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-The Project Gutenberg EBook of Nachtgespräche, by Auguste Hauschner
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Nachtgespräche
-
-Author: Auguste Hauschner
-
-Release Date: October 12, 2020 [EBook #63440]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACHTGESPRÄCHE ***
-
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-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net (This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.)
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- Die
- Bücherlese
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- Nachtgespräche
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- von
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- A. Hauschner
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- Verlag Paul List -- Leipzig
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- Alle Rechte vorbehalten
-
- =Copyright 1919 by Paul List, Leipzig=
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- Druck von Grimme & Trömel in Leipzig
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-Nachtgespräche
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-Ich erlebte es auf einer Reise von Berlin nach Wien. Der graue Tag war
-vorzeitig in die Nacht hineingeglitten. Die Lampen in den Abteilen waren
-noch nicht angesteckt. Nur aus den Kronen der verschneiten Bäume, die
-rechts und links den Zug umsäumten, fiel durch die trüben Scheiben
-ein unsicheres Licht. Die Menschen saßen wie in Käfige gepfercht, ohne
-Rücksicht auf die Vorrechte, die sie ihrem Fahrschein dankten. Neben der
-Dame der Soldat, Körper an Körper Herr und Bauer. Zwischen den Bänken,
-auf den Gängen drängte sich die Menge in unerwünschter wahlloser
-Gemeinsamkeit. Keuchend, schnaubend, als schnappe sie nach Atem, schleppte
-eben die Maschine ihre schwere Fracht über eine kleine Steigung. Oben
-angelangt, wollte sie die Fahrtgeschwindigkeit erhöhen, als sie sich mit
-einem Ruck, unter dem die ganze Wagengliederung sich bäumte, aufklirrend
-nach rückwärts warf. Grell schrie sie auf. Gleich einem Blutstrom spie
-sie Rauch und Funken. Ein Zittern lief durch ihre Flanken. Sie stand still.
-Eine gewissermaßen gefrorene Bewegung bekundete sich in der eingekeilten
-Menschenmasse. Aller Wahrscheinlichkeit entgegen gelang es einigen
-geschickten Händen, verklemmte Türen aufzureißen. Wer konnte, kletterte
-hinunter, von oben wurden Fragen in die Dunkelheit geworfen. Die Unruhe
-hatte ihren Höhepunkt erreicht, als die Beamten kamen, Aufklärung
-verbreitend: Fahrtunterbrechung. Vor der nächsten Haltestelle ist ein Zug
-entgleist.
-
-Aufschwirrende Gerüchte von Beschädigung des Bahnkörpers, Aufreißen der
-Schienen, begegneten dem gleichen Achselzucken wie die Wißbegierde nach
-der Dauer des unfreiwilligen Aufenthalts. Immerhin mußte die Mitteilung zu
-denken geben: es stehe jedem frei, auszusteigen und im nächsten Dorf ein
-Obdach aufzusuchen oder sich in seinem Abteil einzurichten. Der Zug werde
-auf ein totes Gleis verschoben, wo ihn weder Störung noch Gefahr bedrohte.
-
-Ich schloß mich einer kleinen Anzahl Mitreisender an, die einem schlechten
-Nachtquartier den Vorzug stundenlanger Gefangenschaft in Mißgeruch und
-dichter Menschennähe gaben.
-
-Wir standen, ein Häuflein schwarzer Punkte, auf dem hartgefrorenen
-Bahnsteigboden. Soweit das Auge reichte, keine Anhäufung von Lichtern
-kräftig genug, um das Dasein eines Dorfes zu verraten. Nur hier und
-da gegen das Massiv der Nacht ein Aufblinken, als ob ein Glühwürmchen
-vorüberflöge. Wir schlugen aufs Geratewohl einen nach rechts abbiegenden
-Feldweg ein. Wortkarg marschierten wir, die erstarrten Finger von der Last
-des Handgepäcks zerschnitten.
-
-»Haus in Sicht!« meldete die Vorhut. Klein, unscheinbar, der Giebel saß
-auf dem Erdgeschoß wie eine zu weite Mütze. Das Geräusch herannahender
-Schritte reizte den im Inneren des Gehöfts frei umherlaufenden Hund zu
-einer wütenden Begrüßung. Im weiten Umkreis stimmten ihm die Brüder zu.
-Inmitten eines mißtönigen Bellkonzerts begannen die Verhandlungen mit dem
-Besitzer, der, unwirsch, eine Bildsäule der Gastfeindschaft, den Eingang
-mit seinem breiten Rücken sperrte. Er mochte die Zahl der Brotschnitten
-berechnen, die zu beschaffen wären, um so vielen Eßwerkzeugen zu
-genügen. Erst die Versicherung, es gehe uns vor allem um ein Feuer,
-den erstarrten Leichnam aufzutauen, zerbrach den langsam ausgehöhlten
-Widerstand. Das Fremdenzimmer wurde aufgeschlossen, der Bauch des
-Kachelofens mit einem Armvoll Holzscheiter gespeist, durch kleine
-elektrische Laternen, den Taschen einiger der Reisenden entnommen, das
-Dunkel notdürftig aufgehellt.
-
-Unter dem Bann des einander Fremdseins sprachen wir wenig während
-unserer emsigen Geschäftigkeit. Erst als der Tisch, in das mittlerweile
-angewärmte Klima der Ofenbank gerückt und bestellt mit freiwilligen
-Gaben, einen anheimelnden Anblick bot, bemächtigte sich unserer, die wir
-uns um ihn gesellten, trotz der Verschiedenheit der Elemente, das Gefühl
-einer Verbundenheit. Wir vertieften es, indem wir uns gelobten: keiner soll
-den Namen des anderen befragen. Der Zufallswind hat uns hereingeweht, wir
-können in diesem Dämmerlicht kaum unsere Züge unterscheiden. Laßt uns
-auch nicht wissen, wer wir sind und wie wir heißen. Entfliehen wir für
-eine Nacht der Wirklichkeit.
-
-So, gleichsam unter Schutz von Masken, kam uns Sicherheit und Wunsch,
-etwas von uns auszusagen. Selbsterlebtes? Selbsterdachtes? Wer vermochte
-zu ergründen, ob sich Bekenntnisse verbargen unter den Erzählungen, mit
-denen wir die Stunden der Gefangenschaft verkürzten?
-
-Für mich war diese Nacht die bunteste, erkenntnisreichste meines Lebens.
-In der Gesellschaft von Fremdlingen, in einem unbekannten Hause habe ich
-sie verwacht. Ich konnte zwischen Tagesende und dem Anbruch eines neuen
-Morgens, wie durch offene Fenster, in die Seelen von Menschen verschiedener
-Stände, Weltanschauungen und Religionen blicken und sie auf dem Wege
-einer inneren Erschütterung begleiten. Den Aufzeichnungen, die sich mein
-Gedächtnis machte, habe ich in den nächsten Wochen aus der Erinnerung,
-Form und Zusammenhang gegeben. So ist dieses Buch entstanden.
-
-Wir bestimmten, als Pfadfinder gewissermaßen, einen Vierschrötigen mit
-nachlässiger Haltung. Er sagte lächelnd:
-
-»Ja wissens, ich bin halt ein Deutschböhme, ein Prager. Da hat man sich
-sein Lebtag mit seinen lieben Mitbürgern von der anderen Nationalität
-herumgerauft. Da ist beständig Unfrieden gewesen, und es ist immer
-allerhand passiert. Ich hab's satt gekriegt und bin davon ins Reich. Aber
-ich will Ihnen was erzählen, das hab' ich selbst noch miterlebt, ehe ich
-auf immer weg bin aus meiner Vaterstadt.«
-
-Er strich den blonden Vollbart behaglich auseinander und schlug ein Blatt
-aus der Geschichte seines Landes vor uns auf.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Panik
-
-Eine Prager Geschichte
-
-
-Sie gingen ihrer dreißig aus der Ortschaft Motice heraus, dem Bahnhof zu.
-Voran die Männer mit dem Vinzenz Zastoupil als Führer. Hinter ihnen, in
-regellosen Reihen, die Weiber, von denen einige das Brustkind in den Armen
-trugen. Dann kamen die jungen Mädel, in ihre Liebsten eingehängt. Und
-ganz zuletzt kam noch die alte Babi Skoupek, die sich auf Stöcken
-mühsam fortbewegte. Sie gingen durch die winterlichen Felder, unter den
-beschneiten Bäumen, deren Zweige sich im Nachtwind ächzend hin und her
-bewegten und ihnen feuchte Flocken in den Nacken warfen. Aus dem bewölkten
-Himmel fiel kein Licht herab; das Auge sah die Straße nicht. Oft versank
-der Fuß im Schlamm, stieß an Steine, scheute über Wurzeln. Dann gab es
-einen Aufschrei, einen Fluch, ein Lachen. Doch ohne anzuhalten wanderten
-sie weiter.
-
-In kurzen Pausen stieg aus jungen Kehlen mehrstimmiger Gesang. Die
-schwermütig weichen Töne eines Volksliedes mischten sich in das Gespräch
-der Alten, die eifrig überlegten, ob sie den Zug auch noch zur Zeit
-erreichen würden. Und ob das Gerücht vielleicht doch falsch sei. Es
-war ja auch kaum glaublich: die =česka spořitelna=, die große, reiche
-Sparkasse der Deutschböhmen, sollte zugrunde gehen! Freilich: der Vinzenz
-hatte heute gelesen, wer noch etwas kriegen wolle, der müsse laufen. Und
-was gedruckt ist, schwarz auf weiß, muß wahr sein. Damals den Krach der
-Wenzelskasse, den hat auch niemand glauben wollen. Und waren doch da
-noch andere Sicherheiten -- bei der Kirche! -- als bei diesen Hunden, den
-verfluchten Deutschen ...
-
-Bei solchen Reden schoß die Angst von neuem in das Blut der Bauern. Ihre
-Schritte wurden schneller, und ihre Finger betasteten den Schatz, den sie
-versteckt am Körper trugen. Das dünne Buch, den Ausweis ihrer schwer
-ersparten Gulden. Dem Anton Zimprich sollten sie ein Schwein verschaffen.
-Der Marie Lukesch die langersehnte Kuh. Dem Johann und der Rosa Dostal ging
-es um das kleine Feld, das sie bisher als Pächter pflügten. Der Kathi
-Jahoda und dem Josef Kratky um Tisch und Stuhl und Bett und eine Wiege für
-das ungeborene Kind. Die Babi Skoupek wollte sich ein ehrliches Begräbnis
-sichern und sechs Messen für das Heil der Seele. Die Nanny Zlatka sparte,
-um ein rotes Kleid zu kaufen und zwei seidene Schürzen. Der Karl Jakesch,
-um durch einen Halsschmuck von Granaten die Gunst des eiteln Mädels zu
-gewinnen. Für jeden hatte das Ersparte eine andere Bedeutung und für
-alle doch dieselbe. Es war das Licht im Dunkel ihres Lebens, das Sandkorn
-Überfluß in der Wüste ihrer Not.
-
-Als der Zug in den Bahnhof einlief, fanden die aus Motice das Abteil
-dritter Klasse angefüllt mit Landvolk aus den Nachbardörfern. An allen
-Stationen strömten noch Leute hinzu. Alle wurden von derselben Not an
-dasselbe Ziel getrieben. Und jeder wußte neue Unglücksbotschaft. Ein Mann
-zog einen Brief heraus, den ein Geschwisterkind an ihn geschrieben hatte:
-»Du mußt Dich tummeln, Menschheit rennt nur so auf Kassen, sind schon
-beinah' leer.« Ein anderer erzählte, ein Freund von ihm sei schon zweimal
-vergeblich um sein Geld gegangen; immer habe man ihn vertröstet. Viele
-berichteten von der wilden Wirtschaft, die wirklich auf der Sparkasse
-gewesen war. Keine Aufsicht. Falsche Rechnungslegung. Alle Kontrollbeamten
-bestochen. Sogar der Statthalter und viele hohe Herren haben Trinkgelder
-bekommen. Na und überhaupt! Deutsche Schulen hat man unterstützt; mit dem
-Geld von armen Leuten!
-
-Nein: für den Aufstand in Mazedonien (niemand wußte, wer das war) sind
-Millionen draufgegangen.
-
-Dumpfe Wut erfüllte die Gemüter. Das Gespräch verstummte. Der Qualm
-der Pfeifen und der Dunst der Menschenleiber verdüsterte noch das trübe
-Lampenlicht. Durch die dicke Luft drangen Seufzer und Stoßgebete. Kinder
-weinten, Männer schnarchten, Mütter sangen leise ihre Säuglinge in
-Schlaf; nur die Jugend, leichtsinnig, verliebt, kicherte und küßte in den
-Ecken. Draußen aber schrie die Dampfmaschine, wie um Hilfe, gellend durch
-die Nacht; die Räder rollten kreischend ihre Fracht von Menschenangst
-und Menschenelend. Und der Zug ging langsam, hielt an allen Stationen.
-Unbekümmert um die Ungeduld, die in ihm fieberte und bebte. Bis er
-endlich, endlich in die Hauptstadt einfährt. Stoßend, fluchend kämpft
-sich die Menge nach dem Ausgang durch. Jeder will als erster das Haus
-erreichen, zu dem alle hindrängen.
-
- -- -- -- -- --
-
-Die aus Motice halten sich zusammen. Von der Geldgier angespornt hasten sie
-durch die breite Vorstadtstraße. Sie ist ausgestorben. In den einförmig
-gebauten, arm und grämlich blickenden Gebäuden sind alle Fenster dunkel,
-wie erblindet. Nur selten ist ein Erdgeschoß erleuchtet und mit blutroten
-Gardinen fest verhangen. Aus der Tiefe seiner Zimmer dringt Gesang von
-heiseren Frauenstimmen und der Brummton schlechtgestimmter Wirtshausbässe.
-
-Plötzlich wird irgendwo in einer Schenke eine Tür geöffnet, ein wirrer
-Menschenknäuel windet sich heraus. Man hört Ringen, Rennen, Weiber
-kreischen und Betrunkene brüllen: »Haltet ihn!« »Schlagt ihn tot!«
-»Zu Hilfe!« »Patrouille! Patrouille!« Dann folgt wieder Todesstille.
-Und in der Luft, die fahlfarbig wie Asche ist, in dem Frösteln dieser
-Dämmerstunde, hängt bleischwer eine hoffnungslose Traurigkeit.
-
-Die Bauern traben vorwärts. Ihre schweren Tritte erwecken weithin einen
-dumpfen Widerhall. Es ist, als stampfte eine Herde Tiere durch die Gassen.
-
-Jetzt füllt ihre Last die Kettenbrücke, die sich schaukelnd hin und her
-bewegt. Blasse Nebel steigen aus dem Flußbett und verhüllen die Umgebung.
-Aber ein verworrenes Rauschen kündet den Wandernden von weitem: sie sind
-nicht die ersten am Ziel. Spät kommen sie, zu spät vielleicht.
-
-Da laufen sie, als könnten sie verlorene Stunden wieder fangen. Sie
-stürzen vorwärts, bis sie, am Brückenende angelangt, sich jählings
-rückwärts werfen. Wie die Woge zurückschlägt, die an den Stein des
-Schutzwalls brandet. Eine Mauer von Berittenen sperrt den Weg. Als Kette
-umschließen sie den Platz vor dem Sparkassengebäude, pferchen die
-Versammelten ein und wehren den Zuströmenden den ungehemmten Einlaß.
-Wie durch eine schmale Gasse müssen sie sich zwischen Pferdeleibern und
-Pferdehufen in die Gruppen der zuletzt Gekommenen drängen. Da stehen sie,
-von Nebeln eingeschlossen, eingekeilt in eine dunkle Menschenmasse, und
-müssen warten.
-
-Nach und nach erhellt sich die Luft ein wenig. Die fahle Dämmerung gebiert
-den grauen, regenschweren Tag. Windschauer künden sein Kommen. Sie zerren
-an den feuchten Kleidern der Harrenden, die frierend auf den nassen Steinen
-hocken, reißen die Nebel auseinander und entschleiern die Landschaft.
-
-Ein breiter Strom fließt ruhig zwischen den Quadersteinen der
-Kaieinfassung. An seinem linken Ufer baut sich ein Teil der Stadt auf; das
-altertümliche Aristokratenviertel, dessen Kirchen und Paläste mit ihren
-Türmen und Fassaden aus dem Gewühl der Bürgerhäuser ragen. An steilen
-Höhenzügen steigt es aufwärts und trägt als stolze Krone die
-alte Königsburg, deren Masse sich wuchtig von dem Dom mit dem feinen
-Spitzenwerk der Strebebogen abhebt. Ein wundervolles Bild, der Schwere ganz
-entkleidet in dem Morgendunst, der es in fließenden Luftstoff hüllt.
-
-Nur hundert Schritte weit, nur bis zum Rande das Kaiufers brauchen all die
-Menschen hinzutreten, um es in sich aufzunehmen. Und den Anblick der vielen
-kühngeschwungenen Brücken, der Inseln, die im Fluß gebettet liegen, und
-der Wehren, über die das Wasser tosend schäumt. Doch hätte selbst der
-Zaun der Wachen sich aufgetan: diese Menschen hätten den Kopf nicht nach
-links gekehrt. Ihre Augen sind für Natur und Schönheit ganz verschlossen.
-Sie sehen nichts als das Gebäude, das ihre Hoffnungen einschließt, und
-die Menge, die sie davon trennt. Sie bohren ihre Blicke in die Mauern, als
-könnten sie durch ihre Ritzen dringen und entdecken, welches Schicksal
-sich für sie dahinter vorbereite.
-
-Die Qual ist unerträglich. Da ist das Haus; man braucht nur hineinzugehen.
-Und muß warten, als wär's meilenweit entfernt. Drei Stunden muß man noch
-warten, ehe das Tor sich öffnet. Und wie viele Stunden, ehe die Reihe an
-einen kommt! So viele Feinde vor sich, so viele Nebenbuhler in dem Kampf
-um das ersparte Geld. Jeder haßt grimmig seinen Vordermann und seinen
-Nachbar. Vielleicht ist der gerade der letzte, dem vergönnt ist, seine
-Habe zu erraffen und seinem Nachbar das bißchen Eigentum zu stehlen.
-
-Der Menschenhaufe wächst noch immer; umritten und geknufft, getreten
-und gestoßen. Und aus der dunkeln Masse steigen aufreizende Klagen und
-Gerüchte.
-
-»Hör' ich, sind die Kassen leer.«
-
-»Wahr ist es. Die Millionen, mit denen die deutschen Zeitungen sich
-berühmen, stehen nur auf dem Papier.«
-
-»Alles haben sie verspekuliert.«
-
-»Mit den Türkenlosen; die sind so gefallen.«
-
-»Kein Gedanke! Für die deutschen Wahlen sind dreißig Millionen
-draufgegangen.«
-
-»Was euch nicht einfällt! Den deutschen Fabrikanten hat man aufgeholfen.
-Deutschen Studenten hat man Geld geschenkt und große Häuser.«
-
-»Mit dem Schweiß von armen Tschechen haben diese Schweinehunde sich
-gemästet!«
-
-»Stinkende Gemeinheit! Wo das ihnen gar nicht gehört. Wo das ihnen von
-Kaiser Franz geschenkt ist, daß es armem Volk zugute kommt!«
-
-Ein Brummen, Rollen, Brausen, das sich nach und nach verstärkt, hallt
-durch die Straßen. Die Stadt ist erwacht und schickt ihre Boten.
-Allerlei Verkäufer drängen sich heran. Mit Brezeln, warmen Würsten,
-Bratkartoffeln, Kastanien und gebackenen Fischen. Und durch die Kette der
-Berittenen kriechen seltsame Gestalten. Männer in verschlissenen Röcken,
-unrasiert und ungewaschen, manche noch im Schlafrock mit Pantoffeln. Wie
-Geier, die Beute wittern, umkreisen sie die Wartenden, schieben sich an
-die Gefolterten, Erschöpften heran, schüren ihre Aufregung und Angst;
-flüstern ihnen zu, daß die Sachen schlecht stehen; daß sogar die
-deutschen Einleger schon alle ihr Vermögen behoben haben; daß sämtliche
-Wertpapiere der Sparkasse versetzt sind; daß sich heute nacht einer von
-den Direktoren erschossen hat; daß zwei andere in Wien vergeblich von Tür
-zu Tür laufen und um Hilfe betteln. Sie lassen sich die Büchel zeigen,
-schütteln bedauernd die Köpfe, weisen nach, daß kein Kreuzer mehr darauf
-zu kriegen sei, und sind nur aus Mitleid und aus Menschenliebe erbötig,
-die wertlosen Dokumente für ein Geringes einzulösen.
-
-Häßliche Weiber, die ungekämmten Haare unter wollenen Hauben, um die
-fetten Hängebrüste buntkarierte Umschlagtücher, machen sich an junge
-Frauen, an die hübschen Mädel. Sie suchen sie für Stellungen zu werben,
-deren Vorteile sie lockend schildern. Wenig Arbeit, hoher Lohn, alle Tage
-Fleisch, Bier und Mehlspeise; und abends Freiheit, um zur Tanzmusik zu
-gehen und sich zu unterhalten.
-
-Freche, rotgeschminkte Dirnen gehen auf dem Pflaster auf und ab, lauern
-dem Mannsvolk auf; wenn es, die Taschen voll Geld, die Großstadtfreuden
-kennenlernen will ...
-
-Ein aufgeregtes Meer von Leidenschaften und Gelüsten umwogt das Gebäude,
-das grau und düster, mit festverschlossenen Fensterläden, dasteht; ein
-Fels, den der Gischt der Brandung nicht erreicht.
-
-Die aus Motice waren voneinander losgerissen. Nur die Paare, die sich ganz
-fest verklammert hatten, waren nicht getrennt. Der Karl Jakesch hielt die
-Nanny Zlatka dicht an sich gepreßt. Er ließ sie nicht erfrieren, und ihm
-ward die Zeit nicht lang. Den Bankkrach und die Kälte hätte er gesegnet,
-ohne die eifersüchtige Wut auf die Begehrlichkeit der Burschen, die sich
-an seine Liebste drängten und sich mit Worten und Gebärden an ihr zu
-schaffen machten. Nicht weit von diesen beiden saß die Kathi Jahoda auf
-der Erde. Mitleidige hatten dem armen Weib aus ein paar Bündeln einen Sitz
-geschaffen. Darauf hockte sie, lehnte sich an ihren Josef und erleichterte
-ihr schweres Herz von Zeit zu Zeit mit einem Tränenstrom. Die alte Babi
-Skoupek aber hatte sich, trotz Fußtritten und Rippenstößen, wie eine
-Katze vorgeschlichen, bis zu dem Prellstein dicht beim Eingangstor der
-Kasse. Den Rücken an den Stein gelehnt, den müden Körper schwer auf
-ihren Krücken, murmelte sie ein Ave um das andere. Sie wollte ja die
-Gulden nicht verjuxen und verfressen. Darum mußte die Jungfrau Maria
-auch ein Einsehen haben und ihr zu ihrem Geld verhelfen, damit sie nicht
-verdammt sei, im Fegefeuer gebraten und gespießt zu werden.
-
-Jetzt geht ein Dröhnen durch die Luft. Von allen Türmen schlägt es
-neunmal. Das langverschlossene Tor dreht sich in seinen Angeln.
-
-Wie ein reißender Gebirgsstrom stürzt sich die Menge in die Öffnung.
-Sie beachtet die Fäuste nicht, nicht die Pferdehufe und das Kreischen
-der getretenen Frauen und gequetschten Kinder. Es gibt Wunden wie in einer
-Schlacht, als die Polizisten, mit der Rücksichtslosigkeit der Notwehr, die
-schweren Flügel wieder schließen, unbekümmert um die Menschenleiber,
-die sich dazwischen pressen, klammern und stemmen. Ein ganzer Schwarm
-ist trotzdem schon in das Haus gedrungen; und auf der Treppe, die in den
-Lichthof führt, wiederholt sich der Kampf. Die Schwächsten werden in den
-Hof geworfen, wo sie an den Brunnen stürzen, verschmachtet trinken,
-sich dann entkleiden und waschen, überhaupt tun, als wären sie in ihrem
-eigenen Haus. Ihre glücklicheren Gefährten balgen sich inzwischen um
-die Plätze an den Kassenschaltern. Und die Marter der bangen Nacht- und
-Morgenstunden steigert sich im Augenblick der äußersten Entscheidung zur
-fürchterlichen Spannung.
-
-Die ersten, die ihr Geld in Händen halten, stoßen Töne aus wie Tiere,
-die, den Bissen schon im Maul, noch eines Raubes gewärtig sind. Ihr
-Aufschrei überreizt die Erregung derer, die schon sehen und noch nicht
-haben. Ihre Augen treten aus den Höhlen, ihre vom Fieber trockenen Lippen
-sind weit geöffnet. Sie knittern das Kassenbuch in ihren Fäusten und
-schieben sich besinnungslos vorwärts. Bis auch sie das Rascheln des
-Papieres, den Klang des Geldes hören und alle Pein im Freudenrausch
-vergessen.
-
-Viele hat der jähe Übergang von Verzweiflung zu Entzücken ganz
-betäubt. Sie wurzeln im Boden und müssen fortgetrieben werden, damit die
-Menschenwoge, die von neuem zu der Schwelle des Parteiensaales aufsteigt,
-sie nicht verschütte.
-
-Ein Weib, das eben einen Tausender erhoben hat, hält ihn verkehrt in ihren
-Fingern und bestarrt verständnislos das Stück Papier. Man muß ihr den
-Wert erklären. Ihr schwindelt. So reich ist sie? Und solches fürstliche
-Vermögen steht auf diesem kleinen Wisch? Als sie ihn bergen will,
-zerreißt sie ihn, so beben ihre Glieder.
-
-Ein zweites Weib verlangt Gold, reißt die Rollen auf und taucht mit
-hysterischem Gelächter ihre Hände in die blanken Münzen.
-
-Manche brüllen auf vor Glück, sobald sie ihr Vermögen zu Gesicht
-bekommen. Dann erklären sie sich befriedigt. Ihr Geld ist da; sie haben
-es gesehen, betastet. Nun soll es die Kasse wiederum behalten. Schwer ist
-ihnen beizubringen, daß dies nicht ohne weiteres zu machen sei.
-
-Das Mißtrauen anderer ist um so größer. Sie verweigern die Annahme der
-Summe, um die sich, durch die Zinsen, ihr Sparpfennig vergrößert hat. Sie
-halten diesen Überschuß für Bestechung und wittern, daß man sie in eine
-Falle locken wolle.
-
-Inmitten dieses Wirbelwindes von Zweifeln, Wünschen und Bedenken stehen
-die Beamten ruhig hinter ihren Schranken. Sie sind übermüdet und
-erschlafft und halten sich nur mühsam aufrecht. Aber unbeirrt und
-gleichmütig versehen sie den Dienst, und nichts in diesem Ansturm scheint
-sie zu erschrecken. Ist ihre Zuversicht erheuchelt, ist sie echt? Ist der
-Goldquell, aus dessen Fülle sie seit Tagen schöpfen, unversiegbar, oder
-ist er dem Vertrocknen nahe? Ruht das Gebäude des Vertrauens, an dem sie
-mitgebaut hatten, auf unerschütterlichem Grund, oder wankt es in seinen
-Pfeilern und droht in der nächsten Stunde einzustürzen und die Wohlfahrt
-Hunderttausender unter seinen Trümmern zu begraben? Keine Bewegung ihrer
-überwachten Züge verrät, was sie empfinden. Mit unermüdlicher Geduld
-halten sie den Fragen Stand, rechnen und zahlen, beruhigen, beraten und
-erklären und finden noch die Kraft, den Mut der Einleger durch Scherze zu
-beleben.
-
-Dem trüben Tag ist Dunkelheit gefolgt. Das Glühlicht flammt auf und
-steigert die Hitze. Aller Sauerstoff ist aus der Luft geatmet; sie ist vom
-Gluthauch wilder Leidenschaft verbrannt. Schlechte Dünste und Gerüche
-ballen sich zusammen und durchziehen sie in dicken Streifen. Wie im
-Nebelwetter auf der Straße ein Strahlenkranz um die Laternen zittert, so
-schwebt irisierend der Staub um das Glas der Lampenglocken. Dick lagert er
-auf dem Holz der Schalter, klebt auf der Haut und auf der Kleidung, dringt
-in alle Ecken, überzieht Banknoten und Dukaten. Aus seinem Grau hebt sich
-nur der Farbenfleck der Kassenbücher, die sich auf den Pulten türmen und
-deren Einband verrät, daß sie alle aus tschechischen Bezirken stammen.
-Rot leuchten sie aus dem Düster. Es ist, als überströmte Blut die
-Tische. Das Lebensblut des Volkes, das in nationalem Haß sich selbst
-zerfleischt, um den Gegner zu vernichten.
-
-Es ist Nacht geworden. Bleiern lähmt Müdigkeit die Tatkraft der Beamten.
-Schweigend, mit automatischen Gebärden, von Staub und Rauch in Schleier
-eingehüllt, bewegen sie sich hin und her wie Schatten. Doch die Wut des
-Ansturms tobt unvermindert. Wie dem Sagentier für jedes abgeschlagene
-Haupt ein neues wuchs, so kommt der Menge vor dem Tor für jeden Trupp, der
-abzog, neuer Zuwachs aus den Straßen. Und der Anblick der Beglückten, die
-ihre Habe geborgen mit sich führen, schürt, statt sie zu dämpfen, ihre
-fieberhafte Angst.
-
-Unmöglich scheint, daß der Vorrat noch immer reichen könne. Vielleicht
-werden in diesem Augenblick die letzten Summen ausgeteilt, vielleicht
-erbeutet der Vordermann, der eben ins Haus gedrungen war, das letzte
-Goldstück. Sie aber würden nur die leeren Kassen finden, den Bankerott,
-das Elend.
-
-Als sich um Mitternacht die Tore zum letztenmal in ihren Angeln drehen und
-sich dann erneutem Eingang kreischend schließen, ohne Rücksicht auf die
-Verzweifelten, die sich zwischen die Flügel werfen, klammern und stemmen,
-da geht ein Wehruf durch die Reihen der Enttäuschten, die wieder eine
-lange bange Nacht von der Erfüllung trennt. In den Häusern, die den Platz
-begrenzen, fahren die Schläfer auf. Sie recken sich hoch in ihren Betten
-und lauschen zitternd. Und sie ahnen, daß zu ihren Füßen ein Raubtier
-wacht, das seiner Kräfte nur bewußt zu werden braucht, um mit den starken
-Pranken Käfig und Bändiger zu zerbrechen.
-
-In der kahlen Bahnhofshalle saßen die aus Motice und erwarteten den Zug,
-der sie in ihre Heimat bringen sollte. Niemand fehlte als die Nanny Zlatka
-und der Karl Jakesch. Sie waren fahl und schmutzig wie Soldaten, die von
-einer langen Übung kommen, und ein säuerlicher Branntweinduft umströmte
-sie. Mit Geräusch und lebhaften Gebärden besprachen sie die Abenteuer
-dieser vierundzwanzig Stunden, in denen sie mehr Aufregung gekostet hatten
-als während ihres ganzen Lebens. Der Franz Zastoupil war der beredtste.
-Er nahm den Mund sehr voll, hielt alle seine Beschuldigungen aufrecht,
-prophezeite nahen Untergang der =Spořitelna= und wußte viel zu schimpfen
-über die Grobheit der Bankbeamten und die Roheit der Polizisten. Doch
-er verschwieg, daß er verstanden hatte, ein paar Verängstigten ihre
-Sparbücher für den halben Wert herauszulisten, und daß er unter seinem
-schmierigen Gewand eine Summe trug, die ihm die Schenke, die er nur
-gemietet hatte, als Eigentum erwerben sollte.
-
-In einer Ecke kauerte die Maria Jahoda und stützte ihren Josef, der, lang
-ausgestreckt, sich auf den Steinen wälzte. Weinend klagte sie: als sie
-endlich zu ihrem Geld gekommen waren, sei der Josef beinahe närrisch vor
-Freude geworden. Er habe sie ins Wirtshaus mitgeschleppt, dort Bier und
-Fleisch bestellt und, schon halb betrunken, mit einem Frauenzimmer, das ihn
-umstrich, zu scharmieren angefangen. Plötzlich sei er aufgesprungen, habe
-das Mädel um den Leib gefaßt und sei mit ihr auf und davon gerannt. Sie
-hatte seine Zeche zahlen müssen und war dann ausgegangen, ihn zu suchen.
-Erst nach vielen Stunden hatte sie ihn an einer Straßenecke wieder
-aufgefunden. Er war sinnlos berauscht; aus seiner Tasche fehlten hundert
-Gulden. Für ihre Vorwürfe bekam sie Schläge, und mit Mühe schleppte sie
-den Taumelnden hierher. Die Tränen flossen in Strömen über ihre hohlen
-Wangen. Das Schluchzen stieß sie krampfhaft. Der Mann an ihrer Seite,
-der in der Trunkenheit die Schuldigen vertauschte, lallte stumpfsinnig
-dazwischen: »Sie muß Prügel haben! Das Weibsmensch hat mich bestohlen!
-Wenn sie nach Haus kommt, kriegt sie ihre Prügel.«
-
-Der Johann und die Rosa Dostal dagegen waren sehr zufrieden. Sie hatten
-einen Menschenfreund gefunden, der sich ihrer Not erbarmte. Einen furchtbar
-reichen Herrn; das große Zinshaus nahe bei dem Sparkassengebäude
-gehörte ihm; sie wußten es aus seinem eigenen Munde. Er hatte sich bereit
-erklärt, ihr Erspartes in seinem Bankhaus anzulegen. Zu hohen Zinsen.
-Acht Prozent pro Jahr. Die erste Rate hatte er gleich ausbezahlt. In der
-Seligkeit des neuen Reichtums hatten sie viel eingekauft. Kaffee, Zucker,
-Tabak, Kleiderstoffe für die Kinder und einen Teppich, den sich die Frau
-schon lange wünschte. Lächelnd hörte ihnen die Babi Skoupek zu. Von
-Zeit zu Zeit befühlte sie den Brustlatz, unter dem sie, in ein Taschentuch
-geknotet, ihr Gold geborgen hatte. Sie dachte nicht daran, sich noch einmal
-davon zu trennen. Unter ihren Strohsack wollte sie es schieben oder in
-ihrem Gärtchen in die Erde graben. Da konnte es ihr nicht verlorengehen.
-
-Die Türen zum Bahnsteig wurden geöffnet, und der Schaffner rief zum Zug
-ab. Und immer noch fehlten die Nanny Zlatka und der Karl Jakesch.
-
-Man lachte. Manche meinten: das gemeinsame Warten hat dem Pärchen so
-gefallen, daß es auch diese Nacht zusammen verbringen wird. Vor dem
-Sparkassengebäude -- oder anderswo.
-
-Schon waren die aus Motice in ihr Abteil eingestiegen, kaum eine Minute
-fehlte noch bis zur Abgangszeit, da stürzte Karl Jakesch in den Wagen und
-schrie: »Ist die Nanny hier?« Die Haare hingen wild um seine Schläfe;
-in seine Augen war das Blut getreten. »Ist die Nanny hier?« Obgleich ihm
-sein Auge Antwort gab, durchsuchte er die Winkel. Dann, in der Sekunde,
-wo der Zug sich in Bewegung setzte, riß er die Tür auf und sprang wieder
-hinunter auf die Steine. Er stürzte, stand wieder auf, lief auf den
-Schienen hin und her. Die Fahrenden hörten noch sein wildes Brüllen:
-»Ich schlag' sie tot! Wenn ich das Luder antreff', schlag' ich's tot!«
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Ein dürftig aussehender, engbrüstiger Jüngling war mir durch die
-Aufmerksamkeit aufgefallen, mit der er die Rede des Deutschböhmen
-verfolgte. Nun fiel er schnell in dessen letzte Silbe ein:
-
-»Was für fremdartige Bilder. Was für sonderbare Leute. Wie waren
-Sie doch zu beneiden, mit einem Volk zu leben, das noch so jung ist.
-Unangekränkelt von Bildung und Kultur. Voll von Eigenart und
-Farbigkeit und Rasse. Sie lachen?« Er warf mit einer wie es schien
-gewohnheitsmäßigen Bewegung die glatten schwarzen Haare aus dem Gesicht
-zurück. »Sie wissen vielleicht nicht, was es heißt, am grauen Einerlei
-zugrunde gehen. Immer nur von Fertigem umgeben. Keine Freude, als die
-Sehnsucht. Und die Hoffnung, daß vielleicht irgend einmal sich ein Wunsch
-erfüllt. So ist es,« er zögerte, »einem Freund von mir ergangen. Wenn
-ich wagen darf, möchte ich Ihnen von ihm sprechen.«
-
-Er sah sich um, als fürchte er, es könne ihm die Zustimmung verweigert
-werden. Ich dachte: er ist gewiß ein heimlicher Poet. Noch in Keuschheit
-zugeschlossen und doch schon glücklich, etwas von seinem inneren Empfinden
-preiszugeben. Ich hörte seine Stimme zittern bei den ersten Worten.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Die Reise nach Indien
-
-
-Sebastian Schierke war von Geburt an ein Träumer. Er lag stundenlang in
-seinem Korb und starrte in die Hängelampe, unter der der Vater auf seinem
-Schusterschemel saß und nähte. Seine ersten Wahrnehmungen erwachten in
-ihrem Lichte. Sie blieb ihm die Sonne, als er schon reif genug war, auf
-allen Vieren zu kriechen. Der Kreis, den ihre Strahlen erhellten, schien
-ihm unermeßlich. Und die Ecken, in die sie nicht hineinleuchtete, waren
-für ihn unheimliche, von schrecklichen Dingen erfüllte Höhlen.
-Das empfand er, ehe er es verstand. Ehe er noch seinem Spielzeug, den
-zerrissenen Stiefeln, den Holzleisten und Handwerksgeräten Namen und
-Gefühle verlieh. Ehe er noch für das Gemisch von Pech-, Leder- und
-Petroleumgeruch einen Ausdruck erfunden hatte. Das Wort »Buhaha«, in das
-er eine Fülle von Bedeutung hineingeheimnißte.
-
-Dann, als er zum erstenmal die Kellertreppe hinaufkletterte, sah er, wie
-groß die Welt war. Wochenlang dauerte seine Reise durch alle Gänge,
-Nischen, Höfe und Bodenräume des altmodischen, winkeligen Hinterhauses.
-Die Straße mied er, sie war ihm zu hell und schnurgerade. Auch scheute er
-die anderen Kinder und ihre geräuschvollen Spiele.
-
-Am liebsten saß er im Holzkeller zwischen den Stößen, während die
-Mutter die gefüllten Körbe in die Wohnung des Hausherrn schleppte. Da war
-er in dem großen, finsteren Märchenwald, von dem ihm der Vater zuweilen
-erzählte. Von ganz hinten kam ein matter Lichtschein (es war Mutters
-Laterne, die an der Erde stand) aus einem einsamen Haus. Darin hielt die
-böse Hexe das Königskind gefangen. Er selbst hockte zwischen riesigen
-Bäumen, roch die Tannen und welkenden Blätter und lauschte auf ein
-entferntes Rauschen und Murmeln. Und gleich mußte die Tür aufgehen und
-die Prinzessin eintreten, im weißen Kleid, die goldene Krone auf dem Kopf,
-und zu ihm sagen: »Bitte, lieber Prinz ...«
-
-Gewöhnlich kam im schönsten Augenblick die Mutter und schalt, wenn sie
-ihn antraf. Müßig, mit verschlafenen Augen. Der Vater aber nahm ihn
-immer in Schutz. Der blasse Mann, an dem eine tückische Krankheit langsam
-zehrte, verstand seinen Knaben. Auch ihm waren die Gedanken die liebsten
-Gefährten. Aber hatte er es nur bis zum Flickschuster gebracht, der
-Sebastian war zu etwas Höherem geboren. Dafür hatte er, schwarz auf
-weiß, die sicheren Beweise.
-
-Auf der Kommode in der Hinterstube lag, zwischen einem Porzellanhund und
-einem Glaspokal, eine schwarze, goldbetreßte Mappe. Darin ruhten, nach dem
-Datum geordnet, Sebastians gesammelte Gedichte.
-
-Das erste, das er in seinem siebenten Jahre mit ungelenken Buchstaben
-hingemalt hatte:
-
- »Nachtz mich der Schluhmer fliht,
- Gott in mein Hertze siht,
- Nichtz is alz Lihbe drein,
- Lihb für mein Feterlein.«
-
-Das gereiftere, beiden Eltern gewidmete:
-
- »Und eh wangt Fels und Stein,
- Eh fellt des Himmels Welbung ein,
- Eh ich vergehs was ich euch dank
- Was ihr mir tuth mein Leben lank.«
-
-Das Lied, zu dem ihn drei Jahre später ein Ausflug nach Wilmersdorf
-begeistert hatte:
-
- »Mein Herz gleicht der wandernden Welle
- Es gleicht dem schimmernden See
- Es mischt in die Freude die helle
- Sich leise ein flüchtiges Weh.«
-
-Und viele andere. -- Vater Schierke kannte sie alle auswendig, er summte
-sie bei der Arbeit halblaut vor sich hin. Und für die Kunden, die sie zu
-hören verlangten, suchte er das haltbarste Leder aus.
-
-Der Gemeindeschullehrer war weniger zufrieden mit dem jungen Sebastian.
-
-Rechnen und Rechtschreiben waren dem Knaben unsympathisch. In der
-Geographie interessierten ihn nur die entferntesten Erdteile, und
-dem deutschen Aufsatz war seine lebhafte Phantasie mehr störend als
-förderlich.
-
-Daß ihm im Grunewald eine Hyäne begegnet sei, wollte ihm der Lehrer
-durchaus nicht glauben. Und ein Gedicht, das er in die Schilderung der
-Ferienfreuden einflocht:
-
- »Rings im Schlummer lag die Welt,
- Niemand wach als sie und ich,
- Und im gelben Ährenfeld
- Küßt' ich sie und küßt' sie mich«
-
-wurde als »völlig anstößig« mit einer schweren Rüge bestraft.
-
-Den Vater bekümmerte das nicht. Sein Junge war eben ein Genie. Und
-»Genies brauchen keine Bildung, sie nimmt ihnen nur die Kraft und die
-Naivität,« versicherte ihm der junge Schriftsteller, der Jahr um Jahr
-seine Stiefeln schuldig blieb.
-
-Bis zur dritten Klasse war Jungschierke mühsam geklettert. Da legte sich
-der Alte zum Sterben.
-
-Nach acht Wochen schweren Siechtums trug man ihn, unter der brennenden
-Lampe hinweg, in das ewige Dunkel. Er freute sich nicht mehr an den Versen,
-die ihm sein Dichter auf den Grabstein schrieb:
-
- »Schatten des Todes, du schreckest uns nicht,
- Die wir vertrau'n auf das göttliche Licht.
- Will uns vor Schmerz auch das Herz fast vergeh'n,
- Bleibt uns der Trost doch, Dich wiederzuseh'n.«
-
-Er litt nicht mehr an dem Kummer, den sein Tod seinem Liebling brachte.
-
-Krankheit und Begräbnis hatten alle Ersparnisse aufgezehrt und zu Schulden
-gezwungen. Frau Schierke verkaufte Handwerkszeug, Vorräte und die besten
-Möbel. Sie vermietete die Vorder- und Hinterstube an eine Plättanstalt
-und sich selbst als Gehilfin. Für sich und den Jungen behielt sie nur die
-Küche und eine kleine Kammer.
-
-Mit der Kommode, dem Porzellanhund und dem Glaspokal verschwand auch die
-Mappe mit Sebastians gesammelten Gedichten. Bis Ostern durfte er die Schule
-noch besuchen, dann wurde er eingesegnet und ausgeschickt, einen Erwerb zu
-suchen. Zu einem Handwerker natürlich. Denn »jelernt haste nischt, und
-vor det olle Jequassel und Jeschmiere jiebt dir keen Mensch keenen Dreier
-nich« meinte die Mutter.
-
-Sebastian widersprach nicht. Sein Kindersinn war schwer verdüstert durch
-den Verlust des gütigen Vaters. War er früher still gewesen, jetzt wurde
-er stumm.
-
-Sein Abgangszeugnis war schlecht. Seine schwächliche, engbrüstige
-Gestalt, die zögernde Sprache nahmen gegen ihn ein. Von Stelle zu Stelle
-wurde er abgewiesen. Bis sich ein früherer Kunde des alten Schusters,
-für den Frau Schierke jetzt die Hemden plättete, seiner annahm. Der alte
-Justizrat Korn setzte den jungen Schierke als Schreiber in seine Kanzlei.
-
-Da saß er nun Tag um Tag und Jahr um Jahr an einem gelben Holztisch, den
-überschlanken Körper weit vorgebeugt, um die kurzsichtigen Augen
-den schreibenden Fingern zu nähern, und malte verständnislos, aber
-gewissenhaft die Buchstaben auf das Papier. Tag um Tag freute er sich auf
-den Augenblick, in dem er die Feder ausspritzen, den grauen Kattunärmel
-abstreifen und die Tür des Bureaus hinter sich schließen durfte. Dann
-regten sich die heimlichen Gedanken, die Tags über an der Kette lagen.
-Dann schlüpften sie aus ihrem Versteck und flatterten und sangen um ihn
-her wie freigewordene Vögel.
-
-Zu Hause mußte er noch der Mutter helfen. Einholen, Feuerung tragen, fegen
-und bürsten. Nachts aber, allein in der kalten Kammer, schrieb er beim
-Kerzenlicht auf, was in ihm klang und weinte. Seine schwerersparten
-Groschen wandte er an Papier, Tinte und Porto. Einmal mußte doch der
-Erfolg kommen, die Anerkennung -- die Freiheit.
-
-Ach! Sie kamen alle wieder, die Reime, die er in die Welt hinausschickte.
-Diejenigen ausgenommen, deren Rücksendung man ganz vergaß.
-
-Da starben ihm langsam Mut, Hoffnung und der Glauben an sich selbst. Nur
-die Phantasie blieb leben und hungerte. Er suchte ihr fremde Nahrung. Er
-machte Jagd auf alles Gedruckte. Auf die billige Zeitung seiner Wirtin,
-der Plättstubenbesitzerin Frau Ruhnau. Auf die Kolportagehefte ihrer
-Gehilfinnen, auf ihre Käse- und Stullenpapiere. Seine Spargroschen trug er
-jetzt zum Trödler, bei dem er in alten, zerrissenen Büchern wühlte.
-Was ihn entzückte, waren Ritter- und Schauerromane, Kriminal- und
-Jagdgeschichten. Außergewöhnliche, aufregende Ereignisse. Der Gegensatz
-zu seinem armseligen, eintönigen Leben.
-
-Eines Tages fand er im Bureau unter einem Stoß alter, dem Einstampfen
-geweihter Akten ein paar rote Bände. Verjährte Baedeker von Oberitalien
-und der Schweiz, zum Wegwerfen bestimmt. Er nahm sie an sich. Des Einbandes
-halber, und weil ihn jedes Buch reizte. Zu Hause erst entdeckte er,
-was für einen Schatz er sich erbeutet hatte. Was waren alle erfundenen
-Geschichten gegen diese fesselnde Wirklichkeit! Was für Herrlichkeiten gab
-es draußen in der Welt! Wie leicht waren sie zu erreichen! Man brauchte
-nur Geld in seine Börse zu tun, in den ersten besten Eisenbahnzug zu
-steigen und dann dem roten Wegweiser getreulich zu folgen.
-
-Er tat das alles -- im Geiste.
-
-Er überschritt die höchsten Pässe, bestieg die gefahrvollsten Gipfel,
-durchlief die herrlichsten Kirchen und Galerien. Jeden Weg und Steg lernte
-er auswendig, bemaß alle Entfernungen, kannte alle Aussichtspanoramen und
-hätte mit verbundenen Augen die schwierigsten Bergübergänge gefunden.
-Er war ein vornehmer Reisender. Fuhr nur mit Schnellzug und Extrapost,
-bewohnte die teuersten Hotels, speiste in den feinsten Restaurants, kaufte
-ab und zu kostbare Kunstgegenstände und sparte nicht mit Trinkgeld. Und
-mußte nur täglich seine Reise für vierzehn Stunden unterbrechen, um in
-der Kanzlei und Plättstube zu arbeiten.
-
-An einem Freitag Abend war er mit zwei der besten Führer aufgebrochen, um
-den Montblanc zu besteigen. Er wählte den schwierigsten Aufstieg über den
-Brouillardgletscher und wurde eben angeseilt, um eine kaminartige Schlucht
-zu erklimmen. Da holte ihn Frau Ruhnau. Vorn im Laden lag die Mutter.
-Mitten in der Arbeit hatte ein Herzschlag sie umgeworfen.
-
-Sebastian hatte der Mutter innerlich nicht nahe gestanden. Was er, der
-Weltfremde, an ihr verlor, machte er sich nicht klar. Um so weniger, als
-Frau Ruhnau, eine kinderlose Witwe, sich anbot, ihn für ein geringes
-Entgelt weiter zu versorgen. So bedeutete ihm dieser Tod fast eine
-Befreiung.
-
-Fortan gehörten seine Mußestunden ihm. Er konnte erleben, was er bisher
-geträumt, er konnte reisen. Nur in den Tiergarten zwar und Sonntags
-allenfalls in den Grunewald. Aber eine Bank unter Bäumen, am Rande eines
-Sees wurde ihm zum Zauberroß, das ihn in weite Fernen trug.
-
-Er schloß die Augen und hörte das Rauschen des Wasserfalles, roch den
-Duft der Matten. Die Glocken der Pferdebahn wurden ihm zum Kuhgeläute, das
-Pfeifen der Stadtbahnzüge zum Signal des Dampfschiffes. Fremdartige Vögel
-sangen ihm zu Häupten, in fremden Zungen redeten die Menschen, die ihn
-umgaben.
-
-Und das schönste blonde Mädchen, das bei ihm vorbeiging, war sein
-heimliches Liebchen. Zwar tat sie fremd und erhob nicht die Blicke. Aber er
-wußte, seine Träume wußten, wie süß und zärtlich sie ihn liebte.
-
-Zuweilen gelang es ihm, sich zu verirren.
-
-Dann überliefen ihn alle Schauer des Geheimnisvollen. Der Kiefernforst
-wurde zum Urwald. Hinter dem undurchdringlichen Dickicht lag eine
-unbekannte Welt. In den Zweigen und Blättern knackten und raschelten die
-Tritte wilder Tiere, er schwebte in lauernden Gefahren. Bis zum Herzklopfen
-wußte er sich die unheimliche Stimmung zu steigern.
-
-Trat er dann auf eine Lichtung hinaus und sah im Frieden des stillen
-Sommerabends ein Rudel Rehe äsen, sah das letzte Licht der Sonne, das
-die Stämme rötlich streifte und den See durchglühte, dann füllte ein
-übermächtiges Gefühl Herz und Seele. Er warf sich in das Heidegras und
-weinte vor trauriger, sehnsuchtsvoller Seligkeit.
-
-Von diesen Ausflügen kam er ermattet heim. Mit fiebernden Wangen, in
-den Augen einen trunkenen Glanz, die Lippen glühend wie vom Kuß der
-Geliebten. Nachts schlief er schlecht, hustete, wälzte sich ruhelos und
-schlich am anderen Morgen lustlos zu seiner Arbeit.
-
-Frau Ruhnau sah ihm kopfschüttelnd nach. Sie hatte sich den Verkehr mit
-ihm ganz anders gedacht. Eine Mischung von mütterlicher und weiblicher
-Liebe fesselte sie an ihren jungen Mieter. Seine Hilflosigkeit dauerte
-sie, zugleich war sie berührt von seiner stillen Eigenart. Wenn er der
-Versuchung, seine alten Gedichte wieder einmal zu hören, nicht widerstehen
-konnte und ihr abends daraus vorlas, wenn seine Gestalt sich aufrichtete,
-wenn ihm die Haare in das blasse Gesicht fielen und seine Züge sich
-verklärten, schien er ihr fast schön. Längst machte sie sich allerlei
-Gedanken.
-
-Er war zwar neun Jahre jünger als sie, aber darauf kam es bei so einem
-nicht an. Eine Junge, Leichtsinnige würde schlecht zu ihm passen. Er
-brauchte eine Alte, Erfahrene. Hausfrau und Mutter zugleich, die seine
-zarte Gesundheit schonte und pflegte. So eine wie sie. Dafür konnte er
-die dumme Schreiberei an den Nagel hängen, ihre Bücher führen, ihre
-Rechnungen schreiben, es konnte ein prachtvolles Leben geben.
-
-Nie hatte sie bemerkt, daß er nach den Mädchen sah; nun verdächtigte sie
-ihn zum erstenmal einer heimlichen Liebschaft.
-
-Ganz glücklich war sie, als er im Herbst seine Spaziergänge aufgab und zu
-seinen Büchern zurückkehrte. Häuslicher denn je, denn der Zufall hatte
-ihm einen neuen Schatz in den Schoß geworfen. Ein kostbares Werk --
-Reisebilder aus Indien -- aus dem Englischen übersetzt. Drei dicke Bände
-mit Illustrationen. Durch einen Zimmerbrand beschädigt und geschwärzt,
-waren sie zum Altbücherhändler und in Sebastians Hände geraten.
-
-Aus ihren verstümmelten, versengten Blättern erwuchs ihm eine Fülle
-neuer Freuden. Schweiz- und italienmüde wie er war, überdrüssig des
-bequemen Führers auf geebneten, betretenen Wegen, fand er in diesen
-Blättern ungeahnte Sensationen.
-
-Da waren Abenteuer und Seefahrten, tollkühne Ritte, wilde Jagden, da
-war Glanz und Pracht, Blumenduft, Blut und Grausamkeit. Alle Märchen der
-Jugend wurden lebendig: die unheimlichen Höhlen in der Schusterstube, die
-Prinzessin im Holzkeller, das »Buhaha« der Kindheit, dieser Inbegriff
-alles Geheimnisvollen.
-
-Sein körperlicher Zustand, ein leichtes Fieber, das unbeachtet in ihm
-brannte, steigerte die Feinfühligkeit seiner Nerven, überhitzte seine
-krankhaft erregte Phantasie.
-
-Zum erstenmal wurde es ihm schwer, die Arbeit des Tages von den Träumen
-der Muße zu trennen. Zwischen die trockenen Aktensätze schoben sich
-die Elefantenrüssel, die Götzenbilder und Palmenhaine Indiens.
-Buntschillernde Insekten umsummten ihn, die heiligen Affen wiegten sich
-auf schaukelnden Zweigen. Seine Blicke hingen an dem Zeiger der Uhr, seine
-Wünsche ersehnten den Moment der Erlösung. Heim stürzte er, vergrub
-sich in seine Bücher und war blind und taub für alles, was um ihn herum
-vorging.
-
-Da fand es Frau Ruhnau an der Zeit, deutlicher zu werden. Sie nahm seine
-angegriffene Gesundheit als Vorwand, brachte ihm allerlei Leckerbissen und
-lud ihn zu sich in die Vorderstube. Da könnte er ebensogut lesen. Oder
-noch besser, ihr vorlesen. So wäre ihnen beiden geholfen.
-
-Die gute Frau Ruhnau. Sie ahnte nichts von den Erlebnissen ihres Mieters.
-
-Bisher war er ein mächtiger Maharadscha gewesen, der Herrscher in
-Bhurtpur. Vor kurzem erst hatte er einem englischen Herzog zu Ehren
-glänzende Feste gegeben. Er hatte eine Dschungel abbrennen lassen und die
-flüchtenden Tiere des Waldes zu Tausenden getötet. Er hatte Tiger und
-Elefanten gejagt, Büffelkämpfe veranstaltet, er hatte Gold und Edelsteine
-unter die Menge geworfen.
-
-Seit einigen Tagen aber hatte er sich in einen Brahmanen verwandelt und
-diente dem vielarmigen Gott Siva in dem herrlichen Tempel von Rameswaram.
-Die schlanke Sidla, die schönste aller Bajaderen, war seine Freundin.
-Allnächtlich besuchte er sie in ihrer Zelle. Perlen und Opale rieselten
-an ihr hernieder, seidene Gewänder umrauschten sie. Doch heller als alle
-Gesteine glänzten ihre Augen, weicher als alle Seide flossen ihre Haare.
-Aus silbernen Schleiern blühten ihre Brüste, die Gazellenzartheit ihrer
-weißen Glieder. Sie liebkoste ihn mit sanften Händen, sie umtanzte ihn
-mit leichten Füßen. Und wenn sie müde war, sank sie neben ihm nieder,
-unter die Punka, die zwölf ihrer holden Gespielinnen leise bewegten. Von
-solcher Huld begnadet, wie hätte er Sinne behalten für die derben Reize
-seiner Wirtin.
-
-Höflich dankte er ihr und verriegelte hinter ihr die Tür.
-
-Sie kam wieder, sie pochte und fragte und wollte sich den Eingang
-erzwingen. Zu einer Stunde, da die liebliche Sidla, von Tanz und Liebe
-ermüdet, auf weichen Teppichen soeben in Schlummer gesunken war.
-
-Sebastians Zorn erwachte. Er wies die Störerin hinaus, verlangte sein
-Hausrecht und den Frieden seiner Stube, die er ehrlich bezahlte.
-
-Da brach es wild hervor, was an Enttäuschung und Groll in Frau Ruhnaus
-Innerem kochte. Von erwiesenen Wohltaten sprach sie, von Undank und
-Bettelstolz. Sie fragte, ob er wirklich glaube, für die lumpigen paar
-Groschen solche Kost und Pflege beanspruchen zu können. Sie sagte viel
-Böses. Und der arme Träumer erwachte.
-
-Er sah ein, daß er nur Gnaden genossen, wo er geglaubt hatte, Rechte zu
-besitzen.
-
-Es war ein böses Erwachen.
-
-Wie ein Schlaftrunkener stand er verwirrt vor der Scheltenden. Dann griff
-er nach Hut und Mantel und lief hinaus. Seinen einzigen Bekannten, den
-Bureaudiener Franz, um ein Obdach für die Nacht zu bitten.
-
-Am anderen Morgen mietete er die erste schlechteste Wohnung. Eine kleine
-Kammer im vierten Stockwerk eines düsteren Hinterhauses. In sein altes
-Heim kehrte er nur zurück, um seine Siebensachen zu packen.
-
-Frau Ruhnau, verängstigt und reuevoll, versuchte eine tränenreiche
-Versöhnung. Mit der eigensinnigen Festigkeit der Schwäche wies
-Sebastian sie ab. Aus den Räumen, die ihm vierundzwanzig Jahre die Heimat
-bedeuteten, ging er grollend in die unbekannte Welt.
-
-Nun war er ganz frei. Wenn er abends nach Hause kam, war sein Zimmer nicht
-geheizt, sein Bett nicht geordnet, sein Mahl nicht bereitet. Aber er konnte
-ungestört lesen und träumen, niemand belästigte, niemand befragte ihn.
-
-Als der Frühling kam, hätte er ganze Nächte im Freien umherlaufen
-können, ohne jemanden zu betrüben. Nur daß seine Kräfte nicht reichten.
-Eine bleierne Müdigkeit hing ihm im Körper. Der Husten, der ihm den
-Schlaf störte, quälte ihn auch bei Tage, stechende Schmerzen benahmen
-ihm Atem und Sprache, mühsam nur trugen ihn die Füße von der Wohnung zur
-Arbeit.
-
-In der Kanzlei war man immer freundlich zu ihm gewesen. Man hatte sich
-an seine stille, bescheidene Art gewöhnt und ihm manche Nachlässigkeit
-verziehen. Jetzt verlangte die Menschlichkeit, seinen Zustand nicht zu
-übersehen.
-
-»Es geht nicht länger mit dem Schierke, Herr Justizrat« sagte der
-Bureauchef, während er die Akten zur Unterschrift vorlegte. »Er macht
-nichts als Dummheiten.«
-
-»Verliebt?«
-
-»Krank, schwer krank, wie ich fürchte. Sieht aus wie der Tod.«
-
-Der Justizrat war gutmütig, wenn seine Zeit es ihm erlaubte.
-
-»Dann kann man ihn doch nicht ohne weiteres auf die Straße setzen!
-Schicken Sie ihn zum Arzt, gleich heute. Und er soll sich morgen bei mir
-melden, zwischen neun bis zehn Uhr, ehe ich aufs Gericht gehe!«
-
-Es bedurfte keiner langen Untersuchung.
-
-»Essen und trinken Sie so gut wie möglich« verordnete der Arzt.
-»Kleiden Sie sich warm, und wenn Sie vielleicht Verwandte auf dem Lande
-haben, um für ein paar Wochen zu verreisen ...«
-
-Nur dies eine Wort blieb in Sebastians Hirn haften:
-
-Reisen -- reisen -- weit weg -- nach Indien!
-
-Der Maitag war warm und lockend, im Bureau erwartete man ihn nicht. So
-lange hatte er nicht unter Bäumen gesessen, am Rande eines Sees.
-
-Trotz Müdigkeit und Schmerzen wanderte er hinaus. Doch die Seligkeit von
-früher wollte nicht über ihn kommen. Er fror im hellsten Sonnenschein,
-seine Phantasien verdichteten sich zu bösen Träumen.
-
-Die wilden Weddahs, Teufeln gleich in ihrer braunen Nacktheit, schlichen
-aus dem Gebüsch, umtanzten ihn und stachen ihn mit ihren Wurfspießen.
-Die gelbe Kobra, Indiens Riesenschlange, zischte ihn an, blähte den
-giftgefüllten Schlund, umschnürte mit kalten Ringen die erstickende
-Brust.
-
-Von plötzlicher Angst gejagt, lief er heim. Auf der Treppe sank er
-zusammen, ein Strom von Blut brach aus seinen Lungen.
-
-Er lag in seinem Bett allein und verlassen. Ab und zu sah die Nachbarin
-nach ihm. Aber sie hatte selbst sechs Kinder und reichliche Arbeit.
-
-»Er muß ins Krankenhaus« sagte sie zu Franz, der täglich kam und
-zuweilen Erfrischungen brachte, die der Justizrat schickte. »Das muß doch
-sein Dienstherr bezahlen. Lange macht er's doch nicht« setzte sie leiser
-hinzu.
-
-Franz stimmte bei, auch der Arzt teilte ihre Ansicht.
-
-Aber wie ein eigensinniges Kind widersetzte sich Sebastian. Nur nicht ins
-Krankenhaus. Er bat und weinte. Dann kam das Fieber, der Husten und das
-rote Blut ...
-
-Der alte Diener war in Verzweiflung. Da fiel ihm Frau Ruhnau ein. Eine
-tüchtige Frau war sie gewesen, trotz alledem. Vielleicht wußte sie Rat.
-
-Dampfend und zischend blieb das Oberhemd, an dem die Plättfrau mit
-rotglühendem Bolzen arbeitete, auf dem Brett liegen.
-
-Barhäuptig, ein Tuch um die Schultern, lief sie zu dem Kranken.
-
-Der arme Junge. Wie er dalag. Das weiße Gesicht zusammengefallen, die
-schmale Nase wachshell, schwarze Schatten unter den Augen, schweißfeuchte
-Haarsträhnen tief in der blaugeäderten Stirn. Er erkannte sie nicht.
-Unruhig warf er die Arme umher, stöhnte leise oder murmelte vor sich hin.
-
-Armer Junge, armer, armer Junge!
-
-»Kann man gar nichts für ihn tun?« fragte sie den Arzt.
-
-Der zuckte die Achseln.
-
-»Ihn wenigstens hier herausbringen?«
-
-»Er will ja nicht ins Krankenhaus. Nach Italien werden Sie ihn wohl nicht
-schicken können, würde ihm auch kaum mehr was nützen.«
-
-Die Frau zuckte zusammen. »Wenn man ihn wenigstens hier herausbringen
-könnte« wiederholte sie.
-
-Sie sah sich um.
-
-Die Kammer, das Bett, die Wäsche, alles klebte voll Staub und Schmutz. Die
-Luft selbst roch nach Unsauberkeit und Armut.
-
-Und draußen war es Sommer. Selbst in dieser traurigen Straße.
-
-Eben war es einem Sonnenstrahl gelungen, die hohe Mauer zu erklettern. Aber
-gleich war er wieder weg, als sei er erschrocken zurückgefahren.
-
-»Herr Doktor.« Frau Ruhnau sprach langsam und überlegend, »mein
-Schwager, er hat'n Fuhrgeschäft in der Möckernstraße, der hat so'n
-kleines Häuschen zwischen Treptow und Eierhäuschen. Am Sonntag fährt
-er mit der Familie 'raus, und an warmen Sommerabenden vergnügt er sich da
-mit's Angeln. 'S is man 'ne Kabuse, 'n bißken feucht mag's auch sein --.
-Aber immer noch besser wie hier. Wat meinen Sie, wenn man den Jungen da
-'rausbrächte, könnt' er sich da erholen?«
-
-Der Arzt schwieg.
-
-»Könnt' er's wenigstens -- aushalten?«
-
-»Das kann ich Ihnen nicht garantieren. Die Natur ist unberechenbar. Aber
-er kann doch nicht draußen ganz allein --«
-
-»Dafür lassen Sie mich sorgen. Ich hab' ihn von klein auf gekannt, er ist
-wie mein eigener!« sagte sie noch rasch. Ganz rot wurde sie dabei. Wenn
-der Doktor wüßte.
-
-»Dann habe ich nichts dagegen.« Es wird ihm das Sterben erleichtern,
-dachte er bei sich.
-
-Am nächsten Nachmittag, es war etwas spät geworden der Pferde halber, die
-nicht früher frei waren, trugen Frau Ruhnau und ihr Schwager den kranken
-Sebastian die Treppen hinunter. Sie betteten ihn sorgsam in den offenen
-Wagen, der Mann sprang auf den Kutschbock, die Frau saß auf dem Rücksitz
-und hielt des Kranken Hände.
-
-Er war sehr schwach und nicht bei vollem Bewußtsein. Er fühlte kaum die
-Stöße und Rucke auf dem schlechten Pflaster. Frau Ruhnau aber zuckte
-jedesmal zusammen. »Wären wir erst da! Wären wir erst da.«
-
-Endlich hatten sie die Köpenicker Straße hinter sich, sie fuhren auf der
-Treptower Chaussee. Der Wagen bog in den Wald ein, fuhr an den Fluß und
-blieb vor einem kleinen Häuschen stehen. Ebenerdig, ohne Unterbau, aus
-grün angestrichenen Brettern zusammengebaut, glich es einer Sommerlaube.
-Hinter ihm lag die Spree im Abendsonnenschein.
-
-Purpurrot lohte der Himmel, Purpur fiel auf Ufer und Fluß. Zartgrüne
-Weiden, lichte Gewänder, weißliche Boote, von halbnackten Gestalten
-pfeilschnell getrieben, schwellende Segel, schwärzliche Flöße, alles
-schwamm und schwebte in rosigem Schein. Jede Schwere war behoben, jede
-Härte aufgelöst, Flimmern und Leuchten in Wasser und Luft.
-
-Frau Ruhnau beugte sich über den Kranken.
-
-»Wir sind da, Sebastian, Sebastian!«
-
-Er hob ein wenig den Kopf und starrte träumend in das lebendige Licht.
-
-In seine erlöschenden Augen trat ein unirdischer Glanz.
-
-»Indien -- das ist Indien!«
-
-Frau Ruhnau schüttelte den Kopf.
-
-»Nee, mein Jungechen, das is Treptow. Und das Häuschen, das is mein
-Schwager seine Sommerbude.«
-
-Er hörte sie nicht mehr. Aber als sie leise seine Wangen streichelte, mit
-harten Fingern und doch sanft und zärtlich, huschte ein seliges Lächeln
-über seine Züge.
-
-»Wie schön bist du, Sidla -- zauberhaft schön!«
-
-Einmal noch seufzte er tief -- streckte sich -- und fiel in die Kissen.
-
-So war er doch in Indien gestorben.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Aus dem Hintergrund hatten sich schon wiederholte Laute der Ungeduld
-gemeldet. Jetzt trat der Störenfried erkennbar in den Bereich der
-Lampe. Wie ein Arbeiter gekleidet, hektisches Rot auf den vorspringenden
-Backenknochen, den Stempel des Intellekts auf der tief durchfurchten Stirn.
-»Faxen,« rief er. »Ist halt ein schwindsüchtiger Junge umgestanden. Was
-ist daran schon gelegen.«
-
-Verständnislos pflanzte er sich vor dem Jüngling auf, der, noch warm von
-seiner Beichte, die Schultern hochzog wie unter einem kalten Wassersturz.
-»Ihr seid, scheint's mir, auch so einer, der das Volk beschnüffelt, ohne
-von seinem Wesen das Geringste zu verstehen. Seid's Ihr schon einmal ein
-tschechischer Textilarbeiter gewesen? Habt's Ihr schon einmal, um einen
-Schandlohn, bei Frost und Hitze einen Webstuhl zehn, elf Stunden lang
-bedient? Wißt's Ihr, was, ehe wir gekommen sind, um ihm zu helfen,
-so einem armen Webermädel die Dampfpfeife bedeutet hat? Ihr
-Großstadtherrchen, also darüber sollt Ihr jetzt von mir etwas erfahren.«
-
-Auf die Tischtafel gestützt, die Blicke herausfordernd auf den
-Deutschböhmen gerichtet, fing er an. Der geübte Redner war ihm
-anzumerken.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Die Dampfpfeife
-
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ...
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ... oh ... jeeeh ...!
-
-Ein Pfiff, ein langgedehntes, grelles, aufheulendes Brüllen, gleich einem
-Aufschrei der gequälten Kreatur.
-
-Das Weib richtet den Oberkörper etwas auf.
-
-»Es pfeift, Vaclav,« stöhnt sie aus ihren Schmerzen, »lauf', du
-versäumst!«
-
-Vaclav erhebt sich langsam. Er sucht beim trüben Schein der Lampe in der
-Lade nach dem Brotlaib, schneidet einen Fetzen davon ab und steckt ihn in
-die Jacke zu der Branntweinflasche. Noch einmal tritt er an das Bett und
-streichelt seines Weibes feuchte Stirn.
-
-»Sorgt Euch nicht, Stejskal, um die Božena,« sagt die alte Babi, die
-beschäftigt ist, Wasser in ein kleines Holzgefäß zu gießen, »gut
-wird's gehn. Wenn Ihr nach Haus kommt, ist ein Bub' da.«
-
-Ob Bub', ob Mädel, ihm ist's gleich. Ein Esser mehr zu den dreien, die
-schlafend in Kisten an der Erde liegen. Und die Frau erwerbslos für die
-nächsten Wochen.
-
-Was ist zu tun? Wenn Gott es so bestimmt hat.
-
-Er läuft, um nicht in Strafe zu verfallen. So hastig rennt er durch die
-unerhellte, nebeldicke Morgenluft, daß er die Kälte, die sein Gesicht
-zerschneidet, nicht empfindet.
-
-Schon steht er zwischen seinen beiden Stühlen.
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ...
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ... oh ... jeeeh heult zum zweitenmal die Pfeife.
-
-Sssss zischt die Dampfmaschine, bewegt die Arme, bringt den Betrieb in
-Gang; die Schützen fliegen durch die Kettenfäden.
-
-Und Vaclav weiß nicht, daß sich in das Ausklingen des zweiten Pfiffs
-daheim in seiner Hütte ein leiser Wehlaut mischt. Das erste Wimmern seines
-vierten Kindes.
-
-Piska -- es pfeift -- wird sie genannt. Die Dampfpfeife, die sie zur Welt
-gerufen hat, wird ihre Patin.
-
- * * * * *
-
-Kind und Mutter. Alles Reiche, Starke, Zwingende ursprünglichster
-Instinkte ... Fünf Wochen lang kriecht das Tierchen Piska an die
-Mutterbrust. Mit seinem Hunger, seinem Frost, mit jedem Zittern seines
-leiblichen Verlangens.
-
-Plötzlich liegt es in Verlassenheit. Lange Stunden, Ewigkeiten.
-Die Händchen tasten in das Leere, die Lippen stoßen klagend etwas
-Mißschmeckendes zurück, schließen sich, lustlos saugend, um etwas
-Kaltes, Nahrungsloses; bis sie der Lebensquell aufs neue füllt; bis
-Mutterzärtlichkeit mit Brust und Arm und Mund den kleinen Körper wärmend
-einhüllt.
-
-In diesen Augenblicken tierischen Entzückens huscht durch das Dämmern des
-kindlichen Bewußtseins ein Geräusch, ein Laut ...
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ...
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...
-
-Die Lust verschwindet. Piska ist allein. Großmutter schüttelt sie.
-
-»Psch, psch, Pisenka, raunz' nicht. Maminka kommt wieder, abends, wenn sie
-pfeifen.«
-
- * * * * *
-
-Das Band zwischen Natur und ihr ist durchgeschnitten. Piska ist kein
-Säugling mehr.
-
-Doch von der Großmutter noch immer vor den anderen bevorzugt. Sie nimmt
-die Kleine mit, wenn sie, die schwarze Tasche auf dem Arme, zur Mittagszeit
-davonschlürft. Langsam, doch noch viel zu schnell für schwache, kurze
-Beinchen. Den Waldweg abwärts, über die Brücke, vor das große Haus.
