summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/63800-0.txt9379
-rw-r--r--old/63800-0.zipbin197683 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/63800-h.zipbin499952 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/63800-h/63800-h.htm11293
-rw-r--r--old/63800-h/images/cover.jpgbin228588 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/63800-h/images/signet.jpgbin56096 -> 0 bytes
9 files changed, 17 insertions, 20672 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..e6c030a
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #63800 (https://www.gutenberg.org/ebooks/63800)
diff --git a/old/63800-0.txt b/old/63800-0.txt
deleted file mode 100644
index 5596b48..0000000
--- a/old/63800-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,9379 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Kultur-Kuriosa, Erster Band, by Max Kemmerich
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Kultur-Kuriosa, Erster Band
-
-Author: Max Kemmerich
-
-Release Date: November 18, 2020 [EBook #63800]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KULTUR-KURIOSA, ERSTER BAND ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1910 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
- nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
- bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des
- Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird.
-
- Der Zensurstempel auf der Titelseite der Vorlage wurde nicht mit
- aufgenommen, da dieser nicht Teil des eigentlichen Buches ist.
-
- Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
- Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- gespperrt: +Pluszeichen+
- größere Schrift: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Kultur-Kuriosa
-
- Erster Band
-
-
-
-
-+Von+ Dr. +Max Kemmerich+ erschienen bei +Albert Langen+:
-
-
- ~Dinge, die man nicht sagt~ 9. Tausend
-
- ~Kultur-Kuriosa~ Zweiter Band 6. Tausend
-
- ~Prophezeiungen, Alter Aberglaube oder neue Wahrheit?~ 4.
- Tausend
-
- ~Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit~ 6. Tausend
-
- ~Das Kausalgesetz der Weltgeschichte~ 2 Bde.
- Subskriptionspreis bis 15. Juli 1913 25 M., dann 32 M. geb. auf
- Büttenpapier.
-
-
-
-
- Kultur-Kuriosa
-
- Erster Band
-
- von
-
- Dr. Max Kemmerich
-
-
- Dreizehntes und vierzehntes Tausend
-
- [Illustration]
-
-
- Albert Langen, München
-
-
-
-
- Copyright by 1910 Albert Langen, Munich
-
-
- Druck von Hesse & Becker in Leipzig
- Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis
-
-
- Seite
-
- Vorwort VII
-
- 1. Abschnitt: Modernes und Merkwürdiges in der Vergangenheit 1
-
- 2. Abschnitt: Rechtspflege 24
-
- 3. Abschnitt: Die Ketzer und die römisch-katholische Kirche 53
-
- 4. Abschnitt: Toleranz und Ähnliches 71
-
- 5. Abschnitt: Kriegswesen 96
-
- 6. Abschnitt: Ehe 115
-
- 7. Abschnitt: Sittlichkeit 132
-
- 8. Abschnitt: Schicklichkeit und anderes 157
-
- 9. Abschnitt: Medizinisches 172
-
- 10. Abschnitt: Hygiene 190
-
- 11. Abschnitt: Ehre 206
-
- 12. Abschnitt: Religion und Glauben 217
-
- 13. Abschnitt: Die „Hexen“ oder Ecclesia non sitit sanguinem! 242
-
- 14. Abschnitt: Reliquien 256
-
- 15. Abschnitt: Missionen und Kolonien 265
-
- 16. Abschnitt: Autoritäten und Fortschritt 275
-
- Anmerkungen 294
-
- Nachwort 305
-
-
-
-
-Vorwort
-
-
-Die „Kultur-Kuriosa“ sind keine Anekdotensammlung, denn sie erheben
-den Anspruch, nur solche beglaubigte Tatsachen anzuführen, die nicht
-nur merkwürdig, sondern auch für ihre Zeit, gewisse Institutionen
-und Anschauungen +charakteristisch+ sind; sie sind auch keine
-Kulturgeschichte, denn sie erstreben nach keiner Richtung hin
-Vollständigkeit oder systematische Ordnung. Was sie sind, wird der
-Leser wohl selbst herausfinden.
-
-Daß die Schattenseiten stärker betont sind als die Lichtseiten, bringt
-der Zweck des Buches mit sich. Sollte aber jemand aus dem Verschweigen
-dieser oder jener Tatsache auf irgendeine Tendenz schließen, so möge
-er sich den +Titel+ ins Gedächtnis rufen. Unterließ ich den Hinweis
-darauf, daß etwa Gregor VII. die Folterung der „Hexen“ verbietet, daß
-der Benediktinerorden sich die größten Verdienste um die Überlieferung
-der antiken Literatur erwarb, daß ein Franz von Assisi zu den Heiligen
-der Kirche zählt, daß unsere Verfassung die Gleichheit aller vor dem
-Gesetz verbürgt u. a. m., so hat das seine guten Gründe: Ich finde
-das alles garnicht kurios. Würde ich diese und andere Erscheinungen
-aufgenommen haben, so wäre das boshaft.
-
-Das Buch ist nun mal durchaus subjektiv, und jedem Leser sei
-freigestellt, Dinge, die ich für höchst sonderbar halte, für die
-natürlichsten von der Welt zu erklären und umgekehrt.
-
-Objektiv wahr aber sind die mitgeteilten Tatsachen. Sollte ich
-versehentlich in irgend einem Punkte geirrt haben, dann bitte ich um
-Belehrung; sollte ich aber mit mancher liebgewordenen Vorstellung
-aufräumen oder gar Gefühle verletzen, um Entschuldigung.
-
-Wer mit mir die Achtung vor Leben, Ehre, Freiheit und Überzeugung
-des Nächsten für das wichtigste Kulturkriterium hält, wichtiger
-als alle technischen und wissenschaftlichen Fortschritte, als alle
-künstlerischen Großtaten, der wird zugeben müssen, daß unsere Kultur
-+sehr jung+ ist und noch außerordentlich große Aufgaben gerade
-auf diesem Gebiete zu erfüllen hat. Diese Jugend aber ist eine
-Entschuldigung für manches.
-
-Wenn ein Gelehrter, der auf eine Reihe wohlwollend aufgenommener
-Publikationen blicken kann, sich hier nicht an Fachkreise, sondern an
-jeden Gebildeten wendet, dann muß er dafür seine guten Gründe haben.
-
- +München+, im März 1909
-
- +Der Verfasser+
-
-
-
-
-Erster Abschnitt
-
-Modernes und Merkwürdiges in der Vergangenheit
-
- Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken,
- Das nicht die Vorwelt schon gedacht?
-
- Goethe, Faust, I. Teil, 2. Akt
-
-
-Die Richtigkeit dieser Worte des Mephistopheles wird wohl kaum
-jemand ernstlich bestreiten wollen, und es hieße Eulen nach Athen
-tragen, durch Sammlung moderner Ideen aus der Vorzeit eine gar
-nicht bestrittene These zu beweisen. Etwas anderes ist es auch, was
-wir hier versuchen, etwas viel Einfacheres, aber auch etwas viel
-weniger Bekanntes: wir wollen zeigen, daß eine nicht geringe Zahl
-von Erfindungen, Entdeckungen, technischen Errungenschaften und
-Einrichtungen, die wir für gewöhnlich als Neuerwerbungen der Gegenwart
-betrachten, auf deren Besitz wir uns vielleicht sogar viel einbilden,
-schon ein respektables Alter aufzuweisen haben. Andrerseits werden wir
-einiges finden, was wir nicht erwartet hätten. In zwangloser Anordnung
-sei eine Reihe solcher Fakten aufgezählt:
-
-Einer der ältesten bekannten +Tunnel+ scheint der des Königs Hiskia
-von Jerusalem aus dem siebenten vorchristlichen Jahrhundert zu sein.
-Dieser heute noch erhaltene Siloah-Tunnel ist +von beiden Seiten her+
-in den Stein gegraben. Zwar hielt der Kanal die gerade Linie nicht
-ein, erreichte vielmehr statt einer Länge der Luftlinie von 335 m eine
-solche von 535 m, aber die Wagerechte wurde erstaunlich gut gewahrt,
-denn der gesamte Höhenunterschied beträgt nur 30 cm. Annähernd in der
-Mitte trafen sich die von beiden Seiten vordringenden Steinhauer[1].
-Gar aus der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends ist der große Tunnel in
-Gezer in Palästina mit einer Wölbung wie die Londoner Untergrundbahn.
-Er stieg 94 Fuß unter den gewachsenen Felsen.
-
-
-So neu der Gedanke der +Schienen+ uns erscheinen mag, er ist es
-keineswegs. Man hatte sie bereits im Altertum, und zwar -- der jetzigen
-ausschließlich auf Eisen- und Straßenbahnen sich beschränkenden
-Anwendung gegenüber fast ein Vorzug -- vielfach auf stark befahrenen
-öffentlichen Straßen. Man stellte diese Geleise durch Einschnitte in
-den Boden her. Solche gab es z. B. an den Toren von Athen, auf dem
-Wege, der direkt vom Piräus nach der Agora führte, sogar die römische
-Alpenstraße in den Dauphiné-Alpen zeigt deutliche Spuren! Desgleichen
-Straßen im Hauran̄, wie mir ein Reisender mitteilte. Die Ähnlichkeit
-dieser in den steinigen Boden eingegrabenen Geleise mit unseren
-Schienen wird noch vervollständigt durch die Anlage von richtigen
-Ausweichkurven, die, im gehörigen Abstand angelegt, das Kreuzen
-zweier Wagen auf dem einzigen Geleise gestatteten. Die Spurweite war
-in Griechenland, bzw. in allen unter griechischem Einfluß stehenden
-Ländern wohl überall ganz gleich, auf der in Frankreich entdeckten
-römischen Straße betrug die Entfernung der Einschnitte voneinander
-genau 1,44 m, also etwa soviel, wie bei unseren Vollbahnen[2]!
-
-
-+Quellensucher+, ob mit oder ohne Wünschelrute, gab es ebenfalls
-bereits im Altertum, und zwar in zunftmäßigen Verbänden. Einzelne
-dieser Leute begleiteten sogar die Heere, um im Notfalle durch
-sofortige Bohrungen Trinkwasser zu beschaffen. Im heutigen Algier
-haben sich die Spuren zahlreicher Brunnen gefunden, die nunmehr von
-den Franzosen wieder instand gesetzt wurden. Ihnen war es zu danken,
-daß in der Wüste Oasen sich bildeten, die mit dem Verfall der Brunnen
-im Jahrtausend der Barbarei wieder dem glühenden Sande weichen mußten.
-Nachweislich haben die Römer im ungünstigen Terrain der afrikanischen
-Wüste gegen 200 m tiefe Bohrungen mit größtem Erfolge angestellt.
-Dabei ist es uns völlig rätselhaft, sowohl wie sie die Stelle der
-unterirdischen Wasseradern erkannten, als auch wie sie die technischen
-Mittel besaßen, die Bohrungen durchzuführen.
-
-In neuerer Zeit war als Quellenfinder der französische Abbé Paramelle
-am erfolgreichsten. Er hat seine Erfahrungen in einem Werke, betitelt:
-„L’art de découvrir les sources“, niedergelegt. In den 64 Jahren
-seines Lebens hat er 10275 Quellenangaben gemacht, von denen 9000 zur
-Ausführung gekommen sind[3].
-
-
-Der +Blitzableiter+ wurde von den alten Ägyptern um 1300 v.
-Chr., wenn auch noch in primitiver Form, vorausgeahnt. Zur Ableitung
-des Blitzes wurden nämlich von Ramses III. in Medinet Abu -- und
-zweifellos auch anderwärts und wohl auch schon vor ihm -- die Spitzen
-der an den Stadttoren errichteten hohen Masten vergoldet.
-
-Die griechischen und römischen Priester scheinen die Kunst besessen
-zu haben, Blitze vom Himmel herabzulocken -- wobei sie allerdings
-bisweilen wie Tullus Hostilius (Livius I, 31, 8) erschlagen wurden. Sie
-richteten zu diesem Zwecke metallbeschlagene Stangen auf, wohl weil sie
-beobachtet hatten, daß Metalle vom Blitz bevorzugt wurden. Allerdings
-fehlte noch die metallene Ableitung in das wasserhaltige Erdreich[4].
-
- *
-
-Daß die +Reisegeschwindigkeit+ im Altertum gar nicht so gering
-war, mag aus folgenden Notizen hervorgehen: Mit der Staatspost legte
-man die 150 geographischen Meilen von Antiochia bis Konstantinopel
-in sechs Tagen zurück, also pro Tag etwa 190 km. Cäsar reiste von
-Rom bis an die Rhone in nicht vollen acht Tagen, machte also 150 km
-pro Tag, was mit Recht, in Berücksichtigung der großen Entfernung,
-für sehr schnell galt. Geradezu verblüffend schnell ritt der Kurier,
-der die Nachricht von der Ermordung des Maximin -- natürlich auf
-gewechselten Pferden -- in knapp vier Tagen von Aquileja nach Rom
-brachte. Er legte also mindestens 200 km pro Tag zurück, eine Leistung,
-die jeder Kavallerist erstaunlich hoch finden wird, da sie weit die
-Durchschnittsleistungen unserer allerdings mit +einem+ Pferde
-bestrittenen Ritte um den Kaiserpreis übertrifft. Aber selbst wenn er
-im Wagen gefahren sein sollte, was nach der Notiz möglich ist, könnte
-er mit den hervorragendsten sportlichen Leistungen der Gegenwart
-erfolgreich konkurrieren. Brauchte doch die Distanzfahrt im Sommer 1908
-von Berlin nach München -- etwa 700 km -- vier Tage, also bedeutend
-mehr Zeit auf die Einheit des Weges.
-
-
-Die Kuriere, die die Nachricht vom Aufstand in Belgien, im tiefen
-Winter des Jahres 69 n. Chr., nach Rom brachten, legten neun Tage lang
-je etwa 240 km zurück! Hierbei ist aber zweifellos an Relais zu denken.
-Die schnellste bekannte Reise ist die des Tiberius zum erkrankten
-Drusus von Pavia nach Germanien. Durch das Land der eben besiegten
-Chatten ritt er mit nur einem Begleiter -- natürlich mit Pferdewechsel
--- in 24 Stunden etwa 290 km!!! Das ist natürlich nur möglich, wenn
-er weite Strecken galoppierte und rücksichtslos die Pferde tot ritt.
-Trotzdem bietet die Sportgeschichte des letzten Jahrhunderts dazu kein
-Analogon. Im Durchschnitt legte der im Wagen fahrende Reisende täglich
-zur Römerzeit auf weite Entfernungen etwa 60-73 km zurück[4], während
-der frühmittelalterliche Tagesmarsch nur 20-30 km betrug[5].
-
-
-Im Jahre 1188 brauchte ein am 17. März mit einer päpstlichen Bulle
-von Rom abgehender Bote 25 Tage, bis er am 15. April in Canterbury
-eintraf[6].
-
-
-In römischer Zeit galt eine +Seereise+ von fünf Tagen von Ostia
-bis Taraco in Spanien für schnell. Eine in umgekehrter Richtung in
-weniger als vier Tagen gemachte bezeichnet der ältere Plinius als eine
-der schnellsten je vorgekommenen. Cervantes nannte schon eine 12tägige
-Fahrt von Neapel nach Barcelona eine glückliche[7].
-
-
-Richard Löwenherz brauchte von Marseille bis Messina vom 16. August
-1190 bis zum 23. September, also sehr lange. Er schiffte sich am 9.
-Oktober 1192 in Akka ein und gelangte am 11. November nach Korfu; das
-war die normale Geschwindigkeit im Mittelalter, -- also bedeutend
-geringer als zur Römerzeit[8].
-
-
-Viel schneller ging natürlich die Nachrichtenübermittlung durch
-+Brieftauben+. Die Griechen und Römer, ebenso wie die Araber
-bedienten sich bereits dieser Post, und zwar in besonders ausgedehntem
-Maße die letzteren, die von Bagdad bis Aleppo sowie längs der
-kleinasiatischen Küste bis Alexandrien Brieftauben benutzten.
-Gelegentlich wurden auch Schwalben zum gleichen Zwecke verwandt
-(Plinius nat. hist. X, 71)[9]. Polybios erzählt (CX, 42 ff.) sogar von
-der +Feuertelegraphie+ der Griechen, die lange vor ihm Aeschylos
-(Agamemnon 268 ff.) schon kannte. Doch handelt es sich um vorher
-verabredete Mitteilungen.
-
-Vom +Verkehr+ zur Römerzeit gibt die Tatsache eine Vorstellung,
-daß fast in jeder größeren Villa oder Ortschaft der Schweiz
-Austernschalen gefunden wurden. Zu Avenches fand man auch Reste von
-Datteln und Oliven. Die Tongefäße von Lugdunum (Lyon) finden sich in
-ganz Gallien, England, Oberitalien, dem Alpengebiet bis Tirol und
-Ungarn, und zwar überall mit demselben Fabrikstempel bezeichnet[10].
-
-Die alten Römer bauten bereits Seeschiffe mit einem Raumgehalt von 2670
-Tonnen[11].
-
- *
-
-Im Altertum gab es auch eine +Tageszeitung+ in den durch Cäsar
-59 v. Chr. in Rom begründeten Acta diurna oder Acta urbis. In diesen
-wurden amtlich Nachrichten öffentlichen und privaten Charakters
-zusammengestellt und veröffentlicht, allerdings nicht vervielfältigt.
-Ja, sogar Korrespondenten gab es, die gegen Bezahlung von Rom
-Tagesneuigkeiten in die Provinz schickten.
-
- *
-
-+Vegetarianer+ gab es ebenfalls schon im alten Rom. Seneca und
-Plutarch gehörten nachweisbarlich zu ihnen, und letzterer hat sogar mit
-allen Künsten der Dialektik seine Lebensweise verteidigt bzw. die der
-Fleischesser angegriffen (Moralia „de carnium esu“).
-
-Ebenso sind +Antialkoholiker+- und +Temperenzlervereine+
-bereits im Altertume bekannt. Schon ein Ramses II. (ca. 1350 v.
-Chr.) hat eine Antialkoholliga gegen die Trunkenboldigkeit der alten
-Ägypter gegründet, wie im Jahre 1902 aus Malereien und Inschriften in
-der France Médicale nachgewiesen wurde. Allerdings trieb man es auch
-toll, und die Ägypterinnen des neuen Reiches -- von den Männern ganz
-zu schweigen -- fanden so wenig Anstößiges an der Trunkenheit, daß
-sich sogar Damen in dem Augenblick des Übelwerdens an der Wand ihres
-Grabes verewigen ließen. Dazu sei bemerkt, daß bereits das alte Reich
-vier verschiedene Biersorten und mindestens sechs Weinsorten, darunter
-weißen, roten, schwarzen und nördlichen unterschied und wohl auch ein
-Palmbranntwein bekannt war[12].
-
-Radikalen Erfolg mit seiner Antialkoholpropaganda hatte ein gewisser
-Decaeneus kurze Zeit vor Strabon. Während die Geten bisher dem
-Bacchus im Übermaße geopfert hatten, gewannen seine Brandreden auf
-sie so großen Einfluß, daß sie nach und nach alle Weinstöcke im Lande
-freiwillig ausrotteten und fortan ohne Wein lebten (Strabo VII, 3, 11
-und Jordanis 11).
-
-Bekanntlich werden heute noch in einigen Staaten des freien Amerika
-alkoholische Getränke nur in Apotheken auf Grund von ärztlichen
-Rezepten, die zu bekommen allerdings nicht allzu schwer ist,
-verabreicht. Als ob erzwungene Abstinenz eine geringere Barbarei als
-Völlerei wäre!
-
-Die +Elektrizität+ wurde, wie Scribonius Largus (11) und
-Dioscorides beweisen, schon im Altertum zu Heilzwecken angewandt, wenn
-auch noch in recht primitiver Weise. Bei langwierigen Kopfschmerzen
-legte man nämlich den Zitterrochen auf, bis an der behandelten Stelle
-Taubheit entstand. Genügte ein Fisch nicht, dann wurde die Prozedur
-wiederholt.
-
-Behandlung durch +Massage+ kannte bereits Hippokrates um 400
-v. Chr., und zwar noch nicht einmal als Erster. Bekanntlich ist sie
-nach verschiedenen Ansätzen 1575, 1650 und 1853 erst wieder durch
-den holländischen Arzt Mezger in die offizielle Medizin eingeführt
-worden[13].
-
-Ebenso wurde eine Art +Kneippkur+ angewandt, und zwar von
-Asclepiades von Prusa, einem Arzt, der im 1. vorchristlichen
-Jahrhundert in Rom großen Zulauf hatte. Er war ein Feind vielen
-Medikamentierens, ließ seine Patienten fasten, verordnete Bewegung
-und Massage und verschrieb Kaltwassergüsse, wie sein Kollege in
-Wörishofen. Ferner verordnete er Regenbäder und Waten im Sande mit
-nassen Füßen. Antonius Musa hat 23 v. Chr. den Augustus mit dieser
-Therapie geheilt.
-
-Auch +Vivisektionen+ zu wissenschaftlichen Zwecken kommen im
-Altertum vor, und zwar außer an Tieren auch an Verbrechern, zuerst --
-nach Celsus (Prooemium ed. Daremberg p. 4, Zeile 37 ff.) und Tertullian
-(de anima 10) durch Herophilus, den der Kirchenvater Arzt, oder besser
-„Fleischhacker“ nennt. Leichensektionen kommen (nach Plinius hist.
-nat. XIX, 86) erst unter den alexandrinischen Ärzten auf, während
-Aristoteles wohl aus religiösen Gründen noch davor zurückschreckte.
-Das ganze frühe Mittelalter hindurch war die Leichenöffnung -- auch
-bei den sonst so aufgeklärten Arabern -- verpönt. Mondino de Liucei
-(ca. 1275-1326) hat seit anderthalb Jahrtausenden als Erster wieder
-menschliche Kadaver seziert. Seit dem 15. Jahrhundert aber war erst
-der Bann gebrochen und Anatomie ein ordnungsmäßiges Lehrfach auf den
-Universitäten[14].
-
-Während der +Star+ noch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts durch
-Versenkung der aus der Pupille geschobenen Linse in den Glaskörperraum
-geheilt wurde, ist die Operation, d. h. die Entfernung nach außen
-durch Eingriff bereits dem 4000 Jahre alten Papyrus Ebers bekannt und
-wurde, wie Antyllus bezeugt, in der Antike geübt, um wie so vieles im
-Mittelalter in Vergessenheit zu geraten.
-
-Ein Vorläufer Harveys, der im Jahre 1619 den +Blutkreislauf+
-entdeckte, war schon Erasistratos von Keos, um 300 v. Chr. Leibarzt
-des Königs Seleucos I. Ebenso ist Galen, bis auf die Venenklappen,
-der Entdeckung des berühmten Engländers sehr nahe gekommen. Aber
-auch er hatte Vorläufer in den alten Ägyptern, die bereits eine
-rudimentäre Kenntnis des Blutkreislaufes besaßen. Beginnende
-Herzklappenerkrankungen suchten sie, wie die heutigen Ärzte, durch Ruhe
-zu beseitigen[15].
-
-Sogar eine mit Mandragora(Alraun)wurzel vorgenommene +Narkose+
-war den Alten wohl bekannt. Dioskurides behauptet, daß die mit
-diesem Mittel beim Patienten hervorgerufene Gefühllosigkeit drei
-bis vier Stunden angehalten habe. Bilsenkraut läßt sich bereits bei
-Homer als Narkotikum nachweisen. Im 12. und 13. Jahrhundert unserer
-Zeitrechnung wurde es allgemein zur Schmerzlinderung verwandt und von
-Guy de Chauliac um 1300 sogar bei Amputationen benützt. Bereits 1460
-beschreibt Heinrich von Pflospeundt in seiner „Bündt-Ertzney“ die
-Inhalationsnarkose vor Operationen mit Mohn (Opium), Bilsenkraut und
-Alraun[16].
-
-Im Altertum verstand man bereits +künstliche Glieder+
-anzufertigen. Schon bei den alten Indern waren Nasen, Ohren und Lippen
-aus Gips etwas ganz Gewöhnliches, was sich aus der Häufigkeit des
-strafweisen Abschneidens dieser Körperteile erklärt. Griechische und
-römische Soldaten, denen im Kriege ein Arm oder Bein abhanden kam,
-wußten sich Ersatz zu beschaffen. Das Royal College of Surgeons in
-England besitzt in seinem Museum ein solches in einem Grabe in Capua
-gefundenes Bein von etwa 300 v. Chr. Es wird im Katalog folgendermaßen
-beschrieben: „Das künstliche Glied stellt genau die Form des Beines
-dar; es ist aus Stücken dünner Bronze hergestellt, die mit Bronzenägeln
-an einem hölzernen Kern befestigt sind. Zwei Eisenstangen, die an ihren
-freien Enden Löcher haben, sind an dem obersten äußersten Ende der
-Bronze befestigt...[17]“
-
-Auch +künstliche Augen+ und +künstliche Zähne+ kommen damals
-schon vor. Der erste, der im christlichen Mittelalter die Einsetzung
-eines künstlichen Auges in die Augenhöhle eines lebenden Menschen
-beschrieb, war der berühmte französische Chirurg Ambroise Paré. Im
-Jahre 1561 stellte er ein solches aus emailliertem Gold her, und zwar
-in den natürlichen Farben. Paré gibt sich aber nicht als Erfinder
-dieses Verfahrens aus und erklärt noch nicht einmal, daß die Sache neu
-wäre[18].
-
-Götz von Berlichingens berühmte +eiserne Hand+, die ihm der
-Schmied von Olnhausen anfertigte, nachdem er seine Rechte 1504 bei
-der Belagerung von Landshut eingebüßt hatte, besaß nicht nur eine
-Vorläuferin in der eines Ritters, der etwa 100 Jahre vor Götz im Rhin
-ertrank, und dessen Hand man 1834 in Alt-Ruppin nebst Schwert, Sporen
-usw. im Rhinbett fand, sondern ein wackerer Römer war bereits auf
-dasselbe Auskunftsmittel verfallen. M. Sergius Silus (d. h. Stülpnase)
-hieß der verwegene Held, der z. Z. des Zweiten Punischen Krieges seine
-verlorene Hand durch eine eiserne ersetzte, mit der er Meisterstücke
-der Tapferkeit vollführte. Plinius, der die Heldentaten dieses kühnen
-Urgroßvaters des berüchtigten Katilina überliefert (nat. hist. VII, 105
-f. und Livius XXXII, 27 ff.), meint, andere seien Sieger über Menschen
-gewesen, aber Sergius habe selbst das Schicksal überwunden[19].
-
-Von +Bazillen+ als Urhebern der Malaria hatte bereits Varro eine
-Vorstellung, wenn er (R. r. I, 12) schreibt, daß an sumpfigen Orten
-kleinwinzige Lebewesen entstehen, die man mit dem Auge nicht wahrnehmen
-kann und die vermittelst der Luft durch Mund und Nase eindringen und
-geschwächte Personen infizieren. Erst 1726 kommt der niederländische
-Arzt Dr. Knott auf den gleichen Gedanken, und zwar spricht er von
-Kleinwesen als Erregern der Lungenschwindsucht und nimmt ebenfalls
-an, daß sie eingeatmet werden. Vermutlich seien sie auch die Ursachen
-anderer Krankheiten und daher als ansteckend zu betrachten. Der Erste,
-der Bakterien sah, und zwar im menschlichen Speichel, war Leewenhoek
-1683[20].
-
- *
-
-Die +Taxameterdroschke+ wird bereits im 9. Kapitel des 10. Buches
-von Vitruvius „de architectura“ beschrieben. Es waren das Wagen, die an
-ihren Achsen Stunden- und Meilenzeiger hatten, indem nämlich jedesmal,
-wenn eine Meile zurückgelegt war, ein Steinchen mit hörbarem Tone in
-ein im Innern des Wagenbodens untergestelltes Bronzegefäß fiel. Zählte
-man die Steine, dann wußte man auch, wie viele Meilen man zurückgelegt
-hatte. Daß solche natürlich sehr teuren Wagen auch im Gebrauch waren,
-steht fest. Im Nachlaß des verschwenderischen Commodus befanden sich
-einige, die Pertinax mit anderen Kostbarkeiten versteigern ließ. Aber
-sogar +Automobile+ besaß Commodus. Anders wenigstens ist die von
-Julius Capitolinus im 8. Kapitel der Biographie des Pertinax gegebene
-Beschreibung nicht zu verstehen. Er spricht von vorspannlosen Wagen von
-neuartiger Konstruktion, deren Räder sich mit Hilfe eines sinnreichen
-Mechanismus und eines verwickelten Räderwerkes von selbst um ihre Achse
-drehten. Die Sitze waren so angebracht, daß sie dem Wagenführer Schutz
-vor den Sonnenstrahlen boten. Auch ließen sie sich so drehen, daß der
-Reisende auf der Fahrt stets Rückenwind hatte.
-
-Auch ein Araber kam auf diesen Gedanken. Im arabischen genealogischen
-Werke Lubâb (zitiert von Wüstenfeld, Genealogische Tabellen der
-arabischen Stämme und Familien, Register p. 377) ist ein Araber er =
-Rabî ibn Zijâd erwähnt, der vor 656 starb. Er trug den Beinamen „Fâris
-el-Arrâde“, d. h. der Maschinenreiter, weil er eine Maschine erfunden
-hatte, auf der er fahren konnte, als ob er auf einem Kamel säße. (Nach
-einer Notiz des Herrn Hauptmann E. v. Zambaur in Wiener-Neustadt.) Im
-Mittelalter spricht zuerst der geniale Roger Bacon (1214-1294) im 13.
-Jahrhundert einen ähnlichen Gedanken aus, doch dürfte es sich nur um
-einen Schlitten mit Segeln gehandelt haben. Interessant aber ist die
-weitere Notiz: „Man kann ferner Instrumente zum +Fliegen+ machen,
-so daß ein in der Mitte sitzender Mann eine Kurbel dreht, durch die
-besondere Flügel nach Art der Vögel die Luft treffen“[21]. Also ein
-Vorläufer der Gebrüder Wright! Allerdings erging es ihm schlechter wie
-diesen, denn die Kirche ließ ihn als „Zauberer“ lange Jahre im Kerker
-schmachten!
-
-Von +Automaten+, in deren Konstruktion das Altertum so
-außerordentlich erfindungsreich war, interessiert uns im Zeitalter der
-Luftschiffahrt besonders eine hölzerne Taube des Archytas von Tarent,
-die tatsächlich imstande war, auf kürzere Strecken in der Luft umher
-zu fliegen. Wenn die Taube nach beendetem Fluge sich auf die Erde
-niedergelassen hatte, konnte sie sich allerdings nicht wieder erheben.
-(Vgl. Gellius X, 12.) Demetrius von Phaleron hatte eine kriechende
-Schnecke, in Olympia aber war ein flügelschlagender eherner Adler
-(Pausanias VI, 20, 12).
-
-Sogar +Warenautomaten+ kannte das Altertum. Heron von Alexandrien
-im 2. Jahrhundert v. Chr. (vgl. die Ausgabe von W. Schmidt, Leipzig
-1899-1901 mit Illustrationen) erzählt außer von vielen anderen auch von
-Weihwasserautomaten, die in den Tempeln aufgestellt waren und aus denen
-Wasser floß, wenn man eine Drachme oder einen Obolus hineinwarf.
-
-Besonders merkwürdig ist der Automat, den nach Erzählung der
-byzantinischen Chronographen der oströmische Kaiser Theophilus
-(829-842), durch die Schriften des genialen Heron angeregt, sich
-anfertigen ließ. Er ließ nämlich zu beiden Seiten seines Thrones zwei
-Löwen aus reinem Golde anbringen. So oft der Kaiser nun auf dem Throne
-Platz nahm, erhoben sie sich mittels einer mechanischen Vorrichtung,
-brüllten und legten sich dann wieder nieder.
-
-Der Gedanke des +Taucherbootes+ begegnet uns bereits zur Zeit der
-Kreuzzüge. Es war allerdings sehr primitiv. Im Gedichte Salomon und
-Morolf (Vers 174 und 342, Voigt) heißt es nämlich: „Môrolf im bereiten
-hiez Ein schiffelîn von ledere Er ûf daz mere stiez. Daz was mit beche
-wol berant; Zwei venster (glase fenster) gâben im daz liecht: Alsô
-meistert ez sîn hant.“ „An ir aller angesicht Senkt er sich nider ûf
-den grunt. Ein rôre in daz schiffelîn ging, Dâ mit Môrolf den âtem
-ving. Daz het er gewirket dar an Mit eime starken ledere Môrolf der
-listige man. Ein snuore die lag oben dar an, Daz der dugenthafte man
-Daz rôre nit liez brechen abe. Er barg sich zuo dem grunde Volleclîchen
-vierzehen tage[22].“ Ob ein ähnliches Fahrzeug in der Wirklichkeit
-existierte, sei dahingestellt. Keinesfalls war es ein behaglicher
-Aufenthalt. Die Abbildung eines Unterseebootes bzw. einer Taucherglocke
-aus dem 14. Jahrhundert befindet sich im cod. germ. 5 der Münchner Hof-
-und Staatsbibliothek.
-
- *
-
-Die berühmte +Schnurrbartbinde+ „Es ist erreicht“ hat ihre Vorläufer
-schon um 1600 gehabt. Im 15. Kapitel des 4. Buches schreibt Cervantes
-in seinem Don Quichote: „Er stellte sich im Bett auf, eine spitze Mütze
-auf dem Kopfe, den Knebelbart in Banden, damit er nicht schlaff würde
-und nieder fiele“.
-
-Daß die +geschnürte Taille mit Decolleté+ bereits im 2. vorchristlichen
-Jahrtausend in Kreta getragen wurde, dürfte manche Dame interessieren.
-Das reizende 34 cm hohe dort gefundene Figürchen der Schlangengöttin
-zeigt ein solches Kostüm, das mit unserer Frauenmode verblüffende
-Ähnlichkeit besitzt. Der über und über gefältelte Rock einer andern
-Figur ist ebenfalls ganz mit eleganten Volants besetzt, dazu trägt
-sie ein enges Mieder, eine im Bogen ausgeschnittene Korsage und
-stark ausgebogene, wohl wattierte Hüften. Der Rock ist deutlich
-glockenförmig. Besonders von rückwärts könnte man diese Figuren leicht
-für Modedamen unserer Zeit ansehen[23].
-
- *
-
-Die +Kugelgestalt der Erde+ lehrten bereits im 6. vorchristlichen
-Jahrhundert Anaximander und Pythagoras, und mit besonderem Nachdruck
-wies etwa 350 v. Chr. Eudoxos auf dieselbe hin, Archimedes aber suchte
-einen aprioristischen Beweis dafür zu erbringen. Der Kalif Al Manûm
-ließ den Umfang der Kugel auf 24000 engl. Meilen, die Länge eines
-Grades bis auf 500 m genau berechnen[24].
-
-Um 270 v. Chr. hat der alexandrinische Mathematiker und Astronom
-Aristarchos von Samos den +Stillstand der Sonne+ und die +Bewegung
-der Erde um die Sonne+ gelehrt. Seleucus aus Seleucia hat bereits um
-150 v. Chr. eine unendliche Ausdehnung der Welt angenommen und das
-sonnenzentrische System geradezu als Lehre aufgestellt.
-
- *
-
-Die +athenische Landwirtschaft+ der griechischen Blütezeit kannte
-weder die Sense, noch den Flegel: man schnitt das Getreide in halber
-Höhe mit der Sichel und drosch, indem man die Körner durch Pferde und
-Maultiere aus den Ähren treten ließ. Auch die Egge war unbekannt; man
-mußte den Samen mit der Schaufel unter die Erde bringen. Auch die
-Dreifelderwirtschaft kannten die Griechen zu keiner Zeit. Ebenso fehlte
-ein brauchbares Feuerzeug, so daß das Herdfeuer nie ausgehen durfte.
-Geschah es aber doch, dann mußte die Hausfrau es mit der Lampe von der
-Nachbarin wieder ins Haus tragen[25].
-
- *
-
-Zur römischen Kaiserzeit kamen in Gallien bereits +Glasfenster+
-vor[26].
-
-Damals konnte in Rom jedermann einen Auslaß aus der allgemeinen
-+Wasserleitung+ in seinem Hause haben, ebenso in Antiochia und
-Alexandrien. Sogar nächtliche Straßenbeleuchtung war vorhanden[27].
-
-Während im alten Rom die +Prügelstrafe+ selbst bei Stabsoffizieren
-noch zulässig war, wird in der humanen Gegenwart der größte Rohling,
-der Baumpflanzungen und Blumenbeete aus Übermut zerstört, den Frauen
-die Zöpfe abschneidet und die Kleider mit Kot beschmiert, lediglich
-einige Zeit auf Staatskosten verpflegt[28].
-
- *
-
-Das +Scheck- und Girowesen+ bestand bereits im Altertum (Cicero epist.
-ad Att. XI, 24, XII, 24, 27, XV, 15), ja, Wechsel wurden bereits bei
-den Babyloniern verwandt. Ebenso ist die +Hypothek+ eine bereits im 6.
-vorchristlichen Jahrhundert bestehende Einrichtung[29].
-
- *
-
-+Anarchisten+ gab es auch schon im Altertum, und zwar in Palästina,
-das in dieser Hinsicht durch fast anderthalb Jahrtausende die Welt
-in Atem hielt. Flavius Josephus erzählt von den Sicariern oder
-Dolchbrüdern, die in der 2. Hälfte des 1. nachchristlichen Jahrhunderts
-die Propaganda der Tat in größtem Stile betrieben, und zwar nicht
-etwa als Räuber, sondern -- wie in der Gegenwart -- als politische
-Mordgesellschaft.
-
-Ihre höchste Blüte erlebte die anarchistische Gesellschaft der
-Assasinen zur Zeit der Kreuzzüge im gelobten Lande. Sie gingen
-hervor aus der mohammedanischen ketzerischen Sekte der Ismaeliten
-und lehrten den reinen Nihilismus, d. h., daß alles gleichgültig
-und daher auch alles erlaubt sei. Ums Jahr 1100 war ihr gewaltiger
-Führer Hasan-i-Sabbah, der Alte vom Berge, der vom Schlosse Alamut aus
-durch Meuchelmord und Gewalttaten seine Gegner im Zaume hielt. Trotz
-ihrer sittlichen Grundsätze waren diese Assasinen -- wie noch heute
-die Anarchisten -- ihren Führern blind ergeben, und zwar in solchem
-Grade, daß sich auf einen Wink des Führers hin die Wachen vom Turm
-herabstürzten, nur um ihren Gehorsam zu zeigen, oder daß eine Mutter in
-Verzweiflung geriet, wenn ihr Sohn von einer gelungenen Mordexkursion
-zurückkehrte, statt für seinen Glauben zu sterben. Ihr Wirken lebt noch
-heute im Abendlande fort: assassino und assassin, von Haschischin, dem
-Rauchen des berauschenden Hanfes abgeleitet, heißt Mörder[30].
-
- *
-
-+Reliquien von Heiligen+ wurden bereits im Altertum gesammelt. Man ging
-im Blödsinn vielleicht nicht so weit, wie das Mittelalter, das ein
-Stück von der ägyptischen Finsternis und ähnliches vorwies, immerhin
-wurde nach Pausanias das Ei der Leda in einem Tempel in Sparta, und
-die falschen(!) Zähne des erymanthischen Ebers im Tempel des Apollo
-im Lande Opike denen, die nicht alle werden, gezeigt. Eine antike
-Reliquienliste gibt Fr. Pfister „Der Reliquien-Kult im Altertum“
-(Gießen 1909) I. Bd., S. 323 ff.
-
- *
-
-Auch eine besoldete +Claque+ besaßen bereits die alten Römer. Nero soll
-gar 5000 in seinen Diensten gehabt haben. Die Chefs der verschiedenen
-Claquedivisionen erhielten je 40000 Sestertien Gehalt! (Sueton, Nero
-XX, Tacitus Ann. XIV, 15, Dio. Cassius LXI, 20)[31].
-
- *
-
-Das +Monocle+ oder Lorgnon darf sich gleichfalls eines ehrwürdigen
-Alters rühmen. Kaiser Nero sah den Gladiatorenkämpfen im Zirkus durch
-einen Smaragd zu (Plinius nat. hist. XXXVII, 64)[32]. Erst 1730 wird
-wieder ein Monocle erwähnt, das Keyßler beim englischen Gesandten in
-Rom, Herrn von Storsch, sieht und wie folgt beschreibt: „Wegen seiner
-blöden Augen bedient er sich eines Fernglases, so mit einem dünnen
-Kettchen am Rocke befestiget ist. Die Haut um sein Auge ist also
-gewöhnet, daß sie sich fest um dieses Glas schließt, und er nicht
-nöthig hat, solches mit den Händen daran zu halten“.
-
- *
-
-Ein jährliches +Honorar+ von etwa 90000 Mark bezog Q. Roscius, ein
-Zeitgenosse Ciceros, als +Schauspieler+ (Plinius nat. hist. VII,
-128, X, 141, XXXV, 163 Sueton. Vesp. 19). Damit dürfte er von den
-höchstbesoldeten Mimen der Gegenwart kaum übertroffen werden. Im
-dritten vorchristlichen Jahrhundert bezog der Kitharode Amoibeus in
-Athen für jedes Auftreten 1 Talent, also 4715 Mark! Die in Korinth
-gekaufte Flöte des großen Virtuosen Ismenios kostete 7 Talente! (Vgl.
-Aristeas bei Athenaeus XIV, 623d)[33].
-
- *
-
-Im Museum zu Odessa steht ein Stein, der in der alten Griechenstadt
-Olbia aufgefunden wurde. Er trägt die Inschrift: „Ich künde, daß
-282 Klafter weit mit dem +Bogen geschossen+ hat der berühmte
-Anaxagoras, des Demagoras Sohn --...“ Das war allerdings eine
-fabelhafte Leistung, denn 500 m sind selbst für einen Gewehrschuß nicht
-wenig, geschweige für einen Bogenschuß! Allerdings dürfte es sich nur
-um einen Weitschuß ohne Rücksicht auf ein bestimmtes Ziel gehandelt
-haben. Daß aber der Stein von einer +Schützengilde+ gesetzt
-wurde, und zwar auf einer scheibenartigen Tafel, erinnert stark an die
-modernen Gebräuche.
-
- *
-
-Die einzige +Steuer+, die der in Italien wohnende römische Bürger
-zu zahlen hatte, war eine +Erbschaftssteuer+ von 5% von allen
-Erbschaften und Legaten über 20000 Mark mit Ausnahme der von den
-nächsten Blutsverwandten herrührenden[34].
-
- *
-
-Außer in Rom standen in keiner Stadt Italiens im Altertum
-+Soldaten+.
-
- *
-
-Die Errichtung von +Statuen+ war in der Antike eine so häufige Ehrung,
-daß in Brescia einmal sogar dem 6jährigen Sohne eines Decurionen eine
-Reiterstatue aus vergoldeter Bronze errichtet wurde. Allerdings waren
-Statuen billig, der Ausgezeichnete zahlte sie meist selbst und gab
-zudem Festivitäten.
-
-Bereits im Jahre 73 n. Chr. wurde ein offizieller +Katalog+ der dem
-römischen Staate gehörigen +Kunstwerke+, vielleicht unter Mitwirkung
-des Plinius, angelegt. Das Bruchstück eines zweisprachigen aus dem 3.
-Jahrhundert stammenden Museumskatalogs hat sich noch erhalten[35].
-
-+Anschlagsäulen+ für Vergnügungsanzeigen und Reklamezwecke gab es
-schon in Herculanum. Und zwar waren die Plakate mit Gummiarabicum
-angeklebt[36].
-
- *
-
-Das +Zweikindersystem+ wird bereits von Hesiod empfohlen, und zwar
-in der Form, daß das Haus höchstens zwei Söhne besitzen soll. Man
-erreichte dies durch Kinderaussetzung, was aber bei dem humanen Sinn
-der Griechen mehr rechtliche als praktische Bedeutung hatte, und durch
-Förderung des außerehelichen Verkehrs der Geschlechter[37].
-
-Die Römer trugen vielfach einen +Phallus+ als Brosche bzw. Amulett, wie
-auch die öffentlichen Häuser in Pompeji durch einen großen steinernen
-Phallus kenntlich gemacht waren. Im Geheimkabinett des Museo Nationale
-in Neapel befindet sich eine große Sammlung solcher Phalli. Die
-ägyptischen Prinzessinnen erhielten denselben Gegenstand in Naturgröße
-aus Stein gefertigt ins Grab mitgegeben, um auch im Jenseits nichts
-entbehren zu müssen[38].
-
- *
-
-Ein +Zahlungsmoratorium+ kennt bereits das Gesetz Hammurabis, das
-älteste Gesetzbuch der Welt, das etwa anderthalb Jahrtausende in
-Kraft blieb. Der 48. Paragraph lautet nämlich: „Wenn jemand eine
-verzinsbare Schuld hat und ein Unwetter sein Feld verwüstet, oder die
-Ernte vernichtet, oder wegen Wassermangel Getreide auf dem Felde nicht
-wächst: so soll er in diesem Jahre dem Gläubiger kein Getreide geben,
-seine Schuldtafel (im Wasser) aufweichen und Zinsen für dieses Jahr
-nicht zahlen“[39].
-
- *
-
-Die Könige der Spartaner, Alexander der Große, Justinian und viele
-andere wurden in +Honig+ zur letzten Ruhe gebettet. Die konservierende
-Eigenschaft von Wachs und Honig war bereits den Scythen und Persern
-bekannt[40].
-
-Dagegen war es im Mittelalter Sitte, die Leiche der verstorbenen
-Fürstlichkeiten und hohen Personen auszuweiden. Dabei verfuhr man
-oft unglaublich roh. Matthäus Parisiensis (1135) erzählt von den
-Prozeduren, denen der Leichnam König Heinrichs I. von England († 1135)
-durch einen Fleischer unterworfen wurde, folgendes: „Sein Leichnam
-wurde nach Rouen gebracht und da begrub man seine Eingeweide, sein
-Gehirn und seine Augen. Der übrige Körper wurde überall mit kleinen
-Messern geschnitten, mit vielem Salze bestreut, in Rindshäute gehüllt
-und so, um den üblen Geruch zu vermeiden, eingenäht. Aber letzterer
-war doch so stark und überwältigend, daß er die Umstehenden krank
-machte. Darum starb auch der Mann, welcher, durch eine große Belohnung
-gewonnen, des Toten Haupt, um das stinkende Gehirn herauszunehmen, mit
-einem Beile gespaltet hatte, obwohl er sich den Kopf mit Leintüchern
-umwickelt, und hatte schlechte Freude an dem Lohne. Das ist auch der
-letzte von vielen, die König Heinrich umgebracht hat. Darauf wurde
-die königliche Leiche nach Caën von den Dienstleuten getragen, und
-als man sie daselbst in der Kirche, in der sein Vater beerdigt war,
-aufgestellt hatte, so floß doch, obschon der Körper mit vielem Salze
-gefüllt, und in viele Häute gepackt war, beständig eine schwarze und
-gräßliche Flüssigkeit durch die Häute hindurch und wurde in unter die
-Bahre gestellten Gefäßen von den Dienern, die vor Ekel fast vergingen,
-aufgefangen und fortgeschüttet“[41].
-
-Die getrennte Bestattung von Weichteilen und Fleisch war durchaus
-Sitte. So wurden z. B. die Eingeweide Kaiser Heinrichs IV. in Lüttich
-beigesetzt, seine Leiche aber in Speier[42]. Hier fand auch sein Sohn
-Heinrich V. die letzte Ruhe, nachdem seine Eingeweide in Utrecht
-beigesetzt worden waren[43]. Richard Löwenherz verordnete gar, daß sein
-Leichnam in Fontevrauld, sein Herz in Rouen, seine Eingeweide, Blut und
-Hirn aber bei Chaluz bestattet werden sollten (Rog. de Hovedene)[44].
-
-Ganz sonderbar war der Brauch, die Leichen der in weiter Ferne
-Verstorbenen zu zerstückeln und die Stücke so lange in Wasser und Wein
-zu sieden, bis sich die Knochen vom Fleisch lösten. Während die Gebeine
-in die Heimat gebracht wurden, fand die Bestattung des Fleisches an Ort
-und Stelle statt. So wurde z. B. auch Friedrich Barbarossa († 1190)
-gesotten! (Itin. reg. Ric. I, 24). Landgraf Ludwig IV. von Thüringen
-(† 1227), der Gemahl der heiligen Elisabeth, wurde ebenso behandelt
-(h. Elis. 3580 ff.), desgleichen, um noch ein Beispiel zu nennen,
-Ludwig der Heilige von Frankreich († 1270) (Guilelmi de Nangiaco Gesta
-Philippi regis. Bouquet, Rec. XX, 466)[45].
-
-Übrigens verbot Papst Bonifazius VIII. im Jahre 1299 bei der Strafe der
-Exkommunikation die Leichen auszuweiden, zu kochen und zu zerstückeln
-(Nach Heinrich Rebdorf)[46].
-
-
-
-
-Zweiter Abschnitt
-
-Rechtspflege
-
-
-Eine Schadenersatzpflicht des Tierhalters, wie sie gegenwärtig die
-öffentliche Meinung beschäftigt und wie sie im Bürgerlichen Gesetzbuch
-ausgesprochen ist, kennt bereits Hammurabi. Die §§ 250 und 251 lauten:
-„Wenn ein Ochse beim Gehen auf der Straße (Markt) jemand stößt und
-tötet, so soll diese Rechtsfrage keinen Anspruch bieten. Wenn der
-stößige Ochse jemandes ihm seinen Fehler, daß er stößig ist, gezeigt
-hat, er seine Hörner nicht umwunden, den Ochsen nicht gehemmt hat, und
-dieser Ochse stößt einen Freigeborenen und tötet ihn, so soll er ½
-Mine Silber zahlen.“ Also nur bei grober Fahrlässigkeit des Tierhalters
-ist er verpflichtet, für den entstandenen Schaden aufzukommen.[47]
-
-Das gilt auch dem Arzt gegenüber, wie aus § 218 hervorgeht: „Wenn
-ein Arzt jemand eine schwere Wunde mit dem Operationsmesser aus
-Bronze macht und ihn tötet, oder jemand eine Geschwulst mit dem
-Operationsmesser aus Bronze öffnet und sein Auge zerstört, so soll man
-ihm die Hände abhauen.“ Dagegen ist aber auch das ärztliche Honorar
-festgesetzt: „Wenn ein Arzt jemandem eine schwere Wunde mit dem
-Operationsmesser aus Bronze macht und ihn heilt, oder wenn er jemand
-eine Geschwulst mit dem Operationsmesser aus Bronze öffnet und das Auge
-des Mannes erhält, so soll er 10 Sekel Silber erhalten“, heißt es im
-§ 215. Immerhin war es unter diesen Umständen nicht immer angenehm,
-Operateur zu sein.[48]
-
- *
-
-Nach altdeutschem Rechte mußte der Richter mit einem Stabe in der Hand
-auf seinem Sitze so bis zum Sonnenuntergang oder Abbruch des Dinges
--- unter Umständen in Wind und Wetter, Sonnenbrand oder Schneesturm
--- sitzen bleiben, wie er sich bei Beginn des Dings niedergelassen
-hatte, „Bein mit Bein“ deckend. Die Soester Rechtsordnung schreibt
-darüber: „Es soll der Richter auf seinem Richterstuhl sitzen als ein
-grisgrimmender Löwe, den rechten Fuß über den linken schlagen, und
-wann er aus der Sache nicht recht könne urteilen, soll er dieselbe
-ein-, zwei-, dreimal überlegen“[A]. Sein Aufstehen oder Niederlegen des
-Stabes hob die Rechtskraft der Sitzung auf[49].
-
-Das vom Richter gefällte Todesurteil mußte noch bei scheinender Sonne
-vollstreckt werden. Während der Verurteilte hingerichtet wurde, saßen
-Richter und Schöffen in nächster Nähe, um sich bei Speise und Trank von
-den Anstrengungen der Sitzung zu erholen[50].
-
- *
-
-Der Übermut der „heiligen Feme“ ging so weit, daß auf die Klage des
-Freischöffen Meister Steinmetz im Jahre 1495 durch Femspruch alle
-über 18 Jahre alten Mannspersonen des Hochgerichtes Waltersburg in
-Graubünden geächtet und der Rache des Gegners preisgegeben wurden. Im
-Jahre 1471 hatte es dieses westfälische Sondergericht sogar gewagt, den
-Kaiser zur Verantwortung zu ziehen[51].
-
- *
-
-Die Folter drang in die deutsche Rechtspflege ein als Folge der
-kirchlichen Inquisition. Nach altgermanischem Rechte hatte der Beklagte
-sich durch Eid und Eideshelfer befreien können, in seltenen Fällen
-durch Gottesurteil oder Zweikampf. Hier wird man also kaum behaupten
-können, die Kirche habe eine Milderung der Sitten herbeigeführt[52].
-
-Wie es noch im 17. Jahrhundert bei der Folterung zuging, lehrt
-ein Bericht über das Verfahren unter Bischof Julius Heinrich von
-Halberstadt-Braunschweig: „Sie (die in der Folterkammer anwesenden
-Glieder des peinlichen Gerichts) trunken einander fleißig zu, daß sie
-auch so toll und voll wurden, daß sie einesteils eingeschlafen...
-Etwan in die dritte Woche kamen sie wieder, und als sie nun in solcher
-Trunkenheit ihr gefaßtes Mütlein ziemlichermaßen ausgeschüttet, seyn
-sie für diesmal davongegangen... Zum dritten Male bin ich abermal in
-die peinliche Kammer gebracht usw. und Hans Saub war so trunken und
-voll, daß er beim Tisch einschlief, und wenn er hörte, daß ich etwas
-härter sprach, so wachte er auf und weisete mit den Fingern, sagend:
-Meister Peter, hinan, hinan mit dem Schelm und Stadtverräter, und wenn
-er solches gesagt, schlief er wieder ein vor Trunkenheit. Ingleichen
-soffen die andern tapfer auch herum Wein und Bier, und wurden aus
-Trunkenheit und sonsten so verbittert, daß nicht zu sagen“[53].
-
- *
-
-Im Mittelalter gehörte jeder zehnte der zum Tode Verurteilten dem
-Henker, der ihn -- natürlich gegen entsprechende Entschädigung -- frei
-lassen konnte. Der Kaiser bzw. römische König hatte nicht nur das
-Recht, jeden zu begnadigen, es genügte bereits, wenn der Missetäter vor
-Zeugen den fürstlichen Gewandsaum berührte und küßte. Die aus der Stadt
-Verbannten konnten, wenn es ihnen gelang, den Zügel des Königspferdes
-zu erfassen, mit dem Herrscher sicher und freien Fußes in die Stadt
-zurückkehren. Trotzdem hatte der Henker bisweilen alle Hände voll zu
-tun. So erzählt Felix Platter in seiner Selbstbiographie (S. 327) der
-von Basel habe im Bauernkriege über 500 köpfen müssen.
-
- *
-
-Als eine vom Richter zu erbittende Gnade galt auch sein Verbot an
-den Scharfrichter, vor oder nach der Hinrichtung den Körper des
-Delinquenten zu berühren und damit die Schande der Familie nicht zu
-vergrößern.
-
- *
-
-Analog dem Seidenfaden, der nach altdeutschem Recht die Gerichtsstätte
-umzog, eine festere Schranke bildend als stehende Barrieren, wurden
-auch einzelne Gefangene auf diese Weise gebannt. So wurde vom Baseler
-Schultheiß ein bischöflicher Dienstmann im 13. Jahrhundert im roten St.
-Ulrichturm eingesperrt, indem er den Eingang des Gefängnisses mit einem
-Seidenfaden umspannte, dessen beide Enden mit Wachs versiegelt waren.
-
- *
-
-Vor der Hinrichtung trat der Scharfrichter vor den armen Sünder, ihn um
-Verzeihung bittend für das Leid, das er ihm im Namen der Gerechtigkeit
-zufügen müsse. Die Carolina Karls V. bestimmt im 98. Artikel, daß der
-Scharfrichter nach vollzogenem Hauptschlage mit dem blutrauchenden
-Schwerte vom Schafott herab die Vertreter der Justiz zu begrüßen
-und zu fragen habe: „Habe ich recht gerichtet?“, worauf der Richter
-urteilte: „Du hast gerichtet, wie Urteil und Recht gegeben, und wie
-der arme Sünder es verschuldet hat.“ Darauf schloß der Scharfrichter
-mit dem Lobspruch: „Dafür danke ich Gott und meinem Meister, der mir
-diese Kunst gelehrt.“ Machte er einen „Kunstfehler“, dann konnte es
-ihn allerdings den Kragen kosten, denn das Volk verstand darin keinen
-Spaß[54].
-
- *
-
-Der Gehenkte mußte, eine nicht gerade hygienische Verordnung, über
-der Erde verwesen. Als zwei Brüder zu Freiburg in der Schweiz im 16.
-Jahrhundert es wagten, die Leiche des dritten Bruders in der Nacht vom
-Galgen zu nehmen, um sie zu bestatten, wurden sie vom Richterkollegium
-mit +Ausstechen der Augen+ bestraft[55].
-
- *
-
-Bei Tierplagen, hervorgerufen durch Maikäfer, Heuschrecken, Engerlinge
-usw. wurde mit Erlaubnis der Bischöfe ein Prozeß nach kanonischem Recht
-eingeleitet. Von der Kirchenkanzel herunter verkündete der Priester
-unter dem Läuten der Glocken den Klageakt, das sündige Ungeziefer vor
-das geistliche Gericht ladend. Ein Advocatus diaboli wurde für die
-Tiere bestellt, hier ein Maikäferanwalt, dort ein Rattenfürsprecher.
-Klage und Gegenklage wurde vernommen und damit lange Seiten der noch
-erhaltenen Prozeßakten gefüllt. Ein Verteidigungstermin wurde gestellt,
-ja nach dem Zeugnis des Züricher Chorherren Felix Hämmerlin ließ man
-in einem Maikäferprozeß der Diözese Chur „+in Anbetracht ihres
-jugendlichen Alters und ihrer Kleinheit+“ die Vorladung dreimal
-ergehen. Endlich erfolgte das Kontumazialverfahren mit +schwerem
-Bannfluch+, den sich die Stadtbehörden jeweils aus den bischöflichen
-Kanzleien verschrieben.
-
-Noch 1796 wurde in Schwaben ein Stier zur Abwehr gegen die Tierseuche
-lebendig begraben[56].
-
- *
-
-Im Weistum von Wilzhut, zwischen Braunau und Salzburg, wird (um 1400)
-bestimmt, daß im Falle +ein Bauer um Geld gestraft wurde+, ohne
-daß er es zahlen konnte, +seine Frau geschändet werden sollte+.
-Die Weisheit des Gesetzgebers hat aber sogar den Fall vorausgesehen,
-daß dem Gerichtspfleger die Frau nicht gefällt. Da aber ja nicht
-dieser, sondern der Bauer bestraft werden soll, so hat eintretenden
-Falles der Gerichtspfleger das Recht, dem Gerichtsschreiber die
-Exekution zu übertragen. Kann aber auch er den Reizen der Bäuerin
-keinen Geschmack abgewinnen, dann kann er dem Amtsdiener den Vollzug
-„auferladen“. Auf dessen Neigungen erstreckt sich die Fürsorge des
-Gesetzgebers nicht mehr[57].
-
- *
-
-Felix Platter erzählt in seiner Selbstbiographie (S. 269), er habe im
-Jahre 1556 selbst gesehen, wie die +Leichenteile einer anatomierten
-Kindsmörderin+ in Südfrankreich +am Galgen gehenkt wurden+.
-
-Das preußische Justizkollegium erließ im Jahre 1709 eine Verordnung,
-laut welcher Galgen erbaut werden mußten, um diejenigen +im Sarge
-daran zu hängen+, die während der Pest gestorben seien, +ohne
-Arznei+ eingenommen zu haben. Augenscheinlich gönnte man dem Volke
-nicht, zu beweisen, daß es auch ohne die Ärzte ginge. Il est mort dans
-les règles sagt Molière so schön.
-
-Noch im Jahre 1711 wurde in Preußen für Deserteure als Strafe bestimmt,
-daß ihnen die +Nase und ein Ohr abgeschnitten werden sollte+,
-ferner wurden sie an die Karre geschmiedet und mußten lebenslänglich
-auf Festung arbeiten. Friedrich Wilhelm I. bestätigte diese Strafen, ja
-er bestimmte, daß überführte Helfer von Deserteuren sogleich, ohne des
-Königs Genehmigung einzuholen, aufgeknüpft werden sollten[58].
-
-Die Jesuiten waren, was außerordentlich viel sagen will, die
-Verworfensten der ganzen Geistlichkeit in moralischer Hinsicht. Was
-sie sich herausnehmen durften, lehrt die berühmte Skandalgeschichte
-des Jesuiten Girard. Dieser hatte als Rektor des Seminars und
-Schiffprediger in Toulon auch eine heimliche Bußanstalt für Frauen
-eingerichtet, in welche die schöne und fromme Katharina Cadière,
-Tochter eines reichen Kaufmanns, 1728 eintrat. Es gelang Girard, durch
-Anwendung der raffiniertesten sexuellen Mystik das unschuldige Mädchen
-zu verführen, und durch alle möglichen unzüchtigen Mittel brachte er es
-so weit, daß die Arme in schwere Hysterie verfiel. In diesem Zustande
-schwängerte er sie, wußte aber sofort nach jesuitischer Moral durch
-ein wirksames Abtreibungsmittel die Folgen zu verhindern. Im gegen ihn
-angestrengten Prozeß wurde er +freigesprochen+!![59]
-
- *
-
-Im bayerischen Gesetzbuch, das Kreittmayr 1751 herausgab, ist die
-Tortur noch aufrecht erhalten. Sie soll zwar nicht mehr als dreimal
-wiederholt werden, aber bei Widerruf greift sie stets und so oft wieder
-Platz, als der Widerruf geschieht. Auch wird die gleich anfänglich zu
-zwei oder drei Malen eingeteilte oder wegen bezeigter Unempfindlichkeit
-repetierte Tortur nur für +einmal+ gerechnet! Ergeben sich bei
-der Wiederholung neue Indizien, dann können die folgenden Grade noch
-verschärft werden. Auch Zeugen dürfen gefoltert werden. Und zwar waren
-Daumschrauben, Aufziehen, Spitzruten, Bock- und Leibgürtel, die 48
-Stunden umgelegt blieben, gesetzliche Foltermittel! Daß man nicht
-allzu sanft -- nach dem Vorbilde des Hexenhammers und den in der
-alleinseligmachenden Kirche geübten Praktiken -- verfuhr, geht aus
-Kreittmayrs Bemerkung hervor, daß die Tortur dem Tode oder wenigstens
-dem Handabhauen gleich geschätzt werde![60]
-
- *
-
-Als erster deutscher Fürst schaffte der Freidenker Friedrich der Große
-von Preußen kurz nach seiner Thronbesteigung unterm 3. Juni 1740 die
-Tortur ab, allerdings 112 Jahre später, als dies in England geschehen
-war. Die Juristen leisteten dagegen -- wie nicht anders zu erwarten --
-den heftigsten Widerstand und erhoben die lärmendsten Vorstellungen.
-Sie meinten, alle Diebesbanden von ganz Deutschland würden sich nun
-nach Preußen wenden. Da Friedrich aber kein Jurist, sondern ein
-genialer Mann mit gesundem Menschenverstand war, zudem frei von jeder
-kirchlichen Beeinflussung, so blieb es dabei[61].
-
-Die völlige Aufhebung der Tortur in Bayern erfolgte erst 1806[62], in
-Hannover erst 1840[63]. Der letzte vom preußischen Staat angezündete
-Scheiterhaufen brannte am 15. August 1786[64]. In Eisenach wurde vor
-den Augen der zwangsweise herbeigeführten Schuljugend am 20. Juli
-1804 ein vierfacher Brandleger aus Hötzelsroda bei lebendigem Leibe
-eingeäschert. Ja, noch Ende des Jahres 1813 soll, wie ich, allerdings
-ohne Quellenangabe, erfahre, in Berlin ein Verbrecherpaar, Mann und
-Frau, wegen zahlreicher Brandstiftungen in gleicher Weise justifiziert
-worden sein.
-
- *
-
-Könige und Hofrichter waren in gleicher Weise Schenkungen zugänglich.
-Ein Abgesandter der Stadt Frankfurt berichtet 1418 dem Rate, „er möge
-doch erwägen, wie wichtig es sei, dem König reiche Gaben zu senden;
-die Nürnberger schenkten immer mehr als andere und seien deshalb
-allmächtig“[65].
-
-Als der Rat der Stadt Frankfurt 1722 den späteren Schultheißen Ochs
-(von Ochsenstein) nach Wien schickte, um den Reichshofrat Grafen Stein
-für seine Sache zu gewinnen, erhielt er u. a. folgende Instruktion: er
-solle dem Grafen erklären, „daß wir, wenn derselbe alles dies erwirken
-und den Magistrat wieder in den Stand setzen werden, unsere reale
-Erkenntlichkeit erweisen zu können, gegen Se. Exzellenz für die viele
-gehabte Mühe uns nach und nach, längstens in Jahresfrist, mit einer
-Remuneration von 10000 Talern i. e. 15000 Gulden einstellen würde“.
-
- *
-
-Auch der +Kaiser+ war gegen Geld keineswegs unempfänglich. Ochs
-erhielt 1729 den Auftrag, dem Kaiser 100000 fl. zu seinem Schloßbau
--- für ein Trinkgeld war die Summe doch zu hoch -- anzubieten.
-Aber er erlebte eine Überraschung, über die er am 14. Januar 1730
-folgendes schrieb: Er hätte vorsichtig dem Reichs-Vizekanzler das
-Angebot gemacht. „Er hörte mich genau an und sagte: es seye zwar gut,
-aber noch nicht de tempore; +bürgerliche Deputirte hätten 200000
-fl. offeriert+, und zwar quartaliter 25000..“ ein köstliches
-Wettschießen!
-
- *
-
-Der Vizepräsident des Reichshofrates hatte Ochs klar gemacht, daß
-verschiedene Reichsstädte ihm etwas verehrt hatten. „Ich wolle also
-Magistratum ersuchet haben umb ein Stück extraordinari Hochheimer Wein
-vom 19er Jahr, und zwar vorher drei bis vier Proben, so in Krügen
-immediate an Vice-Präsidenten in einem Kästlein geschicket werden
-könnten. Ich habe es wie billig vor eine Gnade erkennen müssen, und
-sehe auch nicht, wie es zu dekliniren“. Also wohin Ochs auch kommt,
-überall am Kaiserhofe Bestechlichkeit! In derselben Tonart geht es
-weiter. Fast alle Personen, mit denen Ochs in Wien zu tun hat, müssen
-aus der Frankfurter Stadtkasse bestochen werden.
-
-Kriegk stellt eine große Reihe von Bestechungsposten, die in den
-geheimen Ausgaben Frankfurts gebucht sind, zusammen, und dabei ist nur
-+ein einziges Mal+ im Jahre 1771 angegeben, daß ein Herr eine ihm
-angebotene Summe von 200 Dukaten nicht angenommen habe. Ob es zu wenig
-war?
-
-Bezeichnend für die Denkweise ist die Antwort des Baron von
-Vockel in Wien, dem man 1754 100 Dukaten als Referenten in einer
-Rechtsangelegenheit eingehändigt hatte: er habe das Geschenk
-„danknehmigst angenommen und sothaner Generosität bei einer anderweiten
-Gelegenheit justizmäßig (!) eingedenk zu sein angesichert“.
-
- *
-
-Noch ein Beispiel für unzählige! Die Reformierten wollten den Bau einer
-Kirche durchsetzen und machten diesbezüglich auch beim kursächsischen
-Hof Anstrengungen. Im Jahre 1750 erhielt nun der Frankfurter Rat
-aus Dresden ein Schreiben, in dem es u. a. heißt: „Ihro Hoheit die
-Churprincessin (eine Tochter Kaiser Karls VII.) haben auf den Ihnen
-geschehenen Vortrag sich dahin geäußert, wie Ihro die ganze Sache
-schon bekannt sei, und Sie Sich erinnerten, wie man in dieser Sache
-nicht nur Ihren Hrn. Vater, den höchstseligen +Kaiser Karl VII. mit
-einer Summe Geldes gewinnen wollen+, sondern auch Ihr einen schönen
-Beutel mit Dukaten, wenn Sie zu dem reformirten Anliegen behülflich
-sein würde, zu offeriren Gelegenheit genommen“. Die Bestechungsversuche
-wurden also ganz öffentlich unternommen[66]!
-
-Heute verstößt es gegen den Ehrenkodex der Rechtsanwälte, also von
-Privatpersonen, ein höheres Honorar sich auszubedingen für den Fall,
-daß sie in einem Prozeß gewinnen!
-
- *
-
-Bezeichnend für die Roheit des Mittelalters und die außerordentliche
-Mannigfaltigkeit der vollstreckten Todesstrafen ist, daß man zum
-Verbrennen verurteilte Personen +begnadigte+ zum Sieden in einem
-Kessel, der gewöhnlich mit Öl oder Wein, manchmal mit Wasser gefüllt
-war[67]!
-
-Im Jahre 1466 wurde in Frankfurt eine nicht genannte Todesstrafe in die
-des Ertränkens umgewandelt weil -- der Delinquent krank war[68]!
-
- *
-
-Während des ganzen Mittelalters, besonders aber in dessen zweiter
-Hälfte, sind die Strafen im christlichen Abendlande gewiß nicht
-humaner, eher grausamer als vier Jahrtausende früher im Gesetzbuch
-Hammurabis, als in Indien, China, Persien oder sonstwo. Legale Strafen
-sind: Vierteilen, Rädern, Pfählen, Verbrennen, Ersäufen, Einmauern,
-Lebendigbegraben, Ausdärmen, Abschneiden der Zunge, Ausstechen der
-Augen, Sieden in Wasser oder Öl, Abziehen der Haut usw. usw.[69],
-und zwar zum großen Teil noch im 18. Jahrhundert. Daß die Kirche
-weit entfernt das Strafwesen zu mildern, durch das scheußliche
-Inquisitionsverfahren es noch grausiger machte, mindestens nicht auf
-Beseitigung der Tortur hinwirkte, ist bemerkenswert. Was ihr während
-der anderthalb Jahrtausende der Herrschaft nicht gelang, erreichten die
-Freigeister und Philosophen der Aufklärung in kürzester Zeit. Nicht die
-Kirche hat die Menschenrechte proklamiert und damit das Mittelalter mit
-seiner barbarischen Geringschätzung des Lebens beschlossen, sondern die
-große französische Revolution, deren Segnungen Deutschland dem ersten
-Napoleon verdankt. Zur Geburtstagsfeier des großen Korsen im Jahre 1806
-mußte die Stadt Frankfurt ihr Hochgericht abbrechen. Der Marschall
-Augereau brauchte den Platz für ein Feuerwerk, das aber nicht, wie
-bisher, der Verbrennung Unschuldiger, sondern der Befreiung von uralter
-Knechtschaft galt. Mit dem Code Napoleon ist die feudal-klerikale
-Periode des Mittelalters und der Barbarei begraben.
-
-Die Humanität ist also erst seit wenig mehr als einem Jahrhundert
-Gemeingut des zivilisierten Europa und beginnt es zu werden mit dem
-Augenblick, wo das Christentum, dessen Existenzberechtigung nach dem
-Geiste seines erhabenen Stifters eben auf dieser Humanität basiert,
-wenigstens als Kirche, zu herrschen aufgehört hat!
-
- *
-
-Genügt unser Recht allen Anforderungen der Vernunft und Menschlichkeit?
-
-Nach unserm BGB. wird die Alimentationspflicht von väterlicher Seite
-verwirkt, wenn die Mutter in der kritischen Zeit mit mehreren Männern
-Umgang hatte. Das heißt, das sowieso rechtlich und sozial schwer
-geschädigte uneheliche Kind wird noch weiter gestraft, indem ihm jede
-väterliche Unterstützung entzogen wird.
-
- *
-
-Die kontrollierte Prostituierte bleibt nach dem heute geltenden Recht
-nicht nur straflos, sondern der Staat sichert sich sogar durch Steuern
-einen Anteil an ihrem Verdienst. Dagegen kann aber jeder, der ihr
-Wohnung gibt, wegen Kuppelei belangt werden. Ihr Gewerbe ausüben und
-Steuer zahlen dürfen also die Prostituierten, wohnen aber nicht!
-
- *
-
-Auch § 175, der die widernatürliche Unzucht zwischen Personen
-männlichen Geschlechtes mit Gefängnis, ev. noch mit Verlust der
-bürgerlichen Ehrenrechte bedroht, ist als mittelalterliches Rudiment in
-Geltung. Der Gesetzgeber nahm weder Anstand an der Inkonsequenz, beim
-einen Geschlecht zu verbieten, was dem andern erlaubt ist, noch hielt
-ihn Scheu vor den intimsten Intimitäten des Privatlebens zurück, noch
-die Erwägung, damit einen Erpresserstand zu züchten. Ja, die Frage,
-ob es sich um Laster oder krankhafte Veranlagung handelt, wurde noch
-nicht einmal hinlänglich geprüft. Der Hauptgrund für Aufrechterhaltung
-des Paragraphen ist der Widerstand orthodoxer Kreise, die deutsche
-Verhältnisse des 20. Jahrhunderts unter dem Gesichtswinkel der vor
-2½ Jahrtausenden im Judenvolke bestehenden beurteilen und das
-gottgefällig nennen. Vielleicht sind diese auch der Ansicht, daß
-Prozesse wie Harden-Moltke und Harden-Eulenburg der öffentlichen
-Sittlichkeit förderlicher sind als Schmutzereien einzelner im stillen
-Kämmerlein.
-
- *
-
-Auf der internationalen kriminalistischen Vereinigung des Jahres
-1909 wurde festgestellt, daß in +Deutschland jährlich 10 Millionen
-Polizeistrafen+ verhängt werden! Also jeder vierte straffähige
-Deutsche wird jährlich in wirksamer Weise an die segensreiche Tätigkeit
-der hl. Hermandad erinnert.
-
- *
-
-Nach österreichischem Gesetz muß das „Allerheiligste“ der katholischen
-Kirche von jedermann, Jude, Freidenker, Protestant, gegrüßt werden.
-Ein +Schwede+, unkundig dieses Gesetzes, wurde vor einigen Jahren
-wegen Unterlassung des Grußes in Ischl zu +Gefängnis+ verurteilt!
-
- *
-
-Der Redakteur des „Bütower Anzeigers“ Hugo Röhl war auf Veranlassung
-des Konsistoriums der Provinz Pommern angeklagt worden, durch eine
-Artikelserie den Pastor und Lokalschulinspektor Pötter fortgesetzt
-öffentlich beleidigt und unwahre Tatsachen über ihn verbreitet zu
-haben. Der Tatbestand war folgender:
-
-Pötter hatte den 42jährigen Lehrer Wockenfuß so lange gequält, bis er
-Selbstmord begehen wollte. Am zweiten Osterfeiertag sang Wockenfuß
-mit seinen Schülern zu einer Feier auf dem Gute. Bei einem deshalb
-ausbrechenden Wortwechsel wurde Wockenfuß von Pastor Pötter zu Boden
-gestoßen. Als die Wirtin des Pastors im Dezember 1902 einem Knaben
-das Leben schenkte, brachte der Mann Gottes den Lehrer in Verbindung
-mit den kursierenden Gerüchten, während in Wahrheit der Bruder
-Pötters Vater des Kindes war. Kurz nach Weihnachten erschien Pötter
-im Schulhause, ließ den Lehrer aus dem Bette unter den Weihnachtsbaum
-im Schulzimmer rufen, las ihm aus der Bibel ein langes Kapitel vor
-und sagte, als der verwunderte Lehrer ihn nach seinem Begehren frug:
-„Schweigen Sie, es kommt! Sie sind einer von denen wie der Abschaum der
-Menschheit, der Krupp ums Leben gebracht hat. Sie haben mich beleidigt!
-Mit diesem Stock schlage ich den auf das Lästermaul, der noch einmal
-so etwas sagt.“ Dabei erhob der Seelenhirte den Stock gegen Wockenfuß,
-der am Verlassen des Zimmers durch zwei Männer verhindert wird, die der
-Pastor mitgebracht und neben die Tür postiert hatte! Wockenfuß brach
-ohnmächtig zusammen.
-
-Die Folge war eine Klage des Pastors gegen den Lehrer auf Überschreiten
-des Züchtigungsrechtes. +Ohne Verhör+ wurde Wockenfuß mit Verweis,
-Ordnungsstrafe und schließlich mit Entziehung des Züchtigungsrechtes
-bestraft, endlich wurde er wegen vier einem Knaben erteilter leichter
-Hiebe seines Amtes entsetzt. Pötter hatte ihm nämlich pflichtwidrig
-nichts über den Entzug des Züchtigungsrechtes mitgeteilt!
-
-So ähnlich hat der wackere Pastor alle seine Lehrer behandelt! Einer
-konnte sich nur mit der Dunggabel seiner erwehren! Einen anderen sucht
-Pötter zu einem für ihn günstigen Zeugnis in einer Strafsache gegen ihn
-zu bewegen. Soundso oft steht Pötters Eid gegen den der Lehrer.
-
-Der Staatsanwalt erkannte an, daß in allen Fällen, in denen der
-„Bütower Anzeiger“ das Verhalten des Pastors zu Lehrer Wockenfuß scharf
-gegeiselt hatte, der +Wahrheitsbeweis völlig geglückt+ sei!
-
-Und das Urteil? Der Gerichtshof zu Stolp in Hinterpommern hielt den
-Wahrheitsbeweis in folgenden Punkten für erbracht: Pötter hat den
-Lehrer Halpap aus dem Lehramt vertrieben, er hat eine „Fertigkeit“ in
-Lehrerkränkungen, er hat die Unwahrheit gesprochen, er hat leichtfertig
-und aus Rachsucht Anzeigen gegen den Administrator des Grafen Schwerin,
-des Patronatsherrn, erstattet, er hat sich durch seine Handlungen
-in Gegensatz zu seinem Eide gestellt. Ferner wurden die edlen und
-selbstlosen Motive des Angeklagten Röhl vom Gerichtshof ausdrücklich
-anerkannt und -- es will gar nicht aus der Feder -- dieser selbe Röhl
-zu +500 Mark Geldstrafe oder 50 Tagen Gefängnis verurteilt+!
-
-Nach in ganz Deutschland geltendem Recht +mußte+ das Gericht so
-urteilen!
-
-Und Pötter? Es wurde festgestellt, daß sämtliche Lehrer vor ihm die
-größte Angst hatten, aber eine Beschwerde hätte gar keinen Sinn
-gehabt, denn nach dem famosen, heute noch in +Preußen+ gültigen
-Disziplinargesetz vom 21. Juli 1852 ist, wenn ein Lehrer sich über
-einen Vorgesetzten beschwert, +die Behörde nicht verpflichtet,
-auch den Lehrer+ nach Vernehmung des Vorgesetzten nochmals +zu
-hören+, sondern +die Aussagen des Vorgesetzten gelten für
-erwiesene Tatsachen+. Ferner: +Wenn ein Vorgesetzter über einen
-Lehrer Klage führt, so entscheidet die Behörde, ohne vorher den Lehrer
-oder seine Zeugen gehört zu haben.+ Diese Gesetze gelten heute noch,
-im 20. Jahrhundert, auch gegen Gymnasialprofessoren, und es gibt noch
-in Deutschland „Männer“, die solche Behandlung sich gefallen lassen[70]!
-
- *
-
-Am 28. Juli 1905 nachts gegen 1 Uhr führte ein Ehepaar mit der
-Schwägerin ihren Hund auf die Straße. Ein angetrunkener Passant
-ärgerte sich über das Tier und äußerte zu einem in der Nähe stehenden
-Schutzmann -- Beuche hieß das Auge des Gesetzes -- daß der Hund ohne
-Maulkorb sei. Das war nun zwar nicht der Fall, aber pp. Beuche, der
-wohl die Gelegenheit für günstig hielt, seine „Schneid“ zu beweisen,
-brüllte den Eigentümer barsch an. Als dieser sich den Ton verbat,
-+packte ihn+ der Hüter der öffentlichen Ordnung am Genick und
-stieß ihn vor sich her. Sein Protest dagegen wurde vom Beamten mit
-+Faustschlägen auf den Kopf+ beantwortet. Sein Hinweis auf einen
-vom Polizeipräsidenten ausgestellten Jagdschein wurde vom Schutzmann
-zurückgewiesen mit der Bemerkung, der „Wisch“ genüge ihm nicht,
-zugleich bekam der Ehemann etliche +Fußtritte+. Seine +Frau+,
-die ihre Entrüstung in Worte kleidete, bekam +Faustschläge auf die
-Brust+, die, wie auch beim Ehemann, laut ärztlichen Attestes Spuren
-hinterließen. Darauf erstattete der Gatte gegen den Schutzmann Beuche
-Anzeige wegen Körperverletzung.
-
-Soweit ist alles in Ordnung, und wir hätten keinen Grund von den
-Brutalitäten eines subalternen Rohlings an dieser Stelle Notiz zu
-nehmen, wenn das Verhalten der Behörde sie nicht in andere Beleuchtung
-rücken würde.
-
-+Die Staatsanwaltschaft lehnte nämlich ein Einschreiten gegen ihr
-Organ ab+ und erklärte, daß der Beamte so, wie er gehandelt habe,
-hätte handeln +müssen+! Nicht genug damit, drehte sie den Spieß
-um. Da im Falle des Stattgebens der Anklage die drei Mißhandelten als
-Zeugen gegen Beuche vereidigt worden wären, war die einfachste und
-nördlich der Mainlinie auch beliebteste Art dies zu verhüten die, aus
-Klägern bzw. Zeugen +Angeklagte+, die bekanntlich nicht schwören
-können, zu machen. Damit war ihnen die Möglichkeit des Beweises
-abgeschnitten. Der Gerichtshof glaubte -- was er nach der Prozeßlage
-ja auch bona fide tun konnte -- dem als +Zeugen+ vernommenen
-Schutzmann und verurteilte den Ehemann zu 50 Mark Geldstrafe, die
-eine Frau wegen +versuchter Gefangenenbefreiung+ zu drei Tagen
-+Gefängnis+, die andere wegen des gleichen Reates zu einem Tage.
-Dabei handelte es sich um angesehene Personen aus dem Kaufmannsstande,
-die noch niemals mit der Polizei in Konflikt gekommen waren. Das Urteil
-wurde vom Schöffengericht I Berlin gefällt[71].
-
-
-Da jedes Volk die Polizei hat, die es verdient, ist dem Vorkommnis
-Allgemeingültigkeit nicht abzusprechen. Immerhin erscheint es
-rätlich, noch einige ähnlich gelagerte Fälle, die zeigen, was der
-Reichsangehörige zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Subalternbeamten
-aushalten +muß+ -- das ist das wesentliche -- anzuführen.
-Gleichzeitig sei aber konstatiert, daß wir nicht aus verbohrtem, uns
-völlig fernliegendem Partikularismus lediglich solche Vorkommnisse
-aus Norddeutschland registrieren, sondern nur deshalb weil uns aus
-Süddeutschland kaum ähnliche Fälle bekannt sind. Gewiß gibt es auch
-dort Rohlinge, aber Gerichte und Öffentlichkeit wissen mit ihnen fertig
-zu werden.
-
- *
-
-Am 21. November 1906 wurde der Töpfer Marin in Zoppot wegen einer
-Schulstrafe von +einer+ Mark von zwei Schutzleuten, denen er
-+Zahlung anbot+, am Bahnhof verhaftet und ins Gefängnis gebracht,
-aus dem er am nächsten Tage mehr tot als lebendig entlassen wurde. Der
-Arzt, der Marin zwei Tage später untersuchte, stellte ihm ein Attest
-aus, wonach er den Mann in einem „geradezu desolaten Zustande“ befunden
-hatte. Fast der ganze Körper war +zerschunden+, auch ließ die
-Untersuchung den +Bruch einer oder mehrerer Rippen+ vermuten.
-Marin war daraufhin +sieben Wochen erwerbsunfähig+. Vor Gericht
-wurde festgestellt, daß die Hüter der öffentlichen Ordnung zusammen mit
-dem Gefängniswärter Marin, der +Zahlung auch im Gefängnis+ anbot,
-mit den Füßen und einem derben +Stock mißhandelt+ und in +die
-Rippen getreten+ hatten. +Außerdem nahm man ihm seinen Wochenlohn
-von 22,70 M. ab.+ Als Marin sich in der Zelle auf die Pelerine des
-einen Schutzmannes -- Kamin hieß der Kavalier -- setzte, schrie dieser
-ihn an: „Du +roter Hund+ sitzt auf meiner Pelerine“ und schlug
-ihn mit dem Helm, den er an der Spitze hielt, ins Gesicht.
-
-Marin erstattete Strafanzeige, und die Verhandlung fand vor dem
-Landgericht in Danzig statt. Der Staatsanwalt stellte zunächst mit
-großer Energie fest, daß Marin gewerkschaftlich organisiert, also
-+Sozialdemokrat+ sei. Daraufhin wurden der Gefängniswärter und
-der Schutzmann zusammen zu einer +Geldstrafe von 100 M.+ wegen
-Körperverletzung und Beleidigung verurteilt!
-
-+Dasselbe Gericht+ hat einige Tage später einen nicht
-vorbestraften 19jährigen Lehrling, der in angetrunkenem Zustande einen
-Arzt und seine Gattin mehrmals anrempelte und beleidigte, dann aber
-brieflich und vor Gericht seine Tat bereute, zu +einem Jahr und einem
-Monat Gefängnis+ verurteilt[72].
-
- *
-
-An einem Abend wartete Frau B. vor dem Stadtbahnhof Alexanderplatz
-in Berlin, als ein betrunkener Schutzmann mit den Worten auf sie
-zutrat: „Du Sau, was stehst du hier herum?“ Sie verbat sich das Duzen
-und sagte, daß sie auf ihren Mann warte. Auf weitere Flegeleien hin
-suchte sie ihm zu entrinnen, der Schutzmann lief ihr aber nach, zog,
-als die Menge gegen ihn Stellung nahm, den Säbel, hieb um sich und
-versetzte mit den Worten: „+Du Sau, warte nur, wenn ich dich erst
-auf der Wache habe+“, ihr +zwei Hiebe mit dem Säbel+ über das
-Kreuz. Ein Arzt, der den Vorgang mit angesehen und beobachtet hatte,
-wie +der Schutzmann die Frau sogar in schamloser Weise angriff+,
-wollte als Zeuge mit auf die Wache kommen. Das war aber entschieden
-nicht im Sinne der Hüter des Gesetzes, denn man wollte ihn erst nicht
-hinein lassen. Ein Beamter nahm den Arzt beim Wickel und stieß ihn
-einfach in die Arrestzelle, aus der er erst durch die Intervention des
-Polizeihauptmannes befreit wurde. Dann erstattete man gegen ihn Anzeige
-wegen +Hausfriedensbruches+, der aber nicht stattgegeben wurde.
-
-Da das Gericht annahm, daß der Angeklagte sich +subjektiv nicht
-bewußt gewesen sei+, in widerrechtlicher Weise gegen die Frau
-einzuschreiten, sie auch +nicht vorsätzlich geschlagen+, sondern
-sie nur beim Herumfuchteln mit dem Säbel +getroffen+ habe,
-verurteilte es ihn lediglich wegen Beleidigung zu einer +Geldstrafe
-von 100 M.+
-
- *
-
-Ein +Arbeiter+, der einem Schutzmann gesagt hatte: „Sie haben uns
-gar keine Vorschriften zu machen, denn dazu sind Sie uns zu dumm; ich
-habe so viel Grütze in den Beinen, wie Sie im Kopf“, wurde dagegen in
-Halle vom Gericht zu einer Gefängnisstrafe von 2 Monaten verurteilt!
-Ein +Student+, der ebenfalls in Halle einen Polizeisergeanten mit
-dem Stocke derart über den Helm geschlagen hatte, daß der Stock in
-Stücke ging, die Helmspitze abbrach und der Helm sich verbog, dann im
-Wachtlokal spöttisch geäußert hatte: „Ach, bei der Halleschen Polizei
-braucht man nur zu fragen, +was die Sache kostet+, dann ist schon
-alles erledigt,“ wurde zu einer Geldstrafe von 40 M. verurteilt.
-
- *
-
-Der Referendar Morell war zusammen mit dem Kammergerichtsreferendar
-Tschepke am 20. November 1906 auf einem Berliner Polizeirevier
-erschienen, um einen Automobilführer, der sie falsch gefahren,
-feststellen zu lassen. Die nächtliche Störung gefiel den wackern
-Männern der Ordnung augenscheinlich gar nicht; deshalb stellten sie
-zwar nicht den Autoführer fest, +behielten aber die beiden Kläger
-auf der Wache+! Als Morell dagegen protestierte, schrie der
-Wachthabende Korrhun dem Schutzmann Keppler zu: „Machen Sie den Mann
-ruhig.“ Keppler kam dieser Aufforderung gründlich nach, faßte Morell an
-beiden Schultern und schüttelte ihn gewaltsam so hin und her, daß er
-mit dem Kopf gegen die Wand flog. Sein Hinweis auf seine Eigenschaft
-als Referendar nützte gar nichts. Als Morell seinem sich entfernenden
-Freunde nachfolgen wollte, stürzten sich beide Schutzmänner auf ihn,
-hielten ihn mit Gewalt zurück, und während Keppler den Referendar
-Tschepke hinausbeförderte, +würgte+ Korrhun, ein Hüne, den
-ersteren, +schlug ihn+ auf den Kopf und ließ ihn schließlich in
-+eine Zelle sperren+, wo er ihn hinter einem eisernen Gitter halb
-bewußtlos bis 5½ Uhr festhielt.
-
-Auf die Anzeige Morells hin, +lehnte die Staatsanwaltschaft ein
-Verfahren gegen die Schutzleute ab, leitete dagegen das typische gegen
-Morell+(!!) wegen „Beleidigung“ der Schutzleute, „Widerstandes
-gegen die Staatsgewalt“ und „Hausfriedensbruch“ ein! Erst auf Anweisung
-des Oberstaatsanwalts wurde die Anklage auch gegen die Schutzleute
-wegen Beleidigung, Mißhandlung und Freiheitsberaubung erhoben, so daß
-nunmehr neben Morell auch diese die Anklagebank zierten. Morell wurde
-freigesprochen, da seine Angaben sich als +wahr+, die beider
-Schutzleute als +unwahr+ herausstellten. Korruhn erhielt 5 Monate
-Gefängnis, Keppler eine Geldstrafe von 100 M.
-
- *
-
-Eine Frau wollte, wie ein konservativer Abgeordneter im preußischen
-Abgeordnetenhause 1908 ausführte, von Grunau nach Hirschberg fahren.
-Das Geld, das sie zur Bezahlung der Fahrkarte hinlegte, war schmutzig
-und wurde für falsch gehalten. Daraufhin sperrte man die Frau
-+mit ihrem Kinde+, einem dreieinhalbjährigen Knaben, ein. Eine
-Hausuntersuchung beim Ehemann, einem Arbeiter, verlief resultatlos.
-Die Frau blieb +vier Tage+ eingesperrt, endlich kam das Geld
-zur Reichsbanknebenstelle, von da an die Filiale des Schlesischen
-Bankvereins und schließlich zu einem Goldarbeiter, aber es war und
-blieb +absolut echt+. Der Staatsanwalt schickte es darauf zur kgl.
-Münze, die den ganzen Betrag in funkelnagelneuen Stücken zurückzahlte.
-Daraufhin wurde die Frau entlassen und meldete sich beim Redner. Die
-Auslagen betrugen 17,90 M. Die Staatsanwaltschaft aber weigerte sich,
-diese zurückzuerstatten. Redner setzte daraufhin einen Brief an die
-Staatsanwaltschaft auf mit dem Hinweis, daß die Geschädigte sich im
-Falle einer Ablehnung an den Justizminister wenden und der Vermittlung
-eines Abgeordneten bedienen würde. Die Frau ließ diesen Brief von
-einem Nachbarn abschreiben. Die Staatsanwaltschaft ordnete nun eine
-+Feststellung+ an -- ob der Nachbar solche Briefe +berufsmäßig
-abschreibe+, und ob etwa eine +Steuerkontravention+ vorliege!
-Auch wurde die Frau noch einmal darüber vernommen, ob sie etwa
-+Quecksilber+ in der Wohnung hatte!! Nach etwa 14 Tagen wies der
-Justizminister 15 M. an, blieb also der armen Frau +noch drei Mark
-schuldig+!
-
-Risum teneatis amici!
-
- *
-
-Frau Marie Feuth, die Gattin eines jungen Architekten, der in
-unglücklichen Geschäften sein Vermögen verloren hatte und von den
-Gläubigern hart bedrängt ward, wurde im November 1906 in Berlin mit
-ihrem Mann auf offener Straße verhaftet und in ein Polizeirevier
-eingeliefert. Hier wurden beide in eine „Detentionszelle“ eingesperrt,
-wo sie von 1½ Uhr mittags bis 8 Uhr abends sitzen mußten. Um diese
-Stunde wurde das Ehepaar in den „grünen Wagen“ verladen und nach dem
-Polizeipräsidium übergeführt.
-
-Hatten sie den Wagen mit einigen Zuhältern geteilt, so trafen sie
-dort noch Verbrecher, Dirnen und betrunkene Rowdys. Andern Tags gegen
-11 Uhr wurde Frau Feuth in einem überfüllten Wagen voller Zuhälter
-und Dirnen, die durch Zoten und Handgreiflichkeiten sich die Zeit
-verkürzten, nach Moabit transportiert, dort zwei Weibern überwiesen,
-die sie -- zum zweiten Male -- +bis auf die Haut entkleideten+.
-Nach 10 Minuten kam die Oberin. Im +Evakostüm+ mußte die Dame
-den Raum durchschreiten und mit dem Gesicht gegen die Wand eine ganze
-Weile stehen, bis alle ihre Sachen ausreichend beschnüffelt und gebucht
-waren. Dann wurde sie vermessen, bis sie glücklich die Erlaubnis
-erhielt, sich wieder anzukleiden. Hierauf wurde sie in eine Zelle
-gesperrt, nach einer halben Stunde wieder herausgelassen, um sich mit
-schwarzer Schmierseife zu waschen und in einer keineswegs reinen Wanne
-zu baden. Ihre Leibwäsche wurde ihr genommen und sie erhielt die grobe
-Anstaltswäsche, ein grobes sackleinenes Hemd und ein Paar für ihre
-Schuhe viel zu dicke Strümpfe, so daß sie nur mit großen Schmerzen
-gehen konnte. Beinkleider wurden nicht verabfolgt. Endlich mußte sie
-sich durch eine Strafgefangene auf +Ungeziefer+ untersuchen lassen!
-
-In die Zelle zurückgeführt, wurde sie in schroffer Weise auf die
-Obliegenheiten der Zellenreinigung usw. hingewiesen. Abends gab es
-eine Art von Wassersuppe und ein Stück Brot. Der +Raum wimmelte von
-Ungeziefer+, so daß die Dame angekleidet die Nacht über frierend
-und weinend auf dem Bettrand sitzen blieb, weil sie sich nicht von der
-Stelle zu rühren wagte. +Sie wußte immer noch nicht, aus welchem
-Grunde sie verhaftet worden war!+ Auch die Oberin wußte keinen Grund
-anzugeben!
-
-Frau Feuth blieb im Untersuchungsgefängnis +10 Tage+, dann wurde
-sie entlassen und das Verfahren gegen sie eingestellt. +Erst jetzt
-erfuhr sie den Grund ihrer Verhaftung+: wegen des Verdachtes der
-Beihilfe zum Arrestbruch.
-
-Ihr Mann wurde nach 2½ Monaten von der Anklage der Urkundenfälschung
-und der Verschleppung von Pfandgegenständen +freigesprochen+ und
-wegen Arrestbruches zu einem Monat Gefängnis verurteilt, der durch die
-Untersuchungshaft verbüßt war.
-
-Mit diesem „Arrestbruch“ hatte es aber auch seine besondere
-Bewandtnis. Der Verteidiger hatte Herrn Feuth gesagt, er würde auch
-von dieser Anklage freigesprochen werden, müsse aber noch lange in
-Untersuchungshaft sitzen, denn bevor das Aktenmaterial geprüft sei,
-vergingen Monate. Daraufhin entschloß sich Herr Feuth, sich +ohne
-Widerspruch+ wegen dieses Anklagepunktes +verurteilen zu lassen,
-um nur die Freiheit wiederzugewinnen+! Seine Frau saß nämlich mit 85
-Pfennigen an diesem Tage auf dem Berliner Pflaster!
-
- *
-
-Solche und ähnliche Fälle sind so zahlreich und wir könnten deren eine
-solche Reihe anführen, daß wir sie als typischen Mißstand unseres
-Rechtswesens bezeichnen können.
-
-
-Der Amtsrichter Emil Theisen war im Jahre 1894 am Amtsgericht in
-Frankfurt a. M. beschäftigt. Hier machte er alltäglich die Erfahrung,
-daß bei der Festnahme von Personen und deren Vorführung vor den Richter
-die zum Schutze der persönlichen Freiheit erlassenen gesetzlichen
-Bestimmungen von der Polizeibehörde nicht beachtet wurden. Als solche
-Gesetzwidrigkeiten sich mehrten und ein Bericht an die Justizverwaltung
-erfolglos blieb, machte er in der Überzeugung, daß der Tatbestand des §
-341 St.G.B. vorliege, Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Wiewohl nun
-der Disziplinarsenat des Kammergerichtes als erwiesen ansah, daß die
-Vorführung der vorläufig festgenommenen Personen vor dem Amtsrichter in
-einer großen Anzahl von Fällen +nicht+ dergestalt „ohne Verzug“
-stattgefunden habe, als dies der Vorschrift der Strafprozeßordnung
-entsprochen haben würde, erkannte er doch auf +Zwangsversetzung+
-in ein anderes richterliches Amt von gleichem Range wegen der
-beleidigenden Form der Anzeigen und Bruch des Amtsgeheimnisses.
-Letzteres Delikt wurde darin gesehen, daß Theisen der „Frankfurter
-Zeitung“, die den Fall gebracht hatte, zur Beseitigung einiger Schärfen
-und um falsche Lesarten zu verhindern, einige +berichtigende
-Mitteilungen+ gemacht hatte. Der Oberstaatsanwalt hatte Theisen
-gedroht, er werde sein ganzes Leben lang darunter zu leiden haben, wenn
-er seine Strafanträge nicht zurückzöge! Darin sollte er auch recht
-behalten, denn Theisens Karriere war beendet, weil er nach Ansicht
-seiner Vorgesetzten „die Justiz zu sehr kompromittiert“ hätte. So geht
-es also einem preußischen Richter, der Ungesetzlichkeiten rügt[73]!
-
- *
-
-Der Turmwächter König in Wasungen bei Jena hatte mehrere Jahre
-hintereinander die unheimliche Beobachtung gemacht, daß in der
-Silvesternacht um 12 Uhr ein Licht über den dortigen Friedhof
-wandle. Auf Grund einer Wette ging er nun am 31. Dezember 1906 mit
-seinem Freunde Bach, einem befreundeten Kellner und seinen beiden
-Schwestern zur geheimnisvollen Stunde dort hin. Tatsächlich tauchte das
-unheimliche Licht Punkt 12 Uhr auf. Während die Schwestern ausrissen,
-feuerte Bach seinen mitgebrachten Revolver auf das Gespenst und
-traktierte es dann mit Säbelhieben übel. Daraufhin lüftete das Gespenst
-sein Inkognito und entpuppte sich als Bernhard Günkel in Wasungen, der
-seit Jahren in der Neujahrsnacht vom Friedhof einen Kreuzdornzweig
-zu holen pflegte. Dieser, stillschweigend gebrochen, ist nämlich
-ein sicheres Mittel gegen Krankheiten bei Mensch und Vieh. Auf den
-Strafantrag des Gespenstes wurde Bach vom Wasunger Schöffengericht
-wegen Körperverletzung zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Meininger
-Strafkammer bestätigte diese Strafe, wiewohl Bach, dessen Mut
-jedenfalls größer war als seine Intelligenz, bekundete, er habe die
-feste Überzeugung gehabt, nicht auf einen Menschen, sondern auf ein
-Gespenst losgeschlagen zu haben.
-
-Ob in diesem Falle der Staat nicht vielleicht besser getan hätte für
-entsprechenden Schulunterricht zu sorgen, statt einem armen unwissenden
-Menschen, der das glaubte, was die unfehlbare Kirche Jahrhunderte
-gelehrt und mit Gewalt eingebläut hatte, streng zu strafen? Immerhin
-ist die Tatsache ein wertvolles Kulturdokument, sowohl bezüglich der
-Volksbildung als der Strafrechtspflege.
-
-
-
-
-Dritter Abschnitt
-
-Die „Ketzer“ und die römisch-katholische Kirche
-
-
-Wilhelm Pelisso, ein zwischen 1220 und 1240 im Bezirke von Toulouse
-tätiger Dominikaner hat ein Tagebuch „Chronikon“ hinterlassen, dessen
-Handschrift die Bibliothek von Carcassonne (n. 6449) bewahrt. Er
-schreibt: „Zum Ruhme und Lobe Gottes und der seligen Jungfrau Maria
-und des hl. Dominicus, unseres Vaters, und der ganzen himmlischen
-Heerschar will ich einiges aufzeichnen, das der Herr in der Gegend
-von Toulouse gewirkt hat durch die Brüder des Predigerordens
-(Dominikaner) und auf die Bitten hin des hl. Dominicus...: Damals
-starb ein ketzerischer Kleriker, der im Kreuzgang der Kirche beerdigt
-wurde. Als dies Magister Rollandus hörte, ging er mit den Brüdern
-(Dominikaner) dorthin, +sie gruben ihn aus, schleiften ihn durch die
-Straßen und verbrannten ihn+. Zu gleicher Zeit starb ein Ketzer
-namens Galvanus. Das entging dem Magister Rollandus nicht; er rief die
-Brüder (Dominikaner), den Klerus und das Volk zusammen; sie gingen in
-das Haus, wo der Ketzer gestorben war, sie zerstörten es von Grund
-aus und machten es zu einer Dungstätte; den Galvanus +gruben sie
-aus+. +Seinen Leichnam schleppten sie in ungeheurem Zuge durch
-die Stadt+ (Toulouse) und +verbrannten ihn+ außerhalb der
-Stadt. Das ist geschehen im Jahre 1231 +zur Ehre unseres Herrn Jesu
-Christi+ und +des hl. Dominikus+, und +zur Ehre der römischen
-und katholischen Kirche+, unserer Mutter.“ Arnoldus Catalanus,
-damals Inquisitor, vom päpstlichen Legaten ernannt, verurteilte zum
-lebendig verbrannt werden zwei Ketzer, Peter von Puechperdut und Peter
-Bomassipio; beide wurden zu verschiedenen Zeiten +verbrannt+.
-Auch einige Verstorbene verurteilte er, ließ sie +ausgraben+ und
-+verbrennen+. Der Inquisitor Bruder Ferrarius (Dominikaner) ließ
-viele Ketzer ergreifen, ließ sie +einmauern+; einige ließ er auch
-+verbrennen, unter Beistand des gerechten Gerichtes Gottes+.. Der
-Ketzer Johannes Textor wurde mit anderen +verbrannt+. Zur selben
-Zeit ließen die Inquisitoren Bruder Peter Cellani und Bruder Wilhelm
-Arnaldi (Dominikaner) einige +Verstorbene ausgraben+, +durch
-die Straßen schleifen+ und +verbrennen+. In Montemsegurum
-(Montsegur) ließen sie den Johannes da Garda mit +210 anderen Ketzern
-verbrennen+. Und ein großer Schrecken entstand unter den Ketzern der
-ganzen Gegend. (Dieser Wilhelm Arnaud wurde zur Belohnung für dieses
-christliche Wirken am 1. September 1866 von Papst Pius IX. +„selig“
-gesprochen+!!!) Inzwischen ließ der Bruder Pontius de S. Egidio,
-Prior (des Dominikanerkonvents) zu Toulouse, den Handwerker Arnold
-Sancerius vorfordern und nahm gegen ihn viele eidliche Zeugnisse
-entgegen. +Er selbst aber leugnete alles.+ Der Prior und die
-Brüder aber verurteilten ihn. Er wurde zum Scheiterhaufen geführt,
-rief aber fortwährend: „man tut mir unrecht, ich bin ein guter Christ
-und glaube an die römische Kirche“. Dennoch wurde er +verbrannt+.
-Im Jahre 1234 wurde die Heiligsprechung unseres hl. Vaters Dominikus
-in Toulouse verkündet. Der Bischof Raimundus von Miromonte feierte die
-Messe im Dominikanerkloster, und nachdem der Gottesdienst fromm und
-feierlich beendet war, wuschen sie sich die Hände, um im Speisesaal
-zu speisen. Da kam, durch göttliche Fügung und wegen der Verdienste
-des hl. Dominikus, dessen Fest man feierte, einer aus der Stadt und
-meldete, daß einige Ketzer zu einer kranken Ketzerin gegangen seien.
-Sogleich gingen sie (der Bischof und die Dominikaner) dorthin. Der
-Bischof setzte sich an das Bett der Kranken und sprach ihr viel von der
-Verachtung der Welt. Und +weil die Kranke im Glauben war, es sei der
-Vorsteher der Ketzer+, so antwortete sie frei auf alle Fragen. Der
-Bischof entlockte ihr mit vieler Vorsicht ein Bekenntnis dessen, was
-sie glaubte. Dann fügte er hinzu: +Du darfst nicht lügen und nicht an
-diesem elenden Leben hängen. Deshalb sage ich dir, du sollst standhaft
-sein in deinem Glauben+ und nicht aus Todesfurcht anders aussagen,
-als du in deinem Herzen denkst. Sie antwortete: Herr, wie ich sage, so
-glaube ich, und wegen dieses elenden Lebens ändere ich meinen Vorsatz
-nicht. Da sagte der Bischof: Du bist eine Ketzerin, was du bekannt
-hast ist ketzerisch. Ich bin der Bischof von Toulouse und verkünde den
-römisch-katholischen Glauben, den ich dich ermahne anzunehmen. Aber er
-richtete nichts aus. Da verurteilte sie der Bischof in +Kraft Jesu
-Christi+(!) als Ketzerin. Er ließ sie +mit dem Bett, in dem sie
-lag, zum Scheiterhaufen tragen und sofort verbrennen+. Nachdem dies
-geschehen, gingen der Bischof und die Brüder (Dominikaner) +zurück
-in den Speisesaal, und was dort bereitet war, aßen sie mit großer
-Fröhlichkeit, Dank sagend Gott+ und dem hl. Dominikus. Dies hatte
-der Herr gewirkt am ersten Festtage des hl. Dominikus, +zur Ehre und
-zum Ruhme seines Namens+ und seines Dieners, des hl. Dominikus,
-+zur Erhöhung des Glaubens+ und zur Niederwerfung der Ketzer[74].
-In dieser Tonart geht es fort, doch dürfte die Probe genügen, um eine
-Vorstellung von dem kirchlichen Wirken in christlicher Liebe zu geben,
-das für Südfrankreich noch so segensvoll werden sollte.
-
- *
-
-Als die ersten Katharer -- darunter 10 Domherren -- 1022 zu Orleans
-verbrannt wurden, sträubten sich noch vereinzelt die zwar rohen aber
-nicht raffinierten Gemüter gegen diese Art der Verbreitung der Religion
-der Liebe. Bischof Wazon von Lüttich (1042-1048) antwortete auf die
-Frage des Bischofs Roger von Chalons, ob er die Ketzer verbrennen
-lassen dürfe, daß Blutvergießen gegen den Geist und die Aussprüche
-Christi sei, der das Unkraut mit dem Weizen stehen lassen will, bis
-zum Tage +seines+ Gerichtes. Gab es damals, wenn auch nur sehr
-sporadisch, noch unter den Christen Menschen, so hörte das bald genug
-auf, wenigstens soweit die tonangebenden Diener der Mutter Kirche in
-Frage kommen.
-
- *
-
-Dem Kardinal Heinrich, Bischof von Albano, der 1180 von Innocenz
-III. (1198-1216) gegen die Albigenser in Südfrankreich geschickt
-wurde, gebührt der Ruhm, den +ersten Kreuzzug von Christen gegen
-Christen+ gepredigt zu haben. Er hatte glänzenden Erfolg. Ein auf
-päpstlicher Seite stehender Augenzeuge schreibt, daß er +„ein weit
-und breit verwüstetes Land, zerstörte Dörfer und Städte, ein Bild des
-Todes“ hinterließ+.
-
-Papst Innocenz III. forderte mit glühenden Worten zur Vertilgung der
-„Gottlosen“ auf. Unter Berufung auf des Apostels Paulus (!) Worte
-„Dieweil ich tückisch war, habe ich euch mit Hinterlist gefangen“,
-mahnt der Statthalter Christi in einem Schreiben an seine Legaten,
-den Grafen von Toulouse, die Hauptstütze der „Ketzer“, schlau zu
-+täuschen+, als ob man es nicht so sehr auf ihn abgesehen habe.
-Dadurch werde verhindert, daß der Graf sich mit den Streitkräften
-der übrigen Ketzer vereinige. Es sei dann leichter, ihn später, nach
-Niederwerfung der übrigen, allein zu besiegen.
-
-Dieser Kreuzzug führte 1209 im Juli und August zur Eroberung von
-Beziers und Carcassonne. Da man nicht wußte, welche von den Bewohnern
-Beziers ketzerisch, welche rechtgläubig waren, ließ der päpstliche
-Legat mit den von echt christlicher Milde zeugenden Worten „+Tötet
-sie alle, Gott wird die Seinen zu erkennen wissen+“, +alle
-hinschlachten+. Es waren ihrer +zwanzigtausend+, Männer, Frauen
-und Kinder! In der einen Kirche Maria Magdalena mordete man 7000
-Menschen, die sich dorthin geflüchtet hatten. In Carcassonne wurden
-zu gleicher Zeit +400 Ketzer verbrannt+ und +50 gehängt+.
-Triumphierend berichtete der Legat dies dem Papst: die göttliche Rache
-habe die Ketzer wunderbar vernichtet.
-
-
-Im weiteren Verlaufe dieses Kreuzzuges, der so glänzend die
-zivilisatorische Macht der Kirche dokumentiert, wurden 1211 in Lavour
-über 100 Ketzer mit Feuer und Schwert gemordet. Und zwar vollzogen die
-päpstlichen Scharen dieses Blutbad, laut Berichten „+mit ungeheuerer
-Freude+“. Am 20. Februar 1213 richteten zahlreiche zu Lavour
-versammelte Bischöfe an Innocenz folgendes Schreiben: „Wir bitten
-Euere Gütigkeit mit gebührender Ehrfurcht, kniend und unter Tränen
-(die bekanntlich im frühen Mittelalter nie fehlen durften), daß Ihr,
-gemäß dem Eifer des Phineas, den Ihr besitzt, diese schlechteste Stadt
-(Toulouse) mit all ihren Verbrechern, mit all ihrer Unreinheit und
-ihrem Schmutz, der sich angesammelt hat in dem aufgeschwollenen Leibe
-dieser giftigen Schlange, die in ihrer Bosheit nicht geringer ist als
-Sodoma und Gomorrha, von Grund aus der gebührenden +Vernichtung+
-anheimfallen zu lassen“. Papst Innocenz entsprach diesen frommen
-Bitten. Man unterzog sich dem Liebeswerk mit solchem Eifer, „+daß
-nicht nur offenbare Ketzer, sondern wer immer verdächtig erschien, dem
-Scheiterhaufen überliefert wurde+“.
-
- *
-
-Als unter Papst Honorius III. die Stadt Marmande gestürmt wurde, fielen
-dem Rat der Bischöfe, alle Einwohner zu töten, +5000 Männer, Frauen
-und Kinder+, zum Opfer. Der Kardinal Bertrand wiederholte in seinen
-Predigten beständig, daß „+Tod und Schwert die ständigen Begleiter
-des Kreuzheeres sein müßten; alles Leben müßte vertilgt werden+.“
-
- *
-
-Der päpstliche Vernichtungskrieg gegen die Albigenser dauerte noch bis
-zum Ende des 13. Jahrhunderts mit glänzendem Erfolge: Südfrankreich,
-die Heimat der Troubadours und feinen ritterlichen Sitten, war
-zur Wüstenei geworden, der heimische Adel verdrängt, die geistige
-Führung endgültig an den Norden abgetreten. Es herrschte Ruhe,
-Grabesfrieden[75].
-
-Den Waldensern ging es nicht viel besser. Innocenz IV. forderte durch
-eine Bulle vom Jahre 1248 in der Bourgogne auf. „Die Inquisitoren
-verfolgten die Waldenser und verbrannten, wen sie auffinden konnten.“
-
-Der von Papst Gregor IX. entsandte Franziskanerinquisitor Lorelli
-schlachtete in den Alpentälern Savoyens und der Dauphiné die Waldenser
-zu Hunderten.
-
-Der 22. Mai 1393 wurde in Embrun festlich begangen. Die Stadt und
-die Altäre der Kirchen waren geschmückt, die Priester in kostbaren
-Gewändern umstanden sie. Die Christenheit hatte auch Grund sich zu
-freuen, denn 80 +Waldenser+ aus den Tälern von Freyssinières
-und Argentière und 150 +Waldenser+ von Vallouise wurden +zum
-Feuertode verurteilt. Die Hälfte der Gesamtbevölkerung dieser Täler
-verschwand, ganze Familien: Vater, Mutter, Kinder.+
-
- *
-
-Ein Jahrhundert später drang der Kardinallegat des Papstes Innocenz
-VIII., Albert von Cremona, in das Tal Vallouise ein. Da die Waldenser
-sich in eine große Höhle des Berges Pelvoux geflüchtet hatten, ließ der
-fromme Vertreter des Statthalters Christi am Eingang der Höhle Feuer
-anzünden. +Fünfzehnhundert Menschen, darunter Frauen und Kinder,
-kamen teils durch Feuer und Rauch, teils durch das Schwert um.+ Den
-päpstlichen Vizelegat Mormoiron ließen Alberts Lorbeeren nicht ruhen.
-Daher machte er es später fünfundzwanzig Waldensern gegenüber ebenso.
-Er ließ vor einer Höhle Feuer anmachen und alle kamen um.
-
-Bis zum Jahr 1550 schätzt man die in der Provence geschlachteten
-und verbrannten Waldenser, Männer, Frauen und Kinder, auf +über
-dreitausend+!
-
- *
-
-Wenigstens wußten die Legaten immer, was sie der Mutter Kirche schuldig
-waren: Der päpstliche Franziskanerinquisitor verbindet sich im Jahre
-1382 mit einer +Räuberbande+ von 22 Mann, um Ketzer zu ergreifen
-und zu töten! Dem Räuberhauptmann Girardo Burgarone wurde dafür ein
-+Preis gezahlt+!
-
- *
-
-Im Jahre 1373 starb ein Ketzer fünf Tage vor dem Urteil. Deshalb wurde
-seine Leiche in ungelöschtem Kalk aufbewahrt, um möglichst unversehrt
-verbrannt zu werden.
-
- *
-
-Leo X. verdammte den Satz Luthers „Häretiker zu verbrennen ist gegen
-den Willen des Hl. Geistes“ als häretisch[76].
-
-Unter diesen Umständen ist es befremdend, daß die Kirche noch heute
-gegen die Feuerbestattung ist. Etwa weil es sich ausschließlich um
-+Leichen+ handelt?
-
-Um welcher Sünden willen wurden die Waldenser so verfolgt? --
-Hoensbroech stellt noch eine Fülle von Daten zusammen -- waren
-sie keine Christen? verfluchten sie die Bibel? führten sie einen
-unmoralischen Lebenswandel? Das Gegenteil war der Fall: sie lasen die
-Bibel, führten ein von den Vorschriften der Bergpredigt geleitetes
-Leben und verwarfen den Ablaß.
-
- *
-
-Eine Bischofsversammlung in Goslar verurteilte im Jahre 1051 mehrere
-Ketzer zum Tode, weil sie sich geweigert hatten Hühner zu töten und
-ausschließlich von Pflanzennahrung lebten. +Sogar die Vegetarianer
-können auf Märtyrer zurückblicken!+
-
- *
-
-Als im Jahre 1184 Disputationen mit den Ketzern in Straßburg zu keinem
-Ergebnis führten, weil sie alles aus der Bibel belegen konnten, wurden
-die Lehren der Kirche als allein maßgebend hingestellt und -- ohne
-Rücksicht auf Übereinstimmung mit dem Evangelium -- wer gegen sie
-verstieß ohne Urteil verbrannt. +Achtzig+ fanden gemeinsam auf dem
-Scheiterhaufen den +Feuertod+.
-
- *
-
-Erzbischof Gerhard II. von Bremen hatte sich mit den +Stedingern+,
-einem Bauernvolk in den Weserflußmarschen im heutigen Oldenburg,
-überworfen, wohl weil sie gegen kirchliche Bedrückung sich aufgelehnt
-hatten. Deshalb erklärte Papst Gregor IX., erfüllt von Milde und
-Nächstenliebe, ihnen am 29. Oktober 1232 und am 19. Januar 1233
-den +Kreuzzug+. Aus ganz Norddeutschland strömten die Scharen
-zu diesem gottgefälligen Werk, ein freies deutsches Bauernvolk auf
-Pfaffengeheiß hin zu vernichten, herbei. „Raub und Plünderung wüteten
-weit und breit; auch Weiber und Kinder wurden erschlagen; wie die
-Erde blutig sich färbte, so auch der Himmel; aber nicht bloß der
-Brand der Ortschaften zeigte die Wut der Sieger. Auch die Lohe der
-Scheiterhaufen, auf denen die Gefangenen verbrannt wurden, verkündete
-die Grausamkeit, die im Namen der christlichen Kirche verübt ward.“
-
-In der dritten Stedingerbulle verlieh Gregor IX. allen gegen dieses
-arme Volk Ziehenden die gleichen Ablässe, die den Kreuzfahrern im
-Heiligen Lande zuteil wurden. Es war dem Statthalter Christi ernst
-mit der Ausrottung des Bauernvolks. Als das „Kreuzfahrerheer“ am
-Hemmelskamper Walde seine zweite schwere Niederlage erlitten harte, da
-kam Erzbischof Gerhard auf einen Gedanken, würdig eines Kirchenfürsten:
-er +wollte die Deiche zerstören und die Stedinger ersäufen+! Aber
-wieder waren sie stärker als ihr Seelenhirte. Im Frühjahr 1234, nachdem
-Predigermönche in Westfalen, Holland, Flandern und Brabant Fürsten
-und Volk neuerdings nachdrücklich auf die billige Gelegenheit, sich
-den christlichen oder doch päpstlichen Himmel zu sichern hingewiesen
-und dadurch gewaltige Erbitterung und wohl auch geistige Habsucht
-heraufbeschworen hatten, versammelte sich die Blüte des deutschen Adels
-zu diesem gottgefälligen Vernichtungswerk. Selbst der Papst fühlte
-ein menschliches Rühren und wollte die Möglichkeit eines Vergleiches
-einräumen. Aber es war zu spät. Am 27. Mai 1234 beim Orte Altenesch
-fiel die Entscheidung. Das blut- und beutegierige Kreuzheer, numerisch
-und wohl auch an Bewaffnung dem Bauervolk weit überlegen, erdrückte die
-Stedinger. Nur wenige wandten sich zur Flucht; +über sechstausend
-wurden getötet+. Unterdessen stand auf einer Anhöhe die zahlreiche
-Geistlichkeit mit Kreuz und Fahne und sang das schöne, hier wirklich
-passende Lied: Media vita in morte sumus.
-
-Für Bremen wurde die Schlacht bei Altenesch, eine der grausamsten
-und blutigsten der deutschen mittelalterlichen Geschichte, ein
-+kirchlicher Feiertag+! Man wußte Kulturtaten zu ehren.
-
- *
-
-+Konrad von Marburg+ eröffnete seine glorreiche Laufbahn
-als Inquisitor im Jahre 1212 mit der +Verbrennung von achtzig
-Waldensern+ in Straßburg! „Im Jahre 1214 fing Bruder Konrad von
-Marburg an zu predigen, und welche Ketzer er immer wollte, ließ er
-in ganz Deutschland, ohne Widerspruch zu finden, verbrennen. Und so
-predigte er zehn Jahre lang.“
-
-Dieser Streiter Gottes und seine Helfer hatten dabei ein sehr
-praktisches Verfahren. „Sie ließen in Städten und Dörfern verhaften,
-wen sie nur wollten, und übergaben diese Leute den Richtern +ohne
-alle weiteren Beweise+ mit den Worten: das sind Ketzer, wir ziehen
-unsere Hand von ihnen zurück. +So waren die Richter genötigt,
-dieselben zu verbrennen.+ Indessen sahen diese Richter ohne Erbarmen
-ein, daß sie ohne die Beihilfe der Herren nicht die Oberhand gewinnen
-konnten. Daher wandten sie sich an den König Heinrich und andere Herren
-und gewannen sie, indem sie sagten: wir verbrennen viele +reiche+
-Ketzer, und +ihre Güter sollt ihr haben. In den bischöflichen
-Städten soll die eine Hälfte der Bischof, die andere aber der König
-oder ein anderer Richter bekommen+. Darüber +freuten sich+
-nun diese Herren, leisteten den Inquisitoren Vorschub, beriefen sie
-in ihre Städte und Dörfer. Auf diese Weise gingen viele Unschuldige
-zugrunde, blos um der Güter willen, welche jetzt die Herren erhielten“.
-Das Geschäft blühte also, zumal sie auf die Frage, weshalb sie so
-barbarisch vorgingen, antworteten: „+Hundert Unschuldige verbrennen
-wir, wenn nur ein Schuldiger darunter ist+“.
-
-Die Ketzerverfolgung, die von 1231 bis 1233 in Deutschland unter
-diesem im Namen und mit Wissen des Statthalters Christi „arbeitenden“
-Konrad wütete, wurde mit bewunderungswürdigem Eifer durchgeführt. Ein
-Zeitgenosse schreibt: „+Niemand wurde Gelegenheit gegeben, sich zu
-verteidigen+, oder auch nur die Zeit sich die Sache zu überlegen,
-sondern sofort mußte man sich entweder als schuldig bekennen und wurde
-dann als Büßer +geschoren+, oder man leugnete das Verbrechen, und
-dann wurde man +verbrannt+. War man aber geschoren, so mußte man
-die +Mitschuldigen angeben+, widrigenfalls man +verbrannt+
-wurde. Daher glaubt man, daß +auch+ (!) Unschuldige verbrannt
-wurden. Denn viele bekannten aus Liebe zum eigenen Leben und um ihrer
-Erben willen, sie seien gewesen, was sie nie waren. Darauf wurden sie
-gezwungen, Mitschuldige anzugeben. Sie verklagten Leute, ohne sie
-verklagen zu wollen, Dinge aussagend, von denen sie nichts wußten. Auch
-wagte es niemand, für jemand, der verklagt war, Fürsprache einzulegen
-oder auch nur Milderungsgründe vorzubringen, denn dann wurde er als
-+Verteidiger der Ketzer+ betrachtet, und für diese und die Hehler
-der Ketzer war vom Papst die +gleiche Strafe wie für die Ketzer+
-selbst bestimmt. Hatte jemand der Sekte abgeschworen und wurde er
-rückfällig, so wurde er, ohne noch einmal widerrufen zu können,
-verbrannt“.
-
-Und wie verhielt sich der Papst zu diesen Greueltaten? Gregor IX.
-erließ 1231 eine Verfügung: „+Berufungen+ derlei Personen (der
-Ketzer) sind +nicht zuzulassen; kein Anwalt, kein Notar darf ihnen
-seine Dienste leihen, sonst verlieren sie für immer ihr Amt+“.
-
-
-Der Erzbischof Siegfried von Mainz schrieb, als Hekatomben der
-Verfolgungswut dieses Konrad geopfert wurden, nach Rom: „Magister
-Konrad +erlaubte keinem sich zu verteidigen+ und seinem eigenen
-Pfarrer zu beichten. +Jeder mußte bekennen, er sei ein Ketzer+,
-habe eine Kröte berührt und geküßt. Manche wollten lieber sterben,
-als so Schreckliches von sich auszusagen; andere erkauften das Leben
-durch Lüge und sollten nun angeben, wo sie solche Dinge gelernt hätten.
-Da sie niemand zu nennen wußten, +baten sie um Bezeichnung der
-Verdächtigen+, und als man ihnen die Grafen von Sayn und Arnsberg
-und die Gräfin von Looz nannte, sagten sie: +Ja, diese sind schuldig.
-So wurde der Bruder vom Bruder angeklagt+. Ich (der Erzbischof
-von Mainz) habe den Meister Konrad zuerst unter vier Augen, dann in
-Gemeinschaft mit den Erzbischöfen von Köln und Trier ersucht, er möge
-mit mehr Mäßigung verfahren, aber er gab nicht Ruhe“.
-
-Am 10. Juni 1233 schrieb der Statthalter Christi, Gregor IX.,
-überfließend von Menschenliebe, dem frommen Konrad, „wenn lindernde
-Arznei nicht hilft, müsse das faulende Fleisch +mit Feuer und
-Schwert+ entfernt werden“. Gleichzeitig schrieb er an König
-Heinrich: „Wo ist der Eifer eines Moses, der an einem Tage 23000
-Götzendiener +vernichtete+? Wo ist der Eifer eines Phineas, der
-den Juden und die Madianiterin mit einem Stoße +durchbohrte+? Wo
-ist der Eifer eines Elias, der die 450 Baalspropheten mit dem Schwerte
-+tötete+? Wo ist der Eifer eines Mathatias, der entflammt für das
-Gesetz Gottes am Altare den Juden +tötete+?“
-
-Als Konrad von Marburg endlich erschlagen worden war, schrieb
-Gregor, ein Verbrechen, wie die Ermordung Konrads, „eines Mannes
-von +vollendeter Tugend+ und eines +Heroldes des christlichen
-Glaubens+“ könne überhaupt nicht nach Gebühr gezüchtigt werden!!!
-
- *
-
-Im alten Rom wurden bekanntlich die Christen auch verfolgt, es genügte
-aber die Teilnahme der Angeschuldigten am Götterdienst und dem Kaiser
-dargebrachte Opfer als Beweise der Unschuld! Und zwar selbst bei einer
-im Verdacht des Christentums stehenden Priesterin. Die Ausstellung
-einer Urkunde über Opfer, Libation und verzehrtes Opferfleisch genügte
-als Schutz gegen Verfolgungen. Origines sagt ausdrücklich, daß
-„+wenige und nur sehr leicht zu zählende+“ bis zur Verfolgung des
-Decius +den Märtyrertod erlitten haben+[77]. Aber selbst in dieser
-haben in der großen Gemeinde in Alexandria nur 10 Männer und 7 Frauen
-für den Glauben geblutet! Ein Vergleich mit den der Inquisition zum
-Opfer Gefallenen ist weder numerisch noch hinsichtlich der Grausamkeit
-in der Verfolgung auch nur im allerentferntesten zulässig. Allerdings
-waren die Römer auch nur Heiden.
-
- *
-
-Die maurischen Herrscher Spaniens gewährten den unterworfenen Christen
-und Juden +volle Glaubensfreiheit+, sie durften Kirchen und
-Klöster haben und ihren Gottesdienst frei üben. Weit entfernt, zum
-Abfall vom Christenglauben zu zwingen, sahen die mohammedanischen
-Herrscher der Pyrenäenhalbinsel ihn nicht einmal gern. Trotzdem
-gingen viele zum Glauben des höheren Kulturvolkes über. Juden standen
-sogar hohe Staatsämter offen, während sie unter christlichem Regiment
-furchtbar bedrückt worden waren. Damals war Spanien geistig und
-materiell das blühendste Land Europas[78].
-
- *
-
-Unter Isabella von Kastilien und Ferdinand dem Katholischen wurden die
-letzten Mauren aus Spanien vertrieben, und die Segnungen der Kirche
-ergossen sich über das Land. 1480 begann die vom Papst Sixtus IV.
-geförderte Tätigkeit der Inquisition besonders gegen die Reichsten und
-Vornehmsten. Thomas von Torquemada wurde 1483 Oberinquisitor. 1492
-erging ein Edikt, das alle Juden ohne Ausnahme aus Spanien vertrieb.
-Sie durften ihre Habe +veräußern oder vertauschen+, aber die
-mindestens 160000 (nach andern 800000) Vertriebenen durften den
-+Erlös+ dafür, Gold, Silber und andre verbotene Ware +nicht
-mit sich nehmen+! Beim Fall von Granada, 1492, wurde den Mauren
-+Glauben, Moscheen und Recht vertraglich zugebilligt+, und ganze
-10 Jahre lang hielten die katholischen Fürsten ihre Zusagen. 1502
-+wurden alle freien Mauren ausgewiesen+[79].
-
- *
-
-Nach der geringsten Schätzung wurden unter Karls V. Regierung in den
-Niederlanden 50000, nach andern 100000 +Ketzer hingerichtet+.
-Herzog Alba rühmte sich, in den 5 bis 6 Jahren seiner Regierung mehr
-als 18000 mit kaltem Blute hingerichtet zu haben. Auf dem Schlachtfelde
-habe er noch viel mehr getötet. Demnach war er der Henker von
-mindestens 40000 Menschen.
-
-Philipp II. von Spanien führte gegen die Ketzer einen 30 Jahre
-dauernden Krieg. Er ließ jeden Ketzer, der nicht widerrufen wollte,
-verbrennen. Widerrief er, wurde ihm +Gnade erwiesen+; da er sich
-aber einmal befleckt hatte, mußte er natürlich auch +sterben+, nur
-genügte statt des Feuertodes in diesem Falle der durch das Schwert[80].
-
-Man hat die allein in Spanien während des 16. Jahrhunderts wegen
-protestantischer, jüdischer oder mohammedanischer „Ketzerei“
-Verbrannten auf etwa 18000 berechnet. Mag diese Zahl auch um etliche
-Tausende übertrieben sein, so muß doch berücksichtigt werden, daß außer
-in Spanien und den Niederlanden noch in Mexiko, Cartagena, Lima, sowie
-dem damals noch spanischen Sizilien und Sardinien gleichzeitig in
-derselben Weise die Religion der Liebe verbreitet wurde[81].
-
- *
-
-Die letzte Verbrennung in Rom dürfte am 22. August 1761 stattgefunden
-haben; in Spanien fand in Sevilla am 7. November 1781 das letzte
-Autodafé statt. Im römischen Falle war der Delinquent vorher gehängt
-worden[82].
-
-Voltaire hat in seiner Schrift „Dieu et les hommes“ berechnet, daß
-während der Glanzperiode des Papsttumes 10 Millionen von Menschen der
-„Mutter Kirche“ zum Opfer fielen. Von ihr befreiten die Menschheit die
-Philosophen der verhaßten Aufklärung, die französische Revolution und
-die Naturwissenschaften. Als die Religion der Liebe in ihrer bisherigen
-Form abgewirtschaftet hatte, fing die Menschenliebe an; gewiß nicht aus
-Verschulden ihres erhabenen Stifters.
-
-
-
-
-Vierter Abschnitt
-
-Toleranz und Ähnliches
-
-
-Melanchthon, wegen seiner Milde bekannt, rühmte Kalvin ausdrücklich
-wegen der Verbrennung des Servet und verlangt „+die Verhängung
-bürgerlicher Strafen bis zur Todesstrafe gegen die Katholiken+“[83].
-Das war noch ganz der Geist der Bamberger Halsgerichtsordnung von 1507,
-die bestimmte: „Wer durch die ordentlichen geistlichen Richter für
-einen Ketzer erkannt und dafür dem weltlichen Richter überantwortet
-wurde, der soll auf dem Feuer vom Leben zum Tode bestraft werden“.
-
-Die Exkommunikationsformel gegen den Rat der Stadt Magdeburg lautete:
-„Er scheide sie (die Katholiken) als +faule, stinkende Glieder+
-ab von der Gemeinde Christi, er schließe ihnen den Himmel zu und die
-Hölle weit auf, er übergebe sie dem leidigen Teufel, sie +am Leibe
-zu martern, zu quälen und zu plagen+,... er gebiete auch von Amts
-wegen, daß andere Christen sich solcher verbannten Menschen gänzlich
-enthalten, mit ihnen nicht essen oder trinken, sie zur Hochzeit oder
-ehrlicher Gesellschaft nicht laden,... sie auf der Straße nicht grüßen
-und in Summa für +Heiden+ oder +Unchristen+ halten sollen mit
-allen ihren Sünden teilhaftigen Anhängern, bis sie ihre Sünden bekennen
-und Kirchenbuße tun“[84].
-
- *
-
-Über die von den Protestanten unter Karl II. in England unternommene
-große Katholikenverfolgung schreibt Macaulay: „Inzwischen waren
-die Gerichtshöfe, welche inmitten politischer Bewegungen sichere
-Zufluchtsstätten für die Unschuldigen jeder Partei sein sollen, durch
-wildere Leidenschaften und schmutzigere Bestechungen beschimpft, als
-selbst bei den Wahlbühnen zu finden waren... Bald strömten aus allen
-Bordellen, Spielhäusern und Bierkneipen Londons falsche Zungen hervor,
-um Römisch-Katholische um ihr Leben zu schwören.“ Damals fielen
-Tausende und Abertausende den Protestanten zum Opfer[85].
-
-Wie Felix Platter berichtet, wurden im Jahre 1554 +Protestanten+
-in Frankreich mit dem +Tode+ bestraft, ein Vornehmer aber an die
-Galeere geschmiedet. Im gleichen Jahre sah er in Avignon oben am Palast
-Reformierte im +eisernen Käfig zu Tode eingesperrt+.
-
- *
-
-Das lutherische Sachsen war ängstlich darauf bedacht, jeglichen
-kalvinistischen „Irrglauben“ fern zu halten. Da der Kanzler Christians
-I., Dr. Krell, einer weitherzigeren Ansicht huldigte, wurde er am Tage
-der Beerdigung seines Herrn (1591) verhaftet und ihm der Prozeß als
-Kryptokalvinisten gemacht. Zehn Jahre lang mußte er Sommer und Winter
-in einem fast überall offenen Kerker sitzen, wo er „in dem Stank
-und Unflat ganz verderben“ mußte. Als älterer, von der Gicht schwer
-heimgesuchter Mann, mußte er im +Krankenstuhl aufs Schafott getragen
-werden+[86]. Hinsichtlich der Toleranz haben sich die verschiedenen
-christlichen Konfessionen gegenseitig nichts vorzuwerfen; sie alle
-befolgen gewissenhaft das +Bibelwort+: „So jemand zu euch kommt
-und bringet diese Lehre nicht, den nehmet nicht (auf) zu Hause und
-grüßet ihn auch nicht. Denn wer ihn grüßet, der machet sich teilhaftig
-seiner bösen Werke!“ (II. Joh. 10) und „Wer glaubet und sich taufen
-läßt, wird selig werden; wer aber nicht glaubet, wird verdammet
-werden.“ (Mark. 16, 16).
-
- *
-
-Erst im Laufe des 17. Jahrhunderts läßt man in der Praxis den Grundsatz
-cuius regio, eius religio ganzen Völkern gegenüber fallen und versucht
-nicht mehr, ihnen die Konfession des Landesherren aufzuzwingen, wenn
-etwa der Landesherr konvertiert, oder durch Erbschaft in den Besitz
-von Landesteilen mit anderer Konfession kommt[87]. Früher wurde in
-rücksichtsloser Weise auch in solchen Fällen zum Glaubenswechsel
-gezwungen. Man denke etwa an die Pfalz! Natürlich erwartete man, daß
-die Untertanen nun auch +aus Überzeugung+ der neuen Konfession
-anhingen.
-
-Im Jahre 1634 tat der Hofprediger des Herzogs Johann Georg I. von
-Sachsen den Ausspruch: „Den Kalvinisten zu ihrer Religionsübung helfen
-ist wider Gott und Gewissen und nichts anderes, als dem Urheber der
-kalvinistischen Greuel, dem Teufel, einen Ritterdienst leisten.“
-
-In Kassel, einer reformierten Stadt, durften die Lutheraner noch in
-der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts in ihrer Kirche keine Orgel haben,
-auch war ihnen das Taufen und Kopulieren verboten, das beides von
-reformierten Geistlichen vollzogen werden mußte.
-
- *
-
-Als im Jahre 1747 ein im Brückenturm zu Frankfurt a. M. befindliches
-Spottgemälde auf die Juden nächtlicherweile zerstört worden war, ließ
-der Magistrat es wieder erneuern.
-
-Noch 1756 war den Juden verboten, die sogenannte Allee, den jetzigen
-Goetheplatz, in Frankfurt zu betreten. Erst im Jahre 1806 wurde allen
-Einwohnern ohne Ausnahme der Gebrauch der öffentlichen Spaziergänge
-gestattet.
-
-Bekanntlich trugen die Juden im Mittelalter zum Unterschied von den
-Christen gewisse Abzeichen, spitze Hüte, gelbe Ringe usw. Noch im
-Jahre 1786 wurde den Juden in Frankfurt eingeschärft, sie müßten
-schwarze Mäntel als Abzeichen tragen, zugleich wurde ihnen untersagt,
-Spazierstöcke zu führen. Bis zum Schluß des 18. Jahrhunderts durften
-sie ihre Gasse an Sonn- und Feiertagen erst nach Beendigung des
-Nachmittagsgottesdienstes verlassen.
-
-Im Jahre 1800 hielt ein Doktor der Medizin, der in Frankfurt ein
-öffentliches Badhaus besaß, es für nötig, folgende Bekanntmachung zu
-erlassen: Es laufe das Gerücht um, die Juden könnten sich eines jeden
-seiner Bäder bedienen; er zeige daher an, daß nur zwei der letzteren
-zur Benutzung durch Juden bestimmt seien, also kein Christ in ein
-Juden- und kein Jude in ein Christenbad eingelassen werde, sowie daß
-auch das Weißzeug für beide Teile besonders gezeichnet sei.
-
-Noch im Jahre 1807 ließ man die Juden in den Kaffeehäusern Frankfurts
-nicht zu, und doch war damals bereits ein toleranter und aufgeklärter
-Fürst Gebieter der Stadt.
-
-Im Jahre 1817 brach in Frankfurt, wie in vielen anderen deutschen
-Städten, eine Judenverfolgung aus. Erst 1832 wurde ihnen das Recht
-gewährt, mehr als +ein+ Haus und +einen+ Garten besitzen zu
-dürfen. Bis 1834 bestand eine Vorschrift, nach der jedes Jahr nur eine
-bestimmte Anzahl jüdischer Ehen geschlossen werden durfte. Vollständige
-Gleichberechtigung mit den Christen wurde den Juden erst 1864 in
-Frankfurt eingeräumt!
-
- *
-
-In Italien ging es den Juden nicht besser. Keyßler erzählt in
-seinen „Reisen“ (Hannover 1776, S. 177) im Jahre 1730 von strengen
-Judengesetzen. Z. B. wurde jede auch noch so geringe Lästerung gegen
-Maria, Heilige oder deren Bilder mit dem Tode bestraft. „Manns- und
-Frauenpersonen der jüdischen Nation müssen, sobald sie über 14 Jahre
-alt sind, auf der rechten Brust ein gelbes Zeichen von Wolle oder
-Seide, ein Drittel Ellen lang, tragen, damit man sie von Christen
-unterscheiden könne. Die jüdischen Eltern müssen ihren Kindern, welche
-sich zum Christentum wenden, alles das hinterlassen, was diese bekommen
-hätten, wenn ihre Aeltern ohne Testament gestorben wären. Zu solchem
-Ende wird gleich bei der Bekehrung des Sohnes ein Inventarium über
-das Vermögen des Vaters errichtet. Die Kinder bekommen auch den Genuß
-der Güter, welchen sonst ihre Väter würden gezogen haben, so lange
-sie unter der väterlichen Gewalt geblieben wären. In der Charwoche
-dürfen die Juden von Mittwochen an bis daß Sonnabends die Glocken
-geläutet werden, nicht aus ihren Häusern gehen, und müssen ihre Thüren
-und Fenster, bey Strafe eines dreytägigen Gefängnisses mit Wasser
-und Brodten, zu halten. Sie dürfen auch diese Zeit über auf keinem
-musikalischen Instrument in ihrem Hause spielen oder singen, wo sie
-nicht den öffentlichen Staupenschlag zur Vergeltung haben wollen.“
-
- *
-
-Frankfurt war eine protestantische Stadt, und deshalb nahm man in echt
-christlicher Milde und Nächstenliebe seit 1591 keinen katholischen
-Mitbürger mehr in den Rat auf.
-
-Noch am 2. Juli 1781 sprach ein Schöffendekret in betreff des
-Sporerhandwerks aus: einen Katholiken oder Reformierten als Lehrling
-anzunehmen sei allerdings erlaubt, nicht aber ihm das Meisterrecht zu
-gewähren.
-
-Der im Jahre 1796 zugelassene Dr. med. Lejeune aus Verviers war der
-erste als Arzt rezipierte katholische Bürger von Frankfurt. Seit 1624
-hatte in Frankfurt kein Katholik den ärztlichen Beruf ausüben dürfen.
-
- *
-
-Im 18. Jahrhundert gestattete man den jüdischen und katholischen
-Verbrechern in Frankfurt weder den Besuch ihrer Geistlichen im
-Gefängnis noch deren Begleitung bei der Hinrichtung, was beides im 17.
-Jahrhundert mehrmals zugelassen worden war. Statt dessen +drang man
-den Delinquenten lutherische Geistliche auf+. Als im Jahre 1750 ein
-Katholik hingerichtet wurde und ein Dechant ihn im Vorbeigehen aus dem
-Fenster heraus absolvierte, wurde das Volk aufs höchste erbittert und
-hätte ihn fast gesteinigt. Der Rat aber faßte ein Memorandum ab, das
-eine Protestation und den Ausspruch des Vertrauens enthielt, daß der
-Dechant und die übrige katholische Geistlichkeit künftig in ähnlichen
-Fällen nicht wieder derartige Neuerungen sich anmaßen würde, da
-andernfalls die rechtliche Ahndung folgen würde.
-
-In Frankfurt, einer gleich Hamburg streng lutherischen Stadt, durften
-die Reformierten ihre Ehen und Taufen nur von lutherischen Geistlichen
-vollziehen lassen. Diese Vorschrift blieb auch dann noch bestehen,
-als 1781 den Reformierten erlaubt worden war, für ihre beiden Teile,
-die Wallonen und die Deutschen, zwei Bethäuser in der Stadt selbst
-zu errichten, und als 1792 und 1793 der Gottesdienst in diesen
-neuen Räumen eröffnet worden war. Bisher hatten die +Frankfurter
-Reformierten selbst in ihren Privathäusern keinen Gottesdienst halten
-dürfen+. Erst im Jahre 1806 wurde die Gleichberechtigung aller
-christlichen Konfessionen dort proklamiert.
-
-Fast alle Handwerksinnungen nahmen Reformierte nicht als Meister
-auf. Noch 1774 versagte man in Frankfurt einem Schneider, 1779 einem
-Kürschner das Meisterrecht für ihre reformierten Ehefrauen. Der erste
-mit einem bezahlten städtischen Amt bedachte Reformierte war -- vom
-Physikus Peter de Spina, der 1640 angestellt wurde, abgesehen -- ein
-1780 angenommener Lazarettchirurg und der 1783 zum Fähnrich ernannte
-Hassel. Also auch in Goethes Zeit noch war es eine große Ausnahme,
-wenn die lutherische Stadt einen Reformierten anstellte, was einem
-Katholiken gegenüber überhaupt +ausgeschlossen+ war[88].
-
- *
-
-Im Jahre 1855 fällte das Konsistorium zu Speier wegen einer Mischehe
-zwischen einem Christen und einer Jüdin folgende Entscheidung:
-„Daraufhin (auf die Mischehe) hat das kgl. Konsistorium unterm 29.
-September 1855 im Namen des dreieinigen Gottes und kraft des Befehles
-Jesu Christi die +definitive Exkommunikation+ über den besagten
-M. ausgesprochen und ihn hierdurch aus der christlichen Gemeinde
-ausgeschlossen“[89].
-
- *
-
-In dem Buche von Gottfried Thomasius „Grundlinien zum
-Religionsunterricht an den oberen Klassen gelehrter Schulen“, 8.
-Aufl., bearbeitet von Karl Christ. Burger, Oberkonsistorialrat,
-Erlangen 1893, einem an bayerischen Gymnasien eingeführten Lehrbuch,
-findet sich auf S. 97 folgende Stelle: „Daß.. die Einheit des
-Glaubens vielfach gebrochen ist, daß verschiedene und in wesentlichen
-Glaubensartikeln einander widersprechende Konfessionen bestehen, das
-ist ein schweres Übel und ein bitterer Schmerz für alle Christen.“ --
-Da entsteht die Frage, welche Kirche die wahre sei? Und darauf ist
-die Antwort A(ugsburgische) K(onfession) VII: Diejenige, die sich in
-ihrem Bekenntnis und in der Verwaltung der Gnadenmittel der Heiligen
-Schrift gemäß hält. „+Die evangelisch-lutherische Kirche hat dieses
-Zeugnis und will daher mit der menschlich-gemachten Union unverworren
-bleiben+.“ Der glaubensstarke Autor möchte augenscheinlich am
-liebsten heute noch Zustände, wie sie oben geschildert sind. Gottlob
-kümmern sich gegenwärtig die wenigsten Menschen um solche Finessen. Für
-sie dürfte kaum noch jemand Zeit haben, es sei denn ein versöhnlicher
-Prediger des Evangeliums. Ist es unter diesen Umständen ein Wunder,
-wenn oft gerade die Besten, vom konfessionellen Gezänk angewidert, der
-Kirche den Rücken kehren?
-
-Im gleichen Werkchen S. 51 ist der eben nicht leichte Versuch gemacht
-zu beweisen, daß die bei Horaz (Ep. I, 16, 52) im Satze Oderunt peccare
-boni virtutis amore aufgestellte Moral weniger erhaben ist als die
-christliche. Dort guttun um der Sache willen, hier für Lohn, wenn auch
-erst im Jenseits. Die Entscheidung dürfte nicht schwer sein.
-
- *
-
-Der erste Fürst, der seinen Untertanen völlige Religionsfreiheit, zwar
-nicht de jure, aber de facto gewährte, war Friedrich der Große von
-Preußen. Im Allgemeinen Preußischen Landrecht von 1794 wurde diese
-Freiheit erst kodifiziert, aber nicht etwa als Geschenk des Fürsten,
-sondern als +angeborenes Recht des Bürgers+[90]. Wie sich doch die
-Zeiten ändern!
-
- *
-
-Früher schon hatte der edle Kaiser Joseph II. seine Völker von
-Glaubens- und Gewissenszwang befreien wollen, aber das Resultat war
-recht dürftig. Das Zirkular Josephs II. vom 30. April 1783 bestimmt
-z. B.:
-
-Personen, die aus der katholischen Kirche austreten wollen, „sollen
-sechs Wochen lang in Klöstern oder von ihrem Pfarrer unterrichtet
-werden, wobei die Pfarrer angewiesen sind, alles mögliche zu versuchen,
-sie von ihrem +Irrtum+ zurückzuführen.“ Zu den tolerierten
-Kirchen wurden, trotz Josephs persönlicher Weitherzigkeit, nur die
-„augsburgischen und helvetischen Religionsverwandten“, „Lutheraner
-und Reformierte“ und die „nichtuniierten Griechen“ gezählt, denen
-„Privatexerzition“ ihrer Religionen eingeräumt wurde. „Sollten aber
-einige Untertanen zu einem anderen, in dem Toleranzgesetz nicht
-begriffenen Religion oder Sekte sich erklären wollen, so seien diese
-mit ihrer Erklärung auf der Stelle abzuweisen und ihnen zu bedeuten,
-daß +eine derlei Religion nicht bestehe+ und +je werde geduldet
-werden+.“ Trotzdem empfand man das Gesetz als Erlösung!
-
-Den drei Konfessionen wurden „Bethäuser“ ohne Glocken, ohne Türme,
-ohne Eingang von der Straße, beileibe keine „Kirchen“ eingeräumt.
-Erst jetzt brauchten sie bei der Verheiratung keinen Rekurs mehr zu
-unterschreiben, daß die Kinder katholisch würden. Das Kleiderverbot
-bzw. die Vorschrift, sich bestimmter Abzeichen zu bedienen, war bei den
-Juden durch Edikt vom 13. Oktober 1781 aufgehoben worden. Wie jung ist
-doch unsere Kultur, daß man dieses so beschränkte Entgegenkommen noch
-heute als Großtat feiert!
