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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Kultur-Kuriosa, Erster Band - -Author: Max Kemmerich - -Release Date: November 18, 2020 [EBook #63800] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KULTUR-KURIOSA, ERSTER BAND *** - - - - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1910 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute - nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten - bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des - Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. - - Der Zensurstempel auf der Titelseite der Vorlage wurde nicht mit - aufgenommen, da dieser nicht Teil des eigentlichen Buches ist. - - Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden - Sonderzeichen gekennzeichnet: - - gespperrt: +Pluszeichen+ - größere Schrift: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - - Kultur-Kuriosa - - Erster Band - - - - -+Von+ Dr. +Max Kemmerich+ erschienen bei +Albert Langen+: - - - ~Dinge, die man nicht sagt~ 9. Tausend - - ~Kultur-Kuriosa~ Zweiter Band 6. Tausend - - ~Prophezeiungen, Alter Aberglaube oder neue Wahrheit?~ 4. - Tausend - - ~Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit~ 6. Tausend - - ~Das Kausalgesetz der Weltgeschichte~ 2 Bde. - Subskriptionspreis bis 15. Juli 1913 25 M., dann 32 M. geb. auf - Büttenpapier. - - - - - Kultur-Kuriosa - - Erster Band - - von - - Dr. Max Kemmerich - - - Dreizehntes und vierzehntes Tausend - - [Illustration] - - - Albert Langen, München - - - - - Copyright by 1910 Albert Langen, Munich - - - Druck von Hesse & Becker in Leipzig - Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig - - - - -Inhaltsverzeichnis - - - Seite - - Vorwort VII - - 1. Abschnitt: Modernes und Merkwürdiges in der Vergangenheit 1 - - 2. Abschnitt: Rechtspflege 24 - - 3. Abschnitt: Die Ketzer und die römisch-katholische Kirche 53 - - 4. Abschnitt: Toleranz und Ähnliches 71 - - 5. Abschnitt: Kriegswesen 96 - - 6. Abschnitt: Ehe 115 - - 7. Abschnitt: Sittlichkeit 132 - - 8. Abschnitt: Schicklichkeit und anderes 157 - - 9. Abschnitt: Medizinisches 172 - - 10. Abschnitt: Hygiene 190 - - 11. Abschnitt: Ehre 206 - - 12. Abschnitt: Religion und Glauben 217 - - 13. Abschnitt: Die „Hexen“ oder Ecclesia non sitit sanguinem! 242 - - 14. Abschnitt: Reliquien 256 - - 15. Abschnitt: Missionen und Kolonien 265 - - 16. Abschnitt: Autoritäten und Fortschritt 275 - - Anmerkungen 294 - - Nachwort 305 - - - - -Vorwort - - -Die „Kultur-Kuriosa“ sind keine Anekdotensammlung, denn sie erheben -den Anspruch, nur solche beglaubigte Tatsachen anzuführen, die nicht -nur merkwürdig, sondern auch für ihre Zeit, gewisse Institutionen -und Anschauungen +charakteristisch+ sind; sie sind auch keine -Kulturgeschichte, denn sie erstreben nach keiner Richtung hin -Vollständigkeit oder systematische Ordnung. Was sie sind, wird der -Leser wohl selbst herausfinden. - -Daß die Schattenseiten stärker betont sind als die Lichtseiten, bringt -der Zweck des Buches mit sich. Sollte aber jemand aus dem Verschweigen -dieser oder jener Tatsache auf irgendeine Tendenz schließen, so möge -er sich den +Titel+ ins Gedächtnis rufen. Unterließ ich den Hinweis -darauf, daß etwa Gregor VII. die Folterung der „Hexen“ verbietet, daß -der Benediktinerorden sich die größten Verdienste um die Überlieferung -der antiken Literatur erwarb, daß ein Franz von Assisi zu den Heiligen -der Kirche zählt, daß unsere Verfassung die Gleichheit aller vor dem -Gesetz verbürgt u. a. m., so hat das seine guten Gründe: Ich finde -das alles garnicht kurios. Würde ich diese und andere Erscheinungen -aufgenommen haben, so wäre das boshaft. - -Das Buch ist nun mal durchaus subjektiv, und jedem Leser sei -freigestellt, Dinge, die ich für höchst sonderbar halte, für die -natürlichsten von der Welt zu erklären und umgekehrt. - -Objektiv wahr aber sind die mitgeteilten Tatsachen. Sollte ich -versehentlich in irgend einem Punkte geirrt haben, dann bitte ich um -Belehrung; sollte ich aber mit mancher liebgewordenen Vorstellung -aufräumen oder gar Gefühle verletzen, um Entschuldigung. - -Wer mit mir die Achtung vor Leben, Ehre, Freiheit und Überzeugung -des Nächsten für das wichtigste Kulturkriterium hält, wichtiger -als alle technischen und wissenschaftlichen Fortschritte, als alle -künstlerischen Großtaten, der wird zugeben müssen, daß unsere Kultur -+sehr jung+ ist und noch außerordentlich große Aufgaben gerade -auf diesem Gebiete zu erfüllen hat. Diese Jugend aber ist eine -Entschuldigung für manches. - -Wenn ein Gelehrter, der auf eine Reihe wohlwollend aufgenommener -Publikationen blicken kann, sich hier nicht an Fachkreise, sondern an -jeden Gebildeten wendet, dann muß er dafür seine guten Gründe haben. - - +München+, im März 1909 - - +Der Verfasser+ - - - - -Erster Abschnitt - -Modernes und Merkwürdiges in der Vergangenheit - - Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken, - Das nicht die Vorwelt schon gedacht? - - Goethe, Faust, I. Teil, 2. Akt - - -Die Richtigkeit dieser Worte des Mephistopheles wird wohl kaum -jemand ernstlich bestreiten wollen, und es hieße Eulen nach Athen -tragen, durch Sammlung moderner Ideen aus der Vorzeit eine gar -nicht bestrittene These zu beweisen. Etwas anderes ist es auch, was -wir hier versuchen, etwas viel Einfacheres, aber auch etwas viel -weniger Bekanntes: wir wollen zeigen, daß eine nicht geringe Zahl -von Erfindungen, Entdeckungen, technischen Errungenschaften und -Einrichtungen, die wir für gewöhnlich als Neuerwerbungen der Gegenwart -betrachten, auf deren Besitz wir uns vielleicht sogar viel einbilden, -schon ein respektables Alter aufzuweisen haben. Andrerseits werden wir -einiges finden, was wir nicht erwartet hätten. In zwangloser Anordnung -sei eine Reihe solcher Fakten aufgezählt: - -Einer der ältesten bekannten +Tunnel+ scheint der des Königs Hiskia -von Jerusalem aus dem siebenten vorchristlichen Jahrhundert zu sein. -Dieser heute noch erhaltene Siloah-Tunnel ist +von beiden Seiten her+ -in den Stein gegraben. Zwar hielt der Kanal die gerade Linie nicht -ein, erreichte vielmehr statt einer Länge der Luftlinie von 335 m eine -solche von 535 m, aber die Wagerechte wurde erstaunlich gut gewahrt, -denn der gesamte Höhenunterschied beträgt nur 30 cm. Annähernd in der -Mitte trafen sich die von beiden Seiten vordringenden Steinhauer[1]. -Gar aus der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends ist der große Tunnel in -Gezer in Palästina mit einer Wölbung wie die Londoner Untergrundbahn. -Er stieg 94 Fuß unter den gewachsenen Felsen. - - -So neu der Gedanke der +Schienen+ uns erscheinen mag, er ist es -keineswegs. Man hatte sie bereits im Altertum, und zwar -- der jetzigen -ausschließlich auf Eisen- und Straßenbahnen sich beschränkenden -Anwendung gegenüber fast ein Vorzug -- vielfach auf stark befahrenen -öffentlichen Straßen. Man stellte diese Geleise durch Einschnitte in -den Boden her. Solche gab es z. B. an den Toren von Athen, auf dem -Wege, der direkt vom Piräus nach der Agora führte, sogar die römische -Alpenstraße in den Dauphiné-Alpen zeigt deutliche Spuren! Desgleichen -Straßen im Hauran̄, wie mir ein Reisender mitteilte. Die Ähnlichkeit -dieser in den steinigen Boden eingegrabenen Geleise mit unseren -Schienen wird noch vervollständigt durch die Anlage von richtigen -Ausweichkurven, die, im gehörigen Abstand angelegt, das Kreuzen -zweier Wagen auf dem einzigen Geleise gestatteten. Die Spurweite war -in Griechenland, bzw. in allen unter griechischem Einfluß stehenden -Ländern wohl überall ganz gleich, auf der in Frankreich entdeckten -römischen Straße betrug die Entfernung der Einschnitte voneinander -genau 1,44 m, also etwa soviel, wie bei unseren Vollbahnen[2]! - - -+Quellensucher+, ob mit oder ohne Wünschelrute, gab es ebenfalls -bereits im Altertum, und zwar in zunftmäßigen Verbänden. Einzelne -dieser Leute begleiteten sogar die Heere, um im Notfalle durch -sofortige Bohrungen Trinkwasser zu beschaffen. Im heutigen Algier -haben sich die Spuren zahlreicher Brunnen gefunden, die nunmehr von -den Franzosen wieder instand gesetzt wurden. Ihnen war es zu danken, -daß in der Wüste Oasen sich bildeten, die mit dem Verfall der Brunnen -im Jahrtausend der Barbarei wieder dem glühenden Sande weichen mußten. -Nachweislich haben die Römer im ungünstigen Terrain der afrikanischen -Wüste gegen 200 m tiefe Bohrungen mit größtem Erfolge angestellt. -Dabei ist es uns völlig rätselhaft, sowohl wie sie die Stelle der -unterirdischen Wasseradern erkannten, als auch wie sie die technischen -Mittel besaßen, die Bohrungen durchzuführen. - -In neuerer Zeit war als Quellenfinder der französische Abbé Paramelle -am erfolgreichsten. Er hat seine Erfahrungen in einem Werke, betitelt: -„L’art de découvrir les sources“, niedergelegt. In den 64 Jahren -seines Lebens hat er 10275 Quellenangaben gemacht, von denen 9000 zur -Ausführung gekommen sind[3]. - - -Der +Blitzableiter+ wurde von den alten Ägyptern um 1300 v. -Chr., wenn auch noch in primitiver Form, vorausgeahnt. Zur Ableitung -des Blitzes wurden nämlich von Ramses III. in Medinet Abu -- und -zweifellos auch anderwärts und wohl auch schon vor ihm -- die Spitzen -der an den Stadttoren errichteten hohen Masten vergoldet. - -Die griechischen und römischen Priester scheinen die Kunst besessen -zu haben, Blitze vom Himmel herabzulocken -- wobei sie allerdings -bisweilen wie Tullus Hostilius (Livius I, 31, 8) erschlagen wurden. Sie -richteten zu diesem Zwecke metallbeschlagene Stangen auf, wohl weil sie -beobachtet hatten, daß Metalle vom Blitz bevorzugt wurden. Allerdings -fehlte noch die metallene Ableitung in das wasserhaltige Erdreich[4]. - - * - -Daß die +Reisegeschwindigkeit+ im Altertum gar nicht so gering -war, mag aus folgenden Notizen hervorgehen: Mit der Staatspost legte -man die 150 geographischen Meilen von Antiochia bis Konstantinopel -in sechs Tagen zurück, also pro Tag etwa 190 km. Cäsar reiste von -Rom bis an die Rhone in nicht vollen acht Tagen, machte also 150 km -pro Tag, was mit Recht, in Berücksichtigung der großen Entfernung, -für sehr schnell galt. Geradezu verblüffend schnell ritt der Kurier, -der die Nachricht von der Ermordung des Maximin -- natürlich auf -gewechselten Pferden -- in knapp vier Tagen von Aquileja nach Rom -brachte. Er legte also mindestens 200 km pro Tag zurück, eine Leistung, -die jeder Kavallerist erstaunlich hoch finden wird, da sie weit die -Durchschnittsleistungen unserer allerdings mit +einem+ Pferde -bestrittenen Ritte um den Kaiserpreis übertrifft. Aber selbst wenn er -im Wagen gefahren sein sollte, was nach der Notiz möglich ist, könnte -er mit den hervorragendsten sportlichen Leistungen der Gegenwart -erfolgreich konkurrieren. Brauchte doch die Distanzfahrt im Sommer 1908 -von Berlin nach München -- etwa 700 km -- vier Tage, also bedeutend -mehr Zeit auf die Einheit des Weges. - - -Die Kuriere, die die Nachricht vom Aufstand in Belgien, im tiefen -Winter des Jahres 69 n. Chr., nach Rom brachten, legten neun Tage lang -je etwa 240 km zurück! Hierbei ist aber zweifellos an Relais zu denken. -Die schnellste bekannte Reise ist die des Tiberius zum erkrankten -Drusus von Pavia nach Germanien. Durch das Land der eben besiegten -Chatten ritt er mit nur einem Begleiter -- natürlich mit Pferdewechsel --- in 24 Stunden etwa 290 km!!! Das ist natürlich nur möglich, wenn -er weite Strecken galoppierte und rücksichtslos die Pferde tot ritt. -Trotzdem bietet die Sportgeschichte des letzten Jahrhunderts dazu kein -Analogon. Im Durchschnitt legte der im Wagen fahrende Reisende täglich -zur Römerzeit auf weite Entfernungen etwa 60-73 km zurück[4], während -der frühmittelalterliche Tagesmarsch nur 20-30 km betrug[5]. - - -Im Jahre 1188 brauchte ein am 17. März mit einer päpstlichen Bulle -von Rom abgehender Bote 25 Tage, bis er am 15. April in Canterbury -eintraf[6]. - - -In römischer Zeit galt eine +Seereise+ von fünf Tagen von Ostia -bis Taraco in Spanien für schnell. Eine in umgekehrter Richtung in -weniger als vier Tagen gemachte bezeichnet der ältere Plinius als eine -der schnellsten je vorgekommenen. Cervantes nannte schon eine 12tägige -Fahrt von Neapel nach Barcelona eine glückliche[7]. - - -Richard Löwenherz brauchte von Marseille bis Messina vom 16. August -1190 bis zum 23. September, also sehr lange. Er schiffte sich am 9. -Oktober 1192 in Akka ein und gelangte am 11. November nach Korfu; das -war die normale Geschwindigkeit im Mittelalter, -- also bedeutend -geringer als zur Römerzeit[8]. - - -Viel schneller ging natürlich die Nachrichtenübermittlung durch -+Brieftauben+. Die Griechen und Römer, ebenso wie die Araber -bedienten sich bereits dieser Post, und zwar in besonders ausgedehntem -Maße die letzteren, die von Bagdad bis Aleppo sowie längs der -kleinasiatischen Küste bis Alexandrien Brieftauben benutzten. -Gelegentlich wurden auch Schwalben zum gleichen Zwecke verwandt -(Plinius nat. hist. X, 71)[9]. Polybios erzählt (CX, 42 ff.) sogar von -der +Feuertelegraphie+ der Griechen, die lange vor ihm Aeschylos -(Agamemnon 268 ff.) schon kannte. Doch handelt es sich um vorher -verabredete Mitteilungen. - -Vom +Verkehr+ zur Römerzeit gibt die Tatsache eine Vorstellung, -daß fast in jeder größeren Villa oder Ortschaft der Schweiz -Austernschalen gefunden wurden. Zu Avenches fand man auch Reste von -Datteln und Oliven. Die Tongefäße von Lugdunum (Lyon) finden sich in -ganz Gallien, England, Oberitalien, dem Alpengebiet bis Tirol und -Ungarn, und zwar überall mit demselben Fabrikstempel bezeichnet[10]. - -Die alten Römer bauten bereits Seeschiffe mit einem Raumgehalt von 2670 -Tonnen[11]. - - * - -Im Altertum gab es auch eine +Tageszeitung+ in den durch Cäsar -59 v. Chr. in Rom begründeten Acta diurna oder Acta urbis. In diesen -wurden amtlich Nachrichten öffentlichen und privaten Charakters -zusammengestellt und veröffentlicht, allerdings nicht vervielfältigt. -Ja, sogar Korrespondenten gab es, die gegen Bezahlung von Rom -Tagesneuigkeiten in die Provinz schickten. - - * - -+Vegetarianer+ gab es ebenfalls schon im alten Rom. Seneca und -Plutarch gehörten nachweisbarlich zu ihnen, und letzterer hat sogar mit -allen Künsten der Dialektik seine Lebensweise verteidigt bzw. die der -Fleischesser angegriffen (Moralia „de carnium esu“). - -Ebenso sind +Antialkoholiker+- und +Temperenzlervereine+ -bereits im Altertume bekannt. Schon ein Ramses II. (ca. 1350 v. -Chr.) hat eine Antialkoholliga gegen die Trunkenboldigkeit der alten -Ägypter gegründet, wie im Jahre 1902 aus Malereien und Inschriften in -der France Médicale nachgewiesen wurde. Allerdings trieb man es auch -toll, und die Ägypterinnen des neuen Reiches -- von den Männern ganz -zu schweigen -- fanden so wenig Anstößiges an der Trunkenheit, daß -sich sogar Damen in dem Augenblick des Übelwerdens an der Wand ihres -Grabes verewigen ließen. Dazu sei bemerkt, daß bereits das alte Reich -vier verschiedene Biersorten und mindestens sechs Weinsorten, darunter -weißen, roten, schwarzen und nördlichen unterschied und wohl auch ein -Palmbranntwein bekannt war[12]. - -Radikalen Erfolg mit seiner Antialkoholpropaganda hatte ein gewisser -Decaeneus kurze Zeit vor Strabon. Während die Geten bisher dem -Bacchus im Übermaße geopfert hatten, gewannen seine Brandreden auf -sie so großen Einfluß, daß sie nach und nach alle Weinstöcke im Lande -freiwillig ausrotteten und fortan ohne Wein lebten (Strabo VII, 3, 11 -und Jordanis 11). - -Bekanntlich werden heute noch in einigen Staaten des freien Amerika -alkoholische Getränke nur in Apotheken auf Grund von ärztlichen -Rezepten, die zu bekommen allerdings nicht allzu schwer ist, -verabreicht. Als ob erzwungene Abstinenz eine geringere Barbarei als -Völlerei wäre! - -Die +Elektrizität+ wurde, wie Scribonius Largus (11) und -Dioscorides beweisen, schon im Altertum zu Heilzwecken angewandt, wenn -auch noch in recht primitiver Weise. Bei langwierigen Kopfschmerzen -legte man nämlich den Zitterrochen auf, bis an der behandelten Stelle -Taubheit entstand. Genügte ein Fisch nicht, dann wurde die Prozedur -wiederholt. - -Behandlung durch +Massage+ kannte bereits Hippokrates um 400 -v. Chr., und zwar noch nicht einmal als Erster. Bekanntlich ist sie -nach verschiedenen Ansätzen 1575, 1650 und 1853 erst wieder durch -den holländischen Arzt Mezger in die offizielle Medizin eingeführt -worden[13]. - -Ebenso wurde eine Art +Kneippkur+ angewandt, und zwar von -Asclepiades von Prusa, einem Arzt, der im 1. vorchristlichen -Jahrhundert in Rom großen Zulauf hatte. Er war ein Feind vielen -Medikamentierens, ließ seine Patienten fasten, verordnete Bewegung -und Massage und verschrieb Kaltwassergüsse, wie sein Kollege in -Wörishofen. Ferner verordnete er Regenbäder und Waten im Sande mit -nassen Füßen. Antonius Musa hat 23 v. Chr. den Augustus mit dieser -Therapie geheilt. - -Auch +Vivisektionen+ zu wissenschaftlichen Zwecken kommen im -Altertum vor, und zwar außer an Tieren auch an Verbrechern, zuerst -- -nach Celsus (Prooemium ed. Daremberg p. 4, Zeile 37 ff.) und Tertullian -(de anima 10) durch Herophilus, den der Kirchenvater Arzt, oder besser -„Fleischhacker“ nennt. Leichensektionen kommen (nach Plinius hist. -nat. XIX, 86) erst unter den alexandrinischen Ärzten auf, während -Aristoteles wohl aus religiösen Gründen noch davor zurückschreckte. -Das ganze frühe Mittelalter hindurch war die Leichenöffnung -- auch -bei den sonst so aufgeklärten Arabern -- verpönt. Mondino de Liucei -(ca. 1275-1326) hat seit anderthalb Jahrtausenden als Erster wieder -menschliche Kadaver seziert. Seit dem 15. Jahrhundert aber war erst -der Bann gebrochen und Anatomie ein ordnungsmäßiges Lehrfach auf den -Universitäten[14]. - -Während der +Star+ noch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts durch -Versenkung der aus der Pupille geschobenen Linse in den Glaskörperraum -geheilt wurde, ist die Operation, d. h. die Entfernung nach außen -durch Eingriff bereits dem 4000 Jahre alten Papyrus Ebers bekannt und -wurde, wie Antyllus bezeugt, in der Antike geübt, um wie so vieles im -Mittelalter in Vergessenheit zu geraten. - -Ein Vorläufer Harveys, der im Jahre 1619 den +Blutkreislauf+ -entdeckte, war schon Erasistratos von Keos, um 300 v. Chr. Leibarzt -des Königs Seleucos I. Ebenso ist Galen, bis auf die Venenklappen, -der Entdeckung des berühmten Engländers sehr nahe gekommen. Aber -auch er hatte Vorläufer in den alten Ägyptern, die bereits eine -rudimentäre Kenntnis des Blutkreislaufes besaßen. Beginnende -Herzklappenerkrankungen suchten sie, wie die heutigen Ärzte, durch Ruhe -zu beseitigen[15]. - -Sogar eine mit Mandragora(Alraun)wurzel vorgenommene +Narkose+ -war den Alten wohl bekannt. Dioskurides behauptet, daß die mit -diesem Mittel beim Patienten hervorgerufene Gefühllosigkeit drei -bis vier Stunden angehalten habe. Bilsenkraut läßt sich bereits bei -Homer als Narkotikum nachweisen. Im 12. und 13. Jahrhundert unserer -Zeitrechnung wurde es allgemein zur Schmerzlinderung verwandt und von -Guy de Chauliac um 1300 sogar bei Amputationen benützt. Bereits 1460 -beschreibt Heinrich von Pflospeundt in seiner „Bündt-Ertzney“ die -Inhalationsnarkose vor Operationen mit Mohn (Opium), Bilsenkraut und -Alraun[16]. - -Im Altertum verstand man bereits +künstliche Glieder+ -anzufertigen. Schon bei den alten Indern waren Nasen, Ohren und Lippen -aus Gips etwas ganz Gewöhnliches, was sich aus der Häufigkeit des -strafweisen Abschneidens dieser Körperteile erklärt. Griechische und -römische Soldaten, denen im Kriege ein Arm oder Bein abhanden kam, -wußten sich Ersatz zu beschaffen. Das Royal College of Surgeons in -England besitzt in seinem Museum ein solches in einem Grabe in Capua -gefundenes Bein von etwa 300 v. Chr. Es wird im Katalog folgendermaßen -beschrieben: „Das künstliche Glied stellt genau die Form des Beines -dar; es ist aus Stücken dünner Bronze hergestellt, die mit Bronzenägeln -an einem hölzernen Kern befestigt sind. Zwei Eisenstangen, die an ihren -freien Enden Löcher haben, sind an dem obersten äußersten Ende der -Bronze befestigt...[17]“ - -Auch +künstliche Augen+ und +künstliche Zähne+ kommen damals -schon vor. Der erste, der im christlichen Mittelalter die Einsetzung -eines künstlichen Auges in die Augenhöhle eines lebenden Menschen -beschrieb, war der berühmte französische Chirurg Ambroise Paré. Im -Jahre 1561 stellte er ein solches aus emailliertem Gold her, und zwar -in den natürlichen Farben. Paré gibt sich aber nicht als Erfinder -dieses Verfahrens aus und erklärt noch nicht einmal, daß die Sache neu -wäre[18]. - -Götz von Berlichingens berühmte +eiserne Hand+, die ihm der -Schmied von Olnhausen anfertigte, nachdem er seine Rechte 1504 bei -der Belagerung von Landshut eingebüßt hatte, besaß nicht nur eine -Vorläuferin in der eines Ritters, der etwa 100 Jahre vor Götz im Rhin -ertrank, und dessen Hand man 1834 in Alt-Ruppin nebst Schwert, Sporen -usw. im Rhinbett fand, sondern ein wackerer Römer war bereits auf -dasselbe Auskunftsmittel verfallen. M. Sergius Silus (d. h. Stülpnase) -hieß der verwegene Held, der z. Z. des Zweiten Punischen Krieges seine -verlorene Hand durch eine eiserne ersetzte, mit der er Meisterstücke -der Tapferkeit vollführte. Plinius, der die Heldentaten dieses kühnen -Urgroßvaters des berüchtigten Katilina überliefert (nat. hist. VII, 105 -f. und Livius XXXII, 27 ff.), meint, andere seien Sieger über Menschen -gewesen, aber Sergius habe selbst das Schicksal überwunden[19]. - -Von +Bazillen+ als Urhebern der Malaria hatte bereits Varro eine -Vorstellung, wenn er (R. r. I, 12) schreibt, daß an sumpfigen Orten -kleinwinzige Lebewesen entstehen, die man mit dem Auge nicht wahrnehmen -kann und die vermittelst der Luft durch Mund und Nase eindringen und -geschwächte Personen infizieren. Erst 1726 kommt der niederländische -Arzt Dr. Knott auf den gleichen Gedanken, und zwar spricht er von -Kleinwesen als Erregern der Lungenschwindsucht und nimmt ebenfalls -an, daß sie eingeatmet werden. Vermutlich seien sie auch die Ursachen -anderer Krankheiten und daher als ansteckend zu betrachten. Der Erste, -der Bakterien sah, und zwar im menschlichen Speichel, war Leewenhoek -1683[20]. - - * - -Die +Taxameterdroschke+ wird bereits im 9. Kapitel des 10. Buches -von Vitruvius „de architectura“ beschrieben. Es waren das Wagen, die an -ihren Achsen Stunden- und Meilenzeiger hatten, indem nämlich jedesmal, -wenn eine Meile zurückgelegt war, ein Steinchen mit hörbarem Tone in -ein im Innern des Wagenbodens untergestelltes Bronzegefäß fiel. Zählte -man die Steine, dann wußte man auch, wie viele Meilen man zurückgelegt -hatte. Daß solche natürlich sehr teuren Wagen auch im Gebrauch waren, -steht fest. Im Nachlaß des verschwenderischen Commodus befanden sich -einige, die Pertinax mit anderen Kostbarkeiten versteigern ließ. Aber -sogar +Automobile+ besaß Commodus. Anders wenigstens ist die von -Julius Capitolinus im 8. Kapitel der Biographie des Pertinax gegebene -Beschreibung nicht zu verstehen. Er spricht von vorspannlosen Wagen von -neuartiger Konstruktion, deren Räder sich mit Hilfe eines sinnreichen -Mechanismus und eines verwickelten Räderwerkes von selbst um ihre Achse -drehten. Die Sitze waren so angebracht, daß sie dem Wagenführer Schutz -vor den Sonnenstrahlen boten. Auch ließen sie sich so drehen, daß der -Reisende auf der Fahrt stets Rückenwind hatte. - -Auch ein Araber kam auf diesen Gedanken. Im arabischen genealogischen -Werke Lubâb (zitiert von Wüstenfeld, Genealogische Tabellen der -arabischen Stämme und Familien, Register p. 377) ist ein Araber er = -Rabî ibn Zijâd erwähnt, der vor 656 starb. Er trug den Beinamen „Fâris -el-Arrâde“, d. h. der Maschinenreiter, weil er eine Maschine erfunden -hatte, auf der er fahren konnte, als ob er auf einem Kamel säße. (Nach -einer Notiz des Herrn Hauptmann E. v. Zambaur in Wiener-Neustadt.) Im -Mittelalter spricht zuerst der geniale Roger Bacon (1214-1294) im 13. -Jahrhundert einen ähnlichen Gedanken aus, doch dürfte es sich nur um -einen Schlitten mit Segeln gehandelt haben. Interessant aber ist die -weitere Notiz: „Man kann ferner Instrumente zum +Fliegen+ machen, -so daß ein in der Mitte sitzender Mann eine Kurbel dreht, durch die -besondere Flügel nach Art der Vögel die Luft treffen“[21]. Also ein -Vorläufer der Gebrüder Wright! Allerdings erging es ihm schlechter wie -diesen, denn die Kirche ließ ihn als „Zauberer“ lange Jahre im Kerker -schmachten! - -Von +Automaten+, in deren Konstruktion das Altertum so -außerordentlich erfindungsreich war, interessiert uns im Zeitalter der -Luftschiffahrt besonders eine hölzerne Taube des Archytas von Tarent, -die tatsächlich imstande war, auf kürzere Strecken in der Luft umher -zu fliegen. Wenn die Taube nach beendetem Fluge sich auf die Erde -niedergelassen hatte, konnte sie sich allerdings nicht wieder erheben. -(Vgl. Gellius X, 12.) Demetrius von Phaleron hatte eine kriechende -Schnecke, in Olympia aber war ein flügelschlagender eherner Adler -(Pausanias VI, 20, 12). - -Sogar +Warenautomaten+ kannte das Altertum. Heron von Alexandrien -im 2. Jahrhundert v. Chr. (vgl. die Ausgabe von W. Schmidt, Leipzig -1899-1901 mit Illustrationen) erzählt außer von vielen anderen auch von -Weihwasserautomaten, die in den Tempeln aufgestellt waren und aus denen -Wasser floß, wenn man eine Drachme oder einen Obolus hineinwarf. - -Besonders merkwürdig ist der Automat, den nach Erzählung der -byzantinischen Chronographen der oströmische Kaiser Theophilus -(829-842), durch die Schriften des genialen Heron angeregt, sich -anfertigen ließ. Er ließ nämlich zu beiden Seiten seines Thrones zwei -Löwen aus reinem Golde anbringen. So oft der Kaiser nun auf dem Throne -Platz nahm, erhoben sie sich mittels einer mechanischen Vorrichtung, -brüllten und legten sich dann wieder nieder. - -Der Gedanke des +Taucherbootes+ begegnet uns bereits zur Zeit der -Kreuzzüge. Es war allerdings sehr primitiv. Im Gedichte Salomon und -Morolf (Vers 174 und 342, Voigt) heißt es nämlich: „Môrolf im bereiten -hiez Ein schiffelîn von ledere Er ûf daz mere stiez. Daz was mit beche -wol berant; Zwei venster (glase fenster) gâben im daz liecht: Alsô -meistert ez sîn hant.“ „An ir aller angesicht Senkt er sich nider ûf -den grunt. Ein rôre in daz schiffelîn ging, Dâ mit Môrolf den âtem -ving. Daz het er gewirket dar an Mit eime starken ledere Môrolf der -listige man. Ein snuore die lag oben dar an, Daz der dugenthafte man -Daz rôre nit liez brechen abe. Er barg sich zuo dem grunde Volleclîchen -vierzehen tage[22].“ Ob ein ähnliches Fahrzeug in der Wirklichkeit -existierte, sei dahingestellt. Keinesfalls war es ein behaglicher -Aufenthalt. Die Abbildung eines Unterseebootes bzw. einer Taucherglocke -aus dem 14. Jahrhundert befindet sich im cod. germ. 5 der Münchner Hof- -und Staatsbibliothek. - - * - -Die berühmte +Schnurrbartbinde+ „Es ist erreicht“ hat ihre Vorläufer -schon um 1600 gehabt. Im 15. Kapitel des 4. Buches schreibt Cervantes -in seinem Don Quichote: „Er stellte sich im Bett auf, eine spitze Mütze -auf dem Kopfe, den Knebelbart in Banden, damit er nicht schlaff würde -und nieder fiele“. - -Daß die +geschnürte Taille mit Decolleté+ bereits im 2. vorchristlichen -Jahrtausend in Kreta getragen wurde, dürfte manche Dame interessieren. -Das reizende 34 cm hohe dort gefundene Figürchen der Schlangengöttin -zeigt ein solches Kostüm, das mit unserer Frauenmode verblüffende -Ähnlichkeit besitzt. Der über und über gefältelte Rock einer andern -Figur ist ebenfalls ganz mit eleganten Volants besetzt, dazu trägt -sie ein enges Mieder, eine im Bogen ausgeschnittene Korsage und -stark ausgebogene, wohl wattierte Hüften. Der Rock ist deutlich -glockenförmig. Besonders von rückwärts könnte man diese Figuren leicht -für Modedamen unserer Zeit ansehen[23]. - - * - -Die +Kugelgestalt der Erde+ lehrten bereits im 6. vorchristlichen -Jahrhundert Anaximander und Pythagoras, und mit besonderem Nachdruck -wies etwa 350 v. Chr. Eudoxos auf dieselbe hin, Archimedes aber suchte -einen aprioristischen Beweis dafür zu erbringen. Der Kalif Al Manûm -ließ den Umfang der Kugel auf 24000 engl. Meilen, die Länge eines -Grades bis auf 500 m genau berechnen[24]. - -Um 270 v. Chr. hat der alexandrinische Mathematiker und Astronom -Aristarchos von Samos den +Stillstand der Sonne+ und die +Bewegung -der Erde um die Sonne+ gelehrt. Seleucus aus Seleucia hat bereits um -150 v. Chr. eine unendliche Ausdehnung der Welt angenommen und das -sonnenzentrische System geradezu als Lehre aufgestellt. - - * - -Die +athenische Landwirtschaft+ der griechischen Blütezeit kannte -weder die Sense, noch den Flegel: man schnitt das Getreide in halber -Höhe mit der Sichel und drosch, indem man die Körner durch Pferde und -Maultiere aus den Ähren treten ließ. Auch die Egge war unbekannt; man -mußte den Samen mit der Schaufel unter die Erde bringen. Auch die -Dreifelderwirtschaft kannten die Griechen zu keiner Zeit. Ebenso fehlte -ein brauchbares Feuerzeug, so daß das Herdfeuer nie ausgehen durfte. -Geschah es aber doch, dann mußte die Hausfrau es mit der Lampe von der -Nachbarin wieder ins Haus tragen[25]. - - * - -Zur römischen Kaiserzeit kamen in Gallien bereits +Glasfenster+ -vor[26]. - -Damals konnte in Rom jedermann einen Auslaß aus der allgemeinen -+Wasserleitung+ in seinem Hause haben, ebenso in Antiochia und -Alexandrien. Sogar nächtliche Straßenbeleuchtung war vorhanden[27]. - -Während im alten Rom die +Prügelstrafe+ selbst bei Stabsoffizieren -noch zulässig war, wird in der humanen Gegenwart der größte Rohling, -der Baumpflanzungen und Blumenbeete aus Übermut zerstört, den Frauen -die Zöpfe abschneidet und die Kleider mit Kot beschmiert, lediglich -einige Zeit auf Staatskosten verpflegt[28]. - - * - -Das +Scheck- und Girowesen+ bestand bereits im Altertum (Cicero epist. -ad Att. XI, 24, XII, 24, 27, XV, 15), ja, Wechsel wurden bereits bei -den Babyloniern verwandt. Ebenso ist die +Hypothek+ eine bereits im 6. -vorchristlichen Jahrhundert bestehende Einrichtung[29]. - - * - -+Anarchisten+ gab es auch schon im Altertum, und zwar in Palästina, -das in dieser Hinsicht durch fast anderthalb Jahrtausende die Welt -in Atem hielt. Flavius Josephus erzählt von den Sicariern oder -Dolchbrüdern, die in der 2. Hälfte des 1. nachchristlichen Jahrhunderts -die Propaganda der Tat in größtem Stile betrieben, und zwar nicht -etwa als Räuber, sondern -- wie in der Gegenwart -- als politische -Mordgesellschaft. - -Ihre höchste Blüte erlebte die anarchistische Gesellschaft der -Assasinen zur Zeit der Kreuzzüge im gelobten Lande. Sie gingen -hervor aus der mohammedanischen ketzerischen Sekte der Ismaeliten -und lehrten den reinen Nihilismus, d. h., daß alles gleichgültig -und daher auch alles erlaubt sei. Ums Jahr 1100 war ihr gewaltiger -Führer Hasan-i-Sabbah, der Alte vom Berge, der vom Schlosse Alamut aus -durch Meuchelmord und Gewalttaten seine Gegner im Zaume hielt. Trotz -ihrer sittlichen Grundsätze waren diese Assasinen -- wie noch heute -die Anarchisten -- ihren Führern blind ergeben, und zwar in solchem -Grade, daß sich auf einen Wink des Führers hin die Wachen vom Turm -herabstürzten, nur um ihren Gehorsam zu zeigen, oder daß eine Mutter in -Verzweiflung geriet, wenn ihr Sohn von einer gelungenen Mordexkursion -zurückkehrte, statt für seinen Glauben zu sterben. Ihr Wirken lebt noch -heute im Abendlande fort: assassino und assassin, von Haschischin, dem -Rauchen des berauschenden Hanfes abgeleitet, heißt Mörder[30]. - - * - -+Reliquien von Heiligen+ wurden bereits im Altertum gesammelt. Man ging -im Blödsinn vielleicht nicht so weit, wie das Mittelalter, das ein -Stück von der ägyptischen Finsternis und ähnliches vorwies, immerhin -wurde nach Pausanias das Ei der Leda in einem Tempel in Sparta, und -die falschen(!) Zähne des erymanthischen Ebers im Tempel des Apollo -im Lande Opike denen, die nicht alle werden, gezeigt. Eine antike -Reliquienliste gibt Fr. Pfister „Der Reliquien-Kult im Altertum“ -(Gießen 1909) I. Bd., S. 323 ff. - - * - -Auch eine besoldete +Claque+ besaßen bereits die alten Römer. Nero soll -gar 5000 in seinen Diensten gehabt haben. Die Chefs der verschiedenen -Claquedivisionen erhielten je 40000 Sestertien Gehalt! (Sueton, Nero -XX, Tacitus Ann. XIV, 15, Dio. Cassius LXI, 20)[31]. - - * - -Das +Monocle+ oder Lorgnon darf sich gleichfalls eines ehrwürdigen -Alters rühmen. Kaiser Nero sah den Gladiatorenkämpfen im Zirkus durch -einen Smaragd zu (Plinius nat. hist. XXXVII, 64)[32]. Erst 1730 wird -wieder ein Monocle erwähnt, das Keyßler beim englischen Gesandten in -Rom, Herrn von Storsch, sieht und wie folgt beschreibt: „Wegen seiner -blöden Augen bedient er sich eines Fernglases, so mit einem dünnen -Kettchen am Rocke befestiget ist. Die Haut um sein Auge ist also -gewöhnet, daß sie sich fest um dieses Glas schließt, und er nicht -nöthig hat, solches mit den Händen daran zu halten“. - - * - -Ein jährliches +Honorar+ von etwa 90000 Mark bezog Q. Roscius, ein -Zeitgenosse Ciceros, als +Schauspieler+ (Plinius nat. hist. VII, -128, X, 141, XXXV, 163 Sueton. Vesp. 19). Damit dürfte er von den -höchstbesoldeten Mimen der Gegenwart kaum übertroffen werden. Im -dritten vorchristlichen Jahrhundert bezog der Kitharode Amoibeus in -Athen für jedes Auftreten 1 Talent, also 4715 Mark! Die in Korinth -gekaufte Flöte des großen Virtuosen Ismenios kostete 7 Talente! (Vgl. -Aristeas bei Athenaeus XIV, 623d)[33]. - - * - -Im Museum zu Odessa steht ein Stein, der in der alten Griechenstadt -Olbia aufgefunden wurde. Er trägt die Inschrift: „Ich künde, daß -282 Klafter weit mit dem +Bogen geschossen+ hat der berühmte -Anaxagoras, des Demagoras Sohn --...“ Das war allerdings eine -fabelhafte Leistung, denn 500 m sind selbst für einen Gewehrschuß nicht -wenig, geschweige für einen Bogenschuß! Allerdings dürfte es sich nur -um einen Weitschuß ohne Rücksicht auf ein bestimmtes Ziel gehandelt -haben. Daß aber der Stein von einer +Schützengilde+ gesetzt -wurde, und zwar auf einer scheibenartigen Tafel, erinnert stark an die -modernen Gebräuche. - - * - -Die einzige +Steuer+, die der in Italien wohnende römische Bürger -zu zahlen hatte, war eine +Erbschaftssteuer+ von 5% von allen -Erbschaften und Legaten über 20000 Mark mit Ausnahme der von den -nächsten Blutsverwandten herrührenden[34]. - - * - -Außer in Rom standen in keiner Stadt Italiens im Altertum -+Soldaten+. - - * - -Die Errichtung von +Statuen+ war in der Antike eine so häufige Ehrung, -daß in Brescia einmal sogar dem 6jährigen Sohne eines Decurionen eine -Reiterstatue aus vergoldeter Bronze errichtet wurde. Allerdings waren -Statuen billig, der Ausgezeichnete zahlte sie meist selbst und gab -zudem Festivitäten. - -Bereits im Jahre 73 n. Chr. wurde ein offizieller +Katalog+ der dem -römischen Staate gehörigen +Kunstwerke+, vielleicht unter Mitwirkung -des Plinius, angelegt. Das Bruchstück eines zweisprachigen aus dem 3. -Jahrhundert stammenden Museumskatalogs hat sich noch erhalten[35]. - -+Anschlagsäulen+ für Vergnügungsanzeigen und Reklamezwecke gab es -schon in Herculanum. Und zwar waren die Plakate mit Gummiarabicum -angeklebt[36]. - - * - -Das +Zweikindersystem+ wird bereits von Hesiod empfohlen, und zwar -in der Form, daß das Haus höchstens zwei Söhne besitzen soll. Man -erreichte dies durch Kinderaussetzung, was aber bei dem humanen Sinn -der Griechen mehr rechtliche als praktische Bedeutung hatte, und durch -Förderung des außerehelichen Verkehrs der Geschlechter[37]. - -Die Römer trugen vielfach einen +Phallus+ als Brosche bzw. Amulett, wie -auch die öffentlichen Häuser in Pompeji durch einen großen steinernen -Phallus kenntlich gemacht waren. Im Geheimkabinett des Museo Nationale -in Neapel befindet sich eine große Sammlung solcher Phalli. Die -ägyptischen Prinzessinnen erhielten denselben Gegenstand in Naturgröße -aus Stein gefertigt ins Grab mitgegeben, um auch im Jenseits nichts -entbehren zu müssen[38]. - - * - -Ein +Zahlungsmoratorium+ kennt bereits das Gesetz Hammurabis, das -älteste Gesetzbuch der Welt, das etwa anderthalb Jahrtausende in -Kraft blieb. Der 48. Paragraph lautet nämlich: „Wenn jemand eine -verzinsbare Schuld hat und ein Unwetter sein Feld verwüstet, oder die -Ernte vernichtet, oder wegen Wassermangel Getreide auf dem Felde nicht -wächst: so soll er in diesem Jahre dem Gläubiger kein Getreide geben, -seine Schuldtafel (im Wasser) aufweichen und Zinsen für dieses Jahr -nicht zahlen“[39]. - - * - -Die Könige der Spartaner, Alexander der Große, Justinian und viele -andere wurden in +Honig+ zur letzten Ruhe gebettet. Die konservierende -Eigenschaft von Wachs und Honig war bereits den Scythen und Persern -bekannt[40]. - -Dagegen war es im Mittelalter Sitte, die Leiche der verstorbenen -Fürstlichkeiten und hohen Personen auszuweiden. Dabei verfuhr man -oft unglaublich roh. Matthäus Parisiensis (1135) erzählt von den -Prozeduren, denen der Leichnam König Heinrichs I. von England († 1135) -durch einen Fleischer unterworfen wurde, folgendes: „Sein Leichnam -wurde nach Rouen gebracht und da begrub man seine Eingeweide, sein -Gehirn und seine Augen. Der übrige Körper wurde überall mit kleinen -Messern geschnitten, mit vielem Salze bestreut, in Rindshäute gehüllt -und so, um den üblen Geruch zu vermeiden, eingenäht. Aber letzterer -war doch so stark und überwältigend, daß er die Umstehenden krank -machte. Darum starb auch der Mann, welcher, durch eine große Belohnung -gewonnen, des Toten Haupt, um das stinkende Gehirn herauszunehmen, mit -einem Beile gespaltet hatte, obwohl er sich den Kopf mit Leintüchern -umwickelt, und hatte schlechte Freude an dem Lohne. Das ist auch der -letzte von vielen, die König Heinrich umgebracht hat. Darauf wurde -die königliche Leiche nach Caën von den Dienstleuten getragen, und -als man sie daselbst in der Kirche, in der sein Vater beerdigt war, -aufgestellt hatte, so floß doch, obschon der Körper mit vielem Salze -gefüllt, und in viele Häute gepackt war, beständig eine schwarze und -gräßliche Flüssigkeit durch die Häute hindurch und wurde in unter die -Bahre gestellten Gefäßen von den Dienern, die vor Ekel fast vergingen, -aufgefangen und fortgeschüttet“[41]. - -Die getrennte Bestattung von Weichteilen und Fleisch war durchaus -Sitte. So wurden z. B. die Eingeweide Kaiser Heinrichs IV. in Lüttich -beigesetzt, seine Leiche aber in Speier[42]. Hier fand auch sein Sohn -Heinrich V. die letzte Ruhe, nachdem seine Eingeweide in Utrecht -beigesetzt worden waren[43]. Richard Löwenherz verordnete gar, daß sein -Leichnam in Fontevrauld, sein Herz in Rouen, seine Eingeweide, Blut und -Hirn aber bei Chaluz bestattet werden sollten (Rog. de Hovedene)[44]. - -Ganz sonderbar war der Brauch, die Leichen der in weiter Ferne -Verstorbenen zu zerstückeln und die Stücke so lange in Wasser und Wein -zu sieden, bis sich die Knochen vom Fleisch lösten. Während die Gebeine -in die Heimat gebracht wurden, fand die Bestattung des Fleisches an Ort -und Stelle statt. So wurde z. B. auch Friedrich Barbarossa († 1190) -gesotten! (Itin. reg. Ric. I, 24). Landgraf Ludwig IV. von Thüringen -(† 1227), der Gemahl der heiligen Elisabeth, wurde ebenso behandelt -(h. Elis. 3580 ff.), desgleichen, um noch ein Beispiel zu nennen, -Ludwig der Heilige von Frankreich († 1270) (Guilelmi de Nangiaco Gesta -Philippi regis. Bouquet, Rec. XX, 466)[45]. - -Übrigens verbot Papst Bonifazius VIII. im Jahre 1299 bei der Strafe der -Exkommunikation die Leichen auszuweiden, zu kochen und zu zerstückeln -(Nach Heinrich Rebdorf)[46]. - - - - -Zweiter Abschnitt - -Rechtspflege - - -Eine Schadenersatzpflicht des Tierhalters, wie sie gegenwärtig die -öffentliche Meinung beschäftigt und wie sie im Bürgerlichen Gesetzbuch -ausgesprochen ist, kennt bereits Hammurabi. Die §§ 250 und 251 lauten: -„Wenn ein Ochse beim Gehen auf der Straße (Markt) jemand stößt und -tötet, so soll diese Rechtsfrage keinen Anspruch bieten. Wenn der -stößige Ochse jemandes ihm seinen Fehler, daß er stößig ist, gezeigt -hat, er seine Hörner nicht umwunden, den Ochsen nicht gehemmt hat, und -dieser Ochse stößt einen Freigeborenen und tötet ihn, so soll er ½ -Mine Silber zahlen.“ Also nur bei grober Fahrlässigkeit des Tierhalters -ist er verpflichtet, für den entstandenen Schaden aufzukommen.[47] - -Das gilt auch dem Arzt gegenüber, wie aus § 218 hervorgeht: „Wenn -ein Arzt jemand eine schwere Wunde mit dem Operationsmesser aus -Bronze macht und ihn tötet, oder jemand eine Geschwulst mit dem -Operationsmesser aus Bronze öffnet und sein Auge zerstört, so soll man -ihm die Hände abhauen.“ Dagegen ist aber auch das ärztliche Honorar -festgesetzt: „Wenn ein Arzt jemandem eine schwere Wunde mit dem -Operationsmesser aus Bronze macht und ihn heilt, oder wenn er jemand -eine Geschwulst mit dem Operationsmesser aus Bronze öffnet und das Auge -des Mannes erhält, so soll er 10 Sekel Silber erhalten“, heißt es im -§ 215. Immerhin war es unter diesen Umständen nicht immer angenehm, -Operateur zu sein.[48] - - * - -Nach altdeutschem Rechte mußte der Richter mit einem Stabe in der Hand -auf seinem Sitze so bis zum Sonnenuntergang oder Abbruch des Dinges --- unter Umständen in Wind und Wetter, Sonnenbrand oder Schneesturm --- sitzen bleiben, wie er sich bei Beginn des Dings niedergelassen -hatte, „Bein mit Bein“ deckend. Die Soester Rechtsordnung schreibt -darüber: „Es soll der Richter auf seinem Richterstuhl sitzen als ein -grisgrimmender Löwe, den rechten Fuß über den linken schlagen, und -wann er aus der Sache nicht recht könne urteilen, soll er dieselbe -ein-, zwei-, dreimal überlegen“[A]. Sein Aufstehen oder Niederlegen des -Stabes hob die Rechtskraft der Sitzung auf[49]. - -Das vom Richter gefällte Todesurteil mußte noch bei scheinender Sonne -vollstreckt werden. Während der Verurteilte hingerichtet wurde, saßen -Richter und Schöffen in nächster Nähe, um sich bei Speise und Trank von -den Anstrengungen der Sitzung zu erholen[50]. - - * - -Der Übermut der „heiligen Feme“ ging so weit, daß auf die Klage des -Freischöffen Meister Steinmetz im Jahre 1495 durch Femspruch alle -über 18 Jahre alten Mannspersonen des Hochgerichtes Waltersburg in -Graubünden geächtet und der Rache des Gegners preisgegeben wurden. Im -Jahre 1471 hatte es dieses westfälische Sondergericht sogar gewagt, den -Kaiser zur Verantwortung zu ziehen[51]. - - * - -Die Folter drang in die deutsche Rechtspflege ein als Folge der -kirchlichen Inquisition. Nach altgermanischem Rechte hatte der Beklagte -sich durch Eid und Eideshelfer befreien können, in seltenen Fällen -durch Gottesurteil oder Zweikampf. Hier wird man also kaum behaupten -können, die Kirche habe eine Milderung der Sitten herbeigeführt[52]. - -Wie es noch im 17. Jahrhundert bei der Folterung zuging, lehrt -ein Bericht über das Verfahren unter Bischof Julius Heinrich von -Halberstadt-Braunschweig: „Sie (die in der Folterkammer anwesenden -Glieder des peinlichen Gerichts) trunken einander fleißig zu, daß sie -auch so toll und voll wurden, daß sie einesteils eingeschlafen... -Etwan in die dritte Woche kamen sie wieder, und als sie nun in solcher -Trunkenheit ihr gefaßtes Mütlein ziemlichermaßen ausgeschüttet, seyn -sie für diesmal davongegangen... Zum dritten Male bin ich abermal in -die peinliche Kammer gebracht usw. und Hans Saub war so trunken und -voll, daß er beim Tisch einschlief, und wenn er hörte, daß ich etwas -härter sprach, so wachte er auf und weisete mit den Fingern, sagend: -Meister Peter, hinan, hinan mit dem Schelm und Stadtverräter, und wenn -er solches gesagt, schlief er wieder ein vor Trunkenheit. Ingleichen -soffen die andern tapfer auch herum Wein und Bier, und wurden aus -Trunkenheit und sonsten so verbittert, daß nicht zu sagen“[53]. - - * - -Im Mittelalter gehörte jeder zehnte der zum Tode Verurteilten dem -Henker, der ihn -- natürlich gegen entsprechende Entschädigung -- frei -lassen konnte. Der Kaiser bzw. römische König hatte nicht nur das -Recht, jeden zu begnadigen, es genügte bereits, wenn der Missetäter vor -Zeugen den fürstlichen Gewandsaum berührte und küßte. Die aus der Stadt -Verbannten konnten, wenn es ihnen gelang, den Zügel des Königspferdes -zu erfassen, mit dem Herrscher sicher und freien Fußes in die Stadt -zurückkehren. Trotzdem hatte der Henker bisweilen alle Hände voll zu -tun. So erzählt Felix Platter in seiner Selbstbiographie (S. 327) der -von Basel habe im Bauernkriege über 500 köpfen müssen. - - * - -Als eine vom Richter zu erbittende Gnade galt auch sein Verbot an -den Scharfrichter, vor oder nach der Hinrichtung den Körper des -Delinquenten zu berühren und damit die Schande der Familie nicht zu -vergrößern. - - * - -Analog dem Seidenfaden, der nach altdeutschem Recht die Gerichtsstätte -umzog, eine festere Schranke bildend als stehende Barrieren, wurden -auch einzelne Gefangene auf diese Weise gebannt. So wurde vom Baseler -Schultheiß ein bischöflicher Dienstmann im 13. Jahrhundert im roten St. -Ulrichturm eingesperrt, indem er den Eingang des Gefängnisses mit einem -Seidenfaden umspannte, dessen beide Enden mit Wachs versiegelt waren. - - * - -Vor der Hinrichtung trat der Scharfrichter vor den armen Sünder, ihn um -Verzeihung bittend für das Leid, das er ihm im Namen der Gerechtigkeit -zufügen müsse. Die Carolina Karls V. bestimmt im 98. Artikel, daß der -Scharfrichter nach vollzogenem Hauptschlage mit dem blutrauchenden -Schwerte vom Schafott herab die Vertreter der Justiz zu begrüßen -und zu fragen habe: „Habe ich recht gerichtet?“, worauf der Richter -urteilte: „Du hast gerichtet, wie Urteil und Recht gegeben, und wie -der arme Sünder es verschuldet hat.“ Darauf schloß der Scharfrichter -mit dem Lobspruch: „Dafür danke ich Gott und meinem Meister, der mir -diese Kunst gelehrt.“ Machte er einen „Kunstfehler“, dann konnte es -ihn allerdings den Kragen kosten, denn das Volk verstand darin keinen -Spaß[54]. - - * - -Der Gehenkte mußte, eine nicht gerade hygienische Verordnung, über -der Erde verwesen. Als zwei Brüder zu Freiburg in der Schweiz im 16. -Jahrhundert es wagten, die Leiche des dritten Bruders in der Nacht vom -Galgen zu nehmen, um sie zu bestatten, wurden sie vom Richterkollegium -mit +Ausstechen der Augen+ bestraft[55]. - - * - -Bei Tierplagen, hervorgerufen durch Maikäfer, Heuschrecken, Engerlinge -usw. wurde mit Erlaubnis der Bischöfe ein Prozeß nach kanonischem Recht -eingeleitet. Von der Kirchenkanzel herunter verkündete der Priester -unter dem Läuten der Glocken den Klageakt, das sündige Ungeziefer vor -das geistliche Gericht ladend. Ein Advocatus diaboli wurde für die -Tiere bestellt, hier ein Maikäferanwalt, dort ein Rattenfürsprecher. -Klage und Gegenklage wurde vernommen und damit lange Seiten der noch -erhaltenen Prozeßakten gefüllt. Ein Verteidigungstermin wurde gestellt, -ja nach dem Zeugnis des Züricher Chorherren Felix Hämmerlin ließ man -in einem Maikäferprozeß der Diözese Chur „+in Anbetracht ihres -jugendlichen Alters und ihrer Kleinheit+“ die Vorladung dreimal -ergehen. Endlich erfolgte das Kontumazialverfahren mit +schwerem -Bannfluch+, den sich die Stadtbehörden jeweils aus den bischöflichen -Kanzleien verschrieben. - -Noch 1796 wurde in Schwaben ein Stier zur Abwehr gegen die Tierseuche -lebendig begraben[56]. - - * - -Im Weistum von Wilzhut, zwischen Braunau und Salzburg, wird (um 1400) -bestimmt, daß im Falle +ein Bauer um Geld gestraft wurde+, ohne -daß er es zahlen konnte, +seine Frau geschändet werden sollte+. -Die Weisheit des Gesetzgebers hat aber sogar den Fall vorausgesehen, -daß dem Gerichtspfleger die Frau nicht gefällt. Da aber ja nicht -dieser, sondern der Bauer bestraft werden soll, so hat eintretenden -Falles der Gerichtspfleger das Recht, dem Gerichtsschreiber die -Exekution zu übertragen. Kann aber auch er den Reizen der Bäuerin -keinen Geschmack abgewinnen, dann kann er dem Amtsdiener den Vollzug -„auferladen“. Auf dessen Neigungen erstreckt sich die Fürsorge des -Gesetzgebers nicht mehr[57]. - - * - -Felix Platter erzählt in seiner Selbstbiographie (S. 269), er habe im -Jahre 1556 selbst gesehen, wie die +Leichenteile einer anatomierten -Kindsmörderin+ in Südfrankreich +am Galgen gehenkt wurden+. - -Das preußische Justizkollegium erließ im Jahre 1709 eine Verordnung, -laut welcher Galgen erbaut werden mußten, um diejenigen +im Sarge -daran zu hängen+, die während der Pest gestorben seien, +ohne -Arznei+ eingenommen zu haben. Augenscheinlich gönnte man dem Volke -nicht, zu beweisen, daß es auch ohne die Ärzte ginge. Il est mort dans -les règles sagt Molière so schön. - -Noch im Jahre 1711 wurde in Preußen für Deserteure als Strafe bestimmt, -daß ihnen die +Nase und ein Ohr abgeschnitten werden sollte+, -ferner wurden sie an die Karre geschmiedet und mußten lebenslänglich -auf Festung arbeiten. Friedrich Wilhelm I. bestätigte diese Strafen, ja -er bestimmte, daß überführte Helfer von Deserteuren sogleich, ohne des -Königs Genehmigung einzuholen, aufgeknüpft werden sollten[58]. - -Die Jesuiten waren, was außerordentlich viel sagen will, die -Verworfensten der ganzen Geistlichkeit in moralischer Hinsicht. Was -sie sich herausnehmen durften, lehrt die berühmte Skandalgeschichte -des Jesuiten Girard. Dieser hatte als Rektor des Seminars und -Schiffprediger in Toulon auch eine heimliche Bußanstalt für Frauen -eingerichtet, in welche die schöne und fromme Katharina Cadière, -Tochter eines reichen Kaufmanns, 1728 eintrat. Es gelang Girard, durch -Anwendung der raffiniertesten sexuellen Mystik das unschuldige Mädchen -zu verführen, und durch alle möglichen unzüchtigen Mittel brachte er es -so weit, daß die Arme in schwere Hysterie verfiel. In diesem Zustande -schwängerte er sie, wußte aber sofort nach jesuitischer Moral durch -ein wirksames Abtreibungsmittel die Folgen zu verhindern. Im gegen ihn -angestrengten Prozeß wurde er +freigesprochen+!![59] - - * - -Im bayerischen Gesetzbuch, das Kreittmayr 1751 herausgab, ist die -Tortur noch aufrecht erhalten. Sie soll zwar nicht mehr als dreimal -wiederholt werden, aber bei Widerruf greift sie stets und so oft wieder -Platz, als der Widerruf geschieht. Auch wird die gleich anfänglich zu -zwei oder drei Malen eingeteilte oder wegen bezeigter Unempfindlichkeit -repetierte Tortur nur für +einmal+ gerechnet! Ergeben sich bei -der Wiederholung neue Indizien, dann können die folgenden Grade noch -verschärft werden. Auch Zeugen dürfen gefoltert werden. Und zwar waren -Daumschrauben, Aufziehen, Spitzruten, Bock- und Leibgürtel, die 48 -Stunden umgelegt blieben, gesetzliche Foltermittel! Daß man nicht -allzu sanft -- nach dem Vorbilde des Hexenhammers und den in der -alleinseligmachenden Kirche geübten Praktiken -- verfuhr, geht aus -Kreittmayrs Bemerkung hervor, daß die Tortur dem Tode oder wenigstens -dem Handabhauen gleich geschätzt werde![60] - - * - -Als erster deutscher Fürst schaffte der Freidenker Friedrich der Große -von Preußen kurz nach seiner Thronbesteigung unterm 3. Juni 1740 die -Tortur ab, allerdings 112 Jahre später, als dies in England geschehen -war. Die Juristen leisteten dagegen -- wie nicht anders zu erwarten -- -den heftigsten Widerstand und erhoben die lärmendsten Vorstellungen. -Sie meinten, alle Diebesbanden von ganz Deutschland würden sich nun -nach Preußen wenden. Da Friedrich aber kein Jurist, sondern ein -genialer Mann mit gesundem Menschenverstand war, zudem frei von jeder -kirchlichen Beeinflussung, so blieb es dabei[61]. - -Die völlige Aufhebung der Tortur in Bayern erfolgte erst 1806[62], in -Hannover erst 1840[63]. Der letzte vom preußischen Staat angezündete -Scheiterhaufen brannte am 15. August 1786[64]. In Eisenach wurde vor -den Augen der zwangsweise herbeigeführten Schuljugend am 20. Juli -1804 ein vierfacher Brandleger aus Hötzelsroda bei lebendigem Leibe -eingeäschert. Ja, noch Ende des Jahres 1813 soll, wie ich, allerdings -ohne Quellenangabe, erfahre, in Berlin ein Verbrecherpaar, Mann und -Frau, wegen zahlreicher Brandstiftungen in gleicher Weise justifiziert -worden sein. - - * - -Könige und Hofrichter waren in gleicher Weise Schenkungen zugänglich. -Ein Abgesandter der Stadt Frankfurt berichtet 1418 dem Rate, „er möge -doch erwägen, wie wichtig es sei, dem König reiche Gaben zu senden; -die Nürnberger schenkten immer mehr als andere und seien deshalb -allmächtig“[65]. - -Als der Rat der Stadt Frankfurt 1722 den späteren Schultheißen Ochs -(von Ochsenstein) nach Wien schickte, um den Reichshofrat Grafen Stein -für seine Sache zu gewinnen, erhielt er u. a. folgende Instruktion: er -solle dem Grafen erklären, „daß wir, wenn derselbe alles dies erwirken -und den Magistrat wieder in den Stand setzen werden, unsere reale -Erkenntlichkeit erweisen zu können, gegen Se. Exzellenz für die viele -gehabte Mühe uns nach und nach, längstens in Jahresfrist, mit einer -Remuneration von 10000 Talern i. e. 15000 Gulden einstellen würde“. - - * - -Auch der +Kaiser+ war gegen Geld keineswegs unempfänglich. Ochs -erhielt 1729 den Auftrag, dem Kaiser 100000 fl. zu seinem Schloßbau --- für ein Trinkgeld war die Summe doch zu hoch -- anzubieten. -Aber er erlebte eine Überraschung, über die er am 14. Januar 1730 -folgendes schrieb: Er hätte vorsichtig dem Reichs-Vizekanzler das -Angebot gemacht. „Er hörte mich genau an und sagte: es seye zwar gut, -aber noch nicht de tempore; +bürgerliche Deputirte hätten 200000 -fl. offeriert+, und zwar quartaliter 25000..“ ein köstliches -Wettschießen! - - * - -Der Vizepräsident des Reichshofrates hatte Ochs klar gemacht, daß -verschiedene Reichsstädte ihm etwas verehrt hatten. „Ich wolle also -Magistratum ersuchet haben umb ein Stück extraordinari Hochheimer Wein -vom 19er Jahr, und zwar vorher drei bis vier Proben, so in Krügen -immediate an Vice-Präsidenten in einem Kästlein geschicket werden -könnten. Ich habe es wie billig vor eine Gnade erkennen müssen, und -sehe auch nicht, wie es zu dekliniren“. Also wohin Ochs auch kommt, -überall am Kaiserhofe Bestechlichkeit! In derselben Tonart geht es -weiter. Fast alle Personen, mit denen Ochs in Wien zu tun hat, müssen -aus der Frankfurter Stadtkasse bestochen werden. - -Kriegk stellt eine große Reihe von Bestechungsposten, die in den -geheimen Ausgaben Frankfurts gebucht sind, zusammen, und dabei ist nur -+ein einziges Mal+ im Jahre 1771 angegeben, daß ein Herr eine ihm -angebotene Summe von 200 Dukaten nicht angenommen habe. Ob es zu wenig -war? - -Bezeichnend für die Denkweise ist die Antwort des Baron von -Vockel in Wien, dem man 1754 100 Dukaten als Referenten in einer -Rechtsangelegenheit eingehändigt hatte: er habe das Geschenk -„danknehmigst angenommen und sothaner Generosität bei einer anderweiten -Gelegenheit justizmäßig (!) eingedenk zu sein angesichert“. - - * - -Noch ein Beispiel für unzählige! Die Reformierten wollten den Bau einer -Kirche durchsetzen und machten diesbezüglich auch beim kursächsischen -Hof Anstrengungen. Im Jahre 1750 erhielt nun der Frankfurter Rat -aus Dresden ein Schreiben, in dem es u. a. heißt: „Ihro Hoheit die -Churprincessin (eine Tochter Kaiser Karls VII.) haben auf den Ihnen -geschehenen Vortrag sich dahin geäußert, wie Ihro die ganze Sache -schon bekannt sei, und Sie Sich erinnerten, wie man in dieser Sache -nicht nur Ihren Hrn. Vater, den höchstseligen +Kaiser Karl VII. mit -einer Summe Geldes gewinnen wollen+, sondern auch Ihr einen schönen -Beutel mit Dukaten, wenn Sie zu dem reformirten Anliegen behülflich -sein würde, zu offeriren Gelegenheit genommen“. Die Bestechungsversuche -wurden also ganz öffentlich unternommen[66]! - -Heute verstößt es gegen den Ehrenkodex der Rechtsanwälte, also von -Privatpersonen, ein höheres Honorar sich auszubedingen für den Fall, -daß sie in einem Prozeß gewinnen! - - * - -Bezeichnend für die Roheit des Mittelalters und die außerordentliche -Mannigfaltigkeit der vollstreckten Todesstrafen ist, daß man zum -Verbrennen verurteilte Personen +begnadigte+ zum Sieden in einem -Kessel, der gewöhnlich mit Öl oder Wein, manchmal mit Wasser gefüllt -war[67]! - -Im Jahre 1466 wurde in Frankfurt eine nicht genannte Todesstrafe in die -des Ertränkens umgewandelt weil -- der Delinquent krank war[68]! - - * - -Während des ganzen Mittelalters, besonders aber in dessen zweiter -Hälfte, sind die Strafen im christlichen Abendlande gewiß nicht -humaner, eher grausamer als vier Jahrtausende früher im Gesetzbuch -Hammurabis, als in Indien, China, Persien oder sonstwo. Legale Strafen -sind: Vierteilen, Rädern, Pfählen, Verbrennen, Ersäufen, Einmauern, -Lebendigbegraben, Ausdärmen, Abschneiden der Zunge, Ausstechen der -Augen, Sieden in Wasser oder Öl, Abziehen der Haut usw. usw.[69], -und zwar zum großen Teil noch im 18. Jahrhundert. Daß die Kirche -weit entfernt das Strafwesen zu mildern, durch das scheußliche -Inquisitionsverfahren es noch grausiger machte, mindestens nicht auf -Beseitigung der Tortur hinwirkte, ist bemerkenswert. Was ihr während -der anderthalb Jahrtausende der Herrschaft nicht gelang, erreichten die -Freigeister und Philosophen der Aufklärung in kürzester Zeit. Nicht die -Kirche hat die Menschenrechte proklamiert und damit das Mittelalter mit -seiner barbarischen Geringschätzung des Lebens beschlossen, sondern die -große französische Revolution, deren Segnungen Deutschland dem ersten -Napoleon verdankt. Zur Geburtstagsfeier des großen Korsen im Jahre 1806 -mußte die Stadt Frankfurt ihr Hochgericht abbrechen. Der Marschall -Augereau brauchte den Platz für ein Feuerwerk, das aber nicht, wie -bisher, der Verbrennung Unschuldiger, sondern der Befreiung von uralter -Knechtschaft galt. Mit dem Code Napoleon ist die feudal-klerikale -Periode des Mittelalters und der Barbarei begraben. - -Die Humanität ist also erst seit wenig mehr als einem Jahrhundert -Gemeingut des zivilisierten Europa und beginnt es zu werden mit dem -Augenblick, wo das Christentum, dessen Existenzberechtigung nach dem -Geiste seines erhabenen Stifters eben auf dieser Humanität basiert, -wenigstens als Kirche, zu herrschen aufgehört hat! - - * - -Genügt unser Recht allen Anforderungen der Vernunft und Menschlichkeit? - -Nach unserm BGB. wird die Alimentationspflicht von väterlicher Seite -verwirkt, wenn die Mutter in der kritischen Zeit mit mehreren Männern -Umgang hatte. Das heißt, das sowieso rechtlich und sozial schwer -geschädigte uneheliche Kind wird noch weiter gestraft, indem ihm jede -väterliche Unterstützung entzogen wird. - - * - -Die kontrollierte Prostituierte bleibt nach dem heute geltenden Recht -nicht nur straflos, sondern der Staat sichert sich sogar durch Steuern -einen Anteil an ihrem Verdienst. Dagegen kann aber jeder, der ihr -Wohnung gibt, wegen Kuppelei belangt werden. Ihr Gewerbe ausüben und -Steuer zahlen dürfen also die Prostituierten, wohnen aber nicht! - - * - -Auch § 175, der die widernatürliche Unzucht zwischen Personen -männlichen Geschlechtes mit Gefängnis, ev. noch mit Verlust der -bürgerlichen Ehrenrechte bedroht, ist als mittelalterliches Rudiment in -Geltung. Der Gesetzgeber nahm weder Anstand an der Inkonsequenz, beim -einen Geschlecht zu verbieten, was dem andern erlaubt ist, noch hielt -ihn Scheu vor den intimsten Intimitäten des Privatlebens zurück, noch -die Erwägung, damit einen Erpresserstand zu züchten. Ja, die Frage, -ob es sich um Laster oder krankhafte Veranlagung handelt, wurde noch -nicht einmal hinlänglich geprüft. Der Hauptgrund für Aufrechterhaltung -des Paragraphen ist der Widerstand orthodoxer Kreise, die deutsche -Verhältnisse des 20. Jahrhunderts unter dem Gesichtswinkel der vor -2½ Jahrtausenden im Judenvolke bestehenden beurteilen und das -gottgefällig nennen. Vielleicht sind diese auch der Ansicht, daß -Prozesse wie Harden-Moltke und Harden-Eulenburg der öffentlichen -Sittlichkeit förderlicher sind als Schmutzereien einzelner im stillen -Kämmerlein. - - * - -Auf der internationalen kriminalistischen Vereinigung des Jahres -1909 wurde festgestellt, daß in +Deutschland jährlich 10 Millionen -Polizeistrafen+ verhängt werden! Also jeder vierte straffähige -Deutsche wird jährlich in wirksamer Weise an die segensreiche Tätigkeit -der hl. Hermandad erinnert. - - * - -Nach österreichischem Gesetz muß das „Allerheiligste“ der katholischen -Kirche von jedermann, Jude, Freidenker, Protestant, gegrüßt werden. -Ein +Schwede+, unkundig dieses Gesetzes, wurde vor einigen Jahren -wegen Unterlassung des Grußes in Ischl zu +Gefängnis+ verurteilt! - - * - -Der Redakteur des „Bütower Anzeigers“ Hugo Röhl war auf Veranlassung -des Konsistoriums der Provinz Pommern angeklagt worden, durch eine -Artikelserie den Pastor und Lokalschulinspektor Pötter fortgesetzt -öffentlich beleidigt und unwahre Tatsachen über ihn verbreitet zu -haben. Der Tatbestand war folgender: - -Pötter hatte den 42jährigen Lehrer Wockenfuß so lange gequält, bis er -Selbstmord begehen wollte. Am zweiten Osterfeiertag sang Wockenfuß -mit seinen Schülern zu einer Feier auf dem Gute. Bei einem deshalb -ausbrechenden Wortwechsel wurde Wockenfuß von Pastor Pötter zu Boden -gestoßen. Als die Wirtin des Pastors im Dezember 1902 einem Knaben -das Leben schenkte, brachte der Mann Gottes den Lehrer in Verbindung -mit den kursierenden Gerüchten, während in Wahrheit der Bruder -Pötters Vater des Kindes war. Kurz nach Weihnachten erschien Pötter -im Schulhause, ließ den Lehrer aus dem Bette unter den Weihnachtsbaum -im Schulzimmer rufen, las ihm aus der Bibel ein langes Kapitel vor -und sagte, als der verwunderte Lehrer ihn nach seinem Begehren frug: -„Schweigen Sie, es kommt! Sie sind einer von denen wie der Abschaum der -Menschheit, der Krupp ums Leben gebracht hat. Sie haben mich beleidigt! -Mit diesem Stock schlage ich den auf das Lästermaul, der noch einmal -so etwas sagt.“ Dabei erhob der Seelenhirte den Stock gegen Wockenfuß, -der am Verlassen des Zimmers durch zwei Männer verhindert wird, die der -Pastor mitgebracht und neben die Tür postiert hatte! Wockenfuß brach -ohnmächtig zusammen. - -Die Folge war eine Klage des Pastors gegen den Lehrer auf Überschreiten -des Züchtigungsrechtes. +Ohne Verhör+ wurde Wockenfuß mit Verweis, -Ordnungsstrafe und schließlich mit Entziehung des Züchtigungsrechtes -bestraft, endlich wurde er wegen vier einem Knaben erteilter leichter -Hiebe seines Amtes entsetzt. Pötter hatte ihm nämlich pflichtwidrig -nichts über den Entzug des Züchtigungsrechtes mitgeteilt! - -So ähnlich hat der wackere Pastor alle seine Lehrer behandelt! Einer -konnte sich nur mit der Dunggabel seiner erwehren! Einen anderen sucht -Pötter zu einem für ihn günstigen Zeugnis in einer Strafsache gegen ihn -zu bewegen. Soundso oft steht Pötters Eid gegen den der Lehrer. - -Der Staatsanwalt erkannte an, daß in allen Fällen, in denen der -„Bütower Anzeiger“ das Verhalten des Pastors zu Lehrer Wockenfuß scharf -gegeiselt hatte, der +Wahrheitsbeweis völlig geglückt+ sei! - -Und das Urteil? Der Gerichtshof zu Stolp in Hinterpommern hielt den -Wahrheitsbeweis in folgenden Punkten für erbracht: Pötter hat den -Lehrer Halpap aus dem Lehramt vertrieben, er hat eine „Fertigkeit“ in -Lehrerkränkungen, er hat die Unwahrheit gesprochen, er hat leichtfertig -und aus Rachsucht Anzeigen gegen den Administrator des Grafen Schwerin, -des Patronatsherrn, erstattet, er hat sich durch seine Handlungen -in Gegensatz zu seinem Eide gestellt. Ferner wurden die edlen und -selbstlosen Motive des Angeklagten Röhl vom Gerichtshof ausdrücklich -anerkannt und -- es will gar nicht aus der Feder -- dieser selbe Röhl -zu +500 Mark Geldstrafe oder 50 Tagen Gefängnis verurteilt+! - -Nach in ganz Deutschland geltendem Recht +mußte+ das Gericht so -urteilen! - -Und Pötter? Es wurde festgestellt, daß sämtliche Lehrer vor ihm die -größte Angst hatten, aber eine Beschwerde hätte gar keinen Sinn -gehabt, denn nach dem famosen, heute noch in +Preußen+ gültigen -Disziplinargesetz vom 21. Juli 1852 ist, wenn ein Lehrer sich über -einen Vorgesetzten beschwert, +die Behörde nicht verpflichtet, -auch den Lehrer+ nach Vernehmung des Vorgesetzten nochmals +zu -hören+, sondern +die Aussagen des Vorgesetzten gelten für -erwiesene Tatsachen+. Ferner: +Wenn ein Vorgesetzter über einen -Lehrer Klage führt, so entscheidet die Behörde, ohne vorher den Lehrer -oder seine Zeugen gehört zu haben.+ Diese Gesetze gelten heute noch, -im 20. Jahrhundert, auch gegen Gymnasialprofessoren, und es gibt noch -in Deutschland „Männer“, die solche Behandlung sich gefallen lassen[70]! - - * - -Am 28. Juli 1905 nachts gegen 1 Uhr führte ein Ehepaar mit der -Schwägerin ihren Hund auf die Straße. Ein angetrunkener Passant -ärgerte sich über das Tier und äußerte zu einem in der Nähe stehenden -Schutzmann -- Beuche hieß das Auge des Gesetzes -- daß der Hund ohne -Maulkorb sei. Das war nun zwar nicht der Fall, aber pp. Beuche, der -wohl die Gelegenheit für günstig hielt, seine „Schneid“ zu beweisen, -brüllte den Eigentümer barsch an. Als dieser sich den Ton verbat, -+packte ihn+ der Hüter der öffentlichen Ordnung am Genick und -stieß ihn vor sich her. Sein Protest dagegen wurde vom Beamten mit -+Faustschlägen auf den Kopf+ beantwortet. Sein Hinweis auf einen -vom Polizeipräsidenten ausgestellten Jagdschein wurde vom Schutzmann -zurückgewiesen mit der Bemerkung, der „Wisch“ genüge ihm nicht, -zugleich bekam der Ehemann etliche +Fußtritte+. Seine +Frau+, -die ihre Entrüstung in Worte kleidete, bekam +Faustschläge auf die -Brust+, die, wie auch beim Ehemann, laut ärztlichen Attestes Spuren -hinterließen. Darauf erstattete der Gatte gegen den Schutzmann Beuche -Anzeige wegen Körperverletzung. - -Soweit ist alles in Ordnung, und wir hätten keinen Grund von den -Brutalitäten eines subalternen Rohlings an dieser Stelle Notiz zu -nehmen, wenn das Verhalten der Behörde sie nicht in andere Beleuchtung -rücken würde. - -+Die Staatsanwaltschaft lehnte nämlich ein Einschreiten gegen ihr -Organ ab+ und erklärte, daß der Beamte so, wie er gehandelt habe, -hätte handeln +müssen+! Nicht genug damit, drehte sie den Spieß -um. Da im Falle des Stattgebens der Anklage die drei Mißhandelten als -Zeugen gegen Beuche vereidigt worden wären, war die einfachste und -nördlich der Mainlinie auch beliebteste Art dies zu verhüten die, aus -Klägern bzw. Zeugen +Angeklagte+, die bekanntlich nicht schwören -können, zu machen. Damit war ihnen die Möglichkeit des Beweises -abgeschnitten. Der Gerichtshof glaubte -- was er nach der Prozeßlage -ja auch bona fide tun konnte -- dem als +Zeugen+ vernommenen -Schutzmann und verurteilte den Ehemann zu 50 Mark Geldstrafe, die -eine Frau wegen +versuchter Gefangenenbefreiung+ zu drei Tagen -+Gefängnis+, die andere wegen des gleichen Reates zu einem Tage. -Dabei handelte es sich um angesehene Personen aus dem Kaufmannsstande, -die noch niemals mit der Polizei in Konflikt gekommen waren. Das Urteil -wurde vom Schöffengericht I Berlin gefällt[71]. - - -Da jedes Volk die Polizei hat, die es verdient, ist dem Vorkommnis -Allgemeingültigkeit nicht abzusprechen. Immerhin erscheint es -rätlich, noch einige ähnlich gelagerte Fälle, die zeigen, was der -Reichsangehörige zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Subalternbeamten -aushalten +muß+ -- das ist das wesentliche -- anzuführen. -Gleichzeitig sei aber konstatiert, daß wir nicht aus verbohrtem, uns -völlig fernliegendem Partikularismus lediglich solche Vorkommnisse -aus Norddeutschland registrieren, sondern nur deshalb weil uns aus -Süddeutschland kaum ähnliche Fälle bekannt sind. Gewiß gibt es auch -dort Rohlinge, aber Gerichte und Öffentlichkeit wissen mit ihnen fertig -zu werden. - - * - -Am 21. November 1906 wurde der Töpfer Marin in Zoppot wegen einer -Schulstrafe von +einer+ Mark von zwei Schutzleuten, denen er -+Zahlung anbot+, am Bahnhof verhaftet und ins Gefängnis gebracht, -aus dem er am nächsten Tage mehr tot als lebendig entlassen wurde. Der -Arzt, der Marin zwei Tage später untersuchte, stellte ihm ein Attest -aus, wonach er den Mann in einem „geradezu desolaten Zustande“ befunden -hatte. Fast der ganze Körper war +zerschunden+, auch ließ die -Untersuchung den +Bruch einer oder mehrerer Rippen+ vermuten. -Marin war daraufhin +sieben Wochen erwerbsunfähig+. Vor Gericht -wurde festgestellt, daß die Hüter der öffentlichen Ordnung zusammen mit -dem Gefängniswärter Marin, der +Zahlung auch im Gefängnis+ anbot, -mit den Füßen und einem derben +Stock mißhandelt+ und in +die -Rippen getreten+ hatten. +Außerdem nahm man ihm seinen Wochenlohn -von 22,70 M. ab.+ Als Marin sich in der Zelle auf die Pelerine des -einen Schutzmannes -- Kamin hieß der Kavalier -- setzte, schrie dieser -ihn an: „Du +roter Hund+ sitzt auf meiner Pelerine“ und schlug -ihn mit dem Helm, den er an der Spitze hielt, ins Gesicht. - -Marin erstattete Strafanzeige, und die Verhandlung fand vor dem -Landgericht in Danzig statt. Der Staatsanwalt stellte zunächst mit -großer Energie fest, daß Marin gewerkschaftlich organisiert, also -+Sozialdemokrat+ sei. Daraufhin wurden der Gefängniswärter und -der Schutzmann zusammen zu einer +Geldstrafe von 100 M.+ wegen -Körperverletzung und Beleidigung verurteilt! - -+Dasselbe Gericht+ hat einige Tage später einen nicht -vorbestraften 19jährigen Lehrling, der in angetrunkenem Zustande einen -Arzt und seine Gattin mehrmals anrempelte und beleidigte, dann aber -brieflich und vor Gericht seine Tat bereute, zu +einem Jahr und einem -Monat Gefängnis+ verurteilt[72]. - - * - -An einem Abend wartete Frau B. vor dem Stadtbahnhof Alexanderplatz -in Berlin, als ein betrunkener Schutzmann mit den Worten auf sie -zutrat: „Du Sau, was stehst du hier herum?“ Sie verbat sich das Duzen -und sagte, daß sie auf ihren Mann warte. Auf weitere Flegeleien hin -suchte sie ihm zu entrinnen, der Schutzmann lief ihr aber nach, zog, -als die Menge gegen ihn Stellung nahm, den Säbel, hieb um sich und -versetzte mit den Worten: „+Du Sau, warte nur, wenn ich dich erst -auf der Wache habe+“, ihr +zwei Hiebe mit dem Säbel+ über das -Kreuz. Ein Arzt, der den Vorgang mit angesehen und beobachtet hatte, -wie +der Schutzmann die Frau sogar in schamloser Weise angriff+, -wollte als Zeuge mit auf die Wache kommen. Das war aber entschieden -nicht im Sinne der Hüter des Gesetzes, denn man wollte ihn erst nicht -hinein lassen. Ein Beamter nahm den Arzt beim Wickel und stieß ihn -einfach in die Arrestzelle, aus der er erst durch die Intervention des -Polizeihauptmannes befreit wurde. Dann erstattete man gegen ihn Anzeige -wegen +Hausfriedensbruches+, der aber nicht stattgegeben wurde. - -Da das Gericht annahm, daß der Angeklagte sich +subjektiv nicht -bewußt gewesen sei+, in widerrechtlicher Weise gegen die Frau -einzuschreiten, sie auch +nicht vorsätzlich geschlagen+, sondern -sie nur beim Herumfuchteln mit dem Säbel +getroffen+ habe, -verurteilte es ihn lediglich wegen Beleidigung zu einer +Geldstrafe -von 100 M.+ - - * - -Ein +Arbeiter+, der einem Schutzmann gesagt hatte: „Sie haben uns -gar keine Vorschriften zu machen, denn dazu sind Sie uns zu dumm; ich -habe so viel Grütze in den Beinen, wie Sie im Kopf“, wurde dagegen in -Halle vom Gericht zu einer Gefängnisstrafe von 2 Monaten verurteilt! -Ein +Student+, der ebenfalls in Halle einen Polizeisergeanten mit -dem Stocke derart über den Helm geschlagen hatte, daß der Stock in -Stücke ging, die Helmspitze abbrach und der Helm sich verbog, dann im -Wachtlokal spöttisch geäußert hatte: „Ach, bei der Halleschen Polizei -braucht man nur zu fragen, +was die Sache kostet+, dann ist schon -alles erledigt,“ wurde zu einer Geldstrafe von 40 M. verurteilt. - - * - -Der Referendar Morell war zusammen mit dem Kammergerichtsreferendar -Tschepke am 20. November 1906 auf einem Berliner Polizeirevier -erschienen, um einen Automobilführer, der sie falsch gefahren, -feststellen zu lassen. Die nächtliche Störung gefiel den wackern -Männern der Ordnung augenscheinlich gar nicht; deshalb stellten sie -zwar nicht den Autoführer fest, +behielten aber die beiden Kläger -auf der Wache+! Als Morell dagegen protestierte, schrie der -Wachthabende Korrhun dem Schutzmann Keppler zu: „Machen Sie den Mann -ruhig.“ Keppler kam dieser Aufforderung gründlich nach, faßte Morell an -beiden Schultern und schüttelte ihn gewaltsam so hin und her, daß er -mit dem Kopf gegen die Wand flog. Sein Hinweis auf seine Eigenschaft -als Referendar nützte gar nichts. Als Morell seinem sich entfernenden -Freunde nachfolgen wollte, stürzten sich beide Schutzmänner auf ihn, -hielten ihn mit Gewalt zurück, und während Keppler den Referendar -Tschepke hinausbeförderte, +würgte+ Korrhun, ein Hüne, den -ersteren, +schlug ihn+ auf den Kopf und ließ ihn schließlich in -+eine Zelle sperren+, wo er ihn hinter einem eisernen Gitter halb -bewußtlos bis 5½ Uhr festhielt. - -Auf die Anzeige Morells hin, +lehnte die Staatsanwaltschaft ein -Verfahren gegen die Schutzleute ab, leitete dagegen das typische gegen -Morell+(!!) wegen „Beleidigung“ der Schutzleute, „Widerstandes -gegen die Staatsgewalt“ und „Hausfriedensbruch“ ein! Erst auf Anweisung -des Oberstaatsanwalts wurde die Anklage auch gegen die Schutzleute -wegen Beleidigung, Mißhandlung und Freiheitsberaubung erhoben, so daß -nunmehr neben Morell auch diese die Anklagebank zierten. Morell wurde -freigesprochen, da seine Angaben sich als +wahr+, die beider -Schutzleute als +unwahr+ herausstellten. Korruhn erhielt 5 Monate -Gefängnis, Keppler eine Geldstrafe von 100 M. - - * - -Eine Frau wollte, wie ein konservativer Abgeordneter im preußischen -Abgeordnetenhause 1908 ausführte, von Grunau nach Hirschberg fahren. -Das Geld, das sie zur Bezahlung der Fahrkarte hinlegte, war schmutzig -und wurde für falsch gehalten. Daraufhin sperrte man die Frau -+mit ihrem Kinde+, einem dreieinhalbjährigen Knaben, ein. Eine -Hausuntersuchung beim Ehemann, einem Arbeiter, verlief resultatlos. -Die Frau blieb +vier Tage+ eingesperrt, endlich kam das Geld -zur Reichsbanknebenstelle, von da an die Filiale des Schlesischen -Bankvereins und schließlich zu einem Goldarbeiter, aber es war und -blieb +absolut echt+. Der Staatsanwalt schickte es darauf zur kgl. -Münze, die den ganzen Betrag in funkelnagelneuen Stücken zurückzahlte. -Daraufhin wurde die Frau entlassen und meldete sich beim Redner. Die -Auslagen betrugen 17,90 M. Die Staatsanwaltschaft aber weigerte sich, -diese zurückzuerstatten. Redner setzte daraufhin einen Brief an die -Staatsanwaltschaft auf mit dem Hinweis, daß die Geschädigte sich im -Falle einer Ablehnung an den Justizminister wenden und der Vermittlung -eines Abgeordneten bedienen würde. Die Frau ließ diesen Brief von -einem Nachbarn abschreiben. Die Staatsanwaltschaft ordnete nun eine -+Feststellung+ an -- ob der Nachbar solche Briefe +berufsmäßig -abschreibe+, und ob etwa eine +Steuerkontravention+ vorliege! -Auch wurde die Frau noch einmal darüber vernommen, ob sie etwa -+Quecksilber+ in der Wohnung hatte!! Nach etwa 14 Tagen wies der -Justizminister 15 M. an, blieb also der armen Frau +noch drei Mark -schuldig+! - -Risum teneatis amici! - - * - -Frau Marie Feuth, die Gattin eines jungen Architekten, der in -unglücklichen Geschäften sein Vermögen verloren hatte und von den -Gläubigern hart bedrängt ward, wurde im November 1906 in Berlin mit -ihrem Mann auf offener Straße verhaftet und in ein Polizeirevier -eingeliefert. Hier wurden beide in eine „Detentionszelle“ eingesperrt, -wo sie von 1½ Uhr mittags bis 8 Uhr abends sitzen mußten. Um diese -Stunde wurde das Ehepaar in den „grünen Wagen“ verladen und nach dem -Polizeipräsidium übergeführt. - -Hatten sie den Wagen mit einigen Zuhältern geteilt, so trafen sie -dort noch Verbrecher, Dirnen und betrunkene Rowdys. Andern Tags gegen -11 Uhr wurde Frau Feuth in einem überfüllten Wagen voller Zuhälter -und Dirnen, die durch Zoten und Handgreiflichkeiten sich die Zeit -verkürzten, nach Moabit transportiert, dort zwei Weibern überwiesen, -die sie -- zum zweiten Male -- +bis auf die Haut entkleideten+. -Nach 10 Minuten kam die Oberin. Im +Evakostüm+ mußte die Dame -den Raum durchschreiten und mit dem Gesicht gegen die Wand eine ganze -Weile stehen, bis alle ihre Sachen ausreichend beschnüffelt und gebucht -waren. Dann wurde sie vermessen, bis sie glücklich die Erlaubnis -erhielt, sich wieder anzukleiden. Hierauf wurde sie in eine Zelle -gesperrt, nach einer halben Stunde wieder herausgelassen, um sich mit -schwarzer Schmierseife zu waschen und in einer keineswegs reinen Wanne -zu baden. Ihre Leibwäsche wurde ihr genommen und sie erhielt die grobe -Anstaltswäsche, ein grobes sackleinenes Hemd und ein Paar für ihre -Schuhe viel zu dicke Strümpfe, so daß sie nur mit großen Schmerzen -gehen konnte. Beinkleider wurden nicht verabfolgt. Endlich mußte sie -sich durch eine Strafgefangene auf +Ungeziefer+ untersuchen lassen! - -In die Zelle zurückgeführt, wurde sie in schroffer Weise auf die -Obliegenheiten der Zellenreinigung usw. hingewiesen. Abends gab es -eine Art von Wassersuppe und ein Stück Brot. Der +Raum wimmelte von -Ungeziefer+, so daß die Dame angekleidet die Nacht über frierend -und weinend auf dem Bettrand sitzen blieb, weil sie sich nicht von der -Stelle zu rühren wagte. +Sie wußte immer noch nicht, aus welchem -Grunde sie verhaftet worden war!+ Auch die Oberin wußte keinen Grund -anzugeben! - -Frau Feuth blieb im Untersuchungsgefängnis +10 Tage+, dann wurde -sie entlassen und das Verfahren gegen sie eingestellt. +Erst jetzt -erfuhr sie den Grund ihrer Verhaftung+: wegen des Verdachtes der -Beihilfe zum Arrestbruch. - -Ihr Mann wurde nach 2½ Monaten von der Anklage der Urkundenfälschung -und der Verschleppung von Pfandgegenständen +freigesprochen+ und -wegen Arrestbruches zu einem Monat Gefängnis verurteilt, der durch die -Untersuchungshaft verbüßt war. - -Mit diesem „Arrestbruch“ hatte es aber auch seine besondere -Bewandtnis. Der Verteidiger hatte Herrn Feuth gesagt, er würde auch -von dieser Anklage freigesprochen werden, müsse aber noch lange in -Untersuchungshaft sitzen, denn bevor das Aktenmaterial geprüft sei, -vergingen Monate. Daraufhin entschloß sich Herr Feuth, sich +ohne -Widerspruch+ wegen dieses Anklagepunktes +verurteilen zu lassen, -um nur die Freiheit wiederzugewinnen+! Seine Frau saß nämlich mit 85 -Pfennigen an diesem Tage auf dem Berliner Pflaster! - - * - -Solche und ähnliche Fälle sind so zahlreich und wir könnten deren eine -solche Reihe anführen, daß wir sie als typischen Mißstand unseres -Rechtswesens bezeichnen können. - - -Der Amtsrichter Emil Theisen war im Jahre 1894 am Amtsgericht in -Frankfurt a. M. beschäftigt. Hier machte er alltäglich die Erfahrung, -daß bei der Festnahme von Personen und deren Vorführung vor den Richter -die zum Schutze der persönlichen Freiheit erlassenen gesetzlichen -Bestimmungen von der Polizeibehörde nicht beachtet wurden. Als solche -Gesetzwidrigkeiten sich mehrten und ein Bericht an die Justizverwaltung -erfolglos blieb, machte er in der Überzeugung, daß der Tatbestand des § -341 St.G.B. vorliege, Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Wiewohl nun -der Disziplinarsenat des Kammergerichtes als erwiesen ansah, daß die -Vorführung der vorläufig festgenommenen Personen vor dem Amtsrichter in -einer großen Anzahl von Fällen +nicht+ dergestalt „ohne Verzug“ -stattgefunden habe, als dies der Vorschrift der Strafprozeßordnung -entsprochen haben würde, erkannte er doch auf +Zwangsversetzung+ -in ein anderes richterliches Amt von gleichem Range wegen der -beleidigenden Form der Anzeigen und Bruch des Amtsgeheimnisses. -Letzteres Delikt wurde darin gesehen, daß Theisen der „Frankfurter -Zeitung“, die den Fall gebracht hatte, zur Beseitigung einiger Schärfen -und um falsche Lesarten zu verhindern, einige +berichtigende -Mitteilungen+ gemacht hatte. Der Oberstaatsanwalt hatte Theisen -gedroht, er werde sein ganzes Leben lang darunter zu leiden haben, wenn -er seine Strafanträge nicht zurückzöge! Darin sollte er auch recht -behalten, denn Theisens Karriere war beendet, weil er nach Ansicht -seiner Vorgesetzten „die Justiz zu sehr kompromittiert“ hätte. So geht -es also einem preußischen Richter, der Ungesetzlichkeiten rügt[73]! - - * - -Der Turmwächter König in Wasungen bei Jena hatte mehrere Jahre -hintereinander die unheimliche Beobachtung gemacht, daß in der -Silvesternacht um 12 Uhr ein Licht über den dortigen Friedhof -wandle. Auf Grund einer Wette ging er nun am 31. Dezember 1906 mit -seinem Freunde Bach, einem befreundeten Kellner und seinen beiden -Schwestern zur geheimnisvollen Stunde dort hin. Tatsächlich tauchte das -unheimliche Licht Punkt 12 Uhr auf. Während die Schwestern ausrissen, -feuerte Bach seinen mitgebrachten Revolver auf das Gespenst und -traktierte es dann mit Säbelhieben übel. Daraufhin lüftete das Gespenst -sein Inkognito und entpuppte sich als Bernhard Günkel in Wasungen, der -seit Jahren in der Neujahrsnacht vom Friedhof einen Kreuzdornzweig -zu holen pflegte. Dieser, stillschweigend gebrochen, ist nämlich -ein sicheres Mittel gegen Krankheiten bei Mensch und Vieh. Auf den -Strafantrag des Gespenstes wurde Bach vom Wasunger Schöffengericht -wegen Körperverletzung zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Meininger -Strafkammer bestätigte diese Strafe, wiewohl Bach, dessen Mut -jedenfalls größer war als seine Intelligenz, bekundete, er habe die -feste Überzeugung gehabt, nicht auf einen Menschen, sondern auf ein -Gespenst losgeschlagen zu haben. - -Ob in diesem Falle der Staat nicht vielleicht besser getan hätte für -entsprechenden Schulunterricht zu sorgen, statt einem armen unwissenden -Menschen, der das glaubte, was die unfehlbare Kirche Jahrhunderte -gelehrt und mit Gewalt eingebläut hatte, streng zu strafen? Immerhin -ist die Tatsache ein wertvolles Kulturdokument, sowohl bezüglich der -Volksbildung als der Strafrechtspflege. - - - - -Dritter Abschnitt - -Die „Ketzer“ und die römisch-katholische Kirche - - -Wilhelm Pelisso, ein zwischen 1220 und 1240 im Bezirke von Toulouse -tätiger Dominikaner hat ein Tagebuch „Chronikon“ hinterlassen, dessen -Handschrift die Bibliothek von Carcassonne (n. 6449) bewahrt. Er -schreibt: „Zum Ruhme und Lobe Gottes und der seligen Jungfrau Maria -und des hl. Dominicus, unseres Vaters, und der ganzen himmlischen -Heerschar will ich einiges aufzeichnen, das der Herr in der Gegend -von Toulouse gewirkt hat durch die Brüder des Predigerordens -(Dominikaner) und auf die Bitten hin des hl. Dominicus...: Damals -starb ein ketzerischer Kleriker, der im Kreuzgang der Kirche beerdigt -wurde. Als dies Magister Rollandus hörte, ging er mit den Brüdern -(Dominikaner) dorthin, +sie gruben ihn aus, schleiften ihn durch die -Straßen und verbrannten ihn+. Zu gleicher Zeit starb ein Ketzer -namens Galvanus. Das entging dem Magister Rollandus nicht; er rief die -Brüder (Dominikaner), den Klerus und das Volk zusammen; sie gingen in -das Haus, wo der Ketzer gestorben war, sie zerstörten es von Grund -aus und machten es zu einer Dungstätte; den Galvanus +gruben sie -aus+. +Seinen Leichnam schleppten sie in ungeheurem Zuge durch -die Stadt+ (Toulouse) und +verbrannten ihn+ außerhalb der -Stadt. Das ist geschehen im Jahre 1231 +zur Ehre unseres Herrn Jesu -Christi+ und +des hl. Dominikus+, und +zur Ehre der römischen -und katholischen Kirche+, unserer Mutter.“ Arnoldus Catalanus, -damals Inquisitor, vom päpstlichen Legaten ernannt, verurteilte zum -lebendig verbrannt werden zwei Ketzer, Peter von Puechperdut und Peter -Bomassipio; beide wurden zu verschiedenen Zeiten +verbrannt+. -Auch einige Verstorbene verurteilte er, ließ sie +ausgraben+ und -+verbrennen+. Der Inquisitor Bruder Ferrarius (Dominikaner) ließ -viele Ketzer ergreifen, ließ sie +einmauern+; einige ließ er auch -+verbrennen, unter Beistand des gerechten Gerichtes Gottes+.. Der -Ketzer Johannes Textor wurde mit anderen +verbrannt+. Zur selben -Zeit ließen die Inquisitoren Bruder Peter Cellani und Bruder Wilhelm -Arnaldi (Dominikaner) einige +Verstorbene ausgraben+, +durch -die Straßen schleifen+ und +verbrennen+. In Montemsegurum -(Montsegur) ließen sie den Johannes da Garda mit +210 anderen Ketzern -verbrennen+. Und ein großer Schrecken entstand unter den Ketzern der -ganzen Gegend. (Dieser Wilhelm Arnaud wurde zur Belohnung für dieses -christliche Wirken am 1. September 1866 von Papst Pius IX. +„selig“ -gesprochen+!!!) Inzwischen ließ der Bruder Pontius de S. Egidio, -Prior (des Dominikanerkonvents) zu Toulouse, den Handwerker Arnold -Sancerius vorfordern und nahm gegen ihn viele eidliche Zeugnisse -entgegen. +Er selbst aber leugnete alles.+ Der Prior und die -Brüder aber verurteilten ihn. Er wurde zum Scheiterhaufen geführt, -rief aber fortwährend: „man tut mir unrecht, ich bin ein guter Christ -und glaube an die römische Kirche“. Dennoch wurde er +verbrannt+. -Im Jahre 1234 wurde die Heiligsprechung unseres hl. Vaters Dominikus -in Toulouse verkündet. Der Bischof Raimundus von Miromonte feierte die -Messe im Dominikanerkloster, und nachdem der Gottesdienst fromm und -feierlich beendet war, wuschen sie sich die Hände, um im Speisesaal -zu speisen. Da kam, durch göttliche Fügung und wegen der Verdienste -des hl. Dominikus, dessen Fest man feierte, einer aus der Stadt und -meldete, daß einige Ketzer zu einer kranken Ketzerin gegangen seien. -Sogleich gingen sie (der Bischof und die Dominikaner) dorthin. Der -Bischof setzte sich an das Bett der Kranken und sprach ihr viel von der -Verachtung der Welt. Und +weil die Kranke im Glauben war, es sei der -Vorsteher der Ketzer+, so antwortete sie frei auf alle Fragen. Der -Bischof entlockte ihr mit vieler Vorsicht ein Bekenntnis dessen, was -sie glaubte. Dann fügte er hinzu: +Du darfst nicht lügen und nicht an -diesem elenden Leben hängen. Deshalb sage ich dir, du sollst standhaft -sein in deinem Glauben+ und nicht aus Todesfurcht anders aussagen, -als du in deinem Herzen denkst. Sie antwortete: Herr, wie ich sage, so -glaube ich, und wegen dieses elenden Lebens ändere ich meinen Vorsatz -nicht. Da sagte der Bischof: Du bist eine Ketzerin, was du bekannt -hast ist ketzerisch. Ich bin der Bischof von Toulouse und verkünde den -römisch-katholischen Glauben, den ich dich ermahne anzunehmen. Aber er -richtete nichts aus. Da verurteilte sie der Bischof in +Kraft Jesu -Christi+(!) als Ketzerin. Er ließ sie +mit dem Bett, in dem sie -lag, zum Scheiterhaufen tragen und sofort verbrennen+. Nachdem dies -geschehen, gingen der Bischof und die Brüder (Dominikaner) +zurück -in den Speisesaal, und was dort bereitet war, aßen sie mit großer -Fröhlichkeit, Dank sagend Gott+ und dem hl. Dominikus. Dies hatte -der Herr gewirkt am ersten Festtage des hl. Dominikus, +zur Ehre und -zum Ruhme seines Namens+ und seines Dieners, des hl. Dominikus, -+zur Erhöhung des Glaubens+ und zur Niederwerfung der Ketzer[74]. -In dieser Tonart geht es fort, doch dürfte die Probe genügen, um eine -Vorstellung von dem kirchlichen Wirken in christlicher Liebe zu geben, -das für Südfrankreich noch so segensvoll werden sollte. - - * - -Als die ersten Katharer -- darunter 10 Domherren -- 1022 zu Orleans -verbrannt wurden, sträubten sich noch vereinzelt die zwar rohen aber -nicht raffinierten Gemüter gegen diese Art der Verbreitung der Religion -der Liebe. Bischof Wazon von Lüttich (1042-1048) antwortete auf die -Frage des Bischofs Roger von Chalons, ob er die Ketzer verbrennen -lassen dürfe, daß Blutvergießen gegen den Geist und die Aussprüche -Christi sei, der das Unkraut mit dem Weizen stehen lassen will, bis -zum Tage +seines+ Gerichtes. Gab es damals, wenn auch nur sehr -sporadisch, noch unter den Christen Menschen, so hörte das bald genug -auf, wenigstens soweit die tonangebenden Diener der Mutter Kirche in -Frage kommen. - - * - -Dem Kardinal Heinrich, Bischof von Albano, der 1180 von Innocenz -III. (1198-1216) gegen die Albigenser in Südfrankreich geschickt -wurde, gebührt der Ruhm, den +ersten Kreuzzug von Christen gegen -Christen+ gepredigt zu haben. Er hatte glänzenden Erfolg. Ein auf -päpstlicher Seite stehender Augenzeuge schreibt, daß er +„ein weit -und breit verwüstetes Land, zerstörte Dörfer und Städte, ein Bild des -Todes“ hinterließ+. - -Papst Innocenz III. forderte mit glühenden Worten zur Vertilgung der -„Gottlosen“ auf. Unter Berufung auf des Apostels Paulus (!) Worte -„Dieweil ich tückisch war, habe ich euch mit Hinterlist gefangen“, -mahnt der Statthalter Christi in einem Schreiben an seine Legaten, -den Grafen von Toulouse, die Hauptstütze der „Ketzer“, schlau zu -+täuschen+, als ob man es nicht so sehr auf ihn abgesehen habe. -Dadurch werde verhindert, daß der Graf sich mit den Streitkräften -der übrigen Ketzer vereinige. Es sei dann leichter, ihn später, nach -Niederwerfung der übrigen, allein zu besiegen. - -Dieser Kreuzzug führte 1209 im Juli und August zur Eroberung von -Beziers und Carcassonne. Da man nicht wußte, welche von den Bewohnern -Beziers ketzerisch, welche rechtgläubig waren, ließ der päpstliche -Legat mit den von echt christlicher Milde zeugenden Worten „+Tötet -sie alle, Gott wird die Seinen zu erkennen wissen+“, +alle -hinschlachten+. Es waren ihrer +zwanzigtausend+, Männer, Frauen -und Kinder! In der einen Kirche Maria Magdalena mordete man 7000 -Menschen, die sich dorthin geflüchtet hatten. In Carcassonne wurden -zu gleicher Zeit +400 Ketzer verbrannt+ und +50 gehängt+. -Triumphierend berichtete der Legat dies dem Papst: die göttliche Rache -habe die Ketzer wunderbar vernichtet. - - -Im weiteren Verlaufe dieses Kreuzzuges, der so glänzend die -zivilisatorische Macht der Kirche dokumentiert, wurden 1211 in Lavour -über 100 Ketzer mit Feuer und Schwert gemordet. Und zwar vollzogen die -päpstlichen Scharen dieses Blutbad, laut Berichten „+mit ungeheuerer -Freude+“. Am 20. Februar 1213 richteten zahlreiche zu Lavour -versammelte Bischöfe an Innocenz folgendes Schreiben: „Wir bitten -Euere Gütigkeit mit gebührender Ehrfurcht, kniend und unter Tränen -(die bekanntlich im frühen Mittelalter nie fehlen durften), daß Ihr, -gemäß dem Eifer des Phineas, den Ihr besitzt, diese schlechteste Stadt -(Toulouse) mit all ihren Verbrechern, mit all ihrer Unreinheit und -ihrem Schmutz, der sich angesammelt hat in dem aufgeschwollenen Leibe -dieser giftigen Schlange, die in ihrer Bosheit nicht geringer ist als -Sodoma und Gomorrha, von Grund aus der gebührenden +Vernichtung+ -anheimfallen zu lassen“. Papst Innocenz entsprach diesen frommen -Bitten. Man unterzog sich dem Liebeswerk mit solchem Eifer, „+daß -nicht nur offenbare Ketzer, sondern wer immer verdächtig erschien, dem -Scheiterhaufen überliefert wurde+“. - - * - -Als unter Papst Honorius III. die Stadt Marmande gestürmt wurde, fielen -dem Rat der Bischöfe, alle Einwohner zu töten, +5000 Männer, Frauen -und Kinder+, zum Opfer. Der Kardinal Bertrand wiederholte in seinen -Predigten beständig, daß „+Tod und Schwert die ständigen Begleiter -des Kreuzheeres sein müßten; alles Leben müßte vertilgt werden+.“ - - * - -Der päpstliche Vernichtungskrieg gegen die Albigenser dauerte noch bis -zum Ende des 13. Jahrhunderts mit glänzendem Erfolge: Südfrankreich, -die Heimat der Troubadours und feinen ritterlichen Sitten, war -zur Wüstenei geworden, der heimische Adel verdrängt, die geistige -Führung endgültig an den Norden abgetreten. Es herrschte Ruhe, -Grabesfrieden[75]. - -Den Waldensern ging es nicht viel besser. Innocenz IV. forderte durch -eine Bulle vom Jahre 1248 in der Bourgogne auf. „Die Inquisitoren -verfolgten die Waldenser und verbrannten, wen sie auffinden konnten.“ - -Der von Papst Gregor IX. entsandte Franziskanerinquisitor Lorelli -schlachtete in den Alpentälern Savoyens und der Dauphiné die Waldenser -zu Hunderten. - -Der 22. Mai 1393 wurde in Embrun festlich begangen. Die Stadt und -die Altäre der Kirchen waren geschmückt, die Priester in kostbaren -Gewändern umstanden sie. Die Christenheit hatte auch Grund sich zu -freuen, denn 80 +Waldenser+ aus den Tälern von Freyssinières -und Argentière und 150 +Waldenser+ von Vallouise wurden +zum -Feuertode verurteilt. Die Hälfte der Gesamtbevölkerung dieser Täler -verschwand, ganze Familien: Vater, Mutter, Kinder.+ - - * - -Ein Jahrhundert später drang der Kardinallegat des Papstes Innocenz -VIII., Albert von Cremona, in das Tal Vallouise ein. Da die Waldenser -sich in eine große Höhle des Berges Pelvoux geflüchtet hatten, ließ der -fromme Vertreter des Statthalters Christi am Eingang der Höhle Feuer -anzünden. +Fünfzehnhundert Menschen, darunter Frauen und Kinder, -kamen teils durch Feuer und Rauch, teils durch das Schwert um.+ Den -päpstlichen Vizelegat Mormoiron ließen Alberts Lorbeeren nicht ruhen. -Daher machte er es später fünfundzwanzig Waldensern gegenüber ebenso. -Er ließ vor einer Höhle Feuer anmachen und alle kamen um. - -Bis zum Jahr 1550 schätzt man die in der Provence geschlachteten -und verbrannten Waldenser, Männer, Frauen und Kinder, auf +über -dreitausend+! - - * - -Wenigstens wußten die Legaten immer, was sie der Mutter Kirche schuldig -waren: Der päpstliche Franziskanerinquisitor verbindet sich im Jahre -1382 mit einer +Räuberbande+ von 22 Mann, um Ketzer zu ergreifen -und zu töten! Dem Räuberhauptmann Girardo Burgarone wurde dafür ein -+Preis gezahlt+! - - * - -Im Jahre 1373 starb ein Ketzer fünf Tage vor dem Urteil. Deshalb wurde -seine Leiche in ungelöschtem Kalk aufbewahrt, um möglichst unversehrt -verbrannt zu werden. - - * - -Leo X. verdammte den Satz Luthers „Häretiker zu verbrennen ist gegen -den Willen des Hl. Geistes“ als häretisch[76]. - -Unter diesen Umständen ist es befremdend, daß die Kirche noch heute -gegen die Feuerbestattung ist. Etwa weil es sich ausschließlich um -+Leichen+ handelt? - -Um welcher Sünden willen wurden die Waldenser so verfolgt? -- -Hoensbroech stellt noch eine Fülle von Daten zusammen -- waren -sie keine Christen? verfluchten sie die Bibel? führten sie einen -unmoralischen Lebenswandel? Das Gegenteil war der Fall: sie lasen die -Bibel, führten ein von den Vorschriften der Bergpredigt geleitetes -Leben und verwarfen den Ablaß. - - * - -Eine Bischofsversammlung in Goslar verurteilte im Jahre 1051 mehrere -Ketzer zum Tode, weil sie sich geweigert hatten Hühner zu töten und -ausschließlich von Pflanzennahrung lebten. +Sogar die Vegetarianer -können auf Märtyrer zurückblicken!+ - - * - -Als im Jahre 1184 Disputationen mit den Ketzern in Straßburg zu keinem -Ergebnis führten, weil sie alles aus der Bibel belegen konnten, wurden -die Lehren der Kirche als allein maßgebend hingestellt und -- ohne -Rücksicht auf Übereinstimmung mit dem Evangelium -- wer gegen sie -verstieß ohne Urteil verbrannt. +Achtzig+ fanden gemeinsam auf dem -Scheiterhaufen den +Feuertod+. - - * - -Erzbischof Gerhard II. von Bremen hatte sich mit den +Stedingern+, -einem Bauernvolk in den Weserflußmarschen im heutigen Oldenburg, -überworfen, wohl weil sie gegen kirchliche Bedrückung sich aufgelehnt -hatten. Deshalb erklärte Papst Gregor IX., erfüllt von Milde und -Nächstenliebe, ihnen am 29. Oktober 1232 und am 19. Januar 1233 -den +Kreuzzug+. Aus ganz Norddeutschland strömten die Scharen -zu diesem gottgefälligen Werk, ein freies deutsches Bauernvolk auf -Pfaffengeheiß hin zu vernichten, herbei. „Raub und Plünderung wüteten -weit und breit; auch Weiber und Kinder wurden erschlagen; wie die -Erde blutig sich färbte, so auch der Himmel; aber nicht bloß der -Brand der Ortschaften zeigte die Wut der Sieger. Auch die Lohe der -Scheiterhaufen, auf denen die Gefangenen verbrannt wurden, verkündete -die Grausamkeit, die im Namen der christlichen Kirche verübt ward.“ - -In der dritten Stedingerbulle verlieh Gregor IX. allen gegen dieses -arme Volk Ziehenden die gleichen Ablässe, die den Kreuzfahrern im -Heiligen Lande zuteil wurden. Es war dem Statthalter Christi ernst -mit der Ausrottung des Bauernvolks. Als das „Kreuzfahrerheer“ am -Hemmelskamper Walde seine zweite schwere Niederlage erlitten harte, da -kam Erzbischof Gerhard auf einen Gedanken, würdig eines Kirchenfürsten: -er +wollte die Deiche zerstören und die Stedinger ersäufen+! Aber -wieder waren sie stärker als ihr Seelenhirte. Im Frühjahr 1234, nachdem -Predigermönche in Westfalen, Holland, Flandern und Brabant Fürsten -und Volk neuerdings nachdrücklich auf die billige Gelegenheit, sich -den christlichen oder doch päpstlichen Himmel zu sichern hingewiesen -und dadurch gewaltige Erbitterung und wohl auch geistige Habsucht -heraufbeschworen hatten, versammelte sich die Blüte des deutschen Adels -zu diesem gottgefälligen Vernichtungswerk. Selbst der Papst fühlte -ein menschliches Rühren und wollte die Möglichkeit eines Vergleiches -einräumen. Aber es war zu spät. Am 27. Mai 1234 beim Orte Altenesch -fiel die Entscheidung. Das blut- und beutegierige Kreuzheer, numerisch -und wohl auch an Bewaffnung dem Bauervolk weit überlegen, erdrückte die -Stedinger. Nur wenige wandten sich zur Flucht; +über sechstausend -wurden getötet+. Unterdessen stand auf einer Anhöhe die zahlreiche -Geistlichkeit mit Kreuz und Fahne und sang das schöne, hier wirklich -passende Lied: Media vita in morte sumus. - -Für Bremen wurde die Schlacht bei Altenesch, eine der grausamsten -und blutigsten der deutschen mittelalterlichen Geschichte, ein -+kirchlicher Feiertag+! Man wußte Kulturtaten zu ehren. - - * - -+Konrad von Marburg+ eröffnete seine glorreiche Laufbahn -als Inquisitor im Jahre 1212 mit der +Verbrennung von achtzig -Waldensern+ in Straßburg! „Im Jahre 1214 fing Bruder Konrad von -Marburg an zu predigen, und welche Ketzer er immer wollte, ließ er -in ganz Deutschland, ohne Widerspruch zu finden, verbrennen. Und so -predigte er zehn Jahre lang.“ - -Dieser Streiter Gottes und seine Helfer hatten dabei ein sehr -praktisches Verfahren. „Sie ließen in Städten und Dörfern verhaften, -wen sie nur wollten, und übergaben diese Leute den Richtern +ohne -alle weiteren Beweise+ mit den Worten: das sind Ketzer, wir ziehen -unsere Hand von ihnen zurück. +So waren die Richter genötigt, -dieselben zu verbrennen.+ Indessen sahen diese Richter ohne Erbarmen -ein, daß sie ohne die Beihilfe der Herren nicht die Oberhand gewinnen -konnten. Daher wandten sie sich an den König Heinrich und andere Herren -und gewannen sie, indem sie sagten: wir verbrennen viele +reiche+ -Ketzer, und +ihre Güter sollt ihr haben. In den bischöflichen -Städten soll die eine Hälfte der Bischof, die andere aber der König -oder ein anderer Richter bekommen+. Darüber +freuten sich+ -nun diese Herren, leisteten den Inquisitoren Vorschub, beriefen sie -in ihre Städte und Dörfer. Auf diese Weise gingen viele Unschuldige -zugrunde, blos um der Güter willen, welche jetzt die Herren erhielten“. -Das Geschäft blühte also, zumal sie auf die Frage, weshalb sie so -barbarisch vorgingen, antworteten: „+Hundert Unschuldige verbrennen -wir, wenn nur ein Schuldiger darunter ist+“. - -Die Ketzerverfolgung, die von 1231 bis 1233 in Deutschland unter -diesem im Namen und mit Wissen des Statthalters Christi „arbeitenden“ -Konrad wütete, wurde mit bewunderungswürdigem Eifer durchgeführt. Ein -Zeitgenosse schreibt: „+Niemand wurde Gelegenheit gegeben, sich zu -verteidigen+, oder auch nur die Zeit sich die Sache zu überlegen, -sondern sofort mußte man sich entweder als schuldig bekennen und wurde -dann als Büßer +geschoren+, oder man leugnete das Verbrechen, und -dann wurde man +verbrannt+. War man aber geschoren, so mußte man -die +Mitschuldigen angeben+, widrigenfalls man +verbrannt+ -wurde. Daher glaubt man, daß +auch+ (!) Unschuldige verbrannt -wurden. Denn viele bekannten aus Liebe zum eigenen Leben und um ihrer -Erben willen, sie seien gewesen, was sie nie waren. Darauf wurden sie -gezwungen, Mitschuldige anzugeben. Sie verklagten Leute, ohne sie -verklagen zu wollen, Dinge aussagend, von denen sie nichts wußten. Auch -wagte es niemand, für jemand, der verklagt war, Fürsprache einzulegen -oder auch nur Milderungsgründe vorzubringen, denn dann wurde er als -+Verteidiger der Ketzer+ betrachtet, und für diese und die Hehler -der Ketzer war vom Papst die +gleiche Strafe wie für die Ketzer+ -selbst bestimmt. Hatte jemand der Sekte abgeschworen und wurde er -rückfällig, so wurde er, ohne noch einmal widerrufen zu können, -verbrannt“. - -Und wie verhielt sich der Papst zu diesen Greueltaten? Gregor IX. -erließ 1231 eine Verfügung: „+Berufungen+ derlei Personen (der -Ketzer) sind +nicht zuzulassen; kein Anwalt, kein Notar darf ihnen -seine Dienste leihen, sonst verlieren sie für immer ihr Amt+“. - - -Der Erzbischof Siegfried von Mainz schrieb, als Hekatomben der -Verfolgungswut dieses Konrad geopfert wurden, nach Rom: „Magister -Konrad +erlaubte keinem sich zu verteidigen+ und seinem eigenen -Pfarrer zu beichten. +Jeder mußte bekennen, er sei ein Ketzer+, -habe eine Kröte berührt und geküßt. Manche wollten lieber sterben, -als so Schreckliches von sich auszusagen; andere erkauften das Leben -durch Lüge und sollten nun angeben, wo sie solche Dinge gelernt hätten. -Da sie niemand zu nennen wußten, +baten sie um Bezeichnung der -Verdächtigen+, und als man ihnen die Grafen von Sayn und Arnsberg -und die Gräfin von Looz nannte, sagten sie: +Ja, diese sind schuldig. -So wurde der Bruder vom Bruder angeklagt+. Ich (der Erzbischof -von Mainz) habe den Meister Konrad zuerst unter vier Augen, dann in -Gemeinschaft mit den Erzbischöfen von Köln und Trier ersucht, er möge -mit mehr Mäßigung verfahren, aber er gab nicht Ruhe“. - -Am 10. Juni 1233 schrieb der Statthalter Christi, Gregor IX., -überfließend von Menschenliebe, dem frommen Konrad, „wenn lindernde -Arznei nicht hilft, müsse das faulende Fleisch +mit Feuer und -Schwert+ entfernt werden“. Gleichzeitig schrieb er an König -Heinrich: „Wo ist der Eifer eines Moses, der an einem Tage 23000 -Götzendiener +vernichtete+? Wo ist der Eifer eines Phineas, der -den Juden und die Madianiterin mit einem Stoße +durchbohrte+? Wo -ist der Eifer eines Elias, der die 450 Baalspropheten mit dem Schwerte -+tötete+? Wo ist der Eifer eines Mathatias, der entflammt für das -Gesetz Gottes am Altare den Juden +tötete+?“ - -Als Konrad von Marburg endlich erschlagen worden war, schrieb -Gregor, ein Verbrechen, wie die Ermordung Konrads, „eines Mannes -von +vollendeter Tugend+ und eines +Heroldes des christlichen -Glaubens+“ könne überhaupt nicht nach Gebühr gezüchtigt werden!!! - - * - -Im alten Rom wurden bekanntlich die Christen auch verfolgt, es genügte -aber die Teilnahme der Angeschuldigten am Götterdienst und dem Kaiser -dargebrachte Opfer als Beweise der Unschuld! Und zwar selbst bei einer -im Verdacht des Christentums stehenden Priesterin. Die Ausstellung -einer Urkunde über Opfer, Libation und verzehrtes Opferfleisch genügte -als Schutz gegen Verfolgungen. Origines sagt ausdrücklich, daß -„+wenige und nur sehr leicht zu zählende+“ bis zur Verfolgung des -Decius +den Märtyrertod erlitten haben+[77]. Aber selbst in dieser -haben in der großen Gemeinde in Alexandria nur 10 Männer und 7 Frauen -für den Glauben geblutet! Ein Vergleich mit den der Inquisition zum -Opfer Gefallenen ist weder numerisch noch hinsichtlich der Grausamkeit -in der Verfolgung auch nur im allerentferntesten zulässig. Allerdings -waren die Römer auch nur Heiden. - - * - -Die maurischen Herrscher Spaniens gewährten den unterworfenen Christen -und Juden +volle Glaubensfreiheit+, sie durften Kirchen und -Klöster haben und ihren Gottesdienst frei üben. Weit entfernt, zum -Abfall vom Christenglauben zu zwingen, sahen die mohammedanischen -Herrscher der Pyrenäenhalbinsel ihn nicht einmal gern. Trotzdem -gingen viele zum Glauben des höheren Kulturvolkes über. Juden standen -sogar hohe Staatsämter offen, während sie unter christlichem Regiment -furchtbar bedrückt worden waren. Damals war Spanien geistig und -materiell das blühendste Land Europas[78]. - - * - -Unter Isabella von Kastilien und Ferdinand dem Katholischen wurden die -letzten Mauren aus Spanien vertrieben, und die Segnungen der Kirche -ergossen sich über das Land. 1480 begann die vom Papst Sixtus IV. -geförderte Tätigkeit der Inquisition besonders gegen die Reichsten und -Vornehmsten. Thomas von Torquemada wurde 1483 Oberinquisitor. 1492 -erging ein Edikt, das alle Juden ohne Ausnahme aus Spanien vertrieb. -Sie durften ihre Habe +veräußern oder vertauschen+, aber die -mindestens 160000 (nach andern 800000) Vertriebenen durften den -+Erlös+ dafür, Gold, Silber und andre verbotene Ware +nicht -mit sich nehmen+! Beim Fall von Granada, 1492, wurde den Mauren -+Glauben, Moscheen und Recht vertraglich zugebilligt+, und ganze -10 Jahre lang hielten die katholischen Fürsten ihre Zusagen. 1502 -+wurden alle freien Mauren ausgewiesen+[79]. - - * - -Nach der geringsten Schätzung wurden unter Karls V. Regierung in den -Niederlanden 50000, nach andern 100000 +Ketzer hingerichtet+. -Herzog Alba rühmte sich, in den 5 bis 6 Jahren seiner Regierung mehr -als 18000 mit kaltem Blute hingerichtet zu haben. Auf dem Schlachtfelde -habe er noch viel mehr getötet. Demnach war er der Henker von -mindestens 40000 Menschen. - -Philipp II. von Spanien führte gegen die Ketzer einen 30 Jahre -dauernden Krieg. Er ließ jeden Ketzer, der nicht widerrufen wollte, -verbrennen. Widerrief er, wurde ihm +Gnade erwiesen+; da er sich -aber einmal befleckt hatte, mußte er natürlich auch +sterben+, nur -genügte statt des Feuertodes in diesem Falle der durch das Schwert[80]. - -Man hat die allein in Spanien während des 16. Jahrhunderts wegen -protestantischer, jüdischer oder mohammedanischer „Ketzerei“ -Verbrannten auf etwa 18000 berechnet. Mag diese Zahl auch um etliche -Tausende übertrieben sein, so muß doch berücksichtigt werden, daß außer -in Spanien und den Niederlanden noch in Mexiko, Cartagena, Lima, sowie -dem damals noch spanischen Sizilien und Sardinien gleichzeitig in -derselben Weise die Religion der Liebe verbreitet wurde[81]. - - * - -Die letzte Verbrennung in Rom dürfte am 22. August 1761 stattgefunden -haben; in Spanien fand in Sevilla am 7. November 1781 das letzte -Autodafé statt. Im römischen Falle war der Delinquent vorher gehängt -worden[82]. - -Voltaire hat in seiner Schrift „Dieu et les hommes“ berechnet, daß -während der Glanzperiode des Papsttumes 10 Millionen von Menschen der -„Mutter Kirche“ zum Opfer fielen. Von ihr befreiten die Menschheit die -Philosophen der verhaßten Aufklärung, die französische Revolution und -die Naturwissenschaften. Als die Religion der Liebe in ihrer bisherigen -Form abgewirtschaftet hatte, fing die Menschenliebe an; gewiß nicht aus -Verschulden ihres erhabenen Stifters. - - - - -Vierter Abschnitt - -Toleranz und Ähnliches - - -Melanchthon, wegen seiner Milde bekannt, rühmte Kalvin ausdrücklich -wegen der Verbrennung des Servet und verlangt „+die Verhängung -bürgerlicher Strafen bis zur Todesstrafe gegen die Katholiken+“[83]. -Das war noch ganz der Geist der Bamberger Halsgerichtsordnung von 1507, -die bestimmte: „Wer durch die ordentlichen geistlichen Richter für -einen Ketzer erkannt und dafür dem weltlichen Richter überantwortet -wurde, der soll auf dem Feuer vom Leben zum Tode bestraft werden“. - -Die Exkommunikationsformel gegen den Rat der Stadt Magdeburg lautete: -„Er scheide sie (die Katholiken) als +faule, stinkende Glieder+ -ab von der Gemeinde Christi, er schließe ihnen den Himmel zu und die -Hölle weit auf, er übergebe sie dem leidigen Teufel, sie +am Leibe -zu martern, zu quälen und zu plagen+,... er gebiete auch von Amts -wegen, daß andere Christen sich solcher verbannten Menschen gänzlich -enthalten, mit ihnen nicht essen oder trinken, sie zur Hochzeit oder -ehrlicher Gesellschaft nicht laden,... sie auf der Straße nicht grüßen -und in Summa für +Heiden+ oder +Unchristen+ halten sollen mit -allen ihren Sünden teilhaftigen Anhängern, bis sie ihre Sünden bekennen -und Kirchenbuße tun“[84]. - - * - -Über die von den Protestanten unter Karl II. in England unternommene -große Katholikenverfolgung schreibt Macaulay: „Inzwischen waren -die Gerichtshöfe, welche inmitten politischer Bewegungen sichere -Zufluchtsstätten für die Unschuldigen jeder Partei sein sollen, durch -wildere Leidenschaften und schmutzigere Bestechungen beschimpft, als -selbst bei den Wahlbühnen zu finden waren... Bald strömten aus allen -Bordellen, Spielhäusern und Bierkneipen Londons falsche Zungen hervor, -um Römisch-Katholische um ihr Leben zu schwören.“ Damals fielen -Tausende und Abertausende den Protestanten zum Opfer[85]. - -Wie Felix Platter berichtet, wurden im Jahre 1554 +Protestanten+ -in Frankreich mit dem +Tode+ bestraft, ein Vornehmer aber an die -Galeere geschmiedet. Im gleichen Jahre sah er in Avignon oben am Palast -Reformierte im +eisernen Käfig zu Tode eingesperrt+. - - * - -Das lutherische Sachsen war ängstlich darauf bedacht, jeglichen -kalvinistischen „Irrglauben“ fern zu halten. Da der Kanzler Christians -I., Dr. Krell, einer weitherzigeren Ansicht huldigte, wurde er am Tage -der Beerdigung seines Herrn (1591) verhaftet und ihm der Prozeß als -Kryptokalvinisten gemacht. Zehn Jahre lang mußte er Sommer und Winter -in einem fast überall offenen Kerker sitzen, wo er „in dem Stank -und Unflat ganz verderben“ mußte. Als älterer, von der Gicht schwer -heimgesuchter Mann, mußte er im +Krankenstuhl aufs Schafott getragen -werden+[86]. Hinsichtlich der Toleranz haben sich die verschiedenen -christlichen Konfessionen gegenseitig nichts vorzuwerfen; sie alle -befolgen gewissenhaft das +Bibelwort+: „So jemand zu euch kommt -und bringet diese Lehre nicht, den nehmet nicht (auf) zu Hause und -grüßet ihn auch nicht. Denn wer ihn grüßet, der machet sich teilhaftig -seiner bösen Werke!“ (II. Joh. 10) und „Wer glaubet und sich taufen -läßt, wird selig werden; wer aber nicht glaubet, wird verdammet -werden.“ (Mark. 16, 16). - - * - -Erst im Laufe des 17. Jahrhunderts läßt man in der Praxis den Grundsatz -cuius regio, eius religio ganzen Völkern gegenüber fallen und versucht -nicht mehr, ihnen die Konfession des Landesherren aufzuzwingen, wenn -etwa der Landesherr konvertiert, oder durch Erbschaft in den Besitz -von Landesteilen mit anderer Konfession kommt[87]. Früher wurde in -rücksichtsloser Weise auch in solchen Fällen zum Glaubenswechsel -gezwungen. Man denke etwa an die Pfalz! Natürlich erwartete man, daß -die Untertanen nun auch +aus Überzeugung+ der neuen Konfession -anhingen. - -Im Jahre 1634 tat der Hofprediger des Herzogs Johann Georg I. von -Sachsen den Ausspruch: „Den Kalvinisten zu ihrer Religionsübung helfen -ist wider Gott und Gewissen und nichts anderes, als dem Urheber der -kalvinistischen Greuel, dem Teufel, einen Ritterdienst leisten.“ - -In Kassel, einer reformierten Stadt, durften die Lutheraner noch in -der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts in ihrer Kirche keine Orgel haben, -auch war ihnen das Taufen und Kopulieren verboten, das beides von -reformierten Geistlichen vollzogen werden mußte. - - * - -Als im Jahre 1747 ein im Brückenturm zu Frankfurt a. M. befindliches -Spottgemälde auf die Juden nächtlicherweile zerstört worden war, ließ -der Magistrat es wieder erneuern. - -Noch 1756 war den Juden verboten, die sogenannte Allee, den jetzigen -Goetheplatz, in Frankfurt zu betreten. Erst im Jahre 1806 wurde allen -Einwohnern ohne Ausnahme der Gebrauch der öffentlichen Spaziergänge -gestattet. - -Bekanntlich trugen die Juden im Mittelalter zum Unterschied von den -Christen gewisse Abzeichen, spitze Hüte, gelbe Ringe usw. Noch im -Jahre 1786 wurde den Juden in Frankfurt eingeschärft, sie müßten -schwarze Mäntel als Abzeichen tragen, zugleich wurde ihnen untersagt, -Spazierstöcke zu führen. Bis zum Schluß des 18. Jahrhunderts durften -sie ihre Gasse an Sonn- und Feiertagen erst nach Beendigung des -Nachmittagsgottesdienstes verlassen. - -Im Jahre 1800 hielt ein Doktor der Medizin, der in Frankfurt ein -öffentliches Badhaus besaß, es für nötig, folgende Bekanntmachung zu -erlassen: Es laufe das Gerücht um, die Juden könnten sich eines jeden -seiner Bäder bedienen; er zeige daher an, daß nur zwei der letzteren -zur Benutzung durch Juden bestimmt seien, also kein Christ in ein -Juden- und kein Jude in ein Christenbad eingelassen werde, sowie daß -auch das Weißzeug für beide Teile besonders gezeichnet sei. - -Noch im Jahre 1807 ließ man die Juden in den Kaffeehäusern Frankfurts -nicht zu, und doch war damals bereits ein toleranter und aufgeklärter -Fürst Gebieter der Stadt. - -Im Jahre 1817 brach in Frankfurt, wie in vielen anderen deutschen -Städten, eine Judenverfolgung aus. Erst 1832 wurde ihnen das Recht -gewährt, mehr als +ein+ Haus und +einen+ Garten besitzen zu -dürfen. Bis 1834 bestand eine Vorschrift, nach der jedes Jahr nur eine -bestimmte Anzahl jüdischer Ehen geschlossen werden durfte. Vollständige -Gleichberechtigung mit den Christen wurde den Juden erst 1864 in -Frankfurt eingeräumt! - - * - -In Italien ging es den Juden nicht besser. Keyßler erzählt in -seinen „Reisen“ (Hannover 1776, S. 177) im Jahre 1730 von strengen -Judengesetzen. Z. B. wurde jede auch noch so geringe Lästerung gegen -Maria, Heilige oder deren Bilder mit dem Tode bestraft. „Manns- und -Frauenpersonen der jüdischen Nation müssen, sobald sie über 14 Jahre -alt sind, auf der rechten Brust ein gelbes Zeichen von Wolle oder -Seide, ein Drittel Ellen lang, tragen, damit man sie von Christen -unterscheiden könne. Die jüdischen Eltern müssen ihren Kindern, welche -sich zum Christentum wenden, alles das hinterlassen, was diese bekommen -hätten, wenn ihre Aeltern ohne Testament gestorben wären. Zu solchem -Ende wird gleich bei der Bekehrung des Sohnes ein Inventarium über -das Vermögen des Vaters errichtet. Die Kinder bekommen auch den Genuß -der Güter, welchen sonst ihre Väter würden gezogen haben, so lange -sie unter der väterlichen Gewalt geblieben wären. In der Charwoche -dürfen die Juden von Mittwochen an bis daß Sonnabends die Glocken -geläutet werden, nicht aus ihren Häusern gehen, und müssen ihre Thüren -und Fenster, bey Strafe eines dreytägigen Gefängnisses mit Wasser -und Brodten, zu halten. Sie dürfen auch diese Zeit über auf keinem -musikalischen Instrument in ihrem Hause spielen oder singen, wo sie -nicht den öffentlichen Staupenschlag zur Vergeltung haben wollen.“ - - * - -Frankfurt war eine protestantische Stadt, und deshalb nahm man in echt -christlicher Milde und Nächstenliebe seit 1591 keinen katholischen -Mitbürger mehr in den Rat auf. - -Noch am 2. Juli 1781 sprach ein Schöffendekret in betreff des -Sporerhandwerks aus: einen Katholiken oder Reformierten als Lehrling -anzunehmen sei allerdings erlaubt, nicht aber ihm das Meisterrecht zu -gewähren. - -Der im Jahre 1796 zugelassene Dr. med. Lejeune aus Verviers war der -erste als Arzt rezipierte katholische Bürger von Frankfurt. Seit 1624 -hatte in Frankfurt kein Katholik den ärztlichen Beruf ausüben dürfen. - - * - -Im 18. Jahrhundert gestattete man den jüdischen und katholischen -Verbrechern in Frankfurt weder den Besuch ihrer Geistlichen im -Gefängnis noch deren Begleitung bei der Hinrichtung, was beides im 17. -Jahrhundert mehrmals zugelassen worden war. Statt dessen +drang man -den Delinquenten lutherische Geistliche auf+. Als im Jahre 1750 ein -Katholik hingerichtet wurde und ein Dechant ihn im Vorbeigehen aus dem -Fenster heraus absolvierte, wurde das Volk aufs höchste erbittert und -hätte ihn fast gesteinigt. Der Rat aber faßte ein Memorandum ab, das -eine Protestation und den Ausspruch des Vertrauens enthielt, daß der -Dechant und die übrige katholische Geistlichkeit künftig in ähnlichen -Fällen nicht wieder derartige Neuerungen sich anmaßen würde, da -andernfalls die rechtliche Ahndung folgen würde. - -In Frankfurt, einer gleich Hamburg streng lutherischen Stadt, durften -die Reformierten ihre Ehen und Taufen nur von lutherischen Geistlichen -vollziehen lassen. Diese Vorschrift blieb auch dann noch bestehen, -als 1781 den Reformierten erlaubt worden war, für ihre beiden Teile, -die Wallonen und die Deutschen, zwei Bethäuser in der Stadt selbst -zu errichten, und als 1792 und 1793 der Gottesdienst in diesen -neuen Räumen eröffnet worden war. Bisher hatten die +Frankfurter -Reformierten selbst in ihren Privathäusern keinen Gottesdienst halten -dürfen+. Erst im Jahre 1806 wurde die Gleichberechtigung aller -christlichen Konfessionen dort proklamiert. - -Fast alle Handwerksinnungen nahmen Reformierte nicht als Meister -auf. Noch 1774 versagte man in Frankfurt einem Schneider, 1779 einem -Kürschner das Meisterrecht für ihre reformierten Ehefrauen. Der erste -mit einem bezahlten städtischen Amt bedachte Reformierte war -- vom -Physikus Peter de Spina, der 1640 angestellt wurde, abgesehen -- ein -1780 angenommener Lazarettchirurg und der 1783 zum Fähnrich ernannte -Hassel. Also auch in Goethes Zeit noch war es eine große Ausnahme, -wenn die lutherische Stadt einen Reformierten anstellte, was einem -Katholiken gegenüber überhaupt +ausgeschlossen+ war[88]. - - * - -Im Jahre 1855 fällte das Konsistorium zu Speier wegen einer Mischehe -zwischen einem Christen und einer Jüdin folgende Entscheidung: -„Daraufhin (auf die Mischehe) hat das kgl. Konsistorium unterm 29. -September 1855 im Namen des dreieinigen Gottes und kraft des Befehles -Jesu Christi die +definitive Exkommunikation+ über den besagten -M. ausgesprochen und ihn hierdurch aus der christlichen Gemeinde -ausgeschlossen“[89]. - - * - -In dem Buche von Gottfried Thomasius „Grundlinien zum -Religionsunterricht an den oberen Klassen gelehrter Schulen“, 8. -Aufl., bearbeitet von Karl Christ. Burger, Oberkonsistorialrat, -Erlangen 1893, einem an bayerischen Gymnasien eingeführten Lehrbuch, -findet sich auf S. 97 folgende Stelle: „Daß.. die Einheit des -Glaubens vielfach gebrochen ist, daß verschiedene und in wesentlichen -Glaubensartikeln einander widersprechende Konfessionen bestehen, das -ist ein schweres Übel und ein bitterer Schmerz für alle Christen.“ -- -Da entsteht die Frage, welche Kirche die wahre sei? Und darauf ist -die Antwort A(ugsburgische) K(onfession) VII: Diejenige, die sich in -ihrem Bekenntnis und in der Verwaltung der Gnadenmittel der Heiligen -Schrift gemäß hält. „+Die evangelisch-lutherische Kirche hat dieses -Zeugnis und will daher mit der menschlich-gemachten Union unverworren -bleiben+.“ Der glaubensstarke Autor möchte augenscheinlich am -liebsten heute noch Zustände, wie sie oben geschildert sind. Gottlob -kümmern sich gegenwärtig die wenigsten Menschen um solche Finessen. Für -sie dürfte kaum noch jemand Zeit haben, es sei denn ein versöhnlicher -Prediger des Evangeliums. Ist es unter diesen Umständen ein Wunder, -wenn oft gerade die Besten, vom konfessionellen Gezänk angewidert, der -Kirche den Rücken kehren? - -Im gleichen Werkchen S. 51 ist der eben nicht leichte Versuch gemacht -zu beweisen, daß die bei Horaz (Ep. I, 16, 52) im Satze Oderunt peccare -boni virtutis amore aufgestellte Moral weniger erhaben ist als die -christliche. Dort guttun um der Sache willen, hier für Lohn, wenn auch -erst im Jenseits. Die Entscheidung dürfte nicht schwer sein. - - * - -Der erste Fürst, der seinen Untertanen völlige Religionsfreiheit, zwar -nicht de jure, aber de facto gewährte, war Friedrich der Große von -Preußen. Im Allgemeinen Preußischen Landrecht von 1794 wurde diese -Freiheit erst kodifiziert, aber nicht etwa als Geschenk des Fürsten, -sondern als +angeborenes Recht des Bürgers+[90]. Wie sich doch die -Zeiten ändern! - - * - -Früher schon hatte der edle Kaiser Joseph II. seine Völker von -Glaubens- und Gewissenszwang befreien wollen, aber das Resultat war -recht dürftig. Das Zirkular Josephs II. vom 30. April 1783 bestimmt -z. B.: - -Personen, die aus der katholischen Kirche austreten wollen, „sollen -sechs Wochen lang in Klöstern oder von ihrem Pfarrer unterrichtet -werden, wobei die Pfarrer angewiesen sind, alles mögliche zu versuchen, -sie von ihrem +Irrtum+ zurückzuführen.“ Zu den tolerierten -Kirchen wurden, trotz Josephs persönlicher Weitherzigkeit, nur die -„augsburgischen und helvetischen Religionsverwandten“, „Lutheraner -und Reformierte“ und die „nichtuniierten Griechen“ gezählt, denen -„Privatexerzition“ ihrer Religionen eingeräumt wurde. „Sollten aber -einige Untertanen zu einem anderen, in dem Toleranzgesetz nicht -begriffenen Religion oder Sekte sich erklären wollen, so seien diese -mit ihrer Erklärung auf der Stelle abzuweisen und ihnen zu bedeuten, -daß +eine derlei Religion nicht bestehe+ und +je werde geduldet -werden+.“ Trotzdem empfand man das Gesetz als Erlösung! - -Den drei Konfessionen wurden „Bethäuser“ ohne Glocken, ohne Türme, -ohne Eingang von der Straße, beileibe keine „Kirchen“ eingeräumt. -Erst jetzt brauchten sie bei der Verheiratung keinen Rekurs mehr zu -unterschreiben, daß die Kinder katholisch würden. Das Kleiderverbot -bzw. die Vorschrift, sich bestimmter Abzeichen zu bedienen, war bei den -Juden durch Edikt vom 13. Oktober 1781 aufgehoben worden. Wie jung ist -doch unsere Kultur, daß man dieses so beschränkte Entgegenkommen noch -heute als Großtat feiert! - - * - -In Frankreich gestattete erst kurz vor der großen Revolution Ludwig -XVI. im Jahre 1787 den Protestanten, rechtmäßig Mann und Frau und -legitime Eltern zu sein! - -In England hob erst 1828 der Staat die letzten Reste der intoleranten -Gesetzgebung mit der Annullierung der Testakte und mit der -Katholikenemanzipation von 1829 auf. - -Zuerst war es die französische Revolution und das freie amerikanische -Bürgertum, die vollste Gewissensfreiheit gewährten und durchführten. -Im ersten Amendement zur Verfassung der Vereinigten Staaten vom 13. -Dezember 1791 heißt es: „Der Kongreß soll nie ein Gesetz geben, -wodurch eine Religion zur herrschenden erklärt oder die freie Ausübung -einer andren verboten würde.“ - - * - -Damit waren zum ersten Male ganz moderne Anschauungen verwirklicht. -Doch wohl jedenfalls eine Folge der durch anderthalb Jahrtausende der -christlichen Herrschaft erzielten Milde? Oder sollte schon früher -jemand diese Toleranz gehandhabt haben? - -Dem +Mohammedanismus+ genügte die politische Herrschaft. Bekehrung -lag ihm völlig fern. Er ließ den Christen auch in der Erobererzeit -+volle Glaubensfreiheit+. Selbst ihre Kirchen und Klöster durften -sie in der Regel behalten, und die kirchliche Verfassung wurde nicht -angetastet. Sie durften glauben oder sich zanken, wie sie wollten[91]. - -Die +Mongolen+, die größten Menschenschlächter, die die -Weltgeschichte kennt, gewährten +völlige Glaubensfreiheit+, wie -sie seit je die +Chinesen+ gestattet hatten. Der franziskanische -Missionar Andreas aus Perugia schreibt aus dem Reiche des Kubilai im -Jahre 1326: „In diesem Reiche gibt es Menschen von allen Nationen, -die unter dem Himmel sind und von allen Religionen, und man gestattet -allen und jedem, nach seiner zu leben. Denn sie hegen die Meinung oder -vielmehr den Irrtum, daß jeder in seiner Religion selig werde. Wir -können frei und sicher predigen[92].“ - -Kaiser Akbar von Indien (1556-1605) war von solchem religiösem -Wahrheitsstreben erfüllt, daß er, während Europa von Religionskriegen -und Verfolgungen um des Glaubens willen heimgesucht wurde, jedermann -freie Übung der Religion gestattete. Dieser Mohammedaner brach die -Übermacht der mohammedanischen Geistlichkeit und versammelte an seinem -Hofe Brahmanen, Buddhisten, Parsen, Jesuiten und Juden zu ständigen -Disputierabenden. Nie vorher oder später hat Hindostan eine gleiche -wirtschaftliche und kulturelle Blüte erlebt[93]. - -Der verständige Wedel hält in seinem „Hausbuch“ (S. 341) Einigkeit -in der Religion für „unabwendlich nöthig, denn nichts ist, das die -Gemüter mehr von ander bindet oder verhaßt machet, als disparitas -religionis“, erkennt aber die +Toleranz der Türken+ an: „Denn -obwol die Türcken steiff und fest über ihrer Religion halten und nicht -viel Krummes oder Disputirens davon gemacht wissen wollen, zwingen sie -doch inmittelst durch öffentliche Gewalt niemand dazu, weniger stellen -sie gegen Feinde oder Freunde desfals Verfolgungen, Plagen oder Marter -an, sondern lassen einem jeden, auch den Überwundenen, ihre +Religion -und Gewissen frei+. Eben das giebt vielen Ursach, sich unter das -türckische Reich zu geben, daher es auch mercklich erweitert wird. Denn -mit keinem Dinge die Gewissen mögen bezwungen oder begütiget werden, ja -es verlassen die Leute darumb Leib, Gut, Vaterland und Freunde, lassen -sich palen und braten.