diff options
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 4 | ||||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 | ||||
| -rw-r--r-- | old/63440-0.txt | 5175 | ||||
| -rw-r--r-- | old/63440-0.zip | bin | 102630 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/63440-h.zip | bin | 301291 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/63440-h/63440-h.htm | 6824 | ||||
| -rw-r--r-- | old/63440-h/images/cover.jpg | bin | 200608 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/63440-h/images/deco.jpg | bin | 1691 -> 0 bytes |
9 files changed, 17 insertions, 11999 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..f596176 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #63440 (https://www.gutenberg.org/ebooks/63440) diff --git a/old/63440-0.txt b/old/63440-0.txt deleted file mode 100644 index 4fd8962..0000000 --- a/old/63440-0.txt +++ /dev/null @@ -1,5175 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Nachtgespräche, by Auguste Hauschner - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Nachtgespräche - -Author: Auguste Hauschner - -Release Date: October 12, 2020 [EBook #63440] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACHTGESPRÄCHE *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - - - - - - - - - Die - Bücherlese - - - - - Nachtgespräche - - - von - - A. Hauschner - - - Verlag Paul List -- Leipzig - - - - - Alle Rechte vorbehalten - - =Copyright 1919 by Paul List, Leipzig= - - - Druck von Grimme & Trömel in Leipzig - - - - -Nachtgespräche - - -Ich erlebte es auf einer Reise von Berlin nach Wien. Der graue Tag war -vorzeitig in die Nacht hineingeglitten. Die Lampen in den Abteilen waren -noch nicht angesteckt. Nur aus den Kronen der verschneiten Bäume, die -rechts und links den Zug umsäumten, fiel durch die trüben Scheiben -ein unsicheres Licht. Die Menschen saßen wie in Käfige gepfercht, ohne -Rücksicht auf die Vorrechte, die sie ihrem Fahrschein dankten. Neben der -Dame der Soldat, Körper an Körper Herr und Bauer. Zwischen den Bänken, -auf den Gängen drängte sich die Menge in unerwünschter wahlloser -Gemeinsamkeit. Keuchend, schnaubend, als schnappe sie nach Atem, schleppte -eben die Maschine ihre schwere Fracht über eine kleine Steigung. Oben -angelangt, wollte sie die Fahrtgeschwindigkeit erhöhen, als sie sich mit -einem Ruck, unter dem die ganze Wagengliederung sich bäumte, aufklirrend -nach rückwärts warf. Grell schrie sie auf. Gleich einem Blutstrom spie -sie Rauch und Funken. Ein Zittern lief durch ihre Flanken. Sie stand still. -Eine gewissermaßen gefrorene Bewegung bekundete sich in der eingekeilten -Menschenmasse. Aller Wahrscheinlichkeit entgegen gelang es einigen -geschickten Händen, verklemmte Türen aufzureißen. Wer konnte, kletterte -hinunter, von oben wurden Fragen in die Dunkelheit geworfen. Die Unruhe -hatte ihren Höhepunkt erreicht, als die Beamten kamen, Aufklärung -verbreitend: Fahrtunterbrechung. Vor der nächsten Haltestelle ist ein Zug -entgleist. - -Aufschwirrende Gerüchte von Beschädigung des Bahnkörpers, Aufreißen der -Schienen, begegneten dem gleichen Achselzucken wie die Wißbegierde nach -der Dauer des unfreiwilligen Aufenthalts. Immerhin mußte die Mitteilung zu -denken geben: es stehe jedem frei, auszusteigen und im nächsten Dorf ein -Obdach aufzusuchen oder sich in seinem Abteil einzurichten. Der Zug werde -auf ein totes Gleis verschoben, wo ihn weder Störung noch Gefahr bedrohte. - -Ich schloß mich einer kleinen Anzahl Mitreisender an, die einem schlechten -Nachtquartier den Vorzug stundenlanger Gefangenschaft in Mißgeruch und -dichter Menschennähe gaben. - -Wir standen, ein Häuflein schwarzer Punkte, auf dem hartgefrorenen -Bahnsteigboden. Soweit das Auge reichte, keine Anhäufung von Lichtern -kräftig genug, um das Dasein eines Dorfes zu verraten. Nur hier und -da gegen das Massiv der Nacht ein Aufblinken, als ob ein Glühwürmchen -vorüberflöge. Wir schlugen aufs Geratewohl einen nach rechts abbiegenden -Feldweg ein. Wortkarg marschierten wir, die erstarrten Finger von der Last -des Handgepäcks zerschnitten. - -»Haus in Sicht!« meldete die Vorhut. Klein, unscheinbar, der Giebel saß -auf dem Erdgeschoß wie eine zu weite Mütze. Das Geräusch herannahender -Schritte reizte den im Inneren des Gehöfts frei umherlaufenden Hund zu -einer wütenden Begrüßung. Im weiten Umkreis stimmten ihm die Brüder zu. -Inmitten eines mißtönigen Bellkonzerts begannen die Verhandlungen mit dem -Besitzer, der, unwirsch, eine Bildsäule der Gastfeindschaft, den Eingang -mit seinem breiten Rücken sperrte. Er mochte die Zahl der Brotschnitten -berechnen, die zu beschaffen wären, um so vielen Eßwerkzeugen zu -genügen. Erst die Versicherung, es gehe uns vor allem um ein Feuer, -den erstarrten Leichnam aufzutauen, zerbrach den langsam ausgehöhlten -Widerstand. Das Fremdenzimmer wurde aufgeschlossen, der Bauch des -Kachelofens mit einem Armvoll Holzscheiter gespeist, durch kleine -elektrische Laternen, den Taschen einiger der Reisenden entnommen, das -Dunkel notdürftig aufgehellt. - -Unter dem Bann des einander Fremdseins sprachen wir wenig während -unserer emsigen Geschäftigkeit. Erst als der Tisch, in das mittlerweile -angewärmte Klima der Ofenbank gerückt und bestellt mit freiwilligen -Gaben, einen anheimelnden Anblick bot, bemächtigte sich unserer, die wir -uns um ihn gesellten, trotz der Verschiedenheit der Elemente, das Gefühl -einer Verbundenheit. Wir vertieften es, indem wir uns gelobten: keiner soll -den Namen des anderen befragen. Der Zufallswind hat uns hereingeweht, wir -können in diesem Dämmerlicht kaum unsere Züge unterscheiden. Laßt uns -auch nicht wissen, wer wir sind und wie wir heißen. Entfliehen wir für -eine Nacht der Wirklichkeit. - -So, gleichsam unter Schutz von Masken, kam uns Sicherheit und Wunsch, -etwas von uns auszusagen. Selbsterlebtes? Selbsterdachtes? Wer vermochte -zu ergründen, ob sich Bekenntnisse verbargen unter den Erzählungen, mit -denen wir die Stunden der Gefangenschaft verkürzten? - -Für mich war diese Nacht die bunteste, erkenntnisreichste meines Lebens. -In der Gesellschaft von Fremdlingen, in einem unbekannten Hause habe ich -sie verwacht. Ich konnte zwischen Tagesende und dem Anbruch eines neuen -Morgens, wie durch offene Fenster, in die Seelen von Menschen verschiedener -Stände, Weltanschauungen und Religionen blicken und sie auf dem Wege -einer inneren Erschütterung begleiten. Den Aufzeichnungen, die sich mein -Gedächtnis machte, habe ich in den nächsten Wochen aus der Erinnerung, -Form und Zusammenhang gegeben. So ist dieses Buch entstanden. - -Wir bestimmten, als Pfadfinder gewissermaßen, einen Vierschrötigen mit -nachlässiger Haltung. Er sagte lächelnd: - -»Ja wissens, ich bin halt ein Deutschböhme, ein Prager. Da hat man sich -sein Lebtag mit seinen lieben Mitbürgern von der anderen Nationalität -herumgerauft. Da ist beständig Unfrieden gewesen, und es ist immer -allerhand passiert. Ich hab's satt gekriegt und bin davon ins Reich. Aber -ich will Ihnen was erzählen, das hab' ich selbst noch miterlebt, ehe ich -auf immer weg bin aus meiner Vaterstadt.« - -Er strich den blonden Vollbart behaglich auseinander und schlug ein Blatt -aus der Geschichte seines Landes vor uns auf. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Panik - -Eine Prager Geschichte - - -Sie gingen ihrer dreißig aus der Ortschaft Motice heraus, dem Bahnhof zu. -Voran die Männer mit dem Vinzenz Zastoupil als Führer. Hinter ihnen, in -regellosen Reihen, die Weiber, von denen einige das Brustkind in den Armen -trugen. Dann kamen die jungen Mädel, in ihre Liebsten eingehängt. Und -ganz zuletzt kam noch die alte Babi Skoupek, die sich auf Stöcken -mühsam fortbewegte. Sie gingen durch die winterlichen Felder, unter den -beschneiten Bäumen, deren Zweige sich im Nachtwind ächzend hin und her -bewegten und ihnen feuchte Flocken in den Nacken warfen. Aus dem bewölkten -Himmel fiel kein Licht herab; das Auge sah die Straße nicht. Oft versank -der Fuß im Schlamm, stieß an Steine, scheute über Wurzeln. Dann gab es -einen Aufschrei, einen Fluch, ein Lachen. Doch ohne anzuhalten wanderten -sie weiter. - -In kurzen Pausen stieg aus jungen Kehlen mehrstimmiger Gesang. Die -schwermütig weichen Töne eines Volksliedes mischten sich in das Gespräch -der Alten, die eifrig überlegten, ob sie den Zug auch noch zur Zeit -erreichen würden. Und ob das Gerücht vielleicht doch falsch sei. Es -war ja auch kaum glaublich: die =česka spořitelna=, die große, reiche -Sparkasse der Deutschböhmen, sollte zugrunde gehen! Freilich: der Vinzenz -hatte heute gelesen, wer noch etwas kriegen wolle, der müsse laufen. Und -was gedruckt ist, schwarz auf weiß, muß wahr sein. Damals den Krach der -Wenzelskasse, den hat auch niemand glauben wollen. Und waren doch da -noch andere Sicherheiten -- bei der Kirche! -- als bei diesen Hunden, den -verfluchten Deutschen ... - -Bei solchen Reden schoß die Angst von neuem in das Blut der Bauern. Ihre -Schritte wurden schneller, und ihre Finger betasteten den Schatz, den sie -versteckt am Körper trugen. Das dünne Buch, den Ausweis ihrer schwer -ersparten Gulden. Dem Anton Zimprich sollten sie ein Schwein verschaffen. -Der Marie Lukesch die langersehnte Kuh. Dem Johann und der Rosa Dostal ging -es um das kleine Feld, das sie bisher als Pächter pflügten. Der Kathi -Jahoda und dem Josef Kratky um Tisch und Stuhl und Bett und eine Wiege für -das ungeborene Kind. Die Babi Skoupek wollte sich ein ehrliches Begräbnis -sichern und sechs Messen für das Heil der Seele. Die Nanny Zlatka sparte, -um ein rotes Kleid zu kaufen und zwei seidene Schürzen. Der Karl Jakesch, -um durch einen Halsschmuck von Granaten die Gunst des eiteln Mädels zu -gewinnen. Für jeden hatte das Ersparte eine andere Bedeutung und für -alle doch dieselbe. Es war das Licht im Dunkel ihres Lebens, das Sandkorn -Überfluß in der Wüste ihrer Not. - -Als der Zug in den Bahnhof einlief, fanden die aus Motice das Abteil -dritter Klasse angefüllt mit Landvolk aus den Nachbardörfern. An allen -Stationen strömten noch Leute hinzu. Alle wurden von derselben Not an -dasselbe Ziel getrieben. Und jeder wußte neue Unglücksbotschaft. Ein Mann -zog einen Brief heraus, den ein Geschwisterkind an ihn geschrieben hatte: -»Du mußt Dich tummeln, Menschheit rennt nur so auf Kassen, sind schon -beinah' leer.« Ein anderer erzählte, ein Freund von ihm sei schon zweimal -vergeblich um sein Geld gegangen; immer habe man ihn vertröstet. Viele -berichteten von der wilden Wirtschaft, die wirklich auf der Sparkasse -gewesen war. Keine Aufsicht. Falsche Rechnungslegung. Alle Kontrollbeamten -bestochen. Sogar der Statthalter und viele hohe Herren haben Trinkgelder -bekommen. Na und überhaupt! Deutsche Schulen hat man unterstützt; mit dem -Geld von armen Leuten! - -Nein: für den Aufstand in Mazedonien (niemand wußte, wer das war) sind -Millionen draufgegangen. - -Dumpfe Wut erfüllte die Gemüter. Das Gespräch verstummte. Der Qualm -der Pfeifen und der Dunst der Menschenleiber verdüsterte noch das trübe -Lampenlicht. Durch die dicke Luft drangen Seufzer und Stoßgebete. Kinder -weinten, Männer schnarchten, Mütter sangen leise ihre Säuglinge in -Schlaf; nur die Jugend, leichtsinnig, verliebt, kicherte und küßte in den -Ecken. Draußen aber schrie die Dampfmaschine, wie um Hilfe, gellend durch -die Nacht; die Räder rollten kreischend ihre Fracht von Menschenangst -und Menschenelend. Und der Zug ging langsam, hielt an allen Stationen. -Unbekümmert um die Ungeduld, die in ihm fieberte und bebte. Bis er -endlich, endlich in die Hauptstadt einfährt. Stoßend, fluchend kämpft -sich die Menge nach dem Ausgang durch. Jeder will als erster das Haus -erreichen, zu dem alle hindrängen. - - -- -- -- -- -- - -Die aus Motice halten sich zusammen. Von der Geldgier angespornt hasten sie -durch die breite Vorstadtstraße. Sie ist ausgestorben. In den einförmig -gebauten, arm und grämlich blickenden Gebäuden sind alle Fenster dunkel, -wie erblindet. Nur selten ist ein Erdgeschoß erleuchtet und mit blutroten -Gardinen fest verhangen. Aus der Tiefe seiner Zimmer dringt Gesang von -heiseren Frauenstimmen und der Brummton schlechtgestimmter Wirtshausbässe. - -Plötzlich wird irgendwo in einer Schenke eine Tür geöffnet, ein wirrer -Menschenknäuel windet sich heraus. Man hört Ringen, Rennen, Weiber -kreischen und Betrunkene brüllen: »Haltet ihn!« »Schlagt ihn tot!« -»Zu Hilfe!« »Patrouille! Patrouille!« Dann folgt wieder Todesstille. -Und in der Luft, die fahlfarbig wie Asche ist, in dem Frösteln dieser -Dämmerstunde, hängt bleischwer eine hoffnungslose Traurigkeit. - -Die Bauern traben vorwärts. Ihre schweren Tritte erwecken weithin einen -dumpfen Widerhall. Es ist, als stampfte eine Herde Tiere durch die Gassen. - -Jetzt füllt ihre Last die Kettenbrücke, die sich schaukelnd hin und her -bewegt. Blasse Nebel steigen aus dem Flußbett und verhüllen die Umgebung. -Aber ein verworrenes Rauschen kündet den Wandernden von weitem: sie sind -nicht die ersten am Ziel. Spät kommen sie, zu spät vielleicht. - -Da laufen sie, als könnten sie verlorene Stunden wieder fangen. Sie -stürzen vorwärts, bis sie, am Brückenende angelangt, sich jählings -rückwärts werfen. Wie die Woge zurückschlägt, die an den Stein des -Schutzwalls brandet. Eine Mauer von Berittenen sperrt den Weg. Als Kette -umschließen sie den Platz vor dem Sparkassengebäude, pferchen die -Versammelten ein und wehren den Zuströmenden den ungehemmten Einlaß. -Wie durch eine schmale Gasse müssen sie sich zwischen Pferdeleibern und -Pferdehufen in die Gruppen der zuletzt Gekommenen drängen. Da stehen sie, -von Nebeln eingeschlossen, eingekeilt in eine dunkle Menschenmasse, und -müssen warten. - -Nach und nach erhellt sich die Luft ein wenig. Die fahle Dämmerung gebiert -den grauen, regenschweren Tag. Windschauer künden sein Kommen. Sie zerren -an den feuchten Kleidern der Harrenden, die frierend auf den nassen Steinen -hocken, reißen die Nebel auseinander und entschleiern die Landschaft. - -Ein breiter Strom fließt ruhig zwischen den Quadersteinen der -Kaieinfassung. An seinem linken Ufer baut sich ein Teil der Stadt auf; das -altertümliche Aristokratenviertel, dessen Kirchen und Paläste mit ihren -Türmen und Fassaden aus dem Gewühl der Bürgerhäuser ragen. An steilen -Höhenzügen steigt es aufwärts und trägt als stolze Krone die -alte Königsburg, deren Masse sich wuchtig von dem Dom mit dem feinen -Spitzenwerk der Strebebogen abhebt. Ein wundervolles Bild, der Schwere ganz -entkleidet in dem Morgendunst, der es in fließenden Luftstoff hüllt. - -Nur hundert Schritte weit, nur bis zum Rande das Kaiufers brauchen all die -Menschen hinzutreten, um es in sich aufzunehmen. Und den Anblick der vielen -kühngeschwungenen Brücken, der Inseln, die im Fluß gebettet liegen, und -der Wehren, über die das Wasser tosend schäumt. Doch hätte selbst der -Zaun der Wachen sich aufgetan: diese Menschen hätten den Kopf nicht nach -links gekehrt. Ihre Augen sind für Natur und Schönheit ganz verschlossen. -Sie sehen nichts als das Gebäude, das ihre Hoffnungen einschließt, und -die Menge, die sie davon trennt. Sie bohren ihre Blicke in die Mauern, als -könnten sie durch ihre Ritzen dringen und entdecken, welches Schicksal -sich für sie dahinter vorbereite. - -Die Qual ist unerträglich. Da ist das Haus; man braucht nur hineinzugehen. -Und muß warten, als wär's meilenweit entfernt. Drei Stunden muß man noch -warten, ehe das Tor sich öffnet. Und wie viele Stunden, ehe die Reihe an -einen kommt! So viele Feinde vor sich, so viele Nebenbuhler in dem Kampf -um das ersparte Geld. Jeder haßt grimmig seinen Vordermann und seinen -Nachbar. Vielleicht ist der gerade der letzte, dem vergönnt ist, seine -Habe zu erraffen und seinem Nachbar das bißchen Eigentum zu stehlen. - -Der Menschenhaufe wächst noch immer; umritten und geknufft, getreten -und gestoßen. Und aus der dunkeln Masse steigen aufreizende Klagen und -Gerüchte. - -»Hör' ich, sind die Kassen leer.« - -»Wahr ist es. Die Millionen, mit denen die deutschen Zeitungen sich -berühmen, stehen nur auf dem Papier.« - -»Alles haben sie verspekuliert.« - -»Mit den Türkenlosen; die sind so gefallen.« - -»Kein Gedanke! Für die deutschen Wahlen sind dreißig Millionen -draufgegangen.« - -»Was euch nicht einfällt! Den deutschen Fabrikanten hat man aufgeholfen. -Deutschen Studenten hat man Geld geschenkt und große Häuser.« - -»Mit dem Schweiß von armen Tschechen haben diese Schweinehunde sich -gemästet!« - -»Stinkende Gemeinheit! Wo das ihnen gar nicht gehört. Wo das ihnen von -Kaiser Franz geschenkt ist, daß es armem Volk zugute kommt!« - -Ein Brummen, Rollen, Brausen, das sich nach und nach verstärkt, hallt -durch die Straßen. Die Stadt ist erwacht und schickt ihre Boten. -Allerlei Verkäufer drängen sich heran. Mit Brezeln, warmen Würsten, -Bratkartoffeln, Kastanien und gebackenen Fischen. Und durch die Kette der -Berittenen kriechen seltsame Gestalten. Männer in verschlissenen Röcken, -unrasiert und ungewaschen, manche noch im Schlafrock mit Pantoffeln. Wie -Geier, die Beute wittern, umkreisen sie die Wartenden, schieben sich an -die Gefolterten, Erschöpften heran, schüren ihre Aufregung und Angst; -flüstern ihnen zu, daß die Sachen schlecht stehen; daß sogar die -deutschen Einleger schon alle ihr Vermögen behoben haben; daß sämtliche -Wertpapiere der Sparkasse versetzt sind; daß sich heute nacht einer von -den Direktoren erschossen hat; daß zwei andere in Wien vergeblich von Tür -zu Tür laufen und um Hilfe betteln. Sie lassen sich die Büchel zeigen, -schütteln bedauernd die Köpfe, weisen nach, daß kein Kreuzer mehr darauf -zu kriegen sei, und sind nur aus Mitleid und aus Menschenliebe erbötig, -die wertlosen Dokumente für ein Geringes einzulösen. - -Häßliche Weiber, die ungekämmten Haare unter wollenen Hauben, um die -fetten Hängebrüste buntkarierte Umschlagtücher, machen sich an junge -Frauen, an die hübschen Mädel. Sie suchen sie für Stellungen zu werben, -deren Vorteile sie lockend schildern. Wenig Arbeit, hoher Lohn, alle Tage -Fleisch, Bier und Mehlspeise; und abends Freiheit, um zur Tanzmusik zu -gehen und sich zu unterhalten. - -Freche, rotgeschminkte Dirnen gehen auf dem Pflaster auf und ab, lauern -dem Mannsvolk auf; wenn es, die Taschen voll Geld, die Großstadtfreuden -kennenlernen will ... - -Ein aufgeregtes Meer von Leidenschaften und Gelüsten umwogt das Gebäude, -das grau und düster, mit festverschlossenen Fensterläden, dasteht; ein -Fels, den der Gischt der Brandung nicht erreicht. - -Die aus Motice waren voneinander losgerissen. Nur die Paare, die sich ganz -fest verklammert hatten, waren nicht getrennt. Der Karl Jakesch hielt die -Nanny Zlatka dicht an sich gepreßt. Er ließ sie nicht erfrieren, und ihm -ward die Zeit nicht lang. Den Bankkrach und die Kälte hätte er gesegnet, -ohne die eifersüchtige Wut auf die Begehrlichkeit der Burschen, die sich -an seine Liebste drängten und sich mit Worten und Gebärden an ihr zu -schaffen machten. Nicht weit von diesen beiden saß die Kathi Jahoda auf -der Erde. Mitleidige hatten dem armen Weib aus ein paar Bündeln einen Sitz -geschaffen. Darauf hockte sie, lehnte sich an ihren Josef und erleichterte -ihr schweres Herz von Zeit zu Zeit mit einem Tränenstrom. Die alte Babi -Skoupek aber hatte sich, trotz Fußtritten und Rippenstößen, wie eine -Katze vorgeschlichen, bis zu dem Prellstein dicht beim Eingangstor der -Kasse. Den Rücken an den Stein gelehnt, den müden Körper schwer auf -ihren Krücken, murmelte sie ein Ave um das andere. Sie wollte ja die -Gulden nicht verjuxen und verfressen. Darum mußte die Jungfrau Maria -auch ein Einsehen haben und ihr zu ihrem Geld verhelfen, damit sie nicht -verdammt sei, im Fegefeuer gebraten und gespießt zu werden. - -Jetzt geht ein Dröhnen durch die Luft. Von allen Türmen schlägt es -neunmal. Das langverschlossene Tor dreht sich in seinen Angeln. - -Wie ein reißender Gebirgsstrom stürzt sich die Menge in die Öffnung. -Sie beachtet die Fäuste nicht, nicht die Pferdehufe und das Kreischen -der getretenen Frauen und gequetschten Kinder. Es gibt Wunden wie in einer -Schlacht, als die Polizisten, mit der Rücksichtslosigkeit der Notwehr, die -schweren Flügel wieder schließen, unbekümmert um die Menschenleiber, -die sich dazwischen pressen, klammern und stemmen. Ein ganzer Schwarm -ist trotzdem schon in das Haus gedrungen; und auf der Treppe, die in den -Lichthof führt, wiederholt sich der Kampf. Die Schwächsten werden in den -Hof geworfen, wo sie an den Brunnen stürzen, verschmachtet trinken, -sich dann entkleiden und waschen, überhaupt tun, als wären sie in ihrem -eigenen Haus. Ihre glücklicheren Gefährten balgen sich inzwischen um -die Plätze an den Kassenschaltern. Und die Marter der bangen Nacht- und -Morgenstunden steigert sich im Augenblick der äußersten Entscheidung zur -fürchterlichen Spannung. - -Die ersten, die ihr Geld in Händen halten, stoßen Töne aus wie Tiere, -die, den Bissen schon im Maul, noch eines Raubes gewärtig sind. Ihr -Aufschrei überreizt die Erregung derer, die schon sehen und noch nicht -haben. Ihre Augen treten aus den Höhlen, ihre vom Fieber trockenen Lippen -sind weit geöffnet. Sie knittern das Kassenbuch in ihren Fäusten und -schieben sich besinnungslos vorwärts. Bis auch sie das Rascheln des -Papieres, den Klang des Geldes hören und alle Pein im Freudenrausch -vergessen. - -Viele hat der jähe Übergang von Verzweiflung zu Entzücken ganz -betäubt. Sie wurzeln im Boden und müssen fortgetrieben werden, damit die -Menschenwoge, die von neuem zu der Schwelle des Parteiensaales aufsteigt, -sie nicht verschütte. - -Ein Weib, das eben einen Tausender erhoben hat, hält ihn verkehrt in ihren -Fingern und bestarrt verständnislos das Stück Papier. Man muß ihr den -Wert erklären. Ihr schwindelt. So reich ist sie? Und solches fürstliche -Vermögen steht auf diesem kleinen Wisch? Als sie ihn bergen will, -zerreißt sie ihn, so beben ihre Glieder. - -Ein zweites Weib verlangt Gold, reißt die Rollen auf und taucht mit -hysterischem Gelächter ihre Hände in die blanken Münzen. - -Manche brüllen auf vor Glück, sobald sie ihr Vermögen zu Gesicht -bekommen. Dann erklären sie sich befriedigt. Ihr Geld ist da; sie haben -es gesehen, betastet. Nun soll es die Kasse wiederum behalten. Schwer ist -ihnen beizubringen, daß dies nicht ohne weiteres zu machen sei. - -Das Mißtrauen anderer ist um so größer. Sie verweigern die Annahme der -Summe, um die sich, durch die Zinsen, ihr Sparpfennig vergrößert hat. Sie -halten diesen Überschuß für Bestechung und wittern, daß man sie in eine -Falle locken wolle. - -Inmitten dieses Wirbelwindes von Zweifeln, Wünschen und Bedenken stehen -die Beamten ruhig hinter ihren Schranken. Sie sind übermüdet und -erschlafft und halten sich nur mühsam aufrecht. Aber unbeirrt und -gleichmütig versehen sie den Dienst, und nichts in diesem Ansturm scheint -sie zu erschrecken. Ist ihre Zuversicht erheuchelt, ist sie echt? Ist der -Goldquell, aus dessen Fülle sie seit Tagen schöpfen, unversiegbar, oder -ist er dem Vertrocknen nahe? Ruht das Gebäude des Vertrauens, an dem sie -mitgebaut hatten, auf unerschütterlichem Grund, oder wankt es in seinen -Pfeilern und droht in der nächsten Stunde einzustürzen und die Wohlfahrt -Hunderttausender unter seinen Trümmern zu begraben? Keine Bewegung ihrer -überwachten Züge verrät, was sie empfinden. Mit unermüdlicher Geduld -halten sie den Fragen Stand, rechnen und zahlen, beruhigen, beraten und -erklären und finden noch die Kraft, den Mut der Einleger durch Scherze zu -beleben. - -Dem trüben Tag ist Dunkelheit gefolgt. Das Glühlicht flammt auf und -steigert die Hitze. Aller Sauerstoff ist aus der Luft geatmet; sie ist vom -Gluthauch wilder Leidenschaft verbrannt. Schlechte Dünste und Gerüche -ballen sich zusammen und durchziehen sie in dicken Streifen. Wie im -Nebelwetter auf der Straße ein Strahlenkranz um die Laternen zittert, so -schwebt irisierend der Staub um das Glas der Lampenglocken. Dick lagert er -auf dem Holz der Schalter, klebt auf der Haut und auf der Kleidung, dringt -in alle Ecken, überzieht Banknoten und Dukaten. Aus seinem Grau hebt sich -nur der Farbenfleck der Kassenbücher, die sich auf den Pulten türmen und -deren Einband verrät, daß sie alle aus tschechischen Bezirken stammen. -Rot leuchten sie aus dem Düster. Es ist, als überströmte Blut die -Tische. Das Lebensblut des Volkes, das in nationalem Haß sich selbst -zerfleischt, um den Gegner zu vernichten. - -Es ist Nacht geworden. Bleiern lähmt Müdigkeit die Tatkraft der Beamten. -Schweigend, mit automatischen Gebärden, von Staub und Rauch in Schleier -eingehüllt, bewegen sie sich hin und her wie Schatten. Doch die Wut des -Ansturms tobt unvermindert. Wie dem Sagentier für jedes abgeschlagene -Haupt ein neues wuchs, so kommt der Menge vor dem Tor für jeden Trupp, der -abzog, neuer Zuwachs aus den Straßen. Und der Anblick der Beglückten, die -ihre Habe geborgen mit sich führen, schürt, statt sie zu dämpfen, ihre -fieberhafte Angst. - -Unmöglich scheint, daß der Vorrat noch immer reichen könne. Vielleicht -werden in diesem Augenblick die letzten Summen ausgeteilt, vielleicht -erbeutet der Vordermann, der eben ins Haus gedrungen war, das letzte -Goldstück. Sie aber würden nur die leeren Kassen finden, den Bankerott, -das Elend. - -Als sich um Mitternacht die Tore zum letztenmal in ihren Angeln drehen und -sich dann erneutem Eingang kreischend schließen, ohne Rücksicht auf die -Verzweifelten, die sich zwischen die Flügel werfen, klammern und stemmen, -da geht ein Wehruf durch die Reihen der Enttäuschten, die wieder eine -lange bange Nacht von der Erfüllung trennt. In den Häusern, die den Platz -begrenzen, fahren die Schläfer auf. Sie recken sich hoch in ihren Betten -und lauschen zitternd. Und sie ahnen, daß zu ihren Füßen ein Raubtier -wacht, das seiner Kräfte nur bewußt zu werden braucht, um mit den starken -Pranken Käfig und Bändiger zu zerbrechen. - -In der kahlen Bahnhofshalle saßen die aus Motice und erwarteten den Zug, -der sie in ihre Heimat bringen sollte. Niemand fehlte als die Nanny Zlatka -und der Karl Jakesch. Sie waren fahl und schmutzig wie Soldaten, die von -einer langen Übung kommen, und ein säuerlicher Branntweinduft umströmte -sie. Mit Geräusch und lebhaften Gebärden besprachen sie die Abenteuer -dieser vierundzwanzig Stunden, in denen sie mehr Aufregung gekostet hatten -als während ihres ganzen Lebens. Der Franz Zastoupil war der beredtste. -Er nahm den Mund sehr voll, hielt alle seine Beschuldigungen aufrecht, -prophezeite nahen Untergang der =Spořitelna= und wußte viel zu schimpfen -über die Grobheit der Bankbeamten und die Roheit der Polizisten. Doch -er verschwieg, daß er verstanden hatte, ein paar Verängstigten ihre -Sparbücher für den halben Wert herauszulisten, und daß er unter seinem -schmierigen Gewand eine Summe trug, die ihm die Schenke, die er nur -gemietet hatte, als Eigentum erwerben sollte. - -In einer Ecke kauerte die Maria Jahoda und stützte ihren Josef, der, lang -ausgestreckt, sich auf den Steinen wälzte. Weinend klagte sie: als sie -endlich zu ihrem Geld gekommen waren, sei der Josef beinahe närrisch vor -Freude geworden. Er habe sie ins Wirtshaus mitgeschleppt, dort Bier und -Fleisch bestellt und, schon halb betrunken, mit einem Frauenzimmer, das ihn -umstrich, zu scharmieren angefangen. Plötzlich sei er aufgesprungen, habe -das Mädel um den Leib gefaßt und sei mit ihr auf und davon gerannt. Sie -hatte seine Zeche zahlen müssen und war dann ausgegangen, ihn zu suchen. -Erst nach vielen Stunden hatte sie ihn an einer Straßenecke wieder -aufgefunden. Er war sinnlos berauscht; aus seiner Tasche fehlten hundert -Gulden. Für ihre Vorwürfe bekam sie Schläge, und mit Mühe schleppte sie -den Taumelnden hierher. Die Tränen flossen in Strömen über ihre hohlen -Wangen. Das Schluchzen stieß sie krampfhaft. Der Mann an ihrer Seite, -der in der Trunkenheit die Schuldigen vertauschte, lallte stumpfsinnig -dazwischen: »Sie muß Prügel haben! Das Weibsmensch hat mich bestohlen! -Wenn sie nach Haus kommt, kriegt sie ihre Prügel.« - -Der Johann und die Rosa Dostal dagegen waren sehr zufrieden. Sie hatten -einen Menschenfreund gefunden, der sich ihrer Not erbarmte. Einen furchtbar -reichen Herrn; das große Zinshaus nahe bei dem Sparkassengebäude -gehörte ihm; sie wußten es aus seinem eigenen Munde. Er hatte sich bereit -erklärt, ihr Erspartes in seinem Bankhaus anzulegen. Zu hohen Zinsen. -Acht Prozent pro Jahr. Die erste Rate hatte er gleich ausbezahlt. In der -Seligkeit des neuen Reichtums hatten sie viel eingekauft. Kaffee, Zucker, -Tabak, Kleiderstoffe für die Kinder und einen Teppich, den sich die Frau -schon lange wünschte. Lächelnd hörte ihnen die Babi Skoupek zu. Von -Zeit zu Zeit befühlte sie den Brustlatz, unter dem sie, in ein Taschentuch -geknotet, ihr Gold geborgen hatte. Sie dachte nicht daran, sich noch einmal -davon zu trennen. Unter ihren Strohsack wollte sie es schieben oder in -ihrem Gärtchen in die Erde graben. Da konnte es ihr nicht verlorengehen. - -Die Türen zum Bahnsteig wurden geöffnet, und der Schaffner rief zum Zug -ab. Und immer noch fehlten die Nanny Zlatka und der Karl Jakesch. - -Man lachte. Manche meinten: das gemeinsame Warten hat dem Pärchen so -gefallen, daß es auch diese Nacht zusammen verbringen wird. Vor dem -Sparkassengebäude -- oder anderswo. - -Schon waren die aus Motice in ihr Abteil eingestiegen, kaum eine Minute -fehlte noch bis zur Abgangszeit, da stürzte Karl Jakesch in den Wagen und -schrie: »Ist die Nanny hier?« Die Haare hingen wild um seine Schläfe; -in seine Augen war das Blut getreten. »Ist die Nanny hier?« Obgleich ihm -sein Auge Antwort gab, durchsuchte er die Winkel. Dann, in der Sekunde, -wo der Zug sich in Bewegung setzte, riß er die Tür auf und sprang wieder -hinunter auf die Steine. Er stürzte, stand wieder auf, lief auf den -Schienen hin und her. Die Fahrenden hörten noch sein wildes Brüllen: -»Ich schlag' sie tot! Wenn ich das Luder antreff', schlag' ich's tot!« - -[Illustration: Decoration] - - - - -Ein dürftig aussehender, engbrüstiger Jüngling war mir durch die -Aufmerksamkeit aufgefallen, mit der er die Rede des Deutschböhmen -verfolgte. Nun fiel er schnell in dessen letzte Silbe ein: - -»Was für fremdartige Bilder. Was für sonderbare Leute. Wie waren -Sie doch zu beneiden, mit einem Volk zu leben, das noch so jung ist. -Unangekränkelt von Bildung und Kultur. Voll von Eigenart und -Farbigkeit und Rasse. Sie lachen?« Er warf mit einer wie es schien -gewohnheitsmäßigen Bewegung die glatten schwarzen Haare aus dem Gesicht -zurück. »Sie wissen vielleicht nicht, was es heißt, am grauen Einerlei -zugrunde gehen. Immer nur von Fertigem umgeben. Keine Freude, als die -Sehnsucht. Und die Hoffnung, daß vielleicht irgend einmal sich ein Wunsch -erfüllt. So ist es,« er zögerte, »einem Freund von mir ergangen. Wenn -ich wagen darf, möchte ich Ihnen von ihm sprechen.« - -Er sah sich um, als fürchte er, es könne ihm die Zustimmung verweigert -werden. Ich dachte: er ist gewiß ein heimlicher Poet. Noch in Keuschheit -zugeschlossen und doch schon glücklich, etwas von seinem inneren Empfinden -preiszugeben. Ich hörte seine Stimme zittern bei den ersten Worten. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Die Reise nach Indien - - -Sebastian Schierke war von Geburt an ein Träumer. Er lag stundenlang in -seinem Korb und starrte in die Hängelampe, unter der der Vater auf seinem -Schusterschemel saß und nähte. Seine ersten Wahrnehmungen erwachten in -ihrem Lichte. Sie blieb ihm die Sonne, als er schon reif genug war, auf -allen Vieren zu kriechen. Der Kreis, den ihre Strahlen erhellten, schien -ihm unermeßlich. Und die Ecken, in die sie nicht hineinleuchtete, waren -für ihn unheimliche, von schrecklichen Dingen erfüllte Höhlen. -Das empfand er, ehe er es verstand. Ehe er noch seinem Spielzeug, den -zerrissenen Stiefeln, den Holzleisten und Handwerksgeräten Namen und -Gefühle verlieh. Ehe er noch für das Gemisch von Pech-, Leder- und -Petroleumgeruch einen Ausdruck erfunden hatte. Das Wort »Buhaha«, in das -er eine Fülle von Bedeutung hineingeheimnißte. - -Dann, als er zum erstenmal die Kellertreppe hinaufkletterte, sah er, wie -groß die Welt war. Wochenlang dauerte seine Reise durch alle Gänge, -Nischen, Höfe und Bodenräume des altmodischen, winkeligen Hinterhauses. -Die Straße mied er, sie war ihm zu hell und schnurgerade. Auch scheute er -die anderen Kinder und ihre geräuschvollen Spiele. - -Am liebsten saß er im Holzkeller zwischen den Stößen, während die -Mutter die gefüllten Körbe in die Wohnung des Hausherrn schleppte. Da war -er in dem großen, finsteren Märchenwald, von dem ihm der Vater zuweilen -erzählte. Von ganz hinten kam ein matter Lichtschein (es war Mutters -Laterne, die an der Erde stand) aus einem einsamen Haus. Darin hielt die -böse Hexe das Königskind gefangen. Er selbst hockte zwischen riesigen -Bäumen, roch die Tannen und welkenden Blätter und lauschte auf ein -entferntes Rauschen und Murmeln. Und gleich mußte die Tür aufgehen und -die Prinzessin eintreten, im weißen Kleid, die goldene Krone auf dem Kopf, -und zu ihm sagen: »Bitte, lieber Prinz ...« - -Gewöhnlich kam im schönsten Augenblick die Mutter und schalt, wenn sie -ihn antraf. Müßig, mit verschlafenen Augen. Der Vater aber nahm ihn -immer in Schutz. Der blasse Mann, an dem eine tückische Krankheit langsam -zehrte, verstand seinen Knaben. Auch ihm waren die Gedanken die liebsten -Gefährten. Aber hatte er es nur bis zum Flickschuster gebracht, der -Sebastian war zu etwas Höherem geboren. Dafür hatte er, schwarz auf -weiß, die sicheren Beweise. - -Auf der Kommode in der Hinterstube lag, zwischen einem Porzellanhund und -einem Glaspokal, eine schwarze, goldbetreßte Mappe. Darin ruhten, nach dem -Datum geordnet, Sebastians gesammelte Gedichte. - -Das erste, das er in seinem siebenten Jahre mit ungelenken Buchstaben -hingemalt hatte: - - »Nachtz mich der Schluhmer fliht, - Gott in mein Hertze siht, - Nichtz is alz Lihbe drein, - Lihb für mein Feterlein.« - -Das gereiftere, beiden Eltern gewidmete: - - »Und eh wangt Fels und Stein, - Eh fellt des Himmels Welbung ein, - Eh ich vergehs was ich euch dank - Was ihr mir tuth mein Leben lank.« - -Das Lied, zu dem ihn drei Jahre später ein Ausflug nach Wilmersdorf -begeistert hatte: - - »Mein Herz gleicht der wandernden Welle - Es gleicht dem schimmernden See - Es mischt in die Freude die helle - Sich leise ein flüchtiges Weh.« - -Und viele andere. -- Vater Schierke kannte sie alle auswendig, er summte -sie bei der Arbeit halblaut vor sich hin. Und für die Kunden, die sie zu -hören verlangten, suchte er das haltbarste Leder aus. - -Der Gemeindeschullehrer war weniger zufrieden mit dem jungen Sebastian. - -Rechnen und Rechtschreiben waren dem Knaben unsympathisch. In der -Geographie interessierten ihn nur die entferntesten Erdteile, und -dem deutschen Aufsatz war seine lebhafte Phantasie mehr störend als -förderlich. - -Daß ihm im Grunewald eine Hyäne begegnet sei, wollte ihm der Lehrer -durchaus nicht glauben. Und ein Gedicht, das er in die Schilderung der -Ferienfreuden einflocht: - - »Rings im Schlummer lag die Welt, - Niemand wach als sie und ich, - Und im gelben Ährenfeld - Küßt' ich sie und küßt' sie mich« - -wurde als »völlig anstößig« mit einer schweren Rüge bestraft. - -Den Vater bekümmerte das nicht. Sein Junge war eben ein Genie. Und -»Genies brauchen keine Bildung, sie nimmt ihnen nur die Kraft und die -Naivität,« versicherte ihm der junge Schriftsteller, der Jahr um Jahr -seine Stiefeln schuldig blieb. - -Bis zur dritten Klasse war Jungschierke mühsam geklettert. Da legte sich -der Alte zum Sterben. - -Nach acht Wochen schweren Siechtums trug man ihn, unter der brennenden -Lampe hinweg, in das ewige Dunkel. Er freute sich nicht mehr an den Versen, -die ihm sein Dichter auf den Grabstein schrieb: - - »Schatten des Todes, du schreckest uns nicht, - Die wir vertrau'n auf das göttliche Licht. - Will uns vor Schmerz auch das Herz fast vergeh'n, - Bleibt uns der Trost doch, Dich wiederzuseh'n.« - -Er litt nicht mehr an dem Kummer, den sein Tod seinem Liebling brachte. - -Krankheit und Begräbnis hatten alle Ersparnisse aufgezehrt und zu Schulden -gezwungen. Frau Schierke verkaufte Handwerkszeug, Vorräte und die besten -Möbel. Sie vermietete die Vorder- und Hinterstube an eine Plättanstalt -und sich selbst als Gehilfin. Für sich und den Jungen behielt sie nur die -Küche und eine kleine Kammer. - -Mit der Kommode, dem Porzellanhund und dem Glaspokal verschwand auch die -Mappe mit Sebastians gesammelten Gedichten. Bis Ostern durfte er die Schule -noch besuchen, dann wurde er eingesegnet und ausgeschickt, einen Erwerb zu -suchen. Zu einem Handwerker natürlich. Denn »jelernt haste nischt, und -vor det olle Jequassel und Jeschmiere jiebt dir keen Mensch keenen Dreier -nich« meinte die Mutter. - -Sebastian widersprach nicht. Sein Kindersinn war schwer verdüstert durch -den Verlust des gütigen Vaters. War er früher still gewesen, jetzt wurde -er stumm. - -Sein Abgangszeugnis war schlecht. Seine schwächliche, engbrüstige -Gestalt, die zögernde Sprache nahmen gegen ihn ein. Von Stelle zu Stelle -wurde er abgewiesen. Bis sich ein früherer Kunde des alten Schusters, -für den Frau Schierke jetzt die Hemden plättete, seiner annahm. Der alte -Justizrat Korn setzte den jungen Schierke als Schreiber in seine Kanzlei. - -Da saß er nun Tag um Tag und Jahr um Jahr an einem gelben Holztisch, den -überschlanken Körper weit vorgebeugt, um die kurzsichtigen Augen -den schreibenden Fingern zu nähern, und malte verständnislos, aber -gewissenhaft die Buchstaben auf das Papier. Tag um Tag freute er sich auf -den Augenblick, in dem er die Feder ausspritzen, den grauen Kattunärmel -abstreifen und die Tür des Bureaus hinter sich schließen durfte. Dann -regten sich die heimlichen Gedanken, die Tags über an der Kette lagen. -Dann schlüpften sie aus ihrem Versteck und flatterten und sangen um ihn -her wie freigewordene Vögel. - -Zu Hause mußte er noch der Mutter helfen. Einholen, Feuerung tragen, fegen -und bürsten. Nachts aber, allein in der kalten Kammer, schrieb er beim -Kerzenlicht auf, was in ihm klang und weinte. Seine schwerersparten -Groschen wandte er an Papier, Tinte und Porto. Einmal mußte doch der -Erfolg kommen, die Anerkennung -- die Freiheit. - -Ach! Sie kamen alle wieder, die Reime, die er in die Welt hinausschickte. -Diejenigen ausgenommen, deren Rücksendung man ganz vergaß. - -Da starben ihm langsam Mut, Hoffnung und der Glauben an sich selbst. Nur -die Phantasie blieb leben und hungerte. Er suchte ihr fremde Nahrung. Er -machte Jagd auf alles Gedruckte. Auf die billige Zeitung seiner Wirtin, -der Plättstubenbesitzerin Frau Ruhnau. Auf die Kolportagehefte ihrer -Gehilfinnen, auf ihre Käse- und Stullenpapiere. Seine Spargroschen trug er -jetzt zum Trödler, bei dem er in alten, zerrissenen Büchern wühlte. -Was ihn entzückte, waren Ritter- und Schauerromane, Kriminal- und -Jagdgeschichten. Außergewöhnliche, aufregende Ereignisse. Der Gegensatz -zu seinem armseligen, eintönigen Leben. - -Eines Tages fand er im Bureau unter einem Stoß alter, dem Einstampfen -geweihter Akten ein paar rote Bände. Verjährte Baedeker von Oberitalien -und der Schweiz, zum Wegwerfen bestimmt. Er nahm sie an sich. Des Einbandes -halber, und weil ihn jedes Buch reizte. Zu Hause erst entdeckte er, -was für einen Schatz er sich erbeutet hatte. Was waren alle erfundenen -Geschichten gegen diese fesselnde Wirklichkeit! Was für Herrlichkeiten gab -es draußen in der Welt! Wie leicht waren sie zu erreichen! Man brauchte -nur Geld in seine Börse zu tun, in den ersten besten Eisenbahnzug zu -steigen und dann dem roten Wegweiser getreulich zu folgen. - -Er tat das alles -- im Geiste. - -Er überschritt die höchsten Pässe, bestieg die gefahrvollsten Gipfel, -durchlief die herrlichsten Kirchen und Galerien. Jeden Weg und Steg lernte -er auswendig, bemaß alle Entfernungen, kannte alle Aussichtspanoramen und -hätte mit verbundenen Augen die schwierigsten Bergübergänge gefunden. -Er war ein vornehmer Reisender. Fuhr nur mit Schnellzug und Extrapost, -bewohnte die teuersten Hotels, speiste in den feinsten Restaurants, kaufte -ab und zu kostbare Kunstgegenstände und sparte nicht mit Trinkgeld. Und -mußte nur täglich seine Reise für vierzehn Stunden unterbrechen, um in -der Kanzlei und Plättstube zu arbeiten. - -An einem Freitag Abend war er mit zwei der besten Führer aufgebrochen, um -den Montblanc zu besteigen. Er wählte den schwierigsten Aufstieg über den -Brouillardgletscher und wurde eben angeseilt, um eine kaminartige Schlucht -zu erklimmen. Da holte ihn Frau Ruhnau. Vorn im Laden lag die Mutter. -Mitten in der Arbeit hatte ein Herzschlag sie umgeworfen. - -Sebastian hatte der Mutter innerlich nicht nahe gestanden. Was er, der -Weltfremde, an ihr verlor, machte er sich nicht klar. Um so weniger, als -Frau Ruhnau, eine kinderlose Witwe, sich anbot, ihn für ein geringes -Entgelt weiter zu versorgen. So bedeutete ihm dieser Tod fast eine -Befreiung. - -Fortan gehörten seine Mußestunden ihm. Er konnte erleben, was er bisher -geträumt, er konnte reisen. Nur in den Tiergarten zwar und Sonntags -allenfalls in den Grunewald. Aber eine Bank unter Bäumen, am Rande eines -Sees wurde ihm zum Zauberroß, das ihn in weite Fernen trug. - -Er schloß die Augen und hörte das Rauschen des Wasserfalles, roch den -Duft der Matten. Die Glocken der Pferdebahn wurden ihm zum Kuhgeläute, das -Pfeifen der Stadtbahnzüge zum Signal des Dampfschiffes. Fremdartige Vögel -sangen ihm zu Häupten, in fremden Zungen redeten die Menschen, die ihn -umgaben. - -Und das schönste blonde Mädchen, das bei ihm vorbeiging, war sein -heimliches Liebchen. Zwar tat sie fremd und erhob nicht die Blicke. Aber er -wußte, seine Träume wußten, wie süß und zärtlich sie ihn liebte. - -Zuweilen gelang es ihm, sich zu verirren. - -Dann überliefen ihn alle Schauer des Geheimnisvollen. Der Kiefernforst -wurde zum Urwald. Hinter dem undurchdringlichen Dickicht lag eine -unbekannte Welt. In den Zweigen und Blättern knackten und raschelten die -Tritte wilder Tiere, er schwebte in lauernden Gefahren. Bis zum Herzklopfen -wußte er sich die unheimliche Stimmung zu steigern. - -Trat er dann auf eine Lichtung hinaus und sah im Frieden des stillen -Sommerabends ein Rudel Rehe äsen, sah das letzte Licht der Sonne, das -die Stämme rötlich streifte und den See durchglühte, dann füllte ein -übermächtiges Gefühl Herz und Seele. Er warf sich in das Heidegras und -weinte vor trauriger, sehnsuchtsvoller Seligkeit. - -Von diesen Ausflügen kam er ermattet heim. Mit fiebernden Wangen, in -den Augen einen trunkenen Glanz, die Lippen glühend wie vom Kuß der -Geliebten. Nachts schlief er schlecht, hustete, wälzte sich ruhelos und -schlich am anderen Morgen lustlos zu seiner Arbeit. - -Frau Ruhnau sah ihm kopfschüttelnd nach. Sie hatte sich den Verkehr mit -ihm ganz anders gedacht. Eine Mischung von mütterlicher und weiblicher -Liebe fesselte sie an ihren jungen Mieter. Seine Hilflosigkeit dauerte -sie, zugleich war sie berührt von seiner stillen Eigenart. Wenn er der -Versuchung, seine alten Gedichte wieder einmal zu hören, nicht widerstehen -konnte und ihr abends daraus vorlas, wenn seine Gestalt sich aufrichtete, -wenn ihm die Haare in das blasse Gesicht fielen und seine Züge sich -verklärten, schien er ihr fast schön. Längst machte sie sich allerlei -Gedanken. - -Er war zwar neun Jahre jünger als sie, aber darauf kam es bei so einem -nicht an. Eine Junge, Leichtsinnige würde schlecht zu ihm passen. Er -brauchte eine Alte, Erfahrene. Hausfrau und Mutter zugleich, die seine -zarte Gesundheit schonte und pflegte. So eine wie sie. Dafür konnte er -die dumme Schreiberei an den Nagel hängen, ihre Bücher führen, ihre -Rechnungen schreiben, es konnte ein prachtvolles Leben geben. - -Nie hatte sie bemerkt, daß er nach den Mädchen sah; nun verdächtigte sie -ihn zum erstenmal einer heimlichen Liebschaft. - -Ganz glücklich war sie, als er im Herbst seine Spaziergänge aufgab und zu -seinen Büchern zurückkehrte. Häuslicher denn je, denn der Zufall hatte -ihm einen neuen Schatz in den Schoß geworfen. Ein kostbares Werk -- -Reisebilder aus Indien -- aus dem Englischen übersetzt. Drei dicke Bände -mit Illustrationen. Durch einen Zimmerbrand beschädigt und geschwärzt, -waren sie zum Altbücherhändler und in Sebastians Hände geraten. - -Aus ihren verstümmelten, versengten Blättern erwuchs ihm eine Fülle -neuer Freuden. Schweiz- und italienmüde wie er war, überdrüssig des -bequemen Führers auf geebneten, betretenen Wegen, fand er in diesen -Blättern ungeahnte Sensationen. - -Da waren Abenteuer und Seefahrten, tollkühne Ritte, wilde Jagden, da -war Glanz und Pracht, Blumenduft, Blut und Grausamkeit. Alle Märchen der -Jugend wurden lebendig: die unheimlichen Höhlen in der Schusterstube, die -Prinzessin im Holzkeller, das »Buhaha« der Kindheit, dieser Inbegriff -alles Geheimnisvollen. - -Sein körperlicher Zustand, ein leichtes Fieber, das unbeachtet in ihm -brannte, steigerte die Feinfühligkeit seiner Nerven, überhitzte seine -krankhaft erregte Phantasie. - -Zum erstenmal wurde es ihm schwer, die Arbeit des Tages von den Träumen -der Muße zu trennen. Zwischen die trockenen Aktensätze schoben sich -die Elefantenrüssel, die Götzenbilder und Palmenhaine Indiens. -Buntschillernde Insekten umsummten ihn, die heiligen Affen wiegten sich -auf schaukelnden Zweigen. Seine Blicke hingen an dem Zeiger der Uhr, seine -Wünsche ersehnten den Moment der Erlösung. Heim stürzte er, vergrub -sich in seine Bücher und war blind und taub für alles, was um ihn herum -vorging. - -Da fand es Frau Ruhnau an der Zeit, deutlicher zu werden. Sie nahm seine -angegriffene Gesundheit als Vorwand, brachte ihm allerlei Leckerbissen und -lud ihn zu sich in die Vorderstube. Da könnte er ebensogut lesen. Oder -noch besser, ihr vorlesen. So wäre ihnen beiden geholfen. - -Die gute Frau Ruhnau. Sie ahnte nichts von den Erlebnissen ihres Mieters. - -Bisher war er ein mächtiger Maharadscha gewesen, der Herrscher in -Bhurtpur. Vor kurzem erst hatte er einem englischen Herzog zu Ehren -glänzende Feste gegeben. Er hatte eine Dschungel abbrennen lassen und die -flüchtenden Tiere des Waldes zu Tausenden getötet. Er hatte Tiger und -Elefanten gejagt, Büffelkämpfe veranstaltet, er hatte Gold und Edelsteine -unter die Menge geworfen. - -Seit einigen Tagen aber hatte er sich in einen Brahmanen verwandelt und -diente dem vielarmigen Gott Siva in dem herrlichen Tempel von Rameswaram. -Die schlanke Sidla, die schönste aller Bajaderen, war seine Freundin. -Allnächtlich besuchte er sie in ihrer Zelle. Perlen und Opale rieselten -an ihr hernieder, seidene Gewänder umrauschten sie. Doch heller als alle -Gesteine glänzten ihre Augen, weicher als alle Seide flossen ihre Haare. -Aus silbernen Schleiern blühten ihre Brüste, die Gazellenzartheit ihrer -weißen Glieder. Sie liebkoste ihn mit sanften Händen, sie umtanzte ihn -mit leichten Füßen. Und wenn sie müde war, sank sie neben ihm nieder, -unter die Punka, die zwölf ihrer holden Gespielinnen leise bewegten. Von -solcher Huld begnadet, wie hätte er Sinne behalten für die derben Reize -seiner Wirtin. - -Höflich dankte er ihr und verriegelte hinter ihr die Tür. - -Sie kam wieder, sie pochte und fragte und wollte sich den Eingang -erzwingen. Zu einer Stunde, da die liebliche Sidla, von Tanz und Liebe -ermüdet, auf weichen Teppichen soeben in Schlummer gesunken war. - -Sebastians Zorn erwachte. Er wies die Störerin hinaus, verlangte sein -Hausrecht und den Frieden seiner Stube, die er ehrlich bezahlte. - -Da brach es wild hervor, was an Enttäuschung und Groll in Frau Ruhnaus -Innerem kochte. Von erwiesenen Wohltaten sprach sie, von Undank und -Bettelstolz. Sie fragte, ob er wirklich glaube, für die lumpigen paar -Groschen solche Kost und Pflege beanspruchen zu können. Sie sagte viel -Böses. Und der arme Träumer erwachte. - -Er sah ein, daß er nur Gnaden genossen, wo er geglaubt hatte, Rechte zu -besitzen. - -Es war ein böses Erwachen. - -Wie ein Schlaftrunkener stand er verwirrt vor der Scheltenden. Dann griff -er nach Hut und Mantel und lief hinaus. Seinen einzigen Bekannten, den -Bureaudiener Franz, um ein Obdach für die Nacht zu bitten. - -Am anderen Morgen mietete er die erste schlechteste Wohnung. Eine kleine -Kammer im vierten Stockwerk eines düsteren Hinterhauses. In sein altes -Heim kehrte er nur zurück, um seine Siebensachen zu packen. - -Frau Ruhnau, verängstigt und reuevoll, versuchte eine tränenreiche -Versöhnung. Mit der eigensinnigen Festigkeit der Schwäche wies -Sebastian sie ab. Aus den Räumen, die ihm vierundzwanzig Jahre die Heimat -bedeuteten, ging er grollend in die unbekannte Welt. - -Nun war er ganz frei. Wenn er abends nach Hause kam, war sein Zimmer nicht -geheizt, sein Bett nicht geordnet, sein Mahl nicht bereitet. Aber er konnte -ungestört lesen und träumen, niemand belästigte, niemand befragte ihn. - -Als der Frühling kam, hätte er ganze Nächte im Freien umherlaufen -können, ohne jemanden zu betrüben. Nur daß seine Kräfte nicht reichten. -Eine bleierne Müdigkeit hing ihm im Körper. Der Husten, der ihm den -Schlaf störte, quälte ihn auch bei Tage, stechende Schmerzen benahmen -ihm Atem und Sprache, mühsam nur trugen ihn die Füße von der Wohnung zur -Arbeit. - -In der Kanzlei war man immer freundlich zu ihm gewesen. Man hatte sich -an seine stille, bescheidene Art gewöhnt und ihm manche Nachlässigkeit -verziehen. Jetzt verlangte die Menschlichkeit, seinen Zustand nicht zu -übersehen. - -»Es geht nicht länger mit dem Schierke, Herr Justizrat« sagte der -Bureauchef, während er die Akten zur Unterschrift vorlegte. »Er macht -nichts als Dummheiten.« - -»Verliebt?« - -»Krank, schwer krank, wie ich fürchte. Sieht aus wie der Tod.« - -Der Justizrat war gutmütig, wenn seine Zeit es ihm erlaubte. - -»Dann kann man ihn doch nicht ohne weiteres auf die Straße setzen! -Schicken Sie ihn zum Arzt, gleich heute. Und er soll sich morgen bei mir -melden, zwischen neun bis zehn Uhr, ehe ich aufs Gericht gehe!« - -Es bedurfte keiner langen Untersuchung. - -»Essen und trinken Sie so gut wie möglich« verordnete der Arzt. -»Kleiden Sie sich warm, und wenn Sie vielleicht Verwandte auf dem Lande -haben, um für ein paar Wochen zu verreisen ...« - -Nur dies eine Wort blieb in Sebastians Hirn haften: - -Reisen -- reisen -- weit weg -- nach Indien! - -Der Maitag war warm und lockend, im Bureau erwartete man ihn nicht. So -lange hatte er nicht unter Bäumen gesessen, am Rande eines Sees. - -Trotz Müdigkeit und Schmerzen wanderte er hinaus. Doch die Seligkeit von -früher wollte nicht über ihn kommen. Er fror im hellsten Sonnenschein, -seine Phantasien verdichteten sich zu bösen Träumen. - -Die wilden Weddahs, Teufeln gleich in ihrer braunen Nacktheit, schlichen -aus dem Gebüsch, umtanzten ihn und stachen ihn mit ihren Wurfspießen. -Die gelbe Kobra, Indiens Riesenschlange, zischte ihn an, blähte den -giftgefüllten Schlund, umschnürte mit kalten Ringen die erstickende -Brust. - -Von plötzlicher Angst gejagt, lief er heim. Auf der Treppe sank er -zusammen, ein Strom von Blut brach aus seinen Lungen. - -Er lag in seinem Bett allein und verlassen. Ab und zu sah die Nachbarin -nach ihm. Aber sie hatte selbst sechs Kinder und reichliche Arbeit. - -»Er muß ins Krankenhaus« sagte sie zu Franz, der täglich kam und -zuweilen Erfrischungen brachte, die der Justizrat schickte. »Das muß doch -sein Dienstherr bezahlen. Lange macht er's doch nicht« setzte sie leiser -hinzu. - -Franz stimmte bei, auch der Arzt teilte ihre Ansicht. - -Aber wie ein eigensinniges Kind widersetzte sich Sebastian. Nur nicht ins -Krankenhaus. Er bat und weinte. Dann kam das Fieber, der Husten und das -rote Blut ... - -Der alte Diener war in Verzweiflung. Da fiel ihm Frau Ruhnau ein. Eine -tüchtige Frau war sie gewesen, trotz alledem. Vielleicht wußte sie Rat. - -Dampfend und zischend blieb das Oberhemd, an dem die Plättfrau mit -rotglühendem Bolzen arbeitete, auf dem Brett liegen. - -Barhäuptig, ein Tuch um die Schultern, lief sie zu dem Kranken. - -Der arme Junge. Wie er dalag. Das weiße Gesicht zusammengefallen, die -schmale Nase wachshell, schwarze Schatten unter den Augen, schweißfeuchte -Haarsträhnen tief in der blaugeäderten Stirn. Er erkannte sie nicht. -Unruhig warf er die Arme umher, stöhnte leise oder murmelte vor sich hin. - -Armer Junge, armer, armer Junge! - -»Kann man gar nichts für ihn tun?« fragte sie den Arzt. - -Der zuckte die Achseln. - -»Ihn wenigstens hier herausbringen?« - -»Er will ja nicht ins Krankenhaus. Nach Italien werden Sie ihn wohl nicht -schicken können, würde ihm auch kaum mehr was nützen.« - -Die Frau zuckte zusammen. »Wenn man ihn wenigstens hier herausbringen -könnte« wiederholte sie. - -Sie sah sich um. - -Die Kammer, das Bett, die Wäsche, alles klebte voll Staub und Schmutz. Die -Luft selbst roch nach Unsauberkeit und Armut. - -Und draußen war es Sommer. Selbst in dieser traurigen Straße. - -Eben war es einem Sonnenstrahl gelungen, die hohe Mauer zu erklettern. Aber -gleich war er wieder weg, als sei er erschrocken zurückgefahren. - -»Herr Doktor.« Frau Ruhnau sprach langsam und überlegend, »mein -Schwager, er hat'n Fuhrgeschäft in der Möckernstraße, der hat so'n -kleines Häuschen zwischen Treptow und Eierhäuschen. Am Sonntag fährt -er mit der Familie 'raus, und an warmen Sommerabenden vergnügt er sich da -mit's Angeln. 'S is man 'ne Kabuse, 'n bißken feucht mag's auch sein --. -Aber immer noch besser wie hier. Wat meinen Sie, wenn man den Jungen da -'rausbrächte, könnt' er sich da erholen?« - -Der Arzt schwieg. - -»Könnt' er's wenigstens -- aushalten?« - -»Das kann ich Ihnen nicht garantieren. Die Natur ist unberechenbar. Aber -er kann doch nicht draußen ganz allein --« - -»Dafür lassen Sie mich sorgen. Ich hab' ihn von klein auf gekannt, er ist -wie mein eigener!« sagte sie noch rasch. Ganz rot wurde sie dabei. Wenn -der Doktor wüßte. - -»Dann habe ich nichts dagegen.« Es wird ihm das Sterben erleichtern, -dachte er bei sich. - -Am nächsten Nachmittag, es war etwas spät geworden der Pferde halber, die -nicht früher frei waren, trugen Frau Ruhnau und ihr Schwager den kranken -Sebastian die Treppen hinunter. Sie betteten ihn sorgsam in den offenen -Wagen, der Mann sprang auf den Kutschbock, die Frau saß auf dem Rücksitz -und hielt des Kranken Hände. - -Er war sehr schwach und nicht bei vollem Bewußtsein. Er fühlte kaum die -Stöße und Rucke auf dem schlechten Pflaster. Frau Ruhnau aber zuckte -jedesmal zusammen. »Wären wir erst da! Wären wir erst da.« - -Endlich hatten sie die Köpenicker Straße hinter sich, sie fuhren auf der -Treptower Chaussee. Der Wagen bog in den Wald ein, fuhr an den Fluß und -blieb vor einem kleinen Häuschen stehen. Ebenerdig, ohne Unterbau, aus -grün angestrichenen Brettern zusammengebaut, glich es einer Sommerlaube. -Hinter ihm lag die Spree im Abendsonnenschein. - -Purpurrot lohte der Himmel, Purpur fiel auf Ufer und Fluß. Zartgrüne -Weiden, lichte Gewänder, weißliche Boote, von halbnackten Gestalten -pfeilschnell getrieben, schwellende Segel, schwärzliche Flöße, alles -schwamm und schwebte in rosigem Schein. Jede Schwere war behoben, jede -Härte aufgelöst, Flimmern und Leuchten in Wasser und Luft. - -Frau Ruhnau beugte sich über den Kranken. - -»Wir sind da, Sebastian, Sebastian!« - -Er hob ein wenig den Kopf und starrte träumend in das lebendige Licht. - -In seine erlöschenden Augen trat ein unirdischer Glanz. - -»Indien -- das ist Indien!« - -Frau Ruhnau schüttelte den Kopf. - -»Nee, mein Jungechen, das is Treptow. Und das Häuschen, das is mein -Schwager seine Sommerbude.« - -Er hörte sie nicht mehr. Aber als sie leise seine Wangen streichelte, mit -harten Fingern und doch sanft und zärtlich, huschte ein seliges Lächeln -über seine Züge. - -»Wie schön bist du, Sidla -- zauberhaft schön!« - -Einmal noch seufzte er tief -- streckte sich -- und fiel in die Kissen. - -So war er doch in Indien gestorben. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Aus dem Hintergrund hatten sich schon wiederholte Laute der Ungeduld -gemeldet. Jetzt trat der Störenfried erkennbar in den Bereich der -Lampe. Wie ein Arbeiter gekleidet, hektisches Rot auf den vorspringenden -Backenknochen, den Stempel des Intellekts auf der tief durchfurchten Stirn. -»Faxen,« rief er. »Ist halt ein schwindsüchtiger Junge umgestanden. Was -ist daran schon gelegen.« - -Verständnislos pflanzte er sich vor dem Jüngling auf, der, noch warm von -seiner Beichte, die Schultern hochzog wie unter einem kalten Wassersturz. -»Ihr seid, scheint's mir, auch so einer, der das Volk beschnüffelt, ohne -von seinem Wesen das Geringste zu verstehen. Seid's Ihr schon einmal ein -tschechischer Textilarbeiter gewesen? Habt's Ihr schon einmal, um einen -Schandlohn, bei Frost und Hitze einen Webstuhl zehn, elf Stunden lang -bedient? Wißt's Ihr, was, ehe wir gekommen sind, um ihm zu helfen, -so einem armen Webermädel die Dampfpfeife bedeutet hat? Ihr -Großstadtherrchen, also darüber sollt Ihr jetzt von mir etwas erfahren.« - -Auf die Tischtafel gestützt, die Blicke herausfordernd auf den -Deutschböhmen gerichtet, fing er an. Der geübte Redner war ihm -anzumerken. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Die Dampfpfeife - - -Oh ... oh ... oh ... oh ... - -Oh ... oh ... oh ... oh ... oh ... jeeeh ...! - -Ein Pfiff, ein langgedehntes, grelles, aufheulendes Brüllen, gleich einem -Aufschrei der gequälten Kreatur. - -Das Weib richtet den Oberkörper etwas auf. - -»Es pfeift, Vaclav,« stöhnt sie aus ihren Schmerzen, »lauf', du -versäumst!« - -Vaclav erhebt sich langsam. Er sucht beim trüben Schein der Lampe in der -Lade nach dem Brotlaib, schneidet einen Fetzen davon ab und steckt ihn in -die Jacke zu der Branntweinflasche. Noch einmal tritt er an das Bett und -streichelt seines Weibes feuchte Stirn. - -»Sorgt Euch nicht, Stejskal, um die Božena,« sagt die alte Babi, die -beschäftigt ist, Wasser in ein kleines Holzgefäß zu gießen, »gut -wird's gehn. Wenn Ihr nach Haus kommt, ist ein Bub' da.« - -Ob Bub', ob Mädel, ihm ist's gleich. Ein Esser mehr zu den dreien, die -schlafend in Kisten an der Erde liegen. Und die Frau erwerbslos für die -nächsten Wochen. - -Was ist zu tun? Wenn Gott es so bestimmt hat. - -Er läuft, um nicht in Strafe zu verfallen. So hastig rennt er durch die -unerhellte, nebeldicke Morgenluft, daß er die Kälte, die sein Gesicht -zerschneidet, nicht empfindet. - -Schon steht er zwischen seinen beiden Stühlen. - -Oh ... oh ... oh ... oh ... - -Oh ... oh ... oh ... oh ... oh ... jeeeh heult zum zweitenmal die Pfeife. - -Sssss zischt die Dampfmaschine, bewegt die Arme, bringt den Betrieb in -Gang; die Schützen fliegen durch die Kettenfäden. - -Und Vaclav weiß nicht, daß sich in das Ausklingen des zweiten Pfiffs -daheim in seiner Hütte ein leiser Wehlaut mischt. Das erste Wimmern seines -vierten Kindes. - -Piska -- es pfeift -- wird sie genannt. Die Dampfpfeife, die sie zur Welt -gerufen hat, wird ihre Patin. - - * * * * * - -Kind und Mutter. Alles Reiche, Starke, Zwingende ursprünglichster -Instinkte ... Fünf Wochen lang kriecht das Tierchen Piska an die -Mutterbrust. Mit seinem Hunger, seinem Frost, mit jedem Zittern seines -leiblichen Verlangens. - -Plötzlich liegt es in Verlassenheit. Lange Stunden, Ewigkeiten. -Die Händchen tasten in das Leere, die Lippen stoßen klagend etwas -Mißschmeckendes zurück, schließen sich, lustlos saugend, um etwas -Kaltes, Nahrungsloses; bis sie der Lebensquell aufs neue füllt; bis -Mutterzärtlichkeit mit Brust und Arm und Mund den kleinen Körper wärmend -einhüllt. - -In diesen Augenblicken tierischen Entzückens huscht durch das Dämmern des -kindlichen Bewußtseins ein Geräusch, ein Laut ... - -Oh ... oh ... oh ... oh ... - -Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ... - -Die Lust verschwindet. Piska ist allein. Großmutter schüttelt sie. - -»Psch, psch, Pisenka, raunz' nicht. Maminka kommt wieder, abends, wenn sie -pfeifen.« - - * * * * * - -Das Band zwischen Natur und ihr ist durchgeschnitten. Piska ist kein -Säugling mehr. - -Doch von der Großmutter noch immer vor den anderen bevorzugt. Sie nimmt -die Kleine mit, wenn sie, die schwarze Tasche auf dem Arme, zur Mittagszeit -davonschlürft. Langsam, doch noch viel zu schnell für schwache, kurze -Beinchen. Den Waldweg abwärts, über die Brücke, vor das große Haus. - -Sie warten lange, bis sein Tor sich öffnet. Viele Menschen gibt es her. -Männer, Frauen, Burschen, Mädel. - -Božena und Vaclav sind darunter. Bleich und verdrossen. Er unzufrieden mit -dem Zugebrachten. Keine fünfzig Deka Fleisch die ganze Woche. Sie oft zu -kraftlos, um zu essen. - -Sie sitzen zur Sommerszeit auf einer grünen Wiese. Im Winter in einem -großen, kahlen Zimmer mit vielen anderen. Manch einer hätschelt Piska, -schiebt ihr einen Bissen in den Mund, läßt Branntwein oder Bier in ihre -Kehle laufen. - -Die Hand der Mutter liebkost sie nicht mehr. Müde ruht sie auf dem Schoß, -in dem sich wieder neues Leben regt. Schon ruft es abermals zur Mühsal. -Seufzend stehen alle auf, folgen der Mahnerin, der Unerbittlichen ... - -Oh ... oh ... oh ... oh ... - -Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ... - - * * * * * - -Was sich die kleine Piska alles denkt, wenn sie die Pfeife hört. »Ein -großer Mann, ein Riese, noch höher als ihr Häuschen, der so schreit.