-
-Sie warten lange, bis sein Tor sich öffnet. Viele Menschen gibt es her.
-Männer, Frauen, Burschen, Mädel.
-
-Božena und Vaclav sind darunter. Bleich und verdrossen. Er unzufrieden mit
-dem Zugebrachten. Keine fünfzig Deka Fleisch die ganze Woche. Sie oft zu
-kraftlos, um zu essen.
-
-Sie sitzen zur Sommerszeit auf einer grünen Wiese. Im Winter in einem
-großen, kahlen Zimmer mit vielen anderen. Manch einer hätschelt Piska,
-schiebt ihr einen Bissen in den Mund, läßt Branntwein oder Bier in ihre
-Kehle laufen.
-
-Die Hand der Mutter liebkost sie nicht mehr. Müde ruht sie auf dem Schoß,
-in dem sich wieder neues Leben regt. Schon ruft es abermals zur Mühsal.
-Seufzend stehen alle auf, folgen der Mahnerin, der Unerbittlichen ...
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ...
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...
-
- * * * * *
-
-Was sich die kleine Piska alles denkt, wenn sie die Pfeife hört. »Ein
-großer Mann, ein Riese, noch höher als ihr Häuschen, der so schreit.«
-
-Sie ahmt ihm nach, wenn sie mit den Kindern spielt. Auf der offenen
-Heerstraße, die ihr Spielplatz ist. Sie pfeift, die anderen müssen in den
-Winkel rennen, »in die Fabrik«. Im Winter dringt ihnen der Schnee in die
-zerlumpten Stiefel. Im Sommer wühlen ihre nackten Sohlen den Staub auf,
-daß er in Wolken aufsteigt und ihnen fressend in die Lungen dringt.
-
-Viel später, Piska geht schon in die Schule und weiß: es ist der Dampf,
-der mit so tobendem Gekreisch entweicht, verbindet sie geheimnisvolle
-Vorstellungen mit dem grellen Schrei.
-
-Er ist ihr der Direktor, vor dem die Mutter zittert, der die gut und
-schlecht bezahlte Arbeit zu vergeben und die Strafen anzusetzen hat. Auf
-den der Vater schimpft: »Lump, verfluchter, tritt den Arbeitsmann, kriecht
-dem Herrn in den H.....n!«
-
-Oder gar der Herr Besitzer selbst, der furchtbar reiche, der die Tasche
-voll mit Sechserln hat, alle Tage zweimal Fleisch kriegt und drei Liter
-Pilsener Bier dazu.
-
-Oder sonst ein Übermächtiger, ein Zauberer.
-
-Alles richtet sich nach ihm. Daß die Eltern weggehen und daß sie
-wiederkommen. Daß es Samstag eine halbe Stunde früher die Suppe und die
-aufgewärmten Knödel gibt. Daß die Mutter dann das Zimmer aufreibt und
-die Kinder badet. Daß der Vater erst um Mitternacht nach Hause kommt und
-die Mutter prügelt, die ihm weinend vorwirft, daß er wieder den halben
-Wochenlohn vertrunken hat.
-
- * * * * *
-
-Nun ist sie selber in des Zauberers Bann geraten.
-
-Bei der Mutter, die die Fäden durch die Zeuge zieht und sie an eine neue
-Kette andreht, hockt die Kleine. Garnabfälle hängen ihr am Arm, und die
-Finger lernen Weberknoten.
-
-Eine blasse, magere Vierzehnjährige, der der Pfiff kein Spiel mehr
-bedeutet.
-
-Bald rückt sie auf, sitzt an der Spulmaschine. Wie beim Instrument die
-Tasten reihen sich dem samtnen Kissen Stifte an, auf denen die Bobinen
-stecken. Und dahinter trägt der große schräge Rahmen Spulen.
-
-Aufgepaßt. Nicht geprudelt, nicht gefaulenzt. Geld verdienen. Aufgepaßt,
-daß keine Fäden reißen, daß, wenn die Bobine abgespult ist,
-kunstgerechte Knoten zu der neuen führen. Und daß ja der Baumwollflug
-nicht auf dem Kissen bleibe und den Faden schädigt.
-
-Schwere Arbeit für die schwachen Kräfte. Aber Jugend, goldene
-Jugend. Über deine Brücke geht aus jedem Dunkel der Weg zu hellen
-Fröhlichkeiten.
-
-Neckereien, Gelächter, Püffe rechts und links. Rasch und heimlich.
-Wenn ein Unberufener naht, gleich die Augen wieder ehrbar auf die Bank
-gerichtet. Eine Hetz'!
-
-Und endlich pfeift sie doch, die Stunde der Erlösung. Wie dann mittags im
-Winter der aufgewärmte Kaffee schmeckt. Im Sommer die Handvoll Birnen und
-die saure Gurke.
-
-Manche freilich essen besser. Streichen Schmalz aufs Brot und kaufen einen
-halben Liter Bier in der Kantine. Zu so etwas reicht Piskas Lohn noch
-nicht. Sechzig Heller täglich; dreißig davon an die Mutter. Was bleibt
-da für den Putz? Mag auch jeder arbeitsfreie Augenblick beim Sticheln
-aufgehen, beim Waschen, Stärken, Bügeln. Dem Johann Tronezek zuliebe.
-
-Der Johann Tronezek steht schon am Webstuhl. Er webt Kattune. Schlecht
-bezahlte Ware. Leichte Ware, wie er selber ist. Kein hübscher Junge. Dürr
-und käsig. Sohn eines Säufers und mit Branntwein aufgezogen. Aber flink
-und frühreif wie die Piska selber.
-
-Sie passen gut zusammen, wenn sie am Sonntag miteinander tanzen.
-Stundenlang. Die Arme eng verschränkt, die Hände gegenseitig auf den
-Schultern, die Köpfe einander zugeneigt, daß die Stirnen sich berühren.
-Brust und Leib dem anderen angeschmiegt, schieben, drehen und drängen
-sie sich durch den Knäuel der Paare. Sie sprechen nicht. Das Mädchen
-schließt die Augen, öffnet ihre Lippen. Gibt sich in sinnlicher
-Verzückung der Wonne hin. Dem Tanz, der schwindelnden Bewegung, der
-dichten Nähe ihres Burschen.
-
-Die Luft wird schwül und dick. Aus Bierneigen, Speiseresten,
-Menschenschweiß ballt sich Gestank zusammen. Die Fiedel quietscht, der
-Baß ist brummig und verstimmt, mißtönig kreischt der Chor der halb
-Betrunkenen dazwischen. Das Mädchen sieht, hört und riecht es nicht. Die
-Augen zu, die Lippen offen, dreht sie sich inbrünstig im Kreise.
-
-An ihres Liebsten Körper angepreßt, genießt sie dumpf und unbewußt,
-wonach des Menschen tiefste Notdurft schreit -- das Glück.
-
-Andere haben Muße, Bildung, Luxus, Kunst, Natur.
-
-Sie hat nichts als diese kurze Freiheit. Der Inhalt ihres Lebens drängt
-sich in diese Stunden. Sie sind das Licht, nach dem die Schatten ihres
-Daseins flüchten, die Sonne in dem Dunkel ihres Denkens, die Freude, die
-sie gierig einschlürft, mit all der Leidenschaft, die das Entbehren ihrer
-Seele in ihrem Körper aufpeitscht.
-
-Tanz und Liebe ... Bis zur Neige leert sie den Becher, sinnlos, zügellos.
-Dem allzu schnell enteilten Tag fügt sie die Nacht hinzu, den frühen
-Morgen. Noch eine Runde ... eine noch ...
-
-Erschöpft und schwindlig möchte sie die fliehenden Minuten halten.
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ...
-
-Oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ... schreit die Pfeife.
-
-Der Arbeitstag ist da, rennt, Leute, eilt, daß ihr der Strafe nicht
-verfallt!
-
-In ihren Sonntagskleidern, ungesäubert, ungestärkt, stürzen sie den Berg
-hinunter, den Fluß entlang, über die Brücke, an das große Tor ...
-
-Gerade sitzen, Piska, die Lider offen halten! Aufpassen, nichts verpatzen,
-Geld verdienen!
-
- * * * * *
-
-Piska tanzt noch immer. Aber lange Pausen legt sie zwischen jede Runde.
-Ihre blauen Augen liegen tief und schwarzumrändert in den Höhlen, ihre
-jungen Züge sind verfallen, lässig schleppt sie ihre Glieder. Sie ist
-krank. Doch diese Krankheit gilt nicht bei der Krankenkasse. Auch zu Hause
-muß sie sie verschweigen. Aus Angst vor Prügel und vor hartem Zanken.
-
-Zwar die Mutter wurde auch erst kurz vor Piskas Ankunft Vaters Frau. Doch
-der Eltern eigene Verfehlung strafen sie bei ihren Kindern. Anständig soll
-die Tochter bleiben, Geld nach Hause bringen. Überhaupt die Piska, so ein
-Fratz, noch keine sechzehn. Und die Mutter selbst noch alle Jahre in der
-Hoffnung.
-
-Auch der Johann ist verdrossen. Nicht wie sonst macht er sich häufig in
-dem Spulmaschinenraum zu schaffen. Sie ist es nun, die einen Vorwand sucht,
-den Websaal durchzulaufen. Aber das Getöse übertönt die Stimme. Sie
-zieht ihn mit sich in den Seilgang.
-
-Nur ein Wort.
-
-Na also -- was? Wie wenn er nicht schon wüßte. Also ja, wie oft soll er
-es sagen. Er wird sie nehmen. Wahrscheinlich. Später, wenn sie beide mehr
-verdienen. Aber gleich das Haus voll Kinder. Dafür dankt er. Sucht sich
-lieber eine andere, die nicht so ungeschickt ist. Na -- nicht gleich. Sie
-braucht nicht so zu weinen.
-
-Sie drängt sich angstvoll an ihn an. Eine kurze, heftige Umarmung vereint
-die beiden, die Strafe und Entdeckung nicht bedenken.
-
- * * * * *
-
-Hochsommer. Glühend brennt die Sonne auf die ungeschützten Scheiben. In
-schrägen Streifen tanzt der Staub und Baumwollflug im Saale. Piska sieht
-weiß aus. Ihre Finger zittern, wenn sie den Knoten knüpfen sollen. Bei
-jeder Lohnauszahlung trifft sie seit Wochen eine Strafe, und der Direktor
-droht mit der Entlassung.
-
-Jetzt nimmt sich eine Mitleidige ihrer an.
-
-»Geh' bissel auf die Luft, ich gib' dir Obacht.«
-
-Die Kleine wankt hinaus; sie schleppt sich aufwärts in den Wald. Ein Tier,
-das in das Dickicht kriecht, dort zu verenden.
-
-Ist ihr schlecht. Jeschisch Margotte ... was für Schmerzen. Sie schreit
-und jammert. Stromweise stürzen ihr die Tränen aus den Augen, die Hände
-krallen in die glatten Tannennadeln, die den Boden decken.
-
-Die Pfeife hört sie noch und denkt verworren: Wenn man nur nicht gemerkt
-hat, daß ich eher weg bin. Dann überwältigen die Qualen die Gedanken.
-
- * * *
-
-Ein grelles, langgedehntes, aufheulendes Brüllen weckt sie auf. Sie
-möchte aufstehen, an die Spulbank eilen.
-
-Sie kann nicht. Entkräftet, sterbend sinkt sie nieder. Und in das
-Ausklingen der Pfeife mischt sich ein leiser Wehlaut. Das erste Wimmern
-ihres Kindes.
-
-Der Kreislauf ist vollendet. Ein Leben geht zugrunde und gibt der Arbeit
-einen neuen Sklaven.
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ...
-
-Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Wir saßen mit gesenkten Köpfen. Von der Trostlosigkeit dieser
-Zustandsschilderung bedrückt und aufgereizt, uns zu verachten. Nur ein
-grauhaariger Herr, wie schlafend an die Kachelwand gelehnt und in die
-Spiralen seiner kunstgerechten Rauchringe gewickelt, schlug die Augen auf
-und sagte: »Ja, so seid Ihr. Immer Weiß und Schwarz. Der Proletarier
-ist edel, der Bürger ist ein elendes Subjekt. Ein Ausbeuter. Und ohne
-ein paarmal hunderttausend Guldenrente tut Ihr's bei ihm nicht. Meiner
-Erfahrung nach taugen wir Menschen auf beiden Seiten nichts. Wer die
-Macht hat, übt Gewalt und unterdrückt das Recht. So ist's von Weltanfang
-gewesen. Wenn Ihr am Ruder seid, werdet Ihr's nicht anders machen.« Er
-bewegte die Feder seines Benzinfeuerbüchschens, entzündete bedächtig
-eine frische Zigarette und führte ein Beispiel für seine Weltanschauung
-an.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Die Erziehung zur Bosheit
-
-
-Denkt euch einen braunen Wollknäuel, dem man vier Pfötchen und ein
-Schwänzchen angebunden hat. Oder noch besser, stellt euch eine Kugel vor,
-mit einem braunen Fellchen überzogen. Daran ein Köpfchen mit zwei blanken
-Augenpunkten, einem schwarzen Näschen und einer sammetweichen Schnauze.
-Oder ein lächerliches, winzig kleines Löwenjunges ...
-
-Aber vielleicht glich Bello, als ihn der Gärtner in der Rocktasche vom
-Markte mit nach Hause brachte, am meisten einem jener Spielzeugshunde, die
-schreien, wenn man sie etwas auf den Magen drückt. Nur daß man Bello dazu
-nicht zu drücken brauchte. Denn er klagte unaufhörlich um die Mutter,
-der man ihn zu früh entrissen hatte. Selbst, als er sich bereits darein
-ergeben hatte, tags die leere, kalte Luft und nachts eine lieblose
-Filzdecke über sich zu fühlen (an Stelle des weichen, gastfreundlichen
-Leibs, in dessen tierisch temperierter Wärme er mit den Geschwistern
-gekuschelt war), suchte sein Mäulchen sehnsüchtig im Halbschlaf die stets
-bereite Nahrungsquelle. Und er weinte schmerzlich, wenn noch niemand wach
-war, um ihm das gewohnte Dämmerfrühstück zu kredenzen.
-
-Nach und nach verblaßte in ihm die Erinnerung an die Großmut der Natur.
-Er paßte sich der rauhen Notwendigkeit an, und aus dem wehleidigen
-Säugling wurde ein frohes, spielerisches Kind. Mit der Vertrauensseligkeit
-der ersten Jugend blickte er ins Leben. Wenn er des Morgens über die
-Schwelle des Gartenhäuschens rollte, trat er wie ein Herrscher in
-sein Reich. Die ganze Umwelt war sein Eigentum. Die kiesbestreuten,
-glattgeharkten Wege, die Blumenbeete, das Birkenwäldchen und der
-Rosenflor. Und die Himmelsglocke, die über dem Garten blaute, und die
-Sonnenflecken, die den grünen Rasen rötlich sprenkelten.
-
-Er war keinen Augenblick im Zweifel, daß auch die Villa ihm gehöre,
-die Freitreppe, die zu der Eingangshalle führte, die Korbmöbel und
-Lorbeerkübel. Und daß der Spitzensaum der Tafeldecke nur darum tief
-herabhänge, um seinen Pfötchen ein angenehmes Spiel zu bieten. Wenn
-ihn ein unmutiges Wort verscheuchte, hielt er's für einen Scherz und
-antwortete in der Sprache, die er eben erst in sich entdeckt und die
-anzuwenden ihm offenbar eine richtige Erfinderfreude gab; antwortete mit
-einem Bellen, das an das Krähen eines sehr jungen Hahnes gemahnte.
-
-Ohne Hochmut besuchte er die Küche, schnupperte in allen Winkeln,
-schleckte alle Schüsseln aus und verschaffte sich Genüsse, die ihm sein
-zweites Vaterhaus nicht bot.
-
-Für Zärtlichkeiten war er sehr empfänglich. Wehrte sich nicht, wenn die
-Küchenmagd ihn auf die Ohren küßte. Und träumte sich auf dem Schoß
-der umfangreichen Köchin, von ihrem hinströmenden Busen überragt, in
-den Dunstkreis seiner Kinderstube. Allem Beweglichen und Raschen sprang er
-entgegen; ob es auf vier oder zwei Beinen ging, auch nur ein Schatten war,
-ein Blatt, das eigene Schwänzchen, nach dem er sich im Kreise drehte.
-
-Doch seine liebsten Kameraden waren die kleinen Jungen, die allmorgendlich
-die Zeitungsblätter brachten. Sie kamen stets zu zweit, als fühlten sie,
-daß ihre dürftige Erscheinung erst verdoppelt _ein_ Individuum ergebe.
-Sie gingen barfuß, ihre ausgewachsenen Kleider waren mehr zerrissen als
-geflickt, und in den abgemagerten Gesichtern standen die dunkeln Augen
-unnatürlich groß.
-
-Bello bereitete ihnen stets einen festlichen Empfang. Schon von weitem lief
-er ihnen zu, umhüpfte sie und entschüchterte sie so geschickt mit seinen
-Kapriolen, daß sie zum Schluß mit ihm auf einem Haufen gemeinsam an der
-Erde lagen.
-
-Damit war der Gärtner, Bellos Besitzer, gar nicht einverstanden. Er
-mißbilligte schon Bellos Verkehr im Herrenhaus. »Bello soll nicht
-zutunlich zu Tier und Menschen sein. Bös soll er werden, mißtrauisch und
-scharf, sonst taugt er sein Lebtag nicht zum Kettenhund,« und duldete nur
-aus wirtschaftlichen Gründen sein herzliches Verhältnis zu der Köchin.
-Die Freundschaft mit den Zeitungsbuben aber war ihm geradezu zuwider.
-Zum Schutz gegen Leute, die barfuß gingen und abgenutzte Kleider trugen,
-sollte der Hund ja gerade aufgezogen werden.
-
-Es wurde Bello sehr schwer, seine Bestimmung zu begreifen. Zu den ersten
-Kläpsen hatte er, wie ein rechter frecher Bengel, mit mutwilligen Lauten
-erwidert. Bald aber verspürte er, wie bitter Schläge schmecken.
-
-Diese Erfahrung nahm ihm das Vertrauen zu der Menschengüte. Und mit dem
-Kinderglauben auch die Kinderzuversicht. Er lernte lügen und betrügen.
-Er tat heimlich, was er bisher für sein gutes Recht betrachtet hatte.
-Mit geducktem Kopf, das Schwänzchen (sonst der Vergnügungsanzeiger des
-kleinen Körpers) zwischen die Beine eingeklemmt, schlich er in die Halle,
-vor jeder Handbewegung fluchtbereit. Den Berührungen der Dienstboten wich
-er ängstlich aus und stahl, was ihm bisher freiwillig angeboten worden
-war.
-
-Am zögerndsten entsagte er der Neigung zu den zerlumpten Kameraden. Immer
-wieder wurde er im Spiel mit ihnen angetroffen.
-
-Da band der Gärtner ihn zur Strafe eines Nachts zum erstenmal in der
-großen Hundehütte fest. Verlassen, frierend, von Furcht und Sehnsucht
-fast von Sinnen, bat er unaufhörlich: »Verzeiht mir doch! Ich will ja
-brav sein! Kommt denn niemand? Laßt mich nicht allein!« Und unterbrach
-sein Winseln nur, um hämmernden Herzens, mit aufflammender und immer neu
-enttäuschter Hoffnung aufzuhorchen, ob die Erlösung sich nicht nahe ...
-Und in der nächsten Nacht derselbe Jammer ...
-
-In den Stunden der Verzweiflung reifte langsam die Ahnung von dem
-Weltzusammenhang in ihm. Von der Macht des Starken. Daß der Schwache
-rechtlos sei und daß ihm nur _eine_ Waffe zu Gebote stehe -- die Bosheit.
-Er veränderte sein Wesen. Das Fellgekräusel wurde glatt, die Blicke
-kehrten sich nach innen, die Schnauze streckte sich und gab ihm das
-Aussehen eines Fuchses.
-
-Neun Monate war er alt, als er nach dem jüngeren der Zeitungsträger
-schnappte.
-
-Das Bübchen hatte sich, in dem Verlangen nach dem langentbehrten
-Spielgefährten, bis zum Gartenhäuschen vorgewagt. Es hielt das Knurren
-Bellos, dem man streng aufgetragen hatte, niemanden in die Wohnung
-einzulassen, für eine der beliebten Narrenpossen seines Freundes, und
-überschritt die Schwelle. Da biß der Hund nach ihm ... über das magere
-Beinchen rieselte das Blut in Tropfen ...
-
-Der Gärtner lobte seinen treuen Wächter und belohnte ihn mit einer halben
-Wurst.
-
-Bellos Erziehung war vollendet.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Unweit von mir trocknete eine junge Dame im Verborgenen eine Träne ab.
-»Das war eine traurige Geschichte. Armer Bello.«
-
-Die Männer lachten. Einige im Ärger, andere belustigt.
-
-»Meine Freundin Isabella liebt die Tiere über alle Maßen,«
-entschuldigte Isabellas Nachbarin.
-
-»Und du meinst, Franziska, daß ich mich dessen schämen sollte?«
-Isabellas Stimme, zuerst wie von Müdigkeit verschleiert, wurde klarer.
-
-Ich dachte, sie hat den D-Moll-Klang des »Immer leiser wird mein
-Schlummer«-Lieds von Brahms.
-
-»Ja, ich liebe sie, die Tiere,« fuhr sie fort, »sie sind so hilflos wie
-die kleinen Kinder, sie sind so ganz auf unsere Güte angewiesen und haben
-zu uns so ein rührendes Vertrauen. Wir aber täuschen sie beständig und
-mißhandeln sie zum Lohn für ihre Liebe.« Sie hob sich etwas aus dem
-weiten Mantel, in den sie, fröstelnd, eingesunken war. »Nur wir Frauen
-sind ihnen überlegen in der Fähigkeit, stumme Martern zu ertragen.« Sie
-hatte ihren Platz verlassen und stand sehr schlank in einem hochgegürteten
-Gewand von weicher schwarzer Seide, ein dünnes Perlenschnürchen um die
-weiße Kehle. »Ach, was wißt ihr Männer, wie wir Frauen um die Liebe
-leiden können. Wir haben einen sechsten Sinn dafür.«
-
-Ich dachte: Was tut sie? Wie weit wird sie sich vergessen?
-
-»Wir liegen auf der Erde und zerschlagen unsere Brüste, wir hassen
-euch und möchten euch verwünschen. Aber wenn ihr kommt, findet ihr uns
-schmeichlerisch und zärtlich. Wir wissen, ihr wollt von uns die Wahrheit
-nicht. Und nur durch die Sinne halten wir euch fest.« Ich hätte zu
-ihr treten und sie verhindern mögen, sich weiter vor fremder Neugier
-zu entkleiden, aber sie schien schon rettungslos dem Zauber dieser Nacht
-verfallen, der die Schlösser an den Herzen sprengte und die Seelen zwang,
-schamlos zu sein. Nur tiefer in das Zimmer zog Isabella sich zurück. Wie
-auf einer Geigensaite sang der Mollton ihrer Stimme aus der Ferne.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Vision
-
-
-Noch einmal liebte er. Noch einmal hüllte ihn die Leidenschaft in
-ihren Purpurschleier, noch einmal träumte er das holde Märchen vom
-Sichverlieren und in einer anderen wiederfinden. Doch sein Schlummer war
-nicht tief. Im Traume wußte er von seinen Träumen, und daß ein lauter
-Anruf ihn erwecken würde. Und der Schleier, der ihn hüllte, war nicht
-unversehrt. Ein Riß nur, und das Licht des Alltags drang durch seine
-Maschen. Das wußte er, und er zäumte Dunkelheit und Stille um sein
-letztes Glück.
-
-Sie liebte ihn. Ihr ging zum erstenmal des Weibes Lebenssonne auf. Kein
-Zweifel war in ihr. Mit demütiger Wonne gab sie ihr Ich an ihn verloren.
-Um Anbeginn und Ausgang ihrer Liebe standen Ewigkeiten. Ein Reichtum war
-in ihr, ein Jubeln und ein Singen. Und ein Drang, sich zu entdecken, zu
-bekennen. Jede Erinnerung holte sie aus den Verborgenheiten des Empfindens,
-um sie mit dem Geliebten nochmals zu durchkosten. Und sie verlangte ihren
-Anteil an jeder Regung seines Wesens.
-
-Er lächelte und schwieg. Er schloß die Augen, legte ihr die Finger
-auf die Lippen, zog sie in seine Arme, riß sie mit sich in das Meer der
-Seligkeiten. Und über ihren Häuptern schlug die Flut zusammen.
-
-Doch wenn ihr die Besinnung wiederkehrte, hörte sie, wie ihre Seele
-klagte: du schwelgst und läßt mich darben. Du glühst, und ich erfriere.
-Fühlst du denn nicht? Er ist nicht dein Freund. Was er dir gibt, ist
-nichts als sein Begehren.
-
-Dann weinte sie und forderte vom Schicksal: erhöre mich. Nimm ihm sein
-Begehren, gib mir dafür seine Freundschaft.
-
-Die Blüten ihrer Freude fingen an zu welken. Ein Mißton gellte durch
-ihr innerliches Jauchzen. In die festen Wurzeln ihres Glaubens drang ein
-Fäulnistropfen, und dem zerstörten Erdreich entwuchs der Schmerz wie eine
-kranke Blume.
-
-Er ahnte nichts von ihren Qualen. Dankbar genoß er ihr Verstummen und
-schlürfte ihre wehe Zärtlichkeit wie eine neue Würze. Er ahnte nicht,
-daß ihre Lippen, auf denen eben noch die seinen brannten, in sich den
-Schrei erstickten: Schicksal, erhöre mich. Nimm ihm sein Begehren. Gib mir
-dafür seine Freundschaft.
-
-Einmal aber kam es, daß ihre Zweifel durch ihr Schweigen brachen. Wie ein
-lang zurückgedämmter Strom stürzten ihre Klagen über ihn hinweg: »Du
-liebst mich nicht, an deiner Seele hab' ich keinen Anteil, du gibst mir
-nichts als deine Sinne.«
-
-Er blieb die Antwort schuldig. Er nahm sie sanft in seine Arme, wiegte sie
-hin und her und sagte nur mit einem müden Lächeln: »Du Kind.«
-
-Am nächsten Tage fehlte er um die gewohnte Stunde.
-
-Sie stand und wartete auf ihn, in Unruhe zuerst, dann in Erstarrung. Sie
-stand ganz nahe bei der Tür, weit vorgebeugt, um das Nahen seiner Schritte
-eher zu erlauschen. Es wurde finster, und sie wartete noch immer. Sie
-zündete kein Licht an. Ihr war, als bringe ihn das Dunkel ihrer Sehnsucht
-näher.
-
-Plötzlich streifte sie sein Atem. -- Sie fuhr empor und sah ihn in der
-Tiefe eines Sessels lehnen.
-
-Sie fragte nicht: wie ist er eingetreten? Sie fragte nicht: wer hat die
-Lampe angesteckt, die rot verschleiert aus der Ecke leuchtet? Ein Nebel lag
-auf ihrem Denken, sie fröstelte. Das kam daher -- er hatte sie beim Kommen
-nicht geküßt.
-
-Er lehnte in der Tiefe eines Sessels, ihr gegenüber. Er erzählte von
-Erlebnissen und Plänen, forschte, wie sie sich tagsüber beschäftigt
-habe.
-
-Sie dachte: ist das seine Stimme? dieser gleichmäßige Klang, der niemals
-jäh erstickt und im Geflüster abbricht?
-
-Er zog ein Buch aus seiner Tasche, empfahl es ihr und bot sich an, ihr
-daraus vorzulesen.
-
-Sie wollte rufen: du -- du -- kommst du nicht zu mir?
-
-Der Laut erstickte in der Kehle.
-
-Er plauderte inzwischen weiter. Er wurde witzig, zuweilen wurde er sogar
-bedeutend.
-
-Sie dachte: ist er es denn wirklich?
-
-Sie fand ihr Bild nicht mehr in seinen Augen, aus seinen Zügen war jede
-Heimlichkeit gelöscht. Sie sagte gleichgültige Dinge. Es wurde eine
-angeregte Unterhaltung.
-
-Sie wollte aufstehen, sich in seine Arme stürzen. Etwas Unüberwindliches
-hielt sie zurück. Die kurzen Schritte, die sie von ihm trennten, waren
-nicht zu überschreiten.
-
-Sie dachte: wenn er es wirklich ist, dann hab' ich meine Liebe nur
-geträumt, den Mann mir gegenüber kenn' ich nicht.
-
-Jemand sagte: »Was euch vereint hat, ist zerrissen. Sein Leben ist
-erstorben. Du aber lebst. Und keine Brücke führt vom Lebenden zum
-Toten.«
-
-Ein mörderischer Griff preßte ihr Herz zusammen. Aus schwerster Not
-stöhnte sie auf ...
-
-Sie lag im Dunkeln an der Erde. Ihre Wangen waren naß von Tränen. Und
-schnell, ehe die betäubte Seele sich von ihrer Angst befreien konnte,
-stammelte der Mund, mit blassen Lippen: »Schicksal, erhöre mich -- nimm
-mir, wenn es sein muß, seine Freundschaft, aber laß, o laß mir sein
-Begehren.«
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Isabella, jetzt auf einem niederen Schemel unterhalb des Fenstertritts
-gekauert, hätte die Wiederkehr in unsere Gemeinsamkeit nicht scheuen
-brauchen. Mit Ausnahme einer faunischen Bemerkung des grauhaarigen
-Zigarettenrauchers entheiligte kein Männerwort den Nachhall der
-ausgeströmten Klage. Nur in Franziska, mir entging es nicht, rang ein
-Kampf. Ein Widerspruch, ein Stolz? Mit einem Hochmut, der ihr wohl helfen
-mußte, ihre Abneigung gegen diese öffentliche Kundgebung zu überwinden,
-erkannte sie die Tyrannei der Sinnlichkeit nicht an. Mehr als den
-Geliebten suche die Frau jetzt in dem Manne den Vater ihrer Kinder, den
-gleichberechtigten Gefährten.
-
-Wieder war es eine Frau, die sich ihr entgegenstellte. Am wenigsten hätte
-ich es dieser zugetraut. Sie war mir jenseits jedes passionellen Sturms
-erschienen. Ich entdeckte bald den Einfluß, unter dem mein Urteil stand.
-Entgegen den heutigen Gebräuchen war ihre Kleidung der Anzahl ihrer Jahre
-angepaßt. Das gab ihr vorzeitig den Anschein der Matrone. Es gelang mir,
-ihr früheres Ich bildhaft vor mir wiederherzustellen. Die feine Linie
-des jetzt zur Fülle neigenden Ovals, den schönen Schnitt der großen
-schwarzen Augen, jetzt von sanfter Traurigkeit verschattet, die Lockungen
-der Lippen, ehe die Zeit ihnen die Frische nahm.
-
-Fühlte sie von mir etwas zu sich herübertasten? Sie wendete sich nur
-an mich, als sie ruhig sagte, sie habe keine Vorstellung von einer
-Weltordnung, die es den Frauen möglich machen werde, vom Mittelpunkt ihrer
-Natur sich zu entfernen. Was für Geschöpfe würden sie dann sein? Vom
-Fluch des Triebes befreit, von der Versklavung durch das Blut, das seine
-Forderungen am gebieterischsten stellt, wenn es die Grenzen seiner Macht
-erreicht. Ruhigere sicher. Ob aber glücklichere? Ohne die Glorie
-ihrer tödlichsten, unentbehrlichsten, aus der Wurzel ihres Weibseins
-aufsteigenden Schmerzen. Ganz schlicht, die Farbe ihrer Wangen kaum
-erhöht, erzählte sie; es mochte ihr Erlebnis, es mochte das Tausender
-ihrer Mitschwestern gewesen sein.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Herbst
-
-
-Noch ein Tücherschwenken. Glück auf den Weg! Liebe! Liebste! Dann bog der
-Wagen um die Ecke, allmählich verkräuselte der aufgewühlte Staub.
-
-Doch noch verweilte Frau Beate an dem Gartentor. Mit feuchten Augen sah sie
-in die Herbstlandschaft hinaus.
-
-Durch die große Ruhe der Natur ging es wie ein Ton verhaltenen Gefühls.
-Wehmütig entflatterte das fahle Laub den kahlen Zweigen. Daneben aber
-flammten Bäume purpurn auf, als jauchzten sie im Abschiednehmen schon
-dem Wiedersehen zu. Und die grünen Wiesen, ganz durchwirkt mit lichten
-Herbstzeitlosen, gaben sich der auslöschenden Abendröte mit solcher
-Inbrunst hin, daß sie, wie von innen her, erglühten.
-
-Auch in Frau Beatens Seele war ein Weinen und ein Lachen. Unter einer
-sanften Traurigkeit sammelte sich eine aufsteigende Kraft in ihr, etwas wie
-ein Wunsch, der noch unter der Schwelle des Bewußtseins schläft.
-
-Vom Hause her kam jemand, um sich eine wirtschaftliche Anweisung zu holen.
-Das riß die Sinnende aus ihrem Träumen. Langsam ging sie, die schwere
-Schleppe nachlässig gerafft, der Villa zu, den mit gelbem Kies bestreuten
-Weg entlang, zwischen den Rabatten, an denen noch ein paar späte Rosen
-blühten.
-
-Sie mied den Eingang durch die Halle, in der die Dienerschaft beschäftigt
-war, die gewohnte Ordnung wiederherzustellen und stieg die Seitentreppe
-aufwärts, zu dem Zimmer ihrer Tochter. Ein süßlicher Geruch schlug ihr
-entgegen. Er strömte aus den halbverwelkten Blumenkränzen, die sich, von
-liebevoller Hand gewunden, um die hellen Möbel schlangen.
-
-Beate öffnete ein Fenster, drehte den Verschluß der elektrischen
-Beleuchtung auf, das Zimmer befand sich noch in demselben Zustand, in dem
-die Neuvermählte es verlassen hatte. Allerlei Zierlichkeiten, wie eine
-elegante Frau sie zu ihrer Kleidung braucht, lagen durcheinander. Auf
-dem Teppich Nadeln, Bänder. Die weißen Seidenstrümpfe mit den
-Myrtensträußchen neben den Atlasschuhen, als seien sie eben von den
-Füßen abgestreift. Über die Sofalehne floß das Brautkleid wie
-ein Lebendiges hinunter, in seinen Falten hing noch der Duft zarter
-Mädchenhaftigkeit.
-
-Frau Beate drückte ihre Lippen in die weiche Seide, innige Segenswünsche
-im Gemüt. Dann bückte sie sich nach dem Schleier, der auf den Fußboden
-herabgeglitten war.
-
-Mit Fingern, die vor Erregung bebten, hatte sie Kranz und Spitze aus dem
-Haar der Braut gelöst. Etwas hastig. Denn von Zeit zu Zeit hatte der junge
-Ehemann mahnend an die Tür geklopft. »Lena, Liebling, beeile dich ein
-wenig, bitte. Wir haben eine Stunde bis zum Bahnhof. Und bei dem Pech, daß
-wir gerade heute das Auto nicht benutzen können ...«
-
-Glättend fuhren Frau Beatens Hände über das kostbare Gespinst, ein
-Erbstück, das von ihres Mannes Mutter stammte, und das auch sie an ihrem
-Ehrentag getragen hatte. Einundzwanzig Jahre war es her.
-
-Wie das lebendig vor ihr aufstand -- den ganzen Tag über hatte es sie
-schon verfolgt. In einer anderen Stimmung als die Lenas war sie damals vor
-den Altar getreten. Nicht so siegessicher, weil nicht so begehrt. Mit der
-Unruhe im Herzen: werde ich Robert genügen? In demütigem Staunen:
-warum wurde gerade ich von ihm gewählt? Von ihm, dem so viel Älteren,
-Gereiften. So klug, so fein, so reich. Und sie hatte nichts als die frische
-Unberührtheit ihrer Jugend.
-
-Gut und rücksichtsvoll war er auf der Hochzeitsreise dann zu ihr gewesen,
-hatte sie vor den Kunstwerken Italiens und Griechenlands nicht fühlen
-lassen, wie wenig sie wußte und verstand. Und doch dieses Ungreifbare
-zwischen ihnen, diese Sehnsucht, ihm einmal aus verborgenster Empfindung
-»Du« zu sagen.
-
-»Laß uns nur erst zu Haus sein,« hatte sie sich getröstet, »nicht mehr
-fremden Blicken ausgesetzt. Dann will ich meine Schüchternheit bezwingen
-und ihm zeigen, wie heiß, wie leidenschaftlich meine Liebe zu ihm ist.«
-
-Da, noch vor der Heimkehr, jene Stunde, in der sie ihm ihr Geheimnis hatte
-anvertrauen müssen.
-
-Nein, hatte sie je eine so strahlende Glückseligkeit aus den Zügen eines
-Menschen brechen sehen? Ihre Hände hatte er geküßt, wenig fehlte, er
-wäre vor ihr auf die Knie gesunken.
-
-Fortan war sie mit ausgesuchter Sorgsamkeit von ihm behandelt worden, jedes
-Unbehagen, das sie traf, für ihn ein Schreck. Am liebsten hätte er sie
-gar nicht mehr verlassen. In ihrem ganzen Leben war sie noch nicht so
-verhätschelt worden. Was peinigte sie sich mit der Vorstellung: das alles
-gilt nicht dir. Du bist nur das Tabernakel für sein künftiges Idol.
-
-Frau Beate ging zum Toilettentisch, griff nach Lenas Bild und strich
-liebkosend darüber hin. Wie in nachträglicher Abbitte für allen Groll
-und alle Eifersucht auf das Übermaß der väterlichen Liebe.
-
-Das Kind. Das Kind, der Mittelpunkt alles Geschehens. Ihm zuliebe hatte
-sich die Frau allsommerlich auf Monate von ihrem Manne trennen müssen. Ihm
-zuliebe, um es nicht so lange zu missen, wurde dann das Landgut angekauft.
-Und damit das eigene Geschick besiegelt.
-
-Vor drei Monaten war Lena einer Einladung Barons von Norden, des neuen
-Gutsnachbarn, gefolgt. Ihr Vater, durch eine Erkältung verhindert sie zu
-holen, hatte ungeduldig der Verspäteten geharrt. Endlich -- das Signal der
-Hupe. Heiß und aufgeregt war die Tochter dem Vater an den Hals geflogen.
-
-»Vatti, ich bin so unaussprechlich glücklich.«
-
-Sie war verlobt. Mit Kurt von Norden. Eine Liebe auf den ersten Blick, seit
-Wochen brannte sie in beiden. Auf der Heimfahrt war das »Ja« gefallen.
-
-Und nun wartete er draußen.
-
-»Darf er herein?«
-
-»Nein!«
-
-»Auch morgen nicht?« Das verwöhnte Mädchen war ganz fassungslos
-geworden. »Du verweigerst deine Zustimmung? Aus welchen Gründen? Aber ich
-lasse nicht von ihm ...«
-
-Was nun folgte: Tränen, Nervenkrisen, Selbstmordgedanken. Seit jener Zeit
-teilte Frau Beate Lenas Zimmer in der Nacht. Bis der Sieg errungen war.
-Die schlimme Brautzeit, auch für die Mutter, die den Vater trauernd leiden
-sah.
-
-Armer Freund! Wie tapfer er sich heute gehalten hatte (nur bei dem
-Trinkspruch auf das junge Paar war seine Selbstbeherrschung sekundenlang
-bedroht gewesen), mit welch gutgespielter Heiterkeit er sich erboten hatte,
-den Hochzeitswagen auf dem Weg zum Bahnhof selbst zu lenken. Aber in was
-für einer Stimmung würde er ihr wiederkehren?
-
-Mechanisch hatte Frau Beate in das Spiegelglas geblickt, ohne sich darin
-wahrzunehmen. Wie kam es, daß sie sich jetzt entdeckte? Daß aus dem
-Gedächtnis die Erinnerung an Huldigungen tauchte, die heute unbeachtet an
-ihrem Geist vorbeigegangen waren? Ein freches Wort dabei, nicht für ihr
-Ohr bestimmt: Wenn ich zu wählen hätte, weiß Gott, die Mutter wär' mir
-lieber.
-
-Sie drängte sich näher an das Glas heran, prüfte Haare, Haut, Gestalt.
-Wie ein Schauer überlief sie ein Verständnis, das schon vorhin leise aus
-der Natur zu ihr gesprochen hatte. Daß dem Verblühen ein heftigerer Reiz
-entströmen könne als dem Entknospen, der tödlich süße Schmerz des
-Endes, der dem Genuß die feinste Wollust gibt. Und jäh und heiß schoß
-ihr eine Vorstellung ins Blut: wenn er zurückkommt, gehört er mir allein.
-Wie vor einundzwanzig Jahren. Kein Drittes zwischen uns.
-
-Eine Hoffnung lohte in ihr auf, ihr Herz tat einen großen Sprung, sie
-mußte sich am Tischrand halten.
-
-Dann, verwirrt, mit fieberhaft erregten Pulsen, lief sie an einen Schrank,
-suchte, wühlte. Das Kleid, das sie in ihrer Hochzeitsnacht getragen hatte,
-war dort aufbewahrt. Ein weites faltiges Gewand aus blaßblauer Seide. Es
-paßte noch. Die Haare rasch gelöst, zu der Frisur von einst geordnet.
-Den Mantel umgeworfen, wie zu unerlaubter Tat hinabgehuscht, die
-spätblühenden Sträucher zu berauben. Die betauten Rosen in Roberts
-Junggesellennest getragen, daß sie ihre Düfte über die Einsamkeit des
-Lagers streuen.
-
-Im Dunkeln, hinter herabgelassener Gardine, spähte sie in die Nacht
-hinaus. Mit hämmerndem Herzschlag, in zitternder bräutlicher Erwartung
-und der Sehnsucht der gereiften Frau.
-
-... Männerschritte unten in dem Garten. Und oben in ihr eine fast
-mädchenhafte Scham, ihm hier zu begegnen, eine Wendung zu entfliehen.
-Zu spät, er ist schon auf der Treppe. Jetzt geht die Tür zu ihrem
-Schlafgemach. Gewiß, er sucht sie, gleich wird er die Schwelle dieses
-Zimmers übertreten ...
-
-Da kommt ihr eine große Kühnheit. Sie macht Licht, er soll sie sehen,
-wie sie sich für ihn geschmückt. Nicht mehr nur die Mutter seines Kindes.
-Seine Liebste. Seine Frau. Wo er nur bleibt? Auf leichten Sohlen, die
-Nerven in weher Zärtlichkeit gespannt, schleicht sie hinaus, lugt durch
-die Spalte der angelehnten Tür.
-
-Vor dem Bett der Tochter liegt der Mann, das Gesicht im seidenen Pfühl
-begraben. Wie vom Krampf geschüttelt beben seine Glieder. Und er weint ...
-
-Daß sie nur unbemerkt entkommen kann. In Lenas Stube reißt sie
-schamüberflammt die blaue Seide ab, knöpft ihren unscheinbarsten
-Morgenrock bis zu den Ohren zu, streicht die Haare fest zurück, zöpft sie
-zu einer matronenhaften Flechte.
-
-Hart und hörbar tritt sie auf, gibt ihm Zeit aufzustehen, sich zu
-besinnen.
-
-»Ich erfahre eben, daß du schon zurück bist, Robert. Bitte komm in das
-Rauchzimmer hinunter. Dort ist für dich gedeckt. Du mußt mir von den
-Kindern erzählen. Und nach der langen Fahrt wirst du sicher hungrig
-sein.«
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Ich hatte keinen Blick von der Erzählerin gewendet. In ihrer
-Selbstverständlichkeit zu Pflichterfüllung und Entsagung schien sie mir
-die Verkörperung der Fraulichkeit. Erstaunt bemerkte ich, daß sie das
-Interesse der anderen Hörer nicht in gleichem Maße erregte. Hier und da
-war einer aufgestanden, ich hörte gedämpftes Flüstern vom Fenster
-her. Als ich hinzutrat, nahm auch ich Leute auf der Straße wahr, die
-mit dringenden Gebärden Einlaß verlangten. Wir wagten nicht, den Bauer
-aufzuwecken, mochten auch nicht, wir die Selbstgeschützten, den Bittenden
-die Unterkunft versagen. So übten wir eigenhändig Hausrecht aus. Die
-Eingelassenen gaben sich als Fahrtgenossen zu erkennen. Nachträglich
-hatten sie den Zug verlassen und nirgends Aufnahme gefunden. Ich dachte,
-als sie sich aus ihren Hüllen schälten: seltsame Bettgenossen macht
-die Not. Ein Mann im Kaftan, Ringellocken an den Schläfen, ein zweiter,
-bartlos, abgezehrt, die Augen glanzlos, wie nach innen blickend, den
-schwarzen Rock hoch zugeknöpft, zum Mönch fehlte ihm nur die Kutte. Eine
-Frau zuletzt, robust, den blonden Scheitel weißlich ausgeblichen. Den
-Händen sah man an: sie scheuten sich nicht, unbedenklich zuzugreifen.
-
-Und nun wurde zum erstenmal in diesem Raum gelacht. Als einer der
-Anwesenden sich auf die Weißlichblonde stürzte und sie sich beide vor
-Heiterkeit die Seiten hielten: da haben wir, meiner Seel', im selben Zug
-gesessen, und eins hat nix vom anderen gemerkt. Sie machten kein Hehl aus
-ihren Wie's und Wo's. Wer wollte, konnte es erfahren, daß der Südtiroler
-Aloys und die Holländerin Katje in Scheveningen in dem nämlichen Hotel
-bedienstet waren, vor zehn Jahren, er als Kellner, sie als
-Stubenmädchen. Laut und unbekümmert füllten sie die Lücken ihres
-Nicht-voneinander-Wissens aus. Geruch des Krieges haftete an ihnen. Ihn
-hatte England interniert, sie war in Flandern Pflegerin gewesen.
-
-»Und bist epper wieder in an Gasthaus angestellt?«
-
-Sie machte eine unzweideutige Bewegung der Zurückweisung. Einen
-Kriegsbeschädigten hatte sie zum Mann genommen, sie fingen einen kleinen
-Handel an. Um den Tod niet wollte sie wieder den reichen Janhagel bedienen
-und für ein paar dubbeltje Trinkgeld »Dank je well« zu jedem Lümmel
-sagen. Sie stieß Aloys in die Rippen: »Nicht Aloys? Was hat man da in
-die großen Hotels für ein Aasen mit die Guldens anschaun müssen und ein
-Schlingen und Champagnersaufen, und ein paar Gassen weiter sind die armen
-Fischersleut' verreckt, bei Erdäpfel und Heringsschwänzen.«
-
-Die meisten schienen sich an ihrem derben Wesen zu ergötzen. Man
-ermunterte sie zu weiterer Gesprächigkeit. Sie glich einer Künstlerin,
-die Beifall findet, gab Berufsgeheimnisse zum besten, malte die Volkssitten
-an ihrer Heimatküste. Bunte Farbenflecken warf sie auf eine roh gezimmerte
-Palette. Ich habe sie vereint zum Bilde.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Altersfrieden
-
-
-Es ging ihnen gut, den Häuslersleuten im »Haus für arme Fischer«.
-
-In Armut waren sie geboren, in Entbehrung aufgewachsen. In Sorgen hatten
-sie gelebt, waren in schwerer Arbeit grau geworden. Nun aber litten sie
-nicht Not.
-
-Ein Dach zu Häupten und ein Lager, um den müden Leib zu betten. Ein Raum
-für jedes. Hoch genug, um aufrecht drin zu stehen, und breit genug, um,
-beide Arme ausgestreckt, die Mauern kaum zu streifen.
-
-An der weißgetünchten Wand ein Binsenstuhl, ein kleiner Tisch. Ein halbes
-Dutzend Nägel ob der alten buntbemalten Truhe. Und wem das nicht genügte
-konnte Bretter in den Bettschrank nageln und seine Habe darin bergen.
-
-Für ihren Magen war gesorgt.
-
-Kaffee des Morgens, Kaffee vormittags, mittags, nachmittags und abends.
-
-Und Sonntags Speck. Drei volle Pfunde. Wer seine Knochen noch bewegen
-konnte, dem stand es frei, sich seinen Tabak zu verdienen. Nur Branntwein
-war verpönt. Der schädigte den Körper und die Seele.
-
-Zwölf waren sie. Verwaiste Eltern alle und keiner unter siebzig.
-
-Der Tod war durch ihr Haus gegangen und hatte sie verschmäht. Wegmüde
-Wanderer. Entzweigte Bäume, kronenlos, ins Lebensmark getroffen.
-
-Nicht alle waren Heringsfischer.
-
-Gwij Louw hat Zwiebel und Kartoffel eingesetzt und ausgegraben Jahr um
-Jahr. Vom vielen Bücken war sein Rücken krummgebogen.
-
-Joost Bluijs gab seine Kraft den Kähnen. Das Seil um seine Schultern ging
-er uferlängs mit schweren Schritten, zog die schwerbeladenen,
-flachen Kähne durch die Kanäle. Durch die stillen, grünumsäumten
-Wasserstraßen, der Landschaft Zierde und die Freude aller
-schönheitsfrohen Blicke.
-
-Frucht und Gemüse hatte Arrie Paap durch das Land geschoben. Winter und
-Sommer. Durch Schneesturm und durch Sonnenglut, durch Schlamm und Flugsand.
-Dem Karren unter, zwischen Räderkreischen, die beiden Helfer. Kleine
-Hunde, zottig, mager, unter ihrer Bürde aus atemlosen Lefzen keuchend. An
-hundert Tiere mordete die Straße.
-
-Huip van Spaart war Muschelsammler. Alltäglich, nach der Flut, war er ins
-Meer gegangen, das Netz vor sich, quer durch die Wellen. Neben ihm, bis an
-den Bauch im Wasser, zog das alte Pferd den hohen Wagen. »Ho--i,« schrie
-Huip. Das Pferd stand still, der Fang fiel prasselnd in die Wagenhöhlung.
-Und weiter ging's, quer durch die Wellen, Mann und Pferd bis an den Bauch
-im Wasser.
-
-Huip lebte noch die Frau, wie auch dem Gwij. Joost Bluijs war Witwer. Erst
-seit kurzer Zeit. Nun durfte er das Doppelbett allein benutzen.
-
-Da war noch Aagje Kruit, die Armenmutter vor Eef Waas gewesen war. Und
-Tietje Boon, die nicht ganz richtig war im Kopf.
-
-Seit ihrer Jugend, meinten manche.
-
-Andere sagten, seit jenem Tag, an dem sie Mann und Kind verloren hatte.
-
-An einem Wintersonntag auf der Heimfahrt aus der Kirche.
-
-Im Treibeis kenterte das Boot. Der Vater hielt das Kind, bis die
-erstarrten Hände Hilfe fanden. Dann sank er kraftlos. Tietje, am Bugspriet
-angeklammert, bewußtlos, halb ertrunken, blieb am Leben. Sie lag in hohem
-Fieber, als man das Kind begrub.
-
-Sie saß meist und stierte in die Luft. Nur wenn das Essen kam und man ihr
-das Verlangte nicht gleich reichte, erwachte sie und heulte wie ein Tier,
-das Schmerzen hat.
-
- * * * * *
-
-Novemberabend.
-
-Heulend rast der Sturm. Aus seinem Brüllen schreit der Tod.
-
-Draußen -- weit draußen -- zwischen Gischt und Wirbel unter
-schwarzverhangenem Himmel. Bergehoch, tälertief wirft er das Fahrzeug,
-faßt es mit der Eisenfaust, zerbricht es -- begräbt sein Leben in dem
-tollen Strudel. Jauchzend rennt er vorwärts, türmt die Wasser, rüttelt
-an den Dämmen.
-
-Auf das Armenhaus wirft er sich wütend. Dreihundert Jahre schon berennt
-er es, kämpft er mit der buntbemalten Puppe, dem alten Fischer, die den
-Giebel krönt.
-
-»Ich will dich zwingen, Popanz -- heut' zertrümmere ich dich.«
-
-Drinnen in der Halle hocken die Alten um den runden Tisch. Auf die weißen
-Köpfe fällt das bleiche Licht der Hängelampe.
-
-Aber in den tiefen Ecken, wo die schwarzen Schränke stehen, ballen
-sich die Dunkelheiten, rücken drohend näher, fressen an dem blassen
-Lichtkreis. Lärmend tost der Wind.
-
-Hui -- ein Stoß -- und wieder einer.
-
-Die rote Balkendecke zittert, zuckend tanzt die Lampenflamme, und die
-Mauern schwanken. Klirrend reißt es an den Fenstern. Eisig pfeift es durch
-die Ritzen, fegt mit Ungestüm quer durch den Saal.
-
-In den greisen Körpern friert das Leben. Zögernd schleicht das kalte Blut
-durch die welken Adern, und der Herzschlag stockt.
-
-Sie fordern murrend »Mutters Zimmer« in der bösen Nacht. Es ist kleiner
-und die Mauern dicker, man kann Feuer machen im Kamin.
-
-Mutter Eef hat nichts verstanden. Sie geht in dem blauen Wollkleid (Rock
-und Jacke, sommers, winters stets das gleiche), auf dem grauen Haar die
-weiße Haube, hin und wieder, räumt und ordnet. Noch ganz jung, kaum
-fünfzig Jahre.
-
-Ihr nettes Stübchen. Heute hat sie erst die roten Ziegelsteine
-reingescheuert.
-
-Nicht einmal die Katze, die ihr Liebstes ist, durfte auf die hohen
-Binsenstühle springen.
-
-Diese Horde Schweine, die nach Schmutz und Branntwein stinken, Tabak
-qualmen und in alle Ecken spucken.
-
-Nützen nichts, die tauben Ohren. Immer lauter wird das Murren.
-
-Und jetzt humpelt Aagje Kruit aus ihrem Stübchen. Einundneunzig,
-eingeschrumpft und eingetrocknet, schon der Erde nahe, in die sie bald
-gesenkt wird.
-
-»Hör', Eef, in solchem Wetter haben sie ein Recht, bei dir zu sitzen.
-Mach' das Feuer an in deiner Kammer.«
-
-Mageres Feuer. Ein paar Stücke Torf, ein Korb voll Dünengras. Doch es
-flackert, mischt sein sanftes Lied ins Sturmesheulen.
-
-Eng umdrängen es die Häusler. Dicht beisammen. Als ob Wärme aus den
-alten Körpern strömen könnte.
-
-Schweigend rauchen sie, schon halb entschlafen. Manchmal weckt ein
-Windstoß das Gedenken an Gefahren, die sie einst bestanden haben.
-
-Aagje Kruit fängt plötzlich an zu reden.
-
-Sie war Hebamme. Tausenden von Kindern hat sie auf die Welt geholfen,
-tausende verderben sehen.
-
-Sie erzählt von großen Kriegen. Von Napoleon. Von dem Brand in Moskau.
-Einer ihrer Brüder war dabei gewesen. Fahnenflüchtig war er heimgekommen,
-mit der Kunde von dem großen Brand und schwerem Elend.
-
-Mutter Eef, die Augen scharf auf Joost, schreit plötzlich auf.
-
-»Du Kerl, du Schwein, besoffenes Untier, hab' ich dir nicht streng
-verboten, auf die reine Diele auszuspucken? Siehst du nicht den Speinapf?«
-
-Sie faßt mit ihrer starken Hand den Alten und stößt ihn in die dunkle
-Halle.
-
-Alle anderen folgen, tappen in die Kojen, kriechen in die Kasten unter ihre
-Lumpen.
-
-Gwij und Huip und ihre Frauen schmiegen sich zusammen.
-
-Wieviel Nächte noch?
-
-Joost zieht heimlich seine Branntweinflasche aus dem Polster, heizt den
-alten Leib.
-
-Lautlos liegt das Haus, der Wind umheult es. Rüttelt an dem Giebel, an den
-Türen.
-
-Ab und zu erwacht ein Schläfer.
-
-War das nicht ein Schrei? Das Rufen eines Kindes, das vor vielen Jahren in
-solcher Sturmnacht auf der See ertrunken ist?
-
- * * * * *
-
-Schweineschlachten. Fest im Armenhaus. Im November kauft die Mutter das
-Ferkel ein, zieht es unter aller Augen auf. Aller Hände haben es betastet.
-Tag um Tag. Wie es zunimmt. Ob am Fett mehr, ob am Fleisch? Heut, im
-Februar, wird es geschlachtet. Dick van Keer, der alte Heringsfischer, der
-so oft den Todesschnitt geübt hat, darf es stechen.
-
-Seine dürre Hand, die zögernd zittert, wird noch einmal fest. Er stößt
-mit scharfem Messer in das Herz des Tieres, dessen Blut hervorschießt. In
-den Bottich, den Joost Bluijs ihm vorhält.
-
-Gwij und Arrie holen Pech herbei, bestreuen den Leichnam. Während Eef das
-Feuer auf dem Herd entzündet und den Kessel aufstellt.
-
-Siedend wird das Wasser auf das Schwein gegossen, daß die Borsten,
-aufgeweicht, sich schaben lassen.
-
-Alle Männer, ihre Kraft vereinend, ziehen und schleppen nun den schweren
-Körper in die Halle. Dort wird er gehängt und abgewogen.
-
-Juchhei! Zweihundertundzwanzig Pfund. Fast um zwanzig mehr als im
-vergangenen Jahr.
-
-Um das Tier geschart, besprechen sich die Alten, achten auf die Teilung,
-sehen den Frauen zu, die die Eingeweide waschen, umdrehen, salzen und
-zerkleinern, um sie in den langen Darm zu stopfen.
-
-Ihre Augen treten aus den Höhlen, ihre Zungen lecken lüstern ihre Lippen.
-Ganz beseligt tasten sie die Seiten. Dieser Speck -- so weiß und fest. Und
-die Schinken.
-
-Nein, sie werden dieses Mal nicht dulden, daß Eef irgend etwas von dem
-Schwein verkauft. Sie verlangen ihren Anteil an den Würsten, an dem
-Räucherfleisch.
-
-Es ist Geld genug im Armenfonds. Muß denn Zins auf Zins gelegt sein? Ihrer
-ist die Gegenwart, das Schwein. Was bekümmert sie die Zukunft? Ihre Tage
-sind gezählt.
-
-Mutter Eef hält Wacht mit scharfen Augen, daß kein Frecher sich an ihrem
-Gut vergreift. Jetzt faucht sie wie eine Katze auf. Ihre Faust in Arries
-Tasche, zerrt sie wütend, zieht das Stück, das er vom Schweinemagen
-heimlich abgeschnitten hat, heraus.
-
-»Halunke, Lump, gemeiner Dieb!«
-
-Arrie schweigt. Er ist zufrieden, daß der Eindringling die Flasche nicht
-gefunden hat. Seine liebe Branntweinflasche.
-
-In der Ecke, wie beleidigt, tut er einen tiefen Schluck daraus und reicht
-sie heimlich weiter.
-
-»Prosit! Unser totes Schwein soll leben.«
-
-Und sie lachen wie die Kinder, hundert Runzeln in den alten Zügen.
-
-Aus der großen Halle schrillt ein Wehruf. Lautes Weinen, wilder Jammer. Es
-ist Tietje Boon.
-
-Des Schweines Todeskampf, das blutig-rote Fleisch, der Blutgeruch haben sie
-erregt. Irgend etwas ringt sich dämmernd aus dem zerstörten Denken. Aus
-der Tiefe ihres Unbewußtseins tritt ein langvergessener Schmerz.
-
-Sie liegt auf dem Boden, heult, schreit, rauft sich die Haare.
-
-»Tietje Boon ist wieder mal nicht richtig,« sagt Gwij Louw zu Arrie.
-»Sicher ist es so.«
-
-Und den Umstand nutzend, daß die Mutter in die Halle geht, Tietje
-auszuschelten, leert er seine Branntweinflasche bis zur Neige.
-
- * * * * *
-
-Konzert und Ball im Badhotel.
-
-»Für die Armen, liebe Leute, es sind ihrer viel im Dorf.«
-
-Mildtätigkeit rauscht aus den Seidenröcken, Mildtätigkeit blitzt aus den
-edeln Steinen.
-
-Mildtätigkeit entblößt die Büsten, schmückt die künstlichen Frisuren
-mit Band und Blumen, läßt Champagnerpfropfen knallen.
-
-Händedrücken -- Augenschmachten -- Hüftenwiegen. Die Verlockung wird zur
-Pflicht.
-
-Zweimal schon, zu je zehn Gulden einen Kuß, hat der blonde Hauptmann Frau
-von Reuß die weißen Arme küssen dürfen.
-
-Für die Armen, liebe Leute, muß man Opfer bringen.
-
-Mutter Eef in ihrem blauen Kleid, stets das gleiche, auf dem grauen Haar
-die Spitzenhaube, deckt die Tafel, bringt die Teller, Gläser und Bestecke.
-Heute gibt es warmes Abendessen. Braten, süße Speisen, Wein und Bier und
-für jeden Mann ein Päckchen Tabak.
-
-Eben treten schon die Spender in die Halle. Ihre Wohltat zu vollenden,
-wollen sie die Armen selbst bedienen.
-
-Die Alten stehen sehr verlegen in den Türen ihrer Kojen.
-
-In ihrem Herzen kämpft die Sehnsucht nach den feinen Speisen mit der Scheu
-vor diesen Herrenleuten.
-
-Mynheer van der Werft, der reiche Reeder, tritt jetzt vor, hält eine Rede.
-
-Von der Güte Gottes, »denn der Herr ist auf dem Grunde jedes Tuns
-und Lassens. Täglich müßt ihr ihn lobpreisen, daß er euch so schön
-geführt hat. In dies Haus, wo euer Lebensabend hinfließt wie ein
-Bächlein, still und rein und ohne Sorgen.«
-
-Von der Menschengüte, die den alten Leuten dieses schöne Fest bereitet
-habe. Von der Pflicht der Dankbarkeit für diese Wohltat, von der Pflicht
-der Demut und Zufriedenheit.
-
-»Ist er nicht bald fertig?« denken sich die Häusler. »Erdäpfel und
-Braten werden kalt.« Unter den gesenkten Lidern fliegen ihre Blicke nach
-der Tafel.
-
-Endlich!
-
-Um den runden Tisch sitzen jetzt die Alten. Das blasse Licht der
-Hängelampe fällt auf ihre weißen Köpfe. Anfangs zögernd, immer
-dreister greifen alle zu.
-
-Schmatzend essen sie und trinken glucksend. Das Geräusch des Kauens und
-des Schluckens mischt sich mit dem Rauschen der Gewänder. Wenn die Damen,
-die zum Volk heruntersteigen, Schüsseln reichen, Gläser füllen. Da
-fällt ein Teller klirrend auf die Diele und zerbricht. Er ist Frau von
-Reuß entfallen.
-
-Einer Ohnmacht nahe, starrt sie nach den Alten. Nach dem Lichtkreis über
-ihnen, den die Finsternisse, in den Ecken dicht geballt, umdrängen und
-ihn drohend fressen. Daß er matt und ungewiß die welken Körper und die
-dürren Glieder und die bleichen Wangen fahl beleuchtet.
-
-Ihr ist plötzlich: lauter Leichen sitzen um die Tafel. Fleischlose
-Gerippe, deren Kiefern zahnlos malmen. In den Dunst von Wein und Speisen
-steigen ihre Verwesungsdüfte. Ihrer selbst nicht mächtig, stürzt sie
-durch die Tür ins Freie. Auch die anderen Herrenleute, schnell erkaltet in
-dem Eifer sich zu opfern, suchen einen Vorwand, sich zu flüchten.
-
-Unbekümmert, ohne aufzusehen, füllen sich die Alten Schlund und Magen.
-Sie vertilgen bis zum Rest die Braten, und sie leeren Wein und Bier zur
-Neige.
-
-Dann, des Übermaßes ungewohnt, sitzen sie betäubt. Ein Gefühl des
-Unbehagens überfällt sie, eine Lust zu streiten und zu raufen.
-
-Arrie Paap fängt plötzlich an zu winseln: hätten sie ihn doch gefragt.
-Hätten sie ihm, statt des Nachtmahls, doch lieber seinen höchsten
-Wunsch erfüllt, den letzten seines Lebens. Einmal noch nach Amsterdam zur
-Kirmeß. Auf den Straßen singen hören, tanzen sehen, in den Waffelbuden
-sitzen und das Karussell besuchen. Einmal noch in diesen großen Kutschen
-fahren. In den wunderbaren weißen Kutschen, ganz vergoldet und mit
-goldenen Pferden, die sich nach dem Klang des großen Spielwerks langsam
-drehen.
-
-An den Fingern zählt er sich die Kosten ab. Für Wein und Bier, und für
-den Braten, für die süße Speise. »Das hat mehr gekostet als die Fahrt
-zur Kirmeß, meint Ihr nicht auch, Mutter Eef.«
-
-Eef ist sehr verdrießlich.
-
-Das Gesindel, diese feinen Damen. Erst sind sie so freundlich, bieten ihre
-Dienste an, wollen helfen und bedienen. Und dann rennen sie davon, lassen
-ihr die Plackerei und Arbeit.
-
-Keine einzige hat ihr etwas gegeben, keinen Cent, ihre Hand ist leer.
-
-Gerade nur, daß sie sich die beiden Flaschen Wein hat beiseite bringen
-können, und die halbe Torte und die Wurst.
-
-Arrie winselt immer noch in seiner Ecke. »Hätten sie mich doch nach
-meinem Wunsch gefragt.«
-
-»Du bist ganz besoffen, Kerl, leg' dich schlafen,« sagte die Mutter.
-
-Wütend schichtet sie die leeren Teller, packt sie auf den Arm und trägt
-sie weg. Auf dem Weg zur Küche murmelt sie verächtlich: »Diese reichen
-Leute.«
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Katjes Erfolg war unbestritten; sie hatte der Frauen Mitleid angerührt,
-dem jungen Dichter eine neue Welt erschlossen, die geräuschvolle
-Zustimmung des tschechischen Genossen eingeheimst. So offensichtlich
-platzte nun auch Aloys aus allen Nöten vor Erzählerlust, daß ich
-lächeln mußte, wenn ich den Ton als höchst geschmacklos auch verdammte,
-als der grauhaarige Herr dem Südtiroler seine Zigarettendose reichte und
-ruhig sagte:
-
-»Na, Herr Oberkellner, und was haben Sie gegen ihre frühere Kundschaft
-auf dem Herzen? Heraus damit. Es kitzelt Sie ja schon in der Kehle.«
-
-Wie gekränkt in seiner Manneswürde hielt Aloys sich zuerst zurück. Dann
-siegte wohl die »Bitte sehr, bitte gleich«-Natur in ihm. Er verbeugte
-sich, und eingedenk vielleicht seiner Gewohnheit, die Zahl nach oben
-abzurunden, nahm er an Stelle eines Tabakstengels ihrer sechs aus dem
-Behälter.
-
-»Na natürli,« sagte er begütigend, »es is halt alles unterschiedlich
-auf der Welt. Es hat ihrer unter die Herrschaften viel noblichte und
-anständige a. Aber sell muß wahr sein: a fremds Brot is a sauers Brot.
-Und die Armen und die Reichen, das paßt halt z'samm' als wie, mit Verlaub,
-an Schweinshaxel in an Judenmagen. Und um so mehr als wie sich Müh' geben,
-sich gemein mit unsereins zu machen, um so talketer stellens sich halt an.
-Auf d' letzt noch,« er rückte seinem Ziele näher, »acht Täg bevor
-i hab' weg müssen zu die Soldaten, is oben in unserm Alpenwirtshaus
-was passiert. Wenn die Herrschaften erlauben, werd' i so frei sein und's
-erzählen. Ein ganz a lustigs Stückl. Kurz is's a.«
-
-Er erbat sich Feuer von dem grauhaarigen Herrn, setzte sich an Katjes Seite
-und begann.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Volksbeglückung
-
-
-Es war die zweite Stunde eines heißen Julinachmittags. Um diese Zeit
-kam keine Kundschaft in die Schwemme des großen Alpengasthofes »Zum
-Latemar«, der auf einem Hochplateau erbaut war, von den Dolomiten wie von
-einem Kranz umgeben. Vefi Rifeser, die Kellnerin, konnte ungestört die
-Platte ihres Schenktisches seifen. Sie rieb und bürstete mit Eifer, wie
-jemand, dessen Gedanken nicht bei seiner Arbeit sind. Von Zeit zu Zeit fuhr
-sie mit der Schürze über die erhitzten Wangen und trocknete zugleich die
-nassen Augen.
-
-Die Vefi war ein mittelgroßes, schlankes Mädchen, mit brauner Haut,
-feurigen Augen und starken schwarzen Haaren. Sie war im Grödnertal
-geboren, von welschen Eltern, ihr Sinn war ungestüm, und ihr Geblüt war
-heiß. An schwülen Tagen wie dem heutigen machte es ihr viel zu schaffen
-und begehrte heim zu allem, was sie, dem Broterwerb zuliebe, dort
-zurückgelassen hatte.
-
-In solchen Augenblicken war es geraten, ihr aus dem Weg zu gehen, das Wort
-saß ihr dann lose auf der Zunge und die Hand lose im Handgelenk. Zwar, sie
-war auch sonst nicht maulfaul und verkniff sich keinen derben Ausdruck. Mit
-den Bauern war sie grob aus Hochmut, weil sie sich ihrer Armut halber nicht
-von ihnen ducken lassen wollte, und mit den Städtern aus Schlauheit. Sie
-merkte wohl, daß ihre Art die Herrenleute in die Schwemme lockte, die
-Männer reizte und die Frauen unterhielt, und daß die Trinkgelder mit
-ihrer Keckheit wuchsen. Sie sah und merkte überhaupt so manches und lachte
-heimlich über die verrückten Leute, die sich vom Wirt und den Kellnern
-das Geld aus den Taschen ziehen ließen. Die, anstatt bis Mittag im
-bequemen Bett zu schlafen, vor Sonnenaufgang aufstanden und in die Berge
-liefen. Die voreinander den ganzen Tag Komödie spielten und sich in einem
-fort verkleideten; in der Früh' als Tiroler, in geflickten Lodenjacken,
-Lederbuxen und Dirndlgwand'ln, zu Mittag wie die Kunstreiter in Sportanzug
-und in Radelröcken, und auf die Nacht wie die Affen; die Mannsbilder in
-schwarzen Schniepeln und glänzenden Stiefletten, die Weibsleute obenher
-halbnackt, daß man sich schämte sie anzuschauen, untenher mit langen
-Seiden- und Spitzenfahnen, die sie auf dem roten Bergsand schleifen
-ließen. Und die sich alle auf die Gebildeten und Feinen spielten und doch
-grad' so nixnutzig waren, so verlogen und verliebt wie die gemeinen Leute
-auch.
-
-Vefi hatte Gelegenheit genug, das alles aus der Nähe zu beobachten; denn
-zum Verdruß des Landvolks und zum Ärger des feinen Oberkellners hielten
-sich viele Fremde lieber in der Schwemme auf als in der eleganten Halle
-des Hotels. Neugierig waren manche, konnten sich nicht genug tun mit Fragen
-nach bäuerlichen Sitten und Gebräuchen, als ob Tirol im Mond gelegen
-wäre. Andere kamen ihr mit Ratschlägen und Anerbietungen, mit
-unverschämten und auch gutgemeinten.
-
-Da war besonders ein Fräulein aus Berlin, Klarisse Müller hieß es, und
-wohnte schon seit einem Monat im Hotel, das hatte die Grödnerin in ihr
-Herz geschlossen und war ganz erpicht darauf, sie zu unterrichten. Dafür
-verlangte sie nicht nur keine Bezahlung, sondern sie beschenkte ihre
-Schülerin noch, um sie anzueifern. Aus diesem Grund ließ sich's die Vefi
-auch gefallen; aber sie war doch herzlich froh, wie das Fräulein auf ein
-paar Tage fortmachte, auf eine Bergtour.
-
-Heute namentlich, da ihr die Traurigkeit beinahe das Herz zersprengte,
-hätte sie sich lieber in ihrem Dorf um geringsten Taglohn schwer geplagt,
-als hier in der Fremde in ihrem Sonntagsstaat die Bauern zu bedienen und
-den Herrenleuten einen Hanswurst vorzumachen. Wie sie das grad' so bei sich
-dachte und ihr dabei die Tränen wieder in die Augen stiegen, tat sich die
-Tür auf, Fräulein Klarisse trat herein; sie trug ein Päckchen in der
-Hand.
-
-»Grüß Gott, Vefi!« sagte sie mit norddeutscher Betonung.
-
-»Grüß Gott, Freilen,« erwiderte die Kellnerin nicht eben freundlich.
-
-Dabei bückte sie sich hinter die Kredenz, so daß sie die ausgestreckte
-Hand des Fräuleins nicht zu schütteln brauchte.
-
-Fräulein Klarisse nahm ihr das nicht übel. Sie hatte feste Theorien in
-bezug auf den Verkehr mit Frauen unterer Stände. Die wollten ihrer Ansicht
-nach gewonnen und umworben werden, man mußte sie behandeln wie die Kinder,
-und ihnen wider ihren Willen helfen.
-
-Vertraulich setzte sie sich an einen Holztisch und erbat sich ein Glas
-Milch.
