleichen sollen die vom Adell auch zuchtig neben ihnen (den -Hofdamen) nidersitzen und alldo alle unzuchtige geberden und wort -vermeiden, wie dann solchs die Adeliche zucht und gebrauch ehrlicher -furstlicher frauenzimmer erfordert.<span class="pagenum"><a id="Seite_267"></a>[S. 267]</span> Und das dem also, und nicht -anderst, gemes gelept, soll der Hoffmeister und Hoffmeisterin darauff -fleißig sehen und daruber halten und in Summa keynem Edelman den -eingang gestatten, dan der sich zuchtig, ehrlich, erbarlich und, wie -sich geburt, beweysen thue.«<a id="FNAnker_238" href="#Fussnote_238" class="fnanchor">[238]</a></p> - -<p>Zu denken gibt auch folgender Passus in der Hofordnung des Markgrafen -Philipp II. von Baden-Baden (1571–1588): »Khein Unzucht, so die Natur -in Niechterkeit nothalber erfordert, solle anderer Enden dann an -denen orthen, da es sich gebürt und die darzu verordnet, verricht und -dargegen die schandtliche und ergerliche unhöflichkeiten und schanden, -so anderwerts biß anhero bößlich und schädlich in vil weg fürgangen, -gewißlich vermiden bleiben, bey gefengkhnus und unserer ungnad -unnachläßlicher gefahr.«</p> - -<p>Die württembergische Hofordnung Herzog Johann Friedrichs enthält sogar -noch 1614 einen ganz ähnlichen Passus.<a id="FNAnker_239" href="#Fussnote_239" class="fnanchor">[239]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In der Hofordnung Karls II. von Baden-Durlach heißt es: »Und nachdem -von dem hofgesindt bißher mermaln clag furkhomen, das sie nachts -uff der gassen allerhandt unzucht treiben und etwa den Burgern mit -einschlagung und einwerffung der fenster und in ander weg schaden -beschicht, so wollen Ire f. Gn. – edel und unedel hiemit, sich eins -solchen gentzlich zu enthalten, gebotten haben und, da solches nit -helffen (wurde), mit der straaff niemandts schonen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_268"></a>[S. 268]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Eine Bestimmung, die sich häufig findet und tief blicken läßt, ist die -Karls II. von Baden-Durlach: »Disgleichen soll niemandts kein büchsen -in der Statt abschießen, sonder solchs vor der Statt an unschadlichen -ortten tun.« Es war damals augenscheinlich gang und gebe, daß die -Hofleute in der Stadt herumschossen.<a id="FNAnker_240" href="#Fussnote_240" class="fnanchor">[240]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Jede Hofordnung fast ohne Ausnahme enthält Bestimmungen über den -Burgfrieden, der unter dieser rauhbeinigen Gesellschaft gar nicht -energisch genug aufrecht erhalten werden konnte. So bestimmen die -württembergischen Hofordnungen noch das ganze 17. Jahrhundert hindurch, -daß, wer vom Gesinde sich an seinem Vorgesetzten vergreift, die rechte -Hand verlieren soll. Ebenda wird als Burgfriedensverletzung auch -bezeichnet, wenn jemand sich weigert, mit einem andern am selben Tisch -zu sitzen.<a id="FNAnker_241" href="#Fussnote_241" class="fnanchor">[241]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Zur Illustrierung des höfischen Tones dient auch folgender Passus -in der Hof- und Feldordnung der Herzöge Adolf Friedrich und Johann -Albrecht II. von Mecklenburg vom Jahre 1609: »Es sol auch bei und uber -den Malzeiten ohne uberlauts schreyen, auch zerprech- und werfung der -Trinckgeschier sich ein jeder zuchtig und eingezogen verhalten...«<a id="FNAnker_242" href="#Fussnote_242" class="fnanchor">[242]</a></p> - -<p>Dazu passen aus der Hofordnung des Markgrafen Johann von Küstrin -die Bestimmungen: »§ 2. Eß soll auch der Hoffmeister bei seinen Unß -gethanen<span class="pagenum"><a id="Seite_269"></a>[S. 269]</span> pflichten kein unordnunge in unsern furstlichen frauenzimmer -gestadten und darauf mit gut achtung geben, das keine Unfleterei weder -im Frauenzimmer noch davor getrieben werde, und do es von jungen oder -alten geschehe...</p> - -<p>§ 3. Do auch der Hoffmeister einig Winkellsitzen, es were von Magden -oder Andern vormerckte, oder daß sonsten unrichtigkeitt befunden, soll -ehr uns und unsere(m) Gemahll solches jederzeitt zu vermelden schuldigk -sein, auch kein unordentlich gereiß oder dergleichen scherz, so mit -Jungfern oder Megden vorgenommen wurden, nicht gestatten, sondern -straffen.</p> - -<p>§ 4. Es soll auch keine Saufferey in dem frauenzimmer verstattet noch -nachgeben werden.</p> - -<p>Es folgen dann noch ähnliche Bestimmungen, so daß die Edelleute nur bis -8 Uhr abends sich mit den Jungfrauen, unter denen selbstverständlich -Hofdamen gemeint sind, unterhalten dürfen etc. Man denke sich eine -moderne Hofordnung! Und dazu muß ausdrücklich bemerkt werden, daß sehr -viele es für nötig hielten, in dieser Weise für den Anstand zu sorgen. -So z. B. Herzog Bogislaw XIV. von Pommern-Stettin, der den Hofmeister -dafür sorgen läßt, daß ›auch darin (im Gemach der Hofdamen) keine -unzulessige vollsaufferey oder sonsten wüstes, wildes wesen getrieben, -besonders (sondern) ein jeder zu rechter Zeit wiederumb wegk an seinen -ort gehen und das Frauenzimmer zu rechter Zeit geschlossen werden -möge.‹«<a id="FNAnker_243" href="#Fussnote_243" class="fnanchor">[243]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270"></a>[S. 270]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Ton bei Hofe wird deutlich aus der Hofordnung Herzog Johann -Albrechts von Mecklenburg vom Jahre 1574. »Und weill S. f. G. in -erfahrung kommen, das die Diener, wan S. f. G. auf der Jagd oder -sonsten auff den höfen seindt, den Leutten die huener todtschlagen, -daß Obst auß den Gertten nehmen und sich sonsten dergleichen Dingen -erzeigen, alß wan eß in offenem feldtzug wehre, auch dißfalls S. f. G. -eigen Höfe und Gartten nicht verschonen. Also wollen S. f. G. solches -hiemitt ernstlich verbotten ...«</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Montaigne, der im Jahre 1580 seine Reise antrat, ist von der -Sauberkeit, die er überall in Deutschland findet, entzückt. Besonders -lobt er die Reinlichkeit in den Augsburger Häusern, wo er sogar -nirgends Spinnweben antrifft. Köstlich ist, wie er die Einrichtung der -Schlafzimmer beschreibt: »<em class="gesperrt">ils metent souvent contre la paroy a coté -des licts, du linge et des rideaus, pour qu’on ne salisse leur muraille -ein crachant</em>«.<a id="FNAnker_244" href="#Fussnote_244" class="fnanchor">[244]</a></p> - -<p>Nun muß man ja berücksichtigen, daß Montaigne gemäß seiner sozialen -Stellung und Vermögen nur mit wohlhabenden Kreisen in Berührung kam und -wohl auch von Frankreich her durch Reinlichkeit nicht allzu verwöhnt -war. Denn beim niedern Volk sah es anders aus. Ein Jahrhundert früher -schreibt Platter über die Läuseplage im Spital: »Ich hette schier offt -man gwelt hette, <em class="gesperrt">dry leuß mit einandren uß dem busen zogen</em>.« Das -heißt: so oft er gewollte hätte,<span class="pagenum"><a id="Seite_271"></a>[S. 271]</span> würde er drei Läuse mit einem Griff -aus dem Busen gezogen haben!<a id="FNAnker_245" href="#Fussnote_245" class="fnanchor">[245]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Furcht vor Insekten, die ja nicht unbegründet gewesen zu sein -scheint, dienten auch die Baldachine oder Betthimmel. Man war besonders -besorgt, den Kopf der Schlafenden vor Ungeziefer zu schützen, das von -der Decke herabfallen konnte. Deshalb waren – was nicht für unsere -Sauberkeit sprechen will – im 15. und 16. Jahrhundert die Betten zum -Teil der ganzen Länge nach, zum Teil auch nur am Kopfende mit einem -Holzhimmel überdeckt. In den Niederlanden genügte Stoff, wohl leichte -Seide, diesem Zweck. Aber man machte die bittere Erfahrung, daß das -gerade geschah, was man vermeiden wollte: die ungebetenen Gäste ließen -sich in den Baldachinen häuslich nieder. Deshalb verschwand im Laufe -des 17. Jahrhunderts das Himmelbett langsam, wenigstens das schwere mit -Holzdach.<a id="FNAnker_246" href="#Fussnote_246" class="fnanchor">[246]</a></p> - -<p>Wie es im 16. Jahrhunderte etc. von Flöhen und Läusen wimmelte, geht -aus der Rolle hervor, die diese Tierchen im öffentlichen Interesse -einnahmen. So prophezeit Fischart in seiner Praktik (S. 27), daß -diese Wandleuß in Frankreich gedeihen werden – ähnlich auch Rabelais -wiederholt in Gargantua und Pantagruel – und in der Flohatz 2082, daß -»kein Wandlauß nach kein Floh nicht bleibt.«</p> - -<p>Ho. Coler (Oeconomia Bd. XVIII, c. 19) setzt im Ernste auseinander: »Es -sind aber von diesen edlen Creaturen dreyerley: Kopfleuse, Kleiderleuse -und Filtzleuse. Die erste befehle ich den Kindern und<span class="pagenum"><a id="Seite_272"></a>[S. 272]</span> Weibern, die -andere den Landsknechten, Botten und Bettlern, die dritten den Bulern -und Hurenhengsten.«</p> - -<p>Montaigne war also nicht nur naiv, sondern auch recht anspruchslos!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im 14. Jahrhundert und früher hatten die Betten eine riesige Größe. -Solche von vier Meter Breite waren die Regel. Allerdings schlief -nicht nur das Ehepaar im gleichen Bett, wie ja mancherorts heute noch -üblich, sondern die Adeligen luden auch regelmäßig ihre Waffengefährten -ein, in ihrem Bett zu schlafen, zum Zeichen der Waffenbrüderschaft. -Und zwar <em class="gesperrt">lud man den Freund auch ins Ehebett ein, so daß häufig -die Gattin neben dem Gast lag</em>. Aber auch Hunde genossen die -Gastfreundschaft.<a id="FNAnker_247" href="#Fussnote_247" class="fnanchor">[247]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Noch im 17. Jahrhundert besaßen die Damen keinen Salon, vielmehr -empfingen sie Besuche im Schlafzimmer, und zwar <em class="gesperrt">auf dem Bett -liegend</em>. Das Bett spielte überhaupt eine große Rolle im Leben -der Damen. Als am 2. Oktober 1686 die Gesandtschaft von Siam dem -Sonnenkönig ihre Aufwartung machte, empfing die Gemahlin des Dauphin -sie <em class="gesperrt">im Bett</em>, desgleichen lagen alle Prinzessinnen von Geblüt auf -dem Bett, als sie den exotischen Gästen Audienz erteilten.</p> - -<p>Der Dichter Gombault hatte freien Zutritt bei der Königin Maria von -Medici. Eines Tages traf er<span class="pagenum"><a id="Seite_273"></a>[S. 273]</span> sie auf ihrem Bett liegend, die Kleider in -Unordnung. In Verse goß er seine Erlebnisse:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Souvent je doute encore, et de sens dépourveû,</div> - <div class="verse indent2">Dans la difficulté de me croire moy mesme,</div> - <div class="verse indent2">Je pense avoir songé ce que mes yeux ont veû.