« - -Sie ahmt ihm nach, wenn sie mit den Kindern spielt. Auf der offenen -Heerstraße, die ihr Spielplatz ist. Sie pfeift, die anderen müssen in den -Winkel rennen, »in die Fabrik«. Im Winter dringt ihnen der Schnee in die -zerlumpten Stiefel. Im Sommer wühlen ihre nackten Sohlen den Staub auf, -daß er in Wolken aufsteigt und ihnen fressend in die Lungen dringt. - -Viel später, Piska geht schon in die Schule und weiß: es ist der Dampf, -der mit so tobendem Gekreisch entweicht, verbindet sie geheimnisvolle -Vorstellungen mit dem grellen Schrei. - -Er ist ihr der Direktor, vor dem die Mutter zittert, der die gut und -schlecht bezahlte Arbeit zu vergeben und die Strafen anzusetzen hat. Auf -den der Vater schimpft: »Lump, verfluchter, tritt den Arbeitsmann, kriecht -dem Herrn in den H.....n!« - -Oder gar der Herr Besitzer selbst, der furchtbar reiche, der die Tasche -voll mit Sechserln hat, alle Tage zweimal Fleisch kriegt und drei Liter -Pilsener Bier dazu. - -Oder sonst ein Übermächtiger, ein Zauberer. - -Alles richtet sich nach ihm. Daß die Eltern weggehen und daß sie -wiederkommen. Daß es Samstag eine halbe Stunde früher die Suppe und die -aufgewärmten Knödel gibt. Daß die Mutter dann das Zimmer aufreibt und -die Kinder badet. Daß der Vater erst um Mitternacht nach Hause kommt und -die Mutter prügelt, die ihm weinend vorwirft, daß er wieder den halben -Wochenlohn vertrunken hat. - - * * * * * - -Nun ist sie selber in des Zauberers Bann geraten. - -Bei der Mutter, die die Fäden durch die Zeuge zieht und sie an eine neue -Kette andreht, hockt die Kleine. Garnabfälle hängen ihr am Arm, und die -Finger lernen Weberknoten. - -Eine blasse, magere Vierzehnjährige, der der Pfiff kein Spiel mehr -bedeutet. - -Bald rückt sie auf, sitzt an der Spulmaschine. Wie beim Instrument die -Tasten reihen sich dem samtnen Kissen Stifte an, auf denen die Bobinen -stecken. Und dahinter trägt der große schräge Rahmen Spulen. - -Aufgepaßt. Nicht geprudelt, nicht gefaulenzt. Geld verdienen. Aufgepaßt, -daß keine Fäden reißen, daß, wenn die Bobine abgespult ist, -kunstgerechte Knoten zu der neuen führen. Und daß ja der Baumwollflug -nicht auf dem Kissen bleibe und den Faden schädigt. - -Schwere Arbeit für die schwachen Kräfte. Aber Jugend, goldene -Jugend. Über deine Brücke geht aus jedem Dunkel der Weg zu hellen -Fröhlichkeiten. - -Neckereien, Gelächter, Püffe rechts und links. Rasch und heimlich. -Wenn ein Unberufener naht, gleich die Augen wieder ehrbar auf die Bank -gerichtet. Eine Hetz'! - -Und endlich pfeift sie doch, die Stunde der Erlösung. Wie dann mittags im -Winter der aufgewärmte Kaffee schmeckt. Im Sommer die Handvoll Birnen und -die saure Gurke. - -Manche freilich essen besser. Streichen Schmalz aufs Brot und kaufen einen -halben Liter Bier in der Kantine. Zu so etwas reicht Piskas Lohn noch -nicht. Sechzig Heller täglich; dreißig davon an die Mutter. Was bleibt -da für den Putz? Mag auch jeder arbeitsfreie Augenblick beim Sticheln -aufgehen, beim Waschen, Stärken, Bügeln. Dem Johann Tronezek zuliebe. - -Der Johann Tronezek steht schon am Webstuhl. Er webt Kattune. Schlecht -bezahlte Ware. Leichte Ware, wie er selber ist. Kein hübscher Junge. Dürr -und käsig. Sohn eines Säufers und mit Branntwein aufgezogen. Aber flink -und frühreif wie die Piska selber. - -Sie passen gut zusammen, wenn sie am Sonntag miteinander tanzen. -Stundenlang. Die Arme eng verschränkt, die Hände gegenseitig auf den -Schultern, die Köpfe einander zugeneigt, daß die Stirnen sich berühren. -Brust und Leib dem anderen angeschmiegt, schieben, drehen und drängen -sie sich durch den Knäuel der Paare. Sie sprechen nicht. Das Mädchen -schließt die Augen, öffnet ihre Lippen. Gibt sich in sinnlicher -Verzückung der Wonne hin. Dem Tanz, der schwindelnden Bewegung, der -dichten Nähe ihres Burschen. - -Die Luft wird schwül und dick. Aus Bierneigen, Speiseresten, -Menschenschweiß ballt sich Gestank zusammen. Die Fiedel quietscht, der -Baß ist brummig und verstimmt, mißtönig kreischt der Chor der halb -Betrunkenen dazwischen. Das Mädchen sieht, hört und riecht es nicht. Die -Augen zu, die Lippen offen, dreht sie sich inbrünstig im Kreise. - -An ihres Liebsten Körper angepreßt, genießt sie dumpf und unbewußt, -wonach des Menschen tiefste Notdurft schreit -- das Glück. - -Andere haben Muße, Bildung, Luxus, Kunst, Natur. - -Sie hat nichts als diese kurze Freiheit. Der Inhalt ihres Lebens drängt -sich in diese Stunden. Sie sind das Licht, nach dem die Schatten ihres -Daseins flüchten, die Sonne in dem Dunkel ihres Denkens, die Freude, die -sie gierig einschlürft, mit all der Leidenschaft, die das Entbehren ihrer -Seele in ihrem Körper aufpeitscht. - -Tanz und Liebe ... Bis zur Neige leert sie den Becher, sinnlos, zügellos. -Dem allzu schnell enteilten Tag fügt sie die Nacht hinzu, den frühen -Morgen. Noch eine Runde ... eine noch ... - -Erschöpft und schwindlig möchte sie die fliehenden Minuten halten. - -Oh ... oh ... oh ... oh ... - -Oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ... schreit die Pfeife. - -Der Arbeitstag ist da, rennt, Leute, eilt, daß ihr der Strafe nicht -verfallt! - -In ihren Sonntagskleidern, ungesäubert, ungestärkt, stürzen sie den Berg -hinunter, den Fluß entlang, über die Brücke, an das große Tor ... - -Gerade sitzen, Piska, die Lider offen halten! Aufpassen, nichts verpatzen, -Geld verdienen! - - * * * * * - -Piska tanzt noch immer. Aber lange Pausen legt sie zwischen jede Runde. -Ihre blauen Augen liegen tief und schwarzumrändert in den Höhlen, ihre -jungen Züge sind verfallen, lässig schleppt sie ihre Glieder. Sie ist -krank. Doch diese Krankheit gilt nicht bei der Krankenkasse. Auch zu Hause -muß sie sie verschweigen. Aus Angst vor Prügel und vor hartem Zanken. - -Zwar die Mutter wurde auch erst kurz vor Piskas Ankunft Vaters Frau. Doch -der Eltern eigene Verfehlung strafen sie bei ihren Kindern. Anständig soll -die Tochter bleiben, Geld nach Hause bringen. Überhaupt die Piska, so ein -Fratz, noch keine sechzehn. Und die Mutter selbst noch alle Jahre in der -Hoffnung. - -Auch der Johann ist verdrossen. Nicht wie sonst macht er sich häufig in -dem Spulmaschinenraum zu schaffen. Sie ist es nun, die einen Vorwand sucht, -den Websaal durchzulaufen. Aber das Getöse übertönt die Stimme. Sie -zieht ihn mit sich in den Seilgang. - -Nur ein Wort. - -Na also -- was? Wie wenn er nicht schon wüßte. Also ja, wie oft soll er -es sagen. Er wird sie nehmen. Wahrscheinlich. Später, wenn sie beide mehr -verdienen. Aber gleich das Haus voll Kinder. Dafür dankt er. Sucht sich -lieber eine andere, die nicht so ungeschickt ist. Na -- nicht gleich. Sie -braucht nicht so zu weinen. - -Sie drängt sich angstvoll an ihn an. Eine kurze, heftige Umarmung vereint -die beiden, die Strafe und Entdeckung nicht bedenken. - - * * * * * - -Hochsommer. Glühend brennt die Sonne auf die ungeschützten Scheiben. In -schrägen Streifen tanzt der Staub und Baumwollflug im Saale. Piska sieht -weiß aus. Ihre Finger zittern, wenn sie den Knoten knüpfen sollen. Bei -jeder Lohnauszahlung trifft sie seit Wochen eine Strafe, und der Direktor -droht mit der Entlassung. - -Jetzt nimmt sich eine Mitleidige ihrer an. - -»Geh' bissel auf die Luft, ich gib' dir Obacht.« - -Die Kleine wankt hinaus; sie schleppt sich aufwärts in den Wald. Ein Tier, -das in das Dickicht kriecht, dort zu verenden. - -Ist ihr schlecht. Jeschisch Margotte ... was für Schmerzen. Sie schreit -und jammert. Stromweise stürzen ihr die Tränen aus den Augen, die Hände -krallen in die glatten Tannennadeln, die den Boden decken. - -Die Pfeife hört sie noch und denkt verworren: Wenn man nur nicht gemerkt -hat, daß ich eher weg bin. Dann überwältigen die Qualen die Gedanken. - - * * * - -Ein grelles, langgedehntes, aufheulendes Brüllen weckt sie auf. Sie -möchte aufstehen, an die Spulbank eilen. - -Sie kann nicht. Entkräftet, sterbend sinkt sie nieder. Und in das -Ausklingen der Pfeife mischt sich ein leiser Wehlaut. Das erste Wimmern -ihres Kindes. - -Der Kreislauf ist vollendet. Ein Leben geht zugrunde und gibt der Arbeit -einen neuen Sklaven. - -Oh ... oh ... oh ... oh ... - -Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ... - -[Illustration: Decoration] - - - - -Wir saßen mit gesenkten Köpfen. Von der Trostlosigkeit dieser -Zustandsschilderung bedrückt und aufgereizt, uns zu verachten. Nur ein -grauhaariger Herr, wie schlafend an die Kachelwand gelehnt und in die -Spiralen seiner kunstgerechten Rauchringe gewickelt, schlug die Augen auf -und sagte: »Ja, so seid Ihr. Immer Weiß und Schwarz. Der Proletarier -ist edel, der Bürger ist ein elendes Subjekt. Ein Ausbeuter. Und ohne -ein paarmal hunderttausend Guldenrente tut Ihr's bei ihm nicht. Meiner -Erfahrung nach taugen wir Menschen auf beiden Seiten nichts. Wer die -Macht hat, übt Gewalt und unterdrückt das Recht. So ist's von Weltanfang -gewesen. Wenn Ihr am Ruder seid, werdet Ihr's nicht anders machen.« Er -bewegte die Feder seines Benzinfeuerbüchschens, entzündete bedächtig -eine frische Zigarette und führte ein Beispiel für seine Weltanschauung -an. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Die Erziehung zur Bosheit - - -Denkt euch einen braunen Wollknäuel, dem man vier Pfötchen und ein -Schwänzchen angebunden hat. Oder noch besser, stellt euch eine Kugel vor, -mit einem braunen Fellchen überzogen. Daran ein Köpfchen mit zwei blanken -Augenpunkten, einem schwarzen Näschen und einer sammetweichen Schnauze. -Oder ein lächerliches, winzig kleines Löwenjunges ... - -Aber vielleicht glich Bello, als ihn der Gärtner in der Rocktasche vom -Markte mit nach Hause brachte, am meisten einem jener Spielzeugshunde, die -schreien, wenn man sie etwas auf den Magen drückt. Nur daß man Bello dazu -nicht zu drücken brauchte. Denn er klagte unaufhörlich um die Mutter, -der man ihn zu früh entrissen hatte. Selbst, als er sich bereits darein -ergeben hatte, tags die leere, kalte Luft und nachts eine lieblose -Filzdecke über sich zu fühlen (an Stelle des weichen, gastfreundlichen -Leibs, in dessen tierisch temperierter Wärme er mit den Geschwistern -gekuschelt war), suchte sein Mäulchen sehnsüchtig im Halbschlaf die stets -bereite Nahrungsquelle. Und er weinte schmerzlich, wenn noch niemand wach -war, um ihm das gewohnte Dämmerfrühstück zu kredenzen. - -Nach und nach verblaßte in ihm die Erinnerung an die Großmut der Natur. -Er paßte sich der rauhen Notwendigkeit an, und aus dem wehleidigen -Säugling wurde ein frohes, spielerisches Kind. Mit der Vertrauensseligkeit -der ersten Jugend blickte er ins Leben. Wenn er des Morgens über die -Schwelle des Gartenhäuschens rollte, trat er wie ein Herrscher in -sein Reich. Die ganze Umwelt war sein Eigentum. Die kiesbestreuten, -glattgeharkten Wege, die Blumenbeete, das Birkenwäldchen und der -Rosenflor. Und die Himmelsglocke, die über dem Garten blaute, und die -Sonnenflecken, die den grünen Rasen rötlich sprenkelten. - -Er war keinen Augenblick im Zweifel, daß auch die Villa ihm gehöre, -die Freitreppe, die zu der Eingangshalle führte, die Korbmöbel und -Lorbeerkübel. Und daß der Spitzensaum der Tafeldecke nur darum tief -herabhänge, um seinen Pfötchen ein angenehmes Spiel zu bieten. Wenn -ihn ein unmutiges Wort verscheuchte, hielt er's für einen Scherz und -antwortete in der Sprache, die er eben erst in sich entdeckt und die -anzuwenden ihm offenbar eine richtige Erfinderfreude gab; antwortete mit -einem Bellen, das an das Krähen eines sehr jungen Hahnes gemahnte. - -Ohne Hochmut besuchte er die Küche, schnupperte in allen Winkeln, -schleckte alle Schüsseln aus und verschaffte sich Genüsse, die ihm sein -zweites Vaterhaus nicht bot. - -Für Zärtlichkeiten war er sehr empfänglich. Wehrte sich nicht, wenn die -Küchenmagd ihn auf die Ohren küßte. Und träumte sich auf dem Schoß -der umfangreichen Köchin, von ihrem hinströmenden Busen überragt, in -den Dunstkreis seiner Kinderstube. Allem Beweglichen und Raschen sprang er -entgegen; ob es auf vier oder zwei Beinen ging, auch nur ein Schatten war, -ein Blatt, das eigene Schwänzchen, nach dem er sich im Kreise drehte. - -Doch seine liebsten Kameraden waren die kleinen Jungen, die allmorgendlich -die Zeitungsblätter brachten. Sie kamen stets zu zweit, als fühlten sie, -daß ihre dürftige Erscheinung erst verdoppelt _ein_ Individuum ergebe. -Sie gingen barfuß, ihre ausgewachsenen Kleider waren mehr zerrissen als -geflickt, und in den abgemagerten Gesichtern standen die dunkeln Augen -unnatürlich groß. - -Bello bereitete ihnen stets einen festlichen Empfang. Schon von weitem lief -er ihnen zu, umhüpfte sie und entschüchterte sie so geschickt mit seinen -Kapriolen, daß sie zum Schluß mit ihm auf einem Haufen gemeinsam an der -Erde lagen. - -Damit war der Gärtner, Bellos Besitzer, gar nicht einverstanden. Er -mißbilligte schon Bellos Verkehr im Herrenhaus. »Bello soll nicht -zutunlich zu Tier und Menschen sein. Bös soll er werden, mißtrauisch und -scharf, sonst taugt er sein Lebtag nicht zum Kettenhund,« und duldete nur -aus wirtschaftlichen Gründen sein herzliches Verhältnis zu der Köchin. -Die Freundschaft mit den Zeitungsbuben aber war ihm geradezu zuwider. -Zum Schutz gegen Leute, die barfuß gingen und abgenutzte Kleider trugen, -sollte der Hund ja gerade aufgezogen werden. - -Es wurde Bello sehr schwer, seine Bestimmung zu begreifen. Zu den ersten -Kläpsen hatte er, wie ein rechter frecher Bengel, mit mutwilligen Lauten -erwidert. Bald aber verspürte er, wie bitter Schläge schmecken. - -Diese Erfahrung nahm ihm das Vertrauen zu der Menschengüte. Und mit dem -Kinderglauben auch die Kinderzuversicht. Er lernte lügen und betrügen. -Er tat heimlich, was er bisher für sein gutes Recht betrachtet hatte. -Mit geducktem Kopf, das Schwänzchen (sonst der Vergnügungsanzeiger des -kleinen Körpers) zwischen die Beine eingeklemmt, schlich er in die Halle, -vor jeder Handbewegung fluchtbereit. Den Berührungen der Dienstboten wich -er ängstlich aus und stahl, was ihm bisher freiwillig angeboten worden -war. - -Am zögerndsten entsagte er der Neigung zu den zerlumpten Kameraden. Immer -wieder wurde er im Spiel mit ihnen angetroffen. - -Da band der Gärtner ihn zur Strafe eines Nachts zum erstenmal in der -großen Hundehütte fest. Verlassen, frierend, von Furcht und Sehnsucht -fast von Sinnen, bat er unaufhörlich: »Verzeiht mir doch! Ich will ja -brav sein! Kommt denn niemand? Laßt mich nicht allein!« Und unterbrach -sein Winseln nur, um hämmernden Herzens, mit aufflammender und immer neu -enttäuschter Hoffnung aufzuhorchen, ob die Erlösung sich nicht nahe ... -Und in der nächsten Nacht derselbe Jammer ... - -In den Stunden der Verzweiflung reifte langsam die Ahnung von dem -Weltzusammenhang in ihm. Von der Macht des Starken. Daß der Schwache -rechtlos sei und daß ihm nur _eine_ Waffe zu Gebote stehe -- die Bosheit. -Er veränderte sein Wesen. Das Fellgekräusel wurde glatt, die Blicke -kehrten sich nach innen, die Schnauze streckte sich und gab ihm das -Aussehen eines Fuchses. - -Neun Monate war er alt, als er nach dem jüngeren der Zeitungsträger -schnappte. - -Das Bübchen hatte sich, in dem Verlangen nach dem langentbehrten -Spielgefährten, bis zum Gartenhäuschen vorgewagt. Es hielt das Knurren -Bellos, dem man streng aufgetragen hatte, niemanden in die Wohnung -einzulassen, für eine der beliebten Narrenpossen seines Freundes, und -überschritt die Schwelle. Da biß der Hund nach ihm ... über das magere -Beinchen rieselte das Blut in Tropfen ... - -Der Gärtner lobte seinen treuen Wächter und belohnte ihn mit einer halben -Wurst. - -Bellos Erziehung war vollendet. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Unweit von mir trocknete eine junge Dame im Verborgenen eine Träne ab. -»Das war eine traurige Geschichte. Armer Bello.« - -Die Männer lachten. Einige im Ärger, andere belustigt. - -»Meine Freundin Isabella liebt die Tiere über alle Maßen,« -entschuldigte Isabellas Nachbarin. - -»Und du meinst, Franziska, daß ich mich dessen schämen sollte?« -Isabellas Stimme, zuerst wie von Müdigkeit verschleiert, wurde klarer. - -Ich dachte, sie hat den D-Moll-Klang des »Immer leiser wird mein -Schlummer«-Lieds von Brahms. - -»Ja, ich liebe sie, die Tiere,« fuhr sie fort, »sie sind so hilflos wie -die kleinen Kinder, sie sind so ganz auf unsere Güte angewiesen und haben -zu uns so ein rührendes Vertrauen. Wir aber täuschen sie beständig und -mißhandeln sie zum Lohn für ihre Liebe.« Sie hob sich etwas aus dem -weiten Mantel, in den sie, fröstelnd, eingesunken war. »Nur wir Frauen -sind ihnen überlegen in der Fähigkeit, stumme Martern zu ertragen.« Sie -hatte ihren Platz verlassen und stand sehr schlank in einem hochgegürteten -Gewand von weicher schwarzer Seide, ein dünnes Perlenschnürchen um die -weiße Kehle. »Ach, was wißt ihr Männer, wie wir Frauen um die Liebe -leiden können. Wir haben einen sechsten Sinn dafür.« - -Ich dachte: Was tut sie? Wie weit wird sie sich vergessen? - -»Wir liegen auf der Erde und zerschlagen unsere Brüste, wir hassen -euch und möchten euch verwünschen. Aber wenn ihr kommt, findet ihr uns -schmeichlerisch und zärtlich. Wir wissen, ihr wollt von uns die Wahrheit -nicht. Und nur durch die Sinne halten wir euch fest.« Ich hätte zu -ihr treten und sie verhindern mögen, sich weiter vor fremder Neugier -zu entkleiden, aber sie schien schon rettungslos dem Zauber dieser Nacht -verfallen, der die Schlösser an den Herzen sprengte und die Seelen zwang, -schamlos zu sein. Nur tiefer in das Zimmer zog Isabella sich zurück. Wie -auf einer Geigensaite sang der Mollton ihrer Stimme aus der Ferne. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Vision - - -Noch einmal liebte er. Noch einmal hüllte ihn die Leidenschaft in -ihren Purpurschleier, noch einmal träumte er das holde Märchen vom -Sichverlieren und in einer anderen wiederfinden. Doch sein Schlummer war -nicht tief. Im Traume wußte er von seinen Träumen, und daß ein lauter -Anruf ihn erwecken würde. Und der Schleier, der ihn hüllte, war nicht -unversehrt. Ein Riß nur, und das Licht des Alltags drang durch seine -Maschen. Das wußte er, und er zäumte Dunkelheit und Stille um sein -letztes Glück. - -Sie liebte ihn. Ihr ging zum erstenmal des Weibes Lebenssonne auf. Kein -Zweifel war in ihr. Mit demütiger Wonne gab sie ihr Ich an ihn verloren. -Um Anbeginn und Ausgang ihrer Liebe standen Ewigkeiten. Ein Reichtum war -in ihr, ein Jubeln und ein Singen. Und ein Drang, sich zu entdecken, zu -bekennen. Jede Erinnerung holte sie aus den Verborgenheiten des Empfindens, -um sie mit dem Geliebten nochmals zu durchkosten. Und sie verlangte ihren -Anteil an jeder Regung seines Wesens. - -Er lächelte und schwieg. Er schloß die Augen, legte ihr die Finger -auf die Lippen, zog sie in seine Arme, riß sie mit sich in das Meer der -Seligkeiten. Und über ihren Häuptern schlug die Flut zusammen. - -Doch wenn ihr die Besinnung wiederkehrte, hörte sie, wie ihre Seele -klagte: du schwelgst und läßt mich darben. Du glühst, und ich erfriere. -Fühlst du denn nicht? Er ist nicht dein Freund. Was er dir gibt, ist -nichts als sein Begehren. - -Dann weinte sie und forderte vom Schicksal: erhöre mich. Nimm ihm sein -Begehren, gib mir dafür seine Freundschaft. - -Die Blüten ihrer Freude fingen an zu welken. Ein Mißton gellte durch -ihr innerliches Jauchzen. In die festen Wurzeln ihres Glaubens drang ein -Fäulnistropfen, und dem zerstörten Erdreich entwuchs der Schmerz wie eine -kranke Blume. - -Er ahnte nichts von ihren Qualen. Dankbar genoß er ihr Verstummen und -schlürfte ihre wehe Zärtlichkeit wie eine neue Würze. Er ahnte nicht, -daß ihre Lippen, auf denen eben noch die seinen brannten, in sich den -Schrei erstickten: Schicksal, erhöre mich. Nimm ihm sein Begehren. Gib mir -dafür seine Freundschaft. - -Einmal aber kam es, daß ihre Zweifel durch ihr Schweigen brachen. Wie ein -lang zurückgedämmter Strom stürzten ihre Klagen über ihn hinweg: »Du -liebst mich nicht, an deiner Seele hab' ich keinen Anteil, du gibst mir -nichts als deine Sinne.« - -Er blieb die Antwort schuldig. Er nahm sie sanft in seine Arme, wiegte sie -hin und her und sagte nur mit einem müden Lächeln: »Du Kind.« - -Am nächsten Tage fehlte er um die gewohnte Stunde. - -Sie stand und wartete auf ihn, in Unruhe zuerst, dann in Erstarrung. Sie -stand ganz nahe bei der Tür, weit vorgebeugt, um das Nahen seiner Schritte -eher zu erlauschen. Es wurde finster, und sie wartete noch immer. Sie -zündete kein Licht an. Ihr war, als bringe ihn das Dunkel ihrer Sehnsucht -näher. - -Plötzlich streifte sie sein Atem. -- Sie fuhr empor und sah ihn in der -Tiefe eines Sessels lehnen. - -Sie fragte nicht: wie ist er eingetreten? Sie fragte nicht: wer hat die -Lampe angesteckt, die rot verschleiert aus der Ecke leuchtet? Ein Nebel lag -auf ihrem Denken, sie fröstelte. Das kam daher -- er hatte sie beim Kommen -nicht geküßt. - -Er lehnte in der Tiefe eines Sessels, ihr gegenüber. Er erzählte von -Erlebnissen und Plänen, forschte, wie sie sich tagsüber beschäftigt -habe. - -Sie dachte: ist das seine Stimme? dieser gleichmäßige Klang, der niemals -jäh erstickt und im Geflüster abbricht? - -Er zog ein Buch aus seiner Tasche, empfahl es ihr und bot sich an, ihr -daraus vorzulesen. - -Sie wollte rufen: du -- du -- kommst du nicht zu mir? - -Der Laut erstickte in der Kehle. - -Er plauderte inzwischen weiter. Er wurde witzig, zuweilen wurde er sogar -bedeutend. - -Sie dachte: ist er es denn wirklich? - -Sie fand ihr Bild nicht mehr in seinen Augen, aus seinen Zügen war jede -Heimlichkeit gelöscht. Sie sagte gleichgültige Dinge. Es wurde eine -angeregte Unterhaltung. - -Sie wollte aufstehen, sich in seine Arme stürzen. Etwas Unüberwindliches -hielt sie zurück. Die kurzen Schritte, die sie von ihm trennten, waren -nicht zu überschreiten. - -Sie dachte: wenn er es wirklich ist, dann hab' ich meine Liebe nur -geträumt, den Mann mir gegenüber kenn' ich nicht. - -Jemand sagte: »Was euch vereint hat, ist zerrissen. Sein Leben ist -erstorben. Du aber lebst. Und keine Brücke führt vom Lebenden zum -Toten.« - -Ein mörderischer Griff preßte ihr Herz zusammen. Aus schwerster Not -stöhnte sie auf ... - -Sie lag im Dunkeln an der Erde. Ihre Wangen waren naß von Tränen. Und -schnell, ehe die betäubte Seele sich von ihrer Angst befreien konnte, -stammelte der Mund, mit blassen Lippen: »Schicksal, erhöre mich -- nimm -mir, wenn es sein muß, seine Freundschaft, aber laß, o laß mir sein -Begehren.« - -[Illustration: Decoration] - - - - -Isabella, jetzt auf einem niederen Schemel unterhalb des Fenstertritts -gekauert, hätte die Wiederkehr in unsere Gemeinsamkeit nicht scheuen -brauchen. Mit Ausnahme einer faunischen Bemerkung des grauhaarigen -Zigarettenrauchers entheiligte kein Männerwort den Nachhall der -ausgeströmten Klage. Nur in Franziska, mir entging es nicht, rang ein -Kampf. Ein Widerspruch, ein Stolz? Mit einem Hochmut, der ihr wohl helfen -mußte, ihre Abneigung gegen diese öffentliche Kundgebung zu überwinden, -erkannte sie die Tyrannei der Sinnlichkeit nicht an. Mehr als den -Geliebten suche die Frau jetzt in dem Manne den Vater ihrer Kinder, den -gleichberechtigten Gefährten. - -Wieder war es eine Frau, die sich ihr entgegenstellte. Am wenigsten hätte -ich es dieser zugetraut. Sie war mir jenseits jedes passionellen Sturms -erschienen. Ich entdeckte bald den Einfluß, unter dem mein Urteil stand. -Entgegen den heutigen Gebräuchen war ihre Kleidung der Anzahl ihrer Jahre -angepaßt. Das gab ihr vorzeitig den Anschein der Matrone. Es gelang mir, -ihr früheres Ich bildhaft vor mir wiederherzustellen. Die feine Linie -des jetzt zur Fülle neigenden Ovals, den schönen Schnitt der großen -schwarzen Augen, jetzt von sanfter Traurigkeit verschattet, die Lockungen -der Lippen, ehe die Zeit ihnen die Frische nahm. - -Fühlte sie von mir etwas zu sich herübertasten? Sie wendete sich nur -an mich, als sie ruhig sagte, sie habe keine Vorstellung von einer -Weltordnung, die es den Frauen möglich machen werde, vom Mittelpunkt ihrer -Natur sich zu entfernen. Was für Geschöpfe würden sie dann sein? Vom -Fluch des Triebes befreit, von der Versklavung durch das Blut, das seine -Forderungen am gebieterischsten stellt, wenn es die Grenzen seiner Macht -erreicht. Ruhigere sicher. Ob aber glücklichere? Ohne die Glorie -ihrer tödlichsten, unentbehrlichsten, aus der Wurzel ihres Weibseins -aufsteigenden Schmerzen. Ganz schlicht, die Farbe ihrer Wangen kaum -erhöht, erzählte sie; es mochte ihr Erlebnis, es mochte das Tausender -ihrer Mitschwestern gewesen sein. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Herbst - - -Noch ein Tücherschwenken. Glück auf den Weg! Liebe! Liebste! Dann bog der -Wagen um die Ecke, allmählich verkräuselte der aufgewühlte Staub. - -Doch noch verweilte Frau Beate an dem Gartentor. Mit feuchten Augen sah sie -in die Herbstlandschaft hinaus. - -Durch die große Ruhe der Natur ging es wie ein Ton verhaltenen Gefühls. -Wehmütig entflatterte das fahle Laub den kahlen Zweigen. Daneben aber -flammten Bäume purpurn auf, als jauchzten sie im Abschiednehmen schon -dem Wiedersehen zu. Und die grünen Wiesen, ganz durchwirkt mit lichten -Herbstzeitlosen, gaben sich der auslöschenden Abendröte mit solcher -Inbrunst hin, daß sie, wie von innen her, erglühten. - -Auch in Frau Beatens Seele war ein Weinen und ein Lachen. Unter einer -sanften Traurigkeit sammelte sich eine aufsteigende Kraft in ihr, etwas wie -ein Wunsch, der noch unter der Schwelle des Bewußtseins schläft. - -Vom Hause her kam jemand, um sich eine wirtschaftliche Anweisung zu holen. -Das riß die Sinnende aus ihrem Träumen. Langsam ging sie, die schwere -Schleppe nachlässig gerafft, der Villa zu, den mit gelbem Kies bestreuten -Weg entlang, zwischen den Rabatten, an denen noch ein paar späte Rosen -blühten. - -Sie mied den Eingang durch die Halle, in der die Dienerschaft beschäftigt -war, die gewohnte Ordnung wiederherzustellen und stieg die Seitentreppe -aufwärts, zu dem Zimmer ihrer Tochter. Ein süßlicher Geruch schlug ihr -entgegen. Er strömte aus den halbverwelkten Blumenkränzen, die sich, von -liebevoller Hand gewunden, um die hellen Möbel schlangen. - -Beate öffnete ein Fenster, drehte den Verschluß der elektrischen -Beleuchtung auf, das Zimmer befand sich noch in demselben Zustand, in dem -die Neuvermählte es verlassen hatte. Allerlei Zierlichkeiten, wie eine -elegante Frau sie zu ihrer Kleidung braucht, lagen durcheinander. Auf -dem Teppich Nadeln, Bänder. Die weißen Seidenstrümpfe mit den -Myrtensträußchen neben den Atlasschuhen, als seien sie eben von den -Füßen abgestreift. Über die Sofalehne floß das Brautkleid wie -ein Lebendiges hinunter, in seinen Falten hing noch der Duft zarter -Mädchenhaftigkeit. - -Frau Beate drückte ihre Lippen in die weiche Seide, innige Segenswünsche -im Gemüt. Dann bückte sie sich nach dem Schleier, der auf den Fußboden -herabgeglitten war. - -Mit Fingern, die vor Erregung bebten, hatte sie Kranz und Spitze aus dem -Haar der Braut gelöst. Etwas hastig. Denn von Zeit zu Zeit hatte der junge -Ehemann mahnend an die Tür geklopft. »Lena, Liebling, beeile dich ein -wenig, bitte. Wir haben eine Stunde bis zum Bahnhof. Und bei dem Pech, daß -wir gerade heute das Auto nicht benutzen können ...« - -Glättend fuhren Frau Beatens Hände über das kostbare Gespinst, ein -Erbstück, das von ihres Mannes Mutter stammte, und das auch sie an ihrem -Ehrentag getragen hatte. Einundzwanzig Jahre war es her. - -Wie das lebendig vor ihr aufstand -- den ganzen Tag über hatte es sie -schon verfolgt. In einer anderen Stimmung als die Lenas war sie damals vor -den Altar getreten. Nicht so siegessicher, weil nicht so begehrt. Mit der -Unruhe im Herzen: werde ich Robert genügen? In demütigem Staunen: -warum wurde gerade ich von ihm gewählt? Von ihm, dem so viel Älteren, -Gereiften. So klug, so fein, so reich. Und sie hatte nichts als die frische -Unberührtheit ihrer Jugend. - -Gut und rücksichtsvoll war er auf der Hochzeitsreise dann zu ihr gewesen, -hatte sie vor den Kunstwerken Italiens und Griechenlands nicht fühlen -lassen, wie wenig sie wußte und verstand. Und doch dieses Ungreifbare -zwischen ihnen, diese Sehnsucht, ihm einmal aus verborgenster Empfindung -»Du« zu sagen. - -»Laß uns nur erst zu Haus sein,« hatte sie sich getröstet, »nicht mehr -fremden Blicken ausgesetzt. Dann will ich meine Schüchternheit bezwingen -und ihm zeigen, wie heiß, wie leidenschaftlich meine Liebe zu ihm ist.« - -Da, noch vor der Heimkehr, jene Stunde, in der sie ihm ihr Geheimnis hatte -anvertrauen müssen. - -Nein, hatte sie je eine so strahlende Glückseligkeit aus den Zügen eines -Menschen brechen sehen? Ihre Hände hatte er geküßt, wenig fehlte, er -wäre vor ihr auf die Knie gesunken. - -Fortan war sie mit ausgesuchter Sorgsamkeit von ihm behandelt worden, jedes -Unbehagen, das sie traf, für ihn ein Schreck. Am liebsten hätte er sie -gar nicht mehr verlassen. In ihrem ganzen Leben war sie noch nicht so -verhätschelt worden. Was peinigte sie sich mit der Vorstellung: das alles -gilt nicht dir. Du bist nur das Tabernakel für sein künftiges Idol. - -Frau Beate ging zum Toilettentisch, griff nach Lenas Bild und strich -liebkosend darüber hin. Wie in nachträglicher Abbitte für allen Groll -und alle Eifersucht auf das Übermaß der väterlichen Liebe. - -Das Kind. Das Kind, der Mittelpunkt alles Geschehens. Ihm zuliebe hatte -sich die Frau allsommerlich auf Monate von ihrem Manne trennen müssen. Ihm -zuliebe, um es nicht so lange zu missen, wurde dann das Landgut angekauft. -Und damit das eigene Geschick besiegelt. - -Vor drei Monaten war Lena einer Einladung Barons von Norden, des neuen -Gutsnachbarn, gefolgt. Ihr Vater, durch eine Erkältung verhindert sie zu -holen, hatte ungeduldig der Verspäteten geharrt. Endlich -- das Signal der -Hupe. Heiß und aufgeregt war die Tochter dem Vater an den Hals geflogen. - -»Vatti, ich bin so unaussprechlich glücklich.« - -Sie war verlobt. Mit Kurt von Norden. Eine Liebe auf den ersten Blick, seit -Wochen brannte sie in beiden. Auf der Heimfahrt war das »Ja« gefallen. - -Und nun wartete er draußen. - -»Darf er herein?« - -»Nein!« - -»Auch morgen nicht?« Das verwöhnte Mädchen war ganz fassungslos -geworden. »Du verweigerst deine Zustimmung? Aus welchen Gründen? Aber ich -lasse nicht von ihm ...« - -Was nun folgte: Tränen, Nervenkrisen, Selbstmordgedanken. Seit jener Zeit -teilte Frau Beate Lenas Zimmer in der Nacht. Bis der Sieg errungen war. -Die schlimme Brautzeit, auch für die Mutter, die den Vater trauernd leiden -sah. - -Armer Freund! Wie tapfer er sich heute gehalten hatte (nur bei dem -Trinkspruch auf das junge Paar war seine Selbstbeherrschung sekundenlang -bedroht gewesen), mit welch gutgespielter Heiterkeit er sich erboten hatte, -den Hochzeitswagen auf dem Weg zum Bahnhof selbst zu lenken. Aber in was -für einer Stimmung würde er ihr wiederkehren? - -Mechanisch hatte Frau Beate in das Spiegelglas geblickt, ohne sich darin -wahrzunehmen. Wie kam es, daß sie sich jetzt entdeckte? Daß aus dem -Gedächtnis die Erinnerung an Huldigungen tauchte, die heute unbeachtet an -ihrem Geist vorbeigegangen waren? Ein freches Wort dabei, nicht für ihr -Ohr bestimmt: Wenn ich zu wählen hätte, weiß Gott, die Mutter wär' mir -lieber. - -Sie drängte sich näher an das Glas heran, prüfte Haare, Haut, Gestalt. -Wie ein Schauer überlief sie ein Verständnis, das schon vorhin leise aus -der Natur zu ihr gesprochen hatte. Daß dem Verblühen ein heftigerer Reiz -entströmen könne als dem Entknospen, der tödlich süße Schmerz des -Endes, der dem Genuß die feinste Wollust gibt. Und jäh und heiß schoß -ihr eine Vorstellung ins Blut: wenn er zurückkommt, gehört er mir allein. -Wie vor einundzwanzig Jahren. Kein Drittes zwischen uns. - -Eine Hoffnung lohte in ihr auf, ihr Herz tat einen großen Sprung, sie -mußte sich am Tischrand halten. - -Dann, verwirrt, mit fieberhaft erregten Pulsen, lief sie an einen Schrank, -suchte, wühlte. Das Kleid, das sie in ihrer Hochzeitsnacht getragen hatte, -war dort aufbewahrt. Ein weites faltiges Gewand aus blaßblauer Seide. Es -paßte noch. Die Haare rasch gelöst, zu der Frisur von einst geordnet. -Den Mantel umgeworfen, wie zu unerlaubter Tat hinabgehuscht, die -spätblühenden Sträucher zu berauben. Die betauten Rosen in Roberts -Junggesellennest getragen, daß sie ihre Düfte über die Einsamkeit des -Lagers streuen. - -Im Dunkeln, hinter herabgelassener Gardine, spähte sie in die Nacht -hinaus. Mit hämmerndem Herzschlag, in zitternder bräutlicher Erwartung -und der Sehnsucht der gereiften Frau. - -... Männerschritte unten in dem Garten. Und oben in ihr eine fast -mädchenhafte Scham, ihm hier zu begegnen, eine Wendung zu entfliehen. -Zu spät, er ist schon auf der Treppe. Jetzt geht die Tür zu ihrem -Schlafgemach. Gewiß, er sucht sie, gleich wird er die Schwelle dieses -Zimmers übertreten ... - -Da kommt ihr eine große Kühnheit. Sie macht Licht, er soll sie sehen, -wie sie sich für ihn geschmückt. Nicht mehr nur die Mutter seines Kindes. -Seine Liebste. Seine Frau. Wo er nur bleibt? Auf leichten Sohlen, die -Nerven in weher Zärtlichkeit gespannt, schleicht sie hinaus, lugt durch -die Spalte der angelehnten Tür. - -Vor dem Bett der Tochter liegt der Mann, das Gesicht im seidenen Pfühl -begraben. Wie vom Krampf geschüttelt beben seine Glieder. Und er weint ... - -Daß sie nur unbemerkt entkommen kann. In Lenas Stube reißt sie -schamüberflammt die blaue Seide ab, knöpft ihren unscheinbarsten -Morgenrock bis zu den Ohren zu, streicht die Haare fest zurück, zöpft sie -zu einer matronenhaften Flechte. - -Hart und hörbar tritt sie auf, gibt ihm Zeit aufzustehen, sich zu -besinnen. - -»Ich erfahre eben, daß du schon zurück bist, Robert. Bitte komm in das -Rauchzimmer hinunter. Dort ist für dich gedeckt. Du mußt mir von den -Kindern erzählen. Und nach der langen Fahrt wirst du sicher hungrig -sein.« - -[Illustration: Decoration] - - - - -Ich hatte keinen Blick von der Erzählerin gewendet. In ihrer -Selbstverständlichkeit zu Pflichterfüllung und Entsagung schien sie mir -die Verkörperung der Fraulichkeit. Erstaunt bemerkte ich, daß sie das -Interesse der anderen Hörer nicht in gleichem Maße erregte. Hier und da -war einer aufgestanden, ich hörte gedämpftes Flüstern vom Fenster -her. Als ich hinzutrat, nahm auch ich Leute auf der Straße wahr, die -mit dringenden Gebärden Einlaß verlangten. Wir wagten nicht, den Bauer -aufzuwecken, mochten auch nicht, wir die Selbstgeschützten, den Bittenden -die Unterkunft versagen. So übten wir eigenhändig Hausrecht aus. Die -Eingelassenen gaben sich als Fahrtgenossen zu erkennen. Nachträglich -hatten sie den Zug verlassen und nirgends Aufnahme gefunden. Ich dachte, -als sie sich aus ihren Hüllen schälten: seltsame Bettgenossen macht -die Not. Ein Mann im Kaftan, Ringellocken an den Schläfen, ein zweiter, -bartlos, abgezehrt, die Augen glanzlos, wie nach innen blickend, den -schwarzen Rock hoch zugeknöpft, zum Mönch fehlte ihm nur die Kutte. Eine -Frau zuletzt, robust, den blonden Scheitel weißlich ausgeblichen. Den -Händen sah man an: sie scheuten sich nicht, unbedenklich zuzugreifen. - -Und nun wurde zum erstenmal in diesem Raum gelacht. Als einer der -Anwesenden sich auf die Weißlichblonde stürzte und sie sich beide vor -Heiterkeit die Seiten hielten: da haben wir, meiner Seel', im selben Zug -gesessen, und eins hat nix vom anderen gemerkt. Sie machten kein Hehl aus -ihren Wie's und Wo's. Wer wollte, konnte es erfahren, daß der Südtiroler -Aloys und die Holländerin Katje in Scheveningen in dem nämlichen Hotel -bedienstet waren, vor zehn Jahren, er als Kellner, sie als -Stubenmädchen. Laut und unbekümmert füllten sie die Lücken ihres -Nicht-voneinander-Wissens aus. Geruch des Krieges haftete an ihnen. Ihn -hatte England interniert, sie war in Flandern Pflegerin gewesen. - -»Und bist epper wieder in an Gasthaus angestellt?« - -Sie machte eine unzweideutige Bewegung der Zurückweisung. Einen -Kriegsbeschädigten hatte sie zum Mann genommen, sie fingen einen kleinen -Handel an. Um den Tod niet wollte sie wieder den reichen Janhagel bedienen -und für ein paar dubbeltje Trinkgeld »Dank je well« zu jedem Lümmel -sagen. Sie stieß Aloys in die Rippen: »Nicht Aloys? Was hat man da in -die großen Hotels für ein Aasen mit die Guldens anschaun müssen und ein -Schlingen und Champagnersaufen, und ein paar Gassen weiter sind die armen -Fischersleut' verreckt, bei Erdäpfel und Heringsschwänzen.« - -Die meisten schienen sich an ihrem derben Wesen zu ergötzen. Man -ermunterte sie zu weiterer Gesprächigkeit. Sie glich einer Künstlerin, -die Beifall findet, gab Berufsgeheimnisse zum besten, malte die Volkssitten -an ihrer Heimatküste. Bunte Farbenflecken warf sie auf eine roh gezimmerte -Palette. Ich habe sie vereint zum Bilde. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Altersfrieden - - -Es ging ihnen gut, den Häuslersleuten im »Haus für arme Fischer«. - -In Armut waren sie geboren, in Entbehrung aufgewachsen. In Sorgen hatten -sie gelebt, waren in schwerer Arbeit grau geworden. Nun aber litten sie -nicht Not. - -Ein Dach zu Häupten und ein Lager, um den müden Leib zu betten. Ein Raum -für jedes. Hoch genug, um aufrecht drin zu stehen, und breit genug, um, -beide Arme ausgestreckt, die Mauern kaum zu streifen. - -An der weißgetünchten Wand ein Binsenstuhl, ein kleiner Tisch. Ein halbes -Dutzend Nägel ob der alten buntbemalten Truhe. Und wem das nicht genügte -konnte Bretter in den Bettschrank nageln und seine Habe darin bergen. - -Für ihren Magen war gesorgt. - -Kaffee des Morgens, Kaffee vormittags, mittags, nachmittags und abends. - -Und Sonntags Speck. Drei volle Pfunde. Wer seine Knochen noch bewegen -konnte, dem stand es frei, sich seinen Tabak zu verdienen. Nur Branntwein -war verpönt. Der schädigte den Körper und die Seele. - -Zwölf waren sie. Verwaiste Eltern alle und keiner unter siebzig. - -Der Tod war durch ihr Haus gegangen und hatte sie verschmäht. Wegmüde -Wanderer. Entzweigte Bäume, kronenlos, ins Lebensmark getroffen. - -Nicht alle waren Heringsfischer. - -Gwij Louw hat Zwiebel und Kartoffel eingesetzt und ausgegraben Jahr um -Jahr. Vom vielen Bücken war sein Rücken krummgebogen. - -Joost Bluijs gab seine Kraft den Kähnen. Das Seil um seine Schultern ging -er uferlängs mit schweren Schritten, zog die schwerbeladenen, -flachen Kähne durch die Kanäle. Durch die stillen, grünumsäumten -Wasserstraßen, der Landschaft Zierde und die Freude aller -schönheitsfrohen Blicke. - -Frucht und Gemüse hatte Arrie Paap durch das Land geschoben. Winter und -Sommer. Durch Schneesturm und durch Sonnenglut, durch Schlamm und Flugsand. -Dem Karren unter, zwischen Räderkreischen, die beiden Helfer. Kleine -Hunde, zottig, mager, unter ihrer Bürde aus atemlosen Lefzen keuchend. An -hundert Tiere mordete die Straße. - -Huip van Spaart war Muschelsammler. Alltäglich, nach der Flut, war er ins -Meer gegangen, das Netz vor sich, quer durch die Wellen. Neben ihm, bis an -den Bauch im Wasser, zog das alte Pferd den hohen Wagen. »Ho--i,« schrie -Huip. Das Pferd stand still, der Fang fiel prasselnd in die Wagenhöhlung. -Und weiter ging's, quer durch die Wellen, Mann und Pferd bis an den Bauch -im Wasser. - -Huip lebte noch die Frau, wie auch dem Gwij. Joost Bluijs war Witwer. Erst -seit kurzer Zeit. Nun durfte er das Doppelbett allein benutzen. - -Da war noch Aagje Kruit, die Armenmutter vor Eef Waas gewesen war. Und -Tietje Boon, die nicht ganz richtig war im Kopf. - -Seit ihrer Jugend, meinten manche. - -Andere sagten, seit jenem Tag, an dem sie Mann und Kind verloren hatte. - -An einem Wintersonntag auf der Heimfahrt aus der Kirche. - -Im Treibeis kenterte das Boot. Der Vater hielt das Kind, bis die -erstarrten Hände Hilfe fanden. Dann sank er kraftlos. Tietje, am Bugspriet -angeklammert, bewußtlos, halb ertrunken, blieb am Leben. Sie lag in hohem -Fieber, als man das Kind begrub. - -Sie saß meist und stierte in die Luft. Nur wenn das Essen kam und man ihr -das Verlangte nicht gleich reichte, erwachte sie und heulte wie ein Tier, -das Schmerzen hat. - - * * * * * - -Novemberabend. - -Heulend rast der Sturm. Aus seinem Brüllen schreit der Tod. - -Draußen -- weit draußen -- zwischen Gischt und Wirbel unter -schwarzverhangenem Himmel. Bergehoch, tälertief wirft er das Fahrzeug, -faßt es mit der Eisenfaust, zerbricht es -- begräbt sein Leben in dem -tollen Strudel. Jauchzend rennt er vorwärts, türmt die Wasser, rüttelt -an den Dämmen. - -Auf das Armenhaus wirft er sich wütend. Dreihundert Jahre schon berennt -er es, kämpft er mit der buntbemalten Puppe, dem alten Fischer, die den -Giebel krönt. - -»Ich will dich zwingen, Popanz -- heut' zertrümmere ich dich.« - -Drinnen in der Halle hocken die Alten um den runden Tisch. Auf die weißen -Köpfe fällt das bleiche Licht der Hängelampe. - -Aber in den tiefen Ecken, wo die schwarzen Schränke stehen, ballen -sich die Dunkelheiten, rücken drohend näher, fressen an dem blassen -Lichtkreis. Lärmend tost der Wind. - -Hui -- ein Stoß -- und wieder einer. - -Die rote Balkendecke zittert, zuckend tanzt die Lampenflamme, und die -Mauern schwanken. Klirrend reißt es an den Fenstern. Eisig pfeift es durch -die Ritzen, fegt mit Ungestüm quer durch den Saal. - -In den greisen Körpern friert das Leben. Zögernd schleicht das kalte Blut -durch die welken Adern, und der Herzschlag stockt. - -Sie fordern murrend »Mutters Zimmer« in der bösen Nacht. Es ist kleiner -und die Mauern dicker, man kann Feuer machen im Kamin. - -Mutter Eef hat nichts verstanden. Sie geht in dem blauen Wollkleid (Rock -und Jacke, sommers, winters stets das gleiche), auf dem grauen Haar die -weiße Haube, hin und wieder, räumt und ordnet. Noch ganz jung, kaum -fünfzig Jahre. - -Ihr nettes Stübchen. Heute hat sie erst die roten Ziegelsteine -reingescheuert. - -Nicht einmal die Katze, die ihr Liebstes ist, durfte auf die hohen -Binsenstühle springen. - -Diese Horde Schweine, die nach Schmutz und Branntwein stinken, Tabak -qualmen und in alle Ecken spucken. - -Nützen nichts, die tauben Ohren. Immer lauter wird das Murren. - -Und jetzt humpelt Aagje Kruit aus ihrem Stübchen. Einundneunzig, -eingeschrumpft und eingetrocknet, schon der Erde nahe, in die sie bald -gesenkt wird. - -»Hör', Eef, in solchem Wetter haben sie ein Recht, bei dir zu sitzen. -Mach' das Feuer an in deiner Kammer.« - -Mageres Feuer. Ein paar Stücke Torf, ein Korb voll Dünengras. Doch es -flackert, mischt sein sanftes Lied ins Sturmesheulen. - -Eng umdrängen es die Häusler. Dicht beisammen. Als ob Wärme aus den -alten Körpern strömen könnte. - -Schweigend rauchen sie, schon halb entschlafen. Manchmal weckt ein -Windstoß das Gedenken an Gefahren, die sie einst bestanden haben. - -Aagje Kruit fängt plötzlich an zu reden. - -Sie war Hebamme. Tausenden von Kindern hat sie auf die Welt geholfen, -tausende verderben sehen. - -Sie erzählt von großen Kriegen. Von Napoleon. Von dem Brand in Moskau. -Einer ihrer Brüder war dabei gewesen. Fahnenflüchtig war er heimgekommen, -mit der Kunde von dem großen Brand und schwerem Elend. - -Mutter Eef, die Augen scharf auf Joost, schreit plötzlich auf. - -»Du Kerl, du Schwein, besoffenes Untier, hab' ich dir nicht streng -verboten, auf die reine Diele auszuspucken? Siehst du nicht den Speinapf?« - -Sie faßt mit ihrer starken Hand den Alten und stößt ihn in die dunkle -Halle. - -Alle anderen folgen, tappen in die Kojen, kriechen in die Kasten unter ihre -Lumpen. - -Gwij und Huip und ihre Frauen schmiegen sich zusammen. - -Wieviel Nächte noch? - -Joost zieht heimlich seine Branntweinflasche aus dem Polster, heizt den -alten Leib. - -Lautlos liegt das Haus, der Wind umheult es. Rüttelt an dem Giebel, an den -Türen. - -Ab und zu erwacht ein Schläfer. - -War das nicht ein Schrei? Das Rufen eines Kindes, das vor vielen Jahren in -solcher Sturmnacht auf der See ertrunken ist? - - * * * * * - -Schweineschlachten. Fest im Armenhaus. Im November kauft die Mutter das -Ferkel ein, zieht es unter aller Augen auf. Aller Hände haben es betastet. -Tag um Tag. Wie es zunimmt. Ob am Fett mehr, ob am Fleisch? Heut, im -Februar, wird es geschlachtet. Dick van Keer, der alte Heringsfischer, der -so oft den Todesschnitt geübt hat, darf es stechen. - -Seine dürre Hand, die zögernd zittert, wird noch einmal fest. Er stößt -mit scharfem Messer in das Herz des Tieres, dessen Blut hervorschießt. In -den Bottich, den Joost Bluijs ihm vorhält. - -Gwij und Arrie holen Pech herbei, bestreuen den Leichnam. Während Eef das -Feuer auf dem Herd entzündet und den Kessel aufstellt. - -Siedend wird das Wasser auf das Schwein gegossen, daß die Borsten, -aufgeweicht, sich schaben lassen. - -Alle Männer, ihre Kraft vereinend, ziehen und schleppen nun den schweren -Körper in die Halle. Dort wird er gehängt und abgewogen. - -Juchhei! Zweihundertundzwanzig Pfund. Fast um zwanzig mehr als im -vergangenen Jahr. - -Um das Tier geschart, besprechen sich die Alten, achten auf die Teilung, -sehen den Frauen zu, die die Eingeweide waschen, umdrehen, salzen und -zerkleinern, um sie in den langen Darm zu stopfen. - -Ihre Augen treten aus den Höhlen, ihre Zungen lecken lüstern ihre Lippen. -Ganz beseligt tasten sie die Seiten. Dieser Speck -- so weiß und fest. Und -die Schinken. - -Nein, sie werden dieses Mal nicht dulden, daß Eef irgend etwas von dem -Schwein verkauft. Sie verlangen ihren Anteil an den Würsten, an dem -Räucherfleisch. - -Es ist Geld genug im Armenfonds. Muß denn Zins auf Zins gelegt sein? Ihrer -ist die Gegenwart, das Schwein. Was bekümmert sie die Zukunft? Ihre Tage -sind gezählt. - -Mutter Eef hält Wacht mit scharfen Augen, daß kein Frecher sich an ihrem -Gut vergreift. Jetzt faucht sie wie eine Katze auf. Ihre Faust in Arries -Tasche, zerrt sie wütend, zieht das Stück, das er vom Schweinemagen -heimlich abgeschnitten hat, heraus. - -»Halunke, Lump, gemeiner Dieb!« - -Arrie schweigt. Er ist zufrieden, daß der Eindringling die Flasche nicht -gefunden hat. Seine liebe Branntweinflasche. - -In der Ecke, wie beleidigt, tut er einen tiefen Schluck daraus und reicht -sie heimlich weiter. - -»Prosit! Unser totes Schwein soll leben.« - -Und sie lachen wie die Kinder, hundert Runzeln in den alten Zügen. - -Aus der großen Halle schrillt ein Wehruf. Lautes Weinen, wilder Jammer. Es -ist Tietje Boon. - -Des Schweines Todeskampf, das blutig-rote Fleisch, der Blutgeruch haben sie -erregt. Irgend etwas ringt sich dämmernd aus dem zerstörten Denken. Aus -der Tiefe ihres Unbewußtseins tritt ein langvergessener Schmerz. - -Sie liegt auf dem Boden, heult, schreit, rauft sich die Haare. - -»Tietje Boon ist wieder mal nicht richtig,« sagt Gwij Louw zu Arrie. -»Sicher ist es so.« - -Und den Umstand nutzend, daß die Mutter in die Halle geht, Tietje -auszuschelten, leert er seine Branntweinflasche bis zur Neige. - - * * * * * - -Konzert und Ball im Badhotel. - -»Für die Armen, liebe Leute, es sind ihrer viel im Dorf.« - -Mildtätigkeit rauscht aus den Seidenröcken, Mildtätigkeit blitzt aus den -edeln Steinen. - -Mildtätigkeit entblößt die Büsten, schmückt die künstlichen Frisuren -mit Band und Blumen, läßt Champagnerpfropfen knallen. - -Händedrücken -- Augenschmachten -- Hüftenwiegen. Die Verlockung wird zur -Pflicht. - -Zweimal schon, zu je zehn Gulden einen Kuß, hat der blonde Hauptmann Frau -von Reuß die weißen Arme küssen dürfen. - -Für die Armen, liebe Leute, muß man Opfer bringen. - -Mutter Eef in ihrem blauen Kleid, stets das gleiche, auf dem grauen Haar -die Spitzenhaube, deckt die Tafel, bringt die Teller, Gläser und Bestecke. -Heute gibt es warmes Abendessen. Braten, süße Speisen, Wein und Bier und -für jeden Mann ein Päckchen Tabak. - -Eben treten schon die Spender in die Halle. Ihre Wohltat zu vollenden, -wollen sie die Armen selbst bedienen. - -Die Alten stehen sehr verlegen in den Türen ihrer Kojen. - -In ihrem Herzen kämpft die Sehnsucht nach den feinen Speisen mit der Scheu -vor diesen Herrenleuten. - -Mynheer van der Werft, der reiche Reeder, tritt jetzt vor, hält eine Rede. - -Von der Güte Gottes, »denn der Herr ist auf dem Grunde jedes Tuns -und Lassens. Täglich müßt ihr ihn lobpreisen, daß er euch so schön -geführt hat. In dies Haus, wo euer Lebensabend hinfließt wie ein -Bächlein, still und rein und ohne Sorgen.« - -Von der Menschengüte, die den alten Leuten dieses schöne Fest bereitet -habe. Von der Pflicht der Dankbarkeit für diese Wohltat, von der Pflicht -der Demut und Zufriedenheit. - -»Ist er nicht bald fertig?« denken sich die Häusler. »Erdäpfel und -Braten werden kalt.« Unter den gesenkten Lidern fliegen ihre Blicke nach -der Tafel. - -Endlich! - -Um den runden Tisch sitzen jetzt die Alten. Das blasse Licht der -Hängelampe fällt auf ihre weißen Köpfe. Anfangs zögernd, immer -dreister greifen alle zu. - -Schmatzend essen sie und trinken glucksend. Das Geräusch des Kauens und -des Schluckens mischt sich mit dem Rauschen der Gewänder. Wenn die Damen, -die zum Volk heruntersteigen, Schüsseln reichen, Gläser füllen. Da -fällt ein Teller klirrend auf die Diele und zerbricht. Er ist Frau von -Reuß entfallen. - -Einer Ohnmacht nahe, starrt sie nach den Alten. Nach dem Lichtkreis über -ihnen, den die Finsternisse, in den Ecken dicht geballt, umdrängen und -ihn drohend fressen. Daß er matt und ungewiß die welken Körper und die -dürren Glieder und die bleichen Wangen fahl beleuchtet. - -Ihr ist plötzlich: lauter Leichen sitzen um die Tafel. Fleischlose -Gerippe, deren Kiefern zahnlos malmen. In den Dunst von Wein und Speisen -steigen ihre Verwesungsdüfte. Ihrer selbst nicht mächtig, stürzt sie -durch die Tür ins Freie. Auch die anderen Herrenleute, schnell erkaltet in -dem Eifer sich zu opfern, suchen einen Vorwand, sich zu flüchten. - -Unbekümmert, ohne aufzusehen, füllen sich die Alten Schlund und Magen. -Sie vertilgen bis zum Rest die Braten, und sie leeren Wein und Bier zur -Neige. - -Dann, des Übermaßes ungewohnt, sitzen sie betäubt. Ein Gefühl des -Unbehagens überfällt sie, eine Lust zu streiten und zu raufen. - -Arrie Paap fängt plötzlich an zu winseln: hätten sie ihn doch gefragt. -Hätten sie ihm, statt des Nachtmahls, doch lieber seinen höchsten -Wunsch erfüllt, den letzten seines Lebens. Einmal noch nach Amsterdam zur -Kirmeß. Auf den Straßen singen hören, tanzen sehen, in den Waffelbuden -sitzen und das Karussell besuchen. Einmal noch in diesen großen Kutschen -fahren. In den wunderbaren weißen Kutschen, ganz vergoldet und mit -goldenen Pferden, die sich nach dem Klang des großen Spielwerks langsam -drehen. - -An den Fingern zählt er sich die Kosten ab. Für Wein und Bier, und für -den Braten, für die süße Speise. »Das hat mehr gekostet als die Fahrt -zur Kirmeß, meint Ihr nicht auch, Mutter Eef.« - -Eef ist sehr verdrießlich. - -Das Gesindel, diese feinen Damen. Erst sind sie so freundlich, bieten ihre -Dienste an, wollen helfen und bedienen. Und dann rennen sie davon, lassen -ihr die Plackerei und Arbeit. - -Keine einzige hat ihr etwas gegeben, keinen Cent, ihre Hand ist leer. - -Gerade nur, daß sie sich die beiden Flaschen Wein hat beiseite bringen -können, und die halbe Torte und die Wurst. - -Arrie winselt immer noch in seiner Ecke. »Hätten sie mich doch nach -meinem Wunsch gefragt.« - -»Du bist ganz besoffen, Kerl, leg' dich schlafen,« sagte die Mutter. - -Wütend schichtet sie die leeren Teller, packt sie auf den Arm und trägt -sie weg. Auf dem Weg zur Küche murmelt sie verächtlich: »Diese reichen -Leute.« - -[Illustration: Decoration] - - - - -Katjes Erfolg war unbestritten; sie hatte der Frauen Mitleid angerührt, -dem jungen Dichter eine neue Welt erschlossen, die geräuschvolle -Zustimmung des tschechischen Genossen eingeheimst. So offensichtlich -platzte nun auch Aloys aus allen Nöten vor Erzählerlust, daß ich -lächeln mußte, wenn ich den Ton als höchst geschmacklos auch verdammte, -als der grauhaarige Herr dem Südtiroler seine Zigarettendose reichte und -ruhig sagte: - -»Na, Herr Oberkellner, und was haben Sie gegen ihre frühere Kundschaft -auf dem Herzen? Heraus damit. Es kitzelt Sie ja schon in der Kehle.« - -Wie gekränkt in seiner Manneswürde hielt Aloys sich zuerst zurück. Dann -siegte wohl die »Bitte sehr, bitte gleich«-Natur in ihm. Er verbeugte -sich, und eingedenk vielleicht seiner Gewohnheit, die Zahl nach oben -abzurunden, nahm er an Stelle eines Tabakstengels ihrer sechs aus dem -Behälter. - -»Na natürli,« sagte er begütigend, »es is halt alles unterschiedlich -auf der Welt. Es hat ihrer unter die Herrschaften viel noblichte und -anständige a. Aber sell muß wahr sein: a fremds Brot is a sauers Brot. -Und die Armen und die Reichen, das paßt halt z'samm' als wie, mit Verlaub, -an Schweinshaxel in an Judenmagen. Und um so mehr als wie sich Müh' geben, -sich gemein mit unsereins zu machen, um so talketer stellens sich halt an. -Auf d' letzt noch,« er rückte seinem Ziele näher, »acht Täg bevor -i hab' weg müssen zu die Soldaten, is oben in unserm Alpenwirtshaus -was passiert. Wenn die Herrschaften erlauben, werd' i so frei sein und's -erzählen. Ein ganz a lustigs Stückl. Kurz is's a.« - -Er erbat sich Feuer von dem grauhaarigen Herrn, setzte sich an Katjes Seite -und begann. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Volksbeglückung - - -Es war die zweite Stunde eines heißen Julinachmittags. Um diese Zeit -kam keine Kundschaft in die Schwemme des großen Alpengasthofes »Zum -Latemar«, der auf einem Hochplateau erbaut war, von den Dolomiten wie von -einem Kranz umgeben. Vefi Rifeser, die Kellnerin, konnte ungestört die -Platte ihres Schenktisches seifen. Sie rieb und bürstete mit Eifer, wie -jemand, dessen Gedanken nicht bei seiner Arbeit sind. Von Zeit zu Zeit fuhr -sie mit der Schürze über die erhitzten Wangen und trocknete zugleich die -nassen Augen. - -Die Vefi war ein mittelgroßes, schlankes Mädchen, mit brauner Haut, -feurigen Augen und starken schwarzen Haaren. Sie war im Grödnertal -geboren, von welschen Eltern, ihr Sinn war ungestüm, und ihr Geblüt war -heiß. An schwülen Tagen wie dem heutigen machte es ihr viel zu schaffen -und begehrte heim zu allem, was sie, dem Broterwerb zuliebe, dort -zurückgelassen hatte. - -In solchen Augenblicken war es geraten, ihr aus dem Weg zu gehen, das Wort -saß ihr dann lose auf der Zunge und die Hand lose im Handgelenk. Zwar, sie -war auch sonst nicht maulfaul und verkniff sich keinen derben Ausdruck. Mit -den Bauern war sie grob aus Hochmut, weil sie sich ihrer Armut halber nicht -von ihnen ducken lassen wollte, und mit den Städtern aus Schlauheit. Sie -merkte wohl, daß ihre Art die Herrenleute in die Schwemme lockte, die -Männer reizte und die Frauen unterhielt, und daß die Trinkgelder mit -ihrer Keckheit wuchsen. Sie sah und merkte überhaupt so manches und lachte -heimlich über die verrückten Leute, die sich vom Wirt und den Kellnern -das Geld aus den Taschen ziehen ließen. Die, anstatt bis Mittag im -bequemen Bett zu schlafen, vor Sonnenaufgang aufstanden und in die Berge -liefen. Die voreinander den ganzen Tag Komödie spielten und sich in einem -fort verkleideten; in der Früh' als Tiroler, in geflickten Lodenjacken, -Lederbuxen und Dirndlgwand'ln, zu Mittag wie die Kunstreiter in Sportanzug -und in Radelröcken, und auf die Nacht wie die Affen; die Mannsbilder in -schwarzen Schniepeln und glänzenden Stiefletten, die Weibsleute obenher -halbnackt, daß man sich schämte sie anzuschauen, untenher mit langen -Seiden- und Spitzenfahnen, die sie auf dem roten Bergsand schleifen -ließen. Und die sich alle auf die Gebildeten und Feinen spielten und doch -grad' so nixnutzig waren, so verlogen und verliebt wie die gemeinen Leute -auch. - -Vefi hatte Gelegenheit genug, das alles aus der Nähe zu beobachten; denn -zum Verdruß des Landvolks und zum Ärger des feinen Oberkellners hielten -sich viele Fremde lieber in der Schwemme auf als in der eleganten Halle -des Hotels. Neugierig waren manche, konnten sich nicht genug tun mit Fragen -nach bäuerlichen Sitten und Gebräuchen, als ob Tirol im Mond gelegen -wäre. Andere kamen ihr mit Ratschlägen und Anerbietungen, mit -unverschämten und auch gutgemeinten. - -Da war besonders ein Fräulein aus Berlin, Klarisse Müller hieß es, und -wohnte schon seit einem Monat im Hotel, das hatte die Grödnerin in ihr -Herz geschlossen und war ganz erpicht darauf, sie zu unterrichten. Dafür -verlangte sie nicht nur keine Bezahlung, sondern sie beschenkte ihre -Schülerin noch, um sie anzueifern. Aus diesem Grund ließ sich's die Vefi -auch gefallen; aber sie war doch herzlich froh, wie das Fräulein auf ein -paar Tage fortmachte, auf eine Bergtour. - -Heute namentlich, da ihr die Traurigkeit beinahe das Herz zersprengte, -hätte sie sich lieber in ihrem Dorf um geringsten Taglohn schwer geplagt, -als hier in der Fremde in ihrem Sonntagsstaat die Bauern zu bedienen und -den Herrenleuten einen Hanswurst vorzumachen. Wie sie das grad' so bei sich -dachte und ihr dabei die Tränen wieder in die Augen stiegen, tat sich die -Tür auf, Fräulein Klarisse trat herein; sie trug ein Päckchen in der -Hand. - -»Grüß Gott, Vefi!« sagte sie mit norddeutscher Betonung. - -»Grüß Gott, Freilen,« erwiderte die Kellnerin nicht eben freundlich. - -Dabei bückte sie sich hinter die Kredenz, so daß sie die ausgestreckte -Hand des Fräuleins nicht zu schütteln brauchte. - -Fräulein Klarisse nahm ihr das nicht übel. Sie hatte feste Theorien in -bezug auf den Verkehr mit Frauen unterer Stände. Die wollten ihrer Ansicht -nach gewonnen und umworben werden, man mußte sie behandeln wie die Kinder, -und ihnen wider ihren Willen helfen. - -Vertraulich setzte sie sich an einen Holztisch und erbat sich ein Glas -Milch. - -»Nun, und wie ist es Ihnen denn ergangen, Vefi, während ich nicht hier -war? Ist Ihnen bang' nach mir gewesen?« Sie erhob die Stimme, als könnte -sie ihr Hochdeutsch dadurch besser verständlich machen. »Ich hab' an Sie -gedacht, sehen Sie, ich hab' Ihnen was mitgebracht.« - -Sie löste die Hülle des Paketchens und überreichte Vefi ein geschnitztes -Kästchen, dessen Deckel ein buntbemaltes Bildchen zierte. Das Dorf -St. Ulrich, überragt vom Langkofel und der Sellagruppe. - -Vefi starrte auf das Geschenk. Sie wußte mit dem Kästchen nichts Rechtes -anzufangen, aber die wohlbekannten Formen der Berge, die seit Jugend an -ihren täglichen Horizont gebildet hatten, weckten eine wilde Sehnsucht in -ihr auf. - -»I dank Enk, Freilen.« - -Sie war nicht dankbar. Wütend war sie, daß sie hier stehen und schwatzen -mußte und nicht ihr Bündel nehmen und nach Hause laufen durfte. - -»Denken Sie, ich hab' den Langkofel bestiegen,« plauderte indes das -Fräulein weiter, »bis zur Hütte. Herrlich war es oben, diese wundervolle -Aussicht. Na, Sie sind den Weg gewiß schon oft gegangen.« - -Vefi wußte nicht, was Nerven sind, sie fühlte nur, daß sie an sich -halten mußte, um den Gast nicht vor die Tür zu werfen. - -»I,« erwiderte sie mürrisch, »baleib net, zu so was hab' i net Zeit.« - -»Aber am Sonntag doch? Zieht es Sie denn da nicht hinaus in die schöne -Natur?« - -»Meinen S' die Berg? Die siech i akrat a so von unten. Und am Sunntig will -i decht a mei Ruh' hab'n.« - -»Wie doch die Dumpfheit des Geistes dem Volk die schönsten Freuden -raubt,« dachte Klarisse und erzählte, nicht ohne erzieherische Absicht, -daß einer von den Führern, ein furchtbar netter Kerl, womöglich noch -begeisterter vom Sonnenaufgang war als die Städter. »Er war aus Ihrer -Gegend, vielleicht ist er Ihnen bekannt, Peter Purtscheider war sein -Name.« - -Vefi lachte verächtlich auf. »Ui jegerl der Peter, sell is der recht', -der lugt mit 'm Maul, bal er betet. Um a guat's Trinkgeld plauscht der die -Frischleut' sakrisch an.« - -Was hatte nur die Vefi? So üble Laune hatte sie noch nie gezeigt. -Fräulein Müller lenkte daher das Gespräch in andere Bahnen. - -»Haben Sie denn für mich gearbeitet, liebe Vefi?« - -Das Mädchen brummte etwas Widerwilliges, doch ging sie an den Schenktisch -und kramte in der Lade nach Tintenfaß und Schreibheft. Das Fräulein hatte -es doch gut gemeint mit ihrem Kästchen, auch für die Milch wieder zehn -Heller Trinkgeld hergegeben. - -Klarisse sah das dünne blaue Heft mit dem zerrissenen beschmutzten Deckel -kopfschüttelnd an. - -»Aber Vefi, wie sieht das wieder aus. Und was haben Sie da obenan -geschrieben?« - -»'S is die Zech' vom Patscherjörgl, 's hat ihm gar so arg g'schleunt und -i kunt koa Kreid'n finden.« - -Das Fräulein überflog die Rechnung. - -»Wie haben Sie das nur wieder buchstabiert? Wein mit eu und Rührei mit -ai.« - -Das Blut stieg Vefi in die Schläfen. Sie faßte nach dem Buch, um es an -sich zu reißen! - -Klarisse hielt es fest. - -»Ich darf nicht die Geduld verlieren,« mahnte sie sich selber, sagte: -»Lassen Sie mich nur erst Ihre Arbeit sehen!« und öffnete die Blätter. - -Sie hatte ihrer Schülerin, der die großen Buchstaben nicht ganz geläufig -waren, die Aufgabe gestellt, zu jedem Zeichen des Alphabets einen Rufnamen -zu finden. Nun las sie, ohne zu verstehen, eine Anzahl Worte. - -»Was soll denn das hier heißen, Durl, Hias, Lipp, Neas?« - -Die Kellnerin lehnte, auf die Ellbogen gestützt, neben der Lesenden. - -»So heißt mer bei mir dahoam die Dorothee, den Matthias, den Philipp und -die Agnes,« erklärte sie. - -»Ja, warum haben Sie denn dann die Namen nicht an die richtige Stelle -gesetzt?« lächelte die Lehrerin. »Und ein paar Buchstaben haben Sie ganz -ausgelassen, das G zum Beispiel.« - -»Auf G hab' i koa einzig's Wörtl finden kunnt.« - -»Aber Vefi! Ihr eigener Name -- Genoveva!« - -Vefi schlug sich vor die Stirn. - -»I Dalk, i Tepp, daß i dadrauf net denkt hab'.« - -Sie griff nach den Blättern, riß die beschriebene Seite aus und zerfetzte -sie in viele Stücke. - -»Lassen S' mi aus, Freilen,« rief sie, »i sag's Enk alm; von -Hundsschweifeln g'winnts koa Unschlitt. I bring' dös Zeig nimmer in mei' -dalketen Schädel eini.« - -Das Fräulein suchte sie zu besänftigen. - -»Wie können Sie so sprechen? Sie wollen nur nicht.« - -Da warf die Kellnerin trotzig den Kopf zurück. - -»Von z'wegen was a?« - -»Um im Leben vorwärts zu kommen und auch um Ihrer selbst willen, Bildung -macht die Menschen frei.« - -»Ui jegerl,« kreischte die Vefi auf, »was sollet i mit a Büldung? Für -mei' Arbeit bin i g'bild't gnua.