-
-»Nun, und wie ist es Ihnen denn ergangen, Vefi, während ich nicht hier
-war? Ist Ihnen bang' nach mir gewesen?« Sie erhob die Stimme, als könnte
-sie ihr Hochdeutsch dadurch besser verständlich machen. »Ich hab' an Sie
-gedacht, sehen Sie, ich hab' Ihnen was mitgebracht.«
-
-Sie löste die Hülle des Paketchens und überreichte Vefi ein geschnitztes
-Kästchen, dessen Deckel ein buntbemaltes Bildchen zierte. Das Dorf
-St. Ulrich, überragt vom Langkofel und der Sellagruppe.
-
-Vefi starrte auf das Geschenk. Sie wußte mit dem Kästchen nichts Rechtes
-anzufangen, aber die wohlbekannten Formen der Berge, die seit Jugend an
-ihren täglichen Horizont gebildet hatten, weckten eine wilde Sehnsucht in
-ihr auf.
-
-»I dank Enk, Freilen.«
-
-Sie war nicht dankbar. Wütend war sie, daß sie hier stehen und schwatzen
-mußte und nicht ihr Bündel nehmen und nach Hause laufen durfte.
-
-»Denken Sie, ich hab' den Langkofel bestiegen,« plauderte indes das
-Fräulein weiter, »bis zur Hütte. Herrlich war es oben, diese wundervolle
-Aussicht. Na, Sie sind den Weg gewiß schon oft gegangen.«
-
-Vefi wußte nicht, was Nerven sind, sie fühlte nur, daß sie an sich
-halten mußte, um den Gast nicht vor die Tür zu werfen.
-
-»I,« erwiderte sie mürrisch, »baleib net, zu so was hab' i net Zeit.«
-
-»Aber am Sonntag doch? Zieht es Sie denn da nicht hinaus in die schöne
-Natur?«
-
-»Meinen S' die Berg? Die siech i akrat a so von unten. Und am Sunntig will
-i decht a mei Ruh' hab'n.«
-
-»Wie doch die Dumpfheit des Geistes dem Volk die schönsten Freuden
-raubt,« dachte Klarisse und erzählte, nicht ohne erzieherische Absicht,
-daß einer von den Führern, ein furchtbar netter Kerl, womöglich noch
-begeisterter vom Sonnenaufgang war als die Städter. »Er war aus Ihrer
-Gegend, vielleicht ist er Ihnen bekannt, Peter Purtscheider war sein
-Name.«
-
-Vefi lachte verächtlich auf. »Ui jegerl der Peter, sell is der recht',
-der lugt mit 'm Maul, bal er betet. Um a guat's Trinkgeld plauscht der die
-Frischleut' sakrisch an.«
-
-Was hatte nur die Vefi? So üble Laune hatte sie noch nie gezeigt.
-Fräulein Müller lenkte daher das Gespräch in andere Bahnen.
-
-»Haben Sie denn für mich gearbeitet, liebe Vefi?«
-
-Das Mädchen brummte etwas Widerwilliges, doch ging sie an den Schenktisch
-und kramte in der Lade nach Tintenfaß und Schreibheft. Das Fräulein hatte
-es doch gut gemeint mit ihrem Kästchen, auch für die Milch wieder zehn
-Heller Trinkgeld hergegeben.
-
-Klarisse sah das dünne blaue Heft mit dem zerrissenen beschmutzten Deckel
-kopfschüttelnd an.
-
-»Aber Vefi, wie sieht das wieder aus. Und was haben Sie da obenan
-geschrieben?«
-
-»'S is die Zech' vom Patscherjörgl, 's hat ihm gar so arg g'schleunt und
-i kunt koa Kreid'n finden.«
-
-Das Fräulein überflog die Rechnung.
-
-»Wie haben Sie das nur wieder buchstabiert? Wein mit eu und Rührei mit
-ai.«
-
-Das Blut stieg Vefi in die Schläfen. Sie faßte nach dem Buch, um es an
-sich zu reißen!
-
-Klarisse hielt es fest.
-
-»Ich darf nicht die Geduld verlieren,« mahnte sie sich selber, sagte:
-»Lassen Sie mich nur erst Ihre Arbeit sehen!« und öffnete die Blätter.
-
-Sie hatte ihrer Schülerin, der die großen Buchstaben nicht ganz geläufig
-waren, die Aufgabe gestellt, zu jedem Zeichen des Alphabets einen Rufnamen
-zu finden. Nun las sie, ohne zu verstehen, eine Anzahl Worte.
-
-»Was soll denn das hier heißen, Durl, Hias, Lipp, Neas?«
-
-Die Kellnerin lehnte, auf die Ellbogen gestützt, neben der Lesenden.
-
-»So heißt mer bei mir dahoam die Dorothee, den Matthias, den Philipp und
-die Agnes,« erklärte sie.
-
-»Ja, warum haben Sie denn dann die Namen nicht an die richtige Stelle
-gesetzt?« lächelte die Lehrerin. »Und ein paar Buchstaben haben Sie ganz
-ausgelassen, das G zum Beispiel.«
-
-»Auf G hab' i koa einzig's Wörtl finden kunnt.«
-
-»Aber Vefi! Ihr eigener Name -- Genoveva!«
-
-Vefi schlug sich vor die Stirn.
-
-»I Dalk, i Tepp, daß i dadrauf net denkt hab'.«
-
-Sie griff nach den Blättern, riß die beschriebene Seite aus und zerfetzte
-sie in viele Stücke.
-
-»Lassen S' mi aus, Freilen,« rief sie, »i sag's Enk alm; von
-Hundsschweifeln g'winnts koa Unschlitt. I bring' dös Zeig nimmer in mei'
-dalketen Schädel eini.«
-
-Das Fräulein suchte sie zu besänftigen.
-
-»Wie können Sie so sprechen? Sie wollen nur nicht.«
-
-Da warf die Kellnerin trotzig den Kopf zurück.
-
-»Von z'wegen was a?«
-
-»Um im Leben vorwärts zu kommen und auch um Ihrer selbst willen, Bildung
-macht die Menschen frei.«
-
-»Ui jegerl,« kreischte die Vefi auf, »was sollet i mit a Büldung? Für
-mei' Arbeit bin i g'bild't gnua.«
-
-»Sie könnten aber leichtere bekommen, hier ist sie doch oft recht schwer
-für Sie.«
-
-»Sell is wahr,« bestätigte die Vefi.
-
-»Und bringt wenig ein, und hört im Winter auf. Ein anstelliges,
-fleißiges Mädchen wie Sie könnte aber in der Stadt, in Bozen oder in
-München, einen guten Dienst finden für das ganze Jahr und viel mehr Geld
-verdienen.«
-
-Geld verdienen, das war das erste, das der Vefi von allen Reden
-einleuchtete.
-
-»Sell könnt' i scho brauchen.« Sie sah nachdenklich vor sich hin. Nach
-einer kleinen Weile schüttelte sie den Kopf.
-
-»'s ganget decht net, i tät' mi decht zu arg nar mei' Heimoatl blangen.«
-
-Diese sentimentale Regung überraschte die Berlinerin.
-
-»Ich denke, Sie hängen gar nicht an den Bergen?«
-
-»Hiaz z'wegen dene Berg.«
-
-Das Gespräch hatte das Heimweh, das ihr am Herzen fraß, gesteigert, sie
-kämpfte mit dem Verlangen, jemandem ihr Leid zu klagen. Und da Klarisse in
-ihrem Beglückungseifer sie noch mehr bedrängte:
-
-»Was hält Sie denn zu Hause fest? Ich weiß, Sie haben keine Eltern
-mehr,« kam es zögernd über ihre Lippen.
-
-»Da is halt dös Haserl.«
-
-Klarisse sah sie fragend an.
-
-»Mei' Biabl.«
-
-»Ein Kind?«
-
-Vefi nickte.
-
-Das Fräulein wurde rot, worüber sie sich ärgerte. Sie wußte doch, mit
-Prüderie kam man im Verkehr mit den niederen Ständen nicht weiter. Sie
-nahm sich sehr zusammen und sagte tapfer:
-
-»Sie haben ein Kind? Aber Sie haben mir doch erzählt, Sie sind nicht
-verlobt.«
-
-Die Vefi zupfte an ihrer Schürze; sie war etwas verlegen.
-
-»Just versprochen bin i a net, mir hab'n si holt gern. Der Meine kunnt mi
-lei net heiraten, net ender manka*), aft sei Eltern g'storben sind.«
-
- *) eher wenigstens.
-
-»Und darauf wartet Ihr?« fragte Klarisse innerlich entrüstet.
-
-»Ender kriegt er's Häusel net,« belehrte sie die Vefi eifrig, »und sei
-Vatter möcht' a, daß er a Reiche nehmet. Die Trafoierzenz, wo dreitausend
-Gulden mitkriegt, die ginget ihm glei zu.« Der Stolz auf ihres Liebsten
-Anwert sprach aus ihrer Stimme.
-
-Zu solchen moralischen Verirrungen konnte das Fräulein Müller doch nicht
-schweigen.
-
-»Aber Vefi, mit einem Menschen, der auf den Tod seiner Eltern wartet und
-inzwischen mit einer Reichen liebäugelt, haben Sie sich eingelassen? Ich
-fürchte, Sie rennen in Ihr Unglück.« Sie zögerte ein Weilchen, ehe sie
-sich entschloß, zu fragen: »Sehen Sie ihn denn noch immer?«
-
-»Freili, im Winter wann i hoam kimm.« Vefis Augen glänzten bei dieser
-Vorstellung.
-
-»In was für Abgründe man hineinblickt, wenn man mit dem Volk in
-Berührung kommt,« dachte die Städterin. Aber ihr Prinzip, daß alle
-Frauen solidarisch sind dem gemeinsamen Feind, dem Mann, gegenüber, ließ
-es ihr als Pflicht erscheinen, Vefis Stumpfheit aufzurütteln. Sie
-legte ihr Gesicht in ernste Falten und salbte ihr Organ mit dem Öl der
-Menschenfreundlichkeit.
-
-»Haben Sie denn nie daran gedacht, was für ein Unrecht Sie begehen?«
-
-In Vefis Mienen zog ein Gewitter auf.
-
-»Ös sprechts akrat a so wie der Kurat, wo am a a jed's Bußl as'n Sünd'
-anrait.«
-
-»Von der Moral will ich ja gar nicht sprechen.« Klarisse tat sich viel
-zugut auf ihr Verständnis der Volksseele. »Aber so ein armes Kind in die
-Welt zu setzen, um das sein Vater sich nicht kümmert ...«
-
-»Sell müßts net denken,« unterbrach sie Vefi heftig; »a Klemmer is der
-meine net, er zahlt vierzig Gulden 's Jahr fürs Muckerle.«
-
-Nun wurde auch das Fräulein ungeduldig.
-
-»Sie verstehen mich nicht; ich meine, wenn er nun eine andere nimmt
-und läßt Sie sitzen. Ich sage Ihnen,« sie war von ihrer Güte ganz
-hingerissen, »Sie sollten sich nicht so wegwerfen, so ein Mensch ist nicht
-wert, daß Sie so an ihm hängen. Folgen Sie meinem Rat, schreiben Sie ihm,
-oder wenn Sie wollen, schreibe ich für Sie --«
-
-»Unterstehts Enk,« fauchte Vefi auf, ohne zu bedenken, daß die Fremde
-des Burschen Aufenthalt nicht kannte, »daß mir mei' Schatz die Liab
-aufsagt.«
-
-Von so viel Natur fühlte sich das Fräulein angewidert.
-
-»Das ist doch keine Liebe, das ist -- das ist gehandelt wie das liebe
-Vieh.«
-
-Da sprang die Vefi wütend auf sie zu.
-
-»Sell geht Enk an Dreck an. Ös Drach'! Ös Bisgurn! Ös Bosnickl!
-Ös --« der Atem ging ihr aus, sie mußte sich verpusten. »Freili,« fuhr
-sie fort, und ihre Augen blitzten die Erschrockene ganz in der Nähe
-an, »Ös habts Enk leicht, habts a Geld, a kommods Leben, alle Tag' a
-Mehlspeis' und an Wein und a g'brat'nes Fleisch. Aber i bin an arm's Luder,
-muß mi von der Früh' bis auf d' Nacht rackern und schinden, hab' nie koa
-Gaudi net auf dera miserabligte Welt. Nix hab' i als dös bissel Liab von
-mei' Buabn, daß er mi auf 'n Sunntig mei' Bier zoahlt und an Tanz, und
-auf d' Nacht mit mi hoamgeht und mi halst und busselt, daß i siech, i bin
-decht a a Mensch. Wann er mi dann sagt: so viel gut bin i di, und nicht
-aufhört, mi zu bitten, soll i dann eppaer die G'spreizte spülln und
-sag'n: Tu erst beim Pfarrer die Schlüssel holen?« Sie zitterte vor
-Aufregung, die Tränen brannten ihr im Hals.
-
-Klarisse war aus ihrem Gleichgewicht geworfen. Sie fürchtete, der Lärm
-von Vefis Stimme könne auf die Straße dringen, und suchte nur nach dem
-rechten Wort zu einem würdevollen Abgang.
-
-»Sie sind so leichtsinnig und unvernünftig, daß Sie mir leid tun. Wenn
-Sie sich's aber noch einmal überlegen sollten ...«
-
-Die Bäuerin ließ sie nicht zu Ende kommen.
-
-»Da kunnts warten bis af'n Nimmermehrstag.«
-
-Und, da das Fräulein unentschlossen dastand:
-
-»Hiaz will i endli mei' Ruh' hab'n.«
-
-Sie rannte zur Tür, riß sie auf: »Schauts, daß aussikimmts!« Sie
-machte eine deutliche Bewegung.
-
-Mit einem verächtlichen Achselzucken verließ Klarisse den Raum. Da flog
-ihr raschelnd etwas um den Kopf. Es war das blaue Schreibheft, das ihr die
-Vefi nachgeworfen hatte.
-
-»Nehmt dös a mit!« schrie sie höhnisch.
-
-Dann ging sie in die Wirtsstube zurück, ergriff die Bürste und begann den
-Schenktisch wütend zu bearbeiten.
-
-Plötzlich ließ sie die Hände sinken, warf den Körper auf die feuchte
-Platte, barg das Gesicht in beide Arme und heulte laut vor Zorn, Heimweh
-und jäh erwachter Angst um ihre Zukunft.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-›A lustigs Stückl‹ hatte der Aloys uns versprochen. Mich verfolgte,
-während ich ihm zuhörte, das Dichterwort: In jeder Trennung steckt ein
-Keim von Wahnsinn. Ungeweckte Seelen, dachte ich. Ihre Einfalt ist noch
-unzerspalten. Ja ist Ja und Nein ist Nein. Redlichkeit und Treue sind
-die Frucht ihrer Instinkte. Sie sind wie Pflanzen, die nur gedeihen im
-Mutterboden. Herausgerissen, in fremde Erdreiche geworfen, entarten sie.
-Sie welken. Ich gedachte Iwans Abenteuer auf dem Gut der ostpreußischen
-Freunde. Ich fragte: Darf ich? Man erteilte mir das Wort.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
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-Wirkung in die Ferne
-
-
-Gegen Abend fing es an zu schneien. Ganz langsam und bedächtig. Die
-großen Flocken schienen zuweilen stehenzubleiben in der regungslosen Luft,
-ehe sie sich niedersenkten und die Erde sanft berührten. Binnen kurzem war
-das Landschaftsbild verändert. Der Schnee warf auf die kahlen Wiesen
-und entblößten Wälder einen fleckenlosen weißen Mantel, unter dessen
-schimmernden Falten das Auf und Ab der Hügel sich verflachte, so daß die
-welligen Bewegungen des Bodens zu einer Ebene geglättet schienen, die sich
-geheimnisvoll in die Unendlichkeit verlor.
-
-Iwan Michailow war auf die Landstraße getreten und starrte in die weiße
-helle Fläche. Im Sommer in Gefangenschaft geraten und dem ostpreußischen
-Besitzer als Landarbeiter zugewiesen, erlebte er den ersten Schneefall
-auf dem ermländischen Gut. Er dachte: Nun werden sie zu Hause auch schon
-Winter haben.
-
-Zu Hause! Rechts die Anhöhe hinauf, immer der Richtung zu, in der sich
-allmorgendlich die Sonne zeigte. Wer doch Flügel hätte!
-
-Vier seiner Gefährten hatten im Juli den Versuch gemacht, zu Fuß die
-Grenze zu erreichen. Heilige Mutter Gottes, in was für einem Zustand
-hatte man sie wieder hergebracht. Zu Gerippen abgemagert, verprügelt und
-verhungert. Wie die Wölfe waren sie über die bereitgestellte Mahlzeit
-hergefallen, sie, der Nahrung wochenlang entwöhnt. Jammervoll, wie sie
-erkrankten.
-
-Von dieser Erinnerung verfolgt, kehrte Iwan in das kleine Haus zurück, in
-dem er mit seinen Kameraden wohnte. In einem viereckigen Raum, dessen Decke
-tief herunterreichte, saßen neun Männer auf Holzbänken um einen schmalen
-Tisch beim Abendessen. Sie schoben eben ihre Blechnäpfe beiseite, in
-manchen war die Grützsuppe nicht bis zur letzten Neige ausgelöffelt.
-Nicht daß die Leute übersatt gewesen wären; doch ihr Magen hatte ein
-standhaftes Gedächtnis, er verschmähte immer noch die fremde Kost und
-malte ihnen, mit der Übertreibung eines Dichters, die Tafelfreuden der
-Vergangenheit. Sie standen auf; einige von ihnen schütteten ihre Schwermut
-in die Klänge einer Ziehharmonika, der lange Jakow blies die Glut im Ofen
-an und fütterte sie mit einer Hand voll Reisig. Wie anders prasselten
-daheim die Scheiter in dem Bauch des Kachelofens, wie schmorte man, auf die
-Ofenbank gestreckt, in seiner ausströmenden Hitze. Die Augen gingen ihnen
-über, seufzend streckten sie sich auf die Diele, unausgekleidet, in ihre
-Decke eingewickelt.
-
-Iwan hatte die Schüsseln aufgestapelt, um sie in das Herrenhaus zu
-tragen. Er war bevorzugt, dort zu der Hintertür ein- und auszugehen
-und Hilfedienste zu verrichten. Der Himmel stäubte noch, er hatte den
-entlaubten Obstbäumen im Garten mächtige Perücken aufgesetzt und
-überpuderte auch Iwans Schädel, als er im Vorübergehen durch den dünnen
-Vorhang in das Herrschaftszimmer lugte. Der junge Gutsherr saß darin mit
-seiner hübschen jungen Frau unter der Hängelampe, die mit einem gelben
-Seidenschirm verschleiert war, sie hielten sich umschlungen und lasen aus
-demselben Buche.
-
-Iwan verzehrte diesen Anblick wie ein süßes Gift, das, genossen, die
-Eingeweide auseinanderschneidet. O Katinka! ein Tränenkloß erstickte
-ihm die Kehle, seit einem Jahr von dir getrennt. Dich so in meinen Armen
-halten, ich wüßte etwas Gescheiteres als Lesen mit dir anzufangen. Er
-hatte Mühe, nicht herauszuheulen.
-
-In der Küche war noch Lärm und Bewegung. Die Köchin rührte irgend
-etwas auf der heißen Platte, das Lehrmädchen knetete den Teig zum
-Sonntagskuchen, ein Weib, das in der Ecke hockte, vermehrte den Vorrat der
-enthäuteten Kartoffeln, die sie in einen mit kaltem Wasser angefüllten
-Kübel warf, das Stubenmädchen putzte Silber, die Küchenmagd scheuerte an
-Holzgefäßen; und über diesem Klappern, Kratzen, Schlurren erhob sich
-die schrille Vielstimmigkeit des polnisch sprechenden Gesindes mit einem
-Tonfall, der dem harmlosen Gespräch den Anschein eines ausbrechenden
-Streites gab.
-
-Franziska Wechsel, die Mamsell, hatte sich in den Flur zurückgezogen. Sie
-packte Äpfel, die versendet werden sollten, in zwei hohe Kisten ein, jedes
-Stück wickelte sie sorgsam in Papier, um es vor Schaden zu bewahren. Sie
-wehrte Iwan nicht, daß er sich einen Schemel hole, um ihr beizustehen.
-
-Franziska hatte erst vor acht Wochen ihre Stellung angetreten. Ihr, der
-Königsbergerin, des Polnischen unkundig, der einzigen, der Verständigung
-mit ihm unmöglich war, gesellte Iwan sich am liebsten zu. Er meinte, daß
-sie seiner Katja gleiche; nicht so rundlich wie sein Schatz, aber auch so
-blond, dieselben treuherzigen braunen Augen, und der Mund ... Iwan konnte
-ihn nicht ansehen, ohne den Geschmack von Katjas Lippen auf den seinigen zu
-fühlen.
-
-Auch sie wurde durch den Russen lebhaft an den Bräutigam gemahnt, der
-vor Ypern in die Hand der Engländer geraten war. Anton war wohl dunkler,
-untersetzter, auch viel selbstbewußter als der schlanke Bursche mit dem
-wehmütigen traurigen Gesicht, aber in Gang und in Gebärden dünkte ihr
-die Übereinstimmung so groß zu sein, daß sie zuweilen beim Eintreten
-von Iwan glaubte, die Schritte ihres Liebsten zu begrüßen. Sie vermochten
-nicht, sich mitzuteilen, daß sie ineinander die Verkörperung ihres
-beherrschenden Gedankens fanden, die Zahl der Worte, die sie tauschen
-konnten, war überhaupt eine beschränkte; aber sie hatten einander ihre
-Lieder abgelauscht. Ob _sie_ von Scheiden, Vergißnichtmein und kühler
-Mühle sang, ob _er_ vom Ringlein und der Saronrose, stets fiel der andere
-mit der zweiten Stimme ein. Warum auch nicht? Waren denn die Melodien nicht
-alle auf der gleichen Unterlage aufgebaut? Auf der ewigen Verurteilung der
-Menschen, welchem Volksstamm sie auch angehörten, zur Unerbittlichkeit der
-Liebe, zu den Stürmen der Geschlechtlichkeit?
-
-Auch jetzt summten die beiden, während ihre Finger schafften. Es war
-schummrig in ihrem Arbeitswinkel, der nur aus der Küche Helligkeit
-empfing; das Papier, das sie zerrissen, raschelte, der Duft der Äpfel
-drang ihnen berauschend in die Nase, er mischte sich mit dem tierischen
-Geruch ihrer jungen Körper, die sich tagsüber in Staub und Luft getummelt
-hatten. »Anton,« sehnte sich Franziska. In Iwan schrie es »Katinka«.
-Ihr Verlangen, das sie gemeinsam zu verschiedenen Zielen schickten,
-sonderte sie von den anderen ab wie eine Mauer.
-
-Die Leute in der Küche machten Feierabend. Iwan wurde ausgesperrt. Er
-machte wieder einen Umweg durch den Garten; das Haus war dunkel, nur aus
-dem Schlafzimmer der Herrschaft blinzelte ein Licht. Iwan stöhnte auf; im
-Drang, irgend etwas zu umarmen, umklammerte er einen Baum und preßte sich
-an dessen eisigkalte Rinde. Dumpf knallte ein Klumpen Schnee hinunter. Iwan
-erschrak, er ergriff die Flucht. Die Ausdünstung neun Schnarchender schlug
-ihm in der Russenschlafstelle entgegen, auch war sein Platz am Fenster so
-geschmälert, daß er um seine Rückeroberung hätte kämpfen müssen.
-Er zog es vor, wie er schon bisweilen unentdeckt getan, im Pferdestall
-zu übernachten. Unter der braunen Stute kroch er in das Stroh, sie
-beschnupperte ihn zutraulich; er war gut Freund mit allen Tieren.
-
-Wie im Vaterhaus lag er gebettet, über sich das Pferdeschnauben, links
-ein gedämpftes Grunzen aus den Schweinekoben, rechts hier und da das Muhen
-einer unruhigen Kuh. Dieses heimische Behagen machte ihm die kalte Fremde
-um so qualvoller bewußt. Von bitterlichem Schluchzen hart gestoßen,
-verzweifelte er, den nächsten Tag in dieser trostlosen Vereinsamung zu
-überleben; wie von einem Berg war sein Herz von Traurigkeit verschüttet,
-seine Sehnsucht flüchtete zu seiner Liebsten, nannte sie mit allen
-Kosenamen, bis sie ihm der Schlummer an die Seite legte.
-
-Auch Franziska hatte keine Ruhe finden können. Der Vielbeschäftigten
-gebrach es meist an Muße, um Empfindsamkeiten nachzuhängen. Es waren
-seltene Augenblicke, in denen sie das Gleichgewicht verlor und eine Unruhe
-zu ihrem Liebsten ihr das Blut verbrannte, eine Auflehnung gegen die
-Grausamkeit, ihre Jugend ohne seine Zärtlichkeiten zu verwarten. Eine
-solche Stimmung hatte ihr heute die Müdigkeit verscheucht. Sie holte
-Antons Karten, die aus dem Westen in großen Zwischenräumen an sie
-gelangten, doch an den kargen, eingezäumten Worten kühlte sich ihr Fieber
-nicht.
-
-Ein gedämpfter Laut des Kummers, der vom Wirtschaftshof her zu ihr drang,
-brachte sie der Wirklichkeit zurück. Die braune Kuh, Franziskas Liebling,
-hatte vorgestern gekalbt, und das Kälbchen war ihr sofort weggenommen
-worden, weil es, laut Kriegsgesetz, auf die mütterliche Vollmilch keine
-Berechtigung besaß. Darum jammerte die Mutter und rief das Menschenmitleid
-an. Franziska, der vierbeinigen Kreatur stets sorglich zugetan, fühlte
-sich ihren Nöten eben mehr denn je verbunden. Sie schlüpfte in die
-Schuhe, warf den Mantel über und tappte bei der Führung der Laterne durch
-den Schnee. Nach einem kurzen Zuspruch an die Wöchnerin besann sie
-sich nicht lange, die militärische Verordnung zu umgehen; sie hob das
-Neugeborene aus dem Verschlag, in dem es zitternd und klagend nach der
-Erfüllung der betrogenen Instinkte suchte, und legte es der Mutter an den
-vollen Euter. Als sie das Sattgetrunkene, Eingedöste aufnahm, um es
-wieder auf seiner Streu zu bergen, kuschelte es sich, seinen Aufenthalt
-verkennend, in die Weichheit ihres Schoßes ein, zog ihren Finger in
-sein zartes Mäulchen und begann, wohl in dem Wahne, seine Mahlzeit
-fortzusetzen, daran zu lutschen.
-
-Es war nur ein Tier, doch seine Hilfsbedürftigkeit, die Wärme, die aus
-seinem Körper in den ihren strömte, das sanfte Saugen, als Ausdruck
-seines kindhaften Vertrauens in die gütigen Zusammenhänge der Natur,
-rührten das Urgründigste in Franziskas Weibeswesen auf. Die Tränen,
-die das Fell des Kälbchens überschwemmten, flossen aus den Quellen ihrer
-ursprünglichsten Bedürftigkeit, und die Forderungen ihrer Sinne, die
-zugleich ein Umweg zu ihrer Mutternotwendigkeit waren, stürzten in
-Gedanken zu dem einzigen, durch den sie sich erfüllen wollten.
-
- * * * * *
-
-»Katja, Täubchen,« sagte Iwan im Traum zu seinem Mädchen, »ich muß
-weg von dir, es ist schon Tag. Nebenan haben sie schon die Stalltür
-aufgemacht.« Dabei schmiegte er sich ihr wieder an, unfähig, ihre Nähe
-aufzugeben.
-
-Hatte er sich dann doch ermuntert, war in die ungestirnte Nacht
-hinausgetreten und hatte in den Nachbarstall gelauscht? Aber wie kam denn
-Katinka, die er eben erst verlassen hatte, dazu, schon dazusitzen und
-zu melken? ihm den Rücken zugewendet und von der Finsternis kaum zu
-unterscheiden. Nur wenn ihr Kopf in den Bereich der Stallaterne tauchte,
-blitzte der Goldschein ihrer langherabhängenden blonden Zöpfe auf und das
-Weiß des Hemdes, das ein wenig von der vollen Schulter rutschte. Wie oft
-hatte er sie im Morgengrauen so überrascht? Sie so beschlichen, ihren
-Nacken so ungestüm geküßt?
-
- * * * * *
-
-Wunderkräfte wirken in der Liebe. Auf ihrem Zauberwagen flog Iwan, über
-Hunderte von Meilen weg, zu seinem Russenmädchen. Mit Antons Schritten
-lief sie auf Franziska zu.
-
-Das Laternchen war umgefallen. Im Dunkel vollzog sich das Geheimnis der
-Verwandlung. In festerer Treue wurde Untreue noch nie geübt.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-»Weh' mir, weh' mir!«
-
-Der Mann im Kaftan hatte schon den Heimwehkrampf der Grödner-Vefi
-mit sonderbaren Ausrufen begleitet. Mir war es, während ich sprach,
-beunruhigend gewesen, daß er sich mit leisem Stöhnen hin und her bog wie
-in Schmerzen. Ich ging zu ihm, um ihn zu fragen, was ihm fehle. Er hob
-den Kopf, ich blickte in Verzweiflung. Er preßte meine Hände. Seine
-Kehllaute, verständlich, wenn die Rede ruhig floß, verschwammen oft,
-wenn er in äußerster Erregung in sein Jiddisch-Deutsch verfiel. Was der
-Auslegung aber nicht bedurfte war der Ton, der aus ihm schrie, wie aus den
-finstersten Verließen menschlicher Unbarmherzigkeit, das Leid, das aus ihm
-brach wie Eiter aus Jahrtausend alten Wunden, die von Haß vergiftet, ewig
-am Leib der Menschheit schwärend, sich niemals schließen können.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Heimat
-
-
-In dem tschechischen Fabrikort Zlatnik kündete der grelle Schrei der
-Pfeife die Mittagspause an. Die Arbeiter entströmten den Gebäuden,
-verteilten sich in das Dorf und die Kantine, und viele streckten sich, um
-das zugebrachte Essen zu verzehren, gemäß ihrer Gewohnheit, am Waldesrand
-im Schatten aus. Der und jener zog eine Zeitung aus der Tasche, er las
-vor, seine Umgebung lauschte; heute aber entspann sich nicht wie sonst eine
-aufgeregte Unterhaltung zwischen ihnen: es lag ein Dämpfer auf den
-Worten und Gebärden, und nur die ausgelassensten der Weberinnen waren zum
-Schäkern mit ihren Schätzen aufgelegt. Auch sie verstummten, als ein Zug
-vorbeimarschierte, Kameraden, die, zum Kriegsdienst einberufen, auf den
-Bahnhof zur Versammlungsstelle zogen. Sie trugen Ränzel auf dem Rücken
-oder eine Schachtel in der Hand, die Schirme ihrer Mützen verschwanden
-unter Laubgewinden, und große Sträuße schmückten ihre Brust.
-Die Burschen johlten, die Familienväter aber, umkreist von ihrer
-tiefbetrübten Sippe, schritten schweigend und tauschten ernste Grüße mit
-den vom Wald her Zuwinkenden aus. Ortsansässige waren darunter, die neben
-ihrem Häuschen ein Stückchen Feld besaßen und einen Streifen Wiese.
-Diese stockten an der Gabelung des Weges, um ihr Heim noch einmal
-zu begrüßen. Dürr war das Leben ihnen hingelaufen; aber da sie es
-verließen, blühte es in ihrer Schätzung auf. Waren sie auch karg
-genährt gewesen, eng behaust und knapp bezahlt, sie hatten doch besessen,
-was innerhalb der engen Wände stand; und ein paar Rabatten Sommerblumen
-an der Hecke und das bißchen Ackerland dabei; dort hatte man sich nach dem
-Arbeitsschluß getummelt und die mit Flachs und Baumwollfasern verfilzte
-Lunge wieder ausgespült. Krautköpfe hatte man gebaut, Erdäpfel, Rüben;
-Gras geschnitten für die Ziege und ein paar Löcher in den vielen Mägen
-damit zugestopft.
-
-So friedlich lag es da, im Kranz der baumbewachsenen Hügel, das kleine
-Dorf, in dem man du sagte zu jedem Ziegelstein, zu jeder Staude. Wer weiß,
-ob man es jemals wiedersah? Die Abziehenden lüfteten die Mützen und
-sangen ihm das wehmütige Lied zum Preis der Heimat zu. Es klang den
-Hörern im Walde wie eine Mahnung: Machet euch auch bereit!
-
-Die stärkste Wirkung des Gesanges drückte sich in dem Benehmen einer
-Gruppe von Arbeitern aus, an Zahl etwa ein Dutzend, die sich ein wenig
-abseits der Genossen hielten. Es waren Südtiroler aus vom Krieg bedrohten
-Grenzgebieten, den Tschechen durch die Gemeinsamkeit des Vaterlandes
-verbunden, doch durch alle Merkmale des Wesens von ihnen getrennt. Von
-einem Tag zum anderen waren sie aus ihrem Land verwiesen und der
-Gemeinde Zlatnik zugeteilt worden; hier hatten sie das Arbeitsangebot des
-böhmischen Fabrikherrn wie ein Geschenk der Vorsehung begrüßt; sie waren
-anstellig und fleißig und Meister der Bedürfnislosigkeit. Doch etwas
-nicht Gegenwärtiges haftete an ihrer Haltung, etwas Aufgescheuchtes,
-als hätten sie den Atem noch nicht wieder, der ihnen bei Einbruch einer
-Naturgewalt weggeblieben war. Man möchte sie wohl befragen, da sie jetzt
-schweigend beieinander hockten: »Du grauhaariger Mann, du junger Knabe,
-ihr schlanken, braunäugigen Weiber, was bekümmert euch so sehr?«
-Sie müßten sich vielleicht besinnen, um ihr Weh in seine Elemente
-aufzulösen. Da war die Sorge um die Zukunft, der Gram um den Verlust von
-schwer erworbener Habe, jetzt den Diebstrieben ihrer Nachbarn belassen. Und
-die Unrast in dem Blut der Mädchen, deren Jugend nach dem Freunde schrie.
-Vor zwei Wochen noch ihr Liebster; heute galt er als ihr Feind; heute hob
-er die Waffen gegen ihre Brüder.
-
-»Uns ist bange nach der Heimat«: in diese Formel würden sie
-wahrscheinlich ihre Stimmung fassen; und gedrängt, ihr tiefer
-nachzuforschen, vielleicht hinzufügen: »Eure Häuser halten dicht und
-stehen gerade, unsere klaffen, und der Regen dringt in sie hinein; aber
-auch der Sonnenschein, der blaue Himmel und der Duft der Blumen. Und wir
-halten uns in unseren Stuben wenig auf. Ach, wenn ihr doch nur unsere Berge
-kenntet, wie schroff sie ragen; auf halber Höhe, dicht am Abgrund, klebt
-ihnen, mit seinem steilen Gäßchen, irgend ein verwegenes Raubnest an,
-aus der Zeit der Sarazenen; auf manchen liegt in Ewigkeit der Schnee; über
-andere laufen die silbergrauen Wellen der Oliven; von ihren Gipfeln kann
-man in das andere Tal hinunterspähen, der See blinkt wie ein Spiegel, an
-seinen Ufern, die im Zickzack lustig in das Wasser schießen, reihen sich
-die weißen Sommerhäuser, festtäglich anzuschauen in ihren Schleiern
-von Rosen und Glyzinen.« Und ihrer Ständchen würden sie gedenken,
-des nächtlichen Lautenspieles; denn Musik bewegt sie sehr. Die innige
-getragene Weise, mit der die Tschechen Abschied nehmen, fällt ihre
-Fassung; die Frauen weinen, den Männern steigt ein Schluchzen würgend in
-die Brust.
-
-Ihr Gebaren fällt den Tschechen auf; sie vermuten die Kenntnis
-ungünstiger Kriegsberichte bei den Zugereisten und beschließen eben,
-einen Dolmetsch an sie abzusenden, als sich ihr Interesse einem anderen
-Schauspiel zuwendet. Ein Mann, mit einem achtjährigen Jungen an der
-Seite, kommt von der Höhe der Landstraße herab. Wie mit der Schere
-ausgeschnitten, steht er im Rahmen der betannten Forste, vor dem hellen
-Hintergrund der Luft. Seine hageren Glieder sind in die Röhre eines
-fettglänzenden Kaftans eingepreßt, ein Filzhut deckt die ungepflegten
-langen Haare, die sich mit enggerollten Schläfenlöckchen an den roten
-Bartwuchs schließen; des Sohnes Gestalt ist dieser wunderlichen Leib- und
-Haartracht lächerlich getreues Widerspiel. Die Tschechen lachen auch; mit
-der Grausamkeit des Kindes, das dem Schwächeren achtlos weh tut, meckern
-sie den beiden ein »Handelevuh« entgegen; die Südtiroler, ganz mit sich
-beschäftigt, achten der Vorbeigehenden nicht. Der Jude aber läßt die
-sanften, schwermütigen Augen lange auf den Fremden ruhen. Er denkt:
-»So habt ihr freien Christen jetzt auch an euch erfahren, was es heißt,
-entrechtet und verjagt zu sein.« Die Vorstellung der selbst erduldeten
-Mißhandlung ist ihm noch ganz nahe, sie knebelt seine Seele, sie zwingt
-ihn, sich in ein Gespräch mit seinem unmündigen Sohn zu flüchten.
-»Jakobleben, erinnerst du dich noch?« Kann das Hirn des Kindes je
-vergessen, wie sie sich im engen Raum verängstigt einander drückten: er
-und die Großmutter, der Onkel, die Eltern, die Schwestern, die Bruderfrau
-mit ihrem Säugling, den sein Vater, weil er im Felde steht, noch nicht
-kennt? Mit Geratter und Geknatter jagt ihnen der Donner der Geschütze
-näher zu. Sie wagen nicht, die Lampe anzuzünden. Die Frauen stöhnen, die
-Männer, in die Gebetriemen gewickelt, murmeln Todespsalmen. Horch! Klingt
-es jetzt nicht, als sei der Fluß aus seinem Bett getreten und wälze sich
-heran? Ein verkneultes Brüllen, Trampeln, Splittern, Stürzen. Jemand
-trommelt an die Scheiben. »Sie kommen, die Russen ziehen sich hierher
-zurück. Flieht, flieht, daß sie euch nicht finden und erschlagen!« Die
-Grenze von Galizien ist nicht weit; in drei Stunden kann ein Rüstiger die
-Strecke überwinden. Welche qualvoll lange Nacht vergeht der kraftlosen
-Familie, ehe sie ihr Ziel erreicht! »Jakobleben, erinnerst du dich noch?«
-Der Knabe nickt. Hat er doch den Säugling tragen müssen, als dessen
-Mutter niederbrach. Die Schwestern stützten ihren Onkel, der Vater
-buckelte bald die Ahnin auf und bald die Ehefrau, manchmal faßten seine
-Arme beide. Sie kommen eben im Galizischen zurecht, um in den Sturmwind zu
-geraten, der alle Juden aus der Gegend fegt. »Was meinst du, Jakobleben,«
-fragt der russische Pole, »ob man die Südtiroler auch in offene Viehwagen
-verladen hat wie uns, durch Sonnenglut und Unwetter gefahren, dann wieder
-ausgeladen und hinter Bahnhofsschranken, eingepfercht wie Schafe, den
-langen kalten Nächten schutzlos preisgegeben?« Und doch, sie sagen es
-einander, sind sie Bevorzugte des Glückes. Das Ungestüm der Fliehenden in
-jener Nacht war wie ein Keil in die Masse der gehetzten Wanderer gestoßen;
-da mochte mancher am Wege gestrauchelt und verkommen sein. Sie aber hielten
-sich umschlungen, halbnackt, beschmutzt, verhungert, doch vereint. Und
-das Reich, zu dem sie nicht gehörten, forschte nicht; sie waren eben
-mitgeschwommen in dem Meer von Elend, das sich von Osten her ergoß.
-
-Aus der Sicherheit des Hafens blickt der vertriebene Jude die verjagten
-Südtiroler an: »Beneidenswert seid ihr trotzdem. Ihr dürft Gebete
-schicken eurem Gott, daß er euern Waffen Sieg verleihe. Was aber sollen
-wir, wenn wir vor ihm im Staube liegen, aufschreien zu Jehova aus unserer
-großen Not? Können wir ihn anflehen: Führe uns zurück in unser
-Vaterland, wo doch steht auf seiner Schwelle der Henker mit dem Messer, das
-uns sticht?«
-
-Den Weg entlang, den sich die Übung bahnte, durch die tiefen Furchen
-seitlich der gekrümmten Nase, rinnen dem Juden schwer und langsam die
-Tränen über das verkümmerte Gesicht. Und wie um sich vor seinem Sohn zu
-erklären, sagt er leise: »Die Heimat ist für jeden eine Mutter. Fragt
-einer, ob die Mutter häßlich ist, ob schön? Man hat sie lieb, man ist
-aus ihr geboren, in ihren Schoß will man sich niederlegen, wenn man müde
-ist. Kein Kraut ist so gering, es verlangt nach mütterlicher Erde. Uns hat
-sie ausgestoßen, wir haben keine Ruhestätte in der weiten Welt.«
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-So unheimlich nahe hatte uns in dieser Nacht der Flügelschlag der Zeit
-noch nicht gestreift. Unsere eigenen kleinen Nöte hielten ein paar
-Sekunden lang den Atem an.
-
-Unser aller?
-
-Ein Mann trat in den Vordergrund. Nichts Merkwürdiges an ihm als
-die Augen, die wie Zangen nach uns faßten und unsere Erscheinung,
-so undeutlich sie hervortrat in dem kargen Licht, in sich einzusaugen
-schienen. Er schalt mit uns. Da habe er nun stundenlang gesessen und
-unserer Unterhaltung zugehorcht. Nichts, mit einer Ausnahme (er nickte
-zu dem heimlichen Poeten), als Brotsorgen, Liebesgram, Heimweh,
-Nationalitätenstreitigkeiten. Immer habe er gelauert: brüllt denn nicht
-endlich einer auf: die größte Marter ist die Kunst.
-
-»Ihr alle, scheint es, wißt nichts von der Kunst, sie ist euch kein
-Bedürfnis. Ich bedauere euch. Erdenwürmer, ohne Flügel, euch ins Licht
-zu retten. Ich beneide euch. Ihr kennt die Folter nicht, von der Idee
-verfolgt zu werden wie von einem Raubtier, das uns hetzt. Wie ein
-Besessener ringt man mit dem Werk, das man nicht fassen kann, das einen
-äfft. Ja, ich bin so ein armer Schächer.« Er schnippte mit dem Finger in
-die Luft. »Habt keine Angst. Es gibt keine Tragödie. Nur eine Anekdote.
-›A lustigs Stückl‹ würde Aloys sagen.« Er saß nieder und kreuzte
-seine langen Beine. »Also die Geschichte von Mark Crystoll und der
-Sonnenblume.« Er unterbrach sich. »Das heißt, der Mark Crystoll, das bin
-natürlich ich.« Als ob er sagen wollte: ich mach' euch keine Flausen vor.
-Aber es paßt mir besser, von mir zu sprechen, wie von einem Dritten.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Die Sonnenblume
-
-
-»Nun hab' ich's aber satt.« Hubert Bach schleuderte das Ei, das er in
-Händen hielt, so heftig auf den Frühstückstisch, daß seine Schale
-weithin splitterte, »vier Tage lang setzt man uns dieselben Eier vor.«
-
-»Woher weißt du das?«
-
-»Ich habe sie bezeichnet, siehst du hier das Kreuz? Und das sogenannte
-Rauchfleisch ist auch schon dürr wie Holz.«
-
-Er warf ein paar von den papierdünnen Schnitten auf den Fußboden und
-zertrat sie.
-
-»Staub werde, was aus Staub geboren ist.«
-
-Mark Crystoll war erschreckt. Er bückte sich, um die Fleischatome
-einzusammeln. Als er sah, daß sich Scott, Huberts langhaariger Pintscher,
-bereits damit befaßte, steckte er das aufgeplatzte Ei ängstlich in die
-Tasche.
-
-»Wir sind doch nicht des Essens halber hier.«
-
-»Des Verhungerns halber auch nicht. Das Land ist anderswo auch schön, man
-muß nicht gerade im allerschmutzigsten Wirtshaus Hollands sitzen.«
-
-Er stand auf und reckte sich.
-
-»Komm, Scott, wir wollen uns in Leyden beim ›Löwen‹ den Magen wieder
-auskurieren. Ja, sieh mich nur verächtlich an, Mark, ich bin außer Maler
-auch noch Mensch und kann nicht bloß von schönen Motiven leben. Apropos
-Motiv, ich habe ein wundervolles Nachmittagsmotiv gefunden. Sieh's dir
-heute mal mit mir an.«
-
-Da die Antwort ausblieb, pfiff er seinem Hund und ging.
-
-Mark Crystoll atmete erleichtert auf, als er sich allein sah.
-
-Was für ein Rohling, dieser Hubert. Das Geheimnis der Arbeit preiszugeben,
-es zu pöbelhafter Gemeinsamkeit anzubieten. Als ob das, was eines anderen
-Augen gesehen haben, noch den geringsten Wert besitzen könnte. Er nahm
-sein Handwerkszeug und ging den Weg, der ihm zum Leidensweg geworden war.
-
-Auf seinen Wanderwegen war ihm vor kurzer Zeit ein vereinzelt liegendes
-Häuschen aufgefallen, dessen Alter eine eigenartige Innenbauart vermuten
-ließ.
-
-Der Eingang war verschlossen, und im Hintergarten, dessen Zaun an eine
-grünversumpfte Wasserstraße grenzte, fand er keinen Menschen. Leer war
-auch die Sommerlaube, das Taubenhaus und der Schweinekoben. Nichts lebte
-in der Einsamkeit als die mächtige, vollerblühte Sonnenblume. Hoch
-aufgereckt, daß ihr Stern das schwarze Schindeldach erreichte.
-
-Das satte Gelb inmitten dieser dumpfen, fahlen Farben fesselte des Malers
-Auge. Nach einer Stunde kehrte er zurück und war beglückt, die Insassin
-des Häuschens daheim zu finden.
-
-Doch die alte Frau, die mürrisch in der kleinen Küche herumhantierte,
-hatte auf alle seine Worte nur ein steinernes »Nee, das tu' ich nicht«.
-
-Er bat. Fünf Sitzungen -- nur vier -- nur drei, er verdoppelte die
-Zahlung.
-
-Sie blieb bei ihrem »Nee, das tu' ich nicht«.
-
-Als er, vom Eifer fortgerissen, näher an sie drängte, wies sie ihm die
-Tür.
-
-»Und daß Sie mir nicht wiederkommen, sonst hol' ich die Polizei, Fie
-Verheest läßt nicht mit sich spaßen.«
-
-Seitdem umkreiste er den kleinen Garten. Das Verbot hatte das Verlangen
-aufgereizt. Was nur ein Wunsch gewesen, wurde zur Begierde.
-
-Auch heute war das Haus verschlossen. Doch die Alte war daheim, er hörte
-das Klappen ihrer Holzschuhe.
-
-Der Gedanke kam ihm: ein Fußtritt in das morsche Holz. Und so ein altes
-Weib ist leicht überwältigt. Erschreckt von seiner Leidenschaft lief er
-davon.
-
-Noch nie hatte ihn das Wesen Huberts so abgestoßen. Das Lärmen mit dem
-Hund, das Fluchen über das zähe Kuhfleisch, den petroleumdurchdufteten
-Rosinenreis.
-
-Als er abends heimkam und mit behaglicher Zufriedenheit seine Arbeit
-zeigte, einen Allerweltskanal, mit Allerweltsgeschicklichkeit breit
-hinuntergestrichen, fühlte Mark etwas wie Haß gegen seinen Freund.
-
-Er selbst hatte die Stunden müßig vor sich hingebrütet. Alle seine
-Skizzen hatte er hervorgeholt, sie in selbstquälerischer Stimmung
-mißlungen und geheimnislos gefunden und an sich verzweifelt.
-
-Sehnsucht nach dem kleinen Garten bohrte sich in seine Seele. Die
-Sonnenblume, zu der ihn anfangs nur Form und Farbe lockte, war ihm ein
-Symbol geworden. Ein Symbol der hellen Lebensfreude im grauen Einton der
-Alltäglichkeit.
-
-Er sah das Leuchten ihres glühenden Gesichts, das Wiegen ihres schlanken
-Stengels. Ihm war, als könnte er mit diesem ungestillten Wunsch im Herzen
-nie mehr etwas leisten.
-
-Es ließ ihn nicht mehr los, verfolgte ihn, während er mit Hubert den
-gewohnten Abendgang nach der nächsten Schenke machte; quälte ihn,
-während er rauchend und schweigend zwischen den rauchenden, schweigenden
-Bauern saß. Und auf dem Heimweg durch die stillen Wiesenstraßen besiegte
-es den Willen und trat als Klage auf die Lippen. Daß Mefrouw Verheests
-Eigensinn ihm die Arbeit töte.
-
-»Fie Verheest, die verrückte Fie?«
-
-»Du kennst sie?«
-
-»Die kennt jeder hier im Dorf. Sie ist durch Unglück menschenscheu
-geworden und furchtbar fromm. Über die hat nur der Pfaff Gewalt. Soll ich
-mit ihm sprechen? Er hat mir neulich lange beim Malen zugesehen. Bei der
-Gelegenheit hab' ich ihm seinen Jungen photographiert. Nun sind wir gute
-Freunde. Na, zerdrück' mir nur die Finger nicht.«
-
-Noch ein Vormittag unruhiger Erwartung, dann kam die Botschaft.
-
-»Die Kirche hat gesiegt. Fie öffnet dir ihr Gitter.«
-
-»Und Hubert, höre -- du besuchst mich nicht, nicht wahr?«
-
-»Fällt mir nicht ein.«
-
-So war das Ziel erreicht. Doch trübte Crystolls Glück noch manche Wolke.
-
-Fie nörgelte an der Erlaubnis. Länger als zwei Stunden dürfe er nicht
-bleiben, dann müsse sie aufs Feld und dulde keinen Fremden in ihrem
-Besitztum.
-
-Und Hubert, als wollte er seinen Freundschaftsdienst wieder ungeschehen
-machen, war doppelt unausstehlich. Bei Tisch vergaß er sich so weit, das
-Fleischstück einem Jungen durch das Fenster zuzuwerfen.
-
-»Daß ihm's nur kein Loch in den Magen reißt.«
-
-Crystoll entsetzte sich. Wenn die Wirtin von dieser neuen Schmach für ihre
-Küche erfuhr, war keine Stunde Bleibens mehr für beide Künstler.
-
-So, bedrängt von allen Seiten, arbeitete er so hastig, als es ihm seine
-aufmerksame Art erlaubte. Die Zeichnung war bereits in Kohle aufgerissen,
-nun legte er die Farbe an.
-
-Wieder fühlte er in allen Nerven den Reiz des Vorwurfs. Den äußerlichen;
-was für Töne saßen in dem alten Holzwerk, in den Mauerrissen, in dem
-Sumpfkraut. Und den innerlichen, unaussprechbaren. Den lachenden Triumph
-des Lebens in dem schwarzen Flecken Erde, durch die strahlend helle Sonne
-der erblühten Blume.
-
-Die Minuten flogen. Fie mochte ihr Verbot vergessen haben über der
-Beschäftigung, ihr Haus zu säubern für den Sonntag. Crystoll hörte sie
-umhergehen, bürsten, plätschern und reiben.
-
-Plötzlich unterbrach sie sich mit einem Aufschrei, dem ein Hundebellen
-folgte und der Ton von Huberts Stimme.
-
-Übles ahnend, eilte Mark hinzu. Und sah Scott aus allen Zottelhaaren
-triefend, auf der reingeseiften hellen Matte stehen, Fie mit einem Besen
-hinter ihm. Während Hubert lachend sich bemühte, ihr zu wehren.
-
-»Na, gebt Euch, Mutter Fie. Es tut mir selber leid. Hier habt Ihr einen
-Gulden, kauft Euch Seife zu einer neuen Wäsche.«
-
-Zu Crystoll sagte er:
-
-»Das Tier hat gerade ein Bad genommen im Kanal und hat dich im Vorbeigehen
-aufgespürt.«
-
-Mark war keines Wortes mächtig. Schnell ging er in den Garten, zitternd
-vor der Strafe, die ihn für Scotts Verbrechen treffen würde.
-
-Fie aber war ganz still. Von neuem fing sie an, zu waschen und zu bürsten
-und sah nicht auf, als Mark beim Weggehen noch zwei Gulden Schmerzensgeld
-auf ihre Lade legte.
-
-Eine schwüle Stimmung lastete auf den zwei Freunden an dem arbeitslosen
-Sonntag. Zum erstenmal in all den Wochen ging Crystoll nicht des Abends mit
-zum Bier. Und als er sich am nächsten Morgen Fies Häuschen nahte, schlug
-ihm das Herz, als wartete verbotene Liebe hinter jenem Gitter.
-
-Gottlob, das Haus war offen und Fies Gruß sogar vergnügter als
-gewöhnlich.
-
-Der Maler lief nach hinten. Stutzte, rieb sich die Augen. Er war wohl
-falsch gegangen. Das war doch nicht sein Garten, dieser wüste, leere
-Winkel.
-
-Auf einmal wußte er's.
-
-Er stürzte in die Stube.
-
-»Wo ist die Sonnenblume?«
-
-»Ich hab' sie abgeschnitten. Jetzt werden mir die fremden Hunde nicht mehr
-das Haus versauen.«
-
- * * * * *
-
-Als Hubert von der Arbeit heimkam, fand er den Tisch für sich allein
-gedeckt.
-
-»Mijnheer Mark Crystoll ist abgereist. Dort hat er einen Zettel
-hingelegt.«
-
-Hubert las.
-
-»Ich hatte nur die Wahl, den Hund zu töten oder unsere Freundschaft. Ich
-ließ den Hund am Leben.«
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-»Oh du!«
-
-Ein Seltsamer stieß diese beiden Silben aus. Er hatte, auch als das Zimmer
-wärmer wurde, nicht seinen abgeschabten Lodenmantel abgelegt. Ich hatte
-denken müssen: vielleicht um die Armut zu verdecken, die er darunter
-birgt. »Oh du!« Er sprang Mark Crystoll an, bohrte in ihn seine Blicke.
-»Du Mittelmaß, du Kleinheit. Du bist noch lange nicht in den Kern der
-Verdammnis eingedrungen. Auf der Oberfläche krabbelst du herum. Du wirst
-noch lange vegetieren und Bilderbogen pinseln.« Er zog eine Rolle aus
-der Tasche. »Willst du den letzten Willen hören von einem, den sie zur
-Strecke gebracht haben, der entschlossen ist zum Tod. Hier liegt er. Wohl
-bekomm's.« Er schleuderte die Blätter auf den Boden. Hinter ihm krachte
-die Tür ins Schloß. Ich hob die Rolle auf. »Soll ich lesen?« Sie
-umdrängten mich.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Die Anderen
-
-
- _Personen_:
-
- Kyll
- Broß
- Truck
- Ein Mädchen
- Ein Kellner.
-
-Zwei Uhr morgens. Der mit kaltem Rauch gefüllte Raum eines Kaffees. Alle
-Tische verlassen. Der _Kellner_ ist hinter dem Büfett halb vom Stuhl
-gesunken und schläft. Die elektrischen Flammen sind ausgedreht. Nur an dem
-Tisch, an dem _Kyll_ und _Broß_ sitzen, brennt Licht. Auf dem Tisch stehen
-leere Kaffeetassen, eine Flasche Kognak und zwei Gläser, eine Aschenschale
-mit Zigarren- und Zigarettenstummeln gefüllt. _Kyll_, 26 Jahre,
-schmächtige Gestalt, nachlässige dunkle Kleidung. Sehr blaß.
-Tiefliegende schwärmerische Augen, wirre schwarze Haare, nervös zuckende
-Lippen. _Broß_, 27 Jahre, blond, etwas aufgeschwemmt, wasserblaue Augen,
-Habyschnurrbart. Kleidung und Bewegungen eines =Commis voyageur=.
-
-_Broß_ (legt die ausgebrannte Zigarre auf den Aschenbecher): Also gute
-Nacht, Herr ... (Er sucht den Namen.)
-
-_Kyll_ (der vor sich hingebrütet hat, fährt auf): Sie wollen schon fort?
-
-_Broß_: Schon? Es geht auf zwei. Wir sind ohnehin die einzigen.
-
-_Kyll_: Gottlob -- ich atme auf. Endlich sind sie weg -- die Feinde.
-
-_Broß_ (erstaunt): Feinde? Sie haben ja gesagt, Sie kennen hier keinen
-einzigen.
-
-_Kyll_ (nervös): Ja, haben Sie denn niemals das Gefühl, daß sie alle
-unsere Feinde sind, die anderen, die außer uns noch auf der Welt sind?
-
-_Broß_ (auflachend): Nein, wirklich. So was ist mir noch nie eingefallen.
-
-_Kyll_ (auf den Tisch gestützt, mit der Hand in den Haaren wühlend,
-düster): Auf mir lastet der Gedanke wie ein Alp. Er vergällt mir jede
-Freude. Selbst im Schlaf werde ich ihn nicht los.
-
-_Broß_ (innerlich belustigt, aber aus Höflichkeit ganz ernst): Aber wieso
-denn? Was können Ihnen denn ganz wildfremde Leute tun?
-
-_Kyll_ (heftig): Daß sie da sind, daß man von ihnen weiß. Daß sie auf
-uns drücken mit ihrer Freude und mit ihren Sorgen. (Wie zu sich selbst.)
-Tage gibt es, da muß ich immer daran denken, was die anderen leiden. Auf
-der Straße sehe ich nichts als Schmerz und Kummer. Jede traurige Gestalt,
-jede ausgestreckte Hand trifft mich wie ein Vorwurf.
-
-_Broß_: Sind Sie denn nicht Mitglied des Vereins gegen Verarmung und
-Bettelei?
-
-_Kyll_ (ohne auf ihn zu hören, leidenschaftlich erregt): Die Vorstellung
-von allem Grausamen, was in demselben Augenblick geschieht, verfolgt mich.
-Ich höre die Kinder, die man prügelt, um Erbarmen flehen, ich höre die
-Tiere winseln, die man peinigt. Ich fühle die Bangigkeit von verlassenen
-Kranken und wie Hunger, Angst und Kälte Verzweifelte zum Selbstmord
-treibt. (Immer erregter.) Ich ahne alles Unglück, alles Elend, das in all
-den Tausenden von Häusern verkommt und zittert. Ich bin wie ohne Haut,
-alles verwundet mich. Das Mitleid bohrt sich mir wie mit Stacheln in das
-wehe Fleisch. Das Herz schnürt sich mir zusammen, ich kann nicht sprechen,
-ohne laut zu weinen. (Er hält inne, um nicht in Schluchzen auszubrechen.)
-
-_Broß_: Sie sind sehr nervös, Herr ... Sie sollten Brom nehmen.
-
-_Kyll_ (den Kopf in den Händen, leise vor sich hin): Dann kommen wieder
-Stunden -- im Frühling -- die Sonne scheint -- verhalten, wie wenn die
-Natur ganz still vor sich hinlacht. Ich gehe durch den Wald -- es riecht so
-untereinander -- nach alten Blättern und jungem Gras; ein bißchen schon
-nach frischen Tannensprossen. Und ich komme auf eine Lichtung, der See
-liegt vor mir, ganz still, wie eingeschlafen. Nur manchmal schüttelt er
-sich, wie im Traum. Ich werfe mich hin, sehe in den Himmel, breite die Arme
-auseinander -- mir wird so weit, so groß. Szenen, Bilder stehen vor mir
-auf -- ich hab' es gefunden -- endlich -- das Erhabene, das noch niemals
-Dagewesene. Ich schreie vor Jubel los, ich brülle vor mich hin, Worte,
-Sätze, ganze Verse. Auf einmal fällt mir ein: Das hat schon in Goethe
-gestanden, das in Heine, das habe ich von Ibsen, das von Maeterlink -- von
-all den anderen, die vor mir gelebt und gedichtet haben -- die verfluchten
-anderen. (Er wirft sich mit dem Gesicht auf die Hände.)
-
-_Broß_ (überlegen wie mit einem Kind): Wie wollen Sie das ändern? Es
-muß doch noch Menschen auf der Welt gegeben haben außer Ihnen.
-
-_Kyll_ (auffahrend): Weiß ich das nicht? Natürlich muß es. Das ist
-notwendig wie -- Schmerzen -- Krankheit -- wie das Leben selbst. Aber man
-könnte doch auch nicht durch die Wüste reisen, wenn nicht Oasen wären.
-Das müßte sein -- Oasen müßten sein. Jeder Mensch müßte noch einen
-haben, der kein anderer ist.
-
-_Broß_ (ihn verständnislos ansehend): Sie meinen?
-
-_Kyll_ (ganz unpersönlich): Sie haben sich gewiß gewundert, daß ich mich
-an Ihren Tisch gesetzt habe und Sie angesprochen. Wir passen doch gar nicht
-zueinander. Ich (auflachend), der verrückte Dichter, und Sie, der Krämer.
-
-_Broß_ (verletzt): Erlauben Sie --
-
-_Kyll_ (in demselben Ton): Es sieht Ihnen aus dem Gesicht, daß Sie nichts
-im Sinn haben als Geschäftemachen -- Geldverdienen.
-
-_Broß_ (auffahrend): Herr, wollen Sie mich beleidigen!
-
-_Kyll_ (ganz unbekümmert): Wie ich hereingekommen bin, sind Sie mir
-deshalb aufgefallen. Ich habe mir gesagt: das ist vielleicht ein Mann, der
-nicht anders ist, als wie er scheint.
-
-_Broß_ (wieder mit mitleidiger Überlegenheit): Legen Sie darauf solchen
-Wert?
-
-_Kyll_ (ohne auf die Unterbrechung zu achten): Wie ich noch jung war, habe
-ich gemeint: einen Menschen, der eins mit mir ist, müßt' ich leicht für
-mein ganzes Leben finden. Dann bin ich bescheidener geworden. Nur für
-Jahre habe ich mir's verlangt -- nur für Monate -- für Wochen -- Stunden.
-Jetzt habe ich auch das aufgegeben. Ich suche nach einem Menschen, der
-nicht doppelgesichtig ist, vieläugig, hundertzüngig. Und ich such' -- ich
-suche. --
-
-_Broß_ (trivial): Sie haben sicher schlechte Erfahrungen mit Weibern
-gemacht, daß Sie so mißtrauisch geworden sind.
-
-_Kyll_ (heftig): Reden Sie mir nicht vom Weib, von diesem Trugbild unserer
-Phantasie.
-
-_Broß_ (ordinär): Da haben Sie recht. Was Frauenzimmer heißt, lügt und
-betrügt.
-
-_Kyll_: Doch nicht mehr als der Mann. Es ist nur sein tragisches
-Verhängnis, daß es der Gipfelpunkt der Mannesillusionen ist. Immer wieder
--- immer wieder glaubt er in fiebernder Erregung an die Erfüllung seiner
-höchsten Sehnsucht, an das Zu-eins-verschmelzen mit einem zweiten Wesen.
-Und weiß doch -- müßte es doch wissen -- daß es in wenigen Sekunden
-für ihn ein anderes sein wird -- ein fremdes, das ihn belästigt.
-
-_Broß_ (mit gemeinem Auflachen): Also -- was das betrifft ...
-
-_Kyll_ (ohne die Unterbrechung zu beachten, schwärmerisch, mit Tränen in
-den Augen): Zwei Menschen, die füreinander keine anderen waren. Das war
-das Paradies. Die Schlange war die andere. Das erste Wort, das Eva mit ihr
-gesprochen hat, war der Sündenfall. Seitdem sind wir zu Lug und Heuchelei
-verdammt.
-
-_Broß_: Einfälle haben Sie, Herr ... (Er sucht nach dem Namen.)
-
-_Kyll_ (immer erregter): Bei jedem neuen Menschen fängt der
-Paradieseszustand wieder an. Mutter und Kind sind zuerst ganz dasselbe. Und
-lange noch sind sie kristallklar füreinander, bis sich das fürchterliche
-Anderssein dazwischen drängt.
-
-_Broß_ (gelangweilt): Das ist nun mal der Lauf der Welt.
-
-_Kyll_ (schlägt erregt mit der Faust auf die Tischplatte): Es ist ihr
-Fluch. Und es ist gegen die Natur. Woher käme sonst dieses Entsetzen,
-dieser Schmerz, wie es keinen furchtbareren gibt -- wenn man an einen
-Freund in vertrauter Zweiheit voll geglaubt hat und man sieht ihn
-plötzlich unter anderen, verwandelt, unecht, ein ganz anderer.
-(Verzweifelt.) Gott! _Einen_ Menschen finden, den ich achten kann! _Eine_
-Seele, deren ganze Nacktheit ich entblößen dürfte, ohne eine Täuschung
-zu entschleiern.
-
-_Broß_ (steht auf und will nach seinem Paletot langen): Sie nehmen das
-zu tragisch, Herr ... (Er sucht den Namen.) Die Menschen sind eben keine
-Engel.
-
-_Kyll_ (steht auf, tritt vor ihn hin, aufgeregt): Meinetwegen Teufel,
-Tiere. Aber sie -- sie selbst. Ihr Charakter ist ihr Schicksal. Sie
-entgehen ihm nicht; warum verbergen sie ihn also?
-
-_Broß_ (der nur daran denkt, das Gespräch abzubrechen, ablenkend): Die
-wenigsten Menschen denken so wie Sie.
-
-_Kyll_ (immer wilder): Warum? Warum? Alles verfault in ihnen, alles ist
-vergiftet. Selbst mit sich selber sind sie nicht mehr eins. Sie reden,
-woran sie nicht denken, tun, wobei nicht ihr Interesse ist. Sich selbst
-belügen sie.
-
-_Broß_ (über Kyll hinweg nach seinem Paletot langend, ungeduldig): Gott,
-Sie werden das nicht ändern.
-
-_Kyll_ (Broß am Arm fassend, schreiend): Aber ich ertrag's nicht länger.
-Ich kann nicht länger unter Masken leben. Ich wage nicht mehr, mich nach
-einem Abschied umzudrehen. Ich sehe des anderen heuchlerisches Lächeln
-sich zu Spott verzerren. Ich fühle ihn den Dolch seiner verleumderischen
-Rede mir meuchlings in den Rücken stoßen. (Tritt ganz hart an Broß
-heran, mit wild flackernden Blicken.) Das Hirn möchte ich dem Kerl
-auseinanderreißen, der mir gegenüber sitzt, das Herz möchte ich ihm
-zerfleischen, um zu wissen, was er denkt und fühlt.
-
- (Broß macht erschreckt einen Schritt gegen das Büfett, hinter dem der
- Kellner schläft.)
-
-_Kyll_ (faßt ihn beim Arm): Wo wollen Sie hin?
-
-_Broß_ (mit einem Versuch, seine Angst zu verheimlichen): Ich wollte nur
-den Kellner -- ich möchte noch einen Kognak.
-
-_Kyll_ (mit wildem Blick): Sie lügen -- Sie fürchten sich vor mir.
-
-_Broß_ (gezwungen auflachend): Aber, lieber Herr ... (Er sucht den Namen.)
-Wie können Sie nur glauben -- Sie sind so unterhaltend -- ich könnte noch
-bis Tagesanbruch mit Ihnen zusammensitzen.
-
- (_Truck_ tritt ein mit einem _Mädchen_.)
-
-_Truck_ (zu Broß): Nu frag' ich einen Menschen. Broß, Menschenkind,
-trifft man Sie in nachtschlafender Zeit noch im Kaffee?
-
-_Broß_ (erlöst aufatmend, faßt Trucks Hand, leise): Sie schickt mir der
-Himmel. Ich bin da an einen Wahnsinnigen geraten.
-
-_Kyll_ (der angestrengt hinübergehorcht hat): Was haben Sie dem Mann
-von mir gesagt? (Zu Truck.) Eben hat er mir versichert, ich sei so
-unterhaltend, die ganze Nacht möchte er mit mir zusammensitzen. (Zieht
-einen Revolver aus der Tasche.) Warum hast du gelogen -- Kerl!
-
-_Broß_, _Truck_, das _Mädchen_: Zu Hilfe! Zu Hilfe!
-
-_Kyll_ (mit vor Erregung erstickter Stimme): Ihr Feiglinge! Ihr Lumpenpack!
-Ihr -- anderen -- (Er erschießt sich.)
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Wir hatten alle den nämlichen Gedanken. Der grauhaarige Herr am Ofen hielt
-uns zurück.
-
-»Wenn er Ernst gemacht hat, kommt ihr doch zu spät.«
-
-Mark Crystoll sagte trübe: »Er hat seine Todesleidenschaft gestaltet. Das
-kühlt sie ab.«
-
-»Der Unberatene. Meint, er kann ein Ende machen. Und kann doch nichts als
-zu einem Tor hinausgehen, um durch ein anderes wieder zu erscheinen.«
-
-Wir waren sparsam mit den elektrischen Laternen umgegangen. Trotzdem hatten
-sie sich allmählich verzehrt, bis auf eine, die auch eben im Begriff war
-auszulöschen. Die unbekannte Stimme war mit der Dunkelheit verschmolzen.
-Es war nicht zu unterscheiden, wem sie angehörte.
-
-»Auch ihr,« sprach es aus dem Unbekannten weiter. »Kurzsichtige. Mit
-eurem Klagen und Verneinen. ›Ja‹ müßt ihr zu eurem Leben sagen. Und
-›So will ich dich‹. Denn ihr wißt, mit allem seinem Schmutz und Elend
-kommt es immer wieder zu euch zurück.« Dann wieder, mühsam, stockend,
-wie aus innerem Grauen aufgestiegen:
-
-»Oder kennt ihr es noch nicht, das schreckhafte, das apokalyptische
-Geheimnis? Ach,« es ächzte wie aus einer Pein, die sich doch an ihrer
-Einzigkeit berauscht, »daß ich verurteilt sein muß, seine Siegel vor
-euch zu zerbrechen.«
-
-Ich weiß nicht, wie es den übrigen erging. Mich steigerte die in Schleier
-eingehüllte Herkunft dieses feierlichen Anrufs in eine erwartungsvolle
-Stimmung. Es wäre mir Verletzung meines Feingefühls gewesen, hätte der
-Unsichtbare das Pathos, mit dem er, wie aus einem tiefen Schacht, letzte
-Dinge seines Fühlens aus der Seele holte, in hellem Lampenscheine vor uns
-ausgebreitet. Die Verkündigung der abgeklärten Buddhalehre, von Nietzsche
-unter Qualen umgewertet in Übermenschlichkeit.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Von ewiger Wiederkunft
-
-
-Er liegt am Rande des sanft zum See gesenkten Ufers, von hochgewachsenen
-Farren überdacht. Zu seiner Rechten, auf dem Hügel, um den die
-Großstadtleute sich geschwätzig und geputzt ergehen, weiß er die Tafel
-mit den wie vom Schicksal in den Stein gegrabenen Zeichen:
-
- »Die Welt ist tief
- Und tiefer als der Tag gedacht
- . . . . . . . . .
- Weh spricht: Vergeh'!
- Doch alle Lust will Ewigkeit --
- -- will tiefe, tiefe Ewigkeit!«
-
-Er glaubt, ein Echo dieser Worte in dem Murmeln der anschlagenden Wellen
-zu vernehmen. Wenn er die Augen schließt. Wenn er sie öffnet, ist der
-schwere Klang verweht, und er sieht in ein Meer von Glanz und Duft. Die
-Wasser jauchzen, und der See blüht. Wie ein Garten, wie ein Beet von
-blauen Enzianen, über die ein Heer von weißen Schmetterlingen fliegt. Die
-hinscheidende Sonne wirft aus dem Westen Purpurrosen auf die blaue Pracht,
-sie durchglutet die Segel, die sich wie große Möwenflügel spreizen, und
-das Gebäude, das vom jenseitigen Ufer grüßt, verklärt sich durch ihren
-goldenen Abendschein zum Märchenschloß.
-
-Den Ruhenden unter dem Farrendickicht schmerzt diese Pracht und
-Fröhlichkeit. Die Augen zu. Dunkelheit um sich geschaffen. Und dem dumpfen
-Laut gelauscht, mit dem die Brandung zu den Kieseln spricht:
-
- »O Mensch! Gib acht!
- Was spricht die tiefe Mitternacht?
- Ich schlief, ich schlief ...«
-
-Als er erwacht, findet er die Welt um sich vertauscht. Wie ein guter
-Hausverwalter, wenn der letzte Gast gegangen ist, die Lampen abdreht und
-Tücher auf die Seidenmöbel und die festlichen Geräte wirft, so hat der
-späte Nachmittag hinter den letzten Sonnenstrahlen alle Farben ausgeblasen
-und über Tanz und Spiel der Wellen einen mißtönigen Flor gebreitet.
-Fahl und flach liegt der weite Spiegel; vor dem Märchenschloß, das ihn
-begrenzt, ist ein grauer Vorhang zugezogen.
-
-Der Ruhende springt auf. Ihn fröstelt. Und er schreitet kräftig aus,
-um den steif gewordenen Gliedern die Geschmeidigkeit zurückzugeben.
-Die Halbinsel gehört ihm nun allein. Die Spaziergänger sind vor der
-einbrechenden Dämmerung geflüchtet, und bereden den Alltag jetzt in
-aufgehellten Räumen.