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse s5 indent30">(Poésies p. 68.)</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Die Sitte gab um so mehr zu pikanten Situationen und entsprechenden -Erlebnissen Gelegenheit, als die Intimen des Hauses und Ehrengäste -<em class="gesperrt">sich auf das Bett setzen oder gar legen durften</em>.</p> - -<p>Ein Handbuch des guten Tones vom Jahre 1675 muß deshalb ausdrücklich -feststellen, daß es unschicklich ist, sich auf das Bett einer Dame zu -setzen, und daß es sehr ungehörig sei, sich zur Konversation auf ein -Bett zu werfen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Noch merkwürdiger war die Sitte, daß die <em class="gesperrt">Neuvermählte sich vom -Tage nach der Hochzeit an drei Tage lang auf ihrem Bett liegend allen -Bekannten zeigen mußte</em>. Und zwar hatten auch ganz Fernstehende -zu diesem Schauspiel Zutritt. Man unterzog dabei die junge Frau -einem Kreuzverhör, um ihre Haltung zu prüfen. Selbst die höchsten -Damen konnten sich dem Brauch nicht entziehen. Der Herzog von Lauzun -renommierte bei dieser Gelegenheit mit seinen Heldentaten...!</p> - -<p>Im Jahre 1698 heiratete der Graf d’Ayen ein Fräulein d’Aubigné, Nichte -der Mme. de Maintenon. Nach dem Souper legte man das Paar zu Bett. -»Der König reichte, wie Saint-Simon (II, p. 59) erzählt, das<span class="pagenum"><a id="Seite_274"></a>[S. 274]</span> Hemd dem -Grafen, die Herzogin von Bourgogne der Braut das ihre. Der König sah -beide im Bett mit der ganzen Hochzeitsgesellschaft; er selbst zog ihnen -den Bettvorhang zu...« Am andern Morgen empfingen Mme. de Maintenon und -in einem anstoßenden Zimmer die Gräfin d’Ayen auf ihren Betten liegend -den ganzen Hof.</p> - -<p>Aber noch in der Mitte des folgenden Jahrhunderts gehörte das Bett zum -höfischen Zeremoniell. Im Februar 1747 heiratete der Dauphin, Sohn -Ludwigs XV., in zweiter Ehe Maria Josepha von Sachsen, nachmals Mutter -dreier Könige. Der Herzog von Croy erzählt darüber in seinen Memoiren -(Ed. Grouchy, p. 49):</p> - -<p>»Wir waren bei der Toilette der Dauphine anwesend, die sich -<em class="gesperrt">öffentlich</em> abspielte, bis zu dem Augenblick, wo die Königin -ihr das Hemd gab. In diesem Augenblick ließ der König alle Männer -zur Toilette des Dauphin gehen, dem Seine Majestät das Hemd reichte. -Als beide Zeremonien beendet waren, kehrte jedermann wieder ins -Schlafzimmer der Frau Kronprinzessin zurück. Sie war in der Nachthaube -und in ziemlicher Verlegenheit, aber weniger wie der Dauphin. Als sie -im Bett lagen, zog man die Vorhänge zurück und <em class="gesperrt">jedermann betrachtete -die beiden einige Zeit lang</em>.«</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im 17. Jahrhundert stand das Bett ziemlich in der Mitte des Zimmers und -hatte infolgedessen rechts und links je einen freien Raum, eine Gasse, -von ungefähr gleicher Breite. Aber während die eine, etwas<span class="pagenum"><a id="Seite_275"></a>[S. 275]</span> schmälere, -für intim galt, war die etwas breitere die <em class="gesperrt">offizielle</em>. Einst -spielte König Heinrich IV., durch Gicht ans Bett gefesselt, mit -Bassompierre, der uns die Geschichte erzählt (Mémoires ed. Chantérac -T. I, p. 218), Würfel, und zwar saß er in der kleinen Gasse, während -die große für eventuelle Besuche frei blieb. Da kam Mme. d’Angoulême. -Der König drehte sich sofort herum und empfing die Herzogin »<em class="gesperrt">auf der -andern Seite des Bettes</em>«.</p> - -<p>Selbst die königlichen Prinzessinnen mußten, wenn sie am Bett Ludwigs -XIV. vorbeigingen, es durch eine <em class="gesperrt">tiefe Verbeugung</em> grüßen. Auch -bei der Königin grüßten die Damen das Bett.<a id="FNAnker_248" href="#Fussnote_248" class="fnanchor">[248]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im ausgehenden 15. Jahrhundert war der Gebrauch des -<em class="gesperrt">Taschentuches</em> nicht allgemein verbreitet. Man konnte sich mit -der Hand schneuzen – das erlaubten sogar die Sittenlehrer – nur mußte -es die <em class="gesperrt">linke Hand</em> sein, da man mit der rechten bei Tisch das -Fleisch aß! Bediente man sich aber der Linken, dann konnte man ruhig -seine Finger zur Reinigung benutzen.</p> - -<p>Daher mußte es als geradezu verwegene Neuerung gelten, wenn Jean -Sulpice in seinem Libellus de moribus in mensa servandis vom Jahre 1545 -das Taschentuch empfiehlt und schreibt: »Wenn du dich schneuzen mußt, -dann darfst du eine solche Ausscheidung nicht mit den Fingern nehmen, -vielmehr in einem Taschentuch bergen.«</p> - -<p>Erhebend ist auch die Vorschrift, die Erasmus von Rotterdam in -seiner unter dem Titel: Civilité<span class="pagenum"><a id="Seite_276"></a>[S. 276]</span> moral des enfants im Jahre 1613 im -Französischen erschienenen, aus dem Lateinischen übersetzten Schrift -gibt. Daß der Nasenschleim entfernt werden müsse, steht bei ihm -fest: »Aber sich in seine Mütze oder an seinem Ärmel zu schneuzen -ist bäuerisch; sich am Arm oder am Ellenbogen zu schneuzen, mag den -Zuckerbäckern anstehen; sich mit der Hand zu schneuzen, wenn du sie -zufällig im gleichen Augenblick an deinen Anzug hinbringst, ist nicht -viel gesitteter. Aber die Ausscheidungen der Nase mit einem Taschentuch -aufzunehmen, indem man sich etwas von Standespersonen abwendet, ist -eine hochanständige Sache. <em class="gesperrt">Und wenn durch Zufall etwas davon zu -Boden fallen sollte, wenn man sich nämlich mit zwei Fingern schneuzt, -dann muß man sofort darauf treten.</em>«<a id="FNAnker_249" href="#Fussnote_249" class="fnanchor">[249]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Montaigne erzählt im 22. Kapitel des 1. Buches seiner Essais von einem -Edelmann, der sich noch mit seiner Hand schneuzte. Und zwar tat er das, -weil er dem Nasenschleim nicht das Privileg einräumen wollte, in feiner -Wäsche aufgenommen und sorgfältig eingesteckt zu werden. Er hielt es -für viel verständiger, sich dieser Unreinlichkeit zu entledigen, wo es -gerade sei. Und Montaigne pflichtete ihm bei!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Noch im 17. Jahrhundert war der Gebrauch des Taschentuches so wenig -absolutes Erfordernis des wohlerzogenen Mannes, daß selbst ein großer -Herr<span class="pagenum"><a id="Seite_277"></a>[S. 277]</span> sich der Finger bedienen durfte. Eines Tages sah Hauterive de -l’Aubespine, ein Edelmann von hohem Range, die Blüte Frankreichs bei -sich, darunter den berühmten Turenne. Als während des Mahles Hauterive -sich schneuzen mußte, <em class="gesperrt">drückte er mit dem Finger ein Nasenloch zu und -schleuderte den Inhalt des andern wie einen Pfeil gegen den Kamin</em>. -Dabei machte er ein Geräusch wie ein Pistolenschuß. Ruvigny rief bei -dieser Detonation zum großen Gaudium der andern aus: »Mein Herr, Sie -sind doch hoffentlich nicht verwundet?«</p> - -<p>De la Mésangère schrieb im Jahre 1797 über dieses nicht sehr -appetitliche Thema: »Vor einigen Jahren machte man eine Kunst daraus, -sich zu schneuzen. Der eine ahmte den Trompetenton nach, der andere das -Schnurren der Katze. Der Gipfel der Vollendung bestand darin, weder zu -viel noch zu wenig Geräusch zu verursachen.«<a id="FNAnker_250" href="#Fussnote_250" class="fnanchor">[250]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Einen Einblick in das höfische Zeremoniell gewährt uns die -Kammerordnung Herzog Wilhelms V. (dankt 1595 ab, † 1626) von Bayern -vom Jahre 1589. Dieser fromme, ja asketische Monarch bestimmt: »Alß -wir unß dann anzuclaiden wellen anfangen und die Camerpersohnen -darzue verordent werden, sollen die Camerer die Rekh und Mentl in der -Vorcamer von sich legen und also eingenestlet in den Goldern (Kollern) -oder Rekhlen mit anhangenden Iren Rapieren und seittenwähren zu uns -hineingehen und nach vorgehender reverentz on alle Dif(f)erenz und -forgang, wie bißhero geschehen, sondern vertraulich<span class="pagenum"><a id="Seite_278"></a>[S. 278]</span> under einander -zu dienen anfachen. Wir verordnen es dann in dieser Instruction oder -ordnung in nachvolgendem anderst, hat es seinen Weg; Nemblich es soll -unser Oberst Camerer oder in seinem abwesen der von uns verordnet -verwalter und, so der kheiner vorhanden, allzeit dem Dienst nach der -öltist oder auch ain anderer Camerer das Schlafhemet von uns empfahen -und alßbaldt unser Leibbarbierer oder in seinem abwesen ainer aus den -Camerdienern unsern Leib mit Tüechern reiben und abstreichen, dieweil -uns der Oberst Camerer den Camb raichen, damit wir uns selbs daß Haar -und Parth khemen, alß dann unser Obrist Camerer das hemet von dem -Camerdiener nemmen und unß solchcs sowol als hernach den Prustfleckh -und gestrickht hemetgeben. Volgents solle uns ainer aus den Camerern -die Leinen sockhen und dariber die Hosen, schuech und Pantofel, deren -Ime die Camerdiener indifferenter ains nach dem andern raichen sollen, -anlegen. Auf dasselb soll uns das Tuech, so wir zu dem hendwaschen fir -unß zu braitten pflegen, gegeben werden und daruf aus unsern Camerern -ainer daß Peckhen und khandlen und der ander daß Mundtwasser nemmen und -mit vorgehender Credentz daß Wasser, der Obrist oder anderer Camerer -aber das Tuech zum Trinckhen raichen, welche alßdan nach verrichtem -handwaschen daß handt- und Mundtwasser auszeschitten und das Peckhe(n) -wiederumben zu seubern wie auch bemelte Tüecher dem Camerdiener -zuestellen sollen. Also solle uns hernach unser oberster Camerer daß -Wames raichen, uns anlegen und aus den Camerern ainer den Nachtrockh -von uns nemmen, aus unsern Camerdienern ainem<span class="pagenum"><a id="Seite_279"></a>[S. 279]</span> zuestellen und je zween -von den Camerern uns einnesteln und alsoforth ganz und gar ankhlaiden -und, so offt es auch von nothen, die seitenwehr, Pareth oder Gurt und -gulden flüß (Goldenes Vließ) geben.</p> - -<p>Der Leibbarbierer sollr, da wir es begern, dem obristen Camerer, mit -ainem Haubttuech verdeckht, daß Zanpulfer und Handsaiffen langen, -derselb uns solches auf vorgehende Credenzung zu gebrauchen raichen und -Ime, Barbierer, hernach wider zuestellen.</p> - -<p>Wenn wir dann auß unser Camer in die Vorcamer gleich alßbalden gehen, -so sollen uns unsere Camerer alle vor(–), die Oberst Camerer aber -strackhs volgen und nachgehen, uns zue und von der khurchen biß zu der -Tafel belaitten. Da wir auch die Wöhr im Zimer nit wurden anhengen, -solle sy der Obrist Camerer uns und sonst niemandts nachtragen.