“ - -Während das altgriechische „Heidentum“ sehr, wenn auch nicht absolut -tolerant war, in Glaubenssachen nicht folterte, sich durch Widerruf -in der Regel zufriedenstellen ließ und ein äußerst selten gefälltes -Todesurteil -- wie durch den Fall Sokrates hinlänglich bekannt -- -durch den milden Schirlingsbecher vollstreckte, loderten noch fast -anderthalb Jahrtausende, nachdem das Christentum Staatsreligion -geworden war, überall Scheiterhaufen! - -Nicht ungern wird auf den Tod Christi als Zeugnis für die -römische Intoleranz hingewiesen. Aber die Tatsächlichkeit dieses -welthistorischen Ereignisses vorausgesetzt, wären die Hauptschuldigen -nicht die Römer, sondern die Juden gewesen, die als Erzväter der -Intoleranz zu gelten haben[94]. Nun hat aber Giovanni Rosardi -nachgewiesen, daß auf alle Fälle nach dem damals geltenden römischen -Recht die Kreuzigung Christi einer der größten +Justizmorde+ aller -Zeiten war! Also nicht der römische Geist der Intoleranz ist schuld an -dieser unerhörten Tat, sondern lediglich die Unvollkommenheit einzelner -Menschen, die auch durch die besten Gesetze nicht beseitigt werden -kann[95]. - - * - -Gottlob sind diese barbarischen Zeiten der Intoleranz, in denen jemand -wegen seines Glaubens, seiner Überzeugung verfolgt wurde, wo man Gefahr -lief, getötet oder ein Heuchler zu werden, endgültig vorbei. Es läßt -sich ja wohl nicht leugnen, daß die Rücksichtslosigkeit, mit der die -Kirchen gegen Andersgläubige oder auch nur Verdächtige verfuhren, bei -einer Religion der Liebe befremdend wirkt, um so mehr, als sie selbst -gegen jeden Angriff, mag er sich auch in die mildesten Formen gehüllt -haben, sehr empfindlich waren. Doch auch das ist vorbei, wenigstens in -einem Kulturstaate wie Deutschland. Die Verfassung verbürgt jedermann -Glaubensfreiheit, niemand leidet darunter, wenn er fortgeschrittener -ist als die Konfessionen, niemand, wenn er der Rückständigsten einer -ist, sofern er nur seine Pflichten als Mensch und Staatsbürger erfüllt. -Mit einem Wort: Seit einem Jahrhundert leben wir als freie Bürger in -einem freien Kulturstaat. - -Oder etwa nicht? Gibt es wirklich im zivilisierten 20. Jahrhundert -noch Leute und Parteien, die über ganz unbeweisbare religiöse und -metaphysische Fragen sich in die Haare geraten, womöglich die Gesetze -anrufen? Die den andern geringer schätzen, weil er Jude, Heide, -Protestant, Katholik oder Mohammedaner ist? Die ihm irgendein Recht -verkürzen? Wird Deutschland noch von Parteien zerrissen, von denen jede -behauptet, allein den Schlüssel zum Himmelreich zu besitzen, dabei aber -nicht in einen Wettkampf der Liebe, sondern in einen solchen des Hasses -eintritt? Wird irgend jemand an der freien Äußerung seiner Ansichten -und seines Glaubens gehindert? Gibt es noch Gewissenszwang? - - * - -Im Jahre 1907 kandidierte der Pfarrer +Korell+ im Wahlkreise -Darmstadt-Großgerau als Kandidat der vereinigten Liberalen. Er -fiel durch, und in die Stichwahl kamen ein Sozialdemokrat und ein -Konservativer. Obwohl Pfarrer Korell an der Stichwahlparole seines -Wahlausschusses, der die Wahl des Sozialdemokraten empfahl, +ganz -unbeteiligt war+, auch bei der Stichwahl +nicht mitstimmte+, -wurde er vom hessischen Oberkonsistorium mit einem +Verweis -bestraft+, weil er die Interessen der evangelischen Kirche dadurch -verletzt habe, daß durch sein +Schweigen+ die Meinung entstehen -konnte, ein Geistlicher halte die Sozialdemokratie für das kleinere -Übel! - -Im Jahre 1907 wurde der Pfarrer +Cesar+ von der Reinoldigemeinde -zu Dortmund einstimmig gewählt. Das Konsistorium hielt es aber für -erforderlich, ihn einem Kolloquium zu unterwerfen, und versagte ihm -dann die Bestätigung der Wahl wegen „Mangels an Übereinstimmung mit -dem Bekenntnis der Kirche“. Der Protest der +ganzen+ Gemeinde -mit Ausschluß einer einzigen Stimme beim Oberkonsistorium führte zu -keinem Resultat. Man erlaubt also trotz der vielgerühmten evangelischen -Freiheit -- canis a non canendo? -- noch in der Gegenwart einer -Gemeinde nicht die Wahl ihres Seelenhirten, bzw. zwingt sie, sich -Gedanken vortragen zu lassen, mit denen die ganze Gemeinde nicht -einverstanden ist. Und dann klagt man über die Gleichgültigkeit der -Gebildeten der Kirche gegenüber und den geringen Besuch der Predigt! - - * - -Einem Schulamtskandidaten wurde, weil er +konfessionslos+ ist, -vom sächsischen Kultusminister nicht gestattet, an einem Leipziger -Gymnasium sein Probejahr abzudienen. Da er sich darüber beim Landtag -beschwerte, wurde in der Verhandlung vom 12. Januar 1909 von der -Deputation beantragt, die Beschwerde der Regierung zur Erwägung zu -überweisen, da es eine Rechtsbeugung sei, wollte der Landtag den Mann -hindern, das Probejahr abzuleisten, um fertiger Lehrer zu werden. Der -sächsische Kultusminister Dr. Beck bezeichnete dagegen das Vorgehen -des Kandidaten als einen Vorstoß der religionslosen Kandidaten und -Studenten, die Bresche in die bisherige Ordnung der Dinge legen -wollten. Durch das Eintreten der konservativen Mehrheit für den -Minister wurde die Beschwerde verworfen. Man scheint also in Sachsen -zum Jugenderzieher lieber einen Heuchler zu wählen, der Mitläufer einer -Konfession ist, als einen Mann mit dem Mute seiner Überzeugung. Ein -analoger Fall kam im Frühjahr 1910 im bayerischen Landtag zur Sprache. -Ein hoher Staatsbeamter hat dem Professor Sickenberger die allerdings -bestrittene Äußerung gegenüber getan, Personen, die mit ihrer Kirche -zerfallen seien, wären der Regierung „suspekt“. Sickenberger, früher -Lyzeal-, also nach der offiziellen Version Hochschulprofessor, erhielt -tatsächlich die nachgesuchte Anstellung als Gymnasialprofessor -+nicht+. Da gegenwärtig überall in Deutschland das Bekenntnis -zum christlichen, eventuell auch zum jüdischen Glauben, Voraussetzung -zum Eintritt in den Staatsdienst ist, können allerdings die laut -Konfessionsstatistik auf die einzelnen Kirchen entfallenden hohen -Zahlen von „Gläubigen“ nicht Wunder nehmen. - - * - -Am 26. März 1907 wurde von dem Prediger einer freien evangelischen -Gemeinde in Hohensolms bei Wetzlar auf dem Friedhofe ein Mitglied -der freien Gemeinde beerdigt. Die Ortspolizei belegte den Prediger -Heck und den Schwiegersohn des Verstorbenen mit 15 Mark Strafe, die -vom Schöffengericht in Wetzlar bestätigt wurde. Und zwar erfolgte -die Verurteilung, weil die Beerdigung eine „+außergewöhnliche+“ -gewesen sei, da noch kein Dissident bisher auf dem protestantischen -Friedhof bestattet worden war[96]! - - * - -Während in Preußen jeder Kegelklub anstandslos die Eintragung ins -Vereinsregister und dadurch die Rechte einer juristischen Person -erlangt, erhalten +freireligiöse Gemeinden+ ausnahmslos diese -Erlaubnis zur Eintragung +nicht+. Die Polizei macht in ihrer -notorischen abgrundtiefen Weisheit stets Einwendungen. So kommt es, daß -die Magdeburger freireligiöse Gemeinde ihren juristischen Sitz in -- -Offenbach in Hessen hat! Als sie nun auch ihre Grundstücke auf ihren -Namen in das Grundbuch eintragen lassen wollte, verweigerte dies der -Grundbuchrichter mit der Begründung, daß zur Übertragung und Annahme -eines Vermögens von über 5000 Mark die landesherrliche Genehmigung -nötig sei. Das entsprechende Gesuch an den König wurde rundweg ohne -Angabe von Gründen abgelehnt. Somit ist die freireligiöse Gemeinde in -Magdeburg nicht imstande, in den Besitz ihres Eigentumes zu gelangen! -Es ist eine Wonne, in einem aufgeklärten, paritätischen Rechtsstaate zu -leben[97]! - - * - -Zwischen dem Lehrer und Küster Rehm und dem Pastor Hübener in Pampow -bestanden seit dem Jahre 1898 Differenzen. Als ersterer beim Pastor -das Abendmahl nehmen wollte, dieser aber die Bedingung daran knüpfte, -ihm Abbitte zu leisten, ging er zum Abendmahl nach Schwerin. Darauf -Anzeige des Pastors beim Konsistorium, das -- in echt christlicher -Milde und treu den Grundsätzen der evangelischen „Freiheit“ -- Rehm zur -+Strafversetzung+ verurteilte, weil er die +Parochialrechte+ -seines Geistlichen verletzt hätte. Dazu hatte das Konsistorium nun -gerade so wenig das Recht, wie der Pastor zur Abendmahlsverweigerung, -weshalb das Obere Kirchengericht auf die eingelegte Berufung hin -Rehm wegen Verletzung seiner Amtspflicht zu 30 +Mark Strafe+ -verurteilte! Er hatte nämlich gegen seine Amtspflicht dadurch -verstoßen, daß er +sich und die Seinen vom Gange nach Schwerin nicht -zurückgehalten hätte+! Als Rehms Rechtsbeistand dieses Urteil -mit Rehms Einwilligung der „Mecklenburger Schulzeitung“ zum Abdruck -übergab, verurteilte das Konsistorium den Lehrer zur +Suspension -von seiner Lehrerstelle auf die Dauer eines Jahres+. Es mag ja -zugegeben werden, daß es für das Konsistorium sehr peinlich war, -urbi et orbi diesen nicht eben salomonischen Spruch zu unterbreiten, -immerhin hatte es offenbar seine Befugnisse wieder überschritten, als -es als +geistliches Gericht+ einen +Lehrer+ verurteilte. Das -erkannte auch das Obere Kirchengericht an, indem es die Strafe dahin -umänderte, daß Rehm nur auf ein Jahr vom +Küsteramt suspendiert+ -wurde. Aber die weltliche Behörde war päpstlicher als der Papst: -+die Unterrichtsabteilung des Ministeriums erklärte sich mit dem -konsistorialen System solidarisch+, indem sie -- allerdings unter -Belassung von Einkommen und Wohnung -- +auf die dienstliche Tätigkeit -Rehms für die Dauer eines Jahres verzichtete+. - -Aber es wurde noch besser: Im Kulturstaate Mecklenburg existiert -nach § 486 L. G. G. E. V. der +Beichtzwang+!! Da Rehm -- mit -einigem Grunde -- in Pastor Hübener seinen Feind erblickte, beantragte -sein Rechtsbeistand für ihn Befreiung vom Beichtzwang, wurde aber -abgewiesen. Denn: „eine Dispensation eines Küsters vom Parochialzwang -kann nicht erfolgen, sie würde ein +dauerndes Ärgernis+ für -die Gemeinde sein“. Der Lehrer muß also nach wie vor bei seinem -persönlichen Feinde beichten! Ein Kulturidyll aus dem Deutschland des -20. Jahrhunderts! - -Doch in Mecklenburg beruhigte man sich damit keineswegs. Am 23. Oktober -1905 erschien der Entwurf einer Verordnung betr. die Dienstverhältnisse -der seminaristischen Lehrer usw. Der § 61 dieses Kulturdokumentes -lautet: - -„Ist mit einem Schulamt ein Kirchenamt verbunden, so hat die -+Dienstentlassung aus dem Schulamte+ von Rechts wegen die Folge, -daß der Lehrer auch aus dem +Kirchenamt ausscheidet+. Ist mit -einem Kirchenamt ein Schulamt verbunden, so hat die +Dienstentlassung -aus dem Kirchenamt+ von Rechts wegen die Folge, +daß der Lehrer -auch aus dem Schulamte ausscheidet+!“ Das nennt man evangelische -Freiheit! Denn daß ein Gewissenszwang in Deutschland vom Staate -ausgeübt wird, und zwar im 20. Jahrhundert, wird doch nicht wohl jemand -zu behaupten wagen[98]! - - * - -Der sozialdemokratische Redakteur +Friedrich Westmeyer+ in -Hannover hat in Anspielung auf den Königsberger Geheimbundprozeß, -der die kgl. preußische Justiz in bengalischer Beleuchtung gezeigt -hatte, in einer fingierten Gerichtsverhandlung darzulegen versucht, -wie es Christus vor einem preußischen Gerichtshofe ergehen würde. -Natürlich war die einzig mögliche Tendenz seiner Abhandlung, zu zeigen, -daß selbst die Vollkommenheit Christi vor +solchen+ Richtern -und auf Grund +solcher+ Gesetze nicht standhalten könnte. Das -erkannten ohne weiteres zwei als Zeugen vernommene Pastoren vor -Gericht an. Aber die zarte Seele eines kgl. Staatsanwaltes war bis -in ihre Tiefen durch den Delinquenten, der noch dazu Redakteur, -ja sogar sozialdemokratischer Redakteur war, verwundet und sein -edler Glaubenseifer, sein glühendes Verlangen, wenn nicht nach der -Märtyrerkrone, so doch nach dem Ruhme, Christi Ehre zu verteidigen, -ruhte nicht, bis er zwei andere Pastoren glücklich aufgetrieben hatte, -die eine gütige Vorsehung mit einer nicht minder zartfühligen Seele -ausgerüstet hatte. Auf die Konstatierung dieser Männer Gottes hin, -daß sie sich in ihrem christlichen Gewissen verletzt fühlten, wurde -Westmeyer nach § 166 +des Reichsstrafgesetzbuches+ (einen solchen -gibt es noch heute!!!) +auf drei Monate ins Gefängnis gesperrt+. -Gottlob war damit der am Seelenfrieden des Herren Staatsanwalts und -seiner Eideshelfer angerichtete Schaden glücklich repariert, Christi -Ehre gerettet. - -Westmeyer wurde, nachdem sein Gesuch um Selbstbeschäftigung -abgelehnt war, mit einem +Sittlichkeitsverbrecher+ und einem -+Falschmünzer+ zusammen in ein bis zur halben Mauerhöhe -+feuchtes Kellerloch+ gesperrt, wo er mit Sägen und Spalten von -Holz für seine Versündigung büßen mußte. Hier einige Notizen aus seinem -Tagebuch: Sonntag, 1. Oktober 1906 (das Jahrhundert ist besonders zu -beachten!). „Der +Hunger+ ließ mich die Nacht nicht schlafen. Ich -bin aufgestanden von meinem +Strohsack+ und habe die Schublade -nach Krümchen Brot durchsucht. Umsonst! Es wird mir nichts anderes -übrig bleiben, als meine Eingabe vom 13. September um Bewilligung von -Zusatznahrungsmitteln zu wiederholen. Nach der Hausordnung kann ich -nämlich bei einwandfreier Führung die Hälfte meines Arbeitsverdienstes, -+5 Pfennig pro Tag+, für Zusatznahrungsmittel verwenden..“ - -Am 7. Oktober schreibt er: „Gestern abend spät brachte mir der Wärter -noch einen Brief meiner Frau auf die Zelle. Mein vierjähriger Knabe, -mein einziger, ist an Diphteritis erkrankt, mein fünfjähriges Mädchen, -ebenfalls an Diphteritis erkrankt, soll sich auf dem Wege der Besserung -befinden. Und meine Frau allein bei den todkranken Kindern! Der Vater -eingesperrt, weil er den allerbarmherzigsten Christengott beleidigt -haben soll. Derweil windet sich daheim mein Herzensjunge in Todesqual. -Seine Augen suchen den Vater, an dem er mit abgöttischer Liebe hängt... -Du, Nazarener, wenn ich dich wirklich beleidigt haben sollte, nun -kannst du doch zufrieden sein! +Du bist gerächt+[99]!“ - -So pflanzt der kgl. preußische Staat, das Deutsche Reich, im 20. -Jahrhundert Liebe zur Religion und zu Christus in die Herzen des -Volkes! Sollte eine innere Stimme ihm nicht sagen, daß eine Religion -„der Liebe“, falls sie wirklich nach 1½ Jahrtausenden der Herrschaft -noch des Polizeiknüttels bedürfte, keine Existenzberechtigung hätte? - - * - -Nach einer Statistik des Berliner Strafrechtslehrers Professor Kahl -wurden in den Jahren 1881 bis 1903 wegen „Religionsvergehen“ nach § -166 des Reichsstrafgesetzbuches 6921 +Personen verurteilt+!! -Alle natürlich zu +Gefängnisstrafen+. Und zwar in 22 Fällen von -2 Jahren und darüber, in 158 zwischen 1 und 2 Jahren, in 1551 Fällen -zwischen drei Monaten und einem Jahr und in 5190 Fällen von einigen -Tagen bis zu drei Monaten. - -Was folgert der Gelehrte daraus? Daß der Paragraph +beibehalten+ -werden müsse, aber in einer Fassung, die auch die +Parität+ der -protestantischen Kirche wahrt. Denn da die katholische viel mehr -Dogmen, Zeremonien und Gebräuche habe als die protestantische, daher -auch viel mehr Angriffspunkte biete, sei sie +bevorzugt+[100]! - -So argumentiert ein Professor des 20. +Jahrhunderts+ und zwar in -den Vorarbeiten zur deutschen Strafrechtsreform. Die kann gut werden! -Rußland, das einzige Land Europas, das einen entsprechenden Paragraphen -kennt, wird uns beneiden. - - * - -In Hagen in Westfalen hatte der Verein für Feuerbestattung ein -Krematorium erbaut, was im Jahre 1904 auch von der Polizei genehmigt -worden war. Gleichzeitig war dem Verein aber mitgeteilt worden, daß die -+Benutzung des Krematoriums+ zur Einäscherung von Leichen +nicht -gestattet würde+. Da aber der Verein zu der Verbrennung lebender -Ketzer nicht fromm genug war, kam er um die Erlaubnis, Leichen durch -Feuer zu bestatten, beim Ministerium ein. Dieses entschied 1907 auf -Grund des preußischen Landrechtes vom Jahre 1794 (!) § 10, II, 17, daß -die Benutzung des Krematoriums bis auf weiteres untersagt sei. Der -Paragraph lautet: „Die nötigen Anstalten zur Erhaltung der öffentlichen -Ruhe, Sicherheit und Ordnung und zur Abwendung der dem Publico oder -einzelnen Mitgliedern desselben bevorstehenden Gefahren zu treffen, ist -das Amt der +Polizei+[101].“ - - * - -Am 19. August 1907 verfügte der Regierungspräsident Dr. Stockmann -in Gumbinnen gegen den Lehrer Leipacher die „Einleitung des -Disziplinarverfahrens .. mit dem Ziel auf Entfernung aus dem Amt,“ -gleichzeitig ordnete er sofortige Suspension an. Er bezog seitdem ein -+monatliches Gehalt+ von 39,50 Mark, von dem er mit seiner Frau -leben mußte. Was war geschehen? Der Pfarrer Vierhuff in Grabowen, -im Nebenamt Oberschulaufseher, hatte Leipacher bei der Regierung -denunziert, wegen Mißbrauch der Lehrfreiheit. Er hatte den Geographie- -und naturkundlichen Unterricht nicht im Einklang mit der evangelischen -Kirchenlehre erteilt und dadurch das Glaubensleben (!) der Kinder -gefährdet. Der Pfarrer hatte aus überfließender Nächstenliebe die -+Aufsätze+, die Leipacher in Zeitschritten veröffentlicht hatte, -gesammelt, um den Lehrer bei der Regierung zu verklagen. Daß die -Regierung das zuließ, war ein eklatanter Verfassungsbruch, denn selbst -in Preußen hat auf dem Papier jeder das Recht, seine Überzeugung -auszusprechen. Leipacher wurde am 6. November 1907 in Gumbinnen seines -Lehramtes verlustig erklärt. Allerdings hatte Leipacher den Kindern -u. a. den biblischen Sündenfall als Sage bezeichnet. Hätte er doch nur -die Schlange weiter reden, auf dem Bauch gehen und ihr Leben lang Erde -essen lassen (Genesis 3, 14), dann wäre ja alles in schönster Ordnung -gewesen. Ja, Ostelbien und Mecklenburg in der Welt voran[102]! - - - - -Fünfter Abschnitt - -Kriegswesen - - -Wie Bernold von St. Blasien zum Jahre 1078 erzählt, ließen die Anhänger -Rudolfs von Rheinfelden, des Gegenkönigs Heinrichs IV., nach einer -Schlacht am Neckar Tausende von schwäbischen Bauern „zur milderen -Züchtigung“ +entmannen+. - - * - -Vor Tortona läßt Friedrich Barbarossa Galgen errichten, um jeden -Gefangenen sofort angesichts der Stadt aufzuhängen. Wie Otto Morena -weiter berichtet, ließ er zweihundert Veronesen Nasen und Lippen -abschneiden und andere zweihundert aufhängen. - - -Kulturhistorisch merkwürdig ist den Grausamkeiten gegenüber das -Urteil der Biographen und Historiker. Als Friedrich Barbarossa einen -Dienstmann, der sich früher ihm gegenüber vergangen hat, nicht -begnadigt, wiewohl er sich dem Kaiser am Krönungstage zu Füßen wirft, -schreibt Otto von Freising rühmend, er habe sich „von der Tugend der -Strenge nicht zum Fehler der Nachgiebigkeit verleiten lassen“. - -Als die in Tortona eingeschlossene Geistlichkeit ihn kniefällig um die -Gnade bittet, die Stadt, in der die Pest wütete, verlassen zu dürfen, -„fühlte er zwar wie innerlich sein Herz zum Mitleid sich wandte, -um aber den Verdacht der +Schwäche+ zu vermeiden, beharrte er -äußerlich auf der Standhaftigkeit seiner früheren Strenge“ und schickt -sie unverrichteter Dinge heim. - -Im Kriege gegen Mailand verwüstet Friedrich 1159 das Land -- dem im -ganzen Mittelalter herrschenden Brauche gemäß -- in scheußlicher Weise, -indem er sogar die Weinpflanzungen zerstören und Fruchtbäume abhacken -oder schälen läßt. Als die Gegner dasselbe tun, meint Rahewin, daß -dieses Wüten nicht einmal Barbaren gegenüber erlaubt sei, tadelt den -Kaiser aber wegen desselben Reates +nicht+. - -Vor Crema läßt Barbarossa die Gefangenen hängen und die Geiseln -hinrichten, ja er bindet sogar Knaben, die er als Geiseln in Händen -hatte, an die Belagerungsmaschinen, so daß die Cremenser ihre eigenen -Kinder töten müssen. O Greueltat! ruft Rahewin aus, meint aber -natürlich nicht den Kaiser damit, sondern die +Belagerten+, die -Mut und Patriotismus genug besitzen, trotzdem die Angreifer weiter zu -beschießen. Als Resultat dieser und vieler anderer Grausamkeiten ergibt -sich für die Zeitgenossen das Urteil, daß Barbarossa +human+ und -+milde+ war[103]!! - -Nach der Chroniques des ducs de Normandie (27527) läßt König Eldred -von England die gefangenen dänischen Frauen nackt bis zur Brust in -die Erde eingraben und so +wehrlos den Hunden und den Raubvögeln -preisgeben+. - -Die Schotten schnitten 1138 in England sogar schwangeren Frauen den -Leib auf und metzelten Priester vor dem Altar nieder. - -Im Jahre 1198 waren in einem Gefecht fünfzehn französische Ritter -gefangen worden. Richard Löwenherz ließ vierzehn +beide Augen -ausstechen+, dem fünfzehnten nur eines. Der Einäugige mußte seine -Unglücksgefährten ins französische Lager geleiten. Philipp August aber -rächte sich, indem er fünfzehn gefangene englische Ritter blenden -ließ[104]. - -Es war Kriegsgebrauch, die eroberten Städte und Burgen zu +zerstören+, -die Einwohner +nieder zu machen+ oder in die Gefangenschaft zu führen, -Frauen und Jungfrauen aber zu +vergewaltigen+. Mit Vorliebe wurden -+vornehme Frauen Troßknechten und Soldaten preisgegeben+. Und zwar -selbstverständlich auch in Kriegen und Fehden im +eigenen+ Lande und -von +Christen+ unter sich, keineswegs nur in solchen gegen Ungläubige, -die sich stets humaner benahmen, als die Verbreiter des Evangeliums der -Nächstenliebe. - -Als Kaiser Sigismund 1412 im Kriege gegen die Venezianer das feste -Schloß Motta erobert hatte, ließ er einhundertundachtzig Männern +die -rechte Hand abhauen+[105]. - -Wie Benedikt von Weitmil (IV) erzählt, betrugen sich die Soldaten Karls -IV. in Böhmen, dem Lande ihres Herrn, wie folgt: „sie raubten den Armen -seine Habe, sein Vieh, marterten sie zuweilen, um Geld zu erpressen, -rissen den Weibern unbarmherzig die Kleider vom Leibe, taten den -Jungfrauen Gewalt an und verübten unendlich viel Böses[106].“ - -Im Jahre 1375 machten entlassene englische Söldner ihren zweiten -Einfall ins Elsaß. Wie sie sich benahmen, erzählt die Konstanzer -Chronik. „Item sy gewunnent vil stattly und burg und dorffer und -closter, und erstachent wip und man und kind, und furten die schonen -frowen mit in emoy, was sy dero fundent. stan sy zugent gen Brysach und -nach zu Basel und gen Burgonden und in Uchtland, und wustent, was vor -in was, lut und gut[107].“ - -Die Speierische Chronik berichtet über die Eroberung von Dinant im -Jahre 1466: „und als balde er die stat ingenam, do dottet er frauͤen, -man und kinder und warff sie über die muͤer uß in daz wasser, heißet -die Maß, und ertranckt ir auch gar vil dar in. er liß auch die stat -plundern und alz daz nemen, das dar inne waz. und dar nach liß er die -stat an stoßen und verbornen und die kirchen und huser und thorn und -muͤern gar zersleiffen, und macht ein eben felt dar uß und liß acker -und wisen dar uß machen.“ Es handelt sich um den Herzog von Charolais, -der auf die Bürgerschaft von Dinant sehr erbost war, weil sie ihn -für einen Bastard des Herzogs von Burgund erklärt hatte. Die Form, -in der diese Beschimpfung in die Erscheinung trat, ist auch überaus -charakteristisch für die mittelalterliche Roheit: Man hatte von ihm ein -Bild malen lassen, dieses an den Füßen aufgehängt und mit Kot beworfen! - -Wie in Feindesland gehaust wurde, geht auch aus dem Schreiben der -Eidgenossen an den in Speier versammelten Städtetag hervor. Die -Speierische Chronik schildert die Greueltaten, die sich burgundische -Söldner 1474 im Sundgau zuschulden kommen ließen. Nachdem erzählt -wurde, wie sie Kirchen zerstört, Priester geschmäht und viele Menschen -getötet hatten, heißt es: „und besunder vil junger frawen und dochter -wider iren willen geschendt und gewaltiglich genotzugt, vil sugender -kind iren muttern ab der brust gezerret und die auch vil andern junger -knaben und dochtern, by trien, viern, funff ader mer jaren alt, usser -lant gefurt, den armen luten und mannen umb zytlichs guts willen an -iren heymlichen gemachten onmenschlich pin und groß martir angetan, -erlich frawen gewondet, dochter erstochen, by iren harn und zopffen uff -gehenckt, etlich frauwen +in der kirchen+ ir beyn von einander -gesperret und mit scharffen holczern in irn heymlichen gliddern gelt -gesucht, die deshalb auch gestorben sind, auch mit knaben und frauwen -erschroglich anmenschlich und annaturlich lesterlich sunden, nemlich -+in der kirchen+, uff dem kerner gewaltiglich begangen, derhalb -am gancz land under gen mocht, als auch umb dergleichen sunden ließ -versinken der allmechtig got Sodoma und Gomorra[108].“ - -Karl der Kühne ließ in Lothringen +alles gefangene Kriegsvolk -aufhängen+. Maximilian tat dasselbe, als er das Blockhaus von Galoo -bei Antwerpen erobert hatte: „und welche nit erschossen und erstochen -waren, dieselben +ließ er alle henken+[109].“ - - * - -Plündern eroberter Städte war durchaus herkömmlich, ebenso war es -mit der ritterlichen Ehre zu vereinbaren, Gefangenen hohes Lösegeld -abzunehmen, dagegen war merkwürdigerweise die Ausplünderung einer -adeligen Dame dem Edelmann vom Ehrenkodex untersagt. Als Wilwolt -von Schaumburg nach dem Fall von Arras das Schloß erobert und den -Hauptmann gefangen hatte, brachte seine Frau freiwillig den Siegern -alle ihre Kostbarkeiten im Werte von 4000 Gulden. Da sagte Wilwolt: -„Wir Teutschen und vor aus von den Oberlanden, ob wir wol stet und -schlos gewinnen, pflegen keiner frauen oder junkfrauen, vom adl -geboren, nichts von irem geschmuck, zu irem leib gehörig, zu nemen, und -wo solichs ein edelman tet, würde er von seinen genossen sein leben -lang dester untreuer und unwerter gehalten. Darumb das jenig, so mir -zu teil wirdet, wil ich mein beut der tugenthaften frauen wider geben -und ir nichts verkern.“ Seinem Beispiel folgten dann auch, allerdings -widerstrebend, die welschen Hauptleute. - - * - -Nach dem Kriege war es oft schwer, die Soldtruppen wieder los zu -werden, zumal wenn sie den rückständigen Sold nicht bekamen. Aus dieser -Verlegenheit halfen sich die Ungarn 1492 auf sehr einfache Weise: Von -den 8000 ungelohnten Truppen +erschlugen sie+ 6000 und zwangen den -Rest, in Österreich Zuflucht zu nehmen. Da sie dort selbstverständlich -zur Gewinnung ihres Lebensunterhaltes rauben mußten, überfiel sie -Kaiser Friedrich III. 1493 und ließ 1100 Gefangene aufhängen[110]. -Unter diesen Umständen kann man es den Söldnern nicht verübeln, wenn -sie höchst ungern ihren Kriegsherren den Lohn stundeten. - - * - -Die offiziellen Gewalten haben noch in neuerer Zeit an Grausamkeit -nichts zu wünschen übrig gelassen und zwar in Kulturländern, denn in -Rußland war und ist ja alles möglich, wenigstens alles Barbarische und -Viehische. - -Oliver Cromwell erstürmte 1649 die irische Hauptfeste Drogheda und -ließ die +ganze Besatzung, über zweitausend Mann, niedermetzeln+. -Später folgte ein +gleiches Blutbad in Wexford+ nach. Nach -Beendigung des Krieges im Jahre 1652 war Irland verödet, fast die -Hälfte der Bevölkerung dem Schwert, Hunger und den Seuchen erlegen. -Andere Tausende waren ausgewandert, verbannt oder, nicht besser als -Sklaven, in die westindischen Plantagen verschickt[111]. - - * - -Beim Rückzug der Jourdanschen Armee 1796 trug sich folgendes zu: -„Die Bauern mit Weibern und Kindern fielen über die zerstreuten -Haufen her, und +schlugen alles, was ihnen unter die Hände kam, -ohne Barmherzigkeit tot+. Jeder hatte ein erlittenes Unrecht zu -rächen. Die Ehemänner und Väter, welche durch die +Schändung ihrer -Weiber und Töchter+, die man oft vor ihren Augen begangen hatte, -aufgebracht waren, +schnitten den armen Franzmännern das Glied, womit -sie gesündigt hatten, lebendig vom Leibe+, und +schlachteten -sie dann, wie man Schweine schlachtet+. Die Wut der Bauern ging -anfänglich über alle Gränzen bis zur unerhörtesten Grausamkeit..“ - - * - -Die +alten Griechen+ hatten bereits im 8. vorchristlichen Jahrhundert -Tempelvereine, Amphyktionien. Die berühmteste Amphyktionie war die -pylische, die im Anfang des 6. Jahrhunderts mit der delphischen -verschmolz. Diese aus mehreren Staaten bestehenden Vereine schworen: -„Ich will +keine amphiktionische Stadt zerstören, noch vom fließenden -Wasser abschneiden+, weder im Kriege noch im Frieden; verletzt eine -Gemeinde diese Bestimmung, so will ich gegen dieselbe zu Felde ziehen -und ihre Städte zerstören[112].“ Daß diese alten „Heiden“ danach -handelten, beweist das Verfahren gegen Athen nach dem furchtbaren -Peloponnesischen Kriege. Erst die Genfer Konvention ist nach fast zwei -Jahrtausenden des Christentums zu den amphyktionischen Grundsätzen -zurückgekehrt. - - * - -Der große +König Açoka+ von Magadha in Vorderindien (259-226 -v. Chr.) erließ an seine Beamten als Richtschnur ihres Verhaltens -gegenüber den „unbesiegten Nachbarn“, also seinen wirklichen oder -möglichen +Feinden+ folgendes Edikt: „Der König wünscht, daß sie -sich nicht vor mir fürchten sollen, daß sie mir vertrauen sollen, daß -sie +durch mich nur Glück, nicht Unglück erlangen mögen+.“ - -Ferner sollen sie folgendes verstehen: +Der König wird von uns sich -gefallen lassen, was man sich gefallen lassen kann+..... jene -(die Nachbarn) müssen bewogen werden, Vertrauen zu fassen, damit sie -verstehen: „+Wie ein Vater ist der König zu uns -- wie er sich selbst -liebt, liebt er uns -- wir sind dem Könige wie seine Kinder.+“... -„Zu diesem Zwecke habe ich dies Edikt erlassen, damit die Beamten stets -sich bemühen, bei meinen Nachbarn Vertrauen zu erwecken und sie zur -Befolgung des Gesetzes (Buddhas) zu bewegen[112].“ - -Dieser selbe Açoka, der erst zum Buddhismus übertrat und ihm von ganzem -Herzen zugetan war, blieb so völlig frei von jedem Fanatismus, der -einst u. a. Karl den Großen zur Ehre des Christengottes 4500 Sachsen -bei Verden enthaupten ließ, daß er vor allem +Duldsamkeit+ gegen -Andersdenkende lehrt. Sogar dem Brahmanentum gegenüber wurde Toleranz -befolgt, und feindliche Handlungen unterblieben[113]. - -Damals konnte der Bauer zwischen kämpfenden Heeren sein Feld bestellen. - - * - -Als Mohammeds Nachfolger +Abu Bekr+ seine Truppen zur Eroberung -Syriens im 7. Jahrhundert aussandte, d. h. im Begriff war, einen der -in seinen Folgen gewaltigsten Kriege der Weltgeschichte zu führen, gab -er ihnen folgende Instruktionen: „Leute, ich habe zehn Dinge euch zu -empfehlen, die ihr genau beachten müßt. Täuschet niemand und +stehlet -nicht; handelt nicht treulos und verstümmelt niemanden, tötet weder -Kinder noch Greise noch Weiber, beraubt die Palmen nicht ihrer Rinde, -noch verbrennt sie, schlaget nicht die Fruchtbäume ab und zerstöret -nicht die Saatfelder, tötet nicht Schafe, noch Ochsen, noch Kamele+ -außer für euren Lebensunterhalt. Ihr werdet Geschorene finden -- -schlagt sie mit dem Säbel auf die Tonsur; ihr werdet auch Leute in -Zellen (d. h. Einsiedler) finden -- +laßt sie in Ruhe, damit sie in -der Erfüllung ihrer Gelübde fortfahren+[114].“ - -Es ist ausdrücklich überliefert, daß diese Instruktionen von den -„fanatischen“ Mohammedanern auch befolgt wurden. - -Jedenfalls hätten die christlichen europäischen Truppen im Chinafeldzug -von 1900 sich daran ein Beispiel nehmen können. - - * - -Daß die weitesten Wanderungen auch bei den schlechten -Verkehrsverhältnissen des Mittelalters dem kühnen Abenteurer möglich -waren, lehrt das Beispiel +Harald Hardraades+, eines Kriegshelden -des 11. Jahrhunderts. - -In der Schlacht bei Stiklestad in Skandinavien, in der sein Bruder -Olaf Thron und Leben verlor, verwundet, flüchtet Harald zu den -Stammesbrüdern nach Rußland, dann nach Apulien, ward hierauf -unerkannt in Byzanz Führer der Waräger und vollbrachte ein Jahrzehnt -lang an ihrer Spitze Heldentaten, die ihn bis Sizilien, Nordafrika -und Ägypten führten. Danach ward er in Rußland der Schwiegersohn -des Fürsten Jaroslaw und bestieg schließlich, nach dem Tode seines -Neffen Magnus, den Thron Norwegens. Sein Ende fand er beim Versuche, -das Angelsachsenreich an sich zu bringen, in der Schlacht bei -Stamfordbridge, nur 18 Tage vor dem Siege Wilhelms des Eroberers bei -Hastings (1066). - -Er hatte also +ganz Europa+ vom äußersten Norden und Nordwesten -bis in den tiefsten Süden und Südosten, die Küsten Asiens und Afrikas -in seinen Gesichts- und Wirkungskreis gezogen und kann als Verkörperung -der normännischen Ausbreitung gelten, die den Horizont der Kreuzzüge -schuf[115]. - - * - -Es war im frühen Mittelalter durchaus Sitte, daß dem Heere sich -Kaufleute, +leichtfertige Dirnen+ usw. anschlossen. Selbst an den -+Kreuzzügen+ beteiligten sich +Scharen dieser leichtfertigen -Weiber+, die militärisch organisiert, mit Keulen bewaffnet und sogar -mit eigenen Fahnen versehen gewesen sein sollen. Vom 2. Kreuzzuge, -auf den König Ludwig VII. von Frankreich aus guten Gründen seine -etwas flotte Gattin mitgenommen hatte, heißt es: „Dies Beispiel -befolgten viele andere Edelleute und nahmen ihre Gemahlinnen mit, -und weil da Dienerinnen nicht fehlen konnten, so befand sich in dem -christlichen Heere, das keusch sein sollte, eine Menge von Frauen.“ -Auch im Heere Konrads III. fehlte es nicht an fahrenden Weibern, was -dem erbaulichen Lebenswandel der christlichen Glaubensstreiter nicht -eben Vorschub leistete. Deshalb wurde, als Heinrich II. und sein Sohn -Richard Löwenherz 1188 den 3. Kreuzzug antreten wollten, bestimmt, daß -„keiner auf die Wallfahrt irgendein Weib mitführen solle, außer einer -+Waschfrau+ zu Fuße, die unverdächtig sei.“ Wie „unverdächtig“ -zu verstehen ist, wird nicht gesagt. Das kanonische Alter wird kaum -Bedingung gewesen sein. Genützt hat diese Bestimmung nicht viel, wie -auch der Erfolg der drakonischen Lagergesetze Friedrich Barbarossas -ziemlich problematisch blieb[116]. - -Noch zur Zeit der Landsknechte nahmen viele Weib und Kind mit ins -Feld und ins Lager. Die Ledigen litten auch nicht Mangel, denn ein -beträchtlicher Troß liederlicher Weiber folgte dem Heere und unterstand -der Disziplinargewalt des Troßweibels. Im Dreißigjährigen Kriege -schleppte z. B. ein Regiment von dreitausend Mann +zweitausend -Weiber+ mit, gegen die die Autorität der Obersten nichts ausrichten -konnte. Im Verlaufe des Krieges +übertraf der Troß die Zahl der -Kombattanten um das Drei- bis Vierfache+. Diese Weiber mußten für -die Soldaten alle Arbeiten verrichten und alle Strapazen teilen, dazu -eine harte und mitleidlose Behandlung erdulden. Die „Lagerkinder“ -wurden oft mit den Müttern ins Elend gestoßen. Dann konnten sie -nichts anderes werden als Bettler, Diebe oder Räuber, im besten Falle -Soldaten, was aber damals auf dasselbe herauskam[117]. - - * - -Sehr gemütlich war die +Kriegsführung der Italiener+ im 15. -Jahrhundert. Die Condottieri hatten „aus der Kriegsführung eine -Kunst gemacht, indem sie in solchem Maße temporisierten, daß meist -beide Teile verloren“. In der Schlacht bei Zagonara, „dieser in -ganz Italien berühmt gewordenen Niederlage“ wurde nur ein einziger -Mann getötet, aber nicht etwa durch Waffengewalt, sondern durch -Sturz vom Pferde und Ersticken im Schlamm. In der einen halben Tag -dauernden Schlacht bei Molinella fiel kein einziger. In der Schlacht -bei Anghiari, die von Lionardo in einem berühmten, leider verloren -gegangenem Karton verherrlicht wurde -- Rubens entwarf in Anlehnung -daran seine Reiterschlacht in der Münchner Alten Pinakothek -- soll -ein einziger Mann vom Pferde zertreten worden sein. Diese Machiavellis -„Florentinischer Geschichte“ entnommenen Daten sind zweifellos -übertrieben. Immerhin kennzeichnen sie die damalige Anschauung vom -Kriegswesen, die auf den Grundton gestimmt ist „Wie gewöhnlich -geschieht, siegte die Furcht“. Machiavelli faßt sein Urteil in die -Worte zusammen: „Nie gab es Zeiten, in denen der im fremden Lande -geführte Krieg minder gefährlich gewesen wäre, als in diesen.. Denn da -alle beritten, mit Rüstung bedeckt und vor dem Tode sicher waren, wenn -sie sich ergaben, +so war überhaupt kein Grund vorhanden, weshalb sie -sterben sollten+. Beim Kämpfen schütze sie die Rüstung; konnten sie -nicht mehr kämpfen, so ergaben sie sich“. „So wurde jene kriegerische -Tugend, die anderwärts durch langen Frieden unterzugehen pflegt, in -Italien durch die Lauheit der Kriegsführung unterdrückt.“ - -Die bei Caldana liegenden florentinischen Truppen hatten den Verlust -von 200 Troßknechten zu beklagen, die ins feindliche, neapolitanische -Lager +desertierten, weil der Wein ausgegangen war+! Aus diesem -triftigen Grunde wurde die +Belagerung auch aufgehoben+[118]. - -König Friedrich Wilhelm I. von Preußen war bekanntlich ein -leidenschaftlicher Freund und Sammler schöner großer Soldaten. Für -die Art, wie er sie sich zu verschaffen wußte, ist folgende Notiz -vom Jahre 1713 bezeichnend: „Die Werbungen sind sehr scharf vor sich -gegangen, jedoch aber haben S. Kön. Maj. +verboten, die Passagiere -auf den Posten nicht mehr anzuhalten, als wie etlichemal in der ersten -Hitze geschehen+.“ Im übrigen machte man im ganzen Lande förmliche -+Jagd auf Bürger und Bauern+; auf den Straßen, in den Feldern, -sogar +während des Gottesdienstes+ erfolgten die Aushebungen. -Als der Prediger Gottfried Arnold im Jahre 1714 in Perleberg eben -das +Abendmahl+ austeilte, drangen Werber in die Kirche ein und -nahmen junge Leute mitten aus der Kirche fort. Der Prediger alterierte -sich darüber derart, daß er zehn Tage später starb. Noch im Jahre 1720 -wurden in der Mark Gemeinden während des Gottesdienstes von den Werbern -des Soldatenkönigs -- der im übrigen viel besser als sein Ruf war -- -überfallen. Diese Vergewaltigungen führten endlich zu einem offenen -Aufstand: gerade die Tüchtigsten flohen in Scharen vor den preußischen -Werbewüterichen. Von solchen Flüchtlingen wurden die Industrien von -Elberfeld und Barmen begründet[119]. - -Mit List, Gewalt und Geld wurde +auch außer Landes+ der -Menschenfang betrieben. Karl Julius Weber, der berühmte Verfasser des -Demokrit, erzählt, daß sein Großonkel, der Theologie studiert hatte und -in Nürnberg als Hauslehrer lebte, bei einem Spaziergang von preußischen -Werbern plötzlich überfallen, geknebelt, in einen Wagen geworfen -und so nach Potsdam entführt worden sei, weil er 6 Fuß und 3 Zoll -maß. Dieser Gewaltstreich +kostete ihn sein ganzes Lebensglück+. -Solche Fälle waren an der Tagesordnung. Man fing sogar einen langen -katholischen Geistlichen, den nachher unter Friedrich dem Großen in -hoher Gunst stehenden gescheiten Abbé Bastiani, aus Welschtirol, -+als er gerade die Messe las+, ein, und selbst ein Mönch aus Rom -blieb nicht verschont und wurde in die blaue Garde gesteckt. Solche -Übergriffe ließen sich die Nachbarn auf die Dauer nicht gefallen. In -Hessen-Cassel wurden z. B. mehrere preußische Werbeoffiziere gehenkt. - - * - -+Kinder in der Wiege+, die lang zu werden versprachen, erhielten -eine +rote Halsbinde+ und die Eltern das Handgeld. Der Versuch -Friedrich Wilhelms, recht lange Gardisten mit recht großen Frauen -zusammen zu geben, um so recht lange Kinder zu erhalten, mißglückte zu -seinem großen Bedauern. - -Die „lieben blauen Kinder“ durften nebenbei ein Gewerbe betreiben, -Bier- und Weinhäuser, Materialläden usw. halten, nur keine öffentlichen -Handarbeiten verrichten. Der König schenkte ihnen Geld und Grundstücke, -sogar +Kanonikate+ und stand bei ihren Kindern Gevatter. - -Da die Kompagniechefs der preußischen Truppen verpflichtet waren, -ihre Mannschaften vollzählig zu erhalten, waren alle zu Werbungen -geradezu gezwungen. Die Chefs hoben +ganze Kolonien+ in den -zugewiesenen Werbedistrikten aus, +versetzten sie auf ihre Güter+ -als „Ergänzungsmannschaften“, machten die kleinen zu Bedienten, Köchen, -Reitknechten usw., kurz führten in die preußischen Staaten eine Art -von +Faustrecht+ zurück. Erst das Kantonreglement von 1733 räumte -einigermaßen mit diesen unerhörten Zuständen auf[119]. - -Welcher Brutalitäten die Offiziere noch im 18. Jahrhundert fähig waren, -erhellt aus der Sitte der Garnison von Gaeta aus der +Hirnschale+ -des dort als +Mumie+ aufbewahrten Herzogs Karl von Bourbon zu -+trinken+. „nachdem aber etlichemal Verdrüßlichkeiten und Unglücke -darüber und bey solcher Gelegenheit unter ihnen entstanden, so ist -solche Unordnung gänzlich untersaget worden.“ Erzählt Keyßler im Jahre -1730[120]. - - * - -Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel, ein Fürst, der seine Residenz -zu einer der schönsten in Deutschland machte, gebildet, kunstliebend -und der Aufklärung zugetan -- also keineswegs ein mittelalterlicher -Tyrann -- +verkaufte im Jahre 1775 12800 Hessen den Engländern+ -zum Gebrauche in ihren Kolonien. Bis zum Jahre 1782 wurden noch weitere -4200 Rekruten nachgeschickt. Dazu gab Hanau noch besonders 2400 Mann. -Da Hessen-Kassel damals 400000 Einwohner hatte, +verschacherte+ -der Fürst +fast den zwanzigsten Teil seiner Untertanen+! - -Die englischen Kommissarien kamen nach Kassel und besichtigten die -verkauften Menschen auf dem Markte, wie sie die Neger in Amerika zu -besichtigen gewohnt waren. Für jedes +Stück+ dieser armen Kerle -zahlten sie 100 Taler. Sie wurden auf der Weser eingeschifft und -Friedrich der Große erhob bei Minden von ihnen beim Passieren seines -Landes den üblichen +Viehzoll+! Die beste Verurteilung dieses -Systems. - -Klagten die Eltern der verschacherten Leute, dann kamen die Väter in -die Eisenarbeit, die Mütter ins Zuchthaus. Wer desertierte, mußte zwei -Tage lang Spießruten laufen -- übrigens ein Kulturgeschenk Rußlands -- -zwölfmal täglich, +zuweilen bis zum Tode+. Karl Justus Weber, der das -miterlebte, wurde von den Offizieren belehrt, daß das Gassenlaufen der -Gesundheit weniger nachteilig sei, als die alte Stockprügel! - -+Von diesen 19400 Mann+ kehrten im Herbst 1783 und im folgenden -Frühjahr 11900 +zurück+. 7500 +Mann hatte der Krieg weggerafft+! - -Merkwürdig ist, daß gleichzeitig -- eine Einwirkung der Aufklärung -- -in Hessen die Tortur abgeschafft wurde und die einfache Todesstrafe nur -mehr höchst selten Anwendung fand. - -Übrigens hatte sich der Menschenschacher bezahlt gemacht: Als Landgraf -Friedrich II. 1785 starb, soll er trotz seiner vielen Bauten und -Reisen und des großen von ihm betriebenen Luxus 56 Millionen Taler -hinterlassen haben[121]. - -Die englischen Subsidien, die Georg III. für die hannöversche Armee -gegen Frankreich zahlte, berechneten die Prämie für einen toten oder -drei verwundete Soldaten bei der Infanterie auf 28 Taler, bei der -Kavallerie auf 11 Taler. Dagegen wurden für ein totes Pferd oder drei -verwundete Pferde 90 Taler vergütet. +Ein deutscher Soldat wurde also -am Ende des 18. Jahrhunderts+ auf 11-28 +Taler bewertet, also ein -Achtel bis ein Drittel so hoch wie ein Pferd+. Gleichzeitig schätzte -der englische Nationalökonom William Petty den Wert eines Menschen auf -2888 Taler. Das waren allerdings auch Engländer![122] - - * - -Eines schönen Tages im Herbste des Jahres 1906 begegnete ein Hauptmann -auf der Landstraße in der Nähe Berlins einer vom Schießen heimkehrenden -Soldatentruppe. Er hielt sie an, hieß sie umkehren und mit ihm nach -Köpenick marschieren, wo er mit Unterstützung der requirierten -Polizei das Rathaus umstellen ließ. Dann begab er sich mit zwei Mann -zum Bürgermeister, nahm auf Grund einer gefälschten allerhöchsten -Kabinettsorder eine Visitation der Stadtkasse vor, ließ sich den Betrag -von 4000 Mark auszahlen, quittierte, verhaftete den Bürgermeister mit -dem Kassenrendanten und ließ sie per Wagen nach Berlin transportieren. - -Der Bürgermeister ist veritabler Reserveoffizier, der „Hauptmann“ -seines Zeichens Schuster, der lange Jahre seines Lebens hinter -Gefängnismauern zugebracht hatte. Daß eine Militärbehörde gegen -einen Bürgermeister als Zivilbeamten keine Maßregeln ergreifen kann, -bedenkt er nicht. Es hätte auch wenig genützt, denn wie die Soldaten -bei der Gerichtsverhandlung bekunden, hätten sie auf einen Wink des -„Hauptmanns“ hin den Vater der Stadt mit ihren Bajonetten durchbohrt. -Niemandem war es aufgefallen, daß der „Hauptmann“ alt und schäbig -aussah, niemandem, daß er unvorschriftsmäßig gekleidet war und in -Mütze statt im Helm seine Visitation vornahm. Keinem der Soldaten war -es eingefallen, den wildfremden Offizier nach seiner Legitimation zu -befragen. Ganz Europa lachte. - -Welches +Ansehen+ muß der Militärstand in einem Lande besitzen, -daß so etwas möglich ist! Daß eine Uniform allein genügt, eine ganze -Stadt mitten im tiefsten Frieden zu alarmieren, die höchsten Behörden -widerstandslos zu verhaften! Daß alle diese Maßnahmen ungesetzlich -waren, wußte man natürlich auch in Köpenick, aber der Zauber der -Uniform brachte jede Regung der Vernunft zum Schweigen. - - * - -Wie mag die Zukunft darüber urteilen, daß die großen Militärmächte -Europas durch ihre Offiziere +die Armeen anderer Staaten reformieren -lassen+? Im Chinafeldzuge 1900 hatte der Feind unser verbessertes -Gewehr System 88, das deutsche Seitengewehr vom gleichen Jahre, -Prismen-Entfernungsmesser, Ferngläser usw., manöverierte nach deutschen -Signalen und bewies fast deutsche Disziplin[123]. - - - - -Sechster Abschnitt - -Ehe - - -Erst seit dem 8. Jahrhundert verlangte die Kirche Vollziehung der -Trauungszeremonie durch einen Geistlichen, aber noch bis etwa 1300 -wurden Bauernhochzeiten ohne priesterliche Assistenz in Deutschland -gefeiert. Zur Zeit der Minnesinger war es noch nicht feststehende -Sitte, die Trauung in der Kirche vorzunehmen[124]. Es genügte, wenn die -Brautleute sich vor glaubwürdigen Zeugen die Ehe versprachen. Diese -Zivilehe, die bald vollzogen wurde, wurde für rechtsgültig angesehen. - -Eine wichtige Zeremonie war die des +Beilagers+, von der auch bei -+Kindern+ nicht Abstand genommen wurde. Als die Tochter König -Rudolfs von Habsburg, Guote, den König Wenzel von Böhmen heiratet, -legte man beide Kinder die Nacht über zueinander, wiewohl -- so -berichtet der Chronist Ottokar von Steier CLXXIV -- sie von ihren -Puppen, er von seinen Falken erzählte[125]. - - -Als Kaiser Friedrich III. mit der reizenden 16jährigen Eleonore von -Portugal am 22. März des Jahres 1452 zu Neapel die Ehe vollzog -- die -Trauung durch den Papst war bereits am 16. des Monats erfolgt -- gab -es nicht geringe Schwierigkeiten. Friedrich hatte sich nämlich diesen -feierlichen Akt für Deutschland aufsparen wollen. Nach langem Sträuben -gab er endlich nach. Gerührt durch die Trauer Leonorens, die fürchtete, -ihm nicht zu gefallen, und bewogen durch König Alfonso, der ihm klar -machte, daß es viel einfacher sei, seine Nichte gleich hier zu lassen, -wenn er nicht befriedigt sei, als sie aus Deutschland zurückzuschicken. -Er ließ das Lager herrichten, legte sich darauf und ließ sich Leonore -in die Arme legen, dann wurde in Anwesenheit des Hofstaates über sie -eine Decke gezogen. Es blieb aber bei einem Kusse. Auch waren beide -in den Kleidern und standen unverzüglich auf. Die portugiesischen -Hofdamen fürchteten (oder hofften?), als sie das Überziehen der Decke -und die ernste Wendung, die die Sache anzunehmen schien, sahen, daß -es doch etwas shoking würde und kreischten. König Alfonso aber sah -mit sichtlichem Ergötzen lächelnd der Zeremonie zu. In der folgenden -Nacht wurde das Versäumte nachgeholt, und das junge Paar begab sich -zu Bett -- jedenfalls unbekleidet, da das damals üblich war -- aber -nicht in das priesterlich geweihte, das die Portugiesinnen hatten -herrichten lassen, sondern da Friedrich Gift oder Zauber fürchtete, in -ein anderes. Aber das ging nicht so glatt, denn die Kaiserin, die sich -schon zu Bette begeben hatte, wollte trotz dreimaliger Aufforderung -Friedrichs nicht ins andere Bett, in dem der Kaiser lag. Sie werde es -halten, wie es Brauch sei. Die Männer müßten zu den Frauen kommen und -nicht umgekehrt. Der Kaiser verfügte sich dann zu ihr und zog sie an -der Hand ins unverdächtige Bett.[126] - - * - -Wie die Ehe durch Prokuration geschlossen wurde, beschreibt der -Chronist Jakob Unrest wie folgt: „Kunig Maximilian schickte seiner -diener ainenn genannt Herbolo von Polhaim gen Brittania zu empfahn die -kunigliche prawt, der war in der stadt Remis (Reims) erlichn empfanngn, -und deselbst beslieff der von Polhaim die kunigliche prawt, als der -fursten gewohnhait ist, das ihre sendpotten die furstlichn prawt mit -ainem gewaptn man mit dem rechtn arm, und mit dem rechtn fues plos, -und ain plos swert darzwischn gelegt, beschlaffen. Also habn dy alltn -furstn gethan, und ist noch die gewohnhait“.[127] - -Es handelt sich hier um die 1491 geschlossene Ehe Maximilians I. -mit der Anna von Bretagne. Übrigens wurde sie niemals vollzogen, da -der König Karl VIII. von Frankreich die Braut seines Rivalen trotz -des gewährten freien Geleites +gefangen setzte+ und +selber -heiratete+. Die reiche Erbschaft schien ihm diesen Ehe- und -Wortbruch zu rechtfertigen. Bekanntlich ließ Maximilian sich diesen -Schimpf nicht gefallen und erklärte den Krieg. - -Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde vom deutschen Fürstenrecht -ähnliches gefordert. Man legte das junge Paar nach der Trauung im -Beisein des Hofes in das Paradebett, das im Speisesaal hergerichtet -war. Dabei wurden Konfitüren und süßer Wein gereicht. Dann nahm man -das Paradebett auseinander und führte die Neuvermählten unter Pauken- -und Trompetenschall an die fürstliche Tafel.[128] - - * - -Erbaulich ging es bei der Verlobung der hl. Elisabeth her. Der -Patriarch von Aquileja, Berthold, ein Bruder der ungarischen Königin -Gertrud, schändete eine Gräfin. Da er sich durch Abreise der Rache -ihres Gemahles entzieht, dringt dieser in das Schlafgemach der Königin -ein und hängt sie, im Glauben sie sei mitschuldig, auf.[129] - -Trotz der Sittenlosigkeit des deutschen Mittelalters, das sich aber -stets der Verwerflichkeit des Ehebruches bewußt blieb, war der gereizte -Ehemann sehr unbequem. Der Verführer hatte auf alle Fälle sein Leben -verwirkt, in der Regel wurde er verbrannt, oft ging es ihm noch -schlimmer. Die beiden Schwiegertöchter Philipps III. von Frankreich, -Margarethe, Gemahlin des Kronprinzen, und Blanche, die des Grafen de -la Marche, wurden geschoren und zu ewigem Gefängnis verurteilt. Ihre -Liebhaber Philipp und Gautier d’Aulnai öffentlich geschunden, kastriert -und gehängt. - -Nicht geringe Unbequemlichkeiten hatte nach Thietmar von Merseburg ein -Ehebruch bei den Slawen in der heutigen Lausitz im Gefolge. - -„Wenn unter ihnen einer sich erfrecht fremde Ehefrauen zu mißbrauchen -oder Hurerei zu treiben, so muß er sofort folgende Strafe erdulden: Er -wird auf die Marktbrücke geführt und ihm durch den Hodensack ein Nagel -geschlagen; dann legt man ein Schermesser neben ihn hin und läßt ihm -die harte Wahl, dort auf dem Platz sich zu verbluten, oder sich durch -Ablösung jener Teile zu befreien“. Der ertappten Frau ging es nicht -viel besser. „Wenn eine Buhlerin ertappt wurde, dann wurde sie mit der -entehrenden und erbärmlichen Strafe belegt, an ihren Genitalien ringsum -beschnitten zu werden. Dieses Präputium -- wenn man den Ausdruck dafür -gebrauchen kann -- wurde an ihrer +Haustüre aufgehängt+, damit -der Blick des Eintretenden darauf falle und er in Zukunft um so mehr -bedacht und vorsichtig wäre.“ Zur Zeit der Väter, sagt Thietmar, wurde -die Frau enthauptet.[130] - -Eine ähnliche Geschichte erzählt der Chronist Matthäus Parisiensis, -Mönch von St. Alban in England: Johannes Brito ertappte 1248 einen -vornehmen Ritter namens Godefridus de Millers bei seiner Tochter, -schlug ihn, hing ihn mit gespreizten Beinen an die Balken, machte -ihn zum Kapaun und warf ihn halbtot hinaus. Dafür wurde er -- zumal -er es einem sehr galanten Geistlichen gerade so machte -- auf ewig -verbannt. Der König aber bestimmt, und das gibt diesem Falle seine -kulturhistorische Bedeutung: hinfort sei diese Verstümmelung verboten, -+es sei denn als Vergeltung für den Ehebruch der eigenen Frau+! - -Das Mainzer Stadtrecht befiehlt als Strafe für Juden, die sich mit -Christenfrauen fleischlich vergingen: „da sol man dem Juden sein Ding -abesniden und ein Aug ausstechen“. Übrigens ließ noch im Jahre 1545 ein -Edelmann in der Wetterau seinen Schalksknecht kastrieren[131]. - - * - -Zahlreich sind die Fälle, in denen der Mann die im Ehebruch ertappte -Frau tötet. Aus Brantôme geht hervor, daß das im Frankreich des 16. -Jahrhunderts gar keine Seltenheit war.[132] Auch in Deutschland -war es in dieser Zeit noch gesetzlich zulässig. Z. B. heißt es im -Frankenhauser Stat. von 1558: „Ob einer einen Andern bei seinem -elichen Weibe nackend und bloß +in einem Bette+ hete befunden und -in zorniger weise zufiele und den selbigen tod schlüge, +der ist -unstreflich+“.[133] In der Zimmerischen Chronik (II, S. 523 f.) -wird von einem Kaufmann erzählt, der seinen Schreiber mit seiner Frau -im Bade findet -- merkwürdigerweise scheint die Badewanne damals bei -galanten Tete-a-tetes sich besonderer Bevorzugung erfreut zu haben -- -und ihn tot schlägt: „Die obrigkait nam sich der sachen weiter nit an, -dieweil der schreiber an der thatt ergriffen“. Das war in Konstanz. -„Solch strigeln im badt biß auf den todt ist bei wenig jaren davor ain -pfaffen zu Zürich auch begegnet, der ist auch dermaßen von aim burger -daselb im badt beim weib ergriffen worden“. Sehr ergötzlich ist die -Geschichte, die sich 1532 in Oberndorf zutrug (ebenda III, S. 65 ff.), -wo ein ertappter Pfaffe mit zusammengebundenen Vieren zum Fenster -hinausgehängt wird. Merkwürdigerweise wird in der Regel die Frau wieder -in Gnaden aufgenommen. - - * - -Besonders Fürstlichkeiten mußten oft Damen heiraten, die sie nie -gesehen hatten. Um nun nicht mit einem Scheusal hereinzufallen, -schickten sie Gesandte oder ihren Hofmaler auf die Brautwerbung. Als -1161 der griechische Kaiser Manuel um Milisendis, Schwester des Grafen -von Tripolis, werben läßt, müssen die Gesandten sich genau nach ihrer -Körperbeschaffenheit erkundigen oder, wie es in der altfranzösischen -Übersetzung dieser Stelle heißt: sie wollten sie oft reden hören und -ließen sie +ganz entkleidet vor sich hin und her gehen+. - -Noch im 18. Jahrhundert wurde in Frankreich jede Verlobte eines -Prinzen vor der Verheiratung durch seine weiblichen Anverwandten einer -körperlichen Untersuchung unterzogen.[134] - - * - -Daß die Frauen von ihrem Manne geschlagen wurden, selbst mit einem -Knüttel, war im frühen Mittelalter so gang und gäbe und galt für so -wenig unpassend, daß es selbst in den Ritterromanen häufig erwähnt -wird.[135] Sogar Siegfried hat Krimhilde tüchtig verprügelt, als sie -die Brunhilde durch ihre Rede verletzt hatte (Nib. XV, 894). In Bayern -hat erst die Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches, 1900, das -leichte Züchtigungsrecht des Ehegatten beseitigt. - - * - -Wer der Treue seiner Frau nicht sicher war, legte ihr schon im 13. -Jahrhundert einen +Keuschheitsgürtel+ an, von dem sich Modelle -im Museum schlesischer Altertümer in Breslau, im Schloß Erbach im -Odenwald -- hier gleich zwei Exemplare -- im Museum des Arsenals in -Venedig, im Museum zu Poitiers, im Toussaud-Museum in London, in der -Sammlung Pachinger in Linz, im Clunymuseum zu Paris und wohl auch noch -anderwärts erhalten haben. Allerdings war der mißtrauische Ehemann -nicht sicher, daß der Händler nicht einen Nachschlüssel der Gattin oder -ihrem Liebhaber einhändigte. - - * - -Wie Graf Zimmern erzählt,[136] gab es in Sachsen und den Niederlanden -eine eigentümliche Sitte, „+Beischlafen auf Glauben+“, „was doch wider -alle vernunft ist, auch vil huren und dorechter weiber gemacht hat. Man -sagt ain guten Schwank von aim edelman in Niderlanden oder Westphalen, -ain Horst, dem ist auch ain solliche ehr mit ainer jungfrawen angethon -und uf glauben zugelegt worden. Als ihm nun nachs die Keuz anfahen -steigen, do hat er die jungfrawen anfahen zu begreifen und mit ihr zu -sprachen. sie hats alles von ime gelitten und vergut gehaht, one das -er ir nit underhalb der gurtel oder weiche greif. nun parlamentirt er -lang mit ir, vermaint, sie zu bereden, aber sie war ganz standthaft -und sagt im mit kurzen worten, er sollt darvon sten, dann sie wurde im -underthalb der Gurtel nichts verwilligen.“ - -Merkwürdige Anschauungen von Jungfräulichkeit herrschten in der -Grafschaft Sponheim unter dem gewöhnlichen Volke seit den ältesten -Zeiten. Zimmern erzählt darüber (III, S. 279 f.): „Wann ain junger -gesell sich verheiraten will und umb eine wurbdt, so mueß zuvor er irer -freundschaft burgen (Bürgen) setzen, das er ain hertbarer gesell seie -(das sein die verba formalia) das ist sovil, das er wol hasplen kundt -uf der betziehen. dargegen aber so muß im der hochzeiterna freuntschaft -verburgen, das iren dochter oder verwantin ein +raine jungfraw+ seie; -+iedoch dingen sie darbei uß drei stuck+, nemlich Kinderspill, als -wann die halbgewachsne kinder mit ainander sich paren und gaupen; -item hurtenscheden, was hunder den zeunen oder dergleichen Orten sich -ongeferdt begibt, und dann hew- oder kornbaren, das wurt insonderhait -ußgedingt; dann wie baldt het am strohalm an sollichem ort ain schaden -gethon? fur diese drei scheden verspricht man keinem, und da sie gleich -ain guet zeit im beßenreis umbgeloffen, so mueß doch der guet narr -schweigen und zufrieden sein.“ Unter diesen Umständen war es allerdings -in Sponheim nicht schwer, als Jungfrau zu gelten. Ja, ja, keusch waren -unsere Vorfahren! - - * - -Noch gegen Ende des 16. Jahrhunderts herrscht, noch dazu in höfischen -Kreisen, eine ähnlich laxe Sitte. Der schlesische Ritter Hans von -Schweinichen weiß darüber in seinen „Denkwürdigkeiten“ (S. 38 f.) zu -erzählen: - -Im Jahre 1573 reist er nach Lüneburg zu Herzog Heinrich. Nach dem -Abendessen wird getanzt und die +Hofgesellschaft+ zieht sich von der -Reise ermüdet zurück. „Die einheimischen junker verloren sich auch, -sowohl die jungfrauen, daß also auf die letzte nicht mehr als zwo -Jungfern und ein Junker bei mir blieben, welcher einen tanz anfing. -Dem folget ich nach. Es währet nicht lange, mein guter Freund wischt -mit der Jungfer in die Kammer, so an der Stuben war, ich hinter -ihm hernach. Wie wir in die Kammer kommen, liegen zwei Junkern mit -Jungfrauen im Bette; dieser, der mit mir vortanzet, fiel sammt der -Jungfer auch in ein Bette. Ich fraget die Jungfrau, mit der ich tanzet, -was wir machen wollten. Auf Mecklenburgisch so saget sie, +ich sollt -mich zu ihr in ihr Bette auch legen+; dazu ich mich nicht lange bitten -ließ, leget mich mit Mantel und Kleidern, ingleichen die Jungfrau -auch, und reden also bis vollend zu Tag, jedoch +in allen Ehren+. Auf -den Morgen hat ich das Beste, daß ich der Längest wär auf dem Platz -gewesen, gethan, und ich hatte es am besten verricht. Kam derwegen -beim Frauenzimmer in groß Gunst. Das heißen sie +auf Treu und Glauben -beischlafen+; aber ich acht mich solches Beiliegen nicht mehr, denn -Treu und Glauben möchte zu ein Schelmen werden.“ - - * - -Das Jus primae noctis ist dokumentarisch nachweisbar bis zur Mitte des -16. Jahrhunderts. Ein Gesetz vom Jahre 1538 im Kanton Zürich lautet: -„Ouch hand die burger die rechtung, wer der ist, der uf den gütern, -die in den Kelnhof gehörend, die erste nacht bi sinem wibe ligen -wil, die er nüwlich zu der ee genommen hat, +der sol den obgenanten -burger vogt dieselben ersten nacht bi demselben sinen wibe lassen -ligen+.“ Der Bräutigam hatte allerdings das Recht, mit Geld seine -Braut freizukaufen. Auch die hohe grundbesitzende +Geistlichkeit+ -beanspruchte das jus primae noctis, wohl allerdings mehr als weiteres -Mittel, die Untergebenen zu schröpfen, als um das Recht auszuüben. Nach -dem Lagerbuche des schwäbischen Klosters Adelberg vom Jahre 1496 mußten -die zu Bortlingen sitzenden Leibeigenen das Recht dadurch ablösen, daß -der Bräutigam eine Scheibe Holz, die Braut ein Pfund sieben Schillinge -Heller oder eine Pfanne, „+daß sie mit dem Hinteren darein sitzen -kann oder mag+“, darbrachten. Der Maßstab, den die geistlichen Herren -anzulegen beliebten, spricht Bände! Anderwärts konnten die Bräute -sich loskaufen, indem sie dem Grundherrn so viel Käse oder Butter -entrichteten „+als dick und schwer ihr Hinterteil war+“[137]. - - * - -Sehr verständig, wenn auch für uns befremdend genug, ist Luthers -Ansicht, die er im Traktat „Vom ehelichen Leben“ niederlegt: „Wenn -ein tüchtig Weib zur Ehe einen untüchtigen Mann überkäme und könnte -doch keinen anderen öffentlich nehmen und wollte auch nicht gern wider -Ehre tun, soll sie zu ihrem Mann also sagen: Siehe lieber Mann, du -kannst mein nicht schuldig werden und hast mich und meinen jungen Leib -betrogen, dazu in Gefahr der Ehre und Seligkeit bracht, und ist für -Gott keine Ehe zwischen uns beiden, vergönne mir, daß ich mit +deinem -Bruder oder nächsten Freund+ eine heimliche Ehe habe und du den Namen -habst, auf daß dein Gut nicht an fremde Erben komme, und laß dich -wiederum williglich betrügen durch mich, wie du mich ohne deinen Willen -betrogen hast.“ +Der Mann hat nach Luther die Pflicht, diese Bitte zu -erfüllen+; will er nicht, so darf er nicht böse sein, wenn die Frau von -ihm läuft[138]. - -Das Recht der Frau auf die ehelichen Freuden war gesetzlich garantiert. -Besonders in Westfalen war man augenscheinlich sehr besorgt, daß die -bessere Hälfte nicht zu kurz käme. In erster Linie muß der Nachbar des -untauglichen Ehemannes aushelfen. In der Landfeste von Hattingen heißt -es: „Da ein Mann wäre, der seinem rechten Weibe ihr frauliches Recht -nicht tun könne, so soll er sie sachte auf den Rücken nehmen und tragen -über neun Zäune und setze sie dort vorsichtig nieder, ohne Stoßen, -Schlagen, Werfen und ohne bösen Worte, rufe alsdann seine +Nachbarn+ -an, daß sie ihm +seines Weibes Not wehren helfen+. Und wenn dann seine -Nachbarn das nicht tun wollen oder können, so soll er sie senden auf -die nächste Kirchweih in der Nähe, und daß sie dort ‚sich seiwerlich -zumache und zehrung habe‘, hänge er ihr einen mit Geld gespickten -Beutel auf die Seite. Kommt sie von dorther wieder ungeholfen, dann -helfe ihr der Teufel.“ - -War der Frau glücklich „geholfen“ worden, dann -- so bestimmt das -Benker Heidenrecht (III, 42) „soll er sie wieder nehmen, sie wieder -tragen nach Haus und setzen sie sacht nieder und ihr ein gebratenes -Huhn und eine Kanne Wein vorstellen[139].“ - -Nach dem Bochumer Landrecht (III, 70) mußte der Mann die Frau über -die Zäune tragen, dort fünf Stunden lang +um Hilfe rufen+, nützte das -nicht, dann sollte er sie im neuen Kleid mit Geld versehen auf einen -Jahrmarkt schicken. Blieb auch das erfolglos, dann mögen ihr „thausend -düffel“ helfen. - -So fremdartig uns diese Bestimmungen anmuten, so sind sie es doch mehr -wegen ihres Symbolismus als wegen des Grundgedankens, der unendlich -viel verständiger ist, als der in unserer Gesetzgebung, der Impotenz -zwar als Scheidungsgrund gelten läßt, aber dem geschädigten Ehegatten -kein Vorrecht einräumt. In Österreich gar mit seiner hochwohlweisen -Ehegesetzgebung kann sich zwar die Ehefrau scheiden lassen, aber -+heiraten darf sie nicht mehr, so lange der Mann lebt+. Allerdings -hat sich das Leben seit je über diese papierne Feigenblattmoral -hinweggesetzt. - - * - -Nach dem heute in Österreich gültigen Eherecht sind aber nicht nur -die katholischen Ehegatten bis zum Tode aneinander gebunden, sondern -es wird auch das Band der Ehe für ganz ebenso unauflösbar erklärt, -„+wenn auch nur ein Teil+ schon zur Zeit der geschlossenen Ehe der -+katholischen Religion zugetan war+“. Also auch der +akatholische Teil+ -muß die Folgen einer Ehe mit einem Katholiken sein ganzes Leben lang -tragen! Dieser im § 111 des Bürgerlichen Gesetzbuches festgehaltene -Grundsatz wurde durch Einwirkung des österreichischen Episkopates in -den Jahren 1814 und 1835 noch weiter verschärft, indem auch nicht nur -getrennten Akatholiken die Ehe mit Katholiken untersagt wurde, sondern -auch für sie selbst, falls sie etwa vor oder nach der Trennung ihrer -akatholischen Ehe zum Katholizismus übertraten, sogar das Band ihrer -bereits +getrennten Ehe+ dergestalt +wieder wirksam wurde+, daß ihnen -bei Lebzeiten des früheren Ehegatten jede Wiederverheiratung untersagt -wird. - -Mehr als das: der oberste österreichische Gerichtshof nimmt den -nach Wahrmund ungesetzlichen Standpunkt ein, daß selbst die im -Auslande geschlossenen Ehen akatholischer Ausländer wegen angeblichen -Ehehindernisses des Katholizismus ex officio für ungültig erklärt -werden müssen, wenn ein oder der andere Eheteil +vordem einmal Katholik -gewesen war+! - -Das Merkwürdigste dabei ist, daß Christus, wie Wahrmund nachweist, -sowenig wie die ganze Antike, von einer unbedingten Unauflöslichkeit -der Ehe etwas wußte[140]. - - * - -Um die furchtbaren Menschenverluste des Dreißigjährigen Krieges besser -ausgleichen zu können, wurde u. a. am 14. Februar 1650 vom fränkischen -Kreistag in Nürnberg folgender Beschluß gefaßt: „.. (es) seinds auff -Deliberation und Berathschlagung folgende 3 Mittel vor die bequemste -und beyträglichste erachtet und allerseits beliebt worden. 1. Sollen -hinfüro innerhalb den nechsten 10 Jahren von Junger mannschaft oder -Mannßpersonen, so noch unter 60 Jahren sein, in die Klöster ufzunemmen -verbotten, vor das 2te denen Letzigen Priestern, Pfarrherrn, so -nicht ordersleuth, oder auff den Stifftern Canonicaten sich Ehelich -zu verheyrathen; 3. +Jedem Mannßpersonen 2 Weiber zu heyrathen -erlaubt sein+: dabey doch alle und jede Mannßperson ernstlich -erinnert, auch auf den Kanzeln öffters ermahnth werden sollen, sich -dergestalten hierinnen zu verhalten und vorzusehen, daß er sich völlig -und gebürender Discretion und versorg befleiße, damit Er als ein -Ehrlicher Mann, der ihn 2 Weiber zu nemmen getraut, beede Ehefrauen -nicht allein nothwendig versorge, sondern auch under ihm allen Unwillen -verhüette“[141]. - -Im 138. Band der Preußischen Jahrbücher macht unter dem Pseudonym eines -Professor Dr. Robert Hoeniger ein allzu bescheidener Forscher eine -großartige Entdeckung! Der Geist treibt ihn zu „beweisen“, daß die -bekannten Plünderungsszenen Callots aus dem 30jährigen Kriege ebenso, -wie die Beschreibung einer Plünderung in Grimmelshausens Simplicissimus -nicht etwa so zu verstehen seien, daß bei +jeder+ Plünderung -+gleichzeitig+ im +selben+ Zimmer geraubt, gestohlen, genotzüchtigt, -gemordet, brandgelegt usw. worden sei -- wie wir ahnungslosen Gemüter -bisher glaubten -- sondern daß hier zusammengezogen sei, was sich -an verschiedenen Orten begeben habe. Daraus folgert er, daß der -Dreißigjährige Krieg gar nicht so schlimm war. Obige Notiz erklärt er, -allerdings ohne Beweis für -- einen Witz! Dieser tiefbohrende Forscher -hat auch endlich die „Kultur-Kuriosa“ richtig erkannt (S. 418 Anm.) als -„kritiklose Sammlung alles Unrats und Unflats“. Dafür sei ihm hiermit -die Unsterblichkeit der Fliege im Bernstein verliehen. Leider kann ich -für den modernen Kopernikus augenblicklich nicht mehr tun. - - * - -Es war im hohen Mittelalter Sitte, daß nach der Hochzeit das Brautpaar -mit den Gästen ins Badehaus ging, um ein +gemeinsames Brautbad+ -zu nehmen, +wobei die Geschlechter nicht getrennt waren+. Wie es -dabei noch nach der so sittlich wirkenden Gegenreformation zuging, -lehrt das Zittauer Ratsedikt von 1616: „Als denn vormals dy jungen -Gesellen nach dem bade widir (wider) gute sitten in badekappin und -barschenckicht (mit bloßen Schenkeln) getanzt haben, wil der Rath das -fortureh (hinfort) kein mans bild in badekappin oder barschinckicht -tanzen solle“[142]. - - * - -Daß die Kirche, trotz des sakramentalen Charakters der Ehe und ihrer -prätendierten Unauflöslichkeit bei Personen, die mächtig genug -waren, vom Prinzip abstand, daß andrerseits zu allen Zeiten, auch -im frühen Mittelalter gegenüber seiner unbeschreiblichen Angst vor -den Höllenstrafen die gewissen Freuden des Diesseits nicht selten -siegten, mag nach der einen oder andren Seite hin, aus folgenden Fällen -hervorgehen: - -Lothar II. verstieß 860 seine Gemahlin Theutberga, um seine Geliebte -Waldrada zu ehelichen. - -Kaiser Friedrich I., Barbarossa, ließ sich von Anna von Vohburg unter -dem Vorwande scheiden, sie sei unfruchtbar. In zweiter Ehe mit einem -einfachen Adeligen hatte sie aber Kinder. - -König Ottokar von Böhmen ließ sich 1261 von Margarete, Tochter Leopolds -VI. von Österreich, scheiden. - -Ludwig von Brandenburg, Sohn Ludwigs des Bayern, heiratete Margareta -Maultasch, die Erbin von Tirol, nachdem sie von ihrem Mann, Johann -Heinrich, Sohn des Königs von Böhmen, 1341 geschieden war. - -König Ladislaus von Sizilien verstieß seine Gemahlin Konstanze -Chiaramonte 1392 und heiratete 1402 Maria von Lusignan. Seine erste -Gemahlin aber gab er dem Andrea di Capua, Conte d’Altaville gegen -seinen Willen zur Frau[143]. - -Clemens VI. bestätigte die unkanonische Ehe Johannas von Neapel mit -dem Prinzen von Tarent im Jahre 1348. Und das wiewohl die Königin im -begründeten Verdacht stand, ihren ersten Gemahl ermordet zu haben. -Allerdings machte sich diese Milde bezahlt, denn Johanna verkaufte -Avignon am 8. Juni des gleichen Jahres an den Papst um die kleine Summe -von 80000 Goldgulden[144]. - -Die Äußerung König Alfonsos des Großen von Neapel Kaiser Friedrich -III. gegenüber, er solle lieber in Neapel das Beilager mit Leonore -von Portugal halten, als in Deutschland, um sie, falls er von ihren -körperlichen Reizen nicht befriedigt sei, gleich bei ihm lassen -zu können, beweist hinlänglich, daß zu allen Zeiten der Mächtige -nach Belieben verfahren konnte. Allgemein bekannt ist auch Luthers -Einwilligung zur Doppelehe des Landgrafen von Hessen[145]. - - - - -Siebenter Abschnitt - -Sittlichkeit - - -Der hl. Hieronymus († 420) erzählt uns, daß zu seiner Zeit in Gallien -noch +Menschenfresserei+ existierte. In seiner Schrift gegen -Jovinian (II, 7) schreibt er nach Harnack: „Was soll ich von anderen -Völkerschaften sagen, da ich doch selbst als Jüngling in Gallien -die Attikoten, einen britannischen Stamm, +Menschenfleisch habe -essen sehen+. Wenn sie in den Wäldern auf Schweine-, Rindvieh- -und Schafherden stoßen, schneiden sie den Kindern und den Weibern -die Hinterbacken und Brüste ab und halten diese für einen köstlichen -Schmauß.“ - - * - -König Chlodwig verleitete den Chloderich, seinen Vater, König Siegbert, -zu ermorden. Nach Ausführung dieser Bluttat sollten die Schätze des -Ermordeten geteilt werden. Als der Sohn den Kopf in die Schatztruhe -steckte, erschlug ihn einer von Chlodwigs Leuten mit der Axt. Zwar -beteuerte Chlodwig seine Unschuld am Ende Siegberts, setzte sich aber -in den Besitz seiner ganzen Hinterlassenschaft. Als er den Fürsten -von Cambrai, Ragnachar, und dessen Bruder Richar gefangen genommen -hatte, schlug er den ersteren mit seiner Streitaxt nieder, unter der -Motivierung, er habe durch seine Feigheit das königliche Geschlecht -entehrt. Dann tötete er auch den Richar, weil er seinem Bruder nicht -genügend Beistand geleistet habe. Von diesem König Chlodwig, der -bekanntlich das Christentum annahm, schreibt der fromme Bischof Gregor -von Tour: „Gott aber warf Tag für Tag seine Feinde vor ihm zu Boden und -vermehrte sein Reich, darum daß er +rechten Herzens vor ihm wandelte -und tat, was seinen Augen wohlgefällig+ war.“[146] - - * - -Im 9. Jahrhundert wurden +drei deutsche Kaiserinnen+, Judith, -Gemahlin Ludwigs des Frommen, Richenta, Gemahlin Karls des Dicken, und -Ota, Gemahlin Arnulfs des +Ehebruchs+ angeklagt. Bekanntlich ging -es Kunigunde, Gemahlin Heinrichs II., nicht besser. Bekannt ist auch -das lockere Leben der Töchter Karls des Großen; sogar sein Freund und -Biograph Einhard berührt im 19. Kapitel diesen Punkt. Karls Tochter -Hruotrud hatte vom Grafen Rorich einen illegitimen Sohn Ludwig, seine -zweite Tochter Bertha gebar dem Abt Angilbert zwei Söhne außer der Ehe. - - * - -Thietmar von Merseburg, ein Bischof, der zu Beginn des 11. Jahrhunderts -sein berühmtes Geschichtswerk verfaßte, lobt eine Matrone -ausdrücklich, weil sie nicht sei wie die anderen Frauen. „Denn diese -zeigen größtenteils, indem sie einzelne Teile ihres Körpers auf eine -unanständige Weise entblößen, allen Liebhabern ganz offen, was an ihnen -feil ist, und wandeln, obwohl das ein Greuel vor Gott und eine Schande -vor der Welt ist, ohne alle Scham allem Volke zur Schau einher. Es -ist schlimm und höchst beklagenswert, daß kein Sünder im Verborgenen -bleiben will, sondern daß alle, den Guten zum Ärgernis, den Bösen zum -Beispiel, stets öffentlich hervorzutreten trachten[147].“ - -Gleich im nächsten Kapitel wird von einer +Nonne+ Mathilde, -Tochter des Markgrafen Thiederich erzählt, die einen Slaven -+heiratet+, gebiert dann einem andern einen Sohn, wird aber -trotzdem +Äbtissin+ in Magdeburg! - -„In unseren Tagen, in denen die Freiheit zu sündigen mehr als je -ganz schrankenlos herrscht, treiben außer der Menge der verführten -Mädchen selbst noch gar manche verheiratete Frauen, denen geile Lust -den verderblichen Kitzel anreizt, Ehebruch und zwar noch zu Lebzeiten -ihres Mannes. Und damit nicht zufrieden überliefert manche noch, -indem sie ihren Buhlen heimlich dazu antreibt, ihren Ehemann der Hand -des Mörders, den sie darauf -- ein böses Beispiel für die übrigen -- -öffentlich zu sich nimmt und mit ihm, wie schändlich! nach vollem -Belieben buhlt. Ihr rechtmäßiger Ehegemahl wird verschmäht und -zurückgestoßen und sein Vasall ihm vorgezogen. Weil dergleichen nicht -mit schweren Strafen verfolgt wird, so wird es, befürchte ich, von Tag -zu Tag von vielen als eine neue Mode mehr gepflegt werden[148].“ - -So sah es also ums Jahr 1000 bei unsern keuschen Ahnfrauen aus! - - * - -Die in der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts dichtende fromme Nonne -Roswitha von Gandersheim hatte die Absicht, die unsittlichen -heidnischen Schriften zu verdrängen. Das hindert sie aber nicht, uns in -Bordelle zu führen, den Versuch eines Liebhabers, seine tote Geliebte -zu mißbrauchen, anzudeuten und in Marterszenen zu schwelgen. - - * - -Im Fragment „de rebus Alsaticis“ heißt es: „Um das Jahr 1200 hatten -auch die +Priester+ ziemlich allgemein +Beischläferinnen, weil -gewöhnlich die Bauern sie selbst dazu antrieben+. Dieselben sagten -nämlich: Enthaltsam wird der Priester nicht sein können; es ist darum -besser, daß er ein Weib für sich hat, als daß er mit den Weibern aller -sich zu schaffen macht.“ Ob die Bauern unrecht hatten? - -Daß das Konkubinat nichts Anstößiges war, geht aus den Worten des -Caesarius von Heisterbach hervor, der von einem Mönch erzählt, der -Pfarrer wurde: „Er nahm, wie das bei vielen +Sitte+ ist, eine -+Beischläferin+ ins Haus, mit der er auch Kinder hatte.“ Schon -um 1200 hielt man im Bistum Salzburg denjenigen Geistlichen für einen -+Heiligen+, der sich mit +einer+ Konkubine behalf[149]! - -Der Bischof Heinrich von Basel (1213-1238) „hinterließ bei seinem Tode -zwanzig vaterlose Kinder ihren Müttern“. - -Bischof Heinrich von Lüttich, der vom Konzil von Lüttich abgesetzt -wurde und am 6. September 1281 seinen Nachfolger ermordete, hatte 61 -Kinder. - -Schon die Synode von Mainz hatte unter dem Vorsitz des Rhabanus Maurus -im Jahre 852 zur Steuerung des sittlichen Verfalls bestimmt, daß jeder -Mann vor der Ehe +eine+ Konkubine haben dürfe[150]. - -Noch nach der Gegenreformation mit ihrer zweifellos die Sitten hebenden -Wirkung war das nichts ungewöhnliches, wie u. a. aus Johann von Wedels -ganz beiläufigen Bemerkung hervorgeht: „In den Ehestand hat er sich -nicht begeben, weil er den +bischöflichen+ Stand geführet und im -+Konkubinat+ unehlich sein Leben führen +müssen+“[151]. - - * - -Vom Kloster Wolverhampton schreibt Petrus Blesensis: „Sie lebten -öffentlich und offenkundig in Unzucht und rühmten sich ihrer Sünde -wie Sodom, und im Angesichte der öffentlichen Schande nahmen sie -einer des andern Tochter oder Nichte zur Frau. Und so groß war die -verwandtschaftliche Verschwägerung unter ihnen, daß keiner imstande -war, ihre abscheulichen Verbindungen zu lösen.“ - -„Canonici und Ritter machten sich mit den edel geborenen Nonnen zu -schaffen.“ Das war schon im 11. Jahrhundert nichts Seltenes. In einem -Brief beschuldigt sogar die Geistlichkeit der Domkirche zu Bamberg -eine Äbtissin, +sie habe ihre Nonnen so Mangel leiden lassen, -daß sie durch Liebesverhältnisse sich ihren Unterhalt verschaffen -mußten+[152]! - - * - -In den Dekretalien des Bischofs Burchard von Worms (1000-1025) finden -wir u. a. (ed. Paris 1549 p. 277) folgende Stelle: - -„Hast du dir, wie es manche Frauen zu tun pflegen, so eine Vorrichtung -oder einen Apparat in Form des männlichen Gliedes angefertigt nach -Maßgabe deiner Wünsche, und ihn an der Stelle deiner Schamteile oder -abwechselnd (alternis) mit einigen Bändern hingebunden und mit anderen -Weibern Unzucht getrieben oder taten es andere mit dem gleichen -Instrument oder mit einem andern mit dir? Wenn du es getan hast, sollst -du fünf Jahre lang an den gesetzlichen Feiertagen Buße tun. - -Hast du, wie es manche Frauen zu tun pflegen, mit der vorgenannten -Vorrichtung oder irgendeinem anderen Apparat selbst mit dir allein -Unzucht getrieben? Tatest du es, dann sollst du ein Jahr lang an den -gesetzlichen Feiertagen Buße tun. - -Tatest du, was manche Frauen zu tun pflegen, wenn sie die sie quälende -Geilheit löschen wollen, die sich vereinen und gleichsam den Beischlaf -ausüben müssen und es können, indem sie miteinander ihre Genitalien -vereinen und indem sie sich so an einander reiben ihr Jucken zu stillen -trachten? Tatest du es, dann sollst du drei vierzigtägige Fasten lang -während der gesetzlichen Feiertage Buße tun.“ - -Das spricht nicht für die Sittenreinheit unserer vielgepriesenen Ahnen. - - * - -Tribadinnen wurden schon im 13. Jahrhundert erwähnt, besonders in den -Nonnenklöstern. Bereits im 11. Jahrhundert spielten die Lustknaben -in England geradezu eine Rolle, und besonders in Klöstern wurde der -widernatürlichen Unzucht gefrönt. Dieses uns aus den Vorgängen der -Jahre 1907 und 1908 ja genügend bekannte Laster war zur Ritterzeit -so verbreitet, daß ein Mann, der nicht sofort bereit war, weiblichem -Entgegenkommen Folge zu leisten, Gefahr lief, sich in den Verdacht der -„Ketzerei“ zu setzen. Daran änderte auch die Todesstrafe durch Feuer -nichts, die z. B. König Rudolf 1277 über einen Ritter Haspinperch nach -den Baseler Annalen verhängte. - -Einen Gedanken, der anläßlich des Harden-Moltkeprozesses oft genug -ausgesprochen wurde, äußert bereits Jacques de Vitry († etwa 1240) -gelegentlich seiner Schilderung des Treibens in Paris: „Eine einfache -Unzucht hielten sie für keine Sünde; öffentliche Dirnen schleppten -überall auf den Gassen und Straßen die vorübergehenden +Geistlichen+ -in ihre +Bordelle+. Und wenn diese etwa einzutreten sich weigerten, -so riefen sie gleich den Schimpfnamen ‚Sodomit‘ hinter ihnen her. -Denn dies ekelhafte und abscheuliche Laster hatte wie ein unheilbarer -Aussatz oder ein verderbliches Gift in +dem Grade die Stadt ergriffen, -daß es für anständig galt, sich eine oder mehrere Mätressen zu halten+. -Ja, in ein und demselben Hause waren +oben die Schulzimmer, unten die -Behausungen der Dirnen+; im oberen Geschoß lasen die Magister, im -unteren trieben die Dirnen ihr schmähliches Gewerbe“[153]. - - * - -Wer zur Ritterzeit ein Weib mit Gewalt sich zu Willen machte, wurde -mit dem Tode bestraft, in England gar geblendet und entmannt. +König -Adolf von Nassau+ wurde unter anderem abgesetzt, weil er sich derartige -Gewalttaten, die recht häufig waren, hatte zuschulden kommen lassen. -In diesem Punkte waren eben die Untertanen immer kitzlich, und -Machiavelli, sonst gewiß nicht schüchtern, ermahnt deshalb im Principe -ausdrücklich den Landesherren, sich etwas zu menagieren. - -Mag die Höhe der Strafe bei Gewalttaten auch befremden, die Tatsache -der schweren Sühne ist gewiß kein Kuriosum, wohl aber sind es die -Ausnahmen; im Kriege +gefangene Weiber+, ja, +reisende Damen+, deren -Ritter man im ehrlichen Kampfe besiegt hatte, durfte man +mit Gewalt -sich gefügig machen+, wenn es auch nicht für sehr chevaleresque -galt[154]. - -Die Geliebte des Ritters (Amie) ist geradezu gesetzlich anerkannt; -sie genoß alle möglichen Ehren, begleitete ihren Freund auf Turniere -und wurde von anderen Frauen keineswegs geringschätzig behandelt. Ihr -gegenüber durfte der Liebhaber nicht Gewalt anwenden[155]. - - * - -Während das ganze Mittelalter hindurch ein außerehelicher Verkehr -für ganz und gar nicht unsittlich galt, ging zur Ritterzeit das -Edelfräulein, das vor der Ehe Kinder hat oder sich gegen die -Keuschheitstugend vergeht, jedes Anspruchs auf ihr Erbteil verlustig. -Wenigstens nach den Establissements de Saint Louis, livre I, chap. XII, -wo es heißt: „Gentisfame, quand elle a eu enfans, ains que’elle soit -mariagée, ou quand elle se faitdepuceler, elle perd son heritage par -droit, quand elle en est prouvée“[156]. - -Was die Folgen betrifft, so scheint man allerdings bereits im 11. -Jahrhundert dagegen Vorkehrungen getroffen zu haben. Wenigstens wird -von der Gräfin Clementia von Flandern berichtet, sie habe, als sie -binnen drei Jahren ihrem Manne drei Söhne geboren hatte, aus Furcht, -sie würden um das Land in Streit geraten, „durch Frauenkünste“ bewirkt, -daß sie nicht mehr Mutter wurde. Natürlich wurde sie dafür von Gott -dadurch bestraft, daß ihr alle Söhne lange vor ihrem Tode entrissen -wurden[157]. - - * - -Zu dem 1394 in Frankfurt gehaltenen Reichstage waren den Fürsten und -Herren mehr als achthundert Freudenmädchen nachgefolgt. Als in den -Jahren 1414 bis 1418 in Konstanz die große +Kirchenversammlung+ -tagte, waren dort etwa 1500 +Dirnen+ anwesend. Sie kamen auch -auf ihre Kosten, wenigstens wird von einer berichtet, sie habe sich -achthundert Goldgulden erworben[158]. - -Auf dem Reichstage von 1521 in Worms ging es „+ganz auf Römisch+ -(das läßt tief blicken!) zu mit Morden und Stehlen, und schöne Frauen -(d. h. feile Dirnen) saßen alle Gassen voll, es war ein solch Wesen wie -in Frau Venus Berg.“ - - * - -Als König Sigismund im Jahre 1414 mit achthundert Pferden nach Bern -kam, um daselbst einige Tage zu verweilen, hatte der Stadtrat eine -zarte Aufmerksamkeit ausgedacht: Er befahl nämlich den Insassinnen der -Frauenhäuser, alle Herren vom Hofe freundlich und +unentgeltlich+ -zu empfangen, und er selbst bezahlte nachher die Dämchen statt des -Königs und seines Gefolges. +Sigismund aber rühmte laut diese -Zuvorkommenheit des Magistrates+! Zwanzig Jahre später besuchte -Sigismund als Kaiser mit seinem Gefolge das Frauenhaus in Ulm, und der -Magistrat bezahlte die Kosten der +Festbeleuchtung+. Im Jahre 1435 -ließ der Wiener Stadtrat gelegentlich Sigismunds Besuch die Dirnen der -beiden Frauenhäuser mit +Samtkleidern versehen+. - - * - -Als 1450 eine von Friedrich III. nach Neapel geschickte österreichische -Gesandtschaft dort erschien, wurde sie in ähnlicher Weise geehrt: „In -allen Städten und Kastellen waren die Türen der Häuser offen, Streu -und Heu zugerichtet; was jeder haben wollte, das gab man ihm; die -Frauen im Frauenhause waren alle bestellt, +durften keinen Pfennig -annehmen+, weil alles nur auf einen Rabisch geschnitten wurde (d. h. -auf dasselbe Kerbholz); da fand man Mohrinnen und sonst schöne Frauen, -so daß es eine Lust war.“ - -Nicht Ehrenjungfrauen, sondern das +Gegenteil+ empfingen mit -Blumen im Mittelalter am Stadttor den einziehenden Monarchen. Es war -für anständige Frauen zu bedenklich, mit dem Herrscher und seinem -Gefolge in Berührung zu kommen. Da Ferdinand I. ein sittenstrenger Mann -war, war bei seinem Einzug in Wien 1522 diese Vorsicht nicht nötig, und -die Dirnen blieben zu Hause. - -Als Kaiser Maximilian 1512 in Regensburg einzog, kam eine ganze Anzahl -ausgewiesener liederlicher Frauenzimmer, sich am Saum seines Kleides -und am Schweif des Rosses haltend und vom alten Schutzrecht des Königs -Gebrauch machend, wieder in die Stadt. - -Als 1557 in Frankfurt ein Fürstentag abgehalten wurde, zog der Rat -in Erwägung, ob nicht „zu Verhütung allerlei Unrats“ das Frauenhaus -geschlossen bleiben solle! Hierzu ist zu berücksichtigen, daß mit der -Reformation und Gegenreformation, vor allem aber seit dem Auftreten -der Syphilis im Beginn des 16. Jahrhunderts die Sittlichkeit sich -unbedingt gehoben hatte. - -In Ulm gingen um 1527 selbst verheiratete Frauen mitunter ins -Frauenhaus. - - * - -Ein +Abgeordneter+, den im Jahre 1446 der Rat von Frankfurt nach -Köln schickte, führte in seiner +Kostenberechnung+ auch die -Ausgabe für den +Besuch des Frauenhauses+ auf[159]. - -Der Beamte, der in Straßburg die von einem Frauenhause zu zahlenden -Gelder zu erheben hatte, schrieb in sein Rechenbuch auch die Worte -ein: „+Hab a gebickt, thut 30 Pfennig+“. Bicken ist der im Elsaß -gebräuchliche Ausdruck für die Tätigkeit, um derentwillen man das -Frauenhaus aufsuchte[160]. - - * - -Das non olet war den Frauenhäusern gegenüber stark ausgeprägt. -+Bischöfe bezogen Einkünfte aus ihnen+, und der +Papst+ soll -gar im 16. Jahrhundert mitunter 20000 Dukaten eingenommen haben! In -Frankfurt zahlte der Rat bis 1561 aus dem Ertrag der Frauenhäuser an -der Mainzer Pforte einen Grundzins an das Leonhardstift. - -Sogar als +Lehen+ wurden +Frauenhäuser vergeben+, von -Fürsten, Bischöfen, ja selbst vom Reich! Der Bischof von Würzburg -belehnte am Ende des Mittelalters die Grafen von Henneberg als -Marschälle des Bistums mit dem Würzburger Frauenhause. In Ober-Ehenheim -wurde noch 1577 Michael Kuhle vom Kaiser mit dem Frauenhause belehnt, -und die Grafen von Pappenheim bezogen bis 1614 ein Schutzgeld von -den fremden Krämern, Fechtern, Spielleuten und den „unzüchtigen -Weibern“.[161] - -Der +Domdechant+ von Würzburg besaß noch 1544 das Recht, daß -das Dorf Martinsheim ihm auf +Verlangen eine „schöne Frau“ liefern -mußte+[162]! - - * - -Als der Rat von Schaffhausen den benachbarten Edelleuten im Jahre 1527 -ein Fastnachtsfest gab, wurden auch feile Dirnen zugezogen[163]. - - * - -Wie sehr die Geistlichkeit neben dem Seelenheil auf körperliche -Wohlfahrt von jeher bedacht war, folgt aus der niedlichen Tatsache, daß -bereits im Jahre 1347 in Avignon, bekanntlich der damaligen päpstlichen -Residenzstadt, eine +wöchentliche Untersuchung der Dirnen+ durch -einen Wundarzt vorgeschrieben war. Erst ein ganzes Jahrhundert später -läßt sich eine ähnliche Maßnahme in Ulm nachweisen[164]. - - * - -Eine sehr humane Bestimmung findet sich überall: Daß unter keinen -Umständen, auch nicht wegen Schulden, die Dirne am Austritt aus dem -Bordell und an der Aufgabe des bisherigen Lebenswandels verhindert -werden durfte. Auch der Kirchenbesuch mußte ihnen jederzeit gestattet -werden[165]. - -Entgegen den sonst herrschenden Gesetzen, die den Dirnen das Tragen -von kostbaren Kleidern und Schmuck verboten, erließ der Züricher -Bürgermeister Waldmann 1485 die entgegengesetzte Bestimmung: +nur -sie durften uneingeschränkt Putz tragen+. Damit hoffte er auf den -Kleiderluxus der ehrbaren Frauen einzuwirken[166]. Übrigens gab es in -Venedig ein ähnliches Gesetz. - -Die Kirche erklärte es als ein +Verdienst, Dirnen zu heiraten+[167]! - - * - -Als der junge Heinrich von England 1431 in Paris einzog, machte der Zug -in der St. Denysstraße vor einem Brunnen halt, in dessen Bassin +drei -nackte junge Mädchen+ umherschwammen. Aus der Mitte dieses Brunnens -wuchs ein Lilienstengel empor, dessen Knospen und Blumen Ströme von -Milch und Wein entsandten. Den bigotten Ludwig XI. empfing man 30 Jahre -später mit dem gleichen Schauspiel in den Mauern seiner Residenz. In -Lille wurde Karl dem Kühnen von Burgund die Ehre zuteil, vor einer -ungeheuren Zuschauermenge das Urteil des Paris an drei lediglich -mit dem Mantel der christlichen Nächstenliebe bekleideten Grazien -wiederholen zu dürfen[168]. - -Als sich Kaiser Friedrich III. 1471 in Nürnberg aufhielt, schlugen -eines Tages, als er vom Kornhaus kam, „zwo hurn“ eine lange silberne -Kette um ihn, aus der er sich mit einem Gulden lösen mußte. Ehe er -seine Herberge erreichte, wiederholte sich dies Spiel nochmals[169]. - -Im Jahre 1492 sprach eine getaufte Jüdin in Basel öffentlich aus, es -gäbe keine fromme Jungfrau und Ehefrau in der Stadt, und wenn man -eine solche finden wolle, so müsse man sie in der Wiege suchen. Sie -ließ sich lieber ewig aus der Stadt verbannen, als diese Anklage -zurückzunehmen[170]. - -In Regensburg beklagte sich 1512 die Besitzerin des +Frauenhauses+ -schriftlich beim Rat über den Eintrag, den sie in ihrem Gewerbe -erleide. Zur Fastenzeit würden in +Klöstern+ und bei +Weltgeistlichen -Dirnen beherbergt+, um die gesetzliche Abgabe von ihrem Gewerbe zu -ersparen. Sie hatte die Dreistigkeit mit den Worten zu schließen: „Ich -will geschweigen der Frauen, die fromm Ehemann haben und leider auch -viel Abenteuer treiben.“ - -Selbst 12jährige Knaben besuchten am Ende des Mittelalters, d. h. zur -Reformationszeit -- wirklich beendet wurde das Mittelalter erst durch -die französische Revolution -- das Frauenhaus, und zwar anscheinend -gar nicht selten. In Ulm beschloß der Rat 1527, Knaben von 12-14 -Jahren in die Frauenhäuser nicht mehr einzulassen, sondern mit Ruten -hinauszujagen. - - * - -Die Sittenlosigkeit des mittelalterlichen Klerus spottet jeder -Beschreibung. In +Nördlingen wagte+ im Jahre 1472 z. B. +der -Magistrat nicht in seiner Frauenhausordnung die Zulassung von -Geistlichen zu verbieten+, sondern beschränkte sich darauf, zu -untersagen, daß sie eine ganze Nacht darin blieben! - -Als man 1526 in Nürnberg das +Klarissinnenkloster+ aufhob, lief -ein Teil der Laienschwestern unmittelbar in die +Frauenhäuser+! -Die Klarissinnenklöster waren eigentlich zur Minderung der Unzucht -und zur Rettung gefallener Mädchen gestiftet worden! Verordnungen -der Städte, die die Insassen und Insassinnen der Klöster zur Zucht -ermahnten, waren an der Tagesordnung. - -Im 16. Jahrhundert hatte nach Sleidanus und Fra Paolo in der -Schweiz jeder Priester seine +Konkubine+, und zwar soll ein -eidgenössisches +Gesetz+ allen +Priestern+ zur Sicherstellung -der ehrbaren Frauen +vorgeschrieben+ haben, +eine solche zu -halten+. - -Im Jahre 1433 motivierte der Züricher Rat eine sittenpolizeiliche -Maßnahme damit, daß Frauen und Männer, Pfaffen und Laien nachts -vermummt auf den Straßen erschienen, „unter ihnen +auch die Frau -Äbtissin zum Frauenmünster+ und ihre Jungfrau Ursula“. - -Daß Beginen die Konkubinen von Priestern waren, geschah so häufig, -daß in einer Verordnung des Mainzer Erzbischofs Gerhard II. der Name -+Begine+ für +gleichbedeutend mit Pfaffenmagd+ gebraucht wird. - -Für die sittliche Schätzung der Geistlichkeit spricht ein Eintrag im -Bürgermeisterbuch Frankfurts von 1463, in dem „Pfaffen, pfaffenmede, -horen, bubenknechte, bekynen“ zusammen genannt werden!! - -Die Moralität des Züricher Klerus war derart, daß der Rat im Jahre 1487 -gebot, Verführer von Mädchen dürften nicht mehr vor das geistliche -Gericht geladen werden, sondern er selbst werde sie richten. - - * - -Der Freiherr von Zimmern erzählt in seiner Chronik (III, S. 69) vom -Leben im Nonnenkloster Oberndorf im Tal folgendes: „Was für guet leben, -sover anders das ür guet leben zu achten, in disem closter gewesen, -ist sonderlich bei dem abzunemen, das vil adels ab dem Schwarzwaldt -und am Necker in disem closter den ufritt gehapt, und het damals mit -gueten ehren und der warhait +vilmehr des adels hurhaus dann des -adels spittal mögen genempt werden+. vor andern haben die von Ow, -Rosenfeldt, Brandegk, Stain, Newneck vil gelts darin verthon, und hat -dise hohe schuel bös ehemenner und unnutze kindsvätter geben. beschaint -sich an dem, es sein uf am zeit vil vom adel und guet gesellen im -closter gewesen, die haben ain abentdanz zimlich spat gehalten. -hat sich mit fleis ohngefferdt begeben, +das in allem danz die -liechter sein verlescht worden. do ist ain wunderbarliches Blaterspill -entstanden und sich menigclich anfahen zu paren+. under anderm ist -versehen worden, daß die thurn (Türen) verhept und kain prinendt liecht -in sal kommen, noch gelassen. und gleichwol alldo niemands verschonet -worden, so hat sich doch niemands ob dem andern beclagt, allain ain -edelman under dem haufen, dem ist in seim sinn ein widerwertiger casus -begegnet, dann er in ainer ungeduld, wie er vermaint die zeit sei im -zu kurz und man werd villeucht bald ain liecht einhertragen, überlaut -geschreien: ‚lieben freundt, eilendt nit, +lassendts noch einmal -umbher geen! ich hab mein schwester erwuschet+‘. Nit mag ich wissen, -was er hernach für ain gestin überkommen. es ist kain eilen bei inen -gewesen, sondern haben inen gleichwol der weil gelassen.“ Damals ging -dort alles hin, was man kaum für Unrecht hielt, und die Güter des -Klosters mehrten sich infolgedessen. - -Zimmern sagt ausdrücklich, daß +Nonnenklöster sehr häufig die -Rolle von Bordellen spielten+, und zwar gilt dies noch vom 16. -Jahrhundert. Natürlich kam das -- außer bei den Eingeweihten -- -nur durch Zufall auf. So als in Straßburg nachts ein Blitz ins -Frauenkloster einschlägt und die Bürger es gewaltsam öffnen, um das -Feuer zu löschen. Da kam das nächtliche Treiben, das wohl fast überall -herrschte, ans Licht. Zimmern schreibt darüber (III, S. 70): - -„Also hat man ain mansperson, gleichwol der jaren noch jung, +auf -einer closterfrawen im bet nackend gefunden+, die das wetter und -der dunst baide erstecket. wie nun gleich hernach strenge inquisition -gehalten, hat sich wahrhaftigclichen erfunden, das +etlich mehr -manspersonen im closter sich enthalten+, die doch bei zeiten darvon -kammen. diese sein in der jugendt kindsweis in der umbtreibenden -scheuben (gemeint ist die Drehscheibe, die zur Verhütung des -Kindsmordes und um die abliefernden Eltern nicht erkennen zu können, -an den Nonnenklöstern zur Deponierung der Findelkinder angebracht -waren) ins closter gezogen worden, darin sie +biß in ire manbare jar -behalten und nach der haut sein gebraucht worden. ohne zweifel haben -sie ir köstle wol verdienen+ und an den alten, garstigen, stinkenden -böcken ir junges leben, den leib und alle chreften verschinden muessen; -dann under anderm herfurkomen, das die eltesten under inen in disem -tahl die prerogativ oder preminenz gehapt, die jungern aber, die der -arbait villeucht baß werd gewesen, haben die weil fasten muesen und -sich ander closterarbait behelfen.“ +Bei solchen Klöstern befanden -sich Weiher, die nicht abgelassen werden durften, damit man die dort -versenkten Kinderleichen nicht fand.+ - -Aus dem Kloster Heistal bei Bregenz besuchte einst eine Nonne die -Gräfin von Kirchberg. Nicht ohne Schalkhaftigkeit erzählt Zimmern von -ihr (Chronik I, S. 330): „Dise guet closterfraw het wol kunden mit -gueten ehren Eptissin oder +mutter+ im closter sein, und wer an -ir der nam nit verloren gewesen. aber der sachen beschehen vil bei -nechtlicher weil, darzu man nit gesicht, vil weniger soll hernach vil -darvon gesagt werden.“ - -Mag es auch Ausnahmen gegeben haben, die hier geschilderten Zustände -werden von dem Katholiken Zimmern als Zeitgenossen ausdrücklich als -die +Regel+ bezeichnet und über die Lässigkeit der Obrigkeit, die -gerne die Augen zudrückt, Klage geführt. - -Der Adel suchte die Klöster zu Abenteuern auf und kam auch auf seine -Rechnung, denn +nicht genug damit, sich selbst zu prostituieren, -verkuppelten die Nonnen auch vielfach andere Frauen, die dorthin zu -Besuch kamen+. (Zimmern III. S. 70ff.) - - * - -Geiler von Keisersberg, Prediger am Straßburger Münster, sagt in seinem -1517 erschienenen „Brösamlin“ (fol. 10a) über die Nonnenklöster: „Ich -weiß nicht, welches schier das best wer, +ein tochter in ein semlich -closter thuon oder in ein frawenhauß+. Wann warumb? ym closter ist -sie ein huor, so ist sie dennocht ein gnadfrauw dartzuo; aber wer sie -in dem frawenhuß, so schlüg man sie umb don grind und müst übel essen -unnd trincken; man würff sie ein steg auff die ander ab; denn so sie -gedechte, wer sie wer, unnd schlüg in sich selber, das sie in dem -closter nit thuon. Gebst du deiner tochter ein man, du hertest, du -fragtest, was ein man er were, was er hette, etc. Also wilt du dein -tochter in ein closter thuon, so frag auch, was man für ein wesen füre. -Du sihest wol, wa die thuren mit einem hanfstengel beschlossen seind, -und wa da ist ein uß und yngon als in einer batstuben.“ - -Wenn auch die Sittenprediger zu allen Zeiten über die unvergleichliche -Verworfenheit ihrer Zeitgenossen gezetert haben[171], so sind doch des -Franziskaners Thomas Murner Ansichten, die er in der Narrenbeschwörung -XXXIX, 49 ausspricht, recht charakteristisch, weil sie zeigen, wie aus -dem Schoße der Kirche selbst über das Treiben in den Nonnenklöstern -geurteilt wurde. - -„Der sin kind nit vermähelen kan Und hat kein gelt ir nit zu geben, so -muoß sie klösterlichen leben. (57) Wann sie dann zuo den jaren gat Und -sich empfindt in irem stat Und sie der narr facht an zuo jucken, So -laßt sie sich herumher bucken (deponere) Und fluocht dem vater underm -grund, Das er sie nit versehen kunt, Und hette vil lieber ein armen -man, Dann das sie wolt zuo metten gan. (67) Spricht man dann: Das ist -nit recht; Du schendest do mit din frums geschlecht“, So antwurt sie -gar bald und geschwind: „Ich wolt, das ich vierhundert kind Uf erden -brecht, nun in zuo leid. Was stießens mich in dieses kleid! (86) Sie -ist doch jung, recht oder alt, Wer die meisten kinder macht, Die würt -aptissin hie geacht. (97) +Die frowenkloster sind jetzt all Gemeiner -edellüt spital.+“ - - * - -Bezeichnend ist, daß die Inwohnerinnen des +Frauenhauses+ sich -+über die Konkurrenz der Klosterfrauen beklagten+! Hans Rosenplüt -sagt darüber in der „XV. clagen“: „Die gemeynen weib clagen auch ir -orden, Ir weyde sey vil zu mager worden. Die winkel weyber und die -haußmeyde, die fretzen teglich ab ir weide... Auch clagen sie über die -closterfrawen, Die können so hübschlich über die snur hauen, Wenn sie -zu ader lassen oder paden, So haben sie junkhar Conraden geladen[172].“ - -Auch nach der Gegenreformation war in den Klöstern keine übermäßige -Askese zu hause. Im St. Marienkloster zu Köln war es wenigstens -noch 1576 recht fidel. Schweinichen erzählt davon in seinen -„Denkwürdigkeiten“ (S. 108): „Darin hat es lauter Gräfin, Herren- -und Adelstandes, und wenn sie aus der Kirchen kamen, +legeten -sie den Habit ab und trugen sich weltlichen, mochten auch daraus -heiraten+... waren also lustig und guter Dinge mit den Nonnen, -tanzten und trunken sehr... wurden danach so bekannt im Kloster, daß -die eine Nonne, ein schön Mensch vom Adel, des Geschlechtes eine -Reckin, +ein klein Kindlein davon bracht+, weil wir noch zu Köln -und im Lande herum waren.“ - - * - -+König Ludwig XV. von Frankreich besaß einen eigenen Beamten für -das Arrangement seiner Orgien+ in der Person des „Intendant des -Menus-Plaisirs“ La Ferté[173]! - -Der berühmte Hirschgarten, jenes riesige Bordell, das die Marquise von -Pompadour König Ludwig XV. einrichtete, und zwecks dessen Füllung im -ganzen Lande Unterhändler tätig waren, um neue Schönheiten anzuwerben, -hat wohl die riesigsten Summen verschlungen, die je ähnlichen -Vergnügungen geopfert wurden. Man hat ausgerechnet, daß +jede -einzelne+ dieser Dämchen den öffentlichen Schatz +eine Million -Livres gekostet habe+. In Summa dürfte der Hirschpark während der -Zeit seines Bestehens +eine Milliarde Livres+ verschlungen haben, -die selbstverständlich nicht der König aus seiner Privatschatulle, -sondern das Volk zahlte. Bezeichnend ist die Erzählung Casanovas, -daß den Hirschpark, in dem die tollsten Orgien gefeiert wurden, die -sich vorstellen lassen, niemand besuchen durfte +außer die bei Hofe -vorgestellten Damen+[174]! - - * - -Nach Polizeiberichten ist festgestellt, daß im Oktober 1793 alltäglich -der Pariser Revolutionsgarten und namentlich die Galerien bei dem -Theater Montansier mit ganz jungen Burschen und Mädchen im Alter von -7-14 und 15 Jahren angefüllt waren, die sich fast öffentlich den -Ausschweifungen der infamsten Unzucht hingaben. Dabei waren sie „fast -nackt wie die Hand und boten den Vorübergehenden das entwürdigendste -Schauspiel.“ - -In derselben Zeit traten die berüchtigten pornologischen Klubs an -die Öffentlichkeit und veranstalteten +im Opernhaus nackte Bälle, -bei denen nur das Gesicht maskiert war+. Die Zahl der täglichen -Dirnenbälle stieg damals auf mehrere Hundert, auf denen die „Naktheiten -der Griechen und Römer“ zur Schau getragen wurden, wo in 23 Theatern -der Unzucht gefrönt wurde. - - * - -Paris hatte 1770 etwa 600000 Einwohner. Von diesen waren 20000 Dirnen. -Während der Revolution stieg die Zahl der letzteren auf 30000. - - * - -Wenn auch die Damen vom Ballett im allgemeinen nicht gegen den Vorwurf -der Askese in Schutz genommen werden müssen, so ist doch folgende -von Casanova erzählte Geschichte kennzeichnend für den Tiefstand der -Moral im damaligen Paris. Casanova sah eines Tages beim Ballettmeister -der Oper 5-6 junge Mädchen von 13-14 Jahren, sämtlich von ihren -Müttern begleitet und von bescheidenem, feinem Wesen. Er sagte ihnen -Schmeicheleien, die sie mit niedergeschlagenen Augen anhörten. Eine -von ihnen beklagte sich über Kopfschmerzen. Während Casanova ihr sein -Riechfläschchen bot, sagte eine ihrer Gefährtinnen: „Ohne Zweifel -hast du schlecht geschlafen.“ „Nein, das ist es nicht,“ erwiderte die -unschuldige Agnes, „ich glaube, ich bin in anderen Umständen.“ - -Casanova war erstaunt, da er das junge Mädchen natürlich für eine -Jungfrau gehalten hatte, und sagte: „Ich glaubte nicht, daß Madame -verheiratet wären.“ Sie sah ihn einen Augenblick überrascht an. -Dann wandte sie sich gegen ihre Gefährtin und beide lachten um die -Wette[175]. - - * - -Die damalige französische Dame betrachtete die respektvolle -Zurückhaltung ihr gegenüber als eine ihren Reizen zugefügte -+Beleidigung+[176]! - - * - -Der Klerus unterschied sich moralisch durchaus nicht von der übrigen -Bevölkerung. Die bei der Erstürmung der Bastille 1789 gefundenen Akten -über die Sittlichkeitsvergehen der Priester füllen zwei Bände! Ludwig -XV. wurde +jeden Morgen+ über die Auffindung von +Priestern in -Pariser Bordellen+ berichtet[177]! - - * - -Dafür verdanken wir heute den Klerikalen den famosen Entwurf, der unter -dem Namen „Lex Heinze“ fortleben wird, und in den Nonnenklöstern müssen -die jungen Mädchen +im Hemd ins Bad gehen+. So tugendhaft sind wir -jetzt! - - - - -Achter Abschnitt - -Schicklichkeit und anderes - - -Brantôme erzählt von einem französischen Prinzen, der häufig die -+Damen des Hofes+ zu Festlichkeiten einlud. Dabei wurde ihnen der -Wein in einem sehr schönen Becher von vergoldetem Silber gereicht, -der über und über mit lasziven und erotischen Darstellungen bedeckt -war. Die Damen hatten nun die Wahl, Durst zu leiden oder den Becher zu -benutzen. Die Mehrzahl, auch junge Mädchen, amüsierten sich köstlich -und führten an die Darstellungen anknüpfend die pikantesten Gespräche. -Brantôme, der selbst als Augenzeuge wiederholt zugegen war und aus dem -Becher trank, erzählt: „Bref, cent mille brocards et sornettes sur -ce sujet s’entredonnoient les gentilshommes et dames ainsi à table, -comme j’ay veu, que c’estoit une très-plaisante gausserie, et chose à -voir et ouir; mais surtout, à mon gré, le plus et le meilleur estoit à -contempler ces filles innocentes, ou qui feignoyent l’estre, et autres -dames nouvellement venues, à tenir leur mine froide, riante du bout -du nez et des lèvres, ou à se contraindre et faire des hypocrites, -comme plusieurs dames en faisoyent le mesme. Et notez que, quand elles -eussent deu mourir de soif, les sommelliers n’eussent osé leur donner -à boire en une autre coupe ny verre. Et, qui plus est, juroyent -aucunes, pour faire bon minois, qu’elles ne tourneroyent jamais à ces -festins; +mais elles ne lassoient pour cela à y tourner souvent+, -car ce prince estoit très-splendide et friand. D’autres disoyent, -quand on les convioit: „J’irai, mais en protestation qu’on ne nous -baillera point à boire dans la coupe;“ et quand elles y estoient, -elles y beuvoient plus que jamais. Enfin elles s’y avezarent si bien -qu’elles ne firent plus de scrupule d’y boire; et si firent bien mieux -aucunes, quelles se servirent de telles visions en temps et lieu; et, -qui plus est, aucunes s’en desbauchèrent pour en faire l’essay; car -+toute personne d’esprit veut essayer tout+. Voilà les effets -de cette belle coupe si bien histoirée. A quoy se faut imaginer les -autres discourts, les songes, les mines et les paroles que celles dames -disoyent et faisoyent entre elles, à part ou en compagnie[178].“ - -In der französischen Hofgesellschaft des 16. Jahrhunderts waren solche -kleinen Scherze an der Tagesordnung. Brantôme erzählt in unmittelbarem -Anschluß an diese Geschichte von einem schönen Bilde im Besitze des -Grafen Chasteau-Vilain, auf dem unbekleidete Frauen in allen möglichen -Stellungen und Beschäftigungen dargestellt waren derart, daß ein -Asket in Wallung geraten wäre. Eine Anzahl Damen mit ihren Kavalieren -besichtigten die Galerie und besonders dieses Gemälde sehr eingehend, -und eine von hohem Rang wandte sich „comme enragée de cette rage -d’amour“ zu ihrem Galan und sagte: „C’est trop demeuré icy: montons -en carosse promptement, et allons en mon logis, car je ne puis plus -contenir cette ardeur; il la faut aller esteindre: c’est trop bruslé.“ -„Et ainsi partit, et alla avec son serviteur prendre de cette bonne -eau qui est si douce sans sucre, et que son serviteur luy donna de sa -petite burette.“ - - * - -Wie es im 16. Jahrhundert bisweilen in Deutschland bei Hofe zuging, -lehrt die saftige Geschichte, die Zimmern in seiner Chronik (I, S. -439) von der Herzoginwitwe von Rochlitz geb. Landgräfin von Hessen in -Rochlitz erzählt. „Wie die Fraw gewesen, also auch das Frawenzimmer und -ire Jungfrawen; daher sagt man als Marggraf Albrecht von Brandenburg in -der schmalkaldischen Vechte von ir geen Rochlitz geladen, alda er auch -gefangen, da haben seine Edelleut allerlei Kurzweil mit den Jungfrawen -triben, under denen eine gewesen, die hat ein Edelman für sich uf den -Schoß gesetzt und mit andern seinen Gesellen gespillt. Nit wais ich, -wie es gangen, oder was sie für ain warme ader befonden, sie ist dem -Edelman in der Schoß über sich gesprungen und gehotzet, sprechend: ‚Ei, -er kutzelt mich.‘“ - - * - -Als Herzog Wilhelm von Gülch im Jahre 1540 die erst 12jährige Königin -von Navarra in Chatellerault heiratete, sie aber zur Vollziehung der -Ehe noch zu jung war, ließ, wie Zimmern erzählt (III, S. 343), König -Franz ihm für die Brautnacht eine +andere adelige Jungfrau+ -zuführen. „Man sagt, der Herzog von Gülch hab des Kunigs Gnad mit -Willen angenommen, auch sich die Nacht erwisen, +darob die Kunigin -von Navarra, sein Schwiger, und ir Dochter abnemen kunden, das er -gentil compaignon seie+, und soll der Jungfrawen des Morgens -ein Tausendt Guldin geschenkt haben. Die hets noch ein Monat also -angenommen. Dieser Hurenhandel (anders kan ich in nit haißen) ward -dozumal am Hof und menigclichem in Frankreich +fur ein sondere -gentilese gehalten+.“ - -Auch hinter den Kulissen ging es nach demselben Gewährsmann fidel zu: -„Hiebei kan ich nit underlassen zu vermelden, als der Herzog und die -jung Kunigin mit der Deckin beschlagen warden und die Ceremonia mit dem -Gesegnen und andern Solenniteten lang wereten, dowarden hiezwischen -etliche große Frawen und Jungfrawen hünder den Tapissereien und -courtines nach allem vorteil gepletzt; dann des Königs Söne und etliche -Cardinal und Fursten halfen einander und sahe ie einer dem andern durch -die Finger. Do must mancher gueter Gesell, der sein Weib, Schwester -oder Döchter deren emden het, schweigen und verdrucken, war dennost -fro, das er so wol daran war.“ - - * - -Daß man in Deutschland nicht gerade sehr zimperlich war, lehrt folgende -Geschichte, die derselbe Zimmern erzählt: „In gleichem Fahl haben -wir ein +erbare und namhafte Matron zu Augspurg+ kent, die hat -offentlich in einem Panket zu Augspurk alle Schleckbißle und Wollust -der Music und anders erzelt, ordentlich und mit sonderm Ufmerken der -Zuhörer, und letstlich den Beschluß irer Rede ohne ainiche Schew deren -gegenwurtigen angehankt: ‚Aber ein spanischer... ubertref solche -Delicias alle mit ainandern.‘“ Zimmern (III, S. 385) setzt natürlich -das richtige Wort. - -Mag man gegen diese Geschichte einwenden, sie sei ein einzelner Fall, -also kein charakteristisches Kulturdokument, so ist dem entgegen zu -halten -- selbst wenn man den sonstigen Ton vieler Chroniken gar -nicht in Rechnung setzen wollte -- daß Zimmern ausdrücklich von einer -„ehrbaren und namhaften Matron“ spricht. - - * - -Ein Seitenstück ist folgende Erzählung Zimmerns: „Bei wenig jaren -haben wir ain +Closterfraw+ zu Hapstal gehapt, ist ein Erkmenin -gewesen, sie hat gehaisen..., die hat kains sollichen Instruments -(wie Königin Marie, +Schwester Kaiser Karls V.+, von der eine -ähnliche Geschichte berichtet wird) bedorft, dann sie uf ain Zeit mit -dem Hanns Wolfen von Zulnhart und Jacob Gremlichen von Meningen umb -ain Gulden Wert Fisch verwettet, sie +welle in ain klainen silbernin -Becher+... (von mir ausgelassen!), +das kain Dröplin neben ab -gehen soll+; ist auch darauf +in ir aller Beisein und Insehen -uf ain Disch gestanden+ und das, wie oblaut und sie sich ußgethan -verricht, auch das Gewet damit gewonnen. Die andern Nunnen haben gleich -die Fisch holen lassen und kochen, haben sich nidergesetzt zu Tisch -und den Zulnhart und Gremlich dermaßen getrunken, das sie baid den -selbig Tag mit Muhe ire Heuser wider erraicht.“ (III, S. 284.) - - * - -Was im 16. Jahrhundert an deutschen Höfen alles passierte, erhellt -unter anderem aus des schlesischen Ritters Hans von Schweinichen -„Denkwürdigkeiten“ (S. 26). Im Jahre 1568 wurde die Hochzeit der -Elena, Herzogin zur Liegnitz, mit Siegmund Kurzbach auf dem Schlosse -Liegnitz gefeiert. „Den ersten Abend, wie sich Braut und Bräutigam -zusammengeleget haben, und sich nun die Fürstlichen Personen auch zur -Ruhe geben wollen, indessen führet die Braut im hohen Zimmer, gen -Schloß Raunstein, ein groß Geschrei an: ‚O herzer Herr Siegmund!‘ und -das gar oft wiederholet. Wenn ich denn als Kammerjunge in JFG. Zimmer -aufwarte und die Herzogin das Geschrei höret, heißt sie mich Lichter -anstecken, läuft in dem engen Gang hin nunter, schlägt in der hintern -Thür an, schreiet: ‚Herr Siegmund, seid Ihr thöricht, schonet doch, -meinet Ihr, Ihr habet eine Viehmagd bei Euch?‘ Herr Siegmund kehret -sich nicht daran, bis letztlichen alles stille ward (wie wohl zu -gedenken ist, was die Ursache des Stillschweigens gewest sei); also zog -die Herzogin nach dem Stillschweigen wiederum ab. Auf dem Morgen hielt -die Herzogin den Herrn Kurzbach bald das vor und fraget, warum er nicht -aufgemacht hätte. Der Herr Kurzbach saget, er hätte es nicht gehöret, -weil er gebalzet hätte wie der Auerhahn, und gab ein Lachen daran -und ging davon. Es wollte sich hernach ferner kein Geschrei erheben, -sondern die Hochzeit ward in allen Freuden verbracht.“ - - * - -Johann Wedel erzählt in seinem „Hausbuch“ (S. 511 f.) von einem -merkwürdigen Gesellschaftsspiele, das am Hof zu Stettin im Beginn des -17. Jahrhunderts gepflegt wurde und zwar nicht etwa nur im Fasching, -sondern das ganze Jahr hindurch: - -„Es werden viel zettel, drinn der könig und hoffes-ampter benannt, -geschrieben, welche alle, gleich wie mans mit den glückstöpffen hält, -zusammen vermischet, blindlings herausgenommen und allen hofsgenossen, -auch wohl bürgern in der stadt und andern, die man gerne bei der -gelächter-spiele haben wil, derer nahmen aufgeschrieben, jederm -einer derselben zugeschaft. Was nun für eine dignität oder ampt auf -den zettel verzeichnet, auf des nahmen es fällt, daß muß der, dem -derselbe zukömmt, annehmen und geschieht oft, daß der geringste diener -könig und hinwiederumb der fürst feuerbüter wird, das wird dann mit -großem gelächter angefangen, müssen sich die personen nach gebühr -des ampts, so ihnen zufällt, verkleiden, werden drauf sämtlich in -einer procession und ordnung mit trompeten herumbgeführet, darnach -mit einem freuden-mahl, drinn der diener, so nun könig ist, zu tische -oben ansitzet und der fürst, der ihm dienen muß, vorm tische stehet, -essen zuträgt und aufwartet, gemittelt, endlich mit dantzen, springen, -gesöffen und guten räuschen geschlossen und dann nichts weiter, denn -dabei keine rittermäßige übungen vermerckt werden. Welches affenwerk -ich so groß nicht zu tadeln, weniger aber zu loben weiß, vornemlich -wenn mans in einem stetigen gebrauch halten (Alles ding hat seine zeit) -und ein beständig jahrfest daraus machen und ohn unterscheid, so wol in -zeit der trauer, wie kurtz nach hertzog Barnims christmilder gedächtniß -todesfall geschehn, als freude üben wollte.“ - - * - -Ein Hauptvergnügen beim Tanzen der Bürgerschaft -- auf Hofbällen -war man anständiger -- im 15. und beginnenden 16. Jahrhundert war, -die Tänzerin hoch zu heben und zu schwenken „+das man jhn hinden -und vorne hinauff siehet biß in die weich, also das man jhr die -hübsche weiße beinle siehet+..“ Bei den Reigentänzen ging es -auch entsprechend zu, „da werden auch nit minder unzucht und schand -begangen, weder inn den andern, von wegen der schadtlichen und -schamparen hurenlieder, so darin gesungen werden, damit man das -weiblich geschlecht zu der geilheit und unkeuschheit anreizet“ sagt -Geiler.[179] - -In Zürich mußte im späteren Mittelalter von der +Behörde -verboten werden, nicht „bei nacktem Leibe“ auf dem Tanzboden zu -erscheinen+.[180] Geiler sagt, „bis auf den halben Rücken ist -alles bloß und nackt und vorn bis zu den Büsten, daß sie auch die -enthaltsamsten Männer locken können“. - -Über die noch Ende des 16. Jahrhunderts herrschenden Gepflogenheiten -beim Tanz und zwar in +guter Gesellschaft+ belehrt uns der -badische Rat und Obervogt zu Pforzheim Johann von Münster in seinem -1594 erschienenen „gott seligen Traktat vom ungottseligen Tanz“. Danach -kommt es gar nicht selten vor, daß der Kavalier „die Jungfrau oder -Frau, sobald sie ihm den Tanz geweigert hat, wider alle Billigkeit, -Rechtlichkeit und Recht +aufs Maul zu schlagen+ sich unterfing!“ -Wenn aber die Person bewilligt hat, den Tanz mit dem Tänzer zu halten, -treten sie beide herfür, geben einander die Hände, und +umfangen und -küssen sich nach Gelegenheit des Landes+. Wenn aber der Tanz zu Ende -gelaufen ist, bringt der Tänzer die Tänzerin wiederum an ihren Ort, -da er sie hergenommen hat, mit voriger Reverentz, nimmt Urlaub und -+bleibet auch wol auf ihrem Schoß sitzen+ und redet mit ihr. - -Übrigens war es in Südfrankreich, und wohl auch anderwärts, noch 1552 -Sitte, daß Männer Frauen mit einem Kuß begrüßten. Auch in England wurde -noch im 16. Jahrhundert der Gast durch küssen begrüßt[181]. - - * - -Im Jahre 1575 wollte die Herzogin von Liegnitz einem Bankett nicht -beiwohnen, weil die Hofmeisterin von Kittlitz, Freundin ihres Mannes -und ihre Feindin, anwesend war. Deshalb stellt der Herzog seine -Gemahlin zur Rede. Schweinichen, der als Kammerjunker zugegen war, -erzählt (S. 60 ff.): „JFG. redeten die Herzogin hart an, warum sie -nicht zum Tische kommen wollt, derwegen so wollten es JFG. haben, -daß sie zu Tische gehen sollte, weil JFG. viel ehrliche Leut und -Frauenzimmer eingeladen hätte. JFG. die Herzogin wollten zwar so gute -Worte nicht geben, sondern nach vielen Entschuldigungen fuhren JFG. -die Herzogin ’raus, sie möchte bei der Hure, der Kittlitzin, nicht -sitzen. Welches zwar den Herzog sehr verdroß, dutzet die Herzogin -und sprach: ‚Du sollst wissen, die Frau Kittlizin ist keine Hure;‘ -+schläget der Herzogin ein gut Maulschelle, davon die Fürstin auch -taumelt+. Also fahre ich zu, und fasse JFG. in die Armen, halte -etwas auf, bis sich die Fürstin in die Kammer salvieren kann. +Mein -Herr aber wollte der Herzogin nach und sie besser schlagen.+“ Die -Ohrfeige, die der Herzogin ein blaues Auge eintrug, alteriert den guten -Schweinichen sonst weiter nicht, nicht mehr jedenfalls als das Dutzen. -Noch am gleichen Tage wird Frieden geschlossen, wobei die Herzogin die -von Schweinichen zu übermittelnde +Bedingung+ stellt: „+Daß -freilichen der JFG. auf die Nacht in ihrer Kammer liegen wollten+ -(denn mein Herr sonsten in einem Vierteljahr bei der Herzogin nicht -gelegen)“. Außerdem nimmt die Hofmeisterin am Bankett nicht teil. Daß -die Herzogin aus Rache später die Ohrfeige ihrem Bruder, dem Markgrafen -von Ansbach, klagt, gehört nicht mehr hierher und wurde von ihr selbst -später bereut. - - * - -Der im 16. Jahrhundert bei Hofe herrschende Ton wird gut beleuchtet -durch die Gespräche, die Schweinichen in seinen Denkwürdigkeiten -verzeichnet. Nach einer kaum wiederzugebenden Unterredung mit dem -Herzog über die Gründe, die ihn verhindern, den Wünschen der Herzogin -von Liegnitz nachzugeben, hat er mit deren Freundin und Schwägerin, -einer Fürstin, folgendes erbauliche Zwiegespräch: „Die Frau Kurzbachin -Wittwe saget wider mich: ‚Ihr und euer Herr könnet nichts, man soll -euch alle beide ausschneiden.‘ Darauf gab ich Antwort: ‚Gnädige Frau, -wie käme ich dazu? Ich weiß nicht, was mein Herr kann, aber das weiß -ich von mir, daß ich es wohl kann, und da EFG. nicht glauben, so -+versuchen Sie’s+. Wann Sie es probieren würden, wollt ich wohl -sicher des Ausschneidens sein.‘ Da fing die Frau Kurzbachin an zu -+lachen+: ‚Wann ihr und euer Herr so thätig seid, +so hättet -ihr uns eines Theiles nächten drunten behalten+, daß wir heute -Brautsuppen gessen hätten; wir mußten aber unbeschnaubert wieder ’rauf -ziehen.‘ Ich gab zur Antwort: ‚Gnädige Frau, ich habe im Tanzen nächten -das meinige gethan, ich wollte im andern auch als ein gut Mann gethan -haben, daß ich ein gut Lob davon gebracht, wann es mir so gut hätte -werden wollen.‘ Die Frau Kurzbachin aber hielt auf dem ihrigen, ich -konnte nichts. Da bot ich ihr Trotz an, es zu versuchen, gab sie mir -die Antwort, +sie wollt mich tummeln, daß ich das Aufstehen vergessen -sollt+; dabei blieb es, Satis.“ (S. 157.) - - * - -Liselotte von der Pfalz schreibt unterm 25. August 1719: „Ich kann -nicht leiden, daß man mich an den Hintern rührt, denn es macht mich so -toll, daß ich nicht mehr weiß, was ich tue; ich hätte Mr. le Dauphin -schier eine brave Maulschelle gegeben, denn er hatte die schlimme -Gewohnheit, aus Possen, wenn man sich setzte, +einen die Faust mit -ausgestreckten Daumen unter den Hintern zu stellen+. Ich bat ihn, -um Gottes willen die Possen bleiben zu lassen, das Spiel mißfiel mir zu -sehr, und machte mich so bös, daß ich nicht gut dafür sein konnte, ihm -eine brave Maulschelle zu geben, daß ehr gethan als gedacht sein würde; -da hat er mich mit Frieden gelassen.“[182] - -Der Dauphin würde kaum diese Flegeleien sich angewöhnt haben, hätten -nicht andere Damen des Hofes daran Gefallen gefunden. - - * - -Zimperlichkeit kann man überhaupt den damaligen Damen nicht vorwerfen. -Liselotte schreibt u. a. am 21. November 1720: „Wenn Mr. Law wollte, -würden ihm die französischen Damen wohl, mit Verlaub, den Hintern -küssen; sie sehen, wie wenig scrupuleux sie seyn, ihn pissen zu sehen; -er wollte Damen keine Audienz geben, weil ihm gar Noth zu pissen -war, wie er es den Damen endlich sagte, antworteten sie: +cela ne -fait rien, pissés et écoutés nous+, also blieben sie so lange bei -ihm.“[183] - - * - -Für Zustände und Briefton gleich charakteristisch ist der Brief der -Liselotte an die Kurfürstin von Hannover vom 9. Oktober 1694: „Vous -etes bien heureuse d’aller chier quand vous voulés; chiez donc tout -votre chien de sou. Nous n’en sommes pas de même ici, oû je suis -obligée die garder mon etron pour le soir; il n’y a point de frotoir -aux maisons du coté de la forest. J’ai le malheur d’en habiter une, et -par consequent le chagrin +d’aller chier dehors+, ce qui me fache, -parceque j’aime à chier à mon aise, et je ne chie pas à mon aise, quand -mon cul ne porte sur rien. Item +tout le monde nous voit chier+; -il y passe des Hommes, des femmes, des filles, des garçon, des Abbés -et des Suisses; Vous voiez par là, que nul plaisir sans peine, et que -si on ne chioit point, je serois à Fontainebleau comme le poisson dans -l’eau. Il est trés chagrinant que mes plaisirs soient traversés par des -etrons... Soyez à table avec la meilleure compagnie du monde, qu’il -vous prenne envie de chier, il faut aller chier...“ und so fort[184]. - -Die Kurfürstin antwortet unter dem 31. Oktober in derselben Tonart: -„.. Enfin vous avez la liberté de chier partout quand l’envie vous en -prend, vous n’avez d’egard pour personne, le plaisir qu’on se procure -en chiant vous chatouille si fort que sans egard au lieu ou Vous vous -trouvez, +Vous chiez dans les rues, Vous chiez dans les allées, -vous chiez dans les places publiques, vous chiez devant la porte -d’autruy+ sans vous mettre en peine, s’il se trouve bon ou non, et -marque que ce plaisir, est pour le chieur moins honteux que pour ceux -qui le voyent chier, c’est qu’en effet la commodité et le plaisir ne -sont que pour le chieur...“ - - * - -Liselotte schrieb am 5. Mai 1716 über den +Dauphin: „Er hatte gern, -daß man ihm auf dem Kackstuhle entretenierte+, aber es ging +gar -modest+, denn man sprach mit ihm, und wandte ihm den Rücken zu; -ich habe ihn oft so entreteniert, in seiner Gemahlin Kabinett, die -lachte von Herzen darüber, schickte mich allzeit hin, ihren Herrn zu -entretenieren“[185]. - - * - -Da Friedrich Wilhelm I. von Preußen mit schwermütigen Anwandlungen -zu kämpfen hatte, bewog ihn seine Umgebung 1728, einen Besuch bei -König August dem Starken zu machen, der wohl den glänzendsten Hof -damals in Europa hielt. Wie die Markgräfin von Bayreuth erzählt, -verabredete Grumkow mit König August, um den sehr sittenstrengen -preußischen König zu erheitern bzw. zu verführen, nach einem opulenten -Diner ein eigenartiges Attentat auf seine Tugend. Die beiden Könige -besuchten im Domino eine Redoute und gingen dort plaudernd von einem -Zimmer ins andere, bis sie in ein schönes und großes Gemach kamen, -„in welchem alles Gerät äußerst prächtig war, mein Vater bewunderte -alle diese Schönheit, als plötzlich eine Tapetenwand niedersank und -das befremdenste Schauspiel sich darstellte. +Ein Mädchen+, -schön wie Venus und die Grazien, lag nachlässig auf einem Ruhebette, -+in dem Zustand unsrer ersten Eltern vor dem Sündenfall+ zeigte -sie einen Körper, wie Elfenbein so weiß und schöner, als der der -mediceischen Venus.“ Die berechnete Wirkung auf Friedrich Wilhelm -blieb aus. Immerhin zeigt dieser Vorfall, was man selbst in relativer -Öffentlichkeit im galanten Jahrhundert wagte. Die ganze Angelegenheit -wird auch nicht harmloser durch die +Gegenwart des sechzehnjährigen -Kronprinzen+, nachmaligen Friedrich des Großen[186]! - -Auch die öffentliche Sittlichkeit hat sich wesentlich erst seit der -französischen Revolution gehoben, wenigstens bei uns. In Halbasien ist -es so wie früher geblieben. - -Nach Zeitungsmeldungen wurde vor einigen Jahren auf einem von König -Alexander von Serbien gegebenen +Hofballe+ ein +Korsett+ -gefunden! - -In Deutschland aber gibt es Scharen von Männern, denen -Unsittlichkeitsschnüffelei und Prüderie schon längst Rang und Titel von -Eunuchen honoris causa eingetragen haben sollten. Aber wahres Verdienst -wird eben nicht mehr gebührend anerkannt. - - - - -Neunter Abschnitt - -Medizinisches - - -Im Anfang des 13. Jahrhunderts untersagte Papst Honorius III. aus -Mißachtung des ärztlichen Standes allen Geistlichen die Ausübung der -Heilkunde. - -Auf der Würzburger Diözesan-Synode vom Jahre 1298 wurde den Geistlichen -nicht nur die Ausübung der Wundarzneikunst, sondern sogar die -+Gegenwart bei chirurgischen Operationen ausdrücklich untersagt+. -Dadurch wurde die Wundheilkunst mit einem Makel befleckt[187]. - -Noch im Jahre 1416 wies die Wiener Fakultät einen Chirurgen, der -sich zur Doktorwürde meldete, als unverschämten Menschen zurück. -Im Jahre 1456 graduierte sie jedoch einen Doktor der Chirurgie. -Immerhin mußte noch im Jahre 1577 Kaiser Rudolf II. ausdrücklich die -+Ehrlichkeitserklärung der Wundärzte wiederholen+[188]. - -Bis zum Jahre 1912 hatten in Bayern zwar die aus dem -Unteroffiziersstande hervorgegangenen Feuerwerksoffiziere -+Hofzutritt, nicht aber die Militärärzte, mit Einschluß des -Generalstabsarztes der Armee, der im Range eines Divisionskommandeurs -steht!+ - - * - -Eine Lehre, die noch heute mancher Arzt befolgt, gibt Arnoldus -Villanovanus, der um das Jahr 1300 in Montpellier als medizinischer -Lehrer wirkte: „Weißt du bei Betrachtung des Urins nichts zu finden, so -sage, es sei eine ‚Obstruktion‘ der Leber zugegen. Sagt nun der Kranke, -er leide an Kopfschmerzen, so mußt du sagen, sie stammen aus der Leber. -Besonders aber gebrauche das Wort ‚Obstruktion‘, weil sie es nicht -verstehen, und es kommt viel darauf an, daß sie es nicht wissen, was -man spricht[189].“ - - * - -Gegen Geisteskranke hatte man sehr nachdrückliche Mittel. Wurden sie -lästig, dann legte man sie ins Gefängnis, rasten und tobten sie, an -die Kette. Geisteskranke Fremdlinge aber schaffte man über die Stadt- -oder Landesgrenze, nicht ohne sie gehörig ausgepeitscht zu haben, damit -ihnen die Lust zur Rückkehr verging[190]. - - * - -Der dicke Markgraf Dedo litt sehr unter der Fettsucht. Sein Arzt -bewog ihn dazu, sich den +Leib aufschneiden zu lassen+, um das -überflüssige Fett zu entfernen. Natürlich starb er (1190) an dieser -Prozedur[191]. - - * - -Herzog Leopold von Österreich war am 26. Dezember 1194 bei einer -ritterlichen Übung vom Pferde abgeworfen worden und hatte den -Unterschenkel so unglücklich gebrochen, daß die Knochensplitter -eine Spanne lang aus der Haut hervorragten. Die herbeigerufenen -Ärzte ordneten das Nötige an, amputierten aber den Fuß nicht. Als -er am andern Morgen schwarz geworden war, galt die Amputation als -unerläßlich, aber niemand wagte sie vorzunehmen. +Da setzte der -Herzog selbst das Beil auf sein Schienbein, sein Kämmerer schlug -dreimal mit dem Hammer darauf+, und so wurde das kranke Glied -entfernt. Er starb am 30. Dezember. Nerven hatten diese Herren! - - * - -Als Kaiser Otto II. an einer der in südlichen Klimaten so häufigen -Verdauungsstörungen litt, nahm er -- natürlich auf ärztliche Anordnung --- eine Dosis von 17½ +Gramm Aloe+, an der er auch starb. Ein -Bruchteil dieser Menge hätte schon seinen Tod herbeiführen müssen. - -Kaiser Otto IV. starb nicht minder unromantisch. Im Frühjahr 1218 nahm -er, wie alljährlich, ein Abführmittel. Er vergriff sich in der Dosis, -ob aus eigenem Verschulden oder aus Schuld des Arztes, entzieht sich -unserer Kenntnis, und ging nach fünf Tagen kläglich zugrunde. - - * - -Nicht ohne einigen Humor ist das Abenteuer, das Albrecht I. widerfuhr, -als er beim Genuß von Fisch und Wildprett plötzlich von heftigem -Unwohlsein befallen wurde. Der Verdacht, vergiftet zu sein, war -groß und bei den damaligen politischen Methoden a priori auch nicht -unbegründet. Er ließ deshalb sofort Ärzte kommen, die mit Latwergen, -Theriak und Aromaten ihm vergebens zu helfen suchten. Da hing man den -Fürsten bei den Füßen auf, damit das Gift aus Augen, Ohren, Nase und -Mund herausrinnen könne! Begreiflicherweise verlor Albrecht bei dieser -Kur die Besinnung und -- ein Auge, dessen Stern durch die Wirkung des -Giftes oder der Heilmethode dauernd zerstört blieb. Auch behielt er -zeitlebens eine fahle Gesichtsfarbe. - -Unterdessen hatten sich die zwei Edelknaben, die den König bei Tisch -bedient hatten, als sie sein Unwohlsein bemerkten, um den Verdacht -der Vergiftung von sich abzuwälzen, auf die inkriminierten Speisen -gestürzt, würgten sie hinunter und -- blieben gesund oder doch -jedenfalls am Leben. Danach gewinnt es den Anschein, als hätten die -Ärzte -- unter denen wir uns hier, wie in den obigen Fällen, nicht etwa -Stümper, sondern die ersten +Koryphäen+ ihrer Zeit zu denken haben --- ihre Gewaltmittel nicht gegen Gift, sondern gegen ganz harmlose -Leibschmerzen angewandt. - - * - -Ein Jahrhundert später verfuhr man nicht wesentlich anders. Kaiser -Sigismund erkrankte bei der Belagerung von Znaim im Jahre 1404 heftig -an Gift zugleich mit dem 27jährigen Herzog Albrecht von Österreich, -der dem Anschlag auch erlag. Sigismund wurde von seinem Leibarzt -an den Füßen aufgehängt. so daß die Brust auf einem Kissen auf -dem Boden ruhte, um das Gift aus dem Munde abfließen zu lassen. In -dieser peinlichen Situation mußte der Fürst 24 Stunden aushalten. -Merkwürdigerweise überwand die starke Natur des nachmaligen Kaisers -sowohl Gift wie Heilmethode und er genaß völlig, wie der Arzt mit Stolz -behauptete, lediglich dank seiner genialen Kur. - - * - -Im ganzen Mittelalter ist die +Ehe mit Wahnsinnigen+ aus -politischen Gründen an der Tagesordnung. - - * - -Die Gemahlin Kaiser Maximilians I., die schöne Maria von Burgund, -ritt, obwohl bereits mehrere Monate guter Hoffnung, eine Jagd, stürzte -und starb an den Folgen. Ebenso ging Maria, Kaiser Sigmunds Gemahlin, -zugrunde. Die Rücksicht auf die Gesundheit wurde im Mittelalter -so völlig außer acht gelassen, daß man +gar kein Bedenken trug, -schwangere Frauen Jagden reiten zu lassen+. - - * - -Wie gering bis in die neuere Zeit die Achtung vor dem medizinischen -Wissen war, ergibt sich u. a. aus den Komödien Molières. Als Gil Blas -schwer erkrankt in einem Orte liegen bleibt, dünkt er sich gerettet, -weil dort kein Arzt sei. - - * - -Die +Leichenöffnung+ wurde vom Papst noch anfangs des 14. -Jahrhunderts untersagt, was allerdings den Senat von Venedig nicht -abhielt 1308 zu bestimmen, daß zum Zweck anatomischer Studien jährlich -eine Leiche geöffnet werde. In Prag wurde auch bereits unter Karl -IV. ein Verbrecher im Gefängnis „abgestochen“ und die Leiche zu -wissenschaftlichen Zwecken zergliedert. In Holland hob erst Philipp II. -im Jahre 1555 das Verbot, Leichen zu sezieren, auf, aber nur die von -Hingerichteten durften zu solchen Zwecken verwandt werden. Noch kurz -vorher war es für den Mediziner mit nicht geringen Gefahren verbunden, -sich in den Besitz von Leichen zu setzen. So erzählt Felix Platter -in seiner Selbstbiographie (S. 232 ff.), daß er 1554 frische Kadaver -heimlich ausgraben mußte. Die Sektionen nahmen nicht nur Ärzte, sondern -auch Maler vor. Die erste Frau wurde erst 1720 in den Niederlanden -seziert[192]. Dagegen hat Kaiser Ferdinand schon 1559 dem Arzt -Thurneyßer in Tirol eine Frau überwiesen, der die Adern geöffnet worden -waren[193]. - - * - -Oswald Croll gab in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts folgende -Beschreibung zur Bereitung der +Mumienlatwerge+: „Man soll den -todten Cörper eines rohen, gantzen, frischen und unmangelhaften -24jährigen Menschen so entweder am Galgen erstickt oder mit dem Rade -justiciert oder durch den Spieß gejagd worden, bei hellem Wetter, -es sei Tag oder Nacht, erwehlen... in Stücke zerschneiden, mit -pulverisierter Mumia und ein wenig Aloë bestreuen, nachmals einige Tage -in einem gebrannten Wein einweichen, auffhenken, wiederumb ein wenig -einbeitzen, endlich die Stück, in der Lufft aufgehänkt, lassen trucken -werden, biß es die Gestalt eines geräucherten Fleisches bekommt und -allen Gestank verliert, und zeugt letzlichen die ganze rothe Tinktur -durch einen gebrannten Wein oder Wacholdergeist nach Art der Kunst -heraus.