-
- *
-
-In Frankreich gestattete erst kurz vor der großen Revolution Ludwig
-XVI. im Jahre 1787 den Protestanten, rechtmäßig Mann und Frau und
-legitime Eltern zu sein!
-
-In England hob erst 1828 der Staat die letzten Reste der intoleranten
-Gesetzgebung mit der Annullierung der Testakte und mit der
-Katholikenemanzipation von 1829 auf.
-
-Zuerst war es die französische Revolution und das freie amerikanische
-Bürgertum, die vollste Gewissensfreiheit gewährten und durchführten.
-Im ersten Amendement zur Verfassung der Vereinigten Staaten vom 13.
-Dezember 1791 heißt es: „Der Kongreß soll nie ein Gesetz geben,
-wodurch eine Religion zur herrschenden erklärt oder die freie Ausübung
-einer andren verboten würde.“
-
- *
-
-Damit waren zum ersten Male ganz moderne Anschauungen verwirklicht.
-Doch wohl jedenfalls eine Folge der durch anderthalb Jahrtausende der
-christlichen Herrschaft erzielten Milde? Oder sollte schon früher
-jemand diese Toleranz gehandhabt haben?
-
-Dem +Mohammedanismus+ genügte die politische Herrschaft. Bekehrung
-lag ihm völlig fern. Er ließ den Christen auch in der Erobererzeit
-+volle Glaubensfreiheit+. Selbst ihre Kirchen und Klöster durften
-sie in der Regel behalten, und die kirchliche Verfassung wurde nicht
-angetastet. Sie durften glauben oder sich zanken, wie sie wollten[91].
-
-Die +Mongolen+, die größten Menschenschlächter, die die
-Weltgeschichte kennt, gewährten +völlige Glaubensfreiheit+, wie
-sie seit je die +Chinesen+ gestattet hatten. Der franziskanische
-Missionar Andreas aus Perugia schreibt aus dem Reiche des Kubilai im
-Jahre 1326: „In diesem Reiche gibt es Menschen von allen Nationen,
-die unter dem Himmel sind und von allen Religionen, und man gestattet
-allen und jedem, nach seiner zu leben. Denn sie hegen die Meinung oder
-vielmehr den Irrtum, daß jeder in seiner Religion selig werde. Wir
-können frei und sicher predigen[92].“
-
-Kaiser Akbar von Indien (1556-1605) war von solchem religiösem
-Wahrheitsstreben erfüllt, daß er, während Europa von Religionskriegen
-und Verfolgungen um des Glaubens willen heimgesucht wurde, jedermann
-freie Übung der Religion gestattete. Dieser Mohammedaner brach die
-Übermacht der mohammedanischen Geistlichkeit und versammelte an seinem
-Hofe Brahmanen, Buddhisten, Parsen, Jesuiten und Juden zu ständigen
-Disputierabenden. Nie vorher oder später hat Hindostan eine gleiche
-wirtschaftliche und kulturelle Blüte erlebt[93].
-
-Der verständige Wedel hält in seinem „Hausbuch“ (S. 341) Einigkeit
-in der Religion für „unabwendlich nöthig, denn nichts ist, das die
-Gemüter mehr von ander bindet oder verhaßt machet, als disparitas
-religionis“, erkennt aber die +Toleranz der Türken+ an: „Denn
-obwol die Türcken steiff und fest über ihrer Religion halten und nicht
-viel Krummes oder Disputirens davon gemacht wissen wollen, zwingen sie
-doch inmittelst durch öffentliche Gewalt niemand dazu, weniger stellen
-sie gegen Feinde oder Freunde desfals Verfolgungen, Plagen oder Marter
-an, sondern lassen einem jeden, auch den Überwundenen, ihre +Religion
-und Gewissen frei+. Eben das giebt vielen Ursach, sich unter das
-türckische Reich zu geben, daher es auch mercklich erweitert wird. Denn
-mit keinem Dinge die Gewissen mögen bezwungen oder begütiget werden, ja
-es verlassen die Leute darumb Leib, Gut, Vaterland und Freunde, lassen
-sich palen und braten.“
-
-Während das altgriechische „Heidentum“ sehr, wenn auch nicht absolut
-tolerant war, in Glaubenssachen nicht folterte, sich durch Widerruf
-in der Regel zufriedenstellen ließ und ein äußerst selten gefälltes
-Todesurteil -- wie durch den Fall Sokrates hinlänglich bekannt --
-durch den milden Schirlingsbecher vollstreckte, loderten noch fast
-anderthalb Jahrtausende, nachdem das Christentum Staatsreligion
-geworden war, überall Scheiterhaufen!
-
-Nicht ungern wird auf den Tod Christi als Zeugnis für die
-römische Intoleranz hingewiesen. Aber die Tatsächlichkeit dieses
-welthistorischen Ereignisses vorausgesetzt, wären die Hauptschuldigen
-nicht die Römer, sondern die Juden gewesen, die als Erzväter der
-Intoleranz zu gelten haben[94]. Nun hat aber Giovanni Rosardi
-nachgewiesen, daß auf alle Fälle nach dem damals geltenden römischen
-Recht die Kreuzigung Christi einer der größten +Justizmorde+ aller
-Zeiten war! Also nicht der römische Geist der Intoleranz ist schuld an
-dieser unerhörten Tat, sondern lediglich die Unvollkommenheit einzelner
-Menschen, die auch durch die besten Gesetze nicht beseitigt werden
-kann[95].
-
- *
-
-Gottlob sind diese barbarischen Zeiten der Intoleranz, in denen jemand
-wegen seines Glaubens, seiner Überzeugung verfolgt wurde, wo man Gefahr
-lief, getötet oder ein Heuchler zu werden, endgültig vorbei. Es läßt
-sich ja wohl nicht leugnen, daß die Rücksichtslosigkeit, mit der die
-Kirchen gegen Andersgläubige oder auch nur Verdächtige verfuhren, bei
-einer Religion der Liebe befremdend wirkt, um so mehr, als sie selbst
-gegen jeden Angriff, mag er sich auch in die mildesten Formen gehüllt
-haben, sehr empfindlich waren. Doch auch das ist vorbei, wenigstens in
-einem Kulturstaate wie Deutschland. Die Verfassung verbürgt jedermann
-Glaubensfreiheit, niemand leidet darunter, wenn er fortgeschrittener
-ist als die Konfessionen, niemand, wenn er der Rückständigsten einer
-ist, sofern er nur seine Pflichten als Mensch und Staatsbürger erfüllt.
-Mit einem Wort: Seit einem Jahrhundert leben wir als freie Bürger in
-einem freien Kulturstaat.
-
-Oder etwa nicht? Gibt es wirklich im zivilisierten 20. Jahrhundert
-noch Leute und Parteien, die über ganz unbeweisbare religiöse und
-metaphysische Fragen sich in die Haare geraten, womöglich die Gesetze
-anrufen? Die den andern geringer schätzen, weil er Jude, Heide,
-Protestant, Katholik oder Mohammedaner ist? Die ihm irgendein Recht
-verkürzen? Wird Deutschland noch von Parteien zerrissen, von denen jede
-behauptet, allein den Schlüssel zum Himmelreich zu besitzen, dabei aber
-nicht in einen Wettkampf der Liebe, sondern in einen solchen des Hasses
-eintritt? Wird irgend jemand an der freien Äußerung seiner Ansichten
-und seines Glaubens gehindert? Gibt es noch Gewissenszwang?
-
- *
-
-Im Jahre 1907 kandidierte der Pfarrer +Korell+ im Wahlkreise
-Darmstadt-Großgerau als Kandidat der vereinigten Liberalen. Er
-fiel durch, und in die Stichwahl kamen ein Sozialdemokrat und ein
-Konservativer. Obwohl Pfarrer Korell an der Stichwahlparole seines
-Wahlausschusses, der die Wahl des Sozialdemokraten empfahl, +ganz
-unbeteiligt war+, auch bei der Stichwahl +nicht mitstimmte+,
-wurde er vom hessischen Oberkonsistorium mit einem +Verweis
-bestraft+, weil er die Interessen der evangelischen Kirche dadurch
-verletzt habe, daß durch sein +Schweigen+ die Meinung entstehen
-konnte, ein Geistlicher halte die Sozialdemokratie für das kleinere
-Übel!
-
-Im Jahre 1907 wurde der Pfarrer +Cesar+ von der Reinoldigemeinde
-zu Dortmund einstimmig gewählt. Das Konsistorium hielt es aber für
-erforderlich, ihn einem Kolloquium zu unterwerfen, und versagte ihm
-dann die Bestätigung der Wahl wegen „Mangels an Übereinstimmung mit
-dem Bekenntnis der Kirche“. Der Protest der +ganzen+ Gemeinde
-mit Ausschluß einer einzigen Stimme beim Oberkonsistorium führte zu
-keinem Resultat. Man erlaubt also trotz der vielgerühmten evangelischen
-Freiheit -- canis a non canendo? -- noch in der Gegenwart einer
-Gemeinde nicht die Wahl ihres Seelenhirten, bzw. zwingt sie, sich
-Gedanken vortragen zu lassen, mit denen die ganze Gemeinde nicht
-einverstanden ist. Und dann klagt man über die Gleichgültigkeit der
-Gebildeten der Kirche gegenüber und den geringen Besuch der Predigt!
-
- *
-
-Einem Schulamtskandidaten wurde, weil er +konfessionslos+ ist,
-vom sächsischen Kultusminister nicht gestattet, an einem Leipziger
-Gymnasium sein Probejahr abzudienen. Da er sich darüber beim Landtag
-beschwerte, wurde in der Verhandlung vom 12. Januar 1909 von der
-Deputation beantragt, die Beschwerde der Regierung zur Erwägung zu
-überweisen, da es eine Rechtsbeugung sei, wollte der Landtag den Mann
-hindern, das Probejahr abzuleisten, um fertiger Lehrer zu werden. Der
-sächsische Kultusminister Dr. Beck bezeichnete dagegen das Vorgehen
-des Kandidaten als einen Vorstoß der religionslosen Kandidaten und
-Studenten, die Bresche in die bisherige Ordnung der Dinge legen
-wollten. Durch das Eintreten der konservativen Mehrheit für den
-Minister wurde die Beschwerde verworfen. Man scheint also in Sachsen
-zum Jugenderzieher lieber einen Heuchler zu wählen, der Mitläufer einer
-Konfession ist, als einen Mann mit dem Mute seiner Überzeugung. Ein
-analoger Fall kam im Frühjahr 1910 im bayerischen Landtag zur Sprache.
-Ein hoher Staatsbeamter hat dem Professor Sickenberger die allerdings
-bestrittene Äußerung gegenüber getan, Personen, die mit ihrer Kirche
-zerfallen seien, wären der Regierung „suspekt“. Sickenberger, früher
-Lyzeal-, also nach der offiziellen Version Hochschulprofessor, erhielt
-tatsächlich die nachgesuchte Anstellung als Gymnasialprofessor
-+nicht+. Da gegenwärtig überall in Deutschland das Bekenntnis
-zum christlichen, eventuell auch zum jüdischen Glauben, Voraussetzung
-zum Eintritt in den Staatsdienst ist, können allerdings die laut
-Konfessionsstatistik auf die einzelnen Kirchen entfallenden hohen
-Zahlen von „Gläubigen“ nicht Wunder nehmen.
-
- *
-
-Am 26. März 1907 wurde von dem Prediger einer freien evangelischen
-Gemeinde in Hohensolms bei Wetzlar auf dem Friedhofe ein Mitglied
-der freien Gemeinde beerdigt. Die Ortspolizei belegte den Prediger
-Heck und den Schwiegersohn des Verstorbenen mit 15 Mark Strafe, die
-vom Schöffengericht in Wetzlar bestätigt wurde. Und zwar erfolgte
-die Verurteilung, weil die Beerdigung eine „+außergewöhnliche+“
-gewesen sei, da noch kein Dissident bisher auf dem protestantischen
-Friedhof bestattet worden war[96]!
-
- *
-
-Während in Preußen jeder Kegelklub anstandslos die Eintragung ins
-Vereinsregister und dadurch die Rechte einer juristischen Person
-erlangt, erhalten +freireligiöse Gemeinden+ ausnahmslos diese
-Erlaubnis zur Eintragung +nicht+. Die Polizei macht in ihrer
-notorischen abgrundtiefen Weisheit stets Einwendungen. So kommt es, daß
-die Magdeburger freireligiöse Gemeinde ihren juristischen Sitz in --
-Offenbach in Hessen hat! Als sie nun auch ihre Grundstücke auf ihren
-Namen in das Grundbuch eintragen lassen wollte, verweigerte dies der
-Grundbuchrichter mit der Begründung, daß zur Übertragung und Annahme
-eines Vermögens von über 5000 Mark die landesherrliche Genehmigung
-nötig sei. Das entsprechende Gesuch an den König wurde rundweg ohne
-Angabe von Gründen abgelehnt. Somit ist die freireligiöse Gemeinde in
-Magdeburg nicht imstande, in den Besitz ihres Eigentumes zu gelangen!
-Es ist eine Wonne, in einem aufgeklärten, paritätischen Rechtsstaate zu
-leben[97]!
-
- *
-
-Zwischen dem Lehrer und Küster Rehm und dem Pastor Hübener in Pampow
-bestanden seit dem Jahre 1898 Differenzen. Als ersterer beim Pastor
-das Abendmahl nehmen wollte, dieser aber die Bedingung daran knüpfte,
-ihm Abbitte zu leisten, ging er zum Abendmahl nach Schwerin. Darauf
-Anzeige des Pastors beim Konsistorium, das -- in echt christlicher
-Milde und treu den Grundsätzen der evangelischen „Freiheit“ -- Rehm zur
-+Strafversetzung+ verurteilte, weil er die +Parochialrechte+
-seines Geistlichen verletzt hätte. Dazu hatte das Konsistorium nun
-gerade so wenig das Recht, wie der Pastor zur Abendmahlsverweigerung,
-weshalb das Obere Kirchengericht auf die eingelegte Berufung hin
-Rehm wegen Verletzung seiner Amtspflicht zu 30 +Mark Strafe+
-verurteilte! Er hatte nämlich gegen seine Amtspflicht dadurch
-verstoßen, daß er +sich und die Seinen vom Gange nach Schwerin nicht
-zurückgehalten hätte+! Als Rehms Rechtsbeistand dieses Urteil
-mit Rehms Einwilligung der „Mecklenburger Schulzeitung“ zum Abdruck
-übergab, verurteilte das Konsistorium den Lehrer zur +Suspension
-von seiner Lehrerstelle auf die Dauer eines Jahres+. Es mag ja
-zugegeben werden, daß es für das Konsistorium sehr peinlich war,
-urbi et orbi diesen nicht eben salomonischen Spruch zu unterbreiten,
-immerhin hatte es offenbar seine Befugnisse wieder überschritten, als
-es als +geistliches Gericht+ einen +Lehrer+ verurteilte. Das
-erkannte auch das Obere Kirchengericht an, indem es die Strafe dahin
-umänderte, daß Rehm nur auf ein Jahr vom +Küsteramt suspendiert+
-wurde. Aber die weltliche Behörde war päpstlicher als der Papst:
-+die Unterrichtsabteilung des Ministeriums erklärte sich mit dem
-konsistorialen System solidarisch+, indem sie -- allerdings unter
-Belassung von Einkommen und Wohnung -- +auf die dienstliche Tätigkeit
-Rehms für die Dauer eines Jahres verzichtete+.
-
-Aber es wurde noch besser: Im Kulturstaate Mecklenburg existiert
-nach § 486 L. G. G. E. V. der +Beichtzwang+!! Da Rehm -- mit
-einigem Grunde -- in Pastor Hübener seinen Feind erblickte, beantragte
-sein Rechtsbeistand für ihn Befreiung vom Beichtzwang, wurde aber
-abgewiesen. Denn: „eine Dispensation eines Küsters vom Parochialzwang
-kann nicht erfolgen, sie würde ein +dauerndes Ärgernis+ für
-die Gemeinde sein“. Der Lehrer muß also nach wie vor bei seinem
-persönlichen Feinde beichten! Ein Kulturidyll aus dem Deutschland des
-20. Jahrhunderts!
-
-Doch in Mecklenburg beruhigte man sich damit keineswegs. Am 23. Oktober
-1905 erschien der Entwurf einer Verordnung betr. die Dienstverhältnisse
-der seminaristischen Lehrer usw. Der § 61 dieses Kulturdokumentes
-lautet:
-
-„Ist mit einem Schulamt ein Kirchenamt verbunden, so hat die
-+Dienstentlassung aus dem Schulamte+ von Rechts wegen die Folge,
-daß der Lehrer auch aus dem +Kirchenamt ausscheidet+. Ist mit
-einem Kirchenamt ein Schulamt verbunden, so hat die +Dienstentlassung
-aus dem Kirchenamt+ von Rechts wegen die Folge, +daß der Lehrer
-auch aus dem Schulamte ausscheidet+!“ Das nennt man evangelische
-Freiheit! Denn daß ein Gewissenszwang in Deutschland vom Staate
-ausgeübt wird, und zwar im 20. Jahrhundert, wird doch nicht wohl jemand
-zu behaupten wagen[98]!
-
- *
-
-Der sozialdemokratische Redakteur +Friedrich Westmeyer+ in
-Hannover hat in Anspielung auf den Königsberger Geheimbundprozeß,
-der die kgl. preußische Justiz in bengalischer Beleuchtung gezeigt
-hatte, in einer fingierten Gerichtsverhandlung darzulegen versucht,
-wie es Christus vor einem preußischen Gerichtshofe ergehen würde.
-Natürlich war die einzig mögliche Tendenz seiner Abhandlung, zu zeigen,
-daß selbst die Vollkommenheit Christi vor +solchen+ Richtern
-und auf Grund +solcher+ Gesetze nicht standhalten könnte. Das
-erkannten ohne weiteres zwei als Zeugen vernommene Pastoren vor
-Gericht an. Aber die zarte Seele eines kgl. Staatsanwaltes war bis
-in ihre Tiefen durch den Delinquenten, der noch dazu Redakteur,
-ja sogar sozialdemokratischer Redakteur war, verwundet und sein
-edler Glaubenseifer, sein glühendes Verlangen, wenn nicht nach der
-Märtyrerkrone, so doch nach dem Ruhme, Christi Ehre zu verteidigen,
-ruhte nicht, bis er zwei andere Pastoren glücklich aufgetrieben hatte,
-die eine gütige Vorsehung mit einer nicht minder zartfühligen Seele
-ausgerüstet hatte. Auf die Konstatierung dieser Männer Gottes hin,
-daß sie sich in ihrem christlichen Gewissen verletzt fühlten, wurde
-Westmeyer nach § 166 +des Reichsstrafgesetzbuches+ (einen solchen
-gibt es noch heute!!!) +auf drei Monate ins Gefängnis gesperrt+.
-Gottlob war damit der am Seelenfrieden des Herren Staatsanwalts und
-seiner Eideshelfer angerichtete Schaden glücklich repariert, Christi
-Ehre gerettet.
-
-Westmeyer wurde, nachdem sein Gesuch um Selbstbeschäftigung
-abgelehnt war, mit einem +Sittlichkeitsverbrecher+ und einem
-+Falschmünzer+ zusammen in ein bis zur halben Mauerhöhe
-+feuchtes Kellerloch+ gesperrt, wo er mit Sägen und Spalten von
-Holz für seine Versündigung büßen mußte. Hier einige Notizen aus seinem
-Tagebuch: Sonntag, 1. Oktober 1906 (das Jahrhundert ist besonders zu
-beachten!). „Der +Hunger+ ließ mich die Nacht nicht schlafen. Ich
-bin aufgestanden von meinem +Strohsack+ und habe die Schublade
-nach Krümchen Brot durchsucht. Umsonst! Es wird mir nichts anderes
-übrig bleiben, als meine Eingabe vom 13. September um Bewilligung von
-Zusatznahrungsmitteln zu wiederholen. Nach der Hausordnung kann ich
-nämlich bei einwandfreier Führung die Hälfte meines Arbeitsverdienstes,
-+5 Pfennig pro Tag+, für Zusatznahrungsmittel verwenden..“
-
-Am 7. Oktober schreibt er: „Gestern abend spät brachte mir der Wärter
-noch einen Brief meiner Frau auf die Zelle. Mein vierjähriger Knabe,
-mein einziger, ist an Diphteritis erkrankt, mein fünfjähriges Mädchen,
-ebenfalls an Diphteritis erkrankt, soll sich auf dem Wege der Besserung
-befinden. Und meine Frau allein bei den todkranken Kindern! Der Vater
-eingesperrt, weil er den allerbarmherzigsten Christengott beleidigt
-haben soll. Derweil windet sich daheim mein Herzensjunge in Todesqual.
-Seine Augen suchen den Vater, an dem er mit abgöttischer Liebe hängt...
-Du, Nazarener, wenn ich dich wirklich beleidigt haben sollte, nun
-kannst du doch zufrieden sein! +Du bist gerächt+[99]!“
-
-So pflanzt der kgl. preußische Staat, das Deutsche Reich, im 20.
-Jahrhundert Liebe zur Religion und zu Christus in die Herzen des
-Volkes! Sollte eine innere Stimme ihm nicht sagen, daß eine Religion
-„der Liebe“, falls sie wirklich nach 1½ Jahrtausenden der Herrschaft
-noch des Polizeiknüttels bedürfte, keine Existenzberechtigung hätte?
-
- *
-
-Nach einer Statistik des Berliner Strafrechtslehrers Professor Kahl
-wurden in den Jahren 1881 bis 1903 wegen „Religionsvergehen“ nach §
-166 des Reichsstrafgesetzbuches 6921 +Personen verurteilt+!!
-Alle natürlich zu +Gefängnisstrafen+. Und zwar in 22 Fällen von
-2 Jahren und darüber, in 158 zwischen 1 und 2 Jahren, in 1551 Fällen
-zwischen drei Monaten und einem Jahr und in 5190 Fällen von einigen
-Tagen bis zu drei Monaten.
-
-Was folgert der Gelehrte daraus? Daß der Paragraph +beibehalten+
-werden müsse, aber in einer Fassung, die auch die +Parität+ der
-protestantischen Kirche wahrt. Denn da die katholische viel mehr
-Dogmen, Zeremonien und Gebräuche habe als die protestantische, daher
-auch viel mehr Angriffspunkte biete, sei sie +bevorzugt+[100]!
-
-So argumentiert ein Professor des 20. +Jahrhunderts+ und zwar in
-den Vorarbeiten zur deutschen Strafrechtsreform. Die kann gut werden!
-Rußland, das einzige Land Europas, das einen entsprechenden Paragraphen
-kennt, wird uns beneiden.
-
- *
-
-In Hagen in Westfalen hatte der Verein für Feuerbestattung ein
-Krematorium erbaut, was im Jahre 1904 auch von der Polizei genehmigt
-worden war. Gleichzeitig war dem Verein aber mitgeteilt worden, daß die
-+Benutzung des Krematoriums+ zur Einäscherung von Leichen +nicht
-gestattet würde+. Da aber der Verein zu der Verbrennung lebender
-Ketzer nicht fromm genug war, kam er um die Erlaubnis, Leichen durch
-Feuer zu bestatten, beim Ministerium ein. Dieses entschied 1907 auf
-Grund des preußischen Landrechtes vom Jahre 1794 (!) § 10, II, 17, daß
-die Benutzung des Krematoriums bis auf weiteres untersagt sei. Der
-Paragraph lautet: „Die nötigen Anstalten zur Erhaltung der öffentlichen
-Ruhe, Sicherheit und Ordnung und zur Abwendung der dem Publico oder
-einzelnen Mitgliedern desselben bevorstehenden Gefahren zu treffen, ist
-das Amt der +Polizei+[101].“
-
- *
-
-Am 19. August 1907 verfügte der Regierungspräsident Dr. Stockmann
-in Gumbinnen gegen den Lehrer Leipacher die „Einleitung des
-Disziplinarverfahrens .. mit dem Ziel auf Entfernung aus dem Amt,“
-gleichzeitig ordnete er sofortige Suspension an. Er bezog seitdem ein
-+monatliches Gehalt+ von 39,50 Mark, von dem er mit seiner Frau
-leben mußte. Was war geschehen? Der Pfarrer Vierhuff in Grabowen,
-im Nebenamt Oberschulaufseher, hatte Leipacher bei der Regierung
-denunziert, wegen Mißbrauch der Lehrfreiheit. Er hatte den Geographie-
-und naturkundlichen Unterricht nicht im Einklang mit der evangelischen
-Kirchenlehre erteilt und dadurch das Glaubensleben (!) der Kinder
-gefährdet. Der Pfarrer hatte aus überfließender Nächstenliebe die
-+Aufsätze+, die Leipacher in Zeitschritten veröffentlicht hatte,
-gesammelt, um den Lehrer bei der Regierung zu verklagen. Daß die
-Regierung das zuließ, war ein eklatanter Verfassungsbruch, denn selbst
-in Preußen hat auf dem Papier jeder das Recht, seine Überzeugung
-auszusprechen. Leipacher wurde am 6. November 1907 in Gumbinnen seines
-Lehramtes verlustig erklärt. Allerdings hatte Leipacher den Kindern
-u. a. den biblischen Sündenfall als Sage bezeichnet. Hätte er doch nur
-die Schlange weiter reden, auf dem Bauch gehen und ihr Leben lang Erde
-essen lassen (Genesis 3, 14), dann wäre ja alles in schönster Ordnung
-gewesen. Ja, Ostelbien und Mecklenburg in der Welt voran[102]!
-
-
-
-
-Fünfter Abschnitt
-
-Kriegswesen
-
-
-Wie Bernold von St. Blasien zum Jahre 1078 erzählt, ließen die Anhänger
-Rudolfs von Rheinfelden, des Gegenkönigs Heinrichs IV., nach einer
-Schlacht am Neckar Tausende von schwäbischen Bauern „zur milderen
-Züchtigung“ +entmannen+.
-
- *
-
-Vor Tortona läßt Friedrich Barbarossa Galgen errichten, um jeden
-Gefangenen sofort angesichts der Stadt aufzuhängen. Wie Otto Morena
-weiter berichtet, ließ er zweihundert Veronesen Nasen und Lippen
-abschneiden und andere zweihundert aufhängen.
-
-
-Kulturhistorisch merkwürdig ist den Grausamkeiten gegenüber das
-Urteil der Biographen und Historiker. Als Friedrich Barbarossa einen
-Dienstmann, der sich früher ihm gegenüber vergangen hat, nicht
-begnadigt, wiewohl er sich dem Kaiser am Krönungstage zu Füßen wirft,
-schreibt Otto von Freising rühmend, er habe sich „von der Tugend der
-Strenge nicht zum Fehler der Nachgiebigkeit verleiten lassen“.
-
-Als die in Tortona eingeschlossene Geistlichkeit ihn kniefällig um die
-Gnade bittet, die Stadt, in der die Pest wütete, verlassen zu dürfen,
-„fühlte er zwar wie innerlich sein Herz zum Mitleid sich wandte,
-um aber den Verdacht der +Schwäche+ zu vermeiden, beharrte er
-äußerlich auf der Standhaftigkeit seiner früheren Strenge“ und schickt
-sie unverrichteter Dinge heim.
-
-Im Kriege gegen Mailand verwüstet Friedrich 1159 das Land -- dem im
-ganzen Mittelalter herrschenden Brauche gemäß -- in scheußlicher Weise,
-indem er sogar die Weinpflanzungen zerstören und Fruchtbäume abhacken
-oder schälen läßt. Als die Gegner dasselbe tun, meint Rahewin, daß
-dieses Wüten nicht einmal Barbaren gegenüber erlaubt sei, tadelt den
-Kaiser aber wegen desselben Reates +nicht+.
-
-Vor Crema läßt Barbarossa die Gefangenen hängen und die Geiseln
-hinrichten, ja er bindet sogar Knaben, die er als Geiseln in Händen
-hatte, an die Belagerungsmaschinen, so daß die Cremenser ihre eigenen
-Kinder töten müssen. O Greueltat! ruft Rahewin aus, meint aber
-natürlich nicht den Kaiser damit, sondern die +Belagerten+, die
-Mut und Patriotismus genug besitzen, trotzdem die Angreifer weiter zu
-beschießen. Als Resultat dieser und vieler anderer Grausamkeiten ergibt
-sich für die Zeitgenossen das Urteil, daß Barbarossa +human+ und
-+milde+ war[103]!!
-
-Nach der Chroniques des ducs de Normandie (27527) läßt König Eldred
-von England die gefangenen dänischen Frauen nackt bis zur Brust in
-die Erde eingraben und so +wehrlos den Hunden und den Raubvögeln
-preisgeben+.
-
-Die Schotten schnitten 1138 in England sogar schwangeren Frauen den
-Leib auf und metzelten Priester vor dem Altar nieder.
-
-Im Jahre 1198 waren in einem Gefecht fünfzehn französische Ritter
-gefangen worden. Richard Löwenherz ließ vierzehn +beide Augen
-ausstechen+, dem fünfzehnten nur eines. Der Einäugige mußte seine
-Unglücksgefährten ins französische Lager geleiten. Philipp August aber
-rächte sich, indem er fünfzehn gefangene englische Ritter blenden
-ließ[104].
-
-Es war Kriegsgebrauch, die eroberten Städte und Burgen zu +zerstören+,
-die Einwohner +nieder zu machen+ oder in die Gefangenschaft zu führen,
-Frauen und Jungfrauen aber zu +vergewaltigen+. Mit Vorliebe wurden
-+vornehme Frauen Troßknechten und Soldaten preisgegeben+. Und zwar
-selbstverständlich auch in Kriegen und Fehden im +eigenen+ Lande und
-von +Christen+ unter sich, keineswegs nur in solchen gegen Ungläubige,
-die sich stets humaner benahmen, als die Verbreiter des Evangeliums der
-Nächstenliebe.
-
-Als Kaiser Sigismund 1412 im Kriege gegen die Venezianer das feste
-Schloß Motta erobert hatte, ließ er einhundertundachtzig Männern +die
-rechte Hand abhauen+[105].
-
-Wie Benedikt von Weitmil (IV) erzählt, betrugen sich die Soldaten Karls
-IV. in Böhmen, dem Lande ihres Herrn, wie folgt: „sie raubten den Armen
-seine Habe, sein Vieh, marterten sie zuweilen, um Geld zu erpressen,
-rissen den Weibern unbarmherzig die Kleider vom Leibe, taten den
-Jungfrauen Gewalt an und verübten unendlich viel Böses[106].“
-
-Im Jahre 1375 machten entlassene englische Söldner ihren zweiten
-Einfall ins Elsaß. Wie sie sich benahmen, erzählt die Konstanzer
-Chronik. „Item sy gewunnent vil stattly und burg und dorffer und
-closter, und erstachent wip und man und kind, und furten die schonen
-frowen mit in emoy, was sy dero fundent. stan sy zugent gen Brysach und
-nach zu Basel und gen Burgonden und in Uchtland, und wustent, was vor
-in was, lut und gut[107].“
-
-Die Speierische Chronik berichtet über die Eroberung von Dinant im
-Jahre 1466: „und als balde er die stat ingenam, do dottet er frauͤen,
-man und kinder und warff sie über die muͤer uß in daz wasser, heißet
-die Maß, und ertranckt ir auch gar vil dar in. er liß auch die stat
-plundern und alz daz nemen, das dar inne waz. und dar nach liß er die
-stat an stoßen und verbornen und die kirchen und huser und thorn und
-muͤern gar zersleiffen, und macht ein eben felt dar uß und liß acker
-und wisen dar uß machen.“ Es handelt sich um den Herzog von Charolais,
-der auf die Bürgerschaft von Dinant sehr erbost war, weil sie ihn
-für einen Bastard des Herzogs von Burgund erklärt hatte. Die Form,
-in der diese Beschimpfung in die Erscheinung trat, ist auch überaus
-charakteristisch für die mittelalterliche Roheit: Man hatte von ihm ein
-Bild malen lassen, dieses an den Füßen aufgehängt und mit Kot beworfen!
-
-Wie in Feindesland gehaust wurde, geht auch aus dem Schreiben der
-Eidgenossen an den in Speier versammelten Städtetag hervor. Die
-Speierische Chronik schildert die Greueltaten, die sich burgundische
-Söldner 1474 im Sundgau zuschulden kommen ließen. Nachdem erzählt
-wurde, wie sie Kirchen zerstört, Priester geschmäht und viele Menschen
-getötet hatten, heißt es: „und besunder vil junger frawen und dochter
-wider iren willen geschendt und gewaltiglich genotzugt, vil sugender
-kind iren muttern ab der brust gezerret und die auch vil andern junger
-knaben und dochtern, by trien, viern, funff ader mer jaren alt, usser
-lant gefurt, den armen luten und mannen umb zytlichs guts willen an
-iren heymlichen gemachten onmenschlich pin und groß martir angetan,
-erlich frawen gewondet, dochter erstochen, by iren harn und zopffen uff
-gehenckt, etlich frauwen +in der kirchen+ ir beyn von einander
-gesperret und mit scharffen holczern in irn heymlichen gliddern gelt
-gesucht, die deshalb auch gestorben sind, auch mit knaben und frauwen
-erschroglich anmenschlich und annaturlich lesterlich sunden, nemlich
-+in der kirchen+, uff dem kerner gewaltiglich begangen, derhalb
-am gancz land under gen mocht, als auch umb dergleichen sunden ließ
-versinken der allmechtig got Sodoma und Gomorra[108].“
-
-Karl der Kühne ließ in Lothringen +alles gefangene Kriegsvolk
-aufhängen+. Maximilian tat dasselbe, als er das Blockhaus von Galoo
-bei Antwerpen erobert hatte: „und welche nit erschossen und erstochen
-waren, dieselben +ließ er alle henken+[109].“
-
- *
-
-Plündern eroberter Städte war durchaus herkömmlich, ebenso war es
-mit der ritterlichen Ehre zu vereinbaren, Gefangenen hohes Lösegeld
-abzunehmen, dagegen war merkwürdigerweise die Ausplünderung einer
-adeligen Dame dem Edelmann vom Ehrenkodex untersagt. Als Wilwolt
-von Schaumburg nach dem Fall von Arras das Schloß erobert und den
-Hauptmann gefangen hatte, brachte seine Frau freiwillig den Siegern
-alle ihre Kostbarkeiten im Werte von 4000 Gulden. Da sagte Wilwolt:
-„Wir Teutschen und vor aus von den Oberlanden, ob wir wol stet und
-schlos gewinnen, pflegen keiner frauen oder junkfrauen, vom adl
-geboren, nichts von irem geschmuck, zu irem leib gehörig, zu nemen, und
-wo solichs ein edelman tet, würde er von seinen genossen sein leben
-lang dester untreuer und unwerter gehalten. Darumb das jenig, so mir
-zu teil wirdet, wil ich mein beut der tugenthaften frauen wider geben
-und ir nichts verkern.“ Seinem Beispiel folgten dann auch, allerdings
-widerstrebend, die welschen Hauptleute.
-
- *
-
-Nach dem Kriege war es oft schwer, die Soldtruppen wieder los zu
-werden, zumal wenn sie den rückständigen Sold nicht bekamen. Aus dieser
-Verlegenheit halfen sich die Ungarn 1492 auf sehr einfache Weise: Von
-den 8000 ungelohnten Truppen +erschlugen sie+ 6000 und zwangen den
-Rest, in Österreich Zuflucht zu nehmen. Da sie dort selbstverständlich
-zur Gewinnung ihres Lebensunterhaltes rauben mußten, überfiel sie
-Kaiser Friedrich III. 1493 und ließ 1100 Gefangene aufhängen[110].
-Unter diesen Umständen kann man es den Söldnern nicht verübeln, wenn
-sie höchst ungern ihren Kriegsherren den Lohn stundeten.
-
- *
-
-Die offiziellen Gewalten haben noch in neuerer Zeit an Grausamkeit
-nichts zu wünschen übrig gelassen und zwar in Kulturländern, denn in
-Rußland war und ist ja alles möglich, wenigstens alles Barbarische und
-Viehische.
-
-Oliver Cromwell erstürmte 1649 die irische Hauptfeste Drogheda und
-ließ die +ganze Besatzung, über zweitausend Mann, niedermetzeln+.
-Später folgte ein +gleiches Blutbad in Wexford+ nach. Nach
-Beendigung des Krieges im Jahre 1652 war Irland verödet, fast die
-Hälfte der Bevölkerung dem Schwert, Hunger und den Seuchen erlegen.
-Andere Tausende waren ausgewandert, verbannt oder, nicht besser als
-Sklaven, in die westindischen Plantagen verschickt[111].
-
- *
-
-Beim Rückzug der Jourdanschen Armee 1796 trug sich folgendes zu:
-„Die Bauern mit Weibern und Kindern fielen über die zerstreuten
-Haufen her, und +schlugen alles, was ihnen unter die Hände kam,
-ohne Barmherzigkeit tot+. Jeder hatte ein erlittenes Unrecht zu
-rächen. Die Ehemänner und Väter, welche durch die +Schändung ihrer
-Weiber und Töchter+, die man oft vor ihren Augen begangen hatte,
-aufgebracht waren, +schnitten den armen Franzmännern das Glied, womit
-sie gesündigt hatten, lebendig vom Leibe+, und +schlachteten
-sie dann, wie man Schweine schlachtet+. Die Wut der Bauern ging
-anfänglich über alle Gränzen bis zur unerhörtesten Grausamkeit..“
-
- *
-
-Die +alten Griechen+ hatten bereits im 8. vorchristlichen Jahrhundert
-Tempelvereine, Amphyktionien. Die berühmteste Amphyktionie war die
-pylische, die im Anfang des 6. Jahrhunderts mit der delphischen
-verschmolz. Diese aus mehreren Staaten bestehenden Vereine schworen:
-„Ich will +keine amphiktionische Stadt zerstören, noch vom fließenden
-Wasser abschneiden+, weder im Kriege noch im Frieden; verletzt eine
-Gemeinde diese Bestimmung, so will ich gegen dieselbe zu Felde ziehen
-und ihre Städte zerstören[112].“ Daß diese alten „Heiden“ danach
-handelten, beweist das Verfahren gegen Athen nach dem furchtbaren
-Peloponnesischen Kriege. Erst die Genfer Konvention ist nach fast zwei
-Jahrtausenden des Christentums zu den amphyktionischen Grundsätzen
-zurückgekehrt.
-
- *
-
-Der große +König Açoka+ von Magadha in Vorderindien (259-226
-v. Chr.) erließ an seine Beamten als Richtschnur ihres Verhaltens
-gegenüber den „unbesiegten Nachbarn“, also seinen wirklichen oder
-möglichen +Feinden+ folgendes Edikt: „Der König wünscht, daß sie
-sich nicht vor mir fürchten sollen, daß sie mir vertrauen sollen, daß
-sie +durch mich nur Glück, nicht Unglück erlangen mögen+.“
-
-Ferner sollen sie folgendes verstehen: +Der König wird von uns sich
-gefallen lassen, was man sich gefallen lassen kann+..... jene
-(die Nachbarn) müssen bewogen werden, Vertrauen zu fassen, damit sie
-verstehen: „+Wie ein Vater ist der König zu uns -- wie er sich selbst
-liebt, liebt er uns -- wir sind dem Könige wie seine Kinder.+“...
-„Zu diesem Zwecke habe ich dies Edikt erlassen, damit die Beamten stets
-sich bemühen, bei meinen Nachbarn Vertrauen zu erwecken und sie zur
-Befolgung des Gesetzes (Buddhas) zu bewegen[112].“
-
-Dieser selbe Açoka, der erst zum Buddhismus übertrat und ihm von ganzem
-Herzen zugetan war, blieb so völlig frei von jedem Fanatismus, der
-einst u. a. Karl den Großen zur Ehre des Christengottes 4500 Sachsen
-bei Verden enthaupten ließ, daß er vor allem +Duldsamkeit+ gegen
-Andersdenkende lehrt. Sogar dem Brahmanentum gegenüber wurde Toleranz
-befolgt, und feindliche Handlungen unterblieben[113].
-
-Damals konnte der Bauer zwischen kämpfenden Heeren sein Feld bestellen.
-
- *
-
-Als Mohammeds Nachfolger +Abu Bekr+ seine Truppen zur Eroberung
-Syriens im 7. Jahrhundert aussandte, d. h. im Begriff war, einen der
-in seinen Folgen gewaltigsten Kriege der Weltgeschichte zu führen, gab
-er ihnen folgende Instruktionen: „Leute, ich habe zehn Dinge euch zu
-empfehlen, die ihr genau beachten müßt. Täuschet niemand und +stehlet
-nicht; handelt nicht treulos und verstümmelt niemanden, tötet weder
-Kinder noch Greise noch Weiber, beraubt die Palmen nicht ihrer Rinde,
-noch verbrennt sie, schlaget nicht die Fruchtbäume ab und zerstöret
-nicht die Saatfelder, tötet nicht Schafe, noch Ochsen, noch Kamele+
-außer für euren Lebensunterhalt. Ihr werdet Geschorene finden --
-schlagt sie mit dem Säbel auf die Tonsur; ihr werdet auch Leute in
-Zellen (d. h. Einsiedler) finden -- +laßt sie in Ruhe, damit sie in
-der Erfüllung ihrer Gelübde fortfahren+[114].“
-
-Es ist ausdrücklich überliefert, daß diese Instruktionen von den
-„fanatischen“ Mohammedanern auch befolgt wurden.
-
-Jedenfalls hätten die christlichen europäischen Truppen im Chinafeldzug
-von 1900 sich daran ein Beispiel nehmen können.
-
- *
-
-Daß die weitesten Wanderungen auch bei den schlechten
-Verkehrsverhältnissen des Mittelalters dem kühnen Abenteurer möglich
-waren, lehrt das Beispiel +Harald Hardraades+, eines Kriegshelden
-des 11. Jahrhunderts.
-
-In der Schlacht bei Stiklestad in Skandinavien, in der sein Bruder
-Olaf Thron und Leben verlor, verwundet, flüchtet Harald zu den
-Stammesbrüdern nach Rußland, dann nach Apulien, ward hierauf
-unerkannt in Byzanz Führer der Waräger und vollbrachte ein Jahrzehnt
-lang an ihrer Spitze Heldentaten, die ihn bis Sizilien, Nordafrika
-und Ägypten führten. Danach ward er in Rußland der Schwiegersohn
-des Fürsten Jaroslaw und bestieg schließlich, nach dem Tode seines
-Neffen Magnus, den Thron Norwegens. Sein Ende fand er beim Versuche,
-das Angelsachsenreich an sich zu bringen, in der Schlacht bei
-Stamfordbridge, nur 18 Tage vor dem Siege Wilhelms des Eroberers bei
-Hastings (1066).
-
-Er hatte also +ganz Europa+ vom äußersten Norden und Nordwesten
-bis in den tiefsten Süden und Südosten, die Küsten Asiens und Afrikas
-in seinen Gesichts- und Wirkungskreis gezogen und kann als Verkörperung
-der normännischen Ausbreitung gelten, die den Horizont der Kreuzzüge
-schuf[115].
-
- *
-
-Es war im frühen Mittelalter durchaus Sitte, daß dem Heere sich
-Kaufleute, +leichtfertige Dirnen+ usw. anschlossen. Selbst an den
-+Kreuzzügen+ beteiligten sich +Scharen dieser leichtfertigen
-Weiber+, die militärisch organisiert, mit Keulen bewaffnet und sogar
-mit eigenen Fahnen versehen gewesen sein sollen. Vom 2. Kreuzzuge,
-auf den König Ludwig VII. von Frankreich aus guten Gründen seine
-etwas flotte Gattin mitgenommen hatte, heißt es: „Dies Beispiel
-befolgten viele andere Edelleute und nahmen ihre Gemahlinnen mit,
-und weil da Dienerinnen nicht fehlen konnten, so befand sich in dem
-christlichen Heere, das keusch sein sollte, eine Menge von Frauen.“
-Auch im Heere Konrads III. fehlte es nicht an fahrenden Weibern, was
-dem erbaulichen Lebenswandel der christlichen Glaubensstreiter nicht
-eben Vorschub leistete. Deshalb wurde, als Heinrich II. und sein Sohn
-Richard Löwenherz 1188 den 3. Kreuzzug antreten wollten, bestimmt, daß
-„keiner auf die Wallfahrt irgendein Weib mitführen solle, außer einer
-+Waschfrau+ zu Fuße, die unverdächtig sei.“ Wie „unverdächtig“
-zu verstehen ist, wird nicht gesagt. Das kanonische Alter wird kaum
-Bedingung gewesen sein. Genützt hat diese Bestimmung nicht viel, wie
-auch der Erfolg der drakonischen Lagergesetze Friedrich Barbarossas
-ziemlich problematisch blieb[116].
-
-Noch zur Zeit der Landsknechte nahmen viele Weib und Kind mit ins
-Feld und ins Lager. Die Ledigen litten auch nicht Mangel, denn ein
-beträchtlicher Troß liederlicher Weiber folgte dem Heere und unterstand
-der Disziplinargewalt des Troßweibels. Im Dreißigjährigen Kriege
-schleppte z. B. ein Regiment von dreitausend Mann +zweitausend
-Weiber+ mit, gegen die die Autorität der Obersten nichts ausrichten
-konnte. Im Verlaufe des Krieges +übertraf der Troß die Zahl der
-Kombattanten um das Drei- bis Vierfache+. Diese Weiber mußten für
-die Soldaten alle Arbeiten verrichten und alle Strapazen teilen, dazu
-eine harte und mitleidlose Behandlung erdulden. Die „Lagerkinder“
-wurden oft mit den Müttern ins Elend gestoßen. Dann konnten sie
-nichts anderes werden als Bettler, Diebe oder Räuber, im besten Falle
-Soldaten, was aber damals auf dasselbe herauskam[117].
-
- *
-
-Sehr gemütlich war die +Kriegsführung der Italiener+ im 15.
-Jahrhundert. Die Condottieri hatten „aus der Kriegsführung eine
-Kunst gemacht, indem sie in solchem Maße temporisierten, daß meist
-beide Teile verloren“. In der Schlacht bei Zagonara, „dieser in
-ganz Italien berühmt gewordenen Niederlage“ wurde nur ein einziger
-Mann getötet, aber nicht etwa durch Waffengewalt, sondern durch
-Sturz vom Pferde und Ersticken im Schlamm. In der einen halben Tag
-dauernden Schlacht bei Molinella fiel kein einziger. In der Schlacht
-bei Anghiari, die von Lionardo in einem berühmten, leider verloren
-gegangenem Karton verherrlicht wurde -- Rubens entwarf in Anlehnung
-daran seine Reiterschlacht in der Münchner Alten Pinakothek -- soll
-ein einziger Mann vom Pferde zertreten worden sein. Diese Machiavellis
-„Florentinischer Geschichte“ entnommenen Daten sind zweifellos
-übertrieben. Immerhin kennzeichnen sie die damalige Anschauung vom
-Kriegswesen, die auf den Grundton gestimmt ist „Wie gewöhnlich
-geschieht, siegte die Furcht“. Machiavelli faßt sein Urteil in die
-Worte zusammen: „Nie gab es Zeiten, in denen der im fremden Lande
-geführte Krieg minder gefährlich gewesen wäre, als in diesen.. Denn da
-alle beritten, mit Rüstung bedeckt und vor dem Tode sicher waren, wenn
-sie sich ergaben, +so war überhaupt kein Grund vorhanden, weshalb sie
-sterben sollten+. Beim Kämpfen schütze sie die Rüstung; konnten sie
-nicht mehr kämpfen, so ergaben sie sich“. „So wurde jene kriegerische
-Tugend, die anderwärts durch langen Frieden unterzugehen pflegt, in
-Italien durch die Lauheit der Kriegsführung unterdrückt.“
-
-Die bei Caldana liegenden florentinischen Truppen hatten den Verlust
-von 200 Troßknechten zu beklagen, die ins feindliche, neapolitanische
-Lager +desertierten, weil der Wein ausgegangen war+! Aus diesem
-triftigen Grunde wurde die +Belagerung auch aufgehoben+[118].
-
-König Friedrich Wilhelm I. von Preußen war bekanntlich ein
-leidenschaftlicher Freund und Sammler schöner großer Soldaten. Für
-die Art, wie er sie sich zu verschaffen wußte, ist folgende Notiz
-vom Jahre 1713 bezeichnend: „Die Werbungen sind sehr scharf vor sich
-gegangen, jedoch aber haben S. Kön. Maj. +verboten, die Passagiere
-auf den Posten nicht mehr anzuhalten, als wie etlichemal in der ersten
-Hitze geschehen+.“ Im übrigen machte man im ganzen Lande förmliche
-+Jagd auf Bürger und Bauern+; auf den Straßen, in den Feldern,
-sogar +während des Gottesdienstes+ erfolgten die Aushebungen.
-Als der Prediger Gottfried Arnold im Jahre 1714 in Perleberg eben
-das +Abendmahl+ austeilte, drangen Werber in die Kirche ein und
-nahmen junge Leute mitten aus der Kirche fort. Der Prediger alterierte
-sich darüber derart, daß er zehn Tage später starb. Noch im Jahre 1720
-wurden in der Mark Gemeinden während des Gottesdienstes von den Werbern
-des Soldatenkönigs -- der im übrigen viel besser als sein Ruf war --
-überfallen. Diese Vergewaltigungen führten endlich zu einem offenen
-Aufstand: gerade die Tüchtigsten flohen in Scharen vor den preußischen
-Werbewüterichen. Von solchen Flüchtlingen wurden die Industrien von
-Elberfeld und Barmen begründet[119].
-
-Mit List, Gewalt und Geld wurde +auch außer Landes+ der
-Menschenfang betrieben. Karl Julius Weber, der berühmte Verfasser des
-Demokrit, erzählt, daß sein Großonkel, der Theologie studiert hatte und
-in Nürnberg als Hauslehrer lebte, bei einem Spaziergang von preußischen
-Werbern plötzlich überfallen, geknebelt, in einen Wagen geworfen
-und so nach Potsdam entführt worden sei, weil er 6 Fuß und 3 Zoll
-maß. Dieser Gewaltstreich +kostete ihn sein ganzes Lebensglück+.
-Solche Fälle waren an der Tagesordnung. Man fing sogar einen langen
-katholischen Geistlichen, den nachher unter Friedrich dem Großen in
-hoher Gunst stehenden gescheiten Abbé Bastiani, aus Welschtirol,
-+als er gerade die Messe las+, ein, und selbst ein Mönch aus Rom
-blieb nicht verschont und wurde in die blaue Garde gesteckt. Solche
-Übergriffe ließen sich die Nachbarn auf die Dauer nicht gefallen. In
-Hessen-Cassel wurden z. B. mehrere preußische Werbeoffiziere gehenkt.
-
- *
-
-+Kinder in der Wiege+, die lang zu werden versprachen, erhielten
-eine +rote Halsbinde+ und die Eltern das Handgeld. Der Versuch
-Friedrich Wilhelms, recht lange Gardisten mit recht großen Frauen
-zusammen zu geben, um so recht lange Kinder zu erhalten, mißglückte zu
-seinem großen Bedauern.
-
-Die „lieben blauen Kinder“ durften nebenbei ein Gewerbe betreiben,
-Bier- und Weinhäuser, Materialläden usw. halten, nur keine öffentlichen
-Handarbeiten verrichten. Der König schenkte ihnen Geld und Grundstücke,
-sogar +Kanonikate+ und stand bei ihren Kindern Gevatter.
-
-Da die Kompagniechefs der preußischen Truppen verpflichtet waren,
-ihre Mannschaften vollzählig zu erhalten, waren alle zu Werbungen
-geradezu gezwungen. Die Chefs hoben +ganze Kolonien+ in den
-zugewiesenen Werbedistrikten aus, +versetzten sie auf ihre Güter+
-als „Ergänzungsmannschaften“, machten die kleinen zu Bedienten, Köchen,
-Reitknechten usw., kurz führten in die preußischen Staaten eine Art
-von +Faustrecht+ zurück. Erst das Kantonreglement von 1733 räumte
-einigermaßen mit diesen unerhörten Zuständen auf[119].
-
-Welcher Brutalitäten die Offiziere noch im 18. Jahrhundert fähig waren,
-erhellt aus der Sitte der Garnison von Gaeta aus der +Hirnschale+
-des dort als +Mumie+ aufbewahrten Herzogs Karl von Bourbon zu
-+trinken+. „nachdem aber etlichemal Verdrüßlichkeiten und Unglücke
-darüber und bey solcher Gelegenheit unter ihnen entstanden, so ist
-solche Unordnung gänzlich untersaget worden.“ Erzählt Keyßler im Jahre
-1730[120].
-
- *
-
-Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel, ein Fürst, der seine Residenz
-zu einer der schönsten in Deutschland machte, gebildet, kunstliebend
-und der Aufklärung zugetan -- also keineswegs ein mittelalterlicher
-Tyrann -- +verkaufte im Jahre 1775 12800 Hessen den Engländern+
-zum Gebrauche in ihren Kolonien. Bis zum Jahre 1782 wurden noch weitere
-4200 Rekruten nachgeschickt. Dazu gab Hanau noch besonders 2400 Mann.
-Da Hessen-Kassel damals 400000 Einwohner hatte, +verschacherte+
-der Fürst +fast den zwanzigsten Teil seiner Untertanen+!
-
-Die englischen Kommissarien kamen nach Kassel und besichtigten die
-verkauften Menschen auf dem Markte, wie sie die Neger in Amerika zu
-besichtigen gewohnt waren. Für jedes +Stück+ dieser armen Kerle
-zahlten sie 100 Taler. Sie wurden auf der Weser eingeschifft und
-Friedrich der Große erhob bei Minden von ihnen beim Passieren seines
-Landes den üblichen +Viehzoll+! Die beste Verurteilung dieses
-Systems.
-
-Klagten die Eltern der verschacherten Leute, dann kamen die Väter in
-die Eisenarbeit, die Mütter ins Zuchthaus. Wer desertierte, mußte zwei
-Tage lang Spießruten laufen -- übrigens ein Kulturgeschenk Rußlands --
-zwölfmal täglich, +zuweilen bis zum Tode+. Karl Justus Weber, der das
-miterlebte, wurde von den Offizieren belehrt, daß das Gassenlaufen der
-Gesundheit weniger nachteilig sei, als die alte Stockprügel!
-
-+Von diesen 19400 Mann+ kehrten im Herbst 1783 und im folgenden
-Frühjahr 11900 +zurück+. 7500 +Mann hatte der Krieg weggerafft+!
-
-Merkwürdig ist, daß gleichzeitig -- eine Einwirkung der Aufklärung --
-in Hessen die Tortur abgeschafft wurde und die einfache Todesstrafe nur
-mehr höchst selten Anwendung fand.
-
-Übrigens hatte sich der Menschenschacher bezahlt gemacht: Als Landgraf
-Friedrich II. 1785 starb, soll er trotz seiner vielen Bauten und
-Reisen und des großen von ihm betriebenen Luxus 56 Millionen Taler
-hinterlassen haben[121].
-
-Die englischen Subsidien, die Georg III. für die hannöversche Armee
-gegen Frankreich zahlte, berechneten die Prämie für einen toten oder
-drei verwundete Soldaten bei der Infanterie auf 28 Taler, bei der
-Kavallerie auf 11 Taler. Dagegen wurden für ein totes Pferd oder drei
-verwundete Pferde 90 Taler vergütet. +Ein deutscher Soldat wurde also
-am Ende des 18. Jahrhunderts+ auf 11-28 +Taler bewertet, also ein
-Achtel bis ein Drittel so hoch wie ein Pferd+. Gleichzeitig schätzte
-der englische Nationalökonom William Petty den Wert eines Menschen auf
-2888 Taler. Das waren allerdings auch Engländer![122]
-
- *
-
-Eines schönen Tages im Herbste des Jahres 1906 begegnete ein Hauptmann
-auf der Landstraße in der Nähe Berlins einer vom Schießen heimkehrenden
-Soldatentruppe. Er hielt sie an, hieß sie umkehren und mit ihm nach
-Köpenick marschieren, wo er mit Unterstützung der requirierten
-Polizei das Rathaus umstellen ließ. Dann begab er sich mit zwei Mann
-zum Bürgermeister, nahm auf Grund einer gefälschten allerhöchsten
-Kabinettsorder eine Visitation der Stadtkasse vor, ließ sich den Betrag
-von 4000 Mark auszahlen, quittierte, verhaftete den Bürgermeister mit
-dem Kassenrendanten und ließ sie per Wagen nach Berlin transportieren.
-
-Der Bürgermeister ist veritabler Reserveoffizier, der „Hauptmann“
-seines Zeichens Schuster, der lange Jahre seines Lebens hinter
-Gefängnismauern zugebracht hatte. Daß eine Militärbehörde gegen
-einen Bürgermeister als Zivilbeamten keine Maßregeln ergreifen kann,
-bedenkt er nicht. Es hätte auch wenig genützt, denn wie die Soldaten
-bei der Gerichtsverhandlung bekunden, hätten sie auf einen Wink des
-„Hauptmanns“ hin den Vater der Stadt mit ihren Bajonetten durchbohrt.
-Niemandem war es aufgefallen, daß der „Hauptmann“ alt und schäbig
-aussah, niemandem, daß er unvorschriftsmäßig gekleidet war und in
-Mütze statt im Helm seine Visitation vornahm. Keinem der Soldaten war
-es eingefallen, den wildfremden Offizier nach seiner Legitimation zu
-befragen. Ganz Europa lachte.
-
-Welches +Ansehen+ muß der Militärstand in einem Lande besitzen,
-daß so etwas möglich ist! Daß eine Uniform allein genügt, eine ganze
-Stadt mitten im tiefsten Frieden zu alarmieren, die höchsten Behörden
-widerstandslos zu verhaften! Daß alle diese Maßnahmen ungesetzlich
-waren, wußte man natürlich auch in Köpenick, aber der Zauber der
-Uniform brachte jede Regung der Vernunft zum Schweigen.
-
- *
-
-Wie mag die Zukunft darüber urteilen, daß die großen Militärmächte
-Europas durch ihre Offiziere +die Armeen anderer Staaten reformieren
-lassen+? Im Chinafeldzuge 1900 hatte der Feind unser verbessertes
-Gewehr System 88, das deutsche Seitengewehr vom gleichen Jahre,
-Prismen-Entfernungsmesser, Ferngläser usw., manöverierte nach deutschen
-Signalen und bewies fast deutsche Disziplin[123].
-
-
-
-
-Sechster Abschnitt
-
-Ehe
-
-
-Erst seit dem 8. Jahrhundert verlangte die Kirche Vollziehung der
-Trauungszeremonie durch einen Geistlichen, aber noch bis etwa 1300
-wurden Bauernhochzeiten ohne priesterliche Assistenz in Deutschland
-gefeiert. Zur Zeit der Minnesinger war es noch nicht feststehende
-Sitte, die Trauung in der Kirche vorzunehmen[124]. Es genügte, wenn die
-Brautleute sich vor glaubwürdigen Zeugen die Ehe versprachen. Diese
-Zivilehe, die bald vollzogen wurde, wurde für rechtsgültig angesehen.
-
-Eine wichtige Zeremonie war die des +Beilagers+, von der auch bei
-+Kindern+ nicht Abstand genommen wurde. Als die Tochter König
-Rudolfs von Habsburg, Guote, den König Wenzel von Böhmen heiratet,
-legte man beide Kinder die Nacht über zueinander, wiewohl -- so
-berichtet der Chronist Ottokar von Steier CLXXIV -- sie von ihren
-Puppen, er von seinen Falken erzählte[125].
-
-
-Als Kaiser Friedrich III. mit der reizenden 16jährigen Eleonore von
-Portugal am 22. März des Jahres 1452 zu Neapel die Ehe vollzog -- die
-Trauung durch den Papst war bereits am 16. des Monats erfolgt -- gab
-es nicht geringe Schwierigkeiten. Friedrich hatte sich nämlich diesen
-feierlichen Akt für Deutschland aufsparen wollen. Nach langem Sträuben
-gab er endlich nach. Gerührt durch die Trauer Leonorens, die fürchtete,
-ihm nicht zu gefallen, und bewogen durch König Alfonso, der ihm klar
-machte, daß es viel einfacher sei, seine Nichte gleich hier zu lassen,
-wenn er nicht befriedigt sei, als sie aus Deutschland zurückzuschicken.
-Er ließ das Lager herrichten, legte sich darauf und ließ sich Leonore
-in die Arme legen, dann wurde in Anwesenheit des Hofstaates über sie
-eine Decke gezogen. Es blieb aber bei einem Kusse. Auch waren beide
-in den Kleidern und standen unverzüglich auf. Die portugiesischen
-Hofdamen fürchteten (oder hofften?), als sie das Überziehen der Decke
-und die ernste Wendung, die die Sache anzunehmen schien, sahen, daß
-es doch etwas shoking würde und kreischten. König Alfonso aber sah
-mit sichtlichem Ergötzen lächelnd der Zeremonie zu. In der folgenden
-Nacht wurde das Versäumte nachgeholt, und das junge Paar begab sich
-zu Bett -- jedenfalls unbekleidet, da das damals üblich war -- aber
-nicht in das priesterlich geweihte, das die Portugiesinnen hatten
-herrichten lassen, sondern da Friedrich Gift oder Zauber fürchtete, in
-ein anderes. Aber das ging nicht so glatt, denn die Kaiserin, die sich
-schon zu Bette begeben hatte, wollte trotz dreimaliger Aufforderung
-Friedrichs nicht ins andere Bett, in dem der Kaiser lag. Sie werde es
-halten, wie es Brauch sei. Die Männer müßten zu den Frauen kommen und
-nicht umgekehrt. Der Kaiser verfügte sich dann zu ihr und zog sie an
-der Hand ins unverdächtige Bett.[126]
-
- *
-
-Wie die Ehe durch Prokuration geschlossen wurde, beschreibt der
-Chronist Jakob Unrest wie folgt: „Kunig Maximilian schickte seiner
-diener ainenn genannt Herbolo von Polhaim gen Brittania zu empfahn die
-kunigliche prawt, der war in der stadt Remis (Reims) erlichn empfanngn,
-und deselbst beslieff der von Polhaim die kunigliche prawt, als der
-fursten gewohnhait ist, das ihre sendpotten die furstlichn prawt mit
-ainem gewaptn man mit dem rechtn arm, und mit dem rechtn fues plos,
-und ain plos swert darzwischn gelegt, beschlaffen. Also habn dy alltn
-furstn gethan, und ist noch die gewohnhait“.[127]
-
-Es handelt sich hier um die 1491 geschlossene Ehe Maximilians I.
-mit der Anna von Bretagne. Übrigens wurde sie niemals vollzogen, da
-der König Karl VIII. von Frankreich die Braut seines Rivalen trotz
-des gewährten freien Geleites +gefangen setzte+ und +selber
-heiratete+. Die reiche Erbschaft schien ihm diesen Ehe- und
-Wortbruch zu rechtfertigen. Bekanntlich ließ Maximilian sich diesen
-Schimpf nicht gefallen und erklärte den Krieg.
-
-Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde vom deutschen Fürstenrecht
-ähnliches gefordert. Man legte das junge Paar nach der Trauung im
-Beisein des Hofes in das Paradebett, das im Speisesaal hergerichtet
-war. Dabei wurden Konfitüren und süßer Wein gereicht. Dann nahm man
-das Paradebett auseinander und führte die Neuvermählten unter Pauken-
-und Trompetenschall an die fürstliche Tafel.[128]
-
- *
-
-Erbaulich ging es bei der Verlobung der hl. Elisabeth her. Der
-Patriarch von Aquileja, Berthold, ein Bruder der ungarischen Königin
-Gertrud, schändete eine Gräfin. Da er sich durch Abreise der Rache
-ihres Gemahles entzieht, dringt dieser in das Schlafgemach der Königin
-ein und hängt sie, im Glauben sie sei mitschuldig, auf.[129]
-
-Trotz der Sittenlosigkeit des deutschen Mittelalters, das sich aber
-stets der Verwerflichkeit des Ehebruches bewußt blieb, war der gereizte
-Ehemann sehr unbequem. Der Verführer hatte auf alle Fälle sein Leben
-verwirkt, in der Regel wurde er verbrannt, oft ging es ihm noch
-schlimmer. Die beiden Schwiegertöchter Philipps III. von Frankreich,
-Margarethe, Gemahlin des Kronprinzen, und Blanche, die des Grafen de
-la Marche, wurden geschoren und zu ewigem Gefängnis verurteilt. Ihre
-Liebhaber Philipp und Gautier d’Aulnai öffentlich geschunden, kastriert
-und gehängt.
-
-Nicht geringe Unbequemlichkeiten hatte nach Thietmar von Merseburg ein
-Ehebruch bei den Slawen in der heutigen Lausitz im Gefolge.
-
-„Wenn unter ihnen einer sich erfrecht fremde Ehefrauen zu mißbrauchen
-oder Hurerei zu treiben, so muß er sofort folgende Strafe erdulden: Er
-wird auf die Marktbrücke geführt und ihm durch den Hodensack ein Nagel
-geschlagen; dann legt man ein Schermesser neben ihn hin und läßt ihm
-die harte Wahl, dort auf dem Platz sich zu verbluten, oder sich durch
-Ablösung jener Teile zu befreien“. Der ertappten Frau ging es nicht
-viel besser. „Wenn eine Buhlerin ertappt wurde, dann wurde sie mit der
-entehrenden und erbärmlichen Strafe belegt, an ihren Genitalien ringsum
-beschnitten zu werden. Dieses Präputium -- wenn man den Ausdruck dafür
-gebrauchen kann -- wurde an ihrer +Haustüre aufgehängt+, damit
-der Blick des Eintretenden darauf falle und er in Zukunft um so mehr
-bedacht und vorsichtig wäre.“ Zur Zeit der Väter, sagt Thietmar, wurde
-die Frau enthauptet.[130]
-
-Eine ähnliche Geschichte erzählt der Chronist Matthäus Parisiensis,
-Mönch von St. Alban in England: Johannes Brito ertappte 1248 einen
-vornehmen Ritter namens Godefridus de Millers bei seiner Tochter,
-schlug ihn, hing ihn mit gespreizten Beinen an die Balken, machte
-ihn zum Kapaun und warf ihn halbtot hinaus. Dafür wurde er -- zumal
-er es einem sehr galanten Geistlichen gerade so machte -- auf ewig
-verbannt. Der König aber bestimmt, und das gibt diesem Falle seine
-kulturhistorische Bedeutung: hinfort sei diese Verstümmelung verboten,
-+es sei denn als Vergeltung für den Ehebruch der eigenen Frau+!
-
-Das Mainzer Stadtrecht befiehlt als Strafe für Juden, die sich mit
-Christenfrauen fleischlich vergingen: „da sol man dem Juden sein Ding
-abesniden und ein Aug ausstechen“. Übrigens ließ noch im Jahre 1545 ein
-Edelmann in der Wetterau seinen Schalksknecht kastrieren[131].
-
- *
-
-Zahlreich sind die Fälle, in denen der Mann die im Ehebruch ertappte
-Frau tötet. Aus Brantôme geht hervor, daß das im Frankreich des 16.
-Jahrhunderts gar keine Seltenheit war.[132] Auch in Deutschland
-war es in dieser Zeit noch gesetzlich zulässig. Z. B. heißt es im
-Frankenhauser Stat. von 1558: „Ob einer einen Andern bei seinem
-elichen Weibe nackend und bloß +in einem Bette+ hete befunden und
-in zorniger weise zufiele und den selbigen tod schlüge, +der ist
-unstreflich+“.[133] In der Zimmerischen Chronik (II, S. 523 f.)
-wird von einem Kaufmann erzählt, der seinen Schreiber mit seiner Frau
-im Bade findet -- merkwürdigerweise scheint die Badewanne damals bei
-galanten Tete-a-tetes sich besonderer Bevorzugung erfreut zu haben --
-und ihn tot schlägt: „Die obrigkait nam sich der sachen weiter nit an,
-dieweil der schreiber an der thatt ergriffen“. Das war in Konstanz.
-„Solch strigeln im badt biß auf den todt ist bei wenig jaren davor ain
-pfaffen zu Zürich auch begegnet, der ist auch dermaßen von aim burger
-daselb im badt beim weib ergriffen worden“. Sehr ergötzlich ist die
-Geschichte, die sich 1532 in Oberndorf zutrug (ebenda III, S. 65 ff.),
-wo ein ertappter Pfaffe mit zusammengebundenen Vieren zum Fenster
-hinausgehängt wird. Merkwürdigerweise wird in der Regel die Frau wieder
-in Gnaden aufgenommen.
-
- *
-
-Besonders Fürstlichkeiten mußten oft Damen heiraten, die sie nie
-gesehen hatten. Um nun nicht mit einem Scheusal hereinzufallen,
-schickten sie Gesandte oder ihren Hofmaler auf die Brautwerbung. Als
-1161 der griechische Kaiser Manuel um Milisendis, Schwester des Grafen
-von Tripolis, werben läßt, müssen die Gesandten sich genau nach ihrer
-Körperbeschaffenheit erkundigen oder, wie es in der altfranzösischen
-Übersetzung dieser Stelle heißt: sie wollten sie oft reden hören und
-ließen sie +ganz entkleidet vor sich hin und her gehen+.
-
-Noch im 18. Jahrhundert wurde in Frankreich jede Verlobte eines
-Prinzen vor der Verheiratung durch seine weiblichen Anverwandten einer
-körperlichen Untersuchung unterzogen.[134]
-
- *
-
-Daß die Frauen von ihrem Manne geschlagen wurden, selbst mit einem
-Knüttel, war im frühen Mittelalter so gang und gäbe und galt für so
-wenig unpassend, daß es selbst in den Ritterromanen häufig erwähnt
-wird.[135] Sogar Siegfried hat Krimhilde tüchtig verprügelt, als sie
-die Brunhilde durch ihre Rede verletzt hatte (Nib. XV, 894). In Bayern
-hat erst die Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches, 1900, das
-leichte Züchtigungsrecht des Ehegatten beseitigt.
-
- *
-
-Wer der Treue seiner Frau nicht sicher war, legte ihr schon im 13.
-Jahrhundert einen +Keuschheitsgürtel+ an, von dem sich Modelle
-im Museum schlesischer Altertümer in Breslau, im Schloß Erbach im
-Odenwald -- hier gleich zwei Exemplare -- im Museum des Arsenals in
-Venedig, im Museum zu Poitiers, im Toussaud-Museum in London, in der
-Sammlung Pachinger in Linz, im Clunymuseum zu Paris und wohl auch noch
-anderwärts erhalten haben. Allerdings war der mißtrauische Ehemann
-nicht sicher, daß der Händler nicht einen Nachschlüssel der Gattin oder
-ihrem Liebhaber einhändigte.
-
- *
-
-Wie Graf Zimmern erzählt,[136] gab es in Sachsen und den Niederlanden
-eine eigentümliche Sitte, „+Beischlafen auf Glauben+“, „was doch wider
-alle vernunft ist, auch vil huren und dorechter weiber gemacht hat. Man
-sagt ain guten Schwank von aim edelman in Niderlanden oder Westphalen,
-ain Horst, dem ist auch ain solliche ehr mit ainer jungfrawen angethon
-und uf glauben zugelegt worden. Als ihm nun nachs die Keuz anfahen
-steigen, do hat er die jungfrawen anfahen zu begreifen und mit ihr zu
-sprachen. sie hats alles von ime gelitten und vergut gehaht, one das
-er ir nit underhalb der gurtel oder weiche greif. nun parlamentirt er
-lang mit ir, vermaint, sie zu bereden, aber sie war ganz standthaft
-und sagt im mit kurzen worten, er sollt darvon sten, dann sie wurde im
-underthalb der Gurtel nichts verwilligen.“
-
-Merkwürdige Anschauungen von Jungfräulichkeit herrschten in der
-Grafschaft Sponheim unter dem gewöhnlichen Volke seit den ältesten
-Zeiten. Zimmern erzählt darüber (III, S. 279 f.): „Wann ain junger
-gesell sich verheiraten will und umb eine wurbdt, so mueß zuvor er irer
-freundschaft burgen (Bürgen) setzen, das er ain hertbarer gesell seie
-(das sein die verba formalia) das ist sovil, das er wol hasplen kundt
-uf der betziehen. dargegen aber so muß im der hochzeiterna freuntschaft
-verburgen, das iren dochter oder verwantin ein +raine jungfraw+ seie;
-+iedoch dingen sie darbei uß drei stuck+, nemlich Kinderspill, als
-wann die halbgewachsne kinder mit ainander sich paren und gaupen;
-item hurtenscheden, was hunder den zeunen oder dergleichen Orten sich
-ongeferdt begibt, und dann hew- oder kornbaren, das wurt insonderhait
-ußgedingt; dann wie baldt het am strohalm an sollichem ort ain schaden
-gethon? fur diese drei scheden verspricht man keinem, und da sie gleich
-ain guet zeit im beßenreis umbgeloffen, so mueß doch der guet narr
-schweigen und zufrieden sein.“ Unter diesen Umständen war es allerdings
-in Sponheim nicht schwer, als Jungfrau zu gelten. Ja, ja, keusch waren
-unsere Vorfahren!
-
- *
-
-Noch gegen Ende des 16. Jahrhunderts herrscht, noch dazu in höfischen
-Kreisen, eine ähnlich laxe Sitte. Der schlesische Ritter Hans von
-Schweinichen weiß darüber in seinen „Denkwürdigkeiten“ (S. 38 f.) zu
-erzählen:
-
-Im Jahre 1573 reist er nach Lüneburg zu Herzog Heinrich. Nach dem
-Abendessen wird getanzt und die +Hofgesellschaft+ zieht sich von der
-Reise ermüdet zurück. „Die einheimischen junker verloren sich auch,
-sowohl die jungfrauen, daß also auf die letzte nicht mehr als zwo
-Jungfern und ein Junker bei mir blieben, welcher einen tanz anfing.
-Dem folget ich nach. Es währet nicht lange, mein guter Freund wischt
-mit der Jungfer in die Kammer, so an der Stuben war, ich hinter
-ihm hernach. Wie wir in die Kammer kommen, liegen zwei Junkern mit
-Jungfrauen im Bette; dieser, der mit mir vortanzet, fiel sammt der
-Jungfer auch in ein Bette. Ich fraget die Jungfrau, mit der ich tanzet,
-was wir machen wollten. Auf Mecklenburgisch so saget sie, +ich sollt
-mich zu ihr in ihr Bette auch legen+; dazu ich mich nicht lange bitten
-ließ, leget mich mit Mantel und Kleidern, ingleichen die Jungfrau
-auch, und reden also bis vollend zu Tag, jedoch +in allen Ehren+. Auf
-den Morgen hat ich das Beste, daß ich der Längest wär auf dem Platz
-gewesen, gethan, und ich hatte es am besten verricht. Kam derwegen
-beim Frauenzimmer in groß Gunst. Das heißen sie +auf Treu und Glauben
-beischlafen+; aber ich acht mich solches Beiliegen nicht mehr, denn
-Treu und Glauben möchte zu ein Schelmen werden.“
-
- *
-
-Das Jus primae noctis ist dokumentarisch nachweisbar bis zur Mitte des
-16. Jahrhunderts. Ein Gesetz vom Jahre 1538 im Kanton Zürich lautet:
-„Ouch hand die burger die rechtung, wer der ist, der uf den gütern,
-die in den Kelnhof gehörend, die erste nacht bi sinem wibe ligen
-wil, die er nüwlich zu der ee genommen hat, +der sol den obgenanten
-burger vogt dieselben ersten nacht bi demselben sinen wibe lassen
-ligen+.“ Der Bräutigam hatte allerdings das Recht, mit Geld seine
-Braut freizukaufen. Auch die hohe grundbesitzende +Geistlichkeit+
-beanspruchte das jus primae noctis, wohl allerdings mehr als weiteres
-Mittel, die Untergebenen zu schröpfen, als um das Recht auszuüben. Nach
-dem Lagerbuche des schwäbischen Klosters Adelberg vom Jahre 1496 mußten
-die zu Bortlingen sitzenden Leibeigenen das Recht dadurch ablösen, daß
-der Bräutigam eine Scheibe Holz, die Braut ein Pfund sieben Schillinge
-Heller oder eine Pfanne, „+daß sie mit dem Hinteren darein sitzen
-kann oder mag+“, darbrachten. Der Maßstab, den die geistlichen Herren
-anzulegen beliebten, spricht Bände! Anderwärts konnten die Bräute
-sich loskaufen, indem sie dem Grundherrn so viel Käse oder Butter
-entrichteten „+als dick und schwer ihr Hinterteil war+“[137].
-
- *
-
-Sehr verständig, wenn auch für uns befremdend genug, ist Luthers
-Ansicht, die er im Traktat „Vom ehelichen Leben“ niederlegt: „Wenn
-ein tüchtig Weib zur Ehe einen untüchtigen Mann überkäme und könnte
-doch keinen anderen öffentlich nehmen und wollte auch nicht gern wider
-Ehre tun, soll sie zu ihrem Mann also sagen: Siehe lieber Mann, du
-kannst mein nicht schuldig werden und hast mich und meinen jungen Leib
-betrogen, dazu in Gefahr der Ehre und Seligkeit bracht, und ist für
-Gott keine Ehe zwischen uns beiden, vergönne mir, daß ich mit +deinem
-Bruder oder nächsten Freund+ eine heimliche Ehe habe und du den Namen
-habst, auf daß dein Gut nicht an fremde Erben komme, und laß dich
-wiederum williglich betrügen durch mich, wie du mich ohne deinen Willen
-betrogen hast.“ +Der Mann hat nach Luther die Pflicht, diese Bitte zu
-erfüllen+; will er nicht, so darf er nicht böse sein, wenn die Frau von
-ihm läuft[138].
-
-Das Recht der Frau auf die ehelichen Freuden war gesetzlich garantiert.
-Besonders in Westfalen war man augenscheinlich sehr besorgt, daß die
-bessere Hälfte nicht zu kurz käme. In erster Linie muß der Nachbar des
-untauglichen Ehemannes aushelfen. In der Landfeste von Hattingen heißt
-es: „Da ein Mann wäre, der seinem rechten Weibe ihr frauliches Recht
-nicht tun könne, so soll er sie sachte auf den Rücken nehmen und tragen
-über neun Zäune und setze sie dort vorsichtig nieder, ohne Stoßen,
-Schlagen, Werfen und ohne bösen Worte, rufe alsdann seine +Nachbarn+
-an, daß sie ihm +seines Weibes Not wehren helfen+. Und wenn dann seine
-Nachbarn das nicht tun wollen oder können, so soll er sie senden auf
-die nächste Kirchweih in der Nähe, und daß sie dort ‚sich seiwerlich
-zumache und zehrung habe‘, hänge er ihr einen mit Geld gespickten
-Beutel auf die Seite. Kommt sie von dorther wieder ungeholfen, dann
-helfe ihr der Teufel.“
-
-War der Frau glücklich „geholfen“ worden, dann -- so bestimmt das
-Benker Heidenrecht (III, 42) „soll er sie wieder nehmen, sie wieder
-tragen nach Haus und setzen sie sacht nieder und ihr ein gebratenes
-Huhn und eine Kanne Wein vorstellen[139].“
-
-Nach dem Bochumer Landrecht (III, 70) mußte der Mann die Frau über
-die Zäune tragen, dort fünf Stunden lang +um Hilfe rufen+, nützte das
-nicht, dann sollte er sie im neuen Kleid mit Geld versehen auf einen
-Jahrmarkt schicken. Blieb auch das erfolglos, dann mögen ihr „thausend
-düffel“ helfen.
-
-So fremdartig uns diese Bestimmungen anmuten, so sind sie es doch mehr
-wegen ihres Symbolismus als wegen des Grundgedankens, der unendlich
-viel verständiger ist, als der in unserer Gesetzgebung, der Impotenz
-zwar als Scheidungsgrund gelten läßt, aber dem geschädigten Ehegatten
-kein Vorrecht einräumt. In Österreich gar mit seiner hochwohlweisen
-Ehegesetzgebung kann sich zwar die Ehefrau scheiden lassen, aber
-+heiraten darf sie nicht mehr, so lange der Mann lebt+. Allerdings
-hat sich das Leben seit je über diese papierne Feigenblattmoral
-hinweggesetzt.
-
- *
-
-Nach dem heute in Österreich gültigen Eherecht sind aber nicht nur
-die katholischen Ehegatten bis zum Tode aneinander gebunden, sondern
-es wird auch das Band der Ehe für ganz ebenso unauflösbar erklärt,
-„+wenn auch nur ein Teil+ schon zur Zeit der geschlossenen Ehe der
-+katholischen Religion zugetan war+“. Also auch der +akatholische Teil+
-muß die Folgen einer Ehe mit einem Katholiken sein ganzes Leben lang
-tragen! Dieser im § 111 des Bürgerlichen Gesetzbuches festgehaltene
-Grundsatz wurde durch Einwirkung des österreichischen Episkopates in
-den Jahren 1814 und 1835 noch weiter verschärft, indem auch nicht nur
-getrennten Akatholiken die Ehe mit Katholiken untersagt wurde, sondern
-auch für sie selbst, falls sie etwa vor oder nach der Trennung ihrer
-akatholischen Ehe zum Katholizismus übertraten, sogar das Band ihrer
-bereits +getrennten Ehe+ dergestalt +wieder wirksam wurde+, daß ihnen
-bei Lebzeiten des früheren Ehegatten jede Wiederverheiratung untersagt
-wird.
-
-Mehr als das: der oberste österreichische Gerichtshof nimmt den
-nach Wahrmund ungesetzlichen Standpunkt ein, daß selbst die im
-Auslande geschlossenen Ehen akatholischer Ausländer wegen angeblichen
-Ehehindernisses des Katholizismus ex officio für ungültig erklärt
-werden müssen, wenn ein oder der andere Eheteil +vordem einmal Katholik
-gewesen war+!
-
-Das Merkwürdigste dabei ist, daß Christus, wie Wahrmund nachweist,
-sowenig wie die ganze Antike, von einer unbedingten Unauflöslichkeit
-der Ehe etwas wußte[140].
-
- *
-
-Um die furchtbaren Menschenverluste des Dreißigjährigen Krieges besser
-ausgleichen zu können, wurde u. a. am 14. Februar 1650 vom fränkischen
-Kreistag in Nürnberg folgender Beschluß gefaßt: „.. (es) seinds auff
-Deliberation und Berathschlagung folgende 3 Mittel vor die bequemste
-und beyträglichste erachtet und allerseits beliebt worden. 1. Sollen
-hinfüro innerhalb den nechsten 10 Jahren von Junger mannschaft oder
-Mannßpersonen, so noch unter 60 Jahren sein, in die Klöster ufzunemmen
-verbotten, vor das 2te denen Letzigen Priestern, Pfarrherrn, so
-nicht ordersleuth, oder auff den Stifftern Canonicaten sich Ehelich
-zu verheyrathen; 3. +Jedem Mannßpersonen 2 Weiber zu heyrathen
-erlaubt sein+: dabey doch alle und jede Mannßperson ernstlich
-erinnert, auch auf den Kanzeln öffters ermahnth werden sollen, sich
-dergestalten hierinnen zu verhalten und vorzusehen, daß er sich völlig
-und gebürender Discretion und versorg befleiße, damit Er als ein
-Ehrlicher Mann, der ihn 2 Weiber zu nemmen getraut, beede Ehefrauen
-nicht allein nothwendig versorge, sondern auch under ihm allen Unwillen
-verhüette“[141].
-
-Im 138. Band der Preußischen Jahrbücher macht unter dem Pseudonym eines
-Professor Dr. Robert Hoeniger ein allzu bescheidener Forscher eine
-großartige Entdeckung! Der Geist treibt ihn zu „beweisen“, daß die
-bekannten Plünderungsszenen Callots aus dem 30jährigen Kriege ebenso,
-wie die Beschreibung einer Plünderung in Grimmelshausens Simplicissimus
-nicht etwa so zu verstehen seien, daß bei +jeder+ Plünderung
-+gleichzeitig+ im +selben+ Zimmer geraubt, gestohlen, genotzüchtigt,
-gemordet, brandgelegt usw. worden sei -- wie wir ahnungslosen Gemüter
-bisher glaubten -- sondern daß hier zusammengezogen sei, was sich
-an verschiedenen Orten begeben habe. Daraus folgert er, daß der
-Dreißigjährige Krieg gar nicht so schlimm war. Obige Notiz erklärt er,
-allerdings ohne Beweis für -- einen Witz! Dieser tiefbohrende Forscher
-hat auch endlich die „Kultur-Kuriosa“ richtig erkannt (S. 418 Anm.) als
-„kritiklose Sammlung alles Unrats und Unflats“. Dafür sei ihm hiermit
-die Unsterblichkeit der Fliege im Bernstein verliehen. Leider kann ich
-für den modernen Kopernikus augenblicklich nicht mehr tun.
-
- *
-
-Es war im hohen Mittelalter Sitte, daß nach der Hochzeit das Brautpaar
-mit den Gästen ins Badehaus ging, um ein +gemeinsames Brautbad+
-zu nehmen, +wobei die Geschlechter nicht getrennt waren+. Wie es
-dabei noch nach der so sittlich wirkenden Gegenreformation zuging,
-lehrt das Zittauer Ratsedikt von 1616: „Als denn vormals dy jungen
-Gesellen nach dem bade widir (wider) gute sitten in badekappin und
-barschenckicht (mit bloßen Schenkeln) getanzt haben, wil der Rath das
-fortureh (hinfort) kein mans bild in badekappin oder barschinckicht
-tanzen solle“[142].
-
- *
-
-Daß die Kirche, trotz des sakramentalen Charakters der Ehe und ihrer
-prätendierten Unauflöslichkeit bei Personen, die mächtig genug
-waren, vom Prinzip abstand, daß andrerseits zu allen Zeiten, auch
-im frühen Mittelalter gegenüber seiner unbeschreiblichen Angst vor
-den Höllenstrafen die gewissen Freuden des Diesseits nicht selten
-siegten, mag nach der einen oder andren Seite hin, aus folgenden Fällen
-hervorgehen:
-
-Lothar II. verstieß 860 seine Gemahlin Theutberga, um seine Geliebte
-Waldrada zu ehelichen.
-
-Kaiser Friedrich I., Barbarossa, ließ sich von Anna von Vohburg unter
-dem Vorwande scheiden, sie sei unfruchtbar. In zweiter Ehe mit einem
-einfachen Adeligen hatte sie aber Kinder.
-
-König Ottokar von Böhmen ließ sich 1261 von Margarete, Tochter Leopolds
-VI. von Österreich, scheiden.
-
-Ludwig von Brandenburg, Sohn Ludwigs des Bayern, heiratete Margareta
-Maultasch, die Erbin von Tirol, nachdem sie von ihrem Mann, Johann
-Heinrich, Sohn des Königs von Böhmen, 1341 geschieden war.
-
-König Ladislaus von Sizilien verstieß seine Gemahlin Konstanze
-Chiaramonte 1392 und heiratete 1402 Maria von Lusignan. Seine erste
-Gemahlin aber gab er dem Andrea di Capua, Conte d’Altaville gegen
-seinen Willen zur Frau[143].
-
-Clemens VI. bestätigte die unkanonische Ehe Johannas von Neapel mit
-dem Prinzen von Tarent im Jahre 1348. Und das wiewohl die Königin im
-begründeten Verdacht stand, ihren ersten Gemahl ermordet zu haben.
-Allerdings machte sich diese Milde bezahlt, denn Johanna verkaufte
-Avignon am 8. Juni des gleichen Jahres an den Papst um die kleine Summe
-von 80000 Goldgulden[144].
-
-Die Äußerung König Alfonsos des Großen von Neapel Kaiser Friedrich
-III. gegenüber, er solle lieber in Neapel das Beilager mit Leonore
-von Portugal halten, als in Deutschland, um sie, falls er von ihren
-körperlichen Reizen nicht befriedigt sei, gleich bei ihm lassen
-zu können, beweist hinlänglich, daß zu allen Zeiten der Mächtige
-nach Belieben verfahren konnte. Allgemein bekannt ist auch Luthers
-Einwilligung zur Doppelehe des Landgrafen von Hessen[145].
-
-
-
-
-Siebenter Abschnitt
-
-Sittlichkeit
-
-
-Der hl. Hieronymus († 420) erzählt uns, daß zu seiner Zeit in Gallien
-noch +Menschenfresserei+ existierte. In seiner Schrift gegen
-Jovinian (II, 7) schreibt er nach Harnack: „Was soll ich von anderen
-Völkerschaften sagen, da ich doch selbst als Jüngling in Gallien
-die Attikoten, einen britannischen Stamm, +Menschenfleisch habe
-essen sehen+. Wenn sie in den Wäldern auf Schweine-, Rindvieh-
-und Schafherden stoßen, schneiden sie den Kindern und den Weibern
-die Hinterbacken und Brüste ab und halten diese für einen köstlichen
-Schmauß.“
-
- *
-
-König Chlodwig verleitete den Chloderich, seinen Vater, König Siegbert,
-zu ermorden. Nach Ausführung dieser Bluttat sollten die Schätze des
-Ermordeten geteilt werden. Als der Sohn den Kopf in die Schatztruhe
-steckte, erschlug ihn einer von Chlodwigs Leuten mit der Axt. Zwar
-beteuerte Chlodwig seine Unschuld am Ende Siegberts, setzte sich aber
-in den Besitz seiner ganzen Hinterlassenschaft. Als er den Fürsten
-von Cambrai, Ragnachar, und dessen Bruder Richar gefangen genommen
-hatte, schlug er den ersteren mit seiner Streitaxt nieder, unter der
-Motivierung, er habe durch seine Feigheit das königliche Geschlecht
-entehrt. Dann tötete er auch den Richar, weil er seinem Bruder nicht
-genügend Beistand geleistet habe. Von diesem König Chlodwig, der
-bekanntlich das Christentum annahm, schreibt der fromme Bischof Gregor
-von Tour: „Gott aber warf Tag für Tag seine Feinde vor ihm zu Boden und
-vermehrte sein Reich, darum daß er +rechten Herzens vor ihm wandelte
-und tat, was seinen Augen wohlgefällig+ war.“[146]
-
- *
-
-Im 9. Jahrhundert wurden +drei deutsche Kaiserinnen+, Judith,
-Gemahlin Ludwigs des Frommen, Richenta, Gemahlin Karls des Dicken, und
-Ota, Gemahlin Arnulfs des +Ehebruchs+ angeklagt. Bekanntlich ging
-es Kunigunde, Gemahlin Heinrichs II., nicht besser. Bekannt ist auch
-das lockere Leben der Töchter Karls des Großen; sogar sein Freund und
-Biograph Einhard berührt im 19. Kapitel diesen Punkt. Karls Tochter
-Hruotrud hatte vom Grafen Rorich einen illegitimen Sohn Ludwig, seine
-zweite Tochter Bertha gebar dem Abt Angilbert zwei Söhne außer der Ehe.
-
- *
-
-Thietmar von Merseburg, ein Bischof, der zu Beginn des 11. Jahrhunderts
-sein berühmtes Geschichtswerk verfaßte, lobt eine Matrone
-ausdrücklich, weil sie nicht sei wie die anderen Frauen. „Denn diese
-zeigen größtenteils, indem sie einzelne Teile ihres Körpers auf eine
-unanständige Weise entblößen, allen Liebhabern ganz offen, was an ihnen
-feil ist, und wandeln, obwohl das ein Greuel vor Gott und eine Schande
-vor der Welt ist, ohne alle Scham allem Volke zur Schau einher. Es
-ist schlimm und höchst beklagenswert, daß kein Sünder im Verborgenen
-bleiben will, sondern daß alle, den Guten zum Ärgernis, den Bösen zum
-Beispiel, stets öffentlich hervorzutreten trachten[147].“
-
-Gleich im nächsten Kapitel wird von einer +Nonne+ Mathilde,
-Tochter des Markgrafen Thiederich erzählt, die einen Slaven
-+heiratet+, gebiert dann einem andern einen Sohn, wird aber
-trotzdem +Äbtissin+ in Magdeburg!
-
-„In unseren Tagen, in denen die Freiheit zu sündigen mehr als je
-ganz schrankenlos herrscht, treiben außer der Menge der verführten
-Mädchen selbst noch gar manche verheiratete Frauen, denen geile Lust
-den verderblichen Kitzel anreizt, Ehebruch und zwar noch zu Lebzeiten
-ihres Mannes. Und damit nicht zufrieden überliefert manche noch,
-indem sie ihren Buhlen heimlich dazu antreibt, ihren Ehemann der Hand
-des Mörders, den sie darauf -- ein böses Beispiel für die übrigen --
-öffentlich zu sich nimmt und mit ihm, wie schändlich! nach vollem
-Belieben buhlt. Ihr rechtmäßiger Ehegemahl wird verschmäht und
-zurückgestoßen und sein Vasall ihm vorgezogen. Weil dergleichen nicht
-mit schweren Strafen verfolgt wird, so wird es, befürchte ich, von Tag
-zu Tag von vielen als eine neue Mode mehr gepflegt werden[148].“
-
-So sah es also ums Jahr 1000 bei unsern keuschen Ahnfrauen aus!
-
- *
-
-Die in der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts dichtende fromme Nonne
-Roswitha von Gandersheim hatte die Absicht, die unsittlichen
-heidnischen Schriften zu verdrängen. Das hindert sie aber nicht, uns in
-Bordelle zu führen, den Versuch eines Liebhabers, seine tote Geliebte
-zu mißbrauchen, anzudeuten und in Marterszenen zu schwelgen.
-
- *
-
-Im Fragment „de rebus Alsaticis“ heißt es: „Um das Jahr 1200 hatten
-auch die +Priester+ ziemlich allgemein +Beischläferinnen, weil
-gewöhnlich die Bauern sie selbst dazu antrieben+. Dieselben sagten
-nämlich: Enthaltsam wird der Priester nicht sein können; es ist darum
-besser, daß er ein Weib für sich hat, als daß er mit den Weibern aller
-sich zu schaffen macht.“ Ob die Bauern unrecht hatten?
-
-Daß das Konkubinat nichts Anstößiges war, geht aus den Worten des
-Caesarius von Heisterbach hervor, der von einem Mönch erzählt, der
-Pfarrer wurde: „Er nahm, wie das bei vielen +Sitte+ ist, eine
-+Beischläferin+ ins Haus, mit der er auch Kinder hatte.“ Schon
-um 1200 hielt man im Bistum Salzburg denjenigen Geistlichen für einen
-+Heiligen+, der sich mit +einer+ Konkubine behalf[149]!
-
-Der Bischof Heinrich von Basel (1213-1238) „hinterließ bei seinem Tode
-zwanzig vaterlose Kinder ihren Müttern“.
-
-Bischof Heinrich von Lüttich, der vom Konzil von Lüttich abgesetzt
-wurde und am 6. September 1281 seinen Nachfolger ermordete, hatte 61
-Kinder.
-
-Schon die Synode von Mainz hatte unter dem Vorsitz des Rhabanus Maurus
-im Jahre 852 zur Steuerung des sittlichen Verfalls bestimmt, daß jeder
-Mann vor der Ehe +eine+ Konkubine haben dürfe[150].
-
-Noch nach der Gegenreformation mit ihrer zweifellos die Sitten hebenden
-Wirkung war das nichts ungewöhnliches, wie u. a. aus Johann von Wedels
-ganz beiläufigen Bemerkung hervorgeht: „In den Ehestand hat er sich
-nicht begeben, weil er den +bischöflichen+ Stand geführet und im
-+Konkubinat+ unehlich sein Leben führen +müssen+“[151].
-
- *
-
-Vom Kloster Wolverhampton schreibt Petrus Blesensis: „Sie lebten
-öffentlich und offenkundig in Unzucht und rühmten sich ihrer Sünde
-wie Sodom, und im Angesichte der öffentlichen Schande nahmen sie
-einer des andern Tochter oder Nichte zur Frau. Und so groß war die
-verwandtschaftliche Verschwägerung unter ihnen, daß keiner imstande
-war, ihre abscheulichen Verbindungen zu lösen.“
-
-„Canonici und Ritter machten sich mit den edel geborenen Nonnen zu
-schaffen.“ Das war schon im 11. Jahrhundert nichts Seltenes. In einem
-Brief beschuldigt sogar die Geistlichkeit der Domkirche zu Bamberg
-eine Äbtissin, +sie habe ihre Nonnen so Mangel leiden lassen,
-daß sie durch Liebesverhältnisse sich ihren Unterhalt verschaffen
-mußten+[152]!
-
- *
-
-In den Dekretalien des Bischofs Burchard von Worms (1000-1025) finden
-wir u. a. (ed. Paris 1549 p. 277) folgende Stelle:
-
-„Hast du dir, wie es manche Frauen zu tun pflegen, so eine Vorrichtung
-oder einen Apparat in Form des männlichen Gliedes angefertigt nach
-Maßgabe deiner Wünsche, und ihn an der Stelle deiner Schamteile oder
-abwechselnd (alternis) mit einigen Bändern hingebunden und mit anderen
-Weibern Unzucht getrieben oder taten es andere mit dem gleichen
-Instrument oder mit einem andern mit dir? Wenn du es getan hast, sollst
-du fünf Jahre lang an den gesetzlichen Feiertagen Buße tun.
-
-Hast du, wie es manche Frauen zu tun pflegen, mit der vorgenannten
-Vorrichtung oder irgendeinem anderen Apparat selbst mit dir allein
-Unzucht getrieben? Tatest du es, dann sollst du ein Jahr lang an den
-gesetzlichen Feiertagen Buße tun.
-
-Tatest du, was manche Frauen zu tun pflegen, wenn sie die sie quälende
-Geilheit löschen wollen, die sich vereinen und gleichsam den Beischlaf
-ausüben müssen und es können, indem sie miteinander ihre Genitalien
-vereinen und indem sie sich so an einander reiben ihr Jucken zu stillen
-trachten? Tatest du es, dann sollst du drei vierzigtägige Fasten lang
-während der gesetzlichen Feiertage Buße tun.“
-
-Das spricht nicht für die Sittenreinheit unserer vielgepriesenen Ahnen.
-
- *
-
-Tribadinnen wurden schon im 13. Jahrhundert erwähnt, besonders in den
-Nonnenklöstern. Bereits im 11. Jahrhundert spielten die Lustknaben
-in England geradezu eine Rolle, und besonders in Klöstern wurde der
-widernatürlichen Unzucht gefrönt. Dieses uns aus den Vorgängen der
-Jahre 1907 und 1908 ja genügend bekannte Laster war zur Ritterzeit
-so verbreitet, daß ein Mann, der nicht sofort bereit war, weiblichem
-Entgegenkommen Folge zu leisten, Gefahr lief, sich in den Verdacht der
-„Ketzerei“ zu setzen. Daran änderte auch die Todesstrafe durch Feuer
-nichts, die z. B. König Rudolf 1277 über einen Ritter Haspinperch nach
-den Baseler Annalen verhängte.
-
-Einen Gedanken, der anläßlich des Harden-Moltkeprozesses oft genug
-ausgesprochen wurde, äußert bereits Jacques de Vitry († etwa 1240)
-gelegentlich seiner Schilderung des Treibens in Paris: „Eine einfache
-Unzucht hielten sie für keine Sünde; öffentliche Dirnen schleppten
-überall auf den Gassen und Straßen die vorübergehenden +Geistlichen+
-in ihre +Bordelle+. Und wenn diese etwa einzutreten sich weigerten,
-so riefen sie gleich den Schimpfnamen ‚Sodomit‘ hinter ihnen her.
-Denn dies ekelhafte und abscheuliche Laster hatte wie ein unheilbarer
-Aussatz oder ein verderbliches Gift in +dem Grade die Stadt ergriffen,
-daß es für anständig galt, sich eine oder mehrere Mätressen zu halten+.
-Ja, in ein und demselben Hause waren +oben die Schulzimmer, unten die
-Behausungen der Dirnen+; im oberen Geschoß lasen die Magister, im
-unteren trieben die Dirnen ihr schmähliches Gewerbe“[153].
-
- *
-
-Wer zur Ritterzeit ein Weib mit Gewalt sich zu Willen machte, wurde
-mit dem Tode bestraft, in England gar geblendet und entmannt. +König
-Adolf von Nassau+ wurde unter anderem abgesetzt, weil er sich derartige
-Gewalttaten, die recht häufig waren, hatte zuschulden kommen lassen.
-In diesem Punkte waren eben die Untertanen immer kitzlich, und
-Machiavelli, sonst gewiß nicht schüchtern, ermahnt deshalb im Principe
-ausdrücklich den Landesherren, sich etwas zu menagieren.
-
-Mag die Höhe der Strafe bei Gewalttaten auch befremden, die Tatsache
-der schweren Sühne ist gewiß kein Kuriosum, wohl aber sind es die
-Ausnahmen; im Kriege +gefangene Weiber+, ja, +reisende Damen+, deren
-Ritter man im ehrlichen Kampfe besiegt hatte, durfte man +mit Gewalt
-sich gefügig machen+, wenn es auch nicht für sehr chevaleresque
-galt[154].
-
-Die Geliebte des Ritters (Amie) ist geradezu gesetzlich anerkannt;
-sie genoß alle möglichen Ehren, begleitete ihren Freund auf Turniere
-und wurde von anderen Frauen keineswegs geringschätzig behandelt. Ihr
-gegenüber durfte der Liebhaber nicht Gewalt anwenden[155].
-
- *
-
-Während das ganze Mittelalter hindurch ein außerehelicher Verkehr
-für ganz und gar nicht unsittlich galt, ging zur Ritterzeit das
-Edelfräulein, das vor der Ehe Kinder hat oder sich gegen die
-Keuschheitstugend vergeht, jedes Anspruchs auf ihr Erbteil verlustig.
-Wenigstens nach den Establissements de Saint Louis, livre I, chap. XII,
-wo es heißt: „Gentisfame, quand elle a eu enfans, ains que’elle soit
-mariagée, ou quand elle se faitdepuceler, elle perd son heritage par
-droit, quand elle en est prouvée“[156].
-
-Was die Folgen betrifft, so scheint man allerdings bereits im 11.
-Jahrhundert dagegen Vorkehrungen getroffen zu haben. Wenigstens wird
-von der Gräfin Clementia von Flandern berichtet, sie habe, als sie
-binnen drei Jahren ihrem Manne drei Söhne geboren hatte, aus Furcht,
-sie würden um das Land in Streit geraten, „durch Frauenkünste“ bewirkt,
-daß sie nicht mehr Mutter wurde. Natürlich wurde sie dafür von Gott
-dadurch bestraft, daß ihr alle Söhne lange vor ihrem Tode entrissen
-wurden[157].
-
- *
-
-Zu dem 1394 in Frankfurt gehaltenen Reichstage waren den Fürsten und
-Herren mehr als achthundert Freudenmädchen nachgefolgt. Als in den
-Jahren 1414 bis 1418 in Konstanz die große +Kirchenversammlung+
-tagte, waren dort etwa 1500 +Dirnen+ anwesend. Sie kamen auch
-auf ihre Kosten, wenigstens wird von einer berichtet, sie habe sich
-achthundert Goldgulden erworben[158].
-
-Auf dem Reichstage von 1521 in Worms ging es „+ganz auf Römisch+
-(das läßt tief blicken!) zu mit Morden und Stehlen, und schöne Frauen
-(d. h. feile Dirnen) saßen alle Gassen voll, es war ein solch Wesen wie
-in Frau Venus Berg.“
-
- *
-
-Als König Sigismund im Jahre 1414 mit achthundert Pferden nach Bern
-kam, um daselbst einige Tage zu verweilen, hatte der Stadtrat eine
-zarte Aufmerksamkeit ausgedacht: Er befahl nämlich den Insassinnen der
-Frauenhäuser, alle Herren vom Hofe freundlich und +unentgeltlich+
-zu empfangen, und er selbst bezahlte nachher die Dämchen statt des
-Königs und seines Gefolges. +Sigismund aber rühmte laut diese
-Zuvorkommenheit des Magistrates+! Zwanzig Jahre später besuchte
-Sigismund als Kaiser mit seinem Gefolge das Frauenhaus in Ulm, und der
-Magistrat bezahlte die Kosten der +Festbeleuchtung+. Im Jahre 1435
-ließ der Wiener Stadtrat gelegentlich Sigismunds Besuch die Dirnen der
-beiden Frauenhäuser mit +Samtkleidern versehen+.
-
- *
-
-Als 1450 eine von Friedrich III. nach Neapel geschickte österreichische
-Gesandtschaft dort erschien, wurde sie in ähnlicher Weise geehrt: „In
-allen Städten und Kastellen waren die Türen der Häuser offen, Streu
-und Heu zugerichtet; was jeder haben wollte, das gab man ihm; die
-Frauen im Frauenhause waren alle bestellt, +durften keinen Pfennig
-annehmen+, weil alles nur auf einen Rabisch geschnitten wurde (d. h.
-auf dasselbe Kerbholz); da fand man Mohrinnen und sonst schöne Frauen,
-so daß es eine Lust war.“
-
-Nicht Ehrenjungfrauen, sondern das +Gegenteil+ empfingen mit
-Blumen im Mittelalter am Stadttor den einziehenden Monarchen. Es war
-für anständige Frauen zu bedenklich, mit dem Herrscher und seinem
-Gefolge in Berührung zu kommen. Da Ferdinand I. ein sittenstrenger Mann
-war, war bei seinem Einzug in Wien 1522 diese Vorsicht nicht nötig, und
-die Dirnen blieben zu Hause.
-
-Als Kaiser Maximilian 1512 in Regensburg einzog, kam eine ganze Anzahl
-ausgewiesener liederlicher Frauenzimmer, sich am Saum seines Kleides
-und am Schweif des Rosses haltend und vom alten Schutzrecht des Königs
-Gebrauch machend, wieder in die Stadt.
-
-Als 1557 in Frankfurt ein Fürstentag abgehalten wurde, zog der Rat
-in Erwägung, ob nicht „zu Verhütung allerlei Unrats“ das Frauenhaus
-geschlossen bleiben solle! Hierzu ist zu berücksichtigen, daß mit der
-Reformation und Gegenreformation, vor allem aber seit dem Auftreten
-der Syphilis im Beginn des 16. Jahrhunderts die Sittlichkeit sich
-unbedingt gehoben hatte.
-
-In Ulm gingen um 1527 selbst verheiratete Frauen mitunter ins
-Frauenhaus.
-
- *
-
-Ein +Abgeordneter+, den im Jahre 1446 der Rat von Frankfurt nach
-Köln schickte, führte in seiner +Kostenberechnung+ auch die
-Ausgabe für den +Besuch des Frauenhauses+ auf[159].
-
-Der Beamte, der in Straßburg die von einem Frauenhause zu zahlenden
-Gelder zu erheben hatte, schrieb in sein Rechenbuch auch die Worte
-ein: „+Hab a gebickt, thut 30 Pfennig+“. Bicken ist der im Elsaß
-gebräuchliche Ausdruck für die Tätigkeit, um derentwillen man das
-Frauenhaus aufsuchte[160].
-
- *
-
-Das non olet war den Frauenhäusern gegenüber stark ausgeprägt.
-+Bischöfe bezogen Einkünfte aus ihnen+, und der +Papst+ soll
-gar im 16. Jahrhundert mitunter 20000 Dukaten eingenommen haben! In
-Frankfurt zahlte der Rat bis 1561 aus dem Ertrag der Frauenhäuser an
-der Mainzer Pforte einen Grundzins an das Leonhardstift.
-
-Sogar als +Lehen+ wurden +Frauenhäuser vergeben+, von
-Fürsten, Bischöfen, ja selbst vom Reich! Der Bischof von Würzburg
-belehnte am Ende des Mittelalters die Grafen von Henneberg als
-Marschälle des Bistums mit dem Würzburger Frauenhause. In Ober-Ehenheim
-wurde noch 1577 Michael Kuhle vom Kaiser mit dem Frauenhause belehnt,
-und die Grafen von Pappenheim bezogen bis 1614 ein Schutzgeld von
-den fremden Krämern, Fechtern, Spielleuten und den „unzüchtigen
-Weibern“.[161]
-
-Der +Domdechant+ von Würzburg besaß noch 1544 das Recht, daß
-das Dorf Martinsheim ihm auf +Verlangen eine „schöne Frau“ liefern
-mußte+[162]!
-
- *
-
-Als der Rat von Schaffhausen den benachbarten Edelleuten im Jahre 1527
-ein Fastnachtsfest gab, wurden auch feile Dirnen zugezogen[163].
-
- *
-
-Wie sehr die Geistlichkeit neben dem Seelenheil auf körperliche
-Wohlfahrt von jeher bedacht war, folgt aus der niedlichen Tatsache, daß
-bereits im Jahre 1347 in Avignon, bekanntlich der damaligen päpstlichen
-Residenzstadt, eine +wöchentliche Untersuchung der Dirnen+ durch
-einen Wundarzt vorgeschrieben war. Erst ein ganzes Jahrhundert später
-läßt sich eine ähnliche Maßnahme in Ulm nachweisen[164].
-
- *
-
-Eine sehr humane Bestimmung findet sich überall: Daß unter keinen
-Umständen, auch nicht wegen Schulden, die Dirne am Austritt aus dem
-Bordell und an der Aufgabe des bisherigen Lebenswandels verhindert
-werden durfte. Auch der Kirchenbesuch mußte ihnen jederzeit gestattet
-werden[165].
-
-Entgegen den sonst herrschenden Gesetzen, die den Dirnen das Tragen
-von kostbaren Kleidern und Schmuck verboten, erließ der Züricher
-Bürgermeister Waldmann 1485 die entgegengesetzte Bestimmung: +nur
-sie durften uneingeschränkt Putz tragen+. Damit hoffte er auf den
-Kleiderluxus der ehrbaren Frauen einzuwirken[166]. Übrigens gab es in
-Venedig ein ähnliches Gesetz.
-
-Die Kirche erklärte es als ein +Verdienst, Dirnen zu heiraten+[167]!
-
- *
-
-Als der junge Heinrich von England 1431 in Paris einzog, machte der Zug
-in der St. Denysstraße vor einem Brunnen halt, in dessen Bassin +drei
-nackte junge Mädchen+ umherschwammen. Aus der Mitte dieses Brunnens
-wuchs ein Lilienstengel empor, dessen Knospen und Blumen Ströme von
-Milch und Wein entsandten. Den bigotten Ludwig XI. empfing man 30 Jahre
-später mit dem gleichen Schauspiel in den Mauern seiner Residenz. In
-Lille wurde Karl dem Kühnen von Burgund die Ehre zuteil, vor einer
-ungeheuren Zuschauermenge das Urteil des Paris an drei lediglich
-mit dem Mantel der christlichen Nächstenliebe bekleideten Grazien
-wiederholen zu dürfen[168].
-
-Als sich Kaiser Friedrich III. 1471 in Nürnberg aufhielt, schlugen
-eines Tages, als er vom Kornhaus kam, „zwo hurn“ eine lange silberne
-Kette um ihn, aus der er sich mit einem Gulden lösen mußte. Ehe er
-seine Herberge erreichte, wiederholte sich dies Spiel nochmals[169].
-
-Im Jahre 1492 sprach eine getaufte Jüdin in Basel öffentlich aus, es
-gäbe keine fromme Jungfrau und Ehefrau in der Stadt, und wenn man
-eine solche finden wolle, so müsse man sie in der Wiege suchen. Sie
-ließ sich lieber ewig aus der Stadt verbannen, als diese Anklage
-zurückzunehmen[170].
-
-In Regensburg beklagte sich 1512 die Besitzerin des +Frauenhauses+
-schriftlich beim Rat über den Eintrag, den sie in ihrem Gewerbe
-erleide. Zur Fastenzeit würden in +Klöstern+ und bei +Weltgeistlichen
-Dirnen beherbergt+, um die gesetzliche Abgabe von ihrem Gewerbe zu
-ersparen. Sie hatte die Dreistigkeit mit den Worten zu schließen: „Ich
-will geschweigen der Frauen, die fromm Ehemann haben und leider auch
-viel Abenteuer treiben.“
-
-Selbst 12jährige Knaben besuchten am Ende des Mittelalters, d. h. zur
-Reformationszeit -- wirklich beendet wurde das Mittelalter erst durch
-die französische Revolution -- das Frauenhaus, und zwar anscheinend
-gar nicht selten. In Ulm beschloß der Rat 1527, Knaben von 12-14
-Jahren in die Frauenhäuser nicht mehr einzulassen, sondern mit Ruten
-hinauszujagen.
-
- *
-
-Die Sittenlosigkeit des mittelalterlichen Klerus spottet jeder
-Beschreibung. In +Nördlingen wagte+ im Jahre 1472 z. B. +der
-Magistrat nicht in seiner Frauenhausordnung die Zulassung von
-Geistlichen zu verbieten+, sondern beschränkte sich darauf, zu
-untersagen, daß sie eine ganze Nacht darin blieben!
-
-Als man 1526 in Nürnberg das +Klarissinnenkloster+ aufhob, lief
-ein Teil der Laienschwestern unmittelbar in die +Frauenhäuser+!
-Die Klarissinnenklöster waren eigentlich zur Minderung der Unzucht
-und zur Rettung gefallener Mädchen gestiftet worden! Verordnungen
-der Städte, die die Insassen und Insassinnen der Klöster zur Zucht
-ermahnten, waren an der Tagesordnung.
-
-Im 16. Jahrhundert hatte nach Sleidanus und Fra Paolo in der
-Schweiz jeder Priester seine +Konkubine+, und zwar soll ein
-eidgenössisches +Gesetz+ allen +Priestern+ zur Sicherstellung
-der ehrbaren Frauen +vorgeschrieben+ haben, +eine solche zu
-halten+.
-
-Im Jahre 1433 motivierte der Züricher Rat eine sittenpolizeiliche
-Maßnahme damit, daß Frauen und Männer, Pfaffen und Laien nachts
-vermummt auf den Straßen erschienen, „unter ihnen +auch die Frau
-Äbtissin zum Frauenmünster+ und ihre Jungfrau Ursula“.
-
-Daß Beginen die Konkubinen von Priestern waren, geschah so häufig,
-daß in einer Verordnung des Mainzer Erzbischofs Gerhard II. der Name
-+Begine+ für +gleichbedeutend mit Pfaffenmagd+ gebraucht wird.
-
-Für die sittliche Schätzung der Geistlichkeit spricht ein Eintrag im
-Bürgermeisterbuch Frankfurts von 1463, in dem „Pfaffen, pfaffenmede,
-horen, bubenknechte, bekynen“ zusammen genannt werden!!
-
-Die Moralität des Züricher Klerus war derart, daß der Rat im Jahre 1487
-gebot, Verführer von Mädchen dürften nicht mehr vor das geistliche
-Gericht geladen werden, sondern er selbst werde sie richten.
-
- *
-
-Der Freiherr von Zimmern erzählt in seiner Chronik (III, S. 69) vom
-Leben im Nonnenkloster Oberndorf im Tal folgendes: „Was für guet leben,
-sover anders das ür guet leben zu achten, in disem closter gewesen,
-ist sonderlich bei dem abzunemen, das vil adels ab dem Schwarzwaldt
-und am Necker in disem closter den ufritt gehapt, und het damals mit
-gueten ehren und der warhait +vilmehr des adels hurhaus dann des
-adels spittal mögen genempt werden+. vor andern haben die von Ow,
-Rosenfeldt, Brandegk, Stain, Newneck vil gelts darin verthon, und hat
-dise hohe schuel bös ehemenner und unnutze kindsvätter geben. beschaint
-sich an dem, es sein uf am zeit vil vom adel und guet gesellen im
-closter gewesen, die haben ain abentdanz zimlich spat gehalten.
-hat sich mit fleis ohngefferdt begeben, +das in allem danz die
-liechter sein verlescht worden. do ist ain wunderbarliches Blaterspill
-entstanden und sich menigclich anfahen zu paren+. under anderm ist
-versehen worden, daß die thurn (Türen) verhept und kain prinendt liecht
-in sal kommen, noch gelassen. und gleichwol alldo niemands verschonet
-worden, so hat sich doch niemands ob dem andern beclagt, allain ain
-edelman under dem haufen, dem ist in seim sinn ein widerwertiger casus
-begegnet, dann er in ainer ungeduld, wie er vermaint die zeit sei im
-zu kurz und man werd villeucht bald ain liecht einhertragen, überlaut
-geschreien: ‚lieben freundt, eilendt nit, +lassendts noch einmal
-umbher geen! ich hab mein schwester erwuschet+‘. Nit mag ich wissen,
-was er hernach für ain gestin überkommen. es ist kain eilen bei inen
-gewesen, sondern haben inen gleichwol der weil gelassen.“ Damals ging
-dort alles hin, was man kaum für Unrecht hielt, und die Güter des
-Klosters mehrten sich infolgedessen.
-
-Zimmern sagt ausdrücklich, daß +Nonnenklöster sehr häufig die
-Rolle von Bordellen spielten+, und zwar gilt dies noch vom 16.
-Jahrhundert. Natürlich kam das -- außer bei den Eingeweihten --
-nur durch Zufall auf. So als in Straßburg nachts ein Blitz ins
-Frauenkloster einschlägt und die Bürger es gewaltsam öffnen, um das
-Feuer zu löschen. Da kam das nächtliche Treiben, das wohl fast überall
-herrschte, ans Licht. Zimmern schreibt darüber (III, S. 70):
-
-„Also hat man ain mansperson, gleichwol der jaren noch jung, +auf
-einer closterfrawen im bet nackend gefunden+, die das wetter und
-der dunst baide erstecket. wie nun gleich hernach strenge inquisition
-gehalten, hat sich wahrhaftigclichen erfunden, das +etlich mehr
-manspersonen im closter sich enthalten+, die doch bei zeiten darvon
-kammen. diese sein in der jugendt kindsweis in der umbtreibenden
-scheuben (gemeint ist die Drehscheibe, die zur Verhütung des
-Kindsmordes und um die abliefernden Eltern nicht erkennen zu können,
-an den Nonnenklöstern zur Deponierung der Findelkinder angebracht
-waren) ins closter gezogen worden, darin sie +biß in ire manbare jar
-behalten und nach der haut sein gebraucht worden. ohne zweifel haben
-sie ir köstle wol verdienen+ und an den alten, garstigen, stinkenden
-böcken ir junges leben, den leib und alle chreften verschinden muessen;
-dann under anderm herfurkomen, das die eltesten under inen in disem
-tahl die prerogativ oder preminenz gehapt, die jungern aber, die der
-arbait villeucht baß werd gewesen, haben die weil fasten muesen und
-sich ander closterarbait behelfen.“ +Bei solchen Klöstern befanden
-sich Weiher, die nicht abgelassen werden durften, damit man die dort
-versenkten Kinderleichen nicht fand.+
-
-Aus dem Kloster Heistal bei Bregenz besuchte einst eine Nonne die
-Gräfin von Kirchberg. Nicht ohne Schalkhaftigkeit erzählt Zimmern von
-ihr (Chronik I, S. 330): „Dise guet closterfraw het wol kunden mit
-gueten ehren Eptissin oder +mutter+ im closter sein, und wer an
-ir der nam nit verloren gewesen. aber der sachen beschehen vil bei
-nechtlicher weil, darzu man nit gesicht, vil weniger soll hernach vil
-darvon gesagt werden.“
-
-Mag es auch Ausnahmen gegeben haben, die hier geschilderten Zustände
-werden von dem Katholiken Zimmern als Zeitgenossen ausdrücklich als
-die +Regel+ bezeichnet und über die Lässigkeit der Obrigkeit, die
-gerne die Augen zudrückt, Klage geführt.
-
-Der Adel suchte die Klöster zu Abenteuern auf und kam auch auf seine
-Rechnung, denn +nicht genug damit, sich selbst zu prostituieren,
-verkuppelten die Nonnen auch vielfach andere Frauen, die dorthin zu
-Besuch kamen+. (Zimmern III. S. 70ff.)
-
- *
-
-Geiler von Keisersberg, Prediger am Straßburger Münster, sagt in seinem
-1517 erschienenen „Brösamlin“ (fol. 10a) über die Nonnenklöster: „Ich
-weiß nicht, welches schier das best wer, +ein tochter in ein semlich
-closter thuon oder in ein frawenhauß+. Wann warumb? ym closter ist
-sie ein huor, so ist sie dennocht ein gnadfrauw dartzuo; aber wer sie
-in dem frawenhuß, so schlüg man sie umb don grind und müst übel essen
-unnd trincken; man würff sie ein steg auff die ander ab; denn so sie
-gedechte, wer sie wer, unnd schlüg in sich selber, das sie in dem
-closter nit thuon. Gebst du deiner tochter ein man, du hertest, du
-fragtest, was ein man er were, was er hette, etc. Also wilt du dein
-tochter in ein closter thuon, so frag auch, was man für ein wesen füre.
-Du sihest wol, wa die thuren mit einem hanfstengel beschlossen seind,
-und wa da ist ein uß und yngon als in einer batstuben.“
-
-Wenn auch die Sittenprediger zu allen Zeiten über die unvergleichliche
-Verworfenheit ihrer Zeitgenossen gezetert haben[171], so sind doch des
-Franziskaners Thomas Murner Ansichten, die er in der Narrenbeschwörung
-XXXIX, 49 ausspricht, recht charakteristisch, weil sie zeigen, wie aus
-dem Schoße der Kirche selbst über das Treiben in den Nonnenklöstern
-geurteilt wurde.
-
-„Der sin kind nit vermähelen kan Und hat kein gelt ir nit zu geben, so
-muoß sie klösterlichen leben. (57) Wann sie dann zuo den jaren gat Und
-sich empfindt in irem stat Und sie der narr facht an zuo jucken, So
-laßt sie sich herumher bucken (deponere) Und fluocht dem vater underm
-grund, Das er sie nit versehen kunt, Und hette vil lieber ein armen
-man, Dann das sie wolt zuo metten gan. (67) Spricht man dann: Das ist
-nit recht; Du schendest do mit din frums geschlecht“, So antwurt sie
-gar bald und geschwind: „Ich wolt, das ich vierhundert kind Uf erden
-brecht, nun in zuo leid. Was stießens mich in dieses kleid! (86) Sie
-ist doch jung, recht oder alt, Wer die meisten kinder macht, Die würt
-aptissin hie geacht. (97) +Die frowenkloster sind jetzt all Gemeiner
-edellüt spital.+“
-
- *
-
-Bezeichnend ist, daß die Inwohnerinnen des +Frauenhauses+ sich
-+über die Konkurrenz der Klosterfrauen beklagten+! Hans Rosenplüt
-sagt darüber in der „XV. clagen“: „Die gemeynen weib clagen auch ir
-orden, Ir weyde sey vil zu mager worden. Die winkel weyber und die
-haußmeyde, die fretzen teglich ab ir weide... Auch clagen sie über die
-closterfrawen, Die können so hübschlich über die snur hauen, Wenn sie
-zu ader lassen oder paden, So haben sie junkhar Conraden geladen[172].“
-
-Auch nach der Gegenreformation war in den Klöstern keine übermäßige
-Askese zu hause. Im St. Marienkloster zu Köln war es wenigstens
-noch 1576 recht fidel. Schweinichen erzählt davon in seinen
-„Denkwürdigkeiten“ (S. 108): „Darin hat es lauter Gräfin, Herren-
-und Adelstandes, und wenn sie aus der Kirchen kamen, +legeten
-sie den Habit ab und trugen sich weltlichen, mochten auch daraus
-heiraten+... waren also lustig und guter Dinge mit den Nonnen,
-tanzten und trunken sehr... wurden danach so bekannt im Kloster, daß
-die eine Nonne, ein schön Mensch vom Adel, des Geschlechtes eine
-Reckin, +ein klein Kindlein davon bracht+, weil wir noch zu Köln
-und im Lande herum waren.“
-
- *
-
-+König Ludwig XV. von Frankreich besaß einen eigenen Beamten für
-das Arrangement seiner Orgien+ in der Person des „Intendant des
-Menus-Plaisirs“ La Ferté[173]!
-
-Der berühmte Hirschgarten, jenes riesige Bordell, das die Marquise von
-Pompadour König Ludwig XV. einrichtete, und zwecks dessen Füllung im
-ganzen Lande Unterhändler tätig waren, um neue Schönheiten anzuwerben,
-hat wohl die riesigsten Summen verschlungen, die je ähnlichen
-Vergnügungen geopfert wurden. Man hat ausgerechnet, daß +jede
-einzelne+ dieser Dämchen den öffentlichen Schatz +eine Million
-Livres gekostet habe+. In Summa dürfte der Hirschpark während der
-Zeit seines Bestehens +eine Milliarde Livres+ verschlungen haben,
-die selbstverständlich nicht der König aus seiner Privatschatulle,
-sondern das Volk zahlte. Bezeichnend ist die Erzählung Casanovas,
-daß den Hirschpark, in dem die tollsten Orgien gefeiert wurden, die
-sich vorstellen lassen, niemand besuchen durfte +außer die bei Hofe
-vorgestellten Damen+[174]!
-
- *
-
-Nach Polizeiberichten ist festgestellt, daß im Oktober 1793 alltäglich
-der Pariser Revolutionsgarten und namentlich die Galerien bei dem
-Theater Montansier mit ganz jungen Burschen und Mädchen im Alter von
-7-14 und 15 Jahren angefüllt waren, die sich fast öffentlich den
-Ausschweifungen der infamsten Unzucht hingaben. Dabei waren sie „fast
-nackt wie die Hand und boten den Vorübergehenden das entwürdigendste
-Schauspiel.“
-
-In derselben Zeit traten die berüchtigten pornologischen Klubs an
-die Öffentlichkeit und veranstalteten +im Opernhaus nackte Bälle,
-bei denen nur das Gesicht maskiert war+. Die Zahl der täglichen
-Dirnenbälle stieg damals auf mehrere Hundert, auf denen die „Naktheiten
-der Griechen und Römer“ zur Schau getragen wurden, wo in 23 Theatern
-der Unzucht gefrönt wurde.
-
- *
-
-Paris hatte 1770 etwa 600000 Einwohner. Von diesen waren 20000 Dirnen.
-Während der Revolution stieg die Zahl der letzteren auf 30000.
-
- *
-
-Wenn auch die Damen vom Ballett im allgemeinen nicht gegen den Vorwurf
-der Askese in Schutz genommen werden müssen, so ist doch folgende
-von Casanova erzählte Geschichte kennzeichnend für den Tiefstand der
-Moral im damaligen Paris. Casanova sah eines Tages beim Ballettmeister
-der Oper 5-6 junge Mädchen von 13-14 Jahren, sämtlich von ihren
-Müttern begleitet und von bescheidenem, feinem Wesen. Er sagte ihnen
-Schmeicheleien, die sie mit niedergeschlagenen Augen anhörten. Eine
-von ihnen beklagte sich über Kopfschmerzen. Während Casanova ihr sein
-Riechfläschchen bot, sagte eine ihrer Gefährtinnen: „Ohne Zweifel
-hast du schlecht geschlafen.“ „Nein, das ist es nicht,“ erwiderte die
-unschuldige Agnes, „ich glaube, ich bin in anderen Umständen.“
-
-Casanova war erstaunt, da er das junge Mädchen natürlich für eine
-Jungfrau gehalten hatte, und sagte: „Ich glaubte nicht, daß Madame
-verheiratet wären.“ Sie sah ihn einen Augenblick überrascht an.
-Dann wandte sie sich gegen ihre Gefährtin und beide lachten um die
-Wette[175].
-
- *
-
-Die damalige französische Dame betrachtete die respektvolle
-Zurückhaltung ihr gegenüber als eine ihren Reizen zugefügte
-+Beleidigung+[176]!
-
- *
-
-Der Klerus unterschied sich moralisch durchaus nicht von der übrigen
-Bevölkerung. Die bei der Erstürmung der Bastille 1789 gefundenen Akten
-über die Sittlichkeitsvergehen der Priester füllen zwei Bände! Ludwig
-XV. wurde +jeden Morgen+ über die Auffindung von +Priestern in
-Pariser Bordellen+ berichtet[177]!
-
- *
-
-Dafür verdanken wir heute den Klerikalen den famosen Entwurf, der unter
-dem Namen „Lex Heinze“ fortleben wird, und in den Nonnenklöstern müssen
-die jungen Mädchen +im Hemd ins Bad gehen+. So tugendhaft sind wir
-jetzt!
-
-
-
-
-Achter Abschnitt
-
-Schicklichkeit und anderes
-
-
-Brantôme erzählt von einem französischen Prinzen, der häufig die
-+Damen des Hofes+ zu Festlichkeiten einlud. Dabei wurde ihnen der
-Wein in einem sehr schönen Becher von vergoldetem Silber gereicht,
-der über und über mit lasziven und erotischen Darstellungen bedeckt
-war. Die Damen hatten nun die Wahl, Durst zu leiden oder den Becher zu
-benutzen. Die Mehrzahl, auch junge Mädchen, amüsierten sich köstlich
-und führten an die Darstellungen anknüpfend die pikantesten Gespräche.
-Brantôme, der selbst als Augenzeuge wiederholt zugegen war und aus dem
-Becher trank, erzählt: „Bref, cent mille brocards et sornettes sur
-ce sujet s’entredonnoient les gentilshommes et dames ainsi à table,
-comme j’ay veu, que c’estoit une très-plaisante gausserie, et chose à
-voir et ouir; mais surtout, à mon gré, le plus et le meilleur estoit à
-contempler ces filles innocentes, ou qui feignoyent l’estre, et autres
-dames nouvellement venues, à tenir leur mine froide, riante du bout
-du nez et des lèvres, ou à se contraindre et faire des hypocrites,
-comme plusieurs dames en faisoyent le mesme. Et notez que, quand elles
-eussent deu mourir de soif, les sommelliers n’eussent osé leur donner
-à boire en une autre coupe ny verre. Et, qui plus est, juroyent
-aucunes, pour faire bon minois, qu’elles ne tourneroyent jamais à ces
-festins; +mais elles ne lassoient pour cela à y tourner souvent+,
-car ce prince estoit très-splendide et friand. D’autres disoyent,
-quand on les convioit: „J’irai, mais en protestation qu’on ne nous
-baillera point à boire dans la coupe;“ et quand elles y estoient,
-elles y beuvoient plus que jamais. Enfin elles s’y avezarent si bien
-qu’elles ne firent plus de scrupule d’y boire; et si firent bien mieux
-aucunes, quelles se servirent de telles visions en temps et lieu; et,
-qui plus est, aucunes s’en desbauchèrent pour en faire l’essay; car
-+toute personne d’esprit veut essayer tout+. Voilà les effets
-de cette belle coupe si bien histoirée. A quoy se faut imaginer les
-autres discourts, les songes, les mines et les paroles que celles dames
-disoyent et faisoyent entre elles, à part ou en compagnie[178].“
-
-In der französischen Hofgesellschaft des 16. Jahrhunderts waren solche
-kleinen Scherze an der Tagesordnung. Brantôme erzählt in unmittelbarem
-Anschluß an diese Geschichte von einem schönen Bilde im Besitze des
-Grafen Chasteau-Vilain, auf dem unbekleidete Frauen in allen möglichen
-Stellungen und Beschäftigungen dargestellt waren derart, daß ein
-Asket in Wallung geraten wäre. Eine Anzahl Damen mit ihren Kavalieren
-besichtigten die Galerie und besonders dieses Gemälde sehr eingehend,
-und eine von hohem Rang wandte sich „comme enragée de cette rage
-d’amour“ zu ihrem Galan und sagte: „C’est trop demeuré icy: montons
-en carosse promptement, et allons en mon logis, car je ne puis plus
-contenir cette ardeur; il la faut aller esteindre: c’est trop bruslé.“
-„Et ainsi partit, et alla avec son serviteur prendre de cette bonne
-eau qui est si douce sans sucre, et que son serviteur luy donna de sa
-petite burette.“
-
- *
-
-Wie es im 16. Jahrhundert bisweilen in Deutschland bei Hofe zuging,
-lehrt die saftige Geschichte, die Zimmern in seiner Chronik (I, S.
-439) von der Herzoginwitwe von Rochlitz geb. Landgräfin von Hessen in
-Rochlitz erzählt. „Wie die Fraw gewesen, also auch das Frawenzimmer und
-ire Jungfrawen; daher sagt man als Marggraf Albrecht von Brandenburg in
-der schmalkaldischen Vechte von ir geen Rochlitz geladen, alda er auch
-gefangen, da haben seine Edelleut allerlei Kurzweil mit den Jungfrawen
-triben, under denen eine gewesen, die hat ein Edelman für sich uf den
-Schoß gesetzt und mit andern seinen Gesellen gespillt. Nit wais ich,
-wie es gangen, oder was sie für ain warme ader befonden, sie ist dem
-Edelman in der Schoß über sich gesprungen und gehotzet, sprechend: ‚Ei,
-er kutzelt mich.‘“
-
- *
-
-Als Herzog Wilhelm von Gülch im Jahre 1540 die erst 12jährige Königin
-von Navarra in Chatellerault heiratete, sie aber zur Vollziehung der
-Ehe noch zu jung war, ließ, wie Zimmern erzählt (III, S. 343), König
-Franz ihm für die Brautnacht eine +andere adelige Jungfrau+
-zuführen. „Man sagt, der Herzog von Gülch hab des Kunigs Gnad mit
-Willen angenommen, auch sich die Nacht erwisen, +darob die Kunigin
-von Navarra, sein Schwiger, und ir Dochter abnemen kunden, das er
-gentil compaignon seie+, und soll der Jungfrawen des Morgens
-ein Tausendt Guldin geschenkt haben. Die hets noch ein Monat also
-angenommen. Dieser Hurenhandel (anders kan ich in nit haißen) ward
-dozumal am Hof und menigclichem in Frankreich +fur ein sondere
-gentilese gehalten+.“
-
-Auch hinter den Kulissen ging es nach demselben Gewährsmann fidel zu:
-„Hiebei kan ich nit underlassen zu vermelden, als der Herzog und die
-jung Kunigin mit der Deckin beschlagen warden und die Ceremonia mit dem
-Gesegnen und andern Solenniteten lang wereten, dowarden hiezwischen
-etliche große Frawen und Jungfrawen hünder den Tapissereien und
-courtines nach allem vorteil gepletzt; dann des Königs Söne und etliche
-Cardinal und Fursten halfen einander und sahe ie einer dem andern durch
-die Finger. Do must mancher gueter Gesell, der sein Weib, Schwester
-oder Döchter deren emden het, schweigen und verdrucken, war dennost
-fro, das er so wol daran war.“
-
- *
-
-Daß man in Deutschland nicht gerade sehr zimperlich war, lehrt folgende
-Geschichte, die derselbe Zimmern erzählt: „In gleichem Fahl haben
-wir ein +erbare und namhafte Matron zu Augspurg+ kent, die hat
-offentlich in einem Panket zu Augspurk alle Schleckbißle und Wollust
-der Music und anders erzelt, ordentlich und mit sonderm Ufmerken der
-Zuhörer, und letstlich den Beschluß irer Rede ohne ainiche Schew deren
-gegenwurtigen angehankt: ‚Aber ein spanischer... ubertref solche
-Delicias alle mit ainandern.‘“ Zimmern (III, S. 385) setzt natürlich
-das richtige Wort.
-
-Mag man gegen diese Geschichte einwenden, sie sei ein einzelner Fall,
-also kein charakteristisches Kulturdokument, so ist dem entgegen zu
-halten -- selbst wenn man den sonstigen Ton vieler Chroniken gar
-nicht in Rechnung setzen wollte -- daß Zimmern ausdrücklich von einer
-„ehrbaren und namhaften Matron“ spricht.
-
- *
-
-Ein Seitenstück ist folgende Erzählung Zimmerns: „Bei wenig jaren
-haben wir ain +Closterfraw+ zu Hapstal gehapt, ist ein Erkmenin
-gewesen, sie hat gehaisen..., die hat kains sollichen Instruments
-(wie Königin Marie, +Schwester Kaiser Karls V.+, von der eine
-ähnliche Geschichte berichtet wird) bedorft, dann sie uf ain Zeit mit
-dem Hanns Wolfen von Zulnhart und Jacob Gremlichen von Meningen umb
-ain Gulden Wert Fisch verwettet, sie +welle in ain klainen silbernin
-Becher+... (von mir ausgelassen!), +das kain Dröplin neben ab
-gehen soll+; ist auch darauf +in ir aller Beisein und Insehen
-uf ain Disch gestanden+ und das, wie oblaut und sie sich ußgethan
-verricht, auch das Gewet damit gewonnen. Die andern Nunnen haben gleich
-die Fisch holen lassen und kochen, haben sich nidergesetzt zu Tisch
-und den Zulnhart und Gremlich dermaßen getrunken, das sie baid den
-selbig Tag mit Muhe ire Heuser wider erraicht.“ (III, S. 284.)
-
- *
-
-Was im 16. Jahrhundert an deutschen Höfen alles passierte, erhellt
-unter anderem aus des schlesischen Ritters Hans von Schweinichen
-„Denkwürdigkeiten“ (S. 26). Im Jahre 1568 wurde die Hochzeit der
-Elena, Herzogin zur Liegnitz, mit Siegmund Kurzbach auf dem Schlosse
-Liegnitz gefeiert. „Den ersten Abend, wie sich Braut und Bräutigam
-zusammengeleget haben, und sich nun die Fürstlichen Personen auch zur
-Ruhe geben wollen, indessen führet die Braut im hohen Zimmer, gen
-Schloß Raunstein, ein groß Geschrei an: ‚O herzer Herr Siegmund!‘ und
-das gar oft wiederholet. Wenn ich denn als Kammerjunge in JFG. Zimmer
-aufwarte und die Herzogin das Geschrei höret, heißt sie mich Lichter
-anstecken, läuft in dem engen Gang hin nunter, schlägt in der hintern
-Thür an, schreiet: ‚Herr Siegmund, seid Ihr thöricht, schonet doch,
-meinet Ihr, Ihr habet eine Viehmagd bei Euch?‘ Herr Siegmund kehret
-sich nicht daran, bis letztlichen alles stille ward (wie wohl zu
-gedenken ist, was die Ursache des Stillschweigens gewest sei); also zog
-die Herzogin nach dem Stillschweigen wiederum ab. Auf dem Morgen hielt
-die Herzogin den Herrn Kurzbach bald das vor und fraget, warum er nicht
-aufgemacht hätte. Der Herr Kurzbach saget, er hätte es nicht gehöret,
-weil er gebalzet hätte wie der Auerhahn, und gab ein Lachen daran
-und ging davon. Es wollte sich hernach ferner kein Geschrei erheben,
-sondern die Hochzeit ward in allen Freuden verbracht.“
-
- *
-
-Johann Wedel erzählt in seinem „Hausbuch“ (S. 511 f.) von einem
-merkwürdigen Gesellschaftsspiele, das am Hof zu Stettin im Beginn des
-17. Jahrhunderts gepflegt wurde und zwar nicht etwa nur im Fasching,
-sondern das ganze Jahr hindurch:
-
-„Es werden viel zettel, drinn der könig und hoffes-ampter benannt,
-geschrieben, welche alle, gleich wie mans mit den glückstöpffen hält,
-zusammen vermischet, blindlings herausgenommen und allen hofsgenossen,
-auch wohl bürgern in der stadt und andern, die man gerne bei der
-gelächter-spiele haben wil, derer nahmen aufgeschrieben, jederm
-einer derselben zugeschaft. Was nun für eine dignität oder ampt auf
-den zettel verzeichnet, auf des nahmen es fällt, daß muß der, dem
-derselbe zukömmt, annehmen und geschieht oft, daß der geringste diener
-könig und hinwiederumb der fürst feuerbüter wird, das wird dann mit
-großem gelächter angefangen, müssen sich die personen nach gebühr
-des ampts, so ihnen zufällt, verkleiden, werden drauf sämtlich in
-einer procession und ordnung mit trompeten herumbgeführet, darnach
-mit einem freuden-mahl, drinn der diener, so nun könig ist, zu tische
-oben ansitzet und der fürst, der ihm dienen muß, vorm tische stehet,
-essen zuträgt und aufwartet, gemittelt, endlich mit dantzen, springen,
-gesöffen und guten räuschen geschlossen und dann nichts weiter, denn
-dabei keine rittermäßige übungen vermerckt werden. Welches affenwerk
-ich so groß nicht zu tadeln, weniger aber zu loben weiß, vornemlich
-wenn mans in einem stetigen gebrauch halten (Alles ding hat seine zeit)
-und ein beständig jahrfest daraus machen und ohn unterscheid, so wol in
-zeit der trauer, wie kurtz nach hertzog Barnims christmilder gedächtniß
-todesfall geschehn, als freude üben wollte.“
-
- *
-
-Ein Hauptvergnügen beim Tanzen der Bürgerschaft -- auf Hofbällen
-war man anständiger -- im 15. und beginnenden 16. Jahrhundert war,
-die Tänzerin hoch zu heben und zu schwenken „+das man jhn hinden
-und vorne hinauff siehet biß in die weich, also das man jhr die
-hübsche weiße beinle siehet+..“ Bei den Reigentänzen ging es
-auch entsprechend zu, „da werden auch nit minder unzucht und schand
-begangen, weder inn den andern, von wegen der schadtlichen und
-schamparen hurenlieder, so darin gesungen werden, damit man das
-weiblich geschlecht zu der geilheit und unkeuschheit anreizet“ sagt
-Geiler.[179]
-
-In Zürich mußte im späteren Mittelalter von der +Behörde
-verboten werden, nicht „bei nacktem Leibe“ auf dem Tanzboden zu
-erscheinen+.[180] Geiler sagt, „bis auf den halben Rücken ist
-alles bloß und nackt und vorn bis zu den Büsten, daß sie auch die
-enthaltsamsten Männer locken können“.
-
-Über die noch Ende des 16. Jahrhunderts herrschenden Gepflogenheiten
-beim Tanz und zwar in +guter Gesellschaft+ belehrt uns der
-badische Rat und Obervogt zu Pforzheim Johann von Münster in seinem
-1594 erschienenen „gott seligen Traktat vom ungottseligen Tanz“. Danach
-kommt es gar nicht selten vor, daß der Kavalier „die Jungfrau oder
-Frau, sobald sie ihm den Tanz geweigert hat, wider alle Billigkeit,
-Rechtlichkeit und Recht +aufs Maul zu schlagen+ sich unterfing!“
-Wenn aber die Person bewilligt hat, den Tanz mit dem Tänzer zu halten,
-treten sie beide herfür, geben einander die Hände, und +umfangen und
-küssen sich nach Gelegenheit des Landes+. Wenn aber der Tanz zu Ende
-gelaufen ist, bringt der Tänzer die Tänzerin wiederum an ihren Ort,
-da er sie hergenommen hat, mit voriger Reverentz, nimmt Urlaub und
-+bleibet auch wol auf ihrem Schoß sitzen+ und redet mit ihr.
-
-Übrigens war es in Südfrankreich, und wohl auch anderwärts, noch 1552
-Sitte, daß Männer Frauen mit einem Kuß begrüßten. Auch in England wurde
-noch im 16. Jahrhundert der Gast durch küssen begrüßt[181].
-
- *
-
-Im Jahre 1575 wollte die Herzogin von Liegnitz einem Bankett nicht
-beiwohnen, weil die Hofmeisterin von Kittlitz, Freundin ihres Mannes
-und ihre Feindin, anwesend war. Deshalb stellt der Herzog seine
-Gemahlin zur Rede. Schweinichen, der als Kammerjunker zugegen war,
-erzählt (S. 60 ff.): „JFG. redeten die Herzogin hart an, warum sie
-nicht zum Tische kommen wollt, derwegen so wollten es JFG. haben,
-daß sie zu Tische gehen sollte, weil JFG. viel ehrliche Leut und
-Frauenzimmer eingeladen hätte. JFG. die Herzogin wollten zwar so gute
-Worte nicht geben, sondern nach vielen Entschuldigungen fuhren JFG.
-die Herzogin ’raus, sie möchte bei der Hure, der Kittlitzin, nicht
-sitzen. Welches zwar den Herzog sehr verdroß, dutzet die Herzogin
-und sprach: ‚Du sollst wissen, die Frau Kittlizin ist keine Hure;‘
-+schläget der Herzogin ein gut Maulschelle, davon die Fürstin auch
-taumelt+. Also fahre ich zu, und fasse JFG. in die Armen, halte
-etwas auf, bis sich die Fürstin in die Kammer salvieren kann. +Mein
-Herr aber wollte der Herzogin nach und sie besser schlagen.+“ Die
-Ohrfeige, die der Herzogin ein blaues Auge eintrug, alteriert den guten
-Schweinichen sonst weiter nicht, nicht mehr jedenfalls als das Dutzen.
-Noch am gleichen Tage wird Frieden geschlossen, wobei die Herzogin die
-von Schweinichen zu übermittelnde +Bedingung+ stellt: „+Daß
-freilichen der JFG. auf die Nacht in ihrer Kammer liegen wollten+
-(denn mein Herr sonsten in einem Vierteljahr bei der Herzogin nicht
-gelegen)“. Außerdem nimmt die Hofmeisterin am Bankett nicht teil. Daß
-die Herzogin aus Rache später die Ohrfeige ihrem Bruder, dem Markgrafen
-von Ansbach, klagt, gehört nicht mehr hierher und wurde von ihr selbst
-später bereut.
-
- *
-
-Der im 16. Jahrhundert bei Hofe herrschende Ton wird gut beleuchtet
-durch die Gespräche, die Schweinichen in seinen Denkwürdigkeiten
-verzeichnet. Nach einer kaum wiederzugebenden Unterredung mit dem
-Herzog über die Gründe, die ihn verhindern, den Wünschen der Herzogin
-von Liegnitz nachzugeben, hat er mit deren Freundin und Schwägerin,
-einer Fürstin, folgendes erbauliche Zwiegespräch: „Die Frau Kurzbachin
-Wittwe saget wider mich: ‚Ihr und euer Herr könnet nichts, man soll
-euch alle beide ausschneiden.‘ Darauf gab ich Antwort: ‚Gnädige Frau,
-wie käme ich dazu? Ich weiß nicht, was mein Herr kann, aber das weiß
-ich von mir, daß ich es wohl kann, und da EFG. nicht glauben, so
-+versuchen Sie’s+. Wann Sie es probieren würden, wollt ich wohl
-sicher des Ausschneidens sein.‘ Da fing die Frau Kurzbachin an zu
-+lachen+: ‚Wann ihr und euer Herr so thätig seid, +so hättet
-ihr uns eines Theiles nächten drunten behalten+, daß wir heute
-Brautsuppen gessen hätten; wir mußten aber unbeschnaubert wieder ’rauf
-ziehen.‘ Ich gab zur Antwort: ‚Gnädige Frau, ich habe im Tanzen nächten
-das meinige gethan, ich wollte im andern auch als ein gut Mann gethan
-haben, daß ich ein gut Lob davon gebracht, wann es mir so gut hätte
-werden wollen.‘ Die Frau Kurzbachin aber hielt auf dem ihrigen, ich
-konnte nichts. Da bot ich ihr Trotz an, es zu versuchen, gab sie mir
-die Antwort, +sie wollt mich tummeln, daß ich das Aufstehen vergessen
-sollt+; dabei blieb es, Satis.“ (S. 157.)
-
- *
-
-Liselotte von der Pfalz schreibt unterm 25. August 1719: „Ich kann
-nicht leiden, daß man mich an den Hintern rührt, denn es macht mich so
-toll, daß ich nicht mehr weiß, was ich tue; ich hätte Mr. le Dauphin
-schier eine brave Maulschelle gegeben, denn er hatte die schlimme
-Gewohnheit, aus Possen, wenn man sich setzte, +einen die Faust mit
-ausgestreckten Daumen unter den Hintern zu stellen+. Ich bat ihn,
-um Gottes willen die Possen bleiben zu lassen, das Spiel mißfiel mir zu
-sehr, und machte mich so bös, daß ich nicht gut dafür sein konnte, ihm
-eine brave Maulschelle zu geben, daß ehr gethan als gedacht sein würde;
-da hat er mich mit Frieden gelassen.“[182]
-
-Der Dauphin würde kaum diese Flegeleien sich angewöhnt haben, hätten
-nicht andere Damen des Hofes daran Gefallen gefunden.
-
- *
-
-Zimperlichkeit kann man überhaupt den damaligen Damen nicht vorwerfen.