«<a id="FNAnker_251" href="#Fussnote_251" class="fnanchor">[251]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In dieser umständlichen Art sind auch die andern Dienste, der bei der -Tafel, beim Auskleiden etc. festgesetzt. Interessant ist aber diese -Stelle nicht nur wegen ihrer zeremoniösen Umständlichkeit, die den -spanischen Einfluß deutlich verrät und sich wesentlich vom Brauch der -andern damaligen deutschen Höfe unterscheidet, auch nicht allein, -weil sie uns Gelegenheit bietet, die Toilette des Fürsten genau zu -verfolgen, sondern besonders deshalb, weil sie lehrt, <em class="gesperrt">daß man sich -damals nicht wusch</em>! Nur Hände und Zähne kommen mit dem Wasser -in Berührung. Das andere wird schlecht und recht durch Abreiben mit -Tüchern ersetzt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_280"></a>[S. 280]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Madame Campan erzählt in ihren berühmten Memoiren folgende Geschichte, -die die unglückliche Marie Antoinette zum Gegenstand hat:</p> - -<p>Das Ankleiden der Prinzessin war ein Meisterwerk der Etikette. Hier -war alles vorgeschrieben... Wenn eine Prinzessin der königlichen -Familie beim Ankleiden der Königin zugegen war, mußte die Ehrendame -ihr ihre Funktionen abtreten. Aber sie zedierte sie nicht direkt -den Prinzessinnen von Geblüt; in diesem Falle gab die Ehrendame das -Hemd der ersten Kammerfrau zurück, die es der Prinzessin von Geblüt -überreichte. Jede dieser Damen beobachtete skrupulös diese Gebräuche -als Bestandteile ihrer Rechte bildend.</p> - -<p>An einem Wintertage ereignete es sich, daß die Königin, bereits ganz -entkleidet, im Begriffe war, ihr Hemd anzuziehen. Ich hielt es ganz -entfaltet. Die Ehrendame tritt ein, beeilt sich, ihre Handschuhe -auszuziehen und nimmt das Hemd. Es klopft leise an die Tür, man öffnet: -es ist die Frau Herzogin von Orléans; ihre Handschuhe sind ausgezogen, -sie tritt vor, um das Hemd zu nehmen, aber die Ehrendame darf es ihr -nicht reichen; sie gibt es mir zurück, ich gebe es der Prinzessin. Es -klopft neuerdings: es ist Madame, Gräfin von der Provence; die Herzogin -von Orléans überreicht ihr das Hemd. Die Königin hielt ihre Arme über -der Brust gekreuzt und schien zu frieren. Madame sieht ihre peinliche -Haltung, wirft nur ihr Taschentuch fort, behält die Handschuhe an und -bringt, indem sie ihr das Hemd überstreift, die Haare der Königin in -Unordnung. Diese lächelt, um ihre Ungeduld zu bemänteln, aber erst, -nachdem<span class="pagenum"><a id="Seite_281"></a>[S. 281]</span> sie mehrmals zwischen den Zähnen gemurmelt hatte: »Das ist -scheußlich. Welche Belästigung.«<a id="FNAnker_252" href="#Fussnote_252" class="fnanchor">[252]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">In der Vergangenheit trauerte das ganze Land um den Tod des -Landesfürsten</em>, und zwar in Frankreich <em class="gesperrt">ein volles Jahr lang</em>. -Die ganze Nation ging schwarz. Kein Bürger, mag er in noch so -beschränkten Verhältnissen gelebt haben, der nicht Trauerkleidung -getragen, auf Schmuck verzichtet und seine Familie und Dienstboten zum -mindesten in dunkle Gewandung gesteckt hätte. Allerdings erhielten die -Angestellten des Hofes – ein Begriff, der außerordentlich weit gefaßt -wurde – von diesem die Trauerkleidung geliefert. Es genügte aber -nicht, für die eigenen Fürsten Trauer anzulegen, <em class="gesperrt">man trug in Paris -Trauer um jeden europäischen Fürsten</em>.</p> - -<p>Da die lange Hoftrauer so drückend, besonders von der Luxusindustrie, -empfunden wurde, reduzierte eine königliche Ordonnanze vom 23. Juni -1716 ihre Dauer auf ein halbes Jahr. Natürlich gab es über die Art -ihrer Ausführung die genauesten Vorschriften.</p> - -<p>Übrigens war auch die Privattrauer – die ersten Zeugnisse, daß -die Trauer überhaupt äußerlich kenntlich gemacht wurde, gehen in -Frankreich nicht weiter, als zum Beginn des 14. Jahrhunderts zurück -– außerordentlich riguros. Aliénor de Poitiers, eine große Dame, die -zwischen 1484 und 1491 »Les honneurs de la Cour« schrieb, ein Buch, -in dem die genauesten Details über Fragen der Etikette sich finden, -erzählt, daß ihre Standesgenossinnen beim Tode der Eltern neun Tage -lang auf ihrem Bett sitzen<span class="pagenum"><a id="Seite_282"></a>[S. 282]</span> mußten, zugedeckt mit blauem Tuche. Das -Zimmer aber mußten sie sechs Wochen hüten. Bei dieser großen Trauer um -Gatten oder Eltern durfte man auch weder Ringe noch Handschuhe tragen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Nach dem Tode des Herzogs von Bourbon im Jahre 1456 blieb seine -Tochter, Frau von Charolais, nicht weniger als sechs Wochen in ihrem -Zimmer, und zwar auf einem mit weißem Tuche überzogenen Bett liegend. -Das Zimmer aber war ganz mit schwarzem Tuch ausgeschlagen, und schwarze -Tücher vertraten auch die Stelle von Teppichen. Davor aber war ein -großes Gemach ebenso hergerichtet. Übrigens lag sie, wenn sie allein -war, weder immer, noch blieb sie stets im gleichen Zimmer. 40 Tage -Stubenarrest nach dem Tode des Gatten war so gebräuchlich, daß ein -Jahrhundert später Katharina von Medici fast getadelt wird, als sie -sich nicht fügte.</p> - -<p>Die Witwe mußte ihre Trauerkleidung immer tragen, es sei denn, sie -verheiratete sich wieder, was selten genug vorkam, schon weil die -Kirche es nicht gern sah. Übrigens war diese Witwentracht schwarz oder -grau, zu Beginn des 16. Jahrhunderts und im 17. weiß, ebenso weiß bei -Königinnen noch im 18. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert mußten die -Witwen ihre Haare zwei Jahre lang verbergen und nur mit einem bis zu -den Füßen reichenden Schleier ausgehen.</p> - -<p>Heinrich III. von Frankreich trug nach dem Tode der Marie von Kleve an -seiner ausnahmsweise schwarzen<span class="pagenum"><a id="Seite_283"></a>[S. 283]</span> Kleidung silberne Tränen, Totenköpfe -und ähnliche Embleme. Nach dem frühen Tode Karls VIII. 1498 trug Anna -von Bretagne um ihn, abweichend vom königlichen Brauch, schwarze -Trauer. Neun Monate nach seinem Tode hatte sie sich aber durch die Ehe -mit Ludwig XII. getröstet. Als sie starb, trauerte ihr zweiter Gatte -auch schwarz um sie und ließ keinen Gesandten vor, der nicht schwarz -gekleidet war. Auch er heiratete neun Monate später wieder. Regel war, -daß die Könige in Violett trauerten, sogar noch im 18. Jahrhundert, -noch Napoleon hielt den Brauch aufrecht. Brantôme sagte ausdrücklich, -daß Maria Stuart weiß trauerte, also sich dem Brauch fügte. Noch heute -heißt ein Zimmer im Hotel Cluny »Zimmer der weißen Königin«, weil Marie -von England, die junge Witwe Ludwigs XII., sich dorthin zurückgezogen -hatte.<a id="FNAnker_253" href="#Fussnote_253" class="fnanchor">[253]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Über die Volkssitten, die im Jahre der Entdeckung Amerikas im -bischöflichen Brixen herrschten, unterrichtet uns ein gleichzeitiger -venetianischer Reisebericht. »Hier verbrachten wir den Rest des -Feiertages (Fronleichnam) und nahmen wahr, daß die Einwohner sich in -ihren Häusern sehr vergnügten, indem sie, das Haupt mit Eichen- oder -Efeuguirlanden geschmückt, mit den Frauen zum Klange der Querpfeife -tanzten. Danach führte jeder seine Dame zu einem Sitz, wobei er sie -<em class="gesperrt">mit sehr großer Ausgelassenheit umarmte und herzte</em>. Auch einige -junge Venezianer Edelleute aus der Begleitung der Gesandten versuchten -mit den hübschesten Damen<span class="pagenum"><a id="Seite_284"></a>[S. 284]</span> zum Zeichen ihres Wohlgefallens auf dem -Balle zu tanzen. In Brixen herrscht überhaupt ein ausgelassener -Ton, denn <em class="gesperrt">auf den Straßen ist es</em> – und zwar nicht bloß -den Einheimischen, sondern auch den Fremden – <em class="gesperrt">erlaubt, junge -Damen anzufassen und zu berühren und ihnen Liebenswürdigkeiten zu -sagen</em>.«<a id="FNAnker_254" href="#Fussnote_254" class="fnanchor">[254]</a></p> - -<p>Also ein Seitenstück zu dem aus dem 1. Bande bekannten Bericht des -Bracciolini aus den Bädern in der Schweiz! Nur daß es hier wenigstens -äußerlich trockener war.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Von den Sitten in Venedig, das Keyßler 1730 besuchte, erzählt er:</p> - -<p>»Eine Maitresse zu halten, wird einigermaßen für ein unabsonderliches -Recht eines Edelmannes gehalten: und wenn einer durch seine Armuth -verhindert ist, für sich allein eine Beyschläferin zu unterhalten; -<em class="gesperrt">so tritt er mit drey oder vier Mannspersonen in eine Gesellschaft, -um einander die gemeinschaftlichen Unkosten ertragen zu helfen</em>. -Jeder begnüget sich alsdann mit denen vierundzwanzig Stunden, welche -der Reihe nach an ihn kommen: und wenn des Morgens der eine seinen -Schlafrock, Schlafmütze und Pantoffeln aus dem Hause der Curtisane -abholen läßt, so nimmt um eben solche Zeit das in der Ordnung folgende -Mitglied der loblichen Gesellschaft, durch Uebersendung von dergleichen -Equipage Besitz von seiner Statthalterschaft. Die Wollüste gehen in -Venedig so weit, und die daraus<span class="pagenum"><a id="Seite_285"></a>[S. 285]</span> entstehende garstigen Krankheiten sind -so gemein, daß man kaum der Mühe werth achtet, sich von etlichen Arten -curiren zu lassen.«<a id="FNAnker_255" href="#Fussnote_255" class="fnanchor">[255]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Am Cirknizer See hatten im 18. Jahrhundert die Bauern das Recht zu -fischen. »es läuft aber alsdann bey der Fischerey alles ohne Scham -unter einander, Manns- und Weibspersonen, wie sie auf die Welt -kommen. Die Obrigkeit und Clerisey hat etliche mal gesucht, solche -Gewohnheit abzubringen, <em class="gesperrt">vornehmlich wegen der jungen Mönche in den -zur Fischerey berechtigten Klöstern, welche sich allsdann nicht gern -in ihren vier Mauern eingeschlossen wollen halten lassen</em>, sondern -desto mehr begierig sind, einer Augenweide zu genießen, je seltener -und verbothener ihnen solche ist; allein man hat es noch nicht dazu -bringen können, daß beydes Geschlecht auch nur in leichter Kleidung -dabei erschienen wäre. Wahr ist es, daß dieses gemeine Volk kein -Arges daraus machet, und keine Versuchung von einer Sache empfindet, -die ihnen ganz gewöhnlich ist; man höret auch nicht, daß bei solcher -Gelegenheit mehr Böses vorgehe, als bey andern, wo man noch so wohl -mit Kleydungen bedeckt ist; allein die fremden Anwesende bekommen -Gelegenheit zu manchem üppigen Gelächter und vielerlei Anmerkungen; den -Mönchen gereichet in solcher Materie ein geringer Anblick zur starken -Versuchung, und obgleich das hiesige weibliche Geschlecht von gemeinem -Stande ihrer Schönheit nach nicht so beschaffen ist, daß es in manchen -andern Ländern<span class="pagenum"><a id="Seite_286"></a>[S. 286]</span> große Liebesgluten entzünden könnte, so ist doch -bisweilen das häßliche nicht unangenehm, wo man von nichts schönerem -weis.