“ Aus dieser Tinktur wurde dann mit andern Arzneistoffen eine -höllische Latwerge bereitet, die vor der Pestilenz schützen und sie -heilen sollte[194]. - - * - -Noch zu Ende des 18. Jahrhunderts las ein bekannter Arzt ein -+Publikum+(!) an einer deutschen Universität, das im Lektionskatalog -angekündigt war: „+De variis concubitus modis+“. Also sogar in die -intimsten Winkel von Amors Reich drang die Wissenschaft ein, sicherlich -nicht, ohne zahlreiche und begeisterte Jünger zu finden. Über dieselbe -Materie gab es bei den Griechen verschiedene Schriften unter den -Namen der Astyanassa, der Cyrene, Elephantis und Philänis, +lauter -Damen+! Bekannt sind Ovids Anweisungen in seiner Ars amatoria III, 771 -ff.[195] und ein indisches Seitenstück, das an Wissenschaftlichkeit -und gründlicher Erschöpfung des Themas seinesgleichen sucht, ist -das Kamasutram des Vatsyayana, das Richard Schmidt aus dem Sanskrit -übersetzte. - - * - -In den Jahren von 1727-1762 herrschte in Frankreich eine merkwürdige -Massenepidemie, „Konvulsionen“ genannt, die den St. Medarduskirchhof -zu Paris zum Mittelpunkt hatte. Frauen, Mädchen, Kranke jeder Art -füllten den Kirchhof mit den angrenzenden Straßen und konvulsionierten -dort um die Wette. Frauen luden, lang hingestreckt, die Zuschauer ein, -+auf ihren Bauch zu schlagen+, und beruhigten sich nicht eher, -als bis 10-12 +Männer sich mit voller Gewalt über ihnen aufgetürmt -hatten+. Natürlich hatte diese fromme Seuche eine erotische Färbung -und trug nicht wenig bei, die sexuelle Zügellosigkeit zu verbreiten. -Bezeichnend dafür ist, daß die Frauen bei ihren Anfällen niemals andere -Frauen, sondern +stets Männer+ zur Hilfe riefen, und zwar junge -und kräftige Männer. Dazu kleideten sie sich höchst indezent, zeigten -stets Neigung zu adamitischer Entblößung, nahmen laszive Stellungen an, -warfen verlangende Blicke auf die zu Hilfe eilenden Männer, und es kam -vor, daß sie -- natürlich in ihrer Muttersprache -- mit lauter Stimme -riefen: Da liberos, alioquin moriar! - -Die Frauen luden die Männer ein, „Bauch, Busen und ihre Schenkel zu -Promenaden zu benutzen“ und mit ihnen zu „kämpfen“. Die Folge waren -zahlreiche Entbindungen dieser sonderbaren Heiligen[196]. - - * - -Daß die Flagellanten ähnlich sich gebärdeten, ist hinlänglich bekannt. - -Bei den Geißelungen unterschied man zwei „+Disziplinen+“, die -„+obere+“ und die „+untere+“, letztere fand besonders bei den -Frauen den meisten Beifall. - -Eine wesentlich anmutigere Manie herrschte in den deutschen -Nonnenklöstern im 15. Jahrhundert. Damals kam eine Nonne auf den netten -Einfall, eine andere zu +beißen+. Dieser gefiel der Spaß, und sie -biß wieder eine andere, bis schließlich das Beißen zu einer Epidemie -wurde, die sich mit rasender Schnelligkeit von einem Nonnenkloster zum -andern verbreitete; bald bissen sich alle Klosterkätzchen vom Belt bis -nach Rom[197]! - -Viele von uns werden sich auch noch der Kußepidemie erinnern, deren -Opfer der Leutnant Hobsen war, der im spanisch-amerikanischen Kriege -sein eigenes Schiff „Merrimac“ in die Luft gesprengt hatte. Nach jedem -Vortrag, den der Arme hielt, stürzten sich die sonst so zurückhaltenden -amerikanischen Damen auf ihn, um ihn zu küssen. - -In einem flandrischen Kloster fing plötzlich eine Nonne an in ihrem -Bett höchst befremdliche Bewegungen zu machen. Auch das steckte an, -und bald arbeiteten die Nonnen sämtlich des Nachts so heftig, daß -die Bettstellen knackten. Da sich das sonderbare Übel von Kloster -zu Kloster fortpflanzte, sah sich die Geistlichkeit gezwungen, von -Amts wegen einzuschreiten. Mit Weihwasser und Wedel gelang es auch -- -wie ja nicht anders zu erwarten -- den +Teufel+ aus den Nonnen -auszutreiben[198]. - - * - -Vielleicht können wir hier einiger anderer Manien gedenken, die zwar -ganz anderen Motiven entsprangen, auch keinerlei erotischen Einschlag -aufweisen, aber durch die weite Verbreitung und große Heftigkeit ihres -Auftretens den Charakter von Massenwahnsinn annehmen. - -Im Byzanz des 5. Jahrhunderts wütete eine das ganze Volk beherrschende -Leidenschaft: die der +dogmatischen Spitzfindigkeiten+. Es ist die -Zeit der Dogmenbildung, eines Nestorius, und dieses Bestreben, eine -möglichst reine Lehre festzusetzen, ließ auch die unteren Volkskreise -nicht zur Ruhe kommen. Die Frage nach der Gottähnlichkeit oder -Gottgleichheit war ein allgemein mit größtem Eifer und Spitzfindigkeit -diskutiertes Thema, das jedes andere Interesse verdrängte[199]. - - * - -Eine ähnliche, allerdings minder trockene Manie hatte die Araber -Spaniens für die +Poesie+ ergriffen. Das ganze Volk war von der -Leidenschaft des Reimens und Versemachens ergriffen, Lied und Spruch -ertönten überall. Dichter waren einflußreiche Ratgeber der Fürsten, mit -Ehren und Reichtum überschüttet; ein glücklich gefundener Reim, ein -feines Bild, eine kunstvolle metrische Wendung vermochten dem Urheber -eine glänzende Laufbahn zu erschließen. - - * - -Die Kreuzzüge als Massenpsychose zu bezeichnen, ließe sich -sicherlich rechtfertigen. Aber selbst wer davor zurückschreckte, -eine zwei Jahrhunderte anhaltende, mindestens eine Million der -tüchtigsten Krieger vernichtende Periode unserer Geschichte als -pathologische Erscheinung zu bezeichnen, wird nicht anstehen, dies dem -+Kinderkreuzzuge+ des Jahres 1212 in Südfrankreich gegenüber zu -tun. Damals zogen 30000 Kinder unter Führung des Hirtenknaben Etiennes -dem sicheren Untergang entgegen. Von den sieben Schiffen, die die -Kinder in Marseille bestiegen, gingen zwei unter. Die fünf anderen -gelangten nach Ägypten, wo die Kinder als Sklaven verkauft wurden. - - * - -Daß auch in unserer, anscheinend religiös so aufgeklärten Zeit noch -Massenpsychosen ähnlicher Art, wie Flagellantentum und Veitstanz -im Mittelalter möglich sind, möge aus folgendem hervorgehen: In -Morzine-Savoyen herrschte eine „Besessenheitsepidemie“ von 1857-1862; -im südlichen Baden die „Predigerkrankheiten“ von 1852 auf 53 und -im Jahre 1888 in Nilsiac in Finnland. Tanzseuchen grassierten im -Anfang des 19. Jahrhunderts in Abessinien, 1863/64 in Madagaskar -und 1868-73 bei den Lappen. Noch heute existiert die sich selbst -verstümmelnde Sekte der Skopzen in Rußland, der Duchoborzen in Kanada, -die splitternackt im eisigen Winter ausziehen auf die Suche nach dem -Heiland. Im Jahre 1896 beobachtete man eine Epidemie im Gouvernement -Kiew, die durch die Predigten einer verrückten alten Frau gegen -Vornahme einer Volkszählung hervorgerufen war. Dreißig Personen ließen -sich lebendig begraben und fanden so einen schaudervollen Tod. - -Daß aber sogar in der Gegenwart in Deutschland religiöse Epidemien -vorkommen, lehrte uns das Jahr 1907. Damals wurden im „Blauen Kreuz“ -in Kassel den ganzen Juli hindurch täglich religiöse Versammlungen -veranstaltet, wobei Verzückungszustände, Erleuchtungen und das -sogenannte Zungenreden eine Rolle spielten. Ein Rausch, eine religiöse -Extase bemächtigte sich der Versammlung. Mit Gesängen, lauten -Sündenbekenntnissen und Bußreden mischten sich unartikulierte Töne, -wildes Stammeln, Stöhnen, Schreien. Man erblickt verzerrte Gesichter, -rasende Gebärden, Menschen, die wie ohnmächtig zu Boden sinken und halb -bewußtlos um sich schlagen. Irgend jemand springt plötzlich auf und -stößt unverständliche Rufe aus, die der Versammlungsleiter dann als -Ausfluß überirdischer Erleuchtung deutet. Ein lauter Jubel erhebt sich, -man wirft sich auf die Knie, umarmt sich, Geständnisse entringen sich -den bebenden Lippen, Frauen behaupten Visionen zu haben, die Erregung -erreicht ihren Höhepunkt. - -Schon nach wenigen Wochen hatte sich die Bewegung auf die Nachbarorte -Kassels verbreitet und zwar lieferte die Landbevölkerung das stärkste -Kontingent. Widerspruch oder Versuche der Aufklärung wurden in der -Versammlung dadurch beantwortet, daß man den Teufel hinauswarf. Da es -in den ersten Augusttagen zu schweren Schlägereien kam, wurden diese -religiösen Versammlungen hinfort von der Polizei verboten[200]. - - * - -Der Engländer John Evelyn besuchte im Jahre 1641 die Kirmes von -Rotterdam und erzählt darüber in seinem Tagebuch: „Der jährliche Markt -oder die Kirchweih von Rotterdam war derart mit Bildern ausgestattet,.. -daß ich überrascht war... Der Grund für diese Menge von Bildern und -ihre Billigkeit ist darin zu suchen, daß die Leute Mangel an Land -haben, um ihr Geld darin anzulegen, so daß es eine +gewöhnliche -Erscheinung ist, einen simplen Bauern+ 2000-3000 L. St. +auf diese -Weise anlegen zu sehen+. Ihre Häuser sind damit angefüllt, und sie -verkaufen sie auf ihren Jahrmärkten mit großem Gewinn[201].“ Es dürfte -in der Kulturgeschichte ein einzig dastehender Fall sein, daß +Bauern -ihr Vermögen in Kunstwerken anlegen+. - - * - -Den Türken verdankt Europa die Bekanntschaft mit der Tulpe, deren -erstes blühendes Exemplar der berühmte Conrad Geßner im Jahre 1559 -im Garten eines Augsburger Patriziers sah. Wenige Dezennien später -war die schöne Blume in Europa verbreitet, und besonders in Holland -entstand eine solche Leidenschaft, seltene und wunderliche Abarten -und Farbenmischungen zu erzeugen, daß sie in der ersten Hälfte des -17. Jahrhunderts geradezu zu einer nationalen Katastrophe führte. -Man kaufte und verkaufte +Tulpen auf Zeit+ und Entrichtung der -Differenz zwischen dem vereinbarten und am Verfalltage notierten -Preise. Man zahlte für einzelne Zwiebeln bis zu 2000 hol. Gulden und -mehr; das ganze Volk war von diesem Spekulationsfieber ergriffen, -wohl dem ältesten seiner Art im christlichen Abendlande. Als 1637 -plötzlich die Ernüchterung eintrat, waren große Verschiebungen in den -Besitzverhältnissen und nachhaltige Verkehrsstockung die Folge[202]. - -Eine ähnliche Manie knüpfte sich an die von Law im August 1717 -gegründete „+Mississippigesellschaft+“. Die Leidenschaft für -deren Aktien war so maßlos, daß binnen eines Jahres statt 500 Livres -pro Stück 18000 angelegt wurden. Die Folge war Staatsbankerott und die -größte Börsenkrisis, die die Welt bisher gesehen hatte[203]. - - * - -+Ärztinnen+ -- nicht etwa nur mit Hausmitteln im Bedarfsfalle -aushelfende Frauen, die es zu allen Zeiten gab -- existierten bereits -an der medizinischen Schule in Salerno. Besonders berühmt ist Trottula, -die im 11. Jahrhundert alle an Ruf überstrahlte. Im 12. Jahrhundert -gab es dort eine ganze Reihe, die viele medizinische Rezepte erfanden -und anwandten. Eine von ihnen, Mercuriade, soll sogar in der Chirurgie -Hervorragendes geleistet haben. Vom 10. September 1321 hat sich ein -Dokument erhalten, in der Francisca, Gemahlin des Matthäus de Romana, -die Erlaubnis erhält, in Salerno +chirurgische Praxis+ auszuüben, -da sie „nach wohlbestandenem Examen“ ein Zeugnis der Universität -Salerno besitze. Der Herzog Karl von Kalabrien sagt ausdrücklich, -daß das Gesetz den Frauen die Ausübung der Medizin gestatte. Daß man -im Mittelalter männliche Ärzte möglichst vom weiblichen Geschlechte -fernzuhalten suchte, war dem Aufkommen der Ärztinnen günstig. Den -Ärzten war es nach einem westgotischen Gesetz des 6. Jahrhunderts -ausdrücklich verboten, Frauen in Abwesenheit ihrer Verwandten die Ader -zu schlagen. - -Bereits 1351 gab es in München eine Augenärztin. Während nach langer -Pause 1807 eine Dame, Regina Josepha von Siebold, in Würzburg studieren -durfte, hat man noch bis 1910, ja in einigen Staaten bis heute, trotz -gleicher Vorbildung und gleicher Examina wie sie die männliche Jugend -absolviert, +den Frauen+, mit Ausnahme von Bayern und Baden, die -+Immatrikulation auf den deutschen Universitäten versagt+[204]. - - * - -Im ancien régime herrschte der Glaube, die Hand des Königs könne von -Skrofeln befreien. Deshalb wurde 6-7 mal im Jahre in den Kirchen -bekannt gegeben, daß der König „berühren“ würde. Dann fanden sich -in Versailles 700-800, auch noch mehr, Kranke ein, die mit den -nötigen Abständen in Reihen aufgestellt und ausgerichtet wurden. -Die königlichen Ärzte untersuchten sie, ob sie auch wirklich krank -waren, was nötig war, da viele Simulanten sich einschmuggelten. -Da nämlich der König jedem Skrofulösen zwei Sous, den von auswärts -zugereisten sogar fünf Sous einhändigen ließ, versuchte mancher ein -Geschäft aus dieser heiligen Handlung zu machen. Nach der Untersuchung -erschien der König, dem ein Hauptmann der Garden voranschritt, mit dem -Großalmosenier und einigen Herren vom Dienst. Die Ärzte hielten dem -sich auf die Knie niederlassenden Kranken, von beiden Seiten hinter ihm -stehend, den Kopf, während der Gardehauptmann die Hände des Knienden -zwischen die seinigen nahm, um ein Attentat zu verhüten. Dann trat -der König an den Kranken heran und machte ihm mit der bloßen Hand vom -Kopf zum Kinn und vom einen Ohr zum andern streichend das Zeichen des -Kreuzes mit den Worten: „Der König berührt, Gott heilt dich.“ Dann -wurde der Patient mit seinen Sous abgeführt, um nicht nochmals die -Zeremonie und vor allem die königliche Freigebigkeit in Anspruch nehmen -zu können[205]. - -Ob der König mit seiner appetitlichen Tätigkeit viele Heilerfolge -erzielte, wird nicht berichtet. - - * - -Der berühmte Arzt, Dr. Thomas +Dover+, der Erfinder der nach ihm -benannten, heute noch gebräuchlichen Pulver, war ein +erfolgreicher -Seeräuber+! Um 1660 geboren ließ er sich nach Beendigung seiner -Studien in Bristol nieder, erwarb sich einiges Geld und unternahm -hierauf mit einigen Kaufleuten eine privilegierte Kaperexpedition. Auf -der Insel Juan Fernandez entdeckte Dover 1709 als einzigen Bewohner -den schottischen Matrosen Alexander Selkirk, der hier vier Jahre und -vier Monate zugebracht hatte. Bekanntlich ist dieser Selkirk der Urtyp -der Robinson Crusoe-Geschichte geworden. Hierauf erstürmte Dover die -beiden Städte von Guayaquil und kehrte mit seiner Expedition der -peruanischen Küste entlang über Kalifornien und den Stillen Ozean im -Jahre 1711 mit einer Beute von etwa 3½ Millionen Mark, von denen -Dover einen beträchtlichen Anteil erhielt, nach England zurück. Nach -einigen weiteren Reisen ließ sich Dover in London nieder, wo er -u. a. „Des alten Arztes Erbe“ (The Ancient Physicans Legacy), das 1733 -erschien, schrieb. Es war eine populär-medizinische Abhandlung, -verfaßt, um dem Autor Praxis zu verschaffen[206]. - - * - -Georges Mareschal, ursprünglich Barbier, dann Leibchirurg Ludwigs XIV. -wurde ein so gewandter Operateur von Blasensteinen, daß er einmal -acht Patienten in wenig mehr als einer halben Stunde von ihrem Leiden -befreite. Er brachte es auf ein Jahreseinkommen von 300000 Frank! -Allerdings erhielt er für einen Aderlaß jedesmal 2500 Frank[207]! - - * - -Bezeichnend für den Unfug, der damals mit der Klistierspritze, einer -Erfindung des holländischen Arztes Reynier de Graaff, getrieben wurde, -ist die aus einem Prozeß bekannte Tatsache, daß dem französischen -Prälaten, François Bourgois 2190 Klistiere verabreicht wurden, für die -er den geforderten Preis nicht bezahlen wollte. Die Pariser Spitäler -brauchten damals in einem einzigen Jahre für mehr als 700000 Frank -Blutegel[208]! - - * - -Der Wein gehörte bei unsern Altvordern so zur unentbehrlichen -Nahrung, daß in allen Sitzungen der Ratsausschüsse sowie bei allen -außergewöhnlichen Geschäften des Rates im späteren Mittelalter Wein -getrunken wurde. Man rechnete täglich eine Maß Wein pro Mann als -normales Deputat, nicht nur im städtischen Dienst als Stärkung für die -Ratsglieder und Zunftgenossen, die bei außerordentlichen Gelegenheiten -die Torwachen verstärkten, oder mit den Bürgermeistern in den Straßen -umherritten, auch beim Militär. Der kaiserliche Kommandant verlangte -z. B. 1552 während der Belagerung Frankfurts eine Maß täglich für jeden -Soldat. - -Als 1411 ein Teil der deutschen Fürsten wegen der Königswahl auf kurze -Zeit in Frankfurt anwesend war, wurden 14½ Fuder Wein konsumiert! -Fast genau so viel ließ der Rat angesichts des Reichstages, der 1485 -in Frankfurt gehalten werden sollte, für die Fürsten und Herren -anschaffen[209]. - -Der schlesische Ritter Hans von Schweinichen, wie seine fürstlichen -Herren ein berühmter Trinker, der gewissenhaft seine Räusche -bucht -- fast auf jeder Seite so und so oft -- schreibt in seinen -„Denkwürdigkeiten“ (S. 77) von der „feinen Kurzweil“, die in den -Augsburger Trinkstuben war. „Wann man Gäste einlädt und giebt von der -Person 18 Wssgr., so wird man mit zwanzig Essen gespeiset und dabei -den besten Rheinfall und Rheinwein, so zu bekommen ist, getrunken, und -dessen so lang, +bis man alle voll ist+. Wie ich denn etliches Mal -dergestalt Gäste auf der Trinkstuben zu mir einlud. Wann man aber einen -Thaler von der Person giebt, so wird man Fürstlich tractiret. Ich hätte -mir wollen wünschen, daß solches Leben lange und viel Jahr gewähret -hätte.“ - - * - -Bei Hof war es nicht besser; sogar auf Reichstagen war die -+Betrunkenheit der Fürsten eine ständige Erscheinung+. Graf Lynar, -ein Ausländer, nahm 1590 an der Berliner Hoftafel ungern teil, „wegen -des Trinkens“. An den sächsischen Höfen war „+das stetig Vollsein+ -ein alt eingewurzelt Uebung und Gewohnheit“. Besonders berüchtigt waren -die „pommerischen Trünke“. Die geistlichen Fürsten konnten auch den -Humpen schwingen, nicht minder die Damen. Manchem modernen Studenten -hätten +diese+ Leistungen die Schamröte ins Gesicht getrieben![210] - -Das Merkwürdigste ist nun, daß die Ärzte solche Trinkexzesse für -+gesund+ erklärten![211] - - - - -Zehnter Abschnitt - -Hygiene - - -Leute, die sich eines gottgefälligen Lebenswandels befleißigten, -badeten im frühen Mittelalter nicht. Die hl. Elisabeth verbreitete -durch völligen Verzicht auf diesen Genuß in Bälde einen solchen Geruch -der Heiligkeit um sich, daß ihre Umgebung es nicht mehr aushielt -und sie veranlaßte, ein Bad zu nehmen. Der Erfolg war allerdings -gering, denn sie hatte kaum das Wasser berührt, als sie auch schon -hinaussprang, um dafür Buße zu tun.[212] - -Desto reinlicher waren die weltlicher Gesinnten. Sie, auch die Bauern, -badeten sehr häufig. Die Ritter, die natürlich nackt waren, wurden -dabei von zarten Damenhänden bedient, wie z. B. auf einer Miniatur der -Manesseschen Handschrift in der Heidelberger Universitätsbibliothek -zu sehen ist. Übrigens wird heute noch in Skandinavien dieser Dienst -der Weiblichkeit reserviert. Sonst scheint sich aber das Waschen auf -Gesicht und Hände beschränkt zu haben. Keinesfalls waren Waschtische -bekannt. Noch das Frauenzimmerlexikon von 1729 kennt zwar das -Gießbecken und die Gießkanne, mit der man etwas Wasser auf die Hände -goß und dann das Gesicht notdürftig benetzte, aber weder Waschtisch, -noch Waschbecken.[213] Daher steht es fest, daß die Reinlichkeit, -seitdem im beginnenden 16. Jahrhundert die auftretende Syphilis das -Schließen der öffentlichen Badestuben veranlaßt hatte, sehr gering war. - -Die Italiener der Renaissance, damals den Völkern Nordeuropas an -Reinlichkeit überlegen, befolgten keineswegs allgemein die Sitte, sich -täglich gründlich zu waschen. Trotzdem galt ihnen der Deutsche als -Inbegriff alles Schmutzes[214]. - - * - -Wie selten die Tugend der Reinlichkeit selbst beim deutschen Adel war, -lehrt der Nachruf, den Johann von Wedel seiner 1606 verstorbenen Frau -schrieb: „Nichts desto weniger (d. h. wiewohl sie dem Kleiderluxus -abhold war) hat sie sich der Reinlichkeit und Wartung ihres Leibes mit -ehrlicher Kleidung und gebührlichem Schmuck beflissen, welches eine -feine äußerliche Tugend ist, die Jungfrauen und Frauen wohl zieret, daß -sie nicht wie Schlammüttere herein ziehen, dafür dem Teufel oftmals -grauen möchte, sondern sich waschen, zieren, schmücken, reinlich -halten, dessen die Schrift ehrlich gedenket (Ecclesiastes IX)“[215]. - - * - -Wie es zur Zeit des Konstanzer Konzils in einem deutschen Badeorte -zuging, beschreibt der berühmte Humanist Poggio Bracciolini in einem -bekannten Brief an seinen Freund Niccoli vom Jahre 1417. Es handelt -sich um Baden in der Schweiz. Nachstehend einige Stellen nach der -Übersetzung von Alwin Schultz in seinem Deutschen Leben im 14. und 15. -Jahrhundert: - -„Es ist dort so ausgelassen, daß ich zuweilen meine, Venus sei mit -allen Vergnüglichkeiten von Cypern nach diesem Bade übersiedelt, -so werden ihre Gesetze beobachtet, so aufs Haar ihre Sitte und -Leichtfertigkeit wiedergegeben, so daß sie, wenn sie auch die Rede des -Heliogabal nicht gelesen, doch von Natur gelehrt und unterrichtet genug -erschienen... - -Öffentliche Bäder sind nur zwei vorhanden, offen (palam) zu beiden -Seiten, Badestätten des Volkes und des gemeinen Haufens, zu denen -Weiber, Männer, Knaben, unverheiratete Mädchen, die Hefe der ganzen -Umgebung zusammenströmt. In ihnen scheidet eine Mauer die Männer von -den Frauen. Es ist lächerlich zu sehen, wie abgelebte alte Weiber -und jüngere Frauen +nackt vor den Augen der Männer ins Wasser -steigen+. Ich habe oft über dies prächtige Schauspiel gelacht, dabei -an die Spiele der Flora gedacht und bei mir die Einfalt dieser Leute -bewundert, die weder auf so etwas hinsehen, noch irgend etwas Böses -davon denken oder reden. Die Bäder in den Privathäusern (etwa dreißig) -sind aber sehr fein (perpolita); Männer und Frauen gemeinsam, aber -durch eine Holzwand geschieden. In ihr sind mehrere Fenster angebracht, -so daß man zusammen trinken und sich unterhalten kann, +nach beiden -Seiten hin zu sehen und sich zu berühren vermag, wie dies ihrer -Gewohnheit nach oft geschieht+. Über dem Bassin sind Korridore, auf -denen Männer stehen, zuzusehen, um sich zu unterhalten, denn ein jeder -darf in andere Bäder gehen und sich dort aufhalten, zuzuschauen, zu -plaudern, zu scherzen und sich zu erheitern, so daß man die Frauen, -wenn sie ins Wasser steigen oder aus demselben herauskommen, sieht. -Keiner wehrt die Tür, keiner argwöhnt etwas Unsittliches. Männer tragen -nur eine Schambinde (campestribus utuntur), die Frauen ziehen leinene -Hemden an, von oben bis zum Schenkel, oder an der Seite offen, so daß -sie weder den Hals, noch die Brust oder die Arme bedecken. Im Wasser -selbst speisen sie auf gemeinsame Kosten, ein geschmückter Tisch -schwimmt auf dem Wasser, und auch Männer pflegen teil zu nehmen... - -Es ist merkwürdig, zu sehen, in welcher Unschuld sie leben, mit welchem -Vertrauen Männer es ansahen, daß ihre Frauen von Fremden berührt -wurden. Sie wurden nicht gereizt, achteten nicht darauf, nahmen alles -von der besten Seite. Nichts ist so schwer, das bei ihren Sitten nicht -leicht wurde. Sie hätten ganz in den Staat Platos gepaßt, wo alles -gemeinsam ist, da sie schon ohne seine Lehre so eifrig in seiner Schule -erfunden werden. In einigen Bädern sind Männer unter den Frauen, denen -sie entweder verwandt sind, oder es wird ihnen aus Wohlwollen -gestattet... - -Ich glaube nicht, daß es auf der Welt ein wirksameres Bad für die -Fruchtbarkeit der Frauen gibt; da recht viele der Unfruchtbarkeit wegen -hierher kommen, so erfahren sie seine merkwürdige Kraft. Sie beobachten -genau die Vorschriften, und es brauchen Mittel die, welche nicht -empfangen können. Unter diesen ist besonders folgendes bemerkenswert: -eine unzählige Menge von Adeligen und Nichtadeligen kommt hier -zusammen; zweihundert Meilen weit her, nicht eben der Gesundheit, -sondern der Lust wegen, alles Liebhaber, alles Freier, alle, denen an -einem genußreichen Leben gelegen ist. So siehst du unzählige schöne -Frauen, ohne Männer, ohne Verwandte, mit zwei Dienerinnen und einem -Knechte oder einer alten Angehörigen, die leichter zu täuschen als -zu ernähren ist... +Da leben Äbte, Mönche, Brüder und Priester in -größerer Freiheit, als die andern, baden zuweilen mit den Frauen+ -und schmücken die Haare mit Kränzen, alle Religion beiseite lassend...“ -Es kann sein, daß Poggio übertrieben hat. Immerhin gibt es auch heute -noch Bäder, etwa Franzensbad, die nicht ohne guten Grund im Rufe -stehen, die Unfruchtbarkeit zu beseitigen, keinesfalls stets allein -durch ihr Wasser. - -Bezeichnend für die Volkstümlichkeit des Badens bei unsern Altvordern -ist, daß man statt Trinkgeld „Badgeld“ sagte. Die Folgerung aber, daß -man sich mit der äußeren Feuchtigkeit begnügte, wäre übereilt[216]. - - * - -Die Badestuben vertraten etwa die Stelle der heutigen Kaffeehäuser, wo -man sich traf, plauderte und einen großen Teil des Tages zubrachte. Im -Bade selbst verweilte man mitunter vier Stunden, und in Ems erforderte -die Kur, jeden Tag eine Stunde länger, bis zu zehn Stunden im Wasser zu -sitzen. Man trank und sang gemeinsam, wie es auf zahlreichen Bildern -dargestellt ist. - - * - -Daß Gatte und Gattin in derselben Wanne saßen, war ganz gewöhnlich, -aber es war auch an vielen Orten Sitte, daß in +größerer Gesellschaft -Männlein und Weiblein zusammen badeten+. Zu Baden in der Schweiz -waren dabei die unteren Volksklassen ganz nackt, die Männer der -höheren Stände aber waren mit einem Schurz, die Frauen mit einem -weitausgeschnittenen Badelaken bekleidet. Viele Badestuben hatten -auch nur ein einziges Auskleidezimmer, das von beiden Geschlechtern -gleichzeitig benutzt wurde. In der Badeordnung für das Glottertal -wurde -- allerdings erst 1550 -- vorgeschrieben, daß jeder Mann sein -Beinkleid und Hemd, jede Frau oder Jungfrau ihr Hemd nicht eher -als in der Badewanne selbst ablegen solle. Man scheint also diese -Anstandsregel wohl nicht immer beobachtet zu haben. - -Ein Blitzlicht auf die Sittlichkeit des 16. Jahrhunderts wirft auch -folgende Verfügung aus der Badeordnung des Glottertals: „Item soll -ain jedt wederer Bader, es seyen Manns- oder Weybspersonen, ire -Heimlichkeiten zuedecken.“ - - * - -Fromme Leute errichteten häufig eine Stiftung, um sich meldenden Armen -davon gratis Bäder verabreichen zu lassen, sogenannte „Seelenbäder“. -Schmeller versicherte, daß noch im Jahre 1827 einige Zünfte zu -Quatember und zu anderen Zeiten solche Bäder für das Seelenheil -ihrer verstorbenen Mitglieder spendeten. Hoffen wir zum Besten der -im Fegefeuer schmorenden, daß es dabei sittsamer zuging, als im -Deutschland des 15. und 16. Jahrhunderts. - - * - -Hans von Schweinichen erzählt zum Jahre 1551 in seinen -„Denkwürdigkeiten“: „Allhier erinner ich mich, daß ich wenig Tage zu -Hofe war, badete die alte Herzogin, allda mußte ich aufwarten als ein -Junge. Es währt nicht lange, kommt ein +Jungfrau+, Unte Riemen -genannt, +stabenackend raus+, heißt mich ihr kalt Wasser geben, -welches mir seltsam vorkam, weil ich zuvor kein nacket Weibesperson -gesehen, weiß nicht, wie ich es versehe, begieße sie mit kaltem Wasser. -Schreit sie laut und rufet ihren Namen an und saget der Herzogin, -was ich ihr mitgespielt; die Herzogin aber lachet und saget: ‚Mein -Schweinichen wird gut werden.‘ Inmittels habe ich gewußt, was nacket -Leut sind, warum sie sich aber mir also erzeiget, wußte ich nicht für -was vor ein Ende.“ - -Wie Guarinonius erzählt, ging es noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts -in kleineren Städten, wie Hall in Tirol, recht paradiesisch zu. Es war -Brauch, halb oder ganz nackte Mädchen von 10-18 Jahren über die Straße -ins Bad zu schicken und sie von ganz nackten Burschen von 10-16 Jahren -begleiten zu lassen. Daß auch erwachsene Männer und Frauen sich ebenso -benahmen, ändert nichts an der Sache[217]. - - * - -Eines Tages im Jahre 1185 stand König Philipp August von Frankreich -am Fenster seines Palais, als einige vorüberfahrende Wagen den -Straßenschmutz aufwühlten. Der sich dabei entwickelnde Gestank war so -furchtbar, daß der König, wiewohl doch an die Ausdünstungen seiner -Residenz Paris gewöhnt, +ohnmächtig wurde+. Er befahl darauf -Pflasterung einiger Straßen. Infolge vieler Verordnungen legte man -sich zwar im Verlauf der Jahrhunderte einigen Zwang auf im ferneren -Verunreinigen der Straßen, fuhr auch den Unrat fort, aber nur bis zur -Place Maubert, dem Marktplatz, der völlig verpestet wurde. Erst 1531 -mußten die Bewohner von Paris zwangsweise Aborte und Senkgruben in -ihren Häusern anlegen. Bisher hatte man sich zumeist mit der Straße -beholfen, wie das im 17. Jahrhundert noch vielerorts in Deutschland, -z. B. in Hall in Tirol, Sitte war. - - * - -Als Kaiser Friedrich III. Tuttlingen besuchen wollte, ging es -nicht, weil die Stadt zu schmutzig war. Am 28. August 1485 ist er -in Reutlingen um ein Haar mitsamt seinem Pferde im Straßenschmutz -versunken. Schweine wurden überall in den deutschen Städten gehalten, -nicht nur daß man sie frei in den Straßen herumlaufen ließ, man brachte -ihre Kober auch nach der Straßenfront hin an. In Berlin wurde das erst -1641 verboten, erst 1681 aber wurde das Mästen der Borstentiere dort -überhaupt untersagt. Seit 1671 mußte jeder Bauer, der nach Berlin kam, -eine Fuhre Unrat mit aus der Stadt nehmen. - -Die Verordnung des Nürnberger Magistrates von 1490, daß täglich ein -Knecht die toten Schweine, Hunde, Katzen, Hühner und Ratten auf der -Straße zu sammeln und vor das Tor zu bringen habe, begeisterte ein -poetisches Gemüt zu einem Jubelhymnus[218]. - - * - -Im Jahre 1666 wurde eine Reinigung der Straßen von Paris vorgenommen. -Das war ein solches Ereignis, daß es nicht nur angedichtet wurde, -sondern man sogar +zwei Medaillen+ zu dauerndem Gedächtnis -schlug[219]. - -Noch im Jahre 1697 wurde polizeilich festgestellt, daß die Bewohner Tag -und Nacht aus ihren Fenstern alles schmutzige Wasser, Urin und Unrat -jeglicher Art auf die Straßen warfen. Wer das nicht tat, sondern sich -im glücklichen Besitze eines Abortes befand, bediente sich zu diesem -Zwecke einer allen gemeinsamen Grube, deren Inhalt von Zeit zu Zeit -in den Hausgarten entleert wurde! Das war im glänzenden Paris eines -Ludwigs XIV.[220]! - -In Sicherheit vor Güssen war man nur in den breiten Straßen, wenn man -sich in ihrer Mitte hielt, wo ein schlammiger Rinnsal floß. Jeden -Augenblick öffnete sich ein Fenster, und wer das Unglück hatte, den -geheiligten Warnungsruf „gare l’eau“ zu überhören, über den ergoß sich -erbarmungslos der Inhalt eines Nachttopfes oder eines Schmutzeimers. -Es gab in der ganzen Stadt kein Fleckchen, wo man sicher vor solchen -Überraschungen war, noch wo man dem entsetzlichen Gestank hätte -entfliehen können. In Ermangelung von Aborten benutzte man alle -Straßenecken, die Umgebung der Kirchen, ja die Paläste, wie man heute -noch in Neapel ähnliches sehen kann. Im Palais de Justice stieß man -z. B. überall auf Exkremente, sogar der Louvre wurde nicht verschont: -in den Höfen, auf Treppen und Balkonen, hinter den Türen, überall wo -jemand gerade ein Bedürfnis fühlte, entledigte er sich am hellichten -Tage seiner Bürde, ohne daß die Palastbewohner sich darum kümmerten. -Heinrich III. war darin allerdings kitzlig: durch Verordnung vom -August 1578 befahl er, daß jeden Morgen, bevor er sich erhoben hatte, -die Fäkalien aus den Höfen und seinen Sälen gekehrt werden mußten! Er -hielt eben auf Reinlichkeit. Im übrigen roch es aber in den spanischen -und französischen Palästen noch zu Ludwigs XIV. Zeit zwar stärker wie -Rosen, aber nicht besser[221]. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts schlug -deshalb ein Bürger die Einführung von Nachtstühlen in den königlichen -Palästen vor. - - * - -Der Zustand der öffentlichen Hygiene hob sich auch im 18. Jahrhundert -in Paris nur sehr allmählich. Es kam vor, daß die schlecht angelegten -Abtrittgruben sich in die benachbarten +Brunnen+ leerten! Da -kleine Bedürfnisse noch das ganze Jahrhundert, ja bis tief ins 19. -hinein überall auf den Straßen verrichtet wurden, auch nach wie vor -Nachttöpfe ahnungslose Passanten mit ihrem Inhalt bekannt machten, gab -deren Aroma dem der Vergangenheit nicht viel nach. Noch 1780 mußte -unter Protest der Bewohnerschaft von der Polizei die Ausleerung von -Nachttöpfen usw. aus den Fenstern verboten werden! - - * - -Im Jahre 1701 fand man beim Leeren einer Abortgrube die Leiche der -Gattin eines Chirurgen, was aber kein Aufsehen erregte[222]. - - * - -Noch im Jahre 1780 wurden die Straßen von Paris nicht selten durch -die stark angeschwollenen furchtbar stinkenden Gossen in zwei Hälften -geteilt, so daß man nur durch schwankende Laufbrücken die Kommunikation -von der einen Straßenseite zur andern bewerkstelligen konnte. Der -Inhalt dieser Gossen aber bestand aus einer schwarzen, übelriechenden -und scharfen Brühe, die Stoffe, mit denen sie in Berührung kam, -verbrannte. Daher das schöne Sprichwort: „Il tient comme boue de -Paris[223]“. - -Bei Regen spien die Dachrinnen von jedem Hause herab ihr Wasser auf -Passanten und Straße, so daß man erst nach seinem Aufhören durch -über die Gossen gelegte Bretter den Übergang von einer Seite zur -andern ermöglichen mußte. Erst 1764 wurden diese freien Dachrinnen -verboten[224]. - - * - -Zur Ritterzeit waren Nachttöpfe unbekannt. Wie man sich behalf, -geht aus einem Gedicht hervor: „Do quam der vrouwen eine Gegangen -alters eine Vür der +kemenâten tür+ Und wolte gerne da vür Sich -des wazzers erlâzen.“ Zu Aborten verwendete man offene Erker, die -zweifellos herrliche Aussicht gewährten, im übrigen aber recht luftig -waren. Um die in den Burggraben fallenden Fäkalien kümmerte sich kein -Mensch. Im Erfurter Schloß befand sich aber sogar eine Kloake, und -zwar gerade unter einem Saale. Das war entschieden nicht angenehm, -besonders nicht für Kaiser Friedrich Barbarossa und seine Paladine. -Denn als er dort im Jahre 1183 einen Reichstag hielt, brachen die -Balken des Saales, und eine Menge Leute stürzten hinein. Acht Fürsten, -viele Edele und über hundert Ritter fanden dabei ihren Tod, während der -Kaiser sich durch einen Sprung aus dem Fenster rettete. - -Überhaupt stürzten Häuser oder Balkone außerordentlich häufig ein. -Nicht weniger als drei deutsche Kaiser, Ludwig der Fromme, Ludwig -der Deutsche und Arnulf, sind allein im 9. Jahrhundert bei dieser -Gelegenheit verletzt worden. Ebenso Heinrich III. im 11. und Heinrich -VI. im 12. Jahrhundert[225]. - - * - -J. J. Rousseau brachte Stunden auf dem Nachtstuhle zu. Der Herzog von -Orléans erteilte hier, umgeben von seiner Dienerschaft, dem Herzog von -Noailles +Audienz+! - - * - -Als gelegentlich der Krönung Ludwigs XVI. in der Kathedrale von Reims -der Königin ein Appartement eingerichtet wurde, das man mit Closet -„à l’angloise“ ausstattete, also mit einer Art Wasserspülung, die -noch 1807 äußerst selten war, hielt man das für eine nicht mehr zu -überbietende Kriecherei[226]! Übrigens wurde das Wasserklosett bereits -im 17. Jahrhundert in England erfunden[227]! - -Vor wenigen Jahren, vielleicht heute noch, besaß das Königsschloß in -Stockholm keine Aborte. Alles, auch fürstliche Gäste, mußte sich -auf den Korridor hinter eine spanische Wand begeben. Aber da diese -keineswegs alles verhüllte, so konnten die Vorübergehenden die Beine -oder wenigstens die Füße des dort Sitzenden sehen. - -Noch im Jahre 1900 hatten große Trakte der Münchener Residenz keine -Aborte. Wie Verfasser aus zuverlässiger Quelle weiß, bedienten sich -höchste Herrschaften bis in die Gegenwart nicht des Wasserklosetts, -sondern ausschließlich des Nachtstuhles. Noch heute dient in Bayern -vielfach auf dem Lande -- nach Manövererfahrungen -- der Misthaufen den -gleichen Zwecken, und eine den oberen Teil des Sitzes -- aber nicht -etwa die Beine -- verhüllende Holzverschalung ist ein nicht überall -anzutreffender Luxus. - - * - -In einem Bericht, den der Chirurg Tenon im Jahre 1788 über den Befund -im Hospital Hôtel-Dieu auf königlichen Befehl abfaßte, findet sich -folgende Darstellung der dort herrschenden Zustände: - -Ein einziges der Gebäude des Spitales barg 2627 Kranke, darunter -Fieberkranke, Wöchnerinnen, Blatternkranke usw. Die Betten, etwa -1,10 m breit, waren für je zwei bestimmt, wurden aber +mit sechs -belegt+, drei am Kopf-, drei am Fußende. +Dadurch lagen die Füße -auf den Schultern oder im Gesicht der anderen.+ Daher war es für die -Patienten, die hochkant liegen mußten, da ihnen nur je etwa 35 ctm. -Platz zur Verfügung stand, unmöglich zu schlafen. - -Der Inhalt der +Nachtstühle+ wurde täglich im +Krankenzimmer -selbst in größere Gefäße übergeschüttet+. Dadurch und durch das -Herabfallen der Fäkalien auf den Fußboden war die +Luft in den Räumen -verpestet+. - -In den Kleiderkammern hingen die Kleider der mit Krätze und Blattern -behafteten zwischen denen der anderen Patienten. Natürlich auch die -verlausten zwischen den reinen. Wer das Hospital verließ, bekam also -seine +Kleidungsstücke infiziert mit Pocken- und Blatterkeimen, -Krätze und Läusen zurück+. Auch die Gewandstücke der Verstorbenen -wurden hier aufbewahrt, bis sie -- sieben bis acht Tausend pro Jahr -- -verkauft wurden, überall hin Krankheiten verbreitend. - -Die Strohsäcke der Kranken, die Urin und Exkremente nicht halten -können, werden um vier Uhr morgens geöffnet und auf den Fußboden -ausgebreitet. Gleichzeitig werden die Strohfüllungen der anderen Betten -geleert. Statt den beschmutzten Inhalt an Ort und Stelle zu verbrennen, -wird das Stroh auf Karren ins Hospital Saint-Louis gefahren. - -Die Mauern sind bedeckt mit Auswurf, der Fußboden mit Fäkalien, die aus -den Strohsäcken rinnen, oder beim Leeren der Nachtstühle verschüttet -werden. Danach ist auch die Luft in den Sälen. - -Im Saale Saint-Jérôme in diesem famosen Hospital, damals dem +größten -chirurgischen Operationssaale Europas+, ist die Luft durch die -+benachbarte Leichenhalle verpestet+; die übrige Umgebung strömt -ebenfalls üble Gerüche aus. Sonne fällt nicht hinein. - -In Gegenwart der zu operierenden werden die Instrumente hergerichtet, -+ja man operiert in Gegenwart der übrigen Patienten+. - -Während in Versailles fast niemand an Trepanation stirbt, kommen in -diesem Hospital alle durch Infektion um. - -+Die kranken Wöchnerinnen liegen mit den gesunden zusammen, drei bis -vier im selben Bett+, solche mit Krätze zusammen mit gesunden. - -Der Auszug aus dem offiziellen Bericht dürfte genügen[228]. - - * - -Der Friedhof des „Innocents“, der in Paris ein Jahrtausend zur -Bestattung gedient hatte, war so verpestet, daß der Generalleutnant -Berrier im Jahre 1746 mit eigenen Augen einen Schwaden aufsteigen sah -von dem Massengrab, das dort in der Regel etwa 1500 Personen aufnahm. - -Im Jahre 1765 beklagten sich -- nach zahlreichen Vorläufern -- die -Anwohner darüber, daß die Verpestung durch die Ausdünstungen des -Friedhofes derartig stark sei, daß +innerhalb weniger Stunden die -Nahrungsmittel in den benachbarten Häusern verdürben+. - -Erst 1776 wurde die Beerdigung innerhalb der Kirchen behördlicherseits -eingeschränkt, aber noch keineswegs ganz untersagt. Über die damaligen -hygienischen Zustände klärt ein Brief Voltaires an den Dr. Paulet auf: - -„Sie haben in Paris ein Hôtel-Dieu, wo ewige Ansteckung herrscht, wo -sich die Kranken, der eine auf den andern gehäuft, gegenseitig Pest und -Tod aufhängen. Sie haben in den kleinen Sackgassen Schlächtereien, die -im Sommer einen Kadavergeruch verbreiten, der imstande ist, ein ganzes -Stadtviertel zu vergiften. Die Ausdünstungen der Toten töten in euren -Kirchen die Lebenden, und die Beinhäuser des ‚Innocents‘ sind noch ein -Zeugnis von Barbarei, das uns weit unter Hottentotten und Neger stellt.“ - -Die Ausdünstungen des Friedhofes steigerten sich so, daß am Ende des -Jahres 1779 in einem benachbarten Hause das Licht im Keller erlosch. -Die Beschreibung der weiteren Details ist zu ekelhaft, um hier -wiedergegeben zu werden[229]. - - - - -Elfter Abschnitt - -Ehre - - -Wie das Kind den Stuhl schlägt, an dem es sich stieß, statt seiner -eigenen Ungeschicklichkeit gram zu sein, so suchte das Mittelalter -seinen ganzen Haß gegen die doch selbst gewollte Blutgerichtsbarkeit -und Grausamkeit am Henker auszulassen. Damit jeder ihm schon von -weitem ausweichen konnte, wurde im Jahre 1543 dem Scharfrichter -vorgeschrieben, in der Öffentlichkeit mit rot-weiß-grünen Lappen am -Rockärmel und Mantelarmloch zu erscheinen. Der Henker mußte außerhalb -der Stadtmauern wohnen, die Erwerbung des Bürgerrechtes war ihm -versagt, betrat er selbst eine Herberge, so bekam er Speise und Trank -abseits von den anderen Gästen am „Henkertischchen“ gereicht, wobei er -auf einem nur dreibeinigen Stuhle sitzen mußte. Zum Unterschied von den -anderen war sein Krug henkellos, eingegossen wurde ihm rückwärts über -die Hand. Wohl in Erinnerung an diesen Brauch gilt es heute noch am -Rhein als Unhöflichkeit, wenn der Gastgeber einem Gast über die Hand -eingießen wollte. Zahlte der Henker, so mußte er die Münze ablegen, -worauf der Empfänger darüber wegstrich oder darüber hinblies, bevor er -sie einsteckte. Auch in der Kirche hatte er einen von den „ehrlichen -Leuten“ strenge geschiedenen Platz. Wie es dem Henker erging, so auch -dem Schinder oder Abdecker. Bemerkenswert ist die große Ähnlichkeit der -die Verachtung ausdrückenden Gebräuche im Abendlande mit den in Indien -den Parias gegenüber üblichen. - - * - -Die Frauen der Stadt Husum hatten noch am Ende des 17. Jahrhunderts der -vom Rate besoldeten Wehe- und Bademutter +verboten, der Ehefrau des -Henkers oder Schinderknechtes in Kindsnöten beizustehen+! Da drohte -der Rat, „wofern sich nicht binnen 24 Stunden eine Frau fände, die -der Bewußten beispränge, so werde E. E. Rat überall keine Bademütter -weiter dulden, sondern dafür sorgen, daß künftighin Mannspersonen des -Barbieramtes den Frauen die benötigte Hülfe leisten sollten“. Aber auch -diese Drohung nützte den frommen Christinnen gegenüber nicht viel. Als -sich endlich ein armes altes Weib zu diesem Liebeswerk fand, mußte sie -selbst im Tode dafür büßen! Die rachsüchtigen Frauen entzogen ihr jede -Pflege und Guttat und ließen selbst ihre Leiche tagelang unbesorgt, bis -der Rat endlich den Nachtwächter zu ihrer Bestattung bewegen konnte. - - * - -Da das Angebot an Scharfrichtern sehr gering war, half sich der Rat -bisweilen, indem er einen zum Tode Verurteilten das Leben schenkte -unter der Bedingung, Henker zu werden. Ein aus einer anderen Stadt -erbetener Scharfrichter schnitt dann dem Gewählten in offener Zeremonie -zum Zeichen des Standeswechsels beide Ohren ab! - -Nur mit Geld war der Henker gut dotiert. +Er stand im Gehalte dem -Stadtprediger oder Stadtphysikus gleich+, außerdem war er fast -überall Bordellwirt und verdiente durch Ausübung von ärztlicher -Praxis[230]. - -Erst die französische Revolution erlöste den Henker von der -jahrhundertelangen Unehre. Auch hier waren die Menschenrechte wirksamer -als die christliche Nächstenliebe. - - * - -Im Mittelalter wurden alle, die sich das Leben genommen hatten, -entweder ausgeschleift und verbrannt, oder in ein Faß getan und (in -Frankfurt) in den Main geworfen. Dabei war es gleichgültig, ob der -Selbstmörder eines Verbrechens bezichtigt war, ob er bei Vernunft -gewesen oder nicht. Nur wenn einer erwiesenermaßen nicht im Besitze -seiner Geisteskräfte war, wurde er nicht verbrannt, sondern ins Wasser -geworfen, bzw. am Ende des Mittelalters auf den Schindanger gebracht -und dort mit etwas Erde überdeckt. - -Wer sich selbst erhenkt hatte, durfte durch niemand als den Henker -abgeschnitten werden. Um die Heiligkeit der Haustürschwelle nicht zu -entweihen, mußte dann die Leiche durch ein unter derselben gemachtes -Loch hinausgezogen werden. An einigen Orten warf man die Leiche zum -Fenster hinaus. Es wird als besondere Vergünstigung bezeichnet, daß man -1486 einer Frau gestattete, den Leichnam ihres Mannes, der sich aus -Wahnwitz selbst entleibt hatte, in den Main zu werfen, statt das durch -den Henker tun zu lassen. - - * - -Im Jahre 1522 wurden sogar die Güter eines Juden, der sich selbst -entleibt hatte, in Frankfurt konfisziert, was sonst nicht Brauch war. - - * - -Erst im Jahre 1723 kommt es in Frankfurt vor, daß man die Bestattung -eines wahrscheinlich geisteskranken Selbstmörders auf dem gewöhnlichen -Friedhofe erlaubte. Aber sie mußte ganz im stillen und auf dem -hintersten Teile geschehen. - - * - -Gegen aufgefundene Leichen, selbst wenn es sich um Ermordete handelte, -verfuhr man ganz ähnlich wie gegen Selbstmörder, und zwar aus -religiösen Bedenken. Wußte man doch nicht bestimmt, ob der Tote ein -Christ, und wenn schon, ob er auch ein +frommer+ Christ gewesen -sei, auch war die Möglichkeit, es handle sich doch um Selbstmord, nicht -ausgeschlossen! Deshalb mußte die Erlaubnis des Pfarrers zu einem -ehrlichen Begräbnis eingeholt werden[231]. - -Erst 1497 kam man in Frankfurt auf den Gedanken, dem zum Tode -Verurteilten den Selbstmord durch eine Art von Zwangsjacke unmöglich -zu machen. Man band den Delinquenten nämlich in einem besonders -konstruierten Stuhl fest[232]. Daß man bis dahin dem armen Sünder, der -unter Umständen zu einem höchst qualvollen Tode verurteilt war, nicht -jede Möglichkeit der Selbstentleibung nahm, dürfte wohl darin seinen -Grund haben, daß nur wenige es versuchten, sich dem Nachrichter durch -eine so schimpfliche Todesart zu entziehen. - - * - -„Die Zünfte müssen so rein sein, als wären sie von den Tauben gelesen.“ -Dieser schöne Grundgedanke wurde gehandhabt wie folgt: - -Die bloße Tatsache, daß ein Zunftgenosse einen Hund auf irgendwelche -Weise tötete, hatte zur Folge, daß ihm +das Handwerk gelegt -wurde+, d. h. daß er und eventuell seine Familie +brotlos+ -gemacht wurden. Man betrachtete den Totschlag eines Hundes als Eingriff -in das verachtete Gewerbe des Scharfrichters. - -Im Mittelalter wurden Adelige zur Strafe des Hundetragens verurteilt, -und Widukind erzählt, daß die Übersendung eines räudigen oder -verstümmelten Hundes als Absage an den Feind galt. - -Erst durch den § 23 des Reichsschlusses vom 16. August 1731 wurde die -Bestimmung, den Totschläger eines Hundes aus der Zunft auszuschließen, -beseitigt[233]. - -Im Jahre 1690 wurde dem jüngsten Sohne eines ehelich geborenen Bauern, -der das Schneiderhandwerk erlernen wollte, die Aufnahme in die -Bunzlauer Schneiderzunft versagt, weil -- seine +Großmutter+ vor -50 Jahren, als sie noch unverheiratet war, mit ihrem Dienstherrn ein -Kind hatte! - -Im Jahre 1656 legte die Tuchmacherzunft in Grünberg einem Lehrling das -Handwerk, weil seine Mutter im Dreißigjährigen Kriege von einem Reiter -genotzüchtigt worden war, wiewohl der Rat feststellte, daß gegen die -Frau +nichts Ehrenrühriges vorlag+. - -Der Sohn eines Bauern und Gerichtsmannes, der die Weißgerberei erlernen -soll, wird 1691 abgewiesen, weil sein +Großvater+, ein begüterter -Bauer, vor 30-40 Jahren als gräflicher Diener bei der Kastration von -Pferden geholfen hatte. - - * - -Damals wurde in die Zünfte nur aufgenommen, wer außer ehelicher Geburt -auch +eheliche Erzeugung seiner Eltern und Voreltern nachweisen -konnte+! Dasselbe wurde von den Frauen der Zunftgenossen gefordert. -Die Verzeihung eines Ehebruches genügte zum Ausschluß aus der Zunft. -Hammurabi dachte darin milder. § 129 seines Gesetzes lautet: Wenn -jemandes Ehefrau mit einem Zweiten ruhend ertappt wird, soll man sie -(beide) binden und ins Wasser werfen. Wenn der Eheherr der Frau -verzeiht, so soll auch der König seinen Untertan begnadigen[234]. - - * - -Im Jahre 1696 war eine Frau in Hernstadt an der Bartsch im -Fieberdelirium ins Wasser gesprungen und ertrunken. Der Witwer mietete -einen Taglöhner und fuhr mit ihm im Kahn zur Leiche, um sie aus dem -Wasser ziehen zu lassen. Dieser seiner Frau erwiesene Liebesdienst -wurde ihm und seiner Tochter aus zweiter Ehe noch ein Menschenalter -nachgetragen, denn als diese sich mit einem Schneider verheiraten -wollte, wurde ihr wegen der einstigen Schiffsführung ihres Vaters -ein +Zeugnis ihrer ehelichen Geburt+ und ihrem Bräutigam die -+Aufnahme in die Zunft verweigert+[235]. - - * - -Als im Jahre 1757 der Winterthurer Rittmeister Hegner zur „Sonne“ -vier Pferde, die in der Eulach ertrunken waren, herausziehen half, -machte er sich die Tragweite wohl nicht klar: „In raschem Eifer hatte -er an einem Seil gezogen, ohne zu fragen, wer es befestigt, und ohne -sich umzusehen, wer neben ihm ziehe. Bald war er nach Zürich zitiert, -um sich zu legitimieren, daß er +nie an einem Seil gezogen oder -eins angerührt, das der Henker angemacht+. Auf seine ehrliche -Verantwortung ward ihm auferlegt, ein Attest vorzulegen, daß dies -nicht geschehen. Man ging nämlich damit um, den Rittmeister Hegner -für einen anrüchigen Mann, und somit des ehrenvollsten Dienstes, des -Kommandos einer Dragonerschwadron, für unwürdig zu erklären. In dieser -ehrenhaften Not trat er vor Schultheiß und Rat mit der Bitte, daß -Kundschaft angehört und ihm ein Attest gegeben werde. Allein ‚die -Bedenklichkeit und anscheinende Weitläufigkeit dieses Handels‘ setzte -den Rat in Furcht. Er willfahrte dem Begehren des Bürgers nicht und -+ließ um des Scharfrichters willen den Rittmeister im Stich+“[236]. - - * - -Als Gegenstück zum subtilen Ehrbegriff der Zünfte seien hier einige -Daten aus der Familiengeschichte der mächtigen Grafen von Cilli -angeführt. Aus diesem Geschlecht hatte Kaiser Sigismund sich seine -berüchtigte Gemahlin Barbara erwählt. Wir werden sie später näher -kennen lernen. - -Ulrich II., der Schwager Sigismunds, war ein wilder Knabe. Als er mit -einer Frau ein Verhältnis hatte und deren Mann, den er deshalb in -seine Dienste genommen hatte, ihn um Entlassung bat, gab er sie ihm, -schickte aber Diener nach, die ihn ermordeten. Das ereignete sich etwa -1455, und kein Hahn krähte danach. Sein Vater Friedrich II. war nicht -besser (c. 1370-1454). Zuerst war er vermählt mit Elisabeth, Tochter -des Grafen Stephan Frangipani. Er verließ sie, um sich heimlich mit -der Veronica von Teschewitz zu verbinden. Als der Wüterich dann zur -ersten Frau zurückkehrte, um Versöhnung zu feiern, erstach er sie -mit seinem Jagdmesser. Diesmal war es eine Gräfin, und da konnte die -Sache denn doch nicht vertuscht werden. Friedrich wurde sogar zum Tode -verurteilt, dann begnadigt und seinem Vater übergeben, der ihn längere -Zeit gefangen hielt. Als er frei gelassen wurde, war keine Frau oder -Jungfrau vor ihm sicher. Hatte er eine geschändet, dann schickte er -sie einfach ohne jede Entschädigung wieder zum Mann oder Vater zurück. -Einem Ehemann, der seine Frau nicht ohne weiteres wieder zurücknehmen -wollte, +legte er, empört über diese Anmaßung, eine Geldstrafe auf+! -Wie könne er es wagen, ihm Schwierigkeiten zu machen, wo doch er -selbst, ein edler Graf, die Umarmungen einer Frau nicht verachtet habe, -die vorher von diesem Plebejer +entweiht+ worden sei! Einen Adeligen -ließ er aus Eifersucht grausam töten, weil er ihn im Verdacht hatte, -mit einer seiner zahlreichen Geliebten sich eingelassen zu haben. Seine -heimliche Gemahlin Veronica ließ sein Vater Herrmann (1385-1435) im -Bade ertränken (c. 1428). Als dieser edle Graf das Zeitliche segnete, -schrieb die Chronik von Cilli -- und das ist bezeichnend -- „Nach dem -was groß Clag, denn er war ein +frommer+ Mann und ein +rechter Sühner -und Friedmacher+, wo er mocht zwischen Armen und Reichen“[237]. - - * - -David Teniers d. J., der sich um den Adel bewarb, sollte ihn 1657 unter -der Bedingung erhalten, daß er keine Malereien mehr ausstelle oder für -Geld male[238]. - -Die Künstler gehörten ja das ganze Mittelalter hindurch zum -+Handwerkerstande+ und waren genau so +zunftmäßig inkorporiert+ wie -etwa die Metzger oder Tuchmacher. Noch im 17. Jahrhundert galten die -Erzeugnisse der Malerei im allgemeinen gar nicht höher als ein Stück -Tischler- oder Schmiedearbeit, und die größten Künstler sehen wir mit -industriellen Arbeiten, Ladenschildern, Ofenschirmen usw. beschäftigt. -Ein Dürer, Holbein, Burgkmair, die ersten Größen ihrer Zeit, -unterstanden dem +Zunftzwang+ und wurden, wenn auch als sehr tüchtige, -so doch immerhin als +Handwerker+ eingeschätzt. Jean von Goyen, Aart -van der Neer, Hobbema, Jan Steen, Jakob van Ruisdael II, J. Collaert, -also hervorragende Meister des 17. Jahrhunderts, verdienten noch neben -der Malerei ihr Brot als Garköche, Gastwirte, Strumpfhändler, Bäcker -usw.[239] - - * - -Erst im Jahre 1773 wurde durch einen vom 20. März datierten Erlaß -der Kaiserin Maria Theresia auf eine Anregung von Antwerpen hin -bestimmt, daß die Maler, Bildhauer, Stecher und Architekten von jedem -Gildenzwang befreit sein sollten und die Ausübung ihrer Künste mit dem -Adelsstande für vereinbar erklärt[240]. Allerdings waren schon lange -vorher einzelnen großen Meistern fürstliche Ehren erwiesen worden. Z. -B. machten weder Rubens noch Guido Reni Besuche, sondern empfingen nur -solche im Atelier. Als letzterer aus Bologna nach Rom zurückkehrte, das -er im Zorn über Honorarschwierigkeiten verlassen hatte, fuhren ihm die -Wagen der Kardinäle bis Ponte Molle entgegen. Als Bernini die erste -französische Stadt betrat, wurden ihm deren Schlüssel überreicht, und -drei Tage vor Paris holte ihn die königliche Sänfte ein[241]. Dagegen -suchten noch bis ins 18. Jahrhundert Mitglieder der Gilden ihre -Arbeiten durch Hausieren an den Mann zu bringen, und es verstieß nicht -gegen den Ehrenkodex, wenn ein Maler oder ein Maler-Kunsthändler sich -an einer Brücke oder sonst einem öffentlichen Platz mit seinen Bildern -aufstellte[242]. - - * - -Auch in Griechenland zur Zeit der höchsten Kunstblüte wurde der -bildende Künstler unter die Handwerker gezählt. Bezeichnend sind -dafür Plutarchs Worte: „Wir schätzen ein Werk, aber wir verachten -seinen Schöpfer“ oder: „Kein anständiger junger Mensch, der den Zeus -in Pisa oder die Hera in Argos sieht, wird sich deshalb wünschen, ein -Phidias oder Apelles zu sein; denn, wenn uns ein Werk angenehm und -gefällig ist, braucht darum doch noch keineswegs sein Schöpfer unsere -Nacheiferung zu verdienen“[243]. - - * - -Wenn uns auch selbst aus dem frühen Mittelalter eine Reihe von -Künstlernamen überliefert sind[244], so war im allgemeinen doch die -Person des Schöpfers eines Kunstwerkes von ganz geringer Bedeutung -gegenüber der, die es +bezahlte+. Wichtiger als die Meister sind -die Stifter, deren Porträts und Namen sich auf zahllosen Gemälden und -Skulpturen erhalten haben. - - - - -Zwölfter Abschnitt - -Religion und Glaube - - -Die sogenannten +Sieben Todsünden+ sind, wie Zielinski -nachgewiesen hat, aus der heidnischen Astrologie entnommen und haben -wahrscheinlich durch Vermittlung der stoischen Philosophie ihre -Ausbildung erhalten. Auch Horaz kennt sie[245]. - - * - -Der Vers 7 in der 1. Epistel Johannis, Kapitel 5, den die Dogmatiker -als Hauptbeweis für die Lehre von der +Dreifaltigkeit+ brauchen, -ist nach der Untersuchung des katholischen Theologieprofessors -Karl Künstle (Das Comma Joanneum, auf seine Herkunft untersucht. -Freiburg 1905) von dem +Häretiker+ Priscillian im 4. Jahrhundert -eingeschoben worden!! Von demselben Vers erklärte die Indexkongregation -1897, daß es nicht gestattet sei, an seinem authentischen Charakter zu -zweifeln. Künstles Schrift erschien mit bischöflicher Approbation! - - * - -Demeter, die Mutter des Dionysios, heißt „+heilige Jungfrau+“, -Isis, die Mutter des Horus, spielt eine besondere Rolle, Sargon, Gudea, -Asernasipal, Asurbanipal usw. behaupten von sich die Jungfrauengeburt -von der Göttin Istar, und diese wunderbare Herkunft wird von ihnen -beansprucht, wiewohl wir ihre wirkliche Herkunft kennen. Das hängt mit -dem +Tierkreisbild der Jungfrau+ zusammen und der Konstellation -der Wintersonnenwende. Um Mitternacht am 25. Dezember geht am -östlichen Punkte des Himmels das Sternbild der Jungfrau auf. Daher die -Festsetzung der Geburt Christi auf diesen Tag und die Legende seiner -jungfräulichen Geburt[246]. - -Heute noch lehrt die römisch-katholische Kirche die +Jungfräulichkeit -Mariä+ und die +Gottheit Christi+ in dem Sinne, daß Gott -durch den hl. Geist sein Vater wurde. Letzteres wird auch von der -protestantischen Kirche noch aufrecht erhalten. Dazu seien zwei Stellen -des Neuen Testamentes zitiert: Matthäus Kapitel 1 Vers 25: „+Und -erkannte sie nicht, bis sie ihren ersten Sohn gebar+; und hieß -seinen Namen Jesus.“ - -Matthäus Kapitel 13 Vers 55 und 56 lauten: „Ist er nicht eines -Zimmermanns Sohn? Heißt seine Mutter nicht Maria? Und +seine Brüder -Jakob und Joses und Simon und Judas+? Und +seine Schwestern+, -sind sie nicht alle bei uns?“ - -Die Evangelien sind eben nur unfehlbar, wenn es gewissen Kreisen und -Institutionen paßt. - -Zur +Gotteskindschaft Christi+ finden sich zahlreiche Analogien -in der Antike. Vom Philosophen Plato war schon zu seinen Lebzeiten die -Sage aufgekommen, seine Mutter Periktione habe ihn vom Gott Apollo -empfangen, ebenso war Augustus Apollos Sohn, während Alexanders und -Scipios Vater Zeus war, der auch den Wundermann Apollonius von Tyana -gezeugt haben soll. Origines sagt diesbezüglich: „Der einfache Antrieb, -so etwas von Platon zu erdichten, war, daß man glaubte, ein Mann, -der mit größerer Weisheit und Kraft als die Durchschnittsmenschen -ausgestattet war, +müsse auch aus höherem und göttlichem Samen seinen -leiblichen Ursprung gehabt haben+.“ Die Nutzanwendung daraus auf -Christus zu ziehen, überließ Origines seinen Lesern[247]. - -Seit 1870 ist nicht nur Christus von Maria, sondern auch diese von -ihrer Mutter Anna „unbefleckt“ empfangen worden. Wenigstens hat das -Vatikanische Konzil diese Feststellung gemacht. - - * - -Auch von +Buddha+ wird erzählt, daß er von der jungfräulichen -Königin Maja geboren wurde, in deren Leib das himmlische Geistwesen -Buddha unbefleckt und unbefleckend einging. Auch bei seiner Geburt -erstrahlte überirdisches Licht und erschienen Scharen himmlischer -Geister, die einen Lobgesang anstimmten zum Preise des Kindes, das der -Welt Heil, aller Kreatur Freude und Frieden bringen, die Feindschaft -zwischen Gottheit und Menschheit versöhnen werde. Auch hier erkennt ein -frommer Seher im Kinde den künftigen Erlöser[248]. - - * - -Die +Auferstehung Christi+ nach drei Tagen erinnert an das große -Auferstehungsfest der Babylonier in Nisan, also etwa gleichzeitig -mit dem Tode und der Auferstehung Jesu. In feierlichen Prozessionen -und Riten wurde in Babel in der Frühlingszeit die +Auferstehung -des Marduk+ gefeiert. Die drei Tage, die Auferstehung Jesu -gleichzeitig mit Sonnenaufgang, die Feier des „Herrentages“, die -+Sonnenfinsternis+ bei Jesu Tode, die +Engelerscheinungen+ -zeigen in die Richtung jener babylonischen Gedanken. Auch der -+Satan+, die +bösen Dämonen+, besonders die sieben bösen -Geister, sowie Jesu Selbstbezeichnung „der +Menschensohn+“ = „der -+Mensch+“ weisen nach Babylonien[249]. - - * - -Auch der Hexenwahn ist, wie Friedrich Delitzsch in „Mehr Licht“ -(Leipzig 1907) feststellt, chaldäischen Ursprungs, und zwar genau in -der Form der römisch-katholischen Kirche. Auch die Verbrennung durch -Feuer -- durch solche in Effigie ersetzt -- geht auf dieses uralte Volk -zurück. - - * - -In Tarsus war schon zur Zeit des Pompejus ein Sitz der von Persien -ausgegangenen Mithrareligion. In die Mithrareligion wurde man -durch Weihen aufgenommen, die als ein mystisches Sterben und -Wiedergeborenwerden sich darstellen, wodurch die Schuld des alten -Lebens getilgt und ein neues, unsterbliches Leben durch den Geist -erzeugt werde. Die Geweihten nannten sich deshalb „wiedergeboren für -ewig“. Die Verwandtschaft dieser Lehre mit der des Apostels Paulus -- -der bekanntlich in Tarsus lebte -- von der christlichen +Taufe+ (Römer -6) ist schlagend. Auch das hl. +Mahl+, bei welchem das +geweihte -Brot+ und der +Kelch+ mit Wasser oder Wein als mystische Symbole zur -Mitteilung des göttlichen Lebens an die Mithragläubigen diente, gehörte -zu den +Sakramenten+ dieser Religion. Auch hier ist die Parallele mit -Pauli Lehre vom hl. +Abendmahl+ schlagend[250]. - - * - -Der +Sühnetod Christi+ hat seine Vorläufer in dem des Adonis, -Attis und Osiris. Bei der Adonisfeier im Frühling wurde zuerst -sein („des Herren“) Tod und die Bestattung seiner durch ein Bild -dargestellten Leiche begangen. Am folgenden -- bei der Osirisfeier -am dritten, bei der Attisfeier am vierten -- Tage erscholl die -Kunde, daß der Gott lebe, und man ließ ihn, d. h. sein Bild, in die -Luft aufsteigen. Letztere Zeremonie hat sich in der Osterfeier der -griechischen Kirche bis heute erhalten. Paulus, der in Antiochia länger -wirkte, hatte dort diesen Kult zweifellos kennen gelernt. Die Rettung -des Gottes (Adonis, Attis, Osiris) aus dem Tode, galt als Rettung -seiner Kultgenossen. In den Mysterien des Attis, der Isis und des -Mithras wurde durch +symbolisches Sterben+ und +in den Hades -hinabsteigen+ angedeutet, daß die Gläubigen zur Teilnahme am Leben -des Gottes gelangen. In einer Mithrasliturgie betet der Geweihte: -„Herr, wiedergeboren verscheide ich, indem ich erhöhet werde, und da -ich erhöhet bin, sterbe ich; durch die Geburt, die das Leben zeugt, -geboren, werde ich in den Tod erlöst und gehe den Weg, wie du gestiftet -hast, wie du zum Gesetz gemacht und geschaffen hast das Sakrament“. -Die Ähnlichkeit dieser Vorstellung mit der mystischen des Paulus vom -Tod und der +Auferstehung Christi+ und vom +Mitsterben und -Mitauferstehen der auf Christum Getauften+ ist schlagend[251]. - - * - -Bereits im Altertum gab es festbesoldete geistliche Orgelspieler, wie -aus einer in Rhodus gefundenen, aus dem 3. nachchristlichen Jahrhundert -stammenden Inschrift hervorgeht. Der Orgelspieler hat zu Ehren des -Dyonisios Bacchios zu spielen und erhielt dafür jährlich 360 Denare. -Die besonderen Festlichkeiten „zur Erweckung des Gottes“, die nach -dem Osirisvorbilde alle zwei Jahre gefeiert wurden, hatten größte -Ähnlichkeit mit der Karsamstagzeremonie vieler katholischer Kirchen. -Bei diesen Festlichkeiten dürfte der Orgelspieler seine Kunst geübt -haben[252]. - - * - -Die römische Kirche nennt sich heute noch die „Katholische“, also -+allgemeine+, wiewohl nur etwa ein Drittel der Erdbewohner -Christen sind, von diesen aber etwa 120 Millionen „orthodox“ und -etwa 170 Millionen protestantisch, während der römisch-katholischen -Kirche nur etwa 260 Millionen, also +nicht einmal die Hälfte -der Christenheit+ angehören und nur +ein Sechstel der ganzen -Menschheit+[253]! - - * - -Die Kirche lehrt heute noch u. a. folgendes: - -„Maria hatte schon den freien Gebrauch des Verstandes, +bevor sie das -Licht der Welt erblickte+, im Schoß ihrer Mutter Anna. Wir dürfen -annehmen, daß sie schon ungeboren weit mehr von Gott wußte und vom -Jenseits, von des Menschen Ziel und Ende, von den Mitteln, das Ziel zu -erreichen, als die größten Geister nach jahrelangem Denken, Studieren -und Beten wissen[254].“ - - * - -Der Kardinal und Fürsterzbischof von Salzburg erließ am 2. Februar -1905 einen Hirtenbrief, in dem folgende Stellen über die Macht des -Priesters vorkommen: „Wo auf der ganzen Erde ist eine Gewalt, welche -dieser Gewalt gleichkommt?“ Die Gewalt der Fürsten und Könige wird -durch sie übertroffen. Aber wo ist selbst im Himmel eine solche -Gewalt?: „Wenn du dort dich umschaust, so siehst du die Schar der -Patriarchen und Propheten, der Märtyrer und Blutzeugen und die Scharen -der hl. Jungfrauen und dann die Engel und Erzengel und die Throne und -Herrschaften -- können sie dich lossprechen von deinen Sünden? Nein... -selbst Maria, die Gottesmutter, die Königin des Himmels, sie kann es -nicht... O unbegreiflich hohe Gewalt! +Der Himmel läßt sich von -der Erde die Art und Weise zu richten vorschreiben+, der Knecht -ist Richter auf der Welt, und der +Herr bestätigt im Himmel das -Urteil+, das jener auf der Erde fällt.“ - -Der Priester besitzt die Gewalt, Brot und Wein in den +wahren -Leib+ und das +wahre Blut Christi+ zu verwandeln: „Christus, -der eingeborene Sohn Gottes des Vaters, durch den Himmel und Erde -geschaffen sind, der das ganze Weltall trägt, ist dem katholischen -Priester hierin zu Willen.“ +Christus+ hat „dem +katholischen -Priester über Sich+, über Seinen Leib, Sein Fleisch und Blut, -Seine Gottheit und Menschheit +Gewalt gegeben+ und +leistet dem -Priester Gehorsam+[255],“ d. h., er läßt sich von ihm verspeisen. - - * - -Noch heute steht für die römisch-katholische Kirche die Existenz -eines +wahrhaftigen Teufels+ fest. Am 13. und 14. Juli 1891 hat -der Pater Aurelian vom Wemdinger Kapuzinerkloster nach eingeholter -Erlaubnis der Bischöfe von Augsburg und Eichstätt mit eigener Hand -den Teufel aus einem besessenen Knaben ausgetrieben und einen -„authentischen Bericht“ über den ganzen Vorgang am 15. August 1891 -im Klosterarchiv niedergelegt. Darin erklärt Pater Aurelian u. a. -wörtlich: „+Wer die Besessenheit in unsern Tagen leugnen wollte, der -bekennt hiermit, daß er abgeirrt ist von der Lehre der katholischen -Kirche+[256].“ - - * - -In den katholischen und protestantischen Schulen wird heute noch -gelehrt, daß Gott +in sechs Tagen die Erde aus nichts schuf+, daß -+Adam aus Lehm, Eva aus einer Rippe+ gemacht wurde, kurz die ganze -biblische Schöpfungsgeschichte, und zwar nicht etwa als Mythus oder zur -Veranschaulichung für die kindlich naive Art, in der man sich vor 2½ -Jahrtausenden diese gewaltigen und restlos wohl nie löslichen Probleme -klarzumachen suchte, sondern alles als +buchstäbliche, geoffenbarte -Wahrheit+. Wer schon etwas geweckter ist und daran zweifelt, -riskiert eine ungenügende Religionsnote, die Versetzung in höhere -Klassen ausschließt. So erziehen Staat und Kirche zu Überzeugungstreue -und Wahrhaftigkeit! - - * - -Eine erbauliche Geschichte, die heute noch -- neben mancher -gleichwertigen -- in den Volksschulen gelesen wird, ist die von der -+Volkszählung Davids+ (2. Buch Samuelis, 24. Kap.): Gott hat den -König David angereizt, Israel und Juda zu zählen, worauf der König dies -Geschäft seinem Feldherrn Joab übertrug. Trotz der Gegenvorstellungen, -die jener erhob, blieb David -- wie ja mit Rücksicht auf den hohen -Auftraggeber selbstverständlich -- bei seinem Befehl, und so ging die -Volkszählung im ganzen Lande vonstatten. Als sie aber vorüber war, -bekam der König Gewissensbisse und betete zu Gott: „Ich habe schwer -gesündigt, daß ich das getan habe, und nun, o Gott, nimm hinweg die -Missetat deines Knechtes, denn ich habe sehr töricht gehandelt.“ Gott -aber ließ David die Wahl zwischen dreierlei Heimsuchungen: „Willst -du, daß sieben Jahre Hungersnot in dein Land kommen? Oder daß du drei -Monate lang verfolgt von deinen Feinden fliehen müssest? Oder daß drei -Tage Pestilenz in deinem Lande sei?“ Der König, landesväterlich wie er -nun einmal war, wählte die Pestilenz, der 70000 aus dem Volke erlagen. -Dann erlosch die Seuche. Nun dämmerte es David -- der, man bedenke, -die Volkszählung +auf Gottes Befehl+ ausführen läßt und dann sein -Volk, zur Strafe für seinen Gehorsam, aufopfert, weil er selbst die -Konsequenzen nicht tragen will -- daß er doch jedenfalls eher etwas -verschuldet habe als sein Volk, und er sprach zu Gott: „Siehe, ich -habe die Missetat begangen, aber diese Schafe (nämlich das Volk, das -nicht ohne Grund in der Bibel immer so genannt wird), was haben sie -getan? Laß doch deine Hand wider mich und meines Vaters Haus sein.“ Er -wurde aber nicht weiter bestraft, und die Sache war erledigt. - -Auf diese Weise wird in den Volksschulen ad oculos die Gerechtigkeit -Gottes demonstriert, desgleichen die Herrschertugenden Davids und die -kulturelle Höhe des „auserwählten“ Volkes, dessen Gesetze uns heute -noch vorgehalten werden. Das Beispiel taugte besser zum Beweise für -die Rückständigkeit und Barbarei des jüdischen Aberglaubens und -- die -Verbohrtheit der modernen religiösen Erziehung[257]. - - * - -Herr Commer, unrühmlich bekannt durch sein Verhalten in der -Schellaffäre, hat die Erdbeben als „Grollen des Satans“ erklärt, steht -auf dem Standpunkt der Bautzschen Höllentheorie, leugnet die Umdrehung -der Erde um die Sonne, spricht dem Foucaultschen Pendelversuch die -Beweiskraft ab, lehrt die Erschaffung der Welt in 6 Tagen à 24 Stunden -und verteidigt die Hexenverbrennung. Trotzdem oder wohl deshalb ist -er päpstlicher Prälat, Doktor der Theologie und Jurisprudenz und -ordentlicher Universitätsprofessor in Wien, und zwar das alles im 20. -Jahrhundert[258]. - - * - -Gegen die Eherechtsreformer in Österreich, die Aufhebung des bisherigen -mittelalterlichen Gesetzes erwirken wollen -- dort ist heute noch die -Ehescheidung (nach deutscher Terminologie) unzulässig, die getrennten -Gatten aber müssen bis zum Tode des anderen ledig bleiben; ein -kostbares Vermächtnis aus der klerikal-feudalen Vergangenheit -- wird -heute noch als gewichtigstes Argument angeführt, daß -- +Gott+ -selbst im +Paradiese+ die Ehe zwischen Adam und Eva als unlösliche -Institution eingesetzt habe!!![259] - - * - -Heute noch wird gelehrt, daß die Menschheit durch den Sündenfall -sich die Strafen der Hölle und des Fegefeuers zugezogen hätte. -„Der allmächtige Gott hat nämlich den Menschen zuerst schwach und -unvollkommen geschaffen und ihn sodann verantwortlich gemacht. Der -allwissende Gott hat Adam und Eva einer Probe unterworfen, von der er -natürlich voraus wußte, daß sie sie nicht bestehen würden. Und als dann -dieser Fall wirklich eingetreten war, hat der allgütige und gerechte -Gott dafür nicht bloß sie selbst, sondern auch alle ihre Nachkommen -mit ewiger Verdammnis bestraft. So entstand die Erbsünde. Und auf eine -gleich klare und überzeugende Weise wurde die Menschheit auch wieder -von ihr erlöst.“[260] - - * - -Durch den Syllabus Papst Pius IX., der natürlich heute noch zu Recht -besteht, wurden unter anderem folgende „Irrtümer“ +verdammt+: - -§ 12. „Die Dekrete des apostolischen Stuhles und der römischen -Kongregationen hindern den freien Fortschritt der Wissenschaft.“ - -§ 18. „Der Protestantismus ist nichts anderes, als eine verschiedene -Form derselben christlichen Religion, in welcher es ebensogut möglich -ist, Gott zu gefallen, wie in der katholischen Kirche.“ Damit wird also -dem Protestantismus die Qualität einer christlichen Kirche abgesprochen! - -§ 45. „Die ganze Leitung der öffentlichen Schulen, in denen die -Jugend eines christlichen Staates erzogen wird, nur die bischöflichen -Seminarien in einiger Beziehung ausgenommen, kann und muß der -Staatsgewalt zugewiesen werden, und zwar so, daß keiner anderen -Autorität irgendein Recht, sich in die Schulzucht, in die Ordnung der -Studien, in die Verleihung der Grade und die Wahl oder Approbation -der Lehrer zu mischen, zuerkannt werden kann.“ Also geistliche -Schulaufsicht und Aufsicht über die Universitäten wird heute noch -gefordert! - -§ 53. „... die staatliche Regierung kann sogar allen Hilfe leisten, -welche den gewählten Ordensstand verlassen und die feierlichen Gelübde -brechen wollen.“ - -§ 74. „Ehesachen und Verlobungen gehören ihrer Natur nach vor das -weltliche Gericht.“ - -§ 77. „In unserer Zeit ist es nicht mehr nützlich, daß die katholische -Religion unter Ausschluß aller anderen Kulte als einzige Staatsreligion -gelte.“ - -§ 78. „Es ist daher zu loben, daß in gewissen katholischen Ländern -gesetzlich verordnet ist, daß den Einwanderern die öffentliche Ausübung -ihres Kultus, welcher er auch sei, gestattet sein solle.“ Also heute -noch fordert das Papsttum vom Staate, daß er zwar die Erziehung der -eigenen Jugend nicht leiten darf, +aber allen Andersgläubigen -Religionsfreiheit versagt+[261]. - -Die Sätze 19, 23, 24 und 27 dieses Syllabus beweisen das Verlangen -auch +heute noch+, die Ketzer zu vernichten. Im kanonischen Recht -besteht noch +Todesstrafe+ für Häresie, wie auch jeder Bischof dem -Papst schwören muß, die Ketzer zu verfolgen.[262] - - * - -Ein Kulturkuriosum ersten Ranges ist der Syllabus Pius X. vom 4. Juli -1907, ein noch größeres, daß es sogar gebildete Menschen gibt, die -sich darum kümmern! Durch diese zwar nicht „unfehlbare“, aber doch -durch die gewaltige Autorität des Papsttums gestützte Entscheidung wird -+die Kirche als höchste Instanz bei Entscheidung wissenschaftlicher -Fragen, selbst solcher rein profaner Art, proklamiert+. Nach § 7 -kann die Kirche, wenn sie „Irrtümer“ verwirft, sogar die +innere -Zustimmung+ von den Gläubigen verlangen, also nicht nur äußeren -Gehorsam. Die ganze moderne Bibelwissenschaft wird verdammt, besonders -aber im § 11 ausdrücklich konstatiert, daß die göttliche Inspiration -sich in der Weise über die gesamte heilige Schrift erstreckt, daß sie -+alle ihre einzelnen Teile vor jedem Irrtum bewahrt+! Der folgende -§ verbietet ausdrücklich, die Bibel so auszulegen wie andere Bücher -menschlichen Ursprungs. - -Die §§ 20-26 verurteilen die wissenschaftlich festgestellte Diskrepanz -zwischen den historischen Tatsachen und den kirchlichen Dogmen, die -folgenden die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung über die -Person Christi. Endlich wird die +genetische Entwicklung+ des -Sakramentenwesens +verworfen+, z. B. im § 44 behauptet, daß schon -die +Apostel das Sakrament der Firmung anwandten+, desgleichen -die der kirchlichen Verfassung und Verwaltung, sowie die der Lehre. -Den Schluß aber bildet die Konstatierung, daß +die bisherigen -theologischen Lehren und Anschauungen nicht revisionsbedürftig -seien.+ - -Wer unbefangen den Syllabus liest, wird mit fast allem einverstanden -sein, bis er erfährt, daß vor jedem ein „verdammt wird die Behauptung“ -zu denken ist. - - * - -Zur Zeit der Kreuzzüge war +bei der Taufe völlige Nacktheit -erforderlich+. Und zwar erstreckte sich diese auch auf die Damen der -„Heiden“ bzw. Mohammedaner, denen beizuwohnen den christlichen Rittern -sicherlich Vergnügen bereitete[263]. - - * - -Der Beichtvater hatte das Recht, sein Beichtkind zu schlagen. Auch die -heilige Elisabeth mußte sich von ihrem Beichtvater Konrad von Marburg -solche Züchtigung gefallen lassen. - - * - -Die fromme Nonne Juliane, die in dem Kloster auf dem Berge Coreillon -bei Lüttich lebte, hatte einst eine seltsame Erscheinung: beim Beten -sah sie regelmäßig den vollen Mond mit einer kleinen Lücke. Von -autoritativer Seite wurde diese Vision auf die natürlichste Weise -erklärt: der Mond stelle die Kirche, die +Lücke aber den Mangel -eines Festes zur Feier der Einsetzung des heiligen Abendmahles+ -vor. Diese Interpretation war so evident, daß sich der Bischof Robert -von Lüttich, von den Archidiakonen Johannes und Jacobus Pantaleon -und anderen Theologen aufgeklärt, ihrer Logik nicht entziehen konnte. -So ordnete er denn 1246 die Feier des so dringend gebotenen Festes in -seinem Bistum an. Als jener Pantaleon 1261 als Urban IV. den Stuhl -Petri bestiegen hatte, verordnete er -- 1264 -- durch eine Bulle die -Feier in der ganzen katholischen Kirche. Noch heute wird bekanntlich -+Fronleichnam+ alljährlich mit größtem Pompe begangen[264]. - - * - -Kaiserin +Barbara+, Gemahlin Sigismunds, starb am 11. Juli -1451 an der Pest. Sie war häufig im Ehebruch von Sigismund ertappt -worden, da dieser selbst aber nichts weniger als treu war, verzieh -er ihr jedesmal. Als Witwe lebte sie in Melnik bei Königgrätz „unter -einem Schwarm von Buhlknaben und Beischläfern“. Messalinen hat es -immer gegeben, deshalb ist dieser Lebenswandel nicht sonderlich -verwunderlich, wenn es auch nichts Alltägliches ist, wenn eine deutsche -Kaiserin verzehrt von unersättlicher Sinnlichkeit -- wie Enneas Sylvius -bezeugt -- den Männern nachläuft. Desto bemerkenswerter ist Barbaras -+krasser Materialismus+. „So weit sank sie in ihrer wahnsinnigen -Verblendung, daß sie heilige Jungfrauen, die für den Glauben an Jesu -den Tod erlitten, öffentlich Törinnen schalt, welche die Freuden der -sinnlichen Lust nicht zu genießen verständen ... Sie leugnete auch, daß -es nach diesem Leben ein anderes gäbe, und behauptete im Ernst, daß die -Seelen mit den Körpern zugrunde gingen“[265]. - - * - -In „Aucussin und Nicolette“ läßt schon einige Jahrhunderte früher die -reizende „Chantefable“ den Helden auf die Mahnung, sein Seelenheil -nicht aufs Spiel zu setzen, antworten: „Was habe ich denn im Paradies -zu tun? Ich will gar nicht ins Paradies, aber meine liebste Nicolette -will ich. Ins Paradies gehören alte Priester und Bettler, die stets vor -dem Altar herumgelegen haben, in häßlich schmutziger Kleidung, halb tot -vor Hunger und Kälte; die gehören ins Paradies! Was hab +ich+ mit -ihnen zu schaffen? -- Aber in die Hölle will ich, wo die Dichter sind -und die Ritter, die im Turnier oder im Kriege starben, wo die schönen -Frauen sind, die zwei Freunde hatten oder drei mit ihrem Eheherrn, -dort glänzt Gold und Silber, dort prangen edle Pelze und Hermeline, -dort sind Harfner und Spielleute und die Könige dieser Welt. Mit -+ihnen+ will ich sein und Nicolette, meine süße Freundin, bei mir -haben[266].“ - -Heine kleidete bekanntlich denselben Gedanken in die Worte: Den Himmel -überlassen wir den Engeln und den Spatzen. - - * - -Im Jahre 1905 erschien in zweiter Auflage mit kirchlicher Approbation -in Mainz ein Werk von Dr. Joseph Bautz, a. o. Professor der Theologie -an der kgl. Universität zu Münster, „Die Hölle“ betitelt. In diesem -grundgelehrten von profunder Weisheit strotzenden Buche wird eingehend -Dasein, Ort und Dauer der Hölle ergründet. Er kommt dabei besonders S. -36 ff. zu dem Resultate, daß sie im Innern unserer Erde liege, aber -das genügt dem kühnen Entdecker nicht, er geizt nach höheren Lorbeern. -Und das ist gut so, denn nur durch diese laudum immensa cupido ist -es zu erklären, daß Bautz sich das unsterbliche Verdienst erwirbt, -sogar eine +Topographie der Hölle+ festzustellen. Es gibt vier -unterirdische receptacula, von denen die eigentliche Hölle am untersten -liegt, während der sinus Abrahae „in höherer und würdigerer Lage sich -befindet. Dafür spricht auch der Umstand, daß der reiche Prasser, -um den Lazarus zu schauen, seine Augen +aufhob+. Der limbus -puerorum liegt in der Nähe des sinus Abrahae in einiger Entfernung -von der eigentlichen Hölle und wird wie letzterer von ihren Flammen -nicht berührt. Das Fegefeuer aber befindet sich wohl in unmittelbarer -Nähe der Gehenna, weil viele Theologen mit dem h. Thomas behaupten, -das Feuer des Purgatoriums sei mit dem der Hölle ganz identisch. Dazu -kommt, daß die unmittelbare Nähe der Hölle um so mehr zur Betrübnis, -zur Verdemütigung und Läuterung der armen Seelen gereichen muß. Und -mögen diese Seelen auch durch die Gnade den erbsündigen Kindern an -Würde überlegen sein, für die Zeit ihrer Läuterung gebührt ihnen doch -schärfere Züchtigung und deswegen auch ein niederer Ort.“ - -Der sinus Abrahae ist zur Zeit unbewohnt, nach der Auferstehung wird es -auch das Fegefeuer sein. Die im limbus puerorum wohnenden Kinder werden -dann eine andere Behausung zugewiesen erhalten. - -Daß die Hölle etwa zu klein für unsere sündigen Seelen sein sollte, -braucht uns nicht zu besorgen, denn wenn sie auch zur Zeit -- trotz -Freimaurerei, Liberalismus und Freigeisterei -- wie der gelehrte -Verfasser ermittelte, nur wenig umfangreich ist, so hat doch Lessius -berechnet, „daß ein ganz geringer, verschwindender Teil des Erdinnern -hinreicht, um eine geradezu fabelhafte Anzahl von Menschen aufzunehmen“. - -Nicht hoch genug kann das Verdienst des Höllentopographen veranschlagt -werden dafür, daß er für die +Vulkane+ eine überzeugende und -einfache Erklärung gefunden hat. Sie sind -- +Schlote der Hölle+! -So ist auch die Lösung dieses Rätsels dem 20. Jahrhundert gelungen. -Zeppelin und Bautz können sich in berechtigtem Stolze die Hände reichen. - -Dieses Buch kann sich, wie der Verfasser im Vorwort zur zweiten Auflage -mit Genugtuung konstatiert, der Zustimmung zahlreicher Theologen, auch -protestantischer, erfreuen. Ja, sogar seinen +Plagiator+ hat Bautz -gefunden!!! - -Da es haarsträubenderweise „aufgeklärte Geister gibt, für welche Hölle -und Teufel Märchen sind“, die sogar an Bautz’ Höllentheorie, an den -„grausigen Flammen, die hart unter unseren Füßen drohend lodern“, zu -kritteln wagen, muß er ihnen gegenüber Stellung nehmen. Er tut es -in der vornehmen Sachlichkeit und bescheidenen Würde, die sein als -Kulturkuriosum unschätzbares Werk auch sonst auszeichnen. - -„Glücklicherweise gehören derartige Intelligenzen nicht zu den Quellen, -aus denen der katholische Theologe zu schöpfen, auch nicht zu den -Auktoritäten, deren Urteil für ihn irgend einen Wert hat.“ Ja, Bautz -kann auch scharf sein, aber nur um der guten Sache willen. - - * - -Im Jahre 1902 erließ der preußische evangelische Oberkirchenrat -eine Verordnung, die eine einheitliche Regelung des Lernstoffes -für den evangelischen Schul- und Konfirmandenunterricht -durch die Provinzialkonsistorien unter Vereinbarung mit den -Provinzialschulkollegien und den Regierungen anordnete. Sie ist -jetzt in allen Provinzen durchgeführt worden. Danach müssen die -Kinder folgendes auswendig lernen: 20-40 Sprüche aus dem Alten, -100-110 Sprüche aus dem Neuen Testament, 6 Psalmen, 20 Kirchenlieder -und den Wortlaut der 5 Hauptstücke des lutherischen Kleinen -Katechismus. Das sind in Summa +mindestens+ 180 +Bibelverse+ und 180 -+Kirchenliederstrophen+, die die Kinder sich +wörtlich+ einprägen -müssen. Auf dem Lande sind es meistens noch viel mehr, da damit ja nur -das Mindestmaß an geistiger Atzung fixiert ist. - -Der religiöse Memorierstoff der Berliner Gemeindeschule fordert laut -Lehrplan 121 Kirchenliederverse, 110 Bibelsprüche, den Wortlaut der -ersten drei Hauptstücke des lutherischen Katechismus, ferner fünf -Psalmen mit zusammen 45 Versen, das alles von 10-11+jährigen Kindern+! -Diese Weisheit wird in sechs Wochenstunden, denen nur zwei Stunden für -Rechnen gegenüber stehen, eingetrichtert. Wer da nicht fromm wird, dem -ist einfach nicht zu helfen[267]. - - * - -Im Jahre 1885 „bekehrte“ sich der in Frankreich sehr bekannte -Schriftsteller und Freidenker +Leo Taxil+. Der päpstliche Nuntius in -Paris nahm ihn sofort unter seine besondere Obhut und forderte ihn auf, -mit seiner Feder hinfort für die Kirche Gottes zu kämpfen. - -Das tat er auch und seiner emsigen Feder entströmten eine Reihe von -Werken, die zwar an Wahnwitz und Teufelsspuk das Tollste enthielten, -was die Phantasie aushecken konnte, nichts desto weniger oder -vielleicht auch deshalb den Beifall der katholischen Presse, den der -Geistlichkeit, ja sogar die Zustimmung des Papstes Leo XIII., der alle -las, und enorme Verbreitung fanden. Doch das genügte dem Pfiffikus -nicht, und so vereinigte er sich denn mit einem Dr. Karl Hacks, um -durch etwas noch Großartigeres zu beweisen, was hundert Jahre nach -Kant, im Zeitalter der Naturwissenschaften und der Technik gläubigen -Gemütern alles aufgetischt werden konnte. Unter dem Namen Dr. Bataille -schrieb dieser das Buch „Le Diable au 19. siècle“, dessen erste -Lieferung am 29. September 1892 erschien. Es ist ein in Romanform -geschriebenes Reisewerk, worin Dr. Hacks die verschiedenen Länder, die -er bereist hat, beschreibt unter dem Gesichtspunkt des +Teufelskultus+, -der in ihnen getrieben wird. - -So sieht der Verfasser z. B. beim Satanspapst Pike ein teuflisches -Telephon, durch welches er den sieben großen Direktorien, Charleston, -Rom, Berlin, Washington, Montevideo, Neapel und Kalkutta seine -Weisungen übermittelt. - -Mit Hilfe eines magischen Armbandes kann Pike den Luzifer jeden -Augenblick herbeirufen. Eines Tages nahm Satan Pike sanft auf seine -Arme und machte mit ihm eine Reise auf den +Sirius+(!). In wenigen -Minuten waren über 50 Millionen Meilen zurückgelegt. Nach Besichtigung -des Sternes langte Pike in den Armen Luzifers wohlbehalten wieder in -seinem Arbeitszimmer in Washington an. - -In London wird durch diabolische Künste ein Tisch zum Plafond gebracht -und in ein +Krokodil+ verwandelt, das sich +ans Klavier setzt, -fremdartige Melodien spielt+ und die +Hausfrau durch ausdrucksvolle -Blicke in Verlegenheit bringt+! In diesem Stile geht es weiter. - -Ein zweiter Mitarbeiter Taxils war der Italiener Margiotta, der im -Jahre 1894 das Buch „Adriano Lemmi, chef supréme des Franc-Maçons“ -schrieb. Er verdiente damit in wenigen Monaten 50000 Frs. und der -ultramontane Verlag von Schöningh in Paderborn beeilte sich, mit -diesem Erzeugnis die deutschen Katholiken zu beglücken. Er erzählt, -daß der Teufelspapst Memmi im Palazzo Borghese zu Rom einen förmlichen -Satansdienst eingerichtet habe. Er ließ ein Kruzifix mit nach unten -hängendem Christuskopf unter dem Rufe „Ehre dem Satan“ bespeien, -durchbohrte bei jedem Briefe, den er an seinem Schreibtisch schrieb, -Hostien, die aus katholischen Kirchen entwendet waren, mit einer -Bohrfeder, ließ bei allen Banketten der Freimaurer Satanshymnen singen -und besondere Räume für Mopsschwestern (Frauenloge, deren Ritual -Taxil in seinen „Dreipunktbrüdern“, Verlag der Bonifatius-Druckerei -zu Paderborn, eingehend beschreibt) einrichten, mit denen die Brüder -Orgien feierten. Dabei tritt Bataille die obscönsten Dinge mit Behagen -breit, in dem er sich auf höhere Weisung beruft: „Wir gehorchen ohne -Hintergedanken den Befehlen des Heiligen Vaters, der will, daß wir der -Freimaurerei die Maske abreißen, mit der sie sich verhüllt, und sie so -zeigen, wie sie ist.“ - -Damit nicht genug, ließ Taxil mit Hacks vom Juli 1895 bis Juni 1897 -in Paris das Lieferungswerk „Miß +Diana Vaughan+. Mémoires d’une -Expalladiste. Publication mensuelle“ erscheinen. Es waren die Memoiren -eines früher dem Teufel verschriebenen, jetzt bekehrten jungen Mädchens -mit ihren eigenen Worten geschildert und -- wie die Dame selbst -- -natürlich von den beiden Witzbolden erfunden. - -Wie nicht anders zu erwarten, fanden die Memoiren in der katholischen -Welt reißenden Absatz und begeisterte Lobredner. Sie verdienten es -aber auch. Miß Vaughan war nämlich am 29. Februar 1874 geboren als -Frucht einer Verbindung ihrer Mutter mit dem Teufel +Bitru+, dem sie -schon als kleines Kind geweiht wurde. Als sie mit 10 Jahren „Meister“ -der Palladistenschule zu Louisville in Amerika wurde, brachte der -Oberteufel Asmodeus außer 14 Legionen Unterteufeln auch den +Schwanz -des Löwen des Evangelisten Markus mit, den er selbst ihm abgeschnitten -hatte+. Dieser Löwenschwanz legte sich Diana um den Hals und gab ihr -einen Kuß! usf., folgt eine Geschichte immer haarsträubender als die -andere. So von der Sophie Walder, die am 23. September 1863 als Tochter -Bitrus geboren, +von ihm gesäugt+ und dann verführt wurde, so daß Bitru -+ihr gegenüber als Vater, Amme und Gatte sich vorstellt+! - -Noch im Dezember 1895 konnte die „+Germania+“ in mehreren -Sonntagsbeilagen diese erbaulichen Geschichten ihren Lesern -als +Wahrheit+ erzählen! Die +Stimmen aus Maria Laach+, die -+Historisch-Politischen Blätter+ und andere angesehene katholische -Organe blieben dahinter nicht zurück. Die Spekulation des Kleeblattes -auf die, welche nicht alle werden, hatte durchschlagenden Erfolg. - -Auf einen Brief Taxils, den er als „Miß Vaughan“, Tochter Bitrus, an -den Kardinalvikar von Rom, den Kardinal Parochi schrieb, in dem er ihm -seine „Eucharistische Novene“ und 500 Francs übersandte, antwortete -dieser: - - „Rom, den 16. Dezember 1895. - - Mein Fräulein und liebe Tochter in unserm Herrn! - -Mit lebhafter und süßer Rührung habe ich Ihr Schreiben vom 29. November -zugleich mit dem Exemplar der „Eucharistischen Novene“, erhalten. -Zunächst bescheinige ich den Empfang der mir gesandten Summe von 500 -Frs., von denen 250 nach Ihrer Bestimmung für das Organisationswerk des -nächsten Antifreimaurerkongresses verwandt werden. Die andere Hälfte -in die Hände Seiner Heiligkeit für den Peterspfennig zu legen, ist -mir eine Freude gewesen. Sie (Seine Heiligkeit) hat mich beauftragt, -Ihnen zu danken und Ihnen seinerseits einen +ganz besonderen Segen -zu schicken... Ihre Bekehrung ist einer der herrlichsten Triumphe der -Gnade, die ich kenne+. Ich lese in diesem Augenblick Ihre Memoiren, -die von einem brennenden Interesse sind...“ - -Am 27. Mai 1896 schrieb der päpstliche Geheimsekretär Rod. Verzichi an -die famose „Miß Vaughan“ auf ausdrücklichen Befehl Seiner Heiligkeit, -daß der Papst „mit großem Vergnügen“ die Eucharistische Novene gelesen -habe. - -Vom 26. September bis 1. Oktober 1896 tagte der Antifreimaurerkongreß -in Trient, unterstützt durch 22 Kardinäle, 23 Erzbischöfe und 116 -Bischöfe und durch einen besonderen Segen Leos XIII. gestärkt. -Schon im August war Leo Taxil als einer der Vorstände des -Zentralexekutivkomitees des Antifreimaurerbundes vom Papste in -besonderer Audienz empfangen worden. - -Am 29. September hielt im Angesicht des versammelten Kongresses der -Abbé de Bessonies eine Rede, in der er mit Nachdruck aussprach, daß das -antifreimaurerische Frankreich +alles das für wahr halte und fest -glaube+, was er über die Echtheit der Vaughanenthüllungen vortrage. -Leo Taxil ergriff selbst das Wort und wurde begeistert wegen seiner -Verdienste um die Kirche gefeiert! - -Am 19. April 1897 erklärte Taxil im Sitzungssaale der Gesellschaft für -Erdkunde zu Paris sein ganzes bisheriges Tun und Treiben, seine Bücher -und Schriften, sei +ein einziger, großer, mit vollem Bewußtsein -von ihm begonnener und fortgesetzter Schwindel+! Er schloß seine -Rede mit den an die zahlreich versammelten katholischen Geistlichen -und Journalisten gerichteten Worten: „Meine hochwürdigen Väter, ich -danke aufrichtig den Kollegen der katholischen Presse und unsern -Herrn Bischöfen dafür, daß sie mir so trefflich geholfen haben, meine -schönste und größte Mystifikation zu organisieren[268].“ - - - - -Dreizehnter Abschnitt - -Die „Hexen“ oder Ecclesia non sitit sanguinem! - - -Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts etwa bekämpfte die katholische -Kirche den Hexenglauben oder war ihm gegenüber wenigstens sehr -skeptisch. Der „engelgleiche Doktor“ Thomas von Aquino, heute noch -größte Autorität der Kirche, bildete dann die unflätige Theorie von -den incubus und succubus aus, die nur als Wirkung des Zölibates zu -verstehen ist, und dieser Wahnwitz imponierte so gewaltig, daß nicht -zum wenigsten auf diese Autorität hin die Kirche die systematische -Hexenverfolgung betrieb. Heute behaupten Apologeten, daß die Kirche für -die Hexenprozesse keine Verantwortung habe, denn sie ist ja bekanntlich -unfehlbar. In der Abschwörungsformel aber, die der berüchtigte Malleus -maleficarum, der Hexenhammer, für die nicht an Hexerei Glaubenden -aufstellt, heißt es: „+Der Unglaube an Hexerei verstößt ausdrücklich -gegen die Entscheidung der heiligen Mutter, der Kirche, aller -katholischen Lehren+ und der kaiserlichen Gesetze. Die Entscheidung -zweifelhafter Dinge im Glauben steht vor allem bei der Kirche und -vornehmlich beim Papste; +von der Kirche aber ist gewiß, daß sie nie -im Glauben geirrt hat+.“ - -Als der Professor der Theologie Cornelius Loos, ein eifriger -Katholik, 1591 den Hexenwahn bekämpfte, ließ ihn der päpstliche -Nuntius Frangipani in Trier +einsperren+ und +zwang ihn zum -Widerruf+. Unter anderem mußte er anerkennen, daß seine Behauptung, -die Hexenausfahrten seien eine Täuschung, +stark nach Ketzerei -rieche+. Der Jesuit Delrio fügt hinzu: „Mögen die Anhänger des Loos -erfahren, wie vermessen und schädlich es sei, die Delirien eines Weier -(der ebenfalls den Hexenwahn bekämpfte) dem Urteil der +Kirche+ -vorzuziehen[269].“ - - * - -Daß die Intelligenz unter kirchlicher Ägide wenigstens in diesem Punkte -zunahm, wird sich schwerlich behaupten lassen! Wundervoll aber ist eine -Unfehlbarkeit, die offensichtlich sogar fortbesteht, wenn das konträre -Gegenteil zu verschiedenen Zeiten gelehrt wird! - - * - -Der Kirche war es vorbehalten, den im 15. Jahrhundert nur mehr -schwach im Volke vertretenen Hexenglauben durch den Hexenhammer -+frisch zu beleben+. Schon damals gab es Leute, die -- zur -Entrüstung der beiden wackeren Dominikaner und Theologieprofessoren -Institoris und Sprenger, den Verfassern des „Hexenhammers“ -- zu -behaupten wagten, es gebe keine andere Hexerei auf der Welt, als im -Glauben der Menschen. Gegen diese auf Humanismus und fluchwürdige -Emanzipation von der unfehlbaren kirchlichen Lehre zurückzuführende -Ketzerei, hinter der das Schrecklichste zu vermuten war, das jemals -der mittelalterlichen Kirche drohte: der gesunde Menschenverstand, -mußte natürlich energisch vorgegangen werden. Papst Innozenz VIII. -- -welche Ironie liegt allein in diesem Namen! -- erließ am 5. Dezember -1484 die Bulle „Summis desiderantes affectibus“, ein erhabenes Dokument -wahrhaft väterlicher Liebe, gedacht im Geiste Christi. Die Unzucht mit -dem Teufel, Teufelsbeschwörung, Verhinderung der Zeugungskraft bei -Männern und der Empfängnis bei Weibern, Impotenz etc. sind darin als -Hexenwerk gebrandmarkt. Die +Gegner der Verfolgungen+, seien sie -noch so hohen Standes, sind mit +Bann und Interdikt zu belegen+ -und nötigenfalls der +weltliche Arm+ gegen sie anzurufen[270]. -Hergenröther, ein Autor des 19. Jahrhunderts, meint, der Papst habe -dadurch „+mildernd+ und +belehrend+“ gewirkt!!! - - * - -Der Hexenhammer, erschienen mit dreifacher Approbation, nämlich einer -päpstlichen Bulle, einer königlichen Urkunde vom 6. November 1486 und -einem empfehlenden Gutachten der theologischen Fakultät der Universität -Köln vom Mai 1487, in unzähligen Auflagen verbreitet als Richtschnur -in der Behandlung von Hexen und Zauberei, noch vom Leipziger Professor -Carpzow († 1666), einem +orthodoxen Lutheraner+, als Autorität -anerkannt, entwickelt folgende „christliche“ Grundsätze[271]: - -Verteidiger der wegen Hexerei angeklagten Personen sind gestattet, -aber -- +auf den Wunsch des Angeklagten darf bei seiner Wahl keine -Rücksicht genommen werden+. Der Richter hat ihn zu ermahnen, -daß er sich nicht der +Begünstigung der Ketzerei+ schuldig -mache; +dieser aber macht er sich in hohem Grade schuldig, wenn -er „indebite“ einen schon der Ketzerei Verdächtigen verteidigt+! -Die Namen der Belastungszeugen dürfen ihm nur mitgeteilt werden, -wenn er untadelhaft, eifrig (+zelosus!!+) und ein Freund der -„Gerechtigkeit“ ist, aber auch dann nur unter eidlichem Geheimnis! - - * - -Der Richter wird angewiesen, die Angeklagten zu befragen, ob sie -glauben, daß es Hexen gäbe, die Wetter machen, Menschen und Tiere -infizieren usw. „Bemerke wohl, daß die Hexen dies meist das erstemal -verneinen (d. h. nur durch +Zwangsmaßregeln+ der Kirche wird ihnen -ein blöder Wahn eingebläut, den der +Laienintellekt damals bereits -überwunden hatte+!) Hiermit machen sie sich verdächtiger, als wenn -sie antworten würden: die Entscheidung über diese Frage überlasse -ich den Oberen. Daher, wenn sie es verneinen, sind sie weiter zu -befragen: Wie kommt es denn dann, daß man sie verbrennt? Werden sie -denn unschuldig verbrannt?“ Verneinten sie die letztere Frage, dann -wurden ihre Aussagen widerspruchsvoll und darum verdächtig, während mit -der Bejahung sie sich selbstverständlich einer toteswürdigen Ketzerei -schuldig machten. - - * - -Der Richter darf Todfeinde der Angeklagten nicht als Zeugen zulassen. -Unter +Todfeindschaft+ ist aber +nur eine solche zu verstehen, die -durch Mord, Totschlag oder tödliche Verwundung herbeigeführt wurde+! - - * - -Die Inquisitoren übergaben ihr Opfer dem weltlichen Gericht mit -der stehenden Mahnung, ihres Leibes und Lebens zu schonen, einer -nichtssagenden heuchlerischen Formel. Denn hätte die Staatsbehörde den -Verurteilten das Leben schenken wollen, so wäre sie +sofort in die -auf Begünstigung der Häresie gesetzten Zensuren verfallen+. - - * - -Dem Richter steht es frei, den Weg +der Milde+ (via pietatis) -einzuschlagen. Dieser besteht zunächst darin, daß die Folter nicht -wiederholt werden darf, wenn nicht neue Indizien hervortreten. Will -die Gefolterte -- deren Blut nicht vergossen werden durfte, weshalb -es lediglich gestattet war, ihre +Gelenke auszukugeln+, die +Knochen -zu zermalmen+, sie +mit Fackeln zu sengen+ und +endlich lebendig zu -verbrennen+, was ja auch in völliger Harmonie mit der kirchlichen -Barmherzigkeit ohne Blutvergießen abging -- will sie nicht gestehen, -dann soll man ihr noch andere Folterwerkzeuge vorzeigen und sie -damit bedrohen. Wird sie auch dadurch nicht eingeschüchtert, dann -ist die Folter am zweiten oder dritten Tage +fortzusetzen, nicht zu -wiederholen+! - -Läßt sich die Angeklagte trotz langer Gefangenschaft zu einem -Geständnis nicht bewegen, dann soll der Richter sie im Gefängnis -besuchen, ihr versprechen, +Gnade+ walten zu lassen, „+indem er -aber darunter nicht Gnade für sie, sondern für sich oder den Staat -versteht+“. In diesem Punkte folgte der Staat der erhabenen Moral -der Seelenhirten nicht. Die bayerische Instruktion von 1622 hat die -Anwendung dieses Mittels ausdrücklich verboten. - - * - -War es nicht gelungen, den Angeklagten durch Zeugenaussagen oder -mittels des Gefängnisses, gestellter Fallen und der Folter zu einem -Geständnis zu bewegen, und bestanden überhaupt gegen ihn keine anderen -Indizien, als sein schlechter Ruf in bezug auf Ketzerei -- in diesen zu -kommen war aber schon deshalb sehr leicht, weil ausdrücklich auf die -Familie der „Hexe“ als meistens auch der Hexerei ergeben das Augenmerk -des Richters gelenkt wurde, so daß schon allein die +Verwandtschaft der -Hexerei hochverdächtig+ (vehementer suspectus) +machte+ -- dann wurde -der „Weg +der Milde+“ beschritten. - -Dieser bestand darin, daß der verstockte Sünder nicht etwa -freigesprochen, sondern mit der kanonischen Purgation belegt wurde. -Katholische und bewährte Männer, die seinen Wandel schon längere Zeit -kennen, müssen 7, 10, 20 oder 30 +an der Zahl+, und zwar +seines -Standes+, also Geistliche, Weltliche oder Adelige, als Eideshelfer ihm -beistehen. Will der Angeklagte auf dieses Reinigungsverfahren nicht -eingehen, dann verfällt er der Exkommunikation und wenn er in dieser -ohne Purgation ein Jahr verblieb, wird er +als Ketzer verurteilt d. h. -verbrannt+! Ebenso geht es ihm, wenn er die ihm auferlegte Anzahl von -Eideshelfern nicht herbeischaffen kann. Da das außerordentlich schwer -war, da jeder darum angegangene fürchten mußte, selbst in den Ruf der -Hexerei zu kommen, wird wohl die Nächstenliebe der Inquisitoren sich -zumeist -- wenn auch erst nach Jahresfrist -- in gewohnter Weise haben -betätigen können. - - * - -Diesem Hexenhammer ist in erster Linie zuzuschreiben, daß alle -drei christlichen Religionen in hingebender Weise um die Palme -wetteiferten, am meisten den Glauben an Hexerei auszubreiten und am -rücksichtslosesten gegen Hexen vorzugehen. Das amtliche Suchen nach -ihnen begann erst zu einem Zeitpunkt, wo ohne Kirche in Deutschland -Vernunft und Humanität gesiegt hätten. - - * - -Görres, der Abgott ultramontaner Geschichtsschreibung und Bannerträger -einer „modernen“ historischen Schule, nennt diesen Hexenhammer ein -„+in den Intentionen reines und untadelhaftes Werk+, aber in einem -unzureichenden Grunde tatsächlicher Erfahrungen aufgesetzt, nicht immer -mit geschärfter Urteilskraft durchgeführt und darum oft unvorsichtig -auf die scharfe Seite hinüberneigend.“ Welche Milde! welche -Gerechtigkeit! nur schade, daß sie auf keine bessere Sache verwendet -wird. - - * - -Es ist merkwürdig, daß dieselbe Kirche, die nicht müde wurde, durch -Jahrhunderte mit Feuer und Folter ihre wirklichen und vermeintlichen -Widersacher zu verfolgen, die mit den gewaltsamsten Mitteln den größten -Blödsinn propagierte, heute noch von mimosenhafter Empfindlichkeit -und mädchenhaftem Zartgefühl ist, wenn man +ihr+ im geringsten -zu nahe tritt, und zwar nicht etwa wie sie es tat, durch grausame -Verfolgung und qualvollen Tod im Namen des Gottes der Liebe, sondern -lediglich durch Wort und Schrift und Suchen nach Wahrheit. Sollte das -im Unterbewußtsein schlummernde Gefühl, der historischen, logischen und -naturwissenschaftlichen Wahrheit nicht standhalten zu können, Ursache -sein dafür, daß Polizei und Gefängnis bis zum heutigen Tage dem Kämpfer -für Licht und Freiheit drohen? Ist es das Gefühl der Überlegenheit, -daß jeden Wohlerzogenen zwingt, im Verkehr mit Strenggläubigen und der -Geistlichkeit eine Rücksicht walten zu lassen, die im allgemeinen nur -Damen zu beanspruchen pflegen? - -Dabei ist kaum zu bezweifeln, daß die kirchliche Weltanschauung, -sofern sie in den Grenzen der Religion und Metaphysik bleibt und -sich weder in die Sphäre der Politik noch Erfahrungswissenschaft -einschmuggelt, was gar nicht nötig ist -- so berechtigt ist wie -irgend eine andere, daß der an Gott, Offenbarung und Unsterblichkeit -Glaubende nicht um ein Quentchen weniger intelligent zu sein braucht, -als der Leugner. Bestünde Trennung von Kirche und Staat und damit -auch tatsächliche, nicht nur papierne Glaubensfreiheit, würde die -Kirche ihre Irrtumsmöglichkeit zugeben, wobei sie immerhin an den -geoffenbarten Grundwahrheiten ihrer Lehre festhalten könnte, dann -würde auch der fortschrittlich Gesinnte keinen Grund haben, sie mit -Erbitterung zu bekämpfen, sondern selbst der Gegner würde dieser -gewaltigen Organisation, der erhebenden Schönheit ihres Kultus und -der Unwiderlegbarkeit -- allerdings auch Unbeweisbarkeit ihrer -metaphysischen Basis Ehrfurcht zollen müssen. - - * - -Ein Kulturkuriosum ersten Ranges ist der Feuereifer, mit dem -Katholiken und Protestanten sich +gegenseitig die Schuld an den -Hexenverbrennungen+ oder -- da die Priorität der katholischen Kirche -sich nicht wohl leugnen läßt -- die größte Heftigkeit der Verfolgungen -vorwerfen. Denn daß auch die Protestanten verbrannten, und zwar eifrig, -steht fest[272]. - -Die unfehlbare Kirche -- der Papst war es damals bekanntlich noch nicht --- dekretiert etwas, was überall, wenn auch nicht ohne Widerspruch, -Eingang findet; durch Naturwissenschaft und Aufklärung wird der -Wahnwitz selbst der Geistlichkeit allmählich klar gemacht, nun ist es -Aufgabe jedes Frommen, zu beweisen, daß die Kirche gar nichts dafür -kann! Also Unfehlbarkeit auf alle Fälle! - -Übrigens ist die Hexenverbrennung eine direkte Konsequenz der -Evangelien[273]! - - * - -Der Würzburger Bischof Philipp Adolf von Ehrenberg (1623-1631) ließ in -den acht Jahren seiner Regierung 900 Personen verbrennen. Im Herzogtum -Lothringen wurden in 16 Jahren 800 Hexen verbrannt. Was im ersten Falle -die alleinseligmachende Kirche tat, ist im zweiten der hingebenden -Frömmigkeit eines katholischen Fürsten zu danken[274]. - - * - -Das Buch des Kalvinisten Weier „de praestigiis daemonorum,“ mit dem -er 1563 als erster Deutscher den Hexenwahn bekämpft; -- wiewohl es -stets Leute, selbstredend Laien gab, die den Wahn nicht mitmachten --- wurde in Rom und anderwärts auf den +Index+ der verbotenen -Bücher gesetzt. Der Verfasser selbst wurde von katholischer und von -protestantischer Seite als +Mitschuldiger und Genosse der Hexen -verdächtigt+. Er war nicht Theologe, sondern Arzt. Fast auf allen -Gebieten sind ja gute Gedanken und Neuerungen nicht Zünftlern, sondern -Außenstehenden zu danken. Die von Diefenbach in seinem „Hexenwahn“ -angeführten katholischen Vorläufer Weiers sind, wie Riezler nachweist, -sämtlich bona oder mala fide zu Unrecht genannt[275]. - - * - -Als Balthasar Bekker sein Buch „Verzauberte Welt“ 1691 herausgab, -kostete ihn sein Auftreten gegen Hexenwahn und Teufel, den er nach -der Bibel höchstens als einen machtlosen gefallenen Geist anerkennen -wollte, seine Stelle. Christian Thomasius, der 1701 sein Werk „Theses -de crimine magiae“ publizierte, wurde von Juristen und Theologen aufs -heftigste angegriffen. Der gesunde Menschenverstand und die Liebe -zum Fortschritt waren eben seit je nicht gerade die hervorragendsten -Eigenschaften der Gelehrten- so gut wie der Handwerkerzünfte. - -Die Leipziger theologische Fakultät (Neuer Pitaval, Band 32) hat -gelegentlich des Teufelsbeschwörungsprozesses in Jena im Jahre 1715 -folgendes Urteil abgegeben: „.... Wir halten dafür, daß bei diesem -casu tragico singulari nicht nur auf die Exhalationes der angezündeten -Kohlen, welche Menschen zuweilen naturali modo ersticken, sondern auch -auf die causam primam, nämlich den gerechten und allgewaltigen Gott zu -sehen, der je zuweilen dem Satan zuläßt, daß er bei den causis secundis -sein Werk praeter ordinem naturae a creatore constitutam mithabe; denn -was solche Philosophi vorgeben, als wenn die Spiritus keine Operationes -in materiam et corpora hätten, ist wider die notorische Erfahrung, -sonderlich auch wider die Heilige Schrift, die von Operationibus -Daemonum in corpora et animam genug Exempel anführt, daher des -fascinierten Bekkers in Holland vorgebliche Meinung sowohl von -christlichen Philosophiis als Theologiis billigst widerlegt, verworfen -und verdammt ist, weil sie +der christlichen Religion einen Grundstoß -gibt+ und die +Leute vollends vor dem Teufel sicher macht+...“ -Das war also die offizielle protestantische Meinung im Todesjahre des -Sonnenkönigs, in den Tagen von Newton und Leibniz[276]! - - * - -Das von Kreittmayer 1751 ausgearbeitete bayerische Strafgesetzbuch -bestimmte über Hexerei und Zauberei: +Bündnis+ oder +fleischliche -Vermischung mit dem Teufel+ oder dessen Anbetung und Verunehrung der -Hostien werden mit +lebendiger Verbrennung+ bestraft. Die Strafe des -Schwertes steht auf Gemeinschaft mit dem Teufel und Beschwörungen -oder zauberische Mittel, wodurch jemand an seinem Leben, Leibes- oder -Gemütsgesundheit, Vieh, Früchten, Hab und Gut Schaden geschieht[275]. - -Noch im Jahre 1713 wurde eine Hexe nach dem Spruch der protestantischen -Tübinger Juristenfakultät verbrannt, während beim Hexenprozeß in Berlin -im Jahre 1728 das Urteil auf lebenslängliches Arbeitshaus lautete. -In Deutschland gebührt der Fürstabtei Kempten der Ruhm der letzten -Hinrichtung einer Hexe. Es war das im Jahre 1775. Lessing zählte -damals 46 Jahre, Goethe 26! Das protestantische Glarus hat gar noch -im Jahre 1782 ein Opfer zu verzeichnen, wiewohl die Hexenverfolgungen -im allgemeinen in den protestantischen Ländern um eine bis zwei -Generationen früher eingestellt wurden, als in den katholischen. Noch -im Jahre 1836 wurde eine „Hexe“ von den Fischern der Halbinsel Hela -der Wasserprobe unterzogen. Sie ertrank bei dieser Prozedur. Die -griechisch-katholische Kirche hat bekanntlich diesen Wahn überhaupt -nie mitgemacht. Sie hatte auch keinen Papst, auf dessen unheilvolles -Eingreifen allein nicht nur das Wiederaufleben eines im Absterben -begriffenen Wahnes, sondern auch dessen lange Dauer zurückgeführt -werden muß. - -Die Begriffe Hexerei, Ketzerei und Zauberei fehlen erst im bayerischen -Strafgesetzbuch vom Jahre 1813[277]! Die Aufklärung und die infolge -der französischen Revolution beginnende Befreiung der Geister und -Schätzung der Menschenrechte haben auch hier endlich getilgt, was die -„unfehlbare“ und die andern Kirchen an der Menschheit verschuldet -hatten. - - * - -Daß noch bis in die Gegenwart der Katholizismus im Unterschied vom -Protestantismus, bei dem die mittelalterliche Borniertheit auf diesem -Gebiete etwas früher wich -- wie stolz kann das Christentum sein, daß -es rund vier Jahrhunderte dem Gott der Liebe Unschuldige verbrannte! -- -wo er die Möglichkeit dazu besitzt im gottgefälligen Wirken fortfährt, -erhellt aus folgendem: Im Jahre 1860 wurde eine Frau zu Camargo in -Mexiko lebendig verbrannt. Eine Frau mit ihrem Sohne bestieg 1874 zu -St. Juan de Jacobo im Mexikanischen Staate Sinalva den Scheiterhaufen, -und noch im Jahre 1888 soll eine Frau nach mehrmaliger Geißelung auf -dem Marktplatz einer Stadt in Peru als Hexe ihr Leben haben lassen -müssen. Ja, ja, die Religion der Liebe[278]! - - * - -Heute ist die Aufklärung so unheimlich groß, daß die offizielle -Wissenschaft die sogenannten okkulten Phänomene nicht nur ablehnt, -sondern +noch nicht einmal prüft+! Geister wie Schiaparelli, -Forel, Flammarion, Lombroso, Crookes, Wallace, Richet u. a. m. werden -zwar nicht verbrannt, im übrigen sogar als Ehrenmänner behandelt, aber -+man hält ihre Beobachtungen keiner Widerlegung für wert+. Dogma -und ungeprüfte offizielle Weisheit haben eben immer geherrscht und -herrschen heute noch. Freie Geister, die nicht Tatsachen an Theorien, -sondern Theorien an Tatsachen prüfen, waren immer Outsider. Die -ungeheure Masse der Nachbeter kann wirklich nichts dafür, ob das Dogma, -das sie verficht, klug oder dumm, richtig oder falsch ist. Immer sind -es einige Leithämmel, denen alle anderen nachlaufen. Wie dankenswert -wäre eine Kulturgeschichte, die einmal nicht das herausstreicht, was -die Menschheit den „Autoritäten“ verdankt, sondern nachweist, wie -sie -- nach kurzer Förderung -- auf lange hinaus +den Fortschritt -hemmten+! - - - - -Vierzehnter Abschnitt - -Reliquien - - -Seit den ersten Jahrhunderten des Christentums erfreuten sich die -Reliquien der Heiligen überall der größten Beliebtheit. Das ging -so weit, daß Leute auf eigene Faust oder im Auftrage eines fremden -Bischofs die Kirchhöfe durchwühlten, um sich dann mit den Gebeinen der -Märtyrer davon zu machen. Eines Tages entdeckten die bestürzten Römer -griechische Männer, die neben der Basilika St. Pauls Knochen gruben. -Da diese Reliquien neben der ihnen beigelegten schützenden Wirkung -auch das Gute hatten, Pilger aus allen Teilen der Erde anzuziehen, so -wurden sie von den Römern wie ihre Augäpfel gehütet. Gregor der Große -(590-604) schrieb der Kaiserin Constantia auf ihre Bitte um ein Stück -vom Leibe des hl. Paulus einen Brief voll verhaltener Entrüstung. Die -heiligen Leiber zu berühren sei ein todeswürdiges Verbrechen, aber es -genüge bereits ein Stück Tuch, das das Apostelgrab bedeckt hatte, in -eine Büchse gelegt, um Wunderwirkung zu erzielen, ebenso Feilspäne -von den Ketten Petri, die bereits im 6. Jahrhundert vom Papste als -höchstes, der späteren goldenen Rose gleich geachtetes Geschenk -verliehen wurden[279]. - - * - -Astolf, König der Langobarden, belagerte 755 Rom. Zwar plünderten -seine Truppen alle Kirchen und Klöster außerhalb der Stadt, die in -ihrem Machtbereich lagen, mißhandelten auch die Mönche und Nonnen, -verspotteten Heiliges und verbrannten Heiligenbilder, das hinderte -sie aber nicht, zu gleicher Zeit +die Kirchhöfe der Märtyrer zu -durchwühlen+, um sich mit ihren Gebeinen zu beladen. Damals wurden -die bisher unversehrten +Katakomben zerstört+ und die Knochen der -Blutzeugen in +Wagenladungen+ nach der Lombardei geschafft[280]. - -Im Jahre 1672 wurden aus 3 Katakomben nicht weniger als 428 Leiber -entfernt, um als Geschenk oder um Geld in die katholische Welt zu gehen. - -Ein Jahrhundert später blühte der Reliquienhandel Roms üppig. Der -Pilger kaufte dort Reliquien, Knochen aus den Katakomben, wie -der moderne Reisende Kunstgegenstände und Photographien erwirbt. -Infolgedessen +überstieg+ die Nachfrage das Angebot und +Tote -wurden gefälscht+[281]. - - * - -Im Jahre 1635 edierte Bonfante seinen Triumpho de los Sanctos des Reyno -de Cerdeña, eine Sammlung der ältesten Inschriften Sardiniens. Da er -aus Irrtum die Siglen B. M., Bene Merens, für Beatus Martyr erklärte, -+schuf er mit einem Schlage mehr als 300 Heilige+. Der Ruf dieses -Schatzes wurde laut, die Stadt Piacenza bewarb sich um einen Teil davon -und die großmütigen Sarden schenkten ihr 20 „Märtyrer“, die jubelnd -entgegen genommen wurden. - - * - -Als der hl. Romwald einst Italien zu verlassen drohte, beabsichtigte -man, ihm Mörder nachzuschicken, +um ihn wenigstens als kostbare -Reliquie im Lande zu behalten+[282]! - -Der hl. Dionysius existiert in zwei vollständigen Exemplaren zu St. -Denis und in St. Emmeran in Regensburg, ferner rühmen sich Prag und -Bamberg des Besitzes seines Kopfes. Er besaß also zwei vollständige -Körper und vier Köpfe[283]. - -Im Reliquienschatz der gesamten katholischen Welt befinden sich: - - 1. Vom hl. Andreas: 5 Körper, 6 Köpfe, 17 Arme, Beine und Hände. - - 2. Von der hl. Anna: 2 Körper, 8 Köpfe, 6 Arme. - - 3. Vom hl. Antonius: 4 Körper und 1 Kopf. - - 4. Vom hl. Blasius: 1 Körper und 5 Köpfe. - - 5. Vom hl. Lukas: 8 Körper und 9 Köpfe. - - 6. Vom hl. Sebastian: 4 Körper, 5 Köpfe und 13 Arme. Diesen allen - weit über sind die hl. Georg und Pankraz mit je 30 +Körpern+. - +Nach so langer Zeit!+ Wie viele müssen sie erst bei Lebzeiten - gehabt haben[284]! - - * - -In Aachen wird heute noch alle sieben Jahre das +Hemd+ der -allerseligsten Jungfrau und Gottesgebärerin Maria ausgestellt, -desgleichen die +Windeln+ Christi! - - * - -Das Kloster Macon rühmte sich des Besitzes der Haut des hl. Dorotheus. -Die frommen Nonnen stopften die Haut mit Baumwolle aus und stellten -den Heiligen her, als ob er lebte. Da sie aber damit Unfug trieben, -schenkte die Äbtissin die Reliquie, in Unkenntnis ihres Wertes, -den Jesuiten. Diese stifteten ihr zu Ehren die +Brüderschaft vom -hl. Leder+: wodurch sie +viel Geld verdienten+. Die Nonnen -erfuhren das und klagten beim Papst auf Rückgabe des Heiligtums, -das ihnen auch zugesprochen wurde. Aber die Jesuiten hatten die -Reliquie in unverantwortlicher Weise +verstümmelt+. Darob große -Entrüstung und abermalige Reklamation beim Papst auf +Rückgabe des -fehlenden Teiles+. Da dieser aber den Mangel, wenigstens für ein -Nonnenkloster, nicht für erheblich hielt, mußten sich die Nonnen als -Ersatz mit +zwei geweihten Muskatnüssen+ begnügen[285]. - - * - -Der umbilicus (die Nabelschnur) und 13 praeputia Christi gehörten und -gehören zum Teil noch zum Reliquienschatz der Kirche. Eine dieser -hochheiligen Vorhäute wird noch heute in Charroux verehrt und gilt dem -Landvolk als „der heilige Präziputius“. Im 17. und 18. Jahrhundert -pilgerten besonders schwangere Frauen dorthin, um sich mit ihr segnen -zu lassen[286]. Eine andere erquickt noch heute die frommen Pilger in -Calcata, unfern Rom[287]. - -Dieses hochheilige Präputium hat eine große und glorreiche Geschichte. -Zunächst galt es, das der Verehrung entgegenstehende Dogma von der -unversehrten Auferstehung zu beseitigen. Das war aber gar nicht so -einfach.[288] - -Da Christus „in voller Integrität“ auferstanden war, wurde von einigen -Theologen konstatiert, daß das Präputium zur Integrität des Juden -nicht erforderlich sei. Ferner ist Christus nur insofern „ganz“ -auferstanden, als dieses „ganz“ zum „Sein“ und „Schönsein“ gehört, -aber „ohne“ findet es der Jude entschieden schöner. Eine andere Schule --- diese für das Seelenheil so hochwichtige Frage hat natürlich eine -Menge von Schulmeinungen hervorgerufen -- unter Führung des Jesuiten -Raynaldus lehrt, daß Christus doch „mit“ auferstanden sei, trotzdem -sei aber die Reliquie echt, denn er schuf sie aus einer beliebigen -Materie. Mit kaum zu überbietender Poesie spricht der Jesuit Salmeron -in seinem Evangelienkommentar (Köln 1602) von diesem Körperteil als dem -„fleischenen +Verlobungsring+“ für seine Braut, die Kirche. Und -der Bischof Rocca hat für die Vielheit dieser hochheiligen Reliquie die -höchst plausible Erklärung, daß Gott in seiner Allmacht bewirkt habe, -daß +dasselbe+ Präputium +zu gleicher Zeit an verschiedenen -Orten gezeigt werden könne+!! - -Diese Schwierigkeit war also zu aller Zufriedenheit aus der Welt -geschafft. Aber nur ein seichter Fant wäre über die andere, -weit wichtigere Frage, die gebieterisch Beantwortung heischt, -hinweggeglitten: +Hat Christus in der Eucharistie ein Präputium -oder nicht+[289]? Da Christus zu Lebzeiten das hl. Abendmahl -einsetzte, damals aber als Jude „ohne“ war, so muß logischerweise auch -in der Hostie dieser zwar nicht umfangreiche, aber desto wichtigere -Körperteil fehlen. Da aber nach der Auferstehung der verklärte Leib -wieder komplett war, hätte er auch in der Hostie es sein können. -Eine unendlich verwickelte Frage, über deren Beantwortung sich die -verschiedenen Schulen nicht einigen konnten. - -Noch ein Gewissenszweifel ist zu beseitigen: Ist die Gottheit mit dem -hier auf Erden zurückgebliebenen Präputium noch vereinigt? Muß es -infolgedessen „+angebetet+“ oder braucht es nur „+verehrt+“ -zu werden? Auch hierüber konnte man keine rechte Harmonie erzielen, -doch Bischof Rocca, Sakristan Sr. Heiligkeit, entschied sich dahin, -daß das Präputium nach der vierten Modus der Latreia +angebetet -würde+, der es den Haaren und Kleidern Christi gleich setzt, -insofern es ein Körperteil ist, der ihm einst angehörte. - -Endlich war noch das Problem zu lösen, was +nach dem Weltuntergang -aus der kostbaren Reliquie würde+. Die verbreitetste Lehrmeinung -entschied dahin, daß es den +Weltuntergang überdauern+ und an -irgend einem Ort des Himmels in saecula saeculorum aufbewahrt würde. - -Das in der Sancta Sanctorum Kapelle aufbewahrte Präputium verschwand -zwischen April 1903 und Sommer 1905. - - * - -Der hl. Camillus de Lellis wurde am 25. Mai 1550 in den Abruzzen -geboren. Seine Mutter war damals bereits 59 Jahre alt. Mit 19 Jahren -wurde Camillus Soldat in venezianischen Diensten, war aber dank seiner -Streit- und Spielsucht und seines Ungehorsams kein Muster eines -solchen. Mit 25 Jahren trat er in den Kapuzinerorden ein und erwarb -sich durch charitative Werke große Verdienste. - -Das ist alles in der Ordnung, und wir hätten keinen Grund, vom Heiligen -Notiz zu nehmen, hätte er nicht auch +Wunder gewirkt+, „die -hinreichend verbürgt scheinen.“ So bewirkte er, daß das Weinfäßchen -einer Frau, die täglich eine Flasche Wein in das Kloster des Camillus -sandte, nie leer wurde. Sein Leichnam blieb auch nach seinem Tode -„frisch und biegsam“ und zwar 10 Jahre lang, denn als „der Arzt bei -Erhebung des Leibes einen Schnitt in die Brust machte, floß aus der -Wunde eine Flüssigkeit von außerordentlichem +Wohlgeruch+. Während -der 6 Tage, an denen der Leib des Heiligen ausgesetzt war, ergoß sich -eine Art Öl.“ Auch jetzt wirkte er noch Wunder, ja, jetzt hatte er -damit besonders schöne Erfolge. - -Als eine Römerin, die an einem besonders großem, eiterigen Kropf -litt, sich Mörtel aus des Heiligen Zimmer zugleich mit einem Bilde -des Camillus auf den Kropf legte und darüber das Zeichen des Kreuzes -machte, trat die Wirkung gleich ein. „Kaum war dies geschehen, so -verschwand der Schmerz. Die Frau war vollkommen geheilt.“ Dieser Mörtel -hat überhaupt eine erstaunliche Kraft. Er heilte auch eine Frau, die -dem Tode nahe war, als ihr ein Priester etwas davon in einem Löffel -Suppe einflößte. Ein Mädchen, das an einem Nasenpolypen nebst Fieber, -Krämpfen und kaltem Brand litt, wurde durch zwei Fäden aus dem Hemd des -Heiligen kuriert. - -An der Authentizität dieser Angaben ist jeder Zweifel unmöglich, da -Athanasius Zimmermann S. J. in einer 1897 bei Herder in Freiburg -erschienenen Schrift über Camillus de Lellis gehandelt hat. Und was -gedruckt ist, ist doch bekanntlich wahr! - - * - -Das „+Agnus Dei+“ ist ein kleines Medaillon aus weißem Wachs, +noch -heute+ von den Zisterziensermönchen des hl. Kreuzes zu Jerusalem aus -dem Wachs der Osterkerzen der Sixtinischen Kapelle und der anderen -römischen Kirchen angefertigt. Dieses ovale Gebilde trägt auf einer -Seite das Sinnbild des Osterlammes mit der Aufschrift: „Ecce Agnus -Dei qui tollit peccata mundi“, das Wappen und den Namen des Papstes, -der sie mit dem hl. Chrisam geweiht und gesegnet hat, auf der andern -Seite das Bildnis der hl. Jungfrau oder eines Heiligen. Die Weihe der -Agnus, die die Kirche zu den +Sakramentalien+ zählt, findet im ersten -Jahre jedes Pontifikats statt, ferner regelmäßig alle sieben Jahre, -außerdem wenn der Papst es mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der -Gläubigen für angebracht hält. Die Päpste Urban V., Paul II., Julius -III., Sixtus V. und Benedikt XIV. erkennen den Agnus für alle jene, -welche sie mit Andacht und Vertrauen gebrauchen, folgende Eigenschaften -zu: „Sie löschen die läßlichen Sünden aus und tilgen den Fleck, den -die im Bußsakrament bereits vergebene Sünde zurückläßt. Sie schlagen -die bösen Geister in die Flucht, befreien von ihren Versuchungen und -bewahren vor der ewigen Verdammnis. Sie behüten vor plötzlichem und -unvorhergesehenem Tod. Sie verhindern die schreckhaften Einflüsse der -Phantome und beschwichtigen das von bösen Geistern hervorgerufene -Entsetzen. Sie verleihen göttlichen Schutz gegen Feindschaft, sichern -vor Unglück und Verderben, verleihen Wohlstand. Sie beschützen im Kampf -und verhelfen zum Sieg. Sie machen Gifte unschädlich und bewahren -vor den Schlingen des Feindes. Sie sind ausgezeichnete Schutzmittel -gegen Krankheiten und auch ein wirksames Heilmittel. Sie bekämpfen die -Epilepsie. Sie verhindern die Verheerungen der Pest, der Epidemien und -der verseuchten Luft. Sie +beruhigen die Winde+, brechen die +Wucht -der Orkane+ und der +Wirbelwinde+ und +verjagen die Ungewitter+. Sie -retten vor Schiffbruch. Sie +vertreiben die Gewitter+ und bewahren -vor Blitzgefahr. Sie verjagen die Hagelwolken. Sie löschen die -Feuersbrünste und halten deren Verheerung auf. Sie sind wirksam gegen -die Wolkenbrüche, das Übertreten der Flüsse und die +Überschwemmungen+. -Die Agnus behüten endlich Mutter und Kind während der ganzen Zeit der -Schwangerschaft und beseitigen die Gefahren bei der Niederkunft, deren -Schmerzen sie mildern und abkürzen. H. Barbier de Montaut, Kämmerer -Seiner Heiligkeit“[290]. - -Welcher Segen, daß es im 20. Jahrhundert noch so etwas gibt! Welche -Torheit, daß nicht jedermann ein Agnus, von dem bereits das geringste -Teilchen die gleiche Kraft besitzt wie das Ganze, ständig bei sich -trägt, oder doch in seinem Hause hat! Die Leute wollen eben immer noch -nicht einsehen, wie nahe das Gute liegt! - - * - -Wie Herr Ingenieur Feldhaus mir mitteilt, sah er noch im -+Frühjahr+ 1909 in der Kirche zu Doberan in Mecklenburg eine -+Flasche mit ägyptischer Finsternis+!!! - - * - -Die Inquisitions-Kongregation in Rom stellte am 29. Juni 1903 fest, -daß es +kein Aberglaube+ sei, wenn Papierbilder, die die Madonna -darstellen, in Wasser aufgelöst, getrunken oder zu Pillen gedreht -verschluckt werden, um Genesung von Krankheiten zu erlangen[291]. - - - - -Fünfzehnter Abschnitt - -Mission und Kolonien - - -Der Ausbruch der Chinawirren 1900 war teilweise verursacht durch die -Erbitterung gegen die Missionen. Den frommen Christen daheim schaudert -es beim Gedanken, daß es, wenn auch im fernen China, überhaupt Menschen -von solcher Verworfenheit geben könne, daß sie dem Missionswesen, dem -hingebenden, aufopfernden Liebeswerk abhold sind. Es ist nicht ohne -Interesse zu sehen, in welcher Gestalt die Religion der Liebe dem -hochstehenden uralten Kulturvolke entgegentritt. Daß auch im fernsten -Osten die konfessionelle Zersplitterung und Konkurrenz fortbesteht, daß -jede Sekte behauptet, allein das wahre Christentum zu verkörpern, und -die andere verwirft, ist selbstverständlich. - -Es existiert eine Anstalt „Oeuvre de la Sainte-Enfance“, die jährlich -Millionen zur Taufe und Rettung kleiner Chinesenkinder aufwendet. Im -Juniheft ihrer Annalen vom Jahre 1897 heißt es: „Seit 1884 hatten wir -das Glück, 20552 kleine sterbende Kinder zu taufen, davon 3558 in -diesem Jahre. Alle diese kleinen Engel, +werden sie oben nicht wirken, -für die Bekehrung des ungläubigen China+?“ - -Im selben Hefte wird von der Hungersnot erzählt, die 1893 Yünnan -heimsuchte. Die frommen Mönche des „Oeuvre“ berichten: „Die +Vorsehung+ -hat, es ist wahr, unsere +Arbeit sehr vereinfacht+, indem sie eine -große Anzahl unserer kleinen Kinder in den Himmel rief. Diese -vorzeitigen Todesfälle, so betrübend in einem christlichen Lande, sind -ein +Gegenstand der Freude und des Trostes+ in diesen heidnischen -Gegenden.“ - -Im 21. Heft p. 258 heißt es: „Machen Sie doch einen kleinen Besuch -im Hause der unbefleckten Empfängnis in Peking. Sehen sie diese -bescheidene Eingangstür? Sie ist dieses Jahr für eine große Anzahl -kleiner Brüder und Schwestern die Pforte des Himmels geworden. 873 -kleine Kinder wurden uns jedes für 45 Cts. an dieser Pforte gegeben, -und davon sind 843 +gestorben+, nachdem sie +durch das heilige Wasser -der Taufe wiedergeboren waren+.“ - - -Ein anderer Mönch meldet: „Ein Säugling kostet etwa 5 Frs. im Monat. -Gewiß, +ich flehe zu Gott, daß diese lieben kleinen Seelen uns -sobald wie möglich verlassen+ und zum Himmel fliegen mögen. Aber -schließlich, wenn sie schon nicht sterben wollen, muß man sie doch -ernähren und aufziehen.