-Liselotte schreibt u. a. am 21. November 1720: „Wenn Mr. Law wollte,
-würden ihm die französischen Damen wohl, mit Verlaub, den Hintern
-küssen; sie sehen, wie wenig scrupuleux sie seyn, ihn pissen zu sehen;
-er wollte Damen keine Audienz geben, weil ihm gar Noth zu pissen
-war, wie er es den Damen endlich sagte, antworteten sie: +cela ne
-fait rien, pissés et écoutés nous+, also blieben sie so lange bei
-ihm.“[183]
-
- *
-
-Für Zustände und Briefton gleich charakteristisch ist der Brief der
-Liselotte an die Kurfürstin von Hannover vom 9. Oktober 1694: „Vous
-etes bien heureuse d’aller chier quand vous voulés; chiez donc tout
-votre chien de sou. Nous n’en sommes pas de même ici, oû je suis
-obligée die garder mon etron pour le soir; il n’y a point de frotoir
-aux maisons du coté de la forest. J’ai le malheur d’en habiter une, et
-par consequent le chagrin +d’aller chier dehors+, ce qui me fache,
-parceque j’aime à chier à mon aise, et je ne chie pas à mon aise, quand
-mon cul ne porte sur rien. Item +tout le monde nous voit chier+;
-il y passe des Hommes, des femmes, des filles, des garçon, des Abbés
-et des Suisses; Vous voiez par là, que nul plaisir sans peine, et que
-si on ne chioit point, je serois à Fontainebleau comme le poisson dans
-l’eau. Il est trés chagrinant que mes plaisirs soient traversés par des
-etrons... Soyez à table avec la meilleure compagnie du monde, qu’il
-vous prenne envie de chier, il faut aller chier...“ und so fort[184].
-
-Die Kurfürstin antwortet unter dem 31. Oktober in derselben Tonart:
-„.. Enfin vous avez la liberté de chier partout quand l’envie vous en
-prend, vous n’avez d’egard pour personne, le plaisir qu’on se procure
-en chiant vous chatouille si fort que sans egard au lieu ou Vous vous
-trouvez, +Vous chiez dans les rues, Vous chiez dans les allées,
-vous chiez dans les places publiques, vous chiez devant la porte
-d’autruy+ sans vous mettre en peine, s’il se trouve bon ou non, et
-marque que ce plaisir, est pour le chieur moins honteux que pour ceux
-qui le voyent chier, c’est qu’en effet la commodité et le plaisir ne
-sont que pour le chieur...“
-
- *
-
-Liselotte schrieb am 5. Mai 1716 über den +Dauphin: „Er hatte gern,
-daß man ihm auf dem Kackstuhle entretenierte+, aber es ging +gar
-modest+, denn man sprach mit ihm, und wandte ihm den Rücken zu;
-ich habe ihn oft so entreteniert, in seiner Gemahlin Kabinett, die
-lachte von Herzen darüber, schickte mich allzeit hin, ihren Herrn zu
-entretenieren“[185].
-
- *
-
-Da Friedrich Wilhelm I. von Preußen mit schwermütigen Anwandlungen
-zu kämpfen hatte, bewog ihn seine Umgebung 1728, einen Besuch bei
-König August dem Starken zu machen, der wohl den glänzendsten Hof
-damals in Europa hielt. Wie die Markgräfin von Bayreuth erzählt,
-verabredete Grumkow mit König August, um den sehr sittenstrengen
-preußischen König zu erheitern bzw. zu verführen, nach einem opulenten
-Diner ein eigenartiges Attentat auf seine Tugend. Die beiden Könige
-besuchten im Domino eine Redoute und gingen dort plaudernd von einem
-Zimmer ins andere, bis sie in ein schönes und großes Gemach kamen,
-„in welchem alles Gerät äußerst prächtig war, mein Vater bewunderte
-alle diese Schönheit, als plötzlich eine Tapetenwand niedersank und
-das befremdenste Schauspiel sich darstellte. +Ein Mädchen+,
-schön wie Venus und die Grazien, lag nachlässig auf einem Ruhebette,
-+in dem Zustand unsrer ersten Eltern vor dem Sündenfall+ zeigte
-sie einen Körper, wie Elfenbein so weiß und schöner, als der der
-mediceischen Venus.“ Die berechnete Wirkung auf Friedrich Wilhelm
-blieb aus. Immerhin zeigt dieser Vorfall, was man selbst in relativer
-Öffentlichkeit im galanten Jahrhundert wagte. Die ganze Angelegenheit
-wird auch nicht harmloser durch die +Gegenwart des sechzehnjährigen
-Kronprinzen+, nachmaligen Friedrich des Großen[186]!
-
-Auch die öffentliche Sittlichkeit hat sich wesentlich erst seit der
-französischen Revolution gehoben, wenigstens bei uns. In Halbasien ist
-es so wie früher geblieben.
-
-Nach Zeitungsmeldungen wurde vor einigen Jahren auf einem von König
-Alexander von Serbien gegebenen +Hofballe+ ein +Korsett+
-gefunden!
-
-In Deutschland aber gibt es Scharen von Männern, denen
-Unsittlichkeitsschnüffelei und Prüderie schon längst Rang und Titel von
-Eunuchen honoris causa eingetragen haben sollten. Aber wahres Verdienst
-wird eben nicht mehr gebührend anerkannt.
-
-
-
-
-Neunter Abschnitt
-
-Medizinisches
-
-
-Im Anfang des 13. Jahrhunderts untersagte Papst Honorius III. aus
-Mißachtung des ärztlichen Standes allen Geistlichen die Ausübung der
-Heilkunde.
-
-Auf der Würzburger Diözesan-Synode vom Jahre 1298 wurde den Geistlichen
-nicht nur die Ausübung der Wundarzneikunst, sondern sogar die
-+Gegenwart bei chirurgischen Operationen ausdrücklich untersagt+.
-Dadurch wurde die Wundheilkunst mit einem Makel befleckt[187].
-
-Noch im Jahre 1416 wies die Wiener Fakultät einen Chirurgen, der
-sich zur Doktorwürde meldete, als unverschämten Menschen zurück.
-Im Jahre 1456 graduierte sie jedoch einen Doktor der Chirurgie.
-Immerhin mußte noch im Jahre 1577 Kaiser Rudolf II. ausdrücklich die
-+Ehrlichkeitserklärung der Wundärzte wiederholen+[188].
-
-Bis zum Jahre 1912 hatten in Bayern zwar die aus dem
-Unteroffiziersstande hervorgegangenen Feuerwerksoffiziere
-+Hofzutritt, nicht aber die Militärärzte, mit Einschluß des
-Generalstabsarztes der Armee, der im Range eines Divisionskommandeurs
-steht!+
-
- *
-
-Eine Lehre, die noch heute mancher Arzt befolgt, gibt Arnoldus
-Villanovanus, der um das Jahr 1300 in Montpellier als medizinischer
-Lehrer wirkte: „Weißt du bei Betrachtung des Urins nichts zu finden, so
-sage, es sei eine ‚Obstruktion‘ der Leber zugegen. Sagt nun der Kranke,
-er leide an Kopfschmerzen, so mußt du sagen, sie stammen aus der Leber.
-Besonders aber gebrauche das Wort ‚Obstruktion‘, weil sie es nicht
-verstehen, und es kommt viel darauf an, daß sie es nicht wissen, was
-man spricht[189].“
-
- *
-
-Gegen Geisteskranke hatte man sehr nachdrückliche Mittel. Wurden sie
-lästig, dann legte man sie ins Gefängnis, rasten und tobten sie, an
-die Kette. Geisteskranke Fremdlinge aber schaffte man über die Stadt-
-oder Landesgrenze, nicht ohne sie gehörig ausgepeitscht zu haben, damit
-ihnen die Lust zur Rückkehr verging[190].
-
- *
-
-Der dicke Markgraf Dedo litt sehr unter der Fettsucht. Sein Arzt
-bewog ihn dazu, sich den +Leib aufschneiden zu lassen+, um das
-überflüssige Fett zu entfernen. Natürlich starb er (1190) an dieser
-Prozedur[191].
-
- *
-
-Herzog Leopold von Österreich war am 26. Dezember 1194 bei einer
-ritterlichen Übung vom Pferde abgeworfen worden und hatte den
-Unterschenkel so unglücklich gebrochen, daß die Knochensplitter
-eine Spanne lang aus der Haut hervorragten. Die herbeigerufenen
-Ärzte ordneten das Nötige an, amputierten aber den Fuß nicht. Als
-er am andern Morgen schwarz geworden war, galt die Amputation als
-unerläßlich, aber niemand wagte sie vorzunehmen. +Da setzte der
-Herzog selbst das Beil auf sein Schienbein, sein Kämmerer schlug
-dreimal mit dem Hammer darauf+, und so wurde das kranke Glied
-entfernt. Er starb am 30. Dezember. Nerven hatten diese Herren!
-
- *
-
-Als Kaiser Otto II. an einer der in südlichen Klimaten so häufigen
-Verdauungsstörungen litt, nahm er -- natürlich auf ärztliche Anordnung
--- eine Dosis von 17½ +Gramm Aloe+, an der er auch starb. Ein
-Bruchteil dieser Menge hätte schon seinen Tod herbeiführen müssen.
-
-Kaiser Otto IV. starb nicht minder unromantisch. Im Frühjahr 1218 nahm
-er, wie alljährlich, ein Abführmittel. Er vergriff sich in der Dosis,
-ob aus eigenem Verschulden oder aus Schuld des Arztes, entzieht sich
-unserer Kenntnis, und ging nach fünf Tagen kläglich zugrunde.
-
- *
-
-Nicht ohne einigen Humor ist das Abenteuer, das Albrecht I. widerfuhr,
-als er beim Genuß von Fisch und Wildprett plötzlich von heftigem
-Unwohlsein befallen wurde. Der Verdacht, vergiftet zu sein, war
-groß und bei den damaligen politischen Methoden a priori auch nicht
-unbegründet. Er ließ deshalb sofort Ärzte kommen, die mit Latwergen,
-Theriak und Aromaten ihm vergebens zu helfen suchten. Da hing man den
-Fürsten bei den Füßen auf, damit das Gift aus Augen, Ohren, Nase und
-Mund herausrinnen könne! Begreiflicherweise verlor Albrecht bei dieser
-Kur die Besinnung und -- ein Auge, dessen Stern durch die Wirkung des
-Giftes oder der Heilmethode dauernd zerstört blieb. Auch behielt er
-zeitlebens eine fahle Gesichtsfarbe.
-
-Unterdessen hatten sich die zwei Edelknaben, die den König bei Tisch
-bedient hatten, als sie sein Unwohlsein bemerkten, um den Verdacht
-der Vergiftung von sich abzuwälzen, auf die inkriminierten Speisen
-gestürzt, würgten sie hinunter und -- blieben gesund oder doch
-jedenfalls am Leben. Danach gewinnt es den Anschein, als hätten die
-Ärzte -- unter denen wir uns hier, wie in den obigen Fällen, nicht etwa
-Stümper, sondern die ersten +Koryphäen+ ihrer Zeit zu denken haben
--- ihre Gewaltmittel nicht gegen Gift, sondern gegen ganz harmlose
-Leibschmerzen angewandt.
-
- *
-
-Ein Jahrhundert später verfuhr man nicht wesentlich anders. Kaiser
-Sigismund erkrankte bei der Belagerung von Znaim im Jahre 1404 heftig
-an Gift zugleich mit dem 27jährigen Herzog Albrecht von Österreich,
-der dem Anschlag auch erlag. Sigismund wurde von seinem Leibarzt
-an den Füßen aufgehängt. so daß die Brust auf einem Kissen auf
-dem Boden ruhte, um das Gift aus dem Munde abfließen zu lassen. In
-dieser peinlichen Situation mußte der Fürst 24 Stunden aushalten.
-Merkwürdigerweise überwand die starke Natur des nachmaligen Kaisers
-sowohl Gift wie Heilmethode und er genaß völlig, wie der Arzt mit Stolz
-behauptete, lediglich dank seiner genialen Kur.
-
- *
-
-Im ganzen Mittelalter ist die +Ehe mit Wahnsinnigen+ aus
-politischen Gründen an der Tagesordnung.
-
- *
-
-Die Gemahlin Kaiser Maximilians I., die schöne Maria von Burgund,
-ritt, obwohl bereits mehrere Monate guter Hoffnung, eine Jagd, stürzte
-und starb an den Folgen. Ebenso ging Maria, Kaiser Sigmunds Gemahlin,
-zugrunde. Die Rücksicht auf die Gesundheit wurde im Mittelalter
-so völlig außer acht gelassen, daß man +gar kein Bedenken trug,
-schwangere Frauen Jagden reiten zu lassen+.
-
- *
-
-Wie gering bis in die neuere Zeit die Achtung vor dem medizinischen
-Wissen war, ergibt sich u. a. aus den Komödien Molières. Als Gil Blas
-schwer erkrankt in einem Orte liegen bleibt, dünkt er sich gerettet,
-weil dort kein Arzt sei.
-
- *
-
-Die +Leichenöffnung+ wurde vom Papst noch anfangs des 14.
-Jahrhunderts untersagt, was allerdings den Senat von Venedig nicht
-abhielt 1308 zu bestimmen, daß zum Zweck anatomischer Studien jährlich
-eine Leiche geöffnet werde. In Prag wurde auch bereits unter Karl
-IV. ein Verbrecher im Gefängnis „abgestochen“ und die Leiche zu
-wissenschaftlichen Zwecken zergliedert. In Holland hob erst Philipp II.
-im Jahre 1555 das Verbot, Leichen zu sezieren, auf, aber nur die von
-Hingerichteten durften zu solchen Zwecken verwandt werden. Noch kurz
-vorher war es für den Mediziner mit nicht geringen Gefahren verbunden,
-sich in den Besitz von Leichen zu setzen. So erzählt Felix Platter
-in seiner Selbstbiographie (S. 232 ff.), daß er 1554 frische Kadaver
-heimlich ausgraben mußte. Die Sektionen nahmen nicht nur Ärzte, sondern
-auch Maler vor. Die erste Frau wurde erst 1720 in den Niederlanden
-seziert[192]. Dagegen hat Kaiser Ferdinand schon 1559 dem Arzt
-Thurneyßer in Tirol eine Frau überwiesen, der die Adern geöffnet worden
-waren[193].
-
- *
-
-Oswald Croll gab in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts folgende
-Beschreibung zur Bereitung der +Mumienlatwerge+: „Man soll den
-todten Cörper eines rohen, gantzen, frischen und unmangelhaften
-24jährigen Menschen so entweder am Galgen erstickt oder mit dem Rade
-justiciert oder durch den Spieß gejagd worden, bei hellem Wetter,
-es sei Tag oder Nacht, erwehlen... in Stücke zerschneiden, mit
-pulverisierter Mumia und ein wenig Aloë bestreuen, nachmals einige Tage
-in einem gebrannten Wein einweichen, auffhenken, wiederumb ein wenig
-einbeitzen, endlich die Stück, in der Lufft aufgehänkt, lassen trucken
-werden, biß es die Gestalt eines geräucherten Fleisches bekommt und
-allen Gestank verliert, und zeugt letzlichen die ganze rothe Tinktur
-durch einen gebrannten Wein oder Wacholdergeist nach Art der Kunst
-heraus.“ Aus dieser Tinktur wurde dann mit andern Arzneistoffen eine
-höllische Latwerge bereitet, die vor der Pestilenz schützen und sie
-heilen sollte[194].
-
- *
-
-Noch zu Ende des 18. Jahrhunderts las ein bekannter Arzt ein
-+Publikum+(!) an einer deutschen Universität, das im Lektionskatalog
-angekündigt war: „+De variis concubitus modis+“. Also sogar in die
-intimsten Winkel von Amors Reich drang die Wissenschaft ein, sicherlich
-nicht, ohne zahlreiche und begeisterte Jünger zu finden. Über dieselbe
-Materie gab es bei den Griechen verschiedene Schriften unter den
-Namen der Astyanassa, der Cyrene, Elephantis und Philänis, +lauter
-Damen+! Bekannt sind Ovids Anweisungen in seiner Ars amatoria III, 771
-ff.[195] und ein indisches Seitenstück, das an Wissenschaftlichkeit
-und gründlicher Erschöpfung des Themas seinesgleichen sucht, ist
-das Kamasutram des Vatsyayana, das Richard Schmidt aus dem Sanskrit
-übersetzte.
-
- *
-
-In den Jahren von 1727-1762 herrschte in Frankreich eine merkwürdige
-Massenepidemie, „Konvulsionen“ genannt, die den St. Medarduskirchhof
-zu Paris zum Mittelpunkt hatte. Frauen, Mädchen, Kranke jeder Art
-füllten den Kirchhof mit den angrenzenden Straßen und konvulsionierten
-dort um die Wette. Frauen luden, lang hingestreckt, die Zuschauer ein,
-+auf ihren Bauch zu schlagen+, und beruhigten sich nicht eher,
-als bis 10-12 +Männer sich mit voller Gewalt über ihnen aufgetürmt
-hatten+. Natürlich hatte diese fromme Seuche eine erotische Färbung
-und trug nicht wenig bei, die sexuelle Zügellosigkeit zu verbreiten.
-Bezeichnend dafür ist, daß die Frauen bei ihren Anfällen niemals andere
-Frauen, sondern +stets Männer+ zur Hilfe riefen, und zwar junge
-und kräftige Männer. Dazu kleideten sie sich höchst indezent, zeigten
-stets Neigung zu adamitischer Entblößung, nahmen laszive Stellungen an,
-warfen verlangende Blicke auf die zu Hilfe eilenden Männer, und es kam
-vor, daß sie -- natürlich in ihrer Muttersprache -- mit lauter Stimme
-riefen: Da liberos, alioquin moriar!
-
-Die Frauen luden die Männer ein, „Bauch, Busen und ihre Schenkel zu
-Promenaden zu benutzen“ und mit ihnen zu „kämpfen“. Die Folge waren
-zahlreiche Entbindungen dieser sonderbaren Heiligen[196].
-
- *
-
-Daß die Flagellanten ähnlich sich gebärdeten, ist hinlänglich bekannt.
-
-Bei den Geißelungen unterschied man zwei „+Disziplinen+“, die
-„+obere+“ und die „+untere+“, letztere fand besonders bei den
-Frauen den meisten Beifall.
-
-Eine wesentlich anmutigere Manie herrschte in den deutschen
-Nonnenklöstern im 15. Jahrhundert. Damals kam eine Nonne auf den netten
-Einfall, eine andere zu +beißen+. Dieser gefiel der Spaß, und sie
-biß wieder eine andere, bis schließlich das Beißen zu einer Epidemie
-wurde, die sich mit rasender Schnelligkeit von einem Nonnenkloster zum
-andern verbreitete; bald bissen sich alle Klosterkätzchen vom Belt bis
-nach Rom[197]!
-
-Viele von uns werden sich auch noch der Kußepidemie erinnern, deren
-Opfer der Leutnant Hobsen war, der im spanisch-amerikanischen Kriege
-sein eigenes Schiff „Merrimac“ in die Luft gesprengt hatte. Nach jedem
-Vortrag, den der Arme hielt, stürzten sich die sonst so zurückhaltenden
-amerikanischen Damen auf ihn, um ihn zu küssen.
-
-In einem flandrischen Kloster fing plötzlich eine Nonne an in ihrem
-Bett höchst befremdliche Bewegungen zu machen. Auch das steckte an,
-und bald arbeiteten die Nonnen sämtlich des Nachts so heftig, daß
-die Bettstellen knackten. Da sich das sonderbare Übel von Kloster
-zu Kloster fortpflanzte, sah sich die Geistlichkeit gezwungen, von
-Amts wegen einzuschreiten. Mit Weihwasser und Wedel gelang es auch --
-wie ja nicht anders zu erwarten -- den +Teufel+ aus den Nonnen
-auszutreiben[198].
-
- *
-
-Vielleicht können wir hier einiger anderer Manien gedenken, die zwar
-ganz anderen Motiven entsprangen, auch keinerlei erotischen Einschlag
-aufweisen, aber durch die weite Verbreitung und große Heftigkeit ihres
-Auftretens den Charakter von Massenwahnsinn annehmen.
-
-Im Byzanz des 5. Jahrhunderts wütete eine das ganze Volk beherrschende
-Leidenschaft: die der +dogmatischen Spitzfindigkeiten+. Es ist die
-Zeit der Dogmenbildung, eines Nestorius, und dieses Bestreben, eine
-möglichst reine Lehre festzusetzen, ließ auch die unteren Volkskreise
-nicht zur Ruhe kommen. Die Frage nach der Gottähnlichkeit oder
-Gottgleichheit war ein allgemein mit größtem Eifer und Spitzfindigkeit
-diskutiertes Thema, das jedes andere Interesse verdrängte[199].
-
- *
-
-Eine ähnliche, allerdings minder trockene Manie hatte die Araber
-Spaniens für die +Poesie+ ergriffen. Das ganze Volk war von der
-Leidenschaft des Reimens und Versemachens ergriffen, Lied und Spruch
-ertönten überall. Dichter waren einflußreiche Ratgeber der Fürsten, mit
-Ehren und Reichtum überschüttet; ein glücklich gefundener Reim, ein
-feines Bild, eine kunstvolle metrische Wendung vermochten dem Urheber
-eine glänzende Laufbahn zu erschließen.
-
- *
-
-Die Kreuzzüge als Massenpsychose zu bezeichnen, ließe sich
-sicherlich rechtfertigen. Aber selbst wer davor zurückschreckte,
-eine zwei Jahrhunderte anhaltende, mindestens eine Million der
-tüchtigsten Krieger vernichtende Periode unserer Geschichte als
-pathologische Erscheinung zu bezeichnen, wird nicht anstehen, dies dem
-+Kinderkreuzzuge+ des Jahres 1212 in Südfrankreich gegenüber zu
-tun. Damals zogen 30000 Kinder unter Führung des Hirtenknaben Etiennes
-dem sicheren Untergang entgegen. Von den sieben Schiffen, die die
-Kinder in Marseille bestiegen, gingen zwei unter. Die fünf anderen
-gelangten nach Ägypten, wo die Kinder als Sklaven verkauft wurden.
-
- *
-
-Daß auch in unserer, anscheinend religiös so aufgeklärten Zeit noch
-Massenpsychosen ähnlicher Art, wie Flagellantentum und Veitstanz
-im Mittelalter möglich sind, möge aus folgendem hervorgehen: In
-Morzine-Savoyen herrschte eine „Besessenheitsepidemie“ von 1857-1862;
-im südlichen Baden die „Predigerkrankheiten“ von 1852 auf 53 und
-im Jahre 1888 in Nilsiac in Finnland. Tanzseuchen grassierten im
-Anfang des 19. Jahrhunderts in Abessinien, 1863/64 in Madagaskar
-und 1868-73 bei den Lappen. Noch heute existiert die sich selbst
-verstümmelnde Sekte der Skopzen in Rußland, der Duchoborzen in Kanada,
-die splitternackt im eisigen Winter ausziehen auf die Suche nach dem
-Heiland. Im Jahre 1896 beobachtete man eine Epidemie im Gouvernement
-Kiew, die durch die Predigten einer verrückten alten Frau gegen
-Vornahme einer Volkszählung hervorgerufen war. Dreißig Personen ließen
-sich lebendig begraben und fanden so einen schaudervollen Tod.
-
-Daß aber sogar in der Gegenwart in Deutschland religiöse Epidemien
-vorkommen, lehrte uns das Jahr 1907. Damals wurden im „Blauen Kreuz“
-in Kassel den ganzen Juli hindurch täglich religiöse Versammlungen
-veranstaltet, wobei Verzückungszustände, Erleuchtungen und das
-sogenannte Zungenreden eine Rolle spielten. Ein Rausch, eine religiöse
-Extase bemächtigte sich der Versammlung. Mit Gesängen, lauten
-Sündenbekenntnissen und Bußreden mischten sich unartikulierte Töne,
-wildes Stammeln, Stöhnen, Schreien. Man erblickt verzerrte Gesichter,
-rasende Gebärden, Menschen, die wie ohnmächtig zu Boden sinken und halb
-bewußtlos um sich schlagen. Irgend jemand springt plötzlich auf und
-stößt unverständliche Rufe aus, die der Versammlungsleiter dann als
-Ausfluß überirdischer Erleuchtung deutet. Ein lauter Jubel erhebt sich,
-man wirft sich auf die Knie, umarmt sich, Geständnisse entringen sich
-den bebenden Lippen, Frauen behaupten Visionen zu haben, die Erregung
-erreicht ihren Höhepunkt.
-
-Schon nach wenigen Wochen hatte sich die Bewegung auf die Nachbarorte
-Kassels verbreitet und zwar lieferte die Landbevölkerung das stärkste
-Kontingent. Widerspruch oder Versuche der Aufklärung wurden in der
-Versammlung dadurch beantwortet, daß man den Teufel hinauswarf. Da es
-in den ersten Augusttagen zu schweren Schlägereien kam, wurden diese
-religiösen Versammlungen hinfort von der Polizei verboten[200].
-
- *
-
-Der Engländer John Evelyn besuchte im Jahre 1641 die Kirmes von
-Rotterdam und erzählt darüber in seinem Tagebuch: „Der jährliche Markt
-oder die Kirchweih von Rotterdam war derart mit Bildern ausgestattet,..
-daß ich überrascht war... Der Grund für diese Menge von Bildern und
-ihre Billigkeit ist darin zu suchen, daß die Leute Mangel an Land
-haben, um ihr Geld darin anzulegen, so daß es eine +gewöhnliche
-Erscheinung ist, einen simplen Bauern+ 2000-3000 L. St. +auf diese
-Weise anlegen zu sehen+. Ihre Häuser sind damit angefüllt, und sie
-verkaufen sie auf ihren Jahrmärkten mit großem Gewinn[201].“ Es dürfte
-in der Kulturgeschichte ein einzig dastehender Fall sein, daß +Bauern
-ihr Vermögen in Kunstwerken anlegen+.
-
- *
-
-Den Türken verdankt Europa die Bekanntschaft mit der Tulpe, deren
-erstes blühendes Exemplar der berühmte Conrad Geßner im Jahre 1559
-im Garten eines Augsburger Patriziers sah. Wenige Dezennien später
-war die schöne Blume in Europa verbreitet, und besonders in Holland
-entstand eine solche Leidenschaft, seltene und wunderliche Abarten
-und Farbenmischungen zu erzeugen, daß sie in der ersten Hälfte des
-17. Jahrhunderts geradezu zu einer nationalen Katastrophe führte.
-Man kaufte und verkaufte +Tulpen auf Zeit+ und Entrichtung der
-Differenz zwischen dem vereinbarten und am Verfalltage notierten
-Preise. Man zahlte für einzelne Zwiebeln bis zu 2000 hol. Gulden und
-mehr; das ganze Volk war von diesem Spekulationsfieber ergriffen,
-wohl dem ältesten seiner Art im christlichen Abendlande. Als 1637
-plötzlich die Ernüchterung eintrat, waren große Verschiebungen in den
-Besitzverhältnissen und nachhaltige Verkehrsstockung die Folge[202].
-
-Eine ähnliche Manie knüpfte sich an die von Law im August 1717
-gegründete „+Mississippigesellschaft+“. Die Leidenschaft für
-deren Aktien war so maßlos, daß binnen eines Jahres statt 500 Livres
-pro Stück 18000 angelegt wurden. Die Folge war Staatsbankerott und die
-größte Börsenkrisis, die die Welt bisher gesehen hatte[203].
-
- *
-
-+Ärztinnen+ -- nicht etwa nur mit Hausmitteln im Bedarfsfalle
-aushelfende Frauen, die es zu allen Zeiten gab -- existierten bereits
-an der medizinischen Schule in Salerno. Besonders berühmt ist Trottula,
-die im 11. Jahrhundert alle an Ruf überstrahlte. Im 12. Jahrhundert
-gab es dort eine ganze Reihe, die viele medizinische Rezepte erfanden
-und anwandten. Eine von ihnen, Mercuriade, soll sogar in der Chirurgie
-Hervorragendes geleistet haben. Vom 10. September 1321 hat sich ein
-Dokument erhalten, in der Francisca, Gemahlin des Matthäus de Romana,
-die Erlaubnis erhält, in Salerno +chirurgische Praxis+ auszuüben,
-da sie „nach wohlbestandenem Examen“ ein Zeugnis der Universität
-Salerno besitze. Der Herzog Karl von Kalabrien sagt ausdrücklich,
-daß das Gesetz den Frauen die Ausübung der Medizin gestatte. Daß man
-im Mittelalter männliche Ärzte möglichst vom weiblichen Geschlechte
-fernzuhalten suchte, war dem Aufkommen der Ärztinnen günstig. Den
-Ärzten war es nach einem westgotischen Gesetz des 6. Jahrhunderts
-ausdrücklich verboten, Frauen in Abwesenheit ihrer Verwandten die Ader
-zu schlagen.
-
-Bereits 1351 gab es in München eine Augenärztin. Während nach langer
-Pause 1807 eine Dame, Regina Josepha von Siebold, in Würzburg studieren
-durfte, hat man noch bis 1910, ja in einigen Staaten bis heute, trotz
-gleicher Vorbildung und gleicher Examina wie sie die männliche Jugend
-absolviert, +den Frauen+, mit Ausnahme von Bayern und Baden, die
-+Immatrikulation auf den deutschen Universitäten versagt+[204].
-
- *
-
-Im ancien régime herrschte der Glaube, die Hand des Königs könne von
-Skrofeln befreien. Deshalb wurde 6-7 mal im Jahre in den Kirchen
-bekannt gegeben, daß der König „berühren“ würde. Dann fanden sich
-in Versailles 700-800, auch noch mehr, Kranke ein, die mit den
-nötigen Abständen in Reihen aufgestellt und ausgerichtet wurden.
-Die königlichen Ärzte untersuchten sie, ob sie auch wirklich krank
-waren, was nötig war, da viele Simulanten sich einschmuggelten.
-Da nämlich der König jedem Skrofulösen zwei Sous, den von auswärts
-zugereisten sogar fünf Sous einhändigen ließ, versuchte mancher ein
-Geschäft aus dieser heiligen Handlung zu machen. Nach der Untersuchung
-erschien der König, dem ein Hauptmann der Garden voranschritt, mit dem
-Großalmosenier und einigen Herren vom Dienst. Die Ärzte hielten dem
-sich auf die Knie niederlassenden Kranken, von beiden Seiten hinter ihm
-stehend, den Kopf, während der Gardehauptmann die Hände des Knienden
-zwischen die seinigen nahm, um ein Attentat zu verhüten. Dann trat
-der König an den Kranken heran und machte ihm mit der bloßen Hand vom
-Kopf zum Kinn und vom einen Ohr zum andern streichend das Zeichen des
-Kreuzes mit den Worten: „Der König berührt, Gott heilt dich.“ Dann
-wurde der Patient mit seinen Sous abgeführt, um nicht nochmals die
-Zeremonie und vor allem die königliche Freigebigkeit in Anspruch nehmen
-zu können[205].
-
-Ob der König mit seiner appetitlichen Tätigkeit viele Heilerfolge
-erzielte, wird nicht berichtet.
-
- *
-
-Der berühmte Arzt, Dr. Thomas +Dover+, der Erfinder der nach ihm
-benannten, heute noch gebräuchlichen Pulver, war ein +erfolgreicher
-Seeräuber+! Um 1660 geboren ließ er sich nach Beendigung seiner
-Studien in Bristol nieder, erwarb sich einiges Geld und unternahm
-hierauf mit einigen Kaufleuten eine privilegierte Kaperexpedition. Auf
-der Insel Juan Fernandez entdeckte Dover 1709 als einzigen Bewohner
-den schottischen Matrosen Alexander Selkirk, der hier vier Jahre und
-vier Monate zugebracht hatte. Bekanntlich ist dieser Selkirk der Urtyp
-der Robinson Crusoe-Geschichte geworden. Hierauf erstürmte Dover die
-beiden Städte von Guayaquil und kehrte mit seiner Expedition der
-peruanischen Küste entlang über Kalifornien und den Stillen Ozean im
-Jahre 1711 mit einer Beute von etwa 3½ Millionen Mark, von denen
-Dover einen beträchtlichen Anteil erhielt, nach England zurück. Nach
-einigen weiteren Reisen ließ sich Dover in London nieder, wo er
-u. a. „Des alten Arztes Erbe“ (The Ancient Physicans Legacy), das 1733
-erschien, schrieb. Es war eine populär-medizinische Abhandlung,
-verfaßt, um dem Autor Praxis zu verschaffen[206].
-
- *
-
-Georges Mareschal, ursprünglich Barbier, dann Leibchirurg Ludwigs XIV.
-wurde ein so gewandter Operateur von Blasensteinen, daß er einmal
-acht Patienten in wenig mehr als einer halben Stunde von ihrem Leiden
-befreite. Er brachte es auf ein Jahreseinkommen von 300000 Frank!
-Allerdings erhielt er für einen Aderlaß jedesmal 2500 Frank[207]!
-
- *
-
-Bezeichnend für den Unfug, der damals mit der Klistierspritze, einer
-Erfindung des holländischen Arztes Reynier de Graaff, getrieben wurde,
-ist die aus einem Prozeß bekannte Tatsache, daß dem französischen
-Prälaten, François Bourgois 2190 Klistiere verabreicht wurden, für die
-er den geforderten Preis nicht bezahlen wollte. Die Pariser Spitäler
-brauchten damals in einem einzigen Jahre für mehr als 700000 Frank
-Blutegel[208]!
-
- *
-
-Der Wein gehörte bei unsern Altvordern so zur unentbehrlichen
-Nahrung, daß in allen Sitzungen der Ratsausschüsse sowie bei allen
-außergewöhnlichen Geschäften des Rates im späteren Mittelalter Wein
-getrunken wurde. Man rechnete täglich eine Maß Wein pro Mann als
-normales Deputat, nicht nur im städtischen Dienst als Stärkung für die
-Ratsglieder und Zunftgenossen, die bei außerordentlichen Gelegenheiten
-die Torwachen verstärkten, oder mit den Bürgermeistern in den Straßen
-umherritten, auch beim Militär. Der kaiserliche Kommandant verlangte
-z. B. 1552 während der Belagerung Frankfurts eine Maß täglich für jeden
-Soldat.
-
-Als 1411 ein Teil der deutschen Fürsten wegen der Königswahl auf kurze
-Zeit in Frankfurt anwesend war, wurden 14½ Fuder Wein konsumiert!
-Fast genau so viel ließ der Rat angesichts des Reichstages, der 1485
-in Frankfurt gehalten werden sollte, für die Fürsten und Herren
-anschaffen[209].
-
-Der schlesische Ritter Hans von Schweinichen, wie seine fürstlichen
-Herren ein berühmter Trinker, der gewissenhaft seine Räusche
-bucht -- fast auf jeder Seite so und so oft -- schreibt in seinen
-„Denkwürdigkeiten“ (S. 77) von der „feinen Kurzweil“, die in den
-Augsburger Trinkstuben war. „Wann man Gäste einlädt und giebt von der
-Person 18 Wssgr., so wird man mit zwanzig Essen gespeiset und dabei
-den besten Rheinfall und Rheinwein, so zu bekommen ist, getrunken, und
-dessen so lang, +bis man alle voll ist+. Wie ich denn etliches Mal
-dergestalt Gäste auf der Trinkstuben zu mir einlud. Wann man aber einen
-Thaler von der Person giebt, so wird man Fürstlich tractiret. Ich hätte
-mir wollen wünschen, daß solches Leben lange und viel Jahr gewähret
-hätte.“
-
- *
-
-Bei Hof war es nicht besser; sogar auf Reichstagen war die
-+Betrunkenheit der Fürsten eine ständige Erscheinung+. Graf Lynar,
-ein Ausländer, nahm 1590 an der Berliner Hoftafel ungern teil, „wegen
-des Trinkens“. An den sächsischen Höfen war „+das stetig Vollsein+
-ein alt eingewurzelt Uebung und Gewohnheit“. Besonders berüchtigt waren
-die „pommerischen Trünke“. Die geistlichen Fürsten konnten auch den
-Humpen schwingen, nicht minder die Damen. Manchem modernen Studenten
-hätten +diese+ Leistungen die Schamröte ins Gesicht getrieben![210]
-
-Das Merkwürdigste ist nun, daß die Ärzte solche Trinkexzesse für
-+gesund+ erklärten![211]
-
-
-
-
-Zehnter Abschnitt
-
-Hygiene
-
-
-Leute, die sich eines gottgefälligen Lebenswandels befleißigten,
-badeten im frühen Mittelalter nicht. Die hl. Elisabeth verbreitete
-durch völligen Verzicht auf diesen Genuß in Bälde einen solchen Geruch
-der Heiligkeit um sich, daß ihre Umgebung es nicht mehr aushielt
-und sie veranlaßte, ein Bad zu nehmen. Der Erfolg war allerdings
-gering, denn sie hatte kaum das Wasser berührt, als sie auch schon
-hinaussprang, um dafür Buße zu tun.[212]
-
-Desto reinlicher waren die weltlicher Gesinnten. Sie, auch die Bauern,
-badeten sehr häufig. Die Ritter, die natürlich nackt waren, wurden
-dabei von zarten Damenhänden bedient, wie z. B. auf einer Miniatur der
-Manesseschen Handschrift in der Heidelberger Universitätsbibliothek
-zu sehen ist. Übrigens wird heute noch in Skandinavien dieser Dienst
-der Weiblichkeit reserviert. Sonst scheint sich aber das Waschen auf
-Gesicht und Hände beschränkt zu haben. Keinesfalls waren Waschtische
-bekannt. Noch das Frauenzimmerlexikon von 1729 kennt zwar das
-Gießbecken und die Gießkanne, mit der man etwas Wasser auf die Hände
-goß und dann das Gesicht notdürftig benetzte, aber weder Waschtisch,
-noch Waschbecken.[213] Daher steht es fest, daß die Reinlichkeit,
-seitdem im beginnenden 16. Jahrhundert die auftretende Syphilis das
-Schließen der öffentlichen Badestuben veranlaßt hatte, sehr gering war.
-
-Die Italiener der Renaissance, damals den Völkern Nordeuropas an
-Reinlichkeit überlegen, befolgten keineswegs allgemein die Sitte, sich
-täglich gründlich zu waschen. Trotzdem galt ihnen der Deutsche als
-Inbegriff alles Schmutzes[214].
-
- *
-
-Wie selten die Tugend der Reinlichkeit selbst beim deutschen Adel war,
-lehrt der Nachruf, den Johann von Wedel seiner 1606 verstorbenen Frau
-schrieb: „Nichts desto weniger (d. h. wiewohl sie dem Kleiderluxus
-abhold war) hat sie sich der Reinlichkeit und Wartung ihres Leibes mit
-ehrlicher Kleidung und gebührlichem Schmuck beflissen, welches eine
-feine äußerliche Tugend ist, die Jungfrauen und Frauen wohl zieret, daß
-sie nicht wie Schlammüttere herein ziehen, dafür dem Teufel oftmals
-grauen möchte, sondern sich waschen, zieren, schmücken, reinlich
-halten, dessen die Schrift ehrlich gedenket (Ecclesiastes IX)“[215].
-
- *
-
-Wie es zur Zeit des Konstanzer Konzils in einem deutschen Badeorte
-zuging, beschreibt der berühmte Humanist Poggio Bracciolini in einem
-bekannten Brief an seinen Freund Niccoli vom Jahre 1417. Es handelt
-sich um Baden in der Schweiz. Nachstehend einige Stellen nach der
-Übersetzung von Alwin Schultz in seinem Deutschen Leben im 14. und 15.
-Jahrhundert:
-
-„Es ist dort so ausgelassen, daß ich zuweilen meine, Venus sei mit
-allen Vergnüglichkeiten von Cypern nach diesem Bade übersiedelt,
-so werden ihre Gesetze beobachtet, so aufs Haar ihre Sitte und
-Leichtfertigkeit wiedergegeben, so daß sie, wenn sie auch die Rede des
-Heliogabal nicht gelesen, doch von Natur gelehrt und unterrichtet genug
-erschienen...
-
-Öffentliche Bäder sind nur zwei vorhanden, offen (palam) zu beiden
-Seiten, Badestätten des Volkes und des gemeinen Haufens, zu denen
-Weiber, Männer, Knaben, unverheiratete Mädchen, die Hefe der ganzen
-Umgebung zusammenströmt. In ihnen scheidet eine Mauer die Männer von
-den Frauen. Es ist lächerlich zu sehen, wie abgelebte alte Weiber
-und jüngere Frauen +nackt vor den Augen der Männer ins Wasser
-steigen+. Ich habe oft über dies prächtige Schauspiel gelacht, dabei
-an die Spiele der Flora gedacht und bei mir die Einfalt dieser Leute
-bewundert, die weder auf so etwas hinsehen, noch irgend etwas Böses
-davon denken oder reden. Die Bäder in den Privathäusern (etwa dreißig)
-sind aber sehr fein (perpolita); Männer und Frauen gemeinsam, aber
-durch eine Holzwand geschieden. In ihr sind mehrere Fenster angebracht,
-so daß man zusammen trinken und sich unterhalten kann, +nach beiden
-Seiten hin zu sehen und sich zu berühren vermag, wie dies ihrer
-Gewohnheit nach oft geschieht+. Über dem Bassin sind Korridore, auf
-denen Männer stehen, zuzusehen, um sich zu unterhalten, denn ein jeder
-darf in andere Bäder gehen und sich dort aufhalten, zuzuschauen, zu
-plaudern, zu scherzen und sich zu erheitern, so daß man die Frauen,
-wenn sie ins Wasser steigen oder aus demselben herauskommen, sieht.
-Keiner wehrt die Tür, keiner argwöhnt etwas Unsittliches. Männer tragen
-nur eine Schambinde (campestribus utuntur), die Frauen ziehen leinene
-Hemden an, von oben bis zum Schenkel, oder an der Seite offen, so daß
-sie weder den Hals, noch die Brust oder die Arme bedecken. Im Wasser
-selbst speisen sie auf gemeinsame Kosten, ein geschmückter Tisch
-schwimmt auf dem Wasser, und auch Männer pflegen teil zu nehmen...
-
-Es ist merkwürdig, zu sehen, in welcher Unschuld sie leben, mit welchem
-Vertrauen Männer es ansahen, daß ihre Frauen von Fremden berührt
-wurden. Sie wurden nicht gereizt, achteten nicht darauf, nahmen alles
-von der besten Seite. Nichts ist so schwer, das bei ihren Sitten nicht
-leicht wurde. Sie hätten ganz in den Staat Platos gepaßt, wo alles
-gemeinsam ist, da sie schon ohne seine Lehre so eifrig in seiner Schule
-erfunden werden. In einigen Bädern sind Männer unter den Frauen, denen
-sie entweder verwandt sind, oder es wird ihnen aus Wohlwollen
-gestattet...
-
-Ich glaube nicht, daß es auf der Welt ein wirksameres Bad für die
-Fruchtbarkeit der Frauen gibt; da recht viele der Unfruchtbarkeit wegen
-hierher kommen, so erfahren sie seine merkwürdige Kraft. Sie beobachten
-genau die Vorschriften, und es brauchen Mittel die, welche nicht
-empfangen können. Unter diesen ist besonders folgendes bemerkenswert:
-eine unzählige Menge von Adeligen und Nichtadeligen kommt hier
-zusammen; zweihundert Meilen weit her, nicht eben der Gesundheit,
-sondern der Lust wegen, alles Liebhaber, alles Freier, alle, denen an
-einem genußreichen Leben gelegen ist. So siehst du unzählige schöne
-Frauen, ohne Männer, ohne Verwandte, mit zwei Dienerinnen und einem
-Knechte oder einer alten Angehörigen, die leichter zu täuschen als
-zu ernähren ist... +Da leben Äbte, Mönche, Brüder und Priester in
-größerer Freiheit, als die andern, baden zuweilen mit den Frauen+
-und schmücken die Haare mit Kränzen, alle Religion beiseite lassend...“
-Es kann sein, daß Poggio übertrieben hat. Immerhin gibt es auch heute
-noch Bäder, etwa Franzensbad, die nicht ohne guten Grund im Rufe
-stehen, die Unfruchtbarkeit zu beseitigen, keinesfalls stets allein
-durch ihr Wasser.
-
-Bezeichnend für die Volkstümlichkeit des Badens bei unsern Altvordern
-ist, daß man statt Trinkgeld „Badgeld“ sagte. Die Folgerung aber, daß
-man sich mit der äußeren Feuchtigkeit begnügte, wäre übereilt[216].
-
- *
-
-Die Badestuben vertraten etwa die Stelle der heutigen Kaffeehäuser, wo
-man sich traf, plauderte und einen großen Teil des Tages zubrachte. Im
-Bade selbst verweilte man mitunter vier Stunden, und in Ems erforderte
-die Kur, jeden Tag eine Stunde länger, bis zu zehn Stunden im Wasser zu
-sitzen. Man trank und sang gemeinsam, wie es auf zahlreichen Bildern
-dargestellt ist.
-
- *
-
-Daß Gatte und Gattin in derselben Wanne saßen, war ganz gewöhnlich,
-aber es war auch an vielen Orten Sitte, daß in +größerer Gesellschaft
-Männlein und Weiblein zusammen badeten+. Zu Baden in der Schweiz
-waren dabei die unteren Volksklassen ganz nackt, die Männer der
-höheren Stände aber waren mit einem Schurz, die Frauen mit einem
-weitausgeschnittenen Badelaken bekleidet. Viele Badestuben hatten
-auch nur ein einziges Auskleidezimmer, das von beiden Geschlechtern
-gleichzeitig benutzt wurde. In der Badeordnung für das Glottertal
-wurde -- allerdings erst 1550 -- vorgeschrieben, daß jeder Mann sein
-Beinkleid und Hemd, jede Frau oder Jungfrau ihr Hemd nicht eher
-als in der Badewanne selbst ablegen solle. Man scheint also diese
-Anstandsregel wohl nicht immer beobachtet zu haben.
-
-Ein Blitzlicht auf die Sittlichkeit des 16. Jahrhunderts wirft auch
-folgende Verfügung aus der Badeordnung des Glottertals: „Item soll
-ain jedt wederer Bader, es seyen Manns- oder Weybspersonen, ire
-Heimlichkeiten zuedecken.“
-
- *
-
-Fromme Leute errichteten häufig eine Stiftung, um sich meldenden Armen
-davon gratis Bäder verabreichen zu lassen, sogenannte „Seelenbäder“.
-Schmeller versicherte, daß noch im Jahre 1827 einige Zünfte zu
-Quatember und zu anderen Zeiten solche Bäder für das Seelenheil
-ihrer verstorbenen Mitglieder spendeten. Hoffen wir zum Besten der
-im Fegefeuer schmorenden, daß es dabei sittsamer zuging, als im
-Deutschland des 15. und 16. Jahrhunderts.
-
- *
-
-Hans von Schweinichen erzählt zum Jahre 1551 in seinen
-„Denkwürdigkeiten“: „Allhier erinner ich mich, daß ich wenig Tage zu
-Hofe war, badete die alte Herzogin, allda mußte ich aufwarten als ein
-Junge. Es währt nicht lange, kommt ein +Jungfrau+, Unte Riemen
-genannt, +stabenackend raus+, heißt mich ihr kalt Wasser geben,
-welches mir seltsam vorkam, weil ich zuvor kein nacket Weibesperson
-gesehen, weiß nicht, wie ich es versehe, begieße sie mit kaltem Wasser.
-Schreit sie laut und rufet ihren Namen an und saget der Herzogin,
-was ich ihr mitgespielt; die Herzogin aber lachet und saget: ‚Mein
-Schweinichen wird gut werden.‘ Inmittels habe ich gewußt, was nacket
-Leut sind, warum sie sich aber mir also erzeiget, wußte ich nicht für
-was vor ein Ende.“
-
-Wie Guarinonius erzählt, ging es noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts
-in kleineren Städten, wie Hall in Tirol, recht paradiesisch zu. Es war
-Brauch, halb oder ganz nackte Mädchen von 10-18 Jahren über die Straße
-ins Bad zu schicken und sie von ganz nackten Burschen von 10-16 Jahren
-begleiten zu lassen. Daß auch erwachsene Männer und Frauen sich ebenso
-benahmen, ändert nichts an der Sache[217].
-
- *
-
-Eines Tages im Jahre 1185 stand König Philipp August von Frankreich
-am Fenster seines Palais, als einige vorüberfahrende Wagen den
-Straßenschmutz aufwühlten. Der sich dabei entwickelnde Gestank war so
-furchtbar, daß der König, wiewohl doch an die Ausdünstungen seiner
-Residenz Paris gewöhnt, +ohnmächtig wurde+. Er befahl darauf
-Pflasterung einiger Straßen. Infolge vieler Verordnungen legte man
-sich zwar im Verlauf der Jahrhunderte einigen Zwang auf im ferneren
-Verunreinigen der Straßen, fuhr auch den Unrat fort, aber nur bis zur
-Place Maubert, dem Marktplatz, der völlig verpestet wurde. Erst 1531
-mußten die Bewohner von Paris zwangsweise Aborte und Senkgruben in
-ihren Häusern anlegen. Bisher hatte man sich zumeist mit der Straße
-beholfen, wie das im 17. Jahrhundert noch vielerorts in Deutschland,
-z. B. in Hall in Tirol, Sitte war.
-
- *
-
-Als Kaiser Friedrich III. Tuttlingen besuchen wollte, ging es
-nicht, weil die Stadt zu schmutzig war. Am 28. August 1485 ist er
-in Reutlingen um ein Haar mitsamt seinem Pferde im Straßenschmutz
-versunken. Schweine wurden überall in den deutschen Städten gehalten,
-nicht nur daß man sie frei in den Straßen herumlaufen ließ, man brachte
-ihre Kober auch nach der Straßenfront hin an. In Berlin wurde das erst
-1641 verboten, erst 1681 aber wurde das Mästen der Borstentiere dort
-überhaupt untersagt. Seit 1671 mußte jeder Bauer, der nach Berlin kam,
-eine Fuhre Unrat mit aus der Stadt nehmen.
-
-Die Verordnung des Nürnberger Magistrates von 1490, daß täglich ein
-Knecht die toten Schweine, Hunde, Katzen, Hühner und Ratten auf der
-Straße zu sammeln und vor das Tor zu bringen habe, begeisterte ein
-poetisches Gemüt zu einem Jubelhymnus[218].
-
- *
-
-Im Jahre 1666 wurde eine Reinigung der Straßen von Paris vorgenommen.
-Das war ein solches Ereignis, daß es nicht nur angedichtet wurde,
-sondern man sogar +zwei Medaillen+ zu dauerndem Gedächtnis
-schlug[219].
-
-Noch im Jahre 1697 wurde polizeilich festgestellt, daß die Bewohner Tag
-und Nacht aus ihren Fenstern alles schmutzige Wasser, Urin und Unrat
-jeglicher Art auf die Straßen warfen. Wer das nicht tat, sondern sich
-im glücklichen Besitze eines Abortes befand, bediente sich zu diesem
-Zwecke einer allen gemeinsamen Grube, deren Inhalt von Zeit zu Zeit
-in den Hausgarten entleert wurde! Das war im glänzenden Paris eines
-Ludwigs XIV.[220]!
-
-In Sicherheit vor Güssen war man nur in den breiten Straßen, wenn man
-sich in ihrer Mitte hielt, wo ein schlammiger Rinnsal floß. Jeden
-Augenblick öffnete sich ein Fenster, und wer das Unglück hatte, den
-geheiligten Warnungsruf „gare l’eau“ zu überhören, über den ergoß sich
-erbarmungslos der Inhalt eines Nachttopfes oder eines Schmutzeimers.
-Es gab in der ganzen Stadt kein Fleckchen, wo man sicher vor solchen
-Überraschungen war, noch wo man dem entsetzlichen Gestank hätte
-entfliehen können. In Ermangelung von Aborten benutzte man alle
-Straßenecken, die Umgebung der Kirchen, ja die Paläste, wie man heute
-noch in Neapel ähnliches sehen kann. Im Palais de Justice stieß man
-z. B. überall auf Exkremente, sogar der Louvre wurde nicht verschont:
-in den Höfen, auf Treppen und Balkonen, hinter den Türen, überall wo
-jemand gerade ein Bedürfnis fühlte, entledigte er sich am hellichten
-Tage seiner Bürde, ohne daß die Palastbewohner sich darum kümmerten.
-Heinrich III. war darin allerdings kitzlig: durch Verordnung vom
-August 1578 befahl er, daß jeden Morgen, bevor er sich erhoben hatte,
-die Fäkalien aus den Höfen und seinen Sälen gekehrt werden mußten! Er
-hielt eben auf Reinlichkeit. Im übrigen roch es aber in den spanischen
-und französischen Palästen noch zu Ludwigs XIV. Zeit zwar stärker wie
-Rosen, aber nicht besser[221]. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts schlug
-deshalb ein Bürger die Einführung von Nachtstühlen in den königlichen
-Palästen vor.
-
- *
-
-Der Zustand der öffentlichen Hygiene hob sich auch im 18. Jahrhundert
-in Paris nur sehr allmählich. Es kam vor, daß die schlecht angelegten
-Abtrittgruben sich in die benachbarten +Brunnen+ leerten! Da
-kleine Bedürfnisse noch das ganze Jahrhundert, ja bis tief ins 19.
-hinein überall auf den Straßen verrichtet wurden, auch nach wie vor
-Nachttöpfe ahnungslose Passanten mit ihrem Inhalt bekannt machten, gab
-deren Aroma dem der Vergangenheit nicht viel nach. Noch 1780 mußte
-unter Protest der Bewohnerschaft von der Polizei die Ausleerung von
-Nachttöpfen usw. aus den Fenstern verboten werden!
-
- *
-
-Im Jahre 1701 fand man beim Leeren einer Abortgrube die Leiche der
-Gattin eines Chirurgen, was aber kein Aufsehen erregte[222].
-
- *
-
-Noch im Jahre 1780 wurden die Straßen von Paris nicht selten durch
-die stark angeschwollenen furchtbar stinkenden Gossen in zwei Hälften
-geteilt, so daß man nur durch schwankende Laufbrücken die Kommunikation
-von der einen Straßenseite zur andern bewerkstelligen konnte. Der
-Inhalt dieser Gossen aber bestand aus einer schwarzen, übelriechenden
-und scharfen Brühe, die Stoffe, mit denen sie in Berührung kam,
-verbrannte. Daher das schöne Sprichwort: „Il tient comme boue de
-Paris[223]“.
-
-Bei Regen spien die Dachrinnen von jedem Hause herab ihr Wasser auf
-Passanten und Straße, so daß man erst nach seinem Aufhören durch
-über die Gossen gelegte Bretter den Übergang von einer Seite zur
-andern ermöglichen mußte. Erst 1764 wurden diese freien Dachrinnen
-verboten[224].
-
- *
-
-Zur Ritterzeit waren Nachttöpfe unbekannt. Wie man sich behalf,
-geht aus einem Gedicht hervor: „Do quam der vrouwen eine Gegangen
-alters eine Vür der +kemenâten tür+ Und wolte gerne da vür Sich
-des wazzers erlâzen.“ Zu Aborten verwendete man offene Erker, die
-zweifellos herrliche Aussicht gewährten, im übrigen aber recht luftig
-waren. Um die in den Burggraben fallenden Fäkalien kümmerte sich kein
-Mensch. Im Erfurter Schloß befand sich aber sogar eine Kloake, und
-zwar gerade unter einem Saale. Das war entschieden nicht angenehm,
-besonders nicht für Kaiser Friedrich Barbarossa und seine Paladine.
-Denn als er dort im Jahre 1183 einen Reichstag hielt, brachen die
-Balken des Saales, und eine Menge Leute stürzten hinein. Acht Fürsten,
-viele Edele und über hundert Ritter fanden dabei ihren Tod, während der
-Kaiser sich durch einen Sprung aus dem Fenster rettete.
-
-Überhaupt stürzten Häuser oder Balkone außerordentlich häufig ein.
-Nicht weniger als drei deutsche Kaiser, Ludwig der Fromme, Ludwig
-der Deutsche und Arnulf, sind allein im 9. Jahrhundert bei dieser
-Gelegenheit verletzt worden. Ebenso Heinrich III. im 11. und Heinrich
-VI. im 12. Jahrhundert[225].
-
- *
-
-J. J. Rousseau brachte Stunden auf dem Nachtstuhle zu. Der Herzog von
-Orléans erteilte hier, umgeben von seiner Dienerschaft, dem Herzog von
-Noailles +Audienz+!
-
- *
-
-Als gelegentlich der Krönung Ludwigs XVI. in der Kathedrale von Reims
-der Königin ein Appartement eingerichtet wurde, das man mit Closet
-„à l’angloise“ ausstattete, also mit einer Art Wasserspülung, die
-noch 1807 äußerst selten war, hielt man das für eine nicht mehr zu
-überbietende Kriecherei[226]! Übrigens wurde das Wasserklosett bereits
-im 17. Jahrhundert in England erfunden[227]!
-
-Vor wenigen Jahren, vielleicht heute noch, besaß das Königsschloß in
-Stockholm keine Aborte. Alles, auch fürstliche Gäste, mußte sich
-auf den Korridor hinter eine spanische Wand begeben. Aber da diese
-keineswegs alles verhüllte, so konnten die Vorübergehenden die Beine
-oder wenigstens die Füße des dort Sitzenden sehen.
-
-Noch im Jahre 1900 hatten große Trakte der Münchener Residenz keine
-Aborte. Wie Verfasser aus zuverlässiger Quelle weiß, bedienten sich
-höchste Herrschaften bis in die Gegenwart nicht des Wasserklosetts,
-sondern ausschließlich des Nachtstuhles. Noch heute dient in Bayern
-vielfach auf dem Lande -- nach Manövererfahrungen -- der Misthaufen den
-gleichen Zwecken, und eine den oberen Teil des Sitzes -- aber nicht
-etwa die Beine -- verhüllende Holzverschalung ist ein nicht überall
-anzutreffender Luxus.
-
- *
-
-In einem Bericht, den der Chirurg Tenon im Jahre 1788 über den Befund
-im Hospital Hôtel-Dieu auf königlichen Befehl abfaßte, findet sich
-folgende Darstellung der dort herrschenden Zustände:
-
-Ein einziges der Gebäude des Spitales barg 2627 Kranke, darunter
-Fieberkranke, Wöchnerinnen, Blatternkranke usw. Die Betten, etwa
-1,10 m breit, waren für je zwei bestimmt, wurden aber +mit sechs
-belegt+, drei am Kopf-, drei am Fußende. +Dadurch lagen die Füße
-auf den Schultern oder im Gesicht der anderen.+ Daher war es für die
-Patienten, die hochkant liegen mußten, da ihnen nur je etwa 35 ctm.
-Platz zur Verfügung stand, unmöglich zu schlafen.
-
-Der Inhalt der +Nachtstühle+ wurde täglich im +Krankenzimmer
-selbst in größere Gefäße übergeschüttet+. Dadurch und durch das
-Herabfallen der Fäkalien auf den Fußboden war die +Luft in den Räumen
-verpestet+.
-
-In den Kleiderkammern hingen die Kleider der mit Krätze und Blattern
-behafteten zwischen denen der anderen Patienten. Natürlich auch die
-verlausten zwischen den reinen. Wer das Hospital verließ, bekam also
-seine +Kleidungsstücke infiziert mit Pocken- und Blatterkeimen,
-Krätze und Läusen zurück+. Auch die Gewandstücke der Verstorbenen
-wurden hier aufbewahrt, bis sie -- sieben bis acht Tausend pro Jahr --
-verkauft wurden, überall hin Krankheiten verbreitend.
-
-Die Strohsäcke der Kranken, die Urin und Exkremente nicht halten
-können, werden um vier Uhr morgens geöffnet und auf den Fußboden
-ausgebreitet. Gleichzeitig werden die Strohfüllungen der anderen Betten
-geleert. Statt den beschmutzten Inhalt an Ort und Stelle zu verbrennen,
-wird das Stroh auf Karren ins Hospital Saint-Louis gefahren.
-
-Die Mauern sind bedeckt mit Auswurf, der Fußboden mit Fäkalien, die aus
-den Strohsäcken rinnen, oder beim Leeren der Nachtstühle verschüttet
-werden. Danach ist auch die Luft in den Sälen.
-
-Im Saale Saint-Jérôme in diesem famosen Hospital, damals dem +größten
-chirurgischen Operationssaale Europas+, ist die Luft durch die
-+benachbarte Leichenhalle verpestet+; die übrige Umgebung strömt
-ebenfalls üble Gerüche aus. Sonne fällt nicht hinein.
-
-In Gegenwart der zu operierenden werden die Instrumente hergerichtet,
-+ja man operiert in Gegenwart der übrigen Patienten+.
-
-Während in Versailles fast niemand an Trepanation stirbt, kommen in
-diesem Hospital alle durch Infektion um.
-
-+Die kranken Wöchnerinnen liegen mit den gesunden zusammen, drei bis
-vier im selben Bett+, solche mit Krätze zusammen mit gesunden.
-
-Der Auszug aus dem offiziellen Bericht dürfte genügen[228].
-
- *
-
-Der Friedhof des „Innocents“, der in Paris ein Jahrtausend zur
-Bestattung gedient hatte, war so verpestet, daß der Generalleutnant
-Berrier im Jahre 1746 mit eigenen Augen einen Schwaden aufsteigen sah
-von dem Massengrab, das dort in der Regel etwa 1500 Personen aufnahm.
-
-Im Jahre 1765 beklagten sich -- nach zahlreichen Vorläufern -- die
-Anwohner darüber, daß die Verpestung durch die Ausdünstungen des
-Friedhofes derartig stark sei, daß +innerhalb weniger Stunden die
-Nahrungsmittel in den benachbarten Häusern verdürben+.
-
-Erst 1776 wurde die Beerdigung innerhalb der Kirchen behördlicherseits
-eingeschränkt, aber noch keineswegs ganz untersagt. Über die damaligen
-hygienischen Zustände klärt ein Brief Voltaires an den Dr. Paulet auf:
-
-„Sie haben in Paris ein Hôtel-Dieu, wo ewige Ansteckung herrscht, wo
-sich die Kranken, der eine auf den andern gehäuft, gegenseitig Pest und
-Tod aufhängen. Sie haben in den kleinen Sackgassen Schlächtereien, die
-im Sommer einen Kadavergeruch verbreiten, der imstande ist, ein ganzes
-Stadtviertel zu vergiften. Die Ausdünstungen der Toten töten in euren
-Kirchen die Lebenden, und die Beinhäuser des ‚Innocents‘ sind noch ein
-Zeugnis von Barbarei, das uns weit unter Hottentotten und Neger stellt.“
-
-Die Ausdünstungen des Friedhofes steigerten sich so, daß am Ende des
-Jahres 1779 in einem benachbarten Hause das Licht im Keller erlosch.
-Die Beschreibung der weiteren Details ist zu ekelhaft, um hier
-wiedergegeben zu werden[229].
-
-
-
-
-Elfter Abschnitt
-
-Ehre
-
-
-Wie das Kind den Stuhl schlägt, an dem es sich stieß, statt seiner
-eigenen Ungeschicklichkeit gram zu sein, so suchte das Mittelalter
-seinen ganzen Haß gegen die doch selbst gewollte Blutgerichtsbarkeit
-und Grausamkeit am Henker auszulassen. Damit jeder ihm schon von
-weitem ausweichen konnte, wurde im Jahre 1543 dem Scharfrichter
-vorgeschrieben, in der Öffentlichkeit mit rot-weiß-grünen Lappen am
-Rockärmel und Mantelarmloch zu erscheinen. Der Henker mußte außerhalb
-der Stadtmauern wohnen, die Erwerbung des Bürgerrechtes war ihm
-versagt, betrat er selbst eine Herberge, so bekam er Speise und Trank
-abseits von den anderen Gästen am „Henkertischchen“ gereicht, wobei er
-auf einem nur dreibeinigen Stuhle sitzen mußte. Zum Unterschied von den
-anderen war sein Krug henkellos, eingegossen wurde ihm rückwärts über
-die Hand. Wohl in Erinnerung an diesen Brauch gilt es heute noch am
-Rhein als Unhöflichkeit, wenn der Gastgeber einem Gast über die Hand
-eingießen wollte. Zahlte der Henker, so mußte er die Münze ablegen,
-worauf der Empfänger darüber wegstrich oder darüber hinblies, bevor er
-sie einsteckte. Auch in der Kirche hatte er einen von den „ehrlichen
-Leuten“ strenge geschiedenen Platz. Wie es dem Henker erging, so auch
-dem Schinder oder Abdecker. Bemerkenswert ist die große Ähnlichkeit der
-die Verachtung ausdrückenden Gebräuche im Abendlande mit den in Indien
-den Parias gegenüber üblichen.
-
- *
-
-Die Frauen der Stadt Husum hatten noch am Ende des 17. Jahrhunderts der
-vom Rate besoldeten Wehe- und Bademutter +verboten, der Ehefrau des
-Henkers oder Schinderknechtes in Kindsnöten beizustehen+! Da drohte
-der Rat, „wofern sich nicht binnen 24 Stunden eine Frau fände, die
-der Bewußten beispränge, so werde E. E. Rat überall keine Bademütter
-weiter dulden, sondern dafür sorgen, daß künftighin Mannspersonen des
-Barbieramtes den Frauen die benötigte Hülfe leisten sollten“. Aber auch
-diese Drohung nützte den frommen Christinnen gegenüber nicht viel. Als
-sich endlich ein armes altes Weib zu diesem Liebeswerk fand, mußte sie
-selbst im Tode dafür büßen! Die rachsüchtigen Frauen entzogen ihr jede
-Pflege und Guttat und ließen selbst ihre Leiche tagelang unbesorgt, bis
-der Rat endlich den Nachtwächter zu ihrer Bestattung bewegen konnte.
-
- *
-
-Da das Angebot an Scharfrichtern sehr gering war, half sich der Rat
-bisweilen, indem er einen zum Tode Verurteilten das Leben schenkte
-unter der Bedingung, Henker zu werden. Ein aus einer anderen Stadt
-erbetener Scharfrichter schnitt dann dem Gewählten in offener Zeremonie
-zum Zeichen des Standeswechsels beide Ohren ab!
-
-Nur mit Geld war der Henker gut dotiert. +Er stand im Gehalte dem
-Stadtprediger oder Stadtphysikus gleich+, außerdem war er fast
-überall Bordellwirt und verdiente durch Ausübung von ärztlicher
-Praxis[230].
-
-Erst die französische Revolution erlöste den Henker von der
-jahrhundertelangen Unehre. Auch hier waren die Menschenrechte wirksamer
-als die christliche Nächstenliebe.
-
- *
-
-Im Mittelalter wurden alle, die sich das Leben genommen hatten,
-entweder ausgeschleift und verbrannt, oder in ein Faß getan und (in
-Frankfurt) in den Main geworfen. Dabei war es gleichgültig, ob der
-Selbstmörder eines Verbrechens bezichtigt war, ob er bei Vernunft
-gewesen oder nicht. Nur wenn einer erwiesenermaßen nicht im Besitze
-seiner Geisteskräfte war, wurde er nicht verbrannt, sondern ins Wasser
-geworfen, bzw. am Ende des Mittelalters auf den Schindanger gebracht
-und dort mit etwas Erde überdeckt.
-
-Wer sich selbst erhenkt hatte, durfte durch niemand als den Henker
-abgeschnitten werden. Um die Heiligkeit der Haustürschwelle nicht zu
-entweihen, mußte dann die Leiche durch ein unter derselben gemachtes
-Loch hinausgezogen werden. An einigen Orten warf man die Leiche zum
-Fenster hinaus. Es wird als besondere Vergünstigung bezeichnet, daß man
-1486 einer Frau gestattete, den Leichnam ihres Mannes, der sich aus
-Wahnwitz selbst entleibt hatte, in den Main zu werfen, statt das durch
-den Henker tun zu lassen.
-
- *
-
-Im Jahre 1522 wurden sogar die Güter eines Juden, der sich selbst
-entleibt hatte, in Frankfurt konfisziert, was sonst nicht Brauch war.
-
- *
-
-Erst im Jahre 1723 kommt es in Frankfurt vor, daß man die Bestattung
-eines wahrscheinlich geisteskranken Selbstmörders auf dem gewöhnlichen
-Friedhofe erlaubte. Aber sie mußte ganz im stillen und auf dem
-hintersten Teile geschehen.
-
- *
-
-Gegen aufgefundene Leichen, selbst wenn es sich um Ermordete handelte,
-verfuhr man ganz ähnlich wie gegen Selbstmörder, und zwar aus
-religiösen Bedenken. Wußte man doch nicht bestimmt, ob der Tote ein
-Christ, und wenn schon, ob er auch ein +frommer+ Christ gewesen
-sei, auch war die Möglichkeit, es handle sich doch um Selbstmord, nicht
-ausgeschlossen! Deshalb mußte die Erlaubnis des Pfarrers zu einem
-ehrlichen Begräbnis eingeholt werden[231].
-
-Erst 1497 kam man in Frankfurt auf den Gedanken, dem zum Tode
-Verurteilten den Selbstmord durch eine Art von Zwangsjacke unmöglich
-zu machen. Man band den Delinquenten nämlich in einem besonders
-konstruierten Stuhl fest[232]. Daß man bis dahin dem armen Sünder, der
-unter Umständen zu einem höchst qualvollen Tode verurteilt war, nicht
-jede Möglichkeit der Selbstentleibung nahm, dürfte wohl darin seinen
-Grund haben, daß nur wenige es versuchten, sich dem Nachrichter durch
-eine so schimpfliche Todesart zu entziehen.
-
- *
-
-„Die Zünfte müssen so rein sein, als wären sie von den Tauben gelesen.“
-Dieser schöne Grundgedanke wurde gehandhabt wie folgt:
-
-Die bloße Tatsache, daß ein Zunftgenosse einen Hund auf irgendwelche
-Weise tötete, hatte zur Folge, daß ihm +das Handwerk gelegt
-wurde+, d. h. daß er und eventuell seine Familie +brotlos+
-gemacht wurden. Man betrachtete den Totschlag eines Hundes als Eingriff
-in das verachtete Gewerbe des Scharfrichters.
-
-Im Mittelalter wurden Adelige zur Strafe des Hundetragens verurteilt,
-und Widukind erzählt, daß die Übersendung eines räudigen oder
-verstümmelten Hundes als Absage an den Feind galt.
-
-Erst durch den § 23 des Reichsschlusses vom 16. August 1731 wurde die
-Bestimmung, den Totschläger eines Hundes aus der Zunft auszuschließen,
-beseitigt[233].
-
-Im Jahre 1690 wurde dem jüngsten Sohne eines ehelich geborenen Bauern,
-der das Schneiderhandwerk erlernen wollte, die Aufnahme in die
-Bunzlauer Schneiderzunft versagt, weil -- seine +Großmutter+ vor
-50 Jahren, als sie noch unverheiratet war, mit ihrem Dienstherrn ein
-Kind hatte!
-
-Im Jahre 1656 legte die Tuchmacherzunft in Grünberg einem Lehrling das
-Handwerk, weil seine Mutter im Dreißigjährigen Kriege von einem Reiter
-genotzüchtigt worden war, wiewohl der Rat feststellte, daß gegen die
-Frau +nichts Ehrenrühriges vorlag+.
-
-Der Sohn eines Bauern und Gerichtsmannes, der die Weißgerberei erlernen
-soll, wird 1691 abgewiesen, weil sein +Großvater+, ein begüterter
-Bauer, vor 30-40 Jahren als gräflicher Diener bei der Kastration von
-Pferden geholfen hatte.
-
- *
-
-Damals wurde in die Zünfte nur aufgenommen, wer außer ehelicher Geburt
-auch +eheliche Erzeugung seiner Eltern und Voreltern nachweisen
-konnte+! Dasselbe wurde von den Frauen der Zunftgenossen gefordert.
-Die Verzeihung eines Ehebruches genügte zum Ausschluß aus der Zunft.
-Hammurabi dachte darin milder. § 129 seines Gesetzes lautet: Wenn
-jemandes Ehefrau mit einem Zweiten ruhend ertappt wird, soll man sie
-(beide) binden und ins Wasser werfen. Wenn der Eheherr der Frau
-verzeiht, so soll auch der König seinen Untertan begnadigen[234].
-
- *
-
-Im Jahre 1696 war eine Frau in Hernstadt an der Bartsch im
-Fieberdelirium ins Wasser gesprungen und ertrunken. Der Witwer mietete
-einen Taglöhner und fuhr mit ihm im Kahn zur Leiche, um sie aus dem
-Wasser ziehen zu lassen. Dieser seiner Frau erwiesene Liebesdienst
-wurde ihm und seiner Tochter aus zweiter Ehe noch ein Menschenalter
-nachgetragen, denn als diese sich mit einem Schneider verheiraten
-wollte, wurde ihr wegen der einstigen Schiffsführung ihres Vaters
-ein +Zeugnis ihrer ehelichen Geburt+ und ihrem Bräutigam die
-+Aufnahme in die Zunft verweigert+[235].
-
- *
-
-Als im Jahre 1757 der Winterthurer Rittmeister Hegner zur „Sonne“
-vier Pferde, die in der Eulach ertrunken waren, herausziehen half,
-machte er sich die Tragweite wohl nicht klar: „In raschem Eifer hatte
-er an einem Seil gezogen, ohne zu fragen, wer es befestigt, und ohne
-sich umzusehen, wer neben ihm ziehe. Bald war er nach Zürich zitiert,
-um sich zu legitimieren, daß er +nie an einem Seil gezogen oder
-eins angerührt, das der Henker angemacht+. Auf seine ehrliche
-Verantwortung ward ihm auferlegt, ein Attest vorzulegen, daß dies
-nicht geschehen. Man ging nämlich damit um, den Rittmeister Hegner
-für einen anrüchigen Mann, und somit des ehrenvollsten Dienstes, des
-Kommandos einer Dragonerschwadron, für unwürdig zu erklären. In dieser
-ehrenhaften Not trat er vor Schultheiß und Rat mit der Bitte, daß
-Kundschaft angehört und ihm ein Attest gegeben werde. Allein ‚die
-Bedenklichkeit und anscheinende Weitläufigkeit dieses Handels‘ setzte
-den Rat in Furcht. Er willfahrte dem Begehren des Bürgers nicht und
-+ließ um des Scharfrichters willen den Rittmeister im Stich+“[236].
-
- *
-
-Als Gegenstück zum subtilen Ehrbegriff der Zünfte seien hier einige
-Daten aus der Familiengeschichte der mächtigen Grafen von Cilli
-angeführt. Aus diesem Geschlecht hatte Kaiser Sigismund sich seine
-berüchtigte Gemahlin Barbara erwählt. Wir werden sie später näher
-kennen lernen.
-
-Ulrich II., der Schwager Sigismunds, war ein wilder Knabe. Als er mit
-einer Frau ein Verhältnis hatte und deren Mann, den er deshalb in
-seine Dienste genommen hatte, ihn um Entlassung bat, gab er sie ihm,
-schickte aber Diener nach, die ihn ermordeten. Das ereignete sich etwa
-1455, und kein Hahn krähte danach. Sein Vater Friedrich II. war nicht
-besser (c. 1370-1454). Zuerst war er vermählt mit Elisabeth, Tochter
-des Grafen Stephan Frangipani. Er verließ sie, um sich heimlich mit
-der Veronica von Teschewitz zu verbinden. Als der Wüterich dann zur
-ersten Frau zurückkehrte, um Versöhnung zu feiern, erstach er sie
-mit seinem Jagdmesser. Diesmal war es eine Gräfin, und da konnte die
-Sache denn doch nicht vertuscht werden. Friedrich wurde sogar zum Tode
-verurteilt, dann begnadigt und seinem Vater übergeben, der ihn längere
-Zeit gefangen hielt. Als er frei gelassen wurde, war keine Frau oder
-Jungfrau vor ihm sicher. Hatte er eine geschändet, dann schickte er
-sie einfach ohne jede Entschädigung wieder zum Mann oder Vater zurück.
-Einem Ehemann, der seine Frau nicht ohne weiteres wieder zurücknehmen
-wollte, +legte er, empört über diese Anmaßung, eine Geldstrafe auf+!
-Wie könne er es wagen, ihm Schwierigkeiten zu machen, wo doch er
-selbst, ein edler Graf, die Umarmungen einer Frau nicht verachtet habe,
-die vorher von diesem Plebejer +entweiht+ worden sei! Einen Adeligen
-ließ er aus Eifersucht grausam töten, weil er ihn im Verdacht hatte,
-mit einer seiner zahlreichen Geliebten sich eingelassen zu haben. Seine
-heimliche Gemahlin Veronica ließ sein Vater Herrmann (1385-1435) im
-Bade ertränken (c. 1428). Als dieser edle Graf das Zeitliche segnete,
-schrieb die Chronik von Cilli -- und das ist bezeichnend -- „Nach dem
-was groß Clag, denn er war ein +frommer+ Mann und ein +rechter Sühner
-und Friedmacher+, wo er mocht zwischen Armen und Reichen“[237].
-
- *
-
-David Teniers d. J., der sich um den Adel bewarb, sollte ihn 1657 unter
-der Bedingung erhalten, daß er keine Malereien mehr ausstelle oder für
-Geld male[238].
-
-Die Künstler gehörten ja das ganze Mittelalter hindurch zum
-+Handwerkerstande+ und waren genau so +zunftmäßig inkorporiert+ wie
-etwa die Metzger oder Tuchmacher. Noch im 17. Jahrhundert galten die
-Erzeugnisse der Malerei im allgemeinen gar nicht höher als ein Stück
-Tischler- oder Schmiedearbeit, und die größten Künstler sehen wir mit
-industriellen Arbeiten, Ladenschildern, Ofenschirmen usw. beschäftigt.
-Ein Dürer, Holbein, Burgkmair, die ersten Größen ihrer Zeit,
-unterstanden dem +Zunftzwang+ und wurden, wenn auch als sehr tüchtige,
-so doch immerhin als +Handwerker+ eingeschätzt. Jean von Goyen, Aart
-van der Neer, Hobbema, Jan Steen, Jakob van Ruisdael II, J. Collaert,
-also hervorragende Meister des 17. Jahrhunderts, verdienten noch neben
-der Malerei ihr Brot als Garköche, Gastwirte, Strumpfhändler, Bäcker
-usw.[239]
-
- *
-
-Erst im Jahre 1773 wurde durch einen vom 20. März datierten Erlaß
-der Kaiserin Maria Theresia auf eine Anregung von Antwerpen hin
-bestimmt, daß die Maler, Bildhauer, Stecher und Architekten von jedem
-Gildenzwang befreit sein sollten und die Ausübung ihrer Künste mit dem
-Adelsstande für vereinbar erklärt[240]. Allerdings waren schon lange
-vorher einzelnen großen Meistern fürstliche Ehren erwiesen worden. Z.
-B. machten weder Rubens noch Guido Reni Besuche, sondern empfingen nur
-solche im Atelier. Als letzterer aus Bologna nach Rom zurückkehrte, das
-er im Zorn über Honorarschwierigkeiten verlassen hatte, fuhren ihm die
-Wagen der Kardinäle bis Ponte Molle entgegen. Als Bernini die erste
-französische Stadt betrat, wurden ihm deren Schlüssel überreicht, und
-drei Tage vor Paris holte ihn die königliche Sänfte ein[241]. Dagegen
-suchten noch bis ins 18. Jahrhundert Mitglieder der Gilden ihre
-Arbeiten durch Hausieren an den Mann zu bringen, und es verstieß nicht
-gegen den Ehrenkodex, wenn ein Maler oder ein Maler-Kunsthändler sich
-an einer Brücke oder sonst einem öffentlichen Platz mit seinen Bildern
-aufstellte[242].
-
- *
-
-Auch in Griechenland zur Zeit der höchsten Kunstblüte wurde der
-bildende Künstler unter die Handwerker gezählt. Bezeichnend sind
-dafür Plutarchs Worte: „Wir schätzen ein Werk, aber wir verachten
-seinen Schöpfer“ oder: „Kein anständiger junger Mensch, der den Zeus
-in Pisa oder die Hera in Argos sieht, wird sich deshalb wünschen, ein
-Phidias oder Apelles zu sein; denn, wenn uns ein Werk angenehm und
-gefällig ist, braucht darum doch noch keineswegs sein Schöpfer unsere
-Nacheiferung zu verdienen“[243].
-
- *
-
-Wenn uns auch selbst aus dem frühen Mittelalter eine Reihe von
-Künstlernamen überliefert sind[244], so war im allgemeinen doch die
-Person des Schöpfers eines Kunstwerkes von ganz geringer Bedeutung
-gegenüber der, die es +bezahlte+. Wichtiger als die Meister sind
-die Stifter, deren Porträts und Namen sich auf zahllosen Gemälden und
-Skulpturen erhalten haben.
-
-
-
-
-Zwölfter Abschnitt
-
-Religion und Glaube
-
-
-Die sogenannten +Sieben Todsünden+ sind, wie Zielinski
-nachgewiesen hat, aus der heidnischen Astrologie entnommen und haben
-wahrscheinlich durch Vermittlung der stoischen Philosophie ihre
-Ausbildung erhalten. Auch Horaz kennt sie[245].
-
- *
-
-Der Vers 7 in der 1. Epistel Johannis, Kapitel 5, den die Dogmatiker
-als Hauptbeweis für die Lehre von der +Dreifaltigkeit+ brauchen,
-ist nach der Untersuchung des katholischen Theologieprofessors
-Karl Künstle (Das Comma Joanneum, auf seine Herkunft untersucht.
-Freiburg 1905) von dem +Häretiker+ Priscillian im 4. Jahrhundert
-eingeschoben worden!! Von demselben Vers erklärte die Indexkongregation
-1897, daß es nicht gestattet sei, an seinem authentischen Charakter zu
-zweifeln. Künstles Schrift erschien mit bischöflicher Approbation!
-
- *
-
-Demeter, die Mutter des Dionysios, heißt „+heilige Jungfrau+“,
-Isis, die Mutter des Horus, spielt eine besondere Rolle, Sargon, Gudea,
-Asernasipal, Asurbanipal usw. behaupten von sich die Jungfrauengeburt
-von der Göttin Istar, und diese wunderbare Herkunft wird von ihnen
-beansprucht, wiewohl wir ihre wirkliche Herkunft kennen. Das hängt mit
-dem +Tierkreisbild der Jungfrau+ zusammen und der Konstellation
-der Wintersonnenwende. Um Mitternacht am 25. Dezember geht am
-östlichen Punkte des Himmels das Sternbild der Jungfrau auf. Daher die
-Festsetzung der Geburt Christi auf diesen Tag und die Legende seiner
-jungfräulichen Geburt[246].
-
-Heute noch lehrt die römisch-katholische Kirche die +Jungfräulichkeit
-Mariä+ und die +Gottheit Christi+ in dem Sinne, daß Gott
-durch den hl. Geist sein Vater wurde. Letzteres wird auch von der
-protestantischen Kirche noch aufrecht erhalten. Dazu seien zwei Stellen
-des Neuen Testamentes zitiert: Matthäus Kapitel 1 Vers 25: „+Und
-erkannte sie nicht, bis sie ihren ersten Sohn gebar+; und hieß
-seinen Namen Jesus.“
-
-Matthäus Kapitel 13 Vers 55 und 56 lauten: „Ist er nicht eines
-Zimmermanns Sohn? Heißt seine Mutter nicht Maria? Und +seine Brüder
-Jakob und Joses und Simon und Judas+? Und +seine Schwestern+,
-sind sie nicht alle bei uns?“
-
-Die Evangelien sind eben nur unfehlbar, wenn es gewissen Kreisen und
-Institutionen paßt.
-
-Zur +Gotteskindschaft Christi+ finden sich zahlreiche Analogien
-in der Antike. Vom Philosophen Plato war schon zu seinen Lebzeiten die
-Sage aufgekommen, seine Mutter Periktione habe ihn vom Gott Apollo
-empfangen, ebenso war Augustus Apollos Sohn, während Alexanders und
-Scipios Vater Zeus war, der auch den Wundermann Apollonius von Tyana
-gezeugt haben soll. Origines sagt diesbezüglich: „Der einfache Antrieb,
-so etwas von Platon zu erdichten, war, daß man glaubte, ein Mann,
-der mit größerer Weisheit und Kraft als die Durchschnittsmenschen
-ausgestattet war, +müsse auch aus höherem und göttlichem Samen seinen
-leiblichen Ursprung gehabt haben+.“ Die Nutzanwendung daraus auf
-Christus zu ziehen, überließ Origines seinen Lesern[247].
-
-Seit 1870 ist nicht nur Christus von Maria, sondern auch diese von
-ihrer Mutter Anna „unbefleckt“ empfangen worden. Wenigstens hat das
-Vatikanische Konzil diese Feststellung gemacht.
-
- *
-
-Auch von +Buddha+ wird erzählt, daß er von der jungfräulichen
-Königin Maja geboren wurde, in deren Leib das himmlische Geistwesen
-Buddha unbefleckt und unbefleckend einging. Auch bei seiner Geburt
-erstrahlte überirdisches Licht und erschienen Scharen himmlischer
-Geister, die einen Lobgesang anstimmten zum Preise des Kindes, das der
-Welt Heil, aller Kreatur Freude und Frieden bringen, die Feindschaft
-zwischen Gottheit und Menschheit versöhnen werde. Auch hier erkennt ein
-frommer Seher im Kinde den künftigen Erlöser[248].
-
- *
-
-Die +Auferstehung Christi+ nach drei Tagen erinnert an das große
-Auferstehungsfest der Babylonier in Nisan, also etwa gleichzeitig
-mit dem Tode und der Auferstehung Jesu. In feierlichen Prozessionen
-und Riten wurde in Babel in der Frühlingszeit die +Auferstehung
-des Marduk+ gefeiert. Die drei Tage, die Auferstehung Jesu
-gleichzeitig mit Sonnenaufgang, die Feier des „Herrentages“, die
-+Sonnenfinsternis+ bei Jesu Tode, die +Engelerscheinungen+
-zeigen in die Richtung jener babylonischen Gedanken. Auch der
-+Satan+, die +bösen Dämonen+, besonders die sieben bösen
-Geister, sowie Jesu Selbstbezeichnung „der +Menschensohn+“ = „der
-+Mensch+“ weisen nach Babylonien[249].
-
- *
-
-Auch der Hexenwahn ist, wie Friedrich Delitzsch in „Mehr Licht“
-(Leipzig 1907) feststellt, chaldäischen Ursprungs, und zwar genau in
-der Form der römisch-katholischen Kirche. Auch die Verbrennung durch
-Feuer -- durch solche in Effigie ersetzt -- geht auf dieses uralte Volk
-zurück.
-
- *
-
-In Tarsus war schon zur Zeit des Pompejus ein Sitz der von Persien
-ausgegangenen Mithrareligion. In die Mithrareligion wurde man
-durch Weihen aufgenommen, die als ein mystisches Sterben und
-Wiedergeborenwerden sich darstellen, wodurch die Schuld des alten
-Lebens getilgt und ein neues, unsterbliches Leben durch den Geist
-erzeugt werde. Die Geweihten nannten sich deshalb „wiedergeboren für
-ewig“. Die Verwandtschaft dieser Lehre mit der des Apostels Paulus --
-der bekanntlich in Tarsus lebte -- von der christlichen +Taufe+ (Römer
-6) ist schlagend. Auch das hl. +Mahl+, bei welchem das +geweihte
-Brot+ und der +Kelch+ mit Wasser oder Wein als mystische Symbole zur
-Mitteilung des göttlichen Lebens an die Mithragläubigen diente, gehörte
-zu den +Sakramenten+ dieser Religion. Auch hier ist die Parallele mit
-Pauli Lehre vom hl. +Abendmahl+ schlagend[250].
-
- *
-
-Der +Sühnetod Christi+ hat seine Vorläufer in dem des Adonis,
-Attis und Osiris. Bei der Adonisfeier im Frühling wurde zuerst
-sein („des Herren“) Tod und die Bestattung seiner durch ein Bild
-dargestellten Leiche begangen. Am folgenden -- bei der Osirisfeier
-am dritten, bei der Attisfeier am vierten -- Tage erscholl die
-Kunde, daß der Gott lebe, und man ließ ihn, d. h. sein Bild, in die
-Luft aufsteigen. Letztere Zeremonie hat sich in der Osterfeier der
-griechischen Kirche bis heute erhalten. Paulus, der in Antiochia länger
-wirkte, hatte dort diesen Kult zweifellos kennen gelernt. Die Rettung
-des Gottes (Adonis, Attis, Osiris) aus dem Tode, galt als Rettung
-seiner Kultgenossen. In den Mysterien des Attis, der Isis und des
-Mithras wurde durch +symbolisches Sterben+ und +in den Hades
-hinabsteigen+ angedeutet, daß die Gläubigen zur Teilnahme am Leben
-des Gottes gelangen. In einer Mithrasliturgie betet der Geweihte:
-„Herr, wiedergeboren verscheide ich, indem ich erhöhet werde, und da
-ich erhöhet bin, sterbe ich; durch die Geburt, die das Leben zeugt,
-geboren, werde ich in den Tod erlöst und gehe den Weg, wie du gestiftet
-hast, wie du zum Gesetz gemacht und geschaffen hast das Sakrament“.
-Die Ähnlichkeit dieser Vorstellung mit der mystischen des Paulus vom
-Tod und der +Auferstehung Christi+ und vom +Mitsterben und
-Mitauferstehen der auf Christum Getauften+ ist schlagend[251].
-
- *
-
-Bereits im Altertum gab es festbesoldete geistliche Orgelspieler, wie
-aus einer in Rhodus gefundenen, aus dem 3. nachchristlichen Jahrhundert
-stammenden Inschrift hervorgeht. Der Orgelspieler hat zu Ehren des
-Dyonisios Bacchios zu spielen und erhielt dafür jährlich 360 Denare.
-Die besonderen Festlichkeiten „zur Erweckung des Gottes“, die nach
-dem Osirisvorbilde alle zwei Jahre gefeiert wurden, hatten größte
-Ähnlichkeit mit der Karsamstagzeremonie vieler katholischer Kirchen.
-Bei diesen Festlichkeiten dürfte der Orgelspieler seine Kunst geübt
-haben[252].
-
- *
-
-Die römische Kirche nennt sich heute noch die „Katholische“, also
-+allgemeine+, wiewohl nur etwa ein Drittel der Erdbewohner
-Christen sind, von diesen aber etwa 120 Millionen „orthodox“ und
-etwa 170 Millionen protestantisch, während der römisch-katholischen
-Kirche nur etwa 260 Millionen, also +nicht einmal die Hälfte
-der Christenheit+ angehören und nur +ein Sechstel der ganzen
-Menschheit+[253]!
-
- *
-
-Die Kirche lehrt heute noch u. a. folgendes:
-
-„Maria hatte schon den freien Gebrauch des Verstandes, +bevor sie das
-Licht der Welt erblickte+, im Schoß ihrer Mutter Anna. Wir dürfen
-annehmen, daß sie schon ungeboren weit mehr von Gott wußte und vom
-Jenseits, von des Menschen Ziel und Ende, von den Mitteln, das Ziel zu
-erreichen, als die größten Geister nach jahrelangem Denken, Studieren
-und Beten wissen[254].“
-
- *
-
-Der Kardinal und Fürsterzbischof von Salzburg erließ am 2. Februar
-1905 einen Hirtenbrief, in dem folgende Stellen über die Macht des
-Priesters vorkommen: „Wo auf der ganzen Erde ist eine Gewalt, welche
-dieser Gewalt gleichkommt?“ Die Gewalt der Fürsten und Könige wird
-durch sie übertroffen. Aber wo ist selbst im Himmel eine solche
-Gewalt?: „Wenn du dort dich umschaust, so siehst du die Schar der
-Patriarchen und Propheten, der Märtyrer und Blutzeugen und die Scharen
-der hl. Jungfrauen und dann die Engel und Erzengel und die Throne und
-Herrschaften -- können sie dich lossprechen von deinen Sünden? Nein...
-selbst Maria, die Gottesmutter, die Königin des Himmels, sie kann es
-nicht... O unbegreiflich hohe Gewalt! +Der Himmel läßt sich von
-der Erde die Art und Weise zu richten vorschreiben+, der Knecht
-ist Richter auf der Welt, und der +Herr bestätigt im Himmel das
-Urteil+, das jener auf der Erde fällt.“
-
-Der Priester besitzt die Gewalt, Brot und Wein in den +wahren
-Leib+ und das +wahre Blut Christi+ zu verwandeln: „Christus,
-der eingeborene Sohn Gottes des Vaters, durch den Himmel und Erde
-geschaffen sind, der das ganze Weltall trägt, ist dem katholischen
-Priester hierin zu Willen.“ +Christus+ hat „dem +katholischen
-Priester über Sich+, über Seinen Leib, Sein Fleisch und Blut,
-Seine Gottheit und Menschheit +Gewalt gegeben+ und +leistet dem
-Priester Gehorsam+[255],“ d. h., er läßt sich von ihm verspeisen.
-
- *
-
-Noch heute steht für die römisch-katholische Kirche die Existenz
-eines +wahrhaftigen Teufels+ fest. Am 13. und 14. Juli 1891 hat
-der Pater Aurelian vom Wemdinger Kapuzinerkloster nach eingeholter
-Erlaubnis der Bischöfe von Augsburg und Eichstätt mit eigener Hand
-den Teufel aus einem besessenen Knaben ausgetrieben und einen
-„authentischen Bericht“ über den ganzen Vorgang am 15. August 1891
-im Klosterarchiv niedergelegt. Darin erklärt Pater Aurelian u. a.
-wörtlich: „+Wer die Besessenheit in unsern Tagen leugnen wollte, der
-bekennt hiermit, daß er abgeirrt ist von der Lehre der katholischen
-Kirche+[256].“
-
- *
-
-In den katholischen und protestantischen Schulen wird heute noch
-gelehrt, daß Gott +in sechs Tagen die Erde aus nichts schuf+, daß
-+Adam aus Lehm, Eva aus einer Rippe+ gemacht wurde, kurz die ganze
-biblische Schöpfungsgeschichte, und zwar nicht etwa als Mythus oder zur
-Veranschaulichung für die kindlich naive Art, in der man sich vor 2½
-Jahrtausenden diese gewaltigen und restlos wohl nie löslichen Probleme
-klarzumachen suchte, sondern alles als +buchstäbliche, geoffenbarte
-Wahrheit+. Wer schon etwas geweckter ist und daran zweifelt,
-riskiert eine ungenügende Religionsnote, die Versetzung in höhere
-Klassen ausschließt. So erziehen Staat und Kirche zu Überzeugungstreue
-und Wahrhaftigkeit!
-
- *
-
-Eine erbauliche Geschichte, die heute noch -- neben mancher
-gleichwertigen -- in den Volksschulen gelesen wird, ist die von der
-+Volkszählung Davids+ (2. Buch Samuelis, 24. Kap.): Gott hat den
-König David angereizt, Israel und Juda zu zählen, worauf der König dies
-Geschäft seinem Feldherrn Joab übertrug. Trotz der Gegenvorstellungen,
-die jener erhob, blieb David -- wie ja mit Rücksicht auf den hohen
-Auftraggeber selbstverständlich -- bei seinem Befehl, und so ging die
-Volkszählung im ganzen Lande vonstatten. Als sie aber vorüber war,
-bekam der König Gewissensbisse und betete zu Gott: „Ich habe schwer
-gesündigt, daß ich das getan habe, und nun, o Gott, nimm hinweg die
-Missetat deines Knechtes, denn ich habe sehr töricht gehandelt.“ Gott
-aber ließ David die Wahl zwischen dreierlei Heimsuchungen: „Willst
-du, daß sieben Jahre Hungersnot in dein Land kommen? Oder daß du drei
-Monate lang verfolgt von deinen Feinden fliehen müssest? Oder daß drei
-Tage Pestilenz in deinem Lande sei?“ Der König, landesväterlich wie er
-nun einmal war, wählte die Pestilenz, der 70000 aus dem Volke erlagen.
-Dann erlosch die Seuche. Nun dämmerte es David -- der, man bedenke,
-die Volkszählung +auf Gottes Befehl+ ausführen läßt und dann sein
-Volk, zur Strafe für seinen Gehorsam, aufopfert, weil er selbst die
-Konsequenzen nicht tragen will -- daß er doch jedenfalls eher etwas
-verschuldet habe als sein Volk, und er sprach zu Gott: „Siehe, ich
-habe die Missetat begangen, aber diese Schafe (nämlich das Volk, das
-nicht ohne Grund in der Bibel immer so genannt wird), was haben sie
-getan? Laß doch deine Hand wider mich und meines Vaters Haus sein.“ Er
-wurde aber nicht weiter bestraft, und die Sache war erledigt.
-
-Auf diese Weise wird in den Volksschulen ad oculos die Gerechtigkeit
-Gottes demonstriert, desgleichen die Herrschertugenden Davids und die
-kulturelle Höhe des „auserwählten“ Volkes, dessen Gesetze uns heute
-noch vorgehalten werden. Das Beispiel taugte besser zum Beweise für
-die Rückständigkeit und Barbarei des jüdischen Aberglaubens und -- die
-Verbohrtheit der modernen religiösen Erziehung[257].
-
- *
-
-Herr Commer, unrühmlich bekannt durch sein Verhalten in der
-Schellaffäre, hat die Erdbeben als „Grollen des Satans“ erklärt, steht
-auf dem Standpunkt der Bautzschen Höllentheorie, leugnet die Umdrehung
-der Erde um die Sonne, spricht dem Foucaultschen Pendelversuch die
-Beweiskraft ab, lehrt die Erschaffung der Welt in 6 Tagen à 24 Stunden
-und verteidigt die Hexenverbrennung. Trotzdem oder wohl deshalb ist
-er päpstlicher Prälat, Doktor der Theologie und Jurisprudenz und
-ordentlicher Universitätsprofessor in Wien, und zwar das alles im 20.
-Jahrhundert[258].
-
- *
-
-Gegen die Eherechtsreformer in Österreich, die Aufhebung des bisherigen
-mittelalterlichen Gesetzes erwirken wollen -- dort ist heute noch die
-Ehescheidung (nach deutscher Terminologie) unzulässig, die getrennten
-Gatten aber müssen bis zum Tode des anderen ledig bleiben; ein
-kostbares Vermächtnis aus der klerikal-feudalen Vergangenheit -- wird
-heute noch als gewichtigstes Argument angeführt, daß -- +Gott+
-selbst im +Paradiese+ die Ehe zwischen Adam und Eva als unlösliche
-Institution eingesetzt habe!!![259]
-
- *
-
-Heute noch wird gelehrt, daß die Menschheit durch den Sündenfall
-sich die Strafen der Hölle und des Fegefeuers zugezogen hätte.
-„Der allmächtige Gott hat nämlich den Menschen zuerst schwach und
-unvollkommen geschaffen und ihn sodann verantwortlich gemacht. Der
-allwissende Gott hat Adam und Eva einer Probe unterworfen, von der er
-natürlich voraus wußte, daß sie sie nicht bestehen würden. Und als dann
-dieser Fall wirklich eingetreten war, hat der allgütige und gerechte
-Gott dafür nicht bloß sie selbst, sondern auch alle ihre Nachkommen
-mit ewiger Verdammnis bestraft. So entstand die Erbsünde. Und auf eine
-gleich klare und überzeugende Weise wurde die Menschheit auch wieder
-von ihr erlöst.“[260]
-
- *
-
-Durch den Syllabus Papst Pius IX., der natürlich heute noch zu Recht
-besteht, wurden unter anderem folgende „Irrtümer“ +verdammt+:
-
-§ 12. „Die Dekrete des apostolischen Stuhles und der römischen
-Kongregationen hindern den freien Fortschritt der Wissenschaft.“
-
-§ 18. „Der Protestantismus ist nichts anderes, als eine verschiedene
-Form derselben christlichen Religion, in welcher es ebensogut möglich
-ist, Gott zu gefallen, wie in der katholischen Kirche.“ Damit wird also
-dem Protestantismus die Qualität einer christlichen Kirche abgesprochen!
-
-§ 45. „Die ganze Leitung der öffentlichen Schulen, in denen die
-Jugend eines christlichen Staates erzogen wird, nur die bischöflichen
-Seminarien in einiger Beziehung ausgenommen, kann und muß der
-Staatsgewalt zugewiesen werden, und zwar so, daß keiner anderen
-Autorität irgendein Recht, sich in die Schulzucht, in die Ordnung der
-Studien, in die Verleihung der Grade und die Wahl oder Approbation
-der Lehrer zu mischen, zuerkannt werden kann.“ Also geistliche
-Schulaufsicht und Aufsicht über die Universitäten wird heute noch
-gefordert!
-
-§ 53. „... die staatliche Regierung kann sogar allen Hilfe leisten,
-welche den gewählten Ordensstand verlassen und die feierlichen Gelübde
-brechen wollen.“
-
-§ 74. „Ehesachen und Verlobungen gehören ihrer Natur nach vor das
-weltliche Gericht.“
-
-§ 77. „In unserer Zeit ist es nicht mehr nützlich, daß die katholische
-Religion unter Ausschluß aller anderen Kulte als einzige Staatsreligion
-gelte.“
-
-§ 78. „Es ist daher zu loben, daß in gewissen katholischen Ländern
-gesetzlich verordnet ist, daß den Einwanderern die öffentliche Ausübung
-ihres Kultus, welcher er auch sei, gestattet sein solle.“ Also heute
-noch fordert das Papsttum vom Staate, daß er zwar die Erziehung der
-eigenen Jugend nicht leiten darf, +aber allen Andersgläubigen
-Religionsfreiheit versagt+[261].
-
-Die Sätze 19, 23, 24 und 27 dieses Syllabus beweisen das Verlangen
-auch +heute noch+, die Ketzer zu vernichten. Im kanonischen Recht
-besteht noch +Todesstrafe+ für Häresie, wie auch jeder Bischof dem
-Papst schwören muß, die Ketzer zu verfolgen.[262]
-
- *
-
-Ein Kulturkuriosum ersten Ranges ist der Syllabus Pius X. vom 4. Juli
-1907, ein noch größeres, daß es sogar gebildete Menschen gibt, die
-sich darum kümmern! Durch diese zwar nicht „unfehlbare“, aber doch
-durch die gewaltige Autorität des Papsttums gestützte Entscheidung wird
-+die Kirche als höchste Instanz bei Entscheidung wissenschaftlicher
-Fragen, selbst solcher rein profaner Art, proklamiert+. Nach § 7
-kann die Kirche, wenn sie „Irrtümer“ verwirft, sogar die +innere
-Zustimmung+ von den Gläubigen verlangen, also nicht nur äußeren
-Gehorsam. Die ganze moderne Bibelwissenschaft wird verdammt, besonders
-aber im § 11 ausdrücklich konstatiert, daß die göttliche Inspiration
-sich in der Weise über die gesamte heilige Schrift erstreckt, daß sie
-+alle ihre einzelnen Teile vor jedem Irrtum bewahrt+! Der folgende
-§ verbietet ausdrücklich, die Bibel so auszulegen wie andere Bücher
-menschlichen Ursprungs.
-
-Die §§ 20-26 verurteilen die wissenschaftlich festgestellte Diskrepanz
-zwischen den historischen Tatsachen und den kirchlichen Dogmen, die
-folgenden die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung über die
-Person Christi. Endlich wird die +genetische Entwicklung+ des
-Sakramentenwesens +verworfen+, z. B. im § 44 behauptet, daß schon
-die +Apostel das Sakrament der Firmung anwandten+, desgleichen
-die der kirchlichen Verfassung und Verwaltung, sowie die der Lehre.
-Den Schluß aber bildet die Konstatierung, daß +die bisherigen
-theologischen Lehren und Anschauungen nicht revisionsbedürftig
-seien.+
-
-Wer unbefangen den Syllabus liest, wird mit fast allem einverstanden
-sein, bis er erfährt, daß vor jedem ein „verdammt wird die Behauptung“
-zu denken ist.
-
- *
-
-Zur Zeit der Kreuzzüge war +bei der Taufe völlige Nacktheit
-erforderlich+. Und zwar erstreckte sich diese auch auf die Damen der
-„Heiden“ bzw. Mohammedaner, denen beizuwohnen den christlichen Rittern
-sicherlich Vergnügen bereitete[263].
-
- *
-
-Der Beichtvater hatte das Recht, sein Beichtkind zu schlagen. Auch die
-heilige Elisabeth mußte sich von ihrem Beichtvater Konrad von Marburg
-solche Züchtigung gefallen lassen.
-
- *
-
-Die fromme Nonne Juliane, die in dem Kloster auf dem Berge Coreillon
-bei Lüttich lebte, hatte einst eine seltsame Erscheinung: beim Beten
-sah sie regelmäßig den vollen Mond mit einer kleinen Lücke. Von
-autoritativer Seite wurde diese Vision auf die natürlichste Weise
-erklärt: der Mond stelle die Kirche, die +Lücke aber den Mangel
-eines Festes zur Feier der Einsetzung des heiligen Abendmahles+
-vor. Diese Interpretation war so evident, daß sich der Bischof Robert
-von Lüttich, von den Archidiakonen Johannes und Jacobus Pantaleon
-und anderen Theologen aufgeklärt, ihrer Logik nicht entziehen konnte.
-So ordnete er denn 1246 die Feier des so dringend gebotenen Festes in
-seinem Bistum an. Als jener Pantaleon 1261 als Urban IV. den Stuhl
-Petri bestiegen hatte, verordnete er -- 1264 -- durch eine Bulle die
-Feier in der ganzen katholischen Kirche. Noch heute wird bekanntlich
-+Fronleichnam+ alljährlich mit größtem Pompe begangen[264].
-
- *
-
-Kaiserin +Barbara+, Gemahlin Sigismunds, starb am 11. Juli
-1451 an der Pest. Sie war häufig im Ehebruch von Sigismund ertappt
-worden, da dieser selbst aber nichts weniger als treu war, verzieh
-er ihr jedesmal. Als Witwe lebte sie in Melnik bei Königgrätz „unter
-einem Schwarm von Buhlknaben und Beischläfern“. Messalinen hat es
-immer gegeben, deshalb ist dieser Lebenswandel nicht sonderlich
-verwunderlich, wenn es auch nichts Alltägliches ist, wenn eine deutsche
-Kaiserin verzehrt von unersättlicher Sinnlichkeit -- wie Enneas Sylvius
-bezeugt -- den Männern nachläuft. Desto bemerkenswerter ist Barbaras
-+krasser Materialismus+. „So weit sank sie in ihrer wahnsinnigen
-Verblendung, daß sie heilige Jungfrauen, die für den Glauben an Jesu
-den Tod erlitten, öffentlich Törinnen schalt, welche die Freuden der
-sinnlichen Lust nicht zu genießen verständen ... Sie leugnete auch, daß
-es nach diesem Leben ein anderes gäbe, und behauptete im Ernst, daß die
-Seelen mit den Körpern zugrunde gingen“[265].
-
- *
-
-In „Aucussin und Nicolette“ läßt schon einige Jahrhunderte früher die
-reizende „Chantefable“ den Helden auf die Mahnung, sein Seelenheil
-nicht aufs Spiel zu setzen, antworten: „Was habe ich denn im Paradies
-zu tun? Ich will gar nicht ins Paradies, aber meine liebste Nicolette
-will ich. Ins Paradies gehören alte Priester und Bettler, die stets vor
-dem Altar herumgelegen haben, in häßlich schmutziger Kleidung, halb tot
-vor Hunger und Kälte; die gehören ins Paradies! Was hab +ich+ mit
-ihnen zu schaffen? -- Aber in die Hölle will ich, wo die Dichter sind
-und die Ritter, die im Turnier oder im Kriege starben, wo die schönen
-Frauen sind, die zwei Freunde hatten oder drei mit ihrem Eheherrn,
-dort glänzt Gold und Silber, dort prangen edle Pelze und Hermeline,
-dort sind Harfner und Spielleute und die Könige dieser Welt. Mit
-+ihnen+ will ich sein und Nicolette, meine süße Freundin, bei mir
-haben[266].“
-
-Heine kleidete bekanntlich denselben Gedanken in die Worte: Den Himmel
-überlassen wir den Engeln und den Spatzen.
-
- *
-
-Im Jahre 1905 erschien in zweiter Auflage mit kirchlicher Approbation
-in Mainz ein Werk von Dr. Joseph Bautz, a. o. Professor der Theologie
-an der kgl. Universität zu Münster, „Die Hölle“ betitelt. In diesem
-grundgelehrten von profunder Weisheit strotzenden Buche wird eingehend
-Dasein, Ort und Dauer der Hölle ergründet. Er kommt dabei besonders S.
-36 ff. zu dem Resultate, daß sie im Innern unserer Erde liege, aber
-das genügt dem kühnen Entdecker nicht, er geizt nach höheren Lorbeern.
-Und das ist gut so, denn nur durch diese laudum immensa cupido ist
-es zu erklären, daß Bautz sich das unsterbliche Verdienst erwirbt,
-sogar eine +Topographie der Hölle+ festzustellen. Es gibt vier
-unterirdische receptacula, von denen die eigentliche Hölle am untersten
-liegt, während der sinus Abrahae „in höherer und würdigerer Lage sich
-befindet. Dafür spricht auch der Umstand, daß der reiche Prasser,
-um den Lazarus zu schauen, seine Augen +aufhob+. Der limbus
-puerorum liegt in der Nähe des sinus Abrahae in einiger Entfernung
-von der eigentlichen Hölle und wird wie letzterer von ihren Flammen
-nicht berührt. Das Fegefeuer aber befindet sich wohl in unmittelbarer
-Nähe der Gehenna, weil viele Theologen mit dem h. Thomas behaupten,
-das Feuer des Purgatoriums sei mit dem der Hölle ganz identisch. Dazu
-kommt, daß die unmittelbare Nähe der Hölle um so mehr zur Betrübnis,
-zur Verdemütigung und Läuterung der armen Seelen gereichen muß. Und
-mögen diese Seelen auch durch die Gnade den erbsündigen Kindern an
-Würde überlegen sein, für die Zeit ihrer Läuterung gebührt ihnen doch
-schärfere Züchtigung und deswegen auch ein niederer Ort.“
-
-Der sinus Abrahae ist zur Zeit unbewohnt, nach der Auferstehung wird es
-auch das Fegefeuer sein. Die im limbus puerorum wohnenden Kinder werden
-dann eine andere Behausung zugewiesen erhalten.
-
-Daß die Hölle etwa zu klein für unsere sündigen Seelen sein sollte,
-braucht uns nicht zu besorgen, denn wenn sie auch zur Zeit -- trotz
-Freimaurerei, Liberalismus und Freigeisterei -- wie der gelehrte
-Verfasser ermittelte, nur wenig umfangreich ist, so hat doch Lessius
-berechnet, „daß ein ganz geringer, verschwindender Teil des Erdinnern
-hinreicht, um eine geradezu fabelhafte Anzahl von Menschen aufzunehmen“.
-
-Nicht hoch genug kann das Verdienst des Höllentopographen veranschlagt
-werden dafür, daß er für die +Vulkane+ eine überzeugende und
-einfache Erklärung gefunden hat. Sie sind -- +Schlote der Hölle+!
-So ist auch die Lösung dieses Rätsels dem 20. Jahrhundert gelungen.
-Zeppelin und Bautz können sich in berechtigtem Stolze die Hände reichen.
-
-Dieses Buch kann sich, wie der Verfasser im Vorwort zur zweiten Auflage
-mit Genugtuung konstatiert, der Zustimmung zahlreicher Theologen, auch
-protestantischer, erfreuen. Ja, sogar seinen +Plagiator+ hat Bautz
-gefunden!!!
-
-Da es haarsträubenderweise „aufgeklärte Geister gibt, für welche Hölle
-und Teufel Märchen sind“, die sogar an Bautz’ Höllentheorie, an den
-„grausigen Flammen, die hart unter unseren Füßen drohend lodern“, zu
-kritteln wagen, muß er ihnen gegenüber Stellung nehmen. Er tut es
-in der vornehmen Sachlichkeit und bescheidenen Würde, die sein als
-Kulturkuriosum unschätzbares Werk auch sonst auszeichnen.
-
-„Glücklicherweise gehören derartige Intelligenzen nicht zu den Quellen,
-aus denen der katholische Theologe zu schöpfen, auch nicht zu den
-Auktoritäten, deren Urteil für ihn irgend einen Wert hat.“ Ja, Bautz
-kann auch scharf sein, aber nur um der guten Sache willen.
-
- *
-
-Im Jahre 1902 erließ der preußische evangelische Oberkirchenrat
-eine Verordnung, die eine einheitliche Regelung des Lernstoffes
-für den evangelischen Schul- und Konfirmandenunterricht
-durch die Provinzialkonsistorien unter Vereinbarung mit den
-Provinzialschulkollegien und den Regierungen anordnete. Sie ist
-jetzt in allen Provinzen durchgeführt worden. Danach müssen die
-Kinder folgendes auswendig lernen: 20-40 Sprüche aus dem Alten,
-100-110 Sprüche aus dem Neuen Testament, 6 Psalmen, 20 Kirchenlieder
-und den Wortlaut der 5 Hauptstücke des lutherischen Kleinen
-Katechismus. Das sind in Summa +mindestens+ 180 +Bibelverse+ und 180
-+Kirchenliederstrophen+, die die Kinder sich +wörtlich+ einprägen
-müssen. Auf dem Lande sind es meistens noch viel mehr, da damit ja nur
-das Mindestmaß an geistiger Atzung fixiert ist.
-
-Der religiöse Memorierstoff der Berliner Gemeindeschule fordert laut
-Lehrplan 121 Kirchenliederverse, 110 Bibelsprüche, den Wortlaut der
-ersten drei Hauptstücke des lutherischen Katechismus, ferner fünf
-Psalmen mit zusammen 45 Versen, das alles von 10-11+jährigen Kindern+!
-Diese Weisheit wird in sechs Wochenstunden, denen nur zwei Stunden für
-Rechnen gegenüber stehen, eingetrichtert. Wer da nicht fromm wird, dem
-ist einfach nicht zu helfen[267].
-
- *
-
-Im Jahre 1885 „bekehrte“ sich der in Frankreich sehr bekannte
-Schriftsteller und Freidenker +Leo Taxil+. Der päpstliche Nuntius in
-Paris nahm ihn sofort unter seine besondere Obhut und forderte ihn auf,
-mit seiner Feder hinfort für die Kirche Gottes zu kämpfen.
-
-Das tat er auch und seiner emsigen Feder entströmten eine Reihe von
-Werken, die zwar an Wahnwitz und Teufelsspuk das Tollste enthielten,
-was die Phantasie aushecken konnte, nichts desto weniger oder
-vielleicht auch deshalb den Beifall der katholischen Presse, den der
-Geistlichkeit, ja sogar die Zustimmung des Papstes Leo XIII., der alle
-las, und enorme Verbreitung fanden. Doch das genügte dem Pfiffikus
-nicht, und so vereinigte er sich denn mit einem Dr. Karl Hacks, um
-durch etwas noch Großartigeres zu beweisen, was hundert Jahre nach
-Kant, im Zeitalter der Naturwissenschaften und der Technik gläubigen
-Gemütern alles aufgetischt werden konnte. Unter dem Namen Dr. Bataille
-schrieb dieser das Buch „Le Diable au 19. siècle“, dessen erste
-Lieferung am 29. September 1892 erschien. Es ist ein in Romanform
-geschriebenes Reisewerk, worin Dr. Hacks die verschiedenen Länder, die
-er bereist hat, beschreibt unter dem Gesichtspunkt des +Teufelskultus+,
-der in ihnen getrieben wird.
-
-So sieht der Verfasser z. B. beim Satanspapst Pike ein teuflisches
-Telephon, durch welches er den sieben großen Direktorien, Charleston,
-Rom, Berlin, Washington, Montevideo, Neapel und Kalkutta seine
-Weisungen übermittelt.
-
-Mit Hilfe eines magischen Armbandes kann Pike den Luzifer jeden
-Augenblick herbeirufen. Eines Tages nahm Satan Pike sanft auf seine
-Arme und machte mit ihm eine Reise auf den +Sirius+(!). In wenigen
-Minuten waren über 50 Millionen Meilen zurückgelegt. Nach Besichtigung
-des Sternes langte Pike in den Armen Luzifers wohlbehalten wieder in
-seinem Arbeitszimmer in Washington an.
-
-In London wird durch diabolische Künste ein Tisch zum Plafond gebracht
-und in ein +Krokodil+ verwandelt, das sich +ans Klavier setzt,
-fremdartige Melodien spielt+ und die +Hausfrau durch ausdrucksvolle
-Blicke in Verlegenheit bringt+! In diesem Stile geht es weiter.
-
-Ein zweiter Mitarbeiter Taxils war der Italiener Margiotta, der im
-Jahre 1894 das Buch „Adriano Lemmi, chef supréme des Franc-Maçons“
-schrieb. Er verdiente damit in wenigen Monaten 50000 Frs. und der
-ultramontane Verlag von Schöningh in Paderborn beeilte sich, mit
-diesem Erzeugnis die deutschen Katholiken zu beglücken. Er erzählt,
-daß der Teufelspapst Memmi im Palazzo Borghese zu Rom einen förmlichen
-Satansdienst eingerichtet habe. Er ließ ein Kruzifix mit nach unten
-hängendem Christuskopf unter dem Rufe „Ehre dem Satan“ bespeien,
-durchbohrte bei jedem Briefe, den er an seinem Schreibtisch schrieb,
-Hostien, die aus katholischen Kirchen entwendet waren, mit einer
-Bohrfeder, ließ bei allen Banketten der Freimaurer Satanshymnen singen
-und besondere Räume für Mopsschwestern (Frauenloge, deren Ritual
-Taxil in seinen „Dreipunktbrüdern“, Verlag der Bonifatius-Druckerei
-zu Paderborn, eingehend beschreibt) einrichten, mit denen die Brüder
-Orgien feierten. Dabei tritt Bataille die obscönsten Dinge mit Behagen
-breit, in dem er sich auf höhere Weisung beruft: „Wir gehorchen ohne
-Hintergedanken den Befehlen des Heiligen Vaters, der will, daß wir der
-Freimaurerei die Maske abreißen, mit der sie sich verhüllt, und sie so
-zeigen, wie sie ist.“
-
-Damit nicht genug, ließ Taxil mit Hacks vom Juli 1895 bis Juni 1897
-in Paris das Lieferungswerk „Miß +Diana Vaughan+. Mémoires d’une
-Expalladiste. Publication mensuelle“ erscheinen. Es waren die Memoiren
-eines früher dem Teufel verschriebenen, jetzt bekehrten jungen Mädchens
-mit ihren eigenen Worten geschildert und -- wie die Dame selbst --
-natürlich von den beiden Witzbolden erfunden.
-
-Wie nicht anders zu erwarten, fanden die Memoiren in der katholischen
-Welt reißenden Absatz und begeisterte Lobredner. Sie verdienten es
-aber auch. Miß Vaughan war nämlich am 29. Februar 1874 geboren als
-Frucht einer Verbindung ihrer Mutter mit dem Teufel +Bitru+, dem sie
-schon als kleines Kind geweiht wurde. Als sie mit 10 Jahren „Meister“
-der Palladistenschule zu Louisville in Amerika wurde, brachte der
-Oberteufel Asmodeus außer 14 Legionen Unterteufeln auch den +Schwanz
-des Löwen des Evangelisten Markus mit, den er selbst ihm abgeschnitten
-hatte+. Dieser Löwenschwanz legte sich Diana um den Hals und gab ihr
-einen Kuß! usf., folgt eine Geschichte immer haarsträubender als die
-andere. So von der Sophie Walder, die am 23. September 1863 als Tochter
-Bitrus geboren, +von ihm gesäugt+ und dann verführt wurde, so daß Bitru
-+ihr gegenüber als Vater, Amme und Gatte sich vorstellt+!
-
-Noch im Dezember 1895 konnte die „+Germania+“ in mehreren
-Sonntagsbeilagen diese erbaulichen Geschichten ihren Lesern
-als +Wahrheit+ erzählen! Die +Stimmen aus Maria Laach+, die
-+Historisch-Politischen Blätter+ und andere angesehene katholische
-Organe blieben dahinter nicht zurück. Die Spekulation des Kleeblattes
-auf die, welche nicht alle werden, hatte durchschlagenden Erfolg.
-
-Auf einen Brief Taxils, den er als „Miß Vaughan“, Tochter Bitrus, an
-den Kardinalvikar von Rom, den Kardinal Parochi schrieb, in dem er ihm
-seine „Eucharistische Novene“ und 500 Francs übersandte, antwortete
-dieser:
-
- „Rom, den 16. Dezember 1895.
-
- Mein Fräulein und liebe Tochter in unserm Herrn!
-
-Mit lebhafter und süßer Rührung habe ich Ihr Schreiben vom 29. November
-zugleich mit dem Exemplar der „Eucharistischen Novene“, erhalten.
-Zunächst bescheinige ich den Empfang der mir gesandten Summe von 500
-Frs., von denen 250 nach Ihrer Bestimmung für das Organisationswerk des
-nächsten Antifreimaurerkongresses verwandt werden. Die andere Hälfte
-in die Hände Seiner Heiligkeit für den Peterspfennig zu legen, ist
-mir eine Freude gewesen. Sie (Seine Heiligkeit) hat mich beauftragt,
-Ihnen zu danken und Ihnen seinerseits einen +ganz besonderen Segen
-zu schicken... Ihre Bekehrung ist einer der herrlichsten Triumphe der
-Gnade, die ich kenne+. Ich lese in diesem Augenblick Ihre Memoiren,
-die von einem brennenden Interesse sind...“
-
-Am 27. Mai 1896 schrieb der päpstliche Geheimsekretär Rod. Verzichi an
-die famose „Miß Vaughan“ auf ausdrücklichen Befehl Seiner Heiligkeit,
-daß der Papst „mit großem Vergnügen“ die Eucharistische Novene gelesen
-habe.
-
-Vom 26. September bis 1. Oktober 1896 tagte der Antifreimaurerkongreß
-in Trient, unterstützt durch 22 Kardinäle, 23 Erzbischöfe und 116
-Bischöfe und durch einen besonderen Segen Leos XIII. gestärkt.
-Schon im August war Leo Taxil als einer der Vorstände des
-Zentralexekutivkomitees des Antifreimaurerbundes vom Papste in
-besonderer Audienz empfangen worden.
-
-Am 29. September hielt im Angesicht des versammelten Kongresses der
-Abbé de Bessonies eine Rede, in der er mit Nachdruck aussprach, daß das
-antifreimaurerische Frankreich +alles das für wahr halte und fest
-glaube+, was er über die Echtheit der Vaughanenthüllungen vortrage.
-Leo Taxil ergriff selbst das Wort und wurde begeistert wegen seiner
-Verdienste um die Kirche gefeiert!
-
-Am 19. April 1897 erklärte Taxil im Sitzungssaale der Gesellschaft für
-Erdkunde zu Paris sein ganzes bisheriges Tun und Treiben, seine Bücher
-und Schriften, sei +ein einziger, großer, mit vollem Bewußtsein
-von ihm begonnener und fortgesetzter Schwindel+! Er schloß seine
-Rede mit den an die zahlreich versammelten katholischen Geistlichen
-und Journalisten gerichteten Worten: „Meine hochwürdigen Väter, ich
-danke aufrichtig den Kollegen der katholischen Presse und unsern
-Herrn Bischöfen dafür, daß sie mir so trefflich geholfen haben, meine
-schönste und größte Mystifikation zu organisieren[268].“
-
-
-
-
-Dreizehnter Abschnitt
-
-Die „Hexen“ oder Ecclesia non sitit sanguinem!
-
-
-Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts etwa bekämpfte die katholische
-Kirche den Hexenglauben oder war ihm gegenüber wenigstens sehr
-skeptisch. Der „engelgleiche Doktor“ Thomas von Aquino, heute noch
-größte Autorität der Kirche, bildete dann die unflätige Theorie von
-den incubus und succubus aus, die nur als Wirkung des Zölibates zu
-verstehen ist, und dieser Wahnwitz imponierte so gewaltig, daß nicht
-zum wenigsten auf diese Autorität hin die Kirche die systematische
-Hexenverfolgung betrieb. Heute behaupten Apologeten, daß die Kirche für
-die Hexenprozesse keine Verantwortung habe, denn sie ist ja bekanntlich
-unfehlbar. In der Abschwörungsformel aber, die der berüchtigte Malleus
-maleficarum, der Hexenhammer, für die nicht an Hexerei Glaubenden
-aufstellt, heißt es: „+Der Unglaube an Hexerei verstößt ausdrücklich
-gegen die Entscheidung der heiligen Mutter, der Kirche, aller
-katholischen Lehren+ und der kaiserlichen Gesetze. Die Entscheidung
-zweifelhafter Dinge im Glauben steht vor allem bei der Kirche und
-vornehmlich beim Papste; +von der Kirche aber ist gewiß, daß sie nie
-im Glauben geirrt hat+.“
-
-Als der Professor der Theologie Cornelius Loos, ein eifriger
-Katholik, 1591 den Hexenwahn bekämpfte, ließ ihn der päpstliche
-Nuntius Frangipani in Trier +einsperren+ und +zwang ihn zum
-Widerruf+. Unter anderem mußte er anerkennen, daß seine Behauptung,
-die Hexenausfahrten seien eine Täuschung, +stark nach Ketzerei
-rieche+. Der Jesuit Delrio fügt hinzu: „Mögen die Anhänger des Loos
-erfahren, wie vermessen und schädlich es sei, die Delirien eines Weier
-(der ebenfalls den Hexenwahn bekämpfte) dem Urteil der +Kirche+
-vorzuziehen[269].“
-
- *
-
-Daß die Intelligenz unter kirchlicher Ägide wenigstens in diesem Punkte
-zunahm, wird sich schwerlich behaupten lassen! Wundervoll aber ist eine
-Unfehlbarkeit, die offensichtlich sogar fortbesteht, wenn das konträre
-Gegenteil zu verschiedenen Zeiten gelehrt wird!
-
- *
-
-Der Kirche war es vorbehalten, den im 15. Jahrhundert nur mehr
-schwach im Volke vertretenen Hexenglauben durch den Hexenhammer
-+frisch zu beleben+. Schon damals gab es Leute, die -- zur
-Entrüstung der beiden wackeren Dominikaner und Theologieprofessoren
-Institoris und Sprenger, den Verfassern des „Hexenhammers“ -- zu
-behaupten wagten, es gebe keine andere Hexerei auf der Welt, als im
-Glauben der Menschen. Gegen diese auf Humanismus und fluchwürdige
-Emanzipation von der unfehlbaren kirchlichen Lehre zurückzuführende
-Ketzerei, hinter der das Schrecklichste zu vermuten war, das jemals
-der mittelalterlichen Kirche drohte: der gesunde Menschenverstand,
-mußte natürlich energisch vorgegangen werden. Papst Innozenz VIII. --
-welche Ironie liegt allein in diesem Namen! -- erließ am 5. Dezember
-1484 die Bulle „Summis desiderantes affectibus“, ein erhabenes Dokument
-wahrhaft väterlicher Liebe, gedacht im Geiste Christi. Die Unzucht mit
-dem Teufel, Teufelsbeschwörung, Verhinderung der Zeugungskraft bei
-Männern und der Empfängnis bei Weibern, Impotenz etc. sind darin als
-Hexenwerk gebrandmarkt. Die +Gegner der Verfolgungen+, seien sie
-noch so hohen Standes, sind mit +Bann und Interdikt zu belegen+
-und nötigenfalls der +weltliche Arm+ gegen sie anzurufen[270].
-Hergenröther, ein Autor des 19. Jahrhunderts, meint, der Papst habe
-dadurch „+mildernd+ und +belehrend+“ gewirkt!!!
-
- *
-
-Der Hexenhammer, erschienen mit dreifacher Approbation, nämlich einer
-päpstlichen Bulle, einer königlichen Urkunde vom 6. November 1486 und
-einem empfehlenden Gutachten der theologischen Fakultät der Universität
-Köln vom Mai 1487, in unzähligen Auflagen verbreitet als Richtschnur
-in der Behandlung von Hexen und Zauberei, noch vom Leipziger Professor
-Carpzow († 1666), einem +orthodoxen Lutheraner+, als Autorität
-anerkannt, entwickelt folgende „christliche“ Grundsätze[271]:
-
-Verteidiger der wegen Hexerei angeklagten Personen sind gestattet,
-aber -- +auf den Wunsch des Angeklagten darf bei seiner Wahl keine
-Rücksicht genommen werden+. Der Richter hat ihn zu ermahnen,
-daß er sich nicht der +Begünstigung der Ketzerei+ schuldig
-mache; +dieser aber macht er sich in hohem Grade schuldig, wenn
-er „indebite“ einen schon der Ketzerei Verdächtigen verteidigt+!
-Die Namen der Belastungszeugen dürfen ihm nur mitgeteilt werden,
-wenn er untadelhaft, eifrig (+zelosus!!+) und ein Freund der
-„Gerechtigkeit“ ist, aber auch dann nur unter eidlichem Geheimnis!
-
- *
-
-Der Richter wird angewiesen, die Angeklagten zu befragen, ob sie
-glauben, daß es Hexen gäbe, die Wetter machen, Menschen und Tiere
-infizieren usw. „Bemerke wohl, daß die Hexen dies meist das erstemal
-verneinen (d. h. nur durch +Zwangsmaßregeln+ der Kirche wird ihnen
-ein blöder Wahn eingebläut, den der +Laienintellekt damals bereits
-überwunden hatte+!) Hiermit machen sie sich verdächtiger, als wenn
-sie antworten würden: die Entscheidung über diese Frage überlasse
-ich den Oberen. Daher, wenn sie es verneinen, sind sie weiter zu
-befragen: Wie kommt es denn dann, daß man sie verbrennt? Werden sie
-denn unschuldig verbrannt?“ Verneinten sie die letztere Frage, dann
-wurden ihre Aussagen widerspruchsvoll und darum verdächtig, während mit
-der Bejahung sie sich selbstverständlich einer toteswürdigen Ketzerei
-schuldig machten.
-
- *
-
-Der Richter darf Todfeinde der Angeklagten nicht als Zeugen zulassen.
-Unter +Todfeindschaft+ ist aber +nur eine solche zu verstehen, die
-durch Mord, Totschlag oder tödliche Verwundung herbeigeführt wurde+!
-
- *
-
-Die Inquisitoren übergaben ihr Opfer dem weltlichen Gericht mit
-der stehenden Mahnung, ihres Leibes und Lebens zu schonen, einer
-nichtssagenden heuchlerischen Formel. Denn hätte die Staatsbehörde den
-Verurteilten das Leben schenken wollen, so wäre sie +sofort in die
-auf Begünstigung der Häresie gesetzten Zensuren verfallen+.
-
- *
-
-Dem Richter steht es frei, den Weg +der Milde+ (via pietatis)
-einzuschlagen. Dieser besteht zunächst darin, daß die Folter nicht
-wiederholt werden darf, wenn nicht neue Indizien hervortreten. Will
-die Gefolterte -- deren Blut nicht vergossen werden durfte, weshalb
-es lediglich gestattet war, ihre +Gelenke auszukugeln+, die +Knochen
-zu zermalmen+, sie +mit Fackeln zu sengen+ und +endlich lebendig zu
-verbrennen+, was ja auch in völliger Harmonie mit der kirchlichen
-Barmherzigkeit ohne Blutvergießen abging -- will sie nicht gestehen,
-dann soll man ihr noch andere Folterwerkzeuge vorzeigen und sie
-damit bedrohen. Wird sie auch dadurch nicht eingeschüchtert, dann
-ist die Folter am zweiten oder dritten Tage +fortzusetzen, nicht zu
-wiederholen+!
-
-Läßt sich die Angeklagte trotz langer Gefangenschaft zu einem
-Geständnis nicht bewegen, dann soll der Richter sie im Gefängnis
-besuchen, ihr versprechen, +Gnade+ walten zu lassen, „+indem er
-aber darunter nicht Gnade für sie, sondern für sich oder den Staat
-versteht+“. In diesem Punkte folgte der Staat der erhabenen Moral
-der Seelenhirten nicht. Die bayerische Instruktion von 1622 hat die
-Anwendung dieses Mittels ausdrücklich verboten.
-
- *
-
-War es nicht gelungen, den Angeklagten durch Zeugenaussagen oder
-mittels des Gefängnisses, gestellter Fallen und der Folter zu einem
-Geständnis zu bewegen, und bestanden überhaupt gegen ihn keine anderen
-Indizien, als sein schlechter Ruf in bezug auf Ketzerei -- in diesen zu
-kommen war aber schon deshalb sehr leicht, weil ausdrücklich auf die
-Familie der „Hexe“ als meistens auch der Hexerei ergeben das Augenmerk
-des Richters gelenkt wurde, so daß schon allein die +Verwandtschaft der
-Hexerei hochverdächtig+ (vehementer suspectus) +machte+ -- dann wurde
-der „Weg +der Milde+“ beschritten.
-
-Dieser bestand darin, daß der verstockte Sünder nicht etwa
-freigesprochen, sondern mit der kanonischen Purgation belegt wurde.
-Katholische und bewährte Männer, die seinen Wandel schon längere Zeit
-kennen, müssen 7, 10, 20 oder 30 +an der Zahl+, und zwar +seines
-Standes+, also Geistliche, Weltliche oder Adelige, als Eideshelfer ihm
-beistehen. Will der Angeklagte auf dieses Reinigungsverfahren nicht
-eingehen, dann verfällt er der Exkommunikation und wenn er in dieser
-ohne Purgation ein Jahr verblieb, wird er +als Ketzer verurteilt d. h.
-verbrannt+! Ebenso geht es ihm, wenn er die ihm auferlegte Anzahl von
-Eideshelfern nicht herbeischaffen kann. Da das außerordentlich schwer
-war, da jeder darum angegangene fürchten mußte, selbst in den Ruf der
-Hexerei zu kommen, wird wohl die Nächstenliebe der Inquisitoren sich
-zumeist -- wenn auch erst nach Jahresfrist -- in gewohnter Weise haben
-betätigen können.
-
- *
-
-Diesem Hexenhammer ist in erster Linie zuzuschreiben, daß alle
-drei christlichen Religionen in hingebender Weise um die Palme
-wetteiferten, am meisten den Glauben an Hexerei auszubreiten und am
-rücksichtslosesten gegen Hexen vorzugehen. Das amtliche Suchen nach
-ihnen begann erst zu einem Zeitpunkt, wo ohne Kirche in Deutschland
-Vernunft und Humanität gesiegt hätten.
-
- *
-
-Görres, der Abgott ultramontaner Geschichtsschreibung und Bannerträger
-einer „modernen“ historischen Schule, nennt diesen Hexenhammer ein
-„+in den Intentionen reines und untadelhaftes Werk+, aber in einem
-unzureichenden Grunde tatsächlicher Erfahrungen aufgesetzt, nicht immer
-mit geschärfter Urteilskraft durchgeführt und darum oft unvorsichtig
-auf die scharfe Seite hinüberneigend.“ Welche Milde! welche
-Gerechtigkeit! nur schade, daß sie auf keine bessere Sache verwendet
-wird.
-
- *
-
-Es ist merkwürdig, daß dieselbe Kirche, die nicht müde wurde, durch
-Jahrhunderte mit Feuer und Folter ihre wirklichen und vermeintlichen
-Widersacher zu verfolgen, die mit den gewaltsamsten Mitteln den größten
-Blödsinn propagierte, heute noch von mimosenhafter Empfindlichkeit
-und mädchenhaftem Zartgefühl ist, wenn man +ihr+ im geringsten
-zu nahe tritt, und zwar nicht etwa wie sie es tat, durch grausame
-Verfolgung und qualvollen Tod im Namen des Gottes der Liebe, sondern
-lediglich durch Wort und Schrift und Suchen nach Wahrheit. Sollte das
-im Unterbewußtsein schlummernde Gefühl, der historischen, logischen und
-naturwissenschaftlichen Wahrheit nicht standhalten zu können, Ursache
-sein dafür, daß Polizei und Gefängnis bis zum heutigen Tage dem Kämpfer
-für Licht und Freiheit drohen? Ist es das Gefühl der Überlegenheit,
-daß jeden Wohlerzogenen zwingt, im Verkehr mit Strenggläubigen und der
-Geistlichkeit eine Rücksicht walten zu lassen, die im allgemeinen nur
-Damen zu beanspruchen pflegen?
-
-Dabei ist kaum zu bezweifeln, daß die kirchliche Weltanschauung,
-sofern sie in den Grenzen der Religion und Metaphysik bleibt und
-sich weder in die Sphäre der Politik noch Erfahrungswissenschaft
-einschmuggelt, was gar nicht nötig ist -- so berechtigt ist wie
-irgend eine andere, daß der an Gott, Offenbarung und Unsterblichkeit
-Glaubende nicht um ein Quentchen weniger intelligent zu sein braucht,
-als der Leugner. Bestünde Trennung von Kirche und Staat und damit
-auch tatsächliche, nicht nur papierne Glaubensfreiheit, würde die
-Kirche ihre Irrtumsmöglichkeit zugeben, wobei sie immerhin an den
-geoffenbarten Grundwahrheiten ihrer Lehre festhalten könnte, dann
-würde auch der fortschrittlich Gesinnte keinen Grund haben, sie mit
-Erbitterung zu bekämpfen, sondern selbst der Gegner würde dieser
-gewaltigen Organisation, der erhebenden Schönheit ihres Kultus und
-der Unwiderlegbarkeit -- allerdings auch Unbeweisbarkeit ihrer
-metaphysischen Basis Ehrfurcht zollen müssen.
-
- *
-
-Ein Kulturkuriosum ersten Ranges ist der Feuereifer, mit dem
-Katholiken und Protestanten sich +gegenseitig die Schuld an den
-Hexenverbrennungen+ oder -- da die Priorität der katholischen Kirche
-sich nicht wohl leugnen läßt -- die größte Heftigkeit der Verfolgungen
-vorwerfen. Denn daß auch die Protestanten verbrannten, und zwar eifrig,
-steht fest[272].
-
-Die unfehlbare Kirche -- der Papst war es damals bekanntlich noch nicht
--- dekretiert etwas, was überall, wenn auch nicht ohne Widerspruch,
-Eingang findet; durch Naturwissenschaft und Aufklärung wird der
-Wahnwitz selbst der Geistlichkeit allmählich klar gemacht, nun ist es
-Aufgabe jedes Frommen, zu beweisen, daß die Kirche gar nichts dafür
-kann! Also Unfehlbarkeit auf alle Fälle!
-
-Übrigens ist die Hexenverbrennung eine direkte Konsequenz der
-Evangelien[273]!
-
- *
-
-Der Würzburger Bischof Philipp Adolf von Ehrenberg (1623-1631) ließ in
-den acht Jahren seiner Regierung 900 Personen verbrennen. Im Herzogtum
-Lothringen wurden in 16 Jahren 800 Hexen verbrannt. Was im ersten Falle
-die alleinseligmachende Kirche tat, ist im zweiten der hingebenden
-Frömmigkeit eines katholischen Fürsten zu danken[274].
-
- *
-
-Das Buch des Kalvinisten Weier „de praestigiis daemonorum,“ mit dem
-er 1563 als erster Deutscher den Hexenwahn bekämpft; -- wiewohl es
-stets Leute, selbstredend Laien gab, die den Wahn nicht mitmachten
--- wurde in Rom und anderwärts auf den +Index+ der verbotenen
-Bücher gesetzt. Der Verfasser selbst wurde von katholischer und von
-protestantischer Seite als +Mitschuldiger und Genosse der Hexen
-verdächtigt+. Er war nicht Theologe, sondern Arzt. Fast auf allen
-Gebieten sind ja gute Gedanken und Neuerungen nicht Zünftlern, sondern
-Außenstehenden zu danken. Die von Diefenbach in seinem „Hexenwahn“
-angeführten katholischen Vorläufer Weiers sind, wie Riezler nachweist,
-sämtlich bona oder mala fide zu Unrecht genannt[275].
-
- *
-
-Als Balthasar Bekker sein Buch „Verzauberte Welt“ 1691 herausgab,
-kostete ihn sein Auftreten gegen Hexenwahn und Teufel, den er nach
-der Bibel höchstens als einen machtlosen gefallenen Geist anerkennen
-wollte, seine Stelle. Christian Thomasius, der 1701 sein Werk „Theses
-de crimine magiae“ publizierte, wurde von Juristen und Theologen aufs
-heftigste angegriffen. Der gesunde Menschenverstand und die Liebe
-zum Fortschritt waren eben seit je nicht gerade die hervorragendsten
-Eigenschaften der Gelehrten- so gut wie der Handwerkerzünfte.
-
-Die Leipziger theologische Fakultät (Neuer Pitaval, Band 32) hat
-gelegentlich des Teufelsbeschwörungsprozesses in Jena im Jahre 1715
-folgendes Urteil abgegeben: „.... Wir halten dafür, daß bei diesem
-casu tragico singulari nicht nur auf die Exhalationes der angezündeten
-Kohlen, welche Menschen zuweilen naturali modo ersticken, sondern auch
-auf die causam primam, nämlich den gerechten und allgewaltigen Gott zu
-sehen, der je zuweilen dem Satan zuläßt, daß er bei den causis secundis
-sein Werk praeter ordinem naturae a creatore constitutam mithabe; denn
-was solche Philosophi vorgeben, als wenn die Spiritus keine Operationes
-in materiam et corpora hätten, ist wider die notorische Erfahrung,
-sonderlich auch wider die Heilige Schrift, die von Operationibus
-Daemonum in corpora et animam genug Exempel anführt, daher des
-fascinierten Bekkers in Holland vorgebliche Meinung sowohl von
-christlichen Philosophiis als Theologiis billigst widerlegt, verworfen
-und verdammt ist, weil sie +der christlichen Religion einen Grundstoß
-gibt+ und die +Leute vollends vor dem Teufel sicher macht+...“
-Das war also die offizielle protestantische Meinung im Todesjahre des
-Sonnenkönigs, in den Tagen von Newton und Leibniz[276]!
-
- *
-
-Das von Kreittmayer 1751 ausgearbeitete bayerische Strafgesetzbuch
-bestimmte über Hexerei und Zauberei: +Bündnis+ oder +fleischliche
-Vermischung mit dem Teufel+ oder dessen Anbetung und Verunehrung der
-Hostien werden mit +lebendiger Verbrennung+ bestraft. Die Strafe des
-Schwertes steht auf Gemeinschaft mit dem Teufel und Beschwörungen
-oder zauberische Mittel, wodurch jemand an seinem Leben, Leibes- oder
-Gemütsgesundheit, Vieh, Früchten, Hab und Gut Schaden geschieht[275].
-
-Noch im Jahre 1713 wurde eine Hexe nach dem Spruch der protestantischen
-Tübinger Juristenfakultät verbrannt, während beim Hexenprozeß in Berlin
-im Jahre 1728 das Urteil auf lebenslängliches Arbeitshaus lautete.
-In Deutschland gebührt der Fürstabtei Kempten der Ruhm der letzten
-Hinrichtung einer Hexe. Es war das im Jahre 1775. Lessing zählte
-damals 46 Jahre, Goethe 26! Das protestantische Glarus hat gar noch
-im Jahre 1782 ein Opfer zu verzeichnen, wiewohl die Hexenverfolgungen
-im allgemeinen in den protestantischen Ländern um eine bis zwei
-Generationen früher eingestellt wurden, als in den katholischen. Noch
-im Jahre 1836 wurde eine „Hexe“ von den Fischern der Halbinsel Hela
-der Wasserprobe unterzogen. Sie ertrank bei dieser Prozedur. Die
-griechisch-katholische Kirche hat bekanntlich diesen Wahn überhaupt
-nie mitgemacht. Sie hatte auch keinen Papst, auf dessen unheilvolles
-Eingreifen allein nicht nur das Wiederaufleben eines im Absterben
-begriffenen Wahnes, sondern auch dessen lange Dauer zurückgeführt
-werden muß.
-
-Die Begriffe Hexerei, Ketzerei und Zauberei fehlen erst im bayerischen
-Strafgesetzbuch vom Jahre 1813[277]! Die Aufklärung und die infolge
-der französischen Revolution beginnende Befreiung der Geister und
-Schätzung der Menschenrechte haben auch hier endlich getilgt, was die
-„unfehlbare“ und die andern Kirchen an der Menschheit verschuldet
-hatten.
-
- *
-
-Daß noch bis in die Gegenwart der Katholizismus im Unterschied vom
-Protestantismus, bei dem die mittelalterliche Borniertheit auf diesem
-Gebiete etwas früher wich -- wie stolz kann das Christentum sein, daß
-es rund vier Jahrhunderte dem Gott der Liebe Unschuldige verbrannte! --
-wo er die Möglichkeit dazu besitzt im gottgefälligen Wirken fortfährt,
-erhellt aus folgendem: Im Jahre 1860 wurde eine Frau zu Camargo in
-Mexiko lebendig verbrannt. Eine Frau mit ihrem Sohne bestieg 1874 zu
-St. Juan de Jacobo im Mexikanischen Staate Sinalva den Scheiterhaufen,
-und noch im Jahre 1888 soll eine Frau nach mehrmaliger Geißelung auf
-dem Marktplatz einer Stadt in Peru als Hexe ihr Leben haben lassen
-müssen. Ja, ja, die Religion der Liebe[278]!
-
- *
-
-Heute ist die Aufklärung so unheimlich groß, daß die offizielle
-Wissenschaft die sogenannten okkulten Phänomene nicht nur ablehnt,
-sondern +noch nicht einmal prüft+! Geister wie Schiaparelli,
-Forel, Flammarion, Lombroso, Crookes, Wallace, Richet u. a. m. werden
-zwar nicht verbrannt, im übrigen sogar als Ehrenmänner behandelt, aber
-+man hält ihre Beobachtungen keiner Widerlegung für wert+. Dogma
-und ungeprüfte offizielle Weisheit haben eben immer geherrscht und
-herrschen heute noch. Freie Geister, die nicht Tatsachen an Theorien,
-sondern Theorien an Tatsachen prüfen, waren immer Outsider. Die
-ungeheure Masse der Nachbeter kann wirklich nichts dafür, ob das Dogma,
-das sie verficht, klug oder dumm, richtig oder falsch ist. Immer sind
-es einige Leithämmel, denen alle anderen nachlaufen. Wie dankenswert
-wäre eine Kulturgeschichte, die einmal nicht das herausstreicht, was
-die Menschheit den „Autoritäten“ verdankt, sondern nachweist, wie
-sie -- nach kurzer Förderung -- auf lange hinaus +den Fortschritt
-hemmten+!
-
-
-
-
-Vierzehnter Abschnitt
-
-Reliquien
-
-
-Seit den ersten Jahrhunderten des Christentums erfreuten sich die
-Reliquien der Heiligen überall der größten Beliebtheit. Das ging
-so weit, daß Leute auf eigene Faust oder im Auftrage eines fremden
-Bischofs die Kirchhöfe durchwühlten, um sich dann mit den Gebeinen der
-Märtyrer davon zu machen. Eines Tages entdeckten die bestürzten Römer
-griechische Männer, die neben der Basilika St. Pauls Knochen gruben.
-Da diese Reliquien neben der ihnen beigelegten schützenden Wirkung
-auch das Gute hatten, Pilger aus allen Teilen der Erde anzuziehen, so
-wurden sie von den Römern wie ihre Augäpfel gehütet. Gregor der Große
-(590-604) schrieb der Kaiserin Constantia auf ihre Bitte um ein Stück
-vom Leibe des hl. Paulus einen Brief voll verhaltener Entrüstung. Die
-heiligen Leiber zu berühren sei ein todeswürdiges Verbrechen, aber es
-genüge bereits ein Stück Tuch, das das Apostelgrab bedeckt hatte, in
-eine Büchse gelegt, um Wunderwirkung zu erzielen, ebenso Feilspäne
-von den Ketten Petri, die bereits im 6. Jahrhundert vom Papste als
-höchstes, der späteren goldenen Rose gleich geachtetes Geschenk
-verliehen wurden[279].
-
- *
-
-Astolf, König der Langobarden, belagerte 755 Rom. Zwar plünderten
-seine Truppen alle Kirchen und Klöster außerhalb der Stadt, die in
-ihrem Machtbereich lagen, mißhandelten auch die Mönche und Nonnen,
-verspotteten Heiliges und verbrannten Heiligenbilder, das hinderte
-sie aber nicht, zu gleicher Zeit +die Kirchhöfe der Märtyrer zu
-durchwühlen+, um sich mit ihren Gebeinen zu beladen. Damals wurden
-die bisher unversehrten +Katakomben zerstört+ und die Knochen der
-Blutzeugen in +Wagenladungen+ nach der Lombardei geschafft[280].
-
-Im Jahre 1672 wurden aus 3 Katakomben nicht weniger als 428 Leiber
-entfernt, um als Geschenk oder um Geld in die katholische Welt zu gehen.
-
-Ein Jahrhundert später blühte der Reliquienhandel Roms üppig. Der
-Pilger kaufte dort Reliquien, Knochen aus den Katakomben, wie
-der moderne Reisende Kunstgegenstände und Photographien erwirbt.
-Infolgedessen +überstieg+ die Nachfrage das Angebot und +Tote
-wurden gefälscht+[281].