«<a id="FNAnker_256" href="#Fussnote_256" class="fnanchor">[256]</a></p> - -<p>Bezeichnend ist hierbei, daß die biederen Landbewohner so wenig wie die -Eingeborenen der Tropen erotischen Wallungen ausgesetzt sind, wohl aber -die Erbpächter der Sittlichkeit, der Klerus.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In den Bädern in Ofen war man damals auch nicht prüde: »In dem -mittelsten großen Raume dieser Bäder befindet sich beyderley Geschlecht -untereinander, und ist das Mannsvolk nur mit einer Schürze, und -die Weibspersonen mit einem Vorhemde einigermaßen bedeckt. In dem -Raizenbade hält das gemeine Volk sogar dieses wenige für überflüssige -Ceremonien.«</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_287"></a>[S. 287]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Anmerkungen">Anmerkungen</h2> - -</div> - -<h3 id="Literatur_Erster_Abschnitt"><em class="gesperrt">Erster Abschnitt.</em> -(<a href="#Erster_Abschnitt">S. 1 ff.</a>)</h3> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Abb. im Jahrbuch des kais. Archäologischen Instituts Bd. -XXIV (1909), 2. Heft, S. 93.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Vgl. Rhousopoulos im Archiv f. d. Gesch. der -Naturwissenschaften u. d. Technik I, S. 288–291.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Darmstädter, Handbuch f. d. Gesch. der Naturwissenschaften -u. d. Technik, S. 14.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Beil. d. Münchner Allgem. Ztg. 1902, Nr. 213. Die -wertvollen Aufsätze von Wagler in Nr. 219 und 220 des gleichen -Jahrgangs, sowie in Nr. 162 f. und 171 f. des Jahres 1904 sind in -diesem Abschnitt verwertet worden.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Alfred Gudeman, Grundriß der Gesch. d. klassischen -Philologie, 2. Aufl., S. 60, Anm. 2.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> R. Lehmann-Nitsche, Beiträge zur prähistorischen Chirurgie -nach Funden aus deutscher Vorzeit. Diss. Buenos Aires 1898.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Vgl. Friedländer, Sittengeschichte Roms III, 6. Aufl., S. -620, Anm. 6.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Außer Wagler vgl. H. Stadler, Neue Jahrbücher f. d. -klassische Altertum XXVI. Bd. (1910), S. 146 ff., sowie Friedländer -a. a. O., I. Bd., S. 360 ff. und 510 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> A. Schulz, Höfisches Leben, I, S. 157.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Nach A. Harnack, Block aus der ältesten -Kirchengeschichte, in Gebhardt &. Harnack, Texte zur Gesch. d. -altchristlichen Literatur, 8. Bd., 1892.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Meyers Konversationslexikon, 6. Aufl., 16. Bd., S. 629.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Vgl. Beil. z. Münchner Allgem. Ztg. 1903, Nr. 267.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> E. Huber, Altbabylonische Darlehenstexte in Hilprechts -Anniversary Volume 1909, S. 189 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Harnack a. a. O. S. 104.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_288"></a>[S. 288]</span></p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Zweiter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Zweiter Abschnitt.</em> -(<a href="#Zweiter_Abschnitt">S. 18 ff.</a>)</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Vorstehendes zitiert nach W. G. Tennemann, Geschichte der -Philosophie, VIII. Bd., 1. Hälfte (1810), S. 236 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Zitiert nach G. Kaufmann, Geschichte d. deutschen -Universitäten im Mittelalter, 2. Bd., S. 485, Anm.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> L. Löwenfeld, »Über die Dummheit«, S. 198.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> S. Merkle, Die katholische Beurteilung des -Aufklärungszeitalters, 1909, S. 13 f. und Anm. 19 S. 81 f. Es sei -ausdrücklich bemerkt, daß mir die Gegenschrift von Ad. Rösch, Ein -neuer Historiker der Aufklärung, 1910 (S. 114 ff., II. Abschnitt, -Anm. 3) bekannt ist. Interessenten für die rabies theologorum und -Froschmäusekriege sei dieses Pamphlet wärmstens empfohlen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> Vgl. A. Roquette, Zur Frage der Autorschaft älterer -Dissertationen im Zentralblatt für Bibliothekwesen IV (1887), S. 335 -ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Vgl. Allgemeine deutsche Biographie, 2. Bd., S. 399. Carl -Hepp hat in seiner Dichtung »Renate«, Stuttgart 1890, die Geschichte -besungen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Fr. Hellwald, Culturgeschichte in ihrer natürlichen -Entwicklung, 1. Aufl., S. 618 f. und Anm. 620.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> H. Chamberlain, Grundlagen des 19. Jahrhunderts, II. Bd., -4. Aufl., S. 675, Anmerkung 1.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> Beilage zur Münchner Allgem. Ztg. 1907, Nr. 119, S. 360.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Türmer, 11. Jahrg., 1. Bd., S. 191 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Historische Vierteljahrsschrift 1909, 1. Heft, S. 160.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Dritter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Dritter Abschnitt.</em> -(<a href="#Dritter_Abschnitt">S. 37 ff.</a>)</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> Ferdinand Rosenberger, Geschichte der Physik, wo -auch stets die Quellen angegeben sind; einige Daten wurden aus den -bekanntesten Nachschlagewerken ergänzt. II. Bd., S. 18 f., 61 u. 87.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> Eb. I, S. 134.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> Eb. I, S. 135.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> Eb. I, S. 124.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_30" href="#FNAnker_30" class="label">[30]</a> Eb. II, S. 238 und II, S. 217.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_31" href="#FNAnker_31" class="label">[31]</a> Eb. II., S. 239 und 242.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_32" href="#FNAnker_32" class="label">[32]</a> Eb. II, S. 245 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_33" href="#FNAnker_33" class="label">[33]</a> Eb. II, S. 185 und 235.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_34" href="#FNAnker_34" class="label">[34]</a> Eb. III. Bd., S. 145 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_35" href="#FNAnker_35" class="label">[35]</a> Eb. III. Bd., S. 187 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_36" href="#FNAnker_36" class="label">[36]</a> Eb. III. Bd., S. 191.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_37" href="#FNAnker_37" class="label">[37]</a> Eb. III. Bd., S. 206 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_38" href="#FNAnker_38" class="label">[38]</a> Eb. III. Bd., S. 228 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_39" href="#FNAnker_39" class="label">[39]</a> Eb. III. Bd., S. 243.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_40" href="#FNAnker_40" class="label">[40]</a> Eb. III. Bd., S. 295 u. 298.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_41" href="#FNAnker_41" class="label">[41]</a> Eb. II. Bd., S. 342 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_42" href="#FNAnker_42" class="label">[42]</a> Eb. III. Bd., S. 60 ff.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_289"></a>[S. 289]</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_43" href="#FNAnker_43" class="label">[43]</a> Eb. III. Bd., S. 98 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_44" href="#FNAnker_44" class="label">[44]</a> Eb. III. Bd., S. 61 Anm., und S. 124 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_45" href="#FNAnker_45" class="label">[45]</a> Eb. II. Bd., S. 287.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_46" href="#FNAnker_46" class="label">[46]</a> Eb. II. Bd., S. 268 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_47" href="#FNAnker_47" class="label">[47]</a> Eb. II. Bd., S. 265.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_48" href="#FNAnker_48" class="label">[48]</a> Vgl. Allgem. deutsche Biographie, XXVIII. Bd., S. 114, -und Kramartsch, Geschichte der Technologie.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_49" href="#FNAnker_49" class="label">[49]</a> Die vier letzten Daten nach W. Schneider, Der neue -Geisterglaube, 1882, S. 261 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_50" href="#FNAnker_50" class="label">[50]</a> Otto Rabe, in der Beil. d. Münch. Neuesten Nachr. 1908, -I, S. 121 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_51" href="#FNAnker_51" class="label">[51]</a> Nach gütiger Mitteilung des Herrn Baurat C. Guillery in -Pasing, eines alten Schülers.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_52" href="#FNAnker_52" class="label">[52]</a> August Hirsch, Geschichte der medizinischen -Wissenschaften (1893), S. 308 ff. und 561.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_53" href="#FNAnker_53" class="label">[53]</a> Hirsch, S. 561, und Neuburger und Pargel, Handbuch der -Geschichte der Medizin, II. Bd. (1903). S. 607 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_54" href="#FNAnker_54" class="label">[54]</a> Neuburger und Pargel, II. Bd., S. 109 ff. u. 723 ff., und -Hirsch, Gesch. d. Medizin, S. 469 ff. u. 476 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_55" href="#FNAnker_55" class="label">[55]</a> Camille Flammarion, Unbekannte Naturkräfte, S. 250–279.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_56" href="#FNAnker_56" class="label">[56]</a> Freies Wort, 1909, IX, S. 639 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_57" href="#FNAnker_57" class="label">[57]</a> Beil. der Münch. Allgem. Ztg. 1907, Nr. 77.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_58" href="#FNAnker_58" class="label">[58]</a> Johannes Ranke, Der Mensch, II. Bd., S. 361 f., und K. v. -Zittel, Geschichte der Geologie und Paläontologie, S. 195 ff. u. 200 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_59" href="#FNAnker_59" class="label">[59]</a> L. Löwenfeld, Über die Dummheit, S. 210 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_60" href="#FNAnker_60" class="label">[60]</a> Zittel a. a. O. S. 175.