“ Ja, die Engelmacherei ist also gar nicht -so leicht, wie der Laie in seinem Unverstand glauben mag! Immerhin -kann eine dieser Anstalten mit berechtigtem Stolz konstatieren, daß -von +12000 ihr anvertrauten Täuflingen nur 124 oder 125 das erste -Lebensjahr erreicht hätten+! - -Der Bischof Quierry beglückwünschte die Missionare dieses „Oeuvre“, -wie die gleichen Annalen erzählen, daß sie jedes Jahr mehr als 40000 -Kinder in den Himmel schicken!! Und trotzdem konnten sie die Chinesen -von der Unübertrefflichkeit des Christentums und seiner Liebeswerke -nicht überzeugen. An einem solchen Volke ist allerdings Hopfen und Malz -verloren[292]. - - * - -Ein alter Farmer „Gottlieb Bleibtreu“ schreibt in den Windhuker -Nachrichten einen Aufsatz, in dem er sich über Stolz, Überhebung und -Anmaßung der Herero beklagt: „Gibt es nicht soviel zu essen, daß es für -Mann und Weib ausreicht, dann ist das erste, worüber +geklagt+ -wird, die Kost, und da dies ein Grund der Beschwerde ist, kann sich der -Arbeitgeber beim Bezirksamtmann noch einen Nasenstüber holen, falls -er Veranlassung nimmt, Gegenbeschwerde zu führen. -- Wenn sich nun -+jetzt schon+, wo die Hereros noch Kriegsgefangene sind, diese in -alten Sitten und Gebräuchen wurzelnden +Anmaßungen in solch brutaler -Weise fühlbar+ machen, wie soll das werden, wenn sie wieder frei und -ihr eigener Herr sind? Hier gibt es nur ein Mittel zur Abhilfe, und das -heißt in bestimmten Grenzen gehaltener +Arbeitszwang+.“ - -Wenn Herr Bleibtreu Gefühlsmensch ist, der die Herero dafür, daß sie -für Ausbeutung, die soweit geht, daß sogar die notwendige Nahrung ihnen -nicht verabfolgt wird, kein Verständnis haben, auch noch strafen will, -so ist das seine Privatsache. Wenn aber die Hamburger Nachrichten am -23. September 1906 ihm völlig beipflichten, so stimmt das doch etwas -nachdenklich. - - * - -Im Jahre 1904 erschien eine von einem Herrn Schlettwein verfaßte -Broschüre mit folgendem Passus: „Wir stehen mit der Kolonialpolitik -am Scheidewege. Nach der einen Seite das Ziel: gesunder Egoismus -und praktisches Kolonisieren, nach der andern Seite übertriebene -Menschlichkeit, vager Idealismus, unvernünftige Gefühlsduselei. -+Die Hereros müssen besitzlos gemacht werden. Das Volk muß nicht -nur als solches unmöglich gemacht werden+, es müssen auch -alle das Nationalgefühl erweckenden Faktoren beseitigt werden. -Man muß die Hereros zur Arbeit zwingen, und zwar +zur Arbeit -ohne Entschädigung+, nur gegen Beköstigung. Eine +jahrelange -Zwangsarbeit+ ist nur eine gerechte Strafe für sie und dabei die -einzig richtige Erziehungsmethode. Die Gefühle des Christentums und der -Nächstenliebe, mit welchen die Missionen arbeiten, müssen zunächst mit -aller Energie zurückgewiesen werden.“ - -+Den Autor dieses Kulturdokumentes berief das Kolonialamt als -Vertrauensmann in die Budgetkommission+, und man ließ gerade ihn im -Lande herumziehen, um für +diese+ Kolonialpolitik Propaganda zu -machen. - -Herr Schlettwein führte seine Theorie praktisch durch. Wie am 6. März -1907 im deutschen Reichstage festgestellt wurde, zahlte er den in -seiner Viehzucht beschäftigten Männern 15 Mark im Monat, den Frauen -gar nichts. Die Männer werden verköstigt -- ob nach Bleibtreus Beispiel -bleibe unentschieden -- die Frauen erhalten +„Feldkost“ bestehend in -Raupen, Fröschen, Heuschrecken, Mäusen und Gras+[293]! - - * - -Aus dem Tagebuch des Dr. Vallentin, das im Aprilheft 1894 der „Neuen -deutschen Rundschau, Freie Bühne“ veröffentlicht wurde, sei folgendes -entnommen: Am 13. 3. 93. Ich erfahre interessante Einzelheiten -über den Bakokoaufstand. In den Berichten befinden sich zahlreiche -Ungenauigkeiten. Herr Assessor Wehlau, welcher die Expedition führte, -soll beim Niederbrennen der Dörfer faktisch +befohlen haben, einigen -alten Weibern die Hälse abzuschneiden+; Männer konnte er nicht -gefangen nehmen. Statt der im betreffenden Bericht erwähnten 150 -Gefangenen sollen es deren nur 12-15 gewesen sein. Matt, verwundet, -halb verschmachtet, zerschlagen und geschunden wurden diese -- meist -alte Frauen, Greise und Kinder -- an Land geschafft und unter Schlägen -und Stößen in Ketten zum Gefängnis geführt. Drei sollen am Fuß des -Flaggenmastes, unter der wehenden, deutschen Reichsfahne, +vor Hunger -gestorben+ sein. - -Am 17. 3. 93. Aus dem unter Führung des Assessors Wehlau unternommenen -sogenannten „Bakokofeldzuge“ erfahre ich heute wieder verschiedene -Einzelheiten. Es soll wirklich grauenhaft gewesen sein. Die Gefangenen -sind tagelang in der glühenden Hitze auf dem Schiffe („Soden“) an die -Reelings derart festgeschnürt worden, daß in die +blutrünstigen und -aufgeschwollenen Glieder Würmer sich eingenistet hatten+. Und diese -Qual tagelang in der Tropenhitze und ohne jede Labung! Als dann die -armen Gefangenen dem Verschmachten nahe waren, wurden sie einfach wie -wilde Tiere +niedergeschossen+. - - -Am 31. 3. 93.... Wahrend meiner Krankheit ist Assessor Wehlau von -seinem neuen Feldzuge heimgekehrt. Gefangene hat er nicht mitgebracht. -Da sie -- so äußerte er beim Essen -- hier doch alle stürben, hätte -er sie auf dem Schiffe +totschlagen lassen+ (wörtlich: „habe -ihnen ’n Paar auf den Kopp geben lassen“). Dann erzählte er weiter: -Die Soldaten, namentlich einer, hätten es +famos ’raus, den Feinden -die Haut über den Schädel zu ziehen+. Am Unterkiefer wurde mit dem -Messer ein Schnitt gemacht, dann mit den Zähnen angepackt, und der -ganze Skalp über Gesicht und Kopf herübergezogen. - - -Am 4. 5. 93 Gerichtstag, abgehalten von Assessor Wehlau!... - -Ein Schwarzer, Aug. Bell, ist beschuldigt, eine Uhr gestohlen zu haben. -Er wird vorgeführt. Das erste, was ihm vorgehalten wird, ist: es gibt -nur zweierlei Wege, entweder er gesteht, er habe den in Frage stehenden -Diebstahl begangen, oder er bekommt 50 Hiebe. Bell sagt aus: „Nein, ich -habe die Uhr nicht gestohlen.“ Sofort wurde er abgeführt und erhält -50 Hiebe mit der Rinozerospeitsche. Wieder vorgeführt gesteht er auf -weiteres Befragen, daß er die Uhr gestohlen habe. Er wird darauf zu -6 Jahren (schreibe und sage +sechs Jahren+) +Gefängnis+, -100 Mk. Geldstrafe und 15 Hieben am ersten Sonnabend jedes Monats -verurteilt. - -Aug. Bell soll während jener vorerwähnten Verhandlungen ca. 80 Hiebe -bekommen haben, sowohl dafür, daß er nicht gleich eingestand, daß -er die Uhr gestohlen hätte, als auch wenn er, bei der Niederschrift -des Protokolls, die verlangten Antworten nachsprechend, stotterte. -Was aber 80 Hiebe an einem Nachmittag zu bedeuten haben, das kann -nur der in vollem Umfange ermessen, der jemals einer derartigen -Prozedur beigewohnt hat. +Ein rohes, gehacktes Beefsteak ist nichts -dagegen.+ - - -20. 6. 93... Es sind nach dem Berichte drei Gefangene gehängt worden. -In Wirklichkeit hat Assessor Wehlau dieselben der Wollust der -Soldaten preisgegeben, und diese haben die drei Leute +regelrecht -abgeschlachtet+. Maschinist Gebhardt von der „Nachtigall“ schildert -diesen Vorgang folgendermaßen: „Die Schwarzen wurden mit Messern -zerschnitten, zerhackt und verstümmelt, da Assessor Wehlau den Befehl -gegeben hatte, die Gewehre beim Töten nicht zu gebrauchen. - - -Am 18. 8. 93 abends hat der stellvertretende Gouverneur Kanzler Leist -sich aus dem Gefängnis drei Weiber holen lassen (Kassenverwalter -Hering sagte es mir am selben Abend) und dieselben über Nacht bei sich -behalten -- darunter die schöne Ngombe, Tochter des Ekwe Bell. Am -nächsten Morgen sind die Weiber ins Gefängnis zurückgeschickt worden; -Ngombe wurde mit einem Geschenk von 5 Mk. bedacht... - - -Am 2. 10. 93. Vergangene Nacht wurde ich durch lauten Lärm im Gefängnis -aus dem Schlafe geweckt (ca. ½12 Uhr nachts). Als die Stimmen immer -lauter wurden ging ich hinaus und sah einen Polizeigehilfen im heftigen -Wortwechsel mit drei andern Schwarzen, von denen einer so angezogen -war, wie die Boys des Kanzlers Leist, die an ihren roten Hüfttüchern -erkenntlich sind. Auf mein Befragen wurde mir mitgeteilt, daß der -„+Governor+“ (+Leist+) +ein Weib aus dem Gefängnis holen -ließe+. Ich legte mich ärgerlich zu Bette, konnte aber wegen des -immer mehr anwachsenden Lärmes innerhalb des Gefängnisses, aus dem -es wie Weibergeheul und scheltende männliche Stimmen ertönte, nicht -einschlafen; ich begab mich daher auf die Veranda, wo ich schon den -Kassenverwalter Hering traf. Beide sahen wir jetzt, +wie ein Weib -unter Sträuben und Schreien von drei Schwarzen in der Richtung zum -Kanzlerhause hinweggeschleppt wurde+. Um ca. 4 Uhr nochmals Lärm im -Gefängnis! Am nächsten Morgen stellte ich mich, als ob ich von nichts -wüßte, fragte einige Schwarze über die Ursache des Getöses in der Nacht -aus und erhielt zur Antwort: The Governor want a woman for usw. Der -Schluß läßt sich denken.“ - -Soweit das Tagebuch Dr. Vallentins in Auszügen. - - -Wie wurden nun die Kulturträger bestraft? In der Gerichtssitzung vom 7. -Januar 1896 vor der kaiserlichen Disziplinarkammer wurde festgestellt, -daß die Tötung der drei Gefangenen +keine Amtsverletzung+ sei, -da sie im Kriegszustande erfolgte, dagegen sei die grausame Art der -Ausführung als Amtsverletzung anzusehen. Korvettenkapitän Becker hatte -vor Gericht bekundet, daß in Kamerum +allgemein üblich sei, den -Gefangenen die Köpfe abzuschneiden+. Wenn das nicht geschehe, werde -es von den Eingeborenen als Feigheit bezeichnet. - -Die Strafe gegen Wehlau lautete auf +Versetzung in ein anderes Amt -von gleichem Range+, auf eine +Geldstrafe von 500 Mk.+ und -Tragung der Gerichtskosten[293]! - - * - -Paul Rohrbach, von 1903-1906 Ansiedlungskommissar in Südwestafrika, -stellt in seinem Buche „Deutsche Kolonialwirtschaft“ fest, daß man -Herero, die sich auf die +Zusicherung der Straffreiheit stellten, -niederschoß+. Im Kongostaate herrschte nach dieser Quelle noch -im Jahre 1907 die alte Praxis des +Händeabhackens+, des -+Zusammenschießens+ und +Niederbrennens der Dörfer+ wegen -ungenügender Kautschuklieferung. Und zwar +unter direkter Teilnahme -der weißen Beamten+! - - -Da solche Fälle in den Kolonien aller Nationen, besonders der -Franzosen, Engländer und Niederländer an der Tagesordnung sind und, -wie die Greuel im Kongostaate, wo ein ausdrückliches Reglement -verordnet, daß die aus der Verbindung eines Weißen mit einer Negerin -entspringenden Kinder „Eigentum“ des Staates sind[294], lehren, noch -heute stattfinden, sind sie von +symptomatischer Bedeutung für die -Art, in der die christlichen Völker Europas ihr Amt, den Eingeborenen -Kultur zu vermitteln, handhaben+. Da hier nur Kulturvölker -Berücksichtigung finden, müssen wir über die Greueltaten der Russen -sogar gegen eigene Landsleute hinweggehen. - -Die Grausamkeiten und Plünderungen der verbündeten Nationen im -Chinakriege 1900 sind noch in aller Erinnerung[295]. - - - - -Sechzehnter Abschnitt - -Autoritäten und Fortschritt - - -Als +Kolumbus+ auf seine die +Kugelgestalt+ der Erde -voraussetzende Entdeckungsfahrt auszog, wurde er für einen Ketzer -erklärt, und die +Kirchenversammlung+ von Salamanka gab ihm -in frommer Gesinnung den +Bannstrahl+ mit auf den Weg. Man -konstatierte, daß die Bücher Mosis, die Psalmen, die Propheten, -die Evangelien, die Epistel und die Schriften der Kirchenväter -Chrysostomus, Augustinus, Hieronymus, Gregorius, Basilius und Ambrosius -dagegen zeugten. Als er zurückkam, ja als Magelhaens 1522 von einer -Reise rund um den Erdball zurückkehrte, ließ man sich aber trotzdem -nicht belehren, daß eben alle diese Schriften von Irrtümern strotzen. - - * - -Bekanntlich verdanken wir die Neuentdeckung des +heliozentrischen -Sonnensystems+ erst Kopernikus (1473-1543). Im Jahre 1616 wurde -aus Anlaß der Aktion gegen Galilei sein Buch auf den Index librorum -prohibitorum gesetzt, von dem man es erst 1754 entfernte. Erst 1822 -gestattete die Indexkongregation den Druck von Büchern, welche die -Bewegung der Erde lehren. Bis dahin drehte sich also für den gläubigen -Katholiken die Sonne noch um die Erde, d. h. erst nach 2100 Jahren -durfte er die Lehre Aristarchs annehmen! - - -Luther verwarf die gewaltige Tat des Kopernikus als Narrheit, und -zwar aus einem zwingenden Grunde: weil in der Bibel Josua die Sonne -stillestehen läßt und nicht die Erde! - - -Das +1. und 2. Keplersche Gesetz+ wurde (1609 und 1618) von -der Kongregation des Index expurgatorius verboten, weil beide dem -Kopernikanischen System als Stütze dienten, und weil man es nicht für -passend fand, irgendein Gesetz anzuerkennen, das mit Gottes freiem -Willen im Widerspruch stand. Die Macht der Geistlichkeit, die auf -diesen freien Willen Einfluß ausübte, gutes Wetter oder Regen machte -etc., wurde dadurch eingeschränkt. Das Geschäft durfte aber unter -keinen Umständen verdorben werden[296]. - - * - -Da +Giordano Bruno+ unter anderem behauptet hatte, es gebe +mehrere -Welten+, wurde er am 16. Februar 1600 in Rom +verbrannt+. Natürlich war -die Kirche daran, wie an allen Hexenverbrennungen, völlig unschuldig, -hatte sie ihn doch mit der stehenden Formel der weltlichen Behörde -überliefert „so barmherzig als möglich zu sein und ohne Blutvergießen -zu bestrafen“[297]. - -Für die Dreistigkeit +Galileis+, eine Wahrheit entdeckt zu haben, wurde -er trotz seines Widerrufes vom römischen Inquisitionsgericht durch 3 -Jahre Kerker bestraft. Ferner mußte er an einem ihm angewiesenen Orte -leben, und die Beisetzung in geweihter Erde wurde ihm versagt. Mag er -dadurch die kirchliche Unsterblichkeit verloren haben, so kann er doch -mit der andern ganz zufrieden sein[298]. - - * - -Die Kirche war eine heftige Feindin der +Experimentalphysik+ und -das nicht ohne Grund. Die Physiker konnten durch ihre teilweise -verblüffenden Experimente den bisher allein von der Geistlichkeit -geübten „Wundern“ erfolgreich Konkurrenz machen oder doch ihnen das -Geschäft verderben, und das mußte natürlich verhütet werden. Sogar bis -auf die Tiere erstreckte sich dieser Brotneid. Als jemand seinem Pferde -einige Kunststücke beigebracht hatte, wurde es 1601 in Lissabon vor -Gericht gestellt und, weil vom Teufel besessen, +verbrannt+[299]. - - * - -Als 1752 die kgl. Gesellschaft in England den +Gregorianischen -Kalender+ einführte, natürlich gegen eine heftige Opposition von -kirchlicher Seite, wurden einige Mitglieder der Gesellschaft vom -aufgehetzten Pöbel in den Straßen Londons verfolgt, +weil sie ihnen 11 -Tage ihres Lebens geraubt haben sollten+[300]! - - * - -Auch im 19. Jahrhundert ließ sich die Geistlichkeit nicht lumpen, so -wenig wie in der Gegenwart. Als in Amerika +Anästhetika+ bei Geburten -angewandt wurden, um den Frauen die Schmerzen zu erleichtern, trat die -Geistlichkeit mit Heftigkeit dagegen auf. Der Grund war, daß -- Moses -im 1. Buche 3, 16 erzählt, Gott habe zum Weibe gesprochen: „Ich will -dir viele Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du sollst mit -Schmerzen Kinder gebären..[301]“. - - * - -Die Schutzpockenimpfung wurde keineswegs durch einen Arzt in die -europäische Medizin eingeführt, sondern durch Lady Wortley Montague, -die als Gattin des britischen Gesandten in Konstantinopel in den -Jahren 1716-1719 die von Indern und Orientalen schon längst geübte -Schutzimpfung von Menschenblattern gegen die Pocken kennen lernte. -Sie verschaffte dieser wichtigen, wenn damals auch noch keineswegs -ungefährlichen und von ärztlicher Seite natürlich hart angegriffenen -Neuerung -- wo hätte je eine Zunft von außen kommende Anregungen -freudig aufgenommen? -- in England Verbreitung. Die +Geistlichkeit -aber sträubte sich dagegen+, da sie in Krankheiten wie auch in -Erdbeben eine unabwendbare Heimsuchung Gottes gegen die Menschheit -um ihrer Sünden willen sah. Die Geistlichkeit ist eben in gewissen -Eigenschaften auf der ganzen Erde sich gleich. Vor dieser Gemeinsamkeit -tritt die Differenz der Religion und Konfession zurück. Auch die -Impfung mit Kuhpockenlymphe ist nicht von einem Arzte entdeckt -worden. Jenner lernte sie vielmehr von +Laien+. Seit dem Jahre -1761 hatte der Pächter Jensen und Schullehrer Plett sie bereits in -Holstein angewandt. Diesmal bemächtigte sich aber die Wissenschaft der -Errungenschaft relativ schnell. Denn schon 38 Jahre(!) später, im Jahre -1799, wurden die ersten Impfungen von deutschen Ärzten in Hannover -vorgenommen, und zwar unter englischem Einfluß[302]. - - * - -In der Gegenwart wüten Katholizismus und orthodoxer Protestantismus aus -gleich triftigen Gründen +gegen die Entwicklungslehre, Darwinismus -und Lamarckismus+. Es gab eben noch nirgend einen Fortschritt oder -eine neuentdeckte Wahrheit, die nicht von Kirche und Geistlichkeit -bekämpft worden wäre. Die Angst dieser Faktoren vor Wahrheit und Wissen -wird köstlich illustriert durch die von der theologischen Fakultät -zu Paris aufgeworfene Frage, +was aus der Religion werden solle, -wenn das Studium der griechischen und hebräischen Sprache erlaubt -sei+[303]. Also nicht nur im Buche der Natur zu blättern ist für -die Gottesstreiter gefährlich, sogar die Nachprüfung der Quellen, aus -denen sie ihre Existenzberechtigung herleiten wird -- nicht ohne Grund --- von ihnen gefürchtet! Chamberlain nennt die +Bibel+ sogar das -+einzige für Rom wirklich gefährliche Buch+! - - * - -Als Professor Friedrich Delitzsch 1901 und 1902 seine so -außerordentliches Aufsehen erregenden Vorträge über Babel und Bibel -hielt, konnte man sich um etliche Jahrhunderte zurückversetzt glauben. -Delitzsch hatte darauf hingewiesen, daß dem Bibelstudium durch die -Ausgrabungen von Keilinschriften reiche Förderung in historischer und -realer Hinsicht zuteil würde: die Namen von Örtlichkeiten, historische -Personen treten in helleres Licht. Es zeige sich, daß Kanaan eine -Kulturprovinz Babyloniens sei, das dorthin Handel und Recht und Sitte -und Wissenschaft verpflanzt habe. Der +Sabbat sei babylonisch+, -desgleichen eine ganze Reihe biblischer Erzählungen, wie die von der -+Sintflut, Schöpfung, Sündenfall, Paradies, Leben nach dem Tode, -Engeln+ und +Dämonen, letzten Endes sogar der Monotheismus+. -Dieser bestand bekanntlich bei den Israeliten ursprünglich durchaus -nicht in der Form, wie sie offiziell heute gelehrt wird, und trotz -„Dreieinigkeit“ und Teufel angeblich bei uns besteht, sondern in der -des Henotheismus, daß eben der Judengott stärker und mächtiger war, als -die der benachbarten Völkerschaften[304]. - -Diese Vorträge riefen bei sehr vielen einen Sturm der Entrüstung -hervor, und es wurde im Ernste von „orthodoxer“ Seite der -leidenschaftliche Versuch gemacht, um der Heiligkeit des Glaubens -willen die Sonderstellung Israels und seine besondere göttliche Mission -zu verteidigen, d. h. sich mit Entschiedenheit gegen die Assyriologie, -als eine exakte und historische Wissenschaft zu wehren, bzw. ihre -Resultate ungeprüft oder mit Scheingründen abzulehnen. Das mußten -sie tun zur +Beruhigung der Gemeinde+[305]! Es gibt also noch -in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts weite Volksschichten, -die sich beunruhigt fühlen, wenn man den Nachweis erbringt, daß die -Juden, dieses Parasitenvolk, das während seiner ganzen selbständigen -Geschichte weder auf politischem noch auf kulturellem Gebiete -Nennenswertes geleistet hat, Schüler der weit bedeutenderen Babylonier -sind[306]! Die im Ernst glauben, Zustände, die im halbbarbarischen -Vorderasien vor 2½ Jahrtausenden herrschten, auf die Gegenwart -übertragen zu können, ja letztere an ersteren zu messen! Und das -alles, weil sie glauben oder zu glauben vorgeben, der liebe Gott habe -seinen auserwählten Juden die Bibel wörtlich in die Feder diktiert! -Tatsächlich steht es bei Kollisionen zwischen historischen oder -naturwissenschaftlichen Ergebnissen mit der Bibel für viele fest, daß -erstere irren, wie es ja auch noch heute Leute geben soll, die an den -Stillstand der Sonne auf Josuas Befehl glauben. +Also heute noch -lassen sich Deutsche in ihrem Denken und Handeln von Anschauungen eines -kleinen, einst in fremdem Erdteil wohnenden Volkes beeinflussen, das -kulturell etwa auf der Stufe stand, die unsere Vorfahren unter den -fränkischen Kaisern einnahmen!+ - - * - -Um das Jahr 1600 wurde ein Webstuhl erfunden, der sogenannte -„Mühlstuhl“, der auf einem Räderwerk und mechanischem Antrieb beruhte, -eine wesentliche Erleichterung der bisherigen Fabrikationsweise. Da -die Arbeiterschaft über Konkurrenz schrie, verfaßte die kaiserliche -Kanzlei in den Jahren 1681, 1685 und 1719 immer neue Verordnungen, -die die Anwendung des Mühlstuhls in der deutschen Industrie -+verboten+. Zuerst wurde er in Sachsen zugelassen und sogar durch -Prämien unterstützt, als es galt, die schweren Wunden zu heilen, die -der Siebenjährige Krieg geschlagen hatte. +Also über anderthalb -Jahrhunderte hatten die Behörden sich dem Gebrauche einer wichtigen -Erfindung widersetzt+[307]! - - * - -Im Jahre 1306 war in England das Verbrennen der Steinkohle von König -Eduard I. verboten worden wegen des Rauches und des üblen Geruches[308]. - - * - -Als J. von Baader, der Veteran des Eisenbahnbaues, sich im Jahre 1831 -an die Ständekammer wandte mit der Bitte um Unterstützung, beschloß -sie zwar in einer noblen Anwandlung „das Anerbieten J. v. Baaders -zur Einführung einer neuerfundenen Bauart von Eisenbahnen und zum -Nachweis des Reellen seiner Erfindung durch Versuche im großen in -der Art anzunehmen, daß ihm aus Staatsmitteln 3000 Gulden gegeben -würden, die er sofort wieder +zurückersetzen müsse+, wenn seine -Versuche den gemachten Zusicherungen nicht entsprächen“, die Kammer -der Reichsräte verweigerte aber ihre Zustimmung! Zwei Jahre später, am -10. Juli 1833, wurde endlich der Beweis erbracht, daß die Regierung --- wenn schon nicht die Kammern -- die außerordentliche Tragweite des -Projektes mit weitem Blick erkannt hatte und demnach in großherziger -Weise unterstützte. Die Ministerialentschließung lautet: „Die k. -Regierung in Ansbach wird ermächtigt, für den Fall der Realisierung -der Anlage einer Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth durch Bildung -einer Aktiengesellschaft 2 -- +zwei+ -- +Aktien+ au porteur -auf Rechnung des Zentralindustriefonds zu erwerben, um hierdurch -die +lebhafte Teilnahme der Staatsregierung+ an dem wichtigen -Unternehmen zu bewähren.“ Der Preis der Aktie betrug +100 Gulden, von -denen 10% angezahlt wurden. Es war nötig, den König um Unterstützung -anzugehen+, sonst wären die restierenden 180 Gulden noch nicht -am 25. November 1835 bezahlt worden! Das war die von der Regierung -der ersten deutschen Eisenbahn gewährte Unterstützung! Bedenkt man -allerdings, daß es damals Leute gab, die die +Eisenbahn als eine -Teufelserfindung verabscheuten+ und es als eine +Versuchung Gottes -erklärten+, mit Dampf statt mit Pferden und anderen Tieren zu -fahren, die dazu vom Schöpfer dem Menschen gegeben seien, dann kann man -der Regierungsspende von 200 Gulden eine gewisse Großartigkeit nicht -absprechen[309]. - - * - -1806 behauptete das Mitglied des Instituts, Mercier, in einem Werke, -+daß die Erde sich nicht bewege+. Er werde nie zugeben, daß -sie sich „wie ein Kapaun am Bratspieß“ drehe. Bereits die Schule -des Pythagoras hatte die tägliche Bewegung der Erde gelehrt. Weder -Platon noch Aristoteles gaben das zu, und der große Geograph Ptolemäus -bezeichnet die Hypothese als Narretei und „völlig lächerlich[310]“. Das -hl. Offizium hatte s. Z. Galilei gegenüber diese Lehre für „töricht -und absurd vom philosophischen Standpunkt und für teilweise formell -ketzerisch“ erklärt. - - * - -Als am 11. März 1878 in der Académie des Sciences der Physiker Du -Moucel den versammelten Gelehrten den +Phonographen Edisons+ -vorführte, sprang der Akademiker Monsieur Bouillaud, durchdrungen von -klassischer Bildung voll edler Empörung über die Frechheit des Neuerers -dem Vertreter Edisons an die Kehle und schrie: „Sie Schuft! Glauben -Sie, wir lassen uns von einem +Bauchredner+ zum Besten halten?!“ -Am 30. September des gleichen Jahres gab Bouillaud nach eingehender -Prüfung des Apparates die Erklärung ab, er sei überzeugt, daß es sich -nur um eine +geschickte Bauchrednerei+ handle. „Man könne doch -unmöglich annehmen, daß ein schäbiges Metall den edlen Klang der -menschlichen Stimme wiedergeben könne.“ - - * - -Als Lavoisier die +Luft+ in ihre Bestandteile zerlegte und -entdeckte, daß sie vornehmlich aus den zwei Gasen Sauerstoff und -Stickstoff bestehe, also +kein Element+ sei, rief diese Entdeckung -einen +Sturm der Entrüstung+ hervor. Der Chemiker Baumé, Erfinder -des Aräometers und Mitglied der Académie des Sciences, wetterte -dagegen: „Die Elemente oder Grundbestandteile der Körper sind von -den Physikern aller Jahrhunderte und aller Nationen anerkannt und -festgestellt worden. Es ist nicht zulässig, daß die seit 2000 Jahren -anerkannten Elemente jetzt heute in die Kategorie der zusammengesetzten -Substanzen eingereiht würden. Man darf das Verfahren, Luft und Wasser -in seine Bestandteile zu zerlegen, ruhig als unsicher hinstellen; ganz -absurdes Geschwätz, um nicht noch mehr zu sagen, ist es aber, die -Existenz von Feuer und Erde als Elemente zu leugnen. Die den Elementen -zugeschriebenen Eigenschaften stimmen mit den bis heute erreichten -chemischen und physischen Kenntnissen überein; sie haben als Basis für -eine Unmenge Entdeckungen und Theorien gedient, eine glänzender als die -andere, und man würde diesen Lehren alle Glaubwürdigkeit nehmen, wenn -Feuer, Wasser, Luft und Erde nicht mehr als Elemente gelten sollten.“ - - * - -Auf einen genau beobachteten +Meteorfall+, bei dem man das -Aufleuchten gesehen, den Knall gehört, den fallenden Meteor bemerkt -und ihn noch ganz glühend aufgefunden und der Akademie zur Prüfung -übersandt hatte, schrieb der berühmte +Lavoisier+ einen sehr -gelehrten Bericht an diese, indem er die +Unmöglichkeit nachwies, daß -Steine vom Himmel fallen+. - - -Gassendi, einer der selbständigsten und unterrichtetsten Geister des -17. Jahrhunderts, sieht 1627 mit eigenen Augen am hellen Tage einen -Meteor aus der Luft fallen, untersucht den 30 kg schweren Stein und -führt das Phänomen auf ein unbekanntes Erdbeben zurück. - - * - -Vor wenigen Jahren sprach Verfasser, der selbst diesen und anderen -Fragen völlig neutral gegenüber steht, mit einem berühmten Professor -der Physik über okkulte Phänomene. Von der Ansicht ausgehend, daß man -nicht Beobachtungen und Tatsachen an Theorien, sondern diese an jenen -prüfen müsse und daß jede Theorie täglich neuen Prüfungen standzuhalten -habe, legte er ihm nahe, der Sache nachzugehen. Er erhielt die -Antwort, daß ihm das zu gefährlich sei, denn +wenn er sich von -ihrer Richtigkeit überzeuge, würde er seinen Ruf bei den Fachgenossen -einbüßen+! - -Die Beobachtung des großen Physikers +Galvani+, die er 1791 -an Froschschenkeln machte und in deren Verfolgung er den nach ihm -benannten Strom entdeckte, wurde -- von einigen wenigen abgesehen -- -allgemein +mit ungeheurem Gelächter aufgenommen+. Er schrieb 1792 -darüber: „Ich werde von zwei verschiedenen Parteien angegriffen, von -den Weisen und von den Dummen. Den einen wie den andern bin ich ein -Spott, und man nennt mich den Tanzmeister der Frösche. Trotzdem weiß -ich, daß ich eine neue Naturkraft entdeckt habe.“ - - * - -+Harvey, der Entdecker des Blutkreislaufes+, wurde von Guy-Patin -und der gesamten Fakultät mit +beißendem Sarkasmus gequält+. - - * - -Ignaz +Semmelweis+ (1818-1865), der +Entdecker+ des infektiösen -Charakters des +Kindbettfiebers+, auf dessen Anordnungen hin die -Sterblichkeit an dieser Krankheit in der Wiener geburtshilflichen -Klinik auf ein Viertel sank, wurde von den +Fachgenossen+ solcher -Widerstand entgegengesetzt, daß er sich völlig aufrieb und im -+Irrenhause endete+. - - * - -Als Fulton 1804 dem großen +Napoleon+ den Vorschlag machte, zum -Kriege gegen England eine Dampfschiffflotte zu bauen, ließ Napoleon das -Projekt durch das Nationalinstitut zu Paris prüfen. Er schrieb unterm -21. Juli des Jahres an den Minister de Champagny: „Sie haben mich viel -zu spät darauf aufmerksam gemacht, +da dieses Projekt imstande ist, -das Aussehen der Welt zu verändern+... Eine großartige Wahrheit, -eine tatsächliche, handgreifliche Wahrheit steht vor meinen Augen. -Sache der betreffenden Herren (der Kommission) wird es sein, dieselbe -zu sehen und sich zu bemühen, sie zu erfassen. Sobald Bericht darüber -erstattet ist und Ihnen zugegangen sein wird, ist er mir zu übersenden. -Sorgen Sie dafür, daß diese Sache in höchstens acht Tagen erledigt ist, -denn ich bin ungeduldig“. - - -Noch 1816 wurde das Gesuch des Marquis de Joffroy, der bereits 1776 -einschlägige Versuche veranstaltet hatte, vom +Pariser Patentamt+ -und dessen Leiter Colonne +mit Rücksicht auf den geringen Wert der -Erfindung abgelehnt+[311]! - - * - -Philippe Lebon, der Erfinder der +Gasbeleuchtung+ (1797) konnte -die Welt nicht davon überzeugen, daß eine +Lampe ohne Docht brennen -könne+. Erst 14 Jahre nach seinem 1804 erfolgten Tode wurde seine -Erfindung in Paris eingeführt, während Birmingham schon 1805 mit der -Gasbeleuchtung vorangegangen war. - - * - -Als die ersten Proben mit der Eisenbahn gemacht wurden, wiesen die -Ingenieure nach, daß die +Lokomotiven unmöglich von der Stelle kommen -könnten+ und daß ihre Räder sich immer nur um sich selbst drehen -würden. Arago erklärte in der französischen Deputiertenkammer 1838, -daß die Transportkosten in Frankreich, die sich z. Z. auf 2803000 -Frs. beliefen, nach Ausbau des Bahnnetzes auf 1052000 Frs. vermindern -würden, so daß das +Land jährlich zwei Drittel der Einnahmen aus den -Transportkosten verlieren würde+. - - -Thiers meinte: „Ich gebe ja zu, daß die Eisenbahnen die Beförderung -von Reisenden etwas erleichtern werden, wenn der Gebrauch +auf -einige ganz kurze Linien in der Nähe großer Städte+, wie Paris, -+beschränkt bleibt+. Man braucht keine weiten Strecken.“ - - -Das kgl. bayerische Medizinalkollegium erklärte, daß der +Bau der -Eisenbahnen ein großes Verbrechen gegen die öffentliche Gesundheit -wäre+, denn eine so schnelle Bewegung würde bei den Reisenden -Gehirnerschütterung, bei den Zuschauern aber Schwindelanfälle erzeugen. -Das Kollegium empfahl daher dringend, an +beiden Seiten der Schienen -Scheidewände in der Höhe der Wagen aufzurichten+[312]. - -Die bayerische oberste Baubehörde aber konstatierte die Unmöglichkeit -für Züge, auf einem Damme zu fahren. Es müßten unbedingt +Mauern+ -zur Unterlage für die Schienen errichtet werden[313]. - - * - -Als 1853 der Vorschlag gemacht wurde, ein +Unterseekabel+ von -Europa nach Amerika zu legen, schrieb Babinet, einer der größten -Autoritäten in der Physik und Examinator an der Polytechnischen -Schule zu Paris, in der Revue des Deux Mondes: „Ich kann diese -Pläne nicht ernsthaft nehmen; die Theorie des elektrischen Stromes -zeigt unwiderlegbar deutlich die +Unmöglichkeit einer solchen -Übertragung+, selbst wenn man nicht mit dem Strom rechnet, der sich -von selbst auf einer so langen elektrischen Strecke bildet und sich -schon auf der kurzen Reise von Dover nach Calais fühlbar macht. Das -einzige Mittel, die Alte und die Neue Welt zu verbinden, ist, die -Beringstraße zu passieren, vorbei an den Faröerinseln, Island, Grönland -und Labrador.“ - - * - -Unterm 13. Juli 1873 wurde die +Aufnahme Darwins in die Akadémie des -Sciences abgeschlagen+ und dafür ein Herr Loven gewählt. - - * - -+Robert Mayers Entdeckung von der Erhaltung der Energie+ wurde -von der +Gelehrtenwelt derart verspottet+, daß er in eine schwere -Nervenkrankheit verfiel, in deren Folge er sich aus dem Fenster stürzte. - - * - -Der Elektriker +Ohm+ wurde von seinen Zeitgenossen als Narr -+verspottet+. - - * - -In England +verweigerte+ die kgl. Gesellschaft 1841 eine -+Erinnerungstafel für den berühmten Joule+. Einige Dezennien -später wurde die Errichtung eines Denkmales für Darwin verweigert und -dafür ein +Affenhaus gegründet+. - -Als Franklin der kgl. Gesellschaft in London seine Erfahrungen über -die Fähigkeit einer Eisenstange, die Elektrizität der Atmosphäre -abzuleiten, mitteilte, war ein Heiterkeitsausbruch die einzige Antwort, -und die gelehrte Gesellschaft weigerte sich rundweg, den Vortrag -drucken zu lassen. - - * - -Im Jahre 1781 veröffentlichte +François Blanchard+ († 1809) im -Journal de Paris einen Brief, in dem er einen +Flugapparat+ -beschrieb, an dessen Konstruktion er 10 Jahre lang gearbeitet hatte. -„Auf einem kreuzförmigen Gestell ruht eine Art Boot von 4 Fuß Länge -und 2 Fuß Breite, welches sehr widerstandsfähig ist, obwohl es nur -aus dünnen Stäben besteht. Zu beiden Seiten des Schiffchen erheben -sich 6-7 Fuß hohe Stützen, die 4 Flügel von je 10 Fuß Länge tragen. -Diese bilden zusammen einen Schirm, der einen Durchmesser von 20 Fuß -und mithin einen Umfang von mehr als 60 Fuß hat. Die 4 Flügel bewegen -sich mit überraschender Leichtigkeit. Die ganze Maschine, obwohl von -beträchtlicher Größe, kann bequem von 2 Männern in die Höhe gehoben -werden. Sie hat in der Tat die größte Vollkommenheit erreicht. Man wird -mich, schneller als einen Raben, die Luft durchschneiden sehen, ohne -daß der rapide Flug mir den Atem benimmt, da ich durch eine sinnreiche -Schutzvorrichtung davor gesichert bin.“ - -Viel war bei dieser Ankündigung Aufschneiderei. Immerhin machte er -im Garten seines Hauses Flugversuche und es gelang ihm in der Tat -mit Hilfe eines Gegengewichtes von 20 Pfund, das an einer Stange -herabglitt, eine Höhe von 80 Fuß zu erreichen. Der Apparat bedurfte -also nur mehr eines Auftriebes von 20 Pfund, um das Problem zu lösen. -Später soll diese Differenz gar auf 6 Pfund ermäßigt worden sein. - -Das war ein zweifelloser Erfolg. Anders dachte darüber der berühmte -Astronom J. J. L. +de Lallande+ (1732-1807), der in einem -Schreiben vom 18. Mai 1782 im Journal de Paris seinem Unwillen über -das von Blanchard erregte Aufsehen Luft machte. „... Gestatten Sie, -daß ich das Wort ergreife, um Ihren Lesern die Versicherung zu geben, -daß das Schweigen der Gelehrten ein +Schweigen der Nichtachtung+ -ist. +Es ist in jeder Hinsicht als unmöglich erwiesen, daß sich -ein Mensch in die Luft erheben und darin halten könne.+ Coulomb, -Mitglied der Akademie der Wissenschaften, hat vor etwa einem Jahre in -einer unserer Sitzungen einen Vortrag gehalten, in welchem er, auf -Erfahrungstatsachen gestützt, durch eine Berechnung der menschlichen -Kräfte nachweist, daß man dazu Flügel von 12000 bis 15000 Fuß Größe -haben müsse, die mit einer Geschwindigkeit von 3 Fuß in der Sekunde -bewegt werden müßten. +Nur ein Tor kann auf Realisierung solch -phantastischer Ideen noch hoffen.+“ Er fügte noch hinzu, daß es -ebenso unmöglich sei, sich durch das geringere spezifische Gewicht -luftleerer Körper zu erheben. - -Noch in dem gleichen Jahre, im November 1782, hat Stephan Mongolfier -den Warmluftballon zu Avignon erfunden[314]. - - * - -Ein Herr an einer +katholisch-theologischen Fakultät+ erklärt -heute noch die Entstehung der Kohle dadurch, daß Gott die +Finsternis -in die Erde hinein gebannt+ habe, und wo diese wieder zum Vorschein -komme, geschähe es zur Erzeugung und Befriedigung teuflischer Gelüste, -wie Völlerei und Schlemmerei[315]! - - -Als 1908 Graf Zeppelin, dem mit nicht geringerer Skepsis von -„autoritativer“ Seite begegnet sein soll -- bekanntlich behandelte man -ihn auf dem Kieler Ingenieurtag 1901 als Narr --, seine großartigen und -erfolgreichen Experimente mit dem lenkbaren Luftschiff anstellte, war -der erste Gedanke der Kulturvölker der an die hierdurch hervorgerufenen -Umwälzungen im Gebiete der +Kriegführung+! - - - - -Literaturnachweis - - -Erster Abschnitt - - +Abkürzung+: Beil. = wissenschaftliche Beilage der M. Allgemeinen - Zeitung. - -Eine Reihe der in diesem Abschnitt angeführten Daten ist der -Zusammenstellung von P. Wagler „Modernes im Altertum“ Beil. 1902, Nr. -212, 213, 219 und 220 und 1904, Nr. 162 f., 171 f. und 174 entnommen. -Hier auch stets die Quellenangaben. - -[1] Beil. 1905, Nr. 54 und Beil. d. Münchner Neueste Nachr. 1908, I, S. -135. - -[2] Beil. 1905, Nr. 207. - -[3] u. 4 Beil. 1902, Nr. 212. Robert Hennig bestreitet das in seiner -überaus gründlichen Arbeit „Die angebliche Kenntnis des Blitzableiters -vor Franklin“ (Archiv für Geschichte der Naturwissenschaften und der -Technik II. Bd., 1909, S. 97-136). Er erklärt z. B. das Aufrichten -bloßer Schwerter gen Himmel für eine drohende Beschwörung. Mag das oft -richtig sein, so dürfte doch die beobachtete Anziehung des Blitzes ein -mitbestimmendes Motiv gewesen sein. Vgl. auch II. Buch Chron. 3, V. 17 -und 4. Mosis 21, 6-9. - -[4] Vorstehendes nach Ludwig Friedländer, Darstellungen aus der -Sittengeschichte Roms, 2. Bd., 6. Aufl., S. 22 ff. - -[5] Vgl. F. Ludwig, Untersuchungen über die Reise- und -Marschgeschwindigkeit im 12. und 13. Jahrhundert, 1897. - -[6] Vgl. Alex. Cartellieri in den Neuen Heidelberger Jahrbüchern 1902. - -[7] Friedländer, Sittengeschichte Roms, II, S. 23. - -[8] A. Schultz, Höfisches Leben z. Z. der Minnesinger, II, 2. Aufl., S. -313 f. - -[9] Vgl. die Programmabhandlung von Lorentz „Die Taube im Altertum“. - -[10] Friedländer II, S. 82 und Beil. 1906, Nr. 181, S. 251. - -[11] Ulrich Wendt, Die Technik als Kulturmacht, S. 73. Zum Folgenden -vgl. die Dissertation von Carl Zell „Über die Zeitungen der alten -Römer“, Freiburg i. B. 1834, besonders S. 14. - -[12] Vgl. Adolf Ermann, „Egypten und egyptisches Leben im Altertum“, S. -347, 270 und 276 und Beil. 1904, Nr. 173. - -[13] Die Daten nach Ludwig Darmstaedter, „Handbuch zur Geschichte -der Naturwissenschaften und Technik“, II. Aufl., 1908, S. 93. Zum -Folgenden vgl. Marcuse, „Hydrotherapie im Altertum“, Stuttgart 1900 und -Darmstaedter, S. 27. - -[14] Neuburger & Pagel, Handbuch der Geschichte der Medizin, I, S. 703. - -[15] Vgl. R. Caton im Augustheft 1904 der amerikanischen Monatsschrift -„Biblia“ und Darmstaedter, der sechs Daten vor Harvey hat. - -[16] Gustav Klein, Beil. d. M. Neuesten Nachr. 1908, Nr. 43. - -[17] Beil. 1906, Nr. 64. - -[18] Beil. 1907, Nr. 6. - -[19] Vgl. P. Wagler, Beil. 1904, Nr. 163. M. Feldhaus beschreibt und -bildet eine Reihe eiserner Hände im „Universum“, Leipzig 1907, Nr. 47 -ab. - -[20] Vgl. Friedländer, Sittengeschichte I, S. 37, Anm. 9 und Beil. -1903, Nr. 222, sowie Darmstaedter, S. 148. - -[21] Zu Kraftwagen im Mittelalter vgl. M. Feldhaus, Ruhmesblätter der -Technik, Leipzig 1910, S. 461 ff.; die wichtigsten Flugapparate, auch -der Lionardos da Vinci sind beschrieben und abgebildet bei M. Feldhaus, -Luftfahrten einst und jetzt, Berlin 1908, S. 6-47; auch „Ruhmesblätter“ -S. 280 ff. - -[22] Vgl. A. Schultz, Höfisches Leben II, S. 359 f. - -[23] Beil. 1904, Nr. 175, Abb. der Schlangengöttin bei Baumgarten, -Poland und Wagner, Hellenische Kultur, S. 38. - -[24] Vgl. C. A. Nallino, „Il valore metrico del Grado di Meridiano -secondo i Geografi Arabi“, Turin 1893, und Wiedemann, „Anschauungen -der Muslime über die Gestalt der Erde“ im Archiv f. d. Gesch. d. -Naturwissenschaften und Technik I, S. 310 ff. und F. Sander, „Die -heliozentrische Weltansicht im Altertum“, Beil. 1902, S. 221. Ferner -Rud. Wolf, „Geschichte der Astronomie“, S. 27 f., 35-41. - -[25] Ulrich Wendt, Die Technik als Kulturmacht, S. 40 und 55 und J. v. -Müller und Ad. Bauer, „Die Griechischen Privat- und Kriegsaltertümer“, -S. 237 f. - -[26] Wendt S. 77. - -[27] Eb. S. 84. - -[28] Eb. S. 101. - -[29] J. v. Müller und Ad. Bauer a. a. O. S. 254 ff. - -[30] Vgl. A. Schurtz in Helmolts „Weltgeschichte“, 3. Bd., S. 356 ff. -und Beil. 1902, Nr. 219. - -[31] M. Landau, Beil. 1902, Nr. 226. - -[32] Beil. Nr. 219 f. und C. Flammarion, „Un Centenaire“ in „La Revue“ -1909, Vol. LXXXIII, p. 463 f. und Johann Georg Keysslers „Reisen“ -(Hannover 1776) S. 471 f. - -[33] Vgl. außerdem Beil. 1904, Nr. 172, S. 199. - -[34] L. Friedländer, Petronii cena Trimalchionis, Leipzig 1891, S. 42. -Die folgende Angabe ist S. 43, die übernächste S. 60 entnommen. - -[35] Beil. 1906, Nr. 197. - -[36] Beil. 1902, Nr. 213. - -[37] Baumgarten, Poland usw. S. 60. - -[38] Zahlreiche Exemplare haben sich im Museum zu Neapel und anderwärts -erhalten. Vgl. auch Ritter in den Mitteilungen der Altertumskommission -für Westfalen, 2. Bd., 1901, S. 119 f., Abb. Taf. XXIII, Fig. 6 und 7, -und Römisch-germanisches Korrespondenzblatt, II. Jahrgang, 1909, S. 24 -ff. Ein altegyptischer Phallus befindet sich in der „Ex voto“-Sammlung -von Prof. Richard Andree in München. - -[39] Vgl. Hugo Winckler, Die Gesetze Hammurabis, S. 23. - -[40] Vgl. Benndorf in der Festschrift zum 70. Geburtstage des Wiener -Philologen Theodor Gomperz und W. H. Roscher, „Nektar und Ambrosia“, S. -56 ff. - -[41] A. Schultz, Höfisches Leben, II, S. 464 f. - -[42] Otto von Freising, Gesta Friderici imperatoris, I, cap. 10. - -[43] Eb. I, cap. 15. - -[44] A. Schultz, l. c., II. S. 465. - -[45] Eb. II. S. 308. - -[46] Eb. II, S. 464. - - -Zweiter Abschnitt - -[47] Hugo Winckler, Die Gesetze Hammurabis, S. 67. - -[48] Eb. S. 61. - -[A] So, nicht hundertdreiundzwanzigmal muß es heißen, wie Herr -Rechtsanwalt Eichhold (München) mir mitzuteilen die Freundlichkeit -hatte. Grimm, Rechtsaltertümer, korrigiert in der 4. Aufl., II. Bd., -S. 375 selbst diesen Fehler der 1. Aufl. Vgl. auch A. v. Stölzel, -Rechtslehre und Rechtssprechung, Berlin 1899, S. 6. - -[49] Fr. Heinemann, Der Richter und die Rechtspflege in der deutschen -Vergangenheit, S. 20. Über Symbole vgl. Jacob Grimm, „Deutsche -Rechtsaltertümer“, I. 4. Aufl., S. 184 ff. Über Gerichtsverfahren II, -6. Buch. Dieses grundlegende Werk ist auch im Folgenden zu Rate zu -ziehen. - -[50] Heinemann, S. 35 f. und S. 60. - -[51] Eb. S. 52. - -[52] Eb. S. 63 und 27 ff. - -[53] Eb. S. 64. Das Folgende S. 98 ff. - -[54] Eb. S. 102. - -[55] Eb. S. 106. - -[56] Eb. S. 119. - -[57] Max Bauer, Das Geschlechtsleben in der deutschen Vergangenheit, 5. -Aufl., S. 51 f. - -[58] Ed. Vehse, Geschichte der deutschen Höfe, I. Sektion, Geschichte -des preußischen Hofs und Adels, II. Teil, S. 127 f., 125 und S. 303. - -[59] Eugen Dühren, Der Marquis de Sade und seine Zeit, S. 65 f. - -[60] Sigmund Riezler, Die Hexenprozesse in Bayern, S. 277 f. - -[61] Ed. Vehse, l. c. II. Teil, S. 227 f. - -[62] Riezler, l. c. S. 319. - -[63] G. L. Kriegk, „Deutsches Bürgertum im Mittelalter“, S. 215. - -[64] Heinemann. l. c. S. 142. Die nächste Notiz nach gütiger Mitteilung -des Herrn Generaloberarzt Dr. Schill. Vgl. Beiträge zur Gesch. -Eisenachs, 17. Heft. - -[65] Eb. S. 57. - -[66] Sämtliche Daten nach G. L. Kriegk, „Deutsche Kulturbilder aus dem -18. Jahrhundert“, S. 32-51. - -[67] Kriegk, Deutsches Bürgertum, S. 248. - -[68] Eb. S. 252. - -[69] Nach Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, II. Bd., 5. Buch, 3. Kap. -und Heinemann, l. c. S. 136. - -[70] Vgl. „Türmer“, 8. Jahrg., I., S. 523 ff. und 9. Jahrg., I., S. 375 -ff. - -[71] Eb. 8. Jahrg., S. 531 f. - -[72] Dies und das Folgende nach dem „Türmer“, 10. Jahrg., 2. Bd., S. 65 -ff. und 216 ff. Hier noch zahlreiche ähnliche Fälle! - -[73] Vgl. E. Theisen, „Unwürdig oder unfähig? Ein Kampf um die Ehre -und die Unabhängigkeit der Justiz“, Elberfeld 1907, zitiert nach dem -„Türmer“ (Herausgeber J. Freih. v. Grotthuß), 9. Jahrgang, 2. Bd., S. -393 ff. - - -Dritter Abschnitt - -[74] Vgl. Paul Graf von Hoensbroech, „Das Papsttum in seiner -sozial-kulturellen Wirksamkeit“, I. Buch, VI. Abschnitt I., dem auch -sämtliche folgende Daten, wo nicht anders bemerkt, entnommen sind. - -[75] Vgl. Ferdinand Gregorovius, Wanderjahre in Italien, II. Band, -„Avignon“, S. 327 ff. - -[76] Nach K. Müller, „Über religiöse Toleranz“, Beil. 1903, Nr. 1. - -[77] Friedländer, Sittengeschichte Roms, III. Bd., 6. Aufl., S. 631 ff. -und C. Wessely im Anzeiger der Philos. hist. Klasse der Wiener Akademie -der Wissenschaften 1908. - -[78] Theodor Lindner, Weltgeschichte seit der Völkerwanderung, II. Bd., -S. 106 ff. und H. Schurtz in Helmolts Weltgeschichte, 4. Bd., S. 495 f. - -[79] Th. Lindner, Weltgeschichte, 4. Bd., S. 224 ff. und Hoensbroech l. -c. I. B., 1., 4. Abschnitt. - -[80] H. Th. Buckle, „Geschichte der Zivilisation in England“. Übers. v. -A. Runge, 7. Aufl., S. 20-24. - -[81] Vgl. Landau, Beil. 1905, Nr. 71. - -[82] Eb. 1905, Nr. 55. - - -Vierter Abschnitt - -[83] Vgl. Pilatus (Victor Naumann), „Was ist Wahrheit“, 2. Aufl., S. -111. - -[84] Eb. S. 111. - -[85] Eb. S. 118. Das Folgende bei Felix Platter, Selbstbiographie, S. -215 ff. und 226. - -[86] Pilatus, S. 119. - -[87] Ph. Woker, „Das Toleranzprinzip in seiner universalgeschichtlichen -Entwicklung“, Schweizerische Blätter für Wirtschafts- und -Sozialpolitik, 14. Jahrg., 1. Bd., 1. und 2. Heft, Bern 1906, S. 44. - -[88] Vorstehende Daten sind sämtlich G. L. Kriegk, „Deutsche -Kulturbilder aus dem 18. Jahrhundert“, S. 99 ff., entnommen. - -[89] Pilatus, l. c. S. 107. - -[90] Nachstehendes nach Woker, l. c. S. 47 ff. - -[91] Th. Lindner, Weltgeschichte, II. Bd., S. 205. - -[92] Eb. S. 90. - -[93] R. Garbe, „Kaiser Akbar von Indien“. - -[94] Houston Steward Chamberlain, „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, 7. -Aufl., S. 428 f., 571 ff. und passim. - -[95] Beil. 1904, Nr. 185. - -[96] „Der Dissident“, 1. Jahrg., S. 44 f. - -[97] Eb. S. 12. - -[98] „Freies Wort“, 7. Jahrg., S. 394 ff. - -[99] „Türmer“, 9. Jahrg., I., S. 109 ff. - -[100] „Freies Wort“, 6. Bd., S. 613 ff. - -[101] Eb. 7. Bd., S. 337. - -[102] Eb. 7. Bd., S. 559, S. 664 ff. und 677 ff. - - -Fünfter Abschnitt - -[103] Vgl. zu obigem M. Kemmerich, Beil. 1903, Nr. 215. - -[104] A. Schultz, Höfisches Leben, II. Bd., S. 447 ff. und S. 298. - -[105] Eberhard Windecke, Leben König Sigmunds in Geschichtsschreiber -der deutschen Vorzeit, S. 24. - -[106] A. Schultz, „Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert“, S. 588. - -[107] Mone, Quellensammlung der badischen Landesgeschichte, I. Bd., S. -319. Das Folgende eb. I., S. 495. - -[108] Schultz, Deutsches Leben, S. 588 f. - -[109] Eb. S. 605. Das Folgende eb. S. 606. Fr. Falk, „Die Ehe am -Ausgang des Mittelalters“ in „Erläuterungen zu Janssens Geschichte des -deutschen Volkes“ 6. Bd. 3. Heft, S. 15 behauptet, „daß die Kriegssitte -den Frauen gegenüber die denkbar mildeste war“, wie irrig das ist, -lehrt das Vorhergehende. Nur Adelige genießen und zwar nur im späten -Mittelalter prinzipiell Schonung, wenn auch vereinzelt human gegen -Weiber aus dem Volke verfahren sein mag. - -[110] Schultz, Deutsches Leben S. 607. - -[111] Th. Lindner, Weltgeschichte, 6. Bd., S. 47. Das Folgende in -Archenholtz, Minerva 1797, S. 92 f. - -[112] Baumgarten, Poland und Wagner, „Die hellenische Kultur“, S. 114. - -[113] Vgl. C. Alberti, „Der Weg der Menschheit“, Berlin 1906, 1. Bd., -S. 131 f. und Th. Lindner, Weltgeschichte, II. Bd., S. 433 f. - -[114] A. Müller, „Der Islam im Morgen- und Abendland“ in W. Onckens -„Allgemeiner Geschichte in Einzeldarstellungen“ II., 4. S. 249, -Zum Benehmen der Chinakrieger, vgl. Rupprecht Prinz von Bayern, -„Reiseerinnerungen aus Ostasien“, S. 163, 243 ff. und passim. - -[115] Vgl. Cl. Klein in Helmolts Weltgeschichte, 6. Bd., S. 359. - -[116] A. Schultz, Höfisches Leben, II. Bd., S. 239 f. Zu den -Lagergesetzen, vgl. Rahewin Gesta Friderici, 3. Buch, Kap. 28. - -[117] Otto Henne am Rhyn, „Kulturgeschichte des deutschen Volkes“, 2. -Aufl., 1. Bd., S. 479 und 2. Bd., S. 163. - -[118] Vgl. Machiavelli, „Florentinische Geschichte“, Übers. v. Alfred -Reumont, Leipzig 1846, II. Bd., 6. Buch, S. 111 und M. Kemmerich, „Die -Charakteristik bei Machiavelli“, Leipzig 1902, S. 88 f. - -[119] Ed. Vehse, Gesch. des preußischen Hofes, 2. Bd., S. 286 f., S. -290 f., S. 295 und S. 297 ff. Hier auch das Nachstehende. - -[120] Keyßlers „Reisen“, 56. Brief, Hannover 1776, S. 740. - -[121] Ed. Vehse, Geschichte der deutschen Höfe, IV. Sektion, 5. Bd., S. -175 ff. - -[122] Kurt Eisner, Das Ende des Reichs, 1906, S. 103. - -[123] Rudolf Giehrl, „China-Fahrt“, S. 132 f., 148 f. und passim. - - -Sechster Abschnitt - -[124] A. Schultz, Höfisches Leben, I, S. 624 und 629. Ferner A. -Schultz, „Das häusliche Leben im Mittelalter“, S. 172. - -[125] Derselbe, Höfisches Leben I, S. 632. - -[126] Äneas Sylvius (Piccolomini), „Historia Friderici III.“, ed. F. -A. Kollar, Analecta monum. Vindob. II., p. 303 ff. Zum Datum vgl. L. -Pastor, Geschichte der Päpste, 1. Bd., S. 491. - -[127] Ed. Hahn, Braunschweig 1724, „Collectio Monument. vet.“, 1. Bd., -p. 777. - -[128] A. Schultz, Häusliches Leben, S. 162. - -[129] Ders., Höfisches Leben I, S. 590, Anm. 2, Mon. Germ. SS. XVII, -531, Schultz II. Bd., S. 183 und -- für das Folgende -- I. Bd., S. 607, -Anm. 2. - -[130] „Chronikon“ IX, 2, übersetzt mit Anlehnung an Laurent in den -Geschichtschreibern der deutschen Vorzeit. - -[131] Jakob Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, 4. Aufl., II. Bd., S. 299. - -[132] Vies des Dames Galantes, Discours premier passim. - -[133] Grimm, l. c. S. 348. - -[134] A. Schultz, Häusliches Leben, S. 160. - -[135] Ders., Höfisches Leben I, S. 648. - -[136] Zimmerische Chronik, herausg. von A. Barack, IV. Bd., S. 243 f. - -[137] Max Bauer, Das Geschlechtsleben i. d. deutschen Vergangenheit, 5. -Aufl., S. 17 ff. - -[138] Eb. S. 64 f. - -[139] A. Schultz, Deutsches Leben, S. 159 und Grimm, Deutsche -Rechtsaltertümer I, 4, S. 613 ff. - -[140] Vgl. L. Wahrmund, Beil. 1905, Nr. 286 und eb. 1906, Nr. 21. - -[141] Joh. Scherer, Deutsche Kultur- und Sittengeschichte, 11. Aufl., -S. 322 ff. - -[142] Bauer l. c. S. 241 f. - -[143] Äneas Sylvius l. c. ed. Kollar, p. 302 sqs. Das Vorhergehende -nach O. Harnack, Medizinisches aus der ältesten Kirchengeschichte, S. -59 f. - -[144] Gregorovius, Wanderjahre II, S. 348 ff. - -[145] Vgl. Preußische Jahrbücher, 135. Bd., S. 35 ff. - - -Siebenter Abschnitt - -[146] Das Vorhergehende nach O. Harnack, Medizinisches aus der ältesten -Kirchengesch., S. 59. Gregor, Historia Francorum II, cap. 40. Der -Versuch Giesebrechts Gregors Moral zu retten -- in seiner Übersetzung -der fränkischen Geschichte, 2. Aufl., S. 105, Anm. 2 -- scheint mir -nicht gelungen. - -[147] „Chronikon“, Übers. v. Laurent, l. c. 2. Aufl., S. 131. - -[148] Eb. IX, 3. Übersetzung, S. 334. - -[149] Beide Daten nach A. Schultz, Höfisches Leben, I. Bd., S. 583 f. -und G. L. Kriegk, „Deutsches Bürgertum“, Neue Folge, S. 266. - -[150] Hans Delbrück, Preußische Jahrbücher, Bd. 71, 1893, S. 24. - -[151] „Hausbuch“, S. 491. Wo nicht anders bemerkt, ist zu den folgenden -Angaben A. Schultz, Höfisches Leben I, S. 584-587 zu vergleichen. - -[152] Vgl. Johannes Kunze, „Zur Kunde des deutschen Privatlebens in der -Zeit der salischen Kaiser“, Berlin 1902, S. 37. - -[153] Historia occident. ed. Franc. Moschus. Duaci 1597, p. 278, nach -Schultz. - -[154] Schultz, Höfisches Leben, S. 590-592. - -[155] Eb. S. 599 und 592. - -[156] Ders., Häusliches Leben, S. 155 und Höfisches Leben, S. 599, Anm. -4. - -[157] Kunze l. c. S. 51. - -[158] Die folgenden Angaben -- wo nicht anders bemerkt -- nach G. L. -Kriegk, „Deutsches Bürgertum im Mittelalter“, Neue Folge, S. 260-266. - -[159] Eb. S. 274. - -[160] Eb. Anm. 219. - -[161] Eb. S. 294 f. - -[162] Eb. S. 295. - -[163] Eb. S. 266. - -[164] Eb. S. 308. - -[165] Eb. S. 311 f. - -[166] Eb. S. 324. - -[167] Eb. S. 331. - -[168] Bauer, Geschlechtsleben i. d. deutschen Vergangenheit, S. 161 f. -und „Curiositäten“ I. Bd., Weimar 1812, S. 206 f. - -[169] Eb. S. 164. - -[170] Kriegk l. c. S. 266-271. Hier auch die folgenden Daten. - -[171] Vorstehendes und das Folgende zitiert nach A. Schultz, Deutsches -Leben, S. 276 f. Über das Gezeter der Moralisten vgl. den Aufsatz von -Hans Delbrück, Die gute alte Zeit, Preußische Jahrbücher, 71. Bd., 1893. - -[172] Schultz, l. c. S. 76. - -[173] Eugen Dühren, Der Marquis de Sade und seine Zeit 2. Aufl., S. 44. - -[174] Eb. S. 41 ff. - -[175] Zu obigen Daten vgl. eb. S. 144 ff. - -[176] Ed. und Jules de Goncourt, „La femme au dixhuitième siècle“, -Paris 1878, S. 165. - -[177] Dühren l. c. S. 59. - - -Achter Abschnitt - -[178] Vies des Dames Galantes, Nouvelle Edition, Paris, Garnier, p. 28. - -[179] A. Schultz, Deutsches Leben, S. 490 und 493. - -[180] Max Bauer, Geschlechtsleben, S. 288. - -[181] Eb. S. 282 ff., Felix Platter, Selbstbiographie, S. 187 und A. -Schultz, Häusliches Leben, S. 393. - -[182] Elisabeth Charlottens Briefe, Neudruck der 1789 veröffentlichten -Bruchstücke von Hans F. Helmolt, Annaberg 1909, S. 268, Nr. 30. - -[183] Eb. S. 308, Nr. 7. - -[184] Eb. S. 399 ff. - -[185] Eb. S. 260, Nr. 5. - -[186] Ed. Vehse, Geschichte des preußischen Hofes, III. Teil, S. 87 ff. - - -Neunter Abschnitt - -[187] Beide Daten nach H. Peters, Arzt und Heilkunst i. d. deutschen -Vergangenheit, S. 13. Vgl. zu Folgendem auch Neuburger und Pagel, -Handbuch der Geschichte der Medizin. passim. - -[188] Peters, S. 33 und 35. - -[189] Eb. S. 13. - -[190] Eb. S. 24. - -[191] Diese und die folgenden Daten nach M. Kemmerich, Lebensdauer und -Todesursachen innerhalb der deutschen Kaiser- und Königsfamilien, Wien -1909 und A. Schultz, Höfisches Leben II, S. 297 ff. - -[192] Peters l. c. S. 26 und Hanns Flörke, „Studien zur -niederländischen Kunst- und Kulturgeschichte“, S. 209, Anm. 285. - -[193] Ed. Vehse, Geschichte des preußischen Adels, I. Teil, S. 35. - -[194] Peters l. c. S. 106. - -[195] Nach Heinrich Düntzer, „Die römischen Satiriker“, Braunschweig -1846, Anm. zu Vers 406 der 6. Satire Juvenals. - -[196] E. Dühren, Marquis de Sade, S. 80 ff. - -[197] Corvin, Pfaffenspiegel, 5. Aufl., S. 350. Wenn hier ausnahmsweise -ein Werk zitiert wird, das im allgemeinen auf Quellennachweis -verzichtet, so ist das durch die strenge Zensur gerechtfertigt, die -das Buch passieren mußte und von der mein Handexemplar schwarze Spuren -aufweist. - -[198] Dies und das Folgende eb. S. 365 f. - -[199] Lindner, Weltgeschichte I, S. 142, das Folgende eb. II, S. 116. - -[200] Vgl. H. Gudden, Über Massensuggestion und psychische -Massenepidemien, Vortrag, München 1901, S. 10 ff. - -[201] Flörke l. c. S. 20. - -[202] Viktor Hehn, Kulturpflanzen und Haustiere, 5. Aufl. S. 420 und J. -Conrad, „Nationalökonomie“, 3. Aufl., S. 249 f. - -[203] Eb. S. 250 f. - -[204] Beil. 1903, Nr. 37 und Peters, Arzt und Heilkunde, S. 45. - -[205] Beil. 1906, Nr. 255. - -[206] Beil. 1903, Nr. 292. - -[207] Beil. 1906, Nr. 255. - -[208] Beil. 1906, Nr. 202. - -[209] Kriegk, Deutsches Bürgertum, S. 342 f. - -[210] Georg Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur, S. 507 f. - -[211] A. Schultz, Häusliches Leben, S. 325. - - -Zehnter Abschnitt - -[212] A. Schultz, Höfisches Leben I, S. 229. - -[213] Eb. I, S. 107. - -[214] Jakob Burckhardt, Cultur der Renaissance in Italien, 2. Bd., 7. -Aufl., S. 92 und Excurs LXXXIV. - -[215] „Hausbuch“, Tübingen 1882, S. 546. - -[216] Die folgenden Daten nach G. L. Kriegk, „Deutsches Bürgertum“, -Neue Folge, S. 9 ff. und S. 25 ff. - -[217] A. Schultz, Häusliches Leben, S. 203. - -[218] Eb. S. 62 ff. - -[219] Abbildung der einen Medaille bei Alfred Franklin, „La vie privée -d’autrefois. L’Hygiene“, p. 123. - -[220] Eb. p. 118. - -[221] Eb. p. 133 ff. Abdruck der Eingabe, p. 158 ff. - -[222] Eb. p. 150, 165 und 154. - -[223] Eb. S. 164. - -[224] Eb. S. 168. - -[225] A. Schultz, Höfisches Leben I. S. 107 f. und H. Delbrück, -Preußische Jahrbücher, 71. Bd. (1893), S. 25. - -[226] Franklin l. c. p. 175 f. - -[227] B. Händke, Deutsche Kultur im Zeitalter des Dreißigjährigen -Krieges, S. 286, Anm. 3. - -[228] Abgedruckt bei Franklin l. c. p. 181 ff. - -[229] Eb. S. 196 ff. - - -Elfter Abschnitt - -[230] Vgl. zum ganzen Abschnitt Fr. Heinemann, Richter und -Rechtspflege, S. 127 ff. - -[231] Vorstehendes nach G. L. Kriegk, Deutsches Bürgertum, S. 219 ff. - -[232] Eb. S. 237 ff. - -[233] Vgl. P. Frauenstädt, Zeitschrift für Sozialwissenschaft, V. Bd., -S. 847 ff. - -[234] Hugo Winckler, Gesetze Hammurabis, S. 37. - -[235] Obiges nach Frauenstädt, Zeitschrift f. Sozialwissenschaft, V. -Bd., S. 940 ff. - -[236] Heinemann l. c. S. 128 f. - -[237] Äneas Sylvius, Historia Friderici III., Kollar p. 215 ff. Vgl. -auch Allgemeine deutsche Biographie IV. Bd., S. 258 ff., wo die Grafen -von Cilli in etwas milderem Lichte erscheinen. - -[238] Hanns Flörke, Studien zur niederländischen Kunst- und -Kulturgeschichte, S. 216, Anm. 353. - -[239] Zu den letzten Daten vgl. eb. S. 87 und 178. - -[240] Eb. S. 163. - -[241] Vgl. W. Waetzoldt, Die Kunst des Porträts, S. 386 und zu obigem -S. 374-412. - -[242] Flörke, S. 10. - -[243] Waetzoldt, S. 376. - -[244] Vgl. M. Kemmerich, Die frühmittelalterliche Porträtmalerei in -Deutschland und derselbe, Die frühmittelalterliche Porträtplastik in -Deutschland passim. - - -Zwölfter Abschnitt - -[245] Beil. 1905, Nr. 261. - -[246] Beil. 1905, Nr. 208. - -[247] Otto Pfleiderer, Die Entstehung des Christentums, S. 194 f. - -[248] Eb. S. 198 f. - -[249] Beil. 1905, Nr. 208. - -[250] Pfleiderer l. c. S. 130 f. - -[251] Eb. S. 147 f. - -[252] Beil. 1905, Nr. 154. - -[253] Vgl. „Religions- und Missionskarte der Erde“ in Meyers -Konversationslexikon 6. Aufl., 16. Bd., bei S. 788. - -[254] Vgl. Ludwig Wahrmund, „Katholische Weltanschauung und freie -Wissenschaft“, S. 3, Anm. - -[255] Eb. S. 12 f. - -[256] Eb. S. 9 f. - -[257] Beil. 1906, Nr. 39. - -[258] Wahrmund l. c. S. 16, Anm. 1. - -[259] Eb. S. 15. - -[260] Eb. S. 16. - -[261] Zitiert nach Wahrmund S. 46 ff. - -[262] Der Syllabus ist ebenfalls bei Wahrmund in Übersetzung abgedruckt. - -[263] A. Schultz, Höfisches Leben I, S. 148. Das Nächste eb. S. 209. - -[264] J. H. Albers, „Populäre Festpostille, Aufsätze und Vorträge über -Ursprung, Entwicklung und Bedeutung sämtlicher Feste usw.“, Leipzig -1891, S. 220. - -[265] Nach Äneas Sylvius, Historia Friderici III., Kollar p. 181 f. - -[266] Übers. von W. Herz, Spielmannbuch, vgl. Beil. 1903, Nr. 63. - -[267] „Türmer“, 9. Jahrg., 2. Bd., S. 384. - -[268] Vgl. Hoensbroech, Das Papsttum in seiner sozial-kulturellen -Wirksamkeit, I. Bd., 2. Buch, 3. Abschnitt. Ferner Rieks, „Leo III. -und der Satanskult“, Berlin 1897, sowie Bräunlich, „Der neueste -Teufelsschwindel“, Leipzig 1897. - - -Dreizehnter Abschnitt - -[269] Vgl. Sigmund Riezler, „Die Hexenprozesse in Bayern“, S. 42 und 53 -ff. - -[270] Eb. S. 83 ff. - -[271] Vgl. zu folgendem eb. S. 92 bis 131. - -[272] Vgl. Joh. Jansen, Geschichte des deutschen Volkes, 13. und 14. -Aufl., 8. Bd., S. 591 ff. Wurde auch weiter unten benutzt. - -[273] Vgl. Pilatus (Victor Naumann), „Was ist Wahrheit?“ 2. Aufl., S. -127-132. - -[274] Riezler l. c. S. 240 f. - -[275] Eb. S. 246 f. und 120. - -[276] Zitiert nach Pilatus. - -[277] Riezler, S. 319. - -[278] Vgl. A. Hauck, „Realenzyklopädie für protestantische Theologie -und Kirche“, 8. Bd., Artikel „Hexen und Hexenverfolgungen“, und F. v. -Hellwald, Culturgeschichte in ihrer natürlichen Entwicklung, S. 618. - - -Vierzehnter Abschnitt - -[279] Ferdinand Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, -2. Aufl., 2. Bd., S. 74 ff. - -[280] Eb. 2. Bd., S. 281 f. - -[281] Eb. 3. Bd., S. 76 ff., besonders S. 79, Anm. 1. Hier auch das -Folgende, vgl. ferner H. Schultze in der „Wartburg“, 1. Bd., 1902, S. -79 f. - -[282] Eb. 3. Bd., S. 509. - -[283] Vgl. Corvin, Pfaffenspiegel, 5. Aufl., Rudolstadt 1885, S. 105. - -[284] „Das freie Wort“, 7. Bd., S. 35. Abb. von Hemd und Windeln in der -„Wartburg“ I, S. 145. - -[285] Corvin, S. 110 f. - -[286] Alphons Victor Müller, Die hochheilige Vorhaut Christi, Berlin -1907, S. 105 ff. Johann Georg Keysslers „Reisen“, Hannover 1776, S. -506m und ferner Archiv f. Kulturgeschichte VII. Bd. 1909, S. 137 ff. - -[287] Müller, S. 18 und 119 ff. - -[288] Eb. S. 36 ff. und 46 ff. - -[289] Eb. S. 56 ff. - -[290] Über Agnus Dei vgl. Ad. Franz, „Die kirchlichen Benediktionen im -Mittelalter“, 1. Bd., S. 553 ff., besonders S. 567-569 und Keysslers -„Reisen“, S. 426c. - -[291] Nach Hansemann, „Der Aberglaube in der Medizin etc.“, S. 86. - - -Fünfzehnter Abschnitt - -[292] Nach dem Nürnberger Generalanzeiger vom 14. Juni 1901. - -[293] Paul Rohrbach, Deutsche Kolonialwirtschaft. - -[294] Vgl. Frankfurter Zeitung 1896, Nr. 8, drittes Morgenblatt. - -[295] Vgl. die Aussage des apostolischen Vikars von Ubanghi, Msgr. -Augouard, Augsburger Postzeitung 1894, Nr. 251. - - -Sechzehnter Abschnitt - -[296] Joh. William Draper, Geschichte der Konflikte zwischen Religion -und Wissenschaft, Übers. Leipzig 1875, S. 163, 234 f. und 241. - -[297] Eb. S. 183. - -[298] Eb. S. 174 f. - -[299] Eb. S. 325 f. - -[300] Eb. S. 314 f. - -[301] und 302: Eb. S. 325 und Peters, Arzt und Heilkunst, S. 120 f. -Darmstaedter, „Handbuch z. Gesch. d. Naturwissenschaften und Technik“, -gibt S. 168 an, daß zuerst im Jahre 1714 der Arzt Timoni und der -venezianische Konsul in Konstantinopel Pylarini auf die Impfung -hingewiesen hätten. - -[303] Draper S. 287 und Chamberlain, Grundlagen des 19. Jahrhunderts, -S. 518, Anm. 4 und S. 42. - -[304] Vgl. O. Pfleiderer, Religionsphilosophie auf geschichtlicher -Grundlage, 3. Aufl., S. 60 ff. - -[305] Beil. 1903, Nr. 270. - -[306] Vgl. C. Bezold, Ninive und Babylon, 2. Aufl., S. 46. - -[307] Ulrich Wendt, Die Technik als Kulturmacht, S. 167 f. - -[308] Eb. S. 170. - -[309] Rudolf Hagen, Die erste deutsche Eisenbahn mit Dampfbetrieb, S. -20, 46 und 62. - -[310] Folgende Zusammenstellung zum Teil nach Camille Flammarion, -Rätsel des Seelenlebens, Stuttgart 1908. - -[311] Meyers Konversationslexikon, 6. Aufl., 4. Bd., S. 466. - -[312] Eine authentische Quelle für diese, übrigens hinlänglich bekannte -Tatsache, gelang es mir nicht zu finden. - -[313] Die Entscheidung der obersten Baubehörde wurde mir von einem -hohen Staatsbeamten, der das Dokument in Händen hatte, mitgeteilt. - -[314] Nach freundl. Mitteilung des Herrn Prof. Emden in München und -des Grafen Karl v. Klinckowström, vgl. auch A. Kistner, Beil. d. M. -Neuesten Nachr. 1908, I, S. 455 f. - -[315] Nach Angabe des Prof. L. M. Hartmann (Wien) auf dem 2. deutschen -Hochschullehrertag in Jena am 28. und 29. September 1908, vgl. Beil. d. -Münchner N. N. 1908, II, S. 637. - - - - -Nachwort - - -Die wohlwollende Aufnahme der Kultur-Kuriosa von seiten der Kritik -und des Publikums enthebt mich der Notwendigkeit, das Buch zu -rechtfertigen. Daß orthodoxe und reaktionäre Stimmen dagegen polterten, -hatte ich erwartet, ja erhofft. Auffällig war nur, daß auch manchmal -von wohlmeinender Seite der Geist des Buches nicht verstanden wurde. -Las ich, daß die Tendenz des Verfassers „im Grunde genommen gut“ sei, -konnte ich mich nur schwer eines Lächelns enthalten. Die Versicherung, -daß ich auf die niederen Instinkte spekuliere, bewies mir aufs -neue, daß mancher, ohne es zu wissen, sichere Anwartschaft auf das -Himmelreich hat (Matth. 5, 3). Ja, es gibt Leute, denen ein gerechter -Richter oder eine moralische Handlung kurios erscheint, und diese -dünken sich Erbpächter des Patriotismus!! Wer nicht immer hurraaaaah! -schreit, gilt in den Augen manches Biedermanns schon für verdächtig. -Darüber zu streiten liegt mir fern. - -Einem andern Einwand möchte ich begegnen: der Bemängelung des -Quellennachweises. Richtiger als die Frage, wo etwas steht, ist die, -+ob es auch wahr ist+. Nur gesicherte Tatsachen mitzuteilen war -und ist aber mein erstes Bestreben. Wie sehr es mir gelang, beweist, -daß auch die leidenschaftlichsten Gegner mir keine nennenswerten -Irrtümer nachweisen konnten. Doch auch wer an der Art des Zitierens -etwas auszusetzen hat, würde vielleicht eines Besseren belehrt worden -sein, hätte er sich die Mühe genommen, die angegebenen Stellen -nachzuschlagen. Er würde dann dort fast ausnahmslos die Angabe der -primären Quellen gefunden haben. Nichts wäre für mich einfacher gewesen -als sie abzuschreiben, aber mit einer Belesenheit zu prunken, die ich -nicht besitze, ist nicht meine Art. Immerhin habe ich in dieser neuen -Auflage einige Konzessionen gemacht. - -Für Ergänzungen und Berichtigungen bin ich nach wie vor dankbar. Vor -allem ist es mir ein Bedürfnis allen jenen, die die Freundlichkeit -hatten, durch Notizen zur Vervollkommnung des Buches beizutragen, -herzlichst zu danken. Es sind dies die Herren: Ingenieur M. Feldhaus in -Berlin-Friedenau, Oberst z. D. Schäfer in Berlin, Rechtsanwalt Eichhold -in München, Schriftsteller Julius Berger in Wien, Dr. Hans F. Helmolt -in München, Dr. G. Merzbach in Berlin und Ingenieur Fritz Hoffmann in -Berndorf bei Wien. Desgleichen danke ich allen jenen, die mir brieflich -ihre Sympathie aussprachen, in erster Linie Herrn Professor Dr. Ernst -Mach, Mitglied des Herrenshauses in Wien. - - +München+, im Februar 1910 - - Der Verfasser - -Das 12. Tausend ist bis auf einige Zusätze und Korrekturen ein -unveränderter Abdruck der vorigen Auflagen. - - +München+, im Mai 1913 - - Der Verfasser - - - - -Weiter erschien - - -Dr. Max Kemmerich - -Prophezeiungen - -Alter Aberglaube oder neue Wahrheit? - -Mit einem Kapitel über den Weltkrieg - -6. Auflage. Geheftet 6 Mark, gebunden 8 Mark - -+Die Zeit, Wien+: Um streng wissenschaftlich zu verfahren, -begnügt sich der Verfasser nicht mit einer Anekdotensammlung und der -Aufstellung von Grundsätzen für die Beurteilung der einzelnen Fälle, -sondern unterwirft eine berühmte Prophetie und die Gesamttätigkeit von -sechs mehr oder weniger berühmten Sehern und Seherinnen einer strengen -Prüfung darauf hin, ob das Eintreffen ihrer Vorhersagungen ein Werk -des Zufalls oder Ergebnis einer Berechnung sein könne.... Wenn man -den Namen Nostradamus so oft im „Faust“ gelesen hat, aber rein nichts -von dem Mann weiß, freut man sich, endlich einmal Genaues über ihn zu -erfahren.... Daß die „Prophezeiungen“ reißend abgehen werden, kann man -ohne Prophetengabe und Träume voraussagen, denn so etwas lesen alle -Leute gern, auch die Aufgeklärten, die über den „Unsinn“ spotten oder -drauf schimpfen. - - -Kultur-Kuriosa II - -8. Auflage. Geheftet 4 Mark 50 Pf., gebunden 6 Mark 50 Pf. - -+Berliner Börsenzeitung+: Es ist ihm nicht um den Ruhm eines -findigen belesenen Kopfes und geschickten Kompilators zu tun, der -amüsante Historien angenehm zu erzählen weiß, sondern er will weit -mehr: ihm liegt daran, den wahren Stand unserer heutigen Kultur durch -Aufzeigen deren historischer Basis klar darzustellen.... Auch in diesem -zweiten Bande seiner Kultur-Kuriosa übt er seine so rühmenswerte und --- natürlich -- so angefeindete Offenheit, die ihm nach wie vor das -Muckertum... auf den Hals hetzen, den geistig Mündigen jedoch zu seinem -Freunde machen wird. - - -Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit - -6. Auflage. Geheftet 4 Mark 50 Pf., gebunden 6 Mark 50 Pf. - -+Zeitschrift für Bücherfreunde, Leipzig+: Ein jeder wird -gestehen: das Buch wird fröhliche Menschen ergötzen und unterhalten, -nachdenkliche Menschen nachdenklicher machen und sie ins Psychologische -führen. Pessimisten aber werden in diesen Dokumenten einen Trost -finden: daß nämlich die Schlechtigkeit der Menschen noch durch ihre -Dummheit übertroffen wird; -- und das ist ein großer Trost. - -+Neues Wiener Tagblatt+: Das neue Buch Kemmerichs gehört -jedenfalls zu den lichtvollsten Erklärungen für die düstere Psyche -vergangener Jahrhunderte und wird sicherlich viel dazu beitragen, die -Reste, die aus jenen Tagen zurückgeblieben sind, zerstören zu helfen. - - -Verlag von Albert Langen in München - - - - -Von Dr. Max Kemmerich erschien ferner - - -Das Kausalgesetz der Weltgeschichte - -Zwei Bände - -In Halbfranz gebunden 32 Mark - -+Kritische Rundschau, München+: Was will nun das Buch? Es soll -darin der Beweis geliefert werden, daß man mit Hilfe des Gesetzes von -der Erhaltung der Energie, angewandt auf die Geschichtswissenschaft, -imstande ist, das Kausalgesetz der Weltgeschichte intuitiv zu -durchschauen und kommende Ereignisse voraus zu berechnen.... -Selbstbekenntnisse eines Wahrheits-Suchers, so könnte man dieses -Buch taufen. Eine Individualpsychologie, wie sie kaum jemals mit -solcher Offenheit geschrieben worden sein dürfte. Möge sie recht -viele Leser finden, diese Individualpsychologie, Leser, die trotz -aller Unebenheiten und Schroffheiten nicht ermüden, dem Verfasser -verständnisvoll zu folgen, wenn er sie in tieferliegende Wahrheiten -einweihen will, die sich ihm intuitiv erschlossen haben. - -+Dr. Hans F. Helmolt+:... Die umfassende Weite seines -Gesichtskreises, die Kühnheit seines Gedankenfluges, der Scharfsinn -seiner Schlußfolgerungen, seine trotz wiederholter Ableugnung -staunenswerte Belesenheit und der leichte Fluß seiner Ausführungen -bei der Lösung selbst der schwierigsten Fragen.... Epoche aber wird -Kemmerichs „Kausalgesetz“ sicherlich machen als psychologische -Zergliederung eines entscheidenden Ausschnittes aus der eigenen -Entwicklung. Hierin erinnert es direkt an Augustin oder Rousseau. - -+Heinrich Lhotzky+:... wir sahen uns in Deutschland vor einen -europäischen Krieg gestellt. Da las ich das Buch wieder. Die -Ereignisse gaben ihm eine erschütternde Auslegung.... Wie gesagt, -ist es möglich, daß den Kemmerichschen Voraussagen weder Beachtung -noch Glaube geschenkt wird, und nichts liegt dem Verfasser ferner, -als dafür zu agitieren. Er sieht voraus, daß sein Mahnruf ungehört -verhalle, obgleich es sich nur um sinngemäße Anwendung unentrinnbarer -Naturgesetze auf unsere Geschichte handelt, wie man etwa im Sommer und -Herbst sich vorsieht, den Winter zu überstehen.... - - -Verlag von Albert Langen in München - - - - - -End of Project Gutenberg's Kultur-Kuriosa, Erster Band, by Max Kemmerich - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KULTUR-KURIOSA, ERSTER BAND *** - -***** This file should be named 63800-0.txt or 63800-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/8/0/63800/ - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Kultur-Kuriosa, Erster Band - -Author: Max Kemmerich - -Release Date: November 18, 2020 [EBook #63800] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KULTUR-KURIOSA, ERSTER BAND *** - - - - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1910 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche -und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten -bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts -dadurch nicht beeinträchtigt wird.</p> - -<p class="p0 nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten -Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> -gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl -serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p> - -</div> - -<div class="titelei"> - -<p class="s2 center padtop3 break-before"><b>Kultur-Kuriosa</b></p> - -<p class="s4 center padtop1">Erster Band</p> - - -<p class="p0 padtop3 break-before"><em class="gesperrt">Von</em> Dr. -<em class="gesperrt">Max Kemmerich</em> erschienen bei <em class="gesperrt">Albert -Langen</em>:</p> - -<p class="hang1_5"><span class="s3">Dinge, die man nicht sagt</span> 9. Tausend</p> - -<p class="hang1_5"><span class="s3">Kultur-Kuriosa</span> Zweiter Band 6. -Tausend</p> - -<p class="hang1_5"><span class="s3">Prophezeiungen, Alter Aberglaube oder neue -Wahrheit?</span> 4. Tausend</p> - -<p class="hang1_5"><span class="s3">Aus der Geschichte der menschlichen -Dummheit</span> 6. Tausend</p> - -<p class="hang1_5"><span class="s3">Das Kausalgesetz der Weltgeschichte</span> -2 Bde. Subskriptionspreis bis 15. Juli 1913 25 M., dann 32 M. geb. auf -Büttenpapier.</p> - -<h1>Kultur-Kuriosa</h1> - -<p class="s4 center">Erster Band</p> - -<p class="center mtop2">von</p> - -<p class="s3 center mtop2">Dr. Max Kemmerich</p> - -<p class="center mtop3">Dreizehntes und vierzehntes Tausend</p> - -<div class="figcenter illowe8" id="signet"> - <img class="w100 padtop3" src="images/signet.jpg" alt="Verlagssignet" /> -</div> - -<p class="center mtop3">Albert Langen, München</p> - -<p class="center padtop5 break-before">Copyright by 1910 Albert Langen, Munich</p> - -<p class="s5 center padtop5">Druck von Hesse & Becker in Leipzig<br /> -Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_v"></a>[S. v]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2> - -</div> - -<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="s5"> - - </td> - <td class="s5"> - - </td> - <td class="s5"> - <div class="right">Seite</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat" colspan="2"> - Vorwort - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Vorwort">VII</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">1.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Modernes und Merkwürdiges in der - Vergangenheit</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Erster_Abschnitt">1</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">2.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Rechtspflege</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Zweiter_Abschnitt">24</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">3.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Die Ketzer und die römisch-katholische - Kirche</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Dritter_Abschnitt">53</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">4.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Toleranz und Ähnliches</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Vierter_Abschnitt">71</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">5.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Kriegswesen</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Fuenfter_Abschnitt">96</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">6.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Ehe</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Sechster_Abschnitt">115</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">7.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Sittlichkeit</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Siebenter_Abschnitt">132</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">8.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Schicklichkeit und anderes</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Achter_Abschnitt">157</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">9.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Medizinisches</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Neunter_Abschnitt">172</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">10.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Hygiene</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Zehnter_Abschnitt">190</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">11.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Ehre</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Elfter_Abschnitt">206</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">12.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Religion und Glauben</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Zwoelfter_Abschnitt">217</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">13.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Die „Hexen“ oder Ecclesia non sitit sanguinem!</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Dreizehnter_Abschnitt">242</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">14.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Reliquien</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Vierzehnter_Abschnitt">256</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">15.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Missionen und Kolonien</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Fuenfzehnter_Abschnitt">265</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">16.</div> - </td> - <td class="vat"> - <div class="left">Abschnitt: Autoritäten und Fortschritt</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Sechzehnter_Abschnitt">275</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat" colspan="2"> - Anmerkungen - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Literaturnachweis">294</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat" colspan="2"> - Nachwort - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Nachwort">305</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_vii"></a>[S. vii]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort</h2> -</div> - - -<p>Die „Kultur-Kuriosa“ sind keine Anekdotensammlung, denn sie erheben -den Anspruch, nur solche beglaubigte Tatsachen anzuführen, die nicht -nur merkwürdig, sondern auch für ihre Zeit, gewisse Institutionen -und Anschauungen <em class="gesperrt">charakteristisch</em> sind; sie sind auch keine -Kulturgeschichte, denn sie erstreben nach keiner Richtung hin -Vollständigkeit oder systematische Ordnung. Was sie sind, wird der -Leser wohl selbst herausfinden.</p> - -<p>Daß die Schattenseiten stärker betont sind als die Lichtseiten, bringt -der Zweck des Buches mit sich. Sollte aber jemand aus dem Verschweigen -dieser oder jener Tatsache auf irgendeine Tendenz schließen, so möge er -sich den <em class="gesperrt">Titel</em> ins Gedächtnis rufen. Unterließ ich den Hinweis -darauf, daß etwa Gregor VII. die Folterung der „Hexen“ verbietet, daß -der Benediktinerorden sich die größten Verdienste um die Überlieferung -der antiken Literatur erwarb, daß ein Franz von Assisi zu den Heiligen -der Kirche zählt, daß unsere Verfassung die Gleichheit aller vor dem -Gesetz verbürgt u. a. m., so hat das seine guten Gründe: Ich finde -das alles garnicht kurios. Würde ich diese und andere Erscheinungen -aufgenommen haben, so wäre das boshaft.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_viii"></a>[S. viii]</span></p> - -<p>Das Buch ist nun mal durchaus subjektiv, und jedem Leser sei -freigestellt, Dinge, die ich für höchst sonderbar halte, für die -natürlichsten von der Welt zu erklären und umgekehrt.</p> - -<p>Objektiv wahr aber sind die mitgeteilten Tatsachen. Sollte ich -versehentlich in irgend einem Punkte geirrt haben, dann bitte ich um -Belehrung; sollte ich aber mit mancher liebgewordenen Vorstellung -aufräumen oder gar Gefühle verletzen, um Entschuldigung.</p> - -<p>Wer mit mir die Achtung vor Leben, Ehre, Freiheit und Überzeugung -des Nächsten für das wichtigste Kulturkriterium hält, wichtiger -als alle technischen und wissenschaftlichen Fortschritte, als alle -künstlerischen Großtaten, der wird zugeben müssen, daß unsere Kultur -<em class="gesperrt">sehr jung</em> ist und noch außerordentlich große Aufgaben gerade -auf diesem Gebiete zu erfüllen hat. Diese Jugend aber ist eine -Entschuldigung für manches.</p> - -<p>Wenn ein Gelehrter, der auf eine Reihe wohlwollend aufgenommener -Publikationen blicken kann, sich hier nicht an Fachkreise, sondern an -jeden Gebildeten wendet, dann muß er dafür seine guten Gründe haben.</p> - -<p class="mtop2"><em class="gesperrt">München</em>, im März 1909</p> - -<p class="right mright2 mtop2"><em class="gesperrt">Der Verfasser</em></p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1"></a>[S. 1]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Erster_Abschnitt"><span class="s5">Erster Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Modernes und Merkwürdiges in der Vergangenheit</span></h2> - -</div> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken,</div> - <div class="verse">Das nicht die Vorwelt schon gedacht?</div> - </div> - <div class="stanza s5"> - <div class="verse mleft12">Goethe, Faust, I. Teil, 2. Akt</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Die Richtigkeit dieser Worte des Mephistopheles wird wohl kaum -jemand ernstlich bestreiten wollen, und es hieße Eulen nach Athen -tragen, durch Sammlung moderner Ideen aus der Vorzeit eine gar -nicht bestrittene These zu beweisen. Etwas anderes ist es auch, was -wir hier versuchen, etwas viel Einfacheres, aber auch etwas viel -weniger Bekanntes: wir wollen zeigen, daß eine nicht geringe Zahl -von Erfindungen, Entdeckungen, technischen Errungenschaften und -Einrichtungen, die wir für gewöhnlich als Neuerwerbungen der Gegenwart -betrachten, auf deren Besitz wir uns vielleicht sogar viel einbilden, -schon ein respektables Alter aufzuweisen haben. Andrerseits werden wir -einiges finden, was wir nicht erwartet hätten. In zwangloser Anordnung -sei eine Reihe solcher Fakten aufgezählt:</p> - -<p>Einer der ältesten bekannten <em class="gesperrt">Tunnel</em> scheint der des Königs -Hiskia von Jerusalem aus dem siebenten vorchristlichen Jahrhundert -zu sein. Dieser heute noch erhaltene Siloah-Tunnel ist <em class="gesperrt">von beiden -Seiten her</em><span class="pagenum"><a id="Seite_2"></a>[S. 2]</span> in den Stein gegraben. Zwar hielt der Kanal die gerade -Linie nicht ein, erreichte vielmehr statt einer Länge der Luftlinie -von 335 m eine solche von 535 m, aber die Wagerechte wurde erstaunlich -gut gewahrt, denn der gesamte Höhenunterschied beträgt nur 30 cm. -Annähernd in der Mitte trafen sich die von beiden Seiten vordringenden -Steinhauer<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>. Gar aus der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends ist der -große Tunnel in Gezer in Palästina mit einer Wölbung wie die Londoner -Untergrundbahn. Er stieg 94 Fuß unter den gewachsenen Felsen.</p> - -<p class="mtop2">So neu der Gedanke der <em class="gesperrt">Schienen</em> uns erscheinen mag, er ist es -keineswegs. Man hatte sie bereits im Altertum, und zwar – der jetzigen -ausschließlich auf Eisen- und Straßenbahnen sich beschränkenden -Anwendung gegenüber fast ein Vorzug – vielfach auf stark befahrenen -öffentlichen Straßen. Man stellte diese Geleise durch Einschnitte in -den Boden her. Solche gab es z. B. an den Toren von Athen, auf dem -Wege, der direkt vom Piräus nach der Agora führte, sogar die römische -Alpenstraße in den Dauphiné-Alpen zeigt deutliche Spuren! Desgleichen -Straßen im Hauran̄, wie mir ein Reisender mitteilte. Die Ähnlichkeit -dieser in den steinigen Boden eingegrabenen Geleise mit unseren -Schienen wird noch vervollständigt durch die Anlage von richtigen -Ausweichkurven, die, im gehörigen Abstand angelegt, das Kreuzen -zweier Wagen auf dem einzigen Geleise gestatteten. Die Spurweite war -in Griechenland, bzw. in allen unter griechischem Einfluß stehenden -Ländern wohl überall ganz gleich, auf der in Frankreich ent<span class="pagenum"><a id="Seite_3"></a>[S. 3]</span>deckten -römischen Straße betrug die Entfernung der Einschnitte voneinander -genau 1,44 m, also etwa soviel, wie bei unseren Vollbahnen<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>!</p> - -<p class="mtop2"><em class="gesperrt">Quellensucher</em>, ob mit oder ohne Wünschelrute, gab es ebenfalls -bereits im Altertum, und zwar in zunftmäßigen Verbänden. Einzelne -dieser Leute begleiteten sogar die Heere, um im Notfalle durch -sofortige Bohrungen Trinkwasser zu beschaffen. Im heutigen Algier -haben sich die Spuren zahlreicher Brunnen gefunden, die nunmehr von -den Franzosen wieder instand gesetzt wurden. Ihnen war es zu danken, -daß in der Wüste Oasen sich bildeten, die mit dem Verfall der Brunnen -im Jahrtausend der Barbarei wieder dem glühenden Sande weichen mußten. -Nachweislich haben die Römer im ungünstigen Terrain der afrikanischen -Wüste gegen 200 m tiefe Bohrungen mit größtem Erfolge angestellt. -Dabei ist es uns völlig rätselhaft, sowohl wie sie die Stelle der -unterirdischen Wasseradern erkannten, als auch wie sie die technischen -Mittel besaßen, die Bohrungen durchzuführen.</p> - -<p>In neuerer Zeit war als Quellenfinder der französische Abbé Paramelle -am erfolgreichsten. Er hat seine Erfahrungen in einem Werke, betitelt: -„L’art de découvrir les sources“, niedergelegt. In den 64 Jahren -seines Lebens hat er 10275 Quellenangaben gemacht, von denen 9000 zur -Ausführung gekommen sind<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>.</p> - -<p class="mtop2">Der <em class="gesperrt">Blitzableiter</em> wurde von den alten Ägyptern um 1300 v. -Chr., wenn auch noch in primitiver Form, vorausgeahnt. Zur Ableitung -des Blitzes wur<span class="pagenum"><a id="Seite_4"></a>[S. 4]</span>den nämlich von Ramses III. in Medinet Abu – und -zweifellos auch anderwärts und wohl auch schon vor ihm – die Spitzen -der an den Stadttoren errichteten hohen Masten vergoldet.</p> - -<p>Die griechischen und römischen Priester scheinen die Kunst besessen -zu haben, Blitze vom Himmel herabzulocken – wobei sie allerdings -bisweilen wie Tullus Hostilius (Livius I, 31, 8) erschlagen wurden. Sie -richteten zu diesem Zwecke metallbeschlagene Stangen auf, wohl weil sie -beobachtet hatten, daß Metalle vom Blitz bevorzugt wurden. Allerdings -fehlte noch die metallene Ableitung in das wasserhaltige Erdreich<a id="FNAnker_3a" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[4]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Daß die <em class="gesperrt">Reisegeschwindigkeit</em> im Altertum gar nicht so gering -war, mag aus folgenden Notizen hervorgehen: Mit der Staatspost legte -man die 150 geographischen Meilen von Antiochia bis Konstantinopel -in sechs Tagen zurück, also pro Tag etwa 190 km. Cäsar reiste von -Rom bis an die Rhone in nicht vollen acht Tagen, machte also 150 km -pro Tag, was mit Recht, in Berücksichtigung der großen Entfernung, -für sehr schnell galt. Geradezu verblüffend schnell ritt der Kurier, -der die Nachricht von der Ermordung des Maximin – natürlich auf -gewechselten Pferden – in knapp vier Tagen von Aquileja nach Rom -brachte. Er legte also mindestens 200 km pro Tag zurück, eine Leistung, -die jeder Kavallerist erstaunlich hoch finden wird, da sie weit die -Durchschnittsleistungen unserer allerdings mit <em class="gesperrt">einem</em> Pferde -bestrittenen Ritte um den Kaiserpreis übertrifft. Aber selbst wenn er -im Wagen gefahren sein sollte, was nach der Notiz möglich ist, könnte<span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[S. 5]</span> -er mit den hervorragendsten sportlichen Leistungen der Gegenwart -erfolgreich konkurrieren. Brauchte doch die Distanzfahrt im Sommer 1908 -von Berlin nach München – etwa 700 km – vier Tage, also bedeutend -mehr Zeit auf die Einheit des Weges.</p> - -<p class="mtop2">Die Kuriere, die die Nachricht vom Aufstand in Belgien, im tiefen -Winter des Jahres 69 n. Chr., nach Rom brachten, legten neun Tage lang -je etwa 240 km zurück! Hierbei ist aber zweifellos an Relais zu denken. -Die schnellste bekannte Reise ist die des Tiberius zum erkrankten -Drusus von Pavia nach Germanien. Durch das Land der eben besiegten -Chatten ritt er mit nur einem Begleiter – natürlich mit Pferdewechsel -– in 24 Stunden etwa 290 km!!! Das ist natürlich nur möglich, wenn -er weite Strecken galoppierte und rücksichtslos die Pferde tot ritt. -Trotzdem bietet die Sportgeschichte des letzten Jahrhunderts dazu kein -Analogon. Im Durchschnitt legte der im Wagen fahrende Reisende täglich -zur Römerzeit auf weite Entfernungen etwa 60–73 km zurück<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a>, während -der frühmittelalterliche Tagesmarsch nur 20–30 km betrug<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a>.</p> - -<p class="mtop2">Im Jahre 1188 brauchte ein am 17. März mit einer päpstlichen Bulle -von Rom abgehender Bote 25 Tage, bis er am 15. April in Canterbury -eintraf<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a>.</p> - -<p class="mtop2">In römischer Zeit galt eine <em class="gesperrt">Seereise</em> von fünf Tagen von Ostia -bis Taraco in Spanien für schnell. Eine in umgekehrter Richtung in -weniger als vier Tagen gemachte bezeichnet der ältere Plinius als eine<span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[S. 6]</span> -der schnellsten je vorgekommenen. Cervantes nannte schon eine 12tägige -Fahrt von Neapel nach Barcelona eine glückliche<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a>.</p> - -<p class="mtop2">Richard Löwenherz brauchte von Marseille bis Messina vom 16. August -1190 bis zum 23. September, also sehr lange. Er schiffte sich am 9. -Oktober 1192 in Akka ein und gelangte am 11. November nach Korfu; das -war die normale Geschwindigkeit im Mittelalter, – also bedeutend -geringer als zur Römerzeit<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a>.</p> - - -<p>Viel schneller ging natürlich die Nachrichtenübermittlung durch -<em class="gesperrt">Brieftauben</em>. Die Griechen und Römer, ebenso wie die Araber -bedienten sich bereits dieser Post, und zwar in besonders ausgedehntem -Maße die letzteren, die von Bagdad bis Aleppo sowie längs der -kleinasiatischen Küste bis Alexandrien Brieftauben benutzten. -Gelegentlich wurden auch Schwalben zum gleichen Zwecke verwandt -(Plinius nat. hist. X, 71)<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a>. Polybios erzählt (CX, 42 ff.) sogar von -der <em class="gesperrt">Feuertelegraphie</em> der Griechen, die lange vor ihm Aeschylos -(Agamemnon 268 ff.) schon kannte. Doch handelt es sich um vorher -verabredete Mitteilungen.</p> - -<p>Vom <em class="gesperrt">Verkehr</em> zur Römerzeit gibt die Tatsache eine Vorstellung, -daß fast in jeder größeren Villa oder Ortschaft der Schweiz -Austernschalen gefunden wurden. Zu Avenches fand man auch Reste von -Datteln und Oliven. Die Tongefäße von Lugdunum (Lyon) finden sich in -ganz Gallien, England, Oberitalien, dem Alpengebiet bis Tirol und -Ungarn, und zwar überall mit demselben Fabrikstempel bezeichnet<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[S. 7]</span></p> - -<p>Die alten Römer bauten bereits Seeschiffe mit einem Raumgehalt von 2670 -Tonnen<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Altertum gab es auch eine <em class="gesperrt">Tageszeitung</em> in den durch Cäsar -59 v. Chr. in Rom begründeten Acta diurna oder Acta urbis. In diesen -wurden amtlich Nachrichten öffentlichen und privaten Charakters -zusammengestellt und veröffentlicht, allerdings nicht vervielfältigt. -Ja, sogar Korrespondenten gab es, die gegen Bezahlung von Rom -Tagesneuigkeiten in die Provinz schickten.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Vegetarianer</em> gab es ebenfalls schon im alten Rom. Seneca und -Plutarch gehörten nachweisbarlich zu ihnen, und letzterer hat sogar mit -allen Künsten der Dialektik seine Lebensweise verteidigt bzw. die der -Fleischesser angegriffen (Moralia „de carnium esu“).</p> - -<p>Ebenso sind <em class="gesperrt">Antialkoholiker</em>- und <em class="gesperrt">Temperenzlervereine</em> -bereits im Altertume bekannt. Schon ein Ramses II. (ca. 1350 v. -Chr.) hat eine Antialkoholliga gegen die Trunkenboldigkeit der alten -Ägypter gegründet, wie im Jahre 1902 aus Malereien und Inschriften in -der France Médicale nachgewiesen wurde. Allerdings trieb man es auch -toll, und die Ägypterinnen des neuen Reiches – von den Männern ganz -zu schweigen – fanden so wenig Anstößiges an der Trunkenheit, daß -sich sogar Damen in dem Augenblick des Übelwerdens an der Wand ihres -Grabes verewigen ließen. Dazu sei bemerkt, daß bereits das alte Reich -vier verschiedene Biersorten und mindestens sechs Weinsorten, darunter -weißen, roten, schwarzen und nördlichen unterschied und wohl auch ein -Palmbranntwein bekannt war<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[S. 8]</span></p> - -<p>Radikalen Erfolg mit seiner Antialkoholpropaganda hatte ein gewisser -Decaeneus kurze Zeit vor Strabon. Während die Geten bisher dem -Bacchus im Übermaße geopfert hatten, gewannen seine Brandreden auf -sie so großen Einfluß, daß sie nach und nach alle Weinstöcke im Lande -freiwillig ausrotteten und fortan ohne Wein lebten (Strabo VII, 3, 11 -und Jordanis 11).</p> - -<p>Bekanntlich werden heute noch in einigen Staaten des freien Amerika -alkoholische Getränke nur in Apotheken auf Grund von ärztlichen -Rezepten, die zu bekommen allerdings nicht allzu schwer ist, -verabreicht. Als ob erzwungene Abstinenz eine geringere Barbarei als -Völlerei wäre!</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Elektrizität</em> wurde, wie Scribonius Largus (11) und -Dioscorides beweisen, schon im Altertum zu Heilzwecken angewandt, wenn -auch noch in recht primitiver Weise. Bei langwierigen Kopfschmerzen -legte man nämlich den Zitterrochen auf, bis an der behandelten Stelle -Taubheit entstand. Genügte ein Fisch nicht, dann wurde die Prozedur -wiederholt.</p> - -<p>Behandlung durch <em class="gesperrt">Massage</em> kannte bereits Hippokrates um 400 -v. Chr., und zwar noch nicht einmal als Erster. Bekanntlich ist sie -nach verschiedenen Ansätzen 1575, 1650 und 1853 erst wieder durch -den holländischen Arzt Mezger in die offizielle Medizin eingeführt -worden<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a>.</p> - -<p>Ebenso wurde eine Art <em class="gesperrt">Kneippkur</em> angewandt, und zwar von -Asclepiades von Prusa, einem Arzt, der im 1. vorchristlichen -Jahrhundert in Rom großen Zulauf hatte. Er war ein Feind vielen -Medikamentierens, ließ seine Patienten fasten, verordnete Bewegung -und Massage und verschrieb Kaltwassergüsse,<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[S. 9]</span> wie sein Kollege in -Wörishofen. Ferner verordnete er Regenbäder und Waten im Sande mit -nassen Füßen. Antonius Musa hat 23 v. Chr. den Augustus mit dieser -Therapie geheilt.</p> - -<p>Auch <em class="gesperrt">Vivisektionen</em> zu wissenschaftlichen Zwecken kommen im -Altertum vor, und zwar außer an Tieren auch an Verbrechern, zuerst – -nach Celsus (Prooemium ed. Daremberg p. 4, Zeile 37 ff.) und Tertullian -(de anima 10) durch Herophilus, den der Kirchenvater Arzt, oder besser -„Fleischhacker“ nennt. Leichensektionen kommen (nach Plinius hist. -nat. XIX, 86) erst unter den alexandrinischen Ärzten auf, während -Aristoteles wohl aus religiösen Gründen noch davor zurückschreckte. -Das ganze frühe Mittelalter hindurch war die Leichenöffnung – auch -bei den sonst so aufgeklärten Arabern – verpönt. Mondino de Liucei -(ca. 1275–1326) hat seit anderthalb Jahrtausenden als Erster wieder -menschliche Kadaver seziert. Seit dem 15. Jahrhundert aber war erst -der Bann gebrochen und Anatomie ein ordnungsmäßiges Lehrfach auf den -Universitäten<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a>.</p> - -<p>Während der <em class="gesperrt">Star</em> noch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts durch -Versenkung der aus der Pupille geschobenen Linse in den Glaskörperraum -geheilt wurde, ist die Operation, d. h. die Entfernung nach außen -durch Eingriff bereits dem 4000 Jahre alten Papyrus Ebers bekannt und -wurde, wie Antyllus bezeugt, in der Antike geübt, um wie so vieles im -Mittelalter in Vergessenheit zu geraten.</p> - -<p>Ein Vorläufer Harveys, der im Jahre 1619 den <em class="gesperrt">Blutkreislauf</em> -entdeckte, war schon Erasistratos von Keos, um 300 v. Chr. Leibarzt -des Königs Seleucos I. Ebenso ist Galen, bis auf die Venenklappen, -der Entdeckung des berühmten Engländers sehr nahe ge<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[S. 10]</span>kommen. Aber -auch er hatte Vorläufer in den alten Ägyptern, die bereits eine -rudimentäre Kenntnis des Blutkreislaufes besaßen. Beginnende -Herzklappenerkrankungen suchten sie, wie die heutigen Ärzte, durch Ruhe -zu beseitigen<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a>.</p> - -<p>Sogar eine mit Mandragora(Alraun)wurzel vorgenommene <em class="gesperrt">Narkose</em> -war den Alten wohl bekannt. Dioskurides behauptet, daß die mit -diesem Mittel beim Patienten hervorgerufene Gefühllosigkeit drei -bis vier Stunden angehalten habe. Bilsenkraut läßt sich bereits bei -Homer als Narkotikum nachweisen. Im 12. und 13. Jahrhundert unserer -Zeitrechnung wurde es allgemein zur Schmerzlinderung verwandt und von -Guy de Chauliac um 1300 sogar bei Amputationen benützt. Bereits 1460 -beschreibt Heinrich von Pflospeundt in seiner „Bündt-Ertzney“ die -Inhalationsnarkose vor Operationen mit Mohn (Opium), Bilsenkraut und -Alraun<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a>.</p> - -<p>Im Altertum verstand man bereits <em class="gesperrt">künstliche Glieder</em> -anzufertigen. Schon bei den alten Indern waren Nasen, Ohren und Lippen -aus Gips etwas ganz Gewöhnliches, was sich aus der Häufigkeit des -strafweisen Abschneidens dieser Körperteile erklärt. Griechische und -römische Soldaten, denen im Kriege ein Arm oder Bein abhanden kam, -wußten sich Ersatz zu beschaffen. Das Royal College of Surgeons in -England besitzt in seinem Museum ein solches in einem Grabe in Capua -gefundenes Bein von etwa 300 v. Chr. Es wird im Katalog folgendermaßen -beschrieben: „Das künstliche Glied stellt genau die<span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[S. 11]</span> Form des Beines -dar; es ist aus Stücken dünner Bronze hergestellt, die mit Bronzenägeln -an einem hölzernen Kern befestigt sind. Zwei Eisenstangen, die an ihren -freien Enden Löcher haben, sind an dem obersten äußersten Ende der -Bronze befestigt...<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a>“</p> - -<p>Auch <em class="gesperrt">künstliche Augen</em> und <em class="gesperrt">künstliche Zähne</em> kommen damals -schon vor. Der erste, der im christlichen Mittelalter die Einsetzung -eines künstlichen Auges in die Augenhöhle eines lebenden Menschen -beschrieb, war der berühmte französische Chirurg Ambroise Paré. Im -Jahre 1561 stellte er ein solches aus emailliertem Gold her, und zwar -in den natürlichen Farben. Paré gibt sich aber nicht als Erfinder -dieses Verfahrens aus und erklärt noch nicht einmal, daß die Sache neu -wäre<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a>.</p> - -<p>Götz von Berlichingens berühmte <em class="gesperrt">eiserne Hand</em>, die ihm der -Schmied von Olnhausen anfertigte, nachdem er seine Rechte 1504 bei -der Belagerung von Landshut eingebüßt hatte, besaß nicht nur eine -Vorläuferin in der eines Ritters, der etwa 100 Jahre vor Götz im Rhin -ertrank, und dessen Hand man 1834 in Alt-Ruppin nebst Schwert, Sporen -usw. im Rhinbett fand, sondern ein wackerer Römer war bereits auf -dasselbe Auskunftsmittel verfallen. M. Sergius Silus (d. h. Stülpnase) -hieß der verwegene Held, der z. Z. des Zweiten Punischen Krieges seine -verlorene Hand durch eine eiserne ersetzte, mit der er Meisterstücke -der Tapferkeit vollführte. Plinius, der die Heldentaten dieses kühnen -Urgroßvaters des berüchtigten Katilina überliefert (nat. hist. VII, 105 -f. und Livius XXXII, 27 ff.), meint, andere seien Sieger über Menschen -gewesen, aber Sergius habe selbst das Schicksal überwunden<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[S. 12]</span></p> - -<p>Von <em class="gesperrt">Bazillen</em> als Urhebern der Malaria hatte bereits Varro eine -Vorstellung, wenn er (R. r. I, 12) schreibt, daß an sumpfigen Orten -kleinwinzige Lebewesen entstehen, die man mit dem Auge nicht wahrnehmen -kann und die vermittelst der Luft durch Mund und Nase eindringen und -geschwächte Personen infizieren. Erst 1726 kommt der niederländische -Arzt Dr. Knott auf den gleichen Gedanken, und zwar spricht er von -Kleinwesen als Erregern der Lungenschwindsucht und nimmt ebenfalls -an, daß sie eingeatmet werden. Vermutlich seien sie auch die Ursachen -anderer Krankheiten und daher als ansteckend zu betrachten. Der Erste, -der Bakterien sah, und zwar im menschlichen Speichel, war Leewenhoek -1683<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Taxameterdroschke</em> wird bereits im 9. Kapitel des 10. Buches -von Vitruvius „de architectura“ beschrieben. Es waren das Wagen, die an -ihren Achsen Stunden- und Meilenzeiger hatten, indem nämlich jedesmal, -wenn eine Meile zurückgelegt war, ein Steinchen mit hörbarem Tone in -ein im Innern des Wagenbodens untergestelltes Bronzegefäß fiel. Zählte -man die Steine, dann wußte man auch, wie viele Meilen man zurückgelegt -hatte. Daß solche natürlich sehr teuren Wagen auch im Gebrauch waren, -steht fest. Im Nachlaß des verschwenderischen Commodus befanden sich -einige, die Pertinax mit anderen Kostbarkeiten versteigern ließ. Aber -sogar <em class="gesperrt">Automobile</em> besaß Commodus. Anders wenigstens ist die von -Julius Capitolinus im 8. Kapitel der Biographie des Pertinax gegebene -Beschreibung nicht zu verstehen. Er spricht von vorspannlosen Wagen von -neuartiger Konstruktion, deren Räder sich mit<span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[S. 13]</span> Hilfe eines sinnreichen -Mechanismus und eines verwickelten Räderwerkes von selbst um ihre Achse -drehten. Die Sitze waren so angebracht, daß sie dem Wagenführer Schutz -vor den Sonnenstrahlen boten. Auch ließen sie sich so drehen, daß der -Reisende auf der Fahrt stets Rückenwind hatte.</p> - -<p>Auch ein Araber kam auf diesen Gedanken. Im arabischen genealogischen -Werke Lubâb (zitiert von Wüstenfeld, Genealogische Tabellen der -arabischen Stämme und Familien, Register p. 377) ist ein Araber er = -Rabî ibn Zijâd erwähnt, der vor 656 starb. Er trug den Beinamen „Fâris -el-Arrâde“, d. h. der Maschinenreiter, weil er eine Maschine erfunden -hatte, auf der er fahren konnte, als ob er auf einem Kamel säße. (Nach -einer Notiz des Herrn Hauptmann E. v. Zambaur in Wiener-Neustadt.) Im -Mittelalter spricht zuerst der geniale Roger Bacon (1214–1294) im 13. -Jahrhundert einen ähnlichen Gedanken aus, doch dürfte es sich nur um -einen Schlitten mit Segeln gehandelt haben. Interessant aber ist die -weitere Notiz: „Man kann ferner Instrumente zum <em class="gesperrt">Fliegen</em> machen, -so daß ein in der Mitte sitzender Mann eine Kurbel dreht, durch die -besondere Flügel nach Art der Vögel die Luft treffen“<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a>. Also ein -Vorläufer der Gebrüder Wright! Allerdings erging es ihm schlechter wie -diesen, denn die Kirche ließ ihn als „Zauberer“ lange Jahre im Kerker -schmachten!</p> - -<p>Von <em class="gesperrt">Automaten</em>, in deren Konstruktion das Altertum so -außerordentlich erfindungsreich war, interessiert uns im Zeitalter der -Luftschiffahrt besonders eine hölzerne Taube des Archytas von Tarent, -die tatsächlich imstande war, auf kürzere Strecken in der Luft umher -zu fliegen. Wenn die Taube nach beendetem Fluge<span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[S. 14]</span> sich auf die Erde -niedergelassen hatte, konnte sie sich allerdings nicht wieder erheben. -(Vgl. Gellius X, 12.) Demetrius von Phaleron hatte eine kriechende -Schnecke, in Olympia aber war ein flügelschlagender eherner Adler -(Pausanias VI, 20, 12).</p> - -<p>Sogar <em class="gesperrt">Warenautomaten</em> kannte das Altertum. Heron von Alexandrien -im 2. Jahrhundert v. Chr. (vgl. die Ausgabe von W. Schmidt, Leipzig -1899–1901 mit Illustrationen) erzählt außer von vielen anderen auch von -Weihwasserautomaten, die in den Tempeln aufgestellt waren und aus denen -Wasser floß, wenn man eine Drachme oder einen Obolus hineinwarf.</p> - -<p>Besonders merkwürdig ist der Automat, den nach Erzählung der -byzantinischen Chronographen der oströmische Kaiser Theophilus -(829–842), durch die Schriften des genialen Heron angeregt, sich -anfertigen ließ. Er ließ nämlich zu beiden Seiten seines Thrones zwei -Löwen aus reinem Golde anbringen. So oft der Kaiser nun auf dem Throne -Platz nahm, erhoben sie sich mittels einer mechanischen Vorrichtung, -brüllten und legten sich dann wieder nieder.</p> - -<p>Der Gedanke des <em class="gesperrt">Taucherbootes</em> begegnet uns bereits zur Zeit der -Kreuzzüge. Es war allerdings sehr primitiv. Im Gedichte Salomon und -Morolf (Vers 174 und 342, Voigt) heißt es nämlich: „Môrolf im bereiten -hiez Ein schiffelîn von ledere Er ûf daz mere stiez. Daz was mit beche -wol berant; Zwei venster (glase fenster) gâben im daz liecht: Alsô -meistert ez sîn hant.“ „An ir aller angesicht Senkt er sich nider ûf -den grunt. Ein rôre in daz schiffelîn ging, Dâ mit Môrolf den âtem -ving. Daz het er gewirket dar an Mit eime starken ledere Môrolf der -listige man. Ein snuore die lag oben dar an, Daz<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[S. 15]</span> der dugenthafte man -Daz rôre nit liez brechen abe. Er barg sich zuo dem grunde Volleclîchen -vierzehen tage<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a>.“ Ob ein ähnliches Fahrzeug in der Wirklichkeit -existierte, sei dahingestellt. Keinesfalls war es ein behaglicher -Aufenthalt. Die Abbildung eines Unterseebootes bzw. einer Taucherglocke -aus dem 14. Jahrhundert befindet sich im cod. germ. 5 der Münchner Hof- -und Staatsbibliothek.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die berühmte <em class="gesperrt">Schnurrbartbinde</em> „Es ist erreicht“ hat ihre -Vorläufer schon um 1600 gehabt. Im 15. Kapitel des 4. Buches schreibt -Cervantes in seinem Don Quichote: „Er stellte sich im Bett auf, eine -spitze Mütze auf dem Kopfe, den Knebelbart in Banden, damit er nicht -schlaff würde und nieder fiele“.</p> - -<p>Daß die <em class="gesperrt">geschnürte Taille mit Decolleté</em> bereits im 2. -vorchristlichen Jahrtausend in Kreta getragen wurde, dürfte manche Dame -interessieren. Das reizende 34 cm hohe dort gefundene Figürchen der -Schlangengöttin zeigt ein solches Kostüm, das mit unserer Frauenmode -verblüffende Ähnlichkeit besitzt. Der über und über gefältelte Rock -einer andern Figur ist ebenfalls ganz mit eleganten Volants besetzt, -dazu trägt sie ein enges Mieder, eine im Bogen ausgeschnittene Korsage -und stark ausgebogene, wohl wattierte Hüften. Der Rock ist deutlich -glockenförmig. Besonders von rückwärts könnte man diese Figuren leicht -für Modedamen unserer Zeit ansehen<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Kugelgestalt der Erde</em> lehrten bereits im 6. vorchristlichen -Jahrhundert Anaximander und Pythagoras, und mit besonderem Nachdruck -wies etwa 350 v. Chr. Eudoxos auf dieselbe hin, Archimedes<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[S. 16]</span> aber suchte -einen aprioristischen Beweis dafür zu erbringen. Der Kalif Al Manûm -ließ den Umfang der Kugel auf 24000 engl. Meilen, die Länge eines -Grades bis auf 500 m genau berechnen<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a>.</p> - -<p>Um 270 v. Chr. hat der alexandrinische Mathematiker und Astronom -Aristarchos von Samos den <em class="gesperrt">Stillstand der Sonne</em> und die -<em class="gesperrt">Bewegung der Erde um die Sonne</em> gelehrt. Seleucus aus Seleucia -hat bereits um 150 v. Chr. eine unendliche Ausdehnung der Welt -angenommen und das sonnenzentrische System geradezu als Lehre -aufgestellt.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">athenische Landwirtschaft</em> der griechischen Blütezeit kannte -weder die Sense, noch den Flegel: man schnitt das Getreide in halber -Höhe mit der Sichel und drosch, indem man die Körner durch Pferde und -Maultiere aus den Ähren treten ließ. Auch die Egge war unbekannt; man -mußte den Samen mit der Schaufel unter die Erde bringen. Auch die -Dreifelderwirtschaft kannten die Griechen zu keiner Zeit. Ebenso fehlte -ein brauchbares Feuerzeug, so daß das Herdfeuer nie ausgehen durfte. -Geschah es aber doch, dann mußte die Hausfrau es mit der Lampe von der -Nachbarin wieder ins Haus tragen<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Zur römischen Kaiserzeit kamen in Gallien bereits <em class="gesperrt">Glasfenster</em> -vor<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a>.</p> - -<p>Damals konnte in Rom jedermann einen Auslaß aus der allgemeinen -<em class="gesperrt">Wasserleitung</em> in seinem Hause haben, ebenso in Antiochia und -Alexandrien. Sogar nächtliche Straßenbeleuchtung war vorhanden<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a>.</p> - -<p>Während im alten Rom die <em class="gesperrt">Prügelstrafe</em> selbst bei Stabsoffizieren -noch zulässig war, wird in der<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[S. 17]</span> humanen Gegenwart der größte Rohling, -der Baumpflanzungen und Blumenbeete aus Übermut zerstört, den Frauen -die Zöpfe abschneidet und die Kleider mit Kot beschmiert, lediglich -einige Zeit auf Staatskosten verpflegt<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Scheck- und Girowesen</em> bestand bereits im Altertum (Cicero -epist. ad Att. XI, 24, XII, 24, 27, XV, 15), ja, Wechsel wurden bereits -bei den Babyloniern verwandt. Ebenso ist die <em class="gesperrt">Hypothek</em> eine -bereits im 6. vorchristlichen Jahrhundert bestehende Einrichtung<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Anarchisten</em> gab es auch schon im Altertum, und zwar in -Palästina, das in dieser Hinsicht durch fast anderthalb Jahrtausende -die Welt in Atem hielt. Flavius Josephus erzählt von den Sicariern oder -Dolchbrüdern, die in der 2. Hälfte des 1. nachchristlichen Jahrhunderts -die Propaganda der Tat in größtem Stile betrieben, und zwar nicht -etwa als Räuber, sondern – wie in der Gegenwart – als politische -Mordgesellschaft.</p> - -<p>Ihre höchste Blüte erlebte die anarchistische Gesellschaft der -Assasinen zur Zeit der Kreuzzüge im gelobten Lande. Sie gingen -hervor aus der mohammedanischen ketzerischen Sekte der Ismaeliten -und lehrten den reinen Nihilismus, d. h., daß alles gleichgültig -und daher auch alles erlaubt sei. Ums Jahr 1100 war ihr gewaltiger -Führer Hasan-i-Sabbah, der Alte vom Berge, der vom Schlosse Alamut aus -durch Meuchelmord und Gewalttaten seine Gegner im Zaume hielt. Trotz -ihrer sittlichen Grundsätze waren diese<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[S. 18]</span> Assasinen – wie noch heute -die Anarchisten – ihren Führern blind ergeben, und zwar in solchem -Grade, daß sich auf einen Wink des Führers hin die Wachen vom Turm -herabstürzten, nur um ihren Gehorsam zu zeigen, oder daß eine Mutter in -Verzweiflung geriet, wenn ihr Sohn von einer gelungenen Mordexkursion -zurückkehrte, statt für seinen Glauben zu sterben. Ihr Wirken lebt noch -heute im Abendlande fort: assassino und assassin, von Haschischin, dem -Rauchen des berauschenden Hanfes abgeleitet, heißt Mörder<a id="FNAnker_30" href="#Fussnote_30" class="fnanchor">[30]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Reliquien von Heiligen</em> wurden bereits im Altertum gesammelt. -Man ging im Blödsinn vielleicht nicht so weit, wie das Mittelalter, -das ein Stück von der ägyptischen Finsternis und ähnliches vorwies, -immerhin wurde nach Pausanias das Ei der Leda in einem Tempel in -Sparta, und die falschen(!) Zähne des erymanthischen Ebers im Tempel -des Apollo im Lande Opike denen, die nicht alle werden, gezeigt. Eine -antike Reliquienliste gibt Fr. Pfister „Der Reliquien-Kult im Altertum“ -(Gießen 1909) I. Bd., S. 323 ff.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Auch eine besoldete <em class="gesperrt">Claque</em> besaßen bereits die alten Römer. -Nero soll gar 5000 in seinen Diensten gehabt haben. Die Chefs der -verschiedenen Claquedivisionen erhielten je 40000 Sestertien Gehalt! -(Sueton, Nero XX, Tacitus Ann. XIV, 15, Dio. Cassius LXI, 20)<a id="FNAnker_31" href="#Fussnote_31" class="fnanchor">[31]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Monocle</em> oder Lorgnon darf sich gleichfalls eines ehrwürdigen -Alters rühmen. Kaiser Nero sah den Gladiatorenkämpfen im Zirkus durch -einen Smaragd zu<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[S. 19]</span> (Plinius nat. hist. XXXVII, 64)<a id="FNAnker_32" href="#Fussnote_32" class="fnanchor">[32]</a>. Erst 1730 wird -wieder ein Monocle erwähnt, das Keyßler beim englischen Gesandten in -Rom, Herrn von Storsch, sieht und wie folgt beschreibt: „Wegen seiner -blöden Augen bedient er sich eines Fernglases, so mit einem dünnen -Kettchen am Rocke befestiget ist. Die Haut um sein Auge ist also -gewöhnet, daß sie sich fest um dieses Glas schließt, und er nicht -nöthig hat, solches mit den Händen daran zu halten“.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ein jährliches <em class="gesperrt">Honorar</em> von etwa 90000 Mark bezog Q. Roscius, -ein Zeitgenosse Ciceros, als <em class="gesperrt">Schauspieler</em> (Plinius nat. hist. -VII, 128, X, 141, XXXV, 163 Sueton. Vesp. 19). Damit dürfte er von -den höchstbesoldeten Mimen der Gegenwart kaum übertroffen werden. Im -dritten vorchristlichen Jahrhundert bezog der Kitharode Amoibeus in -Athen für jedes Auftreten 1 Talent, also 4715 Mark! Die in Korinth -gekaufte Flöte des großen Virtuosen Ismenios kostete 7 Talente! (Vgl. -Aristeas bei Athenaeus XIV, 623d)<a id="FNAnker_33" href="#Fussnote_33" class="fnanchor">[33]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Museum zu Odessa steht ein Stein, der in der alten Griechenstadt -Olbia aufgefunden wurde. Er trägt die Inschrift: „Ich künde, daß -282 Klafter weit mit dem <em class="gesperrt">Bogen geschossen</em> hat der berühmte -Anaxagoras, des Demagoras Sohn –...“ Das war allerdings eine -fabelhafte Leistung, denn 500 m sind selbst für einen Gewehrschuß nicht -wenig, geschweige für einen Bogenschuß! Allerdings dürfte es sich nur -um einen Weitschuß ohne Rücksicht auf ein bestimmtes Ziel gehandelt -haben. Daß aber der Stein von einer<span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[S. 20]</span> <em class="gesperrt">Schützengilde</em> gesetzt -wurde, und zwar auf einer scheibenartigen Tafel, erinnert stark an die -modernen Gebräuche.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die einzige <em class="gesperrt">Steuer</em>, die der in Italien wohnende römische Bürger -zu zahlen hatte, war eine <em class="gesperrt">Erbschaftssteuer</em> von 5% von allen -Erbschaften und Legaten über 20000 Mark mit Ausnahme der von den -nächsten Blutsverwandten herrührenden<a id="FNAnker_34" href="#Fussnote_34" class="fnanchor">[34]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Außer in Rom standen in keiner Stadt Italiens im Altertum -<em class="gesperrt">Soldaten</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Errichtung von <em class="gesperrt">Statuen</em> war in der Antike eine so häufige -Ehrung, daß in Brescia einmal sogar dem 6jährigen Sohne eines -Decurionen eine Reiterstatue aus vergoldeter Bronze errichtet wurde. -Allerdings waren Statuen billig, der Ausgezeichnete zahlte sie meist -selbst und gab zudem Festivitäten.</p> - -<p>Bereits im Jahre 73 n. Chr. wurde ein offizieller <em class="gesperrt">Katalog</em> der -dem römischen Staate gehörigen <em class="gesperrt">Kunstwerke</em>, vielleicht unter -Mitwirkung des Plinius, angelegt. Das Bruchstück eines zweisprachigen -aus dem 3. Jahrhundert stammenden Museumskatalogs hat sich noch -erhalten<a id="FNAnker_35" href="#Fussnote_35" class="fnanchor">[35]</a>.</p> - -<p><em class="gesperrt">Anschlagsäulen</em> für Vergnügungsanzeigen und Reklamezwecke gab -es schon in Herculanum. Und zwar waren die Plakate mit Gummiarabicum -angeklebt<a id="FNAnker_36" href="#Fussnote_36" class="fnanchor">[36]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[S. 21]</span></p> - -<p>Das <em class="gesperrt">Zweikindersystem</em> wird bereits von Hesiod empfohlen, und -zwar in der Form, daß das Haus höchstens zwei Söhne besitzen soll. Man -erreichte dies durch Kinderaussetzung, was aber bei dem humanen Sinn -der Griechen mehr rechtliche als praktische Bedeutung hatte, und durch -Förderung des außerehelichen Verkehrs der Geschlechter<a id="FNAnker_37" href="#Fussnote_37" class="fnanchor">[37]</a>.</p> - -<p>Die Römer trugen vielfach einen <em class="gesperrt">Phallus</em> als Brosche bzw. -Amulett, wie auch die öffentlichen Häuser in Pompeji durch einen großen -steinernen Phallus kenntlich gemacht waren. Im Geheimkabinett des -Museo Nationale in Neapel befindet sich eine große Sammlung solcher -Phalli. Die ägyptischen Prinzessinnen erhielten denselben Gegenstand in -Naturgröße aus Stein gefertigt ins Grab mitgegeben, um auch im Jenseits -nichts entbehren zu müssen<a id="FNAnker_38" href="#Fussnote_38" class="fnanchor">[38]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ein <em class="gesperrt">Zahlungsmoratorium</em> kennt bereits das Gesetz Hammurabis, -das älteste Gesetzbuch der Welt, das etwa anderthalb Jahrtausende -in Kraft blieb. Der 48. Paragraph lautet nämlich: „Wenn jemand eine -verzinsbare Schuld hat und ein Unwetter sein Feld verwüstet, oder die -Ernte vernichtet, oder wegen Wassermangel Getreide auf dem Felde nicht -wächst: so soll er in diesem Jahre dem Gläubiger kein Getreide geben, -seine Schuldtafel (im Wasser) aufweichen und Zinsen für dieses Jahr -nicht zahlen“<a id="FNAnker_39" href="#Fussnote_39" class="fnanchor">[39]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Könige der Spartaner, Alexander der Große, Justinian und viele -andere wurden in <em class="gesperrt">Honig</em> zur<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[S. 22]</span> letzten Ruhe gebettet. Die -konservierende Eigenschaft von Wachs und Honig war bereits den Scythen -und Persern bekannt<a id="FNAnker_40" href="#Fussnote_40" class="fnanchor">[40]</a>.</p> - -<p>Dagegen war es im Mittelalter Sitte, die Leiche der verstorbenen -Fürstlichkeiten und hohen Personen auszuweiden. Dabei verfuhr man -oft unglaublich roh. Matthäus Parisiensis (1135) erzählt von den -Prozeduren, denen der Leichnam König Heinrichs I. von England († 1135) -durch einen Fleischer unterworfen wurde, folgendes: „Sein Leichnam -wurde nach Rouen gebracht und da begrub man seine Eingeweide, sein -Gehirn und seine Augen. Der übrige Körper wurde überall mit kleinen -Messern geschnitten, mit vielem Salze bestreut, in Rindshäute gehüllt -und so, um den üblen Geruch zu vermeiden, eingenäht. Aber letzterer -war doch so stark und überwältigend, daß er die Umstehenden krank -machte. Darum starb auch der Mann, welcher, durch eine große Belohnung -gewonnen, des Toten Haupt, um das stinkende Gehirn herauszunehmen, mit -einem Beile gespaltet hatte, obwohl er sich den Kopf mit Leintüchern -umwickelt, und hatte schlechte Freude an dem Lohne. Das ist auch der -letzte von vielen, die König Heinrich umgebracht hat. Darauf wurde -die königliche Leiche nach Caën von den Dienstleuten getragen, und -als man sie daselbst in der Kirche, in der sein Vater beerdigt war, -aufgestellt hatte, so floß doch, obschon der Körper mit vielem Salze -gefüllt, und in viele Häute gepackt war, beständig eine schwarze und -gräßliche Flüssigkeit durch die Häute hindurch und wurde in unter die -Bahre gestellten Gefäßen von den Dienern, die vor Ekel fast vergingen, -aufgefangen und fortgeschüttet“<a id="FNAnker_41" href="#Fussnote_41" class="fnanchor">[41]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[S. 23]</span></p> - -<p>Die getrennte Bestattung von Weichteilen und Fleisch war durchaus -Sitte. So wurden z. B. die Eingeweide Kaiser Heinrichs IV. in Lüttich -beigesetzt, seine Leiche aber in Speier<a id="FNAnker_42" href="#Fussnote_42" class="fnanchor">[42]</a>. Hier fand auch sein Sohn -Heinrich V. die letzte Ruhe, nachdem seine Eingeweide in Utrecht -beigesetzt worden waren<a id="FNAnker_43" href="#Fussnote_43" class="fnanchor">[43]</a>. Richard Löwenherz verordnete gar, daß sein -Leichnam in Fontevrauld, sein Herz in Rouen, seine Eingeweide, Blut und -Hirn aber bei Chaluz bestattet werden sollten (Rog. de Hovedene)<a id="FNAnker_44" href="#Fussnote_44" class="fnanchor">[44]</a>.</p> - -<p>Ganz sonderbar war der Brauch, die Leichen der in weiter Ferne -Verstorbenen zu zerstückeln und die Stücke so lange in Wasser und Wein -zu sieden, bis sich die Knochen vom Fleisch lösten. Während die Gebeine -in die Heimat gebracht wurden, fand die Bestattung des Fleisches an Ort -und Stelle statt. So wurde z. B. auch Friedrich Barbarossa († 1190) -gesotten! (Itin. reg. Ric. I, 24). Landgraf Ludwig IV. von Thüringen -(† 1227), der Gemahl der heiligen Elisabeth, wurde ebenso behandelt -(h. Elis. 3580 ff.), desgleichen, um noch ein Beispiel zu nennen, -Ludwig der Heilige von Frankreich († 1270) (Guilelmi de Nangiaco Gesta -Philippi regis. Bouquet, Rec. XX, 466)<a id="FNAnker_45" href="#Fussnote_45" class="fnanchor">[45]</a>.</p> - -<p>Übrigens verbot Papst Bonifazius VIII. im Jahre 1299 bei der Strafe der -Exkommunikation die Leichen auszuweiden, zu kochen und zu zerstückeln -(Nach Heinrich Rebdorf)<a id="FNAnker_46" href="#Fussnote_46" class="fnanchor">[46]</a>.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[S. 24]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zweiter_Abschnitt"><span class="s5">Zweiter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Rechtspflege</span></h2> - -</div> - -<p>Eine Schadenersatzpflicht des Tierhalters, wie sie gegenwärtig die -öffentliche Meinung beschäftigt und wie sie im Bürgerlichen Gesetzbuch -ausgesprochen ist, kennt bereits Hammurabi. Die §§ 250 und 251 lauten: -„Wenn ein Ochse beim Gehen auf der Straße (Markt) jemand stößt und -tötet, so soll diese Rechtsfrage keinen Anspruch bieten. Wenn der -stößige Ochse jemandes ihm seinen Fehler, daß er stößig ist, gezeigt -hat, er seine Hörner nicht umwunden, den Ochsen nicht gehemmt hat, und -dieser Ochse stößt einen Freigeborenen und tötet ihn, so soll er ½ -Mine Silber zahlen.“ Also nur bei grober Fahrlässigkeit des Tierhalters -ist er verpflichtet, für den entstandenen Schaden aufzukommen.<a id="FNAnker_47" href="#Fussnote_47" class="fnanchor">[47]</a></p> - -<p>Das gilt auch dem Arzt gegenüber, wie aus § 218 hervorgeht: „Wenn -ein Arzt jemand eine schwere Wunde mit dem Operationsmesser aus -Bronze macht und ihn tötet, oder jemand eine Geschwulst mit dem -Operationsmesser aus Bronze öffnet und<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[S. 25]</span> sein Auge zerstört, so soll man -ihm die Hände abhauen.“ Dagegen ist aber auch das ärztliche Honorar -festgesetzt: „Wenn ein Arzt jemandem eine schwere Wunde mit dem -Operationsmesser aus Bronze macht und ihn heilt, oder wenn er jemand -eine Geschwulst mit dem Operationsmesser aus Bronze öffnet und das Auge -des Mannes erhält, so soll er 10 Sekel Silber erhalten“, heißt es im -§ 215. Immerhin war es unter diesen Umständen nicht immer angenehm, -Operateur zu sein.<a id="FNAnker_48" href="#Fussnote_48" class="fnanchor">[48]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Nach altdeutschem Rechte mußte der Richter mit einem Stabe in der Hand -auf seinem Sitze so bis zum Sonnenuntergang oder Abbruch des Dinges -– unter Umständen in Wind und Wetter, Sonnenbrand oder Schneesturm -– sitzen bleiben, wie er sich bei Beginn des Dings niedergelassen -hatte, „Bein mit Bein“ deckend. Die Soester Rechtsordnung schreibt -darüber: „Es soll der Richter auf seinem Richterstuhl sitzen als ein -grisgrimmender Löwe, den rechten Fuß über den linken schlagen, und -wann er aus der Sache nicht recht könne urteilen, soll er dieselbe -ein-, zwei-, dreimal überlegen“<a id="FNAnker_49" href="#Fussnote_49" class="fnanchor">[A]</a>. Sein Aufstehen oder Niederlegen des -Stabes hob die Rechtskraft der Sitzung auf<a id="FNAnker_50" href="#Fussnote_50" class="fnanchor">[49]</a>.</p> - -<p>Das vom Richter gefällte Todesurteil mußte noch bei scheinender Sonne -vollstreckt werden. Während<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[S. 26]</span> der Verurteilte hingerichtet wurde, saßen -Richter und Schöffen in nächster Nähe, um sich bei Speise und Trank von -den Anstrengungen der Sitzung zu erholen<a id="FNAnker_51" href="#Fussnote_51" class="fnanchor">[50]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Übermut der „heiligen Feme“ ging so weit, daß auf die Klage des -Freischöffen Meister Steinmetz im Jahre 1495 durch Femspruch alle -über 18 Jahre alten Mannspersonen des Hochgerichtes Waltersburg in -Graubünden geächtet und der Rache des Gegners preisgegeben wurden. Im -Jahre 1471 hatte es dieses westfälische Sondergericht sogar gewagt, den -Kaiser zur Verantwortung zu ziehen<a id="FNAnker_52" href="#Fussnote_52" class="fnanchor">[51]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Folter drang in die deutsche Rechtspflege ein als Folge der -kirchlichen Inquisition. Nach altgermanischem Rechte hatte der Beklagte -sich durch Eid und Eideshelfer befreien können, in seltenen Fällen -durch Gottesurteil oder Zweikampf. Hier wird man also kaum behaupten -können, die Kirche habe eine Milderung der Sitten herbeigeführt<a id="FNAnker_53" href="#Fussnote_53" class="fnanchor">[52]</a>.</p> - -<p>Wie es noch im 17. Jahrhundert bei der Folterung zuging, lehrt -ein Bericht über das Verfahren unter Bischof Julius Heinrich von -Halberstadt-Braunschweig: „Sie (die in der Folterkammer anwesenden -Glieder des peinlichen Gerichts) trunken einander fleißig zu, daß sie -auch so toll und voll wurden, daß sie einesteils eingeschlafen... -Etwan in die dritte Woche kamen sie wieder, und als sie nun in solcher -Trunkenheit ihr gefaßtes Mütlein ziemlichermaßen<span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[S. 27]</span> ausgeschüttet, seyn -sie für diesmal davongegangen... Zum dritten Male bin ich abermal in -die peinliche Kammer gebracht usw. und Hans Saub war so trunken und -voll, daß er beim Tisch einschlief, und wenn er hörte, daß ich etwas -härter sprach, so wachte er auf und weisete mit den Fingern, sagend: -Meister Peter, hinan, hinan mit dem Schelm und Stadtverräter, und wenn -er solches gesagt, schlief er wieder ein vor Trunkenheit. Ingleichen -soffen die andern tapfer auch herum Wein und Bier, und wurden aus -Trunkenheit und sonsten so verbittert, daß nicht zu sagen“<a id="FNAnker_54" href="#Fussnote_54" class="fnanchor">[53]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Mittelalter gehörte jeder zehnte der zum Tode Verurteilten dem -Henker, der ihn – natürlich gegen entsprechende Entschädigung – frei -lassen konnte. Der Kaiser bzw. römische König hatte nicht nur das -Recht, jeden zu begnadigen, es genügte bereits, wenn der Missetäter vor -Zeugen den fürstlichen Gewandsaum berührte und küßte. Die aus der Stadt -Verbannten konnten, wenn es ihnen gelang, den Zügel des Königspferdes -zu erfassen, mit dem Herrscher sicher und freien Fußes in die Stadt -zurückkehren. Trotzdem hatte der Henker bisweilen alle Hände voll zu -tun. So erzählt Felix Platter in seiner Selbstbiographie (S. 327) der -von Basel habe im Bauernkriege über 500 köpfen müssen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als eine vom Richter zu erbittende Gnade galt auch sein Verbot an -den Scharfrichter, vor oder nach der Hinrichtung den Körper des -Delinquenten zu berühren und damit die Schande der Familie nicht zu -vergrößern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[S. 28]</span></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Analog dem Seidenfaden, der nach altdeutschem Recht die Gerichtsstätte -umzog, eine festere Schranke bildend als stehende Barrieren, wurden -auch einzelne Gefangene auf diese Weise gebannt. So wurde vom Baseler -Schultheiß ein bischöflicher Dienstmann im 13. Jahrhundert im roten St. -Ulrichturm eingesperrt, indem er den Eingang des Gefängnisses mit einem -Seidenfaden umspannte, dessen beide Enden mit Wachs versiegelt waren.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Vor der Hinrichtung trat der Scharfrichter vor den armen Sünder, ihn um -Verzeihung bittend für das Leid, das er ihm im Namen der Gerechtigkeit -zufügen müsse. Die Carolina Karls V. bestimmt im 98. Artikel, daß der -Scharfrichter nach vollzogenem Hauptschlage mit dem blutrauchenden -Schwerte vom Schafott herab die Vertreter der Justiz zu begrüßen -und zu fragen habe: „Habe ich recht gerichtet?