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-The Project Gutenberg EBook of Kultur-Kuriosa, Zweiter Band, by Max Kemmerich
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Kultur-Kuriosa, Zweiter Band
-
-Author: Max Kemmerich
-
-Release Date: November 18, 2020 [EBook #63801]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KULTUR-KURIOSA, ZWEITER BAND ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
-
-
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1910 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
- nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
- bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des
- Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird.
-
- Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
- Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- unterstrichener Text: _Unterstriche_
- gesperrt: +Pluszeichen+
-
- Das Caret-Symbol (^) zeigt ein nachfolgends hochgestelltes Zeichen
- an (4^o).
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Kultur-Kuriosa
-
- Zweiter Band
-
- von
-
- Dr. Max Kemmerich
-
-
- Erstes bis viertes Tausend
-
- [Illustration]
-
- Albert Langen, München
-
-
-
-
- Von Dr. +Max Kemmerich+ erschienen bei +Albert Langen+:
-
- Kultur-Kuriosa Erster Band 7. Tausend
-
- Dinge, die man nicht sagt 5. Tausend
-
-
- Copyright 1910 by Albert Langen, Munich
-
-
-
-
-Vorwort
-
-
-Der Erfolg des ersten Bandes der Kultur-Kuriosa hat mich veranlaßt,
-diesen zweiten, der nach den gleichen Gesichtspunkten geschrieben wurde
-und nach mancher Richtung hin Ergänzungen enthält, folgen zu lassen.
-Für die Berichtigung eventueller Irrtümer bin ich dankbar.
-
-Leute, denen ein sittlicher Klerus, ein vorurteilsfreier Gelehrter
-oder ein gerechter Richter kurios erscheinen, werden sich hoffentlich
-über dieses Buch geradeso alterieren, wie über seinen Vorgänger. Ich
-schreibe aber ausschließlich für Gebildete und kann daher auf sie
-leider keine Rücksicht nehmen.
-
- +München+, den 5. August 1910
-
- +Der Verfasser+
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis
-
-
- Seite
-
- 1. Abschnitt: Modernes und Merkwürdiges im Altertum 1
-
- 2. Abschnitt: Wissenschaft 18
-
- 3. Abschnitt: Autoritäten, gelehrte Zunft und Fortschritt 42
-
- 4. Abschnitt: Die »Dilettanten« und Outsider 84
-
- 5. Abschnitt: Von Universität und Schule 113
-
- 6. Abschnitt: Zensur und Prüderie 140
-
- 7. Abschnitt: Frömmigkeit 164
-
- 8. Abschnitt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt 186
-
- 9. Abschnitt: Klerus und Sittlichkeit 200
-
- 10. Abschnitt: Ehe 230
-
- 11. Abschnitt: Rechtspflege 246
-
- 12. Abschnitt: Von allerlei Sitten und Zeremoniell 266
-
- Anmerkungen 287
-
-
-
-
-Erster Abschnitt
-
-Modernes und Merkwürdiges im Altertum
-
-
-Das Interesse, das gerade diesem Kapitel der Kultur-Kuriosa
-entgegengebracht wurde, rechtfertigt eine Fortsetzung. So seien auch
-hier zwanglos Tatsachen aneinandergereiht.
-
-Die italienische archäologische Kommission hat bei Ausgrabungen im
-Königspalast zu Phaistos (Kreta) einen Fund gemacht, der Gutenbergs
-geniale Erfindung in graueste Vorzeit -- etwa Mitte des zweiten
-vorchristlichen Jahrtausends -- zurückverfolgen läßt. Man fand eine
-große Terrakottascheibe, die auf beiden Seiten eine Inschrift in
-Hieroglyphen enthält. Und zwar wurde diese zweihundertundvierzig Zeilen
-lange Inschrift auf die noch ungebrannte Scheibe mit +beweglichen
-Lettern+ gedruckt.[1]
-
-Die Römer waren der Erfindung der +Buchdruckerkunst+ außerordentlich
-nahe. Nicht nur, daß wir aus Quintilian wissen (I, 1. 25), daß Kinder
-mit beweglichen Lettern spielten, um so leicht buchstabieren zu lernen,
-Cicero (de natura deorum II, 37) macht die Bemerkung, daß es gerade so
-undenkbar sei, die Welt sei aus einer zufälligen Verbindung der Atome
-entstanden, wie die Annahme, aus einem Haufen auf die Erde geschütteter
-Metallbuchstaben könnten die Annalen des Ennius werden. Also kannte man
-sogar +Metallbuchstaben+! Es ist daher viel verwunderlicher, daß die
-Römer keinen Buchdruck hatten, als es das Gegenteil sein würde.
-
- *
-
-Die technischen und chemischen Kenntnisse der ältesten Griechen und
-deren Vorgänger waren ebenfalls weit bedeutender, als man bisher geahnt
-hat. Man fand bei den Ausgrabungen des deutschen archäologischen
-Instituts in Pylos Gegenstände aus Pate vitreuse, schönes blaues
-Kaliglas und Fayence. Also war die +Glasfabrikation+ den Trägern der
-mykenischen Kultur bereits um die Mitte des zweiten vorchristlichen
-Jahrtausends bekannt. Ferner besaß man bewundernswerte Kenntnisse in
-der Farbenbereitung, konnte farbiges Kali- und Natronglas herstellen,
-wußte Kupfer mit Zinn und Blei in ganz bestimmtem Verhältnis zu
-legieren, wie man das Kupfer chemisch rein darzustellen vermochte.
-Ferner konnte man +versilbern+. In einem Grabe um 2500 v. Chr. fand man
-eine mit Silberfolie teilweise bedeckte Tonvase.
-
-Am erstaunlichsten sind aber die +theoretischen Anschauungen+: Man
-hatte den +Begriff der Atome+, der +Einheit der Materie+, deren
-+Unzerstörbarkeit+ und +Unerschaffbarkeit+ und +kannte die Identität
-von Materie und Energie+. D. h. man hatte eine physikalische
-Weltanschauung, wie wir sie erst seit relativ sehr kurzer Zeit
-besitzen.[2]
-
- *
-
-Daß bereits um 400 v. Chr. +mit Gas geheizt+ wurde, dürfte nicht
-vielen bekannt sein. Ktesias berichtet, daß in Karamanien das dort
-entweichende Erdgas als Heizmaterial für den Hausgebrauch Verwendung
-fand.[3]
-
-Vor achtzig Jahren erhielt der Ingenieur Neilson ein Patent auf ein
-+Heißluftgebläse für Hochöfen+. Bei den Ausgrabungen in Tel el Hesey
-in Südpalästina sind Funde gemacht worden, die es so gut wie sicher
-erscheinen lassen, daß schon um 1400 v. Chr. die alten Orientalen
-dieses Verfahren kannten. Man fand einen Hochofen für Eisenbereitung,
-der eine Vorrichtung besaß, welche bezweckte, die Außenluft vor ihrer
-Einführung in den Ofen zu erwärmen.[4]
-
- *
-
-Daß der Gedanke +des Seeweges nach Ostindien+ und der +Entdeckung
-Amerikas+ der Antike keineswegs fremd war, ist eine gewiß erstaunliche
-Tatsache. Krates verlegte -- im Gegensatz zu Aristarch -- die
-Wanderfahrten des Odysseus in den Atlantischen Ozean (Gellius 14,
-6. 3). Und zwar ließ er den Menelaos von Gadeira (Cadix) aus,
-Afrika umschiffend, Indien erreichen und nach siebenjähriger Fahrt
-zurückkehren (Strabo I, 31). Bekanntlich war Vasko de Gama der erste,
-der im Jahre 1498 auf diesem Wege das Wunderland erreichte. Einen noch
-kühneren Gedanken sprach fünfzig Jahre später der große Poseidonius
-mit der Behauptung aus, daß Indien von Spanien aus bei günstigen
-Ostwinden in kurzer Zeit zu erreichen sei (Strabo II, 6 und Seneca
-nat. I, prol. 13). Strabo aber wurde bereits im Jahre 1470 von Guarino
-ins Lateinische übersetzt und war nachweislich dem Kolumbus durch
-Toscanelli bekannt geworden. Es ist also +höchst wahrscheinlich, daß
-Kolumbus, als er auf dem angegebenen Wege 1492 Amerika entdeckte,
-nur einen Gedanken zur Ausführung brachte, der ihm aus dem Altertum
-übermittelt worden war+.[5]
-
- *
-
-Beim Wort »Amerika« denken wir gern an »unbegrenzte Möglichkeiten«, an
-Wolkenkratzer und gigantische Projekte. Auch sie sind keineswegs neuen
-Datums, selbst wenn wir nicht auf die Pyramiden oder die gewaltigen
-altägyptischen Tempelanlagen blicken. Der berühmten Neu-Yorker
-Freiheitsstatue ist wohl vergleichbar der +Koloß von Rhodos+. Dieser
-war 70 Ellen oder 105 römische Fuß (32 m) hoch und stand in der Nähe
-des Hafeneinganges. Nur wenige konnten den Daumen der Figur umfassen
-und jeder seiner Finger war größer wie die meisten Statuen. Nachdem er
-nur 66 Jahre gestanden hatte, zerbrach er infolge eines Erdbebens 227
-v. Chr. Fast 900 Jahre lag er auf der Erde, bis ein arabischer General
-die Reste im Jahre 672 an einen Juden verkaufte, der 900 Kamele mit dem
-Erz belud (Plinius 34, 41).
-
- *
-
-Noch amerikanischer als der Sonnenkoloß mutet uns der Plan des
-Stasikrates, eines Schülers des Lysippos an. Er wollte -- wie Plinius,
-Plutarch und Strabo übereinstimmend bezeugen -- den felsigen +Athosberg
-in eine Kolossalbildsäule Alexanders des Großen verwandeln+. Diese
-größte aller existierenden Statuen sollte in der linken Hand eine Stadt
-halten, groß genug, 10000 Einwohner zu fassen, und in der Rechten eine
-Urne, aus der sich ein Strom ins Meer ergösse.
-
- *
-
-+Streiks+ sind uns auch aus der Antike überliefert. Im Jahre 311 v.
-Chr. fühlte sich die ehrenwerte Zunft der Musikanten (tibicines)
-schwer beleidigt, weil der ihnen von alters her zustehende festliche
-Freischmaus, den sie jährlich einmal auf dem Kapitol in aede Jovis auf
-Staatskosten abhalten durften, gestrichen worden war. Sie verließen
-alle Rom und begaben sich nach Tibur. Das war aber für die Behörden
-höchst peinlich, denn ohne Musik konnten die Opfer nicht abgehalten
-werden. Man holte sie durch eine List zurück, indem man sie einzeln
-betrunken machte und voll des süßen Weines auf Leiterwagen nach
-Rom schaffte. Übrigens gaben die Zensoren nach und billigten den
-feuchtfröhlichen Musikern ihre alte Gerechtsame wieder zu (Livius IX,
-30, Ovid. fast. VI, 665 ff.).
-
- *
-
-Nichts wäre irriger als die Anschauung, in prähistorischen Zeiten sei
-man aller ärztlichen Kenntnisse bar gewesen. Im Gegenteil haben wir es
-hier mit +hervorragenden Chirurgen+ zu tun. In dem altbajuwarischen
-Reihengräberfeld bei Allach in Oberbayern fand man z. B. einen Schädel,
-an dem einst ein taubeneigroßes Stück abgeschlagen, später aber
-vorzüglich und fast genau an derselben Stelle zum Anwachsen gebracht
-worden war. Dieser Schädel befindet sich in der prähistorischen
-Sammlung zu München. Ferner verstand man es, Arm- und Beinbrüche
-vortrefflich zu heilen. So lieferte das alemannische Reihengräberfeld
-bei Memmingen ein Beispiel eines Flötenschnabelbruches. In diesem auch
-für heutige Begriffe sehr schwierigen Falle kann nur ein ausgebildeter
-Arzt tätig gewesen sein. Ebenso fand man im merowingischen
-Reihengräberfeld von Wies-Oppenheim einen befriedigend verheilten
-Schulterknochen. Die Trepanation der Schädeldecke war bereits in der
-älteren Bronzezeit geübt, wie ein Fund aus Giebichenstein bei Halle
-lehrt. Das Loch besaß die Größe eines Markstückes und ist in der
-späteren Lebenszeit der Person durch reichliche Knochenneubildung
-wieder ganz gefüllt worden.[6]
-
-Daß schon im Altertum eine +Ärztin+ ihre Kunst zu allgemeiner
-Anerkennung ausübte, lehrt ein Fund, den die österreichische Expedition
-des Jahres 1892 auf dem Trümmerfeld der alten lykischen Stadt Tlos
-im südlichen Kleinasien machte. Man fand eine Statuenbasis mit der
-griechischen Inschrift: »Antiochis, die Tochter des Diodotes aus
-Tlos, deren ärztliche Empirie von Rat und Gemeinde der Stadt Tlos
-beglaubigt ist, hat sich das ihr zuerkannte Standbild auf eigene Kosten
-errichten lassen.« Also auch die weibliche Eitelkeit läßt sich so weit
-zurückverfolgen!
-
-Mag der amerikanische Zahnarzt auch ein Produkt der Neuzeit sein, seine
-Leistungen sind es nicht so sehr. So wurde ein antikes +künstliches
-Gebiß+ in der uralten Etruskerstadt Tarquinii gefunden. Es wird jetzt
-im Museo Municipale in Corneto, drittes Zimmer, gezeigt.
-
- *
-
-Auch +Nahrungsmittelfälscher+ gab es im Altertum, und zwar wurde Brot
-mit Gips versetzt. Besonders häufig waren Weinpantschereien, wie nach
-zahlreichen Klagen alter Autoren feststeht. Man setzte dem Gepansch
-eine Art von Fuchsin zu.
-
-Wer meinen sollte, die berühmte +Worcestershire-Sauce+ sei ohne
-Vorläufer, wird sich wundern, daß die Römer im Garum (Garon), einer
-sehr kostbaren, aus Fischen bereiteten Sauce, etwas Ähnliches besaßen.
-Sogar koschere (garum castimoniale), aus schuppenlosen Fischen
-bereitete gab es. In Pompeji wurde ein irdenes Gefäß damit gefunden.
-Plinius (nat. his. XXXI, 93-95) beschreibt die Verfertigung dieser
-Würze.[7] Apicius (de re coquinaria I, 32) kennt eine Reihe von
-Speisen, denen er Garum zugesetzt wissen will, z. B. ein Oenogarum,
-eine Weinbrühe mit Trüffel.
-
-Auch +Bowlen+ kannten die Alten. Der berühmte Feinschmecker
-Apicius beschreibt nicht nur Rosenbowle (I, 4), Honigwein, der mit
-verschiedenen Gewürzen gekocht wird (I, 1) und anderes, sondern sogar
-einen Rosenwein ohne Rosen (I, 4), wie wir ja auch Maibowlen haben, die
-aus Surrogaten hergestellt sind.
-
-Übersetze ich das Rezept richtig -- ich interessierte mich einst sehr
-für Apicius, den ich in Übersetzung herausgeben wollte, was inzwischen
-von anderer Seite geschehen sein soll -- dann lautet es: »Rosenwein
-ohne Rosen bereite folgendermaßen: Grüne Zitronenblätter in einem
-Palmenkörbchen gib in ein Faß Most, bevor er gärt, und nimm sie nach
-vierzig Tagen heraus. Falls es nötig sein sollte, setze Honig hinzu
-und bediene dich (dieses Getränkes) statt des Rosenweins«. Genau im
-Stile der modernen Kochbücher! Vielleicht probiert einmal eine geneigte
-Leserin dieses oder jenes Rezept, doch empfiehlt es sich, dazu Johann
-Heinrich Diernbachs »Flora Apiciana« (Heidelberg und Leipzig 1831) zu
-konsultieren, da hier die Gewürze usw. genau bestimmt sind.
-
- *
-
-Die +künstliche Bebrütung+ von Eiern der Gänse, Enten und Hühner, die
-noch 1829 dem Franzosen Copineau trotz vieler Versuche nicht glücken
-wollte, war bereits den alten Ägyptern geläufig. Und zwar legten sie
-die Eier in Kammern aus Lehm, die mittels großer, aus Ziegelsteinen
-zusammengesetzter und in die Erde hineingebauter Öfen täglich drei
-bis vier Stunden geheizt wurden. Die Eier lagen auf Stroh und wurden
-alle sechs Stunden umgewendet, nach zehn Tagen untersucht und die gut
-befundenen in eine höhere wärmere Abteilung desselben Gemachs gelegt.
-Die Temperatur wurde natürlich nur nach dem Gefühl abgeschätzt und nach
-Bedarf durch Öffnen von Luftzügen vermindert (Aristoteles hist. anim.
-VI, 2, 3 und Diodor I, 74).
-
- *
-
-Auch +Schneckenzuchtgärten+ besaß man, wie heute in Frankreich und
-bei uns besonders in Württemberg. Man war so raffiniert, daß man die
-verschiedenen Rassen gesondert zog, und verwendete zur Verfeinerung
-des Geschmacks bei der Fütterung Zucker und gekochten Wein (Plinius
-nat. hist. IX, 173 und XXX, 45).
-
- *
-
-Daß diese Züchtungsmethoden nur auf Grund eingehender Kenntnis der
-Lebensweise der Tiere möglich waren, ergibt sich von selbst. Die Alten
-waren keineswegs die schlechten Beobachter, für die wir sie, uns an
-manche Märchen und Irrtümer klammernd, gerne ausgeben. Daß der Löwe
-am Ende seines Schwanzes einen in der Haarquaste verschwindenden
-+Knochenstachel+ besitzt, behauptet Aelian (Peri zoon VI, 1). Niemand
-wollte das glauben, bis Blumenbach zu Anfang des 19. Jahrhunderts die
-Beobachtung bestätigte.
-
-Vom +Gorilla+ wissen wir erst seit etwa 60 Jahren. Vor mehr als 2000
-Jahren aber war er schon den Karthagern bekannt, als sie mit einer
-Flotte von 60 Schiffen der Westküste Afrikas entlang fuhren. Hanno
-hielt diesen Anthropoiden für einen Menschen (Periplus 17 = Geogr.
-Graeci min. I, 13, Plinius nat. hist. VI, 200), die Wissenschaft
-verwies aber seine Entdeckung ins Fabelreich, bis 1847 der erste nach
-Europa kommende Gorillaschädel die Existenz dieses Menschenaffen bewies.
-
-Aristoteles wußte über die +Haifische+ mehr, als die neueren
-Naturforscher vor Johannes Müller.
-
-Er kannte auch schon das Prinzip der +Korrelation der Organe+, die
-+Schutzfärbung der Tiere+, sowie den +Farbwechsel des Chamäleons+ als
-Anpassungserscheinung an die Umgebung. Ferner kannte er den Einfluß,
-den +Klima+ und +Nahrung+ auf die Größe der Tiere ausüben, ja den
-des Landschaftscharakters auf ihre Gemütsart. Weder die +Tier-+ noch
-die +Pflanzengeographie+ war den alten Autoren unbekannt. Die des
-Theophrast ist geradezu von imponierender Größe.
-
-Im letzten Jahre ging durch die Zeitungen eine Notiz, daß ein
-Naturforscher die Entdeckung gemacht habe, die +Lungen seien
-Kühlapparate+ mit dem Zweck, die Bluttemperatur herabzumindern.
-Wer ahnte, daß Aristoteles bereits diese Tatsache vor dritthalb
-Jahrtausenden konstatiert hatte?[8]
-
-Der Unterschied der +männlichen und weiblichen Pflanzen+ war schon zu
-Herodots Zeit bekannt.
-
-Den +Spiritismus+, und zweifellos auch +Hypnotismus+ und verwandte
-Phänomene gab es auch schon in der Antike. Auch das +Tischrücken+, bei
-uns erst seit wenig mehr als einem halben Jahrhundert bekannt, war den
-Griechen und Römern nicht neu. Man setze zur Erforschung der Zukunft
-geweihte Dreifüße in Bewegung. Ein derartiges Verfahren gab unter
-Valens († 378) Veranlassung zu einem ungeheuern Zaubereiprozeß.
-
-Der hl. Augustinus kannte auch schon das +Gedankenlesen+ (Contra Acad.
-II, 17).
-
- *
-
-Die Frauenrechtlerinnen werden nicht ohne Neid hören, daß Kaiser
-Heliogabal einen +Weiberrat+ eingerichtet hatte, wie Aelius Lampridius
-im Leben dieses Monarchen erzählt. Die ihm unterstehenden Fälle waren
-allerdings nicht welterschütternd. Der auf dem Quirinal tagende
-Weibersenat hatte nämlich über Kleiderfragen zu entscheiden, ferner
-darüber, wer auf Wagen, Pferd, Esel oder Tragstuhl befördert werden
-solle usw., ob dieser Tragstuhl aus Fell oder Knochen gemacht sein
-sollte, wer Gold oder Edelsteine an den Stiefeln tragen dürfe und
-Ähnliches.
-
- *
-
-Daß im alten Rom +griechische Erzieher+ gehalten wurden und das
-Griechische überhaupt die Stelle des Französischen bei uns einnahm
--- besonders instruktiv ist hierfür Suetons Leben des Augustus --
-ist hinlänglich bekannt. Nicht allzuviele aber dürften wissen, daß
-unsere halbbarbarischen Vorfahren schon im 12. Jahrhundert Franzosen
-engagierten, damit die Kinder in der Jugend schon die damals bereits
-hochgeschätzte Sprache erlernten. So kann z. B. Wolfram von Eschenbach
-zwar weder lesen noch schreiben, wohl aber französisch reden.[9]
-
- *
-
-Bemerkenswert ist der Konservativismus der +Kinderspiele+. Das Altertum
-hatte nicht nur +Puppen+, es kannte auch +Steckenpferde+, auf denen
-die jungen Griechen und Römer ganz wie unsere Kinder ritten (Horaz
-Sat. II, 3. 248, Plutarch, Agesilaos 25 etc.). Ferner spielten sie mit
-+Kreiseln+, die wie heute durch Peitschenhiebe in Bewegung gesetzt
-wurden (Persius, Sat. III, 51). Auch Brummkreisel waren bekannt.
-Ferner +schaukelte+ sich damals das junge Volk wie heute, spielte auch
-+Blindekuh+ (Poll. IX, 123), König und Soldaten (Herodot I, 114),
-+Plumpsack+ oder +Der Fuchs geht ’rum+ (Poll. IX, 115), ferner mit
-+Reifen+ und +Ball+. Auch das +Anschlagspiel+ war bekannt (Poll. IX,
-117), das Raten auf Grad oder Ungrad und ein Spiel, bei dem einer sich
-in Gegenwart mehrerer Mitspieler die Augen zuhalten mußte und sich
-schlagen ließ. Erriet er den Richtigen, dann kam der, der geschlagen
-hatte, an die Reihe, erriet er ihn nicht, dann mußte er sich solange
-von den Anwesenden schlagen lassen, bis er den richtigen Namen nannte.
-Alle diese Spiele haben natürlich im Griechischen und Lateinischen
-ihre eigenen Namen. Das letztgenannte heißt in gewissen Gegenden
-Schinkenklopfen.
-
-Wie unsere Kinder törichterweise mit dem Schwarzen Mann, dem
-Daumenschneider und andern Schreckfiguren geängstigt werden, so
-die der Alten mit Gespenstern namens Mormo, Lamia, Gello usw.
-Bezeichnenderweise hieß es noch lange nach 212 v. Chr. bei unartigen
-Kindern: »Warte, Hannibal kommt!«
-
- *
-
-Wer heute über die +Baupolizei+ schimpft -- und welcher Hausbesitzer
-täte das nicht mit dem größten Recht! -- mag sich trösten. Auch in
-Athen gab es diese Behörde schon. Sie hatte dafür zu sorgen, daß
-altersschwache Bauten nicht einstürzten, daß Neubauten den erlassenen
-Vorschriften gemäß errichtet wurden usw. (Plato, Legg. VI, p. 763;
-Aristoteles Polit. VI, 5).
-
- *
-
-+Wettersäulen+, wie wir sie da und dort an Plätzen finden, gab es
-auch schon vor mehr als 2000 Jahren. Schon der alte Astronom und
-Hydrauliker Meton stellte kurz vor dem Peloponnesischen Kriege in
-Athen eine astronomische Säule auf, an der eine von ihm erfundene Art
-Sonnenuhr angebracht war nebst Registern für Sonnen- und Sternen-Auf-
-und Niedergang. Diese Wettersäule, die auch die Windrichtung angab, und
-zwar durch Windfahnen ähnlich wie heute, stand ursprünglich auf der
-Pnyx, später am Kolonos Agoraios (Aelian, var. hist. X, 7; Diodor XII,
-36 etc.).
-
- *
-
-Im alten Konstantinopel gab es auch bereits öffentliche
-+Bedürfnisanstalten+. Der Häretiker Arius starb in einer solchen im
-Jahre 336. (Athanasius, de morte Arii c. 2 sq. Sokrates h. e. I.
-38.)[10]
-
- *
-
-Das Altertum kannte auch den im Deutschen +Lift+ genannten Personen-
-und Güter-+Aufzug+. Professor Boni, Direktor der Ausgrabungen am
-Forum Romanum, hat den Nachweis erbracht, daß man bereits im alten
-Rom zur Zeit Julius Cäsars den Aufzug benutzte. Man fand am Forum
-eine Reihe von Nischen, die zweifellos dazu dienten, richtige Lifts
-unterzubringen, in denen schwere Lasten, wie Gladiatoren und wilde
-Tiere, aus den unterirdischen Gängen zur Oberfläche befördert wurden.
-An einen großen unterirdischen Gang sind vier kleinere Quergänge
-angegliedert, ein jeder dieser Quergänge enthält drei Kammern für das
-Hebewerk und drei Schächte für die Lifts. In den zwölf Kammern -- so
-wird in La Casa berichtet -- sieht man heute noch die großen schweren
-Würfelblöcke aus Tuffstein, die zum Hebewerk gehörten, und aus der
-Abnutzung kann man genau erkennen, wie hoch die Lifts liefen und wie
-stark sie benutzt wurden. Da jeder Aufzug imstande war, fünf bis sechs
-Menschen zu heben, so konnten gleichzeitig mehr als sechzig Menschen
-zur Oberfläche des Forums gehoben werden. Übrigens ging der Gebrauch
-der Aufzüge, wie es scheint, bereits in der Kaiserzeit wieder verloren.
-Mehr als anderthalb Jahrtausende mußten vergehen, bis der erste Aufzug
--- und zwar in Jena -- wieder eingerichtet wurde. Aber erst seit
-wenigen Dezennien hat er allgemeine Verbreitung gefunden.
-
- *
-
-+Zünfte+ sind ja gewiß nicht mehr modern, aber daß sie ins alte Rom
-zurückreichen, hat doch erst Mommsen in seiner Schrift »De collegiis et
-sodaliciis Romanorum« nachgewiesen.
-
-Wer aber hält nicht die Mitteilung, das +Altertum habe geraucht+, für
-einen schlechten Witz? Und doch unterliegt es nicht dem allergeringsten
-Zweifel. Bereits in vorgeschichtlichen Gallo-römischen Gräbern, in
-Neufville-le-Pollet und in Seine-inférieure in Frankreich, ferner
-in Schottland, Irland und anderwärts fand man Pfeifenköpfe aus
-gebranntem Ton, Eisen und Bronce. Ferner in Massen am Hadrianswall, in
-holländischen Grabhügeln, römische aber noch in der Schweiz, im Berner
-Jura und natürlich in Rom selbst. Plinius berichtet uns darüber von
-den Barbaren. Daß die Skythen Hanf rauchten, steht fest, während wir
-das Material, das sonst verwandt wurde, nicht kennen.[11]
-
- *
-
-Daß die Römer in den »tironischen Noten« eine Art +Stenographie+
-hatten, ist hinlänglich bekannt. Cicero benutzte diese Kurzschrift
-nicht nur zur Aufzeichnung seiner Reden, sondern auch für seine
-Korrespondenz. Aber die Erfindung reicht weit höher in die
-Vergangenheit hinauf. Ennius kannte bereits 1100 Zeichen, Seneca aber
-vermehrte den überkommenen Schatz auf etwa 5000 Zeichen und Siegel, so
-ein ungeheures Material liefernd, das sich zum Teil das Mittelalter
-hindurch erhielt. Wie nun Louis Prosper und Eugène Guénin in einem
-»Geschichte der Stenographie im Altertum und im Mittelalter« genannten
-Werke (Paris 1909) feststellen konnten, ist die Stenographie sogar
-vorrömischer Herkunft. Sie weist eine so große Ähnlichkeit mit der
-altägyptischen Kursivschrift, dem sogenannten Demotischen, auf, daß
-sie unzweifelhaft von diesen vereinfachten Hieroglyphen herstammt. Das
-Prinzip ist auch das gleiche: ein beschränktes Alphabet, verbunden mit
-einer Silbenschrift, die durch Ideogramme ergänzt wird. Das Demotische
-kam auf dem Umweg über Griechenland nach Rom, um dort zur Stenographie
-zu werden.
-
-Daß die Stenographie erst 1786 von Samuel Taylor wieder erfunden,
-von Gabelsberger 1817 vervollkommnet, dürfte allgemein bekannt sein.
-Jedenfalls genügten auch schon die alten Stenographen den an sie
-gestellten Anforderungen, denn Martial singt (XIV, 208):
-
- »Mögen die Worte auch eilen, die Hand ist schneller als jene Ehe
- die Zunge ihr Werk, hat es die Rechte vollbracht.«
-
- *
-
-Mancher wird geneigt sein, wenigstens +Börsenkrachs+ für eine neuere
-Erscheinung zu halten. Das ist aber durchaus nicht richtig. Schon das
-ptolemäische Ägypten hat einen regelrechten Kupferkrach aufzuweisen.
-Während das Verhältnis des Silberwertes zu dem des Goldes von 1 : 15½
-vor vier Jahrtausenden und länger schon annähernd bestand und erst bei
-der großen Silberentwertung der letzten Jahrzehnte wesentlich gestört
-wurde, ist das beim Kupfer ganz anders. Im Anfang der Ptolemäerzeit war
-das Wertverhältnis von Silber und Kupfer wie 120: 1. Wenige Jahrzehnte
-später war der Wert des Kupfers auf ein Drittel bzw. ein Viertel des
-früheren gesunken, nachdem schon vorher sich im Großverkehr ein Agio
-für Silber gezeigt hatte.[12]
-
-Die Naturalwirtschaft hat in Deutschland erst zur Zeit der Kreuzzüge
-der Geldwirtschaft weichen müssen, daß sie völlig verschwand, ist
-aber erst wenige Jahrhunderte her. Da kann uns nun mit Bewunderung
-vor der uralten Kultur des Zweistromlandes die Tatsache erfüllen,
-daß bereits die dem vierten vorchristlichen Jahrtausend angehörigen
-altbabylonischen Texte der Nippur-Sammlung im K. O. Museum in
-Konstantinopel den Beweis liefern, daß man längst zur +Geldwirtschaft+
-übergegangen war. Allerdings war das Geld sehr teuer. Man zahlte
-gewöhnlich 33⅓% Zins.[13]
-
-Eine Klage, die man zu Beginn unseres Jahrhunderts, als unsere jungen
-Männer mit Weltschmerz und runden Rücken herumliefen und Dekadenz
-tot-chik war, häufig hören konnte, findet sich schon beim Kirchenvater
-Cyprian. Nachdem er darüber gejammert hat, daß die Welt immer
-schlechter wird, fährt er fort: »Grauköpfe sehen wir unter den Knaben;
-die Haare fallen aus, bevor sie wachsen und das Leben hört nicht auf
-mit dem Greisenalter, sondern fängt mit ihm an.« (An Demetrianus c.
-4.)[14]
-
-
-
-
-Zweiter Abschnitt
-
-Wissenschaft
-
-
-Die Wissenschaft ist bekanntlich um ihrer selbst willen da. Das
-rechtfertigt es, wenn Dinge, deren Wert der Laie mit dem besten Willen
-nicht verstehen kann, mit heiligem Eifer untersucht werden. Es macht es
-geradezu zur Pflicht. Nicht nur heute, sondern seit je. Dem Gelehrten
-aber, der sich am meisten plagt, als wolle er ein Thema zu einer
-Dissertation oder Habilitationsschrift aufstöbern, dem gebührt die
-Palme der Unsterblichkeit, die wir ihm hiermit überreichen. Daneben
-mögen in diesem Kapitel einige Meinungen Platz finden, die wir nicht
-für klug oder richtig halten.
-
-Doch beginnen wir mit einer Ehrenrettung!
-
-Wer wird es wagen, der Kirche noch fernerhin den Vorwurf zu machen, sie
-sei eine Feindin der Wissenschaft, wenn man tief gerührt liest, was für
-köstliche Blüten ihrem Schoße entsproßten?
-
-Was will das Forschen unserer Physiker und Chemiker bedeuten gegenüber
-Fragen, wie sie der große Scholastiker +Petrus Lombardus+ († 1164)
-aufwirft? Ob ein Vorhersehen und Vorherbestimmen Gottes möglich gewesen
-wäre, wenn es keine Geschöpfe gegeben hätte? So lautet eine dieser
-Fragen, aus seinen vier Libri sententiarum, dem Hauptlehrbuch, nach dem
-die Theologie in den gelehrten Schulen vorgetragen wurde.
-
-Zweifellos ist das Interesse daran brennend. Aber was bedeutet sie
-gegenüber der andern: Wo war Gott vor der Schöpfung?
-
-Daß Seelenheil und kultureller Fortschritt unlöslich von der
-Beantwortung abhängig sind, fühlen wir, auch ohne daß es uns jemand
-sagte.
-
-Doch der Wissensdrang, nicht etwa der nach nichtigen Dingen,
-sondern nach solchen von ewiger Bedeutung, war bei Petrus Lombardus
-unersättlich. So fragte er denn weiter:
-
-Ob Gott mehr wissen kann, als er weiß?
-
-Ob ein Prädestinierter verdammt oder ein Verworfener selig werden könne?
-
-Ob Gott etwas Besseres oder etwas auf bessere Weise machen könne, als
-er es macht?
-
-Ob Gott allezeit alles könne, was er gekonnt hat?
-
-Doch nicht auf Gott beschränkt sich die Fragefreudigkeit des großen
-Kirchenlehrers. Beschäftigt er sich auch natürlich am liebsten mit ihm,
-so ist er doch viel zu leutselig, um sein Interesse nicht bisweilen
-minder Vornehmen zuzuwenden. So wirft er die Frage auf: Wo die Engel
-nach ihrer Schöpfung gewesen sind?
-
-Ob die guten Engel sündigen, die bösen rechtschaffen leben können?
-
-Ob alle Engel körperlich sind? (kleiner Schäker!)
-
-Ob die Rangordnung der Engel seit dem Anfang der Schöpfung bestimmt
-worden sei?
-
-Sogar auf den Menschen dehnt sich der scholastische Frageeifer aus.
-Probleme von größter Bedeutung beschäftigen die Denker und zeigen uns
-aufs neue, wie unrecht wir der Kirche tun mit dem Vorwurf, sie habe
-auf Kosten einer brauchbaren irdischen eine verschrobene überirdische
-Afterwissenschaft kultiviert.
-
-Wen interessiert es nicht zu wissen, in welchem Alter der Mensch
-geschaffen worden ist? Warum wurde Eva nun gerade aus der Rippe und
-nicht aus einem andern Teil des Mannes geschaffen? Und warum schlief
-Adam dabei? Die Wichtigkeit der Sache hätte schon gerechtfertigt, daß
-er wach gewesen wäre. Das findet wenigstens Petrus Lombardus.
-
-Interessanter noch ist die Frage, ob der Mensch ewig hätte leben
-können, wenn er auch nicht vom Baume der Erkenntnis genossen hätte?
-
-Etwas indiskreter lautet: Warum sich die Menschen im Paradies nicht
-begattet hätten? Jetzt verstehen wir auch des Petrus Lombardus Neugier
-nach dem Alter, in dem sie geschaffen wurden!
-
-Wie hätten die ersten Menschen sich fortgepflanzt, wenn sie nicht
-gesündigt hätten? Eine Frage von hochaktuellem Interesse. Gibt es
-doch heute noch genug Frömmler, die im Geschlechtsverkehr eine Sünde
-erblicken und damit tatsächlich der Sünde das größte aller Wunder und
-aller Güter zuschreiben: das Leben.
-
-Petrus muß auch so etwas ahnen, wenn er fragt, ob -- ohne den
-Sündenfall -- die Kinder mit vollkommen ausgewachsenen Gliedern und mit
-dem vollen Gebrauch der Sinne würden geboren worden sein?
-
-Von höchster Neugier zeugt die Frage, warum der Sohn und nicht der
-Hl. Geist oder der Vater Mensch geworden seien? Mit großem Ernst
-wurde natürlich alles behandelt, was mit der sogenannten Erlösung
-zusammenhing. So die Frage, ob Gott das durch Christus dargebrachte
-Opfer auch hätte annehmen können, wenn dieser ein Weib gewesen wäre.
-
-Mit Rücksicht auf die außerordentliche Wichtigkeit und Vordringlichkeit
-gerade dieser Frage wurde in der Schule des Petrus Lombardus nicht
-minder, wie in der seines Schülers Petrus von Poitiers das Thema emsig
-diskutiert. Man war sich einig, daß nur ein ganz verruchtes Scheusal,
-dem das schamlose Maul (os impudicum) in gehöriger Weise gestopft
-werden muß, in dem Sinne hätte antworten können, daß Christus auch als
-Weib den an einen Erlöser zu stellenden Anforderungen hätte genügen
-können.[15]
-
-Occam hat in seinem Centilogium folgende Thesen: C. 8-11: »Zulässig
-sind die Sätze: Gott der Vater ist der Sohn der hl. Jungfrau; der Hl.
-Geist ist der Mensch, welcher der Sohn der hl. Jungfrau ist; der Vater,
-der niemals starb, kann gestorben sein, der Sohn, der starb, kann auch
-niemals gestorben sein.«... C. 29: »Der Leib Christi kann sich zu
-gleicher Zeit in entgegengesetzter Richtung bewegen und wird faktisch
-so bewegt, wenn z. B. ein Priester ihn emporhebt und der andere ihn in
-demselben Moment niederlegt.«[16]
-
- *
-
-Unter dem Titel: »+Disputatio nova contra mulieres qua probatur eas
-homines non esse+« erschien 1595 ein Büchlein ohne Verfassernamen und
-Druckort.
-
-Der gelehrte Autor rühmt sich in diesem Elaborat durch 50
-unwiderlegliche Stellen der Heiligen Schrift den Beweis geführt zu
-haben, daß +Weiber weder Menschen seien, noch von Christus erlöst
-wurden+.
-
-Er beginnt mit der These, Christus habe nicht für die Frauen gelitten
-und sie deshalb auch nicht erlöst. Sehr merkwürdig und bezeichnend für
-den scholastischen Geist und die ganze Rabulistik des Mittelalters
-ist seine Beweisführung. So heißt es im vierten Absatz: Da die Hl.
-Schrift alle verflucht, die etwas Gottes Wort hinzufügen, so sind auch
-alle jene verflucht, die hinzufügen, die Weiber seien Menschen und es
-glauben. Denn weder im Alten noch im Neuen Testament werde ein Weib
-Mensch genannt. Wären sie Menschen, dann hätte aber der Hl. Geist sie
-auch zweifellos so genannt. Wer trotzdem behauptet, sie seien Menschen,
-der maßt sich an, mehr zu wissen als Gott.
-
-Im achten Absatz heißt es: Eva war kein Mensch, denn sie wurde nicht
-etwa geschaffen, damit Adam nicht allein sei, sondern damit Adam
-durch sie Menschen zeugen sollte, deren Dasein ihn von der Einsamkeit
-befreite.
-
-Im zwölften Absatz sagt der Autor: Da Gott allwissend ist, so wußte er
-auch bei der Schöpfung Adams, daß er Eva erschaffen würde. Hätte er
-gewollt, daß sie auch ein Mensch sei wie Adam, dann hätte er nicht im
-Singularis gesprochen: »ich will +einen+ Menschen schaffen«, sondern er
-hätte gesagt: »ich will Menschen schaffen«. Weil er aber so sprach,
-besitzen wir den sichersten Beweis aus Gottes eigenem Munde, daß Gott
-nicht gewollt habe, daß das Weib ein Mensch sei, und daß er nur +einen+
-Menschen geschaffen hat und nicht etwa zwei.
-
-Auch aus dem Sündenfall folgt im 14. Absatz die weibliche
-Unebenbürtigkeit: Wäre das Weib dem Adam gleich gewesen, dann hätten
-im Paradiese zwei Menschen gesündigt. Denn Eva beging denselben
-Fehltritt wie Adam. Der Apostel sagt aber ausdrücklich: durch +einen+
-Menschen sei die Sünde in die Welt gekommen. In diesem Stile wird der
-»Beweis« weiter geführt, um mit der gewiß vielen Damen schmerzlichen
-Konstatierung zu schließen, daß das Alte Testament so gut wie das Neue
-den Weibern nicht nur ihr Menschentum abspreche, sondern daß Christus
-auch nicht für sie gestorben sei.
-
-Doch der Anonymus hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.
-Diese Einmischung in ihre Domäne konnten sich die Erbpächter der
-Unsterblichkeit nicht bieten lassen. Noch im gleichen Jahre 1595
-erschien die Schrift: »+Admonitio Theologicae Facultatis+ in
-Academia VVittebergensi ad scholasticam Juventutem, de libello
-famoso & blasphemo recens sparso, cuius titulus est: Disputatio Nova
-contra mulieres, qua ostenditur, eas homines non esse«. Wiewohl die
-theologische Fakultät in der Einleitung ausdrücklich sagt, daß es
-möglich sei, daß impurus iste canis (»jener unreine Hund«), wie die
-milden Streiter Gottes sich so geschmackvoll ausdrücken, nur im Spaß
-seinen Angriff gemeint habe, sieht sie sich doch genötigt, nicht nur
-durch Worte der heiligen Schrift zu beweisen, daß das Weib doch ein
-Mensch sei, sondern sich hochoffiziell zu unterschreiben: »12. Januar
-1595 Decanus, Senior et Professores Theologicae Facultatis in Academia
-VVittebergensi.« Man hielt es also offenbar für sehr notwendig, mit
-schwerem Geschütz den Angreifer der Weiber niederzukämpfen. Sei es, daß
-man ein schlechtes Gewissen hatte, sei es, daß er begeisterten Beifall
-gefunden hatte.
-
-Trotz dieser Kathedralentscheidung scheinen die Verächter der holden
-Weiblichkeit noch lange nicht Ruhe gegeben zu haben. Wenigstens liegt
-mir noch aus dem Jahre 1690, also nach einem vollen Jahrhundert, unter
-dem Titel »Mulier homo« ohne Erscheinungsort und Verfassernamen ein
-Neudruck vor. Hier ist auch der feierliche Schluß fortgelassen. Sollten
-etwa trostbedürftige Ehemänner die Abnehmer gewesen sein?
-
-Noch im Jahre 1767 erschien unter dem Titel »Beantwortung der Frage, ob
-das Frauenzimmer ein notwendiges Uebel sey« zu Frankfurt und Leipzig
-ein Büchlein, das allerdings das Thema mehr humoristisch behandelt,
-auch keinen Verfassernamen trägt.
-
-Ja, noch aus dem Jahre 1791 liegt mit eine Broschüre über das Thema
-vor. Sie trägt den Titel »Apologie des schönen Geschlechts oder Beweis,
-daß die Frauenzimmer Menschen sind«, wurde von Heinrich Nudow aus dem
-Lateinischen übersetzt und erschien in Königsberg.
-
-Interessant ist die Bemerkung der Vorrede, »daß einige neuere
-spekulative Naturforscher des schönen Geschlechts« zu der »sehr
-wahrscheinlichen« Annahme gelangt seien, daß »der +Sitz der Seele+ bei
-den Frauenzimmern nicht wie bei den Männern im Gehirn, sondern in
-+der Gebärmutter seyn+ soll; -- daß da sich alles Leben und Seyn, --
-alles Dichten und Trachten beim andern Geschlecht von einem gewissen
-inneren Triebe ableiten, und wieder darauf zurückführen läßt, dem die
-Natur jenes Eingeweide zu einem Hauptwerkzeug bestimmte, auch wohl
-das andere Geschlecht großenteils (und vielleicht gänzlich) nur durch
-die Gebärmutter denken dürfe.« Der Verfasser konstatiert und beweist
-übrigens die Menschheit des schönen Geschlechts.
-
-Lassen wir dahingestellt, was in diesen Schriften, die wir
-keineswegs vollzählig aufführten, Ernst, was Witz ist, so viel steht
-unwiderleglich fest, daß eine ganze theologische Fakultät es für
-notwendig hielt, feierlich dagegen Stellung zu nehmen, daß das Weib
-kein Mensch sei. Wäre es ihnen nicht möglich gewesen, durch Bibelworte
-den Gegenbeweis zu führen, so hätte selbstverständlich die fromme Herde
-noch etliche Jahrhunderte lang das Weib für ein Tier gehalten.
-
- *
-
-Ein gewisser Georgius Fridericus +Gublingius+ schrieb im Jahre 1725
-eine Dissertation in Wittenberg mit dem Titel: +De barba Deorum+ ex
-priscarum Graeciae et Latii maxime Religionum monumentis. Behandelte er
-in dieser gelehrten Schrift die Frage, ob die +Götter bärtig waren+, so
-in einer andern im gleichen Jahre ebenfalls in Wittenberg erschienenen
-unter dem Titel: »De causis barbae Deorum«, die ebenso wichtige nach
-den +Gründen dieser Bärtigkeit+.
-
- *
-
-Eine außerordentliche gelehrte Arbeit erschien 1705 zu Leipzig mit
-folgendem Titel: »Cogitationes admodum probabiles de vestimentis
-Israelitarum in deserto an per miraculum duraverint aut creverint in
-dissertatione academica indultu Philosophici Ordinis Lipsiae ad II.
-Aprilis A. MDCCV habenda eruditorum examini exhibitae a Gottfrido
-Zeibigio & Johann Andrea Beckero.« Die philosophische Fakultät
-promovierte also zwei Doktoranden, die Herren +Zeibig+ und +Becker+,
-weil sie Betrachtungen darüber anstellten, ob +die Kleider der Juden in
-der Wüste durch ein Wunder alle Strapazen ausgehalten haben oder gar
-nachwuchsen+!
-
- *
-
-Ein gewisser Paul Christian +Hilscher+ prüft in Dresden 1703 in einer
-seinem Schwiegervater, dem Dr. der Theologie und Superintendenten zu
-Freiberg, Christian Lehmann gewidmeten Gratulationsschrift zum 60.
-Geburtstage die hochwichtige Frage nach der +Bibliothek Adams+. (De
-bibliotheca Adami.) Das Heftchen ist mit wundervollen Schriftzeichen
-geschmückt und natürlich grundgelehrt. So eine Art Seitenstück also zu
-Beringers Würzburger Petrefaktenbuch, das wir bald kennen lernen werden.
-
- *
-
-Christian Tobias Ephraim +Reinhard+, ein sonst ganz ernster
-Schriftsteller, der auch über die in der Bibel vorkommenden
-Krankheiten geschrieben hat, veröffentlichte im Jahre 1752 zu Hamburg
-eine Schrift: »Untersuchung der Frage, ob +unsere ersten Urältern Adam
-und Eva einen Nabel gehabt+.« Er kommt im § 17 dieser Abhandlung, die
-wohl ernst gemeint sein dürfte, zu folgendem Resultat: »Genug, Adam
-und Eva sind nicht gebohren, sondern gemacht, nicht gezeuget, sondern
-geschaffen worden, und wer hieran zweifelt, der ist kein würdiges Glied
-der Kirche, sondern wird kraft meines Amts dem Teufel übergeben. Von
-dieser Wahrheit gibt der heilige Geschichtschreiber Moses in seinem
-Buche von der Erzeugung das allerbewährteste Zeugnis. Da es nun eine
-unumstößliche Wahrheit bleibet: daß unsere ersten Stammväter nicht
-gebohren worden sind, so muß es auch wahr sein, daß sie keinen Nabel
-nöthig gehabt haben. Denn da dieselben niemals im Mutterleibe verborgen
-gewesen sind, so hat ihnen fraglich keine Nabelschnur zu statten kommen
-dürfen. Haben sie nun keine Nabelschnur nöthig gehabt, so haben sie
-auch keinen Nabel, als dessen Überrest derselbe ist, besitzen können.«
-
-Reinhard war »Der Arzneygelahrtheit Doktor und Heilarzt zu Camenz«, wie
-er auf dem Titelblatt des Schriftchen vermerkt.
-
- *
-
-Das erleichtert uns den Übergang zu den Naturwissenschaften.
-
- *
-
-Jahrhunderte nahm man an, die Meergänse sollten aus einer Muschel, der
-Entenmuschel, hervorgehen. Diese Theorie ist weniger verwunderlich,
-als die Tatsache, daß bedeutende Gelehrte sich +durch Augenschein davon
-überzeugt haben wollten+. So schrieb der Leibarzt Rudolfs II., Michael
-Mayer, er habe in den Muschelschalen den wie in seinem Ei liegenden
-Fötus des Vogels +selbst gesehen+ und sich überzeugt, daß er Schnabel,
-Augen, Füße, Flügel und selbst angehende Federn besaß. Der gleichfalls
-im 17. Jahrhundert lebende Sir Robert Moray, dessen Bericht in den
-Schriften der Londoner königlichen Gesellschaft 1677-78 veröffentlicht
-ist, behauptete, in jeder Entenmuschel, die er öffnete, ein vollkommen
-ausgebildetes Vögelchen gefunden zu haben.[17]
-
- *
-
-Daß auch die Universitäten ähnliche Fabeln verbreiteten, zumal dort, wo
-die Jesuiten für das Fortbestehen des Autoritätsglaubens wirkten, kann
-nicht verwundern.
-
-Unter dem Titel: »Positiones ex universa philosophia Aristotelis tum
-contemplativa tum politica, quas in Alma ac Celeberrima Herbipolensium
-Universitate pro suprema Doctoratus philosophici laurea praeside R.
-P. Ignatio Zinck e Soc. Jesu AA. LL. & Philos. Magistro e jusdemque
-in praedicta Universitate Professore publice defendendas suscepit D.
-Joannes Bernardus Dill Herbipolensis etc. etc.« erschien im Jahre 1700
-eine philosophisch-naturwissenschaftliche Dissertation zu Würzburg.
-Das hochgelahrte Werk, das den Joh. Bernh. +Dill+ zum Verteidiger, den
-Jesuiten Prof. P. Ignaz +Zinck+ zum Verfasser hatte, läßt schon ahnen,
-welch außerordentlichen Ruhm diese christ-katholische Universität noch
-erringen sollte.
-
-Da wird erzählt, wie der Blick eines Vogels heile, verschiedene Steine
-auf den Menschen wirkten, z. B. Jaspis die Lebensgeister wecke, der
-Amethyst, auf den Nabel des Berauschten gelegt, die Dünste aus dem Kopf
-zieht und die Trunkenheit verscheucht oder der im Magen des Haushahns
-sich bildende lapis alectorius denjenigen, der ihn im Munde trägt,
-mutig und tapfer macht. Als Belege für die Möglichkeit ewigen Feuers
-wird erzählt, daß im Jahre 1041 im Grabe des von Turnus getöteten
-Pallas eine Lampe gefunden wurde, die bereits 1611 Jahre brannte und
-vielleicht noch brennen würde, wenn sie damals nicht zerbrochen und
-das künstlich präparierte Öl verschüttet worden wäre. Ferner brannte
-die unter Paul III. gefundene Grablampe von Ciceros Tochter Tulliola
-ebenfalls noch.
-
-Mit dem gleichen Ernst gibt diese Dissertation den Bericht des
-Jesuiten Schott wieder, daß in Schottland, auf den Hebriden und in
-einigen Gegenden Indiens an den Bäumen Enten und andere Vogelarten
-wachsen, die wie Blätter hervorsprossen, dann wie Obst sich runden,
-endlich Vogelgestalt bekommen und an dem Schnabel gleich dem Stiele
-herabhängen, bis sie ganz ausgereift abfallen und davonfliegen.
-
-Auf die Autorität des »Apostels« hin wird endlich gelehrt: im
-künftigen Leben werden »wir Auserwählten alle« eine Größe von 4 Ellen
-= 6 Fuß haben, nicht mehr und nicht weniger, denn dies sei, wie die
-Geschichtschreiber und Väter allenthalben berichten, die Größe Christi
-gewesen. Den Größeren werden -- so fügt der englische Lehrer bei --
-der Überschuß über die Normalgröße genommen und damit die Kleinen
-aufgebessert werden.[18]
-
- *
-
-Im Jahre 1726 erschien zu Würzburg ein Buch, das für uns unschätzbaren
-Wert besitzt. Es trug nach dem Gebrauche der Zeit folgenden etwas
-langatmigen Titel: LITHOGRAPHIAE WIRCEBURGENSIS, DUCENTIS LAPIDUM
-FIGURATORUM, A POTIORI INSECTIFORMIUM, PRODIGIOSIS IMAGINIBUS EXORNATAE
-SPECIMEN PRIMUM, Quod IN DISSERTATIONE INAUGURALI PHYSICO-HISTORICA,
-CUM ANNEXIS COROLLARIIS MEDICIS, AUTHORITATE ET CONSENSU INCLYTAE
-FACULTATIS MEDICAE, IN ALMA EOO-FRANCICA WIRCEBURGENSIUM UNIVERSITATE,
-PRAESIDE Praenobili, Clarissimo Expertissimo Viro ac Domino, D.
-JOANNE BARTHOLOMAEO ADAMO BERINGER, Philosophiae & Medicinae Doctore,
-Ejusdémque Professore Publ:Ordin:Facult:Medicae h. t. Decano &
-Seniore, Reverendissimi & Celsissimi PINCIPIS (sic!) Wirceburgensis
-Consiliario, & Archiatro, Aulae, nec non Principalis Seminarii DD.
-Nobilium & Clericorum, ac Magni Hospitalis Julianaei Primo loco Medico,
-Exantlatis de more rigidis Examinibus, PRO SUPREMA DOCTORATUS MEDICI
-LAUREA, annexisque Privilegiis ritè consequendis, PUBLICAE LITTERATORUM
-DISQUISITIONI SUBMITTIT GEORGIUS LUDOVICUS HUEBER Herbipolensis, AA.
-LL. & Philosophiae Baccalaureus, Medicinae Candidatus. IN CONSUETO
-AUDITORIO MEDICO.
-
-Dieser schöne Titel, auch typographisch bedeutend reicher, als es hier
-zum Ausdruck kommt, dazu ein schöner Titelkupferstich stehen zu Beginn
-eines Buches, das auf Erden nicht viele Rivalen haben dürfte.
-
-+Georg Ludwig Hueber+ heißt also der Verfasser, dessen medicinische
-Habilitationsschrift vor uns liegt, sein Lehrer aber Johann
-Bartholomäus Adam +Beringer+, ein Mann schwer an Weisheit, Würden und
-Titeln, Professor, Leibarzt des Fürstbischofs und anderes mehr. Da es
-damals Sitte war, daß die Promotionsschrift vom Professor abgefaßt
-wurde, so war Beringer der eigentliche Autor.[19]
-
-Es handelt sich um eine großartige Entdeckung, die er gemacht
-hatte oder doch gemacht haben wollte. In der Nähe von Würzburg
-waren Petrefakte gefunden worden, die er auf schönen Kupfertafeln
-gewissenhaft abbildete. Da gab es Blumen und Frösche, Fische und
-anderes Getier. Auch eine Spinne mit Netz war versteinert (Taf. X),
-ferner eine Spinne im Begriff eine Fliege zu fangen, zusammen mit
-ihrem Opfer, ein reizendes Tierstückchen! Aber auch Stilleben fehlten
-unter den Versteinerungen nicht, so ein Schmetterling, der an einer
-Blume saugt (Taf. VI). Noch viel abenteuerlichere Dinge waren vom
-hochgelahrten Herren zutage gefördert worden: ein versteinerter Stern,
-ein Halbmond, ein Stern mit Halbmond, ja Figuren so ähnlich aussehend,
-wie die primitive Kunst Kometen zeichnet (Taf. III). Das und noch
-vieles andere war auf den schönen Kupfertafeln zu sehen. Besonderes
-Interesse verdienten Versteinerungen, auf denen in hebräischen Lettern
-Jehova und ähnliches stand (Taf. VII).
-
-Natürlich war auch für begleitenden Text gesorgt. War doch die
-Entdeckung so verblüffend, so über alle Maßen großartig, daß ein
-ausgiebiger Kommentar sich von selbst verstand. So bewies Beringer vor
-allem, daß es sich hier nicht etwa um Überreste aus heidnischer Zeit
-handle, auch nicht um Kunstgegenstände jüdischer Herkunft. O nein, +es
-war alles Natur+. Es waren Versteinerungen von Tieren und Pflanzen, die
-vor unvordenklichen Zeiten das Meer ausgespült hatte (vgl. Kap. 4 und
-13). Daran ließen sich natürlich die weitgehendsten Schlüsse knüpfen
-sowie Ausfälle auf Zweifler. Und das tat auch der gelehrte Verfasser.
-
-Aber leider blieb seine große wissenschaftliche Tat nicht vom Neide der
-Götter verschont. Es stellte sich heraus, daß Schüler und Gegner des
-Professors aus Ulk Pseudopetrefakte künstlich hergestellt hatten und in
-dem Steinbruch finden ließen, den der Professor häufig besuchte.
-
-Es dürfte sich hier um eine der größten akademischen Dummheiten
-handeln, von der die Geschichte der Wissenschaften weiß. Das fühlte
-auch Beringer, denn er ließ alle erreichbaren Exemplare des Werkes
-vernichten, so daß es zur großen Seltenheit wurde. Die kgl. Hof- und
-Staatsbibliothek in München ist im Besitze eines tadellos erhaltenen
-Exemplars.[20]
-
- *
-
-Auf moralischem Gebiete hat aber Beringer einen Konkurrenten in der
-Person des nicht unbedeutenden Kulturhistorikers Friedrich von
-+Hellwald+. Wenn er die Ursache unserer heutigen Milde und unseres
-Entsetzens über die früheren Gräuel der Hexenprozesse nicht darin
-findet, daß wir so viel bessere Menschen als unsere Vorfahren sind,
-sondern einfach, weil wir wissen, daß es keine schädlichen Hexen gibt,
-so hat er recht. Wahrscheinlich würden wir uns nicht viel anders als
-das Mittelalter benehmen, wenn wir noch heute unter dem verdummenden
-Einfluß der Kirche ständen. Grotesk aber ist die Art, wie Hellwald zu
-beweisen versucht, daß die Inquisition gar nicht so schlimm war. Er
-ähnelt darin einem gewissen Hoeniger, dessen Methode die Harmlosigkeit
-des Dreißigjährigen Krieges zu beweisen, wir im I. Bande (S. 126)
-kennen lernten.
-
-Hellwald schreibt (mit Kürzungen): »Nach Llorente, Histoire critique
-de L’Inquisition d’Espagne, 1815-1817, sollen von 1481-1808 in Spanien
-31912 Menschen verbrannt worden sein. Nach glaubwürdigen Quellen betrug
-die Bevölkerung Spaniens um 1500 n. Chr. 9320691, welche Ziffer 2½
-Jahrhunderte, bis 1768 (Jahr der ersten verläßlicheren Volkszählung)
-stationär blieb.
-
-Gesetzt nun, die Ketzerverbrennungen wären über diese Periode
-gleichmäßig verteilt gewesen, so hätten dieselben alljährlich 97,6
-oder rund 100 Menschen, d. h. 1:90000, das Leben gekostet. Nun soll
-aber Torquemada in den 15 Jahren von 1483-1498 allein 8300, d. h.
-durchschnittlich 586 Menschen jährlich, nach den glaubwürdigen
-Angaben Marianas, dem Maurenbrecher folgt, 1481-1498 nur 2000 Opfer
-zum Scheiterhaufen gesandt haben; diese Ziffern wären also von den
-obigen abzuziehen, d. h. auf 312 Jahre entfallen 23112 Opfer = 74 im
-Jahre = 1: 121756. Diese Zahlen sind nicht so furchtbar groß, wie
-nachstehendes, der Gegenwart entnommenes Beispiel illustriert. Nach dem
-»American Railroad Journal« fanden im Jahre 1873 im ganzen 576 Menschen
-den Tod durch Unglücksfälle auf Eisenbahnen im Gebiete der Vereinigten
-Staaten, 1112 wurden verletzt. Diese Ziffern findet das genannte Blatt
-ziemlich unbedeutend und in der Tat fällt es niemandem bei, über
-dieselben ein Klagegeschrei zu erheben. Wenn nun diese Ziffern immer
-so ›unbedeutend‹ blieben, so würden in dem gleichen Zeitraume von 327
-Jahren nicht weniger als 188352 Tote und 363624 Verwundete diesem
-Fortschritte der Zivilisation zum Opfer fallen.«
-
-Daß der relative Menschenverlust nicht allzu groß war, wenn auch die
-Opfer der Inquisition bedeutend unterschätzt sind und tatsächlich
-einzelne Ortschaften und Landstriche entvölkert wurden, sei zugegeben.
-Aber ist deshalb der Wahn weniger gräßlich?
-
-Köstlich ist auch folgende Meditation: »Endlich, so banal es klingt,
-so wahr ist doch, daß alle die beklagenswerten Opfer menschlicher
-Torheit eines anderen Todes einmal hätten sterben müssen. Ihr Leben
-ist wohl verkürzt worden, doch käme es noch sehr darauf an zu wissen,
-wie groß der durch diese Verkürzung verursachte Schaden war. Dazu
-müßte man genau kennen: Lebensalter und Lebensverhältnisse, leibliche
-Konstitution und geistige Gaben dieser vorzeitig Gestorbenen; wie viele
-dem Greisenalter gehörten und schon zeugungsunfähig waren, wie vielen
-eine kränkliche Organisation nur mehr eine kurze Lebensfrist gegönnt
-hätte; man müßte veranschlagen, wie viele durch anderweitige Zufälle
-oder in Ausübung ihres Berufes ohnedies ein vorzeitiges Ende gefunden
-hätten, wie viele von akuten Krankheiten dahingerafft worden wären
-u. dgl. Erst die Eliminierung aller dieser komplexen Faktoren würden
-gestatten, den erlittenen Verlust auf ein annähernd richtiges Maß
-zurückzuführen.«[21]
-
- *
-
-Bekanntlich behaupten die bayerischen Lyzeen, den Universitäten im
-Range gleichstehende Hochschulen zu sein, und die schwarze Gesellschaft
-wird zu betonen nicht müde, daß die wissenschaftlichen Leistungen
-diesem Range auch völlig entsprechen.
-
-Wir können ohne Zaudern weiter gehen: sie übertreffen ihn! Sie lassen
-alle weltlichen Bildungsstätten weit hinter sich.
-
-Ihr fordert Beweise? Nichts einfacher als das. Wo hätte uns je eine
-Universität eine +Topographie der Hölle+ geschenkt, wenn nicht Münster,
-das glorreiche Wirkungsfeld des großen Bautz? (Vgl. 1. Bd. S. 225 ff.)
-
-Wären wir etwa über Satan informiert, wenn nicht +David Leiste+,
-Professor der Moraltheologie, Patrologie und Pädagogik am k. Lyzeum in
-Dillingen unter dem Titel »+Die Besessenheit+« ein Programm im Jahre
-1886/87 darüber veröffentlicht hätte. Ein grundgelehrtes Werk noch
-dazu. Wir schlagen auf gut Glück S. 24 ff. auf.
-
-»Die Wirklichkeit dämonischer Erscheinungen in einem objektiv
-wirklichen, materiellen Körper, nicht etwa in einem bloß eingebildeten
-imaginären, bezeugt die Heil. Schrift. Nach ihrem Bericht hat Satan die
-Eva in sichtbarer Schlangengestalt versucht; daß auch die Versuchung
-Christi eine rein äußerliche war, ist zweifellos; es ist gewöhnliche,
-wenn auch nicht ausdrücklich durch die Heil. Schrift verbürgte Annahme,
-daß Satan hiebei sich mit einem materiellen Leibe umkleidet habe, der
-ihn als Geist der Hölle verbergen solle. Wieder wird Satan in die
-Erscheinung treten am Ende der Menschengeschichte in den großen Kämpfen
-des Reiches Gottes mit dem Antichrist.
-
-Es bestätigen uns dann auch die hl. Väter und Theologen die Tatsache,
-daß Satan zum Zwecke der Menschenverführung und Menschenplage auf
-Erden sich zeige in der angenommenen Gestalt von Verstorbenen, von
-wilden Tieren, von Vögeln. Unter den verschiedensten Tiergestalten
-ist Satan schon erschienen, nur die der Taube und des Lammes, sagt
-Majolus, glaubt man, sei ihm verboten. Die Form der Ziege und des
-Bockes kommt gar häufig in den Versuchungen vor. »Weil im großen Drama
-des Weltgerichts dem Bock als Symbol des Sklaven der Sünde seine Rolle
-zugewiesen ist, so steht der Annahme, der Dämon habe je bisweilen unter
-dieser oder einer entsprechenden Gestalt seine Besuche gemacht, nichts
-im Wege.« (Rütjes, Der Teufel, Essen 1878, S. 60.) Majolus sagt, diese
-Erscheinungsgestalt komme ihm zu, weil dies geile und hochmütige Tiere
-seien. Satan ist ferner schon erschienen als Löwe, Wolf, Bär, Stier,
-Schwein, Fuchs, als schwarzer Kater oder Hund. So z. B. erblickten
-der hl. Stanislaus und der ehrwürdige Pfarrer von Ars den Teufel in
-Hundegestalt, mit feurigen Augen, also in der Gestalt eines Tieres, das
-als Sinnbild der Schamlosigkeit bekannt ist; letzterer sah ihn auch
-in der Gestalt eines Kopfkissens, oder die bösen Geister belästigten
-ihn auch in der Gestalt von Fledermäusen. Ferner zeigte sich Satan
-als Hahn, Eule, Geier, Drache, Schlange, Kröte, Eidechse, Skorpion,
-Spinne, Fliege, Mücke, Wespe. Auch die Menschengestalt gebraucht er als
-Hülle und erscheint als Bauer, Schiffer, Geistlicher, als geputztes,
-verführerisches Weib, als Mädchen. Der ehrwürdigen Maria Crescentia von
-Kaufbeuren zeigte sich der Teufel in Gestalt einer Nonne, eines Negers,
-eines Jägers oder auch in verschiedenen Tiergestalten« etc.
-
-Trotzdem brauchen wir keine allzu große Furcht zu haben. Denn -- und
-daß er das zu unserer Beruhigung sagt, spricht für das gute Herz
-des Herrn Verfassers -- »Seinem Erscheinungsleibe das Bild eines
-+vollkommenen+ Leibes aufzudrücken, ist Satan nicht allweg gestattet;
-er ist genötigt, ihm teilweise eine tierische Bildung oder eine andere
-verzerrte und fratzenhafte Form zu geben. Und während der gute Engel
-seinen Leib aus edlen, ätherischen Stoffen bildet, ist der Teufel für
-diesen Zweck auf unreine, schmutzige Materien angewiesen.« (S. 28.)
-
-Die historische Tatsächlichkeit wenn auch nicht aller, so doch vieler
-Teufelserscheinungen steht fest. »... sicherlich (ist) ein bedeutender
-Teil der von der Geschichte aufbewahrten Vorgänge dieser Art als
-historisch glaubwürdig anzunehmen und haben wir es nicht mit lauter
-›Teufeleien der Mönchsphantasie‹ zu tun.« (S. 30.)
-
-Das ist ja entschieden unheimlich. Und doch braucht es uns nicht
-ins Bockshorn zu jagen. Denn wie der gelehrte Autor auf S. 139 ff.
-ausführt, hat der Satan gegenwärtig die Taktik geändert und die
-offenkundige leibliche Besessenheit hat -- hurra! -- +abgenommen+.
-Und doch ist die Sache nicht ganz geheuer. »Sollte es vielleicht eine
-furchtbare Strafe der so weit verbreiteten Apostasie sein, daß Gott dem
-Teufel die Taktik erlaubt hat, +inkognito+ sein Geschäft zu treiben und
-so die blinden Seelen um so sicherer in den Abgrund zu jagen?« (S. 145
-f., zitiert nach dem Kirchenlexikon, 2. Aufl., II, S. 517 ff., Art.
-Besessene.) Daß die spiritistischen, somnambulistischen und verwandten
-Phänomene auf den Teufel zurückgehen, steht fest.
-
-Verlassen wir dies unheimliche Thema, um uns heiterern Gesichtern
-zuzuwenden.
-
- *
-
-Papst Alexander VI. schenkte durch die Bulle Inter cetera vom 4. Mai
-1493 den Spaniern alle entdeckten und noch zu entdeckenden Länder nicht
-nur westlich, sondern auch +südlich+ eines bestimmten Längengrades!
-Und zwar tat das der damals noch fehlbare Nachfolger Petri »ex certa
-scientia«. Er wußte es also ganz genau![22]
-
- *
-
-Da lobe ich mir doch die deutsche Gründlichkeit. Bekanntlich entdeckte
-ein Gelehrter bereits die Wichtigkeit von +Goethes Wäschezettel+ für
-die deutsche Literatur. Er wird aber noch übertroffen vom »Altmeister
-der chemischen Geschichtsforschung H. Kopp«, der die Worte Encheiresin
-naturae aus der Schülerszene des Faust zum Gegenstand +jahrzehntelanger
-Nachforschungen+ machte.[23]
-
-Zu diesem Kapitel gehört auch folgendes: In der Berliner Wochenschrift
-»Die Standarte« schreibt ein Germanist, er habe in einem Goetheseminar
-der Berliner Universität +tagelang+ an der Frage gearbeitet, +ob in
-einem Heft Goethes die Ausstreichungen mit schwarzer oder roter Tinte
-oder mit Bleistift gemacht worden sind+. Das tiefe Problem, ob der
-vorgoethische Faust mit Vornamen Heinrich oder Johann geheißen habe,
-läßt die Forscher nicht zur Ruhe kommen. Und von höchster Bedeutung
-ist, ob Goethe +Lieschen+ oder +Liesgen+ geschrieben hat, wie der
-+Wasserstempel+ im Konzept zu den »Wahlverwandtschaften« aussieht, ob
-eine Notiz am 21. oder 22. oder gar -- wie Pniower behauptet -- am
-24. Oktober eingetragen ist. +Das ist Goetheforschung!+ Wer aber etwa
-gar denkt, es sei gleichgültig, ob das »Kophtische Lied« 1789 oder
-1791 geschrieben sei, wird erbarmungslos aus diesem geweihten Kreise
-verbannt.[24]
-
- *
-
-Auf diesen Ton ist auch die Gründlichkeit wissenschaftlicher Kritiken
-und Kontroversen gestimmt. In der Historischen Vierteljahrsschrift,
-einem angesehenen Fachorgane, finde ich -- um ein Beispiel für
-unzählige zu nennen -- folgende schöne Stelle: »Eine ›mißverständliche‹
-Äußerung ist nach meinem Sprachgebrauch keine solche, die von
-Mißverständnis zeugt, sondern die Mißverständnis erzeugen könnte.
-›Mißverständlich› in diesem Sinne erschienen mir die Worte: ›B.
-setzt die Urkunde nach 1162‹. Setzen ist ein örtlicher Ausdruck; man
-kann also richtig sagen: ›B. setzt die Urkunde vor 1162‹, weil wir
-die Präposition vor ebensowohl örtlich als zeitlich gebrauchen. Der
-richtige Gegensatz zu dem örtlichen vor ist aber nicht nach, sondern
-hinter (hinter 1162), während nach in örtlichem Gebrauche uns zunächst
-die Richtung bedeutet, aber damit zugleich häufig die Vorstellung des
-›hinein in‹ verbindet; man vergleiche: ›er ist nach Frankfurt gesetzt‹
-und ›das Regiment ist nach Krefeld verlegt‹. Ein Leser von korrektem
-Sprachgefühl, der B.s eigene Darstellung noch nicht kennt, muß hier
-also geradezu verstehen: ›B. setzt die Urkunde in das Jahr 1162‹,
-wiewohl die S.sche Ausdrucksweise häufiger vorkommen mag. Müßig war
-meine Bemerkung also nicht.«[25]
-
-Im engen Kreis verengert sich der Sinn.
-
-Mir selbst ist eine ähnliche Geschichte, die mich königlich
-amüsierte, mit einem Geheimrat Harry Breßlau passiert. In meiner
-»Frühmittelalterlichen Porträtplastik in Deutschland« hatte ich
-auch die Siegelkunde gestreift und zum Belege dafür, daß mir der
-Beweis, bereits die frühmittelalterliche Kunst habe eine gewisse
-Porträtfähigkeit besessen -- was bisher unbekannt war und von einem
-großen Teil der gelehrten Zunft heute noch bestritten wird -- u. a. auf
-folgendes hingewiesen: Im Allgemeinen Reichsarchiv in München befindet
-sich -- auch unter der Abgußsammlung echter Kaisersiegel -- ein Siegel,
-das bisher den Namen Heinrichs II. trug. Ich sah sofort, daß hier ein
-Irrtum vorliege und es eine Porträtdarstellung Heinrichs III. sei.
-Daraufhin wurde dann der Irrtum richtiggestellt.
-
-Das muß nun den Herrn Geheimrat tief empört haben, denn er schreibt
-im 35. Bde. des Neuen Archivs der Gesellschaft für ältere deutsche
-Geschichtskunde S. 297: »Wenn die Kenntnisse und die Sorgfalt des Herrn
-ebenso groß wären, wie sein Selbstbewußtsein, würde er vielleicht einen
-Blick in den dritten Band unserer Diplomata-Ausgabe geworfen und sich
-überzeugt haben, +daß die Tatsache bereits in der Note p. zu DH. H. 332
-b auf S. 421 festgestellt war+.«
-
-Tant de bruit!!!
-
-
-
-
-Dritter Abschnitt
-
-Autoritäten, gelehrte Zunft und Fortschritt
-
-
-Schon an anderer Stelle habe ich meine Ansichten über das Versagen
-der sogenannten Autoritäten nicht minder als der ganzen gelehrten
-Zunft dem Genialen und Neuen gegenüber ausgesprochen. Der letzte
-Abschnitt des ersten Bandes dieses Buches enthält genügend Material
-zum Beweise dafür, daß der Fortschritt sich nicht durch, sondern
-trotz Autoritäten vollzieht und daß keineswegs nur im Mittelalter,
-sondern auch heute noch vorgefaßte Meinungen, Theorien und Hypothesen
-höher bewertet werden, als gut beglaubigte Beobachtungen, falls sie
-ihnen widersprechen. Dazu kommt das Gesetz der Trägheit, das gerade
-in Gelehrtenkreisen unverbrüchlich befolgt wird. Weiteres Material in
-dieser Richtung zu sammeln, war mir eine besondere Freude.
-
-Beginnen wir mit den Naturwissenschaften.
-
-Bekanntlich war Aristoteles das ganze Mittelalter hindurch eine
-unbestrittene Autorität in allen weltlichen Fragen. Wie wir noch später
-bei Betrachtung der Universitäten sehen werden, durfte niemand von
-seiner Lehre abweichen, es sei denn, sie widersprach einem Dogma.
-Galens Autorität als Arzt war nicht geringer, die der Bibel in allen
-Fragen ist hinlänglich bekannt. So werden wir denn sehen, daß es vor
-allem die genannten Autoritäten sind, denen der Fortschritt im harten
-Kampfe fußweise den Boden abgewinnen muß, um -- andere Autoritäten
-dafür einzutauschen.
-
-+Galilei+, 25jährig im Jahre 1589 zum Professor an der Universität
-Pisa ernannt, trat öffentlich gegen Aristoteles auf, indem er durch
-Vernunftschlüsse bewies, daß alle Körper gleich schnell fallen.
-Gleichzeitig trat er den experimentellen Beweis an, indem er vom
-schiefen Turm der Stadt unter anderem eine 100pfündige Bombe und
-eine halbpfündige Kanonenkugel fallen ließ, die bei der ungefähren
-Fallhöhe von 70 m kaum eine Handbreit abwichen. Trotzdem vertrauten
-die peripatetischen Kollegen ihrem Aristoteles mehr, als der direkten
-Naturbeobachtung, ja, sie empfingen den unbequemen Gegner mit Pfeifen.
-Dadurch wurde der große Forscher +gezwungen, die Universität zu
-verlassen+, um einer Kündigung seines Kontraktes zuvorzukommen. Als er
-die Jupitermonde entdeckt hatte, +scheuten sich die peripatetischen
-Professoren, in ein Fernrohr zu sehen, aus Furcht, sie könnten diese
-Beobachtung bestätigt finden+! Daß sie später die kirchliche Hilfe in
-Anspruch nahmen, um den Mann zu vernichten, der es gewagt hatte, das
-Aristotelische Himmelsgebäude zu stürzen, ist hinlänglich bekannt.
-Aber auch die wissenschaftlichen »Autoritäten« traten gegen seine
-Verteidigung des Kopernikus und der Drehung der Erde auf. Der Professor
-der Philosophie in Pisa, +Scipione Chiaramonti+ (1565-1652), schrieb
-heftig gegen seine epochemachende Vergleichung des Ptolemäischen und
-Kopernikanischen Weltsystems und der Peripatetiker +Claude Berigard+
-(1578-1663) behauptete, Galilei habe dem Simplicius nicht die stärksten
-Gründe gegen die Bewegung der Erde in den Mund gelegt.[26]
-
- *
-
-Da J. Baptista +Benedettis+ mechanische Entdeckungen wiederholt
-Aristoteles widersprachen, fanden sie nicht die verdiente Beachtung. Im
-16. Jahrhundert mußte die Physik nach Aristoteles oder zur Not, wenn
-es sich um statische Verhältnisse handelte, nach Archimedes gelehrt
-werden. Sonst konnte das Werk nicht den Beifall der zünftigen Gelehrten
-finden und wurde, soweit irgend möglich, +totgeschwiegen+.[27]
-
- *
-
-+Tycho de Brahe+ lehnte das Kopernikanische System ab, unter
-anderem, weil die +Bibel+ (Josua 10, 12) +direkt der Bewegung der
-Erde widerspräche+. Allerdings stürzte er das bisher herrschende
-Ptolemäische System.[28]
-
- *
-
-+Peter Ramus+ (Ramée geb. 1515), ein verdienstvoller französischer
-Mathematiker, der auch als Lehrer der Beredsamkeit und Philosophie
-tätig war, griff Aristoteles, dessen Logik er noch nicht einmal
-gelten lassen wollte, kühn an. Dadurch entfesselte er einen förmlichen
-Sturm der Entrüstung an allen Universitäten, der für ihn die schlimme
-Folge hatte, daß er seiner +Lehrerstelle in Paris entsetzt wurde+ und
-aus der Stadt fliehen mußte. Als er später zurückzukehren wagte und
-seine Lehrtätigkeit wieder aufnahm, wurde er in der Bartholomäusnacht
-1572 +ermordet+, wie man sagt auf Anstiften des Carpentarius, seines
-scholastischen Gegners.[29]
-
- *
-
-+Newton+, der erst im 12. Lebensjahre auf die Schule kam und dort
-anfänglich als schlechter Schüler galt, veröffentlichte 1687 in
-seinem berühmten Werke Philosophia naturalis principia mathematica
-das bereits früher von ihm entdeckte Gravitationsgesetz. Statt nun
-anzuerkennen, was Newton unwiderleglich bewiesen hatte, daß alle
-Himmelserscheinungen wenigstens so vor sich gehen, als strebten alle
-Körper nach dem direkten Verhältnis ihrer Massen und dem indirekt
-quadratischen Verhältnis ihrer Entfernungen zueinander, +negierten
-seine Cartesianischen Gegner einfach Newtons große Entdeckung+.[30]
-
-Später erklärte er kategorisch, »Hypothesen bilde ich nicht«. Durch
-die Autorität, die dieser Mann, dessen Schüler nach und nach mehr oder
-weniger alle Physiker wurden, im Laufe der Zeit erlangt hatte, bekamen
-die +Hypothesen+ lange Zeit einen verächtlichen Beigeschmack und
-+verschwanden mehr als nötig und dienlich aus der Physik+.
-
-+Cotes+, der Schüler Newtons, erklärte, allerdings nicht ohne seines
-Meisters Verschulden, die Schwere für eine einfachste, vom Schöpfer
-der Materie direkt eingepflanzte Ursache. Er hält es für +irreligiös+,
-nach weiteren Erklärungen derselben zu suchen und so den Schöpfer ganz
-eliminieren, oder doch ganz begreifen zu wollen. In der von ihm zu
-Newtons Lebzeiten veranstalteten 2. Auflage der »Principien« erklärte
-er schon +das Suchen nach der Ursache der Schwere oder Vermittlung der
-Fernwirkung als ein Zeichen des Atheismus+![31]
-
- *
-
-+Huygens+ veröffentlichte 1690 seine bereits 1678 vor der Pariser
-Akademie verlesene Abhandlung über das Licht, in der er eine
-vollständige Undulationstheorie des Lichtes entwickelte, die bis auf
-einen Hauptpunkt ganz mit unserer jetzigen Lichttheorie übereinstimmt.
-Huygens setzt nämlich einen höchst feinen und beweglichen, durch das
-ganze Weltall verbreiteten Stoff, den Äther, voraus. Wird an einer
-Stelle ein Ätherteilchen in Schwingung versetzt, so teilen sich die
-Schwingungen allen benachbarten Teilchen mit und durch den Raum
-pflanzt sich eine Ätherwelle fort, die jenes Teilchen zum Mittelpunkt
-hat. Trifft eine solche Welle unser Auge, so haben wir die Empfindung
-von Licht. Dank dieser Theorie gelang es für jede Richtung des in
-einen Doppelspat einfallenden Lichtstrahles die Richtung auch des
-außerordentlich gebrochenen Strahles durch Rechnung oder Konstruktion
-ohne jede weitere Beobachtung zu finden. Dieser Traité de la lumière,
-bzw. diese Undulationstheorie fand nicht die Anerkennung Newtons. Die
-Abhandlung wurde von den Physikern einfach +totgeschwiegen+ und +blieb
-in der Folgezeit ohne jede Wirkung+. Sie war für ein ganzes folgendes
-Jahrhundert so gut wie nicht geschrieben. Noch die bedeutenden
-Geschichtschreiber zu Ende des 18. Jahrhunderts erwähnen das Werk fast
-nur als +Kuriosität+![32]
-
- *
-
-+Jean Richer+ († 1696) wurde von der Pariser Akademie im Jahre 1671
-nach Cayenne geschickt, und kehrte zwei Jahre später von dieser Reise
-heim. Anfänglich wurde er wegen der Genauigkeit seiner Arbeiten sehr
-belobt, doch brachte er auch eine Entdeckung mit, die den Akademikern
-bald sehr unangenehm wurde. Er hatte von Paris nach Cayenne eine gute
-Pendeluhr mitgenommen, fand aber, daß sie in Cayenne täglich um zwei
-Minuten zu langsam ging und daß er das Pendel um 1,25 Linien verkürzen
-mußte. Er glaubte zuerst an einen Irrtum seinerseits, als er aber bei
-seiner Rückkehr nach Paris das Pendel wieder auf die frühere Länge
-stellen mußte, behauptete er mit Sicherheit die +Veränderlichkeit
-der Länge des Sekundenpendels mit der geographischen Breite+. Richer
-erklärte diese daraus, daß durch die Umdrehung der Erde die Schwere
-am Äquator verringert werde und daß auch vielleicht die Erde an den
-Polen abgeplattet sei und darum die Schwere nach den Polen hin zunehme.
-Die +Akademie aber wollte durchaus nicht an eine Abplattung der Erde
-glauben+. Übrigens widersetzte sich die Pariser Akademie auch dieser
-Tatsache, als Newton sie 1687 bewies. Man führte die Verlängerung des
-Pendels auf das heiße Klima zurück, wiewohl Newton nachwies, daß die
-Ausdehnung durch die Wärme viel zu gering sei.
-
-Für Richer war seine Entdeckung sehr verhängnisvoll. Die eine
-unbequeme, weil in den Augen der Akademiker der geltenden Theorie
-widersprechende Beobachtung verringerte den Wert aller übrigen, so
-daß er schwer darunter leiden mußte und kränkelnd von der Reise
-zurückgekehrt, hinfort nur mehr geringen Anteil an den Arbeiten der
-Akademie nahm.[33]
-
- *
-
-+Thomas Youngs+ Arbeiten, durch die er zu einem Reformator der Theorie
-der Optik wurde, hatten zu seinen Lebzeiten gar keinen Erfolg. +Henry
-Brougham+ (1778-1868) schrieb in der angesehenen Edinburgh Review
-vom Jahre 1803 sehr ungünstig über seine Arbeiten. Er vermochte in
-denselben absolut nichts, was den Namen einer Entdeckung, ja nur eines
-wissenschaftlichen Experiments verdiente, zu finden und konnte seinen
-Bericht überhaupt nicht schließen, »ohne die Aufmerksamkeit der Royal
-Society darauf zu lenken, daß sie in den letzten Zeiten so +viele
-flüchtige und inhaltsleere Aufsätze in ihre Schriften aufgenommen
-habe+«. Als +William Hyde Wollaston+ sich für Youngs Interferenztheorie
-günstig ausgesprochen hatte, äußerte Brougham auch darüber seine
-Unzufriedenheit, »daß ein so genauer und scharfsinniger Experimentator
-die seltsame Undulationstheorie angenommen hat«. Die englischen
-Gelehrten gingen über Youngs Arbeiten ohne weitere Diskussion zur
-Tagesordnung über, die Deutschen übersetzen sie, ohne Gebrauch davon
-zu machen und die Franzosen lernten sie gar nicht oder doch nur ganz
-unvollkommen kennen. Schließlich wurde Young selbst wankend und bereit
-sein System aufzugeben![34]
-
- *
-
-Als +Fresnel+ durch seine Arbeiten die feste Begründung der
-Undulationstheorie des Lichtes gab, die Theorie der Interferenz und
-Beugung des Lichtes durch seine meisterhaften Messungen bestätigte,
-die Gesetze der Reflexion und Brechung des polarisierten Lichtes
-entwickelte, desgleichen die der Doppelbrechung des Lichtes in
-Kristallen u. a. m. konnte er doch den vollen Sieg seiner Ansichten
-nicht mehr erleben. Der gefeierte Physiker +Biot+ vertrat nach wie vor
-die Emanationstheorie. Ganz ungeheuerlich aber erschien den Physikern
-die Annahme der Transversalschwingungen des Äthers. Weder +Arago+ noch
-+Laplace+ noch +Poisson+ konnten sich zu ihr bekehren. Noch bis 1830
-blieb die Allgemeinheit der Physiker dabei, daß Emissionstheorie und
-Undulationstheorie die optischen Erscheinungen ungefähr gleich gut
-erklären. +Brewster+ lehnte die letztere sogar noch 1833 erbittert
-ab.[35]
-
- *
-
-Als +Fraunhofer+ im Sonnenspektrum die bekannten Linien fand und
-feststellte, daß sie immer unter denselben Umständen vorhanden waren
-und unter allen Umständen in denselben Farbentönen liegen blieben,
-was er im I. Band der Denkschriften für die Münchener Akademie der
-Wissenschaften 1814/15 veröffentlichte, legten die Physiker den Linien
-wenig theoretische Wichtigkeit bei. +Biot erwähnte sie+ selbst in der
-3. Auflage seines Lehrbuches +noch nicht+ und die ersten Bände von
-Gehlers physikalischem Lexikon machten auch nur wenig Aufhebens von
-ihnen.[36]
-
- *
-
-Die Theorien der Elektrodynamik und des Elektromagnetismus, die
-+Ampère+ aufstellte, wurden anfänglich von den Physikern +abgelehnt+.
-+Biot+ war des Unterganges dieser Lehren ganz sicher und +erhoffte von
-den Physikern, daß sie ihm seinerzeit die Ehre zollen würden, daß er
-von Anfang an diese Hypothesen abgelehnt habe+.[37]
-
- *
-
-Als +Sadi Carnot+ 1824, 28jährig, sein Werk »Réflexions sur la
-puissance motrice du feu et les machines propres à développer cette
-puissance« veröffentlicht hatte, durch das er der +Vater der neueren
-Wärmetheorie+ wurde und in dem er zum ersten Male klar und deutlich
-die Erschaffung mechanischer nicht bloß, sondern auch physischer
-Kräfte leugnete und das perpetuum mobile mechanicum so gut wie das
-perpetuum mobile physicum, wenigstens soweit es thermodynamische
-Maschinen betraf, für unmöglich erklärte, erfuhr sein Werk +völlige
-Nichtbeachtung+. Weder +Berzelius+ noch +Gehlers+ Wörterbuch der Physik
-erwähnen Carnot. Erst nach der Entdeckung des mechanischen Äquivalents
-der Wärme fanden seine Arbeiten die verdiente Aufmerksamkeit.[38]
-
- *
-
-Die von +George Green+ 1828 gefundene Potentialfunktion wurde
-+überhaupt nicht beachtet+, ebenso die Arbeiten +Hamiltons+ über
-dasselbe Thema +nur wenig+. Erst als +Gauß+ 1840 die von ihm kurz
-Potential genannte Funktion bearbeitete, fand sie allgemeine
-Verbreitung und Anerkennung.[39]
-
- *
-
-+Faradays+ Bemerkungen über die Influenz fanden keine ungeteilt
-günstige Aufnahme und die meisten Physiker, zumal die deutschen, waren
-mit seiner Gegnerschaft gegen die actio in distans durchaus nicht
-einverstanden. Man hielt seine Ideen von einer vermittelten Fernwirkung
-für Gebilde +einer ausschweifenden Phantasie+ oder verkehrt geleiteter
-Philosophie.[40]
-
- *
-
-+Euler+ führte 1762 Licht, Wärme und Elektrizität auf eine allgemeine
-Ursache, den Äther, zurück. Damit kam er, trotz mancher Mängel der
-Hypothese, dem Gesetz der Umwandlung der Kräfte sehr nahe und verdient
-unsere höchste Bewunderung dafür, daß er vor mehr als einem Jahrhundert
-nicht nur auf eine gemeinsame Wurzel aller Kräfte hinwies, sondern daß
-es ihm auch gelang, wenigstens teilweise die Erscheinungen aus ihr
-abzuleiten. Da er jedoch +mit Newtons Autorität kollidierte, wußten
-seine Zeitgenossen sein Verdienst nicht zu schätzen+. Bezeichnend ist,
-daß Priestley in seiner zu London 1772 erschienenen Geschichte der
-Optik in bezug auf den großen Mathematiker es +ablehnt+, »+den Leser
-mit bloßen Hypothesen aufzuhalten+«.[41]
-
-+Graf Rumford+ (1753-1814) hatte durch Beobachtungen beim Kanonenbohren
-in den Werkstätten des Militärzeughauses zu München und daran
-anschließende Versuche festgestellt, daß durch Reiben zweier Körper
-aneinander unbestimmte, vielleicht unbegrenzte Mengen von Wärme erzeugt
-werden könnten. Daraus folgerte er, daß man +unmöglich diese Wärme+
-selbst als einen +Stoff annehmen könne+ -- dies nach der gültigen
-+Phlogistontheorie+ geschah --, sondern was durch Bewegung immer
-unerschöpflich erzeugt werden könne, selbst nur Bewegung sei. Daher
-müsse man alle Wärmeerscheinungen als Bewegungserscheinungen auffassen.
-
-+Humphry Davy+ (1778-1829) prüfte Rumfords Versuche nach und erzeugte
-Wärme sogar durch Reibung von Eisstücken, wobei sich herausstellte,
-daß das sich bildende Wasser eine höhere Temperatur erhielt, als die
-Lufttemperatur gerade betrug. Das war eine glänzende Bestätigung von
-Rumfords Versuchen. Er stellte eine Vibrationstheorie auf und erklärte
-alle Erscheinungen der Wärme durch die Annahme, daß in einem festen
-Körper die Teilchen in beständig schwingender Bewegung sind. Auch
-+Thomas Young+, der Wiedererwecker der Undulationstheorie des Lichtes,
-bekannte sich zur +Vibrationstheorie+ und gelangte zur Überzeugung,
-daß Licht und Wärme aus ganz gleichartigen Schwingungen bestehen, die
-sich nur dadurch unterscheiden, daß die Wärmeschwingungen langsamer
-sind, als die des Lichtes. Trotzdem fühlten sich die +Physiker nicht
-veranlaßt, diesen Behauptungen+ Youngs eine größere +Beachtung zu
-schenken+, als seinen Bemühungen um die Reform der Optik. Die meisten
-Physiker kehrten, wiewohl sie merkten, daß sich die genannten Versuche
-mit der Annahme eines Wärmestoffes schwer vereinigen ließen, doch zu
-ihm zurück. Man betrachtete die Erzeugung der Wärme durch Reibung nur
-als einen nicht geklärten dunklen Punkt an dem sonst reinen Himmel der
-herrschenden Theorie, und bemühte sich mit gutem Erfolg, diesen dunklen
-Punkt ganz zu übersehen.[42]
-
- *
-
-Giovanni Battista +Guglielmini+ († 1817) stellte Berechnungen an
-über die Abweichung fallender Körper von der Lotlinie und fand, daß
-die östliche Abweichung eines von der St. Peterskirche in Rom 240
-Fuß hoch fallenden Körpers durch die Rotation der Erde ½ Zoll von
-der Vertikalen betragen müsse. In den Jahren 1790 und 1791 machte er
-diesbezügliche Versuche, die mit den Resultaten seiner Berechnung
-ziemlich gut übereinstimmten. Wunderbarerweise fand er aber auch
-gleichzeitig eine, allerdings geringe, südliche Abweichung. +Laplace
-schloß aus dieser Abweichung+, die ihm theoretisch unmöglich erschien,
-nur, daß die +ganzen Versuche gänzlich ungenau+ und +ihr Zeugnis für
-die Achsendrehung der Erde ganz unkräftig sei+.
-
-Auch als +Benzenberg+ im Jahre 1802 vom Michelsturm in Hamburg und im
-nächsten Jahre in einem Kohlenschacht zu Schlehbusch in der Mark die
-Versuche mit gleichem Resultat wieder aufnahm, gelang es ihm nicht, die
-meisten Physiker davon zu überzeugen, daß die südliche Abweichung in
-Zusammenhang mit der Schwere und Rotation der Erde stünde.[43]
-
- *
-
-Als es +Davy+, der übrigens als Lehrling bei einem Chirurgen und
-Apotheker seine glänzende Laufbahn begonnen hatte, gelungen war, noch
-vor dem Jahre 1812 das +elektrische Bogenlicht+ zu erzeugen, mit dem er
-Platina, Quarz, Kalk etc. schmolz, erregten diese Entdeckungen +nicht
-das Aufsehen+, das man hätte erwarten dürfen. Ja, theoretisch erschien
-die kolossale Wärme- und Lichtproduktion bei der geltenden materiellen
-Theorie der Wärme sogar +beunruhigend+ und +unbequem+! Man beobachtete
-hinfort unter den Physikern über dieses Thema +Schweigen+![44]
-
-+Dufay+ (1698-1733) war es ein Jahrhundert früher nicht besser
-ergangen. Er hatte u. a. die Verschiedenheit der positiven von der
-negativen Elektrizität entdeckt. »Das entscheidende Kennzeichen
-besteht darin, daß sie sich selbst abstoßen und im Gegenteil eine die
-andere anzieht.« Dieses äußerst wichtige Prinzip fand nicht gleich die
-verdiente Anerkennung und ist später erst zur Geltung gebracht worden,
-+ohne daß man dabei die Verdienste Dufays anerkannt hätte+.[45]
-
- *
-
-Der geniale Erfinder +Papin+, der bereits den Gedanken hatte, Wagen
-durch Dampfkraft zu bewegen, der Versuche mit einem Taucherschiff
-anstellte, eine Zentrifugalpumpe erfand, die ohne Ventile und Klappen
-kontinuierlich das Wasser heben und auch als Blasebalg gut verwendbar
-sein sollte, der ferner den nach ihm benannten Dampfkochtopf erfand,
-der aber auch erst der Neuzeit die Dienste leistete, die Papin sich
-von ihm versprach, hatte den +Plan, ein Schiff durch Dampfkraft zu
-bewegen. Es gelang ihm jedoch nicht, die Royal Society, die überhaupt
-die Entwicklung der Dampfmaschine wenig beachtete, für seine Idee zu
-gewinnen.+ Er starb in Dürftigkeit.[46]
-
- *
-
-Im Jahre 1663 erschien aus der Feder des Edward +Somerset, Marquis of
-Worcester+, in London ein Schriftchen unter dem Titel: A century of the
-names and scantlings of such inventions as at present I can coll to
-mind to have tried and perfected. Hier erwähnt unter No. 68 Worcester
-eine Maschine, die, mit Dampf betrieben, Wasser in beliebiger Menge
-auf beliebige Höhe fortdauernd zu heben vermag. Obwohl er auf diesen
-+Vorläufer der Dampfmaschine+ im gleichen Jahre für sich und seine
-Erben ein +Patent+ auf 90 Jahre erhielt, geriet die Erfindung mit
-seinem 1667 erfolgten Tode bereits in +Vergessenheit+.[47]
-
- *
-
-Als Poggendorf im XLVIII. Bande seiner Annalen 1839 (S. 193) einen
-Aufsatz über +Daguerres+ Erfindung der +Photographie+ brachte,
-rechtfertigte er die Veröffentlichung folgendermaßen: »Bei dem
-allgemeinen und, man kann wohl sagen, +übertriebenen Interesse+,
-welches die Anzeige von Herrn Daguerres Entdeckung im Publikum gefunden
-hat...« Das Publikum, d. h. die Nichtzünftler, hat allerdings häufig
-genug mehr Verständnis für das Neue bewiesen, als die Hochgelahrten.
-
- *
-
-Das +Telephon+, die Erfindung des Autodidakten Philipp +Reis+, wurde
-zwar in wissenschaftlichen Werken, ja sogar in populären Schriften
-erwähnt. Das hinderte aber nicht, daß es allmählich +in Vergessenheit
-geriet+. Und zwar so gründlich, daß die mit Unterstützung der
-historischen Kommission der bayerischen Akademie der Wissenschaften
-herausgegebene »Geschichte der Technologie« von Karl Kramarsch (München
-1872) weder den Namen des Erfinders Reis, noch die von ihm geprägte
-Bezeichnung Telephon aufführt. Erst als +Graham Bell+, der den Apparat
-verbesserte, auch die Idee für sich in Anspruch nahm, erinnerte man
-sich in Deutschland des ursprünglichen Erfinders, dessen Tage gezählt
-waren.[48]
-
- *
-
-Die »Edinburgh Review« forderte das Publikum auf, +Thomas Gray+ in eine
-+Zwangsjacke zu stecken, weil er den Plan von Eisenbahnen entwarf+.
-
- *
-
-Ein so großer Gelehrter wie +Sir Humphry Davy lachte+ über +die
-Vorstellung, daß London einmal mit Gas beleuchtet werden solle+.
-
- *
-
-Die französische Akademie der Wissenschaften verspottete den großen
-Astronomen +Arago+, als er nur das Verlangen stellte, über das Projekt
-eines +elektrischen Telegraphen+ eine Diskussion zu eröffnen.
-
- *
-
-Als +Stephenson+ vorschlug, +Lokomotiven+ auf der Liverpool- und
-Manchestereisenbahn zu benutzen, führten gelehrte Männer den +Beweis,
-daß es unmöglich sei, zwölf englische Meilen in einer Stunde
-zurückzulegen+. Eine andere hohe wissenschaftliche Autorität erklärte
-es für gleich unmöglich, daß +Meeresdampfer+ jemals den Atlantischen
-Ozean durchkreuzen könnten.[49]
-
- *
-
-Als die +Gasbeleuchtung+ der Straßen eingeführt werden sollte,
-eiferte die +Kölnische Zeitung+ in der Nummer vom 23. April 1828 aus
-theologischen Gründen dagegen. +Es sei unzulässig, die von Gott dunkel
-geschaffene Nacht zu erhellen.+
-
- *
-
-+Helmholtz+ erklärte im Jahre 1872 als Mitglied einer vom
-preußischen Staate eingesetzte Kommission zur Prüfung äronautischer
-Fragen für nicht wahrscheinlich, daß der Mensch, auch durch den
-allergeschicktesten flügelähnlichen Mechanismus, den er durch seine
-eigene Muskelkraft zu bewegen hätte, jemals sein eigenes Gewicht in die
-Höhe heben und dort erhalten könne. Mag der große Gelehrte mit der
-menschlichen Muskelkraft auch recht behalten haben, so +lähmte doch
-anderseits seine Autorität die aviatischen Bestrebungen überhaupt+.[50]
-
- *
-
-Der Professor am Polytechnikum in Hannover und dessen nachmaliger
-Rektor Wilhelm +Launhardt+ (geb. 1832), ein hochangesehener Ingenieur
-und Fachschriftsteller, warnte seine Zuhörer davor, sich mit den
-stets vergeblich gewesenen Versuchen zur Erfindung eines +Automobils+
-abzuplagen.[51]
-
- *
-
-Wenden wir uns nun der Medizin zu, in der es den großen Männern um kein
-Haar besser erging als in den Naturwissenschaften oder der Technik.
-
-+Leopold Auenbrugger+ (1722-1809), Arzt in Wien, erfand die
-+Perkussionsmethode+, über deren Unentbehrlichkeit zur physikalischen
-Untersuchung des Körpers niemand im Zweifel ist. Und zwar fand er nicht
-durch Zufall diese großartige Erleichterung der Diagnose, sondern durch
-Nachdenken und Experiment, dabei ganz unvorbereitet und ohne jegliche
-Andeutung früherer Beobachter. Er veröffentlichte seine hochbedeutende
-Erfindung im Jahre 1761 in Wien nach siebenjähriger Vorarbeit unter dem
-Titel Inventum novum ex percussione thoracis humani ut signo abstrusos
-interni pectoris morbos detegendi.
-
-Es handelt sich hier um einen der ersten und glänzendsten Triumphe der
-anatomischen Forschung, und der Gedanke liegt nahe, daß das auch die
-Zeitgenossen erkannt hätten. Wer aber das Verhalten der Zunft und
-Autoritäten dem Neuen gegenüber kennt, wird es weniger erstaunlich
-finden, daß nur ein einziger Arzt namens +Stoll+ den Wert der
-Untersuchungsmethode durch Perkussion, wenn auch nicht ihrem vollen
-Umfange nach, erkannt und dieselbe geübt hat. +Van Swieten+ und +de
-Haën+ schenkten Auenbruggers großer Leistung keine Aufmerksamkeit. Von
-einigen Seiten wurde die Entdeckung lächerlich gemacht, von andern
-mißverstanden. So schrieb unter andern +Vogel+ in einer Kritik der
-Auenbruggerschen Schrift (Neue med. Bibliothek 1766, VI, S. 89), daß
-dieses Inventum mit besserem Recht novum antiquum, als novum hätte
-benannt werden können, +da es nichts anderes als die von Hippokrates
-geübte Sukkussion sei+.
-
-Es ist ja eine beliebte Methode, das Neue zunächst als schlecht
-abzulehnen. Dann den Nachweis zu erbringen, daß es überhaupt nicht
-neu ist. Leute, deren Sitzorgane in umgekehrtem Verhältnis zu den
-Denkorganen entwickelt sind, werden auch stets Anklänge in irgendeinem
-alten Schmöker finden. Vogel war jedenfalls vorsichtig, als er das
-hohe Alter einer Erfindung festzustellen versuchte, bevor deren Wert
-anerkannt worden war. Bezeichnend ist das Urteil des berühmten +Haller+
-(Göttingische gelehrte Anzeigen 1762, S. 1013). »Alle dergleichen
-Vorschläge verdienen zwar nicht auf der Stelle angenommen, aber mit
-Achtung gehört zu werden.« Nur keine Eile!
-
-Da die wenigen günstigen Urteile keine Beachtung fanden, geriet
-Auenbruggers Erfindung und Schrift in +völlige Vergessenheit+, bis der
-große Pariser Arzt +Corvisart+ ihr den ihr gebührenden Platz in der
-praktischen Heilkunde sicherte. Im Jahre 1808, also ein Jahr vor des
-genialen Erfinders Tode, aber +47 Jahre nach ihrer Veröffentlichung+,
-gab er unter dem Titel »Nouvelle methode pour reconnaître les maladies
-internes de la poitrine par la percussion de cette cavité« eine
-Übersetzung des Werkes heraus, deren Vorwort bewies, daß er als erster
-die Bedeutung dieser Erfindung für das Heil der Kranken in ihrem ganzen
-Umfange vollkommen gewürdigt hatte.[52]
-
- *
-
-Ganz ähnlich wie der Perkussion erging es der zur Diagnose nicht minder
-wichtigen +Auskultation+. Der selbständige Erfinder der klinischen
-Auskultation war der bekannte französische Arzt +Laënnec+ (1781 bis
-1826). Zwar hatten bereits die alten griechischen Ärzte diese Methode
-angewandt, sie war aber völlig in Vergessenheit geraten, so daß
-Laënnecs Erfinderruhm nicht gemindert wird, um so weniger, als er auch
-das Stethoskop anwandte und sich als Meister in der Determination
-akustischer Zeichen erwies. Der von ihm in die Auskultation
-eingeführten Nomenklatur bedienen sich noch die heutigen Ärzte. Sein
-Werk ist ein vollständiges Handbuch der Diagnostik, zumal in seiner
-zweiten 1826 erschienenen Auflage. Übrigens gedenkt Laënnec auch der
-Perkussion, nur daß er die Leistungen dieser Methode für sich allein
-für eng begrenzt und zweifelhaft hält.
-
-Zunächst fand Laënnec auch bei seinen Landsleuten +keine allgemeine
-Anerkennung+. Man eiferte von mancher Seite gegen die »Cylindromanes«.
-Besonders +Broussais+ (Examen des doctrines médicales ... T. II,
-Paris 1821) hatte vielfache oft recht kleinliche Bemängelungen und
-Ausstellungen. Am ersten wurde die neue Methode in England, zuletzt in
-Deutschland angenommen.[53]
-
- *
-
-+Franz Anton Mesmer+ (1733-1815) suchte nachzuweisen, daß die
-Himmelskörper durch ihre gegenseitigen Anziehungskräfte einen Einfluß
-auf unser Nervensystem ausüben (de Planetarum influxu 1766). Ferner
-beschäftigte er sich viel mit Magnetismus, den er für heilkräftig
-hielt und mit dem er auch Heilungen vollführte. Als er bemerkte, daß
-auch ohne Anwendung des Magnetes durch bloßes Streichen mit den Händen
-eigentümliche Wirkungen hervorgebracht wurden, schloß er daraus auf
-eine von ihm ausströmende, dem Magnetismus verwandte Kraft, die er
-»+tierischen Magnetismus+« nannte und in sein Heilsystem aufnahm.
-(Sendschreiben an einen auswärtigen Arzt über die Magnetkunde, Wien
-1775.) Tatsächlich gelang es ihm, Schlaf zu erzeugen, er beobachtete
-den Somnambulismus und das Hellsehen, ließ mit den Fingerspitzen
-verschlossene Briefe lesen u. a. m. Andere identifizierten die
-zugrundeliegende geheimnisvolle Kraft nicht mit dem Magnetismus,
-sondern, wie Reichenbach mit dem von ihm angenommenen Od, oder wie
-Kieser, Gmelin, Passavant mit Tellurismus, Siderismus oder Nervenäther.
-
-Doch die Erklärungsversuche der Phänomene haben für uns weniger
-Interesse, als die Stellung der wissenschaftlichen Welt zu Mesmer.
-In Wien hatte er wenig Glück. Eine Partei tat das, was dem unbequemen
-Neuen gegenüber immer das Naheliegendste ist und was deshalb unsere
-offizielle Wissenschaft auch heute noch den okkulten Phänomenen
-gegenüber tut: +sie leugnete kurzweg alles+. Selbst Wiener Augenzeugen
-(Störck, Barth, Ingenhouß) sprachen sich nicht für die Glaubwürdigkeit
-seiner magnetischen Kuren aus. Nur wenige Ärzte, die die Vorgänge an
-Magnetisierten beobachtet hatten, gaben ein, wenn auch nicht absolut
-günstiges, so doch reserviertes Urteil über die Vorgänge ab. Zwar
-begründete Mesmer in Wien ein Spital zur Ausübung seiner Heilmethode,
-mußte die Kaiserstadt aber 1778 verlassen, um sich nach Paris zu
-begeben. Hier wurde der Magnetismus zur Modesache. Das hinderte aber
--- und mit Recht -- die Gelehrten natürlich nicht, nach wie vor ihm
-kritisch gegenüberzustehen. Daß die Pariser Akademie der Wissenschaften
-und die medizinische Fakultät, Instanzen, denen 1784 die Untersuchung
-übertragen war, und in denen Männer wie Leroy, Bailly, Lavoisier
-u. a. saßen, die Heilerfolge einfach auf die Macht der Einbildung
-zurückführten und damit alle Mesmerschen Experimente leugneten, zeugt
-allerdings nicht von übergroßem Scharfblick. Mesmer sah sich daraufhin
-gezwungen, nach Deutschland zurückzukehren.
-
-Daß sich Mystik und Schwärmerei der wunderbaren Entdeckung
-bemächtigten, liegt nahe, ebenso daß dadurch ernste Männer zu erhöhter
-Skepsis veranlaßt wurden. Tatsächlich fiel bereits in den dreißiger
-Jahren des 19. Jahrhunderts der tierische Magnetismus bei den Ärzten
-in Mißachtung, nachdem er eine Zeitlang Anhänger gehabt hatte. Mesmer
-aber galt hinfort als Schwindler.
-
-Wir wollen hier natürlich keine Lanze für den tierischen Magnetismus
-brechen, noch für Reichenbachs Od oder andere Erklärungsversuche.
-Wohl aber legen wir Gewicht auf die sich auch hier wiederholende
-Erscheinung, daß +Tatsachen geleugnet werden, weil sie in das gerade
-herrschende System nicht passen, oder weil Phantasten aus ihnen zu weit
-gehende Schlüsse ziehen+.
-
-Doch Mesmer sollte eine, allerdings sehr späte, Rechtfertigung
-erfahren. Im Jahre 1841 machte der Arzt +James Baid+ (1795-1860) in
-Manchester die Entdeckung, daß bei einzelnen Individuen durch jedes
-beliebige Verfahren, das die Aufmerksamkeit auf +einen+ Punkt lenkt,
-ein eigentümlicher Schlaf hervorgerufen werden kann und daß dieses
-Verfahren sich unter Umständen auch als Heilmittel empfehle. In seiner
-1843 erschienenen Schrift nannte er diese Erscheinung Neurypnologie
-(so der Titel des Buches) oder Hypnotismus. Er beobachtete dieselben
-Erscheinungen wie beim Mesmerismus, verwahrte sich aber -- vielleicht
-durch das Beispiel jenes gewarnt -- mit aller Entschiedenheit gegen die
-Annahme einer besonderen, vom Arzt ausgeübten, Kraft und betonte, daß
-sie lediglich auf einer eigentümlichen subjektiven Stimmung beruhe,
-in der das Individuum durch nervöse Erregung, herbeigeführt durch
-Konzentration des Geistes auf einen Gedanken, versetzt werde oder sich
-selbst versetze. Erst im Todesjahre Braids 1860 wurde durch Broca und
-Azam der Braidismus als ein wichtiger Fortschritt erkannt und der
-Pariser Akademie der Wissenschaften davon Mitteilung gemacht. Trotzdem
-blieben diese Erscheinungen bis zum Ende der siebziger Jahre ziemlich
-unbekannt. Erst durch das Auftreten des gewerbsmäßigen Hypnotiseurs
-+Hansen+ 1879 angeregt, haben seit 1880 die exakten Untersuchungen
-von seiten kompetenter Naturforscher die +Realität der mit dem Namen
-Hypnotismus bezeichneten Erscheinungen+ und die +Identität derselben
-mit den von fremden Zutaten entkleideten Beobachtungen Mesmers außer
-aller Frage gestellt+.[54]
-
-+Virchow+ blieb bekanntlich zeitlebens ein Leugner und Hauptgegner des
-Hypnotismus.
-
-Bedenkt man nun, daß Suggestion, Hypnotismus, Somnambulismus,
-Hellseherei und wie diese Erscheinungen alle heißen mögen, seit vielen
-Jahrtausenden bekannt und geübt sind, daß Mesmer zuerst die Augen des
-gebildeten Europa mit negativem Erfolg auf seine Experimente richtete
-und daß nach seinem Tode 70, nach der ersten Veröffentlichung seiner
-Beobachtungen mehr als 100 Jahre vergingen, dann wird man gegen
-Negationen von Autoritäten und Akademien nicht minder mißtrauisch
-werden, als man vorurteilslos an irgendwelche noch so phantastisch
-erscheinende Behauptungen herantreten wird. Was aber Hypnotismus und
-Suggestion ihrem Wesen nach sind, weiß man heute ebensowenig, wie in
-Mesmers Tagen. Man begnügt sich mit Beschreibung der Beobachtungen
-und Anwendung der gemachten Erfahrungen. Ob das aber prinzipiell den
-Hypothesen eines Mesmer und Reichenbach gegenüber ein Fortschritt ist,
-sei dahingestellt. Auch auf diesem Felde wird die Zukunft uns nicht
-durch, sondern trotz der Autoritäten die Wahrheit entschleiern.
-
- *
-
-Die Dialectical Society in London hielt im Jahre 1869 eine große
-Anzahl von Sitzungen zur Erforschung der sogenannten okkulten
-Phänomene ab, an denen unter anderen bedeutenden Männern auch +Alfred
-Russel Wallace+ teilnahm. Die Resultate über Tischrücken, Klopfen,
-Bewegung von Gegenständen ohne Kontakt etc. waren so erstaunlich,
-daß mehrere Mitglieder der Gesellschaft sich weigerten, die Schlüsse
-anzuerkennen, es sei denn, der Chemiker +Crookes+ hätte sie
-nachgeprüft. Der berühmte Gelehrte unterzog sich dieser Aufgabe mit
-dem Erfolge, daß er die erstaunlichsten Beobachtungen der Dialectical
-Society nicht nur bestätigen, sondern sogar ergänzen konnte. Z. B.
-gelang es, eine Ziehharmonika ohne Berührung zum Spielen zu bringen,
-Gewichtsveränderungen von Körpern zu erzielen, Tische und Stühle, ja
-menschliche Körper ohne Berührung in die Höhe zu heben etc. Hatte
-früher Crookes Bereiterklärung, sich der Nachprüfung zu unterziehen,
-das Entzücken aller Kritiker geweckt, schlug die Stimmung ins konträre
-Gegenteil um, als die Hoffnungen, der Gelehrte werde ein neues
-Zeugnis zugunsten ihrer Ansichten bringen, sich nicht erfüllten.
-+Die Königliche Gesellschaft in London aber+, deren Mitglied Crookes
-ist, und die seine Beteiligung an den okkulten Forschungen gebilligt
-hatte, solange sie annehmen konnte, es handle sich um Schwindel,
-+nahm seine Schrift nicht an+, als er den Bekennermut bewies, das zu
-bestätigen, was er gesehen hatte. Professor +Stokes+, der Sekretär
-der Gesellschaft, weigerte sich, sich mit diesem Gegenstande zu
-befassen und +auch nur den Titel unter den akademischen Publikationen
-einzutragen+. Es war die genaue Wiederholung dessen, was an der
-Akademie in Paris im Jahre 1853 den Versuchen des Grafen +Gasparin+
-gegenüber geschehen war und was die Londoner Gesellschaft einst
-Franklins Blitzableiter gegenüber getan hatte.[55]
-
- *
-
-Als +Lombroso+ den Nachweis erbracht hatte, daß +das Pelagra+, eine
-in Italien furchtbare Opfer fordernde Krankheit, durch Vergiftung mit
-verdorbenem Mais entstehe, wurde diese Theorie jahrelang +mit wahrer
-Wut bekämpft+, bis sie sich allgemein durchsetzte. Heute zweifelt
-niemand mehr daran, daß Lombroso die Ursache des Pelagra richtig
-erkannte.
-
-Ähnlich ging es ihm mit der Theorie des +geborenen Verbrechers+,
-die auch heute noch von vielen abgelehnt wird. Immerhin ist sie ins
-Strafrecht eingedrungen, z. B. in Ungarn, aber auch in Deutschland, wo
-man versucht, der Person des Verbrechers Rechnung zu tragen.
-
-Diese einem Aufsatz von Lombrosos langjährigem Freunde A. +Pfungst+
-entnommenen Angaben sind auch deshalb interessant, weil der Autor das
-Eintreten des italienischen Gelehrten für Okkultismus und Spiritismus
-damit entschuldigt, »daß das Alter seine eminente Beobachtungsgabe, auf
-die er sich bei den spiritistischen Experimenten blindlings verließ,
-schon sehr geschwächt hatte« (S. 641). Also auch hier Theorie gegen
-Beobachtung und Experiment.[56]
-
- *
-
-Karl +Schleich+, der Erfinder der subkutanen Einspritzung zur
-Erreichung der Anästhesie wurde von den Kollegen heftig bekämpft.
-
- *
-
-+Lord Lister+ (geb. 1827), der Vater der modernen +Wundbehandlung+,
-der zuerst Desinfektion der Wunde, dann aller mit der Wunde in
-Berührung kommenden Gegenstände anwandte und empfahl, hatte zwar in
-Deutschland größeren Erfolg als in seinem Vaterlande, aber auch bei uns
-wurde seine großartige Entdeckung von +einigen bedeutenden Chirurgen
-skeptisch aufgenommen+. Und doch wüteten damals Pyämie (Eiterfieber),
-Septichämie (Blutvergiftung), Wundrose, Hospitalbrand, Lymphgefäß-
-und Venenentzündung in entsetzlicher Weise. In Nußbaums Krankenhaus
-verfielen diesen Infektionskrankheiten alle komplizierten Brüche, fast
-alle Amputationen. 1872 kam dazu der Hospitalbrand, der sich bis 1874
-so vermehrte, daß 80% +aller Wunden+ und Geschwüre von ihm ergriffen,
-vielfach Knochen abgestoßen, Gefäße angefressen wurden, und zwar in
-Fällen, die vielleicht wegen eines entzündeten Fingers, einer Schrunde
-am Kopf oder einer anderen Kleinigkeit ins Spital kamen. »+Eine
-wirklich glatte Heilung hat man vor dem Jahre 1875 auf dieser Klinik
-nie gesehen.+« Wie durch einen Zauber verschwand das alles durch
-Listers große, von Nußbaum in ihrer Tragweite erkannte Erfindung.[57]
-
- *
-
-Der Pfarrer I. F. +Esper+ (1742-1810) hatte in den Gailenreuther Höhlen
-der Fränkischen Schweiz zwischen den Resten vorweltlicher Tiere auch
-Menschenknochen entdeckt, und die Fundgeschichte 1774 veröffentlicht.
-In seinem Werke »Ausführliche Nachricht von neuentdeckten Zoolithen«,
-das sich durch heute noch vollkommen brauchbare Abbildungen der von ihm
-entdeckten diluvialen Höhlentiere auszeichnet, hatte er ganz im Sinne
-der modernen Wissenschaft argumentiert: Der Mensch, dessen Reste mit
-denen der diluvialen Säugetiere im Höhlenschlamme begraben wurden, muß
-auch mit diesen Tieren gelebt haben, er war sonach Zeuge der »großen
-Flut«.
-
-Daß sein Fund falsch gedeutet wurde, war des großen +Cuvier+
-(1769-1832) Schuld. Er erkannte zwar die wissenschaftliche Richtigkeit
-des Esperschen Fundes an, aber für den diluvialen Menschen war in
-seinem Weltsystem kein Raum. Seine bis vor wenigen Jahrzehnten in
-der Wissenschaft herrschende Katastrophentheorie nahm gewaltige
-Erdrevolutionen an, die die organischen Schöpfungen der vorausgehenden
-geologischen Periode vollkommen vernichteten, so daß durch Neuschöpfung
-sich nach jeder solchen Revolution die Erde neu bevölkern mußte. Da sei
-es undenkbar, daß der Mensch, der Periode des Alluviums angehörig, die
-Katastrophe, die vor 5-10000 Jahren das Diluvium mit Mammut, Elefant,
-Nashorn etc. vernichtete, überdauert hätte.
-
-Cuviers Autorität wurde noch gestützt durch die der +Bibel+, deren
-Sintflutsage er eine gewisse wissenschaftliche Stütze gewährte.
-Deshalb wurde dieser Katastrophentheorie besonders in England, »wo
-theologische Vorurteile von jeher die geologischen Anschauungen
-beeinflußten«, gehuldigt. Sie erschwerte +Darwin+ und +Lyell+ den Sieg
-der Evolutionstheorie, die uns heute beherrscht.
-
-Ohne Cuvier würde man ohne Zweifel den Homo diluvii testis, den
-Diluvialmenschen, weiter gesucht haben, wie +Scheuchzer+ (1672-1733)
-ihn ja bereits gefunden zu haben glaubte. Allerdings erkannte Cuvier
-in der Versteinerung, die Scheuchzer in einem vortrefflichen Kupfer
-publizierte und mit dem schönen Vers:
-
- »Betrübtes Bein-Gerüst von einem alten Sünder,
- Erweiche Stein und Hertz der neuen Boßheits-Kinder«
-
-zierte, statt eines Kindes, einen 1 m langen +Wassermolch+.[58]
-
- *
-
-Im Jahre 1856 wurde im Devonkalk des Neandertales bei Düsseldorf
-ein Skelett gefunden, das nach den geologischen Umständen des Ortes
-zweifellos in außerordentlich hohe Vorzeit hinauf reicht. Heute
-weiß man, zumal inzwischen in Spy, Krapina, Brünn, La Naulette und
-anderwärts ähnliche Reste gefunden wurden, daß es sich hier um
-Überbleibsel einer tiefstehenden fossilen Menschenrasse handelt. Das
-hatte bereits Dr. +Fuhlrott+, dem die betreffenden Skelettteile zuerst
-übermittelt wurden, festgestellt. Daß er damals mit seiner Ansicht
-vom europäischen Urmenschen nicht durchdrang, lag an den Autoritäten.
-+Professor Mayer+ in Bonn meinte, die Gebeine rührten von einem 1814
-gestorbenen Kosaken her, Professor +Rudolf Wagner+ in Göttingen
-erkannte in ihnen einen alten Holländer wieder, Dr. +Pruner-Bey+ in
-Paris aber einen Kelten. Maßgebend blieb die Ansicht +Virchows+, der
-größten damaligen Autorität, der die Reste mit einem gichtbrüchigen
-Greis identifizierte. +Ihm war es zuzuschreiben, daß lange Zeit die
-Anthropologen von der richtigen Deutung abgehalten wurden.+[59]
-
- *
-
-Abraham Gottlob +Werner+ (1750-1817), hervorragender Mineraloge und
-Vater der Geognosie, stellte die »neptunische Lehre« auf, d. h. die
-Hypothese, daß der Ozean der Quell aller Bildungen der Erde sei und
-jede neue Gestaltung im Mineralreich sich aus dem Wasser bilde. Sein
-Schüler Voigt bestritt das, besonders mit Rücksicht auf den Basalt,
-erlitt aber durch Werners Autorität eine Niederlage. +Erst nach seinem
-Tode+ konnte +Buchs+ und +Humboldts+ Vulkantheorie Boden fassen.[60]
-
- *
-
-Über den großen 1751 bei Agram gefallenen Meteorstein schrieb der
-gelehrte Wiener Professor +Stütz+ 1790: »daß das Eisen vom Himmel
-gefallen sein soll, mögen wohl 1751 selbst Deutschlands aufgeklärte
-Köpfe bei der damals unter uns herrschenden Ungewißheit in der
-Naturgeschichte und Physik geglaubt haben, aber in unseren Zeiten wäre
-es +unverzeihlich, solche Märchen auch nur wahrscheinlich zu finden+.«
-
-An mehreren Museen wurden solche Meteorsteine sogar +weggeworfen+, »+um
-sich nicht durch das Behalten derselben lächerlich zu machen+«.
-
-Im gleichen Jahre 1790 fiel ein Stein bei Juillac in Frankreich nieder,
-und der Maire dieser Stadt sandte einen mit der Unterschrift von 300
-Zeugen versehenen Bericht an die +Akademie der Wissenschaften+. Aber
-die Herren Akademiker waren ihrer Sache zu sicher.
-
-Der Referent +Bertholon+ sagte, man müsse eine Gemeinde bemitleiden,
-welche einen so törichten Maire habe, daß er solche +Märchen+ glaube.
-Und er fügte hinzu: »Wie traurig ist es nicht, eine ganze Munizipalität
-durch ein Protokoll in aller Form Volkssagen bescheinigen zu sehen, die
-nur zu +bemitleiden+ sind. Was soll ich einem solchen Protokoll weiter
-beifügen? Alle Bemerkungen ergeben sich einem philosophisch gebildeten
-Leser von selbst, wenn er dieses authentische Zeugnis eines offenbar
-falschen Faktums, eines +physisch unmöglichen Phänomens+ liest.«
-
-Alle, die den herrschenden Ansichten dieser Gelehrten nicht beistimmen
-wollten, wurden +verlacht+.
-
-Der sonst sehr ruhig denkende Gelehrte A. +Deluc+ sagte sogar: Wenn
-ihm ein solcher Stein vor die Füße fallen würde, müßte er zwar sagen,
-er habe es gesehen, +könne es aber doch nicht glauben+. Auch +Vaudin+
-sagte, man müsse so unglaubliche Dinge +lieber wegleugnen, als sich
-auf Erklärungen derselben einlassen+.
-
-Das war die Ansicht der französischen Akademie, die damals unter
-dem Vorsitz des berühmten Laplace in der Wissenschaft unbedingt
-dominierte.[61]
-
- *
-
-Als +Piazzi+ im Jahre 1801 die Entdeckung des ersten Planetoiden
-Ceres machte, wies sie +Hegel+ (De orbitis planetarum, Jena 1801) aus
-philosophischen Gründen zurück.[62]
-
- *
-
-Bekanntlich ist heute noch nicht der Kampf zwischen Lamarckismus und
-Darwinismus völlig entschieden und wird es wohl auch nur im Sinne
-einer Verschmelzung beider Lehren werden können. Da ist es nicht nur
-erstaunlich, daß Lamarcks »Philosophie zoologique«, wiewohl sie in
-einem naturphilosophischen Zeitalter erschien, fast unbeachtet blieb,
-mehr noch ist es des großen Darwin Urteil über dieses hervorragende
-Werk. Er nennt die Philosophie zoologique ein +wertloses Buch+, aus
-dem er nicht +eine+ Tatsache und nicht +eine+ Idee entnommen habe.
-Mit diesem widersinnigen Buche habe Lamarck der Abstammungslehre mehr
-geschadet als genützt.[63]
-
- *
-
-+Herbert Spencer+ (1821-1903), der größte englische Philosoph des
-ausgehenden 19. Jahrhunderts, wurde in solchem Maße als Autodidakt
-behandelt, daß sein bedeutendes Buch »Social Statics«, das im ganzen
-nur in erster Auflage in 157 Exemplaren erschien, +erst in 14 Jahren
-abgesetzt wurde+. Als nach 24jähriger Tätigkeit sein Erfolg gesichert
-war, lehnte er die dem unstudierten Manne von den Universitäten von
-St. Andrews, Bologna, Cambridge, Edinburgh und Budapest zugedachte
-Würde eines Ehrendoktors ab, wie er auch den Antrag der Akademien
-von Rom, Turin, Neapel, Paris, Philadelphia, Kopenhagen, Brüssel,
-Wien und Mailand, ihn zum korrespondierenden Mitglied zu ernennen,
-zurückwies.[64]
-
- *
-
-Wie +Robert Mayers+ erste Arbeiten überall totgeschwiegen wurden, und
-zwar so gründlich, daß weder in akademischen Zeitschriften darüber
-referiert noch in anderen Werken von ihnen Notiz genommen wurde, so
-erging es auch ähnlich +Helmholtz’+ Abhandlung »Über die Erhaltung
-der Kraft«. Er sagt selbst darüber: »+Die Aufnahme meiner Arbeit in
-Poggendorffs Annalen wurde mir verweigert+, und unter den Mitgliedern
-der Berliner Akademie war es nur C. G. +Jacobi+, der Mathematiker, der
-sich meiner annahm. Ruhm und äußere Förderung war in jenen Zeiten mit
-der neuen Überzeugung noch nicht zu gewinnen, eher das Gegenteil!«[65]
-
- *
-
-Auch die prophetischen Worte E. H. +Webers+, die er im Jahre 1835 über
-die zukünftigen Funktionen des elektromagnetischen Telegraphen sprach,
-blieben vom Spott nicht verschont.[66]
-
-Übrigens hat der gleiche große Physiologe Ernst Heinrich Weber zu
-wiederholten Malen +Zöllner+ gegenüber geäußert, daß von allen
-wissenschaftlichen Theorien +Virchows auch nicht eine einzige das Ende
-seines irdischen Daseins überdauern würde+.
-
- *
-
-Als +William Jones+ und +Henry Thomas Colebrooke+ (1765-1857) das
-+Sanskrit+ erstmalig gründlich studiert, teilweise übersetzt und
-gefunden hatten, daß es eine reiche Literatur und nicht geringe
-Verwandtschaft mit den klassischen Sprachen aufwies, stießen sie
-auf nicht geringen Widerstand. Da sich mit dieser innigen Beziehung
-des Sanskrits zu den geographisch so weit entlegenen europäischen
-Sprachen die alten Anschauungen, welche entweder alle Sprachen aus
-dem Hebräischen ableiteten oder größtenteils von einander isolierten,
-nicht in Einklang bringen lassen, so ergriff der +berühmte Philologe
-Dugald Steward+ (1753-1828) den einfachsten Ausweg, indem er +die
-ganze Geschichte mit der Sanskritsprache für eine Lüge erklärte+.
-Er schrieb einen Essay, in dem er zu beweisen suchte, daß sie von
-den spitzbübischen Brahmanen nach dem Muster des Griechischen und
-Lateinischen zusammengeschmiedet sei und +die Sprache sowohl als auch
-die Literatur eine Fälschung+ seien. Diese Ansicht entwickelte noch im
-Jahre 1840 der Professor in Dublin, +Charles William Wall+, weitläufig
-(Göttingische gelehrte Anzeigen 1842 S. 1888).[67]
-
- *
-
-Endlich wollen wir die Niederlage nicht vergessen, die sich Autoritäten
-und Fachleute noch in allerletzter Zeit in der Frage der +Wünschelrute+
-holten. Bekanntlich versteht man darunter eine Rute oder auch einen
-Draht, der in der Hand gewisser besonders dazu disponierter Leute durch
-heftiges Ausschlagen das Vorhandensein von unterirdischen Wasserläufen
-anzeigt. Auch Erzlager sollen auf diese Weise auffindbar sein. Das
-Gerücht von der wunderbaren Kraft der Wünschelrute, die zumeist aus
-Hasel oder Weide gemacht wird, geht seit Urzeiten im Volke. Statt nun
-nachzuprüfen und dabei zu finden, daß die Beobachtungsgabe des Volkes,
-wie sich schon oft zeigte, der der Gelehrten kaum nachsteht, wenn auch
-die kritische Sichtung mangelhaft ist, wurde das Phänomen von den
-Gelehrten +rundweg als Humbug abgelehnt+.
-
-Das geschah auch, nachdem Landrat von +Uslar+ unbestreitbare Erfolge
-in Südwestafrika aufzuweisen hatte. Im »Prometheus« wurde in den
-neunziger Jahren ein heftiger Kampf über die Möglichkeit des Phänomens
-bzw. dessen Wirklichkeit zwischen Theoretikern, die negierten, und
-Praktikern, die auf die unleugbaren Erfolge hinwiesen, geführt.
-Besonders ein Ingenieur H. +Ehlert+ konnte sich in gehässigen Angriffen
-nicht genug tun.
-
-Da griff in den Jahren 1908 und 1909 der Münchner Arzt Dr. +Aigner+,
-also natürlich wieder ein Laie, die Frage auf und es gelang ihm durch
-eine große Zahl praktischer Beweise, die er in Gegenwart von Vertretern
-des Magistrates erbrachte, festzustellen, daß die Wünschelrute
-tatsächlich in den Händen von gewissen Leuten die ihr zugeschriebene
-Wirkung ausübt.
-
-Über die Erklärung des Phänomens mögen sich die Fachleute in die Haare
-geraten. Das Wichtigste ist die Konstatierung der Tatsächlichkeit.
-Der dem Mittelalter gemachte Vorwurf, statt die eigenen Augen zu
-gebrauchen, nach »Beweisen« bei Aristoteles, Galen und anderen
-Autoritäten zu fahnden, kann auch der gelehrten Zunft von heute nicht
-erspart werden. Auch sie lehnt schlankweg alles ab, was nicht in ihre
-Theorien und Hypothesen paßt, statt die Phänomene zu prüfen und von
-der festen Basis des Experimentes aus die Richtigkeit der Theorien zu
-untersuchen.[68]
-
- *
-
-Nicht nur auf dem weiten Felde der Wissenschaft, nicht minder im Reiche
-der Kunst deckt sich eine Geschichte der Kritik mit einer solchen der
-Blamage der Autoritäten und Sachverständigen. Es sei zugegeben, daß
-gerade in der Musik sehr viel auf den Geschmack ankommt, da es einen
-objektiven Maßstab entsprechend der wissenschaftlichen Wahrheit nicht
-gibt. Immerhin ist es amüsant und lehrreich zu sehen, wie auf allen
-Gebieten der Fortschritt sich nur im harten Kampfe mit dem Bestehenden
-durchsetzen konnte.
-
- *
-
-Im »Musikalischen Wochenblatt« sprach ein zeitgenössischer Leser seine
-»freimütigen Gedanken« über +Mozart+ aus und zwar +nach+ dessen Don
-Giovanni:
-
-»Niemand wird in Mozart den Mann von Talenten und den erfahrenen,
-reichhaltigen und angenehmen Komponisten verkennen. Noch habe ich ihn
-aber von keinem gründlichen Kenner der Kunst für einen +korrekten+,
-viel weniger +vollendeten+ Künstler halten sehen, noch weniger wird ihn
-der geschmackvolle Kritiker für einen in Beziehung auf Poesie richtigen
-und +feinen+ Komponisten halten.«[69]
-
-Übrigens beschuldigte man Mozart auch des +Plagiats+ in der Ouvertüre
-zu Don Giovanni.[70]
-
-Mozart war, wie Brendel in seiner Geschichte der Musik schreibt, den
-Zeitgenossen ein Buch mit sieben Siegeln. »Man traut seinen Augen
-nicht, wenn man die damaligen Zeitungen nachliest und kaum hie und da
-eine dürftige Notiz über ihn findet. Erst die Zauberflöte machte ihn
-populär.«
-
-Doch selbst das trifft nicht ganz zu. In Schauls Briefen über Geschmack
-wird gefragt, ob sich der Anfang des zweiten Finales, dem er eine
-schöne Melodie zugesteht, mit +der gesunden Vernunft+ vertrüge, da
-drei kleine Knaben in so schweren Halbtönen singen müßten, daß es
-einem geübten Sänger schwer werde, sie rein zu treffen. Man warf ihm
-auch vor, für die Instrumente Unmögliches zu schreiben. Einer der drei
-Posaunisten in der Friedhofsszene erklärte: »Das kann man so nicht
-blasen und von Ihnen werde ich es auch nicht lernen!«
-
-+Beethoven+ erging es von seiten der Kritik nicht besser. Er hatte das
-gemein mit allen genialen Menschen, die neue Wege einschlugen. Die
-Allgemeine Musikalische Zeitung in Leipzig, damals das einzige deutsche
-kritische Organ von allgemein anerkannter Autorität, schreibt in einer
-Besprechung der drei Violinsonaten op. 12: »Herr van Beethoven geht
-einen eigenen Gang; aber was ist das für ein bizarrer, mühseliger
-Gang! Gelehrt, gelehrt und immerfort gelehrt und +keine Natur, kein
-Gesang+!«[71]
-
- *
-
-Im gleichen Organ erschien 1805 über die Eroika folgende
-verständnisvolle Kritik: »Diese lange, äußerst schwierige Komposition
-ist eigentlich eine sehr weit ausgeführte +kühne und wilde Phantasie+.
-Es fehlt ihr gar nicht an frappanten und schönen Stellen, in denen man
-den energischen, talentvollen Geist ihres Schöpfers erkennen muß: sehr
-oft scheint sie sich ins +Regellose+ zu verlieren.«
-
-C. M. +von Weber+, der Komponist des »Freischütz«, schrieb 23jährig
-über Beethoven folgendes erstaunliche Urteil: »Die feurige, ja beinahe
-unglaubliche Erfindungsgabe, die ihn beseelt, ist von einer solchen
-+Verwirrung in Anordnung seiner Ideen+ begleitet, daß nur seine
-früheren Kompositionen mich ansprechen, die letzteren hingegen mir nur
-ein +verworrenes Chaos+, ein +unverständliches Ringen+ nach Neuem sind,
-aus denen einzelne himmlische Genieblitze hervorleuchten, die zeigen,
-wie groß er sein könnte, wenn er seine üppige Phantasie zügeln wollte.«
-
-Die Kreutzersonate (op. 47) wurde zu Beethovens Zeit als +unaufführbar+
-erklärt. (Nach Schindler.)
-
- *
-
-Als +Franz Schubert+ der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien seine
-große C-dur-Symphonie aus Dankbarkeit für eine ihm dargebrachte
-Huldigung übergab, wurde sie von den Künstlern der Gesellschaft als
-+unaufführbar abgelehnt+.[72]
-
-+Tieck+ nennt den »Freischütz« das »+unmusikalischste Getöse+, das je
-über die Bühne getobt ist«. +Ludwig Spohr+ urteilte über die Oper auch
-ungünstig.
-
-Über die Euryanthe schreibt die »Zeitung für Literatur, Kunst, Theater
-und Mode«, nachdem sie dem Komponisten Bizarrerie und Mangel an Einheit
-und Klarheit vorgeworfen hat. »+Mangel an Melodie+ zeige sich da gerade
-am meisten, wo sie am ehesten zu erwarten gewesen wäre....«
-
-Franz Schubert sagt vom gleichen Werk, daß es »+keine Musik, keine
-legitime Form und Durchführung+ enthalte, sondern lediglich auf Effekt
-berechnet sei und weit hinter dem Freischütz zurückstehe.« (Nach La
-Mara.)
-
-Dem melodienreichen Oberon ging es nicht besser.
-
- *
-
-Daß +Wagners+ Tristan für unaufführbar gehalten wurde, ist allgemein
-bekannt. Merkwürdig ist, daß Mozarts Biograph +Otto Jahn+ in seinen
-Gesammelten Aufsätzen über Musik nicht nur Tannhäuser ablehnt, sondern
-+Wagner schöpferisches Genie abspricht+!!