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_61" href="#FNAnker_61" class="label">[61]</a> Carl Braun S. J., Über Kosmogenie, 3. Aufl., S. 378 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_62" href="#FNAnker_62" class="label">[62]</a> W. Schneider, Der neue Geisterglaube, 1882, S. 262.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_63" href="#FNAnker_63" class="label">[63]</a> Richard Hertwig, Beil. d. Münchner Neuesten Nachr., 1909, -Nr. 39.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_64" href="#FNAnker_64" class="label">[64]</a> Beil. d. Münchner Allgem. Ztg. 1903, Nr. 291.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_65" href="#FNAnker_65" class="label">[65]</a> Wissenschaftliche Abhandlungen, Leipzig 1882, I, S. 74.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_66" href="#FNAnker_66" class="label">[66]</a> W. Schneider, Geisterglaube, S. 262.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_67" href="#FNAnker_67" class="label">[67]</a> Th. Benfey, Geschichte der Sprachwissenschaft, S. 729.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_68" href="#FNAnker_68" class="label">[68]</a> Zur Wünschelrute vgl. Wolff Hemhard v. Hoberg »Georgica -curiosa aucta, d. i. umständlicher und klarer Unterricht von dem -adelichen Land- und Feld-Leben«, Nürnberg 1687, 112. Kapitel des 1. -Buches »Von Bergwerken und von der Wünsch-Ruth«. Ferner: »Kosmos« III -(1906), S. 203. H. Ehlert im Technischen Gemeindeblatt VIII (1906), -S. 296 ff., ferner im »Journal für Gasbeleuchtung« 1905, S. 1090 ff., -ferner eb. 1906, 49. Bd., S. 71 ff., 198, 229 ff., 403 ff. u. 727 -ff. Die Versuche Aigners sind wiederholt in den Münchner Neuesten -Nachrichten beschrieben, z. B. in Nr. 414 1909 und 1910 in Nr. 103.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_69" href="#FNAnker_69" class="label">[69]</a> Otto Jahn, W. A. Mozart, IV, S. 320.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_70" href="#FNAnker_70" class="label">[70]</a> Eb. IV, S. 367. Dies und das folgende zitiert auch -Heinrich Schwartz. »Das Ende der Tonkunst«, Münchner Neueste Nachr. -1909, Nr. 254 u. 256.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_71" href="#FNAnker_71" class="label">[71]</a> Schindler, Biographie von Ludwig van Beethoven.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_72" href="#FNAnker_72" class="label">[72]</a> Kreißle von Hellborn, Franz Schubert.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_290"></a>[S. 290]</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_73" href="#FNAnker_73" class="label">[73]</a> Nach dem Leipziger Kalender 1904.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_74" href="#FNAnker_74" class="label">[74]</a> Zusammengestellt von Carl Frey, »Wartburg« I, 1902, S. -186 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_75" href="#FNAnker_75" class="label">[75]</a> Heinrich Heine 1906.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Vierter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Vierter Abschnitt.</em> -(<a href="#Vierter_Abschnitt">S. 84 ff.</a>)</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_76" href="#FNAnker_76" class="label">[76]</a> Ferdinand Rosenberger, Geschichte der Physik, 2. Bd., S. -142 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_77" href="#FNAnker_77" class="label">[77]</a> Eb. 1. Bd., S. 130 ff., und M. Cantor, Vorlesungen über -Geschichte der Mathematik, 2. Bd.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_78" href="#FNAnker_78" class="label">[78]</a> Rosenberger I, S. 133.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_79" href="#FNAnker_79" class="label">[79]</a> Eb. I, S. 139 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_80" href="#FNAnker_80" class="label">[80]</a> Julius Sachs, Geschichte der Botanik, S. 514 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_81" href="#FNAnker_81" class="label">[71]</a> Umschau XIV (1910), S. 76 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_82" href="#FNAnker_82" class="label">[82]</a> Rosenberger II, S. 139 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_83" href="#FNAnker_83" class="label">[83]</a> Eb. II. S. 267.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_84" href="#FNAnker_84" class="label">[84]</a> Eb. II. S. 293.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_85" href="#FNAnker_85" class="label">[85]</a> Eb. II, S. 312 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_86" href="#FNAnker_86" class="label">[86]</a> R. Hennig, Die angebliche Kenntnis der Blitzableiters vor -Franklin im Archiv für die Geschichte der Naturwissenschaften und der -Technik, II. Bd., S. 131.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_87" href="#FNAnker_87" class="label">[87]</a> Rosenberger III, S. 75 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_88" href="#FNAnker_88" class="label">[88]</a> Eb. III, S. 147 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_89" href="#FNAnker_89" class="label">[89]</a> Eb. III, S. 178.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_90" href="#FNAnker_90" class="label">[90]</a> Eb. III, S. 189.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_91" href="#FNAnker_91" class="label">[91]</a> Henry G. Parker in der Chemiker-Zeitung. Zitiert nach der -Beil. d. M. Allgem. Ztg. 1908, I, S. 168.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_92" href="#FNAnker_92" class="label">[92]</a> Rosenberger III. S. 201 und 204 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_93" href="#FNAnker_93" class="label">[93]</a> Eb. III, S. 122 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_94" href="#FNAnker_94" class="label">[94]</a> Eb. III. S. 125 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_95" href="#FNAnker_95" class="label">[95]</a> Eb. III, S. 208 und 228 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_96" href="#FNAnker_96" class="label">[96]</a> Eb. III, S. 273.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_97" href="#FNAnker_97" class="label">[97]</a> Eb. III, S. 243.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_98" href="#FNAnker_98" class="label">[98]</a> Eb. III. S. 247.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_99" href="#FNAnker_99" class="label">[99]</a> Eb. III, S. 332 und 352.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_100" href="#FNAnker_100" class="label">[100]</a> Eb. III, S. 356, 561 und 407.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_101" href="#FNAnker_101" class="label">[101]</a> Eb. III, S. 362.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_102" href="#FNAnker_102" class="label">[102]</a> Zittel, Geschichte der Geologie und Paläontologie, S. -65.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_103" href="#FNAnker_103" class="label">[103]</a> Eb. S. 95, 99 und 289.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_104" href="#FNAnker_104" class="label">[104]</a> E. Schutze i. d. wissenschaftl. Rundschau der Münchner -Neuesten Nachr. 1909. Nr. 579.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_105" href="#FNAnker_105" class="label">[105]</a> Karmarsch, Geschichte der Technologie, S. 104.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_106" href="#FNAnker_106" class="label">[106]</a> Vgl. Morses Biographie von Trownbridge, Boston 1901.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_107" href="#FNAnker_107" class="label">[107]</a> Beil. der Münchner Allgem. Ztg. 1905, Nr. 64.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_108" href="#FNAnker_108" class="label">[108]</a> Beil. d. Münchner Neuesten Nachr. 1908, I. S. 480.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_109" href="#FNAnker_109" class="label">[109]</a> Archiv für die Gesch. der Naturwissenschaften u. d. -Technik I (1909), S. 146.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_110" href="#FNAnker_110" class="label">[110]</a> Rosenberger III, S. 792 f. und Allgemeine deutsche -Biographie, 28. Bd., Artikel Reis.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_111" href="#FNAnker_111" class="label">[111]</a> Felix Auerbach, Das Zeißwerk, Jena 1903, S. 4–9.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_112" href="#FNAnker_112" class="label">[112]</a> Vgl. Süddeutsche Monatshefte 1908, Märzheft, u. Allgem. -deutsche Biographie, 5. Bd., Artikel Drais.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_113" href="#FNAnker_113" class="label">[113]</a> Rich. Hertwig in der Beil. d. Münch. Neuesten Nachr. -1909. Nr. 38.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_114" href="#FNAnker_114" class="label">[114]</a> Beil. d. Münch. Allgem. Ztg. 1905, Nr. 44.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_291"></a>[S. 291]</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_115" href="#FNAnker_115" class="label">[115]</a> Th. Benfey, Gesch. der Sprachwissenschaft S. 346.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_116" href="#FNAnker_116" class="label">[116]</a> Eb. S. 348.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_117" href="#FNAnker_117" class="label">[117]</a> Allgem. deutsche Biographie, 9. Bd., S. 763 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_118" href="#FNAnker_118" class="label">[118]</a> Th. Benfey, S. 729 (ergänzt). Es handelt sich hier nur -um eine Ergänzung der in meinen »Dingen, die man nicht sagt«, S. 68 ff. -genannten Namen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_119" href="#FNAnker_119" class="label">[119]</a> Georg Kaufmann, Geschichte der deutschen Universität im -Mittelalter, 2. Bd., S. 481 f.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Fuenfter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Fünfter Abschnitt.</em> -(<a href="#Fuenfter_Abschnitt">S. 113 ff.</a>)</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_120" href="#FNAnker_120" class="label">[120]</a> Georg Kaufmann, Geschichte der deutschen Universitäten, -2. Bd., S. 180 ff. und 415.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_121" href="#FNAnker_121" class="label">[121]</a> Zeitvertreiber, S. 87, zitiert nach A. Schultz, Das -häusliche Leben im Mittelalter, S. 214. »Curiositäten«, 2. Bd. (1810), -S. 253.