-
-Ihn, der gekommen ist, um in den Spuren eines Einsamen zu wandeln, graut
-vor der Gemeinschaft mit den Vielzuvielen. Er läßt die Wohnstätten der
-Menschen hinter sich und sucht sich den schmalen Weg, der, der Wagenstraße
-gegenüber, sich an die Windungen des Wassers schmiegt.
-
-Immer dichter sind inzwischen die Dünste hochgestiegen, haben sich
-geballt und rechts und links zur Mauer aufgerichtet. Alle Wirklichkeit
-ist abgetrennt. Nichts gegenwärtig als das Angedenken dessen, der seine
-kränksten Nöte und seine lachendsten Genesungen hier auf und ab getragen
-haben mochte. In der großen Stille scheint der Boden wie entsühnt von der
-Berührung mit den Massen, die seitdem durch ihren Tritt die Fußspur eines
-Ungewöhnlichen entweihten. Und auf leisen Sohlen schleichen die Schatten
-der Vergangenheit herbei.
-
-Vielleicht an dieser Stelle war vor dem Dichter das helle
-Mittagsstundenwunder aufgetaucht. Hier hatte er vielleicht gesessen, »ganz
-See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel. Da plötzlich, Freundin, wurde eins
-zu zwei und Zarathustra ging an mir vorbei«. Und hier vielleicht, ein
-andermal, in einer Finsternis wie dieser, wie im Urchaotischen gefangen,
-mochte er mit dem Doppelgänger Brust an Brust gerungen haben. Ihm die
-feindliche, die mörderische Waffe zu entreißen.
-
-Der Wanderer stöhnt auf.
-
-Wie er jetzt körperlich den Wegen des Verkünders folgt, so war er
-ihm auch geistig nachgegangen. Und war an der Schwelle einer letzten
-Ausgangspforte einem Gespenst begegnet. Qual und Marter, ihm ins Gesicht zu
-sehen! Glich es nur dem Meister? Trug es nicht die eigenen Züge? Hatte es
-nicht längst im eigenen Leben tückisch lauernd dagelegen, um in bangen
-Stunden den Gefolterten zu überfallen?
-
-Ewige Wiederkunft? Kein Entrinnen aus dem Kreis des Ekels und des
-Überdrusses!
-
-Mag sein Fuß die schmale Grenze überspringen, die das feste Land vom
-Wasser scheidet: es behält ihn nicht, es bringt ihn wieder.
-
-Immer wieder auf das Rad geflochten ... »Krumm ist der Pfad der
-Ewigkeit.«
-
-Nein! Seine Schultern tragen die Last dieses Gedankens nicht. Ihm fehlt die
-Kraft, den Kopf der Natter abzubeißen, um ihn lachend auszuspeien. »Ist
-das das Leben? Wohlan denn: noch einmal!« Er ist nicht brünstig nach dem
-hochzeitlichen Ring der Wiederkunft.
-
-Ihm wird zumut, als wachten alle Peinen auf, die hier jahrelang versteinert
-im Gebüsch gelegen haben, und stürzten sich auf ihn, um ihn zu schrecken
-und zu würgen. Der Wahnsinn krallt sich in ihn ein, Verlassenheit, das
-verzerrte Abbild der königlichen Einsamkeit, greift nach ihm mit kalten
-Knochenarmen. Er läuft und läuft ... Er fühlt, was zu sehen ihm
-der Nebel wehrt, daß der Waldweg sich verbreitert, daß seine Sohlen
-Wiesenboden treten.
-
-Von irgendwoher wehen abgerissene Laute zu ihm hin. Menschenstimmen. Er
-saugt sie gierig ein. Tastet sich zu ihnen hin. Etwas Lichtes durchzittert
-den feuchten Brodem. Der Fuß stößt an ein Hindernis, wagt sich behutsam
-ein paar Stufen aufwärts. Die ausgestreckte Hand rührt an eine Holzwand,
-faßt eine Messingklinke, drückt sie herab: ein Tor geht auf ...
-
-Ein Glashaus, in dem zwischen hohen Palmen leichte, aus Stroh geflochtene
-Möbel stehen. Dahinter der weite Saal. Grellweiß mit zopfiger Vergoldung.
-Von der Decke, an metallenen Ketten, geschliffene Kristalle, in denen
-Glühkörper wie Blumen blühen. Unter ihrem strahlend grellen Schein ein
-Mischmasch von surrenden und summenden Geräuschen. Gespräch, Gelächter,
-das Rascheln weicher Seiden, das Schleifen kostbarer Brokate. Frauennacken,
-die tief entblößt aus Tüll und Spitzen steigen, mächtige Frisuren, von
-Reihern bekrönt und mit diamantenen Kämmen festgehalten. Aus dem bunten
-Durcheinander sticht das dumpfe Schwarz der Herrentracht hervor und die
-einförmige Blankheit der steifgestärkten Hemdenbrüste.
-
-Inmitten dieses Wirrwarrs von Schattierungen und Tönen ein grün-roter
-Farbenfleck, wie aus einer Riesentube hingeschleudert. Die roten, grün
-besetzten Wämser und Barette der Italiener, die eben ihr Konzert beginnen.
-Mit einem Ritornell zum Lobe Neapels. Sie stehen aufrecht, wie von ihrem
-Enthusiasmus aufgeschnellt, und schmettern mit begeisterten Gebärden
-gemeinsam den Refrain heraus:
-
- =Dolce Napoli
- O suol beato
- Ove sorridere
- Volle il creato.=
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-Den Mann, der aus dem dunkeln Grauen in den hellen Leichtsinn tritt,
-erfaßt ein Schwindel. Er flüchtet in eine der Nischen, um deren Rundung
-ein silbergrauer Diwan läuft. Er läßt sich in das Polster sinken und
-winkt einem der Diener, die, im blauen Frack mit messinggelben Knöpfen,
-durch die Menge laufen. Der beäugelt mißtrauisch den Gast, der wagt,
-im Sportdreß, den Nachttau in den verwühlten Haaren, in diese festliche
-Versammlung einzutreten. Doch die Gebärde, von der der Befehl, eine
-Flasche Sekt zu bringen, begleitet wird, ist so gebieterisch, daß sich die
-Lakaienseele duckt.
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-Auch der übrigen Gesellschaft ist der Fremde aufgefallen, der so
-rücksichtslos der hergebrachten Sitte trotzt. Man einigt sich: so kann nur
-ein Deutscher sich vergessen. Und er ist auch wirklich blond, blauäugig
-und, trotz seinen langen geraden Gliedern, ein bißchen unbeholfen. Nur
-seltsam, daß der junge Kopf schon an den Schläfen graue Fäden zeigt.
-Und was für ein Kontrast zwischen den breiten, festen Flächen des
-oberen Gesichts und dem zurückfliehenden Unterkiefer. Die Musternden sind
-geneigt, ihn für einen Skandinaven zu halten. Man gibt zu: gegen Stoff und
-Schnitt des beanstandeten Knickerbocker sei kein Einwand zu erheben. Und
-das Gebaren dieses Außenseiters habe einen Zug von Vornehmheit. Manches
-Mädchen denkt: holt er mich heute wohl zum Tanz?
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-Er, blind für Beobachtung oder Kritik, ist ganz erfüllt von dem
-beglückenden Bewußtsein: ich bin geborgen. Über die Schwelle dieser
-billigen Karawanserei wagt sich der Spuk der Nachtgesichte nicht. Zweimal
-schon hat er den hohen Kelch geleert. Eine wohltuende Wärme legt sich
-besänftigend auf seine Brust.
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-Da kommt ihm von irgendwoher eine Hemmung seines Wohlbehagens. Was ist
-es, das an seinen Nerven zerrt? Er sucht die störende Empfindung
-wegzustreichen. Vergebens. Sie umschwirrt ihn wie ein lästiges Insekt. Er
-hebt den Kopf und begegnet einem Augenpaar, das sich fest und unbekümmert
-in das seine bohrt. Den Augen eines Weibes.
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-Schön? Bizarr. Wie eine fremdländische Tropenblume. Wie ein kostbares
-Geschmeide, in einer uralten Kultur entdeckt.
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-Rostbraunfarbige starre Haare umschließen in schweren Wellen eng die
-schmalen Schläfen. Der vorgewölbte Mund schneidet brennendrot durch
-die gelblich blasse Haut der Wangen. Die Augen, mit grünlichen Pupillen,
-stehen etwas schräg gegen die kleine, gerade Nase. Ein weißes Pannekleid,
-rosig angehaucht wie das Innere einer Muschel und in jeder Biegung von
-irisierenden Reflexen überrieselt, steigt hoch hinauf bis zu den kleinen
-Ohren. Und sie ist juwelenlos. Nur auf der Stirn liegt, von einem dünnen
-Kettchen festgehalten, ein schimmernder Opal. Sehr jung ist sie dabei; und
-so mädchenzart, daß man den feisten, kahlköpfigen Herrn, der neben ihr
-hinter seiner Zeitung fast verschwindet, für ihren Vater halten könnte,
-wenn nicht die Besitzermiene, mit der er, den Arm um sie gelegt, von Zeit
-zu Zeit ihr etwas zuflüstert, verriete, daß er ihr Gatte ist. Sie achtet
-weder seines Redens noch seines Verstummens. In dem Armstuhl, der für
-ihre schmale Gestalt viel zu weit ist, lehnt sie sich ein wenig vor, ein
-Lächeln teilt ihre Lippen, die Augen haften fest an ihrem Gegenüber.
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-Er wendet sich beinahe ungezogen ab. Aber das Fluidum, das von ihr zu ihm
-hinüberströmt, dringt ihm in alle Poren. Sie zwingt ihn zu sich, wie
-durch Zauber. Er sieht das Blut in ihren Adern kochen, er sieht, wie die
-Wünsche in ihr auf und nieder steigen. Das Idiom der Zungen würde sie
-wahrscheinlich trennen. Ohne Worte verstehen sie einander gleich.
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-»Du,« sagt sie zu ihm; »du!«
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-Es trifft ihn wie ein Kuß.
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-Und ohne seine Antwort abzuwarten, fährt sie fort: »Mir ist, als kenne
-ich dich lange. Du gefällst mir. Sehr gefällst du mir.«
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-Von ihrer Liebkosung entzündet, wehrt er sich gegen ihre buhlerische
-Zärtlichkeit. »Was sprichst du so zu mir, dem Fremden, und sitzest doch
-an der Seite deines Ehemannes?«
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-Sie hebt verächtlich ihre Achseln. »Ehemann? Richtig; das ist wohl einer
-seiner Namen. Er hat noch andere. Phil und John und Will. Ich mußte ihm
-alle geben, als ich mich ihm verkaufte. Mich frei von Elend und von Schande
-kaufte, frei für Luxus, Glanz und Liebe.« Wie ein Schlänglein läuft
-ihre rote Zungenspitze über die weißen, spitzen Zähne. »O wie ich
-hungere nach Liebe!«
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-Die Musikanten stimmen nach kurzer Unterbrechung wieder ihre Instrumente.
-Über abgerissene Akkorde, die nur auf Tonika und Dominante stehen, hebt
-sich die sentimentalisch süße Melodie. Der Tenor, ein tiefbrauner Bursche
-von quecksilberner Beweglichkeit, beklagt die Launenhaftigkeit seiner
-Geliebten.
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- »=Dimmi, dimmi nenella mia bella
- pechè staje affaciate? pechè?=«
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-Er bettelt um ein gutes Wort:
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- »=Quanno me dice che me vuó bene
- tutte le pene me faie scordà.=«
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-Die Arme zu einer Huldigung gerundet, die allen Damen dieses Kreises gilt,
-lockt er sein Mädchen zum verliebten Stelldichein. Und seine ungeschulte
-aber weiche Stimme tremuliert heftig in der Übertreibung seines feurigen
-Gefühls.
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- »=Si tu nenella mia viene comme
- Uh! quanta cose t'aggio a di cantanno
- Jo! quanta cose t'aggio a fai sapè.=«
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-Ein Hauch von Lust fächelt die Gesellschaft, die, von der Höhenluft
-erregt, sich nach reichem Mahl zu müßiggängerischem Tändeln hier
-zusammenfindet. Schultern drängen sich näher aneinander, heiße Finger
-streifen sich, Fußspitzen begrüßen sich in heimlicher Begegnung.
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-Den Einsamen in seinem Winkel überkommt die weiche Stimmung, von der
-er sich doch sagt, daß sie eine Täuschung seiner müden Sinne ist; die
-Sehnsucht nach einem zweiten, dem er sein Ich verschmilzt, um es reiner und
-erhöhter wieder zu empfangen.
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-Von drüben fliegt der Spott wie scharfe Pfeile auf ihn zu. »Du Tor
-spekulierst und grübelst: und das heiße Leben rauscht an dir vorbei.
-Greif' zu! Genieße!«
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-»Und meine Seele?«
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-Rasch läuft das Schlänglein ihrer roten Zunge über den vorgewölbten
-Mund. »Sorgst du um deine Seele? Armer Narr! So hast du das Weib der
-großen Seligkeit noch nie besessen. Wie? Das Wunder, daß zwei Menschen
-miteinander in dem Nichts vergehen, aus dem sie einmal herausgekommen sind,
-wäre nichts als ein Gefühl der Haut? Und wo bliebe denn die Seele in dem
-rätselhaften Augenblick, in dem die Körper außer sich, über sich hinaus
-geraten? Ins Uferlose, Unbegrenzte, außer Zeit und Raum, ohne Anfang,
-ohne Ende, nur Wonne und geniale Ahnung, wie sie Gott durchschauert haben
-mögen, da er die Welt erschuf.«
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-Er, innerlich gefangen, wehrt sich in den Maschen ihres Netzes. »Schlange!
-Kluge! Listige! Was versuchst du mich zu lügender Erkenntnis?«
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-Um die rotgrüne Musikanteninsel kräuselt eine lärmende Bewegung.
-Kastagnetten begleiten den Klang von Geige, Cello, Tamburin und Mandoline.
-Und indem die Italiener ihre Instrumente streichen, schütteln, zupfen,
-singen sie zu gleicher Zeit und drehen sich in kecken Sprüngen. Eine wilde
-Tarantella, wie sie das Volk an seinen Festen tanzt.
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- »=Jammo a bedere nterra a l'arena,
- mento che spanfia la luna, li
- pescatore de Merglina.=«
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-Der Rhythmus der jagenden Triolen reißt das Blut der Hörer mit. Die
-Leiber und die Beine zucken, verlangend kehrt die Jugend sich zu der Tür
-des Tanzsaals, der eben aufgeschlossen wird. Und die Tarantella rast noch
-immer, und die Musikanten jubeln, schreien.
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-Durch den Wirbel der Atome geht der Strom magnetisch von dem Weib mit den
-rostbraunfarbigen Haaren zu dem Mann, der einsam in seinem Winkel sitzt.
-Er ist wie eingehüllt in die Glut ihres Begehrens. Er erschauert unter
-dem liebkosenden Getaste ihrer Finger, ihre weißen Zähne graben sich in
-seinen Hals, er fühlt die Knospen ihrer jungen Brüste an den seinen, ihre
-Flechten, aus ihrem Zwang gelöst und von ausspringenden Löckchen wie von
-kleinen Flämmchen überflattert, begraben seinen Atem unter ihrem schweren
-Duft. Sie gibt ihm die Wollust tausender im heißen Spiel der Liebe
-erträumter Nächte in einem kurzen Augenblick. Die ganze Weibheit hält er
-mit ihrem schlanken Leib in seinem Arm.
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-Betäubt, entfestet, ohnmächtig gegen die Naturgewalt zu kämpfen, gibt er
-sich ihr widerstandslos hin.
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-Erobererhochmut tritt in ihre Züge, da sie seine Unterjochung fühlt. Sie
-erhebt sich und entbietet ihm noch einmal ihren Willen, daß er ihn in die
-Gefolgschaft ihres Kleidersaumes zwingt.
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-Er zögert, beschwert von trauriger Ermattung. Der Kontakt ist
-unterbrochen. Der Funke sprüht nicht zwischen den konträren Polen auf.
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-In einer Sekunde des Besinnens richtet sich das unbegrabene Skelett des
-gespenstischen Gedankens vor ihm auf. Die ganze Weibheit hat er in ihrem
-schlanken Leib genossen. Tausende heißer Nächte haben sich ihm in einen
-kurzen Augenblick gepreßt. Weil sein Gedächtnis tausend zugefallene
-Pforten der Erinnerung aufgebrochen hat, um ihm vertausendfacht sein Ich zu
-zeigen, wie in einem Raum mit tausend Spiegelwänden.
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-Ja, er erkennt es wieder, sein ewiges Erlebnis. Stets das gleiche. Die
-Flucht aus der Wüste der Askese in die Üppigkeit der Lebensgier. Und
-Licht, Musik und Tanz. Und das Weib. Immer das gleiche. Der Brennpunkt
-aller Illusionen. Und wenn ihr Wesen, bis zur letzten Falte ausgespäht,
-keine Rätsel mehr zu bieten hat, ein Gewicht, das in die Niedrigkeit
-hinunterzieht, das mißachtete Gefäß eines schal gewordenen Trunkes.
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-... Wie berückend die Erscheinung in dem weißen, rosig überhauchten
-Sammetgewand, in jeder Biegung von irisierenden Reflexen überrieselt. Eine
-einzige mitten in der Allgemeinheit. Ein künstlerisch vollendetes Gebilde
-der Sansara.
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-Wie mit Ketten reißt es ihn wieder zu ihr hin. Zwischen Verlangen und
-Verzicht ertrinken ihm die Sinne, nur an eine feste Vorstellung geklammert:
-Dies ist die Stunde der äußersten Entscheidung. Jetzt oder niemals
-durchbrichst du dein Geschick. Jetzt oder nie tritt das Göttliche in dir
-die erdenschwere, schuldbeladene Materie nieder.
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-Und es lichtet sich um ihn wie Morgenröte. Ihm ist, als klimme er auf
-einen Gipfel, tief unter sich die bunte Sinnenwelt.
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-Sieg! Triumph! Er hat den Ring der ewig gleichen Wiederkunft gesprengt. Er
-kann wunschlos eingehen in Nirwana.
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-Von dem inneren Kampf zerbrochen, geht er langsam zu der Ausgangstür und
-faßt die Klinke. Ein Blick noch, wie ihn der Abscheidende den Erdendingen
-zuwirft, bevor er sie verläßt ...
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-Das Bild hat sich verändert. Die Italiener sind in den Tanzsaal
-übersiedelt und locken mit dem wiegenden Dreivierteltakt eines
-schmeichlerischen Wiener Walzers. Und schon naht einer, der sich vor der
-Frau mit den rostbraunfarbigen Haaren tief verbeugt und dem sie die Gunst
-gewährt, sie minutenlang an sich zu drücken.
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-Der Mann, der bereit ist, sich von der Erbsünde zu lösen, macht eine
-hastige Gebärde zu den beiden hin. Noch einmal in den Fängen seiner
-Menschlichkeit. Und die Unruhe, die ihn durchrüttelt, entwurzelt in ihm
-einen schrecklichen Verdacht.
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-Wie, wenn ihn die Erkenntnis äffte? Wenn die Wahrheit, der den Schleier
-abzureißen er sich vermaß, sich ihm nur um so undurchdringlicher
-verhüllte? Und gerade dieses sein ewig wiederholtes Fatum bliebe:
-zu verdammen, was er heiß ersehnt? Kraftlos vor dem Entschluß
-zurückzuweichen und einem Kühneren das Glück zu überlassen, das in der
-Phantasie schon sein gewesen ist?
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-Der Angstschweiß bricht ihm aus. Alles wankt und schwankt um ihn herum.
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-Eine leise Stimme will ihn trösten: »Es ist deine Jugend, die sich gegen
-dieses letzte Opfer bäumt.«
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-Er glaubt sich nicht. Er hat das Vertrauen zu sich verloren. Und sagt sich
-mit wehmütiger Bitterkeit: »So werde ich die Probe machen müssen.«
-Drückt die Klinke nieder. Und geht durch Nebel und Verlassenheit an den
-See zurück.
-
-... Hinter ihm lachen die Violinen.
-
-[Illustration: Decoration]
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-Auch dieser Gast verschwand. Ganz leise. In das Schweigen, das er
-hinterließ, fiel ein sehr alltägliches Geräusch.
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-Der Grauhaarige hatte an seinem Feuerzeug geknipst für eine seiner vielen
-Zigaretten. Er steckte die Zündschnur noch einmal in Brand und half der
-Nachbarin ein Kerzenende aus ihrem Reisesacke kramen. In Schlupfwinkeln von
-Männertaschen wurden Wachsstreichhölzer aufgestöbert.
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-In dieser unzureichenden Beleuchtung sahen wir, wie sich die Frau in
-Nonnentracht erhob, die beim Instandsetzen der kahlen Kammer wacker
-mitgeholfen hatte, um sich dann, als sei jede Minute Müßiggang ein Raub,
-den Nadeln ihres Strickstrumpfs zuzuwenden. Jetzt legte sie die Arbeit
-nieder und faltete die Hände.
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-»Ach, meine lieben Schwestern und Brüder, mein Herz ist bis zum Rand
-gefüllt mit Traurigkeit um euch. Wie ihr alle aneinander leidet. Wie ihr
-einander weh tut und eins sich nach dem anderen doch sehnt und nach ihm
-sucht und an ihm vorbeitappt in die Einsamkeit. Das kommt daher: Jeder von
-euch ist zu viel mit sich selbst beschäftigt, ihr seid beständig hin und
-her gerissen von Wollen und Verlangen. Ihr habt nicht mehr den Glauben.
-Nein,« schnitt sie Bedenken in uns ab, noch ehe sie sich regten, »ich
-will euch nicht bekehren. Nennt ihn Jehova, Jesus Christus, Gott oder
-Natur. Nur daß euch eine Zuversicht gegeben ist, an die ihr euch vergeßt,
-eine Frömmigkeit, an der ihr euch beruhigt.«
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-Ihr klares, gütiges Organ, etwas eintönig, als seien im Gebet seine
-feinen Schwingungen ertötet, aber unendlich wohltuend, gleich einer
-Auflösung der vorhergegangenen Dissonanzen, schilderte das kleine Haus, in
-dem sie demütig dem Herrn diente.
-
-Habe ich ihre Absicht recht verstanden? Und sie in meiner Wiedergabe
-richtig ausgedeutet? Daß sie uns an einem Beispiel lehren wollte: das
-Nichtwissen schließt die höchste Weisheit in sich ein.
-
-[Illustration: Decoration]
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-Frohe Botschaft
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-Herbstnebel! Er überspinnt das ganze Dorf, umflort die Häuser, hängt
-graue Tücher vor die Berge und über das Gesicht des Sees. Die Sonne müht
-sich vergebens, ihn zu durchdringen, er verzehrt ihre Strahlen und frißt
-ihren Schein, daß sie fahl am Himmel steht wie eine Tote. Da tun sich die
-große Turmuhr und der Wind zusammen. Die Turmuhr schleudert zwei Schläge
-und dann noch elf gegen die geballte graue Masse, der Wind springt
-hinterher und bläst aus vollen Backen. Von obenher bohrt sich die Sonne
-durch. Und Schall und Wind und Wärme reißen den Brodem auseinander. Noch
-klammert er sich am Gebirge an und raucht aus den Schluchten. Aber als
-der Mittag ausgeläutet wird, findet er den Himmel reinlich ausgefegt. Die
-letzten grauen Fetzen, zwischen Felsen eingeklemmt, haben die Kraft nicht
-mehr, sich festzuhalten. Sie verflattern zu Fahnen, lösen sich in Flocken
-auf und vergehen in den Tannenwipfeln. Nichts bleibt mehr von dem Dunst
-zurück als ein zarter Silberhauch, der wie ein Schleier über den sanften
-Umrissen der Landschaft liegt.
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-Alle Geräusche, die in dem dicken Nebel eingepackt gewesen waren, schallen
-in der aufgehellten Luft. Das Gebell der Hunde, das Räderknarren,
-der Schlag des Schmiedehammers und das Kreischen eines Hobels. Von dem
-Gespräch, das zwei Frauen über die Straße weg miteinander führen, ist
-jede Silbe zu verstehen. Und schon von weitem hört man das Schwatzen und
-Gelächter der Kinder, die, nach ihrem Mittagessen, wieder zu den frommen
-Schwestern gehen, um dort bewahrt zu werden, bis die Mütter aus der Arbeit
-kommen. Von allen Seiten trippeln sie herbei, das Seeufer entlang, vom
-oberen Dorf her durch die Wiesen, einzeln oder paarweis, ein sechsjähriges
-oft schon der Schutz für jüngere Geschwister. In der entlaubten
-Kastanienallee, der Kleinkinderbewahranstalt gegenüber, finden sie sich
-zueinander. Sie vergnügen sich damit, die verfaulten feuchten Blätter mit
-den Füßen aufzuwühlen, und um jede halbvertrocknete Kastanie, die sie im
-Laub entdecken, gibt es ein Gerauf und ein Gepuff.
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-Die kleinen Mädchen, gesitteter, weil sie sich schwächer fühlen als
-die Buben, mahnen: »Seids stad, Buben, gehts zua, Schwester Brigitte tuat
-g'wiß schon auf eis warten.« Sie laufen über die Landstraße hinweg
-hinüber zu der Schule; langsam trotten die Jungen hinterdrein.
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-Die Kleinkinderbewahranstalt liegt in einem alten Haus (es ist fünf
-Fenster breit und trotz seiner beiden Stockwerke nur niedrig), dem man es
-nicht ansieht, daß es nicht nur die Herberge der Ortskranken und Armen
-ist, sondern auch das Haftlokal für Landstreicher und Trunkenbolde. Es
-ist ganz in Efeu eingesponnen; eine Statue der Muttergottes, die im Giebel
-thront, breitet ihre Arme wie segnend über die Blumentöpfe aus, die in
-grünen Gitterbrettchen vor jedem Fenster stehen. Und wirklich blühen
-unter ihrem Schutz noch ein paar leuchtend rote Nelken und Geranien.
-
-Einen kleinen Vorgarten, in dem die Rosenstöcke in Stroh gebunden an
-der Erde liegen, haben die Kinder zu durchschreiten. Dann klinken sie
-die Haustür auf, treten im Erdgeschoß in eine zur rechten Hand gelegene
-große Stube und begrüßen ihre Lehrerin mit einem gemeinschaftlich
-geplärrten: »Gelobt sei Jesus Christus. Küß die Hand.«
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-Schwester Brigitte, ganz klein und schlank in ihrem schwarzen Kleid, der
-grauen Haube, der weißen Stirnbinde um das rosige Gesicht, ist im Begriff,
-dicke Decken auf den Fußboden zu breiten. Für die Allerkleinsten, die
-gleich ihr Mittagsschläfchen halten sollen. Sie schilt die Kinder um
-die Verspätung und um die Prügelei. Beim Schelten vertiefen sich die
-Grübchen in ihren runden Wangen.
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-In den Kindern ist auch keine Furcht. Die Buben streiten in den Ecken
-um die erbeuteten Kastanien, die Mädel hüpfen in den engen Holzbänken
-herum, und wer ein Püppchen in der Tasche hat, holt es heraus. Nur die
-mütterlichsten unter ihnen helfen der Schwester die Knirpse, die jetzt
-ruhen sollen, hinzulegen und zu betten. Es sind Schreihälse darunter,
-Neulinge, die Heimweh haben und sich in der Fremde nicht zufrieden
-geben wollen. Sie schlafen schon, als ihnen noch die Tränen über die
-beschmutzten Bäckchen laufen.
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-Schwester Brigitte wendet sich jetzt um (sie ist hingekniet, um ein
-Dreijähriges einzuhüllen) und fragt: »Mögt ihr lieber in den Garten
-gehen? Es ist heute noch so wunderschönes Wetter.«
-
-»In den Garten!« Es ist ein Jubelruf. Und schon stürmen sie den
-weißgetünchten Flur entlang, durch die Hintertür hinaus.
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-Der Garten ist eigentlich nichts als ein Stück Sandland inmitten grüner
-Hecken. Neben einem Holzschuppen, in dem die Schwestern allerlei Gerät
-bewahren, steht eine Linde mit bereits vergilbtem und zerzaustem Laub. Eine
-Handvoll kümmerliches Gras sprießt in einer Ecke. Den Kindern ist der
-Platz just um seiner Kahlheit willen lieb. Da hat's keine Angst, den
-Rasen zu zertreten oder Blumen weh zu tun. Da kann man nach Herzenslust
-herumtollen, Sandhaufen bauen und in der Erde graben.
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-Die Großen holen ihre Schaufeln aus dem Schuppen, ihre Eimerchen und
-Karren, die Kleinen gucken ihnen zu oder klettern auf die rechts und links
-von einem Holztisch in den Boden eingerammten Bänke und sonnen sich wie
-träge kleine Tierchen. Und alle plappern zu gleicher Zeit mit schrillen,
-hellen Stimmchen, die keine Modulierung haben, nur auf einen Ton gestimmt
-sind, wie das Gezirpe junger Vögel.
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-Oben im zweiten Stockwerk liegt ein siecher Mann auf seinem Lager. Die
-Sonnenstrahlen sind bis zu seinem Bett gesprungen. Sie tänzeln um ihn
-herum. Förmlich an der Hand fassen sie ihn an und rufen: »Steh' auf, komm
-mit uns. Schau, wie wundervoll die Welt ist.«
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-»Wenn ich nur könnt'!«
-
-Mühsam richtet er sich auf. O weh! O weh! Wie schmerzt die leiseste
-Bewegung. Aber die Sonnenstrahlen lassen ihn nicht los. »Komm,« rufen
-sie, »steh' auf.« Langsam, mit unsicheren Händen, der Schweiß läuft
-ihm dabei aus allen Poren, legt er Stück für Stück von seiner Kleidung
-an. Schwer auf den Stock gestützt, schleppt er sich bis zum Fenster. Dort
-fällt er auf einen Stuhl. Ein paar Augenblicke lang ist alles schwarz
-vor seinen Augen. Dann aber schaut er auf. Himmel Herrgott, was für eine
-Pracht!
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-Es ist vielleicht, weil er wochenlang nichts über sich gesehen hat als das
-schwere Federbett, und nichts um sich als die vier weißen Wände seines
-engen Zimmers, daß ihm dünkt, so ein Herbsttag sei noch nie dagewesen.
-Und er trägt doch an fünfzig Herbste auf dem Buckel.
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-Und Farben! Der See so blau -- so blau -- wie die Enzianen auf der
-Tapetzaner Wiese. Und so still bewegt wie die Brust von einem schönen
-Weibsbild, wenn es liegt und schläft. Nur ganz hinten, der Klause zu, wo
-zwei Segel schwimmen, licht wie ausgespreizte Möwenflügel, ist das Wasser
-sanft gekräuselt. Und ringsherum die Wiesenhänge, grün und saftig wie im
-Sommer, und die Wälder rot geflammt, gerade als ob Feuer aus den dunkeln
-Tannen schlagen. Obenher die Berge bis hinunter weiß beschneit, für
-Gletscher könnte man sie halten. Und darüber eine Luft! Es blitzt nur so
-in der Luft von Freude und von Lustigkeit.
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-Eine Gier, krankhafter als die nach Tabak und nach Schnaps, die man ihm
-beide vorenthält, faßt den Kranken an, diese Luft zu schmecken.
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-Er denkt sich: »Gehst halt hinunter« und verlacht sich gleich: »Du
-Tepp, du Dalk! Grad' bis auf den Gang tät's vielleicht noch klenken.
-Dann, perdautz, da liegst.« Inbrünstig betet er zu seinem Schutzpatron.
-»Heiliger Josef, mach', daß eine von den Schwestern zu mir heraufkommt.«
-Und weiß doch, daß sein Bittgesuch vergebens ist. Weiß, Schwester
-Brigitte gibt jetzt im Garten Obacht auf die Kinder, derweil muß Schwester
-Anna nach den Kleinen schauen, die im Zimmer schlafen. Schwester Maria
-wäscht das Geschirr vom Mittagessen ab, und die Oberschwester Ursula
-verirrt sich nur selten in die Krankenzimmer.
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-Es gelingt ihm, sich an der Fensterklinke hochzuziehen und die Flügel
-aufzumachen. Eine Welle durchsonnter und mit Tannenduft durchwürzter Luft
-strömt zu ihm ein. Das schmeckt -- o wie das schmeckt! Wenn's ihm nur beim
-tiefen Atemholen nicht so in die Lunge stechen möchte.
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-Er denkt: »Könnt' ich doch im Garten in der Sonne sitzen!« Er schreit
-hinunter: »Schwester Brigitte, Schwester Brigitte!« Das heißt, er
-möchte schreien, aber es kommt ihm nur ganz heiser aus der Kehle.
-Vielleicht steht ihm aber doch der heilige Josef bei. Oder trägt die reine
-Luft so weit? Schwester Brigitte blickt herauf. Sie sieht das aschfahle,
-verwüstete Gesicht, sie sieht die angstvoll bittende Gebärde.
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-Sie denkt: »Jesus, Jesus, wie kommt der sterbenskranke Josef Kirschenhauer
-aus dem Bett ans Fenster? Geht's vielleicht mit ihm zu Ende? Und die
-Kräfte flackern im letzten Augenblick noch einmal auf? Da müßt man ihn
-ja schnell versehen lassen.«
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-Mit ruhigem, gelassenem Schritt, wie die Ordensregel ihn ihr vorschreibt,
-steigt sie die Stiege aufwärts. Oben streckt der Josef die Arme nach ihr
-aus, wie der Gläubige nach dem Bildnis des Gekreuzigten.
-
-»Schwester Brigitte, tut mir eine Liebe, helft mir hinunter in den
-Garten.«
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-Mit Festigkeit und Sanftmut redet ihm die Schwester diesen Einfall aus.
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-»Das ist unmöglich, Kirschenhauer. Das schafft Ihr nicht. Und es könnt'
-Euch schaden. Und denkt nur, wenn Euch was passiert, ehe ...«
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-Sie spricht den Satz nicht bis zu Ende. Aber der Josef errät, woran sie
-denkt, und der Atem geht ihm aus, wie wenn ihm wer aufs Herz geschlagen
-hätte. Steht es so mit ihm? Aber dann erst recht ...
-
-»Schwester Brigitte,« fleht er sie an, und seine Augenlider zucken wie
-im Krampf, »ich möcht' halt so gern hinunter. Es ist eh' vielleicht
-das letzte Mal. Ich werd' auch im Himmel dafür für Euch beten, und Ihr
-verdient Euch Gottes Lohn.«
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-Er sagt das, weil er nichts Dringlicheres weiß, sie nimmt es völlig
-ernst. Um Gotteslohn tut sie ja alles, betreut die kleinen Kinder, sorgt
-für die Betrunkenen und die armseligen Pfründnersleute, wäscht und
-füttert die Kranken. Und eine Fürbitte im Himmel, durch die sie näher an
-Gottes Thron zu sitzen kommt, ist ihr das wertvollste Geschenk. Sie meint:
-der Josef sieht auch wirklich besser aus, er hält sich wohl noch ein paar
-Tage.
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-»Ich schau' gerad' hinunter in den ersten Stock, ob einer von den armen
-Männern daheim ist.«
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-Niemand ist in den Armeleutezimmern, der Sonnenschein hat alle weggelockt.
-
-»Also versuchen wir's in Jesu Christi Namen.«
-
-Eine Plage ist's, den schweren Mann zu schleppen, den Gang entlang, über
-die zwei Stiegen. So oft der Josef keuchend innehalten muß, beredet ihn
-die Schwester, wieder umzukehren. Dann bettelt er, beschwört sie bei ihrer
-jenseitigen Seligkeit, stellt ihr vor, wie die Himmelsfreuden durch die
-Last der Erdentrübsal wachsen.
-
-Endlich ist er im Garten angelangt. Die Kinder werfen ihm gemeinsam ihr
-plärrendes: »Gelobt sei Jesus Christus. Küß die Hand« entgegen. Dann
-holen sie auf einen Wink der Schwester einen alten Sessel aus dem Schuppen
-und rücken ihn unter die entlaubte Linde, mitten in die pralle Sonne.
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-Seinen Willen hat der Josef durchgesetzt. Aber merkwürdig, so wärmen, wie
-man es hätt' glauben sollen, tut ihn die Sonne nicht. Ein Frösteln läuft
-ihm an den Gliedern hinunter. Wenn er nur besser hätte atmen können. Und
-das Herz schlägt ihm wie ein Hammer an die Rippen. Er beißt die Zähne
-aufeinander, über und über naß von der Anstrengung, der Schwester seinen
-Zustand zu verbergen.
-
-Die Schwester achtet nicht auf ihn. Sie hat vollauf zu tun, die Kinder, die
-während des Alleinseins ganz verwildert sind, zur Räson zu bringen. Die
-Resi Leitgeb und der Karl Bastl haben sich im Spiel vergessen und
-heulen jetzt aus Angst vor Strafe (Schwester Brigitte hält sehr auf
-Reinlichkeit). Der Seppel Beer und der Franz Stadler sind beim Raufen
-hingeschlagen und beschuldigen sich gegenseitig. Die Mirzl Holzer weint,
-weil ihr bang' ist und weil ihr die Nandl Stark, um sie zu trösten, den
-Mund mit einem Kipfel stopfen will. Und sie laufen alle durcheinander wie
-ein Volk aufgescheuchter Hühner und reden, singen, lachen, weinen alle auf
-einmal.
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-Mit Gelassenheit stiftet die Schwester Ruhe, trocknet die Feuchten, trennt
-die Kämpfer, beruhigt die Betrübten. Mit ihrer klaren Stimme sagt
-sie dann: »Wir werden jetzt unser Krippenspiel probieren, die ›Frohe
-Botschaft‹.«
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-Ihre wasserblauen Augen glänzen auf, als sie das sagt. Das Spiel zu Ehren
-der Geburt des Herrn. Das Krippenspiel, der Brennpunkt ihrer Wünsche und
-Gedanken, der Zusammenfluß aller ihrer irdischen Genüsse.
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-Andere Mädchen putzen sich, liebeln, tanzen, gehen in Theater und
-Konzerte, Schwester Brigitte trichtert einfältigen Bauernkindern durch
-Monate hindurch Verse ein, die ihnen unverständlich bleiben. Sie bückt
-sich bei Tages- und bei Lampenlicht über die heiligen Gewänder und
-überlegt: Ist das Kleid der Gottesmutter nicht schon ausgeblaßt?
-Sollte man's nicht lieber wenden? Und verlangt der Josefsmantel nicht
-ein haltbareres Futter? Sie frischt die Königsunterkleider auf. Das
-scharlachrote des Kaspar kriegt blanke Borten, das weiße, das dem
-Melchior gehört, muß neue Flittern und Fransen haben. Der grüne Leibrock
-Balthasars ist gar auf der Brust zerrissen. Das Einsetzen der Flicken
-muß man sehr eigen machen, daß die Nähte nicht zu merken sind. Und die
-Flügel von den Engeln -- so ordentlich hat sie sie im vergangenen Jahr
-doch eingepackt --, ganz grau sind sie geworden. Fleckwasser gehört darauf
-und Kreide. Und sie wäscht die Wämser von den Hirten aus, bürstet an den
-Mänteln der Trabanten. Und klopft und nagelt an den einfachen Kulissen,
-vergoldet den Stern, den Wegweiser nach Bethlehem, klebt frische Pappe auf
-den Stein, des Jesuskindleins hartes Lager.
-
-Das schönste dann -- die stillen Sonntagnachmittage!
-
-Im gemeinschaftlichen Wohnzimmer, dicht an dem weißen Vorhang, der zwei
-enge klösterliche Betten deckt, steht das Harmonium. Die Oberschwester
-setzt sich vor die Tasten, Schwester Brigitte stellt ihr Notenpult daneben
-auf, nimmt ihre Violine. Sie üben miteinander das Vorspiel und die
-Begleitung zu der Verkündigung der Engel. Ein himmlisches Konzert ist es
-Brigitte. Während ihre arbeitsharte Hand den Bogen führt, spricht die
-Seele: »Das tu' ich dir, Herr Jesus.« Ihr Herz -- es weiß, es sündigt,
-ihm ziemt Demut und Entsagung -- ihr Herz schwillt und pocht vor Ungeduld.
-Daß er schon da wäre, der große, große Augenblick. Und sie erlebt ihn
-im vornhinein, im Geiste ...
-
-Im Saal vom Löwengasthof sind alle Flammen des Lusters angesteckt.
-Öllampen hängen zwischen Tannenkränzen und Büscheln roter Beeren an
-den Wänden. In einer Ecke trägt ein Riesentannenbaum das Licht von vielen
-bunten Kerzen auf den ausgestreckten Zweigen. Und es riecht nach Wachs,
-nach Kiefernadeln und ein wenig nach dem Weihrauch aus dem Kessel König
-Balthasars. Und die Gäste sitzen auf den aufgereihten Stühlen. Ganz vorn
-Schwester Angelika, die Abgesandte aus dem Mutterhaus des Ordens.
-Daneben Seine Ehrwürden der Herr Pfarrer und der Kurat. Hinter ihnen die
-Ortshonoratioren und die Zugereisten. Aus allen Ortschaften rings um
-den See, von den landeinwärts gelegenen Gehöften, aus der Stadt sogar.
-Zuletzt die Bauern mit Angehörigen und Freunden. Die Mütter heben ihre
-Kleinsten hoch, damit sie größer sind und besser gucken können. Und die
-Dirndl und die Burschen drängen sich im Hintergrund. Es geht ein Summen
-und ein Raunen durch die Menge. Ab und zu kreischt ein von Ehrfurcht
-schnell ersticktes Lachen auf.
-
-Und nun öffnet sich der Vorhang, das fromme Spiel beginnt. In diesem
-Augenblick sind es für Schwester Brigitte nicht mehr einfältige
-Bauernkinder, die in unverstandenen Versen, die sie ihnen durch Monate
-hindurch mühselig eingetrichtert hat, die heilige Familie spielen. Es sind
-ihr die Personen selbst. Die unbefleckte Jungfrau, Josef, ihr Gemahl,
-die Könige aus dem Morgenland, die Hirten, die Trabanten. Alle wandeln
-leibhaftig vor ihr auf der Erde, und was geschieht, ist Wirklichkeit.
-
-Das Harmonium setzt mit dunkeln Akkorden ein, leise spielt die Violine. Der
-Gesang erhebt sich. Engel sind aus den himmlischen Gefilden abgestiegen.
-Sie künden das erhabene Geheimnis: Christus ist der Welt geboren.
-Das Gotteslamm, der süße, unschuldige Jesusknabe, das Gefäß aller
-Schmerzen, der Born aller Seligkeit. Der Heiland, dem sich in Liebe zu
-ergeben unsagbare Wonne ist. Während Schwester Brigittes arbeitsharte Hand
-den Bogen führt, vergeht sie innerlich in anbetender Sehnsucht. Fromme
-Schauer laufen über ihren Leib, aus ihren Augen stürzen Tränen. Könnte
-sie ihn doch umfangen, den Himmelsbräutigam, den Mund auf seine Wundenmale
-drücken und in ihm vergehen.
-
-Ein Abglanz dieser vorgefühlten Wonne verklärt auch jetzt Schwester
-Brigittens Mienen, während sie die Vorbereitungen zum Probespiel der
-»Frohen Botschaft« trifft.
-
-Sie verteilt die Kinder. »Die, wo mittun, treten auf die rechte Seite. Ihr
-anderen geht an den Tisch und spielt. Und ich bitt' mir aus, daß eine Ruh'
-ist.«
-
-Sie setzt an Stelle des Steins, auf den die todmüde Maria niedersinken
-soll, eine Fußbank und winkt dem Nannerl Stark, das die Maria spielt.
-
-Das Nannerl, siebenjährig, flachsblond und untersetzt, bohrt verlegen in
-der Nase. »Na, Nannerl,« ermahnt die Schwester, »fang' doch an.« Und
-sie sagt ihr leise ein: »Wie bin ich so erschöpft und matt ...«
-
-Das Nannerl muß erst noch ein paarmal schlucken, dann fängt es an. Das
-Hochdeutsch klingt in seinem Mund wie eine fremde Sprache, es dehnt die
-Silben und gibt jeder gleichen Wert. Seine Mimik besteht darin, bald
-den rechten, bald den linken Arm automatisch auf die Brust zu legen und
-seitlich wieder auszustrecken.
-
- »Wie bin ich so er--schöpft und matt
- Vohn uhn--srem Gan--ge in die Stadt.
- (Armbewegung nach der rechten Seite.)
- Wie sehnt sich Leib und See--le nuhn,
- Einmal ein biß--chen aus--zu--ruhn.
- (Armbewegung nach der linken Seite.)
-
- * * * * *
-
-Der Josef Kirschenhauer fährt in die Höhe. Ihn friert. Im Halbschlaf
-tastet er um sich. Die Tuchent ist ihm sicher weggerutscht. Er murmelt:
-»Zenzel, hörst, ich glaub', ich muß davon -- es wird schon Tag.« Als er
-die Augen aufschlägt, ist er ganz verwirrt. Gerad' war er noch im Kammerl
-bei seinem Schatz. Und jetzt ... er kennt sich nicht gleich aus. Erst nach
-und nach ...
-
-Ach so! Er sitzt ja im Armenhaus, im Garten, ein schwacher, kranker Mann.
-Das heißt: schwach ist er wohl, kaum, daß er sich noch auf dem Sessel
-halten kann. Aber krank? Nein, krank ist er nimmer. Weg sind die Schmerzen
-und die Stiche. Nur so komisch leicht ist ihm im Kopf, wie wenn man ihm das
-Hirn herausgenommen hätt'. Er muß sich ordentlich besinnen: »Wie bin ich
-denn dahergekommen?«
-
-Richtig, richtig. Er lacht. Ein hilfloses, verschlucktes Lachen. Das muß
-man sagen. Sakrisch ist er in die Höh' gekommen, in dem Haus. Zuerst war
-er zu ebener Erde einlogiert, auf einer Holzpritsche, Brot und Wasser neben
-sich. Damals in der Nacht. Der Mordsrausch! Und hat er nicht im Gemeindeamt
-die Fenster eingeschlagen? Und da hat man ihn halt eingeführt. Er will
-wieder lachen, aber es zuckt ihm dabei um die Augen wie ein Krampf. Der
-Josef Kirschenhauer. Der lustigste und frischlebigste Bursch im ganzen
-Dorf. Mit seinem mud'lsaubern Schatz, der Zenzi. Freilich arm wie die
-Kirchenmäuse alle zwei. Er ein Holzknecht und sie die Sennerin auf der
-Gruberalm. Wie erst das Kind gekommen ist, haben sie sich beide arg hart
-getan.
-
-Der Josef greift sich an die Stirn. Ganz schwindlig ist ihm von dem vielen
-Denken. Und die Zunge trocknet ihm im Gaumen.
-
-»Gelt, Baberl,« sagt er zu einem kleinen Mädel, das dasteht, glotzt und
-an ihrem Daumen lutscht, »gelt, Baberl, du gehst mir um a Wasser?«
-
-Die Kleine nimmt den Finger aus dem Mund.
-
-»I heiß nicht Babi, i heiß Resi.«
-
-Nicht Babi? Dem Josef ist doch gerad' gewesen, wie wenn sein Töchterl vor
-ihm steht, die Babi. Akkurat so blonde Lockerl hat's gehabt, und akkurat so
-hat's geglotzt damals beim Abschied, wie er nach Bayern gegangen ist, um
-zu verdienen. »Heul' nicht aso,« hat er der Zenz gesagt, »ich komm bald
-wieder.« Und war dann zwanzig Jahre weggeblieben.
-
-Das waren Zeiten. Bis nach der Türkei hinunter hat's ihn getrieben.
-War ein Geld da, hat er mal etwas der Zenz geschickt, hat's ein andermal
-vertrunken und verjuxt. War kein Geld da, hat er gehungert und gefroren.
-Und hat vom Wanderleben doch nicht lassen können.
-
-Der Durst -- der Durst. Und die Resi kommt nicht mit dem Wasser. Der Josef
-beugt sich vor, er ruft: »Schwester Brigitte, Schwester Brigitte.«
-
-Die Schwester überhört den Ruf, sie ist ganz vertieft in ihre Probe.
-Nein, über diese Buben. Wissen doch, jetzt kommt die Szene, wo sie als
-Hirten um ein Feuer sitzen sollen und sich was erzählen. Aus den Ecken
-muß sie sie zusammenklauben. Und wie sie ausschauen.
-
-»Putz dir die Nase, Franzl.«
-
-»Mathias, hast dir schon wieder nicht die Hosen richtig zugeknöpft!«
-
-Endlich hat sie sie beisammen. Sie hocken an der Erde, jeder seinen
-Hirtenstab zur Seite, wärmen ihre Hände an der Fußbank, die ihnen jetzt
-als Reisigfeuer dient, und stieren schweigend vor sich hin.
-
-Himmlischer Vater, wird das am Heiligabend auch so werden?
-
-Die Schwester stößt den Franzl an. »Ah! heunt is's aba ...«
-
-Wie aus einem Uhrwerk, das man aufzieht, schnarrt es aus dem Franz heraus:
-
- »Ah! heunt is's aba orndli frisch,
- I bin schon kalt, als wiar a Fisch.
- Is das a Kälten! -- es is a Graus,
- Ma halt's schon warli nima aus«
-
-und schnappt dann ab.
-
-Es gibt eine Pause.
-
-»Mathias, jetzt bist du dran,« drängt die Schwester. »So sitz di
-halt ...«
-
-»So sitz di halt a zum Feuer her,« schreit plötzlich der Mathias.
-»Schau, mi' friert jetzt gar nimmermehr.«
-
-Wieder gibt es eine Pause. Der Hansel muß sehr ermuntert werden, ehe er
-stockend flüstert:
-
- »Dafür ist der Himmel so hell und klar
- I woas koan Nacht, daß amal so war.«
-
-Der Nazel dagegen leiert seinen Vers so hastig, daß die Silben
-durcheinander purzeln.
-
- »Ja -- dö Stern göb'n heunt an bsundan Schein,
- Und schaun ganz eigen lusti drein.«
-
-Mühsam, mit vielen Aufenthalten, schleppt sich das Gespräch der Hirten
-weiter. Über die Bedrückungen der Römer, und wie alles sehnsüchtig
-auf den Messias hoffe. Bis Michel, holterdipolter (wie einen mit Steinen
-beladenen Karren schiebt er seine lange Rede vor sich hin) von dem frommen
-Mann erzählt und von der zarten, wunderlieben Frau, die, Herberge suchend,
-auf die Straße hinausgestoßen wurden.
-
- »Und so Leut', dö dö Fremden und dö Arman,
- Fortjag'n und sich gar nöt dabarman --
- Dö stat an Herzen hab'n nur a Bröt --
- Dö mag a unser Herrgott nöt.
- Und d'rum, toats mas nöt übelnehma,
- Drum mag da Messias a nöt kema!«
-
-»... Ja, ja,« murmelte der Josef für sich hin. In seinem Kopf vermischt
-sich Spiel und Wirklichkeit. »Ja, ja.«
-
-So hat er auch dahergesessen mit seinen Kameraden, oft ganze Nächte durch,
-und hat sich mit ihnen was erzählt. Manch einer war darunter, der an Gott
-und Teufel nicht geglaubt und an den Pfaffen kein gutes Haar gelassen hat.
-Und wenn die Rede auf die Weibsleute gekommen ist, da hat der Josef auch
-sein Stück bestanden. Stark und gesund ist er damals gewesen. Bis dann in
-Kroatien, wie sie den großen Wald geschlagen haben, das Unglück über ihn
-gekommen ist. Gerad' neben ihm und halb auf ihn die Eiche. Ein Wunder, daß
-sie ihn nicht gleich totgeschlagen hat. Und dann drei Monate im Spital, und
-aus dem Spital heraus per Schub nach Haus. Ojemine! _Das_ Heimkommen! Die
-Zenzi, ein vergrämtes Weib, das Weib von einem anderen, das Baberl in der
-Stadt in Dienst, die alten Freunde tot oder kalt und fremd geworden. No
-ja, wer kennt auch gern so einen, wie der Josef jetzt ist, ein Fallot, reif
-fürs Armenhaus, eine Last für die Gemeinde. Und hätt' sich noch bedanken
-sollen für die Wohltat. Mit noch drei Krüppeln in einem engen Kammerl
-sitzen, mit dreißig Kreuzer täglich ausgehalten. Und jetzt, seit es gar
-so schlecht mit ihm geworden ist, sogar wie eine Herrschaft ganz allein
-im zweiten Stock, in einem Krankenbett. Allein -- Tag und Nacht allein mit
-seinen Schmerzen. Oje! Oje!
-
-In das verworrene Gedenken, aus dem sein ganzes Leben schattenhaft an ihm
-vorüberhuscht, zuckt wie ein greller Blitz die Erinnerung an das Wort der
-Schwester: »Wenn Euch was passiert -- ehe ...«
-
-Die Schultern hochgezogen, die Arme an die Brust gepreßt, krümmt sich der
-Josef. Unwillkürlich rückt er aus dem Schatten, der schon einen Teil des
-Gartens deckt, in die Sonne, die bereits langsam ihre Kraft verliert,
-als könne er damit aus dem Todesschatten in das Sonnenlicht des Lebens
-flüchten.
-
-Zu Ende? Aus? Für immer aus? Und nachher ...?
-
-Er ächzt, er biegt sich in großen Qualen hin und her. Er ruft:
-»Schwester Brigitte, Schwester Brigitte!«
-
-Schwester Brigitte ist ins Haus gegangen. Sie holt die Violine und stimmt
-sie erst, bevor sie wiederkommt.
-
-Der Josef hat früher oft über das Nachher nachgedacht. In den Nächten,
-wenn er unter einem Baum gelegen ist, auf einem Kopfpolster von Moos.
-
-Ganz still ist es dann nach und nach um ihn geworden. Und doch lebendig.
-Gerad' wie wenn die Natur atmen tät und aus dem Traum heraus ganz leise
-reden. Wenn dann der Mond aufgegangen ist, hat sich der Baum mit seiner
-Krone und mit seinen Ästen über ihm gewölbt, wie das Dach von einer
-Kirche, die aus Silberfiligran gesponnen ist. Und die Sterne haben wie
-goldene Augen durchgeschaut. Und wenn auch kein Mondschein war, ganz
-finster ist es nie geworden. Immer ist so ein unbestimmtes Licht von
-irgendwo gekommen. Bis ein leichter Wind aufgestanden ist und hat den Wald
-geweckt. Ganz verschlafen hat es dann gezirpt, gehuscht, getuschelt. Und
-immer lichter ist es in der Luft geworden, bis auf einmal der Himmel ganz
-in Flammen war. Wie ein rotglühender Ballon ist die Sonne aufgestiegen,
-und es ist ein Jubilieren angegangen um sie herum. So, hat der Josef sich
-gedacht, mag's an dem Tag gewesen sein, wo Gott die Welt vollendet hat. Ihm
-war dann gewesen, wie wenn er das Zwitschern, Fliegen, Wehen um sich
-her verstehen könnt', wie wenn er auch nichts anderes wär' wie ein
-Eichkatzel, ein Specht, ein Buchenblatt. Ganz fromm ist ihm zumut gewesen.
-Er wär' am liebsten hingekniet und hätt' gebetet: »Herr Gott, ich danke
-dir. Ich bin aus dir herausgekommen; wenn meine Zeit da ist, werd' ich
-getrost wiederum in dich hinübergehen.«
-
-Ja, dazumal, als ein Gesunder, der noch lang' zu leben hat. Jetzt aber ...
-in der Bangigkeit der letzten Stunde verläßt ihn seine Zuversicht. Ein
-Schrecken würgt ihn -- wie wird es ihm ergehen? Gibt es vielleicht doch
-Fegfeuer und Hölle -- wird er seine Sünden büßen müssen? Das Fieber
-beutelt ihn, jedes Haar sträubt sich auf seinem Schädel, seine Zähne
-schlagen aufeinander. Krampfhaft preßt er die Finger ineinander:
-
-»Vater unser, der du bist im Himmel, vergib uns unsere Schuld.« Und
-immerfort dasselbe: »Vergib uns unsere Schuld.« Immer schneller. Wie
-ein Feuerrad dreht sich ihm der Satz im Hirn herum. Er bäumt sich auf, er
-fuchtelt mit den Armen in der Luft ...
-
- * * *
-
-Schwester Brigitte führt den Bogen sacht. Um die Kathi Leitgeb nicht zu
-übertönen, die schüchtern, in jedem Ton das Pochen ihrer Kinderangst,
-die Verkündigung des Engels singt:
-
- »Hirten! Wachet auf!
- Hirten! Wachet auf!
- Eilt hinunter in das Tal,
- Und dann schauet in den Stall;
- Denn geboren ward
- Dort ein Kindlein zart,
- Das von Adams Sündenfall
- Euch erlöset all.«
-
-Aus rauhen Kehlen, aber mit dem Zauber, der in dem Klang von unschuldigen
-Stimmen liegt, antwortet der Chor der Cherubim:
-
- »Ehre sei Gott in der Höhe!
- Lieblicher Friede
- Sei aller Welt!«
-
-... Des Josefs Hände lösen sich. Sein Mund beruhigt sich in einem weichen
-Lächeln.
-
-Der Baum ... er liegt darunter ... die Krone wölbt sich wie das Dach von
-einer Kirche ... die Sterne schaun mit goldenen Augen durch. Ganz deutlich
-kann er nicht verstehen, was die Vögel in den Zweigen singen, er fühlt
-nur, wie etwas unsagbar Lindes, Tröstliches in die Bedrängnis seines
-Wesens fällt ...
-
- * * *
-
-Schwester Brigitte steht versonnen. Der letzte Violinenton verzittert auf
-den Saiten.
-
-Da zupft sie etwas.
-
-»... Ja? ...«
-
-»Schwester Brigitte,« sagt die kleine Resi, »komm, dem fremden Mann ist
-schlecht.«
-
-Jesus, der Kirschenhauer! Den hat die Schwester ganz vergessen. Längst
-müßte er oben sein. Es ist schon viel zu kalt für einen Kranken. Sie
-geht hinüber.
-
-Der Josef Kirschenhauer lehnt auf seinem Sessel. Ganz klein ist er
-geworden. Der Kopf ist ihm auf die Brust gesunken. Verklärung liegt auf
-seinen Zügen.
-
-Mit der frohen Botschaft in den Ohren ist er eingeschlafen.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Die Nacht fing an sich zu entfinstern. Eine graue Dämmerung überkroch
-den Horizont. Im Hause kreischte eine Angel. Die Magd mochte in den Stall
-gegangen sein. Uns fröstelte.
-
-Ohne Verabredung, als wir die Schwelle unserer Nachtherberge überschritten
-hatten, wechselten wir, wie zu unausgesprochenem Gelöbnis, einen
-Händedruck. Dann traten wir den Rückweg an. Ein jeder in seine unbekannte
-Zukunft.
-
-[Illustration: Decoration]
-
-
-
-
-Verlag von Paul List in Leipzig
-
-Demnächst erscheint:
-
-
-Lena Christ
-
-Bauern
-
-Bayerische Geschichten
-
-Geheftet ca. M. 5.50, gebunden ca. M. 7.50
-
-Unerschöpflichkeit der Kraft und Urwüchsigkeit, seltene Vielseitigkeit
-des Schauens und Schilderns, heiliger Ernst und lachender Humor sind Lena
-Christ wie wenigen eigen. Ihr neuestes Werk »Bauern« zeigt sie in
-der Fülle ihrer Gestaltungskraft, aus der heraus ihr das zarteste
-Stimmungsbild wie der derbste Schwank zu gleichen Meisterstücken geraten.
-Das Buch gehört zum Besten, was über Bauern und Volkstum geschrieben
-worden ist.
-
-Mit mehrfarbigem Umschlagbild
-
-
-Verlag von Paul List in Leipzig
-
-
-
-
-Verlag von Paul List in Leipzig
-
-Ferner im Erscheinen:
-
-
-H. von Mühlau
-
-Das Glück nach der Liebe
-
-Roman
-
-Geheftet ca. M. 7.--, gebunden ca. M. 9.--
-
-Ein Erziehungs- und Entwicklungsroman, ein Werk von kulturgeschichtlicher
-Bedeutung. Es behandelt das heute im Vordergrund des Interesses stehende
-Problem des Hineinwachsens der Frau in ihre gegenwärtig so gänzlich
-veränderte soziale Stellung. In eigenartig fesselnder Weise gestaltet die
-Dichterin ihren Stoff und wird so zur Künderin unserer Zeit.
-
-Mit mehrfarbigem Umschlagbild
-
-
-Verlag von Paul List in Leipzig
-
-
-
-
-Verlag von Paul List in Leipzig
-
-Ferner im Erscheinen:
-
-
-E. Bonn
-
-Die Mündung
-
-Roman
-
-Geheftet ca. M. 7.50, gebunden ca. M. 10.--
-
-
-Robert Kohlrausch
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-Das große Geheimnis
-
-Roman
-
-Geheftet ca. M. 5.50, gebunden ca. M. 7.50
-
-
-Mit mehrfarbigen Umschlagbildern
-
-
-Verlag von Paul List in Leipzig
-
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-
-
-Von
-
-Auguste Hauschner
-
-erschienen früher:
-
-
-Romane
-
-Abschied -- Lehrgeld -- Kunst -- Zwischen den Zeiten -- Die Familie
-Lowositz -- Rudolf und Camilla (2. Teil der »Familie Lowositz«) -- Die
-große Pantomime -- Die Siedelung -- Der Tod des Löwen
-
-
-Novellen
-
-=Dr.= Ferenczy -- Die Unterseele -- Daatzes Hochzeit
-
-
-Dialoge
-
-Frauen unter sich (Zwölf Gespräche)
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 2:
- "verklammte" geändert in "verklemmte"
- (verklemmte Türen aufzureißen)
-
- Seite 72:
- "," eingefügt
- (die Schwelle des Gartenhäuschens rollte, trat er) ]
-
-
-
-
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-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Nachtgespräche, by Auguste Hauschner
-
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-
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of
-Nachtgespräche
-by
-Auguste Hauschner</title>
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-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Nachtgespräche, by Auguste Hauschner
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Nachtgespräche
-
-Author: Auguste Hauschner
-
-Release Date: October 12, 2020 [EBook #63440]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACHTGESPRÄCHE ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net (This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-<p class="pb ce lh1 fsl">Die<br />
-Bücherlese</p>
-
-
-<h1>Nachtgespräche</h1>
-
-<p class="ce lh2"><span class="fsl">von</span><br />
-<span class="fsxl ge">A. Hauschner</span></p>
-
-<p class="ce mt4 fsl">Verlag Paul List &ndash; Leipzig</p>
-
-
-<p class="ce"><span class="ge">Alle Rechte vorbehalten</span><br />
-<i>Copyright 1919 by Paul List, Leipzig</i></p>
-
-<p class="ce mt2 fss">Druck von Grimme &amp; Trömel in Leipzig</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a>
-Nachtgespräche</h2>
-
-
-<p>Ich erlebte es auf einer Reise von Berlin nach
-Wien. Der graue Tag war vorzeitig in die Nacht
-hineingeglitten. Die Lampen in den Abteilen waren
-noch nicht angesteckt. Nur aus den Kronen der verschneiten
-Bäume, die rechts und links den Zug umsäumten,
-fiel durch die trüben Scheiben ein unsicheres
-Licht. Die Menschen saßen wie in Käfige
-gepfercht, ohne Rücksicht auf die Vorrechte, die sie
-ihrem Fahrschein dankten. Neben der Dame der
-Soldat, Körper an Körper Herr und Bauer. Zwischen
-den Bänken, auf den Gängen drängte sich die
-Menge in unerwünschter wahlloser Gemeinsamkeit.
-Keuchend, schnaubend, als schnappe sie nach Atem,
-schleppte eben die Maschine ihre schwere Fracht über
-<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a>
-eine kleine Steigung. Oben angelangt, wollte sie
-die Fahrtgeschwindigkeit erhöhen, als sie sich mit
-einem Ruck, unter dem die ganze Wagengliederung
-sich bäumte, aufklirrend nach rückwärts warf. Grell
-schrie sie auf. Gleich einem Blutstrom spie sie Rauch
-und Funken. Ein Zittern lief durch ihre Flanken.
-Sie stand still. Eine gewissermaßen gefrorene Bewegung
-bekundete sich in der eingekeilten Menschenmasse.
-Aller Wahrscheinlichkeit entgegen gelang es
-einigen geschickten Händen, verklemmte Türen aufzureißen.
-Wer konnte, kletterte hinunter, von oben
-wurden Fragen in die Dunkelheit geworfen. Die
-Unruhe hatte ihren Höhepunkt erreicht, als die Beamten
-kamen, Aufklärung verbreitend: Fahrtunterbrechung.
-Vor der nächsten Haltestelle ist ein Zug
-entgleist.</p>
-
-<p>Aufschwirrende Gerüchte von Beschädigung des
-Bahnkörpers, Aufreißen der Schienen, begegneten
-dem gleichen Achselzucken wie die Wißbegierde nach
-der Dauer des unfreiwilligen Aufenthalts. Immerhin
-mußte die Mitteilung zu denken geben: es stehe
-jedem frei, auszusteigen und im nächsten Dorf ein
-Obdach aufzusuchen oder sich in seinem Abteil einzurichten.
-Der Zug werde auf ein totes Gleis verschoben,
-wo ihn weder Störung noch Gefahr bedrohte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-Ich schloß mich einer kleinen Anzahl Mitreisender
-an, die einem schlechten Nachtquartier den Vorzug
-stundenlanger Gefangenschaft in Mißgeruch und
-dichter Menschennähe gaben.</p>
-
-<p>Wir standen, ein Häuflein schwarzer Punkte, auf
-dem hartgefrorenen Bahnsteigboden. Soweit das
-Auge reichte, keine Anhäufung von Lichtern kräftig
-genug, um das Dasein eines Dorfes zu verraten.
-Nur hier und da gegen das Massiv der Nacht ein
-Aufblinken, als ob ein Glühwürmchen vorüberflöge.
-Wir schlugen aufs Geratewohl einen nach rechts
-abbiegenden Feldweg ein. Wortkarg marschierten
-wir, die erstarrten Finger von der Last des Handgepäcks
-zerschnitten.</p>
-
-<p>»Haus in Sicht!« meldete die Vorhut. Klein,
-unscheinbar, der Giebel saß auf dem Erdgeschoß wie
-eine zu weite Mütze. Das Geräusch herannahender
-Schritte reizte den im Inneren des Gehöfts frei
-umherlaufenden Hund zu einer wütenden Begrüßung.
-Im weiten Umkreis stimmten ihm die Brüder zu.
-Inmitten eines mißtönigen Bellkonzerts begannen
-die Verhandlungen mit dem Besitzer, der, unwirsch,
-eine Bildsäule der Gastfeindschaft, den Eingang mit
-seinem breiten Rücken sperrte. Er mochte die Zahl
-der Brotschnitten berechnen, die zu beschaffen wären,
-um so vielen Eßwerkzeugen zu genügen. Erst die
-<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-Versicherung, es gehe uns vor allem um ein Feuer,
-den erstarrten Leichnam aufzutauen, zerbrach den
-langsam ausgehöhlten Widerstand. Das Fremdenzimmer
-wurde aufgeschlossen, der Bauch des Kachelofens
-mit einem Armvoll Holzscheiter gespeist, durch
-kleine elektrische Laternen, den Taschen einiger der
-Reisenden entnommen, das Dunkel notdürftig aufgehellt.</p>
-
-<p>Unter dem Bann des einander Fremdseins sprachen
-wir wenig während unserer emsigen Geschäftigkeit.
-Erst als der Tisch, in das mittlerweile angewärmte
-Klima der Ofenbank gerückt und bestellt mit
-freiwilligen Gaben, einen anheimelnden Anblick bot,
-bemächtigte sich unserer, die wir uns um ihn gesellten,
-trotz der Verschiedenheit der Elemente, das
-Gefühl einer Verbundenheit. Wir vertieften es, indem
-wir uns gelobten: keiner soll den Namen des
-anderen befragen. Der Zufallswind hat uns hereingeweht,
-wir können in diesem Dämmerlicht kaum
-unsere Züge unterscheiden. Laßt uns auch nicht
-wissen, wer wir sind und wie wir heißen. Entfliehen
-wir für eine Nacht der Wirklichkeit.</p>
-
-<p>So, gleichsam unter Schutz von Masken, kam uns
-Sicherheit und Wunsch, etwas von uns auszusagen.
-Selbsterlebtes? Selbsterdachtes? Wer vermochte zu
-ergründen, ob sich Bekenntnisse verbargen unter den
-<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-Erzählungen, mit denen wir die Stunden der Gefangenschaft
-verkürzten?</p>
-
-<p>Für mich war diese Nacht die bunteste, erkenntnisreichste
-meines Lebens. In der Gesellschaft von
-Fremdlingen, in einem unbekannten Hause habe ich
-sie verwacht. Ich konnte zwischen Tagesende und
-dem Anbruch eines neuen Morgens, wie durch offene
-Fenster, in die Seelen von Menschen verschiedener
-Stände, Weltanschauungen und Religionen blicken
-und sie auf dem Wege einer inneren Erschütterung
-begleiten. Den Aufzeichnungen, die sich mein Gedächtnis
-machte, habe ich in den nächsten Wochen aus
-der Erinnerung, Form und Zusammenhang gegeben.
-So ist dieses Buch entstanden.</p>
-
-<p>Wir bestimmten, als Pfadfinder gewissermaßen,
-einen Vierschrötigen mit nachlässiger Haltung. Er
-sagte lächelnd:</p>
-
-<p>»Ja wissens, ich bin halt ein Deutschböhme, ein
-Prager. Da hat man sich sein Lebtag mit seinen
-lieben Mitbürgern von der anderen Nationalität
-herumgerauft. Da ist beständig Unfrieden gewesen,
-und es ist immer allerhand passiert. Ich
-hab's satt gekriegt und bin davon ins Reich. Aber
-ich will Ihnen was erzählen, das hab' ich selbst
-noch miterlebt, ehe ich auf immer weg bin aus
-meiner Vaterstadt.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-Er strich den blonden Vollbart behaglich auseinander
-und schlug ein Blatt aus der Geschichte
-seines Landes vor uns auf.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-Panik</h2>
-
-<p class="ce fsl mb1">Eine Prager Geschichte</p>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-Sie gingen ihrer dreißig aus der Ortschaft Motice
-heraus, dem Bahnhof zu. Voran die Männer mit
-dem Vinzenz Zastoupil als Führer. Hinter ihnen,
-in regellosen Reihen, die Weiber, von denen einige
-das Brustkind in den Armen trugen. Dann kamen
-die jungen Mädel, in ihre Liebsten eingehängt. Und
-ganz zuletzt kam noch die alte Babi Skoupek, die sich
-auf Stöcken mühsam fortbewegte. Sie gingen durch
-die winterlichen Felder, unter den beschneiten Bäumen,
-deren Zweige sich im Nachtwind ächzend hin und her
-bewegten und ihnen feuchte Flocken in den Nacken
-warfen. Aus dem bewölkten Himmel fiel kein Licht
-herab; das Auge sah die Straße nicht. Oft versank
-der Fuß im Schlamm, stieß an Steine, scheute über
-Wurzeln. Dann gab es einen Aufschrei, einen Fluch,
-ein Lachen. Doch ohne anzuhalten wanderten sie weiter.</p>
-
-<p>In kurzen Pausen stieg aus jungen Kehlen mehrstimmiger
-Gesang. Die schwermütig weichen Töne
-eines Volksliedes mischten sich in das Gespräch der
-Alten, die eifrig überlegten, ob sie den Zug auch noch
-zur Zeit erreichen würden. Und ob das Gerücht vielleicht
-doch falsch sei. Es war ja auch kaum glaublich:
-die <i>česka spořitelna</i>, die große, reiche Sparkasse der
-<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-Deutschböhmen, sollte zugrunde gehen! Freilich: der
-Vinzenz hatte heute gelesen, wer noch etwas kriegen
-wolle, der müsse laufen. Und was gedruckt ist,
-schwarz auf weiß, muß wahr sein. Damals den
-Krach der Wenzelskasse, den hat auch niemand
-glauben wollen. Und waren doch da noch andere
-Sicherheiten &ndash; bei der Kirche! &ndash; als bei diesen
-Hunden, den verfluchten Deutschen&nbsp;...</p>
-
-<p>Bei solchen Reden schoß die Angst von neuem
-in das Blut der Bauern. Ihre Schritte wurden
-schneller, und ihre Finger betasteten den Schatz, den
-sie versteckt am Körper trugen. Das dünne Buch,
-den Ausweis ihrer schwer ersparten Gulden. Dem
-Anton Zimprich sollten sie ein Schwein verschaffen.
-Der Marie Lukesch die langersehnte Kuh. Dem
-Johann und der Rosa Dostal ging es um das kleine
-Feld, das sie bisher als Pächter pflügten. Der Kathi
-Jahoda und dem Josef Kratky um Tisch und Stuhl
-und Bett und eine Wiege für das ungeborene Kind.
-Die Babi Skoupek wollte sich ein ehrliches Begräbnis
-sichern und sechs Messen für das Heil der Seele.