« - -»Sie könnten aber leichtere bekommen, hier ist sie doch oft recht schwer -für Sie.« - -»Sell is wahr,« bestätigte die Vefi. - -»Und bringt wenig ein, und hört im Winter auf. Ein anstelliges, -fleißiges Mädchen wie Sie könnte aber in der Stadt, in Bozen oder in -München, einen guten Dienst finden für das ganze Jahr und viel mehr Geld -verdienen.« - -Geld verdienen, das war das erste, das der Vefi von allen Reden -einleuchtete. - -»Sell könnt' i scho brauchen.« Sie sah nachdenklich vor sich hin. Nach -einer kleinen Weile schüttelte sie den Kopf. - -»'s ganget decht net, i tät' mi decht zu arg nar mei' Heimoatl blangen.« - -Diese sentimentale Regung überraschte die Berlinerin. - -»Ich denke, Sie hängen gar nicht an den Bergen?« - -»Hiaz z'wegen dene Berg.« - -Das Gespräch hatte das Heimweh, das ihr am Herzen fraß, gesteigert, sie -kämpfte mit dem Verlangen, jemandem ihr Leid zu klagen. Und da Klarisse in -ihrem Beglückungseifer sie noch mehr bedrängte: - -»Was hält Sie denn zu Hause fest? Ich weiß, Sie haben keine Eltern -mehr,« kam es zögernd über ihre Lippen. - -»Da is halt dös Haserl.« - -Klarisse sah sie fragend an. - -»Mei' Biabl.« - -»Ein Kind?« - -Vefi nickte. - -Das Fräulein wurde rot, worüber sie sich ärgerte. Sie wußte doch, mit -Prüderie kam man im Verkehr mit den niederen Ständen nicht weiter. Sie -nahm sich sehr zusammen und sagte tapfer: - -»Sie haben ein Kind? Aber Sie haben mir doch erzählt, Sie sind nicht -verlobt.« - -Die Vefi zupfte an ihrer Schürze; sie war etwas verlegen. - -»Just versprochen bin i a net, mir hab'n si holt gern. Der Meine kunnt mi -lei net heiraten, net ender manka*), aft sei Eltern g'storben sind.« - - *) eher wenigstens. - -»Und darauf wartet Ihr?« fragte Klarisse innerlich entrüstet. - -»Ender kriegt er's Häusel net,« belehrte sie die Vefi eifrig, »und sei -Vatter möcht' a, daß er a Reiche nehmet. Die Trafoierzenz, wo dreitausend -Gulden mitkriegt, die ginget ihm glei zu.« Der Stolz auf ihres Liebsten -Anwert sprach aus ihrer Stimme. - -Zu solchen moralischen Verirrungen konnte das Fräulein Müller doch nicht -schweigen. - -»Aber Vefi, mit einem Menschen, der auf den Tod seiner Eltern wartet und -inzwischen mit einer Reichen liebäugelt, haben Sie sich eingelassen? Ich -fürchte, Sie rennen in Ihr Unglück.« Sie zögerte ein Weilchen, ehe sie -sich entschloß, zu fragen: »Sehen Sie ihn denn noch immer?« - -»Freili, im Winter wann i hoam kimm.« Vefis Augen glänzten bei dieser -Vorstellung. - -»In was für Abgründe man hineinblickt, wenn man mit dem Volk in -Berührung kommt,« dachte die Städterin. Aber ihr Prinzip, daß alle -Frauen solidarisch sind dem gemeinsamen Feind, dem Mann, gegenüber, ließ -es ihr als Pflicht erscheinen, Vefis Stumpfheit aufzurütteln. Sie -legte ihr Gesicht in ernste Falten und salbte ihr Organ mit dem Öl der -Menschenfreundlichkeit. - -»Haben Sie denn nie daran gedacht, was für ein Unrecht Sie begehen?« - -In Vefis Mienen zog ein Gewitter auf. - -»Ös sprechts akrat a so wie der Kurat, wo am a a jed's Bußl as'n Sünd' -anrait.« - -»Von der Moral will ich ja gar nicht sprechen.« Klarisse tat sich viel -zugut auf ihr Verständnis der Volksseele. »Aber so ein armes Kind in die -Welt zu setzen, um das sein Vater sich nicht kümmert ...« - -»Sell müßts net denken,« unterbrach sie Vefi heftig; »a Klemmer is der -meine net, er zahlt vierzig Gulden 's Jahr fürs Muckerle.« - -Nun wurde auch das Fräulein ungeduldig. - -»Sie verstehen mich nicht; ich meine, wenn er nun eine andere nimmt -und läßt Sie sitzen. Ich sage Ihnen,« sie war von ihrer Güte ganz -hingerissen, »Sie sollten sich nicht so wegwerfen, so ein Mensch ist nicht -wert, daß Sie so an ihm hängen. Folgen Sie meinem Rat, schreiben Sie ihm, -oder wenn Sie wollen, schreibe ich für Sie --« - -»Unterstehts Enk,« fauchte Vefi auf, ohne zu bedenken, daß die Fremde -des Burschen Aufenthalt nicht kannte, »daß mir mei' Schatz die Liab -aufsagt.« - -Von so viel Natur fühlte sich das Fräulein angewidert. - -»Das ist doch keine Liebe, das ist -- das ist gehandelt wie das liebe -Vieh.« - -Da sprang die Vefi wütend auf sie zu. - -»Sell geht Enk an Dreck an. Ös Drach'! Ös Bisgurn! Ös Bosnickl! -Ös --« der Atem ging ihr aus, sie mußte sich verpusten. »Freili,« fuhr -sie fort, und ihre Augen blitzten die Erschrockene ganz in der Nähe -an, »Ös habts Enk leicht, habts a Geld, a kommods Leben, alle Tag' a -Mehlspeis' und an Wein und a g'brat'nes Fleisch. Aber i bin an arm's Luder, -muß mi von der Früh' bis auf d' Nacht rackern und schinden, hab' nie koa -Gaudi net auf dera miserabligte Welt. Nix hab' i als dös bissel Liab von -mei' Buabn, daß er mi auf 'n Sunntig mei' Bier zoahlt und an Tanz, und -auf d' Nacht mit mi hoamgeht und mi halst und busselt, daß i siech, i bin -decht a a Mensch. Wann er mi dann sagt: so viel gut bin i di, und nicht -aufhört, mi zu bitten, soll i dann eppaer die G'spreizte spülln und -sag'n: Tu erst beim Pfarrer die Schlüssel holen?« Sie zitterte vor -Aufregung, die Tränen brannten ihr im Hals. - -Klarisse war aus ihrem Gleichgewicht geworfen. Sie fürchtete, der Lärm -von Vefis Stimme könne auf die Straße dringen, und suchte nur nach dem -rechten Wort zu einem würdevollen Abgang. - -»Sie sind so leichtsinnig und unvernünftig, daß Sie mir leid tun. Wenn -Sie sich's aber noch einmal überlegen sollten ...« - -Die Bäuerin ließ sie nicht zu Ende kommen. - -»Da kunnts warten bis af'n Nimmermehrstag.« - -Und, da das Fräulein unentschlossen dastand: - -»Hiaz will i endli mei' Ruh' hab'n.« - -Sie rannte zur Tür, riß sie auf: »Schauts, daß aussikimmts!« Sie -machte eine deutliche Bewegung. - -Mit einem verächtlichen Achselzucken verließ Klarisse den Raum. Da flog -ihr raschelnd etwas um den Kopf. Es war das blaue Schreibheft, das ihr die -Vefi nachgeworfen hatte. - -»Nehmt dös a mit!« schrie sie höhnisch. - -Dann ging sie in die Wirtsstube zurück, ergriff die Bürste und begann den -Schenktisch wütend zu bearbeiten. - -Plötzlich ließ sie die Hände sinken, warf den Körper auf die feuchte -Platte, barg das Gesicht in beide Arme und heulte laut vor Zorn, Heimweh -und jäh erwachter Angst um ihre Zukunft. - -[Illustration: Decoration] - - - - -›A lustigs Stückl‹ hatte der Aloys uns versprochen. Mich verfolgte, -während ich ihm zuhörte, das Dichterwort: In jeder Trennung steckt ein -Keim von Wahnsinn. Ungeweckte Seelen, dachte ich. Ihre Einfalt ist noch -unzerspalten. Ja ist Ja und Nein ist Nein. Redlichkeit und Treue sind -die Frucht ihrer Instinkte. Sie sind wie Pflanzen, die nur gedeihen im -Mutterboden. Herausgerissen, in fremde Erdreiche geworfen, entarten sie. -Sie welken. Ich gedachte Iwans Abenteuer auf dem Gut der ostpreußischen -Freunde. Ich fragte: Darf ich? Man erteilte mir das Wort. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Wirkung in die Ferne - - -Gegen Abend fing es an zu schneien. Ganz langsam und bedächtig. Die -großen Flocken schienen zuweilen stehenzubleiben in der regungslosen Luft, -ehe sie sich niedersenkten und die Erde sanft berührten. Binnen kurzem war -das Landschaftsbild verändert. Der Schnee warf auf die kahlen Wiesen -und entblößten Wälder einen fleckenlosen weißen Mantel, unter dessen -schimmernden Falten das Auf und Ab der Hügel sich verflachte, so daß die -welligen Bewegungen des Bodens zu einer Ebene geglättet schienen, die sich -geheimnisvoll in die Unendlichkeit verlor. - -Iwan Michailow war auf die Landstraße getreten und starrte in die weiße -helle Fläche. Im Sommer in Gefangenschaft geraten und dem ostpreußischen -Besitzer als Landarbeiter zugewiesen, erlebte er den ersten Schneefall -auf dem ermländischen Gut. Er dachte: Nun werden sie zu Hause auch schon -Winter haben. - -Zu Hause! Rechts die Anhöhe hinauf, immer der Richtung zu, in der sich -allmorgendlich die Sonne zeigte. Wer doch Flügel hätte! - -Vier seiner Gefährten hatten im Juli den Versuch gemacht, zu Fuß die -Grenze zu erreichen. Heilige Mutter Gottes, in was für einem Zustand -hatte man sie wieder hergebracht. Zu Gerippen abgemagert, verprügelt und -verhungert. Wie die Wölfe waren sie über die bereitgestellte Mahlzeit -hergefallen, sie, der Nahrung wochenlang entwöhnt. Jammervoll, wie sie -erkrankten. - -Von dieser Erinnerung verfolgt, kehrte Iwan in das kleine Haus zurück, in -dem er mit seinen Kameraden wohnte. In einem viereckigen Raum, dessen Decke -tief herunterreichte, saßen neun Männer auf Holzbänken um einen schmalen -Tisch beim Abendessen. Sie schoben eben ihre Blechnäpfe beiseite, in -manchen war die Grützsuppe nicht bis zur letzten Neige ausgelöffelt. -Nicht daß die Leute übersatt gewesen wären; doch ihr Magen hatte ein -standhaftes Gedächtnis, er verschmähte immer noch die fremde Kost und -malte ihnen, mit der Übertreibung eines Dichters, die Tafelfreuden der -Vergangenheit. Sie standen auf; einige von ihnen schütteten ihre Schwermut -in die Klänge einer Ziehharmonika, der lange Jakow blies die Glut im Ofen -an und fütterte sie mit einer Hand voll Reisig. Wie anders prasselten -daheim die Scheiter in dem Bauch des Kachelofens, wie schmorte man, auf die -Ofenbank gestreckt, in seiner ausströmenden Hitze. Die Augen gingen ihnen -über, seufzend streckten sie sich auf die Diele, unausgekleidet, in ihre -Decke eingewickelt. - -Iwan hatte die Schüsseln aufgestapelt, um sie in das Herrenhaus zu -tragen. Er war bevorzugt, dort zu der Hintertür ein- und auszugehen -und Hilfedienste zu verrichten. Der Himmel stäubte noch, er hatte den -entlaubten Obstbäumen im Garten mächtige Perücken aufgesetzt und -überpuderte auch Iwans Schädel, als er im Vorübergehen durch den dünnen -Vorhang in das Herrschaftszimmer lugte. Der junge Gutsherr saß darin mit -seiner hübschen jungen Frau unter der Hängelampe, die mit einem gelben -Seidenschirm verschleiert war, sie hielten sich umschlungen und lasen aus -demselben Buche. - -Iwan verzehrte diesen Anblick wie ein süßes Gift, das, genossen, die -Eingeweide auseinanderschneidet. O Katinka! ein Tränenkloß erstickte -ihm die Kehle, seit einem Jahr von dir getrennt. Dich so in meinen Armen -halten, ich wüßte etwas Gescheiteres als Lesen mit dir anzufangen. Er -hatte Mühe, nicht herauszuheulen. - -In der Küche war noch Lärm und Bewegung. Die Köchin rührte irgend -etwas auf der heißen Platte, das Lehrmädchen knetete den Teig zum -Sonntagskuchen, ein Weib, das in der Ecke hockte, vermehrte den Vorrat der -enthäuteten Kartoffeln, die sie in einen mit kaltem Wasser angefüllten -Kübel warf, das Stubenmädchen putzte Silber, die Küchenmagd scheuerte an -Holzgefäßen; und über diesem Klappern, Kratzen, Schlurren erhob sich -die schrille Vielstimmigkeit des polnisch sprechenden Gesindes mit einem -Tonfall, der dem harmlosen Gespräch den Anschein eines ausbrechenden -Streites gab. - -Franziska Wechsel, die Mamsell, hatte sich in den Flur zurückgezogen. Sie -packte Äpfel, die versendet werden sollten, in zwei hohe Kisten ein, jedes -Stück wickelte sie sorgsam in Papier, um es vor Schaden zu bewahren. Sie -wehrte Iwan nicht, daß er sich einen Schemel hole, um ihr beizustehen. - -Franziska hatte erst vor acht Wochen ihre Stellung angetreten. Ihr, der -Königsbergerin, des Polnischen unkundig, der einzigen, der Verständigung -mit ihm unmöglich war, gesellte Iwan sich am liebsten zu. Er meinte, daß -sie seiner Katja gleiche; nicht so rundlich wie sein Schatz, aber auch so -blond, dieselben treuherzigen braunen Augen, und der Mund ... Iwan konnte -ihn nicht ansehen, ohne den Geschmack von Katjas Lippen auf den seinigen zu -fühlen. - -Auch sie wurde durch den Russen lebhaft an den Bräutigam gemahnt, der -vor Ypern in die Hand der Engländer geraten war. Anton war wohl dunkler, -untersetzter, auch viel selbstbewußter als der schlanke Bursche mit dem -wehmütigen traurigen Gesicht, aber in Gang und in Gebärden dünkte ihr -die Übereinstimmung so groß zu sein, daß sie zuweilen beim Eintreten -von Iwan glaubte, die Schritte ihres Liebsten zu begrüßen. Sie vermochten -nicht, sich mitzuteilen, daß sie ineinander die Verkörperung ihres -beherrschenden Gedankens fanden, die Zahl der Worte, die sie tauschen -konnten, war überhaupt eine beschränkte; aber sie hatten einander ihre -Lieder abgelauscht. Ob _sie_ von Scheiden, Vergißnichtmein und kühler -Mühle sang, ob _er_ vom Ringlein und der Saronrose, stets fiel der andere -mit der zweiten Stimme ein. Warum auch nicht? Waren denn die Melodien nicht -alle auf der gleichen Unterlage aufgebaut? Auf der ewigen Verurteilung der -Menschen, welchem Volksstamm sie auch angehörten, zur Unerbittlichkeit der -Liebe, zu den Stürmen der Geschlechtlichkeit? - -Auch jetzt summten die beiden, während ihre Finger schafften. Es war -schummrig in ihrem Arbeitswinkel, der nur aus der Küche Helligkeit -empfing; das Papier, das sie zerrissen, raschelte, der Duft der Äpfel -drang ihnen berauschend in die Nase, er mischte sich mit dem tierischen -Geruch ihrer jungen Körper, die sich tagsüber in Staub und Luft getummelt -hatten. »Anton,« sehnte sich Franziska. In Iwan schrie es »Katinka«. -Ihr Verlangen, das sie gemeinsam zu verschiedenen Zielen schickten, -sonderte sie von den anderen ab wie eine Mauer. - -Die Leute in der Küche machten Feierabend. Iwan wurde ausgesperrt. Er -machte wieder einen Umweg durch den Garten; das Haus war dunkel, nur aus -dem Schlafzimmer der Herrschaft blinzelte ein Licht. Iwan stöhnte auf; im -Drang, irgend etwas zu umarmen, umklammerte er einen Baum und preßte sich -an dessen eisigkalte Rinde. Dumpf knallte ein Klumpen Schnee hinunter. Iwan -erschrak, er ergriff die Flucht. Die Ausdünstung neun Schnarchender schlug -ihm in der Russenschlafstelle entgegen, auch war sein Platz am Fenster so -geschmälert, daß er um seine Rückeroberung hätte kämpfen müssen. -Er zog es vor, wie er schon bisweilen unentdeckt getan, im Pferdestall -zu übernachten. Unter der braunen Stute kroch er in das Stroh, sie -beschnupperte ihn zutraulich; er war gut Freund mit allen Tieren. - -Wie im Vaterhaus lag er gebettet, über sich das Pferdeschnauben, links -ein gedämpftes Grunzen aus den Schweinekoben, rechts hier und da das Muhen -einer unruhigen Kuh. Dieses heimische Behagen machte ihm die kalte Fremde -um so qualvoller bewußt. Von bitterlichem Schluchzen hart gestoßen, -verzweifelte er, den nächsten Tag in dieser trostlosen Vereinsamung zu -überleben; wie von einem Berg war sein Herz von Traurigkeit verschüttet, -seine Sehnsucht flüchtete zu seiner Liebsten, nannte sie mit allen -Kosenamen, bis sie ihm der Schlummer an die Seite legte. - -Auch Franziska hatte keine Ruhe finden können. Der Vielbeschäftigten -gebrach es meist an Muße, um Empfindsamkeiten nachzuhängen. Es waren -seltene Augenblicke, in denen sie das Gleichgewicht verlor und eine Unruhe -zu ihrem Liebsten ihr das Blut verbrannte, eine Auflehnung gegen die -Grausamkeit, ihre Jugend ohne seine Zärtlichkeiten zu verwarten. Eine -solche Stimmung hatte ihr heute die Müdigkeit verscheucht. Sie holte -Antons Karten, die aus dem Westen in großen Zwischenräumen an sie -gelangten, doch an den kargen, eingezäumten Worten kühlte sich ihr Fieber -nicht. - -Ein gedämpfter Laut des Kummers, der vom Wirtschaftshof her zu ihr drang, -brachte sie der Wirklichkeit zurück. Die braune Kuh, Franziskas Liebling, -hatte vorgestern gekalbt, und das Kälbchen war ihr sofort weggenommen -worden, weil es, laut Kriegsgesetz, auf die mütterliche Vollmilch keine -Berechtigung besaß. Darum jammerte die Mutter und rief das Menschenmitleid -an. Franziska, der vierbeinigen Kreatur stets sorglich zugetan, fühlte -sich ihren Nöten eben mehr denn je verbunden. Sie schlüpfte in die -Schuhe, warf den Mantel über und tappte bei der Führung der Laterne durch -den Schnee. Nach einem kurzen Zuspruch an die Wöchnerin besann sie -sich nicht lange, die militärische Verordnung zu umgehen; sie hob das -Neugeborene aus dem Verschlag, in dem es zitternd und klagend nach der -Erfüllung der betrogenen Instinkte suchte, und legte es der Mutter an den -vollen Euter. Als sie das Sattgetrunkene, Eingedöste aufnahm, um es -wieder auf seiner Streu zu bergen, kuschelte es sich, seinen Aufenthalt -verkennend, in die Weichheit ihres Schoßes ein, zog ihren Finger in -sein zartes Mäulchen und begann, wohl in dem Wahne, seine Mahlzeit -fortzusetzen, daran zu lutschen. - -Es war nur ein Tier, doch seine Hilfsbedürftigkeit, die Wärme, die aus -seinem Körper in den ihren strömte, das sanfte Saugen, als Ausdruck -seines kindhaften Vertrauens in die gütigen Zusammenhänge der Natur, -rührten das Urgründigste in Franziskas Weibeswesen auf. Die Tränen, -die das Fell des Kälbchens überschwemmten, flossen aus den Quellen ihrer -ursprünglichsten Bedürftigkeit, und die Forderungen ihrer Sinne, die -zugleich ein Umweg zu ihrer Mutternotwendigkeit waren, stürzten in -Gedanken zu dem einzigen, durch den sie sich erfüllen wollten. - - * * * * * - -»Katja, Täubchen,« sagte Iwan im Traum zu seinem Mädchen, »ich muß -weg von dir, es ist schon Tag. Nebenan haben sie schon die Stalltür -aufgemacht.« Dabei schmiegte er sich ihr wieder an, unfähig, ihre Nähe -aufzugeben. - -Hatte er sich dann doch ermuntert, war in die ungestirnte Nacht -hinausgetreten und hatte in den Nachbarstall gelauscht? Aber wie kam denn -Katinka, die er eben erst verlassen hatte, dazu, schon dazusitzen und -zu melken? ihm den Rücken zugewendet und von der Finsternis kaum zu -unterscheiden. Nur wenn ihr Kopf in den Bereich der Stallaterne tauchte, -blitzte der Goldschein ihrer langherabhängenden blonden Zöpfe auf und das -Weiß des Hemdes, das ein wenig von der vollen Schulter rutschte. Wie oft -hatte er sie im Morgengrauen so überrascht? Sie so beschlichen, ihren -Nacken so ungestüm geküßt? - - * * * * * - -Wunderkräfte wirken in der Liebe. Auf ihrem Zauberwagen flog Iwan, über -Hunderte von Meilen weg, zu seinem Russenmädchen. Mit Antons Schritten -lief sie auf Franziska zu. - -Das Laternchen war umgefallen. Im Dunkel vollzog sich das Geheimnis der -Verwandlung. In festerer Treue wurde Untreue noch nie geübt. - -[Illustration: Decoration] - - - - -»Weh' mir, weh' mir!« - -Der Mann im Kaftan hatte schon den Heimwehkrampf der Grödner-Vefi -mit sonderbaren Ausrufen begleitet. Mir war es, während ich sprach, -beunruhigend gewesen, daß er sich mit leisem Stöhnen hin und her bog wie -in Schmerzen. Ich ging zu ihm, um ihn zu fragen, was ihm fehle. Er hob -den Kopf, ich blickte in Verzweiflung. Er preßte meine Hände. Seine -Kehllaute, verständlich, wenn die Rede ruhig floß, verschwammen oft, -wenn er in äußerster Erregung in sein Jiddisch-Deutsch verfiel. Was der -Auslegung aber nicht bedurfte war der Ton, der aus ihm schrie, wie aus den -finstersten Verließen menschlicher Unbarmherzigkeit, das Leid, das aus ihm -brach wie Eiter aus Jahrtausend alten Wunden, die von Haß vergiftet, ewig -am Leib der Menschheit schwärend, sich niemals schließen können. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Heimat - - -In dem tschechischen Fabrikort Zlatnik kündete der grelle Schrei der -Pfeife die Mittagspause an. Die Arbeiter entströmten den Gebäuden, -verteilten sich in das Dorf und die Kantine, und viele streckten sich, um -das zugebrachte Essen zu verzehren, gemäß ihrer Gewohnheit, am Waldesrand -im Schatten aus. Der und jener zog eine Zeitung aus der Tasche, er las -vor, seine Umgebung lauschte; heute aber entspann sich nicht wie sonst eine -aufgeregte Unterhaltung zwischen ihnen: es lag ein Dämpfer auf den -Worten und Gebärden, und nur die ausgelassensten der Weberinnen waren zum -Schäkern mit ihren Schätzen aufgelegt. Auch sie verstummten, als ein Zug -vorbeimarschierte, Kameraden, die, zum Kriegsdienst einberufen, auf den -Bahnhof zur Versammlungsstelle zogen. Sie trugen Ränzel auf dem Rücken -oder eine Schachtel in der Hand, die Schirme ihrer Mützen verschwanden -unter Laubgewinden, und große Sträuße schmückten ihre Brust. -Die Burschen johlten, die Familienväter aber, umkreist von ihrer -tiefbetrübten Sippe, schritten schweigend und tauschten ernste Grüße mit -den vom Wald her Zuwinkenden aus. Ortsansässige waren darunter, die neben -ihrem Häuschen ein Stückchen Feld besaßen und einen Streifen Wiese. -Diese stockten an der Gabelung des Weges, um ihr Heim noch einmal -zu begrüßen. Dürr war das Leben ihnen hingelaufen; aber da sie es -verließen, blühte es in ihrer Schätzung auf. Waren sie auch karg -genährt gewesen, eng behaust und knapp bezahlt, sie hatten doch besessen, -was innerhalb der engen Wände stand; und ein paar Rabatten Sommerblumen -an der Hecke und das bißchen Ackerland dabei; dort hatte man sich nach dem -Arbeitsschluß getummelt und die mit Flachs und Baumwollfasern verfilzte -Lunge wieder ausgespült. Krautköpfe hatte man gebaut, Erdäpfel, Rüben; -Gras geschnitten für die Ziege und ein paar Löcher in den vielen Mägen -damit zugestopft. - -So friedlich lag es da, im Kranz der baumbewachsenen Hügel, das kleine -Dorf, in dem man du sagte zu jedem Ziegelstein, zu jeder Staude. Wer weiß, -ob man es jemals wiedersah? Die Abziehenden lüfteten die Mützen und -sangen ihm das wehmütige Lied zum Preis der Heimat zu. Es klang den -Hörern im Walde wie eine Mahnung: Machet euch auch bereit! - -Die stärkste Wirkung des Gesanges drückte sich in dem Benehmen einer -Gruppe von Arbeitern aus, an Zahl etwa ein Dutzend, die sich ein wenig -abseits der Genossen hielten. Es waren Südtiroler aus vom Krieg bedrohten -Grenzgebieten, den Tschechen durch die Gemeinsamkeit des Vaterlandes -verbunden, doch durch alle Merkmale des Wesens von ihnen getrennt. Von -einem Tag zum anderen waren sie aus ihrem Land verwiesen und der -Gemeinde Zlatnik zugeteilt worden; hier hatten sie das Arbeitsangebot des -böhmischen Fabrikherrn wie ein Geschenk der Vorsehung begrüßt; sie waren -anstellig und fleißig und Meister der Bedürfnislosigkeit. Doch etwas -nicht Gegenwärtiges haftete an ihrer Haltung, etwas Aufgescheuchtes, -als hätten sie den Atem noch nicht wieder, der ihnen bei Einbruch einer -Naturgewalt weggeblieben war. Man möchte sie wohl befragen, da sie jetzt -schweigend beieinander hockten: »Du grauhaariger Mann, du junger Knabe, -ihr schlanken, braunäugigen Weiber, was bekümmert euch so sehr?« -Sie müßten sich vielleicht besinnen, um ihr Weh in seine Elemente -aufzulösen. Da war die Sorge um die Zukunft, der Gram um den Verlust von -schwer erworbener Habe, jetzt den Diebstrieben ihrer Nachbarn belassen. Und -die Unrast in dem Blut der Mädchen, deren Jugend nach dem Freunde schrie. -Vor zwei Wochen noch ihr Liebster; heute galt er als ihr Feind; heute hob -er die Waffen gegen ihre Brüder. - -»Uns ist bange nach der Heimat«: in diese Formel würden sie -wahrscheinlich ihre Stimmung fassen; und gedrängt, ihr tiefer -nachzuforschen, vielleicht hinzufügen: »Eure Häuser halten dicht und -stehen gerade, unsere klaffen, und der Regen dringt in sie hinein; aber -auch der Sonnenschein, der blaue Himmel und der Duft der Blumen. Und wir -halten uns in unseren Stuben wenig auf. Ach, wenn ihr doch nur unsere Berge -kenntet, wie schroff sie ragen; auf halber Höhe, dicht am Abgrund, klebt -ihnen, mit seinem steilen Gäßchen, irgend ein verwegenes Raubnest an, -aus der Zeit der Sarazenen; auf manchen liegt in Ewigkeit der Schnee; über -andere laufen die silbergrauen Wellen der Oliven; von ihren Gipfeln kann -man in das andere Tal hinunterspähen, der See blinkt wie ein Spiegel, an -seinen Ufern, die im Zickzack lustig in das Wasser schießen, reihen sich -die weißen Sommerhäuser, festtäglich anzuschauen in ihren Schleiern -von Rosen und Glyzinen.« Und ihrer Ständchen würden sie gedenken, -des nächtlichen Lautenspieles; denn Musik bewegt sie sehr. Die innige -getragene Weise, mit der die Tschechen Abschied nehmen, fällt ihre -Fassung; die Frauen weinen, den Männern steigt ein Schluchzen würgend in -die Brust. - -Ihr Gebaren fällt den Tschechen auf; sie vermuten die Kenntnis -ungünstiger Kriegsberichte bei den Zugereisten und beschließen eben, -einen Dolmetsch an sie abzusenden, als sich ihr Interesse einem anderen -Schauspiel zuwendet. Ein Mann, mit einem achtjährigen Jungen an der -Seite, kommt von der Höhe der Landstraße herab. Wie mit der Schere -ausgeschnitten, steht er im Rahmen der betannten Forste, vor dem hellen -Hintergrund der Luft. Seine hageren Glieder sind in die Röhre eines -fettglänzenden Kaftans eingepreßt, ein Filzhut deckt die ungepflegten -langen Haare, die sich mit enggerollten Schläfenlöckchen an den roten -Bartwuchs schließen; des Sohnes Gestalt ist dieser wunderlichen Leib- und -Haartracht lächerlich getreues Widerspiel. Die Tschechen lachen auch; mit -der Grausamkeit des Kindes, das dem Schwächeren achtlos weh tut, meckern -sie den beiden ein »Handelevuh« entgegen; die Südtiroler, ganz mit sich -beschäftigt, achten der Vorbeigehenden nicht. Der Jude aber läßt die -sanften, schwermütigen Augen lange auf den Fremden ruhen. Er denkt: -»So habt ihr freien Christen jetzt auch an euch erfahren, was es heißt, -entrechtet und verjagt zu sein.« Die Vorstellung der selbst erduldeten -Mißhandlung ist ihm noch ganz nahe, sie knebelt seine Seele, sie zwingt -ihn, sich in ein Gespräch mit seinem unmündigen Sohn zu flüchten. -»Jakobleben, erinnerst du dich noch?« Kann das Hirn des Kindes je -vergessen, wie sie sich im engen Raum verängstigt einander drückten: er -und die Großmutter, der Onkel, die Eltern, die Schwestern, die Bruderfrau -mit ihrem Säugling, den sein Vater, weil er im Felde steht, noch nicht -kennt? Mit Geratter und Geknatter jagt ihnen der Donner der Geschütze -näher zu. Sie wagen nicht, die Lampe anzuzünden. Die Frauen stöhnen, die -Männer, in die Gebetriemen gewickelt, murmeln Todespsalmen. Horch! Klingt -es jetzt nicht, als sei der Fluß aus seinem Bett getreten und wälze sich -heran? Ein verkneultes Brüllen, Trampeln, Splittern, Stürzen. Jemand -trommelt an die Scheiben. »Sie kommen, die Russen ziehen sich hierher -zurück. Flieht, flieht, daß sie euch nicht finden und erschlagen!« Die -Grenze von Galizien ist nicht weit; in drei Stunden kann ein Rüstiger die -Strecke überwinden. Welche qualvoll lange Nacht vergeht der kraftlosen -Familie, ehe sie ihr Ziel erreicht! »Jakobleben, erinnerst du dich noch?« -Der Knabe nickt. Hat er doch den Säugling tragen müssen, als dessen -Mutter niederbrach. Die Schwestern stützten ihren Onkel, der Vater -buckelte bald die Ahnin auf und bald die Ehefrau, manchmal faßten seine -Arme beide. Sie kommen eben im Galizischen zurecht, um in den Sturmwind zu -geraten, der alle Juden aus der Gegend fegt. »Was meinst du, Jakobleben,« -fragt der russische Pole, »ob man die Südtiroler auch in offene Viehwagen -verladen hat wie uns, durch Sonnenglut und Unwetter gefahren, dann wieder -ausgeladen und hinter Bahnhofsschranken, eingepfercht wie Schafe, den -langen kalten Nächten schutzlos preisgegeben?« Und doch, sie sagen es -einander, sind sie Bevorzugte des Glückes. Das Ungestüm der Fliehenden in -jener Nacht war wie ein Keil in die Masse der gehetzten Wanderer gestoßen; -da mochte mancher am Wege gestrauchelt und verkommen sein. Sie aber hielten -sich umschlungen, halbnackt, beschmutzt, verhungert, doch vereint. Und -das Reich, zu dem sie nicht gehörten, forschte nicht; sie waren eben -mitgeschwommen in dem Meer von Elend, das sich von Osten her ergoß. - -Aus der Sicherheit des Hafens blickt der vertriebene Jude die verjagten -Südtiroler an: »Beneidenswert seid ihr trotzdem. Ihr dürft Gebete -schicken eurem Gott, daß er euern Waffen Sieg verleihe. Was aber sollen -wir, wenn wir vor ihm im Staube liegen, aufschreien zu Jehova aus unserer -großen Not? Können wir ihn anflehen: Führe uns zurück in unser -Vaterland, wo doch steht auf seiner Schwelle der Henker mit dem Messer, das -uns sticht?« - -Den Weg entlang, den sich die Übung bahnte, durch die tiefen Furchen -seitlich der gekrümmten Nase, rinnen dem Juden schwer und langsam die -Tränen über das verkümmerte Gesicht. Und wie um sich vor seinem Sohn zu -erklären, sagt er leise: »Die Heimat ist für jeden eine Mutter. Fragt -einer, ob die Mutter häßlich ist, ob schön? Man hat sie lieb, man ist -aus ihr geboren, in ihren Schoß will man sich niederlegen, wenn man müde -ist. Kein Kraut ist so gering, es verlangt nach mütterlicher Erde. Uns hat -sie ausgestoßen, wir haben keine Ruhestätte in der weiten Welt.« - -[Illustration: Decoration] - - - - -So unheimlich nahe hatte uns in dieser Nacht der Flügelschlag der Zeit -noch nicht gestreift. Unsere eigenen kleinen Nöte hielten ein paar -Sekunden lang den Atem an. - -Unser aller? - -Ein Mann trat in den Vordergrund. Nichts Merkwürdiges an ihm als -die Augen, die wie Zangen nach uns faßten und unsere Erscheinung, -so undeutlich sie hervortrat in dem kargen Licht, in sich einzusaugen -schienen. Er schalt mit uns. Da habe er nun stundenlang gesessen und -unserer Unterhaltung zugehorcht. Nichts, mit einer Ausnahme (er nickte -zu dem heimlichen Poeten), als Brotsorgen, Liebesgram, Heimweh, -Nationalitätenstreitigkeiten. Immer habe er gelauert: brüllt denn nicht -endlich einer auf: die größte Marter ist die Kunst. - -»Ihr alle, scheint es, wißt nichts von der Kunst, sie ist euch kein -Bedürfnis. Ich bedauere euch. Erdenwürmer, ohne Flügel, euch ins Licht -zu retten. Ich beneide euch. Ihr kennt die Folter nicht, von der Idee -verfolgt zu werden wie von einem Raubtier, das uns hetzt. Wie ein -Besessener ringt man mit dem Werk, das man nicht fassen kann, das einen -äfft. Ja, ich bin so ein armer Schächer.« Er schnippte mit dem Finger in -die Luft. »Habt keine Angst. Es gibt keine Tragödie. Nur eine Anekdote. -›A lustigs Stückl‹ würde Aloys sagen.« Er saß nieder und kreuzte -seine langen Beine. »Also die Geschichte von Mark Crystoll und der -Sonnenblume.« Er unterbrach sich. »Das heißt, der Mark Crystoll, das bin -natürlich ich.« Als ob er sagen wollte: ich mach' euch keine Flausen vor. -Aber es paßt mir besser, von mir zu sprechen, wie von einem Dritten. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Die Sonnenblume - - -»Nun hab' ich's aber satt.« Hubert Bach schleuderte das Ei, das er in -Händen hielt, so heftig auf den Frühstückstisch, daß seine Schale -weithin splitterte, »vier Tage lang setzt man uns dieselben Eier vor.« - -»Woher weißt du das?« - -»Ich habe sie bezeichnet, siehst du hier das Kreuz? Und das sogenannte -Rauchfleisch ist auch schon dürr wie Holz.« - -Er warf ein paar von den papierdünnen Schnitten auf den Fußboden und -zertrat sie. - -»Staub werde, was aus Staub geboren ist.« - -Mark Crystoll war erschreckt. Er bückte sich, um die Fleischatome -einzusammeln. Als er sah, daß sich Scott, Huberts langhaariger Pintscher, -bereits damit befaßte, steckte er das aufgeplatzte Ei ängstlich in die -Tasche. - -»Wir sind doch nicht des Essens halber hier.« - -»Des Verhungerns halber auch nicht. Das Land ist anderswo auch schön, man -muß nicht gerade im allerschmutzigsten Wirtshaus Hollands sitzen.« - -Er stand auf und reckte sich. - -»Komm, Scott, wir wollen uns in Leyden beim ›Löwen‹ den Magen wieder -auskurieren. Ja, sieh mich nur verächtlich an, Mark, ich bin außer Maler -auch noch Mensch und kann nicht bloß von schönen Motiven leben. Apropos -Motiv, ich habe ein wundervolles Nachmittagsmotiv gefunden. Sieh's dir -heute mal mit mir an.« - -Da die Antwort ausblieb, pfiff er seinem Hund und ging. - -Mark Crystoll atmete erleichtert auf, als er sich allein sah. - -Was für ein Rohling, dieser Hubert. Das Geheimnis der Arbeit preiszugeben, -es zu pöbelhafter Gemeinsamkeit anzubieten. Als ob das, was eines anderen -Augen gesehen haben, noch den geringsten Wert besitzen könnte. Er nahm -sein Handwerkszeug und ging den Weg, der ihm zum Leidensweg geworden war. - -Auf seinen Wanderwegen war ihm vor kurzer Zeit ein vereinzelt liegendes -Häuschen aufgefallen, dessen Alter eine eigenartige Innenbauart vermuten -ließ. - -Der Eingang war verschlossen, und im Hintergarten, dessen Zaun an eine -grünversumpfte Wasserstraße grenzte, fand er keinen Menschen. Leer war -auch die Sommerlaube, das Taubenhaus und der Schweinekoben. Nichts lebte -in der Einsamkeit als die mächtige, vollerblühte Sonnenblume. Hoch -aufgereckt, daß ihr Stern das schwarze Schindeldach erreichte. - -Das satte Gelb inmitten dieser dumpfen, fahlen Farben fesselte des Malers -Auge. Nach einer Stunde kehrte er zurück und war beglückt, die Insassin -des Häuschens daheim zu finden. - -Doch die alte Frau, die mürrisch in der kleinen Küche herumhantierte, -hatte auf alle seine Worte nur ein steinernes »Nee, das tu' ich nicht«. - -Er bat. Fünf Sitzungen -- nur vier -- nur drei, er verdoppelte die -Zahlung. - -Sie blieb bei ihrem »Nee, das tu' ich nicht«. - -Als er, vom Eifer fortgerissen, näher an sie drängte, wies sie ihm die -Tür. - -»Und daß Sie mir nicht wiederkommen, sonst hol' ich die Polizei, Fie -Verheest läßt nicht mit sich spaßen.« - -Seitdem umkreiste er den kleinen Garten. Das Verbot hatte das Verlangen -aufgereizt. Was nur ein Wunsch gewesen, wurde zur Begierde. - -Auch heute war das Haus verschlossen. Doch die Alte war daheim, er hörte -das Klappen ihrer Holzschuhe. - -Der Gedanke kam ihm: ein Fußtritt in das morsche Holz. Und so ein altes -Weib ist leicht überwältigt. Erschreckt von seiner Leidenschaft lief er -davon. - -Noch nie hatte ihn das Wesen Huberts so abgestoßen. Das Lärmen mit dem -Hund, das Fluchen über das zähe Kuhfleisch, den petroleumdurchdufteten -Rosinenreis. - -Als er abends heimkam und mit behaglicher Zufriedenheit seine Arbeit -zeigte, einen Allerweltskanal, mit Allerweltsgeschicklichkeit breit -hinuntergestrichen, fühlte Mark etwas wie Haß gegen seinen Freund. - -Er selbst hatte die Stunden müßig vor sich hingebrütet. Alle seine -Skizzen hatte er hervorgeholt, sie in selbstquälerischer Stimmung -mißlungen und geheimnislos gefunden und an sich verzweifelt. - -Sehnsucht nach dem kleinen Garten bohrte sich in seine Seele. Die -Sonnenblume, zu der ihn anfangs nur Form und Farbe lockte, war ihm ein -Symbol geworden. Ein Symbol der hellen Lebensfreude im grauen Einton der -Alltäglichkeit. - -Er sah das Leuchten ihres glühenden Gesichts, das Wiegen ihres schlanken -Stengels. Ihm war, als könnte er mit diesem ungestillten Wunsch im Herzen -nie mehr etwas leisten. - -Es ließ ihn nicht mehr los, verfolgte ihn, während er mit Hubert den -gewohnten Abendgang nach der nächsten Schenke machte; quälte ihn, -während er rauchend und schweigend zwischen den rauchenden, schweigenden -Bauern saß. Und auf dem Heimweg durch die stillen Wiesenstraßen besiegte -es den Willen und trat als Klage auf die Lippen. Daß Mefrouw Verheests -Eigensinn ihm die Arbeit töte. - -»Fie Verheest, die verrückte Fie?« - -»Du kennst sie?« - -»Die kennt jeder hier im Dorf. Sie ist durch Unglück menschenscheu -geworden und furchtbar fromm. Über die hat nur der Pfaff Gewalt. Soll ich -mit ihm sprechen? Er hat mir neulich lange beim Malen zugesehen. Bei der -Gelegenheit hab' ich ihm seinen Jungen photographiert. Nun sind wir gute -Freunde. Na, zerdrück' mir nur die Finger nicht.« - -Noch ein Vormittag unruhiger Erwartung, dann kam die Botschaft. - -»Die Kirche hat gesiegt. Fie öffnet dir ihr Gitter.« - -»Und Hubert, höre -- du besuchst mich nicht, nicht wahr?« - -»Fällt mir nicht ein.« - -So war das Ziel erreicht. Doch trübte Crystolls Glück noch manche Wolke. - -Fie nörgelte an der Erlaubnis. Länger als zwei Stunden dürfe er nicht -bleiben, dann müsse sie aufs Feld und dulde keinen Fremden in ihrem -Besitztum. - -Und Hubert, als wollte er seinen Freundschaftsdienst wieder ungeschehen -machen, war doppelt unausstehlich. Bei Tisch vergaß er sich so weit, das -Fleischstück einem Jungen durch das Fenster zuzuwerfen. - -»Daß ihm's nur kein Loch in den Magen reißt.« - -Crystoll entsetzte sich. Wenn die Wirtin von dieser neuen Schmach für ihre -Küche erfuhr, war keine Stunde Bleibens mehr für beide Künstler. - -So, bedrängt von allen Seiten, arbeitete er so hastig, als es ihm seine -aufmerksame Art erlaubte. Die Zeichnung war bereits in Kohle aufgerissen, -nun legte er die Farbe an. - -Wieder fühlte er in allen Nerven den Reiz des Vorwurfs. Den äußerlichen; -was für Töne saßen in dem alten Holzwerk, in den Mauerrissen, in dem -Sumpfkraut. Und den innerlichen, unaussprechbaren. Den lachenden Triumph -des Lebens in dem schwarzen Flecken Erde, durch die strahlend helle Sonne -der erblühten Blume. - -Die Minuten flogen. Fie mochte ihr Verbot vergessen haben über der -Beschäftigung, ihr Haus zu säubern für den Sonntag. Crystoll hörte sie -umhergehen, bürsten, plätschern und reiben. - -Plötzlich unterbrach sie sich mit einem Aufschrei, dem ein Hundebellen -folgte und der Ton von Huberts Stimme. - -Übles ahnend, eilte Mark hinzu. Und sah Scott aus allen Zottelhaaren -triefend, auf der reingeseiften hellen Matte stehen, Fie mit einem Besen -hinter ihm. Während Hubert lachend sich bemühte, ihr zu wehren. - -»Na, gebt Euch, Mutter Fie. Es tut mir selber leid. Hier habt Ihr einen -Gulden, kauft Euch Seife zu einer neuen Wäsche.« - -Zu Crystoll sagte er: - -»Das Tier hat gerade ein Bad genommen im Kanal und hat dich im Vorbeigehen -aufgespürt.« - -Mark war keines Wortes mächtig. Schnell ging er in den Garten, zitternd -vor der Strafe, die ihn für Scotts Verbrechen treffen würde. - -Fie aber war ganz still. Von neuem fing sie an, zu waschen und zu bürsten -und sah nicht auf, als Mark beim Weggehen noch zwei Gulden Schmerzensgeld -auf ihre Lade legte. - -Eine schwüle Stimmung lastete auf den zwei Freunden an dem arbeitslosen -Sonntag. Zum erstenmal in all den Wochen ging Crystoll nicht des Abends mit -zum Bier. Und als er sich am nächsten Morgen Fies Häuschen nahte, schlug -ihm das Herz, als wartete verbotene Liebe hinter jenem Gitter. - -Gottlob, das Haus war offen und Fies Gruß sogar vergnügter als -gewöhnlich. - -Der Maler lief nach hinten. Stutzte, rieb sich die Augen. Er war wohl -falsch gegangen. Das war doch nicht sein Garten, dieser wüste, leere -Winkel. - -Auf einmal wußte er's. - -Er stürzte in die Stube. - -»Wo ist die Sonnenblume?« - -»Ich hab' sie abgeschnitten. Jetzt werden mir die fremden Hunde nicht mehr -das Haus versauen.« - - * * * * * - -Als Hubert von der Arbeit heimkam, fand er den Tisch für sich allein -gedeckt. - -»Mijnheer Mark Crystoll ist abgereist. Dort hat er einen Zettel -hingelegt.« - -Hubert las. - -»Ich hatte nur die Wahl, den Hund zu töten oder unsere Freundschaft. Ich -ließ den Hund am Leben.« - -[Illustration: Decoration] - - - - -»Oh du!« - -Ein Seltsamer stieß diese beiden Silben aus. Er hatte, auch als das Zimmer -wärmer wurde, nicht seinen abgeschabten Lodenmantel abgelegt. Ich hatte -denken müssen: vielleicht um die Armut zu verdecken, die er darunter -birgt. »Oh du!« Er sprang Mark Crystoll an, bohrte in ihn seine Blicke. -»Du Mittelmaß, du Kleinheit. Du bist noch lange nicht in den Kern der -Verdammnis eingedrungen. Auf der Oberfläche krabbelst du herum. Du wirst -noch lange vegetieren und Bilderbogen pinseln.« Er zog eine Rolle aus -der Tasche. »Willst du den letzten Willen hören von einem, den sie zur -Strecke gebracht haben, der entschlossen ist zum Tod. Hier liegt er. Wohl -bekomm's.« Er schleuderte die Blätter auf den Boden. Hinter ihm krachte -die Tür ins Schloß. Ich hob die Rolle auf. »Soll ich lesen?« Sie -umdrängten mich. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Die Anderen - - - _Personen_: - - Kyll - Broß - Truck - Ein Mädchen - Ein Kellner. - -Zwei Uhr morgens. Der mit kaltem Rauch gefüllte Raum eines Kaffees. Alle -Tische verlassen. Der _Kellner_ ist hinter dem Büfett halb vom Stuhl -gesunken und schläft. Die elektrischen Flammen sind ausgedreht. Nur an dem -Tisch, an dem _Kyll_ und _Broß_ sitzen, brennt Licht. Auf dem Tisch stehen -leere Kaffeetassen, eine Flasche Kognak und zwei Gläser, eine Aschenschale -mit Zigarren- und Zigarettenstummeln gefüllt. _Kyll_, 26 Jahre, -schmächtige Gestalt, nachlässige dunkle Kleidung. Sehr blaß. -Tiefliegende schwärmerische Augen, wirre schwarze Haare, nervös zuckende -Lippen. _Broß_, 27 Jahre, blond, etwas aufgeschwemmt, wasserblaue Augen, -Habyschnurrbart. Kleidung und Bewegungen eines =Commis voyageur=. - -_Broß_ (legt die ausgebrannte Zigarre auf den Aschenbecher): Also gute -Nacht, Herr ... (Er sucht den Namen.) - -_Kyll_ (der vor sich hingebrütet hat, fährt auf): Sie wollen schon fort? - -_Broß_: Schon? Es geht auf zwei. Wir sind ohnehin die einzigen. - -_Kyll_: Gottlob -- ich atme auf. Endlich sind sie weg -- die Feinde. - -_Broß_ (erstaunt): Feinde? Sie haben ja gesagt, Sie kennen hier keinen -einzigen. - -_Kyll_ (nervös): Ja, haben Sie denn niemals das Gefühl, daß sie alle -unsere Feinde sind, die anderen, die außer uns noch auf der Welt sind? - -_Broß_ (auflachend): Nein, wirklich. So was ist mir noch nie eingefallen. - -_Kyll_ (auf den Tisch gestützt, mit der Hand in den Haaren wühlend, -düster): Auf mir lastet der Gedanke wie ein Alp. Er vergällt mir jede -Freude. Selbst im Schlaf werde ich ihn nicht los. - -_Broß_ (innerlich belustigt, aber aus Höflichkeit ganz ernst): Aber wieso -denn? Was können Ihnen denn ganz wildfremde Leute tun? - -_Kyll_ (heftig): Daß sie da sind, daß man von ihnen weiß. Daß sie auf -uns drücken mit ihrer Freude und mit ihren Sorgen. (Wie zu sich selbst.) -Tage gibt es, da muß ich immer daran denken, was die anderen leiden. Auf -der Straße sehe ich nichts als Schmerz und Kummer. Jede traurige Gestalt, -jede ausgestreckte Hand trifft mich wie ein Vorwurf. - -_Broß_: Sind Sie denn nicht Mitglied des Vereins gegen Verarmung und -Bettelei? - -_Kyll_ (ohne auf ihn zu hören, leidenschaftlich erregt): Die Vorstellung -von allem Grausamen, was in demselben Augenblick geschieht, verfolgt mich. -Ich höre die Kinder, die man prügelt, um Erbarmen flehen, ich höre die -Tiere winseln, die man peinigt. Ich fühle die Bangigkeit von verlassenen -Kranken und wie Hunger, Angst und Kälte Verzweifelte zum Selbstmord -treibt. (Immer erregter.) Ich ahne alles Unglück, alles Elend, das in all -den Tausenden von Häusern verkommt und zittert. Ich bin wie ohne Haut, -alles verwundet mich. Das Mitleid bohrt sich mir wie mit Stacheln in das -wehe Fleisch. Das Herz schnürt sich mir zusammen, ich kann nicht sprechen, -ohne laut zu weinen. (Er hält inne, um nicht in Schluchzen auszubrechen.) - -_Broß_: Sie sind sehr nervös, Herr ... Sie sollten Brom nehmen. - -_Kyll_ (den Kopf in den Händen, leise vor sich hin): Dann kommen wieder -Stunden -- im Frühling -- die Sonne scheint -- verhalten, wie wenn die -Natur ganz still vor sich hinlacht. Ich gehe durch den Wald -- es riecht so -untereinander -- nach alten Blättern und jungem Gras; ein bißchen schon -nach frischen Tannensprossen. Und ich komme auf eine Lichtung, der See -liegt vor mir, ganz still, wie eingeschlafen. Nur manchmal schüttelt er -sich, wie im Traum. Ich werfe mich hin, sehe in den Himmel, breite die Arme -auseinander -- mir wird so weit, so groß. Szenen, Bilder stehen vor mir -auf -- ich hab' es gefunden -- endlich -- das Erhabene, das noch niemals -Dagewesene. Ich schreie vor Jubel los, ich brülle vor mich hin, Worte, -Sätze, ganze Verse. Auf einmal fällt mir ein: Das hat schon in Goethe -gestanden, das in Heine, das habe ich von Ibsen, das von Maeterlink -- von -all den anderen, die vor mir gelebt und gedichtet haben -- die verfluchten -anderen. (Er wirft sich mit dem Gesicht auf die Hände.) - -_Broß_ (überlegen wie mit einem Kind): Wie wollen Sie das ändern? Es -muß doch noch Menschen auf der Welt gegeben haben außer Ihnen. - -_Kyll_ (auffahrend): Weiß ich das nicht? Natürlich muß es. Das ist -notwendig wie -- Schmerzen -- Krankheit -- wie das Leben selbst. Aber man -könnte doch auch nicht durch die Wüste reisen, wenn nicht Oasen wären. -Das müßte sein -- Oasen müßten sein. Jeder Mensch müßte noch einen -haben, der kein anderer ist. - -_Broß_ (ihn verständnislos ansehend): Sie meinen? - -_Kyll_ (ganz unpersönlich): Sie haben sich gewiß gewundert, daß ich mich -an Ihren Tisch gesetzt habe und Sie angesprochen. Wir passen doch gar nicht -zueinander. Ich (auflachend), der verrückte Dichter, und Sie, der Krämer. - -_Broß_ (verletzt): Erlauben Sie -- - -_Kyll_ (in demselben Ton): Es sieht Ihnen aus dem Gesicht, daß Sie nichts -im Sinn haben als Geschäftemachen -- Geldverdienen. - -_Broß_ (auffahrend): Herr, wollen Sie mich beleidigen! - -_Kyll_ (ganz unbekümmert): Wie ich hereingekommen bin, sind Sie mir -deshalb aufgefallen. Ich habe mir gesagt: das ist vielleicht ein Mann, der -nicht anders ist, als wie er scheint. - -_Broß_ (wieder mit mitleidiger Überlegenheit): Legen Sie darauf solchen -Wert? - -_Kyll_ (ohne auf die Unterbrechung zu achten): Wie ich noch jung war, habe -ich gemeint: einen Menschen, der eins mit mir ist, müßt' ich leicht für -mein ganzes Leben finden. Dann bin ich bescheidener geworden. Nur für -Jahre habe ich mir's verlangt -- nur für Monate -- für Wochen -- Stunden. -Jetzt habe ich auch das aufgegeben. Ich suche nach einem Menschen, der -nicht doppelgesichtig ist, vieläugig, hundertzüngig. Und ich such' -- ich -suche. -- - -_Broß_ (trivial): Sie haben sicher schlechte Erfahrungen mit Weibern -gemacht, daß Sie so mißtrauisch geworden sind. - -_Kyll_ (heftig): Reden Sie mir nicht vom Weib, von diesem Trugbild unserer -Phantasie. - -_Broß_ (ordinär): Da haben Sie recht. Was Frauenzimmer heißt, lügt und -betrügt. - -_Kyll_: Doch nicht mehr als der Mann. Es ist nur sein tragisches -Verhängnis, daß es der Gipfelpunkt der Mannesillusionen ist. Immer wieder --- immer wieder glaubt er in fiebernder Erregung an die Erfüllung seiner -höchsten Sehnsucht, an das Zu-eins-verschmelzen mit einem zweiten Wesen. -Und weiß doch -- müßte es doch wissen -- daß es in wenigen Sekunden -für ihn ein anderes sein wird -- ein fremdes, das ihn belästigt. - -_Broß_ (mit gemeinem Auflachen): Also -- was das betrifft ... - -_Kyll_ (ohne die Unterbrechung zu beachten, schwärmerisch, mit Tränen in -den Augen): Zwei Menschen, die füreinander keine anderen waren. Das war -das Paradies. Die Schlange war die andere. Das erste Wort, das Eva mit ihr -gesprochen hat, war der Sündenfall. Seitdem sind wir zu Lug und Heuchelei -verdammt. - -_Broß_: Einfälle haben Sie, Herr ... (Er sucht nach dem Namen.) - -_Kyll_ (immer erregter): Bei jedem neuen Menschen fängt der -Paradieseszustand wieder an. Mutter und Kind sind zuerst ganz dasselbe. Und -lange noch sind sie kristallklar füreinander, bis sich das fürchterliche -Anderssein dazwischen drängt. - -_Broß_ (gelangweilt): Das ist nun mal der Lauf der Welt. - -_Kyll_ (schlägt erregt mit der Faust auf die Tischplatte): Es ist ihr -Fluch. Und es ist gegen die Natur. Woher käme sonst dieses Entsetzen, -dieser Schmerz, wie es keinen furchtbareren gibt -- wenn man an einen -Freund in vertrauter Zweiheit voll geglaubt hat und man sieht ihn -plötzlich unter anderen, verwandelt, unecht, ein ganz anderer. -(Verzweifelt.) Gott! _Einen_ Menschen finden, den ich achten kann! _Eine_ -Seele, deren ganze Nacktheit ich entblößen dürfte, ohne eine Täuschung -zu entschleiern. - -_Broß_ (steht auf und will nach seinem Paletot langen): Sie nehmen das -zu tragisch, Herr ... (Er sucht den Namen.) Die Menschen sind eben keine -Engel. - -_Kyll_ (steht auf, tritt vor ihn hin, aufgeregt): Meinetwegen Teufel, -Tiere. Aber sie -- sie selbst. Ihr Charakter ist ihr Schicksal. Sie -entgehen ihm nicht; warum verbergen sie ihn also? - -_Broß_ (der nur daran denkt, das Gespräch abzubrechen, ablenkend): Die -wenigsten Menschen denken so wie Sie. - -_Kyll_ (immer wilder): Warum? Warum? Alles verfault in ihnen, alles ist -vergiftet. Selbst mit sich selber sind sie nicht mehr eins. Sie reden, -woran sie nicht denken, tun, wobei nicht ihr Interesse ist. Sich selbst -belügen sie. - -_Broß_ (über Kyll hinweg nach seinem Paletot langend, ungeduldig): Gott, -Sie werden das nicht ändern. - -_Kyll_ (Broß am Arm fassend, schreiend): Aber ich ertrag's nicht länger. -Ich kann nicht länger unter Masken leben. Ich wage nicht mehr, mich nach -einem Abschied umzudrehen. Ich sehe des anderen heuchlerisches Lächeln -sich zu Spott verzerren. Ich fühle ihn den Dolch seiner verleumderischen -Rede mir meuchlings in den Rücken stoßen. (Tritt ganz hart an Broß -heran, mit wild flackernden Blicken.) Das Hirn möchte ich dem Kerl -auseinanderreißen, der mir gegenüber sitzt, das Herz möchte ich ihm -zerfleischen, um zu wissen, was er denkt und fühlt. - - (Broß macht erschreckt einen Schritt gegen das Büfett, hinter dem der - Kellner schläft.) - -_Kyll_ (faßt ihn beim Arm): Wo wollen Sie hin? - -_Broß_ (mit einem Versuch, seine Angst zu verheimlichen): Ich wollte nur -den Kellner -- ich möchte noch einen Kognak. - -_Kyll_ (mit wildem Blick): Sie lügen -- Sie fürchten sich vor mir. - -_Broß_ (gezwungen auflachend): Aber, lieber Herr ... (Er sucht den Namen.) -Wie können Sie nur glauben -- Sie sind so unterhaltend -- ich könnte noch -bis Tagesanbruch mit Ihnen zusammensitzen. - - (_Truck_ tritt ein mit einem _Mädchen_.) - -_Truck_ (zu Broß): Nu frag' ich einen Menschen. Broß, Menschenkind, -trifft man Sie in nachtschlafender Zeit noch im Kaffee? - -_Broß_ (erlöst aufatmend, faßt Trucks Hand, leise): Sie schickt mir der -Himmel. Ich bin da an einen Wahnsinnigen geraten. - -_Kyll_ (der angestrengt hinübergehorcht hat): Was haben Sie dem Mann -von mir gesagt? (Zu Truck.) Eben hat er mir versichert, ich sei so -unterhaltend, die ganze Nacht möchte er mit mir zusammensitzen. (Zieht -einen Revolver aus der Tasche.) Warum hast du gelogen -- Kerl! - -_Broß_, _Truck_, das _Mädchen_: Zu Hilfe! Zu Hilfe! - -_Kyll_ (mit vor Erregung erstickter Stimme): Ihr Feiglinge! Ihr Lumpenpack! -Ihr -- anderen -- (Er erschießt sich.) - -[Illustration: Decoration] - - - - -Wir hatten alle den nämlichen Gedanken. Der grauhaarige Herr am Ofen hielt -uns zurück. - -»Wenn er Ernst gemacht hat, kommt ihr doch zu spät.« - -Mark Crystoll sagte trübe: »Er hat seine Todesleidenschaft gestaltet. Das -kühlt sie ab.« - -»Der Unberatene. Meint, er kann ein Ende machen. Und kann doch nichts als -zu einem Tor hinausgehen, um durch ein anderes wieder zu erscheinen.« - -Wir waren sparsam mit den elektrischen Laternen umgegangen. Trotzdem hatten -sie sich allmählich verzehrt, bis auf eine, die auch eben im Begriff war -auszulöschen. Die unbekannte Stimme war mit der Dunkelheit verschmolzen. -Es war nicht zu unterscheiden, wem sie angehörte. - -»Auch ihr,« sprach es aus dem Unbekannten weiter. »Kurzsichtige. Mit -eurem Klagen und Verneinen. ›Ja‹ müßt ihr zu eurem Leben sagen. Und -›So will ich dich‹. Denn ihr wißt, mit allem seinem Schmutz und Elend -kommt es immer wieder zu euch zurück.« Dann wieder, mühsam, stockend, -wie aus innerem Grauen aufgestiegen: - -»Oder kennt ihr es noch nicht, das schreckhafte, das apokalyptische -Geheimnis? Ach,« es ächzte wie aus einer Pein, die sich doch an ihrer -Einzigkeit berauscht, »daß ich verurteilt sein muß, seine Siegel vor -euch zu zerbrechen.« - -Ich weiß nicht, wie es den übrigen erging. Mich steigerte die in Schleier -eingehüllte Herkunft dieses feierlichen Anrufs in eine erwartungsvolle -Stimmung. Es wäre mir Verletzung meines Feingefühls gewesen, hätte der -Unsichtbare das Pathos, mit dem er, wie aus einem tiefen Schacht, letzte -Dinge seines Fühlens aus der Seele holte, in hellem Lampenscheine vor uns -ausgebreitet. Die Verkündigung der abgeklärten Buddhalehre, von Nietzsche -unter Qualen umgewertet in Übermenschlichkeit. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Von ewiger Wiederkunft - - -Er liegt am Rande des sanft zum See gesenkten Ufers, von hochgewachsenen -Farren überdacht. Zu seiner Rechten, auf dem Hügel, um den die -Großstadtleute sich geschwätzig und geputzt ergehen, weiß er die Tafel -mit den wie vom Schicksal in den Stein gegrabenen Zeichen: - - »Die Welt ist tief - Und tiefer als der Tag gedacht - . . . . . . . . . - Weh spricht: Vergeh'! - Doch alle Lust will Ewigkeit -- - -- will tiefe, tiefe Ewigkeit!« - -Er glaubt, ein Echo dieser Worte in dem Murmeln der anschlagenden Wellen -zu vernehmen. Wenn er die Augen schließt. Wenn er sie öffnet, ist der -schwere Klang verweht, und er sieht in ein Meer von Glanz und Duft. Die -Wasser jauchzen, und der See blüht. Wie ein Garten, wie ein Beet von -blauen Enzianen, über die ein Heer von weißen Schmetterlingen fliegt. Die -hinscheidende Sonne wirft aus dem Westen Purpurrosen auf die blaue Pracht, -sie durchglutet die Segel, die sich wie große Möwenflügel spreizen, und -das Gebäude, das vom jenseitigen Ufer grüßt, verklärt sich durch ihren -goldenen Abendschein zum Märchenschloß. - -Den Ruhenden unter dem Farrendickicht schmerzt diese Pracht und -Fröhlichkeit. Die Augen zu. Dunkelheit um sich geschaffen. Und dem dumpfen -Laut gelauscht, mit dem die Brandung zu den Kieseln spricht: - - »O Mensch! Gib acht! - Was spricht die tiefe Mitternacht? - Ich schlief, ich schlief ...« - -Als er erwacht, findet er die Welt um sich vertauscht. Wie ein guter -Hausverwalter, wenn der letzte Gast gegangen ist, die Lampen abdreht und -Tücher auf die Seidenmöbel und die festlichen Geräte wirft, so hat der -späte Nachmittag hinter den letzten Sonnenstrahlen alle Farben ausgeblasen -und über Tanz und Spiel der Wellen einen mißtönigen Flor gebreitet. -Fahl und flach liegt der weite Spiegel; vor dem Märchenschloß, das ihn -begrenzt, ist ein grauer Vorhang zugezogen. - -Der Ruhende springt auf. Ihn fröstelt. Und er schreitet kräftig aus, -um den steif gewordenen Gliedern die Geschmeidigkeit zurückzugeben. -Die Halbinsel gehört ihm nun allein. Die Spaziergänger sind vor der -einbrechenden Dämmerung geflüchtet, und bereden den Alltag jetzt in -aufgehellten Räumen. - -Ihn, der gekommen ist, um in den Spuren eines Einsamen zu wandeln, graut -vor der Gemeinschaft mit den Vielzuvielen. Er läßt die Wohnstätten der -Menschen hinter sich und sucht sich den schmalen Weg, der, der Wagenstraße -gegenüber, sich an die Windungen des Wassers schmiegt. - -Immer dichter sind inzwischen die Dünste hochgestiegen, haben sich -geballt und rechts und links zur Mauer aufgerichtet. Alle Wirklichkeit -ist abgetrennt. Nichts gegenwärtig als das Angedenken dessen, der seine -kränksten Nöte und seine lachendsten Genesungen hier auf und ab getragen -haben mochte. In der großen Stille scheint der Boden wie entsühnt von der -Berührung mit den Massen, die seitdem durch ihren Tritt die Fußspur eines -Ungewöhnlichen entweihten. Und auf leisen Sohlen schleichen die Schatten -der Vergangenheit herbei. - -Vielleicht an dieser Stelle war vor dem Dichter das helle -Mittagsstundenwunder aufgetaucht. Hier hatte er vielleicht gesessen, »ganz -See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel. Da plötzlich, Freundin, wurde eins -zu zwei und Zarathustra ging an mir vorbei«. Und hier vielleicht, ein -andermal, in einer Finsternis wie dieser, wie im Urchaotischen gefangen, -mochte er mit dem Doppelgänger Brust an Brust gerungen haben. Ihm die -feindliche, die mörderische Waffe zu entreißen. - -Der Wanderer stöhnt auf. - -Wie er jetzt körperlich den Wegen des Verkünders folgt, so war er -ihm auch geistig nachgegangen. Und war an der Schwelle einer letzten -Ausgangspforte einem Gespenst begegnet. Qual und Marter, ihm ins Gesicht zu -sehen! Glich es nur dem Meister? Trug es nicht die eigenen Züge? Hatte es -nicht längst im eigenen Leben tückisch lauernd dagelegen, um in bangen -Stunden den Gefolterten zu überfallen? - -Ewige Wiederkunft? Kein Entrinnen aus dem Kreis des Ekels und des -Überdrusses! - -Mag sein Fuß die schmale Grenze überspringen, die das feste Land vom -Wasser scheidet: es behält ihn nicht, es bringt ihn wieder. - -Immer wieder auf das Rad geflochten ... »Krumm ist der Pfad der -Ewigkeit.« - -Nein! Seine Schultern tragen die Last dieses Gedankens nicht. Ihm fehlt die -Kraft, den Kopf der Natter abzubeißen, um ihn lachend auszuspeien. »Ist -das das Leben? Wohlan denn: noch einmal!« Er ist nicht brünstig nach dem -hochzeitlichen Ring der Wiederkunft. - -Ihm wird zumut, als wachten alle Peinen auf, die hier jahrelang versteinert -im Gebüsch gelegen haben, und stürzten sich auf ihn, um ihn zu schrecken -und zu würgen. Der Wahnsinn krallt sich in ihn ein, Verlassenheit, das -verzerrte Abbild der königlichen Einsamkeit, greift nach ihm mit kalten -Knochenarmen. Er läuft und läuft ... Er fühlt, was zu sehen ihm -der Nebel wehrt, daß der Waldweg sich verbreitert, daß seine Sohlen -Wiesenboden treten. - -Von irgendwoher wehen abgerissene Laute zu ihm hin. Menschenstimmen. Er -saugt sie gierig ein. Tastet sich zu ihnen hin. Etwas Lichtes durchzittert -den feuchten Brodem. Der Fuß stößt an ein Hindernis, wagt sich behutsam -ein paar Stufen aufwärts. Die ausgestreckte Hand rührt an eine Holzwand, -faßt eine Messingklinke, drückt sie herab: ein Tor geht auf ... - -Ein Glashaus, in dem zwischen hohen Palmen leichte, aus Stroh geflochtene -Möbel stehen. Dahinter der weite Saal. Grellweiß mit zopfiger Vergoldung. -Von der Decke, an metallenen Ketten, geschliffene Kristalle, in denen -Glühkörper wie Blumen blühen. Unter ihrem strahlend grellen Schein ein -Mischmasch von surrenden und summenden Geräuschen. Gespräch, Gelächter, -das Rascheln weicher Seiden, das Schleifen kostbarer Brokate. Frauennacken, -die tief entblößt aus Tüll und Spitzen steigen, mächtige Frisuren, von -Reihern bekrönt und mit diamantenen Kämmen festgehalten. Aus dem bunten -Durcheinander sticht das dumpfe Schwarz der Herrentracht hervor und die -einförmige Blankheit der steifgestärkten Hemdenbrüste. - -Inmitten dieses Wirrwarrs von Schattierungen und Tönen ein grün-roter -Farbenfleck, wie aus einer Riesentube hingeschleudert. Die roten, grün -besetzten Wämser und Barette der Italiener, die eben ihr Konzert beginnen. -Mit einem Ritornell zum Lobe Neapels. Sie stehen aufrecht, wie von ihrem -Enthusiasmus aufgeschnellt, und schmettern mit begeisterten Gebärden -gemeinsam den Refrain heraus: - - =Dolce Napoli - O suol beato - Ove sorridere - Volle il creato.= - -Den Mann, der aus dem dunkeln Grauen in den hellen Leichtsinn tritt, -erfaßt ein Schwindel. Er flüchtet in eine der Nischen, um deren Rundung -ein silbergrauer Diwan läuft. Er läßt sich in das Polster sinken und -winkt einem der Diener, die, im blauen Frack mit messinggelben Knöpfen, -durch die Menge laufen. Der beäugelt mißtrauisch den Gast, der wagt, -im Sportdreß, den Nachttau in den verwühlten Haaren, in diese festliche -Versammlung einzutreten. Doch die Gebärde, von der der Befehl, eine -Flasche Sekt zu bringen, begleitet wird, ist so gebieterisch, daß sich die -Lakaienseele duckt. - -Auch der übrigen Gesellschaft ist der Fremde aufgefallen, der so -rücksichtslos der hergebrachten Sitte trotzt. Man einigt sich: so kann nur -ein Deutscher sich vergessen. Und er ist auch wirklich blond, blauäugig -und, trotz seinen langen geraden Gliedern, ein bißchen unbeholfen. Nur -seltsam, daß der junge Kopf schon an den Schläfen graue Fäden zeigt. -Und was für ein Kontrast zwischen den breiten, festen Flächen des -oberen Gesichts und dem zurückfliehenden Unterkiefer. Die Musternden sind -geneigt, ihn für einen Skandinaven zu halten. Man gibt zu: gegen Stoff und -Schnitt des beanstandeten Knickerbocker sei kein Einwand zu erheben. Und -das Gebaren dieses Außenseiters habe einen Zug von Vornehmheit. Manches -Mädchen denkt: holt er mich heute wohl zum Tanz? - -Er, blind für Beobachtung oder Kritik, ist ganz erfüllt von dem -beglückenden Bewußtsein: ich bin geborgen. Über die Schwelle dieser -billigen Karawanserei wagt sich der Spuk der Nachtgesichte nicht. Zweimal -schon hat er den hohen Kelch geleert. Eine wohltuende Wärme legt sich -besänftigend auf seine Brust. - -Da kommt ihm von irgendwoher eine Hemmung seines Wohlbehagens. Was ist -es, das an seinen Nerven zerrt? Er sucht die störende Empfindung -wegzustreichen. Vergebens. Sie umschwirrt ihn wie ein lästiges Insekt. Er -hebt den Kopf und begegnet einem Augenpaar, das sich fest und unbekümmert -in das seine bohrt. Den Augen eines Weibes. - -Schön? Bizarr. Wie eine fremdländische Tropenblume. Wie ein kostbares -Geschmeide, in einer uralten Kultur entdeckt. - -Rostbraunfarbige starre Haare umschließen in schweren Wellen eng die -schmalen Schläfen. Der vorgewölbte Mund schneidet brennendrot durch -die gelblich blasse Haut der Wangen. Die Augen, mit grünlichen Pupillen, -stehen etwas schräg gegen die kleine, gerade Nase. Ein weißes Pannekleid, -rosig angehaucht wie das Innere einer Muschel und in jeder Biegung von -irisierenden Reflexen überrieselt, steigt hoch hinauf bis zu den kleinen -Ohren. Und sie ist juwelenlos. Nur auf der Stirn liegt, von einem dünnen -Kettchen festgehalten, ein schimmernder Opal. Sehr jung ist sie dabei; und -so mädchenzart, daß man den feisten, kahlköpfigen Herrn, der neben ihr -hinter seiner Zeitung fast verschwindet, für ihren Vater halten könnte, -wenn nicht die Besitzermiene, mit der er, den Arm um sie gelegt, von Zeit -zu Zeit ihr etwas zuflüstert, verriete, daß er ihr Gatte ist. Sie achtet -weder seines Redens noch seines Verstummens. In dem Armstuhl, der für -ihre schmale Gestalt viel zu weit ist, lehnt sie sich ein wenig vor, ein -Lächeln teilt ihre Lippen, die Augen haften fest an ihrem Gegenüber. - -Er wendet sich beinahe ungezogen ab. Aber das Fluidum, das von ihr zu ihm -hinüberströmt, dringt ihm in alle Poren. Sie zwingt ihn zu sich, wie -durch Zauber. Er sieht das Blut in ihren Adern kochen, er sieht, wie die -Wünsche in ihr auf und nieder steigen. Das Idiom der Zungen würde sie -wahrscheinlich trennen. Ohne Worte verstehen sie einander gleich. - -»Du,« sagt sie zu ihm; »du!« - -Es trifft ihn wie ein Kuß. - -Und ohne seine Antwort abzuwarten, fährt sie fort: »Mir ist, als kenne -ich dich lange. Du gefällst mir. Sehr gefällst du mir.« - -Von ihrer Liebkosung entzündet, wehrt er sich gegen ihre buhlerische -Zärtlichkeit. »Was sprichst du so zu mir, dem Fremden, und sitzest doch -an der Seite deines Ehemannes?