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_122" href="#FNAnker_122" class="label">[122]</a> Danach berichtet Misson in seiner Reise durch Italien, -S. 169 und 178 dasselbe.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_123" href="#FNAnker_123" class="label">[123]</a> Kaufmann, 2. Bd., S. 220 und 377.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_124" href="#FNAnker_124" class="label">[124]</a> Eb. II, S. 451 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_125" href="#FNAnker_125" class="label">[125]</a> Eb. II, S. 317 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_126" href="#FNAnker_126" class="label">[126]</a> Eb. II, S. 446.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_127" href="#FNAnker_127" class="label">[127]</a> Beil. d. Münchn. Allgem. Ztg. 1905, Nr. 173.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_128" href="#FNAnker_128" class="label">[128]</a> Kaufmann II, S. 219.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_129" href="#FNAnker_129" class="label">[129]</a> Eb. 2. Bd., S. 354–363.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_130" href="#FNAnker_130" class="label">[130]</a> Ferd. Rosenberger, Geschichte der Physik, 1. Bd., S. -124.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_131" href="#FNAnker_131" class="label">[131]</a> Kaufmann 2. Bd., S. 477 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_132" href="#FNAnker_132" class="label">[132]</a> H. Witte im Jahrbuch für Schweizerische Geschichte, IX. -Bd. (1886), S. 264 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_133" href="#FNAnker_133" class="label">[133]</a> Abgedruckt von Joh. Voigt, »Herzog Albrecht von Preußen« -in Raumers »Historischem Taschenbuch«, 2. Jhg., 1831, S. 284 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_134" href="#FNAnker_134" class="label">[134]</a> Allerneueste Nachricht S. 655 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_135" href="#FNAnker_135" class="label">[135]</a> Nach Friedr. Eisner, Das Ende des Reiches, S. 180. Zu S. -131, Z. 5 v. o.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_136" href="#FNAnker_136" class="label">[136]</a> Kaufmann II, S. 389 ff. Die Reden, gedruckt bei Zarncke, -Die deutschen Universitäten im Mittelalter, Leipzig 1857, S. 49–154.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_137" href="#FNAnker_137" class="label">[137]</a> Voigt, bei Raumer, II, S. 257.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_138" href="#FNAnker_138" class="label">[138]</a> Donat, S. J., Die Freiheit der Wissenschaft, 1910, S. -383.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_139" href="#FNAnker_139" class="label">[139]</a> Eisner, S. 177 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_140" href="#FNAnker_140" class="label">[140]</a> F. S. Sack, »Über die Verbesserung des Landschulwesens -in der Kurmark Brandenburg«, Berlin 1799. Nach Eisner.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_141" href="#FNAnker_141" class="label">[141]</a> Bassewitz, Kurmark, S. 343 ff. und Tabelle XI (nach -Eisner).</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_142" href="#FNAnker_142" class="label">[142]</a> Generalanzeiger der Münchner Neuesten Nachr. 1909, 5. -April.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_292"></a>[S. 292]</span></p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Sechster_Abschnitt"><em class="gesperrt">Sechster Abschnitt.</em> -(<a href="#Sechster_Abschnitt">S. 140 ff.</a>)</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_143" href="#FNAnker_143" class="label">[143]</a> Kurt Eisner, Das Ende des Reichs, S. 44 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_144" href="#FNAnker_144" class="label">[144]</a> Eb. S. 148 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_145" href="#FNAnker_145" class="label">[145]</a> Archenholtz, Minerva, July 1794, S. 161 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_146" href="#FNAnker_146" class="label">[146]</a> Kölnische Volkszeitung 7. Sept. 1893. Zitiert – wie das -folgende – nach Donat, Freiheit der Wissenschaft.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_147" href="#FNAnker_147" class="label">[147]</a> Staatslexikon IV, S. 550, und P. Majunke, Geschichte des -Kulturkampfes, 2. Aufl., S. 99 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_148" href="#FNAnker_148" class="label">[148]</a> Donat S. 210 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_149" href="#FNAnker_149" class="label">[149]</a> Eb. S. 213 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_150" href="#FNAnker_150" class="label">[150]</a> Deutsche Revue, 25. Bd. (1900), S. 97 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_151" href="#FNAnker_151" class="label">[151]</a> Eb. S. 217.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_152" href="#FNAnker_152" class="label">[152]</a> Keyßlers »Reisen«, Hannover 1776, 73. Brief, S. 1097.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_153" href="#FNAnker_153" class="label">[153]</a> Deutsche Revue 25. Bd. S. 218.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_154" href="#FNAnker_154" class="label">[154]</a> Zusammenstellung nach E. Stemplinger in den -»Süddeutschen Monatsheften« V, 2 (1908), S. 478 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_155" href="#FNAnker_155" class="label">[155]</a> Nach der Kölnischen Zeitung.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_156" href="#FNAnker_156" class="label">[156]</a> »März«, 3. Jhg. 4 (1909), S. 398.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_157" href="#FNAnker_157" class="label">[157]</a> Berliner Tageblatt 1910, Nr. 96.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Siebenter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Siebenter Abschnitt.</em> -(<a href="#Siebenter_Abschnitt">S. 164 ff.</a>)</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_158" href="#FNAnker_158" class="label">[158]</a> In der Vita des Johannes von Gorze, Monumenta Germaniae -Scriptores IV, p. 354, Kap. 61. Vgl. dazu und zum folgenden Joh. -Kleinpaul, Das Typische in der Personenschilderung der deutschen -Historiker des 10. Jahrhunderts. Diss. Leipzig 1897. Mon. Germ. SS.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_159" href="#FNAnker_159" class="label">[159]</a> IV, p. 588, Kap. 17.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_160" href="#FNAnker_160" class="label">[160]</a> Mon. Germ. SS. IV, p 358, Kap. 76, IV, p. 592, Kap. 23, -IV, p. 354, Kap. 64.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_161" href="#FNAnker_161" class="label">[161]</a> IV, p. 290, Kap. 10 und IV, p. 295, Kap. 17. VII, p. 336 -und SS. rer. Merov., II, p. 99.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_162" href="#FNAnker_162" class="label">[162]</a> SS. IV, p. 266, Kap. 30.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_163" href="#FNAnker_163" class="label">[163]</a> Harnack, Medizinisches aus der älteren -Kirchengeschichte, bei Gebhardt und Harnack, Texte zur Gesch. der -altchristlichen Literatur, 8, 1892, S. 63 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_164" href="#FNAnker_164" class="label">[164]</a> Mon. Germ. SS. IV, p. 391, Kap. 18 und p. 392, Kap. 22. -Eb. IV, p. 266, Kap. 30. IV, p. 359, Kap. 78 und IV, p. 354, Kap. 63.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_165" href="#FNAnker_165" class="label">[165]</a> III, p. 778, Kap. 24. III, p. 843, Kap. 18. IV, p. 417, -Kap. 75 und IV, p. 414, Kap. 27.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_166" href="#FNAnker_166" class="label">[166]</a> Alw. Schultz. Höfisches Leben, 2. Bd., S. 265, Itin. -reg. Ric. IV, 12.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_167" href="#FNAnker_167" class="label">[167]</a> Krumbacher, Beilage der Münchn. Neuesten Nachr. 1908, -Nr. 23, S. 219.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_168" href="#FNAnker_168" class="label">[168]</a> Mabillon, Annales Ordin. S. Benedicti V, p. 424 f. (nach -J. Scheible, Das Kloster, 12. Bd., S. 888 f.)</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_169" href="#FNAnker_169" class="label">[169]</a> Ferd. Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom im -Mittelalter, 3. Bd., 2. Aufl., S. 81 ff.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_293"></a>[S. 293]</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_170" href="#FNAnker_170" class="label">[170]</a> Montaigne, Journal de voyage Ed. Lautray 1906, p. 234 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_171" href="#FNAnker_171" class="label">[171]</a> Eb. p. 259 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_172" href="#FNAnker_172" class="label">[172]</a> »Reisen«. Hannover 1776. 47. Brief, S. 448 f. Das -Nächste, 62. Brief, S. 901.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_173" href="#FNAnker_173" class="label">[173]</a> Vgl. Steinhausen, Gesch. d. deutschen Kultur, S. 191, -Ed. Winkelmann in d. Jahrbüchern d. deutschen Geschichte, Philipp von -Schwaben und Otto IV. von Braunschweig, II, S. 465, und S. Riezler, -Gesch. Bayerns, V. Bd., S. 7, zu den Maranen vgl. Beil. d. Münchn. -Neuesten Nachr. 1908, I, S. 638.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_174" href="#FNAnker_174" class="label">[174]</a> Vgl. die Besprechung in den »Stimmen aus Maria Laach« -1909.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_175" href="#FNAnker_175" class="label">[175]</a> Türmer, 10. Bd., I, S. 426.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_176" href="#FNAnker_176" class="label">[176]</a> Münchner Neueste Nachr. 1909, Nr. 390.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_177" href="#FNAnker_177" class="label">[177]</a> E. Petzet, Süddeutsche Monatshefte V, 1 (1908), S. 563 -ff. S. Günther in der bayerischen Abgeordnetenkammer 25. Mai 1910.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Achter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Achter Abschnitt.</em> -(<a href="#Achter_Abschnitt">S. 186 ff.</a>)</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_178" href="#FNAnker_178" class="label">[178]</a> Obiges nach H. V. Sauerland, Urkunden und Regesten zur -Geschichte der Rheinlande 3. Bd., S. XLII ff. und XLVIII ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_179" href="#FNAnker_179" class="label">[179]</a> Eb. 4. Bd., S. XLVII f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_180" href="#FNAnker_180" class="label">[180]</a> Eb. 4. Bd., S. LIX f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_181" href="#FNAnker_181" class="label">[181]</a> Sauerland, Westdeutsche Zeitschrift, 27. Bd., 1908, S. -313 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_182" href="#FNAnker_182" class="label">[182]</a> Sauerland, Urkunden und Regesten, I. Index, 1326, Nr. -917.