-Die Nanny Zlatka sparte, um ein rotes Kleid zu
-kaufen und zwei seidene Schürzen. Der Karl Jakesch,
-um durch einen Halsschmuck von Granaten die Gunst
-des eiteln Mädels zu gewinnen. Für jeden hatte das
-Ersparte eine andere Bedeutung und für alle doch
-<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-dieselbe. Es war das Licht im Dunkel ihres Lebens,
-das Sandkorn Überfluß in der Wüste ihrer Not.</p>
-
-<p>Als der Zug in den Bahnhof einlief, fanden die
-aus Motice das Abteil dritter Klasse angefüllt mit
-Landvolk aus den Nachbardörfern. An allen Stationen
-strömten noch Leute hinzu. Alle wurden von
-derselben Not an dasselbe Ziel getrieben. Und jeder
-wußte neue Unglücksbotschaft. Ein Mann zog einen
-Brief heraus, den ein Geschwisterkind an ihn geschrieben
-hatte: »Du mußt Dich tummeln, Menschheit
-rennt nur so auf Kassen, sind schon beinah' leer.«
-Ein anderer erzählte, ein Freund von ihm sei schon
-zweimal vergeblich um sein Geld gegangen; immer
-habe man ihn vertröstet. Viele berichteten von der
-wilden Wirtschaft, die wirklich auf der Sparkasse
-gewesen war. Keine Aufsicht. Falsche Rechnungslegung.
-Alle Kontrollbeamten bestochen. Sogar der
-Statthalter und viele hohe Herren haben Trinkgelder
-bekommen. Na und überhaupt! Deutsche Schulen hat
-man unterstützt; mit dem Geld von armen Leuten!</p>
-
-<p>Nein: für den Aufstand in Mazedonien (niemand
-wußte, wer das war) sind Millionen draufgegangen.</p>
-
-<p>Dumpfe Wut erfüllte die Gemüter. Das Gespräch
-verstummte. Der Qualm der Pfeifen und
-der Dunst der Menschenleiber verdüsterte noch das
-trübe Lampenlicht. Durch die dicke Luft drangen
-<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-Seufzer und Stoßgebete. Kinder weinten, Männer
-schnarchten, Mütter sangen leise ihre Säuglinge in
-Schlaf; nur die Jugend, leichtsinnig, verliebt,
-kicherte und küßte in den Ecken. Draußen aber schrie
-die Dampfmaschine, wie um Hilfe, gellend durch die
-Nacht; die Räder rollten kreischend ihre Fracht von
-Menschenangst und Menschenelend. Und der Zug
-ging langsam, hielt an allen Stationen. Unbekümmert
-um die Ungeduld, die in ihm fieberte und bebte.
-Bis er endlich, endlich in die Hauptstadt einfährt.
-Stoßend, fluchend kämpft sich die Menge nach dem
-Ausgang durch. Jeder will als erster das Haus erreichen,
-zu dem alle hindrängen.</p>
-
-<p class="ce">&ndash;&ensp;&ndash;&ensp;&ndash;&ensp;&ndash;&ensp;&ndash;&ensp;&ndash;&ensp;&ndash;</p>
-
-<p>Die aus Motice halten sich zusammen. Von der
-Geldgier angespornt hasten sie durch die breite Vorstadtstraße.
-Sie ist ausgestorben. In den einförmig
-gebauten, arm und grämlich blickenden Gebäuden
-sind alle Fenster dunkel, wie erblindet. Nur selten
-ist ein Erdgeschoß erleuchtet und mit blutroten Gardinen
-fest verhangen. Aus der Tiefe seiner Zimmer
-dringt Gesang von heiseren Frauenstimmen und der
-Brummton schlechtgestimmter Wirtshausbässe.</p>
-
-<p>Plötzlich wird irgendwo in einer Schenke eine Tür
-geöffnet, ein wirrer Menschenknäuel windet sich heraus.
-Man hört Ringen, Rennen, Weiber kreischen
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-und Betrunkene brüllen: »Haltet ihn!« »Schlagt
-ihn tot!« »Zu Hilfe!« »Patrouille! Patrouille!«
-Dann folgt wieder Todesstille. Und in der Luft, die
-fahlfarbig wie Asche ist, in dem Frösteln dieser
-Dämmerstunde, hängt bleischwer eine hoffnungslose
-Traurigkeit.</p>
-
-<p>Die Bauern traben vorwärts. Ihre schweren
-Tritte erwecken weithin einen dumpfen Widerhall.
-Es ist, als stampfte eine Herde Tiere durch die Gassen.</p>
-
-<p>Jetzt füllt ihre Last die Kettenbrücke, die sich
-schaukelnd hin und her bewegt. Blasse Nebel steigen
-aus dem Flußbett und verhüllen die Umgebung.
-Aber ein verworrenes Rauschen kündet den Wandernden
-von weitem: sie sind nicht die ersten am
-Ziel. Spät kommen sie, zu spät vielleicht.</p>
-
-<p>Da laufen sie, als könnten sie verlorene Stunden
-wieder fangen. Sie stürzen vorwärts, bis sie, am
-Brückenende angelangt, sich jählings rückwärts
-werfen. Wie die Woge zurückschlägt, die an den
-Stein des Schutzwalls brandet. Eine Mauer von
-Berittenen sperrt den Weg. Als Kette umschließen
-sie den Platz vor dem Sparkassengebäude, pferchen
-die Versammelten ein und wehren den Zuströmenden
-den ungehemmten Einlaß. Wie durch eine schmale
-Gasse müssen sie sich zwischen Pferdeleibern und
-Pferdehufen in die Gruppen der zuletzt Gekommenen
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-drängen. Da stehen sie, von Nebeln eingeschlossen,
-eingekeilt in eine dunkle Menschenmasse, und müssen
-warten.</p>
-
-<p>Nach und nach erhellt sich die Luft ein wenig. Die
-fahle Dämmerung gebiert den grauen, regenschweren
-Tag. Windschauer künden sein Kommen. Sie zerren
-an den feuchten Kleidern der Harrenden, die
-frierend auf den nassen Steinen hocken, reißen die
-Nebel auseinander und entschleiern die Landschaft.</p>
-
-<p>Ein breiter Strom fließt ruhig zwischen den
-Quadersteinen der Kaieinfassung. An seinem linken
-Ufer baut sich ein Teil der Stadt auf; das altertümliche
-Aristokratenviertel, dessen Kirchen und Paläste
-mit ihren Türmen und Fassaden aus dem Gewühl
-der Bürgerhäuser ragen. An steilen Höhenzügen
-steigt es aufwärts und trägt als stolze Krone
-die alte Königsburg, deren Masse sich wuchtig von
-dem Dom mit dem feinen Spitzenwerk der Strebebogen
-abhebt. Ein wundervolles Bild, der Schwere
-ganz entkleidet in dem Morgendunst, der es in
-fließenden Luftstoff hüllt.</p>
-
-<p>Nur hundert Schritte weit, nur bis zum Rande
-das Kaiufers brauchen all die Menschen hinzutreten,
-um es in sich aufzunehmen. Und den Anblick
-der vielen kühngeschwungenen Brücken, der
-Inseln, die im Fluß gebettet liegen, und der Wehren,
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-über die das Wasser tosend schäumt. Doch hätte
-selbst der Zaun der Wachen sich aufgetan: diese
-Menschen hätten den Kopf nicht nach links gekehrt.
-Ihre Augen sind für Natur und Schönheit ganz verschlossen.
-Sie sehen nichts als das Gebäude, das
-ihre Hoffnungen einschließt, und die Menge, die
-sie davon trennt. Sie bohren ihre Blicke in die
-Mauern, als könnten sie durch ihre Ritzen dringen
-und entdecken, welches Schicksal sich für sie dahinter
-vorbereite.</p>
-
-<p>Die Qual ist unerträglich. Da ist das Haus;
-man braucht nur hineinzugehen. Und muß warten,
-als wär's meilenweit entfernt. Drei Stunden muß
-man noch warten, ehe das Tor sich öffnet. Und wie
-viele Stunden, ehe die Reihe an einen kommt! So
-viele Feinde vor sich, so viele Nebenbuhler in dem
-Kampf um das ersparte Geld. Jeder haßt grimmig
-seinen Vordermann und seinen Nachbar. Vielleicht
-ist der gerade der letzte, dem vergönnt ist, seine Habe
-zu erraffen und seinem Nachbar das bißchen Eigentum
-zu stehlen.</p>
-
-<p>Der Menschenhaufe wächst noch immer; umritten
-und geknufft, getreten und gestoßen. Und aus der
-dunkeln Masse steigen aufreizende Klagen und Gerüchte.</p>
-
-<p>»Hör' ich, sind die Kassen leer.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-»Wahr ist es. Die Millionen, mit denen die
-deutschen Zeitungen sich berühmen, stehen nur auf
-dem Papier.«</p>
-
-<p>»Alles haben sie verspekuliert.«</p>
-
-<p>»Mit den Türkenlosen; die sind so gefallen.«</p>
-
-<p>»Kein Gedanke! Für die deutschen Wahlen sind
-dreißig Millionen draufgegangen.«</p>
-
-<p>»Was euch nicht einfällt! Den deutschen Fabrikanten
-hat man aufgeholfen. Deutschen Studenten
-hat man Geld geschenkt und große Häuser.«</p>
-
-<p>»Mit dem Schweiß von armen Tschechen haben
-diese Schweinehunde sich gemästet!«</p>
-
-<p>»Stinkende Gemeinheit! Wo das ihnen gar nicht
-gehört. Wo das ihnen von Kaiser Franz geschenkt
-ist, daß es armem Volk zugute kommt!«</p>
-
-<p>Ein Brummen, Rollen, Brausen, das sich nach
-und nach verstärkt, hallt durch die Straßen. Die
-Stadt ist erwacht und schickt ihre Boten. Allerlei
-Verkäufer drängen sich heran. Mit Brezeln, warmen
-Würsten, Bratkartoffeln, Kastanien und gebackenen
-Fischen. Und durch die Kette der Berittenen
-kriechen seltsame Gestalten. Männer in verschlissenen
-Röcken, unrasiert und ungewaschen, manche noch im
-Schlafrock mit Pantoffeln. Wie Geier, die Beute
-wittern, umkreisen sie die Wartenden, schieben sich
-an die Gefolterten, Erschöpften heran, schüren ihre
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-Aufregung und Angst; flüstern ihnen zu, daß die
-Sachen schlecht stehen; daß sogar die deutschen Einleger
-schon alle ihr Vermögen behoben haben; daß
-sämtliche Wertpapiere der Sparkasse versetzt sind;
-daß sich heute nacht einer von den Direktoren erschossen
-hat; daß zwei andere in Wien vergeblich von
-Tür zu Tür laufen und um Hilfe betteln. Sie lassen
-sich die Büchel zeigen, schütteln bedauernd die Köpfe,
-weisen nach, daß kein Kreuzer mehr darauf zu kriegen
-sei, und sind nur aus Mitleid und aus Menschenliebe
-erbötig, die wertlosen Dokumente für ein Geringes
-einzulösen.</p>
-
-<p>Häßliche Weiber, die ungekämmten Haare unter
-wollenen Hauben, um die fetten Hängebrüste buntkarierte
-Umschlagtücher, machen sich an junge
-Frauen, an die hübschen Mädel. Sie suchen sie für
-Stellungen zu werben, deren Vorteile sie lockend
-schildern. Wenig Arbeit, hoher Lohn, alle Tage
-Fleisch, Bier und Mehlspeise; und abends Freiheit,
-um zur Tanzmusik zu gehen und sich zu unterhalten.</p>
-
-<p>Freche, rotgeschminkte Dirnen gehen auf dem
-Pflaster auf und ab, lauern dem Mannsvolk auf;
-wenn es, die Taschen voll Geld, die Großstadtfreuden
-kennenlernen will&nbsp;...</p>
-
-<p>Ein aufgeregtes Meer von Leidenschaften und Gelüsten
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-umwogt das Gebäude, das grau und düster,
-mit festverschlossenen Fensterläden, dasteht; ein Fels,
-den der Gischt der Brandung nicht erreicht.</p>
-
-<p>Die aus Motice waren voneinander losgerissen.
-Nur die Paare, die sich ganz fest verklammert hatten,
-waren nicht getrennt. Der Karl Jakesch hielt die
-Nanny Zlatka dicht an sich gepreßt. Er ließ sie
-nicht erfrieren, und ihm ward die Zeit nicht lang.
-Den Bankkrach und die Kälte hätte er gesegnet,
-ohne die eifersüchtige Wut auf die Begehrlichkeit
-der Burschen, die sich an seine Liebste drängten und
-sich mit Worten und Gebärden an ihr zu schaffen
-machten. Nicht weit von diesen beiden saß die Kathi
-Jahoda auf der Erde. Mitleidige hatten dem armen
-Weib aus ein paar Bündeln einen Sitz geschaffen.
-Darauf hockte sie, lehnte sich an ihren Josef und
-erleichterte ihr schweres Herz von Zeit zu Zeit mit
-einem Tränenstrom. Die alte Babi Skoupek aber
-hatte sich, trotz Fußtritten und Rippenstößen, wie
-eine Katze vorgeschlichen, bis zu dem Prellstein dicht
-beim Eingangstor der Kasse. Den Rücken an den
-Stein gelehnt, den müden Körper schwer auf ihren
-Krücken, murmelte sie ein Ave um das andere.
-Sie wollte ja die Gulden nicht verjuxen und verfressen.
-Darum mußte die Jungfrau Maria auch
-ein Einsehen haben und ihr zu ihrem Geld verhelfen,
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-damit sie nicht verdammt sei, im Fegefeuer gebraten
-und gespießt zu werden.</p>
-
-<p>Jetzt geht ein Dröhnen durch die Luft. Von allen
-Türmen schlägt es neunmal. Das langverschlossene
-Tor dreht sich in seinen Angeln.</p>
-
-<p>Wie ein reißender Gebirgsstrom stürzt sich die
-Menge in die Öffnung. Sie beachtet die Fäuste
-nicht, nicht die Pferdehufe und das Kreischen der
-getretenen Frauen und gequetschten Kinder. Es gibt
-Wunden wie in einer Schlacht, als die Polizisten,
-mit der Rücksichtslosigkeit der Notwehr, die schweren
-Flügel wieder schließen, unbekümmert um die
-Menschenleiber, die sich dazwischen pressen, klammern
-und stemmen. Ein ganzer Schwarm ist trotzdem
-schon in das Haus gedrungen; und auf der
-Treppe, die in den Lichthof führt, wiederholt sich
-der Kampf. Die Schwächsten werden in den Hof
-geworfen, wo sie an den Brunnen stürzen, verschmachtet
-trinken, sich dann entkleiden und waschen,
-überhaupt tun, als wären sie in ihrem eigenen Haus.
-Ihre glücklicheren Gefährten balgen sich inzwischen
-um die Plätze an den Kassenschaltern. Und die
-Marter der bangen Nacht- und Morgenstunden
-steigert sich im Augenblick der äußersten Entscheidung
-zur fürchterlichen Spannung.</p>
-
-<p>Die ersten, die ihr Geld in Händen halten, stoßen
-<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-Töne aus wie Tiere, die, den Bissen schon im Maul,
-noch eines Raubes gewärtig sind. Ihr Aufschrei
-überreizt die Erregung derer, die schon sehen und
-noch nicht haben. Ihre Augen treten aus den Höhlen,
-ihre vom Fieber trockenen Lippen sind weit geöffnet.
-Sie knittern das Kassenbuch in ihren Fäusten und
-schieben sich besinnungslos vorwärts. Bis auch sie
-das Rascheln des Papieres, den Klang des Geldes
-hören und alle Pein im Freudenrausch vergessen.</p>
-
-<p>Viele hat der jähe Übergang von Verzweiflung
-zu Entzücken ganz betäubt. Sie wurzeln im Boden
-und müssen fortgetrieben werden, damit die Menschenwoge,
-die von neuem zu der Schwelle des Parteiensaales
-aufsteigt, sie nicht verschütte.</p>
-
-<p>Ein Weib, das eben einen Tausender erhoben
-hat, hält ihn verkehrt in ihren Fingern und bestarrt
-verständnislos das Stück Papier. Man muß
-ihr den Wert erklären. Ihr schwindelt. So reich
-ist sie? Und solches fürstliche Vermögen steht auf
-diesem kleinen Wisch? Als sie ihn bergen will, zerreißt
-sie ihn, so beben ihre Glieder.</p>
-
-<p>Ein zweites Weib verlangt Gold, reißt die Rollen
-auf und taucht mit hysterischem Gelächter ihre Hände
-in die blanken Münzen.</p>
-
-<p>Manche brüllen auf vor Glück, sobald sie ihr Vermögen
-zu Gesicht bekommen. Dann erklären sie sich
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-befriedigt. Ihr Geld ist da; sie haben es gesehen,
-betastet. Nun soll es die Kasse wiederum behalten.
-Schwer ist ihnen beizubringen, daß dies nicht ohne
-weiteres zu machen sei.</p>
-
-<p>Das Mißtrauen anderer ist um so größer. Sie
-verweigern die Annahme der Summe, um die sich,
-durch die Zinsen, ihr Sparpfennig vergrößert hat.
-Sie halten diesen Überschuß für Bestechung und
-wittern, daß man sie in eine Falle locken wolle.</p>
-
-<p>Inmitten dieses Wirbelwindes von Zweifeln,
-Wünschen und Bedenken stehen die Beamten ruhig
-hinter ihren Schranken. Sie sind übermüdet und
-erschlafft und halten sich nur mühsam aufrecht. Aber
-unbeirrt und gleichmütig versehen sie den Dienst,
-und nichts in diesem Ansturm scheint sie zu erschrecken.
-Ist ihre Zuversicht erheuchelt, ist sie echt?
-Ist der Goldquell, aus dessen Fülle sie seit Tagen
-schöpfen, unversiegbar, oder ist er dem Vertrocknen
-nahe? Ruht das Gebäude des Vertrauens, an dem
-sie mitgebaut hatten, auf unerschütterlichem Grund,
-oder wankt es in seinen Pfeilern und droht in der
-nächsten Stunde einzustürzen und die Wohlfahrt
-Hunderttausender unter seinen Trümmern zu begraben?
-Keine Bewegung ihrer überwachten Züge
-verrät, was sie empfinden. Mit unermüdlicher Geduld
-halten sie den Fragen Stand, rechnen und
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-zahlen, beruhigen, beraten und erklären und finden
-noch die Kraft, den Mut der Einleger durch Scherze
-zu beleben.</p>
-
-<p>Dem trüben Tag ist Dunkelheit gefolgt. Das
-Glühlicht flammt auf und steigert die Hitze. Aller
-Sauerstoff ist aus der Luft geatmet; sie ist vom
-Gluthauch wilder Leidenschaft verbrannt. Schlechte
-Dünste und Gerüche ballen sich zusammen und durchziehen
-sie in dicken Streifen. Wie im Nebelwetter
-auf der Straße ein Strahlenkranz um die Laternen
-zittert, so schwebt irisierend der Staub um das
-Glas der Lampenglocken. Dick lagert er auf dem
-Holz der Schalter, klebt auf der Haut und auf der
-Kleidung, dringt in alle Ecken, überzieht Banknoten
-und Dukaten. Aus seinem Grau hebt sich nur der
-Farbenfleck der Kassenbücher, die sich auf den Pulten
-türmen und deren Einband verrät, daß sie alle aus
-tschechischen Bezirken stammen. Rot leuchten sie aus
-dem Düster. Es ist, als überströmte Blut die Tische.
-Das Lebensblut des Volkes, das in nationalem
-Haß sich selbst zerfleischt, um den Gegner zu vernichten.</p>
-
-<p>Es ist Nacht geworden. Bleiern lähmt Müdigkeit
-die Tatkraft der Beamten. Schweigend, mit automatischen
-Gebärden, von Staub und Rauch in
-Schleier eingehüllt, bewegen sie sich hin und her wie
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-Schatten. Doch die Wut des Ansturms tobt unvermindert.
-Wie dem Sagentier für jedes abgeschlagene
-Haupt ein neues wuchs, so kommt der Menge vor
-dem Tor für jeden Trupp, der abzog, neuer Zuwachs
-aus den Straßen. Und der Anblick der Beglückten,
-die ihre Habe geborgen mit sich führen, schürt, statt
-sie zu dämpfen, ihre fieberhafte Angst.</p>
-
-<p>Unmöglich scheint, daß der Vorrat noch immer
-reichen könne. Vielleicht werden in diesem Augenblick
-die letzten Summen ausgeteilt, vielleicht erbeutet der
-Vordermann, der eben ins Haus gedrungen war,
-das letzte Goldstück. Sie aber würden nur die leeren
-Kassen finden, den Bankerott, das Elend.</p>
-
-<p>Als sich um Mitternacht die Tore zum letztenmal
-in ihren Angeln drehen und sich dann erneutem Eingang
-kreischend schließen, ohne Rücksicht auf die Verzweifelten,
-die sich zwischen die Flügel werfen, klammern
-und stemmen, da geht ein Wehruf durch die
-Reihen der Enttäuschten, die wieder eine lange bange
-Nacht von der Erfüllung trennt. In den Häusern,
-die den Platz begrenzen, fahren die Schläfer auf.
-Sie recken sich hoch in ihren Betten und lauschen
-zitternd. Und sie ahnen, daß zu ihren Füßen ein
-Raubtier wacht, das seiner Kräfte nur bewußt zu
-werden braucht, um mit den starken Pranken Käfig
-und Bändiger zu zerbrechen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-In der kahlen Bahnhofshalle saßen die aus Motice
-und erwarteten den Zug, der sie in ihre Heimat
-bringen sollte. Niemand fehlte als die Nanny Zlatka
-und der Karl Jakesch. Sie waren fahl und schmutzig
-wie Soldaten, die von einer langen Übung kommen,
-und ein säuerlicher Branntweinduft umströmte sie.
-Mit Geräusch und lebhaften Gebärden besprachen
-sie die Abenteuer dieser vierundzwanzig Stunden,
-in denen sie mehr Aufregung gekostet hatten als
-während ihres ganzen Lebens. Der Franz Zastoupil
-war der beredtste. Er nahm den Mund sehr voll,
-hielt alle seine Beschuldigungen aufrecht, prophezeite
-nahen Untergang der <i>Spořitelna</i> und wußte
-viel zu schimpfen über die Grobheit der Bankbeamten
-und die Roheit der Polizisten. Doch er verschwieg,
-daß er verstanden hatte, ein paar Verängstigten ihre
-Sparbücher für den halben Wert herauszulisten,
-und daß er unter seinem schmierigen Gewand eine
-Summe trug, die ihm die Schenke, die er nur gemietet
-hatte, als Eigentum erwerben sollte.</p>
-
-<p>In einer Ecke kauerte die Maria Jahoda und
-stützte ihren Josef, der, lang ausgestreckt, sich auf
-den Steinen wälzte. Weinend klagte sie: als sie
-endlich zu ihrem Geld gekommen waren, sei der
-Josef beinahe närrisch vor Freude geworden. Er
-habe sie ins Wirtshaus mitgeschleppt, dort Bier und
-<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-Fleisch bestellt und, schon halb betrunken, mit einem
-Frauenzimmer, das ihn umstrich, zu scharmieren angefangen.
-Plötzlich sei er aufgesprungen, habe das
-Mädel um den Leib gefaßt und sei mit ihr auf und
-davon gerannt. Sie hatte seine Zeche zahlen müssen
-und war dann ausgegangen, ihn zu suchen. Erst nach
-vielen Stunden hatte sie ihn an einer Straßenecke
-wieder aufgefunden. Er war sinnlos berauscht; aus
-seiner Tasche fehlten hundert Gulden. Für ihre Vorwürfe
-bekam sie Schläge, und mit Mühe schleppte
-sie den Taumelnden hierher. Die Tränen flossen in
-Strömen über ihre hohlen Wangen. Das Schluchzen
-stieß sie krampfhaft. Der Mann an ihrer Seite,
-der in der Trunkenheit die Schuldigen vertauschte,
-lallte stumpfsinnig dazwischen: »Sie muß Prügel
-haben! Das Weibsmensch hat mich bestohlen! Wenn
-sie nach Haus kommt, kriegt sie ihre Prügel.«</p>
-
-<p>Der Johann und die Rosa Dostal dagegen waren
-sehr zufrieden. Sie hatten einen Menschenfreund
-gefunden, der sich ihrer Not erbarmte. Einen furchtbar
-reichen Herrn; das große Zinshaus nahe bei
-dem Sparkassengebäude gehörte ihm; sie wußten es
-aus seinem eigenen Munde. Er hatte sich bereit
-erklärt, ihr Erspartes in seinem Bankhaus anzulegen.
-Zu hohen Zinsen. Acht Prozent pro Jahr.
-Die erste Rate hatte er gleich ausbezahlt. In der
-<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-Seligkeit des neuen Reichtums hatten sie viel eingekauft.
-Kaffee, Zucker, Tabak, Kleiderstoffe für
-die Kinder und einen Teppich, den sich die Frau schon
-lange wünschte. Lächelnd hörte ihnen die Babi Skoupek
-zu. Von Zeit zu Zeit befühlte sie den Brustlatz,
-unter dem sie, in ein Taschentuch geknotet, ihr Gold
-geborgen hatte. Sie dachte nicht daran, sich noch
-einmal davon zu trennen. Unter ihren Strohsack
-wollte sie es schieben oder in ihrem Gärtchen in
-die Erde graben. Da konnte es ihr nicht verlorengehen.</p>
-
-<p>Die Türen zum Bahnsteig wurden geöffnet,
-und der Schaffner rief zum Zug ab. Und immer
-noch fehlten die Nanny Zlatka und der Karl
-Jakesch.</p>
-
-<p>Man lachte. Manche meinten: das gemeinsame
-Warten hat dem Pärchen so gefallen, daß es auch
-diese Nacht zusammen verbringen wird. Vor dem
-Sparkassengebäude &ndash; oder anderswo.</p>
-
-<p>Schon waren die aus Motice in ihr Abteil eingestiegen,
-kaum eine Minute fehlte noch bis zur
-Abgangszeit, da stürzte Karl Jakesch in den Wagen
-und schrie: »Ist die Nanny hier?« Die Haare hingen
-wild um seine Schläfe; in seine Augen war das Blut
-getreten. »Ist die Nanny hier?« Obgleich ihm sein
-Auge Antwort gab, durchsuchte er die Winkel. Dann,
-<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-in der Sekunde, wo der Zug sich in Bewegung setzte,
-riß er die Tür auf und sprang wieder hinunter auf
-die Steine. Er stürzte, stand wieder auf, lief auf
-den Schienen hin und her. Die Fahrenden hörten
-noch sein wildes Brüllen: »Ich schlag' sie tot!
-Wenn ich das Luder antreff', schlag' ich's tot!«</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-Ein dürftig aussehender, engbrüstiger Jüngling
-war mir durch die Aufmerksamkeit aufgefallen, mit
-der er die Rede des Deutschböhmen verfolgte. Nun
-fiel er schnell in dessen letzte Silbe ein:</p>
-
-<p>»Was für fremdartige Bilder. Was für sonderbare
-Leute. Wie waren Sie doch zu beneiden, mit
-einem Volk zu leben, das noch so jung ist. Unangekränkelt
-von Bildung und Kultur. Voll von
-Eigenart und Farbigkeit und Rasse. Sie lachen?«
-Er warf mit einer wie es schien gewohnheitsmäßigen
-Bewegung die glatten schwarzen Haare aus dem
-Gesicht zurück. »Sie wissen vielleicht nicht, was es
-heißt, am grauen Einerlei zugrunde gehen. Immer
-nur von Fertigem umgeben. Keine Freude, als die
-Sehnsucht. Und die Hoffnung, daß vielleicht irgend
-einmal sich ein Wunsch erfüllt. So ist es,« er
-zögerte, »einem Freund von mir ergangen. Wenn
-ich wagen darf, möchte ich Ihnen von ihm sprechen.«</p>
-
-<p>Er sah sich um, als fürchte er, es könne ihm die
-Zustimmung verweigert werden. Ich dachte: er ist
-gewiß ein heimlicher Poet. Noch in Keuschheit zugeschlossen
-und doch schon glücklich, etwas von seinem
-inneren Empfinden preiszugeben. Ich hörte seine
-Stimme zittern bei den ersten Worten.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-Die Reise nach Indien</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-Sebastian Schierke war von Geburt an ein Träumer.
-Er lag stundenlang in seinem Korb und starrte
-in die Hängelampe, unter der der Vater auf seinem
-Schusterschemel saß und nähte. Seine ersten Wahrnehmungen
-erwachten in ihrem Lichte. Sie blieb
-ihm die Sonne, als er schon reif genug war, auf
-allen Vieren zu kriechen. Der Kreis, den ihre
-Strahlen erhellten, schien ihm unermeßlich. Und
-die Ecken, in die sie nicht hineinleuchtete, waren
-für ihn unheimliche, von schrecklichen Dingen erfüllte
-Höhlen. Das empfand er, ehe er es verstand.
-Ehe er noch seinem Spielzeug, den zerrissenen
-Stiefeln, den Holzleisten und Handwerksgeräten
-Namen und Gefühle verlieh. Ehe er noch für das
-Gemisch von Pech-, Leder- und Petroleumgeruch einen
-Ausdruck erfunden hatte. Das Wort »Buhaha«, in
-das er eine Fülle von Bedeutung hineingeheimnißte.</p>
-
-<p>Dann, als er zum erstenmal die Kellertreppe
-hinaufkletterte, sah er, wie groß die Welt war.
-Wochenlang dauerte seine Reise durch alle Gänge,
-Nischen, Höfe und Bodenräume des altmodischen,
-winkeligen Hinterhauses. Die Straße mied er,
-sie war ihm zu hell und schnurgerade. Auch scheute
-<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-er die anderen Kinder und ihre geräuschvollen
-Spiele.</p>
-
-<p>Am liebsten saß er im Holzkeller zwischen den
-Stößen, während die Mutter die gefüllten Körbe
-in die Wohnung des Hausherrn schleppte. Da war
-er in dem großen, finsteren Märchenwald, von dem
-ihm der Vater zuweilen erzählte. Von ganz hinten
-kam ein matter Lichtschein (es war Mutters Laterne,
-die an der Erde stand) aus einem einsamen Haus.
-Darin hielt die böse Hexe das Königskind gefangen.
-Er selbst hockte zwischen riesigen Bäumen, roch die
-Tannen und welkenden Blätter und lauschte auf ein
-entferntes Rauschen und Murmeln. Und gleich
-mußte die Tür aufgehen und die Prinzessin eintreten,
-im weißen Kleid, die goldene Krone auf dem Kopf,
-und zu ihm sagen: »Bitte, lieber Prinz&nbsp;...«</p>
-
-<p>Gewöhnlich kam im schönsten Augenblick die Mutter
-und schalt, wenn sie ihn antraf. Müßig, mit verschlafenen
-Augen. Der Vater aber nahm ihn immer
-in Schutz. Der blasse Mann, an dem eine tückische
-Krankheit langsam zehrte, verstand seinen Knaben.
-Auch ihm waren die Gedanken die liebsten Gefährten.
-Aber hatte er es nur bis zum Flickschuster gebracht,
-der Sebastian war zu etwas Höherem geboren. Dafür
-hatte er, schwarz auf weiß, die sicheren Beweise.</p>
-
-<p>Auf der Kommode in der Hinterstube lag, zwischen
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-einem Porzellanhund und einem Glaspokal, eine
-schwarze, goldbetreßte Mappe. Darin ruhten, nach dem
-Datum geordnet, Sebastians gesammelte Gedichte.</p>
-
-<p>Das erste, das er in seinem siebenten Jahre mit
-ungelenken Buchstaben hingemalt hatte:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»Nachtz mich der Schluhmer fliht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Gott in mein Hertze siht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Nichtz is alz Lihbe drein,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Lihb für mein Feterlein.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Das gereiftere, beiden Eltern gewidmete:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»Und eh wangt Fels und Stein,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Eh fellt des Himmels Welbung ein,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Eh ich vergehs was ich euch dank</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Was ihr mir tuth mein Leben lank.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Das Lied, zu dem ihn drei Jahre später ein Ausflug
-nach Wilmersdorf begeistert hatte:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»Mein Herz gleicht der wandernden Welle</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Es gleicht dem schimmernden See</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Es mischt in die Freude die helle</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sich leise ein flüchtiges Weh.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Und viele andere. &ndash; Vater Schierke kannte sie
-alle auswendig, er summte sie bei der Arbeit halblaut
-vor sich hin. Und für die Kunden, die sie zu
-hören verlangten, suchte er das haltbarste Leder aus.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-Der Gemeindeschullehrer war weniger zufrieden
-mit dem jungen Sebastian.</p>
-
-<p>Rechnen und Rechtschreiben waren dem Knaben
-unsympathisch. In der Geographie interessierten ihn
-nur die entferntesten Erdteile, und dem deutschen
-Aufsatz war seine lebhafte Phantasie mehr störend
-als förderlich.</p>
-
-<p>Daß ihm im Grunewald eine Hyäne begegnet sei,
-wollte ihm der Lehrer durchaus nicht glauben. Und
-ein Gedicht, das er in die Schilderung der Ferienfreuden
-einflocht:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»Rings im Schlummer lag die Welt,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Niemand wach als sie und ich,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und im gelben Ährenfeld</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Küßt' ich sie und küßt' sie mich«</td></tr>
-</table>
-
-<p class="in0">wurde als »völlig anstößig« mit einer schweren Rüge
-bestraft.</p>
-
-<p>Den Vater bekümmerte das nicht. Sein Junge
-war eben ein Genie. Und »Genies brauchen keine
-Bildung, sie nimmt ihnen nur die Kraft und die
-Naivität,« versicherte ihm der junge Schriftsteller,
-der Jahr um Jahr seine Stiefeln schuldig blieb.</p>
-
-<p>Bis zur dritten Klasse war Jungschierke mühsam
-geklettert. Da legte sich der Alte zum Sterben.</p>
-
-<p>Nach acht Wochen schweren Siechtums trug man
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-ihn, unter der brennenden Lampe hinweg, in das ewige
-Dunkel. Er freute sich nicht mehr an den Versen,
-die ihm sein Dichter auf den Grabstein schrieb:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»Schatten des Todes, du schreckest uns nicht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die wir vertrau'n auf das göttliche Licht.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Will uns vor Schmerz auch das Herz fast vergeh'n,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Bleibt uns der Trost doch, Dich wiederzuseh'n.«</td></tr>
-</table>
-
-<p class="in0">Er litt nicht mehr an dem Kummer, den sein Tod
-seinem Liebling brachte.</p>
-
-<p>Krankheit und Begräbnis hatten alle Ersparnisse
-aufgezehrt und zu Schulden gezwungen. Frau
-Schierke verkaufte Handwerkszeug, Vorräte und
-die besten Möbel. Sie vermietete die Vorder- und
-Hinterstube an eine Plättanstalt und sich selbst als
-Gehilfin. Für sich und den Jungen behielt sie nur
-die Küche und eine kleine Kammer.</p>
-
-<p>Mit der Kommode, dem Porzellanhund und dem
-Glaspokal verschwand auch die Mappe mit Sebastians
-gesammelten Gedichten. Bis Ostern durfte
-er die Schule noch besuchen, dann wurde er eingesegnet
-und ausgeschickt, einen Erwerb zu suchen.
-Zu einem Handwerker natürlich. Denn »jelernt haste
-nischt, und vor det olle Jequassel und Jeschmiere jiebt
-dir keen Mensch keenen Dreier nich« meinte die Mutter.</p>
-
-<p>Sebastian widersprach nicht. Sein Kindersinn
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-war schwer verdüstert durch den Verlust des gütigen
-Vaters. War er früher still gewesen, jetzt wurde
-er stumm.</p>
-
-<p>Sein Abgangszeugnis war schlecht. Seine schwächliche,
-engbrüstige Gestalt, die zögernde Sprache
-nahmen gegen ihn ein. Von Stelle zu Stelle wurde
-er abgewiesen. Bis sich ein früherer Kunde des
-alten Schusters, für den Frau Schierke jetzt die
-Hemden plättete, seiner annahm. Der alte Justizrat
-Korn setzte den jungen Schierke als Schreiber in
-seine Kanzlei.</p>
-
-<p>Da saß er nun Tag um Tag und Jahr um Jahr
-an einem gelben Holztisch, den überschlanken Körper
-weit vorgebeugt, um die kurzsichtigen Augen den
-schreibenden Fingern zu nähern, und malte verständnislos,
-aber gewissenhaft die Buchstaben auf das
-Papier. Tag um Tag freute er sich auf den Augenblick,
-in dem er die Feder ausspritzen, den grauen
-Kattunärmel abstreifen und die Tür des Bureaus
-hinter sich schließen durfte. Dann regten sich die
-heimlichen Gedanken, die Tags über an der Kette
-lagen. Dann schlüpften sie aus ihrem Versteck und
-flatterten und sangen um ihn her wie freigewordene
-Vögel.</p>
-
-<p>Zu Hause mußte er noch der Mutter helfen. Einholen,
-Feuerung tragen, fegen und bürsten. Nachts
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-aber, allein in der kalten Kammer, schrieb er beim
-Kerzenlicht auf, was in ihm klang und weinte. Seine
-schwerersparten Groschen wandte er an Papier, Tinte
-und Porto. Einmal mußte doch der Erfolg kommen,
-die Anerkennung &ndash; die Freiheit.</p>
-
-<p>Ach! Sie kamen alle wieder, die Reime, die er in
-die Welt hinausschickte. Diejenigen ausgenommen,
-deren Rücksendung man ganz vergaß.</p>
-
-<p>Da starben ihm langsam Mut, Hoffnung und der
-Glauben an sich selbst. Nur die Phantasie blieb
-leben und hungerte. Er suchte ihr fremde Nahrung.
-Er machte Jagd auf alles Gedruckte. Auf die billige
-Zeitung seiner Wirtin, der Plättstubenbesitzerin
-Frau Ruhnau. Auf die Kolportagehefte ihrer Gehilfinnen,
-auf ihre Käse- und Stullenpapiere. Seine
-Spargroschen trug er jetzt zum Trödler, bei dem er
-in alten, zerrissenen Büchern wühlte. Was ihn entzückte,
-waren Ritter- und Schauerromane, Kriminal-
-und Jagdgeschichten. Außergewöhnliche, aufregende
-Ereignisse. Der Gegensatz zu seinem armseligen,
-eintönigen Leben.</p>
-
-<p>Eines Tages fand er im Bureau unter einem
-Stoß alter, dem Einstampfen geweihter Akten ein
-paar rote Bände. Verjährte Baedeker von Oberitalien
-und der Schweiz, zum Wegwerfen bestimmt.
-Er nahm sie an sich. Des Einbandes halber, und
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-weil ihn jedes Buch reizte. Zu Hause erst entdeckte
-er, was für einen Schatz er sich erbeutet hatte.
-Was waren alle erfundenen Geschichten gegen diese
-fesselnde Wirklichkeit! Was für Herrlichkeiten gab
-es draußen in der Welt! Wie leicht waren sie zu
-erreichen! Man brauchte nur Geld in seine Börse
-zu tun, in den ersten besten Eisenbahnzug zu steigen
-und dann dem roten Wegweiser getreulich zu folgen.</p>
-
-<p>Er tat das alles &ndash; im Geiste.</p>
-
-<p>Er überschritt die höchsten Pässe, bestieg die gefahrvollsten
-Gipfel, durchlief die herrlichsten Kirchen
-und Galerien. Jeden Weg und Steg lernte er auswendig,
-bemaß alle Entfernungen, kannte alle Aussichtspanoramen
-und hätte mit verbundenen Augen
-die schwierigsten Bergübergänge gefunden. Er war
-ein vornehmer Reisender. Fuhr nur mit Schnellzug
-und Extrapost, bewohnte die teuersten Hotels,
-speiste in den feinsten Restaurants, kaufte ab und
-zu kostbare Kunstgegenstände und sparte nicht mit
-Trinkgeld. Und mußte nur täglich seine Reise für
-vierzehn Stunden unterbrechen, um in der Kanzlei
-und Plättstube zu arbeiten.</p>
-
-<p>An einem Freitag Abend war er mit zwei der
-besten Führer aufgebrochen, um den Montblanc zu
-besteigen. Er wählte den schwierigsten Aufstieg über
-den Brouillardgletscher und wurde eben angeseilt,
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-um eine kaminartige Schlucht zu erklimmen. Da
-holte ihn Frau Ruhnau. Vorn im Laden lag die
-Mutter. Mitten in der Arbeit hatte ein Herzschlag
-sie umgeworfen.</p>
-
-<p>Sebastian hatte der Mutter innerlich nicht nahe
-gestanden. Was er, der Weltfremde, an ihr verlor,
-machte er sich nicht klar. Um so weniger, als Frau
-Ruhnau, eine kinderlose Witwe, sich anbot, ihn für
-ein geringes Entgelt weiter zu versorgen. So bedeutete
-ihm dieser Tod fast eine Befreiung.</p>
-
-<p>Fortan gehörten seine Mußestunden ihm. Er
-konnte erleben, was er bisher geträumt, er konnte
-reisen. Nur in den Tiergarten zwar und Sonntags
-allenfalls in den Grunewald. Aber eine Bank
-unter Bäumen, am Rande eines Sees wurde ihm
-zum Zauberroß, das ihn in weite Fernen trug.</p>
-
-<p>Er schloß die Augen und hörte das Rauschen des
-Wasserfalles, roch den Duft der Matten. Die
-Glocken der Pferdebahn wurden ihm zum Kuhgeläute,
-das Pfeifen der Stadtbahnzüge zum Signal
-des Dampfschiffes. Fremdartige Vögel sangen ihm
-zu Häupten, in fremden Zungen redeten die Menschen,
-die ihn umgaben.</p>
-
-<p>Und das schönste blonde Mädchen, das bei ihm
-vorbeiging, war sein heimliches Liebchen. Zwar tat
-sie fremd und erhob nicht die Blicke. Aber er wußte,
-<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-seine Träume wußten, wie süß und zärtlich sie ihn
-liebte.</p>
-
-<p>Zuweilen gelang es ihm, sich zu verirren.</p>
-
-<p>Dann überliefen ihn alle Schauer des Geheimnisvollen.
-Der Kiefernforst wurde zum Urwald.
-Hinter dem undurchdringlichen Dickicht lag eine unbekannte
-Welt. In den Zweigen und Blättern
-knackten und raschelten die Tritte wilder Tiere, er
-schwebte in lauernden Gefahren. Bis zum Herzklopfen
-wußte er sich die unheimliche Stimmung
-zu steigern.</p>
-
-<p>Trat er dann auf eine Lichtung hinaus und sah
-im Frieden des stillen Sommerabends ein Rudel
-Rehe äsen, sah das letzte Licht der Sonne, das die
-Stämme rötlich streifte und den See durchglühte,
-dann füllte ein übermächtiges Gefühl Herz und
-Seele. Er warf sich in das Heidegras und weinte
-vor trauriger, sehnsuchtsvoller Seligkeit.</p>
-
-<p>Von diesen Ausflügen kam er ermattet heim.
-Mit fiebernden Wangen, in den Augen einen trunkenen
-Glanz, die Lippen glühend wie vom Kuß der
-Geliebten. Nachts schlief er schlecht, hustete, wälzte
-sich ruhelos und schlich am anderen Morgen lustlos
-zu seiner Arbeit.</p>
-
-<p>Frau Ruhnau sah ihm kopfschüttelnd nach. Sie
-hatte sich den Verkehr mit ihm ganz anders gedacht.
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-Eine Mischung von mütterlicher und weiblicher Liebe
-fesselte sie an ihren jungen Mieter. Seine Hilflosigkeit
-dauerte sie, zugleich war sie berührt von
-seiner stillen Eigenart. Wenn er der Versuchung,
-seine alten Gedichte wieder einmal zu hören, nicht
-widerstehen konnte und ihr abends daraus vorlas,
-wenn seine Gestalt sich aufrichtete, wenn ihm die
-Haare in das blasse Gesicht fielen und seine Züge
-sich verklärten, schien er ihr fast schön. Längst machte
-sie sich allerlei Gedanken.</p>
-
-<p>Er war zwar neun Jahre jünger als sie, aber
-darauf kam es bei so einem nicht an. Eine Junge,
-Leichtsinnige würde schlecht zu ihm passen. Er
-brauchte eine Alte, Erfahrene. Hausfrau und Mutter
-zugleich, die seine zarte Gesundheit schonte und
-pflegte. So eine wie sie. Dafür konnte er die
-dumme Schreiberei an den Nagel hängen, ihre
-Bücher führen, ihre Rechnungen schreiben, es konnte
-ein prachtvolles Leben geben.</p>
-
-<p>Nie hatte sie bemerkt, daß er nach den Mädchen
-sah; nun verdächtigte sie ihn zum erstenmal einer
-heimlichen Liebschaft.</p>
-
-<p>Ganz glücklich war sie, als er im Herbst seine
-Spaziergänge aufgab und zu seinen Büchern zurückkehrte.
-Häuslicher denn je, denn der Zufall hatte
-ihm einen neuen Schatz in den Schoß geworfen.
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-Ein kostbares Werk &ndash; Reisebilder aus Indien &ndash;
-aus dem Englischen übersetzt. Drei dicke Bände
-mit Illustrationen. Durch einen Zimmerbrand beschädigt
-und geschwärzt, waren sie zum Altbücherhändler
-und in Sebastians Hände geraten.</p>
-
-<p>Aus ihren verstümmelten, versengten Blättern erwuchs
-ihm eine Fülle neuer Freuden. Schweiz- und
-italienmüde wie er war, überdrüssig des bequemen
-Führers auf geebneten, betretenen Wegen, fand er
-in diesen Blättern ungeahnte Sensationen.</p>
-
-<p>Da waren Abenteuer und Seefahrten, tollkühne
-Ritte, wilde Jagden, da war Glanz und Pracht,
-Blumenduft, Blut und Grausamkeit. Alle Märchen
-der Jugend wurden lebendig: die unheimlichen
-Höhlen in der Schusterstube, die Prinzessin im Holzkeller,
-das »Buhaha« der Kindheit, dieser Inbegriff
-alles Geheimnisvollen.</p>
-
-<p>Sein körperlicher Zustand, ein leichtes Fieber, das
-unbeachtet in ihm brannte, steigerte die Feinfühligkeit
-seiner Nerven, überhitzte seine krankhaft erregte
-Phantasie.</p>
-
-<p>Zum erstenmal wurde es ihm schwer, die Arbeit
-des Tages von den Träumen der Muße zu trennen.
-Zwischen die trockenen Aktensätze schoben sich die
-Elefantenrüssel, die Götzenbilder und Palmenhaine
-Indiens. Buntschillernde Insekten umsummten ihn,
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-die heiligen Affen wiegten sich auf schaukelnden
-Zweigen. Seine Blicke hingen an dem Zeiger der
-Uhr, seine Wünsche ersehnten den Moment der Erlösung.
-Heim stürzte er, vergrub sich in seine Bücher
-und war blind und taub für alles, was um ihn
-herum vorging.</p>
-
-<p>Da fand es Frau Ruhnau an der Zeit, deutlicher
-zu werden. Sie nahm seine angegriffene Gesundheit
-als Vorwand, brachte ihm allerlei Leckerbissen
-und lud ihn zu sich in die Vorderstube. Da könnte
-er ebensogut lesen. Oder noch besser, ihr vorlesen.
-So wäre ihnen beiden geholfen.</p>
-
-<p>Die gute Frau Ruhnau. Sie ahnte nichts von
-den Erlebnissen ihres Mieters.</p>
-
-<p>Bisher war er ein mächtiger Maharadscha gewesen,
-der Herrscher in Bhurtpur. Vor kurzem erst hatte
-er einem englischen Herzog zu Ehren glänzende Feste
-gegeben. Er hatte eine Dschungel abbrennen lassen
-und die flüchtenden Tiere des Waldes zu Tausenden
-getötet. Er hatte Tiger und Elefanten gejagt, Büffelkämpfe
-veranstaltet, er hatte Gold und Edelsteine
-unter die Menge geworfen.</p>
-
-<p>Seit einigen Tagen aber hatte er sich in einen
-Brahmanen verwandelt und diente dem vielarmigen
-Gott Siva in dem herrlichen Tempel von Rameswaram.
-Die schlanke Sidla, die schönste aller Bajaderen,
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-war seine Freundin. Allnächtlich besuchte
-er sie in ihrer Zelle. Perlen und Opale rieselten
-an ihr hernieder, seidene Gewänder umrauschten sie.
-Doch heller als alle Gesteine glänzten ihre Augen,
-weicher als alle Seide flossen ihre Haare. Aus silbernen
-Schleiern blühten ihre Brüste, die Gazellenzartheit
-ihrer weißen Glieder. Sie liebkoste ihn
-mit sanften Händen, sie umtanzte ihn mit leichten
-Füßen. Und wenn sie müde war, sank sie neben
-ihm nieder, unter die Punka, die zwölf ihrer holden
-Gespielinnen leise bewegten. Von solcher Huld begnadet,
-wie hätte er Sinne behalten für die derben
-Reize seiner Wirtin.</p>
-
-<p>Höflich dankte er ihr und verriegelte hinter ihr
-die Tür.</p>
-
-<p>Sie kam wieder, sie pochte und fragte und wollte
-sich den Eingang erzwingen. Zu einer Stunde, da
-die liebliche Sidla, von Tanz und Liebe ermüdet,
-auf weichen Teppichen soeben in Schlummer gesunken
-war.</p>
-
-<p>Sebastians Zorn erwachte. Er wies die Störerin
-hinaus, verlangte sein Hausrecht und den Frieden
-seiner Stube, die er ehrlich bezahlte.</p>
-
-<p>Da brach es wild hervor, was an Enttäuschung
-und Groll in Frau Ruhnaus Innerem kochte. Von
-erwiesenen Wohltaten sprach sie, von Undank und
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-Bettelstolz. Sie fragte, ob er wirklich glaube, für
-die lumpigen paar Groschen solche Kost und Pflege
-beanspruchen zu können. Sie sagte viel Böses. Und
-der arme Träumer erwachte.</p>
-
-<p>Er sah ein, daß er nur Gnaden genossen, wo er
-geglaubt hatte, Rechte zu besitzen.</p>
-
-<p>Es war ein böses Erwachen.</p>
-
-<p>Wie ein Schlaftrunkener stand er verwirrt vor
-der Scheltenden. Dann griff er nach Hut und
-Mantel und lief hinaus. Seinen einzigen Bekannten,
-den Bureaudiener Franz, um ein Obdach für die
-Nacht zu bitten.</p>
-
-<p>Am anderen Morgen mietete er die erste schlechteste
-Wohnung. Eine kleine Kammer im vierten
-Stockwerk eines düsteren Hinterhauses. In sein
-altes Heim kehrte er nur zurück, um seine Siebensachen
-zu packen.</p>
-
-<p>Frau Ruhnau, verängstigt und reuevoll, versuchte
-eine tränenreiche Versöhnung. Mit der eigensinnigen
-Festigkeit der Schwäche wies Sebastian sie ab. Aus
-den Räumen, die ihm vierundzwanzig Jahre die
-Heimat bedeuteten, ging er grollend in die unbekannte
-Welt.</p>
-
-<p>Nun war er ganz frei. Wenn er abends nach
-Hause kam, war sein Zimmer nicht geheizt, sein
-Bett nicht geordnet, sein Mahl nicht bereitet. Aber
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-er konnte ungestört lesen und träumen, niemand
-belästigte, niemand befragte ihn.</p>
-
-<p>Als der Frühling kam, hätte er ganze Nächte im
-Freien umherlaufen können, ohne jemanden zu betrüben.
-Nur daß seine Kräfte nicht reichten. Eine
-bleierne Müdigkeit hing ihm im Körper. Der
-Husten, der ihm den Schlaf störte, quälte ihn auch
-bei Tage, stechende Schmerzen benahmen ihm Atem
-und Sprache, mühsam nur trugen ihn die Füße von
-der Wohnung zur Arbeit.</p>
-
-<p>In der Kanzlei war man immer freundlich zu
-ihm gewesen. Man hatte sich an seine stille, bescheidene
-Art gewöhnt und ihm manche Nachlässigkeit
-verziehen. Jetzt verlangte die Menschlichkeit,
-seinen Zustand nicht zu übersehen.</p>
-
-<p>»Es geht nicht länger mit dem Schierke, Herr
-Justizrat« sagte der Bureauchef, während er die
-Akten zur Unterschrift vorlegte. »Er macht nichts
-als Dummheiten.«</p>
-
-<p>»Verliebt?«</p>
-
-<p>»Krank, schwer krank, wie ich fürchte. Sieht aus
-wie der Tod.«</p>
-
-<p>Der Justizrat war gutmütig, wenn seine Zeit es
-ihm erlaubte.</p>
-
-<p>»Dann kann man ihn doch nicht ohne weiteres
-auf die Straße setzen! Schicken Sie ihn zum Arzt,
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-gleich heute. Und er soll sich morgen bei mir melden,
-zwischen neun bis zehn Uhr, ehe ich aufs Gericht
-gehe!«</p>
-
-<p>Es bedurfte keiner langen Untersuchung.</p>
-
-<p>»Essen und trinken Sie so gut wie möglich« verordnete
-der Arzt. »Kleiden Sie sich warm, und
-wenn Sie vielleicht Verwandte auf dem Lande haben,
-um für ein paar Wochen zu verreisen&nbsp;...«</p>
-
-<p>Nur dies eine Wort blieb in Sebastians Hirn
-haften:</p>
-
-<p>Reisen &ndash; reisen &ndash; weit weg &ndash; nach Indien!</p>
-
-<p>Der Maitag war warm und lockend, im Bureau
-erwartete man ihn nicht. So lange hatte er nicht
-unter Bäumen gesessen, am Rande eines Sees.</p>
-
-<p>Trotz Müdigkeit und Schmerzen wanderte er hinaus.
-Doch die Seligkeit von früher wollte nicht
-über ihn kommen. Er fror im hellsten Sonnenschein,
-seine Phantasien verdichteten sich zu bösen
-Träumen.</p>
-
-<p>Die wilden Weddahs, Teufeln gleich in ihrer
-braunen Nacktheit, schlichen aus dem Gebüsch, umtanzten
-ihn und stachen ihn mit ihren Wurfspießen.
-Die gelbe Kobra, Indiens Riesenschlange, zischte ihn
-an, blähte den giftgefüllten Schlund, umschnürte mit
-kalten Ringen die erstickende Brust.</p>
-
-<p>Von plötzlicher Angst gejagt, lief er heim. Auf
-<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-der Treppe sank er zusammen, ein Strom von Blut
-brach aus seinen Lungen.</p>
-
-<p>Er lag in seinem Bett allein und verlassen. Ab
-und zu sah die Nachbarin nach ihm. Aber sie hatte
-selbst sechs Kinder und reichliche Arbeit.</p>
-
-<p>»Er muß ins Krankenhaus« sagte sie zu Franz,
-der täglich kam und zuweilen Erfrischungen brachte,
-die der Justizrat schickte. »Das muß doch sein Dienstherr
-bezahlen. Lange macht er's doch nicht« setzte
-sie leiser hinzu.</p>
-
-<p>Franz stimmte bei, auch der Arzt teilte ihre Ansicht.</p>
-
-<p>Aber wie ein eigensinniges Kind widersetzte sich
-Sebastian. Nur nicht ins Krankenhaus. Er bat
-und weinte. Dann kam das Fieber, der Husten und
-das rote Blut&nbsp;...</p>
-
-<p>Der alte Diener war in Verzweiflung. Da fiel
-ihm Frau Ruhnau ein. Eine tüchtige Frau war sie
-gewesen, trotz alledem. Vielleicht wußte sie Rat.</p>
-
-<p>Dampfend und zischend blieb das Oberhemd, an
-dem die Plättfrau mit rotglühendem Bolzen arbeitete,
-auf dem Brett liegen.</p>
-
-<p>Barhäuptig, ein Tuch um die Schultern, lief sie
-zu dem Kranken.</p>
-
-<p>Der arme Junge. Wie er dalag. Das weiße Gesicht
-zusammengefallen, die schmale Nase wachshell,
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-schwarze Schatten unter den Augen, schweißfeuchte
-Haarsträhnen tief in der blaugeäderten Stirn. Er
-erkannte sie nicht. Unruhig warf er die Arme umher,
-stöhnte leise oder murmelte vor sich hin.</p>
-
-<p>Armer Junge, armer, armer Junge!</p>
-
-<p>»Kann man gar nichts für ihn tun?« fragte sie
-den Arzt.</p>
-
-<p>Der zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>»Ihn wenigstens hier herausbringen?«</p>
-
-<p>»Er will ja nicht ins Krankenhaus. Nach Italien
-werden Sie ihn wohl nicht schicken können, würde
-ihm auch kaum mehr was nützen.«</p>
-
-<p>Die Frau zuckte zusammen. »Wenn man ihn
-wenigstens hier herausbringen könnte« wiederholte
-sie.</p>
-
-<p>Sie sah sich um.</p>
-
-<p>Die Kammer, das Bett, die Wäsche, alles klebte
-voll Staub und Schmutz. Die Luft selbst roch nach
-Unsauberkeit und Armut.</p>
-
-<p>Und draußen war es Sommer. Selbst in dieser
-traurigen Straße.</p>
-
-<p>Eben war es einem Sonnenstrahl gelungen, die
-hohe Mauer zu erklettern. Aber gleich war er wieder
-weg, als sei er erschrocken zurückgefahren.</p>
-
-<p>»Herr Doktor.« Frau Ruhnau sprach langsam
-und überlegend, »mein Schwager, er hat'n Fuhrgeschäft
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-in der Möckernstraße, der hat so'n kleines
-Häuschen zwischen Treptow und Eierhäuschen. Am
-Sonntag fährt er mit der Familie 'raus, und an
-warmen Sommerabenden vergnügt er sich da mit's
-Angeln. 'S is man 'ne Kabuse, 'n bißken feucht
-mag's auch sein&nbsp;&ndash;. Aber immer noch besser wie
-hier. Wat meinen Sie, wenn man den Jungen
-da 'rausbrächte, könnt' er sich da erholen?«</p>
-
-<p>Der Arzt schwieg.</p>
-
-<p>»Könnt' er's wenigstens &ndash; aushalten?«</p>
-
-<p>»Das kann ich Ihnen nicht garantieren. Die
-Natur ist unberechenbar. Aber er kann doch nicht
-draußen ganz allein&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Dafür lassen Sie mich sorgen. Ich hab' ihn von
-klein auf gekannt, er ist wie mein eigener!« sagte
-sie noch rasch. Ganz rot wurde sie dabei. Wenn
-der Doktor wüßte.</p>
-
-<p>»Dann habe ich nichts dagegen.« Es wird ihm
-das Sterben erleichtern, dachte er bei sich.</p>
-
-<p>Am nächsten Nachmittag, es war etwas spät geworden
-der Pferde halber, die nicht früher frei
-waren, trugen Frau Ruhnau und ihr Schwager
-den kranken Sebastian die Treppen hinunter. Sie
-betteten ihn sorgsam in den offenen Wagen, der
-Mann sprang auf den Kutschbock, die Frau saß auf
-dem Rücksitz und hielt des Kranken Hände.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-Er war sehr schwach und nicht bei vollem Bewußtsein.
-Er fühlte kaum die Stöße und Rucke
-auf dem schlechten Pflaster. Frau Ruhnau aber
-zuckte jedesmal zusammen. »Wären wir erst da!
-Wären wir erst da.«</p>
-
-<p>Endlich hatten sie die Köpenicker Straße hinter
-sich, sie fuhren auf der Treptower Chaussee. Der
-Wagen bog in den Wald ein, fuhr an den Fluß und
-blieb vor einem kleinen Häuschen stehen. Ebenerdig,
-ohne Unterbau, aus grün angestrichenen Brettern
-zusammengebaut, glich es einer Sommerlaube.
-Hinter ihm lag die Spree im Abendsonnenschein.</p>
-
-<p>Purpurrot lohte der Himmel, Purpur fiel auf
-Ufer und Fluß. Zartgrüne Weiden, lichte Gewänder,
-weißliche Boote, von halbnackten Gestalten pfeilschnell
-getrieben, schwellende Segel, schwärzliche
-Flöße, alles schwamm und schwebte in rosigem
-Schein. Jede Schwere war behoben, jede Härte
-aufgelöst, Flimmern und Leuchten in Wasser und
-Luft.</p>
-
-<p>Frau Ruhnau beugte sich über den Kranken.</p>
-
-<p>»Wir sind da, Sebastian, Sebastian!«</p>
-
-<p>Er hob ein wenig den Kopf und starrte träumend
-in das lebendige Licht.</p>
-
-<p>In seine erlöschenden Augen trat ein unirdischer
-Glanz.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-»Indien &ndash; das ist Indien!«</p>
-
-<p>Frau Ruhnau schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>»Nee, mein Jungechen, das is Treptow. Und das
-Häuschen, das is mein Schwager seine Sommerbude.«</p>
-
-<p>Er hörte sie nicht mehr. Aber als sie leise seine
-Wangen streichelte, mit harten Fingern und doch
-sanft und zärtlich, huschte ein seliges Lächeln über
-seine Züge.</p>
-
-<p>»Wie schön bist du, Sidla &ndash; zauberhaft schön!«</p>
-
-<p>Einmal noch seufzte er tief &ndash; streckte sich &ndash; und
-fiel in die Kissen.</p>
-
-<p>So war er doch in Indien gestorben.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-Aus dem Hintergrund hatten sich schon wiederholte
-Laute der Ungeduld gemeldet. Jetzt trat der
-Störenfried erkennbar in den Bereich der Lampe.
-Wie ein Arbeiter gekleidet, hektisches Rot auf den
-vorspringenden Backenknochen, den Stempel des Intellekts
-auf der tief durchfurchten Stirn. »Faxen,«
-rief er. »Ist halt ein schwindsüchtiger Junge umgestanden.
-Was ist daran schon gelegen.«</p>
-
-<p>Verständnislos pflanzte er sich vor dem Jüngling
-auf, der, noch warm von seiner Beichte, die
-Schultern hochzog wie unter einem kalten Wassersturz.
-»Ihr seid, scheint's mir, auch so einer, der
-das Volk beschnüffelt, ohne von seinem Wesen das
-Geringste zu verstehen. Seid's Ihr schon einmal ein
-tschechischer Textilarbeiter gewesen? Habt's Ihr
-schon einmal, um einen Schandlohn, bei Frost und
-Hitze einen Webstuhl zehn, elf Stunden lang bedient?
-Wißt's Ihr, was, ehe wir gekommen sind,
-um ihm zu helfen, so einem armen Webermädel
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-die Dampfpfeife bedeutet hat? Ihr Großstadtherrchen,
-also darüber sollt Ihr jetzt von mir etwas
-erfahren.«</p>
-
-<p>Auf die Tischtafel gestützt, die Blicke herausfordernd
-auf den Deutschböhmen gerichtet, fing er
-an. Der geübte Redner war ihm anzumerken.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-Die Dampfpfeife</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-Oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;...</p>
-
-<p>Oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... jeeeh&nbsp;...!</p>
-
-<p>Ein Pfiff, ein langgedehntes, grelles, aufheulendes
-Brüllen, gleich einem Aufschrei der gequälten Kreatur.</p>
-
-<p>Das Weib richtet den Oberkörper etwas auf.</p>
-
-<p>»Es pfeift, Vaclav,« stöhnt sie aus ihren Schmerzen,
-»lauf', du versäumst!«</p>
-
-<p>Vaclav erhebt sich langsam. Er sucht beim trüben
-Schein der Lampe in der Lade nach dem Brotlaib,
-schneidet einen Fetzen davon ab und steckt ihn
-in die Jacke zu der Branntweinflasche. Noch einmal
-tritt er an das Bett und streichelt seines Weibes
-feuchte Stirn.</p>
-
-<p>»Sorgt Euch nicht, Stejskal, um die Božena,«
-sagt die alte Babi, die beschäftigt ist, Wasser in ein
-kleines Holzgefäß zu gießen, »gut wird's gehn. Wenn
-Ihr nach Haus kommt, ist ein Bub' da.«</p>
-
-<p>Ob Bub', ob Mädel, ihm ist's gleich. Ein Esser
-mehr zu den dreien, die schlafend in Kisten an der
-Erde liegen. Und die Frau erwerbslos für die nächsten
-Wochen.</p>
-
-<p>Was ist zu tun? Wenn Gott es so bestimmt
-hat.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-Er läuft, um nicht in Strafe zu verfallen. So
-hastig rennt er durch die unerhellte, nebeldicke Morgenluft,
-daß er die Kälte, die sein Gesicht zerschneidet,
-nicht empfindet.</p>
-
-<p>Schon steht er zwischen seinen beiden Stühlen.</p>
-
-<p>Oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;...</p>
-
-<p>Oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... jeeeh heult
-zum zweitenmal die Pfeife.</p>
-
-<p>Sssss zischt die Dampfmaschine, bewegt die Arme,
-bringt den Betrieb in Gang; die Schützen fliegen
-durch die Kettenfäden.</p>
-
-<p>Und Vaclav weiß nicht, daß sich in das Ausklingen
-des zweiten Pfiffs daheim in seiner Hütte
-ein leiser Wehlaut mischt. Das erste Wimmern
-seines vierten Kindes.</p>
-
-<p>Piska &ndash; es pfeift &ndash; wird sie genannt. Die
-Dampfpfeife, die sie zur Welt gerufen hat, wird
-ihre Patin.</p>
-
-<p class="ce">*&emsp;*&emsp;*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Kind und Mutter. Alles Reiche, Starke, Zwingende
-ursprünglichster Instinkte&nbsp;... Fünf Wochen lang
-kriecht das Tierchen Piska an die Mutterbrust. Mit
-seinem Hunger, seinem Frost, mit jedem Zittern
-seines leiblichen Verlangens.</p>
-
-<p>Plötzlich liegt es in Verlassenheit. Lange Stunden,
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-Ewigkeiten. Die Händchen tasten in das Leere,
-die Lippen stoßen klagend etwas Mißschmeckendes
-zurück, schließen sich, lustlos saugend, um etwas
-Kaltes, Nahrungsloses; bis sie der Lebensquell aufs
-neue füllt; bis Mutterzärtlichkeit mit Brust und Arm
-und Mund den kleinen Körper wärmend einhüllt.</p>
-
-<p>In diesen Augenblicken tierischen Entzückens huscht
-durch das Dämmern des kindlichen Bewußtseins
-ein Geräusch, ein Laut&nbsp;...</p>
-
-<p>Oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;...</p>
-
-<p>Oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... oooh&nbsp;... jeeeh&nbsp;...</p>
-
-<p>Die Lust verschwindet. Piska ist allein. Großmutter
-schüttelt sie.</p>
-
-<p>»Psch, psch, Pisenka, raunz' nicht. Maminka
-kommt wieder, abends, wenn sie pfeifen.«</p>
-
-<p class="ce">*&emsp;*&emsp;*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Das Band zwischen Natur und ihr ist durchgeschnitten.
-Piska ist kein Säugling mehr.</p>
-
-<p>Doch von der Großmutter noch immer vor den
-anderen bevorzugt. Sie nimmt die Kleine mit, wenn
-sie, die schwarze Tasche auf dem Arme, zur Mittagszeit
-davonschlürft. Langsam, doch noch viel zu schnell
-für schwache, kurze Beinchen. Den Waldweg abwärts,
-über die Brücke, vor das große Haus.</p>
-
-<p>Sie warten lange, bis sein Tor sich öffnet. Viele
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-Menschen gibt es her. Männer, Frauen, Burschen,
-Mädel.</p>
-
-<p>Božena und Vaclav sind darunter. Bleich und
-verdrossen. Er unzufrieden mit dem Zugebrachten.
-Keine fünfzig Deka Fleisch die ganze Woche. Sie
-oft zu kraftlos, um zu essen.</p>
-
-<p>Sie sitzen zur Sommerszeit auf einer grünen
-Wiese. Im Winter in einem großen, kahlen Zimmer
-mit vielen anderen. Manch einer hätschelt
-Piska, schiebt ihr einen Bissen in den Mund, läßt
-Branntwein oder Bier in ihre Kehle laufen.</p>
-
-<p>Die Hand der Mutter liebkost sie nicht mehr.
-Müde ruht sie auf dem Schoß, in dem sich wieder
-neues Leben regt. Schon ruft es abermals zur Mühsal.
-Seufzend stehen alle auf, folgen der Mahnerin,
-der Unerbittlichen&nbsp;...</p>
-
-<p>Oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;...</p>
-
-<p>Oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... oooh&nbsp;... jeeeh&nbsp;...</p>
-
-<p class="ce">*&emsp;*&emsp;*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Was sich die kleine Piska alles denkt, wenn sie
-die Pfeife hört. »Ein großer Mann, ein Riese,
-noch höher als ihr Häuschen, der so schreit.«</p>
-
-<p>Sie ahmt ihm nach, wenn sie mit den Kindern
-spielt. Auf der offenen Heerstraße, die ihr Spielplatz
-<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-ist. Sie pfeift, die anderen müssen in den Winkel
-rennen, »in die Fabrik«. Im Winter dringt
-ihnen der Schnee in die zerlumpten Stiefel. Im
-Sommer wühlen ihre nackten Sohlen den Staub
-auf, daß er in Wolken aufsteigt und ihnen fressend
-in die Lungen dringt.</p>
-
-<p>Viel später, Piska geht schon in die Schule und
-weiß: es ist der Dampf, der mit so tobendem Gekreisch
-entweicht, verbindet sie geheimnisvolle Vorstellungen
-mit dem grellen Schrei.</p>
-
-<p>Er ist ihr der Direktor, vor dem die Mutter zittert,
-der die gut und schlecht bezahlte Arbeit zu vergeben
-und die Strafen anzusetzen hat. Auf den der
-Vater schimpft: »Lump, verfluchter, tritt den Arbeitsmann,
-kriecht dem Herrn in den H.....n!«</p>
-
-<p>Oder gar der Herr Besitzer selbst, der furchtbar
-reiche, der die Tasche voll mit Sechserln hat, alle
-Tage zweimal Fleisch kriegt und drei Liter Pilsener
-Bier dazu.</p>
-
-<p>Oder sonst ein Übermächtiger, ein Zauberer.</p>
-
-<p>Alles richtet sich nach ihm. Daß die Eltern weggehen
-und daß sie wiederkommen. Daß es Samstag
-eine halbe Stunde früher die Suppe und die
-aufgewärmten Knödel gibt. Daß die Mutter dann
-das Zimmer aufreibt und die Kinder badet. Daß
-der Vater erst um Mitternacht nach Hause kommt
-<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-und die Mutter prügelt, die ihm weinend vorwirft,
-daß er wieder den halben Wochenlohn vertrunken hat.</p>
-
-<p class="ce">*&emsp;*&emsp;*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Nun ist sie selber in des Zauberers Bann geraten.</p>
-
-<p>Bei der Mutter, die die Fäden durch die Zeuge
-zieht und sie an eine neue Kette andreht, hockt die
-Kleine. Garnabfälle hängen ihr am Arm, und die
-Finger lernen Weberknoten.</p>
-
-<p>Eine blasse, magere Vierzehnjährige, der der Pfiff
-kein Spiel mehr bedeutet.</p>
-
-<p>Bald rückt sie auf, sitzt an der Spulmaschine. Wie
-beim Instrument die Tasten reihen sich dem samtnen
-Kissen Stifte an, auf denen die Bobinen stecken. Und
-dahinter trägt der große schräge Rahmen Spulen.</p>
-
-<p>Aufgepaßt. Nicht geprudelt, nicht gefaulenzt. Geld
-verdienen. Aufgepaßt, daß keine Fäden reißen, daß,
-wenn die Bobine abgespult ist, kunstgerechte Knoten
-zu der neuen führen. Und daß ja der Baumwollflug
-nicht auf dem Kissen bleibe und den Faden schädigt.</p>
-
-<p>Schwere Arbeit für die schwachen Kräfte. Aber
-Jugend, goldene Jugend. Über deine Brücke geht
-aus jedem Dunkel der Weg zu hellen Fröhlichkeiten.</p>
-
-<p>Neckereien, Gelächter, Püffe rechts und links. Rasch
-und heimlich. Wenn ein Unberufener naht, gleich die
-Augen wieder ehrbar auf die Bank gerichtet. Eine Hetz'!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-Und endlich pfeift sie doch, die Stunde der Erlösung.
-Wie dann mittags im Winter der aufgewärmte
-Kaffee schmeckt. Im Sommer die Handvoll
-Birnen und die saure Gurke.</p>
-
-<p>Manche freilich essen besser. Streichen Schmalz
-aufs Brot und kaufen einen halben Liter Bier in
-der Kantine. Zu so etwas reicht Piskas Lohn noch
-nicht. Sechzig Heller täglich; dreißig davon an die
-Mutter. Was bleibt da für den Putz? Mag auch
-jeder arbeitsfreie Augenblick beim Sticheln aufgehen,
-beim Waschen, Stärken, Bügeln. Dem Johann
-Tronezek zuliebe.</p>
-
-<p>Der Johann Tronezek steht schon am Webstuhl.