“, worauf der Richter -urteilte: „Du hast gerichtet, wie Urteil und Recht gegeben, und wie -der arme Sünder es verschuldet hat.“ Darauf schloß der Scharfrichter -mit dem Lobspruch: „Dafür danke ich Gott und meinem Meister, der mir -diese Kunst gelehrt.“ Machte er einen „Kunstfehler“, dann konnte es -ihn allerdings den Kragen kosten, denn das Volk verstand darin keinen -Spaß<a id="FNAnker_55" href="#Fussnote_55" class="fnanchor">[54]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Gehenkte mußte, eine nicht gerade hygienische Verordnung, über -der Erde verwesen. Als zwei Brüder zu Freiburg in der Schweiz im 16. -Jahrhundert es wagten, die Leiche des dritten Bruders in<span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[S. 29]</span> der Nacht vom -Galgen zu nehmen, um sie zu bestatten, wurden sie vom Richterkollegium -mit <em class="gesperrt">Ausstechen der Augen</em> bestraft<a id="FNAnker_56" href="#Fussnote_56" class="fnanchor">[55]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Bei Tierplagen, hervorgerufen durch Maikäfer, Heuschrecken, Engerlinge -usw. wurde mit Erlaubnis der Bischöfe ein Prozeß nach kanonischem Recht -eingeleitet. Von der Kirchenkanzel herunter verkündete der Priester -unter dem Läuten der Glocken den Klageakt, das sündige Ungeziefer vor -das geistliche Gericht ladend. Ein Advocatus diaboli wurde für die -Tiere bestellt, hier ein Maikäferanwalt, dort ein Rattenfürsprecher. -Klage und Gegenklage wurde vernommen und damit lange Seiten der noch -erhaltenen Prozeßakten gefüllt. Ein Verteidigungstermin wurde gestellt, -ja nach dem Zeugnis des Züricher Chorherren Felix Hämmerlin ließ man -in einem Maikäferprozeß der Diözese Chur „<em class="gesperrt">in Anbetracht ihres -jugendlichen Alters und ihrer Kleinheit</em>“ die Vorladung dreimal -ergehen. Endlich erfolgte das Kontumazialverfahren mit <em class="gesperrt">schwerem -Bannfluch</em>, den sich die Stadtbehörden jeweils aus den bischöflichen -Kanzleien verschrieben.</p> - -<p>Noch 1796 wurde in Schwaben ein Stier zur Abwehr gegen die Tierseuche -lebendig begraben<a id="FNAnker_57" href="#Fussnote_57" class="fnanchor">[56]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Weistum von Wilzhut, zwischen Braunau und Salzburg, wird (um 1400) -bestimmt, daß im Falle <em class="gesperrt">ein Bauer um Geld gestraft wurde</em>, ohne -daß er es zahlen konnte, <em class="gesperrt">seine Frau geschändet werden sollte</em>.<span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[S. 30]</span> -Die Weisheit des Gesetzgebers hat aber sogar den Fall vorausgesehen, -daß dem Gerichtspfleger die Frau nicht gefällt. Da aber ja nicht -dieser, sondern der Bauer bestraft werden soll, so hat eintretenden -Falles der Gerichtspfleger das Recht, dem Gerichtsschreiber die -Exekution zu übertragen. Kann aber auch er den Reizen der Bäuerin -keinen Geschmack abgewinnen, dann kann er dem Amtsdiener den Vollzug -„auferladen“. Auf dessen Neigungen erstreckt sich die Fürsorge des -Gesetzgebers nicht mehr<a id="FNAnker_58" href="#Fussnote_58" class="fnanchor">[57]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Felix Platter erzählt in seiner Selbstbiographie (S. 269), er habe im -Jahre 1556 selbst gesehen, wie die <em class="gesperrt">Leichenteile einer anatomierten -Kindsmörderin</em> in Südfrankreich <em class="gesperrt">am Galgen gehenkt wurden</em>.</p> - -<p>Das preußische Justizkollegium erließ im Jahre 1709 eine Verordnung, -laut welcher Galgen erbaut werden mußten, um diejenigen <em class="gesperrt">im Sarge -daran zu hängen</em>, die während der Pest gestorben seien, <em class="gesperrt">ohne -Arznei</em> eingenommen zu haben. Augenscheinlich gönnte man dem Volke -nicht, zu beweisen, daß es auch ohne die Ärzte ginge. Il est mort dans -les règles sagt Molière so schön.</p> - -<p>Noch im Jahre 1711 wurde in Preußen für Deserteure als Strafe bestimmt, -daß ihnen die <em class="gesperrt">Nase und ein Ohr abgeschnitten werden sollte</em>, -ferner wurden sie an die Karre geschmiedet und mußten lebenslänglich -auf Festung arbeiten. Friedrich Wilhelm I. bestätigte diese Strafen, ja -er bestimmte, daß überführte Helfer von Deserteuren sogleich, ohne des -Königs Genehmigung einzuholen, aufgeknüpft werden sollten<a id="FNAnker_59" href="#Fussnote_59" class="fnanchor">[58]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[S. 31]</span></p> - -<p>Die Jesuiten waren, was außerordentlich viel sagen will, die -Verworfensten der ganzen Geistlichkeit in moralischer Hinsicht. Was -sie sich herausnehmen durften, lehrt die berühmte Skandalgeschichte -des Jesuiten Girard. Dieser hatte als Rektor des Seminars und -Schiffprediger in Toulon auch eine heimliche Bußanstalt für Frauen -eingerichtet, in welche die schöne und fromme Katharina Cadière, -Tochter eines reichen Kaufmanns, 1728 eintrat. Es gelang Girard, durch -Anwendung der raffiniertesten sexuellen Mystik das unschuldige Mädchen -zu verführen, und durch alle möglichen unzüchtigen Mittel brachte er es -so weit, daß die Arme in schwere Hysterie verfiel. In diesem Zustande -schwängerte er sie, wußte aber sofort nach jesuitischer Moral durch -ein wirksames Abtreibungsmittel die Folgen zu verhindern. Im gegen ihn -angestrengten Prozeß wurde er <em class="gesperrt">freigesprochen</em>!!<a id="FNAnker_60" href="#Fussnote_60" class="fnanchor">[59]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im bayerischen Gesetzbuch, das Kreittmayr 1751 herausgab, ist die -Tortur noch aufrecht erhalten. Sie soll zwar nicht mehr als dreimal -wiederholt werden, aber bei Widerruf greift sie stets und so oft wieder -Platz, als der Widerruf geschieht. Auch wird die gleich anfänglich zu -zwei oder drei Malen eingeteilte oder wegen bezeigter Unempfindlichkeit -repetierte Tortur nur für <em class="gesperrt">einmal</em> gerechnet! Ergeben sich bei -der Wiederholung neue Indizien, dann können die folgenden Grade noch -verschärft werden. Auch Zeugen dürfen gefoltert werden. Und zwar waren -Daumschrauben, Aufziehen, Spitzruten, Bock- und Leibgürtel, die 48 -Stunden umgelegt blieben, gesetzliche Foltermittel! Daß man nicht -allzu sanft – nach dem Vorbilde des Hexenhammers und den in der -alleinseligmachenden Kirche geübten Praktiken – ver<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[S. 32]</span>fuhr, geht aus -Kreittmayrs Bemerkung hervor, daß die Tortur dem Tode oder wenigstens -dem Handabhauen gleich geschätzt werde!<a id="FNAnker_61" href="#Fussnote_61" class="fnanchor">[60]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als erster deutscher Fürst schaffte der Freidenker Friedrich der Große -von Preußen kurz nach seiner Thronbesteigung unterm 3. Juni 1740 die -Tortur ab, allerdings 112 Jahre später, als dies in England geschehen -war. Die Juristen leisteten dagegen – wie nicht anders zu erwarten – -den heftigsten Widerstand und erhoben die lärmendsten Vorstellungen. -Sie meinten, alle Diebesbanden von ganz Deutschland würden sich nun -nach Preußen wenden. Da Friedrich aber kein Jurist, sondern ein -genialer Mann mit gesundem Menschenverstand war, zudem frei von jeder -kirchlichen Beeinflussung, so blieb es dabei<a id="FNAnker_62" href="#Fussnote_62" class="fnanchor">[61]</a>.</p> - -<p>Die völlige Aufhebung der Tortur in Bayern erfolgte erst 1806<a id="FNAnker_63" href="#Fussnote_63" class="fnanchor">[62]</a>, in -Hannover erst 1840<a id="FNAnker_64" href="#Fussnote_64" class="fnanchor">[63]</a>. Der letzte vom preußischen Staat angezündete -Scheiterhaufen brannte am 15. August 1786<a id="FNAnker_65" href="#Fussnote_65" class="fnanchor">[64]</a>. In Eisenach wurde vor -den Augen der zwangsweise herbeigeführten Schuljugend am 20. Juli -1804 ein vierfacher Brandleger aus Hötzelsroda bei lebendigem Leibe -eingeäschert. Ja, noch Ende des Jahres 1813 soll, wie ich, allerdings -ohne Quellenangabe, erfahre, in Berlin ein Verbrecherpaar, Mann und -Frau, wegen zahlreicher Brandstiftungen in gleicher Weise justifiziert -worden sein.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Könige und Hofrichter waren in gleicher Weise Schenkungen zugänglich. -Ein Abgesandter der Stadt Frankfurt berichtet 1418 dem Rate, „er möge -doch erwägen, wie wichtig es sei, dem König reiche Gaben zu senden; -die Nürnberger schenkten immer mehr als andere und seien deshalb -allmächtig“<a id="FNAnker_66" href="#Fussnote_66" class="fnanchor">[65]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[S. 33]</span></p> - -<p>Als der Rat der Stadt Frankfurt 1722 den späteren Schultheißen Ochs -(von Ochsenstein) nach Wien schickte, um den Reichshofrat Grafen Stein -für seine Sache zu gewinnen, erhielt er u. a. folgende Instruktion: er -solle dem Grafen erklären, „daß wir, wenn derselbe alles dies erwirken -und den Magistrat wieder in den Stand setzen werden, unsere reale -Erkenntlichkeit erweisen zu können, gegen Se. Exzellenz für die viele -gehabte Mühe uns nach und nach, längstens in Jahresfrist, mit einer -Remuneration von 10000 Talern i. e. 15000 Gulden einstellen würde“.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Auch der <em class="gesperrt">Kaiser</em> war gegen Geld keineswegs unempfänglich. Ochs -erhielt 1729 den Auftrag, dem Kaiser 100000 fl. zu seinem Schloßbau -– für ein Trinkgeld war die Summe doch zu hoch – anzubieten. -Aber er erlebte eine Überraschung, über die er am 14. Januar 1730 -folgendes schrieb: Er hätte vorsichtig dem Reichs-Vizekanzler das -Angebot gemacht. „Er hörte mich genau an und sagte: es seye zwar gut, -aber noch nicht de tempore; <em class="gesperrt">bürgerliche Deputirte hätten 200000 -fl. offeriert</em>, und zwar quartaliter 25000..“ ein köstliches -Wettschießen!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Vizepräsident des Reichshofrates hatte Ochs klar gemacht, daß -verschiedene Reichsstädte ihm etwas verehrt hatten. „Ich wolle also -Magistratum ersuchet haben umb ein Stück extraordinari Hochheimer Wein -vom 19er Jahr, und zwar vorher drei bis vier Proben, so in Krügen -immediate an Vice-Präsidenten in einem Kästlein geschicket werden -könnten. Ich habe es wie billig vor eine Gnade erkennen müssen, und -sehe<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[S. 34]</span> auch nicht, wie es zu dekliniren“. Also wohin Ochs auch kommt, -überall am Kaiserhofe Bestechlichkeit! In derselben Tonart geht es -weiter. Fast alle Personen, mit denen Ochs in Wien zu tun hat, müssen -aus der Frankfurter Stadtkasse bestochen werden.</p> - -<p>Kriegk stellt eine große Reihe von Bestechungsposten, die in den -geheimen Ausgaben Frankfurts gebucht sind, zusammen, und dabei ist nur -<em class="gesperrt">ein einziges Mal</em> im Jahre 1771 angegeben, daß ein Herr eine ihm -angebotene Summe von 200 Dukaten nicht angenommen habe. Ob es zu wenig -war?</p> - -<p>Bezeichnend für die Denkweise ist die Antwort des Baron von -Vockel in Wien, dem man 1754 100 Dukaten als Referenten in einer -Rechtsangelegenheit eingehändigt hatte: er habe das Geschenk -„danknehmigst angenommen und sothaner Generosität bei einer anderweiten -Gelegenheit justizmäßig (!) eingedenk zu sein angesichert“.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Noch ein Beispiel für unzählige! Die Reformierten wollten den Bau einer -Kirche durchsetzen und machten diesbezüglich auch beim kursächsischen -Hof Anstrengungen. Im Jahre 1750 erhielt nun der Frankfurter Rat -aus Dresden ein Schreiben, in dem es u. a. heißt: „Ihro Hoheit die -Churprincessin (eine Tochter Kaiser Karls VII.) haben auf den Ihnen -geschehenen Vortrag sich dahin geäußert, wie Ihro die ganze Sache -schon bekannt sei, und Sie Sich erinnerten, wie man in dieser Sache -nicht nur Ihren Hrn. Vater, den höchstseligen <em class="gesperrt">Kaiser Karl VII. mit -einer<span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[S. 35]</span> Summe Geldes gewinnen wollen</em>, sondern auch Ihr einen schönen -Beutel mit Dukaten, wenn Sie zu dem reformirten Anliegen behülflich -sein würde, zu offeriren Gelegenheit genommen“. Die Bestechungsversuche -wurden also ganz öffentlich unternommen<a id="FNAnker_67" href="#Fussnote_67" class="fnanchor">[66]</a>!</p> - -<p>Heute verstößt es gegen den Ehrenkodex der Rechtsanwälte, also von -Privatpersonen, ein höheres Honorar sich auszubedingen für den Fall, -daß sie in einem Prozeß gewinnen!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Bezeichnend für die Roheit des Mittelalters und die außerordentliche -Mannigfaltigkeit der vollstreckten Todesstrafen ist, daß man zum -Verbrennen verurteilte Personen <em class="gesperrt">begnadigte</em> zum Sieden in einem -Kessel, der gewöhnlich mit Öl oder Wein, manchmal mit Wasser gefüllt -war<a id="FNAnker_68" href="#Fussnote_68" class="fnanchor">[67]</a>!</p> - -<p>Im Jahre 1466 wurde in Frankfurt eine nicht genannte Todesstrafe in die -des Ertränkens umgewandelt weil – der Delinquent krank war<a id="FNAnker_69" href="#Fussnote_69" class="fnanchor">[68]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Während des ganzen Mittelalters, besonders aber in dessen zweiter -Hälfte, sind die Strafen im christlichen Abendlande gewiß nicht -humaner, eher grausamer als vier Jahrtausende früher im Gesetzbuch -Hammurabis, als in Indien, China, Persien oder sonstwo. Legale Strafen -sind: Vierteilen, Rädern, Pfählen, Verbrennen, Ersäufen, Einmauern, -Lebendigbegraben, Ausdärmen, Abschneiden der Zunge, Ausstechen der -Augen, Sieden in Wasser oder Öl, Abziehen der<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[S. 36]</span> Haut usw. usw.<a id="FNAnker_70" href="#Fussnote_70" class="fnanchor">[69]</a>, -und zwar zum großen Teil noch im 18. Jahrhundert. Daß die Kirche -weit entfernt das Strafwesen zu mildern, durch das scheußliche -Inquisitionsverfahren es noch grausiger machte, mindestens nicht auf -Beseitigung der Tortur hinwirkte, ist bemerkenswert. Was ihr während -der anderthalb Jahrtausende der Herrschaft nicht gelang, erreichten die -Freigeister und Philosophen der Aufklärung in kürzester Zeit. Nicht die -Kirche hat die Menschenrechte proklamiert und damit das Mittelalter mit -seiner barbarischen Geringschätzung des Lebens beschlossen, sondern die -große französische Revolution, deren Segnungen Deutschland dem ersten -Napoleon verdankt. Zur Geburtstagsfeier des großen Korsen im Jahre 1806 -mußte die Stadt Frankfurt ihr Hochgericht abbrechen. Der Marschall -Augereau brauchte den Platz für ein Feuerwerk, das aber nicht, wie -bisher, der Verbrennung Unschuldiger, sondern der Befreiung von uralter -Knechtschaft galt. Mit dem Code Napoleon ist die feudal-klerikale -Periode des Mittelalters und der Barbarei begraben.</p> - -<p>Die Humanität ist also erst seit wenig mehr als einem Jahrhundert -Gemeingut des zivilisierten Europa und beginnt es zu werden mit dem -Augenblick, wo das Christentum, dessen Existenzberechtigung nach dem -Geiste seines erhabenen Stifters eben auf dieser Humanität basiert, -wenigstens als Kirche, zu herrschen aufgehört hat!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Genügt unser Recht allen Anforderungen der Vernunft und Menschlichkeit?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[S. 37]</span></p> - -<p>Nach unserm BGB. wird die Alimentationspflicht von väterlicher Seite -verwirkt, wenn die Mutter in der kritischen Zeit mit mehreren Männern -Umgang hatte. Das heißt, das sowieso rechtlich und sozial schwer -geschädigte uneheliche Kind wird noch weiter gestraft, indem ihm jede -väterliche Unterstützung entzogen wird.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die kontrollierte Prostituierte bleibt nach dem heute geltenden Recht -nicht nur straflos, sondern der Staat sichert sich sogar durch Steuern -einen Anteil an ihrem Verdienst. Dagegen kann aber jeder, der ihr -Wohnung gibt, wegen Kuppelei belangt werden. Ihr Gewerbe ausüben und -Steuer zahlen dürfen also die Prostituierten, wohnen aber nicht!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Auch § 175, der die widernatürliche Unzucht zwischen Personen -männlichen Geschlechtes mit Gefängnis, ev. noch mit Verlust der -bürgerlichen Ehrenrechte bedroht, ist als mittelalterliches Rudiment in -Geltung. Der Gesetzgeber nahm weder Anstand an der Inkonsequenz, beim -einen Geschlecht zu verbieten, was dem andern erlaubt ist, noch hielt -ihn Scheu vor den intimsten Intimitäten des Privatlebens zurück, noch -die Erwägung, damit einen Erpresserstand zu züchten. Ja, die Frage, -ob es sich um Laster oder krankhafte Veranlagung handelt, wurde noch -nicht einmal hinlänglich geprüft. Der Hauptgrund für Aufrechterhaltung -des Paragraphen ist der Widerstand orthodoxer Kreise, die deutsche -Verhältnisse des 20. Jahrhunderts unter dem Gesichtswinkel der vor -2½ Jahrtausenden im Judenvolke bestehenden beurteilen und das -gottgefällig<span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[S. 38]</span> nennen. Vielleicht sind diese auch der Ansicht, daß -Prozesse wie Harden-Moltke und Harden-Eulenburg der öffentlichen -Sittlichkeit förderlicher sind als Schmutzereien einzelner im stillen -Kämmerlein.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Auf der internationalen kriminalistischen Vereinigung des Jahres -1909 wurde festgestellt, daß in <em class="gesperrt">Deutschland jährlich 10 Millionen -Polizeistrafen</em> verhängt werden! Also jeder vierte straffähige -Deutsche wird jährlich in wirksamer Weise an die segensreiche Tätigkeit -der hl. Hermandad erinnert.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Nach österreichischem Gesetz muß das „Allerheiligste“ der katholischen -Kirche von jedermann, Jude, Freidenker, Protestant, gegrüßt werden. -Ein <em class="gesperrt">Schwede</em>, unkundig dieses Gesetzes, wurde vor einigen Jahren -wegen Unterlassung des Grußes in Ischl zu <em class="gesperrt">Gefängnis</em> verurteilt!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Redakteur des „Bütower Anzeigers“ Hugo Röhl war auf Veranlassung -des Konsistoriums der Provinz Pommern angeklagt worden, durch eine -Artikelserie den Pastor und Lokalschulinspektor Pötter fortgesetzt -öffentlich beleidigt und unwahre Tatsachen über ihn verbreitet zu -haben. Der Tatbestand war folgender:</p> - -<p>Pötter hatte den 42jährigen Lehrer Wockenfuß so lange gequält, bis er -Selbstmord begehen wollte. Am zweiten Osterfeiertag sang Wockenfuß -mit seinen Schülern zu einer Feier auf dem Gute. Bei einem deshalb -ausbrechenden Wortwechsel wurde Wocken<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[S. 39]</span>fuß von Pastor Pötter zu Boden -gestoßen. Als die Wirtin des Pastors im Dezember 1902 einem Knaben -das Leben schenkte, brachte der Mann Gottes den Lehrer in Verbindung -mit den kursierenden Gerüchten, während in Wahrheit der Bruder -Pötters Vater des Kindes war. Kurz nach Weihnachten erschien Pötter -im Schulhause, ließ den Lehrer aus dem Bette unter den Weihnachtsbaum -im Schulzimmer rufen, las ihm aus der Bibel ein langes Kapitel vor -und sagte, als der verwunderte Lehrer ihn nach seinem Begehren frug: -„Schweigen Sie, es kommt! Sie sind einer von denen wie der Abschaum der -Menschheit, der Krupp ums Leben gebracht hat. Sie haben mich beleidigt! -Mit diesem Stock schlage ich den auf das Lästermaul, der noch einmal -so etwas sagt.“ Dabei erhob der Seelenhirte den Stock gegen Wockenfuß, -der am Verlassen des Zimmers durch zwei Männer verhindert wird, die der -Pastor mitgebracht und neben die Tür postiert hatte! Wockenfuß brach -ohnmächtig zusammen.</p> - -<p>Die Folge war eine Klage des Pastors gegen den Lehrer auf Überschreiten -des Züchtigungsrechtes. <em class="gesperrt">Ohne Verhör</em> wurde Wockenfuß mit Verweis, -Ordnungsstrafe und schließlich mit Entziehung des Züchtigungsrechtes -bestraft, endlich wurde er wegen vier einem Knaben erteilter leichter -Hiebe seines Amtes entsetzt. Pötter hatte ihm nämlich pflichtwidrig -nichts über den Entzug des Züchtigungsrechtes mitgeteilt!</p> - -<p>So ähnlich hat der wackere Pastor alle seine Lehrer behandelt! Einer -konnte sich nur mit der Dunggabel seiner erwehren! Einen anderen sucht<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[S. 40]</span> -Pötter zu einem für ihn günstigen Zeugnis in einer Strafsache gegen ihn -zu bewegen. Soundso oft steht Pötters Eid gegen den der Lehrer.</p> - -<p>Der Staatsanwalt erkannte an, daß in allen Fällen, in denen der -„Bütower Anzeiger“ das Verhalten des Pastors zu Lehrer Wockenfuß scharf -gegeiselt hatte, der <em class="gesperrt">Wahrheitsbeweis völlig geglückt</em> sei!</p> - -<p>Und das Urteil? Der Gerichtshof zu Stolp in Hinterpommern hielt den -Wahrheitsbeweis in folgenden Punkten für erbracht: Pötter hat den -Lehrer Halpap aus dem Lehramt vertrieben, er hat eine „Fertigkeit“ in -Lehrerkränkungen, er hat die Unwahrheit gesprochen, er hat leichtfertig -und aus Rachsucht Anzeigen gegen den Administrator des Grafen Schwerin, -des Patronatsherrn, erstattet, er hat sich durch seine Handlungen -in Gegensatz zu seinem Eide gestellt. Ferner wurden die edlen und -selbstlosen Motive des Angeklagten Röhl vom Gerichtshof ausdrücklich -anerkannt und – es will gar nicht aus der Feder – dieser selbe Röhl -zu <em class="gesperrt">500 Mark Geldstrafe oder 50 Tagen Gefängnis verurteilt</em>!</p> - -<p>Nach in ganz Deutschland geltendem Recht <em class="gesperrt">mußte</em> das Gericht so -urteilen!</p> - -<p>Und Pötter? Es wurde festgestellt, daß sämtliche Lehrer vor ihm die -größte Angst hatten, aber eine Beschwerde hätte gar keinen Sinn -gehabt, denn nach dem famosen, heute noch in <em class="gesperrt">Preußen</em> gültigen -Disziplinargesetz vom 21. Juli 1852 ist, wenn ein Lehrer sich über -einen Vorgesetzten beschwert, <em class="gesperrt">die Behörde nicht verpflichtet, -auch den Lehrer</em> nach Vernehmung des Vorgesetzten nochmals <em class="gesperrt">zu -hören</em>, sondern <em class="gesperrt">die Aussagen des Vorgesetzten<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[S. 41]</span> gelten für -erwiesene Tatsachen</em>. Ferner: <em class="gesperrt">Wenn ein Vorgesetzter über einen -Lehrer Klage führt, so entscheidet die Behörde, ohne vorher den Lehrer -oder seine Zeugen gehört zu haben.</em> Diese Gesetze gelten heute noch, -im 20. Jahrhundert, auch gegen Gymnasialprofessoren, und es gibt noch -in Deutschland „Männer“, die solche Behandlung sich gefallen lassen<a id="FNAnker_71" href="#Fussnote_71" class="fnanchor">[70]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Am 28. Juli 1905 nachts gegen 1 Uhr führte ein Ehepaar mit der -Schwägerin ihren Hund auf die Straße. Ein angetrunkener Passant -ärgerte sich über das Tier und äußerte zu einem in der Nähe stehenden -Schutzmann – Beuche hieß das Auge des Gesetzes – daß der Hund ohne -Maulkorb sei. Das war nun zwar nicht der Fall, aber pp. Beuche, der -wohl die Gelegenheit für günstig hielt, seine „Schneid“ zu beweisen, -brüllte den Eigentümer barsch an. Als dieser sich den Ton verbat, -<em class="gesperrt">packte ihn</em> der Hüter der öffentlichen Ordnung am Genick und -stieß ihn vor sich her. Sein Protest dagegen wurde vom Beamten mit -<em class="gesperrt">Faustschlägen auf den Kopf</em> beantwortet. Sein Hinweis auf einen -vom Polizeipräsidenten ausgestellten Jagdschein wurde vom Schutzmann -zurückgewiesen mit der Bemerkung, der „Wisch“ genüge ihm nicht, -zugleich bekam der Ehemann etliche <em class="gesperrt">Fußtritte</em>. Seine <em class="gesperrt">Frau</em>, -die ihre Entrüstung in Worte kleidete, bekam <em class="gesperrt">Faustschläge auf die -Brust</em>, die, wie auch beim Ehemann, laut ärztlichen Attestes Spuren -hinterließen. Darauf erstattete der Gatte gegen den Schutzmann Beuche -Anzeige wegen Körperverletzung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[S. 42]</span></p> - -<p>Soweit ist alles in Ordnung, und wir hätten keinen Grund von den -Brutalitäten eines subalternen Rohlings an dieser Stelle Notiz zu -nehmen, wenn das Verhalten der Behörde sie nicht in andere Beleuchtung -rücken würde.</p> - -<p><em class="gesperrt">Die Staatsanwaltschaft lehnte nämlich ein Einschreiten gegen ihr -Organ ab</em> und erklärte, daß der Beamte so, wie er gehandelt habe, -hätte handeln <em class="gesperrt">müssen</em>! Nicht genug damit, drehte sie den Spieß -um. Da im Falle des Stattgebens der Anklage die drei Mißhandelten als -Zeugen gegen Beuche vereidigt worden wären, war die einfachste und -nördlich der Mainlinie auch beliebteste Art dies zu verhüten die, aus -Klägern bzw. Zeugen <em class="gesperrt">Angeklagte</em>, die bekanntlich nicht schwören -können, zu machen. Damit war ihnen die Möglichkeit des Beweises -abgeschnitten. Der Gerichtshof glaubte – was er nach der Prozeßlage -ja auch bona fide tun konnte – dem als <em class="gesperrt">Zeugen</em> vernommenen -Schutzmann und verurteilte den Ehemann zu 50 Mark Geldstrafe, die -eine Frau wegen <em class="gesperrt">versuchter Gefangenenbefreiung</em> zu drei Tagen -<em class="gesperrt">Gefängnis</em>, die andere wegen des gleichen Reates zu einem Tage. -Dabei handelte es sich um angesehene Personen aus dem Kaufmannsstande, -die noch niemals mit der Polizei in Konflikt gekommen waren. Das Urteil -wurde vom Schöffengericht I Berlin gefällt<a id="FNAnker_72" href="#Fussnote_72" class="fnanchor">[71]</a>.</p> - -<p class="mtop2">Da jedes Volk die Polizei hat, die es verdient, ist dem Vorkommnis -Allgemeingültigkeit nicht abzusprechen. Immerhin erscheint es -rätlich, noch einige ähnlich gelagerte Fälle, die zeigen, was der -Reichs<span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[S. 43]</span>angehörige zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Subalternbeamten -aushalten <em class="gesperrt">muß</em> – das ist das wesentliche – anzuführen. -Gleichzeitig sei aber konstatiert, daß wir nicht aus verbohrtem, uns -völlig fernliegendem Partikularismus lediglich solche Vorkommnisse -aus Norddeutschland registrieren, sondern nur deshalb weil uns aus -Süddeutschland kaum ähnliche Fälle bekannt sind. Gewiß gibt es auch -dort Rohlinge, aber Gerichte und Öffentlichkeit wissen mit ihnen fertig -zu werden.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Am 21. November 1906 wurde der Töpfer Marin in Zoppot wegen einer -Schulstrafe von <em class="gesperrt">einer</em> Mark von zwei Schutzleuten, denen er -<em class="gesperrt">Zahlung anbot</em>, am Bahnhof verhaftet und ins Gefängnis gebracht, -aus dem er am nächsten Tage mehr tot als lebendig entlassen wurde. Der -Arzt, der Marin zwei Tage später untersuchte, stellte ihm ein Attest -aus, wonach er den Mann in einem „geradezu desolaten Zustande“ befunden -hatte. Fast der ganze Körper war <em class="gesperrt">zerschunden</em>, auch ließ die -Untersuchung den <em class="gesperrt">Bruch einer oder mehrerer Rippen</em> vermuten. -Marin war daraufhin <em class="gesperrt">sieben Wochen erwerbsunfähig</em>. Vor Gericht -wurde festgestellt, daß die Hüter der öffentlichen Ordnung zusammen mit -dem Gefängniswärter Marin, der <em class="gesperrt">Zahlung auch im Gefängnis</em> anbot, -mit den Füßen und einem derben <em class="gesperrt">Stock mißhandelt</em> und in <em class="gesperrt">die -Rippen getreten</em> hatten. <em class="gesperrt">Außerdem nahm man ihm seinen Wochenlohn -von 22,70 M. ab.</em> Als Marin sich in der Zelle auf die Pelerine des -einen Schutzmannes – Kamin hieß der Kavalier – setzte, schrie dieser -ihn an: „Du<span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[S. 44]</span> <em class="gesperrt">roter Hund</em> sitzt auf meiner Pelerine“ und schlug -ihn mit dem Helm, den er an der Spitze hielt, ins Gesicht.</p> - -<p>Marin erstattete Strafanzeige, und die Verhandlung fand vor dem -Landgericht in Danzig statt. Der Staatsanwalt stellte zunächst mit -großer Energie fest, daß Marin gewerkschaftlich organisiert, also -<em class="gesperrt">Sozialdemokrat</em> sei. Daraufhin wurden der Gefängniswärter und -der Schutzmann zusammen zu einer <em class="gesperrt">Geldstrafe von 100 M.</em> wegen -Körperverletzung und Beleidigung verurteilt!</p> - -<p><em class="gesperrt">Dasselbe Gericht</em> hat einige Tage später einen nicht -vorbestraften 19jährigen Lehrling, der in angetrunkenem Zustande einen -Arzt und seine Gattin mehrmals anrempelte und beleidigte, dann aber -brieflich und vor Gericht seine Tat bereute, zu <em class="gesperrt">einem Jahr und einem -Monat Gefängnis</em> verurteilt<a id="FNAnker_73" href="#Fussnote_73" class="fnanchor">[72]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>An einem Abend wartete Frau B. vor dem Stadtbahnhof Alexanderplatz -in Berlin, als ein betrunkener Schutzmann mit den Worten auf sie -zutrat: „Du Sau, was stehst du hier herum?“ Sie verbat sich das Duzen -und sagte, daß sie auf ihren Mann warte. Auf weitere Flegeleien hin -suchte sie ihm zu entrinnen, der Schutzmann lief ihr aber nach, zog, -als die Menge gegen ihn Stellung nahm, den Säbel, hieb um sich und -versetzte mit den Worten: „<em class="gesperrt">Du Sau, warte nur, wenn ich dich erst -auf der Wache habe</em>“, ihr <em class="gesperrt">zwei Hiebe mit dem Säbel</em> über das -Kreuz. Ein Arzt,<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[S. 45]</span> der den Vorgang mit angesehen und beobachtet hatte, -wie <em class="gesperrt">der Schutzmann die Frau sogar in schamloser Weise angriff</em>, -wollte als Zeuge mit auf die Wache kommen. Das war aber entschieden -nicht im Sinne der Hüter des Gesetzes, denn man wollte ihn erst nicht -hinein lassen. Ein Beamter nahm den Arzt beim Wickel und stieß ihn -einfach in die Arrestzelle, aus der er erst durch die Intervention des -Polizeihauptmannes befreit wurde. Dann erstattete man gegen ihn Anzeige -wegen <em class="gesperrt">Hausfriedensbruches</em>, der aber nicht stattgegeben wurde.</p> - -<p>Da das Gericht annahm, daß der Angeklagte sich <em class="gesperrt">subjektiv nicht -bewußt gewesen sei</em>, in widerrechtlicher Weise gegen die Frau -einzuschreiten, sie auch <em class="gesperrt">nicht vorsätzlich geschlagen</em>, sondern -sie nur beim Herumfuchteln mit dem Säbel <em class="gesperrt">getroffen</em> habe, -verurteilte es ihn lediglich wegen Beleidigung zu einer <em class="gesperrt">Geldstrafe -von 100 M.</em></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ein <em class="gesperrt">Arbeiter</em>, der einem Schutzmann gesagt hatte: „Sie haben uns -gar keine Vorschriften zu machen, denn dazu sind Sie uns zu dumm; ich -habe so viel Grütze in den Beinen, wie Sie im Kopf“, wurde dagegen in -Halle vom Gericht zu einer Gefängnisstrafe von 2 Monaten verurteilt! -Ein <em class="gesperrt">Student</em>, der ebenfalls in Halle einen Polizeisergeanten mit -dem Stocke derart über den Helm geschlagen hatte, daß der Stock in -Stücke ging, die Helmspitze abbrach und der Helm sich verbog, dann im -Wachtlokal spöttisch geäußert hatte: „Ach, bei der Halleschen Polizei -braucht man nur zu fragen, <em class="gesperrt">was die Sache kostet</em>, dann ist schon<span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[S. 46]</span> -alles erledigt,“ wurde zu einer Geldstrafe von 40 M. verurteilt.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Referendar Morell war zusammen mit dem Kammergerichtsreferendar -Tschepke am 20. November 1906 auf einem Berliner Polizeirevier -erschienen, um einen Automobilführer, der sie falsch gefahren, -feststellen zu lassen. Die nächtliche Störung gefiel den wackern -Männern der Ordnung augenscheinlich gar nicht; deshalb stellten sie -zwar nicht den Autoführer fest, <em class="gesperrt">behielten aber die beiden Kläger -auf der Wache</em>! Als Morell dagegen protestierte, schrie der -Wachthabende Korrhun dem Schutzmann Keppler zu: „Machen Sie den Mann -ruhig.“ Keppler kam dieser Aufforderung gründlich nach, faßte Morell an -beiden Schultern und schüttelte ihn gewaltsam so hin und her, daß er -mit dem Kopf gegen die Wand flog. Sein Hinweis auf seine Eigenschaft -als Referendar nützte gar nichts. Als Morell seinem sich entfernenden -Freunde nachfolgen wollte, stürzten sich beide Schutzmänner auf ihn, -hielten ihn mit Gewalt zurück, und während Keppler den Referendar -Tschepke hinausbeförderte, <em class="gesperrt">würgte</em> Korrhun, ein Hüne, den -ersteren, <em class="gesperrt">schlug ihn</em> auf den Kopf und ließ ihn schließlich in -<em class="gesperrt">eine Zelle sperren</em>, wo er ihn hinter einem eisernen Gitter halb -bewußtlos bis 5½ Uhr festhielt.</p> - -<p>Auf die Anzeige Morells hin, <em class="gesperrt">lehnte die Staatsanwaltschaft ein -Verfahren gegen die Schutzleute ab, leitete dagegen das typische gegen -Morell</em>(!!) wegen „Beleidigung“ der Schutzleute,<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[S. 47]</span> „Widerstandes -gegen die Staatsgewalt“ und „Hausfriedensbruch“ ein! Erst auf Anweisung -des Oberstaatsanwalts wurde die Anklage auch gegen die Schutzleute -wegen Beleidigung, Mißhandlung und Freiheitsberaubung erhoben, so daß -nunmehr neben Morell auch diese die Anklagebank zierten. Morell wurde -freigesprochen, da seine Angaben sich als <em class="gesperrt">wahr</em>, die beider -Schutzleute als <em class="gesperrt">unwahr</em> herausstellten. Korruhn erhielt 5 Monate -Gefängnis, Keppler eine Geldstrafe von 100 M.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Eine Frau wollte, wie ein konservativer Abgeordneter im preußischen -Abgeordnetenhause 1908 ausführte, von Grunau nach Hirschberg fahren. -Das Geld, das sie zur Bezahlung der Fahrkarte hinlegte, war schmutzig -und wurde für falsch gehalten. Daraufhin sperrte man die Frau -<em class="gesperrt">mit ihrem Kinde</em>, einem dreieinhalbjährigen Knaben, ein. Eine -Hausuntersuchung beim Ehemann, einem Arbeiter, verlief resultatlos. -Die Frau blieb <em class="gesperrt">vier Tage</em> eingesperrt, endlich kam das Geld -zur Reichsbanknebenstelle, von da an die Filiale des Schlesischen -Bankvereins und schließlich zu einem Goldarbeiter, aber es war und -blieb <em class="gesperrt">absolut echt</em>. Der Staatsanwalt schickte es darauf zur kgl. -Münze, die den ganzen Betrag in funkelnagelneuen Stücken zurückzahlte. -Daraufhin wurde die Frau entlassen und meldete sich beim Redner. Die -Auslagen betrugen 17,90 M. Die Staatsanwaltschaft aber weigerte sich, -diese zurückzuerstatten. Redner setzte daraufhin einen Brief an die -Staatsanwaltschaft<span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[S. 48]</span> auf mit dem Hinweis, daß die Geschädigte sich im -Falle einer Ablehnung an den Justizminister wenden und der Vermittlung -eines Abgeordneten bedienen würde. Die Frau ließ diesen Brief von -einem Nachbarn abschreiben. Die Staatsanwaltschaft ordnete nun eine -<em class="gesperrt">Feststellung</em> an – ob der Nachbar solche Briefe <em class="gesperrt">berufsmäßig -abschreibe</em>, und ob etwa eine <em class="gesperrt">Steuerkontravention</em> vorliege! -Auch wurde die Frau noch einmal darüber vernommen, ob sie etwa -<em class="gesperrt">Quecksilber</em> in der Wohnung hatte!! Nach etwa 14 Tagen wies der -Justizminister 15 M. an, blieb also der armen Frau <em class="gesperrt">noch drei Mark -schuldig</em>!</p> - -<p>Risum teneatis amici!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Frau Marie Feuth, die Gattin eines jungen Architekten, der in -unglücklichen Geschäften sein Vermögen verloren hatte und von den -Gläubigern hart bedrängt ward, wurde im November 1906 in Berlin mit -ihrem Mann auf offener Straße verhaftet und in ein Polizeirevier -eingeliefert. Hier wurden beide in eine „Detentionszelle“ eingesperrt, -wo sie von 1½ Uhr mittags bis 8 Uhr abends sitzen mußten. Um diese -Stunde wurde das Ehepaar in den „grünen Wagen“ verladen und nach dem -Polizeipräsidium übergeführt.</p> - -<p>Hatten sie den Wagen mit einigen Zuhältern geteilt, so trafen sie -dort noch Verbrecher, Dirnen und betrunkene Rowdys. Andern Tags gegen -11 Uhr wurde Frau Feuth in einem überfüllten Wagen voller Zuhälter -und Dirnen, die durch Zoten und Handgreiflichkeiten sich die Zeit -verkürzten, nach Moabit<span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[S. 49]</span> transportiert, dort zwei Weibern überwiesen, -die sie – zum zweiten Male – <em class="gesperrt">bis auf die Haut entkleideten</em>. -Nach 10 Minuten kam die Oberin. Im <em class="gesperrt">Evakostüm</em> mußte die Dame -den Raum durchschreiten und mit dem Gesicht gegen die Wand eine ganze -Weile stehen, bis alle ihre Sachen ausreichend beschnüffelt und gebucht -waren. Dann wurde sie vermessen, bis sie glücklich die Erlaubnis -erhielt, sich wieder anzukleiden. Hierauf wurde sie in eine Zelle -gesperrt, nach einer halben Stunde wieder herausgelassen, um sich mit -schwarzer Schmierseife zu waschen und in einer keineswegs reinen Wanne -zu baden. Ihre Leibwäsche wurde ihr genommen und sie erhielt die grobe -Anstaltswäsche, ein grobes sackleinenes Hemd und ein Paar für ihre -Schuhe viel zu dicke Strümpfe, so daß sie nur mit großen Schmerzen -gehen konnte. Beinkleider wurden nicht verabfolgt. Endlich mußte sie -sich durch eine Strafgefangene auf <em class="gesperrt">Ungeziefer</em> untersuchen lassen!</p> - -<p>In die Zelle zurückgeführt, wurde sie in schroffer Weise auf die -Obliegenheiten der Zellenreinigung usw. hingewiesen. Abends gab es -eine Art von Wassersuppe und ein Stück Brot. Der <em class="gesperrt">Raum wimmelte von -Ungeziefer</em>, so daß die Dame angekleidet die Nacht über frierend -und weinend auf dem Bettrand sitzen blieb, weil sie sich nicht von der -Stelle zu rühren wagte. <em class="gesperrt">Sie wußte immer noch nicht, aus welchem -Grunde sie verhaftet worden war!</em> Auch die Oberin wußte keinen Grund -anzugeben!</p> - -<p>Frau Feuth blieb im Untersuchungsgefängnis <em class="gesperrt">10 Tage</em>, dann wurde -sie entlassen und das Verfahren gegen sie eingestellt. <em class="gesperrt">Erst jetzt -erfuhr sie den<span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[S. 50]</span> Grund ihrer Verhaftung</em>: wegen des Verdachtes der -Beihilfe zum Arrestbruch.</p> - -<p>Ihr Mann wurde nach 2½ Monaten von der Anklage der Urkundenfälschung -und der Verschleppung von Pfandgegenständen <em class="gesperrt">freigesprochen</em> und -wegen Arrestbruches zu einem Monat Gefängnis verurteilt, der durch die -Untersuchungshaft verbüßt war.</p> - -<p>Mit diesem „Arrestbruch“ hatte es aber auch seine besondere -Bewandtnis. Der Verteidiger hatte Herrn Feuth gesagt, er würde auch -von dieser Anklage freigesprochen werden, müsse aber noch lange in -Untersuchungshaft sitzen, denn bevor das Aktenmaterial geprüft sei, -vergingen Monate. Daraufhin entschloß sich Herr Feuth, sich <em class="gesperrt">ohne -Widerspruch</em> wegen dieses Anklagepunktes <em class="gesperrt">verurteilen zu lassen, -um nur die Freiheit wiederzugewinnen</em>! Seine Frau saß nämlich mit 85 -Pfennigen an diesem Tage auf dem Berliner Pflaster!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Solche und ähnliche Fälle sind so zahlreich und wir könnten deren eine -solche Reihe anführen, daß wir sie als typischen Mißstand unseres -Rechtswesens bezeichnen können.</p> - -<p class="mtop2">Der Amtsrichter Emil Theisen war im Jahre 1894 am Amtsgericht in -Frankfurt a. M. beschäftigt. Hier machte er alltäglich die Erfahrung, -daß bei der Festnahme von Personen und deren Vorführung vor den Richter -die zum Schutze der persönlichen Freiheit erlassenen gesetzlichen -Bestimmungen von der Polizei<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[S. 51]</span>behörde nicht beachtet wurden. Als solche -Gesetzwidrigkeiten sich mehrten und ein Bericht an die Justizverwaltung -erfolglos blieb, machte er in der Überzeugung, daß der Tatbestand des § -341 St.G.B. vorliege, Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Wiewohl nun -der Disziplinarsenat des Kammergerichtes als erwiesen ansah, daß die -Vorführung der vorläufig festgenommenen Personen vor dem Amtsrichter in -einer großen Anzahl von Fällen <em class="gesperrt">nicht</em> dergestalt „ohne Verzug“ -stattgefunden habe, als dies der Vorschrift der Strafprozeßordnung -entsprochen haben würde, erkannte er doch auf <em class="gesperrt">Zwangsversetzung</em> -in ein anderes richterliches Amt von gleichem Range wegen der -beleidigenden Form der Anzeigen und Bruch des Amtsgeheimnisses. -Letzteres Delikt wurde darin gesehen, daß Theisen der „Frankfurter -Zeitung“, die den Fall gebracht hatte, zur Beseitigung einiger Schärfen -und um falsche Lesarten zu verhindern, einige <em class="gesperrt">berichtigende -Mitteilungen</em> gemacht hatte. Der Oberstaatsanwalt hatte Theisen -gedroht, er werde sein ganzes Leben lang darunter zu leiden haben, wenn -er seine Strafanträge nicht zurückzöge! Darin sollte er auch recht -behalten, denn Theisens Karriere war beendet, weil er nach Ansicht -seiner Vorgesetzten „die Justiz zu sehr kompromittiert“ hätte. So geht -es also einem preußischen Richter, der Ungesetzlichkeiten rügt<a id="FNAnker_74" href="#Fussnote_74" class="fnanchor">[73]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Turmwächter König in Wasungen bei Jena hatte mehrere Jahre -hintereinander die unheimliche Beobachtung gemacht, daß in der -Silvesternacht um<span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[S. 52]</span> 12 Uhr ein Licht über den dortigen Friedhof -wandle. Auf Grund einer Wette ging er nun am 31. Dezember 1906 mit -seinem Freunde Bach, einem befreundeten Kellner und seinen beiden -Schwestern zur geheimnisvollen Stunde dort hin. Tatsächlich tauchte das -unheimliche Licht Punkt 12 Uhr auf. Während die Schwestern ausrissen, -feuerte Bach seinen mitgebrachten Revolver auf das Gespenst und -traktierte es dann mit Säbelhieben übel. Daraufhin lüftete das Gespenst -sein Inkognito und entpuppte sich als Bernhard Günkel in Wasungen, der -seit Jahren in der Neujahrsnacht vom Friedhof einen Kreuzdornzweig -zu holen pflegte. Dieser, stillschweigend gebrochen, ist nämlich -ein sicheres Mittel gegen Krankheiten bei Mensch und Vieh. Auf den -Strafantrag des Gespenstes wurde Bach vom Wasunger Schöffengericht -wegen Körperverletzung zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Meininger -Strafkammer bestätigte diese Strafe, wiewohl Bach, dessen Mut -jedenfalls größer war als seine Intelligenz, bekundete, er habe die -feste Überzeugung gehabt, nicht auf einen Menschen, sondern auf ein -Gespenst losgeschlagen zu haben.</p> - -<p>Ob in diesem Falle der Staat nicht vielleicht besser getan hätte für -entsprechenden Schulunterricht zu sorgen, statt einem armen unwissenden -Menschen, der das glaubte, was die unfehlbare Kirche Jahrhunderte -gelehrt und mit Gewalt eingebläut hatte, streng zu strafen? Immerhin -ist die Tatsache ein wertvolles Kulturdokument, sowohl bezüglich der -Volksbildung als der Strafrechtspflege.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[S. 53]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Dritter_Abschnitt"><span class="s5">Dritter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Die „Ketzer“ und die römisch-katholische Kirche</span></h2> - -</div> - -<p>Wilhelm Pelisso, ein zwischen 1220 und 1240 im Bezirke von Toulouse -tätiger Dominikaner hat ein Tagebuch „Chronikon“ hinterlassen, dessen -Handschrift die Bibliothek von Carcassonne (n. 6449) bewahrt. Er -schreibt: „Zum Ruhme und Lobe Gottes und der seligen Jungfrau Maria -und des hl. Dominicus, unseres Vaters, und der ganzen himmlischen -Heerschar will ich einiges aufzeichnen, das der Herr in der Gegend -von Toulouse gewirkt hat durch die Brüder des Predigerordens -(Dominikaner) und auf die Bitten hin des hl. Dominicus...: Damals -starb ein ketzerischer Kleriker, der im Kreuzgang der Kirche beerdigt -wurde. Als dies Magister Rollandus hörte, ging er mit den Brüdern -(Dominikaner) dorthin, <em class="gesperrt">sie gruben ihn aus, schleiften ihn durch die -Straßen und verbrannten ihn</em>. Zu gleicher Zeit starb ein Ketzer -namens Galvanus. Das entging dem Magister Rollandus nicht; er rief die -Brüder (Dominikaner), den Klerus und das Volk zusammen; sie gingen in -das Haus, wo der Ketzer gestorben war, sie zerstörten es von Grund -aus und machten es zu einer Dungstätte; den Galvanus <em class="gesperrt">gruben sie -aus</em>. <em class="gesperrt">Seinen Leichnam<span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[S. 54]</span> schleppten sie in ungeheurem Zuge durch -die Stadt</em> (Toulouse) und <em class="gesperrt">verbrannten ihn</em> außerhalb der -Stadt. Das ist geschehen im Jahre 1231 <em class="gesperrt">zur Ehre unseres Herrn Jesu -Christi</em> und <em class="gesperrt">des hl. Dominikus</em>, und <em class="gesperrt">zur Ehre der römischen -und katholischen Kirche</em>, unserer Mutter.“ Arnoldus Catalanus, -damals Inquisitor, vom päpstlichen Legaten ernannt, verurteilte zum -lebendig verbrannt werden zwei Ketzer, Peter von Puechperdut und Peter -Bomassipio; beide wurden zu verschiedenen Zeiten <em class="gesperrt">verbrannt</em>. -Auch einige Verstorbene verurteilte er, ließ sie <em class="gesperrt">ausgraben</em> und -<em class="gesperrt">verbrennen</em>. Der Inquisitor Bruder Ferrarius (Dominikaner) ließ -viele Ketzer ergreifen, ließ sie <em class="gesperrt">einmauern</em>; einige ließ er auch -<em class="gesperrt">verbrennen, unter Beistand des gerechten Gerichtes Gottes</em>.. Der -Ketzer Johannes Textor wurde mit anderen <em class="gesperrt">verbrannt</em>. Zur selben -Zeit ließen die Inquisitoren Bruder Peter Cellani und Bruder Wilhelm -Arnaldi (Dominikaner) einige <em class="gesperrt">Verstorbene ausgraben</em>, <em class="gesperrt">durch -die Straßen schleifen</em> und <em class="gesperrt">verbrennen</em>. In Montemsegurum -(Montsegur) ließen sie den Johannes da Garda mit <em class="gesperrt">210 anderen Ketzern -verbrennen</em>. Und ein großer Schrecken entstand unter den Ketzern der -ganzen Gegend. (Dieser Wilhelm Arnaud wurde zur Belohnung für dieses -christliche Wirken am 1. September 1866 von Papst Pius IX. <em class="gesperrt">„selig“ -gesprochen</em>!!!) Inzwischen ließ der Bruder Pontius de S. Egidio, -Prior (des Dominikanerkonvents) zu Toulouse, den Handwerker Arnold -Sancerius vorfordern und nahm gegen ihn viele eidliche Zeugnisse -entgegen. <em class="gesperrt">Er selbst aber leugnete alles.</em> Der Prior und die -Brüder aber verurteilten ihn. Er wurde zum<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[S. 55]</span> Scheiterhaufen geführt, -rief aber fortwährend: „man tut mir unrecht, ich bin ein guter Christ -und glaube an die römische Kirche“. Dennoch wurde er <em class="gesperrt">verbrannt</em>. -Im Jahre 1234 wurde die Heiligsprechung unseres hl. Vaters Dominikus -in Toulouse verkündet. Der Bischof Raimundus von Miromonte feierte die -Messe im Dominikanerkloster, und nachdem der Gottesdienst fromm und -feierlich beendet war, wuschen sie sich die Hände, um im Speisesaal -zu speisen. Da kam, durch göttliche Fügung und wegen der Verdienste -des hl. Dominikus, dessen Fest man feierte, einer aus der Stadt und -meldete, daß einige Ketzer zu einer kranken Ketzerin gegangen seien. -Sogleich gingen sie (der Bischof und die Dominikaner) dorthin. Der -Bischof setzte sich an das Bett der Kranken und sprach ihr viel von der -Verachtung der Welt. Und <em class="gesperrt">weil die Kranke im Glauben war, es sei der -Vorsteher der Ketzer</em>, so antwortete sie frei auf alle Fragen. Der -Bischof entlockte ihr mit vieler Vorsicht ein Bekenntnis dessen, was -sie glaubte. Dann fügte er hinzu: <em class="gesperrt">Du darfst nicht lügen und nicht an -diesem elenden Leben hängen. Deshalb sage ich dir, du sollst standhaft -sein in deinem Glauben</em> und nicht aus Todesfurcht anders aussagen, -als du in deinem Herzen denkst. Sie antwortete: Herr, wie ich sage, so -glaube ich, und wegen dieses elenden Lebens ändere ich meinen Vorsatz -nicht. Da sagte der Bischof: Du bist eine Ketzerin, was du bekannt -hast ist ketzerisch. Ich bin der Bischof von Toulouse und verkünde den -römisch-katholischen Glauben, den ich dich ermahne anzunehmen. Aber er -richtete nichts aus. Da verurteilte<span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[S. 56]</span> sie der Bischof in <em class="gesperrt">Kraft Jesu -Christi</em>(!) als Ketzerin. Er ließ sie <em class="gesperrt">mit dem Bett, in dem sie -lag, zum Scheiterhaufen tragen und sofort verbrennen</em>. Nachdem dies -geschehen, gingen der Bischof und die Brüder (Dominikaner) <em class="gesperrt">zurück -in den Speisesaal, und was dort bereitet war, aßen sie mit großer -Fröhlichkeit, Dank sagend Gott</em> und dem hl. Dominikus. Dies hatte -der Herr gewirkt am ersten Festtage des hl. Dominikus, <em class="gesperrt">zur Ehre und -zum Ruhme seines Namens</em> und seines Dieners, des hl. Dominikus, -<em class="gesperrt">zur Erhöhung des Glaubens</em> und zur Niederwerfung der Ketzer<a id="FNAnker_75" href="#Fussnote_75" class="fnanchor">[74]</a>. -In dieser Tonart geht es fort, doch dürfte die Probe genügen, um eine -Vorstellung von dem kirchlichen Wirken in christlicher Liebe zu geben, -das für Südfrankreich noch so segensvoll werden sollte.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als die ersten Katharer – darunter 10 Domherren – 1022 zu Orleans -verbrannt wurden, sträubten sich noch vereinzelt die zwar rohen aber -nicht raffinierten Gemüter gegen diese Art der Verbreitung der Religion -der Liebe. Bischof Wazon von Lüttich (1042–1048) antwortete auf die -Frage des Bischofs Roger von Chalons, ob er die Ketzer verbrennen -lassen dürfe, daß Blutvergießen gegen den Geist und die Aussprüche -Christi sei, der das Unkraut mit dem Weizen stehen lassen will, bis -zum Tage <em class="gesperrt">seines</em> Gerichtes. Gab es damals, wenn auch nur sehr -sporadisch, noch unter den Christen Menschen, so hörte das bald genug -auf, wenigstens soweit die tonangebenden Diener der Mutter Kirche in -Frage kommen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[S. 57]</span></p> - -<p>Dem Kardinal Heinrich, Bischof von Albano, der 1180 von Innocenz -III. (1198–1216) gegen die Albigenser in Südfrankreich geschickt -wurde, gebührt der Ruhm, den <em class="gesperrt">ersten Kreuzzug von Christen gegen -Christen</em> gepredigt zu haben. Er hatte glänzenden Erfolg. Ein auf -päpstlicher Seite stehender Augenzeuge schreibt, daß er <em class="gesperrt">„ein weit -und breit verwüstetes Land, zerstörte Dörfer und Städte, ein Bild des -Todes“ hinterließ</em>.</p> - -<p>Papst Innocenz III. forderte mit glühenden Worten zur Vertilgung der -„Gottlosen“ auf. Unter Berufung auf des Apostels Paulus (!) Worte -„Dieweil ich tückisch war, habe ich euch mit Hinterlist gefangen“, -mahnt der Statthalter Christi in einem Schreiben an seine Legaten, -den Grafen von Toulouse, die Hauptstütze der „Ketzer“, schlau zu -<em class="gesperrt">täuschen</em>, als ob man es nicht so sehr auf ihn abgesehen habe. -Dadurch werde verhindert, daß der Graf sich mit den Streitkräften -der übrigen Ketzer vereinige. Es sei dann leichter, ihn später, nach -Niederwerfung der übrigen, allein zu besiegen.</p> - -<p>Dieser Kreuzzug führte 1209 im Juli und August zur Eroberung von -Beziers und Carcassonne. Da man nicht wußte, welche von den Bewohnern -Beziers ketzerisch, welche rechtgläubig waren, ließ der päpstliche -Legat mit den von echt christlicher Milde zeugenden Worten „<em class="gesperrt">Tötet -sie alle, Gott wird die Seinen zu erkennen wissen</em>“, <em class="gesperrt">alle -hinschlachten</em>. Es waren ihrer <em class="gesperrt">zwanzigtausend</em>, Männer, Frauen -und Kinder! In der einen Kirche Maria Magdalena mordete man 7000 -Menschen, die sich dorthin geflüchtet hatten. In Carcassonne wurden -zu gleicher Zeit <em class="gesperrt">400 Ketzer<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[S. 58]</span> verbrannt</em> und <em class="gesperrt">50 gehängt</em>. -Triumphierend berichtete der Legat dies dem Papst: die göttliche Rache -habe die Ketzer wunderbar vernichtet.</p> - -<p class="mtop2">Im weiteren Verlaufe dieses Kreuzzuges, der so glänzend die -zivilisatorische Macht der Kirche dokumentiert, wurden 1211 in Lavour -über 100 Ketzer mit Feuer und Schwert gemordet. Und zwar vollzogen die -päpstlichen Scharen dieses Blutbad, laut Berichten „<em class="gesperrt">mit ungeheuerer -Freude</em>“. Am 20. Februar 1213 richteten zahlreiche zu Lavour -versammelte Bischöfe an Innocenz folgendes Schreiben: „Wir bitten -Euere Gütigkeit mit gebührender Ehrfurcht, kniend und unter Tränen -(die bekanntlich im frühen Mittelalter nie fehlen durften), daß Ihr, -gemäß dem Eifer des Phineas, den Ihr besitzt, diese schlechteste Stadt -(Toulouse) mit all ihren Verbrechern, mit all ihrer Unreinheit und -ihrem Schmutz, der sich angesammelt hat in dem aufgeschwollenen Leibe -dieser giftigen Schlange, die in ihrer Bosheit nicht geringer ist als -Sodoma und Gomorrha, von Grund aus der gebührenden <em class="gesperrt">Vernichtung</em> -anheimfallen zu lassen“. Papst Innocenz entsprach diesen frommen -Bitten. Man unterzog sich dem Liebeswerk mit solchem Eifer, „<em class="gesperrt">daß -nicht nur offenbare Ketzer, sondern wer immer verdächtig erschien, dem -Scheiterhaufen überliefert wurde</em>“.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als unter Papst Honorius III. die Stadt Marmande gestürmt wurde, fielen -dem Rat der Bischöfe, alle Einwohner zu töten, <em class="gesperrt">5000 Männer, Frauen -und<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[S. 59]</span> Kinder</em>, zum Opfer. Der Kardinal Bertrand wiederholte in seinen -Predigten beständig, daß „<em class="gesperrt">Tod und Schwert die ständigen Begleiter -des Kreuzheeres sein müßten; alles Leben müßte vertilgt werden</em>.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der päpstliche Vernichtungskrieg gegen die Albigenser dauerte noch bis -zum Ende des 13. Jahrhunderts mit glänzendem Erfolge: Südfrankreich, -die Heimat der Troubadours und feinen ritterlichen Sitten, war -zur Wüstenei geworden, der heimische Adel verdrängt, die geistige -Führung endgültig an den Norden abgetreten. Es herrschte Ruhe, -Grabesfrieden<a id="FNAnker_76" href="#Fussnote_76" class="fnanchor">[75]</a>.</p> - -<p>Den Waldensern ging es nicht viel besser. Innocenz IV. forderte durch -eine Bulle vom Jahre 1248 in der Bourgogne auf. „Die Inquisitoren -verfolgten die Waldenser und verbrannten, wen sie auffinden konnten.“</p> - -<p>Der von Papst Gregor IX. entsandte Franziskanerinquisitor Lorelli -schlachtete in den Alpentälern Savoyens und der Dauphiné die Waldenser -zu Hunderten.</p> - -<p>Der 22. Mai 1393 wurde in Embrun festlich begangen. Die Stadt und -die Altäre der Kirchen waren geschmückt, die Priester in kostbaren -Gewändern umstanden sie. Die Christenheit hatte auch Grund sich zu -freuen, denn 80 <em class="gesperrt">Waldenser</em> aus den Tälern von Freyssinières -und Argentière und 150 <em class="gesperrt">Waldenser</em> von Vallouise wurden <em class="gesperrt">zum -Feuertode verurteilt. Die Hälfte der Gesamtbevölkerung dieser Täler -verschwand, ganze Familien: Vater, Mutter, Kinder.</em></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[S. 60]</span></p> - -<p>Ein Jahrhundert später drang der Kardinallegat des Papstes Innocenz -VIII., Albert von Cremona, in das Tal Vallouise ein. Da die Waldenser -sich in eine große Höhle des Berges Pelvoux geflüchtet hatten, ließ der -fromme Vertreter des Statthalters Christi am Eingang der Höhle Feuer -anzünden. <em class="gesperrt">Fünfzehnhundert Menschen, darunter Frauen und Kinder, -kamen teils durch Feuer und Rauch, teils durch das Schwert um.</em> Den -päpstlichen Vizelegat Mormoiron ließen Alberts Lorbeeren nicht ruhen. -Daher machte er es später fünfundzwanzig Waldensern gegenüber ebenso. -Er ließ vor einer Höhle Feuer anmachen und alle kamen um.</p> - -<p>Bis zum Jahr 1550 schätzt man die in der Provence geschlachteten -und verbrannten Waldenser, Männer, Frauen und Kinder, auf <em class="gesperrt">über -dreitausend</em>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wenigstens wußten die Legaten immer, was sie der Mutter Kirche schuldig -waren: Der päpstliche Franziskanerinquisitor verbindet sich im Jahre -1382 mit einer <em class="gesperrt">Räuberbande</em> von 22 Mann, um Ketzer zu ergreifen -und zu töten! Dem Räuberhauptmann Girardo Burgarone wurde dafür ein -<em class="gesperrt">Preis gezahlt</em>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1373 starb ein Ketzer fünf Tage vor dem Urteil. Deshalb wurde -seine Leiche in ungelöschtem Kalk aufbewahrt, um möglichst unversehrt -verbrannt zu werden.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[S. 61]</span></p> - -<p>Leo X. verdammte den Satz Luthers „Häretiker zu verbrennen ist gegen -den Willen des Hl. Geistes“ als häretisch<a id="FNAnker_77" href="#Fussnote_77" class="fnanchor">[76]</a>.</p> - -<p>Unter diesen Umständen ist es befremdend, daß die Kirche noch heute -gegen die Feuerbestattung ist. Etwa weil es sich ausschließlich um -<em class="gesperrt">Leichen</em> handelt?</p> - -<p>Um welcher Sünden willen wurden die Waldenser so verfolgt? – -Hoensbroech stellt noch eine Fülle von Daten zusammen – waren -sie keine Christen? verfluchten sie die Bibel? führten sie einen -unmoralischen Lebenswandel? Das Gegenteil war der Fall: sie lasen die -Bibel, führten ein von den Vorschriften der Bergpredigt geleitetes -Leben und verwarfen den Ablaß.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Eine Bischofsversammlung in Goslar verurteilte im Jahre 1051 mehrere -Ketzer zum Tode, weil sie sich geweigert hatten Hühner zu töten und -ausschließlich von Pflanzennahrung lebten. <em class="gesperrt">Sogar die Vegetarianer -können auf Märtyrer zurückblicken!</em></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als im Jahre 1184 Disputationen mit den Ketzern in Straßburg zu keinem -Ergebnis führten, weil sie alles aus der Bibel belegen konnten, wurden -die Lehren der Kirche als allein maßgebend hingestellt und – ohne -Rücksicht auf Übereinstimmung mit dem Evangelium – wer gegen sie -verstieß ohne Urteil verbrannt. <em class="gesperrt">Achtzig</em> fanden gemeinsam auf dem -Scheiterhaufen den <em class="gesperrt">Feuertod</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[S. 62]</span></p> - -<p>Erzbischof Gerhard II. von Bremen hatte sich mit den <em class="gesperrt">Stedingern</em>, -einem Bauernvolk in den Weserflußmarschen im heutigen Oldenburg, -überworfen, wohl weil sie gegen kirchliche Bedrückung sich aufgelehnt -hatten. Deshalb erklärte Papst Gregor IX., erfüllt von Milde und -Nächstenliebe, ihnen am 29. Oktober 1232 und am 19. Januar 1233 -den <em class="gesperrt">Kreuzzug</em>. Aus ganz Norddeutschland strömten die Scharen -zu diesem gottgefälligen Werk, ein freies deutsches Bauernvolk auf -Pfaffengeheiß hin zu vernichten, herbei. „Raub und Plünderung wüteten -weit und breit; auch Weiber und Kinder wurden erschlagen; wie die -Erde blutig sich färbte, so auch der Himmel; aber nicht bloß der -Brand der Ortschaften zeigte die Wut der Sieger. Auch die Lohe der -Scheiterhaufen, auf denen die Gefangenen verbrannt wurden, verkündete -die Grausamkeit, die im Namen der christlichen Kirche verübt ward.“</p> - -<p>In der dritten Stedingerbulle verlieh Gregor IX. allen gegen dieses -arme Volk Ziehenden die gleichen Ablässe, die den Kreuzfahrern im -Heiligen Lande zuteil wurden. Es war dem Statthalter Christi ernst -mit der Ausrottung des Bauernvolks. Als das „Kreuzfahrerheer“ am -Hemmelskamper Walde seine zweite schwere Niederlage erlitten harte, da -kam Erzbischof Gerhard auf einen Gedanken, würdig eines Kirchenfürsten: -er <em class="gesperrt">wollte die Deiche zerstören und die Stedinger ersäufen</em>! Aber -wieder waren sie stärker als ihr Seelenhirte. Im Frühjahr 1234, nachdem -Predigermönche in Westfalen, Holland, Flandern und Brabant Fürsten -und Volk neuerdings nachdrücklich auf die billige Gelegenheit, sich -den christlichen oder doch<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[S. 63]</span> päpstlichen Himmel zu sichern hingewiesen -und dadurch gewaltige Erbitterung und wohl auch geistige Habsucht -heraufbeschworen hatten, versammelte sich die Blüte des deutschen Adels -zu diesem gottgefälligen Vernichtungswerk. Selbst der Papst fühlte -ein menschliches Rühren und wollte die Möglichkeit eines Vergleiches -einräumen. Aber es war zu spät. Am 27. Mai 1234 beim Orte Altenesch -fiel die Entscheidung. Das blut- und beutegierige Kreuzheer, numerisch -und wohl auch an Bewaffnung dem Bauervolk weit überlegen, erdrückte die -Stedinger. Nur wenige wandten sich zur Flucht; <em class="gesperrt">über sechstausend -wurden getötet</em>. Unterdessen stand auf einer Anhöhe die zahlreiche -Geistlichkeit mit Kreuz und Fahne und sang das schöne, hier wirklich -passende Lied: Media vita in morte sumus.</p> - -<p>Für Bremen wurde die Schlacht bei Altenesch, eine der grausamsten -und blutigsten der deutschen mittelalterlichen Geschichte, ein -<em class="gesperrt">kirchlicher Feiertag</em>! Man wußte Kulturtaten zu ehren.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Konrad von Marburg</em> eröffnete seine glorreiche Laufbahn -als Inquisitor im Jahre 1212 mit der <em class="gesperrt">Verbrennung von achtzig -Waldensern</em> in Straßburg! „Im Jahre 1214 fing Bruder Konrad von -Marburg an zu predigen, und welche Ketzer er immer wollte, ließ er -in ganz Deutschland, ohne Widerspruch zu finden, verbrennen. Und so -predigte er zehn Jahre lang.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[S. 64]</span></p> - -<p>Dieser Streiter Gottes und seine Helfer hatten dabei ein sehr -praktisches Verfahren. „Sie ließen in Städten und Dörfern verhaften, -wen sie nur wollten, und übergaben diese Leute den Richtern <em class="gesperrt">ohne -alle weiteren Beweise</em> mit den Worten: das sind Ketzer, wir ziehen -unsere Hand von ihnen zurück. <em class="gesperrt">So waren die Richter genötigt, -dieselben zu verbrennen.</em> Indessen sahen diese Richter ohne Erbarmen -ein, daß sie ohne die Beihilfe der Herren nicht die Oberhand gewinnen -konnten. Daher wandten sie sich an den König Heinrich und andere Herren -und gewannen sie, indem sie sagten: wir verbrennen viele <em class="gesperrt">reiche</em> -Ketzer, und <em class="gesperrt">ihre Güter sollt ihr haben. In den bischöflichen -Städten soll die eine Hälfte der Bischof, die andere aber der König -oder ein anderer Richter bekommen</em>. Darüber <em class="gesperrt">freuten sich</em> -nun diese Herren, leisteten den Inquisitoren Vorschub, beriefen sie -in ihre Städte und Dörfer. Auf diese Weise gingen viele Unschuldige -zugrunde, blos um der Güter willen, welche jetzt die Herren erhielten“. -Das Geschäft blühte also, zumal sie auf die Frage, weshalb sie so -barbarisch vorgingen, antworteten: „<em class="gesperrt">Hundert Unschuldige verbrennen -wir, wenn nur ein Schuldiger darunter ist</em>“.</p> - -<p>Die Ketzerverfolgung, die von 1231 bis 1233 in Deutschland unter -diesem im Namen und mit Wissen des Statthalters Christi „arbeitenden“ -Konrad wütete, wurde mit bewunderungswürdigem Eifer durchgeführt. Ein -Zeitgenosse schreibt: „<em class="gesperrt">Niemand wurde Gelegenheit gegeben, sich zu -verteidigen</em>, oder auch nur die Zeit sich die Sache zu überlegen, -sondern sofort mußte man sich entweder als schuldig bekennen<span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[S. 65]</span> und wurde -dann als Büßer <em class="gesperrt">geschoren</em>, oder man leugnete das Verbrechen, und -dann wurde man <em class="gesperrt">verbrannt</em>. War man aber geschoren, so mußte man -die <em class="gesperrt">Mitschuldigen angeben</em>, widrigenfalls man <em class="gesperrt">verbrannt</em> -wurde. Daher glaubt man, daß <em class="gesperrt">auch</em> (!) Unschuldige verbrannt -wurden. Denn viele bekannten aus Liebe zum eigenen Leben und um ihrer -Erben willen, sie seien gewesen, was sie nie waren. Darauf wurden sie -gezwungen, Mitschuldige anzugeben. Sie verklagten Leute, ohne sie -verklagen zu wollen, Dinge aussagend, von denen sie nichts wußten. Auch -wagte es niemand, für jemand, der verklagt war, Fürsprache einzulegen -oder auch nur Milderungsgründe vorzubringen, denn dann wurde er als -<em class="gesperrt">Verteidiger der Ketzer</em> betrachtet, und für diese und die Hehler -der Ketzer war vom Papst die <em class="gesperrt">gleiche Strafe wie für die Ketzer</em> -selbst bestimmt. Hatte jemand der Sekte abgeschworen und wurde er -rückfällig, so wurde er, ohne noch einmal widerrufen zu können, -verbrannt“.</p> - -<p>Und wie verhielt sich der Papst zu diesen Greueltaten? Gregor IX. -erließ 1231 eine Verfügung: „<em class="gesperrt">Berufungen</em> derlei Personen (der -Ketzer) sind <em class="gesperrt">nicht zuzulassen; kein Anwalt, kein Notar darf ihnen -seine Dienste leihen, sonst verlieren sie für immer ihr Amt</em>“.</p> - -<p class="mtop2">Der Erzbischof Siegfried von Mainz schrieb, als Hekatomben der -Verfolgungswut dieses Konrad geopfert wurden, nach Rom: „Magister -Konrad <em class="gesperrt">erlaubte keinem sich zu verteidigen</em> und seinem eigenen -Pfarrer zu beichten. <em class="gesperrt">Jeder mußte bekennen, er<span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[S. 66]</span> sei ein Ketzer</em>, -habe eine Kröte berührt und geküßt. Manche wollten lieber sterben, -als so Schreckliches von sich auszusagen; andere erkauften das Leben -durch Lüge und sollten nun angeben, wo sie solche Dinge gelernt hätten. -Da sie niemand zu nennen wußten, <em class="gesperrt">baten sie um Bezeichnung der -Verdächtigen</em>, und als man ihnen die Grafen von Sayn und Arnsberg -und die Gräfin von Looz nannte, sagten sie: <em class="gesperrt">Ja, diese sind schuldig. -So wurde der Bruder vom Bruder angeklagt</em>. Ich (der Erzbischof -von Mainz) habe den Meister Konrad zuerst unter vier Augen, dann in -Gemeinschaft mit den Erzbischöfen von Köln und Trier ersucht, er möge -mit mehr Mäßigung verfahren, aber er gab nicht Ruhe“.</p> - -<p>Am 10. Juni 1233 schrieb der Statthalter Christi, Gregor IX., -überfließend von Menschenliebe, dem frommen Konrad, „wenn lindernde -Arznei nicht hilft, müsse das faulende Fleisch <em class="gesperrt">mit Feuer und -Schwert</em> entfernt werden“. Gleichzeitig schrieb er an König -Heinrich: „Wo ist der Eifer eines Moses, der an einem Tage 23000 -Götzendiener <em class="gesperrt">vernichtete</em>? Wo ist der Eifer eines Phineas, der -den Juden und die Madianiterin mit einem Stoße <em class="gesperrt">durchbohrte</em>? Wo -ist der Eifer eines Elias, der die 450 Baalspropheten mit dem Schwerte -<em class="gesperrt">tötete</em>? Wo ist der Eifer eines Mathatias, der entflammt für das -Gesetz Gottes am Altare den Juden <em class="gesperrt">tötete</em>?“</p> - -<p>Als Konrad von Marburg endlich erschlagen worden war, schrieb -Gregor, ein Verbrechen, wie die<span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[S. 67]</span> Ermordung Konrads, „eines Mannes -von <em class="gesperrt">vollendeter Tugend</em> und eines <em class="gesperrt">Heroldes des christlichen -Glaubens</em>“ könne überhaupt nicht nach Gebühr gezüchtigt werden!!!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im alten Rom wurden bekanntlich die Christen auch verfolgt, es genügte -aber die Teilnahme der Angeschuldigten am Götterdienst und dem Kaiser -dargebrachte Opfer als Beweise der Unschuld! Und zwar selbst bei einer -im Verdacht des Christentums stehenden Priesterin. Die Ausstellung -einer Urkunde über Opfer, Libation und verzehrtes Opferfleisch genügte -als Schutz gegen Verfolgungen. Origines sagt ausdrücklich, daß -„<em class="gesperrt">wenige und nur sehr leicht zu zählende</em>“ bis zur Verfolgung des -Decius <em class="gesperrt">den Märtyrertod erlitten haben</em><a id="FNAnker_78" href="#Fussnote_78" class="fnanchor">[77]</a>. Aber selbst in dieser -haben in der großen Gemeinde in Alexandria nur 10 Männer und 7 Frauen -für den Glauben geblutet! Ein Vergleich mit den der Inquisition zum -Opfer Gefallenen ist weder numerisch noch hinsichtlich der Grausamkeit -in der Verfolgung auch nur im allerentferntesten zulässig. Allerdings -waren die Römer auch nur Heiden.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die maurischen Herrscher Spaniens gewährten den unterworfenen Christen -und Juden <em class="gesperrt">volle Glaubensfreiheit</em>, sie durften Kirchen und -Klöster haben und ihren Gottesdienst frei üben. Weit entfernt, zum -Abfall vom Christenglauben zu zwingen, sahen die<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[S. 68]</span> mohammedanischen -Herrscher der Pyrenäenhalbinsel ihn nicht einmal gern. Trotzdem -gingen viele zum Glauben des höheren Kulturvolkes über. Juden standen -sogar hohe Staatsämter offen, während sie unter christlichem Regiment -furchtbar bedrückt worden waren. Damals war Spanien geistig und -materiell das blühendste Land Europas<a id="FNAnker_79" href="#Fussnote_79" class="fnanchor">[78]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Unter Isabella von Kastilien und Ferdinand dem Katholischen wurden die -letzten Mauren aus Spanien vertrieben, und die Segnungen der Kirche -ergossen sich über das Land. 1480 begann die vom Papst Sixtus IV. -geförderte Tätigkeit der Inquisition besonders gegen die Reichsten und -Vornehmsten. Thomas von Torquemada wurde 1483 Oberinquisitor. 1492 -erging ein Edikt, das alle Juden ohne Ausnahme aus Spanien vertrieb. -Sie durften ihre Habe <em class="gesperrt">veräußern oder vertauschen</em>, aber die -mindestens 160000 (nach andern 800000) Vertriebenen durften den -<em class="gesperrt">Erlös</em> dafür, Gold, Silber und andre verbotene Ware <em class="gesperrt">nicht -mit sich nehmen</em>! Beim Fall von Granada, 1492, wurde den Mauren -<em class="gesperrt">Glauben, Moscheen und Recht vertraglich zugebilligt</em>, und ganze -10 Jahre lang hielten die katholischen Fürsten ihre Zusagen. 1502 -<em class="gesperrt">wurden alle freien Mauren ausgewiesen</em><a id="FNAnker_80" href="#Fussnote_80" class="fnanchor">[79]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Nach der geringsten Schätzung wurden unter Karls V. Regierung in den -Niederlanden 50000,<span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[S. 69]</span> nach andern 100000 <em class="gesperrt">Ketzer hingerichtet</em>. -Herzog Alba rühmte sich, in den 5 bis 6 Jahren seiner Regierung mehr -als 18000 mit kaltem Blute hingerichtet zu haben. Auf dem Schlachtfelde -habe er noch viel mehr getötet. Demnach war er der Henker von -mindestens 40000 Menschen.</p> - -<p>Philipp II. von Spanien führte gegen die Ketzer einen 30 Jahre -dauernden Krieg. Er ließ jeden Ketzer, der nicht widerrufen wollte, -verbrennen. Widerrief er, wurde ihm <em class="gesperrt">Gnade erwiesen</em>; da er sich -aber einmal befleckt hatte, mußte er natürlich auch <em class="gesperrt">sterben</em>, nur -genügte statt des Feuertodes in diesem Falle der durch das Schwert<a id="FNAnker_81" href="#Fussnote_81" class="fnanchor">[80]</a>.</p> - -<p>Man hat die allein in Spanien während des 16. Jahrhunderts wegen -protestantischer, jüdischer oder mohammedanischer „Ketzerei“ -Verbrannten auf etwa 18000 berechnet. Mag diese Zahl auch um etliche -Tausende übertrieben sein, so muß doch berücksichtigt werden, daß außer -in Spanien und den Niederlanden noch in Mexiko, Cartagena, Lima, sowie -dem damals noch spanischen Sizilien und Sardinien gleichzeitig in -derselben Weise die Religion der Liebe verbreitet wurde<a id="FNAnker_82" href="#Fussnote_82" class="fnanchor">[81]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die letzte Verbrennung in Rom dürfte am 22. August 1761 stattgefunden -haben; in Spanien fand in Sevilla am 7. November 1781 das letzte<span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[S. 70]</span> -Autodafé statt. Im römischen Falle war der Delinquent vorher gehängt -worden<a id="FNAnker_83" href="#Fussnote_83" class="fnanchor">[82]</a>.</p> - -<p>Voltaire hat in seiner Schrift „Dieu et les hommes“ berechnet, daß -während der Glanzperiode des Papsttumes 10 Millionen von Menschen der -„Mutter Kirche“ zum Opfer fielen. Von ihr befreiten die Menschheit die -Philosophen der verhaßten Aufklärung, die französische Revolution und -die Naturwissenschaften. Als die Religion der Liebe in ihrer bisherigen -Form abgewirtschaftet hatte, fing die Menschenliebe an; gewiß nicht aus -Verschulden ihres erhabenen Stifters.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[S. 71]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vierter_Abschnitt"><span class="s5">Vierter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Toleranz und Ähnliches</span></h2> - -</div> - -<p>Melanchthon, wegen seiner Milde bekannt, rühmte Kalvin ausdrücklich -wegen der Verbrennung des Servet und verlangt „<em class="gesperrt">die Verhängung -bürgerlicher Strafen bis zur Todesstrafe gegen die Katholiken</em>“<a id="FNAnker_84" href="#Fussnote_84" class="fnanchor">[83]</a>. -Das war noch ganz der Geist der Bamberger Halsgerichtsordnung von 1507, -die bestimmte: „Wer durch die ordentlichen geistlichen Richter für -einen Ketzer erkannt und dafür dem weltlichen Richter überantwortet -wurde, der soll auf dem Feuer vom Leben zum Tode bestraft werden“.</p> - -<p>Die Exkommunikationsformel gegen den Rat der Stadt Magdeburg lautete: -„Er scheide sie (die Katholiken) als <em class="gesperrt">faule, stinkende Glieder</em> -ab von der Gemeinde Christi, er schließe ihnen den Himmel zu und die -Hölle weit auf, er übergebe sie dem leidigen Teufel, sie <em class="gesperrt">am Leibe -zu martern, zu quälen und zu plagen</em>,... er gebiete auch von Amts -wegen, daß andere Christen sich solcher verbannten Menschen gänzlich -enthalten, mit ihnen nicht essen oder trinken, sie zur Hochzeit oder -ehrlicher Gesellschaft nicht laden,... sie auf der Straße nicht grüßen -und in Summa für <em class="gesperrt">Heiden</em> oder <em class="gesperrt">Unchristen</em> halten sollen mit -allen ihren Sünden teilhaftigen Anhängern, bis sie ihre Sünden bekennen -und Kirchenbuße tun“<a id="FNAnker_85" href="#Fussnote_85" class="fnanchor">[84]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[S. 72]</span></p> - -<p>Über die von den Protestanten unter Karl II. in England unternommene -große Katholikenverfolgung schreibt Macaulay: „Inzwischen waren -die Gerichtshöfe, welche inmitten politischer Bewegungen sichere -Zufluchtsstätten für die Unschuldigen jeder Partei sein sollen, durch -wildere Leidenschaften und schmutzigere Bestechungen beschimpft, als -selbst bei den Wahlbühnen zu finden waren... Bald strömten aus allen -Bordellen, Spielhäusern und Bierkneipen Londons falsche Zungen hervor, -um Römisch-Katholische um ihr Leben zu schwören.“ Damals fielen -Tausende und Abertausende den Protestanten zum Opfer<a id="FNAnker_86" href="#Fussnote_86" class="fnanchor">[85]</a>.</p> - -<p>Wie Felix Platter berichtet, wurden im Jahre 1554 <em class="gesperrt">Protestanten</em> -in Frankreich mit dem <em class="gesperrt">Tode</em> bestraft, ein Vornehmer aber an die -Galeere geschmiedet. Im gleichen Jahre sah er in Avignon oben am Palast -Reformierte im <em class="gesperrt">eisernen Käfig zu Tode eingesperrt</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das lutherische Sachsen war ängstlich darauf bedacht, jeglichen -kalvinistischen „Irrglauben“ fern zu halten. Da der Kanzler Christians -I., Dr. Krell, einer weitherzigeren Ansicht huldigte, wurde er am Tage -der Beerdigung seines Herrn (1591) verhaftet und ihm der Prozeß als -Kryptokalvinisten gemacht. Zehn Jahre lang mußte er Sommer und Winter -in einem fast überall offenen Kerker sitzen, wo er „in dem Stank -und Unflat ganz verderben“ mußte. Als älterer, von der Gicht schwer -heimgesuchter Mann, mußte er im <em class="gesperrt">Krankenstuhl aufs Schafott getragen -werden</em><a id="FNAnker_87" href="#Fussnote_87" class="fnanchor">[86]</a>. Hinsichtlich der Toleranz haben sich die verschiedenen -christlichen Konfessionen gegenseitig<span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[S. 73]</span> nichts vorzuwerfen; sie alle -befolgen gewissenhaft das <em class="gesperrt">Bibelwort</em>: „So jemand zu euch kommt -und bringet diese Lehre nicht, den nehmet nicht (auf) zu Hause und -grüßet ihn auch nicht. Denn wer ihn grüßet, der machet sich teilhaftig -seiner bösen Werke!“ (II. Joh. 10) und „Wer glaubet und sich taufen -läßt, wird selig werden; wer aber nicht glaubet, wird verdammet -werden.“ (Mark. 16, 16).</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Erst im Laufe des 17. Jahrhunderts läßt man in der Praxis den Grundsatz -cuius regio, eius religio ganzen Völkern gegenüber fallen und versucht -nicht mehr, ihnen die Konfession des Landesherren aufzuzwingen, wenn -etwa der Landesherr konvertiert, oder durch Erbschaft in den Besitz -von Landesteilen mit anderer Konfession kommt<a id="FNAnker_88" href="#Fussnote_88" class="fnanchor">[87]</a>. Früher wurde in -rücksichtsloser Weise auch in solchen Fällen zum Glaubenswechsel -gezwungen. Man denke etwa an die Pfalz! Natürlich erwartete man, daß -die Untertanen nun auch <em class="gesperrt">aus Überzeugung</em> der neuen Konfession -anhingen.</p> - -<p>Im Jahre 1634 tat der Hofprediger des Herzogs Johann Georg I. von -Sachsen den Ausspruch: „Den Kalvinisten zu ihrer Religionsübung helfen -ist wider Gott und Gewissen und nichts anderes, als dem Urheber der -kalvinistischen Greuel, dem Teufel, einen Ritterdienst leisten.“</p> - -<p>In Kassel, einer reformierten Stadt, durften die Lutheraner noch in -der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts in ihrer Kirche keine Orgel haben, -auch war ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[S. 74]</span> das Taufen und Kopulieren verboten, das beides von -reformierten Geistlichen vollzogen werden mußte.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als im Jahre 1747 ein im Brückenturm zu Frankfurt a. M. befindliches -Spottgemälde auf die Juden nächtlicherweile zerstört worden war, ließ -der Magistrat es wieder erneuern.</p> - -<p>Noch 1756 war den Juden verboten, die sogenannte Allee, den jetzigen -Goetheplatz, in Frankfurt zu betreten. Erst im Jahre 1806 wurde allen -Einwohnern ohne Ausnahme der Gebrauch der öffentlichen Spaziergänge -gestattet.</p> - -<p>Bekanntlich trugen die Juden im Mittelalter zum Unterschied von den -Christen gewisse Abzeichen, spitze Hüte, gelbe Ringe usw. Noch im -Jahre 1786 wurde den Juden in Frankfurt eingeschärft, sie müßten -schwarze Mäntel als Abzeichen tragen, zugleich wurde ihnen untersagt, -Spazierstöcke zu führen. Bis zum Schluß des 18. Jahrhunderts durften -sie ihre Gasse an Sonn- und Feiertagen erst nach Beendigung des -Nachmittagsgottesdienstes verlassen.</p> - -<p>Im Jahre 1800 hielt ein Doktor der Medizin, der in Frankfurt ein -öffentliches Badhaus besaß, es für nötig, folgende Bekanntmachung zu -erlassen: Es laufe das Gerücht um, die Juden könnten sich eines jeden -seiner Bäder bedienen; er zeige daher an, daß nur zwei der letzteren -zur Benutzung durch Juden<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[S. 75]</span> bestimmt seien, also kein Christ in ein -Juden- und kein Jude in ein Christenbad eingelassen werde, sowie daß -auch das Weißzeug für beide Teile besonders gezeichnet sei.</p> - -<p>Noch im Jahre 1807 ließ man die Juden in den Kaffeehäusern Frankfurts -nicht zu, und doch war damals bereits ein toleranter und aufgeklärter -Fürst Gebieter der Stadt.</p> - -<p>Im Jahre 1817 brach in Frankfurt, wie in vielen anderen deutschen -Städten, eine Judenverfolgung aus. Erst 1832 wurde ihnen das Recht -gewährt, mehr als <em class="gesperrt">ein</em> Haus und <em class="gesperrt">einen</em> Garten besitzen zu -dürfen. Bis 1834 bestand eine Vorschrift, nach der jedes Jahr nur eine -bestimmte Anzahl jüdischer Ehen geschlossen werden durfte. Vollständige -Gleichberechtigung mit den Christen wurde den Juden erst 1864 in -Frankfurt eingeräumt!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In Italien ging es den Juden nicht besser. Keyßler erzählt in -seinen „Reisen“ (Hannover 1776, S. 177) im Jahre 1730 von strengen -Judengesetzen. Z. B. wurde jede auch noch so geringe Lästerung gegen -Maria, Heilige oder deren Bilder mit dem Tode bestraft. „Manns- und -Frauenpersonen der jüdischen Nation müssen, sobald sie über 14 Jahre -alt sind, auf der rechten Brust ein gelbes Zeichen von Wolle oder -Seide, ein Drittel Ellen lang, tragen, damit man sie von<span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[S. 76]</span> Christen -unterscheiden könne. Die jüdischen Eltern müssen ihren Kindern, welche -sich zum Christentum wenden, alles das hinterlassen, was diese bekommen -hätten, wenn ihre Aeltern ohne Testament gestorben wären. Zu solchem -Ende wird gleich bei der Bekehrung des Sohnes ein Inventarium über -das Vermögen des Vaters errichtet. Die Kinder bekommen auch den Genuß -der Güter, welchen sonst ihre Väter würden gezogen haben, so lange -sie unter der väterlichen Gewalt geblieben wären. In der Charwoche -dürfen die Juden von Mittwochen an bis daß Sonnabends die Glocken -geläutet werden, nicht aus ihren Häusern gehen, und müssen ihre Thüren -und Fenster, bey Strafe eines dreytägigen Gefängnisses mit Wasser -und Brodten, zu halten. Sie dürfen auch diese Zeit über auf keinem -musikalischen Instrument in ihrem Hause spielen oder singen, wo sie -nicht den öffentlichen Staupenschlag zur Vergeltung haben wollen.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Frankfurt war eine protestantische Stadt, und deshalb nahm man in echt -christlicher Milde und Nächstenliebe seit 1591 keinen katholischen -Mitbürger mehr in den Rat auf.</p> - -<p>Noch am 2. Juli 1781 sprach ein Schöffendekret in betreff des -Sporerhandwerks aus: einen Katholiken oder Reformierten als Lehrling -anzunehmen sei allerdings erlaubt, nicht aber ihm das Meisterrecht zu -gewähren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[S. 77]</span></p> - -<p>Der im Jahre 1796 zugelassene Dr. med. Lejeune aus Verviers war der -erste als Arzt rezipierte katholische Bürger von Frankfurt. Seit 1624 -hatte in Frankfurt kein Katholik den ärztlichen Beruf ausüben dürfen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im 18. Jahrhundert gestattete man den jüdischen und katholischen -Verbrechern in Frankfurt weder den Besuch ihrer Geistlichen im -Gefängnis noch deren Begleitung bei der Hinrichtung, was beides im 17. -Jahrhundert mehrmals zugelassen worden war. Statt dessen <em class="gesperrt">drang man -den Delinquenten lutherische Geistliche auf</em>. Als im Jahre 1750 ein -Katholik hingerichtet wurde und ein Dechant ihn im Vorbeigehen aus dem -Fenster heraus absolvierte, wurde das Volk aufs höchste erbittert und -hätte ihn fast gesteinigt. Der Rat aber faßte ein Memorandum ab, das -eine Protestation und den Ausspruch des Vertrauens enthielt, daß der -Dechant und die übrige katholische Geistlichkeit künftig in ähnlichen -Fällen nicht wieder derartige Neuerungen sich anmaßen würde, da -andernfalls die rechtliche Ahndung folgen würde.</p> - -<p>In Frankfurt, einer gleich Hamburg streng lutherischen Stadt, durften -die Reformierten ihre Ehen und Taufen nur von lutherischen Geistlichen -vollziehen lassen. Diese Vorschrift blieb auch dann noch bestehen, -als 1781 den Reformierten erlaubt worden war, für ihre beiden Teile, -die Wallonen und die Deutschen, zwei Bethäuser in der Stadt selbst -zu errichten, und als 1792 und 1793 der Gottesdienst in diesen -neuen Räumen eröffnet worden war. Bisher<span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[S. 78]</span> hatten die <em class="gesperrt">Frankfurter -Reformierten selbst in ihren Privathäusern keinen Gottesdienst halten -dürfen</em>. Erst im Jahre 1806 wurde die Gleichberechtigung aller -christlichen Konfessionen dort proklamiert.</p> - -<p>Fast alle Handwerksinnungen nahmen Reformierte nicht als Meister -auf. Noch 1774 versagte man in Frankfurt einem Schneider, 1779 einem -Kürschner das Meisterrecht für ihre reformierten Ehefrauen. Der erste -mit einem bezahlten städtischen Amt bedachte Reformierte war – vom -Physikus Peter de Spina, der 1640 angestellt wurde, abgesehen – ein -1780 angenommener Lazarettchirurg und der 1783 zum Fähnrich ernannte -Hassel. Also auch in Goethes Zeit noch war es eine große Ausnahme, -wenn die lutherische Stadt einen Reformierten anstellte, was einem -Katholiken gegenüber überhaupt <em class="gesperrt">ausgeschlossen</em> war<a id="FNAnker_89" href="#Fussnote_89" class="fnanchor">[88]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1855 fällte das Konsistorium zu Speier wegen einer Mischehe -zwischen einem Christen und einer Jüdin folgende Entscheidung: -„Daraufhin (auf die Mischehe) hat das kgl. Konsistorium unterm 29. -September 1855 im Namen des dreieinigen Gottes und kraft des Befehles -Jesu Christi die <em class="gesperrt">definitive Exkommunikation</em> über den besagten -M. ausgesprochen und ihn hierdurch aus der christlichen Gemeinde -ausgeschlossen“<a id="FNAnker_90" href="#Fussnote_90" class="fnanchor">[89]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[S. 79]</span></p> - -<p>In dem Buche von Gottfried Thomasius „Grundlinien zum -Religionsunterricht an den oberen Klassen gelehrter Schulen“, 8. -Aufl., bearbeitet von Karl Christ. Burger, Oberkonsistorialrat, -Erlangen 1893, einem an bayerischen Gymnasien eingeführten Lehrbuch, -findet sich auf S. 97 folgende Stelle: „Daß.. die Einheit des -Glaubens vielfach gebrochen ist, daß verschiedene und in wesentlichen -Glaubensartikeln einander widersprechende Konfessionen bestehen, das -ist ein schweres Übel und ein bitterer Schmerz für alle Christen.“ – -Da entsteht die Frage, welche Kirche die wahre sei? Und darauf ist -die Antwort A(ugsburgische) K(onfession) VII: Diejenige, die sich in -ihrem Bekenntnis und in der Verwaltung der Gnadenmittel der Heiligen -Schrift gemäß hält. „<em class="gesperrt">Die evangelisch-lutherische Kirche hat dieses -Zeugnis und will daher mit der menschlich-gemachten Union unverworren -bleiben</em>.“ Der glaubensstarke Autor möchte augenscheinlich am -liebsten heute noch Zustände, wie sie oben geschildert sind. Gottlob -kümmern sich gegenwärtig die wenigsten Menschen um solche Finessen. Für -sie dürfte kaum noch jemand Zeit haben, es sei denn ein versöhnlicher -Prediger des Evangeliums. Ist es unter diesen Umständen ein Wunder, -wenn oft gerade die Besten, vom konfessionellen Gezänk angewidert, der -Kirche den Rücken kehren?</p> - -<p>Im gleichen Werkchen S. 51 ist der eben nicht leichte Versuch gemacht -zu beweisen, daß die bei Horaz (Ep. I, 16, 52) im Satze Oderunt peccare -boni virtutis amore aufgestellte Moral weniger erhaben ist<span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[S. 80]</span> als die -christliche. Dort guttun um der Sache willen, hier für Lohn, wenn auch -erst im Jenseits. Die Entscheidung dürfte nicht schwer sein.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der erste Fürst, der seinen Untertanen völlige Religionsfreiheit, zwar -nicht de jure, aber de facto gewährte, war Friedrich der Große von -Preußen. Im Allgemeinen Preußischen Landrecht von 1794 wurde diese -Freiheit erst kodifiziert, aber nicht etwa als Geschenk des Fürsten, -sondern als <em class="gesperrt">angeborenes Recht des Bürgers</em><a id="FNAnker_91" href="#Fussnote_91" class="fnanchor">[90]</a>. Wie sich doch die -Zeiten ändern!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Früher schon hatte der edle Kaiser Joseph II. seine Völker von -Glaubens- und Gewissenszwang befreien wollen, aber das Resultat war -recht dürftig. Das Zirkular Josephs II. vom 30. April 1783 bestimmt -z. B.:</p> - -<p>Personen, die aus der katholischen Kirche austreten wollen, „sollen -sechs Wochen lang in Klöstern oder von ihrem Pfarrer unterrichtet -werden, wobei die Pfarrer angewiesen sind, alles mögliche zu versuchen, -sie von ihrem <em class="gesperrt">Irrtum</em> zurückzuführen.“ Zu den tolerierten -Kirchen wurden, trotz Josephs persönlicher Weitherzigkeit, nur die -„augsburgischen und helvetischen Religionsverwandten“, „Lutheraner -und Reformierte“ und die „nichtuniierten Griechen“ gezählt, denen -„Privatexerzition“ ihrer Religionen eingeräumt wurde. „Sollten aber -einige Untertanen zu einem anderen, in dem Toleranzgesetz nicht -begriffenen Religion oder Sekte sich erklären wollen, so seien<span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[S. 81]</span> diese -mit ihrer Erklärung auf der Stelle abzuweisen und ihnen zu bedeuten, -daß <em class="gesperrt">eine derlei Religion nicht bestehe</em> und <em class="gesperrt">je werde geduldet -werden</em>.“ Trotzdem empfand man das Gesetz als Erlösung!</p> - -<p>Den drei Konfessionen wurden „Bethäuser“ ohne Glocken, ohne Türme, -ohne Eingang von der Straße, beileibe keine „Kirchen“ eingeräumt. -Erst jetzt brauchten sie bei der Verheiratung keinen Rekurs mehr zu -unterschreiben, daß die Kinder katholisch würden. Das Kleiderverbot -bzw. die Vorschrift, sich bestimmter Abzeichen zu bedienen, war bei den -Juden durch Edikt vom 13. Oktober 1781 aufgehoben worden. Wie jung ist -doch unsere Kultur, daß man dieses so beschränkte Entgegenkommen noch -heute als Großtat feiert!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In Frankreich gestattete erst kurz vor der großen Revolution Ludwig -XVI. im Jahre 1787 den Protestanten, rechtmäßig Mann und Frau und -legitime Eltern zu sein!</p> - -<p>In England hob erst 1828 der Staat die letzten Reste der intoleranten -Gesetzgebung mit der Annullierung der Testakte und mit der -Katholikenemanzipation von 1829 auf.</p> - -<p>Zuerst war es die französische Revolution und das freie amerikanische -Bürgertum, die vollste Gewissensfreiheit gewährten und durchführten. -Im ersten Amendement zur Verfassung der Vereinigten Staaten vom 13. -Dezember 1791 heißt es: „Der<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[S. 82]</span> Kongreß soll nie ein Gesetz geben, -wodurch eine Religion zur herrschenden erklärt oder die freie Ausübung -einer andren verboten würde.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Damit waren zum ersten Male ganz moderne Anschauungen verwirklicht. -Doch wohl jedenfalls eine Folge der durch anderthalb Jahrtausende der -christlichen Herrschaft erzielten Milde? Oder sollte schon früher -jemand diese Toleranz gehandhabt haben?</p> - -<p>Dem <em class="gesperrt">Mohammedanismus</em> genügte die politische Herrschaft. Bekehrung -lag ihm völlig fern. Er ließ den Christen auch in der Erobererzeit -<em class="gesperrt">volle Glaubensfreiheit</em>. Selbst ihre Kirchen und Klöster durften -sie in der Regel behalten, und die kirchliche Verfassung wurde nicht -angetastet. Sie durften glauben oder sich zanken, wie sie wollten<a id="FNAnker_92" href="#Fussnote_92" class="fnanchor">[91]</a>.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Mongolen</em>, die größten Menschenschlächter, die die -Weltgeschichte kennt, gewährten <em class="gesperrt">völlige Glaubensfreiheit</em>, wie -sie seit je die <em class="gesperrt">Chinesen</em> gestattet hatten. Der franziskanische -Missionar Andreas aus Perugia schreibt aus dem Reiche des Kubilai im -Jahre 1326: „In diesem Reiche gibt es Menschen von allen Nationen, -die unter dem Himmel sind und von allen Religionen, und man gestattet -allen und jedem, nach seiner zu leben. Denn sie hegen die Meinung oder -vielmehr den Irrtum, daß jeder in seiner Religion selig werde. Wir -können frei und sicher predigen<a id="FNAnker_93" href="#Fussnote_93" class="fnanchor">[92]</a>.“</p> - -<p>Kaiser Akbar von Indien (1556–1605) war von solchem religiösem -Wahrheitsstreben erfüllt, daß er, während Europa von Religionskriegen -und Verfolgungen um des Glaubens willen heimgesucht wurde,<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[S. 83]</span> jedermann -freie Übung der Religion gestattete. Dieser Mohammedaner brach die -Übermacht der mohammedanischen Geistlichkeit und versammelte an seinem -Hofe Brahmanen, Buddhisten, Parsen, Jesuiten und Juden zu ständigen -Disputierabenden. Nie vorher oder später hat Hindostan eine gleiche -wirtschaftliche und kulturelle Blüte erlebt<a id="FNAnker_94" href="#Fussnote_94" class="fnanchor">[93]</a>.</p> - -<p>Der verständige Wedel hält in seinem „Hausbuch“ (S. 341) Einigkeit -in der Religion für „unabwendlich nöthig, denn nichts ist, das die -Gemüter mehr von ander bindet oder verhaßt machet, als disparitas -religionis“, erkennt aber die <em class="gesperrt">Toleranz der Türken</em> an: „Denn -obwol die Türcken steiff und fest über ihrer Religion halten und nicht -viel Krummes oder Disputirens davon gemacht wissen wollen, zwingen sie -doch inmittelst durch öffentliche Gewalt niemand dazu, weniger stellen -sie gegen Feinde oder Freunde desfals Verfolgungen, Plagen oder Marter -an, sondern lassen einem jeden, auch den Überwundenen, ihre <em class="gesperrt">Religion -und Gewissen frei</em>. Eben das giebt vielen Ursach, sich unter das -türckische Reich zu geben, daher es auch mercklich erweitert wird. Denn -mit keinem Dinge die Gewissen mögen bezwungen oder begütiget werden, ja -es verlassen die Leute darumb Leib, Gut, Vaterland und Freunde, lassen -sich palen und braten.“</p> - -<p>Während das altgriechische „Heidentum“ sehr, wenn auch nicht absolut -tolerant war, in Glaubenssachen nicht folterte, sich durch Widerruf -in der Regel zufriedenstellen ließ und ein äußerst selten gefälltes -Todesurteil – wie durch den Fall Sokrates hinlänglich bekannt – -durch den milden Schirlingsbecher voll<span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[S. 84]</span>streckte, loderten noch fast -anderthalb Jahrtausende, nachdem das Christentum Staatsreligion -geworden war, überall Scheiterhaufen!</p> - -<p>Nicht ungern wird auf den Tod Christi als Zeugnis für die -römische Intoleranz hingewiesen. Aber die Tatsächlichkeit dieses -welthistorischen Ereignisses vorausgesetzt, wären die Hauptschuldigen -nicht die Römer, sondern die Juden gewesen, die als Erzväter der -Intoleranz zu gelten haben<a id="FNAnker_95" href="#Fussnote_95" class="fnanchor">[94]</a>. Nun hat aber Giovanni Rosardi -nachgewiesen, daß auf alle Fälle nach dem damals geltenden römischen -Recht die Kreuzigung Christi einer der größten <em class="gesperrt">Justizmorde</em> aller -Zeiten war! Also nicht der römische Geist der Intoleranz ist schuld an -dieser unerhörten Tat, sondern lediglich die Unvollkommenheit einzelner -Menschen, die auch durch die besten Gesetze nicht beseitigt werden -kann<a id="FNAnker_96" href="#Fussnote_96" class="fnanchor">[95]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Gottlob sind diese barbarischen Zeiten der Intoleranz, in denen jemand -wegen seines Glaubens, seiner Überzeugung verfolgt wurde, wo man Gefahr -lief, getötet oder ein Heuchler zu werden, endgültig vorbei. Es läßt -sich ja wohl nicht leugnen, daß die Rücksichtslosigkeit, mit der die -Kirchen gegen Andersgläubige oder auch nur Verdächtige verfuhren, bei -einer Religion der Liebe befremdend wirkt, um so mehr, als sie selbst -gegen jeden Angriff, mag er sich auch in die mildesten Formen gehüllt -haben, sehr empfindlich waren. Doch auch das ist vorbei, wenigstens in -einem Kulturstaate wie Deutschland. Die Verfassung verbürgt jedermann -Glaubensfreiheit, niemand leidet darunter, wenn er fortgeschrittener -ist als die Kon<span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[S. 85]</span>fessionen, niemand, wenn er der Rückständigsten einer -ist, sofern er nur seine Pflichten als Mensch und Staatsbürger erfüllt. -Mit einem Wort: Seit einem Jahrhundert leben wir als freie Bürger in -einem freien Kulturstaat.</p> - -<p>Oder etwa nicht? Gibt es wirklich im zivilisierten 20. Jahrhundert -noch Leute und Parteien, die über ganz unbeweisbare religiöse und -metaphysische Fragen sich in die Haare geraten, womöglich die Gesetze -anrufen? Die den andern geringer schätzen, weil er Jude, Heide, -Protestant, Katholik oder Mohammedaner ist? Die ihm irgendein Recht -verkürzen? Wird Deutschland noch von Parteien zerrissen, von denen jede -behauptet, allein den Schlüssel zum Himmelreich zu besitzen, dabei aber -nicht in einen Wettkampf der Liebe, sondern in einen solchen des Hasses -eintritt? Wird irgend jemand an der freien Äußerung seiner Ansichten -und seines Glaubens gehindert? Gibt es noch Gewissenszwang?</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1907 kandidierte der Pfarrer <em class="gesperrt">Korell</em> im Wahlkreise -Darmstadt-Großgerau als Kandidat der vereinigten Liberalen. Er -fiel durch, und in die Stichwahl kamen ein Sozialdemokrat und ein -Konservativer. Obwohl Pfarrer Korell an der Stichwahlparole seines -Wahlausschusses, der die Wahl des Sozialdemokraten empfahl, <em class="gesperrt">ganz -unbeteiligt war</em>, auch bei der Stichwahl <em class="gesperrt">nicht mitstimmte</em>, -wurde er vom hessischen Oberkonsistorium mit einem <em class="gesperrt">Verweis -bestraft</em>, weil er die Interessen der evangelischen Kirche dadurch -verletzt habe, daß durch sein <em class="gesperrt">Schweigen</em> die Meinung entstehen -konnte, ein Geistlicher halte die Sozialdemokratie für das kleinere -Übel!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[S. 86]</span></p> - -<p>Im Jahre 1907 wurde der Pfarrer <em class="gesperrt">Cesar</em> von der Reinoldigemeinde -zu Dortmund einstimmig gewählt. Das Konsistorium hielt es aber für -erforderlich, ihn einem Kolloquium zu unterwerfen, und versagte ihm -dann die Bestätigung der Wahl wegen „Mangels an Übereinstimmung mit -dem Bekenntnis der Kirche“. Der Protest der <em class="gesperrt">ganzen</em> Gemeinde -mit Ausschluß einer einzigen Stimme beim Oberkonsistorium führte zu -keinem Resultat. Man erlaubt also trotz der vielgerühmten evangelischen -Freiheit – canis a non canendo? – noch in der Gegenwart einer -Gemeinde nicht die Wahl ihres Seelenhirten, bzw. zwingt sie, sich -Gedanken vortragen zu lassen, mit denen die ganze Gemeinde nicht -einverstanden ist. Und dann klagt man über die Gleichgültigkeit der -Gebildeten der Kirche gegenüber und den geringen Besuch der Predigt!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Einem Schulamtskandidaten wurde, weil er <em class="gesperrt">konfessionslos</em> ist, -vom sächsischen Kultusminister nicht gestattet, an einem Leipziger -Gymnasium sein Probejahr abzudienen. Da er sich darüber beim Landtag -beschwerte, wurde in der Verhandlung vom 12. Januar 1909 von der -Deputation beantragt, die Beschwerde der Regierung zur Erwägung zu -überweisen, da es eine Rechtsbeugung sei, wollte der Landtag den Mann -hindern, das Probejahr abzuleisten, um fertiger Lehrer zu werden. Der -sächsische Kultusminister Dr. Beck bezeichnete dagegen das Vorgehen -des Kandidaten als einen Vorstoß der religionslosen Kandidaten und -Studenten, die Bresche in die bisherige Ordnung der<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[S. 87]</span> Dinge legen -wollten. Durch das Eintreten der konservativen Mehrheit für den -Minister wurde die Beschwerde verworfen. Man scheint also in Sachsen -zum Jugenderzieher lieber einen Heuchler zu wählen, der Mitläufer einer -Konfession ist, als einen Mann mit dem Mute seiner Überzeugung. Ein -analoger Fall kam im Frühjahr 1910 im bayerischen Landtag zur Sprache. -Ein hoher Staatsbeamter hat dem Professor Sickenberger die allerdings -bestrittene Äußerung gegenüber getan, Personen, die mit ihrer Kirche -zerfallen seien, wären der Regierung „suspekt“. Sickenberger, früher -Lyzeal-, also nach der offiziellen Version Hochschulprofessor, erhielt -tatsächlich die nachgesuchte Anstellung als Gymnasialprofessor -<em class="gesperrt">nicht</em>. Da gegenwärtig überall in Deutschland das Bekenntnis -zum christlichen, eventuell auch zum jüdischen Glauben, Voraussetzung -zum Eintritt in den Staatsdienst ist, können allerdings die laut -Konfessionsstatistik auf die einzelnen Kirchen entfallenden hohen -Zahlen von „Gläubigen“ nicht Wunder nehmen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Am 26. März 1907 wurde von dem Prediger einer freien evangelischen -Gemeinde in Hohensolms bei Wetzlar auf dem Friedhofe ein Mitglied -der freien Gemeinde beerdigt. Die Ortspolizei belegte den Prediger -Heck und den Schwiegersohn des Verstorbenen mit 15 Mark Strafe, die -vom Schöffengericht in Wetzlar bestätigt wurde. Und zwar erfolgte -die Verurteilung, weil die Beerdigung eine „<em class="gesperrt">außergewöhnliche</em>“ -gewesen sei, da noch kein Dissident bisher auf dem protestantischen -Friedhof bestattet worden war<a id="FNAnker_97" href="#Fussnote_97" class="fnanchor">[96]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Während in Preußen jeder Kegelklub anstandslos die Eintragung ins -Vereinsregister und dadurch die<span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[S. 88]</span> Rechte einer juristischen Person -erlangt, erhalten <em class="gesperrt">freireligiöse Gemeinden</em> ausnahmslos diese -Erlaubnis zur Eintragung <em class="gesperrt">nicht</em>. Die Polizei macht in ihrer -notorischen abgrundtiefen Weisheit stets Einwendungen. So kommt es, daß -die Magdeburger freireligiöse Gemeinde ihren juristischen Sitz in – -Offenbach in Hessen hat! Als sie nun auch ihre Grundstücke auf ihren -Namen in das Grundbuch eintragen lassen wollte, verweigerte dies der -Grundbuchrichter mit der Begründung, daß zur Übertragung und Annahme -eines Vermögens von über 5000 Mark die landesherrliche Genehmigung -nötig sei. Das entsprechende Gesuch an den König wurde rundweg ohne -Angabe von Gründen abgelehnt. Somit ist die freireligiöse Gemeinde in -Magdeburg nicht imstande, in den Besitz ihres Eigentumes zu gelangen! -Es ist eine Wonne, in einem aufgeklärten, paritätischen Rechtsstaate zu -leben<a id="FNAnker_98" href="#Fussnote_98" class="fnanchor">[97]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Zwischen dem Lehrer und Küster Rehm und dem Pastor Hübener in Pampow -bestanden seit dem Jahre 1898 Differenzen. Als ersterer beim Pastor -das Abendmahl nehmen wollte, dieser aber die Bedingung daran knüpfte, -ihm Abbitte zu leisten, ging er zum Abendmahl nach Schwerin. Darauf -Anzeige des Pastors beim Konsistorium, das – in echt christlicher -Milde und treu den Grundsätzen der evangelischen „Freiheit“ – Rehm zur -<em class="gesperrt">Strafversetzung</em> verurteilte, weil er die <em class="gesperrt">Parochialrechte</em> -seines Geistlichen verletzt hätte. Dazu hatte das Konsistorium nun -gerade so wenig das Recht, wie der Pastor zur Abendmahlsverweigerung, -weshalb das Obere Kirchengericht auf die eingelegte Berufung hin -Rehm wegen Verletzung seiner Amtspflicht zu 30 <em class="gesperrt">Mark<span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[S. 89]</span> Strafe</em> -verurteilte! Er hatte nämlich gegen seine Amtspflicht dadurch -verstoßen, daß er <em class="gesperrt">sich und die Seinen vom Gange nach Schwerin nicht -zurückgehalten hätte</em>! Als Rehms Rechtsbeistand dieses Urteil -mit Rehms Einwilligung der „Mecklenburger Schulzeitung“ zum Abdruck -übergab, verurteilte das Konsistorium den Lehrer zur <em class="gesperrt">Suspension -von seiner Lehrerstelle auf die Dauer eines Jahres</em>. Es mag ja -zugegeben werden, daß es für das Konsistorium sehr peinlich war, -urbi et orbi diesen nicht eben salomonischen Spruch zu unterbreiten, -immerhin hatte es offenbar seine Befugnisse wieder überschritten, als -es als <em class="gesperrt">geistliches Gericht</em> einen <em class="gesperrt">Lehrer</em> verurteilte. Das -erkannte auch das Obere Kirchengericht an, indem es die Strafe dahin -umänderte, daß Rehm nur auf ein Jahr vom <em class="gesperrt">Küsteramt suspendiert</em> -wurde. Aber die weltliche Behörde war päpstlicher als der Papst: -<em class="gesperrt">die Unterrichtsabteilung des Ministeriums erklärte sich mit dem -konsistorialen System solidarisch</em>, indem sie – allerdings unter -Belassung von Einkommen und Wohnung – <em class="gesperrt">auf die dienstliche Tätigkeit -Rehms für die Dauer eines Jahres verzichtete</em>.</p> - -<p>Aber es wurde noch besser: Im Kulturstaate Mecklenburg existiert -nach § 486 L. G. G. E. V. der <em class="gesperrt">Beichtzwang</em>!! Da Rehm – mit -einigem Grunde – in Pastor Hübener seinen Feind erblickte, beantragte -sein Rechtsbeistand für ihn Befreiung vom Beichtzwang, wurde aber -abgewiesen. Denn: „eine Dispensation eines Küsters vom Parochialzwang -kann nicht erfolgen, sie würde ein <em class="gesperrt">dauerndes Ärgernis</em> für -die Gemeinde sein“. Der Lehrer muß also nach<span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[S. 90]</span> wie vor bei seinem -persönlichen Feinde beichten! Ein Kulturidyll aus dem Deutschland des -20. Jahrhunderts!</p> - -<p>Doch in Mecklenburg beruhigte man sich damit keineswegs. Am 23. Oktober -1905 erschien der Entwurf einer Verordnung betr. die Dienstverhältnisse -der seminaristischen Lehrer usw. Der § 61 dieses Kulturdokumentes -lautet:</p> - -<p>„Ist mit einem Schulamt ein Kirchenamt verbunden, so hat die -<em class="gesperrt">Dienstentlassung aus dem Schulamte</em> von Rechts wegen die Folge, -daß der Lehrer auch aus dem <em class="gesperrt">Kirchenamt ausscheidet</em>. Ist mit -einem Kirchenamt ein Schulamt verbunden, so hat die <em class="gesperrt">Dienstentlassung -aus dem Kirchenamt</em> von Rechts wegen die Folge, <em class="gesperrt">daß der Lehrer -auch aus dem Schulamte ausscheidet</em>!“ Das nennt man evangelische -Freiheit! Denn daß ein Gewissenszwang in Deutschland vom Staate -ausgeübt wird, und zwar im 20. Jahrhundert, wird doch nicht wohl jemand -zu behaupten wagen<a id="FNAnker_99" href="#Fussnote_99" class="fnanchor">[98]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der sozialdemokratische Redakteur <em class="gesperrt">Friedrich Westmeyer</em> in -Hannover hat in Anspielung auf den Königsberger Geheimbundprozeß, -der die kgl. preußische Justiz in bengalischer Beleuchtung gezeigt -hatte, in einer fingierten Gerichtsverhandlung darzulegen versucht, -wie es Christus vor einem preußischen Gerichtshofe ergehen würde. -Natürlich war die einzig mögliche Tendenz seiner Abhandlung, zu zeigen, -daß<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[S. 91]</span> selbst die Vollkommenheit Christi vor <em class="gesperrt">solchen</em> Richtern -und auf Grund <em class="gesperrt">solcher</em> Gesetze nicht standhalten könnte. Das -erkannten ohne weiteres zwei als Zeugen vernommene Pastoren vor -Gericht an. Aber die zarte Seele eines kgl. Staatsanwaltes war bis -in ihre Tiefen durch den Delinquenten, der noch dazu Redakteur, -ja sogar sozialdemokratischer Redakteur war, verwundet und sein -edler Glaubenseifer, sein glühendes Verlangen, wenn nicht nach der -Märtyrerkrone, so doch nach dem Ruhme, Christi Ehre zu verteidigen, -ruhte nicht, bis er zwei andere Pastoren glücklich aufgetrieben hatte, -die eine gütige Vorsehung mit einer nicht minder zartfühligen Seele -ausgerüstet hatte. Auf die Konstatierung dieser Männer Gottes hin, -daß sie sich in ihrem christlichen Gewissen verletzt fühlten, wurde -Westmeyer nach § 166 <em class="gesperrt">des Reichsstrafgesetzbuches</em> (einen solchen -gibt es noch heute!!!) <em class="gesperrt">auf drei Monate ins Gefängnis gesperrt</em>. -Gottlob war damit der am Seelenfrieden des Herren Staatsanwalts und -seiner Eideshelfer angerichtete Schaden glücklich repariert, Christi -Ehre gerettet.</p> - -<p>Westmeyer wurde, nachdem sein Gesuch um Selbstbeschäftigung -abgelehnt war, mit einem <em class="gesperrt">Sittlichkeitsverbrecher</em> und einem -<em class="gesperrt">Falschmünzer</em> zusammen in ein bis zur halben Mauerhöhe -<em class="gesperrt">feuchtes Kellerloch</em> gesperrt, wo er mit Sägen und Spalten von -Holz für seine Versündigung büßen mußte. Hier einige Notizen aus seinem -Tagebuch: Sonntag, 1. Oktober 1906 (das Jahrhundert ist besonders zu -beachten!). „Der <em class="gesperrt">Hunger</em> ließ mich die Nacht nicht schlafen. Ich -bin aufgestanden von meinem <em class="gesperrt">Stroh<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[S. 92]</span>sack</em> und habe die Schublade -nach Krümchen Brot durchsucht. Umsonst! Es wird mir nichts anderes -übrig bleiben, als meine Eingabe vom 13. September um Bewilligung von -Zusatznahrungsmitteln zu wiederholen. Nach der Hausordnung kann ich -nämlich bei einwandfreier Führung die Hälfte meines Arbeitsverdienstes, -<em class="gesperrt">5 Pfennig pro Tag</em>, für Zusatznahrungsmittel verwenden..“</p> - -<p>Am 7. Oktober schreibt er: „Gestern abend spät brachte mir der Wärter -noch einen Brief meiner Frau auf die Zelle. Mein vierjähriger Knabe, -mein einziger, ist an Diphteritis erkrankt, mein fünfjähriges Mädchen, -ebenfalls an Diphteritis erkrankt, soll sich auf dem Wege der Besserung -befinden. Und meine Frau allein bei den todkranken Kindern! Der Vater -eingesperrt, weil er den allerbarmherzigsten Christengott beleidigt -haben soll. Derweil windet sich daheim mein Herzensjunge in Todesqual. -Seine Augen suchen den Vater, an dem er mit abgöttischer Liebe hängt... -Du, Nazarener, wenn ich dich wirklich beleidigt haben sollte, nun -kannst du doch zufrieden sein! <em class="gesperrt">Du bist gerächt</em><a id="FNAnker_100" href="#Fussnote_100" class="fnanchor">[99]</a>!“</p> - -<p>So pflanzt der kgl. preußische Staat, das Deutsche Reich, im 20. -Jahrhundert Liebe zur Religion und zu Christus in die Herzen des -Volkes! Sollte eine innere Stimme ihm nicht sagen, daß eine Religion -„der Liebe“, falls sie wirklich nach 1½ Jahrtausenden der Herrschaft -noch des Polizeiknüttels bedürfte, keine Existenzberechtigung hätte?</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[S. 93]</span></p> - -<p>Nach einer Statistik des Berliner Strafrechtslehrers Professor Kahl -wurden in den Jahren 1881 bis 1903 wegen „Religionsvergehen“ nach § -166 des Reichsstrafgesetzbuches 6921 <em class="gesperrt">Personen verurteilt</em>!! -Alle natürlich zu <em class="gesperrt">Gefängnisstrafen</em>. Und zwar in 22 Fällen von -2 Jahren und darüber, in 158 zwischen 1 und 2 Jahren, in 1551 Fällen -zwischen drei Monaten und einem Jahr und in 5190 Fällen von einigen -Tagen bis zu drei Monaten.</p> - -<p>Was folgert der Gelehrte daraus? Daß der Paragraph <em class="gesperrt">beibehalten</em> -werden müsse, aber in einer Fassung, die auch die <em class="gesperrt">Parität</em> der -protestantischen Kirche wahrt. Denn da die katholische viel mehr -Dogmen, Zeremonien und Gebräuche habe als die protestantische, daher -auch viel mehr Angriffspunkte biete, sei sie <em class="gesperrt">bevorzugt</em><a id="FNAnker_101" href="#Fussnote_101" class="fnanchor">[100]</a>!</p> - -<p>So argumentiert ein Professor des 20. <em class="gesperrt">Jahrhunderts</em> und zwar in -den Vorarbeiten zur deutschen Strafrechtsreform. Die kann gut werden! -Rußland, das einzige Land Europas, das einen entsprechenden Paragraphen -kennt, wird uns beneiden.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In Hagen in Westfalen hatte der Verein für Feuerbestattung ein -Krematorium erbaut, was im Jahre 1904 auch von der Polizei genehmigt -worden war. Gleichzeitig war dem Verein aber mitgeteilt worden, daß die -<em class="gesperrt">Benutzung des Krematoriums</em> zur Einäscherung von Leichen <em class="gesperrt">nicht -gestattet würde</em>. Da aber der Verein zu der Verbrennung lebender -Ketzer nicht fromm genug war, kam er um die Erlaubnis, Leichen durch -Feuer zu bestatten,<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[S. 94]</span> beim Ministerium ein. Dieses entschied 1907 auf -Grund des preußischen Landrechtes vom Jahre 1794 (!) § 10, II, 17, daß -die Benutzung des Krematoriums bis auf weiteres untersagt sei. Der -Paragraph lautet: „Die nötigen Anstalten zur Erhaltung der öffentlichen -Ruhe, Sicherheit und Ordnung und zur Abwendung der dem Publico oder -einzelnen Mitgliedern desselben bevorstehenden Gefahren zu treffen, ist -das Amt der <em class="gesperrt">Polizei</em><a id="FNAnker_102" href="#Fussnote_102" class="fnanchor">[101]</a>.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Am 19. August 1907 verfügte der Regierungspräsident Dr. Stockmann -in Gumbinnen gegen den Lehrer Leipacher die „Einleitung des -Disziplinarverfahrens .. mit dem Ziel auf Entfernung aus dem Amt,“ -gleichzeitig ordnete er sofortige Suspension an. Er bezog seitdem ein -<em class="gesperrt">monatliches Gehalt</em> von 39,50 Mark, von dem er mit seiner Frau -leben mußte. Was war geschehen? Der Pfarrer Vierhuff in Grabowen, -im Nebenamt Oberschulaufseher, hatte Leipacher bei der Regierung -denunziert, wegen Mißbrauch der Lehrfreiheit. Er hatte den Geographie- -und naturkundlichen Unterricht nicht im Einklang mit der evangelischen -Kirchenlehre erteilt und dadurch das Glaubensleben (!) der Kinder -gefährdet. Der Pfarrer hatte aus überfließender Nächstenliebe die -<em class="gesperrt">Aufsätze</em>, die Leipacher in Zeitschritten veröffentlicht hatte, -gesammelt, um den Lehrer bei der Regierung zu verklagen. Daß die -Regierung das zuließ, war ein eklatanter Verfassungsbruch, denn selbst -in Preußen hat auf dem Papier jeder das Recht,<span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[S. 95]</span> seine Überzeugung -auszusprechen. Leipacher wurde am 6. November 1907 in Gumbinnen seines -Lehramtes verlustig erklärt. Allerdings hatte Leipacher den Kindern -u. a. den biblischen Sündenfall als Sage bezeichnet. Hätte er doch nur -die Schlange weiter reden, auf dem Bauch gehen und ihr Leben lang Erde -essen lassen (Genesis 3, 14), dann wäre ja alles in schönster Ordnung -gewesen. Ja, Ostelbien und Mecklenburg in der Welt voran<a id="FNAnker_103" href="#Fussnote_103" class="fnanchor">[102]</a>!</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[S. 96]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Fuenfter_Abschnitt"><span class="s5">Fünfter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Kriegswesen</span></h2> - -</div> - -<p>Wie Bernold von St. Blasien zum Jahre 1078 erzählt, ließen die Anhänger -Rudolfs von Rheinfelden, des Gegenkönigs Heinrichs IV., nach einer -Schlacht am Neckar Tausende von schwäbischen Bauern „zur milderen -Züchtigung“ <em class="gesperrt">entmannen</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Vor Tortona läßt Friedrich Barbarossa Galgen errichten, um jeden -Gefangenen sofort angesichts der Stadt aufzuhängen. Wie Otto Morena -weiter berichtet, ließ er zweihundert Veronesen Nasen und Lippen -abschneiden und andere zweihundert aufhängen.</p> - -<p class="mtop2">Kulturhistorisch merkwürdig ist den Grausamkeiten gegenüber das -Urteil der Biographen und Historiker. Als Friedrich Barbarossa einen -Dienstmann, der sich früher ihm gegenüber vergangen hat, nicht -begnadigt, wiewohl er sich dem Kaiser am Krönungstage zu Füßen wirft, -schreibt Otto von Freising rühmend, er habe sich „von der Tugend der -Strenge nicht zum Fehler der Nachgiebigkeit verleiten lassen“.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[S. 97]</span></p> - -<p>Als die in Tortona eingeschlossene Geistlichkeit ihn kniefällig um die -Gnade bittet, die Stadt, in der die Pest wütete, verlassen zu dürfen, -„fühlte er zwar wie innerlich sein Herz zum Mitleid sich wandte, -um aber den Verdacht der <em class="gesperrt">Schwäche</em> zu vermeiden, beharrte er -äußerlich auf der Standhaftigkeit seiner früheren Strenge“ und schickt -sie unverrichteter Dinge heim.</p> - -<p>Im Kriege gegen Mailand verwüstet Friedrich 1159 das Land – dem im -ganzen Mittelalter herrschenden Brauche gemäß – in scheußlicher Weise, -indem er sogar die Weinpflanzungen zerstören und Fruchtbäume abhacken -oder schälen läßt. Als die Gegner dasselbe tun, meint Rahewin, daß -dieses Wüten nicht einmal Barbaren gegenüber erlaubt sei, tadelt den -Kaiser aber wegen desselben Reates <em class="gesperrt">nicht</em>.</p> - -<p>Vor Crema läßt Barbarossa die Gefangenen hängen und die Geiseln -hinrichten, ja er bindet sogar Knaben, die er als Geiseln in Händen -hatte, an die Belagerungsmaschinen, so daß die Cremenser ihre eigenen -Kinder töten müssen. O Greueltat! ruft Rahewin aus, meint aber -natürlich nicht den Kaiser damit, sondern die <em class="gesperrt">Belagerten</em>, die -Mut und Patriotismus genug besitzen, trotzdem die Angreifer weiter zu -beschießen. Als Resultat dieser und vieler anderer Grausamkeiten ergibt -sich für die Zeitgenossen das Urteil, daß Barbarossa <em class="gesperrt">human</em> und -<em class="gesperrt">milde</em> war<a id="FNAnker_104" href="#Fussnote_104" class="fnanchor">[103]</a>!!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[S. 98]</span></p> - -<p>Nach der Chroniques des ducs de Normandie (27527) läßt König Eldred -von England die gefangenen dänischen Frauen nackt bis zur Brust in -die Erde eingraben und so <em class="gesperrt">wehrlos den Hunden und den Raubvögeln -preisgeben</em>.</p> - -<p>Die Schotten schnitten 1138 in England sogar schwangeren Frauen den -Leib auf und metzelten Priester vor dem Altar nieder.</p> - -<p>Im Jahre 1198 waren in einem Gefecht fünfzehn französische Ritter -gefangen worden. Richard Löwenherz ließ vierzehn <em class="gesperrt">beide Augen -ausstechen</em>, dem fünfzehnten nur eines. Der Einäugige mußte seine -Unglücksgefährten ins französische Lager geleiten. Philipp August aber -rächte sich, indem er fünfzehn gefangene englische Ritter blenden -ließ<a id="FNAnker_105" href="#Fussnote_105" class="fnanchor">[104]</a>.</p> - -<p>Es war Kriegsgebrauch, die eroberten Städte und Burgen zu -<em class="gesperrt">zerstören</em>, die Einwohner <em class="gesperrt">nieder zu machen</em> oder -in die Gefangenschaft zu führen, Frauen und Jungfrauen aber zu -<em class="gesperrt">vergewaltigen</em>. Mit Vorliebe wurden <em class="gesperrt">vornehme Frauen -Troßknechten und Soldaten preisgegeben</em>. Und zwar selbstverständlich -auch in Kriegen und Fehden im <em class="gesperrt">eigenen</em> Lande und von -<em class="gesperrt">Christen</em> unter sich, keineswegs nur in solchen gegen Ungläubige, -die sich stets humaner benahmen, als die Verbreiter des Evangeliums der -Nächstenliebe.</p> - -<p>Als Kaiser Sigismund 1412 im Kriege gegen die Venezianer das feste -Schloß Motta erobert hatte, ließ er einhundertundachtzig Männern <em class="gesperrt">die -rechte Hand abhauen</em><a id="FNAnker_106" href="#Fussnote_106" class="fnanchor">[105]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[S. 99]</span></p> - -<p>Wie Benedikt von Weitmil (IV) erzählt, betrugen sich die Soldaten Karls -IV. in Böhmen, dem Lande ihres Herrn, wie folgt: „sie raubten den Armen -seine Habe, sein Vieh, marterten sie zuweilen, um Geld zu erpressen, -rissen den Weibern unbarmherzig die Kleider vom Leibe, taten den -Jungfrauen Gewalt an und verübten unendlich viel Böses<a id="FNAnker_107" href="#Fussnote_107" class="fnanchor">[106]</a>.“</p> - -<p>Im Jahre 1375 machten entlassene englische Söldner ihren zweiten -Einfall ins Elsaß. Wie sie sich benahmen, erzählt die Konstanzer -Chronik. „Item sy gewunnent vil stattly und burg und dorffer und -closter, und erstachent wip und man und kind, und furten die schonen -frowen mit in emoy, was sy dero fundent. stan sy zugent gen Brysach und -nach zu Basel und gen Burgonden und in Uchtland, und wustent, was vor -in was, lut und gut<a id="FNAnker_108" href="#Fussnote_108" class="fnanchor">[107]</a>.“</p> - -<p>Die Speierische Chronik berichtet über die Eroberung von Dinant im -Jahre 1466: „und als balde er die stat ingenam, do dottet er frauͤen, -man und kinder und warff sie über die muͤer uß in daz wasser, heißet -die Maß, und ertranckt ir auch gar vil dar in. er liß auch die stat -plundern und alz daz nemen, das dar inne waz. und dar nach liß er die -stat an stoßen und verbornen und die kirchen und huser und thorn und -muͤern gar zersleiffen, und macht ein eben felt dar uß und liß acker -und wisen dar uß machen.“ Es handelt sich um den Herzog von Charolais, -der auf die Bürgerschaft von Dinant sehr erbost war, weil sie ihn -für einen Bastard des Herzogs von Burgund erklärt hatte. Die Form, -in der diese Beschimpfung in die Erscheinung trat, ist auch überaus<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[S. 100]</span> -charakteristisch für die mittelalterliche Roheit: Man hatte von ihm ein -Bild malen lassen, dieses an den Füßen aufgehängt und mit Kot beworfen!</p> - -<p>Wie in Feindesland gehaust wurde, geht auch aus dem Schreiben der -Eidgenossen an den in Speier versammelten Städtetag hervor. Die -Speierische Chronik schildert die Greueltaten, die sich burgundische -Söldner 1474 im Sundgau zuschulden kommen ließen. Nachdem erzählt -wurde, wie sie Kirchen zerstört, Priester geschmäht und viele Menschen -getötet hatten, heißt es: „und besunder vil junger frawen und dochter -wider iren willen geschendt und gewaltiglich genotzugt, vil sugender -kind iren muttern ab der brust gezerret und die auch vil andern junger -knaben und dochtern, by trien, viern, funff ader mer jaren alt, usser -lant gefurt, den armen luten und mannen umb zytlichs guts willen an -iren heymlichen gemachten onmenschlich pin und groß martir angetan, -erlich frawen gewondet, dochter erstochen, by iren harn und zopffen uff -gehenckt, etlich frauwen <em class="gesperrt">in der kirchen</em> ir beyn von einander -gesperret und mit scharffen holczern in irn heymlichen gliddern gelt -gesucht, die deshalb auch gestorben sind, auch mit knaben und frauwen -erschroglich anmenschlich und annaturlich lesterlich sunden, nemlich -<em class="gesperrt">in der kirchen</em>, uff dem kerner gewaltiglich begangen, derhalb -am gancz land under gen mocht, als auch umb dergleichen sunden ließ -versinken der allmechtig got Sodoma und Gomorra<a id="FNAnker_109" href="#Fussnote_109" class="fnanchor">[108]</a>.“</p> - -<p>Karl der Kühne ließ in Lothringen <em class="gesperrt">alles gefangene Kriegsvolk -aufhängen</em>. Maximilian tat<span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[S. 101]</span> dasselbe, als er das Blockhaus von Galoo -bei Antwerpen erobert hatte: „und welche nit erschossen und erstochen -waren, dieselben <em class="gesperrt">ließ er alle henken</em><a id="FNAnker_110" href="#Fussnote_110" class="fnanchor">[109]</a>.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Plündern eroberter Städte war durchaus herkömmlich, ebenso war es -mit der ritterlichen Ehre zu vereinbaren, Gefangenen hohes Lösegeld -abzunehmen, dagegen war merkwürdigerweise die Ausplünderung einer -adeligen Dame dem Edelmann vom Ehrenkodex untersagt. Als Wilwolt -von Schaumburg nach dem Fall von Arras das Schloß erobert und den -Hauptmann gefangen hatte, brachte seine Frau freiwillig den Siegern -alle ihre Kostbarkeiten im Werte von 4000 Gulden. Da sagte Wilwolt: -„Wir Teutschen und vor aus von den Oberlanden, ob wir wol stet und -schlos gewinnen, pflegen keiner frauen oder junkfrauen, vom adl -geboren, nichts von irem geschmuck, zu irem leib gehörig, zu nemen, und -wo solichs ein edelman tet, würde er von seinen genossen sein leben -lang dester untreuer und unwerter gehalten. Darumb das jenig, so mir -zu teil wirdet, wil ich mein beut der tugenthaften frauen wider geben -und ir nichts verkern.“ Seinem Beispiel folgten dann auch, allerdings -widerstrebend, die welschen Hauptleute.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Nach dem Kriege war es oft schwer, die Soldtruppen wieder los zu -werden, zumal wenn sie den rückständigen Sold nicht bekamen. Aus dieser -Verlegenheit halfen sich die Ungarn 1492 auf sehr einfache Weise: Von -den 8000 ungelohnten Truppen <em class="gesperrt">erschlugen sie</em> 6000 und zwangen den -Rest, in Österreich Zuflucht zu nehmen. Da sie dort selbst<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[S. 102]</span>verständlich -zur Gewinnung ihres Lebensunterhaltes rauben mußten, überfiel sie -Kaiser Friedrich III. 1493 und ließ 1100 Gefangene aufhängen<a id="FNAnker_111" href="#Fussnote_111" class="fnanchor">[110]</a>. -Unter diesen Umständen kann man es den Söldnern nicht verübeln, wenn -sie höchst ungern ihren Kriegsherren den Lohn stundeten.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die offiziellen Gewalten haben noch in neuerer Zeit an Grausamkeit -nichts zu wünschen übrig gelassen und zwar in Kulturländern, denn in -Rußland war und ist ja alles möglich, wenigstens alles Barbarische und -Viehische.</p> - -<p>Oliver Cromwell erstürmte 1649 die irische Hauptfeste Drogheda und -ließ die <em class="gesperrt">ganze Besatzung, über zweitausend Mann, niedermetzeln</em>. -Später folgte ein <em class="gesperrt">gleiches Blutbad in Wexford</em> nach. Nach -Beendigung des Krieges im Jahre 1652 war Irland verödet, fast die -Hälfte der Bevölkerung dem Schwert, Hunger und den Seuchen erlegen. -Andere Tausende waren ausgewandert, verbannt oder, nicht besser als -Sklaven, in die westindischen Plantagen verschickt<a id="FNAnker_112" href="#Fussnote_112" class="fnanchor">[111]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Beim Rückzug der Jourdanschen Armee 1796 trug sich folgendes zu: -„Die Bauern mit Weibern und Kindern fielen über die zerstreuten -Haufen her, und <em class="gesperrt">schlugen alles, was ihnen unter die Hände kam, -ohne Barmherzigkeit tot</em>. Jeder hatte ein erlittenes Unrecht zu -rächen. Die Ehemänner und Väter, welche durch die <em class="gesperrt">Schändung ihrer -Weiber und Töchter</em>, die man oft vor ihren Augen begangen hatte, -aufgebracht waren, <em class="gesperrt">schnitten den armen Franzmännern das Glied, womit -sie gesündigt<span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[S. 103]</span> hatten, lebendig vom Leibe</em>, und <em class="gesperrt">schlachteten -sie dann, wie man Schweine schlachtet</em>. Die Wut der Bauern ging -anfänglich über alle Gränzen bis zur unerhörtesten Grausamkeit..“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">alten Griechen</em> hatten bereits im 8. vorchristlichen -Jahrhundert Tempelvereine, Amphyktionien. Die berühmteste Amphyktionie -war die pylische, die im Anfang des 6. Jahrhunderts mit der delphischen -verschmolz. Diese aus mehreren Staaten bestehenden Vereine schworen: -„Ich will <em class="gesperrt">keine amphiktionische Stadt zerstören, noch vom fließenden -Wasser abschneiden</em>, weder im Kriege noch im Frieden; verletzt -eine Gemeinde diese Bestimmung, so will ich gegen dieselbe zu Felde -ziehen und ihre Städte zerstören<a id="FNAnker_113" href="#Fussnote_113" class="fnanchor">[112]</a>.