« - -Sie hebt verächtlich ihre Achseln. »Ehemann? Richtig; das ist wohl einer -seiner Namen. Er hat noch andere. Phil und John und Will. Ich mußte ihm -alle geben, als ich mich ihm verkaufte. Mich frei von Elend und von Schande -kaufte, frei für Luxus, Glanz und Liebe.« Wie ein Schlänglein läuft -ihre rote Zungenspitze über die weißen, spitzen Zähne. »O wie ich -hungere nach Liebe!« - -Die Musikanten stimmen nach kurzer Unterbrechung wieder ihre Instrumente. -Über abgerissene Akkorde, die nur auf Tonika und Dominante stehen, hebt -sich die sentimentalisch süße Melodie. Der Tenor, ein tiefbrauner Bursche -von quecksilberner Beweglichkeit, beklagt die Launenhaftigkeit seiner -Geliebten. - - »=Dimmi, dimmi nenella mia bella - pechè staje affaciate? pechè?=« - -Er bettelt um ein gutes Wort: - - »=Quanno me dice che me vuó bene - tutte le pene me faie scordà.=« - -Die Arme zu einer Huldigung gerundet, die allen Damen dieses Kreises gilt, -lockt er sein Mädchen zum verliebten Stelldichein. Und seine ungeschulte -aber weiche Stimme tremuliert heftig in der Übertreibung seines feurigen -Gefühls. - - »=Si tu nenella mia viene comme - Uh! quanta cose t'aggio a di cantanno - Jo! quanta cose t'aggio a fai sapè.=« - -Ein Hauch von Lust fächelt die Gesellschaft, die, von der Höhenluft -erregt, sich nach reichem Mahl zu müßiggängerischem Tändeln hier -zusammenfindet. Schultern drängen sich näher aneinander, heiße Finger -streifen sich, Fußspitzen begrüßen sich in heimlicher Begegnung. - -Den Einsamen in seinem Winkel überkommt die weiche Stimmung, von der -er sich doch sagt, daß sie eine Täuschung seiner müden Sinne ist; die -Sehnsucht nach einem zweiten, dem er sein Ich verschmilzt, um es reiner und -erhöhter wieder zu empfangen. - -Von drüben fliegt der Spott wie scharfe Pfeile auf ihn zu. »Du Tor -spekulierst und grübelst: und das heiße Leben rauscht an dir vorbei. -Greif' zu! Genieße!« - -»Und meine Seele?« - -Rasch läuft das Schlänglein ihrer roten Zunge über den vorgewölbten -Mund. »Sorgst du um deine Seele? Armer Narr! So hast du das Weib der -großen Seligkeit noch nie besessen. Wie? Das Wunder, daß zwei Menschen -miteinander in dem Nichts vergehen, aus dem sie einmal herausgekommen sind, -wäre nichts als ein Gefühl der Haut? Und wo bliebe denn die Seele in dem -rätselhaften Augenblick, in dem die Körper außer sich, über sich hinaus -geraten? Ins Uferlose, Unbegrenzte, außer Zeit und Raum, ohne Anfang, -ohne Ende, nur Wonne und geniale Ahnung, wie sie Gott durchschauert haben -mögen, da er die Welt erschuf.« - -Er, innerlich gefangen, wehrt sich in den Maschen ihres Netzes. »Schlange! -Kluge! Listige! Was versuchst du mich zu lügender Erkenntnis?« - -Um die rotgrüne Musikanteninsel kräuselt eine lärmende Bewegung. -Kastagnetten begleiten den Klang von Geige, Cello, Tamburin und Mandoline. -Und indem die Italiener ihre Instrumente streichen, schütteln, zupfen, -singen sie zu gleicher Zeit und drehen sich in kecken Sprüngen. Eine wilde -Tarantella, wie sie das Volk an seinen Festen tanzt. - - »=Jammo a bedere nterra a l'arena, - mento che spanfia la luna, li - pescatore de Merglina.=« - -Der Rhythmus der jagenden Triolen reißt das Blut der Hörer mit. Die -Leiber und die Beine zucken, verlangend kehrt die Jugend sich zu der Tür -des Tanzsaals, der eben aufgeschlossen wird. Und die Tarantella rast noch -immer, und die Musikanten jubeln, schreien. - -Durch den Wirbel der Atome geht der Strom magnetisch von dem Weib mit den -rostbraunfarbigen Haaren zu dem Mann, der einsam in seinem Winkel sitzt. -Er ist wie eingehüllt in die Glut ihres Begehrens. Er erschauert unter -dem liebkosenden Getaste ihrer Finger, ihre weißen Zähne graben sich in -seinen Hals, er fühlt die Knospen ihrer jungen Brüste an den seinen, ihre -Flechten, aus ihrem Zwang gelöst und von ausspringenden Löckchen wie von -kleinen Flämmchen überflattert, begraben seinen Atem unter ihrem schweren -Duft. Sie gibt ihm die Wollust tausender im heißen Spiel der Liebe -erträumter Nächte in einem kurzen Augenblick. Die ganze Weibheit hält er -mit ihrem schlanken Leib in seinem Arm. - -Betäubt, entfestet, ohnmächtig gegen die Naturgewalt zu kämpfen, gibt er -sich ihr widerstandslos hin. - -Erobererhochmut tritt in ihre Züge, da sie seine Unterjochung fühlt. Sie -erhebt sich und entbietet ihm noch einmal ihren Willen, daß er ihn in die -Gefolgschaft ihres Kleidersaumes zwingt. - -Er zögert, beschwert von trauriger Ermattung. Der Kontakt ist -unterbrochen. Der Funke sprüht nicht zwischen den konträren Polen auf. - -In einer Sekunde des Besinnens richtet sich das unbegrabene Skelett des -gespenstischen Gedankens vor ihm auf. Die ganze Weibheit hat er in ihrem -schlanken Leib genossen. Tausende heißer Nächte haben sich ihm in einen -kurzen Augenblick gepreßt. Weil sein Gedächtnis tausend zugefallene -Pforten der Erinnerung aufgebrochen hat, um ihm vertausendfacht sein Ich zu -zeigen, wie in einem Raum mit tausend Spiegelwänden. - -Ja, er erkennt es wieder, sein ewiges Erlebnis. Stets das gleiche. Die -Flucht aus der Wüste der Askese in die Üppigkeit der Lebensgier. Und -Licht, Musik und Tanz. Und das Weib. Immer das gleiche. Der Brennpunkt -aller Illusionen. Und wenn ihr Wesen, bis zur letzten Falte ausgespäht, -keine Rätsel mehr zu bieten hat, ein Gewicht, das in die Niedrigkeit -hinunterzieht, das mißachtete Gefäß eines schal gewordenen Trunkes. - -... Wie berückend die Erscheinung in dem weißen, rosig überhauchten -Sammetgewand, in jeder Biegung von irisierenden Reflexen überrieselt. Eine -einzige mitten in der Allgemeinheit. Ein künstlerisch vollendetes Gebilde -der Sansara. - -Wie mit Ketten reißt es ihn wieder zu ihr hin. Zwischen Verlangen und -Verzicht ertrinken ihm die Sinne, nur an eine feste Vorstellung geklammert: -Dies ist die Stunde der äußersten Entscheidung. Jetzt oder niemals -durchbrichst du dein Geschick. Jetzt oder nie tritt das Göttliche in dir -die erdenschwere, schuldbeladene Materie nieder. - -Und es lichtet sich um ihn wie Morgenröte. Ihm ist, als klimme er auf -einen Gipfel, tief unter sich die bunte Sinnenwelt. - -Sieg! Triumph! Er hat den Ring der ewig gleichen Wiederkunft gesprengt. Er -kann wunschlos eingehen in Nirwana. - -Von dem inneren Kampf zerbrochen, geht er langsam zu der Ausgangstür und -faßt die Klinke. Ein Blick noch, wie ihn der Abscheidende den Erdendingen -zuwirft, bevor er sie verläßt ... - -Das Bild hat sich verändert. Die Italiener sind in den Tanzsaal -übersiedelt und locken mit dem wiegenden Dreivierteltakt eines -schmeichlerischen Wiener Walzers. Und schon naht einer, der sich vor der -Frau mit den rostbraunfarbigen Haaren tief verbeugt und dem sie die Gunst -gewährt, sie minutenlang an sich zu drücken. - -Der Mann, der bereit ist, sich von der Erbsünde zu lösen, macht eine -hastige Gebärde zu den beiden hin. Noch einmal in den Fängen seiner -Menschlichkeit. Und die Unruhe, die ihn durchrüttelt, entwurzelt in ihm -einen schrecklichen Verdacht. - -Wie, wenn ihn die Erkenntnis äffte? Wenn die Wahrheit, der den Schleier -abzureißen er sich vermaß, sich ihm nur um so undurchdringlicher -verhüllte? Und gerade dieses sein ewig wiederholtes Fatum bliebe: -zu verdammen, was er heiß ersehnt? Kraftlos vor dem Entschluß -zurückzuweichen und einem Kühneren das Glück zu überlassen, das in der -Phantasie schon sein gewesen ist? - -Der Angstschweiß bricht ihm aus. Alles wankt und schwankt um ihn herum. - -Eine leise Stimme will ihn trösten: »Es ist deine Jugend, die sich gegen -dieses letzte Opfer bäumt.« - -Er glaubt sich nicht. Er hat das Vertrauen zu sich verloren. Und sagt sich -mit wehmütiger Bitterkeit: »So werde ich die Probe machen müssen.« -Drückt die Klinke nieder. Und geht durch Nebel und Verlassenheit an den -See zurück. - -... Hinter ihm lachen die Violinen. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Auch dieser Gast verschwand. Ganz leise. In das Schweigen, das er -hinterließ, fiel ein sehr alltägliches Geräusch. - -Der Grauhaarige hatte an seinem Feuerzeug geknipst für eine seiner vielen -Zigaretten. Er steckte die Zündschnur noch einmal in Brand und half der -Nachbarin ein Kerzenende aus ihrem Reisesacke kramen. In Schlupfwinkeln von -Männertaschen wurden Wachsstreichhölzer aufgestöbert. - -In dieser unzureichenden Beleuchtung sahen wir, wie sich die Frau in -Nonnentracht erhob, die beim Instandsetzen der kahlen Kammer wacker -mitgeholfen hatte, um sich dann, als sei jede Minute Müßiggang ein Raub, -den Nadeln ihres Strickstrumpfs zuzuwenden. Jetzt legte sie die Arbeit -nieder und faltete die Hände. - -»Ach, meine lieben Schwestern und Brüder, mein Herz ist bis zum Rand -gefüllt mit Traurigkeit um euch. Wie ihr alle aneinander leidet. Wie ihr -einander weh tut und eins sich nach dem anderen doch sehnt und nach ihm -sucht und an ihm vorbeitappt in die Einsamkeit. Das kommt daher: Jeder von -euch ist zu viel mit sich selbst beschäftigt, ihr seid beständig hin und -her gerissen von Wollen und Verlangen. Ihr habt nicht mehr den Glauben. -Nein,« schnitt sie Bedenken in uns ab, noch ehe sie sich regten, »ich -will euch nicht bekehren. Nennt ihn Jehova, Jesus Christus, Gott oder -Natur. Nur daß euch eine Zuversicht gegeben ist, an die ihr euch vergeßt, -eine Frömmigkeit, an der ihr euch beruhigt.« - -Ihr klares, gütiges Organ, etwas eintönig, als seien im Gebet seine -feinen Schwingungen ertötet, aber unendlich wohltuend, gleich einer -Auflösung der vorhergegangenen Dissonanzen, schilderte das kleine Haus, in -dem sie demütig dem Herrn diente. - -Habe ich ihre Absicht recht verstanden? Und sie in meiner Wiedergabe -richtig ausgedeutet? Daß sie uns an einem Beispiel lehren wollte: das -Nichtwissen schließt die höchste Weisheit in sich ein. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Frohe Botschaft - - -Herbstnebel! Er überspinnt das ganze Dorf, umflort die Häuser, hängt -graue Tücher vor die Berge und über das Gesicht des Sees. Die Sonne müht -sich vergebens, ihn zu durchdringen, er verzehrt ihre Strahlen und frißt -ihren Schein, daß sie fahl am Himmel steht wie eine Tote. Da tun sich die -große Turmuhr und der Wind zusammen. Die Turmuhr schleudert zwei Schläge -und dann noch elf gegen die geballte graue Masse, der Wind springt -hinterher und bläst aus vollen Backen. Von obenher bohrt sich die Sonne -durch. Und Schall und Wind und Wärme reißen den Brodem auseinander. Noch -klammert er sich am Gebirge an und raucht aus den Schluchten. Aber als -der Mittag ausgeläutet wird, findet er den Himmel reinlich ausgefegt. Die -letzten grauen Fetzen, zwischen Felsen eingeklemmt, haben die Kraft nicht -mehr, sich festzuhalten. Sie verflattern zu Fahnen, lösen sich in Flocken -auf und vergehen in den Tannenwipfeln. Nichts bleibt mehr von dem Dunst -zurück als ein zarter Silberhauch, der wie ein Schleier über den sanften -Umrissen der Landschaft liegt. - -Alle Geräusche, die in dem dicken Nebel eingepackt gewesen waren, schallen -in der aufgehellten Luft. Das Gebell der Hunde, das Räderknarren, -der Schlag des Schmiedehammers und das Kreischen eines Hobels. Von dem -Gespräch, das zwei Frauen über die Straße weg miteinander führen, ist -jede Silbe zu verstehen. Und schon von weitem hört man das Schwatzen und -Gelächter der Kinder, die, nach ihrem Mittagessen, wieder zu den frommen -Schwestern gehen, um dort bewahrt zu werden, bis die Mütter aus der Arbeit -kommen. Von allen Seiten trippeln sie herbei, das Seeufer entlang, vom -oberen Dorf her durch die Wiesen, einzeln oder paarweis, ein sechsjähriges -oft schon der Schutz für jüngere Geschwister. In der entlaubten -Kastanienallee, der Kleinkinderbewahranstalt gegenüber, finden sie sich -zueinander. Sie vergnügen sich damit, die verfaulten feuchten Blätter mit -den Füßen aufzuwühlen, und um jede halbvertrocknete Kastanie, die sie im -Laub entdecken, gibt es ein Gerauf und ein Gepuff. - -Die kleinen Mädchen, gesitteter, weil sie sich schwächer fühlen als -die Buben, mahnen: »Seids stad, Buben, gehts zua, Schwester Brigitte tuat -g'wiß schon auf eis warten.« Sie laufen über die Landstraße hinweg -hinüber zu der Schule; langsam trotten die Jungen hinterdrein. - -Die Kleinkinderbewahranstalt liegt in einem alten Haus (es ist fünf -Fenster breit und trotz seiner beiden Stockwerke nur niedrig), dem man es -nicht ansieht, daß es nicht nur die Herberge der Ortskranken und Armen -ist, sondern auch das Haftlokal für Landstreicher und Trunkenbolde. Es -ist ganz in Efeu eingesponnen; eine Statue der Muttergottes, die im Giebel -thront, breitet ihre Arme wie segnend über die Blumentöpfe aus, die in -grünen Gitterbrettchen vor jedem Fenster stehen. Und wirklich blühen -unter ihrem Schutz noch ein paar leuchtend rote Nelken und Geranien. - -Einen kleinen Vorgarten, in dem die Rosenstöcke in Stroh gebunden an -der Erde liegen, haben die Kinder zu durchschreiten. Dann klinken sie -die Haustür auf, treten im Erdgeschoß in eine zur rechten Hand gelegene -große Stube und begrüßen ihre Lehrerin mit einem gemeinschaftlich -geplärrten: »Gelobt sei Jesus Christus. Küß die Hand.« - -Schwester Brigitte, ganz klein und schlank in ihrem schwarzen Kleid, der -grauen Haube, der weißen Stirnbinde um das rosige Gesicht, ist im Begriff, -dicke Decken auf den Fußboden zu breiten. Für die Allerkleinsten, die -gleich ihr Mittagsschläfchen halten sollen. Sie schilt die Kinder um -die Verspätung und um die Prügelei. Beim Schelten vertiefen sich die -Grübchen in ihren runden Wangen. - -In den Kindern ist auch keine Furcht. Die Buben streiten in den Ecken -um die erbeuteten Kastanien, die Mädel hüpfen in den engen Holzbänken -herum, und wer ein Püppchen in der Tasche hat, holt es heraus. Nur die -mütterlichsten unter ihnen helfen der Schwester die Knirpse, die jetzt -ruhen sollen, hinzulegen und zu betten. Es sind Schreihälse darunter, -Neulinge, die Heimweh haben und sich in der Fremde nicht zufrieden -geben wollen. Sie schlafen schon, als ihnen noch die Tränen über die -beschmutzten Bäckchen laufen. - -Schwester Brigitte wendet sich jetzt um (sie ist hingekniet, um ein -Dreijähriges einzuhüllen) und fragt: »Mögt ihr lieber in den Garten -gehen? Es ist heute noch so wunderschönes Wetter.« - -»In den Garten!« Es ist ein Jubelruf. Und schon stürmen sie den -weißgetünchten Flur entlang, durch die Hintertür hinaus. - -Der Garten ist eigentlich nichts als ein Stück Sandland inmitten grüner -Hecken. Neben einem Holzschuppen, in dem die Schwestern allerlei Gerät -bewahren, steht eine Linde mit bereits vergilbtem und zerzaustem Laub. Eine -Handvoll kümmerliches Gras sprießt in einer Ecke. Den Kindern ist der -Platz just um seiner Kahlheit willen lieb. Da hat's keine Angst, den -Rasen zu zertreten oder Blumen weh zu tun. Da kann man nach Herzenslust -herumtollen, Sandhaufen bauen und in der Erde graben. - -Die Großen holen ihre Schaufeln aus dem Schuppen, ihre Eimerchen und -Karren, die Kleinen gucken ihnen zu oder klettern auf die rechts und links -von einem Holztisch in den Boden eingerammten Bänke und sonnen sich wie -träge kleine Tierchen. Und alle plappern zu gleicher Zeit mit schrillen, -hellen Stimmchen, die keine Modulierung haben, nur auf einen Ton gestimmt -sind, wie das Gezirpe junger Vögel. - -Oben im zweiten Stockwerk liegt ein siecher Mann auf seinem Lager. Die -Sonnenstrahlen sind bis zu seinem Bett gesprungen. Sie tänzeln um ihn -herum. Förmlich an der Hand fassen sie ihn an und rufen: »Steh' auf, komm -mit uns. Schau, wie wundervoll die Welt ist.« - -»Wenn ich nur könnt'!« - -Mühsam richtet er sich auf. O weh! O weh! Wie schmerzt die leiseste -Bewegung. Aber die Sonnenstrahlen lassen ihn nicht los. »Komm,« rufen -sie, »steh' auf.« Langsam, mit unsicheren Händen, der Schweiß läuft -ihm dabei aus allen Poren, legt er Stück für Stück von seiner Kleidung -an. Schwer auf den Stock gestützt, schleppt er sich bis zum Fenster. Dort -fällt er auf einen Stuhl. Ein paar Augenblicke lang ist alles schwarz -vor seinen Augen. Dann aber schaut er auf. Himmel Herrgott, was für eine -Pracht! - -Es ist vielleicht, weil er wochenlang nichts über sich gesehen hat als das -schwere Federbett, und nichts um sich als die vier weißen Wände seines -engen Zimmers, daß ihm dünkt, so ein Herbsttag sei noch nie dagewesen. -Und er trägt doch an fünfzig Herbste auf dem Buckel. - -Und Farben! Der See so blau -- so blau -- wie die Enzianen auf der -Tapetzaner Wiese. Und so still bewegt wie die Brust von einem schönen -Weibsbild, wenn es liegt und schläft. Nur ganz hinten, der Klause zu, wo -zwei Segel schwimmen, licht wie ausgespreizte Möwenflügel, ist das Wasser -sanft gekräuselt. Und ringsherum die Wiesenhänge, grün und saftig wie im -Sommer, und die Wälder rot geflammt, gerade als ob Feuer aus den dunkeln -Tannen schlagen. Obenher die Berge bis hinunter weiß beschneit, für -Gletscher könnte man sie halten. Und darüber eine Luft! Es blitzt nur so -in der Luft von Freude und von Lustigkeit. - -Eine Gier, krankhafter als die nach Tabak und nach Schnaps, die man ihm -beide vorenthält, faßt den Kranken an, diese Luft zu schmecken. - -Er denkt sich: »Gehst halt hinunter« und verlacht sich gleich: »Du -Tepp, du Dalk! Grad' bis auf den Gang tät's vielleicht noch klenken. -Dann, perdautz, da liegst.« Inbrünstig betet er zu seinem Schutzpatron. -»Heiliger Josef, mach', daß eine von den Schwestern zu mir heraufkommt.« -Und weiß doch, daß sein Bittgesuch vergebens ist. Weiß, Schwester -Brigitte gibt jetzt im Garten Obacht auf die Kinder, derweil muß Schwester -Anna nach den Kleinen schauen, die im Zimmer schlafen. Schwester Maria -wäscht das Geschirr vom Mittagessen ab, und die Oberschwester Ursula -verirrt sich nur selten in die Krankenzimmer. - -Es gelingt ihm, sich an der Fensterklinke hochzuziehen und die Flügel -aufzumachen. Eine Welle durchsonnter und mit Tannenduft durchwürzter Luft -strömt zu ihm ein. Das schmeckt -- o wie das schmeckt! Wenn's ihm nur beim -tiefen Atemholen nicht so in die Lunge stechen möchte. - -Er denkt: »Könnt' ich doch im Garten in der Sonne sitzen!« Er schreit -hinunter: »Schwester Brigitte, Schwester Brigitte!« Das heißt, er -möchte schreien, aber es kommt ihm nur ganz heiser aus der Kehle. -Vielleicht steht ihm aber doch der heilige Josef bei. Oder trägt die reine -Luft so weit? Schwester Brigitte blickt herauf. Sie sieht das aschfahle, -verwüstete Gesicht, sie sieht die angstvoll bittende Gebärde. - -Sie denkt: »Jesus, Jesus, wie kommt der sterbenskranke Josef Kirschenhauer -aus dem Bett ans Fenster? Geht's vielleicht mit ihm zu Ende? Und die -Kräfte flackern im letzten Augenblick noch einmal auf? Da müßt man ihn -ja schnell versehen lassen.« - -Mit ruhigem, gelassenem Schritt, wie die Ordensregel ihn ihr vorschreibt, -steigt sie die Stiege aufwärts. Oben streckt der Josef die Arme nach ihr -aus, wie der Gläubige nach dem Bildnis des Gekreuzigten. - -»Schwester Brigitte, tut mir eine Liebe, helft mir hinunter in den -Garten.« - -Mit Festigkeit und Sanftmut redet ihm die Schwester diesen Einfall aus. - -»Das ist unmöglich, Kirschenhauer. Das schafft Ihr nicht. Und es könnt' -Euch schaden. Und denkt nur, wenn Euch was passiert, ehe ...« - -Sie spricht den Satz nicht bis zu Ende. Aber der Josef errät, woran sie -denkt, und der Atem geht ihm aus, wie wenn ihm wer aufs Herz geschlagen -hätte. Steht es so mit ihm? Aber dann erst recht ... - -»Schwester Brigitte,« fleht er sie an, und seine Augenlider zucken wie -im Krampf, »ich möcht' halt so gern hinunter. Es ist eh' vielleicht -das letzte Mal. Ich werd' auch im Himmel dafür für Euch beten, und Ihr -verdient Euch Gottes Lohn.« - -Er sagt das, weil er nichts Dringlicheres weiß, sie nimmt es völlig -ernst. Um Gotteslohn tut sie ja alles, betreut die kleinen Kinder, sorgt -für die Betrunkenen und die armseligen Pfründnersleute, wäscht und -füttert die Kranken. Und eine Fürbitte im Himmel, durch die sie näher an -Gottes Thron zu sitzen kommt, ist ihr das wertvollste Geschenk. Sie meint: -der Josef sieht auch wirklich besser aus, er hält sich wohl noch ein paar -Tage. - -»Ich schau' gerad' hinunter in den ersten Stock, ob einer von den armen -Männern daheim ist.« - -Niemand ist in den Armeleutezimmern, der Sonnenschein hat alle weggelockt. - -»Also versuchen wir's in Jesu Christi Namen.« - -Eine Plage ist's, den schweren Mann zu schleppen, den Gang entlang, über -die zwei Stiegen. So oft der Josef keuchend innehalten muß, beredet ihn -die Schwester, wieder umzukehren. Dann bettelt er, beschwört sie bei ihrer -jenseitigen Seligkeit, stellt ihr vor, wie die Himmelsfreuden durch die -Last der Erdentrübsal wachsen. - -Endlich ist er im Garten angelangt. Die Kinder werfen ihm gemeinsam ihr -plärrendes: »Gelobt sei Jesus Christus. Küß die Hand« entgegen. Dann -holen sie auf einen Wink der Schwester einen alten Sessel aus dem Schuppen -und rücken ihn unter die entlaubte Linde, mitten in die pralle Sonne. - -Seinen Willen hat der Josef durchgesetzt. Aber merkwürdig, so wärmen, wie -man es hätt' glauben sollen, tut ihn die Sonne nicht. Ein Frösteln läuft -ihm an den Gliedern hinunter. Wenn er nur besser hätte atmen können. Und -das Herz schlägt ihm wie ein Hammer an die Rippen. Er beißt die Zähne -aufeinander, über und über naß von der Anstrengung, der Schwester seinen -Zustand zu verbergen. - -Die Schwester achtet nicht auf ihn. Sie hat vollauf zu tun, die Kinder, die -während des Alleinseins ganz verwildert sind, zur Räson zu bringen. Die -Resi Leitgeb und der Karl Bastl haben sich im Spiel vergessen und -heulen jetzt aus Angst vor Strafe (Schwester Brigitte hält sehr auf -Reinlichkeit). Der Seppel Beer und der Franz Stadler sind beim Raufen -hingeschlagen und beschuldigen sich gegenseitig. Die Mirzl Holzer weint, -weil ihr bang' ist und weil ihr die Nandl Stark, um sie zu trösten, den -Mund mit einem Kipfel stopfen will. Und sie laufen alle durcheinander wie -ein Volk aufgescheuchter Hühner und reden, singen, lachen, weinen alle auf -einmal. - -Mit Gelassenheit stiftet die Schwester Ruhe, trocknet die Feuchten, trennt -die Kämpfer, beruhigt die Betrübten. Mit ihrer klaren Stimme sagt -sie dann: »Wir werden jetzt unser Krippenspiel probieren, die ›Frohe -Botschaft‹.« - -Ihre wasserblauen Augen glänzen auf, als sie das sagt. Das Spiel zu Ehren -der Geburt des Herrn. Das Krippenspiel, der Brennpunkt ihrer Wünsche und -Gedanken, der Zusammenfluß aller ihrer irdischen Genüsse. - -Andere Mädchen putzen sich, liebeln, tanzen, gehen in Theater und -Konzerte, Schwester Brigitte trichtert einfältigen Bauernkindern durch -Monate hindurch Verse ein, die ihnen unverständlich bleiben. Sie bückt -sich bei Tages- und bei Lampenlicht über die heiligen Gewänder und -überlegt: Ist das Kleid der Gottesmutter nicht schon ausgeblaßt? -Sollte man's nicht lieber wenden? Und verlangt der Josefsmantel nicht -ein haltbareres Futter? Sie frischt die Königsunterkleider auf. Das -scharlachrote des Kaspar kriegt blanke Borten, das weiße, das dem -Melchior gehört, muß neue Flittern und Fransen haben. Der grüne Leibrock -Balthasars ist gar auf der Brust zerrissen. Das Einsetzen der Flicken -muß man sehr eigen machen, daß die Nähte nicht zu merken sind. Und die -Flügel von den Engeln -- so ordentlich hat sie sie im vergangenen Jahr -doch eingepackt --, ganz grau sind sie geworden. Fleckwasser gehört darauf -und Kreide. Und sie wäscht die Wämser von den Hirten aus, bürstet an den -Mänteln der Trabanten. Und klopft und nagelt an den einfachen Kulissen, -vergoldet den Stern, den Wegweiser nach Bethlehem, klebt frische Pappe auf -den Stein, des Jesuskindleins hartes Lager. - -Das schönste dann -- die stillen Sonntagnachmittage! - -Im gemeinschaftlichen Wohnzimmer, dicht an dem weißen Vorhang, der zwei -enge klösterliche Betten deckt, steht das Harmonium. Die Oberschwester -setzt sich vor die Tasten, Schwester Brigitte stellt ihr Notenpult daneben -auf, nimmt ihre Violine. Sie üben miteinander das Vorspiel und die -Begleitung zu der Verkündigung der Engel. Ein himmlisches Konzert ist es -Brigitte. Während ihre arbeitsharte Hand den Bogen führt, spricht die -Seele: »Das tu' ich dir, Herr Jesus.« Ihr Herz -- es weiß, es sündigt, -ihm ziemt Demut und Entsagung -- ihr Herz schwillt und pocht vor Ungeduld. -Daß er schon da wäre, der große, große Augenblick. Und sie erlebt ihn -im vornhinein, im Geiste ... - -Im Saal vom Löwengasthof sind alle Flammen des Lusters angesteckt. -Öllampen hängen zwischen Tannenkränzen und Büscheln roter Beeren an -den Wänden. In einer Ecke trägt ein Riesentannenbaum das Licht von vielen -bunten Kerzen auf den ausgestreckten Zweigen. Und es riecht nach Wachs, -nach Kiefernadeln und ein wenig nach dem Weihrauch aus dem Kessel König -Balthasars. Und die Gäste sitzen auf den aufgereihten Stühlen. Ganz vorn -Schwester Angelika, die Abgesandte aus dem Mutterhaus des Ordens. -Daneben Seine Ehrwürden der Herr Pfarrer und der Kurat. Hinter ihnen die -Ortshonoratioren und die Zugereisten. Aus allen Ortschaften rings um -den See, von den landeinwärts gelegenen Gehöften, aus der Stadt sogar. -Zuletzt die Bauern mit Angehörigen und Freunden. Die Mütter heben ihre -Kleinsten hoch, damit sie größer sind und besser gucken können. Und die -Dirndl und die Burschen drängen sich im Hintergrund. Es geht ein Summen -und ein Raunen durch die Menge. Ab und zu kreischt ein von Ehrfurcht -schnell ersticktes Lachen auf. - -Und nun öffnet sich der Vorhang, das fromme Spiel beginnt. In diesem -Augenblick sind es für Schwester Brigitte nicht mehr einfältige -Bauernkinder, die in unverstandenen Versen, die sie ihnen durch Monate -hindurch mühselig eingetrichtert hat, die heilige Familie spielen. Es sind -ihr die Personen selbst. Die unbefleckte Jungfrau, Josef, ihr Gemahl, -die Könige aus dem Morgenland, die Hirten, die Trabanten. Alle wandeln -leibhaftig vor ihr auf der Erde, und was geschieht, ist Wirklichkeit. - -Das Harmonium setzt mit dunkeln Akkorden ein, leise spielt die Violine. Der -Gesang erhebt sich. Engel sind aus den himmlischen Gefilden abgestiegen. -Sie künden das erhabene Geheimnis: Christus ist der Welt geboren. -Das Gotteslamm, der süße, unschuldige Jesusknabe, das Gefäß aller -Schmerzen, der Born aller Seligkeit. Der Heiland, dem sich in Liebe zu -ergeben unsagbare Wonne ist. Während Schwester Brigittes arbeitsharte Hand -den Bogen führt, vergeht sie innerlich in anbetender Sehnsucht. Fromme -Schauer laufen über ihren Leib, aus ihren Augen stürzen Tränen. Könnte -sie ihn doch umfangen, den Himmelsbräutigam, den Mund auf seine Wundenmale -drücken und in ihm vergehen. - -Ein Abglanz dieser vorgefühlten Wonne verklärt auch jetzt Schwester -Brigittens Mienen, während sie die Vorbereitungen zum Probespiel der -»Frohen Botschaft« trifft. - -Sie verteilt die Kinder. »Die, wo mittun, treten auf die rechte Seite. Ihr -anderen geht an den Tisch und spielt. Und ich bitt' mir aus, daß eine Ruh' -ist.« - -Sie setzt an Stelle des Steins, auf den die todmüde Maria niedersinken -soll, eine Fußbank und winkt dem Nannerl Stark, das die Maria spielt. - -Das Nannerl, siebenjährig, flachsblond und untersetzt, bohrt verlegen in -der Nase. »Na, Nannerl,« ermahnt die Schwester, »fang' doch an.« Und -sie sagt ihr leise ein: »Wie bin ich so erschöpft und matt ...« - -Das Nannerl muß erst noch ein paarmal schlucken, dann fängt es an. Das -Hochdeutsch klingt in seinem Mund wie eine fremde Sprache, es dehnt die -Silben und gibt jeder gleichen Wert. Seine Mimik besteht darin, bald -den rechten, bald den linken Arm automatisch auf die Brust zu legen und -seitlich wieder auszustrecken. - - »Wie bin ich so er--schöpft und matt - Vohn uhn--srem Gan--ge in die Stadt. - (Armbewegung nach der rechten Seite.) - Wie sehnt sich Leib und See--le nuhn, - Einmal ein biß--chen aus--zu--ruhn. - (Armbewegung nach der linken Seite.) - - * * * * * - -Der Josef Kirschenhauer fährt in die Höhe. Ihn friert. Im Halbschlaf -tastet er um sich. Die Tuchent ist ihm sicher weggerutscht. Er murmelt: -»Zenzel, hörst, ich glaub', ich muß davon -- es wird schon Tag.« Als er -die Augen aufschlägt, ist er ganz verwirrt. Gerad' war er noch im Kammerl -bei seinem Schatz. Und jetzt ... er kennt sich nicht gleich aus. Erst nach -und nach ... - -Ach so! Er sitzt ja im Armenhaus, im Garten, ein schwacher, kranker Mann. -Das heißt: schwach ist er wohl, kaum, daß er sich noch auf dem Sessel -halten kann. Aber krank? Nein, krank ist er nimmer. Weg sind die Schmerzen -und die Stiche. Nur so komisch leicht ist ihm im Kopf, wie wenn man ihm das -Hirn herausgenommen hätt'. Er muß sich ordentlich besinnen: »Wie bin ich -denn dahergekommen?« - -Richtig, richtig. Er lacht. Ein hilfloses, verschlucktes Lachen. Das muß -man sagen. Sakrisch ist er in die Höh' gekommen, in dem Haus. Zuerst war -er zu ebener Erde einlogiert, auf einer Holzpritsche, Brot und Wasser neben -sich. Damals in der Nacht. Der Mordsrausch! Und hat er nicht im Gemeindeamt -die Fenster eingeschlagen? Und da hat man ihn halt eingeführt. Er will -wieder lachen, aber es zuckt ihm dabei um die Augen wie ein Krampf. Der -Josef Kirschenhauer. Der lustigste und frischlebigste Bursch im ganzen -Dorf. Mit seinem mud'lsaubern Schatz, der Zenzi. Freilich arm wie die -Kirchenmäuse alle zwei. Er ein Holzknecht und sie die Sennerin auf der -Gruberalm. Wie erst das Kind gekommen ist, haben sie sich beide arg hart -getan. - -Der Josef greift sich an die Stirn. Ganz schwindlig ist ihm von dem vielen -Denken. Und die Zunge trocknet ihm im Gaumen. - -»Gelt, Baberl,« sagt er zu einem kleinen Mädel, das dasteht, glotzt und -an ihrem Daumen lutscht, »gelt, Baberl, du gehst mir um a Wasser?« - -Die Kleine nimmt den Finger aus dem Mund. - -»I heiß nicht Babi, i heiß Resi.« - -Nicht Babi? Dem Josef ist doch gerad' gewesen, wie wenn sein Töchterl vor -ihm steht, die Babi. Akkurat so blonde Lockerl hat's gehabt, und akkurat so -hat's geglotzt damals beim Abschied, wie er nach Bayern gegangen ist, um -zu verdienen. »Heul' nicht aso,« hat er der Zenz gesagt, »ich komm bald -wieder.« Und war dann zwanzig Jahre weggeblieben. - -Das waren Zeiten. Bis nach der Türkei hinunter hat's ihn getrieben. -War ein Geld da, hat er mal etwas der Zenz geschickt, hat's ein andermal -vertrunken und verjuxt. War kein Geld da, hat er gehungert und gefroren. -Und hat vom Wanderleben doch nicht lassen können. - -Der Durst -- der Durst. Und die Resi kommt nicht mit dem Wasser. Der Josef -beugt sich vor, er ruft: »Schwester Brigitte, Schwester Brigitte.« - -Die Schwester überhört den Ruf, sie ist ganz vertieft in ihre Probe. -Nein, über diese Buben. Wissen doch, jetzt kommt die Szene, wo sie als -Hirten um ein Feuer sitzen sollen und sich was erzählen. Aus den Ecken -muß sie sie zusammenklauben. Und wie sie ausschauen. - -»Putz dir die Nase, Franzl.« - -»Mathias, hast dir schon wieder nicht die Hosen richtig zugeknöpft!« - -Endlich hat sie sie beisammen. Sie hocken an der Erde, jeder seinen -Hirtenstab zur Seite, wärmen ihre Hände an der Fußbank, die ihnen jetzt -als Reisigfeuer dient, und stieren schweigend vor sich hin. - -Himmlischer Vater, wird das am Heiligabend auch so werden? - -Die Schwester stößt den Franzl an. »Ah! heunt is's aba ...« - -Wie aus einem Uhrwerk, das man aufzieht, schnarrt es aus dem Franz heraus: - - »Ah! heunt is's aba orndli frisch, - I bin schon kalt, als wiar a Fisch. - Is das a Kälten! -- es is a Graus, - Ma halt's schon warli nima aus« - -und schnappt dann ab. - -Es gibt eine Pause. - -»Mathias, jetzt bist du dran,« drängt die Schwester. »So sitz di -halt ...« - -»So sitz di halt a zum Feuer her,« schreit plötzlich der Mathias. -»Schau, mi' friert jetzt gar nimmermehr.« - -Wieder gibt es eine Pause. Der Hansel muß sehr ermuntert werden, ehe er -stockend flüstert: - - »Dafür ist der Himmel so hell und klar - I woas koan Nacht, daß amal so war.« - -Der Nazel dagegen leiert seinen Vers so hastig, daß die Silben -durcheinander purzeln. - - »Ja -- dö Stern göb'n heunt an bsundan Schein, - Und schaun ganz eigen lusti drein.« - -Mühsam, mit vielen Aufenthalten, schleppt sich das Gespräch der Hirten -weiter. Über die Bedrückungen der Römer, und wie alles sehnsüchtig -auf den Messias hoffe. Bis Michel, holterdipolter (wie einen mit Steinen -beladenen Karren schiebt er seine lange Rede vor sich hin) von dem frommen -Mann erzählt und von der zarten, wunderlieben Frau, die, Herberge suchend, -auf die Straße hinausgestoßen wurden. - - »Und so Leut', dö dö Fremden und dö Arman, - Fortjag'n und sich gar nöt dabarman -- - Dö stat an Herzen hab'n nur a Bröt -- - Dö mag a unser Herrgott nöt. - Und d'rum, toats mas nöt übelnehma, - Drum mag da Messias a nöt kema!« - -»... Ja, ja,« murmelte der Josef für sich hin. In seinem Kopf vermischt -sich Spiel und Wirklichkeit. »Ja, ja.« - -So hat er auch dahergesessen mit seinen Kameraden, oft ganze Nächte durch, -und hat sich mit ihnen was erzählt. Manch einer war darunter, der an Gott -und Teufel nicht geglaubt und an den Pfaffen kein gutes Haar gelassen hat. -Und wenn die Rede auf die Weibsleute gekommen ist, da hat der Josef auch -sein Stück bestanden. Stark und gesund ist er damals gewesen. Bis dann in -Kroatien, wie sie den großen Wald geschlagen haben, das Unglück über ihn -gekommen ist. Gerad' neben ihm und halb auf ihn die Eiche. Ein Wunder, daß -sie ihn nicht gleich totgeschlagen hat. Und dann drei Monate im Spital, und -aus dem Spital heraus per Schub nach Haus. Ojemine! _Das_ Heimkommen! Die -Zenzi, ein vergrämtes Weib, das Weib von einem anderen, das Baberl in der -Stadt in Dienst, die alten Freunde tot oder kalt und fremd geworden. No -ja, wer kennt auch gern so einen, wie der Josef jetzt ist, ein Fallot, reif -fürs Armenhaus, eine Last für die Gemeinde. Und hätt' sich noch bedanken -sollen für die Wohltat. Mit noch drei Krüppeln in einem engen Kammerl -sitzen, mit dreißig Kreuzer täglich ausgehalten. Und jetzt, seit es gar -so schlecht mit ihm geworden ist, sogar wie eine Herrschaft ganz allein -im zweiten Stock, in einem Krankenbett. Allein -- Tag und Nacht allein mit -seinen Schmerzen. Oje! Oje! - -In das verworrene Gedenken, aus dem sein ganzes Leben schattenhaft an ihm -vorüberhuscht, zuckt wie ein greller Blitz die Erinnerung an das Wort der -Schwester: »Wenn Euch was passiert -- ehe ...« - -Die Schultern hochgezogen, die Arme an die Brust gepreßt, krümmt sich der -Josef. Unwillkürlich rückt er aus dem Schatten, der schon einen Teil des -Gartens deckt, in die Sonne, die bereits langsam ihre Kraft verliert, -als könne er damit aus dem Todesschatten in das Sonnenlicht des Lebens -flüchten. - -Zu Ende? Aus? Für immer aus? Und nachher ...? - -Er ächzt, er biegt sich in großen Qualen hin und her. Er ruft: -»Schwester Brigitte, Schwester Brigitte!« - -Schwester Brigitte ist ins Haus gegangen. Sie holt die Violine und stimmt -sie erst, bevor sie wiederkommt. - -Der Josef hat früher oft über das Nachher nachgedacht. In den Nächten, -wenn er unter einem Baum gelegen ist, auf einem Kopfpolster von Moos. - -Ganz still ist es dann nach und nach um ihn geworden. Und doch lebendig. -Gerad' wie wenn die Natur atmen tät und aus dem Traum heraus ganz leise -reden. Wenn dann der Mond aufgegangen ist, hat sich der Baum mit seiner -Krone und mit seinen Ästen über ihm gewölbt, wie das Dach von einer -Kirche, die aus Silberfiligran gesponnen ist. Und die Sterne haben wie -goldene Augen durchgeschaut. Und wenn auch kein Mondschein war, ganz -finster ist es nie geworden. Immer ist so ein unbestimmtes Licht von -irgendwo gekommen. Bis ein leichter Wind aufgestanden ist und hat den Wald -geweckt. Ganz verschlafen hat es dann gezirpt, gehuscht, getuschelt. Und -immer lichter ist es in der Luft geworden, bis auf einmal der Himmel ganz -in Flammen war. Wie ein rotglühender Ballon ist die Sonne aufgestiegen, -und es ist ein Jubilieren angegangen um sie herum. So, hat der Josef sich -gedacht, mag's an dem Tag gewesen sein, wo Gott die Welt vollendet hat. Ihm -war dann gewesen, wie wenn er das Zwitschern, Fliegen, Wehen um sich -her verstehen könnt', wie wenn er auch nichts anderes wär' wie ein -Eichkatzel, ein Specht, ein Buchenblatt. Ganz fromm ist ihm zumut gewesen. -Er wär' am liebsten hingekniet und hätt' gebetet: »Herr Gott, ich danke -dir. Ich bin aus dir herausgekommen; wenn meine Zeit da ist, werd' ich -getrost wiederum in dich hinübergehen.« - -Ja, dazumal, als ein Gesunder, der noch lang' zu leben hat. Jetzt aber ... -in der Bangigkeit der letzten Stunde verläßt ihn seine Zuversicht. Ein -Schrecken würgt ihn -- wie wird es ihm ergehen? Gibt es vielleicht doch -Fegfeuer und Hölle -- wird er seine Sünden büßen müssen? Das Fieber -beutelt ihn, jedes Haar sträubt sich auf seinem Schädel, seine Zähne -schlagen aufeinander. Krampfhaft preßt er die Finger ineinander: - -»Vater unser, der du bist im Himmel, vergib uns unsere Schuld.« Und -immerfort dasselbe: »Vergib uns unsere Schuld.« Immer schneller. Wie -ein Feuerrad dreht sich ihm der Satz im Hirn herum. Er bäumt sich auf, er -fuchtelt mit den Armen in der Luft ... - - * * * - -Schwester Brigitte führt den Bogen sacht. Um die Kathi Leitgeb nicht zu -übertönen, die schüchtern, in jedem Ton das Pochen ihrer Kinderangst, -die Verkündigung des Engels singt: - - »Hirten! Wachet auf! - Hirten! Wachet auf! - Eilt hinunter in das Tal, - Und dann schauet in den Stall; - Denn geboren ward - Dort ein Kindlein zart, - Das von Adams Sündenfall - Euch erlöset all.« - -Aus rauhen Kehlen, aber mit dem Zauber, der in dem Klang von unschuldigen -Stimmen liegt, antwortet der Chor der Cherubim: - - »Ehre sei Gott in der Höhe! - Lieblicher Friede - Sei aller Welt!« - -... Des Josefs Hände lösen sich. Sein Mund beruhigt sich in einem weichen -Lächeln. - -Der Baum ... er liegt darunter ... die Krone wölbt sich wie das Dach von -einer Kirche ... die Sterne schaun mit goldenen Augen durch. Ganz deutlich -kann er nicht verstehen, was die Vögel in den Zweigen singen, er fühlt -nur, wie etwas unsagbar Lindes, Tröstliches in die Bedrängnis seines -Wesens fällt ... - - * * * - -Schwester Brigitte steht versonnen. Der letzte Violinenton verzittert auf -den Saiten. - -Da zupft sie etwas. - -»... Ja? ...« - -»Schwester Brigitte,« sagt die kleine Resi, »komm, dem fremden Mann ist -schlecht.« - -Jesus, der Kirschenhauer! Den hat die Schwester ganz vergessen. Längst -müßte er oben sein. Es ist schon viel zu kalt für einen Kranken. Sie -geht hinüber. - -Der Josef Kirschenhauer lehnt auf seinem Sessel. Ganz klein ist er -geworden. Der Kopf ist ihm auf die Brust gesunken. Verklärung liegt auf -seinen Zügen. - -Mit der frohen Botschaft in den Ohren ist er eingeschlafen. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Die Nacht fing an sich zu entfinstern. Eine graue Dämmerung überkroch -den Horizont. Im Hause kreischte eine Angel. Die Magd mochte in den Stall -gegangen sein. Uns fröstelte. - -Ohne Verabredung, als wir die Schwelle unserer Nachtherberge überschritten -hatten, wechselten wir, wie zu unausgesprochenem Gelöbnis, einen -Händedruck. Dann traten wir den Rückweg an. Ein jeder in seine unbekannte -Zukunft. - -[Illustration: Decoration] - - - - -Verlag von Paul List in Leipzig - -Demnächst erscheint: - - -Lena Christ - -Bauern - -Bayerische Geschichten - -Geheftet ca. M. 5.50, gebunden ca. M. 7.50 - -Unerschöpflichkeit der Kraft und Urwüchsigkeit, seltene Vielseitigkeit -des Schauens und Schilderns, heiliger Ernst und lachender Humor sind Lena -Christ wie wenigen eigen. Ihr neuestes Werk »Bauern« zeigt sie in -der Fülle ihrer Gestaltungskraft, aus der heraus ihr das zarteste -Stimmungsbild wie der derbste Schwank zu gleichen Meisterstücken geraten. -Das Buch gehört zum Besten, was über Bauern und Volkstum geschrieben -worden ist. - -Mit mehrfarbigem Umschlagbild - - -Verlag von Paul List in Leipzig - - - - -Verlag von Paul List in Leipzig - -Ferner im Erscheinen: - - -H. von Mühlau - -Das Glück nach der Liebe - -Roman - -Geheftet ca. M. 7.--, gebunden ca. M. 9.-- - -Ein Erziehungs- und Entwicklungsroman, ein Werk von kulturgeschichtlicher -Bedeutung. Es behandelt das heute im Vordergrund des Interesses stehende -Problem des Hineinwachsens der Frau in ihre gegenwärtig so gänzlich -veränderte soziale Stellung. In eigenartig fesselnder Weise gestaltet die -Dichterin ihren Stoff und wird so zur Künderin unserer Zeit. - -Mit mehrfarbigem Umschlagbild - - -Verlag von Paul List in Leipzig - - - - -Verlag von Paul List in Leipzig - -Ferner im Erscheinen: - - -E. Bonn - -Die Mündung - -Roman - -Geheftet ca. M. 7.50, gebunden ca. M. 10.-- - - -Robert Kohlrausch - -Das große Geheimnis - -Roman - -Geheftet ca. M. 5.50, gebunden ca. M. 7.50 - - -Mit mehrfarbigen Umschlagbildern - - -Verlag von Paul List in Leipzig - - - - -Von - -Auguste Hauschner - -erschienen früher: - - -Romane - -Abschied -- Lehrgeld -- Kunst -- Zwischen den Zeiten -- Die Familie -Lowositz -- Rudolf und Camilla (2. Teil der »Familie Lowositz«) -- Die -große Pantomime -- Die Siedelung -- Der Tod des Löwen - - -Novellen - -=Dr.= Ferenczy -- Die Unterseele -- Daatzes Hochzeit - - -Dialoge - -Frauen unter sich (Zwölf Gespräche) - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - Seite 2: - "verklammte" geändert in "verklemmte" - (verklemmte Türen aufzureißen) - - Seite 72: - "," eingefügt - (die Schwelle des Gartenhäuschens rollte, trat er) ] - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Nachtgespräche, by Auguste Hauschner - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACHTGESPRÄCHE *** - -***** This file should be named 63440-0.txt or 63440-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/4/4/63440/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose -such as creation of derivative works, reports, performances and -research. They may be modified and printed and given away--you may do -practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy -all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. -If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project -Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the -terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or -entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement -and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic -works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" -or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project -Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the -collection are in the public domain in the United States. If an -individual work is in the public domain in the United States and you are -located in the United States, we do not claim a right to prevent you from -copying, distributing, performing, displaying or creating derivative -works based on the work as long as all references to Project Gutenberg -are removed. Of course, we hope that you will support the Project -Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by -freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of -this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with -the work. You can easily comply with the terms of this agreement by -keeping this work in the same format with its attached full Project -Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in -a constant state of change. If you are outside the United States, check -the laws of your country in addition to the terms of this agreement -before downloading, copying, displaying, performing, distributing or -creating derivative works based on this work or any other Project -Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning -the copyright status of any work in any country outside the United -States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate -access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently -whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the -phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project -Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, -copied or distributed: - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived -from the public domain (does not contain a notice indicating that it is -posted with permission of the copyright holder), the work can be copied -and distributed to anyone in the United States without paying any fees -or charges. If you are redistributing or providing access to a work -with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the -work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 -through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the -Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or -1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional -terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked -to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the -permission of the copyright holder found at the beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any -word processing or hypertext form. However, if you provide access to or -distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than -"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version -posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), -you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a -copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon -request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other -form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm -License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided -that - -- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is - owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he - has agreed to donate royalties under this paragraph to the - Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments - must be paid within 60 days following each date on which you - prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax - returns. Royalty payments should be clearly marked as such and - sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the - address specified in Section 4, "Information about donations to - the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." - -- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or - destroy all copies of the works possessed in a physical medium - and discontinue all use of and all access to other copies of - Project Gutenberg-tm works. - -- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any - money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days - of receipt of the work. - -- You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm -electronic work or group of works on different terms than are set -forth in this agreement, you must obtain permission in writing from -both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael -Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the -Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -public domain works in creating the Project Gutenberg-tm -collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic -works, and the medium on which they may be stored, may contain -"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or -corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual -property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a -computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by -your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium with -your written explanation. The person or entity that provided you with -the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a -refund. If you received the work electronically, the person or entity -providing it to you may choose to give you a second opportunity to -receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy -is also defective, you may demand a refund in writing without further -opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER -WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO -WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. -If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the -law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be -interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by -the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any -provision of this agreement shall not void the remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/63440-0.zip b/old/63440-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 9297910..0000000 --- a/old/63440-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/63440-h.zip b/old/63440-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index e592b8f..0000000 --- a/old/63440-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/63440-h/63440-h.htm b/old/63440-h/63440-h.htm deleted file mode 100644 index bf2e928..0000000 --- a/old/63440-h/63440-h.htm +++ /dev/null @@ -1,6824 +0,0 @@ - - -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> - -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - -<head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=UTF-8" /> -<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - -<title>The Project Gutenberg eBook of -Nachtgespräche -by -Auguste Hauschner</title> - -<link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> -<style type="text/css"> - -body {margin-left: 10%; margin-right: 10%;} - -h1 {font-size: 250%; text-align: center; font-weight: normal; margin-top: 1em; line-height: 1.5; page-break-before: avoid;} -h2 {font-size: 150%; text-align: center; font-weight: normal; margin-top: 4em; margin-bottom: 1em; line-height: 1.5; page-break-before: always;} - -p {text-indent: 1em; text-align: justify; margin-top: 0.75em; margin-bottom: 0.75em; vertical-align: bottom; line-height: normal;} - -hr {width: 100%; margin-top: 1.5em; margin-bottom: 1.5em; page-break-before: avoid;} -img {padding: 0; border: 0;} - -.ce {text-align: center; text-indent: 0;} -.ci {margin-left: 5%; margin-right: 5%; text-indent:0;} -.ge {font-style: normal; letter-spacing: .12em; padding-left: .12em;} -.in0 {text-indent: 0;} -.nd {text-decoration: none;} -.pb {page-break-before: always;} -.lh1 {line-height: 1.3;} -.lh2 {line-height: 2;} - -.fsl {font-size: 125%;} -.fsxl {font-size: 150%;} -.fss {font-size: 85%;} - -.mb1 {margin-bottom: 1.3em;} - -.mt2 {margin-top: 2em;} -.mt4 {margin-top: 4em;} - -table {margin-left: auto; margin-right: auto; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em;} -.tdl {text-align: left; vertical-align: top; padding-left: 1em; text-indent: -1em;} - -a[title].pagenum {position: absolute; right:3%;} - -a[title].pagenum:after { - content: attr(title); - border: 1px solid silver; - display: inline; - font-size: x-small; - text-align: right; - color: #808080; - background-color: inherit; - font-style: normal; - padding: 1px 4px 1px 4px; - font-variant: normal; - font-weight: normal; - text-decoration: none; - text-indent: 0; - letter-spacing: 0; -} - -</style> -</head> - - -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Nachtgespräche, by Auguste Hauschner - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Nachtgespräche - -Author: Auguste Hauschner - -Release Date: October 12, 2020 [EBook #63440] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACHTGESPRÄCHE *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - - - - - -</pre> - - - -<p class="pb ce lh1 fsl">Die<br /> -Bücherlese</p> - - -<h1>Nachtgespräche</h1> - -<p class="ce lh2"><span class="fsl">von</span><br /> -<span class="fsxl ge">A. Hauschner</span></p> - -<p class="ce mt4 fsl">Verlag Paul List – Leipzig</p> - - -<p class="ce"><span class="ge">Alle Rechte vorbehalten</span><br /> -<i>Copyright 1919 by Paul List, Leipzig</i></p> - -<p class="ce mt2 fss">Druck von Grimme & Trömel in Leipzig</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a> -Nachtgespräche</h2> - - -<p>Ich erlebte es auf einer Reise von Berlin nach -Wien. Der graue Tag war vorzeitig in die Nacht -hineingeglitten. Die Lampen in den Abteilen waren -noch nicht angesteckt. Nur aus den Kronen der verschneiten -Bäume, die rechts und links den Zug umsäumten, -fiel durch die trüben Scheiben ein unsicheres -Licht. Die Menschen saßen wie in Käfige -gepfercht, ohne Rücksicht auf die Vorrechte, die sie -ihrem Fahrschein dankten. Neben der Dame der -Soldat, Körper an Körper Herr und Bauer. Zwischen -den Bänken, auf den Gängen drängte sich die -Menge in unerwünschter wahlloser Gemeinsamkeit. -Keuchend, schnaubend, als schnappe sie nach Atem, -schleppte eben die Maschine ihre schwere Fracht über -<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a> -eine kleine Steigung. Oben angelangt, wollte sie -die Fahrtgeschwindigkeit erhöhen, als sie sich mit -einem Ruck, unter dem die ganze Wagengliederung -sich bäumte, aufklirrend nach rückwärts warf. Grell -schrie sie auf. Gleich einem Blutstrom spie sie Rauch -und Funken. Ein Zittern lief durch ihre Flanken. -Sie stand still. Eine gewissermaßen gefrorene Bewegung -bekundete sich in der eingekeilten Menschenmasse. -Aller Wahrscheinlichkeit entgegen gelang es -einigen geschickten Händen, verklemmte Türen aufzureißen. -Wer konnte, kletterte hinunter, von oben -wurden Fragen in die Dunkelheit geworfen. Die -Unruhe hatte ihren Höhepunkt erreicht, als die Beamten -kamen, Aufklärung verbreitend: Fahrtunterbrechung. -Vor der nächsten Haltestelle ist ein Zug -entgleist.</p> - -<p>Aufschwirrende Gerüchte von Beschädigung des -Bahnkörpers, Aufreißen der Schienen, begegneten -dem gleichen Achselzucken wie die Wißbegierde nach -der Dauer des unfreiwilligen Aufenthalts. Immerhin -mußte die Mitteilung zu denken geben: es stehe -jedem frei, auszusteigen und im nächsten Dorf ein -Obdach aufzusuchen oder sich in seinem Abteil einzurichten. -Der Zug werde auf ein totes Gleis verschoben, -wo ihn weder Störung noch Gefahr bedrohte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -Ich schloß mich einer kleinen Anzahl Mitreisender -an, die einem schlechten Nachtquartier den Vorzug -stundenlanger Gefangenschaft in Mißgeruch und -dichter Menschennähe gaben.</p> - -<p>Wir standen, ein Häuflein schwarzer Punkte, auf -dem hartgefrorenen Bahnsteigboden. Soweit das -Auge reichte, keine Anhäufung von Lichtern kräftig -genug, um das Dasein eines Dorfes zu verraten. -Nur hier und da gegen das Massiv der Nacht ein -Aufblinken, als ob ein Glühwürmchen vorüberflöge. -Wir schlugen aufs Geratewohl einen nach rechts -abbiegenden Feldweg ein. Wortkarg marschierten -wir, die erstarrten Finger von der Last des Handgepäcks -zerschnitten.</p> - -<p>»Haus in Sicht!« meldete die Vorhut. Klein, -unscheinbar, der Giebel saß auf dem Erdgeschoß wie -eine zu weite Mütze. Das Geräusch herannahender -Schritte reizte den im Inneren des Gehöfts frei -umherlaufenden Hund zu einer wütenden Begrüßung. -Im weiten Umkreis stimmten ihm die Brüder zu. -Inmitten eines mißtönigen Bellkonzerts begannen -die Verhandlungen mit dem Besitzer, der, unwirsch, -eine Bildsäule der Gastfeindschaft, den Eingang mit -seinem breiten Rücken sperrte. Er mochte die Zahl -der Brotschnitten berechnen, die zu beschaffen wären, -um so vielen Eßwerkzeugen zu genügen. Erst die -<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -Versicherung, es gehe uns vor allem um ein Feuer, -den erstarrten Leichnam aufzutauen, zerbrach den -langsam ausgehöhlten Widerstand. Das Fremdenzimmer -wurde aufgeschlossen, der Bauch des Kachelofens -mit einem Armvoll Holzscheiter gespeist, durch -kleine elektrische Laternen, den Taschen einiger der -Reisenden entnommen, das Dunkel notdürftig aufgehellt.</p> - -<p>Unter dem Bann des einander Fremdseins sprachen -wir wenig während unserer emsigen Geschäftigkeit. -Erst als der Tisch, in das mittlerweile angewärmte -Klima der Ofenbank gerückt und bestellt mit -freiwilligen Gaben, einen anheimelnden Anblick bot, -bemächtigte sich unserer, die wir uns um ihn gesellten, -trotz der Verschiedenheit der Elemente, das -Gefühl einer Verbundenheit. Wir vertieften es, indem -wir uns gelobten: keiner soll den Namen des -anderen befragen. Der Zufallswind hat uns hereingeweht, -wir können in diesem Dämmerlicht kaum -unsere Züge unterscheiden. Laßt uns auch nicht -wissen, wer wir sind und wie wir heißen. Entfliehen -wir für eine Nacht der Wirklichkeit.</p> - -<p>So, gleichsam unter Schutz von Masken, kam uns -Sicherheit und Wunsch, etwas von uns auszusagen. -Selbsterlebtes? Selbsterdachtes? Wer vermochte zu -ergründen, ob sich Bekenntnisse verbargen unter den -<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -Erzählungen, mit denen wir die Stunden der Gefangenschaft -verkürzten?</p> - -<p>Für mich war diese Nacht die bunteste, erkenntnisreichste -meines Lebens. In der Gesellschaft von -Fremdlingen, in einem unbekannten Hause habe ich -sie verwacht. Ich konnte zwischen Tagesende und -dem Anbruch eines neuen Morgens, wie durch offene -Fenster, in die Seelen von Menschen verschiedener -Stände, Weltanschauungen und Religionen blicken -und sie auf dem Wege einer inneren Erschütterung -begleiten. Den Aufzeichnungen, die sich mein Gedächtnis -machte, habe ich in den nächsten Wochen aus -der Erinnerung, Form und Zusammenhang gegeben. -So ist dieses Buch entstanden.</p> - -<p>Wir bestimmten, als Pfadfinder gewissermaßen, -einen Vierschrötigen mit nachlässiger Haltung. Er -sagte lächelnd:</p> - -<p>»Ja wissens, ich bin halt ein Deutschböhme, ein -Prager. Da hat man sich sein Lebtag mit seinen -lieben Mitbürgern von der anderen Nationalität -herumgerauft. Da ist beständig Unfrieden gewesen, -und es ist immer allerhand passiert. Ich -hab's satt gekriegt und bin davon ins Reich. Aber -ich will Ihnen was erzählen, das hab' ich selbst -noch miterlebt, ehe ich auf immer weg bin aus -meiner Vaterstadt.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -Er strich den blonden Vollbart behaglich auseinander -und schlug ein Blatt aus der Geschichte -seines Landes vor uns auf.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -Panik</h2> - -<p class="ce fsl mb1">Eine Prager Geschichte</p> - - -<p><a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -Sie gingen ihrer dreißig aus der Ortschaft Motice -heraus, dem Bahnhof zu. Voran die Männer mit -dem Vinzenz Zastoupil als Führer. Hinter ihnen, -in regellosen Reihen, die Weiber, von denen einige -das Brustkind in den Armen trugen. Dann kamen -die jungen Mädel, in ihre Liebsten eingehängt. Und -ganz zuletzt kam noch die alte Babi Skoupek, die sich -auf Stöcken mühsam fortbewegte. Sie gingen durch -die winterlichen Felder, unter den beschneiten Bäumen, -deren Zweige sich im Nachtwind ächzend hin und her -bewegten und ihnen feuchte Flocken in den Nacken -warfen. Aus dem bewölkten Himmel fiel kein Licht -herab; das Auge sah die Straße nicht. Oft versank -der Fuß im Schlamm, stieß an Steine, scheute über -Wurzeln. Dann gab es einen Aufschrei, einen Fluch, -ein Lachen. Doch ohne anzuhalten wanderten sie weiter.</p> - -<p>In kurzen Pausen stieg aus jungen Kehlen mehrstimmiger -Gesang. Die schwermütig weichen Töne -eines Volksliedes mischten sich in das Gespräch der -Alten, die eifrig überlegten, ob sie den Zug auch noch -zur Zeit erreichen würden. Und ob das Gerücht vielleicht -doch falsch sei. Es war ja auch kaum glaublich: -die <i>česka spořitelna</i>, die große, reiche Sparkasse der -<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -Deutschböhmen, sollte zugrunde gehen! Freilich: der -Vinzenz hatte heute gelesen, wer noch etwas kriegen -wolle, der müsse laufen. Und was gedruckt ist, -schwarz auf weiß, muß wahr sein. Damals den -Krach der Wenzelskasse, den hat auch niemand -glauben wollen. Und waren doch da noch andere -Sicherheiten – bei der Kirche! – als bei diesen -Hunden, den verfluchten Deutschen ...</p> - -<p>Bei solchen Reden schoß die Angst von neuem -in das Blut der Bauern. Ihre Schritte wurden -schneller, und ihre Finger betasteten den Schatz, den -sie versteckt am Körper trugen. Das dünne Buch, -den Ausweis ihrer schwer ersparten Gulden. Dem -Anton Zimprich sollten sie ein Schwein verschaffen. -Der Marie Lukesch die langersehnte Kuh. Dem -Johann und der Rosa Dostal ging es um das kleine -Feld, das sie bisher als Pächter pflügten. Der Kathi -Jahoda und dem Josef Kratky um Tisch und Stuhl -und Bett und eine Wiege für das ungeborene Kind. -Die Babi Skoupek wollte sich ein ehrliches Begräbnis -sichern und sechs Messen für das Heil der Seele. -Die Nanny Zlatka sparte, um ein rotes Kleid zu -kaufen und zwei seidene Schürzen. Der Karl Jakesch, -um durch einen Halsschmuck von Granaten die Gunst -des eiteln Mädels zu gewinnen. Für jeden hatte das -Ersparte eine andere Bedeutung und für alle doch -<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -dieselbe. Es war das Licht im Dunkel ihres Lebens, -das Sandkorn Überfluß in der Wüste ihrer Not.</p> - -<p>Als der Zug in den Bahnhof einlief, fanden die -aus Motice das Abteil dritter Klasse angefüllt mit -Landvolk aus den Nachbardörfern. An allen Stationen -strömten noch Leute hinzu. Alle wurden von -derselben Not an dasselbe Ziel getrieben. Und jeder -wußte neue Unglücksbotschaft. Ein Mann zog einen -Brief heraus, den ein Geschwisterkind an ihn geschrieben -hatte: »Du mußt Dich tummeln, Menschheit -rennt nur so auf Kassen, sind schon beinah' leer.« -Ein anderer erzählte, ein Freund von ihm sei schon -zweimal vergeblich um sein Geld gegangen; immer -habe man ihn vertröstet. Viele berichteten von der -wilden Wirtschaft, die wirklich auf der Sparkasse -gewesen war. Keine Aufsicht. Falsche Rechnungslegung. -Alle Kontrollbeamten bestochen. Sogar der -Statthalter und viele hohe Herren haben Trinkgelder -bekommen. Na und überhaupt! Deutsche Schulen hat -man unterstützt; mit dem Geld von armen Leuten!</p> - -<p>Nein: für den Aufstand in Mazedonien (niemand -wußte, wer das war) sind Millionen draufgegangen.