-
- *
-
-Im Jahre 1635 edierte Bonfante seinen Triumpho de los Sanctos des Reyno
-de Cerdeña, eine Sammlung der ältesten Inschriften Sardiniens. Da er
-aus Irrtum die Siglen B. M., Bene Merens, für Beatus Martyr erklärte,
-+schuf er mit einem Schlage mehr als 300 Heilige+. Der Ruf dieses
-Schatzes wurde laut, die Stadt Piacenza bewarb sich um einen Teil davon
-und die großmütigen Sarden schenkten ihr 20 „Märtyrer“, die jubelnd
-entgegen genommen wurden.
-
- *
-
-Als der hl. Romwald einst Italien zu verlassen drohte, beabsichtigte
-man, ihm Mörder nachzuschicken, +um ihn wenigstens als kostbare
-Reliquie im Lande zu behalten+[282]!
-
-Der hl. Dionysius existiert in zwei vollständigen Exemplaren zu St.
-Denis und in St. Emmeran in Regensburg, ferner rühmen sich Prag und
-Bamberg des Besitzes seines Kopfes. Er besaß also zwei vollständige
-Körper und vier Köpfe[283].
-
-Im Reliquienschatz der gesamten katholischen Welt befinden sich:
-
- 1. Vom hl. Andreas: 5 Körper, 6 Köpfe, 17 Arme, Beine und Hände.
-
- 2. Von der hl. Anna: 2 Körper, 8 Köpfe, 6 Arme.
-
- 3. Vom hl. Antonius: 4 Körper und 1 Kopf.
-
- 4. Vom hl. Blasius: 1 Körper und 5 Köpfe.
-
- 5. Vom hl. Lukas: 8 Körper und 9 Köpfe.
-
- 6. Vom hl. Sebastian: 4 Körper, 5 Köpfe und 13 Arme. Diesen allen
- weit über sind die hl. Georg und Pankraz mit je 30 +Körpern+.
- +Nach so langer Zeit!+ Wie viele müssen sie erst bei Lebzeiten
- gehabt haben[284]!
-
- *
-
-In Aachen wird heute noch alle sieben Jahre das +Hemd+ der
-allerseligsten Jungfrau und Gottesgebärerin Maria ausgestellt,
-desgleichen die +Windeln+ Christi!
-
- *
-
-Das Kloster Macon rühmte sich des Besitzes der Haut des hl. Dorotheus.
-Die frommen Nonnen stopften die Haut mit Baumwolle aus und stellten
-den Heiligen her, als ob er lebte. Da sie aber damit Unfug trieben,
-schenkte die Äbtissin die Reliquie, in Unkenntnis ihres Wertes,
-den Jesuiten. Diese stifteten ihr zu Ehren die +Brüderschaft vom
-hl. Leder+: wodurch sie +viel Geld verdienten+. Die Nonnen
-erfuhren das und klagten beim Papst auf Rückgabe des Heiligtums,
-das ihnen auch zugesprochen wurde. Aber die Jesuiten hatten die
-Reliquie in unverantwortlicher Weise +verstümmelt+. Darob große
-Entrüstung und abermalige Reklamation beim Papst auf +Rückgabe des
-fehlenden Teiles+. Da dieser aber den Mangel, wenigstens für ein
-Nonnenkloster, nicht für erheblich hielt, mußten sich die Nonnen als
-Ersatz mit +zwei geweihten Muskatnüssen+ begnügen[285].
-
- *
-
-Der umbilicus (die Nabelschnur) und 13 praeputia Christi gehörten und
-gehören zum Teil noch zum Reliquienschatz der Kirche. Eine dieser
-hochheiligen Vorhäute wird noch heute in Charroux verehrt und gilt dem
-Landvolk als „der heilige Präziputius“. Im 17. und 18. Jahrhundert
-pilgerten besonders schwangere Frauen dorthin, um sich mit ihr segnen
-zu lassen[286]. Eine andere erquickt noch heute die frommen Pilger in
-Calcata, unfern Rom[287].
-
-Dieses hochheilige Präputium hat eine große und glorreiche Geschichte.
-Zunächst galt es, das der Verehrung entgegenstehende Dogma von der
-unversehrten Auferstehung zu beseitigen. Das war aber gar nicht so
-einfach.[288]
-
-Da Christus „in voller Integrität“ auferstanden war, wurde von einigen
-Theologen konstatiert, daß das Präputium zur Integrität des Juden
-nicht erforderlich sei. Ferner ist Christus nur insofern „ganz“
-auferstanden, als dieses „ganz“ zum „Sein“ und „Schönsein“ gehört,
-aber „ohne“ findet es der Jude entschieden schöner. Eine andere Schule
--- diese für das Seelenheil so hochwichtige Frage hat natürlich eine
-Menge von Schulmeinungen hervorgerufen -- unter Führung des Jesuiten
-Raynaldus lehrt, daß Christus doch „mit“ auferstanden sei, trotzdem
-sei aber die Reliquie echt, denn er schuf sie aus einer beliebigen
-Materie. Mit kaum zu überbietender Poesie spricht der Jesuit Salmeron
-in seinem Evangelienkommentar (Köln 1602) von diesem Körperteil als dem
-„fleischenen +Verlobungsring+“ für seine Braut, die Kirche. Und
-der Bischof Rocca hat für die Vielheit dieser hochheiligen Reliquie die
-höchst plausible Erklärung, daß Gott in seiner Allmacht bewirkt habe,
-daß +dasselbe+ Präputium +zu gleicher Zeit an verschiedenen
-Orten gezeigt werden könne+!!
-
-Diese Schwierigkeit war also zu aller Zufriedenheit aus der Welt
-geschafft. Aber nur ein seichter Fant wäre über die andere,
-weit wichtigere Frage, die gebieterisch Beantwortung heischt,
-hinweggeglitten: +Hat Christus in der Eucharistie ein Präputium
-oder nicht+[289]? Da Christus zu Lebzeiten das hl. Abendmahl
-einsetzte, damals aber als Jude „ohne“ war, so muß logischerweise auch
-in der Hostie dieser zwar nicht umfangreiche, aber desto wichtigere
-Körperteil fehlen. Da aber nach der Auferstehung der verklärte Leib
-wieder komplett war, hätte er auch in der Hostie es sein können.
-Eine unendlich verwickelte Frage, über deren Beantwortung sich die
-verschiedenen Schulen nicht einigen konnten.
-
-Noch ein Gewissenszweifel ist zu beseitigen: Ist die Gottheit mit dem
-hier auf Erden zurückgebliebenen Präputium noch vereinigt? Muß es
-infolgedessen „+angebetet+“ oder braucht es nur „+verehrt+“
-zu werden? Auch hierüber konnte man keine rechte Harmonie erzielen,
-doch Bischof Rocca, Sakristan Sr. Heiligkeit, entschied sich dahin,
-daß das Präputium nach der vierten Modus der Latreia +angebetet
-würde+, der es den Haaren und Kleidern Christi gleich setzt,
-insofern es ein Körperteil ist, der ihm einst angehörte.
-
-Endlich war noch das Problem zu lösen, was +nach dem Weltuntergang
-aus der kostbaren Reliquie würde+. Die verbreitetste Lehrmeinung
-entschied dahin, daß es den +Weltuntergang überdauern+ und an
-irgend einem Ort des Himmels in saecula saeculorum aufbewahrt würde.
-
-Das in der Sancta Sanctorum Kapelle aufbewahrte Präputium verschwand
-zwischen April 1903 und Sommer 1905.
-
- *
-
-Der hl. Camillus de Lellis wurde am 25. Mai 1550 in den Abruzzen
-geboren. Seine Mutter war damals bereits 59 Jahre alt. Mit 19 Jahren
-wurde Camillus Soldat in venezianischen Diensten, war aber dank seiner
-Streit- und Spielsucht und seines Ungehorsams kein Muster eines
-solchen. Mit 25 Jahren trat er in den Kapuzinerorden ein und erwarb
-sich durch charitative Werke große Verdienste.
-
-Das ist alles in der Ordnung, und wir hätten keinen Grund, vom Heiligen
-Notiz zu nehmen, hätte er nicht auch +Wunder gewirkt+, „die
-hinreichend verbürgt scheinen.“ So bewirkte er, daß das Weinfäßchen
-einer Frau, die täglich eine Flasche Wein in das Kloster des Camillus
-sandte, nie leer wurde. Sein Leichnam blieb auch nach seinem Tode
-„frisch und biegsam“ und zwar 10 Jahre lang, denn als „der Arzt bei
-Erhebung des Leibes einen Schnitt in die Brust machte, floß aus der
-Wunde eine Flüssigkeit von außerordentlichem +Wohlgeruch+. Während
-der 6 Tage, an denen der Leib des Heiligen ausgesetzt war, ergoß sich
-eine Art Öl.“ Auch jetzt wirkte er noch Wunder, ja, jetzt hatte er
-damit besonders schöne Erfolge.
-
-Als eine Römerin, die an einem besonders großem, eiterigen Kropf
-litt, sich Mörtel aus des Heiligen Zimmer zugleich mit einem Bilde
-des Camillus auf den Kropf legte und darüber das Zeichen des Kreuzes
-machte, trat die Wirkung gleich ein. „Kaum war dies geschehen, so
-verschwand der Schmerz. Die Frau war vollkommen geheilt.“ Dieser Mörtel
-hat überhaupt eine erstaunliche Kraft. Er heilte auch eine Frau, die
-dem Tode nahe war, als ihr ein Priester etwas davon in einem Löffel
-Suppe einflößte. Ein Mädchen, das an einem Nasenpolypen nebst Fieber,
-Krämpfen und kaltem Brand litt, wurde durch zwei Fäden aus dem Hemd des
-Heiligen kuriert.
-
-An der Authentizität dieser Angaben ist jeder Zweifel unmöglich, da
-Athanasius Zimmermann S. J. in einer 1897 bei Herder in Freiburg
-erschienenen Schrift über Camillus de Lellis gehandelt hat. Und was
-gedruckt ist, ist doch bekanntlich wahr!
-
- *
-
-Das „+Agnus Dei+“ ist ein kleines Medaillon aus weißem Wachs, +noch
-heute+ von den Zisterziensermönchen des hl. Kreuzes zu Jerusalem aus
-dem Wachs der Osterkerzen der Sixtinischen Kapelle und der anderen
-römischen Kirchen angefertigt. Dieses ovale Gebilde trägt auf einer
-Seite das Sinnbild des Osterlammes mit der Aufschrift: „Ecce Agnus
-Dei qui tollit peccata mundi“, das Wappen und den Namen des Papstes,
-der sie mit dem hl. Chrisam geweiht und gesegnet hat, auf der andern
-Seite das Bildnis der hl. Jungfrau oder eines Heiligen. Die Weihe der
-Agnus, die die Kirche zu den +Sakramentalien+ zählt, findet im ersten
-Jahre jedes Pontifikats statt, ferner regelmäßig alle sieben Jahre,
-außerdem wenn der Papst es mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der
-Gläubigen für angebracht hält. Die Päpste Urban V., Paul II., Julius
-III., Sixtus V. und Benedikt XIV. erkennen den Agnus für alle jene,
-welche sie mit Andacht und Vertrauen gebrauchen, folgende Eigenschaften
-zu: „Sie löschen die läßlichen Sünden aus und tilgen den Fleck, den
-die im Bußsakrament bereits vergebene Sünde zurückläßt. Sie schlagen
-die bösen Geister in die Flucht, befreien von ihren Versuchungen und
-bewahren vor der ewigen Verdammnis. Sie behüten vor plötzlichem und
-unvorhergesehenem Tod. Sie verhindern die schreckhaften Einflüsse der
-Phantome und beschwichtigen das von bösen Geistern hervorgerufene
-Entsetzen. Sie verleihen göttlichen Schutz gegen Feindschaft, sichern
-vor Unglück und Verderben, verleihen Wohlstand. Sie beschützen im Kampf
-und verhelfen zum Sieg. Sie machen Gifte unschädlich und bewahren
-vor den Schlingen des Feindes. Sie sind ausgezeichnete Schutzmittel
-gegen Krankheiten und auch ein wirksames Heilmittel. Sie bekämpfen die
-Epilepsie. Sie verhindern die Verheerungen der Pest, der Epidemien und
-der verseuchten Luft. Sie +beruhigen die Winde+, brechen die +Wucht
-der Orkane+ und der +Wirbelwinde+ und +verjagen die Ungewitter+. Sie
-retten vor Schiffbruch. Sie +vertreiben die Gewitter+ und bewahren
-vor Blitzgefahr. Sie verjagen die Hagelwolken. Sie löschen die
-Feuersbrünste und halten deren Verheerung auf. Sie sind wirksam gegen
-die Wolkenbrüche, das Übertreten der Flüsse und die +Überschwemmungen+.
-Die Agnus behüten endlich Mutter und Kind während der ganzen Zeit der
-Schwangerschaft und beseitigen die Gefahren bei der Niederkunft, deren
-Schmerzen sie mildern und abkürzen. H. Barbier de Montaut, Kämmerer
-Seiner Heiligkeit“[290].
-
-Welcher Segen, daß es im 20. Jahrhundert noch so etwas gibt! Welche
-Torheit, daß nicht jedermann ein Agnus, von dem bereits das geringste
-Teilchen die gleiche Kraft besitzt wie das Ganze, ständig bei sich
-trägt, oder doch in seinem Hause hat! Die Leute wollen eben immer noch
-nicht einsehen, wie nahe das Gute liegt!
-
- *
-
-Wie Herr Ingenieur Feldhaus mir mitteilt, sah er noch im
-+Frühjahr+ 1909 in der Kirche zu Doberan in Mecklenburg eine
-+Flasche mit ägyptischer Finsternis+!!!
-
- *
-
-Die Inquisitions-Kongregation in Rom stellte am 29. Juni 1903 fest,
-daß es +kein Aberglaube+ sei, wenn Papierbilder, die die Madonna
-darstellen, in Wasser aufgelöst, getrunken oder zu Pillen gedreht
-verschluckt werden, um Genesung von Krankheiten zu erlangen[291].
-
-
-
-
-Fünfzehnter Abschnitt
-
-Mission und Kolonien
-
-
-Der Ausbruch der Chinawirren 1900 war teilweise verursacht durch die
-Erbitterung gegen die Missionen. Den frommen Christen daheim schaudert
-es beim Gedanken, daß es, wenn auch im fernen China, überhaupt Menschen
-von solcher Verworfenheit geben könne, daß sie dem Missionswesen, dem
-hingebenden, aufopfernden Liebeswerk abhold sind. Es ist nicht ohne
-Interesse zu sehen, in welcher Gestalt die Religion der Liebe dem
-hochstehenden uralten Kulturvolke entgegentritt. Daß auch im fernsten
-Osten die konfessionelle Zersplitterung und Konkurrenz fortbesteht, daß
-jede Sekte behauptet, allein das wahre Christentum zu verkörpern, und
-die andere verwirft, ist selbstverständlich.
-
-Es existiert eine Anstalt „Oeuvre de la Sainte-Enfance“, die jährlich
-Millionen zur Taufe und Rettung kleiner Chinesenkinder aufwendet. Im
-Juniheft ihrer Annalen vom Jahre 1897 heißt es: „Seit 1884 hatten wir
-das Glück, 20552 kleine sterbende Kinder zu taufen, davon 3558 in
-diesem Jahre. Alle diese kleinen Engel, +werden sie oben nicht wirken,
-für die Bekehrung des ungläubigen China+?“
-
-Im selben Hefte wird von der Hungersnot erzählt, die 1893 Yünnan
-heimsuchte. Die frommen Mönche des „Oeuvre“ berichten: „Die +Vorsehung+
-hat, es ist wahr, unsere +Arbeit sehr vereinfacht+, indem sie eine
-große Anzahl unserer kleinen Kinder in den Himmel rief. Diese
-vorzeitigen Todesfälle, so betrübend in einem christlichen Lande, sind
-ein +Gegenstand der Freude und des Trostes+ in diesen heidnischen
-Gegenden.“
-
-Im 21. Heft p. 258 heißt es: „Machen Sie doch einen kleinen Besuch
-im Hause der unbefleckten Empfängnis in Peking. Sehen sie diese
-bescheidene Eingangstür? Sie ist dieses Jahr für eine große Anzahl
-kleiner Brüder und Schwestern die Pforte des Himmels geworden. 873
-kleine Kinder wurden uns jedes für 45 Cts. an dieser Pforte gegeben,
-und davon sind 843 +gestorben+, nachdem sie +durch das heilige Wasser
-der Taufe wiedergeboren waren+.“
-
-
-Ein anderer Mönch meldet: „Ein Säugling kostet etwa 5 Frs. im Monat.
-Gewiß, +ich flehe zu Gott, daß diese lieben kleinen Seelen uns
-sobald wie möglich verlassen+ und zum Himmel fliegen mögen. Aber
-schließlich, wenn sie schon nicht sterben wollen, muß man sie doch
-ernähren und aufziehen.“ Ja, die Engelmacherei ist also gar nicht
-so leicht, wie der Laie in seinem Unverstand glauben mag! Immerhin
-kann eine dieser Anstalten mit berechtigtem Stolz konstatieren, daß
-von +12000 ihr anvertrauten Täuflingen nur 124 oder 125 das erste
-Lebensjahr erreicht hätten+!
-
-Der Bischof Quierry beglückwünschte die Missionare dieses „Oeuvre“,
-wie die gleichen Annalen erzählen, daß sie jedes Jahr mehr als 40000
-Kinder in den Himmel schicken!! Und trotzdem konnten sie die Chinesen
-von der Unübertrefflichkeit des Christentums und seiner Liebeswerke
-nicht überzeugen. An einem solchen Volke ist allerdings Hopfen und Malz
-verloren[292].
-
- *
-
-Ein alter Farmer „Gottlieb Bleibtreu“ schreibt in den Windhuker
-Nachrichten einen Aufsatz, in dem er sich über Stolz, Überhebung und
-Anmaßung der Herero beklagt: „Gibt es nicht soviel zu essen, daß es für
-Mann und Weib ausreicht, dann ist das erste, worüber +geklagt+
-wird, die Kost, und da dies ein Grund der Beschwerde ist, kann sich der
-Arbeitgeber beim Bezirksamtmann noch einen Nasenstüber holen, falls
-er Veranlassung nimmt, Gegenbeschwerde zu führen. -- Wenn sich nun
-+jetzt schon+, wo die Hereros noch Kriegsgefangene sind, diese in
-alten Sitten und Gebräuchen wurzelnden +Anmaßungen in solch brutaler
-Weise fühlbar+ machen, wie soll das werden, wenn sie wieder frei und
-ihr eigener Herr sind? Hier gibt es nur ein Mittel zur Abhilfe, und das
-heißt in bestimmten Grenzen gehaltener +Arbeitszwang+.“
-
-Wenn Herr Bleibtreu Gefühlsmensch ist, der die Herero dafür, daß sie
-für Ausbeutung, die soweit geht, daß sogar die notwendige Nahrung ihnen
-nicht verabfolgt wird, kein Verständnis haben, auch noch strafen will,
-so ist das seine Privatsache. Wenn aber die Hamburger Nachrichten am
-23. September 1906 ihm völlig beipflichten, so stimmt das doch etwas
-nachdenklich.
-
- *
-
-Im Jahre 1904 erschien eine von einem Herrn Schlettwein verfaßte
-Broschüre mit folgendem Passus: „Wir stehen mit der Kolonialpolitik
-am Scheidewege. Nach der einen Seite das Ziel: gesunder Egoismus
-und praktisches Kolonisieren, nach der andern Seite übertriebene
-Menschlichkeit, vager Idealismus, unvernünftige Gefühlsduselei.
-+Die Hereros müssen besitzlos gemacht werden. Das Volk muß nicht
-nur als solches unmöglich gemacht werden+, es müssen auch
-alle das Nationalgefühl erweckenden Faktoren beseitigt werden.
-Man muß die Hereros zur Arbeit zwingen, und zwar +zur Arbeit
-ohne Entschädigung+, nur gegen Beköstigung. Eine +jahrelange
-Zwangsarbeit+ ist nur eine gerechte Strafe für sie und dabei die
-einzig richtige Erziehungsmethode. Die Gefühle des Christentums und der
-Nächstenliebe, mit welchen die Missionen arbeiten, müssen zunächst mit
-aller Energie zurückgewiesen werden.“
-
-+Den Autor dieses Kulturdokumentes berief das Kolonialamt als
-Vertrauensmann in die Budgetkommission+, und man ließ gerade ihn im
-Lande herumziehen, um für +diese+ Kolonialpolitik Propaganda zu
-machen.
-
-Herr Schlettwein führte seine Theorie praktisch durch. Wie am 6. März
-1907 im deutschen Reichstage festgestellt wurde, zahlte er den in
-seiner Viehzucht beschäftigten Männern 15 Mark im Monat, den Frauen
-gar nichts. Die Männer werden verköstigt -- ob nach Bleibtreus Beispiel
-bleibe unentschieden -- die Frauen erhalten +„Feldkost“ bestehend in
-Raupen, Fröschen, Heuschrecken, Mäusen und Gras+[293]!
-
- *
-
-Aus dem Tagebuch des Dr. Vallentin, das im Aprilheft 1894 der „Neuen
-deutschen Rundschau, Freie Bühne“ veröffentlicht wurde, sei folgendes
-entnommen: Am 13. 3. 93. Ich erfahre interessante Einzelheiten
-über den Bakokoaufstand. In den Berichten befinden sich zahlreiche
-Ungenauigkeiten. Herr Assessor Wehlau, welcher die Expedition führte,
-soll beim Niederbrennen der Dörfer faktisch +befohlen haben, einigen
-alten Weibern die Hälse abzuschneiden+; Männer konnte er nicht
-gefangen nehmen. Statt der im betreffenden Bericht erwähnten 150
-Gefangenen sollen es deren nur 12-15 gewesen sein. Matt, verwundet,
-halb verschmachtet, zerschlagen und geschunden wurden diese -- meist
-alte Frauen, Greise und Kinder -- an Land geschafft und unter Schlägen
-und Stößen in Ketten zum Gefängnis geführt. Drei sollen am Fuß des
-Flaggenmastes, unter der wehenden, deutschen Reichsfahne, +vor Hunger
-gestorben+ sein.
-
-Am 17. 3. 93. Aus dem unter Führung des Assessors Wehlau unternommenen
-sogenannten „Bakokofeldzuge“ erfahre ich heute wieder verschiedene
-Einzelheiten. Es soll wirklich grauenhaft gewesen sein. Die Gefangenen
-sind tagelang in der glühenden Hitze auf dem Schiffe („Soden“) an die
-Reelings derart festgeschnürt worden, daß in die +blutrünstigen und
-aufgeschwollenen Glieder Würmer sich eingenistet hatten+. Und diese
-Qual tagelang in der Tropenhitze und ohne jede Labung! Als dann die
-armen Gefangenen dem Verschmachten nahe waren, wurden sie einfach wie
-wilde Tiere +niedergeschossen+.
-
-
-Am 31. 3. 93.... Wahrend meiner Krankheit ist Assessor Wehlau von
-seinem neuen Feldzuge heimgekehrt. Gefangene hat er nicht mitgebracht.
-Da sie -- so äußerte er beim Essen -- hier doch alle stürben, hätte
-er sie auf dem Schiffe +totschlagen lassen+ (wörtlich: „habe
-ihnen ’n Paar auf den Kopp geben lassen“). Dann erzählte er weiter:
-Die Soldaten, namentlich einer, hätten es +famos ’raus, den Feinden
-die Haut über den Schädel zu ziehen+. Am Unterkiefer wurde mit dem
-Messer ein Schnitt gemacht, dann mit den Zähnen angepackt, und der
-ganze Skalp über Gesicht und Kopf herübergezogen.
-
-
-Am 4. 5. 93 Gerichtstag, abgehalten von Assessor Wehlau!...
-
-Ein Schwarzer, Aug. Bell, ist beschuldigt, eine Uhr gestohlen zu haben.
-Er wird vorgeführt. Das erste, was ihm vorgehalten wird, ist: es gibt
-nur zweierlei Wege, entweder er gesteht, er habe den in Frage stehenden
-Diebstahl begangen, oder er bekommt 50 Hiebe. Bell sagt aus: „Nein, ich
-habe die Uhr nicht gestohlen.“ Sofort wurde er abgeführt und erhält
-50 Hiebe mit der Rinozerospeitsche. Wieder vorgeführt gesteht er auf
-weiteres Befragen, daß er die Uhr gestohlen habe. Er wird darauf zu
-6 Jahren (schreibe und sage +sechs Jahren+) +Gefängnis+,
-100 Mk. Geldstrafe und 15 Hieben am ersten Sonnabend jedes Monats
-verurteilt.
-
-Aug. Bell soll während jener vorerwähnten Verhandlungen ca. 80 Hiebe
-bekommen haben, sowohl dafür, daß er nicht gleich eingestand, daß
-er die Uhr gestohlen hätte, als auch wenn er, bei der Niederschrift
-des Protokolls, die verlangten Antworten nachsprechend, stotterte.
-Was aber 80 Hiebe an einem Nachmittag zu bedeuten haben, das kann
-nur der in vollem Umfange ermessen, der jemals einer derartigen
-Prozedur beigewohnt hat. +Ein rohes, gehacktes Beefsteak ist nichts
-dagegen.+
-
-
-20. 6. 93... Es sind nach dem Berichte drei Gefangene gehängt worden.
-In Wirklichkeit hat Assessor Wehlau dieselben der Wollust der
-Soldaten preisgegeben, und diese haben die drei Leute +regelrecht
-abgeschlachtet+. Maschinist Gebhardt von der „Nachtigall“ schildert
-diesen Vorgang folgendermaßen: „Die Schwarzen wurden mit Messern
-zerschnitten, zerhackt und verstümmelt, da Assessor Wehlau den Befehl
-gegeben hatte, die Gewehre beim Töten nicht zu gebrauchen.
-
-
-Am 18. 8. 93 abends hat der stellvertretende Gouverneur Kanzler Leist
-sich aus dem Gefängnis drei Weiber holen lassen (Kassenverwalter
-Hering sagte es mir am selben Abend) und dieselben über Nacht bei sich
-behalten -- darunter die schöne Ngombe, Tochter des Ekwe Bell. Am
-nächsten Morgen sind die Weiber ins Gefängnis zurückgeschickt worden;
-Ngombe wurde mit einem Geschenk von 5 Mk. bedacht...
-
-
-Am 2. 10. 93. Vergangene Nacht wurde ich durch lauten Lärm im Gefängnis
-aus dem Schlafe geweckt (ca. ½12 Uhr nachts). Als die Stimmen immer
-lauter wurden ging ich hinaus und sah einen Polizeigehilfen im heftigen
-Wortwechsel mit drei andern Schwarzen, von denen einer so angezogen
-war, wie die Boys des Kanzlers Leist, die an ihren roten Hüfttüchern
-erkenntlich sind. Auf mein Befragen wurde mir mitgeteilt, daß der
-„+Governor+“ (+Leist+) +ein Weib aus dem Gefängnis holen
-ließe+. Ich legte mich ärgerlich zu Bette, konnte aber wegen des
-immer mehr anwachsenden Lärmes innerhalb des Gefängnisses, aus dem
-es wie Weibergeheul und scheltende männliche Stimmen ertönte, nicht
-einschlafen; ich begab mich daher auf die Veranda, wo ich schon den
-Kassenverwalter Hering traf. Beide sahen wir jetzt, +wie ein Weib
-unter Sträuben und Schreien von drei Schwarzen in der Richtung zum
-Kanzlerhause hinweggeschleppt wurde+. Um ca. 4 Uhr nochmals Lärm im
-Gefängnis! Am nächsten Morgen stellte ich mich, als ob ich von nichts
-wüßte, fragte einige Schwarze über die Ursache des Getöses in der Nacht
-aus und erhielt zur Antwort: The Governor want a woman for usw. Der
-Schluß läßt sich denken.“
-
-Soweit das Tagebuch Dr. Vallentins in Auszügen.
-
-
-Wie wurden nun die Kulturträger bestraft? In der Gerichtssitzung vom 7.
-Januar 1896 vor der kaiserlichen Disziplinarkammer wurde festgestellt,
-daß die Tötung der drei Gefangenen +keine Amtsverletzung+ sei,
-da sie im Kriegszustande erfolgte, dagegen sei die grausame Art der
-Ausführung als Amtsverletzung anzusehen. Korvettenkapitän Becker hatte
-vor Gericht bekundet, daß in Kamerum +allgemein üblich sei, den
-Gefangenen die Köpfe abzuschneiden+. Wenn das nicht geschehe, werde
-es von den Eingeborenen als Feigheit bezeichnet.
-
-Die Strafe gegen Wehlau lautete auf +Versetzung in ein anderes Amt
-von gleichem Range+, auf eine +Geldstrafe von 500 Mk.+ und
-Tragung der Gerichtskosten[293]!
-
- *
-
-Paul Rohrbach, von 1903-1906 Ansiedlungskommissar in Südwestafrika,
-stellt in seinem Buche „Deutsche Kolonialwirtschaft“ fest, daß man
-Herero, die sich auf die +Zusicherung der Straffreiheit stellten,
-niederschoß+. Im Kongostaate herrschte nach dieser Quelle noch
-im Jahre 1907 die alte Praxis des +Händeabhackens+, des
-+Zusammenschießens+ und +Niederbrennens der Dörfer+ wegen
-ungenügender Kautschuklieferung. Und zwar +unter direkter Teilnahme
-der weißen Beamten+!
-
-
-Da solche Fälle in den Kolonien aller Nationen, besonders der
-Franzosen, Engländer und Niederländer an der Tagesordnung sind und,
-wie die Greuel im Kongostaate, wo ein ausdrückliches Reglement
-verordnet, daß die aus der Verbindung eines Weißen mit einer Negerin
-entspringenden Kinder „Eigentum“ des Staates sind[294], lehren, noch
-heute stattfinden, sind sie von +symptomatischer Bedeutung für die
-Art, in der die christlichen Völker Europas ihr Amt, den Eingeborenen
-Kultur zu vermitteln, handhaben+. Da hier nur Kulturvölker
-Berücksichtigung finden, müssen wir über die Greueltaten der Russen
-sogar gegen eigene Landsleute hinweggehen.
-
-Die Grausamkeiten und Plünderungen der verbündeten Nationen im
-Chinakriege 1900 sind noch in aller Erinnerung[295].
-
-
-
-
-Sechzehnter Abschnitt
-
-Autoritäten und Fortschritt
-
-
-Als +Kolumbus+ auf seine die +Kugelgestalt+ der Erde
-voraussetzende Entdeckungsfahrt auszog, wurde er für einen Ketzer
-erklärt, und die +Kirchenversammlung+ von Salamanka gab ihm
-in frommer Gesinnung den +Bannstrahl+ mit auf den Weg. Man
-konstatierte, daß die Bücher Mosis, die Psalmen, die Propheten,
-die Evangelien, die Epistel und die Schriften der Kirchenväter
-Chrysostomus, Augustinus, Hieronymus, Gregorius, Basilius und Ambrosius
-dagegen zeugten. Als er zurückkam, ja als Magelhaens 1522 von einer
-Reise rund um den Erdball zurückkehrte, ließ man sich aber trotzdem
-nicht belehren, daß eben alle diese Schriften von Irrtümern strotzen.
-
- *
-
-Bekanntlich verdanken wir die Neuentdeckung des +heliozentrischen
-Sonnensystems+ erst Kopernikus (1473-1543). Im Jahre 1616 wurde
-aus Anlaß der Aktion gegen Galilei sein Buch auf den Index librorum
-prohibitorum gesetzt, von dem man es erst 1754 entfernte. Erst 1822
-gestattete die Indexkongregation den Druck von Büchern, welche die
-Bewegung der Erde lehren. Bis dahin drehte sich also für den gläubigen
-Katholiken die Sonne noch um die Erde, d. h. erst nach 2100 Jahren
-durfte er die Lehre Aristarchs annehmen!
-
-
-Luther verwarf die gewaltige Tat des Kopernikus als Narrheit, und
-zwar aus einem zwingenden Grunde: weil in der Bibel Josua die Sonne
-stillestehen läßt und nicht die Erde!
-
-
-Das +1. und 2. Keplersche Gesetz+ wurde (1609 und 1618) von
-der Kongregation des Index expurgatorius verboten, weil beide dem
-Kopernikanischen System als Stütze dienten, und weil man es nicht für
-passend fand, irgendein Gesetz anzuerkennen, das mit Gottes freiem
-Willen im Widerspruch stand. Die Macht der Geistlichkeit, die auf
-diesen freien Willen Einfluß ausübte, gutes Wetter oder Regen machte
-etc., wurde dadurch eingeschränkt. Das Geschäft durfte aber unter
-keinen Umständen verdorben werden[296].
-
- *
-
-Da +Giordano Bruno+ unter anderem behauptet hatte, es gebe +mehrere
-Welten+, wurde er am 16. Februar 1600 in Rom +verbrannt+. Natürlich war
-die Kirche daran, wie an allen Hexenverbrennungen, völlig unschuldig,
-hatte sie ihn doch mit der stehenden Formel der weltlichen Behörde
-überliefert „so barmherzig als möglich zu sein und ohne Blutvergießen
-zu bestrafen“[297].
-
-Für die Dreistigkeit +Galileis+, eine Wahrheit entdeckt zu haben, wurde
-er trotz seines Widerrufes vom römischen Inquisitionsgericht durch 3
-Jahre Kerker bestraft. Ferner mußte er an einem ihm angewiesenen Orte
-leben, und die Beisetzung in geweihter Erde wurde ihm versagt. Mag er
-dadurch die kirchliche Unsterblichkeit verloren haben, so kann er doch
-mit der andern ganz zufrieden sein[298].
-
- *
-
-Die Kirche war eine heftige Feindin der +Experimentalphysik+ und
-das nicht ohne Grund. Die Physiker konnten durch ihre teilweise
-verblüffenden Experimente den bisher allein von der Geistlichkeit
-geübten „Wundern“ erfolgreich Konkurrenz machen oder doch ihnen das
-Geschäft verderben, und das mußte natürlich verhütet werden. Sogar bis
-auf die Tiere erstreckte sich dieser Brotneid. Als jemand seinem Pferde
-einige Kunststücke beigebracht hatte, wurde es 1601 in Lissabon vor
-Gericht gestellt und, weil vom Teufel besessen, +verbrannt+[299].
-
- *
-
-Als 1752 die kgl. Gesellschaft in England den +Gregorianischen
-Kalender+ einführte, natürlich gegen eine heftige Opposition von
-kirchlicher Seite, wurden einige Mitglieder der Gesellschaft vom
-aufgehetzten Pöbel in den Straßen Londons verfolgt, +weil sie ihnen 11
-Tage ihres Lebens geraubt haben sollten+[300]!
-
- *
-
-Auch im 19. Jahrhundert ließ sich die Geistlichkeit nicht lumpen, so
-wenig wie in der Gegenwart. Als in Amerika +Anästhetika+ bei Geburten
-angewandt wurden, um den Frauen die Schmerzen zu erleichtern, trat die
-Geistlichkeit mit Heftigkeit dagegen auf. Der Grund war, daß -- Moses
-im 1. Buche 3, 16 erzählt, Gott habe zum Weibe gesprochen: „Ich will
-dir viele Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du sollst mit
-Schmerzen Kinder gebären..[301]“.
-
- *
-
-Die Schutzpockenimpfung wurde keineswegs durch einen Arzt in die
-europäische Medizin eingeführt, sondern durch Lady Wortley Montague,
-die als Gattin des britischen Gesandten in Konstantinopel in den
-Jahren 1716-1719 die von Indern und Orientalen schon längst geübte
-Schutzimpfung von Menschenblattern gegen die Pocken kennen lernte.
-Sie verschaffte dieser wichtigen, wenn damals auch noch keineswegs
-ungefährlichen und von ärztlicher Seite natürlich hart angegriffenen
-Neuerung -- wo hätte je eine Zunft von außen kommende Anregungen
-freudig aufgenommen? -- in England Verbreitung. Die +Geistlichkeit
-aber sträubte sich dagegen+, da sie in Krankheiten wie auch in
-Erdbeben eine unabwendbare Heimsuchung Gottes gegen die Menschheit
-um ihrer Sünden willen sah. Die Geistlichkeit ist eben in gewissen
-Eigenschaften auf der ganzen Erde sich gleich. Vor dieser Gemeinsamkeit
-tritt die Differenz der Religion und Konfession zurück. Auch die
-Impfung mit Kuhpockenlymphe ist nicht von einem Arzte entdeckt
-worden. Jenner lernte sie vielmehr von +Laien+. Seit dem Jahre
-1761 hatte der Pächter Jensen und Schullehrer Plett sie bereits in
-Holstein angewandt. Diesmal bemächtigte sich aber die Wissenschaft der
-Errungenschaft relativ schnell. Denn schon 38 Jahre(!) später, im Jahre
-1799, wurden die ersten Impfungen von deutschen Ärzten in Hannover
-vorgenommen, und zwar unter englischem Einfluß[302].
-
- *
-
-In der Gegenwart wüten Katholizismus und orthodoxer Protestantismus aus
-gleich triftigen Gründen +gegen die Entwicklungslehre, Darwinismus
-und Lamarckismus+. Es gab eben noch nirgend einen Fortschritt oder
-eine neuentdeckte Wahrheit, die nicht von Kirche und Geistlichkeit
-bekämpft worden wäre. Die Angst dieser Faktoren vor Wahrheit und Wissen
-wird köstlich illustriert durch die von der theologischen Fakultät
-zu Paris aufgeworfene Frage, +was aus der Religion werden solle,
-wenn das Studium der griechischen und hebräischen Sprache erlaubt
-sei+[303]. Also nicht nur im Buche der Natur zu blättern ist für
-die Gottesstreiter gefährlich, sogar die Nachprüfung der Quellen, aus
-denen sie ihre Existenzberechtigung herleiten wird -- nicht ohne Grund
--- von ihnen gefürchtet! Chamberlain nennt die +Bibel+ sogar das
-+einzige für Rom wirklich gefährliche Buch+!
-
- *
-
-Als Professor Friedrich Delitzsch 1901 und 1902 seine so
-außerordentliches Aufsehen erregenden Vorträge über Babel und Bibel
-hielt, konnte man sich um etliche Jahrhunderte zurückversetzt glauben.
-Delitzsch hatte darauf hingewiesen, daß dem Bibelstudium durch die
-Ausgrabungen von Keilinschriften reiche Förderung in historischer und
-realer Hinsicht zuteil würde: die Namen von Örtlichkeiten, historische
-Personen treten in helleres Licht. Es zeige sich, daß Kanaan eine
-Kulturprovinz Babyloniens sei, das dorthin Handel und Recht und Sitte
-und Wissenschaft verpflanzt habe. Der +Sabbat sei babylonisch+,
-desgleichen eine ganze Reihe biblischer Erzählungen, wie die von der
-+Sintflut, Schöpfung, Sündenfall, Paradies, Leben nach dem Tode,
-Engeln+ und +Dämonen, letzten Endes sogar der Monotheismus+.
-Dieser bestand bekanntlich bei den Israeliten ursprünglich durchaus
-nicht in der Form, wie sie offiziell heute gelehrt wird, und trotz
-„Dreieinigkeit“ und Teufel angeblich bei uns besteht, sondern in der
-des Henotheismus, daß eben der Judengott stärker und mächtiger war, als
-die der benachbarten Völkerschaften[304].
-
-Diese Vorträge riefen bei sehr vielen einen Sturm der Entrüstung
-hervor, und es wurde im Ernste von „orthodoxer“ Seite der
-leidenschaftliche Versuch gemacht, um der Heiligkeit des Glaubens
-willen die Sonderstellung Israels und seine besondere göttliche Mission
-zu verteidigen, d. h. sich mit Entschiedenheit gegen die Assyriologie,
-als eine exakte und historische Wissenschaft zu wehren, bzw. ihre
-Resultate ungeprüft oder mit Scheingründen abzulehnen. Das mußten
-sie tun zur +Beruhigung der Gemeinde+[305]! Es gibt also noch
-in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts weite Volksschichten,
-die sich beunruhigt fühlen, wenn man den Nachweis erbringt, daß die
-Juden, dieses Parasitenvolk, das während seiner ganzen selbständigen
-Geschichte weder auf politischem noch auf kulturellem Gebiete
-Nennenswertes geleistet hat, Schüler der weit bedeutenderen Babylonier
-sind[306]! Die im Ernst glauben, Zustände, die im halbbarbarischen
-Vorderasien vor 2½ Jahrtausenden herrschten, auf die Gegenwart
-übertragen zu können, ja letztere an ersteren zu messen! Und das
-alles, weil sie glauben oder zu glauben vorgeben, der liebe Gott habe
-seinen auserwählten Juden die Bibel wörtlich in die Feder diktiert!
-Tatsächlich steht es bei Kollisionen zwischen historischen oder
-naturwissenschaftlichen Ergebnissen mit der Bibel für viele fest, daß
-erstere irren, wie es ja auch noch heute Leute geben soll, die an den
-Stillstand der Sonne auf Josuas Befehl glauben. +Also heute noch
-lassen sich Deutsche in ihrem Denken und Handeln von Anschauungen eines
-kleinen, einst in fremdem Erdteil wohnenden Volkes beeinflussen, das
-kulturell etwa auf der Stufe stand, die unsere Vorfahren unter den
-fränkischen Kaisern einnahmen!+
-
- *
-
-Um das Jahr 1600 wurde ein Webstuhl erfunden, der sogenannte
-„Mühlstuhl“, der auf einem Räderwerk und mechanischem Antrieb beruhte,
-eine wesentliche Erleichterung der bisherigen Fabrikationsweise. Da
-die Arbeiterschaft über Konkurrenz schrie, verfaßte die kaiserliche
-Kanzlei in den Jahren 1681, 1685 und 1719 immer neue Verordnungen,
-die die Anwendung des Mühlstuhls in der deutschen Industrie
-+verboten+. Zuerst wurde er in Sachsen zugelassen und sogar durch
-Prämien unterstützt, als es galt, die schweren Wunden zu heilen, die
-der Siebenjährige Krieg geschlagen hatte. +Also über anderthalb
-Jahrhunderte hatten die Behörden sich dem Gebrauche einer wichtigen
-Erfindung widersetzt+[307]!
-
- *
-
-Im Jahre 1306 war in England das Verbrennen der Steinkohle von König
-Eduard I. verboten worden wegen des Rauches und des üblen Geruches[308].
-
- *
-
-Als J. von Baader, der Veteran des Eisenbahnbaues, sich im Jahre 1831
-an die Ständekammer wandte mit der Bitte um Unterstützung, beschloß
-sie zwar in einer noblen Anwandlung „das Anerbieten J. v. Baaders
-zur Einführung einer neuerfundenen Bauart von Eisenbahnen und zum
-Nachweis des Reellen seiner Erfindung durch Versuche im großen in
-der Art anzunehmen, daß ihm aus Staatsmitteln 3000 Gulden gegeben
-würden, die er sofort wieder +zurückersetzen müsse+, wenn seine
-Versuche den gemachten Zusicherungen nicht entsprächen“, die Kammer
-der Reichsräte verweigerte aber ihre Zustimmung! Zwei Jahre später, am
-10. Juli 1833, wurde endlich der Beweis erbracht, daß die Regierung
--- wenn schon nicht die Kammern -- die außerordentliche Tragweite des
-Projektes mit weitem Blick erkannt hatte und demnach in großherziger
-Weise unterstützte. Die Ministerialentschließung lautet: „Die k.
-Regierung in Ansbach wird ermächtigt, für den Fall der Realisierung
-der Anlage einer Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth durch Bildung
-einer Aktiengesellschaft 2 -- +zwei+ -- +Aktien+ au porteur
-auf Rechnung des Zentralindustriefonds zu erwerben, um hierdurch
-die +lebhafte Teilnahme der Staatsregierung+ an dem wichtigen
-Unternehmen zu bewähren.“ Der Preis der Aktie betrug +100 Gulden, von
-denen 10% angezahlt wurden. Es war nötig, den König um Unterstützung
-anzugehen+, sonst wären die restierenden 180 Gulden noch nicht
-am 25. November 1835 bezahlt worden! Das war die von der Regierung
-der ersten deutschen Eisenbahn gewährte Unterstützung! Bedenkt man
-allerdings, daß es damals Leute gab, die die +Eisenbahn als eine
-Teufelserfindung verabscheuten+ und es als eine +Versuchung Gottes
-erklärten+, mit Dampf statt mit Pferden und anderen Tieren zu
-fahren, die dazu vom Schöpfer dem Menschen gegeben seien, dann kann man
-der Regierungsspende von 200 Gulden eine gewisse Großartigkeit nicht
-absprechen[309].
-
- *
-
-1806 behauptete das Mitglied des Instituts, Mercier, in einem Werke,
-+daß die Erde sich nicht bewege+. Er werde nie zugeben, daß
-sie sich „wie ein Kapaun am Bratspieß“ drehe. Bereits die Schule
-des Pythagoras hatte die tägliche Bewegung der Erde gelehrt. Weder
-Platon noch Aristoteles gaben das zu, und der große Geograph Ptolemäus
-bezeichnet die Hypothese als Narretei und „völlig lächerlich[310]“. Das
-hl. Offizium hatte s. Z. Galilei gegenüber diese Lehre für „töricht
-und absurd vom philosophischen Standpunkt und für teilweise formell
-ketzerisch“ erklärt.
-
- *
-
-Als am 11. März 1878 in der Académie des Sciences der Physiker Du
-Moucel den versammelten Gelehrten den +Phonographen Edisons+
-vorführte, sprang der Akademiker Monsieur Bouillaud, durchdrungen von
-klassischer Bildung voll edler Empörung über die Frechheit des Neuerers
-dem Vertreter Edisons an die Kehle und schrie: „Sie Schuft! Glauben
-Sie, wir lassen uns von einem +Bauchredner+ zum Besten halten?!“
-Am 30. September des gleichen Jahres gab Bouillaud nach eingehender
-Prüfung des Apparates die Erklärung ab, er sei überzeugt, daß es sich
-nur um eine +geschickte Bauchrednerei+ handle. „Man könne doch
-unmöglich annehmen, daß ein schäbiges Metall den edlen Klang der
-menschlichen Stimme wiedergeben könne.“
-
- *
-
-Als Lavoisier die +Luft+ in ihre Bestandteile zerlegte und
-entdeckte, daß sie vornehmlich aus den zwei Gasen Sauerstoff und
-Stickstoff bestehe, also +kein Element+ sei, rief diese Entdeckung
-einen +Sturm der Entrüstung+ hervor. Der Chemiker Baumé, Erfinder
-des Aräometers und Mitglied der Académie des Sciences, wetterte
-dagegen: „Die Elemente oder Grundbestandteile der Körper sind von
-den Physikern aller Jahrhunderte und aller Nationen anerkannt und
-festgestellt worden. Es ist nicht zulässig, daß die seit 2000 Jahren
-anerkannten Elemente jetzt heute in die Kategorie der zusammengesetzten
-Substanzen eingereiht würden. Man darf das Verfahren, Luft und Wasser
-in seine Bestandteile zu zerlegen, ruhig als unsicher hinstellen; ganz
-absurdes Geschwätz, um nicht noch mehr zu sagen, ist es aber, die
-Existenz von Feuer und Erde als Elemente zu leugnen. Die den Elementen
-zugeschriebenen Eigenschaften stimmen mit den bis heute erreichten
-chemischen und physischen Kenntnissen überein; sie haben als Basis für
-eine Unmenge Entdeckungen und Theorien gedient, eine glänzender als die
-andere, und man würde diesen Lehren alle Glaubwürdigkeit nehmen, wenn
-Feuer, Wasser, Luft und Erde nicht mehr als Elemente gelten sollten.“
-
- *
-
-Auf einen genau beobachteten +Meteorfall+, bei dem man das
-Aufleuchten gesehen, den Knall gehört, den fallenden Meteor bemerkt
-und ihn noch ganz glühend aufgefunden und der Akademie zur Prüfung
-übersandt hatte, schrieb der berühmte +Lavoisier+ einen sehr
-gelehrten Bericht an diese, indem er die +Unmöglichkeit nachwies, daß
-Steine vom Himmel fallen+.
-
-
-Gassendi, einer der selbständigsten und unterrichtetsten Geister des
-17. Jahrhunderts, sieht 1627 mit eigenen Augen am hellen Tage einen
-Meteor aus der Luft fallen, untersucht den 30 kg schweren Stein und
-führt das Phänomen auf ein unbekanntes Erdbeben zurück.
-
- *
-
-Vor wenigen Jahren sprach Verfasser, der selbst diesen und anderen
-Fragen völlig neutral gegenüber steht, mit einem berühmten Professor
-der Physik über okkulte Phänomene. Von der Ansicht ausgehend, daß man
-nicht Beobachtungen und Tatsachen an Theorien, sondern diese an jenen
-prüfen müsse und daß jede Theorie täglich neuen Prüfungen standzuhalten
-habe, legte er ihm nahe, der Sache nachzugehen. Er erhielt die
-Antwort, daß ihm das zu gefährlich sei, denn +wenn er sich von
-ihrer Richtigkeit überzeuge, würde er seinen Ruf bei den Fachgenossen
-einbüßen+!
-
-Die Beobachtung des großen Physikers +Galvani+, die er 1791
-an Froschschenkeln machte und in deren Verfolgung er den nach ihm
-benannten Strom entdeckte, wurde -- von einigen wenigen abgesehen --
-allgemein +mit ungeheurem Gelächter aufgenommen+. Er schrieb 1792
-darüber: „Ich werde von zwei verschiedenen Parteien angegriffen, von
-den Weisen und von den Dummen. Den einen wie den andern bin ich ein
-Spott, und man nennt mich den Tanzmeister der Frösche. Trotzdem weiß
-ich, daß ich eine neue Naturkraft entdeckt habe.“
-
- *
-
-+Harvey, der Entdecker des Blutkreislaufes+, wurde von Guy-Patin
-und der gesamten Fakultät mit +beißendem Sarkasmus gequält+.
-
- *
-
-Ignaz +Semmelweis+ (1818-1865), der +Entdecker+ des infektiösen
-Charakters des +Kindbettfiebers+, auf dessen Anordnungen hin die
-Sterblichkeit an dieser Krankheit in der Wiener geburtshilflichen
-Klinik auf ein Viertel sank, wurde von den +Fachgenossen+ solcher
-Widerstand entgegengesetzt, daß er sich völlig aufrieb und im
-+Irrenhause endete+.
-
- *
-
-Als Fulton 1804 dem großen +Napoleon+ den Vorschlag machte, zum
-Kriege gegen England eine Dampfschiffflotte zu bauen, ließ Napoleon das
-Projekt durch das Nationalinstitut zu Paris prüfen. Er schrieb unterm
-21. Juli des Jahres an den Minister de Champagny: „Sie haben mich viel
-zu spät darauf aufmerksam gemacht, +da dieses Projekt imstande ist,
-das Aussehen der Welt zu verändern+... Eine großartige Wahrheit,
-eine tatsächliche, handgreifliche Wahrheit steht vor meinen Augen.
-Sache der betreffenden Herren (der Kommission) wird es sein, dieselbe
-zu sehen und sich zu bemühen, sie zu erfassen. Sobald Bericht darüber
-erstattet ist und Ihnen zugegangen sein wird, ist er mir zu übersenden.
-Sorgen Sie dafür, daß diese Sache in höchstens acht Tagen erledigt ist,
-denn ich bin ungeduldig“.
-
-
-Noch 1816 wurde das Gesuch des Marquis de Joffroy, der bereits 1776
-einschlägige Versuche veranstaltet hatte, vom +Pariser Patentamt+
-und dessen Leiter Colonne +mit Rücksicht auf den geringen Wert der
-Erfindung abgelehnt+[311]!
-
- *
-
-Philippe Lebon, der Erfinder der +Gasbeleuchtung+ (1797) konnte
-die Welt nicht davon überzeugen, daß eine +Lampe ohne Docht brennen
-könne+. Erst 14 Jahre nach seinem 1804 erfolgten Tode wurde seine
-Erfindung in Paris eingeführt, während Birmingham schon 1805 mit der
-Gasbeleuchtung vorangegangen war.
-
- *
-
-Als die ersten Proben mit der Eisenbahn gemacht wurden, wiesen die
-Ingenieure nach, daß die +Lokomotiven unmöglich von der Stelle kommen
-könnten+ und daß ihre Räder sich immer nur um sich selbst drehen
-würden. Arago erklärte in der französischen Deputiertenkammer 1838,
-daß die Transportkosten in Frankreich, die sich z. Z. auf 2803000
-Frs. beliefen, nach Ausbau des Bahnnetzes auf 1052000 Frs. vermindern
-würden, so daß das +Land jährlich zwei Drittel der Einnahmen aus den
-Transportkosten verlieren würde+.
-
-
-Thiers meinte: „Ich gebe ja zu, daß die Eisenbahnen die Beförderung
-von Reisenden etwas erleichtern werden, wenn der Gebrauch +auf
-einige ganz kurze Linien in der Nähe großer Städte+, wie Paris,
-+beschränkt bleibt+. Man braucht keine weiten Strecken.“
-
-
-Das kgl. bayerische Medizinalkollegium erklärte, daß der +Bau der
-Eisenbahnen ein großes Verbrechen gegen die öffentliche Gesundheit
-wäre+, denn eine so schnelle Bewegung würde bei den Reisenden
-Gehirnerschütterung, bei den Zuschauern aber Schwindelanfälle erzeugen.
-Das Kollegium empfahl daher dringend, an +beiden Seiten der Schienen
-Scheidewände in der Höhe der Wagen aufzurichten+[312].
-
-Die bayerische oberste Baubehörde aber konstatierte die Unmöglichkeit
-für Züge, auf einem Damme zu fahren. Es müßten unbedingt +Mauern+
-zur Unterlage für die Schienen errichtet werden[313].
-
- *
-
-Als 1853 der Vorschlag gemacht wurde, ein +Unterseekabel+ von
-Europa nach Amerika zu legen, schrieb Babinet, einer der größten
-Autoritäten in der Physik und Examinator an der Polytechnischen
-Schule zu Paris, in der Revue des Deux Mondes: „Ich kann diese
-Pläne nicht ernsthaft nehmen; die Theorie des elektrischen Stromes
-zeigt unwiderlegbar deutlich die +Unmöglichkeit einer solchen
-Übertragung+, selbst wenn man nicht mit dem Strom rechnet, der sich
-von selbst auf einer so langen elektrischen Strecke bildet und sich
-schon auf der kurzen Reise von Dover nach Calais fühlbar macht. Das
-einzige Mittel, die Alte und die Neue Welt zu verbinden, ist, die
-Beringstraße zu passieren, vorbei an den Faröerinseln, Island, Grönland
-und Labrador.“
-
- *
-
-Unterm 13. Juli 1873 wurde die +Aufnahme Darwins in die Akadémie des
-Sciences abgeschlagen+ und dafür ein Herr Loven gewählt.
-
- *
-
-+Robert Mayers Entdeckung von der Erhaltung der Energie+ wurde
-von der +Gelehrtenwelt derart verspottet+, daß er in eine schwere
-Nervenkrankheit verfiel, in deren Folge er sich aus dem Fenster stürzte.
-
- *
-
-Der Elektriker +Ohm+ wurde von seinen Zeitgenossen als Narr
-+verspottet+.
-
- *
-
-In England +verweigerte+ die kgl. Gesellschaft 1841 eine
-+Erinnerungstafel für den berühmten Joule+. Einige Dezennien
-später wurde die Errichtung eines Denkmales für Darwin verweigert und
-dafür ein +Affenhaus gegründet+.
-
-Als Franklin der kgl. Gesellschaft in London seine Erfahrungen über
-die Fähigkeit einer Eisenstange, die Elektrizität der Atmosphäre
-abzuleiten, mitteilte, war ein Heiterkeitsausbruch die einzige Antwort,
-und die gelehrte Gesellschaft weigerte sich rundweg, den Vortrag
-drucken zu lassen.
-
- *
-
-Im Jahre 1781 veröffentlichte +François Blanchard+ († 1809) im
-Journal de Paris einen Brief, in dem er einen +Flugapparat+
-beschrieb, an dessen Konstruktion er 10 Jahre lang gearbeitet hatte.
-„Auf einem kreuzförmigen Gestell ruht eine Art Boot von 4 Fuß Länge
-und 2 Fuß Breite, welches sehr widerstandsfähig ist, obwohl es nur
-aus dünnen Stäben besteht. Zu beiden Seiten des Schiffchen erheben
-sich 6-7 Fuß hohe Stützen, die 4 Flügel von je 10 Fuß Länge tragen.
-Diese bilden zusammen einen Schirm, der einen Durchmesser von 20 Fuß
-und mithin einen Umfang von mehr als 60 Fuß hat. Die 4 Flügel bewegen
-sich mit überraschender Leichtigkeit. Die ganze Maschine, obwohl von
-beträchtlicher Größe, kann bequem von 2 Männern in die Höhe gehoben
-werden. Sie hat in der Tat die größte Vollkommenheit erreicht. Man wird
-mich, schneller als einen Raben, die Luft durchschneiden sehen, ohne
-daß der rapide Flug mir den Atem benimmt, da ich durch eine sinnreiche
-Schutzvorrichtung davor gesichert bin.“
-
-Viel war bei dieser Ankündigung Aufschneiderei. Immerhin machte er
-im Garten seines Hauses Flugversuche und es gelang ihm in der Tat
-mit Hilfe eines Gegengewichtes von 20 Pfund, das an einer Stange
-herabglitt, eine Höhe von 80 Fuß zu erreichen. Der Apparat bedurfte
-also nur mehr eines Auftriebes von 20 Pfund, um das Problem zu lösen.
-Später soll diese Differenz gar auf 6 Pfund ermäßigt worden sein.
-
-Das war ein zweifelloser Erfolg. Anders dachte darüber der berühmte
-Astronom J. J. L. +de Lallande+ (1732-1807), der in einem
-Schreiben vom 18. Mai 1782 im Journal de Paris seinem Unwillen über
-das von Blanchard erregte Aufsehen Luft machte. „... Gestatten Sie,
-daß ich das Wort ergreife, um Ihren Lesern die Versicherung zu geben,
-daß das Schweigen der Gelehrten ein +Schweigen der Nichtachtung+
-ist. +Es ist in jeder Hinsicht als unmöglich erwiesen, daß sich
-ein Mensch in die Luft erheben und darin halten könne.+ Coulomb,
-Mitglied der Akademie der Wissenschaften, hat vor etwa einem Jahre in
-einer unserer Sitzungen einen Vortrag gehalten, in welchem er, auf
-Erfahrungstatsachen gestützt, durch eine Berechnung der menschlichen
-Kräfte nachweist, daß man dazu Flügel von 12000 bis 15000 Fuß Größe
-haben müsse, die mit einer Geschwindigkeit von 3 Fuß in der Sekunde
-bewegt werden müßten. +Nur ein Tor kann auf Realisierung solch
-phantastischer Ideen noch hoffen.+“ Er fügte noch hinzu, daß es
-ebenso unmöglich sei, sich durch das geringere spezifische Gewicht
-luftleerer Körper zu erheben.
-
-Noch in dem gleichen Jahre, im November 1782, hat Stephan Mongolfier
-den Warmluftballon zu Avignon erfunden[314].
-
- *
-
-Ein Herr an einer +katholisch-theologischen Fakultät+ erklärt
-heute noch die Entstehung der Kohle dadurch, daß Gott die +Finsternis
-in die Erde hinein gebannt+ habe, und wo diese wieder zum Vorschein
-komme, geschähe es zur Erzeugung und Befriedigung teuflischer Gelüste,
-wie Völlerei und Schlemmerei[315]!
-
-
-Als 1908 Graf Zeppelin, dem mit nicht geringerer Skepsis von
-„autoritativer“ Seite begegnet sein soll -- bekanntlich behandelte man
-ihn auf dem Kieler Ingenieurtag 1901 als Narr --, seine großartigen und
-erfolgreichen Experimente mit dem lenkbaren Luftschiff anstellte, war
-der erste Gedanke der Kulturvölker der an die hierdurch hervorgerufenen
-Umwälzungen im Gebiete der +Kriegführung+!
-
-
-
-
-Literaturnachweis
-
-
-Erster Abschnitt
-
- +Abkürzung+: Beil. = wissenschaftliche Beilage der M. Allgemeinen
- Zeitung.
-
-Eine Reihe der in diesem Abschnitt angeführten Daten ist der
-Zusammenstellung von P. Wagler „Modernes im Altertum“ Beil. 1902, Nr.
-212, 213, 219 und 220 und 1904, Nr. 162 f., 171 f. und 174 entnommen.
-Hier auch stets die Quellenangaben.
-
-[1] Beil. 1905, Nr. 54 und Beil. d. Münchner Neueste Nachr. 1908, I, S.
-135.
-
-[2] Beil. 1905, Nr. 207.
-
-[3] u. 4 Beil. 1902, Nr. 212. Robert Hennig bestreitet das in seiner
-überaus gründlichen Arbeit „Die angebliche Kenntnis des Blitzableiters
-vor Franklin“ (Archiv für Geschichte der Naturwissenschaften und der
-Technik II. Bd., 1909, S. 97-136). Er erklärt z. B. das Aufrichten
-bloßer Schwerter gen Himmel für eine drohende Beschwörung. Mag das oft
-richtig sein, so dürfte doch die beobachtete Anziehung des Blitzes ein
-mitbestimmendes Motiv gewesen sein. Vgl. auch II. Buch Chron. 3, V. 17
-und 4. Mosis 21, 6-9.
-
-[4] Vorstehendes nach Ludwig Friedländer, Darstellungen aus der
-Sittengeschichte Roms, 2. Bd., 6. Aufl., S. 22 ff.
-
-[5] Vgl. F. Ludwig, Untersuchungen über die Reise- und
-Marschgeschwindigkeit im 12. und 13. Jahrhundert, 1897.
-
-[6] Vgl. Alex. Cartellieri in den Neuen Heidelberger Jahrbüchern 1902.
-
-[7] Friedländer, Sittengeschichte Roms, II, S. 23.
-
-[8] A. Schultz, Höfisches Leben z. Z. der Minnesinger, II, 2. Aufl., S.
-313 f.
-
-[9] Vgl. die Programmabhandlung von Lorentz „Die Taube im Altertum“.
-
-[10] Friedländer II, S. 82 und Beil. 1906, Nr. 181, S. 251.
-
-[11] Ulrich Wendt, Die Technik als Kulturmacht, S. 73. Zum Folgenden
-vgl. die Dissertation von Carl Zell „Über die Zeitungen der alten
-Römer“, Freiburg i. B. 1834, besonders S. 14.
-
-[12] Vgl. Adolf Ermann, „Egypten und egyptisches Leben im Altertum“, S.
-347, 270 und 276 und Beil. 1904, Nr. 173.
-
-[13] Die Daten nach Ludwig Darmstaedter, „Handbuch zur Geschichte
-der Naturwissenschaften und Technik“, II. Aufl., 1908, S. 93. Zum
-Folgenden vgl. Marcuse, „Hydrotherapie im Altertum“, Stuttgart 1900 und
-Darmstaedter, S. 27.
-
-[14] Neuburger & Pagel, Handbuch der Geschichte der Medizin, I, S. 703.
-
-[15] Vgl. R. Caton im Augustheft 1904 der amerikanischen Monatsschrift
-„Biblia“ und Darmstaedter, der sechs Daten vor Harvey hat.
-
-[16] Gustav Klein, Beil. d. M. Neuesten Nachr. 1908, Nr. 43.
-
-[17] Beil. 1906, Nr. 64.
-
-[18] Beil. 1907, Nr. 6.
-
-[19] Vgl. P. Wagler, Beil. 1904, Nr. 163. M. Feldhaus beschreibt und
-bildet eine Reihe eiserner Hände im „Universum“, Leipzig 1907, Nr. 47
-ab.
-
-[20] Vgl. Friedländer, Sittengeschichte I, S. 37, Anm. 9 und Beil.
-1903, Nr. 222, sowie Darmstaedter, S. 148.
-
-[21] Zu Kraftwagen im Mittelalter vgl. M. Feldhaus, Ruhmesblätter der
-Technik, Leipzig 1910, S. 461 ff.; die wichtigsten Flugapparate, auch
-der Lionardos da Vinci sind beschrieben und abgebildet bei M. Feldhaus,
-Luftfahrten einst und jetzt, Berlin 1908, S. 6-47; auch „Ruhmesblätter“
-S. 280 ff.
-
-[22] Vgl. A. Schultz, Höfisches Leben II, S. 359 f.
-
-[23] Beil. 1904, Nr. 175, Abb. der Schlangengöttin bei Baumgarten,
-Poland und Wagner, Hellenische Kultur, S. 38.
-
-[24] Vgl. C. A. Nallino, „Il valore metrico del Grado di Meridiano
-secondo i Geografi Arabi“, Turin 1893, und Wiedemann, „Anschauungen
-der Muslime über die Gestalt der Erde“ im Archiv f. d. Gesch. d.
-Naturwissenschaften und Technik I, S. 310 ff. und F. Sander, „Die
-heliozentrische Weltansicht im Altertum“, Beil. 1902, S. 221. Ferner
-Rud. Wolf, „Geschichte der Astronomie“, S. 27 f., 35-41.
-
-[25] Ulrich Wendt, Die Technik als Kulturmacht, S. 40 und 55 und J. v.
-Müller und Ad. Bauer, „Die Griechischen Privat- und Kriegsaltertümer“,
-S. 237 f.
-
-[26] Wendt S. 77.
-
-[27] Eb. S. 84.
-
-[28] Eb. S. 101.
-
-[29] J. v. Müller und Ad. Bauer a. a. O. S. 254 ff.
-
-[30] Vgl. A. Schurtz in Helmolts „Weltgeschichte“, 3. Bd., S. 356 ff.
-und Beil. 1902, Nr. 219.
-
-[31] M. Landau, Beil. 1902, Nr. 226.
-
-[32] Beil. Nr. 219 f. und C. Flammarion, „Un Centenaire“ in „La Revue“
-1909, Vol. LXXXIII, p. 463 f. und Johann Georg Keysslers „Reisen“
-(Hannover 1776) S. 471 f.
-
-[33] Vgl. außerdem Beil. 1904, Nr. 172, S. 199.
-
-[34] L. Friedländer, Petronii cena Trimalchionis, Leipzig 1891, S. 42.
-Die folgende Angabe ist S. 43, die übernächste S. 60 entnommen.
-
-[35] Beil. 1906, Nr. 197.
-
-[36] Beil. 1902, Nr. 213.
-
-[37] Baumgarten, Poland usw. S. 60.
-
-[38] Zahlreiche Exemplare haben sich im Museum zu Neapel und anderwärts
-erhalten. Vgl. auch Ritter in den Mitteilungen der Altertumskommission
-für Westfalen, 2. Bd., 1901, S. 119 f., Abb. Taf. XXIII, Fig. 6 und 7,
-und Römisch-germanisches Korrespondenzblatt, II. Jahrgang, 1909, S. 24
-ff. Ein altegyptischer Phallus befindet sich in der „Ex voto“-Sammlung
-von Prof. Richard Andree in München.
-
-[39] Vgl. Hugo Winckler, Die Gesetze Hammurabis, S. 23.
-
-[40] Vgl. Benndorf in der Festschrift zum 70. Geburtstage des Wiener
-Philologen Theodor Gomperz und W. H. Roscher, „Nektar und Ambrosia“, S.
-56 ff.
-
-[41] A. Schultz, Höfisches Leben, II, S. 464 f.
-
-[42] Otto von Freising, Gesta Friderici imperatoris, I, cap. 10.
-
-[43] Eb. I, cap. 15.
-
-[44] A. Schultz, l. c., II. S. 465.
-
-[45] Eb. II. S. 308.
-
-[46] Eb. II, S. 464.
-
-
-Zweiter Abschnitt
-
-[47] Hugo Winckler, Die Gesetze Hammurabis, S. 67.
-
-[48] Eb. S. 61.
-
-[A] So, nicht hundertdreiundzwanzigmal muß es heißen, wie Herr
-Rechtsanwalt Eichhold (München) mir mitzuteilen die Freundlichkeit
-hatte. Grimm, Rechtsaltertümer, korrigiert in der 4. Aufl., II. Bd.,
-S. 375 selbst diesen Fehler der 1. Aufl. Vgl. auch A. v. Stölzel,
-Rechtslehre und Rechtssprechung, Berlin 1899, S. 6.
-
-[49] Fr. Heinemann, Der Richter und die Rechtspflege in der deutschen
-Vergangenheit, S. 20. Über Symbole vgl. Jacob Grimm, „Deutsche
-Rechtsaltertümer“, I. 4. Aufl., S. 184 ff. Über Gerichtsverfahren II,
-6. Buch. Dieses grundlegende Werk ist auch im Folgenden zu Rate zu
-ziehen.
-
-[50] Heinemann, S. 35 f. und S. 60.
-
-[51] Eb. S. 52.
-
-[52] Eb. S. 63 und 27 ff.
-
-[53] Eb. S. 64. Das Folgende S. 98 ff.
-
-[54] Eb. S. 102.
-
-[55] Eb. S. 106.
-
-[56] Eb. S. 119.
-
-[57] Max Bauer, Das Geschlechtsleben in der deutschen Vergangenheit, 5.
-Aufl., S. 51 f.
-
-[58] Ed. Vehse, Geschichte der deutschen Höfe, I. Sektion, Geschichte
-des preußischen Hofs und Adels, II. Teil, S. 127 f., 125 und S. 303.
-
-[59] Eugen Dühren, Der Marquis de Sade und seine Zeit, S. 65 f.
-
-[60] Sigmund Riezler, Die Hexenprozesse in Bayern, S. 277 f.
-
-[61] Ed. Vehse, l. c. II. Teil, S. 227 f.
-
-[62] Riezler, l. c. S. 319.
-
-[63] G. L. Kriegk, „Deutsches Bürgertum im Mittelalter“, S. 215.
-
-[64] Heinemann. l. c. S. 142. Die nächste Notiz nach gütiger Mitteilung
-des Herrn Generaloberarzt Dr. Schill. Vgl. Beiträge zur Gesch.
-Eisenachs, 17. Heft.
-
-[65] Eb. S. 57.
-
-[66] Sämtliche Daten nach G. L. Kriegk, „Deutsche Kulturbilder aus dem
-18. Jahrhundert“, S. 32-51.
-
-[67] Kriegk, Deutsches Bürgertum, S. 248.
-
-[68] Eb. S. 252.
-
-[69] Nach Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, II. Bd., 5. Buch, 3. Kap.
-und Heinemann, l. c. S. 136.
-
-[70] Vgl. „Türmer“, 8. Jahrg., I., S. 523 ff. und 9. Jahrg., I., S. 375
-ff.
-
-[71] Eb. 8. Jahrg., S. 531 f.
-
-[72] Dies und das Folgende nach dem „Türmer“, 10. Jahrg., 2. Bd., S. 65
-ff. und 216 ff. Hier noch zahlreiche ähnliche Fälle!
-
-[73] Vgl. E. Theisen, „Unwürdig oder unfähig? Ein Kampf um die Ehre
-und die Unabhängigkeit der Justiz“, Elberfeld 1907, zitiert nach dem
-„Türmer“ (Herausgeber J. Freih. v. Grotthuß), 9. Jahrgang, 2. Bd., S.
-393 ff.
-
-
-Dritter Abschnitt
-
-[74] Vgl. Paul Graf von Hoensbroech, „Das Papsttum in seiner
-sozial-kulturellen Wirksamkeit“, I. Buch, VI. Abschnitt I., dem auch
-sämtliche folgende Daten, wo nicht anders bemerkt, entnommen sind.
-
-[75] Vgl. Ferdinand Gregorovius, Wanderjahre in Italien, II. Band,
-„Avignon“, S. 327 ff.
-
-[76] Nach K. Müller, „Über religiöse Toleranz“, Beil. 1903, Nr. 1.
-
-[77] Friedländer, Sittengeschichte Roms, III. Bd., 6. Aufl., S. 631 ff.
-und C. Wessely im Anzeiger der Philos. hist. Klasse der Wiener Akademie
-der Wissenschaften 1908.
-
-[78] Theodor Lindner, Weltgeschichte seit der Völkerwanderung, II. Bd.,
-S. 106 ff. und H. Schurtz in Helmolts Weltgeschichte, 4. Bd., S. 495 f.
-
-[79] Th. Lindner, Weltgeschichte, 4. Bd., S. 224 ff. und Hoensbroech l.
-c. I. B., 1., 4. Abschnitt.
-
-[80] H. Th. Buckle, „Geschichte der Zivilisation in England“. Übers. v.
-A. Runge, 7. Aufl., S. 20-24.
-
-[81] Vgl. Landau, Beil. 1905, Nr. 71.
-
-[82] Eb. 1905, Nr. 55.
-
-
-Vierter Abschnitt
-
-[83] Vgl. Pilatus (Victor Naumann), „Was ist Wahrheit“, 2. Aufl., S.
-111.
-
-[84] Eb. S. 111.
-
-[85] Eb. S. 118. Das Folgende bei Felix Platter, Selbstbiographie, S.
-215 ff. und 226.
-
-[86] Pilatus, S. 119.
-
-[87] Ph. Woker, „Das Toleranzprinzip in seiner universalgeschichtlichen
-Entwicklung“, Schweizerische Blätter für Wirtschafts- und
-Sozialpolitik, 14. Jahrg., 1. Bd., 1. und 2. Heft, Bern 1906, S. 44.
-
-[88] Vorstehende Daten sind sämtlich G. L. Kriegk, „Deutsche
-Kulturbilder aus dem 18. Jahrhundert“, S. 99 ff., entnommen.
-
-[89] Pilatus, l. c. S. 107.
-
-[90] Nachstehendes nach Woker, l. c. S. 47 ff.
-
-[91] Th. Lindner, Weltgeschichte, II. Bd., S. 205.
-
-[92] Eb. S. 90.
-
-[93] R. Garbe, „Kaiser Akbar von Indien“.
-
-[94] Houston Steward Chamberlain, „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, 7.
-Aufl., S. 428 f., 571 ff. und passim.
-
-[95] Beil. 1904, Nr. 185.
-
-[96] „Der Dissident“, 1. Jahrg., S. 44 f.
-
-[97] Eb. S. 12.
-
-[98] „Freies Wort“, 7. Jahrg., S. 394 ff.
-
-[99] „Türmer“, 9. Jahrg., I., S. 109 ff.
-
-[100] „Freies Wort“, 6. Bd., S. 613 ff.
-
-[101] Eb. 7. Bd., S. 337.
-
-[102] Eb. 7. Bd., S. 559, S. 664 ff. und 677 ff.
-
-
-Fünfter Abschnitt
-
-[103] Vgl. zu obigem M. Kemmerich, Beil. 1903, Nr. 215.
-
-[104] A. Schultz, Höfisches Leben, II. Bd., S. 447 ff. und S. 298.
-
-[105] Eberhard Windecke, Leben König Sigmunds in Geschichtsschreiber
-der deutschen Vorzeit, S. 24.
-
-[106] A. Schultz, „Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert“, S. 588.
-
-[107] Mone, Quellensammlung der badischen Landesgeschichte, I. Bd., S.
-319. Das Folgende eb. I., S. 495.
-
-[108] Schultz, Deutsches Leben, S. 588 f.
-
-[109] Eb. S. 605. Das Folgende eb. S. 606. Fr. Falk, „Die Ehe am
-Ausgang des Mittelalters“ in „Erläuterungen zu Janssens Geschichte des
-deutschen Volkes“ 6. Bd. 3. Heft, S. 15 behauptet, „daß die Kriegssitte
-den Frauen gegenüber die denkbar mildeste war“, wie irrig das ist,
-lehrt das Vorhergehende. Nur Adelige genießen und zwar nur im späten
-Mittelalter prinzipiell Schonung, wenn auch vereinzelt human gegen
-Weiber aus dem Volke verfahren sein mag.
-
-[110] Schultz, Deutsches Leben S. 607.
-
-[111] Th. Lindner, Weltgeschichte, 6. Bd., S. 47. Das Folgende in
-Archenholtz, Minerva 1797, S. 92 f.
-
-[112] Baumgarten, Poland und Wagner, „Die hellenische Kultur“, S. 114.
-
-[113] Vgl. C. Alberti, „Der Weg der Menschheit“, Berlin 1906, 1. Bd.,
-S. 131 f. und Th. Lindner, Weltgeschichte, II. Bd., S. 433 f.
-
-[114] A. Müller, „Der Islam im Morgen- und Abendland“ in W. Onckens
-„Allgemeiner Geschichte in Einzeldarstellungen“ II., 4. S. 249,
-Zum Benehmen der Chinakrieger, vgl. Rupprecht Prinz von Bayern,
-„Reiseerinnerungen aus Ostasien“, S. 163, 243 ff. und passim.
-
-[115] Vgl. Cl. Klein in Helmolts Weltgeschichte, 6. Bd., S. 359.
-
-[116] A. Schultz, Höfisches Leben, II. Bd., S. 239 f. Zu den
-Lagergesetzen, vgl. Rahewin Gesta Friderici, 3. Buch, Kap. 28.
-
-[117] Otto Henne am Rhyn, „Kulturgeschichte des deutschen Volkes“, 2.
-Aufl., 1. Bd., S. 479 und 2. Bd., S. 163.
-
-[118] Vgl. Machiavelli, „Florentinische Geschichte“, Übers. v. Alfred
-Reumont, Leipzig 1846, II. Bd., 6. Buch, S. 111 und M. Kemmerich, „Die
-Charakteristik bei Machiavelli“, Leipzig 1902, S. 88 f.
-
-[119] Ed. Vehse, Gesch. des preußischen Hofes, 2. Bd., S. 286 f., S.
-290 f., S. 295 und S. 297 ff. Hier auch das Nachstehende.
-
-[120] Keyßlers „Reisen“, 56. Brief, Hannover 1776, S. 740.
-
-[121] Ed. Vehse, Geschichte der deutschen Höfe, IV. Sektion, 5. Bd., S.
-175 ff.
-
-[122] Kurt Eisner, Das Ende des Reichs, 1906, S. 103.
-
-[123] Rudolf Giehrl, „China-Fahrt“, S. 132 f., 148 f. und passim.
-
-
-Sechster Abschnitt
-
-[124] A. Schultz, Höfisches Leben, I, S. 624 und 629. Ferner A.
-Schultz, „Das häusliche Leben im Mittelalter“, S. 172.
-
-[125] Derselbe, Höfisches Leben I, S. 632.
-
-[126] Äneas Sylvius (Piccolomini), „Historia Friderici III.“, ed. F.
-A. Kollar, Analecta monum. Vindob. II., p. 303 ff. Zum Datum vgl. L.
-Pastor, Geschichte der Päpste, 1. Bd., S. 491.
-
-[127] Ed. Hahn, Braunschweig 1724, „Collectio Monument. vet.“, 1. Bd.,
-p. 777.
-
-[128] A. Schultz, Häusliches Leben, S. 162.
-
-[129] Ders., Höfisches Leben I, S. 590, Anm. 2, Mon. Germ. SS. XVII,
-531, Schultz II. Bd., S. 183 und -- für das Folgende -- I. Bd., S. 607,
-Anm. 2.
-
-[130] „Chronikon“ IX, 2, übersetzt mit Anlehnung an Laurent in den
-Geschichtschreibern der deutschen Vorzeit.
-
-[131] Jakob Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, 4. Aufl., II. Bd., S. 299.
-
-[132] Vies des Dames Galantes, Discours premier passim.
-
-[133] Grimm, l. c. S. 348.
-
-[134] A. Schultz, Häusliches Leben, S. 160.
-
-[135] Ders., Höfisches Leben I, S. 648.
-
-[136] Zimmerische Chronik, herausg. von A. Barack, IV. Bd., S. 243 f.
-
-[137] Max Bauer, Das Geschlechtsleben i. d. deutschen Vergangenheit, 5.
-Aufl., S. 17 ff.
-
-[138] Eb. S. 64 f.
-
-[139] A. Schultz, Deutsches Leben, S. 159 und Grimm, Deutsche
-Rechtsaltertümer I, 4, S. 613 ff.
-
-[140] Vgl. L. Wahrmund, Beil. 1905, Nr. 286 und eb. 1906, Nr. 21.
-
-[141] Joh. Scherer, Deutsche Kultur- und Sittengeschichte, 11. Aufl.,
-S. 322 ff.
-
-[142] Bauer l. c. S. 241 f.
-
-[143] Äneas Sylvius l. c. ed. Kollar, p. 302 sqs. Das Vorhergehende
-nach O. Harnack, Medizinisches aus der ältesten Kirchengeschichte, S.
-59 f.
-
-[144] Gregorovius, Wanderjahre II, S. 348 ff.
-
-[145] Vgl. Preußische Jahrbücher, 135. Bd., S. 35 ff.
-
-
-Siebenter Abschnitt
-
-[146] Das Vorhergehende nach O. Harnack, Medizinisches aus der ältesten
-Kirchengesch., S. 59. Gregor, Historia Francorum II, cap. 40. Der
-Versuch Giesebrechts Gregors Moral zu retten -- in seiner Übersetzung
-der fränkischen Geschichte, 2. Aufl., S. 105, Anm. 2 -- scheint mir
-nicht gelungen.
-
-[147] „Chronikon“, Übers. v. Laurent, l. c. 2. Aufl., S. 131.
-
-[148] Eb. IX, 3. Übersetzung, S. 334.
-
-[149] Beide Daten nach A. Schultz, Höfisches Leben, I. Bd., S. 583 f.
-und G. L. Kriegk, „Deutsches Bürgertum“, Neue Folge, S. 266.
-
-[150] Hans Delbrück, Preußische Jahrbücher, Bd. 71, 1893, S. 24.
-
-[151] „Hausbuch“, S. 491. Wo nicht anders bemerkt, ist zu den folgenden
-Angaben A. Schultz, Höfisches Leben I, S. 584-587 zu vergleichen.
-
-[152] Vgl. Johannes Kunze, „Zur Kunde des deutschen Privatlebens in der
-Zeit der salischen Kaiser“, Berlin 1902, S. 37.
-
-[153] Historia occident. ed. Franc. Moschus. Duaci 1597, p. 278, nach
-Schultz.
-
-[154] Schultz, Höfisches Leben, S. 590-592.
-
-[155] Eb. S. 599 und 592.
-
-[156] Ders., Häusliches Leben, S. 155 und Höfisches Leben, S. 599, Anm.
-4.
-
-[157] Kunze l. c. S. 51.
-
-[158] Die folgenden Angaben -- wo nicht anders bemerkt -- nach G. L.
-Kriegk, „Deutsches Bürgertum im Mittelalter“, Neue Folge, S. 260-266.
-
-[159] Eb. S. 274.
-
-[160] Eb. Anm. 219.
-
-[161] Eb. S. 294 f.
-
-[162] Eb. S. 295.
-
-[163] Eb. S. 266.
-
-[164] Eb. S. 308.
-
-[165] Eb. S. 311 f.
-
-[166] Eb. S. 324.
-
-[167] Eb. S. 331.
-
-[168] Bauer, Geschlechtsleben i. d. deutschen Vergangenheit, S. 161 f.
-und „Curiositäten“ I. Bd., Weimar 1812, S. 206 f.
-
-[169] Eb. S. 164.
-
-[170] Kriegk l. c. S. 266-271. Hier auch die folgenden Daten.
-
-[171] Vorstehendes und das Folgende zitiert nach A. Schultz, Deutsches
-Leben, S. 276 f. Über das Gezeter der Moralisten vgl. den Aufsatz von
-Hans Delbrück, Die gute alte Zeit, Preußische Jahrbücher, 71. Bd., 1893.
-
-[172] Schultz, l. c. S. 76.
-
-[173] Eugen Dühren, Der Marquis de Sade und seine Zeit 2. Aufl., S. 44.
-
-[174] Eb. S. 41 ff.
-
-[175] Zu obigen Daten vgl. eb. S. 144 ff.
-
-[176] Ed. und Jules de Goncourt, „La femme au dixhuitième siècle“,
-Paris 1878, S. 165.
-
-[177] Dühren l. c. S. 59.
-
-
-Achter Abschnitt
-
-[178] Vies des Dames Galantes, Nouvelle Edition, Paris, Garnier, p. 28.
-
-[179] A. Schultz, Deutsches Leben, S. 490 und 493.
-
-[180] Max Bauer, Geschlechtsleben, S. 288.
-
-[181] Eb. S. 282 ff., Felix Platter, Selbstbiographie, S. 187 und A.
-Schultz, Häusliches Leben, S. 393.
-
-[182] Elisabeth Charlottens Briefe, Neudruck der 1789 veröffentlichten
-Bruchstücke von Hans F. Helmolt, Annaberg 1909, S. 268, Nr. 30.
-
-[183] Eb. S. 308, Nr. 7.
-
-[184] Eb. S. 399 ff.
-
-[185] Eb. S. 260, Nr. 5.
-
-[186] Ed. Vehse, Geschichte des preußischen Hofes, III. Teil, S. 87 ff.
-
-
-Neunter Abschnitt
-
-[187] Beide Daten nach H. Peters, Arzt und Heilkunst i. d. deutschen
-Vergangenheit, S. 13. Vgl. zu Folgendem auch Neuburger und Pagel,
-Handbuch der Geschichte der Medizin. passim.
-
-[188] Peters, S. 33 und 35.
-
-[189] Eb. S. 13.
-
-[190] Eb. S. 24.
-
-[191] Diese und die folgenden Daten nach M. Kemmerich, Lebensdauer und
-Todesursachen innerhalb der deutschen Kaiser- und Königsfamilien, Wien
-1909 und A. Schultz, Höfisches Leben II, S. 297 ff.
-
-[192] Peters l. c. S. 26 und Hanns Flörke, „Studien zur
-niederländischen Kunst- und Kulturgeschichte“, S. 209, Anm. 285.
-
-[193] Ed. Vehse, Geschichte des preußischen Adels, I. Teil, S. 35.
-
-[194] Peters l. c. S. 106.
-
-[195] Nach Heinrich Düntzer, „Die römischen Satiriker“, Braunschweig
-1846, Anm. zu Vers 406 der 6. Satire Juvenals.
-
-[196] E. Dühren, Marquis de Sade, S. 80 ff.
-
-[197] Corvin, Pfaffenspiegel, 5. Aufl., S. 350. Wenn hier ausnahmsweise
-ein Werk zitiert wird, das im allgemeinen auf Quellennachweis
-verzichtet, so ist das durch die strenge Zensur gerechtfertigt, die
-das Buch passieren mußte und von der mein Handexemplar schwarze Spuren
-aufweist.
-
-[198] Dies und das Folgende eb. S. 365 f.
-
-[199] Lindner, Weltgeschichte I, S. 142, das Folgende eb. II, S. 116.
-
-[200] Vgl. H. Gudden, Über Massensuggestion und psychische
-Massenepidemien, Vortrag, München 1901, S. 10 ff.
-
-[201] Flörke l. c. S. 20.
-
-[202] Viktor Hehn, Kulturpflanzen und Haustiere, 5. Aufl. S. 420 und J.
-Conrad, „Nationalökonomie“, 3. Aufl., S. 249 f.
-
-[203] Eb. S. 250 f.
-
-[204] Beil. 1903, Nr. 37 und Peters, Arzt und Heilkunde, S. 45.
-
-[205] Beil. 1906, Nr. 255.
-
-[206] Beil. 1903, Nr. 292.
-
-[207] Beil. 1906, Nr. 255.
-
-[208] Beil. 1906, Nr. 202.
-
-[209] Kriegk, Deutsches Bürgertum, S. 342 f.
-
-[210] Georg Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur, S. 507 f.
-
-[211] A. Schultz, Häusliches Leben, S. 325.
-
-
-Zehnter Abschnitt
-
-[212] A. Schultz, Höfisches Leben I, S. 229.
-
-[213] Eb. I, S. 107.
-
-[214] Jakob Burckhardt, Cultur der Renaissance in Italien, 2. Bd., 7.
-Aufl., S. 92 und Excurs LXXXIV.
-
-[215] „Hausbuch“, Tübingen 1882, S. 546.
-
-[216] Die folgenden Daten nach G. L. Kriegk, „Deutsches Bürgertum“,
-Neue Folge, S. 9 ff. und S. 25 ff.
-
-[217] A. Schultz, Häusliches Leben, S. 203.
-
-[218] Eb. S. 62 ff.
-
-[219] Abbildung der einen Medaille bei Alfred Franklin, „La vie privée
-d’autrefois. L’Hygiene“, p. 123.
-
-[220] Eb. p. 118.
-
-[221] Eb. p. 133 ff. Abdruck der Eingabe, p. 158 ff.
-
-[222] Eb. p. 150, 165 und 154.
-
-[223] Eb. S. 164.
-
-[224] Eb. S. 168.
-
-[225] A. Schultz, Höfisches Leben I. S. 107 f. und H. Delbrück,
-Preußische Jahrbücher, 71. Bd. (1893), S. 25.
-
-[226] Franklin l. c. p. 175 f.
-
-[227] B. Händke, Deutsche Kultur im Zeitalter des Dreißigjährigen
-Krieges, S. 286, Anm. 3.
-
-[228] Abgedruckt bei Franklin l. c. p. 181 ff.
-
-[229] Eb. S. 196 ff.
-
-
-Elfter Abschnitt
-
-[230] Vgl. zum ganzen Abschnitt Fr. Heinemann, Richter und
-Rechtspflege, S. 127 ff.
-
-[231] Vorstehendes nach G. L. Kriegk, Deutsches Bürgertum, S. 219 ff.
-
-[232] Eb. S. 237 ff.
-
-[233] Vgl. P. Frauenstädt, Zeitschrift für Sozialwissenschaft, V. Bd.,
-S. 847 ff.
-
-[234] Hugo Winckler, Gesetze Hammurabis, S. 37.
-
-[235] Obiges nach Frauenstädt, Zeitschrift f. Sozialwissenschaft, V.
-Bd., S. 940 ff.
-
-[236] Heinemann l. c. S. 128 f.
-
-[237] Äneas Sylvius, Historia Friderici III., Kollar p. 215 ff. Vgl.
-auch Allgemeine deutsche Biographie IV. Bd., S. 258 ff., wo die Grafen
-von Cilli in etwas milderem Lichte erscheinen.
-
-[238] Hanns Flörke, Studien zur niederländischen Kunst- und
-Kulturgeschichte, S. 216, Anm. 353.
-
-[239] Zu den letzten Daten vgl. eb. S. 87 und 178.
-
-[240] Eb. S. 163.
-
-[241] Vgl. W. Waetzoldt, Die Kunst des Porträts, S. 386 und zu obigem
-S. 374-412.
-
-[242] Flörke, S. 10.
-
-[243] Waetzoldt, S. 376.
-
-[244] Vgl. M. Kemmerich, Die frühmittelalterliche Porträtmalerei in
-Deutschland und derselbe, Die frühmittelalterliche Porträtplastik in
-Deutschland passim.
-
-
-Zwölfter Abschnitt
-
-[245] Beil. 1905, Nr. 261.
-
-[246] Beil. 1905, Nr. 208.
-
-[247] Otto Pfleiderer, Die Entstehung des Christentums, S. 194 f.
-
-[248] Eb. S. 198 f.
-
-[249] Beil. 1905, Nr. 208.
-
-[250] Pfleiderer l. c. S. 130 f.
-
-[251] Eb. S. 147 f.
-
-[252] Beil. 1905, Nr. 154.
-
-[253] Vgl. „Religions- und Missionskarte der Erde“ in Meyers
-Konversationslexikon 6. Aufl., 16. Bd., bei S. 788.
-
-[254] Vgl. Ludwig Wahrmund, „Katholische Weltanschauung und freie
-Wissenschaft“, S. 3, Anm.
-
-[255] Eb. S. 12 f.
-
-[256] Eb. S. 9 f.
-
-[257] Beil. 1906, Nr. 39.
-
-[258] Wahrmund l. c. S. 16, Anm. 1.
-
-[259] Eb. S. 15.
-
-[260] Eb. S. 16.
-
-[261] Zitiert nach Wahrmund S. 46 ff.
-
-[262] Der Syllabus ist ebenfalls bei Wahrmund in Übersetzung abgedruckt.
-
-[263] A. Schultz, Höfisches Leben I, S. 148. Das Nächste eb. S. 209.
-
-[264] J. H. Albers, „Populäre Festpostille, Aufsätze und Vorträge über
-Ursprung, Entwicklung und Bedeutung sämtlicher Feste usw.“, Leipzig
-1891, S. 220.
-
-[265] Nach Äneas Sylvius, Historia Friderici III., Kollar p. 181 f.
-
-[266] Übers. von W. Herz, Spielmannbuch, vgl. Beil. 1903, Nr. 63.
-
-[267] „Türmer“, 9. Jahrg., 2. Bd., S. 384.
-
-[268] Vgl. Hoensbroech, Das Papsttum in seiner sozial-kulturellen
-Wirksamkeit, I. Bd., 2. Buch, 3. Abschnitt. Ferner Rieks, „Leo III.
-und der Satanskult“, Berlin 1897, sowie Bräunlich, „Der neueste
-Teufelsschwindel“, Leipzig 1897.
-
-
-Dreizehnter Abschnitt
-
-[269] Vgl. Sigmund Riezler, „Die Hexenprozesse in Bayern“, S. 42 und 53
-ff.
-
-[270] Eb. S. 83 ff.
-
-[271] Vgl. zu folgendem eb. S. 92 bis 131.
-
-[272] Vgl. Joh. Jansen, Geschichte des deutschen Volkes, 13. und 14.
-Aufl., 8. Bd., S. 591 ff. Wurde auch weiter unten benutzt.
-
-[273] Vgl. Pilatus (Victor Naumann), „Was ist Wahrheit?“ 2. Aufl., S.
-127-132.
-
-[274] Riezler l. c. S. 240 f.
-
-[275] Eb. S. 246 f. und 120.
-
-[276] Zitiert nach Pilatus.
-
-[277] Riezler, S. 319.
-
-[278] Vgl. A. Hauck, „Realenzyklopädie für protestantische Theologie
-und Kirche“, 8. Bd., Artikel „Hexen und Hexenverfolgungen“, und F. v.
-Hellwald, Culturgeschichte in ihrer natürlichen Entwicklung, S. 618.
-
-
-Vierzehnter Abschnitt
-
-[279] Ferdinand Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter,
-2. Aufl., 2. Bd., S. 74 ff.
-
-[280] Eb. 2. Bd., S. 281 f.
-
-[281] Eb. 3. Bd., S. 76 ff., besonders S. 79, Anm. 1. Hier auch das
-Folgende, vgl. ferner H. Schultze in der „Wartburg“, 1. Bd., 1902, S.
-79 f.
-
-[282] Eb. 3. Bd., S. 509.
-
-[283] Vgl. Corvin, Pfaffenspiegel, 5. Aufl., Rudolstadt 1885, S. 105.
-
-[284] „Das freie Wort“, 7. Bd., S. 35. Abb. von Hemd und Windeln in der
-„Wartburg“ I, S. 145.
-
-[285] Corvin, S. 110 f.
-
-[286] Alphons Victor Müller, Die hochheilige Vorhaut Christi, Berlin
-1907, S. 105 ff. Johann Georg Keysslers „Reisen“, Hannover 1776, S.
-506m und ferner Archiv f. Kulturgeschichte VII. Bd. 1909, S. 137 ff.
-
-[287] Müller, S. 18 und 119 ff.
-
-[288] Eb. S. 36 ff. und 46 ff.
-
-[289] Eb. S. 56 ff.
-
-[290] Über Agnus Dei vgl. Ad. Franz, „Die kirchlichen Benediktionen im
-Mittelalter“, 1. Bd., S. 553 ff., besonders S. 567-569 und Keysslers
-„Reisen“, S. 426c.
-
-[291] Nach Hansemann, „Der Aberglaube in der Medizin etc.“, S. 86.
-
-
-Fünfzehnter Abschnitt
-
-[292] Nach dem Nürnberger Generalanzeiger vom 14. Juni 1901.
-
-[293] Paul Rohrbach, Deutsche Kolonialwirtschaft.
-
-[294] Vgl. Frankfurter Zeitung 1896, Nr. 8, drittes Morgenblatt.
-
-[295] Vgl. die Aussage des apostolischen Vikars von Ubanghi, Msgr.
-Augouard, Augsburger Postzeitung 1894, Nr. 251.
-
-
-Sechzehnter Abschnitt
-
-[296] Joh. William Draper, Geschichte der Konflikte zwischen Religion
-und Wissenschaft, Übers. Leipzig 1875, S. 163, 234 f. und 241.
-
-[297] Eb. S. 183.
-
-[298] Eb. S. 174 f.
-
-[299] Eb. S. 325 f.
-
-[300] Eb. S. 314 f.
-
-[301] und 302: Eb. S. 325 und Peters, Arzt und Heilkunst, S. 120 f.
-Darmstaedter, „Handbuch z. Gesch. d. Naturwissenschaften und Technik“,
-gibt S. 168 an, daß zuerst im Jahre 1714 der Arzt Timoni und der
-venezianische Konsul in Konstantinopel Pylarini auf die Impfung
-hingewiesen hätten.
-
-[303] Draper S. 287 und Chamberlain, Grundlagen des 19. Jahrhunderts,
-S. 518, Anm. 4 und S. 42.
-
-[304] Vgl. O. Pfleiderer, Religionsphilosophie auf geschichtlicher
-Grundlage, 3. Aufl., S. 60 ff.
-
-[305] Beil. 1903, Nr. 270.
-
-[306] Vgl. C. Bezold, Ninive und Babylon, 2. Aufl., S. 46.
-
-[307] Ulrich Wendt, Die Technik als Kulturmacht, S. 167 f.
-
-[308] Eb. S. 170.
-
-[309] Rudolf Hagen, Die erste deutsche Eisenbahn mit Dampfbetrieb, S.
-20, 46 und 62.
-
-[310] Folgende Zusammenstellung zum Teil nach Camille Flammarion,
-Rätsel des Seelenlebens, Stuttgart 1908.
-
-[311] Meyers Konversationslexikon, 6. Aufl., 4. Bd., S. 466.
-
-[312] Eine authentische Quelle für diese, übrigens hinlänglich bekannte
-Tatsache, gelang es mir nicht zu finden.
-
-[313] Die Entscheidung der obersten Baubehörde wurde mir von einem
-hohen Staatsbeamten, der das Dokument in Händen hatte, mitgeteilt.
-
-[314] Nach freundl. Mitteilung des Herrn Prof. Emden in München und
-des Grafen Karl v. Klinckowström, vgl. auch A. Kistner, Beil. d. M.
-Neuesten Nachr. 1908, I, S. 455 f.
-
-[315] Nach Angabe des Prof. L. M. Hartmann (Wien) auf dem 2. deutschen
-Hochschullehrertag in Jena am 28. und 29. September 1908, vgl. Beil. d.
-Münchner N. N. 1908, II, S. 637.
-
-
-
-
-Nachwort
-
-
-Die wohlwollende Aufnahme der Kultur-Kuriosa von seiten der Kritik
-und des Publikums enthebt mich der Notwendigkeit, das Buch zu
-rechtfertigen. Daß orthodoxe und reaktionäre Stimmen dagegen polterten,
-hatte ich erwartet, ja erhofft. Auffällig war nur, daß auch manchmal
-von wohlmeinender Seite der Geist des Buches nicht verstanden wurde.
-Las ich, daß die Tendenz des Verfassers „im Grunde genommen gut“ sei,
-konnte ich mich nur schwer eines Lächelns enthalten. Die Versicherung,
-daß ich auf die niederen Instinkte spekuliere, bewies mir aufs
-neue, daß mancher, ohne es zu wissen, sichere Anwartschaft auf das
-Himmelreich hat (Matth. 5, 3). Ja, es gibt Leute, denen ein gerechter
-Richter oder eine moralische Handlung kurios erscheint, und diese
-dünken sich Erbpächter des Patriotismus!! Wer nicht immer hurraaaaah!
-schreit, gilt in den Augen manches Biedermanns schon für verdächtig.
-Darüber zu streiten liegt mir fern.
-
-Einem andern Einwand möchte ich begegnen: der Bemängelung des
-Quellennachweises. Richtiger als die Frage, wo etwas steht, ist die,
-+ob es auch wahr ist+. Nur gesicherte Tatsachen mitzuteilen war
-und ist aber mein erstes Bestreben. Wie sehr es mir gelang, beweist,
-daß auch die leidenschaftlichsten Gegner mir keine nennenswerten
-Irrtümer nachweisen konnten. Doch auch wer an der Art des Zitierens
-etwas auszusetzen hat, würde vielleicht eines Besseren belehrt worden
-sein, hätte er sich die Mühe genommen, die angegebenen Stellen
-nachzuschlagen. Er würde dann dort fast ausnahmslos die Angabe der
-primären Quellen gefunden haben. Nichts wäre für mich einfacher gewesen
-als sie abzuschreiben, aber mit einer Belesenheit zu prunken, die ich
-nicht besitze, ist nicht meine Art. Immerhin habe ich in dieser neuen
-Auflage einige Konzessionen gemacht.
-
-Für Ergänzungen und Berichtigungen bin ich nach wie vor dankbar. Vor
-allem ist es mir ein Bedürfnis allen jenen, die die Freundlichkeit
-hatten, durch Notizen zur Vervollkommnung des Buches beizutragen,
-herzlichst zu danken. Es sind dies die Herren: Ingenieur M. Feldhaus in
-Berlin-Friedenau, Oberst z. D. Schäfer in Berlin, Rechtsanwalt Eichhold
-in München, Schriftsteller Julius Berger in Wien, Dr. Hans F. Helmolt
-in München, Dr. G. Merzbach in Berlin und Ingenieur Fritz Hoffmann in
-Berndorf bei Wien. Desgleichen danke ich allen jenen, die mir brieflich
-ihre Sympathie aussprachen, in erster Linie Herrn Professor Dr. Ernst
-Mach, Mitglied des Herrenshauses in Wien.
-
- +München+, im Februar 1910
-
- Der Verfasser
-
-Das 12. Tausend ist bis auf einige Zusätze und Korrekturen ein
-unveränderter Abdruck der vorigen Auflagen.
-
- +München+, im Mai 1913
-
- Der Verfasser
-
-
-
-
-Weiter erschien
-
-
-Dr. Max Kemmerich
-
-Prophezeiungen
-
-Alter Aberglaube oder neue Wahrheit?
-
-Mit einem Kapitel über den Weltkrieg
-
-6. Auflage. Geheftet 6 Mark, gebunden 8 Mark
-
-+Die Zeit, Wien+: Um streng wissenschaftlich zu verfahren,
-begnügt sich der Verfasser nicht mit einer Anekdotensammlung und der
-Aufstellung von Grundsätzen für die Beurteilung der einzelnen Fälle,
-sondern unterwirft eine berühmte Prophetie und die Gesamttätigkeit von
-sechs mehr oder weniger berühmten Sehern und Seherinnen einer strengen
-Prüfung darauf hin, ob das Eintreffen ihrer Vorhersagungen ein Werk
-des Zufalls oder Ergebnis einer Berechnung sein könne.... Wenn man
-den Namen Nostradamus so oft im „Faust“ gelesen hat, aber rein nichts
-von dem Mann weiß, freut man sich, endlich einmal Genaues über ihn zu
-erfahren.... Daß die „Prophezeiungen“ reißend abgehen werden, kann man
-ohne Prophetengabe und Träume voraussagen, denn so etwas lesen alle
-Leute gern, auch die Aufgeklärten, die über den „Unsinn“ spotten oder
-drauf schimpfen.
-
-
-Kultur-Kuriosa II
-
-8. Auflage. Geheftet 4 Mark 50 Pf., gebunden 6 Mark 50 Pf.
-
-+Berliner Börsenzeitung+: Es ist ihm nicht um den Ruhm eines
-findigen belesenen Kopfes und geschickten Kompilators zu tun, der
-amüsante Historien angenehm zu erzählen weiß, sondern er will weit
-mehr: ihm liegt daran, den wahren Stand unserer heutigen Kultur durch
-Aufzeigen deren historischer Basis klar darzustellen.... Auch in diesem
-zweiten Bande seiner Kultur-Kuriosa übt er seine so rühmenswerte und
--- natürlich -- so angefeindete Offenheit, die ihm nach wie vor das
-Muckertum... auf den Hals hetzen, den geistig Mündigen jedoch zu seinem
-Freunde machen wird.
-
-
-Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit
-
-6. Auflage. Geheftet 4 Mark 50 Pf., gebunden 6 Mark 50 Pf.
-
-+Zeitschrift für Bücherfreunde, Leipzig+: Ein jeder wird
-gestehen: das Buch wird fröhliche Menschen ergötzen und unterhalten,
-nachdenkliche Menschen nachdenklicher machen und sie ins Psychologische
-führen. Pessimisten aber werden in diesen Dokumenten einen Trost
-finden: daß nämlich die Schlechtigkeit der Menschen noch durch ihre
-Dummheit übertroffen wird; -- und das ist ein großer Trost.
-
-+Neues Wiener Tagblatt+: Das neue Buch Kemmerichs gehört
-jedenfalls zu den lichtvollsten Erklärungen für die düstere Psyche
-vergangener Jahrhunderte und wird sicherlich viel dazu beitragen, die
-Reste, die aus jenen Tagen zurückgeblieben sind, zerstören zu helfen.
-
-
-Verlag von Albert Langen in München
-
-
-
-
-Von Dr. Max Kemmerich erschien ferner
-
-
-Das Kausalgesetz der Weltgeschichte
-
-Zwei Bände
-
-In Halbfranz gebunden 32 Mark
-
-+Kritische Rundschau, München+: Was will nun das Buch? Es soll
-darin der Beweis geliefert werden, daß man mit Hilfe des Gesetzes von
-der Erhaltung der Energie, angewandt auf die Geschichtswissenschaft,
-imstande ist, das Kausalgesetz der Weltgeschichte intuitiv zu
-durchschauen und kommende Ereignisse voraus zu berechnen....
-Selbstbekenntnisse eines Wahrheits-Suchers, so könnte man dieses
-Buch taufen. Eine Individualpsychologie, wie sie kaum jemals mit
-solcher Offenheit geschrieben worden sein dürfte. Möge sie recht
-viele Leser finden, diese Individualpsychologie, Leser, die trotz
-aller Unebenheiten und Schroffheiten nicht ermüden, dem Verfasser
-verständnisvoll zu folgen, wenn er sie in tieferliegende Wahrheiten
-einweihen will, die sich ihm intuitiv erschlossen haben.
-
-+Dr. Hans F. Helmolt+:... Die umfassende Weite seines
-Gesichtskreises, die Kühnheit seines Gedankenfluges, der Scharfsinn
-seiner Schlußfolgerungen, seine trotz wiederholter Ableugnung
-staunenswerte Belesenheit und der leichte Fluß seiner Ausführungen
-bei der Lösung selbst der schwierigsten Fragen.... Epoche aber wird
-Kemmerichs „Kausalgesetz“ sicherlich machen als psychologische
-Zergliederung eines entscheidenden Ausschnittes aus der eigenen
-Entwicklung. Hierin erinnert es direkt an Augustin oder Rousseau.
-
-+Heinrich Lhotzky+:... wir sahen uns in Deutschland vor einen
-europäischen Krieg gestellt. Da las ich das Buch wieder. Die
-Ereignisse gaben ihm eine erschütternde Auslegung.... Wie gesagt,
-ist es möglich, daß den Kemmerichschen Voraussagen weder Beachtung
-noch Glaube geschenkt wird, und nichts liegt dem Verfasser ferner,
-als dafür zu agitieren. Er sieht voraus, daß sein Mahnruf ungehört
-verhalle, obgleich es sich nur um sinngemäße Anwendung unentrinnbarer
-Naturgesetze auf unsere Geschichte handelt, wie man etwa im Sommer und
-Herbst sich vorsieht, den Winter zu überstehen....
-
-
-Verlag von Albert Langen in München
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Kultur-Kuriosa, Erster Band, by Max Kemmerich
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KULTUR-KURIOSA, ERSTER BAND ***
-
-***** This file should be named 63800-0.txt or 63800-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/6/3/8/0/63800/
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/63800-0.zip b/old/63800-0.zip
deleted file mode 100644
index 6792af8..0000000
--- a/old/63800-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/63800-h.zip b/old/63800-h.zip
deleted file mode 100644
index 750db92..0000000
--- a/old/63800-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/63800-h/63800-h.htm b/old/63800-h/63800-h.htm
deleted file mode 100644
index 6ff0cb9..0000000
--- a/old/63800-h/63800-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,11293 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
- "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
- <head>
- <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" />
- <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
- <title>
- Kultur-Kuriosa, Erster Band, by Max Kemmerich&mdash;A Project Gutenberg eBook
- </title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <style type="text/css">
-
-body {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-div.chapter,div.section {page-break-before: always;}
-
-.break-before {page-break-before: always;}
-
-div.titelei,div.rek {
- width: 70%;
- margin: auto 15%;}
-
-h1,h2,h3 {
- text-align: center; /* all headings centered */
- clear: both;
- font-weight: normal;}
-
-h1,.s1 {font-size: 225%;}
-h2,.s2 {font-size: 175%;}
-h3,.s3 {font-size: 125%;}
-.s4 {font-size: 110%;}
-.s5 {font-size: 90%;}
-
-h1 {
- page-break-before: always;
- padding-top: 1em;
- margin-top: 3em;
- font-weight: bold;}
-
-h2.nobreak {
- page-break-before: avoid;
- padding-top: 3em;}
-
-p {
- margin-top: .51em;
- text-align: justify;
- margin-bottom: .49em;
- text-indent: 1.5em;}
-
-p.p0,p.center {text-indent: 0;}
-
-p.hang1_5 {
- padding-left: 1.5em;
- text-indent: -1.5em;}
-
-.mtop1 {margin-top: 1em;}
-.mtop2 {margin-top: 2em;}
-.mtop3 {margin-top: 3em;}
-.mleft1 {margin-left: 1em;}
-.mleft12 {margin-left: 12em;}
-.mright2 {margin-right: 2em;}
-
-.padtop1 {padding-top: 1em;}
-.padtop3 {padding-top: 3em;}
-.padtop5 {padding-top: 5em;}
-
-hr {
- width: 33%;
- margin-top: 2em;
- margin-bottom: 2em;
- margin-left: 33.5%;
- margin-right: 33.5%;
- clear: both;
-}
-
-hr.full {width: 95%; margin: 2.5em 2.5%;}
-
-table {
- margin-left: auto;
- margin-right: auto;
-}
-
-td.vat {vertical-align: top;}
-td.vab {vertical-align: bottom;}
-
-.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
- /* visibility: hidden; */
- position: absolute;
- left: 94%;
- font-size: 70%;
- text-align: right;
- font-style: normal;
- font-weight: normal;
- font-variant: normal;
- color: #555555;
-} /* page numbers */
-
-.blockquot {
- margin: 1.5em 5%;
- font-size: 90%;}
-
-.center {text-align: center;}
-
-.right {text-align: right;}
-
-.left {text-align: left;}
-
-.gesperrt {
- letter-spacing: 0.2em;
- margin-right: -0.2em; }
-
-em.gesperrt {
- font-style: normal; }
-
-/* Images */
-
-img {
- max-width: 100%;
- height: auto;
-}
-img.w100 {width: 100%;}
-
-/* Illustration classes */
-.illowe8 {width: 8em;}
-
-.figcenter {
- margin: auto;
- text-align: center;
- page-break-inside: avoid;
- max-width: 100%;
-}
-
-/* Footnotes */
-
-.footnote {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
- font-size: 0.9em;}
-
-.footnote p {text-indent: 0;}
-
-.footnote .label {
- position: absolute;
- right: 84%;
- text-align: right;}
-
-.fnanchor {
- vertical-align: top;
- font-size: 70%;
- text-decoration: none;}
-
-/* Poetry */
-.poetry-container {text-align: center;}
-.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;}
-/* uncomment the next line for centered poetry in browsers */
-.poetry {display: inline-block;}
-.poetry .stanza {margin: 1em auto;}
-.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;}
-/* large inline blocks don't split well on paged devices */
-
-/* Transcriber's notes */
-.transnote {
- background-color: #E6E6FA;
- color: black;
- font-size:smaller;
- padding:0.5em;
- margin-bottom:5em;}
-
-.nohtml {visibility: hidden; display: none;}
-
-@media handheld, print { .poetry {display: block;} }
-
-@media handheld {
-
-.nohtml {visibility: visible; display: block;}
-
-div.titelei {
- width: 95%;
- margin: auto 2.5%;}
-
-div.rek {
- width: 90%;
- margin: auto 5%;}
-
-/* Illustration classes */
-.illowe8 {width: 20%; margin: auto 40%;}
-
-table.toc {
- width: 95%;
- margin: 2.5%;}
-
-em.gesperrt {
- font-family: sans-serif, serif;
- font-size: 90%;
- margin-right: 0;}
-
-.poetry {
- display: block;
- text-align: left;
- margin-left: 2.5em;}
-
-hr.full {visibility: hidden; display: none;}
-
-}
-
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Kultur-Kuriosa, Erster Band, by Max Kemmerich
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Kultur-Kuriosa, Erster Band
-
-Author: Max Kemmerich
-
-Release Date: November 18, 2020 [EBook #63800]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KULTUR-KURIOSA, ERSTER BAND ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1910 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
-bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts
-dadurch nicht beeinträchtigt wird.</p>
-
-<p class="p0 nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten
-Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
-gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
-serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<p class="s2 center padtop3 break-before"><b>Kultur-Kuriosa</b></p>
-
-<p class="s4 center padtop1">Erster Band</p>
-
-
-<p class="p0 padtop3 break-before"><em class="gesperrt">Von</em> Dr.
-<em class="gesperrt">Max Kemmerich</em> erschienen bei <em class="gesperrt">Albert
-Langen</em>:</p>
-
-<p class="hang1_5"><span class="s3">Dinge, die man nicht sagt</span> 9. Tausend</p>
-
-<p class="hang1_5"><span class="s3">Kultur-Kuriosa</span> Zweiter Band 6.
-Tausend</p>
-
-<p class="hang1_5"><span class="s3">Prophezeiungen, Alter Aberglaube oder neue
-Wahrheit?</span> 4. Tausend</p>
-
-<p class="hang1_5"><span class="s3">Aus der Geschichte der menschlichen
-Dummheit</span> 6. Tausend</p>
-
-<p class="hang1_5"><span class="s3">Das Kausalgesetz der Weltgeschichte</span>
-2 Bde. Subskriptionspreis bis 15. Juli 1913 25 M., dann 32 M. geb. auf
-Büttenpapier.</p>
-
-<h1>Kultur-Kuriosa</h1>
-
-<p class="s4 center">Erster Band</p>
-
-<p class="center mtop2">von</p>
-
-<p class="s3 center mtop2">Dr. Max Kemmerich</p>
-
-<p class="center mtop3">Dreizehntes und vierzehntes Tausend</p>
-
-<div class="figcenter illowe8" id="signet">
- <img class="w100 padtop3" src="images/signet.jpg" alt="Verlagssignet" />
-</div>
-
-<p class="center mtop3">Albert Langen, München</p>
-
-<p class="center padtop5 break-before">Copyright by 1910 Albert Langen, Munich</p>
-
-<p class="s5 center padtop5">Druck von Hesse &amp; Becker in Leipzig<br />
-Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_v"></a>[S. v]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2>
-
-</div>
-
-<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="s5">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="s5">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="s5">
- <div class="right">Seite</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat" colspan="2">
- Vorwort
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Vorwort">VII</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">1.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Modernes und Merkwürdiges in der
- Vergangenheit</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Erster_Abschnitt">1</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">2.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Rechtspflege</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Zweiter_Abschnitt">24</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">3.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Die Ketzer und die römisch-katholische
- Kirche</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Dritter_Abschnitt">53</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">4.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Toleranz und Ähnliches</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Vierter_Abschnitt">71</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">5.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Kriegswesen</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Fuenfter_Abschnitt">96</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">6.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Ehe</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Sechster_Abschnitt">115</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">7.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Sittlichkeit</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Siebenter_Abschnitt">132</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">8.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Schicklichkeit und anderes</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Achter_Abschnitt">157</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">9.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Medizinisches</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Neunter_Abschnitt">172</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">10.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Hygiene</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Zehnter_Abschnitt">190</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">11.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Ehre</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Elfter_Abschnitt">206</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">12.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Religion und Glauben</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Zwoelfter_Abschnitt">217</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">13.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Die „Hexen“ oder Ecclesia non sitit sanguinem!</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Dreizehnter_Abschnitt">242</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">14.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Reliquien</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Vierzehnter_Abschnitt">256</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">15.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Missionen und Kolonien</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Fuenfzehnter_Abschnitt">265</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">16.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Abschnitt: Autoritäten und Fortschritt</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Sechzehnter_Abschnitt">275</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat" colspan="2">
- Anmerkungen
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Literaturnachweis">294</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat" colspan="2">
- Nachwort
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Nachwort">305</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_vii"></a>[S. vii]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort</h2>
-</div>
-
-
-<p>Die „Kultur-Kuriosa“ sind keine Anekdotensammlung, denn sie erheben
-den Anspruch, nur solche beglaubigte Tatsachen anzuführen, die nicht
-nur merkwürdig, sondern auch für ihre Zeit, gewisse Institutionen
-und Anschauungen <em class="gesperrt">charakteristisch</em> sind; sie sind auch keine
-Kulturgeschichte, denn sie erstreben nach keiner Richtung hin
-Vollständigkeit oder systematische Ordnung. Was sie sind, wird der
-Leser wohl selbst herausfinden.</p>
-
-<p>Daß die Schattenseiten stärker betont sind als die Lichtseiten, bringt
-der Zweck des Buches mit sich. Sollte aber jemand aus dem Verschweigen
-dieser oder jener Tatsache auf irgendeine Tendenz schließen, so möge er
-sich den <em class="gesperrt">Titel</em> ins Gedächtnis rufen. Unterließ ich den Hinweis
-darauf, daß etwa Gregor VII. die Folterung der „Hexen“ verbietet, daß
-der Benediktinerorden sich die größten Verdienste um die Überlieferung
-der antiken Literatur erwarb, daß ein Franz von Assisi zu den Heiligen
-der Kirche zählt, daß unsere Verfassung die Gleichheit aller vor dem
-Gesetz verbürgt u.&nbsp;a.&nbsp;m., so hat das seine guten Gründe: Ich finde
-das alles garnicht kurios. Würde ich diese und andere Erscheinungen
-aufgenommen haben, so wäre das boshaft.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_viii"></a>[S. viii]</span></p>
-
-<p>Das Buch ist nun mal durchaus subjektiv, und jedem Leser sei
-freigestellt, Dinge, die ich für höchst sonderbar halte, für die
-natürlichsten von der Welt zu erklären und umgekehrt.</p>
-
-<p>Objektiv wahr aber sind die mitgeteilten Tatsachen. Sollte ich
-versehentlich in irgend einem Punkte geirrt haben, dann bitte ich um
-Belehrung; sollte ich aber mit mancher liebgewordenen Vorstellung
-aufräumen oder gar Gefühle verletzen, um Entschuldigung.</p>
-
-<p>Wer mit mir die Achtung vor Leben, Ehre, Freiheit und Überzeugung
-des Nächsten für das wichtigste Kulturkriterium hält, wichtiger
-als alle technischen und wissenschaftlichen Fortschritte, als alle
-künstlerischen Großtaten, der wird zugeben müssen, daß unsere Kultur
-<em class="gesperrt">sehr jung</em> ist und noch außerordentlich große Aufgaben gerade
-auf diesem Gebiete zu erfüllen hat. Diese Jugend aber ist eine
-Entschuldigung für manches.</p>
-
-<p>Wenn ein Gelehrter, der auf eine Reihe wohlwollend aufgenommener
-Publikationen blicken kann, sich hier nicht an Fachkreise, sondern an
-jeden Gebildeten wendet, dann muß er dafür seine guten Gründe haben.</p>
-
-<p class="mtop2"><em class="gesperrt">München</em>, im März 1909</p>
-
-<p class="right mright2 mtop2"><em class="gesperrt">Der Verfasser</em></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1"></a>[S. 1]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Erster_Abschnitt"><span class="s5">Erster Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Modernes und Merkwürdiges in der Vergangenheit</span></h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken,</div>
- <div class="verse">Das nicht die Vorwelt schon gedacht?</div>
- </div>
- <div class="stanza s5">
- <div class="verse mleft12">Goethe, Faust, I. Teil, 2. Akt</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Die Richtigkeit dieser Worte des Mephistopheles wird wohl kaum
-jemand ernstlich bestreiten wollen, und es hieße Eulen nach Athen
-tragen, durch Sammlung moderner Ideen aus der Vorzeit eine gar
-nicht bestrittene These zu beweisen. Etwas anderes ist es auch, was
-wir hier versuchen, etwas viel Einfacheres, aber auch etwas viel
-weniger Bekanntes: wir wollen zeigen, daß eine nicht geringe Zahl
-von Erfindungen, Entdeckungen, technischen Errungenschaften und
-Einrichtungen, die wir für gewöhnlich als Neuerwerbungen der Gegenwart
-betrachten, auf deren Besitz wir uns vielleicht sogar viel einbilden,
-schon ein respektables Alter aufzuweisen haben. Andrerseits werden wir
-einiges finden, was wir nicht erwartet hätten. In zwangloser Anordnung
-sei eine Reihe solcher Fakten aufgezählt:</p>
-
-<p>Einer der ältesten bekannten <em class="gesperrt">Tunnel</em> scheint der des Königs
-Hiskia von Jerusalem aus dem siebenten vorchristlichen Jahrhundert
-zu sein. Dieser heute noch erhaltene Siloah-Tunnel ist <em class="gesperrt">von beiden
-Seiten her</em><span class="pagenum"><a id="Seite_2"></a>[S. 2]</span> in den Stein gegraben. Zwar hielt der Kanal die gerade
-Linie nicht ein, erreichte vielmehr statt einer Länge der Luftlinie
-von 335 m eine solche von 535 m, aber die Wagerechte wurde erstaunlich
-gut gewahrt, denn der gesamte Höhenunterschied beträgt nur 30 cm.
-Annähernd in der Mitte trafen sich die von beiden Seiten vordringenden
-Steinhauer<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>. Gar aus der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends ist der
-große Tunnel in Gezer in Palästina mit einer Wölbung wie die Londoner
-Untergrundbahn. Er stieg 94 Fuß unter den gewachsenen Felsen.</p>
-
-<p class="mtop2">So neu der Gedanke der <em class="gesperrt">Schienen</em> uns erscheinen mag, er ist es
-keineswegs. Man hatte sie bereits im Altertum, und zwar &ndash; der jetzigen
-ausschließlich auf Eisen- und Straßenbahnen sich beschränkenden
-Anwendung gegenüber fast ein Vorzug &ndash; vielfach auf stark befahrenen
-öffentlichen Straßen. Man stellte diese Geleise durch Einschnitte in
-den Boden her. Solche gab es z.&nbsp;B. an den Toren von Athen, auf dem
-Wege, der direkt vom Piräus nach der Agora führte, sogar die römische
-Alpenstraße in den Dauphiné-Alpen zeigt deutliche Spuren! Desgleichen
-Straßen im Hauran̄, wie mir ein Reisender mitteilte. Die Ähnlichkeit
-dieser in den steinigen Boden eingegrabenen Geleise mit unseren
-Schienen wird noch vervollständigt durch die Anlage von richtigen
-Ausweichkurven, die, im gehörigen Abstand angelegt, das Kreuzen
-zweier Wagen auf dem einzigen Geleise gestatteten. Die Spurweite war
-in Griechenland, bzw. in allen unter griechischem Einfluß stehenden
-Ländern wohl überall ganz gleich, auf der in Frankreich ent<span class="pagenum"><a id="Seite_3"></a>[S. 3]</span>deckten
-römischen Straße betrug die Entfernung der Einschnitte voneinander
-genau 1,44 m, also etwa soviel, wie bei unseren Vollbahnen<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>!</p>
-
-<p class="mtop2"><em class="gesperrt">Quellensucher</em>, ob mit oder ohne Wünschelrute, gab es ebenfalls
-bereits im Altertum, und zwar in zunftmäßigen Verbänden. Einzelne
-dieser Leute begleiteten sogar die Heere, um im Notfalle durch
-sofortige Bohrungen Trinkwasser zu beschaffen. Im heutigen Algier
-haben sich die Spuren zahlreicher Brunnen gefunden, die nunmehr von
-den Franzosen wieder instand gesetzt wurden. Ihnen war es zu danken,
-daß in der Wüste Oasen sich bildeten, die mit dem Verfall der Brunnen
-im Jahrtausend der Barbarei wieder dem glühenden Sande weichen mußten.
-Nachweislich haben die Römer im ungünstigen Terrain der afrikanischen
-Wüste gegen 200 m tiefe Bohrungen mit größtem Erfolge angestellt.
-Dabei ist es uns völlig rätselhaft, sowohl wie sie die Stelle der
-unterirdischen Wasseradern erkannten, als auch wie sie die technischen
-Mittel besaßen, die Bohrungen durchzuführen.</p>
-
-<p>In neuerer Zeit war als Quellenfinder der französische Abbé Paramelle
-am erfolgreichsten. Er hat seine Erfahrungen in einem Werke, betitelt:
-„L’art de découvrir les sources“, niedergelegt. In den 64 Jahren
-seines Lebens hat er 10275 Quellenangaben gemacht, von denen 9000 zur
-Ausführung gekommen sind<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>.</p>
-
-<p class="mtop2">Der <em class="gesperrt">Blitzableiter</em> wurde von den alten Ägyptern um 1300 v.
-Chr., wenn auch noch in primitiver Form, vorausgeahnt. Zur Ableitung
-des Blitzes wur<span class="pagenum"><a id="Seite_4"></a>[S. 4]</span>den nämlich von Ramses III. in Medinet Abu &ndash; und
-zweifellos auch anderwärts und wohl auch schon vor ihm &ndash; die Spitzen
-der an den Stadttoren errichteten hohen Masten vergoldet.</p>
-
-<p>Die griechischen und römischen Priester scheinen die Kunst besessen
-zu haben, Blitze vom Himmel herabzulocken &ndash; wobei sie allerdings
-bisweilen wie Tullus Hostilius (Livius I, 31, 8) erschlagen wurden. Sie
-richteten zu diesem Zwecke metallbeschlagene Stangen auf, wohl weil sie
-beobachtet hatten, daß Metalle vom Blitz bevorzugt wurden. Allerdings
-fehlte noch die metallene Ableitung in das wasserhaltige Erdreich<a id="FNAnker_3a" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[4]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Daß die <em class="gesperrt">Reisegeschwindigkeit</em> im Altertum gar nicht so gering
-war, mag aus folgenden Notizen hervorgehen: Mit der Staatspost legte
-man die 150 geographischen Meilen von Antiochia bis Konstantinopel
-in sechs Tagen zurück, also pro Tag etwa 190 km. Cäsar reiste von
-Rom bis an die Rhone in nicht vollen acht Tagen, machte also 150 km
-pro Tag, was mit Recht, in Berücksichtigung der großen Entfernung,
-für sehr schnell galt. Geradezu verblüffend schnell ritt der Kurier,
-der die Nachricht von der Ermordung des Maximin &ndash; natürlich auf
-gewechselten Pferden &ndash; in knapp vier Tagen von Aquileja nach Rom
-brachte. Er legte also mindestens 200 km pro Tag zurück, eine Leistung,
-die jeder Kavallerist erstaunlich hoch finden wird, da sie weit die
-Durchschnittsleistungen unserer allerdings mit <em class="gesperrt">einem</em> Pferde
-bestrittenen Ritte um den Kaiserpreis übertrifft. Aber selbst wenn er
-im Wagen gefahren sein sollte, was nach der Notiz möglich ist, könnte<span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[S. 5]</span>
-er mit den hervorragendsten sportlichen Leistungen der Gegenwart
-erfolgreich konkurrieren. Brauchte doch die Distanzfahrt im Sommer 1908
-von Berlin nach München &ndash; etwa 700 km &ndash; vier Tage, also bedeutend
-mehr Zeit auf die Einheit des Weges.</p>
-
-<p class="mtop2">Die Kuriere, die die Nachricht vom Aufstand in Belgien, im tiefen
-Winter des Jahres 69 n. Chr., nach Rom brachten, legten neun Tage lang
-je etwa 240 km zurück! Hierbei ist aber zweifellos an Relais zu denken.
-Die schnellste bekannte Reise ist die des Tiberius zum erkrankten
-Drusus von Pavia nach Germanien. Durch das Land der eben besiegten
-Chatten ritt er mit nur einem Begleiter &ndash; natürlich mit Pferdewechsel
-&ndash; in 24 Stunden etwa 290 km!!! Das ist natürlich nur möglich, wenn
-er weite Strecken galoppierte und rücksichtslos die Pferde tot ritt.
-Trotzdem bietet die Sportgeschichte des letzten Jahrhunderts dazu kein
-Analogon. Im Durchschnitt legte der im Wagen fahrende Reisende täglich
-zur Römerzeit auf weite Entfernungen etwa 60&ndash;73 km zurück<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a>, während
-der frühmittelalterliche Tagesmarsch nur 20&ndash;30 km betrug<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a>.</p>
-
-<p class="mtop2">Im Jahre 1188 brauchte ein am 17. März mit einer päpstlichen Bulle
-von Rom abgehender Bote 25 Tage, bis er am 15. April in Canterbury
-eintraf<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a>.</p>
-
-<p class="mtop2">In römischer Zeit galt eine <em class="gesperrt">Seereise</em> von fünf Tagen von Ostia
-bis Taraco in Spanien für schnell. Eine in umgekehrter Richtung in
-weniger als vier Tagen gemachte bezeichnet der ältere Plinius als eine<span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[S. 6]</span>
-der schnellsten je vorgekommenen. Cervantes nannte schon eine 12tägige
-Fahrt von Neapel nach Barcelona eine glückliche<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a>.</p>
-
-<p class="mtop2">Richard Löwenherz brauchte von Marseille bis Messina vom 16. August
-1190 bis zum 23. September, also sehr lange. Er schiffte sich am 9.
-Oktober 1192 in Akka ein und gelangte am 11. November nach Korfu; das
-war die normale Geschwindigkeit im Mittelalter, &ndash; also bedeutend
-geringer als zur Römerzeit<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a>.</p>
-
-
-<p>Viel schneller ging natürlich die Nachrichtenübermittlung durch
-<em class="gesperrt">Brieftauben</em>. Die Griechen und Römer, ebenso wie die Araber
-bedienten sich bereits dieser Post, und zwar in besonders ausgedehntem
-Maße die letzteren, die von Bagdad bis Aleppo sowie längs der
-kleinasiatischen Küste bis Alexandrien Brieftauben benutzten.
-Gelegentlich wurden auch Schwalben zum gleichen Zwecke verwandt
-(Plinius nat. hist. X, 71)<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a>. Polybios erzählt (CX, 42 ff.) sogar von
-der <em class="gesperrt">Feuertelegraphie</em> der Griechen, die lange vor ihm Aeschylos
-(Agamemnon 268 ff.) schon kannte. Doch handelt es sich um vorher
-verabredete Mitteilungen.</p>
-
-<p>Vom <em class="gesperrt">Verkehr</em> zur Römerzeit gibt die Tatsache eine Vorstellung,
-daß fast in jeder größeren Villa oder Ortschaft der Schweiz
-Austernschalen gefunden wurden. Zu Avenches fand man auch Reste von
-Datteln und Oliven. Die Tongefäße von Lugdunum (Lyon) finden sich in
-ganz Gallien, England, Oberitalien, dem Alpengebiet bis Tirol und
-Ungarn, und zwar überall mit demselben Fabrikstempel bezeichnet<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[S. 7]</span></p>
-
-<p>Die alten Römer bauten bereits Seeschiffe mit einem Raumgehalt von 2670
-Tonnen<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Altertum gab es auch eine <em class="gesperrt">Tageszeitung</em> in den durch Cäsar
-59 v. Chr. in Rom begründeten Acta diurna oder Acta urbis. In diesen
-wurden amtlich Nachrichten öffentlichen und privaten Charakters
-zusammengestellt und veröffentlicht, allerdings nicht vervielfältigt.
-Ja, sogar Korrespondenten gab es, die gegen Bezahlung von Rom
-Tagesneuigkeiten in die Provinz schickten.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Vegetarianer</em> gab es ebenfalls schon im alten Rom. Seneca und
-Plutarch gehörten nachweisbarlich zu ihnen, und letzterer hat sogar mit
-allen Künsten der Dialektik seine Lebensweise verteidigt bzw. die der
-Fleischesser angegriffen (Moralia „de carnium esu“).</p>
-
-<p>Ebenso sind <em class="gesperrt">Antialkoholiker</em>- und <em class="gesperrt">Temperenzlervereine</em>
-bereits im Altertume bekannt. Schon ein Ramses II. (ca. 1350 v.
-Chr.) hat eine Antialkoholliga gegen die Trunkenboldigkeit der alten
-Ägypter gegründet, wie im Jahre 1902 aus Malereien und Inschriften in
-der France Médicale nachgewiesen wurde. Allerdings trieb man es auch
-toll, und die Ägypterinnen des neuen Reiches &ndash; von den Männern ganz
-zu schweigen &ndash; fanden so wenig Anstößiges an der Trunkenheit, daß
-sich sogar Damen in dem Augenblick des Übelwerdens an der Wand ihres
-Grabes verewigen ließen. Dazu sei bemerkt, daß bereits das alte Reich
-vier verschiedene Biersorten und mindestens sechs Weinsorten, darunter
-weißen, roten, schwarzen und nördlichen unterschied und wohl auch ein
-Palmbranntwein bekannt war<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[S. 8]</span></p>
-
-<p>Radikalen Erfolg mit seiner Antialkoholpropaganda hatte ein gewisser
-Decaeneus kurze Zeit vor Strabon. Während die Geten bisher dem
-Bacchus im Übermaße geopfert hatten, gewannen seine Brandreden auf
-sie so großen Einfluß, daß sie nach und nach alle Weinstöcke im Lande
-freiwillig ausrotteten und fortan ohne Wein lebten (Strabo VII, 3, 11
-und Jordanis 11).</p>
-
-<p>Bekanntlich werden heute noch in einigen Staaten des freien Amerika
-alkoholische Getränke nur in Apotheken auf Grund von ärztlichen
-Rezepten, die zu bekommen allerdings nicht allzu schwer ist,
-verabreicht. Als ob erzwungene Abstinenz eine geringere Barbarei als
-Völlerei wäre!</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Elektrizität</em> wurde, wie Scribonius Largus (11) und
-Dioscorides beweisen, schon im Altertum zu Heilzwecken angewandt, wenn
-auch noch in recht primitiver Weise. Bei langwierigen Kopfschmerzen
-legte man nämlich den Zitterrochen auf, bis an der behandelten Stelle
-Taubheit entstand. Genügte ein Fisch nicht, dann wurde die Prozedur
-wiederholt.</p>
-
-<p>Behandlung durch <em class="gesperrt">Massage</em> kannte bereits Hippokrates um 400
-v. Chr., und zwar noch nicht einmal als Erster. Bekanntlich ist sie
-nach verschiedenen Ansätzen 1575, 1650 und 1853 erst wieder durch
-den holländischen Arzt Mezger in die offizielle Medizin eingeführt
-worden<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a>.</p>
-
-<p>Ebenso wurde eine Art <em class="gesperrt">Kneippkur</em> angewandt, und zwar von
-Asclepiades von Prusa, einem Arzt, der im 1. vorchristlichen
-Jahrhundert in Rom großen Zulauf hatte. Er war ein Feind vielen
-Medikamentierens, ließ seine Patienten fasten, verordnete Bewegung
-und Massage und verschrieb Kaltwassergüsse,<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[S. 9]</span> wie sein Kollege in
-Wörishofen. Ferner verordnete er Regenbäder und Waten im Sande mit
-nassen Füßen. Antonius Musa hat 23 v. Chr. den Augustus mit dieser
-Therapie geheilt.</p>
-
-<p>Auch <em class="gesperrt">Vivisektionen</em> zu wissenschaftlichen Zwecken kommen im
-Altertum vor, und zwar außer an Tieren auch an Verbrechern, zuerst &ndash;
-nach Celsus (Prooemium ed. Daremberg p. 4, Zeile 37 ff.) und Tertullian
-(de anima 10) durch Herophilus, den der Kirchenvater Arzt, oder besser
-„Fleischhacker“ nennt. Leichensektionen kommen (nach Plinius hist.
-nat. XIX, 86) erst unter den alexandrinischen Ärzten auf, während
-Aristoteles wohl aus religiösen Gründen noch davor zurückschreckte.
-Das ganze frühe Mittelalter hindurch war die Leichenöffnung &ndash; auch
-bei den sonst so aufgeklärten Arabern &ndash; verpönt. Mondino de Liucei
-(ca. 1275&ndash;1326) hat seit anderthalb Jahrtausenden als Erster wieder
-menschliche Kadaver seziert. Seit dem 15. Jahrhundert aber war erst
-der Bann gebrochen und Anatomie ein ordnungsmäßiges Lehrfach auf den
-Universitäten<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a>.</p>
-
-<p>Während der <em class="gesperrt">Star</em> noch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts durch
-Versenkung der aus der Pupille geschobenen Linse in den Glaskörperraum
-geheilt wurde, ist die Operation, d.&nbsp;h. die Entfernung nach außen
-durch Eingriff bereits dem 4000 Jahre alten Papyrus Ebers bekannt und
-wurde, wie Antyllus bezeugt, in der Antike geübt, um wie so vieles im
-Mittelalter in Vergessenheit zu geraten.</p>
-
-<p>Ein Vorläufer Harveys, der im Jahre 1619 den <em class="gesperrt">Blutkreislauf</em>
-entdeckte, war schon Erasistratos von Keos, um 300 v. Chr. Leibarzt
-des Königs Seleucos I. Ebenso ist Galen, bis auf die Venenklappen,
-der Entdeckung des berühmten Engländers sehr nahe ge<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[S. 10]</span>kommen. Aber
-auch er hatte Vorläufer in den alten Ägyptern, die bereits eine
-rudimentäre Kenntnis des Blutkreislaufes besaßen. Beginnende
-Herzklappenerkrankungen suchten sie, wie die heutigen Ärzte, durch Ruhe
-zu beseitigen<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a>.</p>
-
-<p>Sogar eine mit Mandragora(Alraun)wurzel vorgenommene <em class="gesperrt">Narkose</em>
-war den Alten wohl bekannt. Dioskurides behauptet, daß die mit
-diesem Mittel beim Patienten hervorgerufene Gefühllosigkeit drei
-bis vier Stunden angehalten habe. Bilsenkraut läßt sich bereits bei
-Homer als Narkotikum nachweisen. Im 12. und 13. Jahrhundert unserer
-Zeitrechnung wurde es allgemein zur Schmerzlinderung verwandt und von
-Guy de Chauliac um 1300 sogar bei Amputationen benützt. Bereits 1460
-beschreibt Heinrich von Pflospeundt in seiner „Bündt-Ertzney“ die
-Inhalationsnarkose vor Operationen mit Mohn (Opium), Bilsenkraut und
-Alraun<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a>.</p>
-
-<p>Im Altertum verstand man bereits <em class="gesperrt">künstliche Glieder</em>
-anzufertigen. Schon bei den alten Indern waren Nasen, Ohren und Lippen
-aus Gips etwas ganz Gewöhnliches, was sich aus der Häufigkeit des
-strafweisen Abschneidens dieser Körperteile erklärt. Griechische und
-römische Soldaten, denen im Kriege ein Arm oder Bein abhanden kam,
-wußten sich Ersatz zu beschaffen. Das Royal College of Surgeons in
-England besitzt in seinem Museum ein solches in einem Grabe in Capua
-gefundenes Bein von etwa 300 v. Chr. Es wird im Katalog folgendermaßen
-beschrieben: „Das künstliche Glied stellt genau die<span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[S. 11]</span> Form des Beines
-dar; es ist aus Stücken dünner Bronze hergestellt, die mit Bronzenägeln
-an einem hölzernen Kern befestigt sind. Zwei Eisenstangen, die an ihren
-freien Enden Löcher haben, sind an dem obersten äußersten Ende der
-Bronze befestigt...<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a>“</p>
-
-<p>Auch <em class="gesperrt">künstliche Augen</em> und <em class="gesperrt">künstliche Zähne</em> kommen damals
-schon vor. Der erste, der im christlichen Mittelalter die Einsetzung
-eines künstlichen Auges in die Augenhöhle eines lebenden Menschen
-beschrieb, war der berühmte französische Chirurg Ambroise Paré. Im
-Jahre 1561 stellte er ein solches aus emailliertem Gold her, und zwar
-in den natürlichen Farben. Paré gibt sich aber nicht als Erfinder
-dieses Verfahrens aus und erklärt noch nicht einmal, daß die Sache neu
-wäre<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a>.</p>
-
-<p>Götz von Berlichingens berühmte <em class="gesperrt">eiserne Hand</em>, die ihm der
-Schmied von Olnhausen anfertigte, nachdem er seine Rechte 1504 bei
-der Belagerung von Landshut eingebüßt hatte, besaß nicht nur eine
-Vorläuferin in der eines Ritters, der etwa 100 Jahre vor Götz im Rhin
-ertrank, und dessen Hand man 1834 in Alt-Ruppin nebst Schwert, Sporen
-usw. im Rhinbett fand, sondern ein wackerer Römer war bereits auf
-dasselbe Auskunftsmittel verfallen. M. Sergius Silus (d.&nbsp;h. Stülpnase)
-hieß der verwegene Held, der z.&nbsp;Z. des Zweiten Punischen Krieges seine
-verlorene Hand durch eine eiserne ersetzte, mit der er Meisterstücke
-der Tapferkeit vollführte. Plinius, der die Heldentaten dieses kühnen
-Urgroßvaters des berüchtigten Katilina überliefert (nat. hist. VII, 105
-f. und Livius XXXII, 27 ff.), meint, andere seien Sieger über Menschen
-gewesen, aber Sergius habe selbst das Schicksal überwunden<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[S. 12]</span></p>
-
-<p>Von <em class="gesperrt">Bazillen</em> als Urhebern der Malaria hatte bereits Varro eine
-Vorstellung, wenn er (R. r. I, 12) schreibt, daß an sumpfigen Orten
-kleinwinzige Lebewesen entstehen, die man mit dem Auge nicht wahrnehmen
-kann und die vermittelst der Luft durch Mund und Nase eindringen und
-geschwächte Personen infizieren. Erst 1726 kommt der niederländische
-Arzt Dr. Knott auf den gleichen Gedanken, und zwar spricht er von
-Kleinwesen als Erregern der Lungenschwindsucht und nimmt ebenfalls
-an, daß sie eingeatmet werden. Vermutlich seien sie auch die Ursachen
-anderer Krankheiten und daher als ansteckend zu betrachten. Der Erste,
-der Bakterien sah, und zwar im menschlichen Speichel, war Leewenhoek
-1683<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Taxameterdroschke</em> wird bereits im 9. Kapitel des 10. Buches
-von Vitruvius „de architectura“ beschrieben. Es waren das Wagen, die an
-ihren Achsen Stunden- und Meilenzeiger hatten, indem nämlich jedesmal,
-wenn eine Meile zurückgelegt war, ein Steinchen mit hörbarem Tone in
-ein im Innern des Wagenbodens untergestelltes Bronzegefäß fiel. Zählte
-man die Steine, dann wußte man auch, wie viele Meilen man zurückgelegt
-hatte. Daß solche natürlich sehr teuren Wagen auch im Gebrauch waren,
-steht fest. Im Nachlaß des verschwenderischen Commodus befanden sich
-einige, die Pertinax mit anderen Kostbarkeiten versteigern ließ. Aber
-sogar <em class="gesperrt">Automobile</em> besaß Commodus. Anders wenigstens ist die von
-Julius Capitolinus im 8. Kapitel der Biographie des Pertinax gegebene
-Beschreibung nicht zu verstehen. Er spricht von vorspannlosen Wagen von
-neuartiger Konstruktion, deren Räder sich mit<span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[S. 13]</span> Hilfe eines sinnreichen
-Mechanismus und eines verwickelten Räderwerkes von selbst um ihre Achse
-drehten. Die Sitze waren so angebracht, daß sie dem Wagenführer Schutz
-vor den Sonnenstrahlen boten. Auch ließen sie sich so drehen, daß der
-Reisende auf der Fahrt stets Rückenwind hatte.</p>
-
-<p>Auch ein Araber kam auf diesen Gedanken. Im arabischen genealogischen
-Werke Lubâb (zitiert von Wüstenfeld, Genealogische Tabellen der
-arabischen Stämme und Familien, Register p. 377) ist ein Araber er =
-Rabî ibn Zijâd erwähnt, der vor 656 starb. Er trug den Beinamen „Fâris
-el-Arrâde“, d.&nbsp;h. der Maschinenreiter, weil er eine Maschine erfunden
-hatte, auf der er fahren konnte, als ob er auf einem Kamel säße. (Nach
-einer Notiz des Herrn Hauptmann E. v. Zambaur in Wiener-Neustadt.) Im
-Mittelalter spricht zuerst der geniale Roger Bacon (1214&ndash;1294) im 13.
-Jahrhundert einen ähnlichen Gedanken aus, doch dürfte es sich nur um
-einen Schlitten mit Segeln gehandelt haben. Interessant aber ist die
-weitere Notiz: „Man kann ferner Instrumente zum <em class="gesperrt">Fliegen</em> machen,
-so daß ein in der Mitte sitzender Mann eine Kurbel dreht, durch die
-besondere Flügel nach Art der Vögel die Luft treffen“<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a>. Also ein
-Vorläufer der Gebrüder Wright! Allerdings erging es ihm schlechter wie
-diesen, denn die Kirche ließ ihn als „Zauberer“ lange Jahre im Kerker
-schmachten!</p>
-
-<p>Von <em class="gesperrt">Automaten</em>, in deren Konstruktion das Altertum so
-außerordentlich erfindungsreich war, interessiert uns im Zeitalter der
-Luftschiffahrt besonders eine hölzerne Taube des Archytas von Tarent,
-die tatsächlich imstande war, auf kürzere Strecken in der Luft umher
-zu fliegen. Wenn die Taube nach beendetem Fluge<span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[S. 14]</span> sich auf die Erde
-niedergelassen hatte, konnte sie sich allerdings nicht wieder erheben.
-(Vgl. Gellius X, 12.) Demetrius von Phaleron hatte eine kriechende
-Schnecke, in Olympia aber war ein flügelschlagender eherner Adler
-(Pausanias VI, 20, 12).</p>
-
-<p>Sogar <em class="gesperrt">Warenautomaten</em> kannte das Altertum. Heron von Alexandrien
-im 2. Jahrhundert v. Chr. (vgl. die Ausgabe von W. Schmidt, Leipzig
-1899&ndash;1901 mit Illustrationen) erzählt außer von vielen anderen auch von
-Weihwasserautomaten, die in den Tempeln aufgestellt waren und aus denen
-Wasser floß, wenn man eine Drachme oder einen Obolus hineinwarf.</p>
-
-<p>Besonders merkwürdig ist der Automat, den nach Erzählung der
-byzantinischen Chronographen der oströmische Kaiser Theophilus
-(829&ndash;842), durch die Schriften des genialen Heron angeregt, sich
-anfertigen ließ. Er ließ nämlich zu beiden Seiten seines Thrones zwei
-Löwen aus reinem Golde anbringen. So oft der Kaiser nun auf dem Throne
-Platz nahm, erhoben sie sich mittels einer mechanischen Vorrichtung,
-brüllten und legten sich dann wieder nieder.</p>
-
-<p>Der Gedanke des <em class="gesperrt">Taucherbootes</em> begegnet uns bereits zur Zeit der
-Kreuzzüge. Es war allerdings sehr primitiv. Im Gedichte Salomon und
-Morolf (Vers 174 und 342, Voigt) heißt es nämlich: „Môrolf im bereiten
-hiez Ein schiffelîn von ledere Er ûf daz mere stiez. Daz was mit beche
-wol berant; Zwei venster (glase fenster) gâben im daz liecht: Alsô
-meistert ez sîn hant.“ „An ir aller angesicht Senkt er sich nider ûf
-den grunt. Ein rôre in daz schiffelîn ging, Dâ mit Môrolf den âtem
-ving. Daz het er gewirket dar an Mit eime starken ledere Môrolf der
-listige man. Ein snuore die lag oben dar an, Daz<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[S. 15]</span> der dugenthafte man
-Daz rôre nit liez brechen abe. Er barg sich zuo dem grunde Volleclîchen
-vierzehen tage<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a>.“ Ob ein ähnliches Fahrzeug in der Wirklichkeit
-existierte, sei dahingestellt. Keinesfalls war es ein behaglicher
-Aufenthalt. Die Abbildung eines Unterseebootes bzw. einer Taucherglocke
-aus dem 14. Jahrhundert befindet sich im cod. germ. 5 der Münchner Hof-
-und Staatsbibliothek.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die berühmte <em class="gesperrt">Schnurrbartbinde</em> „Es ist erreicht“ hat ihre
-Vorläufer schon um 1600 gehabt. Im 15. Kapitel des 4. Buches schreibt
-Cervantes in seinem Don Quichote: „Er stellte sich im Bett auf, eine
-spitze Mütze auf dem Kopfe, den Knebelbart in Banden, damit er nicht
-schlaff würde und nieder fiele“.</p>
-
-<p>Daß die <em class="gesperrt">geschnürte Taille mit Decolleté</em> bereits im 2.