“ Daß diese alten „Heiden“ danach -handelten, beweist das Verfahren gegen Athen nach dem furchtbaren -Peloponnesischen Kriege. Erst die Genfer Konvention ist nach fast zwei -Jahrtausenden des Christentums zu den amphyktionischen Grundsätzen -zurückgekehrt.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der große <em class="gesperrt">König Açoka</em> von Magadha in Vorderindien (259–226 -v. Chr.) erließ an seine Beamten als Richtschnur ihres Verhaltens -gegenüber den „unbesiegten Nachbarn“, also seinen wirklichen oder -möglichen <em class="gesperrt">Feinden</em> folgendes Edikt: „Der König wünscht, daß sie -sich nicht vor mir fürchten sollen, daß sie mir vertrauen sollen, daß -sie <em class="gesperrt">durch mich nur Glück, nicht Unglück erlangen mögen</em>.“</p> - -<p>Ferner sollen sie folgendes verstehen: <em class="gesperrt">Der König wird von uns sich -gefallen lassen, was man sich gefallen lassen kann</em>..... jene -(die Nachbarn)<span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[S. 104]</span> müssen bewogen werden, Vertrauen zu fassen, damit sie -verstehen: „<em class="gesperrt">Wie ein Vater ist der König zu uns – wie er sich selbst -liebt, liebt er uns – wir sind dem Könige wie seine Kinder.</em>“... -„Zu diesem Zwecke habe ich dies Edikt erlassen, damit die Beamten stets -sich bemühen, bei meinen Nachbarn Vertrauen zu erwecken und sie zur -Befolgung des Gesetzes (Buddhas) zu bewegen<a id="FNAnker_113a" href="#Fussnote_113" class="fnanchor">[112]</a>.“</p> - -<p>Dieser selbe Açoka, der erst zum Buddhismus übertrat und ihm von ganzem -Herzen zugetan war, blieb so völlig frei von jedem Fanatismus, der -einst u. a. Karl den Großen zur Ehre des Christengottes 4500 Sachsen -bei Verden enthaupten ließ, daß er vor allem <em class="gesperrt">Duldsamkeit</em> gegen -Andersdenkende lehrt. Sogar dem Brahmanentum gegenüber wurde Toleranz -befolgt, und feindliche Handlungen unterblieben<a id="FNAnker_114" href="#Fussnote_114" class="fnanchor">[113]</a>.</p> - -<p>Damals konnte der Bauer zwischen kämpfenden Heeren sein Feld bestellen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als Mohammeds Nachfolger <em class="gesperrt">Abu Bekr</em> seine Truppen zur Eroberung -Syriens im 7. Jahrhundert aussandte, d. h. im Begriff war, einen der -in seinen Folgen gewaltigsten Kriege der Weltgeschichte zu führen, gab -er ihnen folgende Instruktionen: „Leute, ich habe zehn Dinge euch zu -empfehlen, die ihr genau beachten müßt. Täuschet niemand und <em class="gesperrt">stehlet -nicht; handelt nicht treulos und verstümmelt niemanden, tötet weder -Kinder noch Greise noch Weiber, beraubt die Palmen nicht ihrer Rinde, -noch verbrennt sie, schlaget nicht die Frucht<span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[S. 105]</span>bäume ab und zerstöret -nicht die Saatfelder, tötet nicht Schafe, noch Ochsen, noch Kamele</em> -außer für euren Lebensunterhalt. Ihr werdet Geschorene finden – -schlagt sie mit dem Säbel auf die Tonsur; ihr werdet auch Leute in -Zellen (d. h. Einsiedler) finden – <em class="gesperrt">laßt sie in Ruhe, damit sie in -der Erfüllung ihrer Gelübde fortfahren</em><a id="FNAnker_115" href="#Fussnote_115" class="fnanchor">[114]</a>.“</p> - -<p>Es ist ausdrücklich überliefert, daß diese Instruktionen von den -„fanatischen“ Mohammedanern auch befolgt wurden.</p> - -<p>Jedenfalls hätten die christlichen europäischen Truppen im Chinafeldzug -von 1900 sich daran ein Beispiel nehmen können.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Daß die weitesten Wanderungen auch bei den schlechten -Verkehrsverhältnissen des Mittelalters dem kühnen Abenteurer möglich -waren, lehrt das Beispiel <em class="gesperrt">Harald Hardraades</em>, eines Kriegshelden -des 11. Jahrhunderts.</p> - -<p>In der Schlacht bei Stiklestad in Skandinavien, in der sein Bruder -Olaf Thron und Leben verlor, verwundet, flüchtet Harald zu den -Stammesbrüdern nach Rußland, dann nach Apulien, ward hierauf -unerkannt in Byzanz Führer der Waräger und vollbrachte ein Jahrzehnt -lang an ihrer Spitze Heldentaten, die ihn bis Sizilien, Nordafrika -und Ägypten führten. Danach ward er in Rußland der Schwiegersohn -des Fürsten Jaroslaw und bestieg schließlich, nach dem Tode seines -Neffen Magnus, den Thron Norwegens. Sein Ende fand er beim Versuche, -das Angelsachsenreich an sich zu bringen, in der Schlacht bei -Stamford<span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[S. 106]</span>bridge, nur 18 Tage vor dem Siege Wilhelms des Eroberers bei -Hastings (1066).</p> - -<p>Er hatte also <em class="gesperrt">ganz Europa</em> vom äußersten Norden und Nordwesten -bis in den tiefsten Süden und Südosten, die Küsten Asiens und Afrikas -in seinen Gesichts- und Wirkungskreis gezogen und kann als Verkörperung -der normännischen Ausbreitung gelten, die den Horizont der Kreuzzüge -schuf<a id="FNAnker_116" href="#Fussnote_116" class="fnanchor">[115]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Es war im frühen Mittelalter durchaus Sitte, daß dem Heere sich -Kaufleute, <em class="gesperrt">leichtfertige Dirnen</em> usw. anschlossen. Selbst an den -<em class="gesperrt">Kreuzzügen</em> beteiligten sich <em class="gesperrt">Scharen dieser leichtfertigen -Weiber</em>, die militärisch organisiert, mit Keulen bewaffnet und sogar -mit eigenen Fahnen versehen gewesen sein sollen. Vom 2. Kreuzzuge, -auf den König Ludwig VII. von Frankreich aus guten Gründen seine -etwas flotte Gattin mitgenommen hatte, heißt es: „Dies Beispiel -befolgten viele andere Edelleute und nahmen ihre Gemahlinnen mit, -und weil da Dienerinnen nicht fehlen konnten, so befand sich in dem -christlichen Heere, das keusch sein sollte, eine Menge von Frauen.“ -Auch im Heere Konrads III. fehlte es nicht an fahrenden Weibern, was -dem erbaulichen Lebenswandel der christlichen Glaubensstreiter nicht -eben Vorschub leistete. Deshalb wurde, als Heinrich II. und sein Sohn -Richard Löwenherz 1188 den 3. Kreuzzug antreten wollten, bestimmt, daß -„keiner auf die Wallfahrt irgendein Weib mitführen solle, außer einer -<em class="gesperrt">Waschfrau</em> zu Fuße, die unverdächtig sei.“ Wie<span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[S. 107]</span> „unverdächtig“ -zu verstehen ist, wird nicht gesagt. Das kanonische Alter wird kaum -Bedingung gewesen sein. Genützt hat diese Bestimmung nicht viel, wie -auch der Erfolg der drakonischen Lagergesetze Friedrich Barbarossas -ziemlich problematisch blieb<a id="FNAnker_117" href="#Fussnote_117" class="fnanchor">[116]</a>.</p> - -<p>Noch zur Zeit der Landsknechte nahmen viele Weib und Kind mit ins -Feld und ins Lager. Die Ledigen litten auch nicht Mangel, denn ein -beträchtlicher Troß liederlicher Weiber folgte dem Heere und unterstand -der Disziplinargewalt des Troßweibels. Im Dreißigjährigen Kriege -schleppte z. B. ein Regiment von dreitausend Mann <em class="gesperrt">zweitausend -Weiber</em> mit, gegen die die Autorität der Obersten nichts ausrichten -konnte. Im Verlaufe des Krieges <em class="gesperrt">übertraf der Troß die Zahl der -Kombattanten um das Drei- bis Vierfache</em>. Diese Weiber mußten für -die Soldaten alle Arbeiten verrichten und alle Strapazen teilen, dazu -eine harte und mitleidlose Behandlung erdulden. Die „Lagerkinder“ -wurden oft mit den Müttern ins Elend gestoßen. Dann konnten sie -nichts anderes werden als Bettler, Diebe oder Räuber, im besten Falle -Soldaten, was aber damals auf dasselbe herauskam<a id="FNAnker_118" href="#Fussnote_118" class="fnanchor">[117]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Sehr gemütlich war die <em class="gesperrt">Kriegsführung der Italiener</em> im 15. -Jahrhundert. Die Condottieri hatten „aus der Kriegsführung eine -Kunst gemacht, indem sie in solchem Maße temporisierten, daß meist -beide Teile verloren“. In der Schlacht bei Zagonara, „dieser in -ganz Italien berühmt gewordenen Niederlage“ wurde nur ein einziger -Mann getötet, aber nicht etwa durch<span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[S. 108]</span> Waffengewalt, sondern durch -Sturz vom Pferde und Ersticken im Schlamm. In der einen halben Tag -dauernden Schlacht bei Molinella fiel kein einziger. In der Schlacht -bei Anghiari, die von Lionardo in einem berühmten, leider verloren -gegangenem Karton verherrlicht wurde – Rubens entwarf in Anlehnung -daran seine Reiterschlacht in der Münchner Alten Pinakothek – soll -ein einziger Mann vom Pferde zertreten worden sein. Diese Machiavellis -„Florentinischer Geschichte“ entnommenen Daten sind zweifellos -übertrieben. Immerhin kennzeichnen sie die damalige Anschauung vom -Kriegswesen, die auf den Grundton gestimmt ist „Wie gewöhnlich -geschieht, siegte die Furcht“. Machiavelli faßt sein Urteil in die -Worte zusammen: „Nie gab es Zeiten, in denen der im fremden Lande -geführte Krieg minder gefährlich gewesen wäre, als in diesen.. Denn da -alle beritten, mit Rüstung bedeckt und vor dem Tode sicher waren, wenn -sie sich ergaben, <em class="gesperrt">so war überhaupt kein Grund vorhanden, weshalb sie -sterben sollten</em>. Beim Kämpfen schütze sie die Rüstung; konnten sie -nicht mehr kämpfen, so ergaben sie sich“. „So wurde jene kriegerische -Tugend, die anderwärts durch langen Frieden unterzugehen pflegt, in -Italien durch die Lauheit der Kriegsführung unterdrückt.“</p> - -<p>Die bei Caldana liegenden florentinischen Truppen hatten den Verlust -von 200 Troßknechten zu beklagen, die ins feindliche, neapolitanische -Lager <em class="gesperrt">desertierten, weil der Wein ausgegangen war</em>! Aus diesem -triftigen Grunde wurde die <em class="gesperrt">Belagerung auch aufgehoben</em><a id="FNAnker_119" href="#Fussnote_119" class="fnanchor">[118]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[S. 109]</span></p> - -<p>König Friedrich Wilhelm I. von Preußen war bekanntlich ein -leidenschaftlicher Freund und Sammler schöner großer Soldaten. Für -die Art, wie er sie sich zu verschaffen wußte, ist folgende Notiz -vom Jahre 1713 bezeichnend: „Die Werbungen sind sehr scharf vor sich -gegangen, jedoch aber haben S. Kön. Maj. <em class="gesperrt">verboten, die Passagiere -auf den Posten nicht mehr anzuhalten, als wie etlichemal in der ersten -Hitze geschehen</em>.“ Im übrigen machte man im ganzen Lande förmliche -<em class="gesperrt">Jagd auf Bürger und Bauern</em>; auf den Straßen, in den Feldern, -sogar <em class="gesperrt">während des Gottesdienstes</em> erfolgten die Aushebungen. -Als der Prediger Gottfried Arnold im Jahre 1714 in Perleberg eben -das <em class="gesperrt">Abendmahl</em> austeilte, drangen Werber in die Kirche ein und -nahmen junge Leute mitten aus der Kirche fort. Der Prediger alterierte -sich darüber derart, daß er zehn Tage später starb. Noch im Jahre 1720 -wurden in der Mark Gemeinden während des Gottesdienstes von den Werbern -des Soldatenkönigs – der im übrigen viel besser als sein Ruf war – -überfallen. Diese Vergewaltigungen führten endlich zu einem offenen -Aufstand: gerade die Tüchtigsten flohen in Scharen vor den preußischen -Werbewüterichen. Von solchen Flüchtlingen wurden die Industrien von -Elberfeld und Barmen begründet<a id="FNAnker_120" href="#Fussnote_120" class="fnanchor">[119]</a>.</p> - -<p>Mit List, Gewalt und Geld wurde <em class="gesperrt">auch außer Landes</em> der -Menschenfang betrieben. Karl Julius Weber, der berühmte Verfasser des -Demokrit, erzählt, daß sein Großonkel, der Theologie studiert hatte und -in Nürnberg als Hauslehrer lebte, bei einem Spaziergang von preußischen -Werbern plötz<span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[S. 110]</span>lich überfallen, geknebelt, in einen Wagen geworfen -und so nach Potsdam entführt worden sei, weil er 6 Fuß und 3 Zoll -maß. Dieser Gewaltstreich <em class="gesperrt">kostete ihn sein ganzes Lebensglück</em>. -Solche Fälle waren an der Tagesordnung. Man fing sogar einen langen -katholischen Geistlichen, den nachher unter Friedrich dem Großen in -hoher Gunst stehenden gescheiten Abbé Bastiani, aus Welschtirol, -<em class="gesperrt">als er gerade die Messe las</em>, ein, und selbst ein Mönch aus Rom -blieb nicht verschont und wurde in die blaue Garde gesteckt. Solche -Übergriffe ließen sich die Nachbarn auf die Dauer nicht gefallen. In -Hessen-Cassel wurden z. B. mehrere preußische Werbeoffiziere gehenkt.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Kinder in der Wiege</em>, die lang zu werden versprachen, erhielten -eine <em class="gesperrt">rote Halsbinde</em> und die Eltern das Handgeld. Der Versuch -Friedrich Wilhelms, recht lange Gardisten mit recht großen Frauen -zusammen zu geben, um so recht lange Kinder zu erhalten, mißglückte zu -seinem großen Bedauern.</p> - -<p>Die „lieben blauen Kinder“ durften nebenbei ein Gewerbe betreiben, -Bier- und Weinhäuser, Materialläden usw. halten, nur keine öffentlichen -Handarbeiten verrichten. Der König schenkte ihnen Geld und Grundstücke, -sogar <em class="gesperrt">Kanonikate</em> und stand bei ihren Kindern Gevatter.</p> - -<p>Da die Kompagniechefs der preußischen Truppen verpflichtet waren, -ihre Mannschaften vollzählig zu erhalten, waren alle zu Werbungen -geradezu ge<span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[S. 111]</span>zwungen. Die Chefs hoben <em class="gesperrt">ganze Kolonien</em> in den -zugewiesenen Werbedistrikten aus, <em class="gesperrt">versetzten sie auf ihre Güter</em> -als „Ergänzungsmannschaften“, machten die kleinen zu Bedienten, Köchen, -Reitknechten usw., kurz führten in die preußischen Staaten eine Art -von <em class="gesperrt">Faustrecht</em> zurück. Erst das Kantonreglement von 1733 räumte -einigermaßen mit diesen unerhörten Zuständen auf<a id="FNAnker_120a" href="#Fussnote_120" class="fnanchor">[119]</a>.</p> - -<p>Welcher Brutalitäten die Offiziere noch im 18. Jahrhundert fähig waren, -erhellt aus der Sitte der Garnison von Gaeta aus der <em class="gesperrt">Hirnschale</em> -des dort als <em class="gesperrt">Mumie</em> aufbewahrten Herzogs Karl von Bourbon zu -<em class="gesperrt">trinken</em>. „nachdem aber etlichemal Verdrüßlichkeiten und Unglücke -darüber und bey solcher Gelegenheit unter ihnen entstanden, so ist -solche Unordnung gänzlich untersaget worden.“ Erzählt Keyßler im Jahre -1730<a id="FNAnker_121" href="#Fussnote_121" class="fnanchor">[120]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel, ein Fürst, der seine Residenz -zu einer der schönsten in Deutschland machte, gebildet, kunstliebend -und der Aufklärung zugetan – also keineswegs ein mittelalterlicher -Tyrann – <em class="gesperrt">verkaufte im Jahre 1775 12800 Hessen den Engländern</em> -zum Gebrauche in ihren Kolonien. Bis zum Jahre 1782 wurden noch weitere -4200 Rekruten nachgeschickt. Dazu gab Hanau noch besonders 2400 Mann. -Da Hessen-Kassel damals 400000 Einwohner hatte, <em class="gesperrt">verschacherte</em> -der Fürst <em class="gesperrt">fast den zwanzigsten Teil seiner Untertanen</em>!</p> - -<p>Die englischen Kommissarien kamen nach Kassel und besichtigten die -verkauften Menschen auf dem<span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[S. 112]</span> Markte, wie sie die Neger in Amerika zu -besichtigen gewohnt waren. Für jedes <em class="gesperrt">Stück</em> dieser armen Kerle -zahlten sie 100 Taler. Sie wurden auf der Weser eingeschifft und -Friedrich der Große erhob bei Minden von ihnen beim Passieren seines -Landes den üblichen <em class="gesperrt">Viehzoll</em>! Die beste Verurteilung dieses -Systems.</p> - -<p>Klagten die Eltern der verschacherten Leute, dann kamen die Väter in -die Eisenarbeit, die Mütter ins Zuchthaus. Wer desertierte, mußte zwei -Tage lang Spießruten laufen – übrigens ein Kulturgeschenk Rußlands – -zwölfmal täglich, <em class="gesperrt">zuweilen bis zum Tode</em>. Karl Justus Weber, der -das miterlebte, wurde von den Offizieren belehrt, daß das Gassenlaufen -der Gesundheit weniger nachteilig sei, als die alte Stockprügel!</p> - -<p><em class="gesperrt">Von diesen 19400 Mann</em> kehrten im Herbst 1783 und im folgenden -Frühjahr 11900 <em class="gesperrt">zurück</em>. 7500 <em class="gesperrt">Mann hatte der Krieg -weggerafft</em>!</p> - -<p>Merkwürdig ist, daß gleichzeitig – eine Einwirkung der Aufklärung – -in Hessen die Tortur abgeschafft wurde und die einfache Todesstrafe nur -mehr höchst selten Anwendung fand.</p> - -<p>Übrigens hatte sich der Menschenschacher bezahlt gemacht: Als Landgraf -Friedrich II. 1785 starb, soll er trotz seiner vielen Bauten und -Reisen und des großen von ihm betriebenen Luxus 56 Millionen Taler -hinterlassen haben<a id="FNAnker_122" href="#Fussnote_122" class="fnanchor">[121]</a>.</p> - -<p>Die englischen Subsidien, die Georg III. für die hannöversche Armee -gegen Frankreich zahlte, berechneten die Prämie für einen toten oder -drei verwundete<span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[S. 113]</span> Soldaten bei der Infanterie auf 28 Taler, bei der -Kavallerie auf 11 Taler. Dagegen wurden für ein totes Pferd oder drei -verwundete Pferde 90 Taler vergütet. <em class="gesperrt">Ein deutscher Soldat wurde also -am Ende des 18. Jahrhunderts</em> auf 11–28 <em class="gesperrt">Taler bewertet, also ein -Achtel bis ein Drittel so hoch wie ein Pferd</em>. Gleichzeitig schätzte -der englische Nationalökonom William Petty den Wert eines Menschen auf -2888 Taler. Das waren allerdings auch Engländer!<a id="FNAnker_123" href="#Fussnote_123" class="fnanchor">[122]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Eines schönen Tages im Herbste des Jahres 1906 begegnete ein Hauptmann -auf der Landstraße in der Nähe Berlins einer vom Schießen heimkehrenden -Soldatentruppe. Er hielt sie an, hieß sie umkehren und mit ihm nach -Köpenick marschieren, wo er mit Unterstützung der requirierten -Polizei das Rathaus umstellen ließ. Dann begab er sich mit zwei Mann -zum Bürgermeister, nahm auf Grund einer gefälschten allerhöchsten -Kabinettsorder eine Visitation der Stadtkasse vor, ließ sich den Betrag -von 4000 Mark auszahlen, quittierte, verhaftete den Bürgermeister mit -dem Kassenrendanten und ließ sie per Wagen nach Berlin transportieren.</p> - -<p>Der Bürgermeister ist veritabler Reserveoffizier, der „Hauptmann“ -seines Zeichens Schuster, der lange Jahre seines Lebens hinter -Gefängnismauern zugebracht hatte. Daß eine Militärbehörde gegen -einen Bürgermeister als Zivilbeamten keine Maßregeln ergreifen kann, -bedenkt er nicht. Es hätte auch wenig genützt, denn wie die Soldaten -bei der Gerichtsverhandlung<span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[S. 114]</span> bekunden, hätten sie auf einen Wink des -„Hauptmanns“ hin den Vater der Stadt mit ihren Bajonetten durchbohrt. -Niemandem war es aufgefallen, daß der „Hauptmann“ alt und schäbig -aussah, niemandem, daß er unvorschriftsmäßig gekleidet war und in -Mütze statt im Helm seine Visitation vornahm. Keinem der Soldaten war -es eingefallen, den wildfremden Offizier nach seiner Legitimation zu -befragen. Ganz Europa lachte.</p> - -<p>Welches <em class="gesperrt">Ansehen</em> muß der Militärstand in einem Lande besitzen, -daß so etwas möglich ist! Daß eine Uniform allein genügt, eine ganze -Stadt mitten im tiefsten Frieden zu alarmieren, die höchsten Behörden -widerstandslos zu verhaften! Daß alle diese Maßnahmen ungesetzlich -waren, wußte man natürlich auch in Köpenick, aber der Zauber der -Uniform brachte jede Regung der Vernunft zum Schweigen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wie mag die Zukunft darüber urteilen, daß die großen Militärmächte -Europas durch ihre Offiziere <em class="gesperrt">die Armeen anderer Staaten reformieren -lassen</em>? Im Chinafeldzuge 1900 hatte der Feind unser verbessertes -Gewehr System 88, das deutsche Seitengewehr vom gleichen Jahre, -Prismen-Entfernungsmesser, Ferngläser usw., manöverierte nach deutschen -Signalen und bewies fast deutsche Disziplin<a id="FNAnker_124" href="#Fussnote_124" class="fnanchor">[123]</a>.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[S. 115]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Sechster_Abschnitt"><span class="s5">Sechster Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Ehe</span></h2> - -</div> - -<p>Erst seit dem 8. Jahrhundert verlangte die Kirche Vollziehung der -Trauungszeremonie durch einen Geistlichen, aber noch bis etwa 1300 -wurden Bauernhochzeiten ohne priesterliche Assistenz in Deutschland -gefeiert. Zur Zeit der Minnesinger war es noch nicht feststehende -Sitte, die Trauung in der Kirche vorzunehmen<a id="FNAnker_125" href="#Fussnote_125" class="fnanchor">[124]</a>. Es genügte, wenn die -Brautleute sich vor glaubwürdigen Zeugen die Ehe versprachen. Diese -Zivilehe, die bald vollzogen wurde, wurde für rechtsgültig angesehen.</p> - -<p>Eine wichtige Zeremonie war die des <em class="gesperrt">Beilagers</em>, von der auch bei -<em class="gesperrt">Kindern</em> nicht Abstand genommen wurde. Als die Tochter König -Rudolfs von Habsburg, Guote, den König Wenzel von Böhmen heiratet, -legte man beide Kinder die Nacht über zueinander, wiewohl – so -berichtet der Chronist Ottokar von Steier CLXXIV – sie von ihren -Puppen, er von seinen Falken erzählte<a id="FNAnker_126" href="#Fussnote_126" class="fnanchor">[125]</a>.</p> - -<p class="mtop2">Als Kaiser Friedrich III. mit der reizenden 16jährigen Eleonore von -Portugal am 22. März des Jahres 1452 zu Neapel die Ehe vollzog – die -Trauung<span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[S. 116]</span> durch den Papst war bereits am 16. des Monats erfolgt – gab -es nicht geringe Schwierigkeiten. Friedrich hatte sich nämlich diesen -feierlichen Akt für Deutschland aufsparen wollen. Nach langem Sträuben -gab er endlich nach. Gerührt durch die Trauer Leonorens, die fürchtete, -ihm nicht zu gefallen, und bewogen durch König Alfonso, der ihm klar -machte, daß es viel einfacher sei, seine Nichte gleich hier zu lassen, -wenn er nicht befriedigt sei, als sie aus Deutschland zurückzuschicken. -Er ließ das Lager herrichten, legte sich darauf und ließ sich Leonore -in die Arme legen, dann wurde in Anwesenheit des Hofstaates über sie -eine Decke gezogen. Es blieb aber bei einem Kusse. Auch waren beide -in den Kleidern und standen unverzüglich auf. Die portugiesischen -Hofdamen fürchteten (oder hofften?), als sie das Überziehen der Decke -und die ernste Wendung, die die Sache anzunehmen schien, sahen, daß -es doch etwas shoking würde und kreischten. König Alfonso aber sah -mit sichtlichem Ergötzen lächelnd der Zeremonie zu. In der folgenden -Nacht wurde das Versäumte nachgeholt, und das junge Paar begab sich -zu Bett – jedenfalls unbekleidet, da das damals üblich war – aber -nicht in das priesterlich geweihte, das die Portugiesinnen hatten -herrichten lassen, sondern da Friedrich Gift oder Zauber fürchtete, in -ein anderes. Aber das ging nicht so glatt, denn die Kaiserin, die sich -schon zu Bette begeben hatte, wollte trotz dreimaliger Aufforderung -Friedrichs nicht ins andere Bett, in dem der Kaiser lag. Sie werde es -halten, wie es Brauch sei. Die Männer müßten zu den Frauen kommen und -nicht umgekehrt. Der Kaiser<span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[S. 117]</span> verfügte sich dann zu ihr und zog sie an -der Hand ins unverdächtige Bett.<a id="FNAnker_127" href="#Fussnote_127" class="fnanchor">[126]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wie die Ehe durch Prokuration geschlossen wurde, beschreibt der -Chronist Jakob Unrest wie folgt: „Kunig Maximilian schickte seiner -diener ainenn genannt Herbolo von Polhaim gen Brittania zu empfahn die -kunigliche prawt, der war in der stadt Remis (Reims) erlichn empfanngn, -und deselbst beslieff der von Polhaim die kunigliche prawt, als der -fursten gewohnhait ist, das ihre sendpotten die furstlichn prawt mit -ainem gewaptn man mit dem rechtn arm, und mit dem rechtn fues plos, -und ain plos swert darzwischn gelegt, beschlaffen. Also habn dy alltn -furstn gethan, und ist noch die gewohnhait“.<a id="FNAnker_128" href="#Fussnote_128" class="fnanchor">[127]</a></p> - -<p>Es handelt sich hier um die 1491 geschlossene Ehe Maximilians I. -mit der Anna von Bretagne. Übrigens wurde sie niemals vollzogen, da -der König Karl VIII. von Frankreich die Braut seines Rivalen trotz -des gewährten freien Geleites <em class="gesperrt">gefangen setzte</em> und <em class="gesperrt">selber -heiratete</em>. Die reiche Erbschaft schien ihm diesen Ehe- und -Wortbruch zu rechtfertigen. Bekanntlich ließ Maximilian sich diesen -Schimpf nicht gefallen und erklärte den Krieg.</p> - -<p>Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde vom deutschen Fürstenrecht -ähnliches gefordert. Man legte das junge Paar nach der Trauung im -Beisein des Hofes in das Paradebett, das im Speisesaal hergerichtet -war. Dabei wurden Konfitüren und süßer<span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[S. 118]</span> Wein gereicht. Dann nahm man -das Paradebett auseinander und führte die Neuvermählten unter Pauken- -und Trompetenschall an die fürstliche Tafel.<a id="FNAnker_129" href="#Fussnote_129" class="fnanchor">[128]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Erbaulich ging es bei der Verlobung der hl. Elisabeth her. Der -Patriarch von Aquileja, Berthold, ein Bruder der ungarischen Königin -Gertrud, schändete eine Gräfin. Da er sich durch Abreise der Rache -ihres Gemahles entzieht, dringt dieser in das Schlafgemach der Königin -ein und hängt sie, im Glauben sie sei mitschuldig, auf.<a id="FNAnker_130" href="#Fussnote_130" class="fnanchor">[129]</a></p> - -<p>Trotz der Sittenlosigkeit des deutschen Mittelalters, das sich aber -stets der Verwerflichkeit des Ehebruches bewußt blieb, war der gereizte -Ehemann sehr unbequem. Der Verführer hatte auf alle Fälle sein Leben -verwirkt, in der Regel wurde er verbrannt, oft ging es ihm noch -schlimmer. Die beiden Schwiegertöchter Philipps III. von Frankreich, -Margarethe, Gemahlin des Kronprinzen, und Blanche, die des Grafen de -la Marche, wurden geschoren und zu ewigem Gefängnis verurteilt. Ihre -Liebhaber Philipp und Gautier d’Aulnai öffentlich geschunden, kastriert -und gehängt.</p> - -<p>Nicht geringe Unbequemlichkeiten hatte nach Thietmar von Merseburg ein -Ehebruch bei den Slawen in der heutigen Lausitz im Gefolge.</p> - -<p>„Wenn unter ihnen einer sich erfrecht fremde Ehefrauen zu mißbrauchen -oder Hurerei zu treiben, so muß er sofort folgende Strafe erdulden: Er -wird<span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[S. 119]</span> auf die Marktbrücke geführt und ihm durch den Hodensack ein Nagel -geschlagen; dann legt man ein Schermesser neben ihn hin und läßt ihm -die harte Wahl, dort auf dem Platz sich zu verbluten, oder sich durch -Ablösung jener Teile zu befreien“. Der ertappten Frau ging es nicht -viel besser. „Wenn eine Buhlerin ertappt wurde, dann wurde sie mit der -entehrenden und erbärmlichen Strafe belegt, an ihren Genitalien ringsum -beschnitten zu werden. Dieses Präputium – wenn man den Ausdruck dafür -gebrauchen kann – wurde an ihrer <em class="gesperrt">Haustüre aufgehängt</em>, damit -der Blick des Eintretenden darauf falle und er in Zukunft um so mehr -bedacht und vorsichtig wäre.“ Zur Zeit der Väter, sagt Thietmar, wurde -die Frau enthauptet.<a id="FNAnker_131" href="#Fussnote_131" class="fnanchor">[130]</a></p> - -<p>Eine ähnliche Geschichte erzählt der Chronist Matthäus Parisiensis, -Mönch von St. Alban in England: Johannes Brito ertappte 1248 einen -vornehmen Ritter namens Godefridus de Millers bei seiner Tochter, -schlug ihn, hing ihn mit gespreizten Beinen an die Balken, machte -ihn zum Kapaun und warf ihn halbtot hinaus. Dafür wurde er – zumal -er es einem sehr galanten Geistlichen gerade so machte – auf ewig -verbannt. Der König aber bestimmt, und das gibt diesem Falle seine -kulturhistorische Bedeutung: hinfort sei diese Verstümmelung verboten, -<em class="gesperrt">es sei denn als Vergeltung für den Ehebruch der eigenen Frau</em>!</p> - -<p>Das Mainzer Stadtrecht befiehlt als Strafe für Juden, die sich mit -Christenfrauen fleischlich ver<span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[S. 120]</span>gingen: „da sol man dem Juden sein Ding -abesniden und ein Aug ausstechen“. Übrigens ließ noch im Jahre 1545 ein -Edelmann in der Wetterau seinen Schalksknecht kastrieren<a id="FNAnker_132" href="#Fussnote_132" class="fnanchor">[131]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Zahlreich sind die Fälle, in denen der Mann die im Ehebruch ertappte -Frau tötet. Aus Brantôme geht hervor, daß das im Frankreich des 16. -Jahrhunderts gar keine Seltenheit war.<a id="FNAnker_133" href="#Fussnote_133" class="fnanchor">[132]</a> Auch in Deutschland -war es in dieser Zeit noch gesetzlich zulässig. Z. B. heißt es im -Frankenhauser Stat. von 1558: „Ob einer einen Andern bei seinem -elichen Weibe nackend und bloß <em class="gesperrt">in einem Bette</em> hete befunden und -in zorniger weise zufiele und den selbigen tod schlüge, <em class="gesperrt">der ist -unstreflich</em>“.<a id="FNAnker_134" href="#Fussnote_134" class="fnanchor">[133]</a> In der Zimmerischen Chronik (II, S. 523 f.) -wird von einem Kaufmann erzählt, der seinen Schreiber mit seiner Frau -im Bade findet – merkwürdigerweise scheint die Badewanne damals bei -galanten Tete-a-tetes sich besonderer Bevorzugung erfreut zu haben – -und ihn tot schlägt: „Die obrigkait nam sich der sachen weiter nit an, -dieweil der schreiber an der thatt ergriffen“. Das war in Konstanz. -„Solch strigeln im badt biß auf den todt ist bei wenig jaren davor ain -pfaffen zu Zürich auch begegnet, der ist auch dermaßen von aim burger -daselb im badt beim weib ergriffen worden“. Sehr ergötzlich ist die -Geschichte, die sich 1532 in Oberndorf zutrug (ebenda III, S. 65 ff.), -wo ein ertappter Pfaffe mit zusammengebundenen Vieren zum Fenster -hinausgehängt wird. Merkwürdigerweise wird in der Regel die Frau wieder -in Gnaden aufgenommen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[S. 121]</span></p> - -<p>Besonders Fürstlichkeiten mußten oft Damen heiraten, die sie nie -gesehen hatten. Um nun nicht mit einem Scheusal hereinzufallen, -schickten sie Gesandte oder ihren Hofmaler auf die Brautwerbung. Als -1161 der griechische Kaiser Manuel um Milisendis, Schwester des Grafen -von Tripolis, werben läßt, müssen die Gesandten sich genau nach ihrer -Körperbeschaffenheit erkundigen oder, wie es in der altfranzösischen -Übersetzung dieser Stelle heißt: sie wollten sie oft reden hören und -ließen sie <em class="gesperrt">ganz entkleidet vor sich hin und her gehen</em>.</p> - -<p>Noch im 18. Jahrhundert wurde in Frankreich jede Verlobte eines -Prinzen vor der Verheiratung durch seine weiblichen Anverwandten einer -körperlichen Untersuchung unterzogen.<a id="FNAnker_135" href="#Fussnote_135" class="fnanchor">[134]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Daß die Frauen von ihrem Manne geschlagen wurden, selbst mit einem -Knüttel, war im frühen Mittelalter so gang und gäbe und galt für so -wenig unpassend, daß es selbst in den Ritterromanen häufig erwähnt -wird.<a id="FNAnker_136" href="#Fussnote_136" class="fnanchor">[135]</a> Sogar Siegfried hat Krimhilde tüchtig verprügelt, als sie -die Brunhilde durch ihre Rede verletzt hatte (Nib. XV, 894). In Bayern -hat erst die Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches, 1900, das -leichte Züchtigungsrecht des Ehegatten beseitigt.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wer der Treue seiner Frau nicht sicher war, legte ihr schon im 13. -Jahrhundert einen <em class="gesperrt">Keuschheitsgürtel</em> an, von dem sich Modelle -im Museum<span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[S. 122]</span> schlesischer Altertümer in Breslau, im Schloß Erbach im -Odenwald – hier gleich zwei Exemplare – im Museum des Arsenals in -Venedig, im Museum zu Poitiers, im Toussaud-Museum in London, in der -Sammlung Pachinger in Linz, im Clunymuseum zu Paris und wohl auch noch -anderwärts erhalten haben. Allerdings war der mißtrauische Ehemann -nicht sicher, daß der Händler nicht einen Nachschlüssel der Gattin oder -ihrem Liebhaber einhändigte.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wie Graf Zimmern erzählt,<a id="FNAnker_137" href="#Fussnote_137" class="fnanchor">[136]</a> gab es in Sachsen und den Niederlanden -eine eigentümliche Sitte, „<em class="gesperrt">Beischlafen auf Glauben</em>“, „was -doch wider alle vernunft ist, auch vil huren und dorechter weiber -gemacht hat. Man sagt ain guten Schwank von aim edelman in Niderlanden -oder Westphalen, ain Horst, dem ist auch ain solliche ehr mit ainer -jungfrawen angethon und uf glauben zugelegt worden. Als ihm nun nachs -die Keuz anfahen steigen, do hat er die jungfrawen anfahen zu begreifen -und mit ihr zu sprachen. sie hats alles von ime gelitten und vergut -gehaht, one das er ir nit underhalb der gurtel oder weiche greif. nun -parlamentirt er lang mit ir, vermaint, sie zu bereden, aber sie war -ganz standthaft und sagt im mit kurzen worten, er sollt darvon sten, -dann sie wurde im underthalb der Gurtel nichts verwilligen.“</p> - -<p>Merkwürdige Anschauungen von Jungfräulichkeit herrschten in der -Grafschaft Sponheim unter dem gewöhnlichen Volke seit den ältesten -Zeiten. Zimmern<span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[S. 123]</span> erzählt darüber (III, S. 279 f.): „Wann ain junger -gesell sich verheiraten will und umb eine wurbdt, so mueß zuvor er irer -freundschaft burgen (Bürgen) setzen, das er ain hertbarer gesell seie -(das sein die verba formalia) das ist sovil, das er wol hasplen kundt -uf der betziehen. dargegen aber so muß im der hochzeiterna freuntschaft -verburgen, das iren dochter oder verwantin ein <em class="gesperrt">raine jungfraw</em> -seie; <em class="gesperrt">iedoch dingen sie darbei uß drei stuck</em>, nemlich -Kinderspill, als wann die halbgewachsne kinder mit ainander sich paren -und gaupen; item hurtenscheden, was hunder den zeunen oder dergleichen -Orten sich ongeferdt begibt, und dann hew- oder kornbaren, das wurt -insonderhait ußgedingt; dann wie baldt het am strohalm an sollichem ort -ain schaden gethon? fur diese drei scheden verspricht man keinem, und -da sie gleich ain guet zeit im beßenreis umbgeloffen, so mueß doch der -guet narr schweigen und zufrieden sein.“ Unter diesen Umständen war es -allerdings in Sponheim nicht schwer, als Jungfrau zu gelten. Ja, ja, -keusch waren unsere Vorfahren!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Noch gegen Ende des 16. Jahrhunderts herrscht, noch dazu in höfischen -Kreisen, eine ähnlich laxe Sitte. Der schlesische Ritter Hans von -Schweinichen weiß darüber in seinen „Denkwürdigkeiten“ (S. 38 f.) zu -erzählen:</p> - -<p>Im Jahre 1573 reist er nach Lüneburg zu Herzog Heinrich. Nach dem -Abendessen wird getanzt und die <em class="gesperrt">Hofgesellschaft</em> zieht sich -von der Reise er<span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[S. 124]</span>müdet zurück. „Die einheimischen junker verloren -sich auch, sowohl die jungfrauen, daß also auf die letzte nicht mehr -als zwo Jungfern und ein Junker bei mir blieben, welcher einen tanz -anfing. Dem folget ich nach. Es währet nicht lange, mein guter Freund -wischt mit der Jungfer in die Kammer, so an der Stuben war, ich hinter -ihm hernach. Wie wir in die Kammer kommen, liegen zwei Junkern mit -Jungfrauen im Bette; dieser, der mit mir vortanzet, fiel sammt der -Jungfer auch in ein Bette. Ich fraget die Jungfrau, mit der ich tanzet, -was wir machen wollten. Auf Mecklenburgisch so saget sie, <em class="gesperrt">ich -sollt mich zu ihr in ihr Bette auch legen</em>; dazu ich mich nicht -lange bitten ließ, leget mich mit Mantel und Kleidern, ingleichen die -Jungfrau auch, und reden also bis vollend zu Tag, jedoch <em class="gesperrt">in allen -Ehren</em>. Auf den Morgen hat ich das Beste, daß ich der Längest wär -auf dem Platz gewesen, gethan, und ich hatte es am besten verricht. Kam -derwegen beim Frauenzimmer in groß Gunst. Das heißen sie <em class="gesperrt">auf Treu -und Glauben beischlafen</em>; aber ich acht mich solches Beiliegen nicht -mehr, denn Treu und Glauben möchte zu ein Schelmen werden.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das Jus primae noctis ist dokumentarisch nachweisbar bis zur Mitte des -16. Jahrhunderts. Ein Gesetz vom Jahre 1538 im Kanton Zürich lautet: -„Ouch hand die burger die rechtung, wer der ist, der uf den gütern, -die in den Kelnhof gehörend, die erste nacht bi sinem wibe ligen wil, -die er nüwlich zu der<span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[S. 125]</span> ee genommen hat, <em class="gesperrt">der sol den obgenanten -burger vogt dieselben ersten nacht bi demselben sinen wibe lassen -ligen</em>.“ Der Bräutigam hatte allerdings das Recht, mit Geld seine -Braut freizukaufen. Auch die hohe grundbesitzende <em class="gesperrt">Geistlichkeit</em> -beanspruchte das jus primae noctis, wohl allerdings mehr als weiteres -Mittel, die Untergebenen zu schröpfen, als um das Recht auszuüben. -Nach dem Lagerbuche des schwäbischen Klosters Adelberg vom Jahre 1496 -mußten die zu Bortlingen sitzenden Leibeigenen das Recht dadurch -ablösen, daß der Bräutigam eine Scheibe Holz, die Braut ein Pfund -sieben Schillinge Heller oder eine Pfanne, „<em class="gesperrt">daß sie mit dem Hinteren -darein sitzen kann oder mag</em>“, darbrachten. Der Maßstab, den die -geistlichen Herren anzulegen beliebten, spricht Bände! Anderwärts -konnten die Bräute sich loskaufen, indem sie dem Grundherrn so viel -Käse oder Butter entrichteten „<em class="gesperrt">als dick und schwer ihr Hinterteil -war</em>“<a id="FNAnker_138" href="#Fussnote_138" class="fnanchor">[137]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Sehr verständig, wenn auch für uns befremdend genug, ist Luthers -Ansicht, die er im Traktat „Vom ehelichen Leben“ niederlegt: „Wenn -ein tüchtig Weib zur Ehe einen untüchtigen Mann überkäme und könnte -doch keinen anderen öffentlich nehmen und wollte auch nicht gern wider -Ehre tun, soll sie zu ihrem Mann also sagen: Siehe lieber Mann, du -kannst mein nicht schuldig werden und hast mich und meinen jungen -Leib betrogen, dazu in Gefahr der Ehre und Seligkeit bracht, und ist -für Gott keine Ehe zwischen uns beiden, vergönne mir, daß ich mit -<em class="gesperrt">deinem<span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[S. 126]</span> Bruder oder nächsten Freund</em> eine heimliche Ehe habe und -du den Namen habst, auf daß dein Gut nicht an fremde Erben komme, und -laß dich wiederum williglich betrügen durch mich, wie du mich ohne -deinen Willen betrogen hast.“ <em class="gesperrt">Der Mann hat nach Luther die Pflicht, -diese Bitte zu erfüllen</em>; will er nicht, so darf er nicht böse sein, -wenn die Frau von ihm läuft<a id="FNAnker_139" href="#Fussnote_139" class="fnanchor">[138]</a>.</p> - -<p>Das Recht der Frau auf die ehelichen Freuden war gesetzlich garantiert. -Besonders in Westfalen war man augenscheinlich sehr besorgt, daß die -bessere Hälfte nicht zu kurz käme. In erster Linie muß der Nachbar -des untauglichen Ehemannes aushelfen. In der Landfeste von Hattingen -heißt es: „Da ein Mann wäre, der seinem rechten Weibe ihr frauliches -Recht nicht tun könne, so soll er sie sachte auf den Rücken nehmen -und tragen über neun Zäune und setze sie dort vorsichtig nieder, ohne -Stoßen, Schlagen, Werfen und ohne bösen Worte, rufe alsdann seine -<em class="gesperrt">Nachbarn</em> an, daß sie ihm <em class="gesperrt">seines Weibes Not wehren helfen</em>. -Und wenn dann seine Nachbarn das nicht tun wollen oder können, so soll -er sie senden auf die nächste Kirchweih in der Nähe, und daß sie dort -‚sich seiwerlich zumache und zehrung habe‘, hänge er ihr einen mit -Geld gespickten Beutel auf die Seite. Kommt sie von dorther wieder -ungeholfen, dann helfe ihr der Teufel.“</p> - -<p>War der Frau glücklich „geholfen“ worden, dann – so bestimmt das -Benker Heidenrecht (III, 42) „soll er sie wieder nehmen, sie wieder -tragen nach<span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[S. 127]</span> Haus und setzen sie sacht nieder und ihr ein gebratenes -Huhn und eine Kanne Wein vorstellen<a id="FNAnker_140" href="#Fussnote_140" class="fnanchor">[139]</a>.“</p> - -<p>Nach dem Bochumer Landrecht (III, 70) mußte der Mann die Frau über die -Zäune tragen, dort fünf Stunden lang <em class="gesperrt">um Hilfe rufen</em>, nützte das -nicht, dann sollte er sie im neuen Kleid mit Geld versehen auf einen -Jahrmarkt schicken. Blieb auch das erfolglos, dann mögen ihr „thausend -düffel“ helfen.</p> - -<p>So fremdartig uns diese Bestimmungen anmuten, so sind sie es doch mehr -wegen ihres Symbolismus als wegen des Grundgedankens, der unendlich -viel verständiger ist, als der in unserer Gesetzgebung, der Impotenz -zwar als Scheidungsgrund gelten läßt, aber dem geschädigten Ehegatten -kein Vorrecht einräumt. In Österreich gar mit seiner hochwohlweisen -Ehegesetzgebung kann sich zwar die Ehefrau scheiden lassen, aber -<em class="gesperrt">heiraten darf sie nicht mehr, so lange der Mann lebt</em>. Allerdings -hat sich das Leben seit je über diese papierne Feigenblattmoral -hinweggesetzt.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Nach dem heute in Österreich gültigen Eherecht sind aber nicht nur -die katholischen Ehegatten bis zum Tode aneinander gebunden, sondern -es wird auch das Band der Ehe für ganz ebenso unauflösbar erklärt, -„<em class="gesperrt">wenn auch nur ein Teil</em> schon zur Zeit der geschlossenen -Ehe der <em class="gesperrt">katholischen Religion zugetan war</em>“. Also auch der -<em class="gesperrt">akatholische Teil</em> muß die Folgen einer Ehe mit einem Katholiken -sein<span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[S. 128]</span> ganzes Leben lang tragen! Dieser im § 111 des Bürgerlichen -Gesetzbuches festgehaltene Grundsatz wurde durch Einwirkung des -österreichischen Episkopates in den Jahren 1814 und 1835 noch weiter -verschärft, indem auch nicht nur getrennten Akatholiken die Ehe mit -Katholiken untersagt wurde, sondern auch für sie selbst, falls sie etwa -vor oder nach der Trennung ihrer akatholischen Ehe zum Katholizismus -übertraten, sogar das Band ihrer bereits <em class="gesperrt">getrennten Ehe</em> -dergestalt <em class="gesperrt">wieder wirksam wurde</em>, daß ihnen bei Lebzeiten des -früheren Ehegatten jede Wiederverheiratung untersagt wird.</p> - -<p>Mehr als das: der oberste österreichische Gerichtshof nimmt den -nach Wahrmund ungesetzlichen Standpunkt ein, daß selbst die im -Auslande geschlossenen Ehen akatholischer Ausländer wegen angeblichen -Ehehindernisses des Katholizismus ex officio für ungültig erklärt -werden müssen, wenn ein oder der andere Eheteil <em class="gesperrt">vordem einmal -Katholik gewesen war</em>!</p> - -<p>Das Merkwürdigste dabei ist, daß Christus, wie Wahrmund nachweist, -sowenig wie die ganze Antike, von einer unbedingten Unauflöslichkeit -der Ehe etwas wußte<a id="FNAnker_141" href="#Fussnote_141" class="fnanchor">[140]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Um die furchtbaren Menschenverluste des Dreißigjährigen Krieges besser -ausgleichen zu können, wurde u. a. am 14. Februar 1650 vom fränkischen -Kreistag in Nürnberg folgender Beschluß gefaßt: „.. (es) seinds auff -Deliberation und Berathschlagung folgende 3 Mittel vor die bequemste -und beyträglichste erachtet und allerseits beliebt worden. 1. Sollen -hinfüro innerhalb<span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[S. 129]</span> den nechsten 10 Jahren von Junger mannschaft oder -Mannßpersonen, so noch unter 60 Jahren sein, in die Klöster ufzunemmen -verbotten, vor das 2te denen Letzigen Priestern, Pfarrherrn, so -nicht ordersleuth, oder auff den Stifftern Canonicaten sich Ehelich -zu verheyrathen; 3. <em class="gesperrt">Jedem Mannßpersonen 2 Weiber zu heyrathen -erlaubt sein</em>: dabey doch alle und jede Mannßperson ernstlich -erinnert, auch auf den Kanzeln öffters ermahnth werden sollen, sich -dergestalten hierinnen zu verhalten und vorzusehen, daß er sich völlig -und gebürender Discretion und versorg befleiße, damit Er als ein -Ehrlicher Mann, der ihn 2 Weiber zu nemmen getraut, beede Ehefrauen -nicht allein nothwendig versorge, sondern auch under ihm allen Unwillen -verhüette“<a id="FNAnker_142" href="#Fussnote_142" class="fnanchor">[141]</a>.</p> - -<p>Im 138. Band der Preußischen Jahrbücher macht unter dem Pseudonym -eines Professor Dr. Robert Hoeniger ein allzu bescheidener Forscher -eine großartige Entdeckung! Der Geist treibt ihn zu „beweisen“, daß -die bekannten Plünderungsszenen Callots aus dem 30jährigen Kriege -ebenso, wie die Beschreibung einer Plünderung in Grimmelshausens -Simplicissimus nicht etwa so zu verstehen seien, daß bei <em class="gesperrt">jeder</em> -Plünderung <em class="gesperrt">gleichzeitig</em> im <em class="gesperrt">selben</em> Zimmer geraubt, -gestohlen, genotzüchtigt, gemordet, brandgelegt usw. worden sei – -wie wir ahnungslosen Gemüter bisher glaubten – sondern daß hier -zusammengezogen sei, was sich an verschiedenen Orten begeben habe. -Daraus folgert er, daß der Dreißigjährige Krieg gar nicht so schlimm -war. Obige Notiz erklärt er, allerdings ohne Beweis für – einen Witz! -Dieser<span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[S. 130]</span> tiefbohrende Forscher hat auch endlich die „Kultur-Kuriosa“ -richtig erkannt (S. 418 Anm.) als „kritiklose Sammlung alles Unrats -und Unflats“. Dafür sei ihm hiermit die Unsterblichkeit der Fliege -im Bernstein verliehen. Leider kann ich für den modernen Kopernikus -augenblicklich nicht mehr tun.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Es war im hohen Mittelalter Sitte, daß nach der Hochzeit das Brautpaar -mit den Gästen ins Badehaus ging, um ein <em class="gesperrt">gemeinsames Brautbad</em> -zu nehmen, <em class="gesperrt">wobei die Geschlechter nicht getrennt waren</em>. Wie es -dabei noch nach der so sittlich wirkenden Gegenreformation zuging, -lehrt das Zittauer Ratsedikt von 1616: „Als denn vormals dy jungen -Gesellen nach dem bade widir (wider) gute sitten in badekappin und -barschenckicht (mit bloßen Schenkeln) getanzt haben, wil der Rath das -fortureh (hinfort) kein mans bild in badekappin oder barschinckicht -tanzen solle“<a id="FNAnker_143" href="#Fussnote_143" class="fnanchor">[142]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Daß die Kirche, trotz des sakramentalen Charakters der Ehe und ihrer -prätendierten Unauflöslichkeit bei Personen, die mächtig genug -waren, vom Prinzip abstand, daß andrerseits zu allen Zeiten, auch -im frühen Mittelalter gegenüber seiner unbeschreiblichen Angst vor -den Höllenstrafen die gewissen Freuden des Diesseits nicht selten -siegten, mag nach der einen oder andren Seite hin, aus folgenden Fällen -hervorgehen:</p> - -<p>Lothar II. verstieß 860 seine Gemahlin Theutberga, um seine Geliebte -Waldrada zu ehelichen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[S. 131]</span></p> - -<p>Kaiser Friedrich I., Barbarossa, ließ sich von Anna von Vohburg unter -dem Vorwande scheiden, sie sei unfruchtbar. In zweiter Ehe mit einem -einfachen Adeligen hatte sie aber Kinder.</p> - -<p>König Ottokar von Böhmen ließ sich 1261 von Margarete, Tochter Leopolds -VI. von Österreich, scheiden.</p> - -<p>Ludwig von Brandenburg, Sohn Ludwigs des Bayern, heiratete Margareta -Maultasch, die Erbin von Tirol, nachdem sie von ihrem Mann, Johann -Heinrich, Sohn des Königs von Böhmen, 1341 geschieden war.</p> - -<p>König Ladislaus von Sizilien verstieß seine Gemahlin Konstanze -Chiaramonte 1392 und heiratete 1402 Maria von Lusignan. Seine erste -Gemahlin aber gab er dem Andrea di Capua, Conte d’Altaville gegen -seinen Willen zur Frau<a id="FNAnker_144" href="#Fussnote_144" class="fnanchor">[143]</a>.</p> - -<p>Clemens VI. bestätigte die unkanonische Ehe Johannas von Neapel mit -dem Prinzen von Tarent im Jahre 1348. Und das wiewohl die Königin im -begründeten Verdacht stand, ihren ersten Gemahl ermordet zu haben. -Allerdings machte sich diese Milde bezahlt, denn Johanna verkaufte -Avignon am 8. Juni des gleichen Jahres an den Papst um die kleine Summe -von 80000 Goldgulden<a id="FNAnker_145" href="#Fussnote_145" class="fnanchor">[144]</a>.</p> - -<p>Die Äußerung König Alfonsos des Großen von Neapel Kaiser Friedrich -III. gegenüber, er solle lieber in Neapel das Beilager mit Leonore -von Portugal halten, als in Deutschland, um sie, falls er von ihren -körperlichen Reizen nicht befriedigt sei, gleich bei ihm lassen -zu können, beweist hinlänglich, daß zu allen Zeiten der Mächtige -nach Belieben verfahren konnte. Allgemein bekannt ist auch Luthers -Einwilligung zur Doppelehe des Landgrafen von Hessen<a id="FNAnker_146" href="#Fussnote_146" class="fnanchor">[145]</a>.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[S. 132]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Siebenter_Abschnitt"><span class="s5">Siebenter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Sittlichkeit</span></h2> - -</div> - -<p>Der hl. Hieronymus († 420) erzählt uns, daß zu seiner Zeit in Gallien -noch <em class="gesperrt">Menschenfresserei</em> existierte. In seiner Schrift gegen -Jovinian (II, 7) schreibt er nach Harnack: „Was soll ich von anderen -Völkerschaften sagen, da ich doch selbst als Jüngling in Gallien -die Attikoten, einen britannischen Stamm, <em class="gesperrt">Menschenfleisch habe -essen sehen</em>. Wenn sie in den Wäldern auf Schweine-, Rindvieh- -und Schafherden stoßen, schneiden sie den Kindern und den Weibern -die Hinterbacken und Brüste ab und halten diese für einen köstlichen -Schmauß.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>König Chlodwig verleitete den Chloderich, seinen Vater, König Siegbert, -zu ermorden. Nach Ausführung dieser Bluttat sollten die Schätze des -Ermordeten geteilt werden. Als der Sohn den Kopf in die Schatztruhe -steckte, erschlug ihn einer von Chlodwigs Leuten mit der Axt. Zwar -beteuerte Chlodwig<span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[S. 133]</span> seine Unschuld am Ende Siegberts, setzte sich aber -in den Besitz seiner ganzen Hinterlassenschaft. Als er den Fürsten -von Cambrai, Ragnachar, und dessen Bruder Richar gefangen genommen -hatte, schlug er den ersteren mit seiner Streitaxt nieder, unter der -Motivierung, er habe durch seine Feigheit das königliche Geschlecht -entehrt. Dann tötete er auch den Richar, weil er seinem Bruder nicht -genügend Beistand geleistet habe. Von diesem König Chlodwig, der -bekanntlich das Christentum annahm, schreibt der fromme Bischof Gregor -von Tour: „Gott aber warf Tag für Tag seine Feinde vor ihm zu Boden und -vermehrte sein Reich, darum daß er <em class="gesperrt">rechten Herzens vor ihm wandelte -und tat, was seinen Augen wohlgefällig</em> war.“<a id="FNAnker_147" href="#Fussnote_147" class="fnanchor">[146]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im 9. Jahrhundert wurden <em class="gesperrt">drei deutsche Kaiserinnen</em>, Judith, -Gemahlin Ludwigs des Frommen, Richenta, Gemahlin Karls des Dicken, und -Ota, Gemahlin Arnulfs des <em class="gesperrt">Ehebruchs</em> angeklagt. Bekanntlich ging -es Kunigunde, Gemahlin Heinrichs II., nicht besser. Bekannt ist auch -das lockere Leben der Töchter Karls des Großen; sogar sein Freund und -Biograph Einhard berührt im 19. Kapitel diesen Punkt. Karls Tochter -Hruotrud hatte vom Grafen Rorich einen illegitimen Sohn Ludwig, seine -zweite Tochter Bertha gebar dem Abt Angilbert zwei Söhne außer der Ehe.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Thietmar von Merseburg, ein Bischof, der zu Beginn des 11. Jahrhunderts -sein berühmtes Geschichts<span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[S. 134]</span>werk verfaßte, lobt eine Matrone -ausdrücklich, weil sie nicht sei wie die anderen Frauen. „Denn diese -zeigen größtenteils, indem sie einzelne Teile ihres Körpers auf eine -unanständige Weise entblößen, allen Liebhabern ganz offen, was an ihnen -feil ist, und wandeln, obwohl das ein Greuel vor Gott und eine Schande -vor der Welt ist, ohne alle Scham allem Volke zur Schau einher. Es -ist schlimm und höchst beklagenswert, daß kein Sünder im Verborgenen -bleiben will, sondern daß alle, den Guten zum Ärgernis, den Bösen zum -Beispiel, stets öffentlich hervorzutreten trachten<a id="FNAnker_148" href="#Fussnote_148" class="fnanchor">[147]</a>.“</p> - -<p>Gleich im nächsten Kapitel wird von einer <em class="gesperrt">Nonne</em> Mathilde, -Tochter des Markgrafen Thiederich erzählt, die einen Slaven -<em class="gesperrt">heiratet</em>, gebiert dann einem andern einen Sohn, wird aber -trotzdem <em class="gesperrt">Äbtissin</em> in Magdeburg!</p> - -<p>„In unseren Tagen, in denen die Freiheit zu sündigen mehr als je -ganz schrankenlos herrscht, treiben außer der Menge der verführten -Mädchen selbst noch gar manche verheiratete Frauen, denen geile Lust -den verderblichen Kitzel anreizt, Ehebruch und zwar noch zu Lebzeiten -ihres Mannes. Und damit nicht zufrieden überliefert manche noch, -indem sie ihren Buhlen heimlich dazu antreibt, ihren Ehemann der Hand -des Mörders, den sie darauf – ein böses Beispiel für die übrigen – -öffentlich zu sich nimmt und mit ihm, wie schändlich! nach vollem -Belieben buhlt. Ihr rechtmäßiger Ehegemahl wird<span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[S. 135]</span> verschmäht und -zurückgestoßen und sein Vasall ihm vorgezogen. Weil dergleichen nicht -mit schweren Strafen verfolgt wird, so wird es, befürchte ich, von Tag -zu Tag von vielen als eine neue Mode mehr gepflegt werden<a id="FNAnker_149" href="#Fussnote_149" class="fnanchor">[148]</a>.“</p> - -<p>So sah es also ums Jahr 1000 bei unsern keuschen Ahnfrauen aus!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die in der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts dichtende fromme Nonne -Roswitha von Gandersheim hatte die Absicht, die unsittlichen -heidnischen Schriften zu verdrängen. Das hindert sie aber nicht, uns in -Bordelle zu führen, den Versuch eines Liebhabers, seine tote Geliebte -zu mißbrauchen, anzudeuten und in Marterszenen zu schwelgen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Fragment „de rebus Alsaticis“ heißt es: „Um das Jahr 1200 hatten -auch die <em class="gesperrt">Priester</em> ziemlich allgemein <em class="gesperrt">Beischläferinnen, weil -gewöhnlich die Bauern sie selbst dazu antrieben</em>. Dieselben sagten -nämlich: Enthaltsam wird der Priester nicht sein können; es ist darum -besser, daß er ein Weib für sich hat, als daß er mit den Weibern aller -sich zu schaffen macht.“ Ob die Bauern unrecht hatten?</p> - -<p>Daß das Konkubinat nichts Anstößiges war, geht aus den Worten des -Caesarius von Heisterbach hervor, der von einem Mönch erzählt, der -Pfarrer wurde:<span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[S. 136]</span> „Er nahm, wie das bei vielen <em class="gesperrt">Sitte</em> ist, eine -<em class="gesperrt">Beischläferin</em> ins Haus, mit der er auch Kinder hatte.“ Schon -um 1200 hielt man im Bistum Salzburg denjenigen Geistlichen für einen -<em class="gesperrt">Heiligen</em>, der sich mit <em class="gesperrt">einer</em> Konkubine behalf<a id="FNAnker_150" href="#Fussnote_150" class="fnanchor">[149]</a>!</p> - -<p>Der Bischof Heinrich von Basel (1213–1238) „hinterließ bei seinem Tode -zwanzig vaterlose Kinder ihren Müttern“.</p> - -<p>Bischof Heinrich von Lüttich, der vom Konzil von Lüttich abgesetzt -wurde und am 6. September 1281 seinen Nachfolger ermordete, hatte 61 -Kinder.</p> - -<p>Schon die Synode von Mainz hatte unter dem Vorsitz des Rhabanus Maurus -im Jahre 852 zur Steuerung des sittlichen Verfalls bestimmt, daß jeder -Mann vor der Ehe <em class="gesperrt">eine</em> Konkubine haben dürfe<a id="FNAnker_151" href="#Fussnote_151" class="fnanchor">[150]</a>.</p> - -<p>Noch nach der Gegenreformation mit ihrer zweifellos die Sitten hebenden -Wirkung war das nichts ungewöhnliches, wie u. a. aus Johann von Wedels -ganz beiläufigen Bemerkung hervorgeht: „In den Ehestand hat er sich -nicht begeben, weil er den <em class="gesperrt">bischöflichen</em> Stand geführet und im -<em class="gesperrt">Konkubinat</em> unehlich sein Leben führen <em class="gesperrt">müssen</em>“<a id="FNAnker_152" href="#Fussnote_152" class="fnanchor">[151]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Vom Kloster Wolverhampton schreibt Petrus Blesensis: „Sie lebten -öffentlich und offenkundig in Unzucht und rühmten sich ihrer Sünde -wie Sodom, und im Angesichte der öffentlichen Schande nahmen sie -einer des andern Tochter oder Nichte zur Frau.<span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[S. 137]</span> Und so groß war die -verwandtschaftliche Verschwägerung unter ihnen, daß keiner imstande -war, ihre abscheulichen Verbindungen zu lösen.“</p> - -<p>„Canonici und Ritter machten sich mit den edel geborenen Nonnen zu -schaffen.“ Das war schon im 11. Jahrhundert nichts Seltenes. In einem -Brief beschuldigt sogar die Geistlichkeit der Domkirche zu Bamberg -eine Äbtissin, <em class="gesperrt">sie habe ihre Nonnen so Mangel leiden lassen, -daß sie durch Liebesverhältnisse sich ihren Unterhalt verschaffen -mußten</em><a id="FNAnker_153" href="#Fussnote_153" class="fnanchor">[152]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In den Dekretalien des Bischofs Burchard von Worms (1000–1025) finden -wir u. a. (ed. Paris 1549 p. 277) folgende Stelle:</p> - -<p>„Hast du dir, wie es manche Frauen zu tun pflegen, so eine Vorrichtung -oder einen Apparat in Form des männlichen Gliedes angefertigt nach -Maßgabe deiner Wünsche, und ihn an der Stelle deiner Schamteile oder -abwechselnd (alternis) mit einigen Bändern hingebunden und mit anderen -Weibern Unzucht getrieben oder taten es andere mit dem gleichen -Instrument oder mit einem andern mit dir? Wenn du es getan hast, sollst -du fünf Jahre lang an den gesetzlichen Feiertagen Buße tun.</p> - -<p>Hast du, wie es manche Frauen zu tun pflegen, mit der vorgenannten -Vorrichtung oder irgendeinem anderen Apparat selbst mit dir allein -Unzucht getrieben? Tatest du es, dann sollst du ein Jahr lang an den -gesetzlichen Feiertagen Buße tun.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[S. 138]</span></p> - -<p>Tatest du, was manche Frauen zu tun pflegen, wenn sie die sie quälende -Geilheit löschen wollen, die sich vereinen und gleichsam den Beischlaf -ausüben müssen und es können, indem sie miteinander ihre Genitalien -vereinen und indem sie sich so an einander reiben ihr Jucken zu stillen -trachten? Tatest du es, dann sollst du drei vierzigtägige Fasten lang -während der gesetzlichen Feiertage Buße tun.“</p> - -<p>Das spricht nicht für die Sittenreinheit unserer vielgepriesenen Ahnen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Tribadinnen wurden schon im 13. Jahrhundert erwähnt, besonders in den -Nonnenklöstern. Bereits im 11. Jahrhundert spielten die Lustknaben -in England geradezu eine Rolle, und besonders in Klöstern wurde der -widernatürlichen Unzucht gefrönt. Dieses uns aus den Vorgängen der -Jahre 1907 und 1908 ja genügend bekannte Laster war zur Ritterzeit -so verbreitet, daß ein Mann, der nicht sofort bereit war, weiblichem -Entgegenkommen Folge zu leisten, Gefahr lief, sich in den Verdacht der -„Ketzerei“ zu setzen. Daran änderte auch die Todesstrafe durch Feuer -nichts, die z. B. König Rudolf 1277 über einen Ritter Haspinperch nach -den Baseler Annalen verhängte.</p> - -<p>Einen Gedanken, der anläßlich des Harden-Moltkeprozesses oft genug -ausgesprochen wurde, äußert bereits Jacques de Vitry († etwa 1240) -gelegentlich seiner Schilderung des Treibens in Paris: „Eine -einfache Unzucht hielten sie für keine Sünde; öffentliche Dirnen -schleppten überall auf den Gassen und Straßen<span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[S. 139]</span> die vorübergehenden -<em class="gesperrt">Geistlichen</em> in ihre <em class="gesperrt">Bordelle</em>. Und wenn diese etwa -einzutreten sich weigerten, so riefen sie gleich den Schimpfnamen -‚Sodomit‘ hinter ihnen her. Denn dies ekelhafte und abscheuliche Laster -hatte wie ein unheilbarer Aussatz oder ein verderbliches Gift in <em class="gesperrt">dem -Grade die Stadt ergriffen, daß es für anständig galt, sich eine oder -mehrere Mätressen zu halten</em>. Ja, in ein und demselben Hause waren -<em class="gesperrt">oben die Schulzimmer, unten die Behausungen der Dirnen</em>; im -oberen Geschoß lasen die Magister, im unteren trieben die Dirnen ihr -schmähliches Gewerbe“<a id="FNAnker_154" href="#Fussnote_154" class="fnanchor">[153]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wer zur Ritterzeit ein Weib mit Gewalt sich zu Willen machte, wurde -mit dem Tode bestraft, in England gar geblendet und entmannt. <em class="gesperrt">König -Adolf von Nassau</em> wurde unter anderem abgesetzt, weil er sich -derartige Gewalttaten, die recht häufig waren, hatte zuschulden kommen -lassen. In diesem Punkte waren eben die Untertanen immer kitzlich, und -Machiavelli, sonst gewiß nicht schüchtern, ermahnt deshalb im Principe -ausdrücklich den Landesherren, sich etwas zu menagieren.</p> - -<p>Mag die Höhe der Strafe bei Gewalttaten auch befremden, die Tatsache -der schweren Sühne ist gewiß kein Kuriosum, wohl aber sind es die -Ausnahmen; im Kriege <em class="gesperrt">gefangene Weiber</em>, ja, <em class="gesperrt">reisende -Damen</em>, deren Ritter man im ehrlichen Kampfe besiegt hatte, durfte -man <em class="gesperrt">mit Gewalt sich gefügig machen</em>, wenn es auch nicht für sehr -chevaleresque galt<a id="FNAnker_155" href="#Fussnote_155" class="fnanchor">[154]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[S. 140]</span></p> - -<p>Die Geliebte des Ritters (Amie) ist geradezu gesetzlich anerkannt; -sie genoß alle möglichen Ehren, begleitete ihren Freund auf Turniere -und wurde von anderen Frauen keineswegs geringschätzig behandelt. Ihr -gegenüber durfte der Liebhaber nicht Gewalt anwenden<a id="FNAnker_156" href="#Fussnote_156" class="fnanchor">[155]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Während das ganze Mittelalter hindurch ein außerehelicher Verkehr -für ganz und gar nicht unsittlich galt, ging zur Ritterzeit das -Edelfräulein, das vor der Ehe Kinder hat oder sich gegen die -Keuschheitstugend vergeht, jedes Anspruchs auf ihr Erbteil verlustig. -Wenigstens nach den Establissements de Saint Louis, livre I, chap. XII, -wo es heißt: „Gentisfame, quand elle a eu enfans, ains que’elle soit -mariagée, ou quand elle se faitdepuceler, elle perd son heritage par -droit, quand elle en est prouvée“<a id="FNAnker_157" href="#Fussnote_157" class="fnanchor">[156]</a>.</p> - -<p>Was die Folgen betrifft, so scheint man allerdings bereits im 11. -Jahrhundert dagegen Vorkehrungen getroffen zu haben. Wenigstens wird -von der Gräfin Clementia von Flandern berichtet, sie habe, als sie -binnen drei Jahren ihrem Manne drei Söhne geboren hatte, aus Furcht, -sie würden um das Land in Streit geraten, „durch Frauenkünste“ bewirkt, -daß sie nicht mehr Mutter wurde. Natürlich wurde sie dafür von Gott -dadurch bestraft, daß ihr alle Söhne lange vor ihrem Tode entrissen -wurden<a id="FNAnker_158" href="#Fussnote_158" class="fnanchor">[157]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Zu dem 1394 in Frankfurt gehaltenen Reichstage waren den Fürsten und -Herren mehr als achthundert<span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[S. 141]</span> Freudenmädchen nachgefolgt. Als in den -Jahren 1414 bis 1418 in Konstanz die große <em class="gesperrt">Kirchenversammlung</em> -tagte, waren dort etwa 1500 <em class="gesperrt">Dirnen</em> anwesend. Sie kamen auch -auf ihre Kosten, wenigstens wird von einer berichtet, sie habe sich -achthundert Goldgulden erworben<a id="FNAnker_159" href="#Fussnote_159" class="fnanchor">[158]</a>.</p> - -<p>Auf dem Reichstage von 1521 in Worms ging es „<em class="gesperrt">ganz auf Römisch</em> -(das läßt tief blicken!) zu mit Morden und Stehlen, und schöne Frauen -(d. h. feile Dirnen) saßen alle Gassen voll, es war ein solch Wesen wie -in Frau Venus Berg.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als König Sigismund im Jahre 1414 mit achthundert Pferden nach Bern -kam, um daselbst einige Tage zu verweilen, hatte der Stadtrat eine -zarte Aufmerksamkeit ausgedacht: Er befahl nämlich den Insassinnen der -Frauenhäuser, alle Herren vom Hofe freundlich und <em class="gesperrt">unentgeltlich</em> -zu empfangen, und er selbst bezahlte nachher die Dämchen statt des -Königs und seines Gefolges. <em class="gesperrt">Sigismund aber rühmte laut diese -Zuvorkommenheit des Magistrates</em>! Zwanzig Jahre später besuchte -Sigismund als Kaiser mit seinem Gefolge das Frauenhaus in Ulm, und der -Magistrat bezahlte die Kosten der <em class="gesperrt">Festbeleuchtung</em>. Im Jahre 1435 -ließ der Wiener Stadtrat gelegentlich Sigismunds Besuch die Dirnen der -beiden Frauenhäuser mit <em class="gesperrt">Samtkleidern versehen</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[S. 142]</span></p> - -<p>Als 1450 eine von Friedrich III. nach Neapel geschickte österreichische -Gesandtschaft dort erschien, wurde sie in ähnlicher Weise geehrt: „In -allen Städten und Kastellen waren die Türen der Häuser offen, Streu -und Heu zugerichtet; was jeder haben wollte, das gab man ihm; die -Frauen im Frauenhause waren alle bestellt, <em class="gesperrt">durften keinen Pfennig -annehmen</em>, weil alles nur auf einen Rabisch geschnitten wurde (d. h. -auf dasselbe Kerbholz); da fand man Mohrinnen und sonst schöne Frauen, -so daß es eine Lust war.“</p> - -<p>Nicht Ehrenjungfrauen, sondern das <em class="gesperrt">Gegenteil</em> empfingen mit -Blumen im Mittelalter am Stadttor den einziehenden Monarchen. Es war -für anständige Frauen zu bedenklich, mit dem Herrscher und seinem -Gefolge in Berührung zu kommen. Da Ferdinand I. ein sittenstrenger Mann -war, war bei seinem Einzug in Wien 1522 diese Vorsicht nicht nötig, und -die Dirnen blieben zu Hause.</p> - -<p>Als Kaiser Maximilian 1512 in Regensburg einzog, kam eine ganze Anzahl -ausgewiesener liederlicher Frauenzimmer, sich am Saum seines Kleides -und am Schweif des Rosses haltend und vom alten Schutzrecht des Königs -Gebrauch machend, wieder in die Stadt.</p> - -<p>Als 1557 in Frankfurt ein Fürstentag abgehalten wurde, zog der Rat -in Erwägung, ob nicht „zu Verhütung allerlei Unrats“ das Frauenhaus -geschlossen bleiben solle! Hierzu ist zu berücksichtigen, daß mit der -Reformation und Gegenreformation, vor allem<span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[S. 143]</span> aber seit dem Auftreten -der Syphilis im Beginn des 16. Jahrhunderts die Sittlichkeit sich -unbedingt gehoben hatte.</p> - -<p>In Ulm gingen um 1527 selbst verheiratete Frauen mitunter ins -Frauenhaus.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ein <em class="gesperrt">Abgeordneter</em>, den im Jahre 1446 der Rat von Frankfurt nach -Köln schickte, führte in seiner <em class="gesperrt">Kostenberechnung</em> auch die -Ausgabe für den <em class="gesperrt">Besuch des Frauenhauses</em> auf<a id="FNAnker_160" href="#Fussnote_160" class="fnanchor">[159]</a>.</p> - -<p>Der Beamte, der in Straßburg die von einem Frauenhause zu zahlenden -Gelder zu erheben hatte, schrieb in sein Rechenbuch auch die Worte -ein: „<em class="gesperrt">Hab a gebickt, thut 30 Pfennig</em>“. Bicken ist der im Elsaß -gebräuchliche Ausdruck für die Tätigkeit, um derentwillen man das -Frauenhaus aufsuchte<a id="FNAnker_161" href="#Fussnote_161" class="fnanchor">[160]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das non olet war den Frauenhäusern gegenüber stark ausgeprägt. -<em class="gesperrt">Bischöfe bezogen Einkünfte aus ihnen</em>, und der <em class="gesperrt">Papst</em> soll -gar im 16. Jahrhundert mitunter 20000 Dukaten eingenommen haben! In -Frankfurt zahlte der Rat bis 1561 aus dem Ertrag der Frauenhäuser an -der Mainzer Pforte einen Grundzins an das Leonhardstift.</p> - -<p>Sogar als <em class="gesperrt">Lehen</em> wurden <em class="gesperrt">Frauenhäuser vergeben</em>, von -Fürsten, Bischöfen, ja selbst vom Reich!<span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[S. 144]</span> Der Bischof von Würzburg -belehnte am Ende des Mittelalters die Grafen von Henneberg als -Marschälle des Bistums mit dem Würzburger Frauenhause. In Ober-Ehenheim -wurde noch 1577 Michael Kuhle vom Kaiser mit dem Frauenhause belehnt, -und die Grafen von Pappenheim bezogen bis 1614 ein Schutzgeld von -den fremden Krämern, Fechtern, Spielleuten und den „unzüchtigen -Weibern“.<a id="FNAnker_162" href="#Fussnote_162" class="fnanchor">[161]</a></p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Domdechant</em> von Würzburg besaß noch 1544 das Recht, daß -das Dorf Martinsheim ihm auf <em class="gesperrt">Verlangen eine „schöne Frau“ liefern -mußte</em><a id="FNAnker_163" href="#Fussnote_163" class="fnanchor">[162]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als der Rat von Schaffhausen den benachbarten Edelleuten im Jahre 1527 -ein Fastnachtsfest gab, wurden auch feile Dirnen zugezogen<a id="FNAnker_164" href="#Fussnote_164" class="fnanchor">[163]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wie sehr die Geistlichkeit neben dem Seelenheil auf körperliche -Wohlfahrt von jeher bedacht war, folgt aus der niedlichen Tatsache, daß -bereits im Jahre 1347 in Avignon, bekanntlich der damaligen päpstlichen -Residenzstadt, eine <em class="gesperrt">wöchentliche Untersuchung der Dirnen</em> durch -einen Wundarzt vorgeschrieben war. Erst ein ganzes Jahrhundert später -läßt sich eine ähnliche Maßnahme in Ulm nachweisen<a id="FNAnker_165" href="#Fussnote_165" class="fnanchor">[164]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Eine sehr humane Bestimmung findet sich überall: Daß unter keinen -Umständen, auch nicht wegen Schulden, die Dirne am Austritt aus dem -Bordell<span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[S. 145]</span> und an der Aufgabe des bisherigen Lebenswandels verhindert -werden durfte. Auch der Kirchenbesuch mußte ihnen jederzeit gestattet -werden<a id="FNAnker_166" href="#Fussnote_166" class="fnanchor">[165]</a>.</p> - -<p>Entgegen den sonst herrschenden Gesetzen, die den Dirnen das Tragen -von kostbaren Kleidern und Schmuck verboten, erließ der Züricher -Bürgermeister Waldmann 1485 die entgegengesetzte Bestimmung: <em class="gesperrt">nur -sie durften uneingeschränkt Putz tragen</em>. Damit hoffte er auf den -Kleiderluxus der ehrbaren Frauen einzuwirken<a id="FNAnker_167" href="#Fussnote_167" class="fnanchor">[166]</a>. Übrigens gab es in -Venedig ein ähnliches Gesetz.</p> - -<p>Die Kirche erklärte es als ein <em class="gesperrt">Verdienst, Dirnen zu -heiraten</em><a id="FNAnker_168" href="#Fussnote_168" class="fnanchor">[167]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als der junge Heinrich von England 1431 in Paris einzog, machte der Zug -in der St. Denysstraße vor einem Brunnen halt, in dessen Bassin <em class="gesperrt">drei -nackte junge Mädchen</em> umherschwammen. Aus der Mitte dieses Brunnens -wuchs ein Lilienstengel empor, dessen Knospen und Blumen Ströme von -Milch und Wein entsandten. Den bigotten Ludwig XI. empfing man 30 Jahre -später mit dem gleichen Schauspiel in den Mauern seiner Residenz. In -Lille wurde Karl dem Kühnen von Burgund die Ehre zuteil, vor einer -ungeheuren Zuschauermenge das Urteil des Paris an drei lediglich -mit dem Mantel der christlichen Nächstenliebe bekleideten Grazien -wiederholen zu dürfen<a id="FNAnker_169" href="#Fussnote_169" class="fnanchor">[168]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[S. 146]</span></p> - -<p>Als sich Kaiser Friedrich III. 1471 in Nürnberg aufhielt, schlugen -eines Tages, als er vom Kornhaus kam, „zwo hurn“ eine lange silberne -Kette um ihn, aus der er sich mit einem Gulden lösen mußte. Ehe er -seine Herberge erreichte, wiederholte sich dies Spiel nochmals<a id="FNAnker_170" href="#Fussnote_170" class="fnanchor">[169]</a>.</p> - -<p>Im Jahre 1492 sprach eine getaufte Jüdin in Basel öffentlich aus, es -gäbe keine fromme Jungfrau und Ehefrau in der Stadt, und wenn man -eine solche finden wolle, so müsse man sie in der Wiege suchen. Sie -ließ sich lieber ewig aus der Stadt verbannen, als diese Anklage -zurückzunehmen<a id="FNAnker_171" href="#Fussnote_171" class="fnanchor">[170]</a>.</p> - -<p>In Regensburg beklagte sich 1512 die Besitzerin des <em class="gesperrt">Frauenhauses</em> -schriftlich beim Rat über den Eintrag, den sie in ihrem Gewerbe -erleide. Zur Fastenzeit würden in <em class="gesperrt">Klöstern</em> und bei -<em class="gesperrt">Weltgeistlichen Dirnen beherbergt</em>, um die gesetzliche Abgabe von -ihrem Gewerbe zu ersparen. Sie hatte die Dreistigkeit mit den Worten zu -schließen: „Ich will geschweigen der Frauen, die fromm Ehemann haben -und leider auch viel Abenteuer treiben.“</p> - -<p>Selbst 12jährige Knaben besuchten am Ende des Mittelalters, d. h. zur -Reformationszeit – wirklich beendet wurde das Mittelalter erst durch -die französische Revolution – das Frauenhaus, und zwar anscheinend -gar nicht selten. In Ulm beschloß der Rat 1527, Knaben von 12–14 -Jahren in die Frauenhäuser nicht mehr einzulassen, sondern mit Ruten -hinauszujagen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[S. 147]</span></p> - -<p>Die Sittenlosigkeit des mittelalterlichen Klerus spottet jeder -Beschreibung. In <em class="gesperrt">Nördlingen wagte</em> im Jahre 1472 z. B. <em class="gesperrt">der -Magistrat nicht in seiner Frauenhausordnung die Zulassung von -Geistlichen zu verbieten</em>, sondern beschränkte sich darauf, zu -untersagen, daß sie eine ganze Nacht darin blieben!</p> - -<p>Als man 1526 in Nürnberg das <em class="gesperrt">Klarissinnenkloster</em> aufhob, lief -ein Teil der Laienschwestern unmittelbar in die <em class="gesperrt">Frauenhäuser</em>! -Die Klarissinnenklöster waren eigentlich zur Minderung der Unzucht -und zur Rettung gefallener Mädchen gestiftet worden! Verordnungen -der Städte, die die Insassen und Insassinnen der Klöster zur Zucht -ermahnten, waren an der Tagesordnung.</p> - -<p>Im 16. Jahrhundert hatte nach Sleidanus und Fra Paolo in der -Schweiz jeder Priester seine <em class="gesperrt">Konkubine</em>, und zwar soll ein -eidgenössisches <em class="gesperrt">Gesetz</em> allen <em class="gesperrt">Priestern</em> zur Sicherstellung -der ehrbaren Frauen <em class="gesperrt">vorgeschrieben</em> haben, <em class="gesperrt">eine solche zu -halten</em>.</p> - -<p>Im Jahre 1433 motivierte der Züricher Rat eine sittenpolizeiliche -Maßnahme damit, daß Frauen und Männer, Pfaffen und Laien nachts -vermummt auf den Straßen erschienen, „unter ihnen <em class="gesperrt">auch die Frau -Äbtissin zum Frauenmünster</em> und ihre Jungfrau Ursula“.</p> - -<p>Daß Beginen die Konkubinen von Priestern waren, geschah so häufig, -daß in einer Verordnung des Mainzer Erzbischofs Gerhard II. der Name<span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[S. 148]</span> -<em class="gesperrt">Begine</em> für <em class="gesperrt">gleichbedeutend mit Pfaffenmagd</em> gebraucht wird.</p> - -<p>Für die sittliche Schätzung der Geistlichkeit spricht ein Eintrag im -Bürgermeisterbuch Frankfurts von 1463, in dem „Pfaffen, pfaffenmede, -horen, bubenknechte, bekynen“ zusammen genannt werden!!</p> - -<p>Die Moralität des Züricher Klerus war derart, daß der Rat im Jahre 1487 -gebot, Verführer von Mädchen dürften nicht mehr vor das geistliche -Gericht geladen werden, sondern er selbst werde sie richten.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Freiherr von Zimmern erzählt in seiner Chronik (III, S. 69) vom -Leben im Nonnenkloster Oberndorf im Tal folgendes: „Was für guet leben, -sover anders das ür guet leben zu achten, in disem closter gewesen, -ist sonderlich bei dem abzunemen, das vil adels ab dem Schwarzwaldt -und am Necker in disem closter den ufritt gehapt, und het damals mit -gueten ehren und der warhait <em class="gesperrt">vilmehr des adels hurhaus dann des -adels spittal mögen genempt werden</em>. vor andern haben die von Ow, -Rosenfeldt, Brandegk, Stain, Newneck vil gelts darin verthon, und hat -dise hohe schuel bös ehemenner und unnutze kindsvätter geben. beschaint -sich an dem, es sein uf am zeit vil vom adel und guet gesellen im -closter gewesen, die haben ain abentdanz zimlich spat gehalten. -hat sich mit fleis ohngefferdt begeben, <em class="gesperrt">das in allem danz die -liechter sein verlescht worden. do ist ain wunderbarliches Blaterspill -entstanden und sich menigclich anfahen zu paren</em>. under anderm<span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a>[S. 149]</span> ist -versehen worden, daß die thurn (Türen) verhept und kain prinendt liecht -in sal kommen, noch gelassen. und gleichwol alldo niemands verschonet -worden, so hat sich doch niemands ob dem andern beclagt, allain ain -edelman under dem haufen, dem ist in seim sinn ein widerwertiger casus -begegnet, dann er in ainer ungeduld, wie er vermaint die zeit sei im -zu kurz und man werd villeucht bald ain liecht einhertragen, überlaut -geschreien: ‚lieben freundt, eilendt nit, <em class="gesperrt">lassendts noch einmal -umbher geen! ich hab mein schwester erwuschet</em>‘. Nit mag ich wissen, -was er hernach für ain gestin überkommen. es ist kain eilen bei inen -gewesen, sondern haben inen gleichwol der weil gelassen.“ Damals ging -dort alles hin, was man kaum für Unrecht hielt, und die Güter des -Klosters mehrten sich infolgedessen.</p> - -<p>Zimmern sagt ausdrücklich, daß <em class="gesperrt">Nonnenklöster sehr häufig die -Rolle von Bordellen spielten</em>, und zwar gilt dies noch vom 16. -Jahrhundert. Natürlich kam das – außer bei den Eingeweihten – -nur durch Zufall auf. So als in Straßburg nachts ein Blitz ins -Frauenkloster einschlägt und die Bürger es gewaltsam öffnen, um das -Feuer zu löschen. Da kam das nächtliche Treiben, das wohl fast überall -herrschte, ans Licht. Zimmern schreibt darüber (III, S. 70):</p> - -<p>„Also hat man ain mansperson, gleichwol der jaren noch jung, <em class="gesperrt">auf -einer closterfrawen im bet nackend gefunden</em>, die das wetter und -der dunst baide erstecket. wie nun gleich hernach strenge inquisition -gehalten, hat sich wahrhaftigclichen erfunden, das <em class="gesperrt">etlich mehr -manspersonen im closter sich enthalten</em>, die doch bei<span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[S. 150]</span> zeiten darvon -kammen. diese sein in der jugendt kindsweis in der umbtreibenden -scheuben (gemeint ist die Drehscheibe, die zur Verhütung des -Kindsmordes und um die abliefernden Eltern nicht erkennen zu können, -an den Nonnenklöstern zur Deponierung der Findelkinder angebracht -waren) ins closter gezogen worden, darin sie <em class="gesperrt">biß in ire manbare jar -behalten und nach der haut sein gebraucht worden. ohne zweifel haben -sie ir köstle wol verdienen</em> und an den alten, garstigen, stinkenden -böcken ir junges leben, den leib und alle chreften verschinden muessen; -dann under anderm herfurkomen, das die eltesten under inen in disem -tahl die prerogativ oder preminenz gehapt, die jungern aber, die der -arbait villeucht baß werd gewesen, haben die weil fasten muesen und -sich ander closterarbait behelfen.“ <em class="gesperrt">Bei solchen Klöstern befanden -sich Weiher, die nicht abgelassen werden durften, damit man die dort -versenkten Kinderleichen nicht fand.</em></p> - -<p>Aus dem Kloster Heistal bei Bregenz besuchte einst eine Nonne die -Gräfin von Kirchberg. Nicht ohne Schalkhaftigkeit erzählt Zimmern von -ihr (Chronik I, S. 330): „Dise guet closterfraw het wol kunden mit -gueten ehren Eptissin oder <em class="gesperrt">mutter</em> im closter sein, und wer an -ir der nam nit verloren gewesen. aber der sachen beschehen vil bei -nechtlicher weil, darzu man nit gesicht, vil weniger soll hernach vil -darvon gesagt werden.“</p> - -<p>Mag es auch Ausnahmen gegeben haben, die hier geschilderten Zustände -werden von dem Katho<span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[S. 151]</span>liken Zimmern als Zeitgenossen ausdrücklich als -die <em class="gesperrt">Regel</em> bezeichnet und über die Lässigkeit der Obrigkeit, die -gerne die Augen zudrückt, Klage geführt.</p> - -<p>Der Adel suchte die Klöster zu Abenteuern auf und kam auch auf seine -Rechnung, denn <em class="gesperrt">nicht genug damit, sich selbst zu prostituieren, -verkuppelten die Nonnen auch vielfach andere Frauen, die dorthin zu -Besuch kamen</em>. (Zimmern III. S. 70ff.)</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Geiler von Keisersberg, Prediger am Straßburger Münster, sagt in seinem -1517 erschienenen „Brösamlin“ (fol. 10a) über die Nonnenklöster: „Ich -weiß nicht, welches schier das best wer, <em class="gesperrt">ein tochter in ein semlich -closter thuon oder in ein frawenhauß</em>. Wann warumb? ym closter ist -sie ein huor, so ist sie dennocht ein gnadfrauw dartzuo; aber wer sie -in dem frawenhuß, so schlüg man sie umb don grind und müst übel essen -unnd trincken; man würff sie ein steg auff die ander ab; denn so sie -gedechte, wer sie wer, unnd schlüg in sich selber, das sie in dem -closter nit thuon. Gebst du deiner tochter ein man, du hertest, du -fragtest, was ein man er were, was er hette, etc. Also wilt du dein -tochter in ein closter thuon, so frag auch, was man für ein wesen füre. -Du sihest wol, wa die thuren mit einem hanfstengel beschlossen seind, -und wa da ist ein uß und yngon als in einer batstuben.“</p> - -<p>Wenn auch die Sittenprediger zu allen Zeiten über die unvergleichliche -Verworfenheit ihrer Zeitgenossen gezetert haben<a id="FNAnker_172" href="#Fussnote_172" class="fnanchor">[171]</a>, so sind doch des -Franzis<span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[S. 152]</span>kaners Thomas Murner Ansichten, die er in der Narrenbeschwörung -XXXIX, 49 ausspricht, recht charakteristisch, weil sie zeigen, wie aus -dem Schoße der Kirche selbst über das Treiben in den Nonnenklöstern -geurteilt wurde.</p> - -<p>„Der sin kind nit vermähelen kan Und hat kein gelt ir nit zu geben, so -muoß sie klösterlichen leben. (57) Wann sie dann zuo den jaren gat Und -sich empfindt in irem stat Und sie der narr facht an zuo jucken, So -laßt sie sich herumher bucken (deponere) Und fluocht dem vater underm -grund, Das er sie nit versehen kunt, Und hette vil lieber ein armen -man, Dann das sie wolt zuo metten gan. (67) Spricht man dann: Das ist -nit recht; Du schendest do mit din frums geschlecht“, So antwurt sie -gar bald und geschwind: „Ich wolt, das ich vierhundert kind Uf erden -brecht, nun in zuo leid. Was stießens mich in dieses kleid! (86) Sie -ist doch jung, recht oder alt, Wer die meisten kinder macht, Die würt -aptissin hie geacht. (97) <em class="gesperrt">Die frowenkloster sind jetzt all Gemeiner -edellüt spital.</em>“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Bezeichnend ist, daß die Inwohnerinnen des <em class="gesperrt">Frauenhauses</em> sich -<em class="gesperrt">über die Konkurrenz der Klosterfrauen beklagten</em>! Hans Rosenplüt -sagt darüber in der „XV. clagen“: „Die gemeynen weib clagen auch ir -orden, Ir weyde sey vil zu mager worden. Die winkel weyber und die -haußmeyde, die fretzen teglich ab ir weide... Auch clagen sie<span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[S. 153]</span> über die -closterfrawen, Die können so hübschlich über die snur hauen, Wenn sie -zu ader lassen oder paden, So haben sie junkhar Conraden geladen<a id="FNAnker_173" href="#Fussnote_173" class="fnanchor">[172]</a>.“</p> - -<p>Auch nach der Gegenreformation war in den Klöstern keine übermäßige -Askese zu hause. Im St. Marienkloster zu Köln war es wenigstens -noch 1576 recht fidel. Schweinichen erzählt davon in seinen -„Denkwürdigkeiten“ (S. 108): „Darin hat es lauter Gräfin, Herren- -und Adelstandes, und wenn sie aus der Kirchen kamen, <em class="gesperrt">legeten -sie den Habit ab und trugen sich weltlichen, mochten auch daraus -heiraten</em>... waren also lustig und guter Dinge mit den Nonnen, -tanzten und trunken sehr... wurden danach so bekannt im Kloster, daß -die eine Nonne, ein schön Mensch vom Adel, des Geschlechtes eine -Reckin, <em class="gesperrt">ein klein Kindlein davon bracht</em>, weil wir noch zu Köln -und im Lande herum waren.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">König Ludwig XV. von Frankreich besaß einen eigenen Beamten für -das Arrangement seiner Orgien</em> in der Person des „Intendant des -Menus-Plaisirs“ La Ferté<a id="FNAnker_174" href="#Fussnote_174" class="fnanchor">[173]</a>!</p> - -<p>Der berühmte Hirschgarten, jenes riesige Bordell, das die Marquise von -Pompadour König Ludwig XV. einrichtete, und zwecks dessen Füllung im -ganzen Lande Unterhändler tätig waren, um neue Schönheiten anzuwerben, -hat wohl die riesigsten Summen verschlungen, die je ähnlichen -Vergnügungen geopfert<span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[S. 154]</span> wurden. Man hat ausgerechnet, daß <em class="gesperrt">jede -einzelne</em> dieser Dämchen den öffentlichen Schatz <em class="gesperrt">eine Million -Livres gekostet habe</em>. In Summa dürfte der Hirschpark während der -Zeit seines Bestehens <em class="gesperrt">eine Milliarde Livres</em> verschlungen haben, -die selbstverständlich nicht der König aus seiner Privatschatulle, -sondern das Volk zahlte. Bezeichnend ist die Erzählung Casanovas, -daß den Hirschpark, in dem die tollsten Orgien gefeiert wurden, die -sich vorstellen lassen, niemand besuchen durfte <em class="gesperrt">außer die bei Hofe -vorgestellten Damen</em><a id="FNAnker_175" href="#Fussnote_175" class="fnanchor">[174]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Nach Polizeiberichten ist festgestellt, daß im Oktober 1793 alltäglich -der Pariser Revolutionsgarten und namentlich die Galerien bei dem -Theater Montansier mit ganz jungen Burschen und Mädchen im Alter von -7–14 und 15 Jahren angefüllt waren, die sich fast öffentlich den -Ausschweifungen der infamsten Unzucht hingaben. Dabei waren sie „fast -nackt wie die Hand und boten den Vorübergehenden das entwürdigendste -Schauspiel.“</p> - -<p>In derselben Zeit traten die berüchtigten pornologischen Klubs an -die Öffentlichkeit und veranstalteten <em class="gesperrt">im Opernhaus nackte Bälle, -bei denen nur das Gesicht maskiert war</em>. Die Zahl der täglichen -Dirnenbälle stieg damals auf mehrere Hundert, auf denen die „Naktheiten -der Griechen und Römer“ zur Schau getragen wurden, wo in 23 Theatern -der Unzucht gefrönt wurde.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[S. 155]</span></p> - -<p>Paris hatte 1770 etwa 600000 Einwohner. Von diesen waren 20000 Dirnen. -Während der Revolution stieg die Zahl der letzteren auf 30000.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wenn auch die Damen vom Ballett im allgemeinen nicht gegen den Vorwurf -der Askese in Schutz genommen werden müssen, so ist doch folgende -von Casanova erzählte Geschichte kennzeichnend für den Tiefstand der -Moral im damaligen Paris. Casanova sah eines Tages beim Ballettmeister -der Oper 5–6 junge Mädchen von 13–14 Jahren, sämtlich von ihren -Müttern begleitet und von bescheidenem, feinem Wesen. Er sagte ihnen -Schmeicheleien, die sie mit niedergeschlagenen Augen anhörten. Eine -von ihnen beklagte sich über Kopfschmerzen. Während Casanova ihr sein -Riechfläschchen bot, sagte eine ihrer Gefährtinnen: „Ohne Zweifel -hast du schlecht geschlafen.“ „Nein, das ist es nicht,“ erwiderte die -unschuldige Agnes, „ich glaube, ich bin in anderen Umständen.“</p> - -<p>Casanova war erstaunt, da er das junge Mädchen natürlich für eine -Jungfrau gehalten hatte, und sagte: „Ich glaubte nicht, daß Madame -verheiratet wären.“ Sie sah ihn einen Augenblick überrascht an. -Dann wandte sie sich gegen ihre Gefährtin und beide lachten um die -Wette<a id="FNAnker_176" href="#Fussnote_176" class="fnanchor">[175]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die damalige französische Dame betrachtete die respektvolle -Zurückhaltung ihr gegenüber als eine ihren Reizen zugefügte -<em class="gesperrt">Beleidigung</em><a id="FNAnker_177" href="#Fussnote_177" class="fnanchor">[176]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[S. 156]</span></p> - -<p>Der Klerus unterschied sich moralisch durchaus nicht von der übrigen -Bevölkerung. Die bei der Erstürmung der Bastille 1789 gefundenen Akten -über die Sittlichkeitsvergehen der Priester füllen zwei Bände! Ludwig -XV. wurde <em class="gesperrt">jeden Morgen</em> über die Auffindung von <em class="gesperrt">Priestern in -Pariser Bordellen</em> berichtet<a id="FNAnker_178" href="#Fussnote_178" class="fnanchor">[177]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Dafür verdanken wir heute den Klerikalen den famosen Entwurf, der unter -dem Namen „Lex Heinze“ fortleben wird, und in den Nonnenklöstern müssen -die jungen Mädchen <em class="gesperrt">im Hemd ins Bad gehen</em>. So tugendhaft sind wir -jetzt!</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[S. 157]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Achter_Abschnitt"><span class="s5">Achter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Schicklichkeit und anderes</span></h2> - -</div> - -<p>Brantôme erzählt von einem französischen Prinzen, der häufig die -<em class="gesperrt">Damen des Hofes</em> zu Festlichkeiten einlud. Dabei wurde ihnen der -Wein in einem sehr schönen Becher von vergoldetem Silber gereicht, -der über und über mit lasziven und erotischen Darstellungen bedeckt -war. Die Damen hatten nun die Wahl, Durst zu leiden oder den Becher zu -benutzen. Die Mehrzahl, auch junge Mädchen, amüsierten sich köstlich -und führten an die Darstellungen anknüpfend die pikantesten Gespräche. -Brantôme, der selbst als Augenzeuge wiederholt zugegen war und aus dem -Becher trank, erzählt: „Bref, cent mille brocards et sornettes sur -ce sujet s’entredonnoient les gentilshommes et dames ainsi à table, -comme j’ay veu, que c’estoit une très-plaisante gausserie, et chose à -voir et ouir; mais surtout, à mon gré, le plus et le meilleur estoit à -contempler ces filles innocentes, ou qui feignoyent l’estre, et autres -dames nouvellement venues, à tenir leur mine froide, riante du bout -du nez et des lèvres, ou à se contraindre et faire des hypocrites, -comme plusieurs dames en faisoyent le mesme. Et notez que, quand elles -eussent deu mourir de soif, les sommelliers n’eussent osé leur donner -à boire en<span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[S. 158]</span> une autre coupe ny verre. Et, qui plus est, juroyent -aucunes, pour faire bon minois, qu’elles ne tourneroyent jamais à ces -festins; <em class="gesperrt">mais elles ne lassoient pour cela à y tourner souvent</em>, -car ce prince estoit très-splendide et friand. D’autres disoyent, -quand on les convioit: „J’irai, mais en protestation qu’on ne nous -baillera point à boire dans la coupe;“ et quand elles y estoient, -elles y beuvoient plus que jamais. Enfin elles s’y avezarent si bien -qu’elles ne firent plus de scrupule d’y boire; et si firent bien mieux -aucunes, quelles se servirent de telles visions en temps et lieu; et, -qui plus est, aucunes s’en desbauchèrent pour en faire l’essay; car -<em class="gesperrt">toute personne d’esprit veut essayer tout</em>. Voilà les effets -de cette belle coupe si bien histoirée. A quoy se faut imaginer les -autres discourts, les songes, les mines et les paroles que celles dames -disoyent et faisoyent entre elles, à part ou en compagnie<a id="FNAnker_179" href="#Fussnote_179" class="fnanchor">[178]</a>.“</p> - -<p>In der französischen Hofgesellschaft des 16. Jahrhunderts waren solche -kleinen Scherze an der Tagesordnung. Brantôme erzählt in unmittelbarem -Anschluß an diese Geschichte von einem schönen Bilde im Besitze des -Grafen Chasteau-Vilain, auf dem unbekleidete Frauen in allen möglichen -Stellungen und Beschäftigungen dargestellt waren derart, daß ein -Asket in Wallung geraten wäre. Eine Anzahl Damen mit ihren Kavalieren -besichtigten die Galerie und besonders dieses Gemälde sehr eingehend, -und eine von hohem Rang wandte sich „comme enragée de cette rage -d’amour“ zu ihrem Galan und sagte: „C’est trop demeuré icy: montons -en carosse promptement,<span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[S. 159]</span> et allons en mon logis, car je ne puis plus -contenir cette ardeur; il la faut aller esteindre: c’est trop bruslé.“ -„Et ainsi partit, et alla avec son serviteur prendre de cette bonne -eau qui est si douce sans sucre, et que son serviteur luy donna de sa -petite burette.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wie es im 16. Jahrhundert bisweilen in Deutschland bei Hofe zuging, -lehrt die saftige Geschichte, die Zimmern in seiner Chronik (I, S. -439) von der Herzoginwitwe von Rochlitz geb. Landgräfin von Hessen in -Rochlitz erzählt. „Wie die Fraw gewesen, also auch das Frawenzimmer und -ire Jungfrawen; daher sagt man als Marggraf Albrecht von Brandenburg in -der schmalkaldischen Vechte von ir geen Rochlitz geladen, alda er auch -gefangen, da haben seine Edelleut allerlei Kurzweil mit den Jungfrawen -triben, under denen eine gewesen, die hat ein Edelman für sich uf den -Schoß gesetzt und mit andern seinen Gesellen gespillt. Nit wais ich, -wie es gangen, oder was sie für ain warme ader befonden, sie ist dem -Edelman in der Schoß über sich gesprungen und gehotzet, sprechend: ‚Ei, -er kutzelt mich.‘“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als Herzog Wilhelm von Gülch im Jahre 1540 die erst 12jährige Königin -von Navarra in Chatellerault heiratete, sie aber zur Vollziehung der -Ehe noch zu jung war, ließ, wie Zimmern erzählt (III, S. 343), König -Franz ihm für die Brautnacht eine <em class="gesperrt">andere adelige Jungfrau</em> -zuführen. „Man sagt,<span class="pagenum"><a id="Seite_160"></a>[S. 160]</span> der Herzog von Gülch hab des Kunigs Gnad mit -Willen angenommen, auch sich die Nacht erwisen, <em class="gesperrt">darob die Kunigin -von Navarra, sein Schwiger, und ir Dochter abnemen kunden, das er -gentil compaignon seie</em>, und soll der Jungfrawen des Morgens -ein Tausendt Guldin geschenkt haben. Die hets noch ein Monat also -angenommen. Dieser Hurenhandel (anders kan ich in nit haißen) ward -dozumal am Hof und menigclichem in Frankreich <em class="gesperrt">fur ein sondere -gentilese gehalten</em>.“</p> - -<p>Auch hinter den Kulissen ging es nach demselben Gewährsmann fidel zu: -„Hiebei kan ich nit underlassen zu vermelden, als der Herzog und die -jung Kunigin mit der Deckin beschlagen warden und die Ceremonia mit dem -Gesegnen und andern Solenniteten lang wereten, dowarden hiezwischen -etliche große Frawen und Jungfrawen hünder den Tapissereien und -courtines nach allem vorteil gepletzt; dann des Königs Söne und etliche -Cardinal und Fursten halfen einander und sahe ie einer dem andern durch -die Finger. Do must mancher gueter Gesell, der sein Weib, Schwester -oder Döchter deren emden het, schweigen und verdrucken, war dennost -fro, das er so wol daran war.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Daß man in Deutschland nicht gerade sehr zimperlich war, lehrt folgende -Geschichte, die derselbe Zimmern erzählt: „In gleichem Fahl haben -wir ein <em class="gesperrt">erbare und namhafte Matron zu Augspurg</em> kent, die hat -offentlich in einem Panket zu Augspurk<span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[S. 161]</span> alle Schleckbißle und Wollust -der Music und anders erzelt, ordentlich und mit sonderm Ufmerken der -Zuhörer, und letstlich den Beschluß irer Rede ohne ainiche Schew deren -gegenwurtigen angehankt: ‚Aber ein spanischer... ubertref solche -Delicias alle mit ainandern.‘“ Zimmern (III, S. 385) setzt natürlich -das richtige Wort.</p> - -<p>Mag man gegen diese Geschichte einwenden, sie sei ein einzelner Fall, -also kein charakteristisches Kulturdokument, so ist dem entgegen zu -halten – selbst wenn man den sonstigen Ton vieler Chroniken gar -nicht in Rechnung setzen wollte – daß Zimmern ausdrücklich von einer -„ehrbaren und namhaften Matron“ spricht.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ein Seitenstück ist folgende Erzählung Zimmerns: „Bei wenig jaren -haben wir ain <em class="gesperrt">Closterfraw</em> zu Hapstal gehapt, ist ein Erkmenin -gewesen, sie hat gehaisen..., die hat kains sollichen Instruments -(wie Königin Marie, <em class="gesperrt">Schwester Kaiser Karls V.</em>, von der eine -ähnliche Geschichte berichtet wird) bedorft, dann sie uf ain Zeit mit -dem Hanns Wolfen von Zulnhart und Jacob Gremlichen von Meningen umb -ain Gulden Wert Fisch verwettet, sie <em class="gesperrt">welle in ain klainen silbernin -Becher</em>... (von mir ausgelassen!), <em class="gesperrt">das kain Dröplin neben ab -gehen soll</em>; ist auch darauf <em class="gesperrt">in ir aller Beisein und Insehen -uf ain Disch gestanden</em> und das, wie oblaut und sie sich ußgethan -verricht, auch das Gewet damit gewonnen. Die andern Nunnen haben gleich -die Fisch holen lassen und kochen, haben sich nider<span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[S. 162]</span>gesetzt zu Tisch -und den Zulnhart und Gremlich dermaßen getrunken, das sie baid den -selbig Tag mit Muhe ire Heuser wider erraicht.“ (III, S. 284.)</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Was im 16. Jahrhundert an deutschen Höfen alles passierte, erhellt -unter anderem aus des schlesischen Ritters Hans von Schweinichen -„Denkwürdigkeiten“ (S. 26). Im Jahre 1568 wurde die Hochzeit der -Elena, Herzogin zur Liegnitz, mit Siegmund Kurzbach auf dem Schlosse -Liegnitz gefeiert. „Den ersten Abend, wie sich Braut und Bräutigam -zusammengeleget haben, und sich nun die Fürstlichen Personen auch zur -Ruhe geben wollen, indessen führet die Braut im hohen Zimmer, gen -Schloß Raunstein, ein groß Geschrei an: ‚O herzer Herr Siegmund!‘ und -das gar oft wiederholet. Wenn ich denn als Kammerjunge in JFG. Zimmer -aufwarte und die Herzogin das Geschrei höret, heißt sie mich Lichter -anstecken, läuft in dem engen Gang hin nunter, schlägt in der hintern -Thür an, schreiet: ‚Herr Siegmund, seid Ihr thöricht, schonet doch, -meinet Ihr, Ihr habet eine Viehmagd bei Euch?‘ Herr Siegmund kehret -sich nicht daran, bis letztlichen alles stille ward (wie wohl zu -gedenken ist, was die Ursache des Stillschweigens gewest sei); also zog -die Herzogin nach dem Stillschweigen wiederum ab. Auf dem Morgen hielt -die Herzogin den Herrn Kurzbach bald das vor und fraget, warum er nicht -aufgemacht hätte. Der Herr Kurzbach saget, er hätte es nicht gehöret, -weil er gebalzet hätte wie der Auerhahn, und<span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[S. 163]</span> gab ein Lachen daran -und ging davon. Es wollte sich hernach ferner kein Geschrei erheben, -sondern die Hochzeit ward in allen Freuden verbracht.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Johann Wedel erzählt in seinem „Hausbuch“ (S. 511 f.) von einem -merkwürdigen Gesellschaftsspiele, das am Hof zu Stettin im Beginn des -17. Jahrhunderts gepflegt wurde und zwar nicht etwa nur im Fasching, -sondern das ganze Jahr hindurch:</p> - -<p>„Es werden viel zettel, drinn der könig und hoffes-ampter benannt, -geschrieben, welche alle, gleich wie mans mit den glückstöpffen hält, -zusammen vermischet, blindlings herausgenommen und allen hofsgenossen, -auch wohl bürgern in der stadt und andern, die man gerne bei der -gelächter-spiele haben wil, derer nahmen aufgeschrieben, jederm -einer derselben zugeschaft. Was nun für eine dignität oder ampt auf -den zettel verzeichnet, auf des nahmen es fällt, daß muß der, dem -derselbe zukömmt, annehmen und geschieht oft, daß der geringste diener -könig und hinwiederumb der fürst feuerbüter wird, das wird dann mit -großem gelächter angefangen, müssen sich die personen nach gebühr -des ampts, so ihnen zufällt, verkleiden, werden drauf sämtlich in -einer procession und ordnung mit trompeten herumbgeführet, darnach -mit einem freuden-mahl, drinn der diener, so nun könig ist, zu tische -oben ansitzet und der fürst, der ihm dienen muß, vorm tische stehet, -essen zuträgt und aufwartet, gemittelt, endlich mit dantzen, springen, -gesöffen und guten räuschen geschlossen und dann<span class="pagenum"><a id="Seite_164"></a>[S. 164]</span> nichts weiter, denn -dabei keine rittermäßige übungen vermerckt werden. Welches affenwerk -ich so groß nicht zu tadeln, weniger aber zu loben weiß, vornemlich -wenn mans in einem stetigen gebrauch halten (Alles ding hat seine zeit) -und ein beständig jahrfest daraus machen und ohn unterscheid, so wol in -zeit der trauer, wie kurtz nach hertzog Barnims christmilder gedächtniß -todesfall geschehn, als freude üben wollte.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ein Hauptvergnügen beim Tanzen der Bürgerschaft – auf Hofbällen -war man anständiger – im 15. und beginnenden 16. Jahrhundert war, -die Tänzerin hoch zu heben und zu schwenken „<em class="gesperrt">das man jhn hinden -und vorne hinauff siehet biß in die weich, also das man jhr die -hübsche weiße beinle siehet</em>..“ Bei den Reigentänzen ging es -auch entsprechend zu, „da werden auch nit minder unzucht und schand -begangen, weder inn den andern, von wegen der schadtlichen und -schamparen hurenlieder, so darin gesungen werden, damit man das -weiblich geschlecht zu der geilheit und unkeuschheit anreizet“ sagt -Geiler.<a id="FNAnker_180" href="#Fussnote_180" class="fnanchor">[179]</a></p> - -<p>In Zürich mußte im späteren Mittelalter von der <em class="gesperrt">Behörde -verboten werden, nicht „bei nacktem Leibe“ auf dem Tanzboden zu -erscheinen</em>.<a id="FNAnker_181" href="#Fussnote_181" class="fnanchor">[180]</a> Geiler sagt, „bis auf den halben Rücken ist -alles bloß und nackt und vorn bis zu den Büsten, daß sie auch die -enthaltsamsten Männer locken können“.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[S. 165]</span></p> - -<p>Über die noch Ende des 16. Jahrhunderts herrschenden Gepflogenheiten -beim Tanz und zwar in <em class="gesperrt">guter Gesellschaft</em> belehrt uns der -badische Rat und Obervogt zu Pforzheim Johann von Münster in seinem -1594 erschienenen „gott seligen Traktat vom ungottseligen Tanz“. Danach -kommt es gar nicht selten vor, daß der Kavalier „die Jungfrau oder -Frau, sobald sie ihm den Tanz geweigert hat, wider alle Billigkeit, -Rechtlichkeit und Recht <em class="gesperrt">aufs Maul zu schlagen</em> sich unterfing!“ -Wenn aber die Person bewilligt hat, den Tanz mit dem Tänzer zu halten, -treten sie beide herfür, geben einander die Hände, und <em class="gesperrt">umfangen und -küssen sich nach Gelegenheit des Landes</em>. Wenn aber der Tanz zu Ende -gelaufen ist, bringt der Tänzer die Tänzerin wiederum an ihren Ort, -da er sie hergenommen hat, mit voriger Reverentz, nimmt Urlaub und -<em class="gesperrt">bleibet auch wol auf ihrem Schoß sitzen</em> und redet mit ihr.</p> - -<p>Übrigens war es in Südfrankreich, und wohl auch anderwärts, noch 1552 -Sitte, daß Männer Frauen mit einem Kuß begrüßten. Auch in England wurde -noch im 16. Jahrhundert der Gast durch küssen begrüßt<a id="FNAnker_182" href="#Fussnote_182" class="fnanchor">[181]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1575 wollte die Herzogin von Liegnitz einem Bankett nicht -beiwohnen, weil die Hofmeisterin von Kittlitz, Freundin ihres Mannes -und ihre Feindin, anwesend war. Deshalb stellt der Herzog seine -Gemahlin zur Rede. Schweinichen, der als Kammerjunker zugegen war, -erzählt (S. 60 ff.): „JFG. redeten die Herzogin hart an, warum sie -nicht zum Tische kommen wollt, derwegen so wollten es JFG. haben, -daß sie zu Tische gehen sollte, weil JFG. viel ehrliche Leut und -Frauenzimmer eingeladen hätte. JFG. die Herzogin<span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[S. 166]</span> wollten zwar so gute -Worte nicht geben, sondern nach vielen Entschuldigungen fuhren JFG. -die Herzogin ’raus, sie möchte bei der Hure, der Kittlitzin, nicht -sitzen. Welches zwar den Herzog sehr verdroß, dutzet die Herzogin -und sprach: ‚Du sollst wissen, die Frau Kittlizin ist keine Hure;‘ -<em class="gesperrt">schläget der Herzogin ein gut Maulschelle, davon die Fürstin auch -taumelt</em>. Also fahre ich zu, und fasse JFG. in die Armen, halte -etwas auf, bis sich die Fürstin in die Kammer salvieren kann. <em class="gesperrt">Mein -Herr aber wollte der Herzogin nach und sie besser schlagen.</em>“ Die -Ohrfeige, die der Herzogin ein blaues Auge eintrug, alteriert den guten -Schweinichen sonst weiter nicht, nicht mehr jedenfalls als das Dutzen. -Noch am gleichen Tage wird Frieden geschlossen, wobei die Herzogin die -von Schweinichen zu übermittelnde <em class="gesperrt">Bedingung</em> stellt: „<em class="gesperrt">Daß -freilichen der JFG. auf die Nacht in ihrer Kammer liegen wollten</em> -(denn mein Herr sonsten in einem Vierteljahr bei der Herzogin nicht -gelegen)“. Außerdem nimmt die Hofmeisterin am Bankett nicht teil. Daß -die Herzogin aus Rache später die Ohrfeige ihrem Bruder, dem Markgrafen -von Ansbach, klagt, gehört nicht mehr hierher und wurde von ihr selbst -später bereut.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der im 16. Jahrhundert bei Hofe herrschende Ton wird gut beleuchtet -durch die Gespräche, die Schweinichen in seinen Denkwürdigkeiten -verzeichnet. Nach einer kaum wiederzugebenden Unterredung mit dem -Herzog über die Gründe, die ihn verhindern, den Wünschen der Herzogin -von Liegnitz nachzugeben, hat er mit deren Freundin und Schwägerin, -einer Fürstin, folgendes erbauliche Zwiegespräch:<span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[S. 167]</span> „Die Frau Kurzbachin -Wittwe saget wider mich: ‚Ihr und euer Herr könnet nichts, man soll -euch alle beide ausschneiden.‘ Darauf gab ich Antwort: ‚Gnädige Frau, -wie käme ich dazu? Ich weiß nicht, was mein Herr kann, aber das weiß -ich von mir, daß ich es wohl kann, und da EFG. nicht glauben, so -<em class="gesperrt">versuchen Sie’s</em>. Wann Sie es probieren würden, wollt ich wohl -sicher des Ausschneidens sein.‘ Da fing die Frau Kurzbachin an zu -<em class="gesperrt">lachen</em>: ‚Wann ihr und euer Herr so thätig seid, <em class="gesperrt">so hättet -ihr uns eines Theiles nächten drunten behalten</em>, daß wir heute -Brautsuppen gessen hätten; wir mußten aber unbeschnaubert wieder ’rauf -ziehen.‘ Ich gab zur Antwort: ‚Gnädige Frau, ich habe im Tanzen nächten -das meinige gethan, ich wollte im andern auch als ein gut Mann gethan -haben, daß ich ein gut Lob davon gebracht, wann es mir so gut hätte -werden wollen.‘ Die Frau Kurzbachin aber hielt auf dem ihrigen, ich -konnte nichts. Da bot ich ihr Trotz an, es zu versuchen, gab sie mir -die Antwort, <em class="gesperrt">sie wollt mich tummeln, daß ich das Aufstehen vergessen -sollt</em>; dabei blieb es, Satis.“ (S. 157.)</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Liselotte von der Pfalz schreibt unterm 25. August 1719: „Ich kann -nicht leiden, daß man mich an den Hintern rührt, denn es macht mich so -toll, daß ich nicht mehr weiß, was ich tue; ich hätte Mr. le Dauphin -schier eine brave Maulschelle gegeben, denn er hatte die schlimme -Gewohnheit, aus Possen, wenn man sich setzte, <em class="gesperrt">einen die Faust mit -ausgestreckten<span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[S. 168]</span> Daumen unter den Hintern zu stellen</em>. Ich bat ihn, -um Gottes willen die Possen bleiben zu lassen, das Spiel mißfiel mir zu -sehr, und machte mich so bös, daß ich nicht gut dafür sein konnte, ihm -eine brave Maulschelle zu geben, daß ehr gethan als gedacht sein würde; -da hat er mich mit Frieden gelassen.“<a id="FNAnker_183" href="#Fussnote_183" class="fnanchor">[182]</a></p> - -<p>Der Dauphin würde kaum diese Flegeleien sich angewöhnt haben, hätten -nicht andere Damen des Hofes daran Gefallen gefunden.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Zimperlichkeit kann man überhaupt den damaligen Damen nicht vorwerfen. -Liselotte schreibt u. a. am 21. November 1720: „Wenn Mr. Law wollte, -würden ihm die französischen Damen wohl, mit Verlaub, den Hintern -küssen; sie sehen, wie wenig scrupuleux sie seyn, ihn pissen zu sehen; -er wollte Damen keine Audienz geben, weil ihm gar Noth zu pissen -war, wie er es den Damen endlich sagte, antworteten sie: <em class="gesperrt">cela ne -fait rien, pissés et écoutés nous</em>, also blieben sie so lange bei -ihm.“<a id="FNAnker_184" href="#Fussnote_184" class="fnanchor">[183]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Für Zustände und Briefton gleich charakteristisch ist der Brief der -Liselotte an die Kurfürstin von Hannover vom 9. Oktober 1694: „Vous -etes bien heureuse d’aller chier quand vous voulés; chiez donc tout -votre chien de sou. Nous n’en sommes pas de même ici, oû je suis -obligée die garder mon etron pour le soir; il n’y a point de frotoir -aux maisons<span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[S. 169]</span> du coté de la forest. J’ai le malheur d’en habiter une, et -par consequent le chagrin <em class="gesperrt">d’aller chier dehors</em>, ce qui me fache, -parceque j’aime à chier à mon aise, et je ne chie pas à mon aise, quand -mon cul ne porte sur rien. Item <em class="gesperrt">tout le monde nous voit chier</em>; -il y passe des Hommes, des femmes, des filles, des garçon, des Abbés -et des Suisses; Vous voiez par là, que nul plaisir sans peine, et que -si on ne chioit point, je serois à Fontainebleau comme le poisson dans -l’eau. Il est trés chagrinant que mes plaisirs soient traversés par des -etrons... Soyez à table avec la meilleure compagnie du monde, qu’il -vous prenne envie de chier, il faut aller chier...“ und so fort<a id="FNAnker_185" href="#Fussnote_185" class="fnanchor">[184]</a>.</p> - -<p>Die Kurfürstin antwortet unter dem 31. Oktober in derselben Tonart: -„.. Enfin vous avez la liberté de chier partout quand l’envie vous en -prend, vous n’avez d’egard pour personne, le plaisir qu’on se procure -en chiant vous chatouille si fort que sans egard au lieu ou Vous vous -trouvez, <em class="gesperrt">Vous chiez dans les rues, Vous chiez dans les allées, -vous chiez dans les places publiques, vous chiez devant la porte -d’autruy</em> sans vous mettre en peine, s’il se trouve bon ou non, et -marque que ce plaisir, est pour le chieur moins honteux que pour ceux -qui le voyent chier, c’est qu’en effet la commodité et le plaisir ne -sont que pour le chieur...“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Liselotte schrieb am 5. Mai 1716 über den <em class="gesperrt">Dauphin: „Er hatte gern, -daß man ihm auf dem Kackstuhle entretenierte</em>, aber es ging <em class="gesperrt">gar -modest</em>,<span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[S. 170]</span> denn man sprach mit ihm, und wandte ihm den Rücken zu; -ich habe ihn oft so entreteniert, in seiner Gemahlin Kabinett, die -lachte von Herzen darüber, schickte mich allzeit hin, ihren Herrn zu -entretenieren“<a id="FNAnker_186" href="#Fussnote_186" class="fnanchor">[185]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Da Friedrich Wilhelm I. von Preußen mit schwermütigen Anwandlungen -zu kämpfen hatte, bewog ihn seine Umgebung 1728, einen Besuch bei -König August dem Starken zu machen, der wohl den glänzendsten Hof -damals in Europa hielt. Wie die Markgräfin von Bayreuth erzählt, -verabredete Grumkow mit König August, um den sehr sittenstrengen -preußischen König zu erheitern bzw. zu verführen, nach einem opulenten -Diner ein eigenartiges Attentat auf seine Tugend. Die beiden Könige -besuchten im Domino eine Redoute und gingen dort plaudernd von einem -Zimmer ins andere, bis sie in ein schönes und großes Gemach kamen, -„in welchem alles Gerät äußerst prächtig war, mein Vater bewunderte -alle diese Schönheit, als plötzlich eine Tapetenwand niedersank und -das befremdenste Schauspiel sich darstellte. <em class="gesperrt">Ein Mädchen</em>, -schön wie Venus und die Grazien, lag nachlässig auf einem Ruhebette, -<em class="gesperrt">in dem Zustand unsrer ersten Eltern vor dem Sündenfall</em> zeigte -sie einen Körper, wie Elfenbein so weiß und schöner, als der der -mediceischen Venus.“ Die berechnete Wirkung auf Friedrich Wilhelm -blieb aus. Immerhin zeigt dieser Vorfall, was man selbst in relativer -Öffentlichkeit im galanten Jahrhundert wagte. Die ganze Angelegenheit -wird auch nicht harmloser durch die <em class="gesperrt">Gegenwart des sechzehnjährigen -Kronprinzen</em>, nachmaligen Friedrich des Großen<a id="FNAnker_187" href="#Fussnote_187" class="fnanchor">[186]</a>!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[S. 171]</span></p> - -<p>Auch die öffentliche Sittlichkeit hat sich wesentlich erst seit der -französischen Revolution gehoben, wenigstens bei uns. In Halbasien ist -es so wie früher geblieben.</p> - -<p>Nach Zeitungsmeldungen wurde vor einigen Jahren auf einem von König -Alexander von Serbien gegebenen <em class="gesperrt">Hofballe</em> ein <em class="gesperrt">Korsett</em> -gefunden!</p> - -<p>In Deutschland aber gibt es Scharen von Männern, denen -Unsittlichkeitsschnüffelei und Prüderie schon längst Rang und Titel von -Eunuchen honoris causa eingetragen haben sollten. Aber wahres Verdienst -wird eben nicht mehr gebührend anerkannt.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[S. 172]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Neunter_Abschnitt"><span class="s5">Neunter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Medizinisches</span></h2> - -</div> - -<p>Im Anfang des 13. Jahrhunderts untersagte Papst Honorius III. aus -Mißachtung des ärztlichen Standes allen Geistlichen die Ausübung der -Heilkunde.</p> - -<p>Auf der Würzburger Diözesan-Synode vom Jahre 1298 wurde den Geistlichen -nicht nur die Ausübung der Wundarzneikunst, sondern sogar die -<em class="gesperrt">Gegenwart bei chirurgischen Operationen ausdrücklich untersagt</em>. -Dadurch wurde die Wundheilkunst mit einem Makel befleckt<a id="FNAnker_188" href="#Fussnote_188" class="fnanchor">[187]</a>.</p> - -<p>Noch im Jahre 1416 wies die Wiener Fakultät einen Chirurgen, der -sich zur Doktorwürde meldete, als unverschämten Menschen zurück. -Im Jahre 1456 graduierte sie jedoch einen Doktor der Chirurgie. -Immerhin mußte noch im Jahre 1577 Kaiser Rudolf II. ausdrücklich die -<em class="gesperrt">Ehrlichkeitserklärung der Wundärzte wiederholen</em><a id="FNAnker_189" href="#Fussnote_189" class="fnanchor">[188]</a>.</p> - -<p>Bis zum Jahre 1912 hatten in Bayern zwar die aus dem -Unteroffiziersstande hervorgegangenen Feuerwerksoffiziere -<em class="gesperrt">Hofzutritt, nicht aber die Militärärzte,<span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[S. 173]</span> mit Einschluß des -Generalstabsarztes der Armee, der im Range eines Divisionskommandeurs -steht!</em></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Eine Lehre, die noch heute mancher Arzt befolgt, gibt Arnoldus -Villanovanus, der um das Jahr 1300 in Montpellier als medizinischer -Lehrer wirkte: „Weißt du bei Betrachtung des Urins nichts zu finden, so -sage, es sei eine ‚Obstruktion‘ der Leber zugegen. Sagt nun der Kranke, -er leide an Kopfschmerzen, so mußt du sagen, sie stammen aus der Leber. -Besonders aber gebrauche das Wort ‚Obstruktion‘, weil sie es nicht -verstehen, und es kommt viel darauf an, daß sie es nicht wissen, was -man spricht<a id="FNAnker_190" href="#Fussnote_190" class="fnanchor">[189]</a>.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Gegen Geisteskranke hatte man sehr nachdrückliche Mittel. Wurden sie -lästig, dann legte man sie ins Gefängnis, rasten und tobten sie, an -die Kette. Geisteskranke Fremdlinge aber schaffte man über die Stadt- -oder Landesgrenze, nicht ohne sie gehörig ausgepeitscht zu haben, damit -ihnen die Lust zur Rückkehr verging<a id="FNAnker_191" href="#Fussnote_191" class="fnanchor">[190]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der dicke Markgraf Dedo litt sehr unter der Fettsucht. Sein Arzt -bewog ihn dazu, sich den <em class="gesperrt">Leib aufschneiden zu lassen</em>, um das -überflüssige Fett zu entfernen. Natürlich starb er (1190) an dieser -Prozedur<a id="FNAnker_192" href="#Fussnote_192" class="fnanchor">[191]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[S. 174]</span></p> - -<p>Herzog Leopold von Österreich war am 26. Dezember 1194 bei einer -ritterlichen Übung vom Pferde abgeworfen worden und hatte den -Unterschenkel so unglücklich gebrochen, daß die Knochensplitter -eine Spanne lang aus der Haut hervorragten. Die herbeigerufenen -Ärzte ordneten das Nötige an, amputierten aber den Fuß nicht. Als -er am andern Morgen schwarz geworden war, galt die Amputation als -unerläßlich, aber niemand wagte sie vorzunehmen. <em class="gesperrt">Da setzte der -Herzog selbst das Beil auf sein Schienbein, sein Kämmerer schlug -dreimal mit dem Hammer darauf</em>, und so wurde das kranke Glied -entfernt. Er starb am 30. Dezember. Nerven hatten diese Herren!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als Kaiser Otto II. an einer der in südlichen Klimaten so häufigen -Verdauungsstörungen litt, nahm er – natürlich auf ärztliche Anordnung -– eine Dosis von 17½ <em class="gesperrt">Gramm Aloe</em>, an der er auch starb. Ein -Bruchteil dieser Menge hätte schon seinen Tod herbeiführen müssen.</p> - -<p>Kaiser Otto IV. starb nicht minder unromantisch. Im Frühjahr 1218 nahm -er, wie alljährlich, ein Abführmittel. Er vergriff sich in der Dosis, -ob aus eigenem Verschulden oder aus Schuld des Arztes, entzieht sich -unserer Kenntnis, und ging nach fünf Tagen kläglich zugrunde.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Nicht ohne einigen Humor ist das Abenteuer, das Albrecht I. widerfuhr, -als er beim Genuß von<span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[S. 175]</span> Fisch und Wildprett plötzlich von heftigem -Unwohlsein befallen wurde. Der Verdacht, vergiftet zu sein, war -groß und bei den damaligen politischen Methoden a priori auch nicht -unbegründet. Er ließ deshalb sofort Ärzte kommen, die mit Latwergen, -Theriak und Aromaten ihm vergebens zu helfen suchten. Da hing man den -Fürsten bei den Füßen auf, damit das Gift aus Augen, Ohren, Nase und -Mund herausrinnen könne! Begreiflicherweise verlor Albrecht bei dieser -Kur die Besinnung und – ein Auge, dessen Stern durch die Wirkung des -Giftes oder der Heilmethode dauernd zerstört blieb. Auch behielt er -zeitlebens eine fahle Gesichtsfarbe.</p> - -<p>Unterdessen hatten sich die zwei Edelknaben, die den König bei Tisch -bedient hatten, als sie sein Unwohlsein bemerkten, um den Verdacht -der Vergiftung von sich abzuwälzen, auf die inkriminierten Speisen -gestürzt, würgten sie hinunter und – blieben gesund oder doch -jedenfalls am Leben. Danach gewinnt es den Anschein, als hätten die -Ärzte – unter denen wir uns hier, wie in den obigen Fällen, nicht etwa -Stümper, sondern die ersten <em class="gesperrt">Koryphäen</em> ihrer Zeit zu denken haben -– ihre Gewaltmittel nicht gegen Gift, sondern gegen ganz harmlose -Leibschmerzen angewandt.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ein Jahrhundert später verfuhr man nicht wesentlich anders. Kaiser -Sigismund erkrankte bei der Belagerung von Znaim im Jahre 1404 heftig -an Gift zugleich mit dem 27jährigen Herzog Albrecht von Österreich, -der dem Anschlag auch erlag. Sigismund wurde von seinem Leibarzt -an den Füßen aufgehängt.<span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[S. 176]</span> so daß die Brust auf einem Kissen auf -dem Boden ruhte, um das Gift aus dem Munde abfließen zu lassen. In -dieser peinlichen Situation mußte der Fürst 24 Stunden aushalten. -Merkwürdigerweise überwand die starke Natur des nachmaligen Kaisers -sowohl Gift wie Heilmethode und er genaß völlig, wie der Arzt mit Stolz -behauptete, lediglich dank seiner genialen Kur.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im ganzen Mittelalter ist die <em class="gesperrt">Ehe mit Wahnsinnigen</em> aus -politischen Gründen an der Tagesordnung.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Gemahlin Kaiser Maximilians I., die schöne Maria von Burgund, -ritt, obwohl bereits mehrere Monate guter Hoffnung, eine Jagd, stürzte -und starb an den Folgen. Ebenso ging Maria, Kaiser Sigmunds Gemahlin, -zugrunde. Die Rücksicht auf die Gesundheit wurde im Mittelalter -so völlig außer acht gelassen, daß man <em class="gesperrt">gar kein Bedenken trug, -schwangere Frauen Jagden reiten zu lassen</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wie gering bis in die neuere Zeit die Achtung vor dem medizinischen -Wissen war, ergibt sich u. a. aus den Komödien Molières. Als Gil Blas -schwer erkrankt in einem Orte liegen bleibt, dünkt er sich gerettet, -weil dort kein Arzt sei.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Leichenöffnung</em> wurde vom Papst noch anfangs des 14. -Jahrhunderts untersagt, was allerdings den Senat von Venedig nicht -abhielt 1308 zu bestimmen, daß zum Zweck anatomischer Studien jährlich -eine Leiche geöffnet werde. In Prag wurde auch<span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[S. 177]</span> bereits unter Karl -IV. ein Verbrecher im Gefängnis „abgestochen“ und die Leiche zu -wissenschaftlichen Zwecken zergliedert. In Holland hob erst Philipp II. -im Jahre 1555 das Verbot, Leichen zu sezieren, auf, aber nur die von -Hingerichteten durften zu solchen Zwecken verwandt werden. Noch kurz -vorher war es für den Mediziner mit nicht geringen Gefahren verbunden, -sich in den Besitz von Leichen zu setzen. So erzählt Felix Platter -in seiner Selbstbiographie (S. 232 ff.), daß er 1554 frische Kadaver -heimlich ausgraben mußte. Die Sektionen nahmen nicht nur Ärzte, sondern -auch Maler vor. Die erste Frau wurde erst 1720 in den Niederlanden -seziert<a id="FNAnker_193" href="#Fussnote_193" class="fnanchor">[192]</a>. Dagegen hat Kaiser Ferdinand schon 1559 dem Arzt -Thurneyßer in Tirol eine Frau überwiesen, der die Adern geöffnet worden -waren<a id="FNAnker_194" href="#Fussnote_194" class="fnanchor">[193]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Oswald Croll gab in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts folgende -Beschreibung zur Bereitung der <em class="gesperrt">Mumienlatwerge</em>: „Man soll den -todten Cörper eines rohen, gantzen, frischen und unmangelhaften -24jährigen Menschen so entweder am Galgen erstickt oder mit dem Rade -justiciert oder durch den Spieß gejagd worden, bei hellem Wetter, -es sei Tag oder Nacht, erwehlen... in Stücke zerschneiden, mit -pulverisierter Mumia und ein wenig Aloë bestreuen, nachmals einige Tage -in einem gebrannten Wein einweichen, auffhenken, wiederumb ein wenig -einbeitzen, endlich die Stück, in der Lufft aufgehänkt, lassen trucken -werden, biß es die Gestalt eines geräucherten Fleisches bekommt und -allen Gestank verliert, und zeugt letzlichen die ganze rothe Tinktur -durch einen gebrannten Wein oder Wacholdergeist nach Art der<span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[S. 178]</span> Kunst -heraus.“ Aus dieser Tinktur wurde dann mit andern Arzneistoffen eine -höllische Latwerge bereitet, die vor der Pestilenz schützen und sie -heilen sollte<a id="FNAnker_195" href="#Fussnote_195" class="fnanchor">[194]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Noch zu Ende des 18. Jahrhunderts las ein bekannter Arzt ein -<em class="gesperrt">Publikum</em>(!) an einer deutschen Universität, das im -Lektionskatalog angekündigt war: „<em class="gesperrt">De variis concubitus modis</em>“. -Also sogar in die intimsten Winkel von Amors Reich drang die -Wissenschaft ein, sicherlich nicht, ohne zahlreiche und begeisterte -Jünger zu finden. Über dieselbe Materie gab es bei den Griechen -verschiedene Schriften unter den Namen der Astyanassa, der Cyrene, -Elephantis und Philänis, <em class="gesperrt">lauter Damen</em>! Bekannt sind Ovids -Anweisungen in seiner Ars amatoria III, 771 ff.<a id="FNAnker_196" href="#Fussnote_196" class="fnanchor">[195]</a> und ein indisches -Seitenstück, das an Wissenschaftlichkeit und gründlicher Erschöpfung -des Themas seinesgleichen sucht, ist das Kamasutram des Vatsyayana, das -Richard Schmidt aus dem Sanskrit übersetzte.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In den Jahren von 1727–1762 herrschte in Frankreich eine merkwürdige -Massenepidemie, „Konvulsionen“ genannt, die den St. Medarduskirchhof -zu Paris zum Mittelpunkt hatte. Frauen, Mädchen, Kranke jeder Art -füllten den Kirchhof mit den angrenzenden Straßen und konvulsionierten -dort um die Wette. Frauen luden, lang hingestreckt, die Zuschauer ein, -<em class="gesperrt">auf ihren Bauch zu schlagen</em>, und beruhigten sich nicht eher, -als bis 10–12 <em class="gesperrt">Männer sich mit voller Gewalt über ihnen aufgetürmt -hatten</em>. Natürlich hatte diese fromme Seuche eine erotische Färbung -und trug nicht wenig bei, die sexuelle Zügellosigkeit zu<span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[S. 179]</span> verbreiten. -Bezeichnend dafür ist, daß die Frauen bei ihren Anfällen niemals andere -Frauen, sondern <em class="gesperrt">stets Männer</em> zur Hilfe riefen, und zwar junge -und kräftige Männer. Dazu kleideten sie sich höchst indezent, zeigten -stets Neigung zu adamitischer Entblößung, nahmen laszive Stellungen an, -warfen verlangende Blicke auf die zu Hilfe eilenden Männer, und es kam -vor, daß sie – natürlich in ihrer Muttersprache – mit lauter Stimme -riefen: Da liberos, alioquin moriar!</p> - -<p>Die Frauen luden die Männer ein, „Bauch, Busen und ihre Schenkel zu -Promenaden zu benutzen“ und mit ihnen zu „kämpfen“. Die Folge waren -zahlreiche Entbindungen dieser sonderbaren Heiligen<a id="FNAnker_197" href="#Fussnote_197" class="fnanchor">[196]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Daß die Flagellanten ähnlich sich gebärdeten, ist hinlänglich bekannt.</p> - -<p>Bei den Geißelungen unterschied man zwei „<em class="gesperrt">Disziplinen</em>“, die -„<em class="gesperrt">obere</em>“ und die „<em class="gesperrt">untere</em>“, letztere fand besonders bei den -Frauen den meisten Beifall.