</p> - -<p>Dumpfe Wut erfüllte die Gemüter. Das Gespräch -verstummte. Der Qualm der Pfeifen und -der Dunst der Menschenleiber verdüsterte noch das -trübe Lampenlicht. Durch die dicke Luft drangen -<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -Seufzer und Stoßgebete. Kinder weinten, Männer -schnarchten, Mütter sangen leise ihre Säuglinge in -Schlaf; nur die Jugend, leichtsinnig, verliebt, -kicherte und küßte in den Ecken. Draußen aber schrie -die Dampfmaschine, wie um Hilfe, gellend durch die -Nacht; die Räder rollten kreischend ihre Fracht von -Menschenangst und Menschenelend. Und der Zug -ging langsam, hielt an allen Stationen. Unbekümmert -um die Ungeduld, die in ihm fieberte und bebte. -Bis er endlich, endlich in die Hauptstadt einfährt. -Stoßend, fluchend kämpft sich die Menge nach dem -Ausgang durch. Jeder will als erster das Haus erreichen, -zu dem alle hindrängen.</p> - -<p class="ce">– – – – – – –</p> - -<p>Die aus Motice halten sich zusammen. Von der -Geldgier angespornt hasten sie durch die breite Vorstadtstraße. -Sie ist ausgestorben. In den einförmig -gebauten, arm und grämlich blickenden Gebäuden -sind alle Fenster dunkel, wie erblindet. Nur selten -ist ein Erdgeschoß erleuchtet und mit blutroten Gardinen -fest verhangen. Aus der Tiefe seiner Zimmer -dringt Gesang von heiseren Frauenstimmen und der -Brummton schlechtgestimmter Wirtshausbässe.</p> - -<p>Plötzlich wird irgendwo in einer Schenke eine Tür -geöffnet, ein wirrer Menschenknäuel windet sich heraus. -Man hört Ringen, Rennen, Weiber kreischen -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -und Betrunkene brüllen: »Haltet ihn!« »Schlagt -ihn tot!« »Zu Hilfe!« »Patrouille! Patrouille!« -Dann folgt wieder Todesstille. Und in der Luft, die -fahlfarbig wie Asche ist, in dem Frösteln dieser -Dämmerstunde, hängt bleischwer eine hoffnungslose -Traurigkeit.</p> - -<p>Die Bauern traben vorwärts. Ihre schweren -Tritte erwecken weithin einen dumpfen Widerhall. -Es ist, als stampfte eine Herde Tiere durch die Gassen.</p> - -<p>Jetzt füllt ihre Last die Kettenbrücke, die sich -schaukelnd hin und her bewegt. Blasse Nebel steigen -aus dem Flußbett und verhüllen die Umgebung. -Aber ein verworrenes Rauschen kündet den Wandernden -von weitem: sie sind nicht die ersten am -Ziel. Spät kommen sie, zu spät vielleicht.</p> - -<p>Da laufen sie, als könnten sie verlorene Stunden -wieder fangen. Sie stürzen vorwärts, bis sie, am -Brückenende angelangt, sich jählings rückwärts -werfen. Wie die Woge zurückschlägt, die an den -Stein des Schutzwalls brandet. Eine Mauer von -Berittenen sperrt den Weg. Als Kette umschließen -sie den Platz vor dem Sparkassengebäude, pferchen -die Versammelten ein und wehren den Zuströmenden -den ungehemmten Einlaß. Wie durch eine schmale -Gasse müssen sie sich zwischen Pferdeleibern und -Pferdehufen in die Gruppen der zuletzt Gekommenen -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -drängen. Da stehen sie, von Nebeln eingeschlossen, -eingekeilt in eine dunkle Menschenmasse, und müssen -warten.</p> - -<p>Nach und nach erhellt sich die Luft ein wenig. Die -fahle Dämmerung gebiert den grauen, regenschweren -Tag. Windschauer künden sein Kommen. Sie zerren -an den feuchten Kleidern der Harrenden, die -frierend auf den nassen Steinen hocken, reißen die -Nebel auseinander und entschleiern die Landschaft.</p> - -<p>Ein breiter Strom fließt ruhig zwischen den -Quadersteinen der Kaieinfassung. An seinem linken -Ufer baut sich ein Teil der Stadt auf; das altertümliche -Aristokratenviertel, dessen Kirchen und Paläste -mit ihren Türmen und Fassaden aus dem Gewühl -der Bürgerhäuser ragen. An steilen Höhenzügen -steigt es aufwärts und trägt als stolze Krone -die alte Königsburg, deren Masse sich wuchtig von -dem Dom mit dem feinen Spitzenwerk der Strebebogen -abhebt. Ein wundervolles Bild, der Schwere -ganz entkleidet in dem Morgendunst, der es in -fließenden Luftstoff hüllt.</p> - -<p>Nur hundert Schritte weit, nur bis zum Rande -das Kaiufers brauchen all die Menschen hinzutreten, -um es in sich aufzunehmen. Und den Anblick -der vielen kühngeschwungenen Brücken, der -Inseln, die im Fluß gebettet liegen, und der Wehren, -<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -über die das Wasser tosend schäumt. Doch hätte -selbst der Zaun der Wachen sich aufgetan: diese -Menschen hätten den Kopf nicht nach links gekehrt. -Ihre Augen sind für Natur und Schönheit ganz verschlossen. -Sie sehen nichts als das Gebäude, das -ihre Hoffnungen einschließt, und die Menge, die -sie davon trennt. Sie bohren ihre Blicke in die -Mauern, als könnten sie durch ihre Ritzen dringen -und entdecken, welches Schicksal sich für sie dahinter -vorbereite.</p> - -<p>Die Qual ist unerträglich. Da ist das Haus; -man braucht nur hineinzugehen. Und muß warten, -als wär's meilenweit entfernt. Drei Stunden muß -man noch warten, ehe das Tor sich öffnet. Und wie -viele Stunden, ehe die Reihe an einen kommt! So -viele Feinde vor sich, so viele Nebenbuhler in dem -Kampf um das ersparte Geld. Jeder haßt grimmig -seinen Vordermann und seinen Nachbar. Vielleicht -ist der gerade der letzte, dem vergönnt ist, seine Habe -zu erraffen und seinem Nachbar das bißchen Eigentum -zu stehlen.</p> - -<p>Der Menschenhaufe wächst noch immer; umritten -und geknufft, getreten und gestoßen. Und aus der -dunkeln Masse steigen aufreizende Klagen und Gerüchte.</p> - -<p>»Hör' ich, sind die Kassen leer.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -»Wahr ist es. Die Millionen, mit denen die -deutschen Zeitungen sich berühmen, stehen nur auf -dem Papier.«</p> - -<p>»Alles haben sie verspekuliert.«</p> - -<p>»Mit den Türkenlosen; die sind so gefallen.«</p> - -<p>»Kein Gedanke! Für die deutschen Wahlen sind -dreißig Millionen draufgegangen.«</p> - -<p>»Was euch nicht einfällt! Den deutschen Fabrikanten -hat man aufgeholfen. Deutschen Studenten -hat man Geld geschenkt und große Häuser.«</p> - -<p>»Mit dem Schweiß von armen Tschechen haben -diese Schweinehunde sich gemästet!«</p> - -<p>»Stinkende Gemeinheit! Wo das ihnen gar nicht -gehört. Wo das ihnen von Kaiser Franz geschenkt -ist, daß es armem Volk zugute kommt!«</p> - -<p>Ein Brummen, Rollen, Brausen, das sich nach -und nach verstärkt, hallt durch die Straßen. Die -Stadt ist erwacht und schickt ihre Boten. Allerlei -Verkäufer drängen sich heran. Mit Brezeln, warmen -Würsten, Bratkartoffeln, Kastanien und gebackenen -Fischen. Und durch die Kette der Berittenen -kriechen seltsame Gestalten. Männer in verschlissenen -Röcken, unrasiert und ungewaschen, manche noch im -Schlafrock mit Pantoffeln. Wie Geier, die Beute -wittern, umkreisen sie die Wartenden, schieben sich -an die Gefolterten, Erschöpften heran, schüren ihre -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -Aufregung und Angst; flüstern ihnen zu, daß die -Sachen schlecht stehen; daß sogar die deutschen Einleger -schon alle ihr Vermögen behoben haben; daß -sämtliche Wertpapiere der Sparkasse versetzt sind; -daß sich heute nacht einer von den Direktoren erschossen -hat; daß zwei andere in Wien vergeblich von -Tür zu Tür laufen und um Hilfe betteln. Sie lassen -sich die Büchel zeigen, schütteln bedauernd die Köpfe, -weisen nach, daß kein Kreuzer mehr darauf zu kriegen -sei, und sind nur aus Mitleid und aus Menschenliebe -erbötig, die wertlosen Dokumente für ein Geringes -einzulösen.</p> - -<p>Häßliche Weiber, die ungekämmten Haare unter -wollenen Hauben, um die fetten Hängebrüste buntkarierte -Umschlagtücher, machen sich an junge -Frauen, an die hübschen Mädel. Sie suchen sie für -Stellungen zu werben, deren Vorteile sie lockend -schildern. Wenig Arbeit, hoher Lohn, alle Tage -Fleisch, Bier und Mehlspeise; und abends Freiheit, -um zur Tanzmusik zu gehen und sich zu unterhalten.</p> - -<p>Freche, rotgeschminkte Dirnen gehen auf dem -Pflaster auf und ab, lauern dem Mannsvolk auf; -wenn es, die Taschen voll Geld, die Großstadtfreuden -kennenlernen will ...</p> - -<p>Ein aufgeregtes Meer von Leidenschaften und Gelüsten -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -umwogt das Gebäude, das grau und düster, -mit festverschlossenen Fensterläden, dasteht; ein Fels, -den der Gischt der Brandung nicht erreicht.</p> - -<p>Die aus Motice waren voneinander losgerissen. -Nur die Paare, die sich ganz fest verklammert hatten, -waren nicht getrennt. Der Karl Jakesch hielt die -Nanny Zlatka dicht an sich gepreßt. Er ließ sie -nicht erfrieren, und ihm ward die Zeit nicht lang. -Den Bankkrach und die Kälte hätte er gesegnet, -ohne die eifersüchtige Wut auf die Begehrlichkeit -der Burschen, die sich an seine Liebste drängten und -sich mit Worten und Gebärden an ihr zu schaffen -machten. Nicht weit von diesen beiden saß die Kathi -Jahoda auf der Erde. Mitleidige hatten dem armen -Weib aus ein paar Bündeln einen Sitz geschaffen. -Darauf hockte sie, lehnte sich an ihren Josef und -erleichterte ihr schweres Herz von Zeit zu Zeit mit -einem Tränenstrom. Die alte Babi Skoupek aber -hatte sich, trotz Fußtritten und Rippenstößen, wie -eine Katze vorgeschlichen, bis zu dem Prellstein dicht -beim Eingangstor der Kasse. Den Rücken an den -Stein gelehnt, den müden Körper schwer auf ihren -Krücken, murmelte sie ein Ave um das andere. -Sie wollte ja die Gulden nicht verjuxen und verfressen. -Darum mußte die Jungfrau Maria auch -ein Einsehen haben und ihr zu ihrem Geld verhelfen, -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -damit sie nicht verdammt sei, im Fegefeuer gebraten -und gespießt zu werden.</p> - -<p>Jetzt geht ein Dröhnen durch die Luft. Von allen -Türmen schlägt es neunmal. Das langverschlossene -Tor dreht sich in seinen Angeln.</p> - -<p>Wie ein reißender Gebirgsstrom stürzt sich die -Menge in die Öffnung. Sie beachtet die Fäuste -nicht, nicht die Pferdehufe und das Kreischen der -getretenen Frauen und gequetschten Kinder. Es gibt -Wunden wie in einer Schlacht, als die Polizisten, -mit der Rücksichtslosigkeit der Notwehr, die schweren -Flügel wieder schließen, unbekümmert um die -Menschenleiber, die sich dazwischen pressen, klammern -und stemmen. Ein ganzer Schwarm ist trotzdem -schon in das Haus gedrungen; und auf der -Treppe, die in den Lichthof führt, wiederholt sich -der Kampf. Die Schwächsten werden in den Hof -geworfen, wo sie an den Brunnen stürzen, verschmachtet -trinken, sich dann entkleiden und waschen, -überhaupt tun, als wären sie in ihrem eigenen Haus. -Ihre glücklicheren Gefährten balgen sich inzwischen -um die Plätze an den Kassenschaltern. Und die -Marter der bangen Nacht- und Morgenstunden -steigert sich im Augenblick der äußersten Entscheidung -zur fürchterlichen Spannung.</p> - -<p>Die ersten, die ihr Geld in Händen halten, stoßen -<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -Töne aus wie Tiere, die, den Bissen schon im Maul, -noch eines Raubes gewärtig sind. Ihr Aufschrei -überreizt die Erregung derer, die schon sehen und -noch nicht haben. Ihre Augen treten aus den Höhlen, -ihre vom Fieber trockenen Lippen sind weit geöffnet. -Sie knittern das Kassenbuch in ihren Fäusten und -schieben sich besinnungslos vorwärts. Bis auch sie -das Rascheln des Papieres, den Klang des Geldes -hören und alle Pein im Freudenrausch vergessen.</p> - -<p>Viele hat der jähe Übergang von Verzweiflung -zu Entzücken ganz betäubt. Sie wurzeln im Boden -und müssen fortgetrieben werden, damit die Menschenwoge, -die von neuem zu der Schwelle des Parteiensaales -aufsteigt, sie nicht verschütte.</p> - -<p>Ein Weib, das eben einen Tausender erhoben -hat, hält ihn verkehrt in ihren Fingern und bestarrt -verständnislos das Stück Papier. Man muß -ihr den Wert erklären. Ihr schwindelt. So reich -ist sie? Und solches fürstliche Vermögen steht auf -diesem kleinen Wisch? Als sie ihn bergen will, zerreißt -sie ihn, so beben ihre Glieder.</p> - -<p>Ein zweites Weib verlangt Gold, reißt die Rollen -auf und taucht mit hysterischem Gelächter ihre Hände -in die blanken Münzen.</p> - -<p>Manche brüllen auf vor Glück, sobald sie ihr Vermögen -zu Gesicht bekommen. Dann erklären sie sich -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -befriedigt. Ihr Geld ist da; sie haben es gesehen, -betastet. Nun soll es die Kasse wiederum behalten. -Schwer ist ihnen beizubringen, daß dies nicht ohne -weiteres zu machen sei.</p> - -<p>Das Mißtrauen anderer ist um so größer. Sie -verweigern die Annahme der Summe, um die sich, -durch die Zinsen, ihr Sparpfennig vergrößert hat. -Sie halten diesen Überschuß für Bestechung und -wittern, daß man sie in eine Falle locken wolle.</p> - -<p>Inmitten dieses Wirbelwindes von Zweifeln, -Wünschen und Bedenken stehen die Beamten ruhig -hinter ihren Schranken. Sie sind übermüdet und -erschlafft und halten sich nur mühsam aufrecht. Aber -unbeirrt und gleichmütig versehen sie den Dienst, -und nichts in diesem Ansturm scheint sie zu erschrecken. -Ist ihre Zuversicht erheuchelt, ist sie echt? -Ist der Goldquell, aus dessen Fülle sie seit Tagen -schöpfen, unversiegbar, oder ist er dem Vertrocknen -nahe? Ruht das Gebäude des Vertrauens, an dem -sie mitgebaut hatten, auf unerschütterlichem Grund, -oder wankt es in seinen Pfeilern und droht in der -nächsten Stunde einzustürzen und die Wohlfahrt -Hunderttausender unter seinen Trümmern zu begraben? -Keine Bewegung ihrer überwachten Züge -verrät, was sie empfinden. Mit unermüdlicher Geduld -halten sie den Fragen Stand, rechnen und -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -zahlen, beruhigen, beraten und erklären und finden -noch die Kraft, den Mut der Einleger durch Scherze -zu beleben.</p> - -<p>Dem trüben Tag ist Dunkelheit gefolgt. Das -Glühlicht flammt auf und steigert die Hitze. Aller -Sauerstoff ist aus der Luft geatmet; sie ist vom -Gluthauch wilder Leidenschaft verbrannt. Schlechte -Dünste und Gerüche ballen sich zusammen und durchziehen -sie in dicken Streifen. Wie im Nebelwetter -auf der Straße ein Strahlenkranz um die Laternen -zittert, so schwebt irisierend der Staub um das -Glas der Lampenglocken. Dick lagert er auf dem -Holz der Schalter, klebt auf der Haut und auf der -Kleidung, dringt in alle Ecken, überzieht Banknoten -und Dukaten. Aus seinem Grau hebt sich nur der -Farbenfleck der Kassenbücher, die sich auf den Pulten -türmen und deren Einband verrät, daß sie alle aus -tschechischen Bezirken stammen. Rot leuchten sie aus -dem Düster. Es ist, als überströmte Blut die Tische. -Das Lebensblut des Volkes, das in nationalem -Haß sich selbst zerfleischt, um den Gegner zu vernichten.</p> - -<p>Es ist Nacht geworden. Bleiern lähmt Müdigkeit -die Tatkraft der Beamten. Schweigend, mit automatischen -Gebärden, von Staub und Rauch in -Schleier eingehüllt, bewegen sie sich hin und her wie -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -Schatten. Doch die Wut des Ansturms tobt unvermindert. -Wie dem Sagentier für jedes abgeschlagene -Haupt ein neues wuchs, so kommt der Menge vor -dem Tor für jeden Trupp, der abzog, neuer Zuwachs -aus den Straßen. Und der Anblick der Beglückten, -die ihre Habe geborgen mit sich führen, schürt, statt -sie zu dämpfen, ihre fieberhafte Angst.</p> - -<p>Unmöglich scheint, daß der Vorrat noch immer -reichen könne. Vielleicht werden in diesem Augenblick -die letzten Summen ausgeteilt, vielleicht erbeutet der -Vordermann, der eben ins Haus gedrungen war, -das letzte Goldstück. Sie aber würden nur die leeren -Kassen finden, den Bankerott, das Elend.</p> - -<p>Als sich um Mitternacht die Tore zum letztenmal -in ihren Angeln drehen und sich dann erneutem Eingang -kreischend schließen, ohne Rücksicht auf die Verzweifelten, -die sich zwischen die Flügel werfen, klammern -und stemmen, da geht ein Wehruf durch die -Reihen der Enttäuschten, die wieder eine lange bange -Nacht von der Erfüllung trennt. In den Häusern, -die den Platz begrenzen, fahren die Schläfer auf. -Sie recken sich hoch in ihren Betten und lauschen -zitternd. Und sie ahnen, daß zu ihren Füßen ein -Raubtier wacht, das seiner Kräfte nur bewußt zu -werden braucht, um mit den starken Pranken Käfig -und Bändiger zu zerbrechen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -In der kahlen Bahnhofshalle saßen die aus Motice -und erwarteten den Zug, der sie in ihre Heimat -bringen sollte. Niemand fehlte als die Nanny Zlatka -und der Karl Jakesch. Sie waren fahl und schmutzig -wie Soldaten, die von einer langen Übung kommen, -und ein säuerlicher Branntweinduft umströmte sie. -Mit Geräusch und lebhaften Gebärden besprachen -sie die Abenteuer dieser vierundzwanzig Stunden, -in denen sie mehr Aufregung gekostet hatten als -während ihres ganzen Lebens. Der Franz Zastoupil -war der beredtste. Er nahm den Mund sehr voll, -hielt alle seine Beschuldigungen aufrecht, prophezeite -nahen Untergang der <i>Spořitelna</i> und wußte -viel zu schimpfen über die Grobheit der Bankbeamten -und die Roheit der Polizisten. Doch er verschwieg, -daß er verstanden hatte, ein paar Verängstigten ihre -Sparbücher für den halben Wert herauszulisten, -und daß er unter seinem schmierigen Gewand eine -Summe trug, die ihm die Schenke, die er nur gemietet -hatte, als Eigentum erwerben sollte.</p> - -<p>In einer Ecke kauerte die Maria Jahoda und -stützte ihren Josef, der, lang ausgestreckt, sich auf -den Steinen wälzte. Weinend klagte sie: als sie -endlich zu ihrem Geld gekommen waren, sei der -Josef beinahe närrisch vor Freude geworden. Er -habe sie ins Wirtshaus mitgeschleppt, dort Bier und -<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -Fleisch bestellt und, schon halb betrunken, mit einem -Frauenzimmer, das ihn umstrich, zu scharmieren angefangen. -Plötzlich sei er aufgesprungen, habe das -Mädel um den Leib gefaßt und sei mit ihr auf und -davon gerannt. Sie hatte seine Zeche zahlen müssen -und war dann ausgegangen, ihn zu suchen. Erst nach -vielen Stunden hatte sie ihn an einer Straßenecke -wieder aufgefunden. Er war sinnlos berauscht; aus -seiner Tasche fehlten hundert Gulden. Für ihre Vorwürfe -bekam sie Schläge, und mit Mühe schleppte -sie den Taumelnden hierher. Die Tränen flossen in -Strömen über ihre hohlen Wangen. Das Schluchzen -stieß sie krampfhaft. Der Mann an ihrer Seite, -der in der Trunkenheit die Schuldigen vertauschte, -lallte stumpfsinnig dazwischen: »Sie muß Prügel -haben! Das Weibsmensch hat mich bestohlen! Wenn -sie nach Haus kommt, kriegt sie ihre Prügel.«</p> - -<p>Der Johann und die Rosa Dostal dagegen waren -sehr zufrieden. Sie hatten einen Menschenfreund -gefunden, der sich ihrer Not erbarmte. Einen furchtbar -reichen Herrn; das große Zinshaus nahe bei -dem Sparkassengebäude gehörte ihm; sie wußten es -aus seinem eigenen Munde. Er hatte sich bereit -erklärt, ihr Erspartes in seinem Bankhaus anzulegen. -Zu hohen Zinsen. Acht Prozent pro Jahr. -Die erste Rate hatte er gleich ausbezahlt. In der -<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -Seligkeit des neuen Reichtums hatten sie viel eingekauft. -Kaffee, Zucker, Tabak, Kleiderstoffe für -die Kinder und einen Teppich, den sich die Frau schon -lange wünschte. Lächelnd hörte ihnen die Babi Skoupek -zu. Von Zeit zu Zeit befühlte sie den Brustlatz, -unter dem sie, in ein Taschentuch geknotet, ihr Gold -geborgen hatte. Sie dachte nicht daran, sich noch -einmal davon zu trennen. Unter ihren Strohsack -wollte sie es schieben oder in ihrem Gärtchen in -die Erde graben. Da konnte es ihr nicht verlorengehen.</p> - -<p>Die Türen zum Bahnsteig wurden geöffnet, -und der Schaffner rief zum Zug ab. Und immer -noch fehlten die Nanny Zlatka und der Karl -Jakesch.</p> - -<p>Man lachte. Manche meinten: das gemeinsame -Warten hat dem Pärchen so gefallen, daß es auch -diese Nacht zusammen verbringen wird. Vor dem -Sparkassengebäude – oder anderswo.</p> - -<p>Schon waren die aus Motice in ihr Abteil eingestiegen, -kaum eine Minute fehlte noch bis zur -Abgangszeit, da stürzte Karl Jakesch in den Wagen -und schrie: »Ist die Nanny hier?« Die Haare hingen -wild um seine Schläfe; in seine Augen war das Blut -getreten. »Ist die Nanny hier?« Obgleich ihm sein -Auge Antwort gab, durchsuchte er die Winkel. Dann, -<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -in der Sekunde, wo der Zug sich in Bewegung setzte, -riß er die Tür auf und sprang wieder hinunter auf -die Steine. Er stürzte, stand wieder auf, lief auf -den Schienen hin und her. Die Fahrenden hörten -noch sein wildes Brüllen: »Ich schlag' sie tot! -Wenn ich das Luder antreff', schlag' ich's tot!«</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -Ein dürftig aussehender, engbrüstiger Jüngling -war mir durch die Aufmerksamkeit aufgefallen, mit -der er die Rede des Deutschböhmen verfolgte. Nun -fiel er schnell in dessen letzte Silbe ein:</p> - -<p>»Was für fremdartige Bilder. Was für sonderbare -Leute. Wie waren Sie doch zu beneiden, mit -einem Volk zu leben, das noch so jung ist. Unangekränkelt -von Bildung und Kultur. Voll von -Eigenart und Farbigkeit und Rasse. Sie lachen?« -Er warf mit einer wie es schien gewohnheitsmäßigen -Bewegung die glatten schwarzen Haare aus dem -Gesicht zurück. »Sie wissen vielleicht nicht, was es -heißt, am grauen Einerlei zugrunde gehen. Immer -nur von Fertigem umgeben. Keine Freude, als die -Sehnsucht. Und die Hoffnung, daß vielleicht irgend -einmal sich ein Wunsch erfüllt. So ist es,« er -zögerte, »einem Freund von mir ergangen. Wenn -ich wagen darf, möchte ich Ihnen von ihm sprechen.«</p> - -<p>Er sah sich um, als fürchte er, es könne ihm die -Zustimmung verweigert werden. Ich dachte: er ist -gewiß ein heimlicher Poet. Noch in Keuschheit zugeschlossen -und doch schon glücklich, etwas von seinem -inneren Empfinden preiszugeben. Ich hörte seine -Stimme zittern bei den ersten Worten.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -Die Reise nach Indien</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -Sebastian Schierke war von Geburt an ein Träumer. -Er lag stundenlang in seinem Korb und starrte -in die Hängelampe, unter der der Vater auf seinem -Schusterschemel saß und nähte. Seine ersten Wahrnehmungen -erwachten in ihrem Lichte. Sie blieb -ihm die Sonne, als er schon reif genug war, auf -allen Vieren zu kriechen. Der Kreis, den ihre -Strahlen erhellten, schien ihm unermeßlich. Und -die Ecken, in die sie nicht hineinleuchtete, waren -für ihn unheimliche, von schrecklichen Dingen erfüllte -Höhlen. Das empfand er, ehe er es verstand. -Ehe er noch seinem Spielzeug, den zerrissenen -Stiefeln, den Holzleisten und Handwerksgeräten -Namen und Gefühle verlieh. Ehe er noch für das -Gemisch von Pech-, Leder- und Petroleumgeruch einen -Ausdruck erfunden hatte. Das Wort »Buhaha«, in -das er eine Fülle von Bedeutung hineingeheimnißte.</p> - -<p>Dann, als er zum erstenmal die Kellertreppe -hinaufkletterte, sah er, wie groß die Welt war. -Wochenlang dauerte seine Reise durch alle Gänge, -Nischen, Höfe und Bodenräume des altmodischen, -winkeligen Hinterhauses. Die Straße mied er, -sie war ihm zu hell und schnurgerade. Auch scheute -<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -er die anderen Kinder und ihre geräuschvollen -Spiele.</p> - -<p>Am liebsten saß er im Holzkeller zwischen den -Stößen, während die Mutter die gefüllten Körbe -in die Wohnung des Hausherrn schleppte. Da war -er in dem großen, finsteren Märchenwald, von dem -ihm der Vater zuweilen erzählte. Von ganz hinten -kam ein matter Lichtschein (es war Mutters Laterne, -die an der Erde stand) aus einem einsamen Haus. -Darin hielt die böse Hexe das Königskind gefangen. -Er selbst hockte zwischen riesigen Bäumen, roch die -Tannen und welkenden Blätter und lauschte auf ein -entferntes Rauschen und Murmeln. Und gleich -mußte die Tür aufgehen und die Prinzessin eintreten, -im weißen Kleid, die goldene Krone auf dem Kopf, -und zu ihm sagen: »Bitte, lieber Prinz ...«</p> - -<p>Gewöhnlich kam im schönsten Augenblick die Mutter -und schalt, wenn sie ihn antraf. Müßig, mit verschlafenen -Augen. Der Vater aber nahm ihn immer -in Schutz. Der blasse Mann, an dem eine tückische -Krankheit langsam zehrte, verstand seinen Knaben. -Auch ihm waren die Gedanken die liebsten Gefährten. -Aber hatte er es nur bis zum Flickschuster gebracht, -der Sebastian war zu etwas Höherem geboren. Dafür -hatte er, schwarz auf weiß, die sicheren Beweise.</p> - -<p>Auf der Kommode in der Hinterstube lag, zwischen -<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -einem Porzellanhund und einem Glaspokal, eine -schwarze, goldbetreßte Mappe. Darin ruhten, nach dem -Datum geordnet, Sebastians gesammelte Gedichte.</p> - -<p>Das erste, das er in seinem siebenten Jahre mit -ungelenken Buchstaben hingemalt hatte:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»Nachtz mich der Schluhmer fliht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Gott in mein Hertze siht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Nichtz is alz Lihbe drein,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Lihb für mein Feterlein.«</td></tr> -</table> - -<p>Das gereiftere, beiden Eltern gewidmete:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»Und eh wangt Fels und Stein,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Eh fellt des Himmels Welbung ein,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Eh ich vergehs was ich euch dank</td></tr> - <tr><td class="tdl">Was ihr mir tuth mein Leben lank.«</td></tr> -</table> - -<p>Das Lied, zu dem ihn drei Jahre später ein Ausflug -nach Wilmersdorf begeistert hatte:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»Mein Herz gleicht der wandernden Welle</td></tr> - <tr><td class="tdl">Es gleicht dem schimmernden See</td></tr> - <tr><td class="tdl">Es mischt in die Freude die helle</td></tr> - <tr><td class="tdl">Sich leise ein flüchtiges Weh.«</td></tr> -</table> - -<p>Und viele andere. – Vater Schierke kannte sie -alle auswendig, er summte sie bei der Arbeit halblaut -vor sich hin. Und für die Kunden, die sie zu -hören verlangten, suchte er das haltbarste Leder aus.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -Der Gemeindeschullehrer war weniger zufrieden -mit dem jungen Sebastian.</p> - -<p>Rechnen und Rechtschreiben waren dem Knaben -unsympathisch. In der Geographie interessierten ihn -nur die entferntesten Erdteile, und dem deutschen -Aufsatz war seine lebhafte Phantasie mehr störend -als förderlich.</p> - -<p>Daß ihm im Grunewald eine Hyäne begegnet sei, -wollte ihm der Lehrer durchaus nicht glauben. Und -ein Gedicht, das er in die Schilderung der Ferienfreuden -einflocht:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»Rings im Schlummer lag die Welt,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Niemand wach als sie und ich,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und im gelben Ährenfeld</td></tr> - <tr><td class="tdl">Küßt' ich sie und küßt' sie mich«</td></tr> -</table> - -<p class="in0">wurde als »völlig anstößig« mit einer schweren Rüge -bestraft.</p> - -<p>Den Vater bekümmerte das nicht. Sein Junge -war eben ein Genie. Und »Genies brauchen keine -Bildung, sie nimmt ihnen nur die Kraft und die -Naivität,« versicherte ihm der junge Schriftsteller, -der Jahr um Jahr seine Stiefeln schuldig blieb.</p> - -<p>Bis zur dritten Klasse war Jungschierke mühsam -geklettert. Da legte sich der Alte zum Sterben.</p> - -<p>Nach acht Wochen schweren Siechtums trug man -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -ihn, unter der brennenden Lampe hinweg, in das ewige -Dunkel. Er freute sich nicht mehr an den Versen, -die ihm sein Dichter auf den Grabstein schrieb:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»Schatten des Todes, du schreckest uns nicht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die wir vertrau'n auf das göttliche Licht.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Will uns vor Schmerz auch das Herz fast vergeh'n,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Bleibt uns der Trost doch, Dich wiederzuseh'n.«</td></tr> -</table> - -<p class="in0">Er litt nicht mehr an dem Kummer, den sein Tod -seinem Liebling brachte.</p> - -<p>Krankheit und Begräbnis hatten alle Ersparnisse -aufgezehrt und zu Schulden gezwungen. Frau -Schierke verkaufte Handwerkszeug, Vorräte und -die besten Möbel. Sie vermietete die Vorder- und -Hinterstube an eine Plättanstalt und sich selbst als -Gehilfin. Für sich und den Jungen behielt sie nur -die Küche und eine kleine Kammer.</p> - -<p>Mit der Kommode, dem Porzellanhund und dem -Glaspokal verschwand auch die Mappe mit Sebastians -gesammelten Gedichten. Bis Ostern durfte -er die Schule noch besuchen, dann wurde er eingesegnet -und ausgeschickt, einen Erwerb zu suchen. -Zu einem Handwerker natürlich. Denn »jelernt haste -nischt, und vor det olle Jequassel und Jeschmiere jiebt -dir keen Mensch keenen Dreier nich« meinte die Mutter.</p> - -<p>Sebastian widersprach nicht. Sein Kindersinn -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -war schwer verdüstert durch den Verlust des gütigen -Vaters. War er früher still gewesen, jetzt wurde -er stumm.</p> - -<p>Sein Abgangszeugnis war schlecht. Seine schwächliche, -engbrüstige Gestalt, die zögernde Sprache -nahmen gegen ihn ein. Von Stelle zu Stelle wurde -er abgewiesen. Bis sich ein früherer Kunde des -alten Schusters, für den Frau Schierke jetzt die -Hemden plättete, seiner annahm. Der alte Justizrat -Korn setzte den jungen Schierke als Schreiber in -seine Kanzlei.</p> - -<p>Da saß er nun Tag um Tag und Jahr um Jahr -an einem gelben Holztisch, den überschlanken Körper -weit vorgebeugt, um die kurzsichtigen Augen den -schreibenden Fingern zu nähern, und malte verständnislos, -aber gewissenhaft die Buchstaben auf das -Papier. Tag um Tag freute er sich auf den Augenblick, -in dem er die Feder ausspritzen, den grauen -Kattunärmel abstreifen und die Tür des Bureaus -hinter sich schließen durfte. Dann regten sich die -heimlichen Gedanken, die Tags über an der Kette -lagen. Dann schlüpften sie aus ihrem Versteck und -flatterten und sangen um ihn her wie freigewordene -Vögel.</p> - -<p>Zu Hause mußte er noch der Mutter helfen. Einholen, -Feuerung tragen, fegen und bürsten. Nachts -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -aber, allein in der kalten Kammer, schrieb er beim -Kerzenlicht auf, was in ihm klang und weinte. Seine -schwerersparten Groschen wandte er an Papier, Tinte -und Porto. Einmal mußte doch der Erfolg kommen, -die Anerkennung – die Freiheit.</p> - -<p>Ach! Sie kamen alle wieder, die Reime, die er in -die Welt hinausschickte. Diejenigen ausgenommen, -deren Rücksendung man ganz vergaß.</p> - -<p>Da starben ihm langsam Mut, Hoffnung und der -Glauben an sich selbst. Nur die Phantasie blieb -leben und hungerte. Er suchte ihr fremde Nahrung. -Er machte Jagd auf alles Gedruckte. Auf die billige -Zeitung seiner Wirtin, der Plättstubenbesitzerin -Frau Ruhnau. Auf die Kolportagehefte ihrer Gehilfinnen, -auf ihre Käse- und Stullenpapiere. Seine -Spargroschen trug er jetzt zum Trödler, bei dem er -in alten, zerrissenen Büchern wühlte. Was ihn entzückte, -waren Ritter- und Schauerromane, Kriminal- -und Jagdgeschichten. Außergewöhnliche, aufregende -Ereignisse. Der Gegensatz zu seinem armseligen, -eintönigen Leben.</p> - -<p>Eines Tages fand er im Bureau unter einem -Stoß alter, dem Einstampfen geweihter Akten ein -paar rote Bände. Verjährte Baedeker von Oberitalien -und der Schweiz, zum Wegwerfen bestimmt. -Er nahm sie an sich. Des Einbandes halber, und -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -weil ihn jedes Buch reizte. Zu Hause erst entdeckte -er, was für einen Schatz er sich erbeutet hatte. -Was waren alle erfundenen Geschichten gegen diese -fesselnde Wirklichkeit! Was für Herrlichkeiten gab -es draußen in der Welt! Wie leicht waren sie zu -erreichen! Man brauchte nur Geld in seine Börse -zu tun, in den ersten besten Eisenbahnzug zu steigen -und dann dem roten Wegweiser getreulich zu folgen.</p> - -<p>Er tat das alles – im Geiste.</p> - -<p>Er überschritt die höchsten Pässe, bestieg die gefahrvollsten -Gipfel, durchlief die herrlichsten Kirchen -und Galerien. Jeden Weg und Steg lernte er auswendig, -bemaß alle Entfernungen, kannte alle Aussichtspanoramen -und hätte mit verbundenen Augen -die schwierigsten Bergübergänge gefunden. Er war -ein vornehmer Reisender. Fuhr nur mit Schnellzug -und Extrapost, bewohnte die teuersten Hotels, -speiste in den feinsten Restaurants, kaufte ab und -zu kostbare Kunstgegenstände und sparte nicht mit -Trinkgeld. Und mußte nur täglich seine Reise für -vierzehn Stunden unterbrechen, um in der Kanzlei -und Plättstube zu arbeiten.</p> - -<p>An einem Freitag Abend war er mit zwei der -besten Führer aufgebrochen, um den Montblanc zu -besteigen. Er wählte den schwierigsten Aufstieg über -den Brouillardgletscher und wurde eben angeseilt, -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -um eine kaminartige Schlucht zu erklimmen. Da -holte ihn Frau Ruhnau. Vorn im Laden lag die -Mutter. Mitten in der Arbeit hatte ein Herzschlag -sie umgeworfen.</p> - -<p>Sebastian hatte der Mutter innerlich nicht nahe -gestanden. Was er, der Weltfremde, an ihr verlor, -machte er sich nicht klar. Um so weniger, als Frau -Ruhnau, eine kinderlose Witwe, sich anbot, ihn für -ein geringes Entgelt weiter zu versorgen. So bedeutete -ihm dieser Tod fast eine Befreiung.</p> - -<p>Fortan gehörten seine Mußestunden ihm. Er -konnte erleben, was er bisher geträumt, er konnte -reisen. Nur in den Tiergarten zwar und Sonntags -allenfalls in den Grunewald. Aber eine Bank -unter Bäumen, am Rande eines Sees wurde ihm -zum Zauberroß, das ihn in weite Fernen trug.</p> - -<p>Er schloß die Augen und hörte das Rauschen des -Wasserfalles, roch den Duft der Matten. Die -Glocken der Pferdebahn wurden ihm zum Kuhgeläute, -das Pfeifen der Stadtbahnzüge zum Signal -des Dampfschiffes. Fremdartige Vögel sangen ihm -zu Häupten, in fremden Zungen redeten die Menschen, -die ihn umgaben.</p> - -<p>Und das schönste blonde Mädchen, das bei ihm -vorbeiging, war sein heimliches Liebchen. Zwar tat -sie fremd und erhob nicht die Blicke. Aber er wußte, -<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -seine Träume wußten, wie süß und zärtlich sie ihn -liebte.</p> - -<p>Zuweilen gelang es ihm, sich zu verirren.</p> - -<p>Dann überliefen ihn alle Schauer des Geheimnisvollen. -Der Kiefernforst wurde zum Urwald. -Hinter dem undurchdringlichen Dickicht lag eine unbekannte -Welt. In den Zweigen und Blättern -knackten und raschelten die Tritte wilder Tiere, er -schwebte in lauernden Gefahren. Bis zum Herzklopfen -wußte er sich die unheimliche Stimmung -zu steigern.</p> - -<p>Trat er dann auf eine Lichtung hinaus und sah -im Frieden des stillen Sommerabends ein Rudel -Rehe äsen, sah das letzte Licht der Sonne, das die -Stämme rötlich streifte und den See durchglühte, -dann füllte ein übermächtiges Gefühl Herz und -Seele. Er warf sich in das Heidegras und weinte -vor trauriger, sehnsuchtsvoller Seligkeit.</p> - -<p>Von diesen Ausflügen kam er ermattet heim. -Mit fiebernden Wangen, in den Augen einen trunkenen -Glanz, die Lippen glühend wie vom Kuß der -Geliebten. Nachts schlief er schlecht, hustete, wälzte -sich ruhelos und schlich am anderen Morgen lustlos -zu seiner Arbeit.</p> - -<p>Frau Ruhnau sah ihm kopfschüttelnd nach. Sie -hatte sich den Verkehr mit ihm ganz anders gedacht. -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -Eine Mischung von mütterlicher und weiblicher Liebe -fesselte sie an ihren jungen Mieter. Seine Hilflosigkeit -dauerte sie, zugleich war sie berührt von -seiner stillen Eigenart. Wenn er der Versuchung, -seine alten Gedichte wieder einmal zu hören, nicht -widerstehen konnte und ihr abends daraus vorlas, -wenn seine Gestalt sich aufrichtete, wenn ihm die -Haare in das blasse Gesicht fielen und seine Züge -sich verklärten, schien er ihr fast schön. Längst machte -sie sich allerlei Gedanken.</p> - -<p>Er war zwar neun Jahre jünger als sie, aber -darauf kam es bei so einem nicht an. Eine Junge, -Leichtsinnige würde schlecht zu ihm passen. Er -brauchte eine Alte, Erfahrene. Hausfrau und Mutter -zugleich, die seine zarte Gesundheit schonte und -pflegte. So eine wie sie. Dafür konnte er die -dumme Schreiberei an den Nagel hängen, ihre -Bücher führen, ihre Rechnungen schreiben, es konnte -ein prachtvolles Leben geben.</p> - -<p>Nie hatte sie bemerkt, daß er nach den Mädchen -sah; nun verdächtigte sie ihn zum erstenmal einer -heimlichen Liebschaft.</p> - -<p>Ganz glücklich war sie, als er im Herbst seine -Spaziergänge aufgab und zu seinen Büchern zurückkehrte. -Häuslicher denn je, denn der Zufall hatte -ihm einen neuen Schatz in den Schoß geworfen. -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -Ein kostbares Werk – Reisebilder aus Indien – -aus dem Englischen übersetzt. Drei dicke Bände -mit Illustrationen. Durch einen Zimmerbrand beschädigt -und geschwärzt, waren sie zum Altbücherhändler -und in Sebastians Hände geraten.</p> - -<p>Aus ihren verstümmelten, versengten Blättern erwuchs -ihm eine Fülle neuer Freuden. Schweiz- und -italienmüde wie er war, überdrüssig des bequemen -Führers auf geebneten, betretenen Wegen, fand er -in diesen Blättern ungeahnte Sensationen.</p> - -<p>Da waren Abenteuer und Seefahrten, tollkühne -Ritte, wilde Jagden, da war Glanz und Pracht, -Blumenduft, Blut und Grausamkeit. Alle Märchen -der Jugend wurden lebendig: die unheimlichen -Höhlen in der Schusterstube, die Prinzessin im Holzkeller, -das »Buhaha« der Kindheit, dieser Inbegriff -alles Geheimnisvollen.</p> - -<p>Sein körperlicher Zustand, ein leichtes Fieber, das -unbeachtet in ihm brannte, steigerte die Feinfühligkeit -seiner Nerven, überhitzte seine krankhaft erregte -Phantasie.</p> - -<p>Zum erstenmal wurde es ihm schwer, die Arbeit -des Tages von den Träumen der Muße zu trennen. -Zwischen die trockenen Aktensätze schoben sich die -Elefantenrüssel, die Götzenbilder und Palmenhaine -Indiens. Buntschillernde Insekten umsummten ihn, -<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -die heiligen Affen wiegten sich auf schaukelnden -Zweigen. Seine Blicke hingen an dem Zeiger der -Uhr, seine Wünsche ersehnten den Moment der Erlösung. -Heim stürzte er, vergrub sich in seine Bücher -und war blind und taub für alles, was um ihn -herum vorging.</p> - -<p>Da fand es Frau Ruhnau an der Zeit, deutlicher -zu werden. Sie nahm seine angegriffene Gesundheit -als Vorwand, brachte ihm allerlei Leckerbissen -und lud ihn zu sich in die Vorderstube. Da könnte -er ebensogut lesen. Oder noch besser, ihr vorlesen. -So wäre ihnen beiden geholfen.</p> - -<p>Die gute Frau Ruhnau. Sie ahnte nichts von -den Erlebnissen ihres Mieters.</p> - -<p>Bisher war er ein mächtiger Maharadscha gewesen, -der Herrscher in Bhurtpur. Vor kurzem erst hatte -er einem englischen Herzog zu Ehren glänzende Feste -gegeben. Er hatte eine Dschungel abbrennen lassen -und die flüchtenden Tiere des Waldes zu Tausenden -getötet. Er hatte Tiger und Elefanten gejagt, Büffelkämpfe -veranstaltet, er hatte Gold und Edelsteine -unter die Menge geworfen.</p> - -<p>Seit einigen Tagen aber hatte er sich in einen -Brahmanen verwandelt und diente dem vielarmigen -Gott Siva in dem herrlichen Tempel von Rameswaram. -Die schlanke Sidla, die schönste aller Bajaderen, -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -war seine Freundin. Allnächtlich besuchte -er sie in ihrer Zelle. Perlen und Opale rieselten -an ihr hernieder, seidene Gewänder umrauschten sie. -Doch heller als alle Gesteine glänzten ihre Augen, -weicher als alle Seide flossen ihre Haare. Aus silbernen -Schleiern blühten ihre Brüste, die Gazellenzartheit -ihrer weißen Glieder. Sie liebkoste ihn -mit sanften Händen, sie umtanzte ihn mit leichten -Füßen. Und wenn sie müde war, sank sie neben -ihm nieder, unter die Punka, die zwölf ihrer holden -Gespielinnen leise bewegten. Von solcher Huld begnadet, -wie hätte er Sinne behalten für die derben -Reize seiner Wirtin.</p> - -<p>Höflich dankte er ihr und verriegelte hinter ihr -die Tür.</p> - -<p>Sie kam wieder, sie pochte und fragte und wollte -sich den Eingang erzwingen. Zu einer Stunde, da -die liebliche Sidla, von Tanz und Liebe ermüdet, -auf weichen Teppichen soeben in Schlummer gesunken -war.</p> - -<p>Sebastians Zorn erwachte. Er wies die Störerin -hinaus, verlangte sein Hausrecht und den Frieden -seiner Stube, die er ehrlich bezahlte.</p> - -<p>Da brach es wild hervor, was an Enttäuschung -und Groll in Frau Ruhnaus Innerem kochte. Von -erwiesenen Wohltaten sprach sie, von Undank und -<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -Bettelstolz. Sie fragte, ob er wirklich glaube, für -die lumpigen paar Groschen solche Kost und Pflege -beanspruchen zu können. Sie sagte viel Böses. Und -der arme Träumer erwachte.</p> - -<p>Er sah ein, daß er nur Gnaden genossen, wo er -geglaubt hatte, Rechte zu besitzen.</p> - -<p>Es war ein böses Erwachen.</p> - -<p>Wie ein Schlaftrunkener stand er verwirrt vor -der Scheltenden. Dann griff er nach Hut und -Mantel und lief hinaus. Seinen einzigen Bekannten, -den Bureaudiener Franz, um ein Obdach für die -Nacht zu bitten.</p> - -<p>Am anderen Morgen mietete er die erste schlechteste -Wohnung. Eine kleine Kammer im vierten -Stockwerk eines düsteren Hinterhauses. In sein -altes Heim kehrte er nur zurück, um seine Siebensachen -zu packen.</p> - -<p>Frau Ruhnau, verängstigt und reuevoll, versuchte -eine tränenreiche Versöhnung. Mit der eigensinnigen -Festigkeit der Schwäche wies Sebastian sie ab. Aus -den Räumen, die ihm vierundzwanzig Jahre die -Heimat bedeuteten, ging er grollend in die unbekannte -Welt.</p> - -<p>Nun war er ganz frei. Wenn er abends nach -Hause kam, war sein Zimmer nicht geheizt, sein -Bett nicht geordnet, sein Mahl nicht bereitet. Aber -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -er konnte ungestört lesen und träumen, niemand -belästigte, niemand befragte ihn.</p> - -<p>Als der Frühling kam, hätte er ganze Nächte im -Freien umherlaufen können, ohne jemanden zu betrüben. -Nur daß seine Kräfte nicht reichten. Eine -bleierne Müdigkeit hing ihm im Körper. Der -Husten, der ihm den Schlaf störte, quälte ihn auch -bei Tage, stechende Schmerzen benahmen ihm Atem -und Sprache, mühsam nur trugen ihn die Füße von -der Wohnung zur Arbeit.</p> - -<p>In der Kanzlei war man immer freundlich zu -ihm gewesen. Man hatte sich an seine stille, bescheidene -Art gewöhnt und ihm manche Nachlässigkeit -verziehen. Jetzt verlangte die Menschlichkeit, -seinen Zustand nicht zu übersehen.</p> - -<p>»Es geht nicht länger mit dem Schierke, Herr -Justizrat« sagte der Bureauchef, während er die -Akten zur Unterschrift vorlegte. »Er macht nichts -als Dummheiten.«</p> - -<p>»Verliebt?«</p> - -<p>»Krank, schwer krank, wie ich fürchte. Sieht aus -wie der Tod.«</p> - -<p>Der Justizrat war gutmütig, wenn seine Zeit es -ihm erlaubte.</p> - -<p>»Dann kann man ihn doch nicht ohne weiteres -auf die Straße setzen! Schicken Sie ihn zum Arzt, -<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -gleich heute. Und er soll sich morgen bei mir melden, -zwischen neun bis zehn Uhr, ehe ich aufs Gericht -gehe!«</p> - -<p>Es bedurfte keiner langen Untersuchung.</p> - -<p>»Essen und trinken Sie so gut wie möglich« verordnete -der Arzt. »Kleiden Sie sich warm, und -wenn Sie vielleicht Verwandte auf dem Lande haben, -um für ein paar Wochen zu verreisen ...«</p> - -<p>Nur dies eine Wort blieb in Sebastians Hirn -haften:</p> - -<p>Reisen – reisen – weit weg – nach Indien!</p> - -<p>Der Maitag war warm und lockend, im Bureau -erwartete man ihn nicht. So lange hatte er nicht -unter Bäumen gesessen, am Rande eines Sees.</p> - -<p>Trotz Müdigkeit und Schmerzen wanderte er hinaus. -Doch die Seligkeit von früher wollte nicht -über ihn kommen. Er fror im hellsten Sonnenschein, -seine Phantasien verdichteten sich zu bösen -Träumen.</p> - -<p>Die wilden Weddahs, Teufeln gleich in ihrer -braunen Nacktheit, schlichen aus dem Gebüsch, umtanzten -ihn und stachen ihn mit ihren Wurfspießen. -Die gelbe Kobra, Indiens Riesenschlange, zischte ihn -an, blähte den giftgefüllten Schlund, umschnürte mit -kalten Ringen die erstickende Brust.</p> - -<p>Von plötzlicher Angst gejagt, lief er heim. Auf -<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -der Treppe sank er zusammen, ein Strom von Blut -brach aus seinen Lungen.</p> - -<p>Er lag in seinem Bett allein und verlassen. Ab -und zu sah die Nachbarin nach ihm. Aber sie hatte -selbst sechs Kinder und reichliche Arbeit.</p> - -<p>»Er muß ins Krankenhaus« sagte sie zu Franz, -der täglich kam und zuweilen Erfrischungen brachte, -die der Justizrat schickte. »Das muß doch sein Dienstherr -bezahlen. Lange macht er's doch nicht« setzte -sie leiser hinzu.</p> - -<p>Franz stimmte bei, auch der Arzt teilte ihre Ansicht.</p> - -<p>Aber wie ein eigensinniges Kind widersetzte sich -Sebastian. Nur nicht ins Krankenhaus. Er bat -und weinte. Dann kam das Fieber, der Husten und -das rote Blut ...</p> - -<p>Der alte Diener war in Verzweiflung. Da fiel -ihm Frau Ruhnau ein. Eine tüchtige Frau war sie -gewesen, trotz alledem. Vielleicht wußte sie Rat.</p> - -<p>Dampfend und zischend blieb das Oberhemd, an -dem die Plättfrau mit rotglühendem Bolzen arbeitete, -auf dem Brett liegen.</p> - -<p>Barhäuptig, ein Tuch um die Schultern, lief sie -zu dem Kranken.</p> - -<p>Der arme Junge. Wie er dalag. Das weiße Gesicht -zusammengefallen, die schmale Nase wachshell, -<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -schwarze Schatten unter den Augen, schweißfeuchte -Haarsträhnen tief in der blaugeäderten Stirn. Er -erkannte sie nicht. Unruhig warf er die Arme umher, -stöhnte leise oder murmelte vor sich hin.</p> - -<p>Armer Junge, armer, armer Junge!</p> - -<p>»Kann man gar nichts für ihn tun?« fragte sie -den Arzt.</p> - -<p>Der zuckte die Achseln.</p> - -<p>»Ihn wenigstens hier herausbringen?«</p> - -<p>»Er will ja nicht ins Krankenhaus. Nach Italien -werden Sie ihn wohl nicht schicken können, würde -ihm auch kaum mehr was nützen.«</p> - -<p>Die Frau zuckte zusammen. »Wenn man ihn -wenigstens hier herausbringen könnte« wiederholte -sie.</p> - -<p>Sie sah sich um.</p> - -<p>Die Kammer, das Bett, die Wäsche, alles klebte -voll Staub und Schmutz. Die Luft selbst roch nach -Unsauberkeit und Armut.</p> - -<p>Und draußen war es Sommer. Selbst in dieser -traurigen Straße.</p> - -<p>Eben war es einem Sonnenstrahl gelungen, die -hohe Mauer zu erklettern. Aber gleich war er wieder -weg, als sei er erschrocken zurückgefahren.</p> - -<p>»Herr Doktor.« Frau Ruhnau sprach langsam -und überlegend, »mein Schwager, er hat'n Fuhrgeschäft -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -in der Möckernstraße, der hat so'n kleines -Häuschen zwischen Treptow und Eierhäuschen. Am -Sonntag fährt er mit der Familie 'raus, und an -warmen Sommerabenden vergnügt er sich da mit's -Angeln. 'S is man 'ne Kabuse, 'n bißken feucht -mag's auch sein –. Aber immer noch besser wie -hier. Wat meinen Sie, wenn man den Jungen -da 'rausbrächte, könnt' er sich da erholen?«</p> - -<p>Der Arzt schwieg.</p> - -<p>»Könnt' er's wenigstens – aushalten?«</p> - -<p>»Das kann ich Ihnen nicht garantieren. Die -Natur ist unberechenbar. Aber er kann doch nicht -draußen ganz allein –«</p> - -<p>»Dafür lassen Sie mich sorgen. Ich hab' ihn von -klein auf gekannt, er ist wie mein eigener!« sagte -sie noch rasch. Ganz rot wurde sie dabei. Wenn -der Doktor wüßte.</p> - -<p>»Dann habe ich nichts dagegen.« Es wird ihm -das Sterben erleichtern, dachte er bei sich.</p> - -<p>Am nächsten Nachmittag, es war etwas spät geworden -der Pferde halber, die nicht früher frei -waren, trugen Frau Ruhnau und ihr Schwager -den kranken Sebastian die Treppen hinunter. Sie -betteten ihn sorgsam in den offenen Wagen, der -Mann sprang auf den Kutschbock, die Frau saß auf -dem Rücksitz und hielt des Kranken Hände.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -Er war sehr schwach und nicht bei vollem Bewußtsein. -Er fühlte kaum die Stöße und Rucke -auf dem schlechten Pflaster. Frau Ruhnau aber -zuckte jedesmal zusammen. »Wären wir erst da! -Wären wir erst da.«</p> - -<p>Endlich hatten sie die Köpenicker Straße hinter -sich, sie fuhren auf der Treptower Chaussee. Der -Wagen bog in den Wald ein, fuhr an den Fluß und -blieb vor einem kleinen Häuschen stehen. Ebenerdig, -ohne Unterbau, aus grün angestrichenen Brettern -zusammengebaut, glich es einer Sommerlaube. -Hinter ihm lag die Spree im Abendsonnenschein.</p> - -<p>Purpurrot lohte der Himmel, Purpur fiel auf -Ufer und Fluß. Zartgrüne Weiden, lichte Gewänder, -weißliche Boote, von halbnackten Gestalten pfeilschnell -getrieben, schwellende Segel, schwärzliche -Flöße, alles schwamm und schwebte in rosigem -Schein. Jede Schwere war behoben, jede Härte -aufgelöst, Flimmern und Leuchten in Wasser und -Luft.</p> - -<p>Frau Ruhnau beugte sich über den Kranken.</p> - -<p>»Wir sind da, Sebastian, Sebastian!«</p> - -<p>Er hob ein wenig den Kopf und starrte träumend -in das lebendige Licht.</p> - -<p>In seine erlöschenden Augen trat ein unirdischer -Glanz.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -»Indien – das ist Indien!«</p> - -<p>Frau Ruhnau schüttelte den Kopf.</p> - -<p>»Nee, mein Jungechen, das is Treptow. Und das -Häuschen, das is mein Schwager seine Sommerbude.«</p> - -<p>Er hörte sie nicht mehr. Aber als sie leise seine -Wangen streichelte, mit harten Fingern und doch -sanft und zärtlich, huschte ein seliges Lächeln über -seine Züge.</p> - -<p>»Wie schön bist du, Sidla – zauberhaft schön!«</p> - -<p>Einmal noch seufzte er tief – streckte sich – und -fiel in die Kissen.</p> - -<p>So war er doch in Indien gestorben.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -Aus dem Hintergrund hatten sich schon wiederholte -Laute der Ungeduld gemeldet. Jetzt trat der -Störenfried erkennbar in den Bereich der Lampe. -Wie ein Arbeiter gekleidet, hektisches Rot auf den -vorspringenden Backenknochen, den Stempel des Intellekts -auf der tief durchfurchten Stirn. »Faxen,« -rief er. »Ist halt ein schwindsüchtiger Junge umgestanden. -Was ist daran schon gelegen.«</p> - -<p>Verständnislos pflanzte er sich vor dem Jüngling -auf, der, noch warm von seiner Beichte, die -Schultern hochzog wie unter einem kalten Wassersturz. -»Ihr seid, scheint's mir, auch so einer, der -das Volk beschnüffelt, ohne von seinem Wesen das -Geringste zu verstehen. Seid's Ihr schon einmal ein -tschechischer Textilarbeiter gewesen? Habt's Ihr -schon einmal, um einen Schandlohn, bei Frost und -Hitze einen Webstuhl zehn, elf Stunden lang bedient? -Wißt's Ihr, was, ehe wir gekommen sind, -um ihm zu helfen, so einem armen Webermädel -<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -die Dampfpfeife bedeutet hat? Ihr Großstadtherrchen, -also darüber sollt Ihr jetzt von mir etwas -erfahren.«</p> - -<p>Auf die Tischtafel gestützt, die Blicke herausfordernd -auf den Deutschböhmen gerichtet, fing er -an. Der geübte Redner war ihm anzumerken.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -Die Dampfpfeife</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -Oh ... oh ... oh ... oh ...</p> - -<p>Oh ... oh ... oh ... oh ... oh ... jeeeh ...!</p> - -<p>Ein Pfiff, ein langgedehntes, grelles, aufheulendes -Brüllen, gleich einem Aufschrei der gequälten Kreatur.</p> - -<p>Das Weib richtet den Oberkörper etwas auf.</p> - -<p>»Es pfeift, Vaclav,« stöhnt sie aus ihren Schmerzen, -»lauf', du versäumst!«</p> - -<p>Vaclav erhebt sich langsam. Er sucht beim trüben -Schein der Lampe in der Lade nach dem Brotlaib, -schneidet einen Fetzen davon ab und steckt ihn -in die Jacke zu der Branntweinflasche. Noch einmal -tritt er an das Bett und streichelt seines Weibes -feuchte Stirn.</p> - -<p>»Sorgt Euch nicht, Stejskal, um die Božena,« -sagt die alte Babi, die beschäftigt ist, Wasser in ein -kleines Holzgefäß zu gießen, »gut wird's gehn. Wenn -Ihr nach Haus kommt, ist ein Bub' da.«</p> - -<p>Ob Bub', ob Mädel, ihm ist's gleich. Ein Esser -mehr zu den dreien, die schlafend in Kisten an der -Erde liegen. Und die Frau erwerbslos für die nächsten -Wochen.</p> - -<p>Was ist zu tun? Wenn Gott es so bestimmt -hat.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -Er läuft, um nicht in Strafe zu verfallen. So -hastig rennt er durch die unerhellte, nebeldicke Morgenluft, -daß er die Kälte, die sein Gesicht zerschneidet, -nicht empfindet.</p> - -<p>Schon steht er zwischen seinen beiden Stühlen.</p> - -<p>Oh ... oh ... oh ... oh ...</p> - -<p>Oh ... oh ... oh ... oh ... oh ... jeeeh heult -zum zweitenmal die Pfeife.</p> - -<p>Sssss zischt die Dampfmaschine, bewegt die Arme, -bringt den Betrieb in Gang; die Schützen fliegen -durch die Kettenfäden.</p> - -<p>Und Vaclav weiß nicht, daß sich in das Ausklingen -des zweiten Pfiffs daheim in seiner Hütte -ein leiser Wehlaut mischt. Das erste Wimmern -seines vierten Kindes.</p> - -<p>Piska – es pfeift – wird sie genannt. Die -Dampfpfeife, die sie zur Welt gerufen hat, wird -ihre Patin.</p> - -<p class="ce">* * * * *</p> - -<p>Kind und Mutter. Alles Reiche, Starke, Zwingende -ursprünglichster Instinkte ... Fünf Wochen lang -kriecht das Tierchen Piska an die Mutterbrust. Mit -seinem Hunger, seinem Frost, mit jedem Zittern -seines leiblichen Verlangens.</p> - -<p>Plötzlich liegt es in Verlassenheit. Lange Stunden, -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -Ewigkeiten. Die Händchen tasten in das Leere, -die Lippen stoßen klagend etwas Mißschmeckendes -zurück, schließen sich, lustlos saugend, um etwas -Kaltes, Nahrungsloses; bis sie der Lebensquell aufs -neue füllt; bis Mutterzärtlichkeit mit Brust und Arm -und Mund den kleinen Körper wärmend einhüllt.</p> - -<p>In diesen Augenblicken tierischen Entzückens huscht -durch das Dämmern des kindlichen Bewußtseins -ein Geräusch, ein Laut ...</p> - -<p>Oh ... oh ... oh ... oh ...</p> - -<p>Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...</p> - -<p>Die Lust verschwindet. Piska ist allein. Großmutter -schüttelt sie.</p> - -<p>»Psch, psch, Pisenka, raunz' nicht. Maminka -kommt wieder, abends, wenn sie pfeifen.«</p> - -<p class="ce">* * * * *</p> - -<p>Das Band zwischen Natur und ihr ist durchgeschnitten. -Piska ist kein Säugling mehr.</p> - -<p>Doch von der Großmutter noch immer vor den -anderen bevorzugt. Sie nimmt die Kleine mit, wenn -sie, die schwarze Tasche auf dem Arme, zur Mittagszeit -davonschlürft. Langsam, doch noch viel zu schnell -für schwache, kurze Beinchen. Den Waldweg abwärts, -über die Brücke, vor das große Haus.</p> - -<p>Sie warten lange, bis sein Tor sich öffnet. Viele -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -Menschen gibt es her. Männer, Frauen, Burschen, -Mädel.</p> - -<p>Božena und Vaclav sind darunter. Bleich und -verdrossen. Er unzufrieden mit dem Zugebrachten. -Keine fünfzig Deka Fleisch die ganze Woche. Sie -oft zu kraftlos, um zu essen.</p> - -<p>Sie sitzen zur Sommerszeit auf einer grünen -Wiese. Im Winter in einem großen, kahlen Zimmer -mit vielen anderen. Manch einer hätschelt -Piska, schiebt ihr einen Bissen in den Mund, läßt -Branntwein oder Bier in ihre Kehle laufen.</p> - -<p>Die Hand der Mutter liebkost sie nicht mehr. -Müde ruht sie auf dem Schoß, in dem sich wieder -neues Leben regt. Schon ruft es abermals zur Mühsal. -Seufzend stehen alle auf, folgen der Mahnerin, -der Unerbittlichen ...</p> - -<p>Oh ... oh ... oh ... oh ...</p> - -<p>Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...</p> - -<p class="ce">* * * * *</p> - -<p>Was sich die kleine Piska alles denkt, wenn sie -die Pfeife hört. »Ein großer Mann, ein Riese, -noch höher als ihr Häuschen, der so schreit.«</p> - -<p>Sie ahmt ihm nach, wenn sie mit den Kindern -spielt. Auf der offenen Heerstraße, die ihr Spielplatz -<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -ist. Sie pfeift, die anderen müssen in den Winkel -rennen, »in die Fabrik«. Im Winter dringt -ihnen der Schnee in die zerlumpten Stiefel. Im -Sommer wühlen ihre nackten Sohlen den Staub -auf, daß er in Wolken aufsteigt und ihnen fressend -in die Lungen dringt.</p> - -<p>Viel später, Piska geht schon in die Schule und -weiß: es ist der Dampf, der mit so tobendem Gekreisch -entweicht, verbindet sie geheimnisvolle Vorstellungen -mit dem grellen Schrei.</p> - -<p>Er ist ihr der Direktor, vor dem die Mutter zittert, -der die gut und schlecht bezahlte Arbeit zu vergeben -und die Strafen anzusetzen hat. Auf den der -Vater schimpft: »Lump, verfluchter, tritt den Arbeitsmann, -kriecht dem Herrn in den H.....n!«</p> - -<p>Oder gar der Herr Besitzer selbst, der furchtbar -reiche, der die Tasche voll mit Sechserln hat, alle -Tage zweimal Fleisch kriegt und drei Liter Pilsener -Bier dazu.</p> - -<p>Oder sonst ein Übermächtiger, ein Zauberer.</p> - -<p>Alles richtet sich nach ihm. Daß die Eltern weggehen -und daß sie wiederkommen. Daß es Samstag -eine halbe Stunde früher die Suppe und die -aufgewärmten Knödel gibt. Daß die Mutter dann -das Zimmer aufreibt und die Kinder badet. Daß -der Vater erst um Mitternacht nach Hause kommt -<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -und die Mutter prügelt, die ihm weinend vorwirft, -daß er wieder den halben Wochenlohn vertrunken hat.</p> - -<p class="ce">* * * * *</p> - -<p>Nun ist sie selber in des Zauberers Bann geraten.</p> - -<p>Bei der Mutter, die die Fäden durch die Zeuge -zieht und sie an eine neue Kette andreht, hockt die -Kleine. Garnabfälle hängen ihr am Arm, und die -Finger lernen Weberknoten.</p> - -<p>Eine blasse, magere Vierzehnjährige, der der Pfiff -kein Spiel mehr bedeutet.</p> - -<p>Bald rückt sie auf, sitzt an der Spulmaschine. Wie -beim Instrument die Tasten reihen sich dem samtnen -Kissen Stifte an, auf denen die Bobinen stecken. Und -dahinter trägt der große schräge Rahmen Spulen.</p> - -<p>Aufgepaßt. Nicht geprudelt, nicht gefaulenzt. Geld -verdienen. Aufgepaßt, daß keine Fäden reißen, daß, -wenn die Bobine abgespult ist, kunstgerechte Knoten -zu der neuen führen. Und daß ja der Baumwollflug -nicht auf dem Kissen bleibe und den Faden schädigt.</p> - -<p>Schwere Arbeit für die schwachen Kräfte. Aber -Jugend, goldene Jugend. Über deine Brücke geht -aus jedem Dunkel der Weg zu hellen Fröhlichkeiten.</p> - -<p>Neckereien, Gelächter, Püffe rechts und links. Rasch -und heimlich. Wenn ein Unberufener naht, gleich die -Augen wieder ehrbar auf die Bank gerichtet. Eine Hetz'!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -Und endlich pfeift sie doch, die Stunde der Erlösung. -Wie dann mittags im Winter der aufgewärmte -Kaffee schmeckt. Im Sommer die Handvoll -Birnen und die saure Gurke.</p> - -<p>Manche freilich essen besser. Streichen Schmalz -aufs Brot und kaufen einen halben Liter Bier in -der Kantine. Zu so etwas reicht Piskas Lohn noch -nicht. Sechzig Heller täglich; dreißig davon an die -Mutter. Was bleibt da für den Putz? Mag auch -jeder arbeitsfreie Augenblick beim Sticheln aufgehen, -beim Waschen, Stärken, Bügeln. Dem Johann -Tronezek zuliebe.</p> - -<p>Der Johann Tronezek steht schon am Webstuhl. -Er webt Kattune. Schlecht bezahlte Ware. Leichte -Ware, wie er selber ist. Kein hübscher Junge. Dürr -und käsig. Sohn eines Säufers und mit Branntwein -aufgezogen. Aber flink und frühreif wie die -Piska selber.</p> - -<p>Sie passen gut zusammen, wenn sie am Sonntag -miteinander tanzen. Stundenlang. Die Arme eng -verschränkt, die Hände gegenseitig auf den Schultern, -die Köpfe einander zugeneigt, daß die Stirnen -sich berühren. Brust und Leib dem anderen angeschmiegt, -schieben, drehen und drängen sie sich durch -den Knäuel der Paare. Sie sprechen nicht. Das -Mädchen schließt die Augen, öffnet ihre Lippen. -<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -Gibt sich in sinnlicher Verzückung der Wonne hin. -Dem Tanz, der schwindelnden Bewegung, der dichten -Nähe ihres Burschen.</p> - -<p>Die Luft wird schwül und dick. Aus Bierneigen, -Speiseresten, Menschenschweiß ballt sich Gestank zusammen. -Die Fiedel quietscht, der Baß ist brummig -und verstimmt, mißtönig kreischt der Chor der halb -Betrunkenen dazwischen. Das Mädchen sieht, hört -und riecht es nicht. Die Augen zu, die Lippen offen, -dreht sie sich inbrünstig im Kreise.</p> - -<p>An ihres Liebsten Körper angepreßt, genießt sie -dumpf und unbewußt, wonach des Menschen tiefste -Notdurft schreit – das Glück.</p> - -<p>Andere haben Muße, Bildung, Luxus, Kunst, -Natur.</p> - -<p>Sie hat nichts als diese kurze Freiheit. Der Inhalt -ihres Lebens drängt sich in diese Stunden. -Sie sind das Licht, nach dem die Schatten ihres -Daseins flüchten, die Sonne in dem Dunkel ihres -Denkens, die Freude, die sie gierig einschlürft, mit -all der Leidenschaft, die das Entbehren ihrer Seele -in ihrem Körper aufpeitscht.</p> - -<p>Tanz und Liebe ... Bis zur Neige leert sie den -Becher, sinnlos, zügellos. Dem allzu schnell enteilten -Tag fügt sie die Nacht hinzu, den frühen -Morgen. Noch eine Runde ... eine noch ...</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -Erschöpft und schwindlig möchte sie die fliehenden -Minuten halten.</p> - -<p>Oh ... oh ... oh ... oh ...</p> - -<p>Oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ... schreit -die Pfeife.</p> - -<p>Der Arbeitstag ist da, rennt, Leute, eilt, daß -ihr der Strafe nicht verfallt!</p> - -<p>In ihren Sonntagskleidern, ungesäubert, ungestärkt, -stürzen sie den Berg hinunter, den Fluß entlang, -über die Brücke, an das große Tor ...</p> - -<p>Gerade sitzen, Piska, die Lider offen halten! Aufpassen, -nichts verpatzen, Geld verdienen!</p> - -<p class="ce">* * * * *</p> - -<p>Piska tanzt noch immer. Aber lange Pausen legt -sie zwischen jede Runde. Ihre blauen Augen liegen -tief und schwarzumrändert in den Höhlen, ihre jungen -Züge sind verfallen, lässig schleppt sie ihre Glieder. -Sie ist krank. Doch diese Krankheit gilt nicht bei -der Krankenkasse. Auch zu Hause muß sie sie verschweigen. -Aus Angst vor Prügel und vor hartem -Zanken.</p> - -<p>Zwar die Mutter wurde auch erst kurz vor Piskas -Ankunft Vaters Frau. Doch der Eltern eigene Verfehlung -strafen sie bei ihren Kindern. Anständig soll -die Tochter bleiben, Geld nach Hause bringen. Überhaupt -<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -die Piska, so ein Fratz, noch keine sechzehn. Und -die Mutter selbst noch alle Jahre in der Hoffnung.