-vorchristlichen Jahrtausend in Kreta getragen wurde, dürfte manche Dame
-interessieren. Das reizende 34 cm hohe dort gefundene Figürchen der
-Schlangengöttin zeigt ein solches Kostüm, das mit unserer Frauenmode
-verblüffende Ähnlichkeit besitzt. Der über und über gefältelte Rock
-einer andern Figur ist ebenfalls ganz mit eleganten Volants besetzt,
-dazu trägt sie ein enges Mieder, eine im Bogen ausgeschnittene Korsage
-und stark ausgebogene, wohl wattierte Hüften. Der Rock ist deutlich
-glockenförmig. Besonders von rückwärts könnte man diese Figuren leicht
-für Modedamen unserer Zeit ansehen<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Kugelgestalt der Erde</em> lehrten bereits im 6. vorchristlichen
-Jahrhundert Anaximander und Pythagoras, und mit besonderem Nachdruck
-wies etwa 350 v. Chr. Eudoxos auf dieselbe hin, Archimedes<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[S. 16]</span> aber suchte
-einen aprioristischen Beweis dafür zu erbringen. Der Kalif Al Manûm
-ließ den Umfang der Kugel auf 24000 engl. Meilen, die Länge eines
-Grades bis auf 500 m genau berechnen<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a>.</p>
-
-<p>Um 270 v. Chr. hat der alexandrinische Mathematiker und Astronom
-Aristarchos von Samos den <em class="gesperrt">Stillstand der Sonne</em> und die
-<em class="gesperrt">Bewegung der Erde um die Sonne</em> gelehrt. Seleucus aus Seleucia
-hat bereits um 150 v. Chr. eine unendliche Ausdehnung der Welt
-angenommen und das sonnenzentrische System geradezu als Lehre
-aufgestellt.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">athenische Landwirtschaft</em> der griechischen Blütezeit kannte
-weder die Sense, noch den Flegel: man schnitt das Getreide in halber
-Höhe mit der Sichel und drosch, indem man die Körner durch Pferde und
-Maultiere aus den Ähren treten ließ. Auch die Egge war unbekannt; man
-mußte den Samen mit der Schaufel unter die Erde bringen. Auch die
-Dreifelderwirtschaft kannten die Griechen zu keiner Zeit. Ebenso fehlte
-ein brauchbares Feuerzeug, so daß das Herdfeuer nie ausgehen durfte.
-Geschah es aber doch, dann mußte die Hausfrau es mit der Lampe von der
-Nachbarin wieder ins Haus tragen<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Zur römischen Kaiserzeit kamen in Gallien bereits <em class="gesperrt">Glasfenster</em>
-vor<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a>.</p>
-
-<p>Damals konnte in Rom jedermann einen Auslaß aus der allgemeinen
-<em class="gesperrt">Wasserleitung</em> in seinem Hause haben, ebenso in Antiochia und
-Alexandrien. Sogar nächtliche Straßenbeleuchtung war vorhanden<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a>.</p>
-
-<p>Während im alten Rom die <em class="gesperrt">Prügelstrafe</em> selbst bei Stabsoffizieren
-noch zulässig war, wird in der<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[S. 17]</span> humanen Gegenwart der größte Rohling,
-der Baumpflanzungen und Blumenbeete aus Übermut zerstört, den Frauen
-die Zöpfe abschneidet und die Kleider mit Kot beschmiert, lediglich
-einige Zeit auf Staatskosten verpflegt<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Scheck- und Girowesen</em> bestand bereits im Altertum (Cicero
-epist. ad Att. XI, 24, XII, 24, 27, XV, 15), ja, Wechsel wurden bereits
-bei den Babyloniern verwandt. Ebenso ist die <em class="gesperrt">Hypothek</em> eine
-bereits im 6. vorchristlichen Jahrhundert bestehende Einrichtung<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Anarchisten</em> gab es auch schon im Altertum, und zwar in
-Palästina, das in dieser Hinsicht durch fast anderthalb Jahrtausende
-die Welt in Atem hielt. Flavius Josephus erzählt von den Sicariern oder
-Dolchbrüdern, die in der 2. Hälfte des 1. nachchristlichen Jahrhunderts
-die Propaganda der Tat in größtem Stile betrieben, und zwar nicht
-etwa als Räuber, sondern &ndash; wie in der Gegenwart &ndash; als politische
-Mordgesellschaft.</p>
-
-<p>Ihre höchste Blüte erlebte die anarchistische Gesellschaft der
-Assasinen zur Zeit der Kreuzzüge im gelobten Lande. Sie gingen
-hervor aus der mohammedanischen ketzerischen Sekte der Ismaeliten
-und lehrten den reinen Nihilismus, d.&nbsp;h., daß alles gleichgültig
-und daher auch alles erlaubt sei. Ums Jahr 1100 war ihr gewaltiger
-Führer Hasan-i-Sabbah, der Alte vom Berge, der vom Schlosse Alamut aus
-durch Meuchelmord und Gewalttaten seine Gegner im Zaume hielt. Trotz
-ihrer sittlichen Grundsätze waren diese<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[S. 18]</span> Assasinen &ndash; wie noch heute
-die Anarchisten &ndash; ihren Führern blind ergeben, und zwar in solchem
-Grade, daß sich auf einen Wink des Führers hin die Wachen vom Turm
-herabstürzten, nur um ihren Gehorsam zu zeigen, oder daß eine Mutter in
-Verzweiflung geriet, wenn ihr Sohn von einer gelungenen Mordexkursion
-zurückkehrte, statt für seinen Glauben zu sterben. Ihr Wirken lebt noch
-heute im Abendlande fort: assassino und assassin, von Haschischin, dem
-Rauchen des berauschenden Hanfes abgeleitet, heißt Mörder<a id="FNAnker_30" href="#Fussnote_30" class="fnanchor">[30]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Reliquien von Heiligen</em> wurden bereits im Altertum gesammelt.
-Man ging im Blödsinn vielleicht nicht so weit, wie das Mittelalter,
-das ein Stück von der ägyptischen Finsternis und ähnliches vorwies,
-immerhin wurde nach Pausanias das Ei der Leda in einem Tempel in
-Sparta, und die falschen(!) Zähne des erymanthischen Ebers im Tempel
-des Apollo im Lande Opike denen, die nicht alle werden, gezeigt. Eine
-antike Reliquienliste gibt Fr. Pfister „Der Reliquien-Kult im Altertum“
-(Gießen 1909) I. Bd., S. 323 ff.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Auch eine besoldete <em class="gesperrt">Claque</em> besaßen bereits die alten Römer.
-Nero soll gar 5000 in seinen Diensten gehabt haben. Die Chefs der
-verschiedenen Claquedivisionen erhielten je 40000 Sestertien Gehalt!
-(Sueton, Nero XX, Tacitus Ann. XIV, 15, Dio. Cassius LXI, 20)<a id="FNAnker_31" href="#Fussnote_31" class="fnanchor">[31]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Monocle</em> oder Lorgnon darf sich gleichfalls eines ehrwürdigen
-Alters rühmen. Kaiser Nero sah den Gladiatorenkämpfen im Zirkus durch
-einen Smaragd zu<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[S. 19]</span> (Plinius nat. hist. XXXVII, 64)<a id="FNAnker_32" href="#Fussnote_32" class="fnanchor">[32]</a>. Erst 1730 wird
-wieder ein Monocle erwähnt, das Keyßler beim englischen Gesandten in
-Rom, Herrn von Storsch, sieht und wie folgt beschreibt: „Wegen seiner
-blöden Augen bedient er sich eines Fernglases, so mit einem dünnen
-Kettchen am Rocke befestiget ist. Die Haut um sein Auge ist also
-gewöhnet, daß sie sich fest um dieses Glas schließt, und er nicht
-nöthig hat, solches mit den Händen daran zu halten“.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ein jährliches <em class="gesperrt">Honorar</em> von etwa 90000 Mark bezog Q. Roscius,
-ein Zeitgenosse Ciceros, als <em class="gesperrt">Schauspieler</em> (Plinius nat. hist.
-VII, 128, X, 141, XXXV, 163 Sueton. Vesp. 19). Damit dürfte er von
-den höchstbesoldeten Mimen der Gegenwart kaum übertroffen werden. Im
-dritten vorchristlichen Jahrhundert bezog der Kitharode Amoibeus in
-Athen für jedes Auftreten 1 Talent, also 4715 Mark! Die in Korinth
-gekaufte Flöte des großen Virtuosen Ismenios kostete 7 Talente! (Vgl.
-Aristeas bei Athenaeus XIV, 623d)<a id="FNAnker_33" href="#Fussnote_33" class="fnanchor">[33]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Museum zu Odessa steht ein Stein, der in der alten Griechenstadt
-Olbia aufgefunden wurde. Er trägt die Inschrift: „Ich künde, daß
-282 Klafter weit mit dem <em class="gesperrt">Bogen geschossen</em> hat der berühmte
-Anaxagoras, des Demagoras Sohn &ndash;...“ Das war allerdings eine
-fabelhafte Leistung, denn 500 m sind selbst für einen Gewehrschuß nicht
-wenig, geschweige für einen Bogenschuß! Allerdings dürfte es sich nur
-um einen Weitschuß ohne Rücksicht auf ein bestimmtes Ziel gehandelt
-haben. Daß aber der Stein von einer<span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[S. 20]</span> <em class="gesperrt">Schützengilde</em> gesetzt
-wurde, und zwar auf einer scheibenartigen Tafel, erinnert stark an die
-modernen Gebräuche.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die einzige <em class="gesperrt">Steuer</em>, die der in Italien wohnende römische Bürger
-zu zahlen hatte, war eine <em class="gesperrt">Erbschaftssteuer</em> von 5% von allen
-Erbschaften und Legaten über 20000 Mark mit Ausnahme der von den
-nächsten Blutsverwandten herrührenden<a id="FNAnker_34" href="#Fussnote_34" class="fnanchor">[34]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Außer in Rom standen in keiner Stadt Italiens im Altertum
-<em class="gesperrt">Soldaten</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Errichtung von <em class="gesperrt">Statuen</em> war in der Antike eine so häufige
-Ehrung, daß in Brescia einmal sogar dem 6jährigen Sohne eines
-Decurionen eine Reiterstatue aus vergoldeter Bronze errichtet wurde.
-Allerdings waren Statuen billig, der Ausgezeichnete zahlte sie meist
-selbst und gab zudem Festivitäten.</p>
-
-<p>Bereits im Jahre 73 n. Chr. wurde ein offizieller <em class="gesperrt">Katalog</em> der
-dem römischen Staate gehörigen <em class="gesperrt">Kunstwerke</em>, vielleicht unter
-Mitwirkung des Plinius, angelegt. Das Bruchstück eines zweisprachigen
-aus dem 3. Jahrhundert stammenden Museumskatalogs hat sich noch
-erhalten<a id="FNAnker_35" href="#Fussnote_35" class="fnanchor">[35]</a>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Anschlagsäulen</em> für Vergnügungsanzeigen und Reklamezwecke gab
-es schon in Herculanum. Und zwar waren die Plakate mit Gummiarabicum
-angeklebt<a id="FNAnker_36" href="#Fussnote_36" class="fnanchor">[36]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[S. 21]</span></p>
-
-<p>Das <em class="gesperrt">Zweikindersystem</em> wird bereits von Hesiod empfohlen, und
-zwar in der Form, daß das Haus höchstens zwei Söhne besitzen soll. Man
-erreichte dies durch Kinderaussetzung, was aber bei dem humanen Sinn
-der Griechen mehr rechtliche als praktische Bedeutung hatte, und durch
-Förderung des außerehelichen Verkehrs der Geschlechter<a id="FNAnker_37" href="#Fussnote_37" class="fnanchor">[37]</a>.</p>
-
-<p>Die Römer trugen vielfach einen <em class="gesperrt">Phallus</em> als Brosche bzw.
-Amulett, wie auch die öffentlichen Häuser in Pompeji durch einen großen
-steinernen Phallus kenntlich gemacht waren. Im Geheimkabinett des
-Museo Nationale in Neapel befindet sich eine große Sammlung solcher
-Phalli. Die ägyptischen Prinzessinnen erhielten denselben Gegenstand in
-Naturgröße aus Stein gefertigt ins Grab mitgegeben, um auch im Jenseits
-nichts entbehren zu müssen<a id="FNAnker_38" href="#Fussnote_38" class="fnanchor">[38]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ein <em class="gesperrt">Zahlungsmoratorium</em> kennt bereits das Gesetz Hammurabis,
-das älteste Gesetzbuch der Welt, das etwa anderthalb Jahrtausende
-in Kraft blieb. Der 48. Paragraph lautet nämlich: „Wenn jemand eine
-verzinsbare Schuld hat und ein Unwetter sein Feld verwüstet, oder die
-Ernte vernichtet, oder wegen Wassermangel Getreide auf dem Felde nicht
-wächst: so soll er in diesem Jahre dem Gläubiger kein Getreide geben,
-seine Schuldtafel (im Wasser) aufweichen und Zinsen für dieses Jahr
-nicht zahlen“<a id="FNAnker_39" href="#Fussnote_39" class="fnanchor">[39]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Könige der Spartaner, Alexander der Große, Justinian und viele
-andere wurden in <em class="gesperrt">Honig</em> zur<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[S. 22]</span> letzten Ruhe gebettet. Die
-konservierende Eigenschaft von Wachs und Honig war bereits den Scythen
-und Persern bekannt<a id="FNAnker_40" href="#Fussnote_40" class="fnanchor">[40]</a>.</p>
-
-<p>Dagegen war es im Mittelalter Sitte, die Leiche der verstorbenen
-Fürstlichkeiten und hohen Personen auszuweiden. Dabei verfuhr man
-oft unglaublich roh. Matthäus Parisiensis (1135) erzählt von den
-Prozeduren, denen der Leichnam König Heinrichs I. von England († 1135)
-durch einen Fleischer unterworfen wurde, folgendes: „Sein Leichnam
-wurde nach Rouen gebracht und da begrub man seine Eingeweide, sein
-Gehirn und seine Augen. Der übrige Körper wurde überall mit kleinen
-Messern geschnitten, mit vielem Salze bestreut, in Rindshäute gehüllt
-und so, um den üblen Geruch zu vermeiden, eingenäht. Aber letzterer
-war doch so stark und überwältigend, daß er die Umstehenden krank
-machte. Darum starb auch der Mann, welcher, durch eine große Belohnung
-gewonnen, des Toten Haupt, um das stinkende Gehirn herauszunehmen, mit
-einem Beile gespaltet hatte, obwohl er sich den Kopf mit Leintüchern
-umwickelt, und hatte schlechte Freude an dem Lohne. Das ist auch der
-letzte von vielen, die König Heinrich umgebracht hat. Darauf wurde
-die königliche Leiche nach Caën von den Dienstleuten getragen, und
-als man sie daselbst in der Kirche, in der sein Vater beerdigt war,
-aufgestellt hatte, so floß doch, obschon der Körper mit vielem Salze
-gefüllt, und in viele Häute gepackt war, beständig eine schwarze und
-gräßliche Flüssigkeit durch die Häute hindurch und wurde in unter die
-Bahre gestellten Gefäßen von den Dienern, die vor Ekel fast vergingen,
-aufgefangen und fortgeschüttet“<a id="FNAnker_41" href="#Fussnote_41" class="fnanchor">[41]</a>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[S. 23]</span></p>
-
-<p>Die getrennte Bestattung von Weichteilen und Fleisch war durchaus
-Sitte. So wurden z.&nbsp;B. die Eingeweide Kaiser Heinrichs IV. in Lüttich
-beigesetzt, seine Leiche aber in Speier<a id="FNAnker_42" href="#Fussnote_42" class="fnanchor">[42]</a>. Hier fand auch sein Sohn
-Heinrich V. die letzte Ruhe, nachdem seine Eingeweide in Utrecht
-beigesetzt worden waren<a id="FNAnker_43" href="#Fussnote_43" class="fnanchor">[43]</a>. Richard Löwenherz verordnete gar, daß sein
-Leichnam in Fontevrauld, sein Herz in Rouen, seine Eingeweide, Blut und
-Hirn aber bei Chaluz bestattet werden sollten (Rog. de Hovedene)<a id="FNAnker_44" href="#Fussnote_44" class="fnanchor">[44]</a>.</p>
-
-<p>Ganz sonderbar war der Brauch, die Leichen der in weiter Ferne
-Verstorbenen zu zerstückeln und die Stücke so lange in Wasser und Wein
-zu sieden, bis sich die Knochen vom Fleisch lösten. Während die Gebeine
-in die Heimat gebracht wurden, fand die Bestattung des Fleisches an Ort
-und Stelle statt. So wurde z.&nbsp;B. auch Friedrich Barbarossa († 1190)
-gesotten! (Itin. reg. Ric. I, 24). Landgraf Ludwig IV. von Thüringen
-(† 1227), der Gemahl der heiligen Elisabeth, wurde ebenso behandelt
-(h. Elis. 3580 ff.), desgleichen, um noch ein Beispiel zu nennen,
-Ludwig der Heilige von Frankreich († 1270) (Guilelmi de Nangiaco Gesta
-Philippi regis. Bouquet, Rec. XX, 466)<a id="FNAnker_45" href="#Fussnote_45" class="fnanchor">[45]</a>.</p>
-
-<p>Übrigens verbot Papst Bonifazius VIII. im Jahre 1299 bei der Strafe der
-Exkommunikation die Leichen auszuweiden, zu kochen und zu zerstückeln
-(Nach Heinrich Rebdorf)<a id="FNAnker_46" href="#Fussnote_46" class="fnanchor">[46]</a>.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[S. 24]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zweiter_Abschnitt"><span class="s5">Zweiter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Rechtspflege</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Eine Schadenersatzpflicht des Tierhalters, wie sie gegenwärtig die
-öffentliche Meinung beschäftigt und wie sie im Bürgerlichen Gesetzbuch
-ausgesprochen ist, kennt bereits Hammurabi. Die §§ 250 und 251 lauten:
-„Wenn ein Ochse beim Gehen auf der Straße (Markt) jemand stößt und
-tötet, so soll diese Rechtsfrage keinen Anspruch bieten. Wenn der
-stößige Ochse jemandes ihm seinen Fehler, daß er stößig ist, gezeigt
-hat, er seine Hörner nicht umwunden, den Ochsen nicht gehemmt hat, und
-dieser Ochse stößt einen Freigeborenen und tötet ihn, so soll er &frac12;
-Mine Silber zahlen.“ Also nur bei grober Fahrlässigkeit des Tierhalters
-ist er verpflichtet, für den entstandenen Schaden aufzukommen.<a id="FNAnker_47" href="#Fussnote_47" class="fnanchor">[47]</a></p>
-
-<p>Das gilt auch dem Arzt gegenüber, wie aus § 218 hervorgeht: „Wenn
-ein Arzt jemand eine schwere Wunde mit dem Operationsmesser aus
-Bronze macht und ihn tötet, oder jemand eine Geschwulst mit dem
-Operationsmesser aus Bronze öffnet und<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[S. 25]</span> sein Auge zerstört, so soll man
-ihm die Hände abhauen.“ Dagegen ist aber auch das ärztliche Honorar
-festgesetzt: „Wenn ein Arzt jemandem eine schwere Wunde mit dem
-Operationsmesser aus Bronze macht und ihn heilt, oder wenn er jemand
-eine Geschwulst mit dem Operationsmesser aus Bronze öffnet und das Auge
-des Mannes erhält, so soll er 10 Sekel Silber erhalten“, heißt es im
-§ 215. Immerhin war es unter diesen Umständen nicht immer angenehm,
-Operateur zu sein.<a id="FNAnker_48" href="#Fussnote_48" class="fnanchor">[48]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Nach altdeutschem Rechte mußte der Richter mit einem Stabe in der Hand
-auf seinem Sitze so bis zum Sonnenuntergang oder Abbruch des Dinges
-&ndash; unter Umständen in Wind und Wetter, Sonnenbrand oder Schneesturm
-&ndash; sitzen bleiben, wie er sich bei Beginn des Dings niedergelassen
-hatte, „Bein mit Bein“ deckend. Die Soester Rechtsordnung schreibt
-darüber: „Es soll der Richter auf seinem Richterstuhl sitzen als ein
-grisgrimmender Löwe, den rechten Fuß über den linken schlagen, und
-wann er aus der Sache nicht recht könne urteilen, soll er dieselbe
-ein-, zwei-, dreimal überlegen“<a id="FNAnker_49" href="#Fussnote_49" class="fnanchor">[A]</a>. Sein Aufstehen oder Niederlegen des
-Stabes hob die Rechtskraft der Sitzung auf<a id="FNAnker_50" href="#Fussnote_50" class="fnanchor">[49]</a>.</p>
-
-<p>Das vom Richter gefällte Todesurteil mußte noch bei scheinender Sonne
-vollstreckt werden. Während<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[S. 26]</span> der Verurteilte hingerichtet wurde, saßen
-Richter und Schöffen in nächster Nähe, um sich bei Speise und Trank von
-den Anstrengungen der Sitzung zu erholen<a id="FNAnker_51" href="#Fussnote_51" class="fnanchor">[50]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Übermut der „heiligen Feme“ ging so weit, daß auf die Klage des
-Freischöffen Meister Steinmetz im Jahre 1495 durch Femspruch alle
-über 18 Jahre alten Mannspersonen des Hochgerichtes Waltersburg in
-Graubünden geächtet und der Rache des Gegners preisgegeben wurden. Im
-Jahre 1471 hatte es dieses westfälische Sondergericht sogar gewagt, den
-Kaiser zur Verantwortung zu ziehen<a id="FNAnker_52" href="#Fussnote_52" class="fnanchor">[51]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Folter drang in die deutsche Rechtspflege ein als Folge der
-kirchlichen Inquisition. Nach altgermanischem Rechte hatte der Beklagte
-sich durch Eid und Eideshelfer befreien können, in seltenen Fällen
-durch Gottesurteil oder Zweikampf. Hier wird man also kaum behaupten
-können, die Kirche habe eine Milderung der Sitten herbeigeführt<a id="FNAnker_53" href="#Fussnote_53" class="fnanchor">[52]</a>.</p>
-
-<p>Wie es noch im 17. Jahrhundert bei der Folterung zuging, lehrt
-ein Bericht über das Verfahren unter Bischof Julius Heinrich von
-Halberstadt-Braunschweig: „Sie (die in der Folterkammer anwesenden
-Glieder des peinlichen Gerichts) trunken einander fleißig zu, daß sie
-auch so toll und voll wurden, daß sie einesteils eingeschlafen...
-Etwan in die dritte Woche kamen sie wieder, und als sie nun in solcher
-Trunkenheit ihr gefaßtes Mütlein ziemlichermaßen<span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[S. 27]</span> ausgeschüttet, seyn
-sie für diesmal davongegangen... Zum dritten Male bin ich abermal in
-die peinliche Kammer gebracht usw. und Hans Saub war so trunken und
-voll, daß er beim Tisch einschlief, und wenn er hörte, daß ich etwas
-härter sprach, so wachte er auf und weisete mit den Fingern, sagend:
-Meister Peter, hinan, hinan mit dem Schelm und Stadtverräter, und wenn
-er solches gesagt, schlief er wieder ein vor Trunkenheit. Ingleichen
-soffen die andern tapfer auch herum Wein und Bier, und wurden aus
-Trunkenheit und sonsten so verbittert, daß nicht zu sagen“<a id="FNAnker_54" href="#Fussnote_54" class="fnanchor">[53]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Mittelalter gehörte jeder zehnte der zum Tode Verurteilten dem
-Henker, der ihn &ndash; natürlich gegen entsprechende Entschädigung &ndash; frei
-lassen konnte. Der Kaiser bzw. römische König hatte nicht nur das
-Recht, jeden zu begnadigen, es genügte bereits, wenn der Missetäter vor
-Zeugen den fürstlichen Gewandsaum berührte und küßte. Die aus der Stadt
-Verbannten konnten, wenn es ihnen gelang, den Zügel des Königspferdes
-zu erfassen, mit dem Herrscher sicher und freien Fußes in die Stadt
-zurückkehren. Trotzdem hatte der Henker bisweilen alle Hände voll zu
-tun. So erzählt Felix Platter in seiner Selbstbiographie (S. 327) der
-von Basel habe im Bauernkriege über 500 köpfen müssen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als eine vom Richter zu erbittende Gnade galt auch sein Verbot an
-den Scharfrichter, vor oder nach der Hinrichtung den Körper des
-Delinquenten zu berühren und damit die Schande der Familie nicht zu
-vergrößern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[S. 28]</span></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Analog dem Seidenfaden, der nach altdeutschem Recht die Gerichtsstätte
-umzog, eine festere Schranke bildend als stehende Barrieren, wurden
-auch einzelne Gefangene auf diese Weise gebannt. So wurde vom Baseler
-Schultheiß ein bischöflicher Dienstmann im 13. Jahrhundert im roten St.
-Ulrichturm eingesperrt, indem er den Eingang des Gefängnisses mit einem
-Seidenfaden umspannte, dessen beide Enden mit Wachs versiegelt waren.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Vor der Hinrichtung trat der Scharfrichter vor den armen Sünder, ihn um
-Verzeihung bittend für das Leid, das er ihm im Namen der Gerechtigkeit
-zufügen müsse. Die Carolina Karls V. bestimmt im 98. Artikel, daß der
-Scharfrichter nach vollzogenem Hauptschlage mit dem blutrauchenden
-Schwerte vom Schafott herab die Vertreter der Justiz zu begrüßen
-und zu fragen habe: „Habe ich recht gerichtet?“, worauf der Richter
-urteilte: „Du hast gerichtet, wie Urteil und Recht gegeben, und wie
-der arme Sünder es verschuldet hat.“ Darauf schloß der Scharfrichter
-mit dem Lobspruch: „Dafür danke ich Gott und meinem Meister, der mir
-diese Kunst gelehrt.“ Machte er einen „Kunstfehler“, dann konnte es
-ihn allerdings den Kragen kosten, denn das Volk verstand darin keinen
-Spaß<a id="FNAnker_55" href="#Fussnote_55" class="fnanchor">[54]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Gehenkte mußte, eine nicht gerade hygienische Verordnung, über
-der Erde verwesen. Als zwei Brüder zu Freiburg in der Schweiz im 16.
-Jahrhundert es wagten, die Leiche des dritten Bruders in<span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[S. 29]</span> der Nacht vom
-Galgen zu nehmen, um sie zu bestatten, wurden sie vom Richterkollegium
-mit <em class="gesperrt">Ausstechen der Augen</em> bestraft<a id="FNAnker_56" href="#Fussnote_56" class="fnanchor">[55]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Bei Tierplagen, hervorgerufen durch Maikäfer, Heuschrecken, Engerlinge
-usw. wurde mit Erlaubnis der Bischöfe ein Prozeß nach kanonischem Recht
-eingeleitet. Von der Kirchenkanzel herunter verkündete der Priester
-unter dem Läuten der Glocken den Klageakt, das sündige Ungeziefer vor
-das geistliche Gericht ladend. Ein Advocatus diaboli wurde für die
-Tiere bestellt, hier ein Maikäferanwalt, dort ein Rattenfürsprecher.
-Klage und Gegenklage wurde vernommen und damit lange Seiten der noch
-erhaltenen Prozeßakten gefüllt. Ein Verteidigungstermin wurde gestellt,
-ja nach dem Zeugnis des Züricher Chorherren Felix Hämmerlin ließ man
-in einem Maikäferprozeß der Diözese Chur „<em class="gesperrt">in Anbetracht ihres
-jugendlichen Alters und ihrer Kleinheit</em>“ die Vorladung dreimal
-ergehen. Endlich erfolgte das Kontumazialverfahren mit <em class="gesperrt">schwerem
-Bannfluch</em>, den sich die Stadtbehörden jeweils aus den bischöflichen
-Kanzleien verschrieben.</p>
-
-<p>Noch 1796 wurde in Schwaben ein Stier zur Abwehr gegen die Tierseuche
-lebendig begraben<a id="FNAnker_57" href="#Fussnote_57" class="fnanchor">[56]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Weistum von Wilzhut, zwischen Braunau und Salzburg, wird (um 1400)
-bestimmt, daß im Falle <em class="gesperrt">ein Bauer um Geld gestraft wurde</em>, ohne
-daß er es zahlen konnte, <em class="gesperrt">seine Frau geschändet werden sollte</em>.<span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[S. 30]</span>
-Die Weisheit des Gesetzgebers hat aber sogar den Fall vorausgesehen,
-daß dem Gerichtspfleger die Frau nicht gefällt. Da aber ja nicht
-dieser, sondern der Bauer bestraft werden soll, so hat eintretenden
-Falles der Gerichtspfleger das Recht, dem Gerichtsschreiber die
-Exekution zu übertragen. Kann aber auch er den Reizen der Bäuerin
-keinen Geschmack abgewinnen, dann kann er dem Amtsdiener den Vollzug
-„auferladen“. Auf dessen Neigungen erstreckt sich die Fürsorge des
-Gesetzgebers nicht mehr<a id="FNAnker_58" href="#Fussnote_58" class="fnanchor">[57]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Felix Platter erzählt in seiner Selbstbiographie (S. 269), er habe im
-Jahre 1556 selbst gesehen, wie die <em class="gesperrt">Leichenteile einer anatomierten
-Kindsmörderin</em> in Südfrankreich <em class="gesperrt">am Galgen gehenkt wurden</em>.</p>
-
-<p>Das preußische Justizkollegium erließ im Jahre 1709 eine Verordnung,
-laut welcher Galgen erbaut werden mußten, um diejenigen <em class="gesperrt">im Sarge
-daran zu hängen</em>, die während der Pest gestorben seien, <em class="gesperrt">ohne
-Arznei</em> eingenommen zu haben. Augenscheinlich gönnte man dem Volke
-nicht, zu beweisen, daß es auch ohne die Ärzte ginge. Il est mort dans
-les règles sagt Molière so schön.</p>
-
-<p>Noch im Jahre 1711 wurde in Preußen für Deserteure als Strafe bestimmt,
-daß ihnen die <em class="gesperrt">Nase und ein Ohr abgeschnitten werden sollte</em>,
-ferner wurden sie an die Karre geschmiedet und mußten lebenslänglich
-auf Festung arbeiten. Friedrich Wilhelm I. bestätigte diese Strafen, ja
-er bestimmte, daß überführte Helfer von Deserteuren sogleich, ohne des
-Königs Genehmigung einzuholen, aufgeknüpft werden sollten<a id="FNAnker_59" href="#Fussnote_59" class="fnanchor">[58]</a>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[S. 31]</span></p>
-
-<p>Die Jesuiten waren, was außerordentlich viel sagen will, die
-Verworfensten der ganzen Geistlichkeit in moralischer Hinsicht. Was
-sie sich herausnehmen durften, lehrt die berühmte Skandalgeschichte
-des Jesuiten Girard. Dieser hatte als Rektor des Seminars und
-Schiffprediger in Toulon auch eine heimliche Bußanstalt für Frauen
-eingerichtet, in welche die schöne und fromme Katharina Cadière,
-Tochter eines reichen Kaufmanns, 1728 eintrat. Es gelang Girard, durch
-Anwendung der raffiniertesten sexuellen Mystik das unschuldige Mädchen
-zu verführen, und durch alle möglichen unzüchtigen Mittel brachte er es
-so weit, daß die Arme in schwere Hysterie verfiel. In diesem Zustande
-schwängerte er sie, wußte aber sofort nach jesuitischer Moral durch
-ein wirksames Abtreibungsmittel die Folgen zu verhindern. Im gegen ihn
-angestrengten Prozeß wurde er <em class="gesperrt">freigesprochen</em>!!<a id="FNAnker_60" href="#Fussnote_60" class="fnanchor">[59]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im bayerischen Gesetzbuch, das Kreittmayr 1751 herausgab, ist die
-Tortur noch aufrecht erhalten. Sie soll zwar nicht mehr als dreimal
-wiederholt werden, aber bei Widerruf greift sie stets und so oft wieder
-Platz, als der Widerruf geschieht. Auch wird die gleich anfänglich zu
-zwei oder drei Malen eingeteilte oder wegen bezeigter Unempfindlichkeit
-repetierte Tortur nur für <em class="gesperrt">einmal</em> gerechnet! Ergeben sich bei
-der Wiederholung neue Indizien, dann können die folgenden Grade noch
-verschärft werden. Auch Zeugen dürfen gefoltert werden. Und zwar waren
-Daumschrauben, Aufziehen, Spitzruten, Bock- und Leibgürtel, die 48
-Stunden umgelegt blieben, gesetzliche Foltermittel! Daß man nicht
-allzu sanft &ndash; nach dem Vorbilde des Hexenhammers und den in der
-alleinseligmachenden Kirche geübten Praktiken &ndash; ver<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[S. 32]</span>fuhr, geht aus
-Kreittmayrs Bemerkung hervor, daß die Tortur dem Tode oder wenigstens
-dem Handabhauen gleich geschätzt werde!<a id="FNAnker_61" href="#Fussnote_61" class="fnanchor">[60]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als erster deutscher Fürst schaffte der Freidenker Friedrich der Große
-von Preußen kurz nach seiner Thronbesteigung unterm 3. Juni 1740 die
-Tortur ab, allerdings 112 Jahre später, als dies in England geschehen
-war. Die Juristen leisteten dagegen &ndash; wie nicht anders zu erwarten &ndash;
-den heftigsten Widerstand und erhoben die lärmendsten Vorstellungen.
-Sie meinten, alle Diebesbanden von ganz Deutschland würden sich nun
-nach Preußen wenden. Da Friedrich aber kein Jurist, sondern ein
-genialer Mann mit gesundem Menschenverstand war, zudem frei von jeder
-kirchlichen Beeinflussung, so blieb es dabei<a id="FNAnker_62" href="#Fussnote_62" class="fnanchor">[61]</a>.</p>
-
-<p>Die völlige Aufhebung der Tortur in Bayern erfolgte erst 1806<a id="FNAnker_63" href="#Fussnote_63" class="fnanchor">[62]</a>, in
-Hannover erst 1840<a id="FNAnker_64" href="#Fussnote_64" class="fnanchor">[63]</a>. Der letzte vom preußischen Staat angezündete
-Scheiterhaufen brannte am 15. August 1786<a id="FNAnker_65" href="#Fussnote_65" class="fnanchor">[64]</a>. In Eisenach wurde vor
-den Augen der zwangsweise herbeigeführten Schuljugend am 20. Juli
-1804 ein vierfacher Brandleger aus Hötzelsroda bei lebendigem Leibe
-eingeäschert. Ja, noch Ende des Jahres 1813 soll, wie ich, allerdings
-ohne Quellenangabe, erfahre, in Berlin ein Verbrecherpaar, Mann und
-Frau, wegen zahlreicher Brandstiftungen in gleicher Weise justifiziert
-worden sein.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Könige und Hofrichter waren in gleicher Weise Schenkungen zugänglich.
-Ein Abgesandter der Stadt Frankfurt berichtet 1418 dem Rate, „er möge
-doch erwägen, wie wichtig es sei, dem König reiche Gaben zu senden;
-die Nürnberger schenkten immer mehr als andere und seien deshalb
-allmächtig“<a id="FNAnker_66" href="#Fussnote_66" class="fnanchor">[65]</a>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[S. 33]</span></p>
-
-<p>Als der Rat der Stadt Frankfurt 1722 den späteren Schultheißen Ochs
-(von Ochsenstein) nach Wien schickte, um den Reichshofrat Grafen Stein
-für seine Sache zu gewinnen, erhielt er u.&nbsp;a. folgende Instruktion: er
-solle dem Grafen erklären, „daß wir, wenn derselbe alles dies erwirken
-und den Magistrat wieder in den Stand setzen werden, unsere reale
-Erkenntlichkeit erweisen zu können, gegen Se. Exzellenz für die viele
-gehabte Mühe uns nach und nach, längstens in Jahresfrist, mit einer
-Remuneration von 10000 Talern i.&nbsp;e. 15000 Gulden einstellen würde“.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Auch der <em class="gesperrt">Kaiser</em> war gegen Geld keineswegs unempfänglich. Ochs
-erhielt 1729 den Auftrag, dem Kaiser 100000 fl. zu seinem Schloßbau
-&ndash; für ein Trinkgeld war die Summe doch zu hoch &ndash; anzubieten.
-Aber er erlebte eine Überraschung, über die er am 14. Januar 1730
-folgendes schrieb: Er hätte vorsichtig dem Reichs-Vizekanzler das
-Angebot gemacht. „Er hörte mich genau an und sagte: es seye zwar gut,
-aber noch nicht de tempore; <em class="gesperrt">bürgerliche Deputirte hätten 200000
-fl. offeriert</em>, und zwar quartaliter 25000..“ ein köstliches
-Wettschießen!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Vizepräsident des Reichshofrates hatte Ochs klar gemacht, daß
-verschiedene Reichsstädte ihm etwas verehrt hatten. „Ich wolle also
-Magistratum ersuchet haben umb ein Stück extraordinari Hochheimer Wein
-vom 19er Jahr, und zwar vorher drei bis vier Proben, so in Krügen
-immediate an Vice-Präsidenten in einem Kästlein geschicket werden
-könnten. Ich habe es wie billig vor eine Gnade erkennen müssen, und
-sehe<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[S. 34]</span> auch nicht, wie es zu dekliniren“. Also wohin Ochs auch kommt,
-überall am Kaiserhofe Bestechlichkeit! In derselben Tonart geht es
-weiter. Fast alle Personen, mit denen Ochs in Wien zu tun hat, müssen
-aus der Frankfurter Stadtkasse bestochen werden.</p>
-
-<p>Kriegk stellt eine große Reihe von Bestechungsposten, die in den
-geheimen Ausgaben Frankfurts gebucht sind, zusammen, und dabei ist nur
-<em class="gesperrt">ein einziges Mal</em> im Jahre 1771 angegeben, daß ein Herr eine ihm
-angebotene Summe von 200 Dukaten nicht angenommen habe. Ob es zu wenig
-war?</p>
-
-<p>Bezeichnend für die Denkweise ist die Antwort des Baron von
-Vockel in Wien, dem man 1754 100 Dukaten als Referenten in einer
-Rechtsangelegenheit eingehändigt hatte: er habe das Geschenk
-„danknehmigst angenommen und sothaner Generosität bei einer anderweiten
-Gelegenheit justizmäßig (!) eingedenk zu sein angesichert“.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Noch ein Beispiel für unzählige! Die Reformierten wollten den Bau einer
-Kirche durchsetzen und machten diesbezüglich auch beim kursächsischen
-Hof Anstrengungen. Im Jahre 1750 erhielt nun der Frankfurter Rat
-aus Dresden ein Schreiben, in dem es u.&nbsp;a. heißt: „Ihro Hoheit die
-Churprincessin (eine Tochter Kaiser Karls VII.) haben auf den Ihnen
-geschehenen Vortrag sich dahin geäußert, wie Ihro die ganze Sache
-schon bekannt sei, und Sie Sich erinnerten, wie man in dieser Sache
-nicht nur Ihren Hrn. Vater, den höchstseligen <em class="gesperrt">Kaiser Karl VII. mit
-einer<span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[S. 35]</span> Summe Geldes gewinnen wollen</em>, sondern auch Ihr einen schönen
-Beutel mit Dukaten, wenn Sie zu dem reformirten Anliegen behülflich
-sein würde, zu offeriren Gelegenheit genommen“. Die Bestechungsversuche
-wurden also ganz öffentlich unternommen<a id="FNAnker_67" href="#Fussnote_67" class="fnanchor">[66]</a>!</p>
-
-<p>Heute verstößt es gegen den Ehrenkodex der Rechtsanwälte, also von
-Privatpersonen, ein höheres Honorar sich auszubedingen für den Fall,
-daß sie in einem Prozeß gewinnen!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Bezeichnend für die Roheit des Mittelalters und die außerordentliche
-Mannigfaltigkeit der vollstreckten Todesstrafen ist, daß man zum
-Verbrennen verurteilte Personen <em class="gesperrt">begnadigte</em> zum Sieden in einem
-Kessel, der gewöhnlich mit Öl oder Wein, manchmal mit Wasser gefüllt
-war<a id="FNAnker_68" href="#Fussnote_68" class="fnanchor">[67]</a>!</p>
-
-<p>Im Jahre 1466 wurde in Frankfurt eine nicht genannte Todesstrafe in die
-des Ertränkens umgewandelt weil &ndash; der Delinquent krank war<a id="FNAnker_69" href="#Fussnote_69" class="fnanchor">[68]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Während des ganzen Mittelalters, besonders aber in dessen zweiter
-Hälfte, sind die Strafen im christlichen Abendlande gewiß nicht
-humaner, eher grausamer als vier Jahrtausende früher im Gesetzbuch
-Hammurabis, als in Indien, China, Persien oder sonstwo. Legale Strafen
-sind: Vierteilen, Rädern, Pfählen, Verbrennen, Ersäufen, Einmauern,
-Lebendigbegraben, Ausdärmen, Abschneiden der Zunge, Ausstechen der
-Augen, Sieden in Wasser oder Öl, Abziehen der<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[S. 36]</span> Haut usw. usw.<a id="FNAnker_70" href="#Fussnote_70" class="fnanchor">[69]</a>,
-und zwar zum großen Teil noch im 18. Jahrhundert. Daß die Kirche
-weit entfernt das Strafwesen zu mildern, durch das scheußliche
-Inquisitionsverfahren es noch grausiger machte, mindestens nicht auf
-Beseitigung der Tortur hinwirkte, ist bemerkenswert. Was ihr während
-der anderthalb Jahrtausende der Herrschaft nicht gelang, erreichten die
-Freigeister und Philosophen der Aufklärung in kürzester Zeit. Nicht die
-Kirche hat die Menschenrechte proklamiert und damit das Mittelalter mit
-seiner barbarischen Geringschätzung des Lebens beschlossen, sondern die
-große französische Revolution, deren Segnungen Deutschland dem ersten
-Napoleon verdankt. Zur Geburtstagsfeier des großen Korsen im Jahre 1806
-mußte die Stadt Frankfurt ihr Hochgericht abbrechen. Der Marschall
-Augereau brauchte den Platz für ein Feuerwerk, das aber nicht, wie
-bisher, der Verbrennung Unschuldiger, sondern der Befreiung von uralter
-Knechtschaft galt. Mit dem Code Napoleon ist die feudal-klerikale
-Periode des Mittelalters und der Barbarei begraben.</p>
-
-<p>Die Humanität ist also erst seit wenig mehr als einem Jahrhundert
-Gemeingut des zivilisierten Europa und beginnt es zu werden mit dem
-Augenblick, wo das Christentum, dessen Existenzberechtigung nach dem
-Geiste seines erhabenen Stifters eben auf dieser Humanität basiert,
-wenigstens als Kirche, zu herrschen aufgehört hat!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Genügt unser Recht allen Anforderungen der Vernunft und Menschlichkeit?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[S. 37]</span></p>
-
-<p>Nach unserm BGB. wird die Alimentationspflicht von väterlicher Seite
-verwirkt, wenn die Mutter in der kritischen Zeit mit mehreren Männern
-Umgang hatte. Das heißt, das sowieso rechtlich und sozial schwer
-geschädigte uneheliche Kind wird noch weiter gestraft, indem ihm jede
-väterliche Unterstützung entzogen wird.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die kontrollierte Prostituierte bleibt nach dem heute geltenden Recht
-nicht nur straflos, sondern der Staat sichert sich sogar durch Steuern
-einen Anteil an ihrem Verdienst. Dagegen kann aber jeder, der ihr
-Wohnung gibt, wegen Kuppelei belangt werden. Ihr Gewerbe ausüben und
-Steuer zahlen dürfen also die Prostituierten, wohnen aber nicht!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Auch § 175, der die widernatürliche Unzucht zwischen Personen
-männlichen Geschlechtes mit Gefängnis, ev. noch mit Verlust der
-bürgerlichen Ehrenrechte bedroht, ist als mittelalterliches Rudiment in
-Geltung. Der Gesetzgeber nahm weder Anstand an der Inkonsequenz, beim
-einen Geschlecht zu verbieten, was dem andern erlaubt ist, noch hielt
-ihn Scheu vor den intimsten Intimitäten des Privatlebens zurück, noch
-die Erwägung, damit einen Erpresserstand zu züchten. Ja, die Frage,
-ob es sich um Laster oder krankhafte Veranlagung handelt, wurde noch
-nicht einmal hinlänglich geprüft. Der Hauptgrund für Aufrechterhaltung
-des Paragraphen ist der Widerstand orthodoxer Kreise, die deutsche
-Verhältnisse des 20. Jahrhunderts unter dem Gesichtswinkel der vor
-2&frac12; Jahrtausenden im Judenvolke bestehenden beurteilen und das
-gottgefällig<span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[S. 38]</span> nennen. Vielleicht sind diese auch der Ansicht, daß
-Prozesse wie Harden-Moltke und Harden-Eulenburg der öffentlichen
-Sittlichkeit förderlicher sind als Schmutzereien einzelner im stillen
-Kämmerlein.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Auf der internationalen kriminalistischen Vereinigung des Jahres
-1909 wurde festgestellt, daß in <em class="gesperrt">Deutschland jährlich 10 Millionen
-Polizeistrafen</em> verhängt werden! Also jeder vierte straffähige
-Deutsche wird jährlich in wirksamer Weise an die segensreiche Tätigkeit
-der hl. Hermandad erinnert.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Nach österreichischem Gesetz muß das „Allerheiligste“ der katholischen
-Kirche von jedermann, Jude, Freidenker, Protestant, gegrüßt werden.
-Ein <em class="gesperrt">Schwede</em>, unkundig dieses Gesetzes, wurde vor einigen Jahren
-wegen Unterlassung des Grußes in Ischl zu <em class="gesperrt">Gefängnis</em> verurteilt!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Redakteur des „Bütower Anzeigers“ Hugo Röhl war auf Veranlassung
-des Konsistoriums der Provinz Pommern angeklagt worden, durch eine
-Artikelserie den Pastor und Lokalschulinspektor Pötter fortgesetzt
-öffentlich beleidigt und unwahre Tatsachen über ihn verbreitet zu
-haben. Der Tatbestand war folgender:</p>
-
-<p>Pötter hatte den 42jährigen Lehrer Wockenfuß so lange gequält, bis er
-Selbstmord begehen wollte. Am zweiten Osterfeiertag sang Wockenfuß
-mit seinen Schülern zu einer Feier auf dem Gute. Bei einem deshalb
-ausbrechenden Wortwechsel wurde Wocken<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[S. 39]</span>fuß von Pastor Pötter zu Boden
-gestoßen. Als die Wirtin des Pastors im Dezember 1902 einem Knaben
-das Leben schenkte, brachte der Mann Gottes den Lehrer in Verbindung
-mit den kursierenden Gerüchten, während in Wahrheit der Bruder
-Pötters Vater des Kindes war. Kurz nach Weihnachten erschien Pötter
-im Schulhause, ließ den Lehrer aus dem Bette unter den Weihnachtsbaum
-im Schulzimmer rufen, las ihm aus der Bibel ein langes Kapitel vor
-und sagte, als der verwunderte Lehrer ihn nach seinem Begehren frug:
-„Schweigen Sie, es kommt! Sie sind einer von denen wie der Abschaum der
-Menschheit, der Krupp ums Leben gebracht hat. Sie haben mich beleidigt!
-Mit diesem Stock schlage ich den auf das Lästermaul, der noch einmal
-so etwas sagt.“ Dabei erhob der Seelenhirte den Stock gegen Wockenfuß,
-der am Verlassen des Zimmers durch zwei Männer verhindert wird, die der
-Pastor mitgebracht und neben die Tür postiert hatte! Wockenfuß brach
-ohnmächtig zusammen.</p>
-
-<p>Die Folge war eine Klage des Pastors gegen den Lehrer auf Überschreiten
-des Züchtigungsrechtes. <em class="gesperrt">Ohne Verhör</em> wurde Wockenfuß mit Verweis,
-Ordnungsstrafe und schließlich mit Entziehung des Züchtigungsrechtes
-bestraft, endlich wurde er wegen vier einem Knaben erteilter leichter
-Hiebe seines Amtes entsetzt. Pötter hatte ihm nämlich pflichtwidrig
-nichts über den Entzug des Züchtigungsrechtes mitgeteilt!</p>
-
-<p>So ähnlich hat der wackere Pastor alle seine Lehrer behandelt! Einer
-konnte sich nur mit der Dunggabel seiner erwehren! Einen anderen sucht<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[S. 40]</span>
-Pötter zu einem für ihn günstigen Zeugnis in einer Strafsache gegen ihn
-zu bewegen. Soundso oft steht Pötters Eid gegen den der Lehrer.</p>
-
-<p>Der Staatsanwalt erkannte an, daß in allen Fällen, in denen der
-„Bütower Anzeiger“ das Verhalten des Pastors zu Lehrer Wockenfuß scharf
-gegeiselt hatte, der <em class="gesperrt">Wahrheitsbeweis völlig geglückt</em> sei!</p>
-
-<p>Und das Urteil? Der Gerichtshof zu Stolp in Hinterpommern hielt den
-Wahrheitsbeweis in folgenden Punkten für erbracht: Pötter hat den
-Lehrer Halpap aus dem Lehramt vertrieben, er hat eine „Fertigkeit“ in
-Lehrerkränkungen, er hat die Unwahrheit gesprochen, er hat leichtfertig
-und aus Rachsucht Anzeigen gegen den Administrator des Grafen Schwerin,
-des Patronatsherrn, erstattet, er hat sich durch seine Handlungen
-in Gegensatz zu seinem Eide gestellt. Ferner wurden die edlen und
-selbstlosen Motive des Angeklagten Röhl vom Gerichtshof ausdrücklich
-anerkannt und &ndash; es will gar nicht aus der Feder &ndash; dieser selbe Röhl
-zu <em class="gesperrt">500 Mark Geldstrafe oder 50 Tagen Gefängnis verurteilt</em>!</p>
-
-<p>Nach in ganz Deutschland geltendem Recht <em class="gesperrt">mußte</em> das Gericht so
-urteilen!</p>
-
-<p>Und Pötter? Es wurde festgestellt, daß sämtliche Lehrer vor ihm die
-größte Angst hatten, aber eine Beschwerde hätte gar keinen Sinn
-gehabt, denn nach dem famosen, heute noch in <em class="gesperrt">Preußen</em> gültigen
-Disziplinargesetz vom 21. Juli 1852 ist, wenn ein Lehrer sich über
-einen Vorgesetzten beschwert, <em class="gesperrt">die Behörde nicht verpflichtet,
-auch den Lehrer</em> nach Vernehmung des Vorgesetzten nochmals <em class="gesperrt">zu
-hören</em>, sondern <em class="gesperrt">die Aussagen des Vorgesetzten<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[S. 41]</span> gelten für
-erwiesene Tatsachen</em>. Ferner: <em class="gesperrt">Wenn ein Vorgesetzter über einen
-Lehrer Klage führt, so entscheidet die Behörde, ohne vorher den Lehrer
-oder seine Zeugen gehört zu haben.</em> Diese Gesetze gelten heute noch,
-im 20. Jahrhundert, auch gegen Gymnasialprofessoren, und es gibt noch
-in Deutschland „Männer“, die solche Behandlung sich gefallen lassen<a id="FNAnker_71" href="#Fussnote_71" class="fnanchor">[70]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Am 28. Juli 1905 nachts gegen 1 Uhr führte ein Ehepaar mit der
-Schwägerin ihren Hund auf die Straße. Ein angetrunkener Passant
-ärgerte sich über das Tier und äußerte zu einem in der Nähe stehenden
-Schutzmann &ndash; Beuche hieß das Auge des Gesetzes &ndash; daß der Hund ohne
-Maulkorb sei. Das war nun zwar nicht der Fall, aber pp. Beuche, der
-wohl die Gelegenheit für günstig hielt, seine „Schneid“ zu beweisen,
-brüllte den Eigentümer barsch an. Als dieser sich den Ton verbat,
-<em class="gesperrt">packte ihn</em> der Hüter der öffentlichen Ordnung am Genick und
-stieß ihn vor sich her. Sein Protest dagegen wurde vom Beamten mit
-<em class="gesperrt">Faustschlägen auf den Kopf</em> beantwortet. Sein Hinweis auf einen
-vom Polizeipräsidenten ausgestellten Jagdschein wurde vom Schutzmann
-zurückgewiesen mit der Bemerkung, der „Wisch“ genüge ihm nicht,
-zugleich bekam der Ehemann etliche <em class="gesperrt">Fußtritte</em>. Seine <em class="gesperrt">Frau</em>,
-die ihre Entrüstung in Worte kleidete, bekam <em class="gesperrt">Faustschläge auf die
-Brust</em>, die, wie auch beim Ehemann, laut ärztlichen Attestes Spuren
-hinterließen. Darauf erstattete der Gatte gegen den Schutzmann Beuche
-Anzeige wegen Körperverletzung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[S. 42]</span></p>
-
-<p>Soweit ist alles in Ordnung, und wir hätten keinen Grund von den
-Brutalitäten eines subalternen Rohlings an dieser Stelle Notiz zu
-nehmen, wenn das Verhalten der Behörde sie nicht in andere Beleuchtung
-rücken würde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Die Staatsanwaltschaft lehnte nämlich ein Einschreiten gegen ihr
-Organ ab</em> und erklärte, daß der Beamte so, wie er gehandelt habe,
-hätte handeln <em class="gesperrt">müssen</em>! Nicht genug damit, drehte sie den Spieß
-um. Da im Falle des Stattgebens der Anklage die drei Mißhandelten als
-Zeugen gegen Beuche vereidigt worden wären, war die einfachste und
-nördlich der Mainlinie auch beliebteste Art dies zu verhüten die, aus
-Klägern bzw. Zeugen <em class="gesperrt">Angeklagte</em>, die bekanntlich nicht schwören
-können, zu machen. Damit war ihnen die Möglichkeit des Beweises
-abgeschnitten. Der Gerichtshof glaubte &ndash; was er nach der Prozeßlage
-ja auch bona fide tun konnte &ndash; dem als <em class="gesperrt">Zeugen</em> vernommenen
-Schutzmann und verurteilte den Ehemann zu 50 Mark Geldstrafe, die
-eine Frau wegen <em class="gesperrt">versuchter Gefangenenbefreiung</em> zu drei Tagen
-<em class="gesperrt">Gefängnis</em>, die andere wegen des gleichen Reates zu einem Tage.
-Dabei handelte es sich um angesehene Personen aus dem Kaufmannsstande,
-die noch niemals mit der Polizei in Konflikt gekommen waren. Das Urteil
-wurde vom Schöffengericht I Berlin gefällt<a id="FNAnker_72" href="#Fussnote_72" class="fnanchor">[71]</a>.</p>
-
-<p class="mtop2">Da jedes Volk die Polizei hat, die es verdient, ist dem Vorkommnis
-Allgemeingültigkeit nicht abzusprechen. Immerhin erscheint es
-rätlich, noch einige ähnlich gelagerte Fälle, die zeigen, was der
-Reichs<span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[S. 43]</span>angehörige zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Subalternbeamten
-aushalten <em class="gesperrt">muß</em> &ndash; das ist das wesentliche &ndash; anzuführen.
-Gleichzeitig sei aber konstatiert, daß wir nicht aus verbohrtem, uns
-völlig fernliegendem Partikularismus lediglich solche Vorkommnisse
-aus Norddeutschland registrieren, sondern nur deshalb weil uns aus
-Süddeutschland kaum ähnliche Fälle bekannt sind. Gewiß gibt es auch
-dort Rohlinge, aber Gerichte und Öffentlichkeit wissen mit ihnen fertig
-zu werden.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Am 21. November 1906 wurde der Töpfer Marin in Zoppot wegen einer
-Schulstrafe von <em class="gesperrt">einer</em> Mark von zwei Schutzleuten, denen er
-<em class="gesperrt">Zahlung anbot</em>, am Bahnhof verhaftet und ins Gefängnis gebracht,
-aus dem er am nächsten Tage mehr tot als lebendig entlassen wurde. Der
-Arzt, der Marin zwei Tage später untersuchte, stellte ihm ein Attest
-aus, wonach er den Mann in einem „geradezu desolaten Zustande“ befunden
-hatte. Fast der ganze Körper war <em class="gesperrt">zerschunden</em>, auch ließ die
-Untersuchung den <em class="gesperrt">Bruch einer oder mehrerer Rippen</em> vermuten.
-Marin war daraufhin <em class="gesperrt">sieben Wochen erwerbsunfähig</em>. Vor Gericht
-wurde festgestellt, daß die Hüter der öffentlichen Ordnung zusammen mit
-dem Gefängniswärter Marin, der <em class="gesperrt">Zahlung auch im Gefängnis</em> anbot,
-mit den Füßen und einem derben <em class="gesperrt">Stock mißhandelt</em> und in <em class="gesperrt">die
-Rippen getreten</em> hatten. <em class="gesperrt">Außerdem nahm man ihm seinen Wochenlohn
-von 22,70 M. ab.</em> Als Marin sich in der Zelle auf die Pelerine des
-einen Schutzmannes &ndash; Kamin hieß der Kavalier &ndash; setzte, schrie dieser
-ihn an: „Du<span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[S. 44]</span> <em class="gesperrt">roter Hund</em> sitzt auf meiner Pelerine“ und schlug
-ihn mit dem Helm, den er an der Spitze hielt, ins Gesicht.</p>
-
-<p>Marin erstattete Strafanzeige, und die Verhandlung fand vor dem
-Landgericht in Danzig statt. Der Staatsanwalt stellte zunächst mit
-großer Energie fest, daß Marin gewerkschaftlich organisiert, also
-<em class="gesperrt">Sozialdemokrat</em> sei. Daraufhin wurden der Gefängniswärter und
-der Schutzmann zusammen zu einer <em class="gesperrt">Geldstrafe von 100 M.</em> wegen
-Körperverletzung und Beleidigung verurteilt!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Dasselbe Gericht</em> hat einige Tage später einen nicht
-vorbestraften 19jährigen Lehrling, der in angetrunkenem Zustande einen
-Arzt und seine Gattin mehrmals anrempelte und beleidigte, dann aber
-brieflich und vor Gericht seine Tat bereute, zu <em class="gesperrt">einem Jahr und einem
-Monat Gefängnis</em> verurteilt<a id="FNAnker_73" href="#Fussnote_73" class="fnanchor">[72]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>An einem Abend wartete Frau B. vor dem Stadtbahnhof Alexanderplatz
-in Berlin, als ein betrunkener Schutzmann mit den Worten auf sie
-zutrat: „Du Sau, was stehst du hier herum?“ Sie verbat sich das Duzen
-und sagte, daß sie auf ihren Mann warte. Auf weitere Flegeleien hin
-suchte sie ihm zu entrinnen, der Schutzmann lief ihr aber nach, zog,
-als die Menge gegen ihn Stellung nahm, den Säbel, hieb um sich und
-versetzte mit den Worten: „<em class="gesperrt">Du Sau, warte nur, wenn ich dich erst
-auf der Wache habe</em>“, ihr <em class="gesperrt">zwei Hiebe mit dem Säbel</em> über das
-Kreuz. Ein Arzt,<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[S. 45]</span> der den Vorgang mit angesehen und beobachtet hatte,
-wie <em class="gesperrt">der Schutzmann die Frau sogar in schamloser Weise angriff</em>,
-wollte als Zeuge mit auf die Wache kommen. Das war aber entschieden
-nicht im Sinne der Hüter des Gesetzes, denn man wollte ihn erst nicht
-hinein lassen. Ein Beamter nahm den Arzt beim Wickel und stieß ihn
-einfach in die Arrestzelle, aus der er erst durch die Intervention des
-Polizeihauptmannes befreit wurde. Dann erstattete man gegen ihn Anzeige
-wegen <em class="gesperrt">Hausfriedensbruches</em>, der aber nicht stattgegeben wurde.</p>
-
-<p>Da das Gericht annahm, daß der Angeklagte sich <em class="gesperrt">subjektiv nicht
-bewußt gewesen sei</em>, in widerrechtlicher Weise gegen die Frau
-einzuschreiten, sie auch <em class="gesperrt">nicht vorsätzlich geschlagen</em>, sondern
-sie nur beim Herumfuchteln mit dem Säbel <em class="gesperrt">getroffen</em> habe,
-verurteilte es ihn lediglich wegen Beleidigung zu einer <em class="gesperrt">Geldstrafe
-von 100 M.</em></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ein <em class="gesperrt">Arbeiter</em>, der einem Schutzmann gesagt hatte: „Sie haben uns
-gar keine Vorschriften zu machen, denn dazu sind Sie uns zu dumm; ich
-habe so viel Grütze in den Beinen, wie Sie im Kopf“, wurde dagegen in
-Halle vom Gericht zu einer Gefängnisstrafe von 2 Monaten verurteilt!
-Ein <em class="gesperrt">Student</em>, der ebenfalls in Halle einen Polizeisergeanten mit
-dem Stocke derart über den Helm geschlagen hatte, daß der Stock in
-Stücke ging, die Helmspitze abbrach und der Helm sich verbog, dann im
-Wachtlokal spöttisch geäußert hatte: „Ach, bei der Halleschen Polizei
-braucht man nur zu fragen, <em class="gesperrt">was die Sache kostet</em>, dann ist schon<span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[S. 46]</span>
-alles erledigt,“ wurde zu einer Geldstrafe von 40 M. verurteilt.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Referendar Morell war zusammen mit dem Kammergerichtsreferendar
-Tschepke am 20. November 1906 auf einem Berliner Polizeirevier
-erschienen, um einen Automobilführer, der sie falsch gefahren,
-feststellen zu lassen. Die nächtliche Störung gefiel den wackern
-Männern der Ordnung augenscheinlich gar nicht; deshalb stellten sie
-zwar nicht den Autoführer fest, <em class="gesperrt">behielten aber die beiden Kläger
-auf der Wache</em>! Als Morell dagegen protestierte, schrie der
-Wachthabende Korrhun dem Schutzmann Keppler zu: „Machen Sie den Mann
-ruhig.“ Keppler kam dieser Aufforderung gründlich nach, faßte Morell an
-beiden Schultern und schüttelte ihn gewaltsam so hin und her, daß er
-mit dem Kopf gegen die Wand flog. Sein Hinweis auf seine Eigenschaft
-als Referendar nützte gar nichts. Als Morell seinem sich entfernenden
-Freunde nachfolgen wollte, stürzten sich beide Schutzmänner auf ihn,
-hielten ihn mit Gewalt zurück, und während Keppler den Referendar
-Tschepke hinausbeförderte, <em class="gesperrt">würgte</em> Korrhun, ein Hüne, den
-ersteren, <em class="gesperrt">schlug ihn</em> auf den Kopf und ließ ihn schließlich in
-<em class="gesperrt">eine Zelle sperren</em>, wo er ihn hinter einem eisernen Gitter halb
-bewußtlos bis 5&frac12; Uhr festhielt.</p>
-
-<p>Auf die Anzeige Morells hin, <em class="gesperrt">lehnte die Staatsanwaltschaft ein
-Verfahren gegen die Schutzleute ab, leitete dagegen das typische gegen
-Morell</em>(!!) wegen „Beleidigung“ der Schutzleute,<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[S. 47]</span> „Widerstandes
-gegen die Staatsgewalt“ und „Hausfriedensbruch“ ein! Erst auf Anweisung
-des Oberstaatsanwalts wurde die Anklage auch gegen die Schutzleute
-wegen Beleidigung, Mißhandlung und Freiheitsberaubung erhoben, so daß
-nunmehr neben Morell auch diese die Anklagebank zierten. Morell wurde
-freigesprochen, da seine Angaben sich als <em class="gesperrt">wahr</em>, die beider
-Schutzleute als <em class="gesperrt">unwahr</em> herausstellten. Korruhn erhielt 5 Monate
-Gefängnis, Keppler eine Geldstrafe von 100 M.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Eine Frau wollte, wie ein konservativer Abgeordneter im preußischen
-Abgeordnetenhause 1908 ausführte, von Grunau nach Hirschberg fahren.
-Das Geld, das sie zur Bezahlung der Fahrkarte hinlegte, war schmutzig
-und wurde für falsch gehalten. Daraufhin sperrte man die Frau
-<em class="gesperrt">mit ihrem Kinde</em>, einem dreieinhalbjährigen Knaben, ein. Eine
-Hausuntersuchung beim Ehemann, einem Arbeiter, verlief resultatlos.
-Die Frau blieb <em class="gesperrt">vier Tage</em> eingesperrt, endlich kam das Geld
-zur Reichsbanknebenstelle, von da an die Filiale des Schlesischen
-Bankvereins und schließlich zu einem Goldarbeiter, aber es war und
-blieb <em class="gesperrt">absolut echt</em>. Der Staatsanwalt schickte es darauf zur kgl.
-Münze, die den ganzen Betrag in funkelnagelneuen Stücken zurückzahlte.
-Daraufhin wurde die Frau entlassen und meldete sich beim Redner. Die
-Auslagen betrugen 17,90 M. Die Staatsanwaltschaft aber weigerte sich,
-diese zurückzuerstatten. Redner setzte daraufhin einen Brief an die
-Staatsanwaltschaft<span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[S. 48]</span> auf mit dem Hinweis, daß die Geschädigte sich im
-Falle einer Ablehnung an den Justizminister wenden und der Vermittlung
-eines Abgeordneten bedienen würde. Die Frau ließ diesen Brief von
-einem Nachbarn abschreiben. Die Staatsanwaltschaft ordnete nun eine
-<em class="gesperrt">Feststellung</em> an &ndash; ob der Nachbar solche Briefe <em class="gesperrt">berufsmäßig
-abschreibe</em>, und ob etwa eine <em class="gesperrt">Steuerkontravention</em> vorliege!
-Auch wurde die Frau noch einmal darüber vernommen, ob sie etwa
-<em class="gesperrt">Quecksilber</em> in der Wohnung hatte!! Nach etwa 14 Tagen wies der
-Justizminister 15 M. an, blieb also der armen Frau <em class="gesperrt">noch drei Mark
-schuldig</em>!</p>
-
-<p>Risum teneatis amici!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Frau Marie Feuth, die Gattin eines jungen Architekten, der in
-unglücklichen Geschäften sein Vermögen verloren hatte und von den
-Gläubigern hart bedrängt ward, wurde im November 1906 in Berlin mit
-ihrem Mann auf offener Straße verhaftet und in ein Polizeirevier
-eingeliefert. Hier wurden beide in eine „Detentionszelle“ eingesperrt,
-wo sie von 1&frac12; Uhr mittags bis 8 Uhr abends sitzen mußten. Um diese
-Stunde wurde das Ehepaar in den „grünen Wagen“ verladen und nach dem
-Polizeipräsidium übergeführt.</p>
-
-<p>Hatten sie den Wagen mit einigen Zuhältern geteilt, so trafen sie
-dort noch Verbrecher, Dirnen und betrunkene Rowdys. Andern Tags gegen
-11 Uhr wurde Frau Feuth in einem überfüllten Wagen voller Zuhälter
-und Dirnen, die durch Zoten und Handgreiflichkeiten sich die Zeit
-verkürzten, nach Moabit<span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[S. 49]</span> transportiert, dort zwei Weibern überwiesen,
-die sie &ndash; zum zweiten Male &ndash; <em class="gesperrt">bis auf die Haut entkleideten</em>.
-Nach 10 Minuten kam die Oberin. Im <em class="gesperrt">Evakostüm</em> mußte die Dame
-den Raum durchschreiten und mit dem Gesicht gegen die Wand eine ganze
-Weile stehen, bis alle ihre Sachen ausreichend beschnüffelt und gebucht
-waren. Dann wurde sie vermessen, bis sie glücklich die Erlaubnis
-erhielt, sich wieder anzukleiden. Hierauf wurde sie in eine Zelle
-gesperrt, nach einer halben Stunde wieder herausgelassen, um sich mit
-schwarzer Schmierseife zu waschen und in einer keineswegs reinen Wanne
-zu baden. Ihre Leibwäsche wurde ihr genommen und sie erhielt die grobe
-Anstaltswäsche, ein grobes sackleinenes Hemd und ein Paar für ihre
-Schuhe viel zu dicke Strümpfe, so daß sie nur mit großen Schmerzen
-gehen konnte. Beinkleider wurden nicht verabfolgt. Endlich mußte sie
-sich durch eine Strafgefangene auf <em class="gesperrt">Ungeziefer</em> untersuchen lassen!</p>
-
-<p>In die Zelle zurückgeführt, wurde sie in schroffer Weise auf die
-Obliegenheiten der Zellenreinigung usw. hingewiesen. Abends gab es
-eine Art von Wassersuppe und ein Stück Brot. Der <em class="gesperrt">Raum wimmelte von
-Ungeziefer</em>, so daß die Dame angekleidet die Nacht über frierend
-und weinend auf dem Bettrand sitzen blieb, weil sie sich nicht von der
-Stelle zu rühren wagte. <em class="gesperrt">Sie wußte immer noch nicht, aus welchem
-Grunde sie verhaftet worden war!</em> Auch die Oberin wußte keinen Grund
-anzugeben!</p>
-
-<p>Frau Feuth blieb im Untersuchungsgefängnis <em class="gesperrt">10 Tage</em>, dann wurde
-sie entlassen und das Verfahren gegen sie eingestellt. <em class="gesperrt">Erst jetzt
-erfuhr sie den<span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[S. 50]</span> Grund ihrer Verhaftung</em>: wegen des Verdachtes der
-Beihilfe zum Arrestbruch.</p>
-
-<p>Ihr Mann wurde nach 2&frac12; Monaten von der Anklage der Urkundenfälschung
-und der Verschleppung von Pfandgegenständen <em class="gesperrt">freigesprochen</em> und
-wegen Arrestbruches zu einem Monat Gefängnis verurteilt, der durch die
-Untersuchungshaft verbüßt war.</p>
-
-<p>Mit diesem „Arrestbruch“ hatte es aber auch seine besondere
-Bewandtnis. Der Verteidiger hatte Herrn Feuth gesagt, er würde auch
-von dieser Anklage freigesprochen werden, müsse aber noch lange in
-Untersuchungshaft sitzen, denn bevor das Aktenmaterial geprüft sei,
-vergingen Monate. Daraufhin entschloß sich Herr Feuth, sich <em class="gesperrt">ohne
-Widerspruch</em> wegen dieses Anklagepunktes <em class="gesperrt">verurteilen zu lassen,
-um nur die Freiheit wiederzugewinnen</em>! Seine Frau saß nämlich mit 85
-Pfennigen an diesem Tage auf dem Berliner Pflaster!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Solche und ähnliche Fälle sind so zahlreich und wir könnten deren eine
-solche Reihe anführen, daß wir sie als typischen Mißstand unseres
-Rechtswesens bezeichnen können.</p>
-
-<p class="mtop2">Der Amtsrichter Emil Theisen war im Jahre 1894 am Amtsgericht in
-Frankfurt a. M. beschäftigt. Hier machte er alltäglich die Erfahrung,
-daß bei der Festnahme von Personen und deren Vorführung vor den Richter
-die zum Schutze der persönlichen Freiheit erlassenen gesetzlichen
-Bestimmungen von der Polizei<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[S. 51]</span>behörde nicht beachtet wurden. Als solche
-Gesetzwidrigkeiten sich mehrten und ein Bericht an die Justizverwaltung
-erfolglos blieb, machte er in der Überzeugung, daß der Tatbestand des §
-341 St.G.B. vorliege, Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Wiewohl nun
-der Disziplinarsenat des Kammergerichtes als erwiesen ansah, daß die
-Vorführung der vorläufig festgenommenen Personen vor dem Amtsrichter in
-einer großen Anzahl von Fällen <em class="gesperrt">nicht</em> dergestalt „ohne Verzug“
-stattgefunden habe, als dies der Vorschrift der Strafprozeßordnung
-entsprochen haben würde, erkannte er doch auf <em class="gesperrt">Zwangsversetzung</em>
-in ein anderes richterliches Amt von gleichem Range wegen der
-beleidigenden Form der Anzeigen und Bruch des Amtsgeheimnisses.
-Letzteres Delikt wurde darin gesehen, daß Theisen der „Frankfurter
-Zeitung“, die den Fall gebracht hatte, zur Beseitigung einiger Schärfen
-und um falsche Lesarten zu verhindern, einige <em class="gesperrt">berichtigende
-Mitteilungen</em> gemacht hatte. Der Oberstaatsanwalt hatte Theisen
-gedroht, er werde sein ganzes Leben lang darunter zu leiden haben, wenn
-er seine Strafanträge nicht zurückzöge! Darin sollte er auch recht
-behalten, denn Theisens Karriere war beendet, weil er nach Ansicht
-seiner Vorgesetzten „die Justiz zu sehr kompromittiert“ hätte. So geht
-es also einem preußischen Richter, der Ungesetzlichkeiten rügt<a id="FNAnker_74" href="#Fussnote_74" class="fnanchor">[73]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Turmwächter König in Wasungen bei Jena hatte mehrere Jahre
-hintereinander die unheimliche Beobachtung gemacht, daß in der
-Silvesternacht um<span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[S. 52]</span> 12 Uhr ein Licht über den dortigen Friedhof
-wandle. Auf Grund einer Wette ging er nun am 31. Dezember 1906 mit
-seinem Freunde Bach, einem befreundeten Kellner und seinen beiden
-Schwestern zur geheimnisvollen Stunde dort hin. Tatsächlich tauchte das
-unheimliche Licht Punkt 12 Uhr auf. Während die Schwestern ausrissen,
-feuerte Bach seinen mitgebrachten Revolver auf das Gespenst und
-traktierte es dann mit Säbelhieben übel. Daraufhin lüftete das Gespenst
-sein Inkognito und entpuppte sich als Bernhard Günkel in Wasungen, der
-seit Jahren in der Neujahrsnacht vom Friedhof einen Kreuzdornzweig
-zu holen pflegte. Dieser, stillschweigend gebrochen, ist nämlich
-ein sicheres Mittel gegen Krankheiten bei Mensch und Vieh. Auf den
-Strafantrag des Gespenstes wurde Bach vom Wasunger Schöffengericht
-wegen Körperverletzung zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Meininger
-Strafkammer bestätigte diese Strafe, wiewohl Bach, dessen Mut
-jedenfalls größer war als seine Intelligenz, bekundete, er habe die
-feste Überzeugung gehabt, nicht auf einen Menschen, sondern auf ein
-Gespenst losgeschlagen zu haben.</p>
-
-<p>Ob in diesem Falle der Staat nicht vielleicht besser getan hätte für
-entsprechenden Schulunterricht zu sorgen, statt einem armen unwissenden
-Menschen, der das glaubte, was die unfehlbare Kirche Jahrhunderte
-gelehrt und mit Gewalt eingebläut hatte, streng zu strafen? Immerhin
-ist die Tatsache ein wertvolles Kulturdokument, sowohl bezüglich der
-Volksbildung als der Strafrechtspflege.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[S. 53]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Dritter_Abschnitt"><span class="s5">Dritter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Die „Ketzer“ und die römisch-katholische Kirche</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Wilhelm Pelisso, ein zwischen 1220 und 1240 im Bezirke von Toulouse
-tätiger Dominikaner hat ein Tagebuch „Chronikon“ hinterlassen, dessen
-Handschrift die Bibliothek von Carcassonne (n. 6449) bewahrt. Er
-schreibt: „Zum Ruhme und Lobe Gottes und der seligen Jungfrau Maria
-und des hl. Dominicus, unseres Vaters, und der ganzen himmlischen
-Heerschar will ich einiges aufzeichnen, das der Herr in der Gegend
-von Toulouse gewirkt hat durch die Brüder des Predigerordens
-(Dominikaner) und auf die Bitten hin des hl. Dominicus...: Damals
-starb ein ketzerischer Kleriker, der im Kreuzgang der Kirche beerdigt
-wurde. Als dies Magister Rollandus hörte, ging er mit den Brüdern
-(Dominikaner) dorthin, <em class="gesperrt">sie gruben ihn aus, schleiften ihn durch die
-Straßen und verbrannten ihn</em>. Zu gleicher Zeit starb ein Ketzer
-namens Galvanus. Das entging dem Magister Rollandus nicht; er rief die
-Brüder (Dominikaner), den Klerus und das Volk zusammen; sie gingen in
-das Haus, wo der Ketzer gestorben war, sie zerstörten es von Grund
-aus und machten es zu einer Dungstätte; den Galvanus <em class="gesperrt">gruben sie
-aus</em>. <em class="gesperrt">Seinen Leichnam<span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[S. 54]</span> schleppten sie in ungeheurem Zuge durch
-die Stadt</em> (Toulouse) und <em class="gesperrt">verbrannten ihn</em> außerhalb der
-Stadt. Das ist geschehen im Jahre 1231 <em class="gesperrt">zur Ehre unseres Herrn Jesu
-Christi</em> und <em class="gesperrt">des hl. Dominikus</em>, und <em class="gesperrt">zur Ehre der römischen
-und katholischen Kirche</em>, unserer Mutter.“ Arnoldus Catalanus,
-damals Inquisitor, vom päpstlichen Legaten ernannt, verurteilte zum
-lebendig verbrannt werden zwei Ketzer, Peter von Puechperdut und Peter
-Bomassipio; beide wurden zu verschiedenen Zeiten <em class="gesperrt">verbrannt</em>.
-Auch einige Verstorbene verurteilte er, ließ sie <em class="gesperrt">ausgraben</em> und
-<em class="gesperrt">verbrennen</em>. Der Inquisitor Bruder Ferrarius (Dominikaner) ließ
-viele Ketzer ergreifen, ließ sie <em class="gesperrt">einmauern</em>; einige ließ er auch
-<em class="gesperrt">verbrennen, unter Beistand des gerechten Gerichtes Gottes</em>.. Der
-Ketzer Johannes Textor wurde mit anderen <em class="gesperrt">verbrannt</em>. Zur selben
-Zeit ließen die Inquisitoren Bruder Peter Cellani und Bruder Wilhelm
-Arnaldi (Dominikaner) einige <em class="gesperrt">Verstorbene ausgraben</em>, <em class="gesperrt">durch
-die Straßen schleifen</em> und <em class="gesperrt">verbrennen</em>. In Montemsegurum
-(Montsegur) ließen sie den Johannes da Garda mit <em class="gesperrt">210 anderen Ketzern
-verbrennen</em>. Und ein großer Schrecken entstand unter den Ketzern der
-ganzen Gegend. (Dieser Wilhelm Arnaud wurde zur Belohnung für dieses
-christliche Wirken am 1. September 1866 von Papst Pius IX. <em class="gesperrt">„selig“
-gesprochen</em>!!!) Inzwischen ließ der Bruder Pontius de S. Egidio,
-Prior (des Dominikanerkonvents) zu Toulouse, den Handwerker Arnold
-Sancerius vorfordern und nahm gegen ihn viele eidliche Zeugnisse
-entgegen. <em class="gesperrt">Er selbst aber leugnete alles.</em> Der Prior und die
-Brüder aber verurteilten ihn. Er wurde zum<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[S. 55]</span> Scheiterhaufen geführt,
-rief aber fortwährend: „man tut mir unrecht, ich bin ein guter Christ
-und glaube an die römische Kirche“. Dennoch wurde er <em class="gesperrt">verbrannt</em>.
-Im Jahre 1234 wurde die Heiligsprechung unseres hl. Vaters Dominikus
-in Toulouse verkündet. Der Bischof Raimundus von Miromonte feierte die
-Messe im Dominikanerkloster, und nachdem der Gottesdienst fromm und
-feierlich beendet war, wuschen sie sich die Hände, um im Speisesaal
-zu speisen. Da kam, durch göttliche Fügung und wegen der Verdienste
-des hl. Dominikus, dessen Fest man feierte, einer aus der Stadt und
-meldete, daß einige Ketzer zu einer kranken Ketzerin gegangen seien.
-Sogleich gingen sie (der Bischof und die Dominikaner) dorthin. Der
-Bischof setzte sich an das Bett der Kranken und sprach ihr viel von der
-Verachtung der Welt. Und <em class="gesperrt">weil die Kranke im Glauben war, es sei der
-Vorsteher der Ketzer</em>, so antwortete sie frei auf alle Fragen. Der
-Bischof entlockte ihr mit vieler Vorsicht ein Bekenntnis dessen, was
-sie glaubte. Dann fügte er hinzu: <em class="gesperrt">Du darfst nicht lügen und nicht an
-diesem elenden Leben hängen. Deshalb sage ich dir, du sollst standhaft
-sein in deinem Glauben</em> und nicht aus Todesfurcht anders aussagen,
-als du in deinem Herzen denkst. Sie antwortete: Herr, wie ich sage, so
-glaube ich, und wegen dieses elenden Lebens ändere ich meinen Vorsatz
-nicht. Da sagte der Bischof: Du bist eine Ketzerin, was du bekannt
-hast ist ketzerisch. Ich bin der Bischof von Toulouse und verkünde den
-römisch-katholischen Glauben, den ich dich ermahne anzunehmen. Aber er
-richtete nichts aus. Da verurteilte<span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[S. 56]</span> sie der Bischof in <em class="gesperrt">Kraft Jesu
-Christi</em>(!) als Ketzerin. Er ließ sie <em class="gesperrt">mit dem Bett, in dem sie
-lag, zum Scheiterhaufen tragen und sofort verbrennen</em>. Nachdem dies
-geschehen, gingen der Bischof und die Brüder (Dominikaner) <em class="gesperrt">zurück
-in den Speisesaal, und was dort bereitet war, aßen sie mit großer
-Fröhlichkeit, Dank sagend Gott</em> und dem hl. Dominikus. Dies hatte
-der Herr gewirkt am ersten Festtage des hl. Dominikus, <em class="gesperrt">zur Ehre und
-zum Ruhme seines Namens</em> und seines Dieners, des hl. Dominikus,
-<em class="gesperrt">zur Erhöhung des Glaubens</em> und zur Niederwerfung der Ketzer<a id="FNAnker_75" href="#Fussnote_75" class="fnanchor">[74]</a>.
-In dieser Tonart geht es fort, doch dürfte die Probe genügen, um eine
-Vorstellung von dem kirchlichen Wirken in christlicher Liebe zu geben,
-das für Südfrankreich noch so segensvoll werden sollte.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als die ersten Katharer &ndash; darunter 10 Domherren &ndash; 1022 zu Orleans
-verbrannt wurden, sträubten sich noch vereinzelt die zwar rohen aber
-nicht raffinierten Gemüter gegen diese Art der Verbreitung der Religion
-der Liebe. Bischof Wazon von Lüttich (1042&ndash;1048) antwortete auf die
-Frage des Bischofs Roger von Chalons, ob er die Ketzer verbrennen
-lassen dürfe, daß Blutvergießen gegen den Geist und die Aussprüche
-Christi sei, der das Unkraut mit dem Weizen stehen lassen will, bis
-zum Tage <em class="gesperrt">seines</em> Gerichtes. Gab es damals, wenn auch nur sehr
-sporadisch, noch unter den Christen Menschen, so hörte das bald genug
-auf, wenigstens soweit die tonangebenden Diener der Mutter Kirche in
-Frage kommen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[S. 57]</span></p>
-
-<p>Dem Kardinal Heinrich, Bischof von Albano, der 1180 von Innocenz
-III. (1198&ndash;1216) gegen die Albigenser in Südfrankreich geschickt
-wurde, gebührt der Ruhm, den <em class="gesperrt">ersten Kreuzzug von Christen gegen
-Christen</em> gepredigt zu haben. Er hatte glänzenden Erfolg. Ein auf
-päpstlicher Seite stehender Augenzeuge schreibt, daß er <em class="gesperrt">„ein weit
-und breit verwüstetes Land, zerstörte Dörfer und Städte, ein Bild des
-Todes“ hinterließ</em>.</p>
-
-<p>Papst Innocenz III. forderte mit glühenden Worten zur Vertilgung der
-„Gottlosen“ auf. Unter Berufung auf des Apostels Paulus (!) Worte
-„Dieweil ich tückisch war, habe ich euch mit Hinterlist gefangen“,
-mahnt der Statthalter Christi in einem Schreiben an seine Legaten,
-den Grafen von Toulouse, die Hauptstütze der „Ketzer“, schlau zu
-<em class="gesperrt">täuschen</em>, als ob man es nicht so sehr auf ihn abgesehen habe.
-Dadurch werde verhindert, daß der Graf sich mit den Streitkräften
-der übrigen Ketzer vereinige. Es sei dann leichter, ihn später, nach
-Niederwerfung der übrigen, allein zu besiegen.</p>
-
-<p>Dieser Kreuzzug führte 1209 im Juli und August zur Eroberung von
-Beziers und Carcassonne. Da man nicht wußte, welche von den Bewohnern
-Beziers ketzerisch, welche rechtgläubig waren, ließ der päpstliche
-Legat mit den von echt christlicher Milde zeugenden Worten „<em class="gesperrt">Tötet
-sie alle, Gott wird die Seinen zu erkennen wissen</em>“, <em class="gesperrt">alle
-hinschlachten</em>. Es waren ihrer <em class="gesperrt">zwanzigtausend</em>, Männer, Frauen
-und Kinder! In der einen Kirche Maria Magdalena mordete man 7000
-Menschen, die sich dorthin geflüchtet hatten. In Carcassonne wurden
-zu gleicher Zeit <em class="gesperrt">400 Ketzer<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[S. 58]</span> verbrannt</em> und <em class="gesperrt">50 gehängt</em>.
-Triumphierend berichtete der Legat dies dem Papst: die göttliche Rache
-habe die Ketzer wunderbar vernichtet.</p>
-
-<p class="mtop2">Im weiteren Verlaufe dieses Kreuzzuges, der so glänzend die
-zivilisatorische Macht der Kirche dokumentiert, wurden 1211 in Lavour
-über 100 Ketzer mit Feuer und Schwert gemordet. Und zwar vollzogen die
-päpstlichen Scharen dieses Blutbad, laut Berichten „<em class="gesperrt">mit ungeheuerer
-Freude</em>“. Am 20. Februar 1213 richteten zahlreiche zu Lavour
-versammelte Bischöfe an Innocenz folgendes Schreiben: „Wir bitten
-Euere Gütigkeit mit gebührender Ehrfurcht, kniend und unter Tränen
-(die bekanntlich im frühen Mittelalter nie fehlen durften), daß Ihr,
-gemäß dem Eifer des Phineas, den Ihr besitzt, diese schlechteste Stadt
-(Toulouse) mit all ihren Verbrechern, mit all ihrer Unreinheit und
-ihrem Schmutz, der sich angesammelt hat in dem aufgeschwollenen Leibe
-dieser giftigen Schlange, die in ihrer Bosheit nicht geringer ist als
-Sodoma und Gomorrha, von Grund aus der gebührenden <em class="gesperrt">Vernichtung</em>
-anheimfallen zu lassen“. Papst Innocenz entsprach diesen frommen
-Bitten. Man unterzog sich dem Liebeswerk mit solchem Eifer, „<em class="gesperrt">daß
-nicht nur offenbare Ketzer, sondern wer immer verdächtig erschien, dem
-Scheiterhaufen überliefert wurde</em>“.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als unter Papst Honorius III. die Stadt Marmande gestürmt wurde, fielen
-dem Rat der Bischöfe, alle Einwohner zu töten, <em class="gesperrt">5000 Männer, Frauen
-und<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[S. 59]</span> Kinder</em>, zum Opfer. Der Kardinal Bertrand wiederholte in seinen
-Predigten beständig, daß „<em class="gesperrt">Tod und Schwert die ständigen Begleiter
-des Kreuzheeres sein müßten; alles Leben müßte vertilgt werden</em>.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der päpstliche Vernichtungskrieg gegen die Albigenser dauerte noch bis
-zum Ende des 13. Jahrhunderts mit glänzendem Erfolge: Südfrankreich,
-die Heimat der Troubadours und feinen ritterlichen Sitten, war
-zur Wüstenei geworden, der heimische Adel verdrängt, die geistige
-Führung endgültig an den Norden abgetreten. Es herrschte Ruhe,
-Grabesfrieden<a id="FNAnker_76" href="#Fussnote_76" class="fnanchor">[75]</a>.</p>
-
-<p>Den Waldensern ging es nicht viel besser. Innocenz IV. forderte durch
-eine Bulle vom Jahre 1248 in der Bourgogne auf. „Die Inquisitoren
-verfolgten die Waldenser und verbrannten, wen sie auffinden konnten.“</p>
-
-<p>Der von Papst Gregor IX. entsandte Franziskanerinquisitor Lorelli
-schlachtete in den Alpentälern Savoyens und der Dauphiné die Waldenser
-zu Hunderten.</p>
-
-<p>Der 22. Mai 1393 wurde in Embrun festlich begangen. Die Stadt und
-die Altäre der Kirchen waren geschmückt, die Priester in kostbaren
-Gewändern umstanden sie. Die Christenheit hatte auch Grund sich zu
-freuen, denn 80 <em class="gesperrt">Waldenser</em> aus den Tälern von Freyssinières
-und Argentière und 150 <em class="gesperrt">Waldenser</em> von Vallouise wurden <em class="gesperrt">zum
-Feuertode verurteilt. Die Hälfte der Gesamtbevölkerung dieser Täler
-verschwand, ganze Familien: Vater, Mutter, Kinder.</em></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[S. 60]</span></p>
-
-<p>Ein Jahrhundert später drang der Kardinallegat des Papstes Innocenz
-VIII., Albert von Cremona, in das Tal Vallouise ein. Da die Waldenser
-sich in eine große Höhle des Berges Pelvoux geflüchtet hatten, ließ der
-fromme Vertreter des Statthalters Christi am Eingang der Höhle Feuer
-anzünden. <em class="gesperrt">Fünfzehnhundert Menschen, darunter Frauen und Kinder,
-kamen teils durch Feuer und Rauch, teils durch das Schwert um.</em> Den
-päpstlichen Vizelegat Mormoiron ließen Alberts Lorbeeren nicht ruhen.
-Daher machte er es später fünfundzwanzig Waldensern gegenüber ebenso.
-Er ließ vor einer Höhle Feuer anmachen und alle kamen um.</p>
-
-<p>Bis zum Jahr 1550 schätzt man die in der Provence geschlachteten
-und verbrannten Waldenser, Männer, Frauen und Kinder, auf <em class="gesperrt">über
-dreitausend</em>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wenigstens wußten die Legaten immer, was sie der Mutter Kirche schuldig
-waren: Der päpstliche Franziskanerinquisitor verbindet sich im Jahre
-1382 mit einer <em class="gesperrt">Räuberbande</em> von 22 Mann, um Ketzer zu ergreifen
-und zu töten! Dem Räuberhauptmann Girardo Burgarone wurde dafür ein
-<em class="gesperrt">Preis gezahlt</em>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1373 starb ein Ketzer fünf Tage vor dem Urteil. Deshalb wurde
-seine Leiche in ungelöschtem Kalk aufbewahrt, um möglichst unversehrt
-verbrannt zu werden.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[S. 61]</span></p>
-
-<p>Leo X. verdammte den Satz Luthers „Häretiker zu verbrennen ist gegen
-den Willen des Hl. Geistes“ als häretisch<a id="FNAnker_77" href="#Fussnote_77" class="fnanchor">[76]</a>.</p>
-
-<p>Unter diesen Umständen ist es befremdend, daß die Kirche noch heute
-gegen die Feuerbestattung ist. Etwa weil es sich ausschließlich um
-<em class="gesperrt">Leichen</em> handelt?</p>
-
-<p>Um welcher Sünden willen wurden die Waldenser so verfolgt? &ndash;
-Hoensbroech stellt noch eine Fülle von Daten zusammen &ndash; waren
-sie keine Christen? verfluchten sie die Bibel? führten sie einen
-unmoralischen Lebenswandel? Das Gegenteil war der Fall: sie lasen die
-Bibel, führten ein von den Vorschriften der Bergpredigt geleitetes
-Leben und verwarfen den Ablaß.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Eine Bischofsversammlung in Goslar verurteilte im Jahre 1051 mehrere
-Ketzer zum Tode, weil sie sich geweigert hatten Hühner zu töten und
-ausschließlich von Pflanzennahrung lebten. <em class="gesperrt">Sogar die Vegetarianer
-können auf Märtyrer zurückblicken!</em></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als im Jahre 1184 Disputationen mit den Ketzern in Straßburg zu keinem
-Ergebnis führten, weil sie alles aus der Bibel belegen konnten, wurden
-die Lehren der Kirche als allein maßgebend hingestellt und &ndash; ohne
-Rücksicht auf Übereinstimmung mit dem Evangelium &ndash; wer gegen sie
-verstieß ohne Urteil verbrannt. <em class="gesperrt">Achtzig</em> fanden gemeinsam auf dem
-Scheiterhaufen den <em class="gesperrt">Feuertod</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[S. 62]</span></p>
-
-<p>Erzbischof Gerhard II. von Bremen hatte sich mit den <em class="gesperrt">Stedingern</em>,
-einem Bauernvolk in den Weserflußmarschen im heutigen Oldenburg,
-überworfen, wohl weil sie gegen kirchliche Bedrückung sich aufgelehnt
-hatten. Deshalb erklärte Papst Gregor IX., erfüllt von Milde und
-Nächstenliebe, ihnen am 29. Oktober 1232 und am 19. Januar 1233
-den <em class="gesperrt">Kreuzzug</em>. Aus ganz Norddeutschland strömten die Scharen
-zu diesem gottgefälligen Werk, ein freies deutsches Bauernvolk auf
-Pfaffengeheiß hin zu vernichten, herbei. „Raub und Plünderung wüteten
-weit und breit; auch Weiber und Kinder wurden erschlagen; wie die
-Erde blutig sich färbte, so auch der Himmel; aber nicht bloß der
-Brand der Ortschaften zeigte die Wut der Sieger. Auch die Lohe der
-Scheiterhaufen, auf denen die Gefangenen verbrannt wurden, verkündete
-die Grausamkeit, die im Namen der christlichen Kirche verübt ward.“</p>
-
-<p>In der dritten Stedingerbulle verlieh Gregor IX. allen gegen dieses
-arme Volk Ziehenden die gleichen Ablässe, die den Kreuzfahrern im
-Heiligen Lande zuteil wurden. Es war dem Statthalter Christi ernst
-mit der Ausrottung des Bauernvolks. Als das „Kreuzfahrerheer“ am
-Hemmelskamper Walde seine zweite schwere Niederlage erlitten harte, da
-kam Erzbischof Gerhard auf einen Gedanken, würdig eines Kirchenfürsten:
-er <em class="gesperrt">wollte die Deiche zerstören und die Stedinger ersäufen</em>! Aber
-wieder waren sie stärker als ihr Seelenhirte. Im Frühjahr 1234, nachdem
-Predigermönche in Westfalen, Holland, Flandern und Brabant Fürsten
-und Volk neuerdings nachdrücklich auf die billige Gelegenheit, sich
-den christlichen oder doch<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[S. 63]</span> päpstlichen Himmel zu sichern hingewiesen
-und dadurch gewaltige Erbitterung und wohl auch geistige Habsucht
-heraufbeschworen hatten, versammelte sich die Blüte des deutschen Adels
-zu diesem gottgefälligen Vernichtungswerk. Selbst der Papst fühlte
-ein menschliches Rühren und wollte die Möglichkeit eines Vergleiches
-einräumen. Aber es war zu spät. Am 27. Mai 1234 beim Orte Altenesch
-fiel die Entscheidung. Das blut- und beutegierige Kreuzheer, numerisch
-und wohl auch an Bewaffnung dem Bauervolk weit überlegen, erdrückte die
-Stedinger. Nur wenige wandten sich zur Flucht; <em class="gesperrt">über sechstausend
-wurden getötet</em>. Unterdessen stand auf einer Anhöhe die zahlreiche
-Geistlichkeit mit Kreuz und Fahne und sang das schöne, hier wirklich
-passende Lied: Media vita in morte sumus.</p>
-
-<p>Für Bremen wurde die Schlacht bei Altenesch, eine der grausamsten
-und blutigsten der deutschen mittelalterlichen Geschichte, ein
-<em class="gesperrt">kirchlicher Feiertag</em>! Man wußte Kulturtaten zu ehren.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Konrad von Marburg</em> eröffnete seine glorreiche Laufbahn
-als Inquisitor im Jahre 1212 mit der <em class="gesperrt">Verbrennung von achtzig
-Waldensern</em> in Straßburg! „Im Jahre 1214 fing Bruder Konrad von
-Marburg an zu predigen, und welche Ketzer er immer wollte, ließ er
-in ganz Deutschland, ohne Widerspruch zu finden, verbrennen. Und so
-predigte er zehn Jahre lang.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[S. 64]</span></p>
-
-<p>Dieser Streiter Gottes und seine Helfer hatten dabei ein sehr
-praktisches Verfahren. „Sie ließen in Städten und Dörfern verhaften,
-wen sie nur wollten, und übergaben diese Leute den Richtern <em class="gesperrt">ohne
-alle weiteren Beweise</em> mit den Worten: das sind Ketzer, wir ziehen
-unsere Hand von ihnen zurück. <em class="gesperrt">So waren die Richter genötigt,
-dieselben zu verbrennen.</em> Indessen sahen diese Richter ohne Erbarmen
-ein, daß sie ohne die Beihilfe der Herren nicht die Oberhand gewinnen
-konnten. Daher wandten sie sich an den König Heinrich und andere Herren
-und gewannen sie, indem sie sagten: wir verbrennen viele <em class="gesperrt">reiche</em>
-Ketzer, und <em class="gesperrt">ihre Güter sollt ihr haben. In den bischöflichen
-Städten soll die eine Hälfte der Bischof, die andere aber der König
-oder ein anderer Richter bekommen</em>. Darüber <em class="gesperrt">freuten sich</em>
-nun diese Herren, leisteten den Inquisitoren Vorschub, beriefen sie
-in ihre Städte und Dörfer. Auf diese Weise gingen viele Unschuldige
-zugrunde, blos um der Güter willen, welche jetzt die Herren erhielten“.
-Das Geschäft blühte also, zumal sie auf die Frage, weshalb sie so
-barbarisch vorgingen, antworteten: „<em class="gesperrt">Hundert Unschuldige verbrennen
-wir, wenn nur ein Schuldiger darunter ist</em>“.</p>
-
-<p>Die Ketzerverfolgung, die von 1231 bis 1233 in Deutschland unter
-diesem im Namen und mit Wissen des Statthalters Christi „arbeitenden“
-Konrad wütete, wurde mit bewunderungswürdigem Eifer durchgeführt. Ein
-Zeitgenosse schreibt: „<em class="gesperrt">Niemand wurde Gelegenheit gegeben, sich zu
-verteidigen</em>, oder auch nur die Zeit sich die Sache zu überlegen,
-sondern sofort mußte man sich entweder als schuldig bekennen<span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[S. 65]</span> und wurde
-dann als Büßer <em class="gesperrt">geschoren</em>, oder man leugnete das Verbrechen, und
-dann wurde man <em class="gesperrt">verbrannt</em>. War man aber geschoren, so mußte man
-die <em class="gesperrt">Mitschuldigen angeben</em>, widrigenfalls man <em class="gesperrt">verbrannt</em>
-wurde. Daher glaubt man, daß <em class="gesperrt">auch</em> (!) Unschuldige verbrannt
-wurden. Denn viele bekannten aus Liebe zum eigenen Leben und um ihrer
-Erben willen, sie seien gewesen, was sie nie waren. Darauf wurden sie
-gezwungen, Mitschuldige anzugeben. Sie verklagten Leute, ohne sie
-verklagen zu wollen, Dinge aussagend, von denen sie nichts wußten. Auch
-wagte es niemand, für jemand, der verklagt war, Fürsprache einzulegen
-oder auch nur Milderungsgründe vorzubringen, denn dann wurde er als
-<em class="gesperrt">Verteidiger der Ketzer</em> betrachtet, und für diese und die Hehler
-der Ketzer war vom Papst die <em class="gesperrt">gleiche Strafe wie für die Ketzer</em>
-selbst bestimmt. Hatte jemand der Sekte abgeschworen und wurde er
-rückfällig, so wurde er, ohne noch einmal widerrufen zu können,
-verbrannt“.</p>
-
-<p>Und wie verhielt sich der Papst zu diesen Greueltaten? Gregor IX.
-erließ 1231 eine Verfügung: „<em class="gesperrt">Berufungen</em> derlei Personen (der
-Ketzer) sind <em class="gesperrt">nicht zuzulassen; kein Anwalt, kein Notar darf ihnen
-seine Dienste leihen, sonst verlieren sie für immer ihr Amt</em>“.</p>
-
-<p class="mtop2">Der Erzbischof Siegfried von Mainz schrieb, als Hekatomben der
-Verfolgungswut dieses Konrad geopfert wurden, nach Rom: „Magister
-Konrad <em class="gesperrt">erlaubte keinem sich zu verteidigen</em> und seinem eigenen
-Pfarrer zu beichten. <em class="gesperrt">Jeder mußte bekennen, er<span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[S. 66]</span> sei ein Ketzer</em>,
-habe eine Kröte berührt und geküßt. Manche wollten lieber sterben,
-als so Schreckliches von sich auszusagen; andere erkauften das Leben
-durch Lüge und sollten nun angeben, wo sie solche Dinge gelernt hätten.
-Da sie niemand zu nennen wußten, <em class="gesperrt">baten sie um Bezeichnung der
-Verdächtigen</em>, und als man ihnen die Grafen von Sayn und Arnsberg
-und die Gräfin von Looz nannte, sagten sie: <em class="gesperrt">Ja, diese sind schuldig.
-So wurde der Bruder vom Bruder angeklagt</em>. Ich (der Erzbischof
-von Mainz) habe den Meister Konrad zuerst unter vier Augen, dann in
-Gemeinschaft mit den Erzbischöfen von Köln und Trier ersucht, er möge
-mit mehr Mäßigung verfahren, aber er gab nicht Ruhe“.</p>
-
-<p>Am 10. Juni 1233 schrieb der Statthalter Christi, Gregor IX.,
-überfließend von Menschenliebe, dem frommen Konrad, „wenn lindernde
-Arznei nicht hilft, müsse das faulende Fleisch <em class="gesperrt">mit Feuer und
-Schwert</em> entfernt werden“. Gleichzeitig schrieb er an König
-Heinrich: „Wo ist der Eifer eines Moses, der an einem Tage 23000
-Götzendiener <em class="gesperrt">vernichtete</em>? Wo ist der Eifer eines Phineas, der
-den Juden und die Madianiterin mit einem Stoße <em class="gesperrt">durchbohrte</em>? Wo
-ist der Eifer eines Elias, der die 450 Baalspropheten mit dem Schwerte
-<em class="gesperrt">tötete</em>? Wo ist der Eifer eines Mathatias, der entflammt für das
-Gesetz Gottes am Altare den Juden <em class="gesperrt">tötete</em>?“</p>
-
-<p>Als Konrad von Marburg endlich erschlagen worden war, schrieb
-Gregor, ein Verbrechen, wie die<span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[S. 67]</span> Ermordung Konrads, „eines Mannes
-von <em class="gesperrt">vollendeter Tugend</em> und eines <em class="gesperrt">Heroldes des christlichen
-Glaubens</em>“ könne überhaupt nicht nach Gebühr gezüchtigt werden!!!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im alten Rom wurden bekanntlich die Christen auch verfolgt, es genügte
-aber die Teilnahme der Angeschuldigten am Götterdienst und dem Kaiser
-dargebrachte Opfer als Beweise der Unschuld! Und zwar selbst bei einer
-im Verdacht des Christentums stehenden Priesterin. Die Ausstellung
-einer Urkunde über Opfer, Libation und verzehrtes Opferfleisch genügte
-als Schutz gegen Verfolgungen. Origines sagt ausdrücklich, daß
-„<em class="gesperrt">wenige und nur sehr leicht zu zählende</em>“ bis zur Verfolgung des
-Decius <em class="gesperrt">den Märtyrertod erlitten haben</em><a id="FNAnker_78" href="#Fussnote_78" class="fnanchor">[77]</a>. Aber selbst in dieser
-haben in der großen Gemeinde in Alexandria nur 10 Männer und 7 Frauen
-für den Glauben geblutet! Ein Vergleich mit den der Inquisition zum
-Opfer Gefallenen ist weder numerisch noch hinsichtlich der Grausamkeit
-in der Verfolgung auch nur im allerentferntesten zulässig. Allerdings
-waren die Römer auch nur Heiden.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die maurischen Herrscher Spaniens gewährten den unterworfenen Christen
-und Juden <em class="gesperrt">volle Glaubensfreiheit</em>, sie durften Kirchen und
-Klöster haben und ihren Gottesdienst frei üben. Weit entfernt, zum
-Abfall vom Christenglauben zu zwingen, sahen die<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[S. 68]</span> mohammedanischen
-Herrscher der Pyrenäenhalbinsel ihn nicht einmal gern. Trotzdem
-gingen viele zum Glauben des höheren Kulturvolkes über. Juden standen
-sogar hohe Staatsämter offen, während sie unter christlichem Regiment
-furchtbar bedrückt worden waren. Damals war Spanien geistig und
-materiell das blühendste Land Europas<a id="FNAnker_79" href="#Fussnote_79" class="fnanchor">[78]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Unter Isabella von Kastilien und Ferdinand dem Katholischen wurden die
-letzten Mauren aus Spanien vertrieben, und die Segnungen der Kirche
-ergossen sich über das Land. 1480 begann die vom Papst Sixtus IV.
-geförderte Tätigkeit der Inquisition besonders gegen die Reichsten und
-Vornehmsten. Thomas von Torquemada wurde 1483 Oberinquisitor. 1492
-erging ein Edikt, das alle Juden ohne Ausnahme aus Spanien vertrieb.
-Sie durften ihre Habe <em class="gesperrt">veräußern oder vertauschen</em>, aber die
-mindestens 160000 (nach andern 800000) Vertriebenen durften den
-<em class="gesperrt">Erlös</em> dafür, Gold, Silber und andre verbotene Ware <em class="gesperrt">nicht
-mit sich nehmen</em>! Beim Fall von Granada, 1492, wurde den Mauren
-<em class="gesperrt">Glauben, Moscheen und Recht vertraglich zugebilligt</em>, und ganze
-10 Jahre lang hielten die katholischen Fürsten ihre Zusagen. 1502
-<em class="gesperrt">wurden alle freien Mauren ausgewiesen</em><a id="FNAnker_80" href="#Fussnote_80" class="fnanchor">[79]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Nach der geringsten Schätzung wurden unter Karls V. Regierung in den
-Niederlanden 50000,<span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[S. 69]</span> nach andern 100000 <em class="gesperrt">Ketzer hingerichtet</em>.
-Herzog Alba rühmte sich, in den 5 bis 6 Jahren seiner Regierung mehr
-als 18000 mit kaltem Blute hingerichtet zu haben. Auf dem Schlachtfelde
-habe er noch viel mehr getötet. Demnach war er der Henker von
-mindestens 40000 Menschen.</p>
-
-<p>Philipp II. von Spanien führte gegen die Ketzer einen 30 Jahre
-dauernden Krieg. Er ließ jeden Ketzer, der nicht widerrufen wollte,
-verbrennen. Widerrief er, wurde ihm <em class="gesperrt">Gnade erwiesen</em>; da er sich
-aber einmal befleckt hatte, mußte er natürlich auch <em class="gesperrt">sterben</em>, nur
-genügte statt des Feuertodes in diesem Falle der durch das Schwert<a id="FNAnker_81" href="#Fussnote_81" class="fnanchor">[80]</a>.</p>
-
-<p>Man hat die allein in Spanien während des 16. Jahrhunderts wegen
-protestantischer, jüdischer oder mohammedanischer „Ketzerei“
-Verbrannten auf etwa 18000 berechnet. Mag diese Zahl auch um etliche
-Tausende übertrieben sein, so muß doch berücksichtigt werden, daß außer
-in Spanien und den Niederlanden noch in Mexiko, Cartagena, Lima, sowie
-dem damals noch spanischen Sizilien und Sardinien gleichzeitig in
-derselben Weise die Religion der Liebe verbreitet wurde<a id="FNAnker_82" href="#Fussnote_82" class="fnanchor">[81]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die letzte Verbrennung in Rom dürfte am 22. August 1761 stattgefunden
-haben; in Spanien fand in Sevilla am 7. November 1781 das letzte<span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[S. 70]</span>
-Autodafé statt. Im römischen Falle war der Delinquent vorher gehängt
-worden<a id="FNAnker_83" href="#Fussnote_83" class="fnanchor">[82]</a>.</p>
-
-<p>Voltaire hat in seiner Schrift „Dieu et les hommes“ berechnet, daß
-während der Glanzperiode des Papsttumes 10 Millionen von Menschen der
-„Mutter Kirche“ zum Opfer fielen. Von ihr befreiten die Menschheit die
-Philosophen der verhaßten Aufklärung, die französische Revolution und
-die Naturwissenschaften. Als die Religion der Liebe in ihrer bisherigen
-Form abgewirtschaftet hatte, fing die Menschenliebe an; gewiß nicht aus
-Verschulden ihres erhabenen Stifters.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[S. 71]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vierter_Abschnitt"><span class="s5">Vierter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Toleranz und Ähnliches</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Melanchthon, wegen seiner Milde bekannt, rühmte Kalvin ausdrücklich
-wegen der Verbrennung des Servet und verlangt „<em class="gesperrt">die Verhängung
-bürgerlicher Strafen bis zur Todesstrafe gegen die Katholiken</em>“<a id="FNAnker_84" href="#Fussnote_84" class="fnanchor">[83]</a>.
-Das war noch ganz der Geist der Bamberger Halsgerichtsordnung von 1507,
-die bestimmte: „Wer durch die ordentlichen geistlichen Richter für
-einen Ketzer erkannt und dafür dem weltlichen Richter überantwortet
-wurde, der soll auf dem Feuer vom Leben zum Tode bestraft werden“.</p>
-
-<p>Die Exkommunikationsformel gegen den Rat der Stadt Magdeburg lautete:
-„Er scheide sie (die Katholiken) als <em class="gesperrt">faule, stinkende Glieder</em>
-ab von der Gemeinde Christi, er schließe ihnen den Himmel zu und die
-Hölle weit auf, er übergebe sie dem leidigen Teufel, sie <em class="gesperrt">am Leibe
-zu martern, zu quälen und zu plagen</em>,... er gebiete auch von Amts
-wegen, daß andere Christen sich solcher verbannten Menschen gänzlich
-enthalten, mit ihnen nicht essen oder trinken, sie zur Hochzeit oder
-ehrlicher Gesellschaft nicht laden,... sie auf der Straße nicht grüßen
-und in Summa für <em class="gesperrt">Heiden</em> oder <em class="gesperrt">Unchristen</em> halten sollen mit
-allen ihren Sünden teilhaftigen Anhängern, bis sie ihre Sünden bekennen
-und Kirchenbuße tun“<a id="FNAnker_85" href="#Fussnote_85" class="fnanchor">[84]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[S. 72]</span></p>
-
-<p>Über die von den Protestanten unter Karl II. in England unternommene
-große Katholikenverfolgung schreibt Macaulay: „Inzwischen waren
-die Gerichtshöfe, welche inmitten politischer Bewegungen sichere
-Zufluchtsstätten für die Unschuldigen jeder Partei sein sollen, durch
-wildere Leidenschaften und schmutzigere Bestechungen beschimpft, als
-selbst bei den Wahlbühnen zu finden waren... Bald strömten aus allen
-Bordellen, Spielhäusern und Bierkneipen Londons falsche Zungen hervor,
-um Römisch-Katholische um ihr Leben zu schwören.“ Damals fielen
-Tausende und Abertausende den Protestanten zum Opfer<a id="FNAnker_86" href="#Fussnote_86" class="fnanchor">[85]</a>.</p>
-
-<p>Wie Felix Platter berichtet, wurden im Jahre 1554 <em class="gesperrt">Protestanten</em>
-in Frankreich mit dem <em class="gesperrt">Tode</em> bestraft, ein Vornehmer aber an die
-Galeere geschmiedet. Im gleichen Jahre sah er in Avignon oben am Palast
-Reformierte im <em class="gesperrt">eisernen Käfig zu Tode eingesperrt</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das lutherische Sachsen war ängstlich darauf bedacht, jeglichen
-kalvinistischen „Irrglauben“ fern zu halten. Da der Kanzler Christians
-I., Dr. Krell, einer weitherzigeren Ansicht huldigte, wurde er am Tage
-der Beerdigung seines Herrn (1591) verhaftet und ihm der Prozeß als
-Kryptokalvinisten gemacht. Zehn Jahre lang mußte er Sommer und Winter
-in einem fast überall offenen Kerker sitzen, wo er „in dem Stank
-und Unflat ganz verderben“ mußte. Als älterer, von der Gicht schwer
-heimgesuchter Mann, mußte er im <em class="gesperrt">Krankenstuhl aufs Schafott getragen
-werden</em><a id="FNAnker_87" href="#Fussnote_87" class="fnanchor">[86]</a>. Hinsichtlich der Toleranz haben sich die verschiedenen
-christlichen Konfessionen gegenseitig<span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[S. 73]</span> nichts vorzuwerfen; sie alle
-befolgen gewissenhaft das <em class="gesperrt">Bibelwort</em>: „So jemand zu euch kommt
-und bringet diese Lehre nicht, den nehmet nicht (auf) zu Hause und
-grüßet ihn auch nicht. Denn wer ihn grüßet, der machet sich teilhaftig
-seiner bösen Werke!“ (II. Joh. 10) und „Wer glaubet und sich taufen
-läßt, wird selig werden; wer aber nicht glaubet, wird verdammet
-werden.“ (Mark. 16, 16).</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Erst im Laufe des 17. Jahrhunderts läßt man in der Praxis den Grundsatz
-cuius regio, eius religio ganzen Völkern gegenüber fallen und versucht
-nicht mehr, ihnen die Konfession des Landesherren aufzuzwingen, wenn
-etwa der Landesherr konvertiert, oder durch Erbschaft in den Besitz
-von Landesteilen mit anderer Konfession kommt<a id="FNAnker_88" href="#Fussnote_88" class="fnanchor">[87]</a>. Früher wurde in
-rücksichtsloser Weise auch in solchen Fällen zum Glaubenswechsel
-gezwungen. Man denke etwa an die Pfalz! Natürlich erwartete man, daß
-die Untertanen nun auch <em class="gesperrt">aus Überzeugung</em> der neuen Konfession
-anhingen.</p>
-
-<p>Im Jahre 1634 tat der Hofprediger des Herzogs Johann Georg I. von
-Sachsen den Ausspruch: „Den Kalvinisten zu ihrer Religionsübung helfen
-ist wider Gott und Gewissen und nichts anderes, als dem Urheber der
-kalvinistischen Greuel, dem Teufel, einen Ritterdienst leisten.“</p>
-
-<p>In Kassel, einer reformierten Stadt, durften die Lutheraner noch in
-der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts in ihrer Kirche keine Orgel haben,
-auch war ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[S. 74]</span> das Taufen und Kopulieren verboten, das beides von
-reformierten Geistlichen vollzogen werden mußte.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als im Jahre 1747 ein im Brückenturm zu Frankfurt a. M. befindliches
-Spottgemälde auf die Juden nächtlicherweile zerstört worden war, ließ
-der Magistrat es wieder erneuern.</p>
-
-<p>Noch 1756 war den Juden verboten, die sogenannte Allee, den jetzigen
-Goetheplatz, in Frankfurt zu betreten. Erst im Jahre 1806 wurde allen
-Einwohnern ohne Ausnahme der Gebrauch der öffentlichen Spaziergänge
-gestattet.</p>
-
-<p>Bekanntlich trugen die Juden im Mittelalter zum Unterschied von den
-Christen gewisse Abzeichen, spitze Hüte, gelbe Ringe usw. Noch im
-Jahre 1786 wurde den Juden in Frankfurt eingeschärft, sie müßten
-schwarze Mäntel als Abzeichen tragen, zugleich wurde ihnen untersagt,
-Spazierstöcke zu führen. Bis zum Schluß des 18. Jahrhunderts durften
-sie ihre Gasse an Sonn- und Feiertagen erst nach Beendigung des
-Nachmittagsgottesdienstes verlassen.</p>
-
-<p>Im Jahre 1800 hielt ein Doktor der Medizin, der in Frankfurt ein
-öffentliches Badhaus besaß, es für nötig, folgende Bekanntmachung zu
-erlassen: Es laufe das Gerücht um, die Juden könnten sich eines jeden
-seiner Bäder bedienen; er zeige daher an, daß nur zwei der letzteren
-zur Benutzung durch Juden<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[S. 75]</span> bestimmt seien, also kein Christ in ein
-Juden- und kein Jude in ein Christenbad eingelassen werde, sowie daß
-auch das Weißzeug für beide Teile besonders gezeichnet sei.</p>
-
-<p>Noch im Jahre 1807 ließ man die Juden in den Kaffeehäusern Frankfurts
-nicht zu, und doch war damals bereits ein toleranter und aufgeklärter
-Fürst Gebieter der Stadt.</p>
-
-<p>Im Jahre 1817 brach in Frankfurt, wie in vielen anderen deutschen
-Städten, eine Judenverfolgung aus. Erst 1832 wurde ihnen das Recht
-gewährt, mehr als <em class="gesperrt">ein</em> Haus und <em class="gesperrt">einen</em> Garten besitzen zu
-dürfen. Bis 1834 bestand eine Vorschrift, nach der jedes Jahr nur eine
-bestimmte Anzahl jüdischer Ehen geschlossen werden durfte. Vollständige
-Gleichberechtigung mit den Christen wurde den Juden erst 1864 in
-Frankfurt eingeräumt!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In Italien ging es den Juden nicht besser. Keyßler erzählt in
-seinen „Reisen“ (Hannover 1776, S. 177) im Jahre 1730 von strengen
-Judengesetzen. Z. B. wurde jede auch noch so geringe Lästerung gegen
-Maria, Heilige oder deren Bilder mit dem Tode bestraft. „Manns- und
-Frauenpersonen der jüdischen Nation müssen, sobald sie über 14 Jahre
-alt sind, auf der rechten Brust ein gelbes Zeichen von Wolle oder
-Seide, ein Drittel Ellen lang, tragen, damit man sie von<span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[S. 76]</span> Christen
-unterscheiden könne. Die jüdischen Eltern müssen ihren Kindern, welche
-sich zum Christentum wenden, alles das hinterlassen, was diese bekommen
-hätten, wenn ihre Aeltern ohne Testament gestorben wären. Zu solchem
-Ende wird gleich bei der Bekehrung des Sohnes ein Inventarium über
-das Vermögen des Vaters errichtet. Die Kinder bekommen auch den Genuß
-der Güter, welchen sonst ihre Väter würden gezogen haben, so lange
-sie unter der väterlichen Gewalt geblieben wären. In der Charwoche
-dürfen die Juden von Mittwochen an bis daß Sonnabends die Glocken
-geläutet werden, nicht aus ihren Häusern gehen, und müssen ihre Thüren
-und Fenster, bey Strafe eines dreytägigen Gefängnisses mit Wasser
-und Brodten, zu halten. Sie dürfen auch diese Zeit über auf keinem
-musikalischen Instrument in ihrem Hause spielen oder singen, wo sie
-nicht den öffentlichen Staupenschlag zur Vergeltung haben wollen.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Frankfurt war eine protestantische Stadt, und deshalb nahm man in echt
-christlicher Milde und Nächstenliebe seit 1591 keinen katholischen
-Mitbürger mehr in den Rat auf.</p>
-
-<p>Noch am 2. Juli 1781 sprach ein Schöffendekret in betreff des
-Sporerhandwerks aus: einen Katholiken oder Reformierten als Lehrling
-anzunehmen sei allerdings erlaubt, nicht aber ihm das Meisterrecht zu
-gewähren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[S. 77]</span></p>
-
-<p>Der im Jahre 1796 zugelassene Dr. med. Lejeune aus Verviers war der
-erste als Arzt rezipierte katholische Bürger von Frankfurt. Seit 1624
-hatte in Frankfurt kein Katholik den ärztlichen Beruf ausüben dürfen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im 18. Jahrhundert gestattete man den jüdischen und katholischen
-Verbrechern in Frankfurt weder den Besuch ihrer Geistlichen im
-Gefängnis noch deren Begleitung bei der Hinrichtung, was beides im 17.
-Jahrhundert mehrmals zugelassen worden war. Statt dessen <em class="gesperrt">drang man
-den Delinquenten lutherische Geistliche auf</em>. Als im Jahre 1750 ein
-Katholik hingerichtet wurde und ein Dechant ihn im Vorbeigehen aus dem
-Fenster heraus absolvierte, wurde das Volk aufs höchste erbittert und
-hätte ihn fast gesteinigt. Der Rat aber faßte ein Memorandum ab, das
-eine Protestation und den Ausspruch des Vertrauens enthielt, daß der
-Dechant und die übrige katholische Geistlichkeit künftig in ähnlichen
-Fällen nicht wieder derartige Neuerungen sich anmaßen würde, da
-andernfalls die rechtliche Ahndung folgen würde.</p>
-
-<p>In Frankfurt, einer gleich Hamburg streng lutherischen Stadt, durften
-die Reformierten ihre Ehen und Taufen nur von lutherischen Geistlichen
-vollziehen lassen. Diese Vorschrift blieb auch dann noch bestehen,
-als 1781 den Reformierten erlaubt worden war, für ihre beiden Teile,
-die Wallonen und die Deutschen, zwei Bethäuser in der Stadt selbst
-zu errichten, und als 1792 und 1793 der Gottesdienst in diesen
-neuen Räumen eröffnet worden war. Bisher<span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[S. 78]</span> hatten die <em class="gesperrt">Frankfurter
-Reformierten selbst in ihren Privathäusern keinen Gottesdienst halten
-dürfen</em>. Erst im Jahre 1806 wurde die Gleichberechtigung aller
-christlichen Konfessionen dort proklamiert.</p>
-
-<p>Fast alle Handwerksinnungen nahmen Reformierte nicht als Meister
-auf. Noch 1774 versagte man in Frankfurt einem Schneider, 1779 einem
-Kürschner das Meisterrecht für ihre reformierten Ehefrauen. Der erste
-mit einem bezahlten städtischen Amt bedachte Reformierte war &ndash; vom
-Physikus Peter de Spina, der 1640 angestellt wurde, abgesehen &ndash; ein
-1780 angenommener Lazarettchirurg und der 1783 zum Fähnrich ernannte
-Hassel. Also auch in Goethes Zeit noch war es eine große Ausnahme,
-wenn die lutherische Stadt einen Reformierten anstellte, was einem
-Katholiken gegenüber überhaupt <em class="gesperrt">ausgeschlossen</em> war<a id="FNAnker_89" href="#Fussnote_89" class="fnanchor">[88]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1855 fällte das Konsistorium zu Speier wegen einer Mischehe
-zwischen einem Christen und einer Jüdin folgende Entscheidung:
-„Daraufhin (auf die Mischehe) hat das kgl. Konsistorium unterm 29.
-September 1855 im Namen des dreieinigen Gottes und kraft des Befehles
-Jesu Christi die <em class="gesperrt">definitive Exkommunikation</em> über den besagten
-M. ausgesprochen und ihn hierdurch aus der christlichen Gemeinde
-ausgeschlossen“<a id="FNAnker_90" href="#Fussnote_90" class="fnanchor">[89]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[S. 79]</span></p>
-
-<p>In dem Buche von Gottfried Thomasius „Grundlinien zum
-Religionsunterricht an den oberen Klassen gelehrter Schulen“, 8.
-Aufl., bearbeitet von Karl Christ. Burger, Oberkonsistorialrat,
-Erlangen 1893, einem an bayerischen Gymnasien eingeführten Lehrbuch,
-findet sich auf S. 97 folgende Stelle: „Daß.. die Einheit des
-Glaubens vielfach gebrochen ist, daß verschiedene und in wesentlichen
-Glaubensartikeln einander widersprechende Konfessionen bestehen, das
-ist ein schweres Übel und ein bitterer Schmerz für alle Christen.“ &ndash;
-Da entsteht die Frage, welche Kirche die wahre sei? Und darauf ist
-die Antwort A(ugsburgische) K(onfession) VII: Diejenige, die sich in
-ihrem Bekenntnis und in der Verwaltung der Gnadenmittel der Heiligen
-Schrift gemäß hält. „<em class="gesperrt">Die evangelisch-lutherische Kirche hat dieses
-Zeugnis und will daher mit der menschlich-gemachten Union unverworren
-bleiben</em>.“ Der glaubensstarke Autor möchte augenscheinlich am
-liebsten heute noch Zustände, wie sie oben geschildert sind. Gottlob
-kümmern sich gegenwärtig die wenigsten Menschen um solche Finessen. Für
-sie dürfte kaum noch jemand Zeit haben, es sei denn ein versöhnlicher
-Prediger des Evangeliums. Ist es unter diesen Umständen ein Wunder,
-wenn oft gerade die Besten, vom konfessionellen Gezänk angewidert, der
-Kirche den Rücken kehren?</p>
-
-<p>Im gleichen Werkchen S. 51 ist der eben nicht leichte Versuch gemacht
-zu beweisen, daß die bei Horaz (Ep. I, 16, 52) im Satze Oderunt peccare
-boni virtutis amore aufgestellte Moral weniger erhaben ist<span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[S. 80]</span> als die
-christliche. Dort guttun um der Sache willen, hier für Lohn, wenn auch
-erst im Jenseits. Die Entscheidung dürfte nicht schwer sein.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der erste Fürst, der seinen Untertanen völlige Religionsfreiheit, zwar
-nicht de jure, aber de facto gewährte, war Friedrich der Große von
-Preußen. Im Allgemeinen Preußischen Landrecht von 1794 wurde diese
-Freiheit erst kodifiziert, aber nicht etwa als Geschenk des Fürsten,
-sondern als <em class="gesperrt">angeborenes Recht des Bürgers</em><a id="FNAnker_91" href="#Fussnote_91" class="fnanchor">[90]</a>. Wie sich doch die
-Zeiten ändern!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Früher schon hatte der edle Kaiser Joseph II. seine Völker von
-Glaubens- und Gewissenszwang befreien wollen, aber das Resultat war
-recht dürftig. Das Zirkular Josephs II. vom 30. April 1783 bestimmt
-z.&nbsp;B.:</p>
-
-<p>Personen, die aus der katholischen Kirche austreten wollen, „sollen
-sechs Wochen lang in Klöstern oder von ihrem Pfarrer unterrichtet
-werden, wobei die Pfarrer angewiesen sind, alles mögliche zu versuchen,
-sie von ihrem <em class="gesperrt">Irrtum</em> zurückzuführen.“ Zu den tolerierten
-Kirchen wurden, trotz Josephs persönlicher Weitherzigkeit, nur die
-„augsburgischen und helvetischen Religionsverwandten“, „Lutheraner
-und Reformierte“ und die „nichtuniierten Griechen“ gezählt, denen
-„Privatexerzition“ ihrer Religionen eingeräumt wurde. „Sollten aber
-einige Untertanen zu einem anderen, in dem Toleranzgesetz nicht
-begriffenen Religion oder Sekte sich erklären wollen, so seien<span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[S. 81]</span> diese
-mit ihrer Erklärung auf der Stelle abzuweisen und ihnen zu bedeuten,
-daß <em class="gesperrt">eine derlei Religion nicht bestehe</em> und <em class="gesperrt">je werde geduldet
-werden</em>.“ Trotzdem empfand man das Gesetz als Erlösung!</p>
-
-<p>Den drei Konfessionen wurden „Bethäuser“ ohne Glocken, ohne Türme,
-ohne Eingang von der Straße, beileibe keine „Kirchen“ eingeräumt.
-Erst jetzt brauchten sie bei der Verheiratung keinen Rekurs mehr zu
-unterschreiben, daß die Kinder katholisch würden. Das Kleiderverbot
-bzw. die Vorschrift, sich bestimmter Abzeichen zu bedienen, war bei den
-Juden durch Edikt vom 13. Oktober 1781 aufgehoben worden. Wie jung ist
-doch unsere Kultur, daß man dieses so beschränkte Entgegenkommen noch
-heute als Großtat feiert!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In Frankreich gestattete erst kurz vor der großen Revolution Ludwig
-XVI. im Jahre 1787 den Protestanten, rechtmäßig Mann und Frau und
-legitime Eltern zu sein!</p>
-
-<p>In England hob erst 1828 der Staat die letzten Reste der intoleranten
-Gesetzgebung mit der Annullierung der Testakte und mit der
-Katholikenemanzipation von 1829 auf.</p>
-
-<p>Zuerst war es die französische Revolution und das freie amerikanische
-Bürgertum, die vollste Gewissensfreiheit gewährten und durchführten.
-Im ersten Amendement zur Verfassung der Vereinigten Staaten vom 13.
-Dezember 1791 heißt es: „Der<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[S. 82]</span> Kongreß soll nie ein Gesetz geben,
-wodurch eine Religion zur herrschenden erklärt oder die freie Ausübung
-einer andren verboten würde.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Damit waren zum ersten Male ganz moderne Anschauungen verwirklicht.
-Doch wohl jedenfalls eine Folge der durch anderthalb Jahrtausende der
-christlichen Herrschaft erzielten Milde? Oder sollte schon früher
-jemand diese Toleranz gehandhabt haben?</p>
-
-<p>Dem <em class="gesperrt">Mohammedanismus</em> genügte die politische Herrschaft. Bekehrung
-lag ihm völlig fern. Er ließ den Christen auch in der Erobererzeit
-<em class="gesperrt">volle Glaubensfreiheit</em>. Selbst ihre Kirchen und Klöster durften
-sie in der Regel behalten, und die kirchliche Verfassung wurde nicht
-angetastet. Sie durften glauben oder sich zanken, wie sie wollten<a id="FNAnker_92" href="#Fussnote_92" class="fnanchor">[91]</a>.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Mongolen</em>, die größten Menschenschlächter, die die
-Weltgeschichte kennt, gewährten <em class="gesperrt">völlige Glaubensfreiheit</em>, wie
-sie seit je die <em class="gesperrt">Chinesen</em> gestattet hatten. Der franziskanische
-Missionar Andreas aus Perugia schreibt aus dem Reiche des Kubilai im
-Jahre 1326: „In diesem Reiche gibt es Menschen von allen Nationen,
-die unter dem Himmel sind und von allen Religionen, und man gestattet
-allen und jedem, nach seiner zu leben. Denn sie hegen die Meinung oder
-vielmehr den Irrtum, daß jeder in seiner Religion selig werde. Wir
-können frei und sicher predigen<a id="FNAnker_93" href="#Fussnote_93" class="fnanchor">[92]</a>.“</p>
-
-<p>Kaiser Akbar von Indien (1556&ndash;1605) war von solchem religiösem
-Wahrheitsstreben erfüllt, daß er, während Europa von Religionskriegen
-und Verfolgungen um des Glaubens willen heimgesucht wurde,<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[S. 83]</span> jedermann
-freie Übung der Religion gestattete. Dieser Mohammedaner brach die
-Übermacht der mohammedanischen Geistlichkeit und versammelte an seinem
-Hofe Brahmanen, Buddhisten, Parsen, Jesuiten und Juden zu ständigen
-Disputierabenden. Nie vorher oder später hat Hindostan eine gleiche
-wirtschaftliche und kulturelle Blüte erlebt<a id="FNAnker_94" href="#Fussnote_94" class="fnanchor">[93]</a>.</p>
-
-<p>Der verständige Wedel hält in seinem „Hausbuch“ (S. 341) Einigkeit
-in der Religion für „unabwendlich nöthig, denn nichts ist, das die
-Gemüter mehr von ander bindet oder verhaßt machet, als disparitas
-religionis“, erkennt aber die <em class="gesperrt">Toleranz der Türken</em> an: „Denn
-obwol die Türcken steiff und fest über ihrer Religion halten und nicht
-viel Krummes oder Disputirens davon gemacht wissen wollen, zwingen sie
-doch inmittelst durch öffentliche Gewalt niemand dazu, weniger stellen
-sie gegen Feinde oder Freunde desfals Verfolgungen, Plagen oder Marter
-an, sondern lassen einem jeden, auch den Überwundenen, ihre <em class="gesperrt">Religion
-und Gewissen frei</em>. Eben das giebt vielen Ursach, sich unter das
-türckische Reich zu geben, daher es auch mercklich erweitert wird. Denn
-mit keinem Dinge die Gewissen mögen bezwungen oder begütiget werden, ja
-es verlassen die Leute darumb Leib, Gut, Vaterland und Freunde, lassen
-sich palen und braten.“</p>
-
-<p>Während das altgriechische „Heidentum“ sehr, wenn auch nicht absolut
-tolerant war, in Glaubenssachen nicht folterte, sich durch Widerruf
-in der Regel zufriedenstellen ließ und ein äußerst selten gefälltes
-Todesurteil &ndash; wie durch den Fall Sokrates hinlänglich bekannt &ndash;
-durch den milden Schirlingsbecher voll<span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[S. 84]</span>streckte, loderten noch fast
-anderthalb Jahrtausende, nachdem das Christentum Staatsreligion
-geworden war, überall Scheiterhaufen!</p>
-
-<p>Nicht ungern wird auf den Tod Christi als Zeugnis für die
-römische Intoleranz hingewiesen. Aber die Tatsächlichkeit dieses
-welthistorischen Ereignisses vorausgesetzt, wären die Hauptschuldigen
-nicht die Römer, sondern die Juden gewesen, die als Erzväter der
-Intoleranz zu gelten haben<a id="FNAnker_95" href="#Fussnote_95" class="fnanchor">[94]</a>. Nun hat aber Giovanni Rosardi
-nachgewiesen, daß auf alle Fälle nach dem damals geltenden römischen
-Recht die Kreuzigung Christi einer der größten <em class="gesperrt">Justizmorde</em> aller
-Zeiten war! Also nicht der römische Geist der Intoleranz ist schuld an
-dieser unerhörten Tat, sondern lediglich die Unvollkommenheit einzelner
-Menschen, die auch durch die besten Gesetze nicht beseitigt werden
-kann<a id="FNAnker_96" href="#Fussnote_96" class="fnanchor">[95]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Gottlob sind diese barbarischen Zeiten der Intoleranz, in denen jemand
-wegen seines Glaubens, seiner Überzeugung verfolgt wurde, wo man Gefahr
-lief, getötet oder ein Heuchler zu werden, endgültig vorbei. Es läßt
-sich ja wohl nicht leugnen, daß die Rücksichtslosigkeit, mit der die
-Kirchen gegen Andersgläubige oder auch nur Verdächtige verfuhren, bei
-einer Religion der Liebe befremdend wirkt, um so mehr, als sie selbst
-gegen jeden Angriff, mag er sich auch in die mildesten Formen gehüllt
-haben, sehr empfindlich waren. Doch auch das ist vorbei, wenigstens in
-einem Kulturstaate wie Deutschland. Die Verfassung verbürgt jedermann
-Glaubensfreiheit, niemand leidet darunter, wenn er fortgeschrittener
-ist als die Kon<span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[S. 85]</span>fessionen, niemand, wenn er der Rückständigsten einer
-ist, sofern er nur seine Pflichten als Mensch und Staatsbürger erfüllt.
-Mit einem Wort: Seit einem Jahrhundert leben wir als freie Bürger in
-einem freien Kulturstaat.</p>
-
-<p>Oder etwa nicht? Gibt es wirklich im zivilisierten 20. Jahrhundert
-noch Leute und Parteien, die über ganz unbeweisbare religiöse und
-metaphysische Fragen sich in die Haare geraten, womöglich die Gesetze
-anrufen? Die den andern geringer schätzen, weil er Jude, Heide,
-Protestant, Katholik oder Mohammedaner ist? Die ihm irgendein Recht
-verkürzen? Wird Deutschland noch von Parteien zerrissen, von denen jede
-behauptet, allein den Schlüssel zum Himmelreich zu besitzen, dabei aber
-nicht in einen Wettkampf der Liebe, sondern in einen solchen des Hasses
-eintritt? Wird irgend jemand an der freien Äußerung seiner Ansichten
-und seines Glaubens gehindert? Gibt es noch Gewissenszwang?</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1907 kandidierte der Pfarrer <em class="gesperrt">Korell</em> im Wahlkreise
-Darmstadt-Großgerau als Kandidat der vereinigten Liberalen. Er
-fiel durch, und in die Stichwahl kamen ein Sozialdemokrat und ein
-Konservativer. Obwohl Pfarrer Korell an der Stichwahlparole seines
-Wahlausschusses, der die Wahl des Sozialdemokraten empfahl, <em class="gesperrt">ganz
-unbeteiligt war</em>, auch bei der Stichwahl <em class="gesperrt">nicht mitstimmte</em>,
-wurde er vom hessischen Oberkonsistorium mit einem <em class="gesperrt">Verweis
-bestraft</em>, weil er die Interessen der evangelischen Kirche dadurch
-verletzt habe, daß durch sein <em class="gesperrt">Schweigen</em> die Meinung entstehen
-konnte, ein Geistlicher halte die Sozialdemokratie für das kleinere
-Übel!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[S. 86]</span></p>
-
-<p>Im Jahre 1907 wurde der Pfarrer <em class="gesperrt">Cesar</em> von der Reinoldigemeinde
-zu Dortmund einstimmig gewählt. Das Konsistorium hielt es aber für
-erforderlich, ihn einem Kolloquium zu unterwerfen, und versagte ihm
-dann die Bestätigung der Wahl wegen „Mangels an Übereinstimmung mit
-dem Bekenntnis der Kirche“. Der Protest der <em class="gesperrt">ganzen</em> Gemeinde
-mit Ausschluß einer einzigen Stimme beim Oberkonsistorium führte zu
-keinem Resultat. Man erlaubt also trotz der vielgerühmten evangelischen
-Freiheit &ndash; canis a non canendo? &ndash; noch in der Gegenwart einer
-Gemeinde nicht die Wahl ihres Seelenhirten, bzw. zwingt sie, sich
-Gedanken vortragen zu lassen, mit denen die ganze Gemeinde nicht
-einverstanden ist. Und dann klagt man über die Gleichgültigkeit der
-Gebildeten der Kirche gegenüber und den geringen Besuch der Predigt!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Einem Schulamtskandidaten wurde, weil er <em class="gesperrt">konfessionslos</em> ist,
-vom sächsischen Kultusminister nicht gestattet, an einem Leipziger
-Gymnasium sein Probejahr abzudienen. Da er sich darüber beim Landtag
-beschwerte, wurde in der Verhandlung vom 12. Januar 1909 von der
-Deputation beantragt, die Beschwerde der Regierung zur Erwägung zu
-überweisen, da es eine Rechtsbeugung sei, wollte der Landtag den Mann
-hindern, das Probejahr abzuleisten, um fertiger Lehrer zu werden. Der
-sächsische Kultusminister Dr. Beck bezeichnete dagegen das Vorgehen
-des Kandidaten als einen Vorstoß der religionslosen Kandidaten und
-Studenten, die Bresche in die bisherige Ordnung der<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[S. 87]</span> Dinge legen
-wollten. Durch das Eintreten der konservativen Mehrheit für den
-Minister wurde die Beschwerde verworfen. Man scheint also in Sachsen
-zum Jugenderzieher lieber einen Heuchler zu wählen, der Mitläufer einer
-Konfession ist, als einen Mann mit dem Mute seiner Überzeugung. Ein
-analoger Fall kam im Frühjahr 1910 im bayerischen Landtag zur Sprache.
-Ein hoher Staatsbeamter hat dem Professor Sickenberger die allerdings
-bestrittene Äußerung gegenüber getan, Personen, die mit ihrer Kirche
-zerfallen seien, wären der Regierung „suspekt“. Sickenberger, früher
-Lyzeal-, also nach der offiziellen Version Hochschulprofessor, erhielt
-tatsächlich die nachgesuchte Anstellung als Gymnasialprofessor
-<em class="gesperrt">nicht</em>. Da gegenwärtig überall in Deutschland das Bekenntnis
-zum christlichen, eventuell auch zum jüdischen Glauben, Voraussetzung
-zum Eintritt in den Staatsdienst ist, können allerdings die laut
-Konfessionsstatistik auf die einzelnen Kirchen entfallenden hohen
-Zahlen von „Gläubigen“ nicht Wunder nehmen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Am 26. März 1907 wurde von dem Prediger einer freien evangelischen
-Gemeinde in Hohensolms bei Wetzlar auf dem Friedhofe ein Mitglied
-der freien Gemeinde beerdigt. Die Ortspolizei belegte den Prediger
-Heck und den Schwiegersohn des Verstorbenen mit 15 Mark Strafe, die
-vom Schöffengericht in Wetzlar bestätigt wurde. Und zwar erfolgte
-die Verurteilung, weil die Beerdigung eine „<em class="gesperrt">außergewöhnliche</em>“
-gewesen sei, da noch kein Dissident bisher auf dem protestantischen
-Friedhof bestattet worden war<a id="FNAnker_97" href="#Fussnote_97" class="fnanchor">[96]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Während in Preußen jeder Kegelklub anstandslos die Eintragung ins
-Vereinsregister und dadurch die<span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[S. 88]</span> Rechte einer juristischen Person
-erlangt, erhalten <em class="gesperrt">freireligiöse Gemeinden</em> ausnahmslos diese
-Erlaubnis zur Eintragung <em class="gesperrt">nicht</em>. Die Polizei macht in ihrer
-notorischen abgrundtiefen Weisheit stets Einwendungen. So kommt es, daß
-die Magdeburger freireligiöse Gemeinde ihren juristischen Sitz in &ndash;
-Offenbach in Hessen hat! Als sie nun auch ihre Grundstücke auf ihren
-Namen in das Grundbuch eintragen lassen wollte, verweigerte dies der
-Grundbuchrichter mit der Begründung, daß zur Übertragung und Annahme
-eines Vermögens von über 5000 Mark die landesherrliche Genehmigung
-nötig sei. Das entsprechende Gesuch an den König wurde rundweg ohne
-Angabe von Gründen abgelehnt. Somit ist die freireligiöse Gemeinde in
-Magdeburg nicht imstande, in den Besitz ihres Eigentumes zu gelangen!
-Es ist eine Wonne, in einem aufgeklärten, paritätischen Rechtsstaate zu
-leben<a id="FNAnker_98" href="#Fussnote_98" class="fnanchor">[97]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Zwischen dem Lehrer und Küster Rehm und dem Pastor Hübener in Pampow
-bestanden seit dem Jahre 1898 Differenzen. Als ersterer beim Pastor
-das Abendmahl nehmen wollte, dieser aber die Bedingung daran knüpfte,
-ihm Abbitte zu leisten, ging er zum Abendmahl nach Schwerin. Darauf
-Anzeige des Pastors beim Konsistorium, das &ndash; in echt christlicher
-Milde und treu den Grundsätzen der evangelischen „Freiheit“ &ndash; Rehm zur
-<em class="gesperrt">Strafversetzung</em> verurteilte, weil er die <em class="gesperrt">Parochialrechte</em>
-seines Geistlichen verletzt hätte. Dazu hatte das Konsistorium nun
-gerade so wenig das Recht, wie der Pastor zur Abendmahlsverweigerung,
-weshalb das Obere Kirchengericht auf die eingelegte Berufung hin
-Rehm wegen Verletzung seiner Amtspflicht zu 30 <em class="gesperrt">Mark<span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[S. 89]</span> Strafe</em>
-verurteilte! Er hatte nämlich gegen seine Amtspflicht dadurch
-verstoßen, daß er <em class="gesperrt">sich und die Seinen vom Gange nach Schwerin nicht
-zurückgehalten hätte</em>! Als Rehms Rechtsbeistand dieses Urteil
-mit Rehms Einwilligung der „Mecklenburger Schulzeitung“ zum Abdruck
-übergab, verurteilte das Konsistorium den Lehrer zur <em class="gesperrt">Suspension
-von seiner Lehrerstelle auf die Dauer eines Jahres</em>. Es mag ja
-zugegeben werden, daß es für das Konsistorium sehr peinlich war,
-urbi et orbi diesen nicht eben salomonischen Spruch zu unterbreiten,
-immerhin hatte es offenbar seine Befugnisse wieder überschritten, als
-es als <em class="gesperrt">geistliches Gericht</em> einen <em class="gesperrt">Lehrer</em> verurteilte. Das
-erkannte auch das Obere Kirchengericht an, indem es die Strafe dahin
-umänderte, daß Rehm nur auf ein Jahr vom <em class="gesperrt">Küsteramt suspendiert</em>
-wurde. Aber die weltliche Behörde war päpstlicher als der Papst:
-<em class="gesperrt">die Unterrichtsabteilung des Ministeriums erklärte sich mit dem
-konsistorialen System solidarisch</em>, indem sie &ndash; allerdings unter
-Belassung von Einkommen und Wohnung &ndash; <em class="gesperrt">auf die dienstliche Tätigkeit
-Rehms für die Dauer eines Jahres verzichtete</em>.</p>
-
-<p>Aber es wurde noch besser: Im Kulturstaate Mecklenburg existiert
-nach § 486 L. G. G. E. V. der <em class="gesperrt">Beichtzwang</em>!! Da Rehm &ndash; mit
-einigem Grunde &ndash; in Pastor Hübener seinen Feind erblickte, beantragte
-sein Rechtsbeistand für ihn Befreiung vom Beichtzwang, wurde aber
-abgewiesen. Denn: „eine Dispensation eines Küsters vom Parochialzwang
-kann nicht erfolgen, sie würde ein <em class="gesperrt">dauerndes Ärgernis</em> für
-die Gemeinde sein“. Der Lehrer muß also nach<span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[S. 90]</span> wie vor bei seinem
-persönlichen Feinde beichten! Ein Kulturidyll aus dem Deutschland des
-20. Jahrhunderts!</p>
-
-<p>Doch in Mecklenburg beruhigte man sich damit keineswegs. Am 23. Oktober
-1905 erschien der Entwurf einer Verordnung betr. die Dienstverhältnisse
-der seminaristischen Lehrer usw. Der § 61 dieses Kulturdokumentes
-lautet:</p>
-
-<p>„Ist mit einem Schulamt ein Kirchenamt verbunden, so hat die
-<em class="gesperrt">Dienstentlassung aus dem Schulamte</em> von Rechts wegen die Folge,
-daß der Lehrer auch aus dem <em class="gesperrt">Kirchenamt ausscheidet</em>. Ist mit
-einem Kirchenamt ein Schulamt verbunden, so hat die <em class="gesperrt">Dienstentlassung
-aus dem Kirchenamt</em> von Rechts wegen die Folge, <em class="gesperrt">daß der Lehrer
-auch aus dem Schulamte ausscheidet</em>!“ Das nennt man evangelische
-Freiheit! Denn daß ein Gewissenszwang in Deutschland vom Staate
-ausgeübt wird, und zwar im 20. Jahrhundert, wird doch nicht wohl jemand
-zu behaupten wagen<a id="FNAnker_99" href="#Fussnote_99" class="fnanchor">[98]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der sozialdemokratische Redakteur <em class="gesperrt">Friedrich Westmeyer</em> in
-Hannover hat in Anspielung auf den Königsberger Geheimbundprozeß,
-der die kgl. preußische Justiz in bengalischer Beleuchtung gezeigt
-hatte, in einer fingierten Gerichtsverhandlung darzulegen versucht,
-wie es Christus vor einem preußischen Gerichtshofe ergehen würde.
-Natürlich war die einzig mögliche Tendenz seiner Abhandlung, zu zeigen,
-daß<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[S. 91]</span> selbst die Vollkommenheit Christi vor <em class="gesperrt">solchen</em> Richtern
-und auf Grund <em class="gesperrt">solcher</em> Gesetze nicht standhalten könnte. Das
-erkannten ohne weiteres zwei als Zeugen vernommene Pastoren vor
-Gericht an. Aber die zarte Seele eines kgl. Staatsanwaltes war bis
-in ihre Tiefen durch den Delinquenten, der noch dazu Redakteur,
-ja sogar sozialdemokratischer Redakteur war, verwundet und sein
-edler Glaubenseifer, sein glühendes Verlangen, wenn nicht nach der
-Märtyrerkrone, so doch nach dem Ruhme, Christi Ehre zu verteidigen,
-ruhte nicht, bis er zwei andere Pastoren glücklich aufgetrieben hatte,
-die eine gütige Vorsehung mit einer nicht minder zartfühligen Seele
-ausgerüstet hatte. Auf die Konstatierung dieser Männer Gottes hin,
-daß sie sich in ihrem christlichen Gewissen verletzt fühlten, wurde
-Westmeyer nach § 166 <em class="gesperrt">des Reichsstrafgesetzbuches</em> (einen solchen
-gibt es noch heute!!!) <em class="gesperrt">auf drei Monate ins Gefängnis gesperrt</em>.