-Er webt Kattune. Schlecht bezahlte Ware. Leichte
-Ware, wie er selber ist. Kein hübscher Junge. Dürr
-und käsig. Sohn eines Säufers und mit Branntwein
-aufgezogen. Aber flink und frühreif wie die
-Piska selber.</p>
-
-<p>Sie passen gut zusammen, wenn sie am Sonntag
-miteinander tanzen. Stundenlang. Die Arme eng
-verschränkt, die Hände gegenseitig auf den Schultern,
-die Köpfe einander zugeneigt, daß die Stirnen
-sich berühren. Brust und Leib dem anderen angeschmiegt,
-schieben, drehen und drängen sie sich durch
-den Knäuel der Paare. Sie sprechen nicht. Das
-Mädchen schließt die Augen, öffnet ihre Lippen.
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-Gibt sich in sinnlicher Verzückung der Wonne hin.
-Dem Tanz, der schwindelnden Bewegung, der dichten
-Nähe ihres Burschen.</p>
-
-<p>Die Luft wird schwül und dick. Aus Bierneigen,
-Speiseresten, Menschenschweiß ballt sich Gestank zusammen.
-Die Fiedel quietscht, der Baß ist brummig
-und verstimmt, mißtönig kreischt der Chor der halb
-Betrunkenen dazwischen. Das Mädchen sieht, hört
-und riecht es nicht. Die Augen zu, die Lippen offen,
-dreht sie sich inbrünstig im Kreise.</p>
-
-<p>An ihres Liebsten Körper angepreßt, genießt sie
-dumpf und unbewußt, wonach des Menschen tiefste
-Notdurft schreit &ndash; das Glück.</p>
-
-<p>Andere haben Muße, Bildung, Luxus, Kunst,
-Natur.</p>
-
-<p>Sie hat nichts als diese kurze Freiheit. Der Inhalt
-ihres Lebens drängt sich in diese Stunden.
-Sie sind das Licht, nach dem die Schatten ihres
-Daseins flüchten, die Sonne in dem Dunkel ihres
-Denkens, die Freude, die sie gierig einschlürft, mit
-all der Leidenschaft, die das Entbehren ihrer Seele
-in ihrem Körper aufpeitscht.</p>
-
-<p>Tanz und Liebe&nbsp;... Bis zur Neige leert sie den
-Becher, sinnlos, zügellos. Dem allzu schnell enteilten
-Tag fügt sie die Nacht hinzu, den frühen
-Morgen. Noch eine Runde&nbsp;... eine noch&nbsp;...</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-Erschöpft und schwindlig möchte sie die fliehenden
-Minuten halten.</p>
-
-<p>Oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;...</p>
-
-<p>Oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... oooh&nbsp;... jeeeh&nbsp;... schreit
-die Pfeife.</p>
-
-<p>Der Arbeitstag ist da, rennt, Leute, eilt, daß
-ihr der Strafe nicht verfallt!</p>
-
-<p>In ihren Sonntagskleidern, ungesäubert, ungestärkt,
-stürzen sie den Berg hinunter, den Fluß entlang,
-über die Brücke, an das große Tor&nbsp;...</p>
-
-<p>Gerade sitzen, Piska, die Lider offen halten! Aufpassen,
-nichts verpatzen, Geld verdienen!</p>
-
-<p class="ce">*&emsp;*&emsp;*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Piska tanzt noch immer. Aber lange Pausen legt
-sie zwischen jede Runde. Ihre blauen Augen liegen
-tief und schwarzumrändert in den Höhlen, ihre jungen
-Züge sind verfallen, lässig schleppt sie ihre Glieder.
-Sie ist krank. Doch diese Krankheit gilt nicht bei
-der Krankenkasse. Auch zu Hause muß sie sie verschweigen.
-Aus Angst vor Prügel und vor hartem
-Zanken.</p>
-
-<p>Zwar die Mutter wurde auch erst kurz vor Piskas
-Ankunft Vaters Frau. Doch der Eltern eigene Verfehlung
-strafen sie bei ihren Kindern. Anständig soll
-die Tochter bleiben, Geld nach Hause bringen. Überhaupt
-<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-die Piska, so ein Fratz, noch keine sechzehn. Und
-die Mutter selbst noch alle Jahre in der Hoffnung.</p>
-
-<p>Auch der Johann ist verdrossen. Nicht wie sonst
-macht er sich häufig in dem Spulmaschinenraum zu
-schaffen. Sie ist es nun, die einen Vorwand sucht,
-den Websaal durchzulaufen. Aber das Getöse übertönt
-die Stimme. Sie zieht ihn mit sich in den
-Seilgang.</p>
-
-<p>Nur ein Wort.</p>
-
-<p>Na also &ndash; was? Wie wenn er nicht schon wüßte.
-Also ja, wie oft soll er es sagen. Er wird sie nehmen.
-Wahrscheinlich. Später, wenn sie beide mehr verdienen.
-Aber gleich das Haus voll Kinder. Dafür
-dankt er. Sucht sich lieber eine andere, die nicht
-so ungeschickt ist. Na &ndash; nicht gleich. Sie braucht
-nicht so zu weinen.</p>
-
-<p>Sie drängt sich angstvoll an ihn an. Eine kurze,
-heftige Umarmung vereint die beiden, die Strafe und
-Entdeckung nicht bedenken.</p>
-
-<p class="ce">*&emsp;*&emsp;*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Hochsommer. Glühend brennt die Sonne auf die
-ungeschützten Scheiben. In schrägen Streifen tanzt
-der Staub und Baumwollflug im Saale. Piska
-sieht weiß aus. Ihre Finger zittern, wenn sie den
-Knoten knüpfen sollen. Bei jeder Lohnauszahlung
-<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-trifft sie seit Wochen eine Strafe, und der Direktor
-droht mit der Entlassung.</p>
-
-<p>Jetzt nimmt sich eine Mitleidige ihrer an.</p>
-
-<p>»Geh' bissel auf die Luft, ich gib' dir Obacht.«</p>
-
-<p>Die Kleine wankt hinaus; sie schleppt sich aufwärts
-in den Wald. Ein Tier, das in das Dickicht
-kriecht, dort zu verenden.</p>
-
-<p>Ist ihr schlecht. Jeschisch Margotte&nbsp;... was für
-Schmerzen. Sie schreit und jammert. Stromweise
-stürzen ihr die Tränen aus den Augen, die Hände krallen
-in die glatten Tannennadeln, die den Boden decken.</p>
-
-<p>Die Pfeife hört sie noch und denkt verworren:
-Wenn man nur nicht gemerkt hat, daß ich eher weg
-bin. Dann überwältigen die Qualen die Gedanken.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Ein grelles, langgedehntes, aufheulendes Brüllen
-weckt sie auf. Sie möchte aufstehen, an die Spulbank
-eilen.</p>
-
-<p>Sie kann nicht. Entkräftet, sterbend sinkt sie nieder.
-Und in das Ausklingen der Pfeife mischt sich ein
-leiser Wehlaut. Das erste Wimmern ihres Kindes.</p>
-
-<p>Der Kreislauf ist vollendet. Ein Leben geht zugrunde
-und gibt der Arbeit einen neuen Sklaven.</p>
-
-<p>Oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;...</p>
-
-<p>Oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... oh&nbsp;... oooh&nbsp;... jeeeh&nbsp;...</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-Wir saßen mit gesenkten Köpfen. Von der Trostlosigkeit
-dieser Zustandsschilderung bedrückt und aufgereizt,
-uns zu verachten. Nur ein grauhaariger
-Herr, wie schlafend an die Kachelwand gelehnt und
-in die Spiralen seiner kunstgerechten Rauchringe
-gewickelt, schlug die Augen auf und sagte: »Ja, so
-seid Ihr. Immer Weiß und Schwarz. Der Proletarier
-ist edel, der Bürger ist ein elendes Subjekt.
-Ein Ausbeuter. Und ohne ein paarmal hunderttausend
-Guldenrente tut Ihr's bei ihm nicht. Meiner
-Erfahrung nach taugen wir Menschen auf beiden
-Seiten nichts. Wer die Macht hat, übt Gewalt
-und unterdrückt das Recht. So ist's von Weltanfang
-gewesen. Wenn Ihr am Ruder seid, werdet Ihr's
-nicht anders machen.« Er bewegte die Feder seines
-Benzinfeuerbüchschens, entzündete bedächtig eine
-frische Zigarette und führte ein Beispiel für seine
-Weltanschauung an.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-Die Erziehung zur Bosheit</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-Denkt euch einen braunen Wollknäuel, dem man
-vier Pfötchen und ein Schwänzchen angebunden hat.
-Oder noch besser, stellt euch eine Kugel vor, mit
-einem braunen Fellchen überzogen. Daran ein Köpfchen
-mit zwei blanken Augenpunkten, einem schwarzen
-Näschen und einer sammetweichen Schnauze.
-Oder ein lächerliches, winzig kleines Löwenjunges&nbsp;...</p>
-
-<p>Aber vielleicht glich Bello, als ihn der Gärtner
-in der Rocktasche vom Markte mit nach Hause
-brachte, am meisten einem jener Spielzeugshunde,
-die schreien, wenn man sie etwas auf den Magen
-drückt. Nur daß man Bello dazu nicht zu drücken
-brauchte. Denn er klagte unaufhörlich um die Mutter,
-der man ihn zu früh entrissen hatte. Selbst,
-als er sich bereits darein ergeben hatte, tags die
-leere, kalte Luft und nachts eine lieblose Filzdecke
-über sich zu fühlen (an Stelle des weichen, gastfreundlichen
-Leibs, in dessen tierisch temperierter
-Wärme er mit den Geschwistern gekuschelt war),
-suchte sein Mäulchen sehnsüchtig im Halbschlaf die
-stets bereite Nahrungsquelle. Und er weinte schmerzlich,
-wenn noch niemand wach war, um ihm das gewohnte
-Dämmerfrühstück zu kredenzen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-Nach und nach verblaßte in ihm die Erinnerung
-an die Großmut der Natur. Er paßte sich der
-rauhen Notwendigkeit an, und aus dem wehleidigen
-Säugling wurde ein frohes, spielerisches Kind. Mit
-der Vertrauensseligkeit der ersten Jugend blickte er
-ins Leben. Wenn er des Morgens über die Schwelle
-des Gartenhäuschens rollte, trat er wie ein Herrscher
-in sein Reich. Die ganze Umwelt war sein Eigentum.
-Die kiesbestreuten, glattgeharkten Wege, die
-Blumenbeete, das Birkenwäldchen und der Rosenflor.
-Und die Himmelsglocke, die über dem Garten
-blaute, und die Sonnenflecken, die den grünen Rasen
-rötlich sprenkelten.</p>
-
-<p>Er war keinen Augenblick im Zweifel, daß auch
-die Villa ihm gehöre, die Freitreppe, die zu der Eingangshalle
-führte, die Korbmöbel und Lorbeerkübel.
-Und daß der Spitzensaum der Tafeldecke nur darum
-tief herabhänge, um seinen Pfötchen ein angenehmes
-Spiel zu bieten. Wenn ihn ein unmutiges Wort
-verscheuchte, hielt er's für einen Scherz und antwortete
-in der Sprache, die er eben erst in sich entdeckt
-und die anzuwenden ihm offenbar eine richtige
-Erfinderfreude gab; antwortete mit einem Bellen,
-das an das Krähen eines sehr jungen Hahnes gemahnte.</p>
-
-<p>Ohne Hochmut besuchte er die Küche, schnupperte
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-in allen Winkeln, schleckte alle Schüsseln aus und
-verschaffte sich Genüsse, die ihm sein zweites Vaterhaus
-nicht bot.</p>
-
-<p>Für Zärtlichkeiten war er sehr empfänglich.
-Wehrte sich nicht, wenn die Küchenmagd ihn auf die
-Ohren küßte. Und träumte sich auf dem Schoß der
-umfangreichen Köchin, von ihrem hinströmenden
-Busen überragt, in den Dunstkreis seiner Kinderstube.
-Allem Beweglichen und Raschen sprang
-er entgegen; ob es auf vier oder zwei Beinen
-ging, auch nur ein Schatten war, ein Blatt, das
-eigene Schwänzchen, nach dem er sich im Kreise
-drehte.</p>
-
-<p>Doch seine liebsten Kameraden waren die kleinen
-Jungen, die allmorgendlich die Zeitungsblätter
-brachten. Sie kamen stets zu zweit, als fühlten sie,
-daß ihre dürftige Erscheinung erst verdoppelt <em class="ge">ein</em>
-Individuum ergebe. Sie gingen barfuß, ihre ausgewachsenen
-Kleider waren mehr zerrissen als geflickt,
-und in den abgemagerten Gesichtern standen
-die dunkeln Augen unnatürlich groß.</p>
-
-<p>Bello bereitete ihnen stets einen festlichen Empfang.
-Schon von weitem lief er ihnen zu, umhüpfte
-sie und entschüchterte sie so geschickt mit seinen Kapriolen,
-daß sie zum Schluß mit ihm auf einem
-Haufen gemeinsam an der Erde lagen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-Damit war der Gärtner, Bellos Besitzer, gar
-nicht einverstanden. Er mißbilligte schon Bellos
-Verkehr im Herrenhaus. »Bello soll nicht zutunlich
-zu Tier und Menschen sein. Bös soll er werden,
-mißtrauisch und scharf, sonst taugt er sein
-Lebtag nicht zum Kettenhund,« und duldete nur
-aus wirtschaftlichen Gründen sein herzliches Verhältnis
-zu der Köchin. Die Freundschaft mit den
-Zeitungsbuben aber war ihm geradezu zuwider. Zum
-Schutz gegen Leute, die barfuß gingen und abgenutzte
-Kleider trugen, sollte der Hund ja gerade aufgezogen
-werden.</p>
-
-<p>Es wurde Bello sehr schwer, seine Bestimmung
-zu begreifen. Zu den ersten Kläpsen hatte er, wie
-ein rechter frecher Bengel, mit mutwilligen Lauten
-erwidert. Bald aber verspürte er, wie bitter Schläge
-schmecken.</p>
-
-<p>Diese Erfahrung nahm ihm das Vertrauen zu
-der Menschengüte. Und mit dem Kinderglauben auch
-die Kinderzuversicht. Er lernte lügen und betrügen.
-Er tat heimlich, was er bisher für sein gutes Recht
-betrachtet hatte. Mit geducktem Kopf, das Schwänzchen
-(sonst der Vergnügungsanzeiger des kleinen Körpers)
-zwischen die Beine eingeklemmt, schlich er in
-die Halle, vor jeder Handbewegung fluchtbereit. Den
-Berührungen der Dienstboten wich er ängstlich aus
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-und stahl, was ihm bisher freiwillig angeboten worden
-war.</p>
-
-<p>Am zögerndsten entsagte er der Neigung zu den
-zerlumpten Kameraden. Immer wieder wurde er
-im Spiel mit ihnen angetroffen.</p>
-
-<p>Da band der Gärtner ihn zur Strafe eines Nachts
-zum erstenmal in der großen Hundehütte fest. Verlassen,
-frierend, von Furcht und Sehnsucht fast von
-Sinnen, bat er unaufhörlich: »Verzeiht mir doch!
-Ich will ja brav sein! Kommt denn niemand? Laßt
-mich nicht allein!« Und unterbrach sein Winseln
-nur, um hämmernden Herzens, mit aufflammender
-und immer neu enttäuschter Hoffnung aufzuhorchen,
-ob die Erlösung sich nicht nahe&nbsp;... Und in der nächsten
-Nacht derselbe Jammer&nbsp;...</p>
-
-<p>In den Stunden der Verzweiflung reifte langsam
-die Ahnung von dem Weltzusammenhang in ihm.
-Von der Macht des Starken. Daß der Schwache
-rechtlos sei und daß ihm nur <em class="ge">eine</em> Waffe zu Gebote
-stehe &ndash; die Bosheit. Er veränderte sein Wesen.
-Das Fellgekräusel wurde glatt, die Blicke kehrten
-sich nach innen, die Schnauze streckte sich und gab
-ihm das Aussehen eines Fuchses.</p>
-
-<p>Neun Monate war er alt, als er nach dem jüngeren
-der Zeitungsträger schnappte.</p>
-
-<p>Das Bübchen hatte sich, in dem Verlangen nach
-<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-dem langentbehrten Spielgefährten, bis zum Gartenhäuschen
-vorgewagt. Es hielt das Knurren Bellos,
-dem man streng aufgetragen hatte, niemanden in
-die Wohnung einzulassen, für eine der beliebten
-Narrenpossen seines Freundes, und überschritt die
-Schwelle. Da biß der Hund nach ihm&nbsp;... über das
-magere Beinchen rieselte das Blut in Tropfen&nbsp;...</p>
-
-<p>Der Gärtner lobte seinen treuen Wächter und
-belohnte ihn mit einer halben Wurst.</p>
-
-<p>Bellos Erziehung war vollendet.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-Unweit von mir trocknete eine junge Dame im
-Verborgenen eine Träne ab. »Das war eine traurige
-Geschichte. Armer Bello.«</p>
-
-<p>Die Männer lachten. Einige im Ärger, andere belustigt.</p>
-
-<p>»Meine Freundin Isabella liebt die Tiere über
-alle Maßen,« entschuldigte Isabellas Nachbarin.</p>
-
-<p>»Und du meinst, Franziska, daß ich mich dessen
-schämen sollte?« Isabellas Stimme, zuerst wie von
-Müdigkeit verschleiert, wurde klarer.</p>
-
-<p>Ich dachte, sie hat den D-Moll-Klang des »Immer
-leiser wird mein Schlummer«-Lieds von Brahms.</p>
-
-<p>»Ja, ich liebe sie, die Tiere,« fuhr sie fort, »sie
-sind so hilflos wie die kleinen Kinder, sie sind so
-ganz auf unsere Güte angewiesen und haben zu uns so
-ein rührendes Vertrauen. Wir aber täuschen sie beständig
-und mißhandeln sie zum Lohn für ihre Liebe.«
-Sie hob sich etwas aus dem weiten Mantel, in den
-sie, fröstelnd, eingesunken war. »Nur wir Frauen
-sind ihnen überlegen in der Fähigkeit, stumme Martern
-zu ertragen.« Sie hatte ihren Platz verlassen
-und stand sehr schlank in einem hochgegürteten Gewand
-von weicher schwarzer Seide, ein dünnes Perlenschnürchen
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-um die weiße Kehle. »Ach, was wißt
-ihr Männer, wie wir Frauen um die Liebe leiden
-können. Wir haben einen sechsten Sinn dafür.«</p>
-
-<p>Ich dachte: Was tut sie? Wie weit wird sie sich
-vergessen?</p>
-
-<p>»Wir liegen auf der Erde und zerschlagen
-unsere Brüste, wir hassen euch und möchten euch verwünschen.
-Aber wenn ihr kommt, findet ihr uns
-schmeichlerisch und zärtlich. Wir wissen, ihr wollt
-von uns die Wahrheit nicht. Und nur durch die
-Sinne halten wir euch fest.« Ich hätte zu ihr treten
-und sie verhindern mögen, sich weiter vor fremder
-Neugier zu entkleiden, aber sie schien schon rettungslos
-dem Zauber dieser Nacht verfallen, der die
-Schlösser an den Herzen sprengte und die Seelen
-zwang, schamlos zu sein. Nur tiefer in das Zimmer
-zog Isabella sich zurück. Wie auf einer Geigensaite
-sang der Mollton ihrer Stimme aus der Ferne.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-Vision</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-Noch einmal liebte er. Noch einmal hüllte ihn die
-Leidenschaft in ihren Purpurschleier, noch einmal
-träumte er das holde Märchen vom Sichverlieren
-und in einer anderen wiederfinden. Doch sein
-Schlummer war nicht tief. Im Traume wußte er
-von seinen Träumen, und daß ein lauter Anruf ihn
-erwecken würde. Und der Schleier, der ihn hüllte, war
-nicht unversehrt. Ein Riß nur, und das Licht des Alltags
-drang durch seine Maschen. Das wußte er, und er
-zäumte Dunkelheit und Stille um sein letztes Glück.</p>
-
-<p>Sie liebte ihn. Ihr ging zum erstenmal des
-Weibes Lebenssonne auf. Kein Zweifel war in ihr.
-Mit demütiger Wonne gab sie ihr Ich an ihn verloren.
-Um Anbeginn und Ausgang ihrer Liebe standen
-Ewigkeiten. Ein Reichtum war in ihr, ein Jubeln
-und ein Singen. Und ein Drang, sich zu entdecken,
-zu bekennen. Jede Erinnerung holte sie aus
-den Verborgenheiten des Empfindens, um sie mit
-dem Geliebten nochmals zu durchkosten. Und sie verlangte
-ihren Anteil an jeder Regung seines Wesens.</p>
-
-<p>Er lächelte und schwieg. Er schloß die Augen,
-legte ihr die Finger auf die Lippen, zog sie in seine
-Arme, riß sie mit sich in das Meer der Seligkeiten.
-Und über ihren Häuptern schlug die Flut zusammen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-Doch wenn ihr die Besinnung wiederkehrte, hörte
-sie, wie ihre Seele klagte: du schwelgst und läßt
-mich darben. Du glühst, und ich erfriere. Fühlst
-du denn nicht? Er ist nicht dein Freund. Was er
-dir gibt, ist nichts als sein Begehren.</p>
-
-<p>Dann weinte sie und forderte vom Schicksal: erhöre
-mich. Nimm ihm sein Begehren, gib mir dafür
-seine Freundschaft.</p>
-
-<p>Die Blüten ihrer Freude fingen an zu welken.
-Ein Mißton gellte durch ihr innerliches Jauchzen.
-In die festen Wurzeln ihres Glaubens drang ein
-Fäulnistropfen, und dem zerstörten Erdreich entwuchs
-der Schmerz wie eine kranke Blume.</p>
-
-<p>Er ahnte nichts von ihren Qualen. Dankbar genoß
-er ihr Verstummen und schlürfte ihre wehe
-Zärtlichkeit wie eine neue Würze. Er ahnte nicht,
-daß ihre Lippen, auf denen eben noch die seinen
-brannten, in sich den Schrei erstickten: Schicksal,
-erhöre mich. Nimm ihm sein Begehren. Gib mir
-dafür seine Freundschaft.</p>
-
-<p>Einmal aber kam es, daß ihre Zweifel durch ihr
-Schweigen brachen. Wie ein lang zurückgedämmter
-Strom stürzten ihre Klagen über ihn hinweg: »Du
-liebst mich nicht, an deiner Seele hab' ich keinen
-Anteil, du gibst mir nichts als deine Sinne.«</p>
-
-<p>Er blieb die Antwort schuldig. Er nahm sie sanft
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-in seine Arme, wiegte sie hin und her und sagte
-nur mit einem müden Lächeln: »Du Kind.«</p>
-
-<p>Am nächsten Tage fehlte er um die gewohnte Stunde.</p>
-
-<p>Sie stand und wartete auf ihn, in Unruhe zuerst,
-dann in Erstarrung. Sie stand ganz nahe bei der
-Tür, weit vorgebeugt, um das Nahen seiner Schritte
-eher zu erlauschen. Es wurde finster, und sie wartete
-noch immer. Sie zündete kein Licht an. Ihr
-war, als bringe ihn das Dunkel ihrer Sehnsucht näher.</p>
-
-<p>Plötzlich streifte sie sein Atem. &ndash; Sie fuhr empor
-und sah ihn in der Tiefe eines Sessels lehnen.</p>
-
-<p>Sie fragte nicht: wie ist er eingetreten? Sie fragte
-nicht: wer hat die Lampe angesteckt, die rot verschleiert
-aus der Ecke leuchtet? Ein Nebel lag auf
-ihrem Denken, sie fröstelte. Das kam daher &ndash; er
-hatte sie beim Kommen nicht geküßt.</p>
-
-<p>Er lehnte in der Tiefe eines Sessels, ihr gegenüber.
-Er erzählte von Erlebnissen und Plänen,
-forschte, wie sie sich tagsüber beschäftigt habe.</p>
-
-<p>Sie dachte: ist das seine Stimme? dieser gleichmäßige
-Klang, der niemals jäh erstickt und im Geflüster
-abbricht?</p>
-
-<p>Er zog ein Buch aus seiner Tasche, empfahl es
-ihr und bot sich an, ihr daraus vorzulesen.</p>
-
-<p>Sie wollte rufen: du &ndash; du &ndash; kommst du nicht zu mir?</p>
-
-<p>Der Laut erstickte in der Kehle.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-Er plauderte inzwischen weiter. Er wurde witzig,
-zuweilen wurde er sogar bedeutend.</p>
-
-<p>Sie dachte: ist er es denn wirklich?</p>
-
-<p>Sie fand ihr Bild nicht mehr in seinen Augen,
-aus seinen Zügen war jede Heimlichkeit gelöscht.
-Sie sagte gleichgültige Dinge. Es wurde eine angeregte
-Unterhaltung.</p>
-
-<p>Sie wollte aufstehen, sich in seine Arme stürzen.
-Etwas Unüberwindliches hielt sie zurück. Die kurzen
-Schritte, die sie von ihm trennten, waren nicht
-zu überschreiten.</p>
-
-<p>Sie dachte: wenn er es wirklich ist, dann hab' ich
-meine Liebe nur geträumt, den Mann mir gegenüber
-kenn' ich nicht.</p>
-
-<p>Jemand sagte: »Was euch vereint hat, ist zerrissen.
-Sein Leben ist erstorben. Du aber lebst.
-Und keine Brücke führt vom Lebenden zum Toten.«</p>
-
-<p>Ein mörderischer Griff preßte ihr Herz zusammen.
-Aus schwerster Not stöhnte sie auf&nbsp;...</p>
-
-<p>Sie lag im Dunkeln an der Erde. Ihre Wangen
-waren naß von Tränen. Und schnell, ehe die betäubte
-Seele sich von ihrer Angst befreien konnte,
-stammelte der Mund, mit blassen Lippen: »Schicksal,
-erhöre mich &ndash; nimm mir, wenn es sein muß, seine
-Freundschaft, aber laß, o laß mir sein Begehren.«</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-Isabella, jetzt auf einem niederen Schemel unterhalb
-des Fenstertritts gekauert, hätte die Wiederkehr
-in unsere Gemeinsamkeit nicht scheuen brauchen.
-Mit Ausnahme einer faunischen Bemerkung des
-grauhaarigen Zigarettenrauchers entheiligte kein
-Männerwort den Nachhall der ausgeströmten Klage.
-Nur in Franziska, mir entging es nicht, rang ein
-Kampf. Ein Widerspruch, ein Stolz? Mit einem
-Hochmut, der ihr wohl helfen mußte, ihre Abneigung
-gegen diese öffentliche Kundgebung zu überwinden,
-erkannte sie die Tyrannei der Sinnlichkeit nicht an.
-Mehr als den Geliebten suche die Frau jetzt in dem
-Manne den Vater ihrer Kinder, den gleichberechtigten
-Gefährten.</p>
-
-<p>Wieder war es eine Frau, die sich ihr entgegenstellte.
-Am wenigsten hätte ich es dieser zugetraut.
-Sie war mir jenseits jedes passionellen Sturms erschienen.
-Ich entdeckte bald den Einfluß, unter dem
-mein Urteil stand. Entgegen den heutigen Gebräuchen
-war ihre Kleidung der Anzahl ihrer Jahre angepaßt.
-Das gab ihr vorzeitig den Anschein der Matrone.
-Es gelang mir, ihr früheres Ich bildhaft vor
-mir wiederherzustellen. Die feine Linie des jetzt
-<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-zur Fülle neigenden Ovals, den schönen Schnitt der
-großen schwarzen Augen, jetzt von sanfter Traurigkeit
-verschattet, die Lockungen der Lippen, ehe die
-Zeit ihnen die Frische nahm.</p>
-
-<p>Fühlte sie von mir etwas zu sich herübertasten?
-Sie wendete sich nur an mich, als sie ruhig sagte,
-sie habe keine Vorstellung von einer Weltordnung,
-die es den Frauen möglich machen werde, vom Mittelpunkt
-ihrer Natur sich zu entfernen. Was für Geschöpfe
-würden sie dann sein? Vom Fluch des Triebes
-befreit, von der Versklavung durch das Blut, das
-seine Forderungen am gebieterischsten stellt, wenn
-es die Grenzen seiner Macht erreicht. Ruhigere
-sicher. Ob aber glücklichere? Ohne die Glorie ihrer
-tödlichsten, unentbehrlichsten, aus der Wurzel ihres
-Weibseins aufsteigenden Schmerzen. Ganz schlicht,
-die Farbe ihrer Wangen kaum erhöht, erzählte sie;
-es mochte ihr Erlebnis, es mochte das Tausender
-ihrer Mitschwestern gewesen sein.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-Herbst</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-Noch ein Tücherschwenken. Glück auf den Weg!
-Liebe! Liebste! Dann bog der Wagen um die Ecke,
-allmählich verkräuselte der aufgewühlte Staub.</p>
-
-<p>Doch noch verweilte Frau Beate an dem Gartentor.
-Mit feuchten Augen sah sie in die Herbstlandschaft
-hinaus.</p>
-
-<p>Durch die große Ruhe der Natur ging es wie ein
-Ton verhaltenen Gefühls. Wehmütig entflatterte
-das fahle Laub den kahlen Zweigen. Daneben aber
-flammten Bäume purpurn auf, als jauchzten sie im
-Abschiednehmen schon dem Wiedersehen zu. Und die
-grünen Wiesen, ganz durchwirkt mit lichten Herbstzeitlosen,
-gaben sich der auslöschenden Abendröte mit
-solcher Inbrunst hin, daß sie, wie von innen her,
-erglühten.</p>
-
-<p>Auch in Frau Beatens Seele war ein Weinen
-und ein Lachen. Unter einer sanften Traurigkeit sammelte
-sich eine aufsteigende Kraft in ihr, etwas wie
-ein Wunsch, der noch unter der Schwelle des Bewußtseins
-schläft.</p>
-
-<p>Vom Hause her kam jemand, um sich eine wirtschaftliche
-Anweisung zu holen. Das riß die Sinnende
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-aus ihrem Träumen. Langsam ging sie, die
-schwere Schleppe nachlässig gerafft, der Villa zu,
-den mit gelbem Kies bestreuten Weg entlang, zwischen
-den Rabatten, an denen noch ein paar späte
-Rosen blühten.</p>
-
-<p>Sie mied den Eingang durch die Halle, in der
-die Dienerschaft beschäftigt war, die gewohnte Ordnung
-wiederherzustellen und stieg die Seitentreppe
-aufwärts, zu dem Zimmer ihrer Tochter. Ein süßlicher
-Geruch schlug ihr entgegen. Er strömte aus
-den halbverwelkten Blumenkränzen, die sich, von
-liebevoller Hand gewunden, um die hellen Möbel
-schlangen.</p>
-
-<p>Beate öffnete ein Fenster, drehte den Verschluß
-der elektrischen Beleuchtung auf, das Zimmer befand
-sich noch in demselben Zustand, in dem die
-Neuvermählte es verlassen hatte. Allerlei Zierlichkeiten,
-wie eine elegante Frau sie zu ihrer Kleidung
-braucht, lagen durcheinander. Auf dem Teppich
-Nadeln, Bänder. Die weißen Seidenstrümpfe mit
-den Myrtensträußchen neben den Atlasschuhen, als
-seien sie eben von den Füßen abgestreift. Über die
-Sofalehne floß das Brautkleid wie ein Lebendiges
-hinunter, in seinen Falten hing noch der Duft zarter
-Mädchenhaftigkeit.</p>
-
-<p>Frau Beate drückte ihre Lippen in die weiche
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-Seide, innige Segenswünsche im Gemüt. Dann
-bückte sie sich nach dem Schleier, der auf den Fußboden
-herabgeglitten war.</p>
-
-<p>Mit Fingern, die vor Erregung bebten, hatte sie
-Kranz und Spitze aus dem Haar der Braut gelöst.
-Etwas hastig. Denn von Zeit zu Zeit hatte der junge
-Ehemann mahnend an die Tür geklopft. »Lena,
-Liebling, beeile dich ein wenig, bitte. Wir haben
-eine Stunde bis zum Bahnhof. Und bei dem Pech,
-daß wir gerade heute das Auto nicht benutzen
-können&nbsp;...«</p>
-
-<p>Glättend fuhren Frau Beatens Hände über das
-kostbare Gespinst, ein Erbstück, das von ihres Mannes
-Mutter stammte, und das auch sie an ihrem
-Ehrentag getragen hatte. Einundzwanzig Jahre war
-es her.</p>
-
-<p>Wie das lebendig vor ihr aufstand &ndash; den ganzen
-Tag über hatte es sie schon verfolgt. In einer
-anderen Stimmung als die Lenas war sie damals
-vor den Altar getreten. Nicht so siegessicher, weil
-nicht so begehrt. Mit der Unruhe im Herzen: werde
-ich Robert genügen? In demütigem Staunen: warum
-wurde gerade ich von ihm gewählt? Von ihm,
-dem so viel Älteren, Gereiften. So klug, so fein,
-so reich. Und sie hatte nichts als die frische Unberührtheit
-ihrer Jugend.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-Gut und rücksichtsvoll war er auf der Hochzeitsreise
-dann zu ihr gewesen, hatte sie vor den Kunstwerken
-Italiens und Griechenlands nicht fühlen
-lassen, wie wenig sie wußte und verstand. Und doch
-dieses Ungreifbare zwischen ihnen, diese Sehnsucht,
-ihm einmal aus verborgenster Empfindung »Du«
-zu sagen.</p>
-
-<p>»Laß uns nur erst zu Haus sein,« hatte sie sich
-getröstet, »nicht mehr fremden Blicken ausgesetzt.
-Dann will ich meine Schüchternheit bezwingen und
-ihm zeigen, wie heiß, wie leidenschaftlich meine Liebe
-zu ihm ist.«</p>
-
-<p>Da, noch vor der Heimkehr, jene Stunde, in der
-sie ihm ihr Geheimnis hatte anvertrauen müssen.</p>
-
-<p>Nein, hatte sie je eine so strahlende Glückseligkeit
-aus den Zügen eines Menschen brechen sehen?
-Ihre Hände hatte er geküßt, wenig fehlte, er wäre
-vor ihr auf die Knie gesunken.</p>
-
-<p>Fortan war sie mit ausgesuchter Sorgsamkeit von
-ihm behandelt worden, jedes Unbehagen, das sie
-traf, für ihn ein Schreck. Am liebsten hätte er sie
-gar nicht mehr verlassen. In ihrem ganzen Leben
-war sie noch nicht so verhätschelt worden. Was
-peinigte sie sich mit der Vorstellung: das alles
-gilt nicht dir. Du bist nur das Tabernakel für sein
-künftiges Idol.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-Frau Beate ging zum Toilettentisch, griff nach
-Lenas Bild und strich liebkosend darüber hin. Wie
-in nachträglicher Abbitte für allen Groll und
-alle Eifersucht auf das Übermaß der väterlichen
-Liebe.</p>
-
-<p>Das Kind. Das Kind, der Mittelpunkt alles Geschehens.
-Ihm zuliebe hatte sich die Frau allsommerlich
-auf Monate von ihrem Manne trennen
-müssen. Ihm zuliebe, um es nicht so lange zu missen,
-wurde dann das Landgut angekauft. Und damit das
-eigene Geschick besiegelt.</p>
-
-<p>Vor drei Monaten war Lena einer Einladung
-Barons von Norden, des neuen Gutsnachbarn, gefolgt.
-Ihr Vater, durch eine Erkältung verhindert
-sie zu holen, hatte ungeduldig der Verspäteten geharrt.
-Endlich &ndash; das Signal der Hupe. Heiß und
-aufgeregt war die Tochter dem Vater an den Hals
-geflogen.</p>
-
-<p>»Vatti, ich bin so unaussprechlich glücklich.«</p>
-
-<p>Sie war verlobt. Mit Kurt von Norden. Eine
-Liebe auf den ersten Blick, seit Wochen brannte sie
-in beiden. Auf der Heimfahrt war das »Ja« gefallen.</p>
-
-<p>Und nun wartete er draußen.</p>
-
-<p>»Darf er herein?«</p>
-
-<p>»Nein!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-»Auch morgen nicht?« Das verwöhnte Mädchen
-war ganz fassungslos geworden. »Du verweigerst
-deine Zustimmung? Aus welchen Gründen? Aber
-ich lasse nicht von ihm&nbsp;...«</p>
-
-<p>Was nun folgte: Tränen, Nervenkrisen, Selbstmordgedanken.
-Seit jener Zeit teilte Frau Beate
-Lenas Zimmer in der Nacht. Bis der Sieg errungen
-war. Die schlimme Brautzeit, auch für die
-Mutter, die den Vater trauernd leiden sah.</p>
-
-<p>Armer Freund! Wie tapfer er sich heute gehalten
-hatte (nur bei dem Trinkspruch auf das junge Paar
-war seine Selbstbeherrschung sekundenlang bedroht
-gewesen), mit welch gutgespielter Heiterkeit er sich
-erboten hatte, den Hochzeitswagen auf dem Weg zum
-Bahnhof selbst zu lenken. Aber in was für einer
-Stimmung würde er ihr wiederkehren?</p>
-
-<p>Mechanisch hatte Frau Beate in das Spiegelglas
-geblickt, ohne sich darin wahrzunehmen. Wie kam es,
-daß sie sich jetzt entdeckte? Daß aus dem Gedächtnis
-die Erinnerung an Huldigungen tauchte, die heute
-unbeachtet an ihrem Geist vorbeigegangen waren?
-Ein freches Wort dabei, nicht für ihr Ohr bestimmt:
-Wenn ich zu wählen hätte, weiß Gott, die Mutter
-wär' mir lieber.</p>
-
-<p>Sie drängte sich näher an das Glas heran, prüfte
-Haare, Haut, Gestalt. Wie ein Schauer überlief sie
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-ein Verständnis, das schon vorhin leise aus der
-Natur zu ihr gesprochen hatte. Daß dem Verblühen
-ein heftigerer Reiz entströmen könne als
-dem Entknospen, der tödlich süße Schmerz des
-Endes, der dem Genuß die feinste Wollust gibt.
-Und jäh und heiß schoß ihr eine Vorstellung ins
-Blut: wenn er zurückkommt, gehört er mir allein.
-Wie vor einundzwanzig Jahren. Kein Drittes zwischen
-uns.</p>
-
-<p>Eine Hoffnung lohte in ihr auf, ihr Herz tat einen
-großen Sprung, sie mußte sich am Tischrand halten.</p>
-
-<p>Dann, verwirrt, mit fieberhaft erregten Pulsen,
-lief sie an einen Schrank, suchte, wühlte. Das Kleid,
-das sie in ihrer Hochzeitsnacht getragen hatte, war
-dort aufbewahrt. Ein weites faltiges Gewand aus
-blaßblauer Seide. Es paßte noch. Die Haare rasch
-gelöst, zu der Frisur von einst geordnet. Den Mantel
-umgeworfen, wie zu unerlaubter Tat hinabgehuscht,
-die spätblühenden Sträucher zu berauben. Die betauten
-Rosen in Roberts Junggesellennest getragen,
-daß sie ihre Düfte über die Einsamkeit des Lagers
-streuen.</p>
-
-<p>Im Dunkeln, hinter herabgelassener Gardine,
-spähte sie in die Nacht hinaus. Mit hämmerndem
-Herzschlag, in zitternder bräutlicher Erwartung und
-der Sehnsucht der gereiften Frau.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-... Männerschritte unten in dem Garten. Und
-oben in ihr eine fast mädchenhafte Scham, ihm hier
-zu begegnen, eine Wendung zu entfliehen. Zu spät,
-er ist schon auf der Treppe. Jetzt geht die Tür zu
-ihrem Schlafgemach. Gewiß, er sucht sie, gleich wird
-er die Schwelle dieses Zimmers übertreten&nbsp;...</p>
-
-<p>Da kommt ihr eine große Kühnheit. Sie macht
-Licht, er soll sie sehen, wie sie sich für ihn geschmückt.
-Nicht mehr nur die Mutter seines Kindes. Seine
-Liebste. Seine Frau. Wo er nur bleibt? Auf leichten
-Sohlen, die Nerven in weher Zärtlichkeit gespannt,
-schleicht sie hinaus, lugt durch die Spalte der angelehnten
-Tür.</p>
-
-<p>Vor dem Bett der Tochter liegt der Mann, das
-Gesicht im seidenen Pfühl begraben. Wie vom
-Krampf geschüttelt beben seine Glieder. Und er
-weint&nbsp;...</p>
-
-<p>Daß sie nur unbemerkt entkommen kann. In
-Lenas Stube reißt sie schamüberflammt die blaue
-Seide ab, knöpft ihren unscheinbarsten Morgenrock
-bis zu den Ohren zu, streicht die Haare fest zurück,
-zöpft sie zu einer matronenhaften Flechte.</p>
-
-<p>Hart und hörbar tritt sie auf, gibt ihm Zeit aufzustehen,
-sich zu besinnen.</p>
-
-<p>»Ich erfahre eben, daß du schon zurück bist, Robert.
-Bitte komm in das Rauchzimmer hinunter.
-<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-Dort ist für dich gedeckt. Du mußt mir von den
-Kindern erzählen. Und nach der langen Fahrt wirst
-du sicher hungrig sein.«</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-Ich hatte keinen Blick von der Erzählerin gewendet.
-In ihrer Selbstverständlichkeit zu Pflichterfüllung
-und Entsagung schien sie mir die Verkörperung
-der Fraulichkeit. Erstaunt bemerkte ich,
-daß sie das Interesse der anderen Hörer nicht in
-gleichem Maße erregte. Hier und da war einer
-aufgestanden, ich hörte gedämpftes Flüstern vom
-Fenster her. Als ich hinzutrat, nahm auch ich Leute
-auf der Straße wahr, die mit dringenden Gebärden
-Einlaß verlangten. Wir wagten nicht, den Bauer
-aufzuwecken, mochten auch nicht, wir die Selbstgeschützten,
-den Bittenden die Unterkunft versagen.
-So übten wir eigenhändig Hausrecht aus. Die Eingelassenen
-gaben sich als Fahrtgenossen zu erkennen.
-Nachträglich hatten sie den Zug verlassen und nirgends
-Aufnahme gefunden. Ich dachte, als sie sich
-aus ihren Hüllen schälten: seltsame Bettgenossen
-macht die Not. Ein Mann im Kaftan, Ringellocken
-an den Schläfen, ein zweiter, bartlos, abgezehrt,
-die Augen glanzlos, wie nach innen blickend,
-den schwarzen Rock hoch zugeknöpft, zum Mönch
-fehlte ihm nur die Kutte. Eine Frau zuletzt, robust,
-den blonden Scheitel weißlich ausgeblichen. Den
-Händen sah man an: sie scheuten sich nicht, unbedenklich
-zuzugreifen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-Und nun wurde zum erstenmal in diesem Raum
-gelacht. Als einer der Anwesenden sich auf die Weißlichblonde
-stürzte und sie sich beide vor Heiterkeit
-die Seiten hielten: da haben wir, meiner Seel', im
-selben Zug gesessen, und eins hat nix vom anderen
-gemerkt. Sie machten kein Hehl aus ihren Wie's
-und Wo's. Wer wollte, konnte es erfahren, daß der
-Südtiroler Aloys und die Holländerin Katje in
-Scheveningen in dem nämlichen Hotel bedienstet
-waren, vor zehn Jahren, er als Kellner, sie als
-Stubenmädchen. Laut und unbekümmert füllten sie
-die Lücken ihres Nicht-voneinander-Wissens aus.
-Geruch des Krieges haftete an ihnen. Ihn hatte
-England interniert, sie war in Flandern Pflegerin
-gewesen.</p>
-
-<p>»Und bist epper wieder in an Gasthaus angestellt?«</p>
-
-<p>Sie machte eine unzweideutige Bewegung der Zurückweisung.
-Einen Kriegsbeschädigten hatte sie zum
-Mann genommen, sie fingen einen kleinen Handel
-an. Um den Tod niet wollte sie wieder den reichen
-Janhagel bedienen und für ein paar dubbeltje Trinkgeld
-»Dank je well« zu jedem Lümmel sagen. Sie
-stieß Aloys in die Rippen: »Nicht Aloys? Was hat
-man da in die großen Hotels für ein Aasen mit die
-Guldens anschaun müssen und ein Schlingen und
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-Champagnersaufen, und ein paar Gassen weiter sind
-die armen Fischersleut' verreckt, bei Erdäpfel und
-Heringsschwänzen.«</p>
-
-<p>Die meisten schienen sich an ihrem derben Wesen
-zu ergötzen. Man ermunterte sie zu weiterer Gesprächigkeit.
-Sie glich einer Künstlerin, die Beifall
-findet, gab Berufsgeheimnisse zum besten, malte die
-Volkssitten an ihrer Heimatküste. Bunte Farbenflecken
-warf sie auf eine roh gezimmerte Palette.
-Ich habe sie vereint zum Bilde.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-Altersfrieden</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-Es ging ihnen gut, den Häuslersleuten im »Haus
-für arme Fischer«.</p>
-
-<p>In Armut waren sie geboren, in Entbehrung aufgewachsen.
-In Sorgen hatten sie gelebt, waren in
-schwerer Arbeit grau geworden. Nun aber litten
-sie nicht Not.</p>
-
-<p>Ein Dach zu Häupten und ein Lager, um den
-müden Leib zu betten. Ein Raum für jedes. Hoch
-genug, um aufrecht drin zu stehen, und breit genug,
-um, beide Arme ausgestreckt, die Mauern kaum zu
-streifen.</p>
-
-<p>An der weißgetünchten Wand ein Binsenstuhl,
-ein kleiner Tisch. Ein halbes Dutzend Nägel ob
-der alten buntbemalten Truhe. Und wem das nicht
-genügte konnte Bretter in den Bettschrank nageln
-und seine Habe darin bergen.</p>
-
-<p>Für ihren Magen war gesorgt.</p>
-
-<p>Kaffee des Morgens, Kaffee vormittags, mittags,
-nachmittags und abends.</p>
-
-<p>Und Sonntags Speck. Drei volle Pfunde. Wer
-seine Knochen noch bewegen konnte, dem stand es
-frei, sich seinen Tabak zu verdienen. Nur Branntwein
-<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-war verpönt. Der schädigte den Körper und
-die Seele.</p>
-
-<p>Zwölf waren sie. Verwaiste Eltern alle und
-keiner unter siebzig.</p>
-
-<p>Der Tod war durch ihr Haus gegangen und
-hatte sie verschmäht. Wegmüde Wanderer. Entzweigte
-Bäume, kronenlos, ins Lebensmark getroffen.</p>
-
-<p>Nicht alle waren Heringsfischer.</p>
-
-<p>Gwij Louw hat Zwiebel und Kartoffel eingesetzt
-und ausgegraben Jahr um Jahr. Vom vielen
-Bücken war sein Rücken krummgebogen.</p>
-
-<p>Joost Bluijs gab seine Kraft den Kähnen. Das
-Seil um seine Schultern ging er uferlängs mit
-schweren Schritten, zog die schwerbeladenen, flachen
-Kähne durch die Kanäle. Durch die stillen, grünumsäumten
-Wasserstraßen, der Landschaft Zierde
-und die Freude aller schönheitsfrohen Blicke.</p>
-
-<p>Frucht und Gemüse hatte Arrie Paap durch das
-Land geschoben. Winter und Sommer. Durch
-Schneesturm und durch Sonnenglut, durch Schlamm
-und Flugsand. Dem Karren unter, zwischen Räderkreischen,
-die beiden Helfer. Kleine Hunde, zottig,
-mager, unter ihrer Bürde aus atemlosen Lefzen
-keuchend. An hundert Tiere mordete die Straße.</p>
-
-<p>Huip van Spaart war Muschelsammler. Alltäglich,
-<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-nach der Flut, war er ins Meer gegangen,
-das Netz vor sich, quer durch die Wellen. Neben
-ihm, bis an den Bauch im Wasser, zog das alte
-Pferd den hohen Wagen. »Ho&ndash;i,« schrie Huip.
-Das Pferd stand still, der Fang fiel prasselnd in
-die Wagenhöhlung. Und weiter ging's, quer durch
-die Wellen, Mann und Pferd bis an den Bauch
-im Wasser.</p>
-
-<p>Huip lebte noch die Frau, wie auch dem Gwij.
-Joost Bluijs war Witwer. Erst seit kurzer Zeit.
-Nun durfte er das Doppelbett allein benutzen.</p>
-
-<p>Da war noch Aagje Kruit, die Armenmutter vor
-Eef Waas gewesen war. Und Tietje Boon, die
-nicht ganz richtig war im Kopf.</p>
-
-<p>Seit ihrer Jugend, meinten manche.</p>
-
-<p>Andere sagten, seit jenem Tag, an dem sie Mann
-und Kind verloren hatte.</p>
-
-<p>An einem Wintersonntag auf der Heimfahrt aus
-der Kirche.</p>
-
-<p>Im Treibeis kenterte das Boot. Der Vater hielt
-das Kind, bis die erstarrten Hände Hilfe fanden.
-Dann sank er kraftlos. Tietje, am Bugspriet angeklammert,
-bewußtlos, halb ertrunken, blieb am
-Leben. Sie lag in hohem Fieber, als man das Kind
-begrub.</p>
-
-<p>Sie saß meist und stierte in die Luft. Nur wenn
-<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-das Essen kam und man ihr das Verlangte nicht
-gleich reichte, erwachte sie und heulte wie ein Tier,
-das Schmerzen hat.</p>
-
-<p class="ce">*&emsp;*&emsp;*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Novemberabend.</p>
-
-<p>Heulend rast der Sturm. Aus seinem Brüllen
-schreit der Tod.</p>
-
-<p>Draußen &ndash; weit draußen &ndash; zwischen Gischt und
-Wirbel unter schwarzverhangenem Himmel. Bergehoch,
-tälertief wirft er das Fahrzeug, faßt es mit der
-Eisenfaust, zerbricht es &ndash; begräbt sein Leben in
-dem tollen Strudel. Jauchzend rennt er vorwärts,
-türmt die Wasser, rüttelt an den Dämmen.</p>
-
-<p>Auf das Armenhaus wirft er sich wütend. Dreihundert
-Jahre schon berennt er es, kämpft er mit
-der buntbemalten Puppe, dem alten Fischer, die den
-Giebel krönt.</p>
-
-<p>»Ich will dich zwingen, Popanz &ndash; heut' zertrümmere
-ich dich.«</p>
-
-<p>Drinnen in der Halle hocken die Alten um den
-runden Tisch. Auf die weißen Köpfe fällt das bleiche
-Licht der Hängelampe.</p>
-
-<p>Aber in den tiefen Ecken, wo die schwarzen
-Schränke stehen, ballen sich die Dunkelheiten, rücken
-<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-drohend näher, fressen an dem blassen Lichtkreis.
-Lärmend tost der Wind.</p>
-
-<p>Hui &ndash; ein Stoß &ndash; und wieder einer.</p>
-
-<p>Die rote Balkendecke zittert, zuckend tanzt die
-Lampenflamme, und die Mauern schwanken. Klirrend
-reißt es an den Fenstern. Eisig pfeift es
-durch die Ritzen, fegt mit Ungestüm quer durch den
-Saal.</p>
-
-<p>In den greisen Körpern friert das Leben. Zögernd
-schleicht das kalte Blut durch die welken Adern, und
-der Herzschlag stockt.</p>
-
-<p>Sie fordern murrend »Mutters Zimmer« in der
-bösen Nacht. Es ist kleiner und die Mauern dicker,
-man kann Feuer machen im Kamin.</p>
-
-<p>Mutter Eef hat nichts verstanden. Sie geht in
-dem blauen Wollkleid (Rock und Jacke, sommers,
-winters stets das gleiche), auf dem grauen Haar
-die weiße Haube, hin und wieder, räumt und ordnet.
-Noch ganz jung, kaum fünfzig Jahre.</p>
-
-<p>Ihr nettes Stübchen. Heute hat sie erst die
-roten Ziegelsteine reingescheuert.</p>
-
-<p>Nicht einmal die Katze, die ihr Liebstes ist, durfte
-auf die hohen Binsenstühle springen.</p>
-
-<p>Diese Horde Schweine, die nach Schmutz und
-Branntwein stinken, Tabak qualmen und in alle
-Ecken spucken.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-Nützen nichts, die tauben Ohren. Immer lauter
-wird das Murren.</p>
-
-<p>Und jetzt humpelt Aagje Kruit aus ihrem Stübchen.
-Einundneunzig, eingeschrumpft und eingetrocknet,
-schon der Erde nahe, in die sie bald gesenkt
-wird.</p>
-
-<p>»Hör', Eef, in solchem Wetter haben sie ein Recht,
-bei dir zu sitzen. Mach' das Feuer an in deiner
-Kammer.«</p>
-
-<p>Mageres Feuer. Ein paar Stücke Torf, ein Korb
-voll Dünengras. Doch es flackert, mischt sein sanftes
-Lied ins Sturmesheulen.</p>
-
-<p>Eng umdrängen es die Häusler. Dicht beisammen.
-Als ob Wärme aus den alten Körpern
-strömen könnte.</p>
-
-<p>Schweigend rauchen sie, schon halb entschlafen.
-Manchmal weckt ein Windstoß das Gedenken an
-Gefahren, die sie einst bestanden haben.</p>
-
-<p>Aagje Kruit fängt plötzlich an zu reden.</p>
-
-<p>Sie war Hebamme. Tausenden von Kindern hat
-sie auf die Welt geholfen, tausende verderben sehen.</p>
-
-<p>Sie erzählt von großen Kriegen. Von Napoleon.
-Von dem Brand in Moskau. Einer ihrer Brüder
-war dabei gewesen. Fahnenflüchtig war er heimgekommen,
-mit der Kunde von dem großen Brand
-und schwerem Elend.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-Mutter Eef, die Augen scharf auf Joost, schreit
-plötzlich auf.</p>
-
-<p>»Du Kerl, du Schwein, besoffenes Untier, hab'
-ich dir nicht streng verboten, auf die reine Diele
-auszuspucken? Siehst du nicht den Speinapf?«</p>
-
-<p>Sie faßt mit ihrer starken Hand den Alten und
-stößt ihn in die dunkle Halle.</p>
-
-<p>Alle anderen folgen, tappen in die Kojen, kriechen
-in die Kasten unter ihre Lumpen.</p>
-
-<p>Gwij und Huip und ihre Frauen schmiegen sich
-zusammen.</p>
-
-<p>Wieviel Nächte noch?</p>
-
-<p>Joost zieht heimlich seine Branntweinflasche aus
-dem Polster, heizt den alten Leib.</p>
-
-<p>Lautlos liegt das Haus, der Wind umheult es.
-Rüttelt an dem Giebel, an den Türen.</p>
-
-<p>Ab und zu erwacht ein Schläfer.</p>
-
-<p>War das nicht ein Schrei? Das Rufen eines
-Kindes, das vor vielen Jahren in solcher Sturmnacht
-auf der See ertrunken ist?</p>
-
-<p class="ce">*&emsp;*&emsp;*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Schweineschlachten. Fest im Armenhaus. Im
-November kauft die Mutter das Ferkel ein, zieht
-es unter aller Augen auf. Aller Hände haben es
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-betastet. Tag um Tag. Wie es zunimmt. Ob am
-Fett mehr, ob am Fleisch? Heut, im Februar, wird
-es geschlachtet. Dick van Keer, der alte Heringsfischer,
-der so oft den Todesschnitt geübt hat, darf
-es stechen.</p>
-
-<p>Seine dürre Hand, die zögernd zittert, wird noch
-einmal fest. Er stößt mit scharfem Messer in das
-Herz des Tieres, dessen Blut hervorschießt. In den
-Bottich, den Joost Bluijs ihm vorhält.</p>
-
-<p>Gwij und Arrie holen Pech herbei, bestreuen den
-Leichnam. Während Eef das Feuer auf dem Herd
-entzündet und den Kessel aufstellt.</p>
-
-<p>Siedend wird das Wasser auf das Schwein gegossen,
-daß die Borsten, aufgeweicht, sich schaben
-lassen.</p>
-
-<p>Alle Männer, ihre Kraft vereinend, ziehen und
-schleppen nun den schweren Körper in die Halle.
-Dort wird er gehängt und abgewogen.</p>
-
-<p>Juchhei! Zweihundertundzwanzig Pfund. Fast
-um zwanzig mehr als im vergangenen Jahr.</p>
-
-<p>Um das Tier geschart, besprechen sich die Alten,
-achten auf die Teilung, sehen den Frauen zu, die
-die Eingeweide waschen, umdrehen, salzen und zerkleinern,
-um sie in den langen Darm zu stopfen.</p>
-
-<p>Ihre Augen treten aus den Höhlen, ihre Zungen
-lecken lüstern ihre Lippen. Ganz beseligt tasten sie
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-die Seiten. Dieser Speck &ndash; so weiß und fest. Und
-die Schinken.</p>
-
-<p>Nein, sie werden dieses Mal nicht dulden, daß
-Eef irgend etwas von dem Schwein verkauft. Sie
-verlangen ihren Anteil an den Würsten, an dem
-Räucherfleisch.</p>
-
-<p>Es ist Geld genug im Armenfonds. Muß denn
-Zins auf Zins gelegt sein? Ihrer ist die Gegenwart,
-das Schwein. Was bekümmert sie die Zukunft?
-Ihre Tage sind gezählt.</p>
-
-<p>Mutter Eef hält Wacht mit scharfen Augen, daß
-kein Frecher sich an ihrem Gut vergreift. Jetzt
-faucht sie wie eine Katze auf. Ihre Faust in Arries
-Tasche, zerrt sie wütend, zieht das Stück, das er vom
-Schweinemagen heimlich abgeschnitten hat, heraus.</p>
-
-<p>»Halunke, Lump, gemeiner Dieb!«</p>
-
-<p>Arrie schweigt. Er ist zufrieden, daß der Eindringling
-die Flasche nicht gefunden hat. Seine
-liebe Branntweinflasche.</p>
-
-<p>In der Ecke, wie beleidigt, tut er einen tiefen
-Schluck daraus und reicht sie heimlich weiter.</p>
-
-<p>»Prosit! Unser totes Schwein soll leben.«</p>
-
-<p>Und sie lachen wie die Kinder, hundert Runzeln
-in den alten Zügen.</p>
-
-<p>Aus der großen Halle schrillt ein Wehruf. Lautes
-Weinen, wilder Jammer. Es ist Tietje Boon.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-Des Schweines Todeskampf, das blutig-rote
-Fleisch, der Blutgeruch haben sie erregt. Irgend
-etwas ringt sich dämmernd aus dem zerstörten
-Denken. Aus der Tiefe ihres Unbewußtseins tritt
-ein langvergessener Schmerz.</p>
-
-<p>Sie liegt auf dem Boden, heult, schreit, rauft sich
-die Haare.</p>
-
-<p>»Tietje Boon ist wieder mal nicht richtig,« sagt
-Gwij Louw zu Arrie. »Sicher ist es so.«</p>
-
-<p>Und den Umstand nutzend, daß die Mutter in
-die Halle geht, Tietje auszuschelten, leert er seine
-Branntweinflasche bis zur Neige.</p>
-
-<p class="ce">*&emsp;*&emsp;*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Konzert und Ball im Badhotel.</p>
-
-<p>»Für die Armen, liebe Leute, es sind ihrer viel
-im Dorf.«</p>
-
-<p>Mildtätigkeit rauscht aus den Seidenröcken, Mildtätigkeit
-blitzt aus den edeln Steinen.</p>
-
-<p>Mildtätigkeit entblößt die Büsten, schmückt die
-künstlichen Frisuren mit Band und Blumen, läßt
-Champagnerpfropfen knallen.</p>
-
-<p>Händedrücken &ndash; Augenschmachten &ndash; Hüftenwiegen.
-Die Verlockung wird zur Pflicht.</p>
-
-<p>Zweimal schon, zu je zehn Gulden einen Kuß,
-<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-hat der blonde Hauptmann Frau von Reuß die
-weißen Arme küssen dürfen.</p>
-
-<p>Für die Armen, liebe Leute, muß man Opfer
-bringen.</p>
-
-<p>Mutter Eef in ihrem blauen Kleid, stets das
-gleiche, auf dem grauen Haar die Spitzenhaube,
-deckt die Tafel, bringt die Teller, Gläser und Bestecke.
-Heute gibt es warmes Abendessen. Braten,
-süße Speisen, Wein und Bier und für jeden Mann
-ein Päckchen Tabak.</p>
-
-<p>Eben treten schon die Spender in die Halle. Ihre
-Wohltat zu vollenden, wollen sie die Armen selbst
-bedienen.</p>
-
-<p>Die Alten stehen sehr verlegen in den Türen ihrer
-Kojen.</p>
-
-<p>In ihrem Herzen kämpft die Sehnsucht nach den
-feinen Speisen mit der Scheu vor diesen Herrenleuten.</p>
-
-<p>Mynheer van der Werft, der reiche Reeder, tritt
-jetzt vor, hält eine Rede.</p>
-
-<p>Von der Güte Gottes, »denn der Herr ist auf dem
-Grunde jedes Tuns und Lassens. Täglich müßt ihr
-ihn lobpreisen, daß er euch so schön geführt hat. In
-dies Haus, wo euer Lebensabend hinfließt wie ein
-Bächlein, still und rein und ohne Sorgen.«</p>
-
-<p>Von der Menschengüte, die den alten Leuten
-<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-dieses schöne Fest bereitet habe. Von der Pflicht
-der Dankbarkeit für diese Wohltat, von der Pflicht
-der Demut und Zufriedenheit.</p>
-
-<p>»Ist er nicht bald fertig?« denken sich die Häusler.
-»Erdäpfel und Braten werden kalt.« Unter den
-gesenkten Lidern fliegen ihre Blicke nach der Tafel.</p>
-
-<p>Endlich!</p>
-
-<p>Um den runden Tisch sitzen jetzt die Alten. Das
-blasse Licht der Hängelampe fällt auf ihre weißen
-Köpfe. Anfangs zögernd, immer dreister greifen
-alle zu.</p>
-
-<p>Schmatzend essen sie und trinken glucksend. Das
-Geräusch des Kauens und des Schluckens mischt sich
-mit dem Rauschen der Gewänder. Wenn die Damen,
-die zum Volk heruntersteigen, Schüsseln reichen,
-Gläser füllen. Da fällt ein Teller klirrend auf die
-Diele und zerbricht. Er ist Frau von Reuß entfallen.</p>
-
-<p>Einer Ohnmacht nahe, starrt sie nach den Alten.
-Nach dem Lichtkreis über ihnen, den die Finsternisse,
-in den Ecken dicht geballt, umdrängen und ihn
-drohend fressen. Daß er matt und ungewiß die
-welken Körper und die dürren Glieder und die
-bleichen Wangen fahl beleuchtet.</p>
-
-<p>Ihr ist plötzlich: lauter Leichen sitzen um die Tafel.
-Fleischlose Gerippe, deren Kiefern zahnlos malmen.
-In den Dunst von Wein und Speisen steigen ihre
-<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-Verwesungsdüfte. Ihrer selbst nicht mächtig, stürzt
-sie durch die Tür ins Freie. Auch die anderen Herrenleute,
-schnell erkaltet in dem Eifer sich zu opfern,
-suchen einen Vorwand, sich zu flüchten.</p>
-
-<p>Unbekümmert, ohne aufzusehen, füllen sich die
-Alten Schlund und Magen. Sie vertilgen bis zum
-Rest die Braten, und sie leeren Wein und Bier zur
-Neige.</p>
-
-<p>Dann, des Übermaßes ungewohnt, sitzen sie betäubt.
-Ein Gefühl des Unbehagens überfällt sie,
-eine Lust zu streiten und zu raufen.</p>
-
-<p>Arrie Paap fängt plötzlich an zu winseln: hätten
-sie ihn doch gefragt. Hätten sie ihm, statt des
-Nachtmahls, doch lieber seinen höchsten Wunsch erfüllt,
-den letzten seines Lebens. Einmal noch nach
-Amsterdam zur Kirmeß. Auf den Straßen singen
-hören, tanzen sehen, in den Waffelbuden sitzen und
-das Karussell besuchen. Einmal noch in diesen großen
-Kutschen fahren. In den wunderbaren weißen Kutschen,
-ganz vergoldet und mit goldenen Pferden, die
-sich nach dem Klang des großen Spielwerks langsam
-drehen.</p>
-
-<p>An den Fingern zählt er sich die Kosten ab. Für
-Wein und Bier, und für den Braten, für die süße
-Speise. »Das hat mehr gekostet als die Fahrt zur
-Kirmeß, meint Ihr nicht auch, Mutter Eef.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-Eef ist sehr verdrießlich.</p>
-
-<p>Das Gesindel, diese feinen Damen. Erst sind sie
-so freundlich, bieten ihre Dienste an, wollen helfen
-und bedienen. Und dann rennen sie davon, lassen
-ihr die Plackerei und Arbeit.</p>
-
-<p>Keine einzige hat ihr etwas gegeben, keinen Cent,
-ihre Hand ist leer.</p>
-
-<p>Gerade nur, daß sie sich die beiden Flaschen Wein
-hat beiseite bringen können, und die halbe Torte
-und die Wurst.</p>
-
-<p>Arrie winselt immer noch in seiner Ecke. »Hätten
-sie mich doch nach meinem Wunsch gefragt.«</p>
-
-<p>»Du bist ganz besoffen, Kerl, leg' dich schlafen,«
-sagte die Mutter.</p>
-
-<p>Wütend schichtet sie die leeren Teller, packt sie
-auf den Arm und trägt sie weg. Auf dem Weg zur
-Küche murmelt sie verächtlich: »Diese reichen Leute.«</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-Katjes Erfolg war unbestritten; sie hatte der
-Frauen Mitleid angerührt, dem jungen Dichter eine
-neue Welt erschlossen, die geräuschvolle Zustimmung
-des tschechischen Genossen eingeheimst. So offensichtlich
-platzte nun auch Aloys aus allen Nöten vor
-Erzählerlust, daß ich lächeln mußte, wenn ich den
-Ton als höchst geschmacklos auch verdammte, als der
-grauhaarige Herr dem Südtiroler seine Zigarettendose
-reichte und ruhig sagte:</p>
-
-<p>»Na, Herr Oberkellner, und was haben Sie gegen
-ihre frühere Kundschaft auf dem Herzen? Heraus
-damit. Es kitzelt Sie ja schon in der Kehle.«</p>
-
-<p>Wie gekränkt in seiner Manneswürde hielt Aloys
-sich zuerst zurück. Dann siegte wohl die »Bitte sehr,
-bitte gleich«-Natur in ihm. Er verbeugte sich, und
-eingedenk vielleicht seiner Gewohnheit, die Zahl nach
-oben abzurunden, nahm er an Stelle eines Tabakstengels
-ihrer sechs aus dem Behälter.</p>
-
-<p>»Na natürli,« sagte er begütigend, »es is halt
-alles unterschiedlich auf der Welt. Es hat ihrer
-unter die Herrschaften viel noblichte und anständige
-a. Aber sell muß wahr sein: a fremds Brot is a
-sauers Brot. Und die Armen und die Reichen, das
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-paßt halt z'samm' als wie, mit Verlaub, an
-Schweinshaxel in an Judenmagen. Und um so mehr
-als wie sich Müh' geben, sich gemein mit unsereins
-zu machen, um so talketer stellens sich halt an. Auf
-d' letzt noch,« er rückte seinem Ziele näher, »acht
-Täg bevor i hab' weg müssen zu die Soldaten, is
-oben in unserm Alpenwirtshaus was passiert. Wenn
-die Herrschaften erlauben, werd' i so frei sein und's
-erzählen. Ein ganz a lustigs Stückl. Kurz is's a.«</p>
-
-<p>Er erbat sich Feuer von dem grauhaarigen Herrn,
-setzte sich an Katjes Seite und begann.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-Volksbeglückung</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-Es war die zweite Stunde eines heißen Julinachmittags.
-Um diese Zeit kam keine Kundschaft
-in die Schwemme des großen Alpengasthofes »Zum
-Latemar«, der auf einem Hochplateau erbaut war,
-von den Dolomiten wie von einem Kranz umgeben.
-Vefi Rifeser, die Kellnerin, konnte ungestört die
-Platte ihres Schenktisches seifen. Sie rieb und
-bürstete mit Eifer, wie jemand, dessen Gedanken
-nicht bei seiner Arbeit sind. Von Zeit zu Zeit fuhr
-sie mit der Schürze über die erhitzten Wangen und
-trocknete zugleich die nassen Augen.</p>
-
-<p>Die Vefi war ein mittelgroßes, schlankes Mädchen,
-mit brauner Haut, feurigen Augen und starken
-schwarzen Haaren. Sie war im Grödnertal geboren,
-von welschen Eltern, ihr Sinn war ungestüm, und
-ihr Geblüt war heiß. An schwülen Tagen wie dem
-heutigen machte es ihr viel zu schaffen und begehrte
-heim zu allem, was sie, dem Broterwerb zuliebe,
-dort zurückgelassen hatte.</p>
-
-<p>In solchen Augenblicken war es geraten, ihr aus
-dem Weg zu gehen, das Wort saß ihr dann lose auf
-der Zunge und die Hand lose im Handgelenk. Zwar,
-sie war auch sonst nicht maulfaul und verkniff sich
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-keinen derben Ausdruck. Mit den Bauern war sie
-grob aus Hochmut, weil sie sich ihrer Armut halber
-nicht von ihnen ducken lassen wollte, und mit den
-Städtern aus Schlauheit. Sie merkte wohl, daß
-ihre Art die Herrenleute in die Schwemme lockte,
-die Männer reizte und die Frauen unterhielt, und
-daß die Trinkgelder mit ihrer Keckheit wuchsen. Sie
-sah und merkte überhaupt so manches und lachte
-heimlich über die verrückten Leute, die sich vom Wirt
-und den Kellnern das Geld aus den Taschen ziehen
-ließen. Die, anstatt bis Mittag im bequemen Bett
-zu schlafen, vor Sonnenaufgang aufstanden und in
-die Berge liefen. Die voreinander den ganzen Tag
-Komödie spielten und sich in einem fort verkleideten;
-in der Früh' als Tiroler, in geflickten Lodenjacken,
-Lederbuxen und Dirndlgwand'ln, zu Mittag wie
-die Kunstreiter in Sportanzug und in Radelröcken,
-und auf die Nacht wie die Affen; die Mannsbilder
-in schwarzen Schniepeln und glänzenden Stiefletten,
-die Weibsleute obenher halbnackt, daß man sich
-schämte sie anzuschauen, untenher mit langen Seiden-
-und Spitzenfahnen, die sie auf dem roten Bergsand
-schleifen ließen. Und die sich alle auf die Gebildeten
-und Feinen spielten und doch grad' so nixnutzig
-waren, so verlogen und verliebt wie die gemeinen
-Leute auch.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-Vefi hatte Gelegenheit genug, das alles aus der
-Nähe zu beobachten; denn zum Verdruß des Landvolks
-und zum Ärger des feinen Oberkellners hielten
-sich viele Fremde lieber in der Schwemme auf als
-in der eleganten Halle des Hotels. Neugierig waren
-manche, konnten sich nicht genug tun mit Fragen
-nach bäuerlichen Sitten und Gebräuchen, als ob
-Tirol im Mond gelegen wäre. Andere kamen ihr
-mit Ratschlägen und Anerbietungen, mit unverschämten
-und auch gutgemeinten.</p>
-
-<p>Da war besonders ein Fräulein aus Berlin, Klarisse
-Müller hieß es, und wohnte schon seit einem
-Monat im Hotel, das hatte die Grödnerin in ihr
-Herz geschlossen und war ganz erpicht darauf, sie zu
-unterrichten. Dafür verlangte sie nicht nur keine Bezahlung,
-sondern sie beschenkte ihre Schülerin noch,
-um sie anzueifern. Aus diesem Grund ließ sich's
-die Vefi auch gefallen; aber sie war doch herzlich
-froh, wie das Fräulein auf ein paar Tage fortmachte,
-auf eine Bergtour.</p>
-
-<p>Heute namentlich, da ihr die Traurigkeit beinahe
-das Herz zersprengte, hätte sie sich lieber in ihrem
-Dorf um geringsten Taglohn schwer geplagt, als hier
-in der Fremde in ihrem Sonntagsstaat die Bauern
-zu bedienen und den Herrenleuten einen Hanswurst
-vorzumachen. Wie sie das grad' so bei sich dachte
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-und ihr dabei die Tränen wieder in die Augen
-stiegen, tat sich die Tür auf, Fräulein Klarisse trat
-herein; sie trug ein Päckchen in der Hand.</p>
-
-<p>»Grüß Gott, Vefi!« sagte sie mit norddeutscher
-Betonung.</p>
-
-<p>»Grüß Gott, Freilen,« erwiderte die Kellnerin
-nicht eben freundlich.</p>
-
-<p>Dabei bückte sie sich hinter die Kredenz, so daß
-sie die ausgestreckte Hand des Fräuleins nicht zu
-schütteln brauchte.</p>
-
-<p>Fräulein Klarisse nahm ihr das nicht übel. Sie
-hatte feste Theorien in bezug auf den Verkehr mit
-Frauen unterer Stände. Die wollten ihrer Ansicht
-nach gewonnen und umworben werden, man mußte
-sie behandeln wie die Kinder, und ihnen wider ihren
-Willen helfen.</p>
-
-<p>Vertraulich setzte sie sich an einen Holztisch und
-erbat sich ein Glas Milch.</p>
-
-<p>»Nun, und wie ist es Ihnen denn ergangen, Vefi,
-während ich nicht hier war? Ist Ihnen bang' nach
-mir gewesen?« Sie erhob die Stimme, als könnte
-sie ihr Hochdeutsch dadurch besser verständlich machen.