-
-Der bekannte Tadel gegen Wagner, er übertöne mit seinen Instrumenten
-die Sänger, findet sich auch schon Mozart gegenüber. Kaiser Josef II.
-äußerte es gegen Dr. Hersdorf.
-
- *
-
-Endlich noch einige Urteile über +Goethe+.
-
-Im Oktoberheft des Jahres 1832, ein halbes Jahr nach seinem Tode,
-schreibt im »Sachsenfreund«, einer damals viel gelesenen Monatsschrift,
-ein Anonymus aus +Weimar+:
-
-»Unser Goethe ist +vergessen, wie zu erwarten war+, zu erwarten nicht
-der Unempfänglichkeit halber, welche die Weimaraner für achtbare
-Erscheinungen hätten, sondern seiner eigenen Individualität wegen. Der
-Mensch fühlt sich nur vom Menschlichen angezogen, solange er es hat,
-und sieht ihm trauernd nach, wenn’s ihm entrissen wird. +Menschliches
-aber hatte Goethe nicht+, wie alle wissen, die ihn näher kannten, und
-nicht, wie eine Handvoll hiesiger Goethemanen, mit Blindheit über ihn
-geschlagen sind. Er fühlte und litt mit keinem menschlichen Wesen
-außer ihm, und +die großen Interessen der Menschheit waren ihm völlig
-fremd+, insofern nicht etwa im Gefolge derselben die aristokratischen
-Gesellschaftsverhältnisse bedroht waren, an denen sein Herz hing.
-Er war eine in sich abgeschlossene Marmorstatue, in welcher nur das
-große Talent wohnte, die Welterscheinungen, die sich an und in ihr
-abspiegelten, mit der objektivischen Anschaulichkeit und Vollendung
-wiederzugeben. Einen Eindruck brachten sie aber nicht auf ihn hervor.
-Denn dazu gehört das Medium des +Gemütes, und das hatte Goethe nicht+.
-Darum kamen seine Ansichten und Maximen, wenn sie ihm einmal über
-die weniger bewachte Lippe fuhren, dem gemütvollen Menschen fast
-schauerlich vor, und man hatte Mühe, sich von der ihm innewohnenden
-Selbstsucht und Härte einen angemessenen Begriff zu machen. Nie tat er
-einem wohl, der ihm nicht persönlich dienstfertig dafür wurde, und für
-Wohltaten wußte er seinen größten Gönnern nicht Dank. Das Testament,
-das er hinterließ, zeugt für jenes, und der Mann, der fast +ohne
-alle unmittelbar geleisteten Dienste+ Weimar in mehr als 50 Jahren
-Hunderttausende kostete, vermachte den Armen oder irgendeinem milden
-Institut bei seinem Tode -- nicht einen Heller. Seine Werke, nun ja,
-sie werden ihn überleben, nämlich die sechs bis acht Bände, in die eine
-kritische Hand einmal die Weizenkörner sammelt, welche in vierzig und
-mehr Bänden voll Spreu enthalten sind. Diese Spreu wird aber vergessen
-werden. Die Nemesis wird auch hier ihr Amt verwalten, wie sie es in
-Hinsicht seiner häuslichen Verhältnisse tat.«[73]
-
-Des Witzes halber seien diesem klassischen Urteile eines Anonymus noch
-einige neuere von katholischen Autoritäten angereiht.
-
-Baumgarten S. J. schreibt in »Goethes Lehr- und Wanderjahre« (Freiburg
-1882, S. 99) über die Sturm- und Drangperiode:
-
-»Da sitzen nun die Götterjünglinge, Goethe, Lenz, Klinger, Kaufmann,
-gelegentlich auch Herder und Wieland; von ferne hört man ein
-Waldhorn, und der Mond hat nichts zu tun, als das phantasiebedürftige
-Conciliabulum anzuscheinen. Sehen Sie, meine Herren! Hier haben wir
-die Anfänge unserer unsterblichen deutschen Nationalliteratur, welche
-alle bisherigen Literaturen und Kulturen eminent in sich begreift, wie
-der erwachsene Mann alle früheren Stadien des Lebens. Da die Poesie
-der beiden Sturm- und Drangpoeten Lenz und Klinger sich hauptsächlich
-in der Analyse der gemeinsten und wütendsten Leidenschaften, toller
-Liebe, Eifersucht, Unzucht, Kindsmord und anderer schauerlicher Greuel
-bewegte, und da sie in Sprache und Ausdruck keine Grenzen kannte, so
-läßt sich denken, was sie in halben und ganzen Nächten in Goethes
-Gartenhaus verhandelt haben mögen. Gevatter Wieland hatte an solchen
-Kapiteln auch seinen Spaß.«
-
-Über »Hermann und Dorothea« urteilt Norrenberg in seiner Allgemeinen
-Geschichte der Literatur (Münster 1884, III. Bd., S. 181):
-
-»Nirgendwo offenbart sich Goethes Gesinnung abstoßender als in ›Hermann
-und Dorothea‹. Das glaubens- und inhaltsleere, trotz aller Noblesse
-spießbürgerliche Gesellschaftsleben des ausgehenden achtzehnten
-Jahrhunderts ist nie mit einer so abschreckend photographischen
-Treue geschildert worden, als in diesem Epos. Man muß den blasierten
-Quietismus des Weimarer Lebens kennen, das versumpft in dem deistischen
-Humanismus, auch in der so nahen Perspektive der tragischen Ereignisse
-der französischen Revolution nicht im mindesten religiösen oder
-patriotischen Aufschwungs fähig war, um diese Dichtung zu verstehen.
-Ich kann mir keine entnervendere Lektüre für die Jugend denken, als
-›Hermann und Dorothea‹.«
-
-Der verstorbene Bischof Paul Haffner (Frankfurter zeitgemäße Broschüren
-II, 9 [1880]) stellt fest:
-
-»Es ist bezeichnend für unsere heutige Bildung, daß von Goethes
-Schriften diejenigen am meisten gelesen werden, welche an obszönen
-Stellen am reichsten sind.«[74]
-
- *
-
-+Heinrich Heine+ hatte im Jahre 1910, außer dem in den Herzen des
-Volkes errichteten, noch kein Denkmal in Deutschland. Oder wollen wir
-das literarische, das der Heinetöter Adolf Bartels Heine und sich
-errichtet, dafür gelten lassen?[75] Das einzige ihm von der Kaiserin
-Elisabeth in Korfu geweihte wurde +entfernt+, nachdem das Achilleion in
-den Besitz Kaiser Wilhelms II. übergegangen war.
-
-
-
-
-Vierter Abschnitt
-
-Die „Dilettanten“ und Outsider
-
-
-Die immer fortschreitende Spezialisierung der Wissenschaften, deren
-Umfang in gleicher Proportion zunimmt, wie der Gesichtskreis ihrer
-Vertreter sich verengert, hat nicht nur zu einer kaum je dagewesenen
-Unterschätzung des gesunden Menschenverstandes, ja des Genialen
-geführt, sie geht auch mit einer übermäßigen Hochschätzung der
-technischen, handwerksmäßigen Routine einher. Nur was der Spezialist
-leistet, vermag sich heute durchzusetzen. Unter diesen Umständen
-scheint es nicht zwecklos, den Beweis zu erbringen, daß auf allen
-Gebieten nicht dem Fachmann, sondern dem »Dilettanten«, dem Outsider
-die größten Entdeckungen und Erfindungen zu danken sind. Daß eine Reihe
-der Größten +Autodidakten+ waren, ist nicht ohne Interesse.
-
-Während sich um den Fachmann, der immer mehr zum Handwerker wird, die
-hohen Mauern seiner Spezialdisziplin im immer enger werdenden Kreise
-schließen, ist es das verächtlich »Dilettant« genannte Genie oder doch
-Talent mit weitem Horizont, das allein die Flugkraft besitzt, sie zu
-überwinden. Gleicht letzteres dem Entdecker neuer Länder, so ist es
-der Zünftler, der dort Käfern und Läusen nachjagt, um sie in dicken
-Folianten zu edieren.
-
-Diesem schon wiederholt von mir ausgesprochenen Gedanken mögen die
-Beweise nun folgen.
-
- *
-
-+Otto von Guericke+ (1602-1686), der größte deutsche Physiker des
-17. Jahrhunderts, war von Beruf Jurist, wenn er sich auch kurze Zeit
-in Leyden neben neueren Sprachen mit Physik, angewandter Mathematik,
-Mechanik und Fortifikationslehre beschäftigt hatte. Im Jahre 1626 trat
-er in das Ratskollegium seiner Vaterstadt Magdeburg ein, wurde dann
-Schutz- oder Kriegsherr der Stadt, in welcher Stellung er während der
-Belagerung durch Tilly (1631) vollauf seine Pflicht tat, wurde später
-Generalquartiermeister und Ingenieur Gustav Adolfs, beteiligte sich am
-Wiederaufbau der Stadt Magdeburg, wo er eine Schiffbrücke über die Elbe
-legte und trieb daneben Ackerwirtschaft und Bierbrauerei. Im Jahre 1646
-wurde er zum Bürgermeister erwählt und vorzugsweise zu diplomatischen
-Geschäften verwandt. So nahm er auch an den Friedensverhandlungen in
-Osnabrück teil. Erst seit 1660 konnte er nach vielen Missionen in Ruhe
-zu Hause leben. Seine physikalischen Versuche konnte er also +nur neben
-seinem Berufe+ ausführen!
-
-Guericke kam zu seiner Erfindung der +Luftpumpe+ im Bestreben, den
-alten philosophischen Streit über die Existenz eines leeren Raumes zu
-entscheiden, und zwar als erster auf experimentellem Wege. Er wies
-durch seine Versuche sowohl die bedeutende Größe des +Luftdrucks+,
-wie die +Elastizität der Luft+ nach, und zwar erbrachte er den
-öffentlichen Beweis 1654 auf dem Magdeburger Reichstage, also mitten
-in seiner anderweitigen Berufstätigkeit. Vielleicht machte er alle
-seine Entdeckungen bereits in den Jahren 1632-1638, jedenfalls sind
-alle vor 1663 abgeschlossen. Dieser Dilettant erfand ferner 1657 oder
-58 ein +Wasserbarometer+, 1661 das +Manometer+, bestimmte die +Schwere
-der Luft+, bewies, daß zum Brennen Luft gehöre und die Flamme die
-Luft verzehre, konstruierte eine +primitive Elektrisiermaschine+, die
-hinreichte, um die Tatsache des elektrischen Abstoßens und Leuchtens
-zu finden und vervollständigte die magnetischen Kenntnisse seiner
-Zeit. Ferner stellte er zuerst im Mittelalter die Meinung auf, daß die
-Wiederkehr der Kometen sich bestimmen lassen müsse.[76]
-
-Wie Herr Professor A. Gudemann mir mitzuteilen die Liebenswürdigkeit
-hatte, war auf letzteren Gedanken bereits Seneca (nat. Quaest. 7, 25,
-7) gekommen. »Es wird einmal jemand kommen, der beweist, in welchen
-Teilen die Kometen umlaufen, warum sie so getrennt von den anderen
-umlaufen, wie viele und in welcher Beschaffenheit sie sind.«
-
- *
-
-+Simon Stevin+ (1548-1620) war ursprünglich Kaufmann, dann
-Steueraufseher in seiner Vaterstadt Brügge, endlich Oberaufseher der
-Land- und Wasserwerke in Holland, dann Generalquartiermeister. Er
-erwarb sich große Verdienste um das Artillerie- und Befestigungswesen,
-erfand den +Segelwagen+ und den +Segelschlitten+, stellte 1586 die
-erste richtige Theorie über die +schiefe Ebene+ auf, deutete den
-Satz vom +Parallelogramm der Kräfte+ an, erklärte das +Gleichgewicht
-in kommunizierenden Röhren+, führte die +Dezimalbruchrechnung+ 1596
-ein und sprach schon aus, daß dadurch die Dezimalteilung von Maßen,
-Gewichten und Münzen nötig würde. Endlich erwarb er sich als Geograph
-und durch die unter dem Namen Hylokinese veröffentlichten Prinzipien
-der tellurischen Morphologie Verdienste.[77]
-
- *
-
-+J. Baptista Benedetti+ (1530-1590) hatte nie eine Schule besucht
-und nur unter Tartaglia die vier ersten Bücher des Euklid gelesen,
-wonach er sich dann allein weiterbildete. Trotzdem ließ er schon mit
-23 Jahren das bedeutende Werk »resolutio omnium Euclidis problematum«
-erscheinen, in welchem er alle Probleme des großen Griechen mit +einer+
-Zirkelöffnung lösen lehrte. In einem späteren Werke bewies er Kenntnis
-der Beharrung eines Körpers auch in der Bewegung, behauptete, daß alle
-Körper ohne Rücksicht auf ihr Gewicht von gleicher Höhe in gleicher
-Zeit zur Erde fallen und daß im Kreise geschwungene Körper, sich selbst
-überlassen, in der Tangente des Kreises fortgehen. Endlich löste er die
-Aufgabe vom schiefen Hebel.[78]
-
- *
-
-+Giambattista della Porta+ (1538-1615), ein reicher neapolitanischer
-Edelmann, betrieb die Physik als Liebhaberei. Trotzdem haben wir in
-ihm den Erfinder der +camera obskura+ und einer Art +laterna magica+
-zu erblicken. Er erkannte auch zuerst, daß man in einem Hohlspiegel
-die Brennpunkte aller Strahlen, die in der Nähe der Achse einfallen,
-ohne merklichen Fehler in den Mittelpunkt des Halbkreises setzen könne.
-Porta wurde später von der Inquisition der Zauberei und übernatürlicher
-Kräfte angeklagt.[79]
-
- *
-
-Der Begründer der Pflanzenphysiologie war +Stephan Hales+
-(1677-1761), ein sehr tüchtiger +Theologe+ und Pfarrer in
-verschiedenen Grafschaften. Noch einmal zeigte sich in ihm der
-originelle Erfindergeist und die gesunde, urwüchsige Logik der großen
-Naturforscher aus Newtons Zeitalter. Sein »Statical essays« (1727)
-war das erste umfangreiche, ganz der Ernährung und Selbstbewegung der
-Pflanzen gewidmete Werk. Es berücksichtigte zwar die ältere Literatur,
-teilte aber doch im wesentlichen neue Untersuchungen des Verfassers
-mit. Eine Fülle neuer Experimente und Beobachtungen, Messungen und
-Berechnungen vereinigen sich hier zu einem lebensvollen Bild.[80]
-
- *
-
-+Halley+ (1656-1742), übrigens der Sohn eines Seifensieders, hatte
-bekanntlich die Wiederkehr des nach ihm benannten +Kometen+, der auch
-in diesem Jahre erschien, im Jahre 1703 berechnet und auf den Anfang
-des Jahres 1759 vorherbestimmt. Alle Astronomen Europas suchten daher,
-als das Jahr 1758 seinem Ende sich näherte, den Himmel mit Fernrohren
-ab, jedoch vergeblich. Anders der +Bauer+ Johann +Palitzsch+
-(1723-1788). Schon als Hüterjunge hatte er sich für die Sternenwelt
-interessiert, dann sich durch Selbststudium ansehnliche astronomische
-Kenntnisse erworben. Als nun der Siebenjährige Krieg sein Vaterland
-Sachsen heimsuchte, versteckte er seine primitiven astronomischen
-Instrumente, aus Furcht, sie könnten ihm gestohlen werden. Um die
-Weihnachtszeit 1758 trat in der Kriegsführung eine Pause ein. Diese
-benutzte er dazu, um sein Fernrohr auszugraben und die Stelle des
-Himmels abzusuchen, wo er den Komet erwartete. Tatsächlich entdeckte
-er ihn als erster als nebeligen Stern im Sternbild der Fische. Damit
-hatte der +Bauernastronom einen Vorsprung vor der ganzen Welt gewonnen+
-und sein Name wurde überall genannt. In Paris sah man ihn erst vier
-Wochen später. Palitzsch blieb hinfort mit der Londoner Akademie in
-ständiger Korrespondenz. Übrigens war er nichts weniger als einseitig,
-besaß vielmehr bedeutende botanische und physikalische Kenntnisse, die
-ihn dazu befähigten, im Großen Garten zu Dresden einen Süßwasserpolypen
-zu entdecken. Er errichtete auch als erster in Sachsen 1775 einen
-+Blitzableiter+ und zwar auf dem Schloßturm in Dresden. Er blieb bis zu
-seinem Tode, durch zahlreiche Ehrungen ausgezeichnet, ein schlichter
-Landmann.[81]
-
- *
-
-+Thomas Young+ (1773-1829) studierte Medizin und betrieb nur nebenbei
-mathematische, physikalische, botanische und philologische Studien.
-Von 1801 bis 1804 war er Professor an der Royal Institution, von 1811
-bis zu seinem Tode war er Arzt am St. Georges-Hospital in London.
-Seine wissenschaftlichen, +überall wertvollen Arbeiten+ betreffen
-+Mechanik+, +Optik+, +Wärmetheorie+, +Akustik+, +theoretische Chemie+,
-+die Bewegung des Blutes+, den +Schiffbau+, die +mittlere Lebensdauer
-des Menschen+, die +Dichte der Erde+, das wahrscheinlich richtigste
-Resultat aus mehreren Beobachtungen, die +Ursache der Schwere+, +Ebbe+
-und +Flut+, die +Figur der Erde+, die +Mondatmosphäre+. Er leistete
-auch wichtige Dienste für die Entzifferung der +Hieroglyphen+. Außerdem
-war er schriftstellerisch tätig, ein gründlicher Kenner der Musik,
-ausgezeichneter Maler und geübter Reiter, der gegen Kunstreiter
-Wetten gewann. Er war ein Vorkämpfer gegen die Emissionstheorie,
-von der er sich bereits 1801 in einer der Royal Society vorgelegten
-Abhandlung zugunsten der Undulationstheorie lossagte. Schon in seiner
-1800 erschienenen akustischen Abhandlung hatte er eine epochemachende
-Entdeckung gemacht, die ihn zum Reformator der Theorie der Optik werden
-ließ: die +Interferenz von Wellenbewegungen+.[82]
-
- *
-
-+Humphrey Potter+ war, wie berichtet wird, an der Konstruktion der
-ersten praktisch tätigen +Dampfmaschine+, die 1711 zu Wolverhamton für
-einen Herrn Back zum Heben von Wasser aufgestellt wurde, beteiligt.
-Und zwar sei er als +Knabe+ mit dem Auf- und Zudrehen der Hähne,
-welche den Dampf oder das kalte Wasser vom Dampfzylinder abschlossen,
-beauftragt gewesen. Weil ihm diese Manipulationen zu langweilig
-wurden, habe er die Hähne durch Bindfäden so mit dem Balancierer der
-Maschine verbunden, daß +dieser statt seiner das Umstellen derselben
-zur richtigen Zeit besorgte+. Daß diese geniale Erfindung der
-Vervollkommnung der Dampfmaschine vorausgehen mußte, ist hinlänglich
-bekannt.[83]
-
- *
-
-Der geniale Erfinder Denys +Papin+ (1647-1710, vgl. S. 54) war
-studierter +Mediziner+.
-
- *
-
-+Maupertuis+ (1698-1759) war ursprünglich Soldat und zwar von
-1718-1723. Er entdeckte das Prinzip der kleinsten Wirkung, nach dem
-alle mechanischen Probleme analytisch zu lösen waren.[84]
-
- *
-
-+Benjamin Franklin+ (1706-1790) war der Sohn eines unbemittelten
-Seifensieders, besuchte, da er früh seinem Vater im Geschäft helfen
-mußte, eine mittelmäßige Schule mit nur geringem Erfolg und erwarb
-sich später seine Kenntnisse +ohne Lehrer. Ohne jegliche Gymnasial-
-oder gar Universitätsbildung+, allein durch Selbststudium, brachte er
-es nicht nur zu einem hervorragenden Staatsmann, sondern auch zu einem
-epochemachenden Gelehrten. Seine Erfindung des Blitzableiters und
-andere große Taten sind zu bekannt, um hier näher dargelegt zu werden.
-Sicher ist, daß die Welt es nur dem Fehlen der gelehrten Zunft und des
-Befähigungsnachweises in Amerika zu danken hat, wenn dieser seltene
-Mann seinen Fähigkeiten gemäß Großes leisten durfte.[85]
-
- *
-
-Doch wie so oft zwei Personen gleichzeitig ein Problem lösen, so auch
-beim Blitzableiter. Gleichzeitig und unabhängig von Franklin wurde er
-auch in Europa erfunden, und zwar von +Prokop Divisch+ zu Prenditz bei
-Znaim im Jahre 1750. Der Erfinder war wieder kein Fachmann, sondern ein
-Pfarrer.[86]
-
- *
-
-+Luigi Galvani+ (1737-1798) war Professor der Medizin und beschäftigte
-sich besonders mit vergleichender Anatomie und Physiologie. Ist die
-Tatsache, daß hier wieder kein Fachmann, sondern ein Outsider eine der
-großartigsten Entdeckungen machte, schon bemerkenswert genug, so sind
-es die Nebenumstände nicht minder. Wie er in seiner 1791 erschienenen
-Schrift »De viribus electricitatis in motu musculari commentarius«
-erzählt, trug sich die Geschichte seiner Entdeckung folgendermaßen zu:
-»Ich zerschnitt einen Frosch..., legte ihn, ohne etwas zu vermuten,
-auf die Tafel, worauf die Elektrisiermaschine stand, die gänzlich
-vom Konduktor getrennt und ziemlich weit davon entfernt war. Als
-aber einer meiner Zuhörer die Spitze des Messers von ungefähr ein
-wenig an die inneren Schenkelnerven brachte, wurden die Muskeln aller
-Glieder sogleich zusammengezogen, als ob sie von heftigen Konvulsionen
-ergriffen würden. +Ein anderer von den Anwesenden+ glaubte zu bemerken,
-es geschähe nur zur Zeit, wenn der Konduktor einen Funken gäbe. Er
-bewunderte die Neuheit der Sache und machte mich, der ich eben etwas
-ganz anderes vorhatte, aufmerksam darauf.«
-
-Wer der »andere von den Anwesenden« war, ist niemals mit Sicherheit
-festgestellt worden. In Bologna ging das Gerücht, es sei +die eigene
-Gattin Galvanis gewesen+. Danach gebührte ihr ein nicht geringes
-Verdienst an dieser unsterblichen Entdeckung.[87]
-
-Wie Wilhelm Ostwald in seiner »Entwicklung der Elektrochemie« erzählt,
-verdankte Galvani gerade der +Lückenhaftigkeit seiner Kenntnisse+ diese
-Entdeckung, da die damaligen Theorien, wenn er sie gekannt hätte, eine
-Erklärung des Phänomens geboten hätten.
-
- *
-
-+Etienne Louis Malus+ (1775-1812) war auf der polytechnischen Schule
-gebildet, wurde 1796 Kapitän im Geniekorps, erkrankte als Teilnehmer
-an der ägyptischen Expedition an der Pest, wurde, nach Frankreich
-zurückgekehrt, von 1806-1808 Unterdirektor der Fortifikationen in
-Straßburg und im folgenden Jahre Examinator an der polytechnischen
-Schule in Paris. Dieser Offizier entdeckte die +Polarisation des
-Lichtes+, was er schon 1808 dem Institute von Frankreich mitteilte.
-Er gab auch alle Methoden an, die zu einer richtigen Beschreibung und
-Messung der Polarisationserscheinungen dienlich sind.[88]
-
- *
-
-+Augustin Jean Fresnel+ (1788-1827), der in höchst genialer Weise
-die Anwendung der Undulationstheorie auf die Polarisation und
-Doppelbrechung des Lichtes bewerkstelligte, war Ingenieur, also
-ebenfalls kein Fachmann.[89]
-
- *
-
-+Johann Fraunhofer+ (1787-1826) war der Sohn eines armen Glasers, in
-dessen Geschäft er so viel helfen mußte, daß er bis zum +14. Jahre
-des Lesens und Schreibens unkundig+ blieb. Nachdem er schon vorher
-bei einem Spiegelmacher und Glasschleifer in der Lehre gewesen war,
-kam er 1806 in das mechanisch-optische Institut von Utzschneider in
-Benediktbeuern, in das er 1809 als Teilhaber eintrat. Als die Anstalt
-1819 nach München verlegt worden war, wurde er dort Professor. Die
-genialen Arbeiten dieses Selfmademan über das +Spektrum+, sowie seine
-+Fernrohre+ sind hinlänglich bekannt. Zu beachten aber ist, daß viele
-dieser großen Entdecker nicht nur Dilettanten im Sinne der Zunft waren,
-sondern auch im jugendlichsten Alter in bahnbrechender Weise die
-Wissenschaft förderten.[90]
-
- *
-
-Besonders das mathematische Talent zeigt sich häufig sehr früh. So
-bezog +William Thomson+, der von nahezu beispielloser Frühreife
-war, im +Alter von 10 Jahren die Universität+. +Gauß+ schrieb seine
-1804 erschienenen »Disquisitiones Arithmeticae«, die höchste seiner
-Leistungen, als +Primaner+. +Evariste Galois+, dem manche die größte
-mathematische Begabung aller Zeiten zuerkennen wollen, schrieb eine
-Reihe von Arbeiten als 20jähriger Jüngling innerhalb von +drei Wochen+,
-einer ihm bis zu einem Duell, in dem er fiel, verbleibenden Frist.
-Die Pariser Akademie, die diese Arbeiten gegenwärtig herausgibt, ist
-bereits bis zu ihrem +achten Bande+ gekommen!
-
-+Niels Henrik Abel+ schrieb seine ersten Abhandlungen mit 18 Jahren
-und starb mit 27 Jahren, nachdem er seinen Namen gegen den des großen
-Gauß gestellt hatte. +William Thomson+ aber löste noch als Knabe an der
-Universität Glasgow eine Preisaufgabe über die Gestalt der Erde und
-behandelte in Cambridge mit 18 Jahren in einer grundlegenden Abhandlung
-die Analogie der Theorie der Wärmeleitung in festen Körpern mit der der
-elektromagnetischen Anziehung streng mathematisch.[91]
-
- *
-
-Hier mag auch an die bekannte Tatsache erinnert werden, daß +Pierre
-Fermat+ (1601-1665), ein so hervorragender Mathematiker, daß bis heute
-noch trotz eines Preises von 100000 M. es nicht gelingen wollte, seine
-berühmte Gleichung elementar zu lösen, +Jurist+ war.
-
-+André Marie Ampère+ (1775-1836) wuchs auf einer kleinen Besitzung
-seiner Eltern bei Lyon auf. Hier war der Knabe viel auf sich selbst
-angewiesen und versuchte seinen Wissensdurst durch das Studium des
-großen Dictionnaire von D’Alembert und Diderot zu stillen, dessen 20
-Bände er gründlich und ohne Auslassung durcharbeitete. Später -- nach
-der Hinrichtung seines Vaters war er ein Jahr in geistige Apathie
-verfallen -- regte ihn die Botanik und das Studium der lateinischen
-Dichter vor allem an. Um sich eine Lebensstellung zu schaffen, wurde
-Ampère 1796 Privatlehrer der Mathematik in Lyon und studierte in den
-+Mußestunden+ die Chemie von Lavoisier. Dieser geniale Autodidakt
-wurde Lehrer der Physik an der Zentralschule zu Bourg im Jahre 1807,
-später Professor an der polytechnischen Schule zu Paris. Von 1800-1820,
-wo seine elektrischen Untersuchungen begannen, beschäftigte er sich
-viel mit mathematischen Arbeiten. Über ihn urteilt Maxwell (Lehrbuch
-der Elektrizität, Berlin 1883, II, S. 216): »Ampères Untersuchungen,
-durch die er die Gesetze der mechanischen Wirkungen elektrischer
-Ströme aufeinander begründete, gehören zu den +glänzendsten Taten,
-die je in der Wissenschaft vollbracht worden sind+. Theorie und
-Experiment scheinen in voller Macht und Ausbildung dem Hirn des
-›Newton der Elektrizität‹ entsprungen zu sein. Seine Schrift (Théorie
-des Phénomènes etc.) ist in der Form vollendet, in der Präzision des
-Ausdrucks unerreichbar, und ihre Bilanze besteht in einer +Formel, aus
-der man alle Phänomene, welche die Elektrizität bietet, abzuleiten
-vermag+, und die in allen Zeiten als Kardinalformel der Elektrodynamik
-bestehen bleiben wird.«[92]
-
- *
-
-Die Voltasche Säule wurde von +Cruikshank+ (1745-1800), Arzt und
-Chemiker seines Zeichens, verbessert durch einen Trog, in den 60
-aufeinandergelötete Plattenpaare von Zink und Silber eingelassen
-wurden. Die Zwischenräume zwischen den Plattenpaaren füllte er mit
-salzsaurem Ammoniak. Eine bedeutende Verbesserung brachte +Wilkinson+,
-ein Londoner Wundarzt, an, indem er diese Trogapparate in ihrer
-äußeren Einrichtung den heutigen Tauchbatterien annäherte. Weiter auf
-diese Details einzugehen ist zwecklos. Desto interessanter aber die
-Feststellung, daß zwei so wichtige Fortschritte elektrotechnischer Art
-von Nichtfachleuten herrühren.[93]
-
- *
-
-+Chladni+ (1756-1827), der Vater der Akustik, der unter anderem
-die nach ihm genannten berühmten Klangfiguren entdeckte, studierte
-auf den Wunsch seines Vaters +Jura+ und erst nach dessen Tode
-Naturwissenschaften. Erst im Alter von 19 Jahren fing er an, Klavier
-zu spielen und erfand 1790 im Euphon ein neues Toninstrument, mit
-dem er als Virtuose Kunstreisen machte, von deren Ertrag er sich ein
-beträchtliches Vermögen ersparen konnte.[94]
-
- *
-
-+Thomas Johann Seebeck+ (1770-1831), der Entdecker des heute
-Thermoelektrizität genannten »Thermomagnetismus«, hatte +Medizin+
-studiert, lebte dann als +Privatmann+ in Jena, Bayreuth und Nürnberg
-und wurde 1818 Mitglied der Berliner Akademie. Also auch er war kein
-Fachmann; so wenig wie +Carnot+, der +Vater der neuen Wärmetheorie+,
-insofern dieselbe mathematisch ist und man die Größenverhältnisse der
-Wirkungen betrachtet. Er war nach Absolvierung der polytechnischen
-Schule 1814 französischer Genieoffizier, trat 1819 als Leutnant in
-den Generalstab ein und wandte sich, da er nicht befördert wurde,
-dem Studium der Wärmeerscheinungen zu. Nachdem er 1828 seinen
-Abschied genommen hatte, starb er 1832 im Alter von 36 Jahren. Aus
-hinterlassenen Papieren geht hervor, daß er bereits den +Satz von der
-Erhaltung der Kraft allgemein ausgesprochen hat+, in der Form, »daß
-die bewegende Kraft in der Natur eine unveränderliche Größe ist, daß
-sie im eigentlichen Sinne des Wortes weder geschaffen noch zerstört
-wird«.[95]
-
- *
-
-+Michael Faraday+ wurde 1791 als Sohn eines Hufschmiedes geboren. Im
-Alter von 13 Jahren trat er bei einem +Buchhändler und Buchbinder+
-ein, um dort acht Jahre zu bleiben. In seinen Mußestunden las er Mrs.
-Marcets Gespräche über Chemie und aus der Encyklopädia Britannica
-die Abhandlungen über Elektrizität und bemühte sich auch, die dort
-angegebenen Versuche zu wiederholen. 1810 und 1811 erlaubte ihm sein
-Meister, an einigen Abenden populäre Vorlesungen eines Herrn Tatum
-über Physik zu besuchen. 1812 hörte er die vier letzten Vorlesungen
-Humphrey Davys. Auf Grund seiner Ausarbeitung der gehörten Vorlesungen,
-die er an Davy sandte, erhielt dieser Autodidakt 1813 die Stelle eines
-Assistenten am Laboratorium der Royal Institution, trat dann mit Davy
-eine größere Reise an und hielt 1816 seine erste Vorlesung. 1824 wurde
-er, nicht ohne vorheriges Widerstreben Davys, zum Mitglied der Royal
-Society gewählt, und nun folgten die Ehren schnell.
-
-Faraday war einer der bedeutendsten Naturforscher aller Zeiten, dessen
-Entdeckungen zahllos sind. Er hatte auch schon die klare Einsicht in
-die +Einheit aller Naturkräfte+, welche die moderne Physik erst nach
-längerer Zeit und nach vielen Kämpfen sich erworben hat. Die Idee
-der gegenseitigen Umwandlungsfähigkeit der Naturkräfte war bei seinen
-bedeutendsten Entdeckungen der leitende Gedanke.[96]
-
- *
-
-+George Green+ (1793-1841), der 1828 die Potentialfunktion zur
-Bestimmung physikalischer Kräfte zuerst einführte, war Sohn eines
-Bäckers und Müllers und +setzte anfangs das Gewerbe seines Vaters
-fort+, um später in Cambridge zu studieren.[97]
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- *
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-+Siméon Denis Poisson+ (1781-1840) wurde in der Jugend zu einem
-verwandten +Chirurgen+ in die Lehre geschickt, +da der Familienrat
-ihn der geistigen Anstrengungen eines Notariates nicht für gewachsen
-hielt+. Hier war er +gänzlich unbrauchbar+. Als er 1798 in die
-polytechnische Schule eintrat, behauptete er immer den ersten Platz,
-wurde bereits 1800 Repetent und 1806 Professor. Er hat sich um die
-mathematische Mechanik große Verdienste erworben.[98]
-
- *
-
-+Julius Robert Mayer+ (1814-1878), der Entdecker des Gesetzes von der
-+Erhaltung der Energie+, aus dem er die Äquivalenz von Arbeit und Wärme
-folgerte und das mechanische Äquivalent der Wärme berechnete, war
-+Arzt+. Als Schiffsarzt machte ihn 1840 in Java die veränderte Farbe
-des Venenblutes darauf aufmerksam, daß zwischen dem Stoffverbrauch
-und der produzierten Wärme im menschlichen Körper ein direkter
-Zusammenhang bestehen müsse. Seiner Arbeit »Bemerkungen über die
-Kräfte der unbelebten Natur« +versagte Poggendorff die Aufnahme in
-seine Annalen der Physik und Chemie+, wie +er auch keine der späteren
-Arbeiten Mayers abdruckte+.
-
-Also auch der Entdecker eines der größten physikalischen Gesetze war
-kein Fachmann, sondern ein junger Arzt.[99]
-
- *
-
-Das andere Genie, das sich mit diesem Thema befaßte, das uns in
-ungeahnter Weise einen Einblick in die Ökonomie des Weltalls eröffnet,
-und der auch das Glück hatte, Anerkennung zu finden, war ebenfalls kein
-Physiker, sondern der Besitzer einer +Bierbrauerei+: +James Prescott
-Joule+ (1818-1889). Er begründete die mechanische Wärmetheorie auf
-experimentellem Wege und zwar in völliger Unabhängigkeit von Mayer.
-
-Die Hauptabhandlung des 32jährigen erschien 1850, nachdem er bereits
-1843 Gedanken geäußert hatte, die an Kühnheit den Mayerschen von 1845
-fast gleichkamen. Übrigens war Joule auch der Begründer der Kinetischen
-Theorie der Gase.[100]
-
- *
-
-Auch +H. Helmholtz+, der dritte Große auf diesem Felde, war, als
-er im Jahre 1847 seine Abhandlung »Über die +Erhaltung der Kraft+«
-veröffentlichte, in der er mathematisch das Gesetz bewies, nicht
-Physiker oder Mathematiker, sondern ein +junger Arzt+. Helmholtz, 1821
-geboren, studierte Medizin, wurde 1843 Militärarzt in Potsdam, 1848
-Lehrer der Anatomie an der Kunstakademie in Berlin und erst 1871 --
-nach verschiedenen anderen Stellen als Professor der Physiologie --
-Professor der Physik in Berlin.[101]
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- *
-
-+Leclerc de Buffon+ (1707-1788) studierte Mathematik und Physik und war
-Intendant des Jardin royal des plantes in Paris. Wiewohl er also +nicht
-Geologe+ von Fach war, ja auf geologischem Gebiete nur in beschränktem
-Maße als Beobachter und Forscher tätig war, +bekämpfte+ er bereits die
-Annahme einer universellen +Sintflut+ und erkannte u. a., daß ein Teil
-+der in der Erde begrabenen Fossilien zu erloschenen Arten gehört+.
-Auch lehrte er die Abplattung der Erde an den Polen und Erhöhung am
-Äquator. Zittel sagte von Buffon: »Ein Vergleich der Epoques de la
-nature (1778) mit den zum Teil kindischen Hypothesen seiner Vorgänger
-und Zeitgenossen zeigt am deutlichsten die geistige Überlegenheit des
-großen Naturforschers.« Die Grundgedanken dieses Outsiders haben sich
-als richtig bis heute bewährt.[102]
-
- *
-
-+Leopold von Buch+ (1774-1852) galt mit vollem Recht für den größten
-Geologen seiner Zeit. Weder er noch +Alexander von Humboldt+
-(1769-1859), dessen Auftreten durch die Anregung, die er auf weite
-Kreise ausübte und der in Deutschland der jungen Wissenschaft viele
-Freunde und Anhänger zuführte, wie das Buffon und Cuvier in Frankreich
-getan hatten, nicht hoch genug zu veranschlagen ist, haben +je ein
-öffentliches Lehramt bekleidet+. In völlig unabhängiger Lebensstellung
-widmeten sie sich ganz der Wissenschaft, darin ihrem großen englischen
-Kollegen +Lyell+ (1797-1875) gleichend.
-
-Die größten Geologen waren also entweder überhaupt nicht Fachleute im
-strengen Sinne oder doch nicht zünftige Gelehrte.[103]
-
- *
-
-Der französische Ingenieur +Claude Chappe+ hatte einen +optischen
-Telegraphen+ im Jahre 1792 konstruiert, der schon zwei Jahre später
-zwischen Paris und Lille fertiggestellt wurde, um bald in der Länge
-von etwa 5000 km sich durch ganz Frankreich zu ziehen. Die 300 km von
-Paris nach Toulouse wurden in 20 Minuten durch die Zeichensprache
-zurückgelegt. Da aber nur an hellen Tagen, wenn es weder regnete noch
-schneite, telegraphiert werden konnte, war die Benutzung der Linien vom
-Zufall abhängig. Darüber sprach im Jahre 1809 der bayerische Minister
-Graf Montgelas in Gegenwart des +Professors der Anatomie Thomas
-Sömmering+. Da dieser sich in seinen Mußestunden mit allen möglichen
-Dingen beschäftigte, kam er auch auf den Gedanken, die Elektrizität zu
-verwenden und konnte schon acht Wochen später der bayerischen Akademie
-der Wissenschaften einen von ihm erfundenen +elektromagnetischen
-Telegraphen+ vorführen, den ersten elektrischen Telegraphen, den
-es je gegeben hat. Wenn auch das System unpraktisch oder doch sehr
-kostspielig war, so hatte er zweifellos das Verdienst, gezeigt zu
-haben, daß man die Elektrizität überhaupt zum Zwecke der Telegraphie
-benutzen könne.
-
-Merkwürdig ist aber, daß ein so genialer und weitblickender Mann wie
-+Napoleon+ sich allein abfällig über die Erfindung äußerte und sie
-wegwerfend als »une idée germanique« bezeichnete. Oder sollte ihn die
-Unvollkommenheit im praktischen Sinne dazu bewogen haben?[104]
-
- *
-
-+George Stephenson+ (1781-1848), der Hauptbegründer des
-Eisenbahnwesens, der auch die erste Eisenbahn zur Beförderung von
-Personen zwischen Stockton und Darlington baute, fing seine glänzende
-Laufbahn als einfacher +Dampfmaschinenwärter+ an.[105]
-
- *
-
-+Samuel Morse+ (1791-1872) war +Maler+. Auf der Heimreise von Europa,
-wo er die Mal- und Zeichenschulen studiert hatte, nach Amerika,
-entwarf er 1832 einen +Drucktelegraphen+ und das nach ihm benannte,
-aus Punkten und Linien bestehende +Zeichensystem+. 1837 erhielt er auf
-seine Erfindung ein amerikanisches Patent und baute 1843 die erste
-Versuchslinie zwischen Washington und Baltimore ein. Die Erfindung
-dieses Autodidakten und Outsiders wurde bekanntlich allgemein
-eingeführt.[106]
-
- *
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-Der Erfinder des +Kehlkopfspiegels+ war nicht etwa ein Arzt, sondern
-der berühmte +Gesanglehrer Manuel Garcia+ (1805-1906). Diese Erfindung
-ermöglichte erst die Laryngoskopie.[107]
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- *
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-Wie die Erfinder des Luftballons, Joseph Michel +Mongolfier+
-(1740-1810) und Jacques Etienne +Mongolfier+ (1745-1799)
-Papierfabrikanten waren, so die der drei +lenkbaren Luftschiffe+, des
-starren, halbstarren und unstarren Systems, sämtlich nicht Fachmänner,
-sondern, wie jedermann weiß, die Offiziere Graf +Zeppelin+, Major
-+Groß+ und Major +von Parseval+.
-
- *
-
-Übrigens war der erste, der einen noch dazu erfolgreichen Versuch zur
-Konstruktion eines lenkbaren Luftschiffes machte, ein armer römischer
-+Schuster+, der im Palazzo Aldobrandini wohnte. Dort besuchte ihn Le
-Bar, der Erzieher Napoleons III., mit seinem Zögling am 18. November
-1823. Die Flugmaschine bestand aus zwei Teilen, von denen der eine
-den Ballon in horizontaler Richtung halten, während der andere die
-Sicherheit der Fahrt verbürgen sollte.[108]
-
- *
-
-+Daguerre+ (1783-1851), der im Jahre 1838 die Erfindung der
-+Photographie+ machte, d. h. das Licht zur Bildererzeugung zwang, war
-nicht nur kein Fachmann, sondern sogar »eigentlicher Fachkenntnisse
-bar« und seines Zeichens +Maler+. Ursprünglich war er Steuerbeamter
-gewesen. Übrigens hatten sich schon vorher Physiker (+Davy+ und
-+Wedgewood+) erfolglos damit beschäftigt.[109]
-
- *
-
-+Foucault+ (1819-1868) veröffentlichte seine berühmten +Pendelversuche+
-»Démonstration physique du mouvement de rotation de la terre au moyen
-du pendule« im Jahre 1850, also 31jährig. Er bekleidete damals die
-Stellung eines +Redakteurs+ des wissenschaftlichen Teiles des Journal
-des Débats.
-
- *
-
-Die ersten Versuche zur Umwandlung der Elektrizität in Töne machte
-1837 +Page+ (1812-1868). Er war seines Zeichens Agent und Patentanwalt
-in Washington. +Ph. Reis+ (1834-1874) trat 1850 als Lehrling in ein
-Farbwarengeschäft zu Frankfurt a. M. ein und studierte privatim
-seit 1853 Mathematik und Naturwissenschaften. Um das Jahr 1860
-konstruierte der erst 24jährige Autodidakt das erste +Telephon+, an
-dem er seit 1857 gearbeitet hatte. Das erste praktisch verwendbare
-Telephon aber konstruierte der +Taubstummenlehrer Graham Bell+, geb.
-1847 in Boston, im Jahre 1876. Also kein einziger Physiker, sondern
-ausschließlich »Dilettanten«, von denen noch dazu kein einziger das 30.
-Lebensjahr erreicht hatte, waren die Erfinder dieses außerordentlichen
-Verkehrsmittels.[110]
-
- *
-
-Die beiden Weltfirmen Siemens & Halske in Berlin und Karl Zeiß in
-Jena sind aus bescheidenen mechanischen Werkstätten hervorgegangen
-und verdanken ihre Blüte dem Eintritt von Männern, die außerhalb
-der Zunft standen. Dort des +Artillerieoffiziers Werner Siemens+
-(1816-1892), dessen Erfindungen und Verbesserungen, besonders auf dem
-Gebiet des Telegraphenwesens, außerordentlich zahlreich sind; hier
-des Universitätsdozenten +Ernst Abbe+. +Karl Zeiß+ (1816-1888) selbst
-besaß +keine Universitätsbildung+, sondern hatte vor der Prima das
-Gymnasium verlassen, um dann in mechanischen und Maschinenwerkstätten
-zu lernen.[111]
-
- *
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-Der Erfinder des +Zweirades+, +Karl von Drais+ (1784-1851), war
-von Beruf nicht etwa Mechaniker, sondern badischer Forstmeister.
-Er war auch der erste, der eine +Schreibmaschine+, und zwar auf
-stenographischer Grundlage, konstruierte.[112]
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-+Charles Darwin+ (1809-1892), über dessen Leistungen sich wohl jedes
-Wort erübrigt, war in der Schule des Dr. Buttler in Shrewsbury ein
-so +schlechter Schüler+, daß sein Vater ihn mit 16 Jahren herausnahm
-und +Medizin+ studieren ließ. Da er auch da nichts leistete, widmete
-er sich nach zwei Jahren in Cambridge der +Theologie+, in der er nach
-drei Jahren das Baccalaureusexamen bestand. Nebenher interessierte
-er sich für Mineralien, Pflanzen, Muscheln, Insekten, aber auch
-für Münzen und Siegel, die er sammelte. Auch Geologie, Botanik und
-besonders Zoologie zog er in den Bereich seines Interesses, ohne aber
-den Vorsatz, Geistlicher zu werden, um dieser Liebhabereien willen,
-zu denen noch leidenschaftliche Liebe zur Jagd kam, aufzugeben. Nach
-seinem eigenen Geständnis »würde er sich damals für verrückt gehalten
-haben, wenn er in den ersten Tagen nach Eröffnung der Rebhuhnjagd
-zugunsten von Geologie oder einer anderen Wissenschaft auf die Jagd
-hätte verzichten wollen«. Als für die fünfjährige Weltumseglung des
-englischen Kriegsschiffes »Beagle« ein Naturforscher gesucht wurde,
-empfahl Professor Henslow Darwin. Da aber dessen Vater kein rechtes
-Vertrauen zur Ernsthaftigkeit des Jünglings hatte, schrieb er ab,
-und nur dem Zufall ist es zu danken, daß aus der Reise doch etwas
-wurde. Tatsächlich trat er sie (1831) an, +ohne in irgendeiner der
-vier Wissenschaften, auf welche er während der Reise hauptsächlich
-sein Augenmerk zu richten hatte: Zoologie, Botanik, Geologie und
-Paläontologie, ein abgerundetes Schulwissen zu besitzen+. Dafür besaß
-er allerdings den freien, durch keine Lehrmeinungen beeinträchtigten
-Blick für die Erscheinungen der Umgebung, ein Gewinn, der fürstlichen
-Lohn trug. So hat der in der ersten Hälfte der Zwanziger stehende
-Forscher, der schon vor der Reise die Flimmerlarven der Moostierchen
-und das Keimen der Pollenschläuche entdeckt hatte, auf ihr die Theorie
-der Entstehung der Korallenriffe, ja, seine +Deszendenztheorie+
-aufgestellt. Der große Forscher und edle Mensch hat niemals ein
-öffentliches Lehramt bekleidet.[113]
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- *
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-Darwin mag uns daran erinnern, daß außer den bereits oben genannten
-noch eine Reihe von +schlechten Schülern+ mit ihren Erfolgen im
-späteren Leben ganz zufrieden sein konnten. Bekanntlich war +J.
-J. Rousseau+ ein solcher Ausreißer, der nach einer jämmerlichen
-Schulbildung seinem Meister, einem Kupferstecher in Genf, 16jährig
-durchging, später Bedienter wurde, sich auch eine Zeitlang einem
-Hochstapler anschloß und sich als schon berühmter Mann vom
-Notenabschreiben nährte.
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- *
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-+Liebig+ erzählt von sich selbst, daß er als Schüler keine Erfolge
-hatte. +Bürger+ wurde als zwölfjähriges Bürschchen von der Stadtschule
-zu Aschersleben geschwenkt, der große Dichter +Shelley+ erlebte
-auf der Schule zu Eton ein gleiches Schicksal und nochmals auf der
-Universität zu Oxford. Auch Edgar +Poe+ wurde relegiert. +Schiller+
-ging bekanntlich von der Karlsschule durch, der Turnvater +Jahn+ aber
-entfloh dem Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin.
-
- *
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-+Van Erpecum+, ein Schüler an der Höheren Schule in Batavia, machte die
-Beobachtung -- es dürfte 1902 gewesen sein --, daß in einem bis zum
-Rande mit Wasser und darin herumschwimmenden Eisstückchen gefülltem
-Gefäß das Wasser nicht überfloß, als das Eis schmolz. Daraus folgerte
-er das »+Gesetz der permanenten Oberfläche+«, das er mit Hilfe seines
-Lehrers in den Sitzungsberichten der Kgl. Niederländischen Akademie der
-Wissenschaften veröffentlichte.[114]
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- *
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-Wie die genialsten Gedanken und Beobachtungen in den
-Naturwissenschaften und der Technik von Dilettanten bzw. Outsiders
-stammen, also von Männern, die nicht der gelehrten Zunft angehörten
-und häufig das Gebiet nur im Nebenfach bestellten, sahen wir
-eben. Ja, wir trafen auch in späteren Jahrhunderten eine Reihe von
-Männern, die auf vielen Gebieten geniale Bahnbrecher wurden, wie das
-in der Renaissance so häufig war. Ebenso verhält es sich auch in
-den Geisteswissenschaften. Auch hier ist der Beweis nicht schwer zu
-erbringen.
-
- *
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-+William Jones+ (1746-1794) war es, der sich zuerst eine eindringende
-Kenntnis des Sanskrit erwarb und in wesentlich richtigen und
-geschmackvollen Übersetzungen erprobte. Er führte Cakuntala so gut wie
-die Gesetze des Manu und Teile der Rigveda in die europäische Literatur
-ein. Natürlich war er nicht Philologe oder Orientalist von Fach,
-sondern +Oberrichter+ in Fort William in Bengalen.[115]
-
- *
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-Der erste, der +Sanskrit+ und seine Literatur in wahrhaft
-philologischem Sinne behandelte -- schreibt Benfey -- und dadurch einen
-sicheren Grund für eine Sanskritphilologie legte, war Henry Thomas
-+Colebrooke+ (1765-1837). Auch er war +Jurist+, nämlich Richter in
-Mirzapoor in Indien, dann politischer Resident am Hofe von Berar.[116]
-
- *
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-Der erste Entzifferer der +Keilinschrift+ war der klassische Philologe
-Georg Friedrich +Grotefend+ (1775-1853). Die größten Kenner der
-Keilinschriften räumen ihm nicht nur die Priorität der Entzifferung,
-sondern auch die Größe der Entdeckung an sich ein, wie sie auch die
-Bedeutung seiner Methode für die weiteren Entzifferungsversuche
-anerkennen. Schon im Jahre 1802, also 27jährig, legte Grotefend seine
-ersten Entzifferungsresultate der Göttinger Akademie der Wissenschaften
-vor. Das erstaunlichste war nun, daß dieser Mann, der die Genialität
-besaß, die seit Jahrtausenden schweigenden Steine zum Reden zu bringen,
-+gar nicht Sanskrit konnte+![117]
-
- *
-
-Der Ruhm, den rechten Weg zur Entzifferung der +Hieroglyphen+ gefunden
-und weiter gegangen zu sein, gebührt dem englischen +Arzt+ Thomas
-+Young+, von dessen Genialität im Reiche der Naturwissenschaften wir
-schon früher Zeugen waren. Er veröffentlichte 1815 in dem Cambridger
-»Museum criticum« eine mutmaßliche Übersetzung des ganzen demotischen
-Teils der Inschrift von Rosette, die Entzifferung sämtlicher darin
-vorkommender Eigennamen und außerdem die Erklärung von 80 andern
-Wörtern und ein aus diesen Erklärungen sich ergebendes demotisches
-Alphabet. Er entdeckte sogar, daß viele Wörter nicht alphabetisch,
-sondern symbolisch geschrieben seien. Eine außerordentliche Förderung
-ließ Jean François +Champollion+ le jeune (1790 bis 1832) der
-Entzifferung der Hieroglyphen angedeihen, ja, er ist der eigentliche
-Vater der neuen Wissenschaft geworden. Er war seit 1809 Professor der
-+Geschichte+ in Grenoble. Ihm glückte die Entzifferung 1822, also in
-seinem 32. Lebensjahre.[118]
-
- *
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-Enden wir hier das Kapitel. Wohl niemand wird mehr bestreiten wollen,
-daß uns der Beweis gelang. Und doch können wir mit einem Trostwort
-schließen.
-
-Die Universitäten sind im allgemeinen nicht schlechter geworden. Sie
-verbannen heute die Genialität nicht weiter von sich als in früheren
-Jahrhunderten. Sie waren immer eine Organisation der Mittelmäßigkeit.
-
- *
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-Das sei zum Schluß durch Beispiele und Worte eines berufenen Kenners
-belegt.
-
-+Georg von Peurbach+, dem bereits Padua und Bologna einen Lehrstuhl
-für Astronomie angeboten hatten, las in Wien als Magister der
-Artistenfakultät 1434-1460 vorzugsweise über römische +Dichter+.
-Nur 1458 hielt er eine mathematische Vorlesung. Sein großer Schüler
-+Regiomontanus+ war an keiner Universität, sondern in Nürnberg tätig,
-da er an den damaligen Universitäten +wenig Förderung seiner Studien
-zu finden meinte+. Georg Kaufmann konstatiert, daß »die Wirksamkeit
-der beiden großen Astronomen und Mathematiker, die den +Ruhm der
-Wiener Universität zu bilden pflegen+, der Wiener Universität
-nur lose verwandt waren, daß ihre Studien außerhalb des Rahmens
-ihrer akademischen Tätigkeit lagen, und daß sie die Ordnung des
-mathematischen Unterrichts in Wien nicht umgestaltet haben.«[119]
-
- *
-
-Es ist immer dieselbe Sache: Von der Universität und der gelehrten
-Zunft gering geschätzt oder bekämpft, wird der »Dilettant« nach
-seinem Tode mit Gewalt zum Professor und Kollegen gestempelt. Denn,
-wollte die gelehrte Zunft auf die Outsider verzichten, dann wäre
-das gleichbedeutend mit einem Verzicht auf die größten Förderer der
-Wissenschaft.
-
- +Anm.+ Hierzu ist in meinem Buch: »Dinge, die man nicht sagt«, das
- Kapitel: »Kunst und Dilettantismus« zu vergleichen, das noch eine
- Reihe Ergänzungen liefert.
-
-
-
-
-Fünfter Abschnitt
-
-Von Universität und Schule
-
-
-Die mittelalterlichen Scholaren der Artistenfakultät, also die große
-Masse, lebte in den Bursen in größtem Zwang. Sie standen den ganzen Tag
-unter Aufsicht, ihr Aufstehen, Essen und Trinken, Studium, Ausgehen,
-alles war vorgeschrieben, das Verbot der Wirtshäuser und Tanzräume, des
-Kartenspiels bestand bei ihnen wie bei unsern Mittelschülern, kurz, sie
-waren durchaus unfrei im Gegensatz zum modernen Studenten, hinter dem
-sie an Lebensalter allerdings bedeutend zurückstanden.
-
-Nichts aber wäre falscher, als die Annahme, sie hätten deshalb einen
-halbwegs anständigen Lebenswandel geführt. So muß ein Heidelberger
-Statut von 1466 verbieten, daß die Scholaren den Magister +während der
-Vorlesungen+ durch Geschrei und Schimpfreden +störten+, oder dadurch,
-daß sie einen Fuchs zwängen, +das Salve anzustimmen+ oder +mit Dreck
-würfen+. Schon früher mußte in Heidelberg verboten werden, +in den
-Vorlesungen mit Steinen zu werfen+ oder ähnlichen Unfug zu verüben. Wer
-während der Vorlesung mit Steinen wirft -- heißt es dort 1444 -- oder
-andere Unverschämtheiten sich zuschulden kommen läßt, dem soll -- man
-meint das Sitzorgan gegerbt werden. O nein -- dem soll +eine Vorlesung
-als versäumt angerechnet werden+!
-
-Die groben Späße der Scholaren arteten bisweilen geradezu in Verbrechen
-aus. Sie plünderten die Gärten der Bürger, drangen nachts in die
-Häuser, beleidigten die Braut auf dem Zuge zur Kirche, drängten sich in
-Hochzeitsgesellschaften und wollten hier die Herren spielen, erregten
-nachts Waffenlärm, indem sie auf die Steine der Straßen schlugen, und
-griffen die Wächter an und wer sonst über die Straße kam. An allen
-Universitäten ereignete sich dergleichen Unfug. In Köln, Heidelberg und
-anderwärts kam es wiederholt zu förmlichen Tumulten, bei denen +Sturm
-geläutet+ und das Banner entfaltet wurde.
-
-Nur +einen+ Unfug kannte man damals noch nicht, den der späteren
-Duelle. Von ihnen findet sich keine Spur. Beleidigungen wurden von
-Magistern und Scholaren auf dem Rechtswege ausgetragen, ohne Schaden
-an ihrer Ehre. Sonst setzte es tüchtige Prügel ab, was jedenfalls
-weit verständiger ist, als die Säbelschlägerei und Pistolenschießerei
-zwischen den dümmsten Grünlingen, die sich in ihrer funkelnagelneuen
-Ehre jeden Augenblick beleidigt fühlen. Wer den haarsträubenden Unfug
-und den frivolen Leichtsinn vieler studentischer »Ehrengerichte« kennt,
-wird das nur bestätigen können.[120]
-
- *
-
-Einst frug der Kurfürst Christian von Sachsen Friedrich Taubmann
-(1565-1613), »was die Studenten in Wittenberg machten? Taubmann stehet
-von der Taffel auff, gehet mit dem Degen in den Hoff hinunter, hauet
-in die Steine, grabet etliche auss und wirfft zu dem Churfürsten in
-die Fenster und schreyet: ›Herunter, du Penal, du Spulwurm‹ etc. Der
-Churfürst läßt ihm sagen: Er sol nur auffhören, er hätte Bescheids
-genug.«[121]
-
- *
-
-Prinz Wilhelm von Nassau-Dillenburg erzählt in seiner 1694 abgefaßten
-Reisebeschreibung über die Studenten in Padua: »Padua ist eine
-weitläufige, aber menschenleere Stadt, in deren Straßen man auch im
-größten Regen trocken einhergehen kann, unter den Gängen, die vor den
-Häusern sind. Es ist aber wunderlich, daß dort +die Studenten Macht
-haben, Arme und Beine nicht nur sich selbst, sondern auch Fremden zu
-zerschießen+.
-
-Sobald es Nacht wird, gehen sie gewaffnet in Scharen aus, auf
-verschiedenen Parteien, und verstecken sich hin und wieder hinter die
-steinernen Pfeiler. Kömmt einer, so rufen sie ihn an: Qui va li? Da
-trägt es sich bisweilen zu, daß man zwischen zwei Qui va li? kömmt,
-und also in der größten Gefahr ist. -- Auch dieses läßt die Republik
-(Venedig) aus Politik zu.«[122]
-
- *
-
-Das wilde Leben der Scholaren wurde durch das ihrer Lehrer höchstens
-noch übertroffen. Da ist verboten, daß +ein Magister mit einem Stein,
-einem Becher oder etwas ähnlichem werfe+. Wer nur den Arm zum Werfen
-erhob, aber nicht warf, hatte zehn neue Groschen Strafe zu zahlen,
-wer warf, aber nicht traf, hatte acht Gulden zu erlegen, wer aber
-traf, wurde nach der Größe des Schadens bestraft. Auch +Faustschläge+
-und +Reißen an den Haaren+ hatten ihre +Tarife+! Man stelle sich
-vor: Professoren! Niemand sollte auch durch das Fenster einsteigen.
-Tief blicken läßt die Bestimmung, daß kein Lehrer ad commodum suum
-meretricem (zu seinem Nutzen eine Prostituierte) ins Kollegium
-mitbringen dürfe. Das war sehr teuer und kostete eine ganze Jahresrente
-als Strafe, ebenso wie das andere Verbot, das man zu erlassen für nötig
-befunden hatte: vel actum venereum inibi exercere (den Beischlaf dort
-auszuüben). Bei den Disputationen aber war das Verbot von Schimpfworten
-wie ketzerisch, der Ketzerei verdächtig, Eselei oder Dummheit
-verboten.[123] Leider besitzen wir keine Instanz, die aus den Polemiken
-unserer Gelehrten die Schimpfereien und Lackelhaftigkeiten entfernte,
-die immer noch an den sozialen Tiefstand früherer Jahrhunderte
-unliebsam erinnern.
-
- *
-
-Von der kläglichen Finanzlage, in der sich in der Regel die
-mittelalterlichen Universitäten, Fakultäten und Professoren befanden,
-gibt eine Vorstellung die Motivierung der Wiener Fakultät für das
-Unterlassen einer Beschickung der Nürnberger Tagung, auf der der Kaiser
-über die Berufung eines andern Konzils verhandeln wollte. Sie schreibt
-am 30. Dezember 1442: »weil die Universitätskasse vollkommen leer sei
-und die Universität selbst in großen Schulden stecke.«
-
-Mag auch der Wunsch, sich überhaupt zu drücken, bei der Schwarzfärbung
-mitbestimmend gewesen sein, so beweisen doch die Schwierigkeiten, die
-die gleiche Universität hatte, um ihren Gesandten 1433 in Basel mit
-Geld auszustatten, daß Schmalhans Küchenmeister war. Jeder Professor
-hätte im Durchschnitt jährlich drei Gulden beisteuern müssen. Das
-ist allerdings sehr viel, wenn man bedenkt, daß der Mindestbesoldete
-nur 30 Gulden im Jahre an Gehalt erhielt und daß nur die Professoren
-der oberen Fakultäten -- in Wien etwa 30 Gelehrte -- Einnahmen von
-80-100 Gulden buchen konnten. Ganz wenige unter ihnen zogen bedeutende
-Revenuen aus Prüfungen, sowie ihrer Praxis als Anwälte oder Ärzte.[124]
-
-Jede Nebeneinnahme war natürlich hochwillkommen. Am meisten warfen
-die Promotionen in den oberen Fakultäten ab. Der Doktorand war
-verpflichtet, an die bei der Promotion anwesenden Magister und
-Doktoren Geschenke zu verteilen, und zwar zumeist ein Paar Handschuhe,
-wobei auch wohl unterschieden wurde, wer solche aus Hirschleder
-bekommen solle oder aus einer geringeren Qualität. Auch ein Barett,
-ein Geldstück oder einige Ellen Tuch waren übliche Geschenke. In
-Frankfurt wurden zwischen den Doktoren der oberen Fakultäten förmliche
-Verträge geschlossen, welche z. B. den Doktoren der Medizin das Recht
-verbürgten, bei der Promotion von Juristen und Theologen mit solchen
-Geschenken bedacht zu werden und umgekehrt. Dazu mußte der Doktorand
-Wein und Konfekt den Examinatoren und dem Kanzler liefern und den
-Doktorschmaus, dem sich bisweilen auch ein Ball anreihte, bezahlen. Da
-ist es dann kein Wunder, wenn die Kosten einer Promotion enorm waren.
-So mußte in Leipzig zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein Doktor der
-Rechte bei seiner Promotion für Gelage, Umzüge, Musik und Geschenke die
-Summe von 250 Dukaten aufwenden.[125]
-
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-Wie kläglich die finanzielle Lage der Professoren war, geht aus
-einer Klageschrift der Universität Heidelberg von 1462 an den Papst
-hervor. Sie seien großenteils alte Männer, die von ihrer akademischen
-Tätigkeit leben müßten und gezwungen wären, zu +betteln+, wenn der
-Papst ihnen die mit ihren Professuren verbundenen Pfründen entzöge.
-Deshalb möchte der Papst ihre unentschiedene Stellung in den wegen der
-Konzilien entstandenen Parteikämpfen nicht verübeln, da sie auch von
-ihrem Landesherren abhängig seien. »Wenn wir ihm nur im geringsten
-entgegentreten, dann verlieren wir unsere Einkünfte.«[126]
-
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-Nach einer Urkunde vom Jahre 1804 erhielt +Immanuel Kant+ folgendes
-Gehalt: »I. Als Professor der Logik und Metaphysik 1) Salarium 166
-Thaler 60 Grsch. 2) Zulage 86 Thlr. 73 Grsch. 16⅕ Pf. 3) Accise
-26 Thlr. 50 Grsch. (quartaliter zahlbar). 4) Mühlen-Gefälle (als
-annuum fällig den 1. April) 4 Thlr. 5) Thalheimsche Gefälle (als
-annuum fällig den 19. Juni) 17 Thlr. 53 Grsch. 3 Pf. 6) An Getreyde
-44 Schffl. Roggen, quartaliter zu berechnen, aber gewöhnlich erst
-im letzten Quartal zu empfangen. Diese sind im Etat à 40 Grsch. p.
-Schffl. angeschlagen auf 19 Thlr. 50 Grsch. 7) Aus dem Stipendio
-Gerhard Janseniano (als annuum fällig den 31. Dezbr.) 75 Grsch. 8)
-An Zinsen aus der philosophischen Fakultät (halbjährig in Ostern und
-Michael fällig) 10 Thlr. 88 Grsch. 1⅛ Pf. 9) Ex Signis Initiationis
-(halbjährlich in Ostern und Michael fällig) nach der Fraktion 27 Thlr.
-17 Grsch. 15 Pf. 10) An Censur-Gebühren nach der Fraktion 6 Grsch.
-11) An Holz 5 Achtel, welche von der Königl. Holz-Cämmerey im ersten
-Quartal des Etats-Jahres pränumerando geliefert werden. Diese sind im
-Etat à 5 Thlr. p. Achtel angeschlagen auf 25 Thlr. Summa als Professor
-385 Thlr. 43 Grsch. 17 (17-13/40) Pf.« Dazu kommt sein Gehalt II.
-als Senator, der sich in ähnlicher Weise zusammensetzt, in Höhe von
-43 Thlr. 59 Grsch. 17 Pf., ferner der als Senior der philosophischen
-Fakultät in der Höhe von 100 Thalern und endlich eine außerordentliche
-Zulage aus der kgl. Ober-Schul-Kasse im Betrage von 220 Thalern. Mithin
-stand sich der größte Denker, den Deutschland, vielleicht die Erde am
-Ende des 18. Jahrhunderts besaß, auf +749 Thaler, 23 Groschen und 10
-Pf. im Jahre+![127]
-
- *
-
-An der Leipziger Universität gab es im Mittelalter ein großes und ein
-kleines Kolleg, in denen die Studenten, wie ja damals allgemein üblich,
-auf Grund besonderer Statuten gemeinsam lebten. Diese Statuten nun
-bestimmten nicht nur die Reihenfolge, in der bei Tisch die Speisen
-anzubieten waren, sie enthielten auch die Vorschrift, daß +kein
-Kollegiat in den Vorlesungen oder Disputationen Sätze aufstellen
-dürfe, die der Mehrheit der Kollegiaten mißfielen+. Wer es doch tat und
-auf die Mahnung nicht hörte, +verlor Tisch und Einkünfte+, bis er vom
-Kollegium wieder zu Gnaden aufgenommen war. Es war also möglich, daß im
-Kleinen -- acht Stellen aufweisenden -- Kolleg eine Meinung zulässig
-war, die im Großen Kolleg mit 22 Stellen verboten war und man fand
-nichts Entehrendes darin, eine wissenschaftliche Ansicht durch einen
-Majoritätsbeschluß einer derartigen Genossenschaft zu unterdrücken und
-offen durch solche Mittel auf die Gesinnung zu wirken. Mag es sich auch
-entsprechend der ganzen mittelalterlichen Methode um die einfältigsten
-Spitzfindigkeiten gehandelt haben, so war darum die Vergewaltigung der
-Lehrmeinung nicht geringer.[128]
-
- *
-
-Das ist weniger verwunderlich, wenn man weiß, daß jedem
-mittelalterlichen Universitätslehrer nicht nur die Kleidung, in der
-er allein Vorlesungen halten durfte, sondern auch +Inhalt und Form
-des Unterrichts genau vorgeschrieben+ waren. Und zwar nicht etwa bloß
-das Buch, sondern auch der +Kommentar+, die +Glosse+ und damit der
-+ganze Gang und Hauptinhalt der Erklärung+. Ferner ob und wieviel
-er diktieren, ob er aus dem Heft vortragen oder wenigstens einen
-Gedächtniszettel benutzen dürfe. Es war auch verboten, in einer
-Stunde mehr oder weniger als die von der Fakultät vorgeschriebenen
-Abschnitte durchzunehmen. War auch meist freier Vortrag gefordert, so
-tadelt ein Ingolstädter Gutachten von 1507 es doch als verwerfliches
-Virtuosentum, daß der Doktor Theoderich, ein Jurist, Text und Glossen
-aus dem Gedächtnis anführe, statt sie aus dem Buch vorzulesen. Der
-Lehrer war in solcher Weise +nach allen Seiten hin gebunden+ und wurde
-so sehr nur als Werkzeug betrachtet, daß er nicht nur sich -- wie
-unsere heutigen Volksschullehrer, sofern sie Religionsunterricht zu
-erteilen haben -- den in den vorgeschriebenen Büchern und Kommentaren
-vertretenen Ansichten anzuschließen hatte, sondern auch +Methode und
-Meinung wechseln mußte, wenn die Fakultät die Bücher wechselte+.
-
-So konnte der Streit von zwei Schulen der Kommentatoren über die
-logischen Lehrbücher zu einem Kampf an den Universitäten und unter den
-Universitäten werden, wie der berühmte zwischen den +Realisten+, die
-sich bei der Erklärung der Aristotelischen Logik und des allgemein
-gebrauchten Kompendiums des Petrus Hispanus den älteren Kommentatoren,
-Albertus Magnus, Duns Scotus, Thomas von Aquino u. a. anschlossen,
-und den +Nominalisten+, die an Occam anknüpften. Letztere, die auf
-Wortformen der Begriffe und Verhältnisse des Satzbaues das Hauptgewicht
-legten, wurden die größten Meister spitzfindiger und sophistischer
-Dialektik. Es handelte sich lediglich um einen literarischen, keinen
-spekulativen Parteigegensatz.
-
-Nun ist nichts bezeichnender für das Wesen der mittelalterlichen
-Universität und den Lehrzwang, den sie ausübte, als die Tatsache, daß
-die eine Richtung die andere +nicht neben sich duldete, vielmehr an der
-einen Universität nur nach der alten, an der andern nur nach der neuen
-Methode gelehrt werden durfte+.
-
-Als sich Hieronymus von Prag, der sich am 7. April 1406 in Heidelberg
-hatte immatrikulieren lassen, mit Leidenschaft in einer Disputation
-zum Realismus bekannte, die Fakultät die Aufstellungen des Hieronymus
-widerlegen ließ und Hieronymus hierauf wieder antworten wollte, +wurde
-den Studierenden bei ihrem Eide untersagt, dem Akte anzuwohnen+! Weiter
-beschloß die Fakultät, daß fortan kein auf einer andern Universität
-ausgebildeter Bakkalar oder Magister in die Fakultät aufgenommen
-werden solle, bevor er sich +eidlich verpflichtet+ habe, keine Frage
-zu determinieren, ohne vorher dem Dekan seine Aufstellung vorzulegen
-und zu +schwören, sie auf dem Katheder wörtlich und ohne jede Änderung
-vorzutragen+.
-
-Noch im Jahre 1452 mußte sich +jeder Magister+ in Heidelberg bei
-der Aufnahme in die Fakultät +eidlich verpflichten+, nur auf Grund
-der neuen, vor allem durch Marsilius von Padua eingeführten,
-nominalistischen Methode zu lehren. Einige Lehrer, die den alten Weg
-für richtiger hielten, mußten ausscheiden. Erst ein Machtwort des
-Kurfürsten Friedrich beseitigte dieses Monopol.
-
-In Tübingen, das schon 1477 beiden Richtungen gleiche Geltung
-einräumte, konnte ein Scholar oder Bakkalar nicht, wie seit 1452 in
-Heidelberg, beliebig bei Lehrern der einen oder andern Partei hören,
-vielmehr hatte er sich für einen von beiden zu entscheiden und in dem
-gewählten Wege die Grade zu erwerben.
-
- *
-
-+Die unbestrittene Autorität des Aristoteles+ in den weltlichen
-Wissenschaften wurde +sowohl von den Nominalisten, als von den
-Realisten anerkannt+. Beide Parteien stimmten darin überein, daß sich
-+niemand von seiner Lehre entfernen dürfe+, es sei denn, einer seiner
-Sätze widerstreite der Kirchenlehre. In diesem Falle solle man darauf
-hinweisen, daß Aristoteles nach der bloßen Vernunft urteile, ohne durch
-den Glauben erleuchtet zu sein. So zu den Scholaren zu sprechen war
-in Heidelberg ausdrücklich vorgeschrieben. Zugleich wurde jeder +neue
-Magister eidlich verpflichtet, die Worte des Aristoteles und seines
-Kommentators als feste und gewissermaßen unzweifelhafte Wahrheit zu
-verkünden+.[129]
-
- *
-
-Als +Petrus Ramus+ um die Erlaubnis gebeten hatte, in Genf lehren
-zu dürfen, erhielt er von Beza (1519-1606), dem Nachfolger
-Calvins, die für die nicht eben freie Stellung der neuen Kirche zu
-Aristoteles charakteristische Antwort: »+Die Genfer haben ein für
-allemal beschlossen, weder in der Logik, noch in irgendeinem andern
-Wissenszweige von den Ansichten des Aristoteles abzuweichen.+«[130]
-
- *
-
-Georg Kaufmann, der hervorragende Kenner unseres mittelalterlichen
-Universitätswesen, urteilt über die Bedeutung der Hochschulen für die
-Entwicklung der Wissenschaften wie folgt: »Alle Fakultäten hielten bis
-ans Ende der Periode (also bis zur Reformationszeit) die Lehrziele und
-die Lehrmethode fest, die ihre Statuten aus dem 14. Jahrhundert zeigen,
-und soweit sie neuen Ansprüchen und Regungen Raum ließen, geschah es
-fast immer auf Drängen von Personen und Behörden, die +außerhalb+ der
-Universitäten standen, oder ihnen doch nur lose und äußerlich verbunden
-waren.
-
-Der Scholar, Bakkalaureus, Lizentiat oder Doktor der Medizin des Jahres
-1490 war noch ganz mit denselben Büchern, Kenntnissen und selbst Sitten
-ausgestattet, wie wir ihn im Jahre 1390 verlassen haben.
-
-Genau so verhielt es sich in der Artistenfakultät. Um 1500 verfolgte
-man ungefähr die gleichen Ziele, wie um 1400 und hatte auch noch
-dieselben Lehrbücher.«[131]
-
- *
-
-Im Jahre 1471 trug sich nach derselben Quelle ein Ereignis zu, das
-selbst im Mittelalter, das an Sonderbarkeiten gewiß nicht Mangel
-litt, selten war. +Sechs Schustergesellen sandten nämlich der
-Universität Leipzig einen Fehdebrief!+ Sie sagten darin, daß ihnen
-von vier Scholaren Gewalt geschehen sei, ohne daß ihnen dafür Recht
-geworden wäre. So wollten sie sich denn erholen an allen denen,
-»dye do Studenten synt, junck adir alt«. Die Landesherren erließen
-allerdings einen Befehl auf Ergreifung der sechs Schustergesellen, aber
-merkwürdigerweise +unter gleichzeitiger indirekter Anerkennung des
-Fehderechtes+. Nur weil sie nicht zuerst vor den Gerichten über das
-ihnen angetane Unrecht Klage geführt, sondern gleich Fehde angesagt
-hätten, wurde gegen sie eingeschritten. Außerdem rief die Universität
-die geistliche Gerichtsbarkeit gegen die Feinde auf.
-
- *
-
-Ernster lief eine Affäre ab, die hier mitgeteilt werden möge, wiewohl
-es sich nicht um einen Studenten handelt. Sie ist aber überaus
-bezeichnend für das, was in unserem Mittelalter möglich war.
-
-Ein +Müllerknecht+ namens Klee hatte Forderungen an die Stadt
-Mühlhausen wegen rückständigen Lohnes. Eigentlich schuldeten zwar
-Meister ihm das Geld, da er aber ein frecher Bursche war, mit dem
-die Stadt nichts zu tun haben wollte, kam sie für die Schuld auf und
-deponierte die fragliche Summe auf seine Klage hin. Er erhob das Geld
-aber nicht, vielmehr steckte er am 11. April 1466 einen +Fehdebrief+
-an das Gatter des Baseler Tores zu Mühlhausen! Also ein einzelner
-Müllerknecht, der einer ganzen Stadt die Fehde ansagt!
-
-Bald nahm sich seiner der Ritter Peter von Regisheim an, der einige
-Bürger gefangen setzte und der Stadt seinen Fehdebrief übersandte.
-Andere Ritter folgten nach, so daß schließlich der Adel des ganzen
-Sundgaues gegen Mühlhausen in Fehde lag. Die Geschichte zog immer
-weitere Kreise und wurde Anlaß zum wenige Jahre später erfolgten
-Zusammenbruch des mächtigen Reiches Karls des Kühnen von Burgund.
-Kleine Ursache, große Wirkung.[132]
-
- *
-
-Auch Differenzen zwischen Gelehrten konnten die unangenehmsten Folgen
-haben.
-
-Der Professor Flacius in Jena geriet mit seinem Kollegen Victorinus
-Striegel, einem Anhänger Melanchthons, in Jena über das liberum
-arbitrium und die sogenannten guten Werke in einen erbitterten Streit,
-in dem Striegel, der Jenaische Professor Schnepf und der dortige
-Superintendent Andreas Hugel zum höchsten Zorne ihres Gegners und
-seiner Partei das »Confutationsbuch« verfaßten. Flacius brachte
-die Fürsten von Weimar auf seine Seite, und da Striegel nicht zur
-Zurücknahme seiner Ansichten zu bewegen war, griffen die Fürsten zu
-einem eigenartigen Mittel, über das uns der Bericht des bekannten
-Wittenberger Professors Justus Jonas an den Herzog Albrecht von Preußen
-belehrt.
-
-»Die jungen Fürsten zu Sachsen (Weimar) haben Victorinum bei der Nacht
-in der Stadt Jena überfallen und samt dem Superintendenten des Orts,
-Magister Andreas Hugel, einem frommen, gottesfürchtigen, gelehrten,
-alten Mann, +gefänglich+, wie man Dieben und Mördern tut, +wegführen
-lassen+.... Am heiligen Ostertag nämlich hat man an die hundert
-Hakenschützen, desgleichen an fünfzig oder sechzig Pferde, unter
-welchen jedoch keiner von Adel gewesen, in Weimar auf den Abend sich
-rüsten lassen, ihnen aber nicht angezeigt, wem oder wohin es gelte;
-denn man hat diese Dinge sehr heimlich gehalten, auch derenthalben
-zwei Tage zuvor auf der Straße zwischen Weimar und Jena gestreift, den
-Boten alle Briefe genommen und erbrochen, auch etliche Wandersleute,
-unter welchen der junge Doktor Cornarius, untersucht und wieder zurück
-in die Stadt Weimar geführt, auf daß Victorinus ja nicht etwa gewarnt
-würde und sich (dessen er doch nie willens gewesen) davonmachte.
-Folgends am Ostermontage, zwischen zwei und drei in der Nacht, sind
-die Tore der Stadt Jena auf vorangehende fleißige Bestellung geöffnet
-worden, Reiter und Hakenschützen hineingelassen, welche alsbald in
-die zwei Gassen, darin Dr. Victorinus und der Superintendent ihre
-Wohnung haben, gerückt, dem Victorinus mit großem Ungestüm die Türe
-mit Äxten und Zimmerbeilen aufgehauen, und als der fromme, ehrliche
-Mann aus Schrecken samt seiner tugendreichen, lieben Hausfrau im Hemde
-herabgelaufen und gefragt: was da wäre? ob Feuer da wäre? haben die
-Ölberger geantwortet: Was sollte da sein? Wir sind da und wollen dich
-losen Bösewicht dahin führen, wohin du gehörst.
-
-Als sein frommes Weib diese Worte gehört, hat sie Zeter und Mordio
-angefangen zu schreien, durch welches Geschrei sie die Judasrotte
-also erzürnt, daß einer unter den Ölbergern, sonder Zweifel ein
-ehrevergessener Schelm, dem armen, erschrockenen, ehrlichen, frommen
-Weibe +eine Zündbüchse vor den Leib gehalten und gesagt: Schweig, du
-Pfaffenhure, oder ich will eine Kugel durch dich schießen+! Welche
-Schmähung Dr. Victorinus verantwortet; darauf sie ihn einen Schelm
-gescholten, wodurch er denn nicht unbillig bewegt und wieder gesagt:
-Ei! bist du ein Schelm, so bleib einer; ich bin kein Schelm!
-
-Dieser Lärm hat nicht lange gewährt, denn die Ölberger haben sich vor
-den Studenten und der Bürgerschaft, wo sie des Spiels inne und wach
-würden, sehr besorgt und derwegen so heftig geeilt, daß sie auch dem
-frommen Manne Victorinus nicht haben Weile gelassen, daß er seine
-Kleider hätte anziehen können, sondern man hat ihn +im Hemde auf den
-Weg gestoßen+ und mit Not so lange gewartet, daß man ihm die Kleider
-hintennach geworfen.
-
-Mit dem Superintendenten hat man etwas gelinder verfahren, und wie
-der gemeine Laut gehet, so werden sie sehr hart gehalten und nicht so
-traktiert, wie billig solche Leute, ob sie gleich ein Größeres verwirkt
-hätten, gehalten und traktiert werden sollten. Gott tröste die frommen,
-heiligen Leute, wehre und steuere den Teufelskindern, welche die jungen
-Fürsten auf solche Umwege führen.«
-
-In einem späteren Briefe berichtet Justus Jonas dem Herzog, daß man
-noch viel brutaler, als er zuerst mitgeteilt habe, gegen die Herren
-verfuhr: »Man ist nicht allein bei Nebel und Nacht in sein Haus
-gefallen, Tür und Angel in Stücke zerhauen, sondern die Judasrotte ist
-dem frommen, ehrlichen Manne Victorinus in seine Schlafkammer gefallen,
-haben ihn auf einer Seite des Bettes gefunden, ganz bloß und gleich in
-dem, daß er sein Hemd über dem Haupt und an seinen Leib gezogen. Sein
-frommes, ehrliches Weib, des seligen Mannes Doktor Schneppii Tochter,
-haben sie auf der andern Seite des Bettes mutterleibesnackt gefunden,
-da das fromm tugendreich Weib stumm und bestürzt gestanden wie ein
-Stock, sich vor Schrecken nicht regen noch besinnen können... Des alles
-ungeacht haben sie ihr Büchsen und Spieß vor das Herz gehalten und sie
-mit Schmähworten greulich angegriffen...«
-
-Grund zu diesem Betragen, das selbst dem Redakteur eines
-regierungsfeindlichen Blatte gegenüber vielleicht sogar in Preußen
-befremden würde, war die treue Anhängerschaft Victorin Striegels an
-Melanchthon und die kursächsischen Theologen zu Wittenberg, die Flacius
-haßte, wiewohl ihn Melanchthon früher mit Wohltaten überschüttet
-hatte.[133]
-
- *
-
-Das Bild, das Küchelbecker von der Wiener Universität noch um 1730
-entwirft, spricht Bände über die segensreiche Wirkung der Kirche in
-wissenschaftlichen Fragen. Galt dort die alleinige Meinung der Kirche,
-so ist das bei einem orthodoxen Hofe weniger verwunderlich. Aber das
-war nicht alles. »Wir wollen nur anführen, daß die Auctorität des
-Heil. +Aristotelis+ in Philosophicis hieselbst ebenfalls infalible
-ist; Dahero die hiesigen Magistri artium, als unmündige Kinder ihre
-Vernunfft unter dem »Autos epha« gefangen nehmen und dessen Dogmata
-beschwehren müssen. Auch in der Jurisprudenz muß man nach der alten
-einfältigen Leyer derer Canonisten und Civilisten forttantzen und
-+beyleibe keine neuen Meinungen, auch nicht einmal exercitii gratia,
-statuieren+, wo man sich nicht einen Schwarm Jesuiten auf den Halß
-laden will... In der Medicin hat es fast gleiche Bewandniß, die Moral
-und Jus Naturae werden allhier schlecht tractiret, und fast nichts
-als Fabeln und absurde Principia, deren sich ein jeder vernünfftiger
-Mensch schämen muß, tradiret. Das Jus publicum und die Historie,
-so wohl die Profan- als Kirchen-Geschichte, können ebenfalls nicht
-aufrichtig gelehret werden, weil sonst die römische Kirche ziemlich
-würde censiret werden müssen. Dieses alles ist auch die Ursache, warum
-so viele österreichische Cavaliers, wenn sie auf Reise gehen, zu Leyden
-noch eine Zeit lang studieren, und diese Studia daselbst tractiren.
-Und mit kurtzen: wie ist es möglich, hinter die Wahrheit zu kommen, wo
-man nicht libertatem sentiendi, ratiocinandi hat. Denn Latein und die
-Metaphysique alleine machen keinen Gelehrten.«[134]
-
- *
-
-Am 23. Juli 1798 erschien eine »Verordnung wegen Verhütung und
-Bestrafung der die öffentliche Ruhe stöhrenden Excesse der Studirenden
-auf sämmtlichen Akademien in den Königlichen Staaten«. Friedrich
-Wilhelm III. von Preußen erteilt darin der Polizei das früher
-versagte Recht, Studenten zu verhaften, wobei sie sich nötigenfalls
-militärischen Beistandes bedienen durfte. In keinem Falle sollte gegen
-Studenten, die sich »Ungezogenheiten und Ausschweifungen« erlauben und
-»ihren Frevel so weit treiben, daß solcher der öffentlichen Sicherheit
-gefährlich geworden« auf Geldstrafen oder Relegation erkannt werden,
-sondern auf Gefängnis oder körperliche Züchtigung. Unter keinerlei
-Vorwand wird jemand der Zugang zu dem Gefangenen gestattet, selbst der
-Gefangenenwärter darf sich mit ihm in keine Unterredung einlassen,
-auch nicht einmal in das Gefängnis kommen, sondern muß mittelst einer
-Drehmaschine für die Nahrung und Reinlichkeit des Gefangenen sorgen.
-Bücher und Schreibmaterialien waren nicht gestattet; die Nahrung ist
-»unveränderlich« gleichförmig. »Die Züchtigung mit Peitschenhieben«
-muß als »ein väterliches Besserungsmittel angesehen, sie muß im
-Gefängnisse in Gegenwart des Vorgesetzten vollstreckt, und von diesem
-mit den nötigen Ermahnungen begleitet werden.«
-
-Diese Strafe wäre unverständlich, wenn man nicht wüßte, wie die
-Studenten in und außerhalb Preußens damals und früher, aber auch noch
-später gehaust haben. Bonner Korpsstudenten haben uns noch im Jahre
-1910 daran erinnert, daß der alte Geist des Vandalismus in unsern
-Musensöhnen die Stürme der Jahrhunderte überdauert hat.[135]
-
- *
-
-An die großen Disputationen, eine der wichtigsten Institutionen der
-mittelalterlichen Universität, die bisweilen vierzehn Tage dauerten
-und in denen Berge leeren Strohs gedroschen wurden, schlossen sich
-häufig Disputationen über mehr scherzhafte Probleme an. Entsprechend
-der Liederlichkeit des Klerus und dem wüsten Treiben der Scholaren war
-auch die Wahl des Themas. So wurde 1494 in Erfurt über das +Monopol
-der Schweinezunft+, 1515 ebenda über +Säufer und Suff+ (de generibus
-ebriosorum et ebrietate) disputiert. In Heidelberg aber verzapfte Joh.
-Grieb unter Wimpflings Präsidium 1478 oder 1479 seine Weisheit über
-die +Schelmenzunft+ (monopolium et societas des Lichtschiffs). Im
-Jahre 1499 aber disputierte man über die +Treue der Kokotten+ (de fide
-meretricum) und die +Treue der Beischläferinnen der Priester+ (de fide
-concubinarum in sacerdotes). Daß bei diesen Festakten der Fakultät,
-die vom Katheder herab gehaltenen Reden von Zoten und unanständigen
-Schwänken strotzten, versteht sich von selbst.[136]
-
- *
-
-Wohin es führt, wenn die Kirche die Universitäten beherrscht, lernten
-wir im Mittelalter zur Genüge kennen. Jeder Gelehrte brachte seine
-Studien in irgend welche Beziehungen zu ihr. So glaubte Erasmus
-Rheinhold in Wittenberg, einer der bedeutendsten Mathematiker der
-Reformationszeit, die +Mathematik+ nicht höher loben zu können, als
-wenn er sie als »eine +Zier der christlichen Lehre und Kirche+«
-empfahl. Die +Astronomie+ ward zu einer Wissenschaft, deren letzter
-Zweck die +Anbetung Gottes+ war, wie die +Geschichte+ das ganze
-Mittelalter hindurch in keinem andern Sinne geschrieben wurde, als dem,
-+Gott und sein Wirken zu verherrlichen+.[137]
-
- *
-
-A. Weishaupt erzählt, der religiöse Unterricht habe zum Teil darin
-bestanden, daß die Schüler das Vaterunser rückwärts ohne Anstoß
-hersagen sollten, oder angeben, wie oft et, in oder cum in dem ersten
-Hauptstück des Canisius stehen usw.[138]
-
- *
-
-Der Exbenediktiner H. Braun, der Schulreformator Bayerns, verfaßte
-einen Katechismus, der 1769 von der Universität Ingolstadt, 1771 von
-fünf Ordinariaten und der Universität Salzburg begutachtet war. Ein
-Kritiker rügte es, daß Braun die lateinische Wendung »ich glaube
-+in+ Gott Vater« im Glaubensbekenntnis abänderte in »ich glaube +an+
-Gott Vater«. Das wird als »lutherisch-deutsch« gescholten. »Warum
-sollen wir den Glauben der Lutheraner beten?« Der glaubensstarke Mann
-schließt: »Wann in unser katholisches Land dererlei Katechismus sollen
-eingeführet werden, wollen wir selbige zusammen sammeln und in das
-Feuer werfen, damit die liebe Jugend hierdurch nicht verführet werde
-und sohin fälschlich beten lerne«. Denn die genannte Übersetzung sei
-eine Verfälschung der wahren Lehre, die »von niemand ohne schwäre Sünde
-verteidiget und angenommen werden darf«.
-
- *
-
-Joh. Adam Freiherr v. Ickstatt, Professor der Rechte in Ingolstadt,
-wurde als Förderer des Luthertums in öffentlicher Predigt ausgeschrien
--- und der Pöbel gegen ihn gehetzt (1752), weil er -- seinen
-+juristischen+ Vorlesungen Leitfäden von +protestantischen Autoren+
-zugrunde gelegt hatte.
-
- *
-
-Uns allen ist noch erinnerlich, wie +Ludwig Wahrmund+ wegen seines
-Vortrages »Katholische Weltanschauung und freie Wissenschaft« im Jahre
-1908, also anderthalb Jahrhunderte später, behandelt wurde. Wie die
-tiroler Bauern mit Knütteln nach Innsbruck zogen, um, aufgehetzt von
-ihren Seelenhirten, den Mann zu erschlagen, der es gewagt hatte, Dinge
-zu sagen, die schließlich jedes Kind mit der Mutterbrust einsaugt, die
-aber einem unter jahrhundertelang fortgesetzter Verdummung leidenden
-Volke als Revolution und Anarchismus erscheinen. Wir erinnern uns auch,
-wie große Parteien den Mann am liebsten totgeschlagen hätten, weil er
-anders denkt als sie. Die anschließenden Fälle Schnitzer, Tremel, die
-Modernistenhetze beweisen, daß die Sache blieb, nur die Form hat sich
-geändert.
-
-Daß es aber sogar eine mächtige Partei gibt, die, wenn auch nicht diese
-Form, so doch die Opferung des Intellekts der Autorität billigt, ja
-bewundert, und zwar im 20. Jahrhundert, ist nicht ohne Interesse.
-
-Der +Jesuit Donat+ legt u. a. die Gefahren dar, die aus der
-Berechtigung jedermanns, sich ein selbständiges Urteil zu bilden,
-folgten. Die »krankhafte Zweifelsucht« unserer Zeit, sei eine giftige
-Atmosphäre, die den empfänglichen Geist, der sich lange in ihr
-aufhalte, anstecke, ohne daß er es merkt.
-
-Man könnte das ja auch so ausdrücken: die Summe der Erfahrungen, die
-mit den kirchlichen Dogmen kollidieren, ist so groß, daß auch der
-Blinde es langsam merkt und sich weigert, das Sacrificium intellectus
-zu bringen.
-
-Köstlich ist die instinktive Angst vor der Wahrheit und dem
-unaufhaltsamen Vordringen der weltlichen Freiheit im Gegensatz zur
-kirchlichen Unfreiheit, wie sie sich in Aussprüchen großer Katholiken
-oder gar Heiliger dokumentiert. »Kardinal Mai« war ein Mann der
-Wissenschaft. Er sagte -- und dafür können wir einstehen --: »Ich habe
-auch die Erlaubnis, verbotene Bücher zu lesen; ich benutze dieselbe
-aber nie und habe auch nicht vor, sie zu gebrauchen.«
-
-Als der gelehrte Muratori eine Schrift zur Widerlegung eines
-häretischen Buches schrieb, entschuldigte er sich in der Einleitung:
-»Spät gelangte dieses Buch in meine Hände... und ich konnte es nicht
-über mich bringen, es zu lesen. Denn zu welchem Zwecke anders, als um
-selbst der Torheit zu verfallen sollte ich die Schriften der Neuerer
-lesen? Ich suche und liebe solche, die mich in der Religion bestärken,
-nicht solche, die mich von ihr abwendig machen.«
-
-Der Hl. Franz von Sales dankt in seinen Schriften mit rührender
-Einfallt Gott dem Herrn, daß er ihn bei der Lesung derartiger Bücher
-vor dem Verlust seines Glaubens bewahrt habe.
-
-Der gelehrte spanische Philosoph Balmes sagte einst seinen Freunden:
-»Ihr wißt, daß der Glaube tief in meinem Herzen wurzelt. Und dennoch
-kann ich kein verbotenes Buch lesen, ohne das Bedürfnis zu fühlen, mich
-wieder durch das Lesen der Hl. Schrift, der Nachfolge Christi und des
-gottseligen Ludwig von Granada in die rechte Stimmung zu versetzen.«
-
-Während es überall für verdienstvoll um nicht zu sagen anständig gilt,
-sich durch Gründe überzeugen zu lassen, während der vorwärtsstrebende
-Mensch begierig alles in sich aufnimmt, was ihm hilft, alte Irrtümer
-gegen neue Wahrheiten einzutauschen, wird also heute noch in der Kirche
-der am höchsten angesehen, der sich gewaltsam Scheuklappen vorbindet
-und der Wahrheit aus dem Wege geht.[139]
-
- *
-
-Bekanntlich herrscht an unseren Universitäten nicht nur Lern-,
-sondern auch Lehrfreiheit. Autoritäten, ein jurare in verba magistri
-existiert de jure nicht mehr. Wohl aber de facto. Oder wie läßt sich
-die Tatsache, daß weder Atheisten, noch Sozialdemokraten, noch an
-protestantischen Universitäten, z. B. Halle, Katholiken -- und zwar
-auch für Lehrfächer, die mit der Kirche weder direkt noch indirekt
-etwas zu tun haben -- zugelassen werden? Es ist dieselbe Sache in
-anderer Form: Aufrechterhaltung des Status quo um jeden Preis und
-Bekämpfung des Geistes mit materiellen statt mit geistigen Waffen.
-
- *
-
-Werfen wir noch einen flüchtigen Blick auf den Unterricht des Volkes.
-
-In der Zirkularverordnung über die +Garnisonschulen+ vom 31. August
-1799 entwickelt Friedrich Wilhelm von Preußen u. a. folgende Gedanken:
-»... Ein mit diesen Eigenschaften ausgerüsteter Soldat wird auf
-seinem Platze gewiß ein brauchbarer Diener des Staates, und zugleich
-ein glücklicher Mensch sein, wenn niemand das Bestreben nach höheren
-Dingen in ihm zu erwecken sucht. Der Keim zur Unzufriedenheit mit
-seinem Stande wird sich aber in eben dem Grade entwickeln, in welchem
-man seinen wissenschaftlichen Unterricht weiter ausdehnt. Nur
-wenige Menschen der unteren Volksklasse sind von der Natur so sehr
-verwahrloset, daß sie nicht die Fähigkeit haben sollten, etwas mehr
-zu leisten, als ihr Stand von ihnen erfordert, und sich dadurch auf
-irgendeinem Wege über denselben zu erheben. +Ein zu weit gedehnter
-Unterricht wird das Gefühl solcher Fähigkeiten in ihnen rege machen,
-durch deren Anwendungen sie sich leicht ein günstigeres Schicksal, als
-das eines gemeinen Soldaten ist, würden verschaffen können+...«[140]
-Die Antwort war -- Jena!
-
- *
-
-Im selben Geiste war der Volksschulunterricht gehalten. Der Hofprediger
-Sack, der einer Verbesserung des Volksschulwesens das Wort redete,
-erörterte noch die Frage, ob Lesen und Schreiben Lehrgegenstand sein
-sollen, da doch der Nutzen dieser beiden Kenntnisse für den Landmann
-sehr gering sei, +während hingegen die Anpreisung der Taten der
-Landesfürsten unbedingt von der Schule besorgt werden müsse+.[140]
-Das ist ja auch noch in unserm Geschichtsunterricht nicht gerade
-nebensächlich.
-
- *
-
-Übrigens, war nach dem Lehrermaterial zu urteilen, die von Friedrich
-Wilhelm gefürchtete Gefahr einer Überladung des Volkes mit gelehrter
-Bildung nicht sehr groß. +Invalide Soldaten+ versahen vielfach den
-Unterricht und ihre Vorbereitung bestand darin, daß man sie fürs
-Einpauken von Gesangbuchversen eine Zeitlang abrichtete. Nebenbei
-hatten die Landlehrer noch allerlei andere Erziehungspflichten, z. B.
-die erst 1802 ihnen abgenommene, den +Hebammen einen Katechismus für
-Geburtshilfe zu erklären+!
-
-Das Diensteinkommen der Landlehrer in der Mark Brandenburg betrug zu
-Beginn des +19. Jahrhunderts+: in zwei Fällen zwischen 220 und 250
-Taler jährlich, dagegen in 155 Fällen unter 10 Talern; 182 bezogen
-zwischen 10 und 20 Talern, 263 zwischen 20 und 40 Taler, 167 zwischen
-40 und 60 Taler, 131 zwischen 60 und 80 Taler. 92 zwischen 80 und
-100 Taler und 151 über 100 Taler. Das war allerdings ein gewaltiger
-Fortschritt gegenüber den Zuständen von 1774, denn damals besass
-die Kurmark nur 49 Landlehrer mit mehr als 100 Talern Jahresgehalt,
-184 aber bezogen 10 Taler und weniger, 111 weniger als 5 Taler und
-163 gar kein Gehalt. Deshalb betrachteten die Lehrer den Unterricht
-als Nebensache und übten dabei ihren Beruf aus. In der Kurmark
-besassen 1806 2026 Dörfer weder Schule noch Lehrer. Friedrich Wilhelms
-Bestrebungen hatten somit durchschlagenden Erfolg. Übrigens war auch
-in väterlicher Weise dafür gesorgt, daß die Kinder nicht durch Studium
-des Lesens und Rechnens dem geistigen Hochmut überliefert würden. Die
-Teilnahme an diesen Stunden war nämlich wahlfrei und kostete erhöhtes
-Schulgeld, das viele Eltern zu zahlen nicht in der Lage waren.[141]
-
- *
-
-Auch auf den Gymnasien war zu Anfang des 19. Jahrhunderts der
-Unterricht selbst für uns, so wenig wir darin verwöhnt sind,
-hinlänglich befremdlich. Franz Neumann (1798-1895) erzählt z. B.
-in seiner bekannten, von seiner Tochter Luise veröffentlichten
-Lebensgeschichte (Tübingen 1904), daß er auf dem Berliner Gymnasium
-+lateinische Pflanzennamen+ hätte lernen müssen, +ohne auch nur zu
-wissen, daß er nun botanischen Unterricht habe+.
-
- *
-
-Zum Schluß noch eine Tatsache, die zu denken gibt. Bekanntlich besitzt
-München in der Person des Schulrats Kerschensteiner eine Koryphä
-allerersten Ranges. Wie sehr trotzdem der Geist des Hl. Bureaukratius
-in unserem Schulwesen steckt, erhellt daraus, daß einige Schulen den
-+Unterricht ruhig weiter erteilten+ und die Kinder im Klassenzimmer
-beliessen, als +Graf Zeppelin am 1. und 2. April 1909 sein Luftschiff
-über München lenkte+![142]
-
-
-
-
-Sechster Abschnitt
-
-Zensur und Prüderie
-
-
-Am 26. April 1794 erließ König Friedrich Wilhelm II. von Preußen
-folgendes »Reskript an das Kammergericht wegen der Mißbräuche, die bei
-der Zensur zu deren Verteilung überhand genommen«: »daß dem Unwesen,
-welches seit einiger Zeit mit Schriften getrieben wird, die entweder
-den Grund aller Religion überhaupt angreifen, und die wichtigsten
-Wahrheiten derselben verdächtig, verächtlich oder lächerlich
-machen wollen, oder aber die christliche Religion, die biblischen
-Schriften, und die darin vorgetragenen Geschichts- und positiven
-Glaubenswahrheiten, für das Volk zu Gegenständen des Zweifels oder
-gar des Spottes zu machen, sich unterfangen, und dadurch zugleich die
-praktische Religion, ohne welche keine bürgerliche Ruhe und Ordnung
-bestehen kann, in ihren Grundfesten erschüttern; im gleichen solchen
-Schriften, worin die Grundsätze der Staats- und bürgerlichen Verfassung
-angetastet, Maßregeln der Regierung aus unrichtigen und gehässigen
-Gesichtspunkten dargestellt, Ungehorsam und Widerspänstigkeit gegen
-Gesetze und Obrigkeiten verteidigt, oder doch +die Gemüter zu unnützen
-Grübeleien über Gegenstände+, welche die Fassung- und Beurteilungskraft
-des großen Haufens der Leser übersteigen, aufgefordert, und zu
-unrichtigen Anwendungen mißverstandener theoretischer Sätze verleitet
-werden, mit dem größten Ernst und Nachdrucke entgegengearbeitet, gegen
-diejenigen aber, welche den ergangenen Zensur-Gesetzen auf irgend
-eine Art zuwiderhandeln, nach aller Strenge dieser Gesetze, ohne die
-geringste Nachsicht oder Schonung verfahren werden soll.«[143]
-
-In dem »General-Privilegium und Gülde-Brief für die Schwarz- und
-Weiß-Nagel-Schmiede zu Alt-Stettin, auch für sämtliche Schwarz- und
-Weiß-Nagel-Schmiede in Vor- und Hinter-Pommern. De Dato Charlottenburg,
-den 29. July 1802« heißt es im Artikel XXI:
-
-»+Alles Korrespondieren mit+ anderen ein- oder ausländischen Gewerken,
-+soll sich das Gewerk bei schwerer Strafe enthalten+, wenn aber
-besondere Umstände etwa dergleichen erforderten, soll es mit Zuziehung
-des Beisitzers, auch wohl nach Befinden mit Vorwissen des Magistrats,
-selbst geschehen, wie denn auch, wenn von den anderen ein- oder
-ausländischen Gewerken Schreiben einliefen, solche unerbrochen an den
-Beisitzer gebracht, in dessen Gegenwart eröffnet, und die Antwort mit
-demselben verabredet werden soll.«
-
-Aber die preußische Regierung hatte nicht nur Angst vor eventuellen
-Verschwörungen der Zünfte und hielt sie deshalb unter ständiger
-polizeilicher Kontrolle, sie +fürchtet auch die Gesellen und verbietet
-ihnen deshalb das Briefeschreiben+.
-
-Der Artikel XXXIV des genannten Privilegs lautet:
-
-»+Alles Briefwechselns mit andern Gesellschaften oder sogenannten
-Brüderschaften haben sich die Gesellen bei empfindlicher Strafe zu
-enthalten+, weshalb ihnen auch kein Siegel gestattet wird. Die etwa von
-anderen ein- und ausländischen Brüderschaften eingehenden Schreiben
-sollen aber nach der Verordnung vom 23. März 1799 sofort dem Magistrat
-in Vorschlag genommen, und von demselben nach Befinden des Inhalts die
-Aushändigung an die Gesellen oder deren Kassierung verfügt werden.«[144]
-
- *
-
-Im Jahre 1794 las in Zelle eine Gesellschaft mit Vergnügen den
-Moniteur, den sie aus Bremen erhielt. Seit Mitte Mai des Jahres blieb
-das Blatt aber aus. Die Zellische Gesellschaft wandte sich daher an
-ihren Lieferanten und erhielt die Antwort, daß der Moniteur, sowie alle
-französischen Zeitungen den kaiserlichen Postbeamten »bey nahmhafter
-Strafe und nach Befinden der Kassation« zu debitieren verboten wären.
-»Von dem Verbote sind blos Fürstlichkeiten, wirkliche Minister und
-Gesandte an fremden Höfen ausgenommen, an deren offene Adressen die
-Zeitungen gehen müssen.« Schon in anderen deutschen Provinzen war ein
-ähnliches Verbot vorhergegangen. +Mit diesen Mittelchen hoffte man die
-Wirkungen der grossen Revolution fern zu halten.+ Allerdings nimmt
-Archenholz »eine Abwesenheit der Weisheit« bei Erlaß dieser Maßnahme
-an.[145]
-
- *
-
-Zur Zeit des Vatikanischen Konzils kam der Verlagsbuchhändler
-Josef Bachem zum hochbetagten Präses des Priesterseminars in Köln,
-Dr. Westhoff, um ihm sein Bedenken gegen das Unfehlbarkeitsdogma
-vorzutragen. Der Greis zeigte ihm darauf in der Bibliothek des Seminars
-nicht weniger als sechzehn Katechismen, die im 18. Jahrhundert in der
-Erzdiözese Köln in Gebrauch gewesen waren und die sämtlich und ohne
-Ausnahme die Lehre von der päpstlichen Unfehlbarkeit in Sachen der
-Glaubens- und der Sittenlehre klar und deutlich vortrugen. +Erst die
-preußische Zensur, wie sie vor 1848 bestand, hat diese Lehre aus dem
-kirchlichen Katechismus gestrichen!+[146]
-
-Die historisch-politischen Blätter begannen im Jahre 1840 (S. 586)
-einen Artikel folgendermaßen: »+In Preußen sind nun fast alle
-katholischen Journale und Zeitungen verboten+ und, um die Sache
-ab ovo zu beginnen, hat man, willkommene Gelegenheit ergreifend,
-buchhändlerische Interdikte gegen künftig erscheinende noch ungeborene
-Werke in Maße geschleudert oder ihre Verbreitung in einer Weise
-erschwert, daß es einem Verbote gleichzuachten ist.«
-
-Unter der Maske des Liberalismus hat bekanntlich Bismarck im
-sogenannten Kulturkampf aufs rücksichtsloseste die katholische
-Presse verfolgt, wie er ja unbeschadet seiner sonstigen kaum zu
-überschätzenden Größe skrupellos und gewalttätig gegen alles vorging,
-was sich ihm nicht beugte. Deshalb zieht Bismarck als endlosen
-Kometenschweif, in dem wir heute noch leben, jene Atmosphäre des
-Servilismus und der Duckmäuserei nach, die nicht weniger Sklavennaturen
-züchtete, als der Absolutismus. Doch war die kleinstaatliche
-Vergangenheit uns in einem voraus: wer wegen seiner Meinungen in Reuß
-jüngere Linie verfolgt wurde, siedelte in die ältere Linie über und
-konnte seiner Überzeugung treu bleiben. Im geeinten Deutschland reichte
-Bismarcks Arm überall hin.
-
-Damals veranstaltete die Frankfurter Zeitung eine Zählung der
-Verurteilungen wegen Preßvergehen. Wiewohl sie auf Vollständigkeit
-nicht im entferntesten Anspruch macht, stellt sie im Januar 1875 21,
-im Februar 35, im März 39, im April 42 verurteilte Zeitungsherausgeber
-fest. Es wurden also in vier Monaten 137 Pressdelinquenten mit
-Geldbußen oder Gefängnis bestraft. Außerdem fanden in derselben Zeit 30
-Konfiskationen von Zeitungen statt. Gegen vier Redakteure der Germania
-waren einmal zu gleicher Zeit Prozesse und Bestrafungen im Gange. Aber
-mehr als das: +In mindestens drei katholischen Blättern haben sich
-nachweislich Bedienstete der Berliner Geheimpolizei in Stellungen von
-Mitredakteuren eingeschmuggelt+, bisweilen sogar über Jahr und Tag
-hinaus. Sie hatten nicht nur Spionendienste, sondern auch solche als
-+agents provocateurs+, die die Leiter der katholischen Blätter zu
-extremen Äußerungen anzutreiben versuchten, zu verrichten.[147]
-
-Im Jahre 1845 erschien folgender Katalog: »Index librorum prohibitorum.
-Katalog über die in den Jahren 1844 und 1845 in Deutschland verbotenen
-Bücher. Erste Hälfte.« Die zweite Hälfte erschien 1846. Wiewohl
-der Index nicht vollständig ist, da die Verbote von Zeitungen und
-Zeitschriften nicht aufgenommen wurden, enthält er 437 durch 570
-Verbote untersagte Schriften. Man sieht, die weltliche Regierung kann
-es auch.
-
- *
-
-Nicht viel besser als gegen die katholische Kirche verfuhr man gegen
-die Sozialisten. Nachdem gegen sie ein Ausnahmegesetz geschaffen
-war, erschien 1886 ein förmlicher Index librorum prohibitorum. Er
-lautet: »Sozialdemokratische Druckschriften und Vereine verboten auf
-Grund des Reichsgesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen
-der Sozialdemokratie vom 21. Oktober 1878« (1886). Zwei Jahre
-später erschien ein Nachtrag. Nach den amtlichen Angaben kommen im
-Durchschnitt 130 verbotene Schriften je auf ein Jahr, also wurden in
-den zwölf Jahren des Bestehens des Gesetzes +rund 1500-1600 Drucksachen
-verboten+.[148]
-
- *
-
-Doch nun zum römischen Index!
-
-Auf ihm stehen neben Rankes »Römischen Päpsten« Kants »Kritik der
-reinen Vernunft« gegen die schon Friedrich Wilhelm II. von Preußen in
-einer Kabinettsorder unter Minister Möller eingeschritten war, und
-Baruch Spinoza. Für letzteren ist das nichts Außerordentliches, da
-zwischen 1656 und 1680 über 500 scharfe Verbote gegen die Schriften
-dieses großen und edlen Juden erlassen worden waren.[149]
-
-Man kann ohne Übertreibung sagen, daß in den letzten Jahrhunderten
-nicht ein einziger großer Denker oder Dichter lebte, dessen Name nicht
-auf einem der katholischen Indices zu finden war oder ist. Wer bei
-Reusch das Namenverzeichnis durchblättert, glaubt sich in eine geistige
-Ruhmeshalle versetzt.
-
- *
-
-Im Jahre 1890 sollte im Lessingtheater in Berlin Sudermanns »Sodoms
-Ende« aufgeführt werden. Wiewohl nun Preßfreiheit auch in Preußen
-besteht und der Artikel 27 der preußischen Verfassung jedem Preußen das
-Recht der freien Meinungsäußerung verbürgt und ausdrücklich verfügt,
-daß eine Zensur nicht eingeführt werden dürfe, existiert sie doch. Und
-zwar nach einer Polizeiverordnung vom 10. Juli 1851 -- also anderthalb
-Jahre nach der Verfassung erlassen -- in der festgesetzt wird, daß die
-Erlaubnis zur Veranstaltung einer öffentlichen Theatervorstellung beim
-kgl. Polizeipräsidium schriftlich nachgesucht werden müsse.
-
-Das hatte Oskar Blumenthal, der Direktor des Lessingtheaters, auch
-mit »Sodoms Ende« getan. Als kein Bescheid von der Polizei einlief,
-aber alles für die erste Aufführung, mit Kainz und in Gegenwart des
-Dichters, vorbereitet war, wurde Blumenthal stutzig. Drei Tage vor dem
-Aufführungstermin fuhr er nach dem Polizeipräsidium, wo ihm mitgeteilt
-wurde, daß der Theaterzensor die Erlaubnis bereits unbedenklich
-erteilt hatte, als der Präsident, Freiherr von Richthofen, sich das
-Werk hatte kommen lassen und die öffentliche Aufführung verbot. --
-Blumenthal ging darauf zum Polizeigewaltigen persönlich, um die Gründe
-für das Verbot zu erfahren. Es entwickelte sich folgendes Gespräch, das
-er selbst veröffentlicht:
-
-»Ich höre soeben, Herr Präsident, daß mir drei Tage vor der ersten
-Aufführung Hermann Sudermanns Drama »Sodoms Ende« verboten werden soll?«
-
-»Das stimmt!«
-
-»Und daß Sie persönlich das Verbot verfügt haben?«
-
-»Stimmt auch!«
-
-»Ja, aber bedenken Sie die Situation eines Bühnenleiters, Herr
-Präsident! Vierzehn Tage angestrengter Bühnenproben... ein Gastspiel
-mit Joseph Kainz für diese Novität abgeschlossen... der ganze
-Spielplan der nächsten Wochen darauf aufgebaut... selbstverständlich
-kein Ersatzstück vorbereitet... die Erfolge des früheren Repertoires
-ausgeschöpft... das Haus für die ersten drei Vorstellungen schon
-vollständig ausverkauft... und nun diese Ratlosigkeit auf der Höhe der
-Saison, in der besten Zeit des Theaterjahres.«
-
-»Alles sehr traurig, aber die Behörde kann auf Privatinteressen keine
-Rücksicht nehmen.«
-
-»Aber warum das Verbot, warum?«
-
-»Weil es uns so paßt.«
-
-»Ich verstehe vollkommen, Herr Präsident... Sie wollen mir durch diesen
-Lakonismus ins Gedächtnis rufen, daß nach der polizeilichen Verordnung
-vom 10. Juli 1851 die Behörde nicht verpflichtet ist, für das Verbot
-eines Stückes Gründe anzugeben...«
-
-»Na, da wissen Sie ja also Bescheid!«
-
-»Ich meine aber nur, Herr Präsident, daß doch immerhin die Möglichkeit
-vorliegt, durch behutsame Änderungen die Bedenken, die zu diesem Verbot
-geführt haben, aus der Welt zu schaffen. Vielleicht sind es nur einige
-gewagte Stellen, um die es sich handelt?«
-
-»O nein!«
-
-»Oder einzelne Szenen?«
-
-»Auch nicht!«
-
-»Ja, aber was sonst?«
-
-»+Die janze Richtung paßt uns nicht.+«[150]
-
-So geschehen in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts. Wie glücklich
-eine Kunst, die unter polizeilicher Obhut stehen darf!
-
-Blumenthal war hierauf beim Minister des Innern, Herrfuth. Er las das
-Stück, veranlaßte einige kleine Milderungen und riet Blumenthal, es
-wieder dem Polizeipräsidenten zu unterbreiten.
-
-Die Antwort des Polizeipräsidenten vom 27. Oktober 1890 -- die
-Unterredung hatte am 23. stattgefunden -- lautete:
-
- »Ew. Wohlgeboren!
-
- erwidere ich auf das gefällige Schreiben vom 24. d. M. bei Rückgabe
- der Anlage desselben, ergebenst, daß ich auch nach nochmaliger
- Erwägung mich nicht veranlaßt sehen kann, die Genehmigung zur
- Aufführung des Dramas »Sodoms Ende« zu erteilen, da dasselbe in
- seiner ganzen Anlage und Durchführung geeignet erscheint, das
- sittliche Gefühl zu verletzen, dieses sittenpolizeiliche Bedenken
- daher durch die von Ihnen angebotene Streichung einzelner besonders
- anstößiger Stellen nicht behoben werden kann.«
-
-Am 31. Oktober hob der Minister des Innern diese Verfügung auf, nachdem
-eine Generalprobe nur in Gegenwart dreier Ministerialräte über die
-Existenzberechtigung der »neuen Richtung« entschieden hatte, ein
-Eingreifen, das nicht ohne Tadel von allerhöchster Stelle geblieben
-ist. »Sie hätten sich fragen sollen,« sagte der Kaiser dem Minister,
-»+ob Sie auch in Begleitung Ihrer Tochter jede Szene anhören könnten+.«
-
- *
-
-In Blumenthals und Kadelburgs Schwank »Die Großstadtluft« wurde durch
-Reskript vom 26. November 1891 angeordnet, die Verse zu streichen:
-»Nun bin ich ledig aller Erdenplag’. Mich kann kein Glück, kein Hoffen
-mehr betrügen. Und wenn einst naht der Auferstehungstag, ich bleibe
-liegen.« Die Polizei fürchtete, sie könnten durch Verspottung des
-Auferstehungsglaubens ärgerlich wirken![151]
-
- *
-
-Da wird es sich hinfort empfehlen, es so zu machen wie die
-Venezianischen Autoren des 18. Jahrhunderts.
-
-Unter ihnen herrschte ein sonderbarer Brauch, von dem Keyßler
-berichtet: »Bey den italienischen Opern ist noch zu bemerken, daß
-die Verfertiger ihrer Texte gemeiniglich auf den ersten Blättern der
-gedruckten Exemplare sich mit einer +ausdrücklichen Protestation
-verwahren, wie sie im Herzen rein katholisch wären+, und man die im
-Texte vorkommenden Worte von Idolo, Numi, Deità, Fato, Fortuna, Adorare
-und dergleichen nicht anders als poetische Scherze anzusehen habe.«[152]
-
- *
-
-In dem Schauspiel »Falsche Heilige« verläßt eine junge Frau ihren
-Gatten, weil sie erfahren hat, daß er vor seiner Verheiratung eine
-Gouvernante verführt hat. Ihr Onkel, ein Pariser Lebemann, faßt seine
-Meinung in folgende Worte zusammen: »Ich bitte Sie! Da will sich meine
-Nichte von ihrem Mann scheiden lassen, weil er früher einmal, vor der
-Ehe, eine Gouvernante... Ja, das ist doch einfach lächerlich! Wann soll
-man denn mit einer Gouvernante eine Liebschaft haben? Vor der Ehe darf
-man nicht. In der Ehe kann man nicht. Nach der Ehe will man nicht....
-Oder sollen die Gouvernanten vielleicht überhaupt abgeschafft werden?«
-
-Gottlob rettete der Stift des Zensors Deutschlands Sittlichkeit durch
-Tilgung dieser furchtbaren Stelle. Von diesem Tage an wurden bisweilen
-die Aufführungen des Lessingtheaters von dem Revierwachtmeister mit dem
-Textbuch in der Hand überwacht, und jede Abweichung vom polizeilich
-gestatteten Text zur Kenntnis des Zensors gebracht. Man hatte diese
-schrecklichen Worte nämlich von der Bühne aus nochmals zur großen
-Heiterkeit des Publikums gesprochen, was Blumenthal eine sehr scharfe
-Vermahnung eingetragen hatte.[153]
-
- *
-
-Mit Recht wird unsere Jugend vor allem Unsittlichen behütet. Hier hat
-der Zensor eine besonders dankbare Aufgabe, der er sich mit größter
-Gewissenhaftigkeit unterzieht.
-
-In den »Liedern für die deutsche Volksschule«, herausgegeben vom
-Bezirkslehrerverein München, Heft 1, 2, 3 (München 1894 ff.), besitzen
-wir ein Werk, dessen segensreiche Wirkung auf die Seelen unserer Kinder
-nicht hoch genug zu bewerten ist. Zwar heißt es auf S. 4 im II. Heft
-ausdrücklich: »Stets wurde darauf gesehen, die Volkslieder nach Melodie
-und Text in ihrer ursprünglichen Form wiederzugeben«, aber darum nur
-keine Angst! Selbst die keusche Seele eines Lizentiatus Bohn kann das
-Buch ohne Gefahr für ihren Frieden lesen. Das werden wir beweisen.
-
-Hölty, augenscheinlich ein recht frivoler Geselle, singt in seinem
-»Mailied« (I, 27):
-
- »Haltet Tanz
- Auf grünen Auen,
- Ihr schönen Frauen!«
-
-So ein Skandal! Nun, Ballhorn -- pardon! der Bezirkslehrerverein war
-sich der drohenden Gefahr für die Knaben der 1. und 2. Schulklasse
-bewußt und griff mit anerkennenswerter Energie selbst zur Leier und die
-Muse küßte ihn mit hörbarem Schmatzen. Er singt:
-
- »Pflückt einen Kranz
- Und haltet Tanz
- In grünen Hainen,
- Ihr lieben Kleinen.«
-
-Für diesmal wären also die Kinder noch vor den Fallstricken der Erotik
-bewahrt geblieben.
-
-Daß in Goethes »Frühzeitiger Frühling« (III, 79) die obszöne letzte
-Strophe:
-
- »Saget, seit gestern,
- Wie mir geschah,
- Liebliche Schwestern,
- Liebchen ist da!«
-
-gestrichen wurde, versteht sich von selbst. Nun hat aber derselbe
-greuliche Heide auch ein »Sommerlied« gedichtet, in dem die gefühlsrohe
-Strophe:
-
- »Ach, aber da,
- Wo Liebchen ich sah,
- Im Kämmerlein,
- So nieder und klein --!«
-
-vorkommt. Das schreit ja geradezu nach Umdichtung. Gottlob verhallte
-der Ruf nicht ungehört. Todesmutig bestieg der Herausgeber den Pegasus
-und machte seinem gequälten Herzen in folgenden Perlen Luft:
-
- »Als ich im Hei-
- Mattale dich sah,
- O Hüttelein,
- So nieder und klein.«
-
-Wie schön!!
-
-Eichendorff in seiner ganzen Leichtfertigkeit offenbart sich im »Frohen
-Wandersmann« (II, 10). Er wagt da zu singen:
-
- »Die Trägen, die zu Hause liegen,
- Erquicket nicht das Morgenrot,
- Sie wissen nur von Kinderwiegen,
- Von Sorgen, Last und Not ums Brot.«
-
-»Kinderwiegen«, man denke! Natürlich waltete der Zensor seines Amtes.
-Wie hätte er auch die Phantasie der ihm anvertrauten Jugend durch solch
-schlüpferige Bilder vergiften lassen dürfen?
-
-Starken Toback setzt Arndt in seiner »Frühlingslust« (III, 36) seinen
-Lesern vor. Die 6. Strophe lautet:
-
- »Juchei! alle Welt!
- Juchei in Liebe!
- Liebeslust und Wonneschall,
- Erd’ und Himmel halten Ball.«
-
-Liebeslust -- Wonneschall und dann noch einen Ball! Das ist entschieden
-zu viel. In der richtigen Erwägung, die sträflichen Orgien dieser Welt
-dürfen nicht in die Schule verpflanzt werden, strich der Herausgeber.
-Schade, daß wir so um eine Bereicherung unserer Poesie gekommen sind.
-Wie schön hätte er das umdichten können! Aber vielleicht war es doch
-besser so, wenn auch nicht für unsere Literatur, so doch für die
-Unverdorbenheit der Kinder.[154]
-
- *
-
-Der preußische Kultusminister hat das »Lesebuch für höhere
-Mädchenschulen« von Karl Hessel, das bereits in 6. Auflage vorliegt,
-für die paritätische höhere Mädchenschule in Kreuznach verboten wegen
-konfessioneller und moralischer Bedenken. Ausdrücklich sind zwei
-Bedenken ersterer Art angeführt: erstens heißt es in Peter Roseggers
-humoristischer Erzählung »Der Gansräuber«, daß die Staudenbäuerin bei
-der Nachricht von der Ermordung ihrer Martinsgans entrüstet ausgerufen
-habe: »Das ist ja eine Todsünde gegen den heiligen Martinus!« Es ist
-ohne weiteres klar, daß eine solche mangelhafte Beschlagenheit der
-Staudenbäuerin in der Dogmatik mit Rücksicht auf die verhängnisvollen
-Wirkungen auf die Seelen der höheren Töchter nicht geduldet werden kann.
-
-Dann hat auch Freiligrath in seinem berühmten Gedicht »Am Baum der
-Menschheit drängt sich Blüt’ an Blüte«, in dem er die Völker und
-Länder mit Blüten vergleicht, in höchst sträflicher Weise auf den
-paritätischen Charakter der Schule nicht Rücksicht genommen.
-
-Er spricht nämlich den Gedanken, mit Luthers Auftreten sei eine
-Blütezeit angebrochen, als Zukunftsaussicht des Reformators aus. Vor
-katholischen Ohren! Man denke! Wie könnten da die Seelen der armen
-Schäflein in Anfechtungen fallen!
-
-Die schrecklichen Verse lauten:
-
- »Der Knospe Deutschland auch, Gott sei gepriesen!
- Regt sich’s im Schoß! Dem Bersten scheint sie nah,
- Frisch, wie sie Hermann auf den Weserwiesen,
- Frisch, wie sie Luther vor der Wartburg sah!«
-
-Nicht minder gefahrdrohend wie für das Glaubensleben der Kinder ist das
-genannte Buch für ihre Moral. In dem Märchen vom Schlaraffenland heißt
-es nach Bechsteins Erzählung, dort flögen gebratene Tauben den Leuten
-ins Maul, auch müsse man sich durch einen Reisbrei +durchfressen+, um
-ins Land zu kommen. Solche Ausdrücke, sagt der Minister -- übrigens mit
-Recht --, dürften Mädchen nicht in den Mund nehmen. Aber einen solch
-gesegneten Appetit, daß man sich durch einen Reisberg durch»essen«
-kann, hat doch nicht jeder!
-
-In Hebels Gedicht »Der Schneider in Pensa« wird erzählt, wie ein
-wohlhabender deutscher Schneider 1812 badische Soldaten zu Pensa in
-Rußland bewirtet habe. Es heißt da, der Schneider habe sich schon
-vorher auf solche Einquartierung gefreut; er liebte sie, sagt Hebel,
-schon zum voraus ungesehenerweise, wie eine Frau ihr Kindlein schon
-liebt und ihm Brei geben kann, ehe sie es hat.
-
-Diesen Satz bezeichnet der Minister als anstößig![155]
-
- *
-
-Die Tugendhaftigkeit unserer Zeit macht keineswegs vor der Kastration
-von Gedichten und Volksliedern halt. Sie hat auch rückwirkende Kraft.
-Jeder wahre Tugendheld muß sein Herz höher schlagen hören, wenn er
-wahrnimmt, daß nichts so klein oder kleinlich ist, daß die Sittlichkeit
-sich nicht seiner bemächtigt.
-
-Ein Beispiel für viele: Ungezählte Jahre stand in den
-Schülerverzeichnissen, die den Jahresberichten der bayerischen
-Gymnasien angehängt sind, unter der Rubrik »Stand des Vaters« Privatier
-etc. Das ist nunmehr insofern geändert, als bei unehelichen Kindern in
-diesem Falle Privatiere stehen würde, also der Stand der Mutter! Die
-Folge dieser sittenstrengen Maßnahme ist klar. Die Kinder werden mit
-der ihnen eigenen Grausamkeit sich die Schande der Eltern, oder das,
-was die Spießbürger so zu nennen pflegen, vorwerfen und damit einen
-Wermuttropfen in die Seele des schuldlosen Opfers träufeln. Aber was
-schadet das weiter? Wenn nur die Moral gerettet wurde![156]
-
- *
-
-Mit der Prüderie der Behörden und Geistlichkeit kontrastiert
-ganz merkwürdig das Verhalten in der Beichte. Der Redakteur der
-Aschaffenburger Zeitung Pepi Matthes hat vor einigen Jahren unter
-dem Titel »Wenn Kinder beichten. Eine Anklage« ein Schriftchen
-herausgegeben, das inzwischen recht selten geworden ist und in dem er
-seine Erfahrungen mit dem Beichtstuhl voller Entrüstung veröffentlicht.
-Seine Zentrumsgegner denunzierten ihn darauf, er wurde in eine sehr
-unangenehme Untersuchung verwickelt und die Schrift konfisziert. Aber
-da es ihm gelang, den Wahrheitsbeweis zu erbringen, mußte das Verfahren
-nach § 184 Abs. 1 RStrGB. eingestellt und die Broschüre frei gegeben
-werden.
-
-Statt nun, daß die Frommen voller Entrüstung sich vom System der
-Beichte oder mindestens dessen Handhabung abgewandt hätten, verfolgen
-sie Matthes heute noch mit Feuereifer nach dem altbewährten deutschen
-Prinzip, nicht den Brandleger zu bekämpfen, sondern den Passanten, der
-»Es brennt« ruft.
-
-Bezeichnend für die Kampfesweise ist u. a. der in Nr. 410 der
-Münchener Neuesten Nachrichten vom Jahre 1909 abgedruckte Brief des
-Gymnasialrektors Dr. J. Straub. Darin heißt es: »... Wohl aber begab
-ich mich vor einiger Zeit... zu sämtlichen hiesigen Buchhandlungen
-und erklärte dort, ich müßte den Schülern das Betreten ihrer
-Geschäftsräume unter Androhung der schwersten Strafen verbieten, wenn
-sie das angedeutete Preßerzeugnis auf Lager hielten. Damit tat ich
-lediglich meine Pflicht und erfüllte einen ausdrücklichen Auftrag des
-k. Staatsministeriums. Auch an Herrn Bürgermeister Dr. Matt wandte
-ich mich mit der Anfrage, ob von Polizei wegen gegen die Verbreitung
-solcher Produkte nicht vorgegangen werden könnte.«
-
-In diesem Schriftchen, dessen Wahrheit also gerichtlich festgestellt
-wurde, finden sich folgende Proben aus der Beichte:
-
-Ich war 14 Jahre alt und legte meine Osterbeichte ab.
-
-»Hast du Unzüchtiges getan?«
-
-»Nein.«
-
-»Hast du dich niemals angerührt?«
-
-»Nein, nur wenn ich’s mußte.«
-
-»Hast du niemals mit der Hand dich an schamhafter Stelle angefaßt,
-jenen Teil in die Hand genommen und hast so gesündigt?«
-
-»Aber nein.«
-
-»Hast du nie etwas Besonderes aus deinem schamhaftesten Teil kommen
-sehen oder das gefühlt, wenn du im Bett lagst?«
-
-»Nein, Hochwürden.« -- -- --
-
-Schon oft hatte ich so etwas von Kameraden gehört, die der Beichtvater
-auch so ausgefragt hatte. Aber ich verstand all das nicht. Am Abend
-nach jener Beichte lag ich unruhig im Bett. Es war mir so heiß, so
-schwül.
-
-Meine Beichte fiel mir ein.
-
-Ich warf Bett und Decke zurück, damit ich nicht so heiß bliebe.
-
-Ich mußte am nächsten Morgen kommunizieren. Ach, wie ist das, wenn man
-so ist, wie der Beichtvater heute gesagt hat? Ich preßte die Schenkel
-aufeinander. Es half nichts. So war ich noch niemals.
-
-»Hast du...?« »Hast du...?« »Tatest du...?«
-
-Die Fragen gingen mir immer schneller durch den Kopf. »Vater unser...«
-Meine Sinne waren nicht beim Beten, sondern bei der Beichte.
-
-Die Hand... »Hast du noch nie...?« »Hast du niemals...?«
-
-Gott, Gott, wie +reizten+ mich diese Fragen, so oft ich daran dachte.
--- -- --
-
-Am nächsten Morgen konnte ich +nicht+ kommunizieren. »Ich habe aus
-Versehen nach 12 Uhr noch ein bißchen Brot gegessen,« belog ich meinen
-Religionslehrer.
-
-Bei der nächsten Beichte aber mußte ich antworten: »Ich habe es getan.«
-
- *
-
-Wie Matthes bei einem Augustiner einige Zeit später beichtet, der ihn
-gleich fragt, wo er wohnt und sich nach den Töchtern der Wirtsleute
-erkundigt, erzählt er folgendermaßen:
-
-»Die eine heißt Emmy und die andere Anna?«
-
-»Ja.«
-
-»Hast du mit diesen noch nicht unschamhaft verkehrt?«
-
-»Nein.«
-
-»Hast du sie nicht mit lüsternen Blicken angesehen? Auch das ist eine
-Sünde.«
-
-»Nein.«
-
-»Hast du sie nicht, auch nicht wie zum Scherz, an der Brust gefaßt?
-Oder am Schenkel, oder gar dazwischen, über oder unter dem Kleid, oder
-dorthin lüstern gesehen?«
-
-»Nein.«
-
-Matthes bekam drei »Vaterunser« und »Gegrüßet seist du, Maria«, nebst
-einem Rosenkranz als Buße auf.
-
-Hinfort konnte er die Töchter seiner Wirtsleute nicht mehr so ruhig
-ansehen.
-
- *
-
-Wir wollen den Fall des Pater Sanktes, eines Religionslehrers an
-unteren Klassen, der sich an seinen Schülern sittlich verfehlt,
-übergehen, da einzelne Entgleisungen überall vorkommen können. Ob
-Sanktes wirklich, wie er klagte, in der Beichte von der Versuchung
-besiegt wurde, bleibe dahingestellt. Wichtiger ist die Feststellung des
-Matthes, daß er von +sämtlichen+ Beichtvätern mit alleiniger Ausnahme
-von zweien, mit ähnlichen Fragen gequält wurde. Sogar ob sie mit ihrer
-Schwester zusammen geschlafen hätten, wurden die Buben gefragt.!!
-
-Ein Schüler erhängte sich aus Furcht vor den Folgen des Lasters, das er
-in der Beichte gelernt hatte.
-
-Ein Beichtvater fragt: »Hast du dich nie, vielleicht unter einem
-harmlosen Vorwand, an den Beinen gefaßt?«
-
-»Nein, nein.«
-
-»Hast du niemals ein Mädchen geküßt?«
-
-»Ja.«
-
-»Hast du dabei sinnliche Gefühle erweckt, indem du vielleicht deine
-Knie oder deinen Körper an sie gepreßt hast, oder deine Brust? Oder
-hast du mit deiner Zunge zwischen ihren Lippen geleckt?«
-
-»Aber nein.«
-
-»Hast du auf einem Schoße einer weiblichen Person gesessen und dabei
-Böses gedacht?«
-
-»Nein.«
-
-»+Auch bei deiner Mutter nicht?+«
-
- *
-
-Von der Art eines Ordensgeistlichen, die Beichte bei Mädchen anzuhören,
-berichtet Matthes:
-
-Die kleine Bertha war Erstkommunikantin und wird, nachdem der Pater
-jedes Gebot einzeln durchgegangen ist, auch nach dem sechsten gefragt.
-
-»Hast du niemals mit Buben gespielt?«
-
-»Ja, oft.«
-
-»Hast du sie auch berührt?«
-
-»Ja.«
-
-»Sie dich auch?«
-
-»Ja.«
-
-»Natürlich, um Schlechtes zu tun!«
-
-»Aber nein, nein, so nicht! Gespielt, so gespielt halt, Nachlaufen,
-Verstecken, Fangen und so, und so anderes.«
-
-»Lüge nicht! +Ich habe es gesehen+, wie dich Buben angegriffen haben.«
-
-»Aber nein, nein!«
-
-»Hast du dich selbst angegriffen?«
-
-»Ja; nein, so nicht, wie Sie wieder denken!«
-
-»Gewiß, du hast es getan! +Ich weiß es.+ Du hast dich angerührt.«
-
-»Aber nein doch, nein!«
-
-»Sagst du gleich ja? Willst du gleich ja sagen? Nun, wird es bald,
-willst du ja sagen?«
-
-Dabei polterte der Beichtvater wider das Gitter, das ihn von seinem
-Beichtkind trennte. Und bebend kam es da von den Lippen:
-
-»Ja.«
-
-»Nun, mit der Hand oder mit dem Stöcken.«
-
-Keine Antwort.
-
-»Mit der Hand oder mit dem Stöcken?«
-
-Wieder schwieg die Kleine.
-
-Da polterte Hochwürden wieder und leise sagte das Kind:
-
-»Mit der Hand.« Nur, damit Hochwürden zufrieden war.
-
-»Sag, hast du auch mit einem Hund dich abgegeben?« usw. usw.
-
- *
-
-Man kann sehr freie Ansichten haben und wird doch voller Empörung sich
-von dieser systematischen Jugendverderbnis abwenden. Gesellt sich dazu
-aber die Scheinheiligkeit und Prüderie der schwarzen Rotte, dann kann
-der ehrliche Mann nur bedauern, sich voll Ekel abwenden zu müssen,
-statt mit einem kräftigen Fußtritt die ganze Gesellschaft an die Luft
-zu setzen.
-
-Aber was nützt die Keuschheit in Worten, wenn +die in Werken fehlt+!
-Wenn es auch sehr zu beklagen ist, daß in dieser Hinsicht nicht so
-viel geschieht, wie zur Reinhaltung der Literatur, so ist doch schon
-der Anfang zu begrüßen. Die +Keuschheitsgürtel werden nämlich wieder
-modern+! Das beweist nachstehende Geschichte. Heil allen Tugendhaften!
-Halleluja!
-
-Der Apotheker Parat wurde im Februar 1910 in Paris zum Gegenstand
-des Interesses der ganzen Welt, weil sich herausstellte, daß er aus
-Eifersucht seine Frau in Ketten legte und durch Keuschheitsgürtel ihre
-Treue sich sicherte. Würde es sich hier um die wahnsinnige Handlung
-eines einzelnen handeln, dann könnten wir sie so wenig unter die
-Kultur-Kuriosa aufnehmen, wie die Prozesse in Madrid im Jahre 1892 und
-in Paris 1899 aus dem gleichen Grunde. In beiden wurden die Männer
-bestraft, weil ein gewaltsamer Zwang vorlag. Es handelt sich hier aber
-keineswegs um Unica, vielmehr sind noch heute Keuschheitsgürtel bei uns
-in Gebrauch. Es existiert sogar eine +Industrie+, die solche »Edozone«
-erzeugt. Dem Pariser Korrespondenten des Berliner Tageblattes fielen
-zwei solcher Geschäftsanzeigen in die Hände, aus den Jahren 1879 und
-1885, die eine aus Paris, die andere aus einem Orte im Departement
-Aveyron. In ihnen werden Keuschheitsgürtel je nach der Ausführung im
-Preise von 120-380 Frs. angeboten. Die Verfasser der Prospekte waren
-zweifellos geschichtlich unterrichtete Persönlichkeiten. Der eine
-rechtfertigt sein Angebot wie folgt: »Man wird sagen, ein verrücktes
-Unternehmen: aber wer ist verrückter, der Mann, der die Zwangsjacke
-erfunden hat, oder der Wahnsinnige, dem sie angelegt werden muß?«
-
-Dr. Cabanès, der bekannte Sammler von geschichtlichen Kuriositäten,
-erzählt, daß es in Paris Fabrikanten gibt, die diese merkwürdigen
-Instrumente auf Bestellung anfertigen und Ehemänner und Liebhaber, die
-sie für teures Geld kaufen und natürlich ihren Freundinnen anlegen.