</p> - -<p>Eine wesentlich anmutigere Manie herrschte in den deutschen -Nonnenklöstern im 15. Jahrhundert. Damals kam eine Nonne auf den netten -Einfall, eine andere zu <em class="gesperrt">beißen</em>. Dieser gefiel der Spaß, und sie -biß wieder eine andere, bis schließlich das Beißen zu einer Epidemie -wurde, die sich mit rasender Schnelligkeit von einem Nonnenkloster zum -andern verbreitete; bald bissen sich alle Klosterkätzchen vom Belt bis -nach Rom<a id="FNAnker_198" href="#Fussnote_198" class="fnanchor">[197]</a>!</p> - -<p>Viele von uns werden sich auch noch der Kußepidemie erinnern, deren -Opfer der Leutnant Hobsen war, der im spanisch-amerikanischen Kriege -sein eigenes<span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[S. 180]</span> Schiff „Merrimac“ in die Luft gesprengt hatte. Nach jedem -Vortrag, den der Arme hielt, stürzten sich die sonst so zurückhaltenden -amerikanischen Damen auf ihn, um ihn zu küssen.</p> - -<p>In einem flandrischen Kloster fing plötzlich eine Nonne an in ihrem -Bett höchst befremdliche Bewegungen zu machen. Auch das steckte an, -und bald arbeiteten die Nonnen sämtlich des Nachts so heftig, daß -die Bettstellen knackten. Da sich das sonderbare Übel von Kloster -zu Kloster fortpflanzte, sah sich die Geistlichkeit gezwungen, von -Amts wegen einzuschreiten. Mit Weihwasser und Wedel gelang es auch – -wie ja nicht anders zu erwarten – den <em class="gesperrt">Teufel</em> aus den Nonnen -auszutreiben<a id="FNAnker_199" href="#Fussnote_199" class="fnanchor">[198]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Vielleicht können wir hier einiger anderer Manien gedenken, die zwar -ganz anderen Motiven entsprangen, auch keinerlei erotischen Einschlag -aufweisen, aber durch die weite Verbreitung und große Heftigkeit ihres -Auftretens den Charakter von Massenwahnsinn annehmen.</p> - -<p>Im Byzanz des 5. Jahrhunderts wütete eine das ganze Volk beherrschende -Leidenschaft: die der <em class="gesperrt">dogmatischen Spitzfindigkeiten</em>. Es ist die -Zeit der Dogmenbildung, eines Nestorius, und dieses Bestreben, eine -möglichst reine Lehre festzusetzen, ließ auch die unteren Volkskreise -nicht zur Ruhe kommen. Die Frage nach der Gottähnlichkeit oder -Gottgleichheit war ein allgemein mit größtem Eifer und Spitzfindigkeit -diskutiertes Thema, das jedes andere Interesse verdrängte<a id="FNAnker_200" href="#Fussnote_200" class="fnanchor">[199]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[S. 181]</span></p> - -<p>Eine ähnliche, allerdings minder trockene Manie hatte die Araber -Spaniens für die <em class="gesperrt">Poesie</em> ergriffen. Das ganze Volk war von der -Leidenschaft des Reimens und Versemachens ergriffen, Lied und Spruch -ertönten überall. Dichter waren einflußreiche Ratgeber der Fürsten, mit -Ehren und Reichtum überschüttet; ein glücklich gefundener Reim, ein -feines Bild, eine kunstvolle metrische Wendung vermochten dem Urheber -eine glänzende Laufbahn zu erschließen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Kreuzzüge als Massenpsychose zu bezeichnen, ließe sich -sicherlich rechtfertigen. Aber selbst wer davor zurückschreckte, -eine zwei Jahrhunderte anhaltende, mindestens eine Million der -tüchtigsten Krieger vernichtende Periode unserer Geschichte als -pathologische Erscheinung zu bezeichnen, wird nicht anstehen, dies dem -<em class="gesperrt">Kinderkreuzzuge</em> des Jahres 1212 in Südfrankreich gegenüber zu -tun. Damals zogen 30000 Kinder unter Führung des Hirtenknaben Etiennes -dem sicheren Untergang entgegen. Von den sieben Schiffen, die die -Kinder in Marseille bestiegen, gingen zwei unter. Die fünf anderen -gelangten nach Ägypten, wo die Kinder als Sklaven verkauft wurden.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Daß auch in unserer, anscheinend religiös so aufgeklärten Zeit noch -Massenpsychosen ähnlicher Art, wie Flagellantentum und Veitstanz -im Mittelalter möglich sind, möge aus folgendem hervorgehen: In -Morzine-Savoyen herrschte eine „Besessenheitsepidemie“ von 1857–1862; -im südlichen Baden die „Predigerkrankheiten“ von 1852 auf 53 und -im Jahre 1888 in Nilsiac<span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[S. 182]</span> in Finnland. Tanzseuchen grassierten im -Anfang des 19. Jahrhunderts in Abessinien, 1863/64 in Madagaskar -und 1868–73 bei den Lappen. Noch heute existiert die sich selbst -verstümmelnde Sekte der Skopzen in Rußland, der Duchoborzen in Kanada, -die splitternackt im eisigen Winter ausziehen auf die Suche nach dem -Heiland. Im Jahre 1896 beobachtete man eine Epidemie im Gouvernement -Kiew, die durch die Predigten einer verrückten alten Frau gegen -Vornahme einer Volkszählung hervorgerufen war. Dreißig Personen ließen -sich lebendig begraben und fanden so einen schaudervollen Tod.</p> - -<p>Daß aber sogar in der Gegenwart in Deutschland religiöse Epidemien -vorkommen, lehrte uns das Jahr 1907. Damals wurden im „Blauen Kreuz“ -in Kassel den ganzen Juli hindurch täglich religiöse Versammlungen -veranstaltet, wobei Verzückungszustände, Erleuchtungen und das -sogenannte Zungenreden eine Rolle spielten. Ein Rausch, eine religiöse -Extase bemächtigte sich der Versammlung. Mit Gesängen, lauten -Sündenbekenntnissen und Bußreden mischten sich unartikulierte Töne, -wildes Stammeln, Stöhnen, Schreien. Man erblickt verzerrte Gesichter, -rasende Gebärden, Menschen, die wie ohnmächtig zu Boden sinken und halb -bewußtlos um sich schlagen. Irgend jemand springt plötzlich auf und -stößt unverständliche Rufe aus, die der Versammlungsleiter dann als -Ausfluß überirdischer Erleuchtung deutet. Ein lauter Jubel erhebt sich, -man wirft sich auf die Knie, umarmt sich, Geständnisse entringen sich -den bebenden Lippen, Frauen behaupten Visionen zu haben, die Erregung -erreicht ihren Höhepunkt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[S. 183]</span></p> - -<p>Schon nach wenigen Wochen hatte sich die Bewegung auf die Nachbarorte -Kassels verbreitet und zwar lieferte die Landbevölkerung das stärkste -Kontingent. Widerspruch oder Versuche der Aufklärung wurden in der -Versammlung dadurch beantwortet, daß man den Teufel hinauswarf. Da es -in den ersten Augusttagen zu schweren Schlägereien kam, wurden diese -religiösen Versammlungen hinfort von der Polizei verboten<a id="FNAnker_201" href="#Fussnote_201" class="fnanchor">[200]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Engländer John Evelyn besuchte im Jahre 1641 die Kirmes von -Rotterdam und erzählt darüber in seinem Tagebuch: „Der jährliche Markt -oder die Kirchweih von Rotterdam war derart mit Bildern ausgestattet,.. -daß ich überrascht war... Der Grund für diese Menge von Bildern und -ihre Billigkeit ist darin zu suchen, daß die Leute Mangel an Land -haben, um ihr Geld darin anzulegen, so daß es eine <em class="gesperrt">gewöhnliche -Erscheinung ist, einen simplen Bauern</em> 2000–3000 L. St. <em class="gesperrt">auf diese -Weise anlegen zu sehen</em>. Ihre Häuser sind damit angefüllt, und sie -verkaufen sie auf ihren Jahrmärkten mit großem Gewinn<a id="FNAnker_202" href="#Fussnote_202" class="fnanchor">[201]</a>.“ Es dürfte -in der Kulturgeschichte ein einzig dastehender Fall sein, daß <em class="gesperrt">Bauern -ihr Vermögen in Kunstwerken anlegen</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Den Türken verdankt Europa die Bekanntschaft mit der Tulpe, deren -erstes blühendes Exemplar der berühmte Conrad Geßner im Jahre 1559 -im Garten eines Augsburger Patriziers sah. Wenige Dezennien später -war die schöne Blume in Europa verbreitet, und besonders in Holland -entstand eine solche Leidenschaft, seltene und wunderliche Abarten -und Farben<span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[S. 184]</span>mischungen zu erzeugen, daß sie in der ersten Hälfte des -17. Jahrhunderts geradezu zu einer nationalen Katastrophe führte. -Man kaufte und verkaufte <em class="gesperrt">Tulpen auf Zeit</em> und Entrichtung der -Differenz zwischen dem vereinbarten und am Verfalltage notierten -Preise. Man zahlte für einzelne Zwiebeln bis zu 2000 hol. Gulden und -mehr; das ganze Volk war von diesem Spekulationsfieber ergriffen, -wohl dem ältesten seiner Art im christlichen Abendlande. Als 1637 -plötzlich die Ernüchterung eintrat, waren große Verschiebungen in den -Besitzverhältnissen und nachhaltige Verkehrsstockung die Folge<a id="FNAnker_203" href="#Fussnote_203" class="fnanchor">[202]</a>.</p> - -<p>Eine ähnliche Manie knüpfte sich an die von Law im August 1717 -gegründete „<em class="gesperrt">Mississippigesellschaft</em>“. Die Leidenschaft für -deren Aktien war so maßlos, daß binnen eines Jahres statt 500 Livres -pro Stück 18000 angelegt wurden. Die Folge war Staatsbankerott und die -größte Börsenkrisis, die die Welt bisher gesehen hatte<a id="FNAnker_204" href="#Fussnote_204" class="fnanchor">[203]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Ärztinnen</em> – nicht etwa nur mit Hausmitteln im Bedarfsfalle -aushelfende Frauen, die es zu allen Zeiten gab – existierten bereits -an der medizinischen Schule in Salerno. Besonders berühmt ist Trottula, -die im 11. Jahrhundert alle an Ruf überstrahlte. Im 12. Jahrhundert -gab es dort eine ganze Reihe, die viele medizinische Rezepte erfanden -und anwandten. Eine von ihnen, Mercuriade, soll sogar in der Chirurgie -Hervorragendes geleistet haben. Vom 10. September 1321 hat sich ein -Dokument erhalten,<span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a>[S. 185]</span> in der Francisca, Gemahlin des Matthäus de Romana, -die Erlaubnis erhält, in Salerno <em class="gesperrt">chirurgische Praxis</em> auszuüben, -da sie „nach wohlbestandenem Examen“ ein Zeugnis der Universität -Salerno besitze. Der Herzog Karl von Kalabrien sagt ausdrücklich, -daß das Gesetz den Frauen die Ausübung der Medizin gestatte. Daß man -im Mittelalter männliche Ärzte möglichst vom weiblichen Geschlechte -fernzuhalten suchte, war dem Aufkommen der Ärztinnen günstig. Den -Ärzten war es nach einem westgotischen Gesetz des 6. Jahrhunderts -ausdrücklich verboten, Frauen in Abwesenheit ihrer Verwandten die Ader -zu schlagen.</p> - -<p>Bereits 1351 gab es in München eine Augenärztin. Während nach langer -Pause 1807 eine Dame, Regina Josepha von Siebold, in Würzburg studieren -durfte, hat man noch bis 1910, ja in einigen Staaten bis heute, trotz -gleicher Vorbildung und gleicher Examina wie sie die männliche Jugend -absolviert, <em class="gesperrt">den Frauen</em>, mit Ausnahme von Bayern und Baden, die -<em class="gesperrt">Immatrikulation auf den deutschen Universitäten versagt</em><a id="FNAnker_205" href="#Fussnote_205" class="fnanchor">[204]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im ancien régime herrschte der Glaube, die Hand des Königs könne von -Skrofeln befreien. Deshalb wurde 6–7 mal im Jahre in den Kirchen -bekannt gegeben, daß der König „berühren“ würde. Dann fanden sich -in Versailles 700–800, auch noch mehr, Kranke ein, die mit den -nötigen Abständen in Reihen aufgestellt und ausgerichtet wurden. -Die königlichen Ärzte untersuchten sie, ob sie auch wirklich krank -waren, was nötig war, da viele Simulanten sich ein<span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[S. 186]</span>schmuggelten. -Da nämlich der König jedem Skrofulösen zwei Sous, den von auswärts -zugereisten sogar fünf Sous einhändigen ließ, versuchte mancher ein -Geschäft aus dieser heiligen Handlung zu machen. Nach der Untersuchung -erschien der König, dem ein Hauptmann der Garden voranschritt, mit dem -Großalmosenier und einigen Herren vom Dienst. Die Ärzte hielten dem -sich auf die Knie niederlassenden Kranken, von beiden Seiten hinter ihm -stehend, den Kopf, während der Gardehauptmann die Hände des Knienden -zwischen die seinigen nahm, um ein Attentat zu verhüten. Dann trat -der König an den Kranken heran und machte ihm mit der bloßen Hand vom -Kopf zum Kinn und vom einen Ohr zum andern streichend das Zeichen des -Kreuzes mit den Worten: „Der König berührt, Gott heilt dich.“ Dann -wurde der Patient mit seinen Sous abgeführt, um nicht nochmals die -Zeremonie und vor allem die königliche Freigebigkeit in Anspruch nehmen -zu können<a id="FNAnker_206" href="#Fussnote_206" class="fnanchor">[205]</a>.</p> - -<p>Ob der König mit seiner appetitlichen Tätigkeit viele Heilerfolge -erzielte, wird nicht berichtet.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der berühmte Arzt, Dr. Thomas <em class="gesperrt">Dover</em>, der Erfinder der nach ihm -benannten, heute noch gebräuchlichen Pulver, war ein <em class="gesperrt">erfolgreicher -Seeräuber</em>! Um 1660 geboren ließ er sich nach Beendigung seiner -Studien in Bristol nieder, erwarb sich einiges Geld und unternahm -hierauf mit einigen Kaufleuten eine privilegierte Kaperexpedition. Auf -der Insel Juan Fernandez entdeckte Dover 1709 als einzigen<span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[S. 187]</span> Bewohner -den schottischen Matrosen Alexander Selkirk, der hier vier Jahre und -vier Monate zugebracht hatte. Bekanntlich ist dieser Selkirk der Urtyp -der Robinson Crusoe-Geschichte geworden. Hierauf erstürmte Dover die -beiden Städte von Guayaquil und kehrte mit seiner Expedition der -peruanischen Küste entlang über Kalifornien und den Stillen Ozean im -Jahre 1711 mit einer Beute von etwa 3½ Millionen Mark, von denen -Dover einen beträchtlichen Anteil erhielt, nach England zurück. Nach -einigen weiteren Reisen ließ sich Dover in London nieder, wo er -u. a. „Des alten Arztes Erbe“ (The Ancient Physicans Legacy), das 1733 -erschien, schrieb. Es war eine populär-medizinische Abhandlung, -verfaßt, um dem Autor Praxis zu verschaffen<a id="FNAnker_207" href="#Fussnote_207" class="fnanchor">[206]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Georges Mareschal, ursprünglich Barbier, dann Leibchirurg Ludwigs XIV. -wurde ein so gewandter Operateur von Blasensteinen, daß er einmal -acht Patienten in wenig mehr als einer halben Stunde von ihrem Leiden -befreite. Er brachte es auf ein Jahreseinkommen von 300000 Frank! -Allerdings erhielt er für einen Aderlaß jedesmal 2500 Frank<a id="FNAnker_208" href="#Fussnote_208" class="fnanchor">[207]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Bezeichnend für den Unfug, der damals mit der Klistierspritze, einer -Erfindung des holländischen Arztes Reynier de Graaff, getrieben wurde, -ist die aus einem Prozeß bekannte Tatsache, daß dem französischen -Prälaten, François Bourgois 2190 Klistiere verabreicht wurden, für die -er den geforderten Preis<span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[S. 188]</span> nicht bezahlen wollte. Die Pariser Spitäler -brauchten damals in einem einzigen Jahre für mehr als 700000 Frank -Blutegel<a id="FNAnker_209" href="#Fussnote_209" class="fnanchor">[208]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Wein gehörte bei unsern Altvordern so zur unentbehrlichen -Nahrung, daß in allen Sitzungen der Ratsausschüsse sowie bei allen -außergewöhnlichen Geschäften des Rates im späteren Mittelalter Wein -getrunken wurde. Man rechnete täglich eine Maß Wein pro Mann als -normales Deputat, nicht nur im städtischen Dienst als Stärkung für die -Ratsglieder und Zunftgenossen, die bei außerordentlichen Gelegenheiten -die Torwachen verstärkten, oder mit den Bürgermeistern in den Straßen -umherritten, auch beim Militär. Der kaiserliche Kommandant verlangte -z. B. 1552 während der Belagerung Frankfurts eine Maß täglich für jeden -Soldat.</p> - -<p>Als 1411 ein Teil der deutschen Fürsten wegen der Königswahl auf kurze -Zeit in Frankfurt anwesend war, wurden 14½ Fuder Wein konsumiert! -Fast genau so viel ließ der Rat angesichts des Reichstages, der 1485 -in Frankfurt gehalten werden sollte, für die Fürsten und Herren -anschaffen<a id="FNAnker_210" href="#Fussnote_210" class="fnanchor">[209]</a>.</p> - -<p>Der schlesische Ritter Hans von Schweinichen, wie seine fürstlichen -Herren ein berühmter Trinker, der gewissenhaft seine Räusche -bucht – fast auf jeder Seite so und so oft – schreibt in seinen -„Denkwürdigkeiten“ (S. 77) von der „feinen Kurzweil“, die in den -Augsburger Trinkstuben war. „Wann man<span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[S. 189]</span> Gäste einlädt und giebt von der -Person 18 Wssgr., so wird man mit zwanzig Essen gespeiset und dabei -den besten Rheinfall und Rheinwein, so zu bekommen ist, getrunken, und -dessen so lang, <em class="gesperrt">bis man alle voll ist</em>. Wie ich denn etliches Mal -dergestalt Gäste auf der Trinkstuben zu mir einlud. Wann man aber einen -Thaler von der Person giebt, so wird man Fürstlich tractiret. Ich hätte -mir wollen wünschen, daß solches Leben lange und viel Jahr gewähret -hätte.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Bei Hof war es nicht besser; sogar auf Reichstagen war die -<em class="gesperrt">Betrunkenheit der Fürsten eine ständige Erscheinung</em>. Graf Lynar, -ein Ausländer, nahm 1590 an der Berliner Hoftafel ungern teil, „wegen -des Trinkens“. An den sächsischen Höfen war „<em class="gesperrt">das stetig Vollsein</em> -ein alt eingewurzelt Uebung und Gewohnheit“. Besonders berüchtigt waren -die „pommerischen Trünke“. Die geistlichen Fürsten konnten auch den -Humpen schwingen, nicht minder die Damen. Manchem modernen Studenten -hätten <em class="gesperrt">diese</em> Leistungen die Schamröte ins Gesicht getrieben!<a id="FNAnker_211" href="#Fussnote_211" class="fnanchor">[210]</a></p> - -<p>Das Merkwürdigste ist nun, daß die Ärzte solche Trinkexzesse für -<em class="gesperrt">gesund</em> erklärten!<a id="FNAnker_212" href="#Fussnote_212" class="fnanchor">[211]</a></p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[S. 190]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zehnter_Abschnitt"><span class="s5">Zehnter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Hygiene</span></h2> - -</div> - -<p>Leute, die sich eines gottgefälligen Lebenswandels befleißigten, -badeten im frühen Mittelalter nicht. Die hl. Elisabeth verbreitete -durch völligen Verzicht auf diesen Genuß in Bälde einen solchen Geruch -der Heiligkeit um sich, daß ihre Umgebung es nicht mehr aushielt -und sie veranlaßte, ein Bad zu nehmen. Der Erfolg war allerdings -gering, denn sie hatte kaum das Wasser berührt, als sie auch schon -hinaussprang, um dafür Buße zu tun.<a id="FNAnker_213" href="#Fussnote_213" class="fnanchor">[212]</a></p> - -<p>Desto reinlicher waren die weltlicher Gesinnten. Sie, auch die Bauern, -badeten sehr häufig. Die Ritter, die natürlich nackt waren, wurden -dabei von zarten Damenhänden bedient, wie z. B. auf einer Miniatur der -Manesseschen Handschrift in der Heidelberger Universitätsbibliothek -zu sehen ist. Übrigens wird heute noch in Skandinavien dieser Dienst -der Weiblichkeit reserviert. Sonst scheint sich aber das Waschen auf -Gesicht und Hände beschränkt zu haben. Keinesfalls waren Waschtische -bekannt. Noch das Frauenzimmerlexikon von 1729 kennt zwar das -Gießbecken und die Gießkanne, mit der man etwas Wasser auf die Hände -goß und dann das Gesicht notdürftig benetzte, aber weder Waschtisch, -noch Waschbecken.<a id="FNAnker_214" href="#Fussnote_214" class="fnanchor">[213]</a><span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[S. 191]</span> Daher steht es fest, daß die Reinlichkeit, -seitdem im beginnenden 16. Jahrhundert die auftretende Syphilis das -Schließen der öffentlichen Badestuben veranlaßt hatte, sehr gering war.</p> - -<p>Die Italiener der Renaissance, damals den Völkern Nordeuropas an -Reinlichkeit überlegen, befolgten keineswegs allgemein die Sitte, sich -täglich gründlich zu waschen. Trotzdem galt ihnen der Deutsche als -Inbegriff alles Schmutzes<a id="FNAnker_215" href="#Fussnote_215" class="fnanchor">[214]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wie selten die Tugend der Reinlichkeit selbst beim deutschen Adel war, -lehrt der Nachruf, den Johann von Wedel seiner 1606 verstorbenen Frau -schrieb: „Nichts desto weniger (d. h. wiewohl sie dem Kleiderluxus -abhold war) hat sie sich der Reinlichkeit und Wartung ihres Leibes mit -ehrlicher Kleidung und gebührlichem Schmuck beflissen, welches eine -feine äußerliche Tugend ist, die Jungfrauen und Frauen wohl zieret, daß -sie nicht wie Schlammüttere herein ziehen, dafür dem Teufel oftmals -grauen möchte, sondern sich waschen, zieren, schmücken, reinlich -halten, dessen die Schrift ehrlich gedenket (Ecclesiastes IX)“<a id="FNAnker_216" href="#Fussnote_216" class="fnanchor">[215]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wie es zur Zeit des Konstanzer Konzils in einem deutschen Badeorte -zuging, beschreibt der berühmte Humanist Poggio Bracciolini in einem -bekannten Brief an seinen Freund Niccoli vom Jahre 1417. Es handelt -sich um Baden in der Schweiz. Nachstehend einige<span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[S. 192]</span> Stellen nach der -Übersetzung von Alwin Schultz in seinem Deutschen Leben im 14. und 15. -Jahrhundert:</p> - -<p>„Es ist dort so ausgelassen, daß ich zuweilen meine, Venus sei mit -allen Vergnüglichkeiten von Cypern nach diesem Bade übersiedelt, -so werden ihre Gesetze beobachtet, so aufs Haar ihre Sitte und -Leichtfertigkeit wiedergegeben, so daß sie, wenn sie auch die Rede des -Heliogabal nicht gelesen, doch von Natur gelehrt und unterrichtet genug -erschienen...</p> - -<p>Öffentliche Bäder sind nur zwei vorhanden, offen (palam) zu beiden -Seiten, Badestätten des Volkes und des gemeinen Haufens, zu denen -Weiber, Männer, Knaben, unverheiratete Mädchen, die Hefe der ganzen -Umgebung zusammenströmt. In ihnen scheidet eine Mauer die Männer von -den Frauen. Es ist lächerlich zu sehen, wie abgelebte alte Weiber -und jüngere Frauen <em class="gesperrt">nackt vor den Augen der Männer ins Wasser -steigen</em>. Ich habe oft über dies prächtige Schauspiel gelacht, dabei -an die Spiele der Flora gedacht und bei mir die Einfalt dieser Leute -bewundert, die weder auf so etwas hinsehen, noch irgend etwas Böses -davon denken oder reden. Die Bäder in den Privathäusern (etwa dreißig) -sind aber sehr fein (perpolita); Männer und Frauen gemeinsam, aber -durch eine Holzwand geschieden. In ihr sind mehrere Fenster angebracht, -so daß man zusammen trinken und sich unterhalten kann, <em class="gesperrt">nach beiden -Seiten hin zu sehen und sich zu berühren vermag, wie dies ihrer -Gewohnheit nach oft geschieht</em>. Über dem Bassin sind Korridore, auf -denen Männer stehen, zuzusehen, um sich zu unterhalten, denn ein jeder -darf in andere Bäder gehen und sich dort aufhalten, zuzuschauen, zu -plaudern,<span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[S. 193]</span> zu scherzen und sich zu erheitern, so daß man die Frauen, -wenn sie ins Wasser steigen oder aus demselben herauskommen, sieht. -Keiner wehrt die Tür, keiner argwöhnt etwas Unsittliches. Männer tragen -nur eine Schambinde (campestribus utuntur), die Frauen ziehen leinene -Hemden an, von oben bis zum Schenkel, oder an der Seite offen, so daß -sie weder den Hals, noch die Brust oder die Arme bedecken. Im Wasser -selbst speisen sie auf gemeinsame Kosten, ein geschmückter Tisch -schwimmt auf dem Wasser, und auch Männer pflegen teil zu nehmen...</p> - -<p>Es ist merkwürdig, zu sehen, in welcher Unschuld sie leben, mit welchem -Vertrauen Männer es ansahen, daß ihre Frauen von Fremden berührt -wurden. Sie wurden nicht gereizt, achteten nicht darauf, nahmen alles -von der besten Seite. Nichts ist so schwer, das bei ihren Sitten nicht -leicht wurde. Sie hätten ganz in den Staat Platos gepaßt, wo alles -gemeinsam ist, da sie schon ohne seine Lehre so eifrig in seiner Schule -erfunden werden. In einigen Bädern sind Männer unter den Frauen, denen -sie entweder verwandt sind, oder es wird ihnen aus Wohlwollen -gestattet...</p> - -<p>Ich glaube nicht, daß es auf der Welt ein wirksameres Bad für die -Fruchtbarkeit der Frauen gibt; da recht viele der Unfruchtbarkeit wegen -hierher kommen, so erfahren sie seine merkwürdige Kraft. Sie beobachten -genau die Vorschriften, und es brauchen Mittel die, welche nicht -empfangen können. Unter diesen ist besonders folgendes bemerkenswert: -eine<span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[S. 194]</span> unzählige Menge von Adeligen und Nichtadeligen kommt hier -zusammen; zweihundert Meilen weit her, nicht eben der Gesundheit, -sondern der Lust wegen, alles Liebhaber, alles Freier, alle, denen an -einem genußreichen Leben gelegen ist. So siehst du unzählige schöne -Frauen, ohne Männer, ohne Verwandte, mit zwei Dienerinnen und einem -Knechte oder einer alten Angehörigen, die leichter zu täuschen als -zu ernähren ist... <em class="gesperrt">Da leben Äbte, Mönche, Brüder und Priester in -größerer Freiheit, als die andern, baden zuweilen mit den Frauen</em> -und schmücken die Haare mit Kränzen, alle Religion beiseite lassend...“ -Es kann sein, daß Poggio übertrieben hat. Immerhin gibt es auch heute -noch Bäder, etwa Franzensbad, die nicht ohne guten Grund im Rufe -stehen, die Unfruchtbarkeit zu beseitigen, keinesfalls stets allein -durch ihr Wasser.</p> - -<p>Bezeichnend für die Volkstümlichkeit des Badens bei unsern Altvordern -ist, daß man statt Trinkgeld „Badgeld“ sagte. Die Folgerung aber, daß -man sich mit der äußeren Feuchtigkeit begnügte, wäre übereilt<a id="FNAnker_217" href="#Fussnote_217" class="fnanchor">[216]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Badestuben vertraten etwa die Stelle der heutigen Kaffeehäuser, wo -man sich traf, plauderte und einen großen Teil des Tages zubrachte. Im -Bade selbst verweilte man mitunter vier Stunden, und in Ems erforderte -die Kur, jeden Tag eine Stunde länger, bis zu zehn Stunden im Wasser zu -sitzen.<span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[S. 195]</span> Man trank und sang gemeinsam, wie es auf zahlreichen Bildern -dargestellt ist.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Daß Gatte und Gattin in derselben Wanne saßen, war ganz gewöhnlich, -aber es war auch an vielen Orten Sitte, daß in <em class="gesperrt">größerer Gesellschaft -Männlein und Weiblein zusammen badeten</em>. Zu Baden in der Schweiz -waren dabei die unteren Volksklassen ganz nackt, die Männer der -höheren Stände aber waren mit einem Schurz, die Frauen mit einem -weitausgeschnittenen Badelaken bekleidet. Viele Badestuben hatten -auch nur ein einziges Auskleidezimmer, das von beiden Geschlechtern -gleichzeitig benutzt wurde. In der Badeordnung für das Glottertal -wurde – allerdings erst 1550 – vorgeschrieben, daß jeder Mann sein -Beinkleid und Hemd, jede Frau oder Jungfrau ihr Hemd nicht eher -als in der Badewanne selbst ablegen solle. Man scheint also diese -Anstandsregel wohl nicht immer beobachtet zu haben.</p> - -<p>Ein Blitzlicht auf die Sittlichkeit des 16. Jahrhunderts wirft auch -folgende Verfügung aus der Badeordnung des Glottertals: „Item soll -ain jedt wederer Bader, es seyen Manns- oder Weybspersonen, ire -Heimlichkeiten zuedecken.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Fromme Leute errichteten häufig eine Stiftung, um sich meldenden Armen -davon gratis Bäder verabreichen zu lassen, sogenannte „Seelenbäder“. -Schmeller versicherte, daß noch im Jahre 1827 einige Zünfte<span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[S. 196]</span> zu -Quatember und zu anderen Zeiten solche Bäder für das Seelenheil -ihrer verstorbenen Mitglieder spendeten. Hoffen wir zum Besten der -im Fegefeuer schmorenden, daß es dabei sittsamer zuging, als im -Deutschland des 15. und 16. Jahrhunderts.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Hans von Schweinichen erzählt zum Jahre 1551 in seinen -„Denkwürdigkeiten“: „Allhier erinner ich mich, daß ich wenig Tage zu -Hofe war, badete die alte Herzogin, allda mußte ich aufwarten als ein -Junge. Es währt nicht lange, kommt ein <em class="gesperrt">Jungfrau</em>, Unte Riemen -genannt, <em class="gesperrt">stabenackend raus</em>, heißt mich ihr kalt Wasser geben, -welches mir seltsam vorkam, weil ich zuvor kein nacket Weibesperson -gesehen, weiß nicht, wie ich es versehe, begieße sie mit kaltem Wasser. -Schreit sie laut und rufet ihren Namen an und saget der Herzogin, -was ich ihr mitgespielt; die Herzogin aber lachet und saget: ‚Mein -Schweinichen wird gut werden.‘ Inmittels habe ich gewußt, was nacket -Leut sind, warum sie sich aber mir also erzeiget, wußte ich nicht für -was vor ein Ende.“</p> - -<p>Wie Guarinonius erzählt, ging es noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts -in kleineren Städten, wie Hall in Tirol, recht paradiesisch zu. Es war -Brauch, halb oder ganz nackte Mädchen von 10–18 Jahren über die Straße -ins Bad zu schicken und sie von ganz nackten Burschen von 10–16 Jahren -begleiten zu lassen. Daß auch erwachsene Männer und Frauen sich ebenso -benahmen, ändert nichts an der Sache<a id="FNAnker_218" href="#Fussnote_218" class="fnanchor">[217]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[S. 197]</span></p> - -<p>Eines Tages im Jahre 1185 stand König Philipp August von Frankreich -am Fenster seines Palais, als einige vorüberfahrende Wagen den -Straßenschmutz aufwühlten. Der sich dabei entwickelnde Gestank war so -furchtbar, daß der König, wiewohl doch an die Ausdünstungen seiner -Residenz Paris gewöhnt, <em class="gesperrt">ohnmächtig wurde</em>. Er befahl darauf -Pflasterung einiger Straßen. Infolge vieler Verordnungen legte man -sich zwar im Verlauf der Jahrhunderte einigen Zwang auf im ferneren -Verunreinigen der Straßen, fuhr auch den Unrat fort, aber nur bis zur -Place Maubert, dem Marktplatz, der völlig verpestet wurde. Erst 1531 -mußten die Bewohner von Paris zwangsweise Aborte und Senkgruben in -ihren Häusern anlegen. Bisher hatte man sich zumeist mit der Straße -beholfen, wie das im 17. Jahrhundert noch vielerorts in Deutschland, -z. B. in Hall in Tirol, Sitte war.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als Kaiser Friedrich III. Tuttlingen besuchen wollte, ging es -nicht, weil die Stadt zu schmutzig war. Am 28. August 1485 ist er -in Reutlingen um ein Haar mitsamt seinem Pferde im Straßenschmutz -versunken. Schweine wurden überall in den deutschen Städten gehalten, -nicht nur daß man sie frei in den Straßen herumlaufen ließ, man brachte -ihre Kober auch nach der Straßenfront hin an. In Berlin wurde das erst -1641 verboten, erst 1681 aber wurde das Mästen der Borstentiere dort -überhaupt untersagt. Seit 1671 mußte jeder Bauer, der nach Berlin kam, -eine Fuhre Unrat mit aus der Stadt nehmen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[S. 198]</span></p> - -<p>Die Verordnung des Nürnberger Magistrates von 1490, daß täglich ein -Knecht die toten Schweine, Hunde, Katzen, Hühner und Ratten auf der -Straße zu sammeln und vor das Tor zu bringen habe, begeisterte ein -poetisches Gemüt zu einem Jubelhymnus<a id="FNAnker_219" href="#Fussnote_219" class="fnanchor">[218]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1666 wurde eine Reinigung der Straßen von Paris vorgenommen. -Das war ein solches Ereignis, daß es nicht nur angedichtet wurde, -sondern man sogar <em class="gesperrt">zwei Medaillen</em> zu dauerndem Gedächtnis -schlug<a id="FNAnker_220" href="#Fussnote_220" class="fnanchor">[219]</a>.</p> - -<p>Noch im Jahre 1697 wurde polizeilich festgestellt, daß die Bewohner Tag -und Nacht aus ihren Fenstern alles schmutzige Wasser, Urin und Unrat -jeglicher Art auf die Straßen warfen. Wer das nicht tat, sondern sich -im glücklichen Besitze eines Abortes befand, bediente sich zu diesem -Zwecke einer allen gemeinsamen Grube, deren Inhalt von Zeit zu Zeit -in den Hausgarten entleert wurde! Das war im glänzenden Paris eines -Ludwigs XIV.<a id="FNAnker_221" href="#Fussnote_221" class="fnanchor">[220]</a>!</p> - -<p>In Sicherheit vor Güssen war man nur in den breiten Straßen, wenn man -sich in ihrer Mitte hielt, wo ein schlammiger Rinnsal floß. Jeden -Augenblick öffnete sich ein Fenster, und wer das Unglück hatte, den -geheiligten Warnungsruf „gare l’eau“ zu überhören, über den ergoß sich -erbarmungslos der Inhalt eines Nachttopfes oder eines Schmutzeimers. -Es gab in der ganzen Stadt kein Fleckchen, wo man sicher vor solchen -Überraschungen war, noch wo man dem entsetzlichen Gestank hätte -entfliehen können. In<span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[S. 199]</span> Ermangelung von Aborten benutzte man alle -Straßenecken, die Umgebung der Kirchen, ja die Paläste, wie man heute -noch in Neapel ähnliches sehen kann. Im Palais de Justice stieß man -z. B. überall auf Exkremente, sogar der Louvre wurde nicht verschont: -in den Höfen, auf Treppen und Balkonen, hinter den Türen, überall wo -jemand gerade ein Bedürfnis fühlte, entledigte er sich am hellichten -Tage seiner Bürde, ohne daß die Palastbewohner sich darum kümmerten. -Heinrich III. war darin allerdings kitzlig: durch Verordnung vom -August 1578 befahl er, daß jeden Morgen, bevor er sich erhoben hatte, -die Fäkalien aus den Höfen und seinen Sälen gekehrt werden mußten! Er -hielt eben auf Reinlichkeit. Im übrigen roch es aber in den spanischen -und französischen Palästen noch zu Ludwigs XIV. Zeit zwar stärker wie -Rosen, aber nicht besser<a id="FNAnker_222" href="#Fussnote_222" class="fnanchor">[221]</a>. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts schlug -deshalb ein Bürger die Einführung von Nachtstühlen in den königlichen -Palästen vor.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Zustand der öffentlichen Hygiene hob sich auch im 18. Jahrhundert -in Paris nur sehr allmählich. Es kam vor, daß die schlecht angelegten -Abtrittgruben sich in die benachbarten <em class="gesperrt">Brunnen</em> leerten! Da -kleine Bedürfnisse noch das ganze Jahrhundert, ja bis tief ins 19. -hinein überall auf den Straßen verrichtet wurden, auch nach wie vor -Nachttöpfe ahnungslose Passanten mit ihrem Inhalt bekannt machten, gab -deren Aroma dem der Vergangenheit nicht viel nach. Noch 1780 mußte -unter Protest der Bewohnerschaft<span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[S. 200]</span> von der Polizei die Ausleerung von -Nachttöpfen usw. aus den Fenstern verboten werden!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1701 fand man beim Leeren einer Abortgrube die Leiche der -Gattin eines Chirurgen, was aber kein Aufsehen erregte<a id="FNAnker_223" href="#Fussnote_223" class="fnanchor">[222]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Noch im Jahre 1780 wurden die Straßen von Paris nicht selten durch -die stark angeschwollenen furchtbar stinkenden Gossen in zwei Hälften -geteilt, so daß man nur durch schwankende Laufbrücken die Kommunikation -von der einen Straßenseite zur andern bewerkstelligen konnte. Der -Inhalt dieser Gossen aber bestand aus einer schwarzen, übelriechenden -und scharfen Brühe, die Stoffe, mit denen sie in Berührung kam, -verbrannte. Daher das schöne Sprichwort: „Il tient comme boue de -Paris<a id="FNAnker_224" href="#Fussnote_224" class="fnanchor">[223]</a>“.</p> - -<p>Bei Regen spien die Dachrinnen von jedem Hause herab ihr Wasser auf -Passanten und Straße, so daß man erst nach seinem Aufhören durch -über die Gossen gelegte Bretter den Übergang von einer Seite zur -andern ermöglichen mußte. Erst 1764 wurden diese freien Dachrinnen -verboten<a id="FNAnker_225" href="#Fussnote_225" class="fnanchor">[224]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Zur Ritterzeit waren Nachttöpfe unbekannt. Wie man sich behalf, -geht aus einem Gedicht hervor: „Do quam der vrouwen eine Gegangen -alters eine Vür der <em class="gesperrt">kemenâten tür</em> Und wolte gerne da vür Sich -des wazzers erlâzen.“ Zu Aborten verwendete man offene Erker, die -zweifellos herrliche Aussicht gewährten, im übrigen aber recht luftig -waren. Um die in den Burggraben fallenden Fäkalien kümmerte sich kein -Mensch.<span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[S. 201]</span> Im Erfurter Schloß befand sich aber sogar eine Kloake, und -zwar gerade unter einem Saale. Das war entschieden nicht angenehm, -besonders nicht für Kaiser Friedrich Barbarossa und seine Paladine. -Denn als er dort im Jahre 1183 einen Reichstag hielt, brachen die -Balken des Saales, und eine Menge Leute stürzten hinein. Acht Fürsten, -viele Edele und über hundert Ritter fanden dabei ihren Tod, während der -Kaiser sich durch einen Sprung aus dem Fenster rettete.</p> - -<p>Überhaupt stürzten Häuser oder Balkone außerordentlich häufig ein. -Nicht weniger als drei deutsche Kaiser, Ludwig der Fromme, Ludwig -der Deutsche und Arnulf, sind allein im 9. Jahrhundert bei dieser -Gelegenheit verletzt worden. Ebenso Heinrich III. im 11. und Heinrich -VI. im 12. Jahrhundert<a id="FNAnker_226" href="#Fussnote_226" class="fnanchor">[225]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>J. J. Rousseau brachte Stunden auf dem Nachtstuhle zu. Der Herzog von -Orléans erteilte hier, umgeben von seiner Dienerschaft, dem Herzog von -Noailles <em class="gesperrt">Audienz</em>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als gelegentlich der Krönung Ludwigs XVI. in der Kathedrale von Reims -der Königin ein Appartement eingerichtet wurde, das man mit Closet -„à l’angloise“ ausstattete, also mit einer Art Wasserspülung, die -noch 1807 äußerst selten war, hielt man das für eine nicht mehr zu -überbietende Kriecherei<a id="FNAnker_227" href="#Fussnote_227" class="fnanchor">[226]</a>! Übrigens wurde das Wasserklosett bereits -im 17. Jahrhundert in England erfunden<a id="FNAnker_228" href="#Fussnote_228" class="fnanchor">[227]</a>!</p> - -<p>Vor wenigen Jahren, vielleicht heute noch, besaß das Königsschloß in -Stockholm keine Aborte. Alles,<span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[S. 202]</span> auch fürstliche Gäste, mußte sich -auf den Korridor hinter eine spanische Wand begeben. Aber da diese -keineswegs alles verhüllte, so konnten die Vorübergehenden die Beine -oder wenigstens die Füße des dort Sitzenden sehen.</p> - -<p>Noch im Jahre 1900 hatten große Trakte der Münchener Residenz keine -Aborte. Wie Verfasser aus zuverlässiger Quelle weiß, bedienten sich -höchste Herrschaften bis in die Gegenwart nicht des Wasserklosetts, -sondern ausschließlich des Nachtstuhles. Noch heute dient in Bayern -vielfach auf dem Lande – nach Manövererfahrungen – der Misthaufen den -gleichen Zwecken, und eine den oberen Teil des Sitzes – aber nicht -etwa die Beine – verhüllende Holzverschalung ist ein nicht überall -anzutreffender Luxus.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In einem Bericht, den der Chirurg Tenon im Jahre 1788 über den Befund -im Hospital Hôtel-Dieu auf königlichen Befehl abfaßte, findet sich -folgende Darstellung der dort herrschenden Zustände:</p> - -<p>Ein einziges der Gebäude des Spitales barg 2627 Kranke, darunter -Fieberkranke, Wöchnerinnen, Blatternkranke usw. Die Betten, etwa -1,10 m breit, waren für je zwei bestimmt, wurden aber <em class="gesperrt">mit sechs -belegt</em>, drei am Kopf-, drei am Fußende. <em class="gesperrt">Dadurch lagen die Füße -auf den Schultern oder im Gesicht der anderen.</em> Daher war es für die -Patienten, die hochkant liegen mußten, da ihnen nur je etwa 35 ctm. -Platz zur Verfügung stand, unmöglich zu schlafen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[S. 203]</span></p> - -<p>Der Inhalt der <em class="gesperrt">Nachtstühle</em> wurde täglich im <em class="gesperrt">Krankenzimmer -selbst in größere Gefäße übergeschüttet</em>. Dadurch und durch das -Herabfallen der Fäkalien auf den Fußboden war die <em class="gesperrt">Luft in den Räumen -verpestet</em>.</p> - -<p>In den Kleiderkammern hingen die Kleider der mit Krätze und Blattern -behafteten zwischen denen der anderen Patienten. Natürlich auch die -verlausten zwischen den reinen. Wer das Hospital verließ, bekam also -seine <em class="gesperrt">Kleidungsstücke infiziert mit Pocken- und Blatterkeimen, -Krätze und Läusen zurück</em>. Auch die Gewandstücke der Verstorbenen -wurden hier aufbewahrt, bis sie – sieben bis acht Tausend pro Jahr – -verkauft wurden, überall hin Krankheiten verbreitend.</p> - -<p>Die Strohsäcke der Kranken, die Urin und Exkremente nicht halten -können, werden um vier Uhr morgens geöffnet und auf den Fußboden -ausgebreitet. Gleichzeitig werden die Strohfüllungen der anderen Betten -geleert. Statt den beschmutzten Inhalt an Ort und Stelle zu verbrennen, -wird das Stroh auf Karren ins Hospital Saint-Louis gefahren.</p> - -<p>Die Mauern sind bedeckt mit Auswurf, der Fußboden mit Fäkalien, die aus -den Strohsäcken rinnen, oder beim Leeren der Nachtstühle verschüttet -werden. Danach ist auch die Luft in den Sälen.</p> - -<p>Im Saale Saint-Jérôme in diesem famosen Hospital, damals dem <em class="gesperrt">größten -chirurgischen Operationssaale Europas</em>, ist die Luft durch die -<em class="gesperrt">benachbarte Leichenhalle verpestet</em>; die übrige Umgebung strömt -ebenfalls üble Gerüche aus. Sonne fällt nicht hinein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[S. 204]</span></p> - -<p>In Gegenwart der zu operierenden werden die Instrumente hergerichtet, -<em class="gesperrt">ja man operiert in Gegenwart der übrigen Patienten</em>.</p> - -<p>Während in Versailles fast niemand an Trepanation stirbt, kommen in -diesem Hospital alle durch Infektion um.</p> - -<p><em class="gesperrt">Die kranken Wöchnerinnen liegen mit den gesunden zusammen, drei bis -vier im selben Bett</em>, solche mit Krätze zusammen mit gesunden.</p> - -<p>Der Auszug aus dem offiziellen Bericht dürfte genügen<a id="FNAnker_229" href="#Fussnote_229" class="fnanchor">[228]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Friedhof des „Innocents“, der in Paris ein Jahrtausend zur -Bestattung gedient hatte, war so verpestet, daß der Generalleutnant -Berrier im Jahre 1746 mit eigenen Augen einen Schwaden aufsteigen sah -von dem Massengrab, das dort in der Regel etwa 1500 Personen aufnahm.</p> - -<p>Im Jahre 1765 beklagten sich – nach zahlreichen Vorläufern – die -Anwohner darüber, daß die Verpestung durch die Ausdünstungen des -Friedhofes derartig stark sei, daß <em class="gesperrt">innerhalb weniger Stunden die -Nahrungsmittel in den benachbarten Häusern verdürben</em>.</p> - -<p>Erst 1776 wurde die Beerdigung innerhalb der Kirchen behördlicherseits -eingeschränkt, aber noch keineswegs ganz untersagt. Über die damaligen -hygienischen Zustände klärt ein Brief Voltaires an den Dr. Paulet auf:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[S. 205]</span></p> - -<p>„Sie haben in Paris ein Hôtel-Dieu, wo ewige Ansteckung herrscht, wo -sich die Kranken, der eine auf den andern gehäuft, gegenseitig Pest und -Tod aufhängen. Sie haben in den kleinen Sackgassen Schlächtereien, die -im Sommer einen Kadavergeruch verbreiten, der imstande ist, ein ganzes -Stadtviertel zu vergiften. Die Ausdünstungen der Toten töten in euren -Kirchen die Lebenden, und die Beinhäuser des ‚Innocents‘ sind noch ein -Zeugnis von Barbarei, das uns weit unter Hottentotten und Neger stellt.“</p> - -<p>Die Ausdünstungen des Friedhofes steigerten sich so, daß am Ende des -Jahres 1779 in einem benachbarten Hause das Licht im Keller erlosch. -Die Beschreibung der weiteren Details ist zu ekelhaft, um hier -wiedergegeben zu werden<a id="FNAnker_230" href="#Fussnote_230" class="fnanchor">[229]</a>.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[S. 206]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Elfter_Abschnitt"><span class="s5">Elfter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Ehre</span></h2> - -</div> - -<p>Wie das Kind den Stuhl schlägt, an dem es sich stieß, statt seiner -eigenen Ungeschicklichkeit gram zu sein, so suchte das Mittelalter -seinen ganzen Haß gegen die doch selbst gewollte Blutgerichtsbarkeit -und Grausamkeit am Henker auszulassen. Damit jeder ihm schon von -weitem ausweichen konnte, wurde im Jahre 1543 dem Scharfrichter -vorgeschrieben, in der Öffentlichkeit mit rot-weiß-grünen Lappen am -Rockärmel und Mantelarmloch zu erscheinen. Der Henker mußte außerhalb -der Stadtmauern wohnen, die Erwerbung des Bürgerrechtes war ihm -versagt, betrat er selbst eine Herberge, so bekam er Speise und Trank -abseits von den anderen Gästen am „Henkertischchen“ gereicht, wobei er -auf einem nur dreibeinigen Stuhle sitzen mußte. Zum Unterschied von den -anderen war sein Krug henkellos, eingegossen wurde ihm rückwärts über -die Hand. Wohl in Erinnerung an diesen Brauch gilt es heute noch am -Rhein als Unhöflichkeit, wenn der Gastgeber einem Gast über die Hand -eingießen wollte. Zahlte der Henker, so mußte er die Münze ablegen, -worauf der Empfänger darüber wegstrich oder darüber hinblies,<span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[S. 207]</span> bevor er -sie einsteckte. Auch in der Kirche hatte er einen von den „ehrlichen -Leuten“ strenge geschiedenen Platz. Wie es dem Henker erging, so auch -dem Schinder oder Abdecker. Bemerkenswert ist die große Ähnlichkeit der -die Verachtung ausdrückenden Gebräuche im Abendlande mit den in Indien -den Parias gegenüber üblichen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Frauen der Stadt Husum hatten noch am Ende des 17. Jahrhunderts der -vom Rate besoldeten Wehe- und Bademutter <em class="gesperrt">verboten, der Ehefrau des -Henkers oder Schinderknechtes in Kindsnöten beizustehen</em>! Da drohte -der Rat, „wofern sich nicht binnen 24 Stunden eine Frau fände, die -der Bewußten beispränge, so werde E. E. Rat überall keine Bademütter -weiter dulden, sondern dafür sorgen, daß künftighin Mannspersonen des -Barbieramtes den Frauen die benötigte Hülfe leisten sollten“. Aber auch -diese Drohung nützte den frommen Christinnen gegenüber nicht viel. Als -sich endlich ein armes altes Weib zu diesem Liebeswerk fand, mußte sie -selbst im Tode dafür büßen! Die rachsüchtigen Frauen entzogen ihr jede -Pflege und Guttat und ließen selbst ihre Leiche tagelang unbesorgt, bis -der Rat endlich den Nachtwächter zu ihrer Bestattung bewegen konnte.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Da das Angebot an Scharfrichtern sehr gering war, half sich der Rat -bisweilen, indem er einen zum Tode Verurteilten das Leben schenkte -unter der Be<span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[S. 208]</span>dingung, Henker zu werden. Ein aus einer anderen Stadt -erbetener Scharfrichter schnitt dann dem Gewählten in offener Zeremonie -zum Zeichen des Standeswechsels beide Ohren ab!</p> - -<p>Nur mit Geld war der Henker gut dotiert. <em class="gesperrt">Er stand im Gehalte dem -Stadtprediger oder Stadtphysikus gleich</em>, außerdem war er fast -überall Bordellwirt und verdiente durch Ausübung von ärztlicher -Praxis<a id="FNAnker_231" href="#Fussnote_231" class="fnanchor">[230]</a>.</p> - -<p>Erst die französische Revolution erlöste den Henker von der -jahrhundertelangen Unehre. Auch hier waren die Menschenrechte wirksamer -als die christliche Nächstenliebe.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Mittelalter wurden alle, die sich das Leben genommen hatten, -entweder ausgeschleift und verbrannt, oder in ein Faß getan und (in -Frankfurt) in den Main geworfen. Dabei war es gleichgültig, ob der -Selbstmörder eines Verbrechens bezichtigt war, ob er bei Vernunft -gewesen oder nicht. Nur wenn einer erwiesenermaßen nicht im Besitze -seiner Geisteskräfte war, wurde er nicht verbrannt, sondern ins Wasser -geworfen, bzw. am Ende des Mittelalters auf den Schindanger gebracht -und dort mit etwas Erde überdeckt.</p> - -<p>Wer sich selbst erhenkt hatte, durfte durch niemand als den Henker -abgeschnitten werden. Um die Heiligkeit der Haustürschwelle nicht zu -entweihen, mußte dann die Leiche durch ein unter derselben ge<span class="pagenum"><a id="Seite_209"></a>[S. 209]</span>machtes -Loch hinausgezogen werden. An einigen Orten warf man die Leiche zum -Fenster hinaus. Es wird als besondere Vergünstigung bezeichnet, daß man -1486 einer Frau gestattete, den Leichnam ihres Mannes, der sich aus -Wahnwitz selbst entleibt hatte, in den Main zu werfen, statt das durch -den Henker tun zu lassen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1522 wurden sogar die Güter eines Juden, der sich selbst -entleibt hatte, in Frankfurt konfisziert, was sonst nicht Brauch war.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Erst im Jahre 1723 kommt es in Frankfurt vor, daß man die Bestattung -eines wahrscheinlich geisteskranken Selbstmörders auf dem gewöhnlichen -Friedhofe erlaubte. Aber sie mußte ganz im stillen und auf dem -hintersten Teile geschehen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Gegen aufgefundene Leichen, selbst wenn es sich um Ermordete handelte, -verfuhr man ganz ähnlich wie gegen Selbstmörder, und zwar aus -religiösen Bedenken. Wußte man doch nicht bestimmt, ob der Tote ein -Christ, und wenn schon, ob er auch ein <em class="gesperrt">frommer</em> Christ gewesen -sei, auch war die Möglichkeit, es handle sich doch um Selbstmord, nicht -ausgeschlossen! Deshalb mußte die Erlaubnis des Pfarrers zu einem -ehrlichen Begräbnis eingeholt werden<a id="FNAnker_232" href="#Fussnote_232" class="fnanchor">[231]</a>.</p> - -<p>Erst 1497 kam man in Frankfurt auf den Gedanken, dem zum Tode -Verurteilten den Selbstmord<span class="pagenum"><a id="Seite_210"></a>[S. 210]</span> durch eine Art von Zwangsjacke unmöglich -zu machen. Man band den Delinquenten nämlich in einem besonders -konstruierten Stuhl fest<a id="FNAnker_233" href="#Fussnote_233" class="fnanchor">[232]</a>. Daß man bis dahin dem armen Sünder, der -unter Umständen zu einem höchst qualvollen Tode verurteilt war, nicht -jede Möglichkeit der Selbstentleibung nahm, dürfte wohl darin seinen -Grund haben, daß nur wenige es versuchten, sich dem Nachrichter durch -eine so schimpfliche Todesart zu entziehen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>„Die Zünfte müssen so rein sein, als wären sie von den Tauben gelesen.“ -Dieser schöne Grundgedanke wurde gehandhabt wie folgt:</p> - -<p>Die bloße Tatsache, daß ein Zunftgenosse einen Hund auf irgendwelche -Weise tötete, hatte zur Folge, daß ihm <em class="gesperrt">das Handwerk gelegt -wurde</em>, d. h. daß er und eventuell seine Familie <em class="gesperrt">brotlos</em> -gemacht wurden. Man betrachtete den Totschlag eines Hundes als Eingriff -in das verachtete Gewerbe des Scharfrichters.</p> - -<p>Im Mittelalter wurden Adelige zur Strafe des Hundetragens verurteilt, -und Widukind erzählt, daß die Übersendung eines räudigen oder -verstümmelten Hundes als Absage an den Feind galt.</p> - -<p>Erst durch den § 23 des Reichsschlusses vom 16. August 1731 wurde die -Bestimmung, den Totschläger eines Hundes aus der Zunft auszuschließen, -beseitigt<a id="FNAnker_234" href="#Fussnote_234" class="fnanchor">[233]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_211"></a>[S. 211]</span></p> - -<p>Im Jahre 1690 wurde dem jüngsten Sohne eines ehelich geborenen Bauern, -der das Schneiderhandwerk erlernen wollte, die Aufnahme in die -Bunzlauer Schneiderzunft versagt, weil – seine <em class="gesperrt">Großmutter</em> vor -50 Jahren, als sie noch unverheiratet war, mit ihrem Dienstherrn ein -Kind hatte!</p> - -<p>Im Jahre 1656 legte die Tuchmacherzunft in Grünberg einem Lehrling das -Handwerk, weil seine Mutter im Dreißigjährigen Kriege von einem Reiter -genotzüchtigt worden war, wiewohl der Rat feststellte, daß gegen die -Frau <em class="gesperrt">nichts Ehrenrühriges vorlag</em>.</p> - -<p>Der Sohn eines Bauern und Gerichtsmannes, der die Weißgerberei erlernen -soll, wird 1691 abgewiesen, weil sein <em class="gesperrt">Großvater</em>, ein begüterter -Bauer, vor 30–40 Jahren als gräflicher Diener bei der Kastration von -Pferden geholfen hatte.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Damals wurde in die Zünfte nur aufgenommen, wer außer ehelicher Geburt -auch <em class="gesperrt">eheliche Erzeugung seiner Eltern und Voreltern nachweisen -konnte</em>! Dasselbe wurde von den Frauen der Zunftgenossen gefordert. -Die Verzeihung eines Ehebruches genügte zum Ausschluß aus der Zunft. -Hammurabi dachte darin milder. § 129 seines Gesetzes lautet: Wenn -jemandes Ehefrau mit einem Zweiten ruhend ertappt wird, soll man sie -(beide) binden und ins Wasser werfen. Wenn der Eheherr der Frau<span class="pagenum"><a id="Seite_212"></a>[S. 212]</span> -verzeiht, so soll auch der König seinen Untertan begnadigen<a id="FNAnker_235" href="#Fussnote_235" class="fnanchor">[234]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1696 war eine Frau in Hernstadt an der Bartsch im -Fieberdelirium ins Wasser gesprungen und ertrunken. Der Witwer mietete -einen Taglöhner und fuhr mit ihm im Kahn zur Leiche, um sie aus dem -Wasser ziehen zu lassen. Dieser seiner Frau erwiesene Liebesdienst -wurde ihm und seiner Tochter aus zweiter Ehe noch ein Menschenalter -nachgetragen, denn als diese sich mit einem Schneider verheiraten -wollte, wurde ihr wegen der einstigen Schiffsführung ihres Vaters -ein <em class="gesperrt">Zeugnis ihrer ehelichen Geburt</em> und ihrem Bräutigam die -<em class="gesperrt">Aufnahme in die Zunft verweigert</em><a id="FNAnker_236" href="#Fussnote_236" class="fnanchor">[235]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als im Jahre 1757 der Winterthurer Rittmeister Hegner zur „Sonne“ -vier Pferde, die in der Eulach ertrunken waren, herausziehen half, -machte er sich die Tragweite wohl nicht klar: „In raschem Eifer hatte -er an einem Seil gezogen, ohne zu fragen, wer es befestigt, und ohne -sich umzusehen, wer neben ihm ziehe. Bald war er nach Zürich zitiert, -um sich zu legitimieren, daß er <em class="gesperrt">nie an einem Seil gezogen oder -eins angerührt, das der Henker angemacht</em>. Auf seine ehrliche -Verantwortung ward ihm auferlegt, ein Attest vorzulegen, daß dies -nicht geschehen. Man ging nämlich damit um, den Rittmeister Hegner -für einen anrüchigen Mann, und somit des ehrenvollsten Dienstes, des -Kommandos einer Dragonerschwadron, für unwürdig zu erklären. In dieser -ehrenhaften Not<span class="pagenum"><a id="Seite_213"></a>[S. 213]</span> trat er vor Schultheiß und Rat mit der Bitte, daß -Kundschaft angehört und ihm ein Attest gegeben werde. Allein ‚die -Bedenklichkeit und anscheinende Weitläufigkeit dieses Handels‘ setzte -den Rat in Furcht. Er willfahrte dem Begehren des Bürgers nicht und -<em class="gesperrt">ließ um des Scharfrichters willen den Rittmeister im Stich</em>“<a id="FNAnker_237" href="#Fussnote_237" class="fnanchor">[236]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als Gegenstück zum subtilen Ehrbegriff der Zünfte seien hier einige -Daten aus der Familiengeschichte der mächtigen Grafen von Cilli -angeführt. Aus diesem Geschlecht hatte Kaiser Sigismund sich seine -berüchtigte Gemahlin Barbara erwählt. Wir werden sie später näher -kennen lernen.</p> - -<p>Ulrich II., der Schwager Sigismunds, war ein wilder Knabe. Als er mit -einer Frau ein Verhältnis hatte und deren Mann, den er deshalb in -seine Dienste genommen hatte, ihn um Entlassung bat, gab er sie ihm, -schickte aber Diener nach, die ihn ermordeten. Das ereignete sich etwa -1455, und kein Hahn krähte danach. Sein Vater Friedrich II. war nicht -besser (c. 1370–1454). Zuerst war er vermählt mit Elisabeth, Tochter -des Grafen Stephan Frangipani. Er verließ sie, um sich heimlich mit -der Veronica von Teschewitz zu verbinden. Als der Wüterich dann zur -ersten Frau zurückkehrte, um Versöhnung zu feiern, erstach er sie -mit seinem Jagdmesser. Diesmal war es eine Gräfin, und da konnte die -Sache denn doch nicht vertuscht werden. Friedrich wurde sogar zum -Tode verurteilt, dann begnadigt und seinem Vater übergeben, der ihn -längere Zeit<span class="pagenum"><a id="Seite_214"></a>[S. 214]</span> gefangen hielt. Als er frei gelassen wurde, war keine -Frau oder Jungfrau vor ihm sicher. Hatte er eine geschändet, dann -schickte er sie einfach ohne jede Entschädigung wieder zum Mann oder -Vater zurück. Einem Ehemann, der seine Frau nicht ohne weiteres wieder -zurücknehmen wollte, <em class="gesperrt">legte er, empört über diese Anmaßung, eine -Geldstrafe auf</em>! Wie könne er es wagen, ihm Schwierigkeiten zu -machen, wo doch er selbst, ein edler Graf, die Umarmungen einer Frau -nicht verachtet habe, die vorher von diesem Plebejer <em class="gesperrt">entweiht</em> -worden sei! Einen Adeligen ließ er aus Eifersucht grausam töten, weil -er ihn im Verdacht hatte, mit einer seiner zahlreichen Geliebten sich -eingelassen zu haben. Seine heimliche Gemahlin Veronica ließ sein Vater -Herrmann (1385–1435) im Bade ertränken (c. 1428). Als dieser edle Graf -das Zeitliche segnete, schrieb die Chronik von Cilli – und das ist -bezeichnend – „Nach dem was groß Clag, denn er war ein <em class="gesperrt">frommer</em> -Mann und ein <em class="gesperrt">rechter Sühner und Friedmacher</em>, wo er mocht -zwischen Armen und Reichen“<a id="FNAnker_238" href="#Fussnote_238" class="fnanchor">[237]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>David Teniers d. J., der sich um den Adel bewarb, sollte ihn 1657 unter -der Bedingung erhalten, daß er keine Malereien mehr ausstelle oder für -Geld male<a id="FNAnker_239" href="#Fussnote_239" class="fnanchor">[238]</a>.</p> - -<p>Die Künstler gehörten ja das ganze Mittelalter hindurch zum -<em class="gesperrt">Handwerkerstande</em> und waren genau so <em class="gesperrt">zunftmäßig -inkorporiert</em> wie etwa die Metzger oder Tuchmacher. Noch im 17. -Jahrhundert galten die Erzeugnisse der Malerei im allgemeinen gar -nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_215"></a>[S. 215]</span> höher als ein Stück Tischler- oder Schmiedearbeit, und die -größten Künstler sehen wir mit industriellen Arbeiten, Ladenschildern, -Ofenschirmen usw. beschäftigt. Ein Dürer, Holbein, Burgkmair, -die ersten Größen ihrer Zeit, unterstanden dem <em class="gesperrt">Zunftzwang</em> -und wurden, wenn auch als sehr tüchtige, so doch immerhin als -<em class="gesperrt">Handwerker</em> eingeschätzt. Jean von Goyen, Aart van der Neer, -Hobbema, Jan Steen, Jakob van Ruisdael II, J. Collaert, also -hervorragende Meister des 17. Jahrhunderts, verdienten noch neben -der Malerei ihr Brot als Garköche, Gastwirte, Strumpfhändler, Bäcker -usw.<a id="FNAnker_240" href="#Fussnote_240" class="fnanchor">[239]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Erst im Jahre 1773 wurde durch einen vom 20. März datierten Erlaß -der Kaiserin Maria Theresia auf eine Anregung von Antwerpen hin -bestimmt, daß die Maler, Bildhauer, Stecher und Architekten von jedem -Gildenzwang befreit sein sollten und die Ausübung ihrer Künste mit dem -Adelsstande für vereinbar erklärt<a id="FNAnker_241" href="#Fussnote_241" class="fnanchor">[240]</a>. Allerdings waren schon lange -vorher einzelnen großen Meistern fürstliche Ehren erwiesen worden. Z. -B. machten weder Rubens noch Guido Reni Besuche, sondern empfingen nur -solche im Atelier. Als letzterer aus Bologna nach Rom zurückkehrte, das -er im Zorn über Honorarschwierigkeiten verlassen hatte, fuhren ihm die -Wagen der Kardinäle bis Ponte Molle entgegen. Als Bernini die erste -französische Stadt betrat, wurden ihm deren Schlüssel überreicht, und -drei Tage vor Paris holte ihn die königliche Sänfte ein<a id="FNAnker_242" href="#Fussnote_242" class="fnanchor">[241]</a>. Dagegen -suchten noch bis ins 18. Jahrhundert Mitglieder der Gilden<span class="pagenum"><a id="Seite_216"></a>[S. 216]</span> ihre -Arbeiten durch Hausieren an den Mann zu bringen, und es verstieß nicht -gegen den Ehrenkodex, wenn ein Maler oder ein Maler-Kunsthändler sich -an einer Brücke oder sonst einem öffentlichen Platz mit seinen Bildern -aufstellte<a id="FNAnker_243" href="#Fussnote_243" class="fnanchor">[242]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Auch in Griechenland zur Zeit der höchsten Kunstblüte wurde der -bildende Künstler unter die Handwerker gezählt. Bezeichnend sind -dafür Plutarchs Worte: „Wir schätzen ein Werk, aber wir verachten -seinen Schöpfer“ oder: „Kein anständiger junger Mensch, der den Zeus -in Pisa oder die Hera in Argos sieht, wird sich deshalb wünschen, ein -Phidias oder Apelles zu sein; denn, wenn uns ein Werk angenehm und -gefällig ist, braucht darum doch noch keineswegs sein Schöpfer unsere -Nacheiferung zu verdienen“<a id="FNAnker_244" href="#Fussnote_244" class="fnanchor">[243]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wenn uns auch selbst aus dem frühen Mittelalter eine Reihe von -Künstlernamen überliefert sind<a id="FNAnker_245" href="#Fussnote_245" class="fnanchor">[244]</a>, so war im allgemeinen doch die -Person des Schöpfers eines Kunstwerkes von ganz geringer Bedeutung -gegenüber der, die es <em class="gesperrt">bezahlte</em>. Wichtiger als die Meister sind -die Stifter, deren Porträts und Namen sich auf zahllosen Gemälden und -Skulpturen erhalten haben.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_217"></a>[S. 217]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zwoelfter_Abschnitt"><span class="s5">Zwölfter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Religion und Glaube</span></h2> - -</div> - -<p>Die sogenannten <em class="gesperrt">Sieben Todsünden</em> sind, wie Zielinski -nachgewiesen hat, aus der heidnischen Astrologie entnommen und haben -wahrscheinlich durch Vermittlung der stoischen Philosophie ihre -Ausbildung erhalten. Auch Horaz kennt sie<a id="FNAnker_246" href="#Fussnote_246" class="fnanchor">[245]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Vers 7 in der 1. Epistel Johannis, Kapitel 5, den die Dogmatiker -als Hauptbeweis für die Lehre von der <em class="gesperrt">Dreifaltigkeit</em> brauchen, -ist nach der Untersuchung des katholischen Theologieprofessors -Karl Künstle (Das Comma Joanneum, auf seine Herkunft untersucht. -Freiburg 1905) von dem <em class="gesperrt">Häretiker</em> Priscillian im 4. Jahrhundert -eingeschoben worden!! Von demselben Vers erklärte die Indexkongregation -1897, daß es nicht gestattet sei, an seinem authentischen Charakter zu -zweifeln. Künstles Schrift erschien mit bischöflicher Approbation!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Demeter, die Mutter des Dionysios, heißt „<em class="gesperrt">heilige Jungfrau</em>“, -Isis, die Mutter des Horus, spielt eine besondere Rolle, Sargon, Gudea, -Asernasipal,<span class="pagenum"><a id="Seite_218"></a>[S. 218]</span> Asurbanipal usw. behaupten von sich die Jungfrauengeburt -von der Göttin Istar, und diese wunderbare Herkunft wird von ihnen -beansprucht, wiewohl wir ihre wirkliche Herkunft kennen. Das hängt mit -dem <em class="gesperrt">Tierkreisbild der Jungfrau</em> zusammen und der Konstellation -der Wintersonnenwende. Um Mitternacht am 25. Dezember geht am -östlichen Punkte des Himmels das Sternbild der Jungfrau auf. Daher die -Festsetzung der Geburt Christi auf diesen Tag und die Legende seiner -jungfräulichen Geburt<a id="FNAnker_247" href="#Fussnote_247" class="fnanchor">[246]</a>.</p> - -<p>Heute noch lehrt die römisch-katholische Kirche die <em class="gesperrt">Jungfräulichkeit -Mariä</em> und die <em class="gesperrt">Gottheit Christi</em> in dem Sinne, daß Gott -durch den hl. Geist sein Vater wurde. Letzteres wird auch von der -protestantischen Kirche noch aufrecht erhalten. Dazu seien zwei Stellen -des Neuen Testamentes zitiert: Matthäus Kapitel 1 Vers 25: „<em class="gesperrt">Und -erkannte sie nicht, bis sie ihren ersten Sohn gebar</em>; und hieß -seinen Namen Jesus.“</p> - -<p>Matthäus Kapitel 13 Vers 55 und 56 lauten: „Ist er nicht eines -Zimmermanns Sohn? Heißt seine Mutter nicht Maria? Und <em class="gesperrt">seine Brüder -Jakob und Joses und Simon und Judas</em>? Und <em class="gesperrt">seine Schwestern</em>, -sind sie nicht alle bei uns?“</p> - -<p>Die Evangelien sind eben nur unfehlbar, wenn es gewissen Kreisen und -Institutionen paßt.</p> - -<p>Zur <em class="gesperrt">Gotteskindschaft Christi</em> finden sich zahlreiche Analogien -in der Antike. Vom Philosophen Plato war schon zu seinen Lebzeiten die -Sage auf<span class="pagenum"><a id="Seite_219"></a>[S. 219]</span>gekommen, seine Mutter Periktione habe ihn vom Gott Apollo -empfangen, ebenso war Augustus Apollos Sohn, während Alexanders und -Scipios Vater Zeus war, der auch den Wundermann Apollonius von Tyana -gezeugt haben soll. Origines sagt diesbezüglich: „Der einfache Antrieb, -so etwas von Platon zu erdichten, war, daß man glaubte, ein Mann, -der mit größerer Weisheit und Kraft als die Durchschnittsmenschen -ausgestattet war, <em class="gesperrt">müsse auch aus höherem und göttlichem Samen seinen -leiblichen Ursprung gehabt haben</em>.“ Die Nutzanwendung daraus auf -Christus zu ziehen, überließ Origines seinen Lesern<a id="FNAnker_248" href="#Fussnote_248" class="fnanchor">[247]</a>.</p> - -<p>Seit 1870 ist nicht nur Christus von Maria, sondern auch diese von -ihrer Mutter Anna „unbefleckt“ empfangen worden. Wenigstens hat das -Vatikanische Konzil diese Feststellung gemacht.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Auch von <em class="gesperrt">Buddha</em> wird erzählt, daß er von der jungfräulichen -Königin Maja geboren wurde, in deren Leib das himmlische Geistwesen -Buddha unbefleckt und unbefleckend einging. Auch bei seiner Geburt -erstrahlte überirdisches Licht und erschienen Scharen himmlischer -Geister, die einen Lobgesang anstimmten zum Preise des Kindes, das der -Welt Heil, aller Kreatur Freude und Frieden bringen, die Feindschaft -zwischen Gottheit und Menschheit versöhnen werde. Auch hier erkennt ein -frommer Seher im Kinde den künftigen Erlöser<a id="FNAnker_249" href="#Fussnote_249" class="fnanchor">[248]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220"></a>[S. 220]</span></p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Auferstehung Christi</em> nach drei Tagen erinnert an das große -Auferstehungsfest der Babylonier in Nisan, also etwa gleichzeitig -mit dem Tode und der Auferstehung Jesu. In feierlichen Prozessionen -und Riten wurde in Babel in der Frühlingszeit die <em class="gesperrt">Auferstehung -des Marduk</em> gefeiert. Die drei Tage, die Auferstehung Jesu -gleichzeitig mit Sonnenaufgang, die Feier des „Herrentages“, die -<em class="gesperrt">Sonnenfinsternis</em> bei Jesu Tode, die <em class="gesperrt">Engelerscheinungen</em> -zeigen in die Richtung jener babylonischen Gedanken. Auch der -<em class="gesperrt">Satan</em>, die <em class="gesperrt">bösen Dämonen</em>, besonders die sieben bösen -Geister, sowie Jesu Selbstbezeichnung „der <em class="gesperrt">Menschensohn</em>“ = „der -<em class="gesperrt">Mensch</em>“ weisen nach Babylonien<a id="FNAnker_250" href="#Fussnote_250" class="fnanchor">[249]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Auch der Hexenwahn ist, wie Friedrich Delitzsch in „Mehr Licht“ -(Leipzig 1907) feststellt, chaldäischen Ursprungs, und zwar genau in -der Form der römisch-katholischen Kirche. Auch die Verbrennung durch -Feuer – durch solche in Effigie ersetzt – geht auf dieses uralte Volk -zurück.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In Tarsus war schon zur Zeit des Pompejus ein Sitz der von Persien -ausgegangenen Mithrareligion. In die Mithrareligion wurde man -durch Weihen aufgenommen, die als ein mystisches Sterben und -Wiedergeborenwerden sich darstellen, wodurch die Schuld des alten -Lebens getilgt und ein neues, unsterbliches Leben durch den Geist -erzeugt werde. Die Geweihten nannten sich deshalb „wiedergeboren -für ewig“. Die Verwandtschaft dieser Lehre mit der des Apostels -Paulus – der bekanntlich in Tarsus lebte – von der christlichen -<em class="gesperrt">Taufe</em> (Römer 6) ist schlagend. Auch das hl. <em class="gesperrt">Mahl</em>,<span class="pagenum"><a id="Seite_221"></a>[S. 221]</span> bei -welchem das <em class="gesperrt">geweihte Brot</em> und der <em class="gesperrt">Kelch</em> mit Wasser -oder Wein als mystische Symbole zur Mitteilung des göttlichen Lebens -an die Mithragläubigen diente, gehörte zu den <em class="gesperrt">Sakramenten</em> -dieser Religion. Auch hier ist die Parallele mit Pauli Lehre vom hl. -<em class="gesperrt">Abendmahl</em> schlagend<a id="FNAnker_251" href="#Fussnote_251" class="fnanchor">[250]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der <em class="gesperrt">Sühnetod Christi</em> hat seine Vorläufer in dem des Adonis, -Attis und Osiris. Bei der Adonisfeier im Frühling wurde zuerst -sein („des Herren“) Tod und die Bestattung seiner durch ein Bild -dargestellten Leiche begangen. Am folgenden – bei der Osirisfeier -am dritten, bei der Attisfeier am vierten – Tage erscholl die -Kunde, daß der Gott lebe, und man ließ ihn, d. h. sein Bild, in die -Luft aufsteigen. Letztere Zeremonie hat sich in der Osterfeier der -griechischen Kirche bis heute erhalten. Paulus, der in Antiochia länger -wirkte, hatte dort diesen Kult zweifellos kennen gelernt. Die Rettung -des Gottes (Adonis, Attis, Osiris) aus dem Tode, galt als Rettung -seiner Kultgenossen. In den Mysterien des Attis, der Isis und des -Mithras wurde durch <em class="gesperrt">symbolisches Sterben</em> und <em class="gesperrt">in den Hades -hinabsteigen</em> angedeutet, daß die Gläubigen zur Teilnahme am Leben -des Gottes gelangen. In einer Mithrasliturgie betet der Geweihte: -„Herr, wiedergeboren verscheide ich, indem ich erhöhet werde, und da -ich erhöhet bin, sterbe ich; durch die Geburt, die das Leben zeugt, -geboren, werde ich in den Tod erlöst und gehe den Weg, wie du gestiftet -hast, wie du zum Gesetz gemacht und geschaffen hast das Sakrament“. -Die Ähnlichkeit dieser Vorstellung mit der mystischen des Paulus vom -Tod und der <em class="gesperrt">Auferstehung<span class="pagenum"><a id="Seite_222"></a>[S. 222]</span> Christi</em> und vom <em class="gesperrt">Mitsterben und -Mitauferstehen der auf Christum Getauften</em> ist schlagend<a id="FNAnker_252" href="#Fussnote_252" class="fnanchor">[251]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Bereits im Altertum gab es festbesoldete geistliche Orgelspieler, wie -aus einer in Rhodus gefundenen, aus dem 3. nachchristlichen Jahrhundert -stammenden Inschrift hervorgeht. Der Orgelspieler hat zu Ehren des -Dyonisios Bacchios zu spielen und erhielt dafür jährlich 360 Denare. -Die besonderen Festlichkeiten „zur Erweckung des Gottes“, die nach -dem Osirisvorbilde alle zwei Jahre gefeiert wurden, hatten größte -Ähnlichkeit mit der Karsamstagzeremonie vieler katholischer Kirchen. -Bei diesen Festlichkeiten dürfte der Orgelspieler seine Kunst geübt -haben<a id="FNAnker_253" href="#Fussnote_253" class="fnanchor">[252]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die römische Kirche nennt sich heute noch die „Katholische“, also -<em class="gesperrt">allgemeine</em>, wiewohl nur etwa ein Drittel der Erdbewohner -Christen sind, von diesen aber etwa 120 Millionen „orthodox“ und -etwa 170 Millionen protestantisch, während der römisch-katholischen -Kirche nur etwa 260 Millionen, also <em class="gesperrt">nicht einmal die Hälfte -der Christenheit</em> angehören und nur <em class="gesperrt">ein Sechstel der ganzen -Menschheit</em><a id="FNAnker_254" href="#Fussnote_254" class="fnanchor">[253]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Kirche lehrt heute noch u. a. folgendes:</p> - -<p>„Maria hatte schon den freien Gebrauch des Verstandes, <em class="gesperrt">bevor sie das -Licht der Welt erblickte</em>, im Schoß ihrer Mutter Anna. Wir dürfen -annehmen, daß sie schon ungeboren weit mehr von Gott wußte und vom -Jenseits, von des Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_223"></a>[S. 223]</span> Ziel und Ende, von den Mitteln, das Ziel zu -erreichen, als die größten Geister nach jahrelangem Denken, Studieren -und Beten wissen<a id="FNAnker_255" href="#Fussnote_255" class="fnanchor">[254]</a>.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Kardinal und Fürsterzbischof von Salzburg erließ am 2. Februar -1905 einen Hirtenbrief, in dem folgende Stellen über die Macht des -Priesters vorkommen: „Wo auf der ganzen Erde ist eine Gewalt, welche -dieser Gewalt gleichkommt?“ Die Gewalt der Fürsten und Könige wird -durch sie übertroffen. Aber wo ist selbst im Himmel eine solche -Gewalt?: „Wenn du dort dich umschaust, so siehst du die Schar der -Patriarchen und Propheten, der Märtyrer und Blutzeugen und die Scharen -der hl. Jungfrauen und dann die Engel und Erzengel und die Throne und -Herrschaften – können sie dich lossprechen von deinen Sünden? Nein... -selbst Maria, die Gottesmutter, die Königin des Himmels, sie kann es -nicht... O unbegreiflich hohe Gewalt! <em class="gesperrt">Der Himmel läßt sich von -der Erde die Art und Weise zu richten vorschreiben</em>, der Knecht -ist Richter auf der Welt, und der <em class="gesperrt">Herr bestätigt im Himmel das -Urteil</em>, das jener auf der Erde fällt.“</p> - -<p>Der Priester besitzt die Gewalt, Brot und Wein in den <em class="gesperrt">wahren -Leib</em> und das <em class="gesperrt">wahre Blut Christi</em> zu verwandeln: „Christus, -der eingeborene Sohn Gottes des Vaters, durch den Himmel und Erde -geschaffen sind, der das ganze Weltall trägt, ist dem katholischen -Priester hierin zu Willen.“ <em class="gesperrt">Christus</em> hat „dem <em class="gesperrt">katholischen -Priester über Sich</em>, über<span class="pagenum"><a id="Seite_224"></a>[S. 224]</span> Seinen Leib, Sein Fleisch und Blut, -Seine Gottheit und Menschheit <em class="gesperrt">Gewalt gegeben</em> und <em class="gesperrt">leistet dem -Priester Gehorsam</em><a id="FNAnker_256" href="#Fussnote_256" class="fnanchor">[255]</a>,“ d. h., er läßt sich von ihm verspeisen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Noch heute steht für die römisch-katholische Kirche die Existenz -eines <em class="gesperrt">wahrhaftigen Teufels</em> fest. Am 13. und 14. Juli 1891 hat -der Pater Aurelian vom Wemdinger Kapuzinerkloster nach eingeholter -Erlaubnis der Bischöfe von Augsburg und Eichstätt mit eigener Hand -den Teufel aus einem besessenen Knaben ausgetrieben und einen -„authentischen Bericht“ über den ganzen Vorgang am 15. August 1891 -im Klosterarchiv niedergelegt. Darin erklärt Pater Aurelian u. a. -wörtlich: „<em class="gesperrt">Wer die Besessenheit in unsern Tagen leugnen wollte, der -bekennt hiermit, daß er abgeirrt ist von der Lehre der katholischen -Kirche</em><a id="FNAnker_257" href="#Fussnote_257" class="fnanchor">[256]</a>.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In den katholischen und protestantischen Schulen wird heute noch -gelehrt, daß Gott <em class="gesperrt">in sechs Tagen die Erde aus nichts schuf</em>, daß -<em class="gesperrt">Adam aus Lehm, Eva aus einer Rippe</em> gemacht wurde, kurz die ganze -biblische Schöpfungsgeschichte, und zwar nicht etwa als Mythus oder zur -Veranschaulichung für die kindlich naive Art, in der man sich vor 2½ -Jahrtausenden diese gewaltigen und restlos wohl nie löslichen Probleme -klarzumachen suchte, sondern alles als <em class="gesperrt">buchstäbliche, geoffenbarte -Wahrheit</em>. Wer schon etwas geweckter ist und daran zweifelt, -riskiert eine ungenügende Religionsnote, die Versetzung in<span class="pagenum"><a id="Seite_225"></a>[S. 225]</span> höhere -Klassen ausschließt. So erziehen Staat und Kirche zu Überzeugungstreue -und Wahrhaftigkeit!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Eine erbauliche Geschichte, die heute noch – neben mancher -gleichwertigen – in den Volksschulen gelesen wird, ist die von der -<em class="gesperrt">Volkszählung Davids</em> (2. Buch Samuelis, 24. Kap.): Gott hat den -König David angereizt, Israel und Juda zu zählen, worauf der König dies -Geschäft seinem Feldherrn Joab übertrug. Trotz der Gegenvorstellungen, -die jener erhob, blieb David – wie ja mit Rücksicht auf den hohen -Auftraggeber selbstverständlich – bei seinem Befehl, und so ging die -Volkszählung im ganzen Lande vonstatten. Als sie aber vorüber war, -bekam der König Gewissensbisse und betete zu Gott: „Ich habe schwer -gesündigt, daß ich das getan habe, und nun, o Gott, nimm hinweg die -Missetat deines Knechtes, denn ich habe sehr töricht gehandelt.“ Gott -aber ließ David die Wahl zwischen dreierlei Heimsuchungen: „Willst -du, daß sieben Jahre Hungersnot in dein Land kommen? Oder daß du drei -Monate lang verfolgt von deinen Feinden fliehen müssest? Oder daß drei -Tage Pestilenz in deinem Lande sei?“ Der König, landesväterlich wie er -nun einmal war, wählte die Pestilenz, der 70000 aus dem Volke erlagen. -Dann erlosch die Seuche. Nun dämmerte es David – der, man bedenke, -die Volkszählung <em class="gesperrt">auf Gottes Befehl</em> ausführen läßt und dann sein -Volk, zur Strafe für seinen Gehorsam, aufopfert, weil er selbst die -Konsequenzen nicht tragen will – daß er doch jedenfalls eher etwas -verschuldet<span class="pagenum"><a id="Seite_226"></a>[S. 226]</span> habe als sein Volk, und er sprach zu Gott: „Siehe, ich -habe die Missetat begangen, aber diese Schafe (nämlich das Volk, das -nicht ohne Grund in der Bibel immer so genannt wird), was haben sie -getan? Laß doch deine Hand wider mich und meines Vaters Haus sein.“ Er -wurde aber nicht weiter bestraft, und die Sache war erledigt.</p> - -<p>Auf diese Weise wird in den Volksschulen ad oculos die Gerechtigkeit -Gottes demonstriert, desgleichen die Herrschertugenden Davids und die -kulturelle Höhe des „auserwählten“ Volkes, dessen Gesetze uns heute -noch vorgehalten werden. Das Beispiel taugte besser zum Beweise für -die Rückständigkeit und Barbarei des jüdischen Aberglaubens und – die -Verbohrtheit der modernen religiösen Erziehung<a id="FNAnker_258" href="#Fussnote_258" class="fnanchor">[257]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Herr Commer, unrühmlich bekannt durch sein Verhalten in der -Schellaffäre, hat die Erdbeben als „Grollen des Satans“ erklärt, steht -auf dem Standpunkt der Bautzschen Höllentheorie, leugnet die Umdrehung -der Erde um die Sonne, spricht dem Foucaultschen Pendelversuch die -Beweiskraft ab, lehrt die Erschaffung der Welt in 6 Tagen à 24 Stunden -und verteidigt die Hexenverbrennung. Trotzdem oder wohl deshalb ist -er päpstlicher Prälat, Doktor der Theologie und Jurisprudenz und -ordentlicher Universitätsprofessor in Wien, und zwar das alles im 20. -Jahrhundert<a id="FNAnker_259" href="#Fussnote_259" class="fnanchor">[258]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Gegen die Eherechtsreformer in Österreich, die Aufhebung des bisherigen -mittelalterlichen Gesetzes<span class="pagenum"><a id="Seite_227"></a>[S. 227]</span> erwirken wollen – dort ist heute noch die -Ehescheidung (nach deutscher Terminologie) unzulässig, die getrennten -Gatten aber müssen bis zum Tode des anderen ledig bleiben; ein -kostbares Vermächtnis aus der klerikal-feudalen Vergangenheit – wird -heute noch als gewichtigstes Argument angeführt, daß – <em class="gesperrt">Gott</em> -selbst im <em class="gesperrt">Paradiese</em> die Ehe zwischen Adam und Eva als unlösliche -Institution eingesetzt habe!!!<a id="FNAnker_260" href="#Fussnote_260" class="fnanchor">[259]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Heute noch wird gelehrt, daß die Menschheit durch den Sündenfall -sich die Strafen der Hölle und des Fegefeuers zugezogen hätte. -„Der allmächtige Gott hat nämlich den Menschen zuerst schwach und -unvollkommen geschaffen und ihn sodann verantwortlich gemacht. Der -allwissende Gott hat Adam und Eva einer Probe unterworfen, von der er -natürlich voraus wußte, daß sie sie nicht bestehen würden. Und als dann -dieser Fall wirklich eingetreten war, hat der allgütige und gerechte -Gott dafür nicht bloß sie selbst, sondern auch alle ihre Nachkommen -mit ewiger Verdammnis bestraft. So entstand die Erbsünde. Und auf eine -gleich klare und überzeugende Weise wurde die Menschheit auch wieder -von ihr erlöst.“<a id="FNAnker_261" href="#Fussnote_261" class="fnanchor">[260]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Durch den Syllabus Papst Pius IX., der natürlich heute noch zu Recht -besteht, wurden unter anderem folgende „Irrtümer“ <em class="gesperrt">verdammt</em>:</p> - -<p>§ 12. „Die Dekrete des apostolischen Stuhles und der römischen -Kongregationen hindern den freien Fortschritt der Wissenschaft.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228"></a>[S. 228]</span></p> - -<p>§ 18. „Der Protestantismus ist nichts anderes, als eine verschiedene -Form derselben christlichen Religion, in welcher es ebensogut möglich -ist, Gott zu gefallen, wie in der katholischen Kirche.“ Damit wird also -dem Protestantismus die Qualität einer christlichen Kirche abgesprochen!</p> - -<p>§ 45. „Die ganze Leitung der öffentlichen Schulen, in denen die -Jugend eines christlichen Staates erzogen wird, nur die bischöflichen -Seminarien in einiger Beziehung ausgenommen, kann und muß der -Staatsgewalt zugewiesen werden, und zwar so, daß keiner anderen -Autorität irgendein Recht, sich in die Schulzucht, in die Ordnung der -Studien, in die Verleihung der Grade und die Wahl oder Approbation -der Lehrer zu mischen, zuerkannt werden kann.“ Also geistliche -Schulaufsicht und Aufsicht über die Universitäten wird heute noch -gefordert!</p> - -<p>§ 53. „... die staatliche Regierung kann sogar allen Hilfe leisten, -welche den gewählten Ordensstand verlassen und die feierlichen Gelübde -brechen wollen.“</p> - -<p>§ 74. „Ehesachen und Verlobungen gehören ihrer Natur nach vor das -weltliche Gericht.“</p> - -<p>§ 77. „In unserer Zeit ist es nicht mehr nützlich, daß die katholische -Religion unter Ausschluß aller anderen Kulte als einzige Staatsreligion -gelte.“</p> - -<p>§ 78. „Es ist daher zu loben, daß in gewissen katholischen Ländern -gesetzlich verordnet ist, daß den Einwanderern die öffentliche Ausübung -ihres Kultus, welcher er auch sei, gestattet sein solle.“ Also heute -noch fordert das Papsttum vom Staate, daß er zwar<span class="pagenum"><a id="Seite_229"></a>[S. 229]</span> die Erziehung der -eigenen Jugend nicht leiten darf, <em class="gesperrt">aber allen Andersgläubigen -Religionsfreiheit versagt</em><a id="FNAnker_262" href="#Fussnote_262" class="fnanchor">[261]</a>.</p> - -<p>Die Sätze 19, 23, 24 und 27 dieses Syllabus beweisen das Verlangen -auch <em class="gesperrt">heute noch</em>, die Ketzer zu vernichten. Im kanonischen Recht -besteht noch <em class="gesperrt">Todesstrafe</em> für Häresie, wie auch jeder Bischof dem -Papst schwören muß, die Ketzer zu verfolgen.<a id="FNAnker_263" href="#Fussnote_263" class="fnanchor">[262]</a></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ein Kulturkuriosum ersten Ranges ist der Syllabus Pius X. vom 4. Juli -1907, ein noch größeres, daß es sogar gebildete Menschen gibt, die -sich darum kümmern! Durch diese zwar nicht „unfehlbare“, aber doch -durch die gewaltige Autorität des Papsttums gestützte Entscheidung wird -<em class="gesperrt">die Kirche als höchste Instanz bei Entscheidung wissenschaftlicher -Fragen, selbst solcher rein profaner Art, proklamiert</em>. Nach § 7 -kann die Kirche, wenn sie „Irrtümer“ verwirft, sogar die <em class="gesperrt">innere -Zustimmung</em> von den Gläubigen verlangen, also nicht nur äußeren -Gehorsam. Die ganze moderne Bibelwissenschaft wird verdammt, besonders -aber im § 11 ausdrücklich konstatiert, daß die göttliche Inspiration -sich in der Weise über die gesamte heilige Schrift erstreckt, daß sie -<em class="gesperrt">alle ihre einzelnen Teile vor jedem Irrtum bewahrt</em>! Der folgende -§ verbietet ausdrücklich, die Bibel so auszulegen wie andere Bücher -menschlichen Ursprungs.</p> - -<p>Die §§ 20–26 verurteilen die wissenschaftlich festgestellte Diskrepanz -zwischen den historischen Tatsachen und den kirchlichen Dogmen, die -folgenden die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung über die -Person Christi. Endlich wird die <em class="gesperrt">genetische Ent<span class="pagenum"><a id="Seite_230"></a>[S. 230]</span>wicklung</em> des -Sakramentenwesens <em class="gesperrt">verworfen</em>, z. B. im § 44 behauptet, daß schon -die <em class="gesperrt">Apostel das Sakrament der Firmung anwandten</em>, desgleichen -die der kirchlichen Verfassung und Verwaltung, sowie die der Lehre. -Den Schluß aber bildet die Konstatierung, daß <em class="gesperrt">die bisherigen -theologischen Lehren und Anschauungen nicht revisionsbedürftig -seien.</em></p> - -<p>Wer unbefangen den Syllabus liest, wird mit fast allem einverstanden -sein, bis er erfährt, daß vor jedem ein „verdammt wird die Behauptung“ -zu denken ist.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Zur Zeit der Kreuzzüge war <em class="gesperrt">bei der Taufe völlige Nacktheit -erforderlich</em>. Und zwar erstreckte sich diese auch auf die Damen der -„Heiden“ bzw. Mohammedaner, denen beizuwohnen den christlichen Rittern -sicherlich Vergnügen bereitete<a id="FNAnker_264" href="#Fussnote_264" class="fnanchor">[263]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Beichtvater hatte das Recht, sein Beichtkind zu schlagen. Auch die -heilige Elisabeth mußte sich von ihrem Beichtvater Konrad von Marburg -solche Züchtigung gefallen lassen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die fromme Nonne Juliane, die in dem Kloster auf dem Berge Coreillon -bei Lüttich lebte, hatte einst eine seltsame Erscheinung: beim Beten -sah sie regelmäßig den vollen Mond mit einer kleinen Lücke. Von -autoritativer Seite wurde diese Vision auf die natürlichste Weise -erklärt: der Mond stelle die Kirche, die <em class="gesperrt">Lücke aber den Mangel -eines Festes zur Feier der Einsetzung des heiligen Abendmahles</em> -vor. Diese Interpretation war so evident, daß sich der Bischof Robert -von Lüttich, von den Archidiakonen<span class="pagenum"><a id="Seite_231"></a>[S. 231]</span> Johannes und Jacobus Pantaleon -und anderen Theologen aufgeklärt, ihrer Logik nicht entziehen konnte. -So ordnete er denn 1246 die Feier des so dringend gebotenen Festes in -seinem Bistum an. Als jener Pantaleon 1261 als Urban IV. den Stuhl -Petri bestiegen hatte, verordnete er – 1264 – durch eine Bulle die -Feier in der ganzen katholischen Kirche. Noch heute wird bekanntlich -<em class="gesperrt">Fronleichnam</em> alljährlich mit größtem Pompe begangen<a id="FNAnker_265" href="#Fussnote_265" class="fnanchor">[264]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Kaiserin <em class="gesperrt">Barbara</em>, Gemahlin Sigismunds, starb am 11. Juli -1451 an der Pest. Sie war häufig im Ehebruch von Sigismund ertappt -worden, da dieser selbst aber nichts weniger als treu war, verzieh -er ihr jedesmal. Als Witwe lebte sie in Melnik bei Königgrätz „unter -einem Schwarm von Buhlknaben und Beischläfern“. Messalinen hat es -immer gegeben, deshalb ist dieser Lebenswandel nicht sonderlich -verwunderlich, wenn es auch nichts Alltägliches ist, wenn eine deutsche -Kaiserin verzehrt von unersättlicher Sinnlichkeit – wie Enneas Sylvius -bezeugt – den Männern nachläuft. Desto bemerkenswerter ist Barbaras -<em class="gesperrt">krasser Materialismus</em>. „So weit sank sie in ihrer wahnsinnigen -Verblendung, daß sie heilige Jungfrauen, die für den Glauben an Jesu -den Tod erlitten, öffentlich Törinnen schalt, welche die Freuden der -sinnlichen Lust nicht zu genießen verständen ... Sie leugnete auch, daß -es nach diesem Leben ein anderes gäbe, und behauptete im Ernst, daß die -Seelen mit den Körpern zugrunde gingen“<a id="FNAnker_266" href="#Fussnote_266" class="fnanchor">[265]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_232"></a>[S. 232]</span></p> - -<p>In „Aucussin und Nicolette“ läßt schon einige Jahrhunderte früher die -reizende „Chantefable“ den Helden auf die Mahnung, sein Seelenheil -nicht aufs Spiel zu setzen, antworten: „Was habe ich denn im Paradies -zu tun? Ich will gar nicht ins Paradies, aber meine liebste Nicolette -will ich. Ins Paradies gehören alte Priester und Bettler, die stets vor -dem Altar herumgelegen haben, in häßlich schmutziger Kleidung, halb tot -vor Hunger und Kälte; die gehören ins Paradies! Was hab <em class="gesperrt">ich</em> mit -ihnen zu schaffen? – Aber in die Hölle will ich, wo die Dichter sind -und die Ritter, die im Turnier oder im Kriege starben, wo die schönen -Frauen sind, die zwei Freunde hatten oder drei mit ihrem Eheherrn, -dort glänzt Gold und Silber, dort prangen edle Pelze und Hermeline, -dort sind Harfner und Spielleute und die Könige dieser Welt. Mit -<em class="gesperrt">ihnen</em> will ich sein und Nicolette, meine süße Freundin, bei mir -haben<a id="FNAnker_267" href="#Fussnote_267" class="fnanchor">[266]</a>.“</p> - -<p>Heine kleidete bekanntlich denselben Gedanken in die Worte: Den Himmel -überlassen wir den Engeln und den Spatzen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1905 erschien in zweiter Auflage mit kirchlicher Approbation -in Mainz ein Werk von Dr. Joseph Bautz, a. o. Professor der Theologie -an der kgl. Universität zu Münster, „Die Hölle“ betitelt. In diesem -grundgelehrten von profunder Weisheit strotzenden Buche wird eingehend -Dasein, Ort und Dauer der Hölle ergründet. Er kommt dabei besonders S. -36 ff. zu dem Resultate, daß sie<span class="pagenum"><a id="Seite_233"></a>[S. 233]</span> im Innern unserer Erde liege, aber -das genügt dem kühnen Entdecker nicht, er geizt nach höheren Lorbeern. -Und das ist gut so, denn nur durch diese laudum immensa cupido ist -es zu erklären, daß Bautz sich das unsterbliche Verdienst erwirbt, -sogar eine <em class="gesperrt">Topographie der Hölle</em> festzustellen. Es gibt vier -unterirdische receptacula, von denen die eigentliche Hölle am untersten -liegt, während der sinus Abrahae „in höherer und würdigerer Lage sich -befindet. Dafür spricht auch der Umstand, daß der reiche Prasser, -um den Lazarus zu schauen, seine Augen <em class="gesperrt">aufhob</em>. Der limbus -puerorum liegt in der Nähe des sinus Abrahae in einiger Entfernung -von der eigentlichen Hölle und wird wie letzterer von ihren Flammen -nicht berührt. Das Fegefeuer aber befindet sich wohl in unmittelbarer -Nähe der Gehenna, weil viele Theologen mit dem h. Thomas behaupten, -das Feuer des Purgatoriums sei mit dem der Hölle ganz identisch. Dazu -kommt, daß die unmittelbare Nähe der Hölle um so mehr zur Betrübnis, -zur Verdemütigung und Läuterung der armen Seelen gereichen muß. Und -mögen diese Seelen auch durch die Gnade den erbsündigen Kindern an -Würde überlegen sein, für die Zeit ihrer Läuterung gebührt ihnen doch -schärfere Züchtigung und deswegen auch ein niederer Ort.“</p> - -<p>Der sinus Abrahae ist zur Zeit unbewohnt, nach der Auferstehung wird es -auch das Fegefeuer sein. Die im limbus puerorum wohnenden Kinder werden -dann eine andere Behausung zugewiesen erhalten.</p> - -<p>Daß die Hölle etwa zu klein für unsere sündigen Seelen sein sollte, -braucht uns nicht zu besorgen,<span class="pagenum"><a id="Seite_234"></a>[S. 234]</span> denn wenn sie auch zur Zeit – trotz -Freimaurerei, Liberalismus und Freigeisterei – wie der gelehrte -Verfasser ermittelte, nur wenig umfangreich ist, so hat doch Lessius -berechnet, „daß ein ganz geringer, verschwindender Teil des Erdinnern -hinreicht, um eine geradezu fabelhafte Anzahl von Menschen aufzunehmen“.</p> - -<p>Nicht hoch genug kann das Verdienst des Höllentopographen veranschlagt -werden dafür, daß er für die <em class="gesperrt">Vulkane</em> eine überzeugende und -einfache Erklärung gefunden hat. Sie sind – <em class="gesperrt">Schlote der Hölle</em>! -So ist auch die Lösung dieses Rätsels dem 20. Jahrhundert gelungen. -Zeppelin und Bautz können sich in berechtigtem Stolze die Hände reichen.</p> - -<p>Dieses Buch kann sich, wie der Verfasser im Vorwort zur zweiten Auflage -mit Genugtuung konstatiert, der Zustimmung zahlreicher Theologen, auch -protestantischer, erfreuen. Ja, sogar seinen <em class="gesperrt">Plagiator</em> hat Bautz -gefunden!!!</p> - -<p>Da es haarsträubenderweise „aufgeklärte Geister gibt, für welche Hölle -und Teufel Märchen sind“, die sogar an Bautz’ Höllentheorie, an den -„grausigen Flammen, die hart unter unseren Füßen drohend lodern“, zu -kritteln wagen, muß er ihnen gegenüber Stellung nehmen. Er tut es -in der vornehmen Sachlichkeit und bescheidenen Würde, die sein als -Kulturkuriosum unschätzbares Werk auch sonst auszeichnen.</p> - -<p>„Glücklicherweise gehören derartige Intelligenzen nicht zu den Quellen, -aus denen der katholische<span class="pagenum"><a id="Seite_235"></a>[S. 235]</span> Theologe zu schöpfen, auch nicht zu den -Auktoritäten, deren Urteil für ihn irgend einen Wert hat.“ Ja, Bautz -kann auch scharf sein, aber nur um der guten Sache willen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1902 erließ der preußische evangelische Oberkirchenrat -eine Verordnung, die eine einheitliche Regelung des Lernstoffes -für den evangelischen Schul- und Konfirmandenunterricht -durch die Provinzialkonsistorien unter Vereinbarung mit den -Provinzialschulkollegien und den Regierungen anordnete. Sie ist jetzt -in allen Provinzen durchgeführt worden. Danach müssen die Kinder -folgendes auswendig lernen: 20–40 Sprüche aus dem Alten, 100–110 -Sprüche aus dem Neuen Testament, 6 Psalmen, 20 Kirchenlieder und den -Wortlaut der 5 Hauptstücke des lutherischen Kleinen Katechismus. -Das sind in Summa <em class="gesperrt">mindestens</em> 180 <em class="gesperrt">Bibelverse</em> und 180 -<em class="gesperrt">Kirchenliederstrophen</em>, die die Kinder sich <em class="gesperrt">wörtlich</em> -einprägen müssen. Auf dem Lande sind es meistens noch viel mehr, da -damit ja nur das Mindestmaß an geistiger Atzung fixiert ist.</p> - -<p>Der religiöse Memorierstoff der Berliner Gemeindeschule fordert laut -Lehrplan 121 Kirchenliederverse, 110 Bibelsprüche, den Wortlaut -der ersten drei Hauptstücke des lutherischen Katechismus, ferner -fünf Psalmen mit zusammen 45 Versen, das alles von 10–11<em class="gesperrt">jährigen -Kindern</em>! Diese Weisheit wird in sechs Wochenstunden, denen nur zwei -Stunden für Rechnen gegen<span class="pagenum"><a id="Seite_236"></a>[S. 236]</span>über stehen, eingetrichtert. Wer da nicht -fromm wird, dem ist einfach nicht zu helfen<a id="FNAnker_268" href="#Fussnote_268" class="fnanchor">[267]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1885 „bekehrte“ sich der in Frankreich sehr bekannte -Schriftsteller und Freidenker <em class="gesperrt">Leo Taxil</em>. Der päpstliche Nuntius -in Paris nahm ihn sofort unter seine besondere Obhut und forderte ihn -auf, mit seiner Feder hinfort für die Kirche Gottes zu kämpfen.</p> - -<p>Das tat er auch und seiner emsigen Feder entströmten eine Reihe von -Werken, die zwar an Wahnwitz und Teufelsspuk das Tollste enthielten, -was die Phantasie aushecken konnte, nichts desto weniger oder -vielleicht auch deshalb den Beifall der katholischen Presse, den -der Geistlichkeit, ja sogar die Zustimmung des Papstes Leo XIII., -der alle las, und enorme Verbreitung fanden. Doch das genügte dem -Pfiffikus nicht, und so vereinigte er sich denn mit einem Dr. Karl -Hacks, um durch etwas noch Großartigeres zu beweisen, was hundert -Jahre nach Kant, im Zeitalter der Naturwissenschaften und der Technik -gläubigen Gemütern alles aufgetischt werden konnte. Unter dem Namen -Dr. Bataille schrieb dieser das Buch „Le Diable au 19. siècle“, -dessen erste Lieferung am 29. September 1892 erschien. Es ist ein in -Romanform geschriebenes Reisewerk, worin Dr. Hacks die verschiedenen -Länder, die er bereist hat, beschreibt unter dem Gesichtspunkt des -<em class="gesperrt">Teufelskultus</em>, der in ihnen getrieben wird.</p> - -<p>So sieht der Verfasser z. B. beim Satanspapst Pike ein teuflisches -Telephon, durch welches er den<span class="pagenum"><a id="Seite_237"></a>[S. 237]</span> sieben großen Direktorien, Charleston, -Rom, Berlin, Washington, Montevideo, Neapel und Kalkutta seine -Weisungen übermittelt.</p> - -<p>Mit Hilfe eines magischen Armbandes kann Pike den Luzifer jeden -Augenblick herbeirufen. Eines Tages nahm Satan Pike sanft auf seine -Arme und machte mit ihm eine Reise auf den <em class="gesperrt">Sirius</em>(!). In wenigen -Minuten waren über 50 Millionen Meilen zurückgelegt. Nach Besichtigung -des Sternes langte Pike in den Armen Luzifers wohlbehalten wieder in -seinem Arbeitszimmer in Washington an.</p> - -<p>In London wird durch diabolische Künste ein Tisch zum Plafond gebracht -und in ein <em class="gesperrt">Krokodil</em> verwandelt, das sich <em class="gesperrt">ans Klavier -setzt, fremdartige Melodien spielt</em> und die <em class="gesperrt">Hausfrau durch -ausdrucksvolle Blicke in Verlegenheit bringt</em>! In diesem Stile geht -es weiter.</p> - -<p>Ein zweiter Mitarbeiter Taxils war der Italiener Margiotta, der im -Jahre 1894 das Buch „Adriano Lemmi, chef supréme des Franc-Maçons“ -schrieb. Er verdiente damit in wenigen Monaten 50000 Frs. und der -ultramontane Verlag von Schöningh in Paderborn beeilte sich, mit -diesem Erzeugnis die deutschen Katholiken zu beglücken. Er erzählt, -daß der Teufelspapst Memmi im Palazzo Borghese zu Rom einen förmlichen -Satansdienst eingerichtet habe. Er ließ ein Kruzifix mit nach unten -hängendem Christuskopf unter dem Rufe „Ehre dem Satan“ bespeien, -durchbohrte bei jedem Briefe, den er an seinem Schreibtisch schrieb, -Hostien, die aus katholischen Kirchen entwendet waren, mit einer -Bohrfeder, ließ bei allen Banketten der Freimaurer Satanshymnen singen<span class="pagenum"><a id="Seite_238"></a>[S. 238]</span> -und besondere Räume für Mopsschwestern (Frauenloge, deren Ritual -Taxil in seinen „Dreipunktbrüdern“, Verlag der Bonifatius-Druckerei -zu Paderborn, eingehend beschreibt) einrichten, mit denen die Brüder -Orgien feierten. Dabei tritt Bataille die obscönsten Dinge mit Behagen -breit, in dem er sich auf höhere Weisung beruft: „Wir gehorchen ohne -Hintergedanken den Befehlen des Heiligen Vaters, der will, daß wir der -Freimaurerei die Maske abreißen, mit der sie sich verhüllt, und sie so -zeigen, wie sie ist.“</p> - -<p>Damit nicht genug, ließ Taxil mit Hacks vom Juli 1895 bis Juni 1897 -in Paris das Lieferungswerk „Miß <em class="gesperrt">Diana Vaughan</em>. Mémoires d’une -Expalladiste. Publication mensuelle“ erscheinen. Es waren die Memoiren -eines früher dem Teufel verschriebenen, jetzt bekehrten jungen Mädchens -mit ihren eigenen Worten geschildert und – wie die Dame selbst – -natürlich von den beiden Witzbolden erfunden.</p> - -<p>Wie nicht anders zu erwarten, fanden die Memoiren in der katholischen -Welt reißenden Absatz und begeisterte Lobredner. Sie verdienten es aber -auch. Miß Vaughan war nämlich am 29. Februar 1874 geboren als Frucht -einer Verbindung ihrer Mutter mit dem Teufel <em class="gesperrt">Bitru</em>, dem sie -schon als kleines Kind geweiht wurde. Als sie mit 10 Jahren „Meister“ -der Palladistenschule zu Louisville in Amerika wurde, brachte der -Oberteufel Asmodeus außer 14 Legionen Unterteufeln auch den <em class="gesperrt">Schwanz -des Löwen des Evangelisten Markus mit, den er selbst ihm abgeschnitten -hatte</em>. Dieser Löwenschwanz legte sich Diana um den Hals und gab ihr -einen Kuß!<span class="pagenum"><a id="Seite_239"></a>[S. 239]</span> usf., folgt eine Geschichte immer haarsträubender als die -andere. So von der Sophie Walder, die am 23. September 1863 als Tochter -Bitrus geboren, <em class="gesperrt">von ihm gesäugt</em> und dann verführt wurde, so daß -Bitru <em class="gesperrt">ihr gegenüber als Vater, Amme und Gatte sich vorstellt</em>!</p> - -<p>Noch im Dezember 1895 konnte die „<em class="gesperrt">Germania</em>“ in mehreren -Sonntagsbeilagen diese erbaulichen Geschichten ihren Lesern als -<em class="gesperrt">Wahrheit</em> erzählen! Die <em class="gesperrt">Stimmen aus Maria Laach</em>, die -<em class="gesperrt">Historisch-Politischen Blätter</em> und andere angesehene katholische -Organe blieben dahinter nicht zurück. Die Spekulation des Kleeblattes -auf die, welche nicht alle werden, hatte durchschlagenden Erfolg.</p> - -<p>Auf einen Brief Taxils, den er als „Miß Vaughan“, Tochter Bitrus, an -den Kardinalvikar von Rom, den Kardinal Parochi schrieb, in dem er ihm -seine „Eucharistische Novene“ und 500 Francs übersandte, antwortete -dieser:</p> - -<p class="right mright2">„Rom, den 16. Dezember 1895.</p> - -<p class="p0 mleft1">Mein Fräulein und liebe Tochter in unserm Herrn!</p> - -<p>Mit lebhafter und süßer Rührung habe ich Ihr Schreiben vom 29. November -zugleich mit dem Exemplar der „Eucharistischen Novene“, erhalten. -Zunächst bescheinige ich den Empfang der mir gesandten Summe von 500 -Frs., von denen 250 nach Ihrer Bestimmung für das Organisationswerk des -nächsten Antifreimaurerkongresses verwandt werden. Die andere Hälfte -in die Hände Seiner Heiligkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_240"></a>[S. 240]</span> für den Peterspfennig zu legen, ist -mir eine Freude gewesen. Sie (Seine Heiligkeit) hat mich beauftragt, -Ihnen zu danken und Ihnen seinerseits einen <em class="gesperrt">ganz besonderen Segen -zu schicken... Ihre Bekehrung ist einer der herrlichsten Triumphe der -Gnade, die ich kenne</em>. Ich lese in diesem Augenblick Ihre Memoiren, -die von einem brennenden Interesse sind...“</p> - -<p>Am 27. Mai 1896 schrieb der päpstliche Geheimsekretär Rod. Verzichi an -die famose „Miß Vaughan“ auf ausdrücklichen Befehl Seiner Heiligkeit, -daß der Papst „mit großem Vergnügen“ die Eucharistische Novene gelesen -habe.</p> - -<p>Vom 26. September bis 1. Oktober 1896 tagte der Antifreimaurerkongreß -in Trient, unterstützt durch 22 Kardinäle, 23 Erzbischöfe und 116 -Bischöfe und durch einen besonderen Segen Leos XIII. gestärkt. -Schon im August war Leo Taxil als einer der Vorstände des -Zentralexekutivkomitees des Antifreimaurerbundes vom Papste in -besonderer Audienz empfangen worden.</p> - -<p>Am 29. September hielt im Angesicht des versammelten Kongresses der -Abbé de Bessonies eine Rede, in der er mit Nachdruck aussprach, daß das -antifreimaurerische Frankreich <em class="gesperrt">alles das für wahr halte und fest -glaube</em>, was er über die Echtheit der Vaughanenthüllungen vortrage. -Leo Taxil ergriff selbst das Wort und wurde begeistert wegen seiner -Verdienste um die Kirche gefeiert!</p> - -<p>Am 19. April 1897 erklärte Taxil im Sitzungssaale der Gesellschaft für -Erdkunde zu Paris sein ganzes bisheriges Tun und Treiben, seine Bücher -und<span class="pagenum"><a id="Seite_241"></a>[S. 241]</span> Schriften, sei <em class="gesperrt">ein einziger, großer, mit vollem Bewußtsein -von ihm begonnener und fortgesetzter Schwindel</em>! Er schloß seine -Rede mit den an die zahlreich versammelten katholischen Geistlichen -und Journalisten gerichteten Worten: „Meine hochwürdigen Väter, ich -danke aufrichtig den Kollegen der katholischen Presse und unsern -Herrn Bischöfen dafür, daß sie mir so trefflich geholfen haben, meine -schönste und größte Mystifikation zu organisieren<a id="FNAnker_269" href="#Fussnote_269" class="fnanchor">[268]</a>.“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_242"></a>[S. 242]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Dreizehnter_Abschnitt"><span class="s5">Dreizehnter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Die „Hexen“ oder Ecclesia non sitit sanguinem!</span></h2> - -</div> - -<p>Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts etwa bekämpfte die katholische -Kirche den Hexenglauben oder war ihm gegenüber wenigstens sehr -skeptisch. Der „engelgleiche Doktor“ Thomas von Aquino, heute noch -größte Autorität der Kirche, bildete dann die unflätige Theorie von -den incubus und succubus aus, die nur als Wirkung des Zölibates zu -verstehen ist, und dieser Wahnwitz imponierte so gewaltig, daß nicht -zum wenigsten auf diese Autorität hin die Kirche die systematische -Hexenverfolgung betrieb. Heute behaupten Apologeten, daß die Kirche für -die Hexenprozesse keine Verantwortung habe, denn sie ist ja bekanntlich -unfehlbar. In der Abschwörungsformel aber, die der berüchtigte Malleus -maleficarum, der Hexenhammer, für die nicht an Hexerei Glaubenden -aufstellt, heißt es: „<em class="gesperrt">Der Unglaube an Hexerei verstößt ausdrücklich -gegen die Entscheidung der heiligen Mutter, der Kirche, aller -katholischen Lehren</em> und der kaiserlichen Gesetze. Die Entscheidung -zweifelhafter Dinge im Glauben steht vor allem bei der Kirche und -vornehmlich beim Papste;<span class="pagenum"><a id="Seite_243"></a>[S. 243]</span> <em class="gesperrt">von der Kirche aber ist gewiß, daß sie nie -im Glauben geirrt hat</em>.“</p> - -<p>Als der Professor der Theologie Cornelius Loos, ein eifriger -Katholik, 1591 den Hexenwahn bekämpfte, ließ ihn der päpstliche -Nuntius Frangipani in Trier <em class="gesperrt">einsperren</em> und <em class="gesperrt">zwang ihn zum -Widerruf</em>. Unter anderem mußte er anerkennen, daß seine Behauptung, -die Hexenausfahrten seien eine Täuschung, <em class="gesperrt">stark nach Ketzerei -rieche</em>. Der Jesuit Delrio fügt hinzu: „Mögen die Anhänger des Loos -erfahren, wie vermessen und schädlich es sei, die Delirien eines Weier -(der ebenfalls den Hexenwahn bekämpfte) dem Urteil der <em class="gesperrt">Kirche</em> -vorzuziehen<a id="FNAnker_270" href="#Fussnote_270" class="fnanchor">[269]</a>.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Daß die Intelligenz unter kirchlicher Ägide wenigstens in diesem Punkte -zunahm, wird sich schwerlich behaupten lassen! Wundervoll aber ist eine -Unfehlbarkeit, die offensichtlich sogar fortbesteht, wenn das konträre -Gegenteil zu verschiedenen Zeiten gelehrt wird!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Kirche war es vorbehalten, den im 15. Jahrhundert nur mehr -schwach im Volke vertretenen Hexenglauben durch den Hexenhammer -<em class="gesperrt">frisch zu beleben</em>. Schon damals gab es Leute, die – zur -Entrüstung der beiden wackeren Dominikaner und Theologieprofessoren -Institoris und Sprenger, den Verfassern des „Hexenhammers“ – zu -behaupten wagten, es gebe keine andere Hexerei auf der Welt,<span class="pagenum"><a id="Seite_244"></a>[S. 244]</span> als im -Glauben der Menschen. Gegen diese auf Humanismus und fluchwürdige -Emanzipation von der unfehlbaren kirchlichen Lehre zurückzuführende -Ketzerei, hinter der das Schrecklichste zu vermuten war, das jemals -der mittelalterlichen Kirche drohte: der gesunde Menschenverstand, -mußte natürlich energisch vorgegangen werden. Papst Innozenz VIII. – -welche Ironie liegt allein in diesem Namen! – erließ am 5. Dezember -1484 die Bulle „Summis desiderantes affectibus“, ein erhabenes Dokument -wahrhaft väterlicher Liebe, gedacht im Geiste Christi. Die Unzucht mit -dem Teufel, Teufelsbeschwörung, Verhinderung der Zeugungskraft bei -Männern und der Empfängnis bei Weibern, Impotenz etc. sind darin als -Hexenwerk gebrandmarkt. Die <em class="gesperrt">Gegner der Verfolgungen</em>, seien sie -noch so hohen Standes, sind mit <em class="gesperrt">Bann und Interdikt zu belegen</em> -und nötigenfalls der <em class="gesperrt">weltliche Arm</em> gegen sie anzurufen<a id="FNAnker_271" href="#Fussnote_271" class="fnanchor">[270]</a>. -Hergenröther, ein Autor des 19. Jahrhunderts, meint, der Papst habe -dadurch „<em class="gesperrt">mildernd</em> und <em class="gesperrt">belehrend</em>“ gewirkt!!!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Hexenhammer, erschienen mit dreifacher Approbation, nämlich einer -päpstlichen Bulle, einer königlichen Urkunde vom 6. November 1486 und -einem empfehlenden Gutachten der theologischen Fakultät der Universität -Köln vom Mai 1487, in unzähligen Auflagen verbreitet als Richtschnur -in der Behandlung von Hexen und Zauberei, noch vom Leipziger Professor -Carpzow († 1666), einem <em class="gesperrt">orthodoxen Lutheraner</em>, als Autorität -anerkannt, entwickelt folgende „christliche“ Grundsätze<a id="FNAnker_272" href="#Fussnote_272" class="fnanchor">[271]</a>:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245"></a>[S. 245]</span></p> - -<p>Verteidiger der wegen Hexerei angeklagten Personen sind gestattet, -aber – <em class="gesperrt">auf den Wunsch des Angeklagten darf bei seiner Wahl keine -Rücksicht genommen werden</em>. Der Richter hat ihn zu ermahnen, -daß er sich nicht der <em class="gesperrt">Begünstigung der Ketzerei</em> schuldig -mache; <em class="gesperrt">dieser aber macht er sich in hohem Grade schuldig, wenn -er „indebite“ einen schon der Ketzerei Verdächtigen verteidigt</em>! -Die Namen der Belastungszeugen dürfen ihm nur mitgeteilt werden, -wenn er untadelhaft, eifrig (<em class="gesperrt">zelosus!!</em>) und ein Freund der -„Gerechtigkeit“ ist, aber auch dann nur unter eidlichem Geheimnis!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Richter wird angewiesen, die Angeklagten zu befragen, ob sie -glauben, daß es Hexen gäbe, die Wetter machen, Menschen und Tiere -infizieren usw. „Bemerke wohl, daß die Hexen dies meist das erstemal -verneinen (d. h. nur durch <em class="gesperrt">Zwangsmaßregeln</em> der Kirche wird ihnen -ein blöder Wahn eingebläut, den der <em class="gesperrt">Laienintellekt damals bereits -überwunden hatte</em>!) Hiermit machen sie sich verdächtiger, als wenn -sie antworten würden: die Entscheidung über diese Frage überlasse -ich den Oberen. Daher, wenn sie es verneinen, sind sie weiter zu -befragen: Wie kommt es denn dann, daß man sie verbrennt? Werden sie -denn unschuldig verbrannt?“ Verneinten sie die letztere Frage, dann -wurden ihre Aussagen widerspruchsvoll und darum verdächtig, während mit -der Bejahung sie sich selbstverständlich einer toteswürdigen Ketzerei -schuldig machten.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_246"></a>[S. 246]</span></p> - -<p>Der Richter darf Todfeinde der Angeklagten nicht als Zeugen zulassen. -Unter <em class="gesperrt">Todfeindschaft</em> ist aber <em class="gesperrt">nur eine solche zu verstehen, -die durch Mord, Totschlag oder tödliche Verwundung herbeigeführt -wurde</em>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Inquisitoren übergaben ihr Opfer dem weltlichen Gericht mit -der stehenden Mahnung, ihres Leibes und Lebens zu schonen, einer -nichtssagenden heuchlerischen Formel. Denn hätte die Staatsbehörde den -Verurteilten das Leben schenken wollen, so wäre sie <em class="gesperrt">sofort in die -auf Begünstigung der Häresie gesetzten Zensuren verfallen</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Dem Richter steht es frei, den Weg <em class="gesperrt">der Milde</em> (via pietatis) -einzuschlagen. Dieser besteht zunächst darin, daß die Folter nicht -wiederholt werden darf, wenn nicht neue Indizien hervortreten. Will -die Gefolterte – deren Blut nicht vergossen werden durfte, weshalb -es lediglich gestattet war, ihre <em class="gesperrt">Gelenke auszukugeln</em>, die -<em class="gesperrt">Knochen zu zermalmen</em>, sie <em class="gesperrt">mit Fackeln zu sengen</em> und -<em class="gesperrt">endlich lebendig zu verbrennen</em>, was ja auch in völliger Harmonie -mit der kirchlichen Barmherzigkeit ohne Blutvergießen abging – will -sie nicht gestehen, dann soll man ihr noch andere Folterwerkzeuge -vorzeigen und sie damit bedrohen. Wird sie auch dadurch nicht -eingeschüchtert, dann ist die Folter am zweiten oder dritten Tage -<em class="gesperrt">fortzusetzen, nicht zu wiederholen</em>!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247"></a>[S. 247]</span></p> - -<p>Läßt sich die Angeklagte trotz langer Gefangenschaft zu einem -Geständnis nicht bewegen, dann soll der Richter sie im Gefängnis -besuchen, ihr versprechen, <em class="gesperrt">Gnade</em> walten zu lassen, „<em class="gesperrt">indem -er aber darunter nicht Gnade für sie, sondern für sich oder den Staat -versteht</em>“. In diesem Punkte folgte der Staat der erhabenen Moral -der Seelenhirten nicht. Die bayerische Instruktion von 1622 hat die -Anwendung dieses Mittels ausdrücklich verboten.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>War es nicht gelungen, den Angeklagten durch Zeugenaussagen oder -mittels des Gefängnisses, gestellter Fallen und der Folter zu einem -Geständnis zu bewegen, und bestanden überhaupt gegen ihn keine anderen -Indizien, als sein schlechter Ruf in bezug auf Ketzerei – in diesen zu -kommen war aber schon deshalb sehr leicht, weil ausdrücklich auf die -Familie der „Hexe“ als meistens auch der Hexerei ergeben das Augenmerk -des Richters gelenkt wurde, so daß schon allein die <em class="gesperrt">Verwandtschaft -der Hexerei hochverdächtig</em> (vehementer suspectus) <em class="gesperrt">machte</em> – -dann wurde der „Weg <em class="gesperrt">der Milde</em>“ beschritten.</p> - -<p>Dieser bestand darin, daß der verstockte Sünder nicht etwa -freigesprochen, sondern mit der kanonischen Purgation belegt wurde. -Katholische und bewährte Männer, die seinen Wandel schon längere Zeit -kennen, müssen 7, 10, 20 oder 30 <em class="gesperrt">an der Zahl</em>, und zwar <em class="gesperrt">seines -Standes</em>, also Geistliche, Weltliche oder Adelige, als Eideshelfer -ihm beistehen. Will der Angeklagte auf dieses Reinigungsverfahren nicht -ein<span class="pagenum"><a id="Seite_248"></a>[S. 248]</span>gehen, dann verfällt er der Exkommunikation und wenn er in dieser -ohne Purgation ein Jahr verblieb, wird er <em class="gesperrt">als Ketzer verurteilt d. -h. verbrannt</em>! Ebenso geht es ihm, wenn er die ihm auferlegte Anzahl -von Eideshelfern nicht herbeischaffen kann. Da das außerordentlich -schwer war, da jeder darum angegangene fürchten mußte, selbst in den -Ruf der Hexerei zu kommen, wird wohl die Nächstenliebe der Inquisitoren -sich zumeist – wenn auch erst nach Jahresfrist – in gewohnter Weise -haben betätigen können.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Diesem Hexenhammer ist in erster Linie zuzuschreiben, daß alle -drei christlichen Religionen in hingebender Weise um die Palme -wetteiferten, am meisten den Glauben an Hexerei auszubreiten und am -rücksichtslosesten gegen Hexen vorzugehen. Das amtliche Suchen nach -ihnen begann erst zu einem Zeitpunkt, wo ohne Kirche in Deutschland -Vernunft und Humanität gesiegt hätten.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Görres, der Abgott ultramontaner Geschichtsschreibung und Bannerträger -einer „modernen“ historischen Schule, nennt diesen Hexenhammer ein -„<em class="gesperrt">in den Intentionen reines und untadelhaftes Werk</em>, aber in einem -unzureichenden Grunde tatsächlicher Erfahrungen aufgesetzt, nicht immer -mit geschärfter Urteilskraft durchgeführt und darum oft unvorsichtig -auf die scharfe Seite hinüberneigend.<span class="pagenum"><a id="Seite_249"></a>[S. 249]</span>“ Welche Milde! welche -Gerechtigkeit! nur schade, daß sie auf keine bessere Sache verwendet -wird.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Es ist merkwürdig, daß dieselbe Kirche, die nicht müde wurde, durch -Jahrhunderte mit Feuer und Folter ihre wirklichen und vermeintlichen -Widersacher zu verfolgen, die mit den gewaltsamsten Mitteln den größten -Blödsinn propagierte, heute noch von mimosenhafter Empfindlichkeit -und mädchenhaftem Zartgefühl ist, wenn man <em class="gesperrt">ihr</em> im geringsten -zu nahe tritt, und zwar nicht etwa wie sie es tat, durch grausame -Verfolgung und qualvollen Tod im Namen des Gottes der Liebe, sondern -lediglich durch Wort und Schrift und Suchen nach Wahrheit. Sollte das -im Unterbewußtsein schlummernde Gefühl, der historischen, logischen und -naturwissenschaftlichen Wahrheit nicht standhalten zu können, Ursache -sein dafür, daß Polizei und Gefängnis bis zum heutigen Tage dem Kämpfer -für Licht und Freiheit drohen? Ist es das Gefühl der Überlegenheit, -daß jeden Wohlerzogenen zwingt, im Verkehr mit Strenggläubigen und der -Geistlichkeit eine Rücksicht walten zu lassen, die im allgemeinen nur -Damen zu beanspruchen pflegen?</p> - -<p>Dabei ist kaum zu bezweifeln, daß die kirchliche Weltanschauung, -sofern sie in den Grenzen der Religion und Metaphysik bleibt und -sich weder in die Sphäre der Politik noch Erfahrungswissenschaft -einschmuggelt, was gar nicht nötig ist – so berechtigt ist wie -irgend eine andere, daß der an Gott, Offenbarung und Unsterblichkeit -Glaubende nicht um ein<span class="pagenum"><a id="Seite_250"></a>[S. 250]</span> Quentchen weniger intelligent zu sein braucht, -als der Leugner. Bestünde Trennung von Kirche und Staat und damit -auch tatsächliche, nicht nur papierne Glaubensfreiheit, würde die -Kirche ihre Irrtumsmöglichkeit zugeben, wobei sie immerhin an den -geoffenbarten Grundwahrheiten ihrer Lehre festhalten könnte, dann -würde auch der fortschrittlich Gesinnte keinen Grund haben, sie mit -Erbitterung zu bekämpfen, sondern selbst der Gegner würde dieser -gewaltigen Organisation, der erhebenden Schönheit ihres Kultus und -der Unwiderlegbarkeit – allerdings auch Unbeweisbarkeit ihrer -metaphysischen Basis Ehrfurcht zollen müssen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ein Kulturkuriosum ersten Ranges ist der Feuereifer, mit dem -Katholiken und Protestanten sich <em class="gesperrt">gegenseitig die Schuld an den -Hexenverbrennungen</em> oder – da die Priorität der katholischen Kirche -sich nicht wohl leugnen läßt – die größte Heftigkeit der Verfolgungen -vorwerfen. Denn daß auch die Protestanten verbrannten, und zwar eifrig, -steht fest<a id="FNAnker_273" href="#Fussnote_273" class="fnanchor">[272]</a>.</p> - -<p>Die unfehlbare Kirche – der Papst war es damals bekanntlich noch nicht -– dekretiert etwas, was überall, wenn auch nicht ohne Widerspruch, -Eingang findet; durch Naturwissenschaft und Aufklärung wird der -Wahnwitz selbst der Geistlichkeit allmählich klar gemacht, nun ist es -Aufgabe jedes Frommen, zu beweisen, daß die Kirche gar nichts dafür -kann! Also Unfehlbarkeit auf alle Fälle!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251"></a>[S. 251]</span></p> - -<p>Übrigens ist die Hexenverbrennung eine direkte Konsequenz der -Evangelien<a id="FNAnker_274" href="#Fussnote_274" class="fnanchor">[273]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Würzburger Bischof Philipp Adolf von Ehrenberg (1623–1631) ließ in -den acht Jahren seiner Regierung 900 Personen verbrennen. Im Herzogtum -Lothringen wurden in 16 Jahren 800 Hexen verbrannt. Was im ersten Falle -die alleinseligmachende Kirche tat, ist im zweiten der hingebenden -Frömmigkeit eines katholischen Fürsten zu danken<a id="FNAnker_275" href="#Fussnote_275" class="fnanchor">[274]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das Buch des Kalvinisten Weier „de praestigiis daemonorum,“ mit dem -er 1563 als erster Deutscher den Hexenwahn bekämpft; – wiewohl es -stets Leute, selbstredend Laien gab, die den Wahn nicht mitmachten -– wurde in Rom und anderwärts auf den <em class="gesperrt">Index</em> der verbotenen -Bücher gesetzt. Der Verfasser selbst wurde von katholischer und von -protestantischer Seite als <em class="gesperrt">Mitschuldiger und Genosse der Hexen -verdächtigt</em>. Er war nicht Theologe, sondern Arzt. Fast auf allen -Gebieten sind ja gute Gedanken und Neuerungen nicht Zünftlern, sondern -Außenstehenden zu danken. Die von Diefenbach in seinem „Hexenwahn“ -angeführten katholischen Vorläufer Weiers sind, wie Riezler nachweist, -sämtlich bona oder mala fide zu Unrecht genannt<a id="FNAnker_276" href="#Fussnote_276" class="fnanchor">[275]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als Balthasar Bekker sein Buch „Verzauberte Welt“ 1691 herausgab, -kostete ihn sein Auftreten<span class="pagenum"><a id="Seite_252"></a>[S. 252]</span> gegen Hexenwahn und Teufel, den er nach -der Bibel höchstens als einen machtlosen gefallenen Geist anerkennen -wollte, seine Stelle. Christian Thomasius, der 1701 sein Werk „Theses -de crimine magiae“ publizierte, wurde von Juristen und Theologen aufs -heftigste angegriffen. Der gesunde Menschenverstand und die Liebe -zum Fortschritt waren eben seit je nicht gerade die hervorragendsten -Eigenschaften der Gelehrten- so gut wie der Handwerkerzünfte.</p> - -<p>Die Leipziger theologische Fakultät (Neuer Pitaval, Band 32) hat -gelegentlich des Teufelsbeschwörungsprozesses in Jena im Jahre 1715 -folgendes Urteil abgegeben: „.... Wir halten dafür, daß bei diesem -casu tragico singulari nicht nur auf die Exhalationes der angezündeten -Kohlen, welche Menschen zuweilen naturali modo ersticken, sondern auch -auf die causam primam, nämlich den gerechten und allgewaltigen Gott zu -sehen, der je zuweilen dem Satan zuläßt, daß er bei den causis secundis -sein Werk praeter ordinem naturae a creatore constitutam mithabe; denn -was solche Philosophi vorgeben, als wenn die Spiritus keine Operationes -in materiam et corpora hätten, ist wider die notorische Erfahrung, -sonderlich auch wider die Heilige Schrift, die von Operationibus -Daemonum in corpora et animam genug Exempel anführt, daher des -fascinierten Bekkers in Holland vorgebliche Meinung sowohl von -christlichen Philosophiis als Theologiis billigst widerlegt, verworfen -und verdammt ist, weil sie <em class="gesperrt">der christlichen Religion einen Grundstoß -gibt</em> und die <em class="gesperrt">Leute vollends vor dem Teufel sicher macht</em>...<span class="pagenum"><a id="Seite_253"></a>[S. 253]</span>“ -Das war also die offizielle protestantische Meinung im Todesjahre des -Sonnenkönigs, in den Tagen von Newton und Leibniz<a id="FNAnker_277" href="#Fussnote_277" class="fnanchor">[276]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das von Kreittmayer 1751 ausgearbeitete bayerische Strafgesetzbuch -bestimmte über Hexerei und Zauberei: <em class="gesperrt">Bündnis</em> oder -<em class="gesperrt">fleischliche Vermischung mit dem Teufel</em> oder dessen Anbetung -und Verunehrung der Hostien werden mit <em class="gesperrt">lebendiger Verbrennung</em> -bestraft. Die Strafe des Schwertes steht auf Gemeinschaft mit dem -Teufel und Beschwörungen oder zauberische Mittel, wodurch jemand an -seinem Leben, Leibes- oder Gemütsgesundheit, Vieh, Früchten, Hab und -Gut Schaden geschieht<a id="FNAnker_276a" href="#Fussnote_276" class="fnanchor">[275]</a>.</p> - -<p>Noch im Jahre 1713 wurde eine Hexe nach dem Spruch der protestantischen -Tübinger Juristenfakultät verbrannt, während beim Hexenprozeß in Berlin -im Jahre 1728 das Urteil auf lebenslängliches Arbeitshaus lautete. -In Deutschland gebührt der Fürstabtei Kempten der Ruhm der letzten -Hinrichtung einer Hexe. Es war das im Jahre 1775. Lessing zählte -damals 46 Jahre, Goethe 26! Das protestantische Glarus hat gar noch -im Jahre 1782 ein Opfer zu verzeichnen, wiewohl die Hexenverfolgungen -im allgemeinen in den protestantischen Ländern um eine bis zwei -Generationen früher eingestellt wurden, als in den katholischen. Noch -im Jahre 1836 wurde eine „Hexe“ von den Fischern der Halbinsel Hela -der Wasserprobe unterzogen. Sie ertrank bei dieser Prozedur. Die -griechisch-katholische Kirche hat bekanntlich diesen Wahn überhaupt -nie mitgemacht.<span class="pagenum"><a id="Seite_254"></a>[S. 254]</span> Sie hatte auch keinen Papst, auf dessen unheilvolles -Eingreifen allein nicht nur das Wiederaufleben eines im Absterben -begriffenen Wahnes, sondern auch dessen lange Dauer zurückgeführt -werden muß.</p> - -<p>Die Begriffe Hexerei, Ketzerei und Zauberei fehlen erst im bayerischen -Strafgesetzbuch vom Jahre 1813<a id="FNAnker_278" href="#Fussnote_278" class="fnanchor">[277]</a>! Die Aufklärung und die infolge -der französischen Revolution beginnende Befreiung der Geister und -Schätzung der Menschenrechte haben auch hier endlich getilgt, was die -„unfehlbare“ und die andern Kirchen an der Menschheit verschuldet -hatten.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Daß noch bis in die Gegenwart der Katholizismus im Unterschied vom -Protestantismus, bei dem die mittelalterliche Borniertheit auf diesem -Gebiete etwas früher wich – wie stolz kann das Christentum sein, daß -es rund vier Jahrhunderte dem Gott der Liebe Unschuldige verbrannte! – -wo er die Möglichkeit dazu besitzt im gottgefälligen Wirken fortfährt, -erhellt aus folgendem: Im Jahre 1860 wurde eine Frau zu Camargo in -Mexiko lebendig verbrannt. Eine Frau mit ihrem Sohne bestieg 1874 zu -St. Juan de Jacobo im Mexikanischen Staate Sinalva den Scheiterhaufen, -und noch im Jahre 1888 soll eine Frau nach mehrmaliger Geißelung auf -dem Marktplatz einer Stadt in Peru als Hexe ihr Leben haben lassen -müssen. Ja, ja, die Religion der Liebe<a id="FNAnker_279" href="#Fussnote_279" class="fnanchor">[278]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Heute ist die Aufklärung so unheimlich groß, daß die offizielle -Wissenschaft die sogenannten okkulten Phänomene nicht nur ablehnt, -sondern <em class="gesperrt">noch nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_255"></a>[S. 255]</span> einmal prüft</em>! Geister wie Schiaparelli, -Forel, Flammarion, Lombroso, Crookes, Wallace, Richet u. a. m. werden -zwar nicht verbrannt, im übrigen sogar als Ehrenmänner behandelt, aber -<em class="gesperrt">man hält ihre Beobachtungen keiner Widerlegung für wert</em>. Dogma -und ungeprüfte offizielle Weisheit haben eben immer geherrscht und -herrschen heute noch. Freie Geister, die nicht Tatsachen an Theorien, -sondern Theorien an Tatsachen prüfen, waren immer Outsider. Die -ungeheure Masse der Nachbeter kann wirklich nichts dafür, ob das Dogma, -das sie verficht, klug oder dumm, richtig oder falsch ist. Immer sind -es einige Leithämmel, denen alle anderen nachlaufen. Wie dankenswert -wäre eine Kulturgeschichte, die einmal nicht das herausstreicht, was -die Menschheit den „Autoritäten“ verdankt, sondern nachweist, wie -sie – nach kurzer Förderung – auf lange hinaus <em class="gesperrt">den Fortschritt -hemmten</em>!