-Gottlob war damit der am Seelenfrieden des Herren Staatsanwalts und
-seiner Eideshelfer angerichtete Schaden glücklich repariert, Christi
-Ehre gerettet.</p>
-
-<p>Westmeyer wurde, nachdem sein Gesuch um Selbstbeschäftigung
-abgelehnt war, mit einem <em class="gesperrt">Sittlichkeitsverbrecher</em> und einem
-<em class="gesperrt">Falschmünzer</em> zusammen in ein bis zur halben Mauerhöhe
-<em class="gesperrt">feuchtes Kellerloch</em> gesperrt, wo er mit Sägen und Spalten von
-Holz für seine Versündigung büßen mußte. Hier einige Notizen aus seinem
-Tagebuch: Sonntag, 1. Oktober 1906 (das Jahrhundert ist besonders zu
-beachten!). „Der <em class="gesperrt">Hunger</em> ließ mich die Nacht nicht schlafen. Ich
-bin aufgestanden von meinem <em class="gesperrt">Stroh<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[S. 92]</span>sack</em> und habe die Schublade
-nach Krümchen Brot durchsucht. Umsonst! Es wird mir nichts anderes
-übrig bleiben, als meine Eingabe vom 13. September um Bewilligung von
-Zusatznahrungsmitteln zu wiederholen. Nach der Hausordnung kann ich
-nämlich bei einwandfreier Führung die Hälfte meines Arbeitsverdienstes,
-<em class="gesperrt">5 Pfennig pro Tag</em>, für Zusatznahrungsmittel verwenden..“</p>
-
-<p>Am 7. Oktober schreibt er: „Gestern abend spät brachte mir der Wärter
-noch einen Brief meiner Frau auf die Zelle. Mein vierjähriger Knabe,
-mein einziger, ist an Diphteritis erkrankt, mein fünfjähriges Mädchen,
-ebenfalls an Diphteritis erkrankt, soll sich auf dem Wege der Besserung
-befinden. Und meine Frau allein bei den todkranken Kindern! Der Vater
-eingesperrt, weil er den allerbarmherzigsten Christengott beleidigt
-haben soll. Derweil windet sich daheim mein Herzensjunge in Todesqual.
-Seine Augen suchen den Vater, an dem er mit abgöttischer Liebe hängt...
-Du, Nazarener, wenn ich dich wirklich beleidigt haben sollte, nun
-kannst du doch zufrieden sein! <em class="gesperrt">Du bist gerächt</em><a id="FNAnker_100" href="#Fussnote_100" class="fnanchor">[99]</a>!“</p>
-
-<p>So pflanzt der kgl. preußische Staat, das Deutsche Reich, im 20.
-Jahrhundert Liebe zur Religion und zu Christus in die Herzen des
-Volkes! Sollte eine innere Stimme ihm nicht sagen, daß eine Religion
-„der Liebe“, falls sie wirklich nach 1&frac12; Jahrtausenden der Herrschaft
-noch des Polizeiknüttels bedürfte, keine Existenzberechtigung hätte?</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[S. 93]</span></p>
-
-<p>Nach einer Statistik des Berliner Strafrechtslehrers Professor Kahl
-wurden in den Jahren 1881 bis 1903 wegen „Religionsvergehen“ nach §
-166 des Reichsstrafgesetzbuches 6921 <em class="gesperrt">Personen verurteilt</em>!!
-Alle natürlich zu <em class="gesperrt">Gefängnisstrafen</em>. Und zwar in 22 Fällen von
-2 Jahren und darüber, in 158 zwischen 1 und 2 Jahren, in 1551 Fällen
-zwischen drei Monaten und einem Jahr und in 5190 Fällen von einigen
-Tagen bis zu drei Monaten.</p>
-
-<p>Was folgert der Gelehrte daraus? Daß der Paragraph <em class="gesperrt">beibehalten</em>
-werden müsse, aber in einer Fassung, die auch die <em class="gesperrt">Parität</em> der
-protestantischen Kirche wahrt. Denn da die katholische viel mehr
-Dogmen, Zeremonien und Gebräuche habe als die protestantische, daher
-auch viel mehr Angriffspunkte biete, sei sie <em class="gesperrt">bevorzugt</em><a id="FNAnker_101" href="#Fussnote_101" class="fnanchor">[100]</a>!</p>
-
-<p>So argumentiert ein Professor des 20. <em class="gesperrt">Jahrhunderts</em> und zwar in
-den Vorarbeiten zur deutschen Strafrechtsreform. Die kann gut werden!
-Rußland, das einzige Land Europas, das einen entsprechenden Paragraphen
-kennt, wird uns beneiden.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In Hagen in Westfalen hatte der Verein für Feuerbestattung ein
-Krematorium erbaut, was im Jahre 1904 auch von der Polizei genehmigt
-worden war. Gleichzeitig war dem Verein aber mitgeteilt worden, daß die
-<em class="gesperrt">Benutzung des Krematoriums</em> zur Einäscherung von Leichen <em class="gesperrt">nicht
-gestattet würde</em>. Da aber der Verein zu der Verbrennung lebender
-Ketzer nicht fromm genug war, kam er um die Erlaubnis, Leichen durch
-Feuer zu bestatten,<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[S. 94]</span> beim Ministerium ein. Dieses entschied 1907 auf
-Grund des preußischen Landrechtes vom Jahre 1794 (!) § 10, II, 17, daß
-die Benutzung des Krematoriums bis auf weiteres untersagt sei. Der
-Paragraph lautet: „Die nötigen Anstalten zur Erhaltung der öffentlichen
-Ruhe, Sicherheit und Ordnung und zur Abwendung der dem Publico oder
-einzelnen Mitgliedern desselben bevorstehenden Gefahren zu treffen, ist
-das Amt der <em class="gesperrt">Polizei</em><a id="FNAnker_102" href="#Fussnote_102" class="fnanchor">[101]</a>.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Am 19. August 1907 verfügte der Regierungspräsident Dr. Stockmann
-in Gumbinnen gegen den Lehrer Leipacher die „Einleitung des
-Disziplinarverfahrens .. mit dem Ziel auf Entfernung aus dem Amt,“
-gleichzeitig ordnete er sofortige Suspension an. Er bezog seitdem ein
-<em class="gesperrt">monatliches Gehalt</em> von 39,50 Mark, von dem er mit seiner Frau
-leben mußte. Was war geschehen? Der Pfarrer Vierhuff in Grabowen,
-im Nebenamt Oberschulaufseher, hatte Leipacher bei der Regierung
-denunziert, wegen Mißbrauch der Lehrfreiheit. Er hatte den Geographie-
-und naturkundlichen Unterricht nicht im Einklang mit der evangelischen
-Kirchenlehre erteilt und dadurch das Glaubensleben (!) der Kinder
-gefährdet. Der Pfarrer hatte aus überfließender Nächstenliebe die
-<em class="gesperrt">Aufsätze</em>, die Leipacher in Zeitschritten veröffentlicht hatte,
-gesammelt, um den Lehrer bei der Regierung zu verklagen. Daß die
-Regierung das zuließ, war ein eklatanter Verfassungsbruch, denn selbst
-in Preußen hat auf dem Papier jeder das Recht,<span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[S. 95]</span> seine Überzeugung
-auszusprechen. Leipacher wurde am 6. November 1907 in Gumbinnen seines
-Lehramtes verlustig erklärt. Allerdings hatte Leipacher den Kindern
-u.&nbsp;a. den biblischen Sündenfall als Sage bezeichnet. Hätte er doch nur
-die Schlange weiter reden, auf dem Bauch gehen und ihr Leben lang Erde
-essen lassen (Genesis 3, 14), dann wäre ja alles in schönster Ordnung
-gewesen. Ja, Ostelbien und Mecklenburg in der Welt voran<a id="FNAnker_103" href="#Fussnote_103" class="fnanchor">[102]</a>!</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[S. 96]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Fuenfter_Abschnitt"><span class="s5">Fünfter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Kriegswesen</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Wie Bernold von St. Blasien zum Jahre 1078 erzählt, ließen die Anhänger
-Rudolfs von Rheinfelden, des Gegenkönigs Heinrichs IV., nach einer
-Schlacht am Neckar Tausende von schwäbischen Bauern „zur milderen
-Züchtigung“ <em class="gesperrt">entmannen</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Vor Tortona läßt Friedrich Barbarossa Galgen errichten, um jeden
-Gefangenen sofort angesichts der Stadt aufzuhängen. Wie Otto Morena
-weiter berichtet, ließ er zweihundert Veronesen Nasen und Lippen
-abschneiden und andere zweihundert aufhängen.</p>
-
-<p class="mtop2">Kulturhistorisch merkwürdig ist den Grausamkeiten gegenüber das
-Urteil der Biographen und Historiker. Als Friedrich Barbarossa einen
-Dienstmann, der sich früher ihm gegenüber vergangen hat, nicht
-begnadigt, wiewohl er sich dem Kaiser am Krönungstage zu Füßen wirft,
-schreibt Otto von Freising rühmend, er habe sich „von der Tugend der
-Strenge nicht zum Fehler der Nachgiebigkeit verleiten lassen“.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[S. 97]</span></p>
-
-<p>Als die in Tortona eingeschlossene Geistlichkeit ihn kniefällig um die
-Gnade bittet, die Stadt, in der die Pest wütete, verlassen zu dürfen,
-„fühlte er zwar wie innerlich sein Herz zum Mitleid sich wandte,
-um aber den Verdacht der <em class="gesperrt">Schwäche</em> zu vermeiden, beharrte er
-äußerlich auf der Standhaftigkeit seiner früheren Strenge“ und schickt
-sie unverrichteter Dinge heim.</p>
-
-<p>Im Kriege gegen Mailand verwüstet Friedrich 1159 das Land &ndash; dem im
-ganzen Mittelalter herrschenden Brauche gemäß &ndash; in scheußlicher Weise,
-indem er sogar die Weinpflanzungen zerstören und Fruchtbäume abhacken
-oder schälen läßt. Als die Gegner dasselbe tun, meint Rahewin, daß
-dieses Wüten nicht einmal Barbaren gegenüber erlaubt sei, tadelt den
-Kaiser aber wegen desselben Reates <em class="gesperrt">nicht</em>.</p>
-
-<p>Vor Crema läßt Barbarossa die Gefangenen hängen und die Geiseln
-hinrichten, ja er bindet sogar Knaben, die er als Geiseln in Händen
-hatte, an die Belagerungsmaschinen, so daß die Cremenser ihre eigenen
-Kinder töten müssen. O Greueltat! ruft Rahewin aus, meint aber
-natürlich nicht den Kaiser damit, sondern die <em class="gesperrt">Belagerten</em>, die
-Mut und Patriotismus genug besitzen, trotzdem die Angreifer weiter zu
-beschießen. Als Resultat dieser und vieler anderer Grausamkeiten ergibt
-sich für die Zeitgenossen das Urteil, daß Barbarossa <em class="gesperrt">human</em> und
-<em class="gesperrt">milde</em> war<a id="FNAnker_104" href="#Fussnote_104" class="fnanchor">[103]</a>!!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[S. 98]</span></p>
-
-<p>Nach der Chroniques des ducs de Normandie (27527) läßt König Eldred
-von England die gefangenen dänischen Frauen nackt bis zur Brust in
-die Erde eingraben und so <em class="gesperrt">wehrlos den Hunden und den Raubvögeln
-preisgeben</em>.</p>
-
-<p>Die Schotten schnitten 1138 in England sogar schwangeren Frauen den
-Leib auf und metzelten Priester vor dem Altar nieder.</p>
-
-<p>Im Jahre 1198 waren in einem Gefecht fünfzehn französische Ritter
-gefangen worden. Richard Löwenherz ließ vierzehn <em class="gesperrt">beide Augen
-ausstechen</em>, dem fünfzehnten nur eines. Der Einäugige mußte seine
-Unglücksgefährten ins französische Lager geleiten. Philipp August aber
-rächte sich, indem er fünfzehn gefangene englische Ritter blenden
-ließ<a id="FNAnker_105" href="#Fussnote_105" class="fnanchor">[104]</a>.</p>
-
-<p>Es war Kriegsgebrauch, die eroberten Städte und Burgen zu
-<em class="gesperrt">zerstören</em>, die Einwohner <em class="gesperrt">nieder zu machen</em> oder
-in die Gefangenschaft zu führen, Frauen und Jungfrauen aber zu
-<em class="gesperrt">vergewaltigen</em>. Mit Vorliebe wurden <em class="gesperrt">vornehme Frauen
-Troßknechten und Soldaten preisgegeben</em>. Und zwar selbstverständlich
-auch in Kriegen und Fehden im <em class="gesperrt">eigenen</em> Lande und von
-<em class="gesperrt">Christen</em> unter sich, keineswegs nur in solchen gegen Ungläubige,
-die sich stets humaner benahmen, als die Verbreiter des Evangeliums der
-Nächstenliebe.</p>
-
-<p>Als Kaiser Sigismund 1412 im Kriege gegen die Venezianer das feste
-Schloß Motta erobert hatte, ließ er einhundertundachtzig Männern <em class="gesperrt">die
-rechte Hand abhauen</em><a id="FNAnker_106" href="#Fussnote_106" class="fnanchor">[105]</a>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[S. 99]</span></p>
-
-<p>Wie Benedikt von Weitmil (IV) erzählt, betrugen sich die Soldaten Karls
-IV. in Böhmen, dem Lande ihres Herrn, wie folgt: „sie raubten den Armen
-seine Habe, sein Vieh, marterten sie zuweilen, um Geld zu erpressen,
-rissen den Weibern unbarmherzig die Kleider vom Leibe, taten den
-Jungfrauen Gewalt an und verübten unendlich viel Böses<a id="FNAnker_107" href="#Fussnote_107" class="fnanchor">[106]</a>.“</p>
-
-<p>Im Jahre 1375 machten entlassene englische Söldner ihren zweiten
-Einfall ins Elsaß. Wie sie sich benahmen, erzählt die Konstanzer
-Chronik. „Item sy gewunnent vil stattly und burg und dorffer und
-closter, und erstachent wip und man und kind, und furten die schonen
-frowen mit in emoy, was sy dero fundent. stan sy zugent gen Brysach und
-nach zu Basel und gen Burgonden und in Uchtland, und wustent, was vor
-in was, lut und gut<a id="FNAnker_108" href="#Fussnote_108" class="fnanchor">[107]</a>.“</p>
-
-<p>Die Speierische Chronik berichtet über die Eroberung von Dinant im
-Jahre 1466: „und als balde er die stat ingenam, do dottet er frauͤen,
-man und kinder und warff sie über die muͤer uß in daz wasser, heißet
-die Maß, und ertranckt ir auch gar vil dar in. er liß auch die stat
-plundern und alz daz nemen, das dar inne waz. und dar nach liß er die
-stat an stoßen und verbornen und die kirchen und huser und thorn und
-muͤern gar zersleiffen, und macht ein eben felt dar uß und liß acker
-und wisen dar uß machen.“ Es handelt sich um den Herzog von Charolais,
-der auf die Bürgerschaft von Dinant sehr erbost war, weil sie ihn
-für einen Bastard des Herzogs von Burgund erklärt hatte. Die Form,
-in der diese Beschimpfung in die Erscheinung trat, ist auch überaus<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[S. 100]</span>
-charakteristisch für die mittelalterliche Roheit: Man hatte von ihm ein
-Bild malen lassen, dieses an den Füßen aufgehängt und mit Kot beworfen!</p>
-
-<p>Wie in Feindesland gehaust wurde, geht auch aus dem Schreiben der
-Eidgenossen an den in Speier versammelten Städtetag hervor. Die
-Speierische Chronik schildert die Greueltaten, die sich burgundische
-Söldner 1474 im Sundgau zuschulden kommen ließen. Nachdem erzählt
-wurde, wie sie Kirchen zerstört, Priester geschmäht und viele Menschen
-getötet hatten, heißt es: „und besunder vil junger frawen und dochter
-wider iren willen geschendt und gewaltiglich genotzugt, vil sugender
-kind iren muttern ab der brust gezerret und die auch vil andern junger
-knaben und dochtern, by trien, viern, funff ader mer jaren alt, usser
-lant gefurt, den armen luten und mannen umb zytlichs guts willen an
-iren heymlichen gemachten onmenschlich pin und groß martir angetan,
-erlich frawen gewondet, dochter erstochen, by iren harn und zopffen uff
-gehenckt, etlich frauwen <em class="gesperrt">in der kirchen</em> ir beyn von einander
-gesperret und mit scharffen holczern in irn heymlichen gliddern gelt
-gesucht, die deshalb auch gestorben sind, auch mit knaben und frauwen
-erschroglich anmenschlich und annaturlich lesterlich sunden, nemlich
-<em class="gesperrt">in der kirchen</em>, uff dem kerner gewaltiglich begangen, derhalb
-am gancz land under gen mocht, als auch umb dergleichen sunden ließ
-versinken der allmechtig got Sodoma und Gomorra<a id="FNAnker_109" href="#Fussnote_109" class="fnanchor">[108]</a>.“</p>
-
-<p>Karl der Kühne ließ in Lothringen <em class="gesperrt">alles gefangene Kriegsvolk
-aufhängen</em>. Maximilian tat<span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[S. 101]</span> dasselbe, als er das Blockhaus von Galoo
-bei Antwerpen erobert hatte: „und welche nit erschossen und erstochen
-waren, dieselben <em class="gesperrt">ließ er alle henken</em><a id="FNAnker_110" href="#Fussnote_110" class="fnanchor">[109]</a>.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Plündern eroberter Städte war durchaus herkömmlich, ebenso war es
-mit der ritterlichen Ehre zu vereinbaren, Gefangenen hohes Lösegeld
-abzunehmen, dagegen war merkwürdigerweise die Ausplünderung einer
-adeligen Dame dem Edelmann vom Ehrenkodex untersagt. Als Wilwolt
-von Schaumburg nach dem Fall von Arras das Schloß erobert und den
-Hauptmann gefangen hatte, brachte seine Frau freiwillig den Siegern
-alle ihre Kostbarkeiten im Werte von 4000 Gulden. Da sagte Wilwolt:
-„Wir Teutschen und vor aus von den Oberlanden, ob wir wol stet und
-schlos gewinnen, pflegen keiner frauen oder junkfrauen, vom adl
-geboren, nichts von irem geschmuck, zu irem leib gehörig, zu nemen, und
-wo solichs ein edelman tet, würde er von seinen genossen sein leben
-lang dester untreuer und unwerter gehalten. Darumb das jenig, so mir
-zu teil wirdet, wil ich mein beut der tugenthaften frauen wider geben
-und ir nichts verkern.“ Seinem Beispiel folgten dann auch, allerdings
-widerstrebend, die welschen Hauptleute.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Nach dem Kriege war es oft schwer, die Soldtruppen wieder los zu
-werden, zumal wenn sie den rückständigen Sold nicht bekamen. Aus dieser
-Verlegenheit halfen sich die Ungarn 1492 auf sehr einfache Weise: Von
-den 8000 ungelohnten Truppen <em class="gesperrt">erschlugen sie</em> 6000 und zwangen den
-Rest, in Österreich Zuflucht zu nehmen. Da sie dort selbst<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[S. 102]</span>verständlich
-zur Gewinnung ihres Lebensunterhaltes rauben mußten, überfiel sie
-Kaiser Friedrich III. 1493 und ließ 1100 Gefangene aufhängen<a id="FNAnker_111" href="#Fussnote_111" class="fnanchor">[110]</a>.
-Unter diesen Umständen kann man es den Söldnern nicht verübeln, wenn
-sie höchst ungern ihren Kriegsherren den Lohn stundeten.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die offiziellen Gewalten haben noch in neuerer Zeit an Grausamkeit
-nichts zu wünschen übrig gelassen und zwar in Kulturländern, denn in
-Rußland war und ist ja alles möglich, wenigstens alles Barbarische und
-Viehische.</p>
-
-<p>Oliver Cromwell erstürmte 1649 die irische Hauptfeste Drogheda und
-ließ die <em class="gesperrt">ganze Besatzung, über zweitausend Mann, niedermetzeln</em>.
-Später folgte ein <em class="gesperrt">gleiches Blutbad in Wexford</em> nach. Nach
-Beendigung des Krieges im Jahre 1652 war Irland verödet, fast die
-Hälfte der Bevölkerung dem Schwert, Hunger und den Seuchen erlegen.
-Andere Tausende waren ausgewandert, verbannt oder, nicht besser als
-Sklaven, in die westindischen Plantagen verschickt<a id="FNAnker_112" href="#Fussnote_112" class="fnanchor">[111]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Beim Rückzug der Jourdanschen Armee 1796 trug sich folgendes zu:
-„Die Bauern mit Weibern und Kindern fielen über die zerstreuten
-Haufen her, und <em class="gesperrt">schlugen alles, was ihnen unter die Hände kam,
-ohne Barmherzigkeit tot</em>. Jeder hatte ein erlittenes Unrecht zu
-rächen. Die Ehemänner und Väter, welche durch die <em class="gesperrt">Schändung ihrer
-Weiber und Töchter</em>, die man oft vor ihren Augen begangen hatte,
-aufgebracht waren, <em class="gesperrt">schnitten den armen Franzmännern das Glied, womit
-sie gesündigt<span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[S. 103]</span> hatten, lebendig vom Leibe</em>, und <em class="gesperrt">schlachteten
-sie dann, wie man Schweine schlachtet</em>. Die Wut der Bauern ging
-anfänglich über alle Gränzen bis zur unerhörtesten Grausamkeit..“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">alten Griechen</em> hatten bereits im 8. vorchristlichen
-Jahrhundert Tempelvereine, Amphyktionien. Die berühmteste Amphyktionie
-war die pylische, die im Anfang des 6. Jahrhunderts mit der delphischen
-verschmolz. Diese aus mehreren Staaten bestehenden Vereine schworen:
-„Ich will <em class="gesperrt">keine amphiktionische Stadt zerstören, noch vom fließenden
-Wasser abschneiden</em>, weder im Kriege noch im Frieden; verletzt
-eine Gemeinde diese Bestimmung, so will ich gegen dieselbe zu Felde
-ziehen und ihre Städte zerstören<a id="FNAnker_113" href="#Fussnote_113" class="fnanchor">[112]</a>.“ Daß diese alten „Heiden“ danach
-handelten, beweist das Verfahren gegen Athen nach dem furchtbaren
-Peloponnesischen Kriege. Erst die Genfer Konvention ist nach fast zwei
-Jahrtausenden des Christentums zu den amphyktionischen Grundsätzen
-zurückgekehrt.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der große <em class="gesperrt">König Açoka</em> von Magadha in Vorderindien (259&ndash;226
-v. Chr.) erließ an seine Beamten als Richtschnur ihres Verhaltens
-gegenüber den „unbesiegten Nachbarn“, also seinen wirklichen oder
-möglichen <em class="gesperrt">Feinden</em> folgendes Edikt: „Der König wünscht, daß sie
-sich nicht vor mir fürchten sollen, daß sie mir vertrauen sollen, daß
-sie <em class="gesperrt">durch mich nur Glück, nicht Unglück erlangen mögen</em>.“</p>
-
-<p>Ferner sollen sie folgendes verstehen: <em class="gesperrt">Der König wird von uns sich
-gefallen lassen, was man sich gefallen lassen kann</em>..... jene
-(die Nachbarn)<span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[S. 104]</span> müssen bewogen werden, Vertrauen zu fassen, damit sie
-verstehen: „<em class="gesperrt">Wie ein Vater ist der König zu uns &ndash; wie er sich selbst
-liebt, liebt er uns &ndash; wir sind dem Könige wie seine Kinder.</em>“...
-„Zu diesem Zwecke habe ich dies Edikt erlassen, damit die Beamten stets
-sich bemühen, bei meinen Nachbarn Vertrauen zu erwecken und sie zur
-Befolgung des Gesetzes (Buddhas) zu bewegen<a id="FNAnker_113a" href="#Fussnote_113" class="fnanchor">[112]</a>.“</p>
-
-<p>Dieser selbe Açoka, der erst zum Buddhismus übertrat und ihm von ganzem
-Herzen zugetan war, blieb so völlig frei von jedem Fanatismus, der
-einst u.&nbsp;a. Karl den Großen zur Ehre des Christengottes 4500 Sachsen
-bei Verden enthaupten ließ, daß er vor allem <em class="gesperrt">Duldsamkeit</em> gegen
-Andersdenkende lehrt. Sogar dem Brahmanentum gegenüber wurde Toleranz
-befolgt, und feindliche Handlungen unterblieben<a id="FNAnker_114" href="#Fussnote_114" class="fnanchor">[113]</a>.</p>
-
-<p>Damals konnte der Bauer zwischen kämpfenden Heeren sein Feld bestellen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als Mohammeds Nachfolger <em class="gesperrt">Abu Bekr</em> seine Truppen zur Eroberung
-Syriens im 7. Jahrhundert aussandte, d.&nbsp;h. im Begriff war, einen der
-in seinen Folgen gewaltigsten Kriege der Weltgeschichte zu führen, gab
-er ihnen folgende Instruktionen: „Leute, ich habe zehn Dinge euch zu
-empfehlen, die ihr genau beachten müßt. Täuschet niemand und <em class="gesperrt">stehlet
-nicht; handelt nicht treulos und verstümmelt niemanden, tötet weder
-Kinder noch Greise noch Weiber, beraubt die Palmen nicht ihrer Rinde,
-noch verbrennt sie, schlaget nicht die Frucht<span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[S. 105]</span>bäume ab und zerstöret
-nicht die Saatfelder, tötet nicht Schafe, noch Ochsen, noch Kamele</em>
-außer für euren Lebensunterhalt. Ihr werdet Geschorene finden &ndash;
-schlagt sie mit dem Säbel auf die Tonsur; ihr werdet auch Leute in
-Zellen (d.&nbsp;h. Einsiedler) finden &ndash; <em class="gesperrt">laßt sie in Ruhe, damit sie in
-der Erfüllung ihrer Gelübde fortfahren</em><a id="FNAnker_115" href="#Fussnote_115" class="fnanchor">[114]</a>.“</p>
-
-<p>Es ist ausdrücklich überliefert, daß diese Instruktionen von den
-„fanatischen“ Mohammedanern auch befolgt wurden.</p>
-
-<p>Jedenfalls hätten die christlichen europäischen Truppen im Chinafeldzug
-von 1900 sich daran ein Beispiel nehmen können.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Daß die weitesten Wanderungen auch bei den schlechten
-Verkehrsverhältnissen des Mittelalters dem kühnen Abenteurer möglich
-waren, lehrt das Beispiel <em class="gesperrt">Harald Hardraades</em>, eines Kriegshelden
-des 11. Jahrhunderts.</p>
-
-<p>In der Schlacht bei Stiklestad in Skandinavien, in der sein Bruder
-Olaf Thron und Leben verlor, verwundet, flüchtet Harald zu den
-Stammesbrüdern nach Rußland, dann nach Apulien, ward hierauf
-unerkannt in Byzanz Führer der Waräger und vollbrachte ein Jahrzehnt
-lang an ihrer Spitze Heldentaten, die ihn bis Sizilien, Nordafrika
-und Ägypten führten. Danach ward er in Rußland der Schwiegersohn
-des Fürsten Jaroslaw und bestieg schließlich, nach dem Tode seines
-Neffen Magnus, den Thron Norwegens. Sein Ende fand er beim Versuche,
-das Angelsachsenreich an sich zu bringen, in der Schlacht bei
-Stamford<span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[S. 106]</span>bridge, nur 18 Tage vor dem Siege Wilhelms des Eroberers bei
-Hastings (1066).</p>
-
-<p>Er hatte also <em class="gesperrt">ganz Europa</em> vom äußersten Norden und Nordwesten
-bis in den tiefsten Süden und Südosten, die Küsten Asiens und Afrikas
-in seinen Gesichts- und Wirkungskreis gezogen und kann als Verkörperung
-der normännischen Ausbreitung gelten, die den Horizont der Kreuzzüge
-schuf<a id="FNAnker_116" href="#Fussnote_116" class="fnanchor">[115]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Es war im frühen Mittelalter durchaus Sitte, daß dem Heere sich
-Kaufleute, <em class="gesperrt">leichtfertige Dirnen</em> usw. anschlossen. Selbst an den
-<em class="gesperrt">Kreuzzügen</em> beteiligten sich <em class="gesperrt">Scharen dieser leichtfertigen
-Weiber</em>, die militärisch organisiert, mit Keulen bewaffnet und sogar
-mit eigenen Fahnen versehen gewesen sein sollen. Vom 2. Kreuzzuge,
-auf den König Ludwig VII. von Frankreich aus guten Gründen seine
-etwas flotte Gattin mitgenommen hatte, heißt es: „Dies Beispiel
-befolgten viele andere Edelleute und nahmen ihre Gemahlinnen mit,
-und weil da Dienerinnen nicht fehlen konnten, so befand sich in dem
-christlichen Heere, das keusch sein sollte, eine Menge von Frauen.“
-Auch im Heere Konrads III. fehlte es nicht an fahrenden Weibern, was
-dem erbaulichen Lebenswandel der christlichen Glaubensstreiter nicht
-eben Vorschub leistete. Deshalb wurde, als Heinrich II. und sein Sohn
-Richard Löwenherz 1188 den 3. Kreuzzug antreten wollten, bestimmt, daß
-„keiner auf die Wallfahrt irgendein Weib mitführen solle, außer einer
-<em class="gesperrt">Waschfrau</em> zu Fuße, die unverdächtig sei.“ Wie<span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[S. 107]</span> „unverdächtig“
-zu verstehen ist, wird nicht gesagt. Das kanonische Alter wird kaum
-Bedingung gewesen sein. Genützt hat diese Bestimmung nicht viel, wie
-auch der Erfolg der drakonischen Lagergesetze Friedrich Barbarossas
-ziemlich problematisch blieb<a id="FNAnker_117" href="#Fussnote_117" class="fnanchor">[116]</a>.</p>
-
-<p>Noch zur Zeit der Landsknechte nahmen viele Weib und Kind mit ins
-Feld und ins Lager. Die Ledigen litten auch nicht Mangel, denn ein
-beträchtlicher Troß liederlicher Weiber folgte dem Heere und unterstand
-der Disziplinargewalt des Troßweibels. Im Dreißigjährigen Kriege
-schleppte z.&nbsp;B. ein Regiment von dreitausend Mann <em class="gesperrt">zweitausend
-Weiber</em> mit, gegen die die Autorität der Obersten nichts ausrichten
-konnte. Im Verlaufe des Krieges <em class="gesperrt">übertraf der Troß die Zahl der
-Kombattanten um das Drei- bis Vierfache</em>. Diese Weiber mußten für
-die Soldaten alle Arbeiten verrichten und alle Strapazen teilen, dazu
-eine harte und mitleidlose Behandlung erdulden. Die „Lagerkinder“
-wurden oft mit den Müttern ins Elend gestoßen. Dann konnten sie
-nichts anderes werden als Bettler, Diebe oder Räuber, im besten Falle
-Soldaten, was aber damals auf dasselbe herauskam<a id="FNAnker_118" href="#Fussnote_118" class="fnanchor">[117]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Sehr gemütlich war die <em class="gesperrt">Kriegsführung der Italiener</em> im 15.
-Jahrhundert. Die Condottieri hatten „aus der Kriegsführung eine
-Kunst gemacht, indem sie in solchem Maße temporisierten, daß meist
-beide Teile verloren“. In der Schlacht bei Zagonara, „dieser in
-ganz Italien berühmt gewordenen Niederlage“ wurde nur ein einziger
-Mann getötet, aber nicht etwa durch<span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[S. 108]</span> Waffengewalt, sondern durch
-Sturz vom Pferde und Ersticken im Schlamm. In der einen halben Tag
-dauernden Schlacht bei Molinella fiel kein einziger. In der Schlacht
-bei Anghiari, die von Lionardo in einem berühmten, leider verloren
-gegangenem Karton verherrlicht wurde &ndash; Rubens entwarf in Anlehnung
-daran seine Reiterschlacht in der Münchner Alten Pinakothek &ndash; soll
-ein einziger Mann vom Pferde zertreten worden sein. Diese Machiavellis
-„Florentinischer Geschichte“ entnommenen Daten sind zweifellos
-übertrieben. Immerhin kennzeichnen sie die damalige Anschauung vom
-Kriegswesen, die auf den Grundton gestimmt ist „Wie gewöhnlich
-geschieht, siegte die Furcht“. Machiavelli faßt sein Urteil in die
-Worte zusammen: „Nie gab es Zeiten, in denen der im fremden Lande
-geführte Krieg minder gefährlich gewesen wäre, als in diesen.. Denn da
-alle beritten, mit Rüstung bedeckt und vor dem Tode sicher waren, wenn
-sie sich ergaben, <em class="gesperrt">so war überhaupt kein Grund vorhanden, weshalb sie
-sterben sollten</em>. Beim Kämpfen schütze sie die Rüstung; konnten sie
-nicht mehr kämpfen, so ergaben sie sich“. „So wurde jene kriegerische
-Tugend, die anderwärts durch langen Frieden unterzugehen pflegt, in
-Italien durch die Lauheit der Kriegsführung unterdrückt.“</p>
-
-<p>Die bei Caldana liegenden florentinischen Truppen hatten den Verlust
-von 200 Troßknechten zu beklagen, die ins feindliche, neapolitanische
-Lager <em class="gesperrt">desertierten, weil der Wein ausgegangen war</em>! Aus diesem
-triftigen Grunde wurde die <em class="gesperrt">Belagerung auch aufgehoben</em><a id="FNAnker_119" href="#Fussnote_119" class="fnanchor">[118]</a>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[S. 109]</span></p>
-
-<p>König Friedrich Wilhelm I. von Preußen war bekanntlich ein
-leidenschaftlicher Freund und Sammler schöner großer Soldaten. Für
-die Art, wie er sie sich zu verschaffen wußte, ist folgende Notiz
-vom Jahre 1713 bezeichnend: „Die Werbungen sind sehr scharf vor sich
-gegangen, jedoch aber haben S. Kön. Maj. <em class="gesperrt">verboten, die Passagiere
-auf den Posten nicht mehr anzuhalten, als wie etlichemal in der ersten
-Hitze geschehen</em>.“ Im übrigen machte man im ganzen Lande förmliche
-<em class="gesperrt">Jagd auf Bürger und Bauern</em>; auf den Straßen, in den Feldern,
-sogar <em class="gesperrt">während des Gottesdienstes</em> erfolgten die Aushebungen.
-Als der Prediger Gottfried Arnold im Jahre 1714 in Perleberg eben
-das <em class="gesperrt">Abendmahl</em> austeilte, drangen Werber in die Kirche ein und
-nahmen junge Leute mitten aus der Kirche fort. Der Prediger alterierte
-sich darüber derart, daß er zehn Tage später starb. Noch im Jahre 1720
-wurden in der Mark Gemeinden während des Gottesdienstes von den Werbern
-des Soldatenkönigs &ndash; der im übrigen viel besser als sein Ruf war &ndash;
-überfallen. Diese Vergewaltigungen führten endlich zu einem offenen
-Aufstand: gerade die Tüchtigsten flohen in Scharen vor den preußischen
-Werbewüterichen. Von solchen Flüchtlingen wurden die Industrien von
-Elberfeld und Barmen begründet<a id="FNAnker_120" href="#Fussnote_120" class="fnanchor">[119]</a>.</p>
-
-<p>Mit List, Gewalt und Geld wurde <em class="gesperrt">auch außer Landes</em> der
-Menschenfang betrieben. Karl Julius Weber, der berühmte Verfasser des
-Demokrit, erzählt, daß sein Großonkel, der Theologie studiert hatte und
-in Nürnberg als Hauslehrer lebte, bei einem Spaziergang von preußischen
-Werbern plötz<span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[S. 110]</span>lich überfallen, geknebelt, in einen Wagen geworfen
-und so nach Potsdam entführt worden sei, weil er 6 Fuß und 3 Zoll
-maß. Dieser Gewaltstreich <em class="gesperrt">kostete ihn sein ganzes Lebensglück</em>.
-Solche Fälle waren an der Tagesordnung. Man fing sogar einen langen
-katholischen Geistlichen, den nachher unter Friedrich dem Großen in
-hoher Gunst stehenden gescheiten Abbé Bastiani, aus Welschtirol,
-<em class="gesperrt">als er gerade die Messe las</em>, ein, und selbst ein Mönch aus Rom
-blieb nicht verschont und wurde in die blaue Garde gesteckt. Solche
-Übergriffe ließen sich die Nachbarn auf die Dauer nicht gefallen. In
-Hessen-Cassel wurden z.&nbsp;B. mehrere preußische Werbeoffiziere gehenkt.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kinder in der Wiege</em>, die lang zu werden versprachen, erhielten
-eine <em class="gesperrt">rote Halsbinde</em> und die Eltern das Handgeld. Der Versuch
-Friedrich Wilhelms, recht lange Gardisten mit recht großen Frauen
-zusammen zu geben, um so recht lange Kinder zu erhalten, mißglückte zu
-seinem großen Bedauern.</p>
-
-<p>Die „lieben blauen Kinder“ durften nebenbei ein Gewerbe betreiben,
-Bier- und Weinhäuser, Materialläden usw. halten, nur keine öffentlichen
-Handarbeiten verrichten. Der König schenkte ihnen Geld und Grundstücke,
-sogar <em class="gesperrt">Kanonikate</em> und stand bei ihren Kindern Gevatter.</p>
-
-<p>Da die Kompagniechefs der preußischen Truppen verpflichtet waren,
-ihre Mannschaften vollzählig zu erhalten, waren alle zu Werbungen
-geradezu ge<span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[S. 111]</span>zwungen. Die Chefs hoben <em class="gesperrt">ganze Kolonien</em> in den
-zugewiesenen Werbedistrikten aus, <em class="gesperrt">versetzten sie auf ihre Güter</em>
-als „Ergänzungsmannschaften“, machten die kleinen zu Bedienten, Köchen,
-Reitknechten usw., kurz führten in die preußischen Staaten eine Art
-von <em class="gesperrt">Faustrecht</em> zurück. Erst das Kantonreglement von 1733 räumte
-einigermaßen mit diesen unerhörten Zuständen auf<a id="FNAnker_120a" href="#Fussnote_120" class="fnanchor">[119]</a>.</p>
-
-<p>Welcher Brutalitäten die Offiziere noch im 18. Jahrhundert fähig waren,
-erhellt aus der Sitte der Garnison von Gaeta aus der <em class="gesperrt">Hirnschale</em>
-des dort als <em class="gesperrt">Mumie</em> aufbewahrten Herzogs Karl von Bourbon zu
-<em class="gesperrt">trinken</em>. „nachdem aber etlichemal Verdrüßlichkeiten und Unglücke
-darüber und bey solcher Gelegenheit unter ihnen entstanden, so ist
-solche Unordnung gänzlich untersaget worden.“ Erzählt Keyßler im Jahre
-1730<a id="FNAnker_121" href="#Fussnote_121" class="fnanchor">[120]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel, ein Fürst, der seine Residenz
-zu einer der schönsten in Deutschland machte, gebildet, kunstliebend
-und der Aufklärung zugetan &ndash; also keineswegs ein mittelalterlicher
-Tyrann &ndash; <em class="gesperrt">verkaufte im Jahre 1775 12800 Hessen den Engländern</em>
-zum Gebrauche in ihren Kolonien. Bis zum Jahre 1782 wurden noch weitere
-4200 Rekruten nachgeschickt. Dazu gab Hanau noch besonders 2400 Mann.
-Da Hessen-Kassel damals 400000 Einwohner hatte, <em class="gesperrt">verschacherte</em>
-der Fürst <em class="gesperrt">fast den zwanzigsten Teil seiner Untertanen</em>!</p>
-
-<p>Die englischen Kommissarien kamen nach Kassel und besichtigten die
-verkauften Menschen auf dem<span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[S. 112]</span> Markte, wie sie die Neger in Amerika zu
-besichtigen gewohnt waren. Für jedes <em class="gesperrt">Stück</em> dieser armen Kerle
-zahlten sie 100 Taler. Sie wurden auf der Weser eingeschifft und
-Friedrich der Große erhob bei Minden von ihnen beim Passieren seines
-Landes den üblichen <em class="gesperrt">Viehzoll</em>! Die beste Verurteilung dieses
-Systems.</p>
-
-<p>Klagten die Eltern der verschacherten Leute, dann kamen die Väter in
-die Eisenarbeit, die Mütter ins Zuchthaus. Wer desertierte, mußte zwei
-Tage lang Spießruten laufen &ndash; übrigens ein Kulturgeschenk Rußlands &ndash;
-zwölfmal täglich, <em class="gesperrt">zuweilen bis zum Tode</em>. Karl Justus Weber, der
-das miterlebte, wurde von den Offizieren belehrt, daß das Gassenlaufen
-der Gesundheit weniger nachteilig sei, als die alte Stockprügel!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Von diesen 19400 Mann</em> kehrten im Herbst 1783 und im folgenden
-Frühjahr 11900 <em class="gesperrt">zurück</em>. 7500 <em class="gesperrt">Mann hatte der Krieg
-weggerafft</em>!</p>
-
-<p>Merkwürdig ist, daß gleichzeitig &ndash; eine Einwirkung der Aufklärung &ndash;
-in Hessen die Tortur abgeschafft wurde und die einfache Todesstrafe nur
-mehr höchst selten Anwendung fand.</p>
-
-<p>Übrigens hatte sich der Menschenschacher bezahlt gemacht: Als Landgraf
-Friedrich II. 1785 starb, soll er trotz seiner vielen Bauten und
-Reisen und des großen von ihm betriebenen Luxus 56 Millionen Taler
-hinterlassen haben<a id="FNAnker_122" href="#Fussnote_122" class="fnanchor">[121]</a>.</p>
-
-<p>Die englischen Subsidien, die Georg III. für die hannöversche Armee
-gegen Frankreich zahlte, berechneten die Prämie für einen toten oder
-drei verwundete<span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[S. 113]</span> Soldaten bei der Infanterie auf 28 Taler, bei der
-Kavallerie auf 11 Taler. Dagegen wurden für ein totes Pferd oder drei
-verwundete Pferde 90 Taler vergütet. <em class="gesperrt">Ein deutscher Soldat wurde also
-am Ende des 18. Jahrhunderts</em> auf 11&ndash;28 <em class="gesperrt">Taler bewertet, also ein
-Achtel bis ein Drittel so hoch wie ein Pferd</em>. Gleichzeitig schätzte
-der englische Nationalökonom William Petty den Wert eines Menschen auf
-2888 Taler. Das waren allerdings auch Engländer!<a id="FNAnker_123" href="#Fussnote_123" class="fnanchor">[122]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Eines schönen Tages im Herbste des Jahres 1906 begegnete ein Hauptmann
-auf der Landstraße in der Nähe Berlins einer vom Schießen heimkehrenden
-Soldatentruppe. Er hielt sie an, hieß sie umkehren und mit ihm nach
-Köpenick marschieren, wo er mit Unterstützung der requirierten
-Polizei das Rathaus umstellen ließ. Dann begab er sich mit zwei Mann
-zum Bürgermeister, nahm auf Grund einer gefälschten allerhöchsten
-Kabinettsorder eine Visitation der Stadtkasse vor, ließ sich den Betrag
-von 4000 Mark auszahlen, quittierte, verhaftete den Bürgermeister mit
-dem Kassenrendanten und ließ sie per Wagen nach Berlin transportieren.</p>
-
-<p>Der Bürgermeister ist veritabler Reserveoffizier, der „Hauptmann“
-seines Zeichens Schuster, der lange Jahre seines Lebens hinter
-Gefängnismauern zugebracht hatte. Daß eine Militärbehörde gegen
-einen Bürgermeister als Zivilbeamten keine Maßregeln ergreifen kann,
-bedenkt er nicht. Es hätte auch wenig genützt, denn wie die Soldaten
-bei der Gerichtsverhandlung<span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[S. 114]</span> bekunden, hätten sie auf einen Wink des
-„Hauptmanns“ hin den Vater der Stadt mit ihren Bajonetten durchbohrt.
-Niemandem war es aufgefallen, daß der „Hauptmann“ alt und schäbig
-aussah, niemandem, daß er unvorschriftsmäßig gekleidet war und in
-Mütze statt im Helm seine Visitation vornahm. Keinem der Soldaten war
-es eingefallen, den wildfremden Offizier nach seiner Legitimation zu
-befragen. Ganz Europa lachte.</p>
-
-<p>Welches <em class="gesperrt">Ansehen</em> muß der Militärstand in einem Lande besitzen,
-daß so etwas möglich ist! Daß eine Uniform allein genügt, eine ganze
-Stadt mitten im tiefsten Frieden zu alarmieren, die höchsten Behörden
-widerstandslos zu verhaften! Daß alle diese Maßnahmen ungesetzlich
-waren, wußte man natürlich auch in Köpenick, aber der Zauber der
-Uniform brachte jede Regung der Vernunft zum Schweigen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wie mag die Zukunft darüber urteilen, daß die großen Militärmächte
-Europas durch ihre Offiziere <em class="gesperrt">die Armeen anderer Staaten reformieren
-lassen</em>? Im Chinafeldzuge 1900 hatte der Feind unser verbessertes
-Gewehr System 88, das deutsche Seitengewehr vom gleichen Jahre,
-Prismen-Entfernungsmesser, Ferngläser usw., manöverierte nach deutschen
-Signalen und bewies fast deutsche Disziplin<a id="FNAnker_124" href="#Fussnote_124" class="fnanchor">[123]</a>.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[S. 115]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Sechster_Abschnitt"><span class="s5">Sechster Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Ehe</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Erst seit dem 8. Jahrhundert verlangte die Kirche Vollziehung der
-Trauungszeremonie durch einen Geistlichen, aber noch bis etwa 1300
-wurden Bauernhochzeiten ohne priesterliche Assistenz in Deutschland
-gefeiert. Zur Zeit der Minnesinger war es noch nicht feststehende
-Sitte, die Trauung in der Kirche vorzunehmen<a id="FNAnker_125" href="#Fussnote_125" class="fnanchor">[124]</a>. Es genügte, wenn die
-Brautleute sich vor glaubwürdigen Zeugen die Ehe versprachen. Diese
-Zivilehe, die bald vollzogen wurde, wurde für rechtsgültig angesehen.</p>
-
-<p>Eine wichtige Zeremonie war die des <em class="gesperrt">Beilagers</em>, von der auch bei
-<em class="gesperrt">Kindern</em> nicht Abstand genommen wurde. Als die Tochter König
-Rudolfs von Habsburg, Guote, den König Wenzel von Böhmen heiratet,
-legte man beide Kinder die Nacht über zueinander, wiewohl &ndash; so
-berichtet der Chronist Ottokar von Steier CLXXIV &ndash; sie von ihren
-Puppen, er von seinen Falken erzählte<a id="FNAnker_126" href="#Fussnote_126" class="fnanchor">[125]</a>.</p>
-
-<p class="mtop2">Als Kaiser Friedrich III. mit der reizenden 16jährigen Eleonore von
-Portugal am 22. März des Jahres 1452 zu Neapel die Ehe vollzog &ndash; die
-Trauung<span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[S. 116]</span> durch den Papst war bereits am 16. des Monats erfolgt &ndash; gab
-es nicht geringe Schwierigkeiten. Friedrich hatte sich nämlich diesen
-feierlichen Akt für Deutschland aufsparen wollen. Nach langem Sträuben
-gab er endlich nach. Gerührt durch die Trauer Leonorens, die fürchtete,
-ihm nicht zu gefallen, und bewogen durch König Alfonso, der ihm klar
-machte, daß es viel einfacher sei, seine Nichte gleich hier zu lassen,
-wenn er nicht befriedigt sei, als sie aus Deutschland zurückzuschicken.
-Er ließ das Lager herrichten, legte sich darauf und ließ sich Leonore
-in die Arme legen, dann wurde in Anwesenheit des Hofstaates über sie
-eine Decke gezogen. Es blieb aber bei einem Kusse. Auch waren beide
-in den Kleidern und standen unverzüglich auf. Die portugiesischen
-Hofdamen fürchteten (oder hofften?), als sie das Überziehen der Decke
-und die ernste Wendung, die die Sache anzunehmen schien, sahen, daß
-es doch etwas shoking würde und kreischten. König Alfonso aber sah
-mit sichtlichem Ergötzen lächelnd der Zeremonie zu. In der folgenden
-Nacht wurde das Versäumte nachgeholt, und das junge Paar begab sich
-zu Bett &ndash; jedenfalls unbekleidet, da das damals üblich war &ndash; aber
-nicht in das priesterlich geweihte, das die Portugiesinnen hatten
-herrichten lassen, sondern da Friedrich Gift oder Zauber fürchtete, in
-ein anderes. Aber das ging nicht so glatt, denn die Kaiserin, die sich
-schon zu Bette begeben hatte, wollte trotz dreimaliger Aufforderung
-Friedrichs nicht ins andere Bett, in dem der Kaiser lag. Sie werde es
-halten, wie es Brauch sei. Die Männer müßten zu den Frauen kommen und
-nicht umgekehrt. Der Kaiser<span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[S. 117]</span> verfügte sich dann zu ihr und zog sie an
-der Hand ins unverdächtige Bett.<a id="FNAnker_127" href="#Fussnote_127" class="fnanchor">[126]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wie die Ehe durch Prokuration geschlossen wurde, beschreibt der
-Chronist Jakob Unrest wie folgt: „Kunig Maximilian schickte seiner
-diener ainenn genannt Herbolo von Polhaim gen Brittania zu empfahn die
-kunigliche prawt, der war in der stadt Remis (Reims) erlichn empfanngn,
-und deselbst beslieff der von Polhaim die kunigliche prawt, als der
-fursten gewohnhait ist, das ihre sendpotten die furstlichn prawt mit
-ainem gewaptn man mit dem rechtn arm, und mit dem rechtn fues plos,
-und ain plos swert darzwischn gelegt, beschlaffen. Also habn dy alltn
-furstn gethan, und ist noch die gewohnhait“.<a id="FNAnker_128" href="#Fussnote_128" class="fnanchor">[127]</a></p>
-
-<p>Es handelt sich hier um die 1491 geschlossene Ehe Maximilians I.
-mit der Anna von Bretagne. Übrigens wurde sie niemals vollzogen, da
-der König Karl VIII. von Frankreich die Braut seines Rivalen trotz
-des gewährten freien Geleites <em class="gesperrt">gefangen setzte</em> und <em class="gesperrt">selber
-heiratete</em>. Die reiche Erbschaft schien ihm diesen Ehe- und
-Wortbruch zu rechtfertigen. Bekanntlich ließ Maximilian sich diesen
-Schimpf nicht gefallen und erklärte den Krieg.</p>
-
-<p>Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde vom deutschen Fürstenrecht
-ähnliches gefordert. Man legte das junge Paar nach der Trauung im
-Beisein des Hofes in das Paradebett, das im Speisesaal hergerichtet
-war. Dabei wurden Konfitüren und süßer<span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[S. 118]</span> Wein gereicht. Dann nahm man
-das Paradebett auseinander und führte die Neuvermählten unter Pauken-
-und Trompetenschall an die fürstliche Tafel.<a id="FNAnker_129" href="#Fussnote_129" class="fnanchor">[128]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Erbaulich ging es bei der Verlobung der hl. Elisabeth her. Der
-Patriarch von Aquileja, Berthold, ein Bruder der ungarischen Königin
-Gertrud, schändete eine Gräfin. Da er sich durch Abreise der Rache
-ihres Gemahles entzieht, dringt dieser in das Schlafgemach der Königin
-ein und hängt sie, im Glauben sie sei mitschuldig, auf.<a id="FNAnker_130" href="#Fussnote_130" class="fnanchor">[129]</a></p>
-
-<p>Trotz der Sittenlosigkeit des deutschen Mittelalters, das sich aber
-stets der Verwerflichkeit des Ehebruches bewußt blieb, war der gereizte
-Ehemann sehr unbequem. Der Verführer hatte auf alle Fälle sein Leben
-verwirkt, in der Regel wurde er verbrannt, oft ging es ihm noch
-schlimmer. Die beiden Schwiegertöchter Philipps III. von Frankreich,
-Margarethe, Gemahlin des Kronprinzen, und Blanche, die des Grafen de
-la Marche, wurden geschoren und zu ewigem Gefängnis verurteilt. Ihre
-Liebhaber Philipp und Gautier d’Aulnai öffentlich geschunden, kastriert
-und gehängt.</p>
-
-<p>Nicht geringe Unbequemlichkeiten hatte nach Thietmar von Merseburg ein
-Ehebruch bei den Slawen in der heutigen Lausitz im Gefolge.</p>
-
-<p>„Wenn unter ihnen einer sich erfrecht fremde Ehefrauen zu mißbrauchen
-oder Hurerei zu treiben, so muß er sofort folgende Strafe erdulden: Er
-wird<span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[S. 119]</span> auf die Marktbrücke geführt und ihm durch den Hodensack ein Nagel
-geschlagen; dann legt man ein Schermesser neben ihn hin und läßt ihm
-die harte Wahl, dort auf dem Platz sich zu verbluten, oder sich durch
-Ablösung jener Teile zu befreien“. Der ertappten Frau ging es nicht
-viel besser. „Wenn eine Buhlerin ertappt wurde, dann wurde sie mit der
-entehrenden und erbärmlichen Strafe belegt, an ihren Genitalien ringsum
-beschnitten zu werden. Dieses Präputium &ndash; wenn man den Ausdruck dafür
-gebrauchen kann &ndash; wurde an ihrer <em class="gesperrt">Haustüre aufgehängt</em>, damit
-der Blick des Eintretenden darauf falle und er in Zukunft um so mehr
-bedacht und vorsichtig wäre.“ Zur Zeit der Väter, sagt Thietmar, wurde
-die Frau enthauptet.<a id="FNAnker_131" href="#Fussnote_131" class="fnanchor">[130]</a></p>
-
-<p>Eine ähnliche Geschichte erzählt der Chronist Matthäus Parisiensis,
-Mönch von St. Alban in England: Johannes Brito ertappte 1248 einen
-vornehmen Ritter namens Godefridus de Millers bei seiner Tochter,
-schlug ihn, hing ihn mit gespreizten Beinen an die Balken, machte
-ihn zum Kapaun und warf ihn halbtot hinaus. Dafür wurde er &ndash; zumal
-er es einem sehr galanten Geistlichen gerade so machte &ndash; auf ewig
-verbannt. Der König aber bestimmt, und das gibt diesem Falle seine
-kulturhistorische Bedeutung: hinfort sei diese Verstümmelung verboten,
-<em class="gesperrt">es sei denn als Vergeltung für den Ehebruch der eigenen Frau</em>!</p>
-
-<p>Das Mainzer Stadtrecht befiehlt als Strafe für Juden, die sich mit
-Christenfrauen fleischlich ver<span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[S. 120]</span>gingen: „da sol man dem Juden sein Ding
-abesniden und ein Aug ausstechen“. Übrigens ließ noch im Jahre 1545 ein
-Edelmann in der Wetterau seinen Schalksknecht kastrieren<a id="FNAnker_132" href="#Fussnote_132" class="fnanchor">[131]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Zahlreich sind die Fälle, in denen der Mann die im Ehebruch ertappte
-Frau tötet. Aus Brantôme geht hervor, daß das im Frankreich des 16.
-Jahrhunderts gar keine Seltenheit war.<a id="FNAnker_133" href="#Fussnote_133" class="fnanchor">[132]</a> Auch in Deutschland
-war es in dieser Zeit noch gesetzlich zulässig. Z. B. heißt es im
-Frankenhauser Stat. von 1558: „Ob einer einen Andern bei seinem
-elichen Weibe nackend und bloß <em class="gesperrt">in einem Bette</em> hete befunden und
-in zorniger weise zufiele und den selbigen tod schlüge, <em class="gesperrt">der ist
-unstreflich</em>“.<a id="FNAnker_134" href="#Fussnote_134" class="fnanchor">[133]</a> In der Zimmerischen Chronik (II, S. 523 f.)
-wird von einem Kaufmann erzählt, der seinen Schreiber mit seiner Frau
-im Bade findet &ndash; merkwürdigerweise scheint die Badewanne damals bei
-galanten Tete-a-tetes sich besonderer Bevorzugung erfreut zu haben &ndash;
-und ihn tot schlägt: „Die obrigkait nam sich der sachen weiter nit an,
-dieweil der schreiber an der thatt ergriffen“. Das war in Konstanz.
-„Solch strigeln im badt biß auf den todt ist bei wenig jaren davor ain
-pfaffen zu Zürich auch begegnet, der ist auch dermaßen von aim burger
-daselb im badt beim weib ergriffen worden“. Sehr ergötzlich ist die
-Geschichte, die sich 1532 in Oberndorf zutrug (ebenda III, S. 65 ff.),
-wo ein ertappter Pfaffe mit zusammengebundenen Vieren zum Fenster
-hinausgehängt wird. Merkwürdigerweise wird in der Regel die Frau wieder
-in Gnaden aufgenommen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[S. 121]</span></p>
-
-<p>Besonders Fürstlichkeiten mußten oft Damen heiraten, die sie nie
-gesehen hatten. Um nun nicht mit einem Scheusal hereinzufallen,
-schickten sie Gesandte oder ihren Hofmaler auf die Brautwerbung. Als
-1161 der griechische Kaiser Manuel um Milisendis, Schwester des Grafen
-von Tripolis, werben läßt, müssen die Gesandten sich genau nach ihrer
-Körperbeschaffenheit erkundigen oder, wie es in der altfranzösischen
-Übersetzung dieser Stelle heißt: sie wollten sie oft reden hören und
-ließen sie <em class="gesperrt">ganz entkleidet vor sich hin und her gehen</em>.</p>
-
-<p>Noch im 18. Jahrhundert wurde in Frankreich jede Verlobte eines
-Prinzen vor der Verheiratung durch seine weiblichen Anverwandten einer
-körperlichen Untersuchung unterzogen.<a id="FNAnker_135" href="#Fussnote_135" class="fnanchor">[134]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Daß die Frauen von ihrem Manne geschlagen wurden, selbst mit einem
-Knüttel, war im frühen Mittelalter so gang und gäbe und galt für so
-wenig unpassend, daß es selbst in den Ritterromanen häufig erwähnt
-wird.<a id="FNAnker_136" href="#Fussnote_136" class="fnanchor">[135]</a> Sogar Siegfried hat Krimhilde tüchtig verprügelt, als sie
-die Brunhilde durch ihre Rede verletzt hatte (Nib. XV, 894). In Bayern
-hat erst die Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches, 1900, das
-leichte Züchtigungsrecht des Ehegatten beseitigt.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wer der Treue seiner Frau nicht sicher war, legte ihr schon im 13.
-Jahrhundert einen <em class="gesperrt">Keuschheitsgürtel</em> an, von dem sich Modelle
-im Museum<span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[S. 122]</span> schlesischer Altertümer in Breslau, im Schloß Erbach im
-Odenwald &ndash; hier gleich zwei Exemplare &ndash; im Museum des Arsenals in
-Venedig, im Museum zu Poitiers, im Toussaud-Museum in London, in der
-Sammlung Pachinger in Linz, im Clunymuseum zu Paris und wohl auch noch
-anderwärts erhalten haben. Allerdings war der mißtrauische Ehemann
-nicht sicher, daß der Händler nicht einen Nachschlüssel der Gattin oder
-ihrem Liebhaber einhändigte.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wie Graf Zimmern erzählt,<a id="FNAnker_137" href="#Fussnote_137" class="fnanchor">[136]</a> gab es in Sachsen und den Niederlanden
-eine eigentümliche Sitte, „<em class="gesperrt">Beischlafen auf Glauben</em>“, „was
-doch wider alle vernunft ist, auch vil huren und dorechter weiber
-gemacht hat. Man sagt ain guten Schwank von aim edelman in Niderlanden
-oder Westphalen, ain Horst, dem ist auch ain solliche ehr mit ainer
-jungfrawen angethon und uf glauben zugelegt worden. Als ihm nun nachs
-die Keuz anfahen steigen, do hat er die jungfrawen anfahen zu begreifen
-und mit ihr zu sprachen. sie hats alles von ime gelitten und vergut
-gehaht, one das er ir nit underhalb der gurtel oder weiche greif. nun
-parlamentirt er lang mit ir, vermaint, sie zu bereden, aber sie war
-ganz standthaft und sagt im mit kurzen worten, er sollt darvon sten,
-dann sie wurde im underthalb der Gurtel nichts verwilligen.“</p>
-
-<p>Merkwürdige Anschauungen von Jungfräulichkeit herrschten in der
-Grafschaft Sponheim unter dem gewöhnlichen Volke seit den ältesten
-Zeiten. Zimmern<span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[S. 123]</span> erzählt darüber (III, S. 279 f.): „Wann ain junger
-gesell sich verheiraten will und umb eine wurbdt, so mueß zuvor er irer
-freundschaft burgen (Bürgen) setzen, das er ain hertbarer gesell seie
-(das sein die verba formalia) das ist sovil, das er wol hasplen kundt
-uf der betziehen. dargegen aber so muß im der hochzeiterna freuntschaft
-verburgen, das iren dochter oder verwantin ein <em class="gesperrt">raine jungfraw</em>
-seie; <em class="gesperrt">iedoch dingen sie darbei uß drei stuck</em>, nemlich
-Kinderspill, als wann die halbgewachsne kinder mit ainander sich paren
-und gaupen; item hurtenscheden, was hunder den zeunen oder dergleichen
-Orten sich ongeferdt begibt, und dann hew- oder kornbaren, das wurt
-insonderhait ußgedingt; dann wie baldt het am strohalm an sollichem ort
-ain schaden gethon? fur diese drei scheden verspricht man keinem, und
-da sie gleich ain guet zeit im beßenreis umbgeloffen, so mueß doch der
-guet narr schweigen und zufrieden sein.“ Unter diesen Umständen war es
-allerdings in Sponheim nicht schwer, als Jungfrau zu gelten. Ja, ja,
-keusch waren unsere Vorfahren!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Noch gegen Ende des 16. Jahrhunderts herrscht, noch dazu in höfischen
-Kreisen, eine ähnlich laxe Sitte. Der schlesische Ritter Hans von
-Schweinichen weiß darüber in seinen „Denkwürdigkeiten“ (S. 38 f.) zu
-erzählen:</p>
-
-<p>Im Jahre 1573 reist er nach Lüneburg zu Herzog Heinrich. Nach dem
-Abendessen wird getanzt und die <em class="gesperrt">Hofgesellschaft</em> zieht sich
-von der Reise er<span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[S. 124]</span>müdet zurück. „Die einheimischen junker verloren
-sich auch, sowohl die jungfrauen, daß also auf die letzte nicht mehr
-als zwo Jungfern und ein Junker bei mir blieben, welcher einen tanz
-anfing. Dem folget ich nach. Es währet nicht lange, mein guter Freund
-wischt mit der Jungfer in die Kammer, so an der Stuben war, ich hinter
-ihm hernach. Wie wir in die Kammer kommen, liegen zwei Junkern mit
-Jungfrauen im Bette; dieser, der mit mir vortanzet, fiel sammt der
-Jungfer auch in ein Bette. Ich fraget die Jungfrau, mit der ich tanzet,
-was wir machen wollten. Auf Mecklenburgisch so saget sie, <em class="gesperrt">ich
-sollt mich zu ihr in ihr Bette auch legen</em>; dazu ich mich nicht
-lange bitten ließ, leget mich mit Mantel und Kleidern, ingleichen die
-Jungfrau auch, und reden also bis vollend zu Tag, jedoch <em class="gesperrt">in allen
-Ehren</em>. Auf den Morgen hat ich das Beste, daß ich der Längest wär
-auf dem Platz gewesen, gethan, und ich hatte es am besten verricht. Kam
-derwegen beim Frauenzimmer in groß Gunst. Das heißen sie <em class="gesperrt">auf Treu
-und Glauben beischlafen</em>; aber ich acht mich solches Beiliegen nicht
-mehr, denn Treu und Glauben möchte zu ein Schelmen werden.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das Jus primae noctis ist dokumentarisch nachweisbar bis zur Mitte des
-16. Jahrhunderts. Ein Gesetz vom Jahre 1538 im Kanton Zürich lautet:
-„Ouch hand die burger die rechtung, wer der ist, der uf den gütern,
-die in den Kelnhof gehörend, die erste nacht bi sinem wibe ligen wil,
-die er nüwlich zu der<span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[S. 125]</span> ee genommen hat, <em class="gesperrt">der sol den obgenanten
-burger vogt dieselben ersten nacht bi demselben sinen wibe lassen
-ligen</em>.“ Der Bräutigam hatte allerdings das Recht, mit Geld seine
-Braut freizukaufen. Auch die hohe grundbesitzende <em class="gesperrt">Geistlichkeit</em>
-beanspruchte das jus primae noctis, wohl allerdings mehr als weiteres
-Mittel, die Untergebenen zu schröpfen, als um das Recht auszuüben.
-Nach dem Lagerbuche des schwäbischen Klosters Adelberg vom Jahre 1496
-mußten die zu Bortlingen sitzenden Leibeigenen das Recht dadurch
-ablösen, daß der Bräutigam eine Scheibe Holz, die Braut ein Pfund
-sieben Schillinge Heller oder eine Pfanne, „<em class="gesperrt">daß sie mit dem Hinteren
-darein sitzen kann oder mag</em>“, darbrachten. Der Maßstab, den die
-geistlichen Herren anzulegen beliebten, spricht Bände! Anderwärts
-konnten die Bräute sich loskaufen, indem sie dem Grundherrn so viel
-Käse oder Butter entrichteten „<em class="gesperrt">als dick und schwer ihr Hinterteil
-war</em>“<a id="FNAnker_138" href="#Fussnote_138" class="fnanchor">[137]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Sehr verständig, wenn auch für uns befremdend genug, ist Luthers
-Ansicht, die er im Traktat „Vom ehelichen Leben“ niederlegt: „Wenn
-ein tüchtig Weib zur Ehe einen untüchtigen Mann überkäme und könnte
-doch keinen anderen öffentlich nehmen und wollte auch nicht gern wider
-Ehre tun, soll sie zu ihrem Mann also sagen: Siehe lieber Mann, du
-kannst mein nicht schuldig werden und hast mich und meinen jungen
-Leib betrogen, dazu in Gefahr der Ehre und Seligkeit bracht, und ist
-für Gott keine Ehe zwischen uns beiden, vergönne mir, daß ich mit
-<em class="gesperrt">deinem<span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[S. 126]</span> Bruder oder nächsten Freund</em> eine heimliche Ehe habe und
-du den Namen habst, auf daß dein Gut nicht an fremde Erben komme, und
-laß dich wiederum williglich betrügen durch mich, wie du mich ohne
-deinen Willen betrogen hast.“ <em class="gesperrt">Der Mann hat nach Luther die Pflicht,
-diese Bitte zu erfüllen</em>; will er nicht, so darf er nicht böse sein,
-wenn die Frau von ihm läuft<a id="FNAnker_139" href="#Fussnote_139" class="fnanchor">[138]</a>.</p>
-
-<p>Das Recht der Frau auf die ehelichen Freuden war gesetzlich garantiert.
-Besonders in Westfalen war man augenscheinlich sehr besorgt, daß die
-bessere Hälfte nicht zu kurz käme. In erster Linie muß der Nachbar
-des untauglichen Ehemannes aushelfen. In der Landfeste von Hattingen
-heißt es: „Da ein Mann wäre, der seinem rechten Weibe ihr frauliches
-Recht nicht tun könne, so soll er sie sachte auf den Rücken nehmen
-und tragen über neun Zäune und setze sie dort vorsichtig nieder, ohne
-Stoßen, Schlagen, Werfen und ohne bösen Worte, rufe alsdann seine
-<em class="gesperrt">Nachbarn</em> an, daß sie ihm <em class="gesperrt">seines Weibes Not wehren helfen</em>.
-Und wenn dann seine Nachbarn das nicht tun wollen oder können, so soll
-er sie senden auf die nächste Kirchweih in der Nähe, und daß sie dort
-‚sich seiwerlich zumache und zehrung habe‘, hänge er ihr einen mit
-Geld gespickten Beutel auf die Seite. Kommt sie von dorther wieder
-ungeholfen, dann helfe ihr der Teufel.“</p>
-
-<p>War der Frau glücklich „geholfen“ worden, dann &ndash; so bestimmt das
-Benker Heidenrecht (III, 42) „soll er sie wieder nehmen, sie wieder
-tragen nach<span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[S. 127]</span> Haus und setzen sie sacht nieder und ihr ein gebratenes
-Huhn und eine Kanne Wein vorstellen<a id="FNAnker_140" href="#Fussnote_140" class="fnanchor">[139]</a>.“</p>
-
-<p>Nach dem Bochumer Landrecht (III, 70) mußte der Mann die Frau über die
-Zäune tragen, dort fünf Stunden lang <em class="gesperrt">um Hilfe rufen</em>, nützte das
-nicht, dann sollte er sie im neuen Kleid mit Geld versehen auf einen
-Jahrmarkt schicken. Blieb auch das erfolglos, dann mögen ihr „thausend
-düffel“ helfen.</p>
-
-<p>So fremdartig uns diese Bestimmungen anmuten, so sind sie es doch mehr
-wegen ihres Symbolismus als wegen des Grundgedankens, der unendlich
-viel verständiger ist, als der in unserer Gesetzgebung, der Impotenz
-zwar als Scheidungsgrund gelten läßt, aber dem geschädigten Ehegatten
-kein Vorrecht einräumt. In Österreich gar mit seiner hochwohlweisen
-Ehegesetzgebung kann sich zwar die Ehefrau scheiden lassen, aber
-<em class="gesperrt">heiraten darf sie nicht mehr, so lange der Mann lebt</em>. Allerdings
-hat sich das Leben seit je über diese papierne Feigenblattmoral
-hinweggesetzt.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Nach dem heute in Österreich gültigen Eherecht sind aber nicht nur
-die katholischen Ehegatten bis zum Tode aneinander gebunden, sondern
-es wird auch das Band der Ehe für ganz ebenso unauflösbar erklärt,
-„<em class="gesperrt">wenn auch nur ein Teil</em> schon zur Zeit der geschlossenen
-Ehe der <em class="gesperrt">katholischen Religion zugetan war</em>“. Also auch der
-<em class="gesperrt">akatholische Teil</em> muß die Folgen einer Ehe mit einem Katholiken
-sein<span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[S. 128]</span> ganzes Leben lang tragen! Dieser im § 111 des Bürgerlichen
-Gesetzbuches festgehaltene Grundsatz wurde durch Einwirkung des
-österreichischen Episkopates in den Jahren 1814 und 1835 noch weiter
-verschärft, indem auch nicht nur getrennten Akatholiken die Ehe mit
-Katholiken untersagt wurde, sondern auch für sie selbst, falls sie etwa
-vor oder nach der Trennung ihrer akatholischen Ehe zum Katholizismus
-übertraten, sogar das Band ihrer bereits <em class="gesperrt">getrennten Ehe</em>
-dergestalt <em class="gesperrt">wieder wirksam wurde</em>, daß ihnen bei Lebzeiten des
-früheren Ehegatten jede Wiederverheiratung untersagt wird.</p>
-
-<p>Mehr als das: der oberste österreichische Gerichtshof nimmt den
-nach Wahrmund ungesetzlichen Standpunkt ein, daß selbst die im
-Auslande geschlossenen Ehen akatholischer Ausländer wegen angeblichen
-Ehehindernisses des Katholizismus ex officio für ungültig erklärt
-werden müssen, wenn ein oder der andere Eheteil <em class="gesperrt">vordem einmal
-Katholik gewesen war</em>!</p>
-
-<p>Das Merkwürdigste dabei ist, daß Christus, wie Wahrmund nachweist,
-sowenig wie die ganze Antike, von einer unbedingten Unauflöslichkeit
-der Ehe etwas wußte<a id="FNAnker_141" href="#Fussnote_141" class="fnanchor">[140]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Um die furchtbaren Menschenverluste des Dreißigjährigen Krieges besser
-ausgleichen zu können, wurde u.&nbsp;a. am 14. Februar 1650 vom fränkischen
-Kreistag in Nürnberg folgender Beschluß gefaßt: „.. (es) seinds auff
-Deliberation und Berathschlagung folgende 3 Mittel vor die bequemste
-und beyträglichste erachtet und allerseits beliebt worden. 1. Sollen
-hinfüro innerhalb<span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[S. 129]</span> den nechsten 10 Jahren von Junger mannschaft oder
-Mannßpersonen, so noch unter 60 Jahren sein, in die Klöster ufzunemmen
-verbotten, vor das 2te denen Letzigen Priestern, Pfarrherrn, so
-nicht ordersleuth, oder auff den Stifftern Canonicaten sich Ehelich
-zu verheyrathen; 3. <em class="gesperrt">Jedem Mannßpersonen 2 Weiber zu heyrathen
-erlaubt sein</em>: dabey doch alle und jede Mannßperson ernstlich
-erinnert, auch auf den Kanzeln öffters ermahnth werden sollen, sich
-dergestalten hierinnen zu verhalten und vorzusehen, daß er sich völlig
-und gebürender Discretion und versorg befleiße, damit Er als ein
-Ehrlicher Mann, der ihn 2 Weiber zu nemmen getraut, beede Ehefrauen
-nicht allein nothwendig versorge, sondern auch under ihm allen Unwillen
-verhüette“<a id="FNAnker_142" href="#Fussnote_142" class="fnanchor">[141]</a>.</p>
-
-<p>Im 138. Band der Preußischen Jahrbücher macht unter dem Pseudonym
-eines Professor Dr. Robert Hoeniger ein allzu bescheidener Forscher
-eine großartige Entdeckung! Der Geist treibt ihn zu „beweisen“, daß
-die bekannten Plünderungsszenen Callots aus dem 30jährigen Kriege
-ebenso, wie die Beschreibung einer Plünderung in Grimmelshausens
-Simplicissimus nicht etwa so zu verstehen seien, daß bei <em class="gesperrt">jeder</em>
-Plünderung <em class="gesperrt">gleichzeitig</em> im <em class="gesperrt">selben</em> Zimmer geraubt,
-gestohlen, genotzüchtigt, gemordet, brandgelegt usw. worden sei &ndash;
-wie wir ahnungslosen Gemüter bisher glaubten &ndash; sondern daß hier
-zusammengezogen sei, was sich an verschiedenen Orten begeben habe.
-Daraus folgert er, daß der Dreißigjährige Krieg gar nicht so schlimm
-war. Obige Notiz erklärt er, allerdings ohne Beweis für &ndash; einen Witz!
-Dieser<span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[S. 130]</span> tiefbohrende Forscher hat auch endlich die „Kultur-Kuriosa“
-richtig erkannt (S. 418 Anm.) als „kritiklose Sammlung alles Unrats
-und Unflats“. Dafür sei ihm hiermit die Unsterblichkeit der Fliege
-im Bernstein verliehen. Leider kann ich für den modernen Kopernikus
-augenblicklich nicht mehr tun.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Es war im hohen Mittelalter Sitte, daß nach der Hochzeit das Brautpaar
-mit den Gästen ins Badehaus ging, um ein <em class="gesperrt">gemeinsames Brautbad</em>
-zu nehmen, <em class="gesperrt">wobei die Geschlechter nicht getrennt waren</em>. Wie es
-dabei noch nach der so sittlich wirkenden Gegenreformation zuging,
-lehrt das Zittauer Ratsedikt von 1616: „Als denn vormals dy jungen
-Gesellen nach dem bade widir (wider) gute sitten in badekappin und
-barschenckicht (mit bloßen Schenkeln) getanzt haben, wil der Rath das
-fortureh (hinfort) kein mans bild in badekappin oder barschinckicht
-tanzen solle“<a id="FNAnker_143" href="#Fussnote_143" class="fnanchor">[142]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Daß die Kirche, trotz des sakramentalen Charakters der Ehe und ihrer
-prätendierten Unauflöslichkeit bei Personen, die mächtig genug
-waren, vom Prinzip abstand, daß andrerseits zu allen Zeiten, auch
-im frühen Mittelalter gegenüber seiner unbeschreiblichen Angst vor
-den Höllenstrafen die gewissen Freuden des Diesseits nicht selten
-siegten, mag nach der einen oder andren Seite hin, aus folgenden Fällen
-hervorgehen:</p>
-
-<p>Lothar II. verstieß 860 seine Gemahlin Theutberga, um seine Geliebte
-Waldrada zu ehelichen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[S. 131]</span></p>
-
-<p>Kaiser Friedrich I., Barbarossa, ließ sich von Anna von Vohburg unter
-dem Vorwande scheiden, sie sei unfruchtbar. In zweiter Ehe mit einem
-einfachen Adeligen hatte sie aber Kinder.</p>
-
-<p>König Ottokar von Böhmen ließ sich 1261 von Margarete, Tochter Leopolds
-VI. von Österreich, scheiden.</p>
-
-<p>Ludwig von Brandenburg, Sohn Ludwigs des Bayern, heiratete Margareta
-Maultasch, die Erbin von Tirol, nachdem sie von ihrem Mann, Johann
-Heinrich, Sohn des Königs von Böhmen, 1341 geschieden war.</p>
-
-<p>König Ladislaus von Sizilien verstieß seine Gemahlin Konstanze
-Chiaramonte 1392 und heiratete 1402 Maria von Lusignan. Seine erste
-Gemahlin aber gab er dem Andrea di Capua, Conte d’Altaville gegen
-seinen Willen zur Frau<a id="FNAnker_144" href="#Fussnote_144" class="fnanchor">[143]</a>.</p>
-
-<p>Clemens VI. bestätigte die unkanonische Ehe Johannas von Neapel mit
-dem Prinzen von Tarent im Jahre 1348. Und das wiewohl die Königin im
-begründeten Verdacht stand, ihren ersten Gemahl ermordet zu haben.
-Allerdings machte sich diese Milde bezahlt, denn Johanna verkaufte
-Avignon am 8. Juni des gleichen Jahres an den Papst um die kleine Summe
-von 80000 Goldgulden<a id="FNAnker_145" href="#Fussnote_145" class="fnanchor">[144]</a>.</p>
-
-<p>Die Äußerung König Alfonsos des Großen von Neapel Kaiser Friedrich
-III. gegenüber, er solle lieber in Neapel das Beilager mit Leonore
-von Portugal halten, als in Deutschland, um sie, falls er von ihren
-körperlichen Reizen nicht befriedigt sei, gleich bei ihm lassen
-zu können, beweist hinlänglich, daß zu allen Zeiten der Mächtige
-nach Belieben verfahren konnte. Allgemein bekannt ist auch Luthers
-Einwilligung zur Doppelehe des Landgrafen von Hessen<a id="FNAnker_146" href="#Fussnote_146" class="fnanchor">[145]</a>.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[S. 132]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Siebenter_Abschnitt"><span class="s5">Siebenter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Sittlichkeit</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Der hl. Hieronymus († 420) erzählt uns, daß zu seiner Zeit in Gallien
-noch <em class="gesperrt">Menschenfresserei</em> existierte. In seiner Schrift gegen
-Jovinian (II, 7) schreibt er nach Harnack: „Was soll ich von anderen
-Völkerschaften sagen, da ich doch selbst als Jüngling in Gallien
-die Attikoten, einen britannischen Stamm, <em class="gesperrt">Menschenfleisch habe
-essen sehen</em>. Wenn sie in den Wäldern auf Schweine-, Rindvieh-
-und Schafherden stoßen, schneiden sie den Kindern und den Weibern
-die Hinterbacken und Brüste ab und halten diese für einen köstlichen
-Schmauß.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>König Chlodwig verleitete den Chloderich, seinen Vater, König Siegbert,
-zu ermorden. Nach Ausführung dieser Bluttat sollten die Schätze des
-Ermordeten geteilt werden. Als der Sohn den Kopf in die Schatztruhe
-steckte, erschlug ihn einer von Chlodwigs Leuten mit der Axt. Zwar
-beteuerte Chlodwig<span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[S. 133]</span> seine Unschuld am Ende Siegberts, setzte sich aber
-in den Besitz seiner ganzen Hinterlassenschaft. Als er den Fürsten
-von Cambrai, Ragnachar, und dessen Bruder Richar gefangen genommen
-hatte, schlug er den ersteren mit seiner Streitaxt nieder, unter der
-Motivierung, er habe durch seine Feigheit das königliche Geschlecht
-entehrt. Dann tötete er auch den Richar, weil er seinem Bruder nicht
-genügend Beistand geleistet habe. Von diesem König Chlodwig, der
-bekanntlich das Christentum annahm, schreibt der fromme Bischof Gregor
-von Tour: „Gott aber warf Tag für Tag seine Feinde vor ihm zu Boden und
-vermehrte sein Reich, darum daß er <em class="gesperrt">rechten Herzens vor ihm wandelte
-und tat, was seinen Augen wohlgefällig</em> war.“<a id="FNAnker_147" href="#Fussnote_147" class="fnanchor">[146]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im 9. Jahrhundert wurden <em class="gesperrt">drei deutsche Kaiserinnen</em>, Judith,
-Gemahlin Ludwigs des Frommen, Richenta, Gemahlin Karls des Dicken, und
-Ota, Gemahlin Arnulfs des <em class="gesperrt">Ehebruchs</em> angeklagt. Bekanntlich ging
-es Kunigunde, Gemahlin Heinrichs II., nicht besser. Bekannt ist auch
-das lockere Leben der Töchter Karls des Großen; sogar sein Freund und
-Biograph Einhard berührt im 19. Kapitel diesen Punkt. Karls Tochter
-Hruotrud hatte vom Grafen Rorich einen illegitimen Sohn Ludwig, seine
-zweite Tochter Bertha gebar dem Abt Angilbert zwei Söhne außer der Ehe.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Thietmar von Merseburg, ein Bischof, der zu Beginn des 11. Jahrhunderts
-sein berühmtes Geschichts<span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[S. 134]</span>werk verfaßte, lobt eine Matrone
-ausdrücklich, weil sie nicht sei wie die anderen Frauen. „Denn diese
-zeigen größtenteils, indem sie einzelne Teile ihres Körpers auf eine
-unanständige Weise entblößen, allen Liebhabern ganz offen, was an ihnen
-feil ist, und wandeln, obwohl das ein Greuel vor Gott und eine Schande
-vor der Welt ist, ohne alle Scham allem Volke zur Schau einher. Es
-ist schlimm und höchst beklagenswert, daß kein Sünder im Verborgenen
-bleiben will, sondern daß alle, den Guten zum Ärgernis, den Bösen zum
-Beispiel, stets öffentlich hervorzutreten trachten<a id="FNAnker_148" href="#Fussnote_148" class="fnanchor">[147]</a>.“</p>
-
-<p>Gleich im nächsten Kapitel wird von einer <em class="gesperrt">Nonne</em> Mathilde,
-Tochter des Markgrafen Thiederich erzählt, die einen Slaven
-<em class="gesperrt">heiratet</em>, gebiert dann einem andern einen Sohn, wird aber
-trotzdem <em class="gesperrt">Äbtissin</em> in Magdeburg!</p>
-
-<p>„In unseren Tagen, in denen die Freiheit zu sündigen mehr als je
-ganz schrankenlos herrscht, treiben außer der Menge der verführten
-Mädchen selbst noch gar manche verheiratete Frauen, denen geile Lust
-den verderblichen Kitzel anreizt, Ehebruch und zwar noch zu Lebzeiten
-ihres Mannes. Und damit nicht zufrieden überliefert manche noch,
-indem sie ihren Buhlen heimlich dazu antreibt, ihren Ehemann der Hand
-des Mörders, den sie darauf &ndash; ein böses Beispiel für die übrigen &ndash;
-öffentlich zu sich nimmt und mit ihm, wie schändlich! nach vollem
-Belieben buhlt. Ihr rechtmäßiger Ehegemahl wird<span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[S. 135]</span> verschmäht und
-zurückgestoßen und sein Vasall ihm vorgezogen. Weil dergleichen nicht
-mit schweren Strafen verfolgt wird, so wird es, befürchte ich, von Tag
-zu Tag von vielen als eine neue Mode mehr gepflegt werden<a id="FNAnker_149" href="#Fussnote_149" class="fnanchor">[148]</a>.“</p>
-
-<p>So sah es also ums Jahr 1000 bei unsern keuschen Ahnfrauen aus!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die in der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts dichtende fromme Nonne
-Roswitha von Gandersheim hatte die Absicht, die unsittlichen
-heidnischen Schriften zu verdrängen. Das hindert sie aber nicht, uns in
-Bordelle zu führen, den Versuch eines Liebhabers, seine tote Geliebte
-zu mißbrauchen, anzudeuten und in Marterszenen zu schwelgen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Fragment „de rebus Alsaticis“ heißt es: „Um das Jahr 1200 hatten
-auch die <em class="gesperrt">Priester</em> ziemlich allgemein <em class="gesperrt">Beischläferinnen, weil
-gewöhnlich die Bauern sie selbst dazu antrieben</em>. Dieselben sagten
-nämlich: Enthaltsam wird der Priester nicht sein können; es ist darum
-besser, daß er ein Weib für sich hat, als daß er mit den Weibern aller
-sich zu schaffen macht.“ Ob die Bauern unrecht hatten?</p>
-
-<p>Daß das Konkubinat nichts Anstößiges war, geht aus den Worten des
-Caesarius von Heisterbach hervor, der von einem Mönch erzählt, der
-Pfarrer wurde:<span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[S. 136]</span> „Er nahm, wie das bei vielen <em class="gesperrt">Sitte</em> ist, eine
-<em class="gesperrt">Beischläferin</em> ins Haus, mit der er auch Kinder hatte.“ Schon
-um 1200 hielt man im Bistum Salzburg denjenigen Geistlichen für einen
-<em class="gesperrt">Heiligen</em>, der sich mit <em class="gesperrt">einer</em> Konkubine behalf<a id="FNAnker_150" href="#Fussnote_150" class="fnanchor">[149]</a>!</p>
-
-<p>Der Bischof Heinrich von Basel (1213&ndash;1238) „hinterließ bei seinem Tode
-zwanzig vaterlose Kinder ihren Müttern“.</p>
-
-<p>Bischof Heinrich von Lüttich, der vom Konzil von Lüttich abgesetzt
-wurde und am 6. September 1281 seinen Nachfolger ermordete, hatte 61
-Kinder.</p>
-
-<p>Schon die Synode von Mainz hatte unter dem Vorsitz des Rhabanus Maurus
-im Jahre 852 zur Steuerung des sittlichen Verfalls bestimmt, daß jeder
-Mann vor der Ehe <em class="gesperrt">eine</em> Konkubine haben dürfe<a id="FNAnker_151" href="#Fussnote_151" class="fnanchor">[150]</a>.</p>
-
-<p>Noch nach der Gegenreformation mit ihrer zweifellos die Sitten hebenden
-Wirkung war das nichts ungewöhnliches, wie u.&nbsp;a. aus Johann von Wedels
-ganz beiläufigen Bemerkung hervorgeht: „In den Ehestand hat er sich
-nicht begeben, weil er den <em class="gesperrt">bischöflichen</em> Stand geführet und im
-<em class="gesperrt">Konkubinat</em> unehlich sein Leben führen <em class="gesperrt">müssen</em>“<a id="FNAnker_152" href="#Fussnote_152" class="fnanchor">[151]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Vom Kloster Wolverhampton schreibt Petrus Blesensis: „Sie lebten
-öffentlich und offenkundig in Unzucht und rühmten sich ihrer Sünde
-wie Sodom, und im Angesichte der öffentlichen Schande nahmen sie
-einer des andern Tochter oder Nichte zur Frau.<span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[S. 137]</span> Und so groß war die
-verwandtschaftliche Verschwägerung unter ihnen, daß keiner imstande
-war, ihre abscheulichen Verbindungen zu lösen.“</p>
-
-<p>„Canonici und Ritter machten sich mit den edel geborenen Nonnen zu
-schaffen.“ Das war schon im 11. Jahrhundert nichts Seltenes. In einem
-Brief beschuldigt sogar die Geistlichkeit der Domkirche zu Bamberg
-eine Äbtissin, <em class="gesperrt">sie habe ihre Nonnen so Mangel leiden lassen,
-daß sie durch Liebesverhältnisse sich ihren Unterhalt verschaffen
-mußten</em><a id="FNAnker_153" href="#Fussnote_153" class="fnanchor">[152]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In den Dekretalien des Bischofs Burchard von Worms (1000&ndash;1025) finden
-wir u.&nbsp;a. (ed. Paris 1549 p. 277) folgende Stelle:</p>
-
-<p>„Hast du dir, wie es manche Frauen zu tun pflegen, so eine Vorrichtung
-oder einen Apparat in Form des männlichen Gliedes angefertigt nach
-Maßgabe deiner Wünsche, und ihn an der Stelle deiner Schamteile oder
-abwechselnd (alternis) mit einigen Bändern hingebunden und mit anderen
-Weibern Unzucht getrieben oder taten es andere mit dem gleichen
-Instrument oder mit einem andern mit dir? Wenn du es getan hast, sollst
-du fünf Jahre lang an den gesetzlichen Feiertagen Buße tun.</p>
-
-<p>Hast du, wie es manche Frauen zu tun pflegen, mit der vorgenannten
-Vorrichtung oder irgendeinem anderen Apparat selbst mit dir allein
-Unzucht getrieben? Tatest du es, dann sollst du ein Jahr lang an den
-gesetzlichen Feiertagen Buße tun.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[S. 138]</span></p>
-
-<p>Tatest du, was manche Frauen zu tun pflegen, wenn sie die sie quälende
-Geilheit löschen wollen, die sich vereinen und gleichsam den Beischlaf
-ausüben müssen und es können, indem sie miteinander ihre Genitalien
-vereinen und indem sie sich so an einander reiben ihr Jucken zu stillen
-trachten? Tatest du es, dann sollst du drei vierzigtägige Fasten lang
-während der gesetzlichen Feiertage Buße tun.“</p>
-
-<p>Das spricht nicht für die Sittenreinheit unserer vielgepriesenen Ahnen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Tribadinnen wurden schon im 13. Jahrhundert erwähnt, besonders in den
-Nonnenklöstern. Bereits im 11. Jahrhundert spielten die Lustknaben
-in England geradezu eine Rolle, und besonders in Klöstern wurde der
-widernatürlichen Unzucht gefrönt. Dieses uns aus den Vorgängen der
-Jahre 1907 und 1908 ja genügend bekannte Laster war zur Ritterzeit
-so verbreitet, daß ein Mann, der nicht sofort bereit war, weiblichem
-Entgegenkommen Folge zu leisten, Gefahr lief, sich in den Verdacht der
-„Ketzerei“ zu setzen. Daran änderte auch die Todesstrafe durch Feuer
-nichts, die z.&nbsp;B. König Rudolf 1277 über einen Ritter Haspinperch nach
-den Baseler Annalen verhängte.</p>
-
-<p>Einen Gedanken, der anläßlich des Harden-Moltkeprozesses oft genug
-ausgesprochen wurde, äußert bereits Jacques de Vitry († etwa 1240)
-gelegentlich seiner Schilderung des Treibens in Paris: „Eine
-einfache Unzucht hielten sie für keine Sünde; öffentliche Dirnen
-schleppten überall auf den Gassen und Straßen<span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[S. 139]</span> die vorübergehenden
-<em class="gesperrt">Geistlichen</em> in ihre <em class="gesperrt">Bordelle</em>. Und wenn diese etwa
-einzutreten sich weigerten, so riefen sie gleich den Schimpfnamen
-‚Sodomit‘ hinter ihnen her. Denn dies ekelhafte und abscheuliche Laster
-hatte wie ein unheilbarer Aussatz oder ein verderbliches Gift in <em class="gesperrt">dem
-Grade die Stadt ergriffen, daß es für anständig galt, sich eine oder
-mehrere Mätressen zu halten</em>. Ja, in ein und demselben Hause waren
-<em class="gesperrt">oben die Schulzimmer, unten die Behausungen der Dirnen</em>; im
-oberen Geschoß lasen die Magister, im unteren trieben die Dirnen ihr
-schmähliches Gewerbe“<a id="FNAnker_154" href="#Fussnote_154" class="fnanchor">[153]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wer zur Ritterzeit ein Weib mit Gewalt sich zu Willen machte, wurde
-mit dem Tode bestraft, in England gar geblendet und entmannt. <em class="gesperrt">König
-Adolf von Nassau</em> wurde unter anderem abgesetzt, weil er sich
-derartige Gewalttaten, die recht häufig waren, hatte zuschulden kommen
-lassen. In diesem Punkte waren eben die Untertanen immer kitzlich, und
-Machiavelli, sonst gewiß nicht schüchtern, ermahnt deshalb im Principe
-ausdrücklich den Landesherren, sich etwas zu menagieren.</p>
-
-<p>Mag die Höhe der Strafe bei Gewalttaten auch befremden, die Tatsache
-der schweren Sühne ist gewiß kein Kuriosum, wohl aber sind es die
-Ausnahmen; im Kriege <em class="gesperrt">gefangene Weiber</em>, ja, <em class="gesperrt">reisende
-Damen</em>, deren Ritter man im ehrlichen Kampfe besiegt hatte, durfte
-man <em class="gesperrt">mit Gewalt sich gefügig machen</em>, wenn es auch nicht für sehr
-chevaleresque galt<a id="FNAnker_155" href="#Fussnote_155" class="fnanchor">[154]</a>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[S. 140]</span></p>
-
-<p>Die Geliebte des Ritters (Amie) ist geradezu gesetzlich anerkannt;
-sie genoß alle möglichen Ehren, begleitete ihren Freund auf Turniere
-und wurde von anderen Frauen keineswegs geringschätzig behandelt. Ihr
-gegenüber durfte der Liebhaber nicht Gewalt anwenden<a id="FNAnker_156" href="#Fussnote_156" class="fnanchor">[155]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Während das ganze Mittelalter hindurch ein außerehelicher Verkehr
-für ganz und gar nicht unsittlich galt, ging zur Ritterzeit das
-Edelfräulein, das vor der Ehe Kinder hat oder sich gegen die
-Keuschheitstugend vergeht, jedes Anspruchs auf ihr Erbteil verlustig.
-Wenigstens nach den Establissements de Saint Louis, livre I, chap. XII,
-wo es heißt: „Gentisfame, quand elle a eu enfans, ains que’elle soit
-mariagée, ou quand elle se faitdepuceler, elle perd son heritage par
-droit, quand elle en est prouvée“<a id="FNAnker_157" href="#Fussnote_157" class="fnanchor">[156]</a>.</p>
-
-<p>Was die Folgen betrifft, so scheint man allerdings bereits im 11.
-Jahrhundert dagegen Vorkehrungen getroffen zu haben. Wenigstens wird
-von der Gräfin Clementia von Flandern berichtet, sie habe, als sie
-binnen drei Jahren ihrem Manne drei Söhne geboren hatte, aus Furcht,
-sie würden um das Land in Streit geraten, „durch Frauenkünste“ bewirkt,
-daß sie nicht mehr Mutter wurde. Natürlich wurde sie dafür von Gott
-dadurch bestraft, daß ihr alle Söhne lange vor ihrem Tode entrissen
-wurden<a id="FNAnker_158" href="#Fussnote_158" class="fnanchor">[157]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Zu dem 1394 in Frankfurt gehaltenen Reichstage waren den Fürsten und
-Herren mehr als achthundert<span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[S. 141]</span> Freudenmädchen nachgefolgt. Als in den
-Jahren 1414 bis 1418 in Konstanz die große <em class="gesperrt">Kirchenversammlung</em>
-tagte, waren dort etwa 1500 <em class="gesperrt">Dirnen</em> anwesend. Sie kamen auch
-auf ihre Kosten, wenigstens wird von einer berichtet, sie habe sich
-achthundert Goldgulden erworben<a id="FNAnker_159" href="#Fussnote_159" class="fnanchor">[158]</a>.</p>
-
-<p>Auf dem Reichstage von 1521 in Worms ging es „<em class="gesperrt">ganz auf Römisch</em>
-(das läßt tief blicken!) zu mit Morden und Stehlen, und schöne Frauen
-(d.&nbsp;h. feile Dirnen) saßen alle Gassen voll, es war ein solch Wesen wie
-in Frau Venus Berg.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als König Sigismund im Jahre 1414 mit achthundert Pferden nach Bern
-kam, um daselbst einige Tage zu verweilen, hatte der Stadtrat eine
-zarte Aufmerksamkeit ausgedacht: Er befahl nämlich den Insassinnen der
-Frauenhäuser, alle Herren vom Hofe freundlich und <em class="gesperrt">unentgeltlich</em>
-zu empfangen, und er selbst bezahlte nachher die Dämchen statt des
-Königs und seines Gefolges. <em class="gesperrt">Sigismund aber rühmte laut diese
-Zuvorkommenheit des Magistrates</em>! Zwanzig Jahre später besuchte
-Sigismund als Kaiser mit seinem Gefolge das Frauenhaus in Ulm, und der
-Magistrat bezahlte die Kosten der <em class="gesperrt">Festbeleuchtung</em>. Im Jahre 1435
-ließ der Wiener Stadtrat gelegentlich Sigismunds Besuch die Dirnen der
-beiden Frauenhäuser mit <em class="gesperrt">Samtkleidern versehen</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[S. 142]</span></p>
-
-<p>Als 1450 eine von Friedrich III. nach Neapel geschickte österreichische
-Gesandtschaft dort erschien, wurde sie in ähnlicher Weise geehrt: „In
-allen Städten und Kastellen waren die Türen der Häuser offen, Streu
-und Heu zugerichtet; was jeder haben wollte, das gab man ihm; die
-Frauen im Frauenhause waren alle bestellt, <em class="gesperrt">durften keinen Pfennig
-annehmen</em>, weil alles nur auf einen Rabisch geschnitten wurde (d.&nbsp;h.
-auf dasselbe Kerbholz); da fand man Mohrinnen und sonst schöne Frauen,
-so daß es eine Lust war.“</p>
-
-<p>Nicht Ehrenjungfrauen, sondern das <em class="gesperrt">Gegenteil</em> empfingen mit
-Blumen im Mittelalter am Stadttor den einziehenden Monarchen. Es war
-für anständige Frauen zu bedenklich, mit dem Herrscher und seinem
-Gefolge in Berührung zu kommen. Da Ferdinand I. ein sittenstrenger Mann
-war, war bei seinem Einzug in Wien 1522 diese Vorsicht nicht nötig, und
-die Dirnen blieben zu Hause.</p>
-
-<p>Als Kaiser Maximilian 1512 in Regensburg einzog, kam eine ganze Anzahl
-ausgewiesener liederlicher Frauenzimmer, sich am Saum seines Kleides
-und am Schweif des Rosses haltend und vom alten Schutzrecht des Königs
-Gebrauch machend, wieder in die Stadt.</p>
-
-<p>Als 1557 in Frankfurt ein Fürstentag abgehalten wurde, zog der Rat
-in Erwägung, ob nicht „zu Verhütung allerlei Unrats“ das Frauenhaus
-geschlossen bleiben solle! Hierzu ist zu berücksichtigen, daß mit der
-Reformation und Gegenreformation, vor allem<span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[S. 143]</span> aber seit dem Auftreten
-der Syphilis im Beginn des 16. Jahrhunderts die Sittlichkeit sich
-unbedingt gehoben hatte.</p>
-
-<p>In Ulm gingen um 1527 selbst verheiratete Frauen mitunter ins
-Frauenhaus.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ein <em class="gesperrt">Abgeordneter</em>, den im Jahre 1446 der Rat von Frankfurt nach
-Köln schickte, führte in seiner <em class="gesperrt">Kostenberechnung</em> auch die
-Ausgabe für den <em class="gesperrt">Besuch des Frauenhauses</em> auf<a id="FNAnker_160" href="#Fussnote_160" class="fnanchor">[159]</a>.</p>
-
-<p>Der Beamte, der in Straßburg die von einem Frauenhause zu zahlenden
-Gelder zu erheben hatte, schrieb in sein Rechenbuch auch die Worte
-ein: „<em class="gesperrt">Hab a gebickt, thut 30 Pfennig</em>“. Bicken ist der im Elsaß
-gebräuchliche Ausdruck für die Tätigkeit, um derentwillen man das
-Frauenhaus aufsuchte<a id="FNAnker_161" href="#Fussnote_161" class="fnanchor">[160]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das non olet war den Frauenhäusern gegenüber stark ausgeprägt.
-<em class="gesperrt">Bischöfe bezogen Einkünfte aus ihnen</em>, und der <em class="gesperrt">Papst</em> soll
-gar im 16. Jahrhundert mitunter 20000 Dukaten eingenommen haben! In
-Frankfurt zahlte der Rat bis 1561 aus dem Ertrag der Frauenhäuser an
-der Mainzer Pforte einen Grundzins an das Leonhardstift.</p>
-
-<p>Sogar als <em class="gesperrt">Lehen</em> wurden <em class="gesperrt">Frauenhäuser vergeben</em>, von
-Fürsten, Bischöfen, ja selbst vom Reich!<span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[S. 144]</span> Der Bischof von Würzburg
-belehnte am Ende des Mittelalters die Grafen von Henneberg als
-Marschälle des Bistums mit dem Würzburger Frauenhause. In Ober-Ehenheim
-wurde noch 1577 Michael Kuhle vom Kaiser mit dem Frauenhause belehnt,
-und die Grafen von Pappenheim bezogen bis 1614 ein Schutzgeld von
-den fremden Krämern, Fechtern, Spielleuten und den „unzüchtigen
-Weibern“.<a id="FNAnker_162" href="#Fussnote_162" class="fnanchor">[161]</a></p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Domdechant</em> von Würzburg besaß noch 1544 das Recht, daß
-das Dorf Martinsheim ihm auf <em class="gesperrt">Verlangen eine „schöne Frau“ liefern
-mußte</em><a id="FNAnker_163" href="#Fussnote_163" class="fnanchor">[162]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als der Rat von Schaffhausen den benachbarten Edelleuten im Jahre 1527
-ein Fastnachtsfest gab, wurden auch feile Dirnen zugezogen<a id="FNAnker_164" href="#Fussnote_164" class="fnanchor">[163]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wie sehr die Geistlichkeit neben dem Seelenheil auf körperliche
-Wohlfahrt von jeher bedacht war, folgt aus der niedlichen Tatsache, daß
-bereits im Jahre 1347 in Avignon, bekanntlich der damaligen päpstlichen
-Residenzstadt, eine <em class="gesperrt">wöchentliche Untersuchung der Dirnen</em> durch
-einen Wundarzt vorgeschrieben war. Erst ein ganzes Jahrhundert später
-läßt sich eine ähnliche Maßnahme in Ulm nachweisen<a id="FNAnker_165" href="#Fussnote_165" class="fnanchor">[164]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Eine sehr humane Bestimmung findet sich überall: Daß unter keinen
-Umständen, auch nicht wegen Schulden, die Dirne am Austritt aus dem
-Bordell<span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[S. 145]</span> und an der Aufgabe des bisherigen Lebenswandels verhindert
-werden durfte. Auch der Kirchenbesuch mußte ihnen jederzeit gestattet
-werden<a id="FNAnker_166" href="#Fussnote_166" class="fnanchor">[165]</a>.</p>
-
-<p>Entgegen den sonst herrschenden Gesetzen, die den Dirnen das Tragen
-von kostbaren Kleidern und Schmuck verboten, erließ der Züricher
-Bürgermeister Waldmann 1485 die entgegengesetzte Bestimmung: <em class="gesperrt">nur
-sie durften uneingeschränkt Putz tragen</em>. Damit hoffte er auf den
-Kleiderluxus der ehrbaren Frauen einzuwirken<a id="FNAnker_167" href="#Fussnote_167" class="fnanchor">[166]</a>. Übrigens gab es in
-Venedig ein ähnliches Gesetz.</p>
-
-<p>Die Kirche erklärte es als ein <em class="gesperrt">Verdienst, Dirnen zu
-heiraten</em><a id="FNAnker_168" href="#Fussnote_168" class="fnanchor">[167]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als der junge Heinrich von England 1431 in Paris einzog, machte der Zug
-in der St. Denysstraße vor einem Brunnen halt, in dessen Bassin <em class="gesperrt">drei
-nackte junge Mädchen</em> umherschwammen. Aus der Mitte dieses Brunnens
-wuchs ein Lilienstengel empor, dessen Knospen und Blumen Ströme von
-Milch und Wein entsandten. Den bigotten Ludwig XI. empfing man 30 Jahre
-später mit dem gleichen Schauspiel in den Mauern seiner Residenz. In
-Lille wurde Karl dem Kühnen von Burgund die Ehre zuteil, vor einer
-ungeheuren Zuschauermenge das Urteil des Paris an drei lediglich
-mit dem Mantel der christlichen Nächstenliebe bekleideten Grazien
-wiederholen zu dürfen<a id="FNAnker_169" href="#Fussnote_169" class="fnanchor">[168]</a>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[S. 146]</span></p>
-
-<p>Als sich Kaiser Friedrich III. 1471 in Nürnberg aufhielt, schlugen
-eines Tages, als er vom Kornhaus kam, „zwo hurn“ eine lange silberne
-Kette um ihn, aus der er sich mit einem Gulden lösen mußte. Ehe er
-seine Herberge erreichte, wiederholte sich dies Spiel nochmals<a id="FNAnker_170" href="#Fussnote_170" class="fnanchor">[169]</a>.</p>
-
-<p>Im Jahre 1492 sprach eine getaufte Jüdin in Basel öffentlich aus, es
-gäbe keine fromme Jungfrau und Ehefrau in der Stadt, und wenn man
-eine solche finden wolle, so müsse man sie in der Wiege suchen. Sie
-ließ sich lieber ewig aus der Stadt verbannen, als diese Anklage
-zurückzunehmen<a id="FNAnker_171" href="#Fussnote_171" class="fnanchor">[170]</a>.</p>
-
-<p>In Regensburg beklagte sich 1512 die Besitzerin des <em class="gesperrt">Frauenhauses</em>
-schriftlich beim Rat über den Eintrag, den sie in ihrem Gewerbe
-erleide. Zur Fastenzeit würden in <em class="gesperrt">Klöstern</em> und bei
-<em class="gesperrt">Weltgeistlichen Dirnen beherbergt</em>, um die gesetzliche Abgabe von
-ihrem Gewerbe zu ersparen. Sie hatte die Dreistigkeit mit den Worten zu
-schließen: „Ich will geschweigen der Frauen, die fromm Ehemann haben
-und leider auch viel Abenteuer treiben.“</p>
-
-<p>Selbst 12jährige Knaben besuchten am Ende des Mittelalters, d.&nbsp;h. zur
-Reformationszeit &ndash; wirklich beendet wurde das Mittelalter erst durch
-die französische Revolution &ndash; das Frauenhaus, und zwar anscheinend
-gar nicht selten. In Ulm beschloß der Rat 1527, Knaben von 12&ndash;14
-Jahren in die Frauenhäuser nicht mehr einzulassen, sondern mit Ruten
-hinauszujagen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[S. 147]</span></p>
-
-<p>Die Sittenlosigkeit des mittelalterlichen Klerus spottet jeder
-Beschreibung. In <em class="gesperrt">Nördlingen wagte</em> im Jahre 1472 z.&nbsp;B. <em class="gesperrt">der
-Magistrat nicht in seiner Frauenhausordnung die Zulassung von
-Geistlichen zu verbieten</em>, sondern beschränkte sich darauf, zu
-untersagen, daß sie eine ganze Nacht darin blieben!</p>
-
-<p>Als man 1526 in Nürnberg das <em class="gesperrt">Klarissinnenkloster</em> aufhob, lief
-ein Teil der Laienschwestern unmittelbar in die <em class="gesperrt">Frauenhäuser</em>!
-Die Klarissinnenklöster waren eigentlich zur Minderung der Unzucht
-und zur Rettung gefallener Mädchen gestiftet worden! Verordnungen
-der Städte, die die Insassen und Insassinnen der Klöster zur Zucht
-ermahnten, waren an der Tagesordnung.</p>
-
-<p>Im 16. Jahrhundert hatte nach Sleidanus und Fra Paolo in der
-Schweiz jeder Priester seine <em class="gesperrt">Konkubine</em>, und zwar soll ein
-eidgenössisches <em class="gesperrt">Gesetz</em> allen <em class="gesperrt">Priestern</em> zur Sicherstellung
-der ehrbaren Frauen <em class="gesperrt">vorgeschrieben</em> haben, <em class="gesperrt">eine solche zu
-halten</em>.</p>
-
-<p>Im Jahre 1433 motivierte der Züricher Rat eine sittenpolizeiliche
-Maßnahme damit, daß Frauen und Männer, Pfaffen und Laien nachts
-vermummt auf den Straßen erschienen, „unter ihnen <em class="gesperrt">auch die Frau
-Äbtissin zum Frauenmünster</em> und ihre Jungfrau Ursula“.</p>
-
-<p>Daß Beginen die Konkubinen von Priestern waren, geschah so häufig,
-daß in einer Verordnung des Mainzer Erzbischofs Gerhard II. der Name<span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[S. 148]</span>
-<em class="gesperrt">Begine</em> für <em class="gesperrt">gleichbedeutend mit Pfaffenmagd</em> gebraucht wird.</p>
-
-<p>Für die sittliche Schätzung der Geistlichkeit spricht ein Eintrag im
-Bürgermeisterbuch Frankfurts von 1463, in dem „Pfaffen, pfaffenmede,
-horen, bubenknechte, bekynen“ zusammen genannt werden!!</p>
-
-<p>Die Moralität des Züricher Klerus war derart, daß der Rat im Jahre 1487
-gebot, Verführer von Mädchen dürften nicht mehr vor das geistliche
-Gericht geladen werden, sondern er selbst werde sie richten.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Freiherr von Zimmern erzählt in seiner Chronik (III, S. 69) vom
-Leben im Nonnenkloster Oberndorf im Tal folgendes: „Was für guet leben,
-sover anders das ür guet leben zu achten, in disem closter gewesen,
-ist sonderlich bei dem abzunemen, das vil adels ab dem Schwarzwaldt
-und am Necker in disem closter den ufritt gehapt, und het damals mit
-gueten ehren und der warhait <em class="gesperrt">vilmehr des adels hurhaus dann des
-adels spittal mögen genempt werden</em>. vor andern haben die von Ow,
-Rosenfeldt, Brandegk, Stain, Newneck vil gelts darin verthon, und hat
-dise hohe schuel bös ehemenner und unnutze kindsvätter geben. beschaint
-sich an dem, es sein uf am zeit vil vom adel und guet gesellen im
-closter gewesen, die haben ain abentdanz zimlich spat gehalten.
-hat sich mit fleis ohngefferdt begeben, <em class="gesperrt">das in allem danz die
-liechter sein verlescht worden. do ist ain wunderbarliches Blaterspill
-entstanden und sich menigclich anfahen zu paren</em>. under anderm<span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a>[S. 149]</span> ist
-versehen worden, daß die thurn (Türen) verhept und kain prinendt liecht
-in sal kommen, noch gelassen. und gleichwol alldo niemands verschonet
-worden, so hat sich doch niemands ob dem andern beclagt, allain ain
-edelman under dem haufen, dem ist in seim sinn ein widerwertiger casus
-begegnet, dann er in ainer ungeduld, wie er vermaint die zeit sei im
-zu kurz und man werd villeucht bald ain liecht einhertragen, überlaut
-geschreien: ‚lieben freundt, eilendt nit, <em class="gesperrt">lassendts noch einmal
-umbher geen! ich hab mein schwester erwuschet</em>‘. Nit mag ich wissen,
-was er hernach für ain gestin überkommen. es ist kain eilen bei inen
-gewesen, sondern haben inen gleichwol der weil gelassen.“ Damals ging
-dort alles hin, was man kaum für Unrecht hielt, und die Güter des
-Klosters mehrten sich infolgedessen.</p>
-
-<p>Zimmern sagt ausdrücklich, daß <em class="gesperrt">Nonnenklöster sehr häufig die
-Rolle von Bordellen spielten</em>, und zwar gilt dies noch vom 16.
-Jahrhundert. Natürlich kam das &ndash; außer bei den Eingeweihten &ndash;
-nur durch Zufall auf. So als in Straßburg nachts ein Blitz ins
-Frauenkloster einschlägt und die Bürger es gewaltsam öffnen, um das
-Feuer zu löschen. Da kam das nächtliche Treiben, das wohl fast überall
-herrschte, ans Licht. Zimmern schreibt darüber (III, S. 70):</p>
-
-<p>„Also hat man ain mansperson, gleichwol der jaren noch jung, <em class="gesperrt">auf
-einer closterfrawen im bet nackend gefunden</em>, die das wetter und
-der dunst baide erstecket. wie nun gleich hernach strenge inquisition
-gehalten, hat sich wahrhaftigclichen erfunden, das <em class="gesperrt">etlich mehr
-manspersonen im closter sich enthalten</em>, die doch bei<span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[S. 150]</span> zeiten darvon
-kammen. diese sein in der jugendt kindsweis in der umbtreibenden
-scheuben (gemeint ist die Drehscheibe, die zur Verhütung des
-Kindsmordes und um die abliefernden Eltern nicht erkennen zu können,
-an den Nonnenklöstern zur Deponierung der Findelkinder angebracht
-waren) ins closter gezogen worden, darin sie <em class="gesperrt">biß in ire manbare jar
-behalten und nach der haut sein gebraucht worden. ohne zweifel haben
-sie ir köstle wol verdienen</em> und an den alten, garstigen, stinkenden
-böcken ir junges leben, den leib und alle chreften verschinden muessen;
-dann under anderm herfurkomen, das die eltesten under inen in disem
-tahl die prerogativ oder preminenz gehapt, die jungern aber, die der
-arbait villeucht baß werd gewesen, haben die weil fasten muesen und
-sich ander closterarbait behelfen.“ <em class="gesperrt">Bei solchen Klöstern befanden
-sich Weiher, die nicht abgelassen werden durften, damit man die dort
-versenkten Kinderleichen nicht fand.</em></p>
-
-<p>Aus dem Kloster Heistal bei Bregenz besuchte einst eine Nonne die
-Gräfin von Kirchberg. Nicht ohne Schalkhaftigkeit erzählt Zimmern von
-ihr (Chronik I, S. 330): „Dise guet closterfraw het wol kunden mit
-gueten ehren Eptissin oder <em class="gesperrt">mutter</em> im closter sein, und wer an
-ir der nam nit verloren gewesen. aber der sachen beschehen vil bei
-nechtlicher weil, darzu man nit gesicht, vil weniger soll hernach vil
-darvon gesagt werden.“</p>
-
-<p>Mag es auch Ausnahmen gegeben haben, die hier geschilderten Zustände
-werden von dem Katho<span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[S. 151]</span>liken Zimmern als Zeitgenossen ausdrücklich als
-die <em class="gesperrt">Regel</em> bezeichnet und über die Lässigkeit der Obrigkeit, die
-gerne die Augen zudrückt, Klage geführt.</p>
-
-<p>Der Adel suchte die Klöster zu Abenteuern auf und kam auch auf seine
-Rechnung, denn <em class="gesperrt">nicht genug damit, sich selbst zu prostituieren,
-verkuppelten die Nonnen auch vielfach andere Frauen, die dorthin zu
-Besuch kamen</em>. (Zimmern III. S. 70ff.)</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Geiler von Keisersberg, Prediger am Straßburger Münster, sagt in seinem
-1517 erschienenen „Brösamlin“ (fol. 10a) über die Nonnenklöster: „Ich
-weiß nicht, welches schier das best wer, <em class="gesperrt">ein tochter in ein semlich
-closter thuon oder in ein frawenhauß</em>. Wann warumb? ym closter ist
-sie ein huor, so ist sie dennocht ein gnadfrauw dartzuo; aber wer sie
-in dem frawenhuß, so schlüg man sie umb don grind und müst übel essen
-unnd trincken; man würff sie ein steg auff die ander ab; denn so sie
-gedechte, wer sie wer, unnd schlüg in sich selber, das sie in dem
-closter nit thuon. Gebst du deiner tochter ein man, du hertest, du
-fragtest, was ein man er were, was er hette, etc. Also wilt du dein
-tochter in ein closter thuon, so frag auch, was man für ein wesen füre.
-Du sihest wol, wa die thuren mit einem hanfstengel beschlossen seind,
-und wa da ist ein uß und yngon als in einer batstuben.“</p>
-
-<p>Wenn auch die Sittenprediger zu allen Zeiten über die unvergleichliche
-Verworfenheit ihrer Zeitgenossen gezetert haben<a id="FNAnker_172" href="#Fussnote_172" class="fnanchor">[171]</a>, so sind doch des
-Franzis<span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[S. 152]</span>kaners Thomas Murner Ansichten, die er in der Narrenbeschwörung
-XXXIX, 49 ausspricht, recht charakteristisch, weil sie zeigen, wie aus
-dem Schoße der Kirche selbst über das Treiben in den Nonnenklöstern
-geurteilt wurde.</p>
-
-<p>„Der sin kind nit vermähelen kan Und hat kein gelt ir nit zu geben, so
-muoß sie klösterlichen leben. (57) Wann sie dann zuo den jaren gat Und
-sich empfindt in irem stat Und sie der narr facht an zuo jucken, So
-laßt sie sich herumher bucken (deponere) Und fluocht dem vater underm
-grund, Das er sie nit versehen kunt, Und hette vil lieber ein armen
-man, Dann das sie wolt zuo metten gan. (67) Spricht man dann: Das ist
-nit recht; Du schendest do mit din frums geschlecht“, So antwurt sie
-gar bald und geschwind: „Ich wolt, das ich vierhundert kind Uf erden
-brecht, nun in zuo leid. Was stießens mich in dieses kleid! (86) Sie
-ist doch jung, recht oder alt, Wer die meisten kinder macht, Die würt
-aptissin hie geacht. (97) <em class="gesperrt">Die frowenkloster sind jetzt all Gemeiner
-edellüt spital.</em>“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Bezeichnend ist, daß die Inwohnerinnen des <em class="gesperrt">Frauenhauses</em> sich
-<em class="gesperrt">über die Konkurrenz der Klosterfrauen beklagten</em>! Hans Rosenplüt
-sagt darüber in der „XV. clagen“: „Die gemeynen weib clagen auch ir
-orden, Ir weyde sey vil zu mager worden. Die winkel weyber und die
-haußmeyde, die fretzen teglich ab ir weide... Auch clagen sie<span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[S. 153]</span> über die
-closterfrawen, Die können so hübschlich über die snur hauen, Wenn sie
-zu ader lassen oder paden, So haben sie junkhar Conraden geladen<a id="FNAnker_173" href="#Fussnote_173" class="fnanchor">[172]</a>.“</p>
-
-<p>Auch nach der Gegenreformation war in den Klöstern keine übermäßige
-Askese zu hause. Im St. Marienkloster zu Köln war es wenigstens
-noch 1576 recht fidel. Schweinichen erzählt davon in seinen
-„Denkwürdigkeiten“ (S. 108): „Darin hat es lauter Gräfin, Herren-
-und Adelstandes, und wenn sie aus der Kirchen kamen, <em class="gesperrt">legeten
-sie den Habit ab und trugen sich weltlichen, mochten auch daraus
-heiraten</em>... waren also lustig und guter Dinge mit den Nonnen,
-tanzten und trunken sehr... wurden danach so bekannt im Kloster, daß
-die eine Nonne, ein schön Mensch vom Adel, des Geschlechtes eine
-Reckin, <em class="gesperrt">ein klein Kindlein davon bracht</em>, weil wir noch zu Köln
-und im Lande herum waren.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">König Ludwig XV. von Frankreich besaß einen eigenen Beamten für
-das Arrangement seiner Orgien</em> in der Person des „Intendant des
-Menus-Plaisirs“ La Ferté<a id="FNAnker_174" href="#Fussnote_174" class="fnanchor">[173]</a>!</p>
-
-<p>Der berühmte Hirschgarten, jenes riesige Bordell, das die Marquise von
-Pompadour König Ludwig XV. einrichtete, und zwecks dessen Füllung im
-ganzen Lande Unterhändler tätig waren, um neue Schönheiten anzuwerben,
-hat wohl die riesigsten Summen verschlungen, die je ähnlichen
-Vergnügungen geopfert<span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[S. 154]</span> wurden. Man hat ausgerechnet, daß <em class="gesperrt">jede
-einzelne</em> dieser Dämchen den öffentlichen Schatz <em class="gesperrt">eine Million
-Livres gekostet habe</em>. In Summa dürfte der Hirschpark während der
-Zeit seines Bestehens <em class="gesperrt">eine Milliarde Livres</em> verschlungen haben,
-die selbstverständlich nicht der König aus seiner Privatschatulle,
-sondern das Volk zahlte. Bezeichnend ist die Erzählung Casanovas,
-daß den Hirschpark, in dem die tollsten Orgien gefeiert wurden, die
-sich vorstellen lassen, niemand besuchen durfte <em class="gesperrt">außer die bei Hofe
-vorgestellten Damen</em><a id="FNAnker_175" href="#Fussnote_175" class="fnanchor">[174]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Nach Polizeiberichten ist festgestellt, daß im Oktober 1793 alltäglich
-der Pariser Revolutionsgarten und namentlich die Galerien bei dem
-Theater Montansier mit ganz jungen Burschen und Mädchen im Alter von
-7&ndash;14 und 15 Jahren angefüllt waren, die sich fast öffentlich den
-Ausschweifungen der infamsten Unzucht hingaben. Dabei waren sie „fast
-nackt wie die Hand und boten den Vorübergehenden das entwürdigendste
-Schauspiel.“</p>
-
-<p>In derselben Zeit traten die berüchtigten pornologischen Klubs an
-die Öffentlichkeit und veranstalteten <em class="gesperrt">im Opernhaus nackte Bälle,
-bei denen nur das Gesicht maskiert war</em>. Die Zahl der täglichen
-Dirnenbälle stieg damals auf mehrere Hundert, auf denen die „Naktheiten
-der Griechen und Römer“ zur Schau getragen wurden, wo in 23 Theatern
-der Unzucht gefrönt wurde.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[S. 155]</span></p>
-
-<p>Paris hatte 1770 etwa 600000 Einwohner. Von diesen waren 20000 Dirnen.
-Während der Revolution stieg die Zahl der letzteren auf 30000.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wenn auch die Damen vom Ballett im allgemeinen nicht gegen den Vorwurf
-der Askese in Schutz genommen werden müssen, so ist doch folgende
-von Casanova erzählte Geschichte kennzeichnend für den Tiefstand der
-Moral im damaligen Paris. Casanova sah eines Tages beim Ballettmeister
-der Oper 5&ndash;6 junge Mädchen von 13&ndash;14 Jahren, sämtlich von ihren
-Müttern begleitet und von bescheidenem, feinem Wesen. Er sagte ihnen
-Schmeicheleien, die sie mit niedergeschlagenen Augen anhörten. Eine
-von ihnen beklagte sich über Kopfschmerzen. Während Casanova ihr sein
-Riechfläschchen bot, sagte eine ihrer Gefährtinnen: „Ohne Zweifel
-hast du schlecht geschlafen.“ „Nein, das ist es nicht,“ erwiderte die
-unschuldige Agnes, „ich glaube, ich bin in anderen Umständen.“</p>
-
-<p>Casanova war erstaunt, da er das junge Mädchen natürlich für eine
-Jungfrau gehalten hatte, und sagte: „Ich glaubte nicht, daß Madame
-verheiratet wären.“ Sie sah ihn einen Augenblick überrascht an.
-Dann wandte sie sich gegen ihre Gefährtin und beide lachten um die
-Wette<a id="FNAnker_176" href="#Fussnote_176" class="fnanchor">[175]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die damalige französische Dame betrachtete die respektvolle
-Zurückhaltung ihr gegenüber als eine ihren Reizen zugefügte
-<em class="gesperrt">Beleidigung</em><a id="FNAnker_177" href="#Fussnote_177" class="fnanchor">[176]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[S. 156]</span></p>
-
-<p>Der Klerus unterschied sich moralisch durchaus nicht von der übrigen
-Bevölkerung. Die bei der Erstürmung der Bastille 1789 gefundenen Akten
-über die Sittlichkeitsvergehen der Priester füllen zwei Bände! Ludwig
-XV. wurde <em class="gesperrt">jeden Morgen</em> über die Auffindung von <em class="gesperrt">Priestern in
-Pariser Bordellen</em> berichtet<a id="FNAnker_178" href="#Fussnote_178" class="fnanchor">[177]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Dafür verdanken wir heute den Klerikalen den famosen Entwurf, der unter
-dem Namen „Lex Heinze“ fortleben wird, und in den Nonnenklöstern müssen
-die jungen Mädchen <em class="gesperrt">im Hemd ins Bad gehen</em>. So tugendhaft sind wir
-jetzt!</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[S. 157]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Achter_Abschnitt"><span class="s5">Achter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Schicklichkeit und anderes</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Brantôme erzählt von einem französischen Prinzen, der häufig die
-<em class="gesperrt">Damen des Hofes</em> zu Festlichkeiten einlud. Dabei wurde ihnen der
-Wein in einem sehr schönen Becher von vergoldetem Silber gereicht,
-der über und über mit lasziven und erotischen Darstellungen bedeckt
-war. Die Damen hatten nun die Wahl, Durst zu leiden oder den Becher zu
-benutzen. Die Mehrzahl, auch junge Mädchen, amüsierten sich köstlich
-und führten an die Darstellungen anknüpfend die pikantesten Gespräche.
-Brantôme, der selbst als Augenzeuge wiederholt zugegen war und aus dem
-Becher trank, erzählt: „Bref, cent mille brocards et sornettes sur
-ce sujet s’entredonnoient les gentilshommes et dames ainsi à table,
-comme j’ay veu, que c’estoit une très-plaisante gausserie, et chose à
-voir et ouir; mais surtout, à mon gré, le plus et le meilleur estoit à
-contempler ces filles innocentes, ou qui feignoyent l’estre, et autres
-dames nouvellement venues, à tenir leur mine froide, riante du bout
-du nez et des lèvres, ou à se contraindre et faire des hypocrites,
-comme plusieurs dames en faisoyent le mesme. Et notez que, quand elles
-eussent deu mourir de soif, les sommelliers n’eussent osé leur donner
-à boire en<span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[S. 158]</span> une autre coupe ny verre. Et, qui plus est, juroyent
-aucunes, pour faire bon minois, qu’elles ne tourneroyent jamais à ces
-festins; <em class="gesperrt">mais elles ne lassoient pour cela à y tourner souvent</em>,
-car ce prince estoit très-splendide et friand. D’autres disoyent,
-quand on les convioit: „J’irai, mais en protestation qu’on ne nous
-baillera point à boire dans la coupe;“ et quand elles y estoient,
-elles y beuvoient plus que jamais. Enfin elles s’y avezarent si bien
-qu’elles ne firent plus de scrupule d’y boire; et si firent bien mieux
-aucunes, quelles se servirent de telles visions en temps et lieu; et,
-qui plus est, aucunes s’en desbauchèrent pour en faire l’essay; car
-<em class="gesperrt">toute personne d’esprit veut essayer tout</em>. Voilà les effets
-de cette belle coupe si bien histoirée. A quoy se faut imaginer les
-autres discourts, les songes, les mines et les paroles que celles dames
-disoyent et faisoyent entre elles, à part ou en compagnie<a id="FNAnker_179" href="#Fussnote_179" class="fnanchor">[178]</a>.“</p>
-
-<p>In der französischen Hofgesellschaft des 16. Jahrhunderts waren solche
-kleinen Scherze an der Tagesordnung. Brantôme erzählt in unmittelbarem
-Anschluß an diese Geschichte von einem schönen Bilde im Besitze des
-Grafen Chasteau-Vilain, auf dem unbekleidete Frauen in allen möglichen
-Stellungen und Beschäftigungen dargestellt waren derart, daß ein
-Asket in Wallung geraten wäre. Eine Anzahl Damen mit ihren Kavalieren
-besichtigten die Galerie und besonders dieses Gemälde sehr eingehend,
-und eine von hohem Rang wandte sich „comme enragée de cette rage
-d’amour“ zu ihrem Galan und sagte: „C’est trop demeuré icy: montons
-en carosse promptement,<span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[S. 159]</span> et allons en mon logis, car je ne puis plus
-contenir cette ardeur; il la faut aller esteindre: c’est trop bruslé.“
-„Et ainsi partit, et alla avec son serviteur prendre de cette bonne
-eau qui est si douce sans sucre, et que son serviteur luy donna de sa
-petite burette.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wie es im 16. Jahrhundert bisweilen in Deutschland bei Hofe zuging,
-lehrt die saftige Geschichte, die Zimmern in seiner Chronik (I, S.
-439) von der Herzoginwitwe von Rochlitz geb. Landgräfin von Hessen in
-Rochlitz erzählt. „Wie die Fraw gewesen, also auch das Frawenzimmer und
-ire Jungfrawen; daher sagt man als Marggraf Albrecht von Brandenburg in
-der schmalkaldischen Vechte von ir geen Rochlitz geladen, alda er auch
-gefangen, da haben seine Edelleut allerlei Kurzweil mit den Jungfrawen
-triben, under denen eine gewesen, die hat ein Edelman für sich uf den
-Schoß gesetzt und mit andern seinen Gesellen gespillt. Nit wais ich,
-wie es gangen, oder was sie für ain warme ader befonden, sie ist dem
-Edelman in der Schoß über sich gesprungen und gehotzet, sprechend: ‚Ei,
-er kutzelt mich.‘“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als Herzog Wilhelm von Gülch im Jahre 1540 die erst 12jährige Königin
-von Navarra in Chatellerault heiratete, sie aber zur Vollziehung der
-Ehe noch zu jung war, ließ, wie Zimmern erzählt (III, S. 343), König
-Franz ihm für die Brautnacht eine <em class="gesperrt">andere adelige Jungfrau</em>
-zuführen. „Man sagt,<span class="pagenum"><a id="Seite_160"></a>[S. 160]</span> der Herzog von Gülch hab des Kunigs Gnad mit
-Willen angenommen, auch sich die Nacht erwisen, <em class="gesperrt">darob die Kunigin
-von Navarra, sein Schwiger, und ir Dochter abnemen kunden, das er
-gentil compaignon seie</em>, und soll der Jungfrawen des Morgens
-ein Tausendt Guldin geschenkt haben. Die hets noch ein Monat also
-angenommen. Dieser Hurenhandel (anders kan ich in nit haißen) ward
-dozumal am Hof und menigclichem in Frankreich <em class="gesperrt">fur ein sondere
-gentilese gehalten</em>.“</p>
-
-<p>Auch hinter den Kulissen ging es nach demselben Gewährsmann fidel zu:
-„Hiebei kan ich nit underlassen zu vermelden, als der Herzog und die
-jung Kunigin mit der Deckin beschlagen warden und die Ceremonia mit dem
-Gesegnen und andern Solenniteten lang wereten, dowarden hiezwischen
-etliche große Frawen und Jungfrawen hünder den Tapissereien und
-courtines nach allem vorteil gepletzt; dann des Königs Söne und etliche
-Cardinal und Fursten halfen einander und sahe ie einer dem andern durch
-die Finger. Do must mancher gueter Gesell, der sein Weib, Schwester
-oder Döchter deren emden het, schweigen und verdrucken, war dennost
-fro, das er so wol daran war.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Daß man in Deutschland nicht gerade sehr zimperlich war, lehrt folgende
-Geschichte, die derselbe Zimmern erzählt: „In gleichem Fahl haben
-wir ein <em class="gesperrt">erbare und namhafte Matron zu Augspurg</em> kent, die hat
-offentlich in einem Panket zu Augspurk<span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[S. 161]</span> alle Schleckbißle und Wollust
-der Music und anders erzelt, ordentlich und mit sonderm Ufmerken der
-Zuhörer, und letstlich den Beschluß irer Rede ohne ainiche Schew deren
-gegenwurtigen angehankt: ‚Aber ein spanischer... ubertref solche
-Delicias alle mit ainandern.‘“ Zimmern (III, S. 385) setzt natürlich
-das richtige Wort.</p>
-
-<p>Mag man gegen diese Geschichte einwenden, sie sei ein einzelner Fall,
-also kein charakteristisches Kulturdokument, so ist dem entgegen zu
-halten &ndash; selbst wenn man den sonstigen Ton vieler Chroniken gar
-nicht in Rechnung setzen wollte &ndash; daß Zimmern ausdrücklich von einer
-„ehrbaren und namhaften Matron“ spricht.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ein Seitenstück ist folgende Erzählung Zimmerns: „Bei wenig jaren
-haben wir ain <em class="gesperrt">Closterfraw</em> zu Hapstal gehapt, ist ein Erkmenin
-gewesen, sie hat gehaisen..., die hat kains sollichen Instruments
-(wie Königin Marie, <em class="gesperrt">Schwester Kaiser Karls V.</em>, von der eine
-ähnliche Geschichte berichtet wird) bedorft, dann sie uf ain Zeit mit
-dem Hanns Wolfen von Zulnhart und Jacob Gremlichen von Meningen umb
-ain Gulden Wert Fisch verwettet, sie <em class="gesperrt">welle in ain klainen silbernin
-Becher</em>... (von mir ausgelassen!), <em class="gesperrt">das kain Dröplin neben ab
-gehen soll</em>; ist auch darauf <em class="gesperrt">in ir aller Beisein und Insehen
-uf ain Disch gestanden</em> und das, wie oblaut und sie sich ußgethan
-verricht, auch das Gewet damit gewonnen. Die andern Nunnen haben gleich
-die Fisch holen lassen und kochen, haben sich nider<span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[S. 162]</span>gesetzt zu Tisch
-und den Zulnhart und Gremlich dermaßen getrunken, das sie baid den
-selbig Tag mit Muhe ire Heuser wider erraicht.“ (III, S. 284.)</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Was im 16. Jahrhundert an deutschen Höfen alles passierte, erhellt
-unter anderem aus des schlesischen Ritters Hans von Schweinichen
-„Denkwürdigkeiten“ (S. 26). Im Jahre 1568 wurde die Hochzeit der
-Elena, Herzogin zur Liegnitz, mit Siegmund Kurzbach auf dem Schlosse
-Liegnitz gefeiert. „Den ersten Abend, wie sich Braut und Bräutigam
-zusammengeleget haben, und sich nun die Fürstlichen Personen auch zur
-Ruhe geben wollen, indessen führet die Braut im hohen Zimmer, gen
-Schloß Raunstein, ein groß Geschrei an: ‚O herzer Herr Siegmund!‘ und
-das gar oft wiederholet. Wenn ich denn als Kammerjunge in JFG. Zimmer
-aufwarte und die Herzogin das Geschrei höret, heißt sie mich Lichter
-anstecken, läuft in dem engen Gang hin nunter, schlägt in der hintern
-Thür an, schreiet: ‚Herr Siegmund, seid Ihr thöricht, schonet doch,
-meinet Ihr, Ihr habet eine Viehmagd bei Euch?‘ Herr Siegmund kehret
-sich nicht daran, bis letztlichen alles stille ward (wie wohl zu
-gedenken ist, was die Ursache des Stillschweigens gewest sei); also zog
-die Herzogin nach dem Stillschweigen wiederum ab. Auf dem Morgen hielt
-die Herzogin den Herrn Kurzbach bald das vor und fraget, warum er nicht
-aufgemacht hätte. Der Herr Kurzbach saget, er hätte es nicht gehöret,
-weil er gebalzet hätte wie der Auerhahn, und<span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[S. 163]</span> gab ein Lachen daran
-und ging davon. Es wollte sich hernach ferner kein Geschrei erheben,
-sondern die Hochzeit ward in allen Freuden verbracht.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Johann Wedel erzählt in seinem „Hausbuch“ (S. 511 f.) von einem
-merkwürdigen Gesellschaftsspiele, das am Hof zu Stettin im Beginn des
-17. Jahrhunderts gepflegt wurde und zwar nicht etwa nur im Fasching,
-sondern das ganze Jahr hindurch:</p>
-
-<p>„Es werden viel zettel, drinn der könig und hoffes-ampter benannt,
-geschrieben, welche alle, gleich wie mans mit den glückstöpffen hält,
-zusammen vermischet, blindlings herausgenommen und allen hofsgenossen,
-auch wohl bürgern in der stadt und andern, die man gerne bei der
-gelächter-spiele haben wil, derer nahmen aufgeschrieben, jederm
-einer derselben zugeschaft. Was nun für eine dignität oder ampt auf
-den zettel verzeichnet, auf des nahmen es fällt, daß muß der, dem
-derselbe zukömmt, annehmen und geschieht oft, daß der geringste diener
-könig und hinwiederumb der fürst feuerbüter wird, das wird dann mit
-großem gelächter angefangen, müssen sich die personen nach gebühr
-des ampts, so ihnen zufällt, verkleiden, werden drauf sämtlich in
-einer procession und ordnung mit trompeten herumbgeführet, darnach
-mit einem freuden-mahl, drinn der diener, so nun könig ist, zu tische
-oben ansitzet und der fürst, der ihm dienen muß, vorm tische stehet,
-essen zuträgt und aufwartet, gemittelt, endlich mit dantzen, springen,
-gesöffen und guten räuschen geschlossen und dann<span class="pagenum"><a id="Seite_164"></a>[S. 164]</span> nichts weiter, denn
-dabei keine rittermäßige übungen vermerckt werden. Welches affenwerk
-ich so groß nicht zu tadeln, weniger aber zu loben weiß, vornemlich
-wenn mans in einem stetigen gebrauch halten (Alles ding hat seine zeit)
-und ein beständig jahrfest daraus machen und ohn unterscheid, so wol in
-zeit der trauer, wie kurtz nach hertzog Barnims christmilder gedächtniß
-todesfall geschehn, als freude üben wollte.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ein Hauptvergnügen beim Tanzen der Bürgerschaft &ndash; auf Hofbällen
-war man anständiger &ndash; im 15. und beginnenden 16. Jahrhundert war,
-die Tänzerin hoch zu heben und zu schwenken „<em class="gesperrt">das man jhn hinden
-und vorne hinauff siehet biß in die weich, also das man jhr die
-hübsche weiße beinle siehet</em>..“ Bei den Reigentänzen ging es
-auch entsprechend zu, „da werden auch nit minder unzucht und schand
-begangen, weder inn den andern, von wegen der schadtlichen und
-schamparen hurenlieder, so darin gesungen werden, damit man das
-weiblich geschlecht zu der geilheit und unkeuschheit anreizet“ sagt
-Geiler.<a id="FNAnker_180" href="#Fussnote_180" class="fnanchor">[179]</a></p>
-
-<p>In Zürich mußte im späteren Mittelalter von der <em class="gesperrt">Behörde
-verboten werden, nicht „bei nacktem Leibe“ auf dem Tanzboden zu
-erscheinen</em>.<a id="FNAnker_181" href="#Fussnote_181" class="fnanchor">[180]</a> Geiler sagt, „bis auf den halben Rücken ist
-alles bloß und nackt und vorn bis zu den Büsten, daß sie auch die
-enthaltsamsten Männer locken können“.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[S. 165]</span></p>
-
-<p>Über die noch Ende des 16. Jahrhunderts herrschenden Gepflogenheiten
-beim Tanz und zwar in <em class="gesperrt">guter Gesellschaft</em> belehrt uns der
-badische Rat und Obervogt zu Pforzheim Johann von Münster in seinem
-1594 erschienenen „gott seligen Traktat vom ungottseligen Tanz“. Danach
-kommt es gar nicht selten vor, daß der Kavalier „die Jungfrau oder
-Frau, sobald sie ihm den Tanz geweigert hat, wider alle Billigkeit,
-Rechtlichkeit und Recht <em class="gesperrt">aufs Maul zu schlagen</em> sich unterfing!“
-Wenn aber die Person bewilligt hat, den Tanz mit dem Tänzer zu halten,
-treten sie beide herfür, geben einander die Hände, und <em class="gesperrt">umfangen und
-küssen sich nach Gelegenheit des Landes</em>. Wenn aber der Tanz zu Ende
-gelaufen ist, bringt der Tänzer die Tänzerin wiederum an ihren Ort,
-da er sie hergenommen hat, mit voriger Reverentz, nimmt Urlaub und
-<em class="gesperrt">bleibet auch wol auf ihrem Schoß sitzen</em> und redet mit ihr.</p>
-
-<p>Übrigens war es in Südfrankreich, und wohl auch anderwärts, noch 1552
-Sitte, daß Männer Frauen mit einem Kuß begrüßten. Auch in England wurde
-noch im 16. Jahrhundert der Gast durch küssen begrüßt<a id="FNAnker_182" href="#Fussnote_182" class="fnanchor">[181]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1575 wollte die Herzogin von Liegnitz einem Bankett nicht
-beiwohnen, weil die Hofmeisterin von Kittlitz, Freundin ihres Mannes
-und ihre Feindin, anwesend war. Deshalb stellt der Herzog seine
-Gemahlin zur Rede. Schweinichen, der als Kammerjunker zugegen war,
-erzählt (S. 60 ff.): „JFG. redeten die Herzogin hart an, warum sie
-nicht zum Tische kommen wollt, derwegen so wollten es JFG. haben,
-daß sie zu Tische gehen sollte, weil JFG. viel ehrliche Leut und
-Frauenzimmer eingeladen hätte. JFG. die Herzogin<span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[S. 166]</span> wollten zwar so gute
-Worte nicht geben, sondern nach vielen Entschuldigungen fuhren JFG.
-die Herzogin ’raus, sie möchte bei der Hure, der Kittlitzin, nicht
-sitzen. Welches zwar den Herzog sehr verdroß, dutzet die Herzogin
-und sprach: ‚Du sollst wissen, die Frau Kittlizin ist keine Hure;‘
-<em class="gesperrt">schläget der Herzogin ein gut Maulschelle, davon die Fürstin auch
-taumelt</em>. Also fahre ich zu, und fasse JFG. in die Armen, halte
-etwas auf, bis sich die Fürstin in die Kammer salvieren kann. <em class="gesperrt">Mein
-Herr aber wollte der Herzogin nach und sie besser schlagen.</em>“ Die
-Ohrfeige, die der Herzogin ein blaues Auge eintrug, alteriert den guten
-Schweinichen sonst weiter nicht, nicht mehr jedenfalls als das Dutzen.
-Noch am gleichen Tage wird Frieden geschlossen, wobei die Herzogin die
-von Schweinichen zu übermittelnde <em class="gesperrt">Bedingung</em> stellt: „<em class="gesperrt">Daß
-freilichen der JFG. auf die Nacht in ihrer Kammer liegen wollten</em>
-(denn mein Herr sonsten in einem Vierteljahr bei der Herzogin nicht
-gelegen)“. Außerdem nimmt die Hofmeisterin am Bankett nicht teil. Daß
-die Herzogin aus Rache später die Ohrfeige ihrem Bruder, dem Markgrafen
-von Ansbach, klagt, gehört nicht mehr hierher und wurde von ihr selbst
-später bereut.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der im 16. Jahrhundert bei Hofe herrschende Ton wird gut beleuchtet
-durch die Gespräche, die Schweinichen in seinen Denkwürdigkeiten
-verzeichnet. Nach einer kaum wiederzugebenden Unterredung mit dem
-Herzog über die Gründe, die ihn verhindern, den Wünschen der Herzogin
-von Liegnitz nachzugeben, hat er mit deren Freundin und Schwägerin,
-einer Fürstin, folgendes erbauliche Zwiegespräch:<span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[S. 167]</span> „Die Frau Kurzbachin
-Wittwe saget wider mich: ‚Ihr und euer Herr könnet nichts, man soll
-euch alle beide ausschneiden.‘ Darauf gab ich Antwort: ‚Gnädige Frau,
-wie käme ich dazu? Ich weiß nicht, was mein Herr kann, aber das weiß
-ich von mir, daß ich es wohl kann, und da EFG. nicht glauben, so
-<em class="gesperrt">versuchen Sie’s</em>. Wann Sie es probieren würden, wollt ich wohl
-sicher des Ausschneidens sein.‘ Da fing die Frau Kurzbachin an zu
-<em class="gesperrt">lachen</em>: ‚Wann ihr und euer Herr so thätig seid, <em class="gesperrt">so hättet
-ihr uns eines Theiles nächten drunten behalten</em>, daß wir heute
-Brautsuppen gessen hätten; wir mußten aber unbeschnaubert wieder ’rauf
-ziehen.‘ Ich gab zur Antwort: ‚Gnädige Frau, ich habe im Tanzen nächten
-das meinige gethan, ich wollte im andern auch als ein gut Mann gethan
-haben, daß ich ein gut Lob davon gebracht, wann es mir so gut hätte
-werden wollen.‘ Die Frau Kurzbachin aber hielt auf dem ihrigen, ich
-konnte nichts. Da bot ich ihr Trotz an, es zu versuchen, gab sie mir
-die Antwort, <em class="gesperrt">sie wollt mich tummeln, daß ich das Aufstehen vergessen
-sollt</em>; dabei blieb es, Satis.“ (S. 157.)</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Liselotte von der Pfalz schreibt unterm 25. August 1719: „Ich kann
-nicht leiden, daß man mich an den Hintern rührt, denn es macht mich so
-toll, daß ich nicht mehr weiß, was ich tue; ich hätte Mr. le Dauphin
-schier eine brave Maulschelle gegeben, denn er hatte die schlimme
-Gewohnheit, aus Possen, wenn man sich setzte, <em class="gesperrt">einen die Faust mit
-ausgestreckten<span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[S. 168]</span> Daumen unter den Hintern zu stellen</em>. Ich bat ihn,
-um Gottes willen die Possen bleiben zu lassen, das Spiel mißfiel mir zu
-sehr, und machte mich so bös, daß ich nicht gut dafür sein konnte, ihm
-eine brave Maulschelle zu geben, daß ehr gethan als gedacht sein würde;
-da hat er mich mit Frieden gelassen.“<a id="FNAnker_183" href="#Fussnote_183" class="fnanchor">[182]</a></p>
-
-<p>Der Dauphin würde kaum diese Flegeleien sich angewöhnt haben, hätten
-nicht andere Damen des Hofes daran Gefallen gefunden.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Zimperlichkeit kann man überhaupt den damaligen Damen nicht vorwerfen.