-Das schönste Exemplar, das Cabanès gesehen hat, war ein Gürtel mit
-kostbarem Goldbeschlag und ziseliertem Schloß und wurde zum Preise von
-500 Frs. von einer Demimondaine der Rue de Penthicore einem Sammler zum
-Kaufe angeboten.[157]
-
-
-
-
-Siebenter Abschnitt
-
-Frömmigkeit
-
-
-Alle frühmittelalterlichen Heiligen zeichneten sich schon in früher
-Jugend durch hohe Begabung aus, so daß sie an Sitten und Erfahrung
-Greisen glichen. Juvenis senex, greisenhafter Jüngling, war, anders wie
-heute, höchstes Lob und daher stehende Redensart. Dieser Abgeklärtheit
-entsprach auch der Tatendrang, der dem hl. Bernward von Hildesheim
-wiederholt den Ehrentitel einer »mater ecclesiae«, dem Sankt Johann
-sogar den einer »virgo egregius«, einer ausgezeichneten +Jungfrau+
-einträgt. Auf +einem+ Gebiet aber kannten Erfindungsreichtum und
-Energie der frommen Männer keine Grenzen: auf dem der Sonderbarkeiten.
-Quaeque extrema semper appetiit (Was es nun Sonderbares gab, erstrebte
-er immer), heißt es von Angilram[158], und das trifft den Nagel auf den
-Kopf. Es waren wirklich auch für ihre Zeitgenossen sonderbare Heilige,
-und doch ist die Art ihres Wirkens, da es in fast gleicher Weise stets
-wiederkehrt, so charakteristisch, ja sogar typisch, daß es wohl mit
-in erster Linie dazu führte, ihnen Heiligenqualitäten zu verleihen,
-lag ihm doch das tiefernste Bestreben zugrunde, durch Überwindung der
-Welt den Himmel zu erobern. Diese Eroberung, im strategischen Plane bei
-allen gleich, wird taktisch verschieden in Angriff genommen.
-
-Am harmlosesten erscheint uns das Streben, ein »Bild« der Demut und
-Milde abzugeben. Kein Abschied ohne Tränenfluten, keine Verzeihung,
-ohne daß die Umstehenden mit dem am Boden sich Windenden nicht
-mitgeweint hätten. Die Kunst, nach Belieben zu weinen -- wir reden
-despektierlich in solchen Fällen von Krokodilstränen --, die gratia
-lacrimarum galt als eine jener Himmelsgaben, die nur dem Erwählten
-zuteil werden. Kaiser Otto III. und der hl. Bernward weinten beim
-Abschied so heftig, daß sie sich schämten, unter die Leute zu gehen,
-Alfkerus weinte, wenn er die hl. Messe las, so ausgiebig, daß der
-größte Teil seines Körpers naß wurde; Eid von Meißen hatte vom
-vielen Weinen immer entzündete Augen. Eine Gelegenheit, in Tränen
-zu zerfließen, durfte, wer nur einigermaßen auf Heiligkeit oder
-Heiligmäßigkeit Anspruch erheben wollte, niemals ungenutzt vorübergehen
-lassen. Ob es sich um Reue, Erbitten einer Gnade, Beichte, Messe oder
-Gebet handelte, wer nur irgend konnte, weinte. Die Tränenfröhlichkeit
-besonders des 10. Jahrhunderts kann kühn mit der der Wertherzeit in
-Konkurrenz treten. So +tadelt+ Adam von Bremen an den Dänen, daß sie
-Tränen und Wehklagen aus Reue oder sogar für Tote verabscheuten. (Mon.
-germ. SS. VII, p. 336.)
-
-Ernster schon waren die Kasteiungen durch Geißelung, Entzug des
-Schlafes, Hunger und Durst, besonders wirksam aber die Handlungen,
-die dem Bestreben, der Niedrigste von allen zu sein, ihr Dasein
-verdankten. Adalbert von Bremen bittet seinen Feind, der ihn
-mißhandelt, um Verzeihung.[159] Johann von Gorze hat über jeden
-heiteren Augenblick nachträglich die schwersten Gewissensbisse. Er
-putzt (wie auch der hl. Adalbert) seinen Mitbrüdern oder gar dem
-Gesinde die Stiefel, sogar gegen deren Willen, buttert, bis ihm der
-Schweiß kommt und flickt in den nächtlichen Mußestunden Netze, ja,
-er reinigt oft die Latrinen! Ganz ähnlich handelt Angilram.[160] Die
-Königin Mathilde begibt sich nur scheinbar zur Ruhe, verläßt vielmehr
-ihr Lager, sobald alles schläft und tut die Nacht durch Gutes, um dann
-morgens, von niemand bemerkt, wieder ihr Lager aufzusuchen. Sie dringt
-auch heimlich in die Zellen, um beim Baden der Armen behilflich zu
-sein, während sie sich selbst Bäder versagt.[161] Der stolze Adalbert
-von Bremen wusch vor dem Schlafengehen 30 und mehr Bettlern die Füße.
-Ähnliches hatte schon die Tochter König Chilperichs von Burgund,
-Chrotechilde, getan, wie Fredegar erzählt. Brun von Köln, der Bruder
-Ottos des Großen, sitzt im Schafpelz unter Königen.[162] Fast keiner
-aber gönnt sich den damals so beliebten Genuß eines Bades, und doch
-berichten die Biographen von der Schönheit ihrer Helden!
-
-Diese Kasteiungen müssen für sehr harmlos gelten im Vergleich zur Sitte
-der ersten Christen, +sich zu entmannen+. Justinus erzählt von dem
-Gesuche eines Christen in Alexandrien an den Präfekten Felix: er möchte
-einem Arzt gestatten, ihn zu entmannen. Denn ohne diese Genehmigung
-durften die Ärzte die Operation nicht vornehmen. +Origenes entmannte
-sich selbst+ und das Konzil zu Nicäa von 325 sah sich genötigt,
-Stellung zu nehmen zu der Frage dieser Verstümmelung.[163]
-
-Rühmend erzählt der Biograph vom hl. Ulrich, daß er sich zwar das
-Gesicht wusch, aber nicht badete, außer an drei Festtagen im Jahre.
-Dafür wusch er aber eigenhändig 12 Armen die Füße. Der Königssohn
-Brun war nicht weniger wasserscheu wie Johann von Gorze, der auch
-Medikamente verschmähte. Angilram badete auch nicht.[164] Waren die
-frommen Männer so auch zu Lebzeiten keine Nasenweide der frommen
-Gemeinde, so holten sie das doch im Tode nach. Denn dann entströmten --
-das müssen wir wohl oder übel den Chronisten glauben -- den Särgen der
-frommen Männer liebliche Düfte. Von Eid, Ansfrid, Evergerius von Köln
-und Udalrich wird es wenigstens ausdrücklich erzählt.[165]
-
- *
-
-Das Weinen gehörte auch noch zur Zeit der Kreuzzüge selbst beim Militär
-zur Frömmigkeit. Der Chronist erzählt: »Es war Sitte im Heere, daß
-in jeder Nacht, ehe sie sich zum Schlafen niederlegten, ein dazu
-bestimmter Mann mit lauter Stimme inmitten des Heeres den gewöhnlichen
-Spruch rief: ›Hilf, heiliges Grab!‹ In diesen Ruf stimmten alle ein,
-wiederholten ihn, streckten mit reichlichen Tränen die Hände zum Himmel
-empor und erflehten Gottes Barmherzigkeit und Hilfe. Dann hub der
-Herold selbst wieder an, indem er wie vorher ausrief: ›Hilf, heiliges
-Grab!‹ Und alle wiederholten es; und als er gleichfalls zum dritten
-Male rief, so taten es ihm alle nach mit großer Herzenszerknirschung
-und unter Tränen. Wer würde dies in solcher Lage nicht tun? da doch
-schon diese Tatsache zu berichten Tränen den Hörern entlocken kann.
-Durch diese Anrufung schien das Heer sich gar sehr gestärkt zu
-fühlen.[166]«
-
- *
-
-Die durch Schönheit, Klugheit, Sittenstrenge und Frömmigkeit
-ausgezeichnete Athenerin +Irene+ wurde durch den Tod ihres Gemahles,
-des Kaisers Leo IV., im Jahre 780 für ihren zehnjährigen Sohn Regentin
-des byzantinischen Reiches. Als der Sohn regierungsfähig geworden
-war, ließ sie die Truppen auf die noch nie dagewesene Formel »Solange
-du lebst, werden wir uns deinen Sohn als Kaiser nicht gefallen
-lassen« schwören. Doch der Staatsstreich mißlang, Irene wurde von der
-Regierung entfernt, und Konstantin VI., der zuerst sieben Jahre mit
-Karls des Großen Tochter Rothrude verlobt gewesen war, kam endlich
-zur Herrschaft. Aus Gutmütigkeit verzieh er schon nach einem Jahre
-seiner Mutter und setzte sie wieder in ihre bevorzugte Stellung ein.
-Nach fünfjähriger Wühlarbeit gegen den tapferen Sohn machte sie ihn
-unpopulär. Dann riet sie ihm, seine Gemahlin zu verstoßen und die
-schöne Hofdame Theodote zu heiraten (795). Jetzt war der Kaiser
-verloren. Die Kirche trat wegen des ungesetzlichen Schrittes gegen ihn
-auf, Irene nahm ihn gefangen und ließ ihm in demselben Purpurgemache
-des Kaiserpalastes, in dem sie ihm das Leben gegeben hatte, +durch den
-Henker die Augen ausstechen+! Wiewohl die Verstümmelung mit besonderer
-Grausamkeit ausgeführt war und in der Absicht, seinen Tod zu
-veranlassen, ohne der Mutter das Odium der Mörderin aufzuladen, lebte
-der Kaiser noch einige Jahre. Irene aber nahm mit Ignorierung ihres
-Geschlechtscharakters den Titel »Kaiser« an. Doch schon 802 fiel sie,
-deren Ehrgeiz eine Ehe mit Karl dem Großen im Bereiche der Möglichkeit
-gehalten hatte, als Opfer einer Revolution. Sie starb einsam und
-verlassen 803 auf Lesbos.
-
-Die byzantinischen Schriftsteller finden für diese Kaiserin
-kaum ein Wort des Tadels. War sie doch die Wiederherstellerin
-der Bilderverehrung. Als +Heilige+ gehört sie dem Himmel der
-griechisch-katholischen Kirche an.[167]
-
- *
-
-Robert von Arbrissel (Albresec in der Bretagne), der Stifter des
-Ordens von Fontaevraud hatte eine sonderbare Probe seiner Keuschheit
-ersonnen. Er ging nicht nur in +Bordelle+ und bewog durch seine Predigt
-die Prostituierten, +fromm+ zu werden -- und zwar so viele, daß er für
-sie drei Klöster errichten mußte, von denen deshalb das eine de la
-Magdelaine benannt wurde, +er schlief auch öfter zwischen zwei Nonnen
--- nackt natürlich, gemäß der damaligen Sitte --, bloß um die Kraft des
-Willens über das Fleisch zu erproben+.
-
-Der Abt Gottfried von Vendome tadelte ihn wegen der unklugen Erfindung
-dieses neuen Martyriums; Marbod, Bischof von Rennes, aber ermahnte
-ihn, sich solchen Verführungen nicht auszusetzen, die den guten Ruf,
-wenn auch nicht die Seele verwundeten. Er tadelte ihn auch, daß er in
-haarigem Fell und zerrissenen Kleidern, mit halbnackten Hüften, langem
-Bart, abgeschnittenem Haupthaar und bloßen Füßen gehe.[168]
-
- *
-
-Das Mittelalter in seinem Kinderglauben suchte Befreiung von Sünden,
-weniger durch innere Einkehr, als dadurch, daß es durch weite Reisen,
-nach Rom, Jerusalem oder an andere geheiligte Orte, räumlich der
-Gnadenquelle nahte. Jeglicher Schmerz, jede Form irdischer Qual, selbst
-jedes Verbrechen konnte sich hoffend nach Rom wenden, um zu den Füßen
-des Papstes Erlösung zu empfangen. Aber neben wahrhaft Reuigen, die
-in hellen Haufen jahrhundertelang den Weg über die Alpen einschlugen,
-befand sich auch manch räudiges Schaf. Ja, die damaligen Anschauungen
-trieben entsittlichte Menschen, fluchwürdige Verbrecher, die heute
-in Gefängnissen sorgfältig vom Kontakt mit der Mitwelt ferngehalten
-werden, zu solchen Pilgerfahrten, trugen sie ihnen doch neben der
-Hochachtung vor freiwilliger Buße auch noch +sicheren Unterhalt+ ein.
-
-Der Schuldige ward in die Welt geschickt, versehen mit einem Schein
-seines Bischofs, welcher ihn als Mörder oder Blutschänder offen
-bezeichnete, ihm seine Reise, ihre Art und Dauer vorschrieb, und
-ihn zugleich mit einer +Legitimation+, entsprechend unseren Pässen,
-versah. Er zeigte seine Legitimation allen Äbten und Bischöfen der
-Orte vor, durch welche er kam. Diesem Verdammungs- und gleichzeitigen
-Empfehlungsbrief verdankte er +überall gastliche Aufnahme+. Deshalb
-hüllten sich nicht selten Gauner, die gar kein schweres Verbrechen
-begangen hatten, in die Maske der scheußlichsten Untat. So hatten sie
-Gelegenheit zu sorgenfreier Reise und Aussicht auf betrügerischen
-Gewinn. In Ketten, mit schweren Eisenringen um Hals und Arme, halbnackt
-zogen sie mit ihren falschen Pässen durch die Länder, stellten sich
-auch vielfach besessen, warfen sich vor den Heiligenbildern der
-Kirchen und Klöster nieder und erlangten, indem sie durch deren
-Anblick plötzlich zur Besinnung gekommen zu sein vortäuschten, von den
-beglückten Mönchen Geschenke.
-
-Bezeichnend für die Sitten, die in solchen Pilgergesellschaften
-herrschten, ist, daß schon 744 der Erzbischof Bonifazius von Mailand
-an Cutbert von Canterbury schrieb, die Synode möge den Frauen und
-Nonnen solche Reisen untersagen, »weil +viele von ihnen zugrunde gehen,
-wenige aber unberührt heimkehren. Denn es gibt in der Lombardei nur
-sehr wenige Städte, desgleichen in Franzien oder Gallien, in denen
-sich nicht eine Ehebrecherin oder Prostituierte aus englischem Stamme
-befindet.+«
-
-Viele erlagen also den Versuchungen der Pilgerfahrten. Deshalb +verbot
-auch die Synode von Friaul 791 bereits den Nonnen, nach Rom zu
-pilgern+.[169]
-
- *
-
-Wahre Frömmigkeit römischer Observanz, überall zu finden, wo die
-kasuistische Pseudomoral der Kirche herrscht, lehrt uns ein niedliches
-Geschichtchen kennen, das ebensogut heute passiert sein könnte, wie
-im Jahre 1580 und überaus bezeichnend ist für die Denkweise weitester
-Kreise unter dem segenspendenden Krummstab.
-
-Montaigne erzählt: »Un quidam etant avecques une courtisane, et couché
-sur un lit et parmi la liberté de cete pratique-là, voila sur les
-24 heures l’Ave Maria soner: +elle se jeta tout soudein, du lit à
-terre, et se mit à genous pour faire sa priere+. Etant avecques un
-autre, voila la bone mere (car notammant les jeunes ont des vielles
-gouvernantes, de quoi elles font des meres ou des tantes), qui vient
-hurter à la porte, et avecques cholere et furie arrache du col de cette
-jeune un lasset qu’elle avoit, où il pandoit une +petite Notre-Dame,
-pour ne la contaminer de l’ordure de son peché+; la jeune santit
-un’extreme contrition d’avoir oblié à se l’oster du col, come ell’avoit
-acostumé.«[170]
-
- *
-
-Als Montaigne in der Karwoche 1581 in Rom weilte, sah er eine ungeheure
-Prozession mit Fackeln -- er schätzt deren Anzahl auf 12000 --, die
-sich, in Büßerkompanien geteilt, gegen St. Peter bewegte. Musikkapellen
-waren im Zuge verteilt und Lieder wurden unausgesetzt während des
-Marsches gesungen. Inmitten jeder Gruppe, deren es wenigstens 500 gab,
-schritt eine Reihe von +Büßern+, die sich mit einem Tau (corde) den
-+Rücken in bemitleidenswerter Weise blutig schlugen+.
-
-»Das ist ein Rätsel, das ich noch nicht recht verstehe, aber alle
-sind braun und blau geschlagen (meurtris) und grausam verwundet und
-martern und schlagen sich unaufhörlich. Sehenswert ist ihre Fassung,
-die Sicherheit ihrer Schritte, die Festigkeit ihrer Worte (denn ich
-hörte mehrere sprechen) und ihr Gesicht (denn mehrere waren in der
-Straße barhäuptig). Es erweckte keineswegs den Anschein, als seien sie
-in einer schmerzvollen Tätigkeit, noch in einer ernsten begriffen, und
-junge Leute von zwölf oder dreizehn Jahren waren darunter. Dicht bei
-mir war ein sehr Junger mit angenehmem Gesicht; eine junge Frau sprach
-ihr Bedauern aus, ihn sich so verwunden zu sehen. Er wandte sich zu
-uns und sagte ihr lachend: ›Genug, sage dir, daß ich das für deine
-Sünden tue und nicht für meine eignen.‹ Sie zeigen bei dieser Tätigkeit
-nicht nur keine Angst oder Zwang, sondern sie tun es mit Freude oder
-mindestens mit solcher Gleichgültigkeit, daß du sie sehen kannst, wie
-sie sich mit anderen Dingen beschäftigen, lachen, sich auf der Straße
-zanken, laufen, springen, wie es in einem so großen Gedränge, wo die
-Reihen in Unordnung geraten, passiert. Unter ihnen gibt es Leute, die
-Wein tragen, um ihnen zum Trinken anzubieten: niemand nimmt einen
-Schluck. Man gibt ihnen auch Zuckerwerk, und die, welche Wein tragen,
-nehmen häufig davon in den Mund und dann spucken sie ihn wieder aus und
-benetzen damit das Ende ihrer Geißel, das aus einem Strick besteht und
-sie sind derart mit Blut beklebt, daß man sie begießen muß, um sie
-auseinander zu bringen; einige blasen den Wein auf ihre Wunden. Nach
-ihrem Schuhwerk und Strümpfen zu urteilen sind es Leute sehr niederen
-Standes, die sich für diesen Dienst vermieten, wenigstens die Mehrzahl.
-Man sagte mir wohl, daß man ihre Schultern mit etwas polstert, aber
-ich habe die Wundmale zu frisch gesehen und die Attacken so lange
-fortgesetzt, daß es kein Heilmittel zur Beseitigung der Empfindung
-gibt. Und wozu würde man sie mindern, wenn alles Spiegelfechterei
-wäre?«[171]
-
- *
-
-Keyßler, der 1730 in Rom war, erzählt: »Am grünen Donnerstag kamen
-etliche geistliche Brüderschaften und eine volkreiche Prozession von
-andern Leuten nach der St. Peterskirche. Unter dieser Gesellschaft
-fanden sich zehn bis zwölf maskierte Personen, welche ihre entblößten
-Rücken mit vielen Riemen, an deren Enden eiserne Stifte waren, also
-zerschlugen, daß man es nicht ohne Ekel ansehen konnte, und die
-Stellen, wo sie sich etwas aufgehalten hatten, an dem Blute auf dem
-Fußboden der Kirche zu erkennen war. Hinter einem jeden solchen
-eigenmächtigen Märtyrer oder im Beichtstuhle dazu verurteilten
-Missetäter, wurde eine brennende Fackel getragen und oftmals an den
-zerfleischten Rücken gehalten, damit das Blut nicht gerinnen sollte.«
-
-In einer unterirdischen Kapelle der Jesuiten bekam jeder Eintretende,
-hinter dem die Türe gleich verschlossen wurde, tüchtige Geißeln, »die
-sich in sieben bis acht Ende oft geknüpfter Reifschnüre verteilten«.
-Ein Jesuit erinnerte -- es war Karfreitag -- an die Leiden Christi
-und forderte zur Nachahmung auf. Die Lichter wurden ausgelöscht, die
-Litanei gesungen und jedermann geißelte sich. Und zwar geschahen die
-Ermahnungen und die darauf folgenden Geißelungen dreimal.[172]
-
-Welche Ähnlichkeit mit dem alljährlich im Orient stattfindenden Umzug
-der Perser zur Erinnerung an Alis Tod!
-
- *
-
-Übrigens ließen sich auch Herrscher geißeln. Kaiser Heinrich III.
-legte nie seinen königlichen Ornat an, bevor er sich dieser Züchtigung
-unterworfen hatte. König Otto IV. ließ sich auf dem Totenbette bis aufs
-Blut schlagen und noch der große Kurfürst Maximilian I. von Bayern
-(1598-1650) ließ mit eigener Hand Schläge auf seinen entblößten Rücken
-fallen.[173]
-
- *
-
-Keyßler erzählt von einer sonderbaren Sitte, die in Loretto herrschte.
-»Die +Kastraten+, so in der Musik der Santa Capella gebraucht werden,
-lesen hier gleichfalls +Messe+, und tragen +währen der selbigen ihre
-abgeschnittenen Testiculos und andere dergleichen Pertinentien in
-einer Schachtel in der Tasche bey+ sich, vermuthlich weil sie nach der
-Mathematik werden behaupten wollen, daß 99/100 und 1/100 allezeit ein
-Ganzes ausmachen. In Rom höret man von dergleichen Gewohnheit nicht, in
-dem oberen Theile von Italien aber ist die Sache nicht ungewöhnlich.«
-
- *
-
-Die Maranen, d. h. zwangsweise getaufte Juden der Pyrennäenhalbinsel,
-die im geheimen noch dem Glauben ihrer Väter anhingen, heirateten auch
-in der Regel untereinander und mußten deshalb häufig die päpstliche
-Ehedispens einholen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts erlebten diese
-Maranen eine religiöse Renaissance. Sie ließen sich einen gewissen
-Rabbi Falcon aus Jerusalem kommen, um die vollkommene Wahrung der
-orthodoxen Riten und Gebräuche zu gewährleisten. Damals traten viele
-noch im Alter zum Judentum öffentlich über und ließen sich beschneiden.
-Sehr sonderbar aber ist der Brauch, daß manche, die wegen vorgerückten
-Alters vor den Schmerzen einer Beschneidung zurückscheuten, wenn sie
-sich auch offen zum Judentum bekannten, +diese Operation nach dem Tode
-an sich vornehmen ließen+. Jakob de Mezas hat in seinem »Mohelbuche«
-seit dem Jahre 1706 zahlreiche solche Fälle registriert.[173]
-
- *
-
-Der Professor der Dogmatik P. Lépicier, angestellt an der Propaganda
-fidei in Rom, schrieb 1909 unter dem Titel »De stabilitate et progressu
-dogmatis« ein Buch. Er vertritt darin die Ansicht, daß +ein Ketzer
-nicht nur exkommuniziert, sondern von Rechts wegen auch getötet werden
-dürfe+. Denn er sei, wie Aristoteles sagt, schlimmer als ein wildes
-Tier, das zu töten ja auch keine Sünde sei. Daß die Kirche das Recht
-habe, einen Ketzer zum Tode zu verurteilen, unterliegt dem milden
-Apostel der christlichen Liebe nicht dem geringsten Zweifel (S. 174
-f.). »Diejenigen katholischen Apologeten irren von der Wahrheit ab,
-die da sagen, die Schuld an solchen Sentenzen (Hinrichtung von Ketzern)
-sei der weltlichen Inquisition zuzuschreiben, oder die feigerweise
-zugestehen, die Kirche habe, dem Zeitgeist folgend, in dieser Sache
-in etwas ihr Recht überschritten« (S. 183 f.). Auch vertritt er die
-Ansicht, man solle Ketzer und Abtrünnige mit Gewalt in den Schoß der
-alleinseligmachenden Kirche zurückführen (S. 190 f.).
-
-Die Propaganda hat die Aufgabe, Missionare auszubilden und ihre
-Zöglinge genießen besondere Auszeichnungen. Die von Kardinal
-Hergenröther herausgegebene Enzyklopädie der katholischen Theologie
-sagt zum Ruhme der Propaganda: »Noch mehr muß das Institut eine Zierde
-in den Augen derjenigen sein, welche zu ermessen wissen, was seine
-Zöglinge seit der Gründung des Hauses Großartiges geleistet haben zur
-Erfüllung des Wortes: Eunte docete omnes gentes -- Gehet und lehret
-alle Völker --, nicht bloß unter schweißvoller apostolischer Arbeit,
-sondern auch mit dem Opfer des Blutes.«
-
-Daß letzteres gebracht wird, wenn auch wohl weniger von den Bekehrern,
-als von den Bekehrten, darüber können wir uns nach Lépiciers
-Ausführungen beruhigen.
-
- *
-
-Doch wir wollen unsere Blicke abwenden von mittelalterlicher
-Beschränktheit, wie sie in diesen Anschauungen sich äußert und wie
-sie auch die klugen Jesuiten[174] heute nicht mehr vertreten. Erbauen
-wir uns lieber am Beispiel eines ebenso frommen, wie aufgeklärten
-Mannes, dessen Name in Deutschland genannt wird, wenn es gilt, einen
-Zeugen für die Wohlvereinbarkeit strenger Kirchlichkeit mit wahrhaft
-modernem Empfinden aufzurufen. Wir meinen natürlich den +Kardinal
-Fischer+ in Köln. Durchdrungen von wahrhaft sittlichem Geiste, Catos
-Vorbild nachahmend, doch, was sage ich, überflügelnd, verbot er den
-Klosterschwestern zu -- +baden+! Diese hochmoralische Bestimmung ist
-heute noch in Kraft. Richten wir unsere Herzen auf an diesem Beispiel
-wahrer Frömmigkeit und Keuschheit![175]
-
- *
-
-Ja, wir sind wahrhaft fromm. In der Schule beginnt der innere Drang,
-später sorgen Staat und Kirche dafür, daß das Feuer weiterglimmt,
-ja lodert. Oder geht das nicht zwingend daraus hervor, daß es uns
-nicht genügt, wenn ein +Mathematiklehrer+ Mathematik versteht,
-sondern daß er auch +in der Religion beschlagen sein muß+? Kann man
-sich überhaupt etwas Gräßlicheres denken als ketzerische Mathematik
-oder -- fast gerade so schlimm -- Mathematik, vorgetragen von einem
-Ketzer? So denken auch manche deutsche Staaten, vor allem Preußen,
-und fordern deshalb vom +Lehramtskandidaten der Mathematik und der
-Naturwissenschaften+ ein +Examen in der Religionslehre+ zum Beweise
-dafür, daß er auch +gut -- heucheln kann+.
-
- *
-
-Doch nix genaues weiß man nicht -- auch nicht darüber, ob die Kinder
-zeitlebens der Mutter Kirche mit der von einem herrschsüchtigen Klerus
-so sehr erwünschten Treue anhängen werden. Deshalb ist es gut, sich
-rechtzeitig vorzusehen. So dachte auch +Bischof Benzler+ von Metz
-und erließ im Frühjahr 1909 einen Hirtenbrief gegen die Mischehen.
-Priester sind nun einmal -- das bringt das Amt so mit sich --
-friedfertige Leute, und besonders die Männer, die Christi Namen täglich
-hundertmal im Munde führen, zeichnen sich durch Sanftmut vor andern
-Sterblichen aus. Sie suchen Trennendes zu überbrücken, Gegensätze zu
-mildern. Gesellt sich nun zur christlichen Liebe auch noch die fürs
-Vaterland, die Einsicht, daß die Blutbäder und brennenden Städte in
-Deutschlands Vergangenheit uns für alle Zeiten ein Memento zurufen,
-wohin konfessioneller Hader führt, dann werden wir des glaubensstarken
-Bischofs Hirtenbrief doppelt zu schätzen wissen.
-
-Er empfiehlt darin wärmstens eine »Eine verbotene Frucht« betitelte
-Schrift. Hier wird den Pfarrern geraten, sie möchten am Kommunionstage
-den Kindern die +schriftliche Erklärung abfordern+: »+Ich verspreche an
-diesem schönsten Tage meines Lebens, daß ich niemals eine gemischte Ehe
-eingehen werde+«!!!
-
-Die so vergewaltigten Kinder sind elf bis dreizehn Jahre alt!
-
-Um aber auch im späteren Alter den Gefahren der Verseuchung oder
-Ansteckung durch Andersgläubige -- hu! -- möglichst wenig ausgesetzt
-zu sein, gründet man konfessionelle Klubs. So etablierte sich vor
-etlichen Jahren in Kissingen ein +Kränzchen katholischer Kurgäste+,
-und neuerdings tat sich auch in +Juist+ eine +Vereinigung katholischer
-Kurgäste+, ein +katholischer Strandklub auf+.[176]
-
- *
-
-An den bayerischen Gymnasien herrscht Kirchenzwang. Er gründet sich auf
-den letzten Passus des § 1 der »Disziplinarsatzungen für die Schüler
-der Studienanstalten im Königreich Bayern«, mit dem harmlosen Wortlaut:
-»Religiosität betätige der Schüler in seinem ganzen Lebenswandel,
-insbesondere auch in der Ausübung der religiösen Pflichten seines
-Bekenntnisses.
-
-Alle Sonn- und Feiertage haben die Schüler dem Gottesdienst ihrer
-Konfession mit Andacht beizuwohnen.«
-
-Die Forderung der erzwungenen »Andacht« bringt wenigstens eine
-humoristische Note in die Tragik der Anwendung des Paragraphen unter
-ultramontaner Herrschaft. Denn sie ist barbarisch. +Tagesausflüge+
-ohne +vorhergehende+ Genehmigung des Religionslehrers oder Konrektors
-+sind unzulässig+! Eine nachherige Erlaubnis wird nicht erteilt. Also
-ist der Familienvater, der wegen des schlechten Wetters am Samstag den
-projektierten Sonntagsausflug fallen ließ, nicht in der Lage, seinen
-Kindern doch die Erholung zu gönnen, wenn das Wetter sich aufheitert!
-
-Ein Schüler wurde sogar +bestraft+, weil er einen +anderen+ als den
-vorgeschriebenen Gottesdienst mitgemacht hatte!
-
-Einem anderen wurde +verboten, am Samstag zu seinem in der Nähe
-Münchens wohnenden Vater zu reisen+, um wenigstens einen Tag
-wöchentlich im Elternhause zuzubringen. Und das, wiewohl sich der Vater
-für den Besuch der dortigen Messe verbürgte! So blieb dem armen Jungen
-nichts anderes übrig, als erst nach dem sonntäglichen Gottesdienst zu
-fahren.
-
-Im Jahre 1906 mußten die Schüler eines Realgymnasiums +auf den
-zweitägigen Besuch der Landesausstellung in Nürnberg verzichten+, weil
-der Professor keine Bürgschaft dafür übernehmen konnte, daß seine
-Zöglinge an beiden Feiertagen die +Messe+ besuchen würden!
-
-Wie in der bayerischen Abgeordnetenkammer festgestellt wurde, gibt
-es in der Pfalz ein Gymnasium, das eine höchst sinnreiche Kontrolle
-der Schüler eingeführt hat. Jeder erhält eine +Karte+, ähnlich den
-Abonnements bei den Friseuren. Verläßt der Schüler die Kirche nach
-absolviertem Gottesdienst, dann wird die Karte +geknipst+!
-
-Und doch bestreitet der bekannte Staatsrechtslehrer Max von Seydel,
-daß hier ein Verstoß gegen die verfassungsmäßig garantierte
-Gewissensfreiheit vorliege. Das alles sei kein Zwang, denn niemand sei
-verpflichtet, sich der Staatsanstalten zu bedienen!
-
-Der Gelehrte vergaß, daß nicht jeder als Vanderbild geboren ist.
-
-Und doch ist das alles herzlichst zu begrüßen. Wird doch so eine
-Generation erzogen, die voller Begeisterung für die Trennung von Staat
-und Kirche eintreten wird.[177]
-
- *
-
-Doch nicht nur die Seelen müssen vor ketzerischem Gift bewahrt werden.
-Wem es ernst mit seiner Religion ist, wer weiß, was er ihr schuldet,
-der macht hier nicht halt. Er breitet die liebenden Arme der Mutter
-Kirche auch über -- +Würste+ aus. So lesen wir in einer im März des
-Jahres 1910 im Tauber- und Frankenboten, einem in Tauberbischofsheim
-in Baden erscheinenden ultramontanen Intelligenzblatt: »... +auch das
-kaufende Publikum soll darauf sehen, daß es seine Ware bei Bäckern,
-Metzgern und Kaufleuten in Zentrumsblättern eingepackt bekommt+.«
-
-Zum Verpacken der Würste mögen sich diese Geistesprodukte allenfalls
-noch eignen.
-
- *
-
-Im Jahre 1908 (das Jahrhundert ist zu beachten!) erschien im Verlage
-von Ludwig Auer in Donauwörth unter dem Titel »Die Ehe; eine
-Unterweisung über die sittlichen, religiösen und hygienischen Pflichten
-für Erwachsene, besonders für Braut- und Eheleute« ein Buch, das mit
-dem bischöflichen Imprimatur der Augusta Vindelicorum vom 13. Februar
-1908 (Generalvikar Dr. Göbl) versehen ist, in elfter Auflage.
-
-In diesem frommen Werke wird natürlich auch auf die Wichtigkeit der
-Nottaufe hingewiesen (S. 218 ff.), sowie auf die Maßregeln, die zu
-ergreifen sind, wenn ein Kind bei der Geburt zu sterben droht. Seine
-Seele muß doch davor bewahrt werden, ins Fegefeuer zu kommen!
-
-Jeder sogenannte Abgang, mag er noch so unförmlich sein und vielleicht
-auch gar keine Gestalt haben, ist nur ein verbildetes Menschenwesen und
-seine Seele ist für den Himmel bestimmt. Ist der Abgang der Fehlgeburt
-auch klein und weiß man auch nicht, ob das Wesen noch lebt, +so öffne
-man die dasselbe umgebende Hauthülle und tauche es in das Wasser+,
-wobei man die Taufworte spricht und die Bedingung beifügt: »Wenn du
-lebst.« Diese Nottaufe bewirkt +geistliche Verwandtschaft, die ein
-Ehehindernis bildet+!
-
-Wegen der Wichtigkeit des Gegenstandes wird die Schrift von J. Neth
-»Die Verwaltung des Priesteramtes« wörtlich zitiert. Sie lautet:
-
-»Wenn bei schweren Geburten zu besorgen steht, es möchte das Kind
-sterben, ehe es vollkommen geboren wird, und wenn es möglich wird,
-demselben mit Wasser beizukommen, so taufet es im Mutterleibe mittels
-einer Röhre oder Spritze, wie sie jede Hebamme haben soll, oder durch
-einen Schwamm, den ihr über das Kind im Mutterleibe auspreßt, und
-sprechet dabei die Worte: ›Wenn du der Taufe fähig bist, usw....‹
-Sollte es sich ereignen, daß nach gespendeter Taufe im Mutterleibe zwei
-oder mehrere Kinder zur Welt kommen, so daß man nicht weiß, welches
-von ihnen die Taufe im Mutterleibe empfangen habe, so müßt ihr jedes
-derselben bedingungsweise »Wenn du nicht schon getauft bist«...
-wiedertaufen«.
-
-Diese Anweisungen sind dem gewissenhaften Verfasser des Ehebüchleins
-anscheinend nicht ausführlich genug. Sein Geist (sit venia verbo!)
-treibt ihn daher, zu der bezeichneten Stelle des Textes folgende
-Anmerkung zu setzen, deren Wert nur der nicht zu würdigen versteht, der
-allen Christentumes bar ist.
-
-Sie lautet: »Das ist übrigens von Unkundigen kaum durchführbar. +Es
-müssen ja die das Kind umgebenden Eihäute zuerst zerrissen sein, damit
-das Taufwasser das Kind treffe und nicht die Eihäute.+ Da könnte man
-leicht eine Verletzung hervorrufen. Die Taufe im Mutterleibe, von nicht
-genau unterrichteten Personen vorgenommen, hat einen sehr zweifelhaften
-Wert, und ist +wohl nie Gewißheit gegeben, ob das Kind wirklich getauft
-ist+. Erst wenn der Kopf teilweise geboren ist, resp. sichtbar ist,
-kann er vom Schleim gesäubert werden und weiß man, daß das Taufwasser
-auch wirklich das +Kind+ trifft.«
-
- *
-
-Aber nicht nur fürs Seelenheil des präsumptiven Täuflings, auch für das
-Wohl der Mutter ist der gewissenhafte Autor besorgt, denn er gibt die
-hygienische Vorschrift: »Um die Gefahr einer Infektion zu vermeiden,
-muß das Wasser abgekocht und ganz rein sein; desgleichen das zur
-Verwendung kommende Instrument.«
-
-Welche Fülle von Frömmigkeit, gepaart mit weltlicher Weisheit, lebt
-doch unter uns! Aber in dieser gottlosen Zeit muß der wahre Christ
-das Tageslicht scheuen, damit dort glaubensloses Gesindel (†††)
-Unfug treibt und der christkatholischen Menschheit ein Dorn im Auge
-ist. Darum wählte der Verfasser die Anonymität. Schade, wir hätten
-ihn so gerne mit dem Höllentopographen Professor Bautz künftiger
-Heiligsprechung empfohlen.
-
-
-
-
-Achter Abschnitt
-
-Mein Reich ist nicht von dieser Welt
-
-
-So sagte Christus. Das Papsttum sagte es auch, war aber klug genug,
-anders zu handeln. Mochte es auch die sicherste Anwartschaft auf das
-Himmelreich in der Tasche haben, darum auf Erden leer auszugehen, fiel
-ihm nicht ein. Und man muß es vor allen den Päpsten in Avignon lassen:
-das Scheren der Lämmer hatten sie los.
-
-Da gab es zunächst das +Servitium commune+. Jeder Bischof oder Abt war
-zu dessen Zahlung bei Androhung schwerster Kirchenstrafen verpflichtet,
-ehe seine Bestätigungsurkunde ausgehändigt wurde. Diese Abgabe betrug
-den dritten Teil des Jahreseinkommens der Pfründe. Während die eine
-Hälfte in die päpstliche Kasse floß, gehörte die andere denjenigen
-Kardinälen, welche an dem Promotionskonsistorium teilgenommen hatten.
-
-Außerdem hatte jeder promovierte Bischof oder Abt +noch fünf servitia
-communia+ zu zahlen, von denen jedes von derselben Höhe war, wie der
-Betrag, welcher den einzelnen Kardinälen von der zweiten Hälfte des
-Servitium commune gebührte. Dieses belief sich im 14. Jahrhundert für
-Köln auf 10000, für Trier auf 7000 Kammergoldgulden. Die Gesamtsumme
-der für Köln zu zahlenden Servitia betrug etwa 11000, für Trier 7700
-Kammergoldgulden.
-
-Diese Servitia betrugen aber noch nicht einmal den größten Teil der
-für die Einholung der päpstlichen Bestätigung aufzuwendenden Gelder.
-Dazu kam das Geld für das +Pallium+ in der Höhe von mehreren hundert
-Dukaten, ferner für die Hin- und Rückreise des zu Bestätigenden
-oder seines Bevollmächtigten, für den Aufenthalt an der Kurie bis
-zur Bestätigung, für die Ausfertigung der Ernennungsbullen in den
-verschiedenen Ämtern der Kurie und für die Schenkung von Geldsummen
-oder Wertsachen an niedere und höhere Kurialbeamte bis hinauf zu den
-Kardinälen. So konnte die Erwirkung der päpstlichen Ernennung des
-jungen Walram zum Erzbischof von Köln 40000 Goldgulden, +über eine
-Million Mark+, kosten. Die Folge dieses Ausbeutungssystems der Kurie
-war natürlich, daß die deutschen Bischöfe des 13. und 14. Jahrhunderts
-mit seltenen Ausnahmen in ständiger Geldnot sich befanden. Denn meist
-starb der Bischof, bevor die Schulden für seine Bestätigung abgetragen
-waren, so daß die Diözese neben der Tilgung der alten Schulden neue für
-den neuen Herrn aufnehmen mußte.
-
- *
-
-Was für Bischöfe und reguläre Äbte die Servizien waren, das waren
-für den übrigen Klerus die +Annaten+. Sie bestanden darin, daß die
-+Hälfte des Einkommens des ersten Jahres+ der Kurie abgeführt wurde.
-Am 8. Dezember 1316 wurde diese Steuer zum ersten Male auf drei Jahre
-der Trierer und Kölner Diözese auferlegt, ohne dort viel Gegenliebe
-zu finden. Man drückte sich um sie wo man nur konnte und so war der
-Ertrag recht minimal. Deshalb wurden am 13. August 1327 noch durch neue
-Verfügung die sogenannten Interkalalfrüchte von der Kurie beansprucht.
-D. h. die während einer Vakanz fälligen Einkünfte aller an der Kurie
-vakant werdenden kirchlichen Benefizien werden der päpstlichen Kammer
-vorbehalten.
-
-Das genügte aber alles noch nicht der Geldgier des angeblichen
-Nachfolgers des armen Fischers Petri. So erklärte Klemens VI. auch die
-+Spolien+, d. h. den +beweglichen Nachlaß der Bischöfe und Äbte+ in
-einzelnen Fällen, wenn er nämlich vermutlich sehr groß war, für eine
-gute Beute der päpstlichen Kammer.
-
-Dazu kam noch der +Zehnte+, stellenweise durch den Zwanzigsten ersetzt
-oder das sogenannte Subsidium, d. i. eine bestimmte abgerundete
-Geldsumme, die der Bischof auf den Klerus innerhalb seiner Diözese zu
-verteilen, zu erheben und dann an die päpstliche Kammer oder an den
-betreffenden Kollektor der päpstlichen Kammer abzuführen hatte.
-
-Am 1. Dezember 1343 schrieb Klemens VI. einen dreijährigen und dann
-nochmals einen zweijährigen Zehnten aus, um das Geld angeblich zu
-einem Kriege gegen die Türken zu verwenden. Zur Ausführung kam dieser
-zwar nicht, aber das von Klemens aus dem Klerus erpreßte Geld setzte
-ihn in die angenehme Lage, dem französischen König über 700000 und
-seinen Verwandten über 100000 Kammergoldgulden, also zusammen +über
-zwanzig Millionen Mark+, leihen zu können. Allerdings kam es auch
-vor, daß der Klerus sich weigerte, sich diesem Ausbeutungssystem zu
-fügen. Schon 1265 hatte Klemens IV. die Verleihung aller am Sitze
-der Kurie erledigten kirchlichen Benefizien dem päpstlichen Stuhle
-vorbehalten. Diese Zahl schwillt während des zehnjährigen Pontifikats
-Klemens VI. zu tausenden an. Außerdem gab es noch +Exspektanzen+,
-entstanden aus Bitten und Empfehlungen von Päpsten des 12. Jahrhunderts
-für einzelne Personen zum Zwecke ihrer Versorgung mit einer Pfründe
-an die ordentlichen Kirchenoberen als deren Verleiher. Schließlich
-wurden aus den Bitten Befehle mit Strafandrohungen. Häufig ernannte
-der Papst einen Nachfolger zugleich mit den betreffenden Kollegien, so
-daß die Gegenkandidaten jahrelang prozessieren mußten. Die Sporteln
-beider vereinnahmte natürlich die Kurie, ohne sich weiter viel darum zu
-kümmern, wer in den Besitz der Pfründe kam.[178]
-
- *
-
-In welcher Weise das Avignonische Papsttum, der »strenge« und
-»ausgezeichnete« Innozenz VI., der »heiligmäßige« Urban V. und der
-»durch Klugheit ausgezeichnete« Gregor IX., Nachfolger des Mannes,
-der morgens nicht wußte, wo er abends sein müdes Haupt niederlegen
-sollte, mit dem Gelde schalteten, werden wir gleich sehen. Die Dummheit
-der Völker, die sich von einer prasserischen Geistlichkeit aussaugen
-ließen, war aber gewiß nicht geringer, als die Habsucht der Kurie.
-
-Am 3. Mai 1372 verlieh Gregor XI. dem von ihm ein Jahr vorher zum
-Kardinal ernannten Jakob Orsini eine Massenexspektanz für künftig
-erledigte Pfründen in den Patriarchaten Aquileja und Grado und in der
-Mainzer Kirchenprovinz bis zu einem taxmäßigen Jahresertrage von 4000
-Kammergoldgulden, deren Kaufkraft nach heutigem Gelde +über 100000 M.+
-entsprechen.
-
-Welche Pfründenmassen vier Kardinäle beim Ausbruch des Schismas 1378
-lediglich in England besessen haben, erfahren wir von einem von
-ihnen, Wilhelm d’Aigrefeuille. Sie bezogen jährlich nämlich 12000
-Kammergoldgulden, denen eine heutige Summe von +rund 350000 M. an
-Kaufkraft gleichkommt+. Allerdings war England ein besonders beliebtes
-Ausbeutungsobjekt, da hier, wie in Frankreich, die Geldwirtschaft
-völlig die Naturalwirtschaft verdrängt hatte, während in Deutschland
-im 14. Jahrhundert noch vorwiegend die Steuern etc. in Natura gezahlt
-wurden.[179]
-
-Außer dem Ertrage ihrer in verschiedenen Ländern der abendländischen
-Christenheit gelegenen Pfründen hatten die Kardinäle noch die Einkünfte
-ihrer römischen Titelkirchen, ferner die Hälfte der aus verschiedenen
-Ländern an den päpstlichen Stuhl zu zahlenden Zensusabgaben, die Hälfte
-der servitia communia und Einnahmen aus dem Ertrage der visitationes
-reales mancher Prälaten, sowie Anteile an mehreren anderen Einkünften
-des päpstlichen Stuhles.
-
-Diese Zensusabgaben, die allerdings gerade zur Avignonischen Zeit
-oftmals nicht eingeliefert wurden, waren sehr bedeutend. Die
-Beherrscher Neapels schuldeten einen Jahreszensus von 8000 Unzen Gold
-= 40000 Kammergoldgulden (ca. 1200000 M.) jährlich dem päpstlichen
-Stuhle, die Beherrscher der Insel Sizilien jährlich 3000 Unzen Gold.
-
-Was die servitia communia betrifft, zu deren Zahlung die neuernannten
-oder neu bestätigten Bischöfe und Äbte verpflichtet waren, so betrug
-1336 die von der päpstlichen Kammer vereinnahmte Hälfte -- die andere
-fiel ja an die Kardinäle -- über 30792 Kammergoldgulden. Im zweiten
-Pontifikatsjahre Klemens VI. waren es gar 59904 Kammergoldgulden, also
-ca. 1700000 M.! Das Durchschnittseinkommen der päpstlichen Kammer in
-den neun Jahren von 1336-1345 belief sich auf 48000 Kammergoldgulden
-jährlich und das war, wie gesagt, nur die Hälfte der servitia communia.
-
-Diese Summe verringert sich unter Innocenz VI. im Durchschnitt seines
-neunjährigen Pontifikates auf rund 33450 Kammergoldgulden jährlich. Da
-nun das Kardinalkollegium, wie gesagt, auf die gleiche Summe Anspruch
-hatte, die Zahl der am Sitze der Kurie weilenden Kardinäle unter diesem
-Papste aber im Durchschnitt 22 betrug, so kam im Jahresdurchschnitt
-auf jeden Kardinal allein an Servitiengeldern die Summe von etwa 1500
-Kammergoldgulden oder 45000 M. nach heutigem Gelde.
-
- *
-
-Das +Gesamteinkommen eines Kardinals+ betrug während der Regierung
-Klemens VI. und Innozenz VI. nach der aktenmäßig fundierten Berechnung
-Sauerlands +mindestens+ 4000-5000 Kammergoldgulden jährlich. Das
-Hirtenamt war also recht einträglich, denn nach unserem Gelde
-entspricht diese Summe einer Kaufkraft von 120000-150000 M. Mancher
-von ihnen wird aber jährlich eine +doppelt oder dreifach so große
-Summe vereinnahmt haben+. Das läßt sich beispielsweise aus dem
-Nachlaßinventar Hugo Rogers, des Bruders Klemens VI. erweisen. Am 20.
-September 1342 zum Kardinal ernannt, starb er am 21. Oktober 1363.
-Er war also 21 Jahre Kardinal. In seinem Nachlaß fand man 179186
-Goldmünzen und über 8000 Silbermünzen, also eine Geldmasse, deren
-damalige Kaufkraft einer heutigen Summe von etwa 6000000 M. gleichkommt.
-
-Diesem Oheim Hugo hatte dessen Neffe Peter, der mit 17 Jahren Kardinal
-und mit 39 Jahren Papst war (Gregor XI.) erfolgreich nachgeeifert. Sein
-Nachlaß enthielt außer dem Gold- und Silbergerät in barem Gelde 140503
-Goldgulden, die aber natürlich nicht der Christenheit oder den Armen,
-sondern seinem nahen Verwandten Reymond von Turenne als Haupterben
-zufielen.[180]
-
- *
-
-Sauerland hat festgestellt, daß im 14. Jahrhundert im Rheinland nicht
-weniger als 94 +Nichtpriester+ im Besitz von Pfarreien waren. Das
-schlug natürlich auch damals dem Kirchenrecht ins Gesicht. Während
-es häufig in den Urkunden heißt, daß dieser Zustand »viele Jahre«
-gedauert hat, gelang es dem Gelehrten, 38 Fälle genau festzustellen.
-Unter diesen findet sich in fünf Fällen die Dauer von 10 Jahren, in
-einem Fall 11 Jahre, in zwei Fällen 12 Jahre, in drei Fällen 13 Jahre,
-in einem Fall 14 Jahre, in zwei Fällen 16 Jahre, in einem Fall 19
-Jahre, in einem Falle aber sogar +26 Jahre+!! Es kam vor, daß +ein
-Nichtpriester einem ebensolchen folgte+!
-
-Unter den 38 Pfarrinhabern finden sich +ein Knabe von 6 Jahren+, einer
-von 10 Jahren, vier von 11 Jahren und ein Knabe von 14 Jahren.[181]
-
- *
-
-Nicht nur die +Söhne von Geistlichen+ erhielten durch päpstlichen
-Dispens mit der Priesterwürde die Pfründe, sondern auch ein
-+Nonnensohn+ wird genannt. An sich ist Vorurteilslosigkeit gegenüber
-der Herkunft gewiß kein Kulturkuriosum, aber merkwürdig ist, daß die
-angeblich so sittenstrenge Kirche daran keinen Anstoß nimmt.[182]
-
- *
-
-Ein schönes Beispiel für die Dimensionen, die zur Zeit des
-Avignonischen Papsttumes die Pfründenjagd einnehmen konnte, bietet der
-Dr. Regum Heinrich +Sudermann+, Angehöriger einer adeligen Dortmunder
-Patrizierfamilie. Er war Sekretär des in ständiger Geldnot befindlichen
-Kölner Erzbischofs Walram und erhielt von ihm für eine Anleihe von 500
-Goldgulden die bedeutenden Höfe der Kölnischen Kirche zu Hagen und
-Schwelm samt der dortigen erzbischöflichen Gerichtsgewalt verpfändet.
-
-Während der Regierung Benedikts XII., zwischen 1337 und 1340, erschien
-Sudermann viermal als erzbischöflicher Gesandter an der Kurie. Dafür
-erhielt er nur die Exspektanz für eine Kanonikatspfründe der Kölner
-Severinskirche, die im nächsten Jahre zu einer Exspektanz für eine
-höhere Pfründe derselben Kirche erweitert wurde. Das war gewiß nicht zu
-viel. Aber es sollte nicht alles bleiben.
-
-Unter der sechsjährigen Regierung Klemens VI. erhielt er eine
-Kanonikatswohnung, eine Kanonikatspfründe und die Scholastrie der
-Kölner Andreaskirche. Außerdem erwirkte er seinem Bruder Bertram
-Exspektanzen auf zwei Pfründen und ferner eine priesterliche
-Kanonikatspfründe der Kölner Domkirche. Für einen außerehelich
-geborenen Neffen Hermann erwirkte er päpstliche Dispens zum Empfang
-der Weihen und eine Pfründe oder eine Exspektanz, einem andern Neffen
-eine Exspektanz für eine Kanonikatspfründe der Soester Patroklikirche.
-Ferner erwirkte er zwei Angestellten bzw. Bekannten Pfründen.
-
-Später trat Suderman als Notar in päpstliche Dienste und wurde in
-wichtigen Geschäften viermal nach Deutschland geschickt. Dafür erhielt
-er für seine eigene Person noch drei Pfründen vom Papste, so daß er am
-Ende des Pontifikats Innozenz VI. im Besitze der Pfründen von Lüttich,
-Haslach, Maastricht, Xanten und St. Andreas in Köln sich befand. Sie
-warfen etwa 120 Mark Silber jährlich ab, die Mark Silber galt etwa
-fünf Kammergoldgulden, dessen Wert etwa zehn Mark, deren Kaufkraft
-damals aber zwei bis dreimal so hoch war wie heute, so ergibt sich eine
-Jahresrente von 12-18000 Mark. Das ist durchaus nicht übertrieben. Aber
-Suderman wirkte weniger für sich, als +für seine Verwandten, Freunde
-und Diener+.
-
-Das eine Mal erbittet er Pfründen bzw. Pfründenexspektanzen für +sechs
-Neffen und zwei Diener+, das andere Mal für +drei unehelich geborene
-Neffen+ je eine Exspektanz für eine höhere Pfründe, ein drittes Mal
-Pfründen und Exspektanzen für fünf Verwandte, ein viertes Mal fünf
-Pfründen und zwei Pfründenexspektanzen für sieben Neffen, ein fünftes
-Mal Pfründen und Pfründenexspektanzen für sechs Verwandte, Gehilfen
-und Diener und ein sechstes und letztes Mal elf Pfründenexspektanzen
-für elf Neffen. Onkels von heute, nehmt euch ein Beispiel an diesem
-edlen Manne, der während der Regierung Innozenz’ VI. nicht weniger als
-+56 päpstliche Verleihungen von Pfründen und Exspektanzen für andere
-erwirkte+!
-
-Hier lernten wir ein Musterbild eines vornehmen Kurialen der Avignoner
-Papstzeit kennen, der für sich wenige, aber fette Pfründen erwirbt,
-aber möglichst viel für seine Verwandten und Diener zu erwerben
-trachtet und versteht. Was Nepotismus ist, dürfte nunmehr jeder
-wissen.[183]
-
- *
-
-Doch was will der Nepotismus eines Kurialbeamten des 14. Jahrhunderts
-bedeuten gegenüber dem des Papstes Sixtus IV. und seiner Nachfolger! Er
-wurde nie, weder vorher noch nachher, so rücksichtslos betrieben. Er
-war das Prinzip aller Handlungen dieses Statthalters Christi.
-
-Im Jahre seiner Papstwahl noch, 1471, machte er zwei Neffen, +Pietro
-Riario+, den man für seinen Sohn hielt, und Julian Rovere, nachmals
-Julius II., junge Menschen niederer Abkunft, weder durch Verdienst
-noch Talent ausgezeichnet, zu Kardinälen. Dessen ungeachtet erhielt
-Pietro die Würden eines Patriarchen von Konstantinopel, eines
-Erzbischofs von Sevilla, Florenz und Mende und so viele Benefizien, daß
-sich sein Einkommen auf 60000 Goldgulden belief. In den zwei Jahren,
-die dieser Parasit noch zu leben hatte, bis Reichtümer und Leben
-vergeudet waren, stürzte sich Riario in die sinnloseste Schwelgerei.
-Seine Feste übertrafen an Verschwendung alles je Dagewesene. +Seine
-Nachttöpfe waren aus vergoldetem Silber!+ Der erbärmliche Mensch starb,
-erst 28 Jahre alt, nachdem er 200000 Goldgulden (ca. acht Millionen
-Mark!) verpraßt hatte, mit Hinterlassung großer Schulden. Er war
-mächtiger gewesen als der Papst![184]
-
- *
-
-Die kirchlichen Zustände im 14. Jahrhundert werden am Beispiel
-des Erzbischofs Walram von Köln deutlich. Um das Jahr 1315,
-+als zwölfjähriger Knabe+, hatte er bereits eine Kölner
-+Domkanonikatspfründe+ erhalten, noch bevor ihm die Tonsur erteilt
-worden war. In seinem 23. Lebensjahre erhielt er dazu die Propstei
-der Maastrichter Stiftskirche S. Servatii, eine Sinekure, sowie die
-Thesaurarie der Kölner Domkirche, obschon er damals für beide Würden
-noch nicht das kanonische Alter hatte. Nachdem er dieses erreicht,
-verlieh der Papst ihm noch die Propstei der Lütticher Domkirche, eine
-Kuratdignität, samt einer dortigen Domkanonikatspfründe und gestattete
-ihm den Fortbesitz der Maastrichter Propstei. Weil er aber unterlassen
-hatte, wegen der beiden erstgenannten Dignitäten den vorgeschriebenen
-kanonischen Dispens wegen mangelnden Alters einzuholen, war er der
-kirchlichen Strafe der Infamie und der Unfähigkeit zum Erwerb und
-Besitz kirchlicher Pfründen verfallen. Doch die päpstliche Lossprechung
-von diesen Kirchenstrafen und kanonische Wiedereinsetzung in die
-Kirchenpfründen wurde ihm unterm 30. September 1330 zuteil.
-
-Zugleich schrieb ihm der Papst vor, bis zum nächsten Osterfest
-(1331) die für die Lütticher Dompropstei kanonisch erforderliche
-Subdiakonatsweihe und dann binnen dreier Jahre die dafür ebenfalls
-erforderliche Diakonats- und Priesterweihen sich erteilen zu
-lassen. Walram versäumte die erste Pflicht und erfüllte auch die
-Residenzpflicht nicht. Deshalb verfiel er neuerdings den vorgenannten
-Kirchenstrafen. Doch erhielt er am Ostermontag 1331 die päpstliche
-Lossprechung und zugleich die Erlaubnis, den Empfang der Diakonats- und
-Priesterweihe noch drei Jahre lang aufzuschieben. In der Zwischenzeit
-hatte Walram am 21. Oktober 1328 Titel und Vorrechte eines päpstlichen
-Kaplans erhalten.
-
-Diese, wenigstens nach heutigen Begriffen, nicht ganz normale
-Lebensgeschichte war aber noch lange nicht zu Ende. Am 27. Januar
-1332 wurde nämlich Walram zum Erzbischof von Köln ernannt. Da er aber
-das vom kanonischen Recht für einen Bischof erforderliche Alter noch
-nicht erreicht hatte, was dem Papste verschwiegen worden war, so war
-die Ernennungsurkunde ungültig und mußte durch eine neue gültige
-Ausfertigung, die das Datum des folgenden Tages trägt, ersetzt werden.
-
-Der noch nicht dreißigjährige Erzbischof hatte erst die sogenannten
-niederen Weihen erhalten. Deshalb bekam er vom Papste die Erlaubnis,
-binnen dreier Jahre sich die drei höheren Weihen von einem beliebigen
-Bischof erteilen zu lassen.
-
-Diese ganze abenteuerlich klingende, aber durchaus nicht vereinzelte
-Geschichte findet ihre Erklärung darin, daß Walram von seinem Bruder,
-dem Grafen Wilhelm von Jülich, dem Neffen des französischen Königs,
-protegiert worden war. Dieser hatte dem Papst als Entgeld für
-seine Bereitwilligkeit in der Ernennungsangelegenheit das eidliche
-Versprechen gegeben, dem päpstlichen Stuhle zeitlebens treu und ergeben
-zu bleiben und ein Widersacher Ludwigs des Bayern und anderer Gegner
-des Papsttums zu sein.
-
-Außerdem war die Sache für Wilhelm auch nicht billig. Sie hatte nämlich
-40000 Goldgulden gekostet, also etwa 1200000 Mark nach heutigem
-Geldwert!
-
-Daß das Erzbistum diese Summe wieder aufbringen mußte, ist
-selbstverständlich. Aber das ging nicht glatt. Vielmehr sah sich
-Walram gezwungen, aus Gründen der Sparsamkeit das hochverschuldete
-Erzstift, dessen wichtigste Besitzungen verpfändet waren, zu verlassen
-und seine Verwaltung fremden Personen anzuvertrauen. Er wanderte mit
-wenigen Begleitern nach Frankreich, wo er nach 17jähriger nicht eben
-glorreicher Verwaltung der hohen Würde am 14. August 1349 in Paris
-starb.[185]
-
- *
-
-Wie wenig Rücksicht die Avignonischen Päpste auf die materielle
-Wohlfahrt der Kirchenprovinzen legten, geht schon aus der einzigen
-Tatsache schlagend hervor, daß der Nachfolger Walrams, Wilhelm von
-Genepe, sich verpflichten mußte, Klemens VI. 30000 Goldgulden zu
-zahlen.[186]
-
- *
-
-Auch heute noch scheint der geistliche Beruf recht einträglich zu
-sein, wie aus der in »Reynolds Newspaper« (6. Januar 1907) enthaltenen
-Zusammenstellung von Hinterlassenschaften von Klerikern im Jahre 1906
-aus England hervorgeht.
-
-233 testamentarische Hinterlassenschaften mit in Summa 5638073 £, im
-Durchschnitt pro Person 23933 £ werden hier notiert.
-
-+10 überstiegen 2 Millionen Mark+: Rev. Sir Richard Fitzherbert, Rektor
-von Warshop = 530548 £. Rev. J. H. Godber, Kanonikus von Southwell =
-218506 £. Jeder dieser 10 hinterließ im Durchschnitt 179121 £.
-
-Die 9 Bischöfe, deren Testament im Jahre 1901 veröffentlicht wurde,
-hinterließen im Durchschnitt je 24332 £, also etwa eine halbe Million
-Mark.
-
-
-
-
-Neunter Abschnitt
-
-Klerus und Sittlichkeit
-
-
-Gegen den ersten Band dieses Buches ist von ultramontanen Blättern der
-Vorwurf erhoben worden -- natürlich ohne auch nur den Gegenbeweis,
-der völlig aussichtslos gewesen wäre, zu versuchen --, daß ich die im
-mittelalterlichen Klerus herrschende Unsittlichkeit stark übertrieben
-hätte. Nun liegt mir nichts ferner, als zu bestreiten, daß es zu allen
-Zeiten und überall sittenstrenge und edle Menschen gegeben habe und daß
-auch die katholische Geistlichkeit solche stets in ihren Reihen zählte.
-Wohl aber ist es grundfalsch, ihnen eine höhere Moral zu imputieren. Im
-Gegenteil waren im Mittelalter und besonders vor der Reformation dort
-häufig Zustände zu finden, die man kaum irgendwo in einer Gesellschaft,
-die nur einigermaßen auf gute Sitten Anspruch erheben möchte, antreffen
-dürfte.
-
- *
-
-Der ultramontane Historiker Janssen hielt die Unsittlichkeit des
-Klerus vor der Reformation für kaum der Erwähnung wert und führt die
-Verwilderung in tendenziöser und die Tatsachen auf den Kopf stellender
-Weise auf die Reformation zurück. Mag diese große Geistesbewegung auch
-viele Schattenseiten im Gefolge gehabt haben, so wird die Gerechtigkeit
-ihr doch zum mindesten eine Besserung der öffentlichen Sittlichkeit
-zubilligen müssen.
-
- *
-
-Ein anderer Gesinnungsgenosse Janssens, H. Finke, im übrigen ein
-vortrefflicher Historiker, hat zum mindesten Schleswig-Holstein und
-Westfalen für die Länder erklärt, die von der sittlichen Verwilderung
-der Zeit verschont geblieben seien[187], eine Behauptung, die Pastor
-nicht nur übernimmt, sondern in seiner Bearbeitung des Janssenschen
-Werkes noch erweitert.[188] Unter diesen Umständen ist es besonders
-amüsant, die Zustände +Westfalens+, also des vorgeblichen +sittlichen
-Musterlandes+, kennen zu lernen.
-
-Es handelt sich um einen offiziellen Bericht des Fiskalprokurators
-Friedrich Turken, also eines Geistlichen, am Kölnischen Offizialgericht
-in Werl an den Siegler des Offizialgerichts in Köln vom Jahre 1458.[189]
-
-Das Dokument ist mithin völlig einwandfrei und nicht, wie man glauben
-möchte, die gehässige Streitschrift eines Satirikers.
-
-Zunächst werden Verstöße gegen die äußere kirchliche Ordnung
-festgestellt, widerrechtliche Abhaltung des Gottesdienstes, Ausfall
-der Messe bis zu 14 Tagen, Simonie, gehässige Verweigerung des
-Beichtstuhls, Spendung des Abendmahls an Exkommunizierte, und zwar
-bewußt und aus Dreistigkeit. In Rüthen werden zwei Vikariate gegründet,
-nur damit der Pfarrer als +Vagabund+ leben kann.
-
-Ferner wird konstatiert, daß die Geistlichkeit sich nicht nur an
-Wein- und Getreidehandel beteiligt -- und zwar trotz Wohlstandes
-aus purer Gewinnsucht --, sondern daß der Klerus allgemein Zins-
-und Wuchergeschäfte macht. Der Pfarrer in Rüthen erhält von einem
-Sterbenden um der Absolution und der Exsequien willen +alle Güter
-vermacht+, hat ihn dann aber +weder absolviert, noch kirchlich
-bestattet+. Die fünfjährige Tochter des Verstorbenen ist dadurch
-gezwungen, sich von Almosen zu nähren.
-
-Der Gewinnsucht ebenbürtig ist die +Schimpfwut+ und +Gewalttätigkeit+.
-Das Dokument führt die Schimpfworte genau an. Uns interessiert mehr die
-Tatsache, daß ein Pfarrer den +Schulmeister vor dem Altar »im Angesicht
-des ewigen Gottes« verprügelt+, oder daß der von Flierich +seine eigene
-Mutter mißhandelt+, oder daß ein anderer in Schwerte mit Bürgern ein
-+Messerstechen+ veranstaltet. Bei demselben wird für die Fastnacht die
-Teilnahme an einem Turnier getadelt.
-
-Harmloser ist das wilde Jagen der Geistlichkeit bis zu reinem
-Vagabundenleben, nicht schön der Wirtshausbesuch mit Betrunkenheit,
-Erbrechen und Übernachten auf der Straße. Am wenigsten erfreulich die
-geschlechtliche Unsittlichkeit. Das Protokoll enthält +fünf Fälle
-von Konkubinaten der Pfarrer mit verheirateten Frauen, deren Männer
-noch leben+. Einmal wird die Frau gegen die ausdrückliche Reklamation
-des Mannes vom Pfarrer +zurückbehalten+, ein Mandat des Erzbischofs
-bleibt gänzlich wirkungslos. Daneben erscheinen +Prostituierte im
-Umgang mit Pfarrern+, so scheint das Leben des Kaplans Heinrich Jummen
-in Werl sich -- und zwar +ganz öffentlich+ -- überhaupt vornehmlich
-in diesen Kreisen zu bewegen. Das Benehmen dieses Seelenhirten wird
-im Dokument bis herab zu den Wechselreden im Frauenhause mit einer
-Laszivität geschildert, die nur mit der Faszetienliteratur verglichen
-werden kann. Der Pfarrer in Altenrüthen hat +eine Ehefrau und zwei
-Ledige mißbraucht+, im Nachbardorfe Rüthen aber +gar drei Ehefrauen und
-eine Ledige, in Elsey zwei Ledige+. Förmliche Schlägereien zwischen
-Konkubinen um einen Pfarrer kommen vor. Der Aplerbecker veranstaltet
-eine große Gasterei zur +Hochzeit seiner Tochter+. +Dieselbe Konkubine
-dient gleichzeitig und auch nacheinander verschiedenen Geistlichen.+
-Übrigens muß sich auch die Breslauer Diözesansynode von 1440 gegen das
-Konkubinat mit Ehefrauen wenden. Die Eichstädter Diözesansynode von
-1453 aber sieht sich ausdrücklich zur Festsetzung veranlaßt, daß +auch
-simplex fornicatio eine Sünde sei+. Man war also bisher zumeist anderer
-Ansicht.
-
- *
-
-Papst Gregor XII. erließ im Jahre 1308 eine Bulle, in welcher die
-Zustände in einer großen Anzahl von Benediktinerinnenklöstern der
-nordwestdeutschen Diözesen Bremen, Münster und Utrecht dargestellt
-werden.
-
-Nachdem der Papst festgestellt hat, daß fast jegliche Religion
-und Beachtung der Ordensregel abhanden gekommen sind, dafür aber
-Fleischeslust und Laster regierten, fährt er fort:
-
-»Sie selbst, aus weltlichem Stande und Leben hervorgegangen,
-nehmen bisweilen ihre Konkubinen oder Kebsweiber, die sie, wie
-vorausgeschickt, im weltlichen Stande gehalten hatten, sogar mitsamt
-den Kindern, die sie mit den Kebsweibern gezeugt hatten, mit sich in
-die vorgenannten Klöster, in die sie aufgenommen wurden, und halten
-und begünstigen sie in ihnen ganz öffentlich, wie sie es früher getan
-hatten, als sie noch selbst in weltlichem Stande gelebt hatten, und
-scheuen sich nicht, die Messe und andere heilige Ämter zu feiern,
-ohne von solchen Verbrechen absolviert zu sein. Es huren auch viele
-Nonnen mit ihren Prälaten, Mönchen und Geistlichen herum und gebären in
-denselben Klöstern viele Söhne und Töchter, die sie von den gleichen
-Prälaten, Mönchen und Geistlichen durch Hurerei oder blutschänderischen
-Beischlaf empfangen haben.
-
-Die Söhne aber machen sie zu Mönchen, die auf dieselbe Weise
-empfangenen Töchter aber häufig zu Nonnen in den genannten Klöstern.
-Und was bemitleidenswert ist: viele dieser Nonnen vergessen
-ihre mütterliche Liebe und treiben, indem sie Böses durch Böses
-noch vermehren, ihre Frucht ab und töten die zutage geförderten
-Kinder....«[190]
-
- *
-
-Im Jahre 1423 berief Erzbischof Otto von Ziegenhain eine
-Provinzialsynode, auf der die Sittenzustände im Klerus der Trierer
-Kirchenprovinz folgendermaßen geschildert werden:
-
-»Wiewohl aber gegen jene bereits geweihten Kleriker, die notorisch
-Konkubinen bei sich halten oder andere verdächtige Weiber viele neue
-und alte Gesetze erlassen sind und mehrere bestraft wurden, haben doch
-viele heutige Kleriker keine Achtung vor den genannten Strafen, sondern
-sie entehren sich, indem sie diese verruchte Sünde begehen. Daraus
-entsteht viel Ärgernis, und aller Wahrscheinlichkeit nach würde es noch
-mehr sein, wenn nicht Vorkehrungen getroffen würden.«
-
-Daraufhin erließ die Provinzialsynode den Befehl, daß kein Presbyter
-oder Kleriker eine Konkubine oder eine verdächtige Weibsperson in
-seinem Hause habe. Habe er aber eine solche bei sich, so müsse er
-sie binnen zwölf Tagen »+tatsächlich und mit Erfolg entfernen und
-entlassen+«.
-
- *
-
-An solchen Schilderungen von authentischer Seite ist kein Mangel.
-Bemerkenswert ist noch das 17. Kapitel der Kölner Diözesansynode vom
-Jahre 1307, das über Vorfälle in Nonnenklöstern berichtet:
-
-»... viele Nonnen unserer Stadt und geheiligten Diözese werden
-geschändet, und wenn sie so geschändet sind, von diesen (Verführern)
-aus ihren Klöstern entführt und zur großen Gefahr ihrer Seelen und
-vielem Ärgernis öffentlich abspenstig gemacht. Die so Ferngehaltenen
-werden durch die nämlichen bisweilen durch Listen, häufig durch
-Drohungen und Gewalt, ihren Klöstern wieder zurückerstattet.
-
-Die Nonnen selbst aber, die so gehalten sind, werden, um nicht durch
-ihre Straflosigkeit zu Ähnlichem zu verführen, durch die Äbtissinnen,
-Lehrerinnen oder Priorinnen und die Konvente ihrer Klöster nicht anders
-wieder aufgenommen, als auf Grund einer Karzerstrafe,... bis sie durch
-uns... der Wiederaufnahme.. würdig erachtet werden.«
-
-Im Jahre 1371 mußte in Köln ein gleicher Befehl erlassen werden.[191]
-
- *
-
-Die gleiche Kölner Synode sah sich auch veranlaßt, in ihrem 15. Kapitel
-ausdrücklich den Klerikern zu verbieten, in ihren Testamenten über die
-+Einkünfte des sogenannten Gnadenjahres+, das ist des ersten Jahres
-nach ihrem Tode, dessen Einkünfte ihnen noch zukamen, +zugunsten ihrer
-Konkubinen und ihrer unehelichen Kinder zu verfügen+.
-
-Zu Beginn des 14. Jahrhunderts kam es soundso oft vor, daß Mönche
-und Nonnen aus ihren Klöstern aussprangen und dann nach Aufgabe der
-Ordenskleidung und Ordenszucht als Weltleute lebten. Daß relativ nicht
-viel urkundliches Material uns erhalten ist, hat seinen Grund darin,
-daß nur solche Fälle zu unserer Kenntnis gelangen, in denen diese
-Ordenspersonen später ihre Flucht aus dem Kloster +bereuten+ und die
-+Wiederaufnahme+ begehrten. Nur wenn sie die Hilfe des Papstes dazu
-in Anspruch nahmen, besitzen wir die einschlägigen Dokumente. Wie
-häufig jedoch tatsächlich diese Fahnenflucht war, erhellte daraus, daß
-Papst Benedikt XII. sich veranlaßt sah, eine besondere Konstitution zu
-erlassen.[192]
-
- *
-
-Die sogenannten Strafakten des Marienburger Ordenshauses enthalten
-mehrere Fälle, wo die Deutschen Herren unter dem Deckmantel der Beichte
-und Buße systematisch Verführung von Frauen und Jungfrauen, ja sogar
-gewaltsame Schändung von neun- und zwölfjährigen Mädchen verübt hatten.
-Der Ordensmeister Jungingen sah sich veranlaßt, Verbote zu erlassen,
-daß +kein weibliches Tier, weder Stute, noch Eselin, noch Hündin, im
-Ordenshause gehalten werden dürfe+. Ähnliche Verbote bestanden auch
-für die Klöster auf dem Berge Athos. In Rom mußten sie gar noch in den
-dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts erneuert werden!!!
-
-Wiewohl nun die Ordensritter in Marienburg ein wohleingerichtetes
-Frauenhaus unterhielten, liefen doch häufig Beschwerden von Bürgern
-ein, daß ihre Frauen und Töchter mit Gewalt aufs Schloß geschleppt und
-dort bis zur Mißhandlung gemißbraucht wurden.[193]
-
- *
-
-Klemens VI. hat im ersten Jahre seines Pontifikats 1342 sieben Trierer
-und dreizehn Kölner, die unehelich von Priestern erzeugt worden
-waren, dispensiert, so daß sie Priester werden konnten. In den Jahren
-1335-1342 war dieser Dispens 9 Priestersöhnen der Diözese Metz, 17
-ebensolchen der Diözese Trier, 20 der Diözese Köln und 36 der Diözese
-Lüttich erteilt worden. Im ganzen absolvierte Klemens im gleichen Jahre
-484 +Priestersöhne+ nach Ablegung eines Examens. Bedenkt man nun, daß
-selbstverständlich nicht jede Bitte um Dispens erfüllt wurde, daß doch
-nicht jedes Kind eines Priesters ein Sohn ist, nur ein Bruchteil das
-entsprechende Alter erreicht und doch gewiß nicht die Mehrheit gerade
-den Priesterberuf wählte, der eines besonderen päpstlichen Dispenses
-bedarf, also der einzige ist, den zu ergreifen diese Herkunft de jure
-ausschließt, so wirft das alles auf die Art, in welcher das Zölibat
-gehalten wurde, ein grelleres Licht, als die noch so drastischen
-Exklamationen der Sittenprediger und Chronisten.
-
- *
-
-Von unbedingt kompetenten Beurteilern liegt für die nordischen Länder
-ein Bericht des päpstlichen Notars und Abbreviators Dietrich von
-Nieheim (»Nemus Unionis«) vom Jahre 1408 (abgedruckt bei Sauerland S.
-298 f.) und für Spanien und Süditalien des päpstlichen Pönitentiars
-Alvar Pelajo vom Jahre 1332 in seiner Schrift »De planctu ecclesiae«
-(abgedruckt eb. S. 297 f.) vor. Das von beiden unverdächtigen Zeugen
-gefällte Urteil entspricht völlig den aus der Statistik gezogenen
-Schlüssen. Nieheim stellt z. B. ausdrücklich fest, daß es den
-norwegischen Presbytern und Bischöfen +nach heimischer Sitte freistand,
-öffentliche Konkubinen zu halten+. Dabei waren diese weiblichen
-Personen +ganz und gar nicht gering geschätzt+, sondern nahmen geradezu
-am Range ihres Freundes teil. Daß Priester niederen Ranges, die das
-Zölibat hielten, ja, die ohne Konkubine lebten, nicht die Regel,
-sondern die Ausnahme bildeten, verstände sich von selbst, auch wenn es
-nicht ausdrücklich berichtet würde.[194]
-
- *
-
-Als der päpstliche Vikar unter Sixtus IV. den Geistlichen und Kurialen
-verbot, sich Konkubinen zu halten, +tadelte der Papst ihn deshalb
-heftig und hob das Verbot wieder auf+. Er motivierte es damit, daß man
-kaum einen Priester ohne Konkubine fände. »Und aus diesem Grunde wurden
-die Prostituierten gezählt, die damals in Rom öffentlich waren, um ein
-wahrheitsgetreues Bild zu gewinnen und die Zahl der Prostituierten auf
-6800 festgestellt, abgesehen von jenen, die im Konkubinat leben und die
-nicht öffentlich, sondern im geheimen zu fünft oder sechst ihre Künste
-ausüben, desgleichen jener, die einen einzigen oder mehrere Kuppler
-haben. Daran kann man erkennen -- schreibt Infessura --, wie in Rom
-gelebt wird, wo das Haupt des Glaubens wohnt, und wie der heilige Staat
-regiert wird.«[195]
-
-Berücksichtigt man, daß Rom damals kaum 70000 Einwohner hatte, so läßt
-sich der Prozentsatz der Prostituierten etwa folgendermaßen berechnen:
-Ziehen wir ein Drittel der Einwohner -- sehr mäßig gerechnet -- als
-Kinder und Greise ab, so bleiben etwa 45000, nehmen wir an, die Hälfte
-davon sei weiblich gewesen, dann war +jede vierte weibliche Person eine
-Prostituierte, ohne Rücksicht auf die im Konkubinat lebenden+![196]
-
- *
-
-Wir besitzen aus den Jahren 1519-1521 für ein kleines Gebiet der
-Mainzer Erzdiözese Taxlisten, in denen die Höhe der Strafe für die
-einzelnen Delikte von Priestern festgesetzt ist.
-
-Der Bordellbesuch von Priestern wird von allen Vergehen am niedrigsten
-eingeschätzt, nämlich im Durchschnitt auf 16 sol. Ehebruch kostet
-schon 30, Inzest 88 sol. Gegenüber dieser niedrigen Bestrafung von
-Fleischessünden, die ein vernichtendes Urteil über die kirchliche
-Moral nicht nur gestattet, sondern fordert, werden Verstöße gegen die
-kirchliche Ordnung überaus hoch bestraft.
-
-Unkanonische Amtsführung kostet 29 sol., Nichtbeachtung der
-Residenzpflicht 44, Begräbnis eines Exkommunizierten aber 240 sol.
-Also war in den Augen der mittelalterlichen Kirche +die Sünde, einen
-Exkommunizierten ehrlich zu bestatten und damit praktisches Christentum
-zu üben, fast dreimal so schwer wie die der Blutschande, während man um
-dasselbe Geld sich als Priester acht Ehebrüche leisten konnte+.
-
- *
-
-Diese kulturhistorisch außerordentlich wertvolle Strafliste erstreckt
-sich auch auf Laien. So kostet eine +Übertretung des Fastenverbotes
-gerade doppelt so viel als ein Ehebruch+.
-
-Die Jahresrechnungen des Kölner Offizialatgerichtes in Werl aus den
-Jahren 1495-1515 ergeben ein ähnliches Bild. Denn die höchste der
-hier vorkommenden Strafen, nämlich 31 fl. 2 ß ist auf Celebratio
-in suspensio gelegt, während zwei schwere Inzestfälle nur mit 19
-fl. 5 ß oder 20 fl. 8 ß geahndet werden, ein anderer gar nur mit 14
-fl. Ein doppelter Unzuchtfall erhält die Strafe von 3 fl. 5 ß. Sehr
-billige, geradezu Tietzpreise, erzielten einfache Unzuchtfälle. Sie
-bleiben massenhaft überhaupt unter dem Satze von 1 fl. Ehebruch war
-kostspieliger, denn die Strafe von 3 fl. 9 ß wird mit der Armut des
-Inkulpaten motiviert.
-
- *
-
-Teuer waren dagegen Verstöße gegen die Kirchenordnung: der Laie,
-der seinen Priester hintergeht und trotz seiner Exkommunikation das
-Abendmahl nimmt, erhält eine Strafe von 2 fl. 6 ß, der Priester aber,
-der ihm ahnungslos das Abendmahl reicht, 6 fl. 5 ß.
-
-Während ein Laie, der, ohne es zu wissen, eine Verwandte vierten Grades
-geheiratet hat, einer Buße von 3 fl. 9 ß unterworfen wird, kommt ein
-+Priester, der mit einem Schulmädchen in seinem Hause Unzucht treibt,
-schon mit 1 fl. durch+.
-
-Auch in dem 1517 in Rom gedruckten Taxenbuch wird Zulassung eines
-Exkommunizierten zum Gottesdienst schwerer bestraft, wie Inzest. Ganz
-ähnlich übrigens schon die berühmten Dekretalien des Bischofs Burchhard
-von Worms († 1025). Man vergleiche das 19. Buch dieses Werkes (Pariser
-Ausgabe von 1549, S. 262 ff.).
-
-Zweifelt noch jemand, daß es der Kirche vor der mit so viel Fanatismus
-und Borniertheit bekämpften Reformation keineswegs so sehr um Hebung
-der Sittlichkeit, als um Erzwingung äußerlicher disziplinärer
-Unterordnung zu tun war? Denn diese Taxen, die jeder Moral ins Gesicht
-schlagen, sind nicht etwa von irgendwelchen lokalen Gewalten, sondern
-von der offiziellen Kirche festgesetzt worden.
-
-Dazu gibt es noch eine ganze Reihe von Beispielen, daß diese milden
-Strafen gegen Geistliche nicht verhängt wurden. Daher existierte ein
-Sprichwort: Wer ohne Strafe leben will, der werde Kleriker.
-
- *
-
-Als die Camminer Synode von 1454 die Vertreibung der Konkubinen binnen
-zwölf Tagen bei einer Strafe von 10 Mark Silbers gebietet, vergißt
-sie nicht den Zusatz: »+es sei denn, sie würden aus gerechten und
-vernünftigen Gründen von uns geduldet+«!!!
-
- *
-
-Nach Aussagen Kölner Pfarrer von 1484 über die Behandlung homosexueller
-Vergehen ergibt sich, daß die Geistlichen es bisweilen überhaupt
-unterließen, kirchliche Strafmittel anzuwenden. Die kirchlichen
-Behörden hatten es eben vielfach aufgegeben, sich dem Sittenverfall
-entgegenzustemmen. Das war eine natürliche Folge der aszetischen
-Grundtendenz der Kirche, die im unüberbrückbaren Widerspruch zum
-Leben stand. Die Kirche war einfach ratlos gegenüber der allgemeinen
-sittlichen Auflösung, die eintreten muß, wenn Unmögliches gefordert
-wird.
-
- *
-
-Da die Kirche trotz zahlloser, im 15. Jahrhundert zur Schärfung
-des Gewissens der Geistlichkeit abgehaltener Provinzial- und
-Diözesansynoden, trotz Klostervisitationen und glühenden
-Volkspredigern kein nennenswertes Resultat erzielte, sahen sich
-vielfach die weltlichen Fürsten genötigt, die Reinigung des geistlichen
-Standes vorzunehmen. So ordnet Herzog Wilhelm von Jülich am 2. August
-1478 die Vertreibung der »pfaffenmede« an.[197]
-
- *
-
-Die Freunde Zwinglis verfaßten 1522 einen »Kommentar«, in dem sie gegen
-den Bischof Hugo von Hohenladenberg, der von 1496-1529 den Krummstab
-über Konstanz führte, die schwersten Vorwürfe erhoben. So, daß er
-früher 4, jetzt 5 Gulden Strafe für jedes illegitime Priesterkind
-erhebe. Das war auch der Grund, weshalb er gegen die Eheforderung der
-Priester war, denn er wollte auf eine so reiche Einnahmequelle nicht
-verzichten. Sollen doch in einem einzigen Jahre in seiner Diözese nicht
-weniger als 1500 Priesterkinder geboren worden sein, von denen er also
-nach dem alten Satz 6000, nach dem erhöhten aber 7500 Gulden Strafgeld
-bezog! Habe einer eine Konkubine oder nicht, so sage man ihm: »Was geht
-dies meinem gnädigen Herren an, daß du keine hast? Warum nimmst du
-nicht eine?« +Das Geld mußte auf alle Fälle erlegt werden.+
-
-Selbst wenn in dieser Schrift eine Übertreibung untergelaufen sein
-sollte, so ist es doch bezeichnend, daß die Zeitgenossen das von ihrem
-Seelenhirten für glaubhaft hielten, und der Rat der Stadt Zürich
-amtlich in einem Aktenstück festgestellt, »daß die Bischöfe Geld nehmen
-und den Pfarrkindern ihre Metzen lassen«.[198]
-
- *
-
-Der Erfolg der landesherrlichen Eingriffe, die besonders seit dem
-Trientiner Konzil sich mehrten, war aber sogar noch im 17. Jahrhundert
-keineswegs groß, selbst nicht in Bayern, das sich heute mit gerechtem
-Stolz rühmen darf, Deutschlands größte Dunkelkammer zu besitzen.
-Das Konkubinat der Priester war noch keineswegs ausgerottet und die
-Zahl der Priesterkinder groß. Der durchaus klerikale Schriftsteller
-Albertinus schreibt sehr vielsagend über die Sittlichkeit unter
-Maximilian I. von Bayern (gest. 1650), daß durch die +Menge+ der Sünder
-die Sünde nicht geringer werde. Damals wurde im Rendamt Landshut,
-das aber sittlich höher stand als Burghausen, eine ganze Reihe von
-Geistlichen aufgeführt, denen Verführung von Dienstboten, Mißbrauch
-des Beichtstuhls, Notzuchtsversuche, Körperverletzungen etc. zur
-Last fielen. Von den Konventualen zu Osterhofen heißt es, daß sie
-nächtlicherweile viel auslaufen und sich an leichtfertige Weibspersonen
-hängen.[199]
-
- *
-
-Die »Newe Zeitunge von der Römischen Kayserlichen Mayestet Legation gen
-Rom zum new erwehlten Papst, im jetzigen Jar, nach weihnachten 1560. in
-4^o« bringt folgenden erbaulichen Stimmungsbericht aus der Hauptstadt
-der Christenheit.
-
-»Ich glaube nicht, daß unter der Sonne ein ärger Leben verbracht werde,
-als in Rom. Das geht umher den ganzen Tag auf Gassen und Straßen,
-alles durcheinander, und der feilen Mädchen und Weiber gar viele, so
-daß deren daselbst leben 30000, wie ein Register sagt, deren die
-geringste jede dem Papste jährlich 2 Kronen zahlt, die stattlichste
-aber 20 Kronen. +Sie sind fast hoch privilegiert, daß man keine darf
-krumm ansehen; denn wenn sie einen verklagen, der wird ohne alle Gnade
-gestraft.+
-
-Und da haben sich Männer und Weiber verlarvt, wie die Narren in
-Teutschland, in der Fastnacht. Unter solchen Mummereien reiten auch die
-Pfaffen einher. Und haben wir gesehen, daß der +Kardinal Farnese+ alle
-Gassen durchrannte, +mit und um ihn dreizehn Curtisaninnen+.
-
-So findet man auch viele Weiber ins Mannskleidern einher gehen, mit
-zerhackten und zerschnittenen Hosen, und haben ihre Rapiere an den
-Seiten, als wären sie Landsknechte. Dieselbe müssen Briefe (d. h.
-Erlaubnisscheine) haben, welche sie aber theuer kaufen von päpstlicher
-Heiligkeit. Also nimmt man hier Geld von Rom und läßt alles gottlose
-Wesen zu. Es schadet alles garnichts. Hilf, lieber Gott! wie ist das
-Volk so verkehrt.
-
-Ich habe mit des Papstes Kämmerlingen einem oft und vielmals geredet,
-und des bösen Lebens gedacht, das in Rom geführt wird. Darauf er mir
-geantwortet: Auf das Leben dürfe ich nicht sehen, darauf käme nichts
-an, sondern ich sollte tun, als sähe ich nicht, was ich nicht sehen
-möchte. Aber ich danke Gott, daß meine Zeit kömmt, hinweg zu ziehen aus
-Rom, und gedenke, so Gott will, nimmermehr wieder dahin zu kommen.«[200]
-
-Dieser Bericht eines augenscheinlich ehrlichen Mannes aus dem Jahre
-1560 lehrt im Verein mit zahllosen andern, daß der Klerus es immer
-vortrefflich verstanden hat, Wasser zu predigen und Wein zu trinken
-und daß, wie in jeder anderen, so auch in sittlicher Beziehung
-Priesterherrschaft von allen möglichen die schlechteste ist.
-
- *
-
-Begreiflicherweise war es sogar noch in späterer Zeit jenseits der
-Alpen nicht besser.
-
-Die Sittlichkeit im schwarzen, urreaktionären Neapel stand um 1730
-nach Keyßlers Beschreibung nicht sehr leuchtend da: »Was die itzigen
-Zeiten anlangt, so muß man gestehen, daß die Freyheit und freche
-Lebensart der lüderlichen Weibspersonen in dieser Hauptstadt auf den
-höchsten Grad gestiegen, und die Stadt hierinn alle andere übertreffe.
-Es wohnen in einer einzigen Gegend +über zweytausend Curtisanen+
-beysammen, und schämen sich geistliche Personen nicht, in diesen Gassen
-sich gleichfalls einzuquartieren. In allen rechnet man hier über
-achtzehntausend solcher Donne libere. Die Jugend wird dadurch gänzlich
-verdorben, und die Geistlichkeit selbst kann wenig im Zaume gehalten
-werden, weil die weltliche Obrigkeit nichts über sie zu befehlen hat,
-und die Clerisey, aus Respect vor das Amt und den heiligen Stand,
-einander durch die Finger sieht, ja es wohl übel nimmt, wenn man ihnen
-ihren freyen Willen nicht lassen will.«
-
-Wie der gelehrte Reisende weiter berichtet, wurde der Auditor des
-päpstlichen Nuntius in flagranti erwischt, aber nicht bestraft, da
-sich selbst der Vizekönig nicht getraute. Der Geistliche aber hatte
-die Dreistigkeit, die +Bestrafung der Anzeiger zu fordern, womit er
-durchdrang+. »Um aber doch einigermaßen allen diesen Herren wiederum
-einen Possen zu spielen, so ließ er zwar die Häscher mit einer
-Beschimpfung durch die Stadt führen, es war aber auf der Tafel, welche
-sie gewöhnlicher Weise auf der Brust tragen mußten, um die Verbrechen
-der Missethäter anzudeuten, geschrieben, daß solche Strafe ihnen
-angetan würde, weil sie sich unterstanden, den Auditor des päpstlichen
-Nuntius in seinen Plaisirs zu verunruhigen.«[201]
-
- *
-
-Was sich selbst noch am Ende des 18. Jahrhunderts, und zwar in Bayern
-ein anmaßender und sittenloser Klerus herausnehmen durfte, möge aus
-folgender mehr tragischen als komischen Geschichte erhellen, die sich
-im Jahre 1786 zu Neuberg im Gericht Pfädter zutrug.
-
-Ein junger Bauer heiratete und wohnte weiter mit der bald
-neunzigjährigen Großmutter zusammen. Nach einiger Zeit gab die Kuh
-des jungen Paares keine Milch mehr, während der Quell bei der der
-Alten weiter sprudelte. Eine Magd, die wegen einer Untreue getadelt
-worden war, haßte die Greisin und sprengte deshalb das Gerücht aus,
-sie sei eine Hexe und habe die Kuh verzaubert. Zugleich wußte sie die
-junge Bäuerin gegen sie mißtrauisch zu machen, so daß ihr schließlich
-verboten wurde, die eigene Kuh zu melken. Die Folge waren auch
-Streitigkeiten in der jungen Ehe.
-
-Daß das Vieh krank sein könne -- es gab Blut -- und die ungeeignete
-Fütterung das Ausbleiben der Milch, das sich auch sofort bei der
-Kuh der Greisin einstellte, als sie mit der andern von der Magd auf
-die Weide getrieben wurde, verursacht habe, kam niemand in den Sinn.
-Zauberei stand fest, und die Franziskaner mußten helfen.
-
-Nach vergeblichen Experimenten ging die junge Frau wieder ins Kloster,
-wo sie nach dem »Hexenpater«, den es damals noch in jedem Kloster
-gab, verlangte. In ein Separatzimmer geführt und mit Bier bewirtet,
-schüttete die junge Frau ihr Herz aus und es entspann sich folgendes
-Gespräch:
-
-»Pater: Bäuerin! Bäuerin! Da muß was anders als die Alte schuld sein --
-wie meint Ihr?
-
-Bäuerin: Ich? Ja mein Gott! wo soll’s dann fehlen?
-
-P.: Habt Ihr Euern Mann treulieb?
-
-B.: O ja, von Herzen gern.
-
-P.: Seid Ihr mit ihm zufrieden?
-
-B.: Ja.
-
-P.: Versteht mich wohl! Ich mein’s so, ob er bei der Nacht im Bette
-tut, wie Ihr es verlanget, so lang und so viel?
-
-B.: Aber ei! -- (voll Scham) Ihr Hochw--
-
-P.: Nur heraus mit der Sprache, denn da kommt viel darauf an -- also?
-
-B.: Ja! Ihr Hochwürden.
-
-P.: Hm. Hm. (Ergreift ihre Hand.) Weib! Weib! Beinahe komme ich auf
-andere Gedanken!
-
-B.: Aber, Ihr Hochwürden, ich bitt’ enk um Gottes willen -- werds ja
-mich für kai Hex halten?
-
-P.: Das nicht, Weible, aber -- wie! Macht ’nmal Euer Mieder auf!
-
-B.: Ihr Hochwürden! Was denken S’? Ist ja ä Schand’!
-
-P.: Ich kann Euch nicht helfen. -- Ich komm’ sonst nicht auf die Spur.
--- Nun.
-
-B.: In Gottes Namen! Aber Herr!
-
-P.: So! -- Schon wieder nähere Spuren (indem er die volle Brust
-streicht -- drückt -- und zuletzt saugt).
-
-B.: Aber, Ihr Hochwürden! Was ist denn das? O jeges! wenn’ ai Mensch
-sehe --
-
-P.: Halt’ dich, Närrin! (Saugt immer fort.)
-
-B.: Nun, was zeigt sich denn?
-
-P. (voll Feuer): Ja, Mütterchen! ich spüre zwar, daß eine Hexerei in
-Eurem Leibe ist -- aber noch weiß ich nit, kömmt’s von Eurer Alten oder
-gar von Eurem Manne her -- und um das zu finden, müßt Ihr Euch schon da
-niederlegen.
-
-B.: Ja, was woll’es dän thai mit mir?
-
-P.: Das werdet Ihr schon sehen. -- Gelt, Ihr seid schwanger?
-
-B.: Ja, Ihr Hochwürden!
-
-P.: Nun schaut! Das Kind ist verhext, und da wird Euch ein schöner
-Bankert Freud’ machen und einmal auf dem Scheiterhaufen brinnen
-(brennen), wenn ich Euch nicht helfe -- und es geben Euch die Kühe
-keine Milch, bis da geholfen ist -- gebt Euch also willig und legt Euch
-nieder.
-
-B.: Nu, wann’s Ihr Hochwürden befehlen.« etc.
-
-Der Schluß war nicht nur, daß der Pater sich viehisch an der Frau
-verging, er gab ihr auch noch den Rat, mit einem +Prügel versehen in
-den Stall zu gehen+, wo sie die Hexe treffen werde. +So lange bis Blut
-fließe, solle sie auf sie einschlagen+ und mit dem Blut die Euter der
-Kühe bestreichen.
-
-Die Bäuerin handelte nach Befehl, ging in den Stall, traf dort die
-+Großmutter+ und +schlug sie tot+. Nur durch die Gerichtsverhandlung
-kam auch der schändliche Streich des Geistlichen auf.
-
-Aber niemand dachte daran, den schurkischen Pater Benno zu verfolgen.
-Endlich gelang es dem energischen Eingreifen eines einzigen Richters,
-gegen den Geistlichen Strafverfolgung zu erwirken. Er wurde auf zehn
-Jahre vom Messelesen suspendiert und ebensolange in klösterlichem
-Arrest auf Wasser und Brot gesetzt, d. h. begnadigt, denn daß die
-Mönche ihrem Kollegen nichts Böses taten, ist klar. Die Regierung
-fürchtete aber ein energisches Eingreifen. Statt mit dem Schwert
-hingerichtet zu werden -- was das Los der Bäuerin gewesen wäre, wenn
-der Schurkenstreich nicht aufgekommen wäre -- wurde sie auf freien Fuß
-gesetzt.
-
- *
-
-Solche Zustände scheinen heute unmöglich zu sein. Scheinen! Das Zölibat
-ist eine der Natur zu sehr ins Gesicht schlagende Vergewaltigung,
-als daß auch beim besten Willen seine Durchführung streng gehandhabt
-werden könnte. Man mag vorsichtiger sein, Delikte mögen auch seltener
-werden, aufhören werden sie nie. Aber ein Unterschied ist zwischen
-der zwar kirchlich verdammten, aber moralisch einwandfreien normalen
-Befriedigung der Sinnlichkeit und viehischen Vergewaltigung und
-Versuchung anvertrauter Seelen.
-
-Am 8. April 1910 wurde vor der Strafkammer I des kgl. Landgerichts
-in Stuttgart gegen den Simplizissimus bzw. dessen verantwortlichen
-Redakteur Gulbransson in einer Beleidigungsklage des Bischofs Keppler
-von Rottenburg verhandelt und Gulbransson zu zwei Monaten Gefängnis
-verurteilt. Dieser Vorgang wäre für uns ohne jedes Interesse, wenn
-nicht während der Verhandlung Dinge zur Sprache gekommen wären, die
-eigentümliche Blitzlichter auf die sittliche Führung der katholischen
-Geistlichkeit wenigstens der Diözese Rottenburg geworfen hätten.
-
-Der Stadtpfarrer Bauer von Schramberg war wegen Sittlichkeitsverbrechen
-zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurteilt worden. Da Bischof Keppler
-am Vorabend des Schuldspruches eine zu Mißverständnissen Anlaß gebende
-Rede über die Möglichkeit eines gerichtlichen Falschspruches gehalten
-hatte, glaubte der Simplizissimus -- und mit ihm noch viele andere
-Organe -- daß Bischof Keppler gegen sittliche Verfehlungen seiner
-Geistlichen, wofern sie nur politisch brauchbar wären, zu milde
-vorgehe. Deshalb erschien in dem satirischen Blatt eine Zeichnung, den
-Bischof als Hirten einer Schweineherde darstellend. Die Schweine aber
-trugen priesterliche Gewandung. Die Überschrift des Bildes lautete:
-»Alles fürs Zentrum«, die Unterschrift aber: »Durch sein Eintreten für
-den Pfarrer Bauer hat der Bischof Keppler von Rottenburg gezeigt, daß
-er nicht nur über Schafe, sondern auch über Schweine ein guter Hirte
-ist.«
-
-In der Gerichtsverhandlung, in der festgestellt wurde, daß Pfarrer
-Bauer sich in schamlosester Weise an Kindern usw. vergangen hatte,
-stellte der Verteidiger Rechtsanwalt Heusel den +Antrag, den
-Wahrheitsbeweis für folgende in der Diözese vorgekommene Fälle+ zu
-erbringen. Wir zitieren seine Ausführungen wörtlich:
-
-
- »1. +Der Fall des Pfarrers Gehr von Zuffenhausen.+
-
- Ich beantrage hier die Akten der Kgl. Staatsanwaltschaft Stuttgart
- betreffend die Anzeige gegen den katholischen Pfarrer Gehr von
- Zuffenhausen vom Jahre 1908 beizuziehen. Pfarrer Gehr hat von
- zahlreichen Schulmädchen, welche in die 6. und 7. Klasse der
- Volksschule gingen, also vermutlich im 13. oder 14. Lebensjahr
- und +vor+ der Kommunion stehenden Mädchen verlangt, +sie sollen
- ihre Röcke in die Höhe heben; er hat einzelnen dieser Mädchen
- selbst den Rock in die Höhe gehoben+, hat Mädchen auch rücklings
- auf seine Knie gesetzt, sie wie etwa kleine Kinder auf seinen
- Knien reiten lassen und sie dann rücklings mit dem Kopf zum Boden
- hinunterschnappen lassen, daß die Mädchen selbst auf den Gedanken
- kamen, er wolle ihnen +unter die Röcke sehen+.
-
- Pfarrer Gehr hat weiter, was das Schwerwiegendere ist, um die
- Entdeckung seiner Verfehlungen zu verhindern, die Mädchen so
- bearbeitet, daß es schwer, wenn nicht unmöglich war, von ihnen
- den wahren Sachverhalt erfahren zu können. Es ist durch mehrfache
- Landjägermeldungen bestätigt, daß +Pfarrer Gehr sich direkt bemüht
- hat, die Mädchen zu falschen Aussagen zu verleiten+, und +daß den
- mißbrauchten Kindern mit der Hölle und mit Gotteszell gedroht
- worden ist, falls sie etwas gegen den Pfarrer aussagen+.
-
- Es ist nicht meine Aufgabe als Verteidiger, ein derartiges
- Verhalten entsprechend zu charakterisieren. Tatsache ist, daß
- hochstehende Richter ihrem Erstaunen darüber Ausdruck verliehen
- haben, daß +gegen Pfarrer Gehr gerichtlich nicht vorgegangen worden
- ist+. Tatsache ist weiter, daß die einzige Maßregel, welche seitens
- des bischöflichen Ordinariats gegen ihn verfügt worden ist, die
- war, daß er auf die +beliebte+, in schönster Lage am Bodensee
- gelegene Pfarrei Eriskirch versetzt worden ist.
-
-
- 2. +Der Fall des Pfarrers und Schulinspektors Adis von
- Dotternhausen, O.-A. Rottweil.+
-
- Hier wird die beantragte Beiziehung der Akten des bischöflichen
- Ordinariats das Nähere ergeben. Für den Fall, daß die Vorlage
- dieser Akten verweigert werden sollte, werde ich eingehenden Beweis
- erbringen. Pfarrer Adis hat +Verbrechen+ im Sinne des § 176 Z. 3
- StGB. begangen und in der Gemeinde Dotternhausen hiedurch und durch
- sonstige sittliche Verfehlungen das größte Ärgernis erregt. Die
- einzige Strafe, die gegen ihn verfügt worden ist, bestand in einer
- nur auf die Dauer eines +halben Jahres verfügten Suspension vom
- Amt+, welche Zeit Pfarrer Adis nicht im Disziplinarhaus der Diözese
- Rottenburg für katholische Geistliche, sondern vermutlich in einem
- Kloster verbrachte.
-
-
- 3. +Der Fall des katholischen Pfarrers Kolb von Ennabeuren, O.-A.
- Münsingen.+
-
- Pfarrer Kolb hat durch fortgesetzten Verkehr mit übel
- beleumundeten Frauenzimmern in der Gemeinde Ennabeuren
- derartiges sittliches Ärgernis erregt, daß sich ein Bürger von
- Ennabeuren, namens Johannes Reyhinger, Frohnmeister daselbst,
- den ich für sämtliches hier Vorgetragene als Zeugen benenne und
- zur Hauptverhandlung vorzuladen beantrage, +persönlich+ nach
- Rottenburg an das bischöfliche Ordinariat wandte. Fronmeister
- Johannes Reyhinger schilderte dort einem Domkapitular das sittlich
- verwerfliche Verhalten Kolbs, insbesondere auch die Tatsache, daß,
- wie ortsbekannt geworden war, ein Frauenzimmer von Ennabeuren
- häufig bei Kolb in seiner Wohnung genächtigt und dort im +Pfarrhof
- eine besondere Bettstelle zur Verfügung gehabt habe, ohne daß
- seitens des Ordinariats gegen Kolb eingeschritten worden wäre+.
-
-
- 4. +Der Fall betreffend Kaplan Hag in Scheer, O.-A. Saulgau.+
-
- Kaplan Hag hatte zwei Knaben, welche bei kirchlichen Anlässen als
- Ministranten fungierten und von denen einer jetzt Schutzmann ist,
- +in der Kirche zur Päderastie angeleitet und mißbraucht. Er ist
- jetzt in Argentinien Pfarrer.+
-
-
- 5. +Der Fall des Pfarrers und Kammerers Höflinger von Altheim,
- O.-A. Riedlingen.+
-
- Der genannte Pfarrer war außerehelicher Vater von +fünf+ Kindern,
- deren Mütter +zwei+ ledige Frauenspersonen seiner Gemeinde waren.
- Diese Tatsache ist in der Gemeinde bekannt geworden und hat dort
- berechtigtes Aufsehen erregt. Er verpflichtete sich, den jüngsten
- zwei seiner +Kinder+ das Geld zur +Übersiedelung nach Amerika+ zu
- geben, worüber ein Vertrag gefertigt worden ist. +Kirchlich wurde
- nicht weiter gegen ihn eingeschritten+; er hat jedenfalls auch in
- Zukunft seines Amtes als Pfarrer gewaltet.
-
- 6. +Der Fall betreffend den Kaplan Azger in Heufelden, O.-A.
- Ehningen.+
-
- Dieser Kaplan hatte in den Jahren 1906 und 1907 ein im ganzen Dorfe
- bekanntes Verhältnis mit einer Industrielehrerin, +ohne daß gegen
- ihn seitens des Ordinariats eingeschritten worden wäre+.
-
- 7. +Ich beantrage+ weiter die Beiziehung der Akten der Kgl.
- Staatsanwaltschaft und des Kgl. Landgerichts Rottweil, betreffend
- den +Fall des Pfarrers Knittel von Wachendorf, O.-A. Horb+.
-
- Dieser Fall hat seinerzeit auch im Württembergischen Landtag eine
- eingehende Besprechung gefunden.
-
-
- 8. +Ebenso+ beantrage ich die Beiziehung der Gerichtsakten,
- betreffend den +Pfarrer Nuber in Buchau am Federsee, O.-A.
- Riedlingen+, welcher seinerzeit wegen +Schändung von Knaben
- in der Kirche+ angeklagt war und der sich in der Folge im
- Amtsgerichtsgefängnisse zu Riedlingen erhängte.«
-
-Ob der sittliche Tiefstand in der Rottenburger Diözese besonders groß
-ist, wagen wir nicht anzunehmen, noch viel weniger können wir es
-feststellen. Ist das aber nicht der Fall, dann bleibt nur ein eben
-nicht rühmlicher Schluß auf die übrigen Diözesen zu ziehen übrig.
-
- *
-
-Wie der Corriere de la sera mitteilte, hatte das Erdbeben vom 28.
-Dezember 1908, das Messina und mehrere Küstenorte zerstörte, wobei nach
-der offiziellen Verlustliste über 98000 Menschen ums Leben kamen, eine
-ungeahnte Nebenwirkung. Die +Mönche+ von San Procopio (Kalabrien)
-verlangten nämlich in Messina +Unterstützung für sich und ihre
-Familien+. In Palmi lebten mehrere Mönche in wilder Ehe. Einer davon
-hatte sechs Kinder, für die er um Brot bat.
-
- *
-
-Mag sich also auch das sittliche Niveau der Geistlichkeit seit dem
-Mittelalter nicht wesentlich gehoben haben, wenn auch keineswegs
-geleugnet werden soll, daß die Konkurrenz der Kirchen und das gute
-Beispiel der bürgerlichen Welt veredelnd wirkte, so ist dafür die
-Nuditätenschnüffelei desto mehr gewachsen. Unter diesen Umständen
-bietet es erhöhtes Interesse, zu sehen, was die Kirche zuließ, als
-sie unumschränkt herrschte. Der Schluß, daß auch die äußerliche
-Versittlichung nicht ihr, sondern andern Mächten ihren Ursprung dankt,
-sie aber, wie überall, so auch hier ein kultur- und kunsthemmendes
-Extrem aufstellte, liegt nicht fern.
-
- *
-
-An den Gesimsen des Straßburger Münsters im Innern der Kirche waren
-satirische Bildwerke auf die Mönche angebracht, so Affen, Esel,
-Schweine im Mönchshabit Messe lesend. Und zwar, wie feststeht, nicht
-etwa unter protestantischem Einfluß, da schon im Jahre 1449 der Bau
-vollendet war. Die pièce de résistance bildete an der Treppe, die
-auf die große Kanzel führte, +ein am Boden liegender Mönch, der »sich
-bei einer liegenden Nonne gar ungeziemender Freyheiten gebrauchet«+.
-Wenige Jahre vor 1729 erst wurden diese nicht gerade für prüde Augen
-bestimmten Plastiken entfernt, nach Fiorillo erst nach 1764. Geiler von
-Kaysersberg hatte augenscheinlich an dieser Darstellung keinen Anstoß
-genommen. Nach Fiorillo wurde sie sogar erst unter seinen Augen 1486
-angebracht.[202]
-
- *
-
-Nach demselben Gewährsmann befand sich noch damals im Erfurter Dom
-»an der Ecke rechter Hand ... unter den Zierathen eines Gesimses ein
-+Concubitus Monachi cum Monacha+ gar deutlich in Stein gehauen, daß
-man also nicht nur aus dem straßburgischen, sondern auch hiesigen
-Domgebäude zeigen kann, wie die Clerisey vor der Reformation es so
-grob und plump in ihrem Leben und Wandel getrieben, daß auch die
-Handwerksleute nicht unterlassen können, in öffentlichen Gebäuden
-ihren Spott darüber zu treiben, wo nicht gar die jalousie zwischen den
-Mönchen und der übrigen Clerisey zu solchen ärgerlichen Vorstellungen
-Anlaß gegeben und den Layen dergleichen Arbeit anbefohlen hat«.[203]
-
- *
-
-An einem Kapitell der Kirche des Egerer Schlosses in Böhmen ist
-Adam und Eva dargestellt, beide natürlich völlig nackt. Adam
-manipuliert dabei in höchst merkwürdiger Weise an seinem intimsten
-Körperteile.[204]
-
- *
-
-In der Hauptkirche von Nördlingen befindet sich ein angeblich von Jesse
-Herlin 1503 gemaltes, 1601 restauriertes jüngstes Gericht, das einen
-Papst mit Kardinälen und Mönchen in der Hölle zeigt und +ein Weib, das
-von einem Teufel vergewaltigt wird+.
-
- *
-
-Die Kirche zu Weilheim in Württemberg besitzt ein ähnliches Fresko-Bild
-aus dem 15. Jahrhundert. Es stellt ein Jüngstes Gericht dar und scheint
-allerdings mehr satirisch als unsittlich zu sein.[205]
-
- *
-
-Am Dom zu Freiburg i. Br. befindet sich ein Wasserspeier in
-menschlicher Gestalt, der die Abflußröhre aus dem Gesäß herausragen
-hat. Die Person macht das vergnügteste Gesicht von der Welt. Nicht
-ohne Grund, denn nicht jedem ist es vergönnt, seinen Gefühlen der
-Hochschätzung für die lieben Zeitgenossen in so deutlicher Weise
-Ausdruck zu verleihen.[206]
-
- *
-
-Die Unsittlichkeit der genannten Darstellungen war nicht etwa, wie man
-annehmen könnte, ein deutsches Privilegium, sondern +in der ganzen
-Christenheit+ nahm man daran keinen Anstoß. Fiorillo schreibt z. B.:
-»Unter dem Chorgestühl in der Capelle Heinrichs VII. in der Westminster
-Abtei wird man einiger Basreliefs gewahr, die äußerst schlüpfrige und
-unzüchtige Bilder enthalten, so daß es unbegreiflich ist, wie die
-frommen Benediktinermönche dieselben haben dulden können. Jedoch findet
-man auch ähnliche obscöne Dinge zu Canterbury, an Chalk Church in
-Kent...« Da Fiorillo zu Beginn des 19. Jahrhunderts schrieb, hatte bis
-dahin die Kirche keinen Anstoß genommen. Auch hier also, auf so kleinem
-Gebiet selbst, zeigt es sich, daß Besserungen nicht durch, sondern
-ohne, oft trotz und gegen die Kirche sich durchsetzen.[207]
-
-
-
-
-Zehnter Abschnitt
-
-Ehe
-
-
-Noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts herrschte bei den Bauern in fast
-allen Teilen Deutschlands die Sitte, dem Bräutigam alle ehelichen
-Rechte gradatim zu gestatten.
-
-»Sehr oft verweigern die Mädchen ihrem Liebhaber die Gewährung
-seiner letzten Wünsche solang, bis er +Gewalt+ braucht. Das geschiht
-allezeit, wenn +ihnen wegen seiner Leibesstärke einige Zweifel zurück
-sind+, welche sie sich freilich auf keine so heikle Weise, als die
-Witwe Wadmann, aufzulösen wissen. Es kömmt daher ein solcher Kampf
-dem Kerl oft sehr teuer zu stehen, weil es nicht wenig Mühe kostet,
-ein Baurenmensch zu bezwingen, das jene wollüstige Reizbarkeit nicht
-besitzt, die Frauenzimmer von Stande so plötzlich entwafnet.«[208]
-
- *
-
-Während man die Nächte, in denen alles gewährt wurde, Probenächte
-nannte, hießen die andern, bei denen der Bauernbursch auf möglichst
-halsbrecherischem Wege ins Schlafzimmer des Bauernmädchens eindrang,
-um zu plaudern, wobei natürlich auch Intimitäten nicht unterblieben,
-Kommnächte. »Die Landleute finden ihre Gewohnheit so unschuldig, daß
-es nicht selten geschiht, wenn der Geistliche im Orte einen Bauren
-nach dem Wohlsein seiner Töchter frägt, diser ihm zum Beweise, daß sie
-gut heranwüchsen, mit aller Offenherzigkeit und mit einem väterlichen
-Wohlgefallen erzehlt, wie sie schon anfiengen, ihre Kommnächte zu
-halten.«[209]
-
- *
-
-Keyßler erzählt im Jahre 1729 folgendes: »In den Dörfern des
-benachbarten Bregenzerwaldes hat bisher die wunderliche Gewohnheit
-regieret, daß die unverheiratheten Baurensöhne und Knechte ohne
-Scheu so lange bei einem ledigen Mädchen haben schlafen können, +bis
-dieselbe ein Kind von ihnen bekommen+, da dann jene erst, und zwar
-bei den höchsten Strafen, verbunden waren, sie zu heirathen. Diese
-Art von Galanterie heißen sie fuegen, und finden sie daran so wenig
-auszusetzen, daß, da man seit etlichen Jahren, kraft obrigkeitlichen
-Amtes, diese schändliche Weise abschaffen wollen, es zu einer +Art
-von Aufruhr+ gediehen, und die Sache noch in einem Proceß, zu dessen
-Führung sie einen Advocaten aus Lindau angenommen haben, verwickelt
-ist.«[210]
-
- *
-
-Nicht viel früher herrschte auch in den +Bürgerhäusern+ noch die
-schöne Sitte des »Beischlafens auf Glauben«, die wir im vorigen
-Bande kennen gelernt haben. Der Prädikant Wilhelm Ambach (Quellen
-zur Frankfurter Gesch. II, 34) erzählt von Frankfurt a. M. darüber
-(zitiert nach Schultz): »Das weibliche geschlecht ist ja fast blöd und
-schwach, aber man sahe hie bei vielen, daß in hurei, ehebruch und aller
-leichtfertigkeit stark und frech waren, dann auch 50jährige witfrauen,
-die jetzt Kindeskinder haben, aller ehren und freundschaft vergessen;
-jungfrauen sind ihren herrn und eltern entlaufen, sich in schändliche
-hurei begeben; jedoch haben etliche aus ihnen öffentlich geehlichet,
-viel blieben ungeehlichet, schlufen bei uf Gelderischen glauben,
-gewöhnlich aber lebten sie frech und gut kriegerisch...«
-
-Daß der biedere Prädikant, wie bei einem Geistlichen
-selbstverständlich, furchtbar übertreibt und nach den zu hoch
-hängenden Trauben schielt, ist eine Sache für sich. An der Sitte des
-»Gelderischen Glaubens« auch in Bürgerkreisen wird sich kaum zweifeln
-lassen.[211]
-
- *
-
-Ja, die +gastliche Prostitution+, bei barbarischen und halbbarbarischen
-Völkern sehr häufig und darin bestehend, daß der Wirt seinem Gast das
-Eheweib oder die Tochter für die Nacht leiht, läßt sich in Deutschland
-noch sehr spät nachweisen. Ältere Zeugnisse, an denen in Skandinavien
-und für Island kein Mangel herrscht, fehlen bei uns, dafür berichtet
-aber Thomas Murner in der Gäuchmatt (Geschwor. Art. 9): »+es ist in
-dem Niderlande auch der Brauch, so der Wirt ein lieben gast hat, daß
-er im sin frouw zulegt auf guten glouben+.« Ja, in einem Briefe an J.
-G. Forster vom 20. Juni 1788 erzählt der in Bern wohnende, aus Biel
-gebürtige Höpfner, daß es +im Berner Oberlande verbürgter Brauch sei,
-daß ein Vater seine Tochter, ein Bruder seine Schwester, ein Mann seine
-Frau dem fremden Gast in aller Höflichkeit zur Nacht anbiete+ und +sich
-eine große Ehre daraus mache, wenn man es annehme+.[212]
-
- *
-
-Im alten Skandinavien scheint es Sitte gewesen zu sein, daß der
-Beischlaf vor der Hochzeit ausgeübt wurde. Sehr sonderbar ist, daß
-Fritjof die Prinzessin Ingeborg gleich nach der Verlobung im Tempel zu
-Baldershagen genießt, und nicht minder erstaunlich, daß König Harald
-in Norwegen, der die schöne Asa mit Gewalt gewinnen will, dem für ihn
-eintretenden Ritter gestatten muß, +mit ihr+ die Probenacht zu halten,
-bevor er zu den Waffen greift![213]
-
- *
-
-Ein sonderbarer Brauch, der sich sonst nur bei barbarischen oder
-halbbarbarischen Völkern findet, herrschte noch vor zwei Jahrhunderten
-in Island. In der Relation d’Islande dans le Recueil des Voyages au
-Nord. Amsterdam 1715. T. I, p. 35 heißt es: »Les filles, qui sont fort
-belles dans cette Isle, mais fort mal vetues vont voir ces Allemans et
-ofrent à ceux, qui n’ont pas des femmes de coucher avec eux +pour du
-pain, pour du biscuit et pour quelqu’autre chose de peu de valeur+.
-Les pères mêmes, dit-on, présentent leurs +filles+ aux Etrangers. +Et
-si leurs filles déviennent grosses, ce leur est un grand honneur. Car
-elles sont plus considerées et plus recherchées par les Islandois, que
-les autres.+ Il y a même de la presse de les avoir.«
-
-Übrigens sollen, wie ich von glaubwürdiger Seite erfahre, noch heute
-im Schwarzwald und auch in Mecklenburg, vielleicht auch anderwärts,
-ähnliche Sitten herrschen. Und zwar nicht nur »Probenächte«, sondern
-auch die Anschauung, daß das schwangere Bauernmädchen höher geschätzt
-wird, als eines, das seine Fruchtbarkeit erst noch beweisen muß.
-Allerdings heiratet fast ausnahmslos der Bauernbursch das von ihm
-geschwängerte Mädchen.
-
- *
-
-Noch im späteren Mittelalter war unter dem hohen Adel, also nicht
-etwa nur im Volke, der Brauch verbreitet, daß die Braut vor der
-Hochzeit sich ihrem Bräutigam ganz hingab. So hielt im Jahre 1378
-nach einer Urkunde Graf Johann IV. von Habsburg ein +ganzes halbes
-Jahr lang mit der Herzland von Rappoltstein Probenächte+ ab, um dann
-wegen seiner Untüchtigkeit einen Korb zu erhalten. Allerdings hatte
-die Dame nicht so ganz unrecht. Köstlich aber ist die Kur, die ein
-Straßburger »Meister Heinrich von Sachsen, der der beste Meister ist,
-den man finden kan« anwandte: »undt +hiengent ime an in eine Bad an
-sin Ding ettwie viel Bliges (Blei) wol fünfzig Pfunf schwer+ undt
-pflasterten ine, als menlich seitt, undt verfieng alles nüt, daß sü
-imme ut gemachen konnten, daß er verfengklich were zu Frowen.« Wiewohl
-diese Kur lange fortgesetzt wurde, hatte sie so wenig Erfolg, wie die
-entschieden angenehmere, ihm hundert Frauen vorzustellen, um diejenige
-auszusuchen, die voraussichtlich die gewünschte Wirkung erzielen
-würde.[214]
-
- *
-
-Höchst bezeichnend für Sitte und Schamgefühl unserer Ahnen ist folgende
-Geschichte, die Vitus Arnpek erzählt: Herzog Ludwig I. von Bayern hielt
-eine Probenacht mit der schönen verwitweten Gräfin Ludmilla von Bogen,
-einer geborenen böhmischen Prinzessin. Da die Gräfin wohl nicht ohne
-Grund fürchtete, der Herzog wolle zwar die Freuden der Liebe bei ihr
-genießen, sie dann aber sitzen lassen, ersann sie eine List. Als der
-Herzog wieder einmal sie besuchte, fand er auf dem vor ihrem Bette
-hängenden Vorhang vor ihr drei schön gemalte Ritter. Sie legten sich zu
-Bett und huldigten der Liebe Freuden. Die Gräfin aber bewog den Herzog,
-ihr zu schwören, daß er sie zu seiner Gemahlin machen wolle, was er
-auch angesichts der gemalten Ritter tat. Kaum war es geschehen, als
-die Gräfin den Vorhang zurückzog, +so daß drei Ritter, die sie vorher
-dahinter versteckt hatte, und die also Zeugen des nicht alltäglichen
-Schauspiels gewesen waren+, sichtbar wurden. Sie bestätigten sofort,
-daß sie des Herzogs Schwur gehört hatten. Ludwig aber war sehr
-überrascht, da er wohl gehofft hatte, ohne Zeugen den Schwur ableugnen
-zu können. Er führte nach einem Jahr mit großen Festlichkeiten die
-Gräfin heim. Übrigens hat diese Geschichte im Volksliede ihre
-Verewigung gefunden.[215]
-
- *
-
-Noch im 16. Jahrhundert war es Sitte, daß die Jungvermählte sich in
-der Brautnacht nackt zu Bett begab, woher das französische Sprichwort
-stammt: »Ses promesses ressemblent à celle d’une mariée qui antreroit
-au lit en chemise.« Im weiteren Verlaufe des Jahrhunderts erst bürgerte
-sich der heutige Brauch, im Hemd zu schlafen, wenigstens im Winter,
-allgemein ein. Aber das 1618 erschienene Buch »La Bienséance de la
-conversation entre les hommes« hielt es noch für nötig, vom Schlafen
-ohne Hemd abzuraten. Ja in »La civilté nouvelle« vom Jahre 1667
-erscheint noch die gleiche Mahnung. Allerdings handelt es sich jetzt
-nicht mehr um die erste Gesellschaft.[216]
-
- *
-
-Das kanonische Recht scheidet die Ehe bekanntlich nur dann, wenn
-durch männliches oder weibliches Unvermögen der Zweck, Kinder zu
-erzeugen, nicht erfüllt werden kann. Der berühmte französische Jurist
-François Hotman (1524-1590) prüft nun sehr eingehend die Frage, wie
-die männliche Impotenz festgestellt werden könne und liefert in
-seiner langen und grundgelehrten Abhandlung auch folgenden Passus:
-»An Stelle der beiden Feststellungsmethoden hat man, ich weiß nicht
-durch welches Unglück unseres Jahrhunderts, eine weitere eingeführt,
-die die brutalste ist, die man sich ausdenken kann und von der wir
-hoffen, daß sie von ebenso kurzer Dauer ist, wie sie wenig Vernunft und
-juristisches Aussehen (apparence) besitzt: Es ist dies der sogenannte
-+Kongreß+. Abgesehen davon, daß er gegen die öffentliche Ehrbarkeit
-verstößt, ist er überdies unzweifelhaft auch unnütz.... Erst seit
-kurzer Zeit ist dieses Verfahren in Übung: sein Ursprung mag darin zu
-suchen sein, daß ein scham- und ehrloser Mann, der von seiner Frau der
-Impotenz geziehen war, +sich rühmte, den Beweis seiner Tüchtigkeit
-zu erbringen in Gegenwart von Leuten, die sich darauf verstünden+.
-Und wenn die Richter diesen Beweis zuließen, so geschah es sowohl aus
-Überraschung und weil sie darüber nicht reiflich nachgedacht hatten,
-als auch weil einige Weise im Anfange dieses Verfahren nicht für
-schlecht hielten, in der Erwägung, die Frauen durch diese Schande
-und Schamlosigkeit von der allzu großen und häufigen Klage, die sie
-gegen ihre Ehemänner erhoben, abzuschrecken. Denn das Gesetz gestattet
-bisweilen ein Übel, um ein größeres zu heilen. Ein Beispiel dafür
-bietet die Geschichte, die Aulus Gelius lib. 15, kap. 10 von einigen
-jungen Mädchen aus Milet erzählt, die aus Verrücktheit freiwillig
-aus dem Leben schieden. Und man konnte dieser Krankheit, die sich
-stark vermehrte, keinen Einhalt tun, außer durch eine entehrende
-Strafe, die man über sie verhängte: die Männer bestimmten, daß alle
-diejenigen, die sich auf diese Weise umgebracht hatten, splitternackt
-überall herumgetragen und dem Volk gezeigt würden. Die übrigen
-jungen Mädchen wurden durch die Schande eines so wenig ehrenvollen
-Leichenbegängnisses derart ins Herz getroffen, daß sie ihren Verstand
-wiedergewannen und nicht mehr in diese Krankheit verfielen.
-
-So dachte man wohl auch, daß ein so unehrenvoller Kongreß die Klagen
-der Frauen mäßigen würde. Aber im +Gegenteil+ (wie das Jahrhundert ja
-unglücklich ist), +sie fühlten sich durch dieses Mittel gestärkt+,
-und von Beginn ihres Scheidungsprozesses an +fordern sie selbst den
-Kongreß+, da sie alle wissen, daß sie damit ein unzweifelhaftes Mittel
-besitzen, den Prozeß zu gewinnen. Denn welche Sicherheit jeder Mann
-sich auch zutrauen mag (wenn er nicht ebenso brutal und schamlos
-ist wie ein Hund), er wird einräumen, wenn er für sich und ohne
-Leidenschaft es gut betrachtet, daß es nicht in seiner Gewalt liegt,
-den Beweis für seine Fähigkeit, die Ehe zu vollziehen, zu erbringen
-+in Gegenwart des Gerichtshofes+, den man verehrt, angesichts der
-+Ärzte, Chirurgen und Matronen+, die man fürchtet und mit einer Frau,
-die man für seine Feindin hält, da eingestandenermaßen solche Akte
-Selbstsicherheit, Heimlichkeit und Freundschaft erfordern.«[217]
-
- *
-
-Nach einem handschriftlichen Amtsbericht vom 8. März 1666 ging es
-den +Pantoffelhelden+ in der Gegend von Mainz recht schlecht. »Es
-ist ein alter Gebrauch hierumb in der Nachbarschaft, falß etwan ein
-Frauw ihren Mann schlagen sollte, daß alle des Fleckens oder Dorffs,
-worin das Factum geschehen, angrenzende Gemärker sichs annehmen; doch
-würdt die sach vff den letzten Faßnachttag oder Eschermittwoch als
-ein recht Faßnachtspiehl versparet, da denn alle Gemärker, nachdem
-sie sich 8 oder 14 Tag zuvor angemeldet, Jung und Alt, so Lust dazu
-haben, sich versammeln, mit Trommen, Pfeiff und fliegenten Fahnen zu
-Pferd und zu Fuß dem Orth zuziehen, wo das Factum geschehen, vor dem
-Flecken sich anmelden, und etliche aus ihren mittlen zu dem schulthesen
-schicken, welche ihre Anklag wieder den geschlagenen Mann thun, auch
-zugleich ihre Zeugen, so sie deswegen haben, vorstellen, nachdem nuhn
-selbige abgehöret, und ausfündig gemacht worden, daß die Frau den
-Mann geschlagen, würdt ihnen der Einzug in den Flecken gegönnt, da
-sie dann also baldt sich alle sambdt vor des geschlagenen mans Hauß
-versammeln, das Hauß umbringen, undt fallß der Mann sich mit ihnen
-nicht vergleichet undt abfindet, schlagen sie Leitern ahn, +steigen auf
-das Dach, hauwen ihme die Fürst ein undt reißen das Dach bis vff die
-vierte Latt von oben ahn ab+, vergleicht er sich aber, so ziehen sie
-wieder ohne Verletzung des Hauses ab, falß aber der Beweiß nicht kann
-geführt werden, müssen sie unverrichteter sach wieder abziehen.«
-
-Im ehemaligen Fürstentum Fulda war es ebenso. Wenn ein Mann überwiesen
-wird, von seiner Frau Schläge bekommen zu haben, so hat das
-Hofmarschallamt das Recht, die Sache zu untersuchen. Ist die Anklage
-begründet, dann wird dem Geschlagenen durch Diener in fürstlicher
-Livree +das Dach seines Wohnhauses abgedeckt+. Noch im Jahre 1768 oder
-1769 ist eine solche Exekution vollzogen worden (Journal von und für
-Teutschland. 1784. 1. Th., S. 136), ja, noch 1795 soll dieser Brauch
-geübt worden sein.[218]
-
- *
-
-Höchst sonderbar war die Gerechtsame der Familie von Frankenstein bei
-Darmstadt, die von dieser Stadt jährlich 12 Malter Korn erhielt, um
-dafür, wenn die Darmstädter es verlangten, durch einen besonderen Boten
-einen Esel zu schicken, auf dem die schlagfertige Frau durch die Stadt
-reiten mußte. Der letzte derartige Fall wird vom Jahre 1536 erwähnt.
-
-Eine ähnliche Sitte bestand in Frankreich. Dort mußte der Mann, der
-sich von seiner besseren Hälfte schlagen ließ, zur Schande auf einem
-Esel reiten, und zwar rittlings, den Schwanz in den Händen haltend.
-Wenn der Pantoffelheld sich durch die Flucht dieser Strafe entzog, dann
-mußte der nächste Nachbar für ihn herhalten.
-
- *
-
-In den Statuten des schwarzburgischen Städtchens Blankenburg vom Jahre
-1594 heißt es § 14: »Welch Weib ihren Ehemann rauft oder schlägt, die
-soll nach Befinden und Umständen der Sachen mit Geld oder Gefängnis
-bestraft werden, oder da sie des Vermögens, soll sie der Rathsdiener
-zum Kleide wüllen Gewandt geben.« § 15 lautet: »Da aber ein Exempel
-vorgefunden werden sollte, daß ein Mann so weibisch, daß er sich
-von seinem Weibe raufen, schlagen und schelten ließe, und solches
-gebührlicher Weise nicht eifert oder klagt, der soll des Raths beide
-Stadtknechte mit Wüllengewandt kleiden, oder da ers nicht vermag, mit
-Gefängnis oder sonst willkürlich gestraft, und ihme hierüber +das Dach
-auf seinem Hauße aufgehoben werden+.«
-
-Eine ähnliche, später außer Kraft gesetzte Verordnung stand auch in den
-rudolstädtischen Statuten.
-
- *
-
-Eine sehr verständige, nur etwas gewalttätige Sitte herrschte im
-Fürstentum Hechingen, um die eheliche Harmonie zu sichern. Die
-gesetztesten Bauern einiger zu Balingen gehöriger Ortschaften wählten
-einen ehrlichen, untadelhaften Mann in aller Stille. Dieser wurde Datte
-genannt, im Schwäbischen soviel wie Vater. Der Datte wählte sich zwei
-Assistenten. Erfuhr er nun, daß ein Ehepaar im Zwist lebe und sich
-gegeneinander unanständig betrage, dann erkundigte er sich genau, ob
-das Gerücht auch begründet sei. War es der Fall, dann ging er nachts
-mit seinen beiden Assistenten vor das Haus des Ehepaares, klopfte an
-und antwortete auf die Frage: Wer da? weiter nichts als: »Der Datte
-kommt.«
-
-Hat diese wohlmeinende Mahnung zum Frieden keinen Erfolg, dann kommt
-er ein zweites Mal in finsterer Nacht, klopft stärker an und sagt
-nochmals: »Der Datte kommt.« Blieb auch diese Warnung fruchtlos,
-dann kam er ein drittes Mal nachts, jetzt aber mit seinen vermummten
-Assistenten. Mit Knütteln machen sie sich über den schuldigen Teil,
-der gewissenhaft ermittelt ist, her und verprügeln ihn exemplarisch.
-Die Wirkung dieser Sitte war glänzend, denn lange Zeit kamen
-keine Ehehändel in den betreffenden Orten vor. Als aber der Datte
-seines Amtes einmal zu energisch gewaltet hatte, untersagte die
-Landesregierung den Brauch.
-
- *
-
-Eine befremdende, aber der da und dort in unserem Recht auftretenden
-Romantik ein ehrendes Zeugnis ausstellende Sitte bestand darin,
-+Verbrecher dann frei zu lassen, wenn Jungfrauen sie zur Ehe begehrten+.
-
-Im Jahre 1505 erschien zu Lyon ein Buch mit dem Titel: »Le Masuer
-en françois selon la coutume du hault et du bas pays d’Auvergne«.
-Hier heißt es Blatt 119: »In mehreren Orten und Ländern herrscht die
-Gewohnheit, wenn eine heiratsfähige Frau, namentlich, sofern sie noch
-Jungfrau ist, einen zum Tode verurteilten und zum Galgen abgeführten
-Mann zum Gatten verlangt, man ihn der genannten Frau überliefert; sie
-wird ihm das Leben retten. Aber, setzt der Autor hinzu, es geschieht
-dies entgegen dem gemeinen Recht.«
-
- *
-
-Im Kirchenstaat scheint dieser Brauch noch zu Beginn des 19.
-Jahrhunderts bestanden zu haben. Der 1812 hingerichtete Räuber Stefano
-Spadolino wurde nämlich von der Galeerenstrafe befreit durch eine
-Türkin, die das Christentum annahm und ihn zur Ehe begehrte.
-
- *
-
-Uns braucht es nicht zu kümmern, ob es kodifiziertes oder
-Gewohnheitsrecht war, ob der König um seine Einwilligung zur
-Begnadigung angegangen werden mußte und er sie dann verweigern durfte
-oder nicht. Uns genügt die Tatsache, daß so und so oft der gewiß
-schöne Brauch gehandhabt wurde. Im Jahre 1579 wurde Martin Hugert
-vom Kurfürsten August von Sachsen begnadigt, weil »auff demütiges
-Suppliciren Ursulen, Mich. Langen Tochter, gnädigst bewilligt, dem
-heiligen Ehestand zu ehren, ime Gnade wiederfahren lassen..., doch daß
-ime gemeldete Supplicantin ehelich getrauet werde, ehe sie das Land
-verlassen.« In einem andern Falle unter Kurfürst Johann Georg I. (1606)
-gaben die Richter, nicht der Landesfürst, das Urteil ab, daß der zum
-Tode verurteilte Peter Mebuß des Gefängnisses ledig sei, da sich eine
-Magd erbot, ihn zu heiraten.
-
-Noch im Jahre 1725 ereignete sich ein solcher Fall, und zwar umgekehrt,
-indem der Mann die Frau durch Ehe befreite. Ein Gerbergeselle Weber von
-Mölig in Schwaben trat vor das Gericht mit der Erklärung, wenn der zum
-Tode verurteilten Anna Maria Inderbitzi (Schwyz) das Leben geschenkt
-und sie von Henkershand verschont werde, wolle er sie ehelichen. Er
-habe sie zwar weder gesehen noch gesprochen, sein Entschluß rühre
-lediglich aus christlichem Mitleid her, auch habe sein Großvater eine
-solche Weibsperson durch Heirat am Leben erhalten und Glück und Segen
-gehabt. Das Gericht erkannte nach reiflicher Überlegung: »Es sollen
-beide Personen vorgeführt werden und für den Fall der Einwilligung soll
-der Anna Maria die Strafe erlassen werden.« Die Verlobung fand statt
-in Gegenwart des Pfarrers und zweier Kapuziner, nach vierzehn Tagen
-die Hochzeit. (E. Osenbrüggen, »Neue kulturhistorische Bilder aus der
-Schweiz«, 1864, S. 51.)
-
- *
-
-Der leitende Gedanke war natürlich der, daß ein Mensch nicht völlig
-verdorben sein könne, wenn er noch jemanden findet, der mit ihm die Ehe
-wagt. Und schließlich war das Risiko des Heiratenden ja viel größer als
-das des begnadigenden Staates.