</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256"></a>[S. 256]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vierzehnter_Abschnitt"><span class="s5">Vierzehnter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Reliquien</span></h2> - -</div> - -<p>Seit den ersten Jahrhunderten des Christentums erfreuten sich die -Reliquien der Heiligen überall der größten Beliebtheit. Das ging -so weit, daß Leute auf eigene Faust oder im Auftrage eines fremden -Bischofs die Kirchhöfe durchwühlten, um sich dann mit den Gebeinen der -Märtyrer davon zu machen. Eines Tages entdeckten die bestürzten Römer -griechische Männer, die neben der Basilika St. Pauls Knochen gruben. -Da diese Reliquien neben der ihnen beigelegten schützenden Wirkung -auch das Gute hatten, Pilger aus allen Teilen der Erde anzuziehen, so -wurden sie von den Römern wie ihre Augäpfel gehütet. Gregor der Große -(590–604) schrieb der Kaiserin Constantia auf ihre Bitte um ein Stück -vom Leibe des hl. Paulus einen Brief voll verhaltener Entrüstung. Die -heiligen Leiber zu berühren sei ein todeswürdiges Verbrechen, aber es -genüge bereits ein Stück Tuch, das das Apostelgrab bedeckt hatte, in -eine Büchse gelegt, um Wunderwirkung zu erzielen, ebenso Feilspäne -von den Ketten Petri, die bereits im 6. Jahrhundert vom Papste als -höchstes, der späteren goldenen Rose gleich geachtetes Geschenk -verliehen wurden<a id="FNAnker_280" href="#Fussnote_280" class="fnanchor">[279]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Astolf, König der Langobarden, belagerte 755 Rom. Zwar plünderten -seine Truppen alle Kirchen und Klöster außerhalb der Stadt, die in -ihrem Machtbereich lagen,<span class="pagenum"><a id="Seite_257"></a>[S. 257]</span> mißhandelten auch die Mönche und Nonnen, -verspotteten Heiliges und verbrannten Heiligenbilder, das hinderte -sie aber nicht, zu gleicher Zeit <em class="gesperrt">die Kirchhöfe der Märtyrer zu -durchwühlen</em>, um sich mit ihren Gebeinen zu beladen. Damals wurden -die bisher unversehrten <em class="gesperrt">Katakomben zerstört</em> und die Knochen der -Blutzeugen in <em class="gesperrt">Wagenladungen</em> nach der Lombardei geschafft<a id="FNAnker_281" href="#Fussnote_281" class="fnanchor">[280]</a>.</p> - -<p>Im Jahre 1672 wurden aus 3 Katakomben nicht weniger als 428 Leiber -entfernt, um als Geschenk oder um Geld in die katholische Welt zu gehen.</p> - -<p>Ein Jahrhundert später blühte der Reliquienhandel Roms üppig. Der -Pilger kaufte dort Reliquien, Knochen aus den Katakomben, wie -der moderne Reisende Kunstgegenstände und Photographien erwirbt. -Infolgedessen <em class="gesperrt">überstieg</em> die Nachfrage das Angebot und <em class="gesperrt">Tote -wurden gefälscht</em><a id="FNAnker_282" href="#Fussnote_282" class="fnanchor">[281]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1635 edierte Bonfante seinen Triumpho de los Sanctos des Reyno -de Cerdeña, eine Sammlung der ältesten Inschriften Sardiniens. Da er -aus Irrtum die Siglen B. M., Bene Merens, für Beatus Martyr erklärte, -<em class="gesperrt">schuf er mit einem Schlage mehr als 300 Heilige</em>. Der Ruf dieses -Schatzes wurde laut, die Stadt Piacenza bewarb sich um einen Teil davon -und die großmütigen Sarden schenkten ihr 20 „Märtyrer“, die jubelnd -entgegen genommen wurden.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als der hl. Romwald einst Italien zu verlassen drohte, beabsichtigte -man, ihm Mörder nachzuschicken, <em class="gesperrt">um ihn wenigstens als kostbare -Reliquie im Lande zu behalten</em><a id="FNAnker_283" href="#Fussnote_283" class="fnanchor">[282]</a>!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_258"></a>[S. 258]</span></p> - -<p>Der hl. Dionysius existiert in zwei vollständigen Exemplaren zu St. -Denis und in St. Emmeran in Regensburg, ferner rühmen sich Prag und -Bamberg des Besitzes seines Kopfes. Er besaß also zwei vollständige -Körper und vier Köpfe<a id="FNAnker_284" href="#Fussnote_284" class="fnanchor">[283]</a>.</p> - -<p>Im Reliquienschatz der gesamten katholischen Welt befinden sich:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>1. Vom hl. Andreas: 5 Körper, 6 Köpfe, 17 Arme, Beine und Hände.</p> - -<p>2. Von der hl. Anna: 2 Körper, 8 Köpfe, 6 Arme.</p> - -<p>3. Vom hl. Antonius: 4 Körper und 1 Kopf.</p> - -<p>4. Vom hl. Blasius: 1 Körper und 5 Köpfe.</p> - -<p>5. Vom hl. Lukas: 8 Körper und 9 Köpfe.</p> - -<p>6. Vom hl. Sebastian: 4 Körper, 5 Köpfe und 13 Arme. Diesen allen -weit über sind die hl. Georg und Pankraz mit je 30 <em class="gesperrt">Körpern</em>. -<em class="gesperrt">Nach so langer Zeit!</em> Wie viele müssen sie erst bei Lebzeiten -gehabt haben<a id="FNAnker_285" href="#Fussnote_285" class="fnanchor">[284]</a>!</p></div> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In Aachen wird heute noch alle sieben Jahre das <em class="gesperrt">Hemd</em> der -allerseligsten Jungfrau und Gottesgebärerin Maria ausgestellt, -desgleichen die <em class="gesperrt">Windeln</em> Christi!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Das Kloster Macon rühmte sich des Besitzes der Haut des hl. Dorotheus. -Die frommen Nonnen stopften die Haut mit Baumwolle aus und stellten -den Heiligen her, als ob er lebte. Da sie aber damit Unfug trieben, -schenkte die Äbtissin die Reliquie, in Unkenntnis ihres Wertes, -den Jesuiten. Diese stifteten ihr zu Ehren die <em class="gesperrt">Brüderschaft vom -hl. Leder</em>: wodurch sie <em class="gesperrt">viel Geld verdienten</em>. Die Nonnen -erfuhren das und klagten beim Papst auf Rückgabe des Heiligtums, -das ihnen auch zugesprochen wurde.<span class="pagenum"><a id="Seite_259"></a>[S. 259]</span> Aber die Jesuiten hatten die -Reliquie in unverantwortlicher Weise <em class="gesperrt">verstümmelt</em>. Darob große -Entrüstung und abermalige Reklamation beim Papst auf <em class="gesperrt">Rückgabe des -fehlenden Teiles</em>. Da dieser aber den Mangel, wenigstens für ein -Nonnenkloster, nicht für erheblich hielt, mußten sich die Nonnen als -Ersatz mit <em class="gesperrt">zwei geweihten Muskatnüssen</em> begnügen<a id="FNAnker_286" href="#Fussnote_286" class="fnanchor">[285]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der umbilicus (die Nabelschnur) und 13 praeputia Christi gehörten und -gehören zum Teil noch zum Reliquienschatz der Kirche. Eine dieser -hochheiligen Vorhäute wird noch heute in Charroux verehrt und gilt dem -Landvolk als „der heilige Präziputius“. Im 17. und 18. Jahrhundert -pilgerten besonders schwangere Frauen dorthin, um sich mit ihr segnen -zu lassen<a id="FNAnker_287" href="#Fussnote_287" class="fnanchor">[286]</a>. Eine andere erquickt noch heute die frommen Pilger in -Calcata, unfern Rom<a id="FNAnker_288" href="#Fussnote_288" class="fnanchor">[287]</a>.</p> - -<p>Dieses hochheilige Präputium hat eine große und glorreiche Geschichte. -Zunächst galt es, das der Verehrung entgegenstehende Dogma von der -unversehrten Auferstehung zu beseitigen. Das war aber gar nicht so -einfach.<a id="FNAnker_289" href="#Fussnote_289" class="fnanchor">[288]</a></p> - -<p>Da Christus „in voller Integrität“ auferstanden war, wurde von einigen -Theologen konstatiert, daß das Präputium zur Integrität des Juden -nicht erforderlich sei. Ferner ist Christus nur insofern „ganz“ -auferstanden, als dieses „ganz“ zum „Sein“ und „Schönsein“ gehört, -aber „ohne“ findet es der Jude entschieden schöner. Eine andere Schule -– diese für das Seelenheil so hochwichtige Frage hat natürlich eine -Menge von Schulmeinungen hervorgerufen –<span class="pagenum"><a id="Seite_260"></a>[S. 260]</span> unter Führung des Jesuiten -Raynaldus lehrt, daß Christus doch „mit“ auferstanden sei, trotzdem -sei aber die Reliquie echt, denn er schuf sie aus einer beliebigen -Materie. Mit kaum zu überbietender Poesie spricht der Jesuit Salmeron -in seinem Evangelienkommentar (Köln 1602) von diesem Körperteil als dem -„fleischenen <em class="gesperrt">Verlobungsring</em>“ für seine Braut, die Kirche. Und -der Bischof Rocca hat für die Vielheit dieser hochheiligen Reliquie die -höchst plausible Erklärung, daß Gott in seiner Allmacht bewirkt habe, -daß <em class="gesperrt">dasselbe</em> Präputium <em class="gesperrt">zu gleicher Zeit an verschiedenen -Orten gezeigt werden könne</em>!!</p> - -<p>Diese Schwierigkeit war also zu aller Zufriedenheit aus der Welt -geschafft. Aber nur ein seichter Fant wäre über die andere, -weit wichtigere Frage, die gebieterisch Beantwortung heischt, -hinweggeglitten: <em class="gesperrt">Hat Christus in der Eucharistie ein Präputium -oder nicht</em><a id="FNAnker_290" href="#Fussnote_290" class="fnanchor">[289]</a>? Da Christus zu Lebzeiten das hl. Abendmahl -einsetzte, damals aber als Jude „ohne“ war, so muß logischerweise auch -in der Hostie dieser zwar nicht umfangreiche, aber desto wichtigere -Körperteil fehlen. Da aber nach der Auferstehung der verklärte Leib -wieder komplett war, hätte er auch in der Hostie es sein können. -Eine unendlich verwickelte Frage, über deren Beantwortung sich die -verschiedenen Schulen nicht einigen konnten.</p> - -<p>Noch ein Gewissenszweifel ist zu beseitigen: Ist die Gottheit mit dem -hier auf Erden zurückgebliebenen Präputium noch vereinigt? Muß es -infolgedessen „<em class="gesperrt">angebetet</em>“ oder braucht es nur „<em class="gesperrt">ver<span class="pagenum"><a id="Seite_261"></a>[S. 261]</span>ehrt</em>“ -zu werden? Auch hierüber konnte man keine rechte Harmonie erzielen, -doch Bischof Rocca, Sakristan Sr. Heiligkeit, entschied sich dahin, -daß das Präputium nach der vierten Modus der Latreia <em class="gesperrt">angebetet -würde</em>, der es den Haaren und Kleidern Christi gleich setzt, -insofern es ein Körperteil ist, der ihm einst angehörte.</p> - -<p>Endlich war noch das Problem zu lösen, was <em class="gesperrt">nach dem Weltuntergang -aus der kostbaren Reliquie würde</em>. Die verbreitetste Lehrmeinung -entschied dahin, daß es den <em class="gesperrt">Weltuntergang überdauern</em> und an -irgend einem Ort des Himmels in saecula saeculorum aufbewahrt würde.</p> - -<p>Das in der Sancta Sanctorum Kapelle aufbewahrte Präputium verschwand -zwischen April 1903 und Sommer 1905.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der hl. Camillus de Lellis wurde am 25. Mai 1550 in den Abruzzen -geboren. Seine Mutter war damals bereits 59 Jahre alt. Mit 19 Jahren -wurde Camillus Soldat in venezianischen Diensten, war aber dank seiner -Streit- und Spielsucht und seines Ungehorsams kein Muster eines -solchen. Mit 25 Jahren trat er in den Kapuzinerorden ein und erwarb -sich durch charitative Werke große Verdienste.</p> - -<p>Das ist alles in der Ordnung, und wir hätten keinen Grund, vom Heiligen -Notiz zu nehmen, hätte er nicht auch <em class="gesperrt">Wunder gewirkt</em>, „die -hinreichend verbürgt scheinen.“ So bewirkte er, daß das Weinfäßchen -einer Frau, die täglich eine Flasche Wein<span class="pagenum"><a id="Seite_262"></a>[S. 262]</span> in das Kloster des Camillus -sandte, nie leer wurde. Sein Leichnam blieb auch nach seinem Tode -„frisch und biegsam“ und zwar 10 Jahre lang, denn als „der Arzt bei -Erhebung des Leibes einen Schnitt in die Brust machte, floß aus der -Wunde eine Flüssigkeit von außerordentlichem <em class="gesperrt">Wohlgeruch</em>. Während -der 6 Tage, an denen der Leib des Heiligen ausgesetzt war, ergoß sich -eine Art Öl.“ Auch jetzt wirkte er noch Wunder, ja, jetzt hatte er -damit besonders schöne Erfolge.</p> - -<p>Als eine Römerin, die an einem besonders großem, eiterigen Kropf -litt, sich Mörtel aus des Heiligen Zimmer zugleich mit einem Bilde -des Camillus auf den Kropf legte und darüber das Zeichen des Kreuzes -machte, trat die Wirkung gleich ein. „Kaum war dies geschehen, so -verschwand der Schmerz. Die Frau war vollkommen geheilt.“ Dieser Mörtel -hat überhaupt eine erstaunliche Kraft. Er heilte auch eine Frau, die -dem Tode nahe war, als ihr ein Priester etwas davon in einem Löffel -Suppe einflößte. Ein Mädchen, das an einem Nasenpolypen nebst Fieber, -Krämpfen und kaltem Brand litt, wurde durch zwei Fäden aus dem Hemd des -Heiligen kuriert.</p> - -<p>An der Authentizität dieser Angaben ist jeder Zweifel unmöglich, da -Athanasius Zimmermann S. J. in einer 1897 bei Herder in Freiburg -erschienenen Schrift über Camillus de Lellis gehandelt hat. Und was -gedruckt ist, ist doch bekanntlich wahr!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_263"></a>[S. 263]</span></p> - -<p>Das „<em class="gesperrt">Agnus Dei</em>“ ist ein kleines Medaillon aus weißem Wachs, -<em class="gesperrt">noch heute</em> von den Zisterziensermönchen des hl. Kreuzes zu -Jerusalem aus dem Wachs der Osterkerzen der Sixtinischen Kapelle und -der anderen römischen Kirchen angefertigt. Dieses ovale Gebilde trägt -auf einer Seite das Sinnbild des Osterlammes mit der Aufschrift: „Ecce -Agnus Dei qui tollit peccata mundi“, das Wappen und den Namen des -Papstes, der sie mit dem hl. Chrisam geweiht und gesegnet hat, auf der -andern Seite das Bildnis der hl. Jungfrau oder eines Heiligen. Die -Weihe der Agnus, die die Kirche zu den <em class="gesperrt">Sakramentalien</em> zählt, -findet im ersten Jahre jedes Pontifikats statt, ferner regelmäßig -alle sieben Jahre, außerdem wenn der Papst es mit Rücksicht auf die -Bedürfnisse der Gläubigen für angebracht hält. Die Päpste Urban V., -Paul II., Julius III., Sixtus V. und Benedikt XIV. erkennen den Agnus -für alle jene, welche sie mit Andacht und Vertrauen gebrauchen, -folgende Eigenschaften zu: „Sie löschen die läßlichen Sünden aus und -tilgen den Fleck, den die im Bußsakrament bereits vergebene Sünde -zurückläßt. Sie schlagen die bösen Geister in die Flucht, befreien -von ihren Versuchungen und bewahren vor der ewigen Verdammnis. Sie -behüten vor plötzlichem und unvorhergesehenem Tod. Sie verhindern -die schreckhaften Einflüsse der Phantome und beschwichtigen das von -bösen Geistern hervorgerufene Entsetzen. Sie verleihen göttlichen -Schutz gegen Feindschaft, sichern vor Unglück und Verderben, verleihen -Wohlstand. Sie beschützen im Kampf und verhelfen zum Sieg. Sie machen -Gifte unschädlich und bewahren vor den Schlingen des<span class="pagenum"><a id="Seite_264"></a>[S. 264]</span> Feindes. Sie -sind ausgezeichnete Schutzmittel gegen Krankheiten und auch ein -wirksames Heilmittel. Sie bekämpfen die Epilepsie. Sie verhindern -die Verheerungen der Pest, der Epidemien und der verseuchten Luft. -Sie <em class="gesperrt">beruhigen die Winde</em>, brechen die <em class="gesperrt">Wucht der Orkane</em> -und der <em class="gesperrt">Wirbelwinde</em> und <em class="gesperrt">verjagen die Ungewitter</em>. -Sie retten vor Schiffbruch. Sie <em class="gesperrt">vertreiben die Gewitter</em> -und bewahren vor Blitzgefahr. Sie verjagen die Hagelwolken. Sie -löschen die Feuersbrünste und halten deren Verheerung auf. Sie sind -wirksam gegen die Wolkenbrüche, das Übertreten der Flüsse und die -<em class="gesperrt">Überschwemmungen</em>. Die Agnus behüten endlich Mutter und Kind -während der ganzen Zeit der Schwangerschaft und beseitigen die Gefahren -bei der Niederkunft, deren Schmerzen sie mildern und abkürzen. H. -Barbier de Montaut, Kämmerer Seiner Heiligkeit“<a id="FNAnker_291" href="#Fussnote_291" class="fnanchor">[290]</a>.</p> - -<p>Welcher Segen, daß es im 20. Jahrhundert noch so etwas gibt! Welche -Torheit, daß nicht jedermann ein Agnus, von dem bereits das geringste -Teilchen die gleiche Kraft besitzt wie das Ganze, ständig bei sich -trägt, oder doch in seinem Hause hat! Die Leute wollen eben immer noch -nicht einsehen, wie nahe das Gute liegt!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Wie Herr Ingenieur Feldhaus mir mitteilt, sah er noch im -<em class="gesperrt">Frühjahr</em> 1909 in der Kirche zu Doberan in Mecklenburg eine -<em class="gesperrt">Flasche mit ägyptischer Finsternis</em>!!!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Inquisitions-Kongregation in Rom stellte am 29. Juni 1903 fest, -daß es <em class="gesperrt">kein Aberglaube</em> sei, wenn Papierbilder, die die Madonna -darstellen, in Wasser aufgelöst, getrunken oder zu Pillen gedreht -verschluckt werden, um Genesung von Krankheiten zu erlangen<a id="FNAnker_292" href="#Fussnote_292" class="fnanchor">[291]</a>.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265"></a>[S. 265]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Fuenfzehnter_Abschnitt"><span class="s5">Fünfzehnter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Mission und Kolonien</span></h2> - -</div> - -<p>Der Ausbruch der Chinawirren 1900 war teilweise verursacht durch die -Erbitterung gegen die Missionen. Den frommen Christen daheim schaudert -es beim Gedanken, daß es, wenn auch im fernen China, überhaupt Menschen -von solcher Verworfenheit geben könne, daß sie dem Missionswesen, dem -hingebenden, aufopfernden Liebeswerk abhold sind. Es ist nicht ohne -Interesse zu sehen, in welcher Gestalt die Religion der Liebe dem -hochstehenden uralten Kulturvolke entgegentritt. Daß auch im fernsten -Osten die konfessionelle Zersplitterung und Konkurrenz fortbesteht, daß -jede Sekte behauptet, allein das wahre Christentum zu verkörpern, und -die andere verwirft, ist selbstverständlich.</p> - -<p>Es existiert eine Anstalt „Oeuvre de la Sainte-Enfance“, die jährlich -Millionen zur Taufe und Rettung kleiner Chinesenkinder aufwendet. Im -Juniheft ihrer Annalen vom Jahre 1897 heißt es: „Seit 1884 hatten -wir das Glück, 20552 kleine sterbende Kinder zu taufen, davon 3558 -in diesem Jahre. Alle diese kleinen Engel, <em class="gesperrt">werden sie oben nicht -wirken, für die Bekehrung des ungläubigen China</em>?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266"></a>[S. 266]</span></p> - -<p>Im selben Hefte wird von der Hungersnot erzählt, die 1893 -Yünnan heimsuchte. Die frommen Mönche des „Oeuvre“ berichten: -„Die <em class="gesperrt">Vorsehung</em> hat, es ist wahr, unsere <em class="gesperrt">Arbeit sehr -vereinfacht</em>, indem sie eine große Anzahl unserer kleinen Kinder -in den Himmel rief. Diese vorzeitigen Todesfälle, so betrübend in -einem christlichen Lande, sind ein <em class="gesperrt">Gegenstand der Freude und des -Trostes</em> in diesen heidnischen Gegenden.“</p> - -<p>Im 21. Heft p. 258 heißt es: „Machen Sie doch einen kleinen Besuch -im Hause der unbefleckten Empfängnis in Peking. Sehen sie diese -bescheidene Eingangstür? Sie ist dieses Jahr für eine große Anzahl -kleiner Brüder und Schwestern die Pforte des Himmels geworden. 873 -kleine Kinder wurden uns jedes für 45 Cts. an dieser Pforte gegeben, -und davon sind 843 <em class="gesperrt">gestorben</em>, nachdem sie <em class="gesperrt">durch das heilige -Wasser der Taufe wiedergeboren waren</em>.“</p> - -<p class="mtop2">Ein anderer Mönch meldet: „Ein Säugling kostet etwa 5 Frs. im Monat. -Gewiß, <em class="gesperrt">ich flehe zu Gott, daß diese lieben kleinen Seelen uns -sobald wie möglich verlassen</em> und zum Himmel fliegen mögen. Aber -schließlich, wenn sie schon nicht sterben wollen, muß man sie doch -ernähren und aufziehen.“ Ja, die Engelmacherei ist also gar nicht -so leicht, wie der Laie in seinem Unverstand glauben mag! Immerhin -kann eine dieser Anstalten mit berechtigtem Stolz konstatieren, daß -von <em class="gesperrt">12000 ihr anvertrauten Täuflingen nur 124 oder 125 das erste -Lebensjahr erreicht hätten</em>!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267"></a>[S. 267]</span></p> - -<p>Der Bischof Quierry beglückwünschte die Missionare dieses „Oeuvre“, -wie die gleichen Annalen erzählen, daß sie jedes Jahr mehr als 40000 -Kinder in den Himmel schicken!! Und trotzdem konnten sie die Chinesen -von der Unübertrefflichkeit des Christentums und seiner Liebeswerke -nicht überzeugen. An einem solchen Volke ist allerdings Hopfen und Malz -verloren<a id="FNAnker_293" href="#Fussnote_293" class="fnanchor">[292]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ein alter Farmer „Gottlieb Bleibtreu“ schreibt in den Windhuker -Nachrichten einen Aufsatz, in dem er sich über Stolz, Überhebung und -Anmaßung der Herero beklagt: „Gibt es nicht soviel zu essen, daß es für -Mann und Weib ausreicht, dann ist das erste, worüber <em class="gesperrt">geklagt</em> -wird, die Kost, und da dies ein Grund der Beschwerde ist, kann sich der -Arbeitgeber beim Bezirksamtmann noch einen Nasenstüber holen, falls -er Veranlassung nimmt, Gegenbeschwerde zu führen. – Wenn sich nun -<em class="gesperrt">jetzt schon</em>, wo die Hereros noch Kriegsgefangene sind, diese in -alten Sitten und Gebräuchen wurzelnden <em class="gesperrt">Anmaßungen in solch brutaler -Weise fühlbar</em> machen, wie soll das werden, wenn sie wieder frei und -ihr eigener Herr sind? Hier gibt es nur ein Mittel zur Abhilfe, und das -heißt in bestimmten Grenzen gehaltener <em class="gesperrt">Arbeitszwang</em>.“</p> - -<p>Wenn Herr Bleibtreu Gefühlsmensch ist, der die Herero dafür, daß sie -für Ausbeutung, die soweit geht, daß sogar die notwendige Nahrung ihnen -nicht verabfolgt wird, kein Verständnis haben, auch noch strafen<span class="pagenum"><a id="Seite_268"></a>[S. 268]</span> will, -so ist das seine Privatsache. Wenn aber die Hamburger Nachrichten am -23. September 1906 ihm völlig beipflichten, so stimmt das doch etwas -nachdenklich.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1904 erschien eine von einem Herrn Schlettwein verfaßte -Broschüre mit folgendem Passus: „Wir stehen mit der Kolonialpolitik -am Scheidewege. Nach der einen Seite das Ziel: gesunder Egoismus -und praktisches Kolonisieren, nach der andern Seite übertriebene -Menschlichkeit, vager Idealismus, unvernünftige Gefühlsduselei. -<em class="gesperrt">Die Hereros müssen besitzlos gemacht werden. Das Volk muß nicht -nur als solches unmöglich gemacht werden</em>, es müssen auch -alle das Nationalgefühl erweckenden Faktoren beseitigt werden. -Man muß die Hereros zur Arbeit zwingen, und zwar <em class="gesperrt">zur Arbeit -ohne Entschädigung</em>, nur gegen Beköstigung. Eine <em class="gesperrt">jahrelange -Zwangsarbeit</em> ist nur eine gerechte Strafe für sie und dabei die -einzig richtige Erziehungsmethode. Die Gefühle des Christentums und der -Nächstenliebe, mit welchen die Missionen arbeiten, müssen zunächst mit -aller Energie zurückgewiesen werden.“</p> - -<p><em class="gesperrt">Den Autor dieses Kulturdokumentes berief das Kolonialamt als -Vertrauensmann in die Budgetkommission</em>, und man ließ gerade ihn im -Lande herumziehen, um für <em class="gesperrt">diese</em> Kolonialpolitik Propaganda zu -machen.</p> - -<p>Herr Schlettwein führte seine Theorie praktisch durch. Wie am 6. März -1907 im deutschen Reichstage festgestellt wurde, zahlte er den in -seiner Viehzucht beschäftigten Männern 15 Mark im Monat, den<span class="pagenum"><a id="Seite_269"></a>[S. 269]</span> Frauen -gar nichts. Die Männer werden verköstigt – ob nach Bleibtreus Beispiel -bleibe unentschieden – die Frauen erhalten <em class="gesperrt">„Feldkost“ bestehend in -Raupen, Fröschen, Heuschrecken, Mäusen und Gras</em><a id="FNAnker_294" href="#Fussnote_294" class="fnanchor">[293]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Aus dem Tagebuch des Dr. Vallentin, das im Aprilheft 1894 der „Neuen -deutschen Rundschau, Freie Bühne“ veröffentlicht wurde, sei folgendes -entnommen: Am 13. 3. 93. Ich erfahre interessante Einzelheiten -über den Bakokoaufstand. In den Berichten befinden sich zahlreiche -Ungenauigkeiten. Herr Assessor Wehlau, welcher die Expedition führte, -soll beim Niederbrennen der Dörfer faktisch <em class="gesperrt">befohlen haben, einigen -alten Weibern die Hälse abzuschneiden</em>; Männer konnte er nicht -gefangen nehmen. Statt der im betreffenden Bericht erwähnten 150 -Gefangenen sollen es deren nur 12–15 gewesen sein. Matt, verwundet, -halb verschmachtet, zerschlagen und geschunden wurden diese – meist -alte Frauen, Greise und Kinder – an Land geschafft und unter Schlägen -und Stößen in Ketten zum Gefängnis geführt. Drei sollen am Fuß des -Flaggenmastes, unter der wehenden, deutschen Reichsfahne, <em class="gesperrt">vor Hunger -gestorben</em> sein.</p> - -<p class="mtop2">Am 17. 3. 93. Aus dem unter Führung des Assessors Wehlau unternommenen -sogenannten „Bakokofeldzuge“ erfahre ich heute wieder verschiedene -Einzelheiten. Es soll wirklich grauenhaft gewesen sein. Die Gefangenen -sind tagelang in der glühenden Hitze auf dem Schiffe („Soden“) an die -Reelings derart<span class="pagenum"><a id="Seite_270"></a>[S. 270]</span> festgeschnürt worden, daß in die <em class="gesperrt">blutrünstigen und -aufgeschwollenen Glieder Würmer sich eingenistet hatten</em>. Und diese -Qual tagelang in der Tropenhitze und ohne jede Labung! Als dann die -armen Gefangenen dem Verschmachten nahe waren, wurden sie einfach wie -wilde Tiere <em class="gesperrt">niedergeschossen</em>.</p> - -<p class="mtop2">Am 31. 3. 93.... Wahrend meiner Krankheit ist Assessor Wehlau von -seinem neuen Feldzuge heimgekehrt. Gefangene hat er nicht mitgebracht. -Da sie – so äußerte er beim Essen – hier doch alle stürben, hätte -er sie auf dem Schiffe <em class="gesperrt">totschlagen lassen</em> (wörtlich: „habe -ihnen ’n Paar auf den Kopp geben lassen“). Dann erzählte er weiter: -Die Soldaten, namentlich einer, hätten es <em class="gesperrt">famos ’raus, den Feinden -die Haut über den Schädel zu ziehen</em>. Am Unterkiefer wurde mit dem -Messer ein Schnitt gemacht, dann mit den Zähnen angepackt, und der -ganze Skalp über Gesicht und Kopf herübergezogen.</p> - -<p class="mtop2">Am 4. 5. 93 Gerichtstag, abgehalten von Assessor Wehlau!...</p> - -<p>Ein Schwarzer, Aug. Bell, ist beschuldigt, eine Uhr gestohlen zu haben. -Er wird vorgeführt. Das erste, was ihm vorgehalten wird, ist: es gibt -nur zweierlei Wege, entweder er gesteht, er habe den in Frage stehenden -Diebstahl begangen, oder er bekommt 50 Hiebe. Bell sagt aus: „Nein, ich -habe die Uhr nicht gestohlen.“ Sofort wurde er abgeführt und erhält -50 Hiebe mit der Rinozerospeitsche. Wieder vorgeführt gesteht er auf -weiteres Befragen, daß er<span class="pagenum"><a id="Seite_271"></a>[S. 271]</span> die Uhr gestohlen habe. Er wird darauf zu -6 Jahren (schreibe und sage <em class="gesperrt">sechs Jahren</em>) <em class="gesperrt">Gefängnis</em>, -100 Mk. Geldstrafe und 15 Hieben am ersten Sonnabend jedes Monats -verurteilt.</p> - -<p>Aug. Bell soll während jener vorerwähnten Verhandlungen ca. 80 Hiebe -bekommen haben, sowohl dafür, daß er nicht gleich eingestand, daß -er die Uhr gestohlen hätte, als auch wenn er, bei der Niederschrift -des Protokolls, die verlangten Antworten nachsprechend, stotterte. -Was aber 80 Hiebe an einem Nachmittag zu bedeuten haben, das kann -nur der in vollem Umfange ermessen, der jemals einer derartigen -Prozedur beigewohnt hat. <em class="gesperrt">Ein rohes, gehacktes Beefsteak ist nichts -dagegen.</em></p> - -<p class="mtop2">20. 6. 93... Es sind nach dem Berichte drei Gefangene gehängt worden. -In Wirklichkeit hat Assessor Wehlau dieselben der Wollust der -Soldaten preisgegeben, und diese haben die drei Leute <em class="gesperrt">regelrecht -abgeschlachtet</em>. Maschinist Gebhardt von der „Nachtigall“ schildert -diesen Vorgang folgendermaßen: „Die Schwarzen wurden mit Messern -zerschnitten, zerhackt und verstümmelt, da Assessor Wehlau den Befehl -gegeben hatte, die Gewehre beim Töten nicht zu gebrauchen.</p> - -<p class="mtop2">Am 18. 8. 93 abends hat der stellvertretende Gouverneur Kanzler Leist -sich aus dem Gefängnis drei Weiber holen lassen (Kassenverwalter -Hering sagte es mir am selben Abend) und dieselben über Nacht bei sich -behalten – darunter die schöne Ngombe, Tochter des Ekwe Bell. Am -nächsten<span class="pagenum"><a id="Seite_272"></a>[S. 272]</span> Morgen sind die Weiber ins Gefängnis zurückgeschickt worden; -Ngombe wurde mit einem Geschenk von 5 Mk. bedacht...</p> - -<p class="mtop2">Am 2. 10. 93. Vergangene Nacht wurde ich durch lauten Lärm im Gefängnis -aus dem Schlafe geweckt (ca. ½-12 Uhr nachts). Als die Stimmen immer -lauter wurden ging ich hinaus und sah einen Polizeigehilfen im heftigen -Wortwechsel mit drei andern Schwarzen, von denen einer so angezogen -war, wie die Boys des Kanzlers Leist, die an ihren roten Hüfttüchern -erkenntlich sind. Auf mein Befragen wurde mir mitgeteilt, daß der -„<em class="gesperrt">Governor</em>“ (<em class="gesperrt">Leist</em>) <em class="gesperrt">ein Weib aus dem Gefängnis holen -ließe</em>. Ich legte mich ärgerlich zu Bette, konnte aber wegen des -immer mehr anwachsenden Lärmes innerhalb des Gefängnisses, aus dem -es wie Weibergeheul und scheltende männliche Stimmen ertönte, nicht -einschlafen; ich begab mich daher auf die Veranda, wo ich schon den -Kassenverwalter Hering traf. Beide sahen wir jetzt, <em class="gesperrt">wie ein Weib -unter Sträuben und Schreien von drei Schwarzen in der Richtung zum -Kanzlerhause hinweggeschleppt wurde</em>. Um ca. 4 Uhr nochmals Lärm im -Gefängnis! Am nächsten Morgen stellte ich mich, als ob ich von nichts -wüßte, fragte einige Schwarze über die Ursache des Getöses in der Nacht -aus und erhielt zur Antwort: The Governor want a woman for usw. Der -Schluß läßt sich denken.“</p> - -<p>Soweit das Tagebuch Dr. Vallentins in Auszügen.</p> - -<p class="mtop2">Wie wurden nun die Kulturträger bestraft? In der Gerichtssitzung vom 7. -Januar 1896 vor der<span class="pagenum"><a id="Seite_273"></a>[S. 273]</span> kaiserlichen Disziplinarkammer wurde festgestellt, -daß die Tötung der drei Gefangenen <em class="gesperrt">keine Amtsverletzung</em> sei, -da sie im Kriegszustande erfolgte, dagegen sei die grausame Art der -Ausführung als Amtsverletzung anzusehen. Korvettenkapitän Becker hatte -vor Gericht bekundet, daß in Kamerum <em class="gesperrt">allgemein üblich sei, den -Gefangenen die Köpfe abzuschneiden</em>. Wenn das nicht geschehe, werde -es von den Eingeborenen als Feigheit bezeichnet.</p> - -<p>Die Strafe gegen Wehlau lautete auf <em class="gesperrt">Versetzung in ein anderes Amt -von gleichem Range</em>, auf eine <em class="gesperrt">Geldstrafe von 500 Mk.</em> und -Tragung der Gerichtskosten<a id="FNAnker_294a" href="#Fussnote_294" class="fnanchor">[293]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Paul Rohrbach, von 1903–1906 Ansiedlungskommissar in Südwestafrika, -stellt in seinem Buche „Deutsche Kolonialwirtschaft“ fest, daß man -Herero, die sich auf die <em class="gesperrt">Zusicherung der Straffreiheit stellten, -niederschoß</em>. Im Kongostaate herrschte nach dieser Quelle noch -im Jahre 1907 die alte Praxis des <em class="gesperrt">Händeabhackens</em>, des -<em class="gesperrt">Zusammenschießens</em> und <em class="gesperrt">Niederbrennens der Dörfer</em> wegen -ungenügender Kautschuklieferung. Und zwar <em class="gesperrt">unter direkter Teilnahme -der weißen Beamten</em>!</p> - -<p class="mtop2">Da solche Fälle in den Kolonien aller Nationen, besonders der -Franzosen, Engländer und Niederländer an der Tagesordnung sind und, -wie die Greuel im Kongostaate, wo ein ausdrückliches Reglement -verordnet, daß die aus der Verbindung eines Weißen mit einer Negerin -entspringenden Kinder „Eigentum<span class="pagenum"><a id="Seite_274"></a>[S. 274]</span>“ des Staates sind<a id="FNAnker_295" href="#Fussnote_295" class="fnanchor">[294]</a>, lehren, noch -heute stattfinden, sind sie von <em class="gesperrt">symptomatischer Bedeutung für die -Art, in der die christlichen Völker Europas ihr Amt, den Eingeborenen -Kultur zu vermitteln, handhaben</em>. Da hier nur Kulturvölker -Berücksichtigung finden, müssen wir über die Greueltaten der Russen -sogar gegen eigene Landsleute hinweggehen.</p> - -<p>Die Grausamkeiten und Plünderungen der verbündeten Nationen im -Chinakriege 1900 sind noch in aller Erinnerung<a id="FNAnker_296" href="#Fussnote_296" class="fnanchor">[295]</a>.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_275"></a>[S. 275]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Sechzehnter_Abschnitt"><span class="s5">Sechzehnter Abschnitt</span><br /> -<span class="s4">Autoritäten und Fortschritt</span></h2> - -</div> - -<p>Als <em class="gesperrt">Kolumbus</em> auf seine die <em class="gesperrt">Kugelgestalt</em> der Erde -voraussetzende Entdeckungsfahrt auszog, wurde er für einen Ketzer -erklärt, und die <em class="gesperrt">Kirchenversammlung</em> von Salamanka gab ihm -in frommer Gesinnung den <em class="gesperrt">Bannstrahl</em> mit auf den Weg. Man -konstatierte, daß die Bücher Mosis, die Psalmen, die Propheten, -die Evangelien, die Epistel und die Schriften der Kirchenväter -Chrysostomus, Augustinus, Hieronymus, Gregorius, Basilius und Ambrosius -dagegen zeugten. Als er zurückkam, ja als Magelhaens 1522 von einer -Reise rund um den Erdball zurückkehrte, ließ man sich aber trotzdem -nicht belehren, daß eben alle diese Schriften von Irrtümern strotzen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Bekanntlich verdanken wir die Neuentdeckung des <em class="gesperrt">heliozentrischen -Sonnensystems</em> erst Kopernikus (1473–1543). Im Jahre 1616 wurde -aus Anlaß der Aktion gegen Galilei sein Buch auf den Index librorum -prohibitorum gesetzt, von dem man es erst 1754 entfernte. Erst 1822 -gestattete die Indexkongregation den Druck von Büchern,<span class="pagenum"><a id="Seite_276"></a>[S. 276]</span> welche die -Bewegung der Erde lehren. Bis dahin drehte sich also für den gläubigen -Katholiken die Sonne noch um die Erde, d. h. erst nach 2100 Jahren -durfte er die Lehre Aristarchs annehmen!</p> - -<p class="mtop2">Luther verwarf die gewaltige Tat des Kopernikus als Narrheit, und -zwar aus einem zwingenden Grunde: weil in der Bibel Josua die Sonne -stillestehen läßt und nicht die Erde!</p> - -<p class="mtop2">Das <em class="gesperrt">1. und 2. Keplersche Gesetz</em> wurde (1609 und 1618) von -der Kongregation des Index expurgatorius verboten, weil beide dem -Kopernikanischen System als Stütze dienten, und weil man es nicht für -passend fand, irgendein Gesetz anzuerkennen, das mit Gottes freiem -Willen im Widerspruch stand. Die Macht der Geistlichkeit, die auf -diesen freien Willen Einfluß ausübte, gutes Wetter oder Regen machte -etc., wurde dadurch eingeschränkt. Das Geschäft durfte aber unter -keinen Umständen verdorben werden<a id="FNAnker_297" href="#Fussnote_297" class="fnanchor">[296]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Da <em class="gesperrt">Giordano Bruno</em> unter anderem behauptet hatte, es gebe -<em class="gesperrt">mehrere Welten</em>, wurde er am 16. Februar 1600 in Rom -<em class="gesperrt">verbrannt</em>. Natürlich war die Kirche daran, wie an allen -Hexenverbrennungen, völlig unschuldig, hatte sie ihn doch mit der -stehenden Formel der weltlichen Behörde überliefert „so barmherzig als -möglich zu sein und ohne Blutvergießen zu bestrafen“<a id="FNAnker_298" href="#Fussnote_298" class="fnanchor">[297]</a>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277"></a>[S. 277]</span></p> - -<p>Für die Dreistigkeit <em class="gesperrt">Galileis</em>, eine Wahrheit entdeckt zu haben, -wurde er trotz seines Widerrufes vom römischen Inquisitionsgericht -durch 3 Jahre Kerker bestraft. Ferner mußte er an einem ihm -angewiesenen Orte leben, und die Beisetzung in geweihter Erde wurde ihm -versagt. Mag er dadurch die kirchliche Unsterblichkeit verloren haben, -so kann er doch mit der andern ganz zufrieden sein<a id="FNAnker_299" href="#Fussnote_299" class="fnanchor">[298]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Kirche war eine heftige Feindin der <em class="gesperrt">Experimentalphysik</em> -und das nicht ohne Grund. Die Physiker konnten durch ihre teilweise -verblüffenden Experimente den bisher allein von der Geistlichkeit -geübten „Wundern“ erfolgreich Konkurrenz machen oder doch ihnen das -Geschäft verderben, und das mußte natürlich verhütet werden. Sogar bis -auf die Tiere erstreckte sich dieser Brotneid. Als jemand seinem Pferde -einige Kunststücke beigebracht hatte, wurde es 1601 in Lissabon vor -Gericht gestellt und, weil vom Teufel besessen, <em class="gesperrt">verbrannt</em><a id="FNAnker_300" href="#Fussnote_300" class="fnanchor">[299]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als 1752 die kgl. Gesellschaft in England den <em class="gesperrt">Gregorianischen -Kalender</em> einführte, natürlich gegen eine heftige Opposition von -kirchlicher Seite, wurden einige Mitglieder der Gesellschaft vom -aufgehetzten Pöbel in den Straßen Londons verfolgt, <em class="gesperrt">weil sie ihnen -11 Tage ihres Lebens geraubt haben sollten</em><a id="FNAnker_301" href="#Fussnote_301" class="fnanchor">[300]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_278"></a>[S. 278]</span></p> - -<p>Auch im 19. Jahrhundert ließ sich die Geistlichkeit nicht lumpen, so -wenig wie in der Gegenwart. Als in Amerika <em class="gesperrt">Anästhetika</em> bei -Geburten angewandt wurden, um den Frauen die Schmerzen zu erleichtern, -trat die Geistlichkeit mit Heftigkeit dagegen auf. Der Grund war, daß -– Moses im 1. Buche 3, 16 erzählt, Gott habe zum Weibe gesprochen: -„Ich will dir viele Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du -sollst mit Schmerzen Kinder gebären..<a id="FNAnker_302" href="#Fussnote_302" class="fnanchor">[301]</a>“.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Die Schutzpockenimpfung wurde keineswegs durch einen Arzt in die -europäische Medizin eingeführt, sondern durch Lady Wortley Montague, -die als Gattin des britischen Gesandten in Konstantinopel in den -Jahren 1716–1719 die von Indern und Orientalen schon längst geübte -Schutzimpfung von Menschenblattern gegen die Pocken kennen lernte. -Sie verschaffte dieser wichtigen, wenn damals auch noch keineswegs -ungefährlichen und von ärztlicher Seite natürlich hart angegriffenen -Neuerung – wo hätte je eine Zunft von außen kommende Anregungen -freudig aufgenommen? – in England Verbreitung. Die <em class="gesperrt">Geistlichkeit -aber sträubte sich dagegen</em>, da sie in Krankheiten wie auch in -Erdbeben eine unabwendbare Heimsuchung Gottes gegen die Menschheit -um ihrer Sünden willen sah. Die Geistlichkeit ist eben in gewissen -Eigenschaften auf der ganzen Erde sich gleich. Vor dieser Gemeinsamkeit -tritt die Differenz der Religion und Konfession zurück. Auch die -Impfung mit Kuhpockenlymphe ist nicht von einem Arzte ent<span class="pagenum"><a id="Seite_279"></a>[S. 279]</span>deckt -worden. Jenner lernte sie vielmehr von <em class="gesperrt">Laien</em>. Seit dem Jahre -1761 hatte der Pächter Jensen und Schullehrer Plett sie bereits in -Holstein angewandt. Diesmal bemächtigte sich aber die Wissenschaft der -Errungenschaft relativ schnell. Denn schon 38 Jahre(!) später, im Jahre -1799, wurden die ersten Impfungen von deutschen Ärzten in Hannover -vorgenommen, und zwar unter englischem Einfluß<a id="FNAnker_302a" href="#Fussnote_302" class="fnanchor">[302]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In der Gegenwart wüten Katholizismus und orthodoxer Protestantismus aus -gleich triftigen Gründen <em class="gesperrt">gegen die Entwicklungslehre, Darwinismus -und Lamarckismus</em>. Es gab eben noch nirgend einen Fortschritt oder -eine neuentdeckte Wahrheit, die nicht von Kirche und Geistlichkeit -bekämpft worden wäre. Die Angst dieser Faktoren vor Wahrheit und Wissen -wird köstlich illustriert durch die von der theologischen Fakultät -zu Paris aufgeworfene Frage, <em class="gesperrt">was aus der Religion werden solle, -wenn das Studium der griechischen und hebräischen Sprache erlaubt -sei</em><a id="FNAnker_303" href="#Fussnote_303" class="fnanchor">[303]</a>. Also nicht nur im Buche der Natur zu blättern ist für -die Gottesstreiter gefährlich, sogar die Nachprüfung der Quellen, aus -denen sie ihre Existenzberechtigung herleiten wird – nicht ohne Grund -– von ihnen gefürchtet! Chamberlain nennt die <em class="gesperrt">Bibel</em> sogar das -<em class="gesperrt">einzige für Rom wirklich gefährliche Buch</em>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als Professor Friedrich Delitzsch 1901 und 1902 seine so -außerordentliches Aufsehen erregenden Vor<span class="pagenum"><a id="Seite_280"></a>[S. 280]</span>träge über Babel und Bibel -hielt, konnte man sich um etliche Jahrhunderte zurückversetzt glauben. -Delitzsch hatte darauf hingewiesen, daß dem Bibelstudium durch die -Ausgrabungen von Keilinschriften reiche Förderung in historischer und -realer Hinsicht zuteil würde: die Namen von Örtlichkeiten, historische -Personen treten in helleres Licht. Es zeige sich, daß Kanaan eine -Kulturprovinz Babyloniens sei, das dorthin Handel und Recht und Sitte -und Wissenschaft verpflanzt habe. Der <em class="gesperrt">Sabbat sei babylonisch</em>, -desgleichen eine ganze Reihe biblischer Erzählungen, wie die von der -<em class="gesperrt">Sintflut, Schöpfung, Sündenfall, Paradies, Leben nach dem Tode, -Engeln</em> und <em class="gesperrt">Dämonen, letzten Endes sogar der Monotheismus</em>. -Dieser bestand bekanntlich bei den Israeliten ursprünglich durchaus -nicht in der Form, wie sie offiziell heute gelehrt wird, und trotz -„Dreieinigkeit“ und Teufel angeblich bei uns besteht, sondern in der -des Henotheismus, daß eben der Judengott stärker und mächtiger war, als -die der benachbarten Völkerschaften<a id="FNAnker_304" href="#Fussnote_304" class="fnanchor">[304]</a>.</p> - -<p>Diese Vorträge riefen bei sehr vielen einen Sturm der Entrüstung -hervor, und es wurde im Ernste von „orthodoxer“ Seite der -leidenschaftliche Versuch gemacht, um der Heiligkeit des Glaubens -willen die Sonderstellung Israels und seine besondere göttliche Mission -zu verteidigen, d. h. sich mit Entschiedenheit gegen die Assyriologie, -als eine exakte und historische Wissenschaft zu wehren, bzw. ihre -Resultate ungeprüft oder mit Scheingründen abzulehnen. Das mußten -sie tun zur <em class="gesperrt">Beruhigung der Gemeinde</em><a id="FNAnker_305" href="#Fussnote_305" class="fnanchor">[305]</a>! Es gibt also noch -in Deutschland zu Beginn des 20. Jahr<span class="pagenum"><a id="Seite_281"></a>[S. 281]</span>hunderts weite Volksschichten, -die sich beunruhigt fühlen, wenn man den Nachweis erbringt, daß die -Juden, dieses Parasitenvolk, das während seiner ganzen selbständigen -Geschichte weder auf politischem noch auf kulturellem Gebiete -Nennenswertes geleistet hat, Schüler der weit bedeutenderen Babylonier -sind<a id="FNAnker_306" href="#Fussnote_306" class="fnanchor">[306]</a>! Die im Ernst glauben, Zustände, die im halbbarbarischen -Vorderasien vor 2½ Jahrtausenden herrschten, auf die Gegenwart -übertragen zu können, ja letztere an ersteren zu messen! Und das -alles, weil sie glauben oder zu glauben vorgeben, der liebe Gott habe -seinen auserwählten Juden die Bibel wörtlich in die Feder diktiert! -Tatsächlich steht es bei Kollisionen zwischen historischen oder -naturwissenschaftlichen Ergebnissen mit der Bibel für viele fest, daß -erstere irren, wie es ja auch noch heute Leute geben soll, die an den -Stillstand der Sonne auf Josuas Befehl glauben. <em class="gesperrt">Also heute noch -lassen sich Deutsche in ihrem Denken und Handeln von Anschauungen eines -kleinen, einst in fremdem Erdteil wohnenden Volkes beeinflussen, das -kulturell etwa auf der Stufe stand, die unsere Vorfahren unter den -fränkischen Kaisern einnahmen!</em></p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Um das Jahr 1600 wurde ein Webstuhl erfunden, der sogenannte -„Mühlstuhl“, der auf einem Räderwerk und mechanischem Antrieb beruhte, -eine wesentliche Erleichterung der bisherigen Fabrikationsweise. Da -die Arbeiterschaft über Konkurrenz schrie, verfaßte die kaiserliche -Kanzlei in den Jahren 1681, 1685 und 1719 immer neue Verordnungen, -die die An<span class="pagenum"><a id="Seite_282"></a>[S. 282]</span>wendung des Mühlstuhls in der deutschen Industrie -<em class="gesperrt">verboten</em>. Zuerst wurde er in Sachsen zugelassen und sogar durch -Prämien unterstützt, als es galt, die schweren Wunden zu heilen, die -der Siebenjährige Krieg geschlagen hatte. <em class="gesperrt">Also über anderthalb -Jahrhunderte hatten die Behörden sich dem Gebrauche einer wichtigen -Erfindung widersetzt</em><a id="FNAnker_307" href="#Fussnote_307" class="fnanchor">[307]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Im Jahre 1306 war in England das Verbrennen der Steinkohle von König -Eduard I. verboten worden wegen des Rauches und des üblen Geruches<a id="FNAnker_308" href="#Fussnote_308" class="fnanchor">[308]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als J. von Baader, der Veteran des Eisenbahnbaues, sich im Jahre 1831 -an die Ständekammer wandte mit der Bitte um Unterstützung, beschloß -sie zwar in einer noblen Anwandlung „das Anerbieten J. v. Baaders -zur Einführung einer neuerfundenen Bauart von Eisenbahnen und zum -Nachweis des Reellen seiner Erfindung durch Versuche im großen in -der Art anzunehmen, daß ihm aus Staatsmitteln 3000 Gulden gegeben -würden, die er sofort wieder <em class="gesperrt">zurückersetzen müsse</em>, wenn seine -Versuche den gemachten Zusicherungen nicht entsprächen“, die Kammer -der Reichsräte verweigerte aber ihre Zustimmung! Zwei Jahre später, am -10. Juli 1833, wurde endlich der Beweis erbracht, daß die Regierung -– wenn schon nicht die Kammern – die außerordentliche Tragweite des -Projektes mit weitem Blick erkannt hatte und demnach in großherziger -Weise unterstützte. Die<span class="pagenum"><a id="Seite_283"></a>[S. 283]</span> Ministerialentschließung lautet: „Die k. -Regierung in Ansbach wird ermächtigt, für den Fall der Realisierung -der Anlage einer Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth durch Bildung -einer Aktiengesellschaft 2 – <em class="gesperrt">zwei</em> – <em class="gesperrt">Aktien</em> au porteur -auf Rechnung des Zentralindustriefonds zu erwerben, um hierdurch -die <em class="gesperrt">lebhafte Teilnahme der Staatsregierung</em> an dem wichtigen -Unternehmen zu bewähren.“ Der Preis der Aktie betrug <em class="gesperrt">100 Gulden, von -denen 10% angezahlt wurden. Es war nötig, den König um Unterstützung -anzugehen</em>, sonst wären die restierenden 180 Gulden noch nicht -am 25. November 1835 bezahlt worden! Das war die von der Regierung -der ersten deutschen Eisenbahn gewährte Unterstützung! Bedenkt man -allerdings, daß es damals Leute gab, die die <em class="gesperrt">Eisenbahn als eine -Teufelserfindung verabscheuten</em> und es als eine <em class="gesperrt">Versuchung Gottes -erklärten</em>, mit Dampf statt mit Pferden und anderen Tieren zu -fahren, die dazu vom Schöpfer dem Menschen gegeben seien, dann kann man -der Regierungsspende von 200 Gulden eine gewisse Großartigkeit nicht -absprechen<a id="FNAnker_309" href="#Fussnote_309" class="fnanchor">[309]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>1806 behauptete das Mitglied des Instituts, Mercier, in einem Werke, -<em class="gesperrt">daß die Erde sich nicht bewege</em>. Er werde nie zugeben, daß -sie sich „wie ein Kapaun am Bratspieß“ drehe. Bereits die Schule -des Pythagoras hatte die tägliche Bewegung der Erde gelehrt. Weder -Platon noch Aristoteles gaben das zu, und der große Geograph Ptolemäus -bezeichnet die Hypothese als Narretei und „völlig lächerlich<a id="FNAnker_310" href="#Fussnote_310" class="fnanchor">[310]</a>“. Das -hl.<span class="pagenum"><a id="Seite_284"></a>[S. 284]</span> Offizium hatte s. Z. Galilei gegenüber diese Lehre für „töricht -und absurd vom philosophischen Standpunkt und für teilweise formell -ketzerisch“ erklärt.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als am 11. März 1878 in der Académie des Sciences der Physiker Du -Moucel den versammelten Gelehrten den <em class="gesperrt">Phonographen Edisons</em> -vorführte, sprang der Akademiker Monsieur Bouillaud, durchdrungen von -klassischer Bildung voll edler Empörung über die Frechheit des Neuerers -dem Vertreter Edisons an die Kehle und schrie: „Sie Schuft! Glauben -Sie, wir lassen uns von einem <em class="gesperrt">Bauchredner</em> zum Besten halten?!“ -Am 30. September des gleichen Jahres gab Bouillaud nach eingehender -Prüfung des Apparates die Erklärung ab, er sei überzeugt, daß es sich -nur um eine <em class="gesperrt">geschickte Bauchrednerei</em> handle. „Man könne doch -unmöglich annehmen, daß ein schäbiges Metall den edlen Klang der -menschlichen Stimme wiedergeben könne.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als Lavoisier die <em class="gesperrt">Luft</em> in ihre Bestandteile zerlegte und -entdeckte, daß sie vornehmlich aus den zwei Gasen Sauerstoff und -Stickstoff bestehe, also <em class="gesperrt">kein Element</em> sei, rief diese Entdeckung -einen <em class="gesperrt">Sturm der Entrüstung</em> hervor. Der Chemiker Baumé, Erfinder -des Aräometers und Mitglied der Académie des Sciences, wetterte -dagegen: „Die Elemente oder Grundbestandteile der Körper sind von -den Physikern aller Jahrhunderte und aller Nationen anerkannt und<span class="pagenum"><a id="Seite_285"></a>[S. 285]</span> -festgestellt worden. Es ist nicht zulässig, daß die seit 2000 Jahren -anerkannten Elemente jetzt heute in die Kategorie der zusammengesetzten -Substanzen eingereiht würden. Man darf das Verfahren, Luft und Wasser -in seine Bestandteile zu zerlegen, ruhig als unsicher hinstellen; ganz -absurdes Geschwätz, um nicht noch mehr zu sagen, ist es aber, die -Existenz von Feuer und Erde als Elemente zu leugnen. Die den Elementen -zugeschriebenen Eigenschaften stimmen mit den bis heute erreichten -chemischen und physischen Kenntnissen überein; sie haben als Basis für -eine Unmenge Entdeckungen und Theorien gedient, eine glänzender als die -andere, und man würde diesen Lehren alle Glaubwürdigkeit nehmen, wenn -Feuer, Wasser, Luft und Erde nicht mehr als Elemente gelten sollten.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Auf einen genau beobachteten <em class="gesperrt">Meteorfall</em>, bei dem man das -Aufleuchten gesehen, den Knall gehört, den fallenden Meteor bemerkt -und ihn noch ganz glühend aufgefunden und der Akademie zur Prüfung -übersandt hatte, schrieb der berühmte <em class="gesperrt">Lavoisier</em> einen sehr -gelehrten Bericht an diese, indem er die <em class="gesperrt">Unmöglichkeit nachwies, daß -Steine vom Himmel fallen</em>.</p> - -<p class="mtop2">Gassendi, einer der selbständigsten und unterrichtetsten -Geister des 17. Jahrhunderts, sieht 1627 mit eigenen Augen am hellen Tage einen -Meteor aus der Luft fallen, untersucht den 30 kg schweren Stein<span class="pagenum"><a id="Seite_286"></a>[S. 286]</span> und -führt das Phänomen auf ein unbekanntes Erdbeben zurück.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Vor wenigen Jahren sprach Verfasser, der selbst diesen und anderen -Fragen völlig neutral gegenüber steht, mit einem berühmten Professor -der Physik über okkulte Phänomene. Von der Ansicht ausgehend, daß man -nicht Beobachtungen und Tatsachen an Theorien, sondern diese an jenen -prüfen müsse und daß jede Theorie täglich neuen Prüfungen standzuhalten -habe, legte er ihm nahe, der Sache nachzugehen. Er erhielt die -Antwort, daß ihm das zu gefährlich sei, denn <em class="gesperrt">wenn er sich von -ihrer Richtigkeit überzeuge, würde er seinen Ruf bei den Fachgenossen -einbüßen</em>!</p> - -<p>Die Beobachtung des großen Physikers <em class="gesperrt">Galvani</em>, die er 1791 -an Froschschenkeln machte und in deren Verfolgung er den nach ihm -benannten Strom entdeckte, wurde – von einigen wenigen abgesehen – -allgemein <em class="gesperrt">mit ungeheurem Gelächter aufgenommen</em>. Er schrieb 1792 -darüber: „Ich werde von zwei verschiedenen Parteien angegriffen, von -den Weisen und von den Dummen. Den einen wie den andern bin ich ein -Spott, und man nennt mich den Tanzmeister der Frösche. Trotzdem weiß -ich, daß ich eine neue Naturkraft entdeckt habe.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Harvey, der Entdecker des Blutkreislaufes</em>, wurde von Guy-Patin -und der gesamten Fakultät mit <em class="gesperrt">beißendem Sarkasmus gequält</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_287"></a>[S. 287]</span></p> - -<p>Ignaz <em class="gesperrt">Semmelweis</em> (1818–1865), der <em class="gesperrt">Entdecker</em> des -infektiösen Charakters des <em class="gesperrt">Kindbettfiebers</em>, auf dessen -Anordnungen hin die Sterblichkeit an dieser Krankheit in der Wiener -geburtshilflichen Klinik auf ein Viertel sank, wurde von den -<em class="gesperrt">Fachgenossen</em> solcher Widerstand entgegengesetzt, daß er sich -völlig aufrieb und im <em class="gesperrt">Irrenhause endete</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als Fulton 1804 dem großen <em class="gesperrt">Napoleon</em> den Vorschlag machte, zum -Kriege gegen England eine Dampfschiffflotte zu bauen, ließ Napoleon das -Projekt durch das Nationalinstitut zu Paris prüfen. Er schrieb unterm -21. Juli des Jahres an den Minister de Champagny: „Sie haben mich viel -zu spät darauf aufmerksam gemacht, <em class="gesperrt">da dieses Projekt imstande ist, -das Aussehen der Welt zu verändern</em>... Eine großartige Wahrheit, -eine tatsächliche, handgreifliche Wahrheit steht vor meinen Augen. -Sache der betreffenden Herren (der Kommission) wird es sein, dieselbe -zu sehen und sich zu bemühen, sie zu erfassen. Sobald Bericht darüber -erstattet ist und Ihnen zugegangen sein wird, ist er mir zu übersenden. -Sorgen Sie dafür, daß diese Sache in höchstens acht Tagen erledigt ist, -denn ich bin ungeduldig“.</p> - -<p class="mtop2">Noch 1816 wurde das Gesuch des Marquis de Joffroy, der bereits 1776 -einschlägige Versuche ver<span class="pagenum"><a id="Seite_288"></a>[S. 288]</span>anstaltet hatte, vom <em class="gesperrt">Pariser Patentamt</em> -und dessen Leiter Colonne <em class="gesperrt">mit Rücksicht auf den geringen Wert der -Erfindung abgelehnt</em><a id="FNAnker_311" href="#Fussnote_311" class="fnanchor">[311]</a>!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Philippe Lebon, der Erfinder der <em class="gesperrt">Gasbeleuchtung</em> (1797) konnte -die Welt nicht davon überzeugen, daß eine <em class="gesperrt">Lampe ohne Docht brennen -könne</em>. Erst 14 Jahre nach seinem 1804 erfolgten Tode wurde seine -Erfindung in Paris eingeführt, während Birmingham schon 1805 mit der -Gasbeleuchtung vorangegangen war.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als die ersten Proben mit der Eisenbahn gemacht wurden, wiesen die -Ingenieure nach, daß die <em class="gesperrt">Lokomotiven unmöglich von der Stelle kommen -könnten</em> und daß ihre Räder sich immer nur um sich selbst drehen -würden. Arago erklärte in der französischen Deputiertenkammer 1838, -daß die Transportkosten in Frankreich, die sich z. Z. auf 2803000 -Frs. beliefen, nach Ausbau des Bahnnetzes auf 1052000 Frs. vermindern -würden, so daß das <em class="gesperrt">Land jährlich zwei Drittel der Einnahmen aus den -Transportkosten verlieren würde</em>.</p> - -<p class="mtop2">Thiers meinte: „Ich gebe ja zu, daß die Eisenbahnen die Beförderung -von Reisenden etwas er<span class="pagenum"><a id="Seite_289"></a>[S. 289]</span>leichtern werden, wenn der Gebrauch <em class="gesperrt">auf -einige ganz kurze Linien in der Nähe großer Städte</em>, wie Paris, -<em class="gesperrt">beschränkt bleibt</em>. Man braucht keine weiten Strecken.“</p> - -<p class="mtop2">Das kgl. bayerische Medizinalkollegium erklärte, daß der <em class="gesperrt">Bau der -Eisenbahnen ein großes Verbrechen gegen die öffentliche Gesundheit -wäre</em>, denn eine so schnelle Bewegung würde bei den Reisenden -Gehirnerschütterung, bei den Zuschauern aber Schwindelanfälle erzeugen. -Das Kollegium empfahl daher dringend, an <em class="gesperrt">beiden Seiten der Schienen -Scheidewände in der Höhe der Wagen aufzurichten</em><a id="FNAnker_312" href="#Fussnote_312" class="fnanchor">[312]</a>.</p> - -<p>Die bayerische oberste Baubehörde aber konstatierte die Unmöglichkeit -für Züge, auf einem Damme zu fahren. Es müßten unbedingt <em class="gesperrt">Mauern</em> -zur Unterlage für die Schienen errichtet werden<a id="FNAnker_313" href="#Fussnote_313" class="fnanchor">[313]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Als 1853 der Vorschlag gemacht wurde, ein <em class="gesperrt">Unterseekabel</em> von -Europa nach Amerika zu legen, schrieb Babinet, einer der größten -Autoritäten in der Physik und Examinator an der Polytechnischen -Schule zu Paris, in der Revue des Deux Mondes: „Ich kann diese -Pläne nicht ernsthaft nehmen; die Theorie des elektrischen Stromes -zeigt unwiderlegbar deutlich die <em class="gesperrt">Unmöglichkeit einer solchen -Übertragung</em>, selbst wenn man nicht mit dem Strom rechnet, der sich -von selbst auf einer so langen elektrischen Strecke bildet und sich -schon auf der kurzen Reise von Dover nach Calais fühlbar macht. Das -einzige Mittel,<span class="pagenum"><a id="Seite_290"></a>[S. 290]</span> die Alte und die Neue Welt zu verbinden, ist, die -Beringstraße zu passieren, vorbei an den Faröerinseln, Island, Grönland -und Labrador.“</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Unterm 13. Juli 1873 wurde die <em class="gesperrt">Aufnahme Darwins in die Akadémie des -Sciences abgeschlagen</em> und dafür ein Herr Loven gewählt.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><em class="gesperrt">Robert Mayers Entdeckung von der Erhaltung der Energie</em> wurde -von der <em class="gesperrt">Gelehrtenwelt derart verspottet</em>, daß er in eine schwere -Nervenkrankheit verfiel, in deren Folge er sich aus dem Fenster stürzte.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Der Elektriker <em class="gesperrt">Ohm</em> wurde von seinen Zeitgenossen als Narr -<em class="gesperrt">verspottet</em>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>In England <em class="gesperrt">verweigerte</em> die kgl. Gesellschaft 1841 eine -<em class="gesperrt">Erinnerungstafel für den berühmten Joule</em>. Einige Dezennien -später wurde die Errichtung eines Denkmales für Darwin verweigert und -dafür ein <em class="gesperrt">Affenhaus gegründet</em>.</p> - -<p>Als Franklin der kgl. Gesellschaft in London seine Erfahrungen über -die Fähigkeit einer Eisenstange, die Elektrizität der Atmosphäre -abzuleiten, mitteilte, war ein Heiterkeitsausbruch die einzige Antwort, -und die gelehrte Gesellschaft weigerte sich rundweg, den Vortrag -drucken zu lassen.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_291"></a>[S. 291]</span></p> - -<p>Im Jahre 1781 veröffentlichte <em class="gesperrt">François Blanchard</em> († 1809) im -Journal de Paris einen Brief, in dem er einen <em class="gesperrt">Flugapparat</em> -beschrieb, an dessen Konstruktion er 10 Jahre lang gearbeitet hatte. -„Auf einem kreuzförmigen Gestell ruht eine Art Boot von 4 Fuß Länge -und 2 Fuß Breite, welches sehr widerstandsfähig ist, obwohl es nur -aus dünnen Stäben besteht. Zu beiden Seiten des Schiffchen erheben -sich 6–7 Fuß hohe Stützen, die 4 Flügel von je 10 Fuß Länge tragen. -Diese bilden zusammen einen Schirm, der einen Durchmesser von 20 Fuß -und mithin einen Umfang von mehr als 60 Fuß hat. Die 4 Flügel bewegen -sich mit überraschender Leichtigkeit. Die ganze Maschine, obwohl von -beträchtlicher Größe, kann bequem von 2 Männern in die Höhe gehoben -werden. Sie hat in der Tat die größte Vollkommenheit erreicht. Man wird -mich, schneller als einen Raben, die Luft durchschneiden sehen, ohne -daß der rapide Flug mir den Atem benimmt, da ich durch eine sinnreiche -Schutzvorrichtung davor gesichert bin.“</p> - -<p>Viel war bei dieser Ankündigung Aufschneiderei. Immerhin machte er -im Garten seines Hauses Flugversuche und es gelang ihm in der Tat -mit Hilfe eines Gegengewichtes von 20 Pfund, das an einer Stange -herabglitt, eine Höhe von 80 Fuß zu erreichen. Der Apparat bedurfte -also nur mehr eines Auftriebes von 20 Pfund, um das Problem zu lösen. -Später soll diese Differenz gar auf 6 Pfund ermäßigt worden sein.</p> - -<p>Das war ein zweifelloser Erfolg. Anders dachte darüber der berühmte -Astronom J. J. L. <em class="gesperrt">de Lallande</em> (1732–1807), der in einem -Schreiben vom 18. Mai 1782 im Journal de Paris seinem Unwillen über -das von<span class="pagenum"><a id="Seite_292"></a>[S. 292]</span> Blanchard erregte Aufsehen Luft machte. „... Gestatten Sie, -daß ich das Wort ergreife, um Ihren Lesern die Versicherung zu geben, -daß das Schweigen der Gelehrten ein <em class="gesperrt">Schweigen der Nichtachtung</em> -ist. <em class="gesperrt">Es ist in jeder Hinsicht als unmöglich erwiesen, daß sich -ein Mensch in die Luft erheben und darin halten könne.</em> Coulomb, -Mitglied der Akademie der Wissenschaften, hat vor etwa einem Jahre in -einer unserer Sitzungen einen Vortrag gehalten, in welchem er, auf -Erfahrungstatsachen gestützt, durch eine Berechnung der menschlichen -Kräfte nachweist, daß man dazu Flügel von 12000 bis 15000 Fuß Größe -haben müsse, die mit einer Geschwindigkeit von 3 Fuß in der Sekunde -bewegt werden müßten. <em class="gesperrt">Nur ein Tor kann auf Realisierung solch -phantastischer Ideen noch hoffen.</em>“ Er fügte noch hinzu, daß es -ebenso unmöglich sei, sich durch das geringere spezifische Gewicht -luftleerer Körper zu erheben.</p> - -<p>Noch in dem gleichen Jahre, im November 1782, hat Stephan Mongolfier -den Warmluftballon zu Avignon erfunden<a id="FNAnker_314" href="#Fussnote_314" class="fnanchor">[314]</a>.</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Ein Herr an einer <em class="gesperrt">katholisch-theologischen Fakultät</em> erklärt -heute noch die Entstehung der Kohle dadurch, daß Gott die <em class="gesperrt">Finsternis -in die Erde hinein gebannt</em> habe, und wo diese wieder zum Vorschein -komme, geschähe es zur Erzeugung und Befriedigung teuflischer Gelüste, -wie Völlerei und Schlemmerei<a id="FNAnker_315" href="#Fussnote_315" class="fnanchor">[315]</a>!</p> - -<p class="mtop2">Als 1908 Graf Zeppelin, dem mit nicht geringerer Skepsis von -„autoritativer“ Seite begegnet sein soll<span class="pagenum"><a id="Seite_293"></a>[S. 293]</span> – bekanntlich behandelte man -ihn auf dem Kieler Ingenieurtag 1901 als Narr –, seine großartigen und -erfolgreichen Experimente mit dem lenkbaren Luftschiff anstellte, war -der erste Gedanke der Kulturvölker der an die hierdurch hervorgerufenen -Umwälzungen im Gebiete der <em class="gesperrt">Kriegführung</em>!</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_294"></a>[S. 294]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Literaturnachweis">Literaturnachweis</h2> - -</div> - -<h3 id="Literatur_Erster_Abschnitt">Erster Abschnitt</h3> - -<div class="blockquot"> - -<p><em class="gesperrt">Abkürzung</em>: Beil. = wissenschaftliche Beilage der M. -Allgemeinen Zeitung.</p></div> - -<p>Eine Reihe der in diesem Abschnitt angeführten Daten ist der -Zusammenstellung von P. Wagler „Modernes im Altertum“ Beil. 1902, Nr. -212, 213, 219 und 220 und 1904, Nr. 162 f., 171 f. und 174 entnommen. -Hier auch stets die Quellenangaben.</p> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Beil. 1905, Nr. 54 und Beil. d. Münchner Neueste Nachr. -1908, I, S. 135.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Beil. 1905, Nr. 207.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> u. 4 Beil. 1902, Nr. 212. Robert Hennig bestreitet -das in seiner überaus gründlichen Arbeit „Die angebliche Kenntnis -des Blitzableiters vor Franklin“ (Archiv für Geschichte der -Naturwissenschaften und der Technik II. Bd., 1909, S. 97–136). Er -erklärt z. B. das Aufrichten bloßer Schwerter gen Himmel für eine -drohende Beschwörung. Mag das oft richtig sein, so dürfte doch die -beobachtete Anziehung des Blitzes ein mitbestimmendes Motiv gewesen -sein. Vgl. auch II. Buch Chron. 3, V. 17 und 4. Mosis 21, 6–9.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Vorstehendes nach Ludwig Friedländer, Darstellungen aus -der Sittengeschichte Roms, 2. Bd., 6. Aufl., S. 22 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Vgl. F. Ludwig, Untersuchungen über die Reise- und -Marschgeschwindigkeit im 12. und 13. Jahrhundert, 1897.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Vgl. Alex. Cartellieri in den Neuen Heidelberger -Jahrbüchern 1902.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Friedländer, Sittengeschichte Roms, II, S. 23.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> A. Schultz, Höfisches Leben z. Z. der Minnesinger, II, 2. -Aufl., S. 313 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Vgl. die Programmabhandlung von Lorentz „Die Taube im -Altertum“.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Friedländer II, S. 82 und Beil. 1906, Nr. 181, S. 251.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Ulrich Wendt, Die Technik als Kulturmacht, S. 73. Zum -Folgenden vgl. die Dissertation von Carl Zell „Über die Zeitungen der -alten Römer“, Freiburg i. B. 1834, besonders S. 14.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Vgl. Adolf Ermann, „Egypten und egyptisches Leben im -Altertum“, S. 347, 270 und 276 und Beil. 1904, Nr. 173.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_295"></a>[S. 295]</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Die Daten nach Ludwig Darmstaedter, „Handbuch zur -Geschichte der Naturwissenschaften und Technik“, II. Aufl., 1908, S. -93. Zum Folgenden vgl. Marcuse, „Hydrotherapie im Altertum“, Stuttgart -1900 und Darmstaedter, S. 27.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Neuburger & Pagel, Handbuch der Geschichte der Medizin, -I, S. 703.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Vgl. R. Caton im Augustheft 1904 der amerikanischen -Monatsschrift „Biblia“ und Darmstaedter, der sechs Daten vor Harvey -hat.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Gustav Klein, Beil. d. M. Neuesten Nachr. 1908, Nr. 43.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> Beil. 1906, Nr. 64.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> Beil. 1907, Nr. 6.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> Vgl. P. Wagler, Beil. 1904, Nr. 163. M. Feldhaus -beschreibt und bildet eine Reihe eiserner Hände im „Universum“, Leipzig -1907, Nr. 47 ab.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Vgl. Friedländer, Sittengeschichte I, S. 37, Anm. 9 und -Beil. 1903, Nr. 222, sowie Darmstaedter, S. 148.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Zu Kraftwagen im Mittelalter vgl. M. Feldhaus, -Ruhmesblätter der Technik, Leipzig 1910, S. 461 ff.; die wichtigsten -Flugapparate, auch der Lionardos da Vinci sind beschrieben und -abgebildet bei M. Feldhaus, Luftfahrten einst und jetzt, Berlin 1908, -S. 6–47; auch „Ruhmesblätter“ S. 280 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Vgl. A. Schultz, Höfisches Leben II, S. 359 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> Beil. 1904, Nr. 175, Abb. der Schlangengöttin bei -Baumgarten, Poland und Wagner, Hellenische Kultur, S. 38.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Vgl. C. A. Nallino, „Il valore metrico del Grado di -Meridiano secondo i Geografi Arabi“, Turin 1893, und Wiedemann, -„Anschauungen der Muslime über die Gestalt der Erde“ im Archiv f. d. -Gesch. d. Naturwissenschaften und Technik I, S. 310 ff. und F. Sander, -„Die heliozentrische Weltansicht im Altertum“, Beil. 1902, S. 221. -Ferner Rud. Wolf, „Geschichte der Astronomie“, S. 27 f., 35–41.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Ulrich Wendt, Die Technik als Kulturmacht, S. 40 und -55 und J. v. Müller und Ad. Bauer, „Die Griechischen Privat- und -Kriegsaltertümer“, S. 237 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> Wendt S. 77.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> Eb. S. 84.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> Eb. S. 101.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> J. v. Müller und Ad. Bauer a. a. O. S. 254 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_30" href="#FNAnker_30" class="label">[30]</a> Vgl. A. Schurtz in Helmolts „Weltgeschichte“, 3. Bd., S. -356 ff. und Beil. 1902, Nr. 219.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_31" href="#FNAnker_31" class="label">[31]</a> M. Landau, Beil. 1902, Nr. 226.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_32" href="#FNAnker_32" class="label">[32]</a> Beil. Nr. 219 f. und C. Flammarion, „Un Centenaire“ in -„La Revue“ 1909, Vol. LXXXIII, p. 463 f. und Johann Georg Keysslers -„Reisen“ (Hannover 1776) S. 471 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_33" href="#FNAnker_33" class="label">[33]</a> Vgl. außerdem Beil. 1904, Nr. 172, S. 199.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_34" href="#FNAnker_34" class="label">[34]</a> L. Friedländer, Petronii cena Trimalchionis, Leipzig -1891, S. 42. Die folgende Angabe ist S. 43, die übernächste S. 60 -entnommen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_35" href="#FNAnker_35" class="label">[35]</a> Beil. 1906, Nr. 197.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_36" href="#FNAnker_36" class="label">[36]</a> Beil. 1902, Nr. 213.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_37" href="#FNAnker_37" class="label">[37]</a> Baumgarten, Poland usw. S. 60.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_296"></a>[S. 296]</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_38" href="#FNAnker_38" class="label">[38]</a> Zahlreiche Exemplare haben sich im Museum zu Neapel -und anderwärts erhalten. Vgl. auch Ritter in den Mitteilungen der -Altertumskommission für Westfalen, 2. Bd., 1901, S. 119 f., Abb. Taf. -XXIII, Fig. 6 und 7, und Römisch-germanisches Korrespondenzblatt, II. -Jahrgang, 1909, S. 24 ff. Ein altegyptischer Phallus befindet sich in -der „Ex voto“-Sammlung von Prof. Richard Andree in München.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_39" href="#FNAnker_39" class="label">[39]</a> Vgl. Hugo Winckler, Die Gesetze Hammurabis, S. 23.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_40" href="#FNAnker_40" class="label">[40]</a> Vgl. Benndorf in der Festschrift zum 70. Geburtstage -des Wiener Philologen Theodor Gomperz und W. H. Roscher, „Nektar und -Ambrosia“, S. 56 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_41" href="#FNAnker_41" class="label">[41]</a> A. Schultz, Höfisches Leben, II, S. 464 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_42" href="#FNAnker_42" class="label">[42]</a> Otto von Freising, Gesta Friderici imperatoris, I, cap. -10.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_43" href="#FNAnker_43" class="label">[43]</a> Eb. I, cap. 15.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_44" href="#FNAnker_44" class="label">[44]</a> A. Schultz, l. c., II. S. 465.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_45" href="#FNAnker_45" class="label">[45]</a> Eb. II. S. 308.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_46" href="#FNAnker_46" class="label">[46]</a> Eb. II, S. 464.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Zweiter_Abschnitt">Zweiter Abschnitt</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_47" href="#FNAnker_47" class="label">[47]</a> Hugo Winckler, Die Gesetze Hammurabis, S. 67.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_48" href="#FNAnker_48" class="label">[48]</a> Eb. S. 61.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_49" href="#FNAnker_49" class="label">[A]</a> So, nicht hundertdreiundzwanzigmal muß es heißen, wie Herr -Rechtsanwalt Eichhold (München) mir mitzuteilen die Freundlichkeit -hatte. Grimm, Rechtsaltertümer, korrigiert in der 4. Aufl., II. Bd., -S. 375 selbst diesen Fehler der 1. Aufl. Vgl. auch A. v. Stölzel, -Rechtslehre und Rechtssprechung, Berlin 1899, S. 6.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_50" href="#FNAnker_50" class="label">[49]</a> Fr. Heinemann, Der Richter und die Rechtspflege -in der deutschen Vergangenheit, S. 20. Über Symbole vgl. Jacob -Grimm, „Deutsche Rechtsaltertümer“, I. 4. Aufl., S. 184 ff. Über -Gerichtsverfahren II, 6. Buch. Dieses grundlegende Werk ist auch im -Folgenden zu Rate zu ziehen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_51" href="#FNAnker_51" class="label">[50]</a> Heinemann, S. 35 f. und S. 60.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_52" href="#FNAnker_52" class="label">[51]</a> Eb. S. 52.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_53" href="#FNAnker_53" class="label">[52]</a> Eb. S. 63 und 27 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_54" href="#FNAnker_54" class="label">[53]</a> Eb. S. 64. Das Folgende S. 98 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_55" href="#FNAnker_55" class="label">[54]</a> Eb. S. 102.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_56" href="#FNAnker_56" class="label">[55]</a> Eb. S. 106.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_57" href="#FNAnker_57" class="label">[56]</a> Eb. S. 119.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_58" href="#FNAnker_58" class="label">[57]</a> Max Bauer, Das Geschlechtsleben in der deutschen -Vergangenheit, 5. Aufl., S. 51 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_59" href="#FNAnker_59" class="label">[58]</a> Ed. Vehse, Geschichte der deutschen Höfe, I. Sektion, -Geschichte des preußischen Hofs und Adels, II. Teil, S. 127 f., 125 und -S. 303.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_60" href="#FNAnker_60" class="label">[59]</a> Eugen Dühren, Der Marquis de Sade und seine Zeit, S. 65 -f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_61" href="#FNAnker_61" class="label">[60]</a> Sigmund Riezler, Die Hexenprozesse in Bayern, S. 277 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_62" href="#FNAnker_62" class="label">[61]</a> Ed. Vehse, l. c. II. Teil, S. 227 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_63" href="#FNAnker_63" class="label">[62]</a> Riezler, l. c. S. 319.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_64" href="#FNAnker_64" class="label">[63]</a> G. L. Kriegk, „Deutsches Bürgertum im Mittelalter“, S. -215.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_65" href="#FNAnker_65" class="label">[64]</a> Heinemann. l. c. S. 142. Die nächste Notiz nach gütiger -Mitteilung des Herrn Generaloberarzt Dr. Schill. Vgl. Beiträge zur -Gesch. Eisenachs, 17. Heft.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_66" href="#FNAnker_66" class="label">[65]</a> Eb. S. 57.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_67" href="#FNAnker_67" class="label">[66]</a> Sämtliche Daten nach G. L. Kriegk, „Deutsche Kulturbilder -aus dem 18. Jahrhundert“, S. 32–51.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_68" href="#FNAnker_68" class="label">[67]</a> Kriegk, Deutsches Bürgertum, S. 248.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_69" href="#FNAnker_69" class="label">[68]</a> Eb. S. 252.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_70" href="#FNAnker_70" class="label">[69]</a> Nach Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, II. Bd., 5. Buch, -3. Kap. und Heinemann, l. c. S. 136.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_71" href="#FNAnker_71" class="label">[70]</a> Vgl. „Türmer“, 8. Jahrg., I., S. 523 ff. und 9. Jahrg., -I., S. 375 ff.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_297"></a>[S. 297]</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_72" href="#FNAnker_72" class="label">[71]</a> Eb. 8. Jahrg., S. 531 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_73" href="#FNAnker_73" class="label">[72]</a> Dies und das Folgende nach dem „Türmer“, 10. Jahrg., 2. -Bd., S. 65 ff. und 216 ff. Hier noch zahlreiche ähnliche Fälle!</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_74" href="#FNAnker_74" class="label">[73]</a> Vgl. E. Theisen, „Unwürdig oder unfähig? Ein Kampf um die -Ehre und die Unabhängigkeit der Justiz“, Elberfeld 1907, zitiert nach -dem „Türmer“ (Herausgeber J. Freih. v. Grotthuß), 9. Jahrgang, 2. Bd., -S. 393 ff.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Dritter_Abschnitt">Dritter Abschnitt</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_75" href="#FNAnker_75" class="label">[74]</a> Vgl. Paul Graf von Hoensbroech, „Das Papsttum in seiner -sozial-kulturellen Wirksamkeit“, I. Buch, VI. Abschnitt I., dem auch -sämtliche folgende Daten, wo nicht anders bemerkt, entnommen sind.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_76" href="#FNAnker_76" class="label">[75]</a> Vgl. Ferdinand Gregorovius, Wanderjahre in Italien, II. -Band, „Avignon“, S. 327 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_77" href="#FNAnker_77" class="label">[76]</a> Nach K. Müller, „Über religiöse Toleranz“, Beil. 1903, -Nr. 1.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_78" href="#FNAnker_78" class="label">[77]</a> Friedländer, Sittengeschichte Roms, III. Bd., 6. Aufl., -S. 631 ff. und C. Wessely im Anzeiger der Philos. hist. Klasse der -Wiener Akademie der Wissenschaften 1908.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_79" href="#FNAnker_79" class="label">[78]</a> Theodor Lindner, Weltgeschichte seit der Völkerwanderung, -II. Bd., S. 106 ff. und H. Schurtz in Helmolts Weltgeschichte, 4. Bd., -S. 495 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_80" href="#FNAnker_80" class="label">[79]</a> Th. Lindner, Weltgeschichte, 4. Bd., S. 224 ff. und -Hoensbroech l. c. I. B., 1., 4. Abschnitt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_81" href="#FNAnker_81" class="label">[80]</a> H. Th. Buckle, „Geschichte der Zivilisation in England“. -Übers. v. A. Runge, 7. Aufl., S. 20–24.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_82" href="#FNAnker_82" class="label">[81]</a> Vgl. Landau, Beil. 1905, Nr. 71.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_83" href="#FNAnker_83" class="label">[82]</a> Eb. 1905, Nr. 55.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Vierter_Abschnitt">Vierter Abschnitt</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_84" href="#FNAnker_84" class="label">[83]</a> Vgl. Pilatus (Victor Naumann), „Was ist Wahrheit“, 2. -Aufl., S. 111.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_85" href="#FNAnker_85" class="label">[84]</a> Eb. S. 111.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_86" href="#FNAnker_86" class="label">[85]</a> Eb. S. 118. Das Folgende bei Felix Platter, -Selbstbiographie, S. 215 ff. und 226.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_87" href="#FNAnker_87" class="label">[86]</a> Pilatus, S. 119.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_88" href="#FNAnker_88" class="label">[87]</a> Ph. Woker, „Das Toleranzprinzip in seiner -universalgeschichtlichen Entwicklung“, Schweizerische Blätter für -Wirtschafts- und Sozialpolitik, 14. Jahrg., 1. Bd., 1. und 2. Heft, -Bern 1906, S. 44.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_89" href="#FNAnker_89" class="label">[88]</a> Vorstehende Daten sind sämtlich G. L. Kriegk, „Deutsche -Kulturbilder aus dem 18. Jahrhundert“, S. 99 ff., entnommen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_90" href="#FNAnker_90" class="label">[89]</a> Pilatus, l. c. S. 107.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_91" href="#FNAnker_91" class="label">[90]</a> Nachstehendes nach Woker, l. c. S. 47 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_92" href="#FNAnker_92" class="label">[91]</a> Th. Lindner, Weltgeschichte, II. Bd., S. 205.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_93" href="#FNAnker_93" class="label">[92]</a> Eb. S. 90.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_94" href="#FNAnker_94" class="label">[93]</a> R. Garbe, „Kaiser Akbar von Indien“.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_95" href="#FNAnker_95" class="label">[94]</a> Houston Steward Chamberlain, „Grundlagen des 19. -Jahrhunderts“, 7. Aufl., S. 428 f., 571 ff. und passim.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_96" href="#FNAnker_96" class="label">[95]</a> Beil. 1904, Nr. 185.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_97" href="#FNAnker_97" class="label">[96]</a> „Der Dissident“, 1. Jahrg., S. 44 f.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_298"></a>[S. 298]</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_98" href="#FNAnker_98" class="label">[97]</a> Eb. S. 12.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_99" href="#FNAnker_99" class="label">[98]</a> „Freies Wort“, 7. Jahrg., S. 394 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_100" href="#FNAnker_100" class="label">[99]</a> „Türmer“, 9. Jahrg., I., S. 109 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_101" href="#FNAnker_101" class="label">[100]</a> „Freies Wort“, 6. Bd., S. 613 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_102" href="#FNAnker_102" class="label">[101]</a> Eb. 7. Bd., S. 337.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_103" href="#FNAnker_103" class="label">[102]</a> Eb. 7. Bd., S. 559, S. 664 ff. und 677 ff.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Fuenfter_Abschnitt">Fünfter Abschnitt</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_104" href="#FNAnker_104" class="label">[103]</a> Vgl. zu obigem M. Kemmerich, Beil. 1903, Nr. 215.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_105" href="#FNAnker_105" class="label">[104]</a> A. Schultz, Höfisches Leben, II. Bd., S. 447 ff. und S. -298.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_106" href="#FNAnker_106" class="label">[105]</a> Eberhard Windecke, Leben König Sigmunds in -Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit, S. 24.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_107" href="#FNAnker_107" class="label">[106]</a> A. Schultz, „Deutsches Leben im 14. und 15. -Jahrhundert“, S. 588.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_108" href="#FNAnker_108" class="label">[107]</a> Mone, Quellensammlung der badischen Landesgeschichte, I. -Bd., S. 319. Das Folgende eb. I., S. 495.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_109" href="#FNAnker_109" class="label">[108]</a> Schultz, Deutsches Leben, S. 588 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_110" href="#FNAnker_110" class="label">[109]</a> Eb. S. 605. Das Folgende eb. S. 606. Fr. Falk, „Die Ehe -am Ausgang des Mittelalters“ in „Erläuterungen zu Janssens Geschichte -des deutschen Volkes“ 6. Bd. 3. Heft, S. 15 behauptet, „daß die -Kriegssitte den Frauen gegenüber die denkbar mildeste war“, wie irrig -das ist, lehrt das Vorhergehende. Nur Adelige genießen und zwar nur im -späten Mittelalter prinzipiell Schonung, wenn auch vereinzelt human -gegen Weiber aus dem Volke verfahren sein mag.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_111" href="#FNAnker_111" class="label">[110]</a> Schultz, Deutsches Leben S. 607.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_112" href="#FNAnker_112" class="label">[111]</a> Th. Lindner, Weltgeschichte, 6. Bd., S. 47. Das Folgende -in Archenholtz, Minerva 1797, S. 92 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_113" href="#FNAnker_113" class="label">[112]</a> Baumgarten, Poland und Wagner, „Die hellenische Kultur“, -S. 114.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_114" href="#FNAnker_114" class="label">[113]</a> Vgl. C. Alberti, „Der Weg der Menschheit“, Berlin 1906, -1. Bd., S. 131 f. und Th. Lindner, Weltgeschichte, II. Bd., S. 433 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_115" href="#FNAnker_115" class="label">[114]</a> A. Müller, „Der Islam im Morgen- und Abendland“ in W. -Onckens „Allgemeiner Geschichte in Einzeldarstellungen“ II., 4. S. -249, Zum Benehmen der Chinakrieger, vgl. Rupprecht Prinz von Bayern, -„Reiseerinnerungen aus Ostasien“, S. 163, 243 ff. und passim.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_116" href="#FNAnker_116" class="label">[115]</a> Vgl. Cl. Klein in Helmolts Weltgeschichte, 6. Bd., S. -359.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_117" href="#FNAnker_117" class="label">[116]</a> A. Schultz, Höfisches Leben, II. Bd., S. 239 f. Zu den -Lagergesetzen, vgl. Rahewin Gesta Friderici, 3. Buch, Kap. 28.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_118" href="#FNAnker_118" class="label">[117]</a> Otto Henne am Rhyn, „Kulturgeschichte des deutschen -Volkes“, 2. Aufl., 1. Bd., S. 479 und 2. Bd., S. 163.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_119" href="#FNAnker_119" class="label">[118]</a> Vgl. Machiavelli, „Florentinische Geschichte“, Übers. -v. Alfred Reumont, Leipzig 1846, II. Bd., 6. Buch, S. 111 und M. -Kemmerich, „Die Charakteristik bei Machiavelli“, Leipzig 1902, S. 88 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_120" href="#FNAnker_120" class="label">[119]</a> Ed. Vehse, Gesch. des preußischen Hofes, 2. Bd., S. 286 -f., S. 290 f., S. 295 und S. 297 ff. Hier auch das Nachstehende.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_299"></a>[S. 299]</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_121" href="#FNAnker_121" class="label">[120]</a> Keyßlers „Reisen“, 56. Brief, Hannover 1776, S. 740.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_122" href="#FNAnker_122" class="label">[121]</a> Ed. Vehse, Geschichte der deutschen Höfe, IV. Sektion, -5. Bd., S. 175 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_123" href="#FNAnker_123" class="label">[122]</a> Kurt Eisner, Das Ende des Reichs, 1906, S. 103.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_124" href="#FNAnker_124" class="label">[123]</a> Rudolf Giehrl, „China-Fahrt“, S. 132 f., 148 f. und -passim.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Sechster_Abschnitt">Sechster Abschnitt</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_125" href="#FNAnker_125" class="label">[124]</a> A. Schultz, Höfisches Leben, I, S. 624 und 629. Ferner -A. Schultz, „Das häusliche Leben im Mittelalter“, S. 172.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_126" href="#FNAnker_126" class="label">[125]</a> Derselbe, Höfisches Leben I, S. 632.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_127" href="#FNAnker_127" class="label">[126]</a> Äneas Sylvius (Piccolomini), „Historia Friderici III.“, -ed. F. A. Kollar, Analecta monum. Vindob. II., p. 303 ff. Zum Datum -vgl. L. Pastor, Geschichte der Päpste, 1. Bd., S. 491.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_128" href="#FNAnker_128" class="label">[127]</a> Ed. Hahn, Braunschweig 1724, „Collectio Monument. vet.“, -1. Bd., p. 777.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_129" href="#FNAnker_129" class="label">[128]</a> A. Schultz, Häusliches Leben, S. 162.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_130" href="#FNAnker_130" class="label">[129]</a> Ders., Höfisches Leben I, S. 590, Anm. 2, Mon. Germ. SS. -XVII, 531, Schultz II. Bd., S. 183 und – für das Folgende – I. Bd., -S. 607, Anm. 2.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_131" href="#FNAnker_131" class="label">[130]</a> „Chronikon“ IX, 2, übersetzt mit Anlehnung an Laurent in -den Geschichtschreibern der deutschen Vorzeit.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_132" href="#FNAnker_132" class="label">[131]</a> Jakob Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, 4. Aufl., II. -Bd., S. 299.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_133" href="#FNAnker_133" class="label">[132]</a> Vies des Dames Galantes, Discours premier passim.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_134" href="#FNAnker_134" class="label">[133]</a> Grimm, l. c. S. 348.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_135" href="#FNAnker_135" class="label">[134]</a> A. Schultz, Häusliches Leben, S. 160.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_136" href="#FNAnker_136" class="label">[135]</a> Ders., Höfisches Leben I, S. 648.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_137" href="#FNAnker_137" class="label">[136]</a> Zimmerische Chronik, herausg. von A. Barack, IV. Bd., S. -243 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_138" href="#FNAnker_138" class="label">[137]</a> Max Bauer, Das Geschlechtsleben i. d. deutschen -Vergangenheit, 5. Aufl., S. 17 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_139" href="#FNAnker_139" class="label">[138]</a> Eb. S. 64 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_140" href="#FNAnker_140" class="label">[139]</a> A. Schultz, Deutsches Leben, S. 159 und Grimm, Deutsche -Rechtsaltertümer I, 4, S. 613 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_141" href="#FNAnker_141" class="label">[140]</a> Vgl. L. Wahrmund, Beil. 1905, Nr. 286 und eb. 1906, Nr. -21.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_142" href="#FNAnker_142" class="label">[141]</a> Joh. Scherer, Deutsche Kultur- und Sittengeschichte, 11. -Aufl., S. 322 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_143" href="#FNAnker_143" class="label">[142]</a> Bauer l. c. S. 241 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_144" href="#FNAnker_144" class="label">[143]</a> Äneas Sylvius l. c. ed. Kollar, p. 302 sqs. Das -Vorhergehende nach O. Harnack, Medizinisches aus der ältesten -Kirchengeschichte, S. 59 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_145" href="#FNAnker_145" class="label">[144]</a> Gregorovius, Wanderjahre II, S. 348 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_146" href="#FNAnker_146" class="label">[145]</a> Vgl. Preußische Jahrbücher, 135. Bd., S. 35 ff.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Siebenter_Abschnitt">Siebenter Abschnitt</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_147" href="#FNAnker_147" class="label">[146]</a> Das Vorhergehende nach O. Harnack, Medizinisches aus -der ältesten Kirchengesch., S. 59. Gregor, Historia Francorum II, cap. -40. Der Versuch Giesebrechts Gregors Moral zu retten – in seiner -Übersetzung der fränkischen Geschichte, 2. Aufl., S. 105, Anm. 2 – -scheint mir nicht gelungen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_300"></a>[S. 300]</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_148" href="#FNAnker_148" class="label">[147]</a> „Chronikon“, Übers. v. Laurent, l. c. 2. Aufl., S. 131.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_149" href="#FNAnker_149" class="label">[148]</a> Eb. IX, 3. Übersetzung, S. 334.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_150" href="#FNAnker_150" class="label">[149]</a> Beide Daten nach A. Schultz, Höfisches Leben, I. Bd., S. -583 f. und G. L. Kriegk, „Deutsches Bürgertum“, Neue Folge, S. 266.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_151" href="#FNAnker_151" class="label">[150]</a> Hans Delbrück, Preußische Jahrbücher, Bd. 71, 1893, S. -24.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_152" href="#FNAnker_152" class="label">[151]</a> „Hausbuch“, S. 491. Wo nicht anders bemerkt, ist zu -den folgenden Angaben A. Schultz, Höfisches Leben I, S. 584–587 zu -vergleichen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_153" href="#FNAnker_153" class="label">[152]</a> Vgl. Johannes Kunze, „Zur Kunde des deutschen -Privatlebens in der Zeit der salischen Kaiser“, Berlin 1902, S. 37.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_154" href="#FNAnker_154" class="label">[153]</a> Historia occident. ed. Franc. Moschus. Duaci 1597, p. -278, nach Schultz.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_155" href="#FNAnker_155" class="label">[154]</a> Schultz, Höfisches Leben, S. 590–592.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_156" href="#FNAnker_156" class="label">[155]</a> Eb. S. 599 und 592.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_157" href="#FNAnker_157" class="label">[156]</a> Ders., Häusliches Leben, S. 155 und Höfisches Leben, S. -599, Anm. 4.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_158" href="#FNAnker_158" class="label">[157]</a> Kunze l. c. S. 51.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_159" href="#FNAnker_159" class="label">[158]</a> Die folgenden Angaben – wo nicht anders bemerkt – nach -G. L. Kriegk, „Deutsches Bürgertum im Mittelalter“, Neue Folge, S. -260–266.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_160" href="#FNAnker_160" class="label">[159]</a> Eb. S. 274.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_161" href="#FNAnker_161" class="label">[160]</a> Eb. Anm. 219.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_162" href="#FNAnker_162" class="label">[161]</a> Eb. S. 294 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_163" href="#FNAnker_163" class="label">[162]</a> Eb. S. 295.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_164" href="#FNAnker_164" class="label">[163]</a> Eb. S. 266.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_165" href="#FNAnker_165" class="label">[164]</a> Eb. S. 308.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_166" href="#FNAnker_166" class="label">[165]</a> Eb. S. 311 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_167" href="#FNAnker_167" class="label">[166]</a> Eb. S. 324.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_168" href="#FNAnker_168" class="label">[167]</a> Eb. S. 331.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_169" href="#FNAnker_169" class="label">[168]</a> Bauer, Geschlechtsleben i. d. deutschen Vergangenheit, -S. 161 f. und „Curiositäten“ I. Bd., Weimar 1812, S. 206 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_170" href="#FNAnker_170" class="label">[169]</a> Eb. S. 164.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_171" href="#FNAnker_171" class="label">[170]</a> Kriegk l. c. S. 266–271. Hier auch die folgenden Daten.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_172" href="#FNAnker_172" class="label">[171]</a> Vorstehendes und das Folgende zitiert nach A. Schultz, -Deutsches Leben, S. 276 f. Über das Gezeter der Moralisten vgl. den -Aufsatz von Hans Delbrück, Die gute alte Zeit, Preußische Jahrbücher, -71. Bd., 1893.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_173" href="#FNAnker_173" class="label">[172]</a> Schultz, l. c. S. 76.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_174" href="#FNAnker_174" class="label">[173]</a> Eugen Dühren, Der Marquis de Sade und seine Zeit 2. -Aufl., S. 44.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_175" href="#FNAnker_175" class="label">[174]</a> Eb. S. 41 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_176" href="#FNAnker_176" class="label">[175]</a> Zu obigen Daten vgl. eb. S. 144 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_177" href="#FNAnker_177" class="label">[176]</a> Ed. und Jules de Goncourt, „La femme au dixhuitième -siècle“, Paris 1878, S. 165.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_178" href="#FNAnker_178" class="label">[177]</a> Dühren l. c. S. 59.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Achter_Abschnitt">Achter Abschnitt</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_179" href="#FNAnker_179" class="label">[178]</a> Vies des Dames Galantes, Nouvelle Edition, Paris, -Garnier, p. 28.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_180" href="#FNAnker_180" class="label">[179]</a> A. Schultz, Deutsches Leben, S. 490 und 493.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_181" href="#FNAnker_181" class="label">[180]</a> Max Bauer, Geschlechtsleben, S. 288.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_182" href="#FNAnker_182" class="label">[181]</a> Eb. S. 282 ff., Felix Platter, Selbstbiographie, S. 187 -und A. Schultz, Häusliches Leben, S. 393.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_183" href="#FNAnker_183" class="label">[182]</a> Elisabeth Charlottens Briefe, Neudruck der 1789 -veröffentlichten Bruchstücke von Hans F. Helmolt, Annaberg 1909, S. -268, Nr. 30.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_184" href="#FNAnker_184" class="label">[183]</a> Eb. S. 308, Nr. 7.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_185" href="#FNAnker_185" class="label">[184]</a> Eb. S. 399 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_186" href="#FNAnker_186" class="label">[185]</a> Eb. S. 260, Nr. 5.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_187" href="#FNAnker_187" class="label">[186]</a> Ed. Vehse, Geschichte des preußischen Hofes, III. Teil, -S. 87 ff.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_301"></a>[S. 301]</span></p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Neunter_Abschnitt">Neunter Abschnitt</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_188" href="#FNAnker_188" class="label">[187]</a> Beide Daten nach H. Peters, Arzt und Heilkunst i. d. -deutschen Vergangenheit, S. 13. Vgl. zu Folgendem auch Neuburger und -Pagel, Handbuch der Geschichte der Medizin. passim.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_189" href="#FNAnker_189" class="label">[188]</a> Peters, S. 33 und 35.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_190" href="#FNAnker_190" class="label">[189]</a> Eb. S. 13.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_191" href="#FNAnker_191" class="label">[190]</a> Eb. S. 24.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_192" href="#FNAnker_192" class="label">[191]</a> Diese und die folgenden Daten nach M. Kemmerich, -Lebensdauer und Todesursachen innerhalb der deutschen Kaiser- und -Königsfamilien, Wien 1909 und A. Schultz, Höfisches Leben II, S. 297 -ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_193" href="#FNAnker_193" class="label">[192]</a> Peters l. c. S. 26 und Hanns Flörke, „Studien zur -niederländischen Kunst- und Kulturgeschichte“, S. 209, Anm. 285.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_194" href="#FNAnker_194" class="label">[193]</a> Ed. Vehse, Geschichte des preußischen Adels, I. Teil, S. -35.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_195" href="#FNAnker_195" class="label">[194]</a> Peters l. c. S. 106.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_196" href="#FNAnker_196" class="label">[195]</a> Nach Heinrich Düntzer, „Die römischen Satiriker“, -Braunschweig 1846, Anm. zu Vers 406 der 6. Satire Juvenals.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_197" href="#FNAnker_197" class="label">[196]</a> E. Dühren, Marquis de Sade, S. 80 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_198" href="#FNAnker_198" class="label">[197]</a> Corvin, Pfaffenspiegel, 5. Aufl., S. 350. Wenn -hier ausnahmsweise ein Werk zitiert wird, das im allgemeinen auf -Quellennachweis verzichtet, so ist das durch die strenge Zensur -gerechtfertigt, die das Buch passieren mußte und von der mein -Handexemplar schwarze Spuren aufweist.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_199" href="#FNAnker_199" class="label">[198]</a> Dies und das Folgende eb. S. 365 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_200" href="#FNAnker_200" class="label">[199]</a> Lindner, Weltgeschichte I, S. 142, das Folgende eb. II, -S. 116.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_201" href="#FNAnker_201" class="label">[200]</a> Vgl. H. Gudden, Über Massensuggestion und psychische -Massenepidemien, Vortrag, München 1901, S. 10 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_202" href="#FNAnker_202" class="label">[201]</a> Flörke l. c. S. 20.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_203" href="#FNAnker_203" class="label">[202]</a> Viktor Hehn, Kulturpflanzen und Haustiere, 5. Aufl. S. -420 und J. Conrad, „Nationalökonomie“, 3. Aufl., S. 249 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_204" href="#FNAnker_204" class="label">[203]</a> Eb. S. 250 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_205" href="#FNAnker_205" class="label">[204]</a> Beil. 1903, Nr. 37 und Peters, Arzt und Heilkunde, S. -45.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_206" href="#FNAnker_206" class="label">[205]</a> Beil. 1906, Nr. 255.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_207" href="#FNAnker_207" class="label">[206]</a> Beil. 1903, Nr. 292.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_208" href="#FNAnker_208" class="label">[207]</a> Beil. 1906, Nr. 255.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_209" href="#FNAnker_209" class="label">[208]</a> Beil. 1906, Nr. 202.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_210" href="#FNAnker_210" class="label">[209]</a> Kriegk, Deutsches Bürgertum, S. 342 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_211" href="#FNAnker_211" class="label">[210]</a> Georg Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur, S. -507 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_212" href="#FNAnker_212" class="label">[211]</a> A. Schultz, Häusliches Leben, S. 325.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Zehnter_Abschnitt">Zehnter Abschnitt</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_213" href="#FNAnker_213" class="label">[212]</a> A. Schultz, Höfisches Leben I, S. 229.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_214" href="#FNAnker_214" class="label">[213]</a> Eb. I, S. 107.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_215" href="#FNAnker_215" class="label">[214]</a> Jakob Burckhardt, Cultur der Renaissance in Italien, 2. -Bd., 7. Aufl., S. 92 und Excurs LXXXIV.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_216" href="#FNAnker_216" class="label">[215]</a> „Hausbuch“, Tübingen 1882, S. 546.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_217" href="#FNAnker_217" class="label">[216]</a> Die folgenden Daten nach G. L. Kriegk, „Deutsches -Bürgertum“, Neue Folge, S. 9 ff. und S. 25 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_218" href="#FNAnker_218" class="label">[217]</a> A. Schultz, Häusliches Leben, S. 203.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_219" href="#FNAnker_219" class="label">[218]</a> Eb. S. 62 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_220" href="#FNAnker_220" class="label">[219]</a> Abbildung der einen Medaille bei Alfred Franklin, „La -vie privée d’autrefois. L’Hygiene“, p. 123.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_221" href="#FNAnker_221" class="label">[220]</a> Eb. p. 118.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_222" href="#FNAnker_222" class="label">[221]</a> Eb. p. 133 ff. Abdruck der Eingabe, p. 158 ff.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_302"></a>[S. 302]</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_223" href="#FNAnker_223" class="label">[222]</a> Eb. p. 150, 165 und 154.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_224" href="#FNAnker_224" class="label">[223]</a> Eb. S. 164.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_225" href="#FNAnker_225" class="label">[224]</a> Eb. S. 168.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_226" href="#FNAnker_226" class="label">[225]</a> A. Schultz, Höfisches Leben I. S. 107 f. und H. -Delbrück, Preußische Jahrbücher, 71. Bd. (1893), S. 25.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_227" href="#FNAnker_227" class="label">[226]</a> Franklin l. c. p. 175 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_228" href="#FNAnker_228" class="label">[227]</a> B. Händke, Deutsche Kultur im Zeitalter des -Dreißigjährigen Krieges, S. 286, Anm. 3.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_229" href="#FNAnker_229" class="label">[228]</a> Abgedruckt bei Franklin l. c. p. 181 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_230" href="#FNAnker_230" class="label">[229]</a> Eb. S. 196 ff.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Elfter_Abschnitt">Elfter Abschnitt</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_231" href="#FNAnker_231" class="label">[230]</a> Vgl. zum ganzen Abschnitt Fr. Heinemann, Richter und -Rechtspflege, S. 127 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_232" href="#FNAnker_232" class="label">[231]</a> Vorstehendes nach G. L. Kriegk, Deutsches Bürgertum, S. -219 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_233" href="#FNAnker_233" class="label">[232]</a> Eb. S. 237 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_234" href="#FNAnker_234" class="label">[233]</a> Vgl. P. Frauenstädt, Zeitschrift für Sozialwissenschaft, -V. Bd., S. 847 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_235" href="#FNAnker_235" class="label">[234]</a> Hugo Winckler, Gesetze Hammurabis, S. 37.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_236" href="#FNAnker_236" class="label">[235]</a> Obiges nach Frauenstädt, Zeitschrift f. -Sozialwissenschaft, V. Bd., S. 940 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_237" href="#FNAnker_237" class="label">[236]</a> Heinemann l. c. S. 128 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_238" href="#FNAnker_238" class="label">[237]</a> Äneas Sylvius, Historia Friderici III., Kollar p. 215 -ff. Vgl. auch Allgemeine deutsche Biographie IV. Bd., S. 258 ff., wo -die Grafen von Cilli in etwas milderem Lichte erscheinen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_239" href="#FNAnker_239" class="label">[238]</a> Hanns Flörke, Studien zur niederländischen Kunst- und -Kulturgeschichte, S. 216, Anm. 353.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_240" href="#FNAnker_240" class="label">[239]</a> Zu den letzten Daten vgl. eb. S. 87 und 178.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_241" href="#FNAnker_241" class="label">[240]</a> Eb. S. 163.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_242" href="#FNAnker_242" class="label">[241]</a> Vgl. W. Waetzoldt, Die Kunst des Porträts, S. 386 und zu -obigem S. 374–412.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_243" href="#FNAnker_243" class="label">[242]</a> Flörke, S. 10.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_244" href="#FNAnker_244" class="label">[243]</a> Waetzoldt, S. 376.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_245" href="#FNAnker_245" class="label">[244]</a> Vgl. M. Kemmerich, Die frühmittelalterliche -Porträtmalerei in Deutschland und derselbe, Die frühmittelalterliche -Porträtplastik in Deutschland passim.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Zwoelfter_Abschnitt">Zwölfter Abschnitt</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_246" href="#FNAnker_246" class="label">[245]</a> Beil. 1905, Nr. 261.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_247" href="#FNAnker_247" class="label">[246]</a> Beil. 1905, Nr. 208.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_248" href="#FNAnker_248" class="label">[247]</a> Otto Pfleiderer, Die Entstehung des Christentums, S. 194 -f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_249" href="#FNAnker_249" class="label">[248]</a> Eb. S. 198 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_250" href="#FNAnker_250" class="label">[249]</a> Beil. 1905, Nr. 208.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_251" href="#FNAnker_251" class="label">[250]</a> Pfleiderer l. c. S. 130 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_252" href="#FNAnker_252" class="label">[251]</a> Eb. S. 147 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_253" href="#FNAnker_253" class="label">[252]</a> Beil. 1905, Nr. 154.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_254" href="#FNAnker_254" class="label">[253]</a> Vgl. „Religions- und Missionskarte der Erde“ in Meyers -Konversationslexikon 6. Aufl., 16. Bd., bei S. 788.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_255" href="#FNAnker_255" class="label">[254]</a> Vgl. Ludwig Wahrmund, „Katholische Weltanschauung und -freie Wissenschaft“, S. 3, Anm.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_256" href="#FNAnker_256" class="label">[255]</a> Eb. S. 12 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_257" href="#FNAnker_257" class="label">[256]</a> Eb. S. 9 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_258" href="#FNAnker_258" class="label">[257]</a> Beil. 1906, Nr. 39.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_259" href="#FNAnker_259" class="label">[258]</a> Wahrmund l. c. S. 16, Anm. 1.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_260" href="#FNAnker_260" class="label">[259]</a> Eb. S. 15.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_261" href="#FNAnker_261" class="label">[260]</a> Eb. S. 16.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_262" href="#FNAnker_262" class="label">[261]</a> Zitiert nach Wahrmund S. 46 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_263" href="#FNAnker_263" class="label">[262]</a> Der Syllabus ist ebenfalls bei Wahrmund in Übersetzung -abgedruckt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_264" href="#FNAnker_264" class="label">[263]</a> A. Schultz, Höfisches Leben I, S. 148. Das Nächste eb. -S. 209.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_303"></a>[S. 303]</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_265" href="#FNAnker_265" class="label">[264]</a> J. H. Albers, „Populäre Festpostille, Aufsätze und -Vorträge über Ursprung, Entwicklung und Bedeutung sämtlicher Feste -usw.“, Leipzig 1891, S. 220.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_266" href="#FNAnker_266" class="label">[265]</a> Nach Äneas Sylvius, Historia Friderici III., Kollar p. -181 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_267" href="#FNAnker_267" class="label">[266]</a> Übers. von W. Herz, Spielmannbuch, vgl. Beil. 1903, Nr. -63.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_268" href="#FNAnker_268" class="label">[267]</a> „Türmer“, 9. Jahrg., 2. Bd., S. 384.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_269" href="#FNAnker_269" class="label">[268]</a> Vgl. Hoensbroech, Das Papsttum in seiner -sozial-kulturellen Wirksamkeit, I. Bd., 2. Buch, 3. Abschnitt. Ferner -Rieks, „Leo III. und der Satanskult“, Berlin 1897, sowie Bräunlich, -„Der neueste Teufelsschwindel“, Leipzig 1897.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Dreizehnter_Abschnitt">Dreizehnter Abschnitt</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_270" href="#FNAnker_270" class="label">[269]</a> Vgl. Sigmund Riezler, „Die Hexenprozesse in Bayern“, S. -42 und 53 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_271" href="#FNAnker_271" class="label">[270]</a> Eb. S. 83 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_272" href="#FNAnker_272" class="label">[271]</a> Vgl. zu folgendem eb. S. 92 bis 131.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_273" href="#FNAnker_273" class="label">[272]</a> Vgl. Joh. Jansen, Geschichte des deutschen Volkes, 13. -und 14. Aufl., 8. Bd., S. 591 ff. Wurde auch weiter unten benutzt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_274" href="#FNAnker_274" class="label">[273]</a> Vgl. Pilatus (Victor Naumann), „Was ist Wahrheit?“ 2. -Aufl., S. 127–132.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_275" href="#FNAnker_275" class="label">[274]</a> Riezler l. c. S. 240 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_276" href="#FNAnker_276" class="label">[275]</a> Eb. S. 246 f. und 120.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_277" href="#FNAnker_277" class="label">[276]</a> Zitiert nach Pilatus.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_278" href="#FNAnker_278" class="label">[277]</a> Riezler, S. 319.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_279" href="#FNAnker_279" class="label">[278]</a> Vgl. A. Hauck, „Realenzyklopädie für protestantische -Theologie und Kirche“, 8. Bd., Artikel „Hexen und Hexenverfolgungen“, -und F. v. Hellwald, Culturgeschichte in ihrer natürlichen Entwicklung, -S. 618.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Vierzehnter_Abschnitt">Vierzehnter Abschnitt</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_280" href="#FNAnker_280" class="label">[279]</a> Ferdinand Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom im -Mittelalter, 2. Aufl., 2. Bd., S. 74 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_281" href="#FNAnker_281" class="label">[280]</a> Eb. 2. Bd., S. 281 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_282" href="#FNAnker_282" class="label">[281]</a> Eb. 3. Bd., S. 76 ff., besonders S. 79, Anm. 1. Hier -auch das Folgende, vgl. ferner H. Schultze in der „Wartburg“, 1. Bd., -1902, S. 79 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_283" href="#FNAnker_283" class="label">[282]</a> Eb. 3. Bd., S. 509.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_284" href="#FNAnker_284" class="label">[283]</a> Vgl. Corvin, Pfaffenspiegel, 5. Aufl., Rudolstadt 1885, -S. 105.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_285" href="#FNAnker_285" class="label">[284]</a> „Das freie Wort“, 7. Bd., S. 35. Abb. von Hemd und -Windeln in der „Wartburg“ I, S. 145.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_286" href="#FNAnker_286" class="label">[285]</a> Corvin, S. 110 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_287" href="#FNAnker_287" class="label">[286]</a> Alphons Victor Müller, Die hochheilige Vorhaut Christi, -Berlin 1907, S. 105 ff. Johann Georg Keysslers „Reisen“, Hannover 1776, -S. 506m und ferner Archiv f. Kulturgeschichte VII. Bd. 1909, S. 137 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_288" href="#FNAnker_288" class="label">[287]</a> Müller, S. 18 und 119 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_289" href="#FNAnker_289" class="label">[288]</a> Eb. S. 36 ff. und 46 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_290" href="#FNAnker_290" class="label">[289]</a> Eb. S. 56 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_291" href="#FNAnker_291" class="label">[290]</a> Über Agnus Dei vgl. Ad. Franz, „Die kirchlichen -Benediktionen im Mittelalter“, 1. Bd., S. 553 ff., besonders S. 567–569 -und Keysslers „Reisen“, S. 426c.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_304"></a>[S. 304]</span></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_292" href="#FNAnker_292" class="label">[291]</a> Nach Hansemann, „Der Aberglaube in der Medizin etc.“, S. -86.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Fuenfzehnter_Abschnitt">Fünfzehnter Abschnitt</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_293" href="#FNAnker_293" class="label">[292]</a> Nach dem Nürnberger Generalanzeiger vom 14. Juni 1901.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_294" href="#FNAnker_294" class="label">[293]</a> Paul Rohrbach, Deutsche Kolonialwirtschaft.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_295" href="#FNAnker_295" class="label">[294]</a> Vgl. Frankfurter Zeitung 1896, Nr. 8, drittes -Morgenblatt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_296" href="#FNAnker_296" class="label">[295]</a> Vgl. die Aussage des apostolischen Vikars von Ubanghi, -Msgr. Augouard, Augsburger Postzeitung 1894, Nr. 251.</p> - -</div> - -<div class="section"> - -<h3 id="Literatur_Sechzehnter_Abschnitt">Sechzehnter Abschnitt</h3> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_297" href="#FNAnker_297" class="label">[296]</a> Joh. William Draper, Geschichte der Konflikte zwischen -Religion und Wissenschaft, Übers. Leipzig 1875, S. 163, 234 f. und 241.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_298" href="#FNAnker_298" class="label">[297]</a> Eb. S. 183.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_299" href="#FNAnker_299" class="label">[298]</a> Eb. S. 174 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_300" href="#FNAnker_300" class="label">[299]</a> Eb. S. 325 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_301" href="#FNAnker_301" class="label">[300]</a> Eb. S. 314 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_302" href="#FNAnker_302" class="label">[301]</a> und 302: Eb. S. 325 und Peters, Arzt und Heilkunst, S. -120 f. Darmstaedter, „Handbuch z. Gesch. d. Naturwissenschaften und -Technik“, gibt S. 168 an, daß zuerst im Jahre 1714 der Arzt Timoni und -der venezianische Konsul in Konstantinopel Pylarini auf die Impfung -hingewiesen hätten.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_303" href="#FNAnker_303" class="label">[303]</a> Draper S. 287 und Chamberlain, Grundlagen des 19. -Jahrhunderts, S. 518, Anm. 4 und S. 42.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_304" href="#FNAnker_304" class="label">[304]</a> Vgl. O. Pfleiderer, Religionsphilosophie auf -geschichtlicher Grundlage, 3. Aufl., S. 60 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_305" href="#FNAnker_305" class="label">[305]</a> Beil. 1903, Nr. 270.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_306" href="#FNAnker_306" class="label">[306]</a> Vgl. C. Bezold, Ninive und Babylon, 2. Aufl., S. 46.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_307" href="#FNAnker_307" class="label">[307]</a> Ulrich Wendt, Die Technik als Kulturmacht, S. 167 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_308" href="#FNAnker_308" class="label">[308]</a> Eb. S. 170.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_309" href="#FNAnker_309" class="label">[309]</a> Rudolf Hagen, Die erste deutsche Eisenbahn mit -Dampfbetrieb, S. 20, 46 und 62.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_310" href="#FNAnker_310" class="label">[310]</a> Folgende Zusammenstellung zum Teil nach Camille -Flammarion, Rätsel des Seelenlebens, Stuttgart 1908.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_311" href="#FNAnker_311" class="label">[311]</a> Meyers Konversationslexikon, 6. Aufl., 4. Bd., S. 466.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_312" href="#FNAnker_312" class="label">[312]</a> Eine authentische Quelle für diese, übrigens hinlänglich -bekannte Tatsache, gelang es mir nicht zu finden.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_313" href="#FNAnker_313" class="label">[313]</a> Die Entscheidung der obersten Baubehörde wurde mir -von einem hohen Staatsbeamten, der das Dokument in Händen hatte, -mitgeteilt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_314" href="#FNAnker_314" class="label">[314]</a> Nach freundl. Mitteilung des Herrn Prof. Emden in -München und des Grafen Karl v. Klinckowström, vgl. auch A. Kistner, -Beil. d. M. Neuesten Nachr. 1908, I, S. 455 f.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_315" href="#FNAnker_315" class="label">[315]</a> Nach Angabe des Prof. L. M. Hartmann (Wien) auf dem 2. -deutschen Hochschullehrertag in Jena am 28. und 29. September 1908, -vgl. Beil. d. Münchner N. N. 1908, II, S. 637.</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_305"></a>[S. 305]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Nachwort">Nachwort</h2> - -</div> - - -<p>Die wohlwollende Aufnahme der Kultur-Kuriosa von seiten der Kritik -und des Publikums enthebt mich der Notwendigkeit, das Buch zu -rechtfertigen. Daß orthodoxe und reaktionäre Stimmen dagegen polterten, -hatte ich erwartet, ja erhofft. Auffällig war nur, daß auch manchmal -von wohlmeinender Seite der Geist des Buches nicht verstanden wurde. -Las ich, daß die Tendenz des Verfassers „im Grunde genommen gut“ sei, -konnte ich mich nur schwer eines Lächelns enthalten. Die Versicherung, -daß ich auf die niederen Instinkte spekuliere, bewies mir aufs -neue, daß mancher, ohne es zu wissen, sichere Anwartschaft auf das -Himmelreich hat (Matth. 5, 3). Ja, es gibt Leute, denen ein gerechter -Richter oder eine moralische Handlung kurios erscheint, und diese -dünken sich Erbpächter des Patriotismus!! Wer nicht immer hurraaaaah! -schreit, gilt in den Augen manches Biedermanns schon für verdächtig. -Darüber zu streiten liegt mir fern.</p> - -<p>Einem andern Einwand möchte ich begegnen: der Bemängelung des -Quellennachweises. Richtiger als die Frage, wo etwas steht, ist die, -<em class="gesperrt">ob es auch wahr ist</em>. Nur gesicherte Tatsachen mitzuteilen war -und ist aber mein erstes Bestreben. Wie sehr es mir gelang, beweist, -daß auch die leidenschaftlichsten<span class="pagenum"><a id="Seite_306"></a>[S. 306]</span> Gegner mir keine nennenswerten -Irrtümer nachweisen konnten. Doch auch wer an der Art des Zitierens -etwas auszusetzen hat, würde vielleicht eines Besseren belehrt worden -sein, hätte er sich die Mühe genommen, die angegebenen Stellen -nachzuschlagen. Er würde dann dort fast ausnahmslos die Angabe der -primären Quellen gefunden haben. Nichts wäre für mich einfacher gewesen -als sie abzuschreiben, aber mit einer Belesenheit zu prunken, die ich -nicht besitze, ist nicht meine Art. Immerhin habe ich in dieser neuen -Auflage einige Konzessionen gemacht.</p> - -<p>Für Ergänzungen und Berichtigungen bin ich nach wie vor dankbar. Vor -allem ist es mir ein Bedürfnis allen jenen, die die Freundlichkeit -hatten, durch Notizen zur Vervollkommnung des Buches beizutragen, -herzlichst zu danken. Es sind dies die Herren: Ingenieur M. Feldhaus in -Berlin-Friedenau, Oberst z. D. Schäfer in Berlin, Rechtsanwalt Eichhold -in München, Schriftsteller Julius Berger in Wien, Dr. Hans F. Helmolt -in München, Dr. G. Merzbach in Berlin und Ingenieur Fritz Hoffmann in -Berndorf bei Wien. Desgleichen danke ich allen jenen, die mir brieflich -ihre Sympathie aussprachen, in erster Linie Herrn Professor Dr. Ernst -Mach, Mitglied des Herrenshauses in Wien.</p> - -<p><em class="gesperrt">München</em>, im Februar 1910</p> - -<p class="s3 right mright2">Der Verfasser</p> - -<p>Das 12. Tausend ist bis auf einige Zusätze und Korrekturen ein -unveränderter Abdruck der vorigen Auflagen.</p> - -<p><em class="gesperrt">München</em>, im Mai 1913</p> - -<p class="s3 right mright2">Der Verfasser</p> - - -<hr class="full" /> - -<div class="rek"> - -<div class="section"> - -<p class="s4 center mtop3">Weiter erschien</p> - -</div> - -<p class="s2 center"><b>Dr. Max Kemmerich</b></p> - -<p class="s1 center"><b>Prophezeiungen</b></p> - -<p class="s4 center">Alter Aberglaube oder neue Wahrheit?</p> - -<p class="center">Mit einem Kapitel über den Weltkrieg</p> - -<p class="center">6. Auflage. Geheftet 6 Mark, gebunden 8 Mark</p> - -<p class="p0 s5"><em class="gesperrt">Die Zeit, Wien</em>: Um streng wissenschaftlich zu verfahren, -begnügt sich der Verfasser nicht mit einer Anekdotensammlung und der -Aufstellung von Grundsätzen für die Beurteilung der einzelnen Fälle, -sondern unterwirft eine berühmte Prophetie und die Gesamttätigkeit von -sechs mehr oder weniger berühmten Sehern und Seherinnen einer strengen -Prüfung darauf hin, ob das Eintreffen ihrer Vorhersagungen ein Werk -des Zufalls oder Ergebnis einer Berechnung sein könne.... Wenn man -den Namen Nostradamus so oft im „Faust“ gelesen hat, aber rein nichts -von dem Mann weiß, freut man sich, endlich einmal Genaues über ihn zu -erfahren.... Daß die „Prophezeiungen“ reißend abgehen werden, kann man -ohne Prophetengabe und Träume voraussagen, denn so etwas lesen alle -Leute gern, auch die Aufgeklärten, die über den „Unsinn“ spotten oder -drauf schimpfen.</p> - -<p class="s1 center mtop1"><b>Kultur-Kuriosa II</b></p> - -<p class="center">8. Auflage. Geheftet 4 Mark 50 Pf., gebunden 6 Mark 50 Pf.</p> - -<p class="p0 s5"><em class="gesperrt">Berliner Börsenzeitung</em>: Es ist ihm nicht um den Ruhm eines -findigen belesenen Kopfes und geschickten Kompilators zu tun, der -amüsante Historien angenehm zu erzählen weiß, sondern er will weit -mehr: ihm liegt daran, den wahren Stand unserer heutigen Kultur durch -Aufzeigen deren historischer Basis klar darzustellen.... Auch in diesem -zweiten Bande seiner Kultur-Kuriosa übt er seine so rühmenswerte und -– natürlich – so angefeindete Offenheit, die ihm nach wie vor das -Muckertum... auf den Hals hetzen, den geistig Mündigen jedoch zu seinem -Freunde machen wird.</p> - -<p class="s1 center"><b>Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit</b></p> - -<p class="center">6. Auflage. Geheftet 4 Mark 50 Pf., gebunden 6 Mark 50 Pf.</p> - -<p class="p0 s5"><em class="gesperrt">Zeitschrift für Bücherfreunde, Leipzig</em>: Ein jeder wird -gestehen: das Buch wird fröhliche Menschen ergötzen und unterhalten, -nachdenkliche Menschen nachdenklicher machen und sie ins Psychologische -führen. Pessimisten aber werden in diesen Dokumenten einen Trost -finden: daß nämlich die Schlechtigkeit der Menschen noch durch ihre -Dummheit übertroffen wird; – und das ist ein großer Trost.</p> - -<p class="p0 s5"><em class="gesperrt">Neues Wiener Tagblatt</em>: Das neue Buch Kemmerichs gehört -jedenfalls zu den lichtvollsten Erklärungen für die düstere Psyche -vergangener Jahrhunderte und wird sicherlich viel dazu beitragen, die -Reste, die aus jenen Tagen zurückgeblieben sind, zerstören zu helfen.</p> - -<p class="s3 center mtop1">Verlag von Albert Langen in München</p> - -<div class="section"> - -<p class="s3 center mtop3">Von Dr. Max Kemmerich erschien ferner</p> - -</div> - -<p class="s1 center">Das Kausalgesetz der Weltgeschichte</p> - -<p class="s3 center">Zwei Bände</p> - -<p class="s3 center">In Halbfranz gebunden 32 Mark</p> - -<p class="p0"><em class="gesperrt">Kritische Rundschau, München</em>: Was will nun das Buch? Es soll -darin der Beweis geliefert werden, daß man mit Hilfe des Gesetzes von -der Erhaltung der Energie, angewandt auf die Geschichtswissenschaft, -imstande ist, das Kausalgesetz der Weltgeschichte intuitiv zu -durchschauen und kommende Ereignisse voraus zu berechnen.... -Selbstbekenntnisse eines Wahrheits-Suchers, so könnte man dieses -Buch taufen. Eine Individualpsychologie, wie sie kaum jemals mit -solcher Offenheit geschrieben worden sein dürfte. Möge sie recht -viele Leser finden, diese Individualpsychologie, Leser, die trotz -aller Unebenheiten und Schroffheiten nicht ermüden, dem Verfasser -verständnisvoll zu folgen, wenn er sie in tieferliegende Wahrheiten -einweihen will, die sich ihm intuitiv erschlossen haben.</p> - -<p class="p0"><em class="gesperrt">Dr. Hans F. Helmolt</em>:... Die umfassende Weite seines -Gesichtskreises, die Kühnheit seines Gedankenfluges, der Scharfsinn -seiner Schlußfolgerungen, seine trotz wiederholter Ableugnung -staunenswerte Belesenheit und der leichte Fluß seiner Ausführungen -bei der Lösung selbst der schwierigsten Fragen.... Epoche aber wird -Kemmerichs „Kausalgesetz“ sicherlich machen als psychologische -Zergliederung eines entscheidenden Ausschnittes aus der eigenen -Entwicklung. Hierin erinnert es direkt an Augustin oder Rousseau.</p> - -<p class="p0"><em class="gesperrt">Heinrich Lhotzky</em>:... wir sahen uns in Deutschland vor einen -europäischen Krieg gestellt. Da las ich das Buch wieder. Die -Ereignisse gaben ihm eine erschütternde Auslegung.... Wie gesagt, -ist es möglich, daß den Kemmerichschen Voraussagen weder Beachtung -noch Glaube geschenkt wird, und nichts liegt dem Verfasser ferner, -als dafür zu agitieren. Er sieht voraus, daß sein Mahnruf ungehört -verhalle, obgleich es sich nur um sinngemäße Anwendung unentrinnbarer -Naturgesetze auf unsere Geschichte handelt, wie man etwa im Sommer und -Herbst sich vorsieht, den Winter zu überstehen....</p> - -<p class="s3 center mtop1">Verlag von Albert Langen in München</p> - -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Kultur-Kuriosa, Erster Band, by Max Kemmerich - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KULTUR-KURIOSA, ERSTER BAND *** - -***** This file should be named 63800-h.htm or 63800-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/8/0/63800/ - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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