-»Ich hab' an Sie gedacht, sehen Sie, ich hab' Ihnen
-was mitgebracht.«</p>
-
-<p>Sie löste die Hülle des Paketchens und überreichte
-Vefi ein geschnitztes Kästchen, dessen Deckel ein
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-buntbemaltes Bildchen zierte. Das Dorf St.&nbsp;Ulrich,
-überragt vom Langkofel und der Sellagruppe.</p>
-
-<p>Vefi starrte auf das Geschenk. Sie wußte mit dem
-Kästchen nichts Rechtes anzufangen, aber die wohlbekannten
-Formen der Berge, die seit Jugend an
-ihren täglichen Horizont gebildet hatten, weckten eine
-wilde Sehnsucht in ihr auf.</p>
-
-<p>»I dank Enk, Freilen.«</p>
-
-<p>Sie war nicht dankbar. Wütend war sie, daß
-sie hier stehen und schwatzen mußte und nicht ihr
-Bündel nehmen und nach Hause laufen durfte.</p>
-
-<p>»Denken Sie, ich hab' den Langkofel bestiegen,«
-plauderte indes das Fräulein weiter, »bis zur Hütte.
-Herrlich war es oben, diese wundervolle Aussicht.
-Na, Sie sind den Weg gewiß schon oft gegangen.«</p>
-
-<p>Vefi wußte nicht, was Nerven sind, sie fühlte
-nur, daß sie an sich halten mußte, um den Gast
-nicht vor die Tür zu werfen.</p>
-
-<p>»I,« erwiderte sie mürrisch, »baleib net, zu so
-was hab' i net Zeit.«</p>
-
-<p>»Aber am Sonntag doch? Zieht es Sie denn da
-nicht hinaus in die schöne Natur?«</p>
-
-<p>»Meinen S' die Berg? Die siech i akrat a so von
-unten. Und am Sunntig will i decht a mei Ruh' hab'n.«</p>
-
-<p>»Wie doch die Dumpfheit des Geistes dem Volk
-die schönsten Freuden raubt,« dachte Klarisse und
-<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-erzählte, nicht ohne erzieherische Absicht, daß einer
-von den Führern, ein furchtbar netter Kerl, womöglich
-noch begeisterter vom Sonnenaufgang war
-als die Städter. »Er war aus Ihrer Gegend, vielleicht
-ist er Ihnen bekannt, Peter Purtscheider war
-sein Name.«</p>
-
-<p>Vefi lachte verächtlich auf. »Ui jegerl der Peter,
-sell is der recht', der lugt mit 'm Maul, bal er
-betet. Um a guat's Trinkgeld plauscht der die Frischleut'
-sakrisch an.«</p>
-
-<p>Was hatte nur die Vefi? So üble Laune hatte
-sie noch nie gezeigt. Fräulein Müller lenkte daher
-das Gespräch in andere Bahnen.</p>
-
-<p>»Haben Sie denn für mich gearbeitet, liebe Vefi?«</p>
-
-<p>Das Mädchen brummte etwas Widerwilliges, doch
-ging sie an den Schenktisch und kramte in der Lade
-nach Tintenfaß und Schreibheft. Das Fräulein hatte
-es doch gut gemeint mit ihrem Kästchen, auch für die
-Milch wieder zehn Heller Trinkgeld hergegeben.</p>
-
-<p>Klarisse sah das dünne blaue Heft mit dem zerrissenen
-beschmutzten Deckel kopfschüttelnd an.</p>
-
-<p>»Aber Vefi, wie sieht das wieder aus. Und was
-haben Sie da obenan geschrieben?«</p>
-
-<p>»'S is die Zech' vom Patscherjörgl, 's hat ihm
-gar so arg g'schleunt und i kunt koa Kreid'n finden.«</p>
-
-<p>Das Fräulein überflog die Rechnung.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-»Wie haben Sie das nur wieder buchstabiert?
-Wein mit eu und Rührei mit ai.«</p>
-
-<p>Das Blut stieg Vefi in die Schläfen. Sie faßte
-nach dem Buch, um es an sich zu reißen!</p>
-
-<p>Klarisse hielt es fest.</p>
-
-<p>»Ich darf nicht die Geduld verlieren,« mahnte
-sie sich selber, sagte: »Lassen Sie mich nur erst
-Ihre Arbeit sehen!« und öffnete die Blätter.</p>
-
-<p>Sie hatte ihrer Schülerin, der die großen Buchstaben
-nicht ganz geläufig waren, die Aufgabe gestellt,
-zu jedem Zeichen des Alphabets einen Rufnamen
-zu finden. Nun las sie, ohne zu verstehen,
-eine Anzahl Worte.</p>
-
-<p>»Was soll denn das hier heißen, Durl, Hias,
-Lipp, Neas?«</p>
-
-<p>Die Kellnerin lehnte, auf die Ellbogen gestützt,
-neben der Lesenden.</p>
-
-<p>»So heißt mer bei mir dahoam die Dorothee, den
-Matthias, den Philipp und die Agnes,« erklärte sie.</p>
-
-<p>»Ja, warum haben Sie denn dann die Namen
-nicht an die richtige Stelle gesetzt?« lächelte die
-Lehrerin. »Und ein paar Buchstaben haben Sie
-ganz ausgelassen, das G zum Beispiel.«</p>
-
-<p>»Auf G hab' i koa einzig's Wörtl finden kunnt.«</p>
-
-<p>»Aber Vefi! Ihr eigener Name &ndash; Genoveva!«</p>
-
-<p>Vefi schlug sich vor die Stirn.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-»I Dalk, i Tepp, daß i dadrauf net denkt hab'.«</p>
-
-<p>Sie griff nach den Blättern, riß die beschriebene
-Seite aus und zerfetzte sie in viele Stücke.</p>
-
-<p>»Lassen S' mi aus, Freilen,« rief sie, »i sag's
-Enk alm; von Hundsschweifeln g'winnts koa Unschlitt.
-I bring' dös Zeig nimmer in mei' dalketen
-Schädel eini.«</p>
-
-<p>Das Fräulein suchte sie zu besänftigen.</p>
-
-<p>»Wie können Sie so sprechen? Sie wollen nur nicht.«</p>
-
-<p>Da warf die Kellnerin trotzig den Kopf zurück.</p>
-
-<p>»Von z'wegen was a?«</p>
-
-<p>»Um im Leben vorwärts zu kommen und auch um
-Ihrer selbst willen, Bildung macht die Menschen frei.«</p>
-
-<p>»Ui jegerl,« kreischte die Vefi auf, »was sollet i
-mit a Büldung? Für mei' Arbeit bin i g'bild't gnua.«</p>
-
-<p>»Sie könnten aber leichtere bekommen, hier ist sie
-doch oft recht schwer für Sie.«</p>
-
-<p>»Sell is wahr,« bestätigte die Vefi.</p>
-
-<p>»Und bringt wenig ein, und hört im Winter auf.
-Ein anstelliges, fleißiges Mädchen wie Sie könnte
-aber in der Stadt, in Bozen oder in München,
-einen guten Dienst finden für das ganze Jahr und
-viel mehr Geld verdienen.«</p>
-
-<p>Geld verdienen, das war das erste, das der Vefi
-von allen Reden einleuchtete.</p>
-
-<p>»Sell könnt' i scho brauchen.« Sie sah nachdenklich
-<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-vor sich hin. Nach einer kleinen Weile schüttelte
-sie den Kopf.</p>
-
-<p>»'s ganget decht net, i tät' mi decht zu arg nar
-mei' Heimoatl blangen.«</p>
-
-<p>Diese sentimentale Regung überraschte die Berlinerin.</p>
-
-<p>»Ich denke, Sie hängen gar nicht an den Bergen?«</p>
-
-<p>»Hiaz z'wegen dene Berg.«</p>
-
-<p>Das Gespräch hatte das Heimweh, das ihr am
-Herzen fraß, gesteigert, sie kämpfte mit dem Verlangen,
-jemandem ihr Leid zu klagen. Und da Klarisse
-in ihrem Beglückungseifer sie noch mehr bedrängte:</p>
-
-<p>»Was hält Sie denn zu Hause fest? Ich weiß,
-Sie haben keine Eltern mehr,« kam es zögernd über
-ihre Lippen.</p>
-
-<p>»Da is halt dös Haserl.«</p>
-
-<p>Klarisse sah sie fragend an.</p>
-
-<p>»Mei' Biabl.«</p>
-
-<p>»Ein Kind?«</p>
-
-<p>Vefi nickte.</p>
-
-<p>Das Fräulein wurde rot, worüber sie sich ärgerte.
-Sie wußte doch, mit Prüderie kam man im Verkehr
-mit den niederen Ständen nicht weiter. Sie nahm
-sich sehr zusammen und sagte tapfer:</p>
-
-<p>»Sie haben ein Kind? Aber Sie haben mir doch
-erzählt, Sie sind nicht verlobt.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-Die Vefi zupfte an ihrer Schürze; sie war etwas
-verlegen.</p>
-
-<p>»Just versprochen bin i a net, mir hab'n si holt
-gern. Der Meine kunnt mi lei net heiraten, net
-ender manka*), aft sei Eltern g'storben sind.«</p>
-
-<p class="ci fss">*) eher wenigstens.</p>
-
-<p>»Und darauf wartet Ihr?« fragte Klarisse innerlich
-entrüstet.</p>
-
-<p>»Ender kriegt er's Häusel net,« belehrte sie die
-Vefi eifrig, »und sei Vatter möcht' a, daß er a
-Reiche nehmet. Die Trafoierzenz, wo dreitausend Gulden
-mitkriegt, die ginget ihm glei zu.« Der Stolz
-auf ihres Liebsten Anwert sprach aus ihrer Stimme.</p>
-
-<p>Zu solchen moralischen Verirrungen konnte das
-Fräulein Müller doch nicht schweigen.</p>
-
-<p>»Aber Vefi, mit einem Menschen, der auf den Tod
-seiner Eltern wartet und inzwischen mit einer Reichen
-liebäugelt, haben Sie sich eingelassen? Ich fürchte,
-Sie rennen in Ihr Unglück.« Sie zögerte ein Weilchen,
-ehe sie sich entschloß, zu fragen: »Sehen Sie
-ihn denn noch immer?«</p>
-
-<p>»Freili, im Winter wann i hoam kimm.« Vefis
-Augen glänzten bei dieser Vorstellung.</p>
-
-<p>»In was für Abgründe man hineinblickt, wenn
-man mit dem Volk in Berührung kommt,«
-dachte die Städterin. Aber ihr Prinzip, daß alle
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-Frauen solidarisch sind dem gemeinsamen Feind,
-dem Mann, gegenüber, ließ es ihr als Pflicht erscheinen,
-Vefis Stumpfheit aufzurütteln. Sie legte
-ihr Gesicht in ernste Falten und salbte ihr Organ
-mit dem Öl der Menschenfreundlichkeit.</p>
-
-<p>»Haben Sie denn nie daran gedacht, was für ein
-Unrecht Sie begehen?«</p>
-
-<p>In Vefis Mienen zog ein Gewitter auf.</p>
-
-<p>»Ös sprechts akrat a so wie der Kurat, wo am a
-a jed's Bußl as'n Sünd' anrait.«</p>
-
-<p>»Von der Moral will ich ja gar nicht sprechen.«
-Klarisse tat sich viel zugut auf ihr Verständnis der
-Volksseele. »Aber so ein armes Kind in die Welt
-zu setzen, um das sein Vater sich nicht kümmert&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Sell müßts net denken,« unterbrach sie Vefi
-heftig; »a Klemmer is der meine net, er zahlt
-vierzig Gulden 's Jahr fürs Muckerle.«</p>
-
-<p>Nun wurde auch das Fräulein ungeduldig.</p>
-
-<p>»Sie verstehen mich nicht; ich meine, wenn er
-nun eine andere nimmt und läßt Sie sitzen. Ich
-sage Ihnen,« sie war von ihrer Güte ganz hingerissen,
-»Sie sollten sich nicht so wegwerfen, so
-ein Mensch ist nicht wert, daß Sie so an ihm
-hängen. Folgen Sie meinem Rat, schreiben Sie
-ihm, oder wenn Sie wollen, schreibe ich für Sie&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Unterstehts Enk,« fauchte Vefi auf, ohne zu bedenken,
-<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-daß die Fremde des Burschen Aufenthalt
-nicht kannte, »daß mir mei' Schatz die Liab aufsagt.«</p>
-
-<p>Von so viel Natur fühlte sich das Fräulein angewidert.</p>
-
-<p>»Das ist doch keine Liebe, das ist &ndash; das ist gehandelt
-wie das liebe Vieh.«</p>
-
-<p>Da sprang die Vefi wütend auf sie zu.</p>
-
-<p>»Sell geht Enk an Dreck an. Ös Drach'! Ös
-Bisgurn! Ös Bosnickl! Ös&nbsp;&ndash;« der Atem ging ihr
-aus, sie mußte sich verpusten. »Freili,« fuhr sie fort,
-und ihre Augen blitzten die Erschrockene ganz in der
-Nähe an, »Ös habts Enk leicht, habts a Geld, a
-kommods Leben, alle Tag' a Mehlspeis' und an
-Wein und a g'brat'nes Fleisch. Aber i bin an
-arm's Luder, muß mi von der Früh' bis auf d'
-Nacht rackern und schinden, hab' nie koa Gaudi net
-auf dera miserabligte Welt. Nix hab' i als dös
-bissel Liab von mei' Buabn, daß er mi auf 'n
-Sunntig mei' Bier zoahlt und an Tanz, und auf d'
-Nacht mit mi hoamgeht und mi halst und busselt,
-daß i siech, i bin decht a a Mensch. Wann er mi
-dann sagt: so viel gut bin i di, und nicht aufhört,
-mi zu bitten, soll i dann eppaer die G'spreizte spülln
-und sag'n: Tu erst beim Pfarrer die Schlüssel
-holen?« Sie zitterte vor Aufregung, die Tränen
-brannten ihr im Hals.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-Klarisse war aus ihrem Gleichgewicht geworfen.
-Sie fürchtete, der Lärm von Vefis Stimme könne
-auf die Straße dringen, und suchte nur nach dem
-rechten Wort zu einem würdevollen Abgang.</p>
-
-<p>»Sie sind so leichtsinnig und unvernünftig, daß
-Sie mir leid tun. Wenn Sie sich's aber noch einmal
-überlegen sollten&nbsp;...«</p>
-
-<p>Die Bäuerin ließ sie nicht zu Ende kommen.</p>
-
-<p>»Da kunnts warten bis af'n Nimmermehrstag.«</p>
-
-<p>Und, da das Fräulein unentschlossen dastand:</p>
-
-<p>»Hiaz will i endli mei' Ruh' hab'n.«</p>
-
-<p>Sie rannte zur Tür, riß sie auf: »Schauts, daß
-aussikimmts!« Sie machte eine deutliche Bewegung.</p>
-
-<p>Mit einem verächtlichen Achselzucken verließ Klarisse
-den Raum. Da flog ihr raschelnd etwas um
-den Kopf. Es war das blaue Schreibheft, das ihr
-die Vefi nachgeworfen hatte.</p>
-
-<p>»Nehmt dös a mit!« schrie sie höhnisch.</p>
-
-<p>Dann ging sie in die Wirtsstube zurück, ergriff die
-Bürste und begann den Schenktisch wütend zu bearbeiten.</p>
-
-<p>Plötzlich ließ sie die Hände sinken, warf den
-Körper auf die feuchte Platte, barg das Gesicht in
-beide Arme und heulte laut vor Zorn, Heimweh
-und jäh erwachter Angst um ihre Zukunft.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-›A lustigs Stückl‹ hatte der Aloys uns versprochen.
-Mich verfolgte, während ich ihm zuhörte, das Dichterwort:
-In jeder Trennung steckt ein Keim von
-Wahnsinn. Ungeweckte Seelen, dachte ich. Ihre
-Einfalt ist noch unzerspalten. Ja ist Ja und Nein
-ist Nein. Redlichkeit und Treue sind die Frucht
-ihrer Instinkte. Sie sind wie Pflanzen, die nur gedeihen
-im Mutterboden. Herausgerissen, in fremde
-Erdreiche geworfen, entarten sie. Sie welken. Ich
-gedachte Iwans Abenteuer auf dem Gut der ostpreußischen
-Freunde. Ich fragte: Darf ich? Man
-erteilte mir das Wort.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-Wirkung in die Ferne</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-Gegen Abend fing es an zu schneien. Ganz langsam
-und bedächtig. Die großen Flocken schienen zuweilen
-stehenzubleiben in der regungslosen Luft, ehe
-sie sich niedersenkten und die Erde sanft berührten.
-Binnen kurzem war das Landschaftsbild verändert.
-Der Schnee warf auf die kahlen Wiesen und entblößten
-Wälder einen fleckenlosen weißen Mantel,
-unter dessen schimmernden Falten das Auf und Ab
-der Hügel sich verflachte, so daß die welligen Bewegungen
-des Bodens zu einer Ebene geglättet
-schienen, die sich geheimnisvoll in die Unendlichkeit
-verlor.</p>
-
-<p>Iwan Michailow war auf die Landstraße getreten
-und starrte in die weiße helle Fläche. Im
-Sommer in Gefangenschaft geraten und dem ostpreußischen
-Besitzer als Landarbeiter zugewiesen, erlebte
-er den ersten Schneefall auf dem ermländischen
-Gut. Er dachte: Nun werden sie zu Hause auch
-schon Winter haben.</p>
-
-<p>Zu Hause! Rechts die Anhöhe hinauf, immer der
-Richtung zu, in der sich allmorgendlich die Sonne
-zeigte. Wer doch Flügel hätte!</p>
-
-<p>Vier seiner Gefährten hatten im Juli den Versuch
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-gemacht, zu Fuß die Grenze zu erreichen. Heilige
-Mutter Gottes, in was für einem Zustand hatte
-man sie wieder hergebracht. Zu Gerippen abgemagert,
-verprügelt und verhungert. Wie die Wölfe
-waren sie über die bereitgestellte Mahlzeit hergefallen,
-sie, der Nahrung wochenlang entwöhnt.
-Jammervoll, wie sie erkrankten.</p>
-
-<p>Von dieser Erinnerung verfolgt, kehrte Iwan in
-das kleine Haus zurück, in dem er mit seinen Kameraden
-wohnte. In einem viereckigen Raum, dessen
-Decke tief herunterreichte, saßen neun Männer auf
-Holzbänken um einen schmalen Tisch beim Abendessen.
-Sie schoben eben ihre Blechnäpfe beiseite,
-in manchen war die Grützsuppe nicht bis zur letzten
-Neige ausgelöffelt. Nicht daß die Leute übersatt
-gewesen wären; doch ihr Magen hatte ein standhaftes
-Gedächtnis, er verschmähte immer noch die
-fremde Kost und malte ihnen, mit der Übertreibung
-eines Dichters, die Tafelfreuden der Vergangenheit.
-Sie standen auf; einige von ihnen schütteten ihre
-Schwermut in die Klänge einer Ziehharmonika, der
-lange Jakow blies die Glut im Ofen an und fütterte
-sie mit einer Hand voll Reisig. Wie anders
-prasselten daheim die Scheiter in dem Bauch des
-Kachelofens, wie schmorte man, auf die Ofenbank
-gestreckt, in seiner ausströmenden Hitze. Die Augen
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-gingen ihnen über, seufzend streckten sie sich auf die
-Diele, unausgekleidet, in ihre Decke eingewickelt.</p>
-
-<p>Iwan hatte die Schüsseln aufgestapelt, um sie in
-das Herrenhaus zu tragen. Er war bevorzugt, dort
-zu der Hintertür ein- und auszugehen und Hilfedienste
-zu verrichten. Der Himmel stäubte noch, er
-hatte den entlaubten Obstbäumen im Garten mächtige
-Perücken aufgesetzt und überpuderte auch Iwans
-Schädel, als er im Vorübergehen durch den dünnen
-Vorhang in das Herrschaftszimmer lugte. Der junge
-Gutsherr saß darin mit seiner hübschen jungen Frau
-unter der Hängelampe, die mit einem gelben Seidenschirm
-verschleiert war, sie hielten sich umschlungen
-und lasen aus demselben Buche.</p>
-
-<p>Iwan verzehrte diesen Anblick wie ein süßes Gift,
-das, genossen, die Eingeweide auseinanderschneidet.
-O Katinka! ein Tränenkloß erstickte ihm die Kehle,
-seit einem Jahr von dir getrennt. Dich so in meinen
-Armen halten, ich wüßte etwas Gescheiteres als Lesen
-mit dir anzufangen. Er hatte Mühe, nicht herauszuheulen.</p>
-
-<p>In der Küche war noch Lärm und Bewegung.
-Die Köchin rührte irgend etwas auf der heißen
-Platte, das Lehrmädchen knetete den Teig zum Sonntagskuchen,
-ein Weib, das in der Ecke hockte, vermehrte
-den Vorrat der enthäuteten Kartoffeln, die
-<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-sie in einen mit kaltem Wasser angefüllten Kübel
-warf, das Stubenmädchen putzte Silber, die Küchenmagd
-scheuerte an Holzgefäßen; und über diesem
-Klappern, Kratzen, Schlurren erhob sich die schrille
-Vielstimmigkeit des polnisch sprechenden Gesindes
-mit einem Tonfall, der dem harmlosen Gespräch den
-Anschein eines ausbrechenden Streites gab.</p>
-
-<p>Franziska Wechsel, die Mamsell, hatte sich in den
-Flur zurückgezogen. Sie packte Äpfel, die versendet
-werden sollten, in zwei hohe Kisten ein, jedes Stück
-wickelte sie sorgsam in Papier, um es vor Schaden
-zu bewahren. Sie wehrte Iwan nicht, daß er sich
-einen Schemel hole, um ihr beizustehen.</p>
-
-<p>Franziska hatte erst vor acht Wochen ihre Stellung
-angetreten. Ihr, der Königsbergerin, des Polnischen
-unkundig, der einzigen, der Verständigung
-mit ihm unmöglich war, gesellte Iwan sich am
-liebsten zu. Er meinte, daß sie seiner Katja gleiche;
-nicht so rundlich wie sein Schatz, aber auch so blond,
-dieselben treuherzigen braunen Augen, und der Mund&nbsp;...
-Iwan konnte ihn nicht ansehen, ohne den Geschmack
-von Katjas Lippen auf den seinigen zu fühlen.</p>
-
-<p>Auch sie wurde durch den Russen lebhaft an den
-Bräutigam gemahnt, der vor Ypern in die Hand
-der Engländer geraten war. Anton war wohl
-dunkler, untersetzter, auch viel selbstbewußter als
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-der schlanke Bursche mit dem wehmütigen traurigen
-Gesicht, aber in Gang und in Gebärden dünkte ihr
-die Übereinstimmung so groß zu sein, daß sie zuweilen
-beim Eintreten von Iwan glaubte, die
-Schritte ihres Liebsten zu begrüßen. Sie vermochten
-nicht, sich mitzuteilen, daß sie ineinander die Verkörperung
-ihres beherrschenden Gedankens fanden, die
-Zahl der Worte, die sie tauschen konnten, war überhaupt
-eine beschränkte; aber sie hatten einander ihre
-Lieder abgelauscht. Ob <em class="ge">sie</em> von Scheiden, Vergißnichtmein
-und kühler Mühle sang, ob <em class="ge">er</em> vom Ringlein
-und der Saronrose, stets fiel der andere mit der
-zweiten Stimme ein. Warum auch nicht? Waren
-denn die Melodien nicht alle auf der gleichen Unterlage
-aufgebaut? Auf der ewigen Verurteilung der
-Menschen, welchem Volksstamm sie auch angehörten,
-zur Unerbittlichkeit der Liebe, zu den Stürmen der
-Geschlechtlichkeit?</p>
-
-<p>Auch jetzt summten die beiden, während ihre Finger
-schafften. Es war schummrig in ihrem Arbeitswinkel,
-der nur aus der Küche Helligkeit empfing;
-das Papier, das sie zerrissen, raschelte, der Duft
-der Äpfel drang ihnen berauschend in die Nase, er
-mischte sich mit dem tierischen Geruch ihrer jungen
-Körper, die sich tagsüber in Staub und Luft getummelt
-hatten. »Anton,« sehnte sich Franziska.
-<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-In Iwan schrie es »Katinka«. Ihr Verlangen, das
-sie gemeinsam zu verschiedenen Zielen schickten, sonderte
-sie von den anderen ab wie eine Mauer.</p>
-
-<p>Die Leute in der Küche machten Feierabend. Iwan
-wurde ausgesperrt. Er machte wieder einen Umweg
-durch den Garten; das Haus war dunkel, nur aus
-dem Schlafzimmer der Herrschaft blinzelte ein Licht.
-Iwan stöhnte auf; im Drang, irgend etwas zu umarmen,
-umklammerte er einen Baum und preßte
-sich an dessen eisigkalte Rinde. Dumpf knallte ein
-Klumpen Schnee hinunter. Iwan erschrak, er ergriff
-die Flucht. Die Ausdünstung neun Schnarchender
-schlug ihm in der Russenschlafstelle entgegen,
-auch war sein Platz am Fenster so geschmälert, daß
-er um seine Rückeroberung hätte kämpfen müssen. Er
-zog es vor, wie er schon bisweilen unentdeckt getan,
-im Pferdestall zu übernachten. Unter der braunen
-Stute kroch er in das Stroh, sie beschnupperte ihn
-zutraulich; er war gut Freund mit allen Tieren.</p>
-
-<p>Wie im Vaterhaus lag er gebettet, über sich das
-Pferdeschnauben, links ein gedämpftes Grunzen aus
-den Schweinekoben, rechts hier und da das Muhen
-einer unruhigen Kuh. Dieses heimische Behagen
-machte ihm die kalte Fremde um so qualvoller bewußt.
-Von bitterlichem Schluchzen hart gestoßen, verzweifelte
-er, den nächsten Tag in dieser trostlosen Vereinsamung
-<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-zu überleben; wie von einem Berg war
-sein Herz von Traurigkeit verschüttet, seine Sehnsucht
-flüchtete zu seiner Liebsten, nannte sie mit allen Kosenamen,
-bis sie ihm der Schlummer an die Seite legte.</p>
-
-<p>Auch Franziska hatte keine Ruhe finden können.
-Der Vielbeschäftigten gebrach es meist an Muße,
-um Empfindsamkeiten nachzuhängen. Es waren seltene
-Augenblicke, in denen sie das Gleichgewicht verlor
-und eine Unruhe zu ihrem Liebsten ihr das Blut
-verbrannte, eine Auflehnung gegen die Grausamkeit,
-ihre Jugend ohne seine Zärtlichkeiten zu verwarten.
-Eine solche Stimmung hatte ihr heute die
-Müdigkeit verscheucht. Sie holte Antons Karten,
-die aus dem Westen in großen Zwischenräumen an
-sie gelangten, doch an den kargen, eingezäumten
-Worten kühlte sich ihr Fieber nicht.</p>
-
-<p>Ein gedämpfter Laut des Kummers, der vom
-Wirtschaftshof her zu ihr drang, brachte sie der
-Wirklichkeit zurück. Die braune Kuh, Franziskas
-Liebling, hatte vorgestern gekalbt, und das Kälbchen
-war ihr sofort weggenommen worden, weil es,
-laut Kriegsgesetz, auf die mütterliche Vollmilch keine
-Berechtigung besaß. Darum jammerte die Mutter
-und rief das Menschenmitleid an. Franziska, der
-vierbeinigen Kreatur stets sorglich zugetan, fühlte
-sich ihren Nöten eben mehr denn je verbunden. Sie
-<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-schlüpfte in die Schuhe, warf den Mantel über und
-tappte bei der Führung der Laterne durch den Schnee.
-Nach einem kurzen Zuspruch an die Wöchnerin besann
-sie sich nicht lange, die militärische Verordnung
-zu umgehen; sie hob das Neugeborene aus dem Verschlag,
-in dem es zitternd und klagend nach der Erfüllung
-der betrogenen Instinkte suchte, und legte
-es der Mutter an den vollen Euter. Als sie das
-Sattgetrunkene, Eingedöste aufnahm, um es wieder
-auf seiner Streu zu bergen, kuschelte es sich, seinen
-Aufenthalt verkennend, in die Weichheit ihres Schoßes
-ein, zog ihren Finger in sein zartes Mäulchen
-und begann, wohl in dem Wahne, seine Mahlzeit
-fortzusetzen, daran zu lutschen.</p>
-
-<p>Es war nur ein Tier, doch seine Hilfsbedürftigkeit,
-die Wärme, die aus seinem Körper in den ihren
-strömte, das sanfte Saugen, als Ausdruck seines
-kindhaften Vertrauens in die gütigen Zusammenhänge
-der Natur, rührten das Urgründigste in Franziskas
-Weibeswesen auf. Die Tränen, die das Fell
-des Kälbchens überschwemmten, flossen aus den Quellen
-ihrer ursprünglichsten Bedürftigkeit, und die Forderungen
-ihrer Sinne, die zugleich ein Umweg zu ihrer
-Mutternotwendigkeit waren, stürzten in Gedanken zu
-dem einzigen, durch den sie sich erfüllen wollten.</p>
-
-<p class="ce">*&emsp;*&emsp;*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-»Katja, Täubchen,« sagte Iwan im Traum zu
-seinem Mädchen, »ich muß weg von dir, es ist schon
-Tag. Nebenan haben sie schon die Stalltür aufgemacht.«
-Dabei schmiegte er sich ihr wieder an, unfähig,
-ihre Nähe aufzugeben.</p>
-
-<p>Hatte er sich dann doch ermuntert, war in die ungestirnte
-Nacht hinausgetreten und hatte in den
-Nachbarstall gelauscht? Aber wie kam denn Katinka,
-die er eben erst verlassen hatte, dazu, schon dazusitzen
-und zu melken? ihm den Rücken zugewendet und von
-der Finsternis kaum zu unterscheiden. Nur wenn ihr
-Kopf in den Bereich der Stallaterne tauchte, blitzte
-der Goldschein ihrer langherabhängenden blonden
-Zöpfe auf und das Weiß des Hemdes, das ein wenig
-von der vollen Schulter rutschte. Wie oft hatte er
-sie im Morgengrauen so überrascht? Sie so beschlichen,
-ihren Nacken so ungestüm geküßt?</p>
-
-<p class="ce">*&emsp;*&emsp;*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Wunderkräfte wirken in der Liebe. Auf ihrem
-Zauberwagen flog Iwan, über Hunderte von Meilen
-weg, zu seinem Russenmädchen. Mit Antons Schritten
-lief sie auf Franziska zu.</p>
-
-<p>Das Laternchen war umgefallen. Im Dunkel
-vollzog sich das Geheimnis der Verwandlung. In
-festerer Treue wurde Untreue noch nie geübt.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-»Weh' mir, weh' mir!«</p>
-
-<p>Der Mann im Kaftan hatte schon den Heimwehkrampf
-der Grödner-Vefi mit sonderbaren Ausrufen
-begleitet. Mir war es, während ich sprach, beunruhigend
-gewesen, daß er sich mit leisem Stöhnen
-hin und her bog wie in Schmerzen. Ich ging zu ihm,
-um ihn zu fragen, was ihm fehle. Er hob den Kopf,
-ich blickte in Verzweiflung. Er preßte meine Hände.
-Seine Kehllaute, verständlich, wenn die Rede ruhig
-floß, verschwammen oft, wenn er in äußerster Erregung
-in sein Jiddisch-Deutsch verfiel. Was der
-Auslegung aber nicht bedurfte war der Ton, der aus
-ihm schrie, wie aus den finstersten Verließen menschlicher
-Unbarmherzigkeit, das Leid, das aus ihm brach
-wie Eiter aus Jahrtausend alten Wunden, die von
-Haß vergiftet, ewig am Leib der Menschheit schwärend,
-sich niemals schließen können.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-Heimat</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-In dem tschechischen Fabrikort Zlatnik kündete der
-grelle Schrei der Pfeife die Mittagspause an. Die
-Arbeiter entströmten den Gebäuden, verteilten sich
-in das Dorf und die Kantine, und viele streckten sich,
-um das zugebrachte Essen zu verzehren, gemäß ihrer
-Gewohnheit, am Waldesrand im Schatten aus. Der
-und jener zog eine Zeitung aus der Tasche, er las vor,
-seine Umgebung lauschte; heute aber entspann sich
-nicht wie sonst eine aufgeregte Unterhaltung zwischen
-ihnen: es lag ein Dämpfer auf den Worten und Gebärden,
-und nur die ausgelassensten der Weberinnen
-waren zum Schäkern mit ihren Schätzen aufgelegt.
-Auch sie verstummten, als ein Zug vorbeimarschierte,
-Kameraden, die, zum Kriegsdienst einberufen, auf
-den Bahnhof zur Versammlungsstelle zogen. Sie
-trugen Ränzel auf dem Rücken oder eine Schachtel
-in der Hand, die Schirme ihrer Mützen verschwanden
-unter Laubgewinden, und große Sträuße schmückten
-ihre Brust. Die Burschen johlten, die Familienväter
-aber, umkreist von ihrer tiefbetrübten Sippe, schritten
-schweigend und tauschten ernste Grüße mit den
-vom Wald her Zuwinkenden aus. Ortsansässige
-waren darunter, die neben ihrem Häuschen ein Stückchen
-<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
-Feld besaßen und einen Streifen Wiese. Diese
-stockten an der Gabelung des Weges, um ihr Heim
-noch einmal zu begrüßen. Dürr war das Leben ihnen
-hingelaufen; aber da sie es verließen, blühte es in
-ihrer Schätzung auf. Waren sie auch karg genährt
-gewesen, eng behaust und knapp bezahlt, sie hatten
-doch besessen, was innerhalb der engen Wände stand;
-und ein paar Rabatten Sommerblumen an der Hecke
-und das bißchen Ackerland dabei; dort hatte man sich
-nach dem Arbeitsschluß getummelt und die mit Flachs
-und Baumwollfasern verfilzte Lunge wieder ausgespült.
-Krautköpfe hatte man gebaut, Erdäpfel,
-Rüben; Gras geschnitten für die Ziege und ein paar
-Löcher in den vielen Mägen damit zugestopft.</p>
-
-<p>So friedlich lag es da, im Kranz der baumbewachsenen
-Hügel, das kleine Dorf, in dem man
-du sagte zu jedem Ziegelstein, zu jeder Staude.
-Wer weiß, ob man es jemals wiedersah? Die Abziehenden
-lüfteten die Mützen und sangen ihm das
-wehmütige Lied zum Preis der Heimat zu. Es klang
-den Hörern im Walde wie eine Mahnung: Machet
-euch auch bereit!</p>
-
-<p>Die stärkste Wirkung des Gesanges drückte sich
-in dem Benehmen einer Gruppe von Arbeitern aus,
-an Zahl etwa ein Dutzend, die sich ein wenig abseits
-der Genossen hielten. Es waren Südtiroler aus
-<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-vom Krieg bedrohten Grenzgebieten, den Tschechen
-durch die Gemeinsamkeit des Vaterlandes verbunden,
-doch durch alle Merkmale des Wesens von
-ihnen getrennt. Von einem Tag zum anderen waren
-sie aus ihrem Land verwiesen und der Gemeinde
-Zlatnik zugeteilt worden; hier hatten sie das Arbeitsangebot
-des böhmischen Fabrikherrn wie ein Geschenk
-der Vorsehung begrüßt; sie waren anstellig und
-fleißig und Meister der Bedürfnislosigkeit. Doch
-etwas nicht Gegenwärtiges haftete an ihrer Haltung,
-etwas Aufgescheuchtes, als hätten sie den Atem
-noch nicht wieder, der ihnen bei Einbruch einer
-Naturgewalt weggeblieben war. Man möchte sie
-wohl befragen, da sie jetzt schweigend beieinander
-hockten: »Du grauhaariger Mann, du junger Knabe,
-ihr schlanken, braunäugigen Weiber, was bekümmert
-euch so sehr?« Sie müßten sich vielleicht besinnen,
-um ihr Weh in seine Elemente aufzulösen. Da war
-die Sorge um die Zukunft, der Gram um den Verlust
-von schwer erworbener Habe, jetzt den Diebstrieben
-ihrer Nachbarn belassen. Und die Unrast in
-dem Blut der Mädchen, deren Jugend nach dem
-Freunde schrie. Vor zwei Wochen noch ihr Liebster;
-heute galt er als ihr Feind; heute hob er die Waffen
-gegen ihre Brüder.</p>
-
-<p>»Uns ist bange nach der Heimat«: in diese Formel
-<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-würden sie wahrscheinlich ihre Stimmung fassen;
-und gedrängt, ihr tiefer nachzuforschen, vielleicht
-hinzufügen: »Eure Häuser halten dicht und stehen
-gerade, unsere klaffen, und der Regen dringt in sie
-hinein; aber auch der Sonnenschein, der blaue Himmel
-und der Duft der Blumen. Und wir halten
-uns in unseren Stuben wenig auf. Ach, wenn ihr
-doch nur unsere Berge kenntet, wie schroff sie ragen;
-auf halber Höhe, dicht am Abgrund, klebt ihnen,
-mit seinem steilen Gäßchen, irgend ein verwegenes
-Raubnest an, aus der Zeit der Sarazenen; auf manchen
-liegt in Ewigkeit der Schnee; über andere laufen
-die silbergrauen Wellen der Oliven; von ihren Gipfeln
-kann man in das andere Tal hinunterspähen,
-der See blinkt wie ein Spiegel, an seinen Ufern,
-die im Zickzack lustig in das Wasser schießen, reihen
-sich die weißen Sommerhäuser, festtäglich anzuschauen
-in ihren Schleiern von Rosen und Glyzinen.«
-Und ihrer Ständchen würden sie gedenken, des nächtlichen
-Lautenspieles; denn Musik bewegt sie sehr.
-Die innige getragene Weise, mit der die Tschechen
-Abschied nehmen, fällt ihre Fassung; die Frauen
-weinen, den Männern steigt ein Schluchzen würgend
-in die Brust.</p>
-
-<p>Ihr Gebaren fällt den Tschechen auf; sie vermuten
-die Kenntnis ungünstiger Kriegsberichte bei den Zugereisten
-<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-und beschließen eben, einen Dolmetsch an
-sie abzusenden, als sich ihr Interesse einem anderen
-Schauspiel zuwendet. Ein Mann, mit einem achtjährigen
-Jungen an der Seite, kommt von der Höhe
-der Landstraße herab. Wie mit der Schere ausgeschnitten,
-steht er im Rahmen der betannten
-Forste, vor dem hellen Hintergrund der Luft. Seine
-hageren Glieder sind in die Röhre eines fettglänzenden
-Kaftans eingepreßt, ein Filzhut deckt die ungepflegten
-langen Haare, die sich mit enggerollten
-Schläfenlöckchen an den roten Bartwuchs schließen;
-des Sohnes Gestalt ist dieser wunderlichen Leib- und
-Haartracht lächerlich getreues Widerspiel. Die
-Tschechen lachen auch; mit der Grausamkeit des Kindes,
-das dem Schwächeren achtlos weh tut, meckern
-sie den beiden ein »Handelevuh« entgegen; die Südtiroler,
-ganz mit sich beschäftigt, achten der Vorbeigehenden
-nicht. Der Jude aber läßt die sanften,
-schwermütigen Augen lange auf den Fremden ruhen.
-Er denkt: »So habt ihr freien Christen jetzt auch
-an euch erfahren, was es heißt, entrechtet und verjagt
-zu sein.« Die Vorstellung der selbst erduldeten
-Mißhandlung ist ihm noch ganz nahe, sie knebelt
-seine Seele, sie zwingt ihn, sich in ein Gespräch
-mit seinem unmündigen Sohn zu flüchten. »Jakobleben,
-erinnerst du dich noch?« Kann das Hirn des
-<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-Kindes je vergessen, wie sie sich im engen Raum verängstigt
-einander drückten: er und die Großmutter,
-der Onkel, die Eltern, die Schwestern, die Bruderfrau
-mit ihrem Säugling, den sein Vater, weil er
-im Felde steht, noch nicht kennt? Mit Geratter und
-Geknatter jagt ihnen der Donner der Geschütze näher
-zu. Sie wagen nicht, die Lampe anzuzünden. Die
-Frauen stöhnen, die Männer, in die Gebetriemen
-gewickelt, murmeln Todespsalmen. Horch! Klingt
-es jetzt nicht, als sei der Fluß aus seinem Bett getreten
-und wälze sich heran? Ein verkneultes Brüllen,
-Trampeln, Splittern, Stürzen. Jemand trommelt
-an die Scheiben. »Sie kommen, die Russen
-ziehen sich hierher zurück. Flieht, flieht, daß sie euch
-nicht finden und erschlagen!« Die Grenze von Galizien
-ist nicht weit; in drei Stunden kann ein
-Rüstiger die Strecke überwinden. Welche qualvoll
-lange Nacht vergeht der kraftlosen Familie, ehe sie
-ihr Ziel erreicht! »Jakobleben, erinnerst du dich
-noch?« Der Knabe nickt. Hat er doch den Säugling
-tragen müssen, als dessen Mutter niederbrach.
-Die Schwestern stützten ihren Onkel, der Vater
-buckelte bald die Ahnin auf und bald die Ehefrau,
-manchmal faßten seine Arme beide. Sie kommen
-eben im Galizischen zurecht, um in den Sturmwind
-zu geraten, der alle Juden aus der Gegend fegt.
-<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-»Was meinst du, Jakobleben,« fragt der russische
-Pole, »ob man die Südtiroler auch in offene Viehwagen
-verladen hat wie uns, durch Sonnenglut und
-Unwetter gefahren, dann wieder ausgeladen und
-hinter Bahnhofsschranken, eingepfercht wie Schafe,
-den langen kalten Nächten schutzlos preisgegeben?«
-Und doch, sie sagen es einander, sind sie Bevorzugte
-des Glückes. Das Ungestüm der Fliehenden in jener
-Nacht war wie ein Keil in die Masse der gehetzten
-Wanderer gestoßen; da mochte mancher am Wege
-gestrauchelt und verkommen sein. Sie aber hielten
-sich umschlungen, halbnackt, beschmutzt, verhungert,
-doch vereint. Und das Reich, zu dem sie nicht gehörten,
-forschte nicht; sie waren eben mitgeschwommen
-in dem Meer von Elend, das sich von Osten her
-ergoß.</p>
-
-<p>Aus der Sicherheit des Hafens blickt der vertriebene
-Jude die verjagten Südtiroler an: »Beneidenswert
-seid ihr trotzdem. Ihr dürft Gebete
-schicken eurem Gott, daß er euern Waffen Sieg
-verleihe. Was aber sollen wir, wenn wir vor ihm
-im Staube liegen, aufschreien zu Jehova aus unserer
-großen Not? Können wir ihn anflehen: Führe uns
-zurück in unser Vaterland, wo doch steht auf seiner
-Schwelle der Henker mit dem Messer, das uns
-sticht?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-Den Weg entlang, den sich die Übung bahnte,
-durch die tiefen Furchen seitlich der gekrümmten
-Nase, rinnen dem Juden schwer und langsam die
-Tränen über das verkümmerte Gesicht. Und wie um
-sich vor seinem Sohn zu erklären, sagt er leise:
-»Die Heimat ist für jeden eine Mutter. Fragt
-einer, ob die Mutter häßlich ist, ob schön? Man
-hat sie lieb, man ist aus ihr geboren, in ihren Schoß
-will man sich niederlegen, wenn man müde ist. Kein
-Kraut ist so gering, es verlangt nach mütterlicher
-Erde. Uns hat sie ausgestoßen, wir haben keine
-Ruhestätte in der weiten Welt.«</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-So unheimlich nahe hatte uns in dieser Nacht
-der Flügelschlag der Zeit noch nicht gestreift. Unsere
-eigenen kleinen Nöte hielten ein paar Sekunden
-lang den Atem an.</p>
-
-<p>Unser aller?</p>
-
-<p>Ein Mann trat in den Vordergrund. Nichts
-Merkwürdiges an ihm als die Augen, die wie Zangen
-nach uns faßten und unsere Erscheinung, so undeutlich
-sie hervortrat in dem kargen Licht, in sich einzusaugen
-schienen. Er schalt mit uns. Da habe er
-nun stundenlang gesessen und unserer Unterhaltung
-zugehorcht. Nichts, mit einer Ausnahme (er nickte
-zu dem heimlichen Poeten), als Brotsorgen, Liebesgram,
-Heimweh, Nationalitätenstreitigkeiten. Immer
-habe er gelauert: brüllt denn nicht endlich einer
-auf: die größte Marter ist die Kunst.</p>
-
-<p>»Ihr alle, scheint es, wißt nichts von der Kunst,
-sie ist euch kein Bedürfnis. Ich bedauere euch.
-Erdenwürmer, ohne Flügel, euch ins Licht zu retten.
-Ich beneide euch. Ihr kennt die Folter nicht, von
-der Idee verfolgt zu werden wie von einem Raubtier,
-das uns hetzt. Wie ein Besessener ringt man
-mit dem Werk, das man nicht fassen kann, das
-<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-einen äfft. Ja, ich bin so ein armer Schächer.« Er
-schnippte mit dem Finger in die Luft. »Habt keine
-Angst. Es gibt keine Tragödie. Nur eine Anekdote.
-›A lustigs Stückl‹ würde Aloys sagen.« Er saß
-nieder und kreuzte seine langen Beine. »Also die
-Geschichte von Mark Crystoll und der Sonnenblume.«
-Er unterbrach sich. »Das heißt, der Mark
-Crystoll, das bin natürlich ich.« Als ob er sagen
-wollte: ich mach' euch keine Flausen vor. Aber
-es paßt mir besser, von mir zu sprechen, wie von
-einem Dritten.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-Die Sonnenblume</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-»Nun hab' ich's aber satt.« Hubert Bach schleuderte
-das Ei, das er in Händen hielt, so heftig auf
-den Frühstückstisch, daß seine Schale weithin splitterte,
-»vier Tage lang setzt man uns dieselben Eier
-vor.«</p>
-
-<p>»Woher weißt du das?«</p>
-
-<p>»Ich habe sie bezeichnet, siehst du hier das Kreuz?
-Und das sogenannte Rauchfleisch ist auch schon dürr
-wie Holz.«</p>
-
-<p>Er warf ein paar von den papierdünnen Schnitten
-auf den Fußboden und zertrat sie.</p>
-
-<p>»Staub werde, was aus Staub geboren ist.«</p>
-
-<p>Mark Crystoll war erschreckt. Er bückte sich, um
-die Fleischatome einzusammeln. Als er sah, daß
-sich Scott, Huberts langhaariger Pintscher, bereits
-damit befaßte, steckte er das aufgeplatzte Ei ängstlich
-in die Tasche.</p>
-
-<p>»Wir sind doch nicht des Essens halber hier.«</p>
-
-<p>»Des Verhungerns halber auch nicht. Das Land
-ist anderswo auch schön, man muß nicht gerade im
-allerschmutzigsten Wirtshaus Hollands sitzen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
-Er stand auf und reckte sich.</p>
-
-<p>»Komm, Scott, wir wollen uns in Leyden beim
-›Löwen‹ den Magen wieder auskurieren. Ja, sieh
-mich nur verächtlich an, Mark, ich bin außer Maler
-auch noch Mensch und kann nicht bloß von schönen
-Motiven leben. Apropos Motiv, ich habe ein wundervolles
-Nachmittagsmotiv gefunden. Sieh's dir
-heute mal mit mir an.«</p>
-
-<p>Da die Antwort ausblieb, pfiff er seinem Hund
-und ging.</p>
-
-<p>Mark Crystoll atmete erleichtert auf, als er sich
-allein sah.</p>
-
-<p>Was für ein Rohling, dieser Hubert. Das Geheimnis
-der Arbeit preiszugeben, es zu pöbelhafter
-Gemeinsamkeit anzubieten. Als ob das, was eines
-anderen Augen gesehen haben, noch den geringsten
-Wert besitzen könnte. Er nahm sein Handwerkszeug
-und ging den Weg, der ihm zum Leidensweg geworden
-war.</p>
-
-<p>Auf seinen Wanderwegen war ihm vor kurzer
-Zeit ein vereinzelt liegendes Häuschen aufgefallen,
-dessen Alter eine eigenartige Innenbauart vermuten
-ließ.</p>
-
-<p>Der Eingang war verschlossen, und im Hintergarten,
-dessen Zaun an eine grünversumpfte Wasserstraße
-grenzte, fand er keinen Menschen. Leer war
-<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
-auch die Sommerlaube, das Taubenhaus und der
-Schweinekoben. Nichts lebte in der Einsamkeit als
-die mächtige, vollerblühte Sonnenblume. Hoch aufgereckt,
-daß ihr Stern das schwarze Schindeldach
-erreichte.</p>
-
-<p>Das satte Gelb inmitten dieser dumpfen, fahlen
-Farben fesselte des Malers Auge. Nach einer
-Stunde kehrte er zurück und war beglückt, die Insassin
-des Häuschens daheim zu finden.</p>
-
-<p>Doch die alte Frau, die mürrisch in der kleinen
-Küche herumhantierte, hatte auf alle seine Worte
-nur ein steinernes »Nee, das tu' ich nicht«.</p>
-
-<p>Er bat. Fünf Sitzungen &ndash; nur vier &ndash; nur
-drei, er verdoppelte die Zahlung.</p>
-
-<p>Sie blieb bei ihrem »Nee, das tu' ich nicht«.</p>
-
-<p>Als er, vom Eifer fortgerissen, näher an sie
-drängte, wies sie ihm die Tür.</p>
-
-<p>»Und daß Sie mir nicht wiederkommen, sonst
-hol' ich die Polizei, Fie Verheest läßt nicht mit sich
-spaßen.«</p>
-
-<p>Seitdem umkreiste er den kleinen Garten. Das
-Verbot hatte das Verlangen aufgereizt. Was nur
-ein Wunsch gewesen, wurde zur Begierde.</p>
-
-<p>Auch heute war das Haus verschlossen. Doch die
-Alte war daheim, er hörte das Klappen ihrer Holzschuhe.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
-Der Gedanke kam ihm: ein Fußtritt in das
-morsche Holz. Und so ein altes Weib ist leicht
-überwältigt. Erschreckt von seiner Leidenschaft lief
-er davon.</p>
-
-<p>Noch nie hatte ihn das Wesen Huberts so abgestoßen.
-Das Lärmen mit dem Hund, das Fluchen
-über das zähe Kuhfleisch, den petroleumdurchdufteten
-Rosinenreis.</p>
-
-<p>Als er abends heimkam und mit behaglicher
-Zufriedenheit seine Arbeit zeigte, einen Allerweltskanal,
-mit Allerweltsgeschicklichkeit breit hinuntergestrichen,
-fühlte Mark etwas wie Haß gegen seinen
-Freund.</p>
-
-<p>Er selbst hatte die Stunden müßig vor sich hingebrütet.
-Alle seine Skizzen hatte er hervorgeholt,
-sie in selbstquälerischer Stimmung mißlungen und
-geheimnislos gefunden und an sich verzweifelt.</p>
-
-<p>Sehnsucht nach dem kleinen Garten bohrte sich
-in seine Seele. Die Sonnenblume, zu der ihn anfangs
-nur Form und Farbe lockte, war ihm ein
-Symbol geworden. Ein Symbol der hellen Lebensfreude
-im grauen Einton der Alltäglichkeit.</p>
-
-<p>Er sah das Leuchten ihres glühenden Gesichts,
-das Wiegen ihres schlanken Stengels. Ihm war,
-als könnte er mit diesem ungestillten Wunsch im
-Herzen nie mehr etwas leisten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
-Es ließ ihn nicht mehr los, verfolgte ihn,
-während er mit Hubert den gewohnten Abendgang
-nach der nächsten Schenke machte; quälte ihn,
-während er rauchend und schweigend zwischen den
-rauchenden, schweigenden Bauern saß. Und auf dem
-Heimweg durch die stillen Wiesenstraßen besiegte
-es den Willen und trat als Klage auf die Lippen.
-Daß Mefrouw Verheests Eigensinn ihm die Arbeit
-töte.</p>
-
-<p>»Fie Verheest, die verrückte Fie?«</p>
-
-<p>»Du kennst sie?«</p>
-
-<p>»Die kennt jeder hier im Dorf. Sie ist durch
-Unglück menschenscheu geworden und furchtbar
-fromm. Über die hat nur der Pfaff Gewalt. Soll
-ich mit ihm sprechen? Er hat mir neulich lange
-beim Malen zugesehen. Bei der Gelegenheit hab'
-ich ihm seinen Jungen photographiert. Nun sind
-wir gute Freunde. Na, zerdrück' mir nur die Finger
-nicht.«</p>
-
-<p>Noch ein Vormittag unruhiger Erwartung, dann
-kam die Botschaft.</p>
-
-<p>»Die Kirche hat gesiegt. Fie öffnet dir ihr
-Gitter.«</p>
-
-<p>»Und Hubert, höre &ndash; du besuchst mich nicht,
-nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Fällt mir nicht ein.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
-So war das Ziel erreicht. Doch trübte Crystolls
-Glück noch manche Wolke.</p>
-
-<p>Fie nörgelte an der Erlaubnis. Länger als zwei
-Stunden dürfe er nicht bleiben, dann müsse sie
-aufs Feld und dulde keinen Fremden in ihrem Besitztum.</p>
-
-<p>Und Hubert, als wollte er seinen Freundschaftsdienst
-wieder ungeschehen machen, war doppelt unausstehlich.
-Bei Tisch vergaß er sich so weit, das
-Fleischstück einem Jungen durch das Fenster zuzuwerfen.</p>
-
-<p>»Daß ihm's nur kein Loch in den Magen reißt.«</p>
-
-<p>Crystoll entsetzte sich. Wenn die Wirtin von dieser
-neuen Schmach für ihre Küche erfuhr, war keine
-Stunde Bleibens mehr für beide Künstler.</p>
-
-<p>So, bedrängt von allen Seiten, arbeitete er so
-hastig, als es ihm seine aufmerksame Art erlaubte.
-Die Zeichnung war bereits in Kohle aufgerissen,
-nun legte er die Farbe an.</p>
-
-<p>Wieder fühlte er in allen Nerven den Reiz des
-Vorwurfs. Den äußerlichen; was für Töne saßen
-in dem alten Holzwerk, in den Mauerrissen, in dem
-Sumpfkraut. Und den innerlichen, unaussprechbaren.
-Den lachenden Triumph des Lebens in dem
-schwarzen Flecken Erde, durch die strahlend helle
-Sonne der erblühten Blume.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
-Die Minuten flogen. Fie mochte ihr Verbot vergessen
-haben über der Beschäftigung, ihr Haus zu
-säubern für den Sonntag. Crystoll hörte sie umhergehen,
-bürsten, plätschern und reiben.</p>
-
-<p>Plötzlich unterbrach sie sich mit einem Aufschrei,
-dem ein Hundebellen folgte und der Ton von
-Huberts Stimme.</p>
-
-<p>Übles ahnend, eilte Mark hinzu. Und sah Scott
-aus allen Zottelhaaren triefend, auf der reingeseiften
-hellen Matte stehen, Fie mit einem Besen hinter
-ihm. Während Hubert lachend sich bemühte, ihr zu
-wehren.</p>
-
-<p>»Na, gebt Euch, Mutter Fie. Es tut mir selber
-leid. Hier habt Ihr einen Gulden, kauft Euch Seife
-zu einer neuen Wäsche.«</p>
-
-<p>Zu Crystoll sagte er:</p>
-
-<p>»Das Tier hat gerade ein Bad genommen
-im Kanal und hat dich im Vorbeigehen aufgespürt.«</p>
-
-<p>Mark war keines Wortes mächtig. Schnell ging
-er in den Garten, zitternd vor der Strafe, die ihn
-für Scotts Verbrechen treffen würde.</p>
-
-<p>Fie aber war ganz still. Von neuem fing sie an,
-zu waschen und zu bürsten und sah nicht auf, als
-Mark beim Weggehen noch zwei Gulden Schmerzensgeld
-auf ihre Lade legte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a>
-Eine schwüle Stimmung lastete auf den zwei
-Freunden an dem arbeitslosen Sonntag. Zum erstenmal
-in all den Wochen ging Crystoll nicht des Abends
-mit zum Bier. Und als er sich am nächsten Morgen
-Fies Häuschen nahte, schlug ihm das Herz, als
-wartete verbotene Liebe hinter jenem Gitter.</p>
-
-<p>Gottlob, das Haus war offen und Fies Gruß
-sogar vergnügter als gewöhnlich.</p>
-
-<p>Der Maler lief nach hinten. Stutzte, rieb sich
-die Augen. Er war wohl falsch gegangen. Das
-war doch nicht sein Garten, dieser wüste, leere
-Winkel.</p>
-
-<p>Auf einmal wußte er's.</p>
-
-<p>Er stürzte in die Stube.</p>
-
-<p>»Wo ist die Sonnenblume?«</p>
-
-<p>»Ich hab' sie abgeschnitten. Jetzt werden mir
-die fremden Hunde nicht mehr das Haus versauen.«</p>
-
-<p class="ce">*&emsp;*&emsp;*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Als Hubert von der Arbeit heimkam, fand er den
-Tisch für sich allein gedeckt.</p>
-
-<p>»Mijnheer Mark Crystoll ist abgereist. Dort hat
-er einen Zettel hingelegt.«</p>
-
-<p>Hubert las.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
-»Ich hatte nur die Wahl, den Hund zu töten
-oder unsere Freundschaft. Ich ließ den Hund am
-Leben.«</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a>
-»Oh du!«</p>
-
-<p>Ein Seltsamer stieß diese beiden Silben aus.
-Er hatte, auch als das Zimmer wärmer wurde, nicht
-seinen abgeschabten Lodenmantel abgelegt. Ich hatte
-denken müssen: vielleicht um die Armut zu verdecken,
-die er darunter birgt. »Oh du!« Er sprang Mark
-Crystoll an, bohrte in ihn seine Blicke. »Du Mittelmaß,
-du Kleinheit. Du bist noch lange nicht in den
-Kern der Verdammnis eingedrungen. Auf der Oberfläche
-krabbelst du herum. Du wirst noch lange
-vegetieren und Bilderbogen pinseln.« Er zog eine
-Rolle aus der Tasche. »Willst du den letzten Willen
-hören von einem, den sie zur Strecke gebracht haben,
-der entschlossen ist zum Tod. Hier liegt er. Wohl
-bekomm's.« Er schleuderte die Blätter auf den
-Boden. Hinter ihm krachte die Tür ins Schloß.
-Ich hob die Rolle auf. »Soll ich lesen?« Sie umdrängten
-mich.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
-Die Anderen</h2>
-
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl lh2"><em class="ge">Personen</em>:
- <a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Broß</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Kyll</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Broß</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Truck</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Ein Mädchen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Ein Kellner.</td></tr>
-</table>
-
-<p>Zwei Uhr morgens. Der mit kaltem Rauch gefüllte
-Raum eines Kaffees. Alle Tische verlassen.
-Der <em class="ge">Kellner</em> ist hinter dem Büfett halb vom Stuhl
-gesunken und schläft. Die elektrischen Flammen sind
-ausgedreht. Nur an dem Tisch, an dem <em class="ge">Kyll</em> und
-<em class="ge">Broß</em> sitzen, brennt Licht. Auf dem Tisch stehen
-leere Kaffeetassen, eine Flasche Kognak und zwei
-Gläser, eine Aschenschale mit Zigarren- und Zigarettenstummeln
-gefüllt. <em class="ge">Kyll</em>, 26&nbsp;Jahre, schmächtige
-Gestalt, nachlässige dunkle Kleidung. Sehr
-blaß. Tiefliegende schwärmerische Augen, wirre
-schwarze Haare, nervös zuckende Lippen. <em class="ge">Broß</em>,
-27&nbsp;Jahre, blond, etwas aufgeschwemmt, wasserblaue
-Augen, Habyschnurrbart. Kleidung und Bewegungen
-eines <i>Commis voyageur</i>.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
-<em class="ge">Broß</em> (legt die ausgebrannte Zigarre auf den
-Aschenbecher): Also gute Nacht, Herr&nbsp;... (Er sucht
-den Namen.)</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (der vor sich hingebrütet hat, fährt auf):
-Sie wollen schon fort?</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em>: Schon? Es geht auf zwei. Wir sind ohnehin
-die einzigen.</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em>: Gottlob &ndash; ich atme auf. Endlich sind sie
-weg &ndash; die Feinde.</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em> (erstaunt): Feinde? Sie haben ja gesagt,
-Sie kennen hier keinen einzigen.</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (nervös): Ja, haben Sie denn niemals das
-Gefühl, daß sie alle unsere Feinde sind, die anderen,
-die außer uns noch auf der Welt sind?</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em> (auflachend): Nein, wirklich. So was ist
-mir noch nie eingefallen.</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (auf den Tisch gestützt, mit der Hand in
-den Haaren wühlend, düster): Auf mir lastet der
-Gedanke wie ein Alp. Er vergällt mir jede Freude.
-Selbst im Schlaf werde ich ihn nicht los.</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em> (innerlich belustigt, aber aus Höflichkeit
-ganz ernst): Aber wieso denn? Was können Ihnen
-denn ganz wildfremde Leute tun?</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (heftig): Daß sie da sind, daß man von
-ihnen weiß. Daß sie auf uns drücken mit ihrer
-Freude und mit ihren Sorgen. (Wie zu sich selbst.)
-<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
-Tage gibt es, da muß ich immer daran denken, was
-die anderen leiden. Auf der Straße sehe ich nichts
-als Schmerz und Kummer. Jede traurige Gestalt,
-jede ausgestreckte Hand trifft mich wie ein Vorwurf.</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em>: Sind Sie denn nicht Mitglied des Vereins
-gegen Verarmung und Bettelei?</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (ohne auf ihn zu hören, leidenschaftlich erregt):
-Die Vorstellung von allem Grausamen, was
-in demselben Augenblick geschieht, verfolgt mich. Ich
-höre die Kinder, die man prügelt, um Erbarmen
-flehen, ich höre die Tiere winseln, die man peinigt.
-Ich fühle die Bangigkeit von verlassenen Kranken
-und wie Hunger, Angst und Kälte Verzweifelte zum
-Selbstmord treibt. (Immer erregter.) Ich ahne
-alles Unglück, alles Elend, das in all den Tausenden
-von Häusern verkommt und zittert. Ich bin wie
-ohne Haut, alles verwundet mich. Das Mitleid
-bohrt sich mir wie mit Stacheln in das wehe Fleisch.
-Das Herz schnürt sich mir zusammen, ich kann nicht
-sprechen, ohne laut zu weinen. (Er hält inne, um
-nicht in Schluchzen auszubrechen.)</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em>: Sie sind sehr nervös, Herr&nbsp;... Sie
-sollten Brom nehmen.</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (den Kopf in den Händen, leise vor sich
-hin): Dann kommen wieder Stunden &ndash; im Frühling
-&ndash; die Sonne scheint &ndash; verhalten, wie wenn
-<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a>
-die Natur ganz still vor sich hinlacht. Ich gehe durch
-den Wald &ndash; es riecht so untereinander &ndash; nach alten
-Blättern und jungem Gras; ein bißchen schon nach
-frischen Tannensprossen. Und ich komme auf eine
-Lichtung, der See liegt vor mir, ganz still, wie eingeschlafen.
-Nur manchmal schüttelt er sich, wie im
-Traum. Ich werfe mich hin, sehe in den Himmel,
-breite die Arme auseinander &ndash; mir wird so weit,
-so groß. Szenen, Bilder stehen vor mir auf &ndash; ich
-hab' es gefunden &ndash; endlich &ndash; das Erhabene, das
-noch niemals Dagewesene. Ich schreie vor Jubel los,
-ich brülle vor mich hin, Worte, Sätze, ganze Verse.
-Auf einmal fällt mir ein: Das hat schon in Goethe
-gestanden, das in Heine, das habe ich von Ibsen,
-das von Maeterlink &ndash; von all den anderen, die
-vor mir gelebt und gedichtet haben &ndash; die verfluchten
-anderen. (Er wirft sich mit dem Gesicht
-auf die Hände.)</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em> (überlegen wie mit einem Kind): Wie
-wollen Sie das ändern? Es muß doch noch Menschen
-auf der Welt gegeben haben außer Ihnen.</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (auffahrend): Weiß ich das nicht? Natürlich
-muß es. Das ist notwendig wie &ndash; Schmerzen
-&ndash; Krankheit &ndash; wie das Leben selbst. Aber man
-könnte doch auch nicht durch die Wüste reisen, wenn
-nicht Oasen wären. Das müßte sein &ndash; Oasen
-<a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a>
-müßten sein. Jeder Mensch müßte noch einen haben,
-der kein anderer ist.</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em> (ihn verständnislos ansehend): Sie meinen?</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (ganz unpersönlich): Sie haben sich gewiß
-gewundert, daß ich mich an Ihren Tisch gesetzt habe
-und Sie angesprochen. Wir passen doch gar nicht
-zueinander. Ich (auflachend), der verrückte Dichter,
-und Sie, der Krämer.</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em> (verletzt): Erlauben Sie&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (in demselben Ton): Es sieht Ihnen aus
-dem Gesicht, daß Sie nichts im Sinn haben als
-Geschäftemachen &ndash; Geldverdienen.</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em> (auffahrend): Herr, wollen Sie mich beleidigen!</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (ganz unbekümmert): Wie ich hereingekommen
-bin, sind Sie mir deshalb aufgefallen. Ich
-habe mir gesagt: das ist vielleicht ein Mann, der
-nicht anders ist, als wie er scheint.</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em> (wieder mit mitleidiger Überlegenheit):
-Legen Sie darauf solchen Wert?</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (ohne auf die Unterbrechung zu achten):
-Wie ich noch jung war, habe ich gemeint: einen
-Menschen, der eins mit mir ist, müßt' ich leicht
-für mein ganzes Leben finden. Dann bin ich bescheidener
-geworden. Nur für Jahre habe ich mir's
-verlangt &ndash; nur für Monate &ndash; für Wochen &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a>
-Stunden. Jetzt habe ich auch das aufgegeben. Ich
-suche nach einem Menschen, der nicht doppelgesichtig
-ist, vieläugig, hundertzüngig. Und ich such' &ndash; ich
-suche.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em> (trivial): Sie haben sicher schlechte Erfahrungen
-mit Weibern gemacht, daß Sie so mißtrauisch
-geworden sind.</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (heftig): Reden Sie mir nicht vom Weib,
-von diesem Trugbild unserer Phantasie.</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em> (ordinär): Da haben Sie recht. Was
-Frauenzimmer heißt, lügt und betrügt.</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em>: Doch nicht mehr als der Mann. Es ist
-nur sein tragisches Verhängnis, daß es der Gipfelpunkt
-der Mannesillusionen ist. Immer wieder &ndash;
-immer wieder glaubt er in fiebernder Erregung an
-die Erfüllung seiner höchsten Sehnsucht, an das
-Zu-eins-verschmelzen mit einem zweiten Wesen. Und
-weiß doch &ndash; müßte es doch wissen &ndash; daß es in
-wenigen Sekunden für ihn ein anderes sein wird &ndash;
-ein fremdes, das ihn belästigt.</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em> (mit gemeinem Auflachen): Also &ndash; was
-das betrifft&nbsp;...</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (ohne die Unterbrechung zu beachten, schwärmerisch,
-mit Tränen in den Augen): Zwei Menschen,
-die füreinander keine anderen waren. Das
-war das Paradies. Die Schlange war die andere.
-<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a>
-Das erste Wort, das Eva mit ihr gesprochen hat,
-war der Sündenfall. Seitdem sind wir zu Lug
-und Heuchelei verdammt.</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em>: Einfälle haben Sie, Herr&nbsp;... (Er sucht
-nach dem Namen.)</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (immer erregter): Bei jedem neuen Menschen
-fängt der Paradieseszustand wieder an. Mutter
-und Kind sind zuerst ganz dasselbe. Und lange
-noch sind sie kristallklar füreinander, bis sich das
-fürchterliche Anderssein dazwischen drängt.</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em> (gelangweilt): Das ist nun mal der Lauf
-der Welt.</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (schlägt erregt mit der Faust auf die Tischplatte):
-Es ist ihr Fluch. Und es ist gegen die
-Natur. Woher käme sonst dieses Entsetzen, dieser
-Schmerz, wie es keinen furchtbareren gibt &ndash; wenn
-man an einen Freund in vertrauter Zweiheit voll geglaubt
-hat und man sieht ihn plötzlich unter anderen,
-verwandelt, unecht, ein ganz anderer. (Verzweifelt.)
-Gott! <em class="ge">Einen</em> Menschen finden, den ich achten kann!
-<em class="ge">Eine</em> Seele, deren ganze Nacktheit ich entblößen
-dürfte, ohne eine Täuschung zu entschleiern.</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em> (steht auf und will nach seinem Paletot
-langen): Sie nehmen das zu tragisch, Herr&nbsp;... (Er
-sucht den Namen.) Die Menschen sind eben keine Engel.</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (steht auf, tritt vor ihn hin, aufgeregt):
-<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a>
-Meinetwegen Teufel, Tiere. Aber sie &ndash; sie selbst.
-Ihr Charakter ist ihr Schicksal. Sie entgehen ihm
-nicht; warum verbergen sie ihn also?</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em> (der nur daran denkt, das Gespräch abzubrechen,
-ablenkend): Die wenigsten Menschen denken
-so wie Sie.</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (immer wilder): Warum? Warum? Alles
-verfault in ihnen, alles ist vergiftet. Selbst mit sich
-selber sind sie nicht mehr eins. Sie reden, woran
-sie nicht denken, tun, wobei nicht ihr Interesse ist.
-Sich selbst belügen sie.</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em> (über Kyll hinweg nach seinem Paletot
-langend, ungeduldig): Gott, Sie werden das nicht
-ändern.</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (Broß am Arm fassend, schreiend): Aber
-ich ertrag's nicht länger. Ich kann nicht länger
-unter Masken leben. Ich wage nicht mehr, mich
-nach einem Abschied umzudrehen. Ich sehe des anderen
-heuchlerisches Lächeln sich zu Spott verzerren.
-Ich fühle ihn den Dolch seiner verleumderischen
-Rede mir meuchlings in den Rücken stoßen. (Tritt
-ganz hart an Broß heran, mit wild flackernden
-Blicken.) Das Hirn möchte ich dem Kerl auseinanderreißen,
-der mir gegenüber sitzt, das Herz
-möchte ich ihm zerfleischen, um zu wissen, was er
-denkt und fühlt.</p>
-
-<p class="ci"><a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a>
-(Broß macht erschreckt einen Schritt gegen das
-Büfett, hinter dem der Kellner schläft.)</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (faßt ihn beim Arm): Wo wollen Sie hin?</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em> (mit einem Versuch, seine Angst zu verheimlichen):
-Ich wollte nur den Kellner &ndash; ich
-möchte noch einen Kognak.</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (mit wildem Blick): Sie lügen &ndash; Sie
-fürchten sich vor mir.</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em> (gezwungen auflachend): Aber, lieber Herr&nbsp;...
-(Er sucht den Namen.) Wie können Sie nur
-glauben &ndash; Sie sind so unterhaltend &ndash; ich könnte
-noch bis Tagesanbruch mit Ihnen zusammensitzen.</p>
-
-<p class="ci">(<em class="ge">Truck</em> tritt ein mit einem <em class="ge">Mädchen</em>.)</p>
-
-<p><em class="ge">Truck</em> (zu Broß): Nu frag' ich einen Menschen.
-Broß, Menschenkind, trifft man Sie in nachtschlafender
-Zeit noch im Kaffee?</p>
-
-<p><em class="ge">Broß</em> (erlöst aufatmend, faßt Trucks Hand, leise):
-Sie schickt mir der Himmel. Ich bin da an einen
-Wahnsinnigen geraten.</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (der angestrengt hinübergehorcht hat): Was
-haben Sie dem Mann von mir gesagt? (Zu Truck.)
-Eben hat er mir versichert, ich sei so unterhaltend,
-die ganze Nacht möchte er mit mir zusammensitzen.
-(Zieht einen Revolver aus der Tasche.) Warum hast
-du gelogen &ndash; Kerl!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a>
-<em class="ge">Broß</em>, <em class="ge">Truck</em>, das <em class="ge">Mädchen</em>: Zu Hilfe! Zu
-Hilfe!</p>
-
-<p><em class="ge">Kyll</em> (mit vor Erregung erstickter Stimme): Ihr
-Feiglinge! Ihr Lumpenpack! Ihr &ndash; anderen &ndash;
-(Er erschießt sich.)</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a>
-Wir hatten alle den nämlichen Gedanken. Der
-grauhaarige Herr am Ofen hielt uns zurück.</p>
-
-<p>»Wenn er Ernst gemacht hat, kommt ihr doch zu
-spät.«</p>
-
-<p>Mark Crystoll sagte trübe: »Er hat seine Todesleidenschaft
-gestaltet. Das kühlt sie ab.«</p>
-
-<p>»Der Unberatene. Meint, er kann ein Ende
-machen. Und kann doch nichts als zu einem Tor
-hinausgehen, um durch ein anderes wieder zu erscheinen.«</p>
-
-<p>Wir waren sparsam mit den elektrischen Laternen
-umgegangen. Trotzdem hatten sie sich allmählich
-verzehrt, bis auf eine, die auch eben im Begriff war
-auszulöschen. Die unbekannte Stimme war mit der
-Dunkelheit verschmolzen. Es war nicht zu unterscheiden,
-wem sie angehörte.</p>
-
-<p>»Auch ihr,« sprach es aus dem Unbekannten weiter.