-
-Das Andenken an dieses Jungfrauenrecht ist heute noch im Volke nicht
-ganz erloschen. Als im Jahre 1834 zu Schönfeld bei Dresden zwei
-Raubmörder hingerichtet werden sollten, fragte eine Frauensperson
-beim Pfarrer an, ob wohl ein Unverheirateter unter diesen Verbrechern
-dadurch zu befreien sei, daß sie ihn zur Ehe begehre.[219]
-
- *
-
-Eine sehr merkwürdige Sitte wird uns aus dem 18. Jahrhundert aus
-Litauen berichtet: »Die Litthauer sind überaus ängstlich und
-vorsichtig, daß ihr Ehestand nicht unfruchtbar und ohne Segen seyn
-möge; daher sie lieber eine Hure mit zwei und mehr unehrlichen Kindern
-heyraten, als eine Jungfer.« Das ist ja nicht so sonderbar, da ja
-unsere Bauern, für die Kinder Lebensbedingung sind und die unfehlbar
-auf die Gant kommen, wenn sie statt der Söhne bezahlte Arbeiter haben
-müssen, genau so verfahren. Allerdings meist so, daß sie diejenige
-Dirn heiraten, mit der sie selbst Kinder haben. Um so befremdender ist
-die Fortsetzung des Berichtes: »+Die Weiber sollen mit gutem Willen
-der Männer Coadjutores Connubii oder Neben-Beyschläffer halten+; denen
-Männern aber wird es für eine Unehre gehalten, wenn sie Concubinen
-haben.« Vielleicht trat nur dann die Freiheit, einen Liebhaber zu
-nehmen, in Kraft, wenn Verdacht bestand, daß die Kinderlosigkeit auf
-Verschulden des Mannes zurückzuführen sei.[220]
-
-
-
-
-Elfter Abschnitt
-
-Rechtspflege
-
-
-Nicht nur daß Tiere von weltlichen und kirchlichen Behörden bestraft
-wurden, kam im Mittelalter vor -- die beiden letzten derartigen
-französischen Fälle ereigneten sich noch 1793, ja 1845! -- +man
-verhandelte auch mit ihnen+. Um 1500 wurde in der Diözese Lausanne
-ein außerordentlicher Tierprozeß in Gestalt eines bedingten
-Mandatsprozesses eingeführt. Der bischöfliche Official erläßt auf die
-Supplik der geschädigten Grundbesitzer den +Ausweisungsbefehl an die
-verklagten Tiere+ unter Exorcismen und Androhung der Malediktion sowie
-unter dem Angebot, den Verklagten einen Kurator oder Defensor stellen
-zu wollen, falls jemand den Befehl anzufechten gedenke. Damit verbindet
-er unter Androhung der Exkommunikation den Befehl, daß +die Tiere
-während der späteren Verhandlungen sich jeder weiteren Ausbreitung zu
-enthalten haben+.
-
-Das erste Verfahren schließt mit einem Urteil ab, das die verklagten
-Tiere ausweist. Es handelt sich hier ausschließlich um sogenanntes
-Ungeziefer, wenigstens niemals um Haustiere oder bestimmte einzelne
-Tiere. Also um Mäuse, Ratten, Maulwürfe, Insekten, Raupen, Engerlinge,
-Schnecken, Blutegel, Schlangen, Kröten. Allerdings wurde es in Canada
-auch gegen wilde Tauben, in Südfrankreich schon viel früher gegen
-Störche, in Deutschland gegen Sperlinge, am Genfer See gegen Aale
-angewandt, wenn sie in ungezählten Mengen auftraten und gemeinschädlich
-geworden waren. Im Ausweisungsbefehl wurde in der Regel eine Frist
-bestimmt, innerhalb der die Tiere ihren Abzug bewerkstelligen
-sollen. Gelegentlich hat man dies so ins einzelne durchgebildet,
-daß man den ausgewiesenen Tieren bis zum Ablauf der Frist +freies
-Geleit zusicherte+. Ziemlich weitverbreitet war auch -- wenigstens
-seit dem Spätmittelalter -- der Brauch, mit der Ausweisung eine
-Verweisung zu verbinden, sei es, daß man den Tieren aufgab, sich an
-einen nicht näher bezeichneten Ort zurückzuziehen, wo sie niemandem
-mehr würden schaden können, sei es, daß man zu diesem Behuf einen
-Ort benannte. Bald verurteilte man sie »ins Meer«, bald verbannte
-man sie auf eine entlegene Insel, oder man räumte ihnen gar einen
-freien Bezirk in der Gemeinde ein mit der Auflage, die außerhalb
-desselben gelegenen Grundstücke zu verschonen. So noch 1713 im Urteil
-von Piedade-no-Maranhao. Dies hat mitunter zu einem +förmlichen
-Vergleichsangebot+ der Klagspartei an den Offizialvertreter der
-verklagten Tiere geführt, wonach diesen +vertragsmäßig ein solches
-Grundstück überlassen werden sollte+. +Die mancherlei Vorbehalte und
-Klauseln+, womit man einen solchen Vergleich ausstattete, zeigen, wie
-ernsthaft der Vertrag der Menschen mit den Tieren gemeint war.[221]
-
- *
-
-Prozesse gegen Tiere sind erst seit dem 15. Jahrhundert deutlich
-nachweisbar, während Malediktionen und Exkommunikationen viel älter
-sind. Der letzte Tierprozeß in der vollen Form hat sich vor einem
-weltlichen Gericht abgespielt, und zwar 1733 vor dem von Bouranton.
-Aber noch ein Jahrhundert lang haben im Norden die Erinnerungen an die
-Tierprozesse fortgedauert. Noch um 1805 oder 1806 haben die Bauern
-auf Lyö in der Herrschaft Holstenshus einen solchen Prozeß wenigstens
-angefangen.
-
- *
-
-Lautete in einem Tierprozeß (gegen Haustiere) das Urteil auf Tötung,
-dann war auch die Todesart bestimmt. Das Tier wurde demnach als
-Verbrecher angesehen, dem ein verbrecherischer Wille zugeschrieben
-wurde. Pour la cruauté et férocité commise (1567) verurteilt das
-Gericht, d. h. graduierte oder doch geschulte Juristen, den Übeltäter.
-Am meisten üblich war es, das Tier durch Hängen zu töten oder es zu
-erdrosseln, und nachher aufzuhängen oder doch zu schleifen. In gewissen
-Gegenden scheint man aber das Lebendigbegraben oder das Steinigen,
-das Verbrennen oder das Enthaupten vorgezogen zu haben. Erst seit dem
-17. Jahrhundert kommt es ab, die Todesart im Urteil zu bestimmen. Das
-Gericht überläßt ihre Auswahl hinfort dem Gerichtsherrn oder dessen
-Vollzugsbeamten.
-
-+Der Vollzug des Urteils geschah öffentlich unter dem Geläute der
-Glocken.+ Stets obliegt dem Diener der öffentlichen Gewalt, dem Nach-
-oder Scharfrichter, der Vollzug. Die Richtstatt ist der gesetzliche
-Hinrichtungsort. Hatte das Urteil auf Hängen gelautet, so geschah das
-am Baum oder am Galgen. Ein Wandbild in der Kirche Sainte-Trinité
-zu Falaise zeigt das Tier sogar in Menschenkleidern. Man hatte auch
-sorgsam darauf zu achten, +daß durch den Strafvollzug der Inhaber der
-hohen Gerichtsbarkeit nicht in seinen Rechten gekränkt wird+. In dieser
-Hinsicht hat das Verfahren mehrmals zu +Beschwerden und Streitigkeiten+
-Anlaß gegeben. Noch 1572 liefern, um dergleichen zu vermeiden, die
-von Moyen-Moutier ein dort +zum Strang verurteiltes Schwein+ an den
-Probst von Saint-Dizenz als den vollzugsberechtigten Herrn unter
-altherkömmlichen Formen aus, indem sie das Tier bis zum Steinkreuz le
-Tembroix führen, wo der Probst, dreimal angerufen, alle »Verbrecher«
-(criminaly) in Empfang zu nehmen hat.
-
- *
-
-Die Glocke von S. Marco in Florenz, La Piagnola genannt, läutete am 8.
-April 1498 Sturm, als die Gegner Savonarolas das Kloster in der Nacht
-belagerten und erstürmten und den Propheten ins Gefängnis führten.
-+Dieses Rufen verzieh man der Glocke nicht.+ Am 29. Juni 1498 beschloß
-der Große Rat von Florenz, daß die Glocke von S. Marco zu +bestrafen+
-sei. Am folgenden Tage riß das Volk sie vom Turm herunter, ließ sie
-von Eseln durch die Straßen der Stadt schleifen, und +der Henker
-folgte ihr und peitschte sie+. Dann wurde sie +aus der Stadt verbannt+.
-Auf dem Campanile von S. Salvatore al Monte blieb sie elf Jahre im
-Exil, bis sie am 9. Juni 1509 wieder auf den Glockenturm von S. Marco
-heraufgezogen wurde.
-
-Die Glocke, ein Werk Donatellos und Michelozzos, befindet sich seit
-1908 im Museo di S. Marco, wo man sich von den damals erlittenen
-Mißhandlungen überzeugen kann.[222]
-
- *
-
-Dafür, daß die Frauenemanzipation nicht zu Übergriffen führte, war im
-Gesetz in weniger ritterlicher als wirksamer Weise gesorgt: »Wenn ein
-böses schnödes Weib auf freier Straße einen Bürger oder Bürgerkinder
-mit ehrenrührigen Worten anfährt, so darf er das Weib dreimal
-vermahnen, solche Worte heel zu halten, und wenn es auch das drittemal
-fruchtlos, seine Faust nehmen, dem Weibe an den Hals schlagen, sie in
-die Gosse werfen, mit Füßen vor den Hintern stoßen und dann gehen ohne
-Strafe.«[223]
-
- *
-
-Daneben findet sich eine Ritterlichkeit, die unsere Gesetzgebung
-vermissen läßt: Die Schwangere genießt das Vorrecht, ihre Gelüste zu
-befriedigen, ebenso darf ohne weiteres für eine Kindbetterin Wein und
-Brot entwendet werden. Ja, mehr als das. Im Weistum von Galgenscheid
-(Untermosel) von 1460 heißt es, nachdem das Jagen verboten: »is
-enwere dan, das eyne frawe swanger ginge mit eyme kinde und des
-wiltz gelustet, die mag eynen man oder knechte usschicken, des wiltz
-so viel griffen und sahen, das sie iren gelosten gebussen moge
-ungeverlichen.«[224]
-
- *
-
-Bekannt ist das Verbrennen und Hängen in Effigie. Aber daß man auch in
-+Effigie gerädert+ werden konnte -- für den Delinquenten entschieden
-wesentlich dem Verfahren in natura vorzuziehen --, berichtet Felix
-Platter im Jahre 1554.[225]
-
- *
-
-Die Gespenster mischten sich früher in so mancherlei Angelegenheiten
-des Lebens, daß die Juristen nicht umhin zu können glaubten, ihre
-Rechte zu bestimmen. Der berühmte Rechtslehrer Johann Samuel +Stryck+
-verfaßte darüber eine 1700 zu Halle erschienene umfangreiche
-Dissertation (De jure spectrorum. Halle 1700. recusa ib. 1738), in der
-er sich so eingehend mit der Materie befaßte, daß das +Gespensterrecht+
-es sicher zum Range einer selbständigen Wissenschaft, wie Handels- oder
-Wechselrecht, gebracht hätte, wenn die Aufklärung nicht schnöderweise
-das schöne System über den Haufen geworfen hätte.
-
-Nach einer Einleitung, in der die verschiedenen Sorten von Gespenstern,
-als da sind Kobolde, Nixen, Feldgeister, Bergmännchen etc. dem Leser
-vorgestellt werden, kommen in schönster systematischer Ordnung die
-durch dieselben entstehenden Rechtsfälle an die Reihe. Der Hexenhammer
-hatte ja auch mehr als zwei Jahrhunderte früher diese Materie
-behandelt. Man sieht daraus wieder einmal, wie sehr die weltlichen
-Wissenschaften den geistlichen nachhinken.
-
- *
-
-Doch ad rem! Es gibt bekanntlich Personen, die von Gespenstern sehr
-geplagt werden. Was ist nun zu tun, wenn ein Ehegatte die Beobachtung
-macht, daß sein Gespons zu dieser Sorte gehört? Stryck gestattet aus
-diesem Grunde zwar die Auflösung eines Verlöbnisses, nicht aber die
-Ehescheidung. Der Mann muß dann eben den Spuk als Hauskreuz ansehen und
-es zusammen mit seinem angetrauten mit Würde tragen.
-
-Da ein Haus, in dem die Geister spukten, nahezu wertlos war, findet
-es Stryck nur gerecht, wenn gegen den Verkäufer, der damit den
-Käufer betrog, Klage erhoben wird. Natürlich wird dadurch auch ein
-Mietkontrakt hinfällig. Wenn der Spuk aber so harmlos ist, daß die
-Geister nur in den abgelegensten Teilen des Hauses an die Türen
-klopfen oder ein wenig heulen, dann darf man deshalb nicht gleich die
-Flinte ins Korn werfen und ausziehen. Auch ist der Vermieter nicht
-zum Nachgeben verpflichtet, wenn er beweisen kann, daß bisher sein
-Haus von Geistern rein war und erst seit der Vermietung, weil die neue
-Partei mit Hexen und Zauberern in Feindschaft lebe, von ihnen zum
-Tummelplatz auserkoren wurde. Natürlich hat der Hausherr das Recht
-auf Injurienklage, wenn ein Verleumder sein Haus für nicht geheuer
-bezeichnet.
-
-Wenn der Teufel jemand zu Verbrechen bewegt, so ist der Delinquent
-darum nicht jeder Strafe ledig, aber unter gewissen Umständen ist es
-doch billig, sie zu mildern, z. B. wenn der Delinquent anführen kann,
-der Teufel habe gedroht, ihn zu ersticken oder den Hals umzudrehen.
-
-Augenscheinlich hatte Stryck die Materie nicht gründlich genug
-behandelt, denn der Rechtsgelehrte +Karl Friedrich Romanus+ in
-Leipzig sah sich 1703 gezwungen, die Frage, ob wegen Gespenstern
-der Mietkontrakt aufgehoben werden könne, mit großem Aufwand von
-Gelehrsamkeit und Spitzfindigkeit nochmals zu behandeln. (Schediasma
-polemicum expendens quaestionem an dentur spectra, magi et sagae. Lips.
-1703.) Da er die Gespensterfurcht durch hundert Zitate beweist, so
-steht für ihn fest, daß selbst die manierlichsten Geister den Mieter
-zur Auflösung des Kontraktes berechtigen. +Thomasius+ war allerdings
-anderer Ansicht (De non rescindendo contractu conductionis ob metum
-spectrorum. Halle 1711 recusa ib. 1721. Deutsche Halle 1711), doch der
-bedeutende Mann stand dem Geisterglauben überhaupt recht skeptisch
-gegenüber. Dieser Stryck nun ging den Theologen in der »Gläubigkeit«
-nicht weit genug und mußte sich deshalb mit einer Menge Gegner
-herumschlagen.[226]
-
- *
-
-Friedrich der Große hob bekanntlich durch die Kabinettsorder
-vom 3. Juni 1740 die Tortur in seinen Ländern auf, außer bei
-Majestätsverbrechen, Landesverrat und Massenmord. Natürlich gegen den
-Willen der Juristen. Ein teilweises, allerdings sehr verklausuliertes
-Zurückgreifen auf sie enthält das Zirkular Friedrich Wilhelms
-III. von Preußen vom 21. Juli 1802. Es ordnet zwar an, daß »bei
-Criminal-Untersuchungen die Angeschuldigten durch thätliche Behandlung
-nicht zum Bekenntniß der Wahrheit zu nöthigen« sind, führt aus, »wie
-unzulässig der Gebrauch der Schärfe in einer Criminal-Untersuchung
-sei, und wie leicht die Inquirenten von der ihnen eingeräumten
-Befugniß, einen verstockten Verbrecher für offenbare Lügen zu
-züchtigen, Mißbrauch machen können«. Deshalb sei »die Anwendung
-körperlicher Züchtigungen als Mittel zur Erforschung der Wahrheit bei
-Criminal-Untersuchungen gänzlich zu untersagen.« Das klingt sehr schön.
-Dann aber heißt es weiter:
-
-»Damit aber der halsstarrige und verschlagene Verbrecher durch freche
-Lügen und Erdichtungen, oder durch verstocktes Leugnen, oder gänzliches
-Schweigen sich nicht der verdienten Strafe entziehen möge, soll...
-das Collegium befugt sein..., +eine Züchtigung gegen einen solchen
-Angeschuldigten zu verfügen+. Vorzüglich findet eine solche Züchtigung
-alsdann statt, wenn der Verbrecher bei einem gegen ihn ausgemittelten
-Verbrechen, welches er nicht allein ausgeübt haben kann, die Angabe
-der Mitschuldigen verweigert, oder wenn der Dieb nicht anzeigen will,
-wo sich die gestohlenen Sachen befinden, oder wenn dieser hierin
-durch falsche Angaben den Richter täuscht. Die Züchtigung muß nach
-Beschaffenheit des körperlichen Zustandes in einer bestimmten Anzahl
-von +Peitschen- oder Rutenhieben+ bestehen, auch kann an deren Stelle
-Entziehung der besseren Kost, einsames Gefängnis oder eine ähnliche,
-der Gesundheit des Angeschuldigten unschädliche Maßregel gewählt
-werden.«[227]
-
-Das heißt auf deutsch, +daß es in Preußen noch zu Beginn des 19.
-Jahrhunderts rechtens war, Geständnisse in gewissen Fällen durch
-Peitschenhiebe zu erzwingen+.
-
-Das scheint uns haarsträubend und doch haben wir heute noch eine viel
-schlimmere Tortur, als sie früher bestand. Wirft Müller dem Meyer
-ein Schimpfwort an den Kopf, dann hat er obendrein noch das Recht,
-durch Zeugen alles an schmutziger Wäsche in die Öffentlichkeit zu
-zerren, was sich nur über seinen Gegner auftreiben läßt. Die Zeugen
-selbst aber sind verpflichtet, bis in die intimsten Intimitäten ihres
-eigenen Lebens hinein alles nur irgend einer sensationslüsternen Menge
-interessant erscheinende vor aller Welt aufzudecken. Eine Reihe von
-Prozessen aus letzter Zeit beweisen, daß ungezählte Existenzen durch
-diese moderne Tortur vernichtet werden können. Es ist nur Glückssache,
-ob nicht jeder von uns einmal gezwungen wird, seinen eigenen
-moralischen Henker vielleicht um einer Bagatelle willen zu machen.
-Manchem dürften da die Stockschläge von ehedem humaner erscheinen.
-
- *
-
-Friedrich Wilhelm III. erließ am 7. Juli 1802 das »Publicandum wegen
-Deportation incorrigibler Verbrecher in die +Sibirischen Bergwerke+«.
-Unter der Motivierung, daß der beabsichtigte Zweck, die getreuen
-Untertanen vor Verbrechern zu schützen, nicht erreicht wurde, da
-von Zeit zu Zeit solche Verbrecher aus den Strafanstalten entwichen
-und andrerseits die Hoffnung auf Flucht selbst lebenslängliche
-Verurteilung diesen Bösewichtern nicht hinlänglich schrecklich
-erscheinen läßt, heißt es:
-
-»Aus diesen Gründen haben Allerhöchst dieselben beschlossen, die in den
-Strafanstalten befindlichen incorrigible Diebe, Räuber, Brandstifter
-und ähnliche grobe Verbrecher, in einen entfernten Weltteil
-transportieren zu lassen, um dort zu den härtesten Arbeiten gebraucht
-zu werden, ohne daß ihnen einige Hoffnung übrig bliebe, jemals wieder
-in Freiheit zu kommen. Diesem gemäß ist mit dem +Russisch-Kaiserlichen
-Hof die Vereinbarung getroffen, daß dergleichen Bösewichter in dem
-im äußersten Sibirien+, über tausend Meilen von der Grenze der
-Königlichen Staaten +belegenen Bergwerken zum Bergbau gebraucht werden
-sollen, und es sind hierauf vorerst Acht und Funfzig der verdorbensten
-solcher Verbrecher am 17. Junius d. J. an den Kaiserlich Russischen
-Kommandanten zu Narva würklich abgeliefert, um von dort in diese
-Sibirischen Bergwerke transportiert zu werden+.
-
-Seine Königliche Majestät werden durch fernere, von Zeit zu Zeit zu
-bewürkende Absendungen solcher Verbrecher die Eigenthumsrechte der
-sämmtlichen Bewohner Ihrer Staaten gegen die Unternehmungen solcher
-Bösewichter schüzzen, und lasse daher dieses zur Beruhigung Ihrer
-gutgesinnten Unterthanen und zur Warnung für jedermann hierdurch
-öffentlich bekannt machen.«
-
-Daß der Staat zur Sicherung seiner Untertanen zur Deportation oder
-zu sonstigen Gewaltmitteln greift, ist gewiß kein Kultur-Kuriosum,
-wohl aber, daß eine Großmacht sich der Hilfe einer anderen bedient, um
-seiner verbrecherischen Untertanen, noch dazu in friedlichen Zeiten,
-Herr zu werden.
-
- *
-
-Übrigens waren die herrschenden preußischen Gesetze nicht durch
-Milde ausgezeichnet. +Das Vermögen der politischen Verbrecher wurde
-eingezogen, auch ihre Kinder durften »zur Abwendung künftiger
-Gefahren« in beständiger Gefangenschaft gehalten oder verbannt
-werden.+ Selbst Eltern, Kinder und Ehegatten waren bei zehnjähriger
-bis lebenslänglicher Festungsstrafe zur Denunziation und Verhütung
-dieses Verbrechens verpflichtet. Landesverräter sollten »zum
-Richtplatz geschleift, mit dem Rade von unten herauf getötet, und
-der Körper auf das Rad geflochten werden«. +Zum Landesverrat gehörte
-auch die Verleitung zur Auswanderung+ und Verrat von Fabrik- und
-Handlungsgeheimnissen, doch hatte es in diesem Falle mit vier- bis
-achtjähriger Festungs- oder Zuchthausstrafe sein Bewenden.[228]
-
- *
-
-Im Palais, das Friedrich Wilhelm III. bewohnte, wurden Gegenstände
-im Werte von 50 Talern gestohlen. Bei einem Mädchen, das für die
-Königin strickte, fand man einige Sachen. Sie wurde verhaftet, der
-Fall dem König angezeigt und er befahl: »daß man die eingezogene und
-arretirte Inquisitin Louise M. +so lange peitschen sollte, bis sie ihre
-Mitschuldigen bekenne+, und anzeigen würde, und +wenn sie unter den
-Streichen tot bleiben sollte+.«
-
-Darauf zählte man dem Mädchen den ersten Tag 79, den andern Tag 86
-und nachmittags 50 Peitschenhiebe »theils auf den bloßen Hintern, und
-theils auf den Rücken ohne Barmherzigkeit auf, überließ die Direktion
-des Verfahrens den niedrigsten Beamten, das heißt Schreibern und Boten.
--- Das Urtheil erfolgte und sie wurde zu Zuchthausstrafe auf des Königs
-Gnade (d. h. so lange der König wollte!!) condemnirt. Durch diese
-von dem jetzt regierenden König eingeführten Peitschenhiebe bei den
-Inquisitionen +ist die Tortur der Alten optima forma eingeführt+.«
-
- *
-
-Das noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts gültige Preußische Kriegsrecht
-hatte folgende Todesstrafen: »1. Arquebusieren (erschießen), 2.
-Hinrichtung durch das Schwert, 3. durch den Strang, 4. durch das
-Feuer, 5. durch das Rad von oben hinab oder von unten herauf, 6. durch
-Viertheilung.
-
-Bei der Hinrichtung durch das Schwert ist die Verscharrung des
-Leichnams auf der Exekutionsstätte, oder das Flechten des enthaupteten
-Körpers auf das Rad eine gesetzliche Folge der mindern oder größern
-Wichtigkeit des Verbrechens.
-
-Die Hinrichtung durch den Strang kann theils in der Garnison... theils
-außerhalb der Garnison an dem gewöhnlichen Galgen geschehen... Im
-zweiten Fall bleibt der Körper bis zur Verwesung am Galgen hängen.
-
-Die Exekution durch Feuer, durch das Rad oder durch Viertheilen wird
-jedesmal außerhalb der Garnison auf der gewöhnlichen Gerichtsstätte
-vollzogen, und erfolgt sodann die Verscharrung des Leichnams oder
-dessen Heftung auf das Rad, oder Anschlagen der Theile an den Galgen
-oder an besonders dazu errichtete Pfähle nach der Größe und Wichtigkeit
-des Verbrechens.
-
-In wie weit bei Militär-Personen die Todesstrafe verschärft werden
-kann, wobei... die... bestimmte Gattung der Strafe... für den
-Verbrecher empfindlicher und für den Zuschauer abschreckender zu machen
-ist, wohin das Schleifen zur Richtstätte, das Abhauen einer oder beider
-Hände und so weiter gehören mag, muß in jedem einzelnen Falle entweder
-nach den besonderen Militärgesetzen, oder bei gemeinen Verbrechen
-der Militär-Personen, nach dem allgemeinen Landrechte beurtheilt und
-festgesetzt werden.«
-
-Wer sich selbst entleibte, wurde unter dem Galgen durch den Schinder
-verscharrt.
-
-Die Ehefrau eines Deserteurs, welche mit ihrem Ehemann zugleich
-entwichen oder zwar zurückgeblieben, aber der Durchhelfung desselben
-schuldig befunden, wurde mit dem Verlust ihres eingebrachten oder sonst
-eigentümlichen Vermögens, welches der Generalinvalidenkasse zufiel,
-bestraft.[229]
-
- *
-
-Die letzte Tortur in Deutschland fand im Jahre 1826 im Amte Meinersen
-in Hannover statt. Ein Häusler Wiegmann war im Anfang des Jahres
-verhaftet worden, weil er zwei Pferde gestohlen haben sollte, die
-auf 80 Taler gewertet wurden. Da er leugnete, ging man nach den
-Regeln des Inquisitionsprozesses mit »Verbal- und Realterrition«
-gegen ihn vor. Man bedrohte ihn erst mit der Folter, zeigte ihm dann
-die Instrumente und erklärte sie und folterte ihn endlich wirklich.
-Die Justizkanzlei in Celle erließ am 4. März eine ausführliche
-Instruktion über das hierbei zu beobachtende Verfahren. So sollte der
-Nachrichter bei Vorzeigung der Folterwerkzeuge den Inquirierten zu
-einem »ungezwungenen« (sic!) Bekenntnisse ermahnen, ihn aber, wenn er
-kein Geständnis ablegte, auf die Folterbank setzen, ihm Daumenschrauben
-anlegen und mit deren Zuschraubung einen »gelinden« Anfang machen.
-
-In der Nacht vom 12. zum 13. März führte man Wiegmann in den Keller
-unter dem Amtshause, wo der Scharfrichter mit zehn Henkersknechten
-schon versammelt war. Zehn Minuten vor ein Uhr wurde der Inquirent
-seiner Ketten entledigt, noch einmal befragt, beteuerte aber seine
-Unschuld.
-
-Der Scharfrichter erklärte ihm nun die furchtbaren Werkzeuge, die
-in der absichtlich matten Beleuchtung immer noch entsetzlich genug
-aussahen, und man drängte ihn wieder um ein Geständnis. Da er standhaft
-blieb -- er war aller Wahrscheinlichkeit nach unschuldig --, trat nun
-der Scharfrichter mit seinen Gesellen in ernstere Funktion.
-
-Lärmend fielen die rohen Burschen über Wiegmann her, rissen ihm die
-Kleider vom Leibe und setzten ihn auf den mit Stacheln gespickten
-Marterstuhl. Die Augen hatte man ihm verbunden, die Hände an die
-Stuhllehne gefesselt und den Stuhl selbst zurückgelehnt, damit er die
-Stacheln mehr fühle. Trotzdem beteuerte er seine Unschuld.
-
-Nun nahm man den Unglücklichen auf eine Minute herunter und ermahnte
-ihn abermals zur Wahrheit. Da er nicht gestand, legte man ihn
-sofort wieder zurück und setzte ihm obendrein die schrecklichen
-Daumenschrauben an. Er hielt geduldig die Hände hin und zuckte nur
-einige Male zusammen, als man ihm noch unvermutet Peitschenhiebe
-versetzte. Er jammerte: »Wie kann ich etwas bekennen was ich nicht
-getan.«
-
-Nun wurden ihm, während man seine Wunden mit Salben bestrich, wieder
-neue Folterinstrumente gezeigt und angedroht, aber seine Kraft war
-erschöpft. Er sagte: »Ich friere und kann nichts mehr sehen.« Man
-führte ihn nun ins Gefängnis zurück.
-
-Seine Angst vor neuer Folterung, die gesetzlich nicht zulässig
-gewesen wäre, beutete man in diabolischer Weise aus. Man erweckte
-durch raffinierte Vorkehrungen aller Art in ihm den Glauben, daß er
-abends wieder gefoltert werden würde und erzählte ihm allerlei von den
-furchtbaren Vorbereitungen, die getroffen würden.
-
-Nun gestand er in seiner Zelle aus Todesangst. Der Richter hatte sich
-eilig zu ihm begeben, und um einem Wiederruf vorzubeugen, ließ man in
-der Amtsstube Licht machen, trieb Leute, die Geräusch machen mußten,
-auf dem Amtshofe zusammen und ließ Männer mit brennenden Kerzen
-zwischen Amtsstube und Folterkeller hin- und herlaufen. So erweckte man
-in ihm den Glauben, daß noch mehr Henkersknechte angekommen seien, ihre
-Zurüstungen träfen, und daß Neugierige etwas davon zu erhaschen suchten.
-
-Die Justizkanzlei tadelte allerdings scharf die unnötige Strenge der
-»Realterrition«, dann die einen Tag dauernde Verbalterrition. »Für
-künftige Fälle« hatte die Kanzlei dem Amt ein solches Vorgehen, wie
-dieses, verboten. Gottlob sollten sie sich aber nicht mehr ereignen.
-Am 17. April 1822 (nach Krieg erst 1840) wurde die Folter in Hannover
-abgeschafft.
-
-Wiegmann hatte vier Jahr Zuchthaus auf sein »freies Geständnis« hin
-erhalten, und im Zuchthaus starb er auch.[230]
-
- *
-
-Bis zum Jahre 1648 erhielt sich zu Oudewater in Holland der Brauch,
-daß sich Leute, die der Hexerei beschuldigt wurden, auf der großen
-Stadtwage wiegen ließen. Bis aufs Hemd entkleidet geschah dies in
-Gegenwart des Stadtschreibers und der Gerichtsschöppen. Bei Weibern war
-auch die Wehmutter gegenwärtig. Dafür zahlte man 6 Gulden und 10 Sols,
-erhielt aber ein gerichtliches Zertifikat, worin bestätigt wurde, »daß
-ihr Gewicht ihrem Wuchse gemäß und nichts Teuflisches an ihrem Körper
-befindlich sey«. Durch dieses Attest entging man der Inquisition.
-Deshalb zog man es natürlich vor, das Geld zu erlegen, statt den
-Scheiterhaufen zu riskieren.[231]
-
- *
-
-Aus dem Jahre 1752 hat sich ein Kabinettsbefehl des Markgrafen Karl
-Friedrich von Baden-Durlach erhalten, der an die Einwohner des am Fuße
-der Hardt nördlich von Landau gelegenen Fleckens Rodt gerichtet ist
-und Verfälschung des Weines mit Spießglas, Silberglött und anderen
-Mineralien mit dem +Tode durch den Strang+ bedroht, in milderen
-Fällen, d. h. bei Anwendung von Zucker, Rosinen etc. mit dreijähriger
-Zuchthausstrafe.[232]
-
- *
-
-Der letzte Fall von krimineller Behandlung der Häresie liegt auch noch
-keineswegs so weit zurück, als man annehmen sollte. Er ereignete sich
-nämlich im Jahre 1751 und betraf einen Advokaten und Notar in Tirol.
-Lief die Sache auch nicht allzu grausam ab, so wurde der Angeklagte
-doch recht wenig glimpflich behandelt.[233]
-
- *
-
-Das erinnert einigermaßen an die -- allerdings in Abrede gestellte
--- Äußerung eines bayerischen Ministerialbeamten dem Professor
-Sickenberger gegenüber, daß Personen, die mit ihrer Kirche
-zerfallen wären, suspekt seien und daher wenig Aussicht haben, eine
-Staatsanstellung zu erhalten!!! Wurde die Äußerung auch bestritten, die
-Tatsache, daß bis heute keine Anstellung erfolgte, bleibt bestehen.
-
- *
-
-In einem Pommerschen Städtchen ist die Benutzung von Leitern ohne
-Spitzen untersagt. Eines Nachts im Jahre 1909 besuchte ein Dieb ein
-Gehöft und benutzte eine auf dem Hofe stehende Leiter, um in das Haus
-einzusteigen. Er wird gestört, die Leiter fällt um und er bricht den
-Oberschenkel. Nun haben wir aber die sogenannte Haftpflicht, und das
-war für den Dieb ein großes Glück. +Der Besitzer des Gehöftes muß dem
-Herrn Einbrecher die durch den Schenkelbruch entstandenen Kurkosten und
-eine Entschädigungssumme zahlen, weil die spitzenlose Leiter gegen das
-Gesetz verstieß!!+[234]
-
- *
-
-Zu dieser erbaulichen Geschichte bietet die folgende ein allerliebstes
-Gegenstück. In einem Dorfe in der Provinz Schleswig-Holstein bricht
-Feuer aus. Fünf Menschenleben sind in Gefahr. Ein Arbeiter wagt sein
-eigenes und rettet die fünf, wird dabei aber so schwer verletzt, daß er
-längere Zeit keine Arbeit verrichten kann. Sein Antrag bei der Gemeinde
-um Unterstützung wird rundweg +abgelehnt, weil er -- die Rettung »ohne
-Order« vorgenommen hatte+. Difficile est satyram non scribere.[235]
-
- *
-
-Der Ruhm des schleswig-holsteinschen Abdera ließ die edlen Bewohner
-Altonas anscheinend nicht schlafen. Sie bemühten sich also auch
-ihrerseits, eine denkwürdige Tat zu begehen, und das gelang ihnen über
-Erwarten glänzend. Der früher in Altona angestellte Schutzmann Riese
-hatte vor einiger Zeit ein Kind aus dem Treibeis der Elbe vor dem Tode
-des Ertrinkens gerettet. Durch das kalte Bad, das der Beamte dabei
-unfreiwillig nahm, stellte sich bei ihm ein rheumatisches Leiden ein,
-das Dienstunfähigkeit im Gefolge hatte. Darauf kündigte die Stadt
-Altona dem wackeren Beamten den Dienst und entließ ihn +ohne Pension+,
-weil er -- der heilige Bureaukratius fordert es so -- noch nicht zehn
-Jahre sein Amt verwaltet hatte. Riese verklagte nun die Stadt auf
-Zahlung einer Pension, die Stadt aber, jedenfalls aus Furcht, ihre
-Munifizens könnte nicht weit genug bekannt werden, führte den Prozeß
-sowohl vor dem Landesgericht, als auch vor dem Oberlandesgericht.
-Sie verlor aber schändlicherweise und wurde zur Zahlung der Pension
-verurteilt.[236]
-
-Es gibt eben keine Gerechtigkeit mehr auf der Welt.
-
-
-
-
-Zwölfter Abschnitt
-
-Von allerlei Sitten und Zeremoniell
-
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-In den Göttinger Statuten des Jahres 1342 mußte besonders verboten
-werden, nicht im +Ratskeller+, wo man beisammen aß und trank, +seine
-gröbste Notdurft zu verrichten+.
-
-Übrigens erzählt Schweinichen, daß sich 1571 unter den schlesischen
-Adeligen ein +Verein der Unflätigen+ gebildet hatte, mit dem Statut,
-sich +nicht zu waschen, nicht zu beten und unflätig zu sein+, wohin sie
-kämen.[237]
-
- *
-
-Was man dem Adel alles zutraute, geht u. a. aus der preußischen
-Hofordnung aus der Zeit Herzog Albrechts hervor. Es handelt sich
-um Vorschriften für den Besuch der Junker im Gemach der Hofdamen:
-»desgleichen sollen die vom Adell auch zuchtig neben ihnen (den
-Hofdamen) nidersitzen und alldo alle unzuchtige geberden und wort
-vermeiden, wie dann solchs die Adeliche zucht und gebrauch ehrlicher
-furstlicher frauenzimmer erfordert. Und das dem also, und nicht
-anderst, gemes gelept, soll der Hoffmeister und Hoffmeisterin darauff
-fleißig sehen und daruber halten und in Summa keynem Edelman den
-eingang gestatten, dan der sich zuchtig, ehrlich, erbarlich und, wie
-sich geburt, beweysen thue.«[238]
-
-Zu denken gibt auch folgender Passus in der Hofordnung des Markgrafen
-Philipp II. von Baden-Baden (1571-1588): »Khein Unzucht, so die Natur
-in Niechterkeit nothalber erfordert, solle anderer Enden dann an
-denen orthen, da es sich gebürt und die darzu verordnet, verricht und
-dargegen die schandtliche und ergerliche unhöflichkeiten und schanden,
-so anderwerts biß anhero bößlich und schädlich in vil weg fürgangen,
-gewißlich vermiden bleiben, bey gefengkhnus und unserer ungnad
-unnachläßlicher gefahr.«
-
-Die württembergische Hofordnung Herzog Johann Friedrichs enthält sogar
-noch 1614 einen ganz ähnlichen Passus.[239]
-
- *
-
-In der Hofordnung Karls II. von Baden-Durlach heißt es: »Und nachdem
-von dem hofgesindt bißher mermaln clag furkhomen, das sie nachts
-uff der gassen allerhandt unzucht treiben und etwa den Burgern mit
-einschlagung und einwerffung der fenster und in ander weg schaden
-beschicht, so wollen Ire f. Gn. -- edel und unedel hiemit, sich eins
-solchen gentzlich zu enthalten, gebotten haben und, da solches nit
-helffen (wurde), mit der straaff niemandts schonen.«
-
- *
-
-Eine Bestimmung, die sich häufig findet und tief blicken läßt, ist die
-Karls II. von Baden-Durlach: »Disgleichen soll niemandts kein büchsen
-in der Statt abschießen, sonder solchs vor der Statt an unschadlichen
-ortten tun.« Es war damals augenscheinlich gang und gebe, daß die
-Hofleute in der Stadt herumschossen.[240]
-
- *
-
-Jede Hofordnung fast ohne Ausnahme enthält Bestimmungen über den
-Burgfrieden, der unter dieser rauhbeinigen Gesellschaft gar nicht
-energisch genug aufrecht erhalten werden konnte. So bestimmen die
-württembergischen Hofordnungen noch das ganze 17. Jahrhundert hindurch,
-daß, wer vom Gesinde sich an seinem Vorgesetzten vergreift, die rechte
-Hand verlieren soll. Ebenda wird als Burgfriedensverletzung auch
-bezeichnet, wenn jemand sich weigert, mit einem andern am selben Tisch
-zu sitzen.[241]
-
- *
-
-Zur Illustrierung des höfischen Tones dient auch folgender Passus
-in der Hof- und Feldordnung der Herzöge Adolf Friedrich und Johann
-Albrecht II. von Mecklenburg vom Jahre 1609: »Es sol auch bei und uber
-den Malzeiten ohne uberlauts schreyen, auch zerprech- und werfung der
-Trinckgeschier sich ein jeder zuchtig und eingezogen verhalten...«[242]
-
-Dazu passen aus der Hofordnung des Markgrafen Johann von Küstrin
-die Bestimmungen: »§ 2. Eß soll auch der Hoffmeister bei seinen Unß
-gethanen pflichten kein unordnunge in unsern furstlichen frauenzimmer
-gestadten und darauf mit gut achtung geben, das keine Unfleterei weder
-im Frauenzimmer noch davor getrieben werde, und do es von jungen oder
-alten geschehe...
-
-§ 3. Do auch der Hoffmeister einig Winkellsitzen, es were von Magden
-oder Andern vormerckte, oder daß sonsten unrichtigkeitt befunden, soll
-ehr uns und unsere(m) Gemahll solches jederzeitt zu vermelden schuldigk
-sein, auch kein unordentlich gereiß oder dergleichen scherz, so mit
-Jungfern oder Megden vorgenommen wurden, nicht gestatten, sondern
-straffen.
-
-§ 4. Es soll auch keine Saufferey in dem frauenzimmer verstattet noch
-nachgeben werden.
-
-Es folgen dann noch ähnliche Bestimmungen, so daß die Edelleute nur bis
-8 Uhr abends sich mit den Jungfrauen, unter denen selbstverständlich
-Hofdamen gemeint sind, unterhalten dürfen etc. Man denke sich eine
-moderne Hofordnung! Und dazu muß ausdrücklich bemerkt werden, daß sehr
-viele es für nötig hielten, in dieser Weise für den Anstand zu sorgen.
-So z. B. Herzog Bogislaw XIV. von Pommern-Stettin, der den Hofmeister
-dafür sorgen läßt, daß ›auch darin (im Gemach der Hofdamen) keine
-unzulessige vollsaufferey oder sonsten wüstes, wildes wesen getrieben,
-besonders (sondern) ein jeder zu rechter Zeit wiederumb wegk an seinen
-ort gehen und das Frauenzimmer zu rechter Zeit geschlossen werden
-möge.‹«[243]
-
- *
-
-Der Ton bei Hofe wird deutlich aus der Hofordnung Herzog Johann
-Albrechts von Mecklenburg vom Jahre 1574. »Und weill S. f. G. in
-erfahrung kommen, das die Diener, wan S. f. G. auf der Jagd oder
-sonsten auff den höfen seindt, den Leutten die huener todtschlagen,
-daß Obst auß den Gertten nehmen und sich sonsten dergleichen Dingen
-erzeigen, alß wan eß in offenem feldtzug wehre, auch dißfalls S. f. G.
-eigen Höfe und Gartten nicht verschonen. Also wollen S. f. G. solches
-hiemitt ernstlich verbotten ...«
-
- *
-
-Montaigne, der im Jahre 1580 seine Reise antrat, ist von der
-Sauberkeit, die er überall in Deutschland findet, entzückt. Besonders
-lobt er die Reinlichkeit in den Augsburger Häusern, wo er sogar
-nirgends Spinnweben antrifft. Köstlich ist, wie er die Einrichtung der
-Schlafzimmer beschreibt: »+ils metent souvent contre la paroy a coté
-des licts, du linge et des rideaus, pour qu’on ne salisse leur muraille
-ein crachant+«.[244]
-
-Nun muß man ja berücksichtigen, daß Montaigne gemäß seiner sozialen
-Stellung und Vermögen nur mit wohlhabenden Kreisen in Berührung kam und
-wohl auch von Frankreich her durch Reinlichkeit nicht allzu verwöhnt
-war. Denn beim niedern Volk sah es anders aus. Ein Jahrhundert früher
-schreibt Platter über die Läuseplage im Spital: »Ich hette schier offt
-man gwelt hette, +dry leuß mit einandren uß dem busen zogen+.« Das
-heißt: so oft er gewollte hätte, würde er drei Läuse mit einem Griff
-aus dem Busen gezogen haben![245]
-
- *
-
-Der Furcht vor Insekten, die ja nicht unbegründet gewesen zu sein
-scheint, dienten auch die Baldachine oder Betthimmel. Man war besonders
-besorgt, den Kopf der Schlafenden vor Ungeziefer zu schützen, das von
-der Decke herabfallen konnte. Deshalb waren -- was nicht für unsere
-Sauberkeit sprechen will -- im 15. und 16. Jahrhundert die Betten zum
-Teil der ganzen Länge nach, zum Teil auch nur am Kopfende mit einem
-Holzhimmel überdeckt. In den Niederlanden genügte Stoff, wohl leichte
-Seide, diesem Zweck. Aber man machte die bittere Erfahrung, daß das
-gerade geschah, was man vermeiden wollte: die ungebetenen Gäste ließen
-sich in den Baldachinen häuslich nieder. Deshalb verschwand im Laufe
-des 17. Jahrhunderts das Himmelbett langsam, wenigstens das schwere mit
-Holzdach.[246]
-
-Wie es im 16. Jahrhunderte etc. von Flöhen und Läusen wimmelte, geht
-aus der Rolle hervor, die diese Tierchen im öffentlichen Interesse
-einnahmen. So prophezeit Fischart in seiner Praktik (S. 27), daß
-diese Wandleuß in Frankreich gedeihen werden -- ähnlich auch Rabelais
-wiederholt in Gargantua und Pantagruel -- und in der Flohatz 2082, daß
-»kein Wandlauß nach kein Floh nicht bleibt.«
-
-Ho. Coler (Oeconomia Bd. XVIII, c. 19) setzt im Ernste auseinander: »Es
-sind aber von diesen edlen Creaturen dreyerley: Kopfleuse, Kleiderleuse
-und Filtzleuse. Die erste befehle ich den Kindern und Weibern, die
-andere den Landsknechten, Botten und Bettlern, die dritten den Bulern
-und Hurenhengsten.«
-
-Montaigne war also nicht nur naiv, sondern auch recht anspruchslos!
-
- *
-
-Im 14. Jahrhundert und früher hatten die Betten eine riesige Größe.
-Solche von vier Meter Breite waren die Regel. Allerdings schlief nicht
-nur das Ehepaar im gleichen Bett, wie ja mancherorts heute noch üblich,
-sondern die Adeligen luden auch regelmäßig ihre Waffengefährten ein, in
-ihrem Bett zu schlafen, zum Zeichen der Waffenbrüderschaft. Und zwar
-+lud man den Freund auch ins Ehebett ein, so daß häufig die Gattin
-neben dem Gast lag+. Aber auch Hunde genossen die Gastfreundschaft.[247]
-
- *
-
-Noch im 17. Jahrhundert besaßen die Damen keinen Salon, vielmehr
-empfingen sie Besuche im Schlafzimmer, und zwar +auf dem Bett liegend+.
-Das Bett spielte überhaupt eine große Rolle im Leben der Damen. Als
-am 2. Oktober 1686 die Gesandtschaft von Siam dem Sonnenkönig ihre
-Aufwartung machte, empfing die Gemahlin des Dauphin sie +im Bett+,
-desgleichen lagen alle Prinzessinnen von Geblüt auf dem Bett, als sie
-den exotischen Gästen Audienz erteilten.
-
-Der Dichter Gombault hatte freien Zutritt bei der Königin Maria von
-Medici. Eines Tages traf er sie auf ihrem Bett liegend, die Kleider in
-Unordnung. In Verse goß er seine Erlebnisse:
-
- Souvent je doute encore, et de sens dépourveû,
- Dans la difficulté de me croire moy mesme,
- Je pense avoir songé ce que mes yeux ont veû.
-
- (Poésies p. 68.)
-
-Die Sitte gab um so mehr zu pikanten Situationen und entsprechenden
-Erlebnissen Gelegenheit, als die Intimen des Hauses und Ehrengäste
-+sich auf das Bett setzen oder gar legen durften+.
-
-Ein Handbuch des guten Tones vom Jahre 1675 muß deshalb ausdrücklich
-feststellen, daß es unschicklich ist, sich auf das Bett einer Dame zu
-setzen, und daß es sehr ungehörig sei, sich zur Konversation auf ein
-Bett zu werfen.
-
- *
-
-Noch merkwürdiger war die Sitte, daß die +Neuvermählte sich vom Tage
-nach der Hochzeit an drei Tage lang auf ihrem Bett liegend allen
-Bekannten zeigen mußte+. Und zwar hatten auch ganz Fernstehende zu
-diesem Schauspiel Zutritt. Man unterzog dabei die junge Frau einem
-Kreuzverhör, um ihre Haltung zu prüfen. Selbst die höchsten Damen
-konnten sich dem Brauch nicht entziehen. Der Herzog von Lauzun
-renommierte bei dieser Gelegenheit mit seinen Heldentaten...!
-
-Im Jahre 1698 heiratete der Graf d’Ayen ein Fräulein d’Aubigné, Nichte
-der Mme. de Maintenon. Nach dem Souper legte man das Paar zu Bett.
-»Der König reichte, wie Saint-Simon (II, p. 59) erzählt, das Hemd dem
-Grafen, die Herzogin von Bourgogne der Braut das ihre. Der König sah
-beide im Bett mit der ganzen Hochzeitsgesellschaft; er selbst zog ihnen
-den Bettvorhang zu...« Am andern Morgen empfingen Mme. de Maintenon und
-in einem anstoßenden Zimmer die Gräfin d’Ayen auf ihren Betten liegend
-den ganzen Hof.
-
-Aber noch in der Mitte des folgenden Jahrhunderts gehörte das Bett zum
-höfischen Zeremoniell. Im Februar 1747 heiratete der Dauphin, Sohn
-Ludwigs XV., in zweiter Ehe Maria Josepha von Sachsen, nachmals Mutter
-dreier Könige. Der Herzog von Croy erzählt darüber in seinen Memoiren
-(Ed. Grouchy, p. 49):
-
-»Wir waren bei der Toilette der Dauphine anwesend, die sich
-+öffentlich+ abspielte, bis zu dem Augenblick, wo die Königin ihr das
-Hemd gab. In diesem Augenblick ließ der König alle Männer zur Toilette
-des Dauphin gehen, dem Seine Majestät das Hemd reichte. Als beide
-Zeremonien beendet waren, kehrte jedermann wieder ins Schlafzimmer der
-Frau Kronprinzessin zurück. Sie war in der Nachthaube und in ziemlicher
-Verlegenheit, aber weniger wie der Dauphin. Als sie im Bett lagen, zog
-man die Vorhänge zurück und +jedermann betrachtete die beiden einige
-Zeit lang+.«
-
- *
-
-Im 17. Jahrhundert stand das Bett ziemlich in der Mitte des Zimmers und
-hatte infolgedessen rechts und links je einen freien Raum, eine Gasse,
-von ungefähr gleicher Breite. Aber während die eine, etwas schmälere,
-für intim galt, war die etwas breitere die +offizielle+. Einst spielte
-König Heinrich IV., durch Gicht ans Bett gefesselt, mit Bassompierre,
-der uns die Geschichte erzählt (Mémoires ed. Chantérac T. I, p. 218),
-Würfel, und zwar saß er in der kleinen Gasse, während die große für
-eventuelle Besuche frei blieb. Da kam Mme. d’Angoulême. Der König
-drehte sich sofort herum und empfing die Herzogin »+auf der andern
-Seite des Bettes+«.
-
-Selbst die königlichen Prinzessinnen mußten, wenn sie am Bett Ludwigs
-XIV. vorbeigingen, es durch eine +tiefe Verbeugung+ grüßen. Auch bei
-der Königin grüßten die Damen das Bett.[248]
-
- *
-
-Im ausgehenden 15. Jahrhundert war der Gebrauch des +Taschentuches+
-nicht allgemein verbreitet. Man konnte sich mit der Hand schneuzen --
-das erlaubten sogar die Sittenlehrer -- nur mußte es die +linke Hand+
-sein, da man mit der rechten bei Tisch das Fleisch aß! Bediente man
-sich aber der Linken, dann konnte man ruhig seine Finger zur Reinigung
-benutzen.
-
-Daher mußte es als geradezu verwegene Neuerung gelten, wenn Jean
-Sulpice in seinem Libellus de moribus in mensa servandis vom Jahre 1545
-das Taschentuch empfiehlt und schreibt: »Wenn du dich schneuzen mußt,
-dann darfst du eine solche Ausscheidung nicht mit den Fingern nehmen,
-vielmehr in einem Taschentuch bergen.«
-
-Erhebend ist auch die Vorschrift, die Erasmus von Rotterdam in
-seiner unter dem Titel: Civilité moral des enfants im Jahre 1613 im
-Französischen erschienenen, aus dem Lateinischen übersetzten Schrift
-gibt. Daß der Nasenschleim entfernt werden müsse, steht bei ihm
-fest: »Aber sich in seine Mütze oder an seinem Ärmel zu schneuzen
-ist bäuerisch; sich am Arm oder am Ellenbogen zu schneuzen, mag den
-Zuckerbäckern anstehen; sich mit der Hand zu schneuzen, wenn du sie
-zufällig im gleichen Augenblick an deinen Anzug hinbringst, ist nicht
-viel gesitteter. Aber die Ausscheidungen der Nase mit einem Taschentuch
-aufzunehmen, indem man sich etwas von Standespersonen abwendet, ist
-eine hochanständige Sache. +Und wenn durch Zufall etwas davon zu Boden
-fallen sollte, wenn man sich nämlich mit zwei Fingern schneuzt, dann
-muß man sofort darauf treten.+«[249]
-
- *
-
-Montaigne erzählt im 22. Kapitel des 1. Buches seiner Essais von einem
-Edelmann, der sich noch mit seiner Hand schneuzte. Und zwar tat er das,
-weil er dem Nasenschleim nicht das Privileg einräumen wollte, in feiner
-Wäsche aufgenommen und sorgfältig eingesteckt zu werden. Er hielt es
-für viel verständiger, sich dieser Unreinlichkeit zu entledigen, wo es
-gerade sei. Und Montaigne pflichtete ihm bei!
-
- *
-
-Noch im 17. Jahrhundert war der Gebrauch des Taschentuches so wenig
-absolutes Erfordernis des wohlerzogenen Mannes, daß selbst ein großer
-Herr sich der Finger bedienen durfte. Eines Tages sah Hauterive de
-l’Aubespine, ein Edelmann von hohem Range, die Blüte Frankreichs bei
-sich, darunter den berühmten Turenne. Als während des Mahles Hauterive
-sich schneuzen mußte, +drückte er mit dem Finger ein Nasenloch zu und
-schleuderte den Inhalt des andern wie einen Pfeil gegen den Kamin+.
-Dabei machte er ein Geräusch wie ein Pistolenschuß. Ruvigny rief bei
-dieser Detonation zum großen Gaudium der andern aus: »Mein Herr, Sie
-sind doch hoffentlich nicht verwundet?«
-
-De la Mésangère schrieb im Jahre 1797 über dieses nicht sehr
-appetitliche Thema: »Vor einigen Jahren machte man eine Kunst daraus,
-sich zu schneuzen. Der eine ahmte den Trompetenton nach, der andere das
-Schnurren der Katze. Der Gipfel der Vollendung bestand darin, weder zu
-viel noch zu wenig Geräusch zu verursachen.«[250]
-
- *
-
-Einen Einblick in das höfische Zeremoniell gewährt uns die
-Kammerordnung Herzog Wilhelms V. (dankt 1595 ab, † 1626) von Bayern
-vom Jahre 1589. Dieser fromme, ja asketische Monarch bestimmt: »Alß
-wir unß dann anzuclaiden wellen anfangen und die Camerpersohnen
-darzue verordent werden, sollen die Camerer die Rekh und Mentl in der
-Vorcamer von sich legen und also eingenestlet in den Goldern (Kollern)
-oder Rekhlen mit anhangenden Iren Rapieren und seittenwähren zu uns
-hineingehen und nach vorgehender reverentz on alle Dif(f)erenz und
-forgang, wie bißhero geschehen, sondern vertraulich under einander
-zu dienen anfachen. Wir verordnen es dann in dieser Instruction oder
-ordnung in nachvolgendem anderst, hat es seinen Weg; Nemblich es soll
-unser Oberst Camerer oder in seinem abwesen der von uns verordnet
-verwalter und, so der kheiner vorhanden, allzeit dem Dienst nach der
-öltist oder auch ain anderer Camerer das Schlafhemet von uns empfahen
-und alßbaldt unser Leibbarbierer oder in seinem abwesen ainer aus den
-Camerdienern unsern Leib mit Tüechern reiben und abstreichen, dieweil
-uns der Oberst Camerer den Camb raichen, damit wir uns selbs daß Haar
-und Parth khemen, alß dann unser Obrist Camerer das hemet von dem
-Camerdiener nemmen und unß solchcs sowol als hernach den Prustfleckh
-und gestrickht hemetgeben. Volgents solle uns ainer aus den Camerern
-die Leinen sockhen und dariber die Hosen, schuech und Pantofel, deren
-Ime die Camerdiener indifferenter ains nach dem andern raichen sollen,
-anlegen. Auf dasselb soll uns das Tuech, so wir zu dem hendwaschen fir
-unß zu braitten pflegen, gegeben werden und daruf aus unsern Camerern
-ainer daß Peckhen und khandlen und der ander daß Mundtwasser nemmen und
-mit vorgehender Credentz daß Wasser, der Obrist oder anderer Camerer
-aber das Tuech zum Trinckhen raichen, welche alßdan nach verrichtem
-handwaschen daß handt- und Mundtwasser auszeschitten und das Peckhe(n)
-wiederumben zu seubern wie auch bemelte Tüecher dem Camerdiener
-zuestellen sollen. Also solle uns hernach unser oberster Camerer daß
-Wames raichen, uns anlegen und aus den Camerern ainer den Nachtrockh
-von uns nemmen, aus unsern Camerdienern ainem zuestellen und je zween
-von den Camerern uns einnesteln und alsoforth ganz und gar ankhlaiden
-und, so offt es auch von nothen, die seitenwehr, Pareth oder Gurt und
-gulden flüß (Goldenes Vließ) geben.
-
-Der Leibbarbierer sollr, da wir es begern, dem obristen Camerer, mit
-ainem Haubttuech verdeckht, daß Zanpulfer und Handsaiffen langen,
-derselb uns solches auf vorgehende Credenzung zu gebrauchen raichen und
-Ime, Barbierer, hernach wider zuestellen.
-
-Wenn wir dann auß unser Camer in die Vorcamer gleich alßbalden gehen,
-so sollen uns unsere Camerer alle vor(--), die Oberst Camerer aber
-strackhs volgen und nachgehen, uns zue und von der khurchen biß zu der
-Tafel belaitten. Da wir auch die Wöhr im Zimer nit wurden anhengen,
-solle sy der Obrist Camerer uns und sonst niemandts nachtragen.«[251]
-
- *
-
-In dieser umständlichen Art sind auch die andern Dienste, der bei der
-Tafel, beim Auskleiden etc. festgesetzt. Interessant ist aber diese
-Stelle nicht nur wegen ihrer zeremoniösen Umständlichkeit, die den
-spanischen Einfluß deutlich verrät und sich wesentlich vom Brauch der
-andern damaligen deutschen Höfe unterscheidet, auch nicht allein,
-weil sie uns Gelegenheit bietet, die Toilette des Fürsten genau zu
-verfolgen, sondern besonders deshalb, weil sie lehrt, +daß man sich
-damals nicht wusch+! Nur Hände und Zähne kommen mit dem Wasser in
-Berührung. Das andere wird schlecht und recht durch Abreiben mit
-Tüchern ersetzt.
-
- *
-
-Madame Campan erzählt in ihren berühmten Memoiren folgende Geschichte,
-die die unglückliche Marie Antoinette zum Gegenstand hat:
-
-Das Ankleiden der Prinzessin war ein Meisterwerk der Etikette. Hier
-war alles vorgeschrieben... Wenn eine Prinzessin der königlichen
-Familie beim Ankleiden der Königin zugegen war, mußte die Ehrendame
-ihr ihre Funktionen abtreten. Aber sie zedierte sie nicht direkt
-den Prinzessinnen von Geblüt; in diesem Falle gab die Ehrendame das
-Hemd der ersten Kammerfrau zurück, die es der Prinzessin von Geblüt
-überreichte. Jede dieser Damen beobachtete skrupulös diese Gebräuche
-als Bestandteile ihrer Rechte bildend.
-
-An einem Wintertage ereignete es sich, daß die Königin, bereits ganz
-entkleidet, im Begriffe war, ihr Hemd anzuziehen. Ich hielt es ganz
-entfaltet. Die Ehrendame tritt ein, beeilt sich, ihre Handschuhe
-auszuziehen und nimmt das Hemd. Es klopft leise an die Tür, man öffnet:
-es ist die Frau Herzogin von Orléans; ihre Handschuhe sind ausgezogen,
-sie tritt vor, um das Hemd zu nehmen, aber die Ehrendame darf es ihr
-nicht reichen; sie gibt es mir zurück, ich gebe es der Prinzessin. Es
-klopft neuerdings: es ist Madame, Gräfin von der Provence; die Herzogin
-von Orléans überreicht ihr das Hemd. Die Königin hielt ihre Arme über
-der Brust gekreuzt und schien zu frieren. Madame sieht ihre peinliche
-Haltung, wirft nur ihr Taschentuch fort, behält die Handschuhe an und
-bringt, indem sie ihr das Hemd überstreift, die Haare der Königin in
-Unordnung. Diese lächelt, um ihre Ungeduld zu bemänteln, aber erst,
-nachdem sie mehrmals zwischen den Zähnen gemurmelt hatte: »Das ist
-scheußlich. Welche Belästigung.«[252]
-
- *
-
-+In der Vergangenheit trauerte das ganze Land um den Tod des
-Landesfürsten+, und zwar in Frankreich +ein volles Jahr lang+. Die
-ganze Nation ging schwarz. Kein Bürger, mag er in noch so beschränkten
-Verhältnissen gelebt haben, der nicht Trauerkleidung getragen, auf
-Schmuck verzichtet und seine Familie und Dienstboten zum mindesten in
-dunkle Gewandung gesteckt hätte. Allerdings erhielten die Angestellten
-des Hofes -- ein Begriff, der außerordentlich weit gefaßt wurde -- von
-diesem die Trauerkleidung geliefert. Es genügte aber nicht, für die
-eigenen Fürsten Trauer anzulegen, +man trug in Paris Trauer um jeden
-europäischen Fürsten+.
-
-Da die lange Hoftrauer so drückend, besonders von der Luxusindustrie,
-empfunden wurde, reduzierte eine königliche Ordonnanze vom 23. Juni
-1716 ihre Dauer auf ein halbes Jahr. Natürlich gab es über die Art
-ihrer Ausführung die genauesten Vorschriften.
-
-Übrigens war auch die Privattrauer -- die ersten Zeugnisse, daß
-die Trauer überhaupt äußerlich kenntlich gemacht wurde, gehen in
-Frankreich nicht weiter, als zum Beginn des 14. Jahrhunderts zurück
--- außerordentlich riguros. Aliénor de Poitiers, eine große Dame, die
-zwischen 1484 und 1491 »Les honneurs de la Cour« schrieb, ein Buch,
-in dem die genauesten Details über Fragen der Etikette sich finden,
-erzählt, daß ihre Standesgenossinnen beim Tode der Eltern neun Tage
-lang auf ihrem Bett sitzen mußten, zugedeckt mit blauem Tuche. Das
-Zimmer aber mußten sie sechs Wochen hüten. Bei dieser großen Trauer um
-Gatten oder Eltern durfte man auch weder Ringe noch Handschuhe tragen.
-
- *
-
-Nach dem Tode des Herzogs von Bourbon im Jahre 1456 blieb seine
-Tochter, Frau von Charolais, nicht weniger als sechs Wochen in ihrem
-Zimmer, und zwar auf einem mit weißem Tuche überzogenen Bett liegend.
-Das Zimmer aber war ganz mit schwarzem Tuch ausgeschlagen, und schwarze
-Tücher vertraten auch die Stelle von Teppichen. Davor aber war ein
-großes Gemach ebenso hergerichtet. Übrigens lag sie, wenn sie allein
-war, weder immer, noch blieb sie stets im gleichen Zimmer. 40 Tage
-Stubenarrest nach dem Tode des Gatten war so gebräuchlich, daß ein
-Jahrhundert später Katharina von Medici fast getadelt wird, als sie
-sich nicht fügte.
-
-Die Witwe mußte ihre Trauerkleidung immer tragen, es sei denn, sie
-verheiratete sich wieder, was selten genug vorkam, schon weil die
-Kirche es nicht gern sah. Übrigens war diese Witwentracht schwarz oder
-grau, zu Beginn des 16. Jahrhunderts und im 17. weiß, ebenso weiß bei
-Königinnen noch im 18. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert mußten die
-Witwen ihre Haare zwei Jahre lang verbergen und nur mit einem bis zu
-den Füßen reichenden Schleier ausgehen.
-
-Heinrich III. von Frankreich trug nach dem Tode der Marie von Kleve an
-seiner ausnahmsweise schwarzen Kleidung silberne Tränen, Totenköpfe
-und ähnliche Embleme. Nach dem frühen Tode Karls VIII. 1498 trug Anna
-von Bretagne um ihn, abweichend vom königlichen Brauch, schwarze
-Trauer. Neun Monate nach seinem Tode hatte sie sich aber durch die Ehe
-mit Ludwig XII. getröstet. Als sie starb, trauerte ihr zweiter Gatte
-auch schwarz um sie und ließ keinen Gesandten vor, der nicht schwarz
-gekleidet war. Auch er heiratete neun Monate später wieder. Regel war,
-daß die Könige in Violett trauerten, sogar noch im 18. Jahrhundert,
-noch Napoleon hielt den Brauch aufrecht. Brantôme sagte ausdrücklich,
-daß Maria Stuart weiß trauerte, also sich dem Brauch fügte. Noch heute
-heißt ein Zimmer im Hotel Cluny »Zimmer der weißen Königin«, weil Marie
-von England, die junge Witwe Ludwigs XII., sich dorthin zurückgezogen
-hatte.[253]
-
- *
-
-Über die Volkssitten, die im Jahre der Entdeckung Amerikas im
-bischöflichen Brixen herrschten, unterrichtet uns ein gleichzeitiger
-venetianischer Reisebericht. »Hier verbrachten wir den Rest des
-Feiertages (Fronleichnam) und nahmen wahr, daß die Einwohner sich in
-ihren Häusern sehr vergnügten, indem sie, das Haupt mit Eichen- oder
-Efeuguirlanden geschmückt, mit den Frauen zum Klange der Querpfeife
-tanzten. Danach führte jeder seine Dame zu einem Sitz, wobei er sie
-+mit sehr großer Ausgelassenheit umarmte und herzte+. Auch einige junge
-Venezianer Edelleute aus der Begleitung der Gesandten versuchten mit
-den hübschesten Damen zum Zeichen ihres Wohlgefallens auf dem Balle zu
-tanzen. In Brixen herrscht überhaupt ein ausgelassener Ton, denn +auf
-den Straßen ist es+ -- und zwar nicht bloß den Einheimischen, sondern
-auch den Fremden -- +erlaubt, junge Damen anzufassen und zu berühren
-und ihnen Liebenswürdigkeiten zu sagen+.«[254]
-
-Also ein Seitenstück zu dem aus dem 1. Bande bekannten Bericht des
-Bracciolini aus den Bädern in der Schweiz! Nur daß es hier wenigstens
-äußerlich trockener war.
-
- *
-
-Von den Sitten in Venedig, das Keyßler 1730 besuchte, erzählt er:
-
-»Eine Maitresse zu halten, wird einigermaßen für ein unabsonderliches
-Recht eines Edelmannes gehalten: und wenn einer durch seine Armuth
-verhindert ist, für sich allein eine Beyschläferin zu unterhalten;
-+so tritt er mit drey oder vier Mannspersonen in eine Gesellschaft,
-um einander die gemeinschaftlichen Unkosten ertragen zu helfen+.
-Jeder begnüget sich alsdann mit denen vierundzwanzig Stunden, welche
-der Reihe nach an ihn kommen: und wenn des Morgens der eine seinen
-Schlafrock, Schlafmütze und Pantoffeln aus dem Hause der Curtisane
-abholen läßt, so nimmt um eben solche Zeit das in der Ordnung folgende
-Mitglied der loblichen Gesellschaft, durch Uebersendung von dergleichen
-Equipage Besitz von seiner Statthalterschaft. Die Wollüste gehen in
-Venedig so weit, und die daraus entstehende garstigen Krankheiten sind
-so gemein, daß man kaum der Mühe werth achtet, sich von etlichen Arten
-curiren zu lassen.«[255]
-
- *
-
-Am Cirknizer See hatten im 18. Jahrhundert die Bauern das Recht zu
-fischen. »es läuft aber alsdann bey der Fischerey alles ohne Scham
-unter einander, Manns- und Weibspersonen, wie sie auf die Welt
-kommen. Die Obrigkeit und Clerisey hat etliche mal gesucht, solche
-Gewohnheit abzubringen, +vornehmlich wegen der jungen Mönche in den
-zur Fischerey berechtigten Klöstern, welche sich allsdann nicht gern
-in ihren vier Mauern eingeschlossen wollen halten lassen+, sondern
-desto mehr begierig sind, einer Augenweide zu genießen, je seltener
-und verbothener ihnen solche ist; allein man hat es noch nicht dazu
-bringen können, daß beydes Geschlecht auch nur in leichter Kleidung
-dabei erschienen wäre. Wahr ist es, daß dieses gemeine Volk kein
-Arges daraus machet, und keine Versuchung von einer Sache empfindet,
-die ihnen ganz gewöhnlich ist; man höret auch nicht, daß bei solcher
-Gelegenheit mehr Böses vorgehe, als bey andern, wo man noch so wohl
-mit Kleydungen bedeckt ist; allein die fremden Anwesende bekommen
-Gelegenheit zu manchem üppigen Gelächter und vielerlei Anmerkungen; den
-Mönchen gereichet in solcher Materie ein geringer Anblick zur starken
-Versuchung, und obgleich das hiesige weibliche Geschlecht von gemeinem
-Stande ihrer Schönheit nach nicht so beschaffen ist, daß es in manchen
-andern Ländern große Liebesgluten entzünden könnte, so ist doch
-bisweilen das häßliche nicht unangenehm, wo man von nichts schönerem
-weis.«[256]
-
-Bezeichnend ist hierbei, daß die biederen Landbewohner so wenig wie die
-Eingeborenen der Tropen erotischen Wallungen ausgesetzt sind, wohl aber
-die Erbpächter der Sittlichkeit, der Klerus.
-
- *
-
-In den Bädern in Ofen war man damals auch nicht prüde: »In dem
-mittelsten großen Raume dieser Bäder befindet sich beyderley Geschlecht
-untereinander, und ist das Mannsvolk nur mit einer Schürze, und
-die Weibspersonen mit einem Vorhemde einigermaßen bedeckt. In dem
-Raizenbade hält das gemeine Volk sogar dieses wenige für überflüssige
-Ceremonien.«
-
-
-
-
-Anmerkungen
-
-
-+Erster Abschnitt.+ (S. 1 ff.)
-
-[1] Abb. im Jahrbuch des kais. Archäologischen Instituts Bd. XXIV
-(1909), 2. Heft, S. 93.
-
-[2] Vgl. Rhousopoulos im Archiv f. d. Gesch. der Naturwissenschaften
-u. d. Technik I, S. 288-291.
-
-[3] Darmstädter, Handbuch f. d. Gesch. der Naturwissenschaften u. d.
-Technik, S. 14.
-
-[4] Beil. d. Münchner Allgem. Ztg. 1902, Nr. 213. Die wertvollen
-Aufsätze von Wagler in Nr. 219 und 220 des gleichen Jahrgangs, sowie
-in Nr. 162 f. und 171 f. des Jahres 1904 sind in diesem Abschnitt
-verwertet worden.
-
-[5] Alfred Gudeman, Grundriß der Gesch. d. klassischen Philologie, 2.
-Aufl., S. 60, Anm. 2.
-
-[6] R. Lehmann-Nitsche, Beiträge zur prähistorischen Chirurgie nach
-Funden aus deutscher Vorzeit. Diss. Buenos Aires 1898.
-
-[7] Vgl. Friedländer, Sittengeschichte Roms III, 6. Aufl., S. 620, Anm.
-6.
-
-[8] Außer Wagler vgl. H. Stadler, Neue Jahrbücher f. d. klassische
-Altertum XXVI. Bd. (1910), S. 146 ff., sowie Friedländer a. a. O., I.
-Bd., S. 360 ff. und 510 f.
-
-[9] A. Schulz, Höfisches Leben, I, S. 157.
-
-[10] Nach A. Harnack, Block aus der ältesten Kirchengeschichte, in
-Gebhardt &. Harnack, Texte zur Gesch. d. altchristlichen Literatur, 8.
-Bd., 1892.
-
-[11] Meyers Konversationslexikon, 6. Aufl., 16. Bd., S. 629.
-
-[12] Vgl. Beil. z. Münchner Allgem. Ztg. 1903, Nr. 267.
-
-[13] E. Huber, Altbabylonische Darlehenstexte in Hilprechts Anniversary
-Volume 1909, S. 189 ff.
-
-[14] Harnack a. a. O. S. 104.
-
-
-+Zweiter Abschnitt.+ (S. 18 ff.)
-
-[15] Vorstehendes zitiert nach W. G. Tennemann, Geschichte der
-Philosophie, VIII. Bd., 1. Hälfte (1810), S. 236 f.
-
-[16] Zitiert nach G. Kaufmann, Geschichte d. deutschen Universitäten im
-Mittelalter, 2. Bd., S. 485, Anm.
-
-[17] L. Löwenfeld, »Über die Dummheit«, S. 198.
-
-[18] S. Merkle, Die katholische Beurteilung des Aufklärungszeitalters,
-1909, S. 13 f. und Anm. 19 S. 81 f. Es sei ausdrücklich bemerkt,
-daß mir die Gegenschrift von Ad. Rösch, Ein neuer Historiker der
-Aufklärung, 1910 (S. 114 ff., II. Abschnitt, Anm. 3) bekannt ist.
-Interessenten für die rabies theologorum und Froschmäusekriege sei
-dieses Pamphlet wärmstens empfohlen.
-
-[19] Vgl. A. Roquette, Zur Frage der Autorschaft älterer Dissertationen
-im Zentralblatt für Bibliothekwesen IV (1887), S. 335 ff.
-
-[20] Vgl. Allgemeine deutsche Biographie, 2. Bd., S. 399. Carl Hepp hat
-in seiner Dichtung »Renate«, Stuttgart 1890, die Geschichte besungen.
-
-[21] Fr. Hellwald, Culturgeschichte in ihrer natürlichen Entwicklung,
-1. Aufl., S. 618 f. und Anm. 620.
-
-[22] H. Chamberlain, Grundlagen des 19. Jahrhunderts, II. Bd., 4.
-Aufl., S. 675, Anmerkung 1.
-
-[23] Beilage zur Münchner Allgem. Ztg. 1907, Nr. 119, S. 360.
-
-[24] Türmer, 11. Jahrg., 1. Bd., S. 191 f.
-
-[25] Historische Vierteljahrsschrift 1909, 1. Heft, S. 160.
-
-
-+Dritter Abschnitt.+ (S. 37 ff.)
-
-[26] Ferdinand Rosenberger, Geschichte der Physik, wo auch stets die
-Quellen angegeben sind; einige Daten wurden aus den bekanntesten
-Nachschlagewerken ergänzt. II. Bd., S. 18 f., 61 u. 87.
-
-[27] Eb. I, S. 134.
-
-[28] Eb. I, S. 135.
-
-[29] Eb. I, S. 124.
-
-[30] Eb. II, S. 238 und II, S. 217.
-
-[31] Eb. II., S. 239 und 242.
-
-[32] Eb. II, S. 245 ff.
-
-[33] Eb. II, S. 185 und 235.
-
-[34] Eb. III. Bd., S. 145 ff.
-
-[35] Eb. III. Bd., S. 187 f.
-
-[36] Eb. III. Bd., S. 191.
-
-[37] Eb. III. Bd., S. 206 f.
-
-[38] Eb. III. Bd., S. 228 f.
-
-[39] Eb. III. Bd., S. 243.
-
-[40] Eb. III. Bd., S. 295 u. 298.
-
-[41] Eb. II. Bd., S. 342 f.
-
-[42] Eb. III. Bd., S. 60 ff.
-
-[43] Eb. III. Bd., S. 98 f.
-
-[44] Eb. III. Bd., S. 61 Anm., und S. 124 f.
-
-[45] Eb. II. Bd., S. 287.
-
-[46] Eb. II. Bd., S. 268 f.
-
-[47] Eb. II. Bd., S. 265.
-
-[48] Vgl. Allgem. deutsche Biographie, XXVIII. Bd., S. 114, und
-Kramartsch, Geschichte der Technologie.
-
-[49] Die vier letzten Daten nach W. Schneider, Der neue Geisterglaube,
-1882, S. 261 f.
-
-[50] Otto Rabe, in der Beil. d. Münch. Neuesten Nachr. 1908, I, S. 121
-f.
-
-[51] Nach gütiger Mitteilung des Herrn Baurat C. Guillery in Pasing,
-eines alten Schülers.
-
-[52] August Hirsch, Geschichte der medizinischen Wissenschaften (1893),
-S. 308 ff. und 561.
-
-[53] Hirsch, S. 561, und Neuburger und Pargel, Handbuch der Geschichte
-der Medizin, II. Bd. (1903). S. 607 f.
-
-[54] Neuburger und Pargel, II. Bd., S. 109 ff. u. 723 ff., und Hirsch,
-Gesch. d. Medizin, S. 469 ff. u. 476 f.
-
-[55] Camille Flammarion, Unbekannte Naturkräfte, S. 250-279.
-
-[56] Freies Wort, 1909, IX, S. 639 f.
-
-[57] Beil. der Münch. Allgem. Ztg. 1907, Nr. 77.
-
-[58] Johannes Ranke, Der Mensch, II. Bd., S. 361 f., und K. v. Zittel,
-Geschichte der Geologie und Paläontologie, S. 195 ff. u. 200 f.
-
-[59] L. Löwenfeld, Über die Dummheit, S. 210 f.
-
-[60] Zittel a. a. O. S. 175.
-
-[61] Carl Braun S. J., Über Kosmogenie, 3. Aufl., S. 378 f.
-
-[62] W. Schneider, Der neue Geisterglaube, 1882, S. 262.
-
-[63] Richard Hertwig, Beil. d. Münchner Neuesten Nachr., 1909, Nr. 39.
-
-[64] Beil. d. Münchner Allgem. Ztg. 1903, Nr. 291.
-
-[65] Wissenschaftliche Abhandlungen, Leipzig 1882, I, S. 74.
-
-[66] W. Schneider, Geisterglaube, S. 262.
-
-[67] Th. Benfey, Geschichte der Sprachwissenschaft, S. 729.
-
-[68] Zur Wünschelrute vgl. Wolff Hemhard v. Hoberg »Georgica curiosa
-aucta, d. i. umständlicher und klarer Unterricht von dem adelichen
-Land- und Feld-Leben«, Nürnberg 1687, 112. Kapitel des 1. Buches »Von
-Bergwerken und von der Wünsch-Ruth«. Ferner: »Kosmos« III (1906),
-S. 203. H. Ehlert im Technischen Gemeindeblatt VIII (1906), S. 296
-ff., ferner im »Journal für Gasbeleuchtung« 1905, S. 1090 ff., ferner
-eb. 1906, 49. Bd., S. 71 ff., 198, 229 ff., 403 ff. u. 727 ff. Die
-Versuche Aigners sind wiederholt in den Münchner Neuesten Nachrichten
-beschrieben, z. B. in Nr. 414 1909 und 1910 in Nr. 103.
-
-[69] Otto Jahn, W. A. Mozart, IV, S. 320.
-
-[70] Eb. IV, S. 367. Dies und das folgende zitiert auch Heinrich
-Schwartz. »Das Ende der Tonkunst«, Münchner Neueste Nachr. 1909, Nr.
-254 u. 256.
-
-[71] Schindler, Biographie von Ludwig van Beethoven.
-
-[72] Kreißle von Hellborn, Franz Schubert.
-
-[73] Nach dem Leipziger Kalender 1904.
-
-[74] Zusammengestellt von Carl Frey, »Wartburg« I, 1902, S. 186 ff.
-
-[75] Heinrich Heine 1906.
-
-
-+Vierter Abschnitt.+ (S. 84 ff.)
-
-[76] Ferdinand Rosenberger, Geschichte der Physik, 2. Bd., S. 142 ff.
-
-[77] Eb. 1. Bd., S. 130 ff., und M. Cantor, Vorlesungen über Geschichte
-der Mathematik, 2. Bd.
-
-[78] Rosenberger I, S. 133.
-
-[79] Eb. I, S. 139 ff.
-
-[80] Julius Sachs, Geschichte der Botanik, S. 514 ff.
-
-[71] Umschau XIV (1910), S. 76 f.
-
-[82] Rosenberger II, S. 139 ff.
-
-[83] Eb. II. S. 267.
-
-[84] Eb. II. S. 293.
-
-[85] Eb. II, S. 312 ff.
-
-[86] R. Hennig, Die angebliche Kenntnis der Blitzableiters vor Franklin
-im Archiv für die Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik,
-II. Bd., S. 131.
-
-[87] Rosenberger III, S. 75 f.
-
-[88] Eb. III, S. 147 ff.
-
-[89] Eb. III, S. 178.
-
-[90] Eb. III, S. 189.
-
-[91] Henry G. Parker in der Chemiker-Zeitung. Zitiert nach der Beil. d.
-M. Allgem. Ztg. 1908, I, S. 168.
-
-[92] Rosenberger III. S. 201 und 204 f.
-
-[93] Eb. III, S. 122 f.
-
-[94] Eb. III. S. 125 f.
-
-[95] Eb. III, S. 208 und 228 ff.
-
-[96] Eb. III, S. 273.
-
-[97] Eb. III, S. 243.
-
-[98] Eb. III. S. 247.
-
-[99] Eb. III, S. 332 und 352.
-
-[100] Eb. III, S. 356, 561 und 407.
-
-[101] Eb. III, S. 362.
-
-[102] Zittel, Geschichte der Geologie und Paläontologie, S. 65.
-
-[103] Eb. S. 95, 99 und 289.
-
-[104] E. Schutze i. d. wissenschaftl. Rundschau der Münchner Neuesten
-Nachr. 1909. Nr. 579.
-
-[105] Karmarsch, Geschichte der Technologie, S. 104.
-
-[106] Vgl. Morses Biographie von Trownbridge, Boston 1901.
-
-[107] Beil. der Münchner Allgem. Ztg. 1905, Nr. 64.
-
-[108] Beil. d. Münchner Neuesten Nachr. 1908, I. S. 480.
-
-[109] Archiv für die Gesch. der Naturwissenschaften u. d. Technik I
-(1909), S. 146.
-
-[110] Rosenberger III, S. 792 f. und Allgemeine deutsche Biographie,
-28. Bd., Artikel Reis.
-
-[111] Felix Auerbach, Das Zeißwerk, Jena 1903, S. 4-9.
-
-[112] Vgl. Süddeutsche Monatshefte 1908, Märzheft, u. Allgem. deutsche
-Biographie, 5. Bd., Artikel Drais.
-
-[113] Rich. Hertwig in der Beil. d. Münch. Neuesten Nachr. 1909. Nr. 38.
-
-[114] Beil. d. Münch. Allgem. Ztg. 1905, Nr. 44.
-
-[115] Th. Benfey, Gesch. der Sprachwissenschaft S. 346.
-
-[116] Eb. S. 348.
-
-[117] Allgem. deutsche Biographie, 9. Bd., S. 763 f.
-
-[118] Th. Benfey, S. 729 (ergänzt). Es handelt sich hier nur um eine
-Ergänzung der in meinen »Dingen, die man nicht sagt«, S. 68 ff.
-genannten Namen.
-
-[119] Georg Kaufmann, Geschichte der deutschen Universität im
-Mittelalter, 2. Bd., S. 481 f.
-
-
-+Fünfter Abschnitt.+ (S. 113 ff.)
-
-[120] Georg Kaufmann, Geschichte der deutschen Universitäten, 2. Bd.,
-S. 180 ff. und 415.
-
-[121] Zeitvertreiber, S. 87, zitiert nach A. Schultz, Das häusliche
-Leben im Mittelalter, S. 214. »Curiositäten«, 2. Bd. (1810), S. 253.
-
-[122] Danach berichtet Misson in seiner Reise durch Italien, S. 169 und
-178 dasselbe.
-
-[123] Kaufmann, 2. Bd., S. 220 und 377.
-
-[124] Eb. II, S. 451 ff.
-
-[125] Eb. II, S. 317 f.
-
-[126] Eb. II, S. 446.
-
-[127] Beil. d. Münchn. Allgem. Ztg. 1905, Nr. 173.
-
-[128] Kaufmann II, S. 219.
-
-[129] Eb. 2. Bd., S. 354-363.
-
-[130] Ferd. Rosenberger, Geschichte der Physik, 1. Bd., S. 124.
-
-[131] Kaufmann 2. Bd., S. 477 ff.
-
-[132] H. Witte im Jahrbuch für Schweizerische Geschichte, IX. Bd.
-(1886), S. 264 ff.
-
-[133] Abgedruckt von Joh. Voigt, »Herzog Albrecht von Preußen« in
-Raumers »Historischem Taschenbuch«, 2. Jhg., 1831, S. 284 ff.
-
-[134] Allerneueste Nachricht S. 655 ff.
-
-[135] Nach Friedr. Eisner, Das Ende des Reiches, S. 180. Zu S. 131, Z.
-5 v. o.
-
-[136] Kaufmann II, S. 389 ff. Die Reden, gedruckt bei Zarncke, Die
-deutschen Universitäten im Mittelalter, Leipzig 1857, S. 49-154.
-
-[137] Voigt, bei Raumer, II, S. 257.
-
-[138] Donat, S. J., Die Freiheit der Wissenschaft, 1910, S. 383.
-
-[139] Eisner, S. 177 f.
-
-[140] F. S. Sack, Ȇber die Verbesserung des Landschulwesens in der
-Kurmark Brandenburg«, Berlin 1799. Nach Eisner.
-
-[141] Bassewitz, Kurmark, S. 343 ff. und Tabelle XI (nach Eisner).
-
-[142] Generalanzeiger der Münchner Neuesten Nachr. 1909, 5. April.
-
-
-+Sechster Abschnitt.+ (S. 140 ff.)
-
-[143] Kurt Eisner, Das Ende des Reichs, S. 44 f.
-
-[144] Eb. S. 148 f.
-
-[145] Archenholtz, Minerva, July 1794, S. 161 f.
-
-[146] Kölnische Volkszeitung 7. Sept. 1893. Zitiert -- wie das folgende
--- nach Donat, Freiheit der Wissenschaft.
-
-[147] Staatslexikon IV, S. 550, und P. Majunke, Geschichte des
-Kulturkampfes, 2. Aufl., S. 99 f.
-
-[148] Donat S. 210 ff.
-
-[149] Eb. S. 213 f.
-
-[150] Deutsche Revue, 25. Bd. (1900), S. 97 ff.
-
-[151] Eb. S. 217.
-
-[152] Keyßlers »Reisen«, Hannover 1776, 73. Brief, S. 1097.
-
-[153] Deutsche Revue 25. Bd. S. 218.
-
-[154] Zusammenstellung nach E. Stemplinger in den »Süddeutschen
-Monatsheften« V, 2 (1908), S. 478 f.
-
-[155] Nach der Kölnischen Zeitung.
-
-[156] »März«, 3. Jhg. 4 (1909), S. 398.
-
-[157] Berliner Tageblatt 1910, Nr. 96.
-
-
-+Siebenter Abschnitt.+ (S. 164 ff.)
-
-[158] In der Vita des Johannes von Gorze, Monumenta Germaniae
-Scriptores IV, p. 354, Kap. 61. Vgl. dazu und zum folgenden Joh.
-Kleinpaul, Das Typische in der Personenschilderung der deutschen
-Historiker des 10. Jahrhunderts. Diss. Leipzig 1897. Mon. Germ. SS.
-
-[159] IV, p. 588, Kap. 17.
-
-[160] Mon. Germ. SS. IV, p 358, Kap. 76, IV, p. 592, Kap. 23, IV, p.
-354, Kap. 64.
-
-[161] IV, p. 290, Kap. 10 und IV, p. 295, Kap. 17. VII, p. 336 und SS.
-rer. Merov., II, p. 99.
-
-[162] SS. IV, p. 266, Kap. 30.
-
-[163] Harnack, Medizinisches aus der älteren Kirchengeschichte, bei
-Gebhardt und Harnack, Texte zur Gesch. der altchristlichen Literatur,
-8, 1892, S. 63 ff.
-
-[164] Mon. Germ. SS. IV, p. 391, Kap. 18 und p. 392, Kap. 22. Eb. IV,
-p. 266, Kap. 30. IV, p. 359, Kap. 78 und IV, p. 354, Kap. 63.
-
-[165] III, p. 778, Kap. 24. III, p. 843, Kap. 18. IV, p. 417, Kap. 75
-und IV, p. 414, Kap. 27.
-
-[166] Alw. Schultz. Höfisches Leben, 2. Bd., S. 265, Itin. reg. Ric.
-IV, 12.
-
-[167] Krumbacher, Beilage der Münchn. Neuesten Nachr. 1908, Nr. 23, S.
-219.
-
-[168] Mabillon, Annales Ordin. S. Benedicti V, p. 424 f. (nach J.
-Scheible, Das Kloster, 12. Bd., S. 888 f.)
-
-[169] Ferd. Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, 3.
-Bd., 2. Aufl., S. 81 ff.
-
-[170] Montaigne, Journal de voyage Ed. Lautray 1906, p. 234 f.
-
-[171] Eb. p. 259 ff.
-
-[172] »Reisen«. Hannover 1776. 47. Brief, S. 448 f. Das Nächste, 62.
-Brief, S. 901.
-
-[173] Vgl. Steinhausen, Gesch. d. deutschen Kultur, S. 191, Ed.
-Winkelmann in d. Jahrbüchern d. deutschen Geschichte, Philipp von
-Schwaben und Otto IV. von Braunschweig, II, S. 465, und S. Riezler,
-Gesch. Bayerns, V. Bd., S. 7, zu den Maranen vgl. Beil. d. Münchn.
-Neuesten Nachr. 1908, I, S. 638.
-
-[174] Vgl. die Besprechung in den »Stimmen aus Maria Laach« 1909.
-
-[175] Türmer, 10. Bd., I, S. 426.
-
-[176] Münchner Neueste Nachr. 1909, Nr. 390.
-
-[177] E. Petzet, Süddeutsche Monatshefte V, 1 (1908), S. 563 ff. S.
-Günther in der bayerischen Abgeordnetenkammer 25. Mai 1910.
-
-
-+Achter Abschnitt.+ (S. 186 ff.)
-
-[178] Obiges nach H. V. Sauerland, Urkunden und Regesten zur Geschichte
-der Rheinlande 3. Bd., S. XLII ff. und XLVIII ff.
-
-[179] Eb. 4. Bd., S. XLVII f.
-
-[180] Eb. 4. Bd., S. LIX f.
-
-[181] Sauerland, Westdeutsche Zeitschrift, 27. Bd., 1908, S. 313 ff.
-
-[182] Sauerland, Urkunden und Regesten, I. Index, 1326, Nr. 917.
-
-[183] Sauerland, 4. Bd., S. XXV ff. Pfründenjäger im großen waren auch
-die Mitglieder der gräflichen Familie von der Mark. Vgl. eb. S. XXXI ff.
-
-[184] Vgl. Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, 7.
-Bd., 2. Aufl., S. 237 ff., und L. Pastor, Geschichte der Päpste, 2.
-Bd., 2. Aufl., S. 456 ff.
-
-[185] Sauerland, 4. Bd., S. LXVIII cis LXXI.
-
-[186] Eb. IV, S. LXXII.
-
-
-+Neunter Abschnitt.+ (S. 200 ff.)
-
-[187] Zeitschrift d. Ges. f. Schleswig-Holstein-Lauenburgische
-Geschichte, 13. Bd. (1883), S. 158, 173 f., 185 u. 231, und Römische
-Quartalsschrift, 4. Supplementband, 1896, S. 11.
-
-[188] Geschichte des deutschen Volkes, I. Bd. (17. und 18. Aufl.),
-1897, S. 453, 709, Anm. 6, 722, Anm. 6.
-
-[189] Bericht im Codex 2727 der Alfterschen Sammlung in der Darmstädter
-Hofbibl. Abgedruckt von J. Hashagen, »Zur Sittengeschichte des
-westfälischen Klerus im späteren Mittelalter«, Westdeutsche Ztschrft.,
-23. Bd., 1904, S. 139 ff. Diese vortreffliche Arbeit liegt obiger
-Darstellung zugrunde.
-
-[190] Sauerland, Westdeutsche Zeitschrift. 27. Bd., 1908, S. 300 f.
-
-[191] Eb. S. 306. Hartzheim, Concilia Germaniae III, 113. Das Folgende,
-Eb. III, 112.
-
-[192] Sauerland, Urkunden und Regesten, 4. Bd., S. XCVI.
-
-[193] J. Frh. v. Hormayr, Taschenbuch für vaterländische Geschichte,
-XXX. Jhrg., 1841, S. 158 ff.
-
-[194] Sauerland, Westdeutsche Zeitschrift, 27. Bd., 1908, S. 279 f. und
-296. Die folgenden Berichte eb. abgedruckt, S. 297 u. 298 f.
-
-[195] St. Infessura, ed. J. G. Eccard, Leipzig 1723, II, p. 1937.
-
-[196] Gregorovius, VII. Bd., S. 686.
-
-[197] Vgl. J. Hashagen, Westdeutsche Zeitschrift, 23. Bd., 1907, S. 125
-ff.
-
-[198] Vgl. Kluckholm, Zschft. für Kirchengeschichte, 16. Bd., 1896, S.
-596 f. Hier auch interessante Visitationsberichte.
-
-[199] Vgl. S. Riezler, Geschichte Bayerns, 6. Bd., S. 240 ff.
-
-[200] Zitiert nach »Curiositäten«, I. Bd., Weimar 1811, S. 278 ff.
-
-[201] »Reisen«, Hannover 1776, 57. Brief, S. 763. Zum folgenden vgl.
-»Neuester Hexenprozess aus dem aufgeklärten heutigen Jahrhundert von A.
-v. M. 1786.«
-
-[202] Keyssler, Reisen, 17. Brief, S. 112. Ferner Fiorillo, Gesch. d.
-zeichnenden Künste in Deutschland I, S. 370. Zu den Spottfiguren vgl.
-die sehr unzüchtige Erklärung Fischarts und die abweichende von J.
-Nass, Ingolstadt 1588. Abgedruckt bei J. Scheible, Das Kloster, 10.
-Bd., S. 1023 ff. und S. 1178 ff.
-
-[203] Keyssler, Reisen, 89. Brief, S. 1349.
-
-[204] Mangelhafte Abb. bei Bernh. Grueber, Die Kunst des Mittelalters
-in Böhmen, besser bei Ed. Fuchs, Das erotische Element in der
-Karikatur. S. 52.
-
-[205] Fiorillo, l. c. I, S. 305 ff. u. 309 f.
-
-[206] Abb. bei E. W. Bredt, »Sittliche oder unsittliche Kunst«, S. 7.
-
-[207] Fiorillo, Gesch. d. Malerei in England (1808), 5. Bd., S. 185.
-
-
-+Zehnter Abschnitt.+ (S. 230 ff.)
-
-[208] Friedrich Chr. Jo. Fischer, »Über die Probenächte der teutschen
-Bauernmädchen«, 1780, S. 8 f.
-
-[209] Eb. S. 10.
-
-[210] Joh. Georg Keysslers »Reisen«, Hannover 1776, 4. Brief, S. 15.
-
-[211] Zitiert nach A. Schultz, Häusliches Leben, S. 156 f.
-
-[212] Fünf Briefe der Gebrüder von Humboldt an J. R. Forster, Hergb.
-v. Fr. Jonas, Berlin 1889, S. 33. Zitiert nach Karl Weinhold, Die
-deutschen Frauen im Mittelalter, 2. Bd., 3. Aufl., S. 189 f.
-
-[213] Beides abgedruckt bei Fischer, Probenächte, S. 33 ff. Das
-Folgende, Eb. S. 93 Anm. e.
-
-[214] Nach dem Juristischen Wochenblatt, Leipzig 1773, 2. Jhg., S. 683
-ff. Zitiert nach Fischer, eb. S. 20 Anm.
-
-[215] Chron. Bajoar. L. V. c. 17. Bernh. Pez, Thesaurus Anecdot. III,
-col. 257. Nach Fischer, S. 25 ff.
-
-[216] Alfred Franklin, La vie privée d’autrefois. Magasins de
-nouvautés. Lingerie, p. 19 u. 23.
-
-[217] François des Hotmans, Opuscules, Paris 1616. Traité de la
-Dissolution de mariage par l’impuissance et froideur de l’homme ou de
-la femme. 3eme ed., 1595, p. 223 ff.
-
-[218] »Curiositäten«, 2. Bd., Weimar 1812, S. 85 f. Das Folgende eb. S.
-276 ff. Mit Belegstellen.
-
-[219] Vgl. Franz Falk. Die Ehe am Ausgang des Mittelalters in
-»Erläuterungen zu Janssens Gesch. d. deutschen Volkes«, 6. Bd., 3.
-Heft, 1908, S. 18 ff. Zu Spadolino vgl. »Curiositäten« 2. Bd., S. 134.
-
-[220] »Neuvermehrter Curieuser Antiquarius«, 8. Aufl. von P. L.
-Berckenmeyer, Hamburg 1746, S. 886 f.
-
-
-+Elfter Abschnitt.+ (S. 246 ff.)
-
-[221] K. v. Amira, Tierstrafen und Tierprozesse in den »Mitteilungen
-des Instituts für österreichische Geschichtsforschung«, XII. Bd., 1891,
-S. 561 und 566 f. Das Folgende, eb. S. 553 ff.
-
-[222] (Zu S. 250, Z. 10 v. o.) Guido Carroci im Bolletino d’Arte. Vgl.
-Beil. d. Münchner Neuesten Nachr. 1908, Nr. 224.
-
-[223] Jakob Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, 4. Aufl., II, S. 350. Das
-Folgende, eb. II, S. 346.
-
-[224] A. Schultz, Deutsches Leben, S. 160.
-
-[225] Felix Platter, Selbstbiographie, S. 228.
-
-[226] »Curiositäten«, Weimar 1812, 2. Bd., S. 393-402.
-
-[227] K. Eisner, Das Ende des Reichs, S. 160. Das Folgende, eb. S. 368.
-
-[228] Eb. S. 161 f. Das Folgende, eb. S. 128. Vgl. »Das gepriesene
-Preußen oder Beleuchtung der gegenwärtigen Regierung.«
-
-[229] Eisner, S. 195.
-
-[230] Leider war es mir nicht möglich, die Quelle dieser der »Zeit am
-Montag« 1908 entnommenen Darstellung aufzufinden. Für Mitteilung wäre
-ich dankbar.
-
-[231] »Curiositäten«, 1. Bd., Weimar 1811. S. 391.
-
-[232] Beilage d. Münchner Allgem. Ztg. 1902, Nr. 213, S. 532, Anm.
-
-[233] Forschungen und Mitteilungen zur Geschichte von Tirol und
-Vorarlberg, VI. Jhg., 1909, S. 276 f.
-
-[234] Münchner Neueste Nachr. 28. Mai 1909.
-
-[235] Münchner Allgem. Ztg. 1909, S. 1014.
-
-[236] Nach Zeitungsmeldungen im März 1910.
-
-
-Zwölfter Abschnitt. (S. 266.)
-
-[237] W. Roscher, Ansichten der Volkswirtschaft, 3. Aufl., I, S. 142.
-
-[238] Artur Kern, Deutsche Hofordnungen des 16. und 17. Jahrhunderts,
-I. Bd., S. 91 f.
-
-[239] Eb. II. Bd., S. 121 und 154.
-
-[240] Eb. S. 131 f.
-
-[241] Eb. II, S. VIII.
-
-[242] Eb. I, S. 259.
-
-[243] Eb. I, S. 79 u. 163. Das Folgende, eb. I, S. 213.
-
-[244] Montaigne, Journal de voyage. Ausg. von Lautray, Paris 1906, S.
-119.
-
-[245] Thomas Platter, Selbstbiographie, S. 22.
-
-[246] A. Schultz, Das häusliche Leben im Mittelalter, S. 139 f.
-
-[247] Obiges nach A. Franklin, La vie privée d’autrefois. Les Magasins
-de nouvautés. La lingerie, p. 27 f.
-
-[248] Eb. p. 89-103.
-
-[249] Eb. S. 69 f.
-
-[250] Franklin, l. c. p. 115 ff. Tallemant des Réaux, T. I, p. 493. Das
-Folgende in Le voyageur à Paris. Tableau pitoresque etc. T. II, p. 95.
-
-[251] Artur Kern, Deutsche Hofordnungen, 2. Bd., S. 212 f.
-
-[252] Mémoires, T. I, p. 97.
-
-[253] Franklin, Vie privée, Magasins de Nouvautés, Tinturerie et Deuil,
-p. 30 f., 44 f., 67-72. 106 u. 128-133.
-
-[254] Vgl. den Reisebericht des Andrea de Franceschi von 1492.
-Simonsfeldt, Zeitschrift für Kulturgeschichte, 2. Bd., 1895, S. 246.
-
-[255] »Reisen«, 74. Brief, Hannover 1776, S. 1106.
-
-[256] Eb. S. 1192, das Folgende, eb. S. 1282.
-
-
-
-
-Dr. Max Kemmerich
-
-Kultur-Kuriosa
-
- _Erster Band_ _7. Tausend_
-
-Schrifttitel von +Walter Tiemann+
-
-Geheftet 3 Mark 50 Pf., gebunden 5 Mark
-
-+Münchner Neueste Nachrichten+: Wenn ich den Verfasser recht verstanden
-habe, so hat er mit dieser Veröffentlichung von Kulturdokumenten
-aller Zeiten und Völker das ethische Ziel verfolgt, im Spiegel der
-Vergangenheit das Bild der Gegenwart zu zeigen und dadurch auch
-seinerseits dazu beizutragen, daß Leben, Ehre, Freiheit und fremde
-Überzeugung jene Achtung genieße, die er mit vollem Recht als das
-wichtigste Kulturkriterium betrachtet, wichtiger als alle technischen
-und wissenschaftlichen Fortschritte und alle künstlerischen Großtaten.
-
-+Der Tag, Berlin+: Ein ganz verflixtes Buch. Vom Standpunkt der
-Orthodoxie aus -- hüben wie drüben -- höchst verwerflich nach Tendenz
-und Inhalt. Und nun gar: wenn man sich »Töchterschülerinnen« als seine
-ungebetenen Leserinnen vorstellen wollte -- einfach Pfui Deibel! Und
-dennoch: recht zum Nachdenken bewegend, zur Einkehr stimmend, zur
-Umschau anregend. Notabene: Für solche, die ihr bißchen Spiritus
-gewöhnt sind nicht nach einem irgendwie vorgeschriebenen Schema F
-einzustellen. Bei allem Pessimismus, der daraus spricht, eine sinnige
-Gabe für geborene Optimisten.... Der wahre Satiriker will nicht nur
-bloßstellen, sondern auch bessern; so will auch dies Buch bei aller
-Boshaftigkeit oder doch Ungeschminktheit den unserer »Bildung« durchaus
-nicht überall adäquaten Stand unserer sogenannten Kultur heben.
-Möchte es vor allen Dingen unter die Augen der Männer geraten, die es
-namentlich angeht!
-
-+Generalanzeiger Mannheim+: Solche Bücher sind selten. Denn zu gern
-verschließt sich der Mensch solch grassem Bekenntnis der Wahrheit. Aber
-sie haben eben dadurch doppelten Wert. Kemmerichs »Kultur-Kuriosa«
-sollte jeder besitzen, der Anteil nimmt an menschlicher Kultur, und es
-ist jedem von uns heilsam, mitunter in dem Buche zu blättern.
-
-+Neue Züricher Zeitung+: Eine Sammlung drastischer Anekdoten aus dem
-weiten Reiche der Kulturgeschichte, mit viel Geschick ausgewählt zum
-Behufe des Nachweises, »daß unsere Kultur, soweit sie auf Befreiung
-von Grausamkeit, Intoleranz und Borniertheit beruht, noch sehr jungen
-Datums ist.« In der Tat ist es unglaublich, von welcher Barberei wir
-herkommen, und in welcher Barberei wir vielfach heute noch stecken, auf
-dem Gebiete des Rechts, der Ehe, der Sittlichkeit, des Glaubenslebens
-usw. Manchmal traut man seinen Augen nicht; aber der Verfasser beruft
-sich in einem überaus reichen Literaturnachweis durchgängig auf die
-besten Quellen.
-
-
-Verlag von Albert Langen in München
-
-
-
-
-Dr. Max Kemmerich
-
-Dinge, die man nicht sagt
-
-_5. Tausend_
-
-Preis geheftet 5 Mark 50 Pf., gebunden 5 Mark
-
-+Der Tag+: Dies neue Buch stellt eine gediegene, gut durchdachte,
-durchaus zusammenhängende, fein gegliederte Beweisführung dar.
-Freilich ganz ohne Anmerkungen, Belege, Kommentare, sogar ohne
-Register: es ist erlebt. Ein heißes Streben und Sehnen nach Besserung,
-Veredelung, Modernisierung durchzieht das Ganze. Und wo die Satire
-scharf zu schneiden gezwungen ist, weil der baumelnde Zopf gar zu fest
-sitzt, da wird ihr versöhnlich geholfen durch einen den schlimmsten
-Griesgram entwaffnenden Humor. Zur Habilitation würde Kemmerich wohl
-nirgends zugelassen werden -- schad’t nix: der Stand der wahrhaft
-freien Schriftsteller, der streitbaren Ritter vom Geiste, hat auch
-Daseinsberechtigung, Verdienste und Adel.
-
-+Gerichtszeitung, Wien+: Es ist ein Vorzug des Kemmerichschen Buches,
-durch drastische Beispiele größere Wirkungen zu erzielen, als durch
-tiefsinnige, wissenschaftliche Betrachtungen.
-
-+Neue Weltanschauung+: Der Verfasser sieht den Dingen überall mutig
-ins Auge und hat die lobenswerte, wenn auch an vielen Stellen ungern
-gesehene Gewohnheit, sie beim richtigen Namen zu nennen. Kurzum wir
-haben ein tapferes Buch vor uns, an dem jeder Freund der Wahrheit und
-des Fortschrittes seine helle Freude haben muß.
-
-+Öst.-Ungar. Buchhändler-Zeitung+: Das ist eine kleine, harmlose
-Blumenlese der »Dinge, die man nicht sagt«, die aber Dr. Kemmerich,
-der Verfasser der »Kultur-Kuriosa«, ausführlich niederschreibt. Vieles
-in dem vorbildlich vornehm ausgestatteten Buche ist wahr, manches
-übertrieben, alles interessant.
-
-
-Verlag von Albert Langen in München
-
-
-
-
- Druck von Hesse & Becker in Leipzig
- Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik, Niefern bei Pforzheim
- Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Kultur-Kuriosa, Zweiter Band, by Max Kemmerich
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KULTUR-KURIOSA, ZWEITER BAND ***
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- Kultur-Kuriosa, Zweiter Band, by Max Kemmerich&mdash;A Project Gutenberg eBook
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- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Kultur-Kuriosa, Zweiter Band, by Max Kemmerich
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Kultur-Kuriosa, Zweiter Band
-
-Author: Max Kemmerich
-
-Release Date: November 18, 2020 [EBook #63801]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KULTUR-KURIOSA, ZWEITER BAND ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1910 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
-bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts
-dadurch nicht beeinträchtigt wird.</p>
-
-<p class="p0 nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten
-Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
-gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
-serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<h1>Kultur-Kuriosa</h1>
-
-<p class="s4 center">Zweiter Band</p>
-
-<p class="center mtop2">von</p>
-
-<p class="s3 center mtop2">Dr. Max Kemmerich</p>
-
-<p class="center mtop3">Erstes bis viertes Tausend</p>
-
-<div class="figcenter illowe8" id="signet">
- <img class="w100 padtop3" src="images/signet.jpg" alt="Verlagssignet" />
-</div>
-
-<p class="center mtop3">Albert Langen, München</p>
-
-<p class="p0 padtop3 break-before"><em class="gesperrt">Von</em> Dr.
-<em class="gesperrt">Max Kemmerich</em> erschienen bei <em class="gesperrt">Albert
-Langen</em>:</p>
-
-<p class="hang1_5"><span class="s3">Kultur-Kuriosa</span> Erster Band 7.
-Tausend</p>
-
-<p class="hang1_5"><span class="s3">Dinge, die man nicht sagt</span> 5. Tausend</p>
-
-<p class="s5 center padtop5">Copyright 1910 by Albert Langen, Munich</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_iii"></a>[S. iii]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort</h2>
-
-</div>
-
-<p>Der Erfolg des ersten Bandes der Kultur-Kuriosa hat mich veranlaßt,
-diesen zweiten, der nach den gleichen Gesichtspunkten geschrieben wurde
-und nach mancher Richtung hin Ergänzungen enthält, folgen zu lassen.
-Für die Berichtigung eventueller Irrtümer bin ich dankbar.</p>
-
-<p>Leute, denen ein sittlicher Klerus, ein vorurteilsfreier Gelehrter
-oder ein gerechter Richter kurios erscheinen, werden sich hoffentlich
-über dieses Buch geradeso alterieren, wie über seinen Vorgänger. Ich
-schreibe aber ausschließlich für Gebildete und kann daher auf sie
-leider keine Rücksicht nehmen.</p>
-
-<p class="mtop2"><em class="gesperrt">München</em>, den 5. August 1910</p>
-
-<p class="right mright2 mtop2"><em class="gesperrt">Der Verfasser</em></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_iv"></a>[S. iv]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2>
-
-</div>
-
-<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="s5">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="s5">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="s5">
- <div class="right">Seite</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">1.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Modernes und Merkwürdiges im Altertum</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Erster_Abschnitt">1</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">2.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Wissenschaft</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Zweiter_Abschnitt">18</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">3.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Autoritäten, gelehrte Zunft und Fortschritt</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Dritter_Abschnitt">42</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">4.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Die »Dilettanten« und Outsider</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Vierter_Abschnitt">84</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">5.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Von Universität und Schule</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Fuenfter_Abschnitt">113</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">6.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Zensur und Prüderie</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Sechster_Abschnitt">140</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">7.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Frömmigkeit</div>
- </td>
- <td class="vab">
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">8.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Achter_Abschnitt">186</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">9.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Klerus und Sittlichkeit</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Neunter_Abschnitt">200</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">10.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Ehe</div>
- </td>
- <td class="vab">
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">11.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Rechtspflege</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Elfter_Abschnitt">246</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">12.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Von allerlei Sitten und Zeremoniell</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Zwoelfter_Abschnitt">266</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat" colspan="2">
- Anmerkungen
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Anmerkungen">287</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1"></a>[S. 1]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Erster_Abschnitt"><span class="s5">Erster Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Modernes und Merkwürdiges im Altertum</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Das Interesse, das gerade diesem Kapitel der Kultur-Kuriosa
-entgegengebracht wurde, rechtfertigt eine Fortsetzung. So seien auch
-hier zwanglos Tatsachen aneinandergereiht.</p>
-
-<p>Die italienische archäologische Kommission hat bei Ausgrabungen im
-Königspalast zu Phaistos (Kreta) einen Fund gemacht, der Gutenbergs
-geniale Erfindung in graueste Vorzeit &ndash; etwa Mitte des zweiten
-vorchristlichen Jahrtausends &ndash; zurückverfolgen läßt. Man fand eine
-große Terrakottascheibe, die auf beiden Seiten eine Inschrift in
-Hieroglyphen enthält. Und zwar wurde diese zweihundertundvierzig Zeilen
-lange Inschrift auf die noch ungebrannte Scheibe mit <em class="gesperrt">beweglichen
-Lettern</em> gedruckt.<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a></p>
-
-<p>Die Römer waren der Erfindung der <em class="gesperrt">Buchdruckerkunst</em>
-außerordentlich nahe. Nicht nur, daß wir aus Quintilian wissen (I,
-1. 25), daß Kinder mit beweglichen Lettern spielten, um so leicht
-buchstabieren zu lernen, Cicero (de natura deorum II, 37) macht die
-Bemerkung, daß es gerade so undenkbar sei,<span class="pagenum"><a id="Seite_2"></a>[S. 2]</span> die Welt sei aus einer
-zufälligen Verbindung der Atome entstanden, wie die Annahme, aus einem
-Haufen auf die Erde geschütteter Metallbuchstaben könnten die Annalen
-des Ennius werden. Also kannte man sogar <em class="gesperrt">Metallbuchstaben</em>! Es
-ist daher viel verwunderlicher, daß die Römer keinen Buchdruck hatten,
-als es das Gegenteil sein würde.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die technischen und chemischen Kenntnisse der ältesten Griechen und
-deren Vorgänger waren ebenfalls weit bedeutender, als man bisher geahnt
-hat. Man fand bei den Ausgrabungen des deutschen archäologischen
-Instituts in Pylos Gegenstände aus Pate vitreuse, schönes blaues
-Kaliglas und Fayence. Also war die <em class="gesperrt">Glasfabrikation</em> den Trägern
-der mykenischen Kultur bereits um die Mitte des zweiten vorchristlichen
-Jahrtausends bekannt. Ferner besaß man bewundernswerte Kenntnisse in
-der Farbenbereitung, konnte farbiges Kali- und Natronglas herstellen,
-wußte Kupfer mit Zinn und Blei in ganz bestimmtem Verhältnis zu
-legieren, wie man das Kupfer chemisch rein darzustellen vermochte.
-Ferner konnte man <em class="gesperrt">versilbern</em>. In einem Grabe um 2500 v. Chr.
-fand man eine mit Silberfolie teilweise bedeckte Tonvase.</p>
-
-<p>Am erstaunlichsten sind aber die <em class="gesperrt">theoretischen Anschauungen</em>: Man
-hatte den <em class="gesperrt">Begriff der Atome</em>, der <em class="gesperrt">Einheit der Materie</em>,
-deren <em class="gesperrt">Unzerstörbarkeit</em> und <em class="gesperrt">Unerschaffbarkeit</em> und
-<em class="gesperrt">kannte die Identität von Materie und Energie</em>. D.&nbsp;h. man hatte
-eine physikalische Weltanschauung, wie wir sie erst seit relativ sehr
-kurzer Zeit besitzen.<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3"></a>[S. 3]</span></p>
-
-<p>Daß bereits um 400 v. Chr. <em class="gesperrt">mit Gas geheizt</em> wurde, dürfte nicht
-vielen bekannt sein. Ktesias berichtet, daß in Karamanien das dort
-entweichende Erdgas als Heizmaterial für den Hausgebrauch Verwendung
-fand.<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a></p>
-
-<p>Vor achtzig Jahren erhielt der Ingenieur Neilson ein Patent auf ein
-<em class="gesperrt">Heißluftgebläse für Hochöfen</em>. Bei den Ausgrabungen in Tel
-el Hesey in Südpalästina sind Funde gemacht worden, die es so gut
-wie sicher erscheinen lassen, daß schon um 1400 v. Chr. die alten
-Orientalen dieses Verfahren kannten. Man fand einen Hochofen für
-Eisenbereitung, der eine Vorrichtung besaß, welche bezweckte, die
-Außenluft vor ihrer Einführung in den Ofen zu erwärmen.<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Daß der Gedanke <em class="gesperrt">des Seeweges nach Ostindien</em> und der
-<em class="gesperrt">Entdeckung Amerikas</em> der Antike keineswegs fremd war, ist eine
-gewiß erstaunliche Tatsache. Krates verlegte &ndash; im Gegensatz zu
-Aristarch &ndash; die Wanderfahrten des Odysseus in den Atlantischen Ozean
-(Gellius 14, 6. 3). Und zwar ließ er den Menelaos von Gadeira (Cadix)
-aus, Afrika umschiffend, Indien erreichen und nach siebenjähriger Fahrt
-zurückkehren (Strabo I, 31). Bekanntlich war Vasko de Gama der erste,
-der im Jahre 1498 auf diesem Wege das Wunderland erreichte. Einen noch
-kühneren Gedanken sprach fünfzig Jahre später der große Poseidonius
-mit der Behauptung aus, daß Indien von Spanien aus bei günstigen
-Ostwinden in kurzer Zeit zu erreichen sei (Strabo II, 6 und Seneca
-nat. I, prol. 13). Strabo aber wurde bereits im Jahre 1470 von Guarino
-ins<span class="pagenum"><a id="Seite_4"></a>[S. 4]</span> Lateinische übersetzt und war nachweislich dem Kolumbus durch
-Toscanelli bekannt geworden. Es ist also <em class="gesperrt">höchst wahrscheinlich,
-daß Kolumbus, als er auf dem angegebenen Wege 1492 Amerika entdeckte,
-nur einen Gedanken zur Ausführung brachte, der ihm aus dem Altertum
-übermittelt worden war</em>.<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Beim Wort »Amerika« denken wir gern an »unbegrenzte Möglichkeiten«, an
-Wolkenkratzer und gigantische Projekte. Auch sie sind keineswegs neuen
-Datums, selbst wenn wir nicht auf die Pyramiden oder die gewaltigen
-altägyptischen Tempelanlagen blicken. Der berühmten Neu-Yorker
-Freiheitsstatue ist wohl vergleichbar der <em class="gesperrt">Koloß von Rhodos</em>.
-Dieser war 70 Ellen oder 105 römische Fuß (32 m) hoch und stand in
-der Nähe des Hafeneinganges. Nur wenige konnten den Daumen der Figur
-umfassen und jeder seiner Finger war größer wie die meisten Statuen.
-Nachdem er nur 66 Jahre gestanden hatte, zerbrach er infolge eines
-Erdbebens 227 v. Chr. Fast 900 Jahre lag er auf der Erde, bis ein
-arabischer General die Reste im Jahre 672 an einen Juden verkaufte, der
-900 Kamele mit dem Erz belud (Plinius 34, 41).</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Noch amerikanischer als der Sonnenkoloß mutet uns der Plan des
-Stasikrates, eines Schülers des Lysippos an. Er wollte &ndash; wie
-Plinius, Plutarch und Strabo übereinstimmend bezeugen &ndash; den felsigen
-<em class="gesperrt">Athosberg in eine Kolossalbildsäule Alexan<span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[S. 5]</span>ders des Großen
-verwandeln</em>. Diese größte aller existierenden Statuen sollte in der
-linken Hand eine Stadt halten, groß genug, 10000 Einwohner zu fassen,
-und in der Rechten eine Urne, aus der sich ein Strom ins Meer ergösse.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Streiks</em> sind uns auch aus der Antike überliefert. Im Jahre 311
-v. Chr. fühlte sich die ehrenwerte Zunft der Musikanten (tibicines)
-schwer beleidigt, weil der ihnen von alters her zustehende festliche
-Freischmaus, den sie jährlich einmal auf dem Kapitol in aede Jovis auf
-Staatskosten abhalten durften, gestrichen worden war. Sie verließen
-alle Rom und begaben sich nach Tibur. Das war aber für die Behörden
-höchst peinlich, denn ohne Musik konnten die Opfer nicht abgehalten
-werden. Man holte sie durch eine List zurück, indem man sie einzeln
-betrunken machte und voll des süßen Weines auf Leiterwagen nach
-Rom schaffte. Übrigens gaben die Zensoren nach und billigten den
-feuchtfröhlichen Musikern ihre alte Gerechtsame wieder zu (Livius IX,
-30, Ovid. fast. VI, 665 ff.).</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Nichts wäre irriger als die Anschauung, in prähistorischen Zeiten
-sei man aller ärztlichen Kenntnisse bar gewesen. Im Gegenteil haben
-wir es hier mit <em class="gesperrt">hervorragenden Chirurgen</em> zu tun. In dem
-altbajuwarischen Reihengräberfeld bei Allach in Oberbayern fand
-man z.&nbsp;B. einen Schädel, an dem einst ein taubeneigroßes Stück
-abgeschlagen, später aber<span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[S. 6]</span> vorzüglich und fast genau an derselben
-Stelle zum Anwachsen gebracht worden war. Dieser Schädel befindet
-sich in der prähistorischen Sammlung zu München. Ferner verstand
-man es, Arm- und Beinbrüche vortrefflich zu heilen. So lieferte
-das alemannische Reihengräberfeld bei Memmingen ein Beispiel eines
-Flötenschnabelbruches. In diesem auch für heutige Begriffe sehr
-schwierigen Falle kann nur ein ausgebildeter Arzt tätig gewesen sein.
-Ebenso fand man im merowingischen Reihengräberfeld von Wies-Oppenheim
-einen befriedigend verheilten Schulterknochen. Die Trepanation der
-Schädeldecke war bereits in der älteren Bronzezeit geübt, wie ein
-Fund aus Giebichenstein bei Halle lehrt. Das Loch besaß die Größe
-eines Markstückes und ist in der späteren Lebenszeit der Person durch
-reichliche Knochenneubildung wieder ganz gefüllt worden.<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a></p>
-
-<p>Daß schon im Altertum eine <em class="gesperrt">Ärztin</em> ihre Kunst zu allgemeiner
-Anerkennung ausübte, lehrt ein Fund, den die österreichische Expedition
-des Jahres 1892 auf dem Trümmerfeld der alten lykischen Stadt Tlos
-im südlichen Kleinasien machte. Man fand eine Statuenbasis mit der
-griechischen Inschrift: »Antiochis, die Tochter des Diodotes aus
-Tlos, deren ärztliche Empirie von Rat und Gemeinde der Stadt Tlos
-beglaubigt ist, hat sich das ihr zuerkannte Standbild auf eigene Kosten
-errichten lassen.« Also auch die weibliche Eitelkeit läßt sich so weit
-zurückverfolgen!</p>
-
-<p>Mag der amerikanische Zahnarzt auch ein Produkt der Neuzeit sein, seine
-Leistungen sind es nicht so sehr. So wurde ein antikes <em class="gesperrt">künstliches
-Gebiß</em> in der uralten Etruskerstadt Tarquinii gefunden. Es wird<span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[S. 7]</span>
-jetzt im Museo Municipale in Corneto, drittes Zimmer, gezeigt.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Auch <em class="gesperrt">Nahrungsmittelfälscher</em> gab es im Altertum, und zwar wurde
-Brot mit Gips versetzt. Besonders häufig waren Weinpantschereien,
-wie nach zahlreichen Klagen alter Autoren feststeht. Man setzte dem
-Gepansch eine Art von Fuchsin zu.</p>
-
-<p>Wer meinen sollte, die berühmte <em class="gesperrt">Worcestershire-Sauce</em> sei
-ohne Vorläufer, wird sich wundern, daß die Römer im Garum (Garon),
-einer sehr kostbaren, aus Fischen bereiteten Sauce, etwas Ähnliches
-besaßen. Sogar koschere (garum castimoniale), aus schuppenlosen
-Fischen bereitete gab es. In Pompeji wurde ein irdenes Gefäß damit
-gefunden. Plinius (nat. his. XXXI, 93&ndash;95) beschreibt die Verfertigung
-dieser Würze.<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> Apicius (de re coquinaria I, 32) kennt eine Reihe von
-Speisen, denen er Garum zugesetzt wissen will, z.&nbsp;B. ein Oenogarum,
-eine Weinbrühe mit Trüffel.</p>
-
-<p>Auch <em class="gesperrt">Bowlen</em> kannten die Alten. Der berühmte Feinschmecker
-Apicius beschreibt nicht nur Rosenbowle (I, 4), Honigwein, der mit
-verschiedenen Gewürzen gekocht wird (I, 1) und anderes, sondern sogar
-einen Rosenwein ohne Rosen (I, 4), wie wir ja auch Maibowlen haben, die
-aus Surrogaten hergestellt sind.</p>
-
-<p>Übersetze ich das Rezept richtig &ndash; ich interessierte mich einst sehr
-für Apicius, den ich in Übersetzung herausgeben wollte, was inzwischen
-von anderer Seite geschehen sein soll &ndash; dann lautet es: »Rosenwein
-ohne Rosen bereite folgendermaßen: Grüne Zitronen<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[S. 8]</span>blätter in einem
-Palmenkörbchen gib in ein Faß Most, bevor er gärt, und nimm sie nach
-vierzig Tagen heraus. Falls es nötig sein sollte, setze Honig hinzu
-und bediene dich (dieses Getränkes) statt des Rosenweins«. Genau im
-Stile der modernen Kochbücher! Vielleicht probiert einmal eine geneigte
-Leserin dieses oder jenes Rezept, doch empfiehlt es sich, dazu Johann
-Heinrich Diernbachs »Flora Apiciana« (Heidelberg und Leipzig 1831) zu
-konsultieren, da hier die Gewürze usw. genau bestimmt sind.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">künstliche Bebrütung</em> von Eiern der Gänse, Enten und Hühner,
-die noch 1829 dem Franzosen Copineau trotz vieler Versuche nicht
-glücken wollte, war bereits den alten Ägyptern geläufig. Und zwar
-legten sie die Eier in Kammern aus Lehm, die mittels großer, aus
-Ziegelsteinen zusammengesetzter und in die Erde hineingebauter Öfen
-täglich drei bis vier Stunden geheizt wurden. Die Eier lagen auf Stroh
-und wurden alle sechs Stunden umgewendet, nach zehn Tagen untersucht
-und die gut befundenen in eine höhere wärmere Abteilung desselben
-Gemachs gelegt. Die Temperatur wurde natürlich nur nach dem Gefühl
-abgeschätzt und nach Bedarf durch Öffnen von Luftzügen vermindert
-(Aristoteles hist. anim. VI, 2, 3 und Diodor I, 74).</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Auch <em class="gesperrt">Schneckenzuchtgärten</em> besaß man, wie heute in Frankreich und
-bei uns besonders in Württemberg. Man war so raffiniert, daß man die
-verschiedenen Rassen gesondert zog, und verwendete zur Ver<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[S. 9]</span>feinerung
-des Geschmacks bei der Fütterung Zucker und gekochten Wein (Plinius
-nat. hist. IX, 173 und XXX, 45).</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Daß diese Züchtungsmethoden nur auf Grund eingehender Kenntnis der
-Lebensweise der Tiere möglich waren, ergibt sich von selbst. Die Alten
-waren keineswegs die schlechten Beobachter, für die wir sie, uns an
-manche Märchen und Irrtümer klammernd, gerne ausgeben. Daß der Löwe
-am Ende seines Schwanzes einen in der Haarquaste verschwindenden
-<em class="gesperrt">Knochenstachel</em> besitzt, behauptet Aelian (Peri zoon VI,
-1). Niemand wollte das glauben, bis Blumenbach zu Anfang des 19.
-Jahrhunderts die Beobachtung bestätigte.</p>
-
-<p>Vom <em class="gesperrt">Gorilla</em> wissen wir erst seit etwa 60 Jahren. Vor mehr als
-2000 Jahren aber war er schon den Karthagern bekannt, als sie mit
-einer Flotte von 60 Schiffen der Westküste Afrikas entlang fuhren.
-Hanno hielt diesen Anthropoiden für einen Menschen (Periplus 17 =
-Geogr. Graeci min. I, 13, Plinius nat. hist. VI, 200), die Wissenschaft
-verwies aber seine Entdeckung ins Fabelreich, bis 1847 der erste nach
-Europa kommende Gorillaschädel die Existenz dieses Menschenaffen bewies.</p>
-
-<p>Aristoteles wußte über die <em class="gesperrt">Haifische</em> mehr, als die neueren
-Naturforscher vor Johannes Müller.</p>
-
-<p>Er kannte auch schon das Prinzip der <em class="gesperrt">Korrelation der Organe</em>,
-die <em class="gesperrt">Schutzfärbung der Tiere</em>, sowie den <em class="gesperrt">Farbwechsel des
-Chamäleons</em> als Anpassungserscheinung an die Umgebung. Ferner<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[S. 10]</span>
-kannte er den Einfluß, den <em class="gesperrt">Klima</em> und <em class="gesperrt">Nahrung</em> auf die
-Größe der Tiere ausüben, ja den des Landschaftscharakters auf ihre
-Gemütsart. Weder die <em class="gesperrt">Tier-</em> noch die <em class="gesperrt">Pflanzengeographie</em>
-war den alten Autoren unbekannt. Die des Theophrast ist geradezu von
-imponierender Größe.</p>
-
-<p>Im letzten Jahre ging durch die Zeitungen eine Notiz, daß ein
-Naturforscher die Entdeckung gemacht habe, die <em class="gesperrt">Lungen seien
-Kühlapparate</em> mit dem Zweck, die Bluttemperatur herabzumindern.
-Wer ahnte, daß Aristoteles bereits diese Tatsache vor dritthalb
-Jahrtausenden konstatiert hatte?<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a></p>
-
-<p>Der Unterschied der <em class="gesperrt">männlichen und weiblichen Pflanzen</em> war schon
-zu Herodots Zeit bekannt.</p>
-
-<p>Den <em class="gesperrt">Spiritismus</em>, und zweifellos auch <em class="gesperrt">Hypnotismus</em>
-und verwandte Phänomene gab es auch schon in der Antike. Auch das
-<em class="gesperrt">Tischrücken</em>, bei uns erst seit wenig mehr als einem halben
-Jahrhundert bekannt, war den Griechen und Römern nicht neu. Man
-setze zur Erforschung der Zukunft geweihte Dreifüße in Bewegung. Ein
-derartiges Verfahren gab unter Valens († 378) Veranlassung zu einem
-ungeheuern Zaubereiprozeß.</p>
-
-<p>Der hl. Augustinus kannte auch schon das <em class="gesperrt">Gedankenlesen</em> (Contra
-Acad. II, 17).</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Frauenrechtlerinnen werden nicht ohne Neid hören, daß Kaiser
-Heliogabal einen <em class="gesperrt">Weiberrat</em> eingerichtet hatte, wie Aelius
-Lampridius im Leben dieses Monarchen erzählt. Die ihm unterstehenden
-Fälle waren allerdings nicht welterschütternd. Der auf dem<span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[S. 11]</span> Quirinal
-tagende Weibersenat hatte nämlich über Kleiderfragen zu entscheiden,
-ferner darüber, wer auf Wagen, Pferd, Esel oder Tragstuhl befördert
-werden solle usw., ob dieser Tragstuhl aus Fell oder Knochen gemacht
-sein sollte, wer Gold oder Edelsteine an den Stiefeln tragen dürfe und
-Ähnliches.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Daß im alten Rom <em class="gesperrt">griechische Erzieher</em> gehalten wurden und das
-Griechische überhaupt die Stelle des Französischen bei uns einnahm
-&ndash; besonders instruktiv ist hierfür Suetons Leben des Augustus &ndash;
-ist hinlänglich bekannt. Nicht allzuviele aber dürften wissen, daß
-unsere halbbarbarischen Vorfahren schon im 12. Jahrhundert Franzosen
-engagierten, damit die Kinder in der Jugend schon die damals bereits
-hochgeschätzte Sprache erlernten. So kann z.&nbsp;B. Wolfram von Eschenbach
-zwar weder lesen noch schreiben, wohl aber französisch reden.<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Bemerkenswert ist der Konservativismus der <em class="gesperrt">Kinderspiele</em>.
-Das Altertum hatte nicht nur <em class="gesperrt">Puppen</em>, es kannte auch
-<em class="gesperrt">Steckenpferde</em>, auf denen die jungen Griechen und Römer ganz wie
-unsere Kinder ritten (Horaz Sat. II, 3. 248, Plutarch, Agesilaos 25
-etc.). Ferner spielten sie mit <em class="gesperrt">Kreiseln</em>, die wie heute durch
-Peitschenhiebe in Bewegung gesetzt wurden (Persius, Sat. III, 51).
-Auch Brummkreisel waren bekannt. Ferner <em class="gesperrt">schaukelte</em> sich damals
-das junge Volk wie heute, spielte auch <em class="gesperrt">Blindekuh</em> (Poll. IX,
-123), König und Soldaten (Herodot I, 114), <em class="gesperrt">Plumpsack</em> oder<span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[S. 12]</span>
-<em class="gesperrt">Der Fuchs geht ’rum</em> (Poll. IX, 115), ferner mit <em class="gesperrt">Reifen</em>
-und <em class="gesperrt">Ball</em>. Auch das <em class="gesperrt">Anschlagspiel</em> war bekannt (Poll. IX,
-117), das Raten auf Grad oder Ungrad und ein Spiel, bei dem einer sich
-in Gegenwart mehrerer Mitspieler die Augen zuhalten mußte und sich
-schlagen ließ. Erriet er den Richtigen, dann kam der, der geschlagen
-hatte, an die Reihe, erriet er ihn nicht, dann mußte er sich solange
-von den Anwesenden schlagen lassen, bis er den richtigen Namen nannte.
-Alle diese Spiele haben natürlich im Griechischen und Lateinischen
-ihre eigenen Namen. Das letztgenannte heißt in gewissen Gegenden
-Schinkenklopfen.</p>
-
-<p>Wie unsere Kinder törichterweise mit dem Schwarzen Mann, dem
-Daumenschneider und andern Schreckfiguren geängstigt werden, so
-die der Alten mit Gespenstern namens Mormo, Lamia, Gello usw.
-Bezeichnenderweise hieß es noch lange nach 212 v. Chr. bei unartigen
-Kindern: »Warte, Hannibal kommt!«</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wer heute über die <em class="gesperrt">Baupolizei</em> schimpft &ndash; und welcher
-Hausbesitzer täte das nicht mit dem größten Recht! &ndash; mag sich
-trösten. Auch in Athen gab es diese Behörde schon. Sie hatte dafür zu
-sorgen, daß altersschwache Bauten nicht einstürzten, daß Neubauten den
-erlassenen Vorschriften gemäß errichtet wurden usw. (Plato, Legg. VI,
-p. 763; Aristoteles Polit. VI, 5).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[S. 13]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wettersäulen</em>, wie wir sie da und dort an Plätzen finden, gab
-es auch schon vor mehr als 2000 Jahren. Schon der alte Astronom und
-Hydrauliker Meton stellte kurz vor dem Peloponnesischen Kriege in
-Athen eine astronomische Säule auf, an der eine von ihm erfundene Art
-Sonnenuhr angebracht war nebst Registern für Sonnen- und Sternen-Auf-
-und Niedergang. Diese Wettersäule, die auch die Windrichtung angab, und
-zwar durch Windfahnen ähnlich wie heute, stand ursprünglich auf der
-Pnyx, später am Kolonos Agoraios (Aelian, var. hist. X, 7; Diodor XII,
-36 etc.).</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im alten Konstantinopel gab es auch bereits öffentliche
-<em class="gesperrt">Bedürfnisanstalten</em>. Der Häretiker Arius starb in einer solchen
-im Jahre 336. (Athanasius, de morte Arii c. 2 sq. Sokrates h. e. I.
-38.)<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das Altertum kannte auch den im Deutschen <em class="gesperrt">Lift</em> genannten
-Personen- und Güter-<em class="gesperrt">Aufzug</em>. Professor Boni, Direktor der
-Ausgrabungen am Forum Romanum, hat den Nachweis erbracht, daß man
-bereits im alten Rom zur Zeit Julius Cäsars den Aufzug benutzte. Man
-fand am Forum eine Reihe von Nischen, die zweifellos dazu dienten,
-richtige Lifts unterzubringen, in denen schwere Lasten, wie Gladiatoren
-und wilde Tiere, aus den unterirdischen Gängen zur Oberfläche
-befördert wurden. An einen großen unterirdischen Gang sind vier
-kleinere Quergänge angegliedert, ein jeder dieser<span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[S. 14]</span> Quergänge enthält
-drei Kammern für das Hebewerk und drei Schächte für die Lifts. In
-den zwölf Kammern &ndash; so wird in La Casa berichtet &ndash; sieht man heute
-noch die großen schweren Würfelblöcke aus Tuffstein, die zum Hebewerk
-gehörten, und aus der Abnutzung kann man genau erkennen, wie hoch
-die Lifts liefen und wie stark sie benutzt wurden. Da jeder Aufzug
-imstande war, fünf bis sechs Menschen zu heben, so konnten gleichzeitig
-mehr als sechzig Menschen zur Oberfläche des Forums gehoben werden.
-Übrigens ging der Gebrauch der Aufzüge, wie es scheint, bereits in
-der Kaiserzeit wieder verloren. Mehr als anderthalb Jahrtausende
-mußten vergehen, bis der erste Aufzug &ndash; und zwar in Jena &ndash; wieder
-eingerichtet wurde. Aber erst seit wenigen Dezennien hat er allgemeine
-Verbreitung gefunden.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Zünfte</em> sind ja gewiß nicht mehr modern, aber daß sie ins
-alte Rom zurückreichen, hat doch erst Mommsen in seiner Schrift »De
-collegiis et sodaliciis Romanorum« nachgewiesen.</p>
-
-<p>Wer aber hält nicht die Mitteilung, das <em class="gesperrt">Altertum habe geraucht</em>,
-für einen schlechten Witz? Und doch unterliegt es nicht dem
-allergeringsten Zweifel. Bereits in vorgeschichtlichen Gallo-römischen
-Gräbern, in Neufville-le-Pollet und in Seine-inférieure in Frankreich,
-ferner in Schottland, Irland und anderwärts fand man Pfeifenköpfe aus
-gebranntem Ton, Eisen und Bronce. Ferner in Massen am Hadrianswall, in
-holländischen Grabhügeln, römische aber noch in der Schweiz, im Berner
-Jura und natürlich<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[S. 15]</span> in Rom selbst. Plinius berichtet uns darüber von
-den Barbaren. Daß die Skythen Hanf rauchten, steht fest, während wir
-das Material, das sonst verwandt wurde, nicht kennen.<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Daß die Römer in den »tironischen Noten« eine Art <em class="gesperrt">Stenographie</em>
-hatten, ist hinlänglich bekannt. Cicero benutzte diese Kurzschrift
-nicht nur zur Aufzeichnung seiner Reden, sondern auch für seine
-Korrespondenz. Aber die Erfindung reicht weit höher in die
-Vergangenheit hinauf. Ennius kannte bereits 1100 Zeichen, Seneca aber
-vermehrte den überkommenen Schatz auf etwa 5000 Zeichen und Siegel, so
-ein ungeheures Material liefernd, das sich zum Teil das Mittelalter
-hindurch erhielt. Wie nun Louis Prosper und Eugène Guénin in einem
-»Geschichte der Stenographie im Altertum und im Mittelalter« genannten
-Werke (Paris 1909) feststellen konnten, ist die Stenographie sogar
-vorrömischer Herkunft. Sie weist eine so große Ähnlichkeit mit der
-altägyptischen Kursivschrift, dem sogenannten Demotischen, auf, daß
-sie unzweifelhaft von diesen vereinfachten Hieroglyphen herstammt. Das
-Prinzip ist auch das gleiche: ein beschränktes Alphabet, verbunden mit
-einer Silbenschrift, die durch Ideogramme ergänzt wird. Das Demotische
-kam auf dem Umweg über Griechenland nach Rom, um dort zur Stenographie
-zu werden.</p>
-
-<p>Daß die Stenographie erst 1786 von Samuel Taylor wieder erfunden,
-von Gabelsberger 1817 vervollkommnet, dürfte allgemein bekannt sein.
-Jedenfalls genügten auch schon die alten Stenographen den<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[S. 16]</span> an sie
-gestellten Anforderungen, denn Martial singt (XIV, 208):</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»Mögen die Worte auch eilen, die Hand ist schneller als jene Ehe
-die Zunge ihr Werk, hat es die Rechte vollbracht.«</p></div>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Mancher wird geneigt sein, wenigstens <em class="gesperrt">Börsenkrachs</em> für eine
-neuere Erscheinung zu halten. Das ist aber durchaus nicht richtig.
-Schon das ptolemäische Ägypten hat einen regelrechten Kupferkrach
-aufzuweisen. Während das Verhältnis des Silberwertes zu dem des Goldes
-von 1: 15&frac12; vor vier Jahrtausenden und länger schon annähernd bestand
-und erst bei der großen Silberentwertung der letzten Jahrzehnte
-wesentlich gestört wurde, ist das beim Kupfer ganz anders. Im Anfang
-der Ptolemäerzeit war das Wertverhältnis von Silber und Kupfer wie 120:
-1. Wenige Jahrzehnte später war der Wert des Kupfers auf ein Drittel
-bzw. ein Viertel des früheren gesunken, nachdem schon vorher sich im
-Großverkehr ein Agio für Silber gezeigt hatte.<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a></p>
-
-<p>Die Naturalwirtschaft hat in Deutschland erst zur Zeit der Kreuzzüge
-der Geldwirtschaft weichen müssen, daß sie völlig verschwand,
-ist aber erst wenige Jahrhunderte her. Da kann uns nun mit
-Bewunderung vor der uralten Kultur des Zweistromlandes die Tatsache
-erfüllen, daß bereits die dem vierten vorchristlichen Jahrtausend
-angehörigen altbabylonischen Texte der Nippur-Sammlung im K. O.