</p> - -<p>Auch der Johann ist verdrossen. Nicht wie sonst -macht er sich häufig in dem Spulmaschinenraum zu -schaffen. Sie ist es nun, die einen Vorwand sucht, -den Websaal durchzulaufen. Aber das Getöse übertönt -die Stimme. Sie zieht ihn mit sich in den -Seilgang.</p> - -<p>Nur ein Wort.</p> - -<p>Na also – was? Wie wenn er nicht schon wüßte. -Also ja, wie oft soll er es sagen. Er wird sie nehmen. -Wahrscheinlich. Später, wenn sie beide mehr verdienen. -Aber gleich das Haus voll Kinder. Dafür -dankt er. Sucht sich lieber eine andere, die nicht -so ungeschickt ist. Na – nicht gleich. Sie braucht -nicht so zu weinen.</p> - -<p>Sie drängt sich angstvoll an ihn an. Eine kurze, -heftige Umarmung vereint die beiden, die Strafe und -Entdeckung nicht bedenken.</p> - -<p class="ce">* * * * *</p> - -<p>Hochsommer. Glühend brennt die Sonne auf die -ungeschützten Scheiben. In schrägen Streifen tanzt -der Staub und Baumwollflug im Saale. Piska -sieht weiß aus. Ihre Finger zittern, wenn sie den -Knoten knüpfen sollen. Bei jeder Lohnauszahlung -<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -trifft sie seit Wochen eine Strafe, und der Direktor -droht mit der Entlassung.</p> - -<p>Jetzt nimmt sich eine Mitleidige ihrer an.</p> - -<p>»Geh' bissel auf die Luft, ich gib' dir Obacht.«</p> - -<p>Die Kleine wankt hinaus; sie schleppt sich aufwärts -in den Wald. Ein Tier, das in das Dickicht -kriecht, dort zu verenden.</p> - -<p>Ist ihr schlecht. Jeschisch Margotte ... was für -Schmerzen. Sie schreit und jammert. Stromweise -stürzen ihr die Tränen aus den Augen, die Hände krallen -in die glatten Tannennadeln, die den Boden decken.</p> - -<p>Die Pfeife hört sie noch und denkt verworren: -Wenn man nur nicht gemerkt hat, daß ich eher weg -bin. Dann überwältigen die Qualen die Gedanken.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Ein grelles, langgedehntes, aufheulendes Brüllen -weckt sie auf. Sie möchte aufstehen, an die Spulbank -eilen.</p> - -<p>Sie kann nicht. Entkräftet, sterbend sinkt sie nieder. -Und in das Ausklingen der Pfeife mischt sich ein -leiser Wehlaut. Das erste Wimmern ihres Kindes.</p> - -<p>Der Kreislauf ist vollendet. Ein Leben geht zugrunde -und gibt der Arbeit einen neuen Sklaven.</p> - -<p>Oh ... oh ... oh ... oh ...</p> - -<p>Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -Wir saßen mit gesenkten Köpfen. Von der Trostlosigkeit -dieser Zustandsschilderung bedrückt und aufgereizt, -uns zu verachten. Nur ein grauhaariger -Herr, wie schlafend an die Kachelwand gelehnt und -in die Spiralen seiner kunstgerechten Rauchringe -gewickelt, schlug die Augen auf und sagte: »Ja, so -seid Ihr. Immer Weiß und Schwarz. Der Proletarier -ist edel, der Bürger ist ein elendes Subjekt. -Ein Ausbeuter. Und ohne ein paarmal hunderttausend -Guldenrente tut Ihr's bei ihm nicht. Meiner -Erfahrung nach taugen wir Menschen auf beiden -Seiten nichts. Wer die Macht hat, übt Gewalt -und unterdrückt das Recht. So ist's von Weltanfang -gewesen. Wenn Ihr am Ruder seid, werdet Ihr's -nicht anders machen.« Er bewegte die Feder seines -Benzinfeuerbüchschens, entzündete bedächtig eine -frische Zigarette und führte ein Beispiel für seine -Weltanschauung an.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -Die Erziehung zur Bosheit</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -Denkt euch einen braunen Wollknäuel, dem man -vier Pfötchen und ein Schwänzchen angebunden hat. -Oder noch besser, stellt euch eine Kugel vor, mit -einem braunen Fellchen überzogen. Daran ein Köpfchen -mit zwei blanken Augenpunkten, einem schwarzen -Näschen und einer sammetweichen Schnauze. -Oder ein lächerliches, winzig kleines Löwenjunges ...</p> - -<p>Aber vielleicht glich Bello, als ihn der Gärtner -in der Rocktasche vom Markte mit nach Hause -brachte, am meisten einem jener Spielzeugshunde, -die schreien, wenn man sie etwas auf den Magen -drückt. Nur daß man Bello dazu nicht zu drücken -brauchte. Denn er klagte unaufhörlich um die Mutter, -der man ihn zu früh entrissen hatte. Selbst, -als er sich bereits darein ergeben hatte, tags die -leere, kalte Luft und nachts eine lieblose Filzdecke -über sich zu fühlen (an Stelle des weichen, gastfreundlichen -Leibs, in dessen tierisch temperierter -Wärme er mit den Geschwistern gekuschelt war), -suchte sein Mäulchen sehnsüchtig im Halbschlaf die -stets bereite Nahrungsquelle. Und er weinte schmerzlich, -wenn noch niemand wach war, um ihm das gewohnte -Dämmerfrühstück zu kredenzen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -Nach und nach verblaßte in ihm die Erinnerung -an die Großmut der Natur. Er paßte sich der -rauhen Notwendigkeit an, und aus dem wehleidigen -Säugling wurde ein frohes, spielerisches Kind. Mit -der Vertrauensseligkeit der ersten Jugend blickte er -ins Leben. Wenn er des Morgens über die Schwelle -des Gartenhäuschens rollte, trat er wie ein Herrscher -in sein Reich. Die ganze Umwelt war sein Eigentum. -Die kiesbestreuten, glattgeharkten Wege, die -Blumenbeete, das Birkenwäldchen und der Rosenflor. -Und die Himmelsglocke, die über dem Garten -blaute, und die Sonnenflecken, die den grünen Rasen -rötlich sprenkelten.</p> - -<p>Er war keinen Augenblick im Zweifel, daß auch -die Villa ihm gehöre, die Freitreppe, die zu der Eingangshalle -führte, die Korbmöbel und Lorbeerkübel. -Und daß der Spitzensaum der Tafeldecke nur darum -tief herabhänge, um seinen Pfötchen ein angenehmes -Spiel zu bieten. Wenn ihn ein unmutiges Wort -verscheuchte, hielt er's für einen Scherz und antwortete -in der Sprache, die er eben erst in sich entdeckt -und die anzuwenden ihm offenbar eine richtige -Erfinderfreude gab; antwortete mit einem Bellen, -das an das Krähen eines sehr jungen Hahnes gemahnte.</p> - -<p>Ohne Hochmut besuchte er die Küche, schnupperte -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -in allen Winkeln, schleckte alle Schüsseln aus und -verschaffte sich Genüsse, die ihm sein zweites Vaterhaus -nicht bot.</p> - -<p>Für Zärtlichkeiten war er sehr empfänglich. -Wehrte sich nicht, wenn die Küchenmagd ihn auf die -Ohren küßte. Und träumte sich auf dem Schoß der -umfangreichen Köchin, von ihrem hinströmenden -Busen überragt, in den Dunstkreis seiner Kinderstube. -Allem Beweglichen und Raschen sprang -er entgegen; ob es auf vier oder zwei Beinen -ging, auch nur ein Schatten war, ein Blatt, das -eigene Schwänzchen, nach dem er sich im Kreise -drehte.</p> - -<p>Doch seine liebsten Kameraden waren die kleinen -Jungen, die allmorgendlich die Zeitungsblätter -brachten. Sie kamen stets zu zweit, als fühlten sie, -daß ihre dürftige Erscheinung erst verdoppelt <em class="ge">ein</em> -Individuum ergebe. Sie gingen barfuß, ihre ausgewachsenen -Kleider waren mehr zerrissen als geflickt, -und in den abgemagerten Gesichtern standen -die dunkeln Augen unnatürlich groß.</p> - -<p>Bello bereitete ihnen stets einen festlichen Empfang. -Schon von weitem lief er ihnen zu, umhüpfte -sie und entschüchterte sie so geschickt mit seinen Kapriolen, -daß sie zum Schluß mit ihm auf einem -Haufen gemeinsam an der Erde lagen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -Damit war der Gärtner, Bellos Besitzer, gar -nicht einverstanden. Er mißbilligte schon Bellos -Verkehr im Herrenhaus. »Bello soll nicht zutunlich -zu Tier und Menschen sein. Bös soll er werden, -mißtrauisch und scharf, sonst taugt er sein -Lebtag nicht zum Kettenhund,« und duldete nur -aus wirtschaftlichen Gründen sein herzliches Verhältnis -zu der Köchin. Die Freundschaft mit den -Zeitungsbuben aber war ihm geradezu zuwider. Zum -Schutz gegen Leute, die barfuß gingen und abgenutzte -Kleider trugen, sollte der Hund ja gerade aufgezogen -werden.</p> - -<p>Es wurde Bello sehr schwer, seine Bestimmung -zu begreifen. Zu den ersten Kläpsen hatte er, wie -ein rechter frecher Bengel, mit mutwilligen Lauten -erwidert. Bald aber verspürte er, wie bitter Schläge -schmecken.</p> - -<p>Diese Erfahrung nahm ihm das Vertrauen zu -der Menschengüte. Und mit dem Kinderglauben auch -die Kinderzuversicht. Er lernte lügen und betrügen. -Er tat heimlich, was er bisher für sein gutes Recht -betrachtet hatte. Mit geducktem Kopf, das Schwänzchen -(sonst der Vergnügungsanzeiger des kleinen Körpers) -zwischen die Beine eingeklemmt, schlich er in -die Halle, vor jeder Handbewegung fluchtbereit. Den -Berührungen der Dienstboten wich er ängstlich aus -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -und stahl, was ihm bisher freiwillig angeboten worden -war.</p> - -<p>Am zögerndsten entsagte er der Neigung zu den -zerlumpten Kameraden. Immer wieder wurde er -im Spiel mit ihnen angetroffen.</p> - -<p>Da band der Gärtner ihn zur Strafe eines Nachts -zum erstenmal in der großen Hundehütte fest. Verlassen, -frierend, von Furcht und Sehnsucht fast von -Sinnen, bat er unaufhörlich: »Verzeiht mir doch! -Ich will ja brav sein! Kommt denn niemand? Laßt -mich nicht allein!« Und unterbrach sein Winseln -nur, um hämmernden Herzens, mit aufflammender -und immer neu enttäuschter Hoffnung aufzuhorchen, -ob die Erlösung sich nicht nahe ... Und in der nächsten -Nacht derselbe Jammer ...</p> - -<p>In den Stunden der Verzweiflung reifte langsam -die Ahnung von dem Weltzusammenhang in ihm. -Von der Macht des Starken. Daß der Schwache -rechtlos sei und daß ihm nur <em class="ge">eine</em> Waffe zu Gebote -stehe – die Bosheit. Er veränderte sein Wesen. -Das Fellgekräusel wurde glatt, die Blicke kehrten -sich nach innen, die Schnauze streckte sich und gab -ihm das Aussehen eines Fuchses.</p> - -<p>Neun Monate war er alt, als er nach dem jüngeren -der Zeitungsträger schnappte.</p> - -<p>Das Bübchen hatte sich, in dem Verlangen nach -<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -dem langentbehrten Spielgefährten, bis zum Gartenhäuschen -vorgewagt. Es hielt das Knurren Bellos, -dem man streng aufgetragen hatte, niemanden in -die Wohnung einzulassen, für eine der beliebten -Narrenpossen seines Freundes, und überschritt die -Schwelle. Da biß der Hund nach ihm ... über das -magere Beinchen rieselte das Blut in Tropfen ...</p> - -<p>Der Gärtner lobte seinen treuen Wächter und -belohnte ihn mit einer halben Wurst.</p> - -<p>Bellos Erziehung war vollendet.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -Unweit von mir trocknete eine junge Dame im -Verborgenen eine Träne ab. »Das war eine traurige -Geschichte. Armer Bello.«</p> - -<p>Die Männer lachten. Einige im Ärger, andere belustigt.</p> - -<p>»Meine Freundin Isabella liebt die Tiere über -alle Maßen,« entschuldigte Isabellas Nachbarin.</p> - -<p>»Und du meinst, Franziska, daß ich mich dessen -schämen sollte?« Isabellas Stimme, zuerst wie von -Müdigkeit verschleiert, wurde klarer.</p> - -<p>Ich dachte, sie hat den D-Moll-Klang des »Immer -leiser wird mein Schlummer«-Lieds von Brahms.</p> - -<p>»Ja, ich liebe sie, die Tiere,« fuhr sie fort, »sie -sind so hilflos wie die kleinen Kinder, sie sind so -ganz auf unsere Güte angewiesen und haben zu uns so -ein rührendes Vertrauen. Wir aber täuschen sie beständig -und mißhandeln sie zum Lohn für ihre Liebe.« -Sie hob sich etwas aus dem weiten Mantel, in den -sie, fröstelnd, eingesunken war. »Nur wir Frauen -sind ihnen überlegen in der Fähigkeit, stumme Martern -zu ertragen.« Sie hatte ihren Platz verlassen -und stand sehr schlank in einem hochgegürteten Gewand -von weicher schwarzer Seide, ein dünnes Perlenschnürchen -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -um die weiße Kehle. »Ach, was wißt -ihr Männer, wie wir Frauen um die Liebe leiden -können. Wir haben einen sechsten Sinn dafür.«</p> - -<p>Ich dachte: Was tut sie? Wie weit wird sie sich -vergessen?</p> - -<p>»Wir liegen auf der Erde und zerschlagen -unsere Brüste, wir hassen euch und möchten euch verwünschen. -Aber wenn ihr kommt, findet ihr uns -schmeichlerisch und zärtlich. Wir wissen, ihr wollt -von uns die Wahrheit nicht. Und nur durch die -Sinne halten wir euch fest.« Ich hätte zu ihr treten -und sie verhindern mögen, sich weiter vor fremder -Neugier zu entkleiden, aber sie schien schon rettungslos -dem Zauber dieser Nacht verfallen, der die -Schlösser an den Herzen sprengte und die Seelen -zwang, schamlos zu sein. Nur tiefer in das Zimmer -zog Isabella sich zurück. Wie auf einer Geigensaite -sang der Mollton ihrer Stimme aus der Ferne.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -Vision</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -Noch einmal liebte er. Noch einmal hüllte ihn die -Leidenschaft in ihren Purpurschleier, noch einmal -träumte er das holde Märchen vom Sichverlieren -und in einer anderen wiederfinden. Doch sein -Schlummer war nicht tief. Im Traume wußte er -von seinen Träumen, und daß ein lauter Anruf ihn -erwecken würde. Und der Schleier, der ihn hüllte, war -nicht unversehrt. Ein Riß nur, und das Licht des Alltags -drang durch seine Maschen. Das wußte er, und er -zäumte Dunkelheit und Stille um sein letztes Glück.</p> - -<p>Sie liebte ihn. Ihr ging zum erstenmal des -Weibes Lebenssonne auf. Kein Zweifel war in ihr. -Mit demütiger Wonne gab sie ihr Ich an ihn verloren. -Um Anbeginn und Ausgang ihrer Liebe standen -Ewigkeiten. Ein Reichtum war in ihr, ein Jubeln -und ein Singen. Und ein Drang, sich zu entdecken, -zu bekennen. Jede Erinnerung holte sie aus -den Verborgenheiten des Empfindens, um sie mit -dem Geliebten nochmals zu durchkosten. Und sie verlangte -ihren Anteil an jeder Regung seines Wesens.</p> - -<p>Er lächelte und schwieg. Er schloß die Augen, -legte ihr die Finger auf die Lippen, zog sie in seine -Arme, riß sie mit sich in das Meer der Seligkeiten. -Und über ihren Häuptern schlug die Flut zusammen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -Doch wenn ihr die Besinnung wiederkehrte, hörte -sie, wie ihre Seele klagte: du schwelgst und läßt -mich darben. Du glühst, und ich erfriere. Fühlst -du denn nicht? Er ist nicht dein Freund. Was er -dir gibt, ist nichts als sein Begehren.</p> - -<p>Dann weinte sie und forderte vom Schicksal: erhöre -mich. Nimm ihm sein Begehren, gib mir dafür -seine Freundschaft.</p> - -<p>Die Blüten ihrer Freude fingen an zu welken. -Ein Mißton gellte durch ihr innerliches Jauchzen. -In die festen Wurzeln ihres Glaubens drang ein -Fäulnistropfen, und dem zerstörten Erdreich entwuchs -der Schmerz wie eine kranke Blume.</p> - -<p>Er ahnte nichts von ihren Qualen. Dankbar genoß -er ihr Verstummen und schlürfte ihre wehe -Zärtlichkeit wie eine neue Würze. Er ahnte nicht, -daß ihre Lippen, auf denen eben noch die seinen -brannten, in sich den Schrei erstickten: Schicksal, -erhöre mich. Nimm ihm sein Begehren. Gib mir -dafür seine Freundschaft.</p> - -<p>Einmal aber kam es, daß ihre Zweifel durch ihr -Schweigen brachen. Wie ein lang zurückgedämmter -Strom stürzten ihre Klagen über ihn hinweg: »Du -liebst mich nicht, an deiner Seele hab' ich keinen -Anteil, du gibst mir nichts als deine Sinne.«</p> - -<p>Er blieb die Antwort schuldig. Er nahm sie sanft -<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -in seine Arme, wiegte sie hin und her und sagte -nur mit einem müden Lächeln: »Du Kind.«</p> - -<p>Am nächsten Tage fehlte er um die gewohnte Stunde.</p> - -<p>Sie stand und wartete auf ihn, in Unruhe zuerst, -dann in Erstarrung. Sie stand ganz nahe bei der -Tür, weit vorgebeugt, um das Nahen seiner Schritte -eher zu erlauschen. Es wurde finster, und sie wartete -noch immer. Sie zündete kein Licht an. Ihr -war, als bringe ihn das Dunkel ihrer Sehnsucht näher.</p> - -<p>Plötzlich streifte sie sein Atem. – Sie fuhr empor -und sah ihn in der Tiefe eines Sessels lehnen.</p> - -<p>Sie fragte nicht: wie ist er eingetreten? Sie fragte -nicht: wer hat die Lampe angesteckt, die rot verschleiert -aus der Ecke leuchtet? Ein Nebel lag auf -ihrem Denken, sie fröstelte. Das kam daher – er -hatte sie beim Kommen nicht geküßt.</p> - -<p>Er lehnte in der Tiefe eines Sessels, ihr gegenüber. -Er erzählte von Erlebnissen und Plänen, -forschte, wie sie sich tagsüber beschäftigt habe.</p> - -<p>Sie dachte: ist das seine Stimme? dieser gleichmäßige -Klang, der niemals jäh erstickt und im Geflüster -abbricht?</p> - -<p>Er zog ein Buch aus seiner Tasche, empfahl es -ihr und bot sich an, ihr daraus vorzulesen.</p> - -<p>Sie wollte rufen: du – du – kommst du nicht zu mir?</p> - -<p>Der Laut erstickte in der Kehle.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -Er plauderte inzwischen weiter. Er wurde witzig, -zuweilen wurde er sogar bedeutend.</p> - -<p>Sie dachte: ist er es denn wirklich?</p> - -<p>Sie fand ihr Bild nicht mehr in seinen Augen, -aus seinen Zügen war jede Heimlichkeit gelöscht. -Sie sagte gleichgültige Dinge. Es wurde eine angeregte -Unterhaltung.</p> - -<p>Sie wollte aufstehen, sich in seine Arme stürzen. -Etwas Unüberwindliches hielt sie zurück. Die kurzen -Schritte, die sie von ihm trennten, waren nicht -zu überschreiten.</p> - -<p>Sie dachte: wenn er es wirklich ist, dann hab' ich -meine Liebe nur geträumt, den Mann mir gegenüber -kenn' ich nicht.</p> - -<p>Jemand sagte: »Was euch vereint hat, ist zerrissen. -Sein Leben ist erstorben. Du aber lebst. -Und keine Brücke führt vom Lebenden zum Toten.«</p> - -<p>Ein mörderischer Griff preßte ihr Herz zusammen. -Aus schwerster Not stöhnte sie auf ...</p> - -<p>Sie lag im Dunkeln an der Erde. Ihre Wangen -waren naß von Tränen. Und schnell, ehe die betäubte -Seele sich von ihrer Angst befreien konnte, -stammelte der Mund, mit blassen Lippen: »Schicksal, -erhöre mich – nimm mir, wenn es sein muß, seine -Freundschaft, aber laß, o laß mir sein Begehren.«</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -Isabella, jetzt auf einem niederen Schemel unterhalb -des Fenstertritts gekauert, hätte die Wiederkehr -in unsere Gemeinsamkeit nicht scheuen brauchen. -Mit Ausnahme einer faunischen Bemerkung des -grauhaarigen Zigarettenrauchers entheiligte kein -Männerwort den Nachhall der ausgeströmten Klage. -Nur in Franziska, mir entging es nicht, rang ein -Kampf. Ein Widerspruch, ein Stolz? Mit einem -Hochmut, der ihr wohl helfen mußte, ihre Abneigung -gegen diese öffentliche Kundgebung zu überwinden, -erkannte sie die Tyrannei der Sinnlichkeit nicht an. -Mehr als den Geliebten suche die Frau jetzt in dem -Manne den Vater ihrer Kinder, den gleichberechtigten -Gefährten.</p> - -<p>Wieder war es eine Frau, die sich ihr entgegenstellte. -Am wenigsten hätte ich es dieser zugetraut. -Sie war mir jenseits jedes passionellen Sturms erschienen. -Ich entdeckte bald den Einfluß, unter dem -mein Urteil stand. Entgegen den heutigen Gebräuchen -war ihre Kleidung der Anzahl ihrer Jahre angepaßt. -Das gab ihr vorzeitig den Anschein der Matrone. -Es gelang mir, ihr früheres Ich bildhaft vor -mir wiederherzustellen. Die feine Linie des jetzt -<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -zur Fülle neigenden Ovals, den schönen Schnitt der -großen schwarzen Augen, jetzt von sanfter Traurigkeit -verschattet, die Lockungen der Lippen, ehe die -Zeit ihnen die Frische nahm.</p> - -<p>Fühlte sie von mir etwas zu sich herübertasten? -Sie wendete sich nur an mich, als sie ruhig sagte, -sie habe keine Vorstellung von einer Weltordnung, -die es den Frauen möglich machen werde, vom Mittelpunkt -ihrer Natur sich zu entfernen. Was für Geschöpfe -würden sie dann sein? Vom Fluch des Triebes -befreit, von der Versklavung durch das Blut, das -seine Forderungen am gebieterischsten stellt, wenn -es die Grenzen seiner Macht erreicht. Ruhigere -sicher. Ob aber glücklichere? Ohne die Glorie ihrer -tödlichsten, unentbehrlichsten, aus der Wurzel ihres -Weibseins aufsteigenden Schmerzen. Ganz schlicht, -die Farbe ihrer Wangen kaum erhöht, erzählte sie; -es mochte ihr Erlebnis, es mochte das Tausender -ihrer Mitschwestern gewesen sein.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -Herbst</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -Noch ein Tücherschwenken. Glück auf den Weg! -Liebe! Liebste! Dann bog der Wagen um die Ecke, -allmählich verkräuselte der aufgewühlte Staub.</p> - -<p>Doch noch verweilte Frau Beate an dem Gartentor. -Mit feuchten Augen sah sie in die Herbstlandschaft -hinaus.</p> - -<p>Durch die große Ruhe der Natur ging es wie ein -Ton verhaltenen Gefühls. Wehmütig entflatterte -das fahle Laub den kahlen Zweigen. Daneben aber -flammten Bäume purpurn auf, als jauchzten sie im -Abschiednehmen schon dem Wiedersehen zu. Und die -grünen Wiesen, ganz durchwirkt mit lichten Herbstzeitlosen, -gaben sich der auslöschenden Abendröte mit -solcher Inbrunst hin, daß sie, wie von innen her, -erglühten.</p> - -<p>Auch in Frau Beatens Seele war ein Weinen -und ein Lachen. Unter einer sanften Traurigkeit sammelte -sich eine aufsteigende Kraft in ihr, etwas wie -ein Wunsch, der noch unter der Schwelle des Bewußtseins -schläft.</p> - -<p>Vom Hause her kam jemand, um sich eine wirtschaftliche -Anweisung zu holen. Das riß die Sinnende -<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -aus ihrem Träumen. Langsam ging sie, die -schwere Schleppe nachlässig gerafft, der Villa zu, -den mit gelbem Kies bestreuten Weg entlang, zwischen -den Rabatten, an denen noch ein paar späte -Rosen blühten.</p> - -<p>Sie mied den Eingang durch die Halle, in der -die Dienerschaft beschäftigt war, die gewohnte Ordnung -wiederherzustellen und stieg die Seitentreppe -aufwärts, zu dem Zimmer ihrer Tochter. Ein süßlicher -Geruch schlug ihr entgegen. Er strömte aus -den halbverwelkten Blumenkränzen, die sich, von -liebevoller Hand gewunden, um die hellen Möbel -schlangen.</p> - -<p>Beate öffnete ein Fenster, drehte den Verschluß -der elektrischen Beleuchtung auf, das Zimmer befand -sich noch in demselben Zustand, in dem die -Neuvermählte es verlassen hatte. Allerlei Zierlichkeiten, -wie eine elegante Frau sie zu ihrer Kleidung -braucht, lagen durcheinander. Auf dem Teppich -Nadeln, Bänder. Die weißen Seidenstrümpfe mit -den Myrtensträußchen neben den Atlasschuhen, als -seien sie eben von den Füßen abgestreift. Über die -Sofalehne floß das Brautkleid wie ein Lebendiges -hinunter, in seinen Falten hing noch der Duft zarter -Mädchenhaftigkeit.</p> - -<p>Frau Beate drückte ihre Lippen in die weiche -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -Seide, innige Segenswünsche im Gemüt. Dann -bückte sie sich nach dem Schleier, der auf den Fußboden -herabgeglitten war.</p> - -<p>Mit Fingern, die vor Erregung bebten, hatte sie -Kranz und Spitze aus dem Haar der Braut gelöst. -Etwas hastig. Denn von Zeit zu Zeit hatte der junge -Ehemann mahnend an die Tür geklopft. »Lena, -Liebling, beeile dich ein wenig, bitte. Wir haben -eine Stunde bis zum Bahnhof. Und bei dem Pech, -daß wir gerade heute das Auto nicht benutzen -können ...«</p> - -<p>Glättend fuhren Frau Beatens Hände über das -kostbare Gespinst, ein Erbstück, das von ihres Mannes -Mutter stammte, und das auch sie an ihrem -Ehrentag getragen hatte. Einundzwanzig Jahre war -es her.</p> - -<p>Wie das lebendig vor ihr aufstand – den ganzen -Tag über hatte es sie schon verfolgt. In einer -anderen Stimmung als die Lenas war sie damals -vor den Altar getreten. Nicht so siegessicher, weil -nicht so begehrt. Mit der Unruhe im Herzen: werde -ich Robert genügen? In demütigem Staunen: warum -wurde gerade ich von ihm gewählt? Von ihm, -dem so viel Älteren, Gereiften. So klug, so fein, -so reich. Und sie hatte nichts als die frische Unberührtheit -ihrer Jugend.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -Gut und rücksichtsvoll war er auf der Hochzeitsreise -dann zu ihr gewesen, hatte sie vor den Kunstwerken -Italiens und Griechenlands nicht fühlen -lassen, wie wenig sie wußte und verstand. Und doch -dieses Ungreifbare zwischen ihnen, diese Sehnsucht, -ihm einmal aus verborgenster Empfindung »Du« -zu sagen.</p> - -<p>»Laß uns nur erst zu Haus sein,« hatte sie sich -getröstet, »nicht mehr fremden Blicken ausgesetzt. -Dann will ich meine Schüchternheit bezwingen und -ihm zeigen, wie heiß, wie leidenschaftlich meine Liebe -zu ihm ist.«</p> - -<p>Da, noch vor der Heimkehr, jene Stunde, in der -sie ihm ihr Geheimnis hatte anvertrauen müssen.</p> - -<p>Nein, hatte sie je eine so strahlende Glückseligkeit -aus den Zügen eines Menschen brechen sehen? -Ihre Hände hatte er geküßt, wenig fehlte, er wäre -vor ihr auf die Knie gesunken.</p> - -<p>Fortan war sie mit ausgesuchter Sorgsamkeit von -ihm behandelt worden, jedes Unbehagen, das sie -traf, für ihn ein Schreck. Am liebsten hätte er sie -gar nicht mehr verlassen. In ihrem ganzen Leben -war sie noch nicht so verhätschelt worden. Was -peinigte sie sich mit der Vorstellung: das alles -gilt nicht dir. Du bist nur das Tabernakel für sein -künftiges Idol.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -Frau Beate ging zum Toilettentisch, griff nach -Lenas Bild und strich liebkosend darüber hin. Wie -in nachträglicher Abbitte für allen Groll und -alle Eifersucht auf das Übermaß der väterlichen -Liebe.</p> - -<p>Das Kind. Das Kind, der Mittelpunkt alles Geschehens. -Ihm zuliebe hatte sich die Frau allsommerlich -auf Monate von ihrem Manne trennen -müssen. Ihm zuliebe, um es nicht so lange zu missen, -wurde dann das Landgut angekauft. Und damit das -eigene Geschick besiegelt.</p> - -<p>Vor drei Monaten war Lena einer Einladung -Barons von Norden, des neuen Gutsnachbarn, gefolgt. -Ihr Vater, durch eine Erkältung verhindert -sie zu holen, hatte ungeduldig der Verspäteten geharrt. -Endlich – das Signal der Hupe. Heiß und -aufgeregt war die Tochter dem Vater an den Hals -geflogen.</p> - -<p>»Vatti, ich bin so unaussprechlich glücklich.«</p> - -<p>Sie war verlobt. Mit Kurt von Norden. Eine -Liebe auf den ersten Blick, seit Wochen brannte sie -in beiden. Auf der Heimfahrt war das »Ja« gefallen.</p> - -<p>Und nun wartete er draußen.</p> - -<p>»Darf er herein?«</p> - -<p>»Nein!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -»Auch morgen nicht?« Das verwöhnte Mädchen -war ganz fassungslos geworden. »Du verweigerst -deine Zustimmung? Aus welchen Gründen? Aber -ich lasse nicht von ihm ...«</p> - -<p>Was nun folgte: Tränen, Nervenkrisen, Selbstmordgedanken. -Seit jener Zeit teilte Frau Beate -Lenas Zimmer in der Nacht. Bis der Sieg errungen -war. Die schlimme Brautzeit, auch für die -Mutter, die den Vater trauernd leiden sah.</p> - -<p>Armer Freund! Wie tapfer er sich heute gehalten -hatte (nur bei dem Trinkspruch auf das junge Paar -war seine Selbstbeherrschung sekundenlang bedroht -gewesen), mit welch gutgespielter Heiterkeit er sich -erboten hatte, den Hochzeitswagen auf dem Weg zum -Bahnhof selbst zu lenken. Aber in was für einer -Stimmung würde er ihr wiederkehren?</p> - -<p>Mechanisch hatte Frau Beate in das Spiegelglas -geblickt, ohne sich darin wahrzunehmen. Wie kam es, -daß sie sich jetzt entdeckte? Daß aus dem Gedächtnis -die Erinnerung an Huldigungen tauchte, die heute -unbeachtet an ihrem Geist vorbeigegangen waren? -Ein freches Wort dabei, nicht für ihr Ohr bestimmt: -Wenn ich zu wählen hätte, weiß Gott, die Mutter -wär' mir lieber.</p> - -<p>Sie drängte sich näher an das Glas heran, prüfte -Haare, Haut, Gestalt. Wie ein Schauer überlief sie -<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -ein Verständnis, das schon vorhin leise aus der -Natur zu ihr gesprochen hatte. Daß dem Verblühen -ein heftigerer Reiz entströmen könne als -dem Entknospen, der tödlich süße Schmerz des -Endes, der dem Genuß die feinste Wollust gibt. -Und jäh und heiß schoß ihr eine Vorstellung ins -Blut: wenn er zurückkommt, gehört er mir allein. -Wie vor einundzwanzig Jahren. Kein Drittes zwischen -uns.</p> - -<p>Eine Hoffnung lohte in ihr auf, ihr Herz tat einen -großen Sprung, sie mußte sich am Tischrand halten.</p> - -<p>Dann, verwirrt, mit fieberhaft erregten Pulsen, -lief sie an einen Schrank, suchte, wühlte. Das Kleid, -das sie in ihrer Hochzeitsnacht getragen hatte, war -dort aufbewahrt. Ein weites faltiges Gewand aus -blaßblauer Seide. Es paßte noch. Die Haare rasch -gelöst, zu der Frisur von einst geordnet. Den Mantel -umgeworfen, wie zu unerlaubter Tat hinabgehuscht, -die spätblühenden Sträucher zu berauben. Die betauten -Rosen in Roberts Junggesellennest getragen, -daß sie ihre Düfte über die Einsamkeit des Lagers -streuen.</p> - -<p>Im Dunkeln, hinter herabgelassener Gardine, -spähte sie in die Nacht hinaus. Mit hämmerndem -Herzschlag, in zitternder bräutlicher Erwartung und -der Sehnsucht der gereiften Frau.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -... Männerschritte unten in dem Garten. Und -oben in ihr eine fast mädchenhafte Scham, ihm hier -zu begegnen, eine Wendung zu entfliehen. Zu spät, -er ist schon auf der Treppe. Jetzt geht die Tür zu -ihrem Schlafgemach. Gewiß, er sucht sie, gleich wird -er die Schwelle dieses Zimmers übertreten ...</p> - -<p>Da kommt ihr eine große Kühnheit. Sie macht -Licht, er soll sie sehen, wie sie sich für ihn geschmückt. -Nicht mehr nur die Mutter seines Kindes. Seine -Liebste. Seine Frau. Wo er nur bleibt? Auf leichten -Sohlen, die Nerven in weher Zärtlichkeit gespannt, -schleicht sie hinaus, lugt durch die Spalte der angelehnten -Tür.</p> - -<p>Vor dem Bett der Tochter liegt der Mann, das -Gesicht im seidenen Pfühl begraben. Wie vom -Krampf geschüttelt beben seine Glieder. Und er -weint ...</p> - -<p>Daß sie nur unbemerkt entkommen kann. In -Lenas Stube reißt sie schamüberflammt die blaue -Seide ab, knöpft ihren unscheinbarsten Morgenrock -bis zu den Ohren zu, streicht die Haare fest zurück, -zöpft sie zu einer matronenhaften Flechte.</p> - -<p>Hart und hörbar tritt sie auf, gibt ihm Zeit aufzustehen, -sich zu besinnen.</p> - -<p>»Ich erfahre eben, daß du schon zurück bist, Robert. -Bitte komm in das Rauchzimmer hinunter. -<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -Dort ist für dich gedeckt. Du mußt mir von den -Kindern erzählen. Und nach der langen Fahrt wirst -du sicher hungrig sein.«</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -Ich hatte keinen Blick von der Erzählerin gewendet. -In ihrer Selbstverständlichkeit zu Pflichterfüllung -und Entsagung schien sie mir die Verkörperung -der Fraulichkeit. Erstaunt bemerkte ich, -daß sie das Interesse der anderen Hörer nicht in -gleichem Maße erregte. Hier und da war einer -aufgestanden, ich hörte gedämpftes Flüstern vom -Fenster her. Als ich hinzutrat, nahm auch ich Leute -auf der Straße wahr, die mit dringenden Gebärden -Einlaß verlangten. Wir wagten nicht, den Bauer -aufzuwecken, mochten auch nicht, wir die Selbstgeschützten, -den Bittenden die Unterkunft versagen. -So übten wir eigenhändig Hausrecht aus. Die Eingelassenen -gaben sich als Fahrtgenossen zu erkennen. -Nachträglich hatten sie den Zug verlassen und nirgends -Aufnahme gefunden. Ich dachte, als sie sich -aus ihren Hüllen schälten: seltsame Bettgenossen -macht die Not. Ein Mann im Kaftan, Ringellocken -an den Schläfen, ein zweiter, bartlos, abgezehrt, -die Augen glanzlos, wie nach innen blickend, -den schwarzen Rock hoch zugeknöpft, zum Mönch -fehlte ihm nur die Kutte. Eine Frau zuletzt, robust, -den blonden Scheitel weißlich ausgeblichen. Den -Händen sah man an: sie scheuten sich nicht, unbedenklich -zuzugreifen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -Und nun wurde zum erstenmal in diesem Raum -gelacht. Als einer der Anwesenden sich auf die Weißlichblonde -stürzte und sie sich beide vor Heiterkeit -die Seiten hielten: da haben wir, meiner Seel', im -selben Zug gesessen, und eins hat nix vom anderen -gemerkt. Sie machten kein Hehl aus ihren Wie's -und Wo's. Wer wollte, konnte es erfahren, daß der -Südtiroler Aloys und die Holländerin Katje in -Scheveningen in dem nämlichen Hotel bedienstet -waren, vor zehn Jahren, er als Kellner, sie als -Stubenmädchen. Laut und unbekümmert füllten sie -die Lücken ihres Nicht-voneinander-Wissens aus. -Geruch des Krieges haftete an ihnen. Ihn hatte -England interniert, sie war in Flandern Pflegerin -gewesen.</p> - -<p>»Und bist epper wieder in an Gasthaus angestellt?«</p> - -<p>Sie machte eine unzweideutige Bewegung der Zurückweisung. -Einen Kriegsbeschädigten hatte sie zum -Mann genommen, sie fingen einen kleinen Handel -an. Um den Tod niet wollte sie wieder den reichen -Janhagel bedienen und für ein paar dubbeltje Trinkgeld -»Dank je well« zu jedem Lümmel sagen. Sie -stieß Aloys in die Rippen: »Nicht Aloys? Was hat -man da in die großen Hotels für ein Aasen mit die -Guldens anschaun müssen und ein Schlingen und -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -Champagnersaufen, und ein paar Gassen weiter sind -die armen Fischersleut' verreckt, bei Erdäpfel und -Heringsschwänzen.«</p> - -<p>Die meisten schienen sich an ihrem derben Wesen -zu ergötzen. Man ermunterte sie zu weiterer Gesprächigkeit. -Sie glich einer Künstlerin, die Beifall -findet, gab Berufsgeheimnisse zum besten, malte die -Volkssitten an ihrer Heimatküste. Bunte Farbenflecken -warf sie auf eine roh gezimmerte Palette. -Ich habe sie vereint zum Bilde.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -Altersfrieden</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -Es ging ihnen gut, den Häuslersleuten im »Haus -für arme Fischer«.</p> - -<p>In Armut waren sie geboren, in Entbehrung aufgewachsen. -In Sorgen hatten sie gelebt, waren in -schwerer Arbeit grau geworden. Nun aber litten -sie nicht Not.</p> - -<p>Ein Dach zu Häupten und ein Lager, um den -müden Leib zu betten. Ein Raum für jedes. Hoch -genug, um aufrecht drin zu stehen, und breit genug, -um, beide Arme ausgestreckt, die Mauern kaum zu -streifen.</p> - -<p>An der weißgetünchten Wand ein Binsenstuhl, -ein kleiner Tisch. Ein halbes Dutzend Nägel ob -der alten buntbemalten Truhe. Und wem das nicht -genügte konnte Bretter in den Bettschrank nageln -und seine Habe darin bergen.</p> - -<p>Für ihren Magen war gesorgt.</p> - -<p>Kaffee des Morgens, Kaffee vormittags, mittags, -nachmittags und abends.</p> - -<p>Und Sonntags Speck. Drei volle Pfunde. Wer -seine Knochen noch bewegen konnte, dem stand es -frei, sich seinen Tabak zu verdienen. Nur Branntwein -<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -war verpönt. Der schädigte den Körper und -die Seele.</p> - -<p>Zwölf waren sie. Verwaiste Eltern alle und -keiner unter siebzig.</p> - -<p>Der Tod war durch ihr Haus gegangen und -hatte sie verschmäht. Wegmüde Wanderer. Entzweigte -Bäume, kronenlos, ins Lebensmark getroffen.</p> - -<p>Nicht alle waren Heringsfischer.</p> - -<p>Gwij Louw hat Zwiebel und Kartoffel eingesetzt -und ausgegraben Jahr um Jahr. Vom vielen -Bücken war sein Rücken krummgebogen.</p> - -<p>Joost Bluijs gab seine Kraft den Kähnen. Das -Seil um seine Schultern ging er uferlängs mit -schweren Schritten, zog die schwerbeladenen, flachen -Kähne durch die Kanäle. Durch die stillen, grünumsäumten -Wasserstraßen, der Landschaft Zierde -und die Freude aller schönheitsfrohen Blicke.</p> - -<p>Frucht und Gemüse hatte Arrie Paap durch das -Land geschoben. Winter und Sommer. Durch -Schneesturm und durch Sonnenglut, durch Schlamm -und Flugsand. Dem Karren unter, zwischen Räderkreischen, -die beiden Helfer. Kleine Hunde, zottig, -mager, unter ihrer Bürde aus atemlosen Lefzen -keuchend. An hundert Tiere mordete die Straße.</p> - -<p>Huip van Spaart war Muschelsammler. Alltäglich, -<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -nach der Flut, war er ins Meer gegangen, -das Netz vor sich, quer durch die Wellen. Neben -ihm, bis an den Bauch im Wasser, zog das alte -Pferd den hohen Wagen. »Ho–i,« schrie Huip. -Das Pferd stand still, der Fang fiel prasselnd in -die Wagenhöhlung. Und weiter ging's, quer durch -die Wellen, Mann und Pferd bis an den Bauch -im Wasser.</p> - -<p>Huip lebte noch die Frau, wie auch dem Gwij. -Joost Bluijs war Witwer. Erst seit kurzer Zeit. -Nun durfte er das Doppelbett allein benutzen.</p> - -<p>Da war noch Aagje Kruit, die Armenmutter vor -Eef Waas gewesen war. Und Tietje Boon, die -nicht ganz richtig war im Kopf.</p> - -<p>Seit ihrer Jugend, meinten manche.</p> - -<p>Andere sagten, seit jenem Tag, an dem sie Mann -und Kind verloren hatte.</p> - -<p>An einem Wintersonntag auf der Heimfahrt aus -der Kirche.</p> - -<p>Im Treibeis kenterte das Boot. Der Vater hielt -das Kind, bis die erstarrten Hände Hilfe fanden. -Dann sank er kraftlos. Tietje, am Bugspriet angeklammert, -bewußtlos, halb ertrunken, blieb am -Leben. Sie lag in hohem Fieber, als man das Kind -begrub.</p> - -<p>Sie saß meist und stierte in die Luft. Nur wenn -<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -das Essen kam und man ihr das Verlangte nicht -gleich reichte, erwachte sie und heulte wie ein Tier, -das Schmerzen hat.</p> - -<p class="ce">* * * * *</p> - -<p>Novemberabend.</p> - -<p>Heulend rast der Sturm. Aus seinem Brüllen -schreit der Tod.</p> - -<p>Draußen – weit draußen – zwischen Gischt und -Wirbel unter schwarzverhangenem Himmel. Bergehoch, -tälertief wirft er das Fahrzeug, faßt es mit der -Eisenfaust, zerbricht es – begräbt sein Leben in -dem tollen Strudel. Jauchzend rennt er vorwärts, -türmt die Wasser, rüttelt an den Dämmen.</p> - -<p>Auf das Armenhaus wirft er sich wütend. Dreihundert -Jahre schon berennt er es, kämpft er mit -der buntbemalten Puppe, dem alten Fischer, die den -Giebel krönt.</p> - -<p>»Ich will dich zwingen, Popanz – heut' zertrümmere -ich dich.«</p> - -<p>Drinnen in der Halle hocken die Alten um den -runden Tisch. Auf die weißen Köpfe fällt das bleiche -Licht der Hängelampe.</p> - -<p>Aber in den tiefen Ecken, wo die schwarzen -Schränke stehen, ballen sich die Dunkelheiten, rücken -<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -drohend näher, fressen an dem blassen Lichtkreis. -Lärmend tost der Wind.</p> - -<p>Hui – ein Stoß – und wieder einer.</p> - -<p>Die rote Balkendecke zittert, zuckend tanzt die -Lampenflamme, und die Mauern schwanken. Klirrend -reißt es an den Fenstern. Eisig pfeift es -durch die Ritzen, fegt mit Ungestüm quer durch den -Saal.</p> - -<p>In den greisen Körpern friert das Leben. Zögernd -schleicht das kalte Blut durch die welken Adern, und -der Herzschlag stockt.</p> - -<p>Sie fordern murrend »Mutters Zimmer« in der -bösen Nacht. Es ist kleiner und die Mauern dicker, -man kann Feuer machen im Kamin.</p> - -<p>Mutter Eef hat nichts verstanden. Sie geht in -dem blauen Wollkleid (Rock und Jacke, sommers, -winters stets das gleiche), auf dem grauen Haar -die weiße Haube, hin und wieder, räumt und ordnet. -Noch ganz jung, kaum fünfzig Jahre.</p> - -<p>Ihr nettes Stübchen. Heute hat sie erst die -roten Ziegelsteine reingescheuert.</p> - -<p>Nicht einmal die Katze, die ihr Liebstes ist, durfte -auf die hohen Binsenstühle springen.</p> - -<p>Diese Horde Schweine, die nach Schmutz und -Branntwein stinken, Tabak qualmen und in alle -Ecken spucken.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -Nützen nichts, die tauben Ohren. Immer lauter -wird das Murren.</p> - -<p>Und jetzt humpelt Aagje Kruit aus ihrem Stübchen. -Einundneunzig, eingeschrumpft und eingetrocknet, -schon der Erde nahe, in die sie bald gesenkt -wird.</p> - -<p>»Hör', Eef, in solchem Wetter haben sie ein Recht, -bei dir zu sitzen. Mach' das Feuer an in deiner -Kammer.«</p> - -<p>Mageres Feuer. Ein paar Stücke Torf, ein Korb -voll Dünengras. Doch es flackert, mischt sein sanftes -Lied ins Sturmesheulen.</p> - -<p>Eng umdrängen es die Häusler. Dicht beisammen. -Als ob Wärme aus den alten Körpern -strömen könnte.</p> - -<p>Schweigend rauchen sie, schon halb entschlafen. -Manchmal weckt ein Windstoß das Gedenken an -Gefahren, die sie einst bestanden haben.</p> - -<p>Aagje Kruit fängt plötzlich an zu reden.</p> - -<p>Sie war Hebamme. Tausenden von Kindern hat -sie auf die Welt geholfen, tausende verderben sehen.</p> - -<p>Sie erzählt von großen Kriegen. Von Napoleon. -Von dem Brand in Moskau. Einer ihrer Brüder -war dabei gewesen. Fahnenflüchtig war er heimgekommen, -mit der Kunde von dem großen Brand -und schwerem Elend.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -Mutter Eef, die Augen scharf auf Joost, schreit -plötzlich auf.</p> - -<p>»Du Kerl, du Schwein, besoffenes Untier, hab' -ich dir nicht streng verboten, auf die reine Diele -auszuspucken? Siehst du nicht den Speinapf?«</p> - -<p>Sie faßt mit ihrer starken Hand den Alten und -stößt ihn in die dunkle Halle.</p> - -<p>Alle anderen folgen, tappen in die Kojen, kriechen -in die Kasten unter ihre Lumpen.</p> - -<p>Gwij und Huip und ihre Frauen schmiegen sich -zusammen.</p> - -<p>Wieviel Nächte noch?</p> - -<p>Joost zieht heimlich seine Branntweinflasche aus -dem Polster, heizt den alten Leib.</p> - -<p>Lautlos liegt das Haus, der Wind umheult es. -Rüttelt an dem Giebel, an den Türen.</p> - -<p>Ab und zu erwacht ein Schläfer.</p> - -<p>War das nicht ein Schrei? Das Rufen eines -Kindes, das vor vielen Jahren in solcher Sturmnacht -auf der See ertrunken ist?</p> - -<p class="ce">* * * * *</p> - -<p>Schweineschlachten. Fest im Armenhaus. Im -November kauft die Mutter das Ferkel ein, zieht -es unter aller Augen auf. Aller Hände haben es -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -betastet. Tag um Tag. Wie es zunimmt. Ob am -Fett mehr, ob am Fleisch? Heut, im Februar, wird -es geschlachtet. Dick van Keer, der alte Heringsfischer, -der so oft den Todesschnitt geübt hat, darf -es stechen.</p> - -<p>Seine dürre Hand, die zögernd zittert, wird noch -einmal fest. Er stößt mit scharfem Messer in das -Herz des Tieres, dessen Blut hervorschießt. In den -Bottich, den Joost Bluijs ihm vorhält.</p> - -<p>Gwij und Arrie holen Pech herbei, bestreuen den -Leichnam. Während Eef das Feuer auf dem Herd -entzündet und den Kessel aufstellt.</p> - -<p>Siedend wird das Wasser auf das Schwein gegossen, -daß die Borsten, aufgeweicht, sich schaben -lassen.</p> - -<p>Alle Männer, ihre Kraft vereinend, ziehen und -schleppen nun den schweren Körper in die Halle. -Dort wird er gehängt und abgewogen.</p> - -<p>Juchhei! Zweihundertundzwanzig Pfund. Fast -um zwanzig mehr als im vergangenen Jahr.</p> - -<p>Um das Tier geschart, besprechen sich die Alten, -achten auf die Teilung, sehen den Frauen zu, die -die Eingeweide waschen, umdrehen, salzen und zerkleinern, -um sie in den langen Darm zu stopfen.</p> - -<p>Ihre Augen treten aus den Höhlen, ihre Zungen -lecken lüstern ihre Lippen. Ganz beseligt tasten sie -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -die Seiten. Dieser Speck – so weiß und fest. Und -die Schinken.</p> - -<p>Nein, sie werden dieses Mal nicht dulden, daß -Eef irgend etwas von dem Schwein verkauft. Sie -verlangen ihren Anteil an den Würsten, an dem -Räucherfleisch.</p> - -<p>Es ist Geld genug im Armenfonds. Muß denn -Zins auf Zins gelegt sein? Ihrer ist die Gegenwart, -das Schwein. Was bekümmert sie die Zukunft? -Ihre Tage sind gezählt.</p> - -<p>Mutter Eef hält Wacht mit scharfen Augen, daß -kein Frecher sich an ihrem Gut vergreift. Jetzt -faucht sie wie eine Katze auf. Ihre Faust in Arries -Tasche, zerrt sie wütend, zieht das Stück, das er vom -Schweinemagen heimlich abgeschnitten hat, heraus.</p> - -<p>»Halunke, Lump, gemeiner Dieb!«</p> - -<p>Arrie schweigt. Er ist zufrieden, daß der Eindringling -die Flasche nicht gefunden hat. Seine -liebe Branntweinflasche.</p> - -<p>In der Ecke, wie beleidigt, tut er einen tiefen -Schluck daraus und reicht sie heimlich weiter.</p> - -<p>»Prosit! Unser totes Schwein soll leben.«</p> - -<p>Und sie lachen wie die Kinder, hundert Runzeln -in den alten Zügen.</p> - -<p>Aus der großen Halle schrillt ein Wehruf. Lautes -Weinen, wilder Jammer. Es ist Tietje Boon.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -Des Schweines Todeskampf, das blutig-rote -Fleisch, der Blutgeruch haben sie erregt. Irgend -etwas ringt sich dämmernd aus dem zerstörten -Denken. Aus der Tiefe ihres Unbewußtseins tritt -ein langvergessener Schmerz.</p> - -<p>Sie liegt auf dem Boden, heult, schreit, rauft sich -die Haare.</p> - -<p>»Tietje Boon ist wieder mal nicht richtig,« sagt -Gwij Louw zu Arrie. »Sicher ist es so.«</p> - -<p>Und den Umstand nutzend, daß die Mutter in -die Halle geht, Tietje auszuschelten, leert er seine -Branntweinflasche bis zur Neige.</p> - -<p class="ce">* * * * *</p> - -<p>Konzert und Ball im Badhotel.</p> - -<p>»Für die Armen, liebe Leute, es sind ihrer viel -im Dorf.«</p> - -<p>Mildtätigkeit rauscht aus den Seidenröcken, Mildtätigkeit -blitzt aus den edeln Steinen.</p> - -<p>Mildtätigkeit entblößt die Büsten, schmückt die -künstlichen Frisuren mit Band und Blumen, läßt -Champagnerpfropfen knallen.</p> - -<p>Händedrücken – Augenschmachten – Hüftenwiegen. -Die Verlockung wird zur Pflicht.</p> - -<p>Zweimal schon, zu je zehn Gulden einen Kuß, -<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -hat der blonde Hauptmann Frau von Reuß die -weißen Arme küssen dürfen.</p> - -<p>Für die Armen, liebe Leute, muß man Opfer -bringen.</p> - -<p>Mutter Eef in ihrem blauen Kleid, stets das -gleiche, auf dem grauen Haar die Spitzenhaube, -deckt die Tafel, bringt die Teller, Gläser und Bestecke. -Heute gibt es warmes Abendessen. Braten, -süße Speisen, Wein und Bier und für jeden Mann -ein Päckchen Tabak.</p> - -<p>Eben treten schon die Spender in die Halle. Ihre -Wohltat zu vollenden, wollen sie die Armen selbst -bedienen.</p> - -<p>Die Alten stehen sehr verlegen in den Türen ihrer -Kojen.</p> - -<p>In ihrem Herzen kämpft die Sehnsucht nach den -feinen Speisen mit der Scheu vor diesen Herrenleuten.</p> - -<p>Mynheer van der Werft, der reiche Reeder, tritt -jetzt vor, hält eine Rede.</p> - -<p>Von der Güte Gottes, »denn der Herr ist auf dem -Grunde jedes Tuns und Lassens. Täglich müßt ihr -ihn lobpreisen, daß er euch so schön geführt hat. In -dies Haus, wo euer Lebensabend hinfließt wie ein -Bächlein, still und rein und ohne Sorgen.«</p> - -<p>Von der Menschengüte, die den alten Leuten -<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -dieses schöne Fest bereitet habe. Von der Pflicht -der Dankbarkeit für diese Wohltat, von der Pflicht -der Demut und Zufriedenheit.</p> - -<p>»Ist er nicht bald fertig?« denken sich die Häusler. -»Erdäpfel und Braten werden kalt.« Unter den -gesenkten Lidern fliegen ihre Blicke nach der Tafel.</p> - -<p>Endlich!</p> - -<p>Um den runden Tisch sitzen jetzt die Alten. Das -blasse Licht der Hängelampe fällt auf ihre weißen -Köpfe. Anfangs zögernd, immer dreister greifen -alle zu.</p> - -<p>Schmatzend essen sie und trinken glucksend. Das -Geräusch des Kauens und des Schluckens mischt sich -mit dem Rauschen der Gewänder. Wenn die Damen, -die zum Volk heruntersteigen, Schüsseln reichen, -Gläser füllen. Da fällt ein Teller klirrend auf die -Diele und zerbricht. Er ist Frau von Reuß entfallen.</p> - -<p>Einer Ohnmacht nahe, starrt sie nach den Alten. -Nach dem Lichtkreis über ihnen, den die Finsternisse, -in den Ecken dicht geballt, umdrängen und ihn -drohend fressen. Daß er matt und ungewiß die -welken Körper und die dürren Glieder und die -bleichen Wangen fahl beleuchtet.</p> - -<p>Ihr ist plötzlich: lauter Leichen sitzen um die Tafel. -Fleischlose Gerippe, deren Kiefern zahnlos malmen. -In den Dunst von Wein und Speisen steigen ihre -<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -Verwesungsdüfte. Ihrer selbst nicht mächtig, stürzt -sie durch die Tür ins Freie. Auch die anderen Herrenleute, -schnell erkaltet in dem Eifer sich zu opfern, -suchen einen Vorwand, sich zu flüchten.</p> - -<p>Unbekümmert, ohne aufzusehen, füllen sich die -Alten Schlund und Magen. Sie vertilgen bis zum -Rest die Braten, und sie leeren Wein und Bier zur -Neige.</p> - -<p>Dann, des Übermaßes ungewohnt, sitzen sie betäubt. -Ein Gefühl des Unbehagens überfällt sie, -eine Lust zu streiten und zu raufen.</p> - -<p>Arrie Paap fängt plötzlich an zu winseln: hätten -sie ihn doch gefragt. Hätten sie ihm, statt des -Nachtmahls, doch lieber seinen höchsten Wunsch erfüllt, -den letzten seines Lebens. Einmal noch nach -Amsterdam zur Kirmeß. Auf den Straßen singen -hören, tanzen sehen, in den Waffelbuden sitzen und -das Karussell besuchen. Einmal noch in diesen großen -Kutschen fahren. In den wunderbaren weißen Kutschen, -ganz vergoldet und mit goldenen Pferden, die -sich nach dem Klang des großen Spielwerks langsam -drehen.</p> - -<p>An den Fingern zählt er sich die Kosten ab. Für -Wein und Bier, und für den Braten, für die süße -Speise. »Das hat mehr gekostet als die Fahrt zur -Kirmeß, meint Ihr nicht auch, Mutter Eef.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -Eef ist sehr verdrießlich.</p> - -<p>Das Gesindel, diese feinen Damen. Erst sind sie -so freundlich, bieten ihre Dienste an, wollen helfen -und bedienen. Und dann rennen sie davon, lassen -ihr die Plackerei und Arbeit.</p> - -<p>Keine einzige hat ihr etwas gegeben, keinen Cent, -ihre Hand ist leer.</p> - -<p>Gerade nur, daß sie sich die beiden Flaschen Wein -hat beiseite bringen können, und die halbe Torte -und die Wurst.</p> - -<p>Arrie winselt immer noch in seiner Ecke. »Hätten -sie mich doch nach meinem Wunsch gefragt.«</p> - -<p>»Du bist ganz besoffen, Kerl, leg' dich schlafen,« -sagte die Mutter.</p> - -<p>Wütend schichtet sie die leeren Teller, packt sie -auf den Arm und trägt sie weg. Auf dem Weg zur -Küche murmelt sie verächtlich: »Diese reichen Leute.«</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -Katjes Erfolg war unbestritten; sie hatte der -Frauen Mitleid angerührt, dem jungen Dichter eine -neue Welt erschlossen, die geräuschvolle Zustimmung -des tschechischen Genossen eingeheimst. So offensichtlich -platzte nun auch Aloys aus allen Nöten vor -Erzählerlust, daß ich lächeln mußte, wenn ich den -Ton als höchst geschmacklos auch verdammte, als der -grauhaarige Herr dem Südtiroler seine Zigarettendose -reichte und ruhig sagte:</p> - -<p>»Na, Herr Oberkellner, und was haben Sie gegen -ihre frühere Kundschaft auf dem Herzen? Heraus -damit. Es kitzelt Sie ja schon in der Kehle.«</p> - -<p>Wie gekränkt in seiner Manneswürde hielt Aloys -sich zuerst zurück. Dann siegte wohl die »Bitte sehr, -bitte gleich«-Natur in ihm. Er verbeugte sich, und -eingedenk vielleicht seiner Gewohnheit, die Zahl nach -oben abzurunden, nahm er an Stelle eines Tabakstengels -ihrer sechs aus dem Behälter.</p> - -<p>»Na natürli,« sagte er begütigend, »es is halt -alles unterschiedlich auf der Welt. Es hat ihrer -unter die Herrschaften viel noblichte und anständige -a. Aber sell muß wahr sein: a fremds Brot is a -sauers Brot. Und die Armen und die Reichen, das -<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -paßt halt z'samm' als wie, mit Verlaub, an -Schweinshaxel in an Judenmagen. Und um so mehr -als wie sich Müh' geben, sich gemein mit unsereins -zu machen, um so talketer stellens sich halt an. Auf -d' letzt noch,« er rückte seinem Ziele näher, »acht -Täg bevor i hab' weg müssen zu die Soldaten, is -oben in unserm Alpenwirtshaus was passiert. Wenn -die Herrschaften erlauben, werd' i so frei sein und's -erzählen. Ein ganz a lustigs Stückl. Kurz is's a.«</p> - -<p>Er erbat sich Feuer von dem grauhaarigen Herrn, -setzte sich an Katjes Seite und begann.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -Volksbeglückung</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -Es war die zweite Stunde eines heißen Julinachmittags. -Um diese Zeit kam keine Kundschaft -in die Schwemme des großen Alpengasthofes »Zum -Latemar«, der auf einem Hochplateau erbaut war, -von den Dolomiten wie von einem Kranz umgeben. -Vefi Rifeser, die Kellnerin, konnte ungestört die -Platte ihres Schenktisches seifen. Sie rieb und -bürstete mit Eifer, wie jemand, dessen Gedanken -nicht bei seiner Arbeit sind. Von Zeit zu Zeit fuhr -sie mit der Schürze über die erhitzten Wangen und -trocknete zugleich die nassen Augen.</p> - -<p>Die Vefi war ein mittelgroßes, schlankes Mädchen, -mit brauner Haut, feurigen Augen und starken -schwarzen Haaren. Sie war im Grödnertal geboren, -von welschen Eltern, ihr Sinn war ungestüm, und -ihr Geblüt war heiß. An schwülen Tagen wie dem -heutigen machte es ihr viel zu schaffen und begehrte -heim zu allem, was sie, dem Broterwerb zuliebe, -dort zurückgelassen hatte.</p> - -<p>In solchen Augenblicken war es geraten, ihr aus -dem Weg zu gehen, das Wort saß ihr dann lose auf -der Zunge und die Hand lose im Handgelenk. Zwar, -sie war auch sonst nicht maulfaul und verkniff sich -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -keinen derben Ausdruck. Mit den Bauern war sie -grob aus Hochmut, weil sie sich ihrer Armut halber -nicht von ihnen ducken lassen wollte, und mit den -Städtern aus Schlauheit. Sie merkte wohl, daß -ihre Art die Herrenleute in die Schwemme lockte, -die Männer reizte und die Frauen unterhielt, und -daß die Trinkgelder mit ihrer Keckheit wuchsen. Sie -sah und merkte überhaupt so manches und lachte -heimlich über die verrückten Leute, die sich vom Wirt -und den Kellnern das Geld aus den Taschen ziehen -ließen. Die, anstatt bis Mittag im bequemen Bett -zu schlafen, vor Sonnenaufgang aufstanden und in -die Berge liefen. Die voreinander den ganzen Tag -Komödie spielten und sich in einem fort verkleideten; -in der Früh' als Tiroler, in geflickten Lodenjacken, -Lederbuxen und Dirndlgwand'ln, zu Mittag wie -die Kunstreiter in Sportanzug und in Radelröcken, -und auf die Nacht wie die Affen; die Mannsbilder -in schwarzen Schniepeln und glänzenden Stiefletten, -die Weibsleute obenher halbnackt, daß man sich -schämte sie anzuschauen, untenher mit langen Seiden- -und Spitzenfahnen, die sie auf dem roten Bergsand -schleifen ließen. Und die sich alle auf die Gebildeten -und Feinen spielten und doch grad' so nixnutzig -waren, so verlogen und verliebt wie die gemeinen -Leute auch.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -Vefi hatte Gelegenheit genug, das alles aus der -Nähe zu beobachten; denn zum Verdruß des Landvolks -und zum Ärger des feinen Oberkellners hielten -sich viele Fremde lieber in der Schwemme auf als -in der eleganten Halle des Hotels. Neugierig waren -manche, konnten sich nicht genug tun mit Fragen -nach bäuerlichen Sitten und Gebräuchen, als ob -Tirol im Mond gelegen wäre. Andere kamen ihr -mit Ratschlägen und Anerbietungen, mit unverschämten -und auch gutgemeinten.</p> - -<p>Da war besonders ein Fräulein aus Berlin, Klarisse -Müller hieß es, und wohnte schon seit einem -Monat im Hotel, das hatte die Grödnerin in ihr -Herz geschlossen und war ganz erpicht darauf, sie zu -unterrichten. Dafür verlangte sie nicht nur keine Bezahlung, -sondern sie beschenkte ihre Schülerin noch, -um sie anzueifern. Aus diesem Grund ließ sich's -die Vefi auch gefallen; aber sie war doch herzlich -froh, wie das Fräulein auf ein paar Tage fortmachte, -auf eine Bergtour.</p> - -<p>Heute namentlich, da ihr die Traurigkeit beinahe -das Herz zersprengte, hätte sie sich lieber in ihrem -Dorf um geringsten Taglohn schwer geplagt, als hier -in der Fremde in ihrem Sonntagsstaat die Bauern -zu bedienen und den Herrenleuten einen Hanswurst -vorzumachen. Wie sie das grad' so bei sich dachte -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -und ihr dabei die Tränen wieder in die Augen -stiegen, tat sich die Tür auf, Fräulein Klarisse trat -herein; sie trug ein Päckchen in der Hand.</p> - -<p>»Grüß Gott, Vefi!« sagte sie mit norddeutscher -Betonung.</p> - -<p>»Grüß Gott, Freilen,« erwiderte die Kellnerin -nicht eben freundlich.</p> - -<p>Dabei bückte sie sich hinter die Kredenz, so daß -sie die ausgestreckte Hand des Fräuleins nicht zu -schütteln brauchte.</p> - -<p>Fräulein Klarisse nahm ihr das nicht übel. Sie -hatte feste Theorien in bezug auf den Verkehr mit -Frauen unterer Stände. Die wollten ihrer Ansicht -nach gewonnen und umworben werden, man mußte -sie behandeln wie die Kinder, und ihnen wider ihren -Willen helfen.</p> - -<p>Vertraulich setzte sie sich an einen Holztisch und -erbat sich ein Glas Milch.</p> - -<p>»Nun, und wie ist es Ihnen denn ergangen, Vefi, -während ich nicht hier war? Ist Ihnen bang' nach -mir gewesen?« Sie erhob die Stimme, als könnte -sie ihr Hochdeutsch dadurch besser verständlich machen. -»Ich hab' an Sie gedacht, sehen Sie, ich hab' Ihnen -was mitgebracht.«</p> - -<p>Sie löste die Hülle des Paketchens und überreichte -Vefi ein geschnitztes Kästchen, dessen Deckel ein -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -buntbemaltes Bildchen zierte. Das Dorf St. Ulrich, -überragt vom Langkofel und der Sellagruppe.</p> - -<p>Vefi starrte auf das Geschenk. Sie wußte mit dem -Kästchen nichts Rechtes anzufangen, aber die wohlbekannten -Formen der Berge, die seit Jugend an -ihren täglichen Horizont gebildet hatten, weckten eine -wilde Sehnsucht in ihr auf.</p> - -<p>»I dank Enk, Freilen.«</p> - -<p>Sie war nicht dankbar. Wütend war sie, daß -sie hier stehen und schwatzen mußte und nicht ihr -Bündel nehmen und nach Hause laufen durfte.</p> - -<p>»Denken Sie, ich hab' den Langkofel bestiegen,« -plauderte indes das Fräulein weiter, »bis zur Hütte. -Herrlich war es oben, diese wundervolle Aussicht. -Na, Sie sind den Weg gewiß schon oft gegangen.«</p> - -<p>Vefi wußte nicht, was Nerven sind, sie fühlte -nur, daß sie an sich halten mußte, um den Gast -nicht vor die Tür zu werfen.</p> - -<p>»I,« erwiderte sie mürrisch, »baleib net, zu so -was hab' i net Zeit.«</p> - -<p>»Aber am Sonntag doch? Zieht es Sie denn da -nicht hinaus in die schöne Natur?«</p> - -<p>»Meinen S' die Berg? Die siech i akrat a so von -unten. Und am Sunntig will i decht a mei Ruh' hab'n.«</p> - -<p>»Wie doch die Dumpfheit des Geistes dem Volk -die schönsten Freuden raubt,« dachte Klarisse und -<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -erzählte, nicht ohne erzieherische Absicht, daß einer -von den Führern, ein furchtbar netter Kerl, womöglich -noch begeisterter vom Sonnenaufgang war -als die Städter. »Er war aus Ihrer Gegend, vielleicht -ist er Ihnen bekannt, Peter Purtscheider war -sein Name.«</p> - -<p>Vefi lachte verächtlich auf. »Ui jegerl der Peter, -sell is der recht', der lugt mit 'm Maul, bal er -betet. Um a guat's Trinkgeld plauscht der die Frischleut' -sakrisch an.«</p> - -<p>Was hatte nur die Vefi? So üble Laune hatte -sie noch nie gezeigt. Fräulein Müller lenkte daher -das Gespräch in andere Bahnen.</p> - -<p>»Haben Sie denn für mich gearbeitet, liebe Vefi?«</p> - -<p>Das Mädchen brummte etwas Widerwilliges, doch -ging sie an den Schenktisch und kramte in der Lade -nach Tintenfaß und Schreibheft. Das Fräulein hatte -es doch gut gemeint mit ihrem Kästchen, auch für die -Milch wieder zehn Heller Trinkgeld hergegeben.</p> - -<p>Klarisse sah das dünne blaue Heft mit dem zerrissenen -beschmutzten Deckel kopfschüttelnd an.</p> - -<p>»Aber Vefi, wie sieht das wieder aus. Und was -haben Sie da obenan geschrieben?«</p> - -<p>»'S is die Zech' vom Patscherjörgl, 's hat ihm -gar so arg g'schleunt und i kunt koa Kreid'n finden.«</p> - -<p>Das Fräulein überflog die Rechnung.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -»Wie haben Sie das nur wieder buchstabiert? -Wein mit eu und Rührei mit ai.«</p> - -<p>Das Blut stieg Vefi in die Schläfen. Sie faßte -nach dem Buch, um es an sich zu reißen!</p> - -<p>Klarisse hielt es fest.</p> - -<p>»Ich darf nicht die Geduld verlieren,« mahnte -sie sich selber, sagte: »Lassen Sie mich nur erst -Ihre Arbeit sehen!« und öffnete die Blätter.</p> - -<p>Sie hatte ihrer Schülerin, der die großen Buchstaben -nicht ganz geläufig waren, die Aufgabe gestellt, -zu jedem Zeichen des Alphabets einen Rufnamen -zu finden. Nun las sie, ohne zu verstehen, -eine Anzahl Worte.</p> - -<p>»Was soll denn das hier heißen, Durl, Hias, -Lipp, Neas?«</p> - -<p>Die Kellnerin lehnte, auf die Ellbogen gestützt, -neben der Lesenden.</p> - -<p>»So heißt mer bei mir dahoam die Dorothee, den -Matthias, den Philipp und die Agnes,« erklärte sie.</p> - -<p>»Ja, warum haben Sie denn dann die Namen -nicht an die richtige Stelle gesetzt?« lächelte die -Lehrerin. »Und ein paar Buchstaben haben Sie -ganz ausgelassen, das G zum Beispiel.«</p> - -<p>»Auf G hab' i koa einzig's Wörtl finden kunnt.«</p> - -<p>»Aber Vefi! Ihr eigener Name – Genoveva!«</p> - -<p>Vefi schlug sich vor die Stirn.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -»I Dalk, i Tepp, daß i dadrauf net denkt hab'.«</p> - -<p>Sie griff nach den Blättern, riß die beschriebene -Seite aus und zerfetzte sie in viele Stücke.</p> - -<p>»Lassen S' mi aus, Freilen,« rief sie, »i sag's -Enk alm; von Hundsschweifeln g'winnts koa Unschlitt. -I bring' dös Zeig nimmer in mei' dalketen -Schädel eini.«</p> - -<p>Das Fräulein suchte sie zu besänftigen.</p> - -<p>»Wie können Sie so sprechen? Sie wollen nur nicht.«</p> - -<p>Da warf die Kellnerin trotzig den Kopf zurück.</p> - -<p>»Von z'wegen was a?«</p> - -<p>»Um im Leben vorwärts zu kommen und auch um -Ihrer selbst willen, Bildung macht die Menschen frei.«</p> - -<p>»Ui jegerl,« kreischte die Vefi auf, »was sollet i -mit a Büldung? Für mei' Arbeit bin i g'bild't gnua.«</p> - -<p>»Sie könnten aber leichtere bekommen, hier ist sie -doch oft recht schwer für Sie.«</p> - -<p>»Sell is wahr,« bestätigte die Vefi.</p> - -<p>»Und bringt wenig ein, und hört im Winter auf. -Ein anstelliges, fleißiges Mädchen wie Sie könnte -aber in der Stadt, in Bozen oder in München, -einen guten Dienst finden für das ganze Jahr und -viel mehr Geld verdienen.«</p> - -<p>Geld verdienen, das war das erste, das der Vefi -von allen Reden einleuchtete.</p> - -<p>»Sell könnt' i scho brauchen.« Sie sah nachdenklich -<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -vor sich hin. Nach einer kleinen Weile schüttelte -sie den Kopf.</p> - -<p>»'s ganget decht net, i tät' mi decht zu arg nar -mei' Heimoatl blangen.«</p> - -<p>Diese sentimentale Regung überraschte die Berlinerin.</p> - -<p>»Ich denke, Sie hängen gar nicht an den Bergen?