-»Kurzsichtige. Mit eurem Klagen und Verneinen.
-›Ja‹ müßt ihr zu eurem Leben sagen. Und ›So will
-ich dich‹. Denn ihr wißt, mit allem seinem Schmutz
-und Elend kommt es immer wieder zu euch zurück.«
-Dann wieder, mühsam, stockend, wie aus innerem
-Grauen aufgestiegen:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a>
-»Oder kennt ihr es noch nicht, das schreckhafte,
-das apokalyptische Geheimnis? Ach,« es ächzte wie
-aus einer Pein, die sich doch an ihrer Einzigkeit
-berauscht, »daß ich verurteilt sein muß, seine Siegel
-vor euch zu zerbrechen.«</p>
-
-<p>Ich weiß nicht, wie es den übrigen erging. Mich
-steigerte die in Schleier eingehüllte Herkunft dieses
-feierlichen Anrufs in eine erwartungsvolle Stimmung.
-Es wäre mir Verletzung meines Feingefühls
-gewesen, hätte der Unsichtbare das Pathos, mit dem
-er, wie aus einem tiefen Schacht, letzte Dinge seines
-Fühlens aus der Seele holte, in hellem Lampenscheine
-vor uns ausgebreitet. Die Verkündigung der
-abgeklärten Buddhalehre, von Nietzsche unter Qualen
-umgewertet in Übermenschlichkeit.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a>
-Von ewiger Wiederkunft</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a>
-Er liegt am Rande des sanft zum See gesenkten
-Ufers, von hochgewachsenen Farren überdacht. Zu
-seiner Rechten, auf dem Hügel, um den die Großstadtleute
-sich geschwätzig und geputzt ergehen, weiß er
-die Tafel mit den wie vom Schicksal in den Stein
-gegrabenen Zeichen:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»Die Welt ist tief</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und tiefer als der Tag gedacht</td></tr>
- <tr><td class="tdl">.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Weh spricht: Vergeh'!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Doch alle Lust will Ewigkeit&nbsp;&ndash;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&ndash;&nbsp;will tiefe, tiefe Ewigkeit!«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Er glaubt, ein Echo dieser Worte in dem Murmeln
-der anschlagenden Wellen zu vernehmen. Wenn
-er die Augen schließt. Wenn er sie öffnet, ist der
-schwere Klang verweht, und er sieht in ein Meer von
-Glanz und Duft. Die Wasser jauchzen, und der See
-blüht. Wie ein Garten, wie ein Beet von blauen
-Enzianen, über die ein Heer von weißen Schmetterlingen
-fliegt. Die hinscheidende Sonne wirft aus
-dem Westen Purpurrosen auf die blaue Pracht, sie
-durchglutet die Segel, die sich wie große Möwenflügel
-<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a>
-spreizen, und das Gebäude, das vom jenseitigen
-Ufer grüßt, verklärt sich durch ihren goldenen Abendschein
-zum Märchenschloß.</p>
-
-<p>Den Ruhenden unter dem Farrendickicht schmerzt
-diese Pracht und Fröhlichkeit. Die Augen zu. Dunkelheit
-um sich geschaffen. Und dem dumpfen Laut
-gelauscht, mit dem die Brandung zu den Kieseln
-spricht:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»O Mensch! Gib acht!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Was spricht die tiefe Mitternacht?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ich schlief, ich schlief&nbsp;...«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Als er erwacht, findet er die Welt um sich vertauscht.
-Wie ein guter Hausverwalter, wenn der
-letzte Gast gegangen ist, die Lampen abdreht und
-Tücher auf die Seidenmöbel und die festlichen Geräte
-wirft, so hat der späte Nachmittag hinter den
-letzten Sonnenstrahlen alle Farben ausgeblasen und
-über Tanz und Spiel der Wellen einen mißtönigen
-Flor gebreitet. Fahl und flach liegt der weite Spiegel;
-vor dem Märchenschloß, das ihn begrenzt, ist
-ein grauer Vorhang zugezogen.</p>
-
-<p>Der Ruhende springt auf. Ihn fröstelt. Und er
-schreitet kräftig aus, um den steif gewordenen Gliedern
-die Geschmeidigkeit zurückzugeben. Die Halbinsel
-gehört ihm nun allein. Die Spaziergänger
-<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a>
-sind vor der einbrechenden Dämmerung geflüchtet,
-und bereden den Alltag jetzt in aufgehellten Räumen.</p>
-
-<p>Ihn, der gekommen ist, um in den Spuren eines
-Einsamen zu wandeln, graut vor der Gemeinschaft
-mit den Vielzuvielen. Er läßt die Wohnstätten
-der Menschen hinter sich und sucht sich den schmalen
-Weg, der, der Wagenstraße gegenüber, sich an die
-Windungen des Wassers schmiegt.</p>
-
-<p>Immer dichter sind inzwischen die Dünste hochgestiegen,
-haben sich geballt und rechts und links
-zur Mauer aufgerichtet. Alle Wirklichkeit ist abgetrennt.
-Nichts gegenwärtig als das Angedenken
-dessen, der seine kränksten Nöte und seine lachendsten
-Genesungen hier auf und ab getragen haben
-mochte. In der großen Stille scheint der Boden
-wie entsühnt von der Berührung mit den Massen,
-die seitdem durch ihren Tritt die Fußspur eines
-Ungewöhnlichen entweihten. Und auf leisen Sohlen
-schleichen die Schatten der Vergangenheit herbei.</p>
-
-<p>Vielleicht an dieser Stelle war vor dem Dichter
-das helle Mittagsstundenwunder aufgetaucht. Hier
-hatte er vielleicht gesessen, »ganz See, ganz Mittag,
-ganz Zeit ohne Ziel. Da plötzlich, Freundin, wurde
-eins zu zwei und Zarathustra ging an mir vorbei«.
-Und hier vielleicht, ein andermal, in einer Finsternis
-wie dieser, wie im Urchaotischen gefangen, mochte er
-<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a>
-mit dem Doppelgänger Brust an Brust gerungen
-haben. Ihm die feindliche, die mörderische Waffe
-zu entreißen.</p>
-
-<p>Der Wanderer stöhnt auf.</p>
-
-<p>Wie er jetzt körperlich den Wegen des Verkünders
-folgt, so war er ihm auch geistig nachgegangen. Und
-war an der Schwelle einer letzten Ausgangspforte
-einem Gespenst begegnet. Qual und Marter, ihm
-ins Gesicht zu sehen! Glich es nur dem Meister?
-Trug es nicht die eigenen Züge? Hatte es nicht
-längst im eigenen Leben tückisch lauernd dagelegen,
-um in bangen Stunden den Gefolterten zu überfallen?</p>
-
-<p>Ewige Wiederkunft? Kein Entrinnen aus dem
-Kreis des Ekels und des Überdrusses!</p>
-
-<p>Mag sein Fuß die schmale Grenze überspringen,
-die das feste Land vom Wasser scheidet: es behält
-ihn nicht, es bringt ihn wieder.</p>
-
-<p>Immer wieder auf das Rad geflochten&nbsp;...
-»Krumm ist der Pfad der Ewigkeit.«</p>
-
-<p>Nein! Seine Schultern tragen die Last dieses
-Gedankens nicht. Ihm fehlt die Kraft, den Kopf
-der Natter abzubeißen, um ihn lachend auszuspeien.
-»Ist das das Leben? Wohlan denn: noch einmal!«
-Er ist nicht brünstig nach dem hochzeitlichen Ring
-der Wiederkunft.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a>
-Ihm wird zumut, als wachten alle Peinen auf,
-die hier jahrelang versteinert im Gebüsch gelegen
-haben, und stürzten sich auf ihn, um ihn zu schrecken
-und zu würgen. Der Wahnsinn krallt sich in ihn
-ein, Verlassenheit, das verzerrte Abbild der königlichen
-Einsamkeit, greift nach ihm mit kalten Knochenarmen.
-Er läuft und läuft&nbsp;... Er fühlt, was
-zu sehen ihm der Nebel wehrt, daß der Waldweg sich
-verbreitert, daß seine Sohlen Wiesenboden treten.</p>
-
-<p>Von irgendwoher wehen abgerissene Laute zu
-ihm hin. Menschenstimmen. Er saugt sie gierig ein.
-Tastet sich zu ihnen hin. Etwas Lichtes durchzittert
-den feuchten Brodem. Der Fuß stößt an ein Hindernis,
-wagt sich behutsam ein paar Stufen aufwärts.
-Die ausgestreckte Hand rührt an eine Holzwand,
-faßt eine Messingklinke, drückt sie herab: ein Tor
-geht auf&nbsp;...</p>
-
-<p>Ein Glashaus, in dem zwischen hohen Palmen
-leichte, aus Stroh geflochtene Möbel stehen. Dahinter
-der weite Saal. Grellweiß mit zopfiger Vergoldung.
-Von der Decke, an metallenen Ketten,
-geschliffene Kristalle, in denen Glühkörper wie Blumen
-blühen. Unter ihrem strahlend grellen Schein
-ein Mischmasch von surrenden und summenden Geräuschen.
-Gespräch, Gelächter, das Rascheln weicher
-Seiden, das Schleifen kostbarer Brokate. Frauennacken,
-<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a>
-die tief entblößt aus Tüll und Spitzen steigen,
-mächtige Frisuren, von Reihern bekrönt und mit
-diamantenen Kämmen festgehalten. Aus dem bunten
-Durcheinander sticht das dumpfe Schwarz der Herrentracht
-hervor und die einförmige Blankheit der
-steifgestärkten Hemdenbrüste.</p>
-
-<p>Inmitten dieses Wirrwarrs von Schattierungen
-und Tönen ein grün-roter Farbenfleck, wie aus einer
-Riesentube hingeschleudert. Die roten, grün besetzten
-Wämser und Barette der Italiener, die eben ihr
-Konzert beginnen. Mit einem Ritornell zum Lobe
-Neapels. Sie stehen aufrecht, wie von ihrem Enthusiasmus
-aufgeschnellt, und schmettern mit begeisterten
-Gebärden gemeinsam den Refrain heraus:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl"><i>Dolce Napoli</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>O suol beato</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>Ove sorridere</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>Volle il creato.</i></td></tr>
-</table>
-
-<p>Den Mann, der aus dem dunkeln Grauen in den
-hellen Leichtsinn tritt, erfaßt ein Schwindel. Er
-flüchtet in eine der Nischen, um deren Rundung ein
-silbergrauer Diwan läuft. Er läßt sich in das Polster
-sinken und winkt einem der Diener, die, im blauen
-Frack mit messinggelben Knöpfen, durch die Menge
-laufen. Der beäugelt mißtrauisch den Gast, der
-<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a>
-wagt, im Sportdreß, den Nachttau in den verwühlten
-Haaren, in diese festliche Versammlung
-einzutreten. Doch die Gebärde, von der der Befehl,
-eine Flasche Sekt zu bringen, begleitet wird, ist so
-gebieterisch, daß sich die Lakaienseele duckt.</p>
-
-<p>Auch der übrigen Gesellschaft ist der Fremde aufgefallen,
-der so rücksichtslos der hergebrachten Sitte
-trotzt. Man einigt sich: so kann nur ein Deutscher
-sich vergessen. Und er ist auch wirklich blond, blauäugig
-und, trotz seinen langen geraden Gliedern, ein
-bißchen unbeholfen. Nur seltsam, daß der junge
-Kopf schon an den Schläfen graue Fäden zeigt.
-Und was für ein Kontrast zwischen den breiten,
-festen Flächen des oberen Gesichts und dem zurückfliehenden
-Unterkiefer. Die Musternden sind geneigt,
-ihn für einen Skandinaven zu halten. Man
-gibt zu: gegen Stoff und Schnitt des beanstandeten
-Knickerbocker sei kein Einwand zu erheben. Und das
-Gebaren dieses Außenseiters habe einen Zug von
-Vornehmheit. Manches Mädchen denkt: holt er
-mich heute wohl zum Tanz?</p>
-
-<p>Er, blind für Beobachtung oder Kritik, ist ganz
-erfüllt von dem beglückenden Bewußtsein: ich bin
-geborgen. Über die Schwelle dieser billigen Karawanserei
-wagt sich der Spuk der Nachtgesichte nicht.
-Zweimal schon hat er den hohen Kelch geleert. Eine
-<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a>
-wohltuende Wärme legt sich besänftigend auf seine
-Brust.</p>
-
-<p>Da kommt ihm von irgendwoher eine Hemmung
-seines Wohlbehagens. Was ist es, das an seinen
-Nerven zerrt? Er sucht die störende Empfindung
-wegzustreichen. Vergebens. Sie umschwirrt ihn wie
-ein lästiges Insekt. Er hebt den Kopf und begegnet
-einem Augenpaar, das sich fest und unbekümmert in
-das seine bohrt. Den Augen eines Weibes.</p>
-
-<p>Schön? Bizarr. Wie eine fremdländische Tropenblume.
-Wie ein kostbares Geschmeide, in einer uralten
-Kultur entdeckt.</p>
-
-<p>Rostbraunfarbige starre Haare umschließen in
-schweren Wellen eng die schmalen Schläfen. Der
-vorgewölbte Mund schneidet brennendrot durch die
-gelblich blasse Haut der Wangen. Die Augen, mit
-grünlichen Pupillen, stehen etwas schräg gegen die
-kleine, gerade Nase. Ein weißes Pannekleid, rosig
-angehaucht wie das Innere einer Muschel und in
-jeder Biegung von irisierenden Reflexen überrieselt,
-steigt hoch hinauf bis zu den kleinen Ohren. Und sie
-ist juwelenlos. Nur auf der Stirn liegt, von einem
-dünnen Kettchen festgehalten, ein schimmernder Opal.
-Sehr jung ist sie dabei; und so mädchenzart, daß
-man den feisten, kahlköpfigen Herrn, der neben ihr
-hinter seiner Zeitung fast verschwindet, für ihren
-<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a>
-Vater halten könnte, wenn nicht die Besitzermiene,
-mit der er, den Arm um sie gelegt, von Zeit zu Zeit
-ihr etwas zuflüstert, verriete, daß er ihr Gatte ist.
-Sie achtet weder seines Redens noch seines Verstummens.
-In dem Armstuhl, der für ihre schmale
-Gestalt viel zu weit ist, lehnt sie sich ein wenig vor,
-ein Lächeln teilt ihre Lippen, die Augen haften fest
-an ihrem Gegenüber.</p>
-
-<p>Er wendet sich beinahe ungezogen ab. Aber das
-Fluidum, das von ihr zu ihm hinüberströmt, dringt
-ihm in alle Poren. Sie zwingt ihn zu sich, wie
-durch Zauber. Er sieht das Blut in ihren Adern
-kochen, er sieht, wie die Wünsche in ihr auf und
-nieder steigen. Das Idiom der Zungen würde sie
-wahrscheinlich trennen. Ohne Worte verstehen sie
-einander gleich.</p>
-
-<p>»Du,« sagt sie zu ihm; »du!«</p>
-
-<p>Es trifft ihn wie ein Kuß.</p>
-
-<p>Und ohne seine Antwort abzuwarten, fährt sie
-fort: »Mir ist, als kenne ich dich lange. Du gefällst
-mir. Sehr gefällst du mir.«</p>
-
-<p>Von ihrer Liebkosung entzündet, wehrt er sich
-gegen ihre buhlerische Zärtlichkeit. »Was sprichst
-du so zu mir, dem Fremden, und sitzest doch an der
-Seite deines Ehemannes?«</p>
-
-<p>Sie hebt verächtlich ihre Achseln. »Ehemann?
-<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a>
-Richtig; das ist wohl einer seiner Namen. Er hat
-noch andere. Phil und John und Will. Ich mußte
-ihm alle geben, als ich mich ihm verkaufte. Mich
-frei von Elend und von Schande kaufte, frei für
-Luxus, Glanz und Liebe.« Wie ein Schlänglein läuft
-ihre rote Zungenspitze über die weißen, spitzen Zähne.
-»O wie ich hungere nach Liebe!«</p>
-
-<p>Die Musikanten stimmen nach kurzer Unterbrechung
-wieder ihre Instrumente. Über abgerissene Akkorde,
-die nur auf Tonika und Dominante stehen,
-hebt sich die sentimentalisch süße Melodie. Der
-Tenor, ein tiefbrauner Bursche von quecksilberner
-Beweglichkeit, beklagt die Launenhaftigkeit seiner
-Geliebten.</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»<i>Dimmi, dimmi nenella mia bella&emsp;&emsp;</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>pechè staje affaciate? pechè?</i>«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Er bettelt um ein gutes Wort:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»<i>Quanno me dice che me vuó bene&emsp;</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>tutte le pene me faie scordà.</i>«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Die Arme zu einer Huldigung gerundet, die allen
-Damen dieses Kreises gilt, lockt er sein Mädchen
-zum verliebten Stelldichein. Und seine ungeschulte
-aber weiche Stimme tremuliert heftig in der Übertreibung
-seines feurigen Gefühls.</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»<i>Si tu nenella mia viene comme</i>
- <a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>Uh! quanta cose t'aggio a di cantanno</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>Jo! quanta cose t'aggio a fai sapè.</i>«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Ein Hauch von Lust fächelt die Gesellschaft, die,
-von der Höhenluft erregt, sich nach reichem Mahl
-zu müßiggängerischem Tändeln hier zusammenfindet.
-Schultern drängen sich näher aneinander, heiße
-Finger streifen sich, Fußspitzen begrüßen sich in heimlicher
-Begegnung.</p>
-
-<p>Den Einsamen in seinem Winkel überkommt die
-weiche Stimmung, von der er sich doch sagt, daß sie
-eine Täuschung seiner müden Sinne ist; die Sehnsucht
-nach einem zweiten, dem er sein Ich verschmilzt,
-um es reiner und erhöhter wieder zu empfangen.</p>
-
-<p>Von drüben fliegt der Spott wie scharfe Pfeile
-auf ihn zu. »Du Tor spekulierst und grübelst: und
-das heiße Leben rauscht an dir vorbei. Greif' zu!
-Genieße!«</p>
-
-<p>»Und meine Seele?«</p>
-
-<p>Rasch läuft das Schlänglein ihrer roten Zunge
-über den vorgewölbten Mund. »Sorgst du um deine
-Seele? Armer Narr! So hast du das Weib der
-großen Seligkeit noch nie besessen. Wie? Das Wunder,
-daß zwei Menschen miteinander in dem Nichts
-vergehen, aus dem sie einmal herausgekommen sind,
-<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a>
-wäre nichts als ein Gefühl der Haut? Und wo bliebe
-denn die Seele in dem rätselhaften Augenblick, in
-dem die Körper außer sich, über sich hinaus geraten?
-Ins Uferlose, Unbegrenzte, außer Zeit und Raum,
-ohne Anfang, ohne Ende, nur Wonne und geniale
-Ahnung, wie sie Gott durchschauert haben mögen,
-da er die Welt erschuf.«</p>
-
-<p>Er, innerlich gefangen, wehrt sich in den Maschen
-ihres Netzes. »Schlange! Kluge! Listige! Was
-versuchst du mich zu lügender Erkenntnis?«</p>
-
-<p>Um die rotgrüne Musikanteninsel kräuselt eine
-lärmende Bewegung. Kastagnetten begleiten den
-Klang von Geige, Cello, Tamburin und Mandoline.
-Und indem die Italiener ihre Instrumente streichen,
-schütteln, zupfen, singen sie zu gleicher Zeit und
-drehen sich in kecken Sprüngen. Eine wilde Tarantella,
-wie sie das Volk an seinen Festen tanzt.</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»<i>Jammo a bedere nterra a l'arena,</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>mento che spanfia la luna, li</i></td></tr>
- <tr><td class="tdl"><i>pescatore de Merglina.</i>«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Der Rhythmus der jagenden Triolen reißt das
-Blut der Hörer mit. Die Leiber und die Beine
-zucken, verlangend kehrt die Jugend sich zu der Tür
-des Tanzsaals, der eben aufgeschlossen wird. Und
-<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a>
-die Tarantella rast noch immer, und die Musikanten
-jubeln, schreien.</p>
-
-<p>Durch den Wirbel der Atome geht der Strom
-magnetisch von dem Weib mit den rostbraunfarbigen
-Haaren zu dem Mann, der einsam in seinem Winkel
-sitzt. Er ist wie eingehüllt in die Glut ihres Begehrens.
-Er erschauert unter dem liebkosenden Getaste
-ihrer Finger, ihre weißen Zähne graben sich in
-seinen Hals, er fühlt die Knospen ihrer jungen
-Brüste an den seinen, ihre Flechten, aus ihrem
-Zwang gelöst und von ausspringenden Löckchen wie
-von kleinen Flämmchen überflattert, begraben seinen
-Atem unter ihrem schweren Duft. Sie gibt ihm
-die Wollust tausender im heißen Spiel der Liebe
-erträumter Nächte in einem kurzen Augenblick. Die
-ganze Weibheit hält er mit ihrem schlanken Leib in
-seinem Arm.</p>
-
-<p>Betäubt, entfestet, ohnmächtig gegen die Naturgewalt
-zu kämpfen, gibt er sich ihr widerstandslos hin.</p>
-
-<p>Erobererhochmut tritt in ihre Züge, da sie seine
-Unterjochung fühlt. Sie erhebt sich und entbietet
-ihm noch einmal ihren Willen, daß er ihn in die
-Gefolgschaft ihres Kleidersaumes zwingt.</p>
-
-<p>Er zögert, beschwert von trauriger Ermattung.
-Der Kontakt ist unterbrochen. Der Funke sprüht
-nicht zwischen den konträren Polen auf.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a>
-In einer Sekunde des Besinnens richtet sich das
-unbegrabene Skelett des gespenstischen Gedankens
-vor ihm auf. Die ganze Weibheit hat er in ihrem
-schlanken Leib genossen. Tausende heißer Nächte
-haben sich ihm in einen kurzen Augenblick gepreßt.
-Weil sein Gedächtnis tausend zugefallene Pforten
-der Erinnerung aufgebrochen hat, um ihm vertausendfacht
-sein Ich zu zeigen, wie in einem Raum
-mit tausend Spiegelwänden.</p>
-
-<p>Ja, er erkennt es wieder, sein ewiges Erlebnis.
-Stets das gleiche. Die Flucht aus der Wüste der
-Askese in die Üppigkeit der Lebensgier. Und Licht,
-Musik und Tanz. Und das Weib. Immer das
-gleiche. Der Brennpunkt aller Illusionen. Und
-wenn ihr Wesen, bis zur letzten Falte ausgespäht,
-keine Rätsel mehr zu bieten hat, ein Gewicht, das
-in die Niedrigkeit hinunterzieht, das mißachtete Gefäß
-eines schal gewordenen Trunkes.</p>
-
-<p>... Wie berückend die Erscheinung in dem weißen,
-rosig überhauchten Sammetgewand, in jeder Biegung
-von irisierenden Reflexen überrieselt. Eine
-einzige mitten in der Allgemeinheit. Ein künstlerisch
-vollendetes Gebilde der Sansara.</p>
-
-<p>Wie mit Ketten reißt es ihn wieder zu ihr hin.
-Zwischen Verlangen und Verzicht ertrinken ihm die
-Sinne, nur an eine feste Vorstellung geklammert:
-<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a>
-Dies ist die Stunde der äußersten Entscheidung.
-Jetzt oder niemals durchbrichst du dein Geschick.
-Jetzt oder nie tritt das Göttliche in dir die erdenschwere,
-schuldbeladene Materie nieder.</p>
-
-<p>Und es lichtet sich um ihn wie Morgenröte. Ihm
-ist, als klimme er auf einen Gipfel, tief unter sich
-die bunte Sinnenwelt.</p>
-
-<p>Sieg! Triumph! Er hat den Ring der ewig
-gleichen Wiederkunft gesprengt. Er kann wunschlos
-eingehen in Nirwana.</p>
-
-<p>Von dem inneren Kampf zerbrochen, geht er langsam
-zu der Ausgangstür und faßt die Klinke. Ein
-Blick noch, wie ihn der Abscheidende den Erdendingen
-zuwirft, bevor er sie verläßt&nbsp;...</p>
-
-<p>Das Bild hat sich verändert. Die Italiener sind
-in den Tanzsaal übersiedelt und locken mit dem
-wiegenden Dreivierteltakt eines schmeichlerischen
-Wiener Walzers. Und schon naht einer, der sich
-vor der Frau mit den rostbraunfarbigen Haaren
-tief verbeugt und dem sie die Gunst gewährt, sie
-minutenlang an sich zu drücken.</p>
-
-<p>Der Mann, der bereit ist, sich von der Erbsünde
-zu lösen, macht eine hastige Gebärde zu den beiden
-hin. Noch einmal in den Fängen seiner Menschlichkeit.
-Und die Unruhe, die ihn durchrüttelt, entwurzelt
-in ihm einen schrecklichen Verdacht.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a>
-Wie, wenn ihn die Erkenntnis äffte? Wenn die
-Wahrheit, der den Schleier abzureißen er sich vermaß,
-sich ihm nur um so undurchdringlicher verhüllte?
-Und gerade dieses sein ewig wiederholtes
-Fatum bliebe: zu verdammen, was er heiß ersehnt?
-Kraftlos vor dem Entschluß zurückzuweichen und
-einem Kühneren das Glück zu überlassen, das in der
-Phantasie schon sein gewesen ist?</p>
-
-<p>Der Angstschweiß bricht ihm aus. Alles wankt
-und schwankt um ihn herum.</p>
-
-<p>Eine leise Stimme will ihn trösten: »Es ist deine
-Jugend, die sich gegen dieses letzte Opfer bäumt.«</p>
-
-<p>Er glaubt sich nicht. Er hat das Vertrauen zu sich
-verloren. Und sagt sich mit wehmütiger Bitterkeit:
-»So werde ich die Probe machen müssen.« Drückt
-die Klinke nieder. Und geht durch Nebel und Verlassenheit
-an den See zurück.</p>
-
-<p>... Hinter ihm lachen die Violinen.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a>
-Auch dieser Gast verschwand. Ganz leise. In das
-Schweigen, das er hinterließ, fiel ein sehr alltägliches
-Geräusch.</p>
-
-<p>Der Grauhaarige hatte an seinem Feuerzeug geknipst
-für eine seiner vielen Zigaretten. Er steckte
-die Zündschnur noch einmal in Brand und half der
-Nachbarin ein Kerzenende aus ihrem Reisesacke kramen.
-In Schlupfwinkeln von Männertaschen wurden
-Wachsstreichhölzer aufgestöbert.</p>
-
-<p>In dieser unzureichenden Beleuchtung sahen wir,
-wie sich die Frau in Nonnentracht erhob, die beim
-Instandsetzen der kahlen Kammer wacker mitgeholfen
-hatte, um sich dann, als sei jede Minute Müßiggang
-ein Raub, den Nadeln ihres Strickstrumpfs
-zuzuwenden. Jetzt legte sie die Arbeit nieder und
-faltete die Hände.</p>
-
-<p>»Ach, meine lieben Schwestern und Brüder, mein
-Herz ist bis zum Rand gefüllt mit Traurigkeit um
-euch. Wie ihr alle aneinander leidet. Wie ihr einander
-weh tut und eins sich nach dem anderen doch
-sehnt und nach ihm sucht und an ihm vorbeitappt
-in die Einsamkeit. Das kommt daher: Jeder von
-euch ist zu viel mit sich selbst beschäftigt, ihr seid
-<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a>
-beständig hin und her gerissen von Wollen und Verlangen.
-Ihr habt nicht mehr den Glauben. Nein,«
-schnitt sie Bedenken in uns ab, noch ehe sie sich
-regten, »ich will euch nicht bekehren. Nennt ihn
-Jehova, Jesus Christus, Gott oder Natur. Nur
-daß euch eine Zuversicht gegeben ist, an die ihr euch
-vergeßt, eine Frömmigkeit, an der ihr euch beruhigt.«</p>
-
-<p>Ihr klares, gütiges Organ, etwas eintönig, als
-seien im Gebet seine feinen Schwingungen ertötet,
-aber unendlich wohltuend, gleich einer Auflösung
-der vorhergegangenen Dissonanzen, schilderte das
-kleine Haus, in dem sie demütig dem Herrn diente.</p>
-
-<p>Habe ich ihre Absicht recht verstanden? Und sie
-in meiner Wiedergabe richtig ausgedeutet? Daß sie
-uns an einem Beispiel lehren wollte: das Nichtwissen
-schließt die höchste Weisheit in sich ein.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a>
-Frohe Botschaft</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a>
-Herbstnebel! Er überspinnt das ganze Dorf, umflort
-die Häuser, hängt graue Tücher vor die Berge
-und über das Gesicht des Sees. Die Sonne müht
-sich vergebens, ihn zu durchdringen, er verzehrt ihre
-Strahlen und frißt ihren Schein, daß sie fahl am
-Himmel steht wie eine Tote. Da tun sich die große
-Turmuhr und der Wind zusammen. Die Turmuhr
-schleudert zwei Schläge und dann noch elf gegen
-die geballte graue Masse, der Wind springt hinterher
-und bläst aus vollen Backen. Von obenher bohrt
-sich die Sonne durch. Und Schall und Wind und
-Wärme reißen den Brodem auseinander. Noch klammert
-er sich am Gebirge an und raucht aus den
-Schluchten. Aber als der Mittag ausgeläutet wird,
-findet er den Himmel reinlich ausgefegt. Die letzten
-grauen Fetzen, zwischen Felsen eingeklemmt, haben
-die Kraft nicht mehr, sich festzuhalten. Sie verflattern
-zu Fahnen, lösen sich in Flocken auf und
-vergehen in den Tannenwipfeln. Nichts bleibt mehr
-von dem Dunst zurück als ein zarter Silberhauch,
-der wie ein Schleier über den sanften Umrissen
-der Landschaft liegt.</p>
-
-<p>Alle Geräusche, die in dem dicken Nebel eingepackt
-<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a>
-gewesen waren, schallen in der aufgehellten
-Luft. Das Gebell der Hunde, das Räderknarren,
-der Schlag des Schmiedehammers und das Kreischen
-eines Hobels. Von dem Gespräch, das zwei
-Frauen über die Straße weg miteinander führen,
-ist jede Silbe zu verstehen. Und schon von weitem
-hört man das Schwatzen und Gelächter der Kinder,
-die, nach ihrem Mittagessen, wieder zu den frommen
-Schwestern gehen, um dort bewahrt zu werden, bis
-die Mütter aus der Arbeit kommen. Von allen
-Seiten trippeln sie herbei, das Seeufer entlang, vom
-oberen Dorf her durch die Wiesen, einzeln oder paarweis,
-ein sechsjähriges oft schon der Schutz für
-jüngere Geschwister. In der entlaubten Kastanienallee,
-der Kleinkinderbewahranstalt gegenüber, finden
-sie sich zueinander. Sie vergnügen sich damit,
-die verfaulten feuchten Blätter mit den Füßen aufzuwühlen,
-und um jede halbvertrocknete Kastanie, die
-sie im Laub entdecken, gibt es ein Gerauf und ein
-Gepuff.</p>
-
-<p>Die kleinen Mädchen, gesitteter, weil sie sich
-schwächer fühlen als die Buben, mahnen: »Seids
-stad, Buben, gehts zua, Schwester Brigitte tuat
-g'wiß schon auf eis warten.« Sie laufen über die
-Landstraße hinweg hinüber zu der Schule; langsam
-trotten die Jungen hinterdrein.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a>
-Die Kleinkinderbewahranstalt liegt in einem alten
-Haus (es ist fünf Fenster breit und trotz seiner beiden
-Stockwerke nur niedrig), dem man es nicht ansieht,
-daß es nicht nur die Herberge der Ortskranken und
-Armen ist, sondern auch das Haftlokal für Landstreicher
-und Trunkenbolde. Es ist ganz in Efeu
-eingesponnen; eine Statue der Muttergottes, die im
-Giebel thront, breitet ihre Arme wie segnend über
-die Blumentöpfe aus, die in grünen Gitterbrettchen
-vor jedem Fenster stehen. Und wirklich blühen unter
-ihrem Schutz noch ein paar leuchtend rote Nelken
-und Geranien.</p>
-
-<p>Einen kleinen Vorgarten, in dem die Rosenstöcke
-in Stroh gebunden an der Erde liegen, haben die
-Kinder zu durchschreiten. Dann klinken sie die Haustür
-auf, treten im Erdgeschoß in eine zur rechten
-Hand gelegene große Stube und begrüßen ihre
-Lehrerin mit einem gemeinschaftlich geplärrten: »Gelobt
-sei Jesus Christus. Küß die Hand.«</p>
-
-<p>Schwester Brigitte, ganz klein und schlank in
-ihrem schwarzen Kleid, der grauen Haube, der
-weißen Stirnbinde um das rosige Gesicht, ist
-im Begriff, dicke Decken auf den Fußboden zu
-breiten. Für die Allerkleinsten, die gleich ihr Mittagsschläfchen
-halten sollen. Sie schilt die Kinder
-um die Verspätung und um die Prügelei. Beim
-<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a>
-Schelten vertiefen sich die Grübchen in ihren runden
-Wangen.</p>
-
-<p>In den Kindern ist auch keine Furcht. Die Buben
-streiten in den Ecken um die erbeuteten Kastanien,
-die Mädel hüpfen in den engen Holzbänken herum,
-und wer ein Püppchen in der Tasche hat, holt es
-heraus. Nur die mütterlichsten unter ihnen helfen
-der Schwester die Knirpse, die jetzt ruhen sollen,
-hinzulegen und zu betten. Es sind Schreihälse darunter,
-Neulinge, die Heimweh haben und sich in der
-Fremde nicht zufrieden geben wollen. Sie schlafen
-schon, als ihnen noch die Tränen über die beschmutzten
-Bäckchen laufen.</p>
-
-<p>Schwester Brigitte wendet sich jetzt um (sie ist
-hingekniet, um ein Dreijähriges einzuhüllen) und
-fragt: »Mögt ihr lieber in den Garten gehen? Es
-ist heute noch so wunderschönes Wetter.«</p>
-
-<p>»In den Garten!« Es ist ein Jubelruf. Und
-schon stürmen sie den weißgetünchten Flur entlang,
-durch die Hintertür hinaus.</p>
-
-<p>Der Garten ist eigentlich nichts als ein Stück
-Sandland inmitten grüner Hecken. Neben einem
-Holzschuppen, in dem die Schwestern allerlei Gerät
-bewahren, steht eine Linde mit bereits vergilbtem
-und zerzaustem Laub. Eine Handvoll kümmerliches
-Gras sprießt in einer Ecke. Den Kindern ist der
-<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a>
-Platz just um seiner Kahlheit willen lieb. Da hat's
-keine Angst, den Rasen zu zertreten oder Blumen
-weh zu tun. Da kann man nach Herzenslust herumtollen,
-Sandhaufen bauen und in der Erde graben.</p>
-
-<p>Die Großen holen ihre Schaufeln aus dem Schuppen,
-ihre Eimerchen und Karren, die Kleinen gucken
-ihnen zu oder klettern auf die rechts und links von
-einem Holztisch in den Boden eingerammten Bänke
-und sonnen sich wie träge kleine Tierchen. Und alle
-plappern zu gleicher Zeit mit schrillen, hellen Stimmchen,
-die keine Modulierung haben, nur auf einen
-Ton gestimmt sind, wie das Gezirpe junger Vögel.</p>
-
-<p>Oben im zweiten Stockwerk liegt ein siecher Mann
-auf seinem Lager. Die Sonnenstrahlen sind bis zu
-seinem Bett gesprungen. Sie tänzeln um ihn herum.
-Förmlich an der Hand fassen sie ihn an und
-rufen: »Steh' auf, komm mit uns. Schau, wie
-wundervoll die Welt ist.«</p>
-
-<p>»Wenn ich nur könnt'!«</p>
-
-<p>Mühsam richtet er sich auf. O weh! O weh! Wie
-schmerzt die leiseste Bewegung. Aber die Sonnenstrahlen
-lassen ihn nicht los. »Komm,« rufen sie,
-»steh' auf.« Langsam, mit unsicheren Händen, der
-Schweiß läuft ihm dabei aus allen Poren, legt er
-Stück für Stück von seiner Kleidung an. Schwer
-auf den Stock gestützt, schleppt er sich bis zum Fenster.
-<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a>
-Dort fällt er auf einen Stuhl. Ein paar Augenblicke
-lang ist alles schwarz vor seinen Augen. Dann
-aber schaut er auf. Himmel Herrgott, was für eine
-Pracht!</p>
-
-<p>Es ist vielleicht, weil er wochenlang nichts über
-sich gesehen hat als das schwere Federbett, und nichts
-um sich als die vier weißen Wände seines engen
-Zimmers, daß ihm dünkt, so ein Herbsttag sei noch
-nie dagewesen. Und er trägt doch an fünfzig Herbste
-auf dem Buckel.</p>
-
-<p>Und Farben! Der See so blau &ndash; so blau &ndash; wie
-die Enzianen auf der Tapetzaner Wiese. Und so still
-bewegt wie die Brust von einem schönen Weibsbild,
-wenn es liegt und schläft. Nur ganz hinten,
-der Klause zu, wo zwei Segel schwimmen, licht wie
-ausgespreizte Möwenflügel, ist das Wasser sanft
-gekräuselt. Und ringsherum die Wiesenhänge, grün
-und saftig wie im Sommer, und die Wälder rot
-geflammt, gerade als ob Feuer aus den dunkeln
-Tannen schlagen. Obenher die Berge bis hinunter
-weiß beschneit, für Gletscher könnte man sie halten.
-Und darüber eine Luft! Es blitzt nur so in der Luft
-von Freude und von Lustigkeit.</p>
-
-<p>Eine Gier, krankhafter als die nach Tabak und
-nach Schnaps, die man ihm beide vorenthält, faßt
-den Kranken an, diese Luft zu schmecken.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a>
-Er denkt sich: »Gehst halt hinunter« und verlacht
-sich gleich: »Du Tepp, du Dalk! Grad' bis auf den
-Gang tät's vielleicht noch klenken. Dann, perdautz,
-da liegst.« Inbrünstig betet er zu seinem Schutzpatron.
-»Heiliger Josef, mach', daß eine von den
-Schwestern zu mir heraufkommt.« Und weiß doch,
-daß sein Bittgesuch vergebens ist. Weiß, Schwester
-Brigitte gibt jetzt im Garten Obacht auf die Kinder,
-derweil muß Schwester Anna nach den Kleinen
-schauen, die im Zimmer schlafen. Schwester Maria
-wäscht das Geschirr vom Mittagessen ab, und die
-Oberschwester Ursula verirrt sich nur selten in die
-Krankenzimmer.</p>
-
-<p>Es gelingt ihm, sich an der Fensterklinke hochzuziehen
-und die Flügel aufzumachen. Eine Welle
-durchsonnter und mit Tannenduft durchwürzter Luft
-strömt zu ihm ein. Das schmeckt &ndash; o wie das
-schmeckt! Wenn's ihm nur beim tiefen Atemholen
-nicht so in die Lunge stechen möchte.</p>
-
-<p>Er denkt: »Könnt' ich doch im Garten in der
-Sonne sitzen!« Er schreit hinunter: »Schwester
-Brigitte, Schwester Brigitte!« Das heißt, er möchte
-schreien, aber es kommt ihm nur ganz heiser aus der
-Kehle. Vielleicht steht ihm aber doch der heilige
-Josef bei. Oder trägt die reine Luft so weit?
-Schwester Brigitte blickt herauf. Sie sieht das
-<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a>
-aschfahle, verwüstete Gesicht, sie sieht die angstvoll
-bittende Gebärde.</p>
-
-<p>Sie denkt: »Jesus, Jesus, wie kommt der sterbenskranke
-Josef Kirschenhauer aus dem Bett ans
-Fenster? Geht's vielleicht mit ihm zu Ende? Und
-die Kräfte flackern im letzten Augenblick noch einmal
-auf? Da müßt man ihn ja schnell versehen
-lassen.«</p>
-
-<p>Mit ruhigem, gelassenem Schritt, wie die Ordensregel
-ihn ihr vorschreibt, steigt sie die Stiege aufwärts.
-Oben streckt der Josef die Arme nach ihr
-aus, wie der Gläubige nach dem Bildnis des Gekreuzigten.</p>
-
-<p>»Schwester Brigitte, tut mir eine Liebe, helft
-mir hinunter in den Garten.«</p>
-
-<p>Mit Festigkeit und Sanftmut redet ihm die
-Schwester diesen Einfall aus.</p>
-
-<p>»Das ist unmöglich, Kirschenhauer. Das schafft
-Ihr nicht. Und es könnt' Euch schaden. Und denkt
-nur, wenn Euch was passiert, ehe&nbsp;...«</p>
-
-<p>Sie spricht den Satz nicht bis zu Ende. Aber der
-Josef errät, woran sie denkt, und der Atem geht
-ihm aus, wie wenn ihm wer aufs Herz geschlagen
-hätte. Steht es so mit ihm? Aber dann erst recht&nbsp;...</p>
-
-<p>»Schwester Brigitte,« fleht er sie an, und seine
-Augenlider zucken wie im Krampf, »ich möcht' halt
-<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a>
-so gern hinunter. Es ist eh' vielleicht das letzte Mal.
-Ich werd' auch im Himmel dafür für Euch beten,
-und Ihr verdient Euch Gottes Lohn.«</p>
-
-<p>Er sagt das, weil er nichts Dringlicheres weiß, sie
-nimmt es völlig ernst. Um Gotteslohn tut sie ja
-alles, betreut die kleinen Kinder, sorgt für die Betrunkenen
-und die armseligen Pfründnersleute,
-wäscht und füttert die Kranken. Und eine Fürbitte
-im Himmel, durch die sie näher an Gottes Thron
-zu sitzen kommt, ist ihr das wertvollste Geschenk.
-Sie meint: der Josef sieht auch wirklich besser aus,
-er hält sich wohl noch ein paar Tage.</p>
-
-<p>»Ich schau' gerad' hinunter in den ersten Stock,
-ob einer von den armen Männern daheim ist.«</p>
-
-<p>Niemand ist in den Armeleutezimmern, der Sonnenschein
-hat alle weggelockt.</p>
-
-<p>»Also versuchen wir's in Jesu Christi Namen.«</p>
-
-<p>Eine Plage ist's, den schweren Mann zu schleppen,
-den Gang entlang, über die zwei Stiegen. So oft
-der Josef keuchend innehalten muß, beredet ihn die
-Schwester, wieder umzukehren. Dann bettelt er, beschwört
-sie bei ihrer jenseitigen Seligkeit, stellt ihr
-vor, wie die Himmelsfreuden durch die Last der
-Erdentrübsal wachsen.</p>
-
-<p>Endlich ist er im Garten angelangt. Die Kinder
-werfen ihm gemeinsam ihr plärrendes: »Gelobt sei
-<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a>
-Jesus Christus. Küß die Hand« entgegen. Dann
-holen sie auf einen Wink der Schwester einen alten
-Sessel aus dem Schuppen und rücken ihn unter die
-entlaubte Linde, mitten in die pralle Sonne.</p>
-
-<p>Seinen Willen hat der Josef durchgesetzt. Aber
-merkwürdig, so wärmen, wie man es hätt' glauben
-sollen, tut ihn die Sonne nicht. Ein Frösteln läuft
-ihm an den Gliedern hinunter. Wenn er nur besser
-hätte atmen können. Und das Herz schlägt ihm wie
-ein Hammer an die Rippen. Er beißt die Zähne aufeinander,
-über und über naß von der Anstrengung,
-der Schwester seinen Zustand zu verbergen.</p>
-
-<p>Die Schwester achtet nicht auf ihn. Sie hat vollauf
-zu tun, die Kinder, die während des Alleinseins
-ganz verwildert sind, zur Räson zu bringen. Die
-Resi Leitgeb und der Karl Bastl haben sich im Spiel
-vergessen und heulen jetzt aus Angst vor Strafe
-(Schwester Brigitte hält sehr auf Reinlichkeit). Der
-Seppel Beer und der Franz Stadler sind beim Raufen
-hingeschlagen und beschuldigen sich gegenseitig.
-Die Mirzl Holzer weint, weil ihr bang' ist und weil
-ihr die Nandl Stark, um sie zu trösten, den Mund
-mit einem Kipfel stopfen will. Und sie laufen alle
-durcheinander wie ein Volk aufgescheuchter Hühner
-und reden, singen, lachen, weinen alle auf einmal.</p>
-
-<p>Mit Gelassenheit stiftet die Schwester Ruhe,
-<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a>
-trocknet die Feuchten, trennt die Kämpfer, beruhigt
-die Betrübten. Mit ihrer klaren Stimme sagt sie
-dann: »Wir werden jetzt unser Krippenspiel probieren,
-die ›Frohe Botschaft‹.«</p>
-
-<p>Ihre wasserblauen Augen glänzen auf, als sie das
-sagt. Das Spiel zu Ehren der Geburt des Herrn.
-Das Krippenspiel, der Brennpunkt ihrer Wünsche
-und Gedanken, der Zusammenfluß aller ihrer irdischen
-Genüsse.</p>
-
-<p>Andere Mädchen putzen sich, liebeln, tanzen, gehen
-in Theater und Konzerte, Schwester Brigitte trichtert
-einfältigen Bauernkindern durch Monate hindurch
-Verse ein, die ihnen unverständlich bleiben.
-Sie bückt sich bei Tages- und bei Lampenlicht über
-die heiligen Gewänder und überlegt: Ist das Kleid
-der Gottesmutter nicht schon ausgeblaßt? Sollte
-man's nicht lieber wenden? Und verlangt der Josefsmantel
-nicht ein haltbareres Futter? Sie frischt
-die Königsunterkleider auf. Das scharlachrote des
-Kaspar kriegt blanke Borten, das weiße, das dem
-Melchior gehört, muß neue Flittern und Fransen
-haben. Der grüne Leibrock Balthasars ist gar auf
-der Brust zerrissen. Das Einsetzen der Flicken muß
-man sehr eigen machen, daß die Nähte nicht zu merken
-sind. Und die Flügel von den Engeln &ndash; so
-ordentlich hat sie sie im vergangenen Jahr doch
-<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a>
-eingepackt&nbsp;&ndash;, ganz grau sind sie geworden. Fleckwasser
-gehört darauf und Kreide. Und sie wäscht
-die Wämser von den Hirten aus, bürstet an den
-Mänteln der Trabanten. Und klopft und nagelt an
-den einfachen Kulissen, vergoldet den Stern, den
-Wegweiser nach Bethlehem, klebt frische Pappe auf
-den Stein, des Jesuskindleins hartes Lager.</p>
-
-<p>Das schönste dann &ndash; die stillen Sonntagnachmittage!</p>
-
-<p>Im gemeinschaftlichen Wohnzimmer, dicht an dem
-weißen Vorhang, der zwei enge klösterliche Betten
-deckt, steht das Harmonium. Die Oberschwester setzt
-sich vor die Tasten, Schwester Brigitte stellt ihr
-Notenpult daneben auf, nimmt ihre Violine. Sie
-üben miteinander das Vorspiel und die Begleitung
-zu der Verkündigung der Engel. Ein himmlisches
-Konzert ist es Brigitte. Während ihre arbeitsharte
-Hand den Bogen führt, spricht die Seele: »Das
-tu' ich dir, Herr Jesus.« Ihr Herz &ndash; es weiß, es
-sündigt, ihm ziemt Demut und Entsagung &ndash; ihr
-Herz schwillt und pocht vor Ungeduld. Daß er schon
-da wäre, der große, große Augenblick. Und sie erlebt
-ihn im vornhinein, im Geiste&nbsp;...</p>
-
-<p>Im Saal vom Löwengasthof sind alle Flammen
-des Lusters angesteckt. Öllampen hängen zwischen
-Tannenkränzen und Büscheln roter Beeren an den
-<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a>
-Wänden. In einer Ecke trägt ein Riesentannenbaum
-das Licht von vielen bunten Kerzen auf den ausgestreckten
-Zweigen. Und es riecht nach Wachs, nach
-Kiefernadeln und ein wenig nach dem Weihrauch
-aus dem Kessel König Balthasars. Und die Gäste
-sitzen auf den aufgereihten Stühlen. Ganz vorn
-Schwester Angelika, die Abgesandte aus dem Mutterhaus
-des Ordens. Daneben Seine Ehrwürden der
-Herr Pfarrer und der Kurat. Hinter ihnen die Ortshonoratioren
-und die Zugereisten. Aus allen Ortschaften
-rings um den See, von den landeinwärts
-gelegenen Gehöften, aus der Stadt sogar. Zuletzt
-die Bauern mit Angehörigen und Freunden. Die
-Mütter heben ihre Kleinsten hoch, damit sie größer
-sind und besser gucken können. Und die Dirndl und
-die Burschen drängen sich im Hintergrund. Es geht
-ein Summen und ein Raunen durch die Menge. Ab
-und zu kreischt ein von Ehrfurcht schnell ersticktes
-Lachen auf.</p>
-
-<p>Und nun öffnet sich der Vorhang, das fromme
-Spiel beginnt. In diesem Augenblick sind es für
-Schwester Brigitte nicht mehr einfältige Bauernkinder,
-die in unverstandenen Versen, die sie ihnen
-durch Monate hindurch mühselig eingetrichtert hat,
-die heilige Familie spielen. Es sind ihr die Personen
-selbst. Die unbefleckte Jungfrau, Josef, ihr
-<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a>
-Gemahl, die Könige aus dem Morgenland, die
-Hirten, die Trabanten. Alle wandeln leibhaftig
-vor ihr auf der Erde, und was geschieht, ist Wirklichkeit.</p>
-
-<p>Das Harmonium setzt mit dunkeln Akkorden ein,
-leise spielt die Violine. Der Gesang erhebt sich.
-Engel sind aus den himmlischen Gefilden abgestiegen.
-Sie künden das erhabene Geheimnis: Christus ist
-der Welt geboren. Das Gotteslamm, der süße, unschuldige
-Jesusknabe, das Gefäß aller Schmerzen,
-der Born aller Seligkeit. Der Heiland, dem sich
-in Liebe zu ergeben unsagbare Wonne ist. Während
-Schwester Brigittes arbeitsharte Hand den Bogen
-führt, vergeht sie innerlich in anbetender Sehnsucht.
-Fromme Schauer laufen über ihren Leib, aus ihren
-Augen stürzen Tränen. Könnte sie ihn doch umfangen,
-den Himmelsbräutigam, den Mund auf
-seine Wundenmale drücken und in ihm vergehen.</p>
-
-<p>Ein Abglanz dieser vorgefühlten Wonne verklärt
-auch jetzt Schwester Brigittens Mienen, während
-sie die Vorbereitungen zum Probespiel der »Frohen
-Botschaft« trifft.</p>
-
-<p>Sie verteilt die Kinder. »Die, wo mittun, treten
-auf die rechte Seite. Ihr anderen geht an den Tisch
-und spielt. Und ich bitt' mir aus, daß eine Ruh' ist.«</p>
-
-<p>Sie setzt an Stelle des Steins, auf den die todmüde
-<a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a>
-Maria niedersinken soll, eine Fußbank und
-winkt dem Nannerl Stark, das die Maria spielt.</p>
-
-<p>Das Nannerl, siebenjährig, flachsblond und untersetzt,
-bohrt verlegen in der Nase. »Na, Nannerl,«
-ermahnt die Schwester, »fang' doch an.« Und sie
-sagt ihr leise ein: »Wie bin ich so erschöpft und
-matt&nbsp;...«</p>
-
-<p>Das Nannerl muß erst noch ein paarmal schlucken,
-dann fängt es an. Das Hochdeutsch klingt in seinem
-Mund wie eine fremde Sprache, es dehnt die Silben
-und gibt jeder gleichen Wert. Seine Mimik besteht
-darin, bald den rechten, bald den linken Arm automatisch
-auf die Brust zu legen und seitlich wieder
-auszustrecken.</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»Wie bin ich so er&ndash;schöpft und matt</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Vohn uhn&ndash;srem Gan&ndash;ge in die Stadt.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;(Armbewegung nach der rechten Seite.)</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wie sehnt sich Leib und See&ndash;le nuhn,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Einmal ein biß&ndash;chen aus&ndash;zu&ndash;ruhn.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;(Armbewegung nach der linken Seite.)</td></tr>
-</table>
-
-<p class="ce">*&emsp;*&emsp;*&emsp;*&emsp;*</p>
-
-<p>Der Josef Kirschenhauer fährt in die Höhe. Ihn
-friert. Im Halbschlaf tastet er um sich. Die Tuchent
-ist ihm sicher weggerutscht. Er murmelt: »Zenzel,
-<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a>
-hörst, ich glaub', ich muß davon &ndash; es wird schon
-Tag.« Als er die Augen aufschlägt, ist er ganz verwirrt.
-Gerad' war er noch im Kammerl bei seinem
-Schatz. Und jetzt&nbsp;... er kennt sich nicht gleich aus.
-Erst nach und nach&nbsp;...</p>
-
-<p>Ach so! Er sitzt ja im Armenhaus, im Garten,
-ein schwacher, kranker Mann. Das heißt: schwach
-ist er wohl, kaum, daß er sich noch auf dem Sessel
-halten kann. Aber krank? Nein, krank ist er nimmer.
-Weg sind die Schmerzen und die Stiche. Nur
-so komisch leicht ist ihm im Kopf, wie wenn man
-ihm das Hirn herausgenommen hätt'. Er muß sich
-ordentlich besinnen: »Wie bin ich denn dahergekommen?«</p>
-
-<p>Richtig, richtig. Er lacht. Ein hilfloses, verschlucktes
-Lachen. Das muß man sagen. Sakrisch
-ist er in die Höh' gekommen, in dem Haus. Zuerst
-war er zu ebener Erde einlogiert, auf einer Holzpritsche,
-Brot und Wasser neben sich. Damals in
-der Nacht. Der Mordsrausch! Und hat er nicht
-im Gemeindeamt die Fenster eingeschlagen? Und
-da hat man ihn halt eingeführt. Er will wieder
-lachen, aber es zuckt ihm dabei um die Augen wie
-ein Krampf. Der Josef Kirschenhauer. Der lustigste
-und frischlebigste Bursch im ganzen Dorf. Mit
-seinem mud'lsaubern Schatz, der Zenzi. Freilich
-<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a>
-arm wie die Kirchenmäuse alle zwei. Er ein Holzknecht
-und sie die Sennerin auf der Gruberalm.
-Wie erst das Kind gekommen ist, haben sie sich beide
-arg hart getan.</p>
-
-<p>Der Josef greift sich an die Stirn. Ganz schwindlig
-ist ihm von dem vielen Denken. Und die Zunge
-trocknet ihm im Gaumen.</p>
-
-<p>»Gelt, Baberl,« sagt er zu einem kleinen Mädel,
-das dasteht, glotzt und an ihrem Daumen lutscht,
-»gelt, Baberl, du gehst mir um a Wasser?«</p>
-
-<p>Die Kleine nimmt den Finger aus dem Mund.</p>
-
-<p>»I heiß nicht Babi, i heiß Resi.«</p>
-
-<p>Nicht Babi? Dem Josef ist doch gerad' gewesen,
-wie wenn sein Töchterl vor ihm steht, die Babi.
-Akkurat so blonde Lockerl hat's gehabt, und akkurat
-so hat's geglotzt damals beim Abschied, wie er nach
-Bayern gegangen ist, um zu verdienen. »Heul' nicht
-aso,« hat er der Zenz gesagt, »ich komm bald
-wieder.« Und war dann zwanzig Jahre weggeblieben.</p>
-
-<p>Das waren Zeiten. Bis nach der Türkei hinunter
-hat's ihn getrieben. War ein Geld da, hat er mal
-etwas der Zenz geschickt, hat's ein andermal vertrunken
-und verjuxt. War kein Geld da, hat er
-gehungert und gefroren. Und hat vom Wanderleben
-doch nicht lassen können.</p>
-
-<p>Der Durst &ndash; der Durst. Und die Resi kommt
-<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a>
-nicht mit dem Wasser. Der Josef beugt sich vor, er
-ruft: »Schwester Brigitte, Schwester Brigitte.«</p>
-
-<p>Die Schwester überhört den Ruf, sie ist ganz vertieft
-in ihre Probe. Nein, über diese Buben. Wissen
-doch, jetzt kommt die Szene, wo sie als Hirten um
-ein Feuer sitzen sollen und sich was erzählen. Aus
-den Ecken muß sie sie zusammenklauben. Und wie
-sie ausschauen.</p>
-
-<p>»Putz dir die Nase, Franzl.«</p>
-
-<p>»Mathias, hast dir schon wieder nicht die Hosen
-richtig zugeknöpft!«</p>
-
-<p>Endlich hat sie sie beisammen. Sie hocken an der
-Erde, jeder seinen Hirtenstab zur Seite, wärmen
-ihre Hände an der Fußbank, die ihnen jetzt als
-Reisigfeuer dient, und stieren schweigend vor sich hin.</p>
-
-<p>Himmlischer Vater, wird das am Heiligabend
-auch so werden?</p>
-
-<p>Die Schwester stößt den Franzl an. »Ah! heunt
-is's aba&nbsp;...«</p>
-
-<p>Wie aus einem Uhrwerk, das man aufzieht,
-schnarrt es aus dem Franz heraus:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»Ah! heunt is's aba orndli frisch,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">I bin schon kalt, als wiar a Fisch.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Is das a Kälten! &ndash; es is a Graus,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ma halt's schon warli nima aus«</td></tr>
-</table>
-
-<p class="in0">und schnappt dann ab.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a>
-Es gibt eine Pause.</p>
-
-<p>»Mathias, jetzt bist du dran,« drängt die Schwester.
-»So sitz di halt&nbsp;...«</p>
-
-<p>»So sitz di halt a zum Feuer her,« schreit plötzlich
-der Mathias. »Schau, mi' friert jetzt gar
-nimmermehr.«</p>
-
-<p>Wieder gibt es eine Pause. Der Hansel muß sehr
-ermuntert werden, ehe er stockend flüstert:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»Dafür ist der Himmel so hell und klar</td></tr>
- <tr><td class="tdl">I woas koan Nacht, daß amal so war.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Der Nazel dagegen leiert seinen Vers so hastig,
-daß die Silben durcheinander purzeln.</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»Ja &ndash; dö Stern göb'n heunt an bsundan Schein,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und schaun ganz eigen lusti drein.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Mühsam, mit vielen Aufenthalten, schleppt sich
-das Gespräch der Hirten weiter. Über die Bedrückungen
-der Römer, und wie alles sehnsüchtig
-auf den Messias hoffe. Bis Michel, holterdipolter
-(wie einen mit Steinen beladenen Karren schiebt
-er seine lange Rede vor sich hin) von dem frommen
-Mann erzählt und von der zarten, wunderlieben
-Frau, die, Herberge suchend, auf die Straße hinausgestoßen
-wurden.</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»Und so Leut', dö dö Fremden und dö Arman,
- <a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">Fortjag'n und sich gar nöt dabarman&nbsp;&ndash;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dö stat an Herzen hab'n nur a Bröt&nbsp;&ndash;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dö mag a unser Herrgott nöt.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und d'rum, toats mas nöt übelnehma,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Drum mag da Messias a nöt kema!«</td></tr>
-</table>
-
-<p>»... Ja, ja,« murmelte der Josef für sich hin.
-In seinem Kopf vermischt sich Spiel und Wirklichkeit.
-»Ja, ja.«</p>
-
-<p>So hat er auch dahergesessen mit seinen Kameraden,
-oft ganze Nächte durch, und hat sich mit ihnen
-was erzählt. Manch einer war darunter, der an Gott
-und Teufel nicht geglaubt und an den Pfaffen kein
-gutes Haar gelassen hat. Und wenn die Rede auf
-die Weibsleute gekommen ist, da hat der Josef auch
-sein Stück bestanden. Stark und gesund ist er damals
-gewesen. Bis dann in Kroatien, wie sie den
-großen Wald geschlagen haben, das Unglück über
-ihn gekommen ist. Gerad' neben ihm und halb auf
-ihn die Eiche. Ein Wunder, daß sie ihn nicht gleich
-totgeschlagen hat. Und dann drei Monate im Spital,
-und aus dem Spital heraus per Schub nach Haus.
-Ojemine! <em class="ge">Das</em> Heimkommen! Die Zenzi, ein vergrämtes
-Weib, das Weib von einem anderen, das
-Baberl in der Stadt in Dienst, die alten Freunde
-<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a>
-tot oder kalt und fremd geworden. No ja, wer
-kennt auch gern so einen, wie der Josef jetzt ist,
-ein Fallot, reif fürs Armenhaus, eine Last für die
-Gemeinde. Und hätt' sich noch bedanken sollen für
-die Wohltat. Mit noch drei Krüppeln in einem
-engen Kammerl sitzen, mit dreißig Kreuzer täglich
-ausgehalten. Und jetzt, seit es gar so schlecht mit ihm
-geworden ist, sogar wie eine Herrschaft ganz allein
-im zweiten Stock, in einem Krankenbett. Allein &ndash;
-Tag und Nacht allein mit seinen Schmerzen. Oje!
-Oje!</p>
-
-<p>In das verworrene Gedenken, aus dem sein ganzes
-Leben schattenhaft an ihm vorüberhuscht, zuckt wie
-ein greller Blitz die Erinnerung an das Wort der
-Schwester: »Wenn Euch was passiert &ndash; ehe&nbsp;...«</p>
-
-<p>Die Schultern hochgezogen, die Arme an die Brust
-gepreßt, krümmt sich der Josef. Unwillkürlich rückt
-er aus dem Schatten, der schon einen Teil des Gartens
-deckt, in die Sonne, die bereits langsam ihre
-Kraft verliert, als könne er damit aus dem Todesschatten
-in das Sonnenlicht des Lebens flüchten.</p>
-
-<p>Zu Ende? Aus? Für immer aus? Und nachher&nbsp;...?</p>
-
-<p>Er ächzt, er biegt sich in großen Qualen hin und
-her. Er ruft: »Schwester Brigitte, Schwester Brigitte!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a>
-Schwester Brigitte ist ins Haus gegangen. Sie
-holt die Violine und stimmt sie erst, bevor sie wiederkommt.</p>
-
-<p>Der Josef hat früher oft über das Nachher nachgedacht.
-In den Nächten, wenn er unter einem
-Baum gelegen ist, auf einem Kopfpolster von Moos.</p>
-
-<p>Ganz still ist es dann nach und nach um ihn geworden.
-Und doch lebendig. Gerad' wie wenn die
-Natur atmen tät und aus dem Traum heraus ganz
-leise reden. Wenn dann der Mond aufgegangen ist,
-hat sich der Baum mit seiner Krone und mit seinen
-Ästen über ihm gewölbt, wie das Dach von einer
-Kirche, die aus Silberfiligran gesponnen ist. Und
-die Sterne haben wie goldene Augen durchgeschaut.
-Und wenn auch kein Mondschein war, ganz finster
-ist es nie geworden. Immer ist so ein unbestimmtes
-Licht von irgendwo gekommen. Bis ein leichter Wind
-aufgestanden ist und hat den Wald geweckt. Ganz
-verschlafen hat es dann gezirpt, gehuscht, getuschelt.
-Und immer lichter ist es in der Luft geworden, bis
-auf einmal der Himmel ganz in Flammen war. Wie
-ein rotglühender Ballon ist die Sonne aufgestiegen,
-und es ist ein Jubilieren angegangen um sie herum.
-So, hat der Josef sich gedacht, mag's an dem Tag
-gewesen sein, wo Gott die Welt vollendet hat. Ihm
-war dann gewesen, wie wenn er das Zwitschern,
-<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a>
-Fliegen, Wehen um sich her verstehen könnt', wie
-wenn er auch nichts anderes wär' wie ein Eichkatzel,
-ein Specht, ein Buchenblatt. Ganz fromm ist ihm
-zumut gewesen. Er wär' am liebsten hingekniet
-und hätt' gebetet: »Herr Gott, ich danke dir. Ich
-bin aus dir herausgekommen; wenn meine Zeit
-da ist, werd' ich getrost wiederum in dich hinübergehen.«</p>
-
-<p>Ja, dazumal, als ein Gesunder, der noch lang'
-zu leben hat. Jetzt aber&nbsp;... in der Bangigkeit
-der letzten Stunde verläßt ihn seine Zuversicht. Ein
-Schrecken würgt ihn &ndash; wie wird es ihm ergehen?
-Gibt es vielleicht doch Fegfeuer und Hölle &ndash; wird
-er seine Sünden büßen müssen? Das Fieber beutelt
-ihn, jedes Haar sträubt sich auf seinem Schädel,
-seine Zähne schlagen aufeinander. Krampfhaft preßt
-er die Finger ineinander:</p>
-
-<p>»Vater unser, der du bist im Himmel, vergib uns
-unsere Schuld.« Und immerfort dasselbe: »Vergib
-uns unsere Schuld.« Immer schneller. Wie ein
-Feuerrad dreht sich ihm der Satz im Hirn herum.
-Er bäumt sich auf, er fuchtelt mit den Armen in
-der Luft&nbsp;...</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Schwester Brigitte führt den Bogen sacht. Um
-die Kathi Leitgeb nicht zu übertönen, die schüchtern,
-<a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a>
-in jedem Ton das Pochen ihrer Kinderangst, die
-Verkündigung des Engels singt:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»Hirten! Wachet auf!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Hirten! Wachet auf!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Eilt hinunter in das Tal,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und dann schauet in den Stall;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Denn geboren ward</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dort ein Kindlein zart,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Das von Adams Sündenfall</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Euch erlöset all.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Aus rauhen Kehlen, aber mit dem Zauber, der
-in dem Klang von unschuldigen Stimmen liegt,
-antwortet der Chor der Cherubim:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">»Ehre sei Gott in der Höhe!&emsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Lieblicher Friede</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sei aller Welt!«</td></tr>
-</table>
-
-<p>... Des Josefs Hände lösen sich. Sein Mund
-beruhigt sich in einem weichen Lächeln.</p>
-
-<p>Der Baum&nbsp;... er liegt darunter&nbsp;... die Krone
-wölbt sich wie das Dach von einer Kirche&nbsp;... die
-Sterne schaun mit goldenen Augen durch. Ganz
-deutlich kann er nicht verstehen, was die Vögel in
-den Zweigen singen, er fühlt nur, wie etwas unsagbar
-<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a>
-Lindes, Tröstliches in die Bedrängnis seines
-Wesens fällt&nbsp;...</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Schwester Brigitte steht versonnen. Der letzte
-Violinenton verzittert auf den Saiten.</p>
-
-<p>Da zupft sie etwas.</p>
-
-<p>»... Ja?&nbsp;...«</p>
-
-<p>»Schwester Brigitte,« sagt die kleine Resi,
-»komm, dem fremden Mann ist schlecht.«</p>
-
-<p>Jesus, der Kirschenhauer! Den hat die Schwester
-ganz vergessen. Längst müßte er oben sein. Es ist
-schon viel zu kalt für einen Kranken. Sie geht
-hinüber.</p>
-
-<p>Der Josef Kirschenhauer lehnt auf seinem Sessel.
-Ganz klein ist er geworden. Der Kopf ist ihm auf
-die Brust gesunken. Verklärung liegt auf seinen
-Zügen.</p>
-
-<p>Mit der frohen Botschaft in den Ohren ist er
-eingeschlafen.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a>
-Die Nacht fing an sich zu entfinstern. Eine graue
-Dämmerung überkroch den Horizont. Im Hause
-kreischte eine Angel. Die Magd mochte in den Stall
-gegangen sein. Uns fröstelte.</p>
-
-<p>Ohne Verabredung, als wir die Schwelle unserer
-Nachtherberge überschritten hatten, wechselten wir,
-wie zu unausgesprochenem Gelöbnis, einen Händedruck.
-Dann traten wir den Rückweg an. Ein jeder
-in seine unbekannte Zukunft.</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<p class="mt4 pb ce"><a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a>
-<span class="ge"><b>Verlag von Paul List in Leipzig</b></span></p>
-
-<p class="ce lh2">Demnächst erscheint:<br />
-<span class="fsxl ge">Lena Christ</span><br />
-<span class="fsl ge">Bauern</span><br />
-<b>Bayerische Geschichten</b><br />
-Geheftet ca. M.&nbsp;5.50, gebunden ca. M.&nbsp;7.50</p>
-
-<p class="in0">Unerschöpflichkeit der Kraft und Urwüchsigkeit, seltene
-Vielseitigkeit des Schauens und Schilderns, heiliger
-Ernst und lachender Humor sind Lena Christ wie
-wenigen eigen. Ihr neuestes Werk »Bauern« zeigt
-sie in der Fülle ihrer Gestaltungskraft, aus der
-heraus ihr das zarteste Stimmungsbild wie der
-derbste Schwank zu gleichen Meisterstücken geraten.
-Das Buch gehört zum Besten, was über Bauern
-und Volkstum geschrieben worden ist.</p>
-
-<p class="ce fss">Mit mehrfarbigem Umschlagbild</p>
-
-<p class="ce"><span class="ge"><b>Verlag von Paul List in Leipzig</b></span></p>
-
-
-
-
-<p class="mt4 pb ce"><span class="ge"><b>Verlag von Paul List in Leipzig</b></span>
-<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a></p>
-
-<p class="ce lh2">Ferner im Erscheinen:<br />
-<span class="fsxl ge">H. von Mühlau</span><br />
-<span class="fsl ge">Das Glück nach der Liebe</span><br />
-<b>Roman</b><br />
-Geheftet ca. M.&nbsp;7.&ndash;, gebunden ca. M.&nbsp;9.&ndash;</p>
-
-<p class="in0">Ein Erziehungs- und Entwicklungsroman, ein Werk
-von kulturgeschichtlicher Bedeutung. Es behandelt
-das heute im Vordergrund des Interesses stehende
-Problem des Hineinwachsens der Frau in ihre gegenwärtig
-so gänzlich veränderte soziale Stellung. In
-eigenartig fesselnder Weise gestaltet die Dichterin
-ihren Stoff und wird so zur Künderin unserer Zeit.</p>
-
-<p class="ce fss">Mit mehrfarbigem Umschlagbild</p>
-
-<p class="ce"><span class="ge"><b>Verlag von Paul List in Leipzig</b></span></p>
-
-
-
-
-<p class="mt4 pb ce"><span class="ge"><b>Verlag von Paul List in Leipzig</b></span>
-<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a></p>
-
-<p class="ce lh2">Ferner im Erscheinen:<br />
-<span class="fsxl ge">E. Bonn</span><br />
-<span class="fsl ge">Die Mündung</span><br />
-<b>Roman</b><br />
-Geheftet ca. M.&nbsp;7.50, gebunden ca. M.&nbsp;10.&ndash;</p>
-
-
-<p class="ce mt2 lh2"><span class="fsxl ge">Robert Kohlrausch</span><br />
-<span class="fsl ge">Das große Geheimnis</span><br />
-<b>Roman</b><br />
-Geheftet ca. M.&nbsp;5.50, gebunden ca. M.&nbsp;7.50</p>
-
-<p class="ce mt2 fss">Mit mehrfarbigen Umschlagbildern</p>
-
-<p class="ce"><span class="ge"><b>Verlag von Paul List in Leipzig</b></span></p>
-
-
-
-
-<p class="mt4 pb ce lh2"><a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a>
-Von<br />
-<span class="fsl ge">Auguste Hauschner</span><br />
-erschienen früher:</p>
-
-
-<p class="ce mt2 fsxl">Romane</p>
-
-<p class="ce fsl">Abschied &ndash; Lehrgeld &ndash; Kunst &ndash; Zwischen den
-Zeiten &ndash; Die Familie Lowositz &ndash; Rudolf und
-Camilla (2.&nbsp;Teil der »Familie Lowositz«) &ndash;
-Die große Pantomime &ndash; Die Siedelung &ndash;
-Der Tod des Löwen</p>
-
-
-<p class="ce mt2 fsxl">Novellen</p>
-
-<p class="ce fsl"><i>Dr.</i>&nbsp;Ferenczy &ndash; Die Unterseele &ndash;
-Daatzes Hochzeit</p>
-
-
-<p class="ce mt2 fsxl">Dialoge</p>
-
-<p class="ce fsl">Frauen unter sich (Zwölf Gespräche)</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.</p>
-
-<p class="in0">Darstellung abweichender Schriftarten: <em class="ge">gesperrt</em>, <i>Antiqua</i>.</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_002">2</a>:<br />
-"verklammte" geändert in "verklemmte"<br />
-(verklemmte Türen aufzureißen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_072">72</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(die Schwelle des Gartenhäuschens rollte, trat er)</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Nachtgespräche, by Auguste Hauschner
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACHTGESPRÄCHE ***
-
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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Binary files differ
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Binary files differ