-Museum in Konstantinopel den Beweis liefern, daß man längst zur
-<em class="gesperrt">Geldwirtschaft</em> übergegangen war.<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[S. 17]</span> Allerdings war das Geld sehr
-teuer. Man zahlte gewöhnlich 33⅓% Zins.<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a></p>
-
-<p>Eine Klage, die man zu Beginn unseres Jahrhunderts, als unsere jungen
-Männer mit Weltschmerz und runden Rücken herumliefen und Dekadenz
-tot-chik war, häufig hören konnte, findet sich schon beim Kirchenvater
-Cyprian. Nachdem er darüber gejammert hat, daß die Welt immer
-schlechter wird, fährt er fort: »Grauköpfe sehen wir unter den Knaben;
-die Haare fallen aus, bevor sie wachsen und das Leben hört nicht auf
-mit dem Greisenalter, sondern fängt mit ihm an.« (An Demetrianus c.
-4.)<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[S. 18]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zweiter_Abschnitt"><span class="s5">Zweiter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Wissenschaft</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Wissenschaft ist bekanntlich um ihrer selbst willen da. Das
-rechtfertigt es, wenn Dinge, deren Wert der Laie mit dem besten Willen
-nicht verstehen kann, mit heiligem Eifer untersucht werden. Es macht es
-geradezu zur Pflicht. Nicht nur heute, sondern seit je. Dem Gelehrten
-aber, der sich am meisten plagt, als wolle er ein Thema zu einer
-Dissertation oder Habilitationsschrift aufstöbern, dem gebührt die
-Palme der Unsterblichkeit, die wir ihm hiermit überreichen. Daneben
-mögen in diesem Kapitel einige Meinungen Platz finden, die wir nicht
-für klug oder richtig halten.</p>
-
-<p>Doch beginnen wir mit einer Ehrenrettung!</p>
-
-<p>Wer wird es wagen, der Kirche noch fernerhin den Vorwurf zu machen, sie
-sei eine Feindin der Wissenschaft, wenn man tief gerührt liest, was für
-köstliche Blüten ihrem Schoße entsproßten?</p>
-
-<p>Was will das Forschen unserer Physiker und Chemiker bedeuten gegenüber
-Fragen, wie sie der große Scholastiker <em class="gesperrt">Petrus Lombardus</em> († 1164)
-aufwirft? Ob ein Vorhersehen und Vorherbestimmen Gottes möglich gewesen
-wäre, wenn es keine Ge<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[S. 19]</span>schöpfe gegeben hätte? So lautet eine dieser
-Fragen, aus seinen vier Libri sententiarum, dem Hauptlehrbuch, nach dem
-die Theologie in den gelehrten Schulen vorgetragen wurde.</p>
-
-<p>Zweifellos ist das Interesse daran brennend. Aber was bedeutet sie
-gegenüber der andern: Wo war Gott vor der Schöpfung?</p>
-
-<p>Daß Seelenheil und kultureller Fortschritt unlöslich von der
-Beantwortung abhängig sind, fühlen wir, auch ohne daß es uns jemand
-sagte.</p>
-
-<p>Doch der Wissensdrang, nicht etwa der nach nichtigen Dingen,
-sondern nach solchen von ewiger Bedeutung, war bei Petrus Lombardus
-unersättlich. So fragte er denn weiter:</p>
-
-<p>Ob Gott mehr wissen kann, als er weiß?</p>
-
-<p>Ob ein Prädestinierter verdammt oder ein Verworfener selig werden könne?</p>
-
-<p>Ob Gott etwas Besseres oder etwas auf bessere Weise machen könne, als
-er es macht?</p>
-
-<p>Ob Gott allezeit alles könne, was er gekonnt hat?</p>
-
-<p>Doch nicht auf Gott beschränkt sich die Fragefreudigkeit des großen
-Kirchenlehrers. Beschäftigt er sich auch natürlich am liebsten mit ihm,
-so ist er doch viel zu leutselig, um sein Interesse nicht bisweilen
-minder Vornehmen zuzuwenden. So wirft er die Frage auf: Wo die Engel
-nach ihrer Schöpfung gewesen sind?</p>
-
-<p>Ob die guten Engel sündigen, die bösen rechtschaffen leben können?</p>
-
-<p>Ob alle Engel körperlich sind? (kleiner Schäker!)</p>
-
-<p>Ob die Rangordnung der Engel seit dem Anfang der Schöpfung bestimmt
-worden sei?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[S. 20]</span></p>
-
-<p>Sogar auf den Menschen dehnt sich der scholastische Frageeifer aus.
-Probleme von größter Bedeutung beschäftigen die Denker und zeigen uns
-aufs neue, wie unrecht wir der Kirche tun mit dem Vorwurf, sie habe
-auf Kosten einer brauchbaren irdischen eine verschrobene überirdische
-Afterwissenschaft kultiviert.</p>
-
-<p>Wen interessiert es nicht zu wissen, in welchem Alter der Mensch
-geschaffen worden ist? Warum wurde Eva nun gerade aus der Rippe und
-nicht aus einem andern Teil des Mannes geschaffen? Und warum schlief
-Adam dabei? Die Wichtigkeit der Sache hätte schon gerechtfertigt, daß
-er wach gewesen wäre. Das findet wenigstens Petrus Lombardus.</p>
-
-<p>Interessanter noch ist die Frage, ob der Mensch ewig hätte leben
-können, wenn er auch nicht vom Baume der Erkenntnis genossen hätte?</p>
-
-<p>Etwas indiskreter lautet: Warum sich die Menschen im Paradies nicht
-begattet hätten? Jetzt verstehen wir auch des Petrus Lombardus Neugier
-nach dem Alter, in dem sie geschaffen wurden!</p>
-
-<p>Wie hätten die ersten Menschen sich fortgepflanzt, wenn sie nicht
-gesündigt hätten? Eine Frage von hochaktuellem Interesse. Gibt es
-doch heute noch genug Frömmler, die im Geschlechtsverkehr eine Sünde
-erblicken und damit tatsächlich der Sünde das größte aller Wunder und
-aller Güter zuschreiben: das Leben.</p>
-
-<p>Petrus muß auch so etwas ahnen, wenn er fragt, ob &ndash; ohne den
-Sündenfall &ndash; die Kinder mit vollkommen ausgewachsenen Gliedern und mit
-dem vollen Gebrauch der Sinne würden geboren worden sein?</p>
-
-<p>Von höchster Neugier zeugt die Frage, warum<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[S. 21]</span> der Sohn und nicht der
-Hl. Geist oder der Vater Mensch geworden seien? Mit großem Ernst
-wurde natürlich alles behandelt, was mit der sogenannten Erlösung
-zusammenhing. So die Frage, ob Gott das durch Christus dargebrachte
-Opfer auch hätte annehmen können, wenn dieser ein Weib gewesen wäre.</p>
-
-<p>Mit Rücksicht auf die außerordentliche Wichtigkeit und Vordringlichkeit
-gerade dieser Frage wurde in der Schule des Petrus Lombardus nicht
-minder, wie in der seines Schülers Petrus von Poitiers das Thema emsig
-diskutiert. Man war sich einig, daß nur ein ganz verruchtes Scheusal,
-dem das schamlose Maul (os impudicum) in gehöriger Weise gestopft
-werden muß, in dem Sinne hätte antworten können, daß Christus auch als
-Weib den an einen Erlöser zu stellenden Anforderungen hätte genügen
-können.<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a></p>
-
-<p>Occam hat in seinem Centilogium folgende Thesen: C. 8&ndash;11: »Zulässig
-sind die Sätze: Gott der Vater ist der Sohn der hl. Jungfrau; der Hl.
-Geist ist der Mensch, welcher der Sohn der hl. Jungfrau ist; der Vater,
-der niemals starb, kann gestorben sein, der Sohn, der starb, kann auch
-niemals gestorben sein.«... C. 29: »Der Leib Christi kann sich zu
-gleicher Zeit in entgegengesetzter Richtung bewegen und wird faktisch
-so bewegt, wenn z.&nbsp;B. ein Priester ihn emporhebt und der andere ihn in
-demselben Moment niederlegt.«<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Unter dem Titel: »<em class="gesperrt">Disputatio nova contra mulieres qua probatur eas
-homines non esse</em>«<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[S. 22]</span> erschien 1595 ein Büchlein ohne Verfassernamen
-und Druckort.</p>
-
-<p>Der gelehrte Autor rühmt sich in diesem Elaborat durch 50
-unwiderlegliche Stellen der Heiligen Schrift den Beweis geführt zu
-haben, daß <em class="gesperrt">Weiber weder Menschen seien, noch von Christus erlöst
-wurden</em>.</p>
-
-<p>Er beginnt mit der These, Christus habe nicht für die Frauen gelitten
-und sie deshalb auch nicht erlöst. Sehr merkwürdig und bezeichnend für
-den scholastischen Geist und die ganze Rabulistik des Mittelalters
-ist seine Beweisführung. So heißt es im vierten Absatz: Da die Hl.
-Schrift alle verflucht, die etwas Gottes Wort hinzufügen, so sind auch
-alle jene verflucht, die hinzufügen, die Weiber seien Menschen und es
-glauben. Denn weder im Alten noch im Neuen Testament werde ein Weib
-Mensch genannt. Wären sie Menschen, dann hätte aber der Hl. Geist sie
-auch zweifellos so genannt. Wer trotzdem behauptet, sie seien Menschen,
-der maßt sich an, mehr zu wissen als Gott.</p>
-
-<p>Im achten Absatz heißt es: Eva war kein Mensch, denn sie wurde nicht
-etwa geschaffen, damit Adam nicht allein sei, sondern damit Adam
-durch sie Menschen zeugen sollte, deren Dasein ihn von der Einsamkeit
-befreite.</p>
-
-<p>Im zwölften Absatz sagt der Autor: Da Gott allwissend ist, so wußte
-er auch bei der Schöpfung Adams, daß er Eva erschaffen würde. Hätte
-er gewollt, daß sie auch ein Mensch sei wie Adam, dann hätte er nicht
-im Singularis gesprochen: »ich will <em class="gesperrt">einen</em> Menschen schaffen«,
-sondern er hätte gesagt:<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[S. 23]</span> »ich will Menschen schaffen«. Weil er aber so
-sprach, besitzen wir den sichersten Beweis aus Gottes eigenem Munde,
-daß Gott nicht gewollt habe, daß das Weib ein Mensch sei, und daß er
-nur <em class="gesperrt">einen</em> Menschen geschaffen hat und nicht etwa zwei.</p>
-
-<p>Auch aus dem Sündenfall folgt im 14. Absatz die weibliche
-Unebenbürtigkeit: Wäre das Weib dem Adam gleich gewesen, dann hätten im
-Paradiese zwei Menschen gesündigt. Denn Eva beging denselben Fehltritt
-wie Adam. Der Apostel sagt aber ausdrücklich: durch <em class="gesperrt">einen</em>
-Menschen sei die Sünde in die Welt gekommen. In diesem Stile wird der
-»Beweis« weiter geführt, um mit der gewiß vielen Damen schmerzlichen
-Konstatierung zu schließen, daß das Alte Testament so gut wie das Neue
-den Weibern nicht nur ihr Menschentum abspreche, sondern daß Christus
-auch nicht für sie gestorben sei.</p>
-
-<p>Doch der Anonymus hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.
-Diese Einmischung in ihre Domäne konnten sich die Erbpächter der
-Unsterblichkeit nicht bieten lassen. Noch im gleichen Jahre 1595
-erschien die Schrift: »<em class="gesperrt">Admonitio Theologicae Facultatis</em> in
-Academia VVittebergensi ad scholasticam Juventutem, de libello
-famoso &amp; blasphemo recens sparso, cuius titulus est: Disputatio Nova
-contra mulieres, qua ostenditur, eas homines non esse«. Wiewohl die
-theologische Fakultät in der Einleitung ausdrücklich sagt, daß es
-möglich sei, daß impurus iste canis (»jener unreine Hund«), wie die
-milden Streiter Gottes sich so geschmackvoll ausdrücken, nur im Spaß
-seinen Angriff gemeint habe, sieht sie sich doch genötigt, nicht nur
-durch Worte der heiligen<span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[S. 24]</span> Schrift zu beweisen, daß das Weib doch ein
-Mensch sei, sondern sich hochoffiziell zu unterschreiben: »12. Januar
-1595 Decanus, Senior et Professores Theologicae Facultatis in Academia
-VVittebergensi.« Man hielt es also offenbar für sehr notwendig, mit
-schwerem Geschütz den Angreifer der Weiber niederzukämpfen. Sei es, daß
-man ein schlechtes Gewissen hatte, sei es, daß er begeisterten Beifall
-gefunden hatte.</p>
-
-<p>Trotz dieser Kathedralentscheidung scheinen die Verächter der holden
-Weiblichkeit noch lange nicht Ruhe gegeben zu haben. Wenigstens liegt
-mir noch aus dem Jahre 1690, also nach einem vollen Jahrhundert, unter
-dem Titel »Mulier homo« ohne Erscheinungsort und Verfassernamen ein
-Neudruck vor. Hier ist auch der feierliche Schluß fortgelassen. Sollten
-etwa trostbedürftige Ehemänner die Abnehmer gewesen sein?</p>
-
-<p>Noch im Jahre 1767 erschien unter dem Titel »Beantwortung der Frage, ob
-das Frauenzimmer ein notwendiges Uebel sey« zu Frankfurt und Leipzig
-ein Büchlein, das allerdings das Thema mehr humoristisch behandelt,
-auch keinen Verfassernamen trägt.</p>
-
-<p>Ja, noch aus dem Jahre 1791 liegt mit eine Broschüre über das Thema
-vor. Sie trägt den Titel »Apologie des schönen Geschlechts oder Beweis,
-daß die Frauenzimmer Menschen sind«, wurde von Heinrich Nudow aus dem
-Lateinischen übersetzt und erschien in Königsberg.</p>
-
-<p>Interessant ist die Bemerkung der Vorrede, »daß einige neuere
-spekulative Naturforscher des schönen Geschlechts« zu der »sehr
-wahrscheinlichen« Annahme gelangt seien, daß »der <em class="gesperrt">Sitz der Seele</em>
-bei den<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[S. 25]</span> Frauenzimmern nicht wie bei den Männern im Gehirn, sondern in
-<em class="gesperrt">der Gebärmutter seyn</em> soll; &ndash; daß da sich alles Leben und Seyn,
-&ndash; alles Dichten und Trachten beim andern Geschlecht von einem gewissen
-inneren Triebe ableiten, und wieder darauf zurückführen läßt, dem die
-Natur jenes Eingeweide zu einem Hauptwerkzeug bestimmte, auch wohl
-das andere Geschlecht großenteils (und vielleicht gänzlich) nur durch
-die Gebärmutter denken dürfe.« Der Verfasser konstatiert und beweist
-übrigens die Menschheit des schönen Geschlechts.</p>
-
-<p>Lassen wir dahingestellt, was in diesen Schriften, die wir
-keineswegs vollzählig aufführten, Ernst, was Witz ist, so viel steht
-unwiderleglich fest, daß eine ganze theologische Fakultät es für
-notwendig hielt, feierlich dagegen Stellung zu nehmen, daß das Weib
-kein Mensch sei. Wäre es ihnen nicht möglich gewesen, durch Bibelworte
-den Gegenbeweis zu führen, so hätte selbstverständlich die fromme Herde
-noch etliche Jahrhunderte lang das Weib für ein Tier gehalten.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ein gewisser Georgius Fridericus <em class="gesperrt">Gublingius</em> schrieb im Jahre
-1725 eine Dissertation in Wittenberg mit dem Titel: <em class="gesperrt">De barba
-Deorum</em> ex priscarum Graeciae et Latii maxime Religionum monumentis.
-Behandelte er in dieser gelehrten Schrift die Frage, ob die <em class="gesperrt">Götter
-bärtig waren</em>, so in einer andern im gleichen Jahre ebenfalls in
-Wittenberg erschienenen unter dem Titel: »De causis barbae Deorum«,
-die<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[S. 26]</span> ebenso wichtige nach den <em class="gesperrt">Gründen dieser Bärtigkeit</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Eine außerordentliche gelehrte Arbeit erschien 1705 zu Leipzig mit
-folgendem Titel: »Cogitationes admodum probabiles de vestimentis
-Israelitarum in deserto an per miraculum duraverint aut creverint in
-dissertatione academica indultu Philosophici Ordinis Lipsiae ad II.
-Aprilis A. MDCCV habenda eruditorum examini exhibitae a Gottfrido
-Zeibigio &amp; Johann Andrea Beckero.« Die philosophische Fakultät
-promovierte also zwei Doktoranden, die Herren <em class="gesperrt">Zeibig</em> und
-<em class="gesperrt">Becker</em>, weil sie Betrachtungen darüber anstellten, ob <em class="gesperrt">die
-Kleider der Juden in der Wüste durch ein Wunder alle Strapazen
-ausgehalten haben oder gar nachwuchsen</em>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ein gewisser Paul Christian <em class="gesperrt">Hilscher</em> prüft in Dresden 1703 in
-einer seinem Schwiegervater, dem Dr. der Theologie und Superintendenten
-zu Freiberg, Christian Lehmann gewidmeten Gratulationsschrift zum
-60. Geburtstage die hochwichtige Frage nach der <em class="gesperrt">Bibliothek
-Adams</em>. (De bibliotheca Adami.) Das Heftchen ist mit wundervollen
-Schriftzeichen geschmückt und natürlich grundgelehrt. So eine Art
-Seitenstück also zu Beringers Würzburger Petrefaktenbuch, das wir bald
-kennen lernen werden.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Christian Tobias Ephraim <em class="gesperrt">Reinhard</em>, ein sonst ganz ernster
-Schriftsteller, der auch über die in der<span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[S. 27]</span> Bibel vorkommenden
-Krankheiten geschrieben hat, veröffentlichte im Jahre 1752 zu
-Hamburg eine Schrift: »Untersuchung der Frage, ob <em class="gesperrt">unsere ersten
-Urältern Adam und Eva einen Nabel gehabt</em>.« Er kommt im § 17
-dieser Abhandlung, die wohl ernst gemeint sein dürfte, zu folgendem
-Resultat: »Genug, Adam und Eva sind nicht gebohren, sondern gemacht,
-nicht gezeuget, sondern geschaffen worden, und wer hieran zweifelt,
-der ist kein würdiges Glied der Kirche, sondern wird kraft meines
-Amts dem Teufel übergeben. Von dieser Wahrheit gibt der heilige
-Geschichtschreiber Moses in seinem Buche von der Erzeugung das
-allerbewährteste Zeugnis. Da es nun eine unumstößliche Wahrheit
-bleibet: daß unsere ersten Stammväter nicht gebohren worden sind, so
-muß es auch wahr sein, daß sie keinen Nabel nöthig gehabt haben. Denn
-da dieselben niemals im Mutterleibe verborgen gewesen sind, so hat
-ihnen fraglich keine Nabelschnur zu statten kommen dürfen. Haben sie
-nun keine Nabelschnur nöthig gehabt, so haben sie auch keinen Nabel,
-als dessen Überrest derselbe ist, besitzen können.«</p>
-
-<p>Reinhard war »Der Arzneygelahrtheit Doktor und Heilarzt zu Camenz«, wie
-er auf dem Titelblatt des Schriftchen vermerkt.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das erleichtert uns den Übergang zu den Naturwissenschaften.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Jahrhunderte nahm man an, die Meergänse sollten aus einer Muschel, der
-Entenmuschel, hervorgehen.<span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[S. 28]</span> Diese Theorie ist weniger verwunderlich,
-als die Tatsache, daß bedeutende Gelehrte sich <em class="gesperrt">durch Augenschein
-davon überzeugt haben wollten</em>. So schrieb der Leibarzt Rudolfs
-II., Michael Mayer, er habe in den Muschelschalen den wie in seinem Ei
-liegenden Fötus des Vogels <em class="gesperrt">selbst gesehen</em> und sich überzeugt,
-daß er Schnabel, Augen, Füße, Flügel und selbst angehende Federn besaß.
-Der gleichfalls im 17. Jahrhundert lebende Sir Robert Moray, dessen
-Bericht in den Schriften der Londoner königlichen Gesellschaft 1677&ndash;78
-veröffentlicht ist, behauptete, in jeder Entenmuschel, die er öffnete,
-ein vollkommen ausgebildetes Vögelchen gefunden zu haben.<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Daß auch die Universitäten ähnliche Fabeln verbreiteten, zumal dort, wo
-die Jesuiten für das Fortbestehen des Autoritätsglaubens wirkten, kann
-nicht verwundern.</p>
-
-<p>Unter dem Titel: »Positiones ex universa philosophia Aristotelis tum
-contemplativa tum politica, quas in Alma ac Celeberrima Herbipolensium
-Universitate pro suprema Doctoratus philosophici laurea praeside R.
-P. Ignatio Zinck e Soc. Jesu AA. LL. &amp; Philos. Magistro e jusdemque
-in praedicta Universitate Professore publice defendendas suscepit D.
-Joannes Bernardus Dill Herbipolensis etc. etc.« erschien im Jahre 1700
-eine philosophisch-naturwissenschaftliche Dissertation zu Würzburg. Das
-hochgelahrte Werk, das den Joh. Bernh. <em class="gesperrt">Dill</em> zum Verteidiger,
-den Jesuiten Prof. P. Ignaz <em class="gesperrt">Zinck</em> zum Verfasser hatte, läßt
-schon<span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[S. 29]</span> ahnen, welch außerordentlichen Ruhm diese christ-katholische
-Universität noch erringen sollte.</p>
-
-<p>Da wird erzählt, wie der Blick eines Vogels heile, verschiedene Steine
-auf den Menschen wirkten, z.&nbsp;B. Jaspis die Lebensgeister wecke, der
-Amethyst, auf den Nabel des Berauschten gelegt, die Dünste aus dem Kopf
-zieht und die Trunkenheit verscheucht oder der im Magen des Haushahns
-sich bildende lapis alectorius denjenigen, der ihn im Munde trägt,
-mutig und tapfer macht. Als Belege für die Möglichkeit ewigen Feuers
-wird erzählt, daß im Jahre 1041 im Grabe des von Turnus getöteten
-Pallas eine Lampe gefunden wurde, die bereits 1611 Jahre brannte und
-vielleicht noch brennen würde, wenn sie damals nicht zerbrochen und
-das künstlich präparierte Öl verschüttet worden wäre. Ferner brannte
-die unter Paul III. gefundene Grablampe von Ciceros Tochter Tulliola
-ebenfalls noch.</p>
-
-<p>Mit dem gleichen Ernst gibt diese Dissertation den Bericht des
-Jesuiten Schott wieder, daß in Schottland, auf den Hebriden und in
-einigen Gegenden Indiens an den Bäumen Enten und andere Vogelarten
-wachsen, die wie Blätter hervorsprossen, dann wie Obst sich runden,
-endlich Vogelgestalt bekommen und an dem Schnabel gleich dem Stiele
-herabhängen, bis sie ganz ausgereift abfallen und davonfliegen.</p>
-
-<p>Auf die Autorität des »Apostels« hin wird endlich gelehrt: im
-künftigen Leben werden »wir Auserwählten alle« eine Größe von 4 Ellen
-= 6 Fuß haben, nicht mehr und nicht weniger, denn dies sei, wie die
-Geschichtschreiber und Väter allenthalben berichten, die Größe Christi
-gewesen. Den<span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[S. 30]</span> Größeren werden &ndash; so fügt der englische Lehrer bei &ndash;
-der Überschuß über die Normalgröße genommen und damit die Kleinen
-aufgebessert werden.<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1726 erschien zu Würzburg ein Buch, das für uns unschätzbaren
-Wert besitzt. Es trug nach dem Gebrauche der Zeit folgenden etwas
-langatmigen Titel: LITHOGRAPHIAE WIRCEBURGENSIS, DUCENTIS LAPIDUM
-FIGURATORUM, A POTIORI INSECTIFORMIUM, PRODIGIOSIS IMAGINIBUS EXORNATAE
-SPECIMEN PRIMUM, Quod IN DISSERTATIONE INAUGURALI PHYSICO-HISTORICA,
-CUM ANNEXIS COROLLARIIS MEDICIS, AUTHORITATE ET CONSENSU INCLYTAE
-FACULTATIS MEDICAE, IN ALMA EOO-FRANCICA WIRCEBURGENSIUM UNIVERSITATE,
-PRAESIDE Praenobili, Clarissimo Expertissimo Viro ac Domino, D.
-JOANNE BARTHOLOMAEO ADAMO BERINGER, Philosophiae &amp; Medicinae Doctore,
-Ejusdémque Professore Publ:Ordin:Facult:Medicae h. t. Decano &amp;
-Seniore, Reverendissimi &amp; Celsissimi PINCIPIS (sic!) Wirceburgensis
-Consiliario, &amp; Archiatro, Aulae, nec non Principalis Seminarii DD.
-Nobilium &amp; Clericorum, ac Magni Hospitalis Julianaei Primo loco Medico,
-Exantlatis de more rigidis Examinibus, PRO SUPREMA DOCTORATUS MEDICI
-LAUREA, annexisque Privilegiis ritè consequendis, PUBLICAE LITTERATORUM
-DISQUISITIONI SUBMITTIT GEORGIUS LUDOVICUS HUEBER Herbipolensis, AA.
-LL. &amp;<span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[S. 31]</span> Philosophiae Baccalaureus, Medicinae Candidatus. IN CONSUETO
-AUDITORIO MEDICO.</p>
-
-<p>Dieser schöne Titel, auch typographisch bedeutend reicher, als es hier
-zum Ausdruck kommt, dazu ein schöner Titelkupferstich stehen zu Beginn
-eines Buches, das auf Erden nicht viele Rivalen haben dürfte.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Georg Ludwig Hueber</em> heißt also der Verfasser, dessen
-medicinische Habilitationsschrift vor uns liegt, sein Lehrer aber
-Johann Bartholomäus Adam <em class="gesperrt">Beringer</em>, ein Mann schwer an Weisheit,
-Würden und Titeln, Professor, Leibarzt des Fürstbischofs und anderes
-mehr. Da es damals Sitte war, daß die Promotionsschrift vom Professor
-abgefaßt wurde, so war Beringer der eigentliche Autor.<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a></p>
-
-<p>Es handelt sich um eine großartige Entdeckung, die er gemacht
-hatte oder doch gemacht haben wollte. In der Nähe von Würzburg
-waren Petrefakte gefunden worden, die er auf schönen Kupfertafeln
-gewissenhaft abbildete. Da gab es Blumen und Frösche, Fische und
-anderes Getier. Auch eine Spinne mit Netz war versteinert (Taf. X),
-ferner eine Spinne im Begriff eine Fliege zu fangen, zusammen mit
-ihrem Opfer, ein reizendes Tierstückchen! Aber auch Stilleben fehlten
-unter den Versteinerungen nicht, so ein Schmetterling, der an einer
-Blume saugt (Taf. VI). Noch viel abenteuerlichere Dinge waren vom
-hochgelahrten Herren zutage gefördert worden: ein versteinerter Stern,
-ein Halbmond, ein Stern mit Halbmond, ja Figuren so ähnlich aussehend,
-wie die primitive Kunst Kometen zeichnet (Taf. III). Das und noch
-vieles andere war auf den schönen Kupfertafeln zu sehen. Besonderes
-Interesse verdienten Versteine<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[S. 32]</span>rungen, auf denen in hebräischen Lettern
-Jehova und ähnliches stand (Taf. VII).</p>
-
-<p>Natürlich war auch für begleitenden Text gesorgt. War doch die
-Entdeckung so verblüffend, so über alle Maßen großartig, daß ein
-ausgiebiger Kommentar sich von selbst verstand. So bewies Beringer vor
-allem, daß es sich hier nicht etwa um Überreste aus heidnischer Zeit
-handle, auch nicht um Kunstgegenstände jüdischer Herkunft. O nein,
-<em class="gesperrt">es war alles Natur</em>. Es waren Versteinerungen von Tieren und
-Pflanzen, die vor unvordenklichen Zeiten das Meer ausgespült hatte
-(vgl. Kap. 4 und 13). Daran ließen sich natürlich die weitgehendsten
-Schlüsse knüpfen sowie Ausfälle auf Zweifler. Und das tat auch der
-gelehrte Verfasser.</p>
-
-<p>Aber leider blieb seine große wissenschaftliche Tat nicht vom Neide der
-Götter verschont. Es stellte sich heraus, daß Schüler und Gegner des
-Professors aus Ulk Pseudopetrefakte künstlich hergestellt hatten und in
-dem Steinbruch finden ließen, den der Professor häufig besuchte.</p>
-
-<p>Es dürfte sich hier um eine der größten akademischen Dummheiten
-handeln, von der die Geschichte der Wissenschaften weiß. Das fühlte
-auch Beringer, denn er ließ alle erreichbaren Exemplare des Werkes
-vernichten, so daß es zur großen Seltenheit wurde. Die kgl. Hof- und
-Staatsbibliothek in München ist im Besitze eines tadellos erhaltenen
-Exemplars.<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Auf moralischem Gebiete hat aber Beringer einen Konkurrenten in der
-Person des nicht unbedeutenden<span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[S. 33]</span> Kulturhistorikers Friedrich von
-<em class="gesperrt">Hellwald</em>. Wenn er die Ursache unserer heutigen Milde und unseres
-Entsetzens über die früheren Gräuel der Hexenprozesse nicht darin
-findet, daß wir so viel bessere Menschen als unsere Vorfahren sind,
-sondern einfach, weil wir wissen, daß es keine schädlichen Hexen gibt,
-so hat er recht. Wahrscheinlich würden wir uns nicht viel anders als
-das Mittelalter benehmen, wenn wir noch heute unter dem verdummenden
-Einfluß der Kirche ständen. Grotesk aber ist die Art, wie Hellwald zu
-beweisen versucht, daß die Inquisition gar nicht so schlimm war. Er
-ähnelt darin einem gewissen Hoeniger, dessen Methode die Harmlosigkeit
-des Dreißigjährigen Krieges zu beweisen, wir im I. Bande (S. 126)
-kennen lernten.</p>
-
-<p>Hellwald schreibt (mit Kürzungen): »Nach Llorente, Histoire critique
-de L’Inquisition d’Espagne, 1815&ndash;1817, sollen von 1481&ndash;1808 in Spanien
-31912 Menschen verbrannt worden sein. Nach glaubwürdigen Quellen betrug
-die Bevölkerung Spaniens um 1500 n. Chr. 9320691, welche Ziffer 2&frac12;
-Jahrhunderte, bis 1768 (Jahr der ersten verläßlicheren Volkszählung)
-stationär blieb.</p>
-
-<p>Gesetzt nun, die Ketzerverbrennungen wären über diese Periode
-gleichmäßig verteilt gewesen, so hätten dieselben alljährlich 97,6
-oder rund 100 Menschen, d.&nbsp;h. 1&nbsp;:&nbsp;90000, das Leben gekostet. Nun soll
-aber Torquemada in den 15 Jahren von 1483&ndash;1498 allein 8300, d.&nbsp;h.
-durchschnittlich 586 Menschen jährlich, nach den glaubwürdigen
-Angaben Marianas, dem Maurenbrecher folgt, 1481&ndash;1498 nur 2000 Opfer
-zum Scheiterhaufen gesandt haben; diese Ziffern wären also von den<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[S. 34]</span>
-obigen abzuziehen, d.&nbsp;h. auf 312 Jahre entfallen 23112 Opfer = 74 im
-Jahre = 1&nbsp;:&nbsp;121756. Diese Zahlen sind nicht so furchtbar groß, wie
-nachstehendes, der Gegenwart entnommenes Beispiel illustriert. Nach dem
-»American Railroad Journal« fanden im Jahre 1873 im ganzen 576 Menschen
-den Tod durch Unglücksfälle auf Eisenbahnen im Gebiete der Vereinigten
-Staaten, 1112 wurden verletzt. Diese Ziffern findet das genannte Blatt
-ziemlich unbedeutend und in der Tat fällt es niemandem bei, über
-dieselben ein Klagegeschrei zu erheben. Wenn nun diese Ziffern immer
-so ›unbedeutend‹ blieben, so würden in dem gleichen Zeitraume von 327
-Jahren nicht weniger als 188352 Tote und 363624 Verwundete diesem
-Fortschritte der Zivilisation zum Opfer fallen.«</p>
-
-<p>Daß der relative Menschenverlust nicht allzu groß war, wenn auch die
-Opfer der Inquisition bedeutend unterschätzt sind und tatsächlich
-einzelne Ortschaften und Landstriche entvölkert wurden, sei zugegeben.
-Aber ist deshalb der Wahn weniger gräßlich?</p>
-
-<p>Köstlich ist auch folgende Meditation: »Endlich, so banal es klingt,
-so wahr ist doch, daß alle die beklagenswerten Opfer menschlicher
-Torheit eines anderen Todes einmal hätten sterben müssen. Ihr Leben
-ist wohl verkürzt worden, doch käme es noch sehr darauf an zu wissen,
-wie groß der durch diese Verkürzung verursachte Schaden war. Dazu
-müßte man genau kennen: Lebensalter und Lebensverhältnisse, leibliche
-Konstitution und geistige Gaben dieser vorzeitig Gestorbenen; wie viele
-dem Greisenalter gehörten und schon zeugungsunfähig waren, wie vielen
-eine kränkliche Organisation nur mehr eine kurze<span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[S. 35]</span> Lebensfrist gegönnt
-hätte; man müßte veranschlagen, wie viele durch anderweitige Zufälle
-oder in Ausübung ihres Berufes ohnedies ein vorzeitiges Ende gefunden
-hätten, wie viele von akuten Krankheiten dahingerafft worden wären
-u.&nbsp;dgl. Erst die Eliminierung aller dieser komplexen Faktoren würden
-gestatten, den erlittenen Verlust auf ein annähernd richtiges Maß
-zurückzuführen.«<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Bekanntlich behaupten die bayerischen Lyzeen, den Universitäten im
-Range gleichstehende Hochschulen zu sein, und die schwarze Gesellschaft
-wird zu betonen nicht müde, daß die wissenschaftlichen Leistungen
-diesem Range auch völlig entsprechen.</p>
-
-<p>Wir können ohne Zaudern weiter gehen: sie übertreffen ihn! Sie lassen
-alle weltlichen Bildungsstätten weit hinter sich.</p>
-
-<p>Ihr fordert Beweise? Nichts einfacher als das. Wo hätte uns je eine
-Universität eine <em class="gesperrt">Topographie der Hölle</em> geschenkt, wenn nicht
-Münster, das glorreiche Wirkungsfeld des großen Bautz? (Vgl. 1. Bd. S.
-225 ff.)</p>
-
-<p>Wären wir etwa über Satan informiert, wenn nicht <em class="gesperrt">David Leiste</em>,
-Professor der Moraltheologie, Patrologie und Pädagogik am k. Lyzeum in
-Dillingen unter dem Titel »<em class="gesperrt">Die Besessenheit</em>« ein Programm im
-Jahre 1886/87 darüber veröffentlicht hätte. Ein grundgelehrtes Werk
-noch dazu. Wir schlagen auf gut Glück S. 24 ff. auf.</p>
-
-<p>»Die Wirklichkeit dämonischer Erscheinungen in einem objektiv
-wirklichen, materiellen Körper, nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[S. 36]</span> etwa in einem bloß eingebildeten
-imaginären, bezeugt die Heil. Schrift. Nach ihrem Bericht hat Satan die
-Eva in sichtbarer Schlangengestalt versucht; daß auch die Versuchung
-Christi eine rein äußerliche war, ist zweifellos; es ist gewöhnliche,
-wenn auch nicht ausdrücklich durch die Heil. Schrift verbürgte Annahme,
-daß Satan hiebei sich mit einem materiellen Leibe umkleidet habe, der
-ihn als Geist der Hölle verbergen solle. Wieder wird Satan in die
-Erscheinung treten am Ende der Menschengeschichte in den großen Kämpfen
-des Reiches Gottes mit dem Antichrist.</p>
-
-<p>Es bestätigen uns dann auch die hl. Väter und Theologen die Tatsache,
-daß Satan zum Zwecke der Menschenverführung und Menschenplage auf
-Erden sich zeige in der angenommenen Gestalt von Verstorbenen, von
-wilden Tieren, von Vögeln. Unter den verschiedensten Tiergestalten
-ist Satan schon erschienen, nur die der Taube und des Lammes, sagt
-Majolus, glaubt man, sei ihm verboten. Die Form der Ziege und des
-Bockes kommt gar häufig in den Versuchungen vor. »Weil im großen Drama
-des Weltgerichts dem Bock als Symbol des Sklaven der Sünde seine Rolle
-zugewiesen ist, so steht der Annahme, der Dämon habe je bisweilen unter
-dieser oder einer entsprechenden Gestalt seine Besuche gemacht, nichts
-im Wege.« (Rütjes, Der Teufel, Essen 1878, S. 60.) Majolus sagt, diese
-Erscheinungsgestalt komme ihm zu, weil dies geile und hochmütige Tiere
-seien. Satan ist ferner schon erschienen als Löwe, Wolf, Bär, Stier,
-Schwein, Fuchs, als schwarzer Kater oder Hund. So z.&nbsp;B. erblickten
-der hl. Stanislaus und der ehrwürdige Pfarrer von Ars den Teufel in<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[S. 37]</span>
-Hundegestalt, mit feurigen Augen, also in der Gestalt eines Tieres, das
-als Sinnbild der Schamlosigkeit bekannt ist; letzterer sah ihn auch
-in der Gestalt eines Kopfkissens, oder die bösen Geister belästigten
-ihn auch in der Gestalt von Fledermäusen. Ferner zeigte sich Satan
-als Hahn, Eule, Geier, Drache, Schlange, Kröte, Eidechse, Skorpion,
-Spinne, Fliege, Mücke, Wespe. Auch die Menschengestalt gebraucht er als
-Hülle und erscheint als Bauer, Schiffer, Geistlicher, als geputztes,
-verführerisches Weib, als Mädchen. Der ehrwürdigen Maria Crescentia von
-Kaufbeuren zeigte sich der Teufel in Gestalt einer Nonne, eines Negers,
-eines Jägers oder auch in verschiedenen Tiergestalten« etc.</p>
-
-<p>Trotzdem brauchen wir keine allzu große Furcht zu haben. Denn &ndash; und
-daß er das zu unserer Beruhigung sagt, spricht für das gute Herz
-des Herrn Verfassers &ndash; »Seinem Erscheinungsleibe das Bild eines
-<em class="gesperrt">vollkommenen</em> Leibes aufzudrücken, ist Satan nicht allweg
-gestattet; er ist genötigt, ihm teilweise eine tierische Bildung oder
-eine andere verzerrte und fratzenhafte Form zu geben. Und während der
-gute Engel seinen Leib aus edlen, ätherischen Stoffen bildet, ist der
-Teufel für diesen Zweck auf unreine, schmutzige Materien angewiesen.«
-(S. 28.)</p>
-
-<p>Die historische Tatsächlichkeit wenn auch nicht aller, so doch vieler
-Teufelserscheinungen steht fest. »... sicherlich (ist) ein bedeutender
-Teil der von der Geschichte aufbewahrten Vorgänge dieser Art als
-historisch glaubwürdig anzunehmen und haben wir es nicht mit lauter
-›Teufeleien der Mönchsphantasie‹ zu tun.« (S. 30.)</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[S. 38]</span></p>
-
-<p>Das ist ja entschieden unheimlich. Und doch braucht es uns nicht
-ins Bockshorn zu jagen. Denn wie der gelehrte Autor auf S. 139 ff.
-ausführt, hat der Satan gegenwärtig die Taktik geändert und die
-offenkundige leibliche Besessenheit hat &ndash; hurra! &ndash; <em class="gesperrt">abgenommen</em>.
-Und doch ist die Sache nicht ganz geheuer. »Sollte es vielleicht eine
-furchtbare Strafe der so weit verbreiteten Apostasie sein, daß Gott
-dem Teufel die Taktik erlaubt hat, <em class="gesperrt">inkognito</em> sein Geschäft zu
-treiben und so die blinden Seelen um so sicherer in den Abgrund zu
-jagen?« (S. 145 f., zitiert nach dem Kirchenlexikon, 2. Aufl., II, S.
-517 ff., Art. Besessene.) Daß die spiritistischen, somnambulistischen
-und verwandten Phänomene auf den Teufel zurückgehen, steht fest.</p>
-
-<p>Verlassen wir dies unheimliche Thema, um uns heiterern Gesichtern
-zuzuwenden.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Papst Alexander VI. schenkte durch die Bulle Inter cetera vom 4. Mai
-1493 den Spaniern alle entdeckten und noch zu entdeckenden Länder
-nicht nur westlich, sondern auch <em class="gesperrt">südlich</em> eines bestimmten
-Längengrades! Und zwar tat das der damals noch fehlbare Nachfolger
-Petri »ex certa scientia«. Er wußte es also ganz genau!<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Da lobe ich mir doch die deutsche Gründlichkeit. Bekanntlich entdeckte
-ein Gelehrter bereits die Wichtigkeit von <em class="gesperrt">Goethes Wäschezettel</em>
-für die deutsche Literatur. Er wird aber noch übertroffen vom
-»Altmeister der chemischen Geschichtsforschung H. Kopp«,<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[S. 39]</span> der die Worte
-Encheiresin naturae aus der Schülerszene des Faust zum Gegenstand
-<em class="gesperrt">jahrzehntelanger Nachforschungen</em> machte.<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a></p>
-
-<p>Zu diesem Kapitel gehört auch folgendes: In der Berliner Wochenschrift
-»Die Standarte« schreibt ein Germanist, er habe in einem Goetheseminar
-der Berliner Universität <em class="gesperrt">tagelang</em> an der Frage gearbeitet,
-<em class="gesperrt">ob in einem Heft Goethes die Ausstreichungen mit schwarzer oder
-roter Tinte oder mit Bleistift gemacht worden sind</em>. Das tiefe
-Problem, ob der vorgoethische Faust mit Vornamen Heinrich oder Johann
-geheißen habe, läßt die Forscher nicht zur Ruhe kommen. Und von
-höchster Bedeutung ist, ob Goethe <em class="gesperrt">Lieschen</em> oder <em class="gesperrt">Liesgen</em>
-geschrieben hat, wie der <em class="gesperrt">Wasserstempel</em> im Konzept zu den
-»Wahlverwandtschaften« aussieht, ob eine Notiz am 21. oder 22. oder
-gar &ndash; wie Pniower behauptet &ndash; am 24. Oktober eingetragen ist. <em class="gesperrt">Das
-ist Goetheforschung!</em> Wer aber etwa gar denkt, es sei gleichgültig,
-ob das »Kophtische Lied« 1789 oder 1791 geschrieben sei, wird
-erbarmungslos aus diesem geweihten Kreise verbannt.<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Auf diesen Ton ist auch die Gründlichkeit wissenschaftlicher Kritiken
-und Kontroversen gestimmt. In der Historischen Vierteljahrsschrift,
-einem angesehenen Fachorgane, finde ich &ndash; um ein Beispiel für
-unzählige zu nennen &ndash; folgende schöne Stelle: »Eine ›mißverständliche‹
-Äußerung ist nach meinem Sprachgebrauch keine solche, die von
-Mißverständnis zeugt, sondern die Mißverständnis erzeugen könnte.
-›Miß<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[S. 40]</span>verständlich› in diesem Sinne erschienen mir die Worte: ›B.
-setzt die Urkunde nach 1162‹. Setzen ist ein örtlicher Ausdruck; man
-kann also richtig sagen: ›B. setzt die Urkunde vor 1162‹, weil wir
-die Präposition vor ebensowohl örtlich als zeitlich gebrauchen. Der
-richtige Gegensatz zu dem örtlichen vor ist aber nicht nach, sondern
-hinter (hinter 1162), während nach in örtlichem Gebrauche uns zunächst
-die Richtung bedeutet, aber damit zugleich häufig die Vorstellung des
-›hinein in‹ verbindet; man vergleiche: ›er ist nach Frankfurt gesetzt‹
-und ›das Regiment ist nach Krefeld verlegt‹. Ein Leser von korrektem
-Sprachgefühl, der B.s eigene Darstellung noch nicht kennt, muß hier
-also geradezu verstehen: ›B. setzt die Urkunde in das Jahr 1162‹,
-wiewohl die S.sche Ausdrucksweise häufiger vorkommen mag. Müßig war
-meine Bemerkung also nicht.«<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a></p>
-
-<p>Im engen Kreis verengert sich der Sinn.</p>
-
-<p>Mir selbst ist eine ähnliche Geschichte, die mich königlich
-amüsierte, mit einem Geheimrat Harry Breßlau passiert. In meiner
-»Frühmittelalterlichen Porträtplastik in Deutschland« hatte ich
-auch die Siegelkunde gestreift und zum Belege dafür, daß mir der
-Beweis, bereits die frühmittelalterliche Kunst habe eine gewisse
-Porträtfähigkeit besessen &ndash; was bisher unbekannt war und von einem
-großen Teil der gelehrten Zunft heute noch bestritten wird &ndash; u.&nbsp;a. auf
-folgendes hingewiesen: Im Allgemeinen Reichsarchiv in München befindet
-sich &ndash; auch unter der Abgußsammlung echter Kaisersiegel &ndash; ein Siegel,
-das bisher den Namen Heinrichs II. trug. Ich sah sofort, daß hier ein
-Irrtum vorliege und es eine<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[S. 41]</span> Porträtdarstellung Heinrichs III. sei.
-Daraufhin wurde dann der Irrtum richtiggestellt.</p>
-
-<p>Das muß nun den Herrn Geheimrat tief empört haben, denn er schreibt
-im 35. Bde. des Neuen Archivs der Gesellschaft für ältere deutsche
-Geschichtskunde S. 297: »Wenn die Kenntnisse und die Sorgfalt des Herrn
-ebenso groß wären, wie sein Selbstbewußtsein, würde er vielleicht einen
-Blick in den dritten Band unserer Diplomata-Ausgabe geworfen und sich
-überzeugt haben, <em class="gesperrt">daß die Tatsache bereits in der Note p. zu DH. H.
-332 b auf S. 421 festgestellt war</em>.«</p>
-
-<p>Tant de bruit!!!</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[S. 42]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Dritter_Abschnitt"><span class="s5">Dritter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Autoritäten, gelehrte Zunft und Fortschritt</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Schon an anderer Stelle habe ich meine Ansichten über das Versagen
-der sogenannten Autoritäten nicht minder als der ganzen gelehrten
-Zunft dem Genialen und Neuen gegenüber ausgesprochen. Der letzte
-Abschnitt des ersten Bandes dieses Buches enthält genügend Material
-zum Beweise dafür, daß der Fortschritt sich nicht durch, sondern
-trotz Autoritäten vollzieht und daß keineswegs nur im Mittelalter,
-sondern auch heute noch vorgefaßte Meinungen, Theorien und Hypothesen
-höher bewertet werden, als gut beglaubigte Beobachtungen, falls sie
-ihnen widersprechen. Dazu kommt das Gesetz der Trägheit, das gerade
-in Gelehrtenkreisen unverbrüchlich befolgt wird. Weiteres Material in
-dieser Richtung zu sammeln, war mir eine besondere Freude.</p>
-
-<p>Beginnen wir mit den Naturwissenschaften.</p>
-
-<p>Bekanntlich war Aristoteles das ganze Mittelalter hindurch eine
-unbestrittene Autorität in allen weltlichen Fragen. Wie wir noch später
-bei Betrachtung<span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[S. 43]</span> der Universitäten sehen werden, durfte niemand von
-seiner Lehre abweichen, es sei denn, sie widersprach einem Dogma.
-Galens Autorität als Arzt war nicht geringer, die der Bibel in allen
-Fragen ist hinlänglich bekannt. So werden wir denn sehen, daß es vor
-allem die genannten Autoritäten sind, denen der Fortschritt im harten
-Kampfe fußweise den Boden abgewinnen muß, um &ndash; andere Autoritäten
-dafür einzutauschen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Galilei</em>, 25jährig im Jahre 1589 zum Professor an der Universität
-Pisa ernannt, trat öffentlich gegen Aristoteles auf, indem er durch
-Vernunftschlüsse bewies, daß alle Körper gleich schnell fallen.
-Gleichzeitig trat er den experimentellen Beweis an, indem er vom
-schiefen Turm der Stadt unter anderem eine 100pfündige Bombe und
-eine halbpfündige Kanonenkugel fallen ließ, die bei der ungefähren
-Fallhöhe von 70 m kaum eine Handbreit abwichen. Trotzdem vertrauten
-die peripatetischen Kollegen ihrem Aristoteles mehr, als der direkten
-Naturbeobachtung, ja, sie empfingen den unbequemen Gegner mit Pfeifen.
-Dadurch wurde der große Forscher <em class="gesperrt">gezwungen, die Universität zu
-verlassen</em>, um einer Kündigung seines Kontraktes zuvorzukommen.
-Als er die Jupitermonde entdeckt hatte, <em class="gesperrt">scheuten sich die
-peripatetischen Professoren, in ein Fernrohr zu sehen, aus Furcht, sie
-könnten diese Beobachtung bestätigt finden</em>! Daß sie später die
-kirchliche Hilfe in Anspruch nahmen, um den Mann zu vernichten, der
-es gewagt hatte, das Aristotelische Himmelsgebäude zu stürzen, ist
-hinlänglich bekannt. Aber auch die wissenschaftlichen »Autoritäten«
-traten<span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[S. 44]</span> gegen seine Verteidigung des Kopernikus und der Drehung
-der Erde auf. Der Professor der Philosophie in Pisa, <em class="gesperrt">Scipione
-Chiaramonti</em> (1565&ndash;1652), schrieb heftig gegen seine epochemachende
-Vergleichung des Ptolemäischen und Kopernikanischen Weltsystems und der
-Peripatetiker <em class="gesperrt">Claude Berigard</em> (1578&ndash;1663) behauptete, Galilei
-habe dem Simplicius nicht die stärksten Gründe gegen die Bewegung der
-Erde in den Mund gelegt.<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Da J. Baptista <em class="gesperrt">Benedettis</em> mechanische Entdeckungen wiederholt
-Aristoteles widersprachen, fanden sie nicht die verdiente Beachtung. Im
-16. Jahrhundert mußte die Physik nach Aristoteles oder zur Not, wenn
-es sich um statische Verhältnisse handelte, nach Archimedes gelehrt
-werden. Sonst konnte das Werk nicht den Beifall der zünftigen Gelehrten
-finden und wurde, soweit irgend möglich, <em class="gesperrt">totgeschwiegen</em>.<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Tycho de Brahe</em> lehnte das Kopernikanische System ab, unter
-anderem, weil die <em class="gesperrt">Bibel</em> (Josua 10, 12) <em class="gesperrt">direkt der Bewegung
-der Erde widerspräche</em>. Allerdings stürzte er das bisher herrschende
-Ptolemäische System.<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Peter Ramus</em> (Ramée geb. 1515), ein verdienstvoller französischer
-Mathematiker, der auch als Lehrer der Beredsamkeit und Philosophie
-tätig war, griff Aris<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[S. 45]</span>toteles, dessen Logik er noch nicht einmal gelten
-lassen wollte, kühn an. Dadurch entfesselte er einen förmlichen Sturm
-der Entrüstung an allen Universitäten, der für ihn die schlimme Folge
-hatte, daß er seiner <em class="gesperrt">Lehrerstelle in Paris entsetzt wurde</em> und
-aus der Stadt fliehen mußte. Als er später zurückzukehren wagte und
-seine Lehrtätigkeit wieder aufnahm, wurde er in der Bartholomäusnacht
-1572 <em class="gesperrt">ermordet</em>, wie man sagt auf Anstiften des Carpentarius,
-seines scholastischen Gegners.<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Newton</em>, der erst im 12. Lebensjahre auf die Schule kam und
-dort anfänglich als schlechter Schüler galt, veröffentlichte 1687 in
-seinem berühmten Werke Philosophia naturalis principia mathematica
-das bereits früher von ihm entdeckte Gravitationsgesetz. Statt nun
-anzuerkennen, was Newton unwiderleglich bewiesen hatte, daß alle
-Himmelserscheinungen wenigstens so vor sich gehen, als strebten alle
-Körper nach dem direkten Verhältnis ihrer Massen und dem indirekt
-quadratischen Verhältnis ihrer Entfernungen zueinander, <em class="gesperrt">negierten
-seine Cartesianischen Gegner einfach Newtons große Entdeckung</em>.<a id="FNAnker_30" href="#Fussnote_30" class="fnanchor">[30]</a></p>
-
-<p>Später erklärte er kategorisch, »Hypothesen bilde ich nicht«. Durch
-die Autorität, die dieser Mann, dessen Schüler nach und nach mehr oder
-weniger alle Physiker wurden, im Laufe der Zeit erlangt hatte, bekamen
-die <em class="gesperrt">Hypothesen</em> lange Zeit einen verächtlichen Beigeschmack und
-<em class="gesperrt">verschwanden mehr als nötig und dienlich aus der Physik</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[S. 46]</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Cotes</em>, der Schüler Newtons, erklärte, allerdings nicht ohne
-seines Meisters Verschulden, die Schwere für eine einfachste, vom
-Schöpfer der Materie direkt eingepflanzte Ursache. Er hält es für
-<em class="gesperrt">irreligiös</em>, nach weiteren Erklärungen derselben zu suchen
-und so den Schöpfer ganz eliminieren, oder doch ganz begreifen zu
-wollen. In der von ihm zu Newtons Lebzeiten veranstalteten 2. Auflage
-der »Principien« erklärte er schon <em class="gesperrt">das Suchen nach der Ursache
-der Schwere oder Vermittlung der Fernwirkung als ein Zeichen des
-Atheismus</em>!<a id="FNAnker_31" href="#Fussnote_31" class="fnanchor">[31]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Huygens</em> veröffentlichte 1690 seine bereits 1678 vor der
-Pariser Akademie verlesene Abhandlung über das Licht, in der er eine
-vollständige Undulationstheorie des Lichtes entwickelte, die bis auf
-einen Hauptpunkt ganz mit unserer jetzigen Lichttheorie übereinstimmt.
-Huygens setzt nämlich einen höchst feinen und beweglichen, durch das
-ganze Weltall verbreiteten Stoff, den Äther, voraus. Wird an einer
-Stelle ein Ätherteilchen in Schwingung versetzt, so teilen sich die
-Schwingungen allen benachbarten Teilchen mit und durch den Raum
-pflanzt sich eine Ätherwelle fort, die jenes Teilchen zum Mittelpunkt
-hat. Trifft eine solche Welle unser Auge, so haben wir die Empfindung
-von Licht. Dank dieser Theorie gelang es für jede Richtung des in
-einen Doppelspat einfallenden Lichtstrahles die Richtung auch des
-außerordentlich gebrochenen Strahles durch Rechnung oder Konstruktion
-ohne jede weitere Beobachtung zu finden. Dieser Traité de la lumière,
-bzw. diese Undulations<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[S. 47]</span>theorie fand nicht die Anerkennung Newtons.
-Die Abhandlung wurde von den Physikern einfach <em class="gesperrt">totgeschwiegen</em>
-und <em class="gesperrt">blieb in der Folgezeit ohne jede Wirkung</em>. Sie war für ein
-ganzes folgendes Jahrhundert so gut wie nicht geschrieben. Noch die
-bedeutenden Geschichtschreiber zu Ende des 18. Jahrhunderts erwähnen
-das Werk fast nur als <em class="gesperrt">Kuriosität</em>!<a id="FNAnker_32" href="#Fussnote_32" class="fnanchor">[32]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Jean Richer</em> († 1696) wurde von der Pariser Akademie im Jahre
-1671 nach Cayenne geschickt, und kehrte zwei Jahre später von
-dieser Reise heim. Anfänglich wurde er wegen der Genauigkeit seiner
-Arbeiten sehr belobt, doch brachte er auch eine Entdeckung mit, die
-den Akademikern bald sehr unangenehm wurde. Er hatte von Paris nach
-Cayenne eine gute Pendeluhr mitgenommen, fand aber, daß sie in Cayenne
-täglich um zwei Minuten zu langsam ging und daß er das Pendel um 1,25
-Linien verkürzen mußte. Er glaubte zuerst an einen Irrtum seinerseits,
-als er aber bei seiner Rückkehr nach Paris das Pendel wieder auf
-die frühere Länge stellen mußte, behauptete er mit Sicherheit
-die <em class="gesperrt">Veränderlichkeit der Länge des Sekundenpendels mit der
-geographischen Breite</em>. Richer erklärte diese daraus, daß durch die
-Umdrehung der Erde die Schwere am Äquator verringert werde und daß auch
-vielleicht die Erde an den Polen abgeplattet sei und darum die Schwere
-nach den Polen hin zunehme. Die <em class="gesperrt">Akademie aber wollte durchaus nicht
-an eine Abplattung der Erde glauben</em>. Übrigens widersetzte sich die
-Pariser Akademie auch dieser Tatsache, als Newton sie<span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[S. 48]</span> 1687 bewies. Man
-führte die Verlängerung des Pendels auf das heiße Klima zurück, wiewohl
-Newton nachwies, daß die Ausdehnung durch die Wärme viel zu gering sei.</p>
-
-<p>Für Richer war seine Entdeckung sehr verhängnisvoll. Die eine
-unbequeme, weil in den Augen der Akademiker der geltenden Theorie
-widersprechende Beobachtung verringerte den Wert aller übrigen, so
-daß er schwer darunter leiden mußte und kränkelnd von der Reise
-zurückgekehrt, hinfort nur mehr geringen Anteil an den Arbeiten der
-Akademie nahm.<a id="FNAnker_33" href="#Fussnote_33" class="fnanchor">[33]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Thomas Youngs</em> Arbeiten, durch die er zu einem Reformator der
-Theorie der Optik wurde, hatten zu seinen Lebzeiten gar keinen Erfolg.
-<em class="gesperrt">Henry Brougham</em> (1778&ndash;1868) schrieb in der angesehenen Edinburgh
-Review vom Jahre 1803 sehr ungünstig über seine Arbeiten. Er vermochte
-in denselben absolut nichts, was den Namen einer Entdeckung, ja nur
-eines wissenschaftlichen Experiments verdiente, zu finden und konnte
-seinen Bericht überhaupt nicht schließen, »ohne die Aufmerksamkeit
-der Royal Society darauf zu lenken, daß sie in den letzten Zeiten
-so <em class="gesperrt">viele flüchtige und inhaltsleere Aufsätze in ihre Schriften
-aufgenommen habe</em>«. Als <em class="gesperrt">William Hyde Wollaston</em> sich für
-Youngs Interferenztheorie günstig ausgesprochen hatte, äußerte
-Brougham auch darüber seine Unzufriedenheit, »daß ein so genauer
-und scharfsinniger Experimentator die seltsame Undulationstheorie
-angenommen hat«. Die englischen Gelehrten gingen über Youngs Arbeiten
-ohne weitere<span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[S. 49]</span> Diskussion zur Tagesordnung über, die Deutschen
-übersetzen sie, ohne Gebrauch davon zu machen und die Franzosen lernten
-sie gar nicht oder doch nur ganz unvollkommen kennen. Schließlich wurde
-Young selbst wankend und bereit sein System aufzugeben!<a id="FNAnker_34" href="#Fussnote_34" class="fnanchor">[34]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als <em class="gesperrt">Fresnel</em> durch seine Arbeiten die feste Begründung der
-Undulationstheorie des Lichtes gab, die Theorie der Interferenz und
-Beugung des Lichtes durch seine meisterhaften Messungen bestätigte,
-die Gesetze der Reflexion und Brechung des polarisierten Lichtes
-entwickelte, desgleichen die der Doppelbrechung des Lichtes in
-Kristallen u.&nbsp;a.&nbsp;m. konnte er doch den vollen Sieg seiner Ansichten
-nicht mehr erleben. Der gefeierte Physiker <em class="gesperrt">Biot</em> vertrat nach
-wie vor die Emanationstheorie. Ganz ungeheuerlich aber erschien den
-Physikern die Annahme der Transversalschwingungen des Äthers. Weder
-<em class="gesperrt">Arago</em> noch <em class="gesperrt">Laplace</em> noch <em class="gesperrt">Poisson</em> konnten sich zu
-ihr bekehren. Noch bis 1830 blieb die Allgemeinheit der Physiker dabei,
-daß Emissionstheorie und Undulationstheorie die optischen Erscheinungen
-ungefähr gleich gut erklären. <em class="gesperrt">Brewster</em> lehnte die letztere sogar
-noch 1833 erbittert ab.<a id="FNAnker_35" href="#Fussnote_35" class="fnanchor">[35]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als <em class="gesperrt">Fraunhofer</em> im Sonnenspektrum die bekannten Linien fand und
-feststellte, daß sie immer unter denselben Umständen vorhanden waren
-und unter allen Umständen in denselben Farbentönen liegen blieben,
-was er im I. Band der Denkschriften für die Münchener Akademie der
-Wissenschaften<span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[S. 50]</span> 1814/15 veröffentlichte, legten die Physiker den Linien
-wenig theoretische Wichtigkeit bei. <em class="gesperrt">Biot erwähnte sie</em> selbst in
-der 3. Auflage seines Lehrbuches <em class="gesperrt">noch nicht</em> und die ersten Bände
-von Gehlers physikalischem Lexikon machten auch nur wenig Aufhebens von
-ihnen.<a id="FNAnker_36" href="#Fussnote_36" class="fnanchor">[36]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Theorien der Elektrodynamik und des Elektromagnetismus, die
-<em class="gesperrt">Ampère</em> aufstellte, wurden anfänglich von den Physikern
-<em class="gesperrt">abgelehnt</em>. <em class="gesperrt">Biot</em> war des Unterganges dieser Lehren ganz
-sicher und <em class="gesperrt">erhoffte von den Physikern, daß sie ihm seinerzeit die
-Ehre zollen würden, daß er von Anfang an diese Hypothesen abgelehnt
-habe</em>.<a id="FNAnker_37" href="#Fussnote_37" class="fnanchor">[37]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als <em class="gesperrt">Sadi Carnot</em> 1824, 28jährig, sein Werk »Réflexions sur la
-puissance motrice du feu et les machines propres à développer cette
-puissance« veröffentlicht hatte, durch das er der <em class="gesperrt">Vater der neueren
-Wärmetheorie</em> wurde und in dem er zum ersten Male klar und deutlich
-die Erschaffung mechanischer nicht bloß, sondern auch physischer
-Kräfte leugnete und das perpetuum mobile mechanicum so gut wie das
-perpetuum mobile physicum, wenigstens soweit es thermodynamische
-Maschinen betraf, für unmöglich erklärte, erfuhr sein Werk <em class="gesperrt">völlige
-Nichtbeachtung</em>. Weder <em class="gesperrt">Berzelius</em> noch <em class="gesperrt">Gehlers</em>
-Wörterbuch der Physik erwähnen Carnot. Erst nach der Entdeckung des
-mechanischen Äquivalents der Wärme fanden seine Arbeiten die verdiente
-Aufmerksamkeit.<a id="FNAnker_38" href="#Fussnote_38" class="fnanchor">[38]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[S. 51]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die von <em class="gesperrt">George Green</em> 1828 gefundene Potentialfunktion wurde
-<em class="gesperrt">überhaupt nicht beachtet</em>, ebenso die Arbeiten <em class="gesperrt">Hamiltons</em>
-über dasselbe Thema <em class="gesperrt">nur wenig</em>. Erst als <em class="gesperrt">Gauß</em> 1840 die von
-ihm kurz Potential genannte Funktion bearbeitete, fand sie allgemeine
-Verbreitung und Anerkennung.<a id="FNAnker_39" href="#Fussnote_39" class="fnanchor">[39]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Faradays</em> Bemerkungen über die Influenz fanden keine ungeteilt
-günstige Aufnahme und die meisten Physiker, zumal die deutschen, waren
-mit seiner Gegnerschaft gegen die actio in distans durchaus nicht
-einverstanden. Man hielt seine Ideen von einer vermittelten Fernwirkung
-für Gebilde <em class="gesperrt">einer ausschweifenden Phantasie</em> oder verkehrt
-geleiteter Philosophie.<a id="FNAnker_40" href="#Fussnote_40" class="fnanchor">[40]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Euler</em> führte 1762 Licht, Wärme und Elektrizität auf eine
-allgemeine Ursache, den Äther, zurück. Damit kam er, trotz mancher
-Mängel der Hypothese, dem Gesetz der Umwandlung der Kräfte sehr
-nahe und verdient unsere höchste Bewunderung dafür, daß er vor mehr
-als einem Jahrhundert nicht nur auf eine gemeinsame Wurzel aller
-Kräfte hinwies, sondern daß es ihm auch gelang, wenigstens teilweise
-die Erscheinungen aus ihr abzuleiten. Da er jedoch <em class="gesperrt">mit Newtons
-Autorität kollidierte, wußten seine Zeitgenossen sein Verdienst
-nicht zu schätzen</em>. Bezeichnend ist, daß Priestley in seiner zu
-London 1772 erschienenen Geschichte der Optik in bezug auf den großen
-Mathematiker es <em class="gesperrt">ablehnt</em>, »<em class="gesperrt">den Leser mit bloßen Hypothesen
-aufzuhalten</em>«.<a id="FNAnker_41" href="#Fussnote_41" class="fnanchor">[41]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[S. 52]</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Graf Rumford</em> (1753&ndash;1814) hatte durch Beobachtungen beim
-Kanonenbohren in den Werkstätten des Militärzeughauses zu München und
-daran anschließende Versuche festgestellt, daß durch Reiben zweier
-Körper aneinander unbestimmte, vielleicht unbegrenzte Mengen von Wärme
-erzeugt werden könnten. Daraus folgerte er, daß man <em class="gesperrt">unmöglich diese
-Wärme</em> selbst als einen <em class="gesperrt">Stoff annehmen könne</em> &ndash; dies nach
-der gültigen <em class="gesperrt">Phlogistontheorie</em> geschah &ndash;, sondern was durch
-Bewegung immer unerschöpflich erzeugt werden könne, selbst nur Bewegung
-sei. Daher müsse man alle Wärmeerscheinungen als Bewegungserscheinungen
-auffassen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Humphry Davy</em> (1778&ndash;1829) prüfte Rumfords Versuche nach
-und erzeugte Wärme sogar durch Reibung von Eisstücken, wobei
-sich herausstellte, daß das sich bildende Wasser eine höhere
-Temperatur erhielt, als die Lufttemperatur gerade betrug. Das war
-eine glänzende Bestätigung von Rumfords Versuchen. Er stellte eine
-Vibrationstheorie auf und erklärte alle Erscheinungen der Wärme
-durch die Annahme, daß in einem festen Körper die Teilchen in
-beständig schwingender Bewegung sind. Auch <em class="gesperrt">Thomas Young</em>, der
-Wiedererwecker der Undulationstheorie des Lichtes, bekannte sich zur
-<em class="gesperrt">Vibrationstheorie</em> und gelangte zur Überzeugung, daß Licht und
-Wärme aus ganz gleichartigen Schwingungen bestehen, die sich nur
-dadurch unterscheiden, daß die Wärmeschwingungen langsamer sind,
-als die des Lichtes. Trotzdem fühlten sich die <em class="gesperrt">Physiker nicht
-veranlaßt, diesen Behauptungen</em> Youngs eine größere <em class="gesperrt">Beachtung
-zu schenken</em>, als seinen Bemühungen um die Reform<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[S. 53]</span> der Optik. Die
-meisten Physiker kehrten, wiewohl sie merkten, daß sich die genannten
-Versuche mit der Annahme eines Wärmestoffes schwer vereinigen ließen,
-doch zu ihm zurück. Man betrachtete die Erzeugung der Wärme durch
-Reibung nur als einen nicht geklärten dunklen Punkt an dem sonst reinen
-Himmel der herrschenden Theorie, und bemühte sich mit gutem Erfolg,
-diesen dunklen Punkt ganz zu übersehen.<a id="FNAnker_42" href="#Fussnote_42" class="fnanchor">[42]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Giovanni Battista <em class="gesperrt">Guglielmini</em> († 1817) stellte Berechnungen
-an über die Abweichung fallender Körper von der Lotlinie und fand,
-daß die östliche Abweichung eines von der St. Peterskirche in Rom 240
-Fuß hoch fallenden Körpers durch die Rotation der Erde &frac12; Zoll von
-der Vertikalen betragen müsse. In den Jahren 1790 und 1791 machte er
-diesbezügliche Versuche, die mit den Resultaten seiner Berechnung
-ziemlich gut übereinstimmten. Wunderbarerweise fand er aber auch
-gleichzeitig eine, allerdings geringe, südliche Abweichung. <em class="gesperrt">Laplace
-schloß aus dieser Abweichung</em>, die ihm theoretisch unmöglich
-erschien, nur, daß die <em class="gesperrt">ganzen Versuche gänzlich ungenau</em> und
-<em class="gesperrt">ihr Zeugnis für die Achsendrehung der Erde ganz unkräftig sei</em>.</p>
-
-<p>Auch als <em class="gesperrt">Benzenberg</em> im Jahre 1802 vom Michelsturm in Hamburg und
-im nächsten Jahre in einem Kohlenschacht zu Schlehbusch in der Mark die
-Versuche mit gleichem Resultat wieder aufnahm, gelang es ihm nicht, die
-meisten Physiker davon zu<span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[S. 54]</span> überzeugen, daß die südliche Abweichung in
-Zusammenhang mit der Schwere und Rotation der Erde stünde.<a id="FNAnker_43" href="#Fussnote_43" class="fnanchor">[43]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als es <em class="gesperrt">Davy</em>, der übrigens als Lehrling bei einem Chirurgen
-und Apotheker seine glänzende Laufbahn begonnen hatte, gelungen
-war, noch vor dem Jahre 1812 das <em class="gesperrt">elektrische Bogenlicht</em> zu
-erzeugen, mit dem er Platina, Quarz, Kalk etc. schmolz, erregten diese
-Entdeckungen <em class="gesperrt">nicht das Aufsehen</em>, das man hätte erwarten dürfen.
-Ja, theoretisch erschien die kolossale Wärme- und Lichtproduktion bei
-der geltenden materiellen Theorie der Wärme sogar <em class="gesperrt">beunruhigend</em>
-und <em class="gesperrt">unbequem</em>! Man beobachtete hinfort unter den Physikern über
-dieses Thema <em class="gesperrt">Schweigen</em>!<a id="FNAnker_44" href="#Fussnote_44" class="fnanchor">[44]</a></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Dufay</em> (1698&ndash;1733) war es ein Jahrhundert früher nicht besser
-ergangen. Er hatte u.&nbsp;a. die Verschiedenheit der positiven von der
-negativen Elektrizität entdeckt. »Das entscheidende Kennzeichen
-besteht darin, daß sie sich selbst abstoßen und im Gegenteil eine die
-andere anzieht.« Dieses äußerst wichtige Prinzip fand nicht gleich die
-verdiente Anerkennung und ist später erst zur Geltung gebracht worden,
-<em class="gesperrt">ohne daß man dabei die Verdienste Dufays anerkannt hätte</em>.<a id="FNAnker_45" href="#Fussnote_45" class="fnanchor">[45]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p id="Papin">Der geniale Erfinder <em class="gesperrt">Papin</em>, der bereits den Gedanken hatte,
-Wagen durch Dampfkraft zu bewegen, der Versuche mit einem Taucherschiff
-anstellte, eine Zentrifugalpumpe erfand, die ohne Ventile und Klappen<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[S. 55]</span>
-kontinuierlich das Wasser heben und auch als Blasebalg gut verwendbar
-sein sollte, der ferner den nach ihm benannten Dampfkochtopf erfand,
-der aber auch erst der Neuzeit die Dienste leistete, die Papin sich
-von ihm versprach, hatte den <em class="gesperrt">Plan, ein Schiff durch Dampfkraft zu
-bewegen. Es gelang ihm jedoch nicht, die Royal Society, die überhaupt
-die Entwicklung der Dampfmaschine wenig beachtete, für seine Idee zu
-gewinnen.</em> Er starb in Dürftigkeit.<a id="FNAnker_46" href="#Fussnote_46" class="fnanchor">[46]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1663 erschien aus der Feder des Edward <em class="gesperrt">Somerset, Marquis of
-Worcester</em>, in London ein Schriftchen unter dem Titel: A century of
-the names and scantlings of such inventions as at present I can coll to
-mind to have tried and perfected. Hier erwähnt unter No. 68 Worcester
-eine Maschine, die, mit Dampf betrieben, Wasser in beliebiger Menge
-auf beliebige Höhe fortdauernd zu heben vermag. Obwohl er auf diesen
-<em class="gesperrt">Vorläufer der Dampfmaschine</em> im gleichen Jahre für sich und seine
-Erben ein <em class="gesperrt">Patent</em> auf 90 Jahre erhielt, geriet die Erfindung mit
-seinem 1667 erfolgten Tode bereits in <em class="gesperrt">Vergessenheit</em>.<a id="FNAnker_47" href="#Fussnote_47" class="fnanchor">[47]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als Poggendorf im XLVIII. Bande seiner Annalen 1839 (S. 193) einen
-Aufsatz über <em class="gesperrt">Daguerres</em> Erfindung der <em class="gesperrt">Photographie</em>
-brachte, rechtfertigte er die Veröffentlichung folgendermaßen: »Bei dem
-allgemeinen und, man kann wohl sagen, <em class="gesperrt">über<span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[S. 56]</span>triebenen Interesse</em>,
-welches die Anzeige von Herrn Daguerres Entdeckung im Publikum gefunden
-hat...« Das Publikum, d.&nbsp;h. die Nichtzünftler, hat allerdings häufig
-genug mehr Verständnis für das Neue bewiesen, als die Hochgelahrten.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Telephon</em>, die Erfindung des Autodidakten Philipp
-<em class="gesperrt">Reis</em>, wurde zwar in wissenschaftlichen Werken, ja sogar in
-populären Schriften erwähnt. Das hinderte aber nicht, daß es allmählich
-<em class="gesperrt">in Vergessenheit geriet</em>. Und zwar so gründlich, daß die mit
-Unterstützung der historischen Kommission der bayerischen Akademie der
-Wissenschaften herausgegebene »Geschichte der Technologie« von Karl
-Kramarsch (München 1872) weder den Namen des Erfinders Reis, noch die
-von ihm geprägte Bezeichnung Telephon aufführt. Erst als <em class="gesperrt">Graham
-Bell</em>, der den Apparat verbesserte, auch die Idee für sich in
-Anspruch nahm, erinnerte man sich in Deutschland des ursprünglichen
-Erfinders, dessen Tage gezählt waren.<a id="FNAnker_48" href="#Fussnote_48" class="fnanchor">[48]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die »Edinburgh Review« forderte das Publikum auf, <em class="gesperrt">Thomas Gray</em>
-in eine <em class="gesperrt">Zwangsjacke zu stecken, weil er den Plan von Eisenbahnen
-entwarf</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ein so großer Gelehrter wie <em class="gesperrt">Sir Humphry Davy lachte</em> über <em class="gesperrt">die
-Vorstellung, daß London einmal mit Gas beleuchtet werden solle</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[S. 57]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die französische Akademie der Wissenschaften verspottete den großen
-Astronomen <em class="gesperrt">Arago</em>, als er nur das Verlangen stellte, über das
-Projekt eines <em class="gesperrt">elektrischen Telegraphen</em> eine Diskussion zu
-eröffnen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als <em class="gesperrt">Stephenson</em> vorschlug, <em class="gesperrt">Lokomotiven</em> auf der Liverpool-
-und Manchestereisenbahn zu benutzen, führten gelehrte Männer den
-<em class="gesperrt">Beweis, daß es unmöglich sei, zwölf englische Meilen in einer
-Stunde zurückzulegen</em>. Eine andere hohe wissenschaftliche Autorität
-erklärte es für gleich unmöglich, daß <em class="gesperrt">Meeresdampfer</em> jemals den
-Atlantischen Ozean durchkreuzen könnten.<a id="FNAnker_49" href="#Fussnote_49" class="fnanchor">[49]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als die <em class="gesperrt">Gasbeleuchtung</em> der Straßen eingeführt werden sollte,
-eiferte die <em class="gesperrt">Kölnische Zeitung</em> in der Nummer vom 23. April 1828
-aus theologischen Gründen dagegen. <em class="gesperrt">Es sei unzulässig, die von Gott
-dunkel geschaffene Nacht zu erhellen.</em></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Helmholtz</em> erklärte im Jahre 1872 als Mitglied einer vom
-preußischen Staate eingesetzte Kommission zur Prüfung äronautischer
-Fragen für nicht wahrscheinlich, daß der Mensch, auch durch den
-allergeschicktesten flügelähnlichen Mechanismus, den er durch seine
-eigene Muskelkraft zu bewegen hätte, jemals sein eigenes Gewicht
-in die Höhe heben und dort erhalten könne. Mag der große Gelehrte
-mit<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[S. 58]</span> der menschlichen Muskelkraft auch recht behalten haben, so
-<em class="gesperrt">lähmte doch anderseits seine Autorität die aviatischen Bestrebungen
-überhaupt</em>.<a id="FNAnker_50" href="#Fussnote_50" class="fnanchor">[50]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Professor am Polytechnikum in Hannover und dessen nachmaliger
-Rektor Wilhelm <em class="gesperrt">Launhardt</em> (geb. 1832), ein hochangesehener
-Ingenieur und Fachschriftsteller, warnte seine Zuhörer davor, sich
-mit den stets vergeblich gewesenen Versuchen zur Erfindung eines
-<em class="gesperrt">Automobils</em> abzuplagen.<a id="FNAnker_51" href="#Fussnote_51" class="fnanchor">[51]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wenden wir uns nun der Medizin zu, in der es den großen Männern um kein
-Haar besser erging als in den Naturwissenschaften oder der Technik.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Leopold Auenbrugger</em> (1722&ndash;1809), Arzt in Wien, erfand
-die <em class="gesperrt">Perkussionsmethode</em>, über deren Unentbehrlichkeit zur
-physikalischen Untersuchung des Körpers niemand im Zweifel ist.
-Und zwar fand er nicht durch Zufall diese großartige Erleichterung
-der Diagnose, sondern durch Nachdenken und Experiment, dabei ganz
-unvorbereitet und ohne jegliche Andeutung früherer Beobachter. Er
-veröffentlichte seine hochbedeutende Erfindung im Jahre 1761 in Wien
-nach siebenjähriger Vorarbeit unter dem Titel Inventum novum ex
-percussione thoracis humani ut signo abstrusos interni pectoris morbos
-detegendi.</p>
-
-<p>Es handelt sich hier um einen der ersten und glänzendsten Triumphe der
-anatomischen Forschung, und der Gedanke liegt nahe, daß das auch die
-Zeit<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[S. 59]</span>genossen erkannt hätten. Wer aber das Verhalten der Zunft und
-Autoritäten dem Neuen gegenüber kennt, wird es weniger erstaunlich
-finden, daß nur ein einziger Arzt namens <em class="gesperrt">Stoll</em> den Wert der
-Untersuchungsmethode durch Perkussion, wenn auch nicht ihrem vollen
-Umfange nach, erkannt und dieselbe geübt hat. <em class="gesperrt">Van Swieten</em>
-und <em class="gesperrt">de Haën</em> schenkten Auenbruggers großer Leistung keine
-Aufmerksamkeit. Von einigen Seiten wurde die Entdeckung lächerlich
-gemacht, von andern mißverstanden. So schrieb unter andern <em class="gesperrt">Vogel</em>
-in einer Kritik der Auenbruggerschen Schrift (Neue med. Bibliothek
-1766, VI, S. 89), daß dieses Inventum mit besserem Recht novum
-antiquum, als novum hätte benannt werden können, <em class="gesperrt">da es nichts
-anderes als die von Hippokrates geübte Sukkussion sei</em>.</p>
-
-<p>Es ist ja eine beliebte Methode, das Neue zunächst als schlecht
-abzulehnen. Dann den Nachweis zu erbringen, daß es überhaupt nicht
-neu ist. Leute, deren Sitzorgane in umgekehrtem Verhältnis zu den
-Denkorganen entwickelt sind, werden auch stets Anklänge in irgendeinem
-alten Schmöker finden. Vogel war jedenfalls vorsichtig, als er das
-hohe Alter einer Erfindung festzustellen versuchte, bevor deren
-Wert anerkannt worden war. Bezeichnend ist das Urteil des berühmten
-<em class="gesperrt">Haller</em> (Göttingische gelehrte Anzeigen 1762, S. 1013). »Alle
-dergleichen Vorschläge verdienen zwar nicht auf der Stelle angenommen,
-aber mit Achtung gehört zu werden.« Nur keine Eile!</p>
-
-<p>Da die wenigen günstigen Urteile keine Beachtung fanden, geriet
-Auenbruggers Erfindung und Schrift in <em class="gesperrt">völlige Vergessenheit</em>,
-bis der große<span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[S. 60]</span> Pariser Arzt <em class="gesperrt">Corvisart</em> ihr den ihr gebührenden
-Platz in der praktischen Heilkunde sicherte. Im Jahre 1808, also ein
-Jahr vor des genialen Erfinders Tode, aber <em class="gesperrt">47 Jahre nach ihrer
-Veröffentlichung</em>, gab er unter dem Titel »Nouvelle methode pour
-reconnaître les maladies internes de la poitrine par la percussion de
-cette cavité« eine Übersetzung des Werkes heraus, deren Vorwort bewies,
-daß er als erster die Bedeutung dieser Erfindung für das Heil der
-Kranken in ihrem ganzen Umfange vollkommen gewürdigt hatte.<a id="FNAnker_52" href="#Fussnote_52" class="fnanchor">[52]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ganz ähnlich wie der Perkussion erging es der zur Diagnose nicht minder
-wichtigen <em class="gesperrt">Auskultation</em>. Der selbständige Erfinder der klinischen
-Auskultation war der bekannte französische Arzt <em class="gesperrt">Laënnec</em> (1781
-bis 1826). Zwar hatten bereits die alten griechischen Ärzte diese
-Methode angewandt, sie war aber völlig in Vergessenheit geraten, so
-daß Laënnecs Erfinderruhm nicht gemindert wird, um so weniger, als er
-auch das Stethoskop anwandte und sich als Meister in der Determination
-akustischer Zeichen erwies. Der von ihm in die Auskultation
-eingeführten Nomenklatur bedienen sich noch die heutigen Ärzte. Sein
-Werk ist ein vollständiges Handbuch der Diagnostik, zumal in seiner
-zweiten 1826 erschienenen Auflage. Übrigens gedenkt Laënnec auch der
-Perkussion, nur daß er die Leistungen dieser Methode für sich allein
-für eng begrenzt und zweifelhaft hält.</p>
-
-<p>Zunächst fand Laënnec auch bei seinen Landsleuten <em class="gesperrt">keine
-allgemeine Anerkennung</em>. Man<span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[S. 61]</span> eiferte von mancher Seite gegen die
-»Cylindromanes«. Besonders <em class="gesperrt">Broussais</em> (Examen des doctrines
-médicales ... T. II, Paris 1821) hatte vielfache oft recht kleinliche
-Bemängelungen und Ausstellungen. Am ersten wurde die neue Methode in
-England, zuletzt in Deutschland angenommen.<a id="FNAnker_53" href="#Fussnote_53" class="fnanchor">[53]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Franz Anton Mesmer</em> (1733&ndash;1815) suchte nachzuweisen, daß die
-Himmelskörper durch ihre gegenseitigen Anziehungskräfte einen Einfluß
-auf unser Nervensystem ausüben (de Planetarum influxu 1766). Ferner
-beschäftigte er sich viel mit Magnetismus, den er für heilkräftig
-hielt und mit dem er auch Heilungen vollführte. Als er bemerkte, daß
-auch ohne Anwendung des Magnetes durch bloßes Streichen mit den Händen
-eigentümliche Wirkungen hervorgebracht wurden, schloß er daraus auf
-eine von ihm ausströmende, dem Magnetismus verwandte Kraft, die er
-»<em class="gesperrt">tierischen Magnetismus</em>« nannte und in sein Heilsystem aufnahm.
-(Sendschreiben an einen auswärtigen Arzt über die Magnetkunde, Wien
-1775.) Tatsächlich gelang es ihm, Schlaf zu erzeugen, er beobachtete
-den Somnambulismus und das Hellsehen, ließ mit den Fingerspitzen
-verschlossene Briefe lesen u.&nbsp;a.&nbsp;m. Andere identifizierten die
-zugrundeliegende geheimnisvolle Kraft nicht mit dem Magnetismus,
-sondern, wie Reichenbach mit dem von ihm angenommenen Od, oder wie
-Kieser, Gmelin, Passavant mit Tellurismus, Siderismus oder Nervenäther.</p>
-
-<p>Doch die Erklärungsversuche der Phänomene haben für uns weniger
-Interesse, als die Stellung der<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[S. 62]</span> wissenschaftlichen Welt zu Mesmer.
-In Wien hatte er wenig Glück. Eine Partei tat das, was dem unbequemen
-Neuen gegenüber immer das Naheliegendste ist und was deshalb unsere
-offizielle Wissenschaft auch heute noch den okkulten Phänomenen
-gegenüber tut: <em class="gesperrt">sie leugnete kurzweg alles</em>. Selbst Wiener
-Augenzeugen (Störck, Barth, Ingenhouß) sprachen sich nicht für die
-Glaubwürdigkeit seiner magnetischen Kuren aus. Nur wenige Ärzte, die
-die Vorgänge an Magnetisierten beobachtet hatten, gaben ein, wenn
-auch nicht absolut günstiges, so doch reserviertes Urteil über die
-Vorgänge ab. Zwar begründete Mesmer in Wien ein Spital zur Ausübung
-seiner Heilmethode, mußte die Kaiserstadt aber 1778 verlassen, um
-sich nach Paris zu begeben. Hier wurde der Magnetismus zur Modesache.
-Das hinderte aber &ndash; und mit Recht &ndash; die Gelehrten natürlich nicht,
-nach wie vor ihm kritisch gegenüberzustehen. Daß die Pariser Akademie
-der Wissenschaften und die medizinische Fakultät, Instanzen, denen
-1784 die Untersuchung übertragen war, und in denen Männer wie Leroy,
-Bailly, Lavoisier u.&nbsp;a. saßen, die Heilerfolge einfach auf die Macht
-der Einbildung zurückführten und damit alle Mesmerschen Experimente
-leugneten, zeugt allerdings nicht von übergroßem Scharfblick. Mesmer
-sah sich daraufhin gezwungen, nach Deutschland zurückzukehren.</p>
-
-<p>Daß sich Mystik und Schwärmerei der wunderbaren Entdeckung
-bemächtigten, liegt nahe, ebenso daß dadurch ernste Männer zu erhöhter
-Skepsis veranlaßt wurden. Tatsächlich fiel bereits in den dreißiger
-Jahren des 19. Jahrhunderts der tierische Magnetismus bei den Ärzten
-in Mißachtung, nachdem er eine<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[S. 63]</span> Zeitlang Anhänger gehabt hatte. Mesmer
-aber galt hinfort als Schwindler.</p>
-
-<p>Wir wollen hier natürlich keine Lanze für den tierischen Magnetismus
-brechen, noch für Reichenbachs Od oder andere Erklärungsversuche.
-Wohl aber legen wir Gewicht auf die sich auch hier wiederholende
-Erscheinung, daß <em class="gesperrt">Tatsachen geleugnet werden, weil sie in das gerade
-herrschende System nicht passen, oder weil Phantasten aus ihnen zu weit
-gehende Schlüsse ziehen</em>.</p>
-
-<p>Doch Mesmer sollte eine, allerdings sehr späte, Rechtfertigung
-erfahren. Im Jahre 1841 machte der Arzt <em class="gesperrt">James Baid</em> (1795&ndash;1860)
-in Manchester die Entdeckung, daß bei einzelnen Individuen durch
-jedes beliebige Verfahren, das die Aufmerksamkeit auf <em class="gesperrt">einen</em>
-Punkt lenkt, ein eigentümlicher Schlaf hervorgerufen werden kann
-und daß dieses Verfahren sich unter Umständen auch als Heilmittel
-empfehle. In seiner 1843 erschienenen Schrift nannte er diese
-Erscheinung Neurypnologie (so der Titel des Buches) oder Hypnotismus.
-Er beobachtete dieselben Erscheinungen wie beim Mesmerismus,
-verwahrte sich aber &ndash; vielleicht durch das Beispiel jenes gewarnt
-&ndash; mit aller Entschiedenheit gegen die Annahme einer besonderen,
-vom Arzt ausgeübten, Kraft und betonte, daß sie lediglich auf einer
-eigentümlichen subjektiven Stimmung beruhe, in der das Individuum
-durch nervöse Erregung, herbeigeführt durch Konzentration des Geistes
-auf einen Gedanken, versetzt werde oder sich selbst versetze. Erst
-im Todesjahre Braids 1860 wurde durch Broca und Azam der Braidismus
-als ein wichtiger Fortschritt erkannt und der Pariser<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[S. 64]</span> Akademie der
-Wissenschaften davon Mitteilung gemacht. Trotzdem blieben diese
-Erscheinungen bis zum Ende der siebziger Jahre ziemlich unbekannt.
-Erst durch das Auftreten des gewerbsmäßigen Hypnotiseurs <em class="gesperrt">Hansen</em>
-1879 angeregt, haben seit 1880 die exakten Untersuchungen von seiten
-kompetenter Naturforscher die <em class="gesperrt">Realität der mit dem Namen Hypnotismus
-bezeichneten Erscheinungen</em> und die <em class="gesperrt">Identität derselben mit den
-von fremden Zutaten entkleideten Beobachtungen Mesmers außer aller
-Frage gestellt</em>.<a id="FNAnker_54" href="#Fussnote_54" class="fnanchor">[54]</a></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Virchow</em> blieb bekanntlich zeitlebens ein Leugner und Hauptgegner
-des Hypnotismus.</p>
-
-<p>Bedenkt man nun, daß Suggestion, Hypnotismus, Somnambulismus,
-Hellseherei und wie diese Erscheinungen alle heißen mögen, seit vielen
-Jahrtausenden bekannt und geübt sind, daß Mesmer zuerst die Augen des
-gebildeten Europa mit negativem Erfolg auf seine Experimente richtete
-und daß nach seinem Tode 70, nach der ersten Veröffentlichung seiner
-Beobachtungen mehr als 100 Jahre vergingen, dann wird man gegen
-Negationen von Autoritäten und Akademien nicht minder mißtrauisch
-werden, als man vorurteilslos an irgendwelche noch so phantastisch
-erscheinende Behauptungen herantreten wird. Was aber Hypnotismus und
-Suggestion ihrem Wesen nach sind, weiß man heute ebensowenig, wie in
-Mesmers Tagen. Man begnügt sich mit Beschreibung der Beobachtungen
-und Anwendung der gemachten Erfahrungen. Ob das aber prinzipiell den
-Hypothesen eines Mesmer und Reichenbach gegenüber ein Fortschritt ist,
-sei dahingestellt. Auch auf diesem Felde wird die Zukunft<span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[S. 65]</span> uns nicht
-durch, sondern trotz der Autoritäten die Wahrheit entschleiern.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Dialectical Society in London hielt im Jahre 1869 eine große Anzahl
-von Sitzungen zur Erforschung der sogenannten okkulten Phänomene ab,
-an denen unter anderen bedeutenden Männern auch <em class="gesperrt">Alfred Russel
-Wallace</em> teilnahm. Die Resultate über Tischrücken, Klopfen,
-Bewegung von Gegenständen ohne Kontakt etc. waren so erstaunlich,
-daß mehrere Mitglieder der Gesellschaft sich weigerten, die Schlüsse
-anzuerkennen, es sei denn, der Chemiker <em class="gesperrt">Crookes</em> hätte sie
-nachgeprüft. Der berühmte Gelehrte unterzog sich dieser Aufgabe mit
-dem Erfolge, daß er die erstaunlichsten Beobachtungen der Dialectical
-Society nicht nur bestätigen, sondern sogar ergänzen konnte. Z. B.
-gelang es, eine Ziehharmonika ohne Berührung zum Spielen zu bringen,
-Gewichtsveränderungen von Körpern zu erzielen, Tische und Stühle, ja
-menschliche Körper ohne Berührung in die Höhe zu heben etc. Hatte
-früher Crookes Bereiterklärung, sich der Nachprüfung zu unterziehen,
-das Entzücken aller Kritiker geweckt, schlug die Stimmung ins konträre
-Gegenteil um, als die Hoffnungen, der Gelehrte werde ein neues Zeugnis
-zugunsten ihrer Ansichten bringen, sich nicht erfüllten. <em class="gesperrt">Die
-Königliche Gesellschaft in London aber</em>, deren Mitglied Crookes
-ist, und die seine Beteiligung an den okkulten Forschungen gebilligt
-hatte, solange sie annehmen konnte, es handle sich um Schwindel,
-<em class="gesperrt">nahm seine Schrift nicht an</em>, als er den Bekennermut bewies, das
-zu bestätigen,<span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[S. 66]</span> was er gesehen hatte. Professor <em class="gesperrt">Stokes</em>, der
-Sekretär der Gesellschaft, weigerte sich, sich mit diesem Gegenstande
-zu befassen und <em class="gesperrt">auch nur den Titel unter den akademischen
-Publikationen einzutragen</em>. Es war die genaue Wiederholung
-dessen, was an der Akademie in Paris im Jahre 1853 den Versuchen des
-Grafen <em class="gesperrt">Gasparin</em> gegenüber geschehen war und was die Londoner
-Gesellschaft einst Franklins Blitzableiter gegenüber getan hatte.<a id="FNAnker_55" href="#Fussnote_55" class="fnanchor">[55]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als <em class="gesperrt">Lombroso</em> den Nachweis erbracht hatte, daß <em class="gesperrt">das
-Pelagra</em>, eine in Italien furchtbare Opfer fordernde Krankheit,
-durch Vergiftung mit verdorbenem Mais entstehe, wurde diese Theorie
-jahrelang <em class="gesperrt">mit wahrer Wut bekämpft</em>, bis sie sich allgemein
-durchsetzte. Heute zweifelt niemand mehr daran, daß Lombroso die
-Ursache des Pelagra richtig erkannte.</p>
-
-<p>Ähnlich ging es ihm mit der Theorie des <em class="gesperrt">geborenen Verbrechers</em>,
-die auch heute noch von vielen abgelehnt wird. Immerhin ist sie ins
-Strafrecht eingedrungen, z.&nbsp;B. in Ungarn, aber auch in Deutschland, wo
-man versucht, der Person des Verbrechers Rechnung zu tragen.</p>
-
-<p>Diese einem Aufsatz von Lombrosos langjährigem Freunde A.
-<em class="gesperrt">Pfungst</em> entnommenen Angaben sind auch deshalb interessant, weil
-der Autor das Eintreten des italienischen Gelehrten für Okkultismus
-und Spiritismus damit entschuldigt, »daß das Alter seine eminente
-Beobachtungsgabe, auf die er sich bei den spiritistischen Experimenten
-blindlings verließ, schon<span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[S. 67]</span> sehr geschwächt hatte« (S. 641). Also auch
-hier Theorie gegen Beobachtung und Experiment.<a id="FNAnker_56" href="#Fussnote_56" class="fnanchor">[56]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Karl <em class="gesperrt">Schleich</em>, der Erfinder der subkutanen Einspritzung zur
-Erreichung der Anästhesie wurde von den Kollegen heftig bekämpft.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Lord Lister</em> (geb. 1827), der Vater der modernen
-<em class="gesperrt">Wundbehandlung</em>, der zuerst Desinfektion der Wunde, dann aller
-mit der Wunde in Berührung kommenden Gegenstände anwandte und empfahl,
-hatte zwar in Deutschland größeren Erfolg als in seinem Vaterlande,
-aber auch bei uns wurde seine großartige Entdeckung von <em class="gesperrt">einigen
-bedeutenden Chirurgen skeptisch aufgenommen</em>. Und doch wüteten
-damals Pyämie (Eiterfieber), Septichämie (Blutvergiftung), Wundrose,
-Hospitalbrand, Lymphgefäß- und Venenentzündung in entsetzlicher
-Weise. In Nußbaums Krankenhaus verfielen diesen Infektionskrankheiten
-alle komplizierten Brüche, fast alle Amputationen. 1872 kam dazu
-der Hospitalbrand, der sich bis 1874 so vermehrte, daß 80% <em class="gesperrt">aller
-Wunden</em> und Geschwüre von ihm ergriffen, vielfach Knochen
-abgestoßen, Gefäße angefressen wurden, und zwar in Fällen, die
-vielleicht wegen eines entzündeten Fingers, einer Schrunde am Kopf oder
-einer anderen Kleinigkeit ins Spital kamen. »<em class="gesperrt">Eine wirklich glatte
-Heilung hat man vor dem Jahre 1875 auf dieser Klinik nie gesehen.</em>«
-Wie durch einen Zauber<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[S. 68]</span> verschwand das alles durch Listers große, von
-Nußbaum in ihrer Tragweite erkannte Erfindung.<a id="FNAnker_57" href="#Fussnote_57" class="fnanchor">[57]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Pfarrer I. F. <em class="gesperrt">Esper</em> (1742&ndash;1810) hatte in den Gailenreuther
-Höhlen der Fränkischen Schweiz zwischen den Resten vorweltlicher
-Tiere auch Menschenknochen entdeckt, und die Fundgeschichte 1774
-veröffentlicht. In seinem Werke »Ausführliche Nachricht von
-neuentdeckten Zoolithen«, das sich durch heute noch vollkommen
-brauchbare Abbildungen der von ihm entdeckten diluvialen Höhlentiere
-auszeichnet, hatte er ganz im Sinne der modernen Wissenschaft
-argumentiert: Der Mensch, dessen Reste mit denen der diluvialen
-Säugetiere im Höhlenschlamme begraben wurden, muß auch mit diesen
-Tieren gelebt haben, er war sonach Zeuge der »großen Flut«.</p>
-
-<p>Daß sein Fund falsch gedeutet wurde, war des großen <em class="gesperrt">Cuvier</em>
-(1769&ndash;1832) Schuld. Er erkannte zwar die wissenschaftliche Richtigkeit
-des Esperschen Fundes an, aber für den diluvialen Menschen war in
-seinem Weltsystem kein Raum. Seine bis vor wenigen Jahrzehnten in
-der Wissenschaft herrschende Katastrophentheorie nahm gewaltige
-Erdrevolutionen an, die die organischen Schöpfungen der vorausgehenden
-geologischen Periode vollkommen vernichteten, so daß durch Neuschöpfung
-sich nach jeder solchen Revolution die Erde neu bevölkern mußte. Da sei
-es undenkbar, daß der Mensch, der Periode des Alluviums angehörig, die
-Katastrophe, die vor 5&ndash;10000 Jahren das Diluvium mit Mammut, Elefant,
-Nashorn etc. vernichtete, überdauert hätte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[S. 69]</span></p>
-
-<p>Cuviers Autorität wurde noch gestützt durch die der <em class="gesperrt">Bibel</em>, deren
-Sintflutsage er eine gewisse wissenschaftliche Stütze gewährte. Deshalb
-wurde dieser Katastrophentheorie besonders in England, »wo theologische
-Vorurteile von jeher die geologischen Anschauungen beeinflußten«,
-gehuldigt. Sie erschwerte <em class="gesperrt">Darwin</em> und <em class="gesperrt">Lyell</em> den Sieg der
-Evolutionstheorie, die uns heute beherrscht.</p>
-
-<p>Ohne Cuvier würde man ohne Zweifel den Homo diluvii testis, den
-Diluvialmenschen, weiter gesucht haben, wie <em class="gesperrt">Scheuchzer</em>
-(1672&ndash;1733) ihn ja bereits gefunden zu haben glaubte. Allerdings
-erkannte Cuvier in der Versteinerung, die Scheuchzer in einem
-vortrefflichen Kupfer publizierte und mit dem schönen Vers:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">»Betrübtes Bein-Gerüst von einem alten Sünder,</div>
- <div class="verse indent2">Erweiche Stein und Hertz der neuen Boßheits-Kinder«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="p0">zierte, statt eines Kindes, einen 1 m langen <em class="gesperrt">Wassermolch</em>.<a id="FNAnker_58" href="#Fussnote_58" class="fnanchor">[58]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1856 wurde im Devonkalk des Neandertales bei Düsseldorf
-ein Skelett gefunden, das nach den geologischen Umständen des Ortes
-zweifellos in außerordentlich hohe Vorzeit hinauf reicht. Heute
-weiß man, zumal inzwischen in Spy, Krapina, Brünn, La Naulette und
-anderwärts ähnliche Reste gefunden wurden, daß es sich hier um
-Überbleibsel einer tiefstehenden fossilen Menschenrasse handelt. Das
-hatte bereits Dr. <em class="gesperrt">Fuhlrott</em>, dem die betreffenden Skelettteile
-zuerst übermittelt wurden, festgestellt. Daß er<span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[S. 70]</span> damals mit seiner
-Ansicht vom europäischen Urmenschen nicht durchdrang, lag an den
-Autoritäten. <em class="gesperrt">Professor Mayer</em> in Bonn meinte, die Gebeine
-rührten von einem 1814 gestorbenen Kosaken her, Professor <em class="gesperrt">Rudolf
-Wagner</em> in Göttingen erkannte in ihnen einen alten Holländer wieder,
-Dr. <em class="gesperrt">Pruner-Bey</em> in Paris aber einen Kelten. Maßgebend blieb
-die Ansicht <em class="gesperrt">Virchows</em>, der größten damaligen Autorität, der
-die Reste mit einem gichtbrüchigen Greis identifizierte. <em class="gesperrt">Ihm war
-es zuzuschreiben, daß lange Zeit die Anthropologen von der richtigen
-Deutung abgehalten wurden.</em><a id="FNAnker_59" href="#Fussnote_59" class="fnanchor">[59]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Abraham Gottlob <em class="gesperrt">Werner</em> (1750&ndash;1817), hervorragender Mineraloge
-und Vater der Geognosie, stellte die »neptunische Lehre« auf, d.&nbsp;h. die
-Hypothese, daß der Ozean der Quell aller Bildungen der Erde sei und
-jede neue Gestaltung im Mineralreich sich aus dem Wasser bilde. Sein
-Schüler Voigt bestritt das, besonders mit Rücksicht auf den Basalt,
-erlitt aber durch Werners Autorität eine Niederlage. <em class="gesperrt">Erst nach
-seinem Tode</em> konnte <em class="gesperrt">Buchs</em> und <em class="gesperrt">Humboldts</em> Vulkantheorie
-Boden fassen.<a id="FNAnker_60" href="#Fussnote_60" class="fnanchor">[60]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Über den großen 1751 bei Agram gefallenen Meteorstein schrieb der
-gelehrte Wiener Professor <em class="gesperrt">Stütz</em> 1790: »daß das Eisen vom Himmel
-gefallen sein soll, mögen wohl 1751 selbst Deutschlands aufgeklärte
-Köpfe bei der damals unter uns herrschenden<span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[S. 71]</span> Ungewißheit in der
-Naturgeschichte und Physik geglaubt haben, aber in unseren Zeiten
-wäre es <em class="gesperrt">unverzeihlich, solche Märchen auch nur wahrscheinlich zu
-finden</em>.«</p>
-
-<p>An mehreren Museen wurden solche Meteorsteine sogar <em class="gesperrt">weggeworfen</em>,
-»<em class="gesperrt">um sich nicht durch das Behalten derselben lächerlich zu
-machen</em>«.</p>
-
-<p>Im gleichen Jahre 1790 fiel ein Stein bei Juillac in Frankreich nieder,
-und der Maire dieser Stadt sandte einen mit der Unterschrift von 300
-Zeugen versehenen Bericht an die <em class="gesperrt">Akademie der Wissenschaften</em>.
-Aber die Herren Akademiker waren ihrer Sache zu sicher.</p>
-
-<p>Der Referent <em class="gesperrt">Bertholon</em> sagte, man müsse eine Gemeinde
-bemitleiden, welche einen so törichten Maire habe, daß er solche
-<em class="gesperrt">Märchen</em> glaube. Und er fügte hinzu: »Wie traurig ist es nicht,
-eine ganze Munizipalität durch ein Protokoll in aller Form Volkssagen
-bescheinigen zu sehen, die nur zu <em class="gesperrt">bemitleiden</em> sind. Was soll
-ich einem solchen Protokoll weiter beifügen? Alle Bemerkungen ergeben
-sich einem philosophisch gebildeten Leser von selbst, wenn er dieses
-authentische Zeugnis eines offenbar falschen Faktums, eines <em class="gesperrt">physisch
-unmöglichen Phänomens</em> liest.«</p>
-
-<p>Alle, die den herrschenden Ansichten dieser Gelehrten nicht beistimmen
-wollten, wurden <em class="gesperrt">verlacht</em>.</p>
-
-<p>Der sonst sehr ruhig denkende Gelehrte A. <em class="gesperrt">Deluc</em> sagte sogar:
-Wenn ihm ein solcher Stein vor die Füße fallen würde, müßte er zwar
-sagen, er habe es gesehen, <em class="gesperrt">könne es aber doch nicht glauben</em>.
-Auch <em class="gesperrt">Vaudin</em> sagte, man müsse so unglaubliche<span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[S. 72]</span> Dinge <em class="gesperrt">lieber
-wegleugnen, als sich auf Erklärungen derselben einlassen</em>.</p>
-
-<p>Das war die Ansicht der französischen Akademie, die damals unter
-dem Vorsitz des berühmten Laplace in der Wissenschaft unbedingt
-dominierte.<a id="FNAnker_61" href="#Fussnote_61" class="fnanchor">[61]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als <em class="gesperrt">Piazzi</em> im Jahre 1801 die Entdeckung des ersten Planetoiden
-Ceres machte, wies sie <em class="gesperrt">Hegel</em> (De orbitis planetarum, Jena 1801)
-aus philosophischen Gründen zurück.<a id="FNAnker_62" href="#Fussnote_62" class="fnanchor">[62]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Bekanntlich ist heute noch nicht der Kampf zwischen Lamarckismus und
-Darwinismus völlig entschieden und wird es wohl auch nur im Sinne
-einer Verschmelzung beider Lehren werden können. Da ist es nicht nur
-erstaunlich, daß Lamarcks »Philosophie zoologique«, wiewohl sie in
-einem naturphilosophischen Zeitalter erschien, fast unbeachtet blieb,
-mehr noch ist es des großen Darwin Urteil über dieses hervorragende
-Werk. Er nennt die Philosophie zoologique ein <em class="gesperrt">wertloses Buch</em>,
-aus dem er nicht <em class="gesperrt">eine</em> Tatsache und nicht <em class="gesperrt">eine</em> Idee
-entnommen habe. Mit diesem widersinnigen Buche habe Lamarck der
-Abstammungslehre mehr geschadet als genützt.<a id="FNAnker_63" href="#Fussnote_63" class="fnanchor">[63]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Herbert Spencer</em> (1821&ndash;1903), der größte englische Philosoph des
-ausgehenden 19. Jahrhunderts, wurde in solchem Maße als Autodidakt
-behandelt,<span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[S. 73]</span> daß sein bedeutendes Buch »Social Statics«, das im
-ganzen nur in erster Auflage in 157 Exemplaren erschien, <em class="gesperrt">erst in
-14 Jahren abgesetzt wurde</em>. Als nach 24jähriger Tätigkeit sein
-Erfolg gesichert war, lehnte er die dem unstudierten Manne von den
-Universitäten von St. Andrews, Bologna, Cambridge, Edinburgh und
-Budapest zugedachte Würde eines Ehrendoktors ab, wie er auch den Antrag
-der Akademien von Rom, Turin, Neapel, Paris, Philadelphia, Kopenhagen,
-Brüssel, Wien und Mailand, ihn zum korrespondierenden Mitglied zu
-ernennen, zurückwies.<a id="FNAnker_64" href="#Fussnote_64" class="fnanchor">[64]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wie <em class="gesperrt">Robert Mayers</em> erste Arbeiten überall totgeschwiegen wurden,
-und zwar so gründlich, daß weder in akademischen Zeitschriften darüber
-referiert noch in anderen Werken von ihnen Notiz genommen wurde,
-so erging es auch ähnlich <em class="gesperrt">Helmholtz’</em> Abhandlung »Über die
-Erhaltung der Kraft«. Er sagt selbst darüber: »<em class="gesperrt">Die Aufnahme meiner
-Arbeit in Poggendorffs Annalen wurde mir verweigert</em>, und unter den
-Mitgliedern der Berliner Akademie war es nur C. G. <em class="gesperrt">Jacobi</em>, der
-Mathematiker, der sich meiner annahm. Ruhm und äußere Förderung war in
-jenen Zeiten mit der neuen Überzeugung noch nicht zu gewinnen, eher das
-Gegenteil!«<a id="FNAnker_65" href="#Fussnote_65" class="fnanchor">[65]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Auch die prophetischen Worte E. H. <em class="gesperrt">Webers</em>, die er im Jahre 1835
-über die zukünftigen Funktionen des elektromagnetischen Telegraphen
-sprach, blieben vom Spott nicht verschont.<a id="FNAnker_66" href="#Fussnote_66" class="fnanchor">[66]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[S. 74]</span></p>
-
-<p>Übrigens hat der gleiche große Physiologe Ernst Heinrich Weber zu
-wiederholten Malen <em class="gesperrt">Zöllner</em> gegenüber geäußert, daß von allen
-wissenschaftlichen Theorien <em class="gesperrt">Virchows auch nicht eine einzige das
-Ende seines irdischen Daseins überdauern würde</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als <em class="gesperrt">William Jones</em> und <em class="gesperrt">Henry Thomas Colebrooke</em> (1765&ndash;1857)
-das <em class="gesperrt">Sanskrit</em> erstmalig gründlich studiert, teilweise übersetzt
-und gefunden hatten, daß es eine reiche Literatur und nicht geringe
-Verwandtschaft mit den klassischen Sprachen aufwies, stießen sie
-auf nicht geringen Widerstand. Da sich mit dieser innigen Beziehung
-des Sanskrits zu den geographisch so weit entlegenen europäischen
-Sprachen die alten Anschauungen, welche entweder alle Sprachen aus
-dem Hebräischen ableiteten oder größtenteils von einander isolierten,
-nicht in Einklang bringen lassen, so ergriff der <em class="gesperrt">berühmte Philologe
-Dugald Steward</em> (1753&ndash;1828) den einfachsten Ausweg, indem er <em class="gesperrt">die
-ganze Geschichte mit der Sanskritsprache für eine Lüge erklärte</em>.
-Er schrieb einen Essay, in dem er zu beweisen suchte, daß sie von
-den spitzbübischen Brahmanen nach dem Muster des Griechischen und
-Lateinischen zusammengeschmiedet sei und <em class="gesperrt">die Sprache sowohl als auch
-die Literatur eine Fälschung</em> seien. Diese Ansicht entwickelte noch
-im Jahre 1840 der Professor in Dublin, <em class="gesperrt">Charles William Wall</em>,
-weitläufig (Göttingische gelehrte Anzeigen 1842 S. 1888).<a id="FNAnker_67" href="#Fussnote_67" class="fnanchor">[67]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[S. 75]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Endlich wollen wir die Niederlage nicht vergessen, die sich
-Autoritäten und Fachleute noch in allerletzter Zeit in der Frage der
-<em class="gesperrt">Wünschelrute</em> holten. Bekanntlich versteht man darunter eine
-Rute oder auch einen Draht, der in der Hand gewisser besonders dazu
-disponierter Leute durch heftiges Ausschlagen das Vorhandensein von
-unterirdischen Wasserläufen anzeigt. Auch Erzlager sollen auf diese
-Weise auffindbar sein. Das Gerücht von der wunderbaren Kraft der
-Wünschelrute, die zumeist aus Hasel oder Weide gemacht wird, geht seit
-Urzeiten im Volke. Statt nun nachzuprüfen und dabei zu finden, daß
-die Beobachtungsgabe des Volkes, wie sich schon oft zeigte, der der
-Gelehrten kaum nachsteht, wenn auch die kritische Sichtung mangelhaft
-ist, wurde das Phänomen von den Gelehrten <em class="gesperrt">rundweg als Humbug
-abgelehnt</em>.</p>
-
-<p>Das geschah auch, nachdem Landrat von <em class="gesperrt">Uslar</em> unbestreitbare
-Erfolge in Südwestafrika aufzuweisen hatte. Im »Prometheus« wurde
-in den neunziger Jahren ein heftiger Kampf über die Möglichkeit
-des Phänomens bzw. dessen Wirklichkeit zwischen Theoretikern, die
-negierten, und Praktikern, die auf die unleugbaren Erfolge hinwiesen,
-geführt. Besonders ein Ingenieur H. <em class="gesperrt">Ehlert</em> konnte sich in
-gehässigen Angriffen nicht genug tun.</p>
-
-<p>Da griff in den Jahren 1908 und 1909 der Münchner Arzt Dr.
-<em class="gesperrt">Aigner</em>, also natürlich wieder ein Laie, die Frage auf und
-es gelang ihm durch eine große Zahl praktischer Beweise, die er in
-Gegenwart von Vertretern des Magistrates erbrachte, festzustellen, daß
-die Wünschelrute tatsächlich in den Händen<span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[S. 76]</span> von gewissen Leuten die ihr
-zugeschriebene Wirkung ausübt.</p>
-
-<p>Über die Erklärung des Phänomens mögen sich die Fachleute in die Haare
-geraten. Das Wichtigste ist die Konstatierung der Tatsächlichkeit.
-Der dem Mittelalter gemachte Vorwurf, statt die eigenen Augen zu
-gebrauchen, nach »Beweisen« bei Aristoteles, Galen und anderen
-Autoritäten zu fahnden, kann auch der gelehrten Zunft von heute nicht
-erspart werden. Auch sie lehnt schlankweg alles ab, was nicht in ihre
-Theorien und Hypothesen paßt, statt die Phänomene zu prüfen und von
-der festen Basis des Experimentes aus die Richtigkeit der Theorien zu
-untersuchen.<a id="FNAnker_68" href="#Fussnote_68" class="fnanchor">[68]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Nicht nur auf dem weiten Felde der Wissenschaft, nicht minder im Reiche
-der Kunst deckt sich eine Geschichte der Kritik mit einer solchen der
-Blamage der Autoritäten und Sachverständigen. Es sei zugegeben, daß
-gerade in der Musik sehr viel auf den Geschmack ankommt, da es einen
-objektiven Maßstab entsprechend der wissenschaftlichen Wahrheit nicht
-gibt. Immerhin ist es amüsant und lehrreich zu sehen, wie auf allen
-Gebieten der Fortschritt sich nur im harten Kampfe mit dem Bestehenden
-durchsetzen konnte.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im »Musikalischen Wochenblatt« sprach ein zeitgenössischer Leser seine
-»freimütigen Gedanken« über <em class="gesperrt">Mozart</em> aus und zwar <em class="gesperrt">nach</em>
-dessen Don Giovanni:</p>
-
-<p>»Niemand wird in Mozart den Mann von Talenten und den erfahrenen,
-reichhaltigen und angenehmen<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[S. 77]</span> Komponisten verkennen. Noch habe
-ich ihn aber von keinem gründlichen Kenner der Kunst für einen
-<em class="gesperrt">korrekten</em>, viel weniger <em class="gesperrt">vollendeten</em> Künstler halten
-sehen, noch weniger wird ihn der geschmackvolle Kritiker für einen
-in Beziehung auf Poesie richtigen und <em class="gesperrt">feinen</em> Komponisten
-halten.«<a id="FNAnker_69" href="#Fussnote_69" class="fnanchor">[69]</a></p>
-
-<p>Übrigens beschuldigte man Mozart auch des <em class="gesperrt">Plagiats</em> in der
-Ouvertüre zu Don Giovanni.<a id="FNAnker_70" href="#Fussnote_70" class="fnanchor">[70]</a></p>
-
-<p>Mozart war, wie Brendel in seiner Geschichte der Musik schreibt, den
-Zeitgenossen ein Buch mit sieben Siegeln. »Man traut seinen Augen
-nicht, wenn man die damaligen Zeitungen nachliest und kaum hie und da
-eine dürftige Notiz über ihn findet. Erst die Zauberflöte machte ihn
-populär.«</p>
-
-<p>Doch selbst das trifft nicht ganz zu. In Schauls Briefen über Geschmack
-wird gefragt, ob sich der Anfang des zweiten Finales, dem er eine
-schöne Melodie zugesteht, mit <em class="gesperrt">der gesunden Vernunft</em> vertrüge,
-da drei kleine Knaben in so schweren Halbtönen singen müßten, daß es
-einem geübten Sänger schwer werde, sie rein zu treffen. Man warf ihm
-auch vor, für die Instrumente Unmögliches zu schreiben. Einer der drei
-Posaunisten in der Friedhofsszene erklärte: »Das kann man so nicht
-blasen und von Ihnen werde ich es auch nicht lernen!«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Beethoven</em> erging es von seiten der Kritik nicht besser. Er hatte
-das gemein mit allen genialen Menschen, die neue Wege einschlugen. Die
-Allgemeine Musikalische Zeitung in Leipzig, damals das einzige deutsche
-kritische Organ von allgemein anerkannter Autorität, schreibt in einer
-Besprechung der drei Violinsonaten op. 12: »Herr van Beethoven geht<span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[S. 78]</span>
-einen eigenen Gang; aber was ist das für ein bizarrer, mühseliger
-Gang! Gelehrt, gelehrt und immerfort gelehrt und <em class="gesperrt">keine Natur, kein
-Gesang</em>!«<a id="FNAnker_71" href="#Fussnote_71" class="fnanchor"></a><a id="FNAnker_81" href="#Fussnote_81" class="fnanchor">[71]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im gleichen Organ erschien 1805 über die Eroika folgende
-verständnisvolle Kritik: »Diese lange, äußerst schwierige Komposition
-ist eigentlich eine sehr weit ausgeführte <em class="gesperrt">kühne und wilde
-Phantasie</em>. Es fehlt ihr gar nicht an frappanten und schönen
-Stellen, in denen man den energischen, talentvollen Geist ihres
-Schöpfers erkennen muß: sehr oft scheint sie sich ins <em class="gesperrt">Regellose</em>
-zu verlieren.«</p>
-
-<p>C. M. <em class="gesperrt">von Weber</em>, der Komponist des »Freischütz«, schrieb
-23jährig über Beethoven folgendes erstaunliche Urteil: »Die feurige,
-ja beinahe unglaubliche Erfindungsgabe, die ihn beseelt, ist von
-einer solchen <em class="gesperrt">Verwirrung in Anordnung seiner Ideen</em> begleitet,
-daß nur seine früheren Kompositionen mich ansprechen, die letzteren
-hingegen mir nur ein <em class="gesperrt">verworrenes Chaos</em>, ein <em class="gesperrt">unverständliches
-Ringen</em> nach Neuem sind, aus denen einzelne himmlische Genieblitze
-hervorleuchten, die zeigen, wie groß er sein könnte, wenn er seine
-üppige Phantasie zügeln wollte.«</p>
-
-<p>Die Kreutzersonate (op. 47) wurde zu Beethovens Zeit als
-<em class="gesperrt">unaufführbar</em> erklärt. (Nach Schindler.)</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als <em class="gesperrt">Franz Schubert</em> der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
-seine große C-dur-Symphonie aus Dankbarkeit für eine ihm dargebrachte
-Huldigung übergab, wurde sie von den Künstlern der Gesellschaft als
-<em class="gesperrt">unaufführbar abgelehnt</em>.<a id="FNAnker_72" href="#Fussnote_72" class="fnanchor">[72]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[S. 79]</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Tieck</em> nennt den »Freischütz« das »<em class="gesperrt">unmusikalischste
-Getöse</em>, das je über die Bühne getobt ist«. <em class="gesperrt">Ludwig Spohr</em>
-urteilte über die Oper auch ungünstig.</p>
-
-<p>Über die Euryanthe schreibt die »Zeitung für Literatur, Kunst, Theater
-und Mode«, nachdem sie dem Komponisten Bizarrerie und Mangel an Einheit
-und Klarheit vorgeworfen hat. »<em class="gesperrt">Mangel an Melodie</em> zeige sich da
-gerade am meisten, wo sie am ehesten zu erwarten gewesen wäre....«</p>
-
-<p>Franz Schubert sagt vom gleichen Werk, daß es »<em class="gesperrt">keine Musik, keine
-legitime Form und Durchführung</em> enthalte, sondern lediglich auf
-Effekt berechnet sei und weit hinter dem Freischütz zurückstehe.« (Nach
-La Mara.)</p>
-
-<p>Dem melodienreichen Oberon ging es nicht besser.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Daß <em class="gesperrt">Wagners</em> Tristan für unaufführbar gehalten wurde, ist
-allgemein bekannt. Merkwürdig ist, daß Mozarts Biograph <em class="gesperrt">Otto
-Jahn</em> in seinen Gesammelten Aufsätzen über Musik nicht nur
-Tannhäuser ablehnt, sondern <em class="gesperrt">Wagner schöpferisches Genie
-abspricht</em>!!</p>
-
-<p>Der bekannte Tadel gegen Wagner, er übertöne mit seinen Instrumenten
-die Sänger, findet sich auch schon Mozart gegenüber. Kaiser Josef II.
-äußerte es gegen Dr. Hersdorf.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Endlich noch einige Urteile über <em class="gesperrt">Goethe</em>.</p>
-
-<p>Im Oktoberheft des Jahres 1832, ein halbes Jahr nach seinem Tode,
-schreibt im »Sachsenfreund«, einer damals viel gelesenen Monatsschrift,
-ein Anonymus aus <em class="gesperrt">Weimar</em>:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[S. 80]</span></p>
-
-<p>»Unser Goethe ist <em class="gesperrt">vergessen, wie zu erwarten war</em>, zu erwarten
-nicht der Unempfänglichkeit halber, welche die Weimaraner für achtbare
-Erscheinungen hätten, sondern seiner eigenen Individualität wegen. Der
-Mensch fühlt sich nur vom Menschlichen angezogen, solange er es hat,
-und sieht ihm trauernd nach, wenn’s ihm entrissen wird. <em class="gesperrt">Menschliches
-aber hatte Goethe nicht</em>, wie alle wissen, die ihn näher kannten,
-und nicht, wie eine Handvoll hiesiger Goethemanen, mit Blindheit
-über ihn geschlagen sind. Er fühlte und litt mit keinem menschlichen
-Wesen außer ihm, und <em class="gesperrt">die großen Interessen der Menschheit waren
-ihm völlig fremd</em>, insofern nicht etwa im Gefolge derselben die
-aristokratischen Gesellschaftsverhältnisse bedroht waren, an denen sein
-Herz hing. Er war eine in sich abgeschlossene Marmorstatue, in welcher
-nur das große Talent wohnte, die Welterscheinungen, die sich an und in
-ihr abspiegelten, mit der objektivischen Anschaulichkeit und Vollendung
-wiederzugeben. Einen Eindruck brachten sie aber nicht auf ihn hervor.
-Denn dazu gehört das Medium des <em class="gesperrt">Gemütes, und das hatte Goethe
-nicht</em>. Darum kamen seine Ansichten und Maximen, wenn sie ihm einmal
-über die weniger bewachte Lippe fuhren, dem gemütvollen Menschen fast
-schauerlich vor, und man hatte Mühe, sich von der ihm innewohnenden
-Selbstsucht und Härte einen angemessenen Begriff zu machen. Nie tat er
-einem wohl, der ihm nicht persönlich dienstfertig dafür wurde, und für
-Wohltaten wußte er seinen größten Gönnern nicht Dank. Das Testament,
-das er hinterließ, zeugt für jenes, und der Mann, der fast <em class="gesperrt">ohne
-alle unmittelbar</em><span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[S. 81]</span><em class="gesperrt"> geleisteten Dienste</em> Weimar in mehr als 50 Jahren
-Hunderttausende kostete, vermachte den Armen oder irgendeinem milden
-Institut bei seinem Tode &ndash; nicht einen Heller. Seine Werke, nun ja,
-sie werden ihn überleben, nämlich die sechs bis acht Bände, in die eine
-kritische Hand einmal die Weizenkörner sammelt, welche in vierzig und
-mehr Bänden voll Spreu enthalten sind. Diese Spreu wird aber vergessen
-werden. Die Nemesis wird auch hier ihr Amt verwalten, wie sie es in
-Hinsicht seiner häuslichen Verhältnisse tat.«<a id="FNAnker_73" href="#Fussnote_73" class="fnanchor">[73]</a></p>
-
-<p>Des Witzes halber seien diesem klassischen Urteile eines Anonymus noch
-einige neuere von katholischen Autoritäten angereiht.</p>
-
-<p>Baumgarten S. J. schreibt in »Goethes Lehr- und Wanderjahre« (Freiburg
-1882, S. 99) über die Sturm- und Drangperiode:</p>
-
-<p>»Da sitzen nun die Götterjünglinge, Goethe, Lenz, Klinger, Kaufmann,
-gelegentlich auch Herder und Wieland; von ferne hört man ein
-Waldhorn, und der Mond hat nichts zu tun, als das phantasiebedürftige
-Conciliabulum anzuscheinen. Sehen Sie, meine Herren! Hier haben wir
-die Anfänge unserer unsterblichen deutschen Nationalliteratur, welche
-alle bisherigen Literaturen und Kulturen eminent in sich begreift, wie
-der erwachsene Mann alle früheren Stadien des Lebens. Da die Poesie
-der beiden Sturm- und Drangpoeten Lenz und Klinger sich hauptsächlich
-in der Analyse der gemeinsten und wütendsten Leidenschaften, toller
-Liebe, Eifersucht, Unzucht, Kindsmord und anderer schauerlicher Greuel
-bewegte, und da sie in Sprache und Ausdruck keine Grenzen kannte, so
-läßt sich denken, was sie in halben und<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[S. 82]</span> ganzen Nächten in Goethes
-Gartenhaus verhandelt haben mögen. Gevatter Wieland hatte an solchen
-Kapiteln auch seinen Spaß.«</p>
-
-<p>Über »Hermann und Dorothea« urteilt Norrenberg in seiner Allgemeinen
-Geschichte der Literatur (Münster 1884, III. Bd., S. 181):</p>
-
-<p>»Nirgendwo offenbart sich Goethes Gesinnung abstoßender als in ›Hermann
-und Dorothea‹. Das glaubens- und inhaltsleere, trotz aller Noblesse
-spießbürgerliche Gesellschaftsleben des ausgehenden achtzehnten
-Jahrhunderts ist nie mit einer so abschreckend photographischen
-Treue geschildert worden, als in diesem Epos. Man muß den blasierten
-Quietismus des Weimarer Lebens kennen, das versumpft in dem deistischen
-Humanismus, auch in der so nahen Perspektive der tragischen Ereignisse
-der französischen Revolution nicht im mindesten religiösen oder
-patriotischen Aufschwungs fähig war, um diese Dichtung zu verstehen.
-Ich kann mir keine entnervendere Lektüre für die Jugend denken, als
-›Hermann und Dorothea‹.«</p>
-
-<p>Der verstorbene Bischof Paul Haffner (Frankfurter zeitgemäße Broschüren
-II, 9 [1880]) stellt fest:</p>
-
-<p>»Es ist bezeichnend für unsere heutige Bildung, daß von Goethes
-Schriften diejenigen am meisten gelesen werden, welche an obszönen
-Stellen am reichsten sind.«<a id="FNAnker_74" href="#Fussnote_74" class="fnanchor">[74]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Heinrich Heine</em> hatte im Jahre 1910, außer dem in den Herzen
-des Volkes errichteten, noch kein Denkmal in Deutschland. Oder wollen
-wir das lite<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[S. 83]</span>rarische, das der Heinetöter Adolf Bartels Heine und
-sich errichtet, dafür gelten lassen?<a id="FNAnker_75" href="#Fussnote_75" class="fnanchor">[75]</a> Das einzige ihm von der
-Kaiserin Elisabeth in Korfu geweihte wurde <em class="gesperrt">entfernt</em>, nachdem das
-Achilleion in den Besitz Kaiser Wilhelms II. übergegangen war.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[S. 84]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vierter_Abschnitt"><span class="s5">Vierter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Die „Dilettanten“ und Outsider</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Die immer fortschreitende Spezialisierung der Wissenschaften, deren
-Umfang in gleicher Proportion zunimmt, wie der Gesichtskreis ihrer
-Vertreter sich verengert, hat nicht nur zu einer kaum je dagewesenen
-Unterschätzung des gesunden Menschenverstandes, ja des Genialen
-geführt, sie geht auch mit einer übermäßigen Hochschätzung der
-technischen, handwerksmäßigen Routine einher. Nur was der Spezialist
-leistet, vermag sich heute durchzusetzen. Unter diesen Umständen
-scheint es nicht zwecklos, den Beweis zu erbringen, daß auf allen
-Gebieten nicht dem Fachmann, sondern dem »Dilettanten«, dem Outsider
-die größten Entdeckungen und Erfindungen zu danken sind. Daß eine Reihe
-der Größten <em class="gesperrt">Autodidakten</em> waren, ist nicht ohne Interesse.</p>
-
-<p>Während sich um den Fachmann, der immer mehr zum Handwerker wird, die
-hohen Mauern seiner Spezialdisziplin im immer enger werdenden Kreise
-schließen, ist es das verächtlich »Dilettant« genannte Genie oder doch
-Talent mit weitem Horizont, das allein die Flugkraft besitzt, sie zu
-überwinden. Gleicht letzteres dem Entdecker neuer Länder, so ist es der</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[S. 85]</span></p>
-
-<p>Zünftler, der dort Käfern und Läusen nachjagt, um sie in dicken
-Folianten zu edieren.</p>
-
-<p>Diesem schon wiederholt von mir ausgesprochenen Gedanken mögen die
-Beweise nun folgen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Otto von Guericke</em> (1602&ndash;1686), der größte deutsche Physiker des
-17. Jahrhunderts, war von Beruf Jurist, wenn er sich auch kurze Zeit
-in Leyden neben neueren Sprachen mit Physik, angewandter Mathematik,
-Mechanik und Fortifikationslehre beschäftigt hatte. Im Jahre 1626 trat
-er in das Ratskollegium seiner Vaterstadt Magdeburg ein, wurde dann
-Schutz- oder Kriegsherr der Stadt, in welcher Stellung er während der
-Belagerung durch Tilly (1631) vollauf seine Pflicht tat, wurde später
-Generalquartiermeister und Ingenieur Gustav Adolfs, beteiligte sich am
-Wiederaufbau der Stadt Magdeburg, wo er eine Schiffbrücke über die Elbe
-legte und trieb daneben Ackerwirtschaft und Bierbrauerei. Im Jahre 1646
-wurde er zum Bürgermeister erwählt und vorzugsweise zu diplomatischen
-Geschäften verwandt. So nahm er auch an den Friedensverhandlungen in
-Osnabrück teil. Erst seit 1660 konnte er nach vielen Missionen in Ruhe
-zu Hause leben. Seine physikalischen Versuche konnte er also <em class="gesperrt">nur
-neben seinem Berufe</em> ausführen!</p>
-
-<p>Guericke kam zu seiner Erfindung der <em class="gesperrt">Luftpumpe</em> im Bestreben,
-den alten philosophischen Streit über die Existenz eines leeren Raumes
-zu entscheiden, und zwar als erster auf experimentellem Wege. Er wies
-durch seine Versuche sowohl die bedeutende Größe des <em class="gesperrt">Luftdrucks</em>,
-wie die <span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[S. 86]</span><em class="gesperrt">Elastizität der Luft</em> nach, und zwar erbrachte er den
-öffentlichen Beweis 1654 auf dem Magdeburger Reichstage, also mitten
-in seiner anderweitigen Berufstätigkeit. Vielleicht machte er alle
-seine Entdeckungen bereits in den Jahren 1632&ndash;1638, jedenfalls sind
-alle vor 1663 abgeschlossen. Dieser Dilettant erfand ferner 1657 oder
-58 ein <em class="gesperrt">Wasserbarometer</em>, 1661 das <em class="gesperrt">Manometer</em>, bestimmte
-die <em class="gesperrt">Schwere der Luft</em>, bewies, daß zum Brennen Luft gehöre
-und die Flamme die Luft verzehre, konstruierte eine <em class="gesperrt">primitive
-Elektrisiermaschine</em>, die hinreichte, um die Tatsache des
-elektrischen Abstoßens und Leuchtens zu finden und vervollständigte
-die magnetischen Kenntnisse seiner Zeit. Ferner stellte er zuerst
-im Mittelalter die Meinung auf, daß die Wiederkehr der Kometen sich
-bestimmen lassen müsse.<a id="FNAnker_76" href="#Fussnote_76" class="fnanchor">[76]</a></p>
-
-<p>Wie Herr Professor A. Gudemann mir mitzuteilen die Liebenswürdigkeit
-hatte, war auf letzteren Gedanken bereits Seneca (nat. Quaest. 7, 25,
-7) gekommen. »Es wird einmal jemand kommen, der beweist, in welchen
-Teilen die Kometen umlaufen, warum sie so getrennt von den anderen
-umlaufen, wie viele und in welcher Beschaffenheit sie sind.«</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Simon Stevin</em> (1548&ndash;1620) war ursprünglich Kaufmann, dann
-Steueraufseher in seiner Vaterstadt Brügge, endlich Oberaufseher der
-Land- und Wasserwerke in Holland, dann Generalquartiermeister. Er
-erwarb sich große Verdienste um das Artillerie- und Befestigungswesen,
-erfand den <em class="gesperrt">Segelwagen</em> und den <em class="gesperrt">Segelschlitten</em>, stellte
-1586 die erste richtige Theorie<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[S. 87]</span> über die <em class="gesperrt">schiefe Ebene</em> auf,
-deutete den Satz vom <em class="gesperrt">Parallelogramm der Kräfte</em> an, erklärte
-das <em class="gesperrt">Gleichgewicht in kommunizierenden Röhren</em>, führte die
-<em class="gesperrt">Dezimalbruchrechnung</em> 1596 ein und sprach schon aus, daß dadurch
-die Dezimalteilung von Maßen, Gewichten und Münzen nötig würde. Endlich
-erwarb er sich als Geograph und durch die unter dem Namen Hylokinese
-veröffentlichten Prinzipien der tellurischen Morphologie Verdienste.<a id="FNAnker_77" href="#Fussnote_77" class="fnanchor">[77]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">J. Baptista Benedetti</em> (1530&ndash;1590) hatte nie eine Schule besucht
-und nur unter Tartaglia die vier ersten Bücher des Euklid gelesen,
-wonach er sich dann allein weiterbildete. Trotzdem ließ er schon mit
-23 Jahren das bedeutende Werk »resolutio omnium Euclidis problematum«
-erscheinen, in welchem er alle Probleme des großen Griechen mit
-<em class="gesperrt">einer</em> Zirkelöffnung lösen lehrte. In einem späteren Werke
-bewies er Kenntnis der Beharrung eines Körpers auch in der Bewegung,
-behauptete, daß alle Körper ohne Rücksicht auf ihr Gewicht von gleicher
-Höhe in gleicher Zeit zur Erde fallen und daß im Kreise geschwungene
-Körper, sich selbst überlassen, in der Tangente des Kreises fortgehen.
-Endlich löste er die Aufgabe vom schiefen Hebel.<a id="FNAnker_78" href="#Fussnote_78" class="fnanchor">[78]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Giambattista della Porta</em> (1538&ndash;1615), ein reicher
-neapolitanischer Edelmann, betrieb die Physik als Liebhaberei. Trotzdem
-haben wir in ihm den Erfinder der <em class="gesperrt">camera obskura</em> und einer Art
-<em class="gesperrt">laterna magica</em> zu erblicken. Er erkannte auch zuerst, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[S. 88]</span> man
-in einem Hohlspiegel die Brennpunkte aller Strahlen, die in der Nähe
-der Achse einfallen, ohne merklichen Fehler in den Mittelpunkt des
-Halbkreises setzen könne. Porta wurde später von der Inquisition der
-Zauberei und übernatürlicher Kräfte angeklagt.<a id="FNAnker_79" href="#Fussnote_79" class="fnanchor">[79]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Begründer der Pflanzenphysiologie war <em class="gesperrt">Stephan Hales</em>
-(1677&ndash;1761), ein sehr tüchtiger <em class="gesperrt">Theologe</em> und Pfarrer in
-verschiedenen Grafschaften. Noch einmal zeigte sich in ihm der
-originelle Erfindergeist und die gesunde, urwüchsige Logik der großen
-Naturforscher aus Newtons Zeitalter. Sein »Statical essays« (1727)
-war das erste umfangreiche, ganz der Ernährung und Selbstbewegung der
-Pflanzen gewidmete Werk. Es berücksichtigte zwar die ältere Literatur,
-teilte aber doch im wesentlichen neue Untersuchungen des Verfassers
-mit. Eine Fülle neuer Experimente und Beobachtungen, Messungen und
-Berechnungen vereinigen sich hier zu einem lebensvollen Bild.<a id="FNAnker_80" href="#Fussnote_80" class="fnanchor">[80]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Halley</em> (1656&ndash;1742), übrigens der Sohn eines Seifensieders, hatte
-bekanntlich die Wiederkehr des nach ihm benannten <em class="gesperrt">Kometen</em>,
-der auch in diesem Jahre erschien, im Jahre 1703 berechnet und auf
-den Anfang des Jahres 1759 vorherbestimmt. Alle Astronomen Europas
-suchten daher, als das Jahr 1758 seinem Ende sich näherte, den Himmel
-mit Fernrohren ab, jedoch vergeblich. Anders der <em class="gesperrt">Bauer</em><span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[S. 89]</span> Johann
-<em class="gesperrt">Palitzsch</em> (1723&ndash;1788). Schon als Hüterjunge hatte er sich für
-die Sternenwelt interessiert, dann sich durch Selbststudium ansehnliche
-astronomische Kenntnisse erworben. Als nun der Siebenjährige Krieg
-sein Vaterland Sachsen heimsuchte, versteckte er seine primitiven
-astronomischen Instrumente, aus Furcht, sie könnten ihm gestohlen
-werden. Um die Weihnachtszeit 1758 trat in der Kriegsführung eine Pause
-ein. Diese benutzte er dazu, um sein Fernrohr auszugraben und die
-Stelle des Himmels abzusuchen, wo er den Komet erwartete. Tatsächlich
-entdeckte er ihn als erster als nebeligen Stern im Sternbild der
-Fische. Damit hatte der <em class="gesperrt">Bauernastronom einen Vorsprung vor der
-ganzen Welt gewonnen</em> und sein Name wurde überall genannt. In
-Paris sah man ihn erst vier Wochen später. Palitzsch blieb hinfort
-mit der Londoner Akademie in ständiger Korrespondenz. Übrigens war er
-nichts weniger als einseitig, besaß vielmehr bedeutende botanische und
-physikalische Kenntnisse, die ihn dazu befähigten, im Großen Garten zu
-Dresden einen Süßwasserpolypen zu entdecken. Er errichtete auch als
-erster in Sachsen 1775 einen <em class="gesperrt">Blitzableiter</em> und zwar auf dem
-Schloßturm in Dresden. Er blieb bis zu seinem Tode, durch zahlreiche
-Ehrungen ausgezeichnet, ein schlichter Landmann.[81]</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Thomas Young</em> (1773&ndash;1829) studierte Medizin und betrieb nur
-nebenbei mathematische, physikalische, botanische und philologische
-Studien. Von 1801 bis 1804 war er Professor an der Royal Institution,
-von<span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[S. 90]</span> 1811 bis zu seinem Tode war er Arzt am St. Georges-Hospital in
-London. Seine wissenschaftlichen, <em class="gesperrt">überall wertvollen Arbeiten</em>
-betreffen <em class="gesperrt">Mechanik</em>, <em class="gesperrt">Optik</em>, <em class="gesperrt">Wärmetheorie</em>,
-<em class="gesperrt">Akustik</em>, <em class="gesperrt">theoretische Chemie</em>, <em class="gesperrt">die Bewegung des
-Blutes</em>, den <em class="gesperrt">Schiffbau</em>, die <em class="gesperrt">mittlere Lebensdauer
-des Menschen</em>, die <em class="gesperrt">Dichte der Erde</em>, das wahrscheinlich
-richtigste Resultat aus mehreren Beobachtungen, die <em class="gesperrt">Ursache
-der Schwere</em>, <em class="gesperrt">Ebbe</em> und <em class="gesperrt">Flut</em>, die <em class="gesperrt">Figur der
-Erde</em>, die <em class="gesperrt">Mondatmosphäre</em>. Er leistete auch wichtige
-Dienste für die Entzifferung der <em class="gesperrt">Hieroglyphen</em>. Außerdem war
-er schriftstellerisch tätig, ein gründlicher Kenner der Musik,
-ausgezeichneter Maler und geübter Reiter, der gegen Kunstreiter
-Wetten gewann. Er war ein Vorkämpfer gegen die Emissionstheorie,
-von der er sich bereits 1801 in einer der Royal Society vorgelegten
-Abhandlung zugunsten der Undulationstheorie lossagte. Schon in seiner
-1800 erschienenen akustischen Abhandlung hatte er eine epochemachende
-Entdeckung gemacht, die ihn zum Reformator der Theorie der Optik werden
-ließ: die <em class="gesperrt">Interferenz von Wellenbewegungen</em>.<a id="FNAnker_82" href="#Fussnote_82" class="fnanchor">[82]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Humphrey Potter</em> war, wie berichtet wird, an der Konstruktion der
-ersten praktisch tätigen <em class="gesperrt">Dampfmaschine</em>, die 1711 zu Wolverhamton
-für einen Herrn Back zum Heben von Wasser aufgestellt wurde, beteiligt.