«</p> - -<p>»Hiaz z'wegen dene Berg.«</p> - -<p>Das Gespräch hatte das Heimweh, das ihr am -Herzen fraß, gesteigert, sie kämpfte mit dem Verlangen, -jemandem ihr Leid zu klagen. Und da Klarisse -in ihrem Beglückungseifer sie noch mehr bedrängte:</p> - -<p>»Was hält Sie denn zu Hause fest? Ich weiß, -Sie haben keine Eltern mehr,« kam es zögernd über -ihre Lippen.</p> - -<p>»Da is halt dös Haserl.«</p> - -<p>Klarisse sah sie fragend an.</p> - -<p>»Mei' Biabl.«</p> - -<p>»Ein Kind?«</p> - -<p>Vefi nickte.</p> - -<p>Das Fräulein wurde rot, worüber sie sich ärgerte. -Sie wußte doch, mit Prüderie kam man im Verkehr -mit den niederen Ständen nicht weiter. Sie nahm -sich sehr zusammen und sagte tapfer:</p> - -<p>»Sie haben ein Kind? Aber Sie haben mir doch -erzählt, Sie sind nicht verlobt.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -Die Vefi zupfte an ihrer Schürze; sie war etwas -verlegen.</p> - -<p>»Just versprochen bin i a net, mir hab'n si holt -gern. Der Meine kunnt mi lei net heiraten, net -ender manka*), aft sei Eltern g'storben sind.«</p> - -<p class="ci fss">*) eher wenigstens.</p> - -<p>»Und darauf wartet Ihr?« fragte Klarisse innerlich -entrüstet.</p> - -<p>»Ender kriegt er's Häusel net,« belehrte sie die -Vefi eifrig, »und sei Vatter möcht' a, daß er a -Reiche nehmet. Die Trafoierzenz, wo dreitausend Gulden -mitkriegt, die ginget ihm glei zu.« Der Stolz -auf ihres Liebsten Anwert sprach aus ihrer Stimme.</p> - -<p>Zu solchen moralischen Verirrungen konnte das -Fräulein Müller doch nicht schweigen.</p> - -<p>»Aber Vefi, mit einem Menschen, der auf den Tod -seiner Eltern wartet und inzwischen mit einer Reichen -liebäugelt, haben Sie sich eingelassen? Ich fürchte, -Sie rennen in Ihr Unglück.« Sie zögerte ein Weilchen, -ehe sie sich entschloß, zu fragen: »Sehen Sie -ihn denn noch immer?«</p> - -<p>»Freili, im Winter wann i hoam kimm.« Vefis -Augen glänzten bei dieser Vorstellung.</p> - -<p>»In was für Abgründe man hineinblickt, wenn -man mit dem Volk in Berührung kommt,« -dachte die Städterin. Aber ihr Prinzip, daß alle -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -Frauen solidarisch sind dem gemeinsamen Feind, -dem Mann, gegenüber, ließ es ihr als Pflicht erscheinen, -Vefis Stumpfheit aufzurütteln. Sie legte -ihr Gesicht in ernste Falten und salbte ihr Organ -mit dem Öl der Menschenfreundlichkeit.</p> - -<p>»Haben Sie denn nie daran gedacht, was für ein -Unrecht Sie begehen?«</p> - -<p>In Vefis Mienen zog ein Gewitter auf.</p> - -<p>»Ös sprechts akrat a so wie der Kurat, wo am a -a jed's Bußl as'n Sünd' anrait.«</p> - -<p>»Von der Moral will ich ja gar nicht sprechen.« -Klarisse tat sich viel zugut auf ihr Verständnis der -Volksseele. »Aber so ein armes Kind in die Welt -zu setzen, um das sein Vater sich nicht kümmert ...«</p> - -<p>»Sell müßts net denken,« unterbrach sie Vefi -heftig; »a Klemmer is der meine net, er zahlt -vierzig Gulden 's Jahr fürs Muckerle.«</p> - -<p>Nun wurde auch das Fräulein ungeduldig.</p> - -<p>»Sie verstehen mich nicht; ich meine, wenn er -nun eine andere nimmt und läßt Sie sitzen. Ich -sage Ihnen,« sie war von ihrer Güte ganz hingerissen, -»Sie sollten sich nicht so wegwerfen, so -ein Mensch ist nicht wert, daß Sie so an ihm -hängen. Folgen Sie meinem Rat, schreiben Sie -ihm, oder wenn Sie wollen, schreibe ich für Sie –«</p> - -<p>»Unterstehts Enk,« fauchte Vefi auf, ohne zu bedenken, -<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -daß die Fremde des Burschen Aufenthalt -nicht kannte, »daß mir mei' Schatz die Liab aufsagt.«</p> - -<p>Von so viel Natur fühlte sich das Fräulein angewidert.</p> - -<p>»Das ist doch keine Liebe, das ist – das ist gehandelt -wie das liebe Vieh.«</p> - -<p>Da sprang die Vefi wütend auf sie zu.</p> - -<p>»Sell geht Enk an Dreck an. Ös Drach'! Ös -Bisgurn! Ös Bosnickl! Ös –« der Atem ging ihr -aus, sie mußte sich verpusten. »Freili,« fuhr sie fort, -und ihre Augen blitzten die Erschrockene ganz in der -Nähe an, »Ös habts Enk leicht, habts a Geld, a -kommods Leben, alle Tag' a Mehlspeis' und an -Wein und a g'brat'nes Fleisch. Aber i bin an -arm's Luder, muß mi von der Früh' bis auf d' -Nacht rackern und schinden, hab' nie koa Gaudi net -auf dera miserabligte Welt. Nix hab' i als dös -bissel Liab von mei' Buabn, daß er mi auf 'n -Sunntig mei' Bier zoahlt und an Tanz, und auf d' -Nacht mit mi hoamgeht und mi halst und busselt, -daß i siech, i bin decht a a Mensch. Wann er mi -dann sagt: so viel gut bin i di, und nicht aufhört, -mi zu bitten, soll i dann eppaer die G'spreizte spülln -und sag'n: Tu erst beim Pfarrer die Schlüssel -holen?« Sie zitterte vor Aufregung, die Tränen -brannten ihr im Hals.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -Klarisse war aus ihrem Gleichgewicht geworfen. -Sie fürchtete, der Lärm von Vefis Stimme könne -auf die Straße dringen, und suchte nur nach dem -rechten Wort zu einem würdevollen Abgang.</p> - -<p>»Sie sind so leichtsinnig und unvernünftig, daß -Sie mir leid tun. Wenn Sie sich's aber noch einmal -überlegen sollten ...«</p> - -<p>Die Bäuerin ließ sie nicht zu Ende kommen.</p> - -<p>»Da kunnts warten bis af'n Nimmermehrstag.«</p> - -<p>Und, da das Fräulein unentschlossen dastand:</p> - -<p>»Hiaz will i endli mei' Ruh' hab'n.«</p> - -<p>Sie rannte zur Tür, riß sie auf: »Schauts, daß -aussikimmts!« Sie machte eine deutliche Bewegung.</p> - -<p>Mit einem verächtlichen Achselzucken verließ Klarisse -den Raum. Da flog ihr raschelnd etwas um -den Kopf. Es war das blaue Schreibheft, das ihr -die Vefi nachgeworfen hatte.</p> - -<p>»Nehmt dös a mit!« schrie sie höhnisch.</p> - -<p>Dann ging sie in die Wirtsstube zurück, ergriff die -Bürste und begann den Schenktisch wütend zu bearbeiten.</p> - -<p>Plötzlich ließ sie die Hände sinken, warf den -Körper auf die feuchte Platte, barg das Gesicht in -beide Arme und heulte laut vor Zorn, Heimweh -und jäh erwachter Angst um ihre Zukunft.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -›A lustigs Stückl‹ hatte der Aloys uns versprochen. -Mich verfolgte, während ich ihm zuhörte, das Dichterwort: -In jeder Trennung steckt ein Keim von -Wahnsinn. Ungeweckte Seelen, dachte ich. Ihre -Einfalt ist noch unzerspalten. Ja ist Ja und Nein -ist Nein. Redlichkeit und Treue sind die Frucht -ihrer Instinkte. Sie sind wie Pflanzen, die nur gedeihen -im Mutterboden. Herausgerissen, in fremde -Erdreiche geworfen, entarten sie. Sie welken. Ich -gedachte Iwans Abenteuer auf dem Gut der ostpreußischen -Freunde. Ich fragte: Darf ich? Man -erteilte mir das Wort.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -Wirkung in die Ferne</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -Gegen Abend fing es an zu schneien. Ganz langsam -und bedächtig. Die großen Flocken schienen zuweilen -stehenzubleiben in der regungslosen Luft, ehe -sie sich niedersenkten und die Erde sanft berührten. -Binnen kurzem war das Landschaftsbild verändert. -Der Schnee warf auf die kahlen Wiesen und entblößten -Wälder einen fleckenlosen weißen Mantel, -unter dessen schimmernden Falten das Auf und Ab -der Hügel sich verflachte, so daß die welligen Bewegungen -des Bodens zu einer Ebene geglättet -schienen, die sich geheimnisvoll in die Unendlichkeit -verlor.</p> - -<p>Iwan Michailow war auf die Landstraße getreten -und starrte in die weiße helle Fläche. Im -Sommer in Gefangenschaft geraten und dem ostpreußischen -Besitzer als Landarbeiter zugewiesen, erlebte -er den ersten Schneefall auf dem ermländischen -Gut. Er dachte: Nun werden sie zu Hause auch -schon Winter haben.</p> - -<p>Zu Hause! Rechts die Anhöhe hinauf, immer der -Richtung zu, in der sich allmorgendlich die Sonne -zeigte. Wer doch Flügel hätte!</p> - -<p>Vier seiner Gefährten hatten im Juli den Versuch -<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -gemacht, zu Fuß die Grenze zu erreichen. Heilige -Mutter Gottes, in was für einem Zustand hatte -man sie wieder hergebracht. Zu Gerippen abgemagert, -verprügelt und verhungert. Wie die Wölfe -waren sie über die bereitgestellte Mahlzeit hergefallen, -sie, der Nahrung wochenlang entwöhnt. -Jammervoll, wie sie erkrankten.</p> - -<p>Von dieser Erinnerung verfolgt, kehrte Iwan in -das kleine Haus zurück, in dem er mit seinen Kameraden -wohnte. In einem viereckigen Raum, dessen -Decke tief herunterreichte, saßen neun Männer auf -Holzbänken um einen schmalen Tisch beim Abendessen. -Sie schoben eben ihre Blechnäpfe beiseite, -in manchen war die Grützsuppe nicht bis zur letzten -Neige ausgelöffelt. Nicht daß die Leute übersatt -gewesen wären; doch ihr Magen hatte ein standhaftes -Gedächtnis, er verschmähte immer noch die -fremde Kost und malte ihnen, mit der Übertreibung -eines Dichters, die Tafelfreuden der Vergangenheit. -Sie standen auf; einige von ihnen schütteten ihre -Schwermut in die Klänge einer Ziehharmonika, der -lange Jakow blies die Glut im Ofen an und fütterte -sie mit einer Hand voll Reisig. Wie anders -prasselten daheim die Scheiter in dem Bauch des -Kachelofens, wie schmorte man, auf die Ofenbank -gestreckt, in seiner ausströmenden Hitze. Die Augen -<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -gingen ihnen über, seufzend streckten sie sich auf die -Diele, unausgekleidet, in ihre Decke eingewickelt.</p> - -<p>Iwan hatte die Schüsseln aufgestapelt, um sie in -das Herrenhaus zu tragen. Er war bevorzugt, dort -zu der Hintertür ein- und auszugehen und Hilfedienste -zu verrichten. Der Himmel stäubte noch, er -hatte den entlaubten Obstbäumen im Garten mächtige -Perücken aufgesetzt und überpuderte auch Iwans -Schädel, als er im Vorübergehen durch den dünnen -Vorhang in das Herrschaftszimmer lugte. Der junge -Gutsherr saß darin mit seiner hübschen jungen Frau -unter der Hängelampe, die mit einem gelben Seidenschirm -verschleiert war, sie hielten sich umschlungen -und lasen aus demselben Buche.</p> - -<p>Iwan verzehrte diesen Anblick wie ein süßes Gift, -das, genossen, die Eingeweide auseinanderschneidet. -O Katinka! ein Tränenkloß erstickte ihm die Kehle, -seit einem Jahr von dir getrennt. Dich so in meinen -Armen halten, ich wüßte etwas Gescheiteres als Lesen -mit dir anzufangen. Er hatte Mühe, nicht herauszuheulen.</p> - -<p>In der Küche war noch Lärm und Bewegung. -Die Köchin rührte irgend etwas auf der heißen -Platte, das Lehrmädchen knetete den Teig zum Sonntagskuchen, -ein Weib, das in der Ecke hockte, vermehrte -den Vorrat der enthäuteten Kartoffeln, die -<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -sie in einen mit kaltem Wasser angefüllten Kübel -warf, das Stubenmädchen putzte Silber, die Küchenmagd -scheuerte an Holzgefäßen; und über diesem -Klappern, Kratzen, Schlurren erhob sich die schrille -Vielstimmigkeit des polnisch sprechenden Gesindes -mit einem Tonfall, der dem harmlosen Gespräch den -Anschein eines ausbrechenden Streites gab.</p> - -<p>Franziska Wechsel, die Mamsell, hatte sich in den -Flur zurückgezogen. Sie packte Äpfel, die versendet -werden sollten, in zwei hohe Kisten ein, jedes Stück -wickelte sie sorgsam in Papier, um es vor Schaden -zu bewahren. Sie wehrte Iwan nicht, daß er sich -einen Schemel hole, um ihr beizustehen.</p> - -<p>Franziska hatte erst vor acht Wochen ihre Stellung -angetreten. Ihr, der Königsbergerin, des Polnischen -unkundig, der einzigen, der Verständigung -mit ihm unmöglich war, gesellte Iwan sich am -liebsten zu. Er meinte, daß sie seiner Katja gleiche; -nicht so rundlich wie sein Schatz, aber auch so blond, -dieselben treuherzigen braunen Augen, und der Mund ... -Iwan konnte ihn nicht ansehen, ohne den Geschmack -von Katjas Lippen auf den seinigen zu fühlen.</p> - -<p>Auch sie wurde durch den Russen lebhaft an den -Bräutigam gemahnt, der vor Ypern in die Hand -der Engländer geraten war. Anton war wohl -dunkler, untersetzter, auch viel selbstbewußter als -<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -der schlanke Bursche mit dem wehmütigen traurigen -Gesicht, aber in Gang und in Gebärden dünkte ihr -die Übereinstimmung so groß zu sein, daß sie zuweilen -beim Eintreten von Iwan glaubte, die -Schritte ihres Liebsten zu begrüßen. Sie vermochten -nicht, sich mitzuteilen, daß sie ineinander die Verkörperung -ihres beherrschenden Gedankens fanden, die -Zahl der Worte, die sie tauschen konnten, war überhaupt -eine beschränkte; aber sie hatten einander ihre -Lieder abgelauscht. Ob <em class="ge">sie</em> von Scheiden, Vergißnichtmein -und kühler Mühle sang, ob <em class="ge">er</em> vom Ringlein -und der Saronrose, stets fiel der andere mit der -zweiten Stimme ein. Warum auch nicht? Waren -denn die Melodien nicht alle auf der gleichen Unterlage -aufgebaut? Auf der ewigen Verurteilung der -Menschen, welchem Volksstamm sie auch angehörten, -zur Unerbittlichkeit der Liebe, zu den Stürmen der -Geschlechtlichkeit?</p> - -<p>Auch jetzt summten die beiden, während ihre Finger -schafften. Es war schummrig in ihrem Arbeitswinkel, -der nur aus der Küche Helligkeit empfing; -das Papier, das sie zerrissen, raschelte, der Duft -der Äpfel drang ihnen berauschend in die Nase, er -mischte sich mit dem tierischen Geruch ihrer jungen -Körper, die sich tagsüber in Staub und Luft getummelt -hatten. »Anton,« sehnte sich Franziska. -<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -In Iwan schrie es »Katinka«. Ihr Verlangen, das -sie gemeinsam zu verschiedenen Zielen schickten, sonderte -sie von den anderen ab wie eine Mauer.</p> - -<p>Die Leute in der Küche machten Feierabend. Iwan -wurde ausgesperrt. Er machte wieder einen Umweg -durch den Garten; das Haus war dunkel, nur aus -dem Schlafzimmer der Herrschaft blinzelte ein Licht. -Iwan stöhnte auf; im Drang, irgend etwas zu umarmen, -umklammerte er einen Baum und preßte -sich an dessen eisigkalte Rinde. Dumpf knallte ein -Klumpen Schnee hinunter. Iwan erschrak, er ergriff -die Flucht. Die Ausdünstung neun Schnarchender -schlug ihm in der Russenschlafstelle entgegen, -auch war sein Platz am Fenster so geschmälert, daß -er um seine Rückeroberung hätte kämpfen müssen. Er -zog es vor, wie er schon bisweilen unentdeckt getan, -im Pferdestall zu übernachten. Unter der braunen -Stute kroch er in das Stroh, sie beschnupperte ihn -zutraulich; er war gut Freund mit allen Tieren.</p> - -<p>Wie im Vaterhaus lag er gebettet, über sich das -Pferdeschnauben, links ein gedämpftes Grunzen aus -den Schweinekoben, rechts hier und da das Muhen -einer unruhigen Kuh. Dieses heimische Behagen -machte ihm die kalte Fremde um so qualvoller bewußt. -Von bitterlichem Schluchzen hart gestoßen, verzweifelte -er, den nächsten Tag in dieser trostlosen Vereinsamung -<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -zu überleben; wie von einem Berg war -sein Herz von Traurigkeit verschüttet, seine Sehnsucht -flüchtete zu seiner Liebsten, nannte sie mit allen Kosenamen, -bis sie ihm der Schlummer an die Seite legte.</p> - -<p>Auch Franziska hatte keine Ruhe finden können. -Der Vielbeschäftigten gebrach es meist an Muße, -um Empfindsamkeiten nachzuhängen. Es waren seltene -Augenblicke, in denen sie das Gleichgewicht verlor -und eine Unruhe zu ihrem Liebsten ihr das Blut -verbrannte, eine Auflehnung gegen die Grausamkeit, -ihre Jugend ohne seine Zärtlichkeiten zu verwarten. -Eine solche Stimmung hatte ihr heute die -Müdigkeit verscheucht. Sie holte Antons Karten, -die aus dem Westen in großen Zwischenräumen an -sie gelangten, doch an den kargen, eingezäumten -Worten kühlte sich ihr Fieber nicht.</p> - -<p>Ein gedämpfter Laut des Kummers, der vom -Wirtschaftshof her zu ihr drang, brachte sie der -Wirklichkeit zurück. Die braune Kuh, Franziskas -Liebling, hatte vorgestern gekalbt, und das Kälbchen -war ihr sofort weggenommen worden, weil es, -laut Kriegsgesetz, auf die mütterliche Vollmilch keine -Berechtigung besaß. Darum jammerte die Mutter -und rief das Menschenmitleid an. Franziska, der -vierbeinigen Kreatur stets sorglich zugetan, fühlte -sich ihren Nöten eben mehr denn je verbunden. Sie -<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -schlüpfte in die Schuhe, warf den Mantel über und -tappte bei der Führung der Laterne durch den Schnee. -Nach einem kurzen Zuspruch an die Wöchnerin besann -sie sich nicht lange, die militärische Verordnung -zu umgehen; sie hob das Neugeborene aus dem Verschlag, -in dem es zitternd und klagend nach der Erfüllung -der betrogenen Instinkte suchte, und legte -es der Mutter an den vollen Euter. Als sie das -Sattgetrunkene, Eingedöste aufnahm, um es wieder -auf seiner Streu zu bergen, kuschelte es sich, seinen -Aufenthalt verkennend, in die Weichheit ihres Schoßes -ein, zog ihren Finger in sein zartes Mäulchen -und begann, wohl in dem Wahne, seine Mahlzeit -fortzusetzen, daran zu lutschen.</p> - -<p>Es war nur ein Tier, doch seine Hilfsbedürftigkeit, -die Wärme, die aus seinem Körper in den ihren -strömte, das sanfte Saugen, als Ausdruck seines -kindhaften Vertrauens in die gütigen Zusammenhänge -der Natur, rührten das Urgründigste in Franziskas -Weibeswesen auf. Die Tränen, die das Fell -des Kälbchens überschwemmten, flossen aus den Quellen -ihrer ursprünglichsten Bedürftigkeit, und die Forderungen -ihrer Sinne, die zugleich ein Umweg zu ihrer -Mutternotwendigkeit waren, stürzten in Gedanken zu -dem einzigen, durch den sie sich erfüllen wollten.</p> - -<p class="ce">* * * * *</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -»Katja, Täubchen,« sagte Iwan im Traum zu -seinem Mädchen, »ich muß weg von dir, es ist schon -Tag. Nebenan haben sie schon die Stalltür aufgemacht.« -Dabei schmiegte er sich ihr wieder an, unfähig, -ihre Nähe aufzugeben.</p> - -<p>Hatte er sich dann doch ermuntert, war in die ungestirnte -Nacht hinausgetreten und hatte in den -Nachbarstall gelauscht? Aber wie kam denn Katinka, -die er eben erst verlassen hatte, dazu, schon dazusitzen -und zu melken? ihm den Rücken zugewendet und von -der Finsternis kaum zu unterscheiden. Nur wenn ihr -Kopf in den Bereich der Stallaterne tauchte, blitzte -der Goldschein ihrer langherabhängenden blonden -Zöpfe auf und das Weiß des Hemdes, das ein wenig -von der vollen Schulter rutschte. Wie oft hatte er -sie im Morgengrauen so überrascht? Sie so beschlichen, -ihren Nacken so ungestüm geküßt?</p> - -<p class="ce">* * * * *</p> - -<p>Wunderkräfte wirken in der Liebe. Auf ihrem -Zauberwagen flog Iwan, über Hunderte von Meilen -weg, zu seinem Russenmädchen. Mit Antons Schritten -lief sie auf Franziska zu.</p> - -<p>Das Laternchen war umgefallen. Im Dunkel -vollzog sich das Geheimnis der Verwandlung. In -festerer Treue wurde Untreue noch nie geübt.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -»Weh' mir, weh' mir!«</p> - -<p>Der Mann im Kaftan hatte schon den Heimwehkrampf -der Grödner-Vefi mit sonderbaren Ausrufen -begleitet. Mir war es, während ich sprach, beunruhigend -gewesen, daß er sich mit leisem Stöhnen -hin und her bog wie in Schmerzen. Ich ging zu ihm, -um ihn zu fragen, was ihm fehle. Er hob den Kopf, -ich blickte in Verzweiflung. Er preßte meine Hände. -Seine Kehllaute, verständlich, wenn die Rede ruhig -floß, verschwammen oft, wenn er in äußerster Erregung -in sein Jiddisch-Deutsch verfiel. Was der -Auslegung aber nicht bedurfte war der Ton, der aus -ihm schrie, wie aus den finstersten Verließen menschlicher -Unbarmherzigkeit, das Leid, das aus ihm brach -wie Eiter aus Jahrtausend alten Wunden, die von -Haß vergiftet, ewig am Leib der Menschheit schwärend, -sich niemals schließen können.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -Heimat</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -In dem tschechischen Fabrikort Zlatnik kündete der -grelle Schrei der Pfeife die Mittagspause an. Die -Arbeiter entströmten den Gebäuden, verteilten sich -in das Dorf und die Kantine, und viele streckten sich, -um das zugebrachte Essen zu verzehren, gemäß ihrer -Gewohnheit, am Waldesrand im Schatten aus. Der -und jener zog eine Zeitung aus der Tasche, er las vor, -seine Umgebung lauschte; heute aber entspann sich -nicht wie sonst eine aufgeregte Unterhaltung zwischen -ihnen: es lag ein Dämpfer auf den Worten und Gebärden, -und nur die ausgelassensten der Weberinnen -waren zum Schäkern mit ihren Schätzen aufgelegt. -Auch sie verstummten, als ein Zug vorbeimarschierte, -Kameraden, die, zum Kriegsdienst einberufen, auf -den Bahnhof zur Versammlungsstelle zogen. Sie -trugen Ränzel auf dem Rücken oder eine Schachtel -in der Hand, die Schirme ihrer Mützen verschwanden -unter Laubgewinden, und große Sträuße schmückten -ihre Brust. Die Burschen johlten, die Familienväter -aber, umkreist von ihrer tiefbetrübten Sippe, schritten -schweigend und tauschten ernste Grüße mit den -vom Wald her Zuwinkenden aus. Ortsansässige -waren darunter, die neben ihrem Häuschen ein Stückchen -<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a> -Feld besaßen und einen Streifen Wiese. Diese -stockten an der Gabelung des Weges, um ihr Heim -noch einmal zu begrüßen. Dürr war das Leben ihnen -hingelaufen; aber da sie es verließen, blühte es in -ihrer Schätzung auf. Waren sie auch karg genährt -gewesen, eng behaust und knapp bezahlt, sie hatten -doch besessen, was innerhalb der engen Wände stand; -und ein paar Rabatten Sommerblumen an der Hecke -und das bißchen Ackerland dabei; dort hatte man sich -nach dem Arbeitsschluß getummelt und die mit Flachs -und Baumwollfasern verfilzte Lunge wieder ausgespült. -Krautköpfe hatte man gebaut, Erdäpfel, -Rüben; Gras geschnitten für die Ziege und ein paar -Löcher in den vielen Mägen damit zugestopft.</p> - -<p>So friedlich lag es da, im Kranz der baumbewachsenen -Hügel, das kleine Dorf, in dem man -du sagte zu jedem Ziegelstein, zu jeder Staude. -Wer weiß, ob man es jemals wiedersah? Die Abziehenden -lüfteten die Mützen und sangen ihm das -wehmütige Lied zum Preis der Heimat zu. Es klang -den Hörern im Walde wie eine Mahnung: Machet -euch auch bereit!</p> - -<p>Die stärkste Wirkung des Gesanges drückte sich -in dem Benehmen einer Gruppe von Arbeitern aus, -an Zahl etwa ein Dutzend, die sich ein wenig abseits -der Genossen hielten. Es waren Südtiroler aus -<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a> -vom Krieg bedrohten Grenzgebieten, den Tschechen -durch die Gemeinsamkeit des Vaterlandes verbunden, -doch durch alle Merkmale des Wesens von -ihnen getrennt. Von einem Tag zum anderen waren -sie aus ihrem Land verwiesen und der Gemeinde -Zlatnik zugeteilt worden; hier hatten sie das Arbeitsangebot -des böhmischen Fabrikherrn wie ein Geschenk -der Vorsehung begrüßt; sie waren anstellig und -fleißig und Meister der Bedürfnislosigkeit. Doch -etwas nicht Gegenwärtiges haftete an ihrer Haltung, -etwas Aufgescheuchtes, als hätten sie den Atem -noch nicht wieder, der ihnen bei Einbruch einer -Naturgewalt weggeblieben war. Man möchte sie -wohl befragen, da sie jetzt schweigend beieinander -hockten: »Du grauhaariger Mann, du junger Knabe, -ihr schlanken, braunäugigen Weiber, was bekümmert -euch so sehr?« Sie müßten sich vielleicht besinnen, -um ihr Weh in seine Elemente aufzulösen. Da war -die Sorge um die Zukunft, der Gram um den Verlust -von schwer erworbener Habe, jetzt den Diebstrieben -ihrer Nachbarn belassen. Und die Unrast in -dem Blut der Mädchen, deren Jugend nach dem -Freunde schrie. Vor zwei Wochen noch ihr Liebster; -heute galt er als ihr Feind; heute hob er die Waffen -gegen ihre Brüder.</p> - -<p>»Uns ist bange nach der Heimat«: in diese Formel -<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -würden sie wahrscheinlich ihre Stimmung fassen; -und gedrängt, ihr tiefer nachzuforschen, vielleicht -hinzufügen: »Eure Häuser halten dicht und stehen -gerade, unsere klaffen, und der Regen dringt in sie -hinein; aber auch der Sonnenschein, der blaue Himmel -und der Duft der Blumen. Und wir halten -uns in unseren Stuben wenig auf. Ach, wenn ihr -doch nur unsere Berge kenntet, wie schroff sie ragen; -auf halber Höhe, dicht am Abgrund, klebt ihnen, -mit seinem steilen Gäßchen, irgend ein verwegenes -Raubnest an, aus der Zeit der Sarazenen; auf manchen -liegt in Ewigkeit der Schnee; über andere laufen -die silbergrauen Wellen der Oliven; von ihren Gipfeln -kann man in das andere Tal hinunterspähen, -der See blinkt wie ein Spiegel, an seinen Ufern, -die im Zickzack lustig in das Wasser schießen, reihen -sich die weißen Sommerhäuser, festtäglich anzuschauen -in ihren Schleiern von Rosen und Glyzinen.« -Und ihrer Ständchen würden sie gedenken, des nächtlichen -Lautenspieles; denn Musik bewegt sie sehr. -Die innige getragene Weise, mit der die Tschechen -Abschied nehmen, fällt ihre Fassung; die Frauen -weinen, den Männern steigt ein Schluchzen würgend -in die Brust.</p> - -<p>Ihr Gebaren fällt den Tschechen auf; sie vermuten -die Kenntnis ungünstiger Kriegsberichte bei den Zugereisten -<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a> -und beschließen eben, einen Dolmetsch an -sie abzusenden, als sich ihr Interesse einem anderen -Schauspiel zuwendet. Ein Mann, mit einem achtjährigen -Jungen an der Seite, kommt von der Höhe -der Landstraße herab. Wie mit der Schere ausgeschnitten, -steht er im Rahmen der betannten -Forste, vor dem hellen Hintergrund der Luft. Seine -hageren Glieder sind in die Röhre eines fettglänzenden -Kaftans eingepreßt, ein Filzhut deckt die ungepflegten -langen Haare, die sich mit enggerollten -Schläfenlöckchen an den roten Bartwuchs schließen; -des Sohnes Gestalt ist dieser wunderlichen Leib- und -Haartracht lächerlich getreues Widerspiel. Die -Tschechen lachen auch; mit der Grausamkeit des Kindes, -das dem Schwächeren achtlos weh tut, meckern -sie den beiden ein »Handelevuh« entgegen; die Südtiroler, -ganz mit sich beschäftigt, achten der Vorbeigehenden -nicht. Der Jude aber läßt die sanften, -schwermütigen Augen lange auf den Fremden ruhen. -Er denkt: »So habt ihr freien Christen jetzt auch -an euch erfahren, was es heißt, entrechtet und verjagt -zu sein.« Die Vorstellung der selbst erduldeten -Mißhandlung ist ihm noch ganz nahe, sie knebelt -seine Seele, sie zwingt ihn, sich in ein Gespräch -mit seinem unmündigen Sohn zu flüchten. »Jakobleben, -erinnerst du dich noch?« Kann das Hirn des -<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -Kindes je vergessen, wie sie sich im engen Raum verängstigt -einander drückten: er und die Großmutter, -der Onkel, die Eltern, die Schwestern, die Bruderfrau -mit ihrem Säugling, den sein Vater, weil er -im Felde steht, noch nicht kennt? Mit Geratter und -Geknatter jagt ihnen der Donner der Geschütze näher -zu. Sie wagen nicht, die Lampe anzuzünden. Die -Frauen stöhnen, die Männer, in die Gebetriemen -gewickelt, murmeln Todespsalmen. Horch! Klingt -es jetzt nicht, als sei der Fluß aus seinem Bett getreten -und wälze sich heran? Ein verkneultes Brüllen, -Trampeln, Splittern, Stürzen. Jemand trommelt -an die Scheiben. »Sie kommen, die Russen -ziehen sich hierher zurück. Flieht, flieht, daß sie euch -nicht finden und erschlagen!« Die Grenze von Galizien -ist nicht weit; in drei Stunden kann ein -Rüstiger die Strecke überwinden. Welche qualvoll -lange Nacht vergeht der kraftlosen Familie, ehe sie -ihr Ziel erreicht! »Jakobleben, erinnerst du dich -noch?« Der Knabe nickt. Hat er doch den Säugling -tragen müssen, als dessen Mutter niederbrach. -Die Schwestern stützten ihren Onkel, der Vater -buckelte bald die Ahnin auf und bald die Ehefrau, -manchmal faßten seine Arme beide. Sie kommen -eben im Galizischen zurecht, um in den Sturmwind -zu geraten, der alle Juden aus der Gegend fegt. -<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -»Was meinst du, Jakobleben,« fragt der russische -Pole, »ob man die Südtiroler auch in offene Viehwagen -verladen hat wie uns, durch Sonnenglut und -Unwetter gefahren, dann wieder ausgeladen und -hinter Bahnhofsschranken, eingepfercht wie Schafe, -den langen kalten Nächten schutzlos preisgegeben?« -Und doch, sie sagen es einander, sind sie Bevorzugte -des Glückes. Das Ungestüm der Fliehenden in jener -Nacht war wie ein Keil in die Masse der gehetzten -Wanderer gestoßen; da mochte mancher am Wege -gestrauchelt und verkommen sein. Sie aber hielten -sich umschlungen, halbnackt, beschmutzt, verhungert, -doch vereint. Und das Reich, zu dem sie nicht gehörten, -forschte nicht; sie waren eben mitgeschwommen -in dem Meer von Elend, das sich von Osten her -ergoß.</p> - -<p>Aus der Sicherheit des Hafens blickt der vertriebene -Jude die verjagten Südtiroler an: »Beneidenswert -seid ihr trotzdem. Ihr dürft Gebete -schicken eurem Gott, daß er euern Waffen Sieg -verleihe. Was aber sollen wir, wenn wir vor ihm -im Staube liegen, aufschreien zu Jehova aus unserer -großen Not? Können wir ihn anflehen: Führe uns -zurück in unser Vaterland, wo doch steht auf seiner -Schwelle der Henker mit dem Messer, das uns -sticht?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -Den Weg entlang, den sich die Übung bahnte, -durch die tiefen Furchen seitlich der gekrümmten -Nase, rinnen dem Juden schwer und langsam die -Tränen über das verkümmerte Gesicht. Und wie um -sich vor seinem Sohn zu erklären, sagt er leise: -»Die Heimat ist für jeden eine Mutter. Fragt -einer, ob die Mutter häßlich ist, ob schön? Man -hat sie lieb, man ist aus ihr geboren, in ihren Schoß -will man sich niederlegen, wenn man müde ist. Kein -Kraut ist so gering, es verlangt nach mütterlicher -Erde. Uns hat sie ausgestoßen, wir haben keine -Ruhestätte in der weiten Welt.«</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a> -So unheimlich nahe hatte uns in dieser Nacht -der Flügelschlag der Zeit noch nicht gestreift. Unsere -eigenen kleinen Nöte hielten ein paar Sekunden -lang den Atem an.</p> - -<p>Unser aller?</p> - -<p>Ein Mann trat in den Vordergrund. Nichts -Merkwürdiges an ihm als die Augen, die wie Zangen -nach uns faßten und unsere Erscheinung, so undeutlich -sie hervortrat in dem kargen Licht, in sich einzusaugen -schienen. Er schalt mit uns. Da habe er -nun stundenlang gesessen und unserer Unterhaltung -zugehorcht. Nichts, mit einer Ausnahme (er nickte -zu dem heimlichen Poeten), als Brotsorgen, Liebesgram, -Heimweh, Nationalitätenstreitigkeiten. Immer -habe er gelauert: brüllt denn nicht endlich einer -auf: die größte Marter ist die Kunst.</p> - -<p>»Ihr alle, scheint es, wißt nichts von der Kunst, -sie ist euch kein Bedürfnis. Ich bedauere euch. -Erdenwürmer, ohne Flügel, euch ins Licht zu retten. -Ich beneide euch. Ihr kennt die Folter nicht, von -der Idee verfolgt zu werden wie von einem Raubtier, -das uns hetzt. Wie ein Besessener ringt man -mit dem Werk, das man nicht fassen kann, das -<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a> -einen äfft. Ja, ich bin so ein armer Schächer.« Er -schnippte mit dem Finger in die Luft. »Habt keine -Angst. Es gibt keine Tragödie. Nur eine Anekdote. -›A lustigs Stückl‹ würde Aloys sagen.« Er saß -nieder und kreuzte seine langen Beine. »Also die -Geschichte von Mark Crystoll und der Sonnenblume.« -Er unterbrach sich. »Das heißt, der Mark -Crystoll, das bin natürlich ich.« Als ob er sagen -wollte: ich mach' euch keine Flausen vor. Aber -es paßt mir besser, von mir zu sprechen, wie von -einem Dritten.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a> -Die Sonnenblume</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a> -»Nun hab' ich's aber satt.« Hubert Bach schleuderte -das Ei, das er in Händen hielt, so heftig auf -den Frühstückstisch, daß seine Schale weithin splitterte, -»vier Tage lang setzt man uns dieselben Eier -vor.«</p> - -<p>»Woher weißt du das?«</p> - -<p>»Ich habe sie bezeichnet, siehst du hier das Kreuz? -Und das sogenannte Rauchfleisch ist auch schon dürr -wie Holz.«</p> - -<p>Er warf ein paar von den papierdünnen Schnitten -auf den Fußboden und zertrat sie.</p> - -<p>»Staub werde, was aus Staub geboren ist.«</p> - -<p>Mark Crystoll war erschreckt. Er bückte sich, um -die Fleischatome einzusammeln. Als er sah, daß -sich Scott, Huberts langhaariger Pintscher, bereits -damit befaßte, steckte er das aufgeplatzte Ei ängstlich -in die Tasche.</p> - -<p>»Wir sind doch nicht des Essens halber hier.«</p> - -<p>»Des Verhungerns halber auch nicht. Das Land -ist anderswo auch schön, man muß nicht gerade im -allerschmutzigsten Wirtshaus Hollands sitzen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a> -Er stand auf und reckte sich.</p> - -<p>»Komm, Scott, wir wollen uns in Leyden beim -›Löwen‹ den Magen wieder auskurieren. Ja, sieh -mich nur verächtlich an, Mark, ich bin außer Maler -auch noch Mensch und kann nicht bloß von schönen -Motiven leben. Apropos Motiv, ich habe ein wundervolles -Nachmittagsmotiv gefunden. Sieh's dir -heute mal mit mir an.«</p> - -<p>Da die Antwort ausblieb, pfiff er seinem Hund -und ging.</p> - -<p>Mark Crystoll atmete erleichtert auf, als er sich -allein sah.</p> - -<p>Was für ein Rohling, dieser Hubert. Das Geheimnis -der Arbeit preiszugeben, es zu pöbelhafter -Gemeinsamkeit anzubieten. Als ob das, was eines -anderen Augen gesehen haben, noch den geringsten -Wert besitzen könnte. Er nahm sein Handwerkszeug -und ging den Weg, der ihm zum Leidensweg geworden -war.</p> - -<p>Auf seinen Wanderwegen war ihm vor kurzer -Zeit ein vereinzelt liegendes Häuschen aufgefallen, -dessen Alter eine eigenartige Innenbauart vermuten -ließ.</p> - -<p>Der Eingang war verschlossen, und im Hintergarten, -dessen Zaun an eine grünversumpfte Wasserstraße -grenzte, fand er keinen Menschen. Leer war -<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a> -auch die Sommerlaube, das Taubenhaus und der -Schweinekoben. Nichts lebte in der Einsamkeit als -die mächtige, vollerblühte Sonnenblume. Hoch aufgereckt, -daß ihr Stern das schwarze Schindeldach -erreichte.</p> - -<p>Das satte Gelb inmitten dieser dumpfen, fahlen -Farben fesselte des Malers Auge. Nach einer -Stunde kehrte er zurück und war beglückt, die Insassin -des Häuschens daheim zu finden.</p> - -<p>Doch die alte Frau, die mürrisch in der kleinen -Küche herumhantierte, hatte auf alle seine Worte -nur ein steinernes »Nee, das tu' ich nicht«.</p> - -<p>Er bat. Fünf Sitzungen – nur vier – nur -drei, er verdoppelte die Zahlung.</p> - -<p>Sie blieb bei ihrem »Nee, das tu' ich nicht«.</p> - -<p>Als er, vom Eifer fortgerissen, näher an sie -drängte, wies sie ihm die Tür.</p> - -<p>»Und daß Sie mir nicht wiederkommen, sonst -hol' ich die Polizei, Fie Verheest läßt nicht mit sich -spaßen.«</p> - -<p>Seitdem umkreiste er den kleinen Garten. Das -Verbot hatte das Verlangen aufgereizt. Was nur -ein Wunsch gewesen, wurde zur Begierde.</p> - -<p>Auch heute war das Haus verschlossen. Doch die -Alte war daheim, er hörte das Klappen ihrer Holzschuhe.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a> -Der Gedanke kam ihm: ein Fußtritt in das -morsche Holz. Und so ein altes Weib ist leicht -überwältigt. Erschreckt von seiner Leidenschaft lief -er davon.</p> - -<p>Noch nie hatte ihn das Wesen Huberts so abgestoßen. -Das Lärmen mit dem Hund, das Fluchen -über das zähe Kuhfleisch, den petroleumdurchdufteten -Rosinenreis.</p> - -<p>Als er abends heimkam und mit behaglicher -Zufriedenheit seine Arbeit zeigte, einen Allerweltskanal, -mit Allerweltsgeschicklichkeit breit hinuntergestrichen, -fühlte Mark etwas wie Haß gegen seinen -Freund.</p> - -<p>Er selbst hatte die Stunden müßig vor sich hingebrütet. -Alle seine Skizzen hatte er hervorgeholt, -sie in selbstquälerischer Stimmung mißlungen und -geheimnislos gefunden und an sich verzweifelt.</p> - -<p>Sehnsucht nach dem kleinen Garten bohrte sich -in seine Seele. Die Sonnenblume, zu der ihn anfangs -nur Form und Farbe lockte, war ihm ein -Symbol geworden. Ein Symbol der hellen Lebensfreude -im grauen Einton der Alltäglichkeit.</p> - -<p>Er sah das Leuchten ihres glühenden Gesichts, -das Wiegen ihres schlanken Stengels. Ihm war, -als könnte er mit diesem ungestillten Wunsch im -Herzen nie mehr etwas leisten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a> -Es ließ ihn nicht mehr los, verfolgte ihn, -während er mit Hubert den gewohnten Abendgang -nach der nächsten Schenke machte; quälte ihn, -während er rauchend und schweigend zwischen den -rauchenden, schweigenden Bauern saß. Und auf dem -Heimweg durch die stillen Wiesenstraßen besiegte -es den Willen und trat als Klage auf die Lippen. -Daß Mefrouw Verheests Eigensinn ihm die Arbeit -töte.</p> - -<p>»Fie Verheest, die verrückte Fie?«</p> - -<p>»Du kennst sie?«</p> - -<p>»Die kennt jeder hier im Dorf. Sie ist durch -Unglück menschenscheu geworden und furchtbar -fromm. Über die hat nur der Pfaff Gewalt. Soll -ich mit ihm sprechen? Er hat mir neulich lange -beim Malen zugesehen. Bei der Gelegenheit hab' -ich ihm seinen Jungen photographiert. Nun sind -wir gute Freunde. Na, zerdrück' mir nur die Finger -nicht.«</p> - -<p>Noch ein Vormittag unruhiger Erwartung, dann -kam die Botschaft.</p> - -<p>»Die Kirche hat gesiegt. Fie öffnet dir ihr -Gitter.«</p> - -<p>»Und Hubert, höre – du besuchst mich nicht, -nicht wahr?«</p> - -<p>»Fällt mir nicht ein.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a> -So war das Ziel erreicht. Doch trübte Crystolls -Glück noch manche Wolke.</p> - -<p>Fie nörgelte an der Erlaubnis. Länger als zwei -Stunden dürfe er nicht bleiben, dann müsse sie -aufs Feld und dulde keinen Fremden in ihrem Besitztum.</p> - -<p>Und Hubert, als wollte er seinen Freundschaftsdienst -wieder ungeschehen machen, war doppelt unausstehlich. -Bei Tisch vergaß er sich so weit, das -Fleischstück einem Jungen durch das Fenster zuzuwerfen.</p> - -<p>»Daß ihm's nur kein Loch in den Magen reißt.«</p> - -<p>Crystoll entsetzte sich. Wenn die Wirtin von dieser -neuen Schmach für ihre Küche erfuhr, war keine -Stunde Bleibens mehr für beide Künstler.</p> - -<p>So, bedrängt von allen Seiten, arbeitete er so -hastig, als es ihm seine aufmerksame Art erlaubte. -Die Zeichnung war bereits in Kohle aufgerissen, -nun legte er die Farbe an.</p> - -<p>Wieder fühlte er in allen Nerven den Reiz des -Vorwurfs. Den äußerlichen; was für Töne saßen -in dem alten Holzwerk, in den Mauerrissen, in dem -Sumpfkraut. Und den innerlichen, unaussprechbaren. -Den lachenden Triumph des Lebens in dem -schwarzen Flecken Erde, durch die strahlend helle -Sonne der erblühten Blume.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a> -Die Minuten flogen. Fie mochte ihr Verbot vergessen -haben über der Beschäftigung, ihr Haus zu -säubern für den Sonntag. Crystoll hörte sie umhergehen, -bürsten, plätschern und reiben.</p> - -<p>Plötzlich unterbrach sie sich mit einem Aufschrei, -dem ein Hundebellen folgte und der Ton von -Huberts Stimme.</p> - -<p>Übles ahnend, eilte Mark hinzu. Und sah Scott -aus allen Zottelhaaren triefend, auf der reingeseiften -hellen Matte stehen, Fie mit einem Besen hinter -ihm. Während Hubert lachend sich bemühte, ihr zu -wehren.</p> - -<p>»Na, gebt Euch, Mutter Fie. Es tut mir selber -leid. Hier habt Ihr einen Gulden, kauft Euch Seife -zu einer neuen Wäsche.«</p> - -<p>Zu Crystoll sagte er:</p> - -<p>»Das Tier hat gerade ein Bad genommen -im Kanal und hat dich im Vorbeigehen aufgespürt.«</p> - -<p>Mark war keines Wortes mächtig. Schnell ging -er in den Garten, zitternd vor der Strafe, die ihn -für Scotts Verbrechen treffen würde.</p> - -<p>Fie aber war ganz still. Von neuem fing sie an, -zu waschen und zu bürsten und sah nicht auf, als -Mark beim Weggehen noch zwei Gulden Schmerzensgeld -auf ihre Lade legte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a> -Eine schwüle Stimmung lastete auf den zwei -Freunden an dem arbeitslosen Sonntag. Zum erstenmal -in all den Wochen ging Crystoll nicht des Abends -mit zum Bier. Und als er sich am nächsten Morgen -Fies Häuschen nahte, schlug ihm das Herz, als -wartete verbotene Liebe hinter jenem Gitter.</p> - -<p>Gottlob, das Haus war offen und Fies Gruß -sogar vergnügter als gewöhnlich.</p> - -<p>Der Maler lief nach hinten. Stutzte, rieb sich -die Augen. Er war wohl falsch gegangen. Das -war doch nicht sein Garten, dieser wüste, leere -Winkel.</p> - -<p>Auf einmal wußte er's.</p> - -<p>Er stürzte in die Stube.</p> - -<p>»Wo ist die Sonnenblume?«</p> - -<p>»Ich hab' sie abgeschnitten. Jetzt werden mir -die fremden Hunde nicht mehr das Haus versauen.«</p> - -<p class="ce">* * * * *</p> - -<p>Als Hubert von der Arbeit heimkam, fand er den -Tisch für sich allein gedeckt.</p> - -<p>»Mijnheer Mark Crystoll ist abgereist. Dort hat -er einen Zettel hingelegt.«</p> - -<p>Hubert las.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a> -»Ich hatte nur die Wahl, den Hund zu töten -oder unsere Freundschaft. Ich ließ den Hund am -Leben.«</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a> -»Oh du!«</p> - -<p>Ein Seltsamer stieß diese beiden Silben aus. -Er hatte, auch als das Zimmer wärmer wurde, nicht -seinen abgeschabten Lodenmantel abgelegt. Ich hatte -denken müssen: vielleicht um die Armut zu verdecken, -die er darunter birgt. »Oh du!« Er sprang Mark -Crystoll an, bohrte in ihn seine Blicke. »Du Mittelmaß, -du Kleinheit. Du bist noch lange nicht in den -Kern der Verdammnis eingedrungen. Auf der Oberfläche -krabbelst du herum. Du wirst noch lange -vegetieren und Bilderbogen pinseln.« Er zog eine -Rolle aus der Tasche. »Willst du den letzten Willen -hören von einem, den sie zur Strecke gebracht haben, -der entschlossen ist zum Tod. Hier liegt er. Wohl -bekomm's.« Er schleuderte die Blätter auf den -Boden. Hinter ihm krachte die Tür ins Schloß. -Ich hob die Rolle auf. »Soll ich lesen?« Sie umdrängten -mich.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a> -Die Anderen</h2> - - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl lh2"><em class="ge">Personen</em>: - <a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl"> Broß</td></tr> - <tr><td class="tdl"> Kyll</td></tr> - <tr><td class="tdl"> Broß</td></tr> - <tr><td class="tdl"> Truck</td></tr> - <tr><td class="tdl"> Ein Mädchen</td></tr> - <tr><td class="tdl"> Ein Kellner.</td></tr> -</table> - -<p>Zwei Uhr morgens. Der mit kaltem Rauch gefüllte -Raum eines Kaffees. Alle Tische verlassen. -Der <em class="ge">Kellner</em> ist hinter dem Büfett halb vom Stuhl -gesunken und schläft. Die elektrischen Flammen sind -ausgedreht. Nur an dem Tisch, an dem <em class="ge">Kyll</em> und -<em class="ge">Broß</em> sitzen, brennt Licht. Auf dem Tisch stehen -leere Kaffeetassen, eine Flasche Kognak und zwei -Gläser, eine Aschenschale mit Zigarren- und Zigarettenstummeln -gefüllt. <em class="ge">Kyll</em>, 26 Jahre, schmächtige -Gestalt, nachlässige dunkle Kleidung. Sehr -blaß. Tiefliegende schwärmerische Augen, wirre -schwarze Haare, nervös zuckende Lippen. <em class="ge">Broß</em>, -27 Jahre, blond, etwas aufgeschwemmt, wasserblaue -Augen, Habyschnurrbart. Kleidung und Bewegungen -eines <i>Commis voyageur</i>.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a> -<em class="ge">Broß</em> (legt die ausgebrannte Zigarre auf den -Aschenbecher): Also gute Nacht, Herr ... (Er sucht -den Namen.)</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (der vor sich hingebrütet hat, fährt auf): -Sie wollen schon fort?</p> - -<p><em class="ge">Broß</em>: Schon? Es geht auf zwei. Wir sind ohnehin -die einzigen.</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em>: Gottlob – ich atme auf. Endlich sind sie -weg – die Feinde.</p> - -<p><em class="ge">Broß</em> (erstaunt): Feinde? Sie haben ja gesagt, -Sie kennen hier keinen einzigen.</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (nervös): Ja, haben Sie denn niemals das -Gefühl, daß sie alle unsere Feinde sind, die anderen, -die außer uns noch auf der Welt sind?</p> - -<p><em class="ge">Broß</em> (auflachend): Nein, wirklich. So was ist -mir noch nie eingefallen.</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (auf den Tisch gestützt, mit der Hand in -den Haaren wühlend, düster): Auf mir lastet der -Gedanke wie ein Alp. Er vergällt mir jede Freude. -Selbst im Schlaf werde ich ihn nicht los.</p> - -<p><em class="ge">Broß</em> (innerlich belustigt, aber aus Höflichkeit -ganz ernst): Aber wieso denn? Was können Ihnen -denn ganz wildfremde Leute tun?</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (heftig): Daß sie da sind, daß man von -ihnen weiß. Daß sie auf uns drücken mit ihrer -Freude und mit ihren Sorgen. (Wie zu sich selbst.) -<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a> -Tage gibt es, da muß ich immer daran denken, was -die anderen leiden. Auf der Straße sehe ich nichts -als Schmerz und Kummer. Jede traurige Gestalt, -jede ausgestreckte Hand trifft mich wie ein Vorwurf.</p> - -<p><em class="ge">Broß</em>: Sind Sie denn nicht Mitglied des Vereins -gegen Verarmung und Bettelei?</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (ohne auf ihn zu hören, leidenschaftlich erregt): -Die Vorstellung von allem Grausamen, was -in demselben Augenblick geschieht, verfolgt mich. Ich -höre die Kinder, die man prügelt, um Erbarmen -flehen, ich höre die Tiere winseln, die man peinigt. -Ich fühle die Bangigkeit von verlassenen Kranken -und wie Hunger, Angst und Kälte Verzweifelte zum -Selbstmord treibt. (Immer erregter.) Ich ahne -alles Unglück, alles Elend, das in all den Tausenden -von Häusern verkommt und zittert. Ich bin wie -ohne Haut, alles verwundet mich. Das Mitleid -bohrt sich mir wie mit Stacheln in das wehe Fleisch. -Das Herz schnürt sich mir zusammen, ich kann nicht -sprechen, ohne laut zu weinen. (Er hält inne, um -nicht in Schluchzen auszubrechen.)</p> - -<p><em class="ge">Broß</em>: Sie sind sehr nervös, Herr ... Sie -sollten Brom nehmen.</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (den Kopf in den Händen, leise vor sich -hin): Dann kommen wieder Stunden – im Frühling -– die Sonne scheint – verhalten, wie wenn -<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a> -die Natur ganz still vor sich hinlacht. Ich gehe durch -den Wald – es riecht so untereinander – nach alten -Blättern und jungem Gras; ein bißchen schon nach -frischen Tannensprossen. Und ich komme auf eine -Lichtung, der See liegt vor mir, ganz still, wie eingeschlafen. -Nur manchmal schüttelt er sich, wie im -Traum. Ich werfe mich hin, sehe in den Himmel, -breite die Arme auseinander – mir wird so weit, -so groß. Szenen, Bilder stehen vor mir auf – ich -hab' es gefunden – endlich – das Erhabene, das -noch niemals Dagewesene. Ich schreie vor Jubel los, -ich brülle vor mich hin, Worte, Sätze, ganze Verse. -Auf einmal fällt mir ein: Das hat schon in Goethe -gestanden, das in Heine, das habe ich von Ibsen, -das von Maeterlink – von all den anderen, die -vor mir gelebt und gedichtet haben – die verfluchten -anderen. (Er wirft sich mit dem Gesicht -auf die Hände.)</p> - -<p><em class="ge">Broß</em> (überlegen wie mit einem Kind): Wie -wollen Sie das ändern? Es muß doch noch Menschen -auf der Welt gegeben haben außer Ihnen.</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (auffahrend): Weiß ich das nicht? Natürlich -muß es. Das ist notwendig wie – Schmerzen -– Krankheit – wie das Leben selbst. Aber man -könnte doch auch nicht durch die Wüste reisen, wenn -nicht Oasen wären. Das müßte sein – Oasen -<a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a> -müßten sein. Jeder Mensch müßte noch einen haben, -der kein anderer ist.</p> - -<p><em class="ge">Broß</em> (ihn verständnislos ansehend): Sie meinen?</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (ganz unpersönlich): Sie haben sich gewiß -gewundert, daß ich mich an Ihren Tisch gesetzt habe -und Sie angesprochen. Wir passen doch gar nicht -zueinander. Ich (auflachend), der verrückte Dichter, -und Sie, der Krämer.</p> - -<p><em class="ge">Broß</em> (verletzt): Erlauben Sie –</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (in demselben Ton): Es sieht Ihnen aus -dem Gesicht, daß Sie nichts im Sinn haben als -Geschäftemachen – Geldverdienen.</p> - -<p><em class="ge">Broß</em> (auffahrend): Herr, wollen Sie mich beleidigen!</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (ganz unbekümmert): Wie ich hereingekommen -bin, sind Sie mir deshalb aufgefallen. Ich -habe mir gesagt: das ist vielleicht ein Mann, der -nicht anders ist, als wie er scheint.</p> - -<p><em class="ge">Broß</em> (wieder mit mitleidiger Überlegenheit): -Legen Sie darauf solchen Wert?</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (ohne auf die Unterbrechung zu achten): -Wie ich noch jung war, habe ich gemeint: einen -Menschen, der eins mit mir ist, müßt' ich leicht -für mein ganzes Leben finden. Dann bin ich bescheidener -geworden. Nur für Jahre habe ich mir's -verlangt – nur für Monate – für Wochen – -<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a> -Stunden. Jetzt habe ich auch das aufgegeben. Ich -suche nach einem Menschen, der nicht doppelgesichtig -ist, vieläugig, hundertzüngig. Und ich such' – ich -suche. –</p> - -<p><em class="ge">Broß</em> (trivial): Sie haben sicher schlechte Erfahrungen -mit Weibern gemacht, daß Sie so mißtrauisch -geworden sind.</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (heftig): Reden Sie mir nicht vom Weib, -von diesem Trugbild unserer Phantasie.</p> - -<p><em class="ge">Broß</em> (ordinär): Da haben Sie recht. Was -Frauenzimmer heißt, lügt und betrügt.</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em>: Doch nicht mehr als der Mann. Es ist -nur sein tragisches Verhängnis, daß es der Gipfelpunkt -der Mannesillusionen ist. Immer wieder – -immer wieder glaubt er in fiebernder Erregung an -die Erfüllung seiner höchsten Sehnsucht, an das -Zu-eins-verschmelzen mit einem zweiten Wesen. Und -weiß doch – müßte es doch wissen – daß es in -wenigen Sekunden für ihn ein anderes sein wird – -ein fremdes, das ihn belästigt.</p> - -<p><em class="ge">Broß</em> (mit gemeinem Auflachen): Also – was -das betrifft ...</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (ohne die Unterbrechung zu beachten, schwärmerisch, -mit Tränen in den Augen): Zwei Menschen, -die füreinander keine anderen waren. Das -war das Paradies. Die Schlange war die andere. -<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a> -Das erste Wort, das Eva mit ihr gesprochen hat, -war der Sündenfall. Seitdem sind wir zu Lug -und Heuchelei verdammt.</p> - -<p><em class="ge">Broß</em>: Einfälle haben Sie, Herr ... (Er sucht -nach dem Namen.)</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (immer erregter): Bei jedem neuen Menschen -fängt der Paradieseszustand wieder an. Mutter -und Kind sind zuerst ganz dasselbe. Und lange -noch sind sie kristallklar füreinander, bis sich das -fürchterliche Anderssein dazwischen drängt.</p> - -<p><em class="ge">Broß</em> (gelangweilt): Das ist nun mal der Lauf -der Welt.</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (schlägt erregt mit der Faust auf die Tischplatte): -Es ist ihr Fluch. Und es ist gegen die -Natur. Woher käme sonst dieses Entsetzen, dieser -Schmerz, wie es keinen furchtbareren gibt – wenn -man an einen Freund in vertrauter Zweiheit voll geglaubt -hat und man sieht ihn plötzlich unter anderen, -verwandelt, unecht, ein ganz anderer. (Verzweifelt.) -Gott! <em class="ge">Einen</em> Menschen finden, den ich achten kann! -<em class="ge">Eine</em> Seele, deren ganze Nacktheit ich entblößen -dürfte, ohne eine Täuschung zu entschleiern.</p> - -<p><em class="ge">Broß</em> (steht auf und will nach seinem Paletot -langen): Sie nehmen das zu tragisch, Herr ... (Er -sucht den Namen.) Die Menschen sind eben keine Engel.</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (steht auf, tritt vor ihn hin, aufgeregt): -<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a> -Meinetwegen Teufel, Tiere. Aber sie – sie selbst. -Ihr Charakter ist ihr Schicksal. Sie entgehen ihm -nicht; warum verbergen sie ihn also?</p> - -<p><em class="ge">Broß</em> (der nur daran denkt, das Gespräch abzubrechen, -ablenkend): Die wenigsten Menschen denken -so wie Sie.</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (immer wilder): Warum? Warum? Alles -verfault in ihnen, alles ist vergiftet. Selbst mit sich -selber sind sie nicht mehr eins. Sie reden, woran -sie nicht denken, tun, wobei nicht ihr Interesse ist. -Sich selbst belügen sie.</p> - -<p><em class="ge">Broß</em> (über Kyll hinweg nach seinem Paletot -langend, ungeduldig): Gott, Sie werden das nicht -ändern.</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (Broß am Arm fassend, schreiend): Aber -ich ertrag's nicht länger. Ich kann nicht länger -unter Masken leben. Ich wage nicht mehr, mich -nach einem Abschied umzudrehen. Ich sehe des anderen -heuchlerisches Lächeln sich zu Spott verzerren. -Ich fühle ihn den Dolch seiner verleumderischen -Rede mir meuchlings in den Rücken stoßen. (Tritt -ganz hart an Broß heran, mit wild flackernden -Blicken.) Das Hirn möchte ich dem Kerl auseinanderreißen, -der mir gegenüber sitzt, das Herz -möchte ich ihm zerfleischen, um zu wissen, was er -denkt und fühlt.</p> - -<p class="ci"><a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a> -(Broß macht erschreckt einen Schritt gegen das -Büfett, hinter dem der Kellner schläft.)</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (faßt ihn beim Arm): Wo wollen Sie hin?</p> - -<p><em class="ge">Broß</em> (mit einem Versuch, seine Angst zu verheimlichen): -Ich wollte nur den Kellner – ich -möchte noch einen Kognak.</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (mit wildem Blick): Sie lügen – Sie -fürchten sich vor mir.</p> - -<p><em class="ge">Broß</em> (gezwungen auflachend): Aber, lieber Herr ... -(Er sucht den Namen.) Wie können Sie nur -glauben – Sie sind so unterhaltend – ich könnte -noch bis Tagesanbruch mit Ihnen zusammensitzen.</p> - -<p class="ci">(<em class="ge">Truck</em> tritt ein mit einem <em class="ge">Mädchen</em>.)</p> - -<p><em class="ge">Truck</em> (zu Broß): Nu frag' ich einen Menschen. -Broß, Menschenkind, trifft man Sie in nachtschlafender -Zeit noch im Kaffee?</p> - -<p><em class="ge">Broß</em> (erlöst aufatmend, faßt Trucks Hand, leise): -Sie schickt mir der Himmel. Ich bin da an einen -Wahnsinnigen geraten.</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (der angestrengt hinübergehorcht hat): Was -haben Sie dem Mann von mir gesagt? (Zu Truck.) -Eben hat er mir versichert, ich sei so unterhaltend, -die ganze Nacht möchte er mit mir zusammensitzen. -(Zieht einen Revolver aus der Tasche.) Warum hast -du gelogen – Kerl!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a> -<em class="ge">Broß</em>, <em class="ge">Truck</em>, das <em class="ge">Mädchen</em>: Zu Hilfe! Zu -Hilfe!</p> - -<p><em class="ge">Kyll</em> (mit vor Erregung erstickter Stimme): Ihr -Feiglinge! Ihr Lumpenpack! Ihr – anderen – -(Er erschießt sich.)</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a> -Wir hatten alle den nämlichen Gedanken. Der -grauhaarige Herr am Ofen hielt uns zurück.</p> - -<p>»Wenn er Ernst gemacht hat, kommt ihr doch zu -spät.«</p> - -<p>Mark Crystoll sagte trübe: »Er hat seine Todesleidenschaft -gestaltet. Das kühlt sie ab.«</p> - -<p>»Der Unberatene. Meint, er kann ein Ende -machen. Und kann doch nichts als zu einem Tor -hinausgehen, um durch ein anderes wieder zu erscheinen.«</p> - -<p>Wir waren sparsam mit den elektrischen Laternen -umgegangen. Trotzdem hatten sie sich allmählich -verzehrt, bis auf eine, die auch eben im Begriff war -auszulöschen. Die unbekannte Stimme war mit der -Dunkelheit verschmolzen. Es war nicht zu unterscheiden, -wem sie angehörte.</p> - -<p>»Auch ihr,« sprach es aus dem Unbekannten weiter. -»Kurzsichtige. Mit eurem Klagen und Verneinen. -›Ja‹ müßt ihr zu eurem Leben sagen. Und ›So will -ich dich‹. Denn ihr wißt, mit allem seinem Schmutz -und Elend kommt es immer wieder zu euch zurück.« -Dann wieder, mühsam, stockend, wie aus innerem -Grauen aufgestiegen:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a> -»Oder kennt ihr es noch nicht, das schreckhafte, -das apokalyptische Geheimnis? Ach,« es ächzte wie -aus einer Pein, die sich doch an ihrer Einzigkeit -berauscht, »daß ich verurteilt sein muß, seine Siegel -vor euch zu zerbrechen.«</p> - -<p>Ich weiß nicht, wie es den übrigen erging. Mich -steigerte die in Schleier eingehüllte Herkunft dieses -feierlichen Anrufs in eine erwartungsvolle Stimmung. -Es wäre mir Verletzung meines Feingefühls -gewesen, hätte der Unsichtbare das Pathos, mit dem -er, wie aus einem tiefen Schacht, letzte Dinge seines -Fühlens aus der Seele holte, in hellem Lampenscheine -vor uns ausgebreitet. Die Verkündigung der -abgeklärten Buddhalehre, von Nietzsche unter Qualen -umgewertet in Übermenschlichkeit.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a> -Von ewiger Wiederkunft</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a> -Er liegt am Rande des sanft zum See gesenkten -Ufers, von hochgewachsenen Farren überdacht. Zu -seiner Rechten, auf dem Hügel, um den die Großstadtleute -sich geschwätzig und geputzt ergehen, weiß er -die Tafel mit den wie vom Schicksal in den Stein -gegrabenen Zeichen:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»Die Welt ist tief</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und tiefer als der Tag gedacht</td></tr> - <tr><td class="tdl">. . . . . . . . .</td></tr> - <tr><td class="tdl">Weh spricht: Vergeh'!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Doch alle Lust will Ewigkeit –</td></tr> - <tr><td class="tdl">– will tiefe, tiefe Ewigkeit!«</td></tr> -</table> - -<p>Er glaubt, ein Echo dieser Worte in dem Murmeln -der anschlagenden Wellen zu vernehmen. Wenn -er die Augen schließt. Wenn er sie öffnet, ist der -schwere Klang verweht, und er sieht in ein Meer von -Glanz und Duft. Die Wasser jauchzen, und der See -blüht. Wie ein Garten, wie ein Beet von blauen -Enzianen, über die ein Heer von weißen Schmetterlingen -fliegt. Die hinscheidende Sonne wirft aus -dem Westen Purpurrosen auf die blaue Pracht, sie -durchglutet die Segel, die sich wie große Möwenflügel -<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a> -spreizen, und das Gebäude, das vom jenseitigen -Ufer grüßt, verklärt sich durch ihren goldenen Abendschein -zum Märchenschloß.</p> - -<p>Den Ruhenden unter dem Farrendickicht schmerzt -diese Pracht und Fröhlichkeit. Die Augen zu. Dunkelheit -um sich geschaffen. Und dem dumpfen Laut -gelauscht, mit dem die Brandung zu den Kieseln -spricht:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»O Mensch! Gib acht!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Was spricht die tiefe Mitternacht?</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ich schlief, ich schlief ...«</td></tr> -</table> - -<p>Als er erwacht, findet er die Welt um sich vertauscht. -Wie ein guter Hausverwalter, wenn der -letzte Gast gegangen ist, die Lampen abdreht und -Tücher auf die Seidenmöbel und die festlichen Geräte -wirft, so hat der späte Nachmittag hinter den -letzten Sonnenstrahlen alle Farben ausgeblasen und -über Tanz und Spiel der Wellen einen mißtönigen -Flor gebreitet. Fahl und flach liegt der weite Spiegel; -vor dem Märchenschloß, das ihn begrenzt, ist -ein grauer Vorhang zugezogen.</p> - -<p>Der Ruhende springt auf. Ihn fröstelt. Und er -schreitet kräftig aus, um den steif gewordenen Gliedern -die Geschmeidigkeit zurückzugeben. Die Halbinsel -gehört ihm nun allein. Die Spaziergänger -<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a> -sind vor der einbrechenden Dämmerung geflüchtet, -und bereden den Alltag jetzt in aufgehellten Räumen.</p> - -<p>Ihn, der gekommen ist, um in den Spuren eines -Einsamen zu wandeln, graut vor der Gemeinschaft -mit den Vielzuvielen. Er läßt die Wohnstätten -der Menschen hinter sich und sucht sich den schmalen -Weg, der, der Wagenstraße gegenüber, sich an die -Windungen des Wassers schmiegt.</p> - -<p>Immer dichter sind inzwischen die Dünste hochgestiegen, -haben sich geballt und rechts und links -zur Mauer aufgerichtet. Alle Wirklichkeit ist abgetrennt. -Nichts gegenwärtig als das Angedenken -dessen, der seine kränksten Nöte und seine lachendsten -Genesungen hier auf und ab getragen haben -mochte. In der großen Stille scheint der Boden -wie entsühnt von der Berührung mit den Massen, -die seitdem durch ihren Tritt die Fußspur eines -Ungewöhnlichen entweihten. Und auf leisen Sohlen -schleichen die Schatten der Vergangenheit herbei.</p> - -<p>Vielleicht an dieser Stelle war vor dem Dichter -das helle Mittagsstundenwunder aufgetaucht. Hier -hatte er vielleicht gesessen, »ganz See, ganz Mittag, -ganz Zeit ohne Ziel. Da plötzlich, Freundin, wurde -eins zu zwei und Zarathustra ging an mir vorbei«. -Und hier vielleicht, ein andermal, in einer Finsternis -wie dieser, wie im Urchaotischen gefangen, mochte er -<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a> -mit dem Doppelgänger Brust an Brust gerungen -haben. Ihm die feindliche, die mörderische Waffe -zu entreißen.</p> - -<p>Der Wanderer stöhnt auf.</p> - -<p>Wie er jetzt körperlich den Wegen des Verkünders -folgt, so war er ihm auch geistig nachgegangen. Und -war an der Schwelle einer letzten Ausgangspforte -einem Gespenst begegnet. Qual und Marter, ihm -ins Gesicht zu sehen! Glich es nur dem Meister? -Trug es nicht die eigenen Züge? Hatte es nicht -längst im eigenen Leben tückisch lauernd dagelegen, -um in bangen Stunden den Gefolterten zu überfallen?</p> - -<p>Ewige Wiederkunft? Kein Entrinnen aus dem -Kreis des Ekels und des Überdrusses!</p> - -<p>Mag sein Fuß die schmale Grenze überspringen, -die das feste Land vom Wasser scheidet: es behält -ihn nicht, es bringt ihn wieder.</p> - -<p>Immer wieder auf das Rad geflochten ... -»Krumm ist der Pfad der Ewigkeit.«</p> - -<p>Nein! Seine Schultern tragen die Last dieses -Gedankens nicht. Ihm fehlt die Kraft, den Kopf -der Natter abzubeißen, um ihn lachend auszuspeien. -»Ist das das Leben? Wohlan denn: noch einmal!« -Er ist nicht brünstig nach dem hochzeitlichen Ring -der Wiederkunft.