-Liselotte schreibt u.&nbsp;a. am 21. November 1720: „Wenn Mr. Law wollte,
-würden ihm die französischen Damen wohl, mit Verlaub, den Hintern
-küssen; sie sehen, wie wenig scrupuleux sie seyn, ihn pissen zu sehen;
-er wollte Damen keine Audienz geben, weil ihm gar Noth zu pissen
-war, wie er es den Damen endlich sagte, antworteten sie: <em class="gesperrt">cela ne
-fait rien, pissés et écoutés nous</em>, also blieben sie so lange bei
-ihm.“<a id="FNAnker_184" href="#Fussnote_184" class="fnanchor">[183]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Für Zustände und Briefton gleich charakteristisch ist der Brief der
-Liselotte an die Kurfürstin von Hannover vom 9. Oktober 1694: „Vous
-etes bien heureuse d’aller chier quand vous voulés; chiez donc tout
-votre chien de sou. Nous n’en sommes pas de même ici, oû je suis
-obligée die garder mon etron pour le soir; il n’y a point de frotoir
-aux maisons<span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[S. 169]</span> du coté de la forest. J’ai le malheur d’en habiter une, et
-par consequent le chagrin <em class="gesperrt">d’aller chier dehors</em>, ce qui me fache,
-parceque j’aime à chier à mon aise, et je ne chie pas à mon aise, quand
-mon cul ne porte sur rien. Item <em class="gesperrt">tout le monde nous voit chier</em>;
-il y passe des Hommes, des femmes, des filles, des garçon, des Abbés
-et des Suisses; Vous voiez par là, que nul plaisir sans peine, et que
-si on ne chioit point, je serois à Fontainebleau comme le poisson dans
-l’eau. Il est trés chagrinant que mes plaisirs soient traversés par des
-etrons... Soyez à table avec la meilleure compagnie du monde, qu’il
-vous prenne envie de chier, il faut aller chier...“ und so fort<a id="FNAnker_185" href="#Fussnote_185" class="fnanchor">[184]</a>.</p>
-
-<p>Die Kurfürstin antwortet unter dem 31. Oktober in derselben Tonart:
-„.. Enfin vous avez la liberté de chier partout quand l’envie vous en
-prend, vous n’avez d’egard pour personne, le plaisir qu’on se procure
-en chiant vous chatouille si fort que sans egard au lieu ou Vous vous
-trouvez, <em class="gesperrt">Vous chiez dans les rues, Vous chiez dans les allées,
-vous chiez dans les places publiques, vous chiez devant la porte
-d’autruy</em> sans vous mettre en peine, s’il se trouve bon ou non, et
-marque que ce plaisir, est pour le chieur moins honteux que pour ceux
-qui le voyent chier, c’est qu’en effet la commodité et le plaisir ne
-sont que pour le chieur...“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Liselotte schrieb am 5. Mai 1716 über den <em class="gesperrt">Dauphin: „Er hatte gern,
-daß man ihm auf dem Kackstuhle entretenierte</em>, aber es ging <em class="gesperrt">gar
-modest</em>,<span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[S. 170]</span> denn man sprach mit ihm, und wandte ihm den Rücken zu;
-ich habe ihn oft so entreteniert, in seiner Gemahlin Kabinett, die
-lachte von Herzen darüber, schickte mich allzeit hin, ihren Herrn zu
-entretenieren“<a id="FNAnker_186" href="#Fussnote_186" class="fnanchor">[185]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Da Friedrich Wilhelm I. von Preußen mit schwermütigen Anwandlungen
-zu kämpfen hatte, bewog ihn seine Umgebung 1728, einen Besuch bei
-König August dem Starken zu machen, der wohl den glänzendsten Hof
-damals in Europa hielt. Wie die Markgräfin von Bayreuth erzählt,
-verabredete Grumkow mit König August, um den sehr sittenstrengen
-preußischen König zu erheitern bzw. zu verführen, nach einem opulenten
-Diner ein eigenartiges Attentat auf seine Tugend. Die beiden Könige
-besuchten im Domino eine Redoute und gingen dort plaudernd von einem
-Zimmer ins andere, bis sie in ein schönes und großes Gemach kamen,
-„in welchem alles Gerät äußerst prächtig war, mein Vater bewunderte
-alle diese Schönheit, als plötzlich eine Tapetenwand niedersank und
-das befremdenste Schauspiel sich darstellte. <em class="gesperrt">Ein Mädchen</em>,
-schön wie Venus und die Grazien, lag nachlässig auf einem Ruhebette,
-<em class="gesperrt">in dem Zustand unsrer ersten Eltern vor dem Sündenfall</em> zeigte
-sie einen Körper, wie Elfenbein so weiß und schöner, als der der
-mediceischen Venus.“ Die berechnete Wirkung auf Friedrich Wilhelm
-blieb aus. Immerhin zeigt dieser Vorfall, was man selbst in relativer
-Öffentlichkeit im galanten Jahrhundert wagte. Die ganze Angelegenheit
-wird auch nicht harmloser durch die <em class="gesperrt">Gegenwart des sechzehnjährigen
-Kronprinzen</em>, nachmaligen Friedrich des Großen<a id="FNAnker_187" href="#Fussnote_187" class="fnanchor">[186]</a>!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[S. 171]</span></p>
-
-<p>Auch die öffentliche Sittlichkeit hat sich wesentlich erst seit der
-französischen Revolution gehoben, wenigstens bei uns. In Halbasien ist
-es so wie früher geblieben.</p>
-
-<p>Nach Zeitungsmeldungen wurde vor einigen Jahren auf einem von König
-Alexander von Serbien gegebenen <em class="gesperrt">Hofballe</em> ein <em class="gesperrt">Korsett</em>
-gefunden!</p>
-
-<p>In Deutschland aber gibt es Scharen von Männern, denen
-Unsittlichkeitsschnüffelei und Prüderie schon längst Rang und Titel von
-Eunuchen honoris causa eingetragen haben sollten. Aber wahres Verdienst
-wird eben nicht mehr gebührend anerkannt.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[S. 172]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Neunter_Abschnitt"><span class="s5">Neunter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Medizinisches</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Im Anfang des 13. Jahrhunderts untersagte Papst Honorius III. aus
-Mißachtung des ärztlichen Standes allen Geistlichen die Ausübung der
-Heilkunde.</p>
-
-<p>Auf der Würzburger Diözesan-Synode vom Jahre 1298 wurde den Geistlichen
-nicht nur die Ausübung der Wundarzneikunst, sondern sogar die
-<em class="gesperrt">Gegenwart bei chirurgischen Operationen ausdrücklich untersagt</em>.
-Dadurch wurde die Wundheilkunst mit einem Makel befleckt<a id="FNAnker_188" href="#Fussnote_188" class="fnanchor">[187]</a>.</p>
-
-<p>Noch im Jahre 1416 wies die Wiener Fakultät einen Chirurgen, der
-sich zur Doktorwürde meldete, als unverschämten Menschen zurück.
-Im Jahre 1456 graduierte sie jedoch einen Doktor der Chirurgie.
-Immerhin mußte noch im Jahre 1577 Kaiser Rudolf II. ausdrücklich die
-<em class="gesperrt">Ehrlichkeitserklärung der Wundärzte wiederholen</em><a id="FNAnker_189" href="#Fussnote_189" class="fnanchor">[188]</a>.</p>
-
-<p>Bis zum Jahre 1912 hatten in Bayern zwar die aus dem
-Unteroffiziersstande hervorgegangenen Feuerwerksoffiziere
-<em class="gesperrt">Hofzutritt, nicht aber die Militärärzte,<span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[S. 173]</span> mit Einschluß des
-Generalstabsarztes der Armee, der im Range eines Divisionskommandeurs
-steht!</em></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Eine Lehre, die noch heute mancher Arzt befolgt, gibt Arnoldus
-Villanovanus, der um das Jahr 1300 in Montpellier als medizinischer
-Lehrer wirkte: „Weißt du bei Betrachtung des Urins nichts zu finden, so
-sage, es sei eine ‚Obstruktion‘ der Leber zugegen. Sagt nun der Kranke,
-er leide an Kopfschmerzen, so mußt du sagen, sie stammen aus der Leber.
-Besonders aber gebrauche das Wort ‚Obstruktion‘, weil sie es nicht
-verstehen, und es kommt viel darauf an, daß sie es nicht wissen, was
-man spricht<a id="FNAnker_190" href="#Fussnote_190" class="fnanchor">[189]</a>.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Gegen Geisteskranke hatte man sehr nachdrückliche Mittel. Wurden sie
-lästig, dann legte man sie ins Gefängnis, rasten und tobten sie, an
-die Kette. Geisteskranke Fremdlinge aber schaffte man über die Stadt-
-oder Landesgrenze, nicht ohne sie gehörig ausgepeitscht zu haben, damit
-ihnen die Lust zur Rückkehr verging<a id="FNAnker_191" href="#Fussnote_191" class="fnanchor">[190]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der dicke Markgraf Dedo litt sehr unter der Fettsucht. Sein Arzt
-bewog ihn dazu, sich den <em class="gesperrt">Leib aufschneiden zu lassen</em>, um das
-überflüssige Fett zu entfernen. Natürlich starb er (1190) an dieser
-Prozedur<a id="FNAnker_192" href="#Fussnote_192" class="fnanchor">[191]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[S. 174]</span></p>
-
-<p>Herzog Leopold von Österreich war am 26. Dezember 1194 bei einer
-ritterlichen Übung vom Pferde abgeworfen worden und hatte den
-Unterschenkel so unglücklich gebrochen, daß die Knochensplitter
-eine Spanne lang aus der Haut hervorragten. Die herbeigerufenen
-Ärzte ordneten das Nötige an, amputierten aber den Fuß nicht. Als
-er am andern Morgen schwarz geworden war, galt die Amputation als
-unerläßlich, aber niemand wagte sie vorzunehmen. <em class="gesperrt">Da setzte der
-Herzog selbst das Beil auf sein Schienbein, sein Kämmerer schlug
-dreimal mit dem Hammer darauf</em>, und so wurde das kranke Glied
-entfernt. Er starb am 30. Dezember. Nerven hatten diese Herren!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als Kaiser Otto II. an einer der in südlichen Klimaten so häufigen
-Verdauungsstörungen litt, nahm er &ndash; natürlich auf ärztliche Anordnung
-&ndash; eine Dosis von 17&frac12; <em class="gesperrt">Gramm Aloe</em>, an der er auch starb. Ein
-Bruchteil dieser Menge hätte schon seinen Tod herbeiführen müssen.</p>
-
-<p>Kaiser Otto IV. starb nicht minder unromantisch. Im Frühjahr 1218 nahm
-er, wie alljährlich, ein Abführmittel. Er vergriff sich in der Dosis,
-ob aus eigenem Verschulden oder aus Schuld des Arztes, entzieht sich
-unserer Kenntnis, und ging nach fünf Tagen kläglich zugrunde.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Nicht ohne einigen Humor ist das Abenteuer, das Albrecht I. widerfuhr,
-als er beim Genuß von<span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[S. 175]</span> Fisch und Wildprett plötzlich von heftigem
-Unwohlsein befallen wurde. Der Verdacht, vergiftet zu sein, war
-groß und bei den damaligen politischen Methoden a priori auch nicht
-unbegründet. Er ließ deshalb sofort Ärzte kommen, die mit Latwergen,
-Theriak und Aromaten ihm vergebens zu helfen suchten. Da hing man den
-Fürsten bei den Füßen auf, damit das Gift aus Augen, Ohren, Nase und
-Mund herausrinnen könne! Begreiflicherweise verlor Albrecht bei dieser
-Kur die Besinnung und &ndash; ein Auge, dessen Stern durch die Wirkung des
-Giftes oder der Heilmethode dauernd zerstört blieb. Auch behielt er
-zeitlebens eine fahle Gesichtsfarbe.</p>
-
-<p>Unterdessen hatten sich die zwei Edelknaben, die den König bei Tisch
-bedient hatten, als sie sein Unwohlsein bemerkten, um den Verdacht
-der Vergiftung von sich abzuwälzen, auf die inkriminierten Speisen
-gestürzt, würgten sie hinunter und &ndash; blieben gesund oder doch
-jedenfalls am Leben. Danach gewinnt es den Anschein, als hätten die
-Ärzte &ndash; unter denen wir uns hier, wie in den obigen Fällen, nicht etwa
-Stümper, sondern die ersten <em class="gesperrt">Koryphäen</em> ihrer Zeit zu denken haben
-&ndash; ihre Gewaltmittel nicht gegen Gift, sondern gegen ganz harmlose
-Leibschmerzen angewandt.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ein Jahrhundert später verfuhr man nicht wesentlich anders. Kaiser
-Sigismund erkrankte bei der Belagerung von Znaim im Jahre 1404 heftig
-an Gift zugleich mit dem 27jährigen Herzog Albrecht von Österreich,
-der dem Anschlag auch erlag. Sigismund wurde von seinem Leibarzt
-an den Füßen aufgehängt.<span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[S. 176]</span> so daß die Brust auf einem Kissen auf
-dem Boden ruhte, um das Gift aus dem Munde abfließen zu lassen. In
-dieser peinlichen Situation mußte der Fürst 24 Stunden aushalten.
-Merkwürdigerweise überwand die starke Natur des nachmaligen Kaisers
-sowohl Gift wie Heilmethode und er genaß völlig, wie der Arzt mit Stolz
-behauptete, lediglich dank seiner genialen Kur.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im ganzen Mittelalter ist die <em class="gesperrt">Ehe mit Wahnsinnigen</em> aus
-politischen Gründen an der Tagesordnung.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Gemahlin Kaiser Maximilians I., die schöne Maria von Burgund,
-ritt, obwohl bereits mehrere Monate guter Hoffnung, eine Jagd, stürzte
-und starb an den Folgen. Ebenso ging Maria, Kaiser Sigmunds Gemahlin,
-zugrunde. Die Rücksicht auf die Gesundheit wurde im Mittelalter
-so völlig außer acht gelassen, daß man <em class="gesperrt">gar kein Bedenken trug,
-schwangere Frauen Jagden reiten zu lassen</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wie gering bis in die neuere Zeit die Achtung vor dem medizinischen
-Wissen war, ergibt sich u.&nbsp;a. aus den Komödien Molières. Als Gil Blas
-schwer erkrankt in einem Orte liegen bleibt, dünkt er sich gerettet,
-weil dort kein Arzt sei.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Leichenöffnung</em> wurde vom Papst noch anfangs des 14.
-Jahrhunderts untersagt, was allerdings den Senat von Venedig nicht
-abhielt 1308 zu bestimmen, daß zum Zweck anatomischer Studien jährlich
-eine Leiche geöffnet werde. In Prag wurde auch<span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[S. 177]</span> bereits unter Karl
-IV. ein Verbrecher im Gefängnis „abgestochen“ und die Leiche zu
-wissenschaftlichen Zwecken zergliedert. In Holland hob erst Philipp II.
-im Jahre 1555 das Verbot, Leichen zu sezieren, auf, aber nur die von
-Hingerichteten durften zu solchen Zwecken verwandt werden. Noch kurz
-vorher war es für den Mediziner mit nicht geringen Gefahren verbunden,
-sich in den Besitz von Leichen zu setzen. So erzählt Felix Platter
-in seiner Selbstbiographie (S. 232 ff.), daß er 1554 frische Kadaver
-heimlich ausgraben mußte. Die Sektionen nahmen nicht nur Ärzte, sondern
-auch Maler vor. Die erste Frau wurde erst 1720 in den Niederlanden
-seziert<a id="FNAnker_193" href="#Fussnote_193" class="fnanchor">[192]</a>. Dagegen hat Kaiser Ferdinand schon 1559 dem Arzt
-Thurneyßer in Tirol eine Frau überwiesen, der die Adern geöffnet worden
-waren<a id="FNAnker_194" href="#Fussnote_194" class="fnanchor">[193]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Oswald Croll gab in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts folgende
-Beschreibung zur Bereitung der <em class="gesperrt">Mumienlatwerge</em>: „Man soll den
-todten Cörper eines rohen, gantzen, frischen und unmangelhaften
-24jährigen Menschen so entweder am Galgen erstickt oder mit dem Rade
-justiciert oder durch den Spieß gejagd worden, bei hellem Wetter,
-es sei Tag oder Nacht, erwehlen... in Stücke zerschneiden, mit
-pulverisierter Mumia und ein wenig Aloë bestreuen, nachmals einige Tage
-in einem gebrannten Wein einweichen, auffhenken, wiederumb ein wenig
-einbeitzen, endlich die Stück, in der Lufft aufgehänkt, lassen trucken
-werden, biß es die Gestalt eines geräucherten Fleisches bekommt und
-allen Gestank verliert, und zeugt letzlichen die ganze rothe Tinktur
-durch einen gebrannten Wein oder Wacholdergeist nach Art der<span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[S. 178]</span> Kunst
-heraus.“ Aus dieser Tinktur wurde dann mit andern Arzneistoffen eine
-höllische Latwerge bereitet, die vor der Pestilenz schützen und sie
-heilen sollte<a id="FNAnker_195" href="#Fussnote_195" class="fnanchor">[194]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Noch zu Ende des 18. Jahrhunderts las ein bekannter Arzt ein
-<em class="gesperrt">Publikum</em>(!) an einer deutschen Universität, das im
-Lektionskatalog angekündigt war: „<em class="gesperrt">De variis concubitus modis</em>“.
-Also sogar in die intimsten Winkel von Amors Reich drang die
-Wissenschaft ein, sicherlich nicht, ohne zahlreiche und begeisterte
-Jünger zu finden. Über dieselbe Materie gab es bei den Griechen
-verschiedene Schriften unter den Namen der Astyanassa, der Cyrene,
-Elephantis und Philänis, <em class="gesperrt">lauter Damen</em>! Bekannt sind Ovids
-Anweisungen in seiner Ars amatoria III, 771 ff.<a id="FNAnker_196" href="#Fussnote_196" class="fnanchor">[195]</a> und ein indisches
-Seitenstück, das an Wissenschaftlichkeit und gründlicher Erschöpfung
-des Themas seinesgleichen sucht, ist das Kamasutram des Vatsyayana, das
-Richard Schmidt aus dem Sanskrit übersetzte.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In den Jahren von 1727&ndash;1762 herrschte in Frankreich eine merkwürdige
-Massenepidemie, „Konvulsionen“ genannt, die den St. Medarduskirchhof
-zu Paris zum Mittelpunkt hatte. Frauen, Mädchen, Kranke jeder Art
-füllten den Kirchhof mit den angrenzenden Straßen und konvulsionierten
-dort um die Wette. Frauen luden, lang hingestreckt, die Zuschauer ein,
-<em class="gesperrt">auf ihren Bauch zu schlagen</em>, und beruhigten sich nicht eher,
-als bis 10&ndash;12 <em class="gesperrt">Männer sich mit voller Gewalt über ihnen aufgetürmt
-hatten</em>. Natürlich hatte diese fromme Seuche eine erotische Färbung
-und trug nicht wenig bei, die sexuelle Zügellosigkeit zu<span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[S. 179]</span> verbreiten.
-Bezeichnend dafür ist, daß die Frauen bei ihren Anfällen niemals andere
-Frauen, sondern <em class="gesperrt">stets Männer</em> zur Hilfe riefen, und zwar junge
-und kräftige Männer. Dazu kleideten sie sich höchst indezent, zeigten
-stets Neigung zu adamitischer Entblößung, nahmen laszive Stellungen an,
-warfen verlangende Blicke auf die zu Hilfe eilenden Männer, und es kam
-vor, daß sie &ndash; natürlich in ihrer Muttersprache &ndash; mit lauter Stimme
-riefen: Da liberos, alioquin moriar!</p>
-
-<p>Die Frauen luden die Männer ein, „Bauch, Busen und ihre Schenkel zu
-Promenaden zu benutzen“ und mit ihnen zu „kämpfen“. Die Folge waren
-zahlreiche Entbindungen dieser sonderbaren Heiligen<a id="FNAnker_197" href="#Fussnote_197" class="fnanchor">[196]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Daß die Flagellanten ähnlich sich gebärdeten, ist hinlänglich bekannt.</p>
-
-<p>Bei den Geißelungen unterschied man zwei „<em class="gesperrt">Disziplinen</em>“, die
-„<em class="gesperrt">obere</em>“ und die „<em class="gesperrt">untere</em>“, letztere fand besonders bei den
-Frauen den meisten Beifall.</p>
-
-<p>Eine wesentlich anmutigere Manie herrschte in den deutschen
-Nonnenklöstern im 15. Jahrhundert. Damals kam eine Nonne auf den netten
-Einfall, eine andere zu <em class="gesperrt">beißen</em>. Dieser gefiel der Spaß, und sie
-biß wieder eine andere, bis schließlich das Beißen zu einer Epidemie
-wurde, die sich mit rasender Schnelligkeit von einem Nonnenkloster zum
-andern verbreitete; bald bissen sich alle Klosterkätzchen vom Belt bis
-nach Rom<a id="FNAnker_198" href="#Fussnote_198" class="fnanchor">[197]</a>!</p>
-
-<p>Viele von uns werden sich auch noch der Kußepidemie erinnern, deren
-Opfer der Leutnant Hobsen war, der im spanisch-amerikanischen Kriege
-sein eigenes<span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[S. 180]</span> Schiff „Merrimac“ in die Luft gesprengt hatte. Nach jedem
-Vortrag, den der Arme hielt, stürzten sich die sonst so zurückhaltenden
-amerikanischen Damen auf ihn, um ihn zu küssen.</p>
-
-<p>In einem flandrischen Kloster fing plötzlich eine Nonne an in ihrem
-Bett höchst befremdliche Bewegungen zu machen. Auch das steckte an,
-und bald arbeiteten die Nonnen sämtlich des Nachts so heftig, daß
-die Bettstellen knackten. Da sich das sonderbare Übel von Kloster
-zu Kloster fortpflanzte, sah sich die Geistlichkeit gezwungen, von
-Amts wegen einzuschreiten. Mit Weihwasser und Wedel gelang es auch &ndash;
-wie ja nicht anders zu erwarten &ndash; den <em class="gesperrt">Teufel</em> aus den Nonnen
-auszutreiben<a id="FNAnker_199" href="#Fussnote_199" class="fnanchor">[198]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Vielleicht können wir hier einiger anderer Manien gedenken, die zwar
-ganz anderen Motiven entsprangen, auch keinerlei erotischen Einschlag
-aufweisen, aber durch die weite Verbreitung und große Heftigkeit ihres
-Auftretens den Charakter von Massenwahnsinn annehmen.</p>
-
-<p>Im Byzanz des 5. Jahrhunderts wütete eine das ganze Volk beherrschende
-Leidenschaft: die der <em class="gesperrt">dogmatischen Spitzfindigkeiten</em>. Es ist die
-Zeit der Dogmenbildung, eines Nestorius, und dieses Bestreben, eine
-möglichst reine Lehre festzusetzen, ließ auch die unteren Volkskreise
-nicht zur Ruhe kommen. Die Frage nach der Gottähnlichkeit oder
-Gottgleichheit war ein allgemein mit größtem Eifer und Spitzfindigkeit
-diskutiertes Thema, das jedes andere Interesse verdrängte<a id="FNAnker_200" href="#Fussnote_200" class="fnanchor">[199]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[S. 181]</span></p>
-
-<p>Eine ähnliche, allerdings minder trockene Manie hatte die Araber
-Spaniens für die <em class="gesperrt">Poesie</em> ergriffen. Das ganze Volk war von der
-Leidenschaft des Reimens und Versemachens ergriffen, Lied und Spruch
-ertönten überall. Dichter waren einflußreiche Ratgeber der Fürsten, mit
-Ehren und Reichtum überschüttet; ein glücklich gefundener Reim, ein
-feines Bild, eine kunstvolle metrische Wendung vermochten dem Urheber
-eine glänzende Laufbahn zu erschließen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Kreuzzüge als Massenpsychose zu bezeichnen, ließe sich
-sicherlich rechtfertigen. Aber selbst wer davor zurückschreckte,
-eine zwei Jahrhunderte anhaltende, mindestens eine Million der
-tüchtigsten Krieger vernichtende Periode unserer Geschichte als
-pathologische Erscheinung zu bezeichnen, wird nicht anstehen, dies dem
-<em class="gesperrt">Kinderkreuzzuge</em> des Jahres 1212 in Südfrankreich gegenüber zu
-tun. Damals zogen 30000 Kinder unter Führung des Hirtenknaben Etiennes
-dem sicheren Untergang entgegen. Von den sieben Schiffen, die die
-Kinder in Marseille bestiegen, gingen zwei unter. Die fünf anderen
-gelangten nach Ägypten, wo die Kinder als Sklaven verkauft wurden.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Daß auch in unserer, anscheinend religiös so aufgeklärten Zeit noch
-Massenpsychosen ähnlicher Art, wie Flagellantentum und Veitstanz
-im Mittelalter möglich sind, möge aus folgendem hervorgehen: In
-Morzine-Savoyen herrschte eine „Besessenheitsepidemie“ von 1857&ndash;1862;
-im südlichen Baden die „Predigerkrankheiten“ von 1852 auf 53 und
-im Jahre 1888 in Nilsiac<span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[S. 182]</span> in Finnland. Tanzseuchen grassierten im
-Anfang des 19. Jahrhunderts in Abessinien, 1863/64 in Madagaskar
-und 1868&ndash;73 bei den Lappen. Noch heute existiert die sich selbst
-verstümmelnde Sekte der Skopzen in Rußland, der Duchoborzen in Kanada,
-die splitternackt im eisigen Winter ausziehen auf die Suche nach dem
-Heiland. Im Jahre 1896 beobachtete man eine Epidemie im Gouvernement
-Kiew, die durch die Predigten einer verrückten alten Frau gegen
-Vornahme einer Volkszählung hervorgerufen war. Dreißig Personen ließen
-sich lebendig begraben und fanden so einen schaudervollen Tod.</p>
-
-<p>Daß aber sogar in der Gegenwart in Deutschland religiöse Epidemien
-vorkommen, lehrte uns das Jahr 1907. Damals wurden im „Blauen Kreuz“
-in Kassel den ganzen Juli hindurch täglich religiöse Versammlungen
-veranstaltet, wobei Verzückungszustände, Erleuchtungen und das
-sogenannte Zungenreden eine Rolle spielten. Ein Rausch, eine religiöse
-Extase bemächtigte sich der Versammlung. Mit Gesängen, lauten
-Sündenbekenntnissen und Bußreden mischten sich unartikulierte Töne,
-wildes Stammeln, Stöhnen, Schreien. Man erblickt verzerrte Gesichter,
-rasende Gebärden, Menschen, die wie ohnmächtig zu Boden sinken und halb
-bewußtlos um sich schlagen. Irgend jemand springt plötzlich auf und
-stößt unverständliche Rufe aus, die der Versammlungsleiter dann als
-Ausfluß überirdischer Erleuchtung deutet. Ein lauter Jubel erhebt sich,
-man wirft sich auf die Knie, umarmt sich, Geständnisse entringen sich
-den bebenden Lippen, Frauen behaupten Visionen zu haben, die Erregung
-erreicht ihren Höhepunkt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[S. 183]</span></p>
-
-<p>Schon nach wenigen Wochen hatte sich die Bewegung auf die Nachbarorte
-Kassels verbreitet und zwar lieferte die Landbevölkerung das stärkste
-Kontingent. Widerspruch oder Versuche der Aufklärung wurden in der
-Versammlung dadurch beantwortet, daß man den Teufel hinauswarf. Da es
-in den ersten Augusttagen zu schweren Schlägereien kam, wurden diese
-religiösen Versammlungen hinfort von der Polizei verboten<a id="FNAnker_201" href="#Fussnote_201" class="fnanchor">[200]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Engländer John Evelyn besuchte im Jahre 1641 die Kirmes von
-Rotterdam und erzählt darüber in seinem Tagebuch: „Der jährliche Markt
-oder die Kirchweih von Rotterdam war derart mit Bildern ausgestattet,..
-daß ich überrascht war... Der Grund für diese Menge von Bildern und
-ihre Billigkeit ist darin zu suchen, daß die Leute Mangel an Land
-haben, um ihr Geld darin anzulegen, so daß es eine <em class="gesperrt">gewöhnliche
-Erscheinung ist, einen simplen Bauern</em> 2000&ndash;3000 L. St. <em class="gesperrt">auf diese
-Weise anlegen zu sehen</em>. Ihre Häuser sind damit angefüllt, und sie
-verkaufen sie auf ihren Jahrmärkten mit großem Gewinn<a id="FNAnker_202" href="#Fussnote_202" class="fnanchor">[201]</a>.“ Es dürfte
-in der Kulturgeschichte ein einzig dastehender Fall sein, daß <em class="gesperrt">Bauern
-ihr Vermögen in Kunstwerken anlegen</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Den Türken verdankt Europa die Bekanntschaft mit der Tulpe, deren
-erstes blühendes Exemplar der berühmte Conrad Geßner im Jahre 1559
-im Garten eines Augsburger Patriziers sah. Wenige Dezennien später
-war die schöne Blume in Europa verbreitet, und besonders in Holland
-entstand eine solche Leidenschaft, seltene und wunderliche Abarten
-und Farben<span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[S. 184]</span>mischungen zu erzeugen, daß sie in der ersten Hälfte des
-17. Jahrhunderts geradezu zu einer nationalen Katastrophe führte.
-Man kaufte und verkaufte <em class="gesperrt">Tulpen auf Zeit</em> und Entrichtung der
-Differenz zwischen dem vereinbarten und am Verfalltage notierten
-Preise. Man zahlte für einzelne Zwiebeln bis zu 2000 hol. Gulden und
-mehr; das ganze Volk war von diesem Spekulationsfieber ergriffen,
-wohl dem ältesten seiner Art im christlichen Abendlande. Als 1637
-plötzlich die Ernüchterung eintrat, waren große Verschiebungen in den
-Besitzverhältnissen und nachhaltige Verkehrsstockung die Folge<a id="FNAnker_203" href="#Fussnote_203" class="fnanchor">[202]</a>.</p>
-
-<p>Eine ähnliche Manie knüpfte sich an die von Law im August 1717
-gegründete „<em class="gesperrt">Mississippigesellschaft</em>“. Die Leidenschaft für
-deren Aktien war so maßlos, daß binnen eines Jahres statt 500 Livres
-pro Stück 18000 angelegt wurden. Die Folge war Staatsbankerott und die
-größte Börsenkrisis, die die Welt bisher gesehen hatte<a id="FNAnker_204" href="#Fussnote_204" class="fnanchor">[203]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Ärztinnen</em> &ndash; nicht etwa nur mit Hausmitteln im Bedarfsfalle
-aushelfende Frauen, die es zu allen Zeiten gab &ndash; existierten bereits
-an der medizinischen Schule in Salerno. Besonders berühmt ist Trottula,
-die im 11. Jahrhundert alle an Ruf überstrahlte. Im 12. Jahrhundert
-gab es dort eine ganze Reihe, die viele medizinische Rezepte erfanden
-und anwandten. Eine von ihnen, Mercuriade, soll sogar in der Chirurgie
-Hervorragendes geleistet haben. Vom 10. September 1321 hat sich ein
-Dokument erhalten,<span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a>[S. 185]</span> in der Francisca, Gemahlin des Matthäus de Romana,
-die Erlaubnis erhält, in Salerno <em class="gesperrt">chirurgische Praxis</em> auszuüben,
-da sie „nach wohlbestandenem Examen“ ein Zeugnis der Universität
-Salerno besitze. Der Herzog Karl von Kalabrien sagt ausdrücklich,
-daß das Gesetz den Frauen die Ausübung der Medizin gestatte. Daß man
-im Mittelalter männliche Ärzte möglichst vom weiblichen Geschlechte
-fernzuhalten suchte, war dem Aufkommen der Ärztinnen günstig. Den
-Ärzten war es nach einem westgotischen Gesetz des 6. Jahrhunderts
-ausdrücklich verboten, Frauen in Abwesenheit ihrer Verwandten die Ader
-zu schlagen.</p>
-
-<p>Bereits 1351 gab es in München eine Augenärztin. Während nach langer
-Pause 1807 eine Dame, Regina Josepha von Siebold, in Würzburg studieren
-durfte, hat man noch bis 1910, ja in einigen Staaten bis heute, trotz
-gleicher Vorbildung und gleicher Examina wie sie die männliche Jugend
-absolviert, <em class="gesperrt">den Frauen</em>, mit Ausnahme von Bayern und Baden, die
-<em class="gesperrt">Immatrikulation auf den deutschen Universitäten versagt</em><a id="FNAnker_205" href="#Fussnote_205" class="fnanchor">[204]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im ancien régime herrschte der Glaube, die Hand des Königs könne von
-Skrofeln befreien. Deshalb wurde 6&ndash;7 mal im Jahre in den Kirchen
-bekannt gegeben, daß der König „berühren“ würde. Dann fanden sich
-in Versailles 700&ndash;800, auch noch mehr, Kranke ein, die mit den
-nötigen Abständen in Reihen aufgestellt und ausgerichtet wurden.
-Die königlichen Ärzte untersuchten sie, ob sie auch wirklich krank
-waren, was nötig war, da viele Simulanten sich ein<span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[S. 186]</span>schmuggelten.
-Da nämlich der König jedem Skrofulösen zwei Sous, den von auswärts
-zugereisten sogar fünf Sous einhändigen ließ, versuchte mancher ein
-Geschäft aus dieser heiligen Handlung zu machen. Nach der Untersuchung
-erschien der König, dem ein Hauptmann der Garden voranschritt, mit dem
-Großalmosenier und einigen Herren vom Dienst. Die Ärzte hielten dem
-sich auf die Knie niederlassenden Kranken, von beiden Seiten hinter ihm
-stehend, den Kopf, während der Gardehauptmann die Hände des Knienden
-zwischen die seinigen nahm, um ein Attentat zu verhüten. Dann trat
-der König an den Kranken heran und machte ihm mit der bloßen Hand vom
-Kopf zum Kinn und vom einen Ohr zum andern streichend das Zeichen des
-Kreuzes mit den Worten: „Der König berührt, Gott heilt dich.“ Dann
-wurde der Patient mit seinen Sous abgeführt, um nicht nochmals die
-Zeremonie und vor allem die königliche Freigebigkeit in Anspruch nehmen
-zu können<a id="FNAnker_206" href="#Fussnote_206" class="fnanchor">[205]</a>.</p>
-
-<p>Ob der König mit seiner appetitlichen Tätigkeit viele Heilerfolge
-erzielte, wird nicht berichtet.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der berühmte Arzt, Dr. Thomas <em class="gesperrt">Dover</em>, der Erfinder der nach ihm
-benannten, heute noch gebräuchlichen Pulver, war ein <em class="gesperrt">erfolgreicher
-Seeräuber</em>! Um 1660 geboren ließ er sich nach Beendigung seiner
-Studien in Bristol nieder, erwarb sich einiges Geld und unternahm
-hierauf mit einigen Kaufleuten eine privilegierte Kaperexpedition. Auf
-der Insel Juan Fernandez entdeckte Dover 1709 als einzigen<span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[S. 187]</span> Bewohner
-den schottischen Matrosen Alexander Selkirk, der hier vier Jahre und
-vier Monate zugebracht hatte. Bekanntlich ist dieser Selkirk der Urtyp
-der Robinson Crusoe-Geschichte geworden. Hierauf erstürmte Dover die
-beiden Städte von Guayaquil und kehrte mit seiner Expedition der
-peruanischen Küste entlang über Kalifornien und den Stillen Ozean im
-Jahre 1711 mit einer Beute von etwa 3&frac12; Millionen Mark, von denen
-Dover einen beträchtlichen Anteil erhielt, nach England zurück. Nach
-einigen weiteren Reisen ließ sich Dover in London nieder, wo er
-u.&nbsp;a. „Des alten Arztes Erbe“ (The Ancient Physicans Legacy), das 1733
-erschien, schrieb. Es war eine populär-medizinische Abhandlung,
-verfaßt, um dem Autor Praxis zu verschaffen<a id="FNAnker_207" href="#Fussnote_207" class="fnanchor">[206]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Georges Mareschal, ursprünglich Barbier, dann Leibchirurg Ludwigs XIV.
-wurde ein so gewandter Operateur von Blasensteinen, daß er einmal
-acht Patienten in wenig mehr als einer halben Stunde von ihrem Leiden
-befreite. Er brachte es auf ein Jahreseinkommen von 300000 Frank!
-Allerdings erhielt er für einen Aderlaß jedesmal 2500 Frank<a id="FNAnker_208" href="#Fussnote_208" class="fnanchor">[207]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Bezeichnend für den Unfug, der damals mit der Klistierspritze, einer
-Erfindung des holländischen Arztes Reynier de Graaff, getrieben wurde,
-ist die aus einem Prozeß bekannte Tatsache, daß dem französischen
-Prälaten, François Bourgois 2190 Klistiere verabreicht wurden, für die
-er den geforderten Preis<span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[S. 188]</span> nicht bezahlen wollte. Die Pariser Spitäler
-brauchten damals in einem einzigen Jahre für mehr als 700000 Frank
-Blutegel<a id="FNAnker_209" href="#Fussnote_209" class="fnanchor">[208]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Wein gehörte bei unsern Altvordern so zur unentbehrlichen
-Nahrung, daß in allen Sitzungen der Ratsausschüsse sowie bei allen
-außergewöhnlichen Geschäften des Rates im späteren Mittelalter Wein
-getrunken wurde. Man rechnete täglich eine Maß Wein pro Mann als
-normales Deputat, nicht nur im städtischen Dienst als Stärkung für die
-Ratsglieder und Zunftgenossen, die bei außerordentlichen Gelegenheiten
-die Torwachen verstärkten, oder mit den Bürgermeistern in den Straßen
-umherritten, auch beim Militär. Der kaiserliche Kommandant verlangte
-z.&nbsp;B. 1552 während der Belagerung Frankfurts eine Maß täglich für jeden
-Soldat.</p>
-
-<p>Als 1411 ein Teil der deutschen Fürsten wegen der Königswahl auf kurze
-Zeit in Frankfurt anwesend war, wurden 14&frac12; Fuder Wein konsumiert!
-Fast genau so viel ließ der Rat angesichts des Reichstages, der 1485
-in Frankfurt gehalten werden sollte, für die Fürsten und Herren
-anschaffen<a id="FNAnker_210" href="#Fussnote_210" class="fnanchor">[209]</a>.</p>
-
-<p>Der schlesische Ritter Hans von Schweinichen, wie seine fürstlichen
-Herren ein berühmter Trinker, der gewissenhaft seine Räusche
-bucht &ndash; fast auf jeder Seite so und so oft &ndash; schreibt in seinen
-„Denkwürdigkeiten“ (S. 77) von der „feinen Kurzweil“, die in den
-Augsburger Trinkstuben war. „Wann man<span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[S. 189]</span> Gäste einlädt und giebt von der
-Person 18 Wssgr., so wird man mit zwanzig Essen gespeiset und dabei
-den besten Rheinfall und Rheinwein, so zu bekommen ist, getrunken, und
-dessen so lang, <em class="gesperrt">bis man alle voll ist</em>. Wie ich denn etliches Mal
-dergestalt Gäste auf der Trinkstuben zu mir einlud. Wann man aber einen
-Thaler von der Person giebt, so wird man Fürstlich tractiret. Ich hätte
-mir wollen wünschen, daß solches Leben lange und viel Jahr gewähret
-hätte.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Bei Hof war es nicht besser; sogar auf Reichstagen war die
-<em class="gesperrt">Betrunkenheit der Fürsten eine ständige Erscheinung</em>. Graf Lynar,
-ein Ausländer, nahm 1590 an der Berliner Hoftafel ungern teil, „wegen
-des Trinkens“. An den sächsischen Höfen war „<em class="gesperrt">das stetig Vollsein</em>
-ein alt eingewurzelt Uebung und Gewohnheit“. Besonders berüchtigt waren
-die „pommerischen Trünke“. Die geistlichen Fürsten konnten auch den
-Humpen schwingen, nicht minder die Damen. Manchem modernen Studenten
-hätten <em class="gesperrt">diese</em> Leistungen die Schamröte ins Gesicht getrieben!<a id="FNAnker_211" href="#Fussnote_211" class="fnanchor">[210]</a></p>
-
-<p>Das Merkwürdigste ist nun, daß die Ärzte solche Trinkexzesse für
-<em class="gesperrt">gesund</em> erklärten!<a id="FNAnker_212" href="#Fussnote_212" class="fnanchor">[211]</a></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[S. 190]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zehnter_Abschnitt"><span class="s5">Zehnter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Hygiene</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Leute, die sich eines gottgefälligen Lebenswandels befleißigten,
-badeten im frühen Mittelalter nicht. Die hl. Elisabeth verbreitete
-durch völligen Verzicht auf diesen Genuß in Bälde einen solchen Geruch
-der Heiligkeit um sich, daß ihre Umgebung es nicht mehr aushielt
-und sie veranlaßte, ein Bad zu nehmen. Der Erfolg war allerdings
-gering, denn sie hatte kaum das Wasser berührt, als sie auch schon
-hinaussprang, um dafür Buße zu tun.<a id="FNAnker_213" href="#Fussnote_213" class="fnanchor">[212]</a></p>
-
-<p>Desto reinlicher waren die weltlicher Gesinnten. Sie, auch die Bauern,
-badeten sehr häufig. Die Ritter, die natürlich nackt waren, wurden
-dabei von zarten Damenhänden bedient, wie z.&nbsp;B. auf einer Miniatur der
-Manesseschen Handschrift in der Heidelberger Universitätsbibliothek
-zu sehen ist. Übrigens wird heute noch in Skandinavien dieser Dienst
-der Weiblichkeit reserviert. Sonst scheint sich aber das Waschen auf
-Gesicht und Hände beschränkt zu haben. Keinesfalls waren Waschtische
-bekannt. Noch das Frauenzimmerlexikon von 1729 kennt zwar das
-Gießbecken und die Gießkanne, mit der man etwas Wasser auf die Hände
-goß und dann das Gesicht notdürftig benetzte, aber weder Waschtisch,
-noch Waschbecken.<a id="FNAnker_214" href="#Fussnote_214" class="fnanchor">[213]</a><span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[S. 191]</span> Daher steht es fest, daß die Reinlichkeit,
-seitdem im beginnenden 16. Jahrhundert die auftretende Syphilis das
-Schließen der öffentlichen Badestuben veranlaßt hatte, sehr gering war.</p>
-
-<p>Die Italiener der Renaissance, damals den Völkern Nordeuropas an
-Reinlichkeit überlegen, befolgten keineswegs allgemein die Sitte, sich
-täglich gründlich zu waschen. Trotzdem galt ihnen der Deutsche als
-Inbegriff alles Schmutzes<a id="FNAnker_215" href="#Fussnote_215" class="fnanchor">[214]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wie selten die Tugend der Reinlichkeit selbst beim deutschen Adel war,
-lehrt der Nachruf, den Johann von Wedel seiner 1606 verstorbenen Frau
-schrieb: „Nichts desto weniger (d.&nbsp;h. wiewohl sie dem Kleiderluxus
-abhold war) hat sie sich der Reinlichkeit und Wartung ihres Leibes mit
-ehrlicher Kleidung und gebührlichem Schmuck beflissen, welches eine
-feine äußerliche Tugend ist, die Jungfrauen und Frauen wohl zieret, daß
-sie nicht wie Schlammüttere herein ziehen, dafür dem Teufel oftmals
-grauen möchte, sondern sich waschen, zieren, schmücken, reinlich
-halten, dessen die Schrift ehrlich gedenket (Ecclesiastes IX)“<a id="FNAnker_216" href="#Fussnote_216" class="fnanchor">[215]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wie es zur Zeit des Konstanzer Konzils in einem deutschen Badeorte
-zuging, beschreibt der berühmte Humanist Poggio Bracciolini in einem
-bekannten Brief an seinen Freund Niccoli vom Jahre 1417. Es handelt
-sich um Baden in der Schweiz. Nachstehend einige<span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[S. 192]</span> Stellen nach der
-Übersetzung von Alwin Schultz in seinem Deutschen Leben im 14. und 15.
-Jahrhundert:</p>
-
-<p>„Es ist dort so ausgelassen, daß ich zuweilen meine, Venus sei mit
-allen Vergnüglichkeiten von Cypern nach diesem Bade übersiedelt,
-so werden ihre Gesetze beobachtet, so aufs Haar ihre Sitte und
-Leichtfertigkeit wiedergegeben, so daß sie, wenn sie auch die Rede des
-Heliogabal nicht gelesen, doch von Natur gelehrt und unterrichtet genug
-erschienen...</p>
-
-<p>Öffentliche Bäder sind nur zwei vorhanden, offen (palam) zu beiden
-Seiten, Badestätten des Volkes und des gemeinen Haufens, zu denen
-Weiber, Männer, Knaben, unverheiratete Mädchen, die Hefe der ganzen
-Umgebung zusammenströmt. In ihnen scheidet eine Mauer die Männer von
-den Frauen. Es ist lächerlich zu sehen, wie abgelebte alte Weiber
-und jüngere Frauen <em class="gesperrt">nackt vor den Augen der Männer ins Wasser
-steigen</em>. Ich habe oft über dies prächtige Schauspiel gelacht, dabei
-an die Spiele der Flora gedacht und bei mir die Einfalt dieser Leute
-bewundert, die weder auf so etwas hinsehen, noch irgend etwas Böses
-davon denken oder reden. Die Bäder in den Privathäusern (etwa dreißig)
-sind aber sehr fein (perpolita); Männer und Frauen gemeinsam, aber
-durch eine Holzwand geschieden. In ihr sind mehrere Fenster angebracht,
-so daß man zusammen trinken und sich unterhalten kann, <em class="gesperrt">nach beiden
-Seiten hin zu sehen und sich zu berühren vermag, wie dies ihrer
-Gewohnheit nach oft geschieht</em>. Über dem Bassin sind Korridore, auf
-denen Männer stehen, zuzusehen, um sich zu unterhalten, denn ein jeder
-darf in andere Bäder gehen und sich dort aufhalten, zuzuschauen, zu
-plaudern,<span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[S. 193]</span> zu scherzen und sich zu erheitern, so daß man die Frauen,
-wenn sie ins Wasser steigen oder aus demselben herauskommen, sieht.
-Keiner wehrt die Tür, keiner argwöhnt etwas Unsittliches. Männer tragen
-nur eine Schambinde (campestribus utuntur), die Frauen ziehen leinene
-Hemden an, von oben bis zum Schenkel, oder an der Seite offen, so daß
-sie weder den Hals, noch die Brust oder die Arme bedecken. Im Wasser
-selbst speisen sie auf gemeinsame Kosten, ein geschmückter Tisch
-schwimmt auf dem Wasser, und auch Männer pflegen teil zu nehmen...</p>
-
-<p>Es ist merkwürdig, zu sehen, in welcher Unschuld sie leben, mit welchem
-Vertrauen Männer es ansahen, daß ihre Frauen von Fremden berührt
-wurden. Sie wurden nicht gereizt, achteten nicht darauf, nahmen alles
-von der besten Seite. Nichts ist so schwer, das bei ihren Sitten nicht
-leicht wurde. Sie hätten ganz in den Staat Platos gepaßt, wo alles
-gemeinsam ist, da sie schon ohne seine Lehre so eifrig in seiner Schule
-erfunden werden. In einigen Bädern sind Männer unter den Frauen, denen
-sie entweder verwandt sind, oder es wird ihnen aus Wohlwollen
-gestattet...</p>
-
-<p>Ich glaube nicht, daß es auf der Welt ein wirksameres Bad für die
-Fruchtbarkeit der Frauen gibt; da recht viele der Unfruchtbarkeit wegen
-hierher kommen, so erfahren sie seine merkwürdige Kraft. Sie beobachten
-genau die Vorschriften, und es brauchen Mittel die, welche nicht
-empfangen können. Unter diesen ist besonders folgendes bemerkenswert:
-eine<span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[S. 194]</span> unzählige Menge von Adeligen und Nichtadeligen kommt hier
-zusammen; zweihundert Meilen weit her, nicht eben der Gesundheit,
-sondern der Lust wegen, alles Liebhaber, alles Freier, alle, denen an
-einem genußreichen Leben gelegen ist. So siehst du unzählige schöne
-Frauen, ohne Männer, ohne Verwandte, mit zwei Dienerinnen und einem
-Knechte oder einer alten Angehörigen, die leichter zu täuschen als
-zu ernähren ist... <em class="gesperrt">Da leben Äbte, Mönche, Brüder und Priester in
-größerer Freiheit, als die andern, baden zuweilen mit den Frauen</em>
-und schmücken die Haare mit Kränzen, alle Religion beiseite lassend...“
-Es kann sein, daß Poggio übertrieben hat. Immerhin gibt es auch heute
-noch Bäder, etwa Franzensbad, die nicht ohne guten Grund im Rufe
-stehen, die Unfruchtbarkeit zu beseitigen, keinesfalls stets allein
-durch ihr Wasser.</p>
-
-<p>Bezeichnend für die Volkstümlichkeit des Badens bei unsern Altvordern
-ist, daß man statt Trinkgeld „Badgeld“ sagte. Die Folgerung aber, daß
-man sich mit der äußeren Feuchtigkeit begnügte, wäre übereilt<a id="FNAnker_217" href="#Fussnote_217" class="fnanchor">[216]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Badestuben vertraten etwa die Stelle der heutigen Kaffeehäuser, wo
-man sich traf, plauderte und einen großen Teil des Tages zubrachte. Im
-Bade selbst verweilte man mitunter vier Stunden, und in Ems erforderte
-die Kur, jeden Tag eine Stunde länger, bis zu zehn Stunden im Wasser zu
-sitzen.<span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[S. 195]</span> Man trank und sang gemeinsam, wie es auf zahlreichen Bildern
-dargestellt ist.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Daß Gatte und Gattin in derselben Wanne saßen, war ganz gewöhnlich,
-aber es war auch an vielen Orten Sitte, daß in <em class="gesperrt">größerer Gesellschaft
-Männlein und Weiblein zusammen badeten</em>. Zu Baden in der Schweiz
-waren dabei die unteren Volksklassen ganz nackt, die Männer der
-höheren Stände aber waren mit einem Schurz, die Frauen mit einem
-weitausgeschnittenen Badelaken bekleidet. Viele Badestuben hatten
-auch nur ein einziges Auskleidezimmer, das von beiden Geschlechtern
-gleichzeitig benutzt wurde. In der Badeordnung für das Glottertal
-wurde &ndash; allerdings erst 1550 &ndash; vorgeschrieben, daß jeder Mann sein
-Beinkleid und Hemd, jede Frau oder Jungfrau ihr Hemd nicht eher
-als in der Badewanne selbst ablegen solle. Man scheint also diese
-Anstandsregel wohl nicht immer beobachtet zu haben.</p>
-
-<p>Ein Blitzlicht auf die Sittlichkeit des 16. Jahrhunderts wirft auch
-folgende Verfügung aus der Badeordnung des Glottertals: „Item soll
-ain jedt wederer Bader, es seyen Manns- oder Weybspersonen, ire
-Heimlichkeiten zuedecken.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Fromme Leute errichteten häufig eine Stiftung, um sich meldenden Armen
-davon gratis Bäder verabreichen zu lassen, sogenannte „Seelenbäder“.
-Schmeller versicherte, daß noch im Jahre 1827 einige Zünfte<span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[S. 196]</span> zu
-Quatember und zu anderen Zeiten solche Bäder für das Seelenheil
-ihrer verstorbenen Mitglieder spendeten. Hoffen wir zum Besten der
-im Fegefeuer schmorenden, daß es dabei sittsamer zuging, als im
-Deutschland des 15. und 16. Jahrhunderts.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Hans von Schweinichen erzählt zum Jahre 1551 in seinen
-„Denkwürdigkeiten“: „Allhier erinner ich mich, daß ich wenig Tage zu
-Hofe war, badete die alte Herzogin, allda mußte ich aufwarten als ein
-Junge. Es währt nicht lange, kommt ein <em class="gesperrt">Jungfrau</em>, Unte Riemen
-genannt, <em class="gesperrt">stabenackend raus</em>, heißt mich ihr kalt Wasser geben,
-welches mir seltsam vorkam, weil ich zuvor kein nacket Weibesperson
-gesehen, weiß nicht, wie ich es versehe, begieße sie mit kaltem Wasser.
-Schreit sie laut und rufet ihren Namen an und saget der Herzogin,
-was ich ihr mitgespielt; die Herzogin aber lachet und saget: ‚Mein
-Schweinichen wird gut werden.‘ Inmittels habe ich gewußt, was nacket
-Leut sind, warum sie sich aber mir also erzeiget, wußte ich nicht für
-was vor ein Ende.“</p>
-
-<p>Wie Guarinonius erzählt, ging es noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts
-in kleineren Städten, wie Hall in Tirol, recht paradiesisch zu. Es war
-Brauch, halb oder ganz nackte Mädchen von 10&ndash;18 Jahren über die Straße
-ins Bad zu schicken und sie von ganz nackten Burschen von 10&ndash;16 Jahren
-begleiten zu lassen. Daß auch erwachsene Männer und Frauen sich ebenso
-benahmen, ändert nichts an der Sache<a id="FNAnker_218" href="#Fussnote_218" class="fnanchor">[217]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[S. 197]</span></p>
-
-<p>Eines Tages im Jahre 1185 stand König Philipp August von Frankreich
-am Fenster seines Palais, als einige vorüberfahrende Wagen den
-Straßenschmutz aufwühlten. Der sich dabei entwickelnde Gestank war so
-furchtbar, daß der König, wiewohl doch an die Ausdünstungen seiner
-Residenz Paris gewöhnt, <em class="gesperrt">ohnmächtig wurde</em>. Er befahl darauf
-Pflasterung einiger Straßen. Infolge vieler Verordnungen legte man
-sich zwar im Verlauf der Jahrhunderte einigen Zwang auf im ferneren
-Verunreinigen der Straßen, fuhr auch den Unrat fort, aber nur bis zur
-Place Maubert, dem Marktplatz, der völlig verpestet wurde. Erst 1531
-mußten die Bewohner von Paris zwangsweise Aborte und Senkgruben in
-ihren Häusern anlegen. Bisher hatte man sich zumeist mit der Straße
-beholfen, wie das im 17. Jahrhundert noch vielerorts in Deutschland,
-z.&nbsp;B. in Hall in Tirol, Sitte war.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als Kaiser Friedrich III. Tuttlingen besuchen wollte, ging es
-nicht, weil die Stadt zu schmutzig war. Am 28. August 1485 ist er
-in Reutlingen um ein Haar mitsamt seinem Pferde im Straßenschmutz
-versunken. Schweine wurden überall in den deutschen Städten gehalten,
-nicht nur daß man sie frei in den Straßen herumlaufen ließ, man brachte
-ihre Kober auch nach der Straßenfront hin an. In Berlin wurde das erst
-1641 verboten, erst 1681 aber wurde das Mästen der Borstentiere dort
-überhaupt untersagt. Seit 1671 mußte jeder Bauer, der nach Berlin kam,
-eine Fuhre Unrat mit aus der Stadt nehmen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[S. 198]</span></p>
-
-<p>Die Verordnung des Nürnberger Magistrates von 1490, daß täglich ein
-Knecht die toten Schweine, Hunde, Katzen, Hühner und Ratten auf der
-Straße zu sammeln und vor das Tor zu bringen habe, begeisterte ein
-poetisches Gemüt zu einem Jubelhymnus<a id="FNAnker_219" href="#Fussnote_219" class="fnanchor">[218]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1666 wurde eine Reinigung der Straßen von Paris vorgenommen.
-Das war ein solches Ereignis, daß es nicht nur angedichtet wurde,
-sondern man sogar <em class="gesperrt">zwei Medaillen</em> zu dauerndem Gedächtnis
-schlug<a id="FNAnker_220" href="#Fussnote_220" class="fnanchor">[219]</a>.</p>
-
-<p>Noch im Jahre 1697 wurde polizeilich festgestellt, daß die Bewohner Tag
-und Nacht aus ihren Fenstern alles schmutzige Wasser, Urin und Unrat
-jeglicher Art auf die Straßen warfen. Wer das nicht tat, sondern sich
-im glücklichen Besitze eines Abortes befand, bediente sich zu diesem
-Zwecke einer allen gemeinsamen Grube, deren Inhalt von Zeit zu Zeit
-in den Hausgarten entleert wurde! Das war im glänzenden Paris eines
-Ludwigs XIV.<a id="FNAnker_221" href="#Fussnote_221" class="fnanchor">[220]</a>!</p>
-
-<p>In Sicherheit vor Güssen war man nur in den breiten Straßen, wenn man
-sich in ihrer Mitte hielt, wo ein schlammiger Rinnsal floß. Jeden
-Augenblick öffnete sich ein Fenster, und wer das Unglück hatte, den
-geheiligten Warnungsruf „gare l’eau“ zu überhören, über den ergoß sich
-erbarmungslos der Inhalt eines Nachttopfes oder eines Schmutzeimers.
-Es gab in der ganzen Stadt kein Fleckchen, wo man sicher vor solchen
-Überraschungen war, noch wo man dem entsetzlichen Gestank hätte
-entfliehen können. In<span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[S. 199]</span> Ermangelung von Aborten benutzte man alle
-Straßenecken, die Umgebung der Kirchen, ja die Paläste, wie man heute
-noch in Neapel ähnliches sehen kann. Im Palais de Justice stieß man
-z.&nbsp;B. überall auf Exkremente, sogar der Louvre wurde nicht verschont:
-in den Höfen, auf Treppen und Balkonen, hinter den Türen, überall wo
-jemand gerade ein Bedürfnis fühlte, entledigte er sich am hellichten
-Tage seiner Bürde, ohne daß die Palastbewohner sich darum kümmerten.
-Heinrich III. war darin allerdings kitzlig: durch Verordnung vom
-August 1578 befahl er, daß jeden Morgen, bevor er sich erhoben hatte,
-die Fäkalien aus den Höfen und seinen Sälen gekehrt werden mußten! Er
-hielt eben auf Reinlichkeit. Im übrigen roch es aber in den spanischen
-und französischen Palästen noch zu Ludwigs XIV. Zeit zwar stärker wie
-Rosen, aber nicht besser<a id="FNAnker_222" href="#Fussnote_222" class="fnanchor">[221]</a>. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts schlug
-deshalb ein Bürger die Einführung von Nachtstühlen in den königlichen
-Palästen vor.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Zustand der öffentlichen Hygiene hob sich auch im 18. Jahrhundert
-in Paris nur sehr allmählich. Es kam vor, daß die schlecht angelegten
-Abtrittgruben sich in die benachbarten <em class="gesperrt">Brunnen</em> leerten! Da
-kleine Bedürfnisse noch das ganze Jahrhundert, ja bis tief ins 19.
-hinein überall auf den Straßen verrichtet wurden, auch nach wie vor
-Nachttöpfe ahnungslose Passanten mit ihrem Inhalt bekannt machten, gab
-deren Aroma dem der Vergangenheit nicht viel nach. Noch 1780 mußte
-unter Protest der Bewohnerschaft<span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[S. 200]</span> von der Polizei die Ausleerung von
-Nachttöpfen usw. aus den Fenstern verboten werden!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1701 fand man beim Leeren einer Abortgrube die Leiche der
-Gattin eines Chirurgen, was aber kein Aufsehen erregte<a id="FNAnker_223" href="#Fussnote_223" class="fnanchor">[222]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Noch im Jahre 1780 wurden die Straßen von Paris nicht selten durch
-die stark angeschwollenen furchtbar stinkenden Gossen in zwei Hälften
-geteilt, so daß man nur durch schwankende Laufbrücken die Kommunikation
-von der einen Straßenseite zur andern bewerkstelligen konnte. Der
-Inhalt dieser Gossen aber bestand aus einer schwarzen, übelriechenden
-und scharfen Brühe, die Stoffe, mit denen sie in Berührung kam,
-verbrannte. Daher das schöne Sprichwort: „Il tient comme boue de
-Paris<a id="FNAnker_224" href="#Fussnote_224" class="fnanchor">[223]</a>“.</p>
-
-<p>Bei Regen spien die Dachrinnen von jedem Hause herab ihr Wasser auf
-Passanten und Straße, so daß man erst nach seinem Aufhören durch
-über die Gossen gelegte Bretter den Übergang von einer Seite zur
-andern ermöglichen mußte. Erst 1764 wurden diese freien Dachrinnen
-verboten<a id="FNAnker_225" href="#Fussnote_225" class="fnanchor">[224]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Zur Ritterzeit waren Nachttöpfe unbekannt. Wie man sich behalf,
-geht aus einem Gedicht hervor: „Do quam der vrouwen eine Gegangen
-alters eine Vür der <em class="gesperrt">kemenâten tür</em> Und wolte gerne da vür Sich
-des wazzers erlâzen.“ Zu Aborten verwendete man offene Erker, die
-zweifellos herrliche Aussicht gewährten, im übrigen aber recht luftig
-waren. Um die in den Burggraben fallenden Fäkalien kümmerte sich kein
-Mensch.<span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[S. 201]</span> Im Erfurter Schloß befand sich aber sogar eine Kloake, und
-zwar gerade unter einem Saale. Das war entschieden nicht angenehm,
-besonders nicht für Kaiser Friedrich Barbarossa und seine Paladine.
-Denn als er dort im Jahre 1183 einen Reichstag hielt, brachen die
-Balken des Saales, und eine Menge Leute stürzten hinein. Acht Fürsten,
-viele Edele und über hundert Ritter fanden dabei ihren Tod, während der
-Kaiser sich durch einen Sprung aus dem Fenster rettete.</p>
-
-<p>Überhaupt stürzten Häuser oder Balkone außerordentlich häufig ein.
-Nicht weniger als drei deutsche Kaiser, Ludwig der Fromme, Ludwig
-der Deutsche und Arnulf, sind allein im 9. Jahrhundert bei dieser
-Gelegenheit verletzt worden. Ebenso Heinrich III. im 11. und Heinrich
-VI. im 12. Jahrhundert<a id="FNAnker_226" href="#Fussnote_226" class="fnanchor">[225]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>J. J. Rousseau brachte Stunden auf dem Nachtstuhle zu. Der Herzog von
-Orléans erteilte hier, umgeben von seiner Dienerschaft, dem Herzog von
-Noailles <em class="gesperrt">Audienz</em>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als gelegentlich der Krönung Ludwigs XVI. in der Kathedrale von Reims
-der Königin ein Appartement eingerichtet wurde, das man mit Closet
-„à l’angloise“ ausstattete, also mit einer Art Wasserspülung, die
-noch 1807 äußerst selten war, hielt man das für eine nicht mehr zu
-überbietende Kriecherei<a id="FNAnker_227" href="#Fussnote_227" class="fnanchor">[226]</a>! Übrigens wurde das Wasserklosett bereits
-im 17. Jahrhundert in England erfunden<a id="FNAnker_228" href="#Fussnote_228" class="fnanchor">[227]</a>!</p>
-
-<p>Vor wenigen Jahren, vielleicht heute noch, besaß das Königsschloß in
-Stockholm keine Aborte. Alles,<span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[S. 202]</span> auch fürstliche Gäste, mußte sich
-auf den Korridor hinter eine spanische Wand begeben. Aber da diese
-keineswegs alles verhüllte, so konnten die Vorübergehenden die Beine
-oder wenigstens die Füße des dort Sitzenden sehen.</p>
-
-<p>Noch im Jahre 1900 hatten große Trakte der Münchener Residenz keine
-Aborte. Wie Verfasser aus zuverlässiger Quelle weiß, bedienten sich
-höchste Herrschaften bis in die Gegenwart nicht des Wasserklosetts,
-sondern ausschließlich des Nachtstuhles. Noch heute dient in Bayern
-vielfach auf dem Lande &ndash; nach Manövererfahrungen &ndash; der Misthaufen den
-gleichen Zwecken, und eine den oberen Teil des Sitzes &ndash; aber nicht
-etwa die Beine &ndash; verhüllende Holzverschalung ist ein nicht überall
-anzutreffender Luxus.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In einem Bericht, den der Chirurg Tenon im Jahre 1788 über den Befund
-im Hospital Hôtel-Dieu auf königlichen Befehl abfaßte, findet sich
-folgende Darstellung der dort herrschenden Zustände:</p>
-
-<p>Ein einziges der Gebäude des Spitales barg 2627 Kranke, darunter
-Fieberkranke, Wöchnerinnen, Blatternkranke usw. Die Betten, etwa
-1,10 m breit, waren für je zwei bestimmt, wurden aber <em class="gesperrt">mit sechs
-belegt</em>, drei am Kopf-, drei am Fußende. <em class="gesperrt">Dadurch lagen die Füße
-auf den Schultern oder im Gesicht der anderen.</em> Daher war es für die
-Patienten, die hochkant liegen mußten, da ihnen nur je etwa 35 ctm.
-Platz zur Verfügung stand, unmöglich zu schlafen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[S. 203]</span></p>
-
-<p>Der Inhalt der <em class="gesperrt">Nachtstühle</em> wurde täglich im <em class="gesperrt">Krankenzimmer
-selbst in größere Gefäße übergeschüttet</em>. Dadurch und durch das
-Herabfallen der Fäkalien auf den Fußboden war die <em class="gesperrt">Luft in den Räumen
-verpestet</em>.</p>
-
-<p>In den Kleiderkammern hingen die Kleider der mit Krätze und Blattern
-behafteten zwischen denen der anderen Patienten. Natürlich auch die
-verlausten zwischen den reinen. Wer das Hospital verließ, bekam also
-seine <em class="gesperrt">Kleidungsstücke infiziert mit Pocken- und Blatterkeimen,
-Krätze und Läusen zurück</em>. Auch die Gewandstücke der Verstorbenen
-wurden hier aufbewahrt, bis sie &ndash; sieben bis acht Tausend pro Jahr &ndash;
-verkauft wurden, überall hin Krankheiten verbreitend.</p>
-
-<p>Die Strohsäcke der Kranken, die Urin und Exkremente nicht halten
-können, werden um vier Uhr morgens geöffnet und auf den Fußboden
-ausgebreitet. Gleichzeitig werden die Strohfüllungen der anderen Betten
-geleert. Statt den beschmutzten Inhalt an Ort und Stelle zu verbrennen,
-wird das Stroh auf Karren ins Hospital Saint-Louis gefahren.</p>
-
-<p>Die Mauern sind bedeckt mit Auswurf, der Fußboden mit Fäkalien, die aus
-den Strohsäcken rinnen, oder beim Leeren der Nachtstühle verschüttet
-werden. Danach ist auch die Luft in den Sälen.</p>
-
-<p>Im Saale Saint-Jérôme in diesem famosen Hospital, damals dem <em class="gesperrt">größten
-chirurgischen Operationssaale Europas</em>, ist die Luft durch die
-<em class="gesperrt">benachbarte Leichenhalle verpestet</em>; die übrige Umgebung strömt
-ebenfalls üble Gerüche aus. Sonne fällt nicht hinein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[S. 204]</span></p>
-
-<p>In Gegenwart der zu operierenden werden die Instrumente hergerichtet,
-<em class="gesperrt">ja man operiert in Gegenwart der übrigen Patienten</em>.</p>
-
-<p>Während in Versailles fast niemand an Trepanation stirbt, kommen in
-diesem Hospital alle durch Infektion um.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Die kranken Wöchnerinnen liegen mit den gesunden zusammen, drei bis
-vier im selben Bett</em>, solche mit Krätze zusammen mit gesunden.</p>
-
-<p>Der Auszug aus dem offiziellen Bericht dürfte genügen<a id="FNAnker_229" href="#Fussnote_229" class="fnanchor">[228]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Friedhof des „Innocents“, der in Paris ein Jahrtausend zur
-Bestattung gedient hatte, war so verpestet, daß der Generalleutnant
-Berrier im Jahre 1746 mit eigenen Augen einen Schwaden aufsteigen sah
-von dem Massengrab, das dort in der Regel etwa 1500 Personen aufnahm.</p>
-
-<p>Im Jahre 1765 beklagten sich &ndash; nach zahlreichen Vorläufern &ndash; die
-Anwohner darüber, daß die Verpestung durch die Ausdünstungen des
-Friedhofes derartig stark sei, daß <em class="gesperrt">innerhalb weniger Stunden die
-Nahrungsmittel in den benachbarten Häusern verdürben</em>.</p>
-
-<p>Erst 1776 wurde die Beerdigung innerhalb der Kirchen behördlicherseits
-eingeschränkt, aber noch keineswegs ganz untersagt. Über die damaligen
-hygienischen Zustände klärt ein Brief Voltaires an den Dr. Paulet auf:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[S. 205]</span></p>
-
-<p>„Sie haben in Paris ein Hôtel-Dieu, wo ewige Ansteckung herrscht, wo
-sich die Kranken, der eine auf den andern gehäuft, gegenseitig Pest und
-Tod aufhängen. Sie haben in den kleinen Sackgassen Schlächtereien, die
-im Sommer einen Kadavergeruch verbreiten, der imstande ist, ein ganzes
-Stadtviertel zu vergiften. Die Ausdünstungen der Toten töten in euren
-Kirchen die Lebenden, und die Beinhäuser des ‚Innocents‘ sind noch ein
-Zeugnis von Barbarei, das uns weit unter Hottentotten und Neger stellt.“</p>
-
-<p>Die Ausdünstungen des Friedhofes steigerten sich so, daß am Ende des
-Jahres 1779 in einem benachbarten Hause das Licht im Keller erlosch.
-Die Beschreibung der weiteren Details ist zu ekelhaft, um hier
-wiedergegeben zu werden<a id="FNAnker_230" href="#Fussnote_230" class="fnanchor">[229]</a>.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[S. 206]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Elfter_Abschnitt"><span class="s5">Elfter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Ehre</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Wie das Kind den Stuhl schlägt, an dem es sich stieß, statt seiner
-eigenen Ungeschicklichkeit gram zu sein, so suchte das Mittelalter
-seinen ganzen Haß gegen die doch selbst gewollte Blutgerichtsbarkeit
-und Grausamkeit am Henker auszulassen. Damit jeder ihm schon von
-weitem ausweichen konnte, wurde im Jahre 1543 dem Scharfrichter
-vorgeschrieben, in der Öffentlichkeit mit rot-weiß-grünen Lappen am
-Rockärmel und Mantelarmloch zu erscheinen. Der Henker mußte außerhalb
-der Stadtmauern wohnen, die Erwerbung des Bürgerrechtes war ihm
-versagt, betrat er selbst eine Herberge, so bekam er Speise und Trank
-abseits von den anderen Gästen am „Henkertischchen“ gereicht, wobei er
-auf einem nur dreibeinigen Stuhle sitzen mußte. Zum Unterschied von den
-anderen war sein Krug henkellos, eingegossen wurde ihm rückwärts über
-die Hand. Wohl in Erinnerung an diesen Brauch gilt es heute noch am
-Rhein als Unhöflichkeit, wenn der Gastgeber einem Gast über die Hand
-eingießen wollte. Zahlte der Henker, so mußte er die Münze ablegen,
-worauf der Empfänger darüber wegstrich oder darüber hinblies,<span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[S. 207]</span> bevor er
-sie einsteckte. Auch in der Kirche hatte er einen von den „ehrlichen
-Leuten“ strenge geschiedenen Platz. Wie es dem Henker erging, so auch
-dem Schinder oder Abdecker. Bemerkenswert ist die große Ähnlichkeit der
-die Verachtung ausdrückenden Gebräuche im Abendlande mit den in Indien
-den Parias gegenüber üblichen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Frauen der Stadt Husum hatten noch am Ende des 17. Jahrhunderts der
-vom Rate besoldeten Wehe- und Bademutter <em class="gesperrt">verboten, der Ehefrau des
-Henkers oder Schinderknechtes in Kindsnöten beizustehen</em>! Da drohte
-der Rat, „wofern sich nicht binnen 24 Stunden eine Frau fände, die
-der Bewußten beispränge, so werde E. E. Rat überall keine Bademütter
-weiter dulden, sondern dafür sorgen, daß künftighin Mannspersonen des
-Barbieramtes den Frauen die benötigte Hülfe leisten sollten“. Aber auch
-diese Drohung nützte den frommen Christinnen gegenüber nicht viel. Als
-sich endlich ein armes altes Weib zu diesem Liebeswerk fand, mußte sie
-selbst im Tode dafür büßen! Die rachsüchtigen Frauen entzogen ihr jede
-Pflege und Guttat und ließen selbst ihre Leiche tagelang unbesorgt, bis
-der Rat endlich den Nachtwächter zu ihrer Bestattung bewegen konnte.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Da das Angebot an Scharfrichtern sehr gering war, half sich der Rat
-bisweilen, indem er einen zum Tode Verurteilten das Leben schenkte
-unter der Be<span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[S. 208]</span>dingung, Henker zu werden. Ein aus einer anderen Stadt
-erbetener Scharfrichter schnitt dann dem Gewählten in offener Zeremonie
-zum Zeichen des Standeswechsels beide Ohren ab!</p>
-
-<p>Nur mit Geld war der Henker gut dotiert. <em class="gesperrt">Er stand im Gehalte dem
-Stadtprediger oder Stadtphysikus gleich</em>, außerdem war er fast
-überall Bordellwirt und verdiente durch Ausübung von ärztlicher
-Praxis<a id="FNAnker_231" href="#Fussnote_231" class="fnanchor">[230]</a>.</p>
-
-<p>Erst die französische Revolution erlöste den Henker von der
-jahrhundertelangen Unehre. Auch hier waren die Menschenrechte wirksamer
-als die christliche Nächstenliebe.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Mittelalter wurden alle, die sich das Leben genommen hatten,
-entweder ausgeschleift und verbrannt, oder in ein Faß getan und (in
-Frankfurt) in den Main geworfen. Dabei war es gleichgültig, ob der
-Selbstmörder eines Verbrechens bezichtigt war, ob er bei Vernunft
-gewesen oder nicht. Nur wenn einer erwiesenermaßen nicht im Besitze
-seiner Geisteskräfte war, wurde er nicht verbrannt, sondern ins Wasser
-geworfen, bzw. am Ende des Mittelalters auf den Schindanger gebracht
-und dort mit etwas Erde überdeckt.</p>
-
-<p>Wer sich selbst erhenkt hatte, durfte durch niemand als den Henker
-abgeschnitten werden. Um die Heiligkeit der Haustürschwelle nicht zu
-entweihen, mußte dann die Leiche durch ein unter derselben ge<span class="pagenum"><a id="Seite_209"></a>[S. 209]</span>machtes
-Loch hinausgezogen werden. An einigen Orten warf man die Leiche zum
-Fenster hinaus. Es wird als besondere Vergünstigung bezeichnet, daß man
-1486 einer Frau gestattete, den Leichnam ihres Mannes, der sich aus
-Wahnwitz selbst entleibt hatte, in den Main zu werfen, statt das durch
-den Henker tun zu lassen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1522 wurden sogar die Güter eines Juden, der sich selbst
-entleibt hatte, in Frankfurt konfisziert, was sonst nicht Brauch war.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Erst im Jahre 1723 kommt es in Frankfurt vor, daß man die Bestattung
-eines wahrscheinlich geisteskranken Selbstmörders auf dem gewöhnlichen
-Friedhofe erlaubte. Aber sie mußte ganz im stillen und auf dem
-hintersten Teile geschehen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Gegen aufgefundene Leichen, selbst wenn es sich um Ermordete handelte,
-verfuhr man ganz ähnlich wie gegen Selbstmörder, und zwar aus
-religiösen Bedenken. Wußte man doch nicht bestimmt, ob der Tote ein
-Christ, und wenn schon, ob er auch ein <em class="gesperrt">frommer</em> Christ gewesen
-sei, auch war die Möglichkeit, es handle sich doch um Selbstmord, nicht
-ausgeschlossen! Deshalb mußte die Erlaubnis des Pfarrers zu einem
-ehrlichen Begräbnis eingeholt werden<a id="FNAnker_232" href="#Fussnote_232" class="fnanchor">[231]</a>.</p>
-
-<p>Erst 1497 kam man in Frankfurt auf den Gedanken, dem zum Tode
-Verurteilten den Selbstmord<span class="pagenum"><a id="Seite_210"></a>[S. 210]</span> durch eine Art von Zwangsjacke unmöglich
-zu machen. Man band den Delinquenten nämlich in einem besonders
-konstruierten Stuhl fest<a id="FNAnker_233" href="#Fussnote_233" class="fnanchor">[232]</a>. Daß man bis dahin dem armen Sünder, der
-unter Umständen zu einem höchst qualvollen Tode verurteilt war, nicht
-jede Möglichkeit der Selbstentleibung nahm, dürfte wohl darin seinen
-Grund haben, daß nur wenige es versuchten, sich dem Nachrichter durch
-eine so schimpfliche Todesart zu entziehen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>„Die Zünfte müssen so rein sein, als wären sie von den Tauben gelesen.“
-Dieser schöne Grundgedanke wurde gehandhabt wie folgt:</p>
-
-<p>Die bloße Tatsache, daß ein Zunftgenosse einen Hund auf irgendwelche
-Weise tötete, hatte zur Folge, daß ihm <em class="gesperrt">das Handwerk gelegt
-wurde</em>, d.&nbsp;h. daß er und eventuell seine Familie <em class="gesperrt">brotlos</em>
-gemacht wurden. Man betrachtete den Totschlag eines Hundes als Eingriff
-in das verachtete Gewerbe des Scharfrichters.</p>
-
-<p>Im Mittelalter wurden Adelige zur Strafe des Hundetragens verurteilt,
-und Widukind erzählt, daß die Übersendung eines räudigen oder
-verstümmelten Hundes als Absage an den Feind galt.</p>
-
-<p>Erst durch den § 23 des Reichsschlusses vom 16. August 1731 wurde die
-Bestimmung, den Totschläger eines Hundes aus der Zunft auszuschließen,
-beseitigt<a id="FNAnker_234" href="#Fussnote_234" class="fnanchor">[233]</a>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_211"></a>[S. 211]</span></p>
-
-<p>Im Jahre 1690 wurde dem jüngsten Sohne eines ehelich geborenen Bauern,
-der das Schneiderhandwerk erlernen wollte, die Aufnahme in die
-Bunzlauer Schneiderzunft versagt, weil &ndash; seine <em class="gesperrt">Großmutter</em> vor
-50 Jahren, als sie noch unverheiratet war, mit ihrem Dienstherrn ein
-Kind hatte!</p>
-
-<p>Im Jahre 1656 legte die Tuchmacherzunft in Grünberg einem Lehrling das
-Handwerk, weil seine Mutter im Dreißigjährigen Kriege von einem Reiter
-genotzüchtigt worden war, wiewohl der Rat feststellte, daß gegen die
-Frau <em class="gesperrt">nichts Ehrenrühriges vorlag</em>.</p>
-
-<p>Der Sohn eines Bauern und Gerichtsmannes, der die Weißgerberei erlernen
-soll, wird 1691 abgewiesen, weil sein <em class="gesperrt">Großvater</em>, ein begüterter
-Bauer, vor 30&ndash;40 Jahren als gräflicher Diener bei der Kastration von
-Pferden geholfen hatte.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Damals wurde in die Zünfte nur aufgenommen, wer außer ehelicher Geburt
-auch <em class="gesperrt">eheliche Erzeugung seiner Eltern und Voreltern nachweisen
-konnte</em>! Dasselbe wurde von den Frauen der Zunftgenossen gefordert.
-Die Verzeihung eines Ehebruches genügte zum Ausschluß aus der Zunft.
-Hammurabi dachte darin milder. § 129 seines Gesetzes lautet: Wenn
-jemandes Ehefrau mit einem Zweiten ruhend ertappt wird, soll man sie
-(beide) binden und ins Wasser werfen. Wenn der Eheherr der Frau<span class="pagenum"><a id="Seite_212"></a>[S. 212]</span>
-verzeiht, so soll auch der König seinen Untertan begnadigen<a id="FNAnker_235" href="#Fussnote_235" class="fnanchor">[234]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1696 war eine Frau in Hernstadt an der Bartsch im
-Fieberdelirium ins Wasser gesprungen und ertrunken. Der Witwer mietete
-einen Taglöhner und fuhr mit ihm im Kahn zur Leiche, um sie aus dem
-Wasser ziehen zu lassen. Dieser seiner Frau erwiesene Liebesdienst
-wurde ihm und seiner Tochter aus zweiter Ehe noch ein Menschenalter
-nachgetragen, denn als diese sich mit einem Schneider verheiraten
-wollte, wurde ihr wegen der einstigen Schiffsführung ihres Vaters
-ein <em class="gesperrt">Zeugnis ihrer ehelichen Geburt</em> und ihrem Bräutigam die
-<em class="gesperrt">Aufnahme in die Zunft verweigert</em><a id="FNAnker_236" href="#Fussnote_236" class="fnanchor">[235]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als im Jahre 1757 der Winterthurer Rittmeister Hegner zur „Sonne“
-vier Pferde, die in der Eulach ertrunken waren, herausziehen half,
-machte er sich die Tragweite wohl nicht klar: „In raschem Eifer hatte
-er an einem Seil gezogen, ohne zu fragen, wer es befestigt, und ohne
-sich umzusehen, wer neben ihm ziehe. Bald war er nach Zürich zitiert,
-um sich zu legitimieren, daß er <em class="gesperrt">nie an einem Seil gezogen oder
-eins angerührt, das der Henker angemacht</em>. Auf seine ehrliche
-Verantwortung ward ihm auferlegt, ein Attest vorzulegen, daß dies
-nicht geschehen. Man ging nämlich damit um, den Rittmeister Hegner
-für einen anrüchigen Mann, und somit des ehrenvollsten Dienstes, des
-Kommandos einer Dragonerschwadron, für unwürdig zu erklären. In dieser
-ehrenhaften Not<span class="pagenum"><a id="Seite_213"></a>[S. 213]</span> trat er vor Schultheiß und Rat mit der Bitte, daß
-Kundschaft angehört und ihm ein Attest gegeben werde. Allein ‚die
-Bedenklichkeit und anscheinende Weitläufigkeit dieses Handels‘ setzte
-den Rat in Furcht. Er willfahrte dem Begehren des Bürgers nicht und
-<em class="gesperrt">ließ um des Scharfrichters willen den Rittmeister im Stich</em>“<a id="FNAnker_237" href="#Fussnote_237" class="fnanchor">[236]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als Gegenstück zum subtilen Ehrbegriff der Zünfte seien hier einige
-Daten aus der Familiengeschichte der mächtigen Grafen von Cilli
-angeführt. Aus diesem Geschlecht hatte Kaiser Sigismund sich seine
-berüchtigte Gemahlin Barbara erwählt. Wir werden sie später näher
-kennen lernen.</p>
-
-<p>Ulrich II., der Schwager Sigismunds, war ein wilder Knabe. Als er mit
-einer Frau ein Verhältnis hatte und deren Mann, den er deshalb in
-seine Dienste genommen hatte, ihn um Entlassung bat, gab er sie ihm,
-schickte aber Diener nach, die ihn ermordeten. Das ereignete sich etwa
-1455, und kein Hahn krähte danach. Sein Vater Friedrich II. war nicht
-besser (c. 1370&ndash;1454). Zuerst war er vermählt mit Elisabeth, Tochter
-des Grafen Stephan Frangipani. Er verließ sie, um sich heimlich mit
-der Veronica von Teschewitz zu verbinden. Als der Wüterich dann zur
-ersten Frau zurückkehrte, um Versöhnung zu feiern, erstach er sie
-mit seinem Jagdmesser. Diesmal war es eine Gräfin, und da konnte die
-Sache denn doch nicht vertuscht werden. Friedrich wurde sogar zum
-Tode verurteilt, dann begnadigt und seinem Vater übergeben, der ihn
-längere Zeit<span class="pagenum"><a id="Seite_214"></a>[S. 214]</span> gefangen hielt. Als er frei gelassen wurde, war keine
-Frau oder Jungfrau vor ihm sicher. Hatte er eine geschändet, dann
-schickte er sie einfach ohne jede Entschädigung wieder zum Mann oder
-Vater zurück. Einem Ehemann, der seine Frau nicht ohne weiteres wieder
-zurücknehmen wollte, <em class="gesperrt">legte er, empört über diese Anmaßung, eine
-Geldstrafe auf</em>! Wie könne er es wagen, ihm Schwierigkeiten zu
-machen, wo doch er selbst, ein edler Graf, die Umarmungen einer Frau
-nicht verachtet habe, die vorher von diesem Plebejer <em class="gesperrt">entweiht</em>
-worden sei! Einen Adeligen ließ er aus Eifersucht grausam töten, weil
-er ihn im Verdacht hatte, mit einer seiner zahlreichen Geliebten sich
-eingelassen zu haben. Seine heimliche Gemahlin Veronica ließ sein Vater
-Herrmann (1385&ndash;1435) im Bade ertränken (c. 1428). Als dieser edle Graf
-das Zeitliche segnete, schrieb die Chronik von Cilli &ndash; und das ist
-bezeichnend &ndash; „Nach dem was groß Clag, denn er war ein <em class="gesperrt">frommer</em>
-Mann und ein <em class="gesperrt">rechter Sühner und Friedmacher</em>, wo er mocht
-zwischen Armen und Reichen“<a id="FNAnker_238" href="#Fussnote_238" class="fnanchor">[237]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>David Teniers d. J., der sich um den Adel bewarb, sollte ihn 1657 unter
-der Bedingung erhalten, daß er keine Malereien mehr ausstelle oder für
-Geld male<a id="FNAnker_239" href="#Fussnote_239" class="fnanchor">[238]</a>.</p>
-
-<p>Die Künstler gehörten ja das ganze Mittelalter hindurch zum
-<em class="gesperrt">Handwerkerstande</em> und waren genau so <em class="gesperrt">zunftmäßig
-inkorporiert</em> wie etwa die Metzger oder Tuchmacher. Noch im 17.
-Jahrhundert galten die Erzeugnisse der Malerei im allgemeinen gar
-nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_215"></a>[S. 215]</span> höher als ein Stück Tischler- oder Schmiedearbeit, und die
-größten Künstler sehen wir mit industriellen Arbeiten, Ladenschildern,
-Ofenschirmen usw. beschäftigt. Ein Dürer, Holbein, Burgkmair,
-die ersten Größen ihrer Zeit, unterstanden dem <em class="gesperrt">Zunftzwang</em>
-und wurden, wenn auch als sehr tüchtige, so doch immerhin als
-<em class="gesperrt">Handwerker</em> eingeschätzt. Jean von Goyen, Aart van der Neer,
-Hobbema, Jan Steen, Jakob van Ruisdael II, J. Collaert, also
-hervorragende Meister des 17. Jahrhunderts, verdienten noch neben
-der Malerei ihr Brot als Garköche, Gastwirte, Strumpfhändler, Bäcker
-usw.<a id="FNAnker_240" href="#Fussnote_240" class="fnanchor">[239]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Erst im Jahre 1773 wurde durch einen vom 20. März datierten Erlaß
-der Kaiserin Maria Theresia auf eine Anregung von Antwerpen hin
-bestimmt, daß die Maler, Bildhauer, Stecher und Architekten von jedem
-Gildenzwang befreit sein sollten und die Ausübung ihrer Künste mit dem
-Adelsstande für vereinbar erklärt<a id="FNAnker_241" href="#Fussnote_241" class="fnanchor">[240]</a>. Allerdings waren schon lange
-vorher einzelnen großen Meistern fürstliche Ehren erwiesen worden. Z.
-B. machten weder Rubens noch Guido Reni Besuche, sondern empfingen nur
-solche im Atelier. Als letzterer aus Bologna nach Rom zurückkehrte, das
-er im Zorn über Honorarschwierigkeiten verlassen hatte, fuhren ihm die
-Wagen der Kardinäle bis Ponte Molle entgegen. Als Bernini die erste
-französische Stadt betrat, wurden ihm deren Schlüssel überreicht, und
-drei Tage vor Paris holte ihn die königliche Sänfte ein<a id="FNAnker_242" href="#Fussnote_242" class="fnanchor">[241]</a>. Dagegen
-suchten noch bis ins 18. Jahrhundert Mitglieder der Gilden<span class="pagenum"><a id="Seite_216"></a>[S. 216]</span> ihre
-Arbeiten durch Hausieren an den Mann zu bringen, und es verstieß nicht
-gegen den Ehrenkodex, wenn ein Maler oder ein Maler-Kunsthändler sich
-an einer Brücke oder sonst einem öffentlichen Platz mit seinen Bildern
-aufstellte<a id="FNAnker_243" href="#Fussnote_243" class="fnanchor">[242]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Auch in Griechenland zur Zeit der höchsten Kunstblüte wurde der
-bildende Künstler unter die Handwerker gezählt. Bezeichnend sind
-dafür Plutarchs Worte: „Wir schätzen ein Werk, aber wir verachten
-seinen Schöpfer“ oder: „Kein anständiger junger Mensch, der den Zeus
-in Pisa oder die Hera in Argos sieht, wird sich deshalb wünschen, ein
-Phidias oder Apelles zu sein; denn, wenn uns ein Werk angenehm und
-gefällig ist, braucht darum doch noch keineswegs sein Schöpfer unsere
-Nacheiferung zu verdienen“<a id="FNAnker_244" href="#Fussnote_244" class="fnanchor">[243]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wenn uns auch selbst aus dem frühen Mittelalter eine Reihe von
-Künstlernamen überliefert sind<a id="FNAnker_245" href="#Fussnote_245" class="fnanchor">[244]</a>, so war im allgemeinen doch die
-Person des Schöpfers eines Kunstwerkes von ganz geringer Bedeutung
-gegenüber der, die es <em class="gesperrt">bezahlte</em>. Wichtiger als die Meister sind
-die Stifter, deren Porträts und Namen sich auf zahllosen Gemälden und
-Skulpturen erhalten haben.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_217"></a>[S. 217]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zwoelfter_Abschnitt"><span class="s5">Zwölfter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Religion und Glaube</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Die sogenannten <em class="gesperrt">Sieben Todsünden</em> sind, wie Zielinski
-nachgewiesen hat, aus der heidnischen Astrologie entnommen und haben
-wahrscheinlich durch Vermittlung der stoischen Philosophie ihre
-Ausbildung erhalten. Auch Horaz kennt sie<a id="FNAnker_246" href="#Fussnote_246" class="fnanchor">[245]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Vers 7 in der 1. Epistel Johannis, Kapitel 5, den die Dogmatiker
-als Hauptbeweis für die Lehre von der <em class="gesperrt">Dreifaltigkeit</em> brauchen,
-ist nach der Untersuchung des katholischen Theologieprofessors
-Karl Künstle (Das Comma Joanneum, auf seine Herkunft untersucht.
-Freiburg 1905) von dem <em class="gesperrt">Häretiker</em> Priscillian im 4. Jahrhundert
-eingeschoben worden!! Von demselben Vers erklärte die Indexkongregation
-1897, daß es nicht gestattet sei, an seinem authentischen Charakter zu
-zweifeln. Künstles Schrift erschien mit bischöflicher Approbation!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Demeter, die Mutter des Dionysios, heißt „<em class="gesperrt">heilige Jungfrau</em>“,
-Isis, die Mutter des Horus, spielt eine besondere Rolle, Sargon, Gudea,
-Asernasipal,<span class="pagenum"><a id="Seite_218"></a>[S. 218]</span> Asurbanipal usw. behaupten von sich die Jungfrauengeburt
-von der Göttin Istar, und diese wunderbare Herkunft wird von ihnen
-beansprucht, wiewohl wir ihre wirkliche Herkunft kennen. Das hängt mit
-dem <em class="gesperrt">Tierkreisbild der Jungfrau</em> zusammen und der Konstellation
-der Wintersonnenwende. Um Mitternacht am 25. Dezember geht am
-östlichen Punkte des Himmels das Sternbild der Jungfrau auf. Daher die
-Festsetzung der Geburt Christi auf diesen Tag und die Legende seiner
-jungfräulichen Geburt<a id="FNAnker_247" href="#Fussnote_247" class="fnanchor">[246]</a>.</p>
-
-<p>Heute noch lehrt die römisch-katholische Kirche die <em class="gesperrt">Jungfräulichkeit
-Mariä</em> und die <em class="gesperrt">Gottheit Christi</em> in dem Sinne, daß Gott
-durch den hl. Geist sein Vater wurde. Letzteres wird auch von der
-protestantischen Kirche noch aufrecht erhalten. Dazu seien zwei Stellen
-des Neuen Testamentes zitiert: Matthäus Kapitel 1 Vers 25: „<em class="gesperrt">Und
-erkannte sie nicht, bis sie ihren ersten Sohn gebar</em>; und hieß
-seinen Namen Jesus.“</p>
-
-<p>Matthäus Kapitel 13 Vers 55 und 56 lauten: „Ist er nicht eines
-Zimmermanns Sohn? Heißt seine Mutter nicht Maria? Und <em class="gesperrt">seine Brüder
-Jakob und Joses und Simon und Judas</em>? Und <em class="gesperrt">seine Schwestern</em>,
-sind sie nicht alle bei uns?“</p>
-
-<p>Die Evangelien sind eben nur unfehlbar, wenn es gewissen Kreisen und
-Institutionen paßt.</p>
-
-<p>Zur <em class="gesperrt">Gotteskindschaft Christi</em> finden sich zahlreiche Analogien
-in der Antike. Vom Philosophen Plato war schon zu seinen Lebzeiten die
-Sage auf<span class="pagenum"><a id="Seite_219"></a>[S. 219]</span>gekommen, seine Mutter Periktione habe ihn vom Gott Apollo
-empfangen, ebenso war Augustus Apollos Sohn, während Alexanders und
-Scipios Vater Zeus war, der auch den Wundermann Apollonius von Tyana
-gezeugt haben soll. Origines sagt diesbezüglich: „Der einfache Antrieb,
-so etwas von Platon zu erdichten, war, daß man glaubte, ein Mann,
-der mit größerer Weisheit und Kraft als die Durchschnittsmenschen
-ausgestattet war, <em class="gesperrt">müsse auch aus höherem und göttlichem Samen seinen
-leiblichen Ursprung gehabt haben</em>.“ Die Nutzanwendung daraus auf
-Christus zu ziehen, überließ Origines seinen Lesern<a id="FNAnker_248" href="#Fussnote_248" class="fnanchor">[247]</a>.</p>
-
-<p>Seit 1870 ist nicht nur Christus von Maria, sondern auch diese von
-ihrer Mutter Anna „unbefleckt“ empfangen worden. Wenigstens hat das
-Vatikanische Konzil diese Feststellung gemacht.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Auch von <em class="gesperrt">Buddha</em> wird erzählt, daß er von der jungfräulichen
-Königin Maja geboren wurde, in deren Leib das himmlische Geistwesen
-Buddha unbefleckt und unbefleckend einging. Auch bei seiner Geburt
-erstrahlte überirdisches Licht und erschienen Scharen himmlischer
-Geister, die einen Lobgesang anstimmten zum Preise des Kindes, das der
-Welt Heil, aller Kreatur Freude und Frieden bringen, die Feindschaft
-zwischen Gottheit und Menschheit versöhnen werde. Auch hier erkennt ein
-frommer Seher im Kinde den künftigen Erlöser<a id="FNAnker_249" href="#Fussnote_249" class="fnanchor">[248]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220"></a>[S. 220]</span></p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Auferstehung Christi</em> nach drei Tagen erinnert an das große
-Auferstehungsfest der Babylonier in Nisan, also etwa gleichzeitig
-mit dem Tode und der Auferstehung Jesu. In feierlichen Prozessionen
-und Riten wurde in Babel in der Frühlingszeit die <em class="gesperrt">Auferstehung
-des Marduk</em> gefeiert. Die drei Tage, die Auferstehung Jesu
-gleichzeitig mit Sonnenaufgang, die Feier des „Herrentages“, die
-<em class="gesperrt">Sonnenfinsternis</em> bei Jesu Tode, die <em class="gesperrt">Engelerscheinungen</em>
-zeigen in die Richtung jener babylonischen Gedanken. Auch der
-<em class="gesperrt">Satan</em>, die <em class="gesperrt">bösen Dämonen</em>, besonders die sieben bösen
-Geister, sowie Jesu Selbstbezeichnung „der <em class="gesperrt">Menschensohn</em>“ = „der
-<em class="gesperrt">Mensch</em>“ weisen nach Babylonien<a id="FNAnker_250" href="#Fussnote_250" class="fnanchor">[249]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Auch der Hexenwahn ist, wie Friedrich Delitzsch in „Mehr Licht“
-(Leipzig 1907) feststellt, chaldäischen Ursprungs, und zwar genau in
-der Form der römisch-katholischen Kirche. Auch die Verbrennung durch
-Feuer &ndash; durch solche in Effigie ersetzt &ndash; geht auf dieses uralte Volk
-zurück.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In Tarsus war schon zur Zeit des Pompejus ein Sitz der von Persien
-ausgegangenen Mithrareligion. In die Mithrareligion wurde man
-durch Weihen aufgenommen, die als ein mystisches Sterben und
-Wiedergeborenwerden sich darstellen, wodurch die Schuld des alten
-Lebens getilgt und ein neues, unsterbliches Leben durch den Geist
-erzeugt werde. Die Geweihten nannten sich deshalb „wiedergeboren
-für ewig“. Die Verwandtschaft dieser Lehre mit der des Apostels
-Paulus &ndash; der bekanntlich in Tarsus lebte &ndash; von der christlichen
-<em class="gesperrt">Taufe</em> (Römer 6) ist schlagend. Auch das hl. <em class="gesperrt">Mahl</em>,<span class="pagenum"><a id="Seite_221"></a>[S. 221]</span> bei
-welchem das <em class="gesperrt">geweihte Brot</em> und der <em class="gesperrt">Kelch</em> mit Wasser
-oder Wein als mystische Symbole zur Mitteilung des göttlichen Lebens
-an die Mithragläubigen diente, gehörte zu den <em class="gesperrt">Sakramenten</em>
-dieser Religion. Auch hier ist die Parallele mit Pauli Lehre vom hl.
-<em class="gesperrt">Abendmahl</em> schlagend<a id="FNAnker_251" href="#Fussnote_251" class="fnanchor">[250]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der <em class="gesperrt">Sühnetod Christi</em> hat seine Vorläufer in dem des Adonis,
-Attis und Osiris. Bei der Adonisfeier im Frühling wurde zuerst
-sein („des Herren“) Tod und die Bestattung seiner durch ein Bild
-dargestellten Leiche begangen. Am folgenden &ndash; bei der Osirisfeier
-am dritten, bei der Attisfeier am vierten &ndash; Tage erscholl die
-Kunde, daß der Gott lebe, und man ließ ihn, d.&nbsp;h. sein Bild, in die
-Luft aufsteigen. Letztere Zeremonie hat sich in der Osterfeier der
-griechischen Kirche bis heute erhalten. Paulus, der in Antiochia länger
-wirkte, hatte dort diesen Kult zweifellos kennen gelernt. Die Rettung
-des Gottes (Adonis, Attis, Osiris) aus dem Tode, galt als Rettung
-seiner Kultgenossen. In den Mysterien des Attis, der Isis und des
-Mithras wurde durch <em class="gesperrt">symbolisches Sterben</em> und <em class="gesperrt">in den Hades
-hinabsteigen</em> angedeutet, daß die Gläubigen zur Teilnahme am Leben
-des Gottes gelangen. In einer Mithrasliturgie betet der Geweihte:
-„Herr, wiedergeboren verscheide ich, indem ich erhöhet werde, und da
-ich erhöhet bin, sterbe ich; durch die Geburt, die das Leben zeugt,
-geboren, werde ich in den Tod erlöst und gehe den Weg, wie du gestiftet
-hast, wie du zum Gesetz gemacht und geschaffen hast das Sakrament“.
-Die Ähnlichkeit dieser Vorstellung mit der mystischen des Paulus vom
-Tod und der <em class="gesperrt">Auferstehung<span class="pagenum"><a id="Seite_222"></a>[S. 222]</span> Christi</em> und vom <em class="gesperrt">Mitsterben und
-Mitauferstehen der auf Christum Getauften</em> ist schlagend<a id="FNAnker_252" href="#Fussnote_252" class="fnanchor">[251]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Bereits im Altertum gab es festbesoldete geistliche Orgelspieler, wie
-aus einer in Rhodus gefundenen, aus dem 3. nachchristlichen Jahrhundert
-stammenden Inschrift hervorgeht. Der Orgelspieler hat zu Ehren des
-Dyonisios Bacchios zu spielen und erhielt dafür jährlich 360 Denare.
-Die besonderen Festlichkeiten „zur Erweckung des Gottes“, die nach
-dem Osirisvorbilde alle zwei Jahre gefeiert wurden, hatten größte
-Ähnlichkeit mit der Karsamstagzeremonie vieler katholischer Kirchen.
-Bei diesen Festlichkeiten dürfte der Orgelspieler seine Kunst geübt
-haben<a id="FNAnker_253" href="#Fussnote_253" class="fnanchor">[252]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die römische Kirche nennt sich heute noch die „Katholische“, also
-<em class="gesperrt">allgemeine</em>, wiewohl nur etwa ein Drittel der Erdbewohner
-Christen sind, von diesen aber etwa 120 Millionen „orthodox“ und
-etwa 170 Millionen protestantisch, während der römisch-katholischen
-Kirche nur etwa 260 Millionen, also <em class="gesperrt">nicht einmal die Hälfte
-der Christenheit</em> angehören und nur <em class="gesperrt">ein Sechstel der ganzen
-Menschheit</em><a id="FNAnker_254" href="#Fussnote_254" class="fnanchor">[253]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Kirche lehrt heute noch u.&nbsp;a. folgendes:</p>
-
-<p>„Maria hatte schon den freien Gebrauch des Verstandes, <em class="gesperrt">bevor sie das
-Licht der Welt erblickte</em>, im Schoß ihrer Mutter Anna. Wir dürfen
-annehmen, daß sie schon ungeboren weit mehr von Gott wußte und vom
-Jenseits, von des Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_223"></a>[S. 223]</span> Ziel und Ende, von den Mitteln, das Ziel zu
-erreichen, als die größten Geister nach jahrelangem Denken, Studieren
-und Beten wissen<a id="FNAnker_255" href="#Fussnote_255" class="fnanchor">[254]</a>.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Kardinal und Fürsterzbischof von Salzburg erließ am 2. Februar
-1905 einen Hirtenbrief, in dem folgende Stellen über die Macht des
-Priesters vorkommen: „Wo auf der ganzen Erde ist eine Gewalt, welche
-dieser Gewalt gleichkommt?“ Die Gewalt der Fürsten und Könige wird
-durch sie übertroffen. Aber wo ist selbst im Himmel eine solche
-Gewalt?: „Wenn du dort dich umschaust, so siehst du die Schar der
-Patriarchen und Propheten, der Märtyrer und Blutzeugen und die Scharen
-der hl. Jungfrauen und dann die Engel und Erzengel und die Throne und
-Herrschaften &ndash; können sie dich lossprechen von deinen Sünden? Nein...
-selbst Maria, die Gottesmutter, die Königin des Himmels, sie kann es
-nicht... O unbegreiflich hohe Gewalt! <em class="gesperrt">Der Himmel läßt sich von
-der Erde die Art und Weise zu richten vorschreiben</em>, der Knecht
-ist Richter auf der Welt, und der <em class="gesperrt">Herr bestätigt im Himmel das
-Urteil</em>, das jener auf der Erde fällt.“</p>
-
-<p>Der Priester besitzt die Gewalt, Brot und Wein in den <em class="gesperrt">wahren
-Leib</em> und das <em class="gesperrt">wahre Blut Christi</em> zu verwandeln: „Christus,
-der eingeborene Sohn Gottes des Vaters, durch den Himmel und Erde
-geschaffen sind, der das ganze Weltall trägt, ist dem katholischen
-Priester hierin zu Willen.“ <em class="gesperrt">Christus</em> hat „dem <em class="gesperrt">katholischen
-Priester über Sich</em>, über<span class="pagenum"><a id="Seite_224"></a>[S. 224]</span> Seinen Leib, Sein Fleisch und Blut,
-Seine Gottheit und Menschheit <em class="gesperrt">Gewalt gegeben</em> und <em class="gesperrt">leistet dem
-Priester Gehorsam</em><a id="FNAnker_256" href="#Fussnote_256" class="fnanchor">[255]</a>,“ d.&nbsp;h., er läßt sich von ihm verspeisen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Noch heute steht für die römisch-katholische Kirche die Existenz
-eines <em class="gesperrt">wahrhaftigen Teufels</em> fest. Am 13. und 14. Juli 1891 hat
-der Pater Aurelian vom Wemdinger Kapuzinerkloster nach eingeholter
-Erlaubnis der Bischöfe von Augsburg und Eichstätt mit eigener Hand
-den Teufel aus einem besessenen Knaben ausgetrieben und einen
-„authentischen Bericht“ über den ganzen Vorgang am 15. August 1891
-im Klosterarchiv niedergelegt. Darin erklärt Pater Aurelian u.&nbsp;a.
-wörtlich: „<em class="gesperrt">Wer die Besessenheit in unsern Tagen leugnen wollte, der
-bekennt hiermit, daß er abgeirrt ist von der Lehre der katholischen
-Kirche</em><a id="FNAnker_257" href="#Fussnote_257" class="fnanchor">[256]</a>.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In den katholischen und protestantischen Schulen wird heute noch
-gelehrt, daß Gott <em class="gesperrt">in sechs Tagen die Erde aus nichts schuf</em>, daß
-<em class="gesperrt">Adam aus Lehm, Eva aus einer Rippe</em> gemacht wurde, kurz die ganze
-biblische Schöpfungsgeschichte, und zwar nicht etwa als Mythus oder zur
-Veranschaulichung für die kindlich naive Art, in der man sich vor 2&frac12;
-Jahrtausenden diese gewaltigen und restlos wohl nie löslichen Probleme
-klarzumachen suchte, sondern alles als <em class="gesperrt">buchstäbliche, geoffenbarte
-Wahrheit</em>. Wer schon etwas geweckter ist und daran zweifelt,
-riskiert eine ungenügende Religionsnote, die Versetzung in<span class="pagenum"><a id="Seite_225"></a>[S. 225]</span> höhere
-Klassen ausschließt. So erziehen Staat und Kirche zu Überzeugungstreue
-und Wahrhaftigkeit!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Eine erbauliche Geschichte, die heute noch &ndash; neben mancher
-gleichwertigen &ndash; in den Volksschulen gelesen wird, ist die von der
-<em class="gesperrt">Volkszählung Davids</em> (2. Buch Samuelis, 24. Kap.): Gott hat den
-König David angereizt, Israel und Juda zu zählen, worauf der König dies
-Geschäft seinem Feldherrn Joab übertrug. Trotz der Gegenvorstellungen,
-die jener erhob, blieb David &ndash; wie ja mit Rücksicht auf den hohen
-Auftraggeber selbstverständlich &ndash; bei seinem Befehl, und so ging die
-Volkszählung im ganzen Lande vonstatten. Als sie aber vorüber war,
-bekam der König Gewissensbisse und betete zu Gott: „Ich habe schwer
-gesündigt, daß ich das getan habe, und nun, o Gott, nimm hinweg die
-Missetat deines Knechtes, denn ich habe sehr töricht gehandelt.“ Gott
-aber ließ David die Wahl zwischen dreierlei Heimsuchungen: „Willst
-du, daß sieben Jahre Hungersnot in dein Land kommen? Oder daß du drei
-Monate lang verfolgt von deinen Feinden fliehen müssest? Oder daß drei
-Tage Pestilenz in deinem Lande sei?“ Der König, landesväterlich wie er
-nun einmal war, wählte die Pestilenz, der 70000 aus dem Volke erlagen.
-Dann erlosch die Seuche. Nun dämmerte es David &ndash; der, man bedenke,
-die Volkszählung <em class="gesperrt">auf Gottes Befehl</em> ausführen läßt und dann sein
-Volk, zur Strafe für seinen Gehorsam, aufopfert, weil er selbst die
-Konsequenzen nicht tragen will &ndash; daß er doch jedenfalls eher etwas
-verschuldet<span class="pagenum"><a id="Seite_226"></a>[S. 226]</span> habe als sein Volk, und er sprach zu Gott: „Siehe, ich
-habe die Missetat begangen, aber diese Schafe (nämlich das Volk, das
-nicht ohne Grund in der Bibel immer so genannt wird), was haben sie
-getan? Laß doch deine Hand wider mich und meines Vaters Haus sein.“ Er
-wurde aber nicht weiter bestraft, und die Sache war erledigt.</p>
-
-<p>Auf diese Weise wird in den Volksschulen ad oculos die Gerechtigkeit
-Gottes demonstriert, desgleichen die Herrschertugenden Davids und die
-kulturelle Höhe des „auserwählten“ Volkes, dessen Gesetze uns heute
-noch vorgehalten werden. Das Beispiel taugte besser zum Beweise für
-die Rückständigkeit und Barbarei des jüdischen Aberglaubens und &ndash; die
-Verbohrtheit der modernen religiösen Erziehung<a id="FNAnker_258" href="#Fussnote_258" class="fnanchor">[257]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Herr Commer, unrühmlich bekannt durch sein Verhalten in der
-Schellaffäre, hat die Erdbeben als „Grollen des Satans“ erklärt, steht
-auf dem Standpunkt der Bautzschen Höllentheorie, leugnet die Umdrehung
-der Erde um die Sonne, spricht dem Foucaultschen Pendelversuch die
-Beweiskraft ab, lehrt die Erschaffung der Welt in 6 Tagen à 24 Stunden
-und verteidigt die Hexenverbrennung. Trotzdem oder wohl deshalb ist
-er päpstlicher Prälat, Doktor der Theologie und Jurisprudenz und
-ordentlicher Universitätsprofessor in Wien, und zwar das alles im 20.
-Jahrhundert<a id="FNAnker_259" href="#Fussnote_259" class="fnanchor">[258]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Gegen die Eherechtsreformer in Österreich, die Aufhebung des bisherigen
-mittelalterlichen Gesetzes<span class="pagenum"><a id="Seite_227"></a>[S. 227]</span> erwirken wollen &ndash; dort ist heute noch die
-Ehescheidung (nach deutscher Terminologie) unzulässig, die getrennten
-Gatten aber müssen bis zum Tode des anderen ledig bleiben; ein
-kostbares Vermächtnis aus der klerikal-feudalen Vergangenheit &ndash; wird
-heute noch als gewichtigstes Argument angeführt, daß &ndash; <em class="gesperrt">Gott</em>
-selbst im <em class="gesperrt">Paradiese</em> die Ehe zwischen Adam und Eva als unlösliche
-Institution eingesetzt habe!!!<a id="FNAnker_260" href="#Fussnote_260" class="fnanchor">[259]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Heute noch wird gelehrt, daß die Menschheit durch den Sündenfall
-sich die Strafen der Hölle und des Fegefeuers zugezogen hätte.
-„Der allmächtige Gott hat nämlich den Menschen zuerst schwach und
-unvollkommen geschaffen und ihn sodann verantwortlich gemacht. Der
-allwissende Gott hat Adam und Eva einer Probe unterworfen, von der er
-natürlich voraus wußte, daß sie sie nicht bestehen würden. Und als dann
-dieser Fall wirklich eingetreten war, hat der allgütige und gerechte
-Gott dafür nicht bloß sie selbst, sondern auch alle ihre Nachkommen
-mit ewiger Verdammnis bestraft. So entstand die Erbsünde. Und auf eine
-gleich klare und überzeugende Weise wurde die Menschheit auch wieder
-von ihr erlöst.“<a id="FNAnker_261" href="#Fussnote_261" class="fnanchor">[260]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Durch den Syllabus Papst Pius IX., der natürlich heute noch zu Recht
-besteht, wurden unter anderem folgende „Irrtümer“ <em class="gesperrt">verdammt</em>:</p>
-
-<p>§ 12. „Die Dekrete des apostolischen Stuhles und der römischen
-Kongregationen hindern den freien Fortschritt der Wissenschaft.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228"></a>[S. 228]</span></p>
-
-<p>§ 18. „Der Protestantismus ist nichts anderes, als eine verschiedene
-Form derselben christlichen Religion, in welcher es ebensogut möglich
-ist, Gott zu gefallen, wie in der katholischen Kirche.“ Damit wird also
-dem Protestantismus die Qualität einer christlichen Kirche abgesprochen!</p>
-
-<p>§ 45. „Die ganze Leitung der öffentlichen Schulen, in denen die
-Jugend eines christlichen Staates erzogen wird, nur die bischöflichen
-Seminarien in einiger Beziehung ausgenommen, kann und muß der
-Staatsgewalt zugewiesen werden, und zwar so, daß keiner anderen
-Autorität irgendein Recht, sich in die Schulzucht, in die Ordnung der
-Studien, in die Verleihung der Grade und die Wahl oder Approbation
-der Lehrer zu mischen, zuerkannt werden kann.“ Also geistliche
-Schulaufsicht und Aufsicht über die Universitäten wird heute noch
-gefordert!</p>
-
-<p>§ 53. „... die staatliche Regierung kann sogar allen Hilfe leisten,
-welche den gewählten Ordensstand verlassen und die feierlichen Gelübde
-brechen wollen.“</p>
-
-<p>§ 74. „Ehesachen und Verlobungen gehören ihrer Natur nach vor das
-weltliche Gericht.“</p>
-
-<p>§ 77. „In unserer Zeit ist es nicht mehr nützlich, daß die katholische
-Religion unter Ausschluß aller anderen Kulte als einzige Staatsreligion
-gelte.“</p>
-
-<p>§ 78. „Es ist daher zu loben, daß in gewissen katholischen Ländern
-gesetzlich verordnet ist, daß den Einwanderern die öffentliche Ausübung
-ihres Kultus, welcher er auch sei, gestattet sein solle.“ Also heute
-noch fordert das Papsttum vom Staate, daß er zwar<span class="pagenum"><a id="Seite_229"></a>[S. 229]</span> die Erziehung der
-eigenen Jugend nicht leiten darf, <em class="gesperrt">aber allen Andersgläubigen
-Religionsfreiheit versagt</em><a id="FNAnker_262" href="#Fussnote_262" class="fnanchor">[261]</a>.</p>
-
-<p>Die Sätze 19, 23, 24 und 27 dieses Syllabus beweisen das Verlangen
-auch <em class="gesperrt">heute noch</em>, die Ketzer zu vernichten. Im kanonischen Recht
-besteht noch <em class="gesperrt">Todesstrafe</em> für Häresie, wie auch jeder Bischof dem
-Papst schwören muß, die Ketzer zu verfolgen.<a id="FNAnker_263" href="#Fussnote_263" class="fnanchor">[262]</a></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ein Kulturkuriosum ersten Ranges ist der Syllabus Pius X. vom 4. Juli
-1907, ein noch größeres, daß es sogar gebildete Menschen gibt, die
-sich darum kümmern! Durch diese zwar nicht „unfehlbare“, aber doch
-durch die gewaltige Autorität des Papsttums gestützte Entscheidung wird
-<em class="gesperrt">die Kirche als höchste Instanz bei Entscheidung wissenschaftlicher
-Fragen, selbst solcher rein profaner Art, proklamiert</em>. Nach § 7
-kann die Kirche, wenn sie „Irrtümer“ verwirft, sogar die <em class="gesperrt">innere
-Zustimmung</em> von den Gläubigen verlangen, also nicht nur äußeren
-Gehorsam. Die ganze moderne Bibelwissenschaft wird verdammt, besonders
-aber im § 11 ausdrücklich konstatiert, daß die göttliche Inspiration
-sich in der Weise über die gesamte heilige Schrift erstreckt, daß sie
-<em class="gesperrt">alle ihre einzelnen Teile vor jedem Irrtum bewahrt</em>! Der folgende
-§ verbietet ausdrücklich, die Bibel so auszulegen wie andere Bücher
-menschlichen Ursprungs.</p>
-
-<p>Die §§ 20&ndash;26 verurteilen die wissenschaftlich festgestellte Diskrepanz
-zwischen den historischen Tatsachen und den kirchlichen Dogmen, die
-folgenden die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung über die
-Person Christi. Endlich wird die <em class="gesperrt">genetische Ent<span class="pagenum"><a id="Seite_230"></a>[S. 230]</span>wicklung</em> des
-Sakramentenwesens <em class="gesperrt">verworfen</em>, z.&nbsp;B. im § 44 behauptet, daß schon
-die <em class="gesperrt">Apostel das Sakrament der Firmung anwandten</em>, desgleichen
-die der kirchlichen Verfassung und Verwaltung, sowie die der Lehre.
-Den Schluß aber bildet die Konstatierung, daß <em class="gesperrt">die bisherigen
-theologischen Lehren und Anschauungen nicht revisionsbedürftig
-seien.</em></p>
-
-<p>Wer unbefangen den Syllabus liest, wird mit fast allem einverstanden
-sein, bis er erfährt, daß vor jedem ein „verdammt wird die Behauptung“
-zu denken ist.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Zur Zeit der Kreuzzüge war <em class="gesperrt">bei der Taufe völlige Nacktheit
-erforderlich</em>. Und zwar erstreckte sich diese auch auf die Damen der
-„Heiden“ bzw. Mohammedaner, denen beizuwohnen den christlichen Rittern
-sicherlich Vergnügen bereitete<a id="FNAnker_264" href="#Fussnote_264" class="fnanchor">[263]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Beichtvater hatte das Recht, sein Beichtkind zu schlagen. Auch die
-heilige Elisabeth mußte sich von ihrem Beichtvater Konrad von Marburg
-solche Züchtigung gefallen lassen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die fromme Nonne Juliane, die in dem Kloster auf dem Berge Coreillon
-bei Lüttich lebte, hatte einst eine seltsame Erscheinung: beim Beten
-sah sie regelmäßig den vollen Mond mit einer kleinen Lücke. Von
-autoritativer Seite wurde diese Vision auf die natürlichste Weise
-erklärt: der Mond stelle die Kirche, die <em class="gesperrt">Lücke aber den Mangel
-eines Festes zur Feier der Einsetzung des heiligen Abendmahles</em>
-vor. Diese Interpretation war so evident, daß sich der Bischof Robert
-von Lüttich, von den Archidiakonen<span class="pagenum"><a id="Seite_231"></a>[S. 231]</span> Johannes und Jacobus Pantaleon
-und anderen Theologen aufgeklärt, ihrer Logik nicht entziehen konnte.
-So ordnete er denn 1246 die Feier des so dringend gebotenen Festes in
-seinem Bistum an. Als jener Pantaleon 1261 als Urban IV. den Stuhl
-Petri bestiegen hatte, verordnete er &ndash; 1264 &ndash; durch eine Bulle die
-Feier in der ganzen katholischen Kirche. Noch heute wird bekanntlich
-<em class="gesperrt">Fronleichnam</em> alljährlich mit größtem Pompe begangen<a id="FNAnker_265" href="#Fussnote_265" class="fnanchor">[264]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Kaiserin <em class="gesperrt">Barbara</em>, Gemahlin Sigismunds, starb am 11. Juli
-1451 an der Pest. Sie war häufig im Ehebruch von Sigismund ertappt
-worden, da dieser selbst aber nichts weniger als treu war, verzieh
-er ihr jedesmal. Als Witwe lebte sie in Melnik bei Königgrätz „unter
-einem Schwarm von Buhlknaben und Beischläfern“. Messalinen hat es
-immer gegeben, deshalb ist dieser Lebenswandel nicht sonderlich
-verwunderlich, wenn es auch nichts Alltägliches ist, wenn eine deutsche
-Kaiserin verzehrt von unersättlicher Sinnlichkeit &ndash; wie Enneas Sylvius
-bezeugt &ndash; den Männern nachläuft. Desto bemerkenswerter ist Barbaras
-<em class="gesperrt">krasser Materialismus</em>. „So weit sank sie in ihrer wahnsinnigen
-Verblendung, daß sie heilige Jungfrauen, die für den Glauben an Jesu
-den Tod erlitten, öffentlich Törinnen schalt, welche die Freuden der
-sinnlichen Lust nicht zu genießen verständen ... Sie leugnete auch, daß
-es nach diesem Leben ein anderes gäbe, und behauptete im Ernst, daß die
-Seelen mit den Körpern zugrunde gingen“<a id="FNAnker_266" href="#Fussnote_266" class="fnanchor">[265]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_232"></a>[S. 232]</span></p>
-
-<p>In „Aucussin und Nicolette“ läßt schon einige Jahrhunderte früher die
-reizende „Chantefable“ den Helden auf die Mahnung, sein Seelenheil
-nicht aufs Spiel zu setzen, antworten: „Was habe ich denn im Paradies
-zu tun? Ich will gar nicht ins Paradies, aber meine liebste Nicolette
-will ich. Ins Paradies gehören alte Priester und Bettler, die stets vor
-dem Altar herumgelegen haben, in häßlich schmutziger Kleidung, halb tot
-vor Hunger und Kälte; die gehören ins Paradies! Was hab <em class="gesperrt">ich</em> mit
-ihnen zu schaffen? &ndash; Aber in die Hölle will ich, wo die Dichter sind
-und die Ritter, die im Turnier oder im Kriege starben, wo die schönen
-Frauen sind, die zwei Freunde hatten oder drei mit ihrem Eheherrn,
-dort glänzt Gold und Silber, dort prangen edle Pelze und Hermeline,
-dort sind Harfner und Spielleute und die Könige dieser Welt. Mit
-<em class="gesperrt">ihnen</em> will ich sein und Nicolette, meine süße Freundin, bei mir
-haben<a id="FNAnker_267" href="#Fussnote_267" class="fnanchor">[266]</a>.“</p>
-
-<p>Heine kleidete bekanntlich denselben Gedanken in die Worte: Den Himmel
-überlassen wir den Engeln und den Spatzen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1905 erschien in zweiter Auflage mit kirchlicher Approbation
-in Mainz ein Werk von Dr. Joseph Bautz, a.&nbsp;o. Professor der Theologie
-an der kgl. Universität zu Münster, „Die Hölle“ betitelt. In diesem
-grundgelehrten von profunder Weisheit strotzenden Buche wird eingehend
-Dasein, Ort und Dauer der Hölle ergründet. Er kommt dabei besonders S.
-36 ff. zu dem Resultate, daß sie<span class="pagenum"><a id="Seite_233"></a>[S. 233]</span> im Innern unserer Erde liege, aber
-das genügt dem kühnen Entdecker nicht, er geizt nach höheren Lorbeern.
-Und das ist gut so, denn nur durch diese laudum immensa cupido ist
-es zu erklären, daß Bautz sich das unsterbliche Verdienst erwirbt,
-sogar eine <em class="gesperrt">Topographie der Hölle</em> festzustellen. Es gibt vier
-unterirdische receptacula, von denen die eigentliche Hölle am untersten
-liegt, während der sinus Abrahae „in höherer und würdigerer Lage sich
-befindet. Dafür spricht auch der Umstand, daß der reiche Prasser,
-um den Lazarus zu schauen, seine Augen <em class="gesperrt">aufhob</em>. Der limbus
-puerorum liegt in der Nähe des sinus Abrahae in einiger Entfernung
-von der eigentlichen Hölle und wird wie letzterer von ihren Flammen
-nicht berührt. Das Fegefeuer aber befindet sich wohl in unmittelbarer
-Nähe der Gehenna, weil viele Theologen mit dem h. Thomas behaupten,
-das Feuer des Purgatoriums sei mit dem der Hölle ganz identisch. Dazu
-kommt, daß die unmittelbare Nähe der Hölle um so mehr zur Betrübnis,
-zur Verdemütigung und Läuterung der armen Seelen gereichen muß. Und
-mögen diese Seelen auch durch die Gnade den erbsündigen Kindern an
-Würde überlegen sein, für die Zeit ihrer Läuterung gebührt ihnen doch
-schärfere Züchtigung und deswegen auch ein niederer Ort.“</p>
-
-<p>Der sinus Abrahae ist zur Zeit unbewohnt, nach der Auferstehung wird es
-auch das Fegefeuer sein. Die im limbus puerorum wohnenden Kinder werden
-dann eine andere Behausung zugewiesen erhalten.</p>
-
-<p>Daß die Hölle etwa zu klein für unsere sündigen Seelen sein sollte,
-braucht uns nicht zu besorgen,<span class="pagenum"><a id="Seite_234"></a>[S. 234]</span> denn wenn sie auch zur Zeit &ndash; trotz
-Freimaurerei, Liberalismus und Freigeisterei &ndash; wie der gelehrte
-Verfasser ermittelte, nur wenig umfangreich ist, so hat doch Lessius
-berechnet, „daß ein ganz geringer, verschwindender Teil des Erdinnern
-hinreicht, um eine geradezu fabelhafte Anzahl von Menschen aufzunehmen“.</p>
-
-<p>Nicht hoch genug kann das Verdienst des Höllentopographen veranschlagt
-werden dafür, daß er für die <em class="gesperrt">Vulkane</em> eine überzeugende und
-einfache Erklärung gefunden hat. Sie sind &ndash; <em class="gesperrt">Schlote der Hölle</em>!
-So ist auch die Lösung dieses Rätsels dem 20. Jahrhundert gelungen.
-Zeppelin und Bautz können sich in berechtigtem Stolze die Hände reichen.</p>
-
-<p>Dieses Buch kann sich, wie der Verfasser im Vorwort zur zweiten Auflage
-mit Genugtuung konstatiert, der Zustimmung zahlreicher Theologen, auch
-protestantischer, erfreuen. Ja, sogar seinen <em class="gesperrt">Plagiator</em> hat Bautz
-gefunden!!!</p>
-
-<p>Da es haarsträubenderweise „aufgeklärte Geister gibt, für welche Hölle
-und Teufel Märchen sind“, die sogar an Bautz’ Höllentheorie, an den
-„grausigen Flammen, die hart unter unseren Füßen drohend lodern“, zu
-kritteln wagen, muß er ihnen gegenüber Stellung nehmen. Er tut es
-in der vornehmen Sachlichkeit und bescheidenen Würde, die sein als
-Kulturkuriosum unschätzbares Werk auch sonst auszeichnen.</p>
-
-<p>„Glücklicherweise gehören derartige Intelligenzen nicht zu den Quellen,
-aus denen der katholische<span class="pagenum"><a id="Seite_235"></a>[S. 235]</span> Theologe zu schöpfen, auch nicht zu den
-Auktoritäten, deren Urteil für ihn irgend einen Wert hat.“ Ja, Bautz
-kann auch scharf sein, aber nur um der guten Sache willen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1902 erließ der preußische evangelische Oberkirchenrat
-eine Verordnung, die eine einheitliche Regelung des Lernstoffes
-für den evangelischen Schul- und Konfirmandenunterricht
-durch die Provinzialkonsistorien unter Vereinbarung mit den
-Provinzialschulkollegien und den Regierungen anordnete. Sie ist jetzt
-in allen Provinzen durchgeführt worden. Danach müssen die Kinder
-folgendes auswendig lernen: 20&ndash;40 Sprüche aus dem Alten, 100&ndash;110
-Sprüche aus dem Neuen Testament, 6 Psalmen, 20 Kirchenlieder und den
-Wortlaut der 5 Hauptstücke des lutherischen Kleinen Katechismus.
-Das sind in Summa <em class="gesperrt">mindestens</em> 180 <em class="gesperrt">Bibelverse</em> und 180
-<em class="gesperrt">Kirchenliederstrophen</em>, die die Kinder sich <em class="gesperrt">wörtlich</em>
-einprägen müssen. Auf dem Lande sind es meistens noch viel mehr, da
-damit ja nur das Mindestmaß an geistiger Atzung fixiert ist.</p>
-
-<p>Der religiöse Memorierstoff der Berliner Gemeindeschule fordert laut
-Lehrplan 121 Kirchenliederverse, 110 Bibelsprüche, den Wortlaut
-der ersten drei Hauptstücke des lutherischen Katechismus, ferner
-fünf Psalmen mit zusammen 45 Versen, das alles von 10&ndash;11<em class="gesperrt">jährigen
-Kindern</em>! Diese Weisheit wird in sechs Wochenstunden, denen nur zwei
-Stunden für Rechnen gegen<span class="pagenum"><a id="Seite_236"></a>[S. 236]</span>über stehen, eingetrichtert. Wer da nicht
-fromm wird, dem ist einfach nicht zu helfen<a id="FNAnker_268" href="#Fussnote_268" class="fnanchor">[267]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1885 „bekehrte“ sich der in Frankreich sehr bekannte
-Schriftsteller und Freidenker <em class="gesperrt">Leo Taxil</em>. Der päpstliche Nuntius
-in Paris nahm ihn sofort unter seine besondere Obhut und forderte ihn
-auf, mit seiner Feder hinfort für die Kirche Gottes zu kämpfen.</p>
-
-<p>Das tat er auch und seiner emsigen Feder entströmten eine Reihe von
-Werken, die zwar an Wahnwitz und Teufelsspuk das Tollste enthielten,
-was die Phantasie aushecken konnte, nichts desto weniger oder
-vielleicht auch deshalb den Beifall der katholischen Presse, den
-der Geistlichkeit, ja sogar die Zustimmung des Papstes Leo XIII.,
-der alle las, und enorme Verbreitung fanden. Doch das genügte dem
-Pfiffikus nicht, und so vereinigte er sich denn mit einem Dr. Karl
-Hacks, um durch etwas noch Großartigeres zu beweisen, was hundert
-Jahre nach Kant, im Zeitalter der Naturwissenschaften und der Technik
-gläubigen Gemütern alles aufgetischt werden konnte. Unter dem Namen
-Dr. Bataille schrieb dieser das Buch „Le Diable au 19. siècle“,
-dessen erste Lieferung am 29. September 1892 erschien. Es ist ein in
-Romanform geschriebenes Reisewerk, worin Dr. Hacks die verschiedenen
-Länder, die er bereist hat, beschreibt unter dem Gesichtspunkt des
-<em class="gesperrt">Teufelskultus</em>, der in ihnen getrieben wird.</p>
-
-<p>So sieht der Verfasser z.&nbsp;B. beim Satanspapst Pike ein teuflisches
-Telephon, durch welches er den<span class="pagenum"><a id="Seite_237"></a>[S. 237]</span> sieben großen Direktorien, Charleston,
-Rom, Berlin, Washington, Montevideo, Neapel und Kalkutta seine
-Weisungen übermittelt.</p>
-
-<p>Mit Hilfe eines magischen Armbandes kann Pike den Luzifer jeden
-Augenblick herbeirufen. Eines Tages nahm Satan Pike sanft auf seine
-Arme und machte mit ihm eine Reise auf den <em class="gesperrt">Sirius</em>(!). In wenigen
-Minuten waren über 50 Millionen Meilen zurückgelegt. Nach Besichtigung
-des Sternes langte Pike in den Armen Luzifers wohlbehalten wieder in
-seinem Arbeitszimmer in Washington an.</p>
-
-<p>In London wird durch diabolische Künste ein Tisch zum Plafond gebracht
-und in ein <em class="gesperrt">Krokodil</em> verwandelt, das sich <em class="gesperrt">ans Klavier
-setzt, fremdartige Melodien spielt</em> und die <em class="gesperrt">Hausfrau durch
-ausdrucksvolle Blicke in Verlegenheit bringt</em>! In diesem Stile geht
-es weiter.</p>
-
-<p>Ein zweiter Mitarbeiter Taxils war der Italiener Margiotta, der im
-Jahre 1894 das Buch „Adriano Lemmi, chef supréme des Franc-Maçons“
-schrieb. Er verdiente damit in wenigen Monaten 50000 Frs. und der
-ultramontane Verlag von Schöningh in Paderborn beeilte sich, mit
-diesem Erzeugnis die deutschen Katholiken zu beglücken. Er erzählt,
-daß der Teufelspapst Memmi im Palazzo Borghese zu Rom einen förmlichen
-Satansdienst eingerichtet habe. Er ließ ein Kruzifix mit nach unten
-hängendem Christuskopf unter dem Rufe „Ehre dem Satan“ bespeien,
-durchbohrte bei jedem Briefe, den er an seinem Schreibtisch schrieb,
-Hostien, die aus katholischen Kirchen entwendet waren, mit einer
-Bohrfeder, ließ bei allen Banketten der Freimaurer Satanshymnen singen<span class="pagenum"><a id="Seite_238"></a>[S. 238]</span>
-und besondere Räume für Mopsschwestern (Frauenloge, deren Ritual
-Taxil in seinen „Dreipunktbrüdern“, Verlag der Bonifatius-Druckerei
-zu Paderborn, eingehend beschreibt) einrichten, mit denen die Brüder
-Orgien feierten. Dabei tritt Bataille die obscönsten Dinge mit Behagen
-breit, in dem er sich auf höhere Weisung beruft: „Wir gehorchen ohne
-Hintergedanken den Befehlen des Heiligen Vaters, der will, daß wir der
-Freimaurerei die Maske abreißen, mit der sie sich verhüllt, und sie so
-zeigen, wie sie ist.“</p>
-
-<p>Damit nicht genug, ließ Taxil mit Hacks vom Juli 1895 bis Juni 1897
-in Paris das Lieferungswerk „Miß <em class="gesperrt">Diana Vaughan</em>. Mémoires d’une
-Expalladiste. Publication mensuelle“ erscheinen. Es waren die Memoiren
-eines früher dem Teufel verschriebenen, jetzt bekehrten jungen Mädchens
-mit ihren eigenen Worten geschildert und &ndash; wie die Dame selbst &ndash;
-natürlich von den beiden Witzbolden erfunden.</p>
-
-<p>Wie nicht anders zu erwarten, fanden die Memoiren in der katholischen
-Welt reißenden Absatz und begeisterte Lobredner. Sie verdienten es aber
-auch. Miß Vaughan war nämlich am 29. Februar 1874 geboren als Frucht
-einer Verbindung ihrer Mutter mit dem Teufel <em class="gesperrt">Bitru</em>, dem sie
-schon als kleines Kind geweiht wurde. Als sie mit 10 Jahren „Meister“
-der Palladistenschule zu Louisville in Amerika wurde, brachte der
-Oberteufel Asmodeus außer 14 Legionen Unterteufeln auch den <em class="gesperrt">Schwanz
-des Löwen des Evangelisten Markus mit, den er selbst ihm abgeschnitten
-hatte</em>. Dieser Löwenschwanz legte sich Diana um den Hals und gab ihr
-einen Kuß!<span class="pagenum"><a id="Seite_239"></a>[S. 239]</span> usf., folgt eine Geschichte immer haarsträubender als die
-andere. So von der Sophie Walder, die am 23. September 1863 als Tochter
-Bitrus geboren, <em class="gesperrt">von ihm gesäugt</em> und dann verführt wurde, so daß
-Bitru <em class="gesperrt">ihr gegenüber als Vater, Amme und Gatte sich vorstellt</em>!</p>
-
-<p>Noch im Dezember 1895 konnte die „<em class="gesperrt">Germania</em>“ in mehreren
-Sonntagsbeilagen diese erbaulichen Geschichten ihren Lesern als
-<em class="gesperrt">Wahrheit</em> erzählen! Die <em class="gesperrt">Stimmen aus Maria Laach</em>, die
-<em class="gesperrt">Historisch-Politischen Blätter</em> und andere angesehene katholische
-Organe blieben dahinter nicht zurück. Die Spekulation des Kleeblattes
-auf die, welche nicht alle werden, hatte durchschlagenden Erfolg.</p>
-
-<p>Auf einen Brief Taxils, den er als „Miß Vaughan“, Tochter Bitrus, an
-den Kardinalvikar von Rom, den Kardinal Parochi schrieb, in dem er ihm
-seine „Eucharistische Novene“ und 500 Francs übersandte, antwortete
-dieser:</p>
-
-<p class="right mright2">„Rom, den 16. Dezember 1895.</p>
-
-<p class="p0 mleft1">Mein Fräulein und liebe Tochter in unserm Herrn!</p>
-
-<p>Mit lebhafter und süßer Rührung habe ich Ihr Schreiben vom 29. November
-zugleich mit dem Exemplar der „Eucharistischen Novene“, erhalten.
-Zunächst bescheinige ich den Empfang der mir gesandten Summe von 500
-Frs., von denen 250 nach Ihrer Bestimmung für das Organisationswerk des
-nächsten Antifreimaurerkongresses verwandt werden. Die andere Hälfte
-in die Hände Seiner Heiligkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_240"></a>[S. 240]</span> für den Peterspfennig zu legen, ist
-mir eine Freude gewesen. Sie (Seine Heiligkeit) hat mich beauftragt,
-Ihnen zu danken und Ihnen seinerseits einen <em class="gesperrt">ganz besonderen Segen
-zu schicken... Ihre Bekehrung ist einer der herrlichsten Triumphe der
-Gnade, die ich kenne</em>. Ich lese in diesem Augenblick Ihre Memoiren,
-die von einem brennenden Interesse sind...“</p>
-
-<p>Am 27. Mai 1896 schrieb der päpstliche Geheimsekretär Rod. Verzichi an
-die famose „Miß Vaughan“ auf ausdrücklichen Befehl Seiner Heiligkeit,
-daß der Papst „mit großem Vergnügen“ die Eucharistische Novene gelesen
-habe.</p>
-
-<p>Vom 26. September bis 1. Oktober 1896 tagte der Antifreimaurerkongreß
-in Trient, unterstützt durch 22 Kardinäle, 23 Erzbischöfe und 116
-Bischöfe und durch einen besonderen Segen Leos XIII. gestärkt.
-Schon im August war Leo Taxil als einer der Vorstände des
-Zentralexekutivkomitees des Antifreimaurerbundes vom Papste in
-besonderer Audienz empfangen worden.</p>
-
-<p>Am 29. September hielt im Angesicht des versammelten Kongresses der
-Abbé de Bessonies eine Rede, in der er mit Nachdruck aussprach, daß das
-antifreimaurerische Frankreich <em class="gesperrt">alles das für wahr halte und fest
-glaube</em>, was er über die Echtheit der Vaughanenthüllungen vortrage.
-Leo Taxil ergriff selbst das Wort und wurde begeistert wegen seiner
-Verdienste um die Kirche gefeiert!</p>
-
-<p>Am 19. April 1897 erklärte Taxil im Sitzungssaale der Gesellschaft für
-Erdkunde zu Paris sein ganzes bisheriges Tun und Treiben, seine Bücher
-und<span class="pagenum"><a id="Seite_241"></a>[S. 241]</span> Schriften, sei <em class="gesperrt">ein einziger, großer, mit vollem Bewußtsein
-von ihm begonnener und fortgesetzter Schwindel</em>! Er schloß seine
-Rede mit den an die zahlreich versammelten katholischen Geistlichen
-und Journalisten gerichteten Worten: „Meine hochwürdigen Väter, ich
-danke aufrichtig den Kollegen der katholischen Presse und unsern
-Herrn Bischöfen dafür, daß sie mir so trefflich geholfen haben, meine
-schönste und größte Mystifikation zu organisieren<a id="FNAnker_269" href="#Fussnote_269" class="fnanchor">[268]</a>.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_242"></a>[S. 242]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Dreizehnter_Abschnitt"><span class="s5">Dreizehnter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Die „Hexen“ oder Ecclesia non sitit sanguinem!</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts etwa bekämpfte die katholische
-Kirche den Hexenglauben oder war ihm gegenüber wenigstens sehr
-skeptisch. Der „engelgleiche Doktor“ Thomas von Aquino, heute noch
-größte Autorität der Kirche, bildete dann die unflätige Theorie von
-den incubus und succubus aus, die nur als Wirkung des Zölibates zu
-verstehen ist, und dieser Wahnwitz imponierte so gewaltig, daß nicht
-zum wenigsten auf diese Autorität hin die Kirche die systematische
-Hexenverfolgung betrieb. Heute behaupten Apologeten, daß die Kirche für
-die Hexenprozesse keine Verantwortung habe, denn sie ist ja bekanntlich
-unfehlbar. In der Abschwörungsformel aber, die der berüchtigte Malleus
-maleficarum, der Hexenhammer, für die nicht an Hexerei Glaubenden
-aufstellt, heißt es: „<em class="gesperrt">Der Unglaube an Hexerei verstößt ausdrücklich
-gegen die Entscheidung der heiligen Mutter, der Kirche, aller
-katholischen Lehren</em> und der kaiserlichen Gesetze. Die Entscheidung
-zweifelhafter Dinge im Glauben steht vor allem bei der Kirche und
-vornehmlich beim Papste;<span class="pagenum"><a id="Seite_243"></a>[S. 243]</span> <em class="gesperrt">von der Kirche aber ist gewiß, daß sie nie
-im Glauben geirrt hat</em>.“</p>
-
-<p>Als der Professor der Theologie Cornelius Loos, ein eifriger
-Katholik, 1591 den Hexenwahn bekämpfte, ließ ihn der päpstliche
-Nuntius Frangipani in Trier <em class="gesperrt">einsperren</em> und <em class="gesperrt">zwang ihn zum
-Widerruf</em>. Unter anderem mußte er anerkennen, daß seine Behauptung,
-die Hexenausfahrten seien eine Täuschung, <em class="gesperrt">stark nach Ketzerei
-rieche</em>. Der Jesuit Delrio fügt hinzu: „Mögen die Anhänger des Loos
-erfahren, wie vermessen und schädlich es sei, die Delirien eines Weier
-(der ebenfalls den Hexenwahn bekämpfte) dem Urteil der <em class="gesperrt">Kirche</em>
-vorzuziehen<a id="FNAnker_270" href="#Fussnote_270" class="fnanchor">[269]</a>.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Daß die Intelligenz unter kirchlicher Ägide wenigstens in diesem Punkte
-zunahm, wird sich schwerlich behaupten lassen! Wundervoll aber ist eine
-Unfehlbarkeit, die offensichtlich sogar fortbesteht, wenn das konträre
-Gegenteil zu verschiedenen Zeiten gelehrt wird!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Kirche war es vorbehalten, den im 15. Jahrhundert nur mehr
-schwach im Volke vertretenen Hexenglauben durch den Hexenhammer
-<em class="gesperrt">frisch zu beleben</em>. Schon damals gab es Leute, die &ndash; zur
-Entrüstung der beiden wackeren Dominikaner und Theologieprofessoren
-Institoris und Sprenger, den Verfassern des „Hexenhammers“ &ndash; zu
-behaupten wagten, es gebe keine andere Hexerei auf der Welt,<span class="pagenum"><a id="Seite_244"></a>[S. 244]</span> als im
-Glauben der Menschen. Gegen diese auf Humanismus und fluchwürdige
-Emanzipation von der unfehlbaren kirchlichen Lehre zurückzuführende
-Ketzerei, hinter der das Schrecklichste zu vermuten war, das jemals
-der mittelalterlichen Kirche drohte: der gesunde Menschenverstand,
-mußte natürlich energisch vorgegangen werden. Papst Innozenz VIII. &ndash;
-welche Ironie liegt allein in diesem Namen! &ndash; erließ am 5. Dezember
-1484 die Bulle „Summis desiderantes affectibus“, ein erhabenes Dokument
-wahrhaft väterlicher Liebe, gedacht im Geiste Christi. Die Unzucht mit
-dem Teufel, Teufelsbeschwörung, Verhinderung der Zeugungskraft bei
-Männern und der Empfängnis bei Weibern, Impotenz etc. sind darin als
-Hexenwerk gebrandmarkt. Die <em class="gesperrt">Gegner der Verfolgungen</em>, seien sie
-noch so hohen Standes, sind mit <em class="gesperrt">Bann und Interdikt zu belegen</em>
-und nötigenfalls der <em class="gesperrt">weltliche Arm</em> gegen sie anzurufen<a id="FNAnker_271" href="#Fussnote_271" class="fnanchor">[270]</a>.
-Hergenröther, ein Autor des 19. Jahrhunderts, meint, der Papst habe
-dadurch „<em class="gesperrt">mildernd</em> und <em class="gesperrt">belehrend</em>“ gewirkt!!!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Hexenhammer, erschienen mit dreifacher Approbation, nämlich einer
-päpstlichen Bulle, einer königlichen Urkunde vom 6. November 1486 und
-einem empfehlenden Gutachten der theologischen Fakultät der Universität
-Köln vom Mai 1487, in unzähligen Auflagen verbreitet als Richtschnur
-in der Behandlung von Hexen und Zauberei, noch vom Leipziger Professor
-Carpzow († 1666), einem <em class="gesperrt">orthodoxen Lutheraner</em>, als Autorität
-anerkannt, entwickelt folgende „christliche“ Grundsätze<a id="FNAnker_272" href="#Fussnote_272" class="fnanchor">[271]</a>:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245"></a>[S. 245]</span></p>
-
-<p>Verteidiger der wegen Hexerei angeklagten Personen sind gestattet,
-aber &ndash; <em class="gesperrt">auf den Wunsch des Angeklagten darf bei seiner Wahl keine
-Rücksicht genommen werden</em>. Der Richter hat ihn zu ermahnen,
-daß er sich nicht der <em class="gesperrt">Begünstigung der Ketzerei</em> schuldig
-mache; <em class="gesperrt">dieser aber macht er sich in hohem Grade schuldig, wenn
-er „indebite“ einen schon der Ketzerei Verdächtigen verteidigt</em>!
-Die Namen der Belastungszeugen dürfen ihm nur mitgeteilt werden,
-wenn er untadelhaft, eifrig (<em class="gesperrt">zelosus!!</em>) und ein Freund der
-„Gerechtigkeit“ ist, aber auch dann nur unter eidlichem Geheimnis!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Richter wird angewiesen, die Angeklagten zu befragen, ob sie
-glauben, daß es Hexen gäbe, die Wetter machen, Menschen und Tiere
-infizieren usw. „Bemerke wohl, daß die Hexen dies meist das erstemal
-verneinen (d.&nbsp;h. nur durch <em class="gesperrt">Zwangsmaßregeln</em> der Kirche wird ihnen
-ein blöder Wahn eingebläut, den der <em class="gesperrt">Laienintellekt damals bereits
-überwunden hatte</em>!) Hiermit machen sie sich verdächtiger, als wenn
-sie antworten würden: die Entscheidung über diese Frage überlasse
-ich den Oberen. Daher, wenn sie es verneinen, sind sie weiter zu
-befragen: Wie kommt es denn dann, daß man sie verbrennt? Werden sie
-denn unschuldig verbrannt?“ Verneinten sie die letztere Frage, dann
-wurden ihre Aussagen widerspruchsvoll und darum verdächtig, während mit
-der Bejahung sie sich selbstverständlich einer toteswürdigen Ketzerei
-schuldig machten.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_246"></a>[S. 246]</span></p>
-
-<p>Der Richter darf Todfeinde der Angeklagten nicht als Zeugen zulassen.
-Unter <em class="gesperrt">Todfeindschaft</em> ist aber <em class="gesperrt">nur eine solche zu verstehen,
-die durch Mord, Totschlag oder tödliche Verwundung herbeigeführt
-wurde</em>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Inquisitoren übergaben ihr Opfer dem weltlichen Gericht mit
-der stehenden Mahnung, ihres Leibes und Lebens zu schonen, einer
-nichtssagenden heuchlerischen Formel. Denn hätte die Staatsbehörde den
-Verurteilten das Leben schenken wollen, so wäre sie <em class="gesperrt">sofort in die
-auf Begünstigung der Häresie gesetzten Zensuren verfallen</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Dem Richter steht es frei, den Weg <em class="gesperrt">der Milde</em> (via pietatis)
-einzuschlagen. Dieser besteht zunächst darin, daß die Folter nicht
-wiederholt werden darf, wenn nicht neue Indizien hervortreten. Will
-die Gefolterte &ndash; deren Blut nicht vergossen werden durfte, weshalb
-es lediglich gestattet war, ihre <em class="gesperrt">Gelenke auszukugeln</em>, die
-<em class="gesperrt">Knochen zu zermalmen</em>, sie <em class="gesperrt">mit Fackeln zu sengen</em> und
-<em class="gesperrt">endlich lebendig zu verbrennen</em>, was ja auch in völliger Harmonie
-mit der kirchlichen Barmherzigkeit ohne Blutvergießen abging &ndash; will
-sie nicht gestehen, dann soll man ihr noch andere Folterwerkzeuge
-vorzeigen und sie damit bedrohen. Wird sie auch dadurch nicht
-eingeschüchtert, dann ist die Folter am zweiten oder dritten Tage
-<em class="gesperrt">fortzusetzen, nicht zu wiederholen</em>!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247"></a>[S. 247]</span></p>
-
-<p>Läßt sich die Angeklagte trotz langer Gefangenschaft zu einem
-Geständnis nicht bewegen, dann soll der Richter sie im Gefängnis
-besuchen, ihr versprechen, <em class="gesperrt">Gnade</em> walten zu lassen, „<em class="gesperrt">indem
-er aber darunter nicht Gnade für sie, sondern für sich oder den Staat
-versteht</em>“. In diesem Punkte folgte der Staat der erhabenen Moral
-der Seelenhirten nicht. Die bayerische Instruktion von 1622 hat die
-Anwendung dieses Mittels ausdrücklich verboten.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>War es nicht gelungen, den Angeklagten durch Zeugenaussagen oder
-mittels des Gefängnisses, gestellter Fallen und der Folter zu einem
-Geständnis zu bewegen, und bestanden überhaupt gegen ihn keine anderen
-Indizien, als sein schlechter Ruf in bezug auf Ketzerei &ndash; in diesen zu
-kommen war aber schon deshalb sehr leicht, weil ausdrücklich auf die
-Familie der „Hexe“ als meistens auch der Hexerei ergeben das Augenmerk
-des Richters gelenkt wurde, so daß schon allein die <em class="gesperrt">Verwandtschaft
-der Hexerei hochverdächtig</em> (vehementer suspectus) <em class="gesperrt">machte</em> &ndash;
-dann wurde der „Weg <em class="gesperrt">der Milde</em>“ beschritten.</p>
-
-<p>Dieser bestand darin, daß der verstockte Sünder nicht etwa
-freigesprochen, sondern mit der kanonischen Purgation belegt wurde.
-Katholische und bewährte Männer, die seinen Wandel schon längere Zeit
-kennen, müssen 7, 10, 20 oder 30 <em class="gesperrt">an der Zahl</em>, und zwar <em class="gesperrt">seines
-Standes</em>, also Geistliche, Weltliche oder Adelige, als Eideshelfer
-ihm beistehen. Will der Angeklagte auf dieses Reinigungsverfahren nicht
-ein<span class="pagenum"><a id="Seite_248"></a>[S. 248]</span>gehen, dann verfällt er der Exkommunikation und wenn er in dieser
-ohne Purgation ein Jahr verblieb, wird er <em class="gesperrt">als Ketzer verurteilt d.