-Und zwar sei er als <em class="gesperrt">Knabe</em> mit dem Auf- und Zudrehen der Hähne,
-welche den Dampf oder das kalte Wasser vom Dampfzylinder abschlossen,
-beauftragt gewesen. Weil ihm diese Manipulationen<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[S. 91]</span> zu langweilig
-wurden, habe er die Hähne durch Bindfäden so mit dem Balancierer der
-Maschine verbunden, daß <em class="gesperrt">dieser statt seiner das Umstellen derselben
-zur richtigen Zeit besorgte</em>. Daß diese geniale Erfindung der
-Vervollkommnung der Dampfmaschine vorausgehen mußte, ist hinlänglich
-bekannt.<a id="FNAnker_83" href="#Fussnote_83" class="fnanchor">[83]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der geniale Erfinder Denys <em class="gesperrt">Papin</em> (1647&ndash;1710, vgl.
-<a href="#Papin">S. 54</a>) war
-studierter <em class="gesperrt">Mediziner</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Maupertuis</em> (1698&ndash;1759) war ursprünglich Soldat und zwar von
-1718&ndash;1723. Er entdeckte das Prinzip der kleinsten Wirkung, nach dem
-alle mechanischen Probleme analytisch zu lösen waren.<a id="FNAnker_84" href="#Fussnote_84" class="fnanchor">[84]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Benjamin Franklin</em> (1706&ndash;1790) war der Sohn eines unbemittelten
-Seifensieders, besuchte, da er früh seinem Vater im Geschäft helfen
-mußte, eine mittelmäßige Schule mit nur geringem Erfolg und erwarb
-sich später seine Kenntnisse <em class="gesperrt">ohne Lehrer. Ohne jegliche Gymnasial-
-oder gar Universitätsbildung</em>, allein durch Selbststudium, brachte
-er es nicht nur zu einem hervorragenden Staatsmann, sondern auch zu
-einem epochemachenden Gelehrten. Seine Erfindung des Blitzableiters und
-andere große Taten sind zu bekannt, um hier näher dargelegt zu werden.
-Sicher ist, daß die Welt es nur dem Fehlen der ge<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[S. 92]</span>lehrten Zunft und des
-Befähigungsnachweises in Amerika zu danken hat, wenn dieser seltene
-Mann seinen Fähigkeiten gemäß Großes leisten durfte.<a id="FNAnker_85" href="#Fussnote_85" class="fnanchor">[85]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Doch wie so oft zwei Personen gleichzeitig ein Problem lösen, so auch
-beim Blitzableiter. Gleichzeitig und unabhängig von Franklin wurde er
-auch in Europa erfunden, und zwar von <em class="gesperrt">Prokop Divisch</em> zu Prenditz
-bei Znaim im Jahre 1750. Der Erfinder war wieder kein Fachmann, sondern
-ein Pfarrer.<a id="FNAnker_86" href="#Fussnote_86" class="fnanchor">[86]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Luigi Galvani</em> (1737&ndash;1798) war Professor der Medizin und
-beschäftigte sich besonders mit vergleichender Anatomie und
-Physiologie. Ist die Tatsache, daß hier wieder kein Fachmann, sondern
-ein Outsider eine der großartigsten Entdeckungen machte, schon
-bemerkenswert genug, so sind es die Nebenumstände nicht minder. Wie
-er in seiner 1791 erschienenen Schrift »De viribus electricitatis
-in motu musculari commentarius« erzählt, trug sich die Geschichte
-seiner Entdeckung folgendermaßen zu: »Ich zerschnitt einen Frosch...,
-legte ihn, ohne etwas zu vermuten, auf die Tafel, worauf die
-Elektrisiermaschine stand, die gänzlich vom Konduktor getrennt und
-ziemlich weit davon entfernt war. Als aber einer meiner Zuhörer die
-Spitze des Messers von ungefähr ein wenig an die inneren Schenkelnerven
-brachte, wurden die Muskeln aller Glieder sogleich zusammengezogen, als
-ob sie von heftigen Konvulsionen ergriffen würden. <em class="gesperrt">Ein anderer von
-den Anwesenden</em> glaubte zu bemerken, es geschähe nur zur Zeit, wenn
-der<span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[S. 93]</span> Konduktor einen Funken gäbe. Er bewunderte die Neuheit der Sache
-und machte mich, der ich eben etwas ganz anderes vorhatte, aufmerksam
-darauf.«</p>
-
-<p>Wer der »andere von den Anwesenden« war, ist niemals mit Sicherheit
-festgestellt worden. In Bologna ging das Gerücht, es sei <em class="gesperrt">die eigene
-Gattin Galvanis gewesen</em>. Danach gebührte ihr ein nicht geringes
-Verdienst an dieser unsterblichen Entdeckung.<a id="FNAnker_87" href="#Fussnote_87" class="fnanchor">[87]</a></p>
-
-<p>Wie Wilhelm Ostwald in seiner »Entwicklung der Elektrochemie« erzählt,
-verdankte Galvani gerade der <em class="gesperrt">Lückenhaftigkeit seiner Kenntnisse</em>
-diese Entdeckung, da die damaligen Theorien, wenn er sie gekannt hätte,
-eine Erklärung des Phänomens geboten hätten.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Etienne Louis Malus</em> (1775&ndash;1812) war auf der polytechnischen
-Schule gebildet, wurde 1796 Kapitän im Geniekorps, erkrankte als
-Teilnehmer an der ägyptischen Expedition an der Pest, wurde,
-nach Frankreich zurückgekehrt, von 1806&ndash;1808 Unterdirektor der
-Fortifikationen in Straßburg und im folgenden Jahre Examinator an
-der polytechnischen Schule in Paris. Dieser Offizier entdeckte die
-<em class="gesperrt">Polarisation des Lichtes</em>, was er schon 1808 dem Institute von
-Frankreich mitteilte. Er gab auch alle Methoden an, die zu einer
-richtigen Beschreibung und Messung der Polarisationserscheinungen
-dienlich sind.<a id="FNAnker_88" href="#Fussnote_88" class="fnanchor">[88]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Augustin Jean Fresnel</em> (1788&ndash;1827), der in höchst genialer
-Weise die Anwendung der Undulationstheorie auf die Polarisation und
-Doppelbrechung<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[S. 94]</span> des Lichtes bewerkstelligte, war Ingenieur, also
-ebenfalls kein Fachmann.<a id="FNAnker_89" href="#Fussnote_89" class="fnanchor">[89]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Johann Fraunhofer</em> (1787&ndash;1826) war der Sohn eines armen Glasers,
-in dessen Geschäft er so viel helfen mußte, daß er bis zum <em class="gesperrt">14. Jahre
-des Lesens und Schreibens unkundig</em> blieb. Nachdem er schon vorher
-bei einem Spiegelmacher und Glasschleifer in der Lehre gewesen war,
-kam er 1806 in das mechanisch-optische Institut von Utzschneider in
-Benediktbeuern, in das er 1809 als Teilhaber eintrat. Als die Anstalt
-1819 nach München verlegt worden war, wurde er dort Professor. Die
-genialen Arbeiten dieses Selfmademan über das <em class="gesperrt">Spektrum</em>, sowie
-seine <em class="gesperrt">Fernrohre</em> sind hinlänglich bekannt. Zu beachten aber ist,
-daß viele dieser großen Entdecker nicht nur Dilettanten im Sinne der
-Zunft waren, sondern auch im jugendlichsten Alter in bahnbrechender
-Weise die Wissenschaft förderten.<a id="FNAnker_90" href="#Fussnote_90" class="fnanchor">[90]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Besonders das mathematische Talent zeigt sich häufig sehr früh. So
-bezog <em class="gesperrt">William Thomson</em>, der von nahezu beispielloser Frühreife
-war, im <em class="gesperrt">Alter von 10 Jahren die Universität</em>. <em class="gesperrt">Gauß</em> schrieb
-seine 1804 erschienenen »Disquisitiones Arithmeticae«, die höchste
-seiner Leistungen, als <em class="gesperrt">Primaner</em>. <em class="gesperrt">Evariste Galois</em>, dem
-manche die größte mathematische Begabung aller Zeiten zuerkennen
-wollen, schrieb eine Reihe von Arbeiten als 20jähriger Jüngling
-innerhalb von <em class="gesperrt">drei Wochen</em>, einer ihm bis zu einem Duell, in dem
-er fiel, verbleibenden Frist. Die Pariser Akademie, die diese Arbeiten
-gegenwärtig herausgibt, ist bereits bis zu ihrem <em class="gesperrt">achten Bande</em>
-gekommen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[S. 95]</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Niels Henrik Abel</em> schrieb seine ersten Abhandlungen mit 18
-Jahren und starb mit 27 Jahren, nachdem er seinen Namen gegen den des
-großen Gauß gestellt hatte. <em class="gesperrt">William Thomson</em> aber löste noch als
-Knabe an der Universität Glasgow eine Preisaufgabe über die Gestalt der
-Erde und behandelte in Cambridge mit 18 Jahren in einer grundlegenden
-Abhandlung die Analogie der Theorie der Wärmeleitung in festen Körpern
-mit der der elektromagnetischen Anziehung streng mathematisch.<a id="FNAnker_91" href="#Fussnote_91" class="fnanchor">[91]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Hier mag auch an die bekannte Tatsache erinnert werden, daß <em class="gesperrt">Pierre
-Fermat</em> (1601&ndash;1665), ein so hervorragender Mathematiker, daß bis
-heute noch trotz eines Preises von 100000 M. es nicht gelingen wollte,
-seine berühmte Gleichung elementar zu lösen, <em class="gesperrt">Jurist</em> war.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">André Marie Ampère</em> (1775&ndash;1836) wuchs auf einer kleinen Besitzung
-seiner Eltern bei Lyon auf. Hier war der Knabe viel auf sich selbst
-angewiesen und versuchte seinen Wissensdurst durch das Studium des
-großen Dictionnaire von D’Alembert und Diderot zu stillen, dessen 20
-Bände er gründlich und ohne Auslassung durcharbeitete. Später &ndash; nach
-der Hinrichtung seines Vaters war er ein Jahr in geistige Apathie
-verfallen &ndash; regte ihn die Botanik und das Studium der lateinischen
-Dichter vor allem an. Um sich eine Lebensstellung zu schaffen, wurde
-Ampère 1796 Privatlehrer der Mathematik in Lyon und studierte in den
-<em class="gesperrt">Mußestunden</em> die Chemie von Lavoisier.<span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[S. 96]</span> Dieser geniale Autodidakt
-wurde Lehrer der Physik an der Zentralschule zu Bourg im Jahre 1807,
-später Professor an der polytechnischen Schule zu Paris. Von 1800&ndash;1820,
-wo seine elektrischen Untersuchungen begannen, beschäftigte er sich
-viel mit mathematischen Arbeiten. Über ihn urteilt Maxwell (Lehrbuch
-der Elektrizität, Berlin 1883, II, S. 216): »Ampères Untersuchungen,
-durch die er die Gesetze der mechanischen Wirkungen elektrischer
-Ströme aufeinander begründete, gehören zu den <em class="gesperrt">glänzendsten Taten,
-die je in der Wissenschaft vollbracht worden sind</em>. Theorie und
-Experiment scheinen in voller Macht und Ausbildung dem Hirn des
-›Newton der Elektrizität‹ entsprungen zu sein. Seine Schrift (Théorie
-des Phénomènes etc.) ist in der Form vollendet, in der Präzision
-des Ausdrucks unerreichbar, und ihre Bilanze besteht in einer
-<em class="gesperrt">Formel, aus der man alle Phänomene, welche die Elektrizität bietet,
-abzuleiten vermag</em>, und die in allen Zeiten als Kardinalformel der
-Elektrodynamik bestehen bleiben wird.«<a id="FNAnker_92" href="#Fussnote_92" class="fnanchor">[92]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Voltasche Säule wurde von <em class="gesperrt">Cruikshank</em> (1745&ndash;1800),
-Arzt und Chemiker seines Zeichens, verbessert durch einen Trog,
-in den 60 aufeinandergelötete Plattenpaare von Zink und Silber
-eingelassen wurden. Die Zwischenräume zwischen den Plattenpaaren
-füllte er mit salzsaurem Ammoniak. Eine bedeutende Verbesserung
-brachte <em class="gesperrt">Wilkinson</em>, ein Londoner Wundarzt, an, indem er diese
-Trogapparate in ihrer äußeren Einrichtung den heutigen Tauchbatterien
-annäherte. Weiter auf diese Details einzugehen ist<span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[S. 97]</span> zwecklos. Desto
-interessanter aber die Feststellung, daß zwei so wichtige Fortschritte
-elektrotechnischer Art von Nichtfachleuten herrühren.<a id="FNAnker_93" href="#Fussnote_93" class="fnanchor">[93]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Chladni</em> (1756&ndash;1827), der Vater der Akustik, der unter anderem
-die nach ihm genannten berühmten Klangfiguren entdeckte, studierte
-auf den Wunsch seines Vaters <em class="gesperrt">Jura</em> und erst nach dessen Tode
-Naturwissenschaften. Erst im Alter von 19 Jahren fing er an, Klavier
-zu spielen und erfand 1790 im Euphon ein neues Toninstrument, mit
-dem er als Virtuose Kunstreisen machte, von deren Ertrag er sich ein
-beträchtliches Vermögen ersparen konnte.<a id="FNAnker_94" href="#Fussnote_94" class="fnanchor">[94]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Thomas Johann Seebeck</em> (1770&ndash;1831), der Entdecker des heute
-Thermoelektrizität genannten »Thermomagnetismus«, hatte <em class="gesperrt">Medizin</em>
-studiert, lebte dann als <em class="gesperrt">Privatmann</em> in Jena, Bayreuth und
-Nürnberg und wurde 1818 Mitglied der Berliner Akademie. Also auch er
-war kein Fachmann; so wenig wie <em class="gesperrt">Carnot</em>, der <em class="gesperrt">Vater der neuen
-Wärmetheorie</em>, insofern dieselbe mathematisch ist und man die
-Größenverhältnisse der Wirkungen betrachtet. Er war nach Absolvierung
-der polytechnischen Schule 1814 französischer Genieoffizier, trat
-1819 als Leutnant in den Generalstab ein und wandte sich, da er nicht
-befördert wurde, dem Studium der Wärmeerscheinungen zu. Nachdem er 1828
-seinen Abschied genommen hatte, starb er 1832 im Alter von 36 Jahren.
-Aus hinterlassenen Papieren geht hervor, daß er bereits den <em class="gesperrt">Satz von
-der Erhaltung der Kraft allgemein<span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[S. 98]</span> ausgesprochen hat</em>, in der Form,
-»daß die bewegende Kraft in der Natur eine unveränderliche Größe ist,
-daß sie im eigentlichen Sinne des Wortes weder geschaffen noch zerstört
-wird«.<a id="FNAnker_95" href="#Fussnote_95" class="fnanchor">[95]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Michael Faraday</em> wurde 1791 als Sohn eines Hufschmiedes
-geboren. Im Alter von 13 Jahren trat er bei einem <em class="gesperrt">Buchhändler
-und Buchbinder</em> ein, um dort acht Jahre zu bleiben. In seinen
-Mußestunden las er Mrs. Marcets Gespräche über Chemie und aus der
-Encyklopädia Britannica die Abhandlungen über Elektrizität und
-bemühte sich auch, die dort angegebenen Versuche zu wiederholen.
-1810 und 1811 erlaubte ihm sein Meister, an einigen Abenden populäre
-Vorlesungen eines Herrn Tatum über Physik zu besuchen. 1812 hörte
-er die vier letzten Vorlesungen Humphrey Davys. Auf Grund seiner
-Ausarbeitung der gehörten Vorlesungen, die er an Davy sandte, erhielt
-dieser Autodidakt 1813 die Stelle eines Assistenten am Laboratorium
-der Royal Institution, trat dann mit Davy eine größere Reise an und
-hielt 1816 seine erste Vorlesung. 1824 wurde er, nicht ohne vorheriges
-Widerstreben Davys, zum Mitglied der Royal Society gewählt, und nun
-folgten die Ehren schnell.</p>
-
-<p>Faraday war einer der bedeutendsten Naturforscher aller Zeiten, dessen
-Entdeckungen zahllos sind. Er hatte auch schon die klare Einsicht in
-die <em class="gesperrt">Einheit aller Naturkräfte</em>, welche die moderne Physik erst
-nach längerer Zeit und nach vielen<span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[S. 99]</span> Kämpfen sich erworben hat. Die Idee
-der gegenseitigen Umwandlungsfähigkeit der Naturkräfte war bei seinen
-bedeutendsten Entdeckungen der leitende Gedanke.<a id="FNAnker_96" href="#Fussnote_96" class="fnanchor">[96]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">George Green</em> (1793&ndash;1841), der 1828 die Potentialfunktion zur
-Bestimmung physikalischer Kräfte zuerst einführte, war Sohn eines
-Bäckers und Müllers und <em class="gesperrt">setzte anfangs das Gewerbe seines Vaters
-fort</em>, um später in Cambridge zu studieren.<a id="FNAnker_97" href="#Fussnote_97" class="fnanchor">[97]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Siméon Denis Poisson</em> (1781&ndash;1840) wurde in der Jugend zu
-einem verwandten <em class="gesperrt">Chirurgen</em> in die Lehre geschickt, <em class="gesperrt">da der
-Familienrat ihn der geistigen Anstrengungen eines Notariates nicht
-für gewachsen hielt</em>. Hier war er <em class="gesperrt">gänzlich unbrauchbar</em>. Als
-er 1798 in die polytechnische Schule eintrat, behauptete er immer den
-ersten Platz, wurde bereits 1800 Repetent und 1806 Professor. Er hat
-sich um die mathematische Mechanik große Verdienste erworben.<a id="FNAnker_98" href="#Fussnote_98" class="fnanchor">[98]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Julius Robert Mayer</em> (1814&ndash;1878), der Entdecker des Gesetzes
-von der <em class="gesperrt">Erhaltung der Energie</em>, aus dem er die Äquivalenz von
-Arbeit und Wärme folgerte und das mechanische Äquivalent der Wärme
-berechnete, war <em class="gesperrt">Arzt</em>. Als Schiffsarzt machte ihn 1840 in Java
-die veränderte Farbe des Venenblutes darauf aufmerksam, daß zwischen
-dem Stoffverbrauch und der produzierten Wärme im menschlichen Körper<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[S. 100]</span>
-ein direkter Zusammenhang bestehen müsse. Seiner Arbeit »Bemerkungen
-über die Kräfte der unbelebten Natur« <em class="gesperrt">versagte Poggendorff die
-Aufnahme in seine Annalen der Physik und Chemie</em>, wie <em class="gesperrt">er auch
-keine der späteren Arbeiten Mayers abdruckte</em>.</p>
-
-<p>Also auch der Entdecker eines der größten physikalischen Gesetze war
-kein Fachmann, sondern ein junger Arzt.<a id="FNAnker_99" href="#Fussnote_99" class="fnanchor">[99]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das andere Genie, das sich mit diesem Thema befaßte, das uns in
-ungeahnter Weise einen Einblick in die Ökonomie des Weltalls eröffnet,
-und der auch das Glück hatte, Anerkennung zu finden, war ebenfalls
-kein Physiker, sondern der Besitzer einer <em class="gesperrt">Bierbrauerei</em>:
-<em class="gesperrt">James Prescott Joule</em> (1818&ndash;1889). Er begründete die mechanische
-Wärmetheorie auf experimentellem Wege und zwar in völliger
-Unabhängigkeit von Mayer.</p>
-
-<p>Die Hauptabhandlung des 32jährigen erschien 1850, nachdem er bereits
-1843 Gedanken geäußert hatte, die an Kühnheit den Mayerschen von 1845
-fast gleichkamen. Übrigens war Joule auch der Begründer der Kinetischen
-Theorie der Gase.<a id="FNAnker_100" href="#Fussnote_100" class="fnanchor">[100]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Auch <em class="gesperrt">H. Helmholtz</em>, der dritte Große auf diesem Felde, war, als
-er im Jahre 1847 seine Abhandlung »Über die <em class="gesperrt">Erhaltung der Kraft</em>«
-veröffentlichte, in der er mathematisch das Gesetz bewies, nicht
-Physiker oder Mathematiker, sondern ein <em class="gesperrt">junger Arzt</em>. Helmholtz,
-1821 geboren, studierte Medizin, wurde 1843 Militärarzt in Potsdam,
-1848 Lehrer der Anatomie an<span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[S. 101]</span> der Kunstakademie in Berlin und erst 1871
-&ndash; nach verschiedenen anderen Stellen als Professor der Physiologie &ndash;
-Professor der Physik in Berlin.<a id="FNAnker_101" href="#Fussnote_101" class="fnanchor">[101]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Leclerc de Buffon</em> (1707&ndash;1788) studierte Mathematik und Physik
-und war Intendant des Jardin royal des plantes in Paris. Wiewohl
-er also <em class="gesperrt">nicht Geologe</em> von Fach war, ja auf geologischem
-Gebiete nur in beschränktem Maße als Beobachter und Forscher tätig
-war, <em class="gesperrt">bekämpfte</em> er bereits die Annahme einer universellen
-<em class="gesperrt">Sintflut</em> und erkannte u.&nbsp;a., daß ein Teil <em class="gesperrt">der in der Erde
-begrabenen Fossilien zu erloschenen Arten gehört</em>. Auch lehrte
-er die Abplattung der Erde an den Polen und Erhöhung am Äquator.
-Zittel sagte von Buffon: »Ein Vergleich der Epoques de la nature
-(1778) mit den zum Teil kindischen Hypothesen seiner Vorgänger und
-Zeitgenossen zeigt am deutlichsten die geistige Überlegenheit des
-großen Naturforschers.« Die Grundgedanken dieses Outsiders haben sich
-als richtig bis heute bewährt.<a id="FNAnker_102" href="#Fussnote_102" class="fnanchor">[102]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Leopold von Buch</em> (1774&ndash;1852) galt mit vollem Recht für
-den größten Geologen seiner Zeit. Weder er noch <em class="gesperrt">Alexander von
-Humboldt</em> (1769&ndash;1859), dessen Auftreten durch die Anregung, die er
-auf weite Kreise ausübte und der in Deutschland der jungen Wissenschaft
-viele Freunde und Anhänger zuführte, wie das Buffon und Cuvier in
-Frankreich getan hatten, nicht hoch genug zu veranschlagen ist, haben
-<em class="gesperrt">je ein öffentliches Lehramt bekleidet</em>. In völlig unab<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[S. 102]</span>hängiger
-Lebensstellung widmeten sie sich ganz der Wissenschaft, darin ihrem
-großen englischen Kollegen <em class="gesperrt">Lyell</em> (1797&ndash;1875) gleichend.</p>
-
-<p>Die größten Geologen waren also entweder überhaupt nicht Fachleute im
-strengen Sinne oder doch nicht zünftige Gelehrte.<a id="FNAnker_103" href="#Fussnote_103" class="fnanchor">[103]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der französische Ingenieur <em class="gesperrt">Claude Chappe</em> hatte einen
-<em class="gesperrt">optischen Telegraphen</em> im Jahre 1792 konstruiert, der schon
-zwei Jahre später zwischen Paris und Lille fertiggestellt wurde,
-um bald in der Länge von etwa 5000 km sich durch ganz Frankreich
-zu ziehen. Die 300 km von Paris nach Toulouse wurden in 20 Minuten
-durch die Zeichensprache zurückgelegt. Da aber nur an hellen Tagen,
-wenn es weder regnete noch schneite, telegraphiert werden konnte,
-war die Benutzung der Linien vom Zufall abhängig. Darüber sprach im
-Jahre 1809 der bayerische Minister Graf Montgelas in Gegenwart des
-<em class="gesperrt">Professors der Anatomie Thomas Sömmering</em>. Da dieser sich in
-seinen Mußestunden mit allen möglichen Dingen beschäftigte, kam er auch
-auf den Gedanken, die Elektrizität zu verwenden und konnte schon acht
-Wochen später der bayerischen Akademie der Wissenschaften einen von ihm
-erfundenen <em class="gesperrt">elektromagnetischen Telegraphen</em> vorführen, den ersten
-elektrischen Telegraphen, den es je gegeben hat. Wenn auch das System
-unpraktisch oder doch sehr kostspielig war, so hatte er zweifellos das
-Verdienst, gezeigt zu haben, daß man die Elektrizität überhaupt zum
-Zwecke der Telegraphie benutzen könne.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[S. 103]</span></p>
-
-<p>Merkwürdig ist aber, daß ein so genialer und weitblickender Mann wie
-<em class="gesperrt">Napoleon</em> sich allein abfällig über die Erfindung äußerte und sie
-wegwerfend als »une idée germanique« bezeichnete. Oder sollte ihn die
-Unvollkommenheit im praktischen Sinne dazu bewogen haben?<a id="FNAnker_104" href="#Fussnote_104" class="fnanchor">[104]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">George Stephenson</em> (1781&ndash;1848), der Hauptbegründer des
-Eisenbahnwesens, der auch die erste Eisenbahn zur Beförderung von
-Personen zwischen Stockton und Darlington baute, fing seine glänzende
-Laufbahn als einfacher <em class="gesperrt">Dampfmaschinenwärter</em> an.<a id="FNAnker_105" href="#Fussnote_105" class="fnanchor">[105]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Samuel Morse</em> (1791&ndash;1872) war <em class="gesperrt">Maler</em>. Auf der Heimreise
-von Europa, wo er die Mal- und Zeichenschulen studiert hatte, nach
-Amerika, entwarf er 1832 einen <em class="gesperrt">Drucktelegraphen</em> und das nach
-ihm benannte, aus Punkten und Linien bestehende <em class="gesperrt">Zeichensystem</em>.
-1837 erhielt er auf seine Erfindung ein amerikanisches Patent und baute
-1843 die erste Versuchslinie zwischen Washington und Baltimore ein. Die
-Erfindung dieses Autodidakten und Outsiders wurde bekanntlich allgemein
-eingeführt.<a id="FNAnker_106" href="#Fussnote_106" class="fnanchor">[106]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Erfinder des <em class="gesperrt">Kehlkopfspiegels</em> war nicht etwa ein Arzt,
-sondern der berühmte <em class="gesperrt">Gesanglehrer Manuel Garcia</em> (1805&ndash;1906).
-Diese Erfindung ermöglichte erst die Laryngoskopie.<a id="FNAnker_107" href="#Fussnote_107" class="fnanchor">[107]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[S. 104]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wie die Erfinder des Luftballons, Joseph Michel <em class="gesperrt">Mongolfier</em>
-(1740&ndash;1810) und Jacques Etienne <em class="gesperrt">Mongolfier</em> (1745&ndash;1799)
-Papierfabrikanten waren, so die der drei <em class="gesperrt">lenkbaren Luftschiffe</em>,
-des starren, halbstarren und unstarren Systems, sämtlich nicht
-Fachmänner, sondern, wie jedermann weiß, die Offiziere Graf
-<em class="gesperrt">Zeppelin</em>, Major <em class="gesperrt">Groß</em> und Major <em class="gesperrt">von Parseval</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Übrigens war der erste, der einen noch dazu erfolgreichen Versuch zur
-Konstruktion eines lenkbaren Luftschiffes machte, ein armer römischer
-<em class="gesperrt">Schuster</em>, der im Palazzo Aldobrandini wohnte. Dort besuchte ihn
-Le Bar, der Erzieher Napoleons III., mit seinem Zögling am 18. November
-1823. Die Flugmaschine bestand aus zwei Teilen, von denen der eine
-den Ballon in horizontaler Richtung halten, während der andere die
-Sicherheit der Fahrt verbürgen sollte.<a id="FNAnker_108" href="#Fussnote_108" class="fnanchor">[108]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Daguerre</em> (1783&ndash;1851), der im Jahre 1838 die Erfindung der
-<em class="gesperrt">Photographie</em> machte, d.&nbsp;h. das Licht zur Bildererzeugung
-zwang, war nicht nur kein Fachmann, sondern sogar »eigentlicher
-Fachkenntnisse bar« und seines Zeichens <em class="gesperrt">Maler</em>. Ursprünglich war
-er Steuerbeamter gewesen. Übrigens hatten sich schon vorher Physiker
-(<em class="gesperrt">Davy</em> und <em class="gesperrt">Wedgewood</em>) erfolglos damit beschäftigt.<a id="FNAnker_109" href="#Fussnote_109" class="fnanchor">[109]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Foucault</em> (1819&ndash;1868) veröffentlichte seine berühmten
-<em class="gesperrt">Pendelversuche</em> »Démonstration physique<span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[S. 105]</span> du mouvement de rotation
-de la terre au moyen du pendule« im Jahre 1850, also 31jährig.
-Er bekleidete damals die Stellung eines <em class="gesperrt">Redakteurs</em> des
-wissenschaftlichen Teiles des Journal des Débats.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die ersten Versuche zur Umwandlung der Elektrizität in Töne machte 1837
-<em class="gesperrt">Page</em> (1812&ndash;1868). Er war seines Zeichens Agent und Patentanwalt
-in Washington. <em class="gesperrt">Ph. Reis</em> (1834&ndash;1874) trat 1850 als Lehrling in
-ein Farbwarengeschäft zu Frankfurt a. M. ein und studierte privatim
-seit 1853 Mathematik und Naturwissenschaften. Um das Jahr 1860
-konstruierte der erst 24jährige Autodidakt das erste <em class="gesperrt">Telephon</em>,
-an dem er seit 1857 gearbeitet hatte. Das erste praktisch verwendbare
-Telephon aber konstruierte der <em class="gesperrt">Taubstummenlehrer Graham Bell</em>,
-geb. 1847 in Boston, im Jahre 1876. Also kein einziger Physiker,
-sondern ausschließlich »Dilettanten«, von denen noch dazu kein
-einziger das 30. Lebensjahr erreicht hatte, waren die Erfinder dieses
-außerordentlichen Verkehrsmittels.<a id="FNAnker_110" href="#Fussnote_110" class="fnanchor">[110]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die beiden Weltfirmen Siemens &amp; Halske in Berlin und Karl Zeiß in
-Jena sind aus bescheidenen mechanischen Werkstätten hervorgegangen
-und verdanken ihre Blüte dem Eintritt von Männern, die außerhalb der
-Zunft standen. Dort des <em class="gesperrt">Artillerieoffiziers Werner Siemens</em>
-(1816&ndash;1892), dessen Erfindungen und Verbesserungen, besonders auf
-dem Gebiet des Telegraphenwesens, außerordentlich zahl<span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[S. 106]</span>reich sind;
-hier des Universitätsdozenten <em class="gesperrt">Ernst Abbe</em>. <em class="gesperrt">Karl Zeiß</em>
-(1816&ndash;1888) selbst besaß <em class="gesperrt">keine Universitätsbildung</em>, sondern
-hatte vor der Prima das Gymnasium verlassen, um dann in mechanischen
-und Maschinenwerkstätten zu lernen.<a id="FNAnker_111" href="#Fussnote_111" class="fnanchor">[111]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Erfinder des <em class="gesperrt">Zweirades</em>, <em class="gesperrt">Karl von Drais</em> (1784&ndash;1851),
-war von Beruf nicht etwa Mechaniker, sondern badischer Forstmeister.
-Er war auch der erste, der eine <em class="gesperrt">Schreibmaschine</em>, und zwar auf
-stenographischer Grundlage, konstruierte.<a id="FNAnker_112" href="#Fussnote_112" class="fnanchor">[112]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Charles Darwin</em> (1809&ndash;1892), über dessen Leistungen sich
-wohl jedes Wort erübrigt, war in der Schule des Dr. Buttler in
-Shrewsbury ein so <em class="gesperrt">schlechter Schüler</em>, daß sein Vater ihn mit
-16 Jahren herausnahm und <em class="gesperrt">Medizin</em> studieren ließ. Da er auch da
-nichts leistete, widmete er sich nach zwei Jahren in Cambridge der
-<em class="gesperrt">Theologie</em>, in der er nach drei Jahren das Baccalaureusexamen
-bestand. Nebenher interessierte er sich für Mineralien, Pflanzen,
-Muscheln, Insekten, aber auch für Münzen und Siegel, die er sammelte.
-Auch Geologie, Botanik und besonders Zoologie zog er in den Bereich
-seines Interesses, ohne aber den Vorsatz, Geistlicher zu werden, um
-dieser Liebhabereien willen, zu denen noch leidenschaftliche Liebe
-zur Jagd kam, aufzugeben. Nach seinem eigenen Geständnis »würde er
-sich damals für verrückt gehalten haben, wenn er in den ersten Tagen<span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[S. 107]</span>
-nach Eröffnung der Rebhuhnjagd zugunsten von Geologie oder einer
-anderen Wissenschaft auf die Jagd hätte verzichten wollen«. Als für
-die fünfjährige Weltumseglung des englischen Kriegsschiffes »Beagle«
-ein Naturforscher gesucht wurde, empfahl Professor Henslow Darwin.
-Da aber dessen Vater kein rechtes Vertrauen zur Ernsthaftigkeit des
-Jünglings hatte, schrieb er ab, und nur dem Zufall ist es zu danken,
-daß aus der Reise doch etwas wurde. Tatsächlich trat er sie (1831) an,
-<em class="gesperrt">ohne in irgendeiner der vier Wissenschaften, auf welche er während
-der Reise hauptsächlich sein Augenmerk zu richten hatte: Zoologie,
-Botanik, Geologie und Paläontologie, ein abgerundetes Schulwissen
-zu besitzen</em>. Dafür besaß er allerdings den freien, durch keine
-Lehrmeinungen beeinträchtigten Blick für die Erscheinungen der
-Umgebung, ein Gewinn, der fürstlichen Lohn trug. So hat der in der
-ersten Hälfte der Zwanziger stehende Forscher, der schon vor der Reise
-die Flimmerlarven der Moostierchen und das Keimen der Pollenschläuche
-entdeckt hatte, auf ihr die Theorie der Entstehung der Korallenriffe,
-ja, seine <em class="gesperrt">Deszendenztheorie</em> aufgestellt. Der große Forscher und
-edle Mensch hat niemals ein öffentliches Lehramt bekleidet.<a id="FNAnker_113" href="#Fussnote_113" class="fnanchor">[113]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Darwin mag uns daran erinnern, daß außer den bereits oben genannten
-noch eine Reihe von <em class="gesperrt">schlechten Schülern</em> mit ihren Erfolgen im
-späteren Leben ganz zufrieden sein konnten. Bekanntlich war <em class="gesperrt">J.
-J. Rousseau</em> ein solcher Ausreißer, der nach einer<span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[S. 108]</span> jämmerlichen
-Schulbildung seinem Meister, einem Kupferstecher in Genf, 16jährig
-durchging, später Bedienter wurde, sich auch eine Zeitlang einem
-Hochstapler anschloß und sich als schon berühmter Mann vom
-Notenabschreiben nährte.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Liebig</em> erzählt von sich selbst, daß er als Schüler keine
-Erfolge hatte. <em class="gesperrt">Bürger</em> wurde als zwölfjähriges Bürschchen
-von der Stadtschule zu Aschersleben geschwenkt, der große Dichter
-<em class="gesperrt">Shelley</em> erlebte auf der Schule zu Eton ein gleiches Schicksal
-und nochmals auf der Universität zu Oxford. Auch Edgar <em class="gesperrt">Poe</em> wurde
-relegiert. <em class="gesperrt">Schiller</em> ging bekanntlich von der Karlsschule durch,
-der Turnvater <em class="gesperrt">Jahn</em> aber entfloh dem Gymnasium zum Grauen Kloster
-in Berlin.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Van Erpecum</em>, ein Schüler an der Höheren Schule in Batavia,
-machte die Beobachtung &ndash; es dürfte 1902 gewesen sein &ndash;, daß in einem
-bis zum Rande mit Wasser und darin herumschwimmenden Eisstückchen
-gefülltem Gefäß das Wasser nicht überfloß, als das Eis schmolz. Daraus
-folgerte er das »<em class="gesperrt">Gesetz der permanenten Oberfläche</em>«, das er mit
-Hilfe seines Lehrers in den Sitzungsberichten der Kgl. Niederländischen
-Akademie der Wissenschaften veröffentlichte.<a id="FNAnker_114" href="#Fussnote_114" class="fnanchor">[114]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wie die genialsten Gedanken und Beobachtungen in den
-Naturwissenschaften und der Technik von Dilettanten bzw. Outsiders
-stammen, also von Männern, die nicht der gelehrten Zunft angehörten
-und häufig<span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[S. 109]</span> das Gebiet nur im Nebenfach bestellten, sahen wir
-eben. Ja, wir trafen auch in späteren Jahrhunderten eine Reihe von
-Männern, die auf vielen Gebieten geniale Bahnbrecher wurden, wie das
-in der Renaissance so häufig war. Ebenso verhält es sich auch in
-den Geisteswissenschaften. Auch hier ist der Beweis nicht schwer zu
-erbringen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">William Jones</em> (1746&ndash;1794) war es, der sich zuerst eine
-eindringende Kenntnis des Sanskrit erwarb und in wesentlich richtigen
-und geschmackvollen Übersetzungen erprobte. Er führte Cakuntala so
-gut wie die Gesetze des Manu und Teile der Rigveda in die europäische
-Literatur ein. Natürlich war er nicht Philologe oder Orientalist von
-Fach, sondern <em class="gesperrt">Oberrichter</em> in Fort William in Bengalen.<a id="FNAnker_115" href="#Fussnote_115" class="fnanchor">[115]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der erste, der <em class="gesperrt">Sanskrit</em> und seine Literatur in wahrhaft
-philologischem Sinne behandelte &ndash; schreibt Benfey &ndash; und dadurch einen
-sicheren Grund für eine Sanskritphilologie legte, war Henry Thomas
-<em class="gesperrt">Colebrooke</em> (1765&ndash;1837). Auch er war <em class="gesperrt">Jurist</em>, nämlich
-Richter in Mirzapoor in Indien, dann politischer Resident am Hofe von
-Berar.<a id="FNAnker_116" href="#Fussnote_116" class="fnanchor">[116]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der erste Entzifferer der <em class="gesperrt">Keilinschrift</em> war der klassische
-Philologe Georg Friedrich <em class="gesperrt">Grotefend</em> (1775&ndash;1853). Die größten
-Kenner der Keilinschriften räumen ihm nicht nur die Priorität
-der Entzifferung, sondern auch die Größe der Entdeckung an sich
-ein, wie sie auch die Bedeutung seiner Methode für die weiteren
-Entzifferungsversuche anerkennen. Schon im<span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[S. 110]</span> Jahre 1802, also 27jährig,
-legte Grotefend seine ersten Entzifferungsresultate der Göttinger
-Akademie der Wissenschaften vor. Das erstaunlichste war nun, daß dieser
-Mann, der die Genialität besaß, die seit Jahrtausenden schweigenden
-Steine zum Reden zu bringen, <em class="gesperrt">gar nicht Sanskrit konnte</em>!<a id="FNAnker_117" href="#Fussnote_117" class="fnanchor">[117]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Ruhm, den rechten Weg zur Entzifferung der <em class="gesperrt">Hieroglyphen</em>
-gefunden und weiter gegangen zu sein, gebührt dem englischen
-<em class="gesperrt">Arzt</em> Thomas <em class="gesperrt">Young</em>, von dessen Genialität im Reiche der
-Naturwissenschaften wir schon früher Zeugen waren. Er veröffentlichte
-1815 in dem Cambridger »Museum criticum« eine mutmaßliche Übersetzung
-des ganzen demotischen Teils der Inschrift von Rosette, die
-Entzifferung sämtlicher darin vorkommender Eigennamen und außerdem
-die Erklärung von 80 andern Wörtern und ein aus diesen Erklärungen
-sich ergebendes demotisches Alphabet. Er entdeckte sogar, daß viele
-Wörter nicht alphabetisch, sondern symbolisch geschrieben seien. Eine
-außerordentliche Förderung ließ Jean François <em class="gesperrt">Champollion</em> le
-jeune (1790 bis 1832) der Entzifferung der Hieroglyphen angedeihen, ja,
-er ist der eigentliche Vater der neuen Wissenschaft geworden. Er war
-seit 1809 Professor der <em class="gesperrt">Geschichte</em> in Grenoble. Ihm glückte die
-Entzifferung 1822, also in seinem 32. Lebensjahre.<a id="FNAnker_118" href="#Fussnote_118" class="fnanchor">[118]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Enden wir hier das Kapitel. Wohl niemand wird mehr bestreiten wollen,
-daß uns der Beweis ge<span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[S. 111]</span>lang. Und doch können wir mit einem Trostwort
-schließen.</p>
-
-<p>Die Universitäten sind im allgemeinen nicht schlechter geworden. Sie
-verbannen heute die Genialität nicht weiter von sich als in früheren
-Jahrhunderten. Sie waren immer eine Organisation der Mittelmäßigkeit.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das sei zum Schluß durch Beispiele und Worte eines berufenen Kenners
-belegt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Georg von Peurbach</em>, dem bereits Padua und Bologna einen
-Lehrstuhl für Astronomie angeboten hatten, las in Wien als Magister der
-Artistenfakultät 1434&ndash;1460 vorzugsweise über römische <em class="gesperrt">Dichter</em>.
-Nur 1458 hielt er eine mathematische Vorlesung. Sein großer Schüler
-<em class="gesperrt">Regiomontanus</em> war an keiner Universität, sondern in Nürnberg
-tätig, da er an den damaligen Universitäten <em class="gesperrt">wenig Förderung seiner
-Studien zu finden meinte</em>. Georg Kaufmann konstatiert, daß »die
-Wirksamkeit der beiden großen Astronomen und Mathematiker, die den
-<em class="gesperrt">Ruhm der Wiener Universität zu bilden pflegen</em>, der Wiener
-Universität nur lose verwandt waren, daß ihre Studien außerhalb des
-Rahmens ihrer akademischen Tätigkeit lagen, und daß sie die Ordnung des
-mathematischen Unterrichts in Wien nicht umgestaltet haben.«<a id="FNAnker_119" href="#Fussnote_119" class="fnanchor">[119]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Es ist immer dieselbe Sache: Von der Universität und der gelehrten
-Zunft gering geschätzt oder bekämpft, wird der »Dilettant« nach
-seinem Tode mit Gewalt zum Professor und Kollegen gestempelt. Denn,<span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[S. 112]</span>
-wollte die gelehrte Zunft auf die Outsider verzichten, dann wäre
-das gleichbedeutend mit einem Verzicht auf die größten Förderer der
-Wissenschaft.</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p><em class="gesperrt">Anm.</em> Hierzu ist in meinem Buch: »Dinge, die man nicht sagt«,
-das Kapitel: »Kunst und Dilettantismus« zu vergleichen, das noch
-eine Reihe Ergänzungen liefert.</p></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[S. 113]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Fuenfter_Abschnitt"><span class="s5">Fünfter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Von Universität und Schule</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Die mittelalterlichen Scholaren der Artistenfakultät, also die große
-Masse, lebte in den Bursen in größtem Zwang. Sie standen den ganzen Tag
-unter Aufsicht, ihr Aufstehen, Essen und Trinken, Studium, Ausgehen,
-alles war vorgeschrieben, das Verbot der Wirtshäuser und Tanzräume, des
-Kartenspiels bestand bei ihnen wie bei unsern Mittelschülern, kurz, sie
-waren durchaus unfrei im Gegensatz zum modernen Studenten, hinter dem
-sie an Lebensalter allerdings bedeutend zurückstanden.</p>
-
-<p>Nichts aber wäre falscher, als die Annahme, sie hätten deshalb einen
-halbwegs anständigen Lebenswandel geführt. So muß ein Heidelberger
-Statut von 1466 verbieten, daß die Scholaren den Magister <em class="gesperrt">während
-der Vorlesungen</em> durch Geschrei und Schimpfreden <em class="gesperrt">störten</em>,
-oder dadurch, daß sie einen Fuchs zwängen, <em class="gesperrt">das Salve anzustimmen</em>
-oder <em class="gesperrt">mit Dreck würfen</em>. Schon früher mußte in Heidelberg verboten
-werden, <em class="gesperrt">in den Vorlesungen mit Steinen zu werfen</em> oder ähnlichen
-Unfug zu verüben. Wer während der Vorlesung mit Steinen wirft &ndash; heißt
-es<span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[S. 114]</span> dort 1444 &ndash; oder andere Unverschämtheiten sich zuschulden kommen
-läßt, dem soll &ndash; man meint das Sitzorgan gegerbt werden. O nein &ndash; dem
-soll <em class="gesperrt">eine Vorlesung als versäumt angerechnet werden</em>!</p>
-
-<p>Die groben Späße der Scholaren arteten bisweilen geradezu in Verbrechen
-aus. Sie plünderten die Gärten der Bürger, drangen nachts in die
-Häuser, beleidigten die Braut auf dem Zuge zur Kirche, drängten sich in
-Hochzeitsgesellschaften und wollten hier die Herren spielen, erregten
-nachts Waffenlärm, indem sie auf die Steine der Straßen schlugen, und
-griffen die Wächter an und wer sonst über die Straße kam. An allen
-Universitäten ereignete sich dergleichen Unfug. In Köln, Heidelberg und
-anderwärts kam es wiederholt zu förmlichen Tumulten, bei denen <em class="gesperrt">Sturm
-geläutet</em> und das Banner entfaltet wurde.</p>
-
-<p>Nur <em class="gesperrt">einen</em> Unfug kannte man damals noch nicht, den der späteren
-Duelle. Von ihnen findet sich keine Spur. Beleidigungen wurden von
-Magistern und Scholaren auf dem Rechtswege ausgetragen, ohne Schaden
-an ihrer Ehre. Sonst setzte es tüchtige Prügel ab, was jedenfalls
-weit verständiger ist, als die Säbelschlägerei und Pistolenschießerei
-zwischen den dümmsten Grünlingen, die sich in ihrer funkelnagelneuen
-Ehre jeden Augenblick beleidigt fühlen. Wer den haarsträubenden Unfug
-und den frivolen Leichtsinn vieler studentischer »Ehrengerichte« kennt,
-wird das nur bestätigen können.<a id="FNAnker_120" href="#Fussnote_120" class="fnanchor">[120]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Einst frug der Kurfürst Christian von Sachsen Friedrich Taubmann
-(1565&ndash;1613), »was die Studenten<span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[S. 115]</span> in Wittenberg machten? Taubmann stehet
-von der Taffel auff, gehet mit dem Degen in den Hoff hinunter, hauet
-in die Steine, grabet etliche auss und wirfft zu dem Churfürsten in
-die Fenster und schreyet: ›Herunter, du Penal, du Spulwurm‹ etc. Der
-Churfürst läßt ihm sagen: Er sol nur auffhören, er hätte Bescheids
-genug.«<a id="FNAnker_121" href="#Fussnote_121" class="fnanchor">[121]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Prinz Wilhelm von Nassau-Dillenburg erzählt in seiner 1694 abgefaßten
-Reisebeschreibung über die Studenten in Padua: »Padua ist eine
-weitläufige, aber menschenleere Stadt, in deren Straßen man auch im
-größten Regen trocken einhergehen kann, unter den Gängen, die vor den
-Häusern sind. Es ist aber wunderlich, daß dort <em class="gesperrt">die Studenten Macht
-haben, Arme und Beine nicht nur sich selbst, sondern auch Fremden zu
-zerschießen</em>.</p>
-
-<p>Sobald es Nacht wird, gehen sie gewaffnet in Scharen aus, auf
-verschiedenen Parteien, und verstecken sich hin und wieder hinter die
-steinernen Pfeiler. Kömmt einer, so rufen sie ihn an: Qui va li? Da
-trägt es sich bisweilen zu, daß man zwischen zwei Qui va li? kömmt,
-und also in der größten Gefahr ist. &ndash; Auch dieses läßt die Republik
-(Venedig) aus Politik zu.«<a id="FNAnker_122" href="#Fussnote_122" class="fnanchor">[122]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das wilde Leben der Scholaren wurde durch das ihrer Lehrer höchstens
-noch übertroffen. Da ist verboten, daß <em class="gesperrt">ein Magister mit einem
-Stein, einem Becher oder etwas ähnlichem werfe</em>. Wer nur<span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[S. 116]</span> den
-Arm zum Werfen erhob, aber nicht warf, hatte zehn neue Groschen
-Strafe zu zahlen, wer warf, aber nicht traf, hatte acht Gulden zu
-erlegen, wer aber traf, wurde nach der Größe des Schadens bestraft.
-Auch <em class="gesperrt">Faustschläge</em> und <em class="gesperrt">Reißen an den Haaren</em> hatten ihre
-<em class="gesperrt">Tarife</em>! Man stelle sich vor: Professoren! Niemand sollte auch
-durch das Fenster einsteigen. Tief blicken läßt die Bestimmung,
-daß kein Lehrer ad commodum suum meretricem (zu seinem Nutzen eine
-Prostituierte) ins Kollegium mitbringen dürfe. Das war sehr teuer
-und kostete eine ganze Jahresrente als Strafe, ebenso wie das andere
-Verbot, das man zu erlassen für nötig befunden hatte: vel actum
-venereum inibi exercere (den Beischlaf dort auszuüben). Bei den
-Disputationen aber war das Verbot von Schimpfworten wie ketzerisch,
-der Ketzerei verdächtig, Eselei oder Dummheit verboten.<a id="FNAnker_123" href="#Fussnote_123" class="fnanchor">[123]</a> Leider
-besitzen wir keine Instanz, die aus den Polemiken unserer Gelehrten die
-Schimpfereien und Lackelhaftigkeiten entfernte, die immer noch an den
-sozialen Tiefstand früherer Jahrhunderte unliebsam erinnern.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Von der kläglichen Finanzlage, in der sich in der Regel die
-mittelalterlichen Universitäten, Fakultäten und Professoren befanden,
-gibt eine Vorstellung die Motivierung der Wiener Fakultät für das
-Unterlassen einer Beschickung der Nürnberger Tagung, auf der der Kaiser
-über die Berufung eines andern Konzils verhandeln wollte. Sie schreibt
-am 30. Dezember 1442: »weil die Universitätskasse vollkommen leer sei
-und die Universität selbst in großen Schulden stecke.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[S. 117]</span></p>
-
-<p>Mag auch der Wunsch, sich überhaupt zu drücken, bei der Schwarzfärbung
-mitbestimmend gewesen sein, so beweisen doch die Schwierigkeiten, die
-die gleiche Universität hatte, um ihren Gesandten 1433 in Basel mit
-Geld auszustatten, daß Schmalhans Küchenmeister war. Jeder Professor
-hätte im Durchschnitt jährlich drei Gulden beisteuern müssen. Das
-ist allerdings sehr viel, wenn man bedenkt, daß der Mindestbesoldete
-nur 30 Gulden im Jahre an Gehalt erhielt und daß nur die Professoren
-der oberen Fakultäten &ndash; in Wien etwa 30 Gelehrte &ndash; Einnahmen von
-80&ndash;100 Gulden buchen konnten. Ganz wenige unter ihnen zogen bedeutende
-Revenuen aus Prüfungen, sowie ihrer Praxis als Anwälte oder Ärzte.<a id="FNAnker_124" href="#Fussnote_124" class="fnanchor">[124]</a></p>
-
-<p>Jede Nebeneinnahme war natürlich hochwillkommen. Am meisten warfen
-die Promotionen in den oberen Fakultäten ab. Der Doktorand war
-verpflichtet, an die bei der Promotion anwesenden Magister und
-Doktoren Geschenke zu verteilen, und zwar zumeist ein Paar Handschuhe,
-wobei auch wohl unterschieden wurde, wer solche aus Hirschleder
-bekommen solle oder aus einer geringeren Qualität. Auch ein Barett,
-ein Geldstück oder einige Ellen Tuch waren übliche Geschenke. In
-Frankfurt wurden zwischen den Doktoren der oberen Fakultäten förmliche
-Verträge geschlossen, welche z.&nbsp;B. den Doktoren der Medizin das Recht
-verbürgten, bei der Promotion von Juristen und Theologen mit solchen
-Geschenken bedacht zu werden und umgekehrt. Dazu mußte der Doktorand
-Wein und Konfekt den Examinatoren und dem Kanzler liefern und den
-Doktorschmaus, dem sich bisweilen auch ein Ball anreihte, bezahlen. Da
-ist es<span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[S. 118]</span> dann kein Wunder, wenn die Kosten einer Promotion enorm waren.
-So mußte in Leipzig zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein Doktor der
-Rechte bei seiner Promotion für Gelage, Umzüge, Musik und Geschenke die
-Summe von 250 Dukaten aufwenden.<a id="FNAnker_125" href="#Fussnote_125" class="fnanchor">[125]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wie kläglich die finanzielle Lage der Professoren war, geht aus
-einer Klageschrift der Universität Heidelberg von 1462 an den Papst
-hervor. Sie seien großenteils alte Männer, die von ihrer akademischen
-Tätigkeit leben müßten und gezwungen wären, zu <em class="gesperrt">betteln</em>, wenn der
-Papst ihnen die mit ihren Professuren verbundenen Pfründen entzöge.
-Deshalb möchte der Papst ihre unentschiedene Stellung in den wegen der
-Konzilien entstandenen Parteikämpfen nicht verübeln, da sie auch von
-ihrem Landesherren abhängig seien. »Wenn wir ihm nur im geringsten
-entgegentreten, dann verlieren wir unsere Einkünfte.«<a id="FNAnker_126" href="#Fussnote_126" class="fnanchor">[126]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Nach einer Urkunde vom Jahre 1804 erhielt <em class="gesperrt">Immanuel Kant</em>
-folgendes Gehalt: »I. Als Professor der Logik und Metaphysik 1)
-Salarium 166 Thaler 60 Grsch. 2) Zulage 86 Thlr. 73 Grsch. 16⅕ Pf.
-3) Accise 26 Thlr. 50 Grsch. (quartaliter zahlbar). 4) Mühlen-Gefälle
-(als annuum fällig den 1. April) 4 Thlr. 5) Thalheimsche Gefälle (als
-annuum fällig den 19. Juni) 17 Thlr. 53 Grsch. 3 Pf. 6) An Getreyde
-44 Schffl. Roggen, quartaliter zu berechnen, aber gewöhnlich erst
-im letzten Quartal zu empfangen. Diese sind im Etat à 40 Grsch. p.
-Schffl. angeschlagen<span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[S. 119]</span> auf 19 Thlr. 50 Grsch. 7) Aus dem Stipendio
-Gerhard Janseniano (als annuum fällig den 31. Dezbr.) 75 Grsch. 8)
-An Zinsen aus der philosophischen Fakultät (halbjährig in Ostern und
-Michael fällig) 10 Thlr. 88 Grsch. 1⅛ Pf. 9) Ex Signis Initiationis
-(halbjährlich in Ostern und Michael fällig) nach der Fraktion 27 Thlr.
-17 Grsch. 15 Pf. 10) An Censur-Gebühren nach der Fraktion 6 Grsch.
-11) An Holz 5 Achtel, welche von der Königl. Holz-Cämmerey im ersten
-Quartal des Etats-Jahres pränumerando geliefert werden. Diese sind im
-Etat à 5 Thlr. p. Achtel angeschlagen auf 25 Thlr. Summa als Professor
-385 Thlr. 43 Grsch. 17 (17<span class="zaehler">13</span>&frasl;<span class="nenner">40</span>) Pf.« Dazu kommt sein Gehalt II.
-als Senator, der sich in ähnlicher Weise zusammensetzt, in Höhe von
-43 Thlr. 59 Grsch. 17 Pf., ferner der als Senior der philosophischen
-Fakultät in der Höhe von 100 Thalern und endlich eine außerordentliche
-Zulage aus der kgl. Ober-Schul-Kasse im Betrage von 220 Thalern. Mithin
-stand sich der größte Denker, den Deutschland, vielleicht die Erde am
-Ende des 18. Jahrhunderts besaß, auf <em class="gesperrt">749 Thaler, 23 Groschen und 10
-Pf. im Jahre</em>!<a id="FNAnker_127" href="#Fussnote_127" class="fnanchor">[127]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>An der Leipziger Universität gab es im Mittelalter ein großes und ein
-kleines Kolleg, in denen die Studenten, wie ja damals allgemein üblich,
-auf Grund besonderer Statuten gemeinsam lebten. Diese Statuten nun
-bestimmten nicht nur die Reihenfolge, in der bei Tisch die Speisen
-anzubieten waren, sie enthielten auch die Vorschrift, daß <em class="gesperrt">kein
-Kollegiat in den Vorlesungen oder Disputationen Sätze auf<span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[S. 120]</span>stellen
-dürfe, die der Mehrheit der Kollegiaten mißfielen</em>. Wer es doch tat
-und auf die Mahnung nicht hörte, <em class="gesperrt">verlor Tisch und Einkünfte</em>,
-bis er vom Kollegium wieder zu Gnaden aufgenommen war. Es war also
-möglich, daß im Kleinen &ndash; acht Stellen aufweisenden &ndash; Kolleg eine
-Meinung zulässig war, die im Großen Kolleg mit 22 Stellen verboten war
-und man fand nichts Entehrendes darin, eine wissenschaftliche Ansicht
-durch einen Majoritätsbeschluß einer derartigen Genossenschaft zu
-unterdrücken und offen durch solche Mittel auf die Gesinnung zu wirken.
-Mag es sich auch entsprechend der ganzen mittelalterlichen Methode um
-die einfältigsten Spitzfindigkeiten gehandelt haben, so war darum die
-Vergewaltigung der Lehrmeinung nicht geringer.<a id="FNAnker_128" href="#Fussnote_128" class="fnanchor">[128]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das ist weniger verwunderlich, wenn man weiß, daß jedem
-mittelalterlichen Universitätslehrer nicht nur die Kleidung, in der er
-allein Vorlesungen halten durfte, sondern auch <em class="gesperrt">Inhalt und Form des
-Unterrichts genau vorgeschrieben</em> waren. Und zwar nicht etwa bloß
-das Buch, sondern auch der <em class="gesperrt">Kommentar</em>, die <em class="gesperrt">Glosse</em> und
-damit der <em class="gesperrt">ganze Gang und Hauptinhalt der Erklärung</em>. Ferner ob
-und wieviel er diktieren, ob er aus dem Heft vortragen oder wenigstens
-einen Gedächtniszettel benutzen dürfe. Es war auch verboten, in einer
-Stunde mehr oder weniger als die von der Fakultät vorgeschriebenen
-Abschnitte durchzunehmen. War auch meist freier Vortrag gefordert, so
-tadelt ein Ingolstädter Gut<span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[S. 121]</span>achten von 1507 es doch als verwerfliches
-Virtuosentum, daß der Doktor Theoderich, ein Jurist, Text und Glossen
-aus dem Gedächtnis anführe, statt sie aus dem Buch vorzulesen. Der
-Lehrer war in solcher Weise <em class="gesperrt">nach allen Seiten hin gebunden</em> und
-wurde so sehr nur als Werkzeug betrachtet, daß er nicht nur sich &ndash; wie
-unsere heutigen Volksschullehrer, sofern sie Religionsunterricht zu
-erteilen haben &ndash; den in den vorgeschriebenen Büchern und Kommentaren
-vertretenen Ansichten anzuschließen hatte, sondern auch <em class="gesperrt">Methode und
-Meinung wechseln mußte, wenn die Fakultät die Bücher wechselte</em>.</p>
-
-<p>So konnte der Streit von zwei Schulen der Kommentatoren über die
-logischen Lehrbücher zu einem Kampf an den Universitäten und unter den
-Universitäten werden, wie der berühmte zwischen den <em class="gesperrt">Realisten</em>,
-die sich bei der Erklärung der Aristotelischen Logik und des allgemein
-gebrauchten Kompendiums des Petrus Hispanus den älteren Kommentatoren,
-Albertus Magnus, Duns Scotus, Thomas von Aquino u.&nbsp;a. anschlossen, und
-den <em class="gesperrt">Nominalisten</em>, die an Occam anknüpften. Letztere, die auf
-Wortformen der Begriffe und Verhältnisse des Satzbaues das Hauptgewicht
-legten, wurden die größten Meister spitzfindiger und sophistischer
-Dialektik. Es handelte sich lediglich um einen literarischen, keinen
-spekulativen Parteigegensatz.</p>
-
-<p>Nun ist nichts bezeichnender für das Wesen der mittelalterlichen
-Universität und den Lehrzwang, den sie ausübte, als die Tatsache, daß
-die eine Richtung die andere <em class="gesperrt">nicht neben sich duldete, vielmehr an
-der einen Universität nur nach der alten,<span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[S. 122]</span> an der andern nur nach der
-neuen Methode gelehrt werden durfte</em>.</p>
-
-<p>Als sich Hieronymus von Prag, der sich am 7. April 1406 in Heidelberg
-hatte immatrikulieren lassen, mit Leidenschaft in einer Disputation
-zum Realismus bekannte, die Fakultät die Aufstellungen des Hieronymus
-widerlegen ließ und Hieronymus hierauf wieder antworten wollte,
-<em class="gesperrt">wurde den Studierenden bei ihrem Eide untersagt, dem Akte
-anzuwohnen</em>! Weiter beschloß die Fakultät, daß fortan kein auf einer
-andern Universität ausgebildeter Bakkalar oder Magister in die Fakultät
-aufgenommen werden solle, bevor er sich <em class="gesperrt">eidlich verpflichtet</em>
-habe, keine Frage zu determinieren, ohne vorher dem Dekan seine
-Aufstellung vorzulegen und zu <em class="gesperrt">schwören, sie auf dem Katheder
-wörtlich und ohne jede Änderung vorzutragen</em>.</p>
-
-<p>Noch im Jahre 1452 mußte sich <em class="gesperrt">jeder Magister</em> in Heidelberg bei
-der Aufnahme in die Fakultät <em class="gesperrt">eidlich verpflichten</em>, nur auf
-Grund der neuen, vor allem durch Marsilius von Padua eingeführten,
-nominalistischen Methode zu lehren. Einige Lehrer, die den alten Weg
-für richtiger hielten, mußten ausscheiden. Erst ein Machtwort des
-Kurfürsten Friedrich beseitigte dieses Monopol.</p>
-
-<p>In Tübingen, das schon 1477 beiden Richtungen gleiche Geltung
-einräumte, konnte ein Scholar oder Bakkalar nicht, wie seit 1452 in
-Heidelberg, beliebig bei Lehrern der einen oder andern Partei hören,
-vielmehr hatte er sich für einen von beiden zu entscheiden und in dem
-gewählten Wege die Grade zu erwerben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[S. 123]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Die unbestrittene Autorität des Aristoteles</em> in den weltlichen
-Wissenschaften wurde <em class="gesperrt">sowohl von den Nominalisten, als von den
-Realisten anerkannt</em>. Beide Parteien stimmten darin überein, daß
-sich <em class="gesperrt">niemand von seiner Lehre entfernen dürfe</em>, es sei denn,
-einer seiner Sätze widerstreite der Kirchenlehre. In diesem Falle solle
-man darauf hinweisen, daß Aristoteles nach der bloßen Vernunft urteile,
-ohne durch den Glauben erleuchtet zu sein. So zu den Scholaren zu
-sprechen war in Heidelberg ausdrücklich vorgeschrieben. Zugleich wurde
-jeder <em class="gesperrt">neue Magister eidlich verpflichtet, die Worte des Aristoteles
-und seines Kommentators als feste und gewissermaßen unzweifelhafte
-Wahrheit zu verkünden</em>.<a id="FNAnker_129" href="#Fussnote_129" class="fnanchor">[129]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als <em class="gesperrt">Petrus Ramus</em> um die Erlaubnis gebeten hatte, in Genf
-lehren zu dürfen, erhielt er von Beza (1519&ndash;1606), dem Nachfolger
-Calvins, die für die nicht eben freie Stellung der neuen Kirche zu
-Aristoteles charakteristische Antwort: »<em class="gesperrt">Die Genfer haben ein für
-allemal beschlossen, weder in der Logik, noch in irgendeinem andern
-Wissenszweige von den Ansichten des Aristoteles abzuweichen.</em>«<a id="FNAnker_130" href="#Fussnote_130" class="fnanchor">[130]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Georg Kaufmann, der hervorragende Kenner unseres mittelalterlichen
-Universitätswesen, urteilt über die Bedeutung der Hochschulen für die
-Entwicklung der Wissenschaften wie folgt: »Alle Fakultäten hielten<span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[S. 124]</span> bis
-ans Ende der Periode (also bis zur Reformationszeit) die Lehrziele und
-die Lehrmethode fest, die ihre Statuten aus dem 14. Jahrhundert zeigen,
-und soweit sie neuen Ansprüchen und Regungen Raum ließen, geschah es
-fast immer auf Drängen von Personen und Behörden, die <em class="gesperrt">außerhalb</em>
-der Universitäten standen, oder ihnen doch nur lose und äußerlich
-verbunden waren.</p>
-
-<p>Der Scholar, Bakkalaureus, Lizentiat oder Doktor der Medizin des Jahres
-1490 war noch ganz mit denselben Büchern, Kenntnissen und selbst Sitten
-ausgestattet, wie wir ihn im Jahre 1390 verlassen haben.</p>
-
-<p>Genau so verhielt es sich in der Artistenfakultät. Um 1500 verfolgte
-man ungefähr die gleichen Ziele, wie um 1400 und hatte auch noch
-dieselben Lehrbücher.«<a id="FNAnker_131" href="#Fussnote_131" class="fnanchor">[131]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1471 trug sich nach derselben Quelle ein Ereignis zu, das
-selbst im Mittelalter, das an Sonderbarkeiten gewiß nicht Mangel
-litt, selten war. <em class="gesperrt">Sechs Schustergesellen sandten nämlich der
-Universität Leipzig einen Fehdebrief!</em> Sie sagten darin, daß ihnen
-von vier Scholaren Gewalt geschehen sei, ohne daß ihnen dafür Recht
-geworden wäre. So wollten sie sich denn erholen an allen denen,
-»dye do Studenten synt, junck adir alt«. Die Landesherren erließen
-allerdings einen Befehl auf Ergreifung der sechs Schustergesellen, aber
-merkwürdigerweise <em class="gesperrt">unter gleichzeitiger indirekter Anerkennung des
-Fehderechtes</em>. Nur weil sie nicht zuerst vor den Gerichten über das
-ihnen angetane Unrecht Klage<span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[S. 125]</span> geführt, sondern gleich Fehde angesagt
-hätten, wurde gegen sie eingeschritten. Außerdem rief die Universität
-die geistliche Gerichtsbarkeit gegen die Feinde auf.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ernster lief eine Affäre ab, die hier mitgeteilt werden möge, wiewohl
-es sich nicht um einen Studenten handelt. Sie ist aber überaus
-bezeichnend für das, was in unserem Mittelalter möglich war.</p>
-
-<p>Ein <em class="gesperrt">Müllerknecht</em> namens Klee hatte Forderungen an die Stadt
-Mühlhausen wegen rückständigen Lohnes. Eigentlich schuldeten zwar
-Meister ihm das Geld, da er aber ein frecher Bursche war, mit dem
-die Stadt nichts zu tun haben wollte, kam sie für die Schuld auf
-und deponierte die fragliche Summe auf seine Klage hin. Er erhob
-das Geld aber nicht, vielmehr steckte er am 11. April 1466 einen
-<em class="gesperrt">Fehdebrief</em> an das Gatter des Baseler Tores zu Mühlhausen! Also
-ein einzelner Müllerknecht, der einer ganzen Stadt die Fehde ansagt!</p>
-
-<p>Bald nahm sich seiner der Ritter Peter von Regisheim an, der einige
-Bürger gefangen setzte und der Stadt seinen Fehdebrief übersandte.
-Andere Ritter folgten nach, so daß schließlich der Adel des ganzen
-Sundgaues gegen Mühlhausen in Fehde lag. Die Geschichte zog immer
-weitere Kreise und wurde Anlaß zum wenige Jahre später erfolgten
-Zusammenbruch des mächtigen Reiches Karls des Kühnen von Burgund.
-Kleine Ursache, große Wirkung.<a id="FNAnker_132" href="#Fussnote_132" class="fnanchor">[132]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[S. 126]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Auch Differenzen zwischen Gelehrten konnten die unangenehmsten Folgen
-haben.</p>
-
-<p>Der Professor Flacius in Jena geriet mit seinem Kollegen Victorinus
-Striegel, einem Anhänger Melanchthons, in Jena über das liberum
-arbitrium und die sogenannten guten Werke in einen erbitterten Streit,
-in dem Striegel, der Jenaische Professor Schnepf und der dortige
-Superintendent Andreas Hugel zum höchsten Zorne ihres Gegners und
-seiner Partei das »Confutationsbuch« verfaßten. Flacius brachte
-die Fürsten von Weimar auf seine Seite, und da Striegel nicht zur
-Zurücknahme seiner Ansichten zu bewegen war, griffen die Fürsten zu
-einem eigenartigen Mittel, über das uns der Bericht des bekannten
-Wittenberger Professors Justus Jonas an den Herzog Albrecht von Preußen
-belehrt.</p>
-
-<p>»Die jungen Fürsten zu Sachsen (Weimar) haben Victorinum bei der
-Nacht in der Stadt Jena überfallen und samt dem Superintendenten
-des Orts, Magister Andreas Hugel, einem frommen, gottesfürchtigen,
-gelehrten, alten Mann, <em class="gesperrt">gefänglich</em>, wie man Dieben und Mördern
-tut, <em class="gesperrt">wegführen lassen</em>.... Am heiligen Ostertag nämlich hat man
-an die hundert Hakenschützen, desgleichen an fünfzig oder sechzig
-Pferde, unter welchen jedoch keiner von Adel gewesen, in Weimar auf
-den Abend sich rüsten lassen, ihnen aber nicht angezeigt, wem oder
-wohin es gelte; denn man hat diese Dinge sehr heimlich gehalten, auch
-derenthalben zwei Tage zuvor auf der Straße zwischen Weimar und Jena
-gestreift, den Boten alle Briefe genommen und erbrochen, auch etliche
-Wandersleute, unter welchen der junge Doktor Cornarius,<span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[S. 127]</span> untersucht
-und wieder zurück in die Stadt Weimar geführt, auf daß Victorinus ja
-nicht etwa gewarnt würde und sich (dessen er doch nie willens gewesen)
-davonmachte. Folgends am Ostermontage, zwischen zwei und drei in
-der Nacht, sind die Tore der Stadt Jena auf vorangehende fleißige
-Bestellung geöffnet worden, Reiter und Hakenschützen hineingelassen,
-welche alsbald in die zwei Gassen, darin Dr. Victorinus und der
-Superintendent ihre Wohnung haben, gerückt, dem Victorinus mit großem
-Ungestüm die Türe mit Äxten und Zimmerbeilen aufgehauen, und als der
-fromme, ehrliche Mann aus Schrecken samt seiner tugendreichen, lieben
-Hausfrau im Hemde herabgelaufen und gefragt: was da wäre? ob Feuer da
-wäre? haben die Ölberger geantwortet: Was sollte da sein? Wir sind da
-und wollen dich losen Bösewicht dahin führen, wohin du gehörst.</p>
-
-<p>Als sein frommes Weib diese Worte gehört, hat sie Zeter und Mordio
-angefangen zu schreien, durch welches Geschrei sie die Judasrotte
-also erzürnt, daß einer unter den Ölbergern, sonder Zweifel ein
-ehrevergessener Schelm, dem armen, erschrockenen, ehrlichen, frommen
-Weibe <em class="gesperrt">eine Zündbüchse vor den Leib gehalten und gesagt: Schweig, du
-Pfaffenhure, oder ich will eine Kugel durch dich schießen</em>! Welche
-Schmähung Dr. Victorinus verantwortet; darauf sie ihn einen Schelm
-gescholten, wodurch er denn nicht unbillig bewegt und wieder gesagt:
-Ei! bist du ein Schelm, so bleib einer; ich bin kein Schelm!</p>
-
-<p>Dieser Lärm hat nicht lange gewährt, denn die Ölberger haben sich vor
-den Studenten und der<span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[S. 128]</span> Bürgerschaft, wo sie des Spiels inne und wach
-würden, sehr besorgt und derwegen so heftig geeilt, daß sie auch dem
-frommen Manne Victorinus nicht haben Weile gelassen, daß er seine
-Kleider hätte anziehen können, sondern man hat ihn <em class="gesperrt">im Hemde auf den
-Weg gestoßen</em> und mit Not so lange gewartet, daß man ihm die Kleider
-hintennach geworfen.</p>
-
-<p>Mit dem Superintendenten hat man etwas gelinder verfahren, und wie
-der gemeine Laut gehet, so werden sie sehr hart gehalten und nicht so
-traktiert, wie billig solche Leute, ob sie gleich ein Größeres verwirkt
-hätten, gehalten und traktiert werden sollten. Gott tröste die frommen,
-heiligen Leute, wehre und steuere den Teufelskindern, welche die jungen
-Fürsten auf solche Umwege führen.«</p>
-
-<p>In einem späteren Briefe berichtet Justus Jonas dem Herzog, daß man
-noch viel brutaler, als er zuerst mitgeteilt habe, gegen die Herren
-verfuhr: »Man ist nicht allein bei Nebel und Nacht in sein Haus
-gefallen, Tür und Angel in Stücke zerhauen, sondern die Judasrotte ist
-dem frommen, ehrlichen Manne Victorinus in seine Schlafkammer gefallen,
-haben ihn auf einer Seite des Bettes gefunden, ganz bloß und gleich in
-dem, daß er sein Hemd über dem Haupt und an seinen Leib gezogen. Sein
-frommes, ehrliches Weib, des seligen Mannes Doktor Schneppii Tochter,
-haben sie auf der andern Seite des Bettes mutterleibesnackt gefunden,
-da das fromm tugendreich Weib stumm und bestürzt gestanden wie ein
-Stock, sich vor Schrecken nicht regen noch besinnen können... Des alles
-ungeacht haben sie ihr Büchsen und Spieß vor das Herz gehalten und sie
-mit Schmähworten greulich angegriffen...«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[S. 129]</span></p>
-
-<p>Grund zu diesem Betragen, das selbst dem Redakteur eines
-regierungsfeindlichen Blatte gegenüber vielleicht sogar in Preußen
-befremden würde, war die treue Anhängerschaft Victorin Striegels an
-Melanchthon und die kursächsischen Theologen zu Wittenberg, die Flacius
-haßte, wiewohl ihn Melanchthon früher mit Wohltaten überschüttet
-hatte.<a id="FNAnker_133" href="#Fussnote_133" class="fnanchor">[133]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das Bild, das Küchelbecker von der Wiener Universität noch um 1730
-entwirft, spricht Bände über die segensreiche Wirkung der Kirche in
-wissenschaftlichen Fragen. Galt dort die alleinige Meinung der Kirche,
-so ist das bei einem orthodoxen Hofe weniger verwunderlich. Aber das
-war nicht alles. »Wir wollen nur anführen, daß die Auctorität des Heil.
-<em class="gesperrt">Aristotelis</em> in Philosophicis hieselbst ebenfalls infalible
-ist; Dahero die hiesigen Magistri artium, als unmündige Kinder ihre
-Vernunfft unter dem »Autos epha« gefangen nehmen und dessen Dogmata
-beschwehren müssen. Auch in der Jurisprudenz muß man nach der alten
-einfältigen Leyer derer Canonisten und Civilisten forttantzen und
-<em class="gesperrt">beyleibe keine neuen Meinungen, auch nicht einmal exercitii gratia,
-statuieren</em>, wo man sich nicht einen Schwarm Jesuiten auf den Halß
-laden will... In der Medicin hat es fast gleiche Bewandniß, die Moral
-und Jus Naturae werden allhier schlecht tractiret, und fast nichts
-als Fabeln und absurde Principia, deren sich ein jeder vernünfftiger
-Mensch schämen muß, tradiret. Das Jus publicum und die Historie,
-so wohl die Profan- als Kirchen-Geschichte, können ebenfalls nicht
-aufrichtig gelehret<span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[S. 130]</span> werden, weil sonst die römische Kirche ziemlich
-würde censiret werden müssen. Dieses alles ist auch die Ursache, warum
-so viele österreichische Cavaliers, wenn sie auf Reise gehen, zu Leyden
-noch eine Zeit lang studieren, und diese Studia daselbst tractiren.
-Und mit kurtzen: wie ist es möglich, hinter die Wahrheit zu kommen, wo
-man nicht libertatem sentiendi, ratiocinandi hat. Denn Latein und die
-Metaphysique alleine machen keinen Gelehrten.«<a id="FNAnker_134" href="#Fussnote_134" class="fnanchor">[134]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Am 23. Juli 1798 erschien eine »Verordnung wegen Verhütung und
-Bestrafung der die öffentliche Ruhe stöhrenden Excesse der Studirenden
-auf sämmtlichen Akademien in den Königlichen Staaten«. Friedrich
-Wilhelm III. von Preußen erteilt darin der Polizei das früher
-versagte Recht, Studenten zu verhaften, wobei sie sich nötigenfalls
-militärischen Beistandes bedienen durfte. In keinem Falle sollte gegen
-Studenten, die sich »Ungezogenheiten und Ausschweifungen« erlauben und
-»ihren Frevel so weit treiben, daß solcher der öffentlichen Sicherheit
-gefährlich geworden« auf Geldstrafen oder Relegation erkannt werden,
-sondern auf Gefängnis oder körperliche Züchtigung. Unter keinerlei
-Vorwand wird jemand der Zugang zu dem Gefangenen gestattet, selbst der
-Gefangenenwärter darf sich mit ihm in keine Unterredung einlassen,
-auch nicht einmal in das Gefängnis kommen, sondern muß mittelst einer
-Drehmaschine für die Nahrung und Reinlichkeit des Gefangenen sorgen.
-Bücher und Schreibmaterialien waren nicht gestattet; die Nahrung ist
-»unveränderlich« gleichförmig. »Die<span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[S. 131]</span> Züchtigung mit Peitschenhieben«
-muß als »ein väterliches Besserungsmittel angesehen, sie muß im
-Gefängnisse in Gegenwart des Vorgesetzten vollstreckt, und von diesem
-mit den nötigen Ermahnungen begleitet werden.«</p>
-
-<p>Diese Strafe wäre unverständlich, wenn man nicht wüßte, wie die
-Studenten in und außerhalb Preußens damals und früher, aber auch noch
-später gehaust haben. Bonner Korpsstudenten haben uns noch im Jahre
-1910 daran erinnert, daß der alte Geist des Vandalismus in unsern
-Musensöhnen die Stürme der Jahrhunderte überdauert hat.<a id="FNAnker_135" href="#Fussnote_135" class="fnanchor">[135]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>An die großen Disputationen, eine der wichtigsten Institutionen der
-mittelalterlichen Universität, die bisweilen vierzehn Tage dauerten
-und in denen Berge leeren Strohs gedroschen wurden, schlossen sich
-häufig Disputationen über mehr scherzhafte Probleme an. Entsprechend
-der Liederlichkeit des Klerus und dem wüsten Treiben der Scholaren war
-auch die Wahl des Themas. So wurde 1494 in Erfurt über das <em class="gesperrt">Monopol
-der Schweinezunft</em>, 1515 ebenda über <em class="gesperrt">Säufer und Suff</em> (de
-generibus ebriosorum et ebrietate) disputiert. In Heidelberg aber
-verzapfte Joh. Grieb unter Wimpflings Präsidium 1478 oder 1479 seine
-Weisheit über die <em class="gesperrt">Schelmenzunft</em> (monopolium et societas des
-Lichtschiffs). Im Jahre 1499 aber disputierte man über die <em class="gesperrt">Treue der
-Kokotten</em> (de fide meretricum) und die <em class="gesperrt">Treue der Beischläferinnen
-der Priester</em> (de fide concubinarum in sacerdotes). Daß bei diesen
-Festakten der Fakultät,<span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[S. 132]</span> die vom Katheder herab gehaltenen Reden
-von Zoten und unanständigen Schwänken strotzten, versteht sich von
-selbst.<a id="FNAnker_136" href="#Fussnote_136" class="fnanchor">[136]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wohin es führt, wenn die Kirche die Universitäten beherrscht, lernten
-wir im Mittelalter zur Genüge kennen. Jeder Gelehrte brachte seine
-Studien in irgend welche Beziehungen zu ihr. So glaubte Erasmus
-Rheinhold in Wittenberg, einer der bedeutendsten Mathematiker
-der Reformationszeit, die <em class="gesperrt">Mathematik</em> nicht höher loben zu
-können, als wenn er sie als »eine <em class="gesperrt">Zier der christlichen Lehre
-und Kirche</em>« empfahl. Die <em class="gesperrt">Astronomie</em> ward zu einer
-Wissenschaft, deren letzter Zweck die <em class="gesperrt">Anbetung Gottes</em> war,
-wie die <em class="gesperrt">Geschichte</em> das ganze Mittelalter hindurch in keinem
-andern Sinne geschrieben wurde, als dem, <em class="gesperrt">Gott und sein Wirken zu
-verherrlichen</em>.<a id="FNAnker_137" href="#Fussnote_137" class="fnanchor">[137]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>A. Weishaupt erzählt, der religiöse Unterricht habe zum Teil darin
-bestanden, daß die Schüler das Vaterunser rückwärts ohne Anstoß
-hersagen sollten, oder angeben, wie oft et, in oder cum in dem ersten
-Hauptstück des Canisius stehen usw.<a id="FNAnker_138" href="#Fussnote_138" class="fnanchor">[138]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Exbenediktiner H. Braun, der Schulreformator Bayerns, verfaßte
-einen Katechismus, der 1769 von der Universität Ingolstadt, 1771 von
-fünf Ordinariaten und der Universität Salzburg begutachtet war. Ein
-Kritiker rügte es, daß Braun die lateinische Wendung<span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[S. 133]</span> »ich glaube
-<em class="gesperrt">in</em> Gott Vater« im Glaubensbekenntnis abänderte in »ich glaube
-<em class="gesperrt">an</em> Gott Vater«. Das wird als »lutherisch-deutsch« gescholten.
-»Warum sollen wir den Glauben der Lutheraner beten?« Der glaubensstarke
-Mann schließt: »Wann in unser katholisches Land dererlei Katechismus
-sollen eingeführet werden, wollen wir selbige zusammen sammeln und in
-das Feuer werfen, damit die liebe Jugend hierdurch nicht verführet
-werde und sohin fälschlich beten lerne«. Denn die genannte Übersetzung
-sei eine Verfälschung der wahren Lehre, die »von niemand ohne schwäre
-Sünde verteidiget und angenommen werden darf«.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Joh. Adam Freiherr v. Ickstatt, Professor der Rechte in Ingolstadt,
-wurde als Förderer des Luthertums in öffentlicher Predigt ausgeschrien
-&ndash; und der Pöbel gegen ihn gehetzt (1752), weil er &ndash; seinen
-<em class="gesperrt">juristischen</em> Vorlesungen Leitfäden von <em class="gesperrt">protestantischen
-Autoren</em> zugrunde gelegt hatte.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Uns allen ist noch erinnerlich, wie <em class="gesperrt">Ludwig Wahrmund</em> wegen seines
-Vortrages »Katholische Weltanschauung und freie Wissenschaft« im Jahre
-1908, also anderthalb Jahrhunderte später, behandelt wurde. Wie die
-tiroler Bauern mit Knütteln nach Innsbruck zogen, um, aufgehetzt von
-ihren Seelenhirten, den Mann zu erschlagen, der es gewagt hatte, Dinge
-zu sagen, die schließlich jedes Kind mit der Mutterbrust einsaugt, die
-aber einem unter jahrhundertelang fortgesetzter Verdummung leidenden
-Volke als Revolution und Anarchismus erscheinen. Wir erinnern uns auch,
-wie große Parteien den Mann am<span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[S. 134]</span> liebsten totgeschlagen hätten, weil er
-anders denkt als sie. Die anschließenden Fälle Schnitzer, Tremel, die
-Modernistenhetze beweisen, daß die Sache blieb, nur die Form hat sich
-geändert.</p>
-
-<p>Daß es aber sogar eine mächtige Partei gibt, die, wenn auch nicht diese
-Form, so doch die Opferung des Intellekts der Autorität billigt, ja
-bewundert, und zwar im 20. Jahrhundert, ist nicht ohne Interesse.</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Jesuit Donat</em> legt u.&nbsp;a. die Gefahren dar, die aus der
-Berechtigung jedermanns, sich ein selbständiges Urteil zu bilden,
-folgten. Die »krankhafte Zweifelsucht« unserer Zeit, sei eine giftige
-Atmosphäre, die den empfänglichen Geist, der sich lange in ihr
-aufhalte, anstecke, ohne daß er es merkt.</p>
-
-<p>Man könnte das ja auch so ausdrücken: die Summe der Erfahrungen, die
-mit den kirchlichen Dogmen kollidieren, ist so groß, daß auch der
-Blinde es langsam merkt und sich weigert, das Sacrificium intellectus
-zu bringen.</p>
-
-<p>Köstlich ist die instinktive Angst vor der Wahrheit und dem
-unaufhaltsamen Vordringen der weltlichen Freiheit im Gegensatz zur
-kirchlichen Unfreiheit, wie sie sich in Aussprüchen großer Katholiken
-oder gar Heiliger dokumentiert. »Kardinal Mai« war ein Mann der
-Wissenschaft. Er sagte &ndash; und dafür können wir einstehen &ndash;: »Ich habe
-auch die Erlaubnis, verbotene Bücher zu lesen; ich benutze dieselbe
-aber nie und habe auch nicht vor, sie zu gebrauchen.«</p>
-
-<p>Als der gelehrte Muratori eine Schrift zur Widerlegung eines
-häretischen Buches schrieb, entschuldigte er sich in der Einleitung:
-»Spät gelangte dieses Buch in meine Hände... und ich konnte es nicht
-über<span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[S. 135]</span> mich bringen, es zu lesen. Denn zu welchem Zwecke anders, als um
-selbst der Torheit zu verfallen sollte ich die Schriften der Neuerer
-lesen? Ich suche und liebe solche, die mich in der Religion bestärken,
-nicht solche, die mich von ihr abwendig machen.«</p>
-
-<p>Der Hl. Franz von Sales dankt in seinen Schriften mit rührender
-Einfallt Gott dem Herrn, daß er ihn bei der Lesung derartiger Bücher
-vor dem Verlust seines Glaubens bewahrt habe.</p>
-
-<p>Der gelehrte spanische Philosoph Balmes sagte einst seinen Freunden:
-»Ihr wißt, daß der Glaube tief in meinem Herzen wurzelt. Und dennoch
-kann ich kein verbotenes Buch lesen, ohne das Bedürfnis zu fühlen, mich
-wieder durch das Lesen der Hl. Schrift, der Nachfolge Christi und des
-gottseligen Ludwig von Granada in die rechte Stimmung zu versetzen.«</p>
-
-<p>Während es überall für verdienstvoll um nicht zu sagen anständig gilt,
-sich durch Gründe überzeugen zu lassen, während der vorwärtsstrebende
-Mensch begierig alles in sich aufnimmt, was ihm hilft, alte Irrtümer
-gegen neue Wahrheiten einzutauschen, wird also heute noch in der Kirche
-der am höchsten angesehen, der sich gewaltsam Scheuklappen vorbindet
-und der Wahrheit aus dem Wege geht.<a id="FNAnker_139" href="#Fussnote_139" class="fnanchor">[139]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Bekanntlich herrscht an unseren Universitäten nicht nur Lern-,
-sondern auch Lehrfreiheit. Autoritäten, ein jurare in verba magistri
-existiert de jure nicht mehr. Wohl aber de facto. Oder wie läßt sich
-die Tatsache, daß weder Atheisten, noch Sozialdemokraten, noch an
-protestantischen Universitäten, z.&nbsp;B. Halle,<span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[S. 136]</span> Katholiken &ndash; und zwar
-auch für Lehrfächer, die mit der Kirche weder direkt noch indirekt
-etwas zu tun haben &ndash; zugelassen werden? Es ist dieselbe Sache in
-anderer Form: Aufrechterhaltung des Status quo um jeden Preis und
-Bekämpfung des Geistes mit materiellen statt mit geistigen Waffen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Werfen wir noch einen flüchtigen Blick auf den Unterricht des Volkes.</p>
-
-<p>In der Zirkularverordnung über die <em class="gesperrt">Garnisonschulen</em> vom 31.
-August 1799 entwickelt Friedrich Wilhelm von Preußen u.&nbsp;a. folgende
-Gedanken: »... Ein mit diesen Eigenschaften ausgerüsteter Soldat
-wird auf seinem Platze gewiß ein brauchbarer Diener des Staates, und
-zugleich ein glücklicher Mensch sein, wenn niemand das Bestreben nach
-höheren Dingen in ihm zu erwecken sucht. Der Keim zur Unzufriedenheit
-mit seinem Stande wird sich aber in eben dem Grade entwickeln, in
-welchem man seinen wissenschaftlichen Unterricht weiter ausdehnt. Nur
-wenige Menschen der unteren Volksklasse sind von der Natur so sehr
-verwahrloset, daß sie nicht die Fähigkeit haben sollten, etwas mehr
-zu leisten, als ihr Stand von ihnen erfordert, und sich dadurch auf
-irgendeinem Wege über denselben zu erheben. <em class="gesperrt">Ein zu weit gedehnter
-Unterricht wird das Gefühl solcher Fähigkeiten in ihnen rege machen,
-durch deren Anwendungen sie sich leicht ein günstigeres Schicksal, als
-das eines gemeinen Soldaten ist, würden verschaffen können</em>...«<a id="FNAnker_140" href="#Fussnote_140" class="fnanchor">[140]</a>
-Die Antwort war &ndash; Jena!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[S. 137]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im selben Geiste war der Volksschulunterricht gehalten. Der Hofprediger
-Sack, der einer Verbesserung des Volksschulwesens das Wort redete,
-erörterte noch die Frage, ob Lesen und Schreiben Lehrgegenstand sein
-sollen, da doch der Nutzen dieser beiden Kenntnisse für den Landmann
-sehr gering sei, <em class="gesperrt">während hingegen die Anpreisung der Taten der
-Landesfürsten unbedingt von der Schule besorgt werden müsse</em>.<a id="FNAnker_140a" href="#Fussnote_140" class="fnanchor">[140]</a>
-Das ist ja auch noch in unserm Geschichtsunterricht nicht gerade
-nebensächlich.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Übrigens, war nach dem Lehrermaterial zu urteilen, die von Friedrich
-Wilhelm gefürchtete Gefahr einer Überladung des Volkes mit gelehrter
-Bildung nicht sehr groß. <em class="gesperrt">Invalide Soldaten</em> versahen vielfach
-den Unterricht und ihre Vorbereitung bestand darin, daß man sie fürs
-Einpauken von Gesangbuchversen eine Zeitlang abrichtete. Nebenbei
-hatten die Landlehrer noch allerlei andere Erziehungspflichten, z.&nbsp;B.
-die erst 1802 ihnen abgenommene, den <em class="gesperrt">Hebammen einen Katechismus für
-Geburtshilfe zu erklären</em>!</p>
-
-<p>Das Diensteinkommen der Landlehrer in der Mark Brandenburg betrug zu
-Beginn des <em class="gesperrt">19. Jahrhunderts</em>: in zwei Fällen zwischen 220 und
-250 Taler jährlich, dagegen in 155 Fällen unter 10 Talern; 182 bezogen
-zwischen 10 und 20 Talern, 263 zwischen 20 und 40 Taler, 167 zwischen
-40 und 60 Taler, 131 zwischen 60 und 80 Taler. 92 zwischen 80 und
-100 Taler und 151 über 100 Taler. Das war allerdings ein gewaltiger
-Fortschritt gegenüber den Zuständen von 1774, denn<span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[S. 138]</span> damals besass
-die Kurmark nur 49 Landlehrer mit mehr als 100 Talern Jahresgehalt,
-184 aber bezogen 10 Taler und weniger, 111 weniger als 5 Taler und
-163 gar kein Gehalt. Deshalb betrachteten die Lehrer den Unterricht
-als Nebensache und übten dabei ihren Beruf aus. In der Kurmark
-besassen 1806 2026 Dörfer weder Schule noch Lehrer. Friedrich Wilhelms
-Bestrebungen hatten somit durchschlagenden Erfolg. Übrigens war auch
-in väterlicher Weise dafür gesorgt, daß die Kinder nicht durch Studium
-des Lesens und Rechnens dem geistigen Hochmut überliefert würden. Die
-Teilnahme an diesen Stunden war nämlich wahlfrei und kostete erhöhtes
-Schulgeld, das viele Eltern zu zahlen nicht in der Lage waren.<a id="FNAnker_141" href="#Fussnote_141" class="fnanchor">[141]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Auch auf den Gymnasien war zu Anfang des 19. Jahrhunderts der
-Unterricht selbst für uns, so wenig wir darin verwöhnt sind,
-hinlänglich befremdlich. Franz Neumann (1798&ndash;1895) erzählt z.&nbsp;B.
-in seiner bekannten, von seiner Tochter Luise veröffentlichten
-Lebensgeschichte (Tübingen 1904), daß er auf dem Berliner Gymnasium
-<em class="gesperrt">lateinische Pflanzennamen</em> hätte lernen müssen, <em class="gesperrt">ohne auch nur
-zu wissen, daß er nun botanischen Unterricht habe</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Zum Schluß noch eine Tatsache, die zu denken gibt. Bekanntlich besitzt
-München in der Person des Schulrats Kerschensteiner eine Koryphä
-allerersten<span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[S. 139]</span> Ranges. Wie sehr trotzdem der Geist des Hl. Bureaukratius
-in unserem Schulwesen steckt, erhellt daraus, daß einige Schulen
-den <em class="gesperrt">Unterricht ruhig weiter erteilten</em> und die Kinder im
-Klassenzimmer beliessen, als <em class="gesperrt">Graf Zeppelin am 1. und 2. April 1909
-sein Luftschiff über München lenkte</em>!<a id="FNAnker_142" href="#Fussnote_142" class="fnanchor">[142]</a></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[S. 140]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Sechster_Abschnitt"><span class="s5">Sechster Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Zensur und Prüderie</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Am 26. April 1794 erließ König Friedrich Wilhelm II. von Preußen
-folgendes »Reskript an das Kammergericht wegen der Mißbräuche, die
-bei der Zensur zu deren Verteilung überhand genommen«: »daß dem
-Unwesen, welches seit einiger Zeit mit Schriften getrieben wird,
-die entweder den Grund aller Religion überhaupt angreifen, und
-die wichtigsten Wahrheiten derselben verdächtig, verächtlich oder
-lächerlich machen wollen, oder aber die christliche Religion, die
-biblischen Schriften, und die darin vorgetragenen Geschichts- und
-positiven Glaubenswahrheiten, für das Volk zu Gegenständen des
-Zweifels oder gar des Spottes zu machen, sich unterfangen, und dadurch
-zugleich die praktische Religion, ohne welche keine bürgerliche
-Ruhe und Ordnung bestehen kann, in ihren Grundfesten erschüttern;
-im gleichen solchen Schriften, worin die Grundsätze der Staats- und
-bürgerlichen Verfassung angetastet, Maßregeln der Regierung aus
-unrichtigen und gehässigen Gesichtspunkten dargestellt, Ungehorsam
-und Wider<span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[S. 141]</span>spänstigkeit gegen Gesetze und Obrigkeiten verteidigt, oder
-doch <em class="gesperrt">die Gemüter zu unnützen Grübeleien über Gegenstände</em>,
-welche die Fassung- und Beurteilungskraft des großen Haufens der
-Leser übersteigen, aufgefordert, und zu unrichtigen Anwendungen
-mißverstandener theoretischer Sätze verleitet werden, mit dem größten
-Ernst und Nachdrucke entgegengearbeitet, gegen diejenigen aber, welche
-den ergangenen Zensur-Gesetzen auf irgend eine Art zuwiderhandeln,
-nach aller Strenge dieser Gesetze, ohne die geringste Nachsicht oder
-Schonung verfahren werden soll.«<a id="FNAnker_143" href="#Fussnote_143" class="fnanchor">[143]</a></p>
-
-<p>In dem »General-Privilegium und Gülde-Brief für die Schwarz- und
-Weiß-Nagel-Schmiede zu Alt-Stettin, auch für sämtliche Schwarz- und
-Weiß-Nagel-Schmiede in Vor- und Hinter-Pommern. De Dato Charlottenburg,
-den 29. July 1802« heißt es im Artikel XXI:</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Alles Korrespondieren mit</em> anderen ein- oder ausländischen
-Gewerken, <em class="gesperrt">soll sich das Gewerk bei schwerer Strafe enthalten</em>,
-wenn aber besondere Umstände etwa dergleichen erforderten, soll es mit
-Zuziehung des Beisitzers, auch wohl nach Befinden mit Vorwissen des
-Magistrats, selbst geschehen, wie denn auch, wenn von den anderen ein-
-oder ausländischen Gewerken Schreiben einliefen, solche unerbrochen an
-den Beisitzer gebracht, in dessen Gegenwart eröffnet, und die Antwort
-mit demselben verabredet werden soll.«</p>
-
-<p>Aber die preußische Regierung hatte nicht nur Angst vor eventuellen
-Verschwörungen der Zünfte und hielt sie deshalb unter ständiger
-polizeilicher<span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[S. 142]</span> Kontrolle, sie <em class="gesperrt">fürchtet auch die Gesellen und
-verbietet ihnen deshalb das Briefeschreiben</em>.</p>
-
-<p>Der Artikel XXXIV des genannten Privilegs lautet:</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Alles Briefwechselns mit andern Gesellschaften oder sogenannten
-Brüderschaften haben sich die Gesellen bei empfindlicher Strafe zu
-enthalten</em>, weshalb ihnen auch kein Siegel gestattet wird. Die etwa
-von anderen ein- und ausländischen Brüderschaften eingehenden Schreiben
-sollen aber nach der Verordnung vom 23. März 1799 sofort dem Magistrat
-in Vorschlag genommen, und von demselben nach Befinden des Inhalts die
-Aushändigung an die Gesellen oder deren Kassierung verfügt werden.«<a id="FNAnker_144" href="#Fussnote_144" class="fnanchor">[144]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1794 las in Zelle eine Gesellschaft mit Vergnügen den
-Moniteur, den sie aus Bremen erhielt. Seit Mitte Mai des Jahres blieb
-das Blatt aber aus. Die Zellische Gesellschaft wandte sich daher an
-ihren Lieferanten und erhielt die Antwort, daß der Moniteur, sowie alle
-französischen Zeitungen den kaiserlichen Postbeamten »bey nahmhafter
-Strafe und nach Befinden der Kassation« zu debitieren verboten wären.
-»Von dem Verbote sind blos Fürstlichkeiten, wirkliche Minister und
-Gesandte an fremden Höfen ausgenommen, an deren offene Adressen die
-Zeitungen gehen müssen.« Schon in anderen deutschen Provinzen war ein
-ähnliches Verbot vorhergegangen. <em class="gesperrt">Mit diesen Mittelchen hoffte man
-die Wirkungen der grossen Revolution fern zu halten.</em> Allerdings<span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[S. 143]</span>
-nimmt Archenholz »eine Abwesenheit der Weisheit« bei Erlaß dieser
-Maßnahme an.<a id="FNAnker_145" href="#Fussnote_145" class="fnanchor">[145]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Zur Zeit des Vatikanischen Konzils kam der Verlagsbuchhändler
-Josef Bachem zum hochbetagten Präses des Priesterseminars in Köln,
-Dr. Westhoff, um ihm sein Bedenken gegen das Unfehlbarkeitsdogma
-vorzutragen. Der Greis zeigte ihm darauf in der Bibliothek des Seminars
-nicht weniger als sechzehn Katechismen, die im 18. Jahrhundert in der
-Erzdiözese Köln in Gebrauch gewesen waren und die sämtlich und ohne
-Ausnahme die Lehre von der päpstlichen Unfehlbarkeit in Sachen der
-Glaubens- und der Sittenlehre klar und deutlich vortrugen. <em class="gesperrt">Erst die
-preußische Zensur, wie sie vor 1848 bestand, hat diese Lehre aus dem
-kirchlichen Katechismus gestrichen!</em><a id="FNAnker_146" href="#Fussnote_146" class="fnanchor">[146]</a></p>
-
-<p>Die historisch-politischen Blätter begannen im Jahre 1840 (S. 586)
-einen Artikel folgendermaßen: »<em class="gesperrt">In Preußen sind nun fast alle
-katholischen Journale und Zeitungen verboten</em> und, um die Sache
-ab ovo zu beginnen, hat man, willkommene Gelegenheit ergreifend,
-buchhändlerische Interdikte gegen künftig erscheinende noch ungeborene
-Werke in Maße geschleudert oder ihre Verbreitung in einer Weise
-erschwert, daß es einem Verbote gleichzuachten ist.«</p>
-
-<p>Unter der Maske des Liberalismus hat bekanntlich Bismarck im
-sogenannten Kulturkampf aufs rücksichtsloseste die katholische
-Presse verfolgt, wie er ja un<span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[S. 144]</span>beschadet seiner sonstigen kaum zu
-überschätzenden Größe skrupellos und gewalttätig gegen alles vorging,
-was sich ihm nicht beugte. Deshalb zieht Bismarck als endlosen
-Kometenschweif, in dem wir heute noch leben, jene Atmosphäre des
-Servilismus und der Duckmäuserei nach, die nicht weniger Sklavennaturen
-züchtete, als der Absolutismus. Doch war die kleinstaatliche
-Vergangenheit uns in einem voraus: wer wegen seiner Meinungen in Reuß
-jüngere Linie verfolgt wurde, siedelte in die ältere Linie über und
-konnte seiner Überzeugung treu bleiben. Im geeinten Deutschland reichte
-Bismarcks Arm überall hin.</p>
-
-<p>Damals veranstaltete die Frankfurter Zeitung eine Zählung der
-Verurteilungen wegen Preßvergehen. Wiewohl sie auf Vollständigkeit
-nicht im entferntesten Anspruch macht, stellt sie im Januar 1875 21,
-im Februar 35, im März 39, im April 42 verurteilte Zeitungsherausgeber
-fest. Es wurden also in vier Monaten 137 Pressdelinquenten mit
-Geldbußen oder Gefängnis bestraft. Außerdem fanden in derselben Zeit 30
-Konfiskationen von Zeitungen statt. Gegen vier Redakteure der Germania
-waren einmal zu gleicher Zeit Prozesse und Bestrafungen im Gange. Aber
-mehr als das: <em class="gesperrt">In mindestens drei katholischen Blättern haben sich
-nachweislich Bedienstete der Berliner Geheimpolizei in Stellungen von
-Mitredakteuren eingeschmuggelt</em>, bisweilen sogar über Jahr und Tag
-hinaus. Sie hatten nicht nur Spionendienste, sondern auch solche als
-<em class="gesperrt">agents provocateurs</em>, die die Leiter der katholischen Blätter zu
-extremen Äußerungen anzutreiben versuchten, zu verrichten.<a id="FNAnker_147" href="#Fussnote_147" class="fnanchor">[147]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[S. 145]</span></p>
-
-<p>Im Jahre 1845 erschien folgender Katalog: »Index librorum prohibitorum.
-Katalog über die in den Jahren 1844 und 1845 in Deutschland verbotenen
-Bücher. Erste Hälfte.« Die zweite Hälfte erschien 1846. Wiewohl
-der Index nicht vollständig ist, da die Verbote von Zeitungen und
-Zeitschriften nicht aufgenommen wurden, enthält er 437 durch 570
-Verbote untersagte Schriften. Man sieht, die weltliche Regierung kann
-es auch.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Nicht viel besser als gegen die katholische Kirche verfuhr man gegen
-die Sozialisten. Nachdem gegen sie ein Ausnahmegesetz geschaffen
-war, erschien 1886 ein förmlicher Index librorum prohibitorum. Er
-lautet: »Sozialdemokratische Druckschriften und Vereine verboten auf
-Grund des Reichsgesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen
-der Sozialdemokratie vom 21. Oktober 1878« (1886). Zwei Jahre
-später erschien ein Nachtrag. Nach den amtlichen Angaben kommen im
-Durchschnitt 130 verbotene Schriften je auf ein Jahr, also wurden
-in den zwölf Jahren des Bestehens des Gesetzes <em class="gesperrt">rund 1500&ndash;1600
-Drucksachen verboten</em>.<a id="FNAnker_148" href="#Fussnote_148" class="fnanchor">[148]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Doch nun zum römischen Index!</p>
-
-<p>Auf ihm stehen neben Rankes »Römischen Päpsten« Kants »Kritik der
-reinen Vernunft« gegen die schon Friedrich Wilhelm II. von Preußen in
-einer Kabinettsorder unter Minister Möller eingeschritten war, und<span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[S. 146]</span>
-Baruch Spinoza. Für letzteren ist das nichts Außerordentliches, da
-zwischen 1656 und 1680 über 500 scharfe Verbote gegen die Schriften
-dieses großen und edlen Juden erlassen worden waren.<a id="FNAnker_149" href="#Fussnote_149" class="fnanchor">[149]</a></p>
-
-<p>Man kann ohne Übertreibung sagen, daß in den letzten Jahrhunderten
-nicht ein einziger großer Denker oder Dichter lebte, dessen Name nicht
-auf einem der katholischen Indices zu finden war oder ist. Wer bei
-Reusch das Namenverzeichnis durchblättert, glaubt sich in eine geistige
-Ruhmeshalle versetzt.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1890 sollte im Lessingtheater in Berlin Sudermanns »Sodoms
-Ende« aufgeführt werden. Wiewohl nun Preßfreiheit auch in Preußen
-besteht und der Artikel 27 der preußischen Verfassung jedem Preußen das
-Recht der freien Meinungsäußerung verbürgt und ausdrücklich verfügt,
-daß eine Zensur nicht eingeführt werden dürfe, existiert sie doch. Und
-zwar nach einer Polizeiverordnung vom 10. Juli 1851 &ndash; also anderthalb
-Jahre nach der Verfassung erlassen &ndash; in der festgesetzt wird, daß die
-Erlaubnis zur Veranstaltung einer öffentlichen Theatervorstellung beim
-kgl. Polizeipräsidium schriftlich nachgesucht werden müsse.</p>
-
-<p>Das hatte Oskar Blumenthal, der Direktor des Lessingtheaters, auch
-mit »Sodoms Ende« getan. Als kein Bescheid von der Polizei einlief,
-aber alles für die erste Aufführung, mit Kainz und in Gegenwart des
-Dichters, vorbereitet war, wurde Blumenthal stutzig. Drei Tage vor dem
-Aufführungstermin fuhr er nach dem Polizeipräsidium, wo ihm mitgeteilt
-wurde, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[S. 147]</span> der Theaterzensor die Erlaubnis bereits unbedenklich
-erteilt hatte, als der Präsident, Freiherr von Richthofen, sich das
-Werk hatte kommen lassen und die öffentliche Aufführung verbot. &ndash;
-Blumenthal ging darauf zum Polizeigewaltigen persönlich, um die Gründe
-für das Verbot zu erfahren. Es entwickelte sich folgendes Gespräch, das
-er selbst veröffentlicht:</p>
-
-<p>»Ich höre soeben, Herr Präsident, daß mir drei Tage vor der ersten
-Aufführung Hermann Sudermanns Drama »Sodoms Ende« verboten werden soll?«</p>
-
-<p>»Das stimmt!«</p>
-
-<p>»Und daß Sie persönlich das Verbot verfügt haben?«</p>
-
-<p>»Stimmt auch!«</p>
-
-<p>»Ja, aber bedenken Sie die Situation eines Bühnenleiters, Herr
-Präsident! Vierzehn Tage angestrengter Bühnenproben... ein Gastspiel
-mit Joseph Kainz für diese Novität abgeschlossen... der ganze
-Spielplan der nächsten Wochen darauf aufgebaut... selbstverständlich
-kein Ersatzstück vorbereitet... die Erfolge des früheren Repertoires
-ausgeschöpft... das Haus für die ersten drei Vorstellungen schon
-vollständig ausverkauft... und nun diese Ratlosigkeit auf der Höhe der
-Saison, in der besten Zeit des Theaterjahres.«</p>
-
-<p>»Alles sehr traurig, aber die Behörde kann auf Privatinteressen keine
-Rücksicht nehmen.«</p>
-
-<p>»Aber warum das Verbot, warum?«</p>
-
-<p>»Weil es uns so paßt.«</p>
-
-<p>»Ich verstehe vollkommen, Herr Präsident... Sie wollen mir durch diesen
-Lakonismus ins Gedächtnis rufen, daß nach der polizeilichen Verordnung<span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[S. 148]</span>
-vom 10. Juli 1851 die Behörde nicht verpflichtet ist, für das Verbot
-eines Stückes Gründe anzugeben...«</p>
-
-<p>»Na, da wissen Sie ja also Bescheid!«</p>
-
-<p>»Ich meine aber nur, Herr Präsident, daß doch immerhin die Möglichkeit
-vorliegt, durch behutsame Änderungen die Bedenken, die zu diesem Verbot
-geführt haben, aus der Welt zu schaffen. Vielleicht sind es nur einige
-gewagte Stellen, um die es sich handelt?«</p>
-
-<p>»O nein!«</p>
-
-<p>»Oder einzelne Szenen?«</p>
-
-<p>»Auch nicht!«</p>
-
-<p>»Ja, aber was sonst?«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Die janze Richtung paßt uns nicht.</em>«<a id="FNAnker_150" href="#Fussnote_150" class="fnanchor">[150]</a></p>
-
-<p>So geschehen in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts. Wie glücklich
-eine Kunst, die unter polizeilicher Obhut stehen darf!</p>
-
-<p>Blumenthal war hierauf beim Minister des Innern, Herrfuth. Er las das
-Stück, veranlaßte einige kleine Milderungen und riet Blumenthal, es
-wieder dem Polizeipräsidenten zu unterbreiten.</p>
-
-<p>Die Antwort des Polizeipräsidenten vom 27. Oktober 1890 &ndash; die
-Unterredung hatte am 23. stattgefunden &ndash; lautete:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>
-
-»Ew. Wohlgeboren!<br />
-</p>
-
-<p>erwidere ich auf das gefällige Schreiben vom 24. d. M. bei Rückgabe
-der Anlage desselben, ergebenst, daß ich auch nach nochmaliger
-Erwägung mich nicht veranlaßt sehen kann, die Genehmigung zur
-Aufführung des Dramas »Sodoms Ende« zu erteilen, da dasselbe in
-seiner ganzen Anlage und Durchführung geeignet erscheint, das
-sittliche Gefühl zu verletzen, dieses<span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a><span class="s4">[S. 149]</span></span> sittenpolizeiliche Bedenken
-daher durch die von Ihnen angebotene Streichung einzelner besonders
-anstößiger Stellen nicht behoben werden kann.«</p></div>
-
-<p>Am 31. Oktober hob der Minister des Innern diese Verfügung auf, nachdem
-eine Generalprobe nur in Gegenwart dreier Ministerialräte über die
-Existenzberechtigung der »neuen Richtung« entschieden hatte, ein
-Eingreifen, das nicht ohne Tadel von allerhöchster Stelle geblieben
-ist. »Sie hätten sich fragen sollen,« sagte der Kaiser dem Minister,
-»<em class="gesperrt">ob Sie auch in Begleitung Ihrer Tochter jede Szene anhören
-könnten</em>.«</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In Blumenthals und Kadelburgs Schwank »Die Großstadtluft« wurde durch
-Reskript vom 26. November 1891 angeordnet, die Verse zu streichen:
-»Nun bin ich ledig aller Erdenplag’. Mich kann kein Glück, kein Hoffen
-mehr betrügen. Und wenn einst naht der Auferstehungstag, ich bleibe
-liegen.« Die Polizei fürchtete, sie könnten durch Verspottung des
-Auferstehungsglaubens ärgerlich wirken!<a id="FNAnker_151" href="#Fussnote_151" class="fnanchor">[151]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Da wird es sich hinfort empfehlen, es so zu machen wie die
-Venezianischen Autoren des 18. Jahrhunderts.</p>
-
-<p>Unter ihnen herrschte ein sonderbarer Brauch, von dem Keyßler
-berichtet: »Bey den italienischen Opern ist noch zu bemerken, daß
-die Verfertiger ihrer Texte gemeiniglich auf den ersten Blättern der
-gedruckten Exemplare sich mit einer <em class="gesperrt">ausdrücklichen Protestation
-verwahren, wie sie im Herzen rein<span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[S. 150]</span> katholisch wären</em>, und man die im
-Texte vorkommenden Worte von Idolo, Numi, Deità, Fato, Fortuna, Adorare
-und dergleichen nicht anders als poetische Scherze anzusehen habe.«<a id="FNAnker_152" href="#Fussnote_152" class="fnanchor">[152]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In dem Schauspiel »Falsche Heilige« verläßt eine junge Frau ihren
-Gatten, weil sie erfahren hat, daß er vor seiner Verheiratung eine
-Gouvernante verführt hat. Ihr Onkel, ein Pariser Lebemann, faßt seine
-Meinung in folgende Worte zusammen: »Ich bitte Sie! Da will sich meine
-Nichte von ihrem Mann scheiden lassen, weil er früher einmal, vor der
-Ehe, eine Gouvernante... Ja, das ist doch einfach lächerlich! Wann soll
-man denn mit einer Gouvernante eine Liebschaft haben? Vor der Ehe darf
-man nicht. In der Ehe kann man nicht. Nach der Ehe will man nicht....
-Oder sollen die Gouvernanten vielleicht überhaupt abgeschafft werden?«</p>
-
-<p>Gottlob rettete der Stift des Zensors Deutschlands Sittlichkeit durch
-Tilgung dieser furchtbaren Stelle. Von diesem Tage an wurden bisweilen
-die Aufführungen des Lessingtheaters von dem Revierwachtmeister mit dem
-Textbuch in der Hand überwacht, und jede Abweichung vom polizeilich
-gestatteten Text zur Kenntnis des Zensors gebracht. Man hatte diese
-schrecklichen Worte nämlich von der Bühne aus nochmals zur großen
-Heiterkeit des Publikums gesprochen, was Blumenthal eine sehr scharfe
-Vermahnung eingetragen hatte.<a id="FNAnker_153" href="#Fussnote_153" class="fnanchor">[153]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[S. 151]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Mit Recht wird unsere Jugend vor allem Unsittlichen behütet. Hier hat
-der Zensor eine besonders dankbare Aufgabe, der er sich mit größter
-Gewissenhaftigkeit unterzieht.</p>
-
-<p>In den »Liedern für die deutsche Volksschule«, herausgegeben vom
-Bezirkslehrerverein München, Heft 1, 2, 3 (München 1894 ff.), besitzen
-wir ein Werk, dessen segensreiche Wirkung auf die Seelen unserer Kinder
-nicht hoch genug zu bewerten ist. Zwar heißt es auf S. 4 im II. Heft
-ausdrücklich: »Stets wurde darauf gesehen, die Volkslieder nach Melodie
-und Text in ihrer ursprünglichen Form wiederzugeben«, aber darum nur
-keine Angst! Selbst die keusche Seele eines Lizentiatus Bohn kann das
-Buch ohne Gefahr für ihren Frieden lesen. Das werden wir beweisen.</p>
-
-<p>Hölty, augenscheinlich ein recht frivoler Geselle, singt in seinem
-»Mailied« (I, 27):</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">»Haltet Tanz</div>
- <div class="verse indent2">Auf grünen Auen,</div>
- <div class="verse indent2">Ihr schönen Frauen!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>So ein Skandal! Nun, Ballhorn &ndash; pardon! der Bezirkslehrerverein war
-sich der drohenden Gefahr für die Knaben der 1. und 2. Schulklasse
-bewußt und griff mit anerkennenswerter Energie selbst zur Leier und die
-Muse küßte ihn mit hörbarem Schmatzen. Er singt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">»Pflückt einen Kranz</div>
- <div class="verse indent2">Und haltet Tanz</div>
- <div class="verse indent2">In grünen Hainen,</div>
- <div class="verse indent2">Ihr lieben Kleinen.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[S. 152]</span></p>
-<p>Für diesmal wären also die Kinder noch vor den Fallstricken der Erotik
-bewahrt geblieben.</p>
-
-<p>Daß in Goethes »Frühzeitiger Frühling« (III, 79) die obszöne letzte
-Strophe:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">»Saget, seit gestern,</div>
- <div class="verse indent2">Wie mir geschah,</div>
- <div class="verse indent2">Liebliche Schwestern,</div>
- <div class="verse indent2">Liebchen ist da!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="p0">gestrichen wurde, versteht sich von selbst. Nun hat aber derselbe
-greuliche Heide auch ein »Sommerlied« gedichtet, in dem die gefühlsrohe
-Strophe:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">»Ach, aber da,</div>
- <div class="verse indent2">Wo Liebchen ich sah,</div>
- <div class="verse indent2">Im Kämmerlein,</div>
- <div class="verse indent2">So nieder und klein &ndash;!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="p0">vorkommt. Das schreit ja geradezu nach Umdichtung. Gottlob verhallte
-der Ruf nicht ungehört. Todesmutig bestieg der Herausgeber den Pegasus
-und machte seinem gequälten Herzen in folgenden Perlen Luft:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">»Als ich im Hei-</div>
- <div class="verse indent2">Mattale dich sah,</div>
- <div class="verse indent2">O Hüttelein,</div>
- <div class="verse indent2">So nieder und klein.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Wie schön!!</p>
-
-<p>Eichendorff in seiner ganzen Leichtfertigkeit offenbart sich im »Frohen
-Wandersmann« (II, 10). Er wagt da zu singen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">»Die Trägen, die zu Hause liegen,</div>
- <div class="verse indent2">Erquicket nicht das Morgenrot,</div>
- <div class="verse indent2">Sie wissen nur von Kinderwiegen,</div>
- <div class="verse indent2">Von Sorgen, Last und Not ums Brot.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[S. 153]</span></p>
-<p>»Kinderwiegen«, man denke! Natürlich waltete der Zensor seines Amtes.
-Wie hätte er auch die Phantasie der ihm anvertrauten Jugend durch solch
-schlüpferige Bilder vergiften lassen dürfen?</p>
-
-<p>Starken Toback setzt Arndt in seiner »Frühlingslust« (III, 36) seinen
-Lesern vor. Die 6. Strophe lautet:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">»Juchei! alle Welt!</div>
- <div class="verse indent2">Juchei in Liebe!</div>
- <div class="verse indent2">Liebeslust und Wonneschall,</div>
- <div class="verse indent2">Erd’ und Himmel halten Ball.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Liebeslust &ndash; Wonneschall und dann noch einen Ball! Das ist entschieden
-zu viel. In der richtigen Erwägung, die sträflichen Orgien dieser Welt
-dürfen nicht in die Schule verpflanzt werden, strich der Herausgeber.
-Schade, daß wir so um eine Bereicherung unserer Poesie gekommen sind.
-Wie schön hätte er das umdichten können! Aber vielleicht war es doch
-besser so, wenn auch nicht für unsere Literatur, so doch für die
-Unverdorbenheit der Kinder.<a id="FNAnker_154" href="#Fussnote_154" class="fnanchor">[154]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der preußische Kultusminister hat das »Lesebuch für höhere
-Mädchenschulen« von Karl Hessel, das bereits in 6. Auflage vorliegt,
-für die paritätische höhere Mädchenschule in Kreuznach verboten wegen
-konfessioneller und moralischer Bedenken. Ausdrücklich sind zwei
-Bedenken ersterer Art angeführt: erstens heißt es in Peter Roseggers
-humoristischer Erzählung »Der Gansräuber«, daß die Staudenbäuerin bei
-der Nachricht von der Ermordung ihrer Martins<span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[S. 154]</span>gans entrüstet ausgerufen
-habe: »Das ist ja eine Todsünde gegen den heiligen Martinus!« Es ist
-ohne weiteres klar, daß eine solche mangelhafte Beschlagenheit der
-Staudenbäuerin in der Dogmatik mit Rücksicht auf die verhängnisvollen
-Wirkungen auf die Seelen der höheren Töchter nicht geduldet werden kann.</p>
-
-<p>Dann hat auch Freiligrath in seinem berühmten Gedicht »Am Baum der
-Menschheit drängt sich Blüt’ an Blüte«, in dem er die Völker und
-Länder mit Blüten vergleicht, in höchst sträflicher Weise auf den
-paritätischen Charakter der Schule nicht Rücksicht genommen.</p>
-
-<p>Er spricht nämlich den Gedanken, mit Luthers Auftreten sei eine
-Blütezeit angebrochen, als Zukunftsaussicht des Reformators aus. Vor
-katholischen Ohren! Man denke! Wie könnten da die Seelen der armen
-Schäflein in Anfechtungen fallen!</p>
-
-<p>Die schrecklichen Verse lauten:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">»Der Knospe Deutschland auch, Gott sei gepriesen!</div>
- <div class="verse indent2">Regt sich’s im Schoß! Dem Bersten scheint sie nah,</div>
- <div class="verse indent2">Frisch, wie sie Hermann auf den Weserwiesen,</div>
- <div class="verse indent2">Frisch, wie sie Luther vor der Wartburg sah!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Nicht minder gefahrdrohend wie für das Glaubensleben der Kinder ist das
-genannte Buch für ihre Moral. In dem Märchen vom Schlaraffenland heißt
-es nach Bechsteins Erzählung, dort flögen gebratene Tauben den Leuten
-ins Maul, auch müsse man sich durch einen Reisbrei <em class="gesperrt">durchfressen</em>,
-um ins Land zu kommen. Solche Ausdrücke, sagt der Minister &ndash;
-übrigens mit Recht &ndash;, dürften Mädchen nicht in den Mund nehmen. Aber
-einen solch gesegneten Appetit,<span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[S. 155]</span> daß man sich durch einen Reisberg
-durch»essen« kann, hat doch nicht jeder!</p>
-
-<p>In Hebels Gedicht »Der Schneider in Pensa« wird erzählt, wie ein
-wohlhabender deutscher Schneider 1812 badische Soldaten zu Pensa in
-Rußland bewirtet habe. Es heißt da, der Schneider habe sich schon
-vorher auf solche Einquartierung gefreut; er liebte sie, sagt Hebel,
-schon zum voraus ungesehenerweise, wie eine Frau ihr Kindlein schon
-liebt und ihm Brei geben kann, ehe sie es hat.</p>
-
-<p>Diesen Satz bezeichnet der Minister als anstößig!<a id="FNAnker_155" href="#Fussnote_155" class="fnanchor">[155]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Tugendhaftigkeit unserer Zeit macht keineswegs vor der Kastration
-von Gedichten und Volksliedern halt. Sie hat auch rückwirkende Kraft.
-Jeder wahre Tugendheld muß sein Herz höher schlagen hören, wenn er
-wahrnimmt, daß nichts so klein oder kleinlich ist, daß die Sittlichkeit
-sich nicht seiner bemächtigt.</p>
-
-<p>Ein Beispiel für viele: Ungezählte Jahre stand in den
-Schülerverzeichnissen, die den Jahresberichten der bayerischen
-Gymnasien angehängt sind, unter der Rubrik »Stand des Vaters« Privatier
-etc. Das ist nunmehr insofern geändert, als bei unehelichen Kindern in
-diesem Falle Privatiere stehen würde, also der Stand der Mutter! Die
-Folge dieser sittenstrengen Maßnahme ist klar. Die Kinder werden mit
-der ihnen eigenen Grausamkeit sich die Schande der Eltern, oder das,
-was die Spießbürger so zu nennen pflegen, vorwerfen und damit einen
-Wermuttropfen in die Seele des schuldlosen Opfers träufeln. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[S. 156]</span> was
-schadet das weiter? Wenn nur die Moral gerettet wurde!<a id="FNAnker_156" href="#Fussnote_156" class="fnanchor">[156]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Mit der Prüderie der Behörden und Geistlichkeit kontrastiert
-ganz merkwürdig das Verhalten in der Beichte. Der Redakteur der
-Aschaffenburger Zeitung Pepi Matthes hat vor einigen Jahren unter
-dem Titel »Wenn Kinder beichten. Eine Anklage« ein Schriftchen
-herausgegeben, das inzwischen recht selten geworden ist und in dem er
-seine Erfahrungen mit dem Beichtstuhl voller Entrüstung veröffentlicht.
-Seine Zentrumsgegner denunzierten ihn darauf, er wurde in eine sehr
-unangenehme Untersuchung verwickelt und die Schrift konfisziert. Aber
-da es ihm gelang, den Wahrheitsbeweis zu erbringen, mußte das Verfahren
-nach § 184 Abs. 1 RStrGB. eingestellt und die Broschüre frei gegeben
-werden.</p>
-
-<p>Statt nun, daß die Frommen voller Entrüstung sich vom System der
-Beichte oder mindestens dessen Handhabung abgewandt hätten, verfolgen
-sie Matthes heute noch mit Feuereifer nach dem altbewährten deutschen
-Prinzip, nicht den Brandleger zu bekämpfen, sondern den Passanten, der
-»Es brennt« ruft.</p>
-
-<p>Bezeichnend für die Kampfesweise ist u.&nbsp;a. der in Nr. 410 der
-Münchener Neuesten Nachrichten vom Jahre 1909 abgedruckte Brief des
-Gymnasialrektors Dr. J. Straub. Darin heißt es: »... Wohl aber begab
-ich mich vor einiger Zeit... zu sämtlichen hiesigen Buchhandlungen
-und erklärte dort, ich müßte den Schülern das Betreten ihrer
-Geschäftsräume unter Androhung der schwersten Strafen verbieten, wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[S. 157]</span>
-sie das angedeutete Preßerzeugnis auf Lager hielten. Damit tat ich
-lediglich meine Pflicht und erfüllte einen ausdrücklichen Auftrag des
-k. Staatsministeriums. Auch an Herrn Bürgermeister Dr. Matt wandte
-ich mich mit der Anfrage, ob von Polizei wegen gegen die Verbreitung
-solcher Produkte nicht vorgegangen werden könnte.«</p>
-
-<p>In diesem Schriftchen, dessen Wahrheit also gerichtlich festgestellt
-wurde, finden sich folgende Proben aus der Beichte:</p>
-
-<p>Ich war 14 Jahre alt und legte meine Osterbeichte ab.</p>
-
-<p>»Hast du Unzüchtiges getan?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Hast du dich niemals angerührt?«</p>
-
-<p>»Nein, nur wenn ich’s mußte.«</p>
-
-<p>»Hast du niemals mit der Hand dich an schamhafter Stelle angefaßt,
-jenen Teil in die Hand genommen und hast so gesündigt?«</p>
-
-<p>»Aber nein.«</p>
-
-<p>»Hast du nie etwas Besonderes aus deinem schamhaftesten Teil kommen
-sehen oder das gefühlt, wenn du im Bett lagst?«</p>
-
-<p>»Nein, Hochwürden.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Schon oft hatte ich so etwas von Kameraden gehört, die der Beichtvater
-auch so ausgefragt hatte. Aber ich verstand all das nicht. Am Abend
-nach jener Beichte lag ich unruhig im Bett. Es war mir so heiß, so
-schwül.</p>
-
-<p>Meine Beichte fiel mir ein.</p>
-
-<p>Ich warf Bett und Decke zurück, damit ich nicht so heiß bliebe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[S. 158]</span></p>
-
-<p>Ich mußte am nächsten Morgen kommunizieren. Ach, wie ist das, wenn man
-so ist, wie der Beichtvater heute gesagt hat? Ich preßte die Schenkel
-aufeinander. Es half nichts. So war ich noch niemals.</p>
-
-<p>»Hast du...?« »Hast du...?« »Tatest du...?«</p>
-
-<p>Die Fragen gingen mir immer schneller durch den Kopf. »Vater unser...«
-Meine Sinne waren nicht beim Beten, sondern bei der Beichte.</p>
-
-<p>Die Hand... »Hast du noch nie...?« »Hast du niemals...?«</p>
-
-<p>Gott, Gott, wie <em class="gesperrt">reizten</em> mich diese Fragen, so oft ich daran
-dachte.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen konnte ich <em class="gesperrt">nicht</em> kommunizieren. »Ich habe aus
-Versehen nach 12 Uhr noch ein bißchen Brot gegessen,« belog ich meinen
-Religionslehrer.</p>
-
-<p>Bei der nächsten Beichte aber mußte ich antworten: »Ich habe es getan.«</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wie Matthes bei einem Augustiner einige Zeit später beichtet, der ihn
-gleich fragt, wo er wohnt und sich nach den Töchtern der Wirtsleute
-erkundigt, erzählt er folgendermaßen:</p>
-
-<p>»Die eine heißt Emmy und die andere Anna?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Hast du mit diesen noch nicht unschamhaft verkehrt?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Hast du sie nicht mit lüsternen Blicken angesehen? Auch das ist eine
-Sünde.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[S. 159]</span></p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Hast du sie nicht, auch nicht wie zum Scherz, an der Brust gefaßt?
-Oder am Schenkel, oder gar dazwischen, über oder unter dem Kleid, oder
-dorthin lüstern gesehen?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>Matthes bekam drei »Vaterunser« und »Gegrüßet seist du, Maria«, nebst
-einem Rosenkranz als Buße auf.</p>
-
-<p>Hinfort konnte er die Töchter seiner Wirtsleute nicht mehr so ruhig
-ansehen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wir wollen den Fall des Pater Sanktes, eines Religionslehrers an
-unteren Klassen, der sich an seinen Schülern sittlich verfehlt,
-übergehen, da einzelne Entgleisungen überall vorkommen können. Ob
-Sanktes wirklich, wie er klagte, in der Beichte von der Versuchung
-besiegt wurde, bleibe dahingestellt. Wichtiger ist die Feststellung
-des Matthes, daß er von <em class="gesperrt">sämtlichen</em> Beichtvätern mit alleiniger
-Ausnahme von zweien, mit ähnlichen Fragen gequält wurde. Sogar ob
-sie mit ihrer Schwester zusammen geschlafen hätten, wurden die Buben
-gefragt.!!</p>
-
-<p>Ein Schüler erhängte sich aus Furcht vor den Folgen des Lasters, das er
-in der Beichte gelernt hatte.</p>
-
-<p>Ein Beichtvater fragt: »Hast du dich nie, vielleicht unter einem
-harmlosen Vorwand, an den Beinen gefaßt?«</p>
-
-<p>»Nein, nein.«</p>
-
-<p>»Hast du niemals ein Mädchen geküßt?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Hast du dabei sinnliche Gefühle erweckt, indem<span class="pagenum"><a id="Seite_160"></a>[S. 160]</span> du vielleicht deine
-Knie oder deinen Körper an sie gepreßt hast, oder deine Brust? Oder
-hast du mit deiner Zunge zwischen ihren Lippen geleckt?«</p>
-
-<p>»Aber nein.«</p>
-
-<p>»Hast du auf einem Schoße einer weiblichen Person gesessen und dabei
-Böses gedacht?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Auch bei deiner Mutter nicht?</em>«</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Von der Art eines Ordensgeistlichen, die Beichte bei Mädchen anzuhören,
-berichtet Matthes:</p>
-
-<p>Die kleine Bertha war Erstkommunikantin und wird, nachdem der Pater
-jedes Gebot einzeln durchgegangen ist, auch nach dem sechsten gefragt.</p>
-
-<p>»Hast du niemals mit Buben gespielt?«</p>
-
-<p>»Ja, oft.«</p>
-
-<p>»Hast du sie auch berührt?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Sie dich auch?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Natürlich, um Schlechtes zu tun!«</p>
-
-<p>»Aber nein, nein, so nicht! Gespielt, so gespielt halt, Nachlaufen,
-Verstecken, Fangen und so, und so anderes.«</p>
-
-<p>»Lüge nicht! <em class="gesperrt">Ich habe es gesehen</em>, wie dich Buben angegriffen
-haben.«</p>
-
-<p>»Aber nein, nein!«</p>
-
-<p>»Hast du dich selbst angegriffen?«</p>
-
-<p>»Ja; nein, so nicht, wie Sie wieder denken!«</p>
-
-<p>»Gewiß, du hast es getan! <em class="gesperrt">Ich weiß es.</em> Du hast dich angerührt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[S. 161]</span></p>
-
-<p>»Aber nein doch, nein!«</p>
-
-<p>»Sagst du gleich ja? Willst du gleich ja sagen? Nun, wird es bald,
-willst du ja sagen?«</p>
-
-<p>Dabei polterte der Beichtvater wider das Gitter, das ihn von seinem
-Beichtkind trennte. Und bebend kam es da von den Lippen:</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Nun, mit der Hand oder mit dem Stöcken.«</p>
-
-<p>Keine Antwort.</p>
-
-<p>»Mit der Hand oder mit dem Stöcken?«</p>
-
-<p>Wieder schwieg die Kleine.</p>
-
-<p>Da polterte Hochwürden wieder und leise sagte das Kind:</p>
-
-<p>»Mit der Hand.« Nur, damit Hochwürden zufrieden war.</p>
-
-<p>»Sag, hast du auch mit einem Hund dich abgegeben?« usw. usw.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Man kann sehr freie Ansichten haben und wird doch voller Empörung sich
-von dieser systematischen Jugendverderbnis abwenden. Gesellt sich dazu
-aber die Scheinheiligkeit und Prüderie der schwarzen Rotte, dann kann
-der ehrliche Mann nur bedauern, sich voll Ekel abwenden zu müssen,
-statt mit einem kräftigen Fußtritt die ganze Gesellschaft an die Luft
-zu setzen.</p>
-
-<p>Aber was nützt die Keuschheit in Worten, wenn <em class="gesperrt">die in Werken
-fehlt</em>! Wenn es auch sehr zu beklagen ist, daß in dieser Hinsicht
-nicht so viel geschieht, wie zur Reinhaltung der Literatur, so ist doch
-schon der Anfang zu begrüßen. Die <em class="gesperrt">Keuschheits<span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[S. 162]</span>gürtel werden nämlich
-wieder modern</em>! Das beweist nachstehende Geschichte. Heil allen
-Tugendhaften! Halleluja!</p>
-
-<p>Der Apotheker Parat wurde im Februar 1910 in Paris zum Gegenstand
-des Interesses der ganzen Welt, weil sich herausstellte, daß er aus
-Eifersucht seine Frau in Ketten legte und durch Keuschheitsgürtel ihre
-Treue sich sicherte. Würde es sich hier um die wahnsinnige Handlung
-eines einzelnen handeln, dann könnten wir sie so wenig unter die
-Kultur-Kuriosa aufnehmen, wie die Prozesse in Madrid im Jahre 1892 und
-in Paris 1899 aus dem gleichen Grunde. In beiden wurden die Männer
-bestraft, weil ein gewaltsamer Zwang vorlag. Es handelt sich hier aber
-keineswegs um Unica, vielmehr sind noch heute Keuschheitsgürtel bei
-uns in Gebrauch. Es existiert sogar eine <em class="gesperrt">Industrie</em>, die solche
-»Edozone« erzeugt. Dem Pariser Korrespondenten des Berliner Tageblattes
-fielen zwei solcher Geschäftsanzeigen in die Hände, aus den Jahren 1879
-und 1885, die eine aus Paris, die andere aus einem Orte im Departement
-Aveyron. In ihnen werden Keuschheitsgürtel je nach der Ausführung im
-Preise von 120&ndash;380 Frs. angeboten. Die Verfasser der Prospekte waren
-zweifellos geschichtlich unterrichtete Persönlichkeiten. Der eine
-rechtfertigt sein Angebot wie folgt: »Man wird sagen, ein verrücktes
-Unternehmen: aber wer ist verrückter, der Mann, der die Zwangsjacke
-erfunden hat, oder der Wahnsinnige, dem sie angelegt werden muß?«</p>
-
-<p>Dr. Cabanès, der bekannte Sammler von geschichtlichen Kuriositäten,
-erzählt, daß es in Paris Fabrikanten gibt, die diese merkwürdigen
-Instrumente auf Be<span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[S. 163]</span>stellung anfertigen und Ehemänner und Liebhaber, die
-sie für teures Geld kaufen und natürlich ihren Freundinnen anlegen.