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_183" href="#FNAnker_183" class="label">[183]</a> Sauerland, 4. Bd., S. XXV ff. Pfründenjäger im großen -waren auch die Mitglieder der gräflichen Familie von der Mark. Vgl. eb. -S. XXXI ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_184" href="#FNAnker_184" class="label">[184]</a> Vgl. Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom im -Mittelalter, 7. Bd., 2. Aufl., S. 237 ff., und L. Pastor, Geschichte -der Päpste, 2. Bd., 2. Aufl., S. 456 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_185" href="#FNAnker_185" class="label">[185]</a> Sauerland, 4. Bd., S. LXVIII cis LXXI.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_186" href="#FNAnker_186" class="label">[186]</a> Eb. IV, S. LXXII.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Neunter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Neunter Abschnitt.</em> -(<a href="#Neunter_Abschnitt">S. 200 ff.</a>)</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_187" href="#FNAnker_187" class="label">[187]</a> Zeitschrift d. Ges. f. Schleswig-Holstein-Lauenburgische -Geschichte, 13. Bd. (1883), S. 158, 173 f., 185 u. 231, und Römische -Quartalsschrift, 4. Supplementband, 1896, S. 11.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_188" href="#FNAnker_188" class="label">[188]</a> Geschichte des deutschen Volkes, I. Bd. (17. und 18. -Aufl.), 1897, S. 453, 709, Anm. 6, 722, Anm. 6.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_294"></a>[S. 294]</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_189" href="#FNAnker_189" class="label">[189]</a> Bericht im Codex 2727 der Alfterschen Sammlung in der -Darmstädter Hofbibl. Abgedruckt von J. Hashagen, »Zur Sittengeschichte -des westfälischen Klerus im späteren Mittelalter«, Westdeutsche -Ztschrft., 23. Bd., 1904, S. 139 ff. Diese vortreffliche Arbeit liegt -obiger Darstellung zugrunde.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_190" href="#FNAnker_190" class="label">[190]</a> Sauerland, Westdeutsche Zeitschrift. 27. Bd., 1908, S. -300 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_191" href="#FNAnker_191" class="label">[191]</a> Eb. S. 306. Hartzheim, Concilia Germaniae III, 113. Das -Folgende, Eb. III, 112.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_192" href="#FNAnker_192" class="label">[192]</a> Sauerland, Urkunden und Regesten, 4. Bd., S. XCVI.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_193" href="#FNAnker_193" class="label">[193]</a> J. Frh. v. Hormayr, Taschenbuch für vaterländische -Geschichte, XXX. Jhrg., 1841, S. 158 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_194" href="#FNAnker_194" class="label">[194]</a> Sauerland, Westdeutsche Zeitschrift, 27. Bd., 1908, S. -279 f. und 296. Die folgenden Berichte eb. abgedruckt, S. 297 u. 298 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_195" href="#FNAnker_195" class="label">[195]</a> St. Infessura, ed. J. G. Eccard, Leipzig 1723, II, p. -1937.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_196" href="#FNAnker_196" class="label">[196]</a> Gregorovius, VII. Bd., S. 686.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_197" href="#FNAnker_197" class="label">[197]</a> Vgl. J. Hashagen, Westdeutsche Zeitschrift, 23. Bd., -1907, S. 125 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_198" href="#FNAnker_198" class="label">[198]</a> Vgl. Kluckholm, Zschft. für Kirchengeschichte, 16. Bd., -1896, S. 596 f. Hier auch interessante Visitationsberichte.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_199" href="#FNAnker_199" class="label">[199]</a> Vgl. S. Riezler, Geschichte Bayerns, 6. Bd., S. 240 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_200" href="#FNAnker_200" class="label">[200]</a> Zitiert nach »Curiositäten«, I. Bd., Weimar 1811, S. 278 -ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_201" href="#FNAnker_201" class="label">[201]</a> »Reisen«, Hannover 1776, 57. Brief, S. 763. Zum -folgenden vgl. »Neuester Hexenprozess aus dem aufgeklärten heutigen -Jahrhundert von A. v. M. 1786.«</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_202" href="#FNAnker_202" class="label">[202]</a> Keyssler, Reisen, 17. Brief, S. 112. Ferner Fiorillo, -Gesch. d. zeichnenden Künste in Deutschland I, S. 370. Zu den -Spottfiguren vgl. die sehr unzüchtige Erklärung Fischarts und die -abweichende von J. Nass, Ingolstadt 1588. Abgedruckt bei J. Scheible, -Das Kloster, 10. Bd., S. 1023 ff. und S. 1178 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_203" href="#FNAnker_203" class="label">[203]</a> Keyssler, Reisen, 89. Brief, S. 1349.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_204" href="#FNAnker_204" class="label">[204]</a> Mangelhafte Abb. bei Bernh. Grueber, Die Kunst des -Mittelalters in Böhmen, besser bei Ed. Fuchs, Das erotische Element in -der Karikatur. S. 52.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_205" href="#FNAnker_205" class="label">[205]</a> Fiorillo, l. c. I, S. 305 ff. u. 309 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_206" href="#FNAnker_206" class="label">[206]</a> Abb. bei E. W. Bredt, »Sittliche oder unsittliche -Kunst«, S. 7.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_207" href="#FNAnker_207" class="label">[207]</a> Fiorillo, Gesch. d. Malerei in England (1808), 5. Bd., -S. 185.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Zehnter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Zehnter Abschnitt.</em> -(<a href="#Zehnter_Abschnitt">S. 230 ff.</a>)</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_208" href="#FNAnker_208" class="label">[208]</a> Friedrich Chr. Jo. Fischer, »Über die Probenächte der -teutschen Bauernmädchen«, 1780, S. 8 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_209" href="#FNAnker_209" class="label">[209]</a> Eb. S. 10.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_210" href="#FNAnker_210" class="label">[210]</a> Joh. Georg Keysslers »Reisen«, Hannover 1776, 4. Brief, -S. 15.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_295"></a>[S. 295]</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_211" href="#FNAnker_211" class="label">[211]</a> Zitiert nach A. Schultz, Häusliches Leben, S. 156 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_212" href="#FNAnker_212" class="label">[212]</a> Fünf Briefe der Gebrüder von Humboldt an J. R. Forster, -Hergb. v. Fr. Jonas, Berlin 1889, S. 33. Zitiert nach Karl Weinhold, -Die deutschen Frauen im Mittelalter, 2. Bd., 3. Aufl., S. 189 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_213" href="#FNAnker_213" class="label">[213]</a> Beides abgedruckt bei Fischer, Probenächte, S. 33 ff. -Das Folgende, Eb. S. 93 Anm. e.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_214" href="#FNAnker_214" class="label">[214]</a> Nach dem Juristischen Wochenblatt, Leipzig 1773, 2. -Jhg., S. 683 ff. Zitiert nach Fischer, eb. S. 20 Anm.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_215" href="#FNAnker_215" class="label">[215]</a> Chron. Bajoar. L. V. c. 17. Bernh. Pez, Thesaurus -Anecdot. III, col. 257. Nach Fischer, S. 25 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_216" href="#FNAnker_216" class="label">[216]</a> Alfred Franklin, La vie privée d’autrefois. Magasins de -nouvautés. Lingerie, p. 19 u. 23.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_217" href="#FNAnker_217" class="label">[217]</a> François des Hotmans, Opuscules, Paris 1616. Traité de -la Dissolution de mariage par l’impuissance et froideur de l’homme ou -de la femme. 3eme ed., 1595, p. 223 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_218" href="#FNAnker_218" class="label">[218]</a> »Curiositäten«, 2. Bd., Weimar 1812, S. 85 f. Das -Folgende eb. S. 276 ff. Mit Belegstellen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_219" href="#FNAnker_219" class="label">[219]</a> Vgl. Franz Falk. Die Ehe am Ausgang des Mittelalters -in »Erläuterungen zu Janssens Gesch. d. deutschen Volkes«, 6. Bd., 3. -Heft, 1908, S. 18 ff. Zu Spadolino vgl. »Curiositäten« 2. Bd., S. 134.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_220" href="#FNAnker_220" class="label">[220]</a> »Neuvermehrter Curieuser Antiquarius«, 8. Aufl. von P. -L. Berckenmeyer, Hamburg 1746, S. 886 f.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Elfter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Elfter Abschnitt.</em> -(<a href="#Elfter_Abschnitt">S. 246 ff.</a>)</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_221" href="#FNAnker_221" class="label">[221]</a> K. v. Amira, Tierstrafen und Tierprozesse in den -»Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung«, -XII. Bd., 1891, S. 561 und 566 f. Das Folgende, eb. S. 553 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_222" href="#FNAnker_222" class="label">[222]</a> (Zu S. 250, Z. 10 v. o.) Guido Carroci im Bolletino -d’Arte. Vgl. Beil. d. Münchner Neuesten Nachr. 1908, Nr. 224.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_223" href="#FNAnker_223" class="label">[223]</a> Jakob Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, 4. Aufl., II, S. -350. Das Folgende, eb. II, S. 346.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_224" href="#FNAnker_224" class="label">[224]</a> A. Schultz, Deutsches Leben, S. 160.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_225" href="#FNAnker_225" class="label">[225]</a> Felix Platter, Selbstbiographie, S. 228.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_226" href="#FNAnker_226" class="label">[226]</a> »Curiositäten«, Weimar 1812, 2. Bd., S. 393–402.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_227" href="#FNAnker_227" class="label">[227]</a> K. Eisner, Das Ende des Reichs, S. 160. Das Folgende, -eb. S. 368.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_228" href="#FNAnker_228" class="label">[228]</a> Eb. S. 161 f. Das Folgende, eb. S. 128. Vgl. »Das -gepriesene Preußen oder Beleuchtung der gegenwärtigen Regierung.«</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_229" href="#FNAnker_229" class="label">[229]</a> Eisner, S. 195.