-h. verbrannt</em>! Ebenso geht es ihm, wenn er die ihm auferlegte Anzahl
-von Eideshelfern nicht herbeischaffen kann. Da das außerordentlich
-schwer war, da jeder darum angegangene fürchten mußte, selbst in den
-Ruf der Hexerei zu kommen, wird wohl die Nächstenliebe der Inquisitoren
-sich zumeist &ndash; wenn auch erst nach Jahresfrist &ndash; in gewohnter Weise
-haben betätigen können.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Diesem Hexenhammer ist in erster Linie zuzuschreiben, daß alle
-drei christlichen Religionen in hingebender Weise um die Palme
-wetteiferten, am meisten den Glauben an Hexerei auszubreiten und am
-rücksichtslosesten gegen Hexen vorzugehen. Das amtliche Suchen nach
-ihnen begann erst zu einem Zeitpunkt, wo ohne Kirche in Deutschland
-Vernunft und Humanität gesiegt hätten.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Görres, der Abgott ultramontaner Geschichtsschreibung und Bannerträger
-einer „modernen“ historischen Schule, nennt diesen Hexenhammer ein
-„<em class="gesperrt">in den Intentionen reines und untadelhaftes Werk</em>, aber in einem
-unzureichenden Grunde tatsächlicher Erfahrungen aufgesetzt, nicht immer
-mit geschärfter Urteilskraft durchgeführt und darum oft unvorsichtig
-auf die scharfe Seite hinüberneigend.<span class="pagenum"><a id="Seite_249"></a>[S. 249]</span>“ Welche Milde! welche
-Gerechtigkeit! nur schade, daß sie auf keine bessere Sache verwendet
-wird.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Es ist merkwürdig, daß dieselbe Kirche, die nicht müde wurde, durch
-Jahrhunderte mit Feuer und Folter ihre wirklichen und vermeintlichen
-Widersacher zu verfolgen, die mit den gewaltsamsten Mitteln den größten
-Blödsinn propagierte, heute noch von mimosenhafter Empfindlichkeit
-und mädchenhaftem Zartgefühl ist, wenn man <em class="gesperrt">ihr</em> im geringsten
-zu nahe tritt, und zwar nicht etwa wie sie es tat, durch grausame
-Verfolgung und qualvollen Tod im Namen des Gottes der Liebe, sondern
-lediglich durch Wort und Schrift und Suchen nach Wahrheit. Sollte das
-im Unterbewußtsein schlummernde Gefühl, der historischen, logischen und
-naturwissenschaftlichen Wahrheit nicht standhalten zu können, Ursache
-sein dafür, daß Polizei und Gefängnis bis zum heutigen Tage dem Kämpfer
-für Licht und Freiheit drohen? Ist es das Gefühl der Überlegenheit,
-daß jeden Wohlerzogenen zwingt, im Verkehr mit Strenggläubigen und der
-Geistlichkeit eine Rücksicht walten zu lassen, die im allgemeinen nur
-Damen zu beanspruchen pflegen?</p>
-
-<p>Dabei ist kaum zu bezweifeln, daß die kirchliche Weltanschauung,
-sofern sie in den Grenzen der Religion und Metaphysik bleibt und
-sich weder in die Sphäre der Politik noch Erfahrungswissenschaft
-einschmuggelt, was gar nicht nötig ist &ndash; so berechtigt ist wie
-irgend eine andere, daß der an Gott, Offenbarung und Unsterblichkeit
-Glaubende nicht um ein<span class="pagenum"><a id="Seite_250"></a>[S. 250]</span> Quentchen weniger intelligent zu sein braucht,
-als der Leugner. Bestünde Trennung von Kirche und Staat und damit
-auch tatsächliche, nicht nur papierne Glaubensfreiheit, würde die
-Kirche ihre Irrtumsmöglichkeit zugeben, wobei sie immerhin an den
-geoffenbarten Grundwahrheiten ihrer Lehre festhalten könnte, dann
-würde auch der fortschrittlich Gesinnte keinen Grund haben, sie mit
-Erbitterung zu bekämpfen, sondern selbst der Gegner würde dieser
-gewaltigen Organisation, der erhebenden Schönheit ihres Kultus und
-der Unwiderlegbarkeit &ndash; allerdings auch Unbeweisbarkeit ihrer
-metaphysischen Basis Ehrfurcht zollen müssen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ein Kulturkuriosum ersten Ranges ist der Feuereifer, mit dem
-Katholiken und Protestanten sich <em class="gesperrt">gegenseitig die Schuld an den
-Hexenverbrennungen</em> oder &ndash; da die Priorität der katholischen Kirche
-sich nicht wohl leugnen läßt &ndash; die größte Heftigkeit der Verfolgungen
-vorwerfen. Denn daß auch die Protestanten verbrannten, und zwar eifrig,
-steht fest<a id="FNAnker_273" href="#Fussnote_273" class="fnanchor">[272]</a>.</p>
-
-<p>Die unfehlbare Kirche &ndash; der Papst war es damals bekanntlich noch nicht
-&ndash; dekretiert etwas, was überall, wenn auch nicht ohne Widerspruch,
-Eingang findet; durch Naturwissenschaft und Aufklärung wird der
-Wahnwitz selbst der Geistlichkeit allmählich klar gemacht, nun ist es
-Aufgabe jedes Frommen, zu beweisen, daß die Kirche gar nichts dafür
-kann! Also Unfehlbarkeit auf alle Fälle!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251"></a>[S. 251]</span></p>
-
-<p>Übrigens ist die Hexenverbrennung eine direkte Konsequenz der
-Evangelien<a id="FNAnker_274" href="#Fussnote_274" class="fnanchor">[273]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Würzburger Bischof Philipp Adolf von Ehrenberg (1623&ndash;1631) ließ in
-den acht Jahren seiner Regierung 900 Personen verbrennen. Im Herzogtum
-Lothringen wurden in 16 Jahren 800 Hexen verbrannt. Was im ersten Falle
-die alleinseligmachende Kirche tat, ist im zweiten der hingebenden
-Frömmigkeit eines katholischen Fürsten zu danken<a id="FNAnker_275" href="#Fussnote_275" class="fnanchor">[274]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das Buch des Kalvinisten Weier „de praestigiis daemonorum,“ mit dem
-er 1563 als erster Deutscher den Hexenwahn bekämpft; &ndash; wiewohl es
-stets Leute, selbstredend Laien gab, die den Wahn nicht mitmachten
-&ndash; wurde in Rom und anderwärts auf den <em class="gesperrt">Index</em> der verbotenen
-Bücher gesetzt. Der Verfasser selbst wurde von katholischer und von
-protestantischer Seite als <em class="gesperrt">Mitschuldiger und Genosse der Hexen
-verdächtigt</em>. Er war nicht Theologe, sondern Arzt. Fast auf allen
-Gebieten sind ja gute Gedanken und Neuerungen nicht Zünftlern, sondern
-Außenstehenden zu danken. Die von Diefenbach in seinem „Hexenwahn“
-angeführten katholischen Vorläufer Weiers sind, wie Riezler nachweist,
-sämtlich bona oder mala fide zu Unrecht genannt<a id="FNAnker_276" href="#Fussnote_276" class="fnanchor">[275]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als Balthasar Bekker sein Buch „Verzauberte Welt“ 1691 herausgab,
-kostete ihn sein Auftreten<span class="pagenum"><a id="Seite_252"></a>[S. 252]</span> gegen Hexenwahn und Teufel, den er nach
-der Bibel höchstens als einen machtlosen gefallenen Geist anerkennen
-wollte, seine Stelle. Christian Thomasius, der 1701 sein Werk „Theses
-de crimine magiae“ publizierte, wurde von Juristen und Theologen aufs
-heftigste angegriffen. Der gesunde Menschenverstand und die Liebe
-zum Fortschritt waren eben seit je nicht gerade die hervorragendsten
-Eigenschaften der Gelehrten- so gut wie der Handwerkerzünfte.</p>
-
-<p>Die Leipziger theologische Fakultät (Neuer Pitaval, Band 32) hat
-gelegentlich des Teufelsbeschwörungsprozesses in Jena im Jahre 1715
-folgendes Urteil abgegeben: „.... Wir halten dafür, daß bei diesem
-casu tragico singulari nicht nur auf die Exhalationes der angezündeten
-Kohlen, welche Menschen zuweilen naturali modo ersticken, sondern auch
-auf die causam primam, nämlich den gerechten und allgewaltigen Gott zu
-sehen, der je zuweilen dem Satan zuläßt, daß er bei den causis secundis
-sein Werk praeter ordinem naturae a creatore constitutam mithabe; denn
-was solche Philosophi vorgeben, als wenn die Spiritus keine Operationes
-in materiam et corpora hätten, ist wider die notorische Erfahrung,
-sonderlich auch wider die Heilige Schrift, die von Operationibus
-Daemonum in corpora et animam genug Exempel anführt, daher des
-fascinierten Bekkers in Holland vorgebliche Meinung sowohl von
-christlichen Philosophiis als Theologiis billigst widerlegt, verworfen
-und verdammt ist, weil sie <em class="gesperrt">der christlichen Religion einen Grundstoß
-gibt</em> und die <em class="gesperrt">Leute vollends vor dem Teufel sicher macht</em>...<span class="pagenum"><a id="Seite_253"></a>[S. 253]</span>“
-Das war also die offizielle protestantische Meinung im Todesjahre des
-Sonnenkönigs, in den Tagen von Newton und Leibniz<a id="FNAnker_277" href="#Fussnote_277" class="fnanchor">[276]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das von Kreittmayer 1751 ausgearbeitete bayerische Strafgesetzbuch
-bestimmte über Hexerei und Zauberei: <em class="gesperrt">Bündnis</em> oder
-<em class="gesperrt">fleischliche Vermischung mit dem Teufel</em> oder dessen Anbetung
-und Verunehrung der Hostien werden mit <em class="gesperrt">lebendiger Verbrennung</em>
-bestraft. Die Strafe des Schwertes steht auf Gemeinschaft mit dem
-Teufel und Beschwörungen oder zauberische Mittel, wodurch jemand an
-seinem Leben, Leibes- oder Gemütsgesundheit, Vieh, Früchten, Hab und
-Gut Schaden geschieht<a id="FNAnker_276a" href="#Fussnote_276" class="fnanchor">[275]</a>.</p>
-
-<p>Noch im Jahre 1713 wurde eine Hexe nach dem Spruch der protestantischen
-Tübinger Juristenfakultät verbrannt, während beim Hexenprozeß in Berlin
-im Jahre 1728 das Urteil auf lebenslängliches Arbeitshaus lautete.
-In Deutschland gebührt der Fürstabtei Kempten der Ruhm der letzten
-Hinrichtung einer Hexe. Es war das im Jahre 1775. Lessing zählte
-damals 46 Jahre, Goethe 26! Das protestantische Glarus hat gar noch
-im Jahre 1782 ein Opfer zu verzeichnen, wiewohl die Hexenverfolgungen
-im allgemeinen in den protestantischen Ländern um eine bis zwei
-Generationen früher eingestellt wurden, als in den katholischen. Noch
-im Jahre 1836 wurde eine „Hexe“ von den Fischern der Halbinsel Hela
-der Wasserprobe unterzogen. Sie ertrank bei dieser Prozedur. Die
-griechisch-katholische Kirche hat bekanntlich diesen Wahn überhaupt
-nie mitgemacht.<span class="pagenum"><a id="Seite_254"></a>[S. 254]</span> Sie hatte auch keinen Papst, auf dessen unheilvolles
-Eingreifen allein nicht nur das Wiederaufleben eines im Absterben
-begriffenen Wahnes, sondern auch dessen lange Dauer zurückgeführt
-werden muß.</p>
-
-<p>Die Begriffe Hexerei, Ketzerei und Zauberei fehlen erst im bayerischen
-Strafgesetzbuch vom Jahre 1813<a id="FNAnker_278" href="#Fussnote_278" class="fnanchor">[277]</a>! Die Aufklärung und die infolge
-der französischen Revolution beginnende Befreiung der Geister und
-Schätzung der Menschenrechte haben auch hier endlich getilgt, was die
-„unfehlbare“ und die andern Kirchen an der Menschheit verschuldet
-hatten.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Daß noch bis in die Gegenwart der Katholizismus im Unterschied vom
-Protestantismus, bei dem die mittelalterliche Borniertheit auf diesem
-Gebiete etwas früher wich &ndash; wie stolz kann das Christentum sein, daß
-es rund vier Jahrhunderte dem Gott der Liebe Unschuldige verbrannte! &ndash;
-wo er die Möglichkeit dazu besitzt im gottgefälligen Wirken fortfährt,
-erhellt aus folgendem: Im Jahre 1860 wurde eine Frau zu Camargo in
-Mexiko lebendig verbrannt. Eine Frau mit ihrem Sohne bestieg 1874 zu
-St. Juan de Jacobo im Mexikanischen Staate Sinalva den Scheiterhaufen,
-und noch im Jahre 1888 soll eine Frau nach mehrmaliger Geißelung auf
-dem Marktplatz einer Stadt in Peru als Hexe ihr Leben haben lassen
-müssen. Ja, ja, die Religion der Liebe<a id="FNAnker_279" href="#Fussnote_279" class="fnanchor">[278]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Heute ist die Aufklärung so unheimlich groß, daß die offizielle
-Wissenschaft die sogenannten okkulten Phänomene nicht nur ablehnt,
-sondern <em class="gesperrt">noch nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_255"></a>[S. 255]</span> einmal prüft</em>! Geister wie Schiaparelli,
-Forel, Flammarion, Lombroso, Crookes, Wallace, Richet u.&nbsp;a.&nbsp;m. werden
-zwar nicht verbrannt, im übrigen sogar als Ehrenmänner behandelt, aber
-<em class="gesperrt">man hält ihre Beobachtungen keiner Widerlegung für wert</em>. Dogma
-und ungeprüfte offizielle Weisheit haben eben immer geherrscht und
-herrschen heute noch. Freie Geister, die nicht Tatsachen an Theorien,
-sondern Theorien an Tatsachen prüfen, waren immer Outsider. Die
-ungeheure Masse der Nachbeter kann wirklich nichts dafür, ob das Dogma,
-das sie verficht, klug oder dumm, richtig oder falsch ist. Immer sind
-es einige Leithämmel, denen alle anderen nachlaufen. Wie dankenswert
-wäre eine Kulturgeschichte, die einmal nicht das herausstreicht, was
-die Menschheit den „Autoritäten“ verdankt, sondern nachweist, wie
-sie &ndash; nach kurzer Förderung &ndash; auf lange hinaus <em class="gesperrt">den Fortschritt
-hemmten</em>!</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256"></a>[S. 256]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vierzehnter_Abschnitt"><span class="s5">Vierzehnter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Reliquien</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Seit den ersten Jahrhunderten des Christentums erfreuten sich die
-Reliquien der Heiligen überall der größten Beliebtheit. Das ging
-so weit, daß Leute auf eigene Faust oder im Auftrage eines fremden
-Bischofs die Kirchhöfe durchwühlten, um sich dann mit den Gebeinen der
-Märtyrer davon zu machen. Eines Tages entdeckten die bestürzten Römer
-griechische Männer, die neben der Basilika St. Pauls Knochen gruben.
-Da diese Reliquien neben der ihnen beigelegten schützenden Wirkung
-auch das Gute hatten, Pilger aus allen Teilen der Erde anzuziehen, so
-wurden sie von den Römern wie ihre Augäpfel gehütet. Gregor der Große
-(590&ndash;604) schrieb der Kaiserin Constantia auf ihre Bitte um ein Stück
-vom Leibe des hl. Paulus einen Brief voll verhaltener Entrüstung. Die
-heiligen Leiber zu berühren sei ein todeswürdiges Verbrechen, aber es
-genüge bereits ein Stück Tuch, das das Apostelgrab bedeckt hatte, in
-eine Büchse gelegt, um Wunderwirkung zu erzielen, ebenso Feilspäne
-von den Ketten Petri, die bereits im 6. Jahrhundert vom Papste als
-höchstes, der späteren goldenen Rose gleich geachtetes Geschenk
-verliehen wurden<a id="FNAnker_280" href="#Fussnote_280" class="fnanchor">[279]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Astolf, König der Langobarden, belagerte 755 Rom. Zwar plünderten
-seine Truppen alle Kirchen und Klöster außerhalb der Stadt, die in
-ihrem Machtbereich lagen,<span class="pagenum"><a id="Seite_257"></a>[S. 257]</span> mißhandelten auch die Mönche und Nonnen,
-verspotteten Heiliges und verbrannten Heiligenbilder, das hinderte
-sie aber nicht, zu gleicher Zeit <em class="gesperrt">die Kirchhöfe der Märtyrer zu
-durchwühlen</em>, um sich mit ihren Gebeinen zu beladen. Damals wurden
-die bisher unversehrten <em class="gesperrt">Katakomben zerstört</em> und die Knochen der
-Blutzeugen in <em class="gesperrt">Wagenladungen</em> nach der Lombardei geschafft<a id="FNAnker_281" href="#Fussnote_281" class="fnanchor">[280]</a>.</p>
-
-<p>Im Jahre 1672 wurden aus 3 Katakomben nicht weniger als 428 Leiber
-entfernt, um als Geschenk oder um Geld in die katholische Welt zu gehen.</p>
-
-<p>Ein Jahrhundert später blühte der Reliquienhandel Roms üppig. Der
-Pilger kaufte dort Reliquien, Knochen aus den Katakomben, wie
-der moderne Reisende Kunstgegenstände und Photographien erwirbt.
-Infolgedessen <em class="gesperrt">überstieg</em> die Nachfrage das Angebot und <em class="gesperrt">Tote
-wurden gefälscht</em><a id="FNAnker_282" href="#Fussnote_282" class="fnanchor">[281]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1635 edierte Bonfante seinen Triumpho de los Sanctos des Reyno
-de Cerdeña, eine Sammlung der ältesten Inschriften Sardiniens. Da er
-aus Irrtum die Siglen B. M., Bene Merens, für Beatus Martyr erklärte,
-<em class="gesperrt">schuf er mit einem Schlage mehr als 300 Heilige</em>. Der Ruf dieses
-Schatzes wurde laut, die Stadt Piacenza bewarb sich um einen Teil davon
-und die großmütigen Sarden schenkten ihr 20 „Märtyrer“, die jubelnd
-entgegen genommen wurden.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als der hl. Romwald einst Italien zu verlassen drohte, beabsichtigte
-man, ihm Mörder nachzuschicken, <em class="gesperrt">um ihn wenigstens als kostbare
-Reliquie im Lande zu behalten</em><a id="FNAnker_283" href="#Fussnote_283" class="fnanchor">[282]</a>!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_258"></a>[S. 258]</span></p>
-
-<p>Der hl. Dionysius existiert in zwei vollständigen Exemplaren zu St.
-Denis und in St. Emmeran in Regensburg, ferner rühmen sich Prag und
-Bamberg des Besitzes seines Kopfes. Er besaß also zwei vollständige
-Körper und vier Köpfe<a id="FNAnker_284" href="#Fussnote_284" class="fnanchor">[283]</a>.</p>
-
-<p>Im Reliquienschatz der gesamten katholischen Welt befinden sich:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>1. Vom hl. Andreas: 5 Körper, 6 Köpfe, 17 Arme, Beine und Hände.</p>
-
-<p>2. Von der hl. Anna: 2 Körper, 8 Köpfe, 6 Arme.</p>
-
-<p>3. Vom hl. Antonius: 4 Körper und 1 Kopf.</p>
-
-<p>4. Vom hl. Blasius: 1 Körper und 5 Köpfe.</p>
-
-<p>5. Vom hl. Lukas: 8 Körper und 9 Köpfe.</p>
-
-<p>6. Vom hl. Sebastian: 4 Körper, 5 Köpfe und 13 Arme. Diesen allen
-weit über sind die hl. Georg und Pankraz mit je 30 <em class="gesperrt">Körpern</em>.
-<em class="gesperrt">Nach so langer Zeit!</em> Wie viele müssen sie erst bei Lebzeiten
-gehabt haben<a id="FNAnker_285" href="#Fussnote_285" class="fnanchor">[284]</a>!</p></div>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In Aachen wird heute noch alle sieben Jahre das <em class="gesperrt">Hemd</em> der
-allerseligsten Jungfrau und Gottesgebärerin Maria ausgestellt,
-desgleichen die <em class="gesperrt">Windeln</em> Christi!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Das Kloster Macon rühmte sich des Besitzes der Haut des hl. Dorotheus.
-Die frommen Nonnen stopften die Haut mit Baumwolle aus und stellten
-den Heiligen her, als ob er lebte. Da sie aber damit Unfug trieben,
-schenkte die Äbtissin die Reliquie, in Unkenntnis ihres Wertes,
-den Jesuiten. Diese stifteten ihr zu Ehren die <em class="gesperrt">Brüderschaft vom
-hl. Leder</em>: wodurch sie <em class="gesperrt">viel Geld verdienten</em>. Die Nonnen
-erfuhren das und klagten beim Papst auf Rückgabe des Heiligtums,
-das ihnen auch zugesprochen wurde.<span class="pagenum"><a id="Seite_259"></a>[S. 259]</span> Aber die Jesuiten hatten die
-Reliquie in unverantwortlicher Weise <em class="gesperrt">verstümmelt</em>. Darob große
-Entrüstung und abermalige Reklamation beim Papst auf <em class="gesperrt">Rückgabe des
-fehlenden Teiles</em>. Da dieser aber den Mangel, wenigstens für ein
-Nonnenkloster, nicht für erheblich hielt, mußten sich die Nonnen als
-Ersatz mit <em class="gesperrt">zwei geweihten Muskatnüssen</em> begnügen<a id="FNAnker_286" href="#Fussnote_286" class="fnanchor">[285]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der umbilicus (die Nabelschnur) und 13 praeputia Christi gehörten und
-gehören zum Teil noch zum Reliquienschatz der Kirche. Eine dieser
-hochheiligen Vorhäute wird noch heute in Charroux verehrt und gilt dem
-Landvolk als „der heilige Präziputius“. Im 17. und 18. Jahrhundert
-pilgerten besonders schwangere Frauen dorthin, um sich mit ihr segnen
-zu lassen<a id="FNAnker_287" href="#Fussnote_287" class="fnanchor">[286]</a>. Eine andere erquickt noch heute die frommen Pilger in
-Calcata, unfern Rom<a id="FNAnker_288" href="#Fussnote_288" class="fnanchor">[287]</a>.</p>
-
-<p>Dieses hochheilige Präputium hat eine große und glorreiche Geschichte.
-Zunächst galt es, das der Verehrung entgegenstehende Dogma von der
-unversehrten Auferstehung zu beseitigen. Das war aber gar nicht so
-einfach.<a id="FNAnker_289" href="#Fussnote_289" class="fnanchor">[288]</a></p>
-
-<p>Da Christus „in voller Integrität“ auferstanden war, wurde von einigen
-Theologen konstatiert, daß das Präputium zur Integrität des Juden
-nicht erforderlich sei. Ferner ist Christus nur insofern „ganz“
-auferstanden, als dieses „ganz“ zum „Sein“ und „Schönsein“ gehört,
-aber „ohne“ findet es der Jude entschieden schöner. Eine andere Schule
-&ndash; diese für das Seelenheil so hochwichtige Frage hat natürlich eine
-Menge von Schulmeinungen hervorgerufen &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_260"></a>[S. 260]</span> unter Führung des Jesuiten
-Raynaldus lehrt, daß Christus doch „mit“ auferstanden sei, trotzdem
-sei aber die Reliquie echt, denn er schuf sie aus einer beliebigen
-Materie. Mit kaum zu überbietender Poesie spricht der Jesuit Salmeron
-in seinem Evangelienkommentar (Köln 1602) von diesem Körperteil als dem
-„fleischenen <em class="gesperrt">Verlobungsring</em>“ für seine Braut, die Kirche. Und
-der Bischof Rocca hat für die Vielheit dieser hochheiligen Reliquie die
-höchst plausible Erklärung, daß Gott in seiner Allmacht bewirkt habe,
-daß <em class="gesperrt">dasselbe</em> Präputium <em class="gesperrt">zu gleicher Zeit an verschiedenen
-Orten gezeigt werden könne</em>!!</p>
-
-<p>Diese Schwierigkeit war also zu aller Zufriedenheit aus der Welt
-geschafft. Aber nur ein seichter Fant wäre über die andere,
-weit wichtigere Frage, die gebieterisch Beantwortung heischt,
-hinweggeglitten: <em class="gesperrt">Hat Christus in der Eucharistie ein Präputium
-oder nicht</em><a id="FNAnker_290" href="#Fussnote_290" class="fnanchor">[289]</a>? Da Christus zu Lebzeiten das hl. Abendmahl
-einsetzte, damals aber als Jude „ohne“ war, so muß logischerweise auch
-in der Hostie dieser zwar nicht umfangreiche, aber desto wichtigere
-Körperteil fehlen. Da aber nach der Auferstehung der verklärte Leib
-wieder komplett war, hätte er auch in der Hostie es sein können.
-Eine unendlich verwickelte Frage, über deren Beantwortung sich die
-verschiedenen Schulen nicht einigen konnten.</p>
-
-<p>Noch ein Gewissenszweifel ist zu beseitigen: Ist die Gottheit mit dem
-hier auf Erden zurückgebliebenen Präputium noch vereinigt? Muß es
-infolgedessen „<em class="gesperrt">angebetet</em>“ oder braucht es nur „<em class="gesperrt">ver<span class="pagenum"><a id="Seite_261"></a>[S. 261]</span>ehrt</em>“
-zu werden? Auch hierüber konnte man keine rechte Harmonie erzielen,
-doch Bischof Rocca, Sakristan Sr. Heiligkeit, entschied sich dahin,
-daß das Präputium nach der vierten Modus der Latreia <em class="gesperrt">angebetet
-würde</em>, der es den Haaren und Kleidern Christi gleich setzt,
-insofern es ein Körperteil ist, der ihm einst angehörte.</p>
-
-<p>Endlich war noch das Problem zu lösen, was <em class="gesperrt">nach dem Weltuntergang
-aus der kostbaren Reliquie würde</em>. Die verbreitetste Lehrmeinung
-entschied dahin, daß es den <em class="gesperrt">Weltuntergang überdauern</em> und an
-irgend einem Ort des Himmels in saecula saeculorum aufbewahrt würde.</p>
-
-<p>Das in der Sancta Sanctorum Kapelle aufbewahrte Präputium verschwand
-zwischen April 1903 und Sommer 1905.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der hl. Camillus de Lellis wurde am 25. Mai 1550 in den Abruzzen
-geboren. Seine Mutter war damals bereits 59 Jahre alt. Mit 19 Jahren
-wurde Camillus Soldat in venezianischen Diensten, war aber dank seiner
-Streit- und Spielsucht und seines Ungehorsams kein Muster eines
-solchen. Mit 25 Jahren trat er in den Kapuzinerorden ein und erwarb
-sich durch charitative Werke große Verdienste.</p>
-
-<p>Das ist alles in der Ordnung, und wir hätten keinen Grund, vom Heiligen
-Notiz zu nehmen, hätte er nicht auch <em class="gesperrt">Wunder gewirkt</em>, „die
-hinreichend verbürgt scheinen.“ So bewirkte er, daß das Weinfäßchen
-einer Frau, die täglich eine Flasche Wein<span class="pagenum"><a id="Seite_262"></a>[S. 262]</span> in das Kloster des Camillus
-sandte, nie leer wurde. Sein Leichnam blieb auch nach seinem Tode
-„frisch und biegsam“ und zwar 10 Jahre lang, denn als „der Arzt bei
-Erhebung des Leibes einen Schnitt in die Brust machte, floß aus der
-Wunde eine Flüssigkeit von außerordentlichem <em class="gesperrt">Wohlgeruch</em>. Während
-der 6 Tage, an denen der Leib des Heiligen ausgesetzt war, ergoß sich
-eine Art Öl.“ Auch jetzt wirkte er noch Wunder, ja, jetzt hatte er
-damit besonders schöne Erfolge.</p>
-
-<p>Als eine Römerin, die an einem besonders großem, eiterigen Kropf
-litt, sich Mörtel aus des Heiligen Zimmer zugleich mit einem Bilde
-des Camillus auf den Kropf legte und darüber das Zeichen des Kreuzes
-machte, trat die Wirkung gleich ein. „Kaum war dies geschehen, so
-verschwand der Schmerz. Die Frau war vollkommen geheilt.“ Dieser Mörtel
-hat überhaupt eine erstaunliche Kraft. Er heilte auch eine Frau, die
-dem Tode nahe war, als ihr ein Priester etwas davon in einem Löffel
-Suppe einflößte. Ein Mädchen, das an einem Nasenpolypen nebst Fieber,
-Krämpfen und kaltem Brand litt, wurde durch zwei Fäden aus dem Hemd des
-Heiligen kuriert.</p>
-
-<p>An der Authentizität dieser Angaben ist jeder Zweifel unmöglich, da
-Athanasius Zimmermann S. J. in einer 1897 bei Herder in Freiburg
-erschienenen Schrift über Camillus de Lellis gehandelt hat. Und was
-gedruckt ist, ist doch bekanntlich wahr!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_263"></a>[S. 263]</span></p>
-
-<p>Das „<em class="gesperrt">Agnus Dei</em>“ ist ein kleines Medaillon aus weißem Wachs,
-<em class="gesperrt">noch heute</em> von den Zisterziensermönchen des hl. Kreuzes zu
-Jerusalem aus dem Wachs der Osterkerzen der Sixtinischen Kapelle und
-der anderen römischen Kirchen angefertigt. Dieses ovale Gebilde trägt
-auf einer Seite das Sinnbild des Osterlammes mit der Aufschrift: „Ecce
-Agnus Dei qui tollit peccata mundi“, das Wappen und den Namen des
-Papstes, der sie mit dem hl. Chrisam geweiht und gesegnet hat, auf der
-andern Seite das Bildnis der hl. Jungfrau oder eines Heiligen. Die
-Weihe der Agnus, die die Kirche zu den <em class="gesperrt">Sakramentalien</em> zählt,
-findet im ersten Jahre jedes Pontifikats statt, ferner regelmäßig
-alle sieben Jahre, außerdem wenn der Papst es mit Rücksicht auf die
-Bedürfnisse der Gläubigen für angebracht hält. Die Päpste Urban V.,
-Paul II., Julius III., Sixtus V. und Benedikt XIV. erkennen den Agnus
-für alle jene, welche sie mit Andacht und Vertrauen gebrauchen,
-folgende Eigenschaften zu: „Sie löschen die läßlichen Sünden aus und
-tilgen den Fleck, den die im Bußsakrament bereits vergebene Sünde
-zurückläßt. Sie schlagen die bösen Geister in die Flucht, befreien
-von ihren Versuchungen und bewahren vor der ewigen Verdammnis. Sie
-behüten vor plötzlichem und unvorhergesehenem Tod. Sie verhindern
-die schreckhaften Einflüsse der Phantome und beschwichtigen das von
-bösen Geistern hervorgerufene Entsetzen. Sie verleihen göttlichen
-Schutz gegen Feindschaft, sichern vor Unglück und Verderben, verleihen
-Wohlstand. Sie beschützen im Kampf und verhelfen zum Sieg. Sie machen
-Gifte unschädlich und bewahren vor den Schlingen des<span class="pagenum"><a id="Seite_264"></a>[S. 264]</span> Feindes. Sie
-sind ausgezeichnete Schutzmittel gegen Krankheiten und auch ein
-wirksames Heilmittel. Sie bekämpfen die Epilepsie. Sie verhindern
-die Verheerungen der Pest, der Epidemien und der verseuchten Luft.
-Sie <em class="gesperrt">beruhigen die Winde</em>, brechen die <em class="gesperrt">Wucht der Orkane</em>
-und der <em class="gesperrt">Wirbelwinde</em> und <em class="gesperrt">verjagen die Ungewitter</em>.
-Sie retten vor Schiffbruch. Sie <em class="gesperrt">vertreiben die Gewitter</em>
-und bewahren vor Blitzgefahr. Sie verjagen die Hagelwolken. Sie
-löschen die Feuersbrünste und halten deren Verheerung auf. Sie sind
-wirksam gegen die Wolkenbrüche, das Übertreten der Flüsse und die
-<em class="gesperrt">Überschwemmungen</em>. Die Agnus behüten endlich Mutter und Kind
-während der ganzen Zeit der Schwangerschaft und beseitigen die Gefahren
-bei der Niederkunft, deren Schmerzen sie mildern und abkürzen. H.
-Barbier de Montaut, Kämmerer Seiner Heiligkeit“<a id="FNAnker_291" href="#Fussnote_291" class="fnanchor">[290]</a>.</p>
-
-<p>Welcher Segen, daß es im 20. Jahrhundert noch so etwas gibt! Welche
-Torheit, daß nicht jedermann ein Agnus, von dem bereits das geringste
-Teilchen die gleiche Kraft besitzt wie das Ganze, ständig bei sich
-trägt, oder doch in seinem Hause hat! Die Leute wollen eben immer noch
-nicht einsehen, wie nahe das Gute liegt!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Wie Herr Ingenieur Feldhaus mir mitteilt, sah er noch im
-<em class="gesperrt">Frühjahr</em> 1909 in der Kirche zu Doberan in Mecklenburg eine
-<em class="gesperrt">Flasche mit ägyptischer Finsternis</em>!!!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Inquisitions-Kongregation in Rom stellte am 29. Juni 1903 fest,
-daß es <em class="gesperrt">kein Aberglaube</em> sei, wenn Papierbilder, die die Madonna
-darstellen, in Wasser aufgelöst, getrunken oder zu Pillen gedreht
-verschluckt werden, um Genesung von Krankheiten zu erlangen<a id="FNAnker_292" href="#Fussnote_292" class="fnanchor">[291]</a>.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265"></a>[S. 265]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Fuenfzehnter_Abschnitt"><span class="s5">Fünfzehnter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Mission und Kolonien</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Der Ausbruch der Chinawirren 1900 war teilweise verursacht durch die
-Erbitterung gegen die Missionen. Den frommen Christen daheim schaudert
-es beim Gedanken, daß es, wenn auch im fernen China, überhaupt Menschen
-von solcher Verworfenheit geben könne, daß sie dem Missionswesen, dem
-hingebenden, aufopfernden Liebeswerk abhold sind. Es ist nicht ohne
-Interesse zu sehen, in welcher Gestalt die Religion der Liebe dem
-hochstehenden uralten Kulturvolke entgegentritt. Daß auch im fernsten
-Osten die konfessionelle Zersplitterung und Konkurrenz fortbesteht, daß
-jede Sekte behauptet, allein das wahre Christentum zu verkörpern, und
-die andere verwirft, ist selbstverständlich.</p>
-
-<p>Es existiert eine Anstalt „Oeuvre de la Sainte-Enfance“, die jährlich
-Millionen zur Taufe und Rettung kleiner Chinesenkinder aufwendet. Im
-Juniheft ihrer Annalen vom Jahre 1897 heißt es: „Seit 1884 hatten
-wir das Glück, 20552 kleine sterbende Kinder zu taufen, davon 3558
-in diesem Jahre. Alle diese kleinen Engel, <em class="gesperrt">werden sie oben nicht
-wirken, für die Bekehrung des ungläubigen China</em>?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266"></a>[S. 266]</span></p>
-
-<p>Im selben Hefte wird von der Hungersnot erzählt, die 1893
-Yünnan heimsuchte. Die frommen Mönche des „Oeuvre“ berichten:
-„Die <em class="gesperrt">Vorsehung</em> hat, es ist wahr, unsere <em class="gesperrt">Arbeit sehr
-vereinfacht</em>, indem sie eine große Anzahl unserer kleinen Kinder
-in den Himmel rief. Diese vorzeitigen Todesfälle, so betrübend in
-einem christlichen Lande, sind ein <em class="gesperrt">Gegenstand der Freude und des
-Trostes</em> in diesen heidnischen Gegenden.“</p>
-
-<p>Im 21. Heft p. 258 heißt es: „Machen Sie doch einen kleinen Besuch
-im Hause der unbefleckten Empfängnis in Peking. Sehen sie diese
-bescheidene Eingangstür? Sie ist dieses Jahr für eine große Anzahl
-kleiner Brüder und Schwestern die Pforte des Himmels geworden. 873
-kleine Kinder wurden uns jedes für 45 Cts. an dieser Pforte gegeben,
-und davon sind 843 <em class="gesperrt">gestorben</em>, nachdem sie <em class="gesperrt">durch das heilige
-Wasser der Taufe wiedergeboren waren</em>.“</p>
-
-<p class="mtop2">Ein anderer Mönch meldet: „Ein Säugling kostet etwa 5 Frs. im Monat.
-Gewiß, <em class="gesperrt">ich flehe zu Gott, daß diese lieben kleinen Seelen uns
-sobald wie möglich verlassen</em> und zum Himmel fliegen mögen. Aber
-schließlich, wenn sie schon nicht sterben wollen, muß man sie doch
-ernähren und aufziehen.“ Ja, die Engelmacherei ist also gar nicht
-so leicht, wie der Laie in seinem Unverstand glauben mag! Immerhin
-kann eine dieser Anstalten mit berechtigtem Stolz konstatieren, daß
-von <em class="gesperrt">12000 ihr anvertrauten Täuflingen nur 124 oder 125 das erste
-Lebensjahr erreicht hätten</em>!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267"></a>[S. 267]</span></p>
-
-<p>Der Bischof Quierry beglückwünschte die Missionare dieses „Oeuvre“,
-wie die gleichen Annalen erzählen, daß sie jedes Jahr mehr als 40000
-Kinder in den Himmel schicken!! Und trotzdem konnten sie die Chinesen
-von der Unübertrefflichkeit des Christentums und seiner Liebeswerke
-nicht überzeugen. An einem solchen Volke ist allerdings Hopfen und Malz
-verloren<a id="FNAnker_293" href="#Fussnote_293" class="fnanchor">[292]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ein alter Farmer „Gottlieb Bleibtreu“ schreibt in den Windhuker
-Nachrichten einen Aufsatz, in dem er sich über Stolz, Überhebung und
-Anmaßung der Herero beklagt: „Gibt es nicht soviel zu essen, daß es für
-Mann und Weib ausreicht, dann ist das erste, worüber <em class="gesperrt">geklagt</em>
-wird, die Kost, und da dies ein Grund der Beschwerde ist, kann sich der
-Arbeitgeber beim Bezirksamtmann noch einen Nasenstüber holen, falls
-er Veranlassung nimmt, Gegenbeschwerde zu führen. &ndash; Wenn sich nun
-<em class="gesperrt">jetzt schon</em>, wo die Hereros noch Kriegsgefangene sind, diese in
-alten Sitten und Gebräuchen wurzelnden <em class="gesperrt">Anmaßungen in solch brutaler
-Weise fühlbar</em> machen, wie soll das werden, wenn sie wieder frei und
-ihr eigener Herr sind? Hier gibt es nur ein Mittel zur Abhilfe, und das
-heißt in bestimmten Grenzen gehaltener <em class="gesperrt">Arbeitszwang</em>.“</p>
-
-<p>Wenn Herr Bleibtreu Gefühlsmensch ist, der die Herero dafür, daß sie
-für Ausbeutung, die soweit geht, daß sogar die notwendige Nahrung ihnen
-nicht verabfolgt wird, kein Verständnis haben, auch noch strafen<span class="pagenum"><a id="Seite_268"></a>[S. 268]</span> will,
-so ist das seine Privatsache. Wenn aber die Hamburger Nachrichten am
-23. September 1906 ihm völlig beipflichten, so stimmt das doch etwas
-nachdenklich.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1904 erschien eine von einem Herrn Schlettwein verfaßte
-Broschüre mit folgendem Passus: „Wir stehen mit der Kolonialpolitik
-am Scheidewege. Nach der einen Seite das Ziel: gesunder Egoismus
-und praktisches Kolonisieren, nach der andern Seite übertriebene
-Menschlichkeit, vager Idealismus, unvernünftige Gefühlsduselei.
-<em class="gesperrt">Die Hereros müssen besitzlos gemacht werden. Das Volk muß nicht
-nur als solches unmöglich gemacht werden</em>, es müssen auch
-alle das Nationalgefühl erweckenden Faktoren beseitigt werden.
-Man muß die Hereros zur Arbeit zwingen, und zwar <em class="gesperrt">zur Arbeit
-ohne Entschädigung</em>, nur gegen Beköstigung. Eine <em class="gesperrt">jahrelange
-Zwangsarbeit</em> ist nur eine gerechte Strafe für sie und dabei die
-einzig richtige Erziehungsmethode. Die Gefühle des Christentums und der
-Nächstenliebe, mit welchen die Missionen arbeiten, müssen zunächst mit
-aller Energie zurückgewiesen werden.“</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Den Autor dieses Kulturdokumentes berief das Kolonialamt als
-Vertrauensmann in die Budgetkommission</em>, und man ließ gerade ihn im
-Lande herumziehen, um für <em class="gesperrt">diese</em> Kolonialpolitik Propaganda zu
-machen.</p>
-
-<p>Herr Schlettwein führte seine Theorie praktisch durch. Wie am 6. März
-1907 im deutschen Reichstage festgestellt wurde, zahlte er den in
-seiner Viehzucht beschäftigten Männern 15 Mark im Monat, den<span class="pagenum"><a id="Seite_269"></a>[S. 269]</span> Frauen
-gar nichts. Die Männer werden verköstigt &ndash; ob nach Bleibtreus Beispiel
-bleibe unentschieden &ndash; die Frauen erhalten <em class="gesperrt">„Feldkost“ bestehend in
-Raupen, Fröschen, Heuschrecken, Mäusen und Gras</em><a id="FNAnker_294" href="#Fussnote_294" class="fnanchor">[293]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Aus dem Tagebuch des Dr. Vallentin, das im Aprilheft 1894 der „Neuen
-deutschen Rundschau, Freie Bühne“ veröffentlicht wurde, sei folgendes
-entnommen: Am 13. 3. 93. Ich erfahre interessante Einzelheiten
-über den Bakokoaufstand. In den Berichten befinden sich zahlreiche
-Ungenauigkeiten. Herr Assessor Wehlau, welcher die Expedition führte,
-soll beim Niederbrennen der Dörfer faktisch <em class="gesperrt">befohlen haben, einigen
-alten Weibern die Hälse abzuschneiden</em>; Männer konnte er nicht
-gefangen nehmen. Statt der im betreffenden Bericht erwähnten 150
-Gefangenen sollen es deren nur 12&ndash;15 gewesen sein. Matt, verwundet,
-halb verschmachtet, zerschlagen und geschunden wurden diese &ndash; meist
-alte Frauen, Greise und Kinder &ndash; an Land geschafft und unter Schlägen
-und Stößen in Ketten zum Gefängnis geführt. Drei sollen am Fuß des
-Flaggenmastes, unter der wehenden, deutschen Reichsfahne, <em class="gesperrt">vor Hunger
-gestorben</em> sein.</p>
-
-<p class="mtop2">Am 17. 3. 93. Aus dem unter Führung des Assessors Wehlau unternommenen
-sogenannten „Bakokofeldzuge“ erfahre ich heute wieder verschiedene
-Einzelheiten. Es soll wirklich grauenhaft gewesen sein. Die Gefangenen
-sind tagelang in der glühenden Hitze auf dem Schiffe („Soden“) an die
-Reelings derart<span class="pagenum"><a id="Seite_270"></a>[S. 270]</span> festgeschnürt worden, daß in die <em class="gesperrt">blutrünstigen und
-aufgeschwollenen Glieder Würmer sich eingenistet hatten</em>. Und diese
-Qual tagelang in der Tropenhitze und ohne jede Labung! Als dann die
-armen Gefangenen dem Verschmachten nahe waren, wurden sie einfach wie
-wilde Tiere <em class="gesperrt">niedergeschossen</em>.</p>
-
-<p class="mtop2">Am 31. 3. 93.... Wahrend meiner Krankheit ist Assessor Wehlau von
-seinem neuen Feldzuge heimgekehrt. Gefangene hat er nicht mitgebracht.
-Da sie &ndash; so äußerte er beim Essen &ndash; hier doch alle stürben, hätte
-er sie auf dem Schiffe <em class="gesperrt">totschlagen lassen</em> (wörtlich: „habe
-ihnen ’n Paar auf den Kopp geben lassen“). Dann erzählte er weiter:
-Die Soldaten, namentlich einer, hätten es <em class="gesperrt">famos ’raus, den Feinden
-die Haut über den Schädel zu ziehen</em>. Am Unterkiefer wurde mit dem
-Messer ein Schnitt gemacht, dann mit den Zähnen angepackt, und der
-ganze Skalp über Gesicht und Kopf herübergezogen.</p>
-
-<p class="mtop2">Am 4. 5. 93 Gerichtstag, abgehalten von Assessor Wehlau!...</p>
-
-<p>Ein Schwarzer, Aug. Bell, ist beschuldigt, eine Uhr gestohlen zu haben.
-Er wird vorgeführt. Das erste, was ihm vorgehalten wird, ist: es gibt
-nur zweierlei Wege, entweder er gesteht, er habe den in Frage stehenden
-Diebstahl begangen, oder er bekommt 50 Hiebe. Bell sagt aus: „Nein, ich
-habe die Uhr nicht gestohlen.“ Sofort wurde er abgeführt und erhält
-50 Hiebe mit der Rinozerospeitsche. Wieder vorgeführt gesteht er auf
-weiteres Befragen, daß er<span class="pagenum"><a id="Seite_271"></a>[S. 271]</span> die Uhr gestohlen habe. Er wird darauf zu
-6 Jahren (schreibe und sage <em class="gesperrt">sechs Jahren</em>) <em class="gesperrt">Gefängnis</em>,
-100 Mk. Geldstrafe und 15 Hieben am ersten Sonnabend jedes Monats
-verurteilt.</p>
-
-<p>Aug. Bell soll während jener vorerwähnten Verhandlungen ca. 80 Hiebe
-bekommen haben, sowohl dafür, daß er nicht gleich eingestand, daß
-er die Uhr gestohlen hätte, als auch wenn er, bei der Niederschrift
-des Protokolls, die verlangten Antworten nachsprechend, stotterte.
-Was aber 80 Hiebe an einem Nachmittag zu bedeuten haben, das kann
-nur der in vollem Umfange ermessen, der jemals einer derartigen
-Prozedur beigewohnt hat. <em class="gesperrt">Ein rohes, gehacktes Beefsteak ist nichts
-dagegen.</em></p>
-
-<p class="mtop2">20. 6. 93... Es sind nach dem Berichte drei Gefangene gehängt worden.
-In Wirklichkeit hat Assessor Wehlau dieselben der Wollust der
-Soldaten preisgegeben, und diese haben die drei Leute <em class="gesperrt">regelrecht
-abgeschlachtet</em>. Maschinist Gebhardt von der „Nachtigall“ schildert
-diesen Vorgang folgendermaßen: „Die Schwarzen wurden mit Messern
-zerschnitten, zerhackt und verstümmelt, da Assessor Wehlau den Befehl
-gegeben hatte, die Gewehre beim Töten nicht zu gebrauchen.</p>
-
-<p class="mtop2">Am 18. 8. 93 abends hat der stellvertretende Gouverneur Kanzler Leist
-sich aus dem Gefängnis drei Weiber holen lassen (Kassenverwalter
-Hering sagte es mir am selben Abend) und dieselben über Nacht bei sich
-behalten &ndash; darunter die schöne Ngombe, Tochter des Ekwe Bell. Am
-nächsten<span class="pagenum"><a id="Seite_272"></a>[S. 272]</span> Morgen sind die Weiber ins Gefängnis zurückgeschickt worden;
-Ngombe wurde mit einem Geschenk von 5 Mk. bedacht...</p>
-
-<p class="mtop2">Am 2. 10. 93. Vergangene Nacht wurde ich durch lauten Lärm im Gefängnis
-aus dem Schlafe geweckt (ca. &frac12;-12 Uhr nachts). Als die Stimmen immer
-lauter wurden ging ich hinaus und sah einen Polizeigehilfen im heftigen
-Wortwechsel mit drei andern Schwarzen, von denen einer so angezogen
-war, wie die Boys des Kanzlers Leist, die an ihren roten Hüfttüchern
-erkenntlich sind. Auf mein Befragen wurde mir mitgeteilt, daß der
-„<em class="gesperrt">Governor</em>“ (<em class="gesperrt">Leist</em>) <em class="gesperrt">ein Weib aus dem Gefängnis holen
-ließe</em>. Ich legte mich ärgerlich zu Bette, konnte aber wegen des
-immer mehr anwachsenden Lärmes innerhalb des Gefängnisses, aus dem
-es wie Weibergeheul und scheltende männliche Stimmen ertönte, nicht
-einschlafen; ich begab mich daher auf die Veranda, wo ich schon den
-Kassenverwalter Hering traf. Beide sahen wir jetzt, <em class="gesperrt">wie ein Weib
-unter Sträuben und Schreien von drei Schwarzen in der Richtung zum
-Kanzlerhause hinweggeschleppt wurde</em>. Um ca. 4 Uhr nochmals Lärm im
-Gefängnis! Am nächsten Morgen stellte ich mich, als ob ich von nichts
-wüßte, fragte einige Schwarze über die Ursache des Getöses in der Nacht
-aus und erhielt zur Antwort: The Governor want a woman for usw. Der
-Schluß läßt sich denken.“</p>
-
-<p>Soweit das Tagebuch Dr. Vallentins in Auszügen.</p>
-
-<p class="mtop2">Wie wurden nun die Kulturträger bestraft? In der Gerichtssitzung vom 7.
-Januar 1896 vor der<span class="pagenum"><a id="Seite_273"></a>[S. 273]</span> kaiserlichen Disziplinarkammer wurde festgestellt,
-daß die Tötung der drei Gefangenen <em class="gesperrt">keine Amtsverletzung</em> sei,
-da sie im Kriegszustande erfolgte, dagegen sei die grausame Art der
-Ausführung als Amtsverletzung anzusehen. Korvettenkapitän Becker hatte
-vor Gericht bekundet, daß in Kamerum <em class="gesperrt">allgemein üblich sei, den
-Gefangenen die Köpfe abzuschneiden</em>. Wenn das nicht geschehe, werde
-es von den Eingeborenen als Feigheit bezeichnet.</p>
-
-<p>Die Strafe gegen Wehlau lautete auf <em class="gesperrt">Versetzung in ein anderes Amt
-von gleichem Range</em>, auf eine <em class="gesperrt">Geldstrafe von 500 Mk.</em> und
-Tragung der Gerichtskosten<a id="FNAnker_294a" href="#Fussnote_294" class="fnanchor">[293]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Paul Rohrbach, von 1903&ndash;1906 Ansiedlungskommissar in Südwestafrika,
-stellt in seinem Buche „Deutsche Kolonialwirtschaft“ fest, daß man
-Herero, die sich auf die <em class="gesperrt">Zusicherung der Straffreiheit stellten,
-niederschoß</em>. Im Kongostaate herrschte nach dieser Quelle noch
-im Jahre 1907 die alte Praxis des <em class="gesperrt">Händeabhackens</em>, des
-<em class="gesperrt">Zusammenschießens</em> und <em class="gesperrt">Niederbrennens der Dörfer</em> wegen
-ungenügender Kautschuklieferung. Und zwar <em class="gesperrt">unter direkter Teilnahme
-der weißen Beamten</em>!</p>
-
-<p class="mtop2">Da solche Fälle in den Kolonien aller Nationen, besonders der
-Franzosen, Engländer und Niederländer an der Tagesordnung sind und,
-wie die Greuel im Kongostaate, wo ein ausdrückliches Reglement
-verordnet, daß die aus der Verbindung eines Weißen mit einer Negerin
-entspringenden Kinder „Eigentum<span class="pagenum"><a id="Seite_274"></a>[S. 274]</span>“ des Staates sind<a id="FNAnker_295" href="#Fussnote_295" class="fnanchor">[294]</a>, lehren, noch
-heute stattfinden, sind sie von <em class="gesperrt">symptomatischer Bedeutung für die
-Art, in der die christlichen Völker Europas ihr Amt, den Eingeborenen
-Kultur zu vermitteln, handhaben</em>. Da hier nur Kulturvölker
-Berücksichtigung finden, müssen wir über die Greueltaten der Russen
-sogar gegen eigene Landsleute hinweggehen.</p>
-
-<p>Die Grausamkeiten und Plünderungen der verbündeten Nationen im
-Chinakriege 1900 sind noch in aller Erinnerung<a id="FNAnker_296" href="#Fussnote_296" class="fnanchor">[295]</a>.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_275"></a>[S. 275]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Sechzehnter_Abschnitt"><span class="s5">Sechzehnter Abschnitt</span><br />
-<span class="s4">Autoritäten und Fortschritt</span></h2>
-
-</div>
-
-<p>Als <em class="gesperrt">Kolumbus</em> auf seine die <em class="gesperrt">Kugelgestalt</em> der Erde
-voraussetzende Entdeckungsfahrt auszog, wurde er für einen Ketzer
-erklärt, und die <em class="gesperrt">Kirchenversammlung</em> von Salamanka gab ihm
-in frommer Gesinnung den <em class="gesperrt">Bannstrahl</em> mit auf den Weg. Man
-konstatierte, daß die Bücher Mosis, die Psalmen, die Propheten,
-die Evangelien, die Epistel und die Schriften der Kirchenväter
-Chrysostomus, Augustinus, Hieronymus, Gregorius, Basilius und Ambrosius
-dagegen zeugten. Als er zurückkam, ja als Magelhaens 1522 von einer
-Reise rund um den Erdball zurückkehrte, ließ man sich aber trotzdem
-nicht belehren, daß eben alle diese Schriften von Irrtümern strotzen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Bekanntlich verdanken wir die Neuentdeckung des <em class="gesperrt">heliozentrischen
-Sonnensystems</em> erst Kopernikus (1473&ndash;1543). Im Jahre 1616 wurde
-aus Anlaß der Aktion gegen Galilei sein Buch auf den Index librorum
-prohibitorum gesetzt, von dem man es erst 1754 entfernte. Erst 1822
-gestattete die Indexkongregation den Druck von Büchern,<span class="pagenum"><a id="Seite_276"></a>[S. 276]</span> welche die
-Bewegung der Erde lehren. Bis dahin drehte sich also für den gläubigen
-Katholiken die Sonne noch um die Erde, d.&nbsp;h. erst nach 2100 Jahren
-durfte er die Lehre Aristarchs annehmen!</p>
-
-<p class="mtop2">Luther verwarf die gewaltige Tat des Kopernikus als Narrheit, und
-zwar aus einem zwingenden Grunde: weil in der Bibel Josua die Sonne
-stillestehen läßt und nicht die Erde!</p>
-
-<p class="mtop2">Das <em class="gesperrt">1. und 2. Keplersche Gesetz</em> wurde (1609 und 1618) von
-der Kongregation des Index expurgatorius verboten, weil beide dem
-Kopernikanischen System als Stütze dienten, und weil man es nicht für
-passend fand, irgendein Gesetz anzuerkennen, das mit Gottes freiem
-Willen im Widerspruch stand. Die Macht der Geistlichkeit, die auf
-diesen freien Willen Einfluß ausübte, gutes Wetter oder Regen machte
-etc., wurde dadurch eingeschränkt. Das Geschäft durfte aber unter
-keinen Umständen verdorben werden<a id="FNAnker_297" href="#Fussnote_297" class="fnanchor">[296]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Da <em class="gesperrt">Giordano Bruno</em> unter anderem behauptet hatte, es gebe
-<em class="gesperrt">mehrere Welten</em>, wurde er am 16. Februar 1600 in Rom
-<em class="gesperrt">verbrannt</em>. Natürlich war die Kirche daran, wie an allen
-Hexenverbrennungen, völlig unschuldig, hatte sie ihn doch mit der
-stehenden Formel der weltlichen Behörde überliefert „so barmherzig als
-möglich zu sein und ohne Blutvergießen zu bestrafen“<a id="FNAnker_298" href="#Fussnote_298" class="fnanchor">[297]</a>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277"></a>[S. 277]</span></p>
-
-<p>Für die Dreistigkeit <em class="gesperrt">Galileis</em>, eine Wahrheit entdeckt zu haben,
-wurde er trotz seines Widerrufes vom römischen Inquisitionsgericht
-durch 3 Jahre Kerker bestraft. Ferner mußte er an einem ihm
-angewiesenen Orte leben, und die Beisetzung in geweihter Erde wurde ihm
-versagt. Mag er dadurch die kirchliche Unsterblichkeit verloren haben,
-so kann er doch mit der andern ganz zufrieden sein<a id="FNAnker_299" href="#Fussnote_299" class="fnanchor">[298]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Kirche war eine heftige Feindin der <em class="gesperrt">Experimentalphysik</em>
-und das nicht ohne Grund. Die Physiker konnten durch ihre teilweise
-verblüffenden Experimente den bisher allein von der Geistlichkeit
-geübten „Wundern“ erfolgreich Konkurrenz machen oder doch ihnen das
-Geschäft verderben, und das mußte natürlich verhütet werden. Sogar bis
-auf die Tiere erstreckte sich dieser Brotneid. Als jemand seinem Pferde
-einige Kunststücke beigebracht hatte, wurde es 1601 in Lissabon vor
-Gericht gestellt und, weil vom Teufel besessen, <em class="gesperrt">verbrannt</em><a id="FNAnker_300" href="#Fussnote_300" class="fnanchor">[299]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als 1752 die kgl. Gesellschaft in England den <em class="gesperrt">Gregorianischen
-Kalender</em> einführte, natürlich gegen eine heftige Opposition von
-kirchlicher Seite, wurden einige Mitglieder der Gesellschaft vom
-aufgehetzten Pöbel in den Straßen Londons verfolgt, <em class="gesperrt">weil sie ihnen
-11 Tage ihres Lebens geraubt haben sollten</em><a id="FNAnker_301" href="#Fussnote_301" class="fnanchor">[300]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_278"></a>[S. 278]</span></p>
-
-<p>Auch im 19. Jahrhundert ließ sich die Geistlichkeit nicht lumpen, so
-wenig wie in der Gegenwart. Als in Amerika <em class="gesperrt">Anästhetika</em> bei
-Geburten angewandt wurden, um den Frauen die Schmerzen zu erleichtern,
-trat die Geistlichkeit mit Heftigkeit dagegen auf. Der Grund war, daß
-&ndash; Moses im 1. Buche 3, 16 erzählt, Gott habe zum Weibe gesprochen:
-„Ich will dir viele Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du
-sollst mit Schmerzen Kinder gebären..<a id="FNAnker_302" href="#Fussnote_302" class="fnanchor">[301]</a>“.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Die Schutzpockenimpfung wurde keineswegs durch einen Arzt in die
-europäische Medizin eingeführt, sondern durch Lady Wortley Montague,
-die als Gattin des britischen Gesandten in Konstantinopel in den
-Jahren 1716&ndash;1719 die von Indern und Orientalen schon längst geübte
-Schutzimpfung von Menschenblattern gegen die Pocken kennen lernte.
-Sie verschaffte dieser wichtigen, wenn damals auch noch keineswegs
-ungefährlichen und von ärztlicher Seite natürlich hart angegriffenen
-Neuerung &ndash; wo hätte je eine Zunft von außen kommende Anregungen
-freudig aufgenommen? &ndash; in England Verbreitung. Die <em class="gesperrt">Geistlichkeit
-aber sträubte sich dagegen</em>, da sie in Krankheiten wie auch in
-Erdbeben eine unabwendbare Heimsuchung Gottes gegen die Menschheit
-um ihrer Sünden willen sah. Die Geistlichkeit ist eben in gewissen
-Eigenschaften auf der ganzen Erde sich gleich. Vor dieser Gemeinsamkeit
-tritt die Differenz der Religion und Konfession zurück. Auch die
-Impfung mit Kuhpockenlymphe ist nicht von einem Arzte ent<span class="pagenum"><a id="Seite_279"></a>[S. 279]</span>deckt
-worden. Jenner lernte sie vielmehr von <em class="gesperrt">Laien</em>. Seit dem Jahre
-1761 hatte der Pächter Jensen und Schullehrer Plett sie bereits in
-Holstein angewandt. Diesmal bemächtigte sich aber die Wissenschaft der
-Errungenschaft relativ schnell. Denn schon 38 Jahre(!) später, im Jahre
-1799, wurden die ersten Impfungen von deutschen Ärzten in Hannover
-vorgenommen, und zwar unter englischem Einfluß<a id="FNAnker_302a" href="#Fussnote_302" class="fnanchor">[302]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In der Gegenwart wüten Katholizismus und orthodoxer Protestantismus aus
-gleich triftigen Gründen <em class="gesperrt">gegen die Entwicklungslehre, Darwinismus
-und Lamarckismus</em>. Es gab eben noch nirgend einen Fortschritt oder
-eine neuentdeckte Wahrheit, die nicht von Kirche und Geistlichkeit
-bekämpft worden wäre. Die Angst dieser Faktoren vor Wahrheit und Wissen
-wird köstlich illustriert durch die von der theologischen Fakultät
-zu Paris aufgeworfene Frage, <em class="gesperrt">was aus der Religion werden solle,
-wenn das Studium der griechischen und hebräischen Sprache erlaubt
-sei</em><a id="FNAnker_303" href="#Fussnote_303" class="fnanchor">[303]</a>. Also nicht nur im Buche der Natur zu blättern ist für
-die Gottesstreiter gefährlich, sogar die Nachprüfung der Quellen, aus
-denen sie ihre Existenzberechtigung herleiten wird &ndash; nicht ohne Grund
-&ndash; von ihnen gefürchtet! Chamberlain nennt die <em class="gesperrt">Bibel</em> sogar das
-<em class="gesperrt">einzige für Rom wirklich gefährliche Buch</em>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als Professor Friedrich Delitzsch 1901 und 1902 seine so
-außerordentliches Aufsehen erregenden Vor<span class="pagenum"><a id="Seite_280"></a>[S. 280]</span>träge über Babel und Bibel
-hielt, konnte man sich um etliche Jahrhunderte zurückversetzt glauben.
-Delitzsch hatte darauf hingewiesen, daß dem Bibelstudium durch die
-Ausgrabungen von Keilinschriften reiche Förderung in historischer und
-realer Hinsicht zuteil würde: die Namen von Örtlichkeiten, historische
-Personen treten in helleres Licht. Es zeige sich, daß Kanaan eine
-Kulturprovinz Babyloniens sei, das dorthin Handel und Recht und Sitte
-und Wissenschaft verpflanzt habe. Der <em class="gesperrt">Sabbat sei babylonisch</em>,
-desgleichen eine ganze Reihe biblischer Erzählungen, wie die von der
-<em class="gesperrt">Sintflut, Schöpfung, Sündenfall, Paradies, Leben nach dem Tode,
-Engeln</em> und <em class="gesperrt">Dämonen, letzten Endes sogar der Monotheismus</em>.
-Dieser bestand bekanntlich bei den Israeliten ursprünglich durchaus
-nicht in der Form, wie sie offiziell heute gelehrt wird, und trotz
-„Dreieinigkeit“ und Teufel angeblich bei uns besteht, sondern in der
-des Henotheismus, daß eben der Judengott stärker und mächtiger war, als
-die der benachbarten Völkerschaften<a id="FNAnker_304" href="#Fussnote_304" class="fnanchor">[304]</a>.</p>
-
-<p>Diese Vorträge riefen bei sehr vielen einen Sturm der Entrüstung
-hervor, und es wurde im Ernste von „orthodoxer“ Seite der
-leidenschaftliche Versuch gemacht, um der Heiligkeit des Glaubens
-willen die Sonderstellung Israels und seine besondere göttliche Mission
-zu verteidigen, d.&nbsp;h. sich mit Entschiedenheit gegen die Assyriologie,
-als eine exakte und historische Wissenschaft zu wehren, bzw. ihre
-Resultate ungeprüft oder mit Scheingründen abzulehnen. Das mußten
-sie tun zur <em class="gesperrt">Beruhigung der Gemeinde</em><a id="FNAnker_305" href="#Fussnote_305" class="fnanchor">[305]</a>! Es gibt also noch
-in Deutschland zu Beginn des 20. Jahr<span class="pagenum"><a id="Seite_281"></a>[S. 281]</span>hunderts weite Volksschichten,
-die sich beunruhigt fühlen, wenn man den Nachweis erbringt, daß die
-Juden, dieses Parasitenvolk, das während seiner ganzen selbständigen
-Geschichte weder auf politischem noch auf kulturellem Gebiete
-Nennenswertes geleistet hat, Schüler der weit bedeutenderen Babylonier
-sind<a id="FNAnker_306" href="#Fussnote_306" class="fnanchor">[306]</a>! Die im Ernst glauben, Zustände, die im halbbarbarischen
-Vorderasien vor 2&frac12; Jahrtausenden herrschten, auf die Gegenwart
-übertragen zu können, ja letztere an ersteren zu messen! Und das
-alles, weil sie glauben oder zu glauben vorgeben, der liebe Gott habe
-seinen auserwählten Juden die Bibel wörtlich in die Feder diktiert!
-Tatsächlich steht es bei Kollisionen zwischen historischen oder
-naturwissenschaftlichen Ergebnissen mit der Bibel für viele fest, daß
-erstere irren, wie es ja auch noch heute Leute geben soll, die an den
-Stillstand der Sonne auf Josuas Befehl glauben. <em class="gesperrt">Also heute noch
-lassen sich Deutsche in ihrem Denken und Handeln von Anschauungen eines
-kleinen, einst in fremdem Erdteil wohnenden Volkes beeinflussen, das
-kulturell etwa auf der Stufe stand, die unsere Vorfahren unter den
-fränkischen Kaisern einnahmen!</em></p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Um das Jahr 1600 wurde ein Webstuhl erfunden, der sogenannte
-„Mühlstuhl“, der auf einem Räderwerk und mechanischem Antrieb beruhte,
-eine wesentliche Erleichterung der bisherigen Fabrikationsweise. Da
-die Arbeiterschaft über Konkurrenz schrie, verfaßte die kaiserliche
-Kanzlei in den Jahren 1681, 1685 und 1719 immer neue Verordnungen,
-die die An<span class="pagenum"><a id="Seite_282"></a>[S. 282]</span>wendung des Mühlstuhls in der deutschen Industrie
-<em class="gesperrt">verboten</em>. Zuerst wurde er in Sachsen zugelassen und sogar durch
-Prämien unterstützt, als es galt, die schweren Wunden zu heilen, die
-der Siebenjährige Krieg geschlagen hatte. <em class="gesperrt">Also über anderthalb
-Jahrhunderte hatten die Behörden sich dem Gebrauche einer wichtigen
-Erfindung widersetzt</em><a id="FNAnker_307" href="#Fussnote_307" class="fnanchor">[307]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Im Jahre 1306 war in England das Verbrennen der Steinkohle von König
-Eduard I. verboten worden wegen des Rauches und des üblen Geruches<a id="FNAnker_308" href="#Fussnote_308" class="fnanchor">[308]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als J. von Baader, der Veteran des Eisenbahnbaues, sich im Jahre 1831
-an die Ständekammer wandte mit der Bitte um Unterstützung, beschloß
-sie zwar in einer noblen Anwandlung „das Anerbieten J. v. Baaders
-zur Einführung einer neuerfundenen Bauart von Eisenbahnen und zum
-Nachweis des Reellen seiner Erfindung durch Versuche im großen in
-der Art anzunehmen, daß ihm aus Staatsmitteln 3000 Gulden gegeben
-würden, die er sofort wieder <em class="gesperrt">zurückersetzen müsse</em>, wenn seine
-Versuche den gemachten Zusicherungen nicht entsprächen“, die Kammer
-der Reichsräte verweigerte aber ihre Zustimmung! Zwei Jahre später, am
-10. Juli 1833, wurde endlich der Beweis erbracht, daß die Regierung
-&ndash; wenn schon nicht die Kammern &ndash; die außerordentliche Tragweite des
-Projektes mit weitem Blick erkannt hatte und demnach in großherziger
-Weise unterstützte. Die<span class="pagenum"><a id="Seite_283"></a>[S. 283]</span> Ministerialentschließung lautet: „Die k.
-Regierung in Ansbach wird ermächtigt, für den Fall der Realisierung
-der Anlage einer Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth durch Bildung
-einer Aktiengesellschaft 2 &ndash; <em class="gesperrt">zwei</em> &ndash; <em class="gesperrt">Aktien</em> au porteur
-auf Rechnung des Zentralindustriefonds zu erwerben, um hierdurch
-die <em class="gesperrt">lebhafte Teilnahme der Staatsregierung</em> an dem wichtigen
-Unternehmen zu bewähren.“ Der Preis der Aktie betrug <em class="gesperrt">100 Gulden, von
-denen 10% angezahlt wurden. Es war nötig, den König um Unterstützung
-anzugehen</em>, sonst wären die restierenden 180 Gulden noch nicht
-am 25. November 1835 bezahlt worden! Das war die von der Regierung
-der ersten deutschen Eisenbahn gewährte Unterstützung! Bedenkt man
-allerdings, daß es damals Leute gab, die die <em class="gesperrt">Eisenbahn als eine
-Teufelserfindung verabscheuten</em> und es als eine <em class="gesperrt">Versuchung Gottes
-erklärten</em>, mit Dampf statt mit Pferden und anderen Tieren zu
-fahren, die dazu vom Schöpfer dem Menschen gegeben seien, dann kann man
-der Regierungsspende von 200 Gulden eine gewisse Großartigkeit nicht
-absprechen<a id="FNAnker_309" href="#Fussnote_309" class="fnanchor">[309]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>1806 behauptete das Mitglied des Instituts, Mercier, in einem Werke,
-<em class="gesperrt">daß die Erde sich nicht bewege</em>. Er werde nie zugeben, daß
-sie sich „wie ein Kapaun am Bratspieß“ drehe. Bereits die Schule
-des Pythagoras hatte die tägliche Bewegung der Erde gelehrt. Weder
-Platon noch Aristoteles gaben das zu, und der große Geograph Ptolemäus
-bezeichnet die Hypothese als Narretei und „völlig lächerlich<a id="FNAnker_310" href="#Fussnote_310" class="fnanchor">[310]</a>“. Das
-hl.<span class="pagenum"><a id="Seite_284"></a>[S. 284]</span> Offizium hatte s. Z. Galilei gegenüber diese Lehre für „töricht
-und absurd vom philosophischen Standpunkt und für teilweise formell
-ketzerisch“ erklärt.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als am 11. März 1878 in der Académie des Sciences der Physiker Du
-Moucel den versammelten Gelehrten den <em class="gesperrt">Phonographen Edisons</em>
-vorführte, sprang der Akademiker Monsieur Bouillaud, durchdrungen von
-klassischer Bildung voll edler Empörung über die Frechheit des Neuerers
-dem Vertreter Edisons an die Kehle und schrie: „Sie Schuft! Glauben
-Sie, wir lassen uns von einem <em class="gesperrt">Bauchredner</em> zum Besten halten?!“
-Am 30. September des gleichen Jahres gab Bouillaud nach eingehender
-Prüfung des Apparates die Erklärung ab, er sei überzeugt, daß es sich
-nur um eine <em class="gesperrt">geschickte Bauchrednerei</em> handle. „Man könne doch
-unmöglich annehmen, daß ein schäbiges Metall den edlen Klang der
-menschlichen Stimme wiedergeben könne.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als Lavoisier die <em class="gesperrt">Luft</em> in ihre Bestandteile zerlegte und
-entdeckte, daß sie vornehmlich aus den zwei Gasen Sauerstoff und
-Stickstoff bestehe, also <em class="gesperrt">kein Element</em> sei, rief diese Entdeckung
-einen <em class="gesperrt">Sturm der Entrüstung</em> hervor. Der Chemiker Baumé, Erfinder
-des Aräometers und Mitglied der Académie des Sciences, wetterte
-dagegen: „Die Elemente oder Grundbestandteile der Körper sind von
-den Physikern aller Jahrhunderte und aller Nationen anerkannt und<span class="pagenum"><a id="Seite_285"></a>[S. 285]</span>
-festgestellt worden. Es ist nicht zulässig, daß die seit 2000 Jahren
-anerkannten Elemente jetzt heute in die Kategorie der zusammengesetzten
-Substanzen eingereiht würden. Man darf das Verfahren, Luft und Wasser
-in seine Bestandteile zu zerlegen, ruhig als unsicher hinstellen; ganz
-absurdes Geschwätz, um nicht noch mehr zu sagen, ist es aber, die
-Existenz von Feuer und Erde als Elemente zu leugnen. Die den Elementen
-zugeschriebenen Eigenschaften stimmen mit den bis heute erreichten
-chemischen und physischen Kenntnissen überein; sie haben als Basis für
-eine Unmenge Entdeckungen und Theorien gedient, eine glänzender als die
-andere, und man würde diesen Lehren alle Glaubwürdigkeit nehmen, wenn
-Feuer, Wasser, Luft und Erde nicht mehr als Elemente gelten sollten.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Auf einen genau beobachteten <em class="gesperrt">Meteorfall</em>, bei dem man das
-Aufleuchten gesehen, den Knall gehört, den fallenden Meteor bemerkt
-und ihn noch ganz glühend aufgefunden und der Akademie zur Prüfung
-übersandt hatte, schrieb der berühmte <em class="gesperrt">Lavoisier</em> einen sehr
-gelehrten Bericht an diese, indem er die <em class="gesperrt">Unmöglichkeit nachwies, daß
-Steine vom Himmel fallen</em>.</p>
-
-<p class="mtop2">Gassendi, einer der selbständigsten und unterrichtetsten
-Geister des 17. Jahrhunderts, sieht 1627 mit eigenen Augen am hellen Tage einen
-Meteor aus der Luft fallen, untersucht den 30 kg schweren Stein<span class="pagenum"><a id="Seite_286"></a>[S. 286]</span> und
-führt das Phänomen auf ein unbekanntes Erdbeben zurück.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Vor wenigen Jahren sprach Verfasser, der selbst diesen und anderen
-Fragen völlig neutral gegenüber steht, mit einem berühmten Professor
-der Physik über okkulte Phänomene. Von der Ansicht ausgehend, daß man
-nicht Beobachtungen und Tatsachen an Theorien, sondern diese an jenen
-prüfen müsse und daß jede Theorie täglich neuen Prüfungen standzuhalten
-habe, legte er ihm nahe, der Sache nachzugehen. Er erhielt die
-Antwort, daß ihm das zu gefährlich sei, denn <em class="gesperrt">wenn er sich von
-ihrer Richtigkeit überzeuge, würde er seinen Ruf bei den Fachgenossen
-einbüßen</em>!</p>
-
-<p>Die Beobachtung des großen Physikers <em class="gesperrt">Galvani</em>, die er 1791
-an Froschschenkeln machte und in deren Verfolgung er den nach ihm
-benannten Strom entdeckte, wurde &ndash; von einigen wenigen abgesehen &ndash;
-allgemein <em class="gesperrt">mit ungeheurem Gelächter aufgenommen</em>. Er schrieb 1792
-darüber: „Ich werde von zwei verschiedenen Parteien angegriffen, von
-den Weisen und von den Dummen. Den einen wie den andern bin ich ein
-Spott, und man nennt mich den Tanzmeister der Frösche. Trotzdem weiß
-ich, daß ich eine neue Naturkraft entdeckt habe.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Harvey, der Entdecker des Blutkreislaufes</em>, wurde von Guy-Patin
-und der gesamten Fakultät mit <em class="gesperrt">beißendem Sarkasmus gequält</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_287"></a>[S. 287]</span></p>
-
-<p>Ignaz <em class="gesperrt">Semmelweis</em> (1818&ndash;1865), der <em class="gesperrt">Entdecker</em> des
-infektiösen Charakters des <em class="gesperrt">Kindbettfiebers</em>, auf dessen
-Anordnungen hin die Sterblichkeit an dieser Krankheit in der Wiener
-geburtshilflichen Klinik auf ein Viertel sank, wurde von den
-<em class="gesperrt">Fachgenossen</em> solcher Widerstand entgegengesetzt, daß er sich
-völlig aufrieb und im <em class="gesperrt">Irrenhause endete</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als Fulton 1804 dem großen <em class="gesperrt">Napoleon</em> den Vorschlag machte, zum
-Kriege gegen England eine Dampfschiffflotte zu bauen, ließ Napoleon das
-Projekt durch das Nationalinstitut zu Paris prüfen. Er schrieb unterm
-21. Juli des Jahres an den Minister de Champagny: „Sie haben mich viel
-zu spät darauf aufmerksam gemacht, <em class="gesperrt">da dieses Projekt imstande ist,
-das Aussehen der Welt zu verändern</em>... Eine großartige Wahrheit,
-eine tatsächliche, handgreifliche Wahrheit steht vor meinen Augen.
-Sache der betreffenden Herren (der Kommission) wird es sein, dieselbe
-zu sehen und sich zu bemühen, sie zu erfassen. Sobald Bericht darüber
-erstattet ist und Ihnen zugegangen sein wird, ist er mir zu übersenden.
-Sorgen Sie dafür, daß diese Sache in höchstens acht Tagen erledigt ist,
-denn ich bin ungeduldig“.</p>
-
-<p class="mtop2">Noch 1816 wurde das Gesuch des Marquis de Joffroy, der bereits 1776
-einschlägige Versuche ver<span class="pagenum"><a id="Seite_288"></a>[S. 288]</span>anstaltet hatte, vom <em class="gesperrt">Pariser Patentamt</em>
-und dessen Leiter Colonne <em class="gesperrt">mit Rücksicht auf den geringen Wert der
-Erfindung abgelehnt</em><a id="FNAnker_311" href="#Fussnote_311" class="fnanchor">[311]</a>!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Philippe Lebon, der Erfinder der <em class="gesperrt">Gasbeleuchtung</em> (1797) konnte
-die Welt nicht davon überzeugen, daß eine <em class="gesperrt">Lampe ohne Docht brennen
-könne</em>. Erst 14 Jahre nach seinem 1804 erfolgten Tode wurde seine
-Erfindung in Paris eingeführt, während Birmingham schon 1805 mit der
-Gasbeleuchtung vorangegangen war.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als die ersten Proben mit der Eisenbahn gemacht wurden, wiesen die
-Ingenieure nach, daß die <em class="gesperrt">Lokomotiven unmöglich von der Stelle kommen
-könnten</em> und daß ihre Räder sich immer nur um sich selbst drehen
-würden. Arago erklärte in der französischen Deputiertenkammer 1838,
-daß die Transportkosten in Frankreich, die sich z.&nbsp;Z. auf 2803000
-Frs. beliefen, nach Ausbau des Bahnnetzes auf 1052000 Frs. vermindern
-würden, so daß das <em class="gesperrt">Land jährlich zwei Drittel der Einnahmen aus den
-Transportkosten verlieren würde</em>.</p>
-
-<p class="mtop2">Thiers meinte: „Ich gebe ja zu, daß die Eisenbahnen die Beförderung
-von Reisenden etwas er<span class="pagenum"><a id="Seite_289"></a>[S. 289]</span>leichtern werden, wenn der Gebrauch <em class="gesperrt">auf
-einige ganz kurze Linien in der Nähe großer Städte</em>, wie Paris,
-<em class="gesperrt">beschränkt bleibt</em>. Man braucht keine weiten Strecken.“</p>
-
-<p class="mtop2">Das kgl. bayerische Medizinalkollegium erklärte, daß der <em class="gesperrt">Bau der
-Eisenbahnen ein großes Verbrechen gegen die öffentliche Gesundheit
-wäre</em>, denn eine so schnelle Bewegung würde bei den Reisenden
-Gehirnerschütterung, bei den Zuschauern aber Schwindelanfälle erzeugen.
-Das Kollegium empfahl daher dringend, an <em class="gesperrt">beiden Seiten der Schienen
-Scheidewände in der Höhe der Wagen aufzurichten</em><a id="FNAnker_312" href="#Fussnote_312" class="fnanchor">[312]</a>.</p>
-
-<p>Die bayerische oberste Baubehörde aber konstatierte die Unmöglichkeit
-für Züge, auf einem Damme zu fahren. Es müßten unbedingt <em class="gesperrt">Mauern</em>
-zur Unterlage für die Schienen errichtet werden<a id="FNAnker_313" href="#Fussnote_313" class="fnanchor">[313]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Als 1853 der Vorschlag gemacht wurde, ein <em class="gesperrt">Unterseekabel</em> von
-Europa nach Amerika zu legen, schrieb Babinet, einer der größten
-Autoritäten in der Physik und Examinator an der Polytechnischen
-Schule zu Paris, in der Revue des Deux Mondes: „Ich kann diese
-Pläne nicht ernsthaft nehmen; die Theorie des elektrischen Stromes
-zeigt unwiderlegbar deutlich die <em class="gesperrt">Unmöglichkeit einer solchen
-Übertragung</em>, selbst wenn man nicht mit dem Strom rechnet, der sich
-von selbst auf einer so langen elektrischen Strecke bildet und sich
-schon auf der kurzen Reise von Dover nach Calais fühlbar macht. Das
-einzige Mittel,<span class="pagenum"><a id="Seite_290"></a>[S. 290]</span> die Alte und die Neue Welt zu verbinden, ist, die
-Beringstraße zu passieren, vorbei an den Faröerinseln, Island, Grönland
-und Labrador.“</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Unterm 13. Juli 1873 wurde die <em class="gesperrt">Aufnahme Darwins in die Akadémie des
-Sciences abgeschlagen</em> und dafür ein Herr Loven gewählt.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Robert Mayers Entdeckung von der Erhaltung der Energie</em> wurde
-von der <em class="gesperrt">Gelehrtenwelt derart verspottet</em>, daß er in eine schwere
-Nervenkrankheit verfiel, in deren Folge er sich aus dem Fenster stürzte.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Der Elektriker <em class="gesperrt">Ohm</em> wurde von seinen Zeitgenossen als Narr
-<em class="gesperrt">verspottet</em>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>In England <em class="gesperrt">verweigerte</em> die kgl. Gesellschaft 1841 eine
-<em class="gesperrt">Erinnerungstafel für den berühmten Joule</em>. Einige Dezennien
-später wurde die Errichtung eines Denkmales für Darwin verweigert und
-dafür ein <em class="gesperrt">Affenhaus gegründet</em>.</p>
-
-<p>Als Franklin der kgl. Gesellschaft in London seine Erfahrungen über
-die Fähigkeit einer Eisenstange, die Elektrizität der Atmosphäre
-abzuleiten, mitteilte, war ein Heiterkeitsausbruch die einzige Antwort,
-und die gelehrte Gesellschaft weigerte sich rundweg, den Vortrag
-drucken zu lassen.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_291"></a>[S. 291]</span></p>
-
-<p>Im Jahre 1781 veröffentlichte <em class="gesperrt">François Blanchard</em> († 1809) im
-Journal de Paris einen Brief, in dem er einen <em class="gesperrt">Flugapparat</em>
-beschrieb, an dessen Konstruktion er 10 Jahre lang gearbeitet hatte.
-„Auf einem kreuzförmigen Gestell ruht eine Art Boot von 4 Fuß Länge
-und 2 Fuß Breite, welches sehr widerstandsfähig ist, obwohl es nur
-aus dünnen Stäben besteht. Zu beiden Seiten des Schiffchen erheben
-sich 6&ndash;7 Fuß hohe Stützen, die 4 Flügel von je 10 Fuß Länge tragen.
-Diese bilden zusammen einen Schirm, der einen Durchmesser von 20 Fuß
-und mithin einen Umfang von mehr als 60 Fuß hat. Die 4 Flügel bewegen
-sich mit überraschender Leichtigkeit. Die ganze Maschine, obwohl von
-beträchtlicher Größe, kann bequem von 2 Männern in die Höhe gehoben
-werden. Sie hat in der Tat die größte Vollkommenheit erreicht. Man wird
-mich, schneller als einen Raben, die Luft durchschneiden sehen, ohne
-daß der rapide Flug mir den Atem benimmt, da ich durch eine sinnreiche
-Schutzvorrichtung davor gesichert bin.“</p>
-
-<p>Viel war bei dieser Ankündigung Aufschneiderei. Immerhin machte er
-im Garten seines Hauses Flugversuche und es gelang ihm in der Tat
-mit Hilfe eines Gegengewichtes von 20 Pfund, das an einer Stange
-herabglitt, eine Höhe von 80 Fuß zu erreichen. Der Apparat bedurfte
-also nur mehr eines Auftriebes von 20 Pfund, um das Problem zu lösen.
-Später soll diese Differenz gar auf 6 Pfund ermäßigt worden sein.</p>
-
-<p>Das war ein zweifelloser Erfolg. Anders dachte darüber der berühmte
-Astronom J. J. L. <em class="gesperrt">de Lallande</em> (1732&ndash;1807), der in einem
-Schreiben vom 18. Mai 1782 im Journal de Paris seinem Unwillen über
-das von<span class="pagenum"><a id="Seite_292"></a>[S. 292]</span> Blanchard erregte Aufsehen Luft machte. „... Gestatten Sie,
-daß ich das Wort ergreife, um Ihren Lesern die Versicherung zu geben,
-daß das Schweigen der Gelehrten ein <em class="gesperrt">Schweigen der Nichtachtung</em>
-ist. <em class="gesperrt">Es ist in jeder Hinsicht als unmöglich erwiesen, daß sich
-ein Mensch in die Luft erheben und darin halten könne.</em> Coulomb,
-Mitglied der Akademie der Wissenschaften, hat vor etwa einem Jahre in
-einer unserer Sitzungen einen Vortrag gehalten, in welchem er, auf
-Erfahrungstatsachen gestützt, durch eine Berechnung der menschlichen
-Kräfte nachweist, daß man dazu Flügel von 12000 bis 15000 Fuß Größe
-haben müsse, die mit einer Geschwindigkeit von 3 Fuß in der Sekunde
-bewegt werden müßten. <em class="gesperrt">Nur ein Tor kann auf Realisierung solch
-phantastischer Ideen noch hoffen.</em>“ Er fügte noch hinzu, daß es
-ebenso unmöglich sei, sich durch das geringere spezifische Gewicht
-luftleerer Körper zu erheben.</p>
-
-<p>Noch in dem gleichen Jahre, im November 1782, hat Stephan Mongolfier
-den Warmluftballon zu Avignon erfunden<a id="FNAnker_314" href="#Fussnote_314" class="fnanchor">[314]</a>.</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Ein Herr an einer <em class="gesperrt">katholisch-theologischen Fakultät</em> erklärt
-heute noch die Entstehung der Kohle dadurch, daß Gott die <em class="gesperrt">Finsternis
-in die Erde hinein gebannt</em> habe, und wo diese wieder zum Vorschein
-komme, geschähe es zur Erzeugung und Befriedigung teuflischer Gelüste,
-wie Völlerei und Schlemmerei<a id="FNAnker_315" href="#Fussnote_315" class="fnanchor">[315]</a>!</p>
-
-<p class="mtop2">Als 1908 Graf Zeppelin, dem mit nicht geringerer Skepsis von
-„autoritativer“ Seite begegnet sein soll<span class="pagenum"><a id="Seite_293"></a>[S. 293]</span> &ndash; bekanntlich behandelte man
-ihn auf dem Kieler Ingenieurtag 1901 als Narr &ndash;, seine großartigen und
-erfolgreichen Experimente mit dem lenkbaren Luftschiff anstellte, war
-der erste Gedanke der Kulturvölker der an die hierdurch hervorgerufenen
-Umwälzungen im Gebiete der <em class="gesperrt">Kriegführung</em>!</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_294"></a>[S. 294]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Literaturnachweis">Literaturnachweis</h2>
-
-</div>
-
-<h3 id="Literatur_Erster_Abschnitt">Erster Abschnitt</h3>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p><em class="gesperrt">Abkürzung</em>: Beil. = wissenschaftliche Beilage der M.
-Allgemeinen Zeitung.</p></div>
-
-<p>Eine Reihe der in diesem Abschnitt angeführten Daten ist der
-Zusammenstellung von P. Wagler „Modernes im Altertum“ Beil. 1902, Nr.
-212, 213, 219 und 220 und 1904, Nr. 162 f., 171 f. und 174 entnommen.
-Hier auch stets die Quellenangaben.</p>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Beil. 1905, Nr. 54 und Beil. d. Münchner Neueste Nachr.
-1908, I, S. 135.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Beil. 1905, Nr. 207.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> u. 4 Beil. 1902, Nr. 212. Robert Hennig bestreitet
-das in seiner überaus gründlichen Arbeit „Die angebliche Kenntnis
-des Blitzableiters vor Franklin“ (Archiv für Geschichte der
-Naturwissenschaften und der Technik II. Bd., 1909, S. 97&ndash;136). Er
-erklärt z.&nbsp;B. das Aufrichten bloßer Schwerter gen Himmel für eine
-drohende Beschwörung. Mag das oft richtig sein, so dürfte doch die
-beobachtete Anziehung des Blitzes ein mitbestimmendes Motiv gewesen
-sein. Vgl. auch II. Buch Chron. 3, V. 17 und 4. Mosis 21, 6&ndash;9.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Vorstehendes nach Ludwig Friedländer, Darstellungen aus
-der Sittengeschichte Roms, 2. Bd., 6. Aufl., S. 22 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Vgl. F. Ludwig, Untersuchungen über die Reise- und
-Marschgeschwindigkeit im 12. und 13. Jahrhundert, 1897.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> Vgl. Alex. Cartellieri in den Neuen Heidelberger
-Jahrbüchern 1902.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Friedländer, Sittengeschichte Roms, II, S. 23.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> A. Schultz, Höfisches Leben z.&nbsp;Z. der Minnesinger, II, 2.
-Aufl., S. 313 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Vgl. die Programmabhandlung von Lorentz „Die Taube im
-Altertum“.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Friedländer II, S. 82 und Beil. 1906, Nr. 181, S. 251.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Ulrich Wendt, Die Technik als Kulturmacht, S. 73. Zum
-Folgenden vgl. die Dissertation von Carl Zell „Über die Zeitungen der
-alten Römer“, Freiburg i. B. 1834, besonders S. 14.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Vgl. Adolf Ermann, „Egypten und egyptisches Leben im
-Altertum“, S. 347, 270 und 276 und Beil. 1904, Nr. 173.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_295"></a>[S. 295]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Die Daten nach Ludwig Darmstaedter, „Handbuch zur
-Geschichte der Naturwissenschaften und Technik“, II. Aufl., 1908, S.
-93. Zum Folgenden vgl. Marcuse, „Hydrotherapie im Altertum“, Stuttgart
-1900 und Darmstaedter, S. 27.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Neuburger &amp; Pagel, Handbuch der Geschichte der Medizin,
-I, S. 703.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Vgl. R. Caton im Augustheft 1904 der amerikanischen
-Monatsschrift „Biblia“ und Darmstaedter, der sechs Daten vor Harvey
-hat.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Gustav Klein, Beil. d. M. Neuesten Nachr. 1908, Nr. 43.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> Beil. 1906, Nr. 64.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> Beil. 1907, Nr. 6.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> Vgl. P. Wagler, Beil. 1904, Nr. 163. M. Feldhaus
-beschreibt und bildet eine Reihe eiserner Hände im „Universum“, Leipzig
-1907, Nr. 47 ab.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Vgl. Friedländer, Sittengeschichte I, S. 37, Anm. 9 und
-Beil. 1903, Nr. 222, sowie Darmstaedter, S. 148.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Zu Kraftwagen im Mittelalter vgl. M. Feldhaus,
-Ruhmesblätter der Technik, Leipzig 1910, S. 461 ff.; die wichtigsten
-Flugapparate, auch der Lionardos da Vinci sind beschrieben und
-abgebildet bei M. Feldhaus, Luftfahrten einst und jetzt, Berlin 1908,
-S. 6&ndash;47; auch „Ruhmesblätter“ S. 280 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Vgl. A. Schultz, Höfisches Leben II, S. 359 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> Beil. 1904, Nr. 175, Abb. der Schlangengöttin bei
-Baumgarten, Poland und Wagner, Hellenische Kultur, S. 38.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Vgl. C. A. Nallino, „Il valore metrico del Grado di
-Meridiano secondo i Geografi Arabi“, Turin 1893, und Wiedemann,
-„Anschauungen der Muslime über die Gestalt der Erde“ im Archiv f. d.
-Gesch. d. Naturwissenschaften und Technik I, S. 310 ff. und F. Sander,
-„Die heliozentrische Weltansicht im Altertum“, Beil. 1902, S. 221.
-Ferner Rud. Wolf, „Geschichte der Astronomie“, S. 27 f., 35&ndash;41.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Ulrich Wendt, Die Technik als Kulturmacht, S. 40 und
-55 und J. v. Müller und Ad. Bauer, „Die Griechischen Privat- und
-Kriegsaltertümer“, S. 237 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> Wendt S. 77.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> Eb. S. 84.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> Eb. S. 101.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> J. v. Müller und Ad. Bauer a.&nbsp;a.&nbsp;O. S. 254 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_30" href="#FNAnker_30" class="label">[30]</a> Vgl. A. Schurtz in Helmolts „Weltgeschichte“, 3. Bd., S.
-356 ff. und Beil. 1902, Nr. 219.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_31" href="#FNAnker_31" class="label">[31]</a> M. Landau, Beil. 1902, Nr. 226.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_32" href="#FNAnker_32" class="label">[32]</a> Beil. Nr. 219 f. und C. Flammarion, „Un Centenaire“ in
-„La Revue“ 1909, Vol. LXXXIII, p. 463 f. und Johann Georg Keysslers
-„Reisen“ (Hannover 1776) S. 471 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_33" href="#FNAnker_33" class="label">[33]</a> Vgl. außerdem Beil. 1904, Nr. 172, S. 199.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_34" href="#FNAnker_34" class="label">[34]</a> L. Friedländer, Petronii cena Trimalchionis, Leipzig
-1891, S. 42. Die folgende Angabe ist S. 43, die übernächste S. 60
-entnommen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_35" href="#FNAnker_35" class="label">[35]</a> Beil. 1906, Nr. 197.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_36" href="#FNAnker_36" class="label">[36]</a> Beil. 1902, Nr. 213.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_37" href="#FNAnker_37" class="label">[37]</a> Baumgarten, Poland usw. S. 60.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_296"></a>[S. 296]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_38" href="#FNAnker_38" class="label">[38]</a> Zahlreiche Exemplare haben sich im Museum zu Neapel
-und anderwärts erhalten. Vgl. auch Ritter in den Mitteilungen der
-Altertumskommission für Westfalen, 2. Bd., 1901, S. 119 f., Abb. Taf.
-XXIII, Fig. 6 und 7, und Römisch-germanisches Korrespondenzblatt, II.
-Jahrgang, 1909, S. 24 ff. Ein altegyptischer Phallus befindet sich in
-der „Ex voto“-Sammlung von Prof. Richard Andree in München.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_39" href="#FNAnker_39" class="label">[39]</a> Vgl. Hugo Winckler, Die Gesetze Hammurabis, S. 23.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_40" href="#FNAnker_40" class="label">[40]</a> Vgl. Benndorf in der Festschrift zum 70. Geburtstage
-des Wiener Philologen Theodor Gomperz und W. H. Roscher, „Nektar und
-Ambrosia“, S. 56 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_41" href="#FNAnker_41" class="label">[41]</a> A. Schultz, Höfisches Leben, II, S. 464 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_42" href="#FNAnker_42" class="label">[42]</a> Otto von Freising, Gesta Friderici imperatoris, I, cap.
-10.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_43" href="#FNAnker_43" class="label">[43]</a> Eb. I, cap. 15.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_44" href="#FNAnker_44" class="label">[44]</a> A. Schultz, l. c., II. S. 465.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_45" href="#FNAnker_45" class="label">[45]</a> Eb. II. S. 308.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_46" href="#FNAnker_46" class="label">[46]</a> Eb. II, S. 464.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Zweiter_Abschnitt">Zweiter Abschnitt</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_47" href="#FNAnker_47" class="label">[47]</a> Hugo Winckler, Die Gesetze Hammurabis, S. 67.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_48" href="#FNAnker_48" class="label">[48]</a> Eb. S. 61.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_49" href="#FNAnker_49" class="label">[A]</a> So, nicht hundertdreiundzwanzigmal muß es heißen, wie Herr
-Rechtsanwalt Eichhold (München) mir mitzuteilen die Freundlichkeit
-hatte. Grimm, Rechtsaltertümer, korrigiert in der 4. Aufl., II. Bd.,
-S. 375 selbst diesen Fehler der 1. Aufl. Vgl. auch A. v. Stölzel,
-Rechtslehre und Rechtssprechung, Berlin 1899, S. 6.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_50" href="#FNAnker_50" class="label">[49]</a> Fr. Heinemann, Der Richter und die Rechtspflege
-in der deutschen Vergangenheit, S. 20. Über Symbole vgl. Jacob
-Grimm, „Deutsche Rechtsaltertümer“, I. 4. Aufl., S. 184 ff. Über
-Gerichtsverfahren II, 6. Buch. Dieses grundlegende Werk ist auch im
-Folgenden zu Rate zu ziehen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_51" href="#FNAnker_51" class="label">[50]</a> Heinemann, S. 35 f. und S. 60.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_52" href="#FNAnker_52" class="label">[51]</a> Eb. S. 52.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_53" href="#FNAnker_53" class="label">[52]</a> Eb. S. 63 und 27 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_54" href="#FNAnker_54" class="label">[53]</a> Eb. S. 64. Das Folgende S. 98 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_55" href="#FNAnker_55" class="label">[54]</a> Eb. S. 102.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_56" href="#FNAnker_56" class="label">[55]</a> Eb. S. 106.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_57" href="#FNAnker_57" class="label">[56]</a> Eb. S. 119.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_58" href="#FNAnker_58" class="label">[57]</a> Max Bauer, Das Geschlechtsleben in der deutschen
-Vergangenheit, 5. Aufl., S. 51 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_59" href="#FNAnker_59" class="label">[58]</a> Ed. Vehse, Geschichte der deutschen Höfe, I. Sektion,
-Geschichte des preußischen Hofs und Adels, II. Teil, S. 127 f., 125 und
-S. 303.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_60" href="#FNAnker_60" class="label">[59]</a> Eugen Dühren, Der Marquis de Sade und seine Zeit, S. 65
-f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_61" href="#FNAnker_61" class="label">[60]</a> Sigmund Riezler, Die Hexenprozesse in Bayern, S. 277 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_62" href="#FNAnker_62" class="label">[61]</a> Ed. Vehse, l. c. II. Teil, S. 227 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_63" href="#FNAnker_63" class="label">[62]</a> Riezler, l. c. S. 319.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_64" href="#FNAnker_64" class="label">[63]</a> G. L. Kriegk, „Deutsches Bürgertum im Mittelalter“, S.
-215.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_65" href="#FNAnker_65" class="label">[64]</a> Heinemann. l. c. S. 142. Die nächste Notiz nach gütiger
-Mitteilung des Herrn Generaloberarzt Dr. Schill. Vgl. Beiträge zur
-Gesch. Eisenachs, 17. Heft.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_66" href="#FNAnker_66" class="label">[65]</a> Eb. S. 57.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_67" href="#FNAnker_67" class="label">[66]</a> Sämtliche Daten nach G. L. Kriegk, „Deutsche Kulturbilder
-aus dem 18. Jahrhundert“, S. 32&ndash;51.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_68" href="#FNAnker_68" class="label">[67]</a> Kriegk, Deutsches Bürgertum, S. 248.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_69" href="#FNAnker_69" class="label">[68]</a> Eb. S. 252.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_70" href="#FNAnker_70" class="label">[69]</a> Nach Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, II. Bd., 5. Buch,
-3. Kap. und Heinemann, l. c. S. 136.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_71" href="#FNAnker_71" class="label">[70]</a> Vgl. „Türmer“, 8. Jahrg., I., S. 523 ff. und 9. Jahrg.,
-I., S. 375 ff.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_297"></a>[S. 297]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_72" href="#FNAnker_72" class="label">[71]</a> Eb. 8. Jahrg., S. 531 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_73" href="#FNAnker_73" class="label">[72]</a> Dies und das Folgende nach dem „Türmer“, 10. Jahrg., 2.
-Bd., S. 65 ff. und 216 ff. Hier noch zahlreiche ähnliche Fälle!</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_74" href="#FNAnker_74" class="label">[73]</a> Vgl. E. Theisen, „Unwürdig oder unfähig? Ein Kampf um die
-Ehre und die Unabhängigkeit der Justiz“, Elberfeld 1907, zitiert nach
-dem „Türmer“ (Herausgeber J. Freih. v. Grotthuß), 9. Jahrgang, 2. Bd.,
-S. 393 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Dritter_Abschnitt">Dritter Abschnitt</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_75" href="#FNAnker_75" class="label">[74]</a> Vgl. Paul Graf von Hoensbroech, „Das Papsttum in seiner
-sozial-kulturellen Wirksamkeit“, I. Buch, VI. Abschnitt I., dem auch
-sämtliche folgende Daten, wo nicht anders bemerkt, entnommen sind.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_76" href="#FNAnker_76" class="label">[75]</a> Vgl. Ferdinand Gregorovius, Wanderjahre in Italien, II.
-Band, „Avignon“, S. 327 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_77" href="#FNAnker_77" class="label">[76]</a> Nach K. Müller, „Über religiöse Toleranz“, Beil. 1903,
-Nr. 1.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_78" href="#FNAnker_78" class="label">[77]</a> Friedländer, Sittengeschichte Roms, III. Bd., 6. Aufl.,
-S. 631 ff. und C. Wessely im Anzeiger der Philos. hist. Klasse der
-Wiener Akademie der Wissenschaften 1908.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_79" href="#FNAnker_79" class="label">[78]</a> Theodor Lindner, Weltgeschichte seit der Völkerwanderung,
-II. Bd., S. 106 ff. und H. Schurtz in Helmolts Weltgeschichte, 4. Bd.,
-S. 495 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_80" href="#FNAnker_80" class="label">[79]</a> Th. Lindner, Weltgeschichte, 4. Bd., S. 224 ff. und
-Hoensbroech l. c. I. B., 1., 4. Abschnitt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_81" href="#FNAnker_81" class="label">[80]</a> H. Th. Buckle, „Geschichte der Zivilisation in England“.
-Übers. v. A. Runge, 7. Aufl., S. 20&ndash;24.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_82" href="#FNAnker_82" class="label">[81]</a> Vgl. Landau, Beil. 1905, Nr. 71.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_83" href="#FNAnker_83" class="label">[82]</a> Eb. 1905, Nr. 55.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Vierter_Abschnitt">Vierter Abschnitt</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_84" href="#FNAnker_84" class="label">[83]</a> Vgl. Pilatus (Victor Naumann), „Was ist Wahrheit“, 2.
-Aufl., S. 111.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_85" href="#FNAnker_85" class="label">[84]</a> Eb. S. 111.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_86" href="#FNAnker_86" class="label">[85]</a> Eb. S. 118. Das Folgende bei Felix Platter,
-Selbstbiographie, S. 215 ff. und 226.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_87" href="#FNAnker_87" class="label">[86]</a> Pilatus, S. 119.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_88" href="#FNAnker_88" class="label">[87]</a> Ph. Woker, „Das Toleranzprinzip in seiner
-universalgeschichtlichen Entwicklung“, Schweizerische Blätter für
-Wirtschafts- und Sozialpolitik, 14. Jahrg., 1. Bd., 1. und 2. Heft,
-Bern 1906, S. 44.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_89" href="#FNAnker_89" class="label">[88]</a> Vorstehende Daten sind sämtlich G. L. Kriegk, „Deutsche
-Kulturbilder aus dem 18. Jahrhundert“, S. 99 ff., entnommen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_90" href="#FNAnker_90" class="label">[89]</a> Pilatus, l. c. S. 107.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_91" href="#FNAnker_91" class="label">[90]</a> Nachstehendes nach Woker, l. c. S. 47 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_92" href="#FNAnker_92" class="label">[91]</a> Th. Lindner, Weltgeschichte, II. Bd., S. 205.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_93" href="#FNAnker_93" class="label">[92]</a> Eb. S. 90.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_94" href="#FNAnker_94" class="label">[93]</a> R. Garbe, „Kaiser Akbar von Indien“.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_95" href="#FNAnker_95" class="label">[94]</a> Houston Steward Chamberlain, „Grundlagen des 19.
-Jahrhunderts“, 7. Aufl., S. 428 f., 571 ff. und passim.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_96" href="#FNAnker_96" class="label">[95]</a> Beil. 1904, Nr. 185.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_97" href="#FNAnker_97" class="label">[96]</a> „Der Dissident“, 1. Jahrg., S. 44 f.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_298"></a>[S. 298]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_98" href="#FNAnker_98" class="label">[97]</a> Eb. S. 12.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_99" href="#FNAnker_99" class="label">[98]</a> „Freies Wort“, 7. Jahrg., S. 394 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_100" href="#FNAnker_100" class="label">[99]</a> „Türmer“, 9. Jahrg., I., S. 109 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_101" href="#FNAnker_101" class="label">[100]</a> „Freies Wort“, 6. Bd., S. 613 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_102" href="#FNAnker_102" class="label">[101]</a> Eb. 7. Bd., S. 337.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_103" href="#FNAnker_103" class="label">[102]</a> Eb. 7. Bd., S. 559, S. 664 ff. und 677 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Fuenfter_Abschnitt">Fünfter Abschnitt</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_104" href="#FNAnker_104" class="label">[103]</a> Vgl. zu obigem M. Kemmerich, Beil. 1903, Nr. 215.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_105" href="#FNAnker_105" class="label">[104]</a> A. Schultz, Höfisches Leben, II. Bd., S. 447 ff. und S.
-298.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_106" href="#FNAnker_106" class="label">[105]</a> Eberhard Windecke, Leben König Sigmunds in
-Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit, S. 24.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_107" href="#FNAnker_107" class="label">[106]</a> A. Schultz, „Deutsches Leben im 14. und 15.
-Jahrhundert“, S. 588.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_108" href="#FNAnker_108" class="label">[107]</a> Mone, Quellensammlung der badischen Landesgeschichte, I.
-Bd., S. 319. Das Folgende eb. I., S. 495.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_109" href="#FNAnker_109" class="label">[108]</a> Schultz, Deutsches Leben, S. 588 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_110" href="#FNAnker_110" class="label">[109]</a> Eb. S. 605. Das Folgende eb. S. 606. Fr. Falk, „Die Ehe
-am Ausgang des Mittelalters“ in „Erläuterungen zu Janssens Geschichte
-des deutschen Volkes“ 6. Bd. 3. Heft, S. 15 behauptet, „daß die
-Kriegssitte den Frauen gegenüber die denkbar mildeste war“, wie irrig
-das ist, lehrt das Vorhergehende. Nur Adelige genießen und zwar nur im
-späten Mittelalter prinzipiell Schonung, wenn auch vereinzelt human
-gegen Weiber aus dem Volke verfahren sein mag.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_111" href="#FNAnker_111" class="label">[110]</a> Schultz, Deutsches Leben S. 607.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_112" href="#FNAnker_112" class="label">[111]</a> Th. Lindner, Weltgeschichte, 6. Bd., S. 47. Das Folgende
-in Archenholtz, Minerva 1797, S. 92 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_113" href="#FNAnker_113" class="label">[112]</a> Baumgarten, Poland und Wagner, „Die hellenische Kultur“,
-S. 114.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_114" href="#FNAnker_114" class="label">[113]</a> Vgl. C. Alberti, „Der Weg der Menschheit“, Berlin 1906,
-1. Bd., S. 131 f. und Th. Lindner, Weltgeschichte, II. Bd., S. 433 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_115" href="#FNAnker_115" class="label">[114]</a> A. Müller, „Der Islam im Morgen- und Abendland“ in W.
-Onckens „Allgemeiner Geschichte in Einzeldarstellungen“ II., 4. S.
-249, Zum Benehmen der Chinakrieger, vgl. Rupprecht Prinz von Bayern,
-„Reiseerinnerungen aus Ostasien“, S. 163, 243 ff. und passim.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_116" href="#FNAnker_116" class="label">[115]</a> Vgl. Cl. Klein in Helmolts Weltgeschichte, 6. Bd., S.
-359.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_117" href="#FNAnker_117" class="label">[116]</a> A. Schultz, Höfisches Leben, II. Bd., S. 239 f. Zu den
-Lagergesetzen, vgl. Rahewin Gesta Friderici, 3. Buch, Kap. 28.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_118" href="#FNAnker_118" class="label">[117]</a> Otto Henne am Rhyn, „Kulturgeschichte des deutschen
-Volkes“, 2. Aufl., 1. Bd., S. 479 und 2. Bd., S. 163.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_119" href="#FNAnker_119" class="label">[118]</a> Vgl. Machiavelli, „Florentinische Geschichte“, Übers.
-v. Alfred Reumont, Leipzig 1846, II. Bd., 6. Buch, S. 111 und M.
-Kemmerich, „Die Charakteristik bei Machiavelli“, Leipzig 1902, S. 88 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_120" href="#FNAnker_120" class="label">[119]</a> Ed. Vehse, Gesch. des preußischen Hofes, 2. Bd., S. 286
-f., S. 290 f., S. 295 und S. 297 ff. Hier auch das Nachstehende.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_299"></a>[S. 299]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_121" href="#FNAnker_121" class="label">[120]</a> Keyßlers „Reisen“, 56. Brief, Hannover 1776, S. 740.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_122" href="#FNAnker_122" class="label">[121]</a> Ed. Vehse, Geschichte der deutschen Höfe, IV. Sektion,
-5. Bd., S. 175 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_123" href="#FNAnker_123" class="label">[122]</a> Kurt Eisner, Das Ende des Reichs, 1906, S. 103.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_124" href="#FNAnker_124" class="label">[123]</a> Rudolf Giehrl, „China-Fahrt“, S. 132 f., 148 f. und
-passim.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Sechster_Abschnitt">Sechster Abschnitt</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_125" href="#FNAnker_125" class="label">[124]</a> A. Schultz, Höfisches Leben, I, S. 624 und 629. Ferner
-A. Schultz, „Das häusliche Leben im Mittelalter“, S. 172.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_126" href="#FNAnker_126" class="label">[125]</a> Derselbe, Höfisches Leben I, S. 632.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_127" href="#FNAnker_127" class="label">[126]</a> Äneas Sylvius (Piccolomini), „Historia Friderici III.“,
-ed. F. A. Kollar, Analecta monum. Vindob. II., p. 303 ff. Zum Datum
-vgl. L. Pastor, Geschichte der Päpste, 1. Bd., S. 491.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_128" href="#FNAnker_128" class="label">[127]</a> Ed. Hahn, Braunschweig 1724, „Collectio Monument. vet.“,
-1. Bd., p. 777.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_129" href="#FNAnker_129" class="label">[128]</a> A. Schultz, Häusliches Leben, S. 162.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_130" href="#FNAnker_130" class="label">[129]</a> Ders., Höfisches Leben I, S. 590, Anm. 2, Mon. Germ. SS.
-XVII, 531, Schultz II. Bd., S. 183 und &ndash; für das Folgende &ndash; I. Bd.,
-S. 607, Anm. 2.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_131" href="#FNAnker_131" class="label">[130]</a> „Chronikon“ IX, 2, übersetzt mit Anlehnung an Laurent in
-den Geschichtschreibern der deutschen Vorzeit.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_132" href="#FNAnker_132" class="label">[131]</a> Jakob Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, 4. Aufl., II.
-Bd., S. 299.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_133" href="#FNAnker_133" class="label">[132]</a> Vies des Dames Galantes, Discours premier passim.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_134" href="#FNAnker_134" class="label">[133]</a> Grimm, l. c. S. 348.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_135" href="#FNAnker_135" class="label">[134]</a> A. Schultz, Häusliches Leben, S. 160.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_136" href="#FNAnker_136" class="label">[135]</a> Ders., Höfisches Leben I, S. 648.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_137" href="#FNAnker_137" class="label">[136]</a> Zimmerische Chronik, herausg. von A. Barack, IV. Bd., S.
-243 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_138" href="#FNAnker_138" class="label">[137]</a> Max Bauer, Das Geschlechtsleben i.&nbsp;d. deutschen
-Vergangenheit, 5. Aufl., S. 17 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_139" href="#FNAnker_139" class="label">[138]</a> Eb. S. 64 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_140" href="#FNAnker_140" class="label">[139]</a> A. Schultz, Deutsches Leben, S. 159 und Grimm, Deutsche
-Rechtsaltertümer I, 4, S. 613 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_141" href="#FNAnker_141" class="label">[140]</a> Vgl. L. Wahrmund, Beil. 1905, Nr. 286 und eb. 1906, Nr.
-21.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_142" href="#FNAnker_142" class="label">[141]</a> Joh. Scherer, Deutsche Kultur- und Sittengeschichte, 11.
-Aufl., S. 322 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_143" href="#FNAnker_143" class="label">[142]</a> Bauer l. c. S. 241 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_144" href="#FNAnker_144" class="label">[143]</a> Äneas Sylvius l. c. ed. Kollar, p. 302 sqs. Das
-Vorhergehende nach O. Harnack, Medizinisches aus der ältesten
-Kirchengeschichte, S. 59 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_145" href="#FNAnker_145" class="label">[144]</a> Gregorovius, Wanderjahre II, S. 348 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_146" href="#FNAnker_146" class="label">[145]</a> Vgl. Preußische Jahrbücher, 135. Bd., S. 35 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Siebenter_Abschnitt">Siebenter Abschnitt</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_147" href="#FNAnker_147" class="label">[146]</a> Das Vorhergehende nach O. Harnack, Medizinisches aus
-der ältesten Kirchengesch., S. 59. Gregor, Historia Francorum II, cap.
-40. Der Versuch Giesebrechts Gregors Moral zu retten &ndash; in seiner
-Übersetzung der fränkischen Geschichte, 2. Aufl., S. 105, Anm. 2 &ndash;
-scheint mir nicht gelungen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_300"></a>[S. 300]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_148" href="#FNAnker_148" class="label">[147]</a> „Chronikon“, Übers. v. Laurent, l. c. 2. Aufl., S. 131.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_149" href="#FNAnker_149" class="label">[148]</a> Eb. IX, 3. Übersetzung, S. 334.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_150" href="#FNAnker_150" class="label">[149]</a> Beide Daten nach A. Schultz, Höfisches Leben, I. Bd., S.
-583 f. und G. L. Kriegk, „Deutsches Bürgertum“, Neue Folge, S. 266.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_151" href="#FNAnker_151" class="label">[150]</a> Hans Delbrück, Preußische Jahrbücher, Bd. 71, 1893, S.
-24.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_152" href="#FNAnker_152" class="label">[151]</a> „Hausbuch“, S. 491. Wo nicht anders bemerkt, ist zu
-den folgenden Angaben A. Schultz, Höfisches Leben I, S. 584&ndash;587 zu
-vergleichen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_153" href="#FNAnker_153" class="label">[152]</a> Vgl. Johannes Kunze, „Zur Kunde des deutschen
-Privatlebens in der Zeit der salischen Kaiser“, Berlin 1902, S. 37.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_154" href="#FNAnker_154" class="label">[153]</a> Historia occident. ed. Franc. Moschus. Duaci 1597, p.
-278, nach Schultz.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_155" href="#FNAnker_155" class="label">[154]</a> Schultz, Höfisches Leben, S. 590&ndash;592.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_156" href="#FNAnker_156" class="label">[155]</a> Eb. S. 599 und 592.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_157" href="#FNAnker_157" class="label">[156]</a> Ders., Häusliches Leben, S. 155 und Höfisches Leben, S.
-599, Anm. 4.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_158" href="#FNAnker_158" class="label">[157]</a> Kunze l. c. S. 51.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_159" href="#FNAnker_159" class="label">[158]</a> Die folgenden Angaben &ndash; wo nicht anders bemerkt &ndash; nach
-G. L. Kriegk, „Deutsches Bürgertum im Mittelalter“, Neue Folge, S.
-260&ndash;266.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_160" href="#FNAnker_160" class="label">[159]</a> Eb. S. 274.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_161" href="#FNAnker_161" class="label">[160]</a> Eb. Anm. 219.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_162" href="#FNAnker_162" class="label">[161]</a> Eb. S. 294 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_163" href="#FNAnker_163" class="label">[162]</a> Eb. S. 295.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_164" href="#FNAnker_164" class="label">[163]</a> Eb. S. 266.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_165" href="#FNAnker_165" class="label">[164]</a> Eb. S. 308.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_166" href="#FNAnker_166" class="label">[165]</a> Eb. S. 311 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_167" href="#FNAnker_167" class="label">[166]</a> Eb. S. 324.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_168" href="#FNAnker_168" class="label">[167]</a> Eb. S. 331.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_169" href="#FNAnker_169" class="label">[168]</a> Bauer, Geschlechtsleben i.&nbsp;d. deutschen Vergangenheit,
-S. 161 f. und „Curiositäten“ I. Bd., Weimar 1812, S. 206 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_170" href="#FNAnker_170" class="label">[169]</a> Eb. S. 164.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_171" href="#FNAnker_171" class="label">[170]</a> Kriegk l. c. S. 266&ndash;271. Hier auch die folgenden Daten.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_172" href="#FNAnker_172" class="label">[171]</a> Vorstehendes und das Folgende zitiert nach A. Schultz,
-Deutsches Leben, S. 276 f. Über das Gezeter der Moralisten vgl. den
-Aufsatz von Hans Delbrück, Die gute alte Zeit, Preußische Jahrbücher,
-71. Bd., 1893.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_173" href="#FNAnker_173" class="label">[172]</a> Schultz, l. c. S. 76.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_174" href="#FNAnker_174" class="label">[173]</a> Eugen Dühren, Der Marquis de Sade und seine Zeit 2.
-Aufl., S. 44.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_175" href="#FNAnker_175" class="label">[174]</a> Eb. S. 41 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_176" href="#FNAnker_176" class="label">[175]</a> Zu obigen Daten vgl. eb. S. 144 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_177" href="#FNAnker_177" class="label">[176]</a> Ed. und Jules de Goncourt, „La femme au dixhuitième
-siècle“, Paris 1878, S. 165.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_178" href="#FNAnker_178" class="label">[177]</a> Dühren l. c. S. 59.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Achter_Abschnitt">Achter Abschnitt</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_179" href="#FNAnker_179" class="label">[178]</a> Vies des Dames Galantes, Nouvelle Edition, Paris,
-Garnier, p. 28.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_180" href="#FNAnker_180" class="label">[179]</a> A. Schultz, Deutsches Leben, S. 490 und 493.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_181" href="#FNAnker_181" class="label">[180]</a> Max Bauer, Geschlechtsleben, S. 288.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_182" href="#FNAnker_182" class="label">[181]</a> Eb. S. 282 ff., Felix Platter, Selbstbiographie, S. 187
-und A. Schultz, Häusliches Leben, S. 393.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_183" href="#FNAnker_183" class="label">[182]</a> Elisabeth Charlottens Briefe, Neudruck der 1789
-veröffentlichten Bruchstücke von Hans F. Helmolt, Annaberg 1909, S.
-268, Nr. 30.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_184" href="#FNAnker_184" class="label">[183]</a> Eb. S. 308, Nr. 7.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_185" href="#FNAnker_185" class="label">[184]</a> Eb. S. 399 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_186" href="#FNAnker_186" class="label">[185]</a> Eb. S. 260, Nr. 5.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_187" href="#FNAnker_187" class="label">[186]</a> Ed. Vehse, Geschichte des preußischen Hofes, III. Teil,
-S. 87 ff.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_301"></a>[S. 301]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Neunter_Abschnitt">Neunter Abschnitt</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_188" href="#FNAnker_188" class="label">[187]</a> Beide Daten nach H. Peters, Arzt und Heilkunst i.&nbsp;d.
-deutschen Vergangenheit, S. 13. Vgl. zu Folgendem auch Neuburger und
-Pagel, Handbuch der Geschichte der Medizin. passim.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_189" href="#FNAnker_189" class="label">[188]</a> Peters, S. 33 und 35.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_190" href="#FNAnker_190" class="label">[189]</a> Eb. S. 13.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_191" href="#FNAnker_191" class="label">[190]</a> Eb. S. 24.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_192" href="#FNAnker_192" class="label">[191]</a> Diese und die folgenden Daten nach M. Kemmerich,
-Lebensdauer und Todesursachen innerhalb der deutschen Kaiser- und
-Königsfamilien, Wien 1909 und A. Schultz, Höfisches Leben II, S. 297
-ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_193" href="#FNAnker_193" class="label">[192]</a> Peters l. c. S. 26 und Hanns Flörke, „Studien zur
-niederländischen Kunst- und Kulturgeschichte“, S. 209, Anm. 285.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_194" href="#FNAnker_194" class="label">[193]</a> Ed. Vehse, Geschichte des preußischen Adels, I. Teil, S.
-35.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_195" href="#FNAnker_195" class="label">[194]</a> Peters l. c. S. 106.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_196" href="#FNAnker_196" class="label">[195]</a> Nach Heinrich Düntzer, „Die römischen Satiriker“,
-Braunschweig 1846, Anm. zu Vers 406 der 6. Satire Juvenals.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_197" href="#FNAnker_197" class="label">[196]</a> E. Dühren, Marquis de Sade, S. 80 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_198" href="#FNAnker_198" class="label">[197]</a> Corvin, Pfaffenspiegel, 5. Aufl., S. 350. Wenn
-hier ausnahmsweise ein Werk zitiert wird, das im allgemeinen auf
-Quellennachweis verzichtet, so ist das durch die strenge Zensur
-gerechtfertigt, die das Buch passieren mußte und von der mein
-Handexemplar schwarze Spuren aufweist.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_199" href="#FNAnker_199" class="label">[198]</a> Dies und das Folgende eb. S. 365 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_200" href="#FNAnker_200" class="label">[199]</a> Lindner, Weltgeschichte I, S. 142, das Folgende eb. II,
-S. 116.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_201" href="#FNAnker_201" class="label">[200]</a> Vgl. H. Gudden, Über Massensuggestion und psychische
-Massenepidemien, Vortrag, München 1901, S. 10 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_202" href="#FNAnker_202" class="label">[201]</a> Flörke l. c. S. 20.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_203" href="#FNAnker_203" class="label">[202]</a> Viktor Hehn, Kulturpflanzen und Haustiere, 5. Aufl. S.
-420 und J. Conrad, „Nationalökonomie“, 3. Aufl., S. 249 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_204" href="#FNAnker_204" class="label">[203]</a> Eb. S. 250 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_205" href="#FNAnker_205" class="label">[204]</a> Beil. 1903, Nr. 37 und Peters, Arzt und Heilkunde, S.
-45.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_206" href="#FNAnker_206" class="label">[205]</a> Beil. 1906, Nr. 255.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_207" href="#FNAnker_207" class="label">[206]</a> Beil. 1903, Nr. 292.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_208" href="#FNAnker_208" class="label">[207]</a> Beil. 1906, Nr. 255.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_209" href="#FNAnker_209" class="label">[208]</a> Beil. 1906, Nr. 202.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_210" href="#FNAnker_210" class="label">[209]</a> Kriegk, Deutsches Bürgertum, S. 342 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_211" href="#FNAnker_211" class="label">[210]</a> Georg Steinhausen, Geschichte der deutschen Kultur, S.
-507 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_212" href="#FNAnker_212" class="label">[211]</a> A. Schultz, Häusliches Leben, S. 325.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Zehnter_Abschnitt">Zehnter Abschnitt</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_213" href="#FNAnker_213" class="label">[212]</a> A. Schultz, Höfisches Leben I, S. 229.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_214" href="#FNAnker_214" class="label">[213]</a> Eb. I, S. 107.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_215" href="#FNAnker_215" class="label">[214]</a> Jakob Burckhardt, Cultur der Renaissance in Italien, 2.
-Bd., 7. Aufl., S. 92 und Excurs LXXXIV.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_216" href="#FNAnker_216" class="label">[215]</a> „Hausbuch“, Tübingen 1882, S. 546.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_217" href="#FNAnker_217" class="label">[216]</a> Die folgenden Daten nach G. L. Kriegk, „Deutsches
-Bürgertum“, Neue Folge, S. 9 ff. und S. 25 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_218" href="#FNAnker_218" class="label">[217]</a> A. Schultz, Häusliches Leben, S. 203.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_219" href="#FNAnker_219" class="label">[218]</a> Eb. S. 62 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_220" href="#FNAnker_220" class="label">[219]</a> Abbildung der einen Medaille bei Alfred Franklin, „La
-vie privée d’autrefois. L’Hygiene“, p. 123.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_221" href="#FNAnker_221" class="label">[220]</a> Eb. p. 118.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_222" href="#FNAnker_222" class="label">[221]</a> Eb. p. 133 ff. Abdruck der Eingabe, p. 158 ff.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_302"></a>[S. 302]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_223" href="#FNAnker_223" class="label">[222]</a> Eb. p. 150, 165 und 154.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_224" href="#FNAnker_224" class="label">[223]</a> Eb. S. 164.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_225" href="#FNAnker_225" class="label">[224]</a> Eb. S. 168.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_226" href="#FNAnker_226" class="label">[225]</a> A. Schultz, Höfisches Leben I. S. 107 f. und H.
-Delbrück, Preußische Jahrbücher, 71. Bd. (1893), S. 25.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_227" href="#FNAnker_227" class="label">[226]</a> Franklin l. c. p. 175 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_228" href="#FNAnker_228" class="label">[227]</a> B. Händke, Deutsche Kultur im Zeitalter des
-Dreißigjährigen Krieges, S. 286, Anm. 3.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_229" href="#FNAnker_229" class="label">[228]</a> Abgedruckt bei Franklin l. c. p. 181 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_230" href="#FNAnker_230" class="label">[229]</a> Eb. S. 196 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Elfter_Abschnitt">Elfter Abschnitt</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_231" href="#FNAnker_231" class="label">[230]</a> Vgl. zum ganzen Abschnitt Fr. Heinemann, Richter und
-Rechtspflege, S. 127 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_232" href="#FNAnker_232" class="label">[231]</a> Vorstehendes nach G. L. Kriegk, Deutsches Bürgertum, S.
-219 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_233" href="#FNAnker_233" class="label">[232]</a> Eb. S. 237 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_234" href="#FNAnker_234" class="label">[233]</a> Vgl. P. Frauenstädt, Zeitschrift für Sozialwissenschaft,
-V. Bd., S. 847 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_235" href="#FNAnker_235" class="label">[234]</a> Hugo Winckler, Gesetze Hammurabis, S. 37.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_236" href="#FNAnker_236" class="label">[235]</a> Obiges nach Frauenstädt, Zeitschrift f.
-Sozialwissenschaft, V. Bd., S. 940 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_237" href="#FNAnker_237" class="label">[236]</a> Heinemann l. c. S. 128 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_238" href="#FNAnker_238" class="label">[237]</a> Äneas Sylvius, Historia Friderici III., Kollar p. 215
-ff. Vgl. auch Allgemeine deutsche Biographie IV. Bd., S. 258 ff., wo
-die Grafen von Cilli in etwas milderem Lichte erscheinen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_239" href="#FNAnker_239" class="label">[238]</a> Hanns Flörke, Studien zur niederländischen Kunst- und
-Kulturgeschichte, S. 216, Anm. 353.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_240" href="#FNAnker_240" class="label">[239]</a> Zu den letzten Daten vgl. eb. S. 87 und 178.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_241" href="#FNAnker_241" class="label">[240]</a> Eb. S. 163.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_242" href="#FNAnker_242" class="label">[241]</a> Vgl. W. Waetzoldt, Die Kunst des Porträts, S. 386 und zu
-obigem S. 374&ndash;412.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_243" href="#FNAnker_243" class="label">[242]</a> Flörke, S. 10.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_244" href="#FNAnker_244" class="label">[243]</a> Waetzoldt, S. 376.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_245" href="#FNAnker_245" class="label">[244]</a> Vgl. M. Kemmerich, Die frühmittelalterliche
-Porträtmalerei in Deutschland und derselbe, Die frühmittelalterliche
-Porträtplastik in Deutschland passim.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Zwoelfter_Abschnitt">Zwölfter Abschnitt</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_246" href="#FNAnker_246" class="label">[245]</a> Beil. 1905, Nr. 261.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_247" href="#FNAnker_247" class="label">[246]</a> Beil. 1905, Nr. 208.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_248" href="#FNAnker_248" class="label">[247]</a> Otto Pfleiderer, Die Entstehung des Christentums, S. 194
-f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_249" href="#FNAnker_249" class="label">[248]</a> Eb. S. 198 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_250" href="#FNAnker_250" class="label">[249]</a> Beil. 1905, Nr. 208.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_251" href="#FNAnker_251" class="label">[250]</a> Pfleiderer l. c. S. 130 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_252" href="#FNAnker_252" class="label">[251]</a> Eb. S. 147 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_253" href="#FNAnker_253" class="label">[252]</a> Beil. 1905, Nr. 154.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_254" href="#FNAnker_254" class="label">[253]</a> Vgl. „Religions- und Missionskarte der Erde“ in Meyers
-Konversationslexikon 6. Aufl., 16. Bd., bei S. 788.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_255" href="#FNAnker_255" class="label">[254]</a> Vgl. Ludwig Wahrmund, „Katholische Weltanschauung und
-freie Wissenschaft“, S. 3, Anm.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_256" href="#FNAnker_256" class="label">[255]</a> Eb. S. 12 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_257" href="#FNAnker_257" class="label">[256]</a> Eb. S. 9 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_258" href="#FNAnker_258" class="label">[257]</a> Beil. 1906, Nr. 39.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_259" href="#FNAnker_259" class="label">[258]</a> Wahrmund l. c. S. 16, Anm. 1.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_260" href="#FNAnker_260" class="label">[259]</a> Eb. S. 15.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_261" href="#FNAnker_261" class="label">[260]</a> Eb. S. 16.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_262" href="#FNAnker_262" class="label">[261]</a> Zitiert nach Wahrmund S. 46 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_263" href="#FNAnker_263" class="label">[262]</a> Der Syllabus ist ebenfalls bei Wahrmund in Übersetzung
-abgedruckt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_264" href="#FNAnker_264" class="label">[263]</a> A. Schultz, Höfisches Leben I, S. 148. Das Nächste eb.
-S. 209.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_303"></a>[S. 303]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_265" href="#FNAnker_265" class="label">[264]</a> J. H. Albers, „Populäre Festpostille, Aufsätze und
-Vorträge über Ursprung, Entwicklung und Bedeutung sämtlicher Feste
-usw.“, Leipzig 1891, S. 220.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_266" href="#FNAnker_266" class="label">[265]</a> Nach Äneas Sylvius, Historia Friderici III., Kollar p.
-181 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_267" href="#FNAnker_267" class="label">[266]</a> Übers. von W. Herz, Spielmannbuch, vgl. Beil. 1903, Nr.
-63.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_268" href="#FNAnker_268" class="label">[267]</a> „Türmer“, 9. Jahrg., 2. Bd., S. 384.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_269" href="#FNAnker_269" class="label">[268]</a> Vgl. Hoensbroech, Das Papsttum in seiner
-sozial-kulturellen Wirksamkeit, I. Bd., 2. Buch, 3. Abschnitt. Ferner
-Rieks, „Leo III. und der Satanskult“, Berlin 1897, sowie Bräunlich,
-„Der neueste Teufelsschwindel“, Leipzig 1897.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Dreizehnter_Abschnitt">Dreizehnter Abschnitt</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_270" href="#FNAnker_270" class="label">[269]</a> Vgl. Sigmund Riezler, „Die Hexenprozesse in Bayern“, S.
-42 und 53 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_271" href="#FNAnker_271" class="label">[270]</a> Eb. S. 83 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_272" href="#FNAnker_272" class="label">[271]</a> Vgl. zu folgendem eb. S. 92 bis 131.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_273" href="#FNAnker_273" class="label">[272]</a> Vgl. Joh. Jansen, Geschichte des deutschen Volkes, 13.
-und 14. Aufl., 8. Bd., S. 591 ff. Wurde auch weiter unten benutzt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_274" href="#FNAnker_274" class="label">[273]</a> Vgl. Pilatus (Victor Naumann), „Was ist Wahrheit?“ 2.
-Aufl., S. 127&ndash;132.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_275" href="#FNAnker_275" class="label">[274]</a> Riezler l. c. S. 240 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_276" href="#FNAnker_276" class="label">[275]</a> Eb. S. 246 f. und 120.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_277" href="#FNAnker_277" class="label">[276]</a> Zitiert nach Pilatus.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_278" href="#FNAnker_278" class="label">[277]</a> Riezler, S. 319.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_279" href="#FNAnker_279" class="label">[278]</a> Vgl. A. Hauck, „Realenzyklopädie für protestantische
-Theologie und Kirche“, 8. Bd., Artikel „Hexen und Hexenverfolgungen“,
-und F. v. Hellwald, Culturgeschichte in ihrer natürlichen Entwicklung,
-S. 618.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Vierzehnter_Abschnitt">Vierzehnter Abschnitt</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_280" href="#FNAnker_280" class="label">[279]</a> Ferdinand Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom im
-Mittelalter, 2. Aufl., 2. Bd., S. 74 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_281" href="#FNAnker_281" class="label">[280]</a> Eb. 2. Bd., S. 281 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_282" href="#FNAnker_282" class="label">[281]</a> Eb. 3. Bd., S. 76 ff., besonders S. 79, Anm. 1. Hier
-auch das Folgende, vgl. ferner H. Schultze in der „Wartburg“, 1. Bd.,
-1902, S. 79 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_283" href="#FNAnker_283" class="label">[282]</a> Eb. 3. Bd., S. 509.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_284" href="#FNAnker_284" class="label">[283]</a> Vgl. Corvin, Pfaffenspiegel, 5. Aufl., Rudolstadt 1885,
-S. 105.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_285" href="#FNAnker_285" class="label">[284]</a> „Das freie Wort“, 7. Bd., S. 35. Abb. von Hemd und
-Windeln in der „Wartburg“ I, S. 145.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_286" href="#FNAnker_286" class="label">[285]</a> Corvin, S. 110 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_287" href="#FNAnker_287" class="label">[286]</a> Alphons Victor Müller, Die hochheilige Vorhaut Christi,
-Berlin 1907, S. 105 ff. Johann Georg Keysslers „Reisen“, Hannover 1776,
-S. 506m und ferner Archiv f. Kulturgeschichte VII. Bd. 1909, S. 137 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_288" href="#FNAnker_288" class="label">[287]</a> Müller, S. 18 und 119 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_289" href="#FNAnker_289" class="label">[288]</a> Eb. S. 36 ff. und 46 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_290" href="#FNAnker_290" class="label">[289]</a> Eb. S. 56 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_291" href="#FNAnker_291" class="label">[290]</a> Über Agnus Dei vgl. Ad. Franz, „Die kirchlichen
-Benediktionen im Mittelalter“, 1. Bd., S. 553 ff., besonders S. 567&ndash;569
-und Keysslers „Reisen“, S. 426c.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_304"></a>[S. 304]</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_292" href="#FNAnker_292" class="label">[291]</a> Nach Hansemann, „Der Aberglaube in der Medizin etc.“, S.
-86.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Fuenfzehnter_Abschnitt">Fünfzehnter Abschnitt</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_293" href="#FNAnker_293" class="label">[292]</a> Nach dem Nürnberger Generalanzeiger vom 14. Juni 1901.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_294" href="#FNAnker_294" class="label">[293]</a> Paul Rohrbach, Deutsche Kolonialwirtschaft.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_295" href="#FNAnker_295" class="label">[294]</a> Vgl. Frankfurter Zeitung 1896, Nr. 8, drittes
-Morgenblatt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_296" href="#FNAnker_296" class="label">[295]</a> Vgl. die Aussage des apostolischen Vikars von Ubanghi,
-Msgr. Augouard, Augsburger Postzeitung 1894, Nr. 251.</p>
-
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="Literatur_Sechzehnter_Abschnitt">Sechzehnter Abschnitt</h3>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_297" href="#FNAnker_297" class="label">[296]</a> Joh. William Draper, Geschichte der Konflikte zwischen
-Religion und Wissenschaft, Übers. Leipzig 1875, S. 163, 234 f. und 241.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_298" href="#FNAnker_298" class="label">[297]</a> Eb. S. 183.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_299" href="#FNAnker_299" class="label">[298]</a> Eb. S. 174 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_300" href="#FNAnker_300" class="label">[299]</a> Eb. S. 325 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_301" href="#FNAnker_301" class="label">[300]</a> Eb. S. 314 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_302" href="#FNAnker_302" class="label">[301]</a> und 302: Eb. S. 325 und Peters, Arzt und Heilkunst, S.
-120 f. Darmstaedter, „Handbuch z. Gesch. d. Naturwissenschaften und
-Technik“, gibt S. 168 an, daß zuerst im Jahre 1714 der Arzt Timoni und
-der venezianische Konsul in Konstantinopel Pylarini auf die Impfung
-hingewiesen hätten.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_303" href="#FNAnker_303" class="label">[303]</a> Draper S. 287 und Chamberlain, Grundlagen des 19.
-Jahrhunderts, S. 518, Anm. 4 und S. 42.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_304" href="#FNAnker_304" class="label">[304]</a> Vgl. O. Pfleiderer, Religionsphilosophie auf
-geschichtlicher Grundlage, 3. Aufl., S. 60 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_305" href="#FNAnker_305" class="label">[305]</a> Beil. 1903, Nr. 270.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_306" href="#FNAnker_306" class="label">[306]</a> Vgl. C. Bezold, Ninive und Babylon, 2. Aufl., S. 46.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_307" href="#FNAnker_307" class="label">[307]</a> Ulrich Wendt, Die Technik als Kulturmacht, S. 167 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_308" href="#FNAnker_308" class="label">[308]</a> Eb. S. 170.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_309" href="#FNAnker_309" class="label">[309]</a> Rudolf Hagen, Die erste deutsche Eisenbahn mit
-Dampfbetrieb, S. 20, 46 und 62.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_310" href="#FNAnker_310" class="label">[310]</a> Folgende Zusammenstellung zum Teil nach Camille
-Flammarion, Rätsel des Seelenlebens, Stuttgart 1908.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_311" href="#FNAnker_311" class="label">[311]</a> Meyers Konversationslexikon, 6. Aufl., 4. Bd., S. 466.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_312" href="#FNAnker_312" class="label">[312]</a> Eine authentische Quelle für diese, übrigens hinlänglich
-bekannte Tatsache, gelang es mir nicht zu finden.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_313" href="#FNAnker_313" class="label">[313]</a> Die Entscheidung der obersten Baubehörde wurde mir
-von einem hohen Staatsbeamten, der das Dokument in Händen hatte,
-mitgeteilt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_314" href="#FNAnker_314" class="label">[314]</a> Nach freundl. Mitteilung des Herrn Prof. Emden in
-München und des Grafen Karl v. Klinckowström, vgl. auch A. Kistner,
-Beil. d. M. Neuesten Nachr. 1908, I, S. 455 f.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_315" href="#FNAnker_315" class="label">[315]</a> Nach Angabe des Prof. L. M. Hartmann (Wien) auf dem 2.
-deutschen Hochschullehrertag in Jena am 28. und 29. September 1908,
-vgl. Beil. d. Münchner N. N. 1908, II, S. 637.</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_305"></a>[S. 305]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Nachwort">Nachwort</h2>
-
-</div>
-
-
-<p>Die wohlwollende Aufnahme der Kultur-Kuriosa von seiten der Kritik
-und des Publikums enthebt mich der Notwendigkeit, das Buch zu
-rechtfertigen. Daß orthodoxe und reaktionäre Stimmen dagegen polterten,
-hatte ich erwartet, ja erhofft. Auffällig war nur, daß auch manchmal
-von wohlmeinender Seite der Geist des Buches nicht verstanden wurde.
-Las ich, daß die Tendenz des Verfassers „im Grunde genommen gut“ sei,
-konnte ich mich nur schwer eines Lächelns enthalten. Die Versicherung,
-daß ich auf die niederen Instinkte spekuliere, bewies mir aufs
-neue, daß mancher, ohne es zu wissen, sichere Anwartschaft auf das
-Himmelreich hat (Matth. 5, 3). Ja, es gibt Leute, denen ein gerechter
-Richter oder eine moralische Handlung kurios erscheint, und diese
-dünken sich Erbpächter des Patriotismus!! Wer nicht immer hurraaaaah!
-schreit, gilt in den Augen manches Biedermanns schon für verdächtig.
-Darüber zu streiten liegt mir fern.</p>
-
-<p>Einem andern Einwand möchte ich begegnen: der Bemängelung des
-Quellennachweises. Richtiger als die Frage, wo etwas steht, ist die,
-<em class="gesperrt">ob es auch wahr ist</em>. Nur gesicherte Tatsachen mitzuteilen war
-und ist aber mein erstes Bestreben. Wie sehr es mir gelang, beweist,
-daß auch die leidenschaftlichsten<span class="pagenum"><a id="Seite_306"></a>[S. 306]</span> Gegner mir keine nennenswerten
-Irrtümer nachweisen konnten. Doch auch wer an der Art des Zitierens
-etwas auszusetzen hat, würde vielleicht eines Besseren belehrt worden
-sein, hätte er sich die Mühe genommen, die angegebenen Stellen
-nachzuschlagen. Er würde dann dort fast ausnahmslos die Angabe der
-primären Quellen gefunden haben. Nichts wäre für mich einfacher gewesen
-als sie abzuschreiben, aber mit einer Belesenheit zu prunken, die ich
-nicht besitze, ist nicht meine Art. Immerhin habe ich in dieser neuen
-Auflage einige Konzessionen gemacht.</p>
-
-<p>Für Ergänzungen und Berichtigungen bin ich nach wie vor dankbar. Vor
-allem ist es mir ein Bedürfnis allen jenen, die die Freundlichkeit
-hatten, durch Notizen zur Vervollkommnung des Buches beizutragen,
-herzlichst zu danken. Es sind dies die Herren: Ingenieur M. Feldhaus in
-Berlin-Friedenau, Oberst z. D. Schäfer in Berlin, Rechtsanwalt Eichhold
-in München, Schriftsteller Julius Berger in Wien, Dr. Hans F. Helmolt
-in München, Dr. G. Merzbach in Berlin und Ingenieur Fritz Hoffmann in
-Berndorf bei Wien. Desgleichen danke ich allen jenen, die mir brieflich
-ihre Sympathie aussprachen, in erster Linie Herrn Professor Dr. Ernst
-Mach, Mitglied des Herrenshauses in Wien.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">München</em>, im Februar 1910</p>
-
-<p class="s3 right mright2">Der Verfasser</p>
-
-<p>Das 12. Tausend ist bis auf einige Zusätze und Korrekturen ein
-unveränderter Abdruck der vorigen Auflagen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">München</em>, im Mai 1913</p>
-
-<p class="s3 right mright2">Der Verfasser</p>
-
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="rek">
-
-<div class="section">
-
-<p class="s4 center mtop3">Weiter erschien</p>
-
-</div>
-
-<p class="s2 center"><b>Dr. Max Kemmerich</b></p>
-
-<p class="s1 center"><b>Prophezeiungen</b></p>
-
-<p class="s4 center">Alter Aberglaube oder neue Wahrheit?</p>
-
-<p class="center">Mit einem Kapitel über den Weltkrieg</p>
-
-<p class="center">6. Auflage. Geheftet 6 Mark, gebunden 8 Mark</p>
-
-<p class="p0 s5"><em class="gesperrt">Die Zeit, Wien</em>: Um streng wissenschaftlich zu verfahren,
-begnügt sich der Verfasser nicht mit einer Anekdotensammlung und der
-Aufstellung von Grundsätzen für die Beurteilung der einzelnen Fälle,
-sondern unterwirft eine berühmte Prophetie und die Gesamttätigkeit von
-sechs mehr oder weniger berühmten Sehern und Seherinnen einer strengen
-Prüfung darauf hin, ob das Eintreffen ihrer Vorhersagungen ein Werk
-des Zufalls oder Ergebnis einer Berechnung sein könne.... Wenn man
-den Namen Nostradamus so oft im „Faust“ gelesen hat, aber rein nichts
-von dem Mann weiß, freut man sich, endlich einmal Genaues über ihn zu
-erfahren.... Daß die „Prophezeiungen“ reißend abgehen werden, kann man
-ohne Prophetengabe und Träume voraussagen, denn so etwas lesen alle
-Leute gern, auch die Aufgeklärten, die über den „Unsinn“ spotten oder
-drauf schimpfen.</p>
-
-<p class="s1 center mtop1"><b>Kultur-Kuriosa II</b></p>
-
-<p class="center">8. Auflage. Geheftet 4 Mark 50 Pf., gebunden 6 Mark 50 Pf.</p>
-
-<p class="p0 s5"><em class="gesperrt">Berliner Börsenzeitung</em>: Es ist ihm nicht um den Ruhm eines
-findigen belesenen Kopfes und geschickten Kompilators zu tun, der
-amüsante Historien angenehm zu erzählen weiß, sondern er will weit
-mehr: ihm liegt daran, den wahren Stand unserer heutigen Kultur durch
-Aufzeigen deren historischer Basis klar darzustellen.... Auch in diesem
-zweiten Bande seiner Kultur-Kuriosa übt er seine so rühmenswerte und
-&ndash; natürlich &ndash; so angefeindete Offenheit, die ihm nach wie vor das
-Muckertum... auf den Hals hetzen, den geistig Mündigen jedoch zu seinem
-Freunde machen wird.</p>
-
-<p class="s1 center"><b>Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit</b></p>
-
-<p class="center">6. Auflage. Geheftet 4 Mark 50 Pf., gebunden 6 Mark 50 Pf.</p>
-
-<p class="p0 s5"><em class="gesperrt">Zeitschrift für Bücherfreunde, Leipzig</em>: Ein jeder wird
-gestehen: das Buch wird fröhliche Menschen ergötzen und unterhalten,
-nachdenkliche Menschen nachdenklicher machen und sie ins Psychologische
-führen. Pessimisten aber werden in diesen Dokumenten einen Trost
-finden: daß nämlich die Schlechtigkeit der Menschen noch durch ihre
-Dummheit übertroffen wird; &ndash; und das ist ein großer Trost.</p>
-
-<p class="p0 s5"><em class="gesperrt">Neues Wiener Tagblatt</em>: Das neue Buch Kemmerichs gehört
-jedenfalls zu den lichtvollsten Erklärungen für die düstere Psyche
-vergangener Jahrhunderte und wird sicherlich viel dazu beitragen, die
-Reste, die aus jenen Tagen zurückgeblieben sind, zerstören zu helfen.</p>
-
-<p class="s3 center mtop1">Verlag von Albert Langen in München</p>
-
-<div class="section">
-
-<p class="s3 center mtop3">Von Dr. Max Kemmerich erschien ferner</p>
-
-</div>
-
-<p class="s1 center">Das Kausalgesetz der Weltgeschichte</p>
-
-<p class="s3 center">Zwei Bände</p>
-
-<p class="s3 center">In Halbfranz gebunden 32 Mark</p>
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">Kritische Rundschau, München</em>: Was will nun das Buch? Es soll
-darin der Beweis geliefert werden, daß man mit Hilfe des Gesetzes von
-der Erhaltung der Energie, angewandt auf die Geschichtswissenschaft,
-imstande ist, das Kausalgesetz der Weltgeschichte intuitiv zu
-durchschauen und kommende Ereignisse voraus zu berechnen....
-Selbstbekenntnisse eines Wahrheits-Suchers, so könnte man dieses
-Buch taufen. Eine Individualpsychologie, wie sie kaum jemals mit
-solcher Offenheit geschrieben worden sein dürfte. Möge sie recht
-viele Leser finden, diese Individualpsychologie, Leser, die trotz
-aller Unebenheiten und Schroffheiten nicht ermüden, dem Verfasser
-verständnisvoll zu folgen, wenn er sie in tieferliegende Wahrheiten
-einweihen will, die sich ihm intuitiv erschlossen haben.</p>
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">Dr. Hans F. Helmolt</em>:... Die umfassende Weite seines
-Gesichtskreises, die Kühnheit seines Gedankenfluges, der Scharfsinn
-seiner Schlußfolgerungen, seine trotz wiederholter Ableugnung
-staunenswerte Belesenheit und der leichte Fluß seiner Ausführungen
-bei der Lösung selbst der schwierigsten Fragen.... Epoche aber wird
-Kemmerichs „Kausalgesetz“ sicherlich machen als psychologische
-Zergliederung eines entscheidenden Ausschnittes aus der eigenen
-Entwicklung. Hierin erinnert es direkt an Augustin oder Rousseau.</p>
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">Heinrich Lhotzky</em>:... wir sahen uns in Deutschland vor einen
-europäischen Krieg gestellt. Da las ich das Buch wieder. Die
-Ereignisse gaben ihm eine erschütternde Auslegung.... Wie gesagt,
-ist es möglich, daß den Kemmerichschen Voraussagen weder Beachtung
-noch Glaube geschenkt wird, und nichts liegt dem Verfasser ferner,
-als dafür zu agitieren. Er sieht voraus, daß sein Mahnruf ungehört
-verhalle, obgleich es sich nur um sinngemäße Anwendung unentrinnbarer
-Naturgesetze auf unsere Geschichte handelt, wie man etwa im Sommer und
-Herbst sich vorsieht, den Winter zu überstehen....</p>
-
-<p class="s3 center mtop1">Verlag von Albert Langen in München</p>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Kultur-Kuriosa, Erster Band, by Max Kemmerich
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KULTUR-KURIOSA, ERSTER BAND ***
-
-***** This file should be named 63800-h.htm or 63800-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/6/3/8/0/63800/
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
diff --git a/old/63800-h/images/cover.jpg b/old/63800-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index 08ac0f7..0000000
--- a/old/63800-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/63800-h/images/signet.jpg b/old/63800-h/images/signet.jpg
deleted file mode 100644
index 813ad64..0000000
--- a/old/63800-h/images/signet.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