-Das schönste Exemplar, das Cabanès gesehen hat, war ein Gürtel mit
-kostbarem Goldbeschlag und ziseliertem Schloß und wurde zum Preise von
-500 Frs. von einer Demimondaine der Rue de Penthicore einem Sammler zum
-Kaufe angeboten.<a id="FNAnker_157" href="#Fussnote_157" class="fnanchor">[157]</a></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164"></a>[S. 164]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Siebenter_Abschnitt"><span class="s5">Siebenter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Frömmigkeit</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Alle frühmittelalterlichen Heiligen zeichneten sich schon in früher
-Jugend durch hohe Begabung aus, so daß sie an Sitten und Erfahrung
-Greisen glichen. Juvenis senex, greisenhafter Jüngling, war, anders wie
-heute, höchstes Lob und daher stehende Redensart. Dieser Abgeklärtheit
-entsprach auch der Tatendrang, der dem hl. Bernward von Hildesheim
-wiederholt den Ehrentitel einer »mater ecclesiae«, dem Sankt Johann
-sogar den einer »virgo egregius«, einer ausgezeichneten <em class="gesperrt">Jungfrau</em>
-einträgt. Auf <em class="gesperrt">einem</em> Gebiet aber kannten Erfindungsreichtum und
-Energie der frommen Männer keine Grenzen: auf dem der Sonderbarkeiten.
-Quaeque extrema semper appetiit (Was es nun Sonderbares gab, erstrebte
-er immer), heißt es von Angilram<a id="FNAnker_158" href="#Fussnote_158" class="fnanchor">[158]</a>, und das trifft den Nagel auf den
-Kopf. Es waren wirklich auch für ihre Zeitgenossen sonderbare Heilige,
-und doch ist die Art ihres Wirkens, da es in fast gleicher Weise stets
-wiederkehrt, so charakteristisch, ja sogar typisch, daß es wohl mit
-in erster Linie dazu führte, ihnen Heiligenqualitäten zu verleihen,
-lag ihm doch das tiefernste Bestreben<span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[S. 165]</span> zugrunde, durch Überwindung der
-Welt den Himmel zu erobern. Diese Eroberung, im strategischen Plane bei
-allen gleich, wird taktisch verschieden in Angriff genommen.</p>
-
-<p>Am harmlosesten erscheint uns das Streben, ein »Bild« der Demut und
-Milde abzugeben. Kein Abschied ohne Tränenfluten, keine Verzeihung,
-ohne daß die Umstehenden mit dem am Boden sich Windenden nicht
-mitgeweint hätten. Die Kunst, nach Belieben zu weinen &ndash; wir reden
-despektierlich in solchen Fällen von Krokodilstränen &ndash;, die gratia
-lacrimarum galt als eine jener Himmelsgaben, die nur dem Erwählten
-zuteil werden. Kaiser Otto III. und der hl. Bernward weinten beim
-Abschied so heftig, daß sie sich schämten, unter die Leute zu gehen,
-Alfkerus weinte, wenn er die hl. Messe las, so ausgiebig, daß der
-größte Teil seines Körpers naß wurde; Eid von Meißen hatte vom
-vielen Weinen immer entzündete Augen. Eine Gelegenheit, in Tränen
-zu zerfließen, durfte, wer nur einigermaßen auf Heiligkeit oder
-Heiligmäßigkeit Anspruch erheben wollte, niemals ungenutzt vorübergehen
-lassen. Ob es sich um Reue, Erbitten einer Gnade, Beichte, Messe oder
-Gebet handelte, wer nur irgend konnte, weinte. Die Tränenfröhlichkeit
-besonders des 10. Jahrhunderts kann kühn mit der der Wertherzeit in
-Konkurrenz treten. So <em class="gesperrt">tadelt</em> Adam von Bremen an den Dänen, daß
-sie Tränen und Wehklagen aus Reue oder sogar für Tote verabscheuten.
-(Mon. germ. SS. VII, p. 336.)</p>
-
-<p>Ernster schon waren die Kasteiungen durch Geißelung, Entzug des
-Schlafes, Hunger und Durst, besonders wirksam aber die Handlungen,
-die dem<span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[S. 166]</span> Bestreben, der Niedrigste von allen zu sein, ihr Dasein
-verdankten. Adalbert von Bremen bittet seinen Feind, der ihn
-mißhandelt, um Verzeihung.<a id="FNAnker_159" href="#Fussnote_159" class="fnanchor">[159]</a> Johann von Gorze hat über jeden
-heiteren Augenblick nachträglich die schwersten Gewissensbisse. Er
-putzt (wie auch der hl. Adalbert) seinen Mitbrüdern oder gar dem
-Gesinde die Stiefel, sogar gegen deren Willen, buttert, bis ihm der
-Schweiß kommt und flickt in den nächtlichen Mußestunden Netze, ja,
-er reinigt oft die Latrinen! Ganz ähnlich handelt Angilram.<a id="FNAnker_160" href="#Fussnote_160" class="fnanchor">[160]</a> Die
-Königin Mathilde begibt sich nur scheinbar zur Ruhe, verläßt vielmehr
-ihr Lager, sobald alles schläft und tut die Nacht durch Gutes, um dann
-morgens, von niemand bemerkt, wieder ihr Lager aufzusuchen. Sie dringt
-auch heimlich in die Zellen, um beim Baden der Armen behilflich zu
-sein, während sie sich selbst Bäder versagt.<a id="FNAnker_161" href="#Fussnote_161" class="fnanchor">[161]</a> Der stolze Adalbert
-von Bremen wusch vor dem Schlafengehen 30 und mehr Bettlern die Füße.
-Ähnliches hatte schon die Tochter König Chilperichs von Burgund,
-Chrotechilde, getan, wie Fredegar erzählt. Brun von Köln, der Bruder
-Ottos des Großen, sitzt im Schafpelz unter Königen.<a id="FNAnker_162" href="#Fussnote_162" class="fnanchor">[162]</a> Fast keiner
-aber gönnt sich den damals so beliebten Genuß eines Bades, und doch
-berichten die Biographen von der Schönheit ihrer Helden!</p>
-
-<p>Diese Kasteiungen müssen für sehr harmlos gelten im Vergleich zur Sitte
-der ersten Christen, <em class="gesperrt">sich zu entmannen</em>. Justinus erzählt von dem
-Gesuche eines Christen in Alexandrien an den Präfekten Felix: er möchte
-einem Arzt gestatten, ihn zu entmannen. Denn ohne diese Genehmigung
-durften die Ärzte die Operation nicht vornehmen. <em class="gesperrt">Origenes entmannte<span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[S. 167]</span>
-sich selbst</em> und das Konzil zu Nicäa von 325 sah sich genötigt,
-Stellung zu nehmen zu der Frage dieser Verstümmelung.<a id="FNAnker_163" href="#Fussnote_163" class="fnanchor">[163]</a></p>
-
-<p>Rühmend erzählt der Biograph vom hl. Ulrich, daß er sich zwar das
-Gesicht wusch, aber nicht badete, außer an drei Festtagen im Jahre.
-Dafür wusch er aber eigenhändig 12 Armen die Füße. Der Königssohn
-Brun war nicht weniger wasserscheu wie Johann von Gorze, der auch
-Medikamente verschmähte. Angilram badete auch nicht.<a id="FNAnker_164" href="#Fussnote_164" class="fnanchor">[164]</a> Waren die
-frommen Männer so auch zu Lebzeiten keine Nasenweide der frommen
-Gemeinde, so holten sie das doch im Tode nach. Denn dann entströmten &ndash;
-das müssen wir wohl oder übel den Chronisten glauben &ndash; den Särgen der
-frommen Männer liebliche Düfte. Von Eid, Ansfrid, Evergerius von Köln
-und Udalrich wird es wenigstens ausdrücklich erzählt.<a id="FNAnker_165" href="#Fussnote_165" class="fnanchor">[165]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das Weinen gehörte auch noch zur Zeit der Kreuzzüge selbst beim Militär
-zur Frömmigkeit. Der Chronist erzählt: »Es war Sitte im Heere, daß
-in jeder Nacht, ehe sie sich zum Schlafen niederlegten, ein dazu
-bestimmter Mann mit lauter Stimme inmitten des Heeres den gewöhnlichen
-Spruch rief: ›Hilf, heiliges Grab!‹ In diesen Ruf stimmten alle ein,
-wiederholten ihn, streckten mit reichlichen Tränen die Hände zum Himmel
-empor und erflehten Gottes Barmherzigkeit und Hilfe. Dann hub der
-Herold selbst wieder an, indem er wie vorher ausrief: ›Hilf, heiliges
-Grab!‹ Und alle wiederholten es; und als er gleichfalls zum dritten
-Male rief, so taten es ihm alle<span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[S. 168]</span> nach mit großer Herzenszerknirschung
-und unter Tränen. Wer würde dies in solcher Lage nicht tun? da doch
-schon diese Tatsache zu berichten Tränen den Hörern entlocken kann.
-Durch diese Anrufung schien das Heer sich gar sehr gestärkt zu
-fühlen.<a id="FNAnker_166" href="#Fussnote_166" class="fnanchor">[166]</a>«</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die durch Schönheit, Klugheit, Sittenstrenge und Frömmigkeit
-ausgezeichnete Athenerin <em class="gesperrt">Irene</em> wurde durch den Tod ihres
-Gemahles, des Kaisers Leo IV., im Jahre 780 für ihren zehnjährigen
-Sohn Regentin des byzantinischen Reiches. Als der Sohn regierungsfähig
-geworden war, ließ sie die Truppen auf die noch nie dagewesene Formel
-»Solange du lebst, werden wir uns deinen Sohn als Kaiser nicht gefallen
-lassen« schwören. Doch der Staatsstreich mißlang, Irene wurde von der
-Regierung entfernt, und Konstantin VI., der zuerst sieben Jahre mit
-Karls des Großen Tochter Rothrude verlobt gewesen war, kam endlich
-zur Herrschaft. Aus Gutmütigkeit verzieh er schon nach einem Jahre
-seiner Mutter und setzte sie wieder in ihre bevorzugte Stellung ein.
-Nach fünfjähriger Wühlarbeit gegen den tapferen Sohn machte sie ihn
-unpopulär. Dann riet sie ihm, seine Gemahlin zu verstoßen und die
-schöne Hofdame Theodote zu heiraten (795). Jetzt war der Kaiser
-verloren. Die Kirche trat wegen des ungesetzlichen Schrittes gegen ihn
-auf, Irene nahm ihn gefangen und ließ ihm in demselben Purpurgemache
-des Kaiserpalastes, in dem sie ihm das Leben gegeben hatte, <em class="gesperrt">durch
-den Henker die Augen ausstechen</em>! Wiewohl die Verstümmelung mit
-besonderer Grausamkeit aus<span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[S. 169]</span>geführt war und in der Absicht, seinen Tod
-zu veranlassen, ohne der Mutter das Odium der Mörderin aufzuladen,
-lebte der Kaiser noch einige Jahre. Irene aber nahm mit Ignorierung
-ihres Geschlechtscharakters den Titel »Kaiser« an. Doch schon 802
-fiel sie, deren Ehrgeiz eine Ehe mit Karl dem Großen im Bereiche der
-Möglichkeit gehalten hatte, als Opfer einer Revolution. Sie starb
-einsam und verlassen 803 auf Lesbos.</p>
-
-<p>Die byzantinischen Schriftsteller finden für diese Kaiserin kaum
-ein Wort des Tadels. War sie doch die Wiederherstellerin der
-Bilderverehrung. Als <em class="gesperrt">Heilige</em> gehört sie dem Himmel der
-griechisch-katholischen Kirche an.<a id="FNAnker_167" href="#Fussnote_167" class="fnanchor">[167]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Robert von Arbrissel (Albresec in der Bretagne), der Stifter des Ordens
-von Fontaevraud hatte eine sonderbare Probe seiner Keuschheit ersonnen.
-Er ging nicht nur in <em class="gesperrt">Bordelle</em> und bewog durch seine Predigt die
-Prostituierten, <em class="gesperrt">fromm</em> zu werden &ndash; und zwar so viele, daß er
-für sie drei Klöster errichten mußte, von denen deshalb das eine de la
-Magdelaine benannt wurde, <em class="gesperrt">er schlief auch öfter zwischen zwei Nonnen
-&ndash; nackt natürlich, gemäß der damaligen Sitte &ndash;, bloß um die Kraft des
-Willens über das Fleisch zu erproben</em>.</p>
-
-<p>Der Abt Gottfried von Vendome tadelte ihn wegen der unklugen Erfindung
-dieses neuen Martyriums; Marbod, Bischof von Rennes, aber ermahnte
-ihn, sich solchen Verführungen nicht auszusetzen, die<span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[S. 170]</span> den guten Ruf,
-wenn auch nicht die Seele verwundeten. Er tadelte ihn auch, daß er in
-haarigem Fell und zerrissenen Kleidern, mit halbnackten Hüften, langem
-Bart, abgeschnittenem Haupthaar und bloßen Füßen gehe.<a id="FNAnker_168" href="#Fussnote_168" class="fnanchor">[168]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das Mittelalter in seinem Kinderglauben suchte Befreiung von Sünden,
-weniger durch innere Einkehr, als dadurch, daß es durch weite Reisen,
-nach Rom, Jerusalem oder an andere geheiligte Orte, räumlich der
-Gnadenquelle nahte. Jeglicher Schmerz, jede Form irdischer Qual, selbst
-jedes Verbrechen konnte sich hoffend nach Rom wenden, um zu den Füßen
-des Papstes Erlösung zu empfangen. Aber neben wahrhaft Reuigen, die
-in hellen Haufen jahrhundertelang den Weg über die Alpen einschlugen,
-befand sich auch manch räudiges Schaf. Ja, die damaligen Anschauungen
-trieben entsittlichte Menschen, fluchwürdige Verbrecher, die heute
-in Gefängnissen sorgfältig vom Kontakt mit der Mitwelt ferngehalten
-werden, zu solchen Pilgerfahrten, trugen sie ihnen doch neben der
-Hochachtung vor freiwilliger Buße auch noch <em class="gesperrt">sicheren Unterhalt</em>
-ein.</p>
-
-<p>Der Schuldige ward in die Welt geschickt, versehen mit einem Schein
-seines Bischofs, welcher ihn als Mörder oder Blutschänder offen
-bezeichnete, ihm seine Reise, ihre Art und Dauer vorschrieb, und ihn
-zugleich mit einer <em class="gesperrt">Legitimation</em>, entsprechend unseren Pässen,
-versah. Er zeigte seine Legitimation allen Äbten und Bischöfen der
-Orte vor, durch welche er<span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[S. 171]</span> kam. Diesem Verdammungs- und gleichzeitigen
-Empfehlungsbrief verdankte er <em class="gesperrt">überall gastliche Aufnahme</em>.
-Deshalb hüllten sich nicht selten Gauner, die gar kein schweres
-Verbrechen begangen hatten, in die Maske der scheußlichsten Untat.
-So hatten sie Gelegenheit zu sorgenfreier Reise und Aussicht auf
-betrügerischen Gewinn. In Ketten, mit schweren Eisenringen um Hals
-und Arme, halbnackt zogen sie mit ihren falschen Pässen durch die
-Länder, stellten sich auch vielfach besessen, warfen sich vor den
-Heiligenbildern der Kirchen und Klöster nieder und erlangten, indem
-sie durch deren Anblick plötzlich zur Besinnung gekommen zu sein
-vortäuschten, von den beglückten Mönchen Geschenke.</p>
-
-<p>Bezeichnend für die Sitten, die in solchen Pilgergesellschaften
-herrschten, ist, daß schon 744 der Erzbischof Bonifazius von Mailand an
-Cutbert von Canterbury schrieb, die Synode möge den Frauen und Nonnen
-solche Reisen untersagen, »weil <em class="gesperrt">viele von ihnen zugrunde gehen,
-wenige aber unberührt heimkehren. Denn es gibt in der Lombardei nur
-sehr wenige Städte, desgleichen in Franzien oder Gallien, in denen
-sich nicht eine Ehebrecherin oder Prostituierte aus englischem Stamme
-befindet.</em>«</p>
-
-<p>Viele erlagen also den Versuchungen der Pilgerfahrten. Deshalb
-<em class="gesperrt">verbot auch die Synode von Friaul 791 bereits den Nonnen, nach Rom
-zu pilgern</em>.<a id="FNAnker_169" href="#Fussnote_169" class="fnanchor">[169]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[S. 172]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wahre Frömmigkeit römischer Observanz, überall zu finden, wo die
-kasuistische Pseudomoral der Kirche herrscht, lehrt uns ein niedliches
-Geschichtchen kennen, das ebensogut heute passiert sein könnte, wie
-im Jahre 1580 und überaus bezeichnend ist für die Denkweise weitester
-Kreise unter dem segenspendenden Krummstab.</p>
-
-<p>Montaigne erzählt: »Un quidam etant avecques une courtisane, et couché
-sur un lit et parmi la liberté de cete pratique-là, voila sur les
-24 heures l’Ave Maria soner: <em class="gesperrt">elle se jeta tout soudein, du lit à
-terre, et se mit à genous pour faire sa priere</em>. Etant avecques un
-autre, voila la bone mere (car notammant les jeunes ont des vielles
-gouvernantes, de quoi elles font des meres ou des tantes), qui vient
-hurter à la porte, et avecques cholere et furie arrache du col de cette
-jeune un lasset qu’elle avoit, où il pandoit une <em class="gesperrt">petite Notre-Dame,
-pour ne la contaminer de l’ordure de son peché</em>; la jeune santit
-un’extreme contrition d’avoir oblié à se l’oster du col, come ell’avoit
-acostumé.«<a id="FNAnker_170" href="#Fussnote_170" class="fnanchor">[170]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als Montaigne in der Karwoche 1581 in Rom weilte, sah er eine ungeheure
-Prozession mit Fackeln &ndash; er schätzt deren Anzahl auf 12000 &ndash;, die
-sich, in Büßerkompanien geteilt, gegen St. Peter bewegte. Musikkapellen
-waren im Zuge verteilt und Lieder wurden unausgesetzt während des
-Marsches gesungen. Inmitten jeder Gruppe, deren es wenigstens 500 gab,
-schritt eine Reihe von <em class="gesperrt">Büßern</em>, die sich mit einem<span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[S. 173]</span> Tau (corde)
-den <em class="gesperrt">Rücken in bemitleidenswerter Weise blutig schlugen</em>.</p>
-
-<p>»Das ist ein Rätsel, das ich noch nicht recht verstehe, aber alle
-sind braun und blau geschlagen (meurtris) und grausam verwundet und
-martern und schlagen sich unaufhörlich. Sehenswert ist ihre Fassung,
-die Sicherheit ihrer Schritte, die Festigkeit ihrer Worte (denn ich
-hörte mehrere sprechen) und ihr Gesicht (denn mehrere waren in der
-Straße barhäuptig). Es erweckte keineswegs den Anschein, als seien sie
-in einer schmerzvollen Tätigkeit, noch in einer ernsten begriffen, und
-junge Leute von zwölf oder dreizehn Jahren waren darunter. Dicht bei
-mir war ein sehr Junger mit angenehmem Gesicht; eine junge Frau sprach
-ihr Bedauern aus, ihn sich so verwunden zu sehen. Er wandte sich zu
-uns und sagte ihr lachend: ›Genug, sage dir, daß ich das für deine
-Sünden tue und nicht für meine eignen.‹ Sie zeigen bei dieser Tätigkeit
-nicht nur keine Angst oder Zwang, sondern sie tun es mit Freude oder
-mindestens mit solcher Gleichgültigkeit, daß du sie sehen kannst, wie
-sie sich mit anderen Dingen beschäftigen, lachen, sich auf der Straße
-zanken, laufen, springen, wie es in einem so großen Gedränge, wo die
-Reihen in Unordnung geraten, passiert. Unter ihnen gibt es Leute, die
-Wein tragen, um ihnen zum Trinken anzubieten: niemand nimmt einen
-Schluck. Man gibt ihnen auch Zuckerwerk, und die, welche Wein tragen,
-nehmen häufig davon in den Mund und dann spucken sie ihn wieder aus und
-benetzen damit das Ende ihrer Geißel, das aus einem Strick besteht und
-sie sind derart mit Blut beklebt, daß man sie begießen muß,<span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[S. 174]</span> um sie
-auseinander zu bringen; einige blasen den Wein auf ihre Wunden. Nach
-ihrem Schuhwerk und Strümpfen zu urteilen sind es Leute sehr niederen
-Standes, die sich für diesen Dienst vermieten, wenigstens die Mehrzahl.
-Man sagte mir wohl, daß man ihre Schultern mit etwas polstert, aber
-ich habe die Wundmale zu frisch gesehen und die Attacken so lange
-fortgesetzt, daß es kein Heilmittel zur Beseitigung der Empfindung
-gibt. Und wozu würde man sie mindern, wenn alles Spiegelfechterei
-wäre?«<a id="FNAnker_171" href="#Fussnote_171" class="fnanchor">[171]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Keyßler, der 1730 in Rom war, erzählt: »Am grünen Donnerstag kamen
-etliche geistliche Brüderschaften und eine volkreiche Prozession von
-andern Leuten nach der St. Peterskirche. Unter dieser Gesellschaft
-fanden sich zehn bis zwölf maskierte Personen, welche ihre entblößten
-Rücken mit vielen Riemen, an deren Enden eiserne Stifte waren, also
-zerschlugen, daß man es nicht ohne Ekel ansehen konnte, und die
-Stellen, wo sie sich etwas aufgehalten hatten, an dem Blute auf dem
-Fußboden der Kirche zu erkennen war. Hinter einem jeden solchen
-eigenmächtigen Märtyrer oder im Beichtstuhle dazu verurteilten
-Missetäter, wurde eine brennende Fackel getragen und oftmals an den
-zerfleischten Rücken gehalten, damit das Blut nicht gerinnen sollte.«</p>
-
-<p>In einer unterirdischen Kapelle der Jesuiten bekam jeder Eintretende,
-hinter dem die Türe gleich verschlossen wurde, tüchtige Geißeln, »die
-sich in sieben bis acht Ende oft geknüpfter Reifschnüre verteilten«.
-Ein Jesuit erinnerte &ndash; es war Karfreitag &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[S. 175]</span> an die Leiden Christi
-und forderte zur Nachahmung auf. Die Lichter wurden ausgelöscht, die
-Litanei gesungen und jedermann geißelte sich. Und zwar geschahen die
-Ermahnungen und die darauf folgenden Geißelungen dreimal.<a id="FNAnker_172" href="#Fussnote_172" class="fnanchor">[172]</a></p>
-
-<p>Welche Ähnlichkeit mit dem alljährlich im Orient stattfindenden Umzug
-der Perser zur Erinnerung an Alis Tod!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Übrigens ließen sich auch Herrscher geißeln. Kaiser Heinrich III.
-legte nie seinen königlichen Ornat an, bevor er sich dieser Züchtigung
-unterworfen hatte. König Otto IV. ließ sich auf dem Totenbette bis aufs
-Blut schlagen und noch der große Kurfürst Maximilian I. von Bayern
-(1598&ndash;1650) ließ mit eigener Hand Schläge auf seinen entblößten Rücken
-fallen.<a id="FNAnker_173" href="#Fussnote_173" class="fnanchor">[173]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Keyßler erzählt von einer sonderbaren Sitte, die in Loretto herrschte.
-»Die <em class="gesperrt">Kastraten</em>, so in der Musik der Santa Capella gebraucht
-werden, lesen hier gleichfalls <em class="gesperrt">Messe</em>, und tragen <em class="gesperrt">währen
-der selbigen ihre abgeschnittenen Testiculos und andere dergleichen
-Pertinentien in einer Schachtel in der Tasche bey</em> sich, vermuthlich
-weil sie nach der Mathematik werden behaupten wollen, daß <span class="zaehler">99</span>&frasl;<span class="nenner">100</span> und
-<span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">100</span> allezeit ein Ganzes ausmachen. In Rom höret man von dergleichen
-Gewohnheit nicht, in dem oberen Theile von Italien aber ist die Sache
-nicht ungewöhnlich.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[S. 176]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Maranen, d.&nbsp;h. zwangsweise getaufte Juden der Pyrennäenhalbinsel,
-die im geheimen noch dem Glauben ihrer Väter anhingen, heirateten auch
-in der Regel untereinander und mußten deshalb häufig die päpstliche
-Ehedispens einholen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts erlebten diese
-Maranen eine religiöse Renaissance. Sie ließen sich einen gewissen
-Rabbi Falcon aus Jerusalem kommen, um die vollkommene Wahrung der
-orthodoxen Riten und Gebräuche zu gewährleisten. Damals traten viele
-noch im Alter zum Judentum öffentlich über und ließen sich beschneiden.
-Sehr sonderbar aber ist der Brauch, daß manche, die wegen vorgerückten
-Alters vor den Schmerzen einer Beschneidung zurückscheuten, wenn
-sie sich auch offen zum Judentum bekannten, <em class="gesperrt">diese Operation
-nach dem Tode an sich vornehmen ließen</em>. Jakob de Mezas hat in
-seinem »Mohelbuche« seit dem Jahre 1706 zahlreiche solche Fälle
-registriert.<a id="FNAnker_173a" href="#Fussnote_173" class="fnanchor">[173]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Professor der Dogmatik P. Lépicier, angestellt an der Propaganda
-fidei in Rom, schrieb 1909 unter dem Titel »De stabilitate et progressu
-dogmatis« ein Buch. Er vertritt darin die Ansicht, daß <em class="gesperrt">ein Ketzer
-nicht nur exkommuniziert, sondern von Rechts wegen auch getötet werden
-dürfe</em>. Denn er sei, wie Aristoteles sagt, schlimmer als ein wildes
-Tier, das zu töten ja auch keine Sünde sei. Daß die Kirche das Recht
-habe, einen Ketzer zum Tode zu verurteilen, unterliegt dem milden
-Apostel der christlichen Liebe nicht dem geringsten Zweifel (S. 174
-f.). »Diejenigen katholischen Apologeten irren von der<span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[S. 177]</span> Wahrheit ab,
-die da sagen, die Schuld an solchen Sentenzen (Hinrichtung von Ketzern)
-sei der weltlichen Inquisition zuzuschreiben, oder die feigerweise
-zugestehen, die Kirche habe, dem Zeitgeist folgend, in dieser Sache
-in etwas ihr Recht überschritten« (S. 183 f.). Auch vertritt er die
-Ansicht, man solle Ketzer und Abtrünnige mit Gewalt in den Schoß der
-alleinseligmachenden Kirche zurückführen (S. 190 f.).</p>
-
-<p>Die Propaganda hat die Aufgabe, Missionare auszubilden und ihre
-Zöglinge genießen besondere Auszeichnungen. Die von Kardinal
-Hergenröther herausgegebene Enzyklopädie der katholischen Theologie
-sagt zum Ruhme der Propaganda: »Noch mehr muß das Institut eine Zierde
-in den Augen derjenigen sein, welche zu ermessen wissen, was seine
-Zöglinge seit der Gründung des Hauses Großartiges geleistet haben zur
-Erfüllung des Wortes: Eunte docete omnes gentes &ndash; Gehet und lehret
-alle Völker &ndash;, nicht bloß unter schweißvoller apostolischer Arbeit,
-sondern auch mit dem Opfer des Blutes.«</p>
-
-<p>Daß letzteres gebracht wird, wenn auch wohl weniger von den Bekehrern,
-als von den Bekehrten, darüber können wir uns nach Lépiciers
-Ausführungen beruhigen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Doch wir wollen unsere Blicke abwenden von mittelalterlicher
-Beschränktheit, wie sie in diesen Anschauungen sich äußert und wie
-sie auch die klugen Jesuiten<a id="FNAnker_174" href="#Fussnote_174" class="fnanchor">[174]</a> heute nicht mehr vertreten. Erbauen
-wir uns lieber am Beispiel eines ebenso frommen, wie<span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[S. 178]</span> aufgeklärten
-Mannes, dessen Name in Deutschland genannt wird, wenn es gilt, einen
-Zeugen für die Wohlvereinbarkeit strenger Kirchlichkeit mit wahrhaft
-modernem Empfinden aufzurufen. Wir meinen natürlich den <em class="gesperrt">Kardinal
-Fischer</em> in Köln. Durchdrungen von wahrhaft sittlichem Geiste, Catos
-Vorbild nachahmend, doch, was sage ich, überflügelnd, verbot er den
-Klosterschwestern zu &ndash; <em class="gesperrt">baden</em>! Diese hochmoralische Bestimmung
-ist heute noch in Kraft. Richten wir unsere Herzen auf an diesem
-Beispiel wahrer Frömmigkeit und Keuschheit!<a id="FNAnker_175" href="#Fussnote_175" class="fnanchor">[175]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ja, wir sind wahrhaft fromm. In der Schule beginnt der innere Drang,
-später sorgen Staat und Kirche dafür, daß das Feuer weiterglimmt, ja
-lodert. Oder geht das nicht zwingend daraus hervor, daß es uns nicht
-genügt, wenn ein <em class="gesperrt">Mathematiklehrer</em> Mathematik versteht, sondern
-daß er auch <em class="gesperrt">in der Religion beschlagen sein muß</em>? Kann man
-sich überhaupt etwas Gräßlicheres denken als ketzerische Mathematik
-oder &ndash; fast gerade so schlimm &ndash; Mathematik, vorgetragen von einem
-Ketzer? So denken auch manche deutsche Staaten, vor allem Preußen,
-und fordern deshalb vom <em class="gesperrt">Lehramtskandidaten der Mathematik und der
-Naturwissenschaften</em> ein <em class="gesperrt">Examen in der Religionslehre</em> zum
-Beweise dafür, daß er auch <em class="gesperrt">gut &ndash; heucheln kann</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[S. 179]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Doch nix genaues weiß man nicht &ndash; auch nicht darüber, ob die Kinder
-zeitlebens der Mutter Kirche mit der von einem herrschsüchtigen Klerus
-so sehr erwünschten Treue anhängen werden. Deshalb ist es gut, sich
-rechtzeitig vorzusehen. So dachte auch <em class="gesperrt">Bischof Benzler</em> von Metz
-und erließ im Frühjahr 1909 einen Hirtenbrief gegen die Mischehen.
-Priester sind nun einmal &ndash; das bringt das Amt so mit sich &ndash;
-friedfertige Leute, und besonders die Männer, die Christi Namen täglich
-hundertmal im Munde führen, zeichnen sich durch Sanftmut vor andern
-Sterblichen aus. Sie suchen Trennendes zu überbrücken, Gegensätze zu
-mildern. Gesellt sich nun zur christlichen Liebe auch noch die fürs
-Vaterland, die Einsicht, daß die Blutbäder und brennenden Städte in
-Deutschlands Vergangenheit uns für alle Zeiten ein Memento zurufen,
-wohin konfessioneller Hader führt, dann werden wir des glaubensstarken
-Bischofs Hirtenbrief doppelt zu schätzen wissen.</p>
-
-<p>Er empfiehlt darin wärmstens eine »Eine verbotene Frucht« betitelte
-Schrift. Hier wird den Pfarrern geraten, sie möchten am Kommunionstage
-den Kindern die <em class="gesperrt">schriftliche Erklärung abfordern</em>: »<em class="gesperrt">Ich
-verspreche an diesem schönsten Tage meines Lebens, daß ich niemals eine
-gemischte Ehe eingehen werde</em>«!!!</p>
-
-<p>Die so vergewaltigten Kinder sind elf bis dreizehn Jahre alt!</p>
-
-<p>Um aber auch im späteren Alter den Gefahren der Verseuchung oder
-Ansteckung durch Andersgläubige &ndash; hu! &ndash; möglichst wenig ausgesetzt
-zu sein,<span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[S. 180]</span> gründet man konfessionelle Klubs. So etablierte sich
-vor etlichen Jahren in Kissingen ein <em class="gesperrt">Kränzchen katholischer
-Kurgäste</em>, und neuerdings tat sich auch in <em class="gesperrt">Juist</em> eine
-<em class="gesperrt">Vereinigung katholischer Kurgäste</em>, ein <em class="gesperrt">katholischer
-Strandklub auf</em>.<a id="FNAnker_176" href="#Fussnote_176" class="fnanchor">[176]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>An den bayerischen Gymnasien herrscht Kirchenzwang. Er gründet sich auf
-den letzten Passus des § 1 der »Disziplinarsatzungen für die Schüler
-der Studienanstalten im Königreich Bayern«, mit dem harmlosen Wortlaut:
-»Religiosität betätige der Schüler in seinem ganzen Lebenswandel,
-insbesondere auch in der Ausübung der religiösen Pflichten seines
-Bekenntnisses.</p>
-
-<p>Alle Sonn- und Feiertage haben die Schüler dem Gottesdienst ihrer
-Konfession mit Andacht beizuwohnen.«</p>
-
-<p>Die Forderung der erzwungenen »Andacht« bringt wenigstens eine
-humoristische Note in die Tragik der Anwendung des Paragraphen unter
-ultramontaner Herrschaft. Denn sie ist barbarisch. <em class="gesperrt">Tagesausflüge</em>
-ohne <em class="gesperrt">vorhergehende</em> Genehmigung des Religionslehrers oder
-Konrektors <em class="gesperrt">sind unzulässig</em>! Eine nachherige Erlaubnis wird nicht
-erteilt. Also ist der Familienvater, der wegen des schlechten Wetters
-am Samstag den projektierten Sonntagsausflug fallen ließ, nicht in der
-Lage, seinen Kindern doch die Erholung zu gönnen, wenn das Wetter sich
-aufheitert!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[S. 181]</span></p>
-
-<p>Ein Schüler wurde sogar <em class="gesperrt">bestraft</em>, weil er einen <em class="gesperrt">anderen</em>
-als den vorgeschriebenen Gottesdienst mitgemacht hatte!</p>
-
-<p>Einem anderen wurde <em class="gesperrt">verboten, am Samstag zu seinem in der Nähe
-Münchens wohnenden Vater zu reisen</em>, um wenigstens einen Tag
-wöchentlich im Elternhause zuzubringen. Und das, wiewohl sich der Vater
-für den Besuch der dortigen Messe verbürgte! So blieb dem armen Jungen
-nichts anderes übrig, als erst nach dem sonntäglichen Gottesdienst zu
-fahren.</p>
-
-<p>Im Jahre 1906 mußten die Schüler eines Realgymnasiums <em class="gesperrt">auf den
-zweitägigen Besuch der Landesausstellung in Nürnberg verzichten</em>,
-weil der Professor keine Bürgschaft dafür übernehmen konnte, daß seine
-Zöglinge an beiden Feiertagen die <em class="gesperrt">Messe</em> besuchen würden!</p>
-
-<p>Wie in der bayerischen Abgeordnetenkammer festgestellt wurde, gibt es
-in der Pfalz ein Gymnasium, das eine höchst sinnreiche Kontrolle der
-Schüler eingeführt hat. Jeder erhält eine <em class="gesperrt">Karte</em>, ähnlich den
-Abonnements bei den Friseuren. Verläßt der Schüler die Kirche nach
-absolviertem Gottesdienst, dann wird die Karte <em class="gesperrt">geknipst</em>!</p>
-
-<p>Und doch bestreitet der bekannte Staatsrechtslehrer Max von Seydel,
-daß hier ein Verstoß gegen die verfassungsmäßig garantierte
-Gewissensfreiheit vorliege. Das alles sei kein Zwang, denn niemand sei
-verpflichtet, sich der Staatsanstalten zu bedienen!</p>
-
-<p>Der Gelehrte vergaß, daß nicht jeder als Vanderbild geboren ist.</p>
-
-<p>Und doch ist das alles herzlichst zu begrüßen.<span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[S. 182]</span> Wird doch so eine
-Generation erzogen, die voller Begeisterung für die Trennung von Staat
-und Kirche eintreten wird.<a id="FNAnker_177" href="#Fussnote_177" class="fnanchor">[177]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Doch nicht nur die Seelen müssen vor ketzerischem Gift bewahrt
-werden. Wem es ernst mit seiner Religion ist, wer weiß, was er
-ihr schuldet, der macht hier nicht halt. Er breitet die liebenden
-Arme der Mutter Kirche auch über &ndash; <em class="gesperrt">Würste</em> aus. So lesen
-wir in einer im März des Jahres 1910 im Tauber- und Frankenboten,
-einem in Tauberbischofsheim in Baden erscheinenden ultramontanen
-Intelligenzblatt: »... <em class="gesperrt">auch das kaufende Publikum soll darauf
-sehen, daß es seine Ware bei Bäckern, Metzgern und Kaufleuten in
-Zentrumsblättern eingepackt bekommt</em>.«</p>
-
-<p>Zum Verpacken der Würste mögen sich diese Geistesprodukte allenfalls
-noch eignen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1908 (das Jahrhundert ist zu beachten!) erschien im Verlage
-von Ludwig Auer in Donauwörth unter dem Titel »Die Ehe; eine
-Unterweisung über die sittlichen, religiösen und hygienischen Pflichten
-für Erwachsene, besonders für Braut- und Eheleute« ein Buch, das mit
-dem bischöflichen Imprimatur der Augusta Vindelicorum vom 13. Februar
-1908 (Generalvikar Dr. Göbl) versehen ist, in elfter Auflage.</p>
-
-<p>In diesem frommen Werke wird natürlich auch<span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[S. 183]</span> auf die Wichtigkeit der
-Nottaufe hingewiesen (S. 218 ff.), sowie auf die Maßregeln, die zu
-ergreifen sind, wenn ein Kind bei der Geburt zu sterben droht. Seine
-Seele muß doch davor bewahrt werden, ins Fegefeuer zu kommen!</p>
-
-<p>Jeder sogenannte Abgang, mag er noch so unförmlich sein und vielleicht
-auch gar keine Gestalt haben, ist nur ein verbildetes Menschenwesen und
-seine Seele ist für den Himmel bestimmt. Ist der Abgang der Fehlgeburt
-auch klein und weiß man auch nicht, ob das Wesen noch lebt, <em class="gesperrt">so öffne
-man die dasselbe umgebende Hauthülle und tauche es in das Wasser</em>,
-wobei man die Taufworte spricht und die Bedingung beifügt: »Wenn du
-lebst.« Diese Nottaufe bewirkt <em class="gesperrt">geistliche Verwandtschaft, die ein
-Ehehindernis bildet</em>!</p>
-
-<p>Wegen der Wichtigkeit des Gegenstandes wird die Schrift von J. Neth
-»Die Verwaltung des Priesteramtes« wörtlich zitiert. Sie lautet:</p>
-
-<p>»Wenn bei schweren Geburten zu besorgen steht, es möchte das Kind
-sterben, ehe es vollkommen geboren wird, und wenn es möglich wird,
-demselben mit Wasser beizukommen, so taufet es im Mutterleibe mittels
-einer Röhre oder Spritze, wie sie jede Hebamme haben soll, oder durch
-einen Schwamm, den ihr über das Kind im Mutterleibe auspreßt, und
-sprechet dabei die Worte: ›Wenn du der Taufe fähig bist, usw....‹
-Sollte es sich ereignen, daß nach gespendeter Taufe im Mutterleibe zwei
-oder mehrere Kinder zur Welt kommen, so daß man nicht weiß, welches
-von ihnen die Taufe im Mutterleibe empfangen habe, so müßt ihr jedes
-derselben bedingungs<span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[S. 184]</span>weise »Wenn du nicht schon getauft bist«...
-wiedertaufen«.</p>
-
-<p>Diese Anweisungen sind dem gewissenhaften Verfasser des Ehebüchleins
-anscheinend nicht ausführlich genug. Sein Geist (sit venia verbo!)
-treibt ihn daher, zu der bezeichneten Stelle des Textes folgende
-Anmerkung zu setzen, deren Wert nur der nicht zu würdigen versteht, der
-allen Christentumes bar ist.</p>
-
-<p>Sie lautet: »Das ist übrigens von Unkundigen kaum durchführbar. <em class="gesperrt">Es
-müssen ja die das Kind umgebenden Eihäute zuerst zerrissen sein, damit
-das Taufwasser das Kind treffe und nicht die Eihäute.</em> Da könnte
-man leicht eine Verletzung hervorrufen. Die Taufe im Mutterleibe,
-von nicht genau unterrichteten Personen vorgenommen, hat einen sehr
-zweifelhaften Wert, und ist <em class="gesperrt">wohl nie Gewißheit gegeben, ob das Kind
-wirklich getauft ist</em>. Erst wenn der Kopf teilweise geboren ist,
-resp. sichtbar ist, kann er vom Schleim gesäubert werden und weiß man,
-daß das Taufwasser auch wirklich das <em class="gesperrt">Kind</em> trifft.«</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Aber nicht nur fürs Seelenheil des präsumptiven Täuflings, auch für das
-Wohl der Mutter ist der gewissenhafte Autor besorgt, denn er gibt die
-hygienische Vorschrift: »Um die Gefahr einer Infektion zu vermeiden,
-muß das Wasser abgekocht und ganz rein sein; desgleichen das zur
-Verwendung kommende Instrument.«</p>
-
-<p>Welche Fülle von Frömmigkeit, gepaart mit weltlicher Weisheit, lebt
-doch unter uns! Aber in dieser<span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a>[S. 185]</span> gottlosen Zeit muß der wahre Christ
-das Tageslicht scheuen, damit dort glaubensloses Gesindel (†††)
-Unfug treibt und der christkatholischen Menschheit ein Dorn im Auge
-ist. Darum wählte der Verfasser die Anonymität. Schade, wir hätten
-ihn so gerne mit dem Höllentopographen Professor Bautz künftiger
-Heiligsprechung empfohlen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[S. 186]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Achter_Abschnitt"><span class="s5">Achter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Mein Reich ist nicht von dieser Welt</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>So sagte Christus. Das Papsttum sagte es auch, war aber klug genug,
-anders zu handeln. Mochte es auch die sicherste Anwartschaft auf das
-Himmelreich in der Tasche haben, darum auf Erden leer auszugehen, fiel
-ihm nicht ein. Und man muß es vor allen den Päpsten in Avignon lassen:
-das Scheren der Lämmer hatten sie los.</p>
-
-<p>Da gab es zunächst das <em class="gesperrt">Servitium commune</em>. Jeder Bischof oder
-Abt war zu dessen Zahlung bei Androhung schwerster Kirchenstrafen
-verpflichtet, ehe seine Bestätigungsurkunde ausgehändigt wurde. Diese
-Abgabe betrug den dritten Teil des Jahreseinkommens der Pfründe.
-Während die eine Hälfte in die päpstliche Kasse floß, gehörte die
-andere denjenigen Kardinälen, welche an dem Promotionskonsistorium
-teilgenommen hatten.</p>
-
-<p>Außerdem hatte jeder promovierte Bischof oder Abt <em class="gesperrt">noch fünf servitia
-communia</em> zu zahlen, von denen jedes von derselben Höhe war, wie der
-Betrag, welcher den einzelnen Kardinälen von der zweiten Hälfte des
-Servitium commune gebührte. Dieses belief sich im 14. Jahrhundert für
-Köln auf 10000, für Trier<span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[S. 187]</span> auf 7000 Kammergoldgulden. Die Gesamtsumme
-der für Köln zu zahlenden Servitia betrug etwa 11000, für Trier 7700
-Kammergoldgulden.</p>
-
-<p>Diese Servitia betrugen aber noch nicht einmal den größten Teil der
-für die Einholung der päpstlichen Bestätigung aufzuwendenden Gelder.
-Dazu kam das Geld für das <em class="gesperrt">Pallium</em> in der Höhe von mehreren
-hundert Dukaten, ferner für die Hin- und Rückreise des zu Bestätigenden
-oder seines Bevollmächtigten, für den Aufenthalt an der Kurie bis
-zur Bestätigung, für die Ausfertigung der Ernennungsbullen in den
-verschiedenen Ämtern der Kurie und für die Schenkung von Geldsummen
-oder Wertsachen an niedere und höhere Kurialbeamte bis hinauf zu den
-Kardinälen. So konnte die Erwirkung der päpstlichen Ernennung des
-jungen Walram zum Erzbischof von Köln 40000 Goldgulden, <em class="gesperrt">über eine
-Million Mark</em>, kosten. Die Folge dieses Ausbeutungssystems der Kurie
-war natürlich, daß die deutschen Bischöfe des 13. und 14. Jahrhunderts
-mit seltenen Ausnahmen in ständiger Geldnot sich befanden. Denn meist
-starb der Bischof, bevor die Schulden für seine Bestätigung abgetragen
-waren, so daß die Diözese neben der Tilgung der alten Schulden neue für
-den neuen Herrn aufnehmen mußte.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Was für Bischöfe und reguläre Äbte die Servizien waren, das waren für
-den übrigen Klerus die <em class="gesperrt">Annaten</em>. Sie bestanden darin, daß die
-<em class="gesperrt">Hälfte des Einkommens des ersten Jahres</em> der Kurie abgeführt
-wurde. Am 8. Dezember 1316 wurde diese Steuer zum ersten Male auf
-drei Jahre der Trierer und Kölner<span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[S. 188]</span> Diözese auferlegt, ohne dort viel
-Gegenliebe zu finden. Man drückte sich um sie wo man nur konnte und
-so war der Ertrag recht minimal. Deshalb wurden am 13. August 1327
-noch durch neue Verfügung die sogenannten Interkalalfrüchte von der
-Kurie beansprucht. D.&nbsp;h. die während einer Vakanz fälligen Einkünfte
-aller an der Kurie vakant werdenden kirchlichen Benefizien werden der
-päpstlichen Kammer vorbehalten.</p>
-
-<p>Das genügte aber alles noch nicht der Geldgier des angeblichen
-Nachfolgers des armen Fischers Petri. So erklärte Klemens VI. auch
-die <em class="gesperrt">Spolien</em>, d.&nbsp;h. den <em class="gesperrt">beweglichen Nachlaß der Bischöfe und
-Äbte</em> in einzelnen Fällen, wenn er nämlich vermutlich sehr groß war,
-für eine gute Beute der päpstlichen Kammer.</p>
-
-<p>Dazu kam noch der <em class="gesperrt">Zehnte</em>, stellenweise durch den Zwanzigsten
-ersetzt oder das sogenannte Subsidium, d.&nbsp;i. eine bestimmte abgerundete
-Geldsumme, die der Bischof auf den Klerus innerhalb seiner Diözese zu
-verteilen, zu erheben und dann an die päpstliche Kammer oder an den
-betreffenden Kollektor der päpstlichen Kammer abzuführen hatte.</p>
-
-<p>Am 1. Dezember 1343 schrieb Klemens VI. einen dreijährigen und dann
-nochmals einen zweijährigen Zehnten aus, um das Geld angeblich zu
-einem Kriege gegen die Türken zu verwenden. Zur Ausführung kam dieser
-zwar nicht, aber das von Klemens aus dem Klerus erpreßte Geld setzte
-ihn in die angenehme Lage, dem französischen König über 700000 und
-seinen Verwandten über 100000 Kammergoldgulden, also zusammen <em class="gesperrt">über
-zwanzig Millionen Mark</em>, leihen<span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[S. 189]</span> zu können. Allerdings kam es auch
-vor, daß der Klerus sich weigerte, sich diesem Ausbeutungssystem zu
-fügen. Schon 1265 hatte Klemens IV. die Verleihung aller am Sitze
-der Kurie erledigten kirchlichen Benefizien dem päpstlichen Stuhle
-vorbehalten. Diese Zahl schwillt während des zehnjährigen Pontifikats
-Klemens VI. zu tausenden an. Außerdem gab es noch <em class="gesperrt">Exspektanzen</em>,
-entstanden aus Bitten und Empfehlungen von Päpsten des 12. Jahrhunderts
-für einzelne Personen zum Zwecke ihrer Versorgung mit einer Pfründe
-an die ordentlichen Kirchenoberen als deren Verleiher. Schließlich
-wurden aus den Bitten Befehle mit Strafandrohungen. Häufig ernannte
-der Papst einen Nachfolger zugleich mit den betreffenden Kollegien, so
-daß die Gegenkandidaten jahrelang prozessieren mußten. Die Sporteln
-beider vereinnahmte natürlich die Kurie, ohne sich weiter viel darum zu
-kümmern, wer in den Besitz der Pfründe kam.<a id="FNAnker_178" href="#Fussnote_178" class="fnanchor">[178]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In welcher Weise das Avignonische Papsttum, der »strenge« und
-»ausgezeichnete« Innozenz VI., der »heiligmäßige« Urban V. und der
-»durch Klugheit ausgezeichnete« Gregor IX., Nachfolger des Mannes,
-der morgens nicht wußte, wo er abends sein müdes Haupt niederlegen
-sollte, mit dem Gelde schalteten, werden wir gleich sehen. Die Dummheit
-der Völker, die sich von einer prasserischen Geistlichkeit aussaugen
-ließen, war aber gewiß nicht geringer, als die Habsucht der Kurie.</p>
-
-<p>Am 3. Mai 1372 verlieh Gregor XI. dem von<span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[S. 190]</span> ihm ein Jahr vorher zum
-Kardinal ernannten Jakob Orsini eine Massenexspektanz für künftig
-erledigte Pfründen in den Patriarchaten Aquileja und Grado und in der
-Mainzer Kirchenprovinz bis zu einem taxmäßigen Jahresertrage von 4000
-Kammergoldgulden, deren Kaufkraft nach heutigem Gelde <em class="gesperrt">über 100000
-M.</em> entsprechen.</p>
-
-<p>Welche Pfründenmassen vier Kardinäle beim Ausbruch des Schismas 1378
-lediglich in England besessen haben, erfahren wir von einem von
-ihnen, Wilhelm d’Aigrefeuille. Sie bezogen jährlich nämlich 12000
-Kammergoldgulden, denen eine heutige Summe von <em class="gesperrt">rund 350000 M.
-an Kaufkraft gleichkommt</em>. Allerdings war England ein besonders
-beliebtes Ausbeutungsobjekt, da hier, wie in Frankreich, die
-Geldwirtschaft völlig die Naturalwirtschaft verdrängt hatte, während
-in Deutschland im 14. Jahrhundert noch vorwiegend die Steuern etc. in
-Natura gezahlt wurden.<a id="FNAnker_179" href="#Fussnote_179" class="fnanchor">[179]</a></p>
-
-<p>Außer dem Ertrage ihrer in verschiedenen Ländern der abendländischen
-Christenheit gelegenen Pfründen hatten die Kardinäle noch die Einkünfte
-ihrer römischen Titelkirchen, ferner die Hälfte der aus verschiedenen
-Ländern an den päpstlichen Stuhl zu zahlenden Zensusabgaben, die Hälfte
-der servitia communia und Einnahmen aus dem Ertrage der visitationes
-reales mancher Prälaten, sowie Anteile an mehreren anderen Einkünften
-des päpstlichen Stuhles.</p>
-
-<p>Diese Zensusabgaben, die allerdings gerade zur Avignonischen Zeit
-oftmals nicht eingeliefert wurden, waren sehr bedeutend. Die
-Beherrscher Neapels schuldeten einen Jahreszensus von 8000 Unzen Gold
-= 40000 Kammergoldgulden (ca. 1200000 M.) jähr<span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[S. 191]</span>lich dem päpstlichen
-Stuhle, die Beherrscher der Insel Sizilien jährlich 3000 Unzen Gold.</p>
-
-<p>Was die servitia communia betrifft, zu deren Zahlung die neuernannten
-oder neu bestätigten Bischöfe und Äbte verpflichtet waren, so betrug
-1336 die von der päpstlichen Kammer vereinnahmte Hälfte &ndash; die andere
-fiel ja an die Kardinäle &ndash; über 30792 Kammergoldgulden. Im zweiten
-Pontifikatsjahre Klemens VI. waren es gar 59904 Kammergoldgulden, also
-ca. 1700000 M.! Das Durchschnittseinkommen der päpstlichen Kammer in
-den neun Jahren von 1336&ndash;1345 belief sich auf 48000 Kammergoldgulden
-jährlich und das war, wie gesagt, nur die Hälfte der servitia communia.</p>
-
-<p>Diese Summe verringert sich unter Innocenz VI. im Durchschnitt seines
-neunjährigen Pontifikates auf rund 33450 Kammergoldgulden jährlich. Da
-nun das Kardinalkollegium, wie gesagt, auf die gleiche Summe Anspruch
-hatte, die Zahl der am Sitze der Kurie weilenden Kardinäle unter diesem
-Papste aber im Durchschnitt 22 betrug, so kam im Jahresdurchschnitt
-auf jeden Kardinal allein an Servitiengeldern die Summe von etwa 1500
-Kammergoldgulden oder 45000 M. nach heutigem Gelde.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Gesamteinkommen eines Kardinals</em> betrug während der Regierung
-Klemens VI. und Innozenz VI. nach der aktenmäßig fundierten Berechnung
-Sauerlands <em class="gesperrt">mindestens</em> 4000&ndash;5000 Kammergoldgulden jährlich.
-Das Hirtenamt war also recht einträglich, denn nach unserem Gelde
-entspricht diese<span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[S. 192]</span> Summe einer Kaufkraft von 120000&ndash;150000 M. Mancher
-von ihnen wird aber jährlich eine <em class="gesperrt">doppelt oder dreifach so große
-Summe vereinnahmt haben</em>. Das läßt sich beispielsweise aus dem
-Nachlaßinventar Hugo Rogers, des Bruders Klemens VI. erweisen. Am 20.
-September 1342 zum Kardinal ernannt, starb er am 21. Oktober 1363.
-Er war also 21 Jahre Kardinal. In seinem Nachlaß fand man 179186
-Goldmünzen und über 8000 Silbermünzen, also eine Geldmasse, deren
-damalige Kaufkraft einer heutigen Summe von etwa 6000000 M. gleichkommt.</p>
-
-<p>Diesem Oheim Hugo hatte dessen Neffe Peter, der mit 17 Jahren Kardinal
-und mit 39 Jahren Papst war (Gregor XI.) erfolgreich nachgeeifert. Sein
-Nachlaß enthielt außer dem Gold- und Silbergerät in barem Gelde 140503
-Goldgulden, die aber natürlich nicht der Christenheit oder den Armen,
-sondern seinem nahen Verwandten Reymond von Turenne als Haupterben
-zufielen.<a id="FNAnker_180" href="#Fussnote_180" class="fnanchor">[180]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Sauerland hat festgestellt, daß im 14. Jahrhundert im Rheinland nicht
-weniger als 94 <em class="gesperrt">Nichtpriester</em> im Besitz von Pfarreien waren. Das
-schlug natürlich auch damals dem Kirchenrecht ins Gesicht. Während es
-häufig in den Urkunden heißt, daß dieser Zustand »viele Jahre« gedauert
-hat, gelang es dem Gelehrten, 38 Fälle genau festzustellen. Unter
-diesen findet sich in fünf Fällen die Dauer von 10 Jahren, in einem
-Fall 11 Jahre, in zwei Fällen 12 Jahre, in drei Fällen 13 Jahre, in
-einem Fall 14 Jahre, in zwei Fällen 16 Jahre, in einem Fall 19 Jahre,
-in einem Falle aber<span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[S. 193]</span> sogar <em class="gesperrt">26 Jahre</em>!! Es kam vor, daß <em class="gesperrt">ein
-Nichtpriester einem ebensolchen folgte</em>!</p>
-
-<p>Unter den 38 Pfarrinhabern finden sich <em class="gesperrt">ein Knabe von 6 Jahren</em>,
-einer von 10 Jahren, vier von 11 Jahren und ein Knabe von 14
-Jahren.<a id="FNAnker_181" href="#Fussnote_181" class="fnanchor">[181]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Nicht nur die <em class="gesperrt">Söhne von Geistlichen</em> erhielten durch
-päpstlichen Dispens mit der Priesterwürde die Pfründe, sondern auch
-ein <em class="gesperrt">Nonnensohn</em> wird genannt. An sich ist Vorurteilslosigkeit
-gegenüber der Herkunft gewiß kein Kulturkuriosum, aber merkwürdig
-ist, daß die angeblich so sittenstrenge Kirche daran keinen Anstoß
-nimmt.<a id="FNAnker_182" href="#Fussnote_182" class="fnanchor">[182]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ein schönes Beispiel für die Dimensionen, die zur Zeit des
-Avignonischen Papsttumes die Pfründenjagd einnehmen konnte, bietet
-der Dr. Regum Heinrich <em class="gesperrt">Sudermann</em>, Angehöriger einer adeligen
-Dortmunder Patrizierfamilie. Er war Sekretär des in ständiger Geldnot
-befindlichen Kölner Erzbischofs Walram und erhielt von ihm für eine
-Anleihe von 500 Goldgulden die bedeutenden Höfe der Kölnischen Kirche
-zu Hagen und Schwelm samt der dortigen erzbischöflichen Gerichtsgewalt
-verpfändet.</p>
-
-<p>Während der Regierung Benedikts XII., zwischen 1337 und 1340, erschien
-Sudermann viermal als erzbischöflicher Gesandter an der Kurie. Dafür
-erhielt er nur die Exspektanz für eine Kanonikatspfründe der Kölner
-Severinskirche, die im nächsten Jahre zu<span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[S. 194]</span> einer Exspektanz für eine
-höhere Pfründe derselben Kirche erweitert wurde. Das war gewiß nicht zu
-viel. Aber es sollte nicht alles bleiben.</p>
-
-<p>Unter der sechsjährigen Regierung Klemens VI. erhielt er eine
-Kanonikatswohnung, eine Kanonikatspfründe und die Scholastrie der
-Kölner Andreaskirche. Außerdem erwirkte er seinem Bruder Bertram
-Exspektanzen auf zwei Pfründen und ferner eine priesterliche
-Kanonikatspfründe der Kölner Domkirche. Für einen außerehelich
-geborenen Neffen Hermann erwirkte er päpstliche Dispens zum Empfang
-der Weihen und eine Pfründe oder eine Exspektanz, einem andern Neffen
-eine Exspektanz für eine Kanonikatspfründe der Soester Patroklikirche.
-Ferner erwirkte er zwei Angestellten bzw. Bekannten Pfründen.</p>
-
-<p>Später trat Suderman als Notar in päpstliche Dienste und wurde in
-wichtigen Geschäften viermal nach Deutschland geschickt. Dafür erhielt
-er für seine eigene Person noch drei Pfründen vom Papste, so daß er am
-Ende des Pontifikats Innozenz VI. im Besitze der Pfründen von Lüttich,
-Haslach, Maastricht, Xanten und St. Andreas in Köln sich befand. Sie
-warfen etwa 120 Mark Silber jährlich ab, die Mark Silber galt etwa
-fünf Kammergoldgulden, dessen Wert etwa zehn Mark, deren Kaufkraft
-damals aber zwei bis dreimal so hoch war wie heute, so ergibt sich eine
-Jahresrente von 12&ndash;18000 Mark. Das ist durchaus nicht übertrieben. Aber
-Suderman wirkte weniger für sich, als <em class="gesperrt">für seine Verwandten, Freunde
-und Diener</em>.</p>
-
-<p>Das eine Mal erbittet er Pfründen bzw. Pfründenexspektanzen für
-<em class="gesperrt">sechs Neffen und zwei Diener</em>,<span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[S. 195]</span> das andere Mal für <em class="gesperrt">drei
-unehelich geborene Neffen</em> je eine Exspektanz für eine höhere
-Pfründe, ein drittes Mal Pfründen und Exspektanzen für fünf Verwandte,
-ein viertes Mal fünf Pfründen und zwei Pfründenexspektanzen für sieben
-Neffen, ein fünftes Mal Pfründen und Pfründenexspektanzen für sechs
-Verwandte, Gehilfen und Diener und ein sechstes und letztes Mal elf
-Pfründenexspektanzen für elf Neffen. Onkels von heute, nehmt euch ein
-Beispiel an diesem edlen Manne, der während der Regierung Innozenz’
-VI. nicht weniger als <em class="gesperrt">56 päpstliche Verleihungen von Pfründen und
-Exspektanzen für andere erwirkte</em>!</p>
-
-<p>Hier lernten wir ein Musterbild eines vornehmen Kurialen der Avignoner
-Papstzeit kennen, der für sich wenige, aber fette Pfründen erwirbt,
-aber möglichst viel für seine Verwandten und Diener zu erwerben
-trachtet und versteht. Was Nepotismus ist, dürfte nunmehr jeder
-wissen.<a id="FNAnker_183" href="#Fussnote_183" class="fnanchor">[183]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Doch was will der Nepotismus eines Kurialbeamten des 14. Jahrhunderts
-bedeuten gegenüber dem des Papstes Sixtus IV. und seiner Nachfolger! Er
-wurde nie, weder vorher noch nachher, so rücksichtslos betrieben. Er
-war das Prinzip aller Handlungen dieses Statthalters Christi.</p>
-
-<p>Im Jahre seiner Papstwahl noch, 1471, machte er zwei Neffen, <em class="gesperrt">Pietro
-Riario</em>, den man für seinen Sohn hielt, und Julian Rovere, nachmals
-Julius II., junge Menschen niederer Abkunft, weder durch Ver<span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[S. 196]</span>dienst
-noch Talent ausgezeichnet, zu Kardinälen. Dessen ungeachtet erhielt
-Pietro die Würden eines Patriarchen von Konstantinopel, eines
-Erzbischofs von Sevilla, Florenz und Mende und so viele Benefizien, daß
-sich sein Einkommen auf 60000 Goldgulden belief. In den zwei Jahren,
-die dieser Parasit noch zu leben hatte, bis Reichtümer und Leben
-vergeudet waren, stürzte sich Riario in die sinnloseste Schwelgerei.
-Seine Feste übertrafen an Verschwendung alles je Dagewesene. <em class="gesperrt">Seine
-Nachttöpfe waren aus vergoldetem Silber!</em> Der erbärmliche Mensch
-starb, erst 28 Jahre alt, nachdem er 200000 Goldgulden (ca. acht
-Millionen Mark!) verpraßt hatte, mit Hinterlassung großer Schulden. Er
-war mächtiger gewesen als der Papst!<a id="FNAnker_184" href="#Fussnote_184" class="fnanchor">[184]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die kirchlichen Zustände im 14. Jahrhundert werden am Beispiel
-des Erzbischofs Walram von Köln deutlich. Um das Jahr 1315,
-<em class="gesperrt">als zwölfjähriger Knabe</em>, hatte er bereits eine Kölner
-<em class="gesperrt">Domkanonikatspfründe</em> erhalten, noch bevor ihm die Tonsur erteilt
-worden war. In seinem 23. Lebensjahre erhielt er dazu die Propstei
-der Maastrichter Stiftskirche S. Servatii, eine Sinekure, sowie die
-Thesaurarie der Kölner Domkirche, obschon er damals für beide Würden
-noch nicht das kanonische Alter hatte. Nachdem er dieses erreicht,
-verlieh der Papst ihm noch die Propstei der Lütticher Domkirche, eine
-Kuratdignität, samt einer dortigen Domkanonikatspfründe und gestattete
-ihm den Fortbesitz der Maastrichter Propstei. Weil er aber unterlassen
-hatte, wegen der beiden erst<span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[S. 197]</span>genannten Dignitäten den vorgeschriebenen
-kanonischen Dispens wegen mangelnden Alters einzuholen, war er der
-kirchlichen Strafe der Infamie und der Unfähigkeit zum Erwerb und
-Besitz kirchlicher Pfründen verfallen. Doch die päpstliche Lossprechung
-von diesen Kirchenstrafen und kanonische Wiedereinsetzung in die
-Kirchenpfründen wurde ihm unterm 30. September 1330 zuteil.</p>
-
-<p>Zugleich schrieb ihm der Papst vor, bis zum nächsten Osterfest
-(1331) die für die Lütticher Dompropstei kanonisch erforderliche
-Subdiakonatsweihe und dann binnen dreier Jahre die dafür ebenfalls
-erforderliche Diakonats- und Priesterweihen sich erteilen zu
-lassen. Walram versäumte die erste Pflicht und erfüllte auch die
-Residenzpflicht nicht. Deshalb verfiel er neuerdings den vorgenannten
-Kirchenstrafen. Doch erhielt er am Ostermontag 1331 die päpstliche
-Lossprechung und zugleich die Erlaubnis, den Empfang der Diakonats- und
-Priesterweihe noch drei Jahre lang aufzuschieben. In der Zwischenzeit
-hatte Walram am 21. Oktober 1328 Titel und Vorrechte eines päpstlichen
-Kaplans erhalten.</p>
-
-<p>Diese, wenigstens nach heutigen Begriffen, nicht ganz normale
-Lebensgeschichte war aber noch lange nicht zu Ende. Am 27. Januar
-1332 wurde nämlich Walram zum Erzbischof von Köln ernannt. Da er aber
-das vom kanonischen Recht für einen Bischof erforderliche Alter noch
-nicht erreicht hatte, was dem Papste verschwiegen worden war, so war
-die Ernennungsurkunde ungültig und mußte durch eine neue gültige
-Ausfertigung, die das Datum des folgenden Tages trägt, ersetzt werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[S. 198]</span></p>
-
-<p>Der noch nicht dreißigjährige Erzbischof hatte erst die sogenannten
-niederen Weihen erhalten. Deshalb bekam er vom Papste die Erlaubnis,
-binnen dreier Jahre sich die drei höheren Weihen von einem beliebigen
-Bischof erteilen zu lassen.</p>
-
-<p>Diese ganze abenteuerlich klingende, aber durchaus nicht vereinzelte
-Geschichte findet ihre Erklärung darin, daß Walram von seinem Bruder,
-dem Grafen Wilhelm von Jülich, dem Neffen des französischen Königs,
-protegiert worden war. Dieser hatte dem Papst als Entgeld für
-seine Bereitwilligkeit in der Ernennungsangelegenheit das eidliche
-Versprechen gegeben, dem päpstlichen Stuhle zeitlebens treu und ergeben
-zu bleiben und ein Widersacher Ludwigs des Bayern und anderer Gegner
-des Papsttums zu sein.</p>
-
-<p>Außerdem war die Sache für Wilhelm auch nicht billig. Sie hatte nämlich
-40000 Goldgulden gekostet, also etwa 1200000 Mark nach heutigem
-Geldwert!</p>
-
-<p>Daß das Erzbistum diese Summe wieder aufbringen mußte, ist
-selbstverständlich. Aber das ging nicht glatt. Vielmehr sah sich
-Walram gezwungen, aus Gründen der Sparsamkeit das hochverschuldete
-Erzstift, dessen wichtigste Besitzungen verpfändet waren, zu verlassen
-und seine Verwaltung fremden Personen anzuvertrauen. Er wanderte mit
-wenigen Begleitern nach Frankreich, wo er nach 17jähriger nicht eben
-glorreicher Verwaltung der hohen Würde am 14. August 1349 in Paris
-starb.<a id="FNAnker_185" href="#Fussnote_185" class="fnanchor">[185]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wie wenig Rücksicht die Avignonischen Päpste auf die materielle
-Wohlfahrt der Kirchenprovinzen<span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[S. 199]</span> legten, geht schon aus der einzigen
-Tatsache schlagend hervor, daß der Nachfolger Walrams, Wilhelm von
-Genepe, sich verpflichten mußte, Klemens VI. 30000 Goldgulden zu
-zahlen.<a id="FNAnker_186" href="#Fussnote_186" class="fnanchor">[186]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Auch heute noch scheint der geistliche Beruf recht einträglich zu
-sein, wie aus der in »Reynolds Newspaper« (6. Januar 1907) enthaltenen
-Zusammenstellung von Hinterlassenschaften von Klerikern im Jahre 1906
-aus England hervorgeht.</p>
-
-<p>233 testamentarische Hinterlassenschaften mit in Summa 5638073 £, im
-Durchschnitt pro Person 23933 £ werden hier notiert.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">10 überstiegen 2 Millionen Mark</em>: Rev. Sir Richard Fitzherbert,
-Rektor von Warshop = 530548 £. Rev. J. H. Godber, Kanonikus von
-Southwell = 218506 £. Jeder dieser 10 hinterließ im Durchschnitt 179121
-£.</p>
-
-<p>Die 9 Bischöfe, deren Testament im Jahre 1901 veröffentlicht wurde,
-hinterließen im Durchschnitt je 24332 £, also etwa eine halbe Million
-Mark.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[S. 200]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Neunter_Abschnitt"><span class="s5">Neunter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Klerus und Sittlichkeit</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Gegen den ersten Band dieses Buches ist von ultramontanen Blättern der
-Vorwurf erhoben worden &ndash; natürlich ohne auch nur den Gegenbeweis,
-der völlig aussichtslos gewesen wäre, zu versuchen &ndash;, daß ich die im
-mittelalterlichen Klerus herrschende Unsittlichkeit stark übertrieben
-hätte. Nun liegt mir nichts ferner, als zu bestreiten, daß es zu allen
-Zeiten und überall sittenstrenge und edle Menschen gegeben habe und daß
-auch die katholische Geistlichkeit solche stets in ihren Reihen zählte.
-Wohl aber ist es grundfalsch, ihnen eine höhere Moral zu imputieren. Im
-Gegenteil waren im Mittelalter und besonders vor der Reformation dort
-häufig Zustände zu finden, die man kaum irgendwo in einer Gesellschaft,
-die nur einigermaßen auf gute Sitten Anspruch erheben möchte, antreffen
-dürfte.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der ultramontane Historiker Janssen hielt die Unsittlichkeit des
-Klerus vor der Reformation für kaum der Erwähnung wert und führt die
-Verwilderung in tendenziöser und die Tatsachen auf den Kopf<span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[S. 201]</span> stellender
-Weise auf die Reformation zurück. Mag diese große Geistesbewegung auch
-viele Schattenseiten im Gefolge gehabt haben, so wird die Gerechtigkeit
-ihr doch zum mindesten eine Besserung der öffentlichen Sittlichkeit
-zubilligen müssen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ein anderer Gesinnungsgenosse Janssens, H. Finke, im übrigen ein
-vortrefflicher Historiker, hat zum mindesten Schleswig-Holstein und
-Westfalen für die Länder erklärt, die von der sittlichen Verwilderung
-der Zeit verschont geblieben seien<a id="FNAnker_187" href="#Fussnote_187" class="fnanchor">[187]</a>, eine Behauptung, die Pastor
-nicht nur übernimmt, sondern in seiner Bearbeitung des Janssenschen
-Werkes noch erweitert.<a id="FNAnker_188" href="#Fussnote_188" class="fnanchor">[188]</a> Unter diesen Umständen ist es besonders
-amüsant, die Zustände <em class="gesperrt">Westfalens</em>, also des vorgeblichen
-<em class="gesperrt">sittlichen Musterlandes</em>, kennen zu lernen.</p>
-
-<p>Es handelt sich um einen offiziellen Bericht des Fiskalprokurators
-Friedrich Turken, also eines Geistlichen, am Kölnischen Offizialgericht
-in Werl an den Siegler des Offizialgerichts in Köln vom Jahre 1458.<a id="FNAnker_189" href="#Fussnote_189" class="fnanchor">[189]</a></p>
-
-<p>Das Dokument ist mithin völlig einwandfrei und nicht, wie man glauben
-möchte, die gehässige Streitschrift eines Satirikers.</p>
-
-<p>Zunächst werden Verstöße gegen die äußere kirchliche Ordnung
-festgestellt, widerrechtliche Abhaltung des Gottesdienstes, Ausfall
-der Messe bis zu 14 Tagen, Simonie, gehässige Verweigerung des
-Beichtstuhls, Spendung des Abendmahls an Exkommunizierte, und zwar
-bewußt und aus Dreistigkeit. In Rüthen werden zwei Vikariate gegründet,
-nur damit der Pfarrer als <em class="gesperrt">Vagabund</em> leben kann.</p>
-
-<p>Ferner wird konstatiert, daß die Geistlichkeit sich<span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[S. 202]</span> nicht nur an
-Wein- und Getreidehandel beteiligt &ndash; und zwar trotz Wohlstandes
-aus purer Gewinnsucht &ndash;, sondern daß der Klerus allgemein Zins-
-und Wuchergeschäfte macht. Der Pfarrer in Rüthen erhält von einem
-Sterbenden um der Absolution und der Exsequien willen <em class="gesperrt">alle Güter
-vermacht</em>, hat ihn dann aber <em class="gesperrt">weder absolviert, noch kirchlich
-bestattet</em>. Die fünfjährige Tochter des Verstorbenen ist dadurch
-gezwungen, sich von Almosen zu nähren.</p>
-
-<p>Der Gewinnsucht ebenbürtig ist die <em class="gesperrt">Schimpfwut</em> und
-<em class="gesperrt">Gewalttätigkeit</em>. Das Dokument führt die Schimpfworte genau an.
-Uns interessiert mehr die Tatsache, daß ein Pfarrer den <em class="gesperrt">Schulmeister
-vor dem Altar »im Angesicht des ewigen Gottes« verprügelt</em>, oder daß
-der von Flierich <em class="gesperrt">seine eigene Mutter mißhandelt</em>, oder daß ein
-anderer in Schwerte mit Bürgern ein <em class="gesperrt">Messerstechen</em> veranstaltet.
-Bei demselben wird für die Fastnacht die Teilnahme an einem Turnier
-getadelt.</p>
-
-<p>Harmloser ist das wilde Jagen der Geistlichkeit bis zu reinem
-Vagabundenleben, nicht schön der Wirtshausbesuch mit Betrunkenheit,
-Erbrechen und Übernachten auf der Straße. Am wenigsten erfreulich
-die geschlechtliche Unsittlichkeit. Das Protokoll enthält <em class="gesperrt">fünf
-Fälle von Konkubinaten der Pfarrer mit verheirateten Frauen, deren
-Männer noch leben</em>. Einmal wird die Frau gegen die ausdrückliche
-Reklamation des Mannes vom Pfarrer <em class="gesperrt">zurückbehalten</em>, ein Mandat
-des Erzbischofs bleibt gänzlich wirkungslos. Daneben erscheinen
-<em class="gesperrt">Prostituierte im Umgang mit Pfarrern</em>, so scheint das Leben
-des Kaplans Heinrich Jummen in Werl sich &ndash; und<span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[S. 203]</span> zwar <em class="gesperrt">ganz
-öffentlich</em> &ndash; überhaupt vornehmlich in diesen Kreisen zu bewegen.
-Das Benehmen dieses Seelenhirten wird im Dokument bis herab zu den
-Wechselreden im Frauenhause mit einer Laszivität geschildert, die
-nur mit der Faszetienliteratur verglichen werden kann. Der Pfarrer
-in Altenrüthen hat <em class="gesperrt">eine Ehefrau und zwei Ledige mißbraucht</em>,
-im Nachbardorfe Rüthen aber <em class="gesperrt">gar drei Ehefrauen und eine Ledige,
-in Elsey zwei Ledige</em>. Förmliche Schlägereien zwischen Konkubinen
-um einen Pfarrer kommen vor. Der Aplerbecker veranstaltet eine große
-Gasterei zur <em class="gesperrt">Hochzeit seiner Tochter</em>. <em class="gesperrt">Dieselbe Konkubine
-dient gleichzeitig und auch nacheinander verschiedenen Geistlichen.</em>
-Übrigens muß sich auch die Breslauer Diözesansynode von 1440 gegen
-das Konkubinat mit Ehefrauen wenden. Die Eichstädter Diözesansynode
-von 1453 aber sieht sich ausdrücklich zur Festsetzung veranlaßt, daß
-<em class="gesperrt">auch simplex fornicatio eine Sünde sei</em>. Man war also bisher
-zumeist anderer Ansicht.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Papst Gregor XII. erließ im Jahre 1308 eine Bulle, in welcher die
-Zustände in einer großen Anzahl von Benediktinerinnenklöstern der
-nordwestdeutschen Diözesen Bremen, Münster und Utrecht dargestellt
-werden.</p>
-
-<p>Nachdem der Papst festgestellt hat, daß fast jegliche Religion
-und Beachtung der Ordensregel abhanden gekommen sind, dafür aber
-Fleischeslust und Laster regierten, fährt er fort:</p>
-
-<p>»Sie selbst, aus weltlichem Stande und Leben<span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[S. 204]</span> hervorgegangen,
-nehmen bisweilen ihre Konkubinen oder Kebsweiber, die sie, wie
-vorausgeschickt, im weltlichen Stande gehalten hatten, sogar mitsamt
-den Kindern, die sie mit den Kebsweibern gezeugt hatten, mit sich in
-die vorgenannten Klöster, in die sie aufgenommen wurden, und halten
-und begünstigen sie in ihnen ganz öffentlich, wie sie es früher getan
-hatten, als sie noch selbst in weltlichem Stande gelebt hatten, und
-scheuen sich nicht, die Messe und andere heilige Ämter zu feiern,
-ohne von solchen Verbrechen absolviert zu sein. Es huren auch viele
-Nonnen mit ihren Prälaten, Mönchen und Geistlichen herum und gebären in
-denselben Klöstern viele Söhne und Töchter, die sie von den gleichen
-Prälaten, Mönchen und Geistlichen durch Hurerei oder blutschänderischen
-Beischlaf empfangen haben.</p>
-
-<p>Die Söhne aber machen sie zu Mönchen, die auf dieselbe Weise
-empfangenen Töchter aber häufig zu Nonnen in den genannten Klöstern.
-Und was bemitleidenswert ist: viele dieser Nonnen vergessen
-ihre mütterliche Liebe und treiben, indem sie Böses durch Böses
-noch vermehren, ihre Frucht ab und töten die zutage geförderten
-Kinder....«<a id="FNAnker_190" href="#Fussnote_190" class="fnanchor">[190]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1423 berief Erzbischof Otto von Ziegenhain eine
-Provinzialsynode, auf der die Sittenzustände im Klerus der Trierer
-Kirchenprovinz folgendermaßen geschildert werden:</p>
-
-<p>»Wiewohl aber gegen jene bereits geweihten Kleriker, die notorisch
-Konkubinen bei sich halten oder andere verdächtige Weiber viele neue
-und alte<span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[S. 205]</span> Gesetze erlassen sind und mehrere bestraft wurden, haben doch
-viele heutige Kleriker keine Achtung vor den genannten Strafen, sondern
-sie entehren sich, indem sie diese verruchte Sünde begehen. Daraus
-entsteht viel Ärgernis, und aller Wahrscheinlichkeit nach würde es noch
-mehr sein, wenn nicht Vorkehrungen getroffen würden.«</p>
-
-<p>Daraufhin erließ die Provinzialsynode den Befehl, daß kein Presbyter
-oder Kleriker eine Konkubine oder eine verdächtige Weibsperson in
-seinem Hause habe. Habe er aber eine solche bei sich, so müsse er
-sie binnen zwölf Tagen »<em class="gesperrt">tatsächlich und mit Erfolg entfernen und
-entlassen</em>«.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>An solchen Schilderungen von authentischer Seite ist kein Mangel.
-Bemerkenswert ist noch das 17. Kapitel der Kölner Diözesansynode vom
-Jahre 1307, das über Vorfälle in Nonnenklöstern berichtet:</p>
-
-<p>»... viele Nonnen unserer Stadt und geheiligten Diözese werden
-geschändet, und wenn sie so geschändet sind, von diesen (Verführern)
-aus ihren Klöstern entführt und zur großen Gefahr ihrer Seelen und
-vielem Ärgernis öffentlich abspenstig gemacht. Die so Ferngehaltenen
-werden durch die nämlichen bisweilen durch Listen, häufig durch
-Drohungen und Gewalt, ihren Klöstern wieder zurückerstattet.</p>
-
-<p>Die Nonnen selbst aber, die so gehalten sind, werden, um nicht durch
-ihre Straflosigkeit zu Ähnlichem zu verführen, durch die Äbtissinnen,
-Lehrerinnen oder Priorinnen und die Konvente ihrer Klöster nicht anders
-wieder aufgenommen, als auf Grund<span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[S. 206]</span> einer Karzerstrafe,... bis sie durch
-uns... der Wiederaufnahme.. würdig erachtet werden.«</p>
-
-<p>Im Jahre 1371 mußte in Köln ein gleicher Befehl erlassen werden.<a id="FNAnker_191" href="#Fussnote_191" class="fnanchor">[191]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die gleiche Kölner Synode sah sich auch veranlaßt, in ihrem 15.
-Kapitel ausdrücklich den Klerikern zu verbieten, in ihren Testamenten
-über die <em class="gesperrt">Einkünfte des sogenannten Gnadenjahres</em>, das ist des
-ersten Jahres nach ihrem Tode, dessen Einkünfte ihnen noch zukamen,
-<em class="gesperrt">zugunsten ihrer Konkubinen und ihrer unehelichen Kinder zu
-verfügen</em>.</p>
-
-<p>Zu Beginn des 14. Jahrhunderts kam es soundso oft vor, daß Mönche
-und Nonnen aus ihren Klöstern aussprangen und dann nach Aufgabe der
-Ordenskleidung und Ordenszucht als Weltleute lebten. Daß relativ nicht
-viel urkundliches Material uns erhalten ist, hat seinen Grund darin,
-daß nur solche Fälle zu unserer Kenntnis gelangen, in denen diese
-Ordenspersonen später ihre Flucht aus dem Kloster <em class="gesperrt">bereuten</em> und
-die <em class="gesperrt">Wiederaufnahme</em> begehrten. Nur wenn sie die Hilfe des Papstes
-dazu in Anspruch nahmen, besitzen wir die einschlägigen Dokumente. Wie
-häufig jedoch tatsächlich diese Fahnenflucht war, erhellte daraus, daß
-Papst Benedikt XII. sich veranlaßt sah, eine besondere Konstitution zu
-erlassen.<a id="FNAnker_192" href="#Fussnote_192" class="fnanchor">[192]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die sogenannten Strafakten des Marienburger Ordenshauses enthalten
-mehrere Fälle, wo die Deutschen Herren unter dem Deckmantel der Beichte
-und<span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[S. 207]</span> Buße systematisch Verführung von Frauen und Jungfrauen, ja sogar
-gewaltsame Schändung von neun- und zwölfjährigen Mädchen verübt hatten.
-Der Ordensmeister Jungingen sah sich veranlaßt, Verbote zu erlassen,
-daß <em class="gesperrt">kein weibliches Tier, weder Stute, noch Eselin, noch Hündin, im
-Ordenshause gehalten werden dürfe</em>. Ähnliche Verbote bestanden auch
-für die Klöster auf dem Berge Athos. In Rom mußten sie gar noch in den
-dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts erneuert werden!!!</p>
-
-<p>Wiewohl nun die Ordensritter in Marienburg ein wohleingerichtetes
-Frauenhaus unterhielten, liefen doch häufig Beschwerden von Bürgern
-ein, daß ihre Frauen und Töchter mit Gewalt aufs Schloß geschleppt und
-dort bis zur Mißhandlung gemißbraucht wurden.<a id="FNAnker_193" href="#Fussnote_193" class="fnanchor">[193]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Klemens VI. hat im ersten Jahre seines Pontifikats 1342 sieben Trierer
-und dreizehn Kölner, die unehelich von Priestern erzeugt worden
-waren, dispensiert, so daß sie Priester werden konnten. In den Jahren
-1335&ndash;1342 war dieser Dispens 9 Priestersöhnen der Diözese Metz, 17
-ebensolchen der Diözese Trier, 20 der Diözese Köln und 36 der Diözese
-Lüttich erteilt worden. Im ganzen absolvierte Klemens im gleichen
-Jahre 484 <em class="gesperrt">Priestersöhne</em> nach Ablegung eines Examens. Bedenkt
-man nun, daß selbstverständlich nicht jede Bitte um Dispens erfüllt
-wurde, daß doch nicht jedes Kind eines Priesters ein Sohn ist, nur
-ein Bruchteil das entsprechende Alter erreicht und doch gewiß nicht
-die Mehrheit gerade den Priester<span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[S. 208]</span>beruf wählte, der eines besonderen
-päpstlichen Dispenses bedarf, also der einzige ist, den zu ergreifen
-diese Herkunft de jure ausschließt, so wirft das alles auf die Art, in
-welcher das Zölibat gehalten wurde, ein grelleres Licht, als die noch
-so drastischen Exklamationen der Sittenprediger und Chronisten.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Von unbedingt kompetenten Beurteilern liegt für die nordischen Länder
-ein Bericht des päpstlichen Notars und Abbreviators Dietrich von
-Nieheim (»Nemus Unionis«) vom Jahre 1408 (abgedruckt bei Sauerland S.
-298 f.) und für Spanien und Süditalien des päpstlichen Pönitentiars
-Alvar Pelajo vom Jahre 1332 in seiner Schrift »De planctu ecclesiae«
-(abgedruckt eb. S. 297 f.) vor. Das von beiden unverdächtigen
-Zeugen gefällte Urteil entspricht völlig den aus der Statistik
-gezogenen Schlüssen. Nieheim stellt z.&nbsp;B. ausdrücklich fest, daß es
-den norwegischen Presbytern und Bischöfen <em class="gesperrt">nach heimischer Sitte
-freistand, öffentliche Konkubinen zu halten</em>. Dabei waren diese
-weiblichen Personen <em class="gesperrt">ganz und gar nicht gering geschätzt</em>, sondern
-nahmen geradezu am Range ihres Freundes teil. Daß Priester niederen
-Ranges, die das Zölibat hielten, ja, die ohne Konkubine lebten, nicht
-die Regel, sondern die Ausnahme bildeten, verstände sich von selbst,
-auch wenn es nicht ausdrücklich berichtet würde.<a id="FNAnker_194" href="#Fussnote_194" class="fnanchor">[194]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_209"></a>[S. 209]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als der päpstliche Vikar unter Sixtus IV. den Geistlichen und Kurialen
-verbot, sich Konkubinen zu halten, <em class="gesperrt">tadelte der Papst ihn deshalb
-heftig und hob das Verbot wieder auf</em>. Er motivierte es damit,
-daß man kaum einen Priester ohne Konkubine fände. »Und aus diesem
-Grunde wurden die Prostituierten gezählt, die damals in Rom öffentlich
-waren, um ein wahrheitsgetreues Bild zu gewinnen und die Zahl der
-Prostituierten auf 6800 festgestellt, abgesehen von jenen, die im
-Konkubinat leben und die nicht öffentlich, sondern im geheimen zu fünft
-oder sechst ihre Künste ausüben, desgleichen jener, die einen einzigen
-oder mehrere Kuppler haben. Daran kann man erkennen &ndash; schreibt
-Infessura &ndash;, wie in Rom gelebt wird, wo das Haupt des Glaubens wohnt,
-und wie der heilige Staat regiert wird.«<a id="FNAnker_195" href="#Fussnote_195" class="fnanchor">[195]</a></p>
-
-<p>Berücksichtigt man, daß Rom damals kaum 70000 Einwohner hatte, so läßt
-sich der Prozentsatz der Prostituierten etwa folgendermaßen berechnen:
-Ziehen wir ein Drittel der Einwohner &ndash; sehr mäßig gerechnet &ndash; als
-Kinder und Greise ab, so bleiben etwa 45000, nehmen wir an, die
-Hälfte davon sei weiblich gewesen, dann war <em class="gesperrt">jede vierte weibliche
-Person eine Prostituierte, ohne Rücksicht auf die im Konkubinat
-lebenden</em>!<a id="FNAnker_196" href="#Fussnote_196" class="fnanchor">[196]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wir besitzen aus den Jahren 1519&ndash;1521 für ein kleines Gebiet der
-Mainzer Erzdiözese Taxlisten, in denen die Höhe der Strafe für die
-einzelnen Delikte von Priestern festgesetzt ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210"></a>[S. 210]</span></p>
-
-<p>Der Bordellbesuch von Priestern wird von allen Vergehen am niedrigsten
-eingeschätzt, nämlich im Durchschnitt auf 16 sol. Ehebruch kostet
-schon 30, Inzest 88 sol. Gegenüber dieser niedrigen Bestrafung von
-Fleischessünden, die ein vernichtendes Urteil über die kirchliche
-Moral nicht nur gestattet, sondern fordert, werden Verstöße gegen die
-kirchliche Ordnung überaus hoch bestraft.</p>
-
-<p>Unkanonische Amtsführung kostet 29 sol., Nichtbeachtung der
-Residenzpflicht 44, Begräbnis eines Exkommunizierten aber 240 sol.
-Also war in den Augen der mittelalterlichen Kirche <em class="gesperrt">die Sünde, einen
-Exkommunizierten ehrlich zu bestatten und damit praktisches Christentum
-zu üben, fast dreimal so schwer wie die der Blutschande, während man um
-dasselbe Geld sich als Priester acht Ehebrüche leisten konnte</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Diese kulturhistorisch außerordentlich wertvolle Strafliste erstreckt
-sich auch auf Laien. So kostet eine <em class="gesperrt">Übertretung des Fastenverbotes
-gerade doppelt so viel als ein Ehebruch</em>.</p>
-
-<p>Die Jahresrechnungen des Kölner Offizialatgerichtes in Werl aus den
-Jahren 1495&ndash;1515 ergeben ein ähnliches Bild. Denn die höchste der
-hier vorkommenden Strafen, nämlich 31 fl. 2 ß ist auf Celebratio
-in suspensio gelegt, während zwei schwere Inzestfälle nur mit 19
-fl. 5 ß oder 20 fl. 8 ß geahndet werden, ein anderer gar nur mit 14
-fl. Ein doppelter Unzuchtfall erhält die Strafe von 3 fl. 5 ß. Sehr
-billige,<span class="pagenum"><a id="Seite_211"></a>[S. 211]</span> geradezu Tietzpreise, erzielten einfache Unzuchtfälle. Sie
-bleiben massenhaft überhaupt unter dem Satze von 1 fl. Ehebruch war
-kostspieliger, denn die Strafe von 3 fl. 9 ß wird mit der Armut des
-Inkulpaten motiviert.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Teuer waren dagegen Verstöße gegen die Kirchenordnung: der Laie,
-der seinen Priester hintergeht und trotz seiner Exkommunikation das
-Abendmahl nimmt, erhält eine Strafe von 2 fl. 6 ß, der Priester aber,
-der ihm ahnungslos das Abendmahl reicht, 6 fl. 5 ß.</p>
-
-<p>Während ein Laie, der, ohne es zu wissen, eine Verwandte vierten Grades
-geheiratet hat, einer Buße von 3 fl. 9 ß unterworfen wird, kommt ein
-<em class="gesperrt">Priester, der mit einem Schulmädchen in seinem Hause Unzucht treibt,
-schon mit 1 fl. durch</em>.</p>
-
-<p>Auch in dem 1517 in Rom gedruckten Taxenbuch wird Zulassung eines
-Exkommunizierten zum Gottesdienst schwerer bestraft, wie Inzest. Ganz
-ähnlich übrigens schon die berühmten Dekretalien des Bischofs Burchhard
-von Worms († 1025). Man vergleiche das 19. Buch dieses Werkes (Pariser
-Ausgabe von 1549, S. 262 ff.).</p>
-
-<p>Zweifelt noch jemand, daß es der Kirche vor der mit so viel Fanatismus
-und Borniertheit bekämpften Reformation keineswegs so sehr um Hebung
-der Sittlichkeit, als um Erzwingung äußerlicher disziplinärer
-Unterordnung zu tun war? Denn diese Taxen, die jeder Moral ins Gesicht
-schlagen, sind nicht etwa<span class="pagenum"><a id="Seite_212"></a>[S. 212]</span> von irgendwelchen lokalen Gewalten, sondern
-von der offiziellen Kirche festgesetzt worden.</p>
-
-<p>Dazu gibt es noch eine ganze Reihe von Beispielen, daß diese milden
-Strafen gegen Geistliche nicht verhängt wurden. Daher existierte ein
-Sprichwort: Wer ohne Strafe leben will, der werde Kleriker.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als die Camminer Synode von 1454 die Vertreibung der Konkubinen binnen
-zwölf Tagen bei einer Strafe von 10 Mark Silbers gebietet, vergißt
-sie nicht den Zusatz: »<em class="gesperrt">es sei denn, sie würden aus gerechten und
-vernünftigen Gründen von uns geduldet</em>«!!!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Nach Aussagen Kölner Pfarrer von 1484 über die Behandlung homosexueller
-Vergehen ergibt sich, daß die Geistlichen es bisweilen überhaupt
-unterließen, kirchliche Strafmittel anzuwenden. Die kirchlichen
-Behörden hatten es eben vielfach aufgegeben, sich dem Sittenverfall
-entgegenzustemmen. Das war eine natürliche Folge der aszetischen
-Grundtendenz der Kirche, die im unüberbrückbaren Widerspruch zum
-Leben stand. Die Kirche war einfach ratlos gegenüber der allgemeinen
-sittlichen Auflösung, die eintreten muß, wenn Unmögliches gefordert
-wird.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Da die Kirche trotz zahlloser, im 15. Jahrhundert zur Schärfung
-des Gewissens der Geistlichkeit abgehaltener Provinzial- und
-Diözesansynoden, trotz<span class="pagenum"><a id="Seite_213"></a>[S. 213]</span> Klostervisitationen und glühenden
-Volkspredigern kein nennenswertes Resultat erzielte, sahen sich
-vielfach die weltlichen Fürsten genötigt, die Reinigung des geistlichen
-Standes vorzunehmen. So ordnet Herzog Wilhelm von Jülich am 2. August
-1478 die Vertreibung der »pfaffenmede« an.<a id="FNAnker_197" href="#Fussnote_197" class="fnanchor">[197]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Freunde Zwinglis verfaßten 1522 einen »Kommentar«, in dem sie gegen
-den Bischof Hugo von Hohenladenberg, der von 1496&ndash;1529 den Krummstab
-über Konstanz führte, die schwersten Vorwürfe erhoben. So, daß er
-früher 4, jetzt 5 Gulden Strafe für jedes illegitime Priesterkind
-erhebe. Das war auch der Grund, weshalb er gegen die Eheforderung der
-Priester war, denn er wollte auf eine so reiche Einnahmequelle nicht
-verzichten. Sollen doch in einem einzigen Jahre in seiner Diözese nicht
-weniger als 1500 Priesterkinder geboren worden sein, von denen er also
-nach dem alten Satz 6000, nach dem erhöhten aber 7500 Gulden Strafgeld
-bezog! Habe einer eine Konkubine oder nicht, so sage man ihm: »Was geht
-dies meinem gnädigen Herren an, daß du keine hast? Warum nimmst du
-nicht eine?« <em class="gesperrt">Das Geld mußte auf alle Fälle erlegt werden.</em></p>
-
-<p>Selbst wenn in dieser Schrift eine Übertreibung untergelaufen sein
-sollte, so ist es doch bezeichnend, daß die Zeitgenossen das von ihrem
-Seelenhirten für glaubhaft hielten, und der Rat der Stadt Zürich
-amtlich in einem Aktenstück festgestellt, »daß die Bischöfe Geld nehmen
-und den Pfarrkindern ihre Metzen lassen«.<a id="FNAnker_198" href="#Fussnote_198" class="fnanchor">[198]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214"></a>[S. 214]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Erfolg der landesherrlichen Eingriffe, die besonders seit dem
-Trientiner Konzil sich mehrten, war aber sogar noch im 17. Jahrhundert
-keineswegs groß, selbst nicht in Bayern, das sich heute mit gerechtem
-Stolz rühmen darf, Deutschlands größte Dunkelkammer zu besitzen.
-Das Konkubinat der Priester war noch keineswegs ausgerottet und die
-Zahl der Priesterkinder groß. Der durchaus klerikale Schriftsteller
-Albertinus schreibt sehr vielsagend über die Sittlichkeit unter
-Maximilian I. von Bayern (gest. 1650), daß durch die <em class="gesperrt">Menge</em>
-der Sünder die Sünde nicht geringer werde. Damals wurde im Rendamt
-Landshut, das aber sittlich höher stand als Burghausen, eine ganze
-Reihe von Geistlichen aufgeführt, denen Verführung von Dienstboten,
-Mißbrauch des Beichtstuhls, Notzuchtsversuche, Körperverletzungen etc.
-zur Last fielen. Von den Konventualen zu Osterhofen heißt es, daß sie
-nächtlicherweile viel auslaufen und sich an leichtfertige Weibspersonen
-hängen.<a id="FNAnker_199" href="#Fussnote_199" class="fnanchor">[199]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die »Newe Zeitunge von der Römischen Kayserlichen Mayestet Legation gen
-Rom zum new erwehlten Papst, im jetzigen Jar, nach weihnachten 1560. in
-4<sup>o</sup>« bringt folgenden erbaulichen Stimmungsbericht aus der Hauptstadt
-der Christenheit.</p>
-
-<p>»Ich glaube nicht, daß unter der Sonne ein ärger Leben verbracht werde,
-als in Rom. Das geht umher den ganzen Tag auf Gassen und Straßen,
-alles durcheinander, und der feilen Mädchen und Weiber gar viele, so
-daß deren daselbst leben 30000, wie ein<span class="pagenum"><a id="Seite_215"></a>[S. 215]</span> Register sagt, deren die
-geringste jede dem Papste jährlich 2 Kronen zahlt, die stattlichste
-aber 20 Kronen. <em class="gesperrt">Sie sind fast hoch privilegiert, daß man keine darf
-krumm ansehen; denn wenn sie einen verklagen, der wird ohne alle Gnade
-gestraft.</em></p>
-
-<p>Und da haben sich Männer und Weiber verlarvt, wie die Narren in
-Teutschland, in der Fastnacht. Unter solchen Mummereien reiten auch die
-Pfaffen einher. Und haben wir gesehen, daß der <em class="gesperrt">Kardinal Farnese</em>
-alle Gassen durchrannte, <em class="gesperrt">mit und um ihn dreizehn Curtisaninnen</em>.</p>
-
-<p>So findet man auch viele Weiber ins Mannskleidern einher gehen, mit
-zerhackten und zerschnittenen Hosen, und haben ihre Rapiere an den
-Seiten, als wären sie Landsknechte. Dieselbe müssen Briefe (d.&nbsp;h.
-Erlaubnisscheine) haben, welche sie aber theuer kaufen von päpstlicher
-Heiligkeit. Also nimmt man hier Geld von Rom und läßt alles gottlose
-Wesen zu. Es schadet alles garnichts. Hilf, lieber Gott! wie ist das
-Volk so verkehrt.</p>
-
-<p>Ich habe mit des Papstes Kämmerlingen einem oft und vielmals geredet,
-und des bösen Lebens gedacht, das in Rom geführt wird. Darauf er mir
-geantwortet: Auf das Leben dürfe ich nicht sehen, darauf käme nichts
-an, sondern ich sollte tun, als sähe ich nicht, was ich nicht sehen
-möchte. Aber ich danke Gott, daß meine Zeit kömmt, hinweg zu ziehen aus
-Rom, und gedenke, so Gott will, nimmermehr wieder dahin zu kommen.«<a id="FNAnker_200" href="#Fussnote_200" class="fnanchor">[200]</a></p>
-
-<p>Dieser Bericht eines augenscheinlich ehrlichen Mannes aus dem Jahre
-1560 lehrt im Verein mit zahllosen andern, daß der Klerus es immer
-vortrefflich<span class="pagenum"><a id="Seite_216"></a>[S. 216]</span> verstanden hat, Wasser zu predigen und Wein zu trinken
-und daß, wie in jeder anderen, so auch in sittlicher Beziehung
-Priesterherrschaft von allen möglichen die schlechteste ist.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Begreiflicherweise war es sogar noch in späterer Zeit jenseits der
-Alpen nicht besser.</p>
-
-<p>Die Sittlichkeit im schwarzen, urreaktionären Neapel stand um 1730
-nach Keyßlers Beschreibung nicht sehr leuchtend da: »Was die itzigen
-Zeiten anlangt, so muß man gestehen, daß die Freyheit und freche
-Lebensart der lüderlichen Weibspersonen in dieser Hauptstadt auf den
-höchsten Grad gestiegen, und die Stadt hierinn alle andere übertreffe.
-Es wohnen in einer einzigen Gegend <em class="gesperrt">über zweytausend Curtisanen</em>
-beysammen, und schämen sich geistliche Personen nicht, in diesen Gassen
-sich gleichfalls einzuquartieren. In allen rechnet man hier über
-achtzehntausend solcher Donne libere. Die Jugend wird dadurch gänzlich
-verdorben, und die Geistlichkeit selbst kann wenig im Zaume gehalten
-werden, weil die weltliche Obrigkeit nichts über sie zu befehlen hat,
-und die Clerisey, aus Respect vor das Amt und den heiligen Stand,
-einander durch die Finger sieht, ja es wohl übel nimmt, wenn man ihnen
-ihren freyen Willen nicht lassen will.«</p>
-
-<p>Wie der gelehrte Reisende weiter berichtet, wurde der Auditor des
-päpstlichen Nuntius in flagranti erwischt, aber nicht bestraft, da
-sich selbst der Vizekönig nicht getraute. Der Geistliche aber hatte
-die Dreistigkeit, die <em class="gesperrt">Bestrafung der Anzeiger zu<span class="pagenum"><a id="Seite_217"></a>[S. 217]</span> fordern, womit
-er durchdrang</em>. »Um aber doch einigermaßen allen diesen Herren
-wiederum einen Possen zu spielen, so ließ er zwar die Häscher mit einer
-Beschimpfung durch die Stadt führen, es war aber auf der Tafel, welche
-sie gewöhnlicher Weise auf der Brust tragen mußten, um die Verbrechen
-der Missethäter anzudeuten, geschrieben, daß solche Strafe ihnen
-angetan würde, weil sie sich unterstanden, den Auditor des päpstlichen
-Nuntius in seinen Plaisirs zu verunruhigen.«<a id="FNAnker_201" href="#Fussnote_201" class="fnanchor">[201]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Was sich selbst noch am Ende des 18. Jahrhunderts, und zwar in Bayern
-ein anmaßender und sittenloser Klerus herausnehmen durfte, möge aus
-folgender mehr tragischen als komischen Geschichte erhellen, die sich
-im Jahre 1786 zu Neuberg im Gericht Pfädter zutrug.</p>
-
-<p>Ein junger Bauer heiratete und wohnte weiter mit der bald
-neunzigjährigen Großmutter zusammen. Nach einiger Zeit gab die Kuh
-des jungen Paares keine Milch mehr, während der Quell bei der der
-Alten weiter sprudelte. Eine Magd, die wegen einer Untreue getadelt
-worden war, haßte die Greisin und sprengte deshalb das Gerücht aus,
-sie sei eine Hexe und habe die Kuh verzaubert. Zugleich wußte sie die
-junge Bäuerin gegen sie mißtrauisch zu machen, so daß ihr schließlich
-verboten wurde, die eigene Kuh zu melken. Die Folge waren auch
-Streitigkeiten in der jungen Ehe.</p>
-
-<p>Daß das Vieh krank sein könne &ndash; es gab Blut &ndash; und die ungeeignete
-Fütterung das Ausbleiben der<span class="pagenum"><a id="Seite_218"></a>[S. 218]</span> Milch, das sich auch sofort bei der
-Kuh der Greisin einstellte, als sie mit der andern von der Magd auf
-die Weide getrieben wurde, verursacht habe, kam niemand in den Sinn.
-Zauberei stand fest, und die Franziskaner mußten helfen.</p>
-
-<p>Nach vergeblichen Experimenten ging die junge Frau wieder ins Kloster,
-wo sie nach dem »Hexenpater«, den es damals noch in jedem Kloster
-gab, verlangte. In ein Separatzimmer geführt und mit Bier bewirtet,
-schüttete die junge Frau ihr Herz aus und es entspann sich folgendes
-Gespräch:</p>
-
-<p>»Pater: Bäuerin! Bäuerin! Da muß was anders als die Alte schuld sein &ndash;
-wie meint Ihr?</p>
-
-<p>Bäuerin: Ich? Ja mein Gott! wo soll’s dann fehlen?</p>
-
-<p>P.: Habt Ihr Euern Mann treulieb?</p>
-
-<p>B.: O ja, von Herzen gern.</p>
-
-<p>P.: Seid Ihr mit ihm zufrieden?</p>
-
-<p>B.: Ja.</p>
-
-<p>P.: Versteht mich wohl! Ich mein’s so, ob er bei der Nacht im Bette
-tut, wie Ihr es verlanget, so lang und so viel?</p>
-
-<p>B.: Aber ei! &ndash; (voll Scham) Ihr Hochw&ndash;</p>
-
-<p>P.: Nur heraus mit der Sprache, denn da kommt viel darauf an &ndash; also?</p>
-
-<p>B.: Ja! Ihr Hochwürden.</p>
-
-<p>P.: Hm. Hm. (Ergreift ihre Hand.) Weib! Weib! Beinahe komme ich auf
-andere Gedanken!</p>
-
-<p>B.: Aber, Ihr Hochwürden, ich bitt’ enk um Gottes willen &ndash; werds ja
-mich für kai Hex halten?</p>
-
-<p>P.: Das nicht, Weible, aber &ndash; wie! Macht ’nmal Euer Mieder auf!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219"></a>[S. 219]</span></p>
-
-<p>B.: Ihr Hochwürden! Was denken S’? Ist ja ä Schand’!</p>
-
-<p>P.: Ich kann Euch nicht helfen. &ndash; Ich komm’ sonst nicht auf die Spur.
-&ndash; Nun.</p>
-
-<p>B.: In Gottes Namen! Aber Herr!</p>
-
-<p>P.: So! &ndash; Schon wieder nähere Spuren (indem er die volle Brust
-streicht &ndash; drückt &ndash; und zuletzt saugt).</p>
-
-<p>B.: Aber, Ihr Hochwürden! Was ist denn das? O jeges! wenn’ ai Mensch
-sehe&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>P.: Halt’ dich, Närrin! (Saugt immer fort.)</p>
-
-<p>B.: Nun, was zeigt sich denn?</p>
-
-<p>P. (voll Feuer): Ja, Mütterchen! ich spüre zwar, daß eine Hexerei in
-Eurem Leibe ist &ndash; aber noch weiß ich nit, kömmt’s von Eurer Alten oder
-gar von Eurem Manne her &ndash; und um das zu finden, müßt Ihr Euch schon da
-niederlegen.</p>
-
-<p>B.: Ja, was woll’es dän thai mit mir?</p>
-
-<p>P.: Das werdet Ihr schon sehen. &ndash; Gelt, Ihr seid schwanger?</p>
-
-<p>B.: Ja, Ihr Hochwürden!</p>
-
-<p>P.: Nun schaut! Das Kind ist verhext, und da wird Euch ein schöner
-Bankert Freud’ machen und einmal auf dem Scheiterhaufen brinnen
-(brennen), wenn ich Euch nicht helfe &ndash; und es geben Euch die Kühe
-keine Milch, bis da geholfen ist &ndash; gebt Euch also willig und legt Euch
-nieder.</p>
-
-<p>B.: Nu, wann’s Ihr Hochwürden befehlen.« etc.</p>
-
-<p>Der Schluß war nicht nur, daß der Pater sich viehisch an der Frau
-verging, er gab ihr auch noch den Rat, mit einem <em class="gesperrt">Prügel versehen in
-den Stall zu gehen</em>, wo sie die Hexe treffen werde. <em class="gesperrt">So lange<span class="pagenum"><a id="Seite_220"></a>[S. 220]</span> bis
-Blut fließe, solle sie auf sie einschlagen</em> und mit dem Blut die
-Euter der Kühe bestreichen.</p>
-
-<p>Die Bäuerin handelte nach Befehl, ging in den Stall, traf dort
-die <em class="gesperrt">Großmutter</em> und <em class="gesperrt">schlug sie tot</em>. Nur durch die
-Gerichtsverhandlung kam auch der schändliche Streich des Geistlichen
-auf.</p>
-
-<p>Aber niemand dachte daran, den schurkischen Pater Benno zu verfolgen.
-Endlich gelang es dem energischen Eingreifen eines einzigen Richters,
-gegen den Geistlichen Strafverfolgung zu erwirken. Er wurde auf zehn
-Jahre vom Messelesen suspendiert und ebensolange in klösterlichem
-Arrest auf Wasser und Brot gesetzt, d.&nbsp;h. begnadigt, denn daß die
-Mönche ihrem Kollegen nichts Böses taten, ist klar. Die Regierung
-fürchtete aber ein energisches Eingreifen. Statt mit dem Schwert
-hingerichtet zu werden &ndash; was das Los der Bäuerin gewesen wäre, wenn
-der Schurkenstreich nicht aufgekommen wäre &ndash; wurde sie auf freien Fuß
-gesetzt.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Solche Zustände scheinen heute unmöglich zu sein. Scheinen! Das Zölibat
-ist eine der Natur zu sehr ins Gesicht schlagende Vergewaltigung,
-als daß auch beim besten Willen seine Durchführung streng gehandhabt
-werden könnte. Man mag vorsichtiger sein, Delikte mögen auch seltener
-werden, aufhören werden sie nie. Aber ein Unterschied ist zwischen
-der zwar kirchlich verdammten, aber moralisch einwandfreien normalen
-Befriedigung der Sinnlichkeit und viehischen Vergewaltigung und
-Versuchung anvertrauter Seelen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_221"></a>[S. 221]</span></p>
-
-<p>Am 8. April 1910 wurde vor der Strafkammer I des kgl. Landgerichts
-in Stuttgart gegen den Simplizissimus bzw. dessen verantwortlichen
-Redakteur Gulbransson in einer Beleidigungsklage des Bischofs Keppler
-von Rottenburg verhandelt und Gulbransson zu zwei Monaten Gefängnis
-verurteilt. Dieser Vorgang wäre für uns ohne jedes Interesse, wenn
-nicht während der Verhandlung Dinge zur Sprache gekommen wären, die
-eigentümliche Blitzlichter auf die sittliche Führung der katholischen
-Geistlichkeit wenigstens der Diözese Rottenburg geworfen hätten.</p>
-
-<p>Der Stadtpfarrer Bauer von Schramberg war wegen Sittlichkeitsverbrechen
-zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurteilt worden. Da Bischof Keppler
-am Vorabend des Schuldspruches eine zu Mißverständnissen Anlaß gebende
-Rede über die Möglichkeit eines gerichtlichen Falschspruches gehalten
-hatte, glaubte der Simplizissimus &ndash; und mit ihm noch viele andere
-Organe &ndash; daß Bischof Keppler gegen sittliche Verfehlungen seiner
-Geistlichen, wofern sie nur politisch brauchbar wären, zu milde
-vorgehe. Deshalb erschien in dem satirischen Blatt eine Zeichnung, den
-Bischof als Hirten einer Schweineherde darstellend. Die Schweine aber
-trugen priesterliche Gewandung. Die Überschrift des Bildes lautete:
-»Alles fürs Zentrum«, die Unterschrift aber: »Durch sein Eintreten für
-den Pfarrer Bauer hat der Bischof Keppler von Rottenburg gezeigt, daß
-er nicht nur über Schafe, sondern auch über Schweine ein guter Hirte
-ist.«</p>
-
-<p>In der Gerichtsverhandlung, in der festgestellt wurde, daß Pfarrer
-Bauer sich in schamlosester Weise an Kindern usw. vergangen hatte,
-stellte der Verteidiger<span class="pagenum"><a id="Seite_222"></a>[S. 222]</span> Rechtsanwalt Heusel den <em class="gesperrt">Antrag, den
-Wahrheitsbeweis für folgende in der Diözese vorgekommene Fälle</em> zu
-erbringen. Wir zitieren seine Ausführungen wörtlich:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»1. <em class="gesperrt">Der Fall des Pfarrers Gehr von Zuffenhausen.</em></p>
-
-<p>Ich beantrage hier die Akten der Kgl. Staatsanwaltschaft Stuttgart
-betreffend die Anzeige gegen den katholischen Pfarrer Gehr von
-Zuffenhausen vom Jahre 1908 beizuziehen. Pfarrer Gehr hat von
-zahlreichen Schulmädchen, welche in die 6. und 7. Klasse der
-Volksschule gingen, also vermutlich im 13. oder 14. Lebensjahr und
-<em class="gesperrt">vor</em> der Kommunion stehenden Mädchen verlangt, <em class="gesperrt">sie sollen
-ihre Röcke in die Höhe heben; er hat einzelnen dieser Mädchen
-selbst den Rock in die Höhe gehoben</em>, hat Mädchen auch rücklings
-auf seine Knie gesetzt, sie wie etwa kleine Kinder auf seinen
-Knien reiten lassen und sie dann rücklings mit dem Kopf zum Boden
-hinunterschnappen lassen, daß die Mädchen selbst auf den Gedanken
-kamen, er wolle ihnen <em class="gesperrt">unter die Röcke sehen</em>.</p>
-
-<p>Pfarrer Gehr hat weiter, was das Schwerwiegendere ist, um die
-Entdeckung seiner Verfehlungen zu verhindern, die Mädchen so
-bearbeitet, daß es schwer, wenn nicht unmöglich war, von ihnen
-den wahren Sachverhalt erfahren zu können. Es ist durch mehrfache
-Landjägermeldungen bestätigt, daß <em class="gesperrt">Pfarrer Gehr sich direkt
-bemüht hat, die Mädchen zu falschen Aussagen zu verleiten</em>, und
-<em class="gesperrt">daß den mißbrauchten Kindern mit der Hölle und mit<span class="pagenum"><a id="Seite_223"></a>[S. 223]</span> Gotteszell
-gedroht worden ist, falls sie etwas gegen den Pfarrer aussagen</em>.</p>
-
-<p>Es ist nicht meine Aufgabe als Verteidiger, ein derartiges
-Verhalten entsprechend zu charakterisieren. Tatsache ist, daß
-hochstehende Richter ihrem Erstaunen darüber Ausdruck verliehen
-haben, daß <em class="gesperrt">gegen Pfarrer Gehr gerichtlich nicht vorgegangen
-worden ist</em>. Tatsache ist weiter, daß die einzige Maßregel,
-welche seitens des bischöflichen Ordinariats gegen ihn verfügt
-worden ist, die war, daß er auf die <em class="gesperrt">beliebte</em>, in schönster
-Lage am Bodensee gelegene Pfarrei Eriskirch versetzt worden ist.</p>
-
-<p>2. <em class="gesperrt">Der Fall des Pfarrers und Schulinspektors Adis von
-Dotternhausen, O.-A. Rottweil.</em></p>
-
-<p>Hier wird die beantragte Beiziehung der Akten des bischöflichen
-Ordinariats das Nähere ergeben. Für den Fall, daß die Vorlage
-dieser Akten verweigert werden sollte, werde ich eingehenden Beweis
-erbringen. Pfarrer Adis hat <em class="gesperrt">Verbrechen</em> im Sinne des § 176
-Z. 3 StGB. begangen und in der Gemeinde Dotternhausen hiedurch und
-durch sonstige sittliche Verfehlungen das größte Ärgernis erregt.
-Die einzige Strafe, die gegen ihn verfügt worden ist, bestand in
-einer nur auf die Dauer eines <em class="gesperrt">halben Jahres verfügten Suspension
-vom Amt</em>, welche Zeit Pfarrer Adis nicht im Disziplinarhaus der
-Diözese Rottenburg für katholische Geistliche, sondern vermutlich
-in einem Kloster verbrachte.</p>
-
-<p>3. <em class="gesperrt">Der Fall des katholischen Pfarrers Kolb von Ennabeuren, O.-A.
-Münsingen.</em></p>
-
-<p>Pfarrer Kolb hat durch fortgesetzten Verkehr mit<span class="pagenum"><a id="Seite_224"></a>[S. 224]</span> übel
-beleumundeten Frauenzimmern in der Gemeinde Ennabeuren derartiges
-sittliches Ärgernis erregt, daß sich ein Bürger von Ennabeuren,
-namens Johannes Reyhinger, Frohnmeister daselbst, den ich
-für sämtliches hier Vorgetragene als Zeugen benenne und zur
-Hauptverhandlung vorzuladen beantrage, <em class="gesperrt">persönlich</em> nach
-Rottenburg an das bischöfliche Ordinariat wandte. Fronmeister
-Johannes Reyhinger schilderte dort einem Domkapitular das
-sittlich verwerfliche Verhalten Kolbs, insbesondere auch die
-Tatsache, daß, wie ortsbekannt geworden war, ein Frauenzimmer von
-Ennabeuren häufig bei Kolb in seiner Wohnung genächtigt und dort im
-<em class="gesperrt">Pfarrhof eine besondere Bettstelle zur Verfügung gehabt habe,
-ohne daß seitens des Ordinariats gegen Kolb eingeschritten worden
-wäre</em>.</p>
-
-<p>4. <em class="gesperrt">Der Fall betreffend Kaplan Hag in Scheer, O.-A. Saulgau.</em></p>
-
-<p>Kaplan Hag hatte zwei Knaben, welche bei kirchlichen Anlässen als
-Ministranten fungierten und von denen einer jetzt Schutzmann ist,
-<em class="gesperrt">in der Kirche zur Päderastie angeleitet und mißbraucht. Er ist
-jetzt in Argentinien Pfarrer.</em></p>
-
-<p>5. <em class="gesperrt">Der Fall des Pfarrers und Kammerers Höflinger von Altheim,
-O.-A. Riedlingen.</em></p>
-
-<p>Der genannte Pfarrer war außerehelicher Vater von <em class="gesperrt">fünf</em>
-Kindern, deren Mütter <em class="gesperrt">zwei</em> ledige Frauenspersonen seiner
-Gemeinde waren. Diese Tatsache ist in der Gemeinde bekannt geworden
-und hat dort berechtigtes Aufsehen erregt. Er verpflichtete
-sich, den jüngsten zwei seiner <em class="gesperrt">Kinder</em> das Geld zur
-<em class="gesperrt">Übersiedelung nach Amerika</em> zu geben, worüber<span class="pagenum"><a id="Seite_225"></a>[S. 225]</span> ein Vertrag
-gefertigt worden ist. <em class="gesperrt">Kirchlich wurde nicht weiter gegen ihn
-eingeschritten</em>; er hat jedenfalls auch in Zukunft seines Amtes
-als Pfarrer gewaltet.</p>
-
-<p>6. <em class="gesperrt">Der Fall betreffend den Kaplan Azger in Heufelden, O.-A.
-Ehningen.</em></p>
-
-<p>Dieser Kaplan hatte in den Jahren 1906 und 1907 ein im ganzen Dorfe
-bekanntes Verhältnis mit einer Industrielehrerin, <em class="gesperrt">ohne daß gegen
-ihn seitens des Ordinariats eingeschritten worden wäre</em>.</p>
-
-<p>7. <em class="gesperrt">Ich beantrage</em> weiter die Beiziehung der Akten der Kgl.
-Staatsanwaltschaft und des Kgl. Landgerichts Rottweil, betreffend
-den <em class="gesperrt">Fall des Pfarrers Knittel von Wachendorf, O.-A. Horb</em>.</p>
-
-<p>Dieser Fall hat seinerzeit auch im Württembergischen Landtag eine
-eingehende Besprechung gefunden.</p>
-
-<p>8. <em class="gesperrt">Ebenso</em> beantrage ich die Beiziehung der Gerichtsakten,
-betreffend den <em class="gesperrt">Pfarrer Nuber in Buchau am Federsee, O.-A.
-Riedlingen</em>, welcher seinerzeit wegen <em class="gesperrt">Schändung von Knaben
-in der Kirche</em> angeklagt war und der sich in der Folge im
-Amtsgerichtsgefängnisse zu Riedlingen erhängte.«</p></div>
-
-<p>Ob der sittliche Tiefstand in der Rottenburger Diözese besonders groß
-ist, wagen wir nicht anzunehmen, noch viel weniger können wir es
-feststellen. Ist das aber nicht der Fall, dann bleibt nur ein eben
-nicht rühmlicher Schluß auf die übrigen Diözesen zu ziehen übrig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_226"></a>[S. 226]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wie der Corriere de la sera mitteilte, hatte das Erdbeben vom 28.
-Dezember 1908, das Messina und mehrere Küstenorte zerstörte, wobei nach
-der offiziellen Verlustliste über 98000 Menschen ums Leben kamen, eine
-ungeahnte Nebenwirkung. Die <em class="gesperrt">Mönche</em> von San Procopio (Kalabrien)
-verlangten nämlich in Messina <em class="gesperrt">Unterstützung für sich und ihre
-Familien</em>. In Palmi lebten mehrere Mönche in wilder Ehe. Einer davon
-hatte sechs Kinder, für die er um Brot bat.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Mag sich also auch das sittliche Niveau der Geistlichkeit seit dem
-Mittelalter nicht wesentlich gehoben haben, wenn auch keineswegs
-geleugnet werden soll, daß die Konkurrenz der Kirchen und das gute
-Beispiel der bürgerlichen Welt veredelnd wirkte, so ist dafür die
-Nuditätenschnüffelei desto mehr gewachsen. Unter diesen Umständen
-bietet es erhöhtes Interesse, zu sehen, was die Kirche zuließ, als
-sie unumschränkt herrschte. Der Schluß, daß auch die äußerliche
-Versittlichung nicht ihr, sondern andern Mächten ihren Ursprung dankt,
-sie aber, wie überall, so auch hier ein kultur- und kunsthemmendes
-Extrem aufstellte, liegt nicht fern.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>An den Gesimsen des Straßburger Münsters im Innern der Kirche waren
-satirische Bildwerke auf die Mönche angebracht, so Affen, Esel,
-Schweine im Mönchshabit Messe lesend. Und zwar, wie feststeht, nicht
-etwa unter protestantischem Einfluß, da schon im Jahre 1449 der Bau
-vollendet war. Die pièce de<span class="pagenum"><a id="Seite_227"></a>[S. 227]</span> résistance bildete an der Treppe, die auf
-die große Kanzel führte, <em class="gesperrt">ein am Boden liegender Mönch, der »sich bei
-einer liegenden Nonne gar ungeziemender Freyheiten gebrauchet«</em>.
-Wenige Jahre vor 1729 erst wurden diese nicht gerade für prüde Augen
-bestimmten Plastiken entfernt, nach Fiorillo erst nach 1764. Geiler von
-Kaysersberg hatte augenscheinlich an dieser Darstellung keinen Anstoß
-genommen. Nach Fiorillo wurde sie sogar erst unter seinen Augen 1486
-angebracht.<a id="FNAnker_202" href="#Fussnote_202" class="fnanchor">[202]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Nach demselben Gewährsmann befand sich noch damals im Erfurter Dom
-»an der Ecke rechter Hand ... unter den Zierathen eines Gesimses ein
-<em class="gesperrt">Concubitus Monachi cum Monacha</em> gar deutlich in Stein gehauen,
-daß man also nicht nur aus dem straßburgischen, sondern auch hiesigen
-Domgebäude zeigen kann, wie die Clerisey vor der Reformation es so
-grob und plump in ihrem Leben und Wandel getrieben, daß auch die
-Handwerksleute nicht unterlassen können, in öffentlichen Gebäuden
-ihren Spott darüber zu treiben, wo nicht gar die jalousie zwischen den
-Mönchen und der übrigen Clerisey zu solchen ärgerlichen Vorstellungen
-Anlaß gegeben und den Layen dergleichen Arbeit anbefohlen hat«.<a id="FNAnker_203" href="#Fussnote_203" class="fnanchor">[203]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>An einem Kapitell der Kirche des Egerer Schlosses in Böhmen ist
-Adam und Eva dargestellt, beide natürlich völlig nackt. Adam
-manipuliert dabei in höchst<span class="pagenum"><a id="Seite_228"></a>[S. 228]</span> merkwürdiger Weise an seinem intimsten
-Körperteile.<a id="FNAnker_204" href="#Fussnote_204" class="fnanchor">[204]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In der Hauptkirche von Nördlingen befindet sich ein angeblich von Jesse
-Herlin 1503 gemaltes, 1601 restauriertes jüngstes Gericht, das einen
-Papst mit Kardinälen und Mönchen in der Hölle zeigt und <em class="gesperrt">ein Weib,
-das von einem Teufel vergewaltigt wird</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Kirche zu Weilheim in Württemberg besitzt ein ähnliches Fresko-Bild
-aus dem 15. Jahrhundert. Es stellt ein Jüngstes Gericht dar und scheint
-allerdings mehr satirisch als unsittlich zu sein.<a id="FNAnker_205" href="#Fussnote_205" class="fnanchor">[205]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Am Dom zu Freiburg i. Br. befindet sich ein Wasserspeier in
-menschlicher Gestalt, der die Abflußröhre aus dem Gesäß herausragen
-hat. Die Person macht das vergnügteste Gesicht von der Welt. Nicht
-ohne Grund, denn nicht jedem ist es vergönnt, seinen Gefühlen der
-Hochschätzung für die lieben Zeitgenossen in so deutlicher Weise
-Ausdruck zu verleihen.<a id="FNAnker_206" href="#Fussnote_206" class="fnanchor">[206]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Unsittlichkeit der genannten Darstellungen war nicht etwa, wie man
-annehmen könnte, ein deutsches Privilegium, sondern <em class="gesperrt">in der ganzen
-Christenheit</em> nahm man daran keinen Anstoß.<span class="pagenum"><a id="Seite_229"></a>[S. 229]</span> Fiorillo schreibt
-z.&nbsp;B.: »Unter dem Chorgestühl in der Capelle Heinrichs VII. in der
-Westminster Abtei wird man einiger Basreliefs gewahr, die äußerst
-schlüpfrige und unzüchtige Bilder enthalten, so daß es unbegreiflich
-ist, wie die frommen Benediktinermönche dieselben haben dulden können.
-Jedoch findet man auch ähnliche obscöne Dinge zu Canterbury, an Chalk
-Church in Kent...« Da Fiorillo zu Beginn des 19. Jahrhunderts schrieb,
-hatte bis dahin die Kirche keinen Anstoß genommen. Auch hier also, auf
-so kleinem Gebiet selbst, zeigt es sich, daß Besserungen nicht durch,
-sondern ohne, oft trotz und gegen die Kirche sich durchsetzen.<a id="FNAnker_207" href="#Fussnote_207" class="fnanchor">[207]</a></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_230"></a>[S. 230]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zehnter_Abschnitt"><span class="s5">Zehnter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Ehe</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts herrschte bei den Bauern in fast
-allen Teilen Deutschlands die Sitte, dem Bräutigam alle ehelichen
-Rechte gradatim zu gestatten.</p>
-
-<p>»Sehr oft verweigern die Mädchen ihrem Liebhaber die Gewährung seiner
-letzten Wünsche solang, bis er <em class="gesperrt">Gewalt</em> braucht. Das geschiht
-allezeit, wenn <em class="gesperrt">ihnen wegen seiner Leibesstärke einige Zweifel zurück
-sind</em>, welche sie sich freilich auf keine so heikle Weise, als die
-Witwe Wadmann, aufzulösen wissen. Es kömmt daher ein solcher Kampf
-dem Kerl oft sehr teuer zu stehen, weil es nicht wenig Mühe kostet,
-ein Baurenmensch zu bezwingen, das jene wollüstige Reizbarkeit nicht
-besitzt, die Frauenzimmer von Stande so plötzlich entwafnet.«<a id="FNAnker_208" href="#Fussnote_208" class="fnanchor">[208]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Während man die Nächte, in denen alles gewährt wurde, Probenächte
-nannte, hießen die andern, bei denen der Bauernbursch auf möglichst
-halsbrecherischem Wege ins Schlafzimmer des Bauernmädchens eindrang,
-um zu plaudern, wobei natürlich auch In<span class="pagenum"><a id="Seite_231"></a>[S. 231]</span>timitäten nicht unterblieben,
-Kommnächte. »Die Landleute finden ihre Gewohnheit so unschuldig, daß
-es nicht selten geschiht, wenn der Geistliche im Orte einen Bauren
-nach dem Wohlsein seiner Töchter frägt, diser ihm zum Beweise, daß sie
-gut heranwüchsen, mit aller Offenherzigkeit und mit einem väterlichen
-Wohlgefallen erzehlt, wie sie schon anfiengen, ihre Kommnächte zu
-halten.«<a id="FNAnker_209" href="#Fussnote_209" class="fnanchor">[209]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Keyßler erzählt im Jahre 1729 folgendes: »In den Dörfern des
-benachbarten Bregenzerwaldes hat bisher die wunderliche Gewohnheit
-regieret, daß die unverheiratheten Baurensöhne und Knechte ohne Scheu
-so lange bei einem ledigen Mädchen haben schlafen können, <em class="gesperrt">bis
-dieselbe ein Kind von ihnen bekommen</em>, da dann jene erst, und zwar
-bei den höchsten Strafen, verbunden waren, sie zu heirathen. Diese
-Art von Galanterie heißen sie fuegen, und finden sie daran so wenig
-auszusetzen, daß, da man seit etlichen Jahren, kraft obrigkeitlichen
-Amtes, diese schändliche Weise abschaffen wollen, es zu einer <em class="gesperrt">Art
-von Aufruhr</em> gediehen, und die Sache noch in einem Proceß, zu dessen
-Führung sie einen Advocaten aus Lindau angenommen haben, verwickelt
-ist.«<a id="FNAnker_210" href="#Fussnote_210" class="fnanchor">[210]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Nicht viel früher herrschte auch in den <em class="gesperrt">Bürgerhäusern</em> noch
-die schöne Sitte des »Beischlafens auf Glauben«, die wir im vorigen
-Bande kennen gelernt haben. Der Prädikant Wilhelm Ambach (Quellen
-zur<span class="pagenum"><a id="Seite_232"></a>[S. 232]</span> Frankfurter Gesch. II, 34) erzählt von Frankfurt a. M. darüber
-(zitiert nach Schultz): »Das weibliche geschlecht ist ja fast blöd und
-schwach, aber man sahe hie bei vielen, daß in hurei, ehebruch und aller
-leichtfertigkeit stark und frech waren, dann auch 50jährige witfrauen,
-die jetzt Kindeskinder haben, aller ehren und freundschaft vergessen;
-jungfrauen sind ihren herrn und eltern entlaufen, sich in schändliche
-hurei begeben; jedoch haben etliche aus ihnen öffentlich geehlichet,
-viel blieben ungeehlichet, schlufen bei uf Gelderischen glauben,
-gewöhnlich aber lebten sie frech und gut kriegerisch...«</p>
-
-<p>Daß der biedere Prädikant, wie bei einem Geistlichen
-selbstverständlich, furchtbar übertreibt und nach den zu hoch
-hängenden Trauben schielt, ist eine Sache für sich. An der Sitte des
-»Gelderischen Glaubens« auch in Bürgerkreisen wird sich kaum zweifeln
-lassen.<a id="FNAnker_211" href="#Fussnote_211" class="fnanchor">[211]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ja, die <em class="gesperrt">gastliche Prostitution</em>, bei barbarischen und
-halbbarbarischen Völkern sehr häufig und darin bestehend, daß der Wirt
-seinem Gast das Eheweib oder die Tochter für die Nacht leiht, läßt sich
-in Deutschland noch sehr spät nachweisen. Ältere Zeugnisse, an denen
-in Skandinavien und für Island kein Mangel herrscht, fehlen bei uns,
-dafür berichtet aber Thomas Murner in der Gäuchmatt (Geschwor. Art. 9):
-»<em class="gesperrt">es ist in dem Niderlande auch der Brauch, so der Wirt ein lieben
-gast hat, daß er im sin frouw zulegt auf guten glouben</em>.« Ja, in
-einem Briefe an J. G. Forster vom 20. Juni 1788<span class="pagenum"><a id="Seite_233"></a>[S. 233]</span> erzählt der in Bern
-wohnende, aus Biel gebürtige Höpfner, daß es <em class="gesperrt">im Berner Oberlande
-verbürgter Brauch sei, daß ein Vater seine Tochter, ein Bruder seine
-Schwester, ein Mann seine Frau dem fremden Gast in aller Höflichkeit
-zur Nacht anbiete</em> und <em class="gesperrt">sich eine große Ehre daraus mache, wenn
-man es annehme</em>.<a id="FNAnker_212" href="#Fussnote_212" class="fnanchor">[212]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im alten Skandinavien scheint es Sitte gewesen zu sein, daß der
-Beischlaf vor der Hochzeit ausgeübt wurde. Sehr sonderbar ist, daß
-Fritjof die Prinzessin Ingeborg gleich nach der Verlobung im Tempel zu
-Baldershagen genießt, und nicht minder erstaunlich, daß König Harald
-in Norwegen, der die schöne Asa mit Gewalt gewinnen will, dem für ihn
-eintretenden Ritter gestatten muß, <em class="gesperrt">mit ihr</em> die Probenacht zu
-halten, bevor er zu den Waffen greift!<a id="FNAnker_213" href="#Fussnote_213" class="fnanchor">[213]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ein sonderbarer Brauch, der sich sonst nur bei barbarischen oder
-halbbarbarischen Völkern findet, herrschte noch vor zwei Jahrhunderten
-in Island. In der Relation d’Islande dans le Recueil des Voyages au
-Nord. Amsterdam 1715. T. I, p. 35 heißt es: »Les filles, qui sont fort
-belles dans cette Isle, mais fort mal vetues vont voir ces Allemans et
-ofrent à ceux, qui n’ont pas des femmes de coucher avec eux <em class="gesperrt">pour du
-pain, pour du biscuit et pour quelqu’autre chose de peu de valeur</em>.
-Les pères mêmes, dit-on, présentent leurs <em class="gesperrt">filles</em> aux Etrangers.
-<em class="gesperrt">Et si<span class="pagenum"><a id="Seite_234"></a>[S. 234]</span> leurs filles déviennent grosses, ce leur est un grand
-honneur. Car elles sont plus considerées et plus recherchées par les
-Islandois, que les autres.</em> Il y a même de la presse de les avoir.«</p>
-
-<p>Übrigens sollen, wie ich von glaubwürdiger Seite erfahre, noch heute
-im Schwarzwald und auch in Mecklenburg, vielleicht auch anderwärts,
-ähnliche Sitten herrschen. Und zwar nicht nur »Probenächte«, sondern
-auch die Anschauung, daß das schwangere Bauernmädchen höher geschätzt
-wird, als eines, das seine Fruchtbarkeit erst noch beweisen muß.
-Allerdings heiratet fast ausnahmslos der Bauernbursch das von ihm
-geschwängerte Mädchen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Noch im späteren Mittelalter war unter dem hohen Adel, also nicht etwa
-nur im Volke, der Brauch verbreitet, daß die Braut vor der Hochzeit
-sich ihrem Bräutigam ganz hingab. So hielt im Jahre 1378 nach einer
-Urkunde Graf Johann IV. von Habsburg ein <em class="gesperrt">ganzes halbes Jahr lang
-mit der Herzland von Rappoltstein Probenächte</em> ab, um dann wegen
-seiner Untüchtigkeit einen Korb zu erhalten. Allerdings hatte die Dame
-nicht so ganz unrecht. Köstlich aber ist die Kur, die ein Straßburger
-»Meister Heinrich von Sachsen, der der beste Meister ist, den man
-finden kan« anwandte: »undt <em class="gesperrt">hiengent ime an in eine Bad an sin
-Ding ettwie viel Bliges (Blei) wol fünfzig Pfunf schwer</em> undt
-pflasterten ine, als menlich seitt, undt verfieng alles nüt, daß sü
-imme ut gemachen konnten, daß er verfengklich were<span class="pagenum"><a id="Seite_235"></a>[S. 235]</span> zu Frowen.« Wiewohl
-diese Kur lange fortgesetzt wurde, hatte sie so wenig Erfolg, wie die
-entschieden angenehmere, ihm hundert Frauen vorzustellen, um diejenige
-auszusuchen, die voraussichtlich die gewünschte Wirkung erzielen
-würde.<a id="FNAnker_214" href="#Fussnote_214" class="fnanchor">[214]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Höchst bezeichnend für Sitte und Schamgefühl unserer Ahnen ist folgende
-Geschichte, die Vitus Arnpek erzählt: Herzog Ludwig I. von Bayern hielt
-eine Probenacht mit der schönen verwitweten Gräfin Ludmilla von Bogen,
-einer geborenen böhmischen Prinzessin. Da die Gräfin wohl nicht ohne
-Grund fürchtete, der Herzog wolle zwar die Freuden der Liebe bei ihr
-genießen, sie dann aber sitzen lassen, ersann sie eine List. Als der
-Herzog wieder einmal sie besuchte, fand er auf dem vor ihrem Bette
-hängenden Vorhang vor ihr drei schön gemalte Ritter. Sie legten sich zu
-Bett und huldigten der Liebe Freuden. Die Gräfin aber bewog den Herzog,
-ihr zu schwören, daß er sie zu seiner Gemahlin machen wolle, was er
-auch angesichts der gemalten Ritter tat. Kaum war es geschehen, als die
-Gräfin den Vorhang zurückzog, <em class="gesperrt">so daß drei Ritter, die sie vorher
-dahinter versteckt hatte, und die also Zeugen des nicht alltäglichen
-Schauspiels gewesen waren</em>, sichtbar wurden. Sie bestätigten
-sofort, daß sie des Herzogs Schwur gehört hatten. Ludwig aber war sehr
-überrascht, da er wohl gehofft hatte, ohne Zeugen den Schwur ableugnen
-zu können. Er führte nach einem Jahr mit großen Festlichkeiten die
-Gräfin<span class="pagenum"><a id="Seite_236"></a>[S. 236]</span> heim. Übrigens hat diese Geschichte im Volksliede ihre
-Verewigung gefunden.<a id="FNAnker_215" href="#Fussnote_215" class="fnanchor">[215]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Noch im 16. Jahrhundert war es Sitte, daß die Jungvermählte sich in
-der Brautnacht nackt zu Bett begab, woher das französische Sprichwort
-stammt: »Ses promesses ressemblent à celle d’une mariée qui antreroit
-au lit en chemise.« Im weiteren Verlaufe des Jahrhunderts erst bürgerte
-sich der heutige Brauch, im Hemd zu schlafen, wenigstens im Winter,
-allgemein ein. Aber das 1618 erschienene Buch »La Bienséance de la
-conversation entre les hommes« hielt es noch für nötig, vom Schlafen
-ohne Hemd abzuraten. Ja in »La civilté nouvelle« vom Jahre 1667
-erscheint noch die gleiche Mahnung. Allerdings handelt es sich jetzt
-nicht mehr um die erste Gesellschaft.<a id="FNAnker_216" href="#Fussnote_216" class="fnanchor">[216]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das kanonische Recht scheidet die Ehe bekanntlich nur dann, wenn
-durch männliches oder weibliches Unvermögen der Zweck, Kinder zu
-erzeugen, nicht erfüllt werden kann. Der berühmte französische Jurist
-François Hotman (1524&ndash;1590) prüft nun sehr eingehend die Frage, wie
-die männliche Impotenz festgestellt werden könne und liefert in
-seiner langen und grundgelehrten Abhandlung auch folgenden Passus:
-»An Stelle der beiden Feststellungsmethoden hat man, ich weiß nicht
-durch welches Unglück unseres Jahrhunderts, eine weitere eingeführt,
-die die brutalste ist,<span class="pagenum"><a id="Seite_237"></a>[S. 237]</span> die man sich ausdenken kann und von der wir
-hoffen, daß sie von ebenso kurzer Dauer ist, wie sie wenig Vernunft und
-juristisches Aussehen (apparence) besitzt: Es ist dies der sogenannte
-<em class="gesperrt">Kongreß</em>. Abgesehen davon, daß er gegen die öffentliche
-Ehrbarkeit verstößt, ist er überdies unzweifelhaft auch unnütz....
-Erst seit kurzer Zeit ist dieses Verfahren in Übung: sein Ursprung
-mag darin zu suchen sein, daß ein scham- und ehrloser Mann, der von
-seiner Frau der Impotenz geziehen war, <em class="gesperrt">sich rühmte, den Beweis
-seiner Tüchtigkeit zu erbringen in Gegenwart von Leuten, die sich
-darauf verstünden</em>. Und wenn die Richter diesen Beweis zuließen, so
-geschah es sowohl aus Überraschung und weil sie darüber nicht reiflich
-nachgedacht hatten, als auch weil einige Weise im Anfange dieses
-Verfahren nicht für schlecht hielten, in der Erwägung, die Frauen durch
-diese Schande und Schamlosigkeit von der allzu großen und häufigen
-Klage, die sie gegen ihre Ehemänner erhoben, abzuschrecken. Denn das
-Gesetz gestattet bisweilen ein Übel, um ein größeres zu heilen. Ein
-Beispiel dafür bietet die Geschichte, die Aulus Gelius lib. 15, kap.
-10 von einigen jungen Mädchen aus Milet erzählt, die aus Verrücktheit
-freiwillig aus dem Leben schieden. Und man konnte dieser Krankheit, die
-sich stark vermehrte, keinen Einhalt tun, außer durch eine entehrende
-Strafe, die man über sie verhängte: die Männer bestimmten, daß alle
-diejenigen, die sich auf diese Weise umgebracht hatten, splitternackt
-überall herumgetragen und dem Volk gezeigt würden. Die übrigen
-jungen Mädchen wurden durch die Schande eines so wenig ehrenvollen<span class="pagenum"><a id="Seite_238"></a>[S. 238]</span>
-Leichenbegängnisses derart ins Herz getroffen, daß sie ihren Verstand
-wiedergewannen und nicht mehr in diese Krankheit verfielen.</p>
-
-<p>So dachte man wohl auch, daß ein so unehrenvoller Kongreß die
-Klagen der Frauen mäßigen würde. Aber im <em class="gesperrt">Gegenteil</em> (wie das
-Jahrhundert ja unglücklich ist), <em class="gesperrt">sie fühlten sich durch dieses
-Mittel gestärkt</em>, und von Beginn ihres Scheidungsprozesses an
-<em class="gesperrt">fordern sie selbst den Kongreß</em>, da sie alle wissen, daß sie
-damit ein unzweifelhaftes Mittel besitzen, den Prozeß zu gewinnen.
-Denn welche Sicherheit jeder Mann sich auch zutrauen mag (wenn er
-nicht ebenso brutal und schamlos ist wie ein Hund), er wird einräumen,
-wenn er für sich und ohne Leidenschaft es gut betrachtet, daß es nicht
-in seiner Gewalt liegt, den Beweis für seine Fähigkeit, die Ehe zu
-vollziehen, zu erbringen <em class="gesperrt">in Gegenwart des Gerichtshofes</em>, den
-man verehrt, angesichts der <em class="gesperrt">Ärzte, Chirurgen und Matronen</em>, die
-man fürchtet und mit einer Frau, die man für seine Feindin hält, da
-eingestandenermaßen solche Akte Selbstsicherheit, Heimlichkeit und
-Freundschaft erfordern.«<a id="FNAnker_217" href="#Fussnote_217" class="fnanchor">[217]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Nach einem handschriftlichen Amtsbericht vom 8. März 1666 ging es den
-<em class="gesperrt">Pantoffelhelden</em> in der Gegend von Mainz recht schlecht. »Es
-ist ein alter Gebrauch hierumb in der Nachbarschaft, falß etwan ein
-Frauw ihren Mann schlagen sollte, daß alle des Fleckens oder Dorffs,
-worin das Factum geschehen, angrenzende Gemärker sichs annehmen; doch
-würdt die sach vff den letzten Faßnachttag oder Eschermitt<span class="pagenum"><a id="Seite_239"></a>[S. 239]</span>woch als
-ein recht Faßnachtspiehl versparet, da denn alle Gemärker, nachdem
-sie sich 8 oder 14 Tag zuvor angemeldet, Jung und Alt, so Lust dazu
-haben, sich versammeln, mit Trommen, Pfeiff und fliegenten Fahnen zu
-Pferd und zu Fuß dem Orth zuziehen, wo das Factum geschehen, vor dem
-Flecken sich anmelden, und etliche aus ihren mittlen zu dem schulthesen
-schicken, welche ihre Anklag wieder den geschlagenen Mann thun, auch
-zugleich ihre Zeugen, so sie deswegen haben, vorstellen, nachdem nuhn
-selbige abgehöret, und ausfündig gemacht worden, daß die Frau den
-Mann geschlagen, würdt ihnen der Einzug in den Flecken gegönnt, da
-sie dann also baldt sich alle sambdt vor des geschlagenen mans Hauß
-versammeln, das Hauß umbringen, undt fallß der Mann sich mit ihnen
-nicht vergleichet undt abfindet, schlagen sie Leitern ahn, <em class="gesperrt">steigen
-auf das Dach, hauwen ihme die Fürst ein undt reißen das Dach bis vff
-die vierte Latt von oben ahn ab</em>, vergleicht er sich aber, so ziehen
-sie wieder ohne Verletzung des Hauses ab, falß aber der Beweiß nicht
-kann geführt werden, müssen sie unverrichteter sach wieder abziehen.«</p>
-
-<p>Im ehemaligen Fürstentum Fulda war es ebenso. Wenn ein Mann überwiesen
-wird, von seiner Frau Schläge bekommen zu haben, so hat das
-Hofmarschallamt das Recht, die Sache zu untersuchen. Ist die Anklage
-begründet, dann wird dem Geschlagenen durch Diener in fürstlicher
-Livree <em class="gesperrt">das Dach seines Wohnhauses abgedeckt</em>. Noch im Jahre 1768
-oder 1769 ist eine solche Exekution vollzogen worden (Journal von und
-für Teutschland. 1784. 1. Th.,<span class="pagenum"><a id="Seite_240"></a>[S. 240]</span> S. 136), ja, noch 1795 soll dieser
-Brauch geübt worden sein.<a id="FNAnker_218" href="#Fussnote_218" class="fnanchor">[218]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Höchst sonderbar war die Gerechtsame der Familie von Frankenstein bei
-Darmstadt, die von dieser Stadt jährlich 12 Malter Korn erhielt, um
-dafür, wenn die Darmstädter es verlangten, durch einen besonderen Boten
-einen Esel zu schicken, auf dem die schlagfertige Frau durch die Stadt
-reiten mußte. Der letzte derartige Fall wird vom Jahre 1536 erwähnt.</p>
-
-<p>Eine ähnliche Sitte bestand in Frankreich. Dort mußte der Mann, der
-sich von seiner besseren Hälfte schlagen ließ, zur Schande auf einem
-Esel reiten, und zwar rittlings, den Schwanz in den Händen haltend.
-Wenn der Pantoffelheld sich durch die Flucht dieser Strafe entzog, dann
-mußte der nächste Nachbar für ihn herhalten.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In den Statuten des schwarzburgischen Städtchens Blankenburg vom Jahre
-1594 heißt es § 14: »Welch Weib ihren Ehemann rauft oder schlägt, die
-soll nach Befinden und Umständen der Sachen mit Geld oder Gefängnis
-bestraft werden, oder da sie des Vermögens, soll sie der Rathsdiener
-zum Kleide wüllen Gewandt geben.« § 15 lautet: »Da aber ein Exempel
-vorgefunden werden sollte, daß ein Mann so weibisch, daß er sich
-von seinem Weibe raufen, schlagen und schelten ließe, und solches
-gebührlicher Weise nicht eifert oder klagt, der soll des Raths beide
-Stadtknechte<span class="pagenum"><a id="Seite_241"></a>[S. 241]</span> mit Wüllengewandt kleiden, oder da ers nicht vermag, mit
-Gefängnis oder sonst willkürlich gestraft, und ihme hierüber <em class="gesperrt">das
-Dach auf seinem Hauße aufgehoben werden</em>.«</p>
-
-<p>Eine ähnliche, später außer Kraft gesetzte Verordnung stand auch in den
-rudolstädtischen Statuten.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Eine sehr verständige, nur etwas gewalttätige Sitte herrschte im
-Fürstentum Hechingen, um die eheliche Harmonie zu sichern. Die
-gesetztesten Bauern einiger zu Balingen gehöriger Ortschaften wählten
-einen ehrlichen, untadelhaften Mann in aller Stille. Dieser wurde Datte
-genannt, im Schwäbischen soviel wie Vater. Der Datte wählte sich zwei
-Assistenten. Erfuhr er nun, daß ein Ehepaar im Zwist lebe und sich
-gegeneinander unanständig betrage, dann erkundigte er sich genau, ob
-das Gerücht auch begründet sei. War es der Fall, dann ging er nachts
-mit seinen beiden Assistenten vor das Haus des Ehepaares, klopfte an
-und antwortete auf die Frage: Wer da? weiter nichts als: »Der Datte
-kommt.«</p>
-
-<p>Hat diese wohlmeinende Mahnung zum Frieden keinen Erfolg, dann kommt
-er ein zweites Mal in finsterer Nacht, klopft stärker an und sagt
-nochmals: »Der Datte kommt.« Blieb auch diese Warnung fruchtlos,
-dann kam er ein drittes Mal nachts, jetzt aber mit seinen vermummten
-Assistenten. Mit Knütteln machen sie sich über den schuldigen Teil,
-der gewissenhaft ermittelt ist, her und verprügeln ihn exemplarisch.
-Die Wirkung dieser Sitte war glänzend,<span class="pagenum"><a id="Seite_242"></a>[S. 242]</span> denn lange Zeit kamen
-keine Ehehändel in den betreffenden Orten vor. Als aber der Datte
-seines Amtes einmal zu energisch gewaltet hatte, untersagte die
-Landesregierung den Brauch.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Eine befremdende, aber der da und dort in unserem Recht auftretenden
-Romantik ein ehrendes Zeugnis ausstellende Sitte bestand darin,
-<em class="gesperrt">Verbrecher dann frei zu lassen, wenn Jungfrauen sie zur Ehe
-begehrten</em>.</p>
-
-<p>Im Jahre 1505 erschien zu Lyon ein Buch mit dem Titel: »Le Masuer
-en françois selon la coutume du hault et du bas pays d’Auvergne«.
-Hier heißt es Blatt 119: »In mehreren Orten und Ländern herrscht die
-Gewohnheit, wenn eine heiratsfähige Frau, namentlich, sofern sie noch
-Jungfrau ist, einen zum Tode verurteilten und zum Galgen abgeführten
-Mann zum Gatten verlangt, man ihn der genannten Frau überliefert; sie
-wird ihm das Leben retten. Aber, setzt der Autor hinzu, es geschieht
-dies entgegen dem gemeinen Recht.«</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Kirchenstaat scheint dieser Brauch noch zu Beginn des 19.
-Jahrhunderts bestanden zu haben. Der 1812 hingerichtete Räuber Stefano
-Spadolino wurde nämlich von der Galeerenstrafe befreit durch eine
-Türkin, die das Christentum annahm und ihn zur Ehe begehrte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243"></a>[S. 243]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Uns braucht es nicht zu kümmern, ob es kodifiziertes oder
-Gewohnheitsrecht war, ob der König um seine Einwilligung zur
-Begnadigung angegangen werden mußte und er sie dann verweigern durfte
-oder nicht. Uns genügt die Tatsache, daß so und so oft der gewiß
-schöne Brauch gehandhabt wurde. Im Jahre 1579 wurde Martin Hugert
-vom Kurfürsten August von Sachsen begnadigt, weil »auff demütiges
-Suppliciren Ursulen, Mich. Langen Tochter, gnädigst bewilligt, dem
-heiligen Ehestand zu ehren, ime Gnade wiederfahren lassen..., doch daß
-ime gemeldete Supplicantin ehelich getrauet werde, ehe sie das Land
-verlassen.« In einem andern Falle unter Kurfürst Johann Georg I. (1606)
-gaben die Richter, nicht der Landesfürst, das Urteil ab, daß der zum
-Tode verurteilte Peter Mebuß des Gefängnisses ledig sei, da sich eine
-Magd erbot, ihn zu heiraten.</p>
-
-<p>Noch im Jahre 1725 ereignete sich ein solcher Fall, und zwar umgekehrt,
-indem der Mann die Frau durch Ehe befreite. Ein Gerbergeselle Weber von
-Mölig in Schwaben trat vor das Gericht mit der Erklärung, wenn der zum
-Tode verurteilten Anna Maria Inderbitzi (Schwyz) das Leben geschenkt
-und sie von Henkershand verschont werde, wolle er sie ehelichen. Er
-habe sie zwar weder gesehen noch gesprochen, sein Entschluß rühre
-lediglich aus christlichem Mitleid her, auch habe sein Großvater eine
-solche Weibsperson durch Heirat am Leben erhalten und Glück und Segen
-gehabt. Das Gericht erkannte nach reiflicher Überlegung: »Es sollen
-beide Personen vorgeführt werden und für den Fall der Einwilligung soll
-der Anna Maria die Strafe erlassen werden.« Die<span class="pagenum"><a id="Seite_244"></a>[S. 244]</span> Verlobung fand statt
-in Gegenwart des Pfarrers und zweier Kapuziner, nach vierzehn Tagen
-die Hochzeit. (E. Osenbrüggen, »Neue kulturhistorische Bilder aus der
-Schweiz«, 1864, S. 51.)</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der leitende Gedanke war natürlich der, daß ein Mensch nicht völlig
-verdorben sein könne, wenn er noch jemanden findet, der mit ihm die Ehe
-wagt. Und schließlich war das Risiko des Heiratenden ja viel größer als
-das des begnadigenden Staates.</p>
-
-<p>Das Andenken an dieses Jungfrauenrecht ist heute noch im Volke nicht
-ganz erloschen. Als im Jahre 1834 zu Schönfeld bei Dresden zwei
-Raubmörder hingerichtet werden sollten, fragte eine Frauensperson
-beim Pfarrer an, ob wohl ein Unverheirateter unter diesen Verbrechern
-dadurch zu befreien sei, daß sie ihn zur Ehe begehre.<a id="FNAnker_219" href="#Fussnote_219" class="fnanchor">[219]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Eine sehr merkwürdige Sitte wird uns aus dem 18. Jahrhundert aus
-Litauen berichtet: »Die Litthauer sind überaus ängstlich und
-vorsichtig, daß ihr Ehestand nicht unfruchtbar und ohne Segen seyn
-möge; daher sie lieber eine Hure mit zwei und mehr unehrlichen Kindern
-heyraten, als eine Jungfer.« Das ist ja nicht so sonderbar, da ja
-unsere Bauern, für die Kinder Lebensbedingung sind und die unfehlbar
-auf die Gant kommen, wenn sie statt der Söhne bezahlte Arbeiter haben
-müssen, genau so verfahren. Allerdings meist so, daß sie diejenige Dirn
-heiraten, mit der sie selbst Kinder haben. Um so befremdender ist die
-Fortsetzung des Berichtes: »<em class="gesperrt">Die Weiber<span class="pagenum"><a id="Seite_245"></a>[S. 245]</span> sollen mit gutem Willen der
-Männer Coadjutores Connubii oder Neben-Beyschläffer halten</em>; denen
-Männern aber wird es für eine Unehre gehalten, wenn sie Concubinen
-haben.« Vielleicht trat nur dann die Freiheit, einen Liebhaber zu
-nehmen, in Kraft, wenn Verdacht bestand, daß die Kinderlosigkeit auf
-Verschulden des Mannes zurückzuführen sei.<a id="FNAnker_220" href="#Fussnote_220" class="fnanchor">[220]</a></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_246"></a>[S. 246]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Elfter_Abschnitt"><span class="s5">Elfter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Rechtspflege</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Nicht nur daß Tiere von weltlichen und kirchlichen Behörden bestraft
-wurden, kam im Mittelalter vor &ndash; die beiden letzten derartigen
-französischen Fälle ereigneten sich noch 1793, ja 1845! &ndash; <em class="gesperrt">man
-verhandelte auch mit ihnen</em>. Um 1500 wurde in der Diözese
-Lausanne ein außerordentlicher Tierprozeß in Gestalt eines bedingten
-Mandatsprozesses eingeführt. Der bischöfliche Official erläßt auf die
-Supplik der geschädigten Grundbesitzer den <em class="gesperrt">Ausweisungsbefehl an die
-verklagten Tiere</em> unter Exorcismen und Androhung der Malediktion
-sowie unter dem Angebot, den Verklagten einen Kurator oder Defensor
-stellen zu wollen, falls jemand den Befehl anzufechten gedenke. Damit
-verbindet er unter Androhung der Exkommunikation den Befehl, daß
-<em class="gesperrt">die Tiere während der späteren Verhandlungen sich jeder weiteren
-Ausbreitung zu enthalten haben</em>.</p>
-
-<p>Das erste Verfahren schließt mit einem Urteil ab, das die verklagten
-Tiere ausweist. Es handelt sich hier ausschließlich um sogenanntes
-Ungeziefer,<span class="pagenum"><a id="Seite_247"></a>[S. 247]</span> wenigstens niemals um Haustiere oder bestimmte einzelne
-Tiere. Also um Mäuse, Ratten, Maulwürfe, Insekten, Raupen, Engerlinge,
-Schnecken, Blutegel, Schlangen, Kröten. Allerdings wurde es in Canada
-auch gegen wilde Tauben, in Südfrankreich schon viel früher gegen
-Störche, in Deutschland gegen Sperlinge, am Genfer See gegen Aale
-angewandt, wenn sie in ungezählten Mengen auftraten und gemeinschädlich
-geworden waren. Im Ausweisungsbefehl wurde in der Regel eine Frist
-bestimmt, innerhalb der die Tiere ihren Abzug bewerkstelligen sollen.
-Gelegentlich hat man dies so ins einzelne durchgebildet, daß man
-den ausgewiesenen Tieren bis zum Ablauf der Frist <em class="gesperrt">freies Geleit
-zusicherte</em>. Ziemlich weitverbreitet war auch &ndash; wenigstens
-seit dem Spätmittelalter &ndash; der Brauch, mit der Ausweisung eine
-Verweisung zu verbinden, sei es, daß man den Tieren aufgab, sich an
-einen nicht näher bezeichneten Ort zurückzuziehen, wo sie niemandem
-mehr würden schaden können, sei es, daß man zu diesem Behuf einen
-Ort benannte. Bald verurteilte man sie »ins Meer«, bald verbannte
-man sie auf eine entlegene Insel, oder man räumte ihnen gar einen
-freien Bezirk in der Gemeinde ein mit der Auflage, die außerhalb
-desselben gelegenen Grundstücke zu verschonen. So noch 1713 im Urteil
-von Piedade-no-Maranhao. Dies hat mitunter zu einem <em class="gesperrt">förmlichen
-Vergleichsangebot</em> der Klagspartei an den Offizialvertreter der
-verklagten Tiere geführt, wonach diesen <em class="gesperrt">vertragsmäßig ein solches
-Grundstück überlassen werden sollte</em>. <em class="gesperrt">Die mancherlei Vorbehalte
-und Klauseln</em>, womit man einen solchen Vergleich<span class="pagenum"><a id="Seite_248"></a>[S. 248]</span> ausstattete,
-zeigen, wie ernsthaft der Vertrag der Menschen mit den Tieren gemeint
-war.<a id="FNAnker_221" href="#Fussnote_221" class="fnanchor">[221]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Prozesse gegen Tiere sind erst seit dem 15. Jahrhundert deutlich
-nachweisbar, während Malediktionen und Exkommunikationen viel älter
-sind. Der letzte Tierprozeß in der vollen Form hat sich vor einem
-weltlichen Gericht abgespielt, und zwar 1733 vor dem von Bouranton.
-Aber noch ein Jahrhundert lang haben im Norden die Erinnerungen an die
-Tierprozesse fortgedauert. Noch um 1805 oder 1806 haben die Bauern
-auf Lyö in der Herrschaft Holstenshus einen solchen Prozeß wenigstens
-angefangen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Lautete in einem Tierprozeß (gegen Haustiere) das Urteil auf Tötung,
-dann war auch die Todesart bestimmt. Das Tier wurde demnach als
-Verbrecher angesehen, dem ein verbrecherischer Wille zugeschrieben
-wurde. Pour la cruauté et férocité commise (1567) verurteilt das
-Gericht, d.&nbsp;h. graduierte oder doch geschulte Juristen, den Übeltäter.
-Am meisten üblich war es, das Tier durch Hängen zu töten oder es zu
-erdrosseln, und nachher aufzuhängen oder doch zu schleifen. In gewissen
-Gegenden scheint man aber das Lebendigbegraben oder das Steinigen,
-das Verbrennen oder das Enthaupten vorgezogen zu haben. Erst seit dem
-17. Jahrhundert kommt es ab, die Todesart im Urteil zu bestimmen. Das
-Gericht überläßt ihre Auswahl hinfort dem Gerichtsherrn oder dessen
-Vollzugsbeamten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_249"></a>[S. 249]</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Vollzug des Urteils geschah öffentlich unter dem Geläute
-der Glocken.</em> Stets obliegt dem Diener der öffentlichen Gewalt,
-dem Nach- oder Scharfrichter, der Vollzug. Die Richtstatt ist der
-gesetzliche Hinrichtungsort. Hatte das Urteil auf Hängen gelautet,
-so geschah das am Baum oder am Galgen. Ein Wandbild in der Kirche
-Sainte-Trinité zu Falaise zeigt das Tier sogar in Menschenkleidern.
-Man hatte auch sorgsam darauf zu achten, <em class="gesperrt">daß durch den Strafvollzug
-der Inhaber der hohen Gerichtsbarkeit nicht in seinen Rechten
-gekränkt wird</em>. In dieser Hinsicht hat das Verfahren mehrmals zu
-<em class="gesperrt">Beschwerden und Streitigkeiten</em> Anlaß gegeben. Noch 1572 liefern,
-um dergleichen zu vermeiden, die von Moyen-Moutier ein dort <em class="gesperrt">zum
-Strang verurteiltes Schwein</em> an den Probst von Saint-Dizenz als den
-vollzugsberechtigten Herrn unter altherkömmlichen Formen aus, indem sie
-das Tier bis zum Steinkreuz le Tembroix führen, wo der Probst, dreimal
-angerufen, alle »Verbrecher« (criminaly) in Empfang zu nehmen hat.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Glocke von S. Marco in Florenz, La Piagnola genannt, läutete am 8.
-April 1498 Sturm, als die Gegner Savonarolas das Kloster in der Nacht
-belagerten und erstürmten und den Propheten ins Gefängnis führten.
-<em class="gesperrt">Dieses Rufen verzieh man der Glocke nicht.</em> Am 29. Juni 1498
-beschloß der Große Rat von Florenz, daß die Glocke von S. Marco zu
-<em class="gesperrt">bestrafen</em> sei. Am folgenden Tage riß das Volk sie vom Turm
-herunter, ließ sie von Eseln durch die Straßen der<span class="pagenum"><a id="Seite_250"></a>[S. 250]</span> Stadt schleifen,
-und <em class="gesperrt">der Henker folgte ihr und peitschte sie</em>. Dann wurde sie
-<em class="gesperrt">aus der Stadt verbannt</em>. Auf dem Campanile von S. Salvatore al
-Monte blieb sie elf Jahre im Exil, bis sie am 9. Juni 1509 wieder auf
-den Glockenturm von S. Marco heraufgezogen wurde.</p>
-
-<p>Die Glocke, ein Werk Donatellos und Michelozzos, befindet sich seit
-1908 im Museo di S. Marco, wo man sich von den damals erlittenen
-Mißhandlungen überzeugen kann.<a id="FNAnker_222" href="#Fussnote_222" class="fnanchor">[222]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Dafür, daß die Frauenemanzipation nicht zu Übergriffen führte, war im
-Gesetz in weniger ritterlicher als wirksamer Weise gesorgt: »Wenn ein
-böses schnödes Weib auf freier Straße einen Bürger oder Bürgerkinder
-mit ehrenrührigen Worten anfährt, so darf er das Weib dreimal
-vermahnen, solche Worte heel zu halten, und wenn es auch das drittemal
-fruchtlos, seine Faust nehmen, dem Weibe an den Hals schlagen, sie in
-die Gosse werfen, mit Füßen vor den Hintern stoßen und dann gehen ohne
-Strafe.«<a id="FNAnker_223" href="#Fussnote_223" class="fnanchor">[223]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Daneben findet sich eine Ritterlichkeit, die unsere Gesetzgebung
-vermissen läßt: Die Schwangere genießt das Vorrecht, ihre Gelüste zu
-befriedigen, ebenso darf ohne weiteres für eine Kindbetterin Wein und
-Brot entwendet werden. Ja, mehr als das. Im Weistum von Galgenscheid
-(Untermosel) von 1460 heißt es, nachdem das Jagen verboten: »is
-enwere dan, das eyne frawe swanger ginge mit eyme kinde und des<span class="pagenum"><a id="Seite_251"></a>[S. 251]</span>
-wiltz gelustet, die mag eynen man oder knechte usschicken, des wiltz
-so viel griffen und sahen, das sie iren gelosten gebussen moge
-ungeverlichen.«<a id="FNAnker_224" href="#Fussnote_224" class="fnanchor">[224]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Bekannt ist das Verbrennen und Hängen in Effigie. Aber daß man auch
-in <em class="gesperrt">Effigie gerädert</em> werden konnte &ndash; für den Delinquenten
-entschieden wesentlich dem Verfahren in natura vorzuziehen &ndash;,
-berichtet Felix Platter im Jahre 1554.<a id="FNAnker_225" href="#Fussnote_225" class="fnanchor">[225]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Gespenster mischten sich früher in so mancherlei Angelegenheiten
-des Lebens, daß die Juristen nicht umhin zu können glaubten, ihre
-Rechte zu bestimmen. Der berühmte Rechtslehrer Johann Samuel
-<em class="gesperrt">Stryck</em> verfaßte darüber eine 1700 zu Halle erschienene
-umfangreiche Dissertation (De jure spectrorum. Halle 1700. recusa
-ib. 1738), in der er sich so eingehend mit der Materie befaßte, daß
-das <em class="gesperrt">Gespensterrecht</em> es sicher zum Range einer selbständigen
-Wissenschaft, wie Handels- oder Wechselrecht, gebracht hätte, wenn
-die Aufklärung nicht schnöderweise das schöne System über den Haufen
-geworfen hätte.</p>
-
-<p>Nach einer Einleitung, in der die verschiedenen Sorten von Gespenstern,
-als da sind Kobolde, Nixen, Feldgeister, Bergmännchen etc. dem Leser
-vorgestellt werden, kommen in schönster systematischer Ordnung die
-durch dieselben entstehenden Rechtsfälle an die Reihe. Der Hexenhammer
-hatte ja auch mehr als zwei Jahrhunderte früher diese Materie
-behandelt. Man<span class="pagenum"><a id="Seite_252"></a>[S. 252]</span> sieht daraus wieder einmal, wie sehr die weltlichen
-Wissenschaften den geistlichen nachhinken.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Doch ad rem! Es gibt bekanntlich Personen, die von Gespenstern sehr
-geplagt werden. Was ist nun zu tun, wenn ein Ehegatte die Beobachtung
-macht, daß sein Gespons zu dieser Sorte gehört? Stryck gestattet aus
-diesem Grunde zwar die Auflösung eines Verlöbnisses, nicht aber die
-Ehescheidung. Der Mann muß dann eben den Spuk als Hauskreuz ansehen und
-es zusammen mit seinem angetrauten mit Würde tragen.</p>
-
-<p>Da ein Haus, in dem die Geister spukten, nahezu wertlos war, findet
-es Stryck nur gerecht, wenn gegen den Verkäufer, der damit den
-Käufer betrog, Klage erhoben wird. Natürlich wird dadurch auch ein
-Mietkontrakt hinfällig. Wenn der Spuk aber so harmlos ist, daß die
-Geister nur in den abgelegensten Teilen des Hauses an die Türen
-klopfen oder ein wenig heulen, dann darf man deshalb nicht gleich die
-Flinte ins Korn werfen und ausziehen. Auch ist der Vermieter nicht
-zum Nachgeben verpflichtet, wenn er beweisen kann, daß bisher sein
-Haus von Geistern rein war und erst seit der Vermietung, weil die neue
-Partei mit Hexen und Zauberern in Feindschaft lebe, von ihnen zum
-Tummelplatz auserkoren wurde. Natürlich hat der Hausherr das Recht
-auf Injurienklage, wenn ein Verleumder sein Haus für nicht geheuer
-bezeichnet.</p>
-
-<p>Wenn der Teufel jemand zu Verbrechen bewegt, so ist der Delinquent
-darum nicht jeder Strafe ledig, aber unter gewissen Umständen ist es
-doch billig, sie<span class="pagenum"><a id="Seite_253"></a>[S. 253]</span> zu mildern, z.&nbsp;B. wenn der Delinquent anführen kann,
-der Teufel habe gedroht, ihn zu ersticken oder den Hals umzudrehen.</p>
-
-<p>Augenscheinlich hatte Stryck die Materie nicht gründlich genug
-behandelt, denn der Rechtsgelehrte <em class="gesperrt">Karl Friedrich Romanus</em> in
-Leipzig sah sich 1703 gezwungen, die Frage, ob wegen Gespenstern
-der Mietkontrakt aufgehoben werden könne, mit großem Aufwand von
-Gelehrsamkeit und Spitzfindigkeit nochmals zu behandeln. (Schediasma
-polemicum expendens quaestionem an dentur spectra, magi et sagae.
-Lips. 1703.) Da er die Gespensterfurcht durch hundert Zitate beweist,
-so steht für ihn fest, daß selbst die manierlichsten Geister den
-Mieter zur Auflösung des Kontraktes berechtigen. <em class="gesperrt">Thomasius</em> war
-allerdings anderer Ansicht (De non rescindendo contractu conductionis
-ob metum spectrorum. Halle 1711 recusa ib. 1721. Deutsche Halle 1711),
-doch der bedeutende Mann stand dem Geisterglauben überhaupt recht
-skeptisch gegenüber. Dieser Stryck nun ging den Theologen in der
-»Gläubigkeit« nicht weit genug und mußte sich deshalb mit einer Menge
-Gegner herumschlagen.<a id="FNAnker_226" href="#Fussnote_226" class="fnanchor">[226]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Friedrich der Große hob bekanntlich durch die Kabinettsorder
-vom 3. Juni 1740 die Tortur in seinen Ländern auf, außer bei
-Majestätsverbrechen, Landesverrat und Massenmord. Natürlich gegen den
-Willen der Juristen. Ein teilweises, allerdings sehr verklausuliertes
-Zurückgreifen auf sie enthält das Zirkular Friedrich Wilhelms
-III. von Preußen vom 21. Juli<span class="pagenum"><a id="Seite_254"></a>[S. 254]</span> 1802. Es ordnet zwar an, daß »bei
-Criminal-Untersuchungen die Angeschuldigten durch thätliche Behandlung
-nicht zum Bekenntniß der Wahrheit zu nöthigen« sind, führt aus, »wie
-unzulässig der Gebrauch der Schärfe in einer Criminal-Untersuchung
-sei, und wie leicht die Inquirenten von der ihnen eingeräumten
-Befugniß, einen verstockten Verbrecher für offenbare Lügen zu
-züchtigen, Mißbrauch machen können«. Deshalb sei »die Anwendung
-körperlicher Züchtigungen als Mittel zur Erforschung der Wahrheit bei
-Criminal-Untersuchungen gänzlich zu untersagen.« Das klingt sehr schön.
-Dann aber heißt es weiter:</p>
-
-<p>»Damit aber der halsstarrige und verschlagene Verbrecher durch
-freche Lügen und Erdichtungen, oder durch verstocktes Leugnen, oder
-gänzliches Schweigen sich nicht der verdienten Strafe entziehen möge,
-soll... das Collegium befugt sein..., <em class="gesperrt">eine Züchtigung gegen einen
-solchen Angeschuldigten zu verfügen</em>. Vorzüglich findet eine solche
-Züchtigung alsdann statt, wenn der Verbrecher bei einem gegen ihn
-ausgemittelten Verbrechen, welches er nicht allein ausgeübt haben kann,
-die Angabe der Mitschuldigen verweigert, oder wenn der Dieb nicht
-anzeigen will, wo sich die gestohlenen Sachen befinden, oder wenn
-dieser hierin durch falsche Angaben den Richter täuscht. Die Züchtigung
-muß nach Beschaffenheit des körperlichen Zustandes in einer bestimmten
-Anzahl von <em class="gesperrt">Peitschen- oder Rutenhieben</em> bestehen, auch kann an
-deren Stelle Entziehung der besseren Kost, einsames Gefängnis oder eine
-ähnliche, der Gesundheit des Angeschuldigten unschädliche Maßregel
-gewählt werden.«<a id="FNAnker_227" href="#Fussnote_227" class="fnanchor">[227]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255"></a>[S. 255]</span></p>
-
-<p>Das heißt auf deutsch, <em class="gesperrt">daß es in Preußen noch zu Beginn des 19.
-Jahrhunderts rechtens war, Geständnisse in gewissen Fällen durch
-Peitschenhiebe zu erzwingen</em>.</p>
-
-<p>Das scheint uns haarsträubend und doch haben wir heute noch eine viel
-schlimmere Tortur, als sie früher bestand. Wirft Müller dem Meyer
-ein Schimpfwort an den Kopf, dann hat er obendrein noch das Recht,
-durch Zeugen alles an schmutziger Wäsche in die Öffentlichkeit zu
-zerren, was sich nur über seinen Gegner auftreiben läßt. Die Zeugen
-selbst aber sind verpflichtet, bis in die intimsten Intimitäten ihres
-eigenen Lebens hinein alles nur irgend einer sensationslüsternen Menge
-interessant erscheinende vor aller Welt aufzudecken. Eine Reihe von
-Prozessen aus letzter Zeit beweisen, daß ungezählte Existenzen durch
-diese moderne Tortur vernichtet werden können. Es ist nur Glückssache,
-ob nicht jeder von uns einmal gezwungen wird, seinen eigenen
-moralischen Henker vielleicht um einer Bagatelle willen zu machen.
-Manchem dürften da die Stockschläge von ehedem humaner erscheinen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Friedrich Wilhelm III. erließ am 7. Juli 1802 das »Publicandum
-wegen Deportation incorrigibler Verbrecher in die <em class="gesperrt">Sibirischen
-Bergwerke</em>«. Unter der Motivierung, daß der beabsichtigte Zweck, die
-getreuen Untertanen vor Verbrechern zu schützen, nicht erreicht wurde,
-da von Zeit zu Zeit solche Verbrecher aus den Strafanstalten entwichen
-und andrer<span class="pagenum"><a id="Seite_256"></a>[S. 256]</span>seits die Hoffnung auf Flucht selbst lebenslängliche
-Verurteilung diesen Bösewichtern nicht hinlänglich schrecklich
-erscheinen läßt, heißt es:</p>
-
-<p>»Aus diesen Gründen haben Allerhöchst dieselben beschlossen, die
-in den Strafanstalten befindlichen incorrigible Diebe, Räuber,
-Brandstifter und ähnliche grobe Verbrecher, in einen entfernten
-Weltteil transportieren zu lassen, um dort zu den härtesten
-Arbeiten gebraucht zu werden, ohne daß ihnen einige Hoffnung übrig
-bliebe, jemals wieder in Freiheit zu kommen. Diesem gemäß ist mit
-dem <em class="gesperrt">Russisch-Kaiserlichen Hof die Vereinbarung getroffen, daß
-dergleichen Bösewichter in dem im äußersten Sibirien</em>, über tausend
-Meilen von der Grenze der Königlichen Staaten <em class="gesperrt">belegenen Bergwerken
-zum Bergbau gebraucht werden sollen, und es sind hierauf vorerst Acht
-und Funfzig der verdorbensten solcher Verbrecher am 17. Junius d. J. an
-den Kaiserlich Russischen Kommandanten zu Narva würklich abgeliefert,
-um von dort in diese Sibirischen Bergwerke transportiert zu werden</em>.</p>
-
-<p>Seine Königliche Majestät werden durch fernere, von Zeit zu Zeit zu
-bewürkende Absendungen solcher Verbrecher die Eigenthumsrechte der
-sämmtlichen Bewohner Ihrer Staaten gegen die Unternehmungen solcher
-Bösewichter schüzzen, und lasse daher dieses zur Beruhigung Ihrer
-gutgesinnten Unterthanen und zur Warnung für jedermann hierdurch
-öffentlich bekannt machen.«</p>
-
-<p>Daß der Staat zur Sicherung seiner Untertanen zur Deportation oder
-zu sonstigen Gewaltmitteln greift,<span class="pagenum"><a id="Seite_257"></a>[S. 257]</span> ist gewiß kein Kultur-Kuriosum,
-wohl aber, daß eine Großmacht sich der Hilfe einer anderen bedient, um
-seiner verbrecherischen Untertanen, noch dazu in friedlichen Zeiten,
-Herr zu werden.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Übrigens waren die herrschenden preußischen Gesetze nicht durch Milde
-ausgezeichnet. <em class="gesperrt">Das Vermögen der politischen Verbrecher wurde
-eingezogen, auch ihre Kinder durften »zur Abwendung künftiger Gefahren«
-in beständiger Gefangenschaft gehalten oder verbannt werden.</em>
-Selbst Eltern, Kinder und Ehegatten waren bei zehnjähriger bis
-lebenslänglicher Festungsstrafe zur Denunziation und Verhütung dieses
-Verbrechens verpflichtet. Landesverräter sollten »zum Richtplatz
-geschleift, mit dem Rade von unten herauf getötet, und der Körper
-auf das Rad geflochten werden«. <em class="gesperrt">Zum Landesverrat gehörte auch
-die Verleitung zur Auswanderung</em> und Verrat von Fabrik- und
-Handlungsgeheimnissen, doch hatte es in diesem Falle mit vier- bis
-achtjähriger Festungs- oder Zuchthausstrafe sein Bewenden.<a id="FNAnker_228" href="#Fussnote_228" class="fnanchor">[228]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Palais, das Friedrich Wilhelm III. bewohnte, wurden Gegenstände im
-Werte von 50 Talern gestohlen. Bei einem Mädchen, das für die Königin
-strickte, fand man einige Sachen. Sie wurde verhaftet, der Fall dem
-König angezeigt und er befahl: »daß man<span class="pagenum"><a id="Seite_258"></a>[S. 258]</span> die eingezogene und arretirte
-Inquisitin Louise M. <em class="gesperrt">so lange peitschen sollte, bis sie ihre
-Mitschuldigen bekenne</em>, und anzeigen würde, und <em class="gesperrt">wenn sie unter
-den Streichen tot bleiben sollte</em>.«</p>
-
-<p>Darauf zählte man dem Mädchen den ersten Tag 79, den andern Tag 86
-und nachmittags 50 Peitschenhiebe »theils auf den bloßen Hintern, und
-theils auf den Rücken ohne Barmherzigkeit auf, überließ die Direktion
-des Verfahrens den niedrigsten Beamten, das heißt Schreibern und Boten.
-&ndash; Das Urtheil erfolgte und sie wurde zu Zuchthausstrafe auf des Königs
-Gnade (d.&nbsp;h. so lange der König wollte!!) condemnirt. Durch diese
-von dem jetzt regierenden König eingeführten Peitschenhiebe bei den
-Inquisitionen <em class="gesperrt">ist die Tortur der Alten optima forma eingeführt</em>.«</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts gültige Preußische Kriegsrecht
-hatte folgende Todesstrafen: »1. Arquebusieren (erschießen), 2.
-Hinrichtung durch das Schwert, 3. durch den Strang, 4. durch das
-Feuer, 5. durch das Rad von oben hinab oder von unten herauf, 6. durch
-Viertheilung.</p>
-
-<p>Bei der Hinrichtung durch das Schwert ist die Verscharrung des
-Leichnams auf der Exekutionsstätte, oder das Flechten des enthaupteten
-Körpers auf das Rad eine gesetzliche Folge der mindern oder größern
-Wichtigkeit des Verbrechens.</p>
-
-<p>Die Hinrichtung durch den Strang kann theils in der Garnison... theils
-außerhalb der Garnison an dem gewöhnlichen Galgen geschehen... Im<span class="pagenum"><a id="Seite_259"></a>[S. 259]</span>
-zweiten Fall bleibt der Körper bis zur Verwesung am Galgen hängen.</p>
-
-<p>Die Exekution durch Feuer, durch das Rad oder durch Viertheilen wird
-jedesmal außerhalb der Garnison auf der gewöhnlichen Gerichtsstätte
-vollzogen, und erfolgt sodann die Verscharrung des Leichnams oder
-dessen Heftung auf das Rad, oder Anschlagen der Theile an den Galgen
-oder an besonders dazu errichtete Pfähle nach der Größe und Wichtigkeit
-des Verbrechens.</p>
-
-<p>In wie weit bei Militär-Personen die Todesstrafe verschärft werden
-kann, wobei... die... bestimmte Gattung der Strafe... für den
-Verbrecher empfindlicher und für den Zuschauer abschreckender zu machen
-ist, wohin das Schleifen zur Richtstätte, das Abhauen einer oder beider
-Hände und so weiter gehören mag, muß in jedem einzelnen Falle entweder
-nach den besonderen Militärgesetzen, oder bei gemeinen Verbrechen
-der Militär-Personen, nach dem allgemeinen Landrechte beurtheilt und
-festgesetzt werden.«</p>
-
-<p>Wer sich selbst entleibte, wurde unter dem Galgen durch den Schinder
-verscharrt.</p>
-
-<p>Die Ehefrau eines Deserteurs, welche mit ihrem Ehemann zugleich
-entwichen oder zwar zurückgeblieben, aber der Durchhelfung desselben
-schuldig befunden, wurde mit dem Verlust ihres eingebrachten oder sonst
-eigentümlichen Vermögens, welches der Generalinvalidenkasse zufiel,
-bestraft.<a id="FNAnker_229" href="#Fussnote_229" class="fnanchor">[229]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260"></a>[S. 260]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die letzte Tortur in Deutschland fand im Jahre 1826 im Amte Meinersen
-in Hannover statt. Ein Häusler Wiegmann war im Anfang des Jahres
-verhaftet worden, weil er zwei Pferde gestohlen haben sollte, die
-auf 80 Taler gewertet wurden. Da er leugnete, ging man nach den
-Regeln des Inquisitionsprozesses mit »Verbal- und Realterrition«
-gegen ihn vor. Man bedrohte ihn erst mit der Folter, zeigte ihm dann
-die Instrumente und erklärte sie und folterte ihn endlich wirklich.
-Die Justizkanzlei in Celle erließ am 4. März eine ausführliche
-Instruktion über das hierbei zu beobachtende Verfahren. So sollte der
-Nachrichter bei Vorzeigung der Folterwerkzeuge den Inquirierten zu
-einem »ungezwungenen« (sic!) Bekenntnisse ermahnen, ihn aber, wenn er
-kein Geständnis ablegte, auf die Folterbank setzen, ihm Daumenschrauben
-anlegen und mit deren Zuschraubung einen »gelinden« Anfang machen.</p>
-
-<p>In der Nacht vom 12. zum 13. März führte man Wiegmann in den Keller
-unter dem Amtshause, wo der Scharfrichter mit zehn Henkersknechten
-schon versammelt war. Zehn Minuten vor ein Uhr wurde der Inquirent
-seiner Ketten entledigt, noch einmal befragt, beteuerte aber seine
-Unschuld.</p>
-
-<p>Der Scharfrichter erklärte ihm nun die furchtbaren Werkzeuge, die
-in der absichtlich matten Beleuchtung immer noch entsetzlich genug
-aussahen, und man drängte ihn wieder um ein Geständnis. Da er standhaft
-blieb &ndash; er war aller Wahrscheinlichkeit nach unschuldig &ndash;, trat nun
-der Scharfrichter mit seinen Gesellen in ernstere Funktion.</p>
-
-<p>Lärmend fielen die rohen Burschen über Wieg<span class="pagenum"><a id="Seite_261"></a>[S. 261]</span>mann her, rissen ihm die
-Kleider vom Leibe und setzten ihn auf den mit Stacheln gespickten
-Marterstuhl. Die Augen hatte man ihm verbunden, die Hände an die
-Stuhllehne gefesselt und den Stuhl selbst zurückgelehnt, damit er die
-Stacheln mehr fühle. Trotzdem beteuerte er seine Unschuld.</p>
-
-<p>Nun nahm man den Unglücklichen auf eine Minute herunter und ermahnte
-ihn abermals zur Wahrheit. Da er nicht gestand, legte man ihn
-sofort wieder zurück und setzte ihm obendrein die schrecklichen
-Daumenschrauben an. Er hielt geduldig die Hände hin und zuckte nur
-einige Male zusammen, als man ihm noch unvermutet Peitschenhiebe
-versetzte. Er jammerte: »Wie kann ich etwas bekennen was ich nicht
-getan.«</p>
-
-<p>Nun wurden ihm, während man seine Wunden mit Salben bestrich, wieder
-neue Folterinstrumente gezeigt und angedroht, aber seine Kraft war
-erschöpft. Er sagte: »Ich friere und kann nichts mehr sehen.« Man
-führte ihn nun ins Gefängnis zurück.</p>
-
-<p>Seine Angst vor neuer Folterung, die gesetzlich nicht zulässig
-gewesen wäre, beutete man in diabolischer Weise aus. Man erweckte
-durch raffinierte Vorkehrungen aller Art in ihm den Glauben, daß er
-abends wieder gefoltert werden würde und erzählte ihm allerlei von den
-furchtbaren Vorbereitungen, die getroffen würden.</p>
-
-<p>Nun gestand er in seiner Zelle aus Todesangst. Der Richter hatte sich
-eilig zu ihm begeben, und um einem Wiederruf vorzubeugen, ließ man in
-der Amtsstube Licht machen, trieb Leute, die Geräusch machen mußten,
-auf dem Amtshofe zusammen und ließ<span class="pagenum"><a id="Seite_262"></a>[S. 262]</span> Männer mit brennenden Kerzen
-zwischen Amtsstube und Folterkeller hin- und herlaufen. So erweckte man
-in ihm den Glauben, daß noch mehr Henkersknechte angekommen seien, ihre
-Zurüstungen träfen, und daß Neugierige etwas davon zu erhaschen suchten.</p>
-
-<p>Die Justizkanzlei tadelte allerdings scharf die unnötige Strenge der
-»Realterrition«, dann die einen Tag dauernde Verbalterrition. »Für
-künftige Fälle« hatte die Kanzlei dem Amt ein solches Vorgehen, wie
-dieses, verboten. Gottlob sollten sie sich aber nicht mehr ereignen.
-Am 17. April 1822 (nach Krieg erst 1840) wurde die Folter in Hannover
-abgeschafft.</p>
-
-<p>Wiegmann hatte vier Jahr Zuchthaus auf sein »freies Geständnis« hin
-erhalten, und im Zuchthaus starb er auch.<a id="FNAnker_230" href="#Fussnote_230" class="fnanchor">[230]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Bis zum Jahre 1648 erhielt sich zu Oudewater in Holland der Brauch,
-daß sich Leute, die der Hexerei beschuldigt wurden, auf der großen
-Stadtwage wiegen ließen. Bis aufs Hemd entkleidet geschah dies in
-Gegenwart des Stadtschreibers und der Gerichtsschöppen. Bei Weibern war
-auch die Wehmutter gegenwärtig. Dafür zahlte man 6 Gulden und 10 Sols,
-erhielt aber ein gerichtliches Zertifikat, worin bestätigt wurde, »daß
-ihr Gewicht ihrem Wuchse gemäß und nichts Teuflisches an ihrem Körper
-befindlich sey«. Durch dieses Attest entging man der Inquisition.
-Deshalb zog man es natürlich vor, das Geld zu erlegen, statt den
-Scheiterhaufen zu riskieren.<a id="FNAnker_231" href="#Fussnote_231" class="fnanchor">[231]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_263"></a>[S. 263]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Aus dem Jahre 1752 hat sich ein Kabinettsbefehl des Markgrafen Karl
-Friedrich von Baden-Durlach erhalten, der an die Einwohner des am Fuße
-der Hardt nördlich von Landau gelegenen Fleckens Rodt gerichtet ist
-und Verfälschung des Weines mit Spießglas, Silberglött und anderen
-Mineralien mit dem <em class="gesperrt">Tode durch den Strang</em> bedroht, in milderen
-Fällen, d.&nbsp;h. bei Anwendung von Zucker, Rosinen etc. mit dreijähriger
-Zuchthausstrafe.<a id="FNAnker_232" href="#Fussnote_232" class="fnanchor">[232]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der letzte Fall von krimineller Behandlung der Häresie liegt auch noch
-keineswegs so weit zurück, als man annehmen sollte. Er ereignete sich
-nämlich im Jahre 1751 und betraf einen Advokaten und Notar in Tirol.
-Lief die Sache auch nicht allzu grausam ab, so wurde der Angeklagte
-doch recht wenig glimpflich behandelt.<a id="FNAnker_233" href="#Fussnote_233" class="fnanchor">[233]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das erinnert einigermaßen an die &ndash; allerdings in Abrede gestellte
-&ndash; Äußerung eines bayerischen Ministerialbeamten dem Professor
-Sickenberger gegenüber, daß Personen, die mit ihrer Kirche
-zerfallen wären, suspekt seien und daher wenig Aussicht haben, eine
-Staatsanstellung zu erhalten!!! Wurde die Äußerung auch bestritten, die
-Tatsache, daß bis heute keine Anstellung erfolgte, bleibt bestehen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In einem Pommerschen Städtchen ist die Benutzung von Leitern ohne
-Spitzen untersagt. Eines Nachts<span class="pagenum"><a id="Seite_264"></a>[S. 264]</span> im Jahre 1909 besuchte ein Dieb ein
-Gehöft und benutzte eine auf dem Hofe stehende Leiter, um in das Haus
-einzusteigen. Er wird gestört, die Leiter fällt um und er bricht den
-Oberschenkel. Nun haben wir aber die sogenannte Haftpflicht, und das
-war für den Dieb ein großes Glück. <em class="gesperrt">Der Besitzer des Gehöftes muß dem
-Herrn Einbrecher die durch den Schenkelbruch entstandenen Kurkosten und
-eine Entschädigungssumme zahlen, weil die spitzenlose Leiter gegen das
-Gesetz verstieß!!</em><a id="FNAnker_234" href="#Fussnote_234" class="fnanchor">[234]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Zu dieser erbaulichen Geschichte bietet die folgende ein allerliebstes
-Gegenstück. In einem Dorfe in der Provinz Schleswig-Holstein bricht
-Feuer aus. Fünf Menschenleben sind in Gefahr. Ein Arbeiter wagt sein
-eigenes und rettet die fünf, wird dabei aber so schwer verletzt, daß
-er längere Zeit keine Arbeit verrichten kann. Sein Antrag bei der
-Gemeinde um Unterstützung wird rundweg <em class="gesperrt">abgelehnt, weil er &ndash; die
-Rettung »ohne Order« vorgenommen hatte</em>. Difficile est satyram non
-scribere.<a id="FNAnker_235" href="#Fussnote_235" class="fnanchor">[235]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Ruhm des schleswig-holsteinschen Abdera ließ die edlen Bewohner
-Altonas anscheinend nicht schlafen. Sie bemühten sich also auch
-ihrerseits, eine denkwürdige Tat zu begehen, und das gelang ihnen
-über Erwarten glänzend. Der früher in Altona angestellte Schutzmann
-Riese hatte vor einiger Zeit ein Kind aus dem Treibeis der Elbe vor
-dem Tode des<span class="pagenum"><a id="Seite_265"></a>[S. 265]</span> Ertrinkens gerettet. Durch das kalte Bad, das der Beamte
-dabei unfreiwillig nahm, stellte sich bei ihm ein rheumatisches
-Leiden ein, das Dienstunfähigkeit im Gefolge hatte. Darauf kündigte
-die Stadt Altona dem wackeren Beamten den Dienst und entließ ihn
-<em class="gesperrt">ohne Pension</em>, weil er &ndash; der heilige Bureaukratius fordert es
-so &ndash; noch nicht zehn Jahre sein Amt verwaltet hatte. Riese verklagte
-nun die Stadt auf Zahlung einer Pension, die Stadt aber, jedenfalls
-aus Furcht, ihre Munifizens könnte nicht weit genug bekannt werden,
-führte den Prozeß sowohl vor dem Landesgericht, als auch vor dem
-Oberlandesgericht. Sie verlor aber schändlicherweise und wurde zur
-Zahlung der Pension verurteilt.<a id="FNAnker_236" href="#Fussnote_236" class="fnanchor">[236]</a></p>
-
-<p>Es gibt eben keine Gerechtigkeit mehr auf der Welt.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266"></a>[S. 266]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zwoelfter_Abschnitt"><span class="s5">Zwölfter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Von allerlei Sitten und Zeremoniell</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>In den Göttinger Statuten des Jahres 1342 mußte besonders verboten
-werden, nicht im <em class="gesperrt">Ratskeller</em>, wo man beisammen aß und trank,
-<em class="gesperrt">seine gröbste Notdurft zu verrichten</em>.</p>
-
-<p>Übrigens erzählt Schweinichen, daß sich 1571 unter den schlesischen
-Adeligen ein <em class="gesperrt">Verein der Unflätigen</em> gebildet hatte, mit dem
-Statut, sich <em class="gesperrt">nicht zu waschen, nicht zu beten und unflätig zu
-sein</em>, wohin sie kämen.<a id="FNAnker_237" href="#Fussnote_237" class="fnanchor">[237]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Was man dem Adel alles zutraute, geht u.&nbsp;a. aus der preußischen
-Hofordnung aus der Zeit Herzog Albrechts hervor. Es handelt sich
-um Vorschriften für den Besuch der Junker im Gemach der Hofdamen:
-»desgleichen sollen die vom Adell auch zuchtig neben ihnen (den
-Hofdamen) nidersitzen und alldo alle unzuchtige geberden und wort
-vermeiden, wie dann solchs die Adeliche zucht und gebrauch ehrlicher
-furstlicher frauenzimmer erfordert.<span class="pagenum"><a id="Seite_267"></a>[S. 267]</span> Und das dem also, und nicht
-anderst, gemes gelept, soll der Hoffmeister und Hoffmeisterin darauff
-fleißig sehen und daruber halten und in Summa keynem Edelman den
-eingang gestatten, dan der sich zuchtig, ehrlich, erbarlich und, wie
-sich geburt, beweysen thue.«<a id="FNAnker_238" href="#Fussnote_238" class="fnanchor">[238]</a></p>
-
-<p>Zu denken gibt auch folgender Passus in der Hofordnung des Markgrafen
-Philipp II. von Baden-Baden (1571&ndash;1588): »Khein Unzucht, so die Natur
-in Niechterkeit nothalber erfordert, solle anderer Enden dann an
-denen orthen, da es sich gebürt und die darzu verordnet, verricht und
-dargegen die schandtliche und ergerliche unhöflichkeiten und schanden,
-so anderwerts biß anhero bößlich und schädlich in vil weg fürgangen,
-gewißlich vermiden bleiben, bey gefengkhnus und unserer ungnad
-unnachläßlicher gefahr.«</p>
-
-<p>Die württembergische Hofordnung Herzog Johann Friedrichs enthält sogar
-noch 1614 einen ganz ähnlichen Passus.<a id="FNAnker_239" href="#Fussnote_239" class="fnanchor">[239]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In der Hofordnung Karls II. von Baden-Durlach heißt es: »Und nachdem
-von dem hofgesindt bißher mermaln clag furkhomen, das sie nachts
-uff der gassen allerhandt unzucht treiben und etwa den Burgern mit
-einschlagung und einwerffung der fenster und in ander weg schaden
-beschicht, so wollen Ire f. Gn. &ndash; edel und unedel hiemit, sich eins
-solchen gentzlich zu enthalten, gebotten haben und, da solches nit
-helffen (wurde), mit der straaff niemandts schonen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_268"></a>[S. 268]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Eine Bestimmung, die sich häufig findet und tief blicken läßt, ist die
-Karls II. von Baden-Durlach: »Disgleichen soll niemandts kein büchsen
-in der Statt abschießen, sonder solchs vor der Statt an unschadlichen
-ortten tun.« Es war damals augenscheinlich gang und gebe, daß die
-Hofleute in der Stadt herumschossen.<a id="FNAnker_240" href="#Fussnote_240" class="fnanchor">[240]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Jede Hofordnung fast ohne Ausnahme enthält Bestimmungen über den
-Burgfrieden, der unter dieser rauhbeinigen Gesellschaft gar nicht
-energisch genug aufrecht erhalten werden konnte. So bestimmen die
-württembergischen Hofordnungen noch das ganze 17. Jahrhundert hindurch,
-daß, wer vom Gesinde sich an seinem Vorgesetzten vergreift, die rechte
-Hand verlieren soll. Ebenda wird als Burgfriedensverletzung auch
-bezeichnet, wenn jemand sich weigert, mit einem andern am selben Tisch
-zu sitzen.<a id="FNAnker_241" href="#Fussnote_241" class="fnanchor">[241]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Zur Illustrierung des höfischen Tones dient auch folgender Passus
-in der Hof- und Feldordnung der Herzöge Adolf Friedrich und Johann
-Albrecht II. von Mecklenburg vom Jahre 1609: »Es sol auch bei und uber
-den Malzeiten ohne uberlauts schreyen, auch zerprech- und werfung der
-Trinckgeschier sich ein jeder zuchtig und eingezogen verhalten...«<a id="FNAnker_242" href="#Fussnote_242" class="fnanchor">[242]</a></p>
-
-<p>Dazu passen aus der Hofordnung des Markgrafen Johann von Küstrin
-die Bestimmungen: »§ 2. Eß soll auch der Hoffmeister bei seinen Unß
-gethanen<span class="pagenum"><a id="Seite_269"></a>[S. 269]</span> pflichten kein unordnunge in unsern furstlichen frauenzimmer
-gestadten und darauf mit gut achtung geben, das keine Unfleterei weder
-im Frauenzimmer noch davor getrieben werde, und do es von jungen oder
-alten geschehe...</p>
-
-<p>§ 3. Do auch der Hoffmeister einig Winkellsitzen, es were von Magden
-oder Andern vormerckte, oder daß sonsten unrichtigkeitt befunden, soll
-ehr uns und unsere(m) Gemahll solches jederzeitt zu vermelden schuldigk
-sein, auch kein unordentlich gereiß oder dergleichen scherz, so mit
-Jungfern oder Megden vorgenommen wurden, nicht gestatten, sondern
-straffen.</p>
-
-<p>§ 4. Es soll auch keine Saufferey in dem frauenzimmer verstattet noch
-nachgeben werden.</p>
-
-<p>Es folgen dann noch ähnliche Bestimmungen, so daß die Edelleute nur bis
-8 Uhr abends sich mit den Jungfrauen, unter denen selbstverständlich
-Hofdamen gemeint sind, unterhalten dürfen etc. Man denke sich eine
-moderne Hofordnung! Und dazu muß ausdrücklich bemerkt werden, daß sehr
-viele es für nötig hielten, in dieser Weise für den Anstand zu sorgen.
-So z.&nbsp;B. Herzog Bogislaw XIV. von Pommern-Stettin, der den Hofmeister
-dafür sorgen läßt, daß ›auch darin (im Gemach der Hofdamen) keine
-unzulessige vollsaufferey oder sonsten wüstes, wildes wesen getrieben,
-besonders (sondern) ein jeder zu rechter Zeit wiederumb wegk an seinen
-ort gehen und das Frauenzimmer zu rechter Zeit geschlossen werden
-möge.‹«<a id="FNAnker_243" href="#Fussnote_243" class="fnanchor">[243]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270"></a>[S. 270]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Ton bei Hofe wird deutlich aus der Hofordnung Herzog Johann
-Albrechts von Mecklenburg vom Jahre 1574. »Und weill S. f. G. in
-erfahrung kommen, das die Diener, wan S. f. G. auf der Jagd oder
-sonsten auff den höfen seindt, den Leutten die huener todtschlagen,
-daß Obst auß den Gertten nehmen und sich sonsten dergleichen Dingen
-erzeigen, alß wan eß in offenem feldtzug wehre, auch dißfalls S. f. G.
-eigen Höfe und Gartten nicht verschonen. Also wollen S. f. G. solches
-hiemitt ernstlich verbotten ...«</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Montaigne, der im Jahre 1580 seine Reise antrat, ist von der
-Sauberkeit, die er überall in Deutschland findet, entzückt. Besonders
-lobt er die Reinlichkeit in den Augsburger Häusern, wo er sogar
-nirgends Spinnweben antrifft. Köstlich ist, wie er die Einrichtung der
-Schlafzimmer beschreibt: »<em class="gesperrt">ils metent souvent contre la paroy a coté
-des licts, du linge et des rideaus, pour qu’on ne salisse leur muraille
-ein crachant</em>«.<a id="FNAnker_244" href="#Fussnote_244" class="fnanchor">[244]</a></p>
-
-<p>Nun muß man ja berücksichtigen, daß Montaigne gemäß seiner sozialen
-Stellung und Vermögen nur mit wohlhabenden Kreisen in Berührung kam und
-wohl auch von Frankreich her durch Reinlichkeit nicht allzu verwöhnt
-war. Denn beim niedern Volk sah es anders aus. Ein Jahrhundert früher
-schreibt Platter über die Läuseplage im Spital: »Ich hette schier offt
-man gwelt hette, <em class="gesperrt">dry leuß mit einandren uß dem busen zogen</em>.« Das
-heißt: so oft er gewollte hätte,<span class="pagenum"><a id="Seite_271"></a>[S. 271]</span> würde er drei Läuse mit einem Griff
-aus dem Busen gezogen haben!<a id="FNAnker_245" href="#Fussnote_245" class="fnanchor">[245]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Furcht vor Insekten, die ja nicht unbegründet gewesen zu sein
-scheint, dienten auch die Baldachine oder Betthimmel. Man war besonders
-besorgt, den Kopf der Schlafenden vor Ungeziefer zu schützen, das von
-der Decke herabfallen konnte. Deshalb waren &ndash; was nicht für unsere
-Sauberkeit sprechen will &ndash; im 15. und 16. Jahrhundert die Betten zum
-Teil der ganzen Länge nach, zum Teil auch nur am Kopfende mit einem
-Holzhimmel überdeckt. In den Niederlanden genügte Stoff, wohl leichte
-Seide, diesem Zweck. Aber man machte die bittere Erfahrung, daß das
-gerade geschah, was man vermeiden wollte: die ungebetenen Gäste ließen
-sich in den Baldachinen häuslich nieder. Deshalb verschwand im Laufe
-des 17. Jahrhunderts das Himmelbett langsam, wenigstens das schwere mit
-Holzdach.<a id="FNAnker_246" href="#Fussnote_246" class="fnanchor">[246]</a></p>
-
-<p>Wie es im 16. Jahrhunderte etc. von Flöhen und Läusen wimmelte, geht
-aus der Rolle hervor, die diese Tierchen im öffentlichen Interesse
-einnahmen. So prophezeit Fischart in seiner Praktik (S. 27), daß
-diese Wandleuß in Frankreich gedeihen werden &ndash; ähnlich auch Rabelais
-wiederholt in Gargantua und Pantagruel &ndash; und in der Flohatz 2082, daß
-»kein Wandlauß nach kein Floh nicht bleibt.«</p>
-
-<p>Ho. Coler (Oeconomia Bd. XVIII, c. 19) setzt im Ernste auseinander: »Es
-sind aber von diesen edlen Creaturen dreyerley: Kopfleuse, Kleiderleuse
-und Filtzleuse. Die erste befehle ich den Kindern und<span class="pagenum"><a id="Seite_272"></a>[S. 272]</span> Weibern, die
-andere den Landsknechten, Botten und Bettlern, die dritten den Bulern
-und Hurenhengsten.«</p>
-
-<p>Montaigne war also nicht nur naiv, sondern auch recht anspruchslos!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im 14. Jahrhundert und früher hatten die Betten eine riesige Größe.
-Solche von vier Meter Breite waren die Regel. Allerdings schlief
-nicht nur das Ehepaar im gleichen Bett, wie ja mancherorts heute noch
-üblich, sondern die Adeligen luden auch regelmäßig ihre Waffengefährten
-ein, in ihrem Bett zu schlafen, zum Zeichen der Waffenbrüderschaft.
-Und zwar <em class="gesperrt">lud man den Freund auch ins Ehebett ein, so daß häufig
-die Gattin neben dem Gast lag</em>. Aber auch Hunde genossen die
-Gastfreundschaft.<a id="FNAnker_247" href="#Fussnote_247" class="fnanchor">[247]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Noch im 17. Jahrhundert besaßen die Damen keinen Salon, vielmehr
-empfingen sie Besuche im Schlafzimmer, und zwar <em class="gesperrt">auf dem Bett
-liegend</em>. Das Bett spielte überhaupt eine große Rolle im Leben
-der Damen. Als am 2. Oktober 1686 die Gesandtschaft von Siam dem
-Sonnenkönig ihre Aufwartung machte, empfing die Gemahlin des Dauphin
-sie <em class="gesperrt">im Bett</em>, desgleichen lagen alle Prinzessinnen von Geblüt auf
-dem Bett, als sie den exotischen Gästen Audienz erteilten.</p>
-
-<p>Der Dichter Gombault hatte freien Zutritt bei der Königin Maria von
-Medici. Eines Tages traf er<span class="pagenum"><a id="Seite_273"></a>[S. 273]</span> sie auf ihrem Bett liegend, die Kleider in
-Unordnung. In Verse goß er seine Erlebnisse:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Souvent je doute encore, et de sens dépourveû,</div>
- <div class="verse indent2">Dans la difficulté de me croire moy mesme,</div>
- <div class="verse indent2">Je pense avoir songé ce que mes yeux ont veû.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse s5 indent30">(Poésies p. 68.)</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Die Sitte gab um so mehr zu pikanten Situationen und entsprechenden
-Erlebnissen Gelegenheit, als die Intimen des Hauses und Ehrengäste
-<em class="gesperrt">sich auf das Bett setzen oder gar legen durften</em>.</p>
-
-<p>Ein Handbuch des guten Tones vom Jahre 1675 muß deshalb ausdrücklich
-feststellen, daß es unschicklich ist, sich auf das Bett einer Dame zu
-setzen, und daß es sehr ungehörig sei, sich zur Konversation auf ein
-Bett zu werfen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Noch merkwürdiger war die Sitte, daß die <em class="gesperrt">Neuvermählte sich vom
-Tage nach der Hochzeit an drei Tage lang auf ihrem Bett liegend allen
-Bekannten zeigen mußte</em>. Und zwar hatten auch ganz Fernstehende
-zu diesem Schauspiel Zutritt. Man unterzog dabei die junge Frau
-einem Kreuzverhör, um ihre Haltung zu prüfen. Selbst die höchsten
-Damen konnten sich dem Brauch nicht entziehen. Der Herzog von Lauzun
-renommierte bei dieser Gelegenheit mit seinen Heldentaten...!</p>
-
-<p>Im Jahre 1698 heiratete der Graf d’Ayen ein Fräulein d’Aubigné, Nichte
-der Mme. de Maintenon. Nach dem Souper legte man das Paar zu Bett.
-»Der König reichte, wie Saint-Simon (II, p. 59) erzählt, das<span class="pagenum"><a id="Seite_274"></a>[S. 274]</span> Hemd dem
-Grafen, die Herzogin von Bourgogne der Braut das ihre. Der König sah
-beide im Bett mit der ganzen Hochzeitsgesellschaft; er selbst zog ihnen
-den Bettvorhang zu...« Am andern Morgen empfingen Mme. de Maintenon und
-in einem anstoßenden Zimmer die Gräfin d’Ayen auf ihren Betten liegend
-den ganzen Hof.</p>
-
-<p>Aber noch in der Mitte des folgenden Jahrhunderts gehörte das Bett zum
-höfischen Zeremoniell. Im Februar 1747 heiratete der Dauphin, Sohn
-Ludwigs XV., in zweiter Ehe Maria Josepha von Sachsen, nachmals Mutter
-dreier Könige. Der Herzog von Croy erzählt darüber in seinen Memoiren
-(Ed. Grouchy, p. 49):</p>
-
-<p>»Wir waren bei der Toilette der Dauphine anwesend, die sich
-<em class="gesperrt">öffentlich</em> abspielte, bis zu dem Augenblick, wo die Königin
-ihr das Hemd gab. In diesem Augenblick ließ der König alle Männer
-zur Toilette des Dauphin gehen, dem Seine Majestät das Hemd reichte.
-Als beide Zeremonien beendet waren, kehrte jedermann wieder ins
-Schlafzimmer der Frau Kronprinzessin zurück. Sie war in der Nachthaube
-und in ziemlicher Verlegenheit, aber weniger wie der Dauphin. Als sie
-im Bett lagen, zog man die Vorhänge zurück und <em class="gesperrt">jedermann betrachtete
-die beiden einige Zeit lang</em>.«</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im 17. Jahrhundert stand das Bett ziemlich in der Mitte des Zimmers und
-hatte infolgedessen rechts und links je einen freien Raum, eine Gasse,
-von ungefähr gleicher Breite. Aber während die eine, etwas<span class="pagenum"><a id="Seite_275"></a>[S. 275]</span> schmälere,
-für intim galt, war die etwas breitere die <em class="gesperrt">offizielle</em>. Einst
-spielte König Heinrich IV., durch Gicht ans Bett gefesselt, mit
-Bassompierre, der uns die Geschichte erzählt (Mémoires ed. Chantérac
-T. I, p. 218), Würfel, und zwar saß er in der kleinen Gasse, während
-die große für eventuelle Besuche frei blieb. Da kam Mme. d’Angoulême.
-Der König drehte sich sofort herum und empfing die Herzogin »<em class="gesperrt">auf der
-andern Seite des Bettes</em>«.</p>
-
-<p>Selbst die königlichen Prinzessinnen mußten, wenn sie am Bett Ludwigs
-XIV. vorbeigingen, es durch eine <em class="gesperrt">tiefe Verbeugung</em> grüßen. Auch
-bei der Königin grüßten die Damen das Bett.<a id="FNAnker_248" href="#Fussnote_248" class="fnanchor">[248]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im ausgehenden 15. Jahrhundert war der Gebrauch des
-<em class="gesperrt">Taschentuches</em> nicht allgemein verbreitet. Man konnte sich mit
-der Hand schneuzen &ndash; das erlaubten sogar die Sittenlehrer &ndash; nur mußte
-es die <em class="gesperrt">linke Hand</em> sein, da man mit der rechten bei Tisch das
-Fleisch aß! Bediente man sich aber der Linken, dann konnte man ruhig
-seine Finger zur Reinigung benutzen.</p>
-
-<p>Daher mußte es als geradezu verwegene Neuerung gelten, wenn Jean
-Sulpice in seinem Libellus de moribus in mensa servandis vom Jahre 1545
-das Taschentuch empfiehlt und schreibt: »Wenn du dich schneuzen mußt,
-dann darfst du eine solche Ausscheidung nicht mit den Fingern nehmen,
-vielmehr in einem Taschentuch bergen.«</p>
-
-<p>Erhebend ist auch die Vorschrift, die Erasmus von Rotterdam in
-seiner unter dem Titel: Civilité<span class="pagenum"><a id="Seite_276"></a>[S. 276]</span> moral des enfants im Jahre 1613 im
-Französischen erschienenen, aus dem Lateinischen übersetzten Schrift
-gibt. Daß der Nasenschleim entfernt werden müsse, steht bei ihm
-fest: »Aber sich in seine Mütze oder an seinem Ärmel zu schneuzen
-ist bäuerisch; sich am Arm oder am Ellenbogen zu schneuzen, mag den
-Zuckerbäckern anstehen; sich mit der Hand zu schneuzen, wenn du sie
-zufällig im gleichen Augenblick an deinen Anzug hinbringst, ist nicht
-viel gesitteter. Aber die Ausscheidungen der Nase mit einem Taschentuch
-aufzunehmen, indem man sich etwas von Standespersonen abwendet, ist
-eine hochanständige Sache. <em class="gesperrt">Und wenn durch Zufall etwas davon zu
-Boden fallen sollte, wenn man sich nämlich mit zwei Fingern schneuzt,
-dann muß man sofort darauf treten.</em>«<a id="FNAnker_249" href="#Fussnote_249" class="fnanchor">[249]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Montaigne erzählt im 22. Kapitel des 1. Buches seiner Essais von einem
-Edelmann, der sich noch mit seiner Hand schneuzte. Und zwar tat er das,
-weil er dem Nasenschleim nicht das Privileg einräumen wollte, in feiner
-Wäsche aufgenommen und sorgfältig eingesteckt zu werden. Er hielt es
-für viel verständiger, sich dieser Unreinlichkeit zu entledigen, wo es
-gerade sei. Und Montaigne pflichtete ihm bei!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Noch im 17. Jahrhundert war der Gebrauch des Taschentuches so wenig
-absolutes Erfordernis des wohlerzogenen Mannes, daß selbst ein großer
-Herr<span class="pagenum"><a id="Seite_277"></a>[S. 277]</span> sich der Finger bedienen durfte. Eines Tages sah Hauterive de
-l’Aubespine, ein Edelmann von hohem Range, die Blüte Frankreichs bei
-sich, darunter den berühmten Turenne. Als während des Mahles Hauterive
-sich schneuzen mußte, <em class="gesperrt">drückte er mit dem Finger ein Nasenloch zu und
-schleuderte den Inhalt des andern wie einen Pfeil gegen den Kamin</em>.
-Dabei machte er ein Geräusch wie ein Pistolenschuß. Ruvigny rief bei
-dieser Detonation zum großen Gaudium der andern aus: »Mein Herr, Sie
-sind doch hoffentlich nicht verwundet?«</p>
-
-<p>De la Mésangère schrieb im Jahre 1797 über dieses nicht sehr
-appetitliche Thema: »Vor einigen Jahren machte man eine Kunst daraus,
-sich zu schneuzen. Der eine ahmte den Trompetenton nach, der andere das
-Schnurren der Katze. Der Gipfel der Vollendung bestand darin, weder zu
-viel noch zu wenig Geräusch zu verursachen.«<a id="FNAnker_250" href="#Fussnote_250" class="fnanchor">[250]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Einen Einblick in das höfische Zeremoniell gewährt uns die
-Kammerordnung Herzog Wilhelms V. (dankt 1595 ab, † 1626) von Bayern
-vom Jahre 1589. Dieser fromme, ja asketische Monarch bestimmt: »Alß
-wir unß dann anzuclaiden wellen anfangen und die Camerpersohnen
-darzue verordent werden, sollen die Camerer die Rekh und Mentl in der
-Vorcamer von sich legen und also eingenestlet in den Goldern (Kollern)
-oder Rekhlen mit anhangenden Iren Rapieren und seittenwähren zu uns
-hineingehen und nach vorgehender reverentz on alle Dif(f)erenz und
-forgang, wie bißhero geschehen, sondern vertraulich<span class="pagenum"><a id="Seite_278"></a>[S. 278]</span> under einander
-zu dienen anfachen. Wir verordnen es dann in dieser Instruction oder
-ordnung in nachvolgendem anderst, hat es seinen Weg; Nemblich es soll
-unser Oberst Camerer oder in seinem abwesen der von uns verordnet
-verwalter und, so der kheiner vorhanden, allzeit dem Dienst nach der
-öltist oder auch ain anderer Camerer das Schlafhemet von uns empfahen
-und alßbaldt unser Leibbarbierer oder in seinem abwesen ainer aus den
-Camerdienern unsern Leib mit Tüechern reiben und abstreichen, dieweil
-uns der Oberst Camerer den Camb raichen, damit wir uns selbs daß Haar
-und Parth khemen, alß dann unser Obrist Camerer das hemet von dem
-Camerdiener nemmen und unß solchcs sowol als hernach den Prustfleckh
-und gestrickht hemetgeben. Volgents solle uns ainer aus den Camerern
-die Leinen sockhen und dariber die Hosen, schuech und Pantofel, deren
-Ime die Camerdiener indifferenter ains nach dem andern raichen sollen,
-anlegen. Auf dasselb soll uns das Tuech, so wir zu dem hendwaschen fir
-unß zu braitten pflegen, gegeben werden und daruf aus unsern Camerern
-ainer daß Peckhen und khandlen und der ander daß Mundtwasser nemmen und
-mit vorgehender Credentz daß Wasser, der Obrist oder anderer Camerer
-aber das Tuech zum Trinckhen raichen, welche alßdan nach verrichtem
-handwaschen daß handt- und Mundtwasser auszeschitten und das Peckhe(n)
-wiederumben zu seubern wie auch bemelte Tüecher dem Camerdiener
-zuestellen sollen. Also solle uns hernach unser oberster Camerer daß
-Wames raichen, uns anlegen und aus den Camerern ainer den Nachtrockh
-von uns nemmen, aus unsern Camerdienern ainem<span class="pagenum"><a id="Seite_279"></a>[S. 279]</span> zuestellen und je zween
-von den Camerern uns einnesteln und alsoforth ganz und gar ankhlaiden
-und, so offt es auch von nothen, die seitenwehr, Pareth oder Gurt und
-gulden flüß (Goldenes Vließ) geben.</p>
-
-<p>Der Leibbarbierer sollr, da wir es begern, dem obristen Camerer, mit
-ainem Haubttuech verdeckht, daß Zanpulfer und Handsaiffen langen,
-derselb uns solches auf vorgehende Credenzung zu gebrauchen raichen und
-Ime, Barbierer, hernach wider zuestellen.</p>
-
-<p>Wenn wir dann auß unser Camer in die Vorcamer gleich alßbalden gehen,
-so sollen uns unsere Camerer alle vor(&ndash;), die Oberst Camerer aber
-strackhs volgen und nachgehen, uns zue und von der khurchen biß zu der
-Tafel belaitten. Da wir auch die Wöhr im Zimer nit wurden anhengen,
-solle sy der Obrist Camerer uns und sonst niemandts nachtragen.«<a id="FNAnker_251" href="#Fussnote_251" class="fnanchor">[251]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In dieser umständlichen Art sind auch die andern Dienste, der bei der
-Tafel, beim Auskleiden etc. festgesetzt. Interessant ist aber diese
-Stelle nicht nur wegen ihrer zeremoniösen Umständlichkeit, die den
-spanischen Einfluß deutlich verrät und sich wesentlich vom Brauch der
-andern damaligen deutschen Höfe unterscheidet, auch nicht allein,
-weil sie uns Gelegenheit bietet, die Toilette des Fürsten genau zu
-verfolgen, sondern besonders deshalb, weil sie lehrt, <em class="gesperrt">daß man sich
-damals nicht wusch</em>! Nur Hände und Zähne kommen mit dem Wasser
-in Berührung. Das andere wird schlecht und recht durch Abreiben mit
-Tüchern ersetzt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_280"></a>[S. 280]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Madame Campan erzählt in ihren berühmten Memoiren folgende Geschichte,
-die die unglückliche Marie Antoinette zum Gegenstand hat:</p>
-
-<p>Das Ankleiden der Prinzessin war ein Meisterwerk der Etikette. Hier
-war alles vorgeschrieben... Wenn eine Prinzessin der königlichen
-Familie beim Ankleiden der Königin zugegen war, mußte die Ehrendame
-ihr ihre Funktionen abtreten. Aber sie zedierte sie nicht direkt
-den Prinzessinnen von Geblüt; in diesem Falle gab die Ehrendame das
-Hemd der ersten Kammerfrau zurück, die es der Prinzessin von Geblüt
-überreichte. Jede dieser Damen beobachtete skrupulös diese Gebräuche
-als Bestandteile ihrer Rechte bildend.</p>
-
-<p>An einem Wintertage ereignete es sich, daß die Königin, bereits ganz
-entkleidet, im Begriffe war, ihr Hemd anzuziehen. Ich hielt es ganz
-entfaltet. Die Ehrendame tritt ein, beeilt sich, ihre Handschuhe
-auszuziehen und nimmt das Hemd. Es klopft leise an die Tür, man öffnet:
-es ist die Frau Herzogin von Orléans; ihre Handschuhe sind ausgezogen,
-sie tritt vor, um das Hemd zu nehmen, aber die Ehrendame darf es ihr
-nicht reichen; sie gibt es mir zurück, ich gebe es der Prinzessin. Es
-klopft neuerdings: es ist Madame, Gräfin von der Provence; die Herzogin
-von Orléans überreicht ihr das Hemd. Die Königin hielt ihre Arme über
-der Brust gekreuzt und schien zu frieren. Madame sieht ihre peinliche
-Haltung, wirft nur ihr Taschentuch fort, behält die Handschuhe an und
-bringt, indem sie ihr das Hemd überstreift, die Haare der Königin in
-Unordnung. Diese lächelt, um ihre Ungeduld zu bemänteln, aber erst,
-nachdem<span class="pagenum"><a id="Seite_281"></a>[S. 281]</span> sie mehrmals zwischen den Zähnen gemurmelt hatte: »Das ist
-scheußlich. Welche Belästigung.«<a id="FNAnker_252" href="#Fussnote_252" class="fnanchor">[252]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">In der Vergangenheit trauerte das ganze Land um den Tod des
-Landesfürsten</em>, und zwar in Frankreich <em class="gesperrt">ein volles Jahr lang</em>.
-Die ganze Nation ging schwarz. Kein Bürger, mag er in noch so
-beschränkten Verhältnissen gelebt haben, der nicht Trauerkleidung
-getragen, auf Schmuck verzichtet und seine Familie und Dienstboten zum
-mindesten in dunkle Gewandung gesteckt hätte. Allerdings erhielten die
-Angestellten des Hofes &ndash; ein Begriff, der außerordentlich weit gefaßt
-wurde &ndash; von diesem die Trauerkleidung geliefert. Es genügte aber
-nicht, für die eigenen Fürsten Trauer anzulegen, <em class="gesperrt">man trug in Paris
-Trauer um jeden europäischen Fürsten</em>.</p>
-
-<p>Da die lange Hoftrauer so drückend, besonders von der Luxusindustrie,
-empfunden wurde, reduzierte eine königliche Ordonnanze vom 23. Juni
-1716 ihre Dauer auf ein halbes Jahr. Natürlich gab es über die Art
-ihrer Ausführung die genauesten Vorschriften.</p>
-
-<p>Übrigens war auch die Privattrauer &ndash; die ersten Zeugnisse, daß
-die Trauer überhaupt äußerlich kenntlich gemacht wurde, gehen in
-Frankreich nicht weiter, als zum Beginn des 14. Jahrhunderts zurück
-&ndash; außerordentlich riguros. Aliénor de Poitiers, eine große Dame, die
-zwischen 1484 und 1491 »Les honneurs de la Cour« schrieb, ein Buch,
-in dem die genauesten Details über Fragen der Etikette sich finden,
-erzählt, daß ihre Standesgenossinnen beim Tode der Eltern neun Tage
-lang auf ihrem Bett sitzen<span class="pagenum"><a id="Seite_282"></a>[S. 282]</span> mußten, zugedeckt mit blauem Tuche. Das
-Zimmer aber mußten sie sechs Wochen hüten. Bei dieser großen Trauer um
-Gatten oder Eltern durfte man auch weder Ringe noch Handschuhe tragen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Nach dem Tode des Herzogs von Bourbon im Jahre 1456 blieb seine
-Tochter, Frau von Charolais, nicht weniger als sechs Wochen in ihrem
-Zimmer, und zwar auf einem mit weißem Tuche überzogenen Bett liegend.
-Das Zimmer aber war ganz mit schwarzem Tuch ausgeschlagen, und schwarze
-Tücher vertraten auch die Stelle von Teppichen. Davor aber war ein
-großes Gemach ebenso hergerichtet. Übrigens lag sie, wenn sie allein
-war, weder immer, noch blieb sie stets im gleichen Zimmer. 40 Tage
-Stubenarrest nach dem Tode des Gatten war so gebräuchlich, daß ein
-Jahrhundert später Katharina von Medici fast getadelt wird, als sie
-sich nicht fügte.</p>
-
-<p>Die Witwe mußte ihre Trauerkleidung immer tragen, es sei denn, sie
-verheiratete sich wieder, was selten genug vorkam, schon weil die
-Kirche es nicht gern sah. Übrigens war diese Witwentracht schwarz oder
-grau, zu Beginn des 16. Jahrhunderts und im 17. weiß, ebenso weiß bei
-Königinnen noch im 18. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert mußten die
-Witwen ihre Haare zwei Jahre lang verbergen und nur mit einem bis zu
-den Füßen reichenden Schleier ausgehen.</p>
-
-<p>Heinrich III. von Frankreich trug nach dem Tode der Marie von Kleve an
-seiner ausnahmsweise schwarzen<span class="pagenum"><a id="Seite_283"></a>[S. 283]</span> Kleidung silberne Tränen, Totenköpfe
-und ähnliche Embleme. Nach dem frühen Tode Karls VIII. 1498 trug Anna
-von Bretagne um ihn, abweichend vom königlichen Brauch, schwarze
-Trauer. Neun Monate nach seinem Tode hatte sie sich aber durch die Ehe
-mit Ludwig XII. getröstet. Als sie starb, trauerte ihr zweiter Gatte
-auch schwarz um sie und ließ keinen Gesandten vor, der nicht schwarz
-gekleidet war. Auch er heiratete neun Monate später wieder. Regel war,
-daß die Könige in Violett trauerten, sogar noch im 18. Jahrhundert,
-noch Napoleon hielt den Brauch aufrecht. Brantôme sagte ausdrücklich,
-daß Maria Stuart weiß trauerte, also sich dem Brauch fügte. Noch heute
-heißt ein Zimmer im Hotel Cluny »Zimmer der weißen Königin«, weil Marie
-von England, die junge Witwe Ludwigs XII., sich dorthin zurückgezogen
-hatte.<a id="FNAnker_253" href="#Fussnote_253" class="fnanchor">[253]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Über die Volkssitten, die im Jahre der Entdeckung Amerikas im
-bischöflichen Brixen herrschten, unterrichtet uns ein gleichzeitiger
-venetianischer Reisebericht. »Hier verbrachten wir den Rest des
-Feiertages (Fronleichnam) und nahmen wahr, daß die Einwohner sich in
-ihren Häusern sehr vergnügten, indem sie, das Haupt mit Eichen- oder
-Efeuguirlanden geschmückt, mit den Frauen zum Klange der Querpfeife
-tanzten. Danach führte jeder seine Dame zu einem Sitz, wobei er sie
-<em class="gesperrt">mit sehr großer Ausgelassenheit umarmte und herzte</em>. Auch einige
-junge Venezianer Edelleute aus der Begleitung der Gesandten versuchten
-mit den hübschesten Damen<span class="pagenum"><a id="Seite_284"></a>[S. 284]</span> zum Zeichen ihres Wohlgefallens auf dem
-Balle zu tanzen. In Brixen herrscht überhaupt ein ausgelassener
-Ton, denn <em class="gesperrt">auf den Straßen ist es</em> &ndash; und zwar nicht bloß
-den Einheimischen, sondern auch den Fremden &ndash; <em class="gesperrt">erlaubt, junge
-Damen anzufassen und zu berühren und ihnen Liebenswürdigkeiten zu
-sagen</em>.«<a id="FNAnker_254" href="#Fussnote_254" class="fnanchor">[254]</a></p>
-
-<p>Also ein Seitenstück zu dem aus dem 1. Bande bekannten Bericht des
-Bracciolini aus den Bädern in der Schweiz! Nur daß es hier wenigstens
-äußerlich trockener war.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Von den Sitten in Venedig, das Keyßler 1730 besuchte, erzählt er:</p>
-
-<p>»Eine Maitresse zu halten, wird einigermaßen für ein unabsonderliches
-Recht eines Edelmannes gehalten: und wenn einer durch seine Armuth
-verhindert ist, für sich allein eine Beyschläferin zu unterhalten;
-<em class="gesperrt">so tritt er mit drey oder vier Mannspersonen in eine Gesellschaft,
-um einander die gemeinschaftlichen Unkosten ertragen zu helfen</em>.
-Jeder begnüget sich alsdann mit denen vierundzwanzig Stunden, welche
-der Reihe nach an ihn kommen: und wenn des Morgens der eine seinen
-Schlafrock, Schlafmütze und Pantoffeln aus dem Hause der Curtisane
-abholen läßt, so nimmt um eben solche Zeit das in der Ordnung folgende
-Mitglied der loblichen Gesellschaft, durch Uebersendung von dergleichen
-Equipage Besitz von seiner Statthalterschaft. Die Wollüste gehen in
-Venedig so weit, und die daraus<span class="pagenum"><a id="Seite_285"></a>[S. 285]</span> entstehende garstigen Krankheiten sind
-so gemein, daß man kaum der Mühe werth achtet, sich von etlichen Arten
-curiren zu lassen.«<a id="FNAnker_255" href="#Fussnote_255" class="fnanchor">[255]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Am Cirknizer See hatten im 18. Jahrhundert die Bauern das Recht zu
-fischen. »es läuft aber alsdann bey der Fischerey alles ohne Scham
-unter einander, Manns- und Weibspersonen, wie sie auf die Welt
-kommen. Die Obrigkeit und Clerisey hat etliche mal gesucht, solche
-Gewohnheit abzubringen, <em class="gesperrt">vornehmlich wegen der jungen Mönche in den
-zur Fischerey berechtigten Klöstern, welche sich allsdann nicht gern
-in ihren vier Mauern eingeschlossen wollen halten lassen</em>, sondern
-desto mehr begierig sind, einer Augenweide zu genießen, je seltener
-und verbothener ihnen solche ist; allein man hat es noch nicht dazu
-bringen können, daß beydes Geschlecht auch nur in leichter Kleidung
-dabei erschienen wäre. Wahr ist es, daß dieses gemeine Volk kein
-Arges daraus machet, und keine Versuchung von einer Sache empfindet,
-die ihnen ganz gewöhnlich ist; man höret auch nicht, daß bei solcher
-Gelegenheit mehr Böses vorgehe, als bey andern, wo man noch so wohl
-mit Kleydungen bedeckt ist; allein die fremden Anwesende bekommen
-Gelegenheit zu manchem üppigen Gelächter und vielerlei Anmerkungen; den
-Mönchen gereichet in solcher Materie ein geringer Anblick zur starken
-Versuchung, und obgleich das hiesige weibliche Geschlecht von gemeinem
-Stande ihrer Schönheit nach nicht so beschaffen ist, daß es in manchen
-andern Ländern<span class="pagenum"><a id="Seite_286"></a>[S. 286]</span> große Liebesgluten entzünden könnte, so ist doch
-bisweilen das häßliche nicht unangenehm, wo man von nichts schönerem
-weis.«<a id="FNAnker_256" href="#Fussnote_256" class="fnanchor">[256]</a></p>
-
-<p>Bezeichnend ist hierbei, daß die biederen Landbewohner so wenig wie die
-Eingeborenen der Tropen erotischen Wallungen ausgesetzt sind, wohl aber
-die Erbpächter der Sittlichkeit, der Klerus.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In den Bädern in Ofen war man damals auch nicht prüde: »In dem
-mittelsten großen Raume dieser Bäder befindet sich beyderley Geschlecht
-untereinander, und ist das Mannsvolk nur mit einer Schürze, und
-die Weibspersonen mit einem Vorhemde einigermaßen bedeckt. In dem
-Raizenbade hält das gemeine Volk sogar dieses wenige für überflüssige
-Ceremonien.«</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_287"></a>[S. 287]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Anmerkungen">Anmerkungen</h2>
-
-</div>
-
-<h3 id="Literatur_Erster_Abschnitt"><em class="gesperrt">Erster Abschnitt.</em>
-(<a href="#Erster_Abschnitt">S. 1 ff.</a>)</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Abb. im Jahrbuch des kais. Archäologischen Instituts Bd.
-XXIV (1909), 2. Heft, S. 93.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Vgl. Rhousopoulos im Archiv f.&nbsp;d. Gesch. der
-Naturwissenschaften u.&nbsp;d. Technik I, S. 288&ndash;291.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Darmstädter, Handbuch f.&nbsp;d. Gesch. der Naturwissenschaften
-u.&nbsp;d. Technik, S. 14.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Beil. d. Münchner Allgem. Ztg. 1902, Nr. 213. Die
-wertvollen Aufsätze von Wagler in Nr. 219 und 220 des gleichen
-Jahrgangs, sowie in Nr. 162 f. und 171 f. des Jahres 1904 sind in
-diesem Abschnitt verwertet worden.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Alfred Gudeman, Grundriß der Gesch. d. klassischen
-Philologie, 2. Aufl., S. 60, Anm. 2.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> R. Lehmann-Nitsche, Beiträge zur prähistorischen Chirurgie
-nach Funden aus deutscher Vorzeit. Diss. Buenos Aires 1898.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Vgl. Friedländer, Sittengeschichte Roms III, 6. Aufl., S.
-620, Anm. 6.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Außer Wagler vgl. H. Stadler, Neue Jahrbücher f.&nbsp;d.
-klassische Altertum XXVI. Bd. (1910), S. 146 ff., sowie Friedländer
-a.&nbsp;a.&nbsp;O., I. Bd., S. 360 ff. und 510 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> A. Schulz, Höfisches Leben, I, S. 157.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Nach A. Harnack, Block aus der ältesten
-Kirchengeschichte, in Gebhardt &amp;. Harnack, Texte zur Gesch. d.
-altchristlichen Literatur, 8. Bd., 1892.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Meyers Konversationslexikon, 6. Aufl., 16. Bd., S. 629.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Vgl. Beil. z. Münchner Allgem. Ztg. 1903, Nr. 267.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> E. Huber, Altbabylonische Darlehenstexte in Hilprechts
-Anniversary Volume 1909, S. 189 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Harnack a.&nbsp;a.&nbsp;O. S. 104.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_288"></a>[S. 288]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Zweiter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Zweiter Abschnitt.</em>
-(<a href="#Zweiter_Abschnitt">S. 18 ff.</a>)</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Vorstehendes zitiert nach W. G. Tennemann, Geschichte der
-Philosophie, VIII. Bd., 1. Hälfte (1810), S. 236 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Zitiert nach G. Kaufmann, Geschichte d. deutschen
-Universitäten im Mittelalter, 2. Bd., S. 485, Anm.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> L. Löwenfeld, »Über die Dummheit«, S. 198.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> S. Merkle, Die katholische Beurteilung des
-Aufklärungszeitalters, 1909, S. 13 f. und Anm. 19 S. 81 f. Es sei
-ausdrücklich bemerkt, daß mir die Gegenschrift von Ad. Rösch, Ein
-neuer Historiker der Aufklärung, 1910 (S. 114 ff., II. Abschnitt,
-Anm. 3) bekannt ist. Interessenten für die rabies theologorum und
-Froschmäusekriege sei dieses Pamphlet wärmstens empfohlen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> Vgl. A. Roquette, Zur Frage der Autorschaft älterer
-Dissertationen im Zentralblatt für Bibliothekwesen IV (1887), S. 335
-ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Vgl. Allgemeine deutsche Biographie, 2. Bd., S. 399. Carl
-Hepp hat in seiner Dichtung »Renate«, Stuttgart 1890, die Geschichte
-besungen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Fr. Hellwald, Culturgeschichte in ihrer natürlichen
-Entwicklung, 1. Aufl., S. 618 f. und Anm. 620.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> H. Chamberlain, Grundlagen des 19. Jahrhunderts, II. Bd.,
-4. Aufl., S. 675, Anmerkung 1.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> Beilage zur Münchner Allgem. Ztg. 1907, Nr. 119, S. 360.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Türmer, 11. Jahrg., 1. Bd., S. 191 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Historische Vierteljahrsschrift 1909, 1. Heft, S. 160.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Dritter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Dritter Abschnitt.</em>
-(<a href="#Dritter_Abschnitt">S. 37 ff.</a>)</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> Ferdinand Rosenberger, Geschichte der Physik, wo
-auch stets die Quellen angegeben sind; einige Daten wurden aus den
-bekanntesten Nachschlagewerken ergänzt. II. Bd., S. 18 f., 61 u. 87.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> Eb. I, S. 134.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> Eb. I, S. 135.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> Eb. I, S. 124.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_30" href="#FNAnker_30" class="label">[30]</a> Eb. II, S. 238 und II, S. 217.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_31" href="#FNAnker_31" class="label">[31]</a> Eb. II., S. 239 und 242.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_32" href="#FNAnker_32" class="label">[32]</a> Eb. II, S. 245 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_33" href="#FNAnker_33" class="label">[33]</a> Eb. II, S. 185 und 235.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_34" href="#FNAnker_34" class="label">[34]</a> Eb. III. Bd., S. 145 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_35" href="#FNAnker_35" class="label">[35]</a> Eb. III. Bd., S. 187 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_36" href="#FNAnker_36" class="label">[36]</a> Eb. III. Bd., S. 191.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_37" href="#FNAnker_37" class="label">[37]</a> Eb. III. Bd., S. 206 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_38" href="#FNAnker_38" class="label">[38]</a> Eb. III. Bd., S. 228 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_39" href="#FNAnker_39" class="label">[39]</a> Eb. III. Bd., S. 243.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_40" href="#FNAnker_40" class="label">[40]</a> Eb. III. Bd., S. 295 u. 298.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_41" href="#FNAnker_41" class="label">[41]</a> Eb. II. Bd., S. 342 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_42" href="#FNAnker_42" class="label">[42]</a> Eb. III. Bd., S. 60 ff.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_289"></a>[S. 289]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_43" href="#FNAnker_43" class="label">[43]</a> Eb. III. Bd., S. 98 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_44" href="#FNAnker_44" class="label">[44]</a> Eb. III. Bd., S. 61 Anm., und S. 124 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_45" href="#FNAnker_45" class="label">[45]</a> Eb. II. Bd., S. 287.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_46" href="#FNAnker_46" class="label">[46]</a> Eb. II. Bd., S. 268 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_47" href="#FNAnker_47" class="label">[47]</a> Eb. II. Bd., S. 265.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_48" href="#FNAnker_48" class="label">[48]</a> Vgl. Allgem. deutsche Biographie, XXVIII. Bd., S. 114,
-und Kramartsch, Geschichte der Technologie.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_49" href="#FNAnker_49" class="label">[49]</a> Die vier letzten Daten nach W. Schneider, Der neue
-Geisterglaube, 1882, S. 261 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_50" href="#FNAnker_50" class="label">[50]</a> Otto Rabe, in der Beil. d. Münch. Neuesten Nachr. 1908,
-I, S. 121 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_51" href="#FNAnker_51" class="label">[51]</a> Nach gütiger Mitteilung des Herrn Baurat C. Guillery in
-Pasing, eines alten Schülers.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_52" href="#FNAnker_52" class="label">[52]</a> August Hirsch, Geschichte der medizinischen
-Wissenschaften (1893), S. 308 ff. und 561.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_53" href="#FNAnker_53" class="label">[53]</a> Hirsch, S. 561, und Neuburger und Pargel, Handbuch der
-Geschichte der Medizin, II. Bd. (1903). S. 607 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_54" href="#FNAnker_54" class="label">[54]</a> Neuburger und Pargel, II. Bd., S. 109 ff. u. 723 ff., und
-Hirsch, Gesch. d. Medizin, S. 469 ff. u. 476 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_55" href="#FNAnker_55" class="label">[55]</a> Camille Flammarion, Unbekannte Naturkräfte, S. 250&ndash;279.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_56" href="#FNAnker_56" class="label">[56]</a> Freies Wort, 1909, IX, S. 639 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_57" href="#FNAnker_57" class="label">[57]</a> Beil. der Münch. Allgem. Ztg. 1907, Nr. 77.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_58" href="#FNAnker_58" class="label">[58]</a> Johannes Ranke, Der Mensch, II. Bd., S. 361 f., und K. v.
-Zittel, Geschichte der Geologie und Paläontologie, S. 195 ff. u. 200 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_59" href="#FNAnker_59" class="label">[59]</a> L. Löwenfeld, Über die Dummheit, S. 210 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_60" href="#FNAnker_60" class="label">[60]</a> Zittel a.&nbsp;a.&nbsp;O. S. 175.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_61" href="#FNAnker_61" class="label">[61]</a> Carl Braun S. J., Über Kosmogenie, 3. Aufl., S. 378 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_62" href="#FNAnker_62" class="label">[62]</a> W. Schneider, Der neue Geisterglaube, 1882, S. 262.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_63" href="#FNAnker_63" class="label">[63]</a> Richard Hertwig, Beil. d. Münchner Neuesten Nachr., 1909,
-Nr. 39.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_64" href="#FNAnker_64" class="label">[64]</a> Beil. d. Münchner Allgem. Ztg. 1903, Nr. 291.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_65" href="#FNAnker_65" class="label">[65]</a> Wissenschaftliche Abhandlungen, Leipzig 1882, I, S. 74.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_66" href="#FNAnker_66" class="label">[66]</a> W. Schneider, Geisterglaube, S. 262.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_67" href="#FNAnker_67" class="label">[67]</a> Th. Benfey, Geschichte der Sprachwissenschaft, S. 729.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_68" href="#FNAnker_68" class="label">[68]</a> Zur Wünschelrute vgl. Wolff Hemhard v. Hoberg »Georgica
-curiosa aucta, d.&nbsp;i. umständlicher und klarer Unterricht von dem
-adelichen Land- und Feld-Leben«, Nürnberg 1687, 112. Kapitel des 1.
-Buches »Von Bergwerken und von der Wünsch-Ruth«. Ferner: »Kosmos« III
-(1906), S. 203. H. Ehlert im Technischen Gemeindeblatt VIII (1906),
-S. 296 ff., ferner im »Journal für Gasbeleuchtung« 1905, S. 1090 ff.,
-ferner eb. 1906, 49. Bd., S. 71 ff., 198, 229 ff., 403 ff. u. 727
-ff. Die Versuche Aigners sind wiederholt in den Münchner Neuesten
-Nachrichten beschrieben, z.&nbsp;B. in Nr. 414 1909 und 1910 in Nr. 103.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_69" href="#FNAnker_69" class="label">[69]</a> Otto Jahn, W. A. Mozart, IV, S. 320.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_70" href="#FNAnker_70" class="label">[70]</a> Eb. IV, S. 367. Dies und das folgende zitiert auch
-Heinrich Schwartz. »Das Ende der Tonkunst«, Münchner Neueste Nachr.
-1909, Nr. 254 u. 256.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_71" href="#FNAnker_71" class="label">[71]</a> Schindler, Biographie von Ludwig van Beethoven.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_72" href="#FNAnker_72" class="label">[72]</a> Kreißle von Hellborn, Franz Schubert.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_290"></a>[S. 290]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_73" href="#FNAnker_73" class="label">[73]</a> Nach dem Leipziger Kalender 1904.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_74" href="#FNAnker_74" class="label">[74]</a> Zusammengestellt von Carl Frey, »Wartburg« I, 1902, S.
-186 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_75" href="#FNAnker_75" class="label">[75]</a> Heinrich Heine 1906.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Vierter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Vierter Abschnitt.</em>
-(<a href="#Vierter_Abschnitt">S. 84 ff.</a>)</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_76" href="#FNAnker_76" class="label">[76]</a> Ferdinand Rosenberger, Geschichte der Physik, 2. Bd., S.
-142 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_77" href="#FNAnker_77" class="label">[77]</a> Eb. 1. Bd., S. 130 ff., und M. Cantor, Vorlesungen über
-Geschichte der Mathematik, 2. Bd.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_78" href="#FNAnker_78" class="label">[78]</a> Rosenberger I, S. 133.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_79" href="#FNAnker_79" class="label">[79]</a> Eb. I, S. 139 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_80" href="#FNAnker_80" class="label">[80]</a> Julius Sachs, Geschichte der Botanik, S. 514 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_81" href="#FNAnker_81" class="label">[71]</a> Umschau XIV (1910), S. 76 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_82" href="#FNAnker_82" class="label">[82]</a> Rosenberger II, S. 139 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_83" href="#FNAnker_83" class="label">[83]</a> Eb. II. S. 267.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_84" href="#FNAnker_84" class="label">[84]</a> Eb. II. S. 293.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_85" href="#FNAnker_85" class="label">[85]</a> Eb. II, S. 312 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_86" href="#FNAnker_86" class="label">[86]</a> R. Hennig, Die angebliche Kenntnis der Blitzableiters vor
-Franklin im Archiv für die Geschichte der Naturwissenschaften und der
-Technik, II. Bd., S. 131.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_87" href="#FNAnker_87" class="label">[87]</a> Rosenberger III, S. 75 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_88" href="#FNAnker_88" class="label">[88]</a> Eb. III, S. 147 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_89" href="#FNAnker_89" class="label">[89]</a> Eb. III, S. 178.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_90" href="#FNAnker_90" class="label">[90]</a> Eb. III, S. 189.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_91" href="#FNAnker_91" class="label">[91]</a> Henry G. Parker in der Chemiker-Zeitung. Zitiert nach der
-Beil. d. M. Allgem. Ztg. 1908, I, S. 168.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_92" href="#FNAnker_92" class="label">[92]</a> Rosenberger III. S. 201 und 204 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_93" href="#FNAnker_93" class="label">[93]</a> Eb. III, S. 122 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_94" href="#FNAnker_94" class="label">[94]</a> Eb. III. S. 125 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_95" href="#FNAnker_95" class="label">[95]</a> Eb. III, S. 208 und 228 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_96" href="#FNAnker_96" class="label">[96]</a> Eb. III, S. 273.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_97" href="#FNAnker_97" class="label">[97]</a> Eb. III, S. 243.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_98" href="#FNAnker_98" class="label">[98]</a> Eb. III. S. 247.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_99" href="#FNAnker_99" class="label">[99]</a> Eb. III, S. 332 und 352.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_100" href="#FNAnker_100" class="label">[100]</a> Eb. III, S. 356, 561 und 407.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_101" href="#FNAnker_101" class="label">[101]</a> Eb. III, S. 362.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_102" href="#FNAnker_102" class="label">[102]</a> Zittel, Geschichte der Geologie und Paläontologie, S.
-65.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_103" href="#FNAnker_103" class="label">[103]</a> Eb. S. 95, 99 und 289.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_104" href="#FNAnker_104" class="label">[104]</a> E. Schutze i. d. wissenschaftl. Rundschau der Münchner
-Neuesten Nachr. 1909. Nr. 579.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_105" href="#FNAnker_105" class="label">[105]</a> Karmarsch, Geschichte der Technologie, S. 104.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_106" href="#FNAnker_106" class="label">[106]</a> Vgl. Morses Biographie von Trownbridge, Boston 1901.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_107" href="#FNAnker_107" class="label">[107]</a> Beil. der Münchner Allgem. Ztg. 1905, Nr. 64.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_108" href="#FNAnker_108" class="label">[108]</a> Beil. d. Münchner Neuesten Nachr. 1908, I. S. 480.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_109" href="#FNAnker_109" class="label">[109]</a> Archiv für die Gesch. der Naturwissenschaften u.&nbsp;d.
-Technik I (1909), S. 146.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_110" href="#FNAnker_110" class="label">[110]</a> Rosenberger III, S. 792 f. und Allgemeine deutsche
-Biographie, 28. Bd., Artikel Reis.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_111" href="#FNAnker_111" class="label">[111]</a> Felix Auerbach, Das Zeißwerk, Jena 1903, S. 4&ndash;9.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_112" href="#FNAnker_112" class="label">[112]</a> Vgl. Süddeutsche Monatshefte 1908, Märzheft, u. Allgem.
-deutsche Biographie, 5. Bd., Artikel Drais.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_113" href="#FNAnker_113" class="label">[113]</a> Rich. Hertwig in der Beil. d. Münch. Neuesten Nachr.
-1909. Nr. 38.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_114" href="#FNAnker_114" class="label">[114]</a> Beil. d. Münch. Allgem. Ztg. 1905, Nr. 44.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_291"></a>[S. 291]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_115" href="#FNAnker_115" class="label">[115]</a> Th. Benfey, Gesch. der Sprachwissenschaft S. 346.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_116" href="#FNAnker_116" class="label">[116]</a> Eb. S. 348.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_117" href="#FNAnker_117" class="label">[117]</a> Allgem. deutsche Biographie, 9. Bd., S. 763 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_118" href="#FNAnker_118" class="label">[118]</a> Th. Benfey, S. 729 (ergänzt). Es handelt sich hier nur
-um eine Ergänzung der in meinen »Dingen, die man nicht sagt«, S. 68 ff.
-genannten Namen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_119" href="#FNAnker_119" class="label">[119]</a> Georg Kaufmann, Geschichte der deutschen Universität im
-Mittelalter, 2. Bd., S. 481 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Fuenfter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Fünfter Abschnitt.</em>
-(<a href="#Fuenfter_Abschnitt">S. 113 ff.</a>)</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_120" href="#FNAnker_120" class="label">[120]</a> Georg Kaufmann, Geschichte der deutschen Universitäten,
-2. Bd., S. 180 ff. und 415.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_121" href="#FNAnker_121" class="label">[121]</a> Zeitvertreiber, S. 87, zitiert nach A. Schultz, Das
-häusliche Leben im Mittelalter, S. 214. »Curiositäten«, 2. Bd. (1810),
-S. 253.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_122" href="#FNAnker_122" class="label">[122]</a> Danach berichtet Misson in seiner Reise durch Italien,
-S. 169 und 178 dasselbe.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_123" href="#FNAnker_123" class="label">[123]</a> Kaufmann, 2. Bd., S. 220 und 377.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_124" href="#FNAnker_124" class="label">[124]</a> Eb. II, S. 451 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_125" href="#FNAnker_125" class="label">[125]</a> Eb. II, S. 317 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_126" href="#FNAnker_126" class="label">[126]</a> Eb. II, S. 446.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_127" href="#FNAnker_127" class="label">[127]</a> Beil. d. Münchn. Allgem. Ztg. 1905, Nr. 173.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_128" href="#FNAnker_128" class="label">[128]</a> Kaufmann II, S. 219.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_129" href="#FNAnker_129" class="label">[129]</a> Eb. 2. Bd., S. 354&ndash;363.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_130" href="#FNAnker_130" class="label">[130]</a> Ferd. Rosenberger, Geschichte der Physik, 1. Bd., S.
-124.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_131" href="#FNAnker_131" class="label">[131]</a> Kaufmann 2. Bd., S. 477 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_132" href="#FNAnker_132" class="label">[132]</a> H. Witte im Jahrbuch für Schweizerische Geschichte, IX.
-Bd. (1886), S. 264 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_133" href="#FNAnker_133" class="label">[133]</a> Abgedruckt von Joh. Voigt, »Herzog Albrecht von Preußen«
-in Raumers »Historischem Taschenbuch«, 2. Jhg., 1831, S. 284 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_134" href="#FNAnker_134" class="label">[134]</a> Allerneueste Nachricht S. 655 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_135" href="#FNAnker_135" class="label">[135]</a> Nach Friedr. Eisner, Das Ende des Reiches, S. 180. Zu S.
-131, Z. 5 v. o.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_136" href="#FNAnker_136" class="label">[136]</a> Kaufmann II, S. 389 ff. Die Reden, gedruckt bei Zarncke,
-Die deutschen Universitäten im Mittelalter, Leipzig 1857, S. 49&ndash;154.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_137" href="#FNAnker_137" class="label">[137]</a> Voigt, bei Raumer, II, S. 257.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_138" href="#FNAnker_138" class="label">[138]</a> Donat, S. J., Die Freiheit der Wissenschaft, 1910, S.
-383.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_139" href="#FNAnker_139" class="label">[139]</a> Eisner, S. 177 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_140" href="#FNAnker_140" class="label">[140]</a> F. S. Sack, Ȇber die Verbesserung des Landschulwesens
-in der Kurmark Brandenburg«, Berlin 1799. Nach Eisner.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_141" href="#FNAnker_141" class="label">[141]</a> Bassewitz, Kurmark, S. 343 ff. und Tabelle XI (nach
-Eisner).</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_142" href="#FNAnker_142" class="label">[142]</a> Generalanzeiger der Münchner Neuesten Nachr. 1909, 5.
-April.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_292"></a>[S. 292]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Sechster_Abschnitt"><em class="gesperrt">Sechster Abschnitt.</em>
-(<a href="#Sechster_Abschnitt">S. 140 ff.</a>)</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_143" href="#FNAnker_143" class="label">[143]</a> Kurt Eisner, Das Ende des Reichs, S. 44 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_144" href="#FNAnker_144" class="label">[144]</a> Eb. S. 148 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_145" href="#FNAnker_145" class="label">[145]</a> Archenholtz, Minerva, July 1794, S. 161 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_146" href="#FNAnker_146" class="label">[146]</a> Kölnische Volkszeitung 7. Sept. 1893. Zitiert &ndash; wie das
-folgende &ndash; nach Donat, Freiheit der Wissenschaft.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_147" href="#FNAnker_147" class="label">[147]</a> Staatslexikon IV, S. 550, und P. Majunke, Geschichte des
-Kulturkampfes, 2. Aufl., S. 99 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_148" href="#FNAnker_148" class="label">[148]</a> Donat S. 210 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_149" href="#FNAnker_149" class="label">[149]</a> Eb. S. 213 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_150" href="#FNAnker_150" class="label">[150]</a> Deutsche Revue, 25. Bd. (1900), S. 97 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_151" href="#FNAnker_151" class="label">[151]</a> Eb. S. 217.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_152" href="#FNAnker_152" class="label">[152]</a> Keyßlers »Reisen«, Hannover 1776, 73. Brief, S. 1097.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_153" href="#FNAnker_153" class="label">[153]</a> Deutsche Revue 25. Bd. S. 218.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_154" href="#FNAnker_154" class="label">[154]</a> Zusammenstellung nach E. Stemplinger in den
-»Süddeutschen Monatsheften« V, 2 (1908), S. 478 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_155" href="#FNAnker_155" class="label">[155]</a> Nach der Kölnischen Zeitung.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_156" href="#FNAnker_156" class="label">[156]</a> »März«, 3. Jhg. 4 (1909), S. 398.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_157" href="#FNAnker_157" class="label">[157]</a> Berliner Tageblatt 1910, Nr. 96.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Siebenter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Siebenter Abschnitt.</em>
-(<a href="#Siebenter_Abschnitt">S. 164 ff.</a>)</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_158" href="#FNAnker_158" class="label">[158]</a> In der Vita des Johannes von Gorze, Monumenta Germaniae
-Scriptores IV, p. 354, Kap. 61. Vgl. dazu und zum folgenden Joh.
-Kleinpaul, Das Typische in der Personenschilderung der deutschen
-Historiker des 10. Jahrhunderts. Diss. Leipzig 1897. Mon. Germ. SS.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_159" href="#FNAnker_159" class="label">[159]</a> IV, p. 588, Kap. 17.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_160" href="#FNAnker_160" class="label">[160]</a> Mon. Germ. SS. IV, p 358, Kap. 76, IV, p. 592, Kap. 23,
-IV, p. 354, Kap. 64.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_161" href="#FNAnker_161" class="label">[161]</a> IV, p. 290, Kap. 10 und IV, p. 295, Kap. 17. VII, p. 336
-und SS. rer. Merov., II, p. 99.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_162" href="#FNAnker_162" class="label">[162]</a> SS. IV, p. 266, Kap. 30.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_163" href="#FNAnker_163" class="label">[163]</a> Harnack, Medizinisches aus der älteren
-Kirchengeschichte, bei Gebhardt und Harnack, Texte zur Gesch. der
-altchristlichen Literatur, 8, 1892, S. 63 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_164" href="#FNAnker_164" class="label">[164]</a> Mon. Germ. SS. IV, p. 391, Kap. 18 und p. 392, Kap. 22.
-Eb. IV, p. 266, Kap. 30. IV, p. 359, Kap. 78 und IV, p. 354, Kap. 63.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_165" href="#FNAnker_165" class="label">[165]</a> III, p. 778, Kap. 24. III, p. 843, Kap. 18. IV, p. 417,
-Kap. 75 und IV, p. 414, Kap. 27.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_166" href="#FNAnker_166" class="label">[166]</a> Alw. Schultz. Höfisches Leben, 2. Bd., S. 265, Itin.
-reg. Ric. IV, 12.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_167" href="#FNAnker_167" class="label">[167]</a> Krumbacher, Beilage der Münchn. Neuesten Nachr. 1908,
-Nr. 23, S. 219.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_168" href="#FNAnker_168" class="label">[168]</a> Mabillon, Annales Ordin. S. Benedicti V, p. 424 f. (nach
-J. Scheible, Das Kloster, 12. Bd., S. 888 f.)</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_169" href="#FNAnker_169" class="label">[169]</a> Ferd. Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom im
-Mittelalter, 3. Bd., 2. Aufl., S. 81 ff.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_293"></a>[S. 293]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_170" href="#FNAnker_170" class="label">[170]</a> Montaigne, Journal de voyage Ed. Lautray 1906, p. 234 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_171" href="#FNAnker_171" class="label">[171]</a> Eb. p. 259 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_172" href="#FNAnker_172" class="label">[172]</a> »Reisen«. Hannover 1776. 47. Brief, S. 448 f. Das
-Nächste, 62. Brief, S. 901.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_173" href="#FNAnker_173" class="label">[173]</a> Vgl. Steinhausen, Gesch. d. deutschen Kultur, S. 191,
-Ed. Winkelmann in d. Jahrbüchern d. deutschen Geschichte, Philipp von
-Schwaben und Otto IV. von Braunschweig, II, S. 465, und S. Riezler,
-Gesch. Bayerns, V. Bd., S. 7, zu den Maranen vgl. Beil. d. Münchn.
-Neuesten Nachr. 1908, I, S. 638.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_174" href="#FNAnker_174" class="label">[174]</a> Vgl. die Besprechung in den »Stimmen aus Maria Laach«
-1909.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_175" href="#FNAnker_175" class="label">[175]</a> Türmer, 10. Bd., I, S. 426.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_176" href="#FNAnker_176" class="label">[176]</a> Münchner Neueste Nachr. 1909, Nr. 390.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_177" href="#FNAnker_177" class="label">[177]</a> E. Petzet, Süddeutsche Monatshefte V, 1 (1908), S. 563
-ff. S. Günther in der bayerischen Abgeordnetenkammer 25. Mai 1910.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Achter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Achter Abschnitt.</em>
-(<a href="#Achter_Abschnitt">S. 186 ff.</a>)</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_178" href="#FNAnker_178" class="label">[178]</a> Obiges nach H. V. Sauerland, Urkunden und Regesten zur
-Geschichte der Rheinlande 3. Bd., S. XLII ff. und XLVIII ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_179" href="#FNAnker_179" class="label">[179]</a> Eb. 4. Bd., S. XLVII f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_180" href="#FNAnker_180" class="label">[180]</a> Eb. 4. Bd., S. LIX f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_181" href="#FNAnker_181" class="label">[181]</a> Sauerland, Westdeutsche Zeitschrift, 27. Bd., 1908, S.
-313 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_182" href="#FNAnker_182" class="label">[182]</a> Sauerland, Urkunden und Regesten, I. Index, 1326, Nr.
-917.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_183" href="#FNAnker_183" class="label">[183]</a> Sauerland, 4. Bd., S. XXV ff. Pfründenjäger im großen
-waren auch die Mitglieder der gräflichen Familie von der Mark. Vgl. eb.
-S. XXXI ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_184" href="#FNAnker_184" class="label">[184]</a> Vgl. Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom im
-Mittelalter, 7. Bd., 2. Aufl., S. 237 ff., und L. Pastor, Geschichte
-der Päpste, 2. Bd., 2. Aufl., S. 456 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_185" href="#FNAnker_185" class="label">[185]</a> Sauerland, 4. Bd., S. LXVIII cis LXXI.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_186" href="#FNAnker_186" class="label">[186]</a> Eb. IV, S. LXXII.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Neunter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Neunter Abschnitt.</em>
-(<a href="#Neunter_Abschnitt">S. 200 ff.</a>)</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_187" href="#FNAnker_187" class="label">[187]</a> Zeitschrift d. Ges. f. Schleswig-Holstein-Lauenburgische
-Geschichte, 13. Bd. (1883), S. 158, 173 f., 185 u. 231, und Römische
-Quartalsschrift, 4. Supplementband, 1896, S. 11.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_188" href="#FNAnker_188" class="label">[188]</a> Geschichte des deutschen Volkes, I. Bd. (17. und 18.
-Aufl.), 1897, S. 453, 709, Anm. 6, 722, Anm. 6.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_294"></a>[S. 294]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_189" href="#FNAnker_189" class="label">[189]</a> Bericht im Codex 2727 der Alfterschen Sammlung in der
-Darmstädter Hofbibl. Abgedruckt von J. Hashagen, »Zur Sittengeschichte
-des westfälischen Klerus im späteren Mittelalter«, Westdeutsche
-Ztschrft., 23. Bd., 1904, S. 139 ff. Diese vortreffliche Arbeit liegt
-obiger Darstellung zugrunde.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_190" href="#FNAnker_190" class="label">[190]</a> Sauerland, Westdeutsche Zeitschrift. 27. Bd., 1908, S.
-300 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_191" href="#FNAnker_191" class="label">[191]</a> Eb. S. 306. Hartzheim, Concilia Germaniae III, 113. Das
-Folgende, Eb. III, 112.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_192" href="#FNAnker_192" class="label">[192]</a> Sauerland, Urkunden und Regesten, 4. Bd., S. XCVI.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_193" href="#FNAnker_193" class="label">[193]</a> J. Frh. v. Hormayr, Taschenbuch für vaterländische
-Geschichte, XXX. Jhrg., 1841, S. 158 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_194" href="#FNAnker_194" class="label">[194]</a> Sauerland, Westdeutsche Zeitschrift, 27. Bd., 1908, S.
-279 f. und 296. Die folgenden Berichte eb. abgedruckt, S. 297 u. 298 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_195" href="#FNAnker_195" class="label">[195]</a> St. Infessura, ed. J. G. Eccard, Leipzig 1723, II, p.
-1937.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_196" href="#FNAnker_196" class="label">[196]</a> Gregorovius, VII. Bd., S. 686.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_197" href="#FNAnker_197" class="label">[197]</a> Vgl. J. Hashagen, Westdeutsche Zeitschrift, 23. Bd.,
-1907, S. 125 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_198" href="#FNAnker_198" class="label">[198]</a> Vgl. Kluckholm, Zschft. für Kirchengeschichte, 16. Bd.,
-1896, S. 596 f. Hier auch interessante Visitationsberichte.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_199" href="#FNAnker_199" class="label">[199]</a> Vgl. S. Riezler, Geschichte Bayerns, 6. Bd., S. 240 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_200" href="#FNAnker_200" class="label">[200]</a> Zitiert nach »Curiositäten«, I. Bd., Weimar 1811, S. 278
-ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_201" href="#FNAnker_201" class="label">[201]</a> »Reisen«, Hannover 1776, 57. Brief, S. 763. Zum
-folgenden vgl. »Neuester Hexenprozess aus dem aufgeklärten heutigen
-Jahrhundert von A. v. M. 1786.«</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_202" href="#FNAnker_202" class="label">[202]</a> Keyssler, Reisen, 17. Brief, S. 112. Ferner Fiorillo,
-Gesch. d. zeichnenden Künste in Deutschland I, S. 370. Zu den
-Spottfiguren vgl. die sehr unzüchtige Erklärung Fischarts und die
-abweichende von J. Nass, Ingolstadt 1588. Abgedruckt bei J. Scheible,
-Das Kloster, 10. Bd., S. 1023 ff. und S. 1178 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_203" href="#FNAnker_203" class="label">[203]</a> Keyssler, Reisen, 89. Brief, S. 1349.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_204" href="#FNAnker_204" class="label">[204]</a> Mangelhafte Abb. bei Bernh. Grueber, Die Kunst des
-Mittelalters in Böhmen, besser bei Ed. Fuchs, Das erotische Element in
-der Karikatur. S. 52.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_205" href="#FNAnker_205" class="label">[205]</a> Fiorillo, l.&nbsp;c. I, S. 305 ff. u. 309 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_206" href="#FNAnker_206" class="label">[206]</a> Abb. bei E. W. Bredt, »Sittliche oder unsittliche
-Kunst«, S. 7.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_207" href="#FNAnker_207" class="label">[207]</a> Fiorillo, Gesch. d. Malerei in England (1808), 5. Bd.,
-S. 185.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Zehnter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Zehnter Abschnitt.</em>
-(<a href="#Zehnter_Abschnitt">S. 230 ff.</a>)</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_208" href="#FNAnker_208" class="label">[208]</a> Friedrich Chr. Jo. Fischer, »Über die Probenächte der
-teutschen Bauernmädchen«, 1780, S. 8 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_209" href="#FNAnker_209" class="label">[209]</a> Eb. S. 10.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_210" href="#FNAnker_210" class="label">[210]</a> Joh. Georg Keysslers »Reisen«, Hannover 1776, 4. Brief,
-S. 15.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_295"></a>[S. 295]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_211" href="#FNAnker_211" class="label">[211]</a> Zitiert nach A. Schultz, Häusliches Leben, S. 156 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_212" href="#FNAnker_212" class="label">[212]</a> Fünf Briefe der Gebrüder von Humboldt an J. R. Forster,
-Hergb. v. Fr. Jonas, Berlin 1889, S. 33. Zitiert nach Karl Weinhold,
-Die deutschen Frauen im Mittelalter, 2. Bd., 3. Aufl., S. 189 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_213" href="#FNAnker_213" class="label">[213]</a> Beides abgedruckt bei Fischer, Probenächte, S. 33 ff.
-Das Folgende, Eb. S. 93 Anm. e.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_214" href="#FNAnker_214" class="label">[214]</a> Nach dem Juristischen Wochenblatt, Leipzig 1773, 2.
-Jhg., S. 683 ff. Zitiert nach Fischer, eb. S. 20 Anm.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_215" href="#FNAnker_215" class="label">[215]</a> Chron. Bajoar. L. V. c. 17. Bernh. Pez, Thesaurus
-Anecdot. III, col. 257. Nach Fischer, S. 25 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_216" href="#FNAnker_216" class="label">[216]</a> Alfred Franklin, La vie privée d’autrefois. Magasins de
-nouvautés. Lingerie, p. 19 u. 23.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_217" href="#FNAnker_217" class="label">[217]</a> François des Hotmans, Opuscules, Paris 1616. Traité de
-la Dissolution de mariage par l’impuissance et froideur de l’homme ou
-de la femme. 3eme ed., 1595, p. 223 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_218" href="#FNAnker_218" class="label">[218]</a> »Curiositäten«, 2. Bd., Weimar 1812, S. 85 f. Das
-Folgende eb. S. 276 ff. Mit Belegstellen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_219" href="#FNAnker_219" class="label">[219]</a> Vgl. Franz Falk. Die Ehe am Ausgang des Mittelalters
-in »Erläuterungen zu Janssens Gesch. d. deutschen Volkes«, 6. Bd., 3.
-Heft, 1908, S. 18 ff. Zu Spadolino vgl. »Curiositäten« 2. Bd., S. 134.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_220" href="#FNAnker_220" class="label">[220]</a> »Neuvermehrter Curieuser Antiquarius«, 8. Aufl. von P.
-L. Berckenmeyer, Hamburg 1746, S. 886 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Elfter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Elfter Abschnitt.</em>
-(<a href="#Elfter_Abschnitt">S. 246 ff.</a>)</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_221" href="#FNAnker_221" class="label">[221]</a> K. v. Amira, Tierstrafen und Tierprozesse in den
-»Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung«,
-XII. Bd., 1891, S. 561 und 566 f. Das Folgende, eb. S. 553 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_222" href="#FNAnker_222" class="label">[222]</a> (Zu S. 250, Z. 10 v. o.) Guido Carroci im Bolletino
-d’Arte. Vgl. Beil. d. Münchner Neuesten Nachr. 1908, Nr. 224.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_223" href="#FNAnker_223" class="label">[223]</a> Jakob Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, 4. Aufl., II, S.
-350. Das Folgende, eb. II, S. 346.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_224" href="#FNAnker_224" class="label">[224]</a> A. Schultz, Deutsches Leben, S. 160.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_225" href="#FNAnker_225" class="label">[225]</a> Felix Platter, Selbstbiographie, S. 228.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_226" href="#FNAnker_226" class="label">[226]</a> »Curiositäten«, Weimar 1812, 2. Bd., S. 393&ndash;402.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_227" href="#FNAnker_227" class="label">[227]</a> K. Eisner, Das Ende des Reichs, S. 160. Das Folgende,
-eb. S. 368.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_228" href="#FNAnker_228" class="label">[228]</a> Eb. S. 161 f. Das Folgende, eb. S. 128. Vgl. »Das
-gepriesene Preußen oder Beleuchtung der gegenwärtigen Regierung.«</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_229" href="#FNAnker_229" class="label">[229]</a> Eisner, S. 195.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_230" href="#FNAnker_230" class="label">[230]</a> Leider war es mir nicht möglich, die Quelle dieser
-der »Zeit am Montag« 1908 entnommenen Darstellung aufzufinden. Für
-Mitteilung wäre ich dankbar.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_296"></a>[S. 296]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_231" href="#FNAnker_231" class="label">[231]</a> »Curiositäten«, 1. Bd., Weimar 1811. S. 391.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_232" href="#FNAnker_232" class="label">[232]</a> Beilage d. Münchner Allgem. Ztg. 1902, Nr. 213, S. 532,
-Anm.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_233" href="#FNAnker_233" class="label">[233]</a> Forschungen und Mitteilungen zur Geschichte von Tirol
-und Vorarlberg, VI. Jhg., 1909, S. 276 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_234" href="#FNAnker_234" class="label">[234]</a> Münchner Neueste Nachr. 28. Mai 1909.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_235" href="#FNAnker_235" class="label">[235]</a> Münchner Allgem. Ztg. 1909, S. 1014.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_236" href="#FNAnker_236" class="label">[236]</a> Nach Zeitungsmeldungen im März 1910.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Zwoelfter_Abschnitt"><em class="gesperrt">Zwölfter Abschnitt.</em>
-(<a href="#Zwoelfter_Abschnitt">S. 266 ff.</a>)</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_237" href="#FNAnker_237" class="label">[237]</a> W. Roscher, Ansichten der Volkswirtschaft, 3. Aufl., I,
-S. 142.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_238" href="#FNAnker_238" class="label">[238]</a> Artur Kern, Deutsche Hofordnungen des 16. und 17.
-Jahrhunderts, I. Bd., S. 91 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_239" href="#FNAnker_239" class="label">[239]</a> Eb. II. Bd., S. 121 und 154.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_240" href="#FNAnker_240" class="label">[240]</a> Eb. S. 131 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_241" href="#FNAnker_241" class="label">[241]</a> Eb. II, S. VIII.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_242" href="#FNAnker_242" class="label">[242]</a> Eb. I, S. 259.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_243" href="#FNAnker_243" class="label">[243]</a> Eb. I, S. 79 u. 163. Das Folgende, eb. I, S. 213.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_244" href="#FNAnker_244" class="label">[244]</a> Montaigne, Journal de voyage. Ausg. von Lautray, Paris
-1906, S. 119.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_245" href="#FNAnker_245" class="label">[245]</a> Thomas Platter, Selbstbiographie, S. 22.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_246" href="#FNAnker_246" class="label">[246]</a> A. Schultz, Das häusliche Leben im Mittelalter, S. 139
-f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_247" href="#FNAnker_247" class="label">[247]</a> Obiges nach A. Franklin, La vie privée d’autrefois. Les
-Magasins de nouvautés. La lingerie, p. 27 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_248" href="#FNAnker_248" class="label">[248]</a> Eb. p. 89&ndash;103.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_249" href="#FNAnker_249" class="label">[249]</a> Eb. S. 69 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_250" href="#FNAnker_250" class="label">[250]</a> Franklin, l.&nbsp;c. p. 115 ff. Tallemant des Réaux, T. I, p.
-493. Das Folgende in Le voyageur à Paris. Tableau pitoresque etc. T.
-II, p. 95.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_251" href="#FNAnker_251" class="label">[251]</a> Artur Kern, Deutsche Hofordnungen, 2. Bd., S. 212 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_252" href="#FNAnker_252" class="label">[252]</a> Mémoires, T. I, p. 97.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_253" href="#FNAnker_253" class="label">[253]</a> Franklin, Vie privée, Magasins de Nouvautés, Tinturerie
-et Deuil, p. 30 f., 44 f., 67&ndash;72. 106 u. 128&ndash;133.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_254" href="#FNAnker_254" class="label">[254]</a> Vgl. den Reisebericht des Andrea de Franceschi von 1492.
-Simonsfeldt, Zeitschrift für Kulturgeschichte, 2. Bd., 1895, S. 246.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_255" href="#FNAnker_255" class="label">[255]</a> »Reisen«, 74. Brief, Hannover 1776, S. 1106.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_256" href="#FNAnker_256" class="label">[256]</a> Eb. S. 1192, das Folgende, eb. S. 1282.</p>
-
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="rek">
-
-<div class="section">
-
-<p class="s3 center mtop3 padtop1">Dr. Max Kemmerich</p>
-
-</div>
-
-<p class="s1 center">Kultur-Kuriosa</p>
-
-<p class="fll">Erster Band</p>
-
-<p class="flr">7. Tausend</p>
-
-<p class="s4 center cll">Schrifttitel von <em class="gesperrt">Walter Tiemann</em></p>
-
-<p class="s4 center">Geheftet 3 Mark 50 Pf., gebunden 5 Mark</p>
-
-<p class="p0 s5 mtop2"><em class="gesperrt">Münchner Neueste Nachrichten</em>: Wenn ich den Verfasser
-recht verstanden habe, so hat er mit dieser Veröffentlichung von
-Kulturdokumenten aller Zeiten und Völker das ethische Ziel verfolgt, im
-Spiegel der Vergangenheit das Bild der Gegenwart zu zeigen und dadurch
-auch seinerseits dazu beizutragen, daß Leben, Ehre, Freiheit und fremde
-Überzeugung jene Achtung genieße, die er mit vollem Recht als das
-wichtigste Kulturkriterium betrachtet, wichtiger als alle technischen
-und wissenschaftlichen Fortschritte und alle künstlerischen Großtaten.</p>
-
-<p class="p0 s5 mtop1"><em class="gesperrt">Der Tag, Berlin</em>: Ein ganz verflixtes Buch. Vom Standpunkt der
-Orthodoxie aus &ndash; hüben wie drüben &ndash; höchst verwerflich nach Tendenz
-und Inhalt. Und nun gar: wenn man sich »Töchterschülerinnen« als seine
-ungebetenen Leserinnen vorstellen wollte &ndash; einfach Pfui Deibel! Und
-dennoch: recht zum Nachdenken bewegend, zur Einkehr stimmend, zur
-Umschau anregend. Notabene: Für solche, die ihr bißchen Spiritus
-gewöhnt sind nicht nach einem irgendwie vorgeschriebenen Schema F
-einzustellen. Bei allem Pessimismus, der daraus spricht, eine sinnige
-Gabe für geborene Optimisten.... Der wahre Satiriker will nicht nur
-bloßstellen, sondern auch bessern; so will auch dies Buch bei aller
-Boshaftigkeit oder doch Ungeschminktheit den unserer »Bildung« durchaus
-nicht überall adäquaten Stand unserer sogenannten Kultur heben.
-Möchte es vor allen Dingen unter die Augen der Männer geraten, die es
-namentlich angeht!</p>
-
-<p class="p0 s5 mtop1"><em class="gesperrt">Generalanzeiger Mannheim</em>: Solche Bücher sind selten. Denn zu
-gern verschließt sich der Mensch solch grassem Bekenntnis der Wahrheit.
-Aber sie haben eben dadurch doppelten Wert. Kemmerichs »Kultur-Kuriosa«
-sollte jeder besitzen, der Anteil nimmt an menschlicher Kultur, und es
-ist jedem von uns heilsam, mitunter in dem Buche zu blättern.</p>
-
-<p class="p0 s5 mtop1"><em class="gesperrt">Neue Züricher Zeitung</em>: Eine Sammlung drastischer Anekdoten aus
-dem weiten Reiche der Kulturgeschichte, mit viel Geschick ausgewählt
-zum Behufe des Nachweises, »daß unsere Kultur, soweit sie auf Befreiung
-von Grausamkeit, Intoleranz und Borniertheit beruht, noch sehr jungen
-Datums ist.« In der Tat ist es unglaublich, von welcher Barberei wir
-herkommen, und in welcher Barberei wir vielfach heute noch stecken, auf
-dem Gebiete des Rechts, der Ehe, der Sittlichkeit, des Glaubenslebens
-usw. Manchmal traut man seinen Augen nicht; aber der Verfasser beruft
-sich in einem überaus reichen Literaturnachweis durchgängig auf die
-besten Quellen.</p>
-
-<p class="s4 center bt bb mtop2">Verlag von Albert Langen in München</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s4 center mtop3 padtop1">Dr. Max Kemmerich</p>
-
-</div>
-
-<p class="s1 center">Dinge, die man nicht sagt</p>
-
-<p class="s4 center"><span class="u">5. Tausend</span></p>
-
-<p class="s4 center">Preis geheftet 5 Mark 50 Pf., gebunden 5 Mark</p>
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">Der Tag</em>: Dies neue Buch stellt eine gediegene, gut durchdachte,
-durchaus zusammenhängende, fein gegliederte Beweisführung dar.
-Freilich ganz ohne Anmerkungen, Belege, Kommentare, sogar ohne
-Register: es ist erlebt. Ein heißes Streben und Sehnen nach Besserung,
-Veredelung, Modernisierung durchzieht das Ganze. Und wo die Satire
-scharf zu schneiden gezwungen ist, weil der baumelnde Zopf gar zu fest
-sitzt, da wird ihr versöhnlich geholfen durch einen den schlimmsten
-Griesgram entwaffnenden Humor. Zur Habilitation würde Kemmerich wohl
-nirgends zugelassen werden &ndash; schad’t nix: der Stand der wahrhaft
-freien Schriftsteller, der streitbaren Ritter vom Geiste, hat auch
-Daseinsberechtigung, Verdienste und Adel.</p>
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">Gerichtszeitung, Wien</em>: Es ist ein Vorzug des Kemmerichschen
-Buches, durch drastische Beispiele größere Wirkungen zu erzielen, als
-durch tiefsinnige, wissenschaftliche Betrachtungen.</p>
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">Neue Weltanschauung</em>: Der Verfasser sieht den Dingen überall
-mutig ins Auge und hat die lobenswerte, wenn auch an vielen Stellen
-ungern gesehene Gewohnheit, sie beim richtigen Namen zu nennen. Kurzum
-wir haben ein tapferes Buch vor uns, an dem jeder Freund der Wahrheit
-und des Fortschrittes seine helle Freude haben muß.</p>
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">Öst.-Ungar. Buchhändler-Zeitung</em>: Das ist eine kleine, harmlose
-Blumenlese der »Dinge, die man nicht sagt«, die aber Dr. Kemmerich,
-der Verfasser der »Kultur-Kuriosa«, ausführlich niederschreibt. Vieles
-in dem vorbildlich vornehm ausgestatteten Buche ist wahr, manches
-übertrieben, alles interessant.</p>
-
-<p class="s4 center bt bb mtop2">Verlag von Albert Langen in München</p>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center padtop5 break-before">Druck von Hesse &amp; Becker in Leipzig<br />
-Papier von Bohnenberger &amp; Cie., Papierfabrik, Niefern bei Pforzheim<br />
-Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig</p>
-
-<hr class="full" />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Kultur-Kuriosa, Zweiter Band, by Max Kemmerich
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KULTUR-KURIOSA, ZWEITER BAND ***
-
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-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
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-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
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-
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
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