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a> -Ihm wird zumut, als wachten alle Peinen auf, -die hier jahrelang versteinert im Gebüsch gelegen -haben, und stürzten sich auf ihn, um ihn zu schrecken -und zu würgen. Der Wahnsinn krallt sich in ihn -ein, Verlassenheit, das verzerrte Abbild der königlichen -Einsamkeit, greift nach ihm mit kalten Knochenarmen. -Er läuft und läuft ... Er fühlt, was -zu sehen ihm der Nebel wehrt, daß der Waldweg sich -verbreitert, daß seine Sohlen Wiesenboden treten.</p> - -<p>Von irgendwoher wehen abgerissene Laute zu -ihm hin. Menschenstimmen. Er saugt sie gierig ein. -Tastet sich zu ihnen hin. Etwas Lichtes durchzittert -den feuchten Brodem. Der Fuß stößt an ein Hindernis, -wagt sich behutsam ein paar Stufen aufwärts. -Die ausgestreckte Hand rührt an eine Holzwand, -faßt eine Messingklinke, drückt sie herab: ein Tor -geht auf ...</p> - -<p>Ein Glashaus, in dem zwischen hohen Palmen -leichte, aus Stroh geflochtene Möbel stehen. Dahinter -der weite Saal. Grellweiß mit zopfiger Vergoldung. -Von der Decke, an metallenen Ketten, -geschliffene Kristalle, in denen Glühkörper wie Blumen -blühen. Unter ihrem strahlend grellen Schein -ein Mischmasch von surrenden und summenden Geräuschen. -Gespräch, Gelächter, das Rascheln weicher -Seiden, das Schleifen kostbarer Brokate. Frauennacken, -<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a> -die tief entblößt aus Tüll und Spitzen steigen, -mächtige Frisuren, von Reihern bekrönt und mit -diamantenen Kämmen festgehalten. Aus dem bunten -Durcheinander sticht das dumpfe Schwarz der Herrentracht -hervor und die einförmige Blankheit der -steifgestärkten Hemdenbrüste.</p> - -<p>Inmitten dieses Wirrwarrs von Schattierungen -und Tönen ein grün-roter Farbenfleck, wie aus einer -Riesentube hingeschleudert. Die roten, grün besetzten -Wämser und Barette der Italiener, die eben ihr -Konzert beginnen. Mit einem Ritornell zum Lobe -Neapels. Sie stehen aufrecht, wie von ihrem Enthusiasmus -aufgeschnellt, und schmettern mit begeisterten -Gebärden gemeinsam den Refrain heraus:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl"><i>Dolce Napoli</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>O suol beato</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>Ove sorridere</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>Volle il creato.</i></td></tr> -</table> - -<p>Den Mann, der aus dem dunkeln Grauen in den -hellen Leichtsinn tritt, erfaßt ein Schwindel. Er -flüchtet in eine der Nischen, um deren Rundung ein -silbergrauer Diwan läuft. Er läßt sich in das Polster -sinken und winkt einem der Diener, die, im blauen -Frack mit messinggelben Knöpfen, durch die Menge -laufen. Der beäugelt mißtrauisch den Gast, der -<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a> -wagt, im Sportdreß, den Nachttau in den verwühlten -Haaren, in diese festliche Versammlung -einzutreten. Doch die Gebärde, von der der Befehl, -eine Flasche Sekt zu bringen, begleitet wird, ist so -gebieterisch, daß sich die Lakaienseele duckt.</p> - -<p>Auch der übrigen Gesellschaft ist der Fremde aufgefallen, -der so rücksichtslos der hergebrachten Sitte -trotzt. Man einigt sich: so kann nur ein Deutscher -sich vergessen. Und er ist auch wirklich blond, blauäugig -und, trotz seinen langen geraden Gliedern, ein -bißchen unbeholfen. Nur seltsam, daß der junge -Kopf schon an den Schläfen graue Fäden zeigt. -Und was für ein Kontrast zwischen den breiten, -festen Flächen des oberen Gesichts und dem zurückfliehenden -Unterkiefer. Die Musternden sind geneigt, -ihn für einen Skandinaven zu halten. Man -gibt zu: gegen Stoff und Schnitt des beanstandeten -Knickerbocker sei kein Einwand zu erheben. Und das -Gebaren dieses Außenseiters habe einen Zug von -Vornehmheit. Manches Mädchen denkt: holt er -mich heute wohl zum Tanz?</p> - -<p>Er, blind für Beobachtung oder Kritik, ist ganz -erfüllt von dem beglückenden Bewußtsein: ich bin -geborgen. Über die Schwelle dieser billigen Karawanserei -wagt sich der Spuk der Nachtgesichte nicht. -Zweimal schon hat er den hohen Kelch geleert. Eine -<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a> -wohltuende Wärme legt sich besänftigend auf seine -Brust.</p> - -<p>Da kommt ihm von irgendwoher eine Hemmung -seines Wohlbehagens. Was ist es, das an seinen -Nerven zerrt? Er sucht die störende Empfindung -wegzustreichen. Vergebens. Sie umschwirrt ihn wie -ein lästiges Insekt. Er hebt den Kopf und begegnet -einem Augenpaar, das sich fest und unbekümmert in -das seine bohrt. Den Augen eines Weibes.</p> - -<p>Schön? Bizarr. Wie eine fremdländische Tropenblume. -Wie ein kostbares Geschmeide, in einer uralten -Kultur entdeckt.</p> - -<p>Rostbraunfarbige starre Haare umschließen in -schweren Wellen eng die schmalen Schläfen. Der -vorgewölbte Mund schneidet brennendrot durch die -gelblich blasse Haut der Wangen. Die Augen, mit -grünlichen Pupillen, stehen etwas schräg gegen die -kleine, gerade Nase. Ein weißes Pannekleid, rosig -angehaucht wie das Innere einer Muschel und in -jeder Biegung von irisierenden Reflexen überrieselt, -steigt hoch hinauf bis zu den kleinen Ohren. Und sie -ist juwelenlos. Nur auf der Stirn liegt, von einem -dünnen Kettchen festgehalten, ein schimmernder Opal. -Sehr jung ist sie dabei; und so mädchenzart, daß -man den feisten, kahlköpfigen Herrn, der neben ihr -hinter seiner Zeitung fast verschwindet, für ihren -<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a> -Vater halten könnte, wenn nicht die Besitzermiene, -mit der er, den Arm um sie gelegt, von Zeit zu Zeit -ihr etwas zuflüstert, verriete, daß er ihr Gatte ist. -Sie achtet weder seines Redens noch seines Verstummens. -In dem Armstuhl, der für ihre schmale -Gestalt viel zu weit ist, lehnt sie sich ein wenig vor, -ein Lächeln teilt ihre Lippen, die Augen haften fest -an ihrem Gegenüber.</p> - -<p>Er wendet sich beinahe ungezogen ab. Aber das -Fluidum, das von ihr zu ihm hinüberströmt, dringt -ihm in alle Poren. Sie zwingt ihn zu sich, wie -durch Zauber. Er sieht das Blut in ihren Adern -kochen, er sieht, wie die Wünsche in ihr auf und -nieder steigen. Das Idiom der Zungen würde sie -wahrscheinlich trennen. Ohne Worte verstehen sie -einander gleich.</p> - -<p>»Du,« sagt sie zu ihm; »du!«</p> - -<p>Es trifft ihn wie ein Kuß.</p> - -<p>Und ohne seine Antwort abzuwarten, fährt sie -fort: »Mir ist, als kenne ich dich lange. Du gefällst -mir. Sehr gefällst du mir.«</p> - -<p>Von ihrer Liebkosung entzündet, wehrt er sich -gegen ihre buhlerische Zärtlichkeit. »Was sprichst -du so zu mir, dem Fremden, und sitzest doch an der -Seite deines Ehemannes?«</p> - -<p>Sie hebt verächtlich ihre Achseln. »Ehemann? -<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a> -Richtig; das ist wohl einer seiner Namen. Er hat -noch andere. Phil und John und Will. Ich mußte -ihm alle geben, als ich mich ihm verkaufte. Mich -frei von Elend und von Schande kaufte, frei für -Luxus, Glanz und Liebe.« Wie ein Schlänglein läuft -ihre rote Zungenspitze über die weißen, spitzen Zähne. -»O wie ich hungere nach Liebe!«</p> - -<p>Die Musikanten stimmen nach kurzer Unterbrechung -wieder ihre Instrumente. Über abgerissene Akkorde, -die nur auf Tonika und Dominante stehen, -hebt sich die sentimentalisch süße Melodie. Der -Tenor, ein tiefbrauner Bursche von quecksilberner -Beweglichkeit, beklagt die Launenhaftigkeit seiner -Geliebten.</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»<i>Dimmi, dimmi nenella mia bella  </i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>pechè staje affaciate? pechè?</i>«</td></tr> -</table> - -<p>Er bettelt um ein gutes Wort:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»<i>Quanno me dice che me vuó bene </i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>tutte le pene me faie scordà.</i>«</td></tr> -</table> - -<p>Die Arme zu einer Huldigung gerundet, die allen -Damen dieses Kreises gilt, lockt er sein Mädchen -zum verliebten Stelldichein. Und seine ungeschulte -aber weiche Stimme tremuliert heftig in der Übertreibung -seines feurigen Gefühls.</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»<i>Si tu nenella mia viene comme</i> - <a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>Uh! quanta cose t'aggio a di cantanno</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>Jo! quanta cose t'aggio a fai sapè.</i>«</td></tr> -</table> - -<p>Ein Hauch von Lust fächelt die Gesellschaft, die, -von der Höhenluft erregt, sich nach reichem Mahl -zu müßiggängerischem Tändeln hier zusammenfindet. -Schultern drängen sich näher aneinander, heiße -Finger streifen sich, Fußspitzen begrüßen sich in heimlicher -Begegnung.</p> - -<p>Den Einsamen in seinem Winkel überkommt die -weiche Stimmung, von der er sich doch sagt, daß sie -eine Täuschung seiner müden Sinne ist; die Sehnsucht -nach einem zweiten, dem er sein Ich verschmilzt, -um es reiner und erhöhter wieder zu empfangen.</p> - -<p>Von drüben fliegt der Spott wie scharfe Pfeile -auf ihn zu. »Du Tor spekulierst und grübelst: und -das heiße Leben rauscht an dir vorbei. Greif' zu! -Genieße!«</p> - -<p>»Und meine Seele?«</p> - -<p>Rasch läuft das Schlänglein ihrer roten Zunge -über den vorgewölbten Mund. »Sorgst du um deine -Seele? Armer Narr! So hast du das Weib der -großen Seligkeit noch nie besessen. Wie? Das Wunder, -daß zwei Menschen miteinander in dem Nichts -vergehen, aus dem sie einmal herausgekommen sind, -<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a> -wäre nichts als ein Gefühl der Haut? Und wo bliebe -denn die Seele in dem rätselhaften Augenblick, in -dem die Körper außer sich, über sich hinaus geraten? -Ins Uferlose, Unbegrenzte, außer Zeit und Raum, -ohne Anfang, ohne Ende, nur Wonne und geniale -Ahnung, wie sie Gott durchschauert haben mögen, -da er die Welt erschuf.«</p> - -<p>Er, innerlich gefangen, wehrt sich in den Maschen -ihres Netzes. »Schlange! Kluge! Listige! Was -versuchst du mich zu lügender Erkenntnis?«</p> - -<p>Um die rotgrüne Musikanteninsel kräuselt eine -lärmende Bewegung. Kastagnetten begleiten den -Klang von Geige, Cello, Tamburin und Mandoline. -Und indem die Italiener ihre Instrumente streichen, -schütteln, zupfen, singen sie zu gleicher Zeit und -drehen sich in kecken Sprüngen. Eine wilde Tarantella, -wie sie das Volk an seinen Festen tanzt.</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»<i>Jammo a bedere nterra a l'arena,</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>mento che spanfia la luna, li</i></td></tr> - <tr><td class="tdl"><i>pescatore de Merglina.</i>«</td></tr> -</table> - -<p>Der Rhythmus der jagenden Triolen reißt das -Blut der Hörer mit. Die Leiber und die Beine -zucken, verlangend kehrt die Jugend sich zu der Tür -des Tanzsaals, der eben aufgeschlossen wird. Und -<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a> -die Tarantella rast noch immer, und die Musikanten -jubeln, schreien.</p> - -<p>Durch den Wirbel der Atome geht der Strom -magnetisch von dem Weib mit den rostbraunfarbigen -Haaren zu dem Mann, der einsam in seinem Winkel -sitzt. Er ist wie eingehüllt in die Glut ihres Begehrens. -Er erschauert unter dem liebkosenden Getaste -ihrer Finger, ihre weißen Zähne graben sich in -seinen Hals, er fühlt die Knospen ihrer jungen -Brüste an den seinen, ihre Flechten, aus ihrem -Zwang gelöst und von ausspringenden Löckchen wie -von kleinen Flämmchen überflattert, begraben seinen -Atem unter ihrem schweren Duft. Sie gibt ihm -die Wollust tausender im heißen Spiel der Liebe -erträumter Nächte in einem kurzen Augenblick. Die -ganze Weibheit hält er mit ihrem schlanken Leib in -seinem Arm.</p> - -<p>Betäubt, entfestet, ohnmächtig gegen die Naturgewalt -zu kämpfen, gibt er sich ihr widerstandslos hin.</p> - -<p>Erobererhochmut tritt in ihre Züge, da sie seine -Unterjochung fühlt. Sie erhebt sich und entbietet -ihm noch einmal ihren Willen, daß er ihn in die -Gefolgschaft ihres Kleidersaumes zwingt.</p> - -<p>Er zögert, beschwert von trauriger Ermattung. -Der Kontakt ist unterbrochen. Der Funke sprüht -nicht zwischen den konträren Polen auf.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a> -In einer Sekunde des Besinnens richtet sich das -unbegrabene Skelett des gespenstischen Gedankens -vor ihm auf. Die ganze Weibheit hat er in ihrem -schlanken Leib genossen. Tausende heißer Nächte -haben sich ihm in einen kurzen Augenblick gepreßt. -Weil sein Gedächtnis tausend zugefallene Pforten -der Erinnerung aufgebrochen hat, um ihm vertausendfacht -sein Ich zu zeigen, wie in einem Raum -mit tausend Spiegelwänden.</p> - -<p>Ja, er erkennt es wieder, sein ewiges Erlebnis. -Stets das gleiche. Die Flucht aus der Wüste der -Askese in die Üppigkeit der Lebensgier. Und Licht, -Musik und Tanz. Und das Weib. Immer das -gleiche. Der Brennpunkt aller Illusionen. Und -wenn ihr Wesen, bis zur letzten Falte ausgespäht, -keine Rätsel mehr zu bieten hat, ein Gewicht, das -in die Niedrigkeit hinunterzieht, das mißachtete Gefäß -eines schal gewordenen Trunkes.</p> - -<p>... Wie berückend die Erscheinung in dem weißen, -rosig überhauchten Sammetgewand, in jeder Biegung -von irisierenden Reflexen überrieselt. Eine -einzige mitten in der Allgemeinheit. Ein künstlerisch -vollendetes Gebilde der Sansara.</p> - -<p>Wie mit Ketten reißt es ihn wieder zu ihr hin. -Zwischen Verlangen und Verzicht ertrinken ihm die -Sinne, nur an eine feste Vorstellung geklammert: -<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a> -Dies ist die Stunde der äußersten Entscheidung. -Jetzt oder niemals durchbrichst du dein Geschick. -Jetzt oder nie tritt das Göttliche in dir die erdenschwere, -schuldbeladene Materie nieder.</p> - -<p>Und es lichtet sich um ihn wie Morgenröte. Ihm -ist, als klimme er auf einen Gipfel, tief unter sich -die bunte Sinnenwelt.</p> - -<p>Sieg! Triumph! Er hat den Ring der ewig -gleichen Wiederkunft gesprengt. Er kann wunschlos -eingehen in Nirwana.</p> - -<p>Von dem inneren Kampf zerbrochen, geht er langsam -zu der Ausgangstür und faßt die Klinke. Ein -Blick noch, wie ihn der Abscheidende den Erdendingen -zuwirft, bevor er sie verläßt ...</p> - -<p>Das Bild hat sich verändert. Die Italiener sind -in den Tanzsaal übersiedelt und locken mit dem -wiegenden Dreivierteltakt eines schmeichlerischen -Wiener Walzers. Und schon naht einer, der sich -vor der Frau mit den rostbraunfarbigen Haaren -tief verbeugt und dem sie die Gunst gewährt, sie -minutenlang an sich zu drücken.</p> - -<p>Der Mann, der bereit ist, sich von der Erbsünde -zu lösen, macht eine hastige Gebärde zu den beiden -hin. Noch einmal in den Fängen seiner Menschlichkeit. -Und die Unruhe, die ihn durchrüttelt, entwurzelt -in ihm einen schrecklichen Verdacht.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a> -Wie, wenn ihn die Erkenntnis äffte? Wenn die -Wahrheit, der den Schleier abzureißen er sich vermaß, -sich ihm nur um so undurchdringlicher verhüllte? -Und gerade dieses sein ewig wiederholtes -Fatum bliebe: zu verdammen, was er heiß ersehnt? -Kraftlos vor dem Entschluß zurückzuweichen und -einem Kühneren das Glück zu überlassen, das in der -Phantasie schon sein gewesen ist?</p> - -<p>Der Angstschweiß bricht ihm aus. Alles wankt -und schwankt um ihn herum.</p> - -<p>Eine leise Stimme will ihn trösten: »Es ist deine -Jugend, die sich gegen dieses letzte Opfer bäumt.«</p> - -<p>Er glaubt sich nicht. Er hat das Vertrauen zu sich -verloren. Und sagt sich mit wehmütiger Bitterkeit: -»So werde ich die Probe machen müssen.« Drückt -die Klinke nieder. Und geht durch Nebel und Verlassenheit -an den See zurück.</p> - -<p>... Hinter ihm lachen die Violinen.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a> -Auch dieser Gast verschwand. Ganz leise. In das -Schweigen, das er hinterließ, fiel ein sehr alltägliches -Geräusch.</p> - -<p>Der Grauhaarige hatte an seinem Feuerzeug geknipst -für eine seiner vielen Zigaretten. Er steckte -die Zündschnur noch einmal in Brand und half der -Nachbarin ein Kerzenende aus ihrem Reisesacke kramen. -In Schlupfwinkeln von Männertaschen wurden -Wachsstreichhölzer aufgestöbert.</p> - -<p>In dieser unzureichenden Beleuchtung sahen wir, -wie sich die Frau in Nonnentracht erhob, die beim -Instandsetzen der kahlen Kammer wacker mitgeholfen -hatte, um sich dann, als sei jede Minute Müßiggang -ein Raub, den Nadeln ihres Strickstrumpfs -zuzuwenden. Jetzt legte sie die Arbeit nieder und -faltete die Hände.</p> - -<p>»Ach, meine lieben Schwestern und Brüder, mein -Herz ist bis zum Rand gefüllt mit Traurigkeit um -euch. Wie ihr alle aneinander leidet. Wie ihr einander -weh tut und eins sich nach dem anderen doch -sehnt und nach ihm sucht und an ihm vorbeitappt -in die Einsamkeit. Das kommt daher: Jeder von -euch ist zu viel mit sich selbst beschäftigt, ihr seid -<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a> -beständig hin und her gerissen von Wollen und Verlangen. -Ihr habt nicht mehr den Glauben. Nein,« -schnitt sie Bedenken in uns ab, noch ehe sie sich -regten, »ich will euch nicht bekehren. Nennt ihn -Jehova, Jesus Christus, Gott oder Natur. Nur -daß euch eine Zuversicht gegeben ist, an die ihr euch -vergeßt, eine Frömmigkeit, an der ihr euch beruhigt.«</p> - -<p>Ihr klares, gütiges Organ, etwas eintönig, als -seien im Gebet seine feinen Schwingungen ertötet, -aber unendlich wohltuend, gleich einer Auflösung -der vorhergegangenen Dissonanzen, schilderte das -kleine Haus, in dem sie demütig dem Herrn diente.</p> - -<p>Habe ich ihre Absicht recht verstanden? Und sie -in meiner Wiedergabe richtig ausgedeutet? Daß sie -uns an einem Beispiel lehren wollte: das Nichtwissen -schließt die höchste Weisheit in sich ein.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a> -Frohe Botschaft</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a> -Herbstnebel! Er überspinnt das ganze Dorf, umflort -die Häuser, hängt graue Tücher vor die Berge -und über das Gesicht des Sees. Die Sonne müht -sich vergebens, ihn zu durchdringen, er verzehrt ihre -Strahlen und frißt ihren Schein, daß sie fahl am -Himmel steht wie eine Tote. Da tun sich die große -Turmuhr und der Wind zusammen. Die Turmuhr -schleudert zwei Schläge und dann noch elf gegen -die geballte graue Masse, der Wind springt hinterher -und bläst aus vollen Backen. Von obenher bohrt -sich die Sonne durch. Und Schall und Wind und -Wärme reißen den Brodem auseinander. Noch klammert -er sich am Gebirge an und raucht aus den -Schluchten. Aber als der Mittag ausgeläutet wird, -findet er den Himmel reinlich ausgefegt. Die letzten -grauen Fetzen, zwischen Felsen eingeklemmt, haben -die Kraft nicht mehr, sich festzuhalten. Sie verflattern -zu Fahnen, lösen sich in Flocken auf und -vergehen in den Tannenwipfeln. Nichts bleibt mehr -von dem Dunst zurück als ein zarter Silberhauch, -der wie ein Schleier über den sanften Umrissen -der Landschaft liegt.</p> - -<p>Alle Geräusche, die in dem dicken Nebel eingepackt -<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a> -gewesen waren, schallen in der aufgehellten -Luft. Das Gebell der Hunde, das Räderknarren, -der Schlag des Schmiedehammers und das Kreischen -eines Hobels. Von dem Gespräch, das zwei -Frauen über die Straße weg miteinander führen, -ist jede Silbe zu verstehen. Und schon von weitem -hört man das Schwatzen und Gelächter der Kinder, -die, nach ihrem Mittagessen, wieder zu den frommen -Schwestern gehen, um dort bewahrt zu werden, bis -die Mütter aus der Arbeit kommen. Von allen -Seiten trippeln sie herbei, das Seeufer entlang, vom -oberen Dorf her durch die Wiesen, einzeln oder paarweis, -ein sechsjähriges oft schon der Schutz für -jüngere Geschwister. In der entlaubten Kastanienallee, -der Kleinkinderbewahranstalt gegenüber, finden -sie sich zueinander. Sie vergnügen sich damit, -die verfaulten feuchten Blätter mit den Füßen aufzuwühlen, -und um jede halbvertrocknete Kastanie, die -sie im Laub entdecken, gibt es ein Gerauf und ein -Gepuff.</p> - -<p>Die kleinen Mädchen, gesitteter, weil sie sich -schwächer fühlen als die Buben, mahnen: »Seids -stad, Buben, gehts zua, Schwester Brigitte tuat -g'wiß schon auf eis warten.« Sie laufen über die -Landstraße hinweg hinüber zu der Schule; langsam -trotten die Jungen hinterdrein.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a> -Die Kleinkinderbewahranstalt liegt in einem alten -Haus (es ist fünf Fenster breit und trotz seiner beiden -Stockwerke nur niedrig), dem man es nicht ansieht, -daß es nicht nur die Herberge der Ortskranken und -Armen ist, sondern auch das Haftlokal für Landstreicher -und Trunkenbolde. Es ist ganz in Efeu -eingesponnen; eine Statue der Muttergottes, die im -Giebel thront, breitet ihre Arme wie segnend über -die Blumentöpfe aus, die in grünen Gitterbrettchen -vor jedem Fenster stehen. Und wirklich blühen unter -ihrem Schutz noch ein paar leuchtend rote Nelken -und Geranien.</p> - -<p>Einen kleinen Vorgarten, in dem die Rosenstöcke -in Stroh gebunden an der Erde liegen, haben die -Kinder zu durchschreiten. Dann klinken sie die Haustür -auf, treten im Erdgeschoß in eine zur rechten -Hand gelegene große Stube und begrüßen ihre -Lehrerin mit einem gemeinschaftlich geplärrten: »Gelobt -sei Jesus Christus. Küß die Hand.«</p> - -<p>Schwester Brigitte, ganz klein und schlank in -ihrem schwarzen Kleid, der grauen Haube, der -weißen Stirnbinde um das rosige Gesicht, ist -im Begriff, dicke Decken auf den Fußboden zu -breiten. Für die Allerkleinsten, die gleich ihr Mittagsschläfchen -halten sollen. Sie schilt die Kinder -um die Verspätung und um die Prügelei. Beim -<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a> -Schelten vertiefen sich die Grübchen in ihren runden -Wangen.</p> - -<p>In den Kindern ist auch keine Furcht. Die Buben -streiten in den Ecken um die erbeuteten Kastanien, -die Mädel hüpfen in den engen Holzbänken herum, -und wer ein Püppchen in der Tasche hat, holt es -heraus. Nur die mütterlichsten unter ihnen helfen -der Schwester die Knirpse, die jetzt ruhen sollen, -hinzulegen und zu betten. Es sind Schreihälse darunter, -Neulinge, die Heimweh haben und sich in der -Fremde nicht zufrieden geben wollen. Sie schlafen -schon, als ihnen noch die Tränen über die beschmutzten -Bäckchen laufen.</p> - -<p>Schwester Brigitte wendet sich jetzt um (sie ist -hingekniet, um ein Dreijähriges einzuhüllen) und -fragt: »Mögt ihr lieber in den Garten gehen? Es -ist heute noch so wunderschönes Wetter.«</p> - -<p>»In den Garten!« Es ist ein Jubelruf. Und -schon stürmen sie den weißgetünchten Flur entlang, -durch die Hintertür hinaus.</p> - -<p>Der Garten ist eigentlich nichts als ein Stück -Sandland inmitten grüner Hecken. Neben einem -Holzschuppen, in dem die Schwestern allerlei Gerät -bewahren, steht eine Linde mit bereits vergilbtem -und zerzaustem Laub. Eine Handvoll kümmerliches -Gras sprießt in einer Ecke. Den Kindern ist der -<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a> -Platz just um seiner Kahlheit willen lieb. Da hat's -keine Angst, den Rasen zu zertreten oder Blumen -weh zu tun. Da kann man nach Herzenslust herumtollen, -Sandhaufen bauen und in der Erde graben.</p> - -<p>Die Großen holen ihre Schaufeln aus dem Schuppen, -ihre Eimerchen und Karren, die Kleinen gucken -ihnen zu oder klettern auf die rechts und links von -einem Holztisch in den Boden eingerammten Bänke -und sonnen sich wie träge kleine Tierchen. Und alle -plappern zu gleicher Zeit mit schrillen, hellen Stimmchen, -die keine Modulierung haben, nur auf einen -Ton gestimmt sind, wie das Gezirpe junger Vögel.</p> - -<p>Oben im zweiten Stockwerk liegt ein siecher Mann -auf seinem Lager. Die Sonnenstrahlen sind bis zu -seinem Bett gesprungen. Sie tänzeln um ihn herum. -Förmlich an der Hand fassen sie ihn an und -rufen: »Steh' auf, komm mit uns. Schau, wie -wundervoll die Welt ist.«</p> - -<p>»Wenn ich nur könnt'!«</p> - -<p>Mühsam richtet er sich auf. O weh! O weh! Wie -schmerzt die leiseste Bewegung. Aber die Sonnenstrahlen -lassen ihn nicht los. »Komm,« rufen sie, -»steh' auf.« Langsam, mit unsicheren Händen, der -Schweiß läuft ihm dabei aus allen Poren, legt er -Stück für Stück von seiner Kleidung an. Schwer -auf den Stock gestützt, schleppt er sich bis zum Fenster. -<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a> -Dort fällt er auf einen Stuhl. Ein paar Augenblicke -lang ist alles schwarz vor seinen Augen. Dann -aber schaut er auf. Himmel Herrgott, was für eine -Pracht!</p> - -<p>Es ist vielleicht, weil er wochenlang nichts über -sich gesehen hat als das schwere Federbett, und nichts -um sich als die vier weißen Wände seines engen -Zimmers, daß ihm dünkt, so ein Herbsttag sei noch -nie dagewesen. Und er trägt doch an fünfzig Herbste -auf dem Buckel.</p> - -<p>Und Farben! Der See so blau – so blau – wie -die Enzianen auf der Tapetzaner Wiese. Und so still -bewegt wie die Brust von einem schönen Weibsbild, -wenn es liegt und schläft. Nur ganz hinten, -der Klause zu, wo zwei Segel schwimmen, licht wie -ausgespreizte Möwenflügel, ist das Wasser sanft -gekräuselt. Und ringsherum die Wiesenhänge, grün -und saftig wie im Sommer, und die Wälder rot -geflammt, gerade als ob Feuer aus den dunkeln -Tannen schlagen. Obenher die Berge bis hinunter -weiß beschneit, für Gletscher könnte man sie halten. -Und darüber eine Luft! Es blitzt nur so in der Luft -von Freude und von Lustigkeit.</p> - -<p>Eine Gier, krankhafter als die nach Tabak und -nach Schnaps, die man ihm beide vorenthält, faßt -den Kranken an, diese Luft zu schmecken.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a> -Er denkt sich: »Gehst halt hinunter« und verlacht -sich gleich: »Du Tepp, du Dalk! Grad' bis auf den -Gang tät's vielleicht noch klenken. Dann, perdautz, -da liegst.« Inbrünstig betet er zu seinem Schutzpatron. -»Heiliger Josef, mach', daß eine von den -Schwestern zu mir heraufkommt.« Und weiß doch, -daß sein Bittgesuch vergebens ist. Weiß, Schwester -Brigitte gibt jetzt im Garten Obacht auf die Kinder, -derweil muß Schwester Anna nach den Kleinen -schauen, die im Zimmer schlafen. Schwester Maria -wäscht das Geschirr vom Mittagessen ab, und die -Oberschwester Ursula verirrt sich nur selten in die -Krankenzimmer.</p> - -<p>Es gelingt ihm, sich an der Fensterklinke hochzuziehen -und die Flügel aufzumachen. Eine Welle -durchsonnter und mit Tannenduft durchwürzter Luft -strömt zu ihm ein. Das schmeckt – o wie das -schmeckt! Wenn's ihm nur beim tiefen Atemholen -nicht so in die Lunge stechen möchte.</p> - -<p>Er denkt: »Könnt' ich doch im Garten in der -Sonne sitzen!« Er schreit hinunter: »Schwester -Brigitte, Schwester Brigitte!« Das heißt, er möchte -schreien, aber es kommt ihm nur ganz heiser aus der -Kehle. Vielleicht steht ihm aber doch der heilige -Josef bei. Oder trägt die reine Luft so weit? -Schwester Brigitte blickt herauf. Sie sieht das -<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a> -aschfahle, verwüstete Gesicht, sie sieht die angstvoll -bittende Gebärde.</p> - -<p>Sie denkt: »Jesus, Jesus, wie kommt der sterbenskranke -Josef Kirschenhauer aus dem Bett ans -Fenster? Geht's vielleicht mit ihm zu Ende? Und -die Kräfte flackern im letzten Augenblick noch einmal -auf? Da müßt man ihn ja schnell versehen -lassen.«</p> - -<p>Mit ruhigem, gelassenem Schritt, wie die Ordensregel -ihn ihr vorschreibt, steigt sie die Stiege aufwärts. -Oben streckt der Josef die Arme nach ihr -aus, wie der Gläubige nach dem Bildnis des Gekreuzigten.</p> - -<p>»Schwester Brigitte, tut mir eine Liebe, helft -mir hinunter in den Garten.«</p> - -<p>Mit Festigkeit und Sanftmut redet ihm die -Schwester diesen Einfall aus.</p> - -<p>»Das ist unmöglich, Kirschenhauer. Das schafft -Ihr nicht. Und es könnt' Euch schaden. Und denkt -nur, wenn Euch was passiert, ehe ...«</p> - -<p>Sie spricht den Satz nicht bis zu Ende. Aber der -Josef errät, woran sie denkt, und der Atem geht -ihm aus, wie wenn ihm wer aufs Herz geschlagen -hätte. Steht es so mit ihm? Aber dann erst recht ...</p> - -<p>»Schwester Brigitte,« fleht er sie an, und seine -Augenlider zucken wie im Krampf, »ich möcht' halt -<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a> -so gern hinunter. Es ist eh' vielleicht das letzte Mal. -Ich werd' auch im Himmel dafür für Euch beten, -und Ihr verdient Euch Gottes Lohn.«</p> - -<p>Er sagt das, weil er nichts Dringlicheres weiß, sie -nimmt es völlig ernst. Um Gotteslohn tut sie ja -alles, betreut die kleinen Kinder, sorgt für die Betrunkenen -und die armseligen Pfründnersleute, -wäscht und füttert die Kranken. Und eine Fürbitte -im Himmel, durch die sie näher an Gottes Thron -zu sitzen kommt, ist ihr das wertvollste Geschenk. -Sie meint: der Josef sieht auch wirklich besser aus, -er hält sich wohl noch ein paar Tage.</p> - -<p>»Ich schau' gerad' hinunter in den ersten Stock, -ob einer von den armen Männern daheim ist.«</p> - -<p>Niemand ist in den Armeleutezimmern, der Sonnenschein -hat alle weggelockt.</p> - -<p>»Also versuchen wir's in Jesu Christi Namen.«</p> - -<p>Eine Plage ist's, den schweren Mann zu schleppen, -den Gang entlang, über die zwei Stiegen. So oft -der Josef keuchend innehalten muß, beredet ihn die -Schwester, wieder umzukehren. Dann bettelt er, beschwört -sie bei ihrer jenseitigen Seligkeit, stellt ihr -vor, wie die Himmelsfreuden durch die Last der -Erdentrübsal wachsen.</p> - -<p>Endlich ist er im Garten angelangt. Die Kinder -werfen ihm gemeinsam ihr plärrendes: »Gelobt sei -<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a> -Jesus Christus. Küß die Hand« entgegen. Dann -holen sie auf einen Wink der Schwester einen alten -Sessel aus dem Schuppen und rücken ihn unter die -entlaubte Linde, mitten in die pralle Sonne.</p> - -<p>Seinen Willen hat der Josef durchgesetzt. Aber -merkwürdig, so wärmen, wie man es hätt' glauben -sollen, tut ihn die Sonne nicht. Ein Frösteln läuft -ihm an den Gliedern hinunter. Wenn er nur besser -hätte atmen können. Und das Herz schlägt ihm wie -ein Hammer an die Rippen. Er beißt die Zähne aufeinander, -über und über naß von der Anstrengung, -der Schwester seinen Zustand zu verbergen.</p> - -<p>Die Schwester achtet nicht auf ihn. Sie hat vollauf -zu tun, die Kinder, die während des Alleinseins -ganz verwildert sind, zur Räson zu bringen. Die -Resi Leitgeb und der Karl Bastl haben sich im Spiel -vergessen und heulen jetzt aus Angst vor Strafe -(Schwester Brigitte hält sehr auf Reinlichkeit). Der -Seppel Beer und der Franz Stadler sind beim Raufen -hingeschlagen und beschuldigen sich gegenseitig. -Die Mirzl Holzer weint, weil ihr bang' ist und weil -ihr die Nandl Stark, um sie zu trösten, den Mund -mit einem Kipfel stopfen will. Und sie laufen alle -durcheinander wie ein Volk aufgescheuchter Hühner -und reden, singen, lachen, weinen alle auf einmal.</p> - -<p>Mit Gelassenheit stiftet die Schwester Ruhe, -<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a> -trocknet die Feuchten, trennt die Kämpfer, beruhigt -die Betrübten. Mit ihrer klaren Stimme sagt sie -dann: »Wir werden jetzt unser Krippenspiel probieren, -die ›Frohe Botschaft‹.«</p> - -<p>Ihre wasserblauen Augen glänzen auf, als sie das -sagt. Das Spiel zu Ehren der Geburt des Herrn. -Das Krippenspiel, der Brennpunkt ihrer Wünsche -und Gedanken, der Zusammenfluß aller ihrer irdischen -Genüsse.</p> - -<p>Andere Mädchen putzen sich, liebeln, tanzen, gehen -in Theater und Konzerte, Schwester Brigitte trichtert -einfältigen Bauernkindern durch Monate hindurch -Verse ein, die ihnen unverständlich bleiben. -Sie bückt sich bei Tages- und bei Lampenlicht über -die heiligen Gewänder und überlegt: Ist das Kleid -der Gottesmutter nicht schon ausgeblaßt? Sollte -man's nicht lieber wenden? Und verlangt der Josefsmantel -nicht ein haltbareres Futter? Sie frischt -die Königsunterkleider auf. Das scharlachrote des -Kaspar kriegt blanke Borten, das weiße, das dem -Melchior gehört, muß neue Flittern und Fransen -haben. Der grüne Leibrock Balthasars ist gar auf -der Brust zerrissen. Das Einsetzen der Flicken muß -man sehr eigen machen, daß die Nähte nicht zu merken -sind. Und die Flügel von den Engeln – so -ordentlich hat sie sie im vergangenen Jahr doch -<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a> -eingepackt –, ganz grau sind sie geworden. Fleckwasser -gehört darauf und Kreide. Und sie wäscht -die Wämser von den Hirten aus, bürstet an den -Mänteln der Trabanten. Und klopft und nagelt an -den einfachen Kulissen, vergoldet den Stern, den -Wegweiser nach Bethlehem, klebt frische Pappe auf -den Stein, des Jesuskindleins hartes Lager.</p> - -<p>Das schönste dann – die stillen Sonntagnachmittage!</p> - -<p>Im gemeinschaftlichen Wohnzimmer, dicht an dem -weißen Vorhang, der zwei enge klösterliche Betten -deckt, steht das Harmonium. Die Oberschwester setzt -sich vor die Tasten, Schwester Brigitte stellt ihr -Notenpult daneben auf, nimmt ihre Violine. Sie -üben miteinander das Vorspiel und die Begleitung -zu der Verkündigung der Engel. Ein himmlisches -Konzert ist es Brigitte. Während ihre arbeitsharte -Hand den Bogen führt, spricht die Seele: »Das -tu' ich dir, Herr Jesus.« Ihr Herz – es weiß, es -sündigt, ihm ziemt Demut und Entsagung – ihr -Herz schwillt und pocht vor Ungeduld. Daß er schon -da wäre, der große, große Augenblick. Und sie erlebt -ihn im vornhinein, im Geiste ...</p> - -<p>Im Saal vom Löwengasthof sind alle Flammen -des Lusters angesteckt. Öllampen hängen zwischen -Tannenkränzen und Büscheln roter Beeren an den -<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a> -Wänden. In einer Ecke trägt ein Riesentannenbaum -das Licht von vielen bunten Kerzen auf den ausgestreckten -Zweigen. Und es riecht nach Wachs, nach -Kiefernadeln und ein wenig nach dem Weihrauch -aus dem Kessel König Balthasars. Und die Gäste -sitzen auf den aufgereihten Stühlen. Ganz vorn -Schwester Angelika, die Abgesandte aus dem Mutterhaus -des Ordens. Daneben Seine Ehrwürden der -Herr Pfarrer und der Kurat. Hinter ihnen die Ortshonoratioren -und die Zugereisten. Aus allen Ortschaften -rings um den See, von den landeinwärts -gelegenen Gehöften, aus der Stadt sogar. Zuletzt -die Bauern mit Angehörigen und Freunden. Die -Mütter heben ihre Kleinsten hoch, damit sie größer -sind und besser gucken können. Und die Dirndl und -die Burschen drängen sich im Hintergrund. Es geht -ein Summen und ein Raunen durch die Menge. Ab -und zu kreischt ein von Ehrfurcht schnell ersticktes -Lachen auf.</p> - -<p>Und nun öffnet sich der Vorhang, das fromme -Spiel beginnt. In diesem Augenblick sind es für -Schwester Brigitte nicht mehr einfältige Bauernkinder, -die in unverstandenen Versen, die sie ihnen -durch Monate hindurch mühselig eingetrichtert hat, -die heilige Familie spielen. Es sind ihr die Personen -selbst. Die unbefleckte Jungfrau, Josef, ihr -<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a> -Gemahl, die Könige aus dem Morgenland, die -Hirten, die Trabanten. Alle wandeln leibhaftig -vor ihr auf der Erde, und was geschieht, ist Wirklichkeit.</p> - -<p>Das Harmonium setzt mit dunkeln Akkorden ein, -leise spielt die Violine. Der Gesang erhebt sich. -Engel sind aus den himmlischen Gefilden abgestiegen. -Sie künden das erhabene Geheimnis: Christus ist -der Welt geboren. Das Gotteslamm, der süße, unschuldige -Jesusknabe, das Gefäß aller Schmerzen, -der Born aller Seligkeit. Der Heiland, dem sich -in Liebe zu ergeben unsagbare Wonne ist. Während -Schwester Brigittes arbeitsharte Hand den Bogen -führt, vergeht sie innerlich in anbetender Sehnsucht. -Fromme Schauer laufen über ihren Leib, aus ihren -Augen stürzen Tränen. Könnte sie ihn doch umfangen, -den Himmelsbräutigam, den Mund auf -seine Wundenmale drücken und in ihm vergehen.</p> - -<p>Ein Abglanz dieser vorgefühlten Wonne verklärt -auch jetzt Schwester Brigittens Mienen, während -sie die Vorbereitungen zum Probespiel der »Frohen -Botschaft« trifft.</p> - -<p>Sie verteilt die Kinder. »Die, wo mittun, treten -auf die rechte Seite. Ihr anderen geht an den Tisch -und spielt. Und ich bitt' mir aus, daß eine Ruh' ist.«</p> - -<p>Sie setzt an Stelle des Steins, auf den die todmüde -<a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a> -Maria niedersinken soll, eine Fußbank und -winkt dem Nannerl Stark, das die Maria spielt.</p> - -<p>Das Nannerl, siebenjährig, flachsblond und untersetzt, -bohrt verlegen in der Nase. »Na, Nannerl,« -ermahnt die Schwester, »fang' doch an.« Und sie -sagt ihr leise ein: »Wie bin ich so erschöpft und -matt ...«</p> - -<p>Das Nannerl muß erst noch ein paarmal schlucken, -dann fängt es an. Das Hochdeutsch klingt in seinem -Mund wie eine fremde Sprache, es dehnt die Silben -und gibt jeder gleichen Wert. Seine Mimik besteht -darin, bald den rechten, bald den linken Arm automatisch -auf die Brust zu legen und seitlich wieder -auszustrecken.</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»Wie bin ich so er–schöpft und matt</td></tr> - <tr><td class="tdl">Vohn uhn–srem Gan–ge in die Stadt.</td></tr> - <tr><td class="tdl"> (Armbewegung nach der rechten Seite.)</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wie sehnt sich Leib und See–le nuhn,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Einmal ein biß–chen aus–zu–ruhn.</td></tr> - <tr><td class="tdl"> (Armbewegung nach der linken Seite.)</td></tr> -</table> - -<p class="ce">* * * * *</p> - -<p>Der Josef Kirschenhauer fährt in die Höhe. Ihn -friert. Im Halbschlaf tastet er um sich. Die Tuchent -ist ihm sicher weggerutscht. Er murmelt: »Zenzel, -<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a> -hörst, ich glaub', ich muß davon – es wird schon -Tag.« Als er die Augen aufschlägt, ist er ganz verwirrt. -Gerad' war er noch im Kammerl bei seinem -Schatz. Und jetzt ... er kennt sich nicht gleich aus. -Erst nach und nach ...</p> - -<p>Ach so! Er sitzt ja im Armenhaus, im Garten, -ein schwacher, kranker Mann. Das heißt: schwach -ist er wohl, kaum, daß er sich noch auf dem Sessel -halten kann. Aber krank? Nein, krank ist er nimmer. -Weg sind die Schmerzen und die Stiche. Nur -so komisch leicht ist ihm im Kopf, wie wenn man -ihm das Hirn herausgenommen hätt'. Er muß sich -ordentlich besinnen: »Wie bin ich denn dahergekommen?«</p> - -<p>Richtig, richtig. Er lacht. Ein hilfloses, verschlucktes -Lachen. Das muß man sagen. Sakrisch -ist er in die Höh' gekommen, in dem Haus. Zuerst -war er zu ebener Erde einlogiert, auf einer Holzpritsche, -Brot und Wasser neben sich. Damals in -der Nacht. Der Mordsrausch! Und hat er nicht -im Gemeindeamt die Fenster eingeschlagen? Und -da hat man ihn halt eingeführt. Er will wieder -lachen, aber es zuckt ihm dabei um die Augen wie -ein Krampf. Der Josef Kirschenhauer. Der lustigste -und frischlebigste Bursch im ganzen Dorf. Mit -seinem mud'lsaubern Schatz, der Zenzi. Freilich -<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a> -arm wie die Kirchenmäuse alle zwei. Er ein Holzknecht -und sie die Sennerin auf der Gruberalm. -Wie erst das Kind gekommen ist, haben sie sich beide -arg hart getan.</p> - -<p>Der Josef greift sich an die Stirn. Ganz schwindlig -ist ihm von dem vielen Denken. Und die Zunge -trocknet ihm im Gaumen.</p> - -<p>»Gelt, Baberl,« sagt er zu einem kleinen Mädel, -das dasteht, glotzt und an ihrem Daumen lutscht, -»gelt, Baberl, du gehst mir um a Wasser?«</p> - -<p>Die Kleine nimmt den Finger aus dem Mund.</p> - -<p>»I heiß nicht Babi, i heiß Resi.«</p> - -<p>Nicht Babi? Dem Josef ist doch gerad' gewesen, -wie wenn sein Töchterl vor ihm steht, die Babi. -Akkurat so blonde Lockerl hat's gehabt, und akkurat -so hat's geglotzt damals beim Abschied, wie er nach -Bayern gegangen ist, um zu verdienen. »Heul' nicht -aso,« hat er der Zenz gesagt, »ich komm bald -wieder.« Und war dann zwanzig Jahre weggeblieben.</p> - -<p>Das waren Zeiten. Bis nach der Türkei hinunter -hat's ihn getrieben. War ein Geld da, hat er mal -etwas der Zenz geschickt, hat's ein andermal vertrunken -und verjuxt. War kein Geld da, hat er -gehungert und gefroren. Und hat vom Wanderleben -doch nicht lassen können.</p> - -<p>Der Durst – der Durst. Und die Resi kommt -<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a> -nicht mit dem Wasser. Der Josef beugt sich vor, er -ruft: »Schwester Brigitte, Schwester Brigitte.«</p> - -<p>Die Schwester überhört den Ruf, sie ist ganz vertieft -in ihre Probe. Nein, über diese Buben. Wissen -doch, jetzt kommt die Szene, wo sie als Hirten um -ein Feuer sitzen sollen und sich was erzählen. Aus -den Ecken muß sie sie zusammenklauben. Und wie -sie ausschauen.</p> - -<p>»Putz dir die Nase, Franzl.«</p> - -<p>»Mathias, hast dir schon wieder nicht die Hosen -richtig zugeknöpft!«</p> - -<p>Endlich hat sie sie beisammen. Sie hocken an der -Erde, jeder seinen Hirtenstab zur Seite, wärmen -ihre Hände an der Fußbank, die ihnen jetzt als -Reisigfeuer dient, und stieren schweigend vor sich hin.</p> - -<p>Himmlischer Vater, wird das am Heiligabend -auch so werden?</p> - -<p>Die Schwester stößt den Franzl an. »Ah! heunt -is's aba ...«</p> - -<p>Wie aus einem Uhrwerk, das man aufzieht, -schnarrt es aus dem Franz heraus:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»Ah! heunt is's aba orndli frisch,</td></tr> - <tr><td class="tdl">I bin schon kalt, als wiar a Fisch.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Is das a Kälten! – es is a Graus,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ma halt's schon warli nima aus«</td></tr> -</table> - -<p class="in0">und schnappt dann ab.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a> -Es gibt eine Pause.</p> - -<p>»Mathias, jetzt bist du dran,« drängt die Schwester. -»So sitz di halt ...«</p> - -<p>»So sitz di halt a zum Feuer her,« schreit plötzlich -der Mathias. »Schau, mi' friert jetzt gar -nimmermehr.«</p> - -<p>Wieder gibt es eine Pause. Der Hansel muß sehr -ermuntert werden, ehe er stockend flüstert:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»Dafür ist der Himmel so hell und klar</td></tr> - <tr><td class="tdl">I woas koan Nacht, daß amal so war.«</td></tr> -</table> - -<p>Der Nazel dagegen leiert seinen Vers so hastig, -daß die Silben durcheinander purzeln.</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»Ja – dö Stern göb'n heunt an bsundan Schein,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und schaun ganz eigen lusti drein.«</td></tr> -</table> - -<p>Mühsam, mit vielen Aufenthalten, schleppt sich -das Gespräch der Hirten weiter. Über die Bedrückungen -der Römer, und wie alles sehnsüchtig -auf den Messias hoffe. Bis Michel, holterdipolter -(wie einen mit Steinen beladenen Karren schiebt -er seine lange Rede vor sich hin) von dem frommen -Mann erzählt und von der zarten, wunderlieben -Frau, die, Herberge suchend, auf die Straße hinausgestoßen -wurden.</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»Und so Leut', dö dö Fremden und dö Arman, - <a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl">Fortjag'n und sich gar nöt dabarman –</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dö stat an Herzen hab'n nur a Bröt –</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dö mag a unser Herrgott nöt.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und d'rum, toats mas nöt übelnehma,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Drum mag da Messias a nöt kema!«</td></tr> -</table> - -<p>»... Ja, ja,« murmelte der Josef für sich hin. -In seinem Kopf vermischt sich Spiel und Wirklichkeit. -»Ja, ja.«</p> - -<p>So hat er auch dahergesessen mit seinen Kameraden, -oft ganze Nächte durch, und hat sich mit ihnen -was erzählt. Manch einer war darunter, der an Gott -und Teufel nicht geglaubt und an den Pfaffen kein -gutes Haar gelassen hat. Und wenn die Rede auf -die Weibsleute gekommen ist, da hat der Josef auch -sein Stück bestanden. Stark und gesund ist er damals -gewesen. Bis dann in Kroatien, wie sie den -großen Wald geschlagen haben, das Unglück über -ihn gekommen ist. Gerad' neben ihm und halb auf -ihn die Eiche. Ein Wunder, daß sie ihn nicht gleich -totgeschlagen hat. Und dann drei Monate im Spital, -und aus dem Spital heraus per Schub nach Haus. -Ojemine! <em class="ge">Das</em> Heimkommen! Die Zenzi, ein vergrämtes -Weib, das Weib von einem anderen, das -Baberl in der Stadt in Dienst, die alten Freunde -<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a> -tot oder kalt und fremd geworden. No ja, wer -kennt auch gern so einen, wie der Josef jetzt ist, -ein Fallot, reif fürs Armenhaus, eine Last für die -Gemeinde. Und hätt' sich noch bedanken sollen für -die Wohltat. Mit noch drei Krüppeln in einem -engen Kammerl sitzen, mit dreißig Kreuzer täglich -ausgehalten. Und jetzt, seit es gar so schlecht mit ihm -geworden ist, sogar wie eine Herrschaft ganz allein -im zweiten Stock, in einem Krankenbett. Allein – -Tag und Nacht allein mit seinen Schmerzen. Oje! -Oje!</p> - -<p>In das verworrene Gedenken, aus dem sein ganzes -Leben schattenhaft an ihm vorüberhuscht, zuckt wie -ein greller Blitz die Erinnerung an das Wort der -Schwester: »Wenn Euch was passiert – ehe ...«</p> - -<p>Die Schultern hochgezogen, die Arme an die Brust -gepreßt, krümmt sich der Josef. Unwillkürlich rückt -er aus dem Schatten, der schon einen Teil des Gartens -deckt, in die Sonne, die bereits langsam ihre -Kraft verliert, als könne er damit aus dem Todesschatten -in das Sonnenlicht des Lebens flüchten.</p> - -<p>Zu Ende? Aus? Für immer aus? Und nachher ...?</p> - -<p>Er ächzt, er biegt sich in großen Qualen hin und -her. Er ruft: »Schwester Brigitte, Schwester Brigitte!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a> -Schwester Brigitte ist ins Haus gegangen. Sie -holt die Violine und stimmt sie erst, bevor sie wiederkommt.</p> - -<p>Der Josef hat früher oft über das Nachher nachgedacht. -In den Nächten, wenn er unter einem -Baum gelegen ist, auf einem Kopfpolster von Moos.</p> - -<p>Ganz still ist es dann nach und nach um ihn geworden. -Und doch lebendig. Gerad' wie wenn die -Natur atmen tät und aus dem Traum heraus ganz -leise reden. Wenn dann der Mond aufgegangen ist, -hat sich der Baum mit seiner Krone und mit seinen -Ästen über ihm gewölbt, wie das Dach von einer -Kirche, die aus Silberfiligran gesponnen ist. Und -die Sterne haben wie goldene Augen durchgeschaut. -Und wenn auch kein Mondschein war, ganz finster -ist es nie geworden. Immer ist so ein unbestimmtes -Licht von irgendwo gekommen. Bis ein leichter Wind -aufgestanden ist und hat den Wald geweckt. Ganz -verschlafen hat es dann gezirpt, gehuscht, getuschelt. -Und immer lichter ist es in der Luft geworden, bis -auf einmal der Himmel ganz in Flammen war. Wie -ein rotglühender Ballon ist die Sonne aufgestiegen, -und es ist ein Jubilieren angegangen um sie herum. -So, hat der Josef sich gedacht, mag's an dem Tag -gewesen sein, wo Gott die Welt vollendet hat. Ihm -war dann gewesen, wie wenn er das Zwitschern, -<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a> -Fliegen, Wehen um sich her verstehen könnt', wie -wenn er auch nichts anderes wär' wie ein Eichkatzel, -ein Specht, ein Buchenblatt. Ganz fromm ist ihm -zumut gewesen. Er wär' am liebsten hingekniet -und hätt' gebetet: »Herr Gott, ich danke dir. Ich -bin aus dir herausgekommen; wenn meine Zeit -da ist, werd' ich getrost wiederum in dich hinübergehen.«</p> - -<p>Ja, dazumal, als ein Gesunder, der noch lang' -zu leben hat. Jetzt aber ... in der Bangigkeit -der letzten Stunde verläßt ihn seine Zuversicht. Ein -Schrecken würgt ihn – wie wird es ihm ergehen? -Gibt es vielleicht doch Fegfeuer und Hölle – wird -er seine Sünden büßen müssen? Das Fieber beutelt -ihn, jedes Haar sträubt sich auf seinem Schädel, -seine Zähne schlagen aufeinander. Krampfhaft preßt -er die Finger ineinander:</p> - -<p>»Vater unser, der du bist im Himmel, vergib uns -unsere Schuld.« Und immerfort dasselbe: »Vergib -uns unsere Schuld.« Immer schneller. Wie ein -Feuerrad dreht sich ihm der Satz im Hirn herum. -Er bäumt sich auf, er fuchtelt mit den Armen in -der Luft ...</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Schwester Brigitte führt den Bogen sacht. Um -die Kathi Leitgeb nicht zu übertönen, die schüchtern, -<a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a> -in jedem Ton das Pochen ihrer Kinderangst, die -Verkündigung des Engels singt:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»Hirten! Wachet auf!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Hirten! Wachet auf!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Eilt hinunter in das Tal,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und dann schauet in den Stall;</td></tr> - <tr><td class="tdl">Denn geboren ward</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dort ein Kindlein zart,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Das von Adams Sündenfall</td></tr> - <tr><td class="tdl">Euch erlöset all.«</td></tr> -</table> - -<p>Aus rauhen Kehlen, aber mit dem Zauber, der -in dem Klang von unschuldigen Stimmen liegt, -antwortet der Chor der Cherubim:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">»Ehre sei Gott in der Höhe! </td></tr> - <tr><td class="tdl">Lieblicher Friede</td></tr> - <tr><td class="tdl">Sei aller Welt!«</td></tr> -</table> - -<p>... Des Josefs Hände lösen sich. Sein Mund -beruhigt sich in einem weichen Lächeln.</p> - -<p>Der Baum ... er liegt darunter ... die Krone -wölbt sich wie das Dach von einer Kirche ... die -Sterne schaun mit goldenen Augen durch. Ganz -deutlich kann er nicht verstehen, was die Vögel in -den Zweigen singen, er fühlt nur, wie etwas unsagbar -<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a> -Lindes, Tröstliches in die Bedrängnis seines -Wesens fällt ...</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Schwester Brigitte steht versonnen. Der letzte -Violinenton verzittert auf den Saiten.</p> - -<p>Da zupft sie etwas.</p> - -<p>»... Ja? ...«</p> - -<p>»Schwester Brigitte,« sagt die kleine Resi, -»komm, dem fremden Mann ist schlecht.«</p> - -<p>Jesus, der Kirschenhauer! Den hat die Schwester -ganz vergessen. Längst müßte er oben sein. Es ist -schon viel zu kalt für einen Kranken. Sie geht -hinüber.</p> - -<p>Der Josef Kirschenhauer lehnt auf seinem Sessel. -Ganz klein ist er geworden. Der Kopf ist ihm auf -die Brust gesunken. Verklärung liegt auf seinen -Zügen.</p> - -<p>Mit der frohen Botschaft in den Ohren ist er -eingeschlafen.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<p class="pb mt4"><a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a> -Die Nacht fing an sich zu entfinstern. Eine graue -Dämmerung überkroch den Horizont. Im Hause -kreischte eine Angel. Die Magd mochte in den Stall -gegangen sein. Uns fröstelte.</p> - -<p>Ohne Verabredung, als wir die Schwelle unserer -Nachtherberge überschritten hatten, wechselten wir, -wie zu unausgesprochenem Gelöbnis, einen Händedruck. -Dann traten wir den Rückweg an. Ein jeder -in seine unbekannte Zukunft.</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/deco.jpg" alt="" /></p> - - - - -<p class="mt4 pb ce"><a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a> -<span class="ge"><b>Verlag von Paul List in Leipzig</b></span></p> - -<p class="ce lh2">Demnächst erscheint:<br /> -<span class="fsxl ge">Lena Christ</span><br /> -<span class="fsl ge">Bauern</span><br /> -<b>Bayerische Geschichten</b><br /> -Geheftet ca. M. 5.50, gebunden ca. M. 7.50</p> - -<p class="in0">Unerschöpflichkeit der Kraft und Urwüchsigkeit, seltene -Vielseitigkeit des Schauens und Schilderns, heiliger -Ernst und lachender Humor sind Lena Christ wie -wenigen eigen. Ihr neuestes Werk »Bauern« zeigt -sie in der Fülle ihrer Gestaltungskraft, aus der -heraus ihr das zarteste Stimmungsbild wie der -derbste Schwank zu gleichen Meisterstücken geraten. -Das Buch gehört zum Besten, was über Bauern -und Volkstum geschrieben worden ist.</p> - -<p class="ce fss">Mit mehrfarbigem Umschlagbild</p> - -<p class="ce"><span class="ge"><b>Verlag von Paul List in Leipzig</b></span></p> - - - - -<p class="mt4 pb ce"><span class="ge"><b>Verlag von Paul List in Leipzig</b></span> -<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a></p> - -<p class="ce lh2">Ferner im Erscheinen:<br /> -<span class="fsxl ge">H. von Mühlau</span><br /> -<span class="fsl ge">Das Glück nach der Liebe</span><br /> -<b>Roman</b><br /> -Geheftet ca. M. 7.–, gebunden ca. M. 9.–</p> - -<p class="in0">Ein Erziehungs- und Entwicklungsroman, ein Werk -von kulturgeschichtlicher Bedeutung. Es behandelt -das heute im Vordergrund des Interesses stehende -Problem des Hineinwachsens der Frau in ihre gegenwärtig -so gänzlich veränderte soziale Stellung. In -eigenartig fesselnder Weise gestaltet die Dichterin -ihren Stoff und wird so zur Künderin unserer Zeit.</p> - -<p class="ce fss">Mit mehrfarbigem Umschlagbild</p> - -<p class="ce"><span class="ge"><b>Verlag von Paul List in Leipzig</b></span></p> - - - - -<p class="mt4 pb ce"><span class="ge"><b>Verlag von Paul List in Leipzig</b></span> -<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a></p> - -<p class="ce lh2">Ferner im Erscheinen:<br /> -<span class="fsxl ge">E. Bonn</span><br /> -<span class="fsl ge">Die Mündung</span><br /> -<b>Roman</b><br /> -Geheftet ca. M. 7.50, gebunden ca. M. 10.–</p> - - -<p class="ce mt2 lh2"><span class="fsxl ge">Robert Kohlrausch</span><br /> -<span class="fsl ge">Das große Geheimnis</span><br /> -<b>Roman</b><br /> -Geheftet ca. M. 5.50, gebunden ca. M. 7.50</p> - -<p class="ce mt2 fss">Mit mehrfarbigen Umschlagbildern</p> - -<p class="ce"><span class="ge"><b>Verlag von Paul List in Leipzig</b></span></p> - - - - -<p class="mt4 pb ce lh2"><a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a> -Von<br /> -<span class="fsl ge">Auguste Hauschner</span><br /> -erschienen früher:</p> - - -<p class="ce mt2 fsxl">Romane</p> - -<p class="ce fsl">Abschied – Lehrgeld – Kunst – Zwischen den -Zeiten – Die Familie Lowositz – Rudolf und -Camilla (2. Teil der »Familie Lowositz«) – -Die große Pantomime – Die Siedelung – -Der Tod des Löwen</p> - - -<p class="ce mt2 fsxl">Novellen</p> - -<p class="ce fsl"><i>Dr.</i> Ferenczy – Die Unterseele – -Daatzes Hochzeit</p> - - -<p class="ce mt2 fsxl">Dialoge</p> - -<p class="ce fsl">Frauen unter sich (Zwölf Gespräche)</p> - -<hr /> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.</p> - -<p class="in0">Darstellung abweichender Schriftarten: <em class="ge">gesperrt</em>, <i>Antiqua</i>.</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_002">2</a>:<br /> -"verklammte" geändert in "verklemmte"<br /> -(verklemmte Türen aufzureißen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_072">72</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(die Schwelle des Gartenhäuschens rollte, trat er)</p> - -<hr /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Nachtgespräche, by Auguste Hauschner - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NACHTGESPRÄCHE *** - -***** This file should be named 63440-h.htm or 63440-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/4/4/63440/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose -such as creation of derivative works, reports, performances and -research. They may be modified and printed and given away--you may do -practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy -all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. -If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project -Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the -terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or -entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement -and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic -works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" -or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project -Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the -collection are in the public domain in the United States. If an -individual work is in the public domain in the United States and you are -located in the United States, we do not claim a right to prevent you from -copying, distributing, performing, displaying or creating derivative -works based on the work as long as all references to Project Gutenberg -are removed. Of course, we hope that you will support the Project -Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by -freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of -this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with -the work. You can easily comply with the terms of this agreement by -keeping this work in the same format with its attached full Project -Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in -a constant state of change. If you are outside the United States, check -the laws of your country in addition to the terms of this agreement -before downloading, copying, displaying, performing, distributing or -creating derivative works based on this work or any other Project -Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning -the copyright status of any work in any country outside the United -States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate -access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently -whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the -phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project -Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, -copied or distributed: - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived -from the public domain (does not contain a notice indicating that it is -posted with permission of the copyright holder), the work can be copied -and distributed to anyone in the United States without paying any fees -or charges. If you are redistributing or providing access to a work -with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the -work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 -through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the -Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or -1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional -terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked -to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the -permission of the copyright holder found at the beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any -word processing or hypertext form. However, if you provide access to or -distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than -"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version -posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), -you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a -copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon -request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other -form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm -License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided -that - -- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is - owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he - has agreed to donate royalties under this paragraph to the - Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments - must be paid within 60 days following each date on which you - prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax - returns. Royalty payments should be clearly marked as such and - sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the - address specified in Section 4, "Information about donations to - the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." - -- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or - destroy all copies of the works possessed in a physical medium - and discontinue all use of and all access to other copies of - Project Gutenberg-tm works. - -- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any - money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days - of receipt of the work. - -- You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm -electronic work or group of works on different terms than are set -forth in this agreement, you must obtain permission in writing from -both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael -Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the -Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -public domain works in creating the Project Gutenberg-tm -collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic -works, and the medium on which they may be stored, may contain -"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or -corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual -property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a -computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by -your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium with -your written explanation. The person or entity that provided you with -the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a -refund. If you received the work electronically, the person or entity -providing it to you may choose to give you a second opportunity to -receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy -is also defective, you may demand a refund in writing without further -opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER -WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO -WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. -If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the -law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be -interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by -the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any -provision of this agreement shall not void the remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - -</pre> - -</body> -</html> - - diff --git a/old/63440-h/images/cover.jpg b/old/63440-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index b0b0ab7..0000000 --- a/old/63440-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/63440-h/images/deco.jpg b/old/63440-h/images/deco.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 74cf579..0000000 --- a/old/63440-h/images/deco.jpg +++ /dev/null |