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_230" href="#FNAnker_230" class="label">[230]</a> Leider war es mir nicht möglich, die Quelle dieser -der »Zeit am Montag« 1908 entnommenen Darstellung aufzufinden. Für -Mitteilung wäre ich dankbar.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_296"></a>[S. 296]</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_231" href="#FNAnker_231" class="label">[231]</a> »Curiositäten«, 1. Bd., Weimar 1811. S. 391.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_232" href="#FNAnker_232" class="label">[232]</a> Beilage d. Münchner Allgem. Ztg. 1902, Nr. 213, S. 532, -Anm.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_233" href="#FNAnker_233" class="label">[233]</a> Forschungen und Mitteilungen zur Geschichte von Tirol -und Vorarlberg, VI. Jhg., 1909, S. 276 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_234" href="#FNAnker_234" class="label">[234]</a> Münchner Neueste Nachr. 28. Mai 1909.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_235" href="#FNAnker_235" class="label">[235]</a> Münchner Allgem. Ztg. 1909, S. 1014.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_236" href="#FNAnker_236" class="label">[236]</a> Nach Zeitungsmeldungen im März 1910.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Zwoelfter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Zwölfter Abschnitt.</em> -(<a href="#Zwoelfter_Abschnitt">S. 266 ff.</a>)</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_237" href="#FNAnker_237" class="label">[237]</a> W. Roscher, Ansichten der Volkswirtschaft, 3. Aufl., I, -S. 142.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_238" href="#FNAnker_238" class="label">[238]</a> Artur Kern, Deutsche Hofordnungen des 16. und 17. -Jahrhunderts, I. Bd., S. 91 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_239" href="#FNAnker_239" class="label">[239]</a> Eb. II. Bd., S. 121 und 154.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_240" href="#FNAnker_240" class="label">[240]</a> Eb. S. 131 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_241" href="#FNAnker_241" class="label">[241]</a> Eb. II, S. VIII.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_242" href="#FNAnker_242" class="label">[242]</a> Eb. I, S. 259.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_243" href="#FNAnker_243" class="label">[243]</a> Eb. I, S. 79 u. 163. Das Folgende, eb. I, S. 213.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_244" href="#FNAnker_244" class="label">[244]</a> Montaigne, Journal de voyage. Ausg. von Lautray, Paris -1906, S. 119.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_245" href="#FNAnker_245" class="label">[245]</a> Thomas Platter, Selbstbiographie, S. 22.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_246" href="#FNAnker_246" class="label">[246]</a> A. Schultz, Das häusliche Leben im Mittelalter, S. 139 -f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_247" href="#FNAnker_247" class="label">[247]</a> Obiges nach A. Franklin, La vie privée d’autrefois. Les -Magasins de nouvautés. La lingerie, p. 27 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_248" href="#FNAnker_248" class="label">[248]</a> Eb. p. 89–103.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_249" href="#FNAnker_249" class="label">[249]</a> Eb. S. 69 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_250" href="#FNAnker_250" class="label">[250]</a> Franklin, l. c. p. 115 ff. Tallemant des Réaux, T. I, p. -493. Das Folgende in Le voyageur à Paris. Tableau pitoresque etc. T. -II, p. 95.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_251" href="#FNAnker_251" class="label">[251]</a> Artur Kern, Deutsche Hofordnungen, 2. Bd., S. 212 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_252" href="#FNAnker_252" class="label">[252]</a> Mémoires, T. I, p. 97.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_253" href="#FNAnker_253" class="label">[253]</a> Franklin, Vie privée, Magasins de Nouvautés, Tinturerie -et Deuil, p. 30 f., 44 f., 67–72. 106 u. 128–133.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_254" href="#FNAnker_254" class="label">[254]</a> Vgl. den Reisebericht des Andrea de Franceschi von 1492. -Simonsfeldt, Zeitschrift für Kulturgeschichte, 2. Bd., 1895, S. 246.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_255" href="#FNAnker_255" class="label">[255]</a> »Reisen«, 74. Brief, Hannover 1776, S. 1106.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_256" href="#FNAnker_256" class="label">[256]</a> Eb. S. 1192, das Folgende, eb. S. 1282.</p> - -</div> - -<hr class="full" /> - -<div class="rek"> - -<div class="section"> - -<p class="s3 center mtop3 padtop1">Dr. Max Kemmerich</p> - -</div> - -<p class="s1 center">Kultur-Kuriosa</p> - -<p class="fll">Erster Band</p> - -<p class="flr">7. Tausend</p> - -<p class="s4 center cll">Schrifttitel von <em class="gesperrt">Walter Tiemann</em></p> - -<p class="s4 center">Geheftet 3 Mark 50 Pf., gebunden 5 Mark</p> - -<p class="p0 s5 mtop2"><em class="gesperrt">Münchner Neueste Nachrichten</em>: Wenn ich den Verfasser -recht verstanden habe, so hat er mit dieser Veröffentlichung von -Kulturdokumenten aller Zeiten und Völker das ethische Ziel verfolgt, im -Spiegel der Vergangenheit das Bild der Gegenwart zu zeigen und dadurch -auch seinerseits dazu beizutragen, daß Leben, Ehre, Freiheit und fremde -Überzeugung jene Achtung genieße, die er mit vollem Recht als das -wichtigste Kulturkriterium betrachtet, wichtiger als alle technischen -und wissenschaftlichen Fortschritte und alle künstlerischen Großtaten.</p> - -<p class="p0 s5 mtop1"><em class="gesperrt">Der Tag, Berlin</em>: Ein ganz verflixtes Buch. Vom Standpunkt der -Orthodoxie aus – hüben wie drüben – höchst verwerflich nach Tendenz -und Inhalt. Und nun gar: wenn man sich »Töchterschülerinnen« als seine -ungebetenen Leserinnen vorstellen wollte – einfach Pfui Deibel! Und -dennoch: recht zum Nachdenken bewegend, zur Einkehr stimmend, zur -Umschau anregend. Notabene: Für solche, die ihr bißchen Spiritus -gewöhnt sind nicht nach einem irgendwie vorgeschriebenen Schema F -einzustellen. Bei allem Pessimismus, der daraus spricht, eine sinnige -Gabe für geborene Optimisten.... Der wahre Satiriker will nicht nur -bloßstellen, sondern auch bessern; so will auch dies Buch bei aller -Boshaftigkeit oder doch Ungeschminktheit den unserer »Bildung« durchaus -nicht überall adäquaten Stand unserer sogenannten Kultur heben. -Möchte es vor allen Dingen unter die Augen der Männer geraten, die es -namentlich angeht!</p> - -<p class="p0 s5 mtop1"><em class="gesperrt">Generalanzeiger Mannheim</em>: Solche Bücher sind selten. Denn zu -gern verschließt sich der Mensch solch grassem Bekenntnis der Wahrheit. -Aber sie haben eben dadurch doppelten Wert. Kemmerichs »Kultur-Kuriosa« -sollte jeder besitzen, der Anteil nimmt an menschlicher Kultur, und es -ist jedem von uns heilsam, mitunter in dem Buche zu blättern.</p> - -<p class="p0 s5 mtop1"><em class="gesperrt">Neue Züricher Zeitung</em>: Eine Sammlung drastischer Anekdoten aus -dem weiten Reiche der Kulturgeschichte, mit viel Geschick ausgewählt -zum Behufe des Nachweises, »daß unsere Kultur, soweit sie auf Befreiung -von Grausamkeit, Intoleranz und Borniertheit beruht, noch sehr jungen -Datums ist.« In der Tat ist es unglaublich, von welcher Barberei wir -herkommen, und in welcher Barberei wir vielfach heute noch stecken, auf -dem Gebiete des Rechts, der Ehe, der Sittlichkeit, des Glaubenslebens -usw. Manchmal traut man seinen Augen nicht; aber der Verfasser beruft -sich in einem überaus reichen Literaturnachweis durchgängig auf die -besten Quellen.</p> - -<p class="s4 center bt bb mtop2">Verlag von Albert Langen in München</p> - -<div class="chapter"> - -<p class="s4 center mtop3 padtop1">Dr. Max Kemmerich</p> - -</div> - -<p class="s1 center">Dinge, die man nicht sagt</p> - -<p class="s4 center"><span class="u">5. Tausend</span></p> - -<p class="s4 center">Preis geheftet 5 Mark 50 Pf., gebunden 5 Mark</p> - -<p class="p0"><em class="gesperrt">Der Tag</em>: Dies neue Buch stellt eine gediegene, gut durchdachte, -durchaus zusammenhängende, fein gegliederte Beweisführung dar. -Freilich ganz ohne Anmerkungen, Belege, Kommentare, sogar ohne -Register: es ist erlebt. Ein heißes Streben und Sehnen nach Besserung, -Veredelung, Modernisierung durchzieht das Ganze. Und wo die Satire -scharf zu schneiden gezwungen ist, weil der baumelnde Zopf gar zu fest -sitzt, da wird ihr versöhnlich geholfen durch einen den schlimmsten -Griesgram entwaffnenden Humor. Zur Habilitation würde Kemmerich wohl -nirgends zugelassen werden – schad’t nix: der Stand der wahrhaft -freien Schriftsteller, der streitbaren Ritter vom Geiste, hat auch -Daseinsberechtigung, Verdienste und Adel.</p> - -<p class="p0"><em class="gesperrt">Gerichtszeitung, Wien</em>: Es ist ein Vorzug des Kemmerichschen -Buches, durch drastische Beispiele größere Wirkungen zu erzielen, als -durch tiefsinnige, wissenschaftliche Betrachtungen.</p> - -<p class="p0"><em class="gesperrt">Neue Weltanschauung</em>: Der Verfasser sieht den Dingen überall -mutig ins Auge und hat die lobenswerte, wenn auch an vielen Stellen -ungern gesehene Gewohnheit, sie beim richtigen Namen zu nennen. Kurzum -wir haben ein tapferes Buch vor uns, an dem jeder Freund der Wahrheit -und des Fortschrittes seine helle Freude haben muß.</p> - -<p class="p0"><em class="gesperrt">Öst.-Ungar. Buchhändler-Zeitung</em>: Das ist eine kleine, harmlose -Blumenlese der »Dinge, die man nicht sagt«, die aber Dr. Kemmerich, -der Verfasser der »Kultur-Kuriosa«, ausführlich niederschreibt. Vieles -in dem vorbildlich vornehm ausgestatteten Buche ist wahr, manches -übertrieben, alles interessant.</p> - -<p class="s4 center bt bb mtop2">Verlag von Albert Langen in München</p> - -</div> - -<p class="s5 center padtop5 break-before">Druck von Hesse & Becker in Leipzig<br /> -Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik, Niefern bei Pforzheim<br /> -Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig</p> - -<hr class="full" /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Kultur-Kuriosa, Zweiter Band, by Max Kemmerich - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KULTUR-KURIOSA, ZWEITER BAND *** - -***** This file should be named 63801-